der Bücher auf ihre eigenen K der Leſer ſunt Erſatz des 8— 9 d, Leihbibliothek in deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 3 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab ſſen, bei Entgegennahme i entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet wird.—. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Ff. 1 Nr. 55 Pf. 2 Mk. f. 3 4 „ 1„„„„—„ 9—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung oſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 Ganzen verp flichtet. 1 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ee — 3 —.—,—.—— — 3 Roman von Irnſt Fritze. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 4 1867. Erſtes Kapitel. Es gehört zu den tröſtlichen Erfahrungen im Menſchenleben, daß junge, friſche Herzen nie lange in troſtloſen Jammer verſinken, daß mit dem lebensvollen Pulſiren ihres Blutes auch die Fähigkeit verbunden i*ſt, raſcher wieder anregende Eindrücke in ſich aufzu⸗ nehmen. Dora Bella hatte einen traurigen, ſehr traurigen Morgen verlebt. Ihre Erinnerungen waren zu der ſchönen Zeit zurückgekehrt, wo ihre Mutter als das Licht, als die Sonne des ſtillen großen Schloſſes ge⸗ glänzt hatte, wo ihr Vater in patriarchaliſcher Ruhe den friedlichen Freuden eines abgeſchloſſenen Lebens hingegeben war. 3 Danach kam eine bewegte Zeit. Ihr Gedächtniß führte ſie zurück auf die Trauer um ihre Mutter, 1 Fritze, Schloß Bärenberg. III. 1 2 die hülfloſe Lage ihres Vaters bei dieſem unerwarteten Verluſt, auf den plötzlichen Verfall aller ſeiner Kräfte, dem dann eine Ermannung folgte, worin er Troſt durch den Gedanken erhielt, ſeine Beziehungen zu Askan wiederherzuſtellen. Mit ziemlicher Treue gab ihr Er⸗ innerungsvermögen alle die Scenen wieder, die dieſem Entſchluſſe folgten. Sie ſelber hatte dieſe Idee mit Freude begrüßt. Der Name Askan gehörte in die Hallen des Schloſſes, und es war ihr nicht unbekannt geblieben, daß nur ein Zerwürfniß der Väter das Verhältniß zwiſchen ihm und dem Grafen Harald gelöſt habe. Von der tiefen Zärtlichkeit ihres Vaters für Askan hatte ſie indeß keinen Begriff haben können, weil Graf Harald derſelben niemals Worte gegeben. Vielleicht hätte Dora Bella ſich durch dieſe Liebe nicht beeinträchtigt gefühlt, wenn nicht die ſeltſame Ver⸗ ſtimmung gegen Askan eingetreten wäre. Ganz dunkel regte ſich dieſe Meinung in ihrem Innern. Aber was war Alles geſchehen, um ſie aus ihrer kindlich zufrie⸗ denen Gemüthsverfaſſung zu reißen! Dora Bella gab ſich Mühe, ihren Zorn wieder neu zu entflammen. Es wollte ihr nicht ganz glücken. Ihre Empfindlichkeit war abgeſtumpft durch die ſchmerzliche Gewißheit, daß ihres Vaters Liebe 8 Niemand erreichbar ſei, daß keine Macht der Erde den gütigen, liebevollen Mann wiederzuerwecken ver⸗ möge. Jetzt trat der Moment ein, wo Dora Bella ihre Beſtrebungen zur Anerkennung ihrer Stellung als Tochter des Hauſes kindiſch fand, wo ſie ſich kleinlich und erbärmlich mit den Forderungen vorkam, die ihre Stellung beſtimmen ſollten. Was hatte es wohl für Werth, ob ſie bei den Spielwerken der Geſelligkeit eine erſte Rolle ſpielte? Es galt, einen wichtigern Schritt zu thun, es galt, ſich als Beſitzerin dieſes Schloſſes zu behaupten und die Maßregeln zu entkräften, die ſie einer Stätte be⸗ rauben konnten, woran ſie mit allen Faſern ihres Daſeins hing. Sie pries den Zufall, der ſie zur Kenntniß ihrer Anſprüche, ihrer Privilegien geführt hatte. Es wär zu erwarten, daß ihres Vaters letzter Wille ihre Zukunft glänzend ſicher geſtellt hatte, aber es war zu fürchten, daß er nicht hinlänglich auf ihre tiefe Anhänglichkeit an dies Schloß mit ſeinen reizenden Umgebungen Rückſicht genommen, daß er die Ver⸗ ſchmelzung ihres Weſens mit der himmliſchen, reizenden Einſamkeit geringer angeſchlagen hatte, als ſie in Wirklichkeit vorhanden war. Dora Bella wollte um Alles in der Welt Schloß Bärenberg mit keinem andern Aufenthalte vertauſchen, 1* 4 unnd da ſie das Recht hatte, bis an ihres Lebens Ende hier als Herrſcherin zu bleiben, ſo wollte ſie dies Recht aufrecht erhalten wiſſen. Was galt ihr Geld und Gut? Nichts! Denn ſie kannte die Leidenſchaften nicht, die ſich durch den Mammon befriedigen laſſen. Hier, wo ihre Wiege geſtanden, hier, wo ſie in der Heiterkeit der Unſchuld, behütet von der Zärtlichkeit ihrer Mutter, beglückt durch die milde Nachgiebigkeit, durch die unbeſchränkte Liebe ihres Vaters gelebt hatte, hier, wo ihre Aeltern ruhten, wo ſie gekannt und ge⸗ liebt war, hier wollte ſie leben und ſterben und nicht den Eingebungen eines Familienſtolzes weichen, die einen Fremden, der kein Herz für die ſtillen Freuden der Einſamkeit im Buſen trug, zum Gebieter der Beſitzung Bärenberg ernannt haben K.aven. Sie kannte und reſpectirte die Rückſichten auf ſolchen Stammesſtolz nicht. Ihr galt die Lieblichkeit und Schön⸗ heit der Beſitzung mehr als die ehrwürdige Abſtam⸗ mung! Und dann? Ein Tropfen Gift war in ihre kindliche Seele gedrungen. Sie wollte vergelten, was man ihr, als der Tochter einer Gräfin Boran vom Stamme der Bärenberg⸗Boſtett zu Leide gethan. War es ein Ver⸗ ſchulden ihrer Mutter, daß eine Ahnfrau ihres Stam⸗ mes den Grafen Askan vom Wege des Guten verlockt 5 und durch ihren Hang zur Verſchwendung arm ge macht hatte? Sollten die Sünden der Ahnen auf Kind und Kindeskind verfolgt werden? Daß Askan's Vater in ſeiner zornigen Uebereilung, in dem Verdruſſe über die unerwartete Heirath des Grafen Harald, der ſeinen Sohn zu der Würde eines neuen Stammhalters der Bärenberg auf Bärenberg erzog, eine Verwün⸗ ſchung über ihre Mutter und deren Abſtammung aus⸗ geſprochen, das durfte ſie, das Kind dieſer Verbindung, nicht ungeſtraft hingehen laſſen. Solange ſie lebte, ſollte kein Askan⸗Bärenberg Rechte auf die Stätte haben, die man ihrer engelsguten Mutter nicht zur Freiſtatt ihres Glücks gegönnt hatte. Aber ſie wollte ihm Entſchädigung für dies ver⸗ lorene Recht bieten. Was galt ihr Geld und Gut, wenn ſie nux⸗hier walten und ſchalten konnte bis an ihres Lebens Ende! An Liebe, an Ehe dachte die Comteſſe in dem unſchuldsvollen Traume ihres Unab⸗ hängigkeitstrotzes nicht. Wiederum gründeten ſich dieſe Anſchauungen auf Irrthümer einer kindlich unerfahrenen Seele, welche die Tagesintereſſen für Lebensintereſſen nahm. Dora Bella erhob ſich jedoch damit aus dem wüſten Chaos ihrer Trauer und nahm Pläne für die Zukunft in ſich auf. Was begonnen war, ſollte fort⸗ geführt werden. Antoniens Geſellſchaft ſollte ſich jetzt 6 bewähren. Von ihrer Tante hatte ſie weder Wider⸗ ſpruch noch Theilnahme zu erwarten. Welch ein Glück, daß Antonie ihr zur Seite ſtand, wo es galt, ſelbſtſtändig zu handeln! Eine Umwandlung im Schloſſe war jetzt gar nicht mehr nothwendig. Die Wohnung, welche ihre Mutter inne gehabt, war durch Graf Harald's treue und zart⸗ ſinnige Anhänglichkeit bisher dem Gebrauche verſchloſ⸗ ſen geweſen. Dort ſollte Antonie wohnen, ſie ſelbſt wollte ihres Vaters Zimmer und Schlafgemach zur Wohnung wählen. Eine tiefe Rührung beſchlich jetzt zum erſten Male Dora Bella's Herz und ſie fühlte die ſtarre Kälte ſchwinden bei dem Gedanken, in dieſem Raume leben und dem Andenken an ihre Aeltern täg⸗ lich Nahrung geben zu können. Alles ſollte unver⸗ ändert bleiben, damit ſie beim Anblicke der kleinſten Gegenſtände in Erinnerung ſchwelgen könnte. O wie ſehnte ſie ſich nach dem Vater, nach der Mutter, wie ſehnte ſie ſich, bei ihnen zu ſein, bei ihnen bleiben zu können! In dieſem Momente war es, wo der alte Volk— mann mit trauriger Ruhe zu ihr eintrat und die An⸗ kunft des Hofmarſchalls von Wenkenthal meldete. Dora Bella erhob ſich vom Divan. Ihr bleiches Geſicht zeigte, wie tief erſchüttert ſie vom Tode ihres — 7 Vaters war, wie ergreifend das erſte Zuſammentreffen mit dem Manne, der an ihres Vaters Stelle Rath und Troſt ſpenden ſollte, auf ſie wirkte. Sonſt aber behielt das junge Mädchen merkwürdigerweiſe ihre Faſſung und ging dem Hofmarſchall bis zur Schwelle entgegen. Herr von Wenkenthal trat ein. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm. Sie waren beide allein. „Meine arme Dora Bella“, ſagte der Herr in würdig trauerndem Tone,„das Schickſal verfährt grauſam mit Ihnen. Kaum, daß Sie die Trauer um Ihre Mutter bezwungen haben, ſendet es Ihnen eine abermalige ſchwere Heimſuchung durch den jähen Tod Ihres Vaters. Das ſind harte Prüfungen, meine arme Kleine!“. Er nahm die Hände, welche die Comteſſe ihm ent⸗ gegenſtreckte, ſanft zwiſchen ſeine Hände und blickte herzlich liebevoll in ihre Augen, die ſie mit dem Aus⸗ drucke eines tiefe Wehs zu ihm aufhob. Sie kämpfte indeß muthig ihre tiefe Bewegung nieder und ſuchte Faſſung zu behalten. „Um ſo härter, Herr Hofmarſchall“, entgegnete ſie leiſe, aber feſt,„da ſie mich nöthigen, Schritte für die Sicherſtellung meiner Zukunft zu thun.“ Frappirt ließ Herr von Wenkenthal ihre Hände 8 los und ſah ſchärfer und prüfender in ihr Auge. Er hatte wohl die heftig ausbrechende Trauer eines kindlichen Gemüths, er hatte die Hülfloſigkeit eines verwaiſten Kindes erwartet, welches ſich nach dem Zu⸗ ſpruche des Mannes ſehnt, der ihm vom Vater als Vormund beſtellt iſt, aber dieſe Haltung, dieſe ernſte Faſſung hatte er nicht erwartet. „Wenn Sie nur bekümmert um Ihre Zukunft ſind, ſo mögen Sie ſich beruhigen; es iſt ein Teſtament Ihres Herrn Vaters vorhanden, das eingehend alle Ihre Verhältniſſe geordnet hält. Ein Brief Ihres Vaters gab mir Nachricht davon“, ſprach der Hof⸗ marſchall der ſtummen Einladung Dora Bella's fol⸗ gend, inden er Platz an ihrer Seite nahm. „Das weiß ich“, antwortete die Comteſſe mit leiſer, bedrückter Stimme.„Aber ehe die Eröffnung des Teſtaments geſchieht, muß ich Ihnen eine Erklärung abgeben, welche die Beſtimmungen des letzten väter⸗ lichen Willens bedeutend beeinträchtigen könnte.“ Herr von Wenkenthal, vom Erſtaunen über Dora Bella's plötzlich gereiftes Weſen zur Bewunderung über⸗ gehend, ſagte ermunternd: „Wollen Sie ſich deutlicher ausſprechen, liebe Com⸗ teſſe.“. „Mein Vater iſt, als der letzte ſeines Stammes 9 berechtigt geweſen, das Stammgut Bärenberg mit allen Gerechtſamen beliebig an einen ſeines Stammes zu vererben. Ich muß vermuthen, daß er dies gethan hat, und möchte die Anſprüche, welche mir als Gräfin Bärenberg geſichert ſind, eher geltend machen, als das Teſtament geöffnet wird. Dadurch hoffe ich, Conflicte zwiſchen mir und den muthmaßlichen Erben meines Vaters zu verhindern. Dadurch glaube ich den muth⸗ maßlichen Erben die Demüthigung zu erſparen, meinen gerechten Anſprüchen weichen zu müſſen.“ „Wer iſt Ihr Rathgeber geweſen, meine liebe Com⸗ teſſe?“ unterbrach ſie der Hofmarſchall achtungsvoll, aber kalt.„Bevor ich den Namen Ihres Rathgeb. s nicht weiß, kann ich mich mit einer ſo wunderbar deli⸗ caten Sache nicht befaſſen.“ Dora Bella hob ernſt und ſanft ihren Blick zu ihm auf.„Was ich mit Ihnen rede, Herr Hofmarſchall, weiß Niemand, und wenn ich Ihnen mein Vertrauen geſchenkt habe, ſo liegt dies in der Willensbeſtimmung meines lieben Papas, der Sie zu meinem Vormunde beſtimmt hat. Einen Rathgeber habe ich nicht ge⸗ braucht, deshalb habe ich auch keinen geſucht. Ich bin durch eine jener Zufälligkeiten, die man viel beſſer eine Schickung Gottes nennen könnte, zur Einſicht von Documenten gelangt, die mir das Recht ſichern, bis zu 10 meinem Tode unbeſchränkte Herrin dieſes Schloſſes zu bleiben. Dies Recht nehme ich in Anſpruch, mein Herr von Wenkenthal, und erkläre hiermit kraft dieſes Rechts jede andere Beſtimmung für ungültig!“ Ihre Stimme hatte ſich allmälig aus der beklemm⸗ ten Bruſt freier und immer freier gemacht, ſodaß ſie die letzten Worte mit der vollen Ruhe eines wohlüber⸗ legten Entſchluſſes ſprach. Der Hofmarſchall betrachtete die kleine kluge Dame ſtumm und regungslos. Dora Bella fuhr fort, aber ihr Ton ſank wieder zu dem demüthigen, leiſen Klang hinab, der ihr trauerndes Herz verrieth:„Wäre mein lieber Papa nicht ſo ſchnell von mir geſchieden, ſo würde ich ihm Alles offenbart haben, was mich bedrückt. Zur Zeit konnte ich dies nicht bewerkſtelligen, denn es ſtand einer zwiſchen meinem und ſeinem Herzen. Nun mein lieber Papa todt iſt, müſſen Sie an ſeiner Statt meine Rechte vertreten. Es werden jedoch dieſe Mittheilun⸗ gen wahrſcheinlich genügen, das Unheil, welches über meinem Haupte ſchwebt, zu bannen.“ „Iſt Ihnen kein Fall denkbar, dies ſchwebende Un⸗ heil anders zu bannen als durch Ihre Erklärung?“ fragte der Hofmarſchall. Dora Bella blickte unſchuldig zu ihm auf.„Nein, 11. es gibt kein anderes Mittel, als mich mit meinen Rechten zu rüſten. Ich will, ich werde Schloß Bären⸗ berg nicht verlaſſen. Ich bin zu jedem andern Opfer bereit; unſere Kaſſen ſind gefüllt, meines Papas Pri⸗ vatſchatulle kann manche Anforderung befriedigen; was Sie mit Geld auszugleichen vermögen—“ Der Hofmarſchall unterbrach ſie: „Die Ehre des armen Edelmanns wird durch Geld⸗ anerbietungen verletzt.“ „O, wenn es eine Schadloshaltung für mein Leben beträfe? Ich will ja keine Rechte abkaufen, nein! Ich will mir nur das Recht erkaufen, hier leben und ſterben zu können. Nach meinem Tode mag das Teſtament meines lieben Papas in Kraft treten, ſolange ich aber lebe, kämpfe ich für mein Privilegium.“ „Ob Ihre Anſichten darüber richtig ſind, müßte ich doch erſt prüfen“, meinte der Hofmarſchall bedenklich und ein ſtarker Zweifel prägte ſich in ſeinem Geſichte aus. „Wenn Sie ſich von der nächtlichen Fahrt erholt und einige Erfriſchungen eingenommen haben, ſtehe ich zu Befehl, Herr von Wenkenthal“, entgegnete Dora Bella kalt und artig.„Ich finde es natürlich, daß Sie Ueberzeugungen ſuchen, bevor Sie handeln. Nur möchte ich Sie bitten, meine Angaben nicht für kin⸗ diſche Erdichtungen zu halten.“ 12 „Haben Sie niemals Ihrem Vater eine Andeutung über Ihr Vorhaben gemacht?“ Dora Bella ſchaute ihn voller Entrüſtung an. „Denken Sie, daß ich noch bei meines Vaters Leb⸗ zeiten Pläne gemacht haben könnte, die nach ſeinem Tode ausgeführt werden ſollten? O, Herr Hofmar⸗ ſchall, ein Plan lag nicht in meiner Seele. Was ich jetzt thun will, iſt eine Selbſthülfe, eine Nothwendigkeit für mein übriges Leben.“ „Können Sie ſich einbilden, daß Ihr Vater das Wohlſein der geliebten einzigen Tochter bei dem Teſta⸗ mente außer Acht gelaſſen habe?“ Dora Bella wechſelte raſch die Farbe. Augen⸗ ſcheinlich litt ſie unter der Einwirkung eines Gedan⸗ kens, der ihr das Blut raſcher durch die Adern trieb und ihr Gemüth in eine krampfhafte Aufregung ver⸗ ſetzte. Sie athmete kurz und haſtig und preßte die Lippen zuſammen, als wolle ſie dem Gedanken wehren, über dieſelben zu gehen. Nur einiger Minuten bedurfte es aber, und der Paroxysmus einer tiefen, ſchmerzlichen Bewegung war vorüber. Ihre Stimme wankte noch ein wenig, als ſie dann erwiderte: „Die Liebe zu mir war wohl während der Zeit, wo er im vollen Bewußtſein eines neubelebten Daſeins 13 ſeinen letzten Willen aufſetzte, etwas in den Hinter⸗ grund getreten und mein Papa mag wohl ſein Glück und mein Wohl zu verbinden geglaubt haben, indem er ſeiner Vorliebe für langgehegte Pläne nachgab.“ Der Hofmarſchall zuckte ungeduldig und ärgerlich die Schultern. Direct auf Dora Bella einzudringen, daß ſie ihn in den geheimnißvollen Zwieſpalt einweihe, der jeden⸗ falls in letzter Zeit zwiſchen Vater und Tochter obge⸗ waltet, dazu fühlte er ſich nicht berufen, und alle ſeine leiſen Anmahnungen prallten an der Comteſſe ab. Was war hier geſchehen, ſeitdem er nicht hier geweſen war? Dora Bella hatte ſich erſchreckend raſch aus dem Schmetterlingsleben ihrer Jugend zur Jungfrau und zwar zu einer klugen und denkenden Jungfrau ent⸗ wickelt. Was mochte geſchehen ſein? „Haben Sie Kenntniß vom Inhalte des Teſta⸗ ments?“ fragte er endlich. „Nein“, antwortete die Comteſſe.„Doch kenne ich den Beſchluß meines Vaters, da er ihn unumwunden im Zimmer meiner Tante Eliſabeth ausgeſprochen hat.“ „Und der Beſchluß lautete?“ fragte der Hofmarſchall raſch und dringend. Dora Bella antwortete nicht. 3 „Könnte Ihr Vater nicht dennoch dieſen Beſchluß unausgeführt gelaſſen haben, Comteſſe?“ 14 Dora Bella antwortete abermals nicht. Warum ſie jede Antwort unterließ? Sie wollte den Namen Askan nicht in ihre Verhandlungen miſchen, ſie wollte nicht als ſeine Widerſacherin auftreten, ſondern nur ihre Vorrechte wahren. „Mon Dieu, iſt Ihre Erklärung nicht vielleicht ver⸗ früht, Comteſſe? Sie greifen ein Teſtament an, das Sie nicht im ganzen Umfange kennen—“ „Erlauben Sie, mein Herr Hofmarſchall; um nicht gegen das Teſtament meines lieben Papas aufzutreten oder vielmehr auftreten zu müſſen, gab ich Ihnen, dem mir beſtimmten Vormund, meine Willensmeinung vor⸗ her zu erkennen, ehe des Teſtaments Beſtimmungen uns in unſern Beurtheilungen zu beirren vermochten. Das Teſtament werde ich nie angreifen, es beſtehe in ſeiner ganzen Ausdehnung; aber beachten Sie wohl: ich werde mein Recht als Tochter des letzten Bärenberg auf Bärenberg, das mir einen freien, ſelbſt⸗ ſtändigen Beſchluß über meine Beſitzungen und über mein zukünftiges Schickſal zuſpricht, nicht um ein Jota kränken laſſen!“ Nach dieſem Beſcheide hielt die junge Dame jedes weitere Wort für überflüſſig. Sie läutete, und als der Bediente erſchien, befahl ſie mit der Würde einer 15 Fürſtin, das Frühſtück für den Herrn von Wenkenthal im Speiſeſaal zu ſerviren. „Das wäre die erſte Niederlage in meinem neuen Amte“, dachte der Hofmarſchall ziemlich übellaunig. „Wer hätte geglaubt, daß aus dem ſorgloſen Kinde ſo bald eine prätentiöſe Dame erwachſen würde! Ich fürchte den Inſpector hinter dieſer Rechtsanſicht verſteckt zu finden. Ihm iſt mein Scharfblick ungelegen und er hofft mit der kleinen Comteſſe beſſer fertig zu werden. Möglich, daß die junge Dame weniger ſtörriſch bei ſeinen Amtsfunctionen ſich zeigt— mir ſcheint ſie mein Amt verleiden zu wollen. Wenn ich nur erſt wüßte, warum ſie nicht die Teſtamentseröffnung ab⸗ warten will. Schade, daß ich nicht voraus gewußt, was Comteſſe von mir gewollt. Ich wäre einfach nicht eher gekommen, bis das Teſtament geöffnet wer⸗ den ſollte.“ Er erhob ſich von ſeinem Platze und ſchritt einige Male in dem Zimmer hin und her. Dora Bella blieb ſitzen. Erſchöpft und ermattet von den Stürmen, die ihr Inneres ſtark aufgeregt hatten, wollte ſie ſich nicht unnützerweiſe in Discuſſio⸗ nen verſtricken, die zu gar nichts führten. Sie kannte des Hofmarſchalls Eigenthümlichkeit, daß er ſchwer von der Nothwendigkeit einer Sache überzeugt werden konnte. 16 Sie wußte aber auch, daß er übernommene Verbindlich⸗ keiten mit einer peinlichen Accurateſſe ausführte. Der feine, höfliche und geſchmeidige Mann wurde im erſtern Falle oft höchſt derb und unartig, entwickelte jedoch im zweiten Falle eine enorme Geduld und die liebens⸗ würdigſte Freundlichkeit. Er war ein Mann, der die Welt und die Menſchen kannte, der ſich durchaus zum Führer eines jungen Mädchens eignete, welches durch ſeinen Rang, durch ſeinen Stand und durch ſein Ver⸗ mögen einen Weg über die Weltbühne zu machen ge⸗ zwungen war. Graf Harald hatte richtig gewählt, als er ihn zum Vormund, alſo zum Beſchützer ſeiner Tochter ernannte, aber hier, vor dieſer Tochter des Grafen Harald, ließ den ſcharfſinnigen Hofmann zum erſten Male ſeine Kunſt, das menſchliche Gemüth durchſchauen zu können, in Stich. Der Hofmarſchall begriff Dora Bella nicht. Ihre Ruhe befremdete ihn. Sie litt innerlich mehr, als ſie zeigte. Der Tod ihres Vaters ſchmerzte ſie— was hemmte denn ihre Thränen, die, ein Zoll natürlichen Schmerzes, das Menſchenherz erleichtern? Das Unerklärliche dieſes Seelenzuſtandes begann ihm Intereſſe einzuflößen. Er verließ die junge Dame mit dem feſten Entſchluſſe, den innern Kern ihres Weſens gründlich zu erforſchen, bevor er ſich in das 17 Amt ihrer Vormundſchaft ſtürzte, das außer einigen pecuniären Annehmlichkeiten bedeutende Beläſtigungen in ſich bergen konnte. Im Speiſeſalon fand der Hofmarſchall den Grafen Askan und Reinhold von Leſſel vor. Graf Askan ſchien tief traurig zu ſein; Reinhold’s leichtfertige Aeußerungen über den Tod des Grafen Harald, die dahin gingen, daß ein alter Mann ſich eigentlich nichts Beſſeres wünſchen könne als einen ſolchen Tod, fanden keinen Anklang, obwohl ſie im Grunde nicht zu mißbilligen geweſen wären. Am ergriffenſten vom Tode Sr. Excellenz war ſicherlich der alte Volkmann; aber trotzdem fehlte er am Frühſtückstiſche nicht, um den Herren nach alter Gewohnheit die Frühſtücksweine zu kredenzen. Das Geſpräch drehte ſich um das Ereigniß im Schloſſe, und der Umſtand, daß kein Erbe des Stammes mehr vorhanden ſei, kam auch zur Sprache. Der Hof⸗ marſchall ſtreckte vorſichtig ſeine Fühlhörner heraus, um zu ſondiren, ob Graf Askan genau wiſſe, welche Hoffnungen er auf dieſen Umſtand bauen könne. Ebenſo vorſichtig umging aber Askan die Beant⸗ wortung ſeiner feinen Fragen und Reinhold von Leſſel hütete ſich, auch nur durch eine Miene zu verrathen, wie weit er in dieſe Angelegenheit eingeweiht ſei. Fritze, Schloß Bärenberg. III. 2 18 Bei der Erfolgloſigkeit ſeiner Verſuche war es wohl natürlich, daß der Hofmarſchall nach und nach das Geſpräch ſinken ließ. Man frühſtückte ziemlich einſilbig und der Hof⸗ marſchall erhob ſich mit der Entſchuldigung, daß ihn eine wichtige Unterredung mit der Comteſſe zwinge, die Herren zu verlaſſen. Kaum hatte der Herr Hofmarſchall aber durch dieſe Erklärung die Tafel aufgehoben, ſo trat der alte Volk⸗ mann mit ehrfurchtsvoller Artigkeit an ihn heran und bat ihn im Namen der Comteſſe, ihm nach der Biblio⸗ thek zu folgen, woſelbſt die junge Dame ihn erwarte. Eine feierliche Handbewegung des Hofmarſchalls deutete den beiden jungen Männern ſeine Verabſchie⸗ dung an und gleich darauf ſahen ſich Askan und Rein⸗ hold allein im weiten Speiſeſalon. „Es fängt an, unheimlich im Schloſſe zu werden“, flüſterte Reinhold zu Askan hinübergebeugt, der in trauriges Sinnen verloren mit ſeiner Gabel ſpielte. „Mir wäre es äußerſt angenehm, wenn die nächſten Tage mit ihrem feierlichen Trauergepränge erſt vor⸗ über wären. Die Damen bleiben unſichtbar und die Herren ſind verſtimmt— die Dienerſchaft weiß nicht, wer Koch oder Kellner iſt. Ich habe ſchon einen kurzen Beſuch beim Inſpector abgeſtattet und werde wahr⸗ 19 ſcheinlich auch dem Amtmann oder dem Förſter oder ſelbſt dem Bergſchenkenwirth Viſite machen, um nur das todte Einerlei dieſer nächſten Tage etwas zu be⸗ leben.“ Graf Askan blickte zerſtreut über den Tiſch hin⸗ weg; ob er Alles gehört hatte, was Reinhold ge⸗ ſprochen, blieb fraglich. Reinhold verließ ſeinen Platz und trat ans Fenſter, das nach dem innern Hofraum ging und den Colon⸗ naden gerade gegenüberlag. Von hier aus betrachtete er den Grafen Askan mit einiger Unverſchämtheit und machte Gloſſen über ſeinen Tiefſinn. „Beinahe ſollte man glauben, der Graf wiſſe es ſchon, weswegen Dora Bella mit ihrem künftigen Vor⸗ munde Conferenz im Bibliothekzimmer hält“, dachte er ein klein wenig mitleidig, denn Askan ſah bleich aus und die ſonſtige Ruhe und Klarheit ſeines Auges zeigte ſich ſeltſam umdüſtert. „Was haſt Du für die nächſte Zeit beſchloſſen, Graf Askan?“ fragte er plötzlich laut. Askan ſchreckte in die Höhe und blickte rundum, als wiſſe er nicht recht, woher die Stimme komme. Dann erſt ſchien er ſich ſeiner bewußt zu werden. Er ſtand auf und näherte ſich ſchnell dem Fenſter, an dem Reinhold weilte. . 2* 20 „Entſchuldige“, ſagte er freundlich und bot Reinhold die Hand.„Ich hatte mich düſtern Gedanken überlaſſen, die durch den Tod meines gütigen alten Freundes her⸗ vorgerufen waren.“ „Es iſt wohl nicht dieſer Tod allein, der Dich ſchmerzlich beſchäftigt. Die Umſtände ſind kritiſch; man ſpricht von alten Documenten, die Dora Bella unzweifelhaft im vollen, freien Beſitze der Güter be⸗ ſtätigen. Du fürchteſt durch dieſe Documente eine Zer⸗ ſtörung Deiner Hoffnungen, nicht wahr?“ fragte Rein⸗ hold. Askan lächelte ſchwach und bewegte abwehrend den Kopf. „Graf Harald wird von dieſen Documenten Kennt⸗ niß gehabt und danach ſeine Verfügungen getroffen haben.“ „Verlaſſe Dich darauf nicht zu feſt, Graf Askan. Solange ich Excellenz bei ſeinen Vorarbeiten zum letzten Willen half, ſind dergleichen wichtige Papiere nicht zum Vorſchein gekommen. Mache Dich gefaßt auf einige Erfahrungen.“ „Was ſoll ich mich kümmern und ſorgen um Mög⸗ lichkeiten, da mir eine Wahrſcheinlichkeit vorliegt, die mich tiefer als aller Verluſt des Beſitzthums beugt“, ſagte Askan ſehr erregt.„Mir iſt in meinem Onkel A ¾ Harald ein Rathgeber geſtorben und ſein Tod iſt um einige Stunden zu früh eingetreten, ſonſt wäre mein Geſchick befeſtigt.“ „Ein Rathgeber? O, wenn Freundſchaft Dir Bürg⸗ ſchaft genug iſt, ſo ſchenke mir Dein Vertrauen; ſo leichtſinnig ich bin, Askan— bei Gott, ich will deſſen würdig ſein“, ſprach Reinhold mit aufflammender Herz⸗ lichkeit. 4 Askan drückte ihm die Hand. „Ich muß die Lage, in die ich mich ſelbſt verſetzt habe, erſt klar begreifen lernen, mein guter Reinhold. Graf Harald war der einzige Menſch, dem ich mich ohne Demüthigung anvertrauen konnte; mein Stolz hindert mich jetzt, angeſichts großer Veränderungen Worte zu ſuchen, die mich und meine Ehre compro⸗ mittiren könnten. Es wird gerade wie immer in die⸗ ſem ganzen Zeitverlaufe zu ſpät geweſen ſein, daß ich zur richtigen Erkenntniß kam.“ „Dein Geiſt ſcheint ſeine Claſticität verloren zu haben“, warf Reinhold, wahrhaft warm geſtimmt, hin. „Um Dich vorzubereiten, will ich Dir ſagen, was zu erwarten ſteht. Nicht immer bleibt uns die innere Kraft, ſchnell eine Maske der Ruhe vorzunehmen; Askan, ich wiederhole meine Warnung mit brüderlicher Liebe, mache Dich gefaßt auf einige Erfahrungen.“ 22 „Erfahrungen?“ wiederholte Askan ganz ruhig. „Von welcher Seite fürchteſt Du Erfahrungen für mich, die mich beugen könnten? Was meinſt Du?“ „Mein Wiſſen beruht auf Vermuthungen. Dora Bella wird den Verſuch machen, das Teſtament ihres Vaters umzuſtoßen.“ Graf Askan faßte Reinhold feſt ins Auge; als er hier dem Ausdrucke ehrlicher Gutherzigkeit begegnete, hatte er Worte des Vertrauens auf ſeinen Lippen. Dieſer Anflug menſchlicher Schwäche ging jedoch ſo ſchnell vorüber, daß Reinhold nicht ſagen konnte, ob nicht das, was Askan dann erwiderte, dieſe vorüber⸗ fliegende Regung veranlaßt hatte. „Warum ſollte ſich Comteſſe Dora Bella dieſer ſchweren Sünde gegen die Pietät ſchuldig machen, Reinhold? Entweder befindeſt Du Dich in einem Irr⸗ thum oder die junge Dame kennt den Inhalt des Teſtaments nicht.“ „Inſpector Prutz ließ Andeutungen fallen, daß ſich Dora Bella als Letzte des Geſchlechts Bärenberg⸗ Bärenberg ganz beſonderer Privilegien zu erfreuen hätte.“ „Das weiſt der Graf Harald wahrſcheinlich in ſei⸗ nem letzten Willen nach“, fiel Askan mit äußerſter Gelaſſenheit ein. 23 „Wie konnte er aber in dieſem Falle Dich zum Stammerben ernennen?“ fragte Reinhold haſtig. „Ganz auf legalem Wege. Graf Harald hat mir mehrmals angedeutet, daß nur durch eine Verheirathung der Comteſſe mit mir mein Erbanſpruch ſanctionirt werden könne. Er zweifelte aber niemals daran, ſeine Tochter einer ſolchen Verbindung geneigt zu finden. Hat der alte liebe Mann ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht, ſo ſteht einer andern Verheirathung der Comteſſe nichts im Wege. Wozu ſollte alſo die junge Dame ein Teſtament umſtoßen wollen, das ihr voll⸗ kommen freie Hand läßt?“ Reinhold hörte voller Erſtaunen dieſe Auseinander⸗ ſetzung an. „Wenn ſich die Sache ſo verhält, dann pflichte ich Dir bei, daß Dora Bella die Beſtimmungen ihres Vaters nicht kennt. Sie ſcheint mit Aengſtlichkeit, mit Vorſicht und mit Eile auf die Wahrung ihrer Rechte bedacht zu ſein, weil ſie fälſchlich angenommen hat, Dich als Herrſcher hier auftreten zu ſehen.“ „Comteſſe Bärenberg hat jetzt von mir gar nichts zu fürchten. Ich bin weit entfernt, auch nur die Miene eines Bewerbers anzunehmen, und ich halte es für meine Pflicht, die arme junge Dame bei der erſten paſſenden Gelegenheit darüber zu beruhigen. Was mir 24 von meinem Verwandten, den ich Onkel nennen durfte, als Verpflichtung auferlegt iſt, die Fürſorge für Ver⸗ waltung der Beſitzung, bis die Comteſſe einen Gatten gewählt hat, das werde ich ſtreng und redlich er⸗ füllen.“ „Ich danke Dir für Dein Vertrauen, Askan, wahr⸗ haftig, ich danke Dir aus voller Seele, denn Du be⸗ weiſt mir dadurch, daß mein äußerliches Weſen Dich nicht irre am Fond meines Innern gemacht hat. Dora Bella iſt mir ſtets ſehr lieb, ſehr theuer geweſen, ihr Wohl liegt mir am Herzen; laß uns vereint über den Frieden des liebenswürdigen Kindes wachen.“ „Du nennſt die junge Dame heute ein Kind“, unterbrach ihn Askan mit einer Heftigkeit, die ein Zeugniß ſeiner ſchmerzlichen Aufregung war;„wollte Gott, ich hätte damals Deinen Ausſpruch, daß Dora Bella kein Kind mehr, daß ihr ſeltſames Auftreten als das Werk einer einſamen Erziehung zu betrachten ſei, mehr beachtet, dann würde ich in den leiſen Abſtufungen ihres Betragens einen Spiegel ihres innern Weſens erkannt haben. Es iſt zu ſpät, um darüber zu ſprechen, es iſt zu ſpät, darüber nachzudenken, es iſt zu ſpät, Entſchlüſſe zu faſſen. Mein lieber Onkel, der einzige Menſch auf Erden, der meine Irrthümer vermitteln konnte, iſt todt. Sprechen wir nun nie wieder über 4 e 4 4 25 eine Sache, die ebenfalls todt iſt; ich halte müßiges Klagen und Bereuen für unmännlich!“ Er reichte Reinhold die Hand und entfernte ſich. Dieſer verſank in ein kurzes, aber ſchweres Sinnen, was um ſo auffälliger erſchien, da er ſeiner Natur nach weder zur Träumerei Anlage, noch zur Ueber⸗ legung viel Luſt hatte. Reinhold überdachte die verſchiedenartigen Eindrücke ſeiner heutigen Erfahrungen und es regte ſich in ihm das edlere Element ſeines Charakters, das von den unlautern Beſtandtheilen deſſelben oftmals getrübt wurde. Er gedachte ſeiner unwürdigen Stimmung im Hauſe des Inſpectors, wo er durch die Wallungen der Habſucht bis zur Verbindung mit dieſem Manne ge⸗ trieben worden war. Der kurze Rauſch des Eigen⸗ nutzes verflog bei der Ueberſicht der Folgen. „Wohl mir, daß ich mich herauswand, bevor eine einzige Handlung mich entwürdigt hätte“, murmelte er tief aufathmend.„Nein, wer unter den edlen Bäumen des Waldes Schatten und Raſt geſucht, der kann ſich niemals in der dumpfen Atmoſphäre eines wüſten Waldgeſtrüpps wohl fühlen. Aufwärts tragen den Adler die Flügel! Fort mit dem, was am Boden kriecht!“ Zweites Kapitel. In den Tagen, die nun folgten, entwickelte ſich das Leben im Schloſſe zu einem Kreislauf von Eti⸗ ketten und Förmlichkeiten, die, ſo läſtig und ermüdend ſie auch waren, dennoch den Vortheil mit ſich brachten, daß die unheilbaren Conflicte zwiſchen den beiden jungen Menſchen, die nach dem Wunſche des Entſchlafenen vereint durchs Leben gehen ſollten, unter dem täglich wechſelnden Formenweſen verdeckt wurden. Man hatte ſo viel Aeußerlichkeiten zu beobachten, daß die fort⸗ dauernde innere Aufregung der einzelnen Perſonen ſich dadurch umhüllte. Die ſanfte Stimmung der Trauer regelte die Worte und die vorgeſchriebenen Gebräuche feſſelten die Freiheit des Verkehrs. Die Damen er⸗ ſchienen während dieſer Zeit niemals im Eßſalon, weder zum Frühſtück, noch zum Diner und Souper. 27 Dagegen nahmen ſie in ihren Zimmern nicht allein Beileidsviſiten an, ſondern auch die Beſuche der im Schloſſe weilenden Herren zum Thee. Gewöhnlich richteten ſie ſich ſo ein, daß ſie zur Theeſtunde im Zimmer der Gräfin Eliſabeth waren. Bisweilen aber blieb Dora Bella in ihrem Zimmer und gab Antonien die Freiheit, ſich dem kleinen Cirkel bei der Gräfin anzuſchließen. Bei ſolchen Gelegenheiten geſchah es dann jedes⸗ mal, daß Reinhold von Leſſel unter irgend einem Vorwande dieſen Cirkel verließ und in die Einſamkeit der Comteſſe zu dringen ſuchte. Er gab ſich das An⸗ ſehen, von Mitleid getrieben zu ſein, um die ſchweren Stunden ihrer ſtillen Trauer zu kürzen, und er wußte auch ſtets mit ſolcher Lebendigkeit und ſo gefällig und anſprechend zu plaudern, daß ſich die Stirn Dora Bella's während ſeiner Anweſenheit lichtete und ſie ſich nach und nach gern durch ſeine Unterhaltung erheitern ließ. Der Hofmarſchall von Wenkenthal, durch die Prü⸗ fung der vorgefundenen Documente ganz für Dora Bella's Anſichten gewonnen, traf währenddeſſen die nöthigen Anſtalten zur feierlichen Beiſetzung des Grafen Harald und zu der ebenſo nothwendigen Eröffnung ſeines Teſtaments. Er ordnete nach ſeinem Sinne 28 und nach ſeinem Geſchmacke das Leichenbegängniß, mußte ſich jedoch wegen ſeiner Vorſchläge, ebenfalls eine öffentliche Handlung aus der Teſtamentseröffnung zu machen, eine zweite Niederlage im Amte als Vor⸗ mund gefallen laſſen. Comteſſe Dora Bella erklärte ſich entſchieden gegen dieſen Act, und als ihre Meinung vom Hofmarſchall nicht als maßgebend betrachtet wurde, da verbot ſie dieſe Schauſtellung und es war nicht wieder die Rede davon. Der Hofmarſchall mußte alſo ihre Machtvollkommen⸗ heit wohl vollſtändig begriffen und anerkannt haben, daß er ſich ihrem Willen fügte. Graf Askan bewegte ſich einfach und anſpruchslos unter den Gäſten des Schloſſes, die ſich allmälig zur Trauerfeierlichkeit eingeſtellt hatten. Er beantwortete beſcheidene Anſpielungen auf ſeine künftige Stellung hier mit ruhigem Hinweis auf die Rechte der letzten Dame des Stammes und ſchloß damit wohl den Mund der Neugierigen, aber nicht ihre ſpionirenden Gedanken, die von Dora Bella zu Askan und von Askan zu Dora Bella ſchweiften. Es war ja ſo natürlich, eine Löſung der ſchwebenden Verhältniſſe in dieſer Art zu ſuchen. Einige Leute gingen aber weiter. Sie fanden in der unausgeſetzten Aufmerkſamkeit des andern Pflege⸗ 29 ſohns, Reinhold von Leſſel, eine Bürgſchaft tiefen, leidenſchaftlichen Intereſſes und meinten in ſeinem Be⸗ nehmen gegen Dora Bella das geheimnißvolle Band gegenſeitiger Liebe zu entdecken. Es war ebenfalls natürlich, auf dieſe Weiſe Dora Bella's Geſchick zu be⸗ ſtimmen, nur fand man dabei eine Vereinbarung der übrigen Verhältniſſe ganz unmöglich. Die Vorbereitungen zum Begräbniß waren nach acht Tagen endlich beendigt und der metallene Parade⸗ ſarg, worin die einbalſamirte Leiche während dieſer Zeit ausgeſtellt worden war, ſollte nun geſchloſſen werden. Der Hofmarſchall verkündete dies, mancher der Gäſte wallfahrtete noch einmal nach der Schloß⸗ kapelle, wo der Sarg ſtand, um in aller Stille dem guten, milden Manne, deſſen Leben eine Kette von Menſchenfreundlichkeiten geweſen war, noch ein ſanftes Friedenswort zu weihen, ehe das Antlitz deſſelben ihnen auf ewig verſchwand. Dora Bella hatte ihren Vater nicht wieder geſehen, ſeitdem ſie ihm den letzten Zoll kindlicher Liebe zugeflüſtert hatte und nicht mehr von ihm gehört worden war. Eine heiße Sehnſucht ergriff ſie, noch ein einzig Mal in ſein Angeſicht zu ſchauen, nur von fern, denn ihr menſchlich⸗natürliches Grauen hielt ſie ab, ſich zu nähern. 30 Sie theilte Antonien ihren Wunſch mit. Antonie rieth ihr ab, es zu thun. Es lag weder ein Troſt noch eine Erleichterung ihres Schmerzes in der Aus⸗ führung dieſes Wunſches. Ihrer wartete noch die ſchwere Aufgabe, die Ueber⸗ reſte des geliebten Vaters nach dem Mauſoleum zu geleiten, das, eine Viertelſtunde vom Schloſſe entfernt, am Ausgange des Waldes erbaut, der alten Bärenburg gegenüber lag. Dieſer Pflicht mußte ſie, ihr mußten alle Frauen des Stammes genügen, ſo ſchrieb es das Hausgeſetz vor. Antonie wies auf dieſen Umſtand hin und warnte ſie vor einer Ueberreizung ihres Gefühls. Dora Bella's Sehnſucht ließ ſich dadurch nicht be⸗ ſchwichtigen. Nur noch einmal ganz von fern wollte ſie auf das Geſicht ſchauen, das ſtets ein liebevolles Lächeln für ſie gehabt— nur ganz von fern! Aber ſie ſchwieg und Antonie glaubte ſie überzeugt zu haben. Als ſie ſich allein ſah, warf ſie einen ſchwarzen Schleier über ihr bleiches Geſicht, hüllte ſich in ein ſchwarzes Tuch und ſchlüpfte leiſe und unbemerkt durch die be⸗ kannten Räume, die ihr eine unmittelbare Verbindung mit der Kapelle boten, während Uneingeweihte über den Hofraum gingen und von hier aus den Eingang bewerkſtelligten. Dora Bella trat ein in die Kapelle. Geräuſchlos 31 näherte ſie ſich. Ein Zittern durchlief ihren Körper, als ſie den Katafalk vor dem Altare erblickte, als ſie in dem verklärenden Scheine der unzähligen Kerzen die liebe, traute Geſtalt, das lächelnde Geſicht ſah. „Vater! Vater!“ ſchrie ſie, von ihrem Schmerze übermannt, laut auf und fiel wie gebrochen zu Boden. Niemand war da, ihr zu helfen. Sie wollte auch Niemand haben! Ihre Thränen brachen endlich her⸗ vor— ſie weinte zum erſten Male ſeit ihrem Verluſte. Hülflos kniete ſie unweit des Altars, ihre Hände um⸗ klammerten die Lehne ihres Betſchemels, ſie wünſchte nichts, nichts weiter, als in dieſem Momente zu ſterben und vereint mit ihrem Vater zu ihrer Mutter zu gehen. Darauf ſchwand ihr Bewußtſein. Es war ihr wie ein ſüßes, ſeliges Träumen, als ſich dann ganz leiſe eine Hand um ihren Nacken legte, als ſie ſich empor⸗ gehoben und fortgetragen fühlte. Ihr Kopf ruhte an einer Bruſt, ſie hörte ein Herz ſchlagen, mächtig, ängſt⸗ lich, wie von Erſchütterung durchzuckt. Sie fühlte Alles, aber ſie war nicht vermögend, ihre Augen zu öffnen. Sie fühlte ſich feſter, inniger umfaßt, ſie fühlte ihre Hände von warmen Lippen berührt— dieſe Lippen bebten vor innerer Bewegung. Ihr Be⸗ wußtſein ſchwand abermals. Als ſie endlich aus einer todtenähnlichen Erſtarrung erwachte, lag ſie in ihrem Zimmer auf dem Sopha, von den Armen ihrer Tante umſchlungen; vor ihr kniete Antonie, voll Angſt ihre Hände küſſend. „Was iſt mit mir?“ fragte ſie, ſich raſch auf⸗ richtend. „Wo biſt Du geweſen?“ fragte dagegen ihre Tante. Dora Bella legte die Hand an die Stirn. „Das fragſt Du, liebe Tante?“ ſagte ſie verwirrt. „Wie habt Ihr mich gefunden? Wo?“ „Wir hörten Deinen Glockenzug hell und mahnend durch den Corridor klingen, zwei oder dreimal— Du fühlteſt wohl die Vorboten Deiner Ohnmacht?“ Dora Bella ſtarrte ihre Tante beſtürzt an. „Mein Glockenzug?“ wiederholte ſie wie abweſend. Antonie beobachtete ein tiefes Stillſchweigen. Sie ahnte den Zuſammenhang der Sache, fühlte ſich jedoch nicht berufen, eine Aufklärung herbeizuführen. „Ja, liebe Kleine“, verſicherte Gräfin Eliſabeth,„es kam Alles in Aufruhr bei mir. Wir eilten hierher und fanden Dich vollſtändig leblos auf dem Sopha liegen.“ „Wer hat mich hierher gebracht?“ fragte Dora Bella ſtark aufgeregt. Gräfin Eliſabeth ſah Antonie rathlos an. Dieſe 33 gab ihr durch einen Blick zu verſtehen, daß ſie es für gerathen halte, die Sache bis auf weiteres ruhen zu laſſen. „Du biſt krank, meine Kleine“, entgegnete darauf die Gräfin.„Erhitze Deine Einbildungskraft nicht durch Traumbilder, ſuche Dich zu beruhigen.“ Die Comteſſe ſchüttelte ungeduldig mit dem Kopfe. „Tante, ich bin bei meinem lieben Papa geweſen“, berichtete ſie abgebrochen,„der Schmerz raubte mir alle Faſſung, ich bin weinend niedergeſunken, mein Bewußtſein ſchwand. Wer hat mich hierher ge⸗ tragen? Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß mich Jemand emporgehoben hat; ich will es wiſſen, ich muß es wiſſen, wer dies geweſen iſt.“ „Vielleicht einer der Leute, die den Dienſt bei dem Sarge hatten“ ſagte Antonie, ruhig in Dora Bella's Augen ſchauend. Dora Bella ſenkte nach einem flüchtigen Aufblick ihre Augen tief nieder. „Von den Herren kann es keiner geweſen ſein“, fuhr Antonie fort, ohne ihren Blick von der Comteſſe zu wenden. Ein flüchtiges Roth zuckte über das bleiche Geſicht Dora Bella's. „Nein. Wir hatten einen Kreis um den Hofmarſchall Fritze, Schloß Bärenberg. III. 3 4 geſchloſſen, der das Programm zur morgenden Trauer⸗ feierlichkeit vorlas“, fügte die Gräfin hinzu. „Nachdem dies geſchehen war, plauderte ich mit Herrn von Leſſel, der ſich theilnehmend nach Ihrem Befinden erkundigte“, berichtete Antonie weiter. „Ja, und ich begleitete Askan und den fremden Kammerherrn, der heute eingetroffen iſt, um im Namen ſeines Königs unſerm lieben Todten die letzte Liebe zu erweiſen, in die Gallerie, wo wir uns im Anſchauen der Ahnenbilder vertieften“, ſchloß die Gräfin. „Vielleicht iſt der Inſpector zufällig in der Kirche anweſend geweſen und hat Ihren Unfall bemerkt, meinte Antonie. „Oder auch der Förſter! Vielleicht der Neffe des Bergſchenken— ihm ſieht die ritterliche That mit dem beſcheidenen Verſchwinden ſchon ähnlich“, rief die Gräfin. Dora Bella neigte gleichgültig den Kopf, ihre Auf⸗ regung war plötzlich beſänftigt. „Ich will gehen, meine Kleine, um unſere Gäſte über Dein Befinden zu beruhigen; nicht wahr, es iſt Dir beſſer?“ begann Gräfin Eliſabeth nach einer klei⸗ nen Pauſe, während welcher ſie ihre Nichte ſtill beob⸗ achtet hatte.„Antonie bleibt bei Dir— halte Dich ruhig— es bleibt Dir morgen noch eine liebe, aber 35 ſchwere Pflicht zu erfüllen, alſo ſammle Deine Lebens⸗ geiſter, ſchone Deine Nerven.“ Die alte Dame neigte ſich über ihre Nichte und küßte ihre Stirn. Dora Bella ſchlang zum erſten Male ſeit langer Zeit wieder die Arme um ihren Nacken, wie ein liebe⸗ bedürftiges Kind, und preßte die Lippen wiederholt auf ihren Mund. Es war das Eis gebrochen, das ſich um ihr kindliches Weſen gelegt, und mit der Erkenntniß ihrer Hülfloſigkeit brach auch der volle Strom der Liebe und Hingebung wieder hervor. Ja, ſie fühlte, daß ſie ſich an ihre Tante ſchmiegen, daß ſie dem einzigen Weſen, welches zu ihr gehörte durch die Bande des Blutes, die volle Hingebung ihres Herzens weihen müſſe, wenn ſie nicht auf der trauri⸗ gen Höhe der Selbſtſtändigkeit, die ſie ſich jetzt errungen hatte, verſchmachten wollte. Noch wenige Stunden und die Hülle desjenigen, der ſie einſam auf der Erde zu⸗ rückgelaſſen, wurde in die Familiengruft geſenkt. Fremde Menſchen umgaben ſie, fremde Menſchen huldigten aus Beweggründen der Klugheit der reichen, unabhängigen Erbin— ob ſie Liebe für das Kind ihres Vaters fühlen würden, wenn es arm und verlaſſen dage⸗ ſtanden? 2 Dora Bella hatte in ihren einſamen Schmerzens⸗ 3* 36 ſtunden ſehr viel gedacht und war zu der Ueberzeugung gelangt, daß Liebe ſich nicht erkaufen laſſe, daß ſie eine freie Gabe des Herzens ſei, daß man um dieſe Gabe werben müſſe. Sie hatte um ſich geſchaut und ſich ſelbſt gefragt, wer ſie von denen, die ihre Um⸗ gebung bildeten, wohl aus Herzensgrunde liebe. Dieſer Rundſchau hatte ſie demüthig gemacht. Von allen empfing ſie ſtets Beweiſe einer großen Zuvorkommen⸗ heit, aber konnte man das Liebe nennen, Liebe in der ſchönen, heiligen Bedeutung, wie ſie die Liebe in der Zärtlichkeit ihrer Aeltern kennen gelernt? Nein! Sie geſtand es ſich mit der Offenherzigkeit ihres Temperaments ein, daß ſie alle dieſe Zeichen von Zuneigung nicht Liebe nennen könne. Selbſt ihre Tante Eliſabeth nahm ſie nicht aus, als ſie dies Urtheil gab, obwohl in der weichen Güte derſelben das ſüße Weſen des Elements lag, was ſie Liebe nannte. In dem Chaos ihrer Träumerei tauchte endlich eine Geſtalt auf, die ſie mit dem Bewußtſein begrüßte, von ihr die zärtlichſte, opferwilligſte und uneigen⸗ nützigſte Liebe erwarten zu dürfen. Klara! Ja, Klara liebte ſie, Klara hing mit einer tiefen Zärtlichkeit an ihr! Ob ſie reich, ob ſie arm, ob ſie häßlich, hülfs⸗ bedürftig, verlaſſen und elend ſei, Klara würde ſie an ihr Herz nehmen und ſie lieben. * 37 Ein Strahl göttlichen Friedens erleuchtete ihr um⸗ nachtetes Inneres; ſie wußte jetzt eine Menſchenſeele zu finden, die ſie aufnahm mit ihren Schwächen, die ſie zärtlich beurtheilte, wenn ſie fehlte. Müde ſenkte ſie ihr Haupt und ſchlummerte getröſtet ein. Ein feſter, geſunder Schlaf hebt die Geiſteskraft und ſtärkt den Körper. Als die Morgenſonne des nächſten Tages voll und ſchön auf der Schloßhöhe lag und der prachtvolle Leichenzug ſich in Bewegung ſetzte, da hatte Dora Bella ſo viel Seelenſtärke gewonnen, daß ſie, vom Hofmarſchall und dem Geiſtlichen geleitet, den langen Zug der Leidtragenden eröffnen konnte. Es war ein großartiges, ein feierliches Begräbniß. Man begrub einen guten Mann. Während im ganzen deutſchen Lande gewaltſame Umwälzungen, durch un heilvolle Irrthümer von allen Seiten genährt, vor ſich gingen, ſammelten ſich hier auf der Schloßhöhe die Menſchen von nah und fern, um einen Mann zur Ruhe zu begleiten, deſſen Eigenſchaften im Stande geweſen waren, ſeine Beſitzungen vor allen politiſchen Ver⸗ wirrungen zu bewahren. Dichtgedrängt ſtanden die Menſchen; von den Thronen deutſcher Fürſten bis zu den kleinſten Hütten der Dörfer hatten ſie ſich ver⸗ ſammelt, um den Letzten eines alten Stammes zur Gruft zu bringen. 38 In ehrerbietiger Stille ordnete ſich die unabſehbare Menge paarweiſe und zog unter dem Glockengeläute aller umliegenden Dörfer den Berg hinab bis zum Familienbegräbniß, das von der Pietät der alten Ritterburg gegenüber angelegt worden war. Langſam und feierlich nahte man ſich dem Mau⸗ ſoleum, deſſen eiſerne Gitter weit offen ſtanden, bereit⸗ die Hülle des letzten Grafen Harald⸗Bärenberg aufzu⸗ nehmen. Für diejenigen, welche den Trauerzug begleiteten, war es ein feierlicher, ſchmerzlicher, aber auch erhebender Augen⸗ blick, als jetzt drüben auf der alten Burg eine ſanfte geiſt⸗ liche Melodie von Blasinſtrumenten angeſtimmt wurde. Zweihundert Jahre früher hatte man dort drüben die Leichen der Bärenberg beigeſetzt, heute trug man das Geſchlecht zu Grabe und der Stamm erloſch mit dieſem guten, lieben, alten Mann! Friede dem Entſchlafenen und Friede denen, die ſein Andenken mit ſtillen Thrä⸗ nen feierten! Nach der Feierlichkeit zerſtreute ſich die Menge ebenſo anſtändig, wie ſie ſich verſammelt hatte. In allen Ge⸗ ſichtern las man den Ernſt, der unwillkürlich hervor⸗ gerufen wird, wenn man den Verfall einer irdiſchen Größe von Herzen beklagt. Die Wahrheit der Trauer gab hier das beſte Zeugniß vom Werthe eines der 39 hochgeſtellten Männer, die zur damaligen Zeit an⸗ gefeindet und vom bitterſten Tadel verfolgt wurden. Vielleicht war Graf Harald eine Ausnahme ſeiner Standesgenoſſen geweſen, vielleicht waren aber auch die Menſchen ſeiner Umgegend nicht von dem Gifte der Zeit ergriffen, vielleicht hatte die Gelegenheit zu einer epidemiſchen Verbreitung des Uebels gefehlt! Wer kann dies jetzt noch ſagen, wo beinahe zwanzig Jahre über ein Grab hinweggerauſcht ſind, von dem man mit aufrichtiger Trauer, mit inniger Verehrung heimging, um noch tagelang von der Güte, von der Wohlthätigkeit und von dem lautern Wohlwollen des Verblichenen zu reden. Der Hofmarſchall hatte für die Abendſtunde die Eröffnung des Teſtaments angeſetzt. Man konnte voraus⸗ ſehen, daß die Fremden das Schloß unmittelbar nach der Beiſetzung verlaſſen würden, und da Comteſſe Dora Bella die Teſtamentsförmlichkeit nur im Beiſein der durchaus nothwendigen Perſonen befohlen hatte, ſo glaubte der Hofmarſchall den Schluß aller aufregenden Handlungen und Obliegenheiten beſchleunigen zu dürfen. Die Stunden des Tags ſchlichen traurig, langſam und ſchwerfällig dahin. Man ſah der ganzen Unter⸗ haltung der Wenigen, die dablieben, weil ſie mehr oder minder betheiligt bei dem letzten Act dieſes Sterbe⸗ 40 falls waren, an, daß man plauderte, nicht eines Zwecks oder des Vergnügens halber, ſondern um die Zeit auszufüllen, die ſich träge fortſchleppte. Antonie war die Einzige, welche ihren Geiſt un⸗ bedrückt von den Ereigniſſen zeigen konnte und ſie machte Gebrauch von dieſem Rechte. Ihre Welt⸗ gewandtheit ließ ſie überall das rechte Wort finden, ſelbſt wenn ſie ſich bis zum leichten Scherze verſtieg. Dora Bella zog ſich auf ihr Zimmer zurück, viel⸗ leicht weniger, um ihrem ſtillen Schmerze nachzuhängen, als um Gelegenheit zu haben, ein Stündchen mit Klara Horink allein zu ſein. Sie hatte ſich auf dem Heim⸗ weg an Klara geſchloſſen, hatte ſie um ihre Beglei⸗ tung gebeten und war inne geworden, daß ſie mit rich⸗ tiger Seelenkenntniß dies ſanfte, ruhige Mädchen als eine Stütze in ihrer Troſtloſigkeit erkannt habe. Ihre Unterhaltung war ein Rückblick in die Ver⸗ gangenheit, wobei die finſtern und bangen Gedanken von dem Lichte eines geweſenen Glücks zu neuen Hoff⸗ nungen ſich erhoben. Neben einander in einem Fenſter ſitzend, vergaßen ſie, daß noch lebende Weſen da ſeien die ihre Anweſenheit beachteten. Als Reinhold endlich Miene machte, ihr ſtilles Plaudern zu ſtören, da zogen ſie es vor, in Dora Bella's Zimmer zu gehen, um jeder Störung zu entfliehen. 41 Was die beiden Mädchen zuſammen ſprachen? Wer könnte wohl das Herzensplaudern zweier Mädchen ſchildern, die in Kindlichkeit und Herzensgüte wetteifern! Wer könnte wohl die unmerklichen Uebergänge vom tiefen Gefühle bis zur leiſen Heiterkeit, wer die Schat⸗ tirungen, die Zuſammenſetzungen und Vermiſchungen zweier Gemüther verfolgen, die ſich ſtufenweiſe und bisweilen ganz unmerklich bis zum Unterſchiede in zwei Charakteren ausprägen! So viel iſt gewiß, Dora Bella's jetzige Stimmung fand ein ſtarkes Echo in Klara's Stimmung. Ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, trug Klara in ſich ein Leid, welches ſie ſich ſelbſt auf⸗ erlegt hatte, und in gleichem Falle befand ſich Dora Bella. Beider Herzen, ſo ſchuldlos und rein, ſo voll zarten Erbarmens für die Schmerzen der Menſchheit, waren irre gegangen im Stolze der Empfindlichkeit und im Trotze der Empfindlichkeit. Noch erkannten ſie ihr Fehlen nicht, allein es mußte die Stunde ſchlagen, wo ſie im gegenſeitigen Beurtheilen zur Erkenntniß ihrer Schuld kamen. Ob dann die Zierde der Weiblichkeit, die Demuth, ſie beide zur Sühne treiben würde, blieb freilich immerhin noch fraglich. Für jetzt glich der Austauſch ihrer Empfindungen noch allzuſehr dem Irr⸗ wege einer ſchöpferiſchen Phantaſie, der ſie noch weiter 42 von der Wirklichkeit der beſtehenden Verhältniſſe ab⸗ leitete. Sie fanden in der Feſſelloſigkeit ihrer Betrach⸗ tungen eine Beſänftigung ihres Trübſinns. Sie ſuch⸗ ten in ihren Mittheilungen nicht nach Troſt und er niſtete ſich dennoch bei ihnen ein. Woher kam ihnen die Beſchwichtigung? Worin ruhte der Zauber? Nun, die Geiſter der Liebe umſchwebten ihre reinen Seelen und tauchten die Worte, welche ſie ſprachen, in das Element, worüber ſie herrſchten, ſodaß die heiligen Intereſſen des eigenen Herzens Verſtändigungsmittel für das andere Herz wurden. Während ſich im ſtillen Kinderzimmer, das Dora Bella noch immer bewohnte, das Band der Sympathie wob, trat der kritiſche Zeitpunkt für Askan ins Leben, dem Willen ſeines geliebten Wohlthäters entgegen handeln zu müſſen. Das Teſtament wurde geöffnet. Dora Bella hatte ſich von vornherein dagegen erklärt und ihre Anweſen⸗ heit war wegen ihrer Minderjährigkeit nicht nöthig befunden. Alles, was der Graf Harald als ſeine Wünſche vorausbeſtimmt hatte, fand ſich darin beſtätigt. Graf Askan war von ihm als Erbe des Namens und Stammes beſtimmt, doch war dies von dem Entſchluſſe ſeiner Tochter Dora Bella, den jungen Grafen zum Gatten anzunehmen, abhängig gemacht. Die zweite Beſtimmung ſtellte die Möglichkeit auf, daß Dora Bella's Neigung anderweit gefeſſelt werden könne und ſie ihrer Neigung gemäß einen andern Gatten als Graf Askan wählen wolle. In dieſem Falle, ſo ſagte das Teſtament wörtlich, würde Graf Harald durch die beſtehenden Vorrechte der Tochter zwar verhindert, ſeinen Herzenswunſch in Bezug auf Graf Askan auszuführen, doch beſtimme er, daß dem Grafen Askan ganz unverkürzt die volle Anwartſchaft auf das Erbtheil, das er ihm zugedacht, bleibe und derſelbe ohne weiteres in ſeine durch Fürſtenwort ge⸗ ſicherten Rechte träte, wenn ſeine Tochter Dora Bella ohne Kinder ſterben ſollte. Falls Graf Askan vor ihr ſterben ſollte, ſo hätten ſeine Leibeserben das Recht auf Alles, was Dora Bella hinterließe, und ſein älteſter Sohn träte dann in die Rechte, die dem Grafen Askan zugedacht wären. Die dritte Beſtimmung ernannte Graf Askan für die innere Verwaltung des Geſammterbtheils als Aufſichtsbehörde, dagegen Herrn Reinhold von Leſſel als Rechtsbeiſtand für alle Fälle. Dem Hofmarſchall Herrn von Wenkenthal ſei mit ſeiner eigenen Be⸗ willigung die Vormundſchaft übertragen. Für die erſtern Herren war eine bedeutende jährliche Rente ausgeworfen, dem letztern ſollten ſeine Bemühungen 44 und Reiſekoſten durch ein brillantes Neujahrshonorar erſetzt werden. Danach kamen die allergenaueſten Beſtimmungen über Alles, was zu beſprechen nöthig war. Aber ſchließlich erklärte das Teſtament dieſe letztern Artikel nur für proviſoriſche Maßregeln, da es dem Gatten ſeiner Tochter Dora Bella freiſtehen würde, in Ueber⸗ einſtimmung mit derſelben nach ſeinem Willen zu han⸗ deln. Die Legate dürften nicht verkürzt und die Leibesrenten für Graf Askan und Reinhold von Leſſel nicht angetaſtet werden. Ebenſo wenig geſtatte es das Hausgeſetz der Grafen Bärenberg auf Bärenberg, daß das Stammgut mit Hypotheken belaſtet werde. Gunterek ſei freilich bei dieſem Hausgeſetz nicht ge⸗ nannt, weil es erſt neuerdings von ihm angekauft ſei, allein er verbiete kraft ſeines Rechts auch hier jede Belaſtung, da es für ſpätere Eventualitäten aufbewahrt bleiben müſſe. Es war alſo Alles beſprochen, Alles feſtgeſetzt, aber es wurde ſo zu ſagen Alles nichtig, wenn Dora Bella anderweit heirathete und Kinder hinterließ. Dem Teſtamente waren abſchriftlich alle Documente beigefügt, die zur Erklärung und Auf⸗ rechthaltung deſſelben nothwendig waren. Dies ent⸗ lockte dem Hofmarſchall die etwas unwillige Andeu⸗ tung, daß Comteſſe Dora Bella nicht nöthig gehabt 45 hätte, ſich voreilig mit den Originaldocumenten zu armiren. „Verdenken Sie der jungen Dame dieſe Vorſicht nicht“, ſagte Graf Askan ſehr ruhig. „Es ſpricht ſich ein Zweifel in ihres Vaters Liebe darin aus“, fuhr der Hofmarſchall auf. „Sie hatte vielleicht Gründe zum Mißtrauen“, wendete Askan ein.„Im Allgemeinen iſt die vorherige Erklärung der Comteſſe für alle Theile fruchtbringend. Wir wiſſen dadurch, daß ſie nicht geſonnen iſt, auf ihres Vaters Wünſche einzugehen.“ „Sie kennt ja dieſe Wünſche nicht, ſie hat keine Ahnung davon, daß ſie Ihnen das Erbtheil erſt ſichern ſoll!“ rief der Hofmarſchall. „So machen Sie ihr dieſe Bedingung bekannt und ſagen Sie der jungen Dame, daß ich nicht entfernt daran dächte, Vortheile aus der Anordnung ihres Vaters zu ziehen“, ſprach Graf Askan nach kurzem Beſinnen. Der Hofmarſchall fuhr erſchrocken zurück. Graf, das müſſen Sie erſt überlegen!“ „Ich habe überlegt, was ich thue! Möge Dora Bella einen Gatten ſuchen nach ihrem Herzen, möge Dora Bella glücklich werden“, erwiderte Askan völlig kalt und gemeſſen.„Vielleicht wäre Alles anders „Herr 46 gekommen, wenn— doch das gehört nicht hierher—“ Er brach ab und blickte auf Reinhold, der ſtumm, aber aufmerkſam dem Geſpräche der beiden Herren gefolgt war. „Das Teſtament iſt mit großer Umſicht zuſammen⸗ geſtellt“, begann Reinhold jetzt lächelnd,„aber in der Hauptſache iſt ſtark gefehlt, meine Herren. Nirgends ſind Inſtructionen angegeben. Wenn man uns ein Amt überträgt, ſo dürfen doch die Regeln des Ver⸗ haltens dabei nicht fehlen. Ich bin zum Beiſpiel mit der Würde eines Rechtsbeiſtandes bekleidet, ohne genaue Kenntniß von der Ausdehnung dieſes Amtes zu er⸗ halten. Habe ich nur die Rechte der Comteſſe oder habe ich die Rechte der ganzen Nachlaſſenſchaft zu vertreten?“ „Das würde wohl ziemlich auf eins hinauskom⸗ men“, meinte Graf Askan.„Ich finde in meiner Beamtung nichts Zweifelhaftes, lieber Reinhold, und wenn Du mit gutem Willen den Anordnungen des Grafen Harald folgſt, ſo wirſt Du niemals fehlgreifen.“ „Es thut mir leid, Dir widerſprechen zu müſſen, Graf Askan. Geſetzt den Fall, ich ſei befugt, die Rechte der Nachlaſſenſchaft zu vertreten, ſo müßte ich vor allen Dingen ganz genau wiſſen, ob ich jede Hei⸗ rath der Comteſſe dulden d ürfte.“ „Eine ſeltſame Einrede“, meinte der Hofmarſchall, „um ſo ſeltſamer, da Sie aus den Documenten er⸗ ſehen, daß die letzte Gräfin Bärenberg thun und laſſen kann nach Belieben.“ „Der Einwurf iſt nicht ſo ſeltſam, wie er Ihnen erſcheint, Herr von Wenkenthal. Comteſſe Dora Bella könnte einen nicht Ebenbürtigen zum Gemahl wählen, wie nun? Darf ich als Rechtsbeiſtand der Nachlaſſen⸗ ſchaft das dulden oder muß ich als Rechtsbeiſtand der Comteſſe ihren Willen gegen den Widerſtand ſämmt⸗ licher Agnaten des Stammes zu verfechten ſuchen?“ „Sie ſind, wie alle Juriſten, darauf bedacht, Aus⸗ nahmen zu erfinden, um die Unzulänglichkeit einer Vorſchrift hervorzuheben“, ſagte der Hofmarſchall artig, aber höchſt verdrießlich. „Die Ausnahme von der Regel liegt nahe“, fiel Reinhold eifrig ein;„die ganze Erziehung der Comteſſe leitet zu dem Gedanken hin, daß ſie eines Tages dem Gebote der Liebe ſo viel Kraft einräumen wird, um nicht nach den nothwendigen Ahnen zu fragen.“ „Ueber dieſen Standpunkt unſerer Geburtsanſprüche ſind wir hinweg“, antwortete Graf Askan.„Die Ahnenprobe gehört zu den Traditionen und ich er⸗ innere mich, ſpeciell vom Grafen Harald vernommen zu haben, daß er darüber ſehr freiſinnige Anſichten hege. Für dieſen Fall würde alſo Comteſſe Dora 48 Bella ſich der Billigung ihres ſeligen Vaters er⸗ freuen.“— „Vielleicht findet die junge Dame darüber noch be⸗ ſondere Anweiſungen“, warf der Hofmarſchall ironiſch ein.„Es liegen oben im Archive einige verſiegelte Schriftſtücke mit dem Vermerk, zu welcher Zeit und bei welcher Gelegenheit Dora Bella dieſelben zu öffnen befugt iſt. Die Comteſſe war ſo geſcheidt, dieſer Schriftſtücke wegen das Archiv durch ihr Siegel unzu⸗ gänglich zu machen. Sie verrieth bei dieſer Gelegen⸗ heit ein großes Mißtrauen.“ „Gegen wen?“ fragten beide junge Männer zugleich. „Sie hat keine nähere Andeutung gegeben. Nur durch eigene Beobachtung bin ich darauf gekommen, den Inſpector Prutz, ungeachtet ſeiner ſonſtigen Red⸗ lichkeit, einer ungewöhnlichen Liſt und Schlauheit für fähig zu halten.“ „Es iſt wohl nicht ſo ſchlimm, wie Sie denken“, ſagte Askan beſchwichtigend. „Der Inſpector verletzt häufig durch ſein ab⸗ ſprechendes und überkluges Auftreten, ſonſt aber iſt er brauchbar, und Graf Harald hat ja durch ſeine Be⸗ ſtimmung im Teſtament bewieſen, daß er ſein Verdienſt in der Verwaltung der Finanzen vollkommen aner⸗ kennt“, meinte Reinhold. 49 Der Hofmarſchall ſchien von dieſer Lobeserhebung wenig erbaut zu ſein. „Merkwürdig“, ſprach er ungehalten und zog tau⸗ ſend Verdrießlichkeitsfalten auf der hohen, glatten Stirn zuſammen,„merkwürdig, überall im Staats⸗ leben iſt die Macht der Bureaukratie gebrochen und hier im Kleinen ſpukt ſie noch in ihrer ganzen Kraft. Hier müßte von Grund aus aufgeräumt werden.“ „Unter unſerm Proviſorium würden dergleichen Schritte bedenkliche Folgen haben“, meinte Askan. „Warten wir und halten wir die Augen offen.“ „Es wird nicht eher gelingen, den eingebürgerten Bureaukratenunfug hier auf der Schloßhöhe herauszu⸗ treiben, bis eine ſtarke, feſte Hand den Zügel in die Hand nimmt“, entgegnete Reinhold. „Es iſt mir ſelten eine ſolche dreiſte Herrſchaft des Kanzleigeiſtes, eine ſolche offenkundige Vertretung der eigenen Intereſſen vorgekommen, wie hier oben zwiſchen den ſogenannten Schloßleuten“, ſprach der Hof⸗ marſchall. „Sie nehmen doch den Förſter Horink aus von dieſer Clique“, wendete Askan ein. „Hm, nicht immer! Doch iſt er der beſte von allen“, entſchied der Hofmarſchall. „Mir ſcheint der Amtmann der ſchlimmſte von Fritze, Schloß Bärenberg. III. 4 50 allen zu ſein“, fügte Reinhold lachend hinzu.„Der Mann thut, was er will, und fußt ſtets darauf, daß er es nicht zu ſeinem Vortheile ſondern zum Vor⸗ theile ſeiner Herrſchaft thue.“ „Mag ſein; aber der ſchlimmſte von allen iſt der Inſpector, den man lieber einen Miniſter ohne Ver⸗ antwortlichkeit nennen könnte“, war des Hofmarſchalls Antwort.„Seine Verwaltung mag gewiſſenhaft ſein, aber er hat ſeine herkömmlichen Rechte auf eine er⸗ ſchreckende Weiſe erweitert und Graf Harald hat nicht angeſtanden, alle Veränderungen und Verbeſſerungen vor ſein Forum zu verweiſen und in ſein Belieben zu ſtellen. Das muß aufhören, meine Herren. Ich trage darauf an, daß Sie beide es als Ihre erſte Pflicht anſehen, dieſem Inſpector ſeinen Standpunkt klar zu machen.“ „Mit Vergnügen!“ rief Reinhold. Mir fehlt die Gelegenheit für jetzt, verbeſſernd ein⸗ zugreifen, da ich keine Zeit zur Prüfung der Uebelſtände habe“, erwiderte Askan gelaſſen.„Mein Urlaub iſt ſchon verlängert und eine Miſſion meines Fürſten nöthigt mich, morgen abzureiſen. Ich gedenke im Winter wieder zu kommen; vielleicht iſt dann ein Zeitpunkt einge⸗ treten, der alle Sorgen unſerer Verpflichtungen un⸗ nöthig macht.“ 51 „Wohin gehen Sie, Graf?“ fragte der Hofmarſchall. Graf Askan zuckte die Achſeln. „Ah, Heirathsprojecte Ihres Hofes! Man ſagt, die Prinzeß Anna werde ſich in die Königsdynaſtie hinein vermählen. König zu ſein, iſt jetzt kein Glück mehr!“ ſchloß er ſeufzend. Drittes Kapitel. Das Silberlicht des Mondes erleuchtete die Schloß⸗ höhe mit ſeinem melancholiſchen Schimmer. Es paßte vortrefflich zu der geheimnißvollen, traurigen Ruhe, die erſt durch den Lauf der Zeit wieder zum ſchaffen⸗ den, heitern Leben werden kann, wenn der Menſch den Verluſt, den er erlitten, ertragen gelernt hat. Still und regungslos ſtanden die uralten Ulmen und Buchen, die unter ihrem Schatten eine Generation nach der andern hatten heimgehen ſehen zu den Gräbern der Väter. Nicht ein Blatt bewegte ſich. Das lieb⸗ liche Huſchen, Ziſcheln und Flüſtern in den Bäumen, wenn der Abendwind mit den Blättern ſpielt, fehlte— wahrlich, es war, als feiere die Natur einen Trauer⸗ gottesdienſt. 1 Mitten in dieſes ſtarre Schweigen trat plötzlich eine Geſtalt. Sie eilte mit der friſchen Behendigkeit der Jugend und Lebensluſt aus dem Schatten des Schloß⸗ portals nach dem freien Platze, von dem ſich der Weg abwärts ſenkte, und rief mit gedämpfter Stimme zwar, aber dennoch unverkennbar keck zurück: „Bleiben Sie nur da, Herr von Leſſel, bleiben Sie und leſen Sie der Comteſſe Heine's Lieder der Liebe vor. Ich gehe unter Gottes und des lieben Mondes Schutz weit gefahrloſer und ſicherer als in der Ge⸗ ſellſchaft eines ſo leichtfertigen und wankelmüthigen Cavaliers, wie Sie ſind. Leider habe ich ſelbſt ſchon in den letzten Tagen begriffen, daß Sie jetzt höhere Lebenszwecke verfolgen. Ich wünſche Ihnen den beſten Erfolg!“ Hurtig lief die Geſtalt nach Beendigung dieſes Sermons über den Platz und wendete das Geſicht noch⸗ mals zum Schloſſe zurück, als ſie weit genug davon entfernt war, um ſicher zu ſein, daß ſie nicht mehr be⸗ merkt werden würde. Der Mond ſchien hell in dies ſchöne belebte Geſicht. Er ſchien dankbar für das Zutrauen, welches Antonie ihm gezeigt, heller zu leuchten, während ſie unter ſeiner Ge⸗ leitſchaft die Terraſſe abwärts ſtieg, über die Brücke ging und eiligſt am Gatterthor des Horink'ſchen Gehöftes den Klopfer rührte, um Klara herauszulocken. Nicht zehn Minuten hatte dieſe ganze Geſchichte gedauert, da ſaß Antonie neben der Freundin vor dem Tiſche, auf dem die Lampe brannte, und beiden Mädchen gegenüber Frau Horink im Sopha. Klara ſah Antonien froh ins Geſicht. „Biſt Du endlich einmal wieder im kleinen Stüb⸗ chen bei uns, Du wilde Toni?“ fragte ſie mit der lieblichſten Freundlichkeit. Antonie legte die Arme um Klara. „Ja, ja, ich bin da! Aber nicht meinetwegen allein bin ich gekommen. Ich ſoll Dich fragen, warum Du ſeit dem Begräbnißtage nicht wiedergekommen biſt, ich ſoll ſagen, daß Dora Bella vor Sehnſucht nach Dir ſtirbt.“ „Meine Mutter wünſchte nicht, daß ich ſo bald wieder ins Schloß ginge“, entgegnete Klara aufrichtig, nund Mama hat Recht, denn Du biſt ja beſſer dazu geſchaffen, Dora Bella zu erheitern, als ich.“ „Mama mag Recht haben, ebenſo wie meine Groß⸗ mama auch immer Recht hat, wenn ſie von Anſtand, Rückſicht und dergleichen ſpricht. Aber unter uns geſagt, Tante Horink, Du, wie Großmama, Ihr verſteht die Sache nicht zu beurtheilen.“ „Das beweiſe mir einmal, Du wildes Mädchen“, wendete Frau Horink gemüthlich ein. „Sieh, Tante Horink, ich bin in Comteſſe Dora Bella's Augen gar nichts weiter als eine Geſell⸗ ſchafterin in der Geſelligkeit. Lieb Kläry iſt ihr ein Augentroſt, ein Balſam.“ „Das begreife ich ſchon“, ſagte Frau Horink, von ihrem Strickzeug aufblickend.„Du biſt Dora Bella eine Stütze und Klärchen iſt ihr eine Freude aus der Vergangenheit.“ „Tante Horink, ich fange an, Reſpekt vor Dir zu bekommen“, ſcherzte Antonie. „Meine arme kleine Dora Bella!“ flüſterte Klara mitleidig. „Warum bedauerſt Du die Comteſſe? Am meiſten bei der ganzen Geſchichte iſt nach meiner Einſicht Graf Askan zu bedauern! Dora Bella ſcheint ſich tröſten laſſen zu wollen. Herr von Leſſel gibt ſich alle Mühe, nur für die Comteſſe zu leben, und ſeit Graf Askan abgereiſt iſt, ſieht man ihn ſtets mit irgend einem lyriſchen Erguß aus fremder Phantaſie die eigene Armuth ſeiner Einbildungskraft ergänzen.“ Es lag eine gewiſſe Gereiztheit in dem Tone, wo⸗ mit Antonie die letzten Worte ſprach. Sie mochte dies fühlen und beeilte ſich, den Eindruck davon zu ver⸗ löſchen. „Was übrigens Herr Reinhold beabſichtigt, iſt klar. Nur zweifle ich, daß ſeine Bemühungen gekrönt werden“, ſagte ſie ruhiger. Eine kleine Pauſe folgte dieſer Andeutung. Viel⸗ leicht verbot Beſcheidenheit und Zartgefühl den beiden Zuhörerinnen eine weitere Forſchung. Antonie bemühte ſich, während der kurzen Zwiſchenzeit ihren Mißmuth zu bezwingen. Es gelang ihr, denn mit der ganzen friſchen Fröhlichkeit ihrer Natur begann ſie plötzlich: „Sage nur, liebe Kläry, wie lange iſt's denn, daß ich hier war und Abſchied nahm, um aufs Schloß zu ziehen?“ „Kaum drei Wochen, Toni, und was iſt während der Zeit Alles geſchehen!“ antwortete Klara. „Erſt drei Wochen, Klärchen? Das iſt ein Irr⸗ thum von Deiner Seite! Gott, mir iſt's, als ſei ein halbes Jahr ſeitdem verſchwunden. Es iſt aber richtig, je langſamer die Zeit geht, deſto tiefer ſchneiden die Spuren der Erfahrung ein.“ „Nicht immer, Toni! Wenn Langeweile das Rad der Zeit hemmt, ſo fehlen die Erfahrungen“, erwiderte Klara. „An Langerweile wird es von jetzt ab im Schloſſe Bärenberg auch nicht fehlen. Für eine Zeitlang iſt Spiel und Tanz verboten, man übt ſich in der Ehr⸗ barkeit, reitet höchſtens einige Stunden— Du weißt * doch, daß der neue Stallmeiſter geſtern eingetroffen iſt und zwei wundervolle Pferde für Dora Bella und mich mitgebracht hat? Du weißt's noch nicht? Nun, da ſieht man, daß Herr Dietrich nicht Dein Freund mehr iſt, ſonſt hätte er Dir's ſicherlich erzählt. Dietrich iſt mit dem Stallmeiſter in der Stadt zuſammengetroffen und hat ihn als ſeinen alten Lehrer in der Reitkunſt wiedererkannt.“ „Wir ſehen Herrn Dietrich gar nicht“, ſchaltete Frau Horink ein.„Auch Herr Evers vermeidet es, beim Staket ſtehen zu bleiben.“ „Eines Tags kommen ſie alle beide wieder!“ rief Antonie leichtfertig.„Klara wird ſich dann nicht be⸗ ſinnen, ihrem Herzen zu folgen.“ Das junge Mädchen erröthete tief und wies mit Empörung dieſe Möglichkeit zurück. Antonie lachte. „Verlaſſe Dich darauf, es kommt, wie ich ſage! Gott, wie ſchön ſich das Leben hier anſah; wie hing der ganze Himmel voller Geigen, als die Comteſſe mich aufs Schloß kommen ließ und mir die Stelle als Geſellſchafterin antrug! Kaum einen Tag währte die Herrlichkeit, da ſtanden wir bis über die Ohren in Trauer und mußten einen Ballaſt von Unſinn durchmachen, den man Trauercultus nannte.“ „Mir ſcheint eine ſolche Förmlichkeit beim Range eines ſolchen Todten ganz natürlich und gerechtfertigt“, meinte Frau Horink. „Ich habe gar nichts dagegen, wenn es eine vom Himmel abgemachte Sache iſt, einen Mann, der in einer Ebenholzwiege geboren iſt, auch in einem ſolchen Sarge zu Grabe zu bringen, aber daß ich ſolche Bevorzugun⸗ gen gerecht vom Himmel finden ſollte, kann ich nicht behaupten. Wozu es überhaupt dient, einen Menſchen einbalſamirt über eine Woche ausſtellen zu laſſen, möchte ich wohl wiſſen. Es nützt keinem Menſchen nicht einmal dem Todten ſelber. Und daß ſolche Paradeausſtellung Grauen weckt, hat ſelbſt die eigene Tochter bewieſen.“ „Wie meinſt Du? Dora Bella?“ fragte Klara begierig. „Freilich. Die kleine, arme, nervöſe Comteſſe hat ſich muthig allein auf den Weg zur Kapelle gemacht, um ihren Vater nochmals zu ſehen. Sie iſt aber ohn⸗ mächtig geworden und vom Grafen Askan, wahrſchein⸗ licherweiſe vom Grafen Askan zurück in ihr Zimmer getragen worden.“ „Weiß man nicht gewiß, daß Graf Askan es ge⸗ weſen iſt?“ fragte Klara. „Bewahre, liebe Kläry; ich bin nur ſchlau genug, 59 dergleichen zu vermuthen. Zwiſchen Graf Askan und Dora Bella iſt nicht Alles, wie es nach der ſeligen Excellenz Willen hätte ſein müſſen. Ihr wißt doch, daß im Teſtamente der Wunſch ausgeſprochen iſt, Dora Bella möge Graf Askan zum Gemahl wählen?“ „Nicht ein Wort wiſſen wir“, rief Frau Horink ſehr überraſcht,„oder, Klara, haſt Du davon gehört?“ Klara hatte halb vor Schreck, halb vor Freude ihre Hände zuſammengefaltet und blickte erwartungsvoll zu Antonien auf. Dieſe fuhr fort: „Die kleine Comteſſe hatte jedoch ſchon vor der Eröffnung des Teſtaments ihre Privilegien geltend zu machen geſucht und dadurch dem jungen Grafen dar⸗ gethan, daß ſie nicht geneigt ſei zu einer Heirath mit ihm. So wenigſtens hat es Graf Askan aus⸗ gelegt und hat ſichtlich vermieden, ſich der Comteſſe zu nähern, damit es nicht den Anſchein gewinne, als wolle er ſich ihr aufdrängen. Es iſt dies eine kurioſe Geſchichte zwiſchen den Beiden. Sie ſpielen Haß und fühlen Liebe— wahrhaftig, ſo iſt's!“ „Was ſagt Dora Bella jetzt, nach der Eröffnung des Teſtaments?“ fragte Klara beklommen.„Wider⸗ ſtrebt ſie beharrlich?“ Antonie lächelte ſchadenfroh. 60 „Was kann ſie jetzt thun? Sie trägt die Schuld ihrer Voreiligkeit. Graf Askan hat ſich ohne Erklä⸗ rung von ihr beurlaubt und zwar mit der Grandezza eines ſpaniſchen Don, hat ihr die kleine zitternde Hand geküßt und iſt abgereiſt.“ „Woraus vermutheſt Du, daß Graf Askan die Comteſſe in ihr Zimmer getragen hat?“ forſchte Klara mit ſichtlicher Spannung. „Sieh, liebe Kläry, ich folgere aus Allem, daß Niemand wie er es hat ſein können, es müßte denn ſein, daß ſich Herr Dietrich Haberhorſt zufällig in der Kapelle befunden und als guter Engel und ritterlicher Freund eine Rolle übernommen hat.“ „Dietrich?“ fragte Frau Horink kopfſchüttelnd. „Hört meine Combinationen. Herr von Leſſel iſt's nicht geweſen, denn dieſer Ritter ohne Furcht und Tadel hing an meinen Ferſen. Graf Askan ging mit der Gräfin Eliſabeth und einem neugierig ſcheinenden Fremden in die Gallerie, um ſich die Ahnen des Hauſes vorſtellen zu laſſen. Dieſer Fremde kam mit der Gräfin Eliſabeth zurück— Graf Askan be⸗ gleitete ſie nicht mehr. Bald darauf läutete die Glocke aus Dora Bella's Zimmer Sturm, und als wir hineilten, fanden wir ſie wie todt auf ihrer Otto⸗ mane liegen.“ 61 „Allein? Wer hatte die Klingel gezogen?“ fragte Frau Horink etwas verwirrt. „Natürlicherweiſe derjenige, welcher jedem Danke durch ſein Verſchwinden ausgewichen war“, erklärte Antonie.„Ich erinnere mich ganz deutlich, daß Graf Askan durch die Thür, welche nach der Gallerie führt, in demſelben Moment wieder eintrat, wo wir beſtürzt das Zimmer der Gräfin verließen und unterſuchen wollten, weshalb ſo ſcharf geklingelt worden ſei.“ „Warum ſollte Graf Askan ſich aber entfernt haben?“ fragte Frau Horink zweifelnd. „Warum? Aus dem einfachen Grunde, um jede Annäherung zu meiden, die der Comteſſe unangenehm ſein konnte. Was hinter dieſem Haß und hinter dieſer Liebe für ein geheimnißvolles Etwas ſteckt, weiß ich freilich nicht zu ſagen, denn es datirt aus der Zeit vor meinem Amte; allein ſicher iſt es, daß die Comteſſe mit ihrer verfrühten Selbſtſtändigkeitserklärung eine weite Kluft zwiſchen ſich und dem Grafen aufgeriſſen hat, die zu überbrücken ſein Stolz ſich weigert.“ „Schade! Es gehörte zu meinen Lieblingsgedanken, Dora Bella mit Askan vermählt zu ſehen“, ſagte Klara. „Man erwartete eigentlich gar nichts Anderes, als daß Graf Askan wieder hier auf der Schloßhöhe erſchien.“ „Eine ſolche Heirath paßte auch für beide“, meinte Antonie.„Was hilft es Alles, ſie haben alle beide Schuld, daß nichts daraus wird. Die Welt und die Menſchen taugen nichts mehr“, fuhr ſie, ſich in einen poſſirlichen Eifer hineinſprechend, fort.„Die Herren taugen nichts, die Diener taugen nichts! Die Regie⸗ rungen taugen nichts, die Unterthanen taugen nichts! Die Geſellſchaft taugt nichts, die Freunde taugen nichts, die Verwandten taugen nichts—“ „Wie iſt's denn aber mit Dir? Taugſt Du allein in der Welt etwas?“ fragte Frau Horink lachend. „Bewahre, Tante Horink, von dem Eigendünkel öffentlicher Redner bin ich frei, daß ich glauben ſollte, allein des Himmels Licht werth zu ſein! Ich ſelbſt tauge gar nichts und ſtelle mich gern in Reih und Glied mit Dora Bella und Klara, die erſt recht nichts taugen, ſonſt würden ſie nicht ſchändlich mit der Herzensruhe ihrer armen Anbeter ſpielen. Ich treibe meine Schlechtigkeit doch nur ſo weit, Herrn Reinhold von Leſſel weiß zu machen, daß ich ihn allen Andern vorzöge, aber die beiden roſigen Engel von der Schloß⸗ höhe, Dora Bella und Klara, laſſen ihren Haß in allen Farben ſpielen und bringen dadurch Galle ins Herzblut zweier Männer.“ „Dergleichen Vorausſetzungen ſind Machwerke Deiner Einbildungskraft, Toni“, ſprach Klara abwehrend. 63 „Geh! Geh! Geh! Genug der Predigten! Ich habe meinem Verdruß Luft gemacht. Glaube mir, lieb Kläry, hätte ich's nicht gethan, ſo würde ich ſchwer⸗ müthig geworden ſein. Das ſicherſte Mittel, bei den Widerwärtigkeiten des Lebens den Verſtand zu behalten, iſt raiſonniren. Hat man ausraiſonnirt und ſieht ſich dann das rückſtändige Ungemach an, ſo wundert man ſich ſelbſt über den Lärm, den man darüber erhoben hat. Seht Ihr, ſo geht mir's jetzt auch. Hier“— ſie nahm ein Couvert aus der Taſche, zog ein Papier heraus und entfaltete es—„dieſer Brief meines ver⸗ ehrten Großonkels, des Herrn van Lynkhuyſen, hat mich in die desperate Laune verſetzt, die Tugend der Welt im Allgemeinen und im Einzelnen zu bezweifeln. Mein ehrenwerther Verwandter ſchreibt mir ſehr artig, daß die Heirath meines Vaters inſofern als ein un⸗ gültiger Act zu betrachten ſei, als mein ſeliger Papa verabſäumt habe, die Einwilligung dazu bei ſeinen Aeltern nachzuſuchen.“ Sie ſchwieg und ſah mit fragenden Blicken auf Klara und ihre Mutter, welche allerdings ziemlich beſtürzt dreinblickten. „Ich ſehe ſchon, was ich ſehen wollte. So wie Ihr beide wird die ganze Welt urtheilen“, fuhr Antonie fort.„Aber Herr van Lynkhuyſen hat fehlgeſchoſſen. Ich beſitze unter 64 den vorgefundenen Briefen meines Papas mindeſtens drei Briefe des Großvaters van der Bruik, worin er ſich ſehr zufrieden mit der Heirath meines Vaters zeigt und ihm namentlich Glück zu meinem Beſitze wünſcht.“ „Darin liegt allerdings ein Beweis von Einwilli⸗ gung“ ſchaltete Klara ein. „Mein ehrwürdiger Großonkel erlaubt ſich ferner die Heirath meines Vaters mit der Tochter eines Sub⸗ alternbeamten als eine Mesalliance zu betrachten und ſtellt den ſehr beſcheidenen Zweifel auf, daß ich mich wohl in den Cirkeln der etwas ſtolzen und ſteifen Fa⸗ milie van der Bruik fühlen würde. In dieſem Zweifel liegt die Meinung von einer Unfähigkeit mei⸗ nerſeits, den Anſprüchen der Familie van der Bruik genügen und ihr Ehre machen zu können.“ „Wenn Dein Großonkel Dich kennt, denkt er nicht mehr an ſolche Zweifel“, ſagte Klara mit einem be⸗ wundernden Blicke. „Er ſcheint eine Prüfung vornehmen zu wollen, denn er ſpricht davon am Schluſſe des Briefes, daß er glaube, durch mündliche Beſprechung weit beſſer und ſchneller zum Ziele zu kommen. Er räth ganz ent⸗ ſchieden davon ab, einen Proceß gegen die Geſchwiſter meines Vaters, die ſich ſo widerrechtlich in das Ver⸗ mögen ihres Vaters getheilt, anzuſtrengen; er meint 65 durch Vergleich eine Lebensrente für mich auswirken zu können, wünſcht jedoch zuvörderſt mich kennen zu lernen und meine Anſprüche nach Ausweis der Papiere, die in meines Papas Nachlaß gefunden, zu prüfen.“ „Das heißt freilich ſo viel als: wir wollen erſt ſehen, weß Geiſteskind Du biſt“, ſagte Frau Horink lachend.„Sie werden ſich wundern, wenn Du Dich in Deiner ganzen Glorie entfalteſt, Toni!“ „Tante Horink“, rief Antonie und warf ihr ſchel⸗ miſch Kußfinger zu,„Tante Horink, ich fange an, Dich zu verehren. Du haſt das rechte zündende Wort ge⸗ ſprochen, ein Wort, das einen Thron erſchüttern und eine Monarchie umwerfen könnte, wie die Worthelden ſich auszudrücken pflegen. Ja! In einer gewiſſen Glorie müßte ich vor meinem geſtrengen Herrn Großonkel erſcheinen können, wenn ich ihm imponiren wollte. Dazu ſoll mir Comteſſe Dora Bella verhelfen!“ „Verleite die arme kleine Dora Bella nicht zu Unbeſonnenheiten“, warnte Frau Horink. „Fürchte nichts, Comteſſe Dora Bella verſteht rechts und linls beſſer zu unterſcheiden, als wir denken“, antwortete Antonie ſehr haſtig.„Mein Plan i*ſt ſehr einfach. Der liebe Großonkel ſchreibt mir nämlich, daß er für den Augenblick in der Nähe von Dresden eine kleine Sommerfriſche genieße und nur die nöthig⸗ Fritze, Schloß Bärenberg. III. 5 66 ſten Räumlichkeiten beſitze. Er würde mich ſonſt bitten, ſogleich zu ihm zu kommen. Er vertagt deshalb unſere Bekanntſchaft bis zum Winter, wo er mich dann in Frankfurt erwarten will. Ich aber denke ihn höchſt angenehm mit meiner Bekanntſchaft in Dresden zu überraſchen.“ „Iſt dies rathſam, Toni?“ fragte Klara überraſcht. „Ei wohl! Ich bin überhaupt nie willens geweſen, hier auf Eurer paradieſiſchen Schloßhöhe vor Langer⸗ weile zu ſterben. Solange mir Herr von Leſſel mit ſeiner platoniſchen Bewerbung um Dora Bella’s Herz und Schloß Bärenberg Amuſements bereitet, geht die Sache noch. Aber Reinhold geht fort. Ein Miniſter So und So hat ihm oder vielmehr der ſeligen Ex⸗ cellenz geſtern auf einen Brief vom vorigen Monat geantwortet und den jungen Herrn zu ſich entboten. Ich werde es leicht dahin bringen können, daß wir unter dem Schutz der Gräfin Tante und unter der Begleitung unſeres würdigen und ſeattlichen Stall⸗ meiſters Münchow einen Ausflug machen, und da ich Dresden aus der ſchönen Zeit meiner Jugend genau kenne, ſo wird es mir auch leicht werden, ſo viel In⸗ tereſſe für Dresdens ſchöne Kunſtgallerien in Dora Bella zu wecken, daß ſie eine Reiſe dorthin natürlich findet.“ „Ich denke, in Dresden iſt Revolution?“ fragte Frau Horink beſorgt.. „Längſt vorbei! Alles in ſchönſter Ordnung! Ruhe⸗ ſtörer unſchädlich gemacht— Alles vorbei! Die Preußen haben ſchnell aufgeräumt, als der König ſie zu Hülfe rief. Freilich das Opernhaus und ein Theil des Zwin⸗ gers ſollen in Flammen aufgegangen ſein, indeß bleibt ſo viel des Sehenswerthen dort, daß man ohne Opern⸗ haus fertig werden kann. Alle Kunſtſchätze ſind wieder an Ort und Stelle und die Gallerien ſollen ſeit kurzer Zeit dem Publikum wieder offen ſtehen.“ „Ob ſich die Gräfin Tante entſchließen wird, auf Deine Pläne einzugehen?“ meinte Klara zweifelnd. „Dora Bella hat längſt für die Idee geſchwärmt, ein Stückchen Welt zu ſehen und nur der Schlaganfall der Excellenz hat verhindert, daß nicht weiter davon die Rede geweſen iſt.“ „WUm ſo beſſer! Der Zeitpunkt iſt günſtig! Was Gräfin Eliſabeth betrifft, ſo wird ſie ſich entſchließen, weil ſie muß. Solche Naturen weichen dem Willen Anderer, um Ruhe zu haben vor den drängenden Worten. Nun aber will ich hinauf zur Großmama und ihr beizubringen ſuchen, daß mein Papa durch ſeine Verheirathung mit ihrer Tochter ſich einer Mes⸗ alliance ſchuldig gemacht. Meine liebe, ſchöne Mutter, 5* 5 68 wenn Du wüßteſt, wie gering man Deine opferwillige Heiterkeit, womit Du den melancholiſchen Gatten be⸗ glückteſt, anſchlägt!“ ſchloß Antonie in einem Anfalle tiefer, ſchmerzlicher Bewegung.„Ihr hättet Zeugen ſein müſſen, um die Hingebung und Liebe meiner Mutter zu begreifen! Das war nicht ein Berückſich⸗ tigen ſeines trübſinnigen Ernſtes, in welchem er ſtets ſeine geſcheiterten Ideen verfolgte, ſondern das war ein Aufgehen ihres Weſens in ſeinem Weſen, und dies edle Verhältniß nennen die Menſchen um des Geldes willen eine Mesalliance! Pfui!“ In ihrer innern Entrüſtung doppelt ſchön, küßte ſie Klara haſtig, reichte der Frau Horink die Hand und eilte zur Thür. „Ich begleite Dich bis zur Brücke, Toni“, ſprach Klara, ergriffen von der Gemüthserregung ihrer Freundin. Antonie ſuchte ihre Faſſung wieder zu gewinnen. Verſtohlen trocknete ſie eine Thräne— ein ſeltener Gaſt in ihrem Auge— und rief Klara ſcherzhaft zur Eile auf, weil ſie nur auf eine Stunde beurlaubt ſei. „Du kommſt doch morgen aufs Schloß?“ fragte ſie während des Gehens. „Wenn meine Mutter es geſtattet, ganz gewiß! Bisweilen iſt mir ſchon der Gedanke gekommen, daß es 3 4 —4 69 gut geweſen ſein möchte, jeden Verkehr mit der gräf⸗ lichen Tochter zu verhindern“, fügte Klara dann etwas ſchüchtern hinzu. „Warum, lieb Kläry?“ „Wir ſind dadurch über unſere Sphäre hinausgehoben worden und haben uns zu idealen Lebensanſchauungen emporgeſchwungen. Deine Vorhaltungen, daß wir auf der Erde alle nichts taugen, haben Eindruck auf mich gemacht. Wenn Jeder den Weg fortwandelte, der ihm durch das Geſchick bei ſeiner Geburt angewieſen iſt, dann würde ſein Gefühl nicht auf Abwege gerathen und ſeine Pflicht gegen ſich ſelbſt würde ihm vereinbar mit den Pflichten gegen Andere erſcheinen. So aber erblickt er neben ſich geringere Kräfte, fühlt ſeine beſſere Einſicht und glaubt ſich zu höhern Dingen berufen. In dieſem erſten Fehlſchluß beruht dann der Keim zu fernern Fehlgriffen, bis ein völliger Umſturz ſeiner Ideen ihn endlich ernüchtert.“ „Sprichſt Du von Weltereigniſſen oder von Deinem Herzensereigniß, lieb Kläry?“ fragte Antonie neckend. „Mich freut übrigens Dein aufrichtiges Bekenntniß, daß Du ernüchtert biſt, denn Du haſt doch hoffentlich in Deiner Rede nur von Dir ſelber geſprochen. Im Fortſchritt der Zeit liegt die Vorliebe für einen reellen Standpunkt. Man will keine idealen Anſchauungen 70 mehr. Zu den Errungenſchaften auf dieſem Wege ge⸗ hört die Verheirathung auf reeller Grundlage, wobei die frühere Mode, in dem Gegenſtande der Neigung einen verkörperten Engel zu erblicken, etwas außer Curs gekommen iſt. Ob nun Deine idealen Anſichten von Männertreue aus der Atmoſphäre ſtammen, die ein gräflich Geſchlecht umfließt, oder ob ſie in Deiner Eigenthümlichkeit begründet lagen, will ich dahingeſtellt ſein laſſen. Mich freut nur Dein offenherziges Be⸗ kenntniß, daß Du aus idealen Träumen zur Wirklich⸗ keit erwacht biſt und nun einſehen wirſt, wie unklug Du gehandelt, als Du dem hübſchen, reichen, guten und tüchtig gebildeten Dietrich einen reſpectabeln Korb geflochten haſt.“ „Meine idealen Anſichten haben bei dieſer Gelegen⸗ heit wohl weniger gewirkt als die Rückſicht auf Dich“, antwortete Klara etwas herbe.„Jetzt, wo ich einſehe, daß Du mehr vom Geiſte Deines Vaters in Dir trägſt als vom Blute der Mutter, jetzt erkenne ich meine thörichte Vorausſetzung und erkläre eine Verbindung zwiſchen Dir und Dietrich mit weit größerem Rechte für eine Mesalliance, als Dein Großonkel Deines Vaters Ehe dafür erklären kann.“ „Du ſchreiteſt fort in der Weisheit und Vernunft, Klara! Allez en avant!“ rief Antonie mit Pathos. 71 „Mir thut es leid zu hören, daß meine Weigerung, Dietrich's Frau zu werden, einen ſo mächtigen Ein⸗ druck auf den jungen Mann gemacht hat. Er ſoll ſich, nach den Mittheilungen meines Onkels Horink, gar nicht mehr ähnlich ſehen. Sein ganzes Verhalten zeige, wie tief ihn meine Abweiſung verletzt habe. Das iſt gegen meine Abſicht, Toni. Ich möchte wohl, daß er den wahren Grund meiner abſchläglichen Antwort er⸗ führe, damit er wenigſtens ferner nicht glaubt von mir verachtet zu ſein.“ „O, ich will's Dietrich gern ſagen, daß Du ihn weniger verachteſt als liebſt“, flüſterte Antonie lachend und zeigte nach der Brücke, woſelbſt ſich eben, vom Mondesglanz umfloſſen, Dietrich's Geſtalt deutlich er⸗ kennen ließ.„Wie wäre es, wenn wir den ſchönen Mondſcheinabend zu einem Geſtändniſſe Deiner tugend⸗ haften Uebereilungen benutzten? Glücklicher kann es gar nicht kommen, beſſer kann es uns nie geboten werden, unſere Sünden zu bekennen und Abſolution zu erbitten. Aber ich will Deiner Beichte nicht im Wege ſein“, fügte ſie übermüthig hinzu, als Dietrich ſchnell näher kam, jedoch keineswegs in der Abſicht, die beiden jungen Mädchen anzureden. Er blieb auf dem jenſeitigen Fußwege an der Fahr⸗ ſtraße, während Antonie mit ſchelmiſcher Bosheit ihre 72 Freundin feſt umſchlang und ſie ihm bis an den Waſſerfall entgegenführte. „Guten Abend, Herr Dietrich!“ rief ſie mit ihrer glockenhellen Stimme zu ihm hinüber. Dietrich erwiderte den Gruß mit ſtummer, reſpect⸗ voller Artigkeit, blieb aber unmerklich zögernd auf ſeinem Wege. „Haben Sie Zeit?“ ſetzte Antonie ihr Geſpräch fort, das Klara nicht hindern konnte. „Kann ich Ihnen dienen?“ fragte Dietrich ruhig. „Mir nicht, lieber Herr! Allein Klara wünſcht mit Ihnen zu ſprechen—“ Im Nu ſtand Dietrich vor den beiden Mädchen. „Ich habe jedoch keine Zeit, dieſer Unterhaltung zuzuhören— gute Nacht, lieb Kläry.“ Huſch flog ſie über die Brücke und ließ die armen jungen Leute in unſaglicher Verlegenheit vor einander ſtehen. Von drüben her ſchaute ſie koboldartig lachend zu⸗ rück.„Was wohl daraus wird? Ob der gute Gaſt⸗ wirth Evers endlich ſeinen Proceß zu Grabe tragen ſieht? Geduld, Geduld! Morgen werden wir's ja erfahren.“ Sie verſchwand im Förſterhauſe. Es war ein qualvoller Augenblick für Dietrich ſowohl als für Klara, ſich hier vom Muthwillen zu⸗ 4 4 73 ſammengeführt zu finden, mit vollem Herzen und muth⸗ los jedem Worte der Erklärung entgegenſehend. Wie immer im Leben, ſo fand auch diesmal das Mädchen einen Ausweg, das Pochen ihres Herzens beſſer zu umſchleiern als der Mann. „Antoniens Schelmerei bringt mich in Verlegenheit“, begann Klara leiſe.„Sie pflegt nie Rückſicht auf Andere zu nehmen, wenn ihre Laune Sprühwellen ſchlägt. Da mir aber die Gelegenheit zu einer Aus⸗ kunft geboten wird, die mein höchſtes Intereſſe in An⸗ ſpruch nimmt, ſo frage ich Sie, ob Sie kurz vor dem Schluß des Sarges in der Kapelle geweſen ſind und die Comteſſe in heiohſloſom Zuſtande in ihr Zimmer befördert haben.“ „Nein“, entgegnete der junge Mann mit Faſſung, obwohl ſeine Pulſe auch nicht ruhig gingen.„Nein, ich ſelbſt war nicht anweſend in der Kapelle, aber ich habe von unſerm Hofemeiſter, der die Ehrenwache beim Sarge in dieſer Zeit hatte, gehört, daß Comteſſe Dora Bella ihren Vater zweimal gerufen hat und dann — niedergeſunken iſt, um, wie der Hofemeiſter glaubte, zu beten. Gleich darauf iſt Graf Askan erſchienen, hat die Comteſſe aufgehoben und durch die Zimmer der ver⸗ ſtorbenen Gräfin zurückgetragen.“ Klara hatte lebhaft bewegt zugehört. Sie vergaß 74 in der momentanen Spannung ihre Stellung zu Dietrich und reichte ihm bei der Beendigung ſeines Berichts eigentlich willenlos, die Hand. Dietrich ergriff ebenſo willenlos ihre Hand mit ſeinen beiden Händen und blickte voll in ihr Geſicht, als ſie zitternd vor Be⸗ wegung ſprach: „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Dieſe kleine Begebenheit und Ihre ganz beſtimmte Aufklärung darüber ſind weit wichtiger, als Sie glauben mögen. Vielleicht iſt es mir ſpäterhin vergönnt, Ihnen das Nähere darüber mitzutheilen.“ Sie entzog ihm leiſe und zögernd ihre Hand und wendete ſich zum Gehen. 4 Dietrich hatte den Muth erhalten, ſeine Begleitung bis zu ihrem Hauſe als naturgemäß anzuſehen. Er ſchritt neben ihr her und knüpfte an die Antwort Klara's eine ganz natürliche Frage nach der Comteſſe Befinden. „Es iſt eine eigenthümliche Sache um das Trauern“, ſagte er dann ruhig und beſonnen.„Wenn die Trauer wirklich tief im Herzen liegt, ſo thut es uns wohl, eine ſolche Stille, wie jetzt hier oben herrſcht, um ſich zu haben. Mir iſt jetzt häufig der Gedanke gekommen, daß ſelbſt unſer luſtig plätſchernder Waſſer⸗ fall melancholiſcher ſeine Wellen hinabgleiten läßt, 75 um nur die tiefe, traurige Stille nicht zu be⸗ leben.“ „Es iſt die Färbung unſerer eigenen Gemüths⸗ ſtimmung, die uns das Rieſeln und Rauſchen des Waſſers freudig oder traurig erſcheinen läßt“, meinte Klara weich und freundlich. „Gewiß! Ebenſo iſt es auch die Färbung unſerer Gemüthsſtimmung, wenn wir die Ruhe der Trauer wohlthuend finden. Wie erträgt Fräulein Toni dieſe Ruhe?“ „Sie will ihr entfliehen durch eine Reiſe nach Dresden“, ſagte Klara lächelnd. Ueberraſcht blieb Dietrich ſtehen.„Iſt Fräulein Toni ſchon Herrn von Leſſel verlobt?“ fragte er be⸗ fangen. „Warum fragen Sie danach?“ entgegnete Klara lebhaft.„Davon iſt gar keine Rede, wenigſtens deutete Toni auf andere Möglichkeiten hin.“ „Dann entſchuldigen Sie. Mich frappirte Ihre Mittheilung, weil mir Herr von Leſſel ſo eben einen Brief von einem Herrn van Lynkhuyſen zeigte, der ihn aufforderte, ſchleunigſt nach Dresden zu kommen. Herr vwan Lynkhuyſen iſt, wie ich hörte, ein Verwandter des Fräuleins, folglich—“ „Ein ſonderbares Zuſammentreffen, das vom ſeligen * „ 76 Grafen veranlaßt worden iſt, der keine Ahnung davon hatte, daß Lynkhuyſen Toni's Großonkel iſt!“ „Wielleicht beſtätigt ſich hieran das Sprichwort, daß Ehen im Himmel geſchloſſen werden“, erwiderte Dietrich mit einem Anfluge guter Laune. Klara reichte ihm nochmals die Hand zur guten Nacht. Er küßte dieſe kleine, weiche Hand und ſagte: „Gute Nacht!“ Viertes Kapitel. Im Schloſſe herrſchte feierliche Stille. Von dem bunten Geſellſchaftsleben, das Dora Bella ſich mit der Phantaſie des Jugendmuths geſchaffen, zeigte ſich keine Spur. Träge ſchlichen die Bedienten umher und der alte Volkmann ſaß ungeſtört in ſeinem Stübchen, denn der, welchen er zu bedienen hatte, war fort aus der Welt. Was ſollte er nun noch eigentlich hier? Warum hatte ihn Gott vergeſſen? So fragte ſich der treue Diener wohl zehnmal des Tags. Ihrem Vorſatz gemäß hatte die Comteſſe die Zimmer ihrer Aeltern bezogen und Antonien dicht dabei im Seitenflügel eine Wohnung einrichten laſſen. Mit dieſer Veränderung der Wohnung ſchien auch ein neuer Geiſt über die junge Dame gekommen zu ſein. Sie ſah anders aus wie ſonſt und die gedämpfte 78 Stimmung verlieh ihr einen Ernſt, der ſie plötzlich be⸗ deutend älter erſcheinen ließ. „Wir ſind unter den ſchmerzlichen Erfahrungen der letzten Zeit gewachſen“, pflegte der alte Volkmann zur alten Bonne zu ſagen, wenn dieſe ihrer Beſorgniß Worte lieh und eine Krankheit als unbedingte Folge dieſer Verwandlung in Ausſicht ſtellte. Dora Bella ſaß in ihrem weiten Gemach allein. Sie hatte Antonien einen Beſuch bei Klara geſtattet. Ein Berg von Briefen lag vor der jungen Schloß⸗ herrin, die ſie alle mit der Würde und der Ernſthaftig⸗ keit eines Großkanzlers eröffnete und las. Es waren Condolenzſchreiben, Karten aus aller Herren Länder. Ein Seufzer hob plötzlich Dora Bella's Bruſt, ein ſchmerzliches Aufathmen verrieth eine jener peinlichen Ueberraſchungen, die geeignet ſind, Wehmuth zu er⸗ wecken. Dora Bella deckte die Hand über die Augen und ſaß, eine volle Minute auf den Brief ſtarrend, den ſie in der Hand hielt, ehe ſie ſich entſchließen konnte, denſelben zu öffnen. In dieſem Augenblick pochte es leiſe an die Thür. „Nur herein, Reinhold“, rief die Comteſſe mit einem freudigen Aufblick.„O Gott, ſehen Sie, wieder ein Brief an meinen lieben Papa! Es gibt wohl kein er⸗ ſchütternderes Gefühl, als Adreſſen an diejenigen zu 3 79 leſen, die, von der Erde verſchwunden, uns unerreich⸗ bar geworden ſind. Setzen Sie ſich mir gegenüber, Reinhold, damit ich ein lebendes Weſen nahe habe, wenn ich mich in der geiſtigen Verbindung mit meinem geſtorbenen lieben Papa fühle.“ Reinhold hatte nur ſtumm ihre Hand gefaßt und mit einem Anſtrich von Devotion an ſeine Lippen ge⸗ führt. Er nahm den Platz ein, den ſie ihm angewieſen, und wartete, bis ſie den Brief geleſen. „Er iſt für Sie, Reinhold“, ſagte Dora Bella er⸗ leichtert, nach den erſten Zeilen.„Mein Papa ſcheint ſich an ſeine alten Freunde gewendet zu haben, um Ihnen eine günſtige Bahn zu eröffnen. Hier, leſen Sie! Es iſt das Schreiben eines Herrn van Lynk⸗ huyſen, der Sie in Dresden zur Beſprechung erwartet. Wie liebevoll von meinem Papa, daß er für ſeinen Pflegeſohn ſo beſorgt war; es ſcheinen die letzten Ver⸗ handlungen mit der Außenwelt geweſen zu ſein.“ „Sagen Sie lieber, daß es der letzte Athemzug ſeiner Liebe für mich geweſen iſt“, erwiderte Reinhold mit einiger Sentimentalität. Er nahm den Brief und Dora Bella pertiefte ſich wieder in ihre Beſchäftigung. Reinhold betrachtete ſie verſtohlen, bevor er zu leſen begann. Das helle Lampenlicht verrieth ihm eine mächtige Veränderung in ihrem Antlitze und er ſtudirte 80 es vollkommen, um zu begreifen, worin dies lag. Frei⸗ lich, das kindliche, runde Geſicht war mager und ſchmal geworden, ſie ſah bleicher aus und ein ſchmerzliches Lächeln umzog die feinen, enggeſchloſſenen Lippen. Allein in dieſer äußerlichen Beſchaffenheit lag es nicht, daß ſie ſchöner war als ſonſt. Ihre Stirn war denkend, faſt ſorgenvoll, der Blick des Auges träumeriſch, das geiſtige Gepräge einer jungfräulichen Liebe belebte ihr Angeſicht. Dora Bella blickte unerwartet auf und begegnete Reinhold's prüfenden Blicken. Nicht ein Schimmer von Verlegenheit verrieth, daß ihr ſeine Beobachtung befremdlich war. Sie hielt eine Karte in der Hand und ſagte gleichgültig: „Wie viele Bärenberg⸗Boſtett gibt es doch! Ich habe mindeſtens ſchon acht bis zehn Karten von dieſer Familie.“ Darauf glitt ihr Blick ruhig wieder nieder. Reinhold las jetzt den Brief des Herrn van Lynk⸗ huyſen an den Grafen Harald. Er enthielt freudige Nachrichten für ihn, machte jedoch eine Reiſe nach Dresden nothwendig, wenn er auf Lynkhuyſen's Offerten 3 einzugehen willens war. 8 Ein Ausruf Dora Bella's lenkte ſeine Aufmerkſam⸗ keit wieder zu ihr.„Gräfin Anna Bärenberg⸗Boſtett“, las dieſe, wie von einem Blitze der Erinnerung berührt. 81 „Kennen Sie die alte Sage von der Gräfin Anna, welche die Annenkapelle gebaut?“ fragte ſie haſtig. Reinhold verneinte die Frage. „Aber Sie kennen die Annenkapelle?“ forſchte Dora Bella begierig. „Wenn Sie das alte, verwitterte Gemäuer, das wie ein Eulenneſt am Felſenabhang ſitzt, meinen, ſo kenne ich allerdings dieſe Annenkapelle“, war Reinhold's ironiſche Antwort. „Kann man zu dieſer Kapelle hinaufkommen?“ fragte die Comteſſe unbeirrt weiter. Ihr Auge ſtrahlte dabei und Reinhold bemerkte, daß ſie von wechſelnden Empfindungen beſtürmt wurde. „Das weiß ich nicht.“ „Wem gehört jetzt Boſtett? Iſt es bewohnt? Wer bewohnt es?“ „Meinen Sie das Dorf, Dora Bella? Denn das Schloß Boſtett iſt wohl nicht geeignet zur Bewohnung. Das alte Haus ſteht verlaſſen da und iſt dem Einſturz nahe. Es iſt ein Skandal, ſolche alte Baracken wie zum Staat auf den ſchönen Bergkuppen verkommen zu laſſen, je nachdem es dem Regen, Schnee oder Wind beliebt. Ja, hätte Schloß Boſtett das Anſehen einer ehrwürdigen Ruine wie unſere Bärenburg, ſo ließe ich's gelten. Aber das Ding ſieht einem alten, räuche⸗ Fritze, Schloß Bärenberg. III. 6 82 rigen Gaſthof ähnlich, von dem das Gemäuer und Dach theilweiſe eingeſtürzt iſt, ſodaß die Balken und Sparren in die Luft ſtarren.“ „Ihre Schilderung iſt nicht anmuthig und könnte mir die Luſt verleiden, dorthin zu wallfahrten, um in der Annenkapelle zu beten“, unterbrach ihn die Comteſſe. Reinhold ſah ſie groß an. Er ſelbſt war Proteſtant, hatte alſo ohnedies keine Ahnung von der Sehnſucht eines frommen Herzens, an einer beſtimmten Stelle Gottes Huld und Schutz anzurufen. Daß man aber die Seltſamkeit im Glauben ſo weit treiben könne, in einer alten verfallenen Kapelle, die jedes Schmuckes entbehrte, aller Wahrſcheinlichkeit nach unſauber und von Unkraut überwuchert war, beten zu wollen, das überſtieg Alles, was ihm bis dahin von Cultus vor⸗ gekommen ſein mochte. Er hütete ſich indeß, ſeiner Verwunderung Worte zu geben. k„Vor Jahren habe ich mit meiner Mama und Tante Cliſabeth eine Spazierfahrt nach Boſtett Eemacht allein mein Erinnerungsvermögen reicht nicht aus, es mir recht ordentlich zu vergegenwärtigen“, begann Dora Bella, träumeriſch in die Lichtflamme der Lampe ſchauend. „Ich möchte hin; rathen Sie mir, wie ich dies an⸗ 83 fangen kann, helfen Sie mir meinen Wunſch erfüllen. Es muß doch ein Weg hinaufgehen zur Burg und auch zur Kapelle, denn der Bergſturz traf nur die Seite nach dem engen Thale.“ „Bergſturz?“ wiederholte Reinhold ungläubig.„Com⸗ teſſe haben wohl geträumt? Es bedarf ſehr viel Phan⸗ taſie, um dies leidige Boſtett mit romantiſchen Farben auszuſtaffiren, und ich fürchte, ſelbſt Ihre Phantaſie reicht dazu nicht aus.“ „Laſſen Sie ſich Tante Eliſabeth's Bearbeitung der alten Sage von ihr vorleſen“, ſagte Dora Bella ſchnell; „wahrlich, wenn Ihre Seele dann nicht für Boſtett erwärmt wird, ſo haben Sie eine Fiſchſeele!“ „Ah! Daher ſtammt Ihre Schwärmerei! Des⸗ halb alſo wollen Sie in der alten verfallenen Kapelle beten?“ „O nein“, entgegnete Dora Bella in einem Rück⸗ falle früherer Uebereilung.„Ich habe ſelbſt Schweres auf dem Herzen; ich möchte dort, gleich der Gräfin Anna, welche die Kapelle bauen ließ, Buße thun und Gelübde niederlegen. Sagen Sie mir, wem gehört jetzt Boſtett?“ fragte ſie noch eifriger. „Einem Fabrikherrn, der dem Boden dort Schätze abzugewinnen weiß. Der junge Neffe des Bergſchenken⸗ wirths erzählte mir neulich davon.“ 6* 84 „O, bitte, bitte, fragen Sie dieſen jungen Mann, ob er glaube, daß der Fabrikherr das Terrain, worauf die alte Burg und die Kapelle liegt, verkaufen werde.“ „Wollen Sie es kaufen?“ „Ja, ich möchte es kaufen! Ich werde mit meinem Vormund Rückſprache nehmen; ich werde es mit dem Inſpector überlegen; Sie werden mir Ihren Beiſtand nicht verſagen; es iſt ein glühender Wunſch von mir, Burg Boſtett zu beſitzen und dort zu leben!“ Reinhold hatte große Luſt zu lachen, aber eine Ahnung, daß dieſe Ueberſpannung einen Grund haben könne, der ihn aller ſeiner Hoffnungen beraubte, dämpfte plötzlich dieſen Hang zur Heiterkeit. Er lehnte ſich vertraulich über den Tiſch hin, ſodaß er ihr ganz nahe war, und ſagte liebevoll:„Denken Sie ſich ein Leben dort ſchöner als hier? Arme Dora Bella; Entſchlüſſe, die Sie jetzt faſſen, würden Ihnen ſpäter⸗ hin die Qual unfruchtbarer Reue bereiten.“ „Sie irren gewaltig. Um unfruchtbarer Reue zu entfliehen, faſſe ich dieſe Entſchlüſſe.“ „Was könnten Sie zu bereuen haben?“ „O, nichts weiter, als die Liebe Feines Baters verkannt zu haben!“ „Comteſſe— welche Selbſtherlenmdung, Sie, die zärtlichſte Tochter—“ 85 „Man fehlt auch aus Liebe!“ ſchnitt ihm die junge Dame das Wort ab. Es entſtand eine Pauſe. Reinhold überlegte, ob es nicht die beſte Kur dieſer phantaſtiſchen Ideen ſein würde, die Comteſſe in den Graus der ſchmuzigen Verfallenheit zu verſetzen. Zeigte er ſich auch nicht willfährig, auf ihre Pläne einzugehen, ſo herſtörte er dennoch keineswegs die Luſt zu denſelben. Von der richtigen Anwendung der Mittel war es abhängig, ihr ſelbſt jede Luſt daran zu verleiden. „Für den Augenblick kann ich Ihnen weder rathen, noch helfen, Dora Bella. Vor allen Dingen müßten wir zu erfahren ſuchen, ob ein leidlich gebahnter Weg zur Burg und zur Kapelle hinaufführt. Darüber kann uns Dietrich Haberhorſt Auskunft geben. Er hat in der Nähe von Boſtett gelebt und weiß Beſcheid. Wenn Sie es wünſchen, ſo ſuche ich ihn ſogleich auf und ziehe Erkundigungen ein.“ „Ja, Reinhold, thun Sie es! Mir iſt, als müſſe ich dort Linderung finden, als gäbe es dort ein Heil⸗ mittel für meine tiefe, krankhafte Betrübniß, die mir nirgends Ruhe läßt.“ Nach einigen vergeblichen Verſuchen, in Dora Bella eine andere Stimmung herbeizuführen, entfernte ſich Reinhold, um Dietrich aufzuſuchen und ihn im Namen 86 der Comteſſe um Auskunft und auch um ſeine Be⸗ gleitung zu bitten, im Falle es möglich ſei, den Wunſch derſelben zu erfüllen. Reinhold traf Dietrich äußerſt willfährig zu einem Werke, welches der Comteſſe Beruhigung verſchaffen konnte. Ein Anhänger derſelben Kirche, wie Dora Bella, fand er gar nichts Außergewöhnliches in dem glühenden Verlangen, dort oben in der Annenkapelle ein Gebet um Linderung ihres Grams verrichten zu können. Er berichtete Reinhold, daß häufig Trübſelige und Bußfertige den beſchwerlichen Weg dort hinauf wallfahrteten und daß der Volksglaube ſie ſtets ge⸗ tröſtet und entſühnt wieder heimziehen ſehe. Ob dem Fabrikherrn das alte Schloß abzukaufen ſein werde, wußte er freilich nicht gleich zu ſagen. Er verſprach Erkundigungen einzuziehen und meinte, man müſſe vorſichtig zu Werke gehen, um den Preis nicht zu ſteigern. Auch rückſichtlich der alten Burg Boſtett gingen die Anſichten der beiden jungen Männer ſtark auseinander. Dietrich behauptete, mit einigen tauſend Thalern das Gebäude herſtellen laſſen zu können, und er gerieth in Entzücken bei der Schilderung der Aus⸗ ſicht von dieſem Schloſſe herab. „Es iſt höher gelegen als unſere Ritterburg da oben“, ſchloß er, auf die Ruinen deutend,„und hat 87 eine bei weitem groteskere Umgebung. Felſengründe und Felſenzerklüftungen machen es unzugänglicher, aber hat man den alten Söller erreicht, ſo fühlt man Got⸗ tes Nähe, Herr von Leſſel! Ich glaube mich der Hoffnung hingeben zu können, die Burg für die Com⸗ teſſe zu erſtehen. Sie bringt dem guten Fabrikherrn gar nichts ein, und da er keineswegs zu den Leuten zählt, die ihre Arbeitsthätigkeit durch Glanz und Aeußer⸗ lichkeit zu belohnen wünſchen, ſo hat ein Ueberbleibſel der Boſtett'ſchen Feudalrechte gar keinen Werth für ihn.“ Reinhold kehrte mit dieſer freudigen Verheißung zum Schloſſe zurück, und Dietrich traf gleich darauf mit Klara und Antonien zuſammen, als er in dieſer— Angelegenheit noch einen Gang ins Dorf machte, um einige nöthige Erkundigungen einzuziehen. Es lag in der merkwürdigen Energie der Comteſſe, daß ſich aus einem plötzlichen Einfall, aus einem Ge⸗ danken, der ihr wohl that, eine Kette von Ideen und Plänen zog, die weit ſicherer als alles Andere zum Abſchluß ihres Geſchickes führte, wie es nach Gottes Rathſchluß kommen ſollte und mußte. Kaum waren die erſten Hinderniſſe beſiegt, die ſich ihrem romantiſchen Beſuche der Kapelle entgegen geſtellt hatten, ſo führten dieſe ruheloſen Entwürfe zur Er⸗ werbung eines Gebäudes, das in ihrer Gemüths⸗ 88 entwicklung eine wichtige Rolle geſpielt, ſie von einer Idee zur andern. In der Poeſie ihres jungen Her⸗ zens bildete ſich der Glaube an ein Fatum aus. Sie meinte einer Beſtimmung Gottes zu folgen, wenn ſie, die Letzte des Stammes Bärenberg und die Letzte der fürſtlichen Familie Lichtberg, in klöſterlicher Einſamkeit dort ihr Leben verbrächte, wo ihre Aeltermutter eine ſchwere Sünde auf ſich geladen. Der Fluch, der ſie deshalb verfolgt, war dann gebrochen. Mit dem Er⸗ löſchen ihrer mütterlichen Familie ſollte der Stamm der Bärenberg⸗Boſtett neu erblühen— ſie wollte den Erbanſprüchen des Grafen Askan mit freiem Entſchluſſe weichen. „Es iſt eine Thorheit, ein neuer Irrthum“, ſagte Antonie im Laufe der nächſten Tage zu Reinhold, der trotz ſeiner Eitelkeit jetzt ſchon einſah, daß auf ſeine Perſon auch noch nicht der Schatten eines Gedankens ſiel, wenn Dora Bella an ihre Zukunft dachte. „Denken Sie wirklich, daß Dora Bella zu Gunſten Askan'’s entſagt?“ fragte er geſpannt. „Ganz gewiß führt ſie dieſe lächerliche Tragödie aus. Nachgerade kenne ich meine Dame. Aber ich kenne den Grafen nicht genau genug, um zu wiſſen, wie weit er edel geſinnt iſt und ob er zu lieben verſteht.“ 89 „Zu lieben? Wen denn?“ wendete Reinhold ge⸗ fliſſentlich naiv ein. Antonie warf ihm einen ſchelmiſch⸗trotzigen Blick zu. „Ich habe mir eingebildet, Graf Askan müſſe Dora Bella lieben“, ſagte ſie ruhig. „Hat dieſe Einbildung eine Grundlage? Haben Sie Zeichen einer Liebe bemerkt, die ſehr wohl möglich ſein kann?“ ſprach Reinhold. „Hätte ich Entdeckungen dieſer Art gemacht, ſo wäre ich meiner Sache ſicherer. Bei Männern von Welt iſt’s ſchwer, Liebe zu entdecken; man irrt leicht und nimmt Habſucht für Liebe und Eigennutz für Leidenſchaft. Ich erlaube mir aber damit kein Urtheil über Graf Askan. Er iſt mir ehrenwerth erſchienen.“ „Wenn eigene Erfahrungen Ihnen das bittere Ur⸗ theil dictirten, das Sie eben ausgeſprochen, ſo muß Ihr Leben ein ſtark bewegtes geweſen ſein!“ „O, bedauern Sie mich nicht, mein Herr! Man⸗ chen Menſchen iſt es eigen, durch Zuſehen klug zu werden. Zur dieſer Menſchenart gehöre ich!“ „Das Zuſchauen reizt gewöhnlich den Spott!“ „Nicht immer! Bisweilen bringt es auch Wallun⸗ gen von Bedauern.“ „Dann müßte ein innerliches Intereſſe vorwalten.“ „Oder die Einſicht, daß man ſich vergeblich bemüht.“ 90 „Was man in edler Abſicht begonnen, iſt auch eher des Bedauerns als des Spottes werth, wenn es ſcheitert.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung, nur muß man ſich niemals an das Wrack ſeiner Hoffnungen klammern!“ erwiderte Antonie ſehr ernſt. „Wann werden Sie reiſen?“ fragte ſie gleich darauf wieder zur Fröhlichkeit übergehend. „Späteſtens in acht Tagen. Ich würde ſpäter reiſen, wenn ich nicht Herrn van Lynkhuyſen einen Beſuch in Dresden abſtatten müßte.“ „Ich hörte davon“, warf Antonie leicht hin.„Lynk⸗ huyſen iſt mein Großonkel; ich meine, es Ihnen früherhin ſchon geſagt zu haben.“ Reinhold erinnerte ſich deſſen nicht, that aber, als wiſſe er es genau. 5 „In dieſes Mannes Hand ruht meine Zukunft. Er hat ſich ungerechterweiſe gegen die Heirath meines Vaters mit meiner Mutter einnehmen laſſen— mir iſt wenig daran gelegen, was dieſe Menſchen denken. Aber auf unrechtmäßige Weiſe das Vermögen meines Va⸗ ters innebehalten, dürfen ſie wohl nicht, nein?“ „Gott behüte, inſofern Ihr Großvater nicht durch Teſtamentsbeſtimmungen es befohlen hat“, ſagte Rein⸗ hold entrüſtet. *☛ 91 „Gott mag wiſſen, wie die Sache endet. Mein ehrenwerther Herr Großonkel will die Gnade haben, mich zu prüfen, ob ich im Stande bin, der Familie & Ehre zu machen. Er ſoll mich kennen lernen!“ ſchloß ſie lachend. „Wann wollen Sie zu ihm?“ fragte Reinhold, von einem Gedanken erfaßt. „Jetzt nicht! Sie dachten eben daran, meinen Be⸗ ſchützer dort ſpielen zu wollen— nein, mein Herr! Träte ich da ebenbürtig auf?“ fragte ſie ſtolz. Reinhold geſtand ſich ein, vor dieſer Dame die Waffen ſtrecken zu müſſen. „Kann ich Ihnen anderweit dienen?“ fragte er etwas beſchämt. „O ja. Eine ſichere Schilderung der Perſönlichkeit erleichtert ſtets die Bekanntſchaft!“ ſagte ſie ſchalkhaft lächelnd. „Ich verſpreche Ihnen ein ſpecielles Signalement und eine detaillirte Charakteriſtik!“ rief er voller Eifer. „Ich danke Ihnen!“ entgegnete ſie einfach.„Es gilt einen Kampf um hunderttauſend Gulden— wer wird mir verdenken, daß ich meinen Platz auf dem Kampffelde zu behaupten ſtrebe? Nur muß ich Sie bitten, Ihre Unterſtützung bei meinem Werke nicht nichtig zu machen, indem Sie meinen würdigen Groß⸗ 92 oheim von meiner Liebenswürdigkeit zu überzeugen ſuchen“, fügte ſie neckiſch hinzu. „Ich glaube nicht, daß Sie mir ſo eben Veran⸗ laſſung gegeben haben, Sie liebenswürdig zu finden“, verſetzte Reinhold in demſelben Tone. „Das iſt ein Eingeſtändniß von Ihnen, daß Sie ſich getroffen gefühlt!“ „Wer ſo ſicher zielt, muß treffen!“ „Ich hatte die edle Abſicht, Sie vor dem Scharf⸗ blicke Anderer zu warnen, die zwar Ihre Abſicht, aber nicht das Edle derſelben begreifen würden. Laſſen wir die Maske fallen, Herr von Leſſel, und erlauben Sie mir gerade heraus zu erklären, daß Dora Bella Sie niemals zum Gatten wählen würde.“ „Wenn Sie Ihre Offenherzigkeit ſo weit getrieben, dann wird es Ihnen hoffentlich nicht ſchwer fallen, mir auch zu offenbaren, warum Dora Bella mich nicht zum Gatten wählen würde?“ fragte Reinhold etwas pikirt. „Aus dem einfachen Grunde, weil ſie Graf Askan, den ſie zu haſſen meint, anbetet!“ antwortete Antonie kalt. „Jetzt komme ich zu derſelben Frage zurück wie vorhin: haben Sie Zeichen einer ſolchen Anbetung be⸗ merkt? Iſt'’s bei Damen leichter, die Liebe von Hab⸗ ſucht und die Leidenſchaft von Eigennutz zu unter⸗ ſcheiden?“ Antonie ſah ihm voll ins Auge.„Dora Bella's Seele iſt ein durchſichtiger Edelſtein, mein Herr von Leſſel. Wohl ihr, wenn ſie eines Tages eine gleich⸗ geſtimmte Seele findet.“ 3 „Eine ſolche Seele vermuthen Sie nicht in mir?“ „Nein!“ ſagte ſie mit ſchelmiſchem Ernſt.„Die Beweisführung erlaſſen Sie mir aber gefälligſt! Sie wiſſen, ich leiſte viel in der kecken Aufrichtigkeit, aber in dieſem Falle müßte ich jede Auslaſſung verweigern.“ In dem Zlicke, der dieſe Worte begleitete, lag ſo viel Güte und Herzlichkeit, daß Reinhold ſich davon beſiegt fühlte. Er beſchloß, nicht weiter in ſie zu dringen, ſondern das Geſpräch auf ein anderes Thema zu leiten. „Da Sie ſo außerordentlich gut Vernunft zu pre⸗ digen verſtehen, mein Fräulein“, begann er nach kur⸗ zem Schweigen wieder,„ſo ſollten Sie verſuchen, Dora Bella von dem Wahn abzubringen, daß eine Wallfahrt nach der verfallenen Annenkapelle ihr mehr Ruhe ver⸗ leihen werde als ein Gebet in ihrem Kämmerlein.“ „Meine Vernunftpredigten gegen ein Vorhaben, das dem kirchlichen Glauben der Comteſſe entſpricht, würden mir als eine Blasphemie erſcheinen.“ 94 „Sie ſind nicht Katholikin?“ fragte Reinhold einigermaßen überraſcht. „Meines Vaters Religionsbekenntniß wurde auch das meine, obwohl meine Mutter Katholikin war“, entgegnete Antonie. „Wie mag Dora Bella auf dieſe Wallfahrtsidee gefallen ſein?“ „Jedenfalls im Drange einer ruheloſen Phantaſie.“ „Es muß ein Zuſammenhang zwiſchen dieſer Idee und einer alten Sage ſein.“ Antonie horchte ſcharf auf.„Wollen Sie mir den Inhalt dieſer Sage mittheilen?“ fragte ſie eilig. Ihr dämmerte ein neues Licht, das alle Vorausſetzungen umwandelte. „Leider bin ich außer Stande, darüber Auskunft zu geben. Wir müſſen uns an Gräfin Eliſabeth wenden.“ „Wollen Sie es thun? Mir liegt ſehr viel daran, dieſe Sage kennen zu lernen. Ich hoffe daraus die Gewißheit ſchöpfen zu können, daß eine religiös⸗phan⸗ taſtiſche Entſchließung das Gemüth unſerer Comteſſe vollkommen beherrſcht.“ „Der Gedanke liegt ſehr nahe“, meinte Reinhold, ſich von ſeinem Platze erhebend, um näher zu Anto⸗ nien heranzutreten. 95 „Aber beeilen Sie Ihre Forſchungen, mein Herr. Dora Bella gehört nicht zu den Damen, die viel Zeit⸗ gebrauchen, um ins Werk zu ſetzen, was ſie einmal beſchloſſen haben. Ihren Ideen folgen Thaten!“ „Beurtheilen Sie nicht die Comteſſe nach Ihrer Charakterſtärke?“ fragte Reinhold ungläubig lächelnd. „Ich möchte derſelben dies Zeugniß der Reife nicht ertheilen.“ Antonie blickte von der Stickerei auf, die ſie mehr als Nothbehelf gegen die Langeweile in der Hand hielt, als daß ſie Luſt zur Arbeit hatte. Sie ließ jedoch den Blick gleich wieder ſinken, denn Reinhold's Blicke gefielen ihr nicht. Um ſich nicht durch den leiden⸗ ſchaftlichen Glanz ſeiner Augen bethören zu laſſen, ſtickte ſie nun ſehr eifrig. Es lag nicht in ihrem Plane, ein Verhältniß mit dieſem jungen Manne ein⸗ zugehen. Erſt ſollten ihre Vermögensumſtände der⸗ geſtalt geordnet ſein, daß ſie unabhängig ihr Geſchick beſtimmen konnte. Reinhold gefiel ihr. Es war der erſte Mann, dem ſie im Leben begegnete, welcher ihren Weltanſichten huldigte und ſich dazu eignete, Hand in Hand mit ihr zu gehen. Was von Frivolität in ihm war, das fand bei ihr ein Echo und ſie fürchtete da⸗ von keine Einbuße ihres Lebensglücks. Sie war weder eine Verehrerin des Idealismus, noch liebte ſie es, den 96 erhabenen Tugenden Opfer zu bringen. Sie ehrte den ESdelmuth, die Hochherzigkeit, die Großmuth und wie die edeln Regungen des menſchlichen Gemüthes alle heißen mögen, ſolange ſie ihr ſelber nicht Unbequem⸗ lichkeiten verurſachten. War dies der Fall, ſo ſuchte ſie durch Spott ein Gleichgewicht herzuſtellen, ohne jedoch in Herzloſigkeit zu verfallen. Sie wußte recht gut, daß ſie im Begriffe ſtand, ihrer Zukunft eine Bahn zu eröffnen, und daß ſie, um des Erfolgs ſicher zu ſein, ihre Schritte abmeſſen müſſe. Feſt entſchloſſen, nur als ein unabhängiges und begütertes Mädchen in die Sphäre zu treten, für welche Reinhold ſich ſelbſt beſtimmt hatte, feſt überzeugt, daß in den höheren Le⸗ bensſtellungen der Mangel, die geheimen Leiden einer unzureichenden Einnahme, die unſichtbaren Demüthi⸗ gungen des Scheins eine Ehe zur Hölle auf Erden machen müßten, wollte ſie durch ihr Verhalten gegen Reinhold der Möglichkeit eines ſolchen Bündniſſes ent⸗ gehen. In ihr war Kopf und Herz harmoniſch ver⸗ bunden, und Reinhold hatte wohl Recht, wenn er ſagte, daß er ihrer Charakterſtärke zutraue, der Idee raſch die That folgen zu laſſen. Weniger feſt und ſicher in ſeinen Plänen, weniger überlegt und zuverläſſig in ſeinen Beſchlüſſen, hatte Reinhold nur ein Ziel vor Augen, ſich empor zu heben 97 aus dem großen Troſſe der Beamten und eine hervor⸗ ragende Stellung zu gewinnen. Eine kurze Zeit hatte er ſein Ziel auf eine andere Weiſe zu erreichen gehofft. Antoniens unumwundene Erklärung über den verſteck⸗ ten Herzenszuſtand Askan's und Dora Bella's öffnete ihm die Augen und bewirkte ebenſo plötzlich einen totalen Umſchwung ſeiner Pläne. Seiner Pläne? Ja, ſeiner Pläne! Daß ſeine Gefühle, ſo flach ſie auch zu ſein ſchienen, weit mehr für Antonie geſprochen hatten und ſelbſt während ſeiner Bewerbung um Dora Bella's Huld nicht ganz beſeitigt geweſen waren, iſt unbeſtreitbar. Um ſo lebhafter wendeten ſie ſich nun dem Gegenſtande wollſtändig zu, der ihn ſtets in Feſſeln gehalten, und veranlaßten ihn zu neuen Plänen. Rein⸗ hold hatte die Abſicht, auf der Stelle dem Mädchen, das er für fähig hielt, ſein Glück zu machen, einen Einblick in ſein Inneres zu geſtatten. Sie ſollte ſehen und erkennen, was an ihm war. So bereit er ſich gezeigt, Dora Bella gegenüber zu heucheln, eben⸗ ſo willfährig war er jetzt, ſeine ganze Denkungsart bloß zu legen, natürlich Beides ſeines Zweckes wegen. Sie befanden ſich beide in dem Salon, den Dora Bella eingerichtet hatte, um die Geſelligkeit im Schloſſe zu heben und zu erleichtern. Das Zimmer war dem Fritze, Schloß Bärenberg. III. 7 98 der Gräfin Eliſabeth ſehr ähnlich und ſtieß dicht an den Speiſeſalon. Der ganzen Einrichtung ſah man eine Nachahmung dieſes Zimmers an, nur hatte man berückſichtigt, daß es die Behaglichkeit eines freien Verkehrs begünſtige. In den tiefen Fenſterwölbungen waren Ruhebänkchen eingerichtet. Kleine Leſetiſche ſtanden davor. In der Mitte des Zimmers fand ſich ein großer, runder Tiſch, umgeben von Lehnſeſſeln, die man nach Belieben rollen konnte. Eckdivans und Spieltiſche bildeten die übrige Ausſtattung, der ſich ein ſchöner Flügel würdig an⸗ ſchloß. Antonie hatte Platz in einem Divan, nahe dem Fenſter, genommen und Reinhold war bisher in einem der hochlehnigen Seſſel am Tiſche ſitzen geblieben. Als er während ſeiner letzten Rede aufgeſtanden war, hatte er langſam ſeinen Seſſel in Bewegung geſetzt und ihn allmälig nahe dem Divan gerollt. Er benutzte den auffallenden Fleiß Antoniens, um dieſe günſtige Poſition zu gewinnen, bevor ſie es recht. inne werde, und befand ſich richtig ſchon neben ihr, als er, gleichſam einem Gedanken, den er unterdeſſen ausgeſponnen, Worte gebend, raſch und lebhaft ſprach: „Laſſen Sie uns einen Pact ſchließen, Fräulein Antonie!“ 99 Das junge Mädchen fuhr ſichtlich zuſammen. Doch ſagte ſie lachend:„Heben Sie ſich fort von mir, Sie Verſucher! Soll ich Ihnen etwa meine Seele ver⸗ ſchreiben, damit Sie mir helfen?“ „Ihre Seele? Nein! Nur Ihr Herz“, antwortete er neckend. Sie ging auf dieſen Ton ein. „Dabei gewinnen Sie nicht viel! Worauf wollen wir einen Pact machen?“ „Wir vereinigen unſere Intereſſen, wir ſtehen einer für den andern—“ „Und fallen auch zuſammen?“ „Wenn es nicht anders ſein kann, auch das! Grundbedingung iſt Vertrauen um Vertrauen. Ich beginne meine Bekenntniſſe mit einer Selbſtanklage.“ „Muß ich unbedingt Ihrem Vorbilde folgen?“ „Allerdings, ſonſt ſtehen wir nicht gleichberechtigt da. Mein größter Fehler iſt eine Schwäche für die äußere Weltſtellung.“ „Erlauben Sie, daß ich mich ebenfalls dieſer Schwäche anklage.“— „Weltliche Ehre geht mir weit über innere Selbſt⸗ zufriedenheit.“ „Mir auch, mein Herr! Nur bin ich der Anſicht, daß die Selbſtzufriedenheit der weltlichen Ehre ſich anſchließt.“ 100 „Meine Vorliebe für Glanz und Pracht grenzt an Leidenſchaft.“ „Bei mir iſt dieſe Vorliebe ſchon zur Leidenſchaft geworden.“ „Ich würde nie glücklich werden, ſollte mir Aner⸗ kennung und Auszeichnung im Leben verſagt ſein.“ „Leider habe ich ſchon Gelegenheit gehabt, darin Erfahrungen zu machen. Von meiner Geburt an für ein vornehmes Leben erzogen, fiel es den Brüdern meines Vaters ein, plötzlich die Zahlungen, die uns in den Stand ſetzten, überall Auszeichnungen zu bean⸗ ſpruchen, einzuſtellen und nur eine beſtimmte, unzu⸗ reichende Rente für ihn auszuwerfen. Ich war damals achtzehn Jahre, mein Herr von Leſſel— wir verließen die Reſidenz des Herzogs Karl und verſteckten uns in Berlin. Doch davon ſpäter! Nur ſoviel, daß mir bei dieſer Erfahrung das Herz beinahe brach. Weiter in Ihren Selbſtanklagen!“ befahl ſie komiſch. „Haben Sie noch nicht genug? Nun, über⸗ raſchen wird es Sie nach der Enthüllung meiner See⸗ lengebrechen nicht, wenn ich ſchließlich einer großen Eitelkeit mich beſchuldigen muß.“ „Ob ich eitel bin, weiß ich freilich nicht“, rief An⸗ tonie fröhlich auflachend.„Wenn aber Eitelkeit darin beſteht, daß man ſich für vollkommener hält als 101 andere Geſchöpfe Gottes, ſo bin ich auch mit einer guten Portion Eitelkeit verſorgt.“ „Das wäre nun unſer Sündenregiſter, Fräulein Antonie; gehen wir jetzt zu unſern Tugenden über.“ „Nein, nein, lieber Herr von Leſſel, Tugenden muß man nie enthüllen, ſie müſſen ſich überraſchend aus unſerer Handlungsweiſe entwickeln. Uebrigens haben Sie einer Schwäche Ihres Charakters nicht Er⸗ wähnung gethan, die gerade für mich bedeutungs⸗ ſchwer iſt.“ Reinhold beugte ſich nahe zu ihr, um ihr in die Augen zu ſehen.„Im Ernſt?“ fragte er beſorgt. An⸗ tonie nickte ſtatt der Erwiderung. „O, ich bin aber nicht unverbeſſerlich! Sagen Sie, was Sie meinen!“ „Ich meine den Wankelmuth Ihrer Seele!“ ſprach das junge Mädchen mit vollem Blick. Reinhold lächelte. „Haben Sie in Ihrem Leben n och niemals Gelegenheit gehabt, einen ungeübten Schiffer zu beobachten, der das Fahrwaſſer überall prüft, bevor er ſich dem Elemente muthig anvertraut?“ 2 „Sie gleichen ſolchem Schiffer?“ „Aufs Haar! Meine Entſchiedenheit und Conſequenz wird, wie die Tugenden, erſt vollkommen heraustreten, wenn ich meiner Fahrſtraße ſicher bin.“ 10² Antonie reichte ihm die Hand über den Tiſch hin⸗ weg.„Ich wage, einen Pact mit Ihnen zu ſchließen! Scheitern wir, ſo iſt's nicht blindlings geſchehen! Was iſt nun zuerſt Ihre Abſicht?“ „Sie übergeben mir Ihre Angelegenheit mit den Verwandten Ihres ſeligen Vaters, überantworten mir ſämmtliche Papiere, Briefe u. ſ. w. und ſtellen eine Vollmacht für mich aus, als Ihr Curator nach meiner Einſicht handeln zu dürfen!“ Antonie ſah ihn augenſcheinlich überraſcht an. Ein kleines Bedenken durchzuckte ihren Geiſt— ihr Geſchick lag dann in ſeiner Hand und ſie war einigermaßen durch moraliſche Verpflichtungen von ihm abhängig. Aber die Hoffnung auf ſichern Erfolg beſiegte ihr Bedenken. Nicht Eigennutz, nicht Habſucht waren hier die Grundlagen ſeiner Handlungen, denn ein Vermö⸗ gen wie dasjenige, was ſie zu erwarten hatte, konnte er durch eine Heirath überall gewinnen. Und dann ſchloß ihr Vertrag mit ihm immer noch keine Heirath in ſich. „Es gilt!“ ſagte ſie mit ſtrahlenden Augen.„Es gilt, Sie werden mein Sachwalter, und führen Sie meine Geſchäfte glücklich zum Ziele, ſo belohne ich Sie fürſtlich!“ „Gut! Meine Liquidation behalte ich mir vor! Nun — 103 Vertrauen um Vertrauen! Ich würde viel lieber den Einfluß Ihres würdigen Großoheims Lynkhuyſen zu meinem Fortkommen benutzen als die Protection des Miniſter Romharr. Warum? Hören Sie meine Gründe. Romharr iſt entſchieden liberal und ſeine Stellung hängt von den ſchwankenden Verhältniſſen ab. Die Aufregung im Lande und die unſichere Gemüthsſtimmung des Mi⸗ litärs nöthigten ſeinen Fürſten zur Berufung eines Miniſteriums, das dieſem geradezu zuwider iſt. Dieſer Fürſt iſt ſo aufrichtig, einzugeſtehen, jetzt nur der Gewalt gewichen zu ſein und die erſte Gelegenheit ergreifen zu wollen, mit voller Macht ſeine Rechte zu behaupten. In der Vorausſetzung eines Rückſchlags wäre es un⸗ klug, ſeine Kräfte dieſem Miniſterium zu widmen, ob⸗ wohl die Anerbietungen von Excellenz Romharr ſehr verlockend ſind.“ „Haben Sie ihm aber nicht eine zuſagende Antwort geſchrieben?“ fragte Antonie beſorgt. „Ich habe höchſt weiſe geantwortet, daß der Tod meines Pflegevaters mich für den Augenblick in An⸗ ſpruch nähme, daß ich Excellenz aber dringend bitte, mir das Wohlwollen zu bewahren, bis ich Gebrauch davon machen könne“, erwiderte Reinhold. „Erwarten Sie von Lynkhuyſen ſichrere Stellungen?“ fragte Antonie bedenklich.„Er iſt ebenfalls ſtark liberal—“ 104 „Geweſen, Fräulein Antonie“, fiel Reinhold ein. „Durch Rückwirkungen erzeugen ſich andere Geſinnungen und ich müßte mich ſehr irren, wenn nicht für die nächſte Zeit in der Reform der Staatskörper eine ſanfte Abflachung der feurigen Freiheits⸗ und Verfaſſungs⸗ gefühle ſtattfinden ſollte. Man hat den Zwieſpalt auf die Spitze getrieben und dann erſt erkannt, was für Elemente dadurch in Aufruhr gekommen ſind. Das erkennt auch Lynkhuyſen.“ „Gehört aber mein ehrenwerther Verwandter zu denen, die einflußreich genug ſind, Sie in Ihrer Carrière zu heben?“ „Nicht direct, aber mittelbar. Er iſt in meinem kleinen Vaterlande ſehr gut angeſchrieben, mein Herzog liebt ihn. Lynkhuyſen hat außerordentlich viel Freunde unter den kleinen Fürſten, er vertritt einige als Bundes⸗ tagsgeſandter; zuſammengenommen alſo iſt er ein Mann, deſſen Empfehlung mich zum Miniſter eines kleinen Fürſtenthums zu machen im Stande iſt.“ „Geht dahin Ihr Streben?“ fragte Antonie, wie es ſchien, angenehm überraſcht. „Ja, mein Fräulein. Gefällt Ihnen dieſe Stellung nicht?“ „O ſehr gut, ſehr gut! Ich bin ganz Ihrer Mei⸗ nung! Ich liebe das Hofleben!“ — 105 „Ein Hofamt zu ſuchen verbietet mir mein Stolz und der Umſtand, daß meine Mama eine geborene Müller war.“ „Ei, ſelbſtſtändiger ſteht ein hoher Staatsbeamter da als ein Hofbeamter! Ich kenne nun hinlänglich genug von Ihren Plänen für die Zukunft, Herr von Leſſel, um zu wiſſen, daß ſich unſere Weltanſchauungen begegnen, daß ſie ſogar in vielen Stücken harmoniren. Ich hege das Vertrauen, daß meine perſönlichen Ange⸗ legenheiten in keine beſſern Hände gelegt werden können. Sie erweiſen mir einen Dienſt— vielleicht bringt Ihnen Ihre gute That den entſprechenden Lohn.“ „Jedenfalls wird mir Ihre Angelegenheit eine nähere Bekanntſchaft mit Lynkhuyſen anbahnen. Wenn Sie dann nach Dresden kommen—“ „Das gebe ich jetzt auf! Dieſe Reiſe iſt nicht mehr nothwendig“, fiel Antonie raſch ein.„Es war eine ſcherzhafte Idee, eine Eulenſpiegelei von mir!“ „Um ſo beſſer, wenn Sie dies ſelbſt einſehen. Ich hätte ebenfalls unbedingt abrathen müſſen, auf dieſe Weiſe eine Annäherung zu verſuchen.“ „Ich will mich nun Ihrer Führung anvertrauen und Ihnen Alles mittheilen, was bis dahin von mei⸗ nes Vaters Seite gethan wurde, um ſeinen Brüdern das Unrecht, welches ſie ſich zu Schulden kommen ließen, 5 106 klar zu machen. Nach meines Vaters Tode verſuchte meine Mutter ihr Heil. Als ſie mir dann auch von Gott genommen wurde, wendete ich mich perſönlich an meine beiden Oheime in Belgien und bedrohte ſie mit einem Proceſſe. Gleichzeitig ſchrieb ich jedoch an Lynk⸗ huyſen und erhielt vor kurzer Zeit die Erklärung, daß etwas geſchehen würde, mich zufrieden zu ſtellen, daß Rechtsanſprüche indeß ſehr fraglich ſeien, da den Brü⸗ dern meines Vaters von einer Heirath deſſelben nichts bekannt wäre.“ „Hat Ihr Herr Vater verabſäumt, die gehörige Mel⸗ dung zu machen?“ fragte Reinhold. „Es ſind drei Briefe meines Großvaters vorhan⸗ den, in denen er ſeine Billigung dieſer Heirath aus⸗ ſpricht. Daß er ohne Teſtament geſtorben iſt, ſchließt doch meines Vaters Recht an ſein Erbtheil nicht aus?“ „Geben Sie mir all Ihre Papiere, mein Fräulein. Ich will ſie prüfen, bevor ich in Ihnen Hoffnungen errege.“ Antonie verließ eilig das Zimmer. Reinhold ſtützte ſinnend den Kopf. „Die Sache kann intereſſant werden! Mindeſtens einen Vortheil bringt ſie mir, eine nähere Berührung mit dieſem allbeliebten Lynkhuyſen. Gut, daß er ſo offenherzig ſeine Meinungen gegen Graf Harald 107 ausgeſprochen und daß dieſer Brief mir zu Händen gekommen iſt. Gut, ſehr gut! Nach meiner Rechts⸗ kenntniß kann einer ehelichen Tochter das Erbtheil ihres Vaters nirgends vorenthalten werden; auch gut, ſehr gut! Dieſe Antonie kann mir Ehre machen! Sehr gut, wenn Alles glückt!“ Fünftes Kapitel. „Es hört Alles auf!“ rief der Inſpector Prutz dem Amtmann zu, als er, eben von der Comteſſe entlaſſen, mit fliegenden Schritten in den Amthof trat und die Hausthür deſſelben ziemlich reſpektwidrig weit aufſtieß. „Es hört Alles auf!“ Der Amtmann, aus ſeiner Mit⸗ tagsruhe geſtört, ſah noch grämlicher als ſonſt aus und erwartete in ärgerlichem Schweigen, was weiter erfol⸗ gen werde, um ihn über dasjenige zu belehren, was aufhörte. „Packen Sie nur Ihre Habſeligkeiten zuſammen, alter Freund, es hört Alles auf!“ ſchrie ihm Prutz nun noch⸗— mals zu. „Ich packe nicht eher, als es nothwendig iſt! Was gibt es denn?“ „Weiberwirthſchaft iſt toller als ein Irrenhaus! Ein Einfall jagt den andern. Noch liegt die ſelige —..— — 109 Excellenz nicht drei Wochen in der Erde und Alles iſt um und um gekehrt! Wiſſen Sie, was die Comteſſe ſich jetzt wieder ausgedacht hat?“ „Nein, das weiß ich nicht!“ antwortete der Amt⸗ mann zwar ſehr brummig, aber doch geſpannt. „Sie will die alte Spelunke, die Boſtetter Burg, und das Rattenneſt, die ganz zerfallene Annenkapelle kaufen! Hört da nicht Alles auf?“ „Warum denn darüber ſolchen Lärm, guter Mann? Laſſen Sie doch dem Kinde ſein Spielzeug; iſt's beſchäf⸗ tigt dadurch, läßt es uns in Frieden“, brummte der Amtmann.„Wenn es weiter nichts iſt, darum brauchen Sie nicht wie ein Nordweſtſturm ins Haus zu ſtürzen und die Thüren aus den Angeln zu reißen.“ „Hören Sie, Amtmann, die Sache iſt ſchlimmer, als Sie denken!“ warnte der Inſpector. „Nun, höchſtens kann es mir die Unbeguemlichkeit verurſachen, die bedungene Verproviantirung des Schloſſ es einige Meilen weiter zu ſchicken, wenn es der Comteſſe einfallen ſollte, Fledermaus zu ſpielen und für die Sommerzeit dort oben in der Burg zu hauſen. Das iſt ſchon Alles wohl überlegt, Inſpector!“ Inſpector Prutz ſtutzte.„Sie wußten alſo ſchon von dem Projecte?“ „Der Dietrich hat's mir geſtern Abend erzählt.“ 110 „Woher weiß es Dietrich?“ „Er ſpielt den Commiſſionär für die Comteſſe. Seit beinahe acht Tagen thut Dietrich nichts weiter, als Weg und Steg nach Boſtett zu unterſuchen. Er hat richtig einen Pfad durch den Guntereker Grund gefun⸗ den, der quer über den Haſenberg geht und es mög⸗ lich macht, in noch nicht zwei Stunden Boſtett zu erreichen.“ „Unmöglich, Amtmann!“ rief der Inſpector un⸗ gläubig. „O, daß ſolch ein Pfad vorhanden geweſen, weiß ich, Inſpector“, belehrte ihn der Amtmann.„Mein Großvater nannte ihn den Pfaffenpfad, weil der Burg⸗ kaplan zu Bärenberg zugleich immer Burgkaplan auf Boſtett war und ſich das Vergnügen machte, täglich hier und dort Meſſe zu leſen. Das iſt erſt zu meines Großvaters Zeiten abgekommen, weil Boſtett verkauft werden mußte.“ „Warum haben Sie mir denn nichts von dem Auf⸗ trage mitgetheilt, den Dietrich für die Comteſſe aus⸗ führen ſoll?“ antwortete der Inſpector ſchmollend.„Ich hätte dann ganz anders der Comteſſe gegenüber ſtehen können.“ „Wie haben Sie denn geſtanden?“ fragte der Amt⸗ mann äußerſt ſchadenfroh. —.— 111 „Jubeln Sie nicht zu früh, Amtmann“ fuhr der In⸗ ſpector ihn barſch an.„Wir ſtehen und fallen zuſam⸗ men, das wiſſen Sie recht gut.“ „Sie ſcheinen Geſpenſter zu ſehen, Inſpector“, lenkte der Amtmann wieder ein.„Was iſt denn daran gelegen, wenn ſich die Comteſſe in den Kopf ſetzt, zu ihrem Plaiſir ein paar Mal des Jahres oder des Monats nach der Annenkapelle zu wallfahrten und für ihr Seelen⸗ heil zu beten?“ „Wallfahrten? Für ihr Seelenheil beten? Solche Einfälle ſollte Dora Bella haben? Dieſelbe Dora Bella, die vor einem halben Jahre noch mit meiner Aelteſten um die Wette ſprang? Nun, da hört wirklich Alles auf!“ „Gewundert habe ich mich auch, wie Comteſſe ſo ſchnell verwandelt ſein kann. Aber Dietrich lügt nie. Er hat mir geſagt, daß die Comteſſe ihn gebeten habe, zu ihr aufs Schloß zu kommen, da ſie mit ihm etwas bereden wolle. Sie iſt ihm nämlich frühmorgens be⸗ gegnet mit Kränzen, die ſie an den Pilaſtern des Grab⸗ gewölbes aufhängen wollte.“ „Und er iſt hingegangen ins Schloß und kein Menſch hat eine Ahnung davon, daß er dageweſen iſt Das muß anders werden, Amtmann! Wir werden dafür ſorgen, daß wir erfahren, was im 112 Schloſſe vorgeht! Was hat die Comteſſe mit Dietrich geſprochen?“ „Ja, das weiß ich nicht!“ ſagte der Amtmann kaltblütig. „Er hat Ihnen doch geſagt, daß er Commiſſionär für die Comteſſe geworden iſt!“ rief der Inſpector ärgerlich. „Ja, das hat mir Dietrich mitgetheilt, aber was die Comteſſe geſagt, hat er mir nicht verrathen. Es iſt mir auch gleichgültig.“ „Wie weit iſt denn Dietrich mit ſeinem Commiſſions⸗ geſchäft gediehen?“ „Er hat den Mönchweg oder Pfaffenpfad geſucht und gefunden. Dann hat er die Erlaubniß des alten Fabrikbeſitzers in Boſtett nachgeſucht, daß Dora Bella die Kapelle beſuchen dürfe. Jetzt kommt es nun darauf an, den Weg dort hinauf etwas ſäubern zu laſſen, und dazu hat er ſich ſechs Knechte von mir erbeten, die ſeinen Leuten helfen ſollen.“ „Da hört doch Alles auf!“ murmelte der Inſpector dazwiſchen.„Hinter meinem Rücken!“ „Wie denn? Ich denke, Sie kommen eben von der Comteſſe? Ich denke, Sie wollten mich warnen? Ich ſollte ja ſchon meine Siebenſachen zuſammenpacken.“ „Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht der lum⸗ . 113 pigen Wallfahrt wegen, ſondern in Anbetracht, daß Graf Askan zwiſchen hier und wenigen Wochen Beſitzer des Gutes ſein wird.“ „Das ſind Geſpenſter, die in Ihrem Kopfe ſpuken gehen!“ „Denken Sie, was Sie wollen! Comteſſe hat mich beauftragt, ein vollſtändiges Inventarium aufzunehmen.“ „Was! Vom Amthofe?“ unterbrach ihn der Amt⸗ mann beſtürzt. „Nun freilich, wovon denn ſonſt?“ „Wozu denn das?“ „Ich will es Ihnen vertraulich mittheilen, obwohl Sie es nicht um mich verdient haben. Comteſſe ſagte wörtlich: für den möglichen Fall einer beſchleunigten Uebergabe.“ „An wen denn? Warum denn? Wozu denn?“ fragte der Amtmann ſehr brummig. „Ja, das weiß ich nicht!“ parodirte ihn der In⸗ ſpector ironiſch. „Ich begreife gar nicht, was das gräfliche Frauen⸗ zimmer im Kopfe hat!“ „Vielleicht fühlt die gräfliche Dame ihren Spleen und will rechtzeitig den Grafen Askan in Beſitz ihres Eigenthums ſetzen!“ ſpottete der Inſpector ihm nach. Fritze, Schloß Bärenberg. III. 8 114 „Und darum will ſie Burg Boſtett kaufen und die Kapelle dazu? Darf ſie denn eigenmächtig thun, was ihr einfällt?“ fragte der Amtmann. „Mich hat ſie ſchon gefragt und ich habe ihr Er⸗ laubniß gegeben“, meinte der Inſpector mit hämiſchem Eifer.„Verſtehen Sie nur recht, die Comteſſe hat ge⸗ fragt, ob unſer Kaſſenbeſtand einen Ankauf der Burg d der Kapelle geſtatte. Sie wollte dies vorher wiſſen, damit ſie nicht fürchten müſſe, von ihrem Herrn Vor⸗ mund und ſeinen beiden Beiſitzern verlacht zu werden. Alſo Dietrich Haberhorſt iſt beauftragt, den Ankauf zu beſorgen? Dieſe Proviſion hätten wir beide auch verdienen können.“ „Was geht mich dergleichen an“ brummte der Amt⸗ mann.„Viehſtand iſt dabei nicht zu erwarten, wie bei Gunterek, und Dietrich hat ſeine Sachen ganz ſchlau angefangen. Er hat nur nebenbei zugefragt, ob der Fabrikherr die alten Spelunken losſchlagen wolle. Dieſer hat ihm geantwortet, ihm läge nichts an ein paar Scharteken, die er wegen ihrer unzugänglichen Lage gar nicht einmal zur Aufbewahrung von Fabrikaten benutzen könne. Darauf hat Dietrich gemeint, daß er dieſen Ankauf bei der Comteſſe in Anregung bringen wolle und der Fabrikherr hat zur Bedingung geſtellt: gegen baare Zahlung.“ —— — 115 „So? Warum haben Sie verabſäumt, mir dies gleich mitzutheilen?“ fragte der Inſpector.„Ich will Ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, ſondern Ihnen ſagen, daß ich das Inventarium von damals aufſtellen ſoll und den jetzigen Beſtand dagegen; daß ich die Contracte auflegen ſoll—“ „Werden Sie das thun?“ „Unbedingt! Die kleinen Freiheiten und Ueber⸗ ſchreitungen, die dabei ans Tageslicht gezogen werden, fallen auf Ihr Haupt!“ „Wollen ſehen, wie wir uns decken!“ „Von mir haben Sie keine Unterſtützung dabei zu er⸗ warten, Amtmann“ ſprach der Inſpector drohend. Der Amtmann machte eine wegwerfende Geberde. „Ich weiß ja, wo Comteſſe Dora Bella wohnt!“ brummte er. 4 „Sie wollen petitioniren?“ fragte der Inſpector höhniſch. Der Amtmann ſah ihn ſcharf an. „Nein!“ fuhr er auf.„Ich will der Comteſſe guten Rath geben! Was Sie dabei verlieren können, müſſen Sie am beſten wiſſen!“ Inſpector Prutz hob ſtolz die Stirn, aber ganz wohl war ihm nicht zu Muthe.„Thun Sie, was Sie nicht laſſen können! Meine Anſtalten ſind längſt ge⸗ troffen, dieſe Stellung, die meiner Bildung nicht ganz 8* 116 entſpricht, mit einem ſtaatlichen Amte zu vertauſchen, und von meiner Seite iſt wenigſtens nichts Unredliches verübt, wenn ich auch bisweilen ein Auge zugedrückt habe“, ſagte er hochfahrend. „Nun, davon wollen wir nicht weiter ſprechen, lie⸗ ber Mann!“ Der Inſpector wendete ſich zum Fortgehen.„Ehe ich's vergeſſe, Inſpector“, rief der Amtmann mit ſeinem tiefſten und brummigſten Tone,„Ihre Wahl zur Kam⸗ mer iſt mißglückt. Man will lieber einen unabhängigen Handwerker wählen als einen pfiffigen Schloßbeamten. Sie haben nur eine Stimme gehabt und die hat Ihnen der Bergſchenkenwirth gegeben!“ Nun war die Geduld des Inſpectors erſchöpft, der Becher des Zorns lief über.„Thut mir leid, Herr Amtmann!“ antwortete er giftig.„Ich wiederhole Ihnen als Recompenſe, daß Sie ſobald als möglich Ihre Habſeligkeiten zuſammenpacken mögen, denn was ich in nächſter Stunde zu Papier bringe, das könnte Sie, ſammt Ihren Erſparniſſen, bis ins Criminalgefängniß verſetzen. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Eine Liebe iſt der andern werth, ſagt Gevatter Evers und er hat Recht!“ Ohne ſich die Zeit zum Grüßen zu nehmen, begab er ſich mit Sturmeseile fort und ließ den 2* 117 Amtmann etwas gedankenſchwer zurück. Wenn es auch übertrieben war, daß er einem Strafgericht ver⸗ fallen konnte, ſo laſtete doch Mancherlei auf ſeinem hübſchen Sparpfennig, das nicht im Wege Rechtens erworben war. Die Geſchichte erforderte alſo eine weiſe Ueberlegung. Sechstes Kapitel. Die grauen Nebel des Septembermorgens lagen noch über die Tiefen gebreitet und der Frühſonne erſtes Glühen färbte kaum den Oſten, als ſich zwei weibliche Geſtalten in einfachen ſchwarzen Gewändern, einen Wanderſtab in der Hand, vom Schloſſe in den Parkweg verloren, um von dort aus in die vielfach verſchlun⸗ genen Waldwege zu gelangen. Was ſich in der Fülle einer unbegreiflichen Aufregung an jenem Abend wie ein Fruchtkorn in Dora Bella's Seele gelegt hatte, war gezeitigt von der vorherrſchenden Romantik ihres Weſens und als ein feſter Entſchluß ins Leben getreten. Aus den Regionen des Zweifels durch eigenes Nach⸗ denken emporgehoben, hatte Dora Bella erkannt, wie wenig ſie den Vorausſetzungen ihres verſtorbenen Va⸗ ters entſprochen, und ihr kindliches Gemüth, beunruhigt — — 119 aus ſeinen gewöhnlichen Gleiſen gedrängt, war zu der gläubigen Zuverſicht gelangt, dort oben, wo die Hand Gottes vor Jahrhunderten einem irrenden Herzen den rechten Weg gezeigt, werde auch ihr das Licht göttlicher Wahrheit und Klarheit erſcheinen. Der geheimnißvolle Zauber, der ſich von jener ergreifenden Sage bis zu ihr, der Letzten ihres Geſchlechts, zog, gab ihren Be⸗ trachtungen über ihr Geſchick eine heilige Weihe und erweckte aus der Knospe ihrer kindlichen Gottanſchauung die Sehnſucht nach einer entfühnenden Handlung. Daß ſie im Innern gegen ihren Vater geſündigt, geſtand ſie ſich ſelbſt ein, und unter den Stürmen ihrer ſchmerz⸗ lichen Trauer erweichte ſie bis zur Bußfertigkeit. Zu der Urſprünglichkeit ihrer Natur zurückkehrend, führte die Reue ebenſo gewaltſame und überſpannte Ueber⸗ gänge in ihrer Phantaſie herbei, wie es der Zorn bei ihrer vermeintlichen Zurückſetzung gethan. Ihr Zweifel an des Vaters Liebe wurde eine unerſchöpfliche Quelle ſtillen Grams. Sie meinte Ruhe zu finden, wenn ſie ſich opferbereit der Religion in die Arme würfe. Von dieſer Anſicht geleitet, ſetzte ſie ihre Wallfahrt nach jenem Orte, der in phantaſtiſcher Verbindung mit ihrem Vergehen ſtand, ins Werk. Niemand wußte davon als ihre alte Bonne, die ſie mit thränenvollem Segen entließ. Klara ſollte ihre 120 Begleiterin ſein, Dietrich der Führer und Beſchützer ihrer Schritte in der unbekannten Wildniß. Vor Antonien hielt ſie dies Unternehmen geheim, das heißt, ſie ſelber ſprach nicht mit ihr darüber. Wenn ſich die Nachricht von ihrem Vorhaben dennoch ver⸗ breitete, ſo lag dies nicht in ihrer Abſicht. Scheu, wie ein Kind vor heiligem Grauen, ſchmiegte ſie ſich an Klara, die ihr freudig Beiſtand geboten. Wie von einem verwirrenden Traume umfangen, be⸗ gann Dora Bella ihren Weg, aber bald umgab ſie die Klarheit einer geiſtigen Kraft, die ihre Schwingen im heiligenden Feuer gebadet. Aus den Nebeln des Morgens ſtieg die Sonne langſam und majeſtätiſch herauf, als ſie die Thalenge mit ihrer dumpfen, feuchten Luft durchſchritten und jenſeits auf der Höhe, unweit der Bärenburgruine, emporgeſtiegen waren. Allmälig wälzten ſich die Dünſte hinweg und der Glanz der Sonne beſiegte ſie endlich ganz. Hier ruhten die müden Pilger ein wenig. Schwei⸗ gend blickten ſie auf die Natur, die vor ihnen aus⸗ gebreitet lag. Wie oft hatte Dora Bella von hier aus das Schloß, das friedliche Dorf und die ſeitwärts in breitem Thale zerſtreuten Ortſchaften betrachtet. Heute ſchien ihr eine Glorie darüber gebreitet. Die Schönheit — — 8 121 des Anblicks war durch die Heiligkeit ihres Innern verklärt. Der Schmerz um die geliebten Verſtorbenen, um den Vater, um die Mutter, die beide mit unend⸗ licher Liebe für ſie gelebt hatten, verlor ſeine Bitter⸗ keit. Jede Schranke ſank zwiſchen ihr und den Todten. Es war ihr, als werde ſie wieder vereint mit ihnen, als betrete ſie jetzt eben den Weg des Heils, der ſie zu ihnen führte. Raſch erhob ſie ſich. Ihr Blick forderte Klara auf, ihr ungeſäumt zu folgen. Stumm gingen ſie weiter. Dietrich ſchritt ihnen ſtumm voran. O wer möchte ſie tadeln! In dem ſchuldloſen Eifer, womit ſie, ihrem Glaubenscultus gemäß, Gott und ſeine Heiligen zu verſöhnen ſtrebte, lag die tiefe Liebesbedürftigkeit ihres Weſens. Der Trotz ihrer Empfindlichkeit war durch den Tod gebrochen, nun drängte ihr wundes Herz ſie zur Sühne. Daß ein Theil deſſen, was ſie drückte, andern Quellen ent⸗ ſprang, wußten Andere beſſer als ſie ſelber. Von der Höhe ging es wieder bergab über ſteiniges Geröll in ein Felſengewirr hinein, das nur durch kundige Führung ohne Gefahren durchwandert werden konnte. Wie durch ein Wunder hatte Dietrich den ſchmalen, feſten und glatten Pfad entdeckt, der hier durchlief. Sicher ſchritt er dahin, ließ ſich weder durch 122 Felſenriffe noch durch verführeriſche Hohlwege ableiten, ſondern verfolgte den Weg in ſeinen Krümmungen und Wendungen und Senkungen, bis er ſich plötzlich ziemlich ſteil bergan hob und ſie ganz unerwartet, dicht bei der Annenkapelle, das kleine Plateau be⸗ traten. Erſchöpft, aber mit einem Laute der Freude ſank Dora Bella auf ihre Kniee und ſchaute in grenzenloſem Entzücken um ſich. Welch ein Reiz in dieſer wilden, pittoresken Landſchaft! Welch eine heilige Ruhe in dieſer Einöde, wohin ſelbſt der Hall der gewaltigen Eiſenhämmer unten aus der Fabrik nicht zu dringen vermochte! Dort, ja dort lag das Städtchen, wo der Ahn des Grafen Askan geboren war! Eine Flut von aufregenden Empfindungen machte Dora Bella erbeben. Ihr Blick bat Klara, zu gehen. Einſam wollte ſie beten, einſam ihrem Gotte, dem Vater des Weltalls, dem Herrſcher und Lenker aller Herzen, ihr inneres Leid klagen. Klara trat beſcheiden zurück und überließ Dora Bella ihren Empfindungen. Das junge Weſen that ihr leid. Gern hätte ſie die Feſſeln des Schweigens ſchon jetzt gelöſt, allein die Comteſſe wollte es ſo. Wenn ſie gebetet, wenn ſie einig mit ſich geworden 123 ſei, ſo lautete ihr Befehl, dann erſt wollte ſie der treuen Jugendgeſpielin Alles ſagen, was ihr Gemüth gepeinigt und zu dieſer Wallfahrt getrieben hatte. Dora Bella war nun allein. Sie ließ ſich auf einem Balken der gärzlich zerſtörten Kapelle nieder und ſchaute um ſich. Es war ein friſcher, weicher Tag, wie ihn der Spätſommer häufig bringt. Es war ein Tag, wo des Menſchen Herz von ſehnſüchtiger Wehmuth geſchwellt wird, wo das Gute in ihm ſtärker erwacht, wo Friedensengel in der Luft zu ſchweben ſcheinen. Dora Bella war vorbereitet zu dieſen Ge⸗ müthsregungen; ſie ſah ſo lange in die weite Ferne, bis ihr Auge ſich mit Thränen füllte und ihre Bruſt von ſchönen, heiligen Gefühlen übervoll war. Dann ſuchte ſie die Stätten, von denen die Sage ihr erzählt hatte. Da lag die Burg— o wie arm⸗ ſelig erſchien ihr der Menſchen Kunſt, als ſie den Bau jämmerlich zerſtört, vom Zahne der Zeit vernichtet, vor ſich erblickte, während die Felſen, worauf die Burg erbaut worden war, ſtolz und ſtark den Elementen getrotzt. Aber was die Macht der Unwetter nieder⸗ geworfen, das konnte die Kunſt der Menſchen wieder ſchaffen. Sie ſuchte den Parkweg aus dem wüſten Dickicht zu erſpähen. Unmöglich! Doch dort, am Felſen, ja, da ſtanden einige Holzſäulen, das mußte der Ruhe⸗ 124 platz geweſen ſein, den die Gräfin Anna ſo ſehr ge⸗ liebt, der von den Liebesſchwüren ihres Gatten auf ewig entheiligt wurde. Dort unten, wo der Rauch ſich bis zu den Wolken emporhob und ſich dann zu einem grauen Schleier verzog, dort unten lag das Dorf Boſtett. Reiche Feld⸗ marken umgaben es und anſehnliche Häuſer verriethen den Wohlſtand des Dorfes. Mit einem tiefen Athemzuge begrüßte ſie dann nochmals das Städtchen, das rechts von Boſtett lag. Ihre Gedanken nahmen jetzt eine feſtere Geſtaltung an. Sie verfolgte mit Intereſſe den ſchmalen Weg zwiſchen den Wieſen, der aufwärts zur Burg führte und durch niedriges Geſträuch bis zu der Felſentreppe lief, die jetzt durch Vernachläſſigung ungangbar geworden war. Dort mußte Gräfin Anna in jener ſchweren Nacht, auf den Arm ihres jungen Bruders geſtützt, hinab und hinauf gewandelt ſein, um ihr Rachewerk zu voll⸗ führen. Und wer trug die Schuld an dieſem Ent⸗ ſchluſſe? Ihre Aeltermutter! Eine Frau ihres Stam⸗ mes hatte die Sünde in dieſes friedliche Schloß ge⸗ ſchleudert! Dora Bella erhob ſich entſchloſſen und trat in das verwüſtete Innere der Kapelle. Ein breiter Stein ſtützte den Hintergrund— es mochte wohl ein Ueber⸗ —— 125 bleibſel des Altars ſein. Dietrich hatte Alles ſäubern laſſen, ſo gut es ging. Das wuchernde Unkraut mit ſeinem giftigen Dunſte war fortgeſchafft, und wenn auch der Himmel überall hineinblickte, ſo umfloß dennoch ein heiligendes Etwas dieſe zerſtückelten Mauern. Klara beobachtete Dora Bella, bis ſie hinter den verfallenen Mauern verſchwand. Dann erſt wendete ſie ſich und erblickte Dietrich, den Waldweg vom Städtchen ſchon wieder heraufſteigend und einige Er⸗ friſchungen in den Händen tragend. Klara ſah ihm freundlich entgegen. Er hatte ſich ſo treu bewährt als Führer, als ein beſonnener und umſichtiger Vertrauter— ihr Herz erkannte längſt ſei⸗ nen Werth und war willig, ihm dies kund zu thun. Sie gedachte lebhaft der Vorfälle, die eine Schranke zwiſchen ihnen aufgerichtet, und ſie räumte ein, ſchuld an dem Zerwürfniſſe zu ſein, das ihnen allen viel Herzeleid bereitet. Grund genug für Klara, mit ſtarkem Willen ihre kleine Wallung von Stolz und Verlegenheit zu über⸗ winden und dem jungen Manne, der ihr, Verwirrung in den Mienen, ſchnell nahte, mit offener Herzlichkeit entgegen zu treten. „Dora Bella iſt in der Kapelle“, flüſterte ſie zu⸗ 126 traulich und nahm ihm den Krug Waſſer mit Be⸗ gierde aus der Hand, um zu trinken. Dietrich fühlte ſich wie neugeboren unter dieſem traulichen Blicke. Seit Monaten hatte er täglich ihr Bild mit Schmerzen in ſich begrüßt. Seit Monaten hatte er täglich die Erfahrung gemacht, daß die Liebe zu Klara immer feſter und immer tiefer in ſein Herz drang; mit namenloſer Sehnſucht hatte er bisweilen der Möglichkeit gedacht, daß eine Minute in ſeinem Leben erſcheinen könne, wo ihre Augen ihm verrathen würden, ſeine Liebe fände Gegenliebe. Jetzt trat dieſer verhängnißvolle Augenblick ein, denn Klara's Zlicke konnten die Zärtlichkeit nicht verleugnen, die in ihr wohnte. Dietrich fühlte ſeinen Muth wachſen. Er reichte ihr das labende Waſſer, das er unten vom Quell ge⸗ holt. Er reichte es ihr noch immer ſtumm, aber in ſeinen Augen flammte eine heiße Glut auf. Klara trank und barg dann befangen ihr Geſicht in dem Blumenſtrauß, den er ihr auf der Wieſe ge⸗ pflückt und mitgebracht hatte. Dietrich ſtand faſſungs⸗ los vor ihr.) „Es iſt ein ſchweres Unternehmen für die zarte junge Dame“, flüſterte Klara weiter, denn das ver⸗ rätheriſche Schweigen Dietrich's ängſtigte ſie. 127 „Wohl ihr, wenn ſie Ruhe danach findet!“ ſprach der junge Mann mit tiefem Ernſt.„Wohl ihr, daß ſie Hoffnung auf Erlöſung von ihrer Trauer hegen kann. Auch ich habe grauſam gelitten, Schweres er⸗ tragen, aber mich flieht die Hoffnung immer wieder; denn es iſt eine Strafe, die ich tragen muß, weil ich im Leichtſinne mein Glück nicht würdig erfaßt habe.“ Klara blickte furchtſam zu ihm auf.„Sie klagen ſich wohl zu hart an“, flüſterte ſie in Erinnerung an die leidenſchaftliche Selbſtverdammung, womit er ſie ſchon einmal erſchreckt hatte. „Haben Sie nicht ſelbſt mein Gewiſſen geweckt?“ fragte Dietrich leiſe. „Es wäre traurig, ſollte dies nöthig geweſen ſein; aber ich weiſe eine ſolche Härte entſchieden von mir.“ „So hätte ich Sie mißverſtanden, Klara? Sie hätten rein aus Widerwillen gegen mich meines Onkels Werbung abgelehnt? Nicht mein frivoler Verkehr mit andern Mädchen, ſondern Abneigung gegen mich wäre die Veranlaſſung geweſen, ſeinem Antrage entſchiedene Weigerung entgegen zu ſtellen?“ fragte der junge Mann in Beſtürzung und Trauer. „Sie beurtheilen mich falſch“, flüſterte Klara mit bebenden Lippen. „Nein, nein, Sie verwarfen mich meines Leicht⸗ 128 ſinns wegen; laſſen Sie mir mindeſtens dieſe tröſtliche Hoffnung, die doch eine Möglichkeit in ſich ſchließt, daß—“ „Ich kann es nicht ertragen“, unterbrach ihn Klara aufgeregt,„daß Sie ſich durch falſche Vorausſetzungen quälen.“ „Wie? Wollen Sie ableugnen, daß derjenige Ihre Liebe nicht verdient, der, mit Ihrem Bilde im Herzen, andern Mädchen koſende Liebesworte ſagen kann? Ich habe es eingeſehen, wie ſtrafbar ein Mann handelt, mit dem Heiligſten im Leben zu ſcherzen“, ſchloß er leidenſchaftlich bewegt.„Wollte Gott, Reue könnte mein Fehlen ſühnen!“ Klara ſah ängſtlich vor ſich nieder. Eine drückende Pauſe trat ein. Was ſollte das junge Mädchen thun, um Dietrich dieſen Wahn zu nehmen? Sie konnte und durfte das Schweigen nicht brechen, und dennoch konnte ſie kaum dem Verlangen widerſtehen, eine richtige Er⸗ klärung der Verhältniſſe herbeizuführen und ihm zu geſtehen, daß die Rückſicht auf eine vermeintliche Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und Antonien ſie verleitet habe, den Antrag des Herrn Evers zu verwerfen. Es drängte ſie, dies gebeugte Haupt empor zu richten und die Selbſtvorwürfe dieſes trauernden Herzens zu be⸗ ſchwichtigen. 129 Dietrich erhob den Blick. Sie lächelte ihm an⸗ muthig zu. „Klara, wenn Sie vergeſſen, wenn Sie vergeben wollten“, ſagte er muthig gemacht. „Ich habe Ihnen nichts zu vergeben, Dietrich“, fiel ſie haſtig ein.„Was können Sie dafür, daß ich eine Tändelei zwiſchen Ihnen und Antonien für wahre Em⸗ pfindung hielt.“ „Klara, o mein ganzes Leben ſollte Ihrer würdig ſein!“ „Sie überſchätzen mich!“ erwiderte ſie mit der lie⸗ benswürdigen Demuth der Liebe. „Ich darf zu Ihnen kommen? Ich darf Sie mit der Hoffnung aufſuchen, Ihr Vertrauen, Ihre Achtung zu gewinnen?“ Sie reichte ihm ſchnell die Hand.„Bringen Sie ein offenes Auge und ein offenes Herz mit, dann wer⸗ den Sie bald gewahr werden, wie wenig Urſache Sie hatten, verzagt zu ſein“, ſagte ſie in lieblich ſchmeicheln⸗ dem Tone.„Werden Sie jetzt mit mehr Zuverſicht auf eine Erlöſung von Ihrer Trauer hoffen?“ Dietrich legte ſeine Lippen auf ihre Hand und drückte ſie dann im ſtummen Geſtändniß ſeiner tiefen Zärtlichkeit gegen ſeine Augen. In beider Herzen flammte für ewige Zeiten die Sonne eines Glücks Fritze, Schloß Bärenberg. III. 9 auf, die alle Schatten des Alltagslebens durchleuchtete und ihr ganzes Daſein durchglühte. Dora Bella trat wieder zu ihnen. Was ſie für Gelübde ausgeſprochen, ſah man an ihrem ruhigen, reſignirten Lächeln. Von einer Bürde befreit, die ſie ſich in Selbſtqual auferlegt, war ſie bei der Erinnerung an ihre ſonnigen Jugendtage in eine engere Gemein⸗ ſchaft mit allen denen getreten, die ihr damals zum Glücke unentbehrlich waren, und weit inniger wie im Leben hatte ſich während dieſer ſtillen Minuten ihr Herz mit den Dahingeſchiedenen verbunden. Eine ſanfte, ſchöne Sehnſucht trieb ſie an, der Liebe derſelben wür⸗ dig zu leben. Daraus entſprang dann ein Entſchluß, dem ſie erſt ſpäterhin Worte gab. Auf dem Rückwege blieb Dietrich den beiden Pil⸗ gerinnen nahe. Ein ſinniges, ſchwärmeriſches Geſpräch verkürzte ihnen die Zeit und den Weg. Dora Bella ſprach von der Sage und erklärte ihren Begleitern den Zuſammenhang ihrer Wallfahrt mit den frühern Verhältniſſen. Sie that damit dar, daß in ihren Irrungen der Glaube an ein höheres Weſen er⸗ ſtarkt war. Dietrich hörte mit Bewunderung, welcher Fülle von Gefühl dies junge Herz fähig war, wie romantiſch be⸗ wegt ihre Phantaſie ſich über Alles hinweghob, was 131 an irdiſchen Hinderniſſen ihren Flug zu hemmen Miene machte. „Ich paſſe nicht zu den Menſchen, wie ſie in den großen volkreichen Städten ſind; meine idylliſchen Jugendfreuden haben mir den Geſchmack am geräuſch⸗ vollen Vergnügen und an ceremoniöſen Schauſtellungen verdorben. Was ich darüber in den Büchern geleſen, die in unſerer Bücherſammlung zu finden waren, hat mich niemals reizen können. Im Gegentheil, ich habe es lächerlich gefunden, einen Zeitvertreib in Putz und Staat, in Rangſtreitigkeiten und Geburtsanſprüchen zu ſuchen. Ich will glauben, daß ich für dieſe Welt⸗ menſchen in meiner Naturwüchſigkeit ebenſo lächerlich bin, wie ſie mir in ihren eiteln Beſtrebungen, ſich gel⸗ tend zu machen, erſcheinen; aber mein inneres Gefühl lehnt ſich dagegen auf, das edlere Selbſt gegen hohle Aeußerlichkeiten zu vertauſchen.“ „Sollte nicht Ihr inneres Weſen dem äußern Le⸗ ben eine Veredlung beizubringen vermögen?“ fragte Klara beſcheiden. „Wozu einen Kampf mit hergebrachten Anſichten?“ fragte Dora Bella dagegen.„Ich habe keine Ver⸗ anlaſſung zu Reformationen der Art. Meine Welt iſt hier in der trauten Umgebung, wo ich heimiſch bin, ohne mein Weſen verleugnen zu müſſen, wo ich, . 9* 132 auf mich ſelbſt beſchränkt, thun und laſſen kann, was ich will!“ „Nach den Teſtamentsbeſtimmungen Sr. Excellenz wäre Ihnen aber ein anderer Wirkungskreis ange⸗ wieſen geweſen, Comteſſe. Haben Sie wohl überlegt, daß Sie den Wünſchen Ihres ſeligen Herrn Vaters ſchnurſtracks entgegen handeln, wenn es Ihnen beliebt, im Schloſſe Bärenberg ein einſames Leben, das heißt ohne einen Gatten zu wählen führen zu wollen?“ wendete Klara ein. „Wenn es meines Vaters Abſicht geweſen wäre, über meine Zukunft derartig zu beſtimmen, lieb Kläry, ſo würde er mich für einen Hofcavalier erzogen haben. Nein, die Liebe zu Askan hat ihn vermocht, nach die⸗ ſem Ausgleichungspunkt zu greifen. Verlaß Dich darauf, mein Vater ſoll ſeinen Willen haben, jedoch ohne meine Freiheit durch Ketten zu beſchränken. Ich liebe die Erinnerungen meiner Jugend, ich liebe alle diejenigen, welche dieſe Jugend mit mir verlebt haben— ſollte es denn keinen Ausweg geben, mich Euch zu er⸗ halten, mein Leben einer genußreichen Einſamkeit zu weihen?“ „Uebereilen Sie nichts, Dora Bella“, bat Klara zärtlich.„Fragen Sie Antonie um Rath, ehe Sie Beſchlüſſe faſſen. Der welterfahrenen Antonie wird es 133 leicht werden, Ihre falſchen Meinungen vom Verkehr auf der Weltbühne zu berichtigen.“ „Fürchte nichts für mich, Klara“, antwortete Dora Bella mit ſiegreichem Lächeln.„Mein Beſchluß gründet in der Liebe und wird mir leicht ausführbar durch die Liebe zu meinem Vater, deſſen Willen ich dadurch voll⸗ ziehe. Die Liebe derer, die mich umgeben, ſoll und muß mir Vergütigung meines Opfers ſein!“ Siebentes Kapitel. Die Schwüle einer peinlichen Erwartung lag ſeit dieſem Tage auf den Gemüthern aller Schloßbewohner und hemmte die Heiterkeit des geſelligen Lebens mehr als die Trauer. Die auffallende Veränderung in Dora Bella's Lebensweiſe hatte längſt die Idee geweckt, daß ein innerer Wurm an ihrem Leben zehre und ihren Lebensmuth ertödte. Man vertraute jedoch auf ihre Jugend und auf die Zeit, die ja Alles mildert und heilt, was das Geſchick dem Menſchenherzen zufügt. Gräfin Eliſabeth hörte mit Gleichmuth von Antonien, daß Dora Bella eine Wanderung nach der alten Burg Boſtett unternommen habe. „Es ſieht ihr ſchon ähnlich“, ſagte ſie lächelnd. „Aber warum ſind Sie nicht von der Partie?“ „Mein Glaube hat wahrſcheinlich verhindert, daß 135 die Comteſſe mir Vertrauen geſchenkt hat“, meinte Antonie offenherzig. „Ihr Glaube, liebe Antonie?“ wiederholte die Gräfin mit Erſtaunen.„Was hat die verſchiedene Glaubens⸗ anſicht mit dieſer Wanderung zu thun? Wer begleitete meine Nichte?“ „Klara Horink. Als Wegweiſer ward Herr Dietrich Haberhorſt angenommen. Ich will Ihnen offen be⸗ kennen, daß die Art und Weiſe, wie das ganze Unter⸗ nehmen ins Werk geſetzt worden iſt, einer Wallfahrt gleicht, die ein bedrängtes Gemüth zur Beruhigung nöthig gefunden.“ „Haben Sie an Dora Bella Spuren einer Ge⸗ müthsverſtimmung bemerkt?“ fragte Gräfin Eliſabeth, aus ihrem Gleichmuth aufſchreckend. „Ja, gnädige Gräfin! Ich halte es für nöthig, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß Comteſſe mit Plänen umgeht, die nicht ihren glücklichen Verhält⸗ niſſen entſprechen. Bis dahin erſchien es mir un⸗ wahrſcheinlich, daß ein ſo junges, von der Vorſehung überreich geſegnetes Weſen ſich ohne Veranlaſſung ihrer bevorzugten Lebensſtellung begeben und eine ärmliche Clauſur dem weltlichen Glanze vorziehen ſollte; allein die heimlichen Veranſtaltungen zu dieſer Wallfahrt, die ich von meinem religiöſen Standpunkte aus als eine 136 veraltete Betübung mit übereilten Gelübden betrachten muß, rechtfertigen meinen Argwohn, den ich ſeit den letzten Wochen in mir trug.“ „Was fürchten Sie, Antonie?“ fragte die Gräfin ängſtlich. „Ich fürchte einen großartigen Act der Conſequenz!“ „Wie verſtehe⸗ich das?“ „Comteſſe Dora Bella will uns zeigen, daß ſie ihre Rechte vertreten, daß ſie fordern und opfern kann! In dieſer kleinen zarten Geſtalt ruht ein mächtiger, kräf⸗ tiger Geiſt, der ſich unter der Hülle der Kindlichkeit verborgen gehalten hat. Glauben Sie mir, Gräfin Eliſabeth, wenn Dora Bella einen Entſchluß gefaßt haben ſollte, ſo bedarf es einer übermächtigen Gegen⸗ kraft, es bedarf der Liebe, um ſie zu retten. Ich habe es für meine Schuldigkeit gehalten, Ihnen die Gefahr zu entdecken, in welcher die Comteſſe ſchwebt. Wollen Sie dies liebenswürdige, reizende Weſen der Welt erhalten, ſo eilen Sie, zu Mitteln zu greifen, die es verhindern, daß ſie ihr Leben Gott gelobt und den Schleier nimmt.“ „Um Gotteswillen, Antonie!“ rief die Gräfin er⸗ ſchrocken.„Dora Bella kennt ja meines ſeligen Bru⸗ ders Wunſch, ſie mit Askan vermählt zu wiſſen.“ „Um dieſer Beſtimmung zu entgehen, tritt ſie ins 137 Kloſter— verlaſſen Sie ſich auf meine Beobachtungen. Aber die Liebe könnte ſie retten!“ Die letzten Worte ſagte ſie leiſe und verließ, um nähern Erörterungen auszuweichen, ſogleich das Zimmer. Gräfin Eliſabeth blieb rathlos zurück. Was ſollte ſie thun? Kein Menſch war da, an den ſie ſich in dieſer Angelegenheit wenden konnte. Der Hofmarſchall mußte kommen! Ja, der Hofmarſchall und auch As⸗ kan— es ſtand ſeine ganze Zukunft auf dem Spiele! Dann erhoben ſich andere Gedanken in ihrer Seele. Wie? Wenn Dora Bella einen andern Gatten wünſchte und nur aus Verzweiflung lieber ehelos bleiben wollte? Gräfin Eliſabeth faßte den großen Entſchluß, ihre Ruhe zu unterbrechen und Dora Bella genau zu beobachten, bevor ſie irgend etwas thäte. Das war aber Antoniens Abſicht ganz entgegen. Sie hatte eine Erklärung zwiſchen der Tante und Nichte herbeiführen wollen, die Dora Bella's innere Anſichten zu Tage fördern und den Plan derſelben von vornherein zerſtören ſollte. Der Kauf der Boſtetter Burg war definitiv be⸗ ſchloſſen von Dora Bella, und ſie hatte ſich mehrmals im Eifer des Geſprächs verrathen, daß ſie nur auf einen Beſuch des Hofmarſchalls warte, der als ihr Vormund ſeine Genehmigung pro forma, wie ſie 138 lachend gemeint, geben müſſe, um ſofort an die Her⸗ ſtellung des alten Gebäudes zu. gehen. Antonie wußte beſſer als jeder Andere, was die Entſchloſſenheit der jungen Dame zu Stande zu bringen vermochte, und ſie durfte es auch ihretwegen nicht dahin kommen laſſen, daß Dora Bella ein Leben im klöſterlichen Stile be⸗ gann, wenn ſie auch nicht gerade den Schleier nahm. Dahin durfte es nicht kommen! Es mußten Maß⸗ regeln ergriffen werden, die Entſchlüſſe der Comteſſe zu durchkreuzen und ſie aus der Ueberſchwänglichkeit ihrer Gefühle in eine ſchönere Wirklichkeit zurückzu⸗ führen. Ja, wenn ſie Graf Askan gekannt hätte, wie ſie Reinhold kannte, dann würde es ihr leicht geworden ſein, mit vollen Segeln auf Unternehmungen zu gehen, die unter den Zweifeln über Askan's Gefühle nur ſanft und ſchonend berührt werden durften. Gewann Dora Bella die Ueberzeugung von Askan’ Liebe, ſo war ſie gerettet! Wer ſollte ihr dieſelbe aber beibringen, wenn er es verſchmähte, ſie geltend zu machen? Es war eine leidige Geſchichte und ſie wurde nicht anders, denn Dora Bella kam von ihrer Wallfahrt ſo ruhig, ſo liebenswürdig und ergebungsvoll zurück, daß es Niemand wagte, dieſe liebliche Schwärmerei mit harten Worten zu entheiligen. Wie geſagt, die Schwüle einer peinlichen Erwartung lag ſchwer auf 139 allen Gemüthern und hemmte jeden Ausbruch von Heiterkeit. Selbſt Antoniens Humor verlor ſeine friſche Fär⸗ bung. Sie hatte auch viel mehr Urſache zur Sorge als die Comteſſe. Reinhold war ſeit einigen Tagen abgereiſt. Wohin, das hatte er nicht beſtimmt geſagt, doch ließ ſich ver⸗ muthen, daß er es für gut befunden, ſeine eigenen Angelegenheiten mit dem Herrn van Lynkhuyſen hinter dem Freundſchaftsdienſt zu verſtecken, den er Fräulein Antonie van der Bruik zu erweiſen be⸗ fliſſen war. Nach der Prüfung der Bruik'ſchen Familienpapiere mußte Reinhold eingeſtehen, daß im Wege Rechtens nicht auf unbedingten Erfolg zu rechnen ſei. Es hing allerdings mehr vom guten Willen der Bruik'ſchen Erben ab, der Tochter ihres Bruders das Viertheil ihres Vermögens zukommen zu laſſen, da ihr Vater in ſeinem politiſchen Paroxysmus ſich zu Dingen ver⸗ ſtiegen, die ihn aus der Reihe der Lebenden geſtrichen. Um ſeine Verfolgung unmöglich zu machen, hatte man ihn als geſtorben im Vaterlande notificirt; danach hätte es ungeheuere Beweismittel gekoſtet, ſein Leben bis zu jenem Momente, wo ſeine Tochter als Erbin auftrat, feſtzuſtellen. Antoniens ſichere Vorausſetzun⸗ — gen erwieſen ſich als Chimäre und Reinhold fühlte ſich gedrungen, Antonie darüber aufzuklären. Freilich die Rechtlichkeit der Familie mußte ſtark in Zweifel gezogen werden, daß ſie, bei der Kenntniß der beſtehenden Verhältniſſe, zu Ausflüchten griff und die Ehe ihres Bruders als eine Mesalliance betrachtet wiſſen wollte, um ihre Ehre zu decken. Es kam dar⸗ auf an, dieſer ehrenwerthen Familie van der Bruik den Standpunkt klar zu machen, wo die Ehre aufhört und die Schurkerei beginnt. Reinhold hatte große Luſt, dies Amt zu übernehmen, nur mußte es ſein eigenes Schickſal auf keine Weiſe gefährden. Er beſchloß nach Dresden zu reiſen, um, mit der nöthigen Schlauheit ausgerüſtet, für Antonie zu wirken und nebenbei ſeine Stellung zu dem einflußreichen Lynkhuyſen zu prüfen. Reinhold reiſte mit dem Verſprechen ab, unverzüg⸗ lich nach der erſten Zuſammenkunft mit Lynkhuyſen Bericht zu erſtatten. Aber es waren Tage ſeitdem vergangen, ohne die betreffende Nachricht zu bringen. Nach vernünftiger Ueberlegung mußte Antonie dies Stillſchweigen für unheilverkündend anſehen. Entweder hatte Reinhold den Herrn nicht mehr in ſeiner Som⸗ merfriſche angetroffen, weil ſich des Herbſtes Nebel ſchon ſtark meldeten, oder Reinhold zog es vor, ſeine Hiobspoſten mündlich zu referiren. 141 Antonie öffnete endlich Klara ihr Herz und ſagte ihr, was zu fürchten ſei. Ueberall Wolken, überall Nebel, nirgends Sornerr⸗ ſchein; wenn es lieber tüchtig ſtürmen, donnern und blitzen wollte. Dies Warten auf Glück macht unglück⸗ licher als das herbſte Leid! Ja, ja! Das Glück hört auf für den Menſchen ein Glück zu ſein, wenn er darauf warten muß. Kommt es dann endlich an einem Tage, wo man es nicht mehr erwartet, ſo möchte man es ärgerlich fortweiſen. Die Freude darüber iſt ja längſt verloren gegangen und zweimal freut ſich der Menſch über nichts in der Welt. Klara tröſtete mitleidig, ſoviel ſie konnte. Sie dachte an den ſtillen Uebermuth Antoniens, an ihren liebenswürdigen Hochmuth, womit ſie ſich himmelan zu ſchwingen trachtete, ſie dachte an Dietrich, an die Pa⸗ rallele, die Antonie zwiſchen ſich und ihn gezogen. Gott Lob, daß ſie jetzt darüber lächeln konnte. Klara war eine Andere geworden ſeit dem Beſuche der Annenkapelle, aber ſie hütete ſich, dies dem kriti⸗ ſirenden Blicke Antoniens auszuſetzen. Es mußte jetzt Alles im Stillen reifen, kein Menſchenauge als das der Mutter durfte die Regungen belauſchen, die ſich in ihrer und in Dietrich's Bruſt entwickelten. Wenn er am Abend wie ein Dieb in die Hinterpforte des Gartens huſchte, dann ſtand Frau Horink mit dank⸗ erfülltem Herzen am Fenſter und ſah den Beiden nach, wie ſie ſchüchtern und doch ſo lieblich vertraut mit einander plauderten, wie ſie ſich mit ausbrechender Heiterkeit neckten und allerlei Scherze trieben. Kamen ſie dann endlich ins Stübchen, ſo glänzte zwar die reinſte und glücklichſte Liebe in ihren Augen, aber das Wort wurde dennoch nicht geſprochen, das ihr Bünd⸗ niß vor die Schranken der Oeffentlichkeit ziehen mußte. Sie liebten beide dies glückſelige innere Verſtändniß und wollten es noch nicht vor die Augen der Welt bringen. Wie viel ſchöner hatte ſich ihr Verhältniß 3 auf dieſe Weiſe geſtaltet! Frau Horink pries im Stil⸗ len Gott und alle Heiligen, daß es ſo gekommen war. Sie erwartete mit heimlicher Schadenfreude den Tag, wo Dietrich ſeinen ehrenwerthen Herrn Onkel Evers von dieſen heimlichen Umtrieben in Kenntniß ſetzen und ihm triumphirend das Ende ſeines Proceſſes verkün⸗ digen würde. Dora Bella verbrachte ihre Zeit nicht unthätig. Von den Zlicken ihrer Tante ängſtlich bewacht, berei⸗ tete ſie ihr großes Werk ſo heimlich vor, daß der alten Dame trotz Beobachtung ein Geheimniß blieb, was ſie eigentlich vorhatte. Wie ein Advocat wirthſchaftete ſie oben im Archive, 143 empfing dort oben die Referate Dietrich's über ſeine Verhandlungen mit dem Beſitzer der alten Burg und hatte längſt ihre Dispoſitionen getroffen, als Gräfin Eliſabeth noch immer auf einen eclatanten Beweis ihrer Schwärmerei hoffte. Die praktiſche Natur ihres jungen Geſchäftsträgers hatte längſt einen günſtigen Abſchluß erzielt, und die Burg mit den dazugehörigen zunächſt liegenden Terrains ſtanden der Kaufluſt Dora Bella's für einen verhältnißmäßig geringen Preis zu Gebote. Die vorläufigen Bauanſchläge eines tüchtigen Ingenieurs lagen längſt der Comteſſe zur Prüfung vor genug, es war längſt, längſt Alles vorbereitet und im Schloſſe ahnte kein Menſch etwas davon. Dar⸗ über wurde es Herbſt. Reinhold ließ nichts von ſich hören. Antonie fing an die Sache langweilig zu finden. Es hatten ſich zwei Parteien aus dem Perſonal der Schloßhöhe gebildet und Antonie gehörte ſeit der Zeit, wo Klara die Vertraute der Comteſſe geworden war und mit ihr im Bunde handelte, zur ſtillen Spionpar⸗ tei des Schloſſes, der die Gräfin Eliſabeth vorſtand und Volkmann ſeine Kräfte widmete. Antonie hielt ſich indeſſen nur bedingungsweiſe zu ihnen. Die ſanfte Unentſchloſſenheit der alten Dame ſagte ihr nicht zu. Sie verſchwendete ihre Worte nicht wieder, nachdem ſie die Erfahrung gemacht hatte, daß ſich die Gräfin hinter 144 die Kanonen zog, wenn ihre Ruhe und der Frieden um ſie her in Gefahr kam. Mit Volkmann konnte ſie überhaupt nichts anfangen, weil er ſich ſtets hinter diplomatiſcher Schweigſamkeit verſchanzte, wenn ſie ver⸗ langte, daß er reden ſollte. „Wir müſſen die Augen offen haben und die Ohren ſpitzen, mein gnädiges Fräulein“, ſagte er end⸗ lich eines Tages,„denn Comteſſe haben an den Herrn Vormund geſchrieben und ihren Stallmeiſter mit der Depeſche betraut. Wenn Gnaden gefälligſt einmal zu Fräulein Klara hinabgehen wollten, daſelbſt iſt geſtern dieſe Geſchichte ins Werk geſetzt.“ Antonie zögerte einen Augenblick, ehe ſie dem alten Diener eine Antwort gab. Ein gelinder Zorn über dieſe Anmuthung, die ihrer Stellung nicht angemeſſen war, flammte in ihr auf, danach erſtarb aber ſogleich ihr Verdruß und ſie gab der Gemüthlichkeit ſo viel Raum, um zu ſagen: „Wenn ſolche Depeſchen abgefaßt und abgegangen ſind, mein alter Herr, ſo iſt es zu ſpät, Nachforſchungen zu halten. Es iſt unſere Schuld, daß wir es nicht verhindert haben“, ſcherzte ſie, als ſie das verblüffte Geſicht des Alten bemerkte.„Ich dächte, wir wüßten, daß geſchehene Dinge nie zu ändern ſind.“ „Entſchuldigen Fräulein, daran hätten wir freilich 145 denken können!“ ſeufzte der alte Mann.„Wir werden ſchwach!“ „O noch nicht ganz! Wir haben noch immer ein vortreffliches Gedächtniß, und wenn wir, nicht ſo wun⸗ derlich wären, ſo könnten wir noch ſehr viel nützen!“ neckte ihn Antonie, die ſehr wohl bemerkte, daß ſie eine gute Stunde bei Volkmann getroffen hatte. „O ja, unſer Gedächtniß iſt noch gut“, gab er ſchmunzelnd zu. „Sie wiſſen gewiß noch ſehr viel von Dora Bella's Jugend zu erzählen.“ „Ei wohl!“ rief er, gleichſam entrüſtet über den Zweifel, der in Antoniens Worten lag. „Comteſſe war ſicherlich in ihrer Jugend ein recht eigenſinniges kleines Ding?“ fuhr Antonie mit dem Behagen eines Incquiſitors fort, der endlich eine Fährte gefunden hat, wo dem Menſchen beizukommen iſt. „Was denken Sie, gnädiges Fräulein!“ ſprach Volk⸗ mann nun in wirklicher Entrüſtung.„Dora Bella war das Licht unſeres Schloſſes, wie ein fröhliches Elfen⸗ kind wirthſchaftete ſie umher und brachte Leben in die Räume.“ „Dabei waren Graf Askan und Reinhold ihre Spielgefährten“, warf Antonie hin. „Nein, Graf Askan hatte Schloß Bärenberg ſchon Fritze, Schloß Bärenberg. III. 10 146 verlaſſen und Herr Reinhold wurde auf die Ritter⸗ ſchule gebracht, ehe Dora Bella geboren war.“ „Wenn die Comteſſe als Kind ihren ſtarken Wil⸗ len nicht geübt, ſo grenzt es ans Unglaubliche, was ſie jetzt darin leiſtet“, ſagte Antonie nachläſſig. Volkmann öffnete ſeinen Mund zur Gegenrede, hielt jedoch die Worte zurück und begnügte ſich, mit den Achſeln zu zucken. Antonie ſah, daß er etwas wußte, was Aufklärung geben könne. Sie wagte einen Verſuch, ihn zum Sprechen zu bringen. „Die erſte Veranlaſſung zu dieſem mächtigen Eigen⸗ willen hat Graf Askan gegeben, das weiß ich, denn die Comteſſe hat mir's ſelbſt geſtanden“, ſagte ſie kühl. „Er hat ſie beleidigt“, ſagte Volkmann ohne Ueber⸗ legung. „Ja! Doch die Sache liegt tiefer.“ „Sie war gewohnt, eine Hauptrolle im Schloſſe zu ſpielen“, ſeufzte der alte Mann, dem willenlos das Herz aufging. „Ja! Dora Bella fühlte ſich zurückgeſetzt!“ Volkmann nickte.„Gleich am erſten Abende merk⸗ ten wir es!“ flüſterte er. „Wäre ich im Schloſſe geweſen, ſo würde ich die Sache gleich zur Sprache gebracht haben.“ 147 „Das iſt's eben! Wir dachten uns wunder wie ſchlau—“ „Und ſchwiegen, ſtatt zu reden?“ „Freilich! Hätten wir's Exeellenz gleich mitgetheilt, daß Comteſſe ſich von der Familie Bärenberg ausge⸗ ſchloſſen fühlte, ſo würde ſich bald Alles ausgeglichen haben.“ „Wer hatte denn aber auch das arme junge Weſen mit der Sage oder vielmehr mit einer alten ver⸗ jährten Geſchichte des Hauſes bekannt gemacht?“ „Wer? NMit einer alten Geſchichte?“ fragte der alte Diener verwundert.„Wir nicht, wir nicht! Aber ich erinnere mich jetzt des Abends, wo Com⸗ teſſe nicht zur Familie Bärenberg gehören wollte— ja, ja— ſie ſagte damals, daß ſie die Tochter einer verhaßten Lichtberg ſei, der man mit Recht den Ruin der Bärenberg⸗Boſtett zuſchreibe. Das wird wohl zu der alten Geſchichte paſſen, von der Sie ſprechen, gnä⸗ diges Fräulein.“ „Mag ſein“, erwiderte Antonie, Gleichgültigkeit heuchelnd.„Sie haben doch nicht unterlaſſen, dieſe Aeußerung Excellenz zu hinterbringen?“. „Ja, das haben wir unterlaſſen“, ſagte Volkmann erſchrocken.„Aber wir haben tüchtig aufgepaßt.“ „Und trotz aller Aufpaſſerei die richtige Zeit ver⸗ 10* 148 ſäumt, lieber Alter“, meinte Antonie raſch.„Wären Sie ſo klug geweſen, dieſe Aeußerung Excellenz zu Ohren zu bringen, ſo hätten wir jetzt nicht nöthig, auf der Lauer zu liegen, und hätten Sie mir geſtern die Mit⸗ theilung gemacht, daß der Stallmeiſter als Kurier nach dem Hofmarſchall geſchickt werden ſollte, ſo wäre es vielleicht möglich geweſen, in der Sache etwas zu thun. Jetzt iſt's zu ſpät, alter Herr! Wir müſſen uns ins Unvermeidliche fügen. Comteſſe Dora Bella hat ihre Bomben und Granaten gefüllt; wenn ſie zerplatzen, ſo fliegen wir alle, alle in die Luft!“ Sie lachte, obwohl ihr Herz nicht von fröhlichen Gefühlen überfüllt war. „Sollten wir wirklich gefehlt haben?“ fragte Volk⸗ mann mit jämmerlicher Miene.„Wir dachten ſehr fein, ſehr diplomatiſch zu handeln—“ „Und verpaßten darüber Zeit und Gelegenheit“ ſchloß Antonie den Satz.„Tröſten Sie ſich! Das iſt ſchon feinern und gewiegtern Diplomaten ſo er⸗ gangen.“ Sie verließ den alten Diener und begab ſich un⸗ verweilt zu der Förſterei, wo ſie ihren Onkel Horink jetzt daheim wußte. Vor allen Dingen mußte ſie jetzt zu erforſchen ſuchen, was für Conflicte zwiſchen den 149 fürſtlich Lichtberg'ſchen Nachkommen und den Bären⸗ berg obgewaltet hatten. Hierin lag der Sporn zu Dora Bella's jetzigem Thun und Treiben. Vielleicht wäre es früherhin möglich geweſen, von der jungen Dame ſelbſt die Einzelnheiten der alten Geſchichte zu erfahren, aber für den Augenblick war dazu keine Ausſicht, deshalb zog ſie vor, mit ihrer Beredtſam⸗ keit das Erinnerungsvermögen des Förſters zu bom⸗ bardiren. 3 Es ſchien indeſſen ein Tag ſonderbarer Entdeckun⸗ gen zu ſein. Antonie fand den Förſter gar nicht über⸗ raſcht von ihren Mittheilungen. Sein ruhiges Lächeln verrieth, daß er zu den Vertrauten der Comteſſe gehöre, ſein Mienenſpiel beſagte, daß er in alle Pläne der⸗ ſelben eingeweiht ſei. Von Antonien beſtürmt, offenbarte er ihr ſo viel von der alten Geſchichte der Burg Boſtett, wie ſich durch Tradition im Munde des Volkes umtrieb. Er erzählte ihr ſomit, daß ein Graf Askan Bärenberg auf Boſtett ſeiner Gemahlin Anna ungetreu geweſen ſei, daß er ſeine Geliebte, eine Markgräfin aus dem Ge⸗ ſchlechte der Fürſten Lichtberg, aufs Schloß Boſtett ge⸗ bracht und verlangt habe, ſeine Ehegattin ſolle dieſer unterthan ſein. Danach habe die Gräfin Anna in wilder Empörung ihren Gatten verflucht und ihrer 150 Heiligen eine Kapelle gelobt, wenn ſie ihr helfen wolle, Rache zu üben. Es ſei der Gräfin Anna ihr Vorhaben gelungen und der Teufel habe ſeitdem in der Nähe der Burg in einer Höhle unter der neugebauten Ka⸗ pelle ſeine Wohnung aufgeſchlagen, um ſich der ver⸗ fluchten Seele des Grafen Askan zu bemächtigen, wenn er in ſeinen Sünden dahinfahren ſollte. Aber Gott und die Heiligen hätten den Grafen zur Erkenntniß ge⸗ bracht und hätten ſein Herz erweicht. Darüber er⸗ grimmt wäre der Teufel in ſeine Augen gefahren, ſo⸗ daß er blind geworden. Aber als er nun blind in die Heimat zurückgekommen, als er blind auf der Burg ſeiner Väter die Gattin um Vergebung angefleht, da ſei ihre ganze tiefe Liebe wieder erwacht und ſie habe ſchwere Büßungen über ſich genommen, wodurch es ihr endlich geglückt, die Macht des Teufels zu brechen und dem Gatten ein ſchwaches Augenlicht wieder zu ver⸗ ſchafften. Im Grimm über die erlittene Niederlage hätte ſich dann der Teufel aus ſeiner Höhle entfernt, vorher jedoch die Glocke der Annenkapelle, die allabend⸗ lich Frieden geläutet, in den Abgrund geſtürzt und die Felswand ſeiner Höhle zerſchmettert. Antonie hatte achtſam, wenn auch mit ſarkaſtiſchem Lächeln dieſer Erzählung gelauſcht. Sie fand keinen rechten Zuſammenhang zwiſchen den gegenwärtigen 151 Zeitereigniſſen und dem alten Aberglauben, ſelbſt wenn die Geliebte des damaligen Burgbeſitzers eine Ahnfrau der Comteſſe geweſen war. Was konnte Dora Bella dafür, daß dieſe Dame unziemliche Liebesgedanken ge⸗ hegt? Es gehörte nach ihrer Meinung eine ge⸗ waltige Albernheit dazu, ſich darüber Scrupel zu machen. Graf Harald hatte hinreichend durch ſeine Verheirathung mit einer fürſtlich Lichtberg'ſchen Urenke⸗ lin bewieſen, daß er auf abergläubiſche Thorheiten keine Rückſicht nahm. Antonie ſtand nicht an, ihre freiſinnigen Urtheile auszuſprechen und eine Wallfahrt zu jener vom Teufel geſtürzten Kapelle unter dieſen Umſtänden lächerlich zu finden. Der Förſter vertheidigte Dora Bella nicht, aber er ließ durchblicken, daß Entſchließungen von ſo großer Bedeutung immerhin einer religiöſen, alſo auch geheiligten Sammlung benöthigt wären. Seine Worte drückten eine hohe Verehrung für Dora Bella aus und er bat förmlich ſeine junge Verwandte, ihrem Hang zum Witz und Spott auf keine Weiſe nachzugeben, ſondern den Ernſt der opfervollen Handlung durch Ernſt zu ehren. „Was will denn Dora Bella thun?“ fragte Anto⸗ nie ungeduldig. „Sie will die Verwünſchungen der Grafen Askan⸗ 152 Bärenberg⸗Boſtett in Segen verwandeln“, antwortete der Förſter. „Das heißt?“ fragte Antonie, wenig von dieſer deutungsvollen Antwort befriedigt. „Was es heißt, wirſt Du Dir denken können, Toni. Auf welche Weiſe Dora Bella ihren Vorſatz auszufüh⸗ ren gedenkt, darf ich nicht voreilig enthüllen, alſo iſt es gerathen, jedes Geſpräch darüber abzubrechen. Du biſt zu ſchlau und ich bin zu ehrlich, um nicht bald am Ende zu ſein.“ Er nahm ſeine Büchſe von der Wand und warf ſie über die Schulter. Antonie lachte ihn herzlich an und ſchritt mit ihm zur Thür hinaus. „Aber ſag' mir nur das, Onkel, die Verwünſchun⸗ gen der Grafen Bärenberg⸗Boſtett können doch nicht fortdauern bis auf den heutigen Tag?“ fragte ſie raſch. „Nun“, meinte er zögernd,„nun, Comteſſe Dora Bella muß Erfahrungen gemacht haben, die eine ſolche Ueberzeugung hervorzurufen im Stande ſind.“ Er ſchüttelte Antonien die Hand und verlor ſich, gleichſam fliehend, im nächſten Waldwege. Antonie blieb ſinnend ſtehen. Sie dachte zurück an Volkmann's Andeutung, die genau zu dieſer Vermuthung paßte. „Sollte ich wirklich gezwungen werden, meiner 153 kleinen trotzigen Gebieterin Ehrfurcht zollen zu müſſen, weil ſie im Edelmuthe ihres Herzens Maßregeln er⸗ ſinnt, die ihres Vaters Wünſche erfüllen, ohne ihre Freiheit zu beſchränken? Wahrlich, es wäre eine ſeltene Erſcheinung, in dieſen höhern Geſellſchaftsre⸗ gionen einer derartig edeln Reſignation zu begegnen“, dachte ſie und ging langſam und gedankenſchwer dem Schloſſe zu. Ihr Blick wendete ſich bald dem Spielplatze zu, auf dem die Kinder ungehindert ihr Weſen trieben und laut lachten und lärmten. Willenlos von dem heitern Leben angezogen, blieb ſie ſtehen und ſchaute von fern zu. Sie wurde alsbald bemerkt, nicht allein von den Kindern, ſondern auch von dem Inſpector Prutz, der auf der andern Seite des Grasplatzes im Herbſtſonnen⸗ ſcheine ſpazieren ging. Antonie kam ihm wie gerufen, deshalb ſteuerte er mit eiligen Schritten auf ſie zu und begrüßte ſie ſchon von weitem mit ſo bezeichnender Artigkeit, daß ſie nicht umhin konnte, ſtehen zu bleiben. Sie that dies nicht ungern. Es kam ihr gelegen, auch die Meinung des Inſpectors zu hören, nachdem ſie von allen Seiten nichts hatte in Erfahrung bringen können, was ihr genügte. Danach richtete ſie denn auch ihre Begrüßung ein, als Herr Prutz ihr nahe gekommen war. Der 154 Mann ſah nicht gut aus. Seine gewöhnliche ſteife Würde, die ihm manche ſpöttiſche Bemerkung von An⸗ tonien eingebracht hatte, war einer Beweglichkeit gewi⸗ chen, die ſeine innern Befürchtungen hinlänglich ver⸗ rieth. Man ſah, daß er ſeine Exiſtenz gefährdet glaubte und daß er vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben daran dachte, was Gott ihm rückſichtlich ſeiner Kinder für Pflichten auferlegt hatte. „Großer Gott, mein Fräulein, was ſagen denn Sie zu alledem?“ rief er ihr zu. „Was meinen Sie, Herr Inſpector?“ fragte ſie ſehr ſorglos. Inſpector Prutz ſchaute faſt flehend zu ihr auf. „Fräulein“, bat er,„weshalb jetzt eine Maske? Warum ſollen wir nicht Freunde werden, da wir gleichzeitig gegen das Mißgeſchick ankämpfen müſſen? Sie können doch nicht leugnen, daß unſere Stellung in den näch⸗ ſten Tagen ſchon gänzlich hoffnungslos ſein kann.“ „So troſtlos bin ich nicht, Herr Inſpector. Dann müſſen Sie mehr von der Sache wiſſen als ich. Uebrigens hat mir die Art Ihrer frühern Behandlung ſo wenig Vertrauen eingeflößt, daß ich ſelbſt für den Augenblick noch nicht recht weiß, ob Sie in wirklicher Beſorgniß um Ihre und um meine Zukunft ſind oder ob Sie mir mit Ironie entgegentreten.“ — 155 „Fräulein, Sie verkennen, Sie verurtheilen mich ohne hinlänglichen Grund. Meine Ironie ſchirmt ſtets meine innere Wärme!“ „So? Dann waren Ihre ſpöttiſchen Ausfälle auf meinen niederländiſchen Adel alſo verſteckte Liebeserklä⸗ rungen?“ fragte Antonie lachend. Der Inſpector rieb etwas verlegen ſeine Hände in einander. „Was fürchten Sie denn eigentlich?“ fügte die junge Dame, einen vertraulichen Ton anſchlagend, hinzu. „Das fragen Sie? Das fragt die Vertraute, die Geſellſchaftsdame unſerer Comteſſe?“ „Diesmal zielen Sie vorbei, der Schuß fliegt fehl. Dort unten, die ſanftmüthige Klara dreht die Bolzen und befiedert die Pfeile, welche unſere Comteſſe ge⸗ braucht.“ „Was ſagen Sie? Klara? Nicht Ihnen vertraute die Comteſſe? Wohin wird das nicht endlich führen!“ „Ich habe Sie ſchon einmal gefragt, was eigent⸗ lich zu fürchten iſt?“ ſagte Antonie dringender und heftete voll Beſorgniß ihr Auge auf den Inſpector, deſſen Veränderung ihr immer ſichtlicher wurde. „Wenn ich erſt gewiß wüßte, was Comteſſe vorhat, ſo könnte ich vielleicht vorbeugen“, murmelte er.„Sagen * 156 Sie ſelbſt, was kann nicht eine thörichte Einbildung Alles zu Wege bringen! Daß die Comteſſe damit umgeht, Schloß Bärenberg an den Grafen Askan zu übergeben, liegt klar zu Tage, wozu ſonſt ein In⸗ ventariſiren, als ſolle eine Auseinanderſetzung er⸗ folgen—" „O, wenn Sie weiter nichts kümmert, lieber In⸗ ſpector“, unterbrach ihn Antonie ganz heiter.„Graf Askan wird als Ehrenmann dies Geſchenk der Groß⸗ muth nicht acceptiren. Verſtehen Sie mich! Nimmt er es, ſo iſt er gezwungen, einen Verſuch zu machen, die Be⸗ dingungen des Grafen Harald zu erfüllen, er muß um Comteſſe Dora Bella's Hand bitten, und es will mir ſcheinen, als wäre ihr Herz zu ſtark betheiligt, um dieſe Hand zurückzuweiſen.“ „Glauben Sie es nicht! Die Comteſſe haßt den Grafen Askan!“ „Wirklich? Was berechtigt Sie zu dieſem Ur⸗ theil?“ „Die unwillkürlichen und verrätheriſchen Worte der⸗ ſelben.“ „Wie lauteten dieſe? Nur ungefähr, lieber In⸗ ſpector.“ „Comteſſe äußerte mehrmals, daß ſie nicht eher ruhen wolle, bis ſie die Schmach ihres Stammes ge⸗ 157 löſcht und ihrem Haſſe genügt hätte. Geſtern ent⸗ ſchlüpften ihr die Worte, daß ſie etwas zu bereuen habe, aber ihr Vater ſolle mit ihr zufrieden ſein!“ „In dieſen Worten liegt die ganze Gefahr für uns, lieber Inſpector“, ſprach Antonie lebhaft ergriffen. „Dora Bella wird ein Kloſter ſtiften auf jener Burg, die von der Schmach ihres Stammes entheiligt iſt, Dora Bella wird den Schleier nehmen und dem Manne, welchen ihr Vater geliebt, welchen ihr Vater zum Erben beſtimmt hat, ihr irdiſches Gut über⸗ laſſen!“ Der Inſpector ſtand eine Weile wie betäubt. Dann wiederholte er mechaniſch:„Kloſter— Schleier neh⸗ men— Und was gedenken Sie zu thun?“ fragte er mit müdem, traurigem Tone. Antonie ſah ihn mit⸗ leidig an, legte die Hand auf ſeine Schulter und ſagte herzlich: „Ich gedenke die Zeit der Entwicklung mit feſter Zuverſicht auf Dora Bella's Herzensgüte abzuwarten, lieber Inſpector, und ich rathe Ihnen, mir nachzu⸗ ahmen. Glauben Sie denn wirklich, daß unſere Com⸗ teſſe jemals vergeſſen wird, daß Sie ihres Vaters treuer Beamter geweſen ſind? Und dann Ihre Kin⸗ der! Vergeſſen Sie denn ganz, daß dieſe Kinder Dora Bella's ſchönſte Lebensfreude ſind? Sehen Sie 158 dorthin, ſehen Sie in dieſen prächtigen, ſchönen Klei⸗ nen Ihre Fürſprecher im Himmel und auf Erden. Sie werden weder von Gott noch von Dora Bella verlaſſen werden!“ Der Inſpector holte erleichtert Athem. Er hoffte, daß es ſo ſein werde. Achtes Kapitel. 0 Der Geſellſchaftsſalon im Schloſſe ſchien jetzt ſeiner Beſtimmung zum Hohne da zu ſein. Er war immer leer. Der Flügel ſtand geſchloſſen, die Bildermap⸗ pen lagen in ſchönſter Ordnung, die Zeitſchriften blie⸗ ben ungeleſen und die neuen Literaturerzeugniſſe ver⸗ alteten, ohne aufgeſchnitten zu werden. Antonie unternahm von Zeit zu Zeit einen Streif⸗ zug dahin, warf ihre ZBlicke ſpöttiſch recognoscirend ringsum und flüchtete dann wieder in ihr hübſches Zimmer, wo ſie mindeſtens unbeobachtet Langeweile empfinden konnte. Dora Bella hatte in den letzten Wochen abends nie ihr Zimmer verlaſſen. Gräfin Eliſabeth genoß dieſen augenblicklichen Waffenſtillſtand im Kampfe der geſelligen Freuden mit 160 innerer Befriedigung und richtete ſich wieder behaglich zu einer ungeſtörten Abendruhe ein, welche ihrem ein⸗ ſamen Leben Bedürfniß geworden war. Antonie überlegte am Abend dieſes Tages, ob ſie nicht, allen Zerwürfniſſen zum Trotze, in den Salon gehen und muſiciren ſolle. Sie hatte die Kloſter⸗ ſtudien, wie ſie die jetzige Stimmung im Schloſſe lachend nannte, herzlich ſatt und ſehnte ſich nach einem friſchen, fröhlichen Worte oder nach einem heitern Muſik⸗ ſtücke. Entſchloſſen betrat ſie den Salon, der wie immer im hellen Lichtglanze ſtrahlte, obwohl er unbeſucht blieb. Sie traute kaum ihren Augen— da ſaß Dora Bella vor dem Büchertiſche, da ſaß ſie und blickte mit der gewöhnlichen zärtlichen Freundlichkeit der frühern Zeit ihr entgegen. „Ich habe Sie erwartet, Antonie“, ſagte ſie auf⸗ ſtehend.„Ich möchte mit Ihnen plaudern, ich möchte Ihnen recht viel erzählen, recht viel vertrauen und dann eine wichtige Frage an Sie richten! Haben Sie Luſt, mich zu hören?“ Antonie drückte ſtatt aller Antwort die kleinen zarten Hände des jungen Mädchens innig an ihre Lippen. Sie fühlte in dieſem Augenblicke, was ſie entbehrt hatte. „Che meine Entſchließungen nicht unwiderruflich ge⸗ macht waren, wollte ich mich Ihnen nicht anvertrauen.“ 161 „Sie fürchteten meinen Widerſpruch?“ fragte An⸗ tonie lächelnd. „Ja, und da ich handeln muß, wie ich gehandelt habe, ſo blieb mir nichts Anderes übrig, als gegen Sie und gegen Tante Eliſabeth zu ſchweigen, bis es zu ſpät zum Widerſpruch war.“ „Sehr weiſe von Ihnen! Nun bleiben uns nur noch Vorwürfe als Waffen!“ Dora Bella umfaßte Antoniens Hals und ſchmiegte ſich an ihre Bruſt. Ein Gefühl, viel heißer als Schweſterliebe, viel ſüßer als Freundſchaft, durchflutete Antoniens Bruſt. So muß die Liebe der Mutter für ihr liebliches Kind ſein, wenn es ſich hülfsbedürftig zu ihr wendet. Antonie hatte allen Humor, der in ihr wohnte, nöthig, um nicht ihrer innerlichen Auf⸗ regung zu erliegen, als Dora Bella flüſterte: „Ich habe recht ſchwere Tage verlebt, liebe Toni, recht trübe, ernſte Stunden!“ „Sie würden Ihnen weniger trübe erſchienen ſein, Dora Bella, wenn Sie mich ſtatt Klara zur Ver⸗ trauten gewählt. Eine heitere Weltanſchauung hilft beſſer tragen, und wer das Leben zu ſchwer nimmt, der vergiftet ſein Daſein.“ „Jetzt bin ich aber ſo froh und ſo leicht, als hätte Gott mich begnadigt! Ich habe einen Entſagungsaet Fritze, Schloß Bärenberg. III. 11 162 vollzogen, Antonie, einen Entſagungsact im Sinne meines lieben Papas, der ſeinen frühern Pflegeſohn Askan als Nachfolger im Stamme zu haben wünſchte. Sie werden ſich erinnern, daß ich darauf beſtand, meine Rechte als Tochter des Hauſes gewahrt zu ſehen. Es war kindiſch und thöricht von mir, zu glau⸗ ben, daß mein Papa dafür nicht geſorgt haben könne. Ich habe mein Vergehen wieder gut gemacht und in aller Form den Beſitz von Bärenberg mit ſeinen Reve⸗ nüen auf Graf Askan Bärenberg⸗Boſtett übertragen. Gunterek als Allodialgut verbleibt mir, ſolange ich lebe. Nach meinem Tode fällt es ebenfalls an Graf Askan. Aber, Antonie, in Gunterek leben konnte ich nicht. Im Thale wohnen? Nein, nein! Ich muß auf der Höhe leben und ſterben, deshalb habe ich mir durch Dietrich Haberhorſt's Vermittlung die alte Burg Boſtett kaufen laſſen und werde dort, wenn Alles ſchön und neu ausgebaut ſein wird, meinen Aufenthalt nehmen.“ „Alſo kein Kloſter dort gründen?“ fragte Antonie ruhig. Dora Bella ſah ſie verwundert an. „Ein Kloſter ſoll ich glünden? Wozu das?“ „Um heilig und fromm wie ein Engel zu leben!“ „Das kann ich ohne Kloſter, Toni“, ſcherzte die 3 163 Comteſſe.„Ich will heiter und geſellig leben, will Gutes thun und Liebe ſäen, damit ich Liebe ernte. Wollen Sie mir bei ſolchem Werk beiſtehen, Antonie? Wird es Ihnen dort ebenſo gut gefallen wie hier in dem weiten, fürſtlich eingerichteten Schloſſe?“ „Wo Sie weilen, da iſt meine Heimat, Dora Bella!“ ſprach Antonie ſichtlich bewegt. „Der Raum im Schloſſe dort iſt beengter wie hier, aber ich laſſe es nicht an Pracht und Bequemlichkeit fehlen. Und die Gegend iſt dort weit ſchöner, weit bedeutender als hier. Wir gewinnen an Ausſicht und an ſchönen Spaziergängen. Ein ſchmaler Bergpfad führt bergauf und bergab bis zu einer ſcharfen Ecke des Felſens, worauf die Burg ſteht. Sowie man dieſe Felsecke umſchreitet, ſteht man vor einem Pa⸗ radieſe. O Antonie, der menſchliche Geiſt würde er⸗ drückt von dieſer Erdenpracht, wenn er nicht Gott in ſeiner Schöpfung anbetete.“ „Wird es nicht einſam ſein in dieſem Paradieſe?“ fragte Antonie leicht ſcherzend, um die geſteigerte See⸗ lenſtimmung des jungen Mädchens zu dämpfen. „Ah, wir nehmen unſere Kinder mit, liebe Toni; der Inſpector wird mein Adminiſtrator, Gunterek wird dem Amtmann in Pacht gelaſſen, jedoch in vollſtän⸗ diger Trennung von Bärenberg. Will der Amtmann 11* 164 dies nicht, ſo verpachten wir es allein unter denſelben Fourragebedingungen, wie Bärenberg verpachtet wor⸗ den iſt.“ „Fourragebedingungen?“ fragte Antonie heiter. „Es iſt ein Reinhold'ſcher Ausdruck, eine Rein⸗ hold'ſche Erfindung“, berichtete Dora Bella,„und es ſoll ſo viel heißen, daß der Pachter die Verbindlichkeit unſerer Verpflegung übernimmt. Sie müſſen mit mir hin nach der Burg, Sie müſſen ſich mit eigenen Augen von der wundervollen Lage überzeugen und ich will Ihnen die Pläne des Baumeiſters klar zu machen ſuchen. Links vom Burgberge ſieht man in ein wun⸗ derbares Felſengeklüft, an deſſen äußerſter Spitze hängt oder ſchwebt eine alte Kapelle. Ihr Auge wird ſo⸗ gleich von dieſen Felſenriffen gefeſſelt werden; Sie werden ſogleich fühlen und begreifen, daß dieſe Kapelle nicht immer ſo wunderlich in der Schwebe gehangen haben kann, ſondern daß ſie bei einem Bergſturze ge⸗ fährdet und nur durch einen ſeltſamen Zufall gehalten worden iſt. Es exiſtirt auch eine Sage von dieſer Kapelle, Antonie. Ich glaube, daß ich Ihnen ſchon davon geſagt habe. Tante Eliſabeth hat die alten Schriften entziffert, wir wollen das Manuſcript ſpäter⸗ hin, wenn wir erſt dort hauſen, leſen. Aus dieſer Ge⸗ ſchichte habe ich eines Tages gelernt, daß Haß und — 165 Liebe in einer Menſchenbruſt zum Himmel und zur Hölle führen kann.“ Antonie hatte wohlweislich die Rede der Comteſſe mit keiner Silbe unterbrochen, um endlich Alles zu er⸗ fahren, was ſie bewegte. Als dieſe ſchwieg, ſagte ſie abweichend: „Haben Sie aber an Ihre Tante Eliſabeth ge⸗ dacht bei Ihren Einrichtungen? Wird dieſe Dame gern den glänzenden Comfort ihrer jetzigen Wohnung mit alterthümlichen Gemächern vertauſchen, auch wenn der Firniß der Neuzeit ſie überkleidet hat?“ „Tante Eliſabeth bleibt hier!“ entgegnete die Com⸗ teſſe ſehr beſtimmt.„Sie gehört ja zur Familie!“ „Gehören Sie nicht zur Familie?“ fragte Antonie, von den mannichfachen Aeußerungen, die ſie den Tag über geſammelt, auf den richtigen Weg geleitet. „Nein, Antonie! Ich bin die Tochter einer Dame, die aus dem fürſtlich Lichtberg'ſchen Hauſe ſtammt; um dieſer Heirath willen iſt ein langjähriges Zerwürfniß zwiſchen Askan's Vater und meinem Vater eingetreten, das erſt durch den Tod meiner Mutter und durch den Tod ſeines Vaters beſeitigt worden iſt. Von meinen Vorältern ſoll der gänzliche Ruin, die Verarmung der Askan herrühren, mein Vater hat dies nicht bedacht, als er meine liebe Mama zur Gattin erkor. Er hat 166 meine liebe Mama ſehr, ſehr lieb gehabt und eine Vergeltung in ihrer Liebe gefunden, als er Askan dieſer Ehe wegen entbehren mußte.“ „Wie kann man aber ſo thöricht ſein und alter, lange vergeſſener Geſchichten halber ſeine beſten und edelſten Gefühle verleugnen!“ rief Antonie entrüſtet. „Askan's Vater muß ein wildes, jähzorniges Ge⸗ müth gehabt haben“, meinte Dora Bella traurig. „Mein lieber Papa hat nie aufgehört, ſeinen Pflege⸗ ſohn zu lieben und zu unterſtützen. Als meine Mutter geſtorben war, iſt die Idee; ihn zum Erben einzuſetzen, wahrſcheinlich lebhaft wieder aufgetaucht und ſein Te⸗ ſtament beweiſt es ja, daß er einen Ausweg in einer Verheirathung mit mir gefunden hat.“ „Wäre dies nicht der beſte Ausweg, meine theure Comteſſe?“ wagte Antonie zu ſagen. Dora Bella blickte gleichgültig in ihr Auge. „Nein, das geht nicht!“ ſagte ſie entſchieden. „Warum geht es nicht?“ fragte Antonie dringend und faßte ſie ſcharf ins Auge. „Weil wir uns feindlich gegenüber ſtehen!“ „Sind Sie deſſen ſicher, Dora Bella?“ „Ja!“ rief dieſe ſo beſtimmt, daß nun jede For⸗ ſchung eine Unbeſcheidenheit geweſen wäre.„Wie ich die Sachen geordnet habe, iſt es beſſer für Graf Askan 167 und für mich. Mein Vater hätte dies gewiß gut ge⸗ heißen, wenn mir früher die Gelegenheit geboten gewe⸗ ſen wäre, ihm den Vorſchlag zu machen. Sein Teſta⸗ ment bleibt in Kraft, nur daß ich aus der Familie ſcheide und durch meinen freiwilligen Rücktritt dem Grafen Askan Genugthuung für früheres Verſchulden meines Stammes gebe. Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet iſt der romantiſche Fluch ſeines Vaters vernichtet.“ „Wie ſonderbar mir dies Alles erſcheint“, warf An⸗ tonie ungeduldig ein.„Sind denr hier die Aufklä⸗ rungen des Jahrhunderts ſpurlos vorübergezogen, oder gefällt ſich nur Ihr poetiſches Gemüth darin, alte Spukgeſchichten aufzuwärmen?“ „Sie haben Recht, mich zu tadeln, aber Sie ändern damit nichts! Was reif in mir geworden, iſt es durch Rückblicke in eine romantiſche Vergangenheit.“ „Sie ſollten fort, in die Welt hinaus, um ſich von dieſen idealen Weltanſchauungen zu kuriren!“ „Vergebene Bemühungen, Toni! Ich bleibe hier! Meine Welt iſt hier!“ „Und doch wollen Sie dieſen Schauplatz verlaſſen, um in ein ödes Schloß zu ziehen?“ „O, meine Erinnerungen nehme ich mit und mache mich dort in Boſtett damit heimiſch.“ 168 „Wie kann man ſo liebenswürdig eigenſinnig ſein!“ „Sie nennen Eigenſinn, was eine Nothwendig⸗ keit iſt.“ „Sind Sie ſicher, daß Ihre Pläne von Ihrem Vormunde genehmigt werden?“ „Von meinem Vormunde genehmigt?“ wiederholte die Comteſſe mit ſtolzem Lächeln.„Ich habe nur eine Genehmigung ſolcher Pläne von Sr. Majeſtät zu er⸗ bitten. Mein Vormund iſt mein Beiſtand, aber nicht mein Vorgeſetzter. Der Hofmarſchall wird in den nächſten Tagen eintreffen. Ich habe vorläufig meine Anordnungen getroffen; wenn jer kommt, wird das Werk vollendet, indem wir zuſammenwirkend die Ge⸗ nehmigung des Königs nachſuchen. Der Förſter Horink wird unſer Botſchafter ſein, wie er der meines ſeligen Vaters geweſen iſt, als die Genehmigung des Teſta⸗ ments nöthig war.“ „Haben Sie wohl bedacht, daß Sie bei dieſem Arrangement die eigene Macht ſchmälern und daß Ihr ſpäterer Gatte nicht ganz zufrieden ſein dürfte, wenn er ſich des beſten Theils Ihrer Beſitzungen beraubt ſähe?“— „Mein ſpäterer Gatte?“ wiederholte die Comteſſe komiſch verwundert.„Sollten Sie auch der Meinung ſein, daß Reinhold's Artigkeiten den Zweck hätten, eine 5 8 4 169 Verbindung zwiſchen uns herzuſtellen? Nein, Antonie, ich werde niemals heirathen!“ „Eine Phraſe, die man von allen achtzehnjährigen Mädchen hört! Späterhin denkt man anders! Haben Sie Ihre Tante ſchon von Ihren Plänen für die Zu⸗ kunft in Kenntniß geſetzt?“ „Nein. Das überlaſſe ich dem Hofmarſchall! So wie ich ihn kenne, wird der ſteife Hofherr ſich bei ſeiner Ankunft im Schloſſe gar nicht um das Kind, welches ſeiner väterlichen Obhut anvertraut iſt, küm⸗ mern, ſondern er wird der Gräfin Eliſabeth die Auf⸗ wartung machen, um mit ihr die Strafpredigt zu über⸗ legen, die mir für mein geſetz⸗ und anſtandswidriges Betragen zu halten iſt. Dabei erfährt ſie dann, was ſie wenig beläſtigen und beunruhigen wird.“ „Aus Ihren Worten leuchtet hervor, daß Sie ſich der Liebe Ihrer Tante nicht erfreuen, liebe Comteſſe.“ „O ja, ſie liebt mich, aber ſie liebt Askan mehr als mich!“ Es klang eine tiefe Bitterkeit aus dieſen Worten.„Tante Eliſabeth hat ſich in der Welt ſo eingerichtet, daß man ſie überall gern ſieht und daß man ſie ebenſo gut entbehren kann.“ „Glauben Sie, daß es ohne Sturm abgehen wird?“ fragte Antonie mit wiederkehrender Laune. „Weder ohne Sturm, noch ohne Thränen! Darauf 170 müſſen wir gefaßt ſein, liebe Antonie. Habe ich jedoch den Sieg errungen, ſo glänzt der Sonnenſchein des Glücks. Eine Bedingung wird freilich dieſe Glückſeligkeit trüben, allein meine Tante muß und wird ſich in eine kleine Entbehrung fügen lernen. Ich werde nämlich mit demſelben Rechte, wie ſein Vater ſchwor, daß Askan nicht einen Fuß über des Schloſſes Schwelle ſetzen dürfe, ſolange eine vom Stamme Lichtberg darinnen hauſe, verlangen, daß As⸗ kan fern von Bärenberg bleibe, bis ich das Schloß verlaſſen habe.“ „Das ſcheint mir hart, Comteſſe!“ „Nur gerecht, nur conſequent!“ „Comteſſe, mir graut vor Ihnen!“ rief Antonie mit komiſchem Pathos. „Dann darf ich wohl nicht auf Sie rechnen bei meinen Zukunftsträumen?“ „O ja! Ich ſtehe treu zu Ihnen! Trotzdem mein Rath von Ihnen verſchmäht iſt, werde ich durch die That bewesiſen, wie unausſprechlich lieb Sie mir ſind! Aber ich bitte ſchon im voraus um Abſolution für Alles, was ich eines Tages in meiner Liebe für Sie ſündigen könnte.“ Dora Bella wahrte ſich gegen jeden Eingriff in ihre Pläne, Antonie betheuerte ſcherzhaft ihren Reſpekt 171 vor der Weisheit dieſer Pläne; die Unterhaltung be⸗ gann ſehr lebhaft zu werden, bald heiter und fröhlich, bald innig und ſinnig. Der Abend verflog raſch, die Nacht war angebrochen, als ſich die beiden Damen, zufrieden mit ſich ſelbſt und mit einander, trennten. Beim Scheiden fand Antonie zu ihrer Verwun⸗ derung ſo viel ideale und romantiſche Gedanken in ſich vor, daß ſie beſchloß, dergleiche Zuſammenkünfte nicht zu oft zu ſuchen, da ſie ſich einer Anſteckung ausſetze und für ihre Weltſtellung mehr kaltes Blut nöthig habe als Dora Bella. Befriedigt legte ſie ſich indeß zur Ruhe nieder. Der Mond ſtreute ſein Silberlicht auf ihre weiße Decke, während ſie ruhig lag und überlegte. Holde Träume ſchlichen endlich in ihre müde Seele. Dora Bella's Geſchick hatte ſie wachend beſchäftigt, es trat dieſe Sorge mit hinüber in das Reich der Phantaſien. Was ihr unklar vorgeſchwebt, entrollte ſich im Gebilde des Schlafes und gab ihr die Richtſchnur für ihre Hand⸗ lungen. Eine Gefahr wog die andere auf, der Wechſel von Hoffnung und Befürchtung trieb ſie auf eine Bahn, wo mindeſtens durch Offenherzigkeit ein ſicheres Reſultat zu erlangen ſein würde. Mitten im Schwanken des Traums und der Wirk⸗ 172 lichkeit, worin ſie halb entſchlummert wie auf wogen⸗ den Meereswellen ſchaukelte, ertönte ein Poſthorn. Antonie ſchrak auf und richtete ſich in die Höhe. Hatte ſie denn ſchon geſchlafen? Bewahre! Sie hatte ja gedacht und überlegt! Wieder ertönte das Poſt⸗ horn. Es kam näher. „Der Hofmarſchall!“ ſſeufzte Antonie und blickte ſchlummerſüchtig auf die weiße Decke mit ihren Mond⸗ bildern. Ihre Augen fielen zu, während ſie daran dachte, daß es der Anſtand wohl erfordern möchte, ihm die Honneurs zu machen. Ihr letzter Gedanke war:„Ehe der Hofmarſchall zu Gräfin Eliſabeth geht, muß ich Audienz bei ihm ſuchen.“ Antonie ſchlief ein. In ihrem Schlummer ver⸗ miſchten ſich alle die Erlebniſſe der letzten Zeit mit den Erwartungen der Zukunft. Verworren wogten die Erſcheinungen vor ihrer Seele und beunruhigten ſie, bis ſich ein Funken im Hintergrunde ihrer Wahn⸗ gebilde entzündete und zur Flamme anwachſend ein ſtrahlendes Licht vor ihren Blicken ausbreitete. Darüber waren ihr die Stunden der Nacht verfloſſen. Je leb⸗ hafter ſie geträumt, deſto feſter hatte ſie geſchlafen, und als das formenloſe Chaos vor ihr endlich von dem Glanze des prachtvollen Lichts durchleuchtet 173 wurde, da kehrte ihr Geiſt in die Regionen der Wirk⸗ lichkeit zurück. Ihre Gedanken nahmen feſte Form und Geſtalt an, aber ihr Gedächtniß, ihr Erinnerungsvermögen ſchlummerte noch. Schließlich zerrann auch der Nebel, der dieſe Geiſteskraft umhüllte, ſie öffnete die Augen und erkannte zu ihrem grenzenloſen Erſtaunen, daß nicht mehr der Silberſchein des Mondes, ſondern der Goldſchein der Sonne ihr Lager mit Blendlichtern be⸗ ſtreute. Raſch erhob ſich die Langſchläferin und griff zur Klingel. Lachend erſchien die Zofe mit dem Kaffee. Eine einzige Frage genügte, um Antonie zu überzeu⸗ gen, daß ſie im wirren Schlafe beinahe die Zeit ver⸗ ſäumt habe, die ihr zum Handeln blieb. Sie fragte die Dienerin, ob der Hofmarſchall in der Nacht an⸗ gekommen ſei. Die Antwort lautete bejahend. Sie fragte, ob der Hofmarſchall im Kurfürſtenzimmer logire, ob er ſchon aufgeſtanden wäre, ob er der Gräfin Eliſabeth auch noch nicht die Aufwartung gemacht hätte. Als ſie von Allem unterrichtet war, was ſie wiſſen wollte, entließ ſie die Dienerin, um unbeobachtet ihren Entſchluß ins Werk zu ſetzen. Sie hatte es ge⸗ lernt, ſich ſchnell und ohne Hülfe anzukleiden. In kurzer Zeit ſtand ſie fertig vor ihrem Spiegel, einfach 174 und elegant, wie es ein Beſuch bei dem anſpruchs⸗ vollen Hofcavalier erforderte, und wunderhübſch in der Friſche ihrer Jugend und in der Belebung durch ihren Geiſt. Nun vorwärts! Antonie hatte im Sinn, unan⸗ gemeldet und ohne Aufſehen in das Zimmer des ſehr ceremoniöſen alten Herrn zu dringen, um der mög⸗ lichen Gefahr zu entgehen, abgewieſen zu werden. Geräuſchlos durchſchritt ſie den Corridor. Niemand begegnete ihr. So gelangte ſie in den andern Flügel des Schloſſes und ſtand mit einigem Herzklopfen ſtill, als ſie bei der Thür des Kurfürſtenzimmers angekom⸗ men war. Sie klopfte. Der Hofmarſchall mußte der Thür ſehr nahe geſtanden haben, denn er rief„Herein!“ und öffnete in demſelben Momente. Geſpannt, nicht gerade angenehm überraſcht, hing ſein Blick an der Dame, die ſich auf ſo ungewöhnliche Art bei ihm einzuführen ſuchte, doch trat er artig zu⸗ rück und lud Antonie zum Nähertreten ein.. Selbſtbewußt, etwas ſtolz, aber dennoch beſcheiden, folgte die junge Dame ſeiner Einladung und wen⸗ dete ſich, nach dem Schließen der Thür, ſehr ſicher ihm zu. „Sie werden meinen frühen Beſuch verzeihen, gnä⸗ 175 diger Herr; ich fühle ſehr gut, wie gewagt er iſt, aber mich treibt die Nothwendigkeit zu Ihnen.“ „Die Geſellſchafterin der Comteſſe, wenn ich nicht irre?“ warf der Hofmarſchall fragend ein und bat ſie, abermals ſtumm und nur durch eine Handbewegung, Platz zu nehmen. Antonie zog es vor, ſtehen zu bleiben. „Haben Sie ein beſonderes Anliegen, eine Bitte an mich, Fräulein?“ fragte der Herr dann mit einem An⸗ fluge von Mißmuth.„Ich bin preſſirt—“ „Ich auch, mein Herr Hofmarſchall“, ſagte Antonie keck und zuverſichtlich.„Wollen Sie mich gefälligſt, ohne irgend eine Unterbrechung, anhören, ſo werden wir beide nicht nöthig haben, unſere koſtbare Zeit zu verſchwenden.“ Mißbilligend muſterte der Hofcavalier die junge Dame, die eine ſo beſtimmte Redeweiſe gegen ihn in Anwendung brachte. Eine Bittende war ſie nicht, ſo viel ſagte ihm ſeine kurze Ueberlegung. Wieder durch eine ſtumme Geberde forderte er ſie auf, zu reden, und lehnte ſich, mit dem beſten Vorſatze, ſie nicht zu unter⸗ brechen, in die Fenſterwölbung. Antonie lächelte. Sie begann ohne Einleitung in kurzer, bündiger Manier von den Verhältniſſen im Schloſſe, von Dora Bella's Gerechtſamen, von ihren Eigenſchaften zu reden. 176 „Was ſoll mir das? Wozu dieſe Auseinander⸗ ſetzungen?“ fuhr der Hofmarſchall dazwiſchen. „Sie haben mir erlaubt zu reden und ich habe Sie im voraus gebeten, mich durch kritiſirende Bemerkun⸗ gen nicht aufzuhalten in meinem Referate“, antworteſte Antonie höchſt kaltblütig.„Nicht zu meinem Vortheile wagte ich um dieſen Vortrag zu bitten, ſondern um Ihres Amtes willen, das Sie zum väterlichen Freunde meiner theuren Comteſſe macht. Nach meiner feſten Ueber⸗ zeugung hat Comteſſe Dora Bella in einer Mißdeutung ihrer Gefühle die Arrangements getroffen, welche Sie jetzt herführen, mein gnädiger Herr.“ „Darüber bin ich auch außer allem Zweifel, mein Fräulein, und es bedurfte Ihrer Einmiſchung nicht, um mich zur Anwendung der äußerſten Mittel aufzu⸗ fordern, die dergleichen thörichten, kindiſchen Ent⸗ ſchließungen entgegen zu arbeiten vermögen.“ Antonie erhob abwehrend die Hand. „Sie kennen Comteſſe Dora Bella nicht!“ rief ſie warnend.„Sie haben keine Mittel in der Hand, um ſie zu zwingen, und Ihre Ueberredungskunſt würde wie Wellenſchaum am Felſen zerrinnen.“ „Was berechtigt Sie, ſich in dieſe Angelegenheit zu miſchen?“ fragte der alte Herr herriſch, einen Schritt vortretend. 177 „Meine Liebe für Dora Bella berechtigi mich, mein Herr!“ antwortete Antonie. „Sie ſcheinen Ihre Stellung im Schloſſe bedeutend überſchritten zu haben!“ war ſeine hohnvolle Erwi⸗ derung. „Verlangen es die Umſtände, ſo bin ich bereit, dieſe Stellung ſofort aufzugeben und das Schloß zu ver⸗ laſſen“, ſagte die junge Dame ſehr ſtolz.„Bevor ich jedoch zu ſolchen Schritten mich bereit erkläre, will ich das Glück des Weſens, welches mir jetzt das theuerſte auf Gottes Erdboden geworden iſt, ſicher zu ſtellen ſuchen.“ Der Hofmarſchall, ergriffen von der tiefen, ernſten Empfindung, die ſich in der Antwort Antoniens aus⸗ drückte, trat wieder zurück und nahm mit ironiſcher Reſignation ſeine vorige Stellung ein. „Sprechen Sie!“ befahl er mit erzwungener Faſſung. „Ich will Geduld üben!“ „Es wird nicht viel Geduld nöthig ſein“, meinte Antonie gelaſſen.„Meine Wahrnehmungen haben mir eine Anſicht von den obwaltenden Verhältniſſen ver⸗ ſchafft, die ich Ihrer Discretion, Ihrem ſtets bewieſe⸗ nen Zartgefühl anvertrauen möchte, um Sie zu bitten, dieſer Anſicht gemäß zu handeln.“ „Laſſen Sie hören“, warf der Hofmann, beſänftigt von der eingeſtreuten Lobeserhebung, ein. Fritze, Schloß Bärenberg. III. 12 178 Antonie zögerte eine Sekunde, dann ſprach ſie in ſichtlicher Bewegung:„Mein gnädiger Herr, ich wage zu behaupten, daß in Dora Bella eine tiefe Liebe zum Grafen Askan ruht, die ihr ganz unbewußt geblieben iſt, weil Graf Askan ihr nicht die Aufmerkſamkeit be⸗ wieſen hat, die nöthig zu ſein ſcheint, ein weibliches Herz auf ſein eigenes Gefühl zurückzuleiten.“ Der Hofmarſchall ſtrich mit dem Mienenſpiel eines Erwachenden über ſeine Stirn, ſagte aber höflich kalt: „Sie behaupten etwas Sonderbares!“ „Wenn es meine Zeit erlaubte, würde ich die klei⸗ nen Beweiſe für meine Behauptung anführen, ſo aber muß ich mich darauf beſchränken, zu wiederholen, daß Graf Askan's Benehmen nicht im Stande geweſen iſt, dieſe Neigung zur Blüte zu bringen. Aus Allem, was ich wahrzunehmen Gelegenheit hatte, geht her⸗ vor, daß Dora Bella gleich im Beginne ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit Graf Askan ſchwer von ihm verletzt worden und daß von ſeiten ihrer Verwandten nichts geſchehen iſt, um den Groll des kindlichen Gemüths zu beſeitigen und ihr Vertrauen wieder zu ſtärken. Dazu kommt, daß die Comteſſe zur Kenntniß einer alten Familientra⸗ dition gelangt iſt, die im Einklang mit der Enthüllung des Grundes, weshalb Graf Askan vor Jahren der Erziehung Sr. Excellenz entzogen worden war, ein 179 Gemiſch von Gefühlen in ihr wach gerufen hat, wohl fähig, ein ſo zart empfindendes, von Liebe verwöhntes, empfängliches Weſen wie unſere Comteſſe zu allerlei phantaſtiſchen Anſchauungen zu bringen.“— „Wer hat der Comteſſe die alten Geſchichten ent⸗ hüllt?“ fragte der Hofmarſchall ſcharf. „Daß weiß ich nicht! Ich hatte damals noch nicht die Ehre, im Schloſſe zu fungiren“, antwortete Antonie ihn hell anblickend.„Was ich erfahren habe, mein Herr, das verdanke ich ganz unverfänglichen Bemer⸗ kungen einiger Perſonen, die der Comteſſe ſtets nahe geſtanden, zum Beiſpiel dem guten alten Volkmann, der Ihnen gern daſſelbe wiederholen wird, was er mir rückſichtlich des erſten Abends, den Graf Askan hier im Schloſſe zugebracht, mitgetheilt hat. Es herrſchte in der Comteſſe eine gewiſſe Erbitterung, ein trotziger Groll, der ſie anleitete, ſich als Tochter des Hauſes geltend zu machen, und der ſie jetzt verführt, ſich ge⸗ wiſſermaßen von der Familie Bärenberg zu trennen, da ſie als ein Sprößling der Familie Lichtberg ſich mit Nichtachtung bedroht glaubt. Tief im Innern regt ſich jedoch eine Stimme der Güte und Liebe; ihres Vaters Wort ſoll heilig gehalten werden; ſie will gleichzeitig die Schmach ihrer Ahnfrau entſühnen, die am Ruin der Boſtetter Bärenberg ſchuld geweſen; 12* 180 ihr weiches Herz fühlt die Täuſchung der Hoffnungen, womit Graf Askan ſeinen frühern Anſprüchen wieder⸗ gegeben war, genug, ſie legt ſich ein Opfer auf und ſteigert ihre Gewiſſenhaftigkeit bis zur Selbſtqual. Ueber Allem aber ſchwebt ein verſöhnender Engel, wenn Graf Askan ſich ſeines Stolzes entkleiden könnte. Ich hege die Vermuthung, daß auch er unſere Com⸗ teſſe nicht gleichgültig betrachtet, daß aber die ſchroffe Erklärung der Comteſſe, ihre Rechte auf alle Fälle geltend machen zu wollen, ſeine jetzige Handlungsweiſe regelt. Nur Sie können hier vermittelnd einwirken, mein gnädiger Herr, nur Ihrem bekannten Zartgefühl durfte ich eine ſo delicate Angelegenheit vertrauen, nur Ihrer Gewandtheit kann es glücken, einen Weg anzubahnen, der Graf Askan auf Dora Bella's Miß⸗ deutungen ſeines Benehmens aufmerkſam macht.“ Antonie wollte nach den letzten Worten mit kurzem Gruße ſich ſchnell entfernen. Der Hofmarſchall hinderte ſie daran. Die Theilnahmloſigkeit ſeines Weſens hatte ſich nach und nach verloren, ſein kaltes Auge hatte ſich belebt und ein Strahl von Güte hatte ſein Geſicht vergeiſtigt. Er ergriff des jungen Mädchens Hand. „Sie eröffnen mir eine Ausſicht auf ein ſchweres Tagewerk, wenn Sie recht beobachtet haben, mein 181 Fräulein. Darf ich auf Ihre Mitwirkung zählen, im Falle es mir zu ſchwer werden ſollte?“ „Ja, Herr Hofmarſchall! Was die Liebe für meine Comteſſe mir geboten hat, zu beginnen, das ſoll die Liebe zu ihr auch durchführen helfen!“ „Würde mir Gräfin Eliſabeth nicht auch hülfreich beiſtehen können?“ „Nein! Sie iſt zu geiſtesbequem, ſonſt wäre es nicht mit der Comteſſe dahin gekommen.“ „Wem unter den Beamten dürfte ich unbedingt vertrauen?“ „Dem Förſter Horink, ſonſt Niemand!“ „Ahnt Gräfin Eliſabeth nichts von den innern gewaltſamen Regungen der Comteſſe?“ „Es iſt ihr unbequem, davon Notiz zu nehmen, ſonſt hätte meine flüchtige Warnung wohl Erfolg gehabt. Im ganzen Schloſſe ſind Sie der Einzige, der ſich der Sache annehmen kann und darf; nur muß es äußerſt vorſichtig geſchehen, damit der Argwohn der Comteſſe nicht geweckt wird und eine ſpätere, wünſchenswerthe Annäherung des jungen Grafen ihr nicht herbeige⸗ führt erſcheint.“ „Wohl wahr, wohl wahr!“ murmelte der Hofcava⸗ lier, der, unter Intriguen alt geworden, dennoch nie⸗ mals eine ſo ſchwierige Sache unter den Händen 182 gehabt hatte.„Würden wir nicht gut thun“, begann er nach einem kurzen Nachdenken,„wenn wir Herrn von Leſſel theilweiſe ins Geheimniß zögen?“ Antonie zuckte die Achſeln.„Das muß ich Ihnen überlaſſen, Herr Hofmarſchall!“ „Schade, daß ich nicht davon unterrichtet geweſen— aber, nein, unſer Graf Askan iſt nicht der Mann, der einen Reinhold von Leſſel zum Vertrauten ſolcher Her⸗ zensgeheimniſſe gemacht hätte. Leſſel wußte auch nichts, ſonſt würde er ſich in ſeinem Erſtaunen über Dora Bella's Entſchluß verrathen haben.“ „Verrathen haben?“ dachte Antonie.„Weiß über⸗ haupt Herr von Leſſel ſchon das Nähere dieſes Er⸗ eigniſſes?“ fragte ſie. „Freilich! Ich habe ihm die ganze Geſchichte un⸗ terwegs mitgetheilt, er iſt ja unſer Rechtsbeiſtand, durch ſeine Hände muß Alles gehen, was gültig für die Comteſſe werden ſoll. Sie ſehen mich ſo befremdet an?“ „Wo trafen Sie Herrn von Leſſel?“ fragte An⸗ tonie, mühſam ſich beherrſchend, denn ihr ganzes Sy⸗ ſtem von Zukunftsplänen brach bei der Wahrnehmung zuſammen, daß ſich Reinhold in der Nähe aufgehalten haben könne, ohne ihr Nachricht davon zu ertheilen. „In dem Städtchen dort an der Eiſenbahn; ich nahm ihn mit hierher!“ 183 „Er iſt hier?“ fragte Antonie. Ihre Beſonnenheit verließ ſie. Raſch wechſelte ſie die Farbe. Der Hofmarſchall lächelte ein wenig. „Ja, ja! Er iſt mit mir in der Nacht hier ein⸗ getroffen und ich glaube am klügſten zu handeln, wenn ich den Grafen Askan unter dem Vorwande einer nöthigen Berathung ebenfalls herbeordere. Ich rechne auf Sie, mein Fräulein!“ Antonie verneigte ſich und verließ ihn. Ob ſie in dieſem Momente einer Entſcheidung, die ihre Zukunft betraf, noch einen einzigen Gedanken für Comteſſe Dora Bella's Glück oder Unglück hatte, muß unerklärt bleiben. Je kühner ſich ihr Geiſt für das Glück Anderer in die Schranken ſtellte, deſto muthloſer ging ſie ihrem eigenen Schickſale entgegen. Neuntes Kapitel. Eine Stunde ſpäter ſtand Antonie im Geſellſchafts⸗ ſalon Herrn Reinhold gegenüber. Heiterkeit thronte auf ihrer Stirn und Muthwillen lachte aus ihren Augen. „Endlich! Endlich!“ ſagte ſie mit einem Ausdrucke, der zwiſchen Scherz und Rührung ſchwankte.„Warum haben Sie mir nicht geſchrieben, wie wir verabredet hatten? Iſt das recht von Ihnen?“ „Was iſt das geſchriebene Wort, theure Antonie!“ erwiderte der junge Mann, ebenfalls nicht ganz ſeiner Stimmung ſicher.„Ich wollte die Nachrichten ſelbſt bringen—“. „Und was für Nachrichten bringen Sie?“ unter⸗ brach ſie ihn lebhaft. „Gute!“ ſagte er lakoniſch. Antonie faßte die Lehne des Seſſels, neben dem ſie ſtand. Nur einen Moment ſchwieg ſie. 185 „Wo kommen Sie her? Wo ſind Sie ſo lange geweſen?“ fragte ſie dann heitern Tons. „Jetzt komme ich direct von Mecheln!“ ſagte Rein⸗ hold mit ſcherzendem Gleichmuth, ihren Ton parodirend. Elektriſch berührt ſtarrte ſie ihn an. „Von Mecheln? Aus Belgien?“ fragte ſie zagend. „Etwas ſüdlich von Mecheln wohnen die Herren van der Bruik.“ „Dort waren Sie?“ „Beinahe eine Woche lang. Die Leute ſind nicht ſo böſe, wie wir ſie uns gedacht.“ „Herr von Leſſel, Sie tödten mich durch Ihre lang⸗ weilige Berichterſtattung!“ „Die Leute haben Vernunft angenommen!“ „Heißt das ſo viel, als ſie haben meine Forderung anerkannt?“ „Ungefähr!“ Wie haben Sie es angefangen, meines Vaters habſüchtige Verwandte zu bekehren?“ „Zuerſt habe ich dem Herrn van Lynkhuyſen die Verſicherung gegeben, daß ſie würdig wären, einen Thron zu ſchmücken.“ „Und das hat er geglaubt? Wie thöricht, Ihnen etwas zu glauben!“ „Dann habe ich dem Herrn van Lynkhuyſen die 186 Briefe Ihres ſeligen Großpapas als Lectüre empfohlen. Beide Mittel wirkten vortrefflich. Er gab mir den Rath, perſönlich Ihre Angelegenheit zu betreiben und zu dieſem Behufe nach Bruikhoven zu reiſen. Mich reut die Reiſe nicht!“ Er hielt inne, um ſich an der Spannung zu weiden, die ſich in dem ganzen Verhal⸗ ten Antoniens ansdrückte. „Weiter! weiter! Wie fanden Sie meine ehren⸗ werthen Oheime? Meinem ſeligen Vater ſind ſie ge⸗ wiß nicht ähnlich! Kaufmannsſeelen, eingefleiſchte Ge⸗ ſchäftsmänner, die jeden Vortheil für erlaubt halten!“ „Nicht ganz! Aber Kaufleute im höhern Stile ſind ſie, das gebe ich zu. Sie empfingen mich artig, denn ein Telegramm des hochangeſehenen Herrn Onkels van Lynkhuyſen hatte mich angemeldet. Ein fürſtlicher Reichthum leuchtete mir überall entgegen. So denke ich mir die Fugger in ihrer ſchönſten Blüte.“ „Mein Vater hat mir davon erzählt“, flüſterte An⸗ tonie.„Und dieſe Menſchen konnten eine Tochter ihres Bruders verleugnen wollen um des ſchnöden Geldes willen!“ „Allerdings, ich ſtieß auf Mißtrauen. Man tadelte die extravagante Sinnesart Ihres ſeligen Vaters und man traute den Leuten nicht, die in eine Verbindung mit ihm getreten waren.“ 187 „Sagen Sie lieber, man fand es nach dem Tode des Vaters bequen, ſich in Beſitz des ganzen Vermögens zu bringen“, entgegnete Antonie leidenſchaftlich.„Hat⸗ ten dieſe Brüder doch die dreiſte Stirn, meinem Vater die Einnahme zu ſchmälern!“ „Ja, Antonie, man hat gefehlt“, ſprach Reinhold treuherzig.„Man iſt ſicherlich nur der Nothwendigkeit gewichen und hat ſich zur Nachgiebigkeit bequemt, weil ihnen Herr van Lynkhuyſen eine öffentliche Blamage in Ausſicht geſtellt, wenn der Streit in die Welt komme. Man hat in mir ſogleich den Juriſten ge⸗ wittert, einen Advocaten, wie ſie mir zu verſtehen gaben; ich ließ ſie in dieſem Glauben, machte aus⸗ ſchweifend Gebrauch von meiner Begeiſterung für Sie, bewies ihnen durch Auszüge der väterlichen Briefe, daß ihre Einwendungen gegen die Gültigkeit der Ehe eine kleine Schurkerei wären, und brachte ſie ſchließlich zu einem gerichtlichen Abſchluß, wonach Sie als die Erbin Ihres Vaters anerkannt und Eigenthümerin eines hübſchen Kapitals geworden ſind. Freilich könn⸗ ten Sie im Wege des Proceſſes vielleicht noch zwei⸗ mal ſo viel beanſpruchen, allein ich zog das Gewiſſe dem Ungewiſſen vor und belegte vorläufig die mir ge⸗ botene Entſchädigung und ſtelle es Ihnen nun anheim, dieſe Uebereinkunft zu vollziehen.“ 188 Betäubt ſaß Antonie da. Ihre ſtillen Wünſche wären zur Wirklichkeit geworden? Leiſe ſchüttelte ſie den Kopf:„Sie erlauben ſich doch keinen Scherz, Reinhold?“ fragte ſie furchtſam. „Fürchten Sie nichts! Was ich Ihnen mitgetheilt habe, ſind Thatſachen, worüber Sie nachher Belege er⸗ halten werden.“ „Wie ſoll ich Ihnen danken?“ „Erlauben Sie, daß ich Sie an unſer Ueberein⸗ kommen erinnere, wonach Sie von mir eine Liqui⸗ dation zu erwarten haben.“ Antonie lächelte ſchwach. „Für jetzt laſſe ich mir an dem Triumph genügen, Sie endlich einmal aus Ihrer gewöhnlichen Faſſung gebracht zu ſehen. Ich habe ſyſtematiſch darauf hinge⸗ wirkt, Ihnen dieſe Niederlage zu bereiten, und es iſt gelungen.“ „Jubeln Sie nicht zu früh, ich fange ſchon an, mich wieder zu erholen.“ „Dann will ich nur ſchnell einen Dämpfer auf Ihren Uebermuth ſetzen“, fiel ihr Reinhold in die Rede. „Ihre Verwandten weigern ſich für jetzt, das Kapital an Sie zu zahlen, und werden es der Bank anver⸗ trauen, damit Sie nicht darüber verfügen können, wenn Sie frühzeitig mit Tode abgehen ſollten.“ Antonie lachte fröhlich.„Gott bewahre mich vor 189 dem Tode! Den Herren Onkeln zum Poſſen werde ich gewiß ſehr alt!“ „Das könnte uns allen nur zur Freude gereichen. Uebrigens ändert Ihre Verheirathung die Sache. Im Falle Sie mit Kindern geſegnet werden, geht das depo⸗ nirte Kapital definitiv in Ihren Beſitz über und fällt dann an Ihre Erben.“ Eine roſige Glut ſchlug über Antoniens Geſicht. „Wie keck die Juriſten ſind“, ſagte ſie etwas verſchüch⸗ tert.„Das ſpricht ſchlagend für Ihre Vorſorglichkeit! Nach dieſem Paragraphen thäte ich ja am beſten, ſofort zu heirathen!“ „Ich muß dringend bitten, ſich nicht mit dergleichen Vorſätzen zu übereilen, ſondern erſt meine Liquidation abzuwarten! Auch beſteht zwiſchen uns ein gewiſſer Pact—“ „Ja, ja! Davon ſpäterhin! Jetzt wollen wir unſere Angelegenheit als erledigt betrachten und zu Dora Bella übergehen. Was ſagen Sie nun?“ „Gar nichts! Dora Bella muß ihren Verſtand ein⸗ gebüßt haben oder ihr Herz iſt krank“, ſagte Reinhold mit dem Tone reger Theilnahme.„Ich habe Ihres Ausſpruchs lebhaft gedacht, als mir der Hofmarſchall den Grund ſeiner Herreiſe entdeckte. Gern hätte ich ihm mitgetheilt, was wir vor meiner Abreiſe darüber 190 verhandelt haben. Ob es räthlich wäre, ihm Vertrauen zu ſchenken?“ „Ich habe es gethan! Er weiß bereits, was ich darüber denke. Hätte ich ahnen können, daß Sie hier anweſend ſeien, ſo würde ich, unſerm Pacte ge⸗ mäß, erſt mit Ihnen dieſen Schritt überlegt haben. Als ich erfuhr, daß Sie mit dem Hofmarſchall an⸗ gelangt wären, da war es zu ſpät. Aber ein Gedanke durchblitzte mich, der mich jetzt zu der Frage leitet: Wie ſtehen Sie mit dem Grafen Askan?“ „Gut! Sogar ſehr gut!“ „Auf vertraulichem Fuß? Das heißt, unbedingt vertraulich, ſodaß Sie ihm bedenkliche Eröffnungen machen könnten, ohne ſein Befremden zu wecken?“ „Sprechen Sie erſt deutlicher, Fräulein Antonie.“ Antonie zauderte mit der Antwort.„Der Hof⸗ marſchall will Graf Askan citiren“, ſagte ſie dann; „die Veranlaſſung dazu iſt da. Es iſt jedoch vor⸗ auszuſehen, daß Graf Askan wiederkommt, wie er weggegangen iſt, das heißt, gepanzert mit Stolz. Es gäbe vielleicht kein beſſeres Mittel, ihn aufzurüt⸗ teln, als den Argwohn in ihm zu wecken, daß ſein Benehmen gegen unſere arme Dora Bella ſchuld ſei an ihrem Entſchluß.“ Sie ſtockte und ſah ver⸗ legen aus. — 191 „Das wäre ein gewagtes Mittel, Fräulein Anto⸗ nie! Graf Askan iſt ein ſtolzer Mann und er könnte Rechenſchaft von mir fordern für unüberlegte Worte“, erwiderte Reinhold ſehr ernſt. „Darum fragte ich ja nach dem Grade Ihres gegenſeitigen Vertrauens!“ rief Antonie ungeduldig. „Gut, ich ſchlage eine andere Ausführung vor. Könn⸗ ten Sie es wagen, ihm eine Andeutung von Dora Bella's veränderter Stimmung, von ihrer Furcht, als Sprößling einer Lichtberg mißachtet zu werden, von ihrer Abſicht, alte Sünden auszugleichen, zu geben? Können Sie wagen, den Faden dieſer Stimmung bis zu ſeiner Ankunft in Bärenberg zurückzuleiten?“ Reinhold ſchaute voller Erſtaunen in ihr belebtes Geſicht.„Habe ich Ihnen je von dieſer Scene ge⸗ ſagt?“ fragte er.„Nein? Nun, ſo entwickeln Sie eine wirklich merkwürdige Menſchen⸗ und Seelenkennt⸗ niß. Dieſer Stimmungswechſel gründet allerdings in einer Thatſache.“ Er erzählte ihr raſch und flüchtig von der erſten Begrüßung zwiſchen Askan und Dora Bella, von deſſen Widerwillen gegen die dreiſte Herzlichkeit der jungen Dame und von ihrer prompten Zurechtwei⸗ ſung. „Wie iſt es aber möglich, daß ſo kleine Ereigniſſe“ 192 ſolche Folgen haben können?“ ſchloß er, über alle Ma⸗ ßen verwundert. „Darüber wundern Sie ſich, Herr Reinhold?“ fragte Antonie.„Iſt nicht oftmals ein einziges Wort die Urſache zu blutigen Völkerſchlachten und eine ein⸗ zige Handlung der Grund zu Staatsumwälzungen ge⸗ worden? Gut, daß wir zur Erkenntniß gekommen, wo die Ausſaat liegt. Ich wiederhole nun die Frage, ob Sie wagen, ſchriftlich auf dieſe Ereigniſſe zurück⸗ zuweiſen und leichthin Ihre Schlüſſe zu ziehen, damit Graf Askan einſieht, wo und wie er gefehlt hat.“ „Ich übernehme es, an Askan zu ſchreiben, und Sie ſollen mit meinem diplomatiſchen Talente zu⸗ frieden ſein.“ Antonie brach das Geſpräch unter dem Vorwande ab, daß es nöthig ſein werde, unverzüglich zu ſchreiben. Reinhold ſah ſich plötzlich allein. Ohne wieder auf ihre Verpflichtungen gegen ihn zurückzukommen, hatte ſie den Salon verlaſſen, um endlich in der Einſamkeit ihres Zimmers den Wechſel ihres Geſchicks zu prüfen und ſich einer freudigen Erregung hinzugeben, die ſie in des jungen Mannes Gegenwart zügeln mußte. Die erſten Schritte zu ihrem Glücke waren gethan. Daß es Reinhold gelungen war, durch ſeine Beredt⸗ ſamkeit und durch ſeine bedeutende Geiſteskraft dieſe 193 Geſchichte ſo ſchnell zum Austrag zu bringen, war nicht zu beſtreiten, aber deſſenungeachtet wollte Anto⸗ nie im Drange der Dankbarkeit ſich nicht in Verbind⸗ lichkeiten gefangen geben, die ſie ſpäterhin ihrer Selbſt⸗ ſtändigkeit berauben konnten. Erſt mußte ſich Alles er⸗ füllt haben, was Reinhold jetzt nur als Verheißung überbracht. Erſt wollte ſie auf ſicherem Boden ſtehen, bevor ſie ihrer Vorliebe für dieſen Mann freien Lauf ließ. Darum enteilte ſie ſeiner Nähe. Sie fühlte ſich ihrer Seelenruhe nicht ſicher genug. Reinhold wußte nichts Beſſeres zu thun, als dem Willen Antoniens zu gehorchen. Für ihn hatte die Sicherheit ihrer künftigen Lebensſtellung ſchon eine bin⸗ dende Kraft gewonnen. Außerdem weckten Antoniens körperliche Vorzüge mehr und mehr eine ſtille Leiden⸗ ſchaft in ihm, ſodaß ihm der Gedanke, ſie nicht be⸗ ſitzen zu können, ſchon Pein verurſachte. Er hatte ihr noch Vieles ſagen wollen. Nun gut! Er wollte thun, was ſie wünſchte, dann eröffnete er ſich unbefangen den Weg zu traulichen Beziehungen. Reinhold ſchrieb in ſeinem ganz gewöhnlichen iro⸗ niſchen und traulichen Ton an Askan. Er vermied jede ernſte Betrachtung über ein Ereigniß, welches ſo tief in Askan's Leben eingriff, und hielt ſich auf der Oberfläche einer alltäglichen Berichterſtattung der er Fritze, Schloß Bärenberg III 194 durch eingeſtreute Reminiscenzen vom erſten Zuſam⸗ mentreffen die nöthigen Schlaglichter gab. „Hilft der Brief nichts, ſo ſchadet er doch nichts!“ ſagte er, gemüthsruhig ſein Petſchaft auf das bren⸗ nende Siegellack drückend. Er ſteckte den Brief in die Seitentaſche und ſchlenderte mit unſchuldigem Geſichts⸗ ausdrucke aus dem Schloſſe, um die Schloßbeamten zu begrüßen., Zuerſt ſuchte er den Inſpector auf. Er fand ihn verdrießlich in einem Haufen Papieren wühlend. Bei Reinhold's Eintritt erhellte ſich momentan ſein Geſicht, ſank aber ſehr bald in die Verdrießlichkeitsfalten zurück. „Was wird denn nun aus Ihnen, Inſpector?“ fragte Reinhold, als die erſte Begrüßung gewechſelt und dabei der Ereigniſſe gedacht worden war, welche ſich während des jungen Mannes Abweſenheit abge⸗ ſponnen hatten. „Nun“, antwortete der Inſpector grämlich,„ver⸗ hungern werde ich nicht, dafür hat Comteſſe Dora Bella geſorgt, wie mir Fräulein Antonie ſagte. Aber was ſich ſolch junges Damenvolk vorphantaſirt vom Leben! Denken Sie nur, daß ich dort oben in der Burg Boſtett wie ein Storch im Neſte einſam klappern und vergnügt ſein ſoll! Was denken ſich die Damen 195 wohl? Will ich ein vernünftiges Menſchenantlitz ſehen, ſo muß ich dreitauſend Fuß hinunter und, will ich wieder zu Neſte gehen, dreitauſend Fuß hinaufſteigen. Das iſt eine Kur gegen die Fettſucht, woran ich Gott Lob nicht leide. Aus Verzweiflung werde ich mir oben einen Schmerbauch trinken!“ Reinhold lachte.„Ich könnte Sie vielleicht be⸗ quemer placiren!“ Der Inſpector zog eine ſpöttiſche Miene, die ſo viel ſagen ſollte als:„Placire Dich nur erſt ſelber!“ Reinhold fuhr trotzdem gemüthlich fort: „Es käme freilich auf Ihre Geſinnungen an.“ „Ach ſo! Mein politiſches Glaubensbekenntniß kennen Sie ja, lieber Herr von Leſſel“, entgegnete der Inſpector geringſchätzend.„Nie gegen den Strom!“ „Die Loyalität ſteigt im Preiſe!“ „So ſind wir loyal ohne weiteres!“ „Nicht ſechs Monate und die liberalen Miniſter ſind ſpurlos verſchwunden und die Revolutionen un⸗ ſerer Zeit werden zu Traditionen, an die kein vernünf⸗ tiger Menſch glaubt.“ „Revolutionen habe ich überhaupt nie nach meinem Geſchmacke gefunden. Die Verführer werden dabei ſtets zu rechter Zeit unſichtbar und die Verführten ſperrt man ein.“ 13* 196 „Sie wiſſen, daß Excellenz Romharr dem ſeligen Grafen geſchrieben hatte, er könne mich ſehr gut ge⸗ brauchen? Ich werde aber keinen Gebrauch von ſeiner Güte machen, denn in ſechs Wochen wird die conſer⸗ vative Macht geſiegt und der König, ſtatt Romharr, vormärzliche Staatsmänner in ſeinen Miniſterrath be⸗ rufen haben.“ „Unter ſolchen Vorausſichten wäre es Thorheit, liberal zu bleiben!“ ſpottete Prutz. „Dagegen iſt die zweite Empfehlung des ſeligen Grafen zu berückſichtigen.“ „An wen war ſie doch?“ „An den Bundestagsgeſandten Lynkhuyſen.“ 4 „Ja, ja, den Vetter unſeres Geſellſchaftsfräuleins!“ „Dieſe Empfehlung wird mir vortreffliche Dienſte leiſten! Dem Herrn van Lynkhuyſen iſt von ſeinem Fürſten ein Portefeuille angeboten; er iſt entſchloſſen, es anzunehmen, ſucht aber von vornherein durch ein conſervatives Beamtenperſonal ſeine Stellung zu ſtützen. Sein König iſt auf ſeine Vorſchläge eingegangen. Es iſt Lynkhuyſen ſchon gelungen, eine Reihe rechtlicher, frommer und gottesfürchtiger Männer, denen die Obrig⸗ keit ein von Gottes Gnaden geſtiftetes Inſtitut zur Strafe, Buße und Beſſerung der Menſchheit iſt, zu en⸗ gagiren. Ihm fehlt jedoch im Polizeifache ein zuver⸗ 7 197 läſſiger Mann, den er mit dem Titel Rath und einem hinlänglichen Gehalte nebſt Sporteln des Ver⸗ dienſtes zu ſituiren gedenkt. Ich dachte an Sie, In⸗ ſpector—“ „An mich?“ rief der Inſpector höchſt angenehm er⸗ ſchrocken. „Ja, an Sie, und ich habe den Auftrag von Herrn van Lynkhuyſen, Sie baldigſt nach Dresden, wo er in ſtillſter Zurückgezogenheit lebt, bis ſein Fürſt ihn ruft, zu ſenden, damit er Sie perſönlich kennen lernt und mit Ihnen Rückſprache nehmen kann.“ „Das heißt wohl ſo viel als: damit er meine pollitiſchen Anſichten prüft?“ „Mag ſein! Sie präpariren ſich am beſten zu dieſer Prüſung, wenn Sie einige der berühmteſten Demokraten⸗ Broſchüren leſen und genau das Gegentheil von dem gut finden, was darinnen ſteht. Von den Frankfurter Affairen ſind Sie doch unterrichtet? Merken Sie ſich etwas Schlagwörter! Weiter gebrauchen Sie gar nichts, denn Herr van Lynkhuyſen hat die löbliche Gewohnheit, ſehr viel zu ſprechen und nur zu verlangen, daß man Jawohl! antwortet.“ „Herr von Leſſel, ſcherzen Sie auch nicht mit mir?“ fragte der Inſpector etwas aufgeregt.„Es klingt Alles ſo unwahrſcheinlich, ſo ironiſch, was Sie ſagen. Wie 198 iſt es möglich, daß Sie plötzlich einen Einfluß gewon⸗ nen haben—“ „Inſpector, ich habe Ihnen ſchon oftmals verſichert, daß ich erſt mein Fahrwaſſer ausfindig machen müßte“, unterbrach ihn Reinhold ſehr beſtimmt,„um meine eigentliche Kraft zu verſuchen. Denken Sie, daß mir dies jetzt geglückt ſein könnte, und beruhigen Sie Ihr Gemüth! Es liegt in Ihrer Hand, den Titel eines Polizeiraths mit hinreichender Beſoldung nebſt Emolu⸗ menten zu erhalten. Wollen Sie die Stelle nicht, ſo mögen Sie es ſagen.“ „Und was werden Sie für eine Stelle erhalten?“ fragte der Inſpector mit nachlaſſendem Mißtrauen. Reinhold lachte. „Ich?“ fragte er dann und ſpitzte die Finger.„Ich werde Sr. Excellenz rechte Hand. Das Weitere findet ſich! Aber noch eins, ehe ich gehe. Hier iſt ein Brief an Graf Askan. Er enthält nichts Bedeutendes, aber ich wünſchte der Schloßbedienung vorzuenthalten, daß ich ſogleich an den jungen Grafen geſchrieben, um ihm die bevorſtehenden Veränderungen zu melden. Sie würden mir einen Gefallen erweiſen, wollten Sie den Brief ſogleich zur Poſt beſorgen laſſen.“ Der Inſpector verſprach ſelbſt zur Stadt zu gehen, da er dort Geſchäfte habe. 199 Reinhold nickte mit ſchlauem Lächeln, denn er wußte, daß der Inſpector ſehr gern zur Poſt ging, um dort ſein Fläſchchen Wein zu trinken. Aber ſein Lächeln hatte noch einen andern Grund. Er vermuthete nämlich, daß ſein Brief mit großer Geſchicklichkeit erſt vom In⸗ ſpector geöffnet und geleſen werden würde, bevor er zur Poſt kam. Richtig! Kaum hatte er die Thür ins Schloß fallen laſſen, ſo ſaß der Inſpector, mit den nöthigen Werkzeugen bewaffnet, vor ſeinem Schreibtiſche und löſte mit einer Leichtigkeit, die von vieler Uebung Zeugniß gab, das Siegel. Als er den Brief durchflogen hatte, machte er ihn ſorgfältig wieder zu. „Es iſt, wie der junge Herr mir geſagt hat“, mur⸗ melte er.„Ich dachte, es ſteckte etwas Anderes dahinter; ich glaube wirklich, er meint es redlich mit mir!“ Reinhold aber ſchritt in dieſem Augenblicke dicht beim Fenſter vorüber, warf nur flüchtig den Blick hinein und eilte, dem Anſcheine nach, ſehr ſorglos weiter. „Es iſt, wie ich gedacht habe, der Mann paßt vor⸗ trefflich zu dem Amte, das Miniſter Lynkhuyſen für ihn hat. Er verſteht ſein Fach und wird die Briefe ſchon zu entziffern wiſſen, die wir kennen lernen wollen. Die Probe iſt vortrefflich ausgefallen. Wie kann man ſo entgegengeſetzte gute Eigenſchaften in ſich vereinen! 200 Prutz iſt redlich, aber ſchlau, ehrlich, aber intrigant, brauchbar, aber hochmüthig. Se. Excellenz kann ſich Glück wünſchen zu dieſem Handlanger der Juſtiz!“ Vom Inſpector begab ſich Reinhold zum Amtmann. Er fand ihn ebenſo verdrießlich wie den Inſpector. Die bevorſtehende Umwälzung der Oekonomieverhältniſſe machte den Mann beinahe toll und ſein Verdruß ver⸗ leitete ihn zu allerlei Ausbrüchen von Grobheiten. Reinhold hielt ſich nicht auf bei ihm. Nachdem er ver⸗ ſucht hatte, ihn mit der Hoffnung zu tröſten, daß die Möglichkeit vorhanden ſei, die beſtehende Ordnung zu erhalten, ging er lachend und kopfſchüttelnd zugleich weiter und zum Förſter hinein. Dieſer Mann hielt den beiden andern das Gegen⸗ gewicht. Seinem klaren Verſtande entgingen die Ab⸗ ſurditäten in Dora Bella's Entſchlüſſen nicht, aber er beurtheilte ſie als ihr Untergebener und zeigte in der Hingebung an ihren Willen, daß er weder in einer Veränderung Schaden fürchtete, noch durch eine Ver⸗ änderung Vortheile zu erhaſchen hoffte. Im Grunde fand er Dora Bella's Entſagung ehrenwerth. Was er außerdem für ſie von der Zeit hoffte, das ſprach er nicht aus. Förſter Horink war ebenfalls redlich, aber nichts weniger als ſchlau; er war ebenfalls ehrlich und brauchbar, aber weder intrigant noch hochmüthig. 201 Reinhold fühlte ſich vollkommen wohl in ſeiner Geſell⸗ ſchaft.„Es iſt doch ſchön, ein Ehrenmann zu ſein“, flüſterte er vor ſich hin, als er das Förſterhaus ver⸗ laſſen hatte.„Ja, es iſt ſchön, ein Ehrenmann zu ſein! Was hindert mich denn, vollkommen ehrenhaft auf meinem betretenen Wege zu handeln?“. Schließlich wendete ſich Reinhold noch nach der Bergſchenke, mehr in der Abſicht, Herrn Dietrich, den Agenten der Comteſſe, über die gepflogenen Unterhand⸗ lungen zu hören, als dem Herrn Evers einen Beſuch zu machen. Aber ſchon in der Thür wurde er zu ſeinem Schrecken von den ſtarken Armen des Gaſtwirths umfangen und mit einiger Vehemenz an ſeine Bruſt gedrückt.„Will⸗ kommen, mein gnädiger Herr!“ rief der Mann mit ſeiner gewöhnlichen Lungenkraft.„Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Ich möchte die ganze Welt umarmen, ich möchte es der ganzen Welt zurufen: Ich bin mei⸗ nen Proceß los! Ich bin den verwünſchten Proceß los!“ Reinhold machte ſich energiſch frei von ſeinen Armen. „Mann“, ſagte er, unſicher in ſeinem Urtheile, ob Evers nicht trunken ſei,„Mann, laſſen Sie mich gefälligſt leben, ſonſt zeige ich Sie als Mörder an. Was haben Sie denn vor? Was ſoll denn dieſe Scene bedeuten?“ Herr Evers nahm jetzt reſpectvoll ſein Käppchen ab. 20²2 „Entſchuldigen Sie meine Freude, gnädiger Herr, aber wenn man einen Proceß los wird, ſo iſt's, als käme man einen Schritt weiter ins Himmelreich!“ Er drehte ebenſo reſpektvoll als übermüthig den jungen Herrn nach der Brücke herum.„Sehen Sie gefälligſt, da kommen ſie beide, mein Neffe Dietrich nämlich nebſt Fräulein Klara; ſie wollen ins Schloß, um ſich als Brautpaar vorzuſtellen; zum Hochzeitsgeſchenk werden die beiden Glücklichen meinen Proceß erhalten!“ Reinhold blickte angenehm überraſcht auf das hübſche Paar, das ſtrahlend vor Wonne daherkam, Arm in Arm, beide ſich des Glücks vollkommen bewußt, das ſie erreicht hatten. Reinhold glaubte nie eine lieblichere und reizendere Braut geſehen zu haben als Klara. Ihr Glück bewegte ſie zur Rührung und ihre Augen glänzten hinter dieſem Thau der innern Seligkeit in wunderbarer Schönheit. „Sie ſind der erſte vom Schloß“, redete Herr Evers mit Pathos weiter,„der den beiden Glücklichen eine Gratulation darbringen kann!“ „Und ich werde mir erlauben, den Brautführer zu machen und die Präſentation zu übernehmen!“ rief Reinhold, indem er ihnen bis zur Brücke entgegen⸗ ging. SHerr Evers trottete hinter ihm her.„Haben Sie 203 jemals gehört, mein gnädiger Herr, daß gerade hun⸗ dert Tage auf die Minute gerechnet, dazu nöthig ſind, um eine junge Dame zu überzeugen, daß ſie unrecht gethan, als ſie nein ſtatt ja geſagt hat? Sehen Sie dies ſtrahlende Glück! Hundert Tage haben ſie beide danach geſchmachtet, die Thoren!“ Mittlerweile war das Brautpaar Reinhold nahe gekommen. Er bot beiden die Hand mit wirklicher Herzlichkeit. Dietrich beantwortete ernſt die ſcherzhafte Verhöhnung ſeines Onkels, indem er erklärte, daß die Zeit das hätte ſichten müſſen, was zwiſchen ihnen ge⸗ legen.„Wir mußten unſerer gegenſeitigen Liebe ſicher ſein, wenn eine Verbindung uns beglücken ſollte“, ſagte er mit einem feurigen Blick in Klara's Augen. Reinhold begleitete ſie ins Schloß, zog ſich aber nach der etwas ſtürmiſchen Empfangsſcene zwiſchen der Comteſſe und Antonien, die natürlich ungeachtet ihrer Freude von letzterer mit einigen Witzfunken durchleuchtet wurde, in ſein Zimmer zurück. Hier überdachte er die Erfahrungen der Morgenſtunden. Sie enthielten mannichfache Belehrungen, ſie enthielten ſogar Aufforderungen für ihn, dem allgemeinen Sitten⸗ geſetze der Religion mehr Einfluß auf ſeine Handlungs⸗ weiſe zu geſtatten als bisher. Er warf ſich, wie ſchon einmal nach einer ſpeciellen Unterredung mit dem 204 Inſpector, die Frage auf, ob es ihm möglich ſein werde, in Gemeinſchaft mit dieſem Manne ehrenvoll zu be⸗ ſtehen. War er ihm überlegen genug an Geiſteskraft und Muth? Hatte er nicht zu fürchten, ihm Zugeſtänd⸗ niſſe machen zu müſſen, die ſeine ſpätere Seelenruhe und damit die freie Handlung und Entfaltung ſeiner gehei⸗ men Pläne beeinfluſſen konnten? Reichte ſeine Selbſt⸗ ſtändigkeit aus, der heuchleriſchen Ehrlichkeit und der ſchlauen Redlichkeit des Inſpectors Trotz zu bieten? Reinhold fühlte ſich ſtark und feſt gewaffnet. Er wollte nicht blindlings die Bahn betreten, welche ihm eröffnet worden war, er wollte ſie mit klarem Verſtänd⸗ niß ſeiner Verpflichtungen beginnen und verfolgen. Leichtſinn war überhaupt ſein Fehler nie geweſen, wohl aber eine Frivolität in ſeinen Lebensanſichten, die nahe daran grenzte und ihm in ſeiner Beredtſamkeit Waffen lieh, die Unerfahrene in den allergrößten Irrthum ver⸗ ſetzten. Seine Natur war nicht bösartig, aber es lag in ſeinem Charakter eine Fertigkeit, ſich dem Schlechten wie dem Guten zu bequemen. Gelang es ihm, in Antonien eine Lebensgefährtin zu gewinnen, ſo war er gegen jedes moraliſche Sinken geſichert, das fühlte er und darin wurzelte endlich eine Neigung, welche von ihm als Spielwerk aufgenommen worden war. Indem er ſich mit Wohlbehagen dem 205 Gedanken an eine wohlgeordnete Lebensſtellung hingege⸗ ben, hatte die Neigung zu Antonien ein immer ſichreres Fundament gewonnen. Der Fortſchritt dieſer Zunei⸗ gung wurde dann von den glänzenden Ausſichten auf Antoniens Vermögen begünſtigt und er glaubte, in Unkenntniß von Antoniens Charakter, ſchon am Ziele angekommen zu ſein, als er jetzt, in ſeinen Erklärungen aufgehalten und unterbrochen, die Macht des Verſtan⸗ des in dem Weſen entdeckte, das er ſich unterthan⸗ glaubte. Dieſe Belehrung wirkte vortrefflich. Sie mil⸗ derte den Hochmuth ſeiner Seele und ließ ihn die Stadien einer Bewerbung durchmachen, nachdem er ſich ſchon als Verlobten betrachtet hatte. Mit Geſchick ergab er ſich in dieſe Niederlage. Er widmete ſeine Zeit der Dame ſeines Herzens, unter⸗ ließ indeß nicht, eine ſtille unausgeſetzte Aufmerkſamkeit auf den Hofmarſchall zu richten, der ſein ſchweres Amt als Vormund eines ſo feſt auftretenden Mündels mit bewunderungswerther Feinheit durchführte und dadurch bewies, was ein Mann von Takt mit Beihülfe von Convenienz und Etikette vermag. Der Hofmarſchall hatte allerdings einen ſchweren Stand. Dora Bella drang täglich auf Entſcheidung der ſchwebenden Sachen und der Hofmarſchall zog dieſe Entſcheidung täglich in die Länge, ohne auch nur mit einer Silbe zu verrathen, daß er den Grafen Askan herbeſchieden und von ſeiner Ankunft einen befriedi⸗ gendern Abſchluß erwarte. Mit Gräfin Eliſabeth hatte der Hofmarſchall eine ernſte, eingehende Beſprechung gehabt und ſie verbindlich gemacht, nach Kräften auf Askan zu wirken, um den Conflict in der Familie zu heben. Die Gräfin war zur Erkenntniß gekommen, daß man verabſäumt habe, die gehörige Rückſicht auf die Eigenthümlichkeit Dora Bella's zu nehmen. Sie erinnerte ſich mit Wehmuth aller jener Scenen, wo ſich Kennzeichen einer ſchroffen Trauer bemerkbar gemacht und kein Menſch ſich bemüht hatte, den Grund dieſer Umwandlung eines ſo lieblichen und liebenswürdigen Weſens zu erforſchen. Dora Bella fühlte den Einfluß dieſer Unterredung im Betragen ihrer Tante. Sie verfiel aber nicht im entfernteſten darauf, ſich als einen Gegenſtand innerer Bekümmerniß angeſehen zu wiſſen. Die Offenbarung der geheimnißvollen Beziehungen zwiſchen dieſem weichen, rückſichtsvollen Benehmen und einer frühern, von ihr längſt überwundenen Vernachläſſigung würde ſie nicht erfreut, ſondern mit Beſorgniß und Widerwillen erfüllt haben. Die feine Sitte des Hauſes, die ſtörenden Auf⸗ regungen des Gemüths ſtets in der Einſamkeit aus⸗ klingen zu laſſen und nur in guter Laune den geſelligen 207 Verkehr des Verſammlungszimmers zu ſuchen, bewahrte Dora Bella vor jeder Aufklärung der obwaltenden Span⸗ nung, womit nicht allein der Hofmarſchall und Gräfin Eliſabeth, ſondern auch Reinhold und Antonie von Stunde zu Stunde der Ankunft des Grafen Askan entgegen⸗ ſahen. Da aber alle dieſe Perſonen gleich betheiligt an einem glücklichen Ausgange des kleinen Familien⸗ dramas waren, ſo ſpielten ſie ſehr geſchickt einer dem andern in die Hand, ohne ſich dazu verabredet zu haben. Sehr günſtig wirkte die ſtattgefundene Verlobung Klara's. Sie feſſelte die Theilnahme Dora Bella's in hohem Grade und gab ihr Veranlaſſung zu einer an⸗ genehmen Zerſtreuung, da die Hochzeit in der aller⸗ kürzeſten Friſt ſtattfinden ſollte. Ob nicht die zarte, heilige Liebe dieſes Brautpaars vorbereitend auf Dora Bella's Inneres wirkte? Zehntes Kapitel. Der Himmel wölbte ſich hoch und ätherblau über dem Thale, in welchem der Eiſenbahnzug dahinſchoß. Es war ein heller, friſcher Octobertag und die Natur prangte im feſtlichen Sonnenglanze des Herbſtes. Plötz⸗ lich ertönte ſchrillend die Signalpfeife und der Zug hemmte ſeinen raſenden Lauf. Graf Askan, der ganz allein in einem Coupé erſter Klaſſe ſaß, fuhr, wie von einer Erinnerung betroffen, aus ſeinem brütenden Nachdenken auf und wendete ſein Augenmerk der Außenwelt zu. Da war er ja wieder zwiſchen jenen prächtigen Waldhöhen, die das Thal hier verengten und eine kleine Wendung der Eiſenbahn nöthig gemacht hatten. Ein trauriges Lächeln zuckte über ſein Geſicht. Er gedachte des Tages, wo er hier vorübergefahren war, um den 209 Mann, der ſich väterlich ſeiner angenommen, wieder⸗ zuſehen. Der Mann war jetzt todt. Graf Harald war zu ſeinen Vätern verſammelt, ohne ſeinen Wunſch, ihn als Erben auf Schloß Bärenberg thronen zu ſehen, erfüllen zu können. Er gedachte aber vor allen Dingen des Geſprächs, das er damals mit ſeinen Reiſegefähr⸗ ten geführt hatte; er gedachte des Spottes, womit der Legationsrath von Boſedow ſeine Fähigkeit bezweifelt hatte, in dieſer abgeſchiedenen Naturwüchſigkeit ſich glücklich zu fühlen. Was war Alles geſchehen ſeit dieſem Tage! Graf Askan verglich die Gegenwart mit jener letzten Vergangenheit, die von glänzenden Hoffnungen und Erwartungen erfüllt geweſen war. Er gab ſich einer feſten und forſchenden Selbſtprüfung hin, ob nicht der Legationsrath mit ſeinen thörichten Behauptungen gewiſſermaßen Recht gehabt und ſein Glück an dieſer Unfähigkeit, das edle Selbſt aus dem naturwüchſigen Aeußern herauszufinden, geſcheitert ſei. Graf Askan ſetzte ſeine ſtummen Betrachtungen fort bis ihn die Signalpfeife benachrichtigte, daß er bei der Station angelangt ſei, wo er ausſteigen mußte. Grell trat ihm jetzt abermals der Vergleich von damals und jetzt entgegen. Kein bewillkommnendes Wort empfing ihn, kein Fritze, Schloß Bärenberg. III. 14 210 vorſorglicher Befehl hatte Equipage und Bedienung geſendet. Zwar wußte Niemand im Schloſſe Bären⸗ berg, daß er kommen würde, allein der Vergleich drängte ſich ihm auf und entlockte ihm abermals ein ſehr trauriges Lächeln. „Befehlen Gnaden einen Wagen, Extrapoſt vielleicht?“ fragte ein Bahnbeamter in Devotion. Graf Askan bedachte ſich ein wenig. Sollte er wie ein triumphirender Gaſt unter den ſchmetternden Klängen eines Poſthorns vor dem Schloſſe auffahren? Oder ſollte er in bettelhafter Eleganz, von einem ein⸗ ſpännigen Fiaker dahin geführt, dem Bediententroſſe das Schauſpiel ſeiner innern Demüthigung zum Beſten geben? „Verwahren Sie mir meinen kleinen Reiſekoffer“, ſagte er leutſelig.„Man weiß im Schloſſe Bärenberg 4 nicht, daß ich heute eintreffen werde. Es ſoll von dem Bedienten mein Reiſegepäck abgeholt werden und ich will durch den Wald ſpazieren.“ „Halten ſich Gnaden nur gleich rechts nf dem Fußwege, ſo ſind Gnaden in einer halben Stunde auf Bärenberg“, belehrte ihn der Beamte dienſtbefliſſen. Graf Askan folgte ſeiner Anweiſung und befand ſich gleich darauf im Walde. O wie tief und ſchmerzlich bewegt ſchaute er zu 211 dem wolkenloſen Himmel auf, der tröſtlich zwiſchen den leicht bewegten Baumkronen zu ihm hernieder⸗ ſchaute. Sein Herz war ſchwer bedrückt, weil er ſich des Erfolgs ſeiner Reiſe nicht ſicher fühlte, weil er fürch⸗ tete, durch die hingebendſte Aufrichtigkeit nicht das erreichen zu können, was für ſein Glück nothwendig war. Andere Wünſche als damals, wo er in ſtolzer Erwartung den Weg nach dem Schloſſe zurücklegte, bewegten jetzt ſein Inneres. Er hatte ſich damals von den Fehlern ſeines Standes zu Uebereilungen hin⸗ reißen laſſen, die ſchwer geſühnt werden konnten, und der Stolz Dora Bella's trat jetzt ſo ſchroff gegen ihn auf, daß er nichts weiter thun konnte, als ihre Opfer zurückzuweiſen. Ein lichter Gedanke ſenkte ſich zwar vermittelnd auf ihn nieder. Er griff in ſeine Bruſt⸗ taſche und las im langſamen Fortſchreiten zum hun⸗ dertſten Male den Brief Reinhold's, welcher ungeachtet der flachen Manier, in der er geſchrieben war, etwas verrieth, was ihn tröſtlich anwehte. „Ich erinnere mich lebhaft einiger verrätheriſcher Momente, wo das Eis des Zorns, das unſere kleine Comteſſe umgab, vor Deinen Blicken zu ſchmelzen ſchien, und ich kann immer noch nicht die Meinung aufgeben, daß ſich Zorn, Haß und Liebe vereinigten, um die 14* totale Umwandlung der jungen Dame zu bewirken. So viel iſt gewiß, daß mir in meiner Praxis noch niemals ein Menſch vorgekommen iſt, der aus purem, wirklichem, wahrhaftigem Haß einen erhabenen Edel⸗ muth entwickelt.“ Lag nicht in dieſen Worten ein Troſt? Begierig las er dieſe Stelle wieder. Sein Muth hob ſich daran und er ſchritt mit beflügelter Eile dem Schloſſe zu, das in ſeiner ganzen Pracht jetzt vor ihm lag. Askan betrat das Portal unbemerkt. Als er etwas unſicher nach dem Corridor ſich wendete, ſah ihn ein Diener. Sein heller Ausruf ſchlug Lärm, und ehe eine halbe Minute verflogen war, wußten die Herr⸗ ſchaften im Salon, die ahnungsvoll ihr Gehör ſchärften, wer eingetroffen war. Die Wirkung dieſes Ereigniſſes zeigte ſich auf allen Geſichtern. Antonie wechſelte mit Reinhold einen Blick des Einverſtändniſſes, blieb jedoch kaltblütig und beob⸗ achtend. Gräfin Eliſabeth ſchöpfte tief Athem und blickte ängſtlich vom Hofmarſchall nach ihrer Nichte und von ihrer Nichte nach dem Hofmarſchall, der ernſt⸗ haft vor ſich niederſchaute. Dora Bella's Gemüths⸗ aufregung war ſo groß, daß ſie ſich hülflos in ihren Seſſel zurücklehnte und mit der Furchtſamkeit eines 213 Kindes nach der Thür ſtarrte, durch die Askan mit jedem Augenblicke eintreten konnte. Der Hofmarſchall, ſeiner Würde bewußt, ſagte ſehr ruhig: „Es iſt ſonderbar, daß Graf Askan ohne vorherige Meldung eintrifft, da wir dadurch abgehalten wurden, ihm einen Wagen nach der Eiſenbahn zu ſenden.“ „Ich halte es für eine Demonſtration, daß Graf Askan zu Fuße hier eintrifft“, ſprach Reinhold ge⸗ müthlich.„Er will zeigen, wie wenig er darauf rechnet und wie wenig er darauf gibt, Erbgraf von Bärenberg zu heißen.“ Dora Bella erhob ſich. In einer namenloſen Ver⸗ wirrung verließ ſie den Salon und ſuchte durch die innern Verbindungsthüren ihr Zimmer zu erreichen. Kaum war ſie dort eingetreten, ſo regte ſich die Portière des Haupteingangs, ſie wurde geräuſchlos hinweggeſchoben und Graf Askan ſchritt ihr feſt und ruhig entgegen. Das hatte die Comteſſe nicht erwartet. Sie war entſchloſſen geweſen, Askan nicht eher wiederzuſehen, bis die Arrangements, die ſie für gut befunden, ab⸗ geſchloſſen waren. Dieſe unerwartete Begegnung, die ſie für eine zufällige hielt, weil ſie jetzt ihres Vaters Zimmer bewohnte, reizte ſie; ſie war einen Moment 214 wieder das ungeſtüme trotzige Kind, als ſie ihre Augen zu ihm aufrichtete und ſagte: „Willkommen, Graf Askan! Sie ſehen mich faſſungs⸗ los; ich konnte nicht erwarten, Sie hier in meinem Zimmer anzutreffen.“ Askan ergriff ihre Hand und führte ſie ruhig an ſeine Lippen. „Verzeihen Sie! Volkmann erhielt den Auftrag, Sie zu benachrichtigen, daß ich Ihrer hier warte; der alte Mann hat Sie verfehlt, aber der Zufall, der Sie herführte, iſt mir günſtig.“ Während er ſprach, hatte Dora Bella ihre Faſſung wiedergewonnen, und wie es oft im Leben zu gehen pflegt, es war ihr jetzt lieb, unmittelbar nach ſeinem Eintreffen von ihm aufgeſucht zu ſein, weil ſie auf dieſe Weiſe den Einwirkungen ihres Herrn Vormunds entgegenarbeiten konnte. Zutraulich bat ſie den jungen Mann, Platz zu nehmen, und ſetzte ſich mit einer gewiſſen Selbſtzu⸗ friedenheit ihm gegenüber. „Gut, da mir der Zufall auch günſtig erſcheint“, begann ſie mit zuverſichtlichem Tone, obwohl ihr das Herz furchtbar pochte,„ſo will ich Ihnen ſogleich die Eröffnung machen, daß Sie zur rechten Zeit kommen, um mir beizuſtehen.“ 215 Graf Askan neigte ſtumm das Haupt und ſah voll in ihr Auge. Dora Bella ſenkte es. „Nach reiflicher Ueberlegung habe ich beſchloſſen, meines Vaters letzten Willen zu vollziehen und Ihnen die Herrſchaft Bärenberg ohne alle Bedingung abzu⸗ treten.“ Sie hielt inne. Kein Wort drang über ſeine Lippen. Unverändert hing ſein Blick an ihrem Ge⸗ ſichte. „Sind Sie damit einverſtanden?“ fragte ſie, von einer unſaglichen Verlegenheit übermannt. „Nein!“ antwortete er ruhig. „Nicht? Nicht? Und warum nicht?“ fragte ſie, wie aus allen Himmeln gefallen. „Weil ich Ihrem Vater mein Ehrenwort verpfändet habe, über Ihr Glück zu wachen, und weil ich feſt überzeugt bin, daß Sie nirgends glücklich ſein können wie hier im Schloſſe Bärenberg.“ „Sie irren ſich; ich verlange von Ihnen—“ „Dora Bella, meine Ehre muß Ihnen heilig ſein“, unterbrach er ſie raſch.„Reinhold iſt Zeuge des Schwurs geweſen, den ich Ihrem Vater geleiſtet habe. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen wörtlich wiederhole, was Ihr Vater mir geſagt hat.“ Dora Bella ſtarrte wie vernichtet zu ihm auf. 216 „Achten Sie auf jedes Wort:„Das Glück meiner Tochter iſt für mich das Heiligſte auf Erden; dies Glück darf durch nichts beeinträchtigt, durch nichts an⸗ getaſtet werden. Dora Bella's Entſchluß ſoll ent⸗ ſcheiden, ſorge aber dafür, daß ſie nichts in Ueber⸗ eilung beſchließt. Was das theure Kind meiner ge⸗ liebten Laura aber auch thun möge, ſchwöre mir, Askan, daß Du mit dem echten Herzen eines Bären⸗ berg ihr Schutz und Beiſtand ſein willſt, bis ſie durch die Wahl eines Gatten die Zeit beſtimmt, wo Du dieſer Pflichten ledig wirſt.““ Eine feierliche Pauſe folgte Askan's Citat. Dann ſagte er: „Und ich ſchwor bei meiner Ehre, über Ihr Glück zu wachen.“ Dora Bella legte beide Hände über ihre Augen, aus denen Thränen quollen. „Das Heiligſte auf Erden war für meinen Vater mein Glück?“ flüſterte ſie. „Haben Sie jemals daran gezweifelt?“ „Ja, ja! Als Sie kamen und mein Vater mich über Ihnen vergaß!“ rief ſie leidenſchaftlich.„Das wäre alſo eine Kindergrille geweſen?“ „Nennen Sie es die Eiferſucht eines tief fühlenden Kinderherzens.“ 217 Wie von einem Sonnenſtrahl erleuchtet blickte die Comteſſe ihn an. „Und ich darf nicht zu Ihren Gunſten Bärenberg abtreten?“ „Nein! Mein Ehrenwort verpflichtet mich, dagegen zu kämpfen.“ „Sie wollen es nicht? Sie würden es nicht neh⸗ men, auch wenn ich Sie flehentlich bäte, wenn ich Ihnen ſagte, daß ich keine Ruhe finde vor dem Gedanken, Sie beraubt zu haben? Sie wollen nicht? Haben Sie Erbarmen, Askan! Was ſoll ich denn thun, um mein Vergehen zu ſühnen? Ich habe ein Gelübde gethan, den Schatten meines Vaters zu verſöhnen, da ich unkindlich ſeinem Willen getrotzt.“ „Arme, liebe Dora Bella“, entgegnete der junge Mann mit weichem, mitleidigem Ton,„wie kann man ſich ſo ſelbſt quälen! Ihr Glück zu ſichern iſt meine Pflicht. Ich hege die Ueberzeugung, daß Sie an jedem andern Orte vergehen würden wie eine Blume, die man in ein fremdes Erdreich verſetzt. Sie müſſen hier leben, um nicht frühzeitig zu ſterben. Ich habe Ihrem Vater geſchworen, Sie zu ſchützen und zu behüten bis zu dem Tage, wo Sie durch die Wahl eines Gatten mich meiner Verpflichtung entbinden. Um Ihnen dies zu ſagen, bin ich hergekommen.“ 218 „O wie Sie mich demüthigen mit Ihrem Stolze, wie Sie mich demüthigen!“ flüſterte Dora Bella.„Ich werde dennoch Schloß Bärenberg verlaſſen.“ „Wenn es zu Ihrem Glücke dient, darf ich mich dem Entſchluſſe nicht widerſetzen“, antwortete der junge Mann ruhig.„Ich bezweifle jedoch die Möglichkeit, daß Sie anderwärts glücklich leben können.“ Meine Willenskraft iſt nicht gering“, fiel Dora Bella haſtig ein.„Ich werde auf Burg Boſtett leben und den Fluch Ihres Stammes durch gute Thaten löſchen.“ „Arme, liebe Dora Bella“, ſagte Askan abermals mit dem Tone eines zärtlichen Erbarmens.„Haben Sie noch nie bedacht, daß Sie einer Chimäre huldi⸗ gen, wenn Sie ſolchen fabelhaften Dingen Gewicht beilegen?“ „Es iſt mir eine Stütze in meiner Trauer geweſen, den Wünſchen meines Vaters gerecht zu werden.“ „Ich kann mir Ihre Ideenfolge wohl erklären und erkenne auch die Triebfeder Ihres Handelns. Allein eben deswegen ſollten Sie jetzt nichts unternehmen, was Sie ſpäterhin bereuen müßten. Sie ſind noch zu unruhig bewegt und in Ihre Trauer miſcht ſich noch zu lebhaft die ſtille Furcht, unrecht gethan zu haben⸗ Laſſen Sie erſt die Zeit wirken und überlegen Sie 219 dann nochmals Ihre Vorſätze, die Sie jetzt in gewiſſer Leidenſchaftlichkeit gefaßt haben.“ „Sie irren, ich bin ſehr ruhig, ich habe Alles wohl erwogen. Mich leiten weder Aufregungen noch Leiden⸗ ſchaften, Herr Graf. Ich erkenne es als eine Ge⸗ wiſſensſache, ſo zu handeln, wie ich handeln zu dürfen wünſche. Sie betrachten dies Alles als einen kind⸗ haften Eigenſinn, der ſich am meiſten bemerkbar macht, wenn man ihm widerſtrebt“, ſagte Dora Bella mit einem leichten Anflug weiblicher Malice. „Nein, bei Gott, dafür halte ich Ihr Beginnen nicht“, rief Askan, feurig aufblickend. „Wenn nicht, was hindert Sie dann, mich in mei⸗ nen Wünſchen zu unterſtützen?“ „Ich werde Sie unterſtützen, ich werde Mittel und Wege finden, Ihr Vertrauen zu erwerben, ich werde meinen Stolz verleugnen um Ihres Glückes willen.“ Er hielt inne. Dora Bella fühlte eine wunderbare Ruhe durch ihr Inneres ſtrömen. „Vertagen Sie Ihre Entſchließungen, Dora Bella“, fügte Askan ganz ruhig ſeinen aufgeregten Worten hinzu. „So ſoll ich Burg Boſtett nicht kaufen?“ fragte ſie ſchüchtern. „O warum nicht? Wenn es Sie glücklich macht, 220 ein altes Gemäuer an ſich zu bringen, das für keinen Menſchen Werth und Intereſſe hat“, war Askan's Antwort. „Auch für Sie hat dieſe Burg kein Intereſſe?“ „Gar nicht.“ „Freilich, Sie leben in der Welt, der Glanz der Gegenwart macht Sie gleichgültig gegen die Romantik der Vergangenheit.“ „Wenn dieſe Romantik auf der Vergänglichkeit alles Irdiſchen baſirt iſt, ſo verſchwindet allerdings jeder Reiz für mich und ich würde es eher als eine Eitel⸗ keit meinerſeits betrachten, wollte ich die Spuren eines alten Stammes in ſolchen Ruinen verklären. Mir ſind die Pflichten meines Standes, wie ſie die Jetztzeit fordert, weit wichtiger als die Thaten meiner Vor⸗ ältern, die von roher Willkür erzählen. Ich gebe gar nichts auf den Wahn, welchen man Adelſtolz nennt.“ „Nicht? Man findet Sie aber ſtolz!“ Askan lächelte und blickte dem verwunderten Mädchen feſt ins Auge. „Ich bin auch ſtolz, Dora Bella. Ich bin ſtolz auf meine Grundſätze, ich bin ſtolz auf mein verfloſſe⸗ nes Leben, ich bin ſtolz auf Alles, was an mir und in mir iſt. Tadeln Sie mich immerhin deshalb, ver⸗ achten können Sie mich nicht!“ 221 „Nein! Nein!“ rief Dora Bella und ſtreckte hin⸗ geriſſen ihre Hände nach ihm aus. Er ergriff ſie und hielt ſie feſt, indem er fortfuhr: „Ich bin jedoch nicht blos ſtolz, ich bin kaltherzig, dem äußerlichen Scheine ſehr ergeben; Sie wiſſen das ſchon, nicht wahr? Tadeln Sie mich immerhin des⸗ halb, nur verkennen Sie mich nicht!“ „Nein!“ flüſterte die Comteſſe ſchüchtern. „Wäre es nicht möglich, unſer Vertrauen durch die gleiche Liebe zu dem beſten gütigſten Manne, zu Ihrem Vater wiederherzuſtellen, Dora Bella? In ſeinem Namen bitte ich Sie um Ihr Vertrauen, in ſeinem Namen verlange ich Ihr Vertrauen. Ihr Vater hat mein Inneres erkannt. Auf ſein Urtheil verweiſe ich Sie, indem ich dieſe Forderung ſtelle. Wollen Sie mir vertrauen, Dora Bella?“ „Ja!“ antwortete das junge Mädchen mit leuch⸗ tenden Augen. Jetzt drückte Askan ſeine Lippen auf die beiden Hände, die er noch immer hielt. Er erhob ſich raſch.„Ich will hinüber zu den Herren; ſie werden mich erwarten“, ſprach er. Seine Stimme war minder feſt als ſonſt. Er entfernte ſich. Dora Bella blieb allein. War ſie getröſtet? War ſie ruhig? Ein himmliſches Lächeln verklärte ihr Ge⸗ 222 ſicht! Mein Gott, wie war das Alles ſo einfach, ſo ruhig abgemacht, und ſie hatte mit thörichter Furcht, ſie hatte mit grauſamen Entſchlüſſen gerungen, ſie hatte in Angſt und Sorge, in Groll und Bitterkeit alle Bande zwiſchen ſich und Askan zu löſen getrachtet! Nun war er da und nun gebot er, ſie ſollte nicht daran denken, ihr Glück zu ſtören. Nun bewies er ihr die Liebe ihres Vaters mit einfachen Thatſachen; nun erklärte er ihr, daß die Geſetze der Ehre und Pflicht ihn zu ihrem Beſchützer machten. Wie verblendet mußte ſie geweſen ſein, daß ihr eige⸗ ner Verſtand ſie nicht hatte heilen können! Das ganze Machwerk ihrer Staatskunſt lag jämmer⸗ lich vernichtet am Boden und ſie trauerte nicht darüber. Graf Askan trat unvorhergeſehen in den Salon. Er ſtörte ein Geſpräch zwiſchen dem Hofmarſchall und Reinhold, das jedenfalls ſeinen ausgedehnten Beſuch bei Dora Bella zum Thema hatte, denn beide wen⸗ deten ſich gleichzeitig nach ihm um und eine gleiche Spannung lag in ihrem Mienenſpiele. „Willkommen, Graf Askan!“ rief Reinhold launig. „Du ſiehſt wie ein glücklicher Eroberer aus!“ „Ein Sieger über ſich ſelbſt iſt wohl kein Eroberer „zu nennen, Reinhold“, antwortete Askan, indem er ſich 223 herzlich mit dem Hofmarſchall begrüßte und Reinhold die Hand reichte. „Schwerlich! Man müßte ſolche Siege denn zu den moraliſchen Eroberungen rechnen“, rief Reinhold ſehr heiter, den unwilligen Blicken des Hofmarſchalls trotzend. „Was nun?“ fragte dieſer gemeſſen und ernſthaft. „Sie haben es vorgezogen, erſt die Anſichten der Com⸗ teſſe zu hören, bevor Sie uns befragten?“ „Sie irren, Herr von Wenkenthal“, erwiderte As⸗ kan freundlich.„Ich habe es für nöthig befunden, der Comteſſe meine Anſichten mitzutheilen.“ „Dürfen wir dieſe auch erfahren? Was ſagen Sie zu dem großartigen Eigenſinn unſeres Mündels? Wie nehmen Sie die edelmüthige Reſignation zu Ihren Gunſten auf?“ „Dora Bella weiß jetzt, daß ſie von mir durchaus keine Anerkennung und keine Unterſtützung ihrer phan⸗ taſtiſchen Launen zu gewärtigen hat“, antwortete Askan. „Wird dieſe Erklärung helfen?“ fragte der Hof⸗ marſchall. „Gewiß! Der Grund ihrer Projecte fällt ja fort durch meine Erklärung.“ „Gott ſei Dank!“ rief der Hofmarſchall erleichtert. „Alſo der Kauf der Burg Boſtett unterbleibt?“ „Nein, das nicht, Herr Hofmarſchall! Wozu denn das Vergnügen einer jungen Dame ſtören, die ſich in dem romantiſchen Spielwerk wohlgefällt? Laſſen Sie Dora Bella die alte Burg kaufen und nach Gefallen wiederherſtellen!“ „Ein koſtſpieliges Spielwerk“, warf der Hofmarſchall ärgerlich ein.„Es iſt nichts als eine Kinderthorheit, die ganz unnöthig erſcheint, wenn Sie nicht in die Abtretung des Schloſſes Bärenberg willigen wollen.“ „Es gibt weiſere Leute, die an ſolchem alten Mauer⸗ werk Gefallen finden und anſehnliche Summen daran verſchwenden, die ſie nothwendiger gebrauchen könnten. Hier wird der Ankauf aus dem Ueberfluß beſchafft; warum wollen wir dagegen wirken? Außerdem be⸗ ſteht aber für mich eine beſondere perſönliche Ver⸗ pflichtung, die Wünſche zu befürworten, die Dora Bella hegen ſollte. Du erinnerſt Dich der feierlichen, etwas ſentimentalen Scene, die wir mit dem Grafen Harald hatten“, wendete er ſich an Reinhold, welcher bis dahin nur einen ſtummen Zuhörer abgegeben hatte.„Du erinnerſt Dich, daß mich Graf Harald für das Glück ſeiner Tochter gleichſam verantwortlich machte, wenn irgend etwas ihren Wünſchen hinderlich in den Weg treten ſollte?“ „Genau erinnere ich mich des ganzen Auftritts“, antwortete Reinhold. 225 „Nun, ſo bedarf es keiner weitern Worte, um Sie beide zu überzeugen, daß die alte Burg gekauft und renovirt werden muß. Dora Bella will es; ihr Wort entſcheidet!“ Nicht gerade gut gelaunt von Graf Askan's Ent⸗ ſcheidung machte der Hofmarſchall Miene, dieſe raſch beendete Conferenz durch ſeine Entfernung ganz zu ſchließen. Er knöpfte ſeinen Rock zu, als wolle er ſich allen weitern Erörterungen entziehen und ſagte be⸗ eilt:„Die Verantwortung auf Ihr Haupt, lieber Graf. Ich betrachte meine Vormundſchaft als überflüſſig, wenn Sie mit perſönlichen Machtvollkommenheiten be⸗ traut ſind. Haben Sie die Gewogenheit, Herr von Leſſel, mir die Belege zur Unterſchrift vorzulegen; ich bin dann fertig und kann reiſen!“ „Ohne mich gehört zu haben, ohne meine innerſten Gedanken über den vorliegenden Fall zu kennen, der mich in eine ſeltſame Lage zu Ihrem Mündel bringt?“ fragte Graf Askan ruhig.„Ich habe mit Ihnen zu reden, Herr Hofmarſchall, ich habe Sie um Rath, um Hülfe zu bitten!“ Der alte Herr blickte wie umgewandelt zu ihm auf.„Ja, ja! Ich hatte eine Frage an Sie gerichtet; freilich, die müſſen Sie mir erſt beantworten, lieber Graf. Wollen Sie die Güte haben, mich ſpäterhin auf meinem Zimmer zu beehren?“ Fritze, Schloß Bärenberg. III. 15 „Meine Antwort kann ich Ihnen ſogleich in Ge⸗ genwart meines Jugendgeſpielen mittheilen“, ſprach Askan freimüthig.„Das iſt eben der Sieg, welchen ich über meine fehlerhafte Gemüthsverfaſſung errungen habe. Reinhold mag es wiſſen, daß ich Dora Bella allerdings nicht mit Gleichgültigkeit betrachte, daß ich ihr Vertrauen durch mein Benehmen gegen ſie ver⸗ wirkte, daß ich ſelber ein Opfer meiner Fehler ge⸗ worden bin und nicht die Kraft beſaß, meinen Stolz vor dieſem kindlichen Weſen zu beugen. Wer Ihnen, Herr Hofmarſchall, den Weg angedeutet hat, der mich aus meinem ſelbſtverſchuldeten Leide rettete, dem danke ich ewig! Ich ahne es, daß Fräulein van der Bruik der gute Engel war, der Ihre Augen öffnete. In meinem Namen mögen Sie ihr danken, denn ich ſelbſt möchte über nichts reden, was noch in ſchwerer, trüber Dunkelheit um mich ſchwebt.“ „Den Dank Antonien zu überbringen, geſtatten Sie mir, Herr Hofmarſchall“, warf Reinhold ein.„Wenn mein Brief Dir genützt hat, Graf Askan, ſo gebührt der Dame doppelt Dank; auch dieſen Brief hat ſie veranlaßt!“ „Auch dieſer Brief hat mir genützt! Das erſte ſchwere Unrecht von meiner Seite iſt nun ſchon ge⸗ ſühnt, mein guter Wille wird mir weiter helfen.“ 3 2 „Wir Männer tappen oft in Dunkelheit, wenn es gilt, die Empfindungen zu enträthſeln“, ſprach der Hofmarſchall gütig.„Der Beobachtungsgabe der Damen entgeht die Grundlage des Gefühls ſelten. Hoffentlich eitirt mich nun nicht mehr das Schreckniß eines thörichten Wahns in dieſe Mauern zurück, ſondern die Nothwendigkeit, ein Herzensbündniß zu ſanctio⸗ niren.“ „O kein Frohlocken, bis nicht mein ſtilles Wünſchen zur Wirklichkeit reift! Wer ſehnlich hofft, vertraut nur zaghaft der Macht des Schickſals!“ „Haſt Du des Wiederſehens Ueberraſchung nicht benutzt, um in Dora Bella's Herzen zu leſen?“ fragte Reinhold. „Ihr Herz iſt noch geſchloſſen! Ich habe nur den Keim des Vertrauens hineingelegt; ob mein Glück daran ſich feſſelt, muß ich erwarten.“ „Ich hoffe es!“ ſagte der alte Herr gerührt.„Wie leicht und glücklich hätte ſich Alles geſtalten können, wenn Dora Bella—“ „Nein, nein!“ unterbrach ihn Askan heftig;„nicht Dora Bella trägt die Schuld, ſie war gekränkt!“ Die beiden Herren tauſchten einen Blick, der ihre volle Zufriedenheit mit dem Seelenzuſtande Askan's ausſprach. 228 „Er iſt kurirt“, ſagte ſpäterhin Reinhold zu Antonien im Vorübergehen. „Sie iſt geheilt“, flüſterte ſie lächelnd dagegen. „Die große Heilkünſtlerin ſind Sie geweſen!“ ſprach er weiter.— „Ich denke, Sie haben das Recept verſchrieben?“ ſagte ſie ſchalkhaft. „Wir müſſen beide decorirt werden mit der Ver⸗ dienſtmedaille!“ „Nicht doch, es wird ein Bärenorden geſtiftet!“ „Auch gut! Wie ſieht Dora Bella aus? Wie ein Kind, dem das Licht zu ſtark in die Augen glänzt?“ „Nein, wie ein Engel, der Löwen gezähmt hat!“ „Oder Bären!“ meinte Reinhold lakoniſch. „Jetzt iſt Klara bei ihr. Sie flüſtern ſich ihre Seligkeiten zu.“ „Gehen Sie und lernen Sie es von ihnen!“ rief der junge Mann mit lakoniſchem Eifer.„Ich möchte, daß Sie Liebesträumereien begriffen!“ „Das wäre noch viel zu früh“, antwortete Antonie trocken.„Was wird Horink ſagen!“ rief ſie ab⸗ ſchweifend. „Und der Inſpector? Und der Amtmann?“ fragte Reinhold lachend. . ☛ 229 „Der Inſpector verläßt uns? Sie nehmen ihn zur Hülfe mit?“ fragte Antonie. Ihr Ton verrieth ihm, daß dieſe Frage längſt auf ihren Lippen geſchwebt hatte. „Nein“, ſagte er, treuherzig in ihr Auge blickend. „Ich habe ſolche Hülfe nicht nöthig. Herr van Lynkhuyſen wünſchte einen Mann, der Redlichkeit mit Schlauheit verbände.“ „Dann paßt der Inſpector! Ich bin des Zufalls froh, der ihn von hier fortnimmt; ſeine Stellung zu Graf Askan dürfte ſchwierig werden. Nur bitte ich Sie, be⸗ nutzen Sie niemals dieſen Mann, vertrauen Sie ihm nie!“. „Fürchten Sie nichts für mich! Ein Staatsmann darf keinen Vertrauten haben, wenn er die Früchte ſeines Strebens ohne Furcht und Sorge genießen will.“ Sie trennten ſich. Zu gleicher Zeit hatte der alte Volkmann eine Unterredung mit der Gräfin Eliſabeth, die ſich bei Askan's Eintreffen ebenfalls fluchtähnlich zurückgezogen hatte und der Entwicklung des Dramas mit Herz⸗ klopfen entgegenſah. „Graf Askan wünſchen aufzuwarten“, ſagte Volk⸗ mann frohlockenden Tons, indem er ſich ehrerbietig bis in die Nähe des Seſſels begab, worin die alte 230 Dame bangen Herzens ruhte.„Wir ſind der Meinung, gnädige Gräfin, daß der Geiſt Sr. Excellenz ihn um⸗ ſchwebt. Es iſt Alles gut, die böſen Geiſter ſind ge⸗ bannt.“ Gräfin Eliſabeth befreite durch einen tiefen Athem⸗ zug ihre Bruſt. „Und Dora Bella?“ fragte ſie leiſe und dringend. „Volkmann, wird es Frieden bleiben?“ „Noch nicht!“ ſagte der alte treue Mann.„Wir müſſen erſt die Siege des Grafen Askan abwarten.“ „Ob wir darauf hoffen können?“ „Wenn wir uns diplomatiſch ruhig verhalten, nur Augen und Ohren in Thätigkeit ſetzen, nicht voreilig reden, ſondern—“ „Aber Volkmann, wäre es nicht beſſer, Alles zur Sprache zu bringen?“ unterbrach die Dame ihn unge⸗ duldig.„Ich dächte, unſer diplomatiſches Schweigen hätte die Sache eher verſchlimmert als verbeſſert.“ Volkmann blickte verwirrt in die Höhe.„Ja, freilich!“ ſagte er nachdenklich.„Wir hätten reden ſollen, als es Zeit war.“ „Gut! Ich werde offen gegen Askan ſein!“ ſchloß Gräfin Eliſabeth das Geſpräch. Volkmann hätte ſich nun entfernen müſſen, aber er blieb ſtehen und blickte rathlos vor ſich hin.„Ja, — 231 freilich“, ſagte er ganz leiſe,„wir hätten weniger diplo⸗ matiſch ſein ſollen— nun, ſo ſei es, wir wollen der gnädigen Gräfin wenigſtens heute zur rechten Zeit er⸗ öffnen, daß wir gehört haben, was Graf Askan mit dem Herrn Hofmarſchall geſprochen. Graf Askan hat danach gehandelt wie ein edler Mann und er hofft nun, daß ſein ſtiller Wunſch in Erfüllung gehe; er hofft auf das Vertrauen der Comteſſe.“ „Das hatteſt Du gehört, Du alter Mann, und ſchwiegſt abermals diplomatiſch? Geh, geh, nun iſt Alles gut! Ich habe nicht nöthig, die Ruhe meiner Gedanken zu ſtören.“ Volkmann ging mit dem Bewußtſein, die Gräfin von einer großen Sorge befreit zu haben. Als Graf Askan zu ihr eintrat, bedurfte es keiner Vorberei⸗ tung, um die unbedingteſte Vertraulichkeit zwiſchen zwei Herzen herzuſtellen, die längſt für einander ge⸗ öffnet waren. Gräfin Eliſabeth erfuhr Alles, was ge⸗ ſchehen war. Sie wurde aber auch eingeweiht in die Vorſätze und Pläne, welche Askan ſeines Glückes wegen für nöthig erachtete. Sie billigte Alles. Graf Askan hatte beſchloſſen, für die nächſte Zeit in Bärenberg zu bleiben und die Verwaltung der Be⸗ ſitzung nach ſeinen Grundſätzen zu ordnen. Er ver⸗ hehlte der Gräfin nicht, daß er fürchtete, Manches im Argen zu finden; allein er gab auch ſeinen Entſchluß zu erkennen, nichts gewaltſam anzugreifen und nament⸗ lich dem Amtmann ſowohl als dem Inſpector Gelegen⸗ heit zu geben, zur Einſicht zu kommen, wie ſtark ſie das hingebende Vertrauen des Grafen Harald ausge⸗ beutet hätten. Von einer weſentlichen Veränderung im Schloßbeamtenperſonale war indeß nicht die Rede. Die Hinderniſſe eines Glücks waren mit dieſen Er⸗ klärungen aus dem Wege geräumt und es wäre eine ganz nutzloſe Weitſchweifigkeit, wollte man ſich in die einzelnen Scenen vertiefen, welche endlich die noth⸗ wendige Erklärung aller innerlichen Empfindungen herbeiführen mußten. Es läßt ſich ohne große Mühe errathen, daß Graf Askan den eingeſchlagenen Weg, der ihn ſicher zu ſeinem Ziele zu führen verſprach, nicht allein mit Klugheit, ſondern auch mit der ausreichenden Wärme verfolgte, um Dora Bella's Vertrauen und damit zu⸗ gleich das Bewußtſein einer Neigung zu wecken, welche lediglich ſchuld an ihren leidenſchaftlichen Irrungen geweſen war. Askan wollte es vermeiden, daß die friedliche Trauer ihres Herzens durch eine gewaltſame Empfindung ge⸗ ſtört werde, darum feſſelte er mit ſtarkem Geiſte die 233 ängſtliche Sehnſucht, ſich ihrer Liebe zu verſichern, und hielt ſelbſt ſeine Blicke in Schranken, um ihre Um⸗ gebung in Ungewißheit zu erhalten. Es kamen zwar Stunden, wo er, ungeachtet ſeiner begründeten Hoff⸗ nungen, von der Furcht einer Täuſchung gepeinigt wurde, wo die ſchlimmſte Gewißheit ihm lieber geweſen wäre als die Schwankungen zwiſchen Seligkeit und Zweifel, aber er blieb feſt in ſeinem Entſchluß. Allmälig, nur ganz allmälig kam Dora Bella zur Erkenntniß ihres Herzenszuſtandes. Die ſtille Liebe reifte endlich ihr Gemüth, wie früherhin die einſame Beſchäftigung ihren Geiſt gereift hatte. Danach trat die Zeit ein, welche durch geheimniß⸗ volle Zeichen das Einverſtändniß ihrer Herzen verkün⸗ dete. Der Blick ſuchte den Blick, das Lächeln begeg⸗ nete dem Lächeln. Ihre Vergnügungen trafen ſym⸗ pathetiſch zuſammen und ihre Freuden verſchmolzen in einander. Ohne romantiſche Beimiſchungen entwickelte ſich ihr Verhältniß und glich doch in ſeiner Entfaltung ſo ganz dem Weſen der Romantik. Graf Askan war der Cavalier ſeiner Dame, dem ſie in der Anmuth und Liebenswürdigkeit ihrer wahrhaft kindlichen Un⸗ ſchuld tauſend verrätheriſche Beweiſe von Zärtlichkeit und Liebe gab. Graf Askan war ihr Rathgeber, ihr Begleiter und tauſchte bei dieſer Rolle ſehr viel von den idylliſchen Lebensanſichten ein, denen er bis dahin ſich abhold gezeigt hatte. Dies fand abſonderlich rückſichtlich der Burg Bo⸗ ſtett ſeine Anwendung. Er hatte der poetiſchen Vor⸗ liebe Dora Bella's nachgegeben, indem er dem An⸗ kaufe der alten Burg das Wort redete. Ihr zu gefallen beſuchte er mehrere Male in Geſellſchaft der Bärenberger Gäſte das alte Schloß. Ihr zu gefallen betrieb er den Beginn eines Baues, der nach der An⸗ ſicht aller vernünftigen Leute mehr als ſonderbar war. Graf Askan warf ſich faſt gezwungen zum Vertheidiger dieſer phantaſtiſchen Idee auf. Kaum hatte er jedoch ſich näher mit der Sache befreundet, ſo fühlte er ein mächtiges Intereſſe erwachen. Wie ein Zauber umfing es ſeine weltliche Seele, ſeinen kühlen Verſtand, wenn er oben vom alten Söller in die Felſenklüfte und darüber hinaus in die weiten Ebenen mit ihren Städten und Dörfern blickte, und er trieb, als hinge ſein Glück von der Vollendung des Baues ab, die Leute eines Tages an, ſich zu beeilen, damit im Früh⸗ linge die Comteſſe hier wohnen könne. „Die Comteſſe allein?“ fragte Reinhold lachend, als ſie wieder bergab ſtiegen. Graf Askan blickte ihn mit einer Miſchung von Vorwurf und Bitte an. — 235 „Störe das Keimen meines Glückes nicht durch vor⸗ eilige Bemerkungen“, ſagte er. „Du blinder, kurzſichtiger Sterblicher, wie kannſt Du noch zagen, da Dein Glück ſchon in voller Blüte ſteht!“ rief Reinhold ermunternd.„Wäre ich ſo weit, ſo könnte ich Schloß Bärenberg in Seelenruhe ver⸗ laſſen. Mein Ziel entrückt ſich jedoch in weite Fernen! Antonie weicht einer beſtimmten Erklärung aus und verweiſt mich lachend mit meiner Liquidation auf die Zukunft. Im Grunde hat ſie Recht. Was aus mir werden wird, liegt noch im Wolkenſchleier der Zeit verborgen und eingegangene Verpflichtungen könnten mir eher hinderlich als förderlich im Wege ſtehen.“ „Wie philoſophiſch Du die Verhältniſſe Deines Herzenlebens beurtheilen kannſt“, ſprach Askan ſehr erſtaunt. „Wäre Deine Stellung im Staatsdienſte noch ſo wenig geſichert wie die meine, ſo würdeſt Du etwas mehr Lebensphiloſophie entwickeln müſſen, um Dir eine Stütze zu ſchaffen“ war Reinhold's phlegmatiſche Antwort. „Wie ich gehört habe, ſtehen Antoniens Angelegen⸗ heiten mit ihren Verwandten gut?“ „Sehr gut, ſoweit es ſie allein betrifft. Sie ge⸗ nießt ſeit kurzem eine anſehnliche Rente. Aber für 236 Standesverhältniſſe, wie ich ſie im Sinne habe, reicht dies nicht aus. Ich hoffe Größeres zu bewerk⸗ ſtelligen!“ Askan ſah ihn unſchlüſſig an, dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und ſagte:„Reinhold, höre auf meine Warnung, baue das Glück Deines Herzens nicht mit eigennützigen Abſichten auf; es flieht jeder Friede aus den Hallen der Häuslichkeit, die von der Atmoſphäre der Habſucht und Selbſtſucht durchweht werden.“ „Erlaube, Graf Askan, wir ſtehen auf verſchieden⸗ artigem Boden und betrachten ſolche Lebensfragen von verſchiedenartigem Standpunkte. Es gibt zweierlei Ehen, mein Lieber! Die eine Ehe iſt eine Verſchmel⸗ zung aller Anſichten, aller Eigenthümlichkeiten, ſie iſt eine gegenſeitige Niederlage, welche den Charakteren von den Herzen bereitet wird. In dieſer Verfaſſung befindeſt Du Dich und, Gott ſei Dank, auch Dora Bella. Ihr ergänzt Euch in Gemüth und Vernunft und gewinnt dabei an Liebenswürdigkeit! Anders iſt die andere Art der Ehe, welche von zwei ſelbſtſtändigen Leuten beabſichtigt wird, die darauf hinausgehen, die Annehmlichkeit ihres Lebens zu vervollſtändigen, ohne jedoch eine gewiſſe Unabhängigkeit des Gedankens und der Beurtheilung mit in den Kauf zu geben. Bei V —— 237 dieſem Bündniſſe kommt es nur darauf an, daß der Kern gut befunden wird und daß ſich alle Aeußerlich⸗ keiten harmoniſch fügen.“ „Ganz richtig“, unterbrach ihn Askan lebhaft an⸗ geregt.„Das Elend eines ſolchen Bündniſſes bricht herein, ſowie der erwartete Glanz und Reichthum ſich mindert oder ausbleibt. Es fehlt das vermittelnde, verſöhnende Princip— die Liebe! Es fehlt die noth⸗ wendige Kraft und Stütze— die Liebe!“ „Dafür iſt aber der klare Verſtand als Aushülfe da! Glaube mir, es iſt nur nöthig, mit dem innern Weſen des Menſchen, mit dem Kern deſſelben vertraut zu ſein, um alle Brandungen und Klippen ſolcher Ver⸗ ſtandesehen zu vermeiden. Es wird uns leicht, das Wollen und Handeln gegen einander abzuwägen und ſich mit dem letztern dem erſtern verſtändig zu fügen, wenn die Nothwendigkeit es erheiſcht.“ „Beim letztern Bündniſſe haſt Du Dich und An⸗ tonie vor Augen?“ Allerdings! Es gibt gewiß nicht zwei andere Men⸗ ſchen, die ſo vollſtändig für einander paſſen wie wir beide. Wir ſind nicht ohne Gefühl für einander. Ich würde es ſchmerzlich empfinden, ſollte Antonie meine ſpätere Bewerbung zurückweiſen. Wahrſcheinlich iſt es das erſte und letzte Mal, daß ich mich zu einem weih⸗ 238 lichen Weſen dergeſtalt hingezogen fühle, um eine Ehe mit ihm zu wünſchen; aber ich würde dieſe Heirath nie zum Gegenſtande meiner Wünſche erhoben haben, wenn nicht die Vermögensverhältniſſe Antoniens ſo günſtig ſich geſtaltet, daß ſie meinen Anforderungen an äußern Glanz ſich genügend erwieſen hätten. Antonie weiß, was ich für Abſichten hege; auf meine Treue kann ſie bauen; der Verkehr mit Frauen gehört durchaus nicht zu meinen Lebensgenüſſen; leider iſt mir die Geiſtes⸗ kraft verliehen, ſie zu durchſchauen, und dies ſchwächt den Reiz des Umgangs. Eine kurze Zeit, dies ſage ich Dir blos zur Vervollſtändigung meiner Beichte, eine kurze Zeit bemächtigte ſich meiner Seele die Ab⸗ ſicht, Dora Bella für mich zu gewinnen.“ Graf Askan runzelte die Stirn und richtete ſein Auge ſtreng auf ihn. „Nur nicht eiferſüchtig!“ rief Reinhold in unver⸗ wüſtlicher Laune.„Ich begann, ihr Gedichte vorzu⸗ leſen, weiter nichts. Antoniens Spott belehrte mich alsbald, daß dieſer durchſichtige Edelſtein in meinen unwürdigen Händen zerbrechen würde. Es war nur ein Gedanke, der, kaum erſtanden, am tief verhüllten Erfolg ſcheiterte, Graf Askan. In der That nichts weiter, alſo entrunzle Deine edle Stirn!“ „Deine leichtfertigen Reden könnten mich oft irre —— 239 an Dir machen, wenn ich nicht auf Graf Harald's Menſchenkenntniß traute, der Dich hoch hielt“, ſprach Askan ernſt. Reinhold fand für gut, der ſchmeichelhaften An⸗ erkennung nicht zu widerſprechen. Nach wenigen Tagen verließ er das Schloß. Vor ſeinem Abſchiede übernahm er die Meldung an Dora Bella, daß Inſpector Prutz eine Anſtellung im Polizeiweſen an⸗ genommen habe, alſo ſeine Stelle als Schloß⸗ beamter aufgebe. Die Wirkung dieſer Nachricht war weit weniger nachhaltig, als er ſelbſt und noch viel mehr der Inſpector erwartet hatte. Dora Bella mußte wohl auf eine derartige Veränderung vorbereitet ge⸗ weſen ſein. Seine Stelle wurde durch einen Ver⸗ wandten des Förſters erſetzt. Antonie hatte mit Ueberlegung jede Gelegenheit zu einer Verſtändigung vermieden, bis der Abſchied ihr Reinhold gegenüber ſtellte. Sie reichte ihm ihre Hand. „Zwiſchen uns beſteht ein Vertrag, mein Herr von Leſſel, vergeſſen Sie das nie im Wirbelwinde des Ehrgeizes!“ ſagte ſie bedeutungsvoll.„Wir ſtehen in Abrechnung! Wenn der Tag erſcheint, der Sie zur Liquidation auffordert, ſo wiſſen Sie, daß mein dank⸗ bares Gemüth die Auseinanderſetzung unſerer Rech⸗ nungsſache auf alle Fälle gut heißen wird. Sie gehen 240 in ein Weltleben, deſſen Wellengerieſel und Loreley⸗ geſang noch unbekannte Gefahren für Sie verbirgt; dies ſei die Prüfung Ihrer Freundſchaft für mich! Ich bleibe hier in der wunderholden Einſamkeit, ſolange ich meiner Comteſſe unentbehrlich bin. Ich würde ſagen: Schreiben Sie mir bisweilen; allein ich fürchte, Sie werden mir antworten wie neulich: Was iſt das geſchriebene Wort!“ Reinhold drückte wiederholt ſeine Lippen auf die Hand der jungen Dame, die ſelbſt im Momente des Scheidens auf eine lange und ungewiſſe Zeit die Geißel des Spottes ſchwang. Freilich ihr Auge war feucht dabei und nur ihr feſter Wille hielt ſie von dem zu⸗ rück, wozu ihr Herz ſie trieb. Reinhold ging hinaus in die Welt, um durch die Eingebungen ſeines Ehrgeizes ſein Geſchick beſtimmen zu laſſen. Inſpector Prutz gönnte ſich noch eine kurze Friſt, ehe er ſeiner neuen Beſtimmung folgte, die ihn an gefährliche Scheidewege verſetzte. Ehe er Schloß Bärenberg mit ſeiner Schloßhöhe verließ, wurde die Verlobung der Comteſſe declarirt. Auch die Hochzeit Klara's machte er noch mit. Darauf verſchwand er im Gewühle der Welt. Nie⸗ mand konnte ſagen, wohin er eigentlich mit ſeinen ſchönen Kindern und ſeiner braven Gattin gekommen ſei. Sein ferneres Leben mag ihm zum Ruhme ge⸗ reicht haben, zur Ehre führte es ihn nicht. Erſt zwei Jahre nach den geſchilderten Ereigniſſen wurde Antonie van der Bruik des Herrn Reinhold von Leſſel Gemahlin. Wenige Jahre ſpäter ſehen wir ihn als Miniſter ſeines Vaterlandes. Seine Gemahlin wurde ihrer Liebenswürdigkeit wegen verehrt und ge⸗ liebt vom Fürſtenhauſe ſowohl als von allen, die ihr nahe traten. Wie Reinhold von Stufe zu Stufe geſtiegen iſt, durch welche Mittel er ſeinen Zweck erreicht hat, ob immer auf würdige Weiſe gehoben und getragen, bis er am Ziele war, wir können es nicht verrathen, denn Reinhold von Leſſel hielt feſt an dem Grundſatze, daß ein Staatsmann niemals einen Vertrauten haben dürfe, wenn er ſeine errungene Stellung würdig behaupten wolle. Graf Askan zog ſich hingegen aus ſeinen Welt⸗ verhältniſſen zurück, ſoweit es ſich mit den Verpflich⸗ tungen ſeines Standes vertrug. Er verließ ſeine Be⸗ ſitzungen nur, wenn ihn ſeine Pflicht in die Kammern rief. Dann begleitete ihn ſeine ganze Familie, ſein geliebtes Weib und ſeine Kinder, um dieſe Pflichtreiſe weniger opfervoll für ihn werden zu laſſen. Er erntete in ſeiner politiſchen Laufbahn die Achtung und Ehre, Fritze, Schloß Bärenberg. III. 16 die er durch ſeine ehrenwerthen Grundſätze verdiente. Seine Meinungen und Anſichten gewannen ſehr oft den Sieg bei ſtreitigen Punkten, weil er ſie mit der Ruhe und Gelaſſenheit einer ernſten Conſequenz und nicht mit der hitzigen Kampfluſt der Geiſteseitelkeit geltend zu machen ſuchte. Der freundſchaftliche Verkehr zwiſchen den Fami⸗ lien Bärenberg und Leſſel iſt trotz Zeit und Raum unverändert geblieben. Graf Askan verſagt Herrn Reinhold ſeine Bewunderung der Geiſteskraft nicht, mit der er Sieger im Lebenskampfe geworden iſt und ſich zu der erwünſchten Höhe aufgeſchwungen hat. Aber er glaubt vorſichtig der Weltgeſchichte das Urtheil über die Grundſätze deſſelben überlaſſen zu müſſen. Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. 1 Ein tiefes Geheimniß. 6 Roman 6 von Wilkie Collins, Verfaſſer von„Die Frau in 2 Veiß“ ꝛc. Aus dem Sngliſchen von 24 A. Krehſſchmar. Autoriſirte Ausgabe. 3 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Herrin und Dieneri 4 8 4 3— Zerrin und Dienerin. Eine Erzählung aus dem häuslichen Leben von der Verfaſſerin von„John Halifax“. * Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Verlag von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Niriam Oder: 6 Graf und Künſtlerin. 1 Nach dem Engliſchen: Transformation von— Nathaniel Hawthorne. Deutſch von Clara Marggraff. Autoriſirte Ausgabe. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. John Halifar, Gentleman. Aus dem Engliſchen von Sophie Verena. Autoriſirte Ausgabe. 2 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. — fffnfnfffffffffftiſfffffffiſf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19