„⸗———=== — 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe be von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: hinterlegen, welche bei deſſen Zurückga wird. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„=„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sechadenersatz. Für beſchmutzte „zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —.“ 1 S —— — Roman von Arnſt Fritze. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. Erſtes Kapitel. Herr Dietrich Haberhorſt, des würdigen Bergſchenken⸗ wirths Neffe, hatte nie ſo ſelbſtzufrieden, ſo friſch und ſo unſchuldig in die Welt hinausgeblickt, als in dem Augenblick, wo er auf einem verbotenen Seitenwege den Garten des Förſters verließ, nachdem er die hübſche Toni geküßt hatte. Es gehörte zu den Lebensgewohnheiten des jungen Mannes, mit Frauenzimmern zu verkehren und ihnen womöglich die Köpfe zu verdrehen. An ihre Herzen dachte er dabei nie, wahrſcheinlich weil ſein Herz bei allen dieſen Courmachereien vollkommen ruhig und normal pochte. Das Rendezvous in des Förſters Garten war ein zufällig entſtanden, indem Dietrich von der Höhe die hübſche Antonie Kirſchen pflücken ſah und ſogleich die 1 Fritze, Schloß Bärenberg. II. 2 unbändigſte Luſt verſpürte, ihr dabei zu helfen und zugleich als Lohn ein Dutzend Küſſe zu erbeuten. Toni erſchwerte ihm anfänglich ſein Vorhaben durch aller⸗ hand übermüthige Streiche, ſchließlich ließ ſie ſich, wie ſchon bekannt, doch dazu verleiten, ſeinen Wünſchen nachzugeben. Dies Zuſammentreffen hatte alsbald ſein Ende er⸗ reicht, und Dietrich, dem die hochſtehende Sonne an⸗ zeigte, daß die Speiſeſtunde ſeines ehrenwerthen Herrn Oheims nahe war, machte ſich auf den Weg, um zur rechten Zeit zu Hauſe zu ſein, weil Herrn Evers nichts in der Welt mehr verſtimmen konnte als ein noch ſo geringfügiges Warten mit dem Mittagseſſen. Herr Dietrich zeigte durch den Eifer, womit er der Hauptmahlzeit des Tages entgegeneilte, daß er ſich keineswegs in dem Stadium der Liebe befand, wo alles Eſſen aufhört und ein Blick nebſt einem Kuß von der Geliebten hinreicht, ein verſäumtes Mittags⸗ mahl zu erſetzen. In dem ganzen Weſen des jungen Mannes, als er ſo dahinſchlenderte, bald da⸗, bald dorthin ſchauend mit ſeinen fröhlichen, ſonnenhellen Augen, und im jugendlichen Muthwillen alle Hunde neckte, die Katzen jagte und nach den Sperlingen warf, lag durchaus nichts von heißer Liebe und von tiefer Leidenſchaft, 3 wohl aber etwas Formenloſes, verbunden mit einer bedeutenden Portion Selbſtbewußtſein und Selbſtgenüg⸗ ſamkeit. Er war ein ſehr hübſcher Mann, hielt ſich ſelbſt auch dafür und hatte die Erfahrung für ſich, daß nichts leichter ſei, als die Weiber zu bethören. Trotz alledem glühte momentan in ſeinem Auge ein Funke, der auf die Möglichkeit hinwies, aus ſeinem leichtfertigen Weſen einen edlen Ernſt und ein kräftiges Streben erwachen zu ſehen. Dieſe momentane Erhebung erwarb ihm die Beachtung der Männer, während ſeine Liebenswürdig⸗ keit ihn zum Lieblinge der Frauen machte. Luſtig wie eine Haidelerche kam er heim zu ſeinem Oheim, der ihn ſeit ſeinem Beſuche bei der Förſters⸗ wittwe ſehnlich erwartet hatte, um die Geſchichte auch mit ihm ins Reine zu bringen. Herrn Evers' Blicke leuchteten ordentlich vor Freude, als Dietrich ihm in der ganzen Schönheit ſeiner äußern Geſtaltung ent⸗ gentrat und ſogleich die Heiterkeit ſeines Geiſtes ſpielen ließ. Er liebte den jungen Mann mehr, als er ſagen, und war ſtolzer auf ihn, als er zeigen mochte, des⸗ halb verſteckte er ſein Wohlgefallen ſtets in einen polternden, zankenden Ton, dem man jedoch den Scherz auf der Stelle anhörte. „Wo bleibt Er denn, Herr Springinsfeld?“ rief er 1* 4 lachend.„Nichts gethan den ganzen lieben Morgen! Der Knecht Matthis iſt lange heim von der Haferbreite, aber der junge Herr hat einen Umweg gemacht. Ja, ja, wir kennen ſolche Umwege wegen einer ſchönen Ausſicht, es ſind Abwege wegen eines ſchönen Frauen⸗ zimmers! Das könnte füglicherweiſe endlich aufhören, mein Herrchen, und wir werden das Unſerige thun, um den wilden Vogel zu zähmen.“ Dietrich nickte freundlich mit dem Kopfe.„Immer zu, Onkel! Wundere Dich aber nicht, wenn wir wieder fortfliegen, obwohl wir gezähmt erſchienen.“ „Ich werde Dich ketten, feſſeln, binden“, ſagte Evers eifrig.„Es iſt Alles ſchon bereit dazu und ich verſichere Dir, die Procedur, welche ich mit Dir vorhabe, hat ſchon manchen wilden Mann ganz klein⸗ laut gemacht.“ „Das wäre!“ entgegnete Dietrich mit herausfor⸗ dernd luſtigem Tone. „Ich wette, mein Mittel iſt probat!“ „Verſuche Dein Heil! Ich bin neugierig, das Mittel kennen zu lernen, das mich kleinlaut machen ſoll!“ „Du ſollſt heirathen!“ brach Herr Evers los und hielt inne, um die Wirkung dieſer Eröffnung zu be⸗ lauſchen. Er fand nicht die kleinſte Veränderung in 5 Dietrich's Mienen, ſein Lächeln blieb höchſt ſorglos und ſein Stimmenton war heiter, als er ausrief: „Heirathen? Prächtig! Aber damit zähmſt Du mich ganz gewiß nicht!“ „Das wollen wir ſehen! Es iſt mein Ernſt, Dietrich Du ſollſt heirathen, Du mußt mir zur Liebe und Dir zur Beſſerung heirathen!“ „Warum denn nicht, Onkel? Lieber heute als morgen, wenn ſonſt die Frau hübſch genug iſt.“ „Hübſch iſt das Mädchen, welches ich Dir aus⸗ geſucht habe. Rathe, wer es iſt!“ Dietrich ſchüttelte ſcherzhaft ſein Haupt und machte eine komiſche Geberde. Man ſah, daß ihm die Sache durchaus nicht ernſt erſchien. „Außerdem wird es ſich wohl treffen, daß es die⸗ jenige iſt, welche der Herr Brauſewind allen andern vorzieht, für die er ſchwärmt! Nun? Rathe, wer es iſt!“ Ein leichter Zug von Verlegenheit glitt über Dietrich's Geſicht. Er bemeiſterte jedoch ſeine Stim⸗ mung und antwortete ebenſo fröhlich wie vorher: „Wie kann ich das rathen, da ich für ein halb Dutzend Mädchen ſchwärme! Es gibt ja hier hübſche Mädchen in Hülle und Fülle!“ „Wir wollen ſehen, ob der Inſpector vom Schloſſe 6 Recht hat oder nicht, wenn er behauptet, Du hätteſt nur Augen für ſie“, entgegnete Herr Evers kaltblütig. Dietrich wurde ernſthaft und ſah ſeinen Onkel ge⸗ ſpannt an. „Ja, ja! Mir wie Dir wird mit dieſer Heirath gedient ſein“, fuhr dieſer mit guter Laune fort.„Du erhältſt eine vorzügliche Frau mit höchſt anſtändigen Connexionen im Dorfe“— Dietrich's Mienen zeigten Mißbilligung—„und ich werde meinen verwünſchten Proceß mit der Wittwe Horink los.“ Die Veränderung in des jungen Mannes Geſicht wurde ſichtlicher, ſie glich der Beſtürzung. Herr Evers rieb ſich frohlockend die Hände.„Nun? Kannſt Du noch nicht rathen, wen ich für Dich zur Zähmung ausgeſucht habe?“ fragte er ironiſch lachend. „Onkel, ich verſtehe nicht“, ſtammelte der junge Mann und ſeine Augen irrten unſtät und verlegen von einem Gegenſtand zum andern. Eine glühende Röthe ſchlug nach und nach über ſein ganzes Geſicht und er rang vergeblich nach Faſſung. Selbſt dem einfachen Naturmenſchen, dem Gaſtwirth Evers, wurde klar, daß er mit ſeinem Heirathsprojecte eine Saite in dem Innern Dietrich's berührt habe, die ſein ganzes Weſen in Aufruhr brachte. Mitleidig wollte er ihm Zeit geben, ſich wieder zu ſammeln; deshalb entgegnete 7 er in herzlichem Tone:„Damit Du's verſtehſt, will ich Dir erſt meine ganze Proceßgeſchichte erzählen. Du wirſt dann einſehen, daß es nur einen einzigen Weg gibt, die Streitigkeit zwiſchen uns zu endigen, und daß es am beſten iſt, alle Gerichtstermine durch eine Trauung zu vermeiden.“ Dietrich ſetzte ſich ſeinem Onkel gegenüber und machte gegen ſeine Gewohnheit nicht die geringſte Ein⸗ wendung. Dieſer hob mit geſteigerter Lebhaftigkeit und Beredtſamkeit an: „Daß die Wittwe Horink eine Tochter des ver⸗ ſtorbenen Wachtmeiſters Petter iſt, weißt Du ſchon. Der Wachtmeiſter war ein ſtolzer und aparter Mann. Mit mir war er gut Freund, ſonſt aber ſtellte er ſich gern ein bischen hoch über die Dorfleute, ohne ſich jedoch zu den Schloßleuten zu halten. Na, ſiehſt“, fuhr der Gaſtwirth, in den Jargon der Gegend ver⸗ fallend,„wir waren alſo nicht verfeindet, als ich meine Bergwieſe vor mehreren Jahren drainiren ließ. Und was geſchieht? Als ich die Baumſtämme und Wurzeln ausroden ließ, fand es ſich, daß die Grenze der Wieſe wenigſtens eines halben Morgens Länge und Breite in des Wachtmeiſters Waldecke ſich erſtreckte, daß alſo der Herr Wachtmeiſter Petter ganz unrechtmäßigerweiſe Holz dort geſchlagen und Reiſig geſammelt hatte. Jetzt gab's Halloh! Ich ſprach erſt ganz freundſchaftlich mit dem Förſter darüber, der doch Beſcheid mit ſolchen Sachen weiß. Er rieth mir zu ſchweigen, da der Wacht⸗ meiſter im Punkte der Ehre höchſt empfindlich ſei und am Ende nichts weiter herauskomme als Streiterei. Der gute Förſter hat Recht gehabt, aber ich ſchwieg nun einmal nicht gern, wenn ich etwas im Kopf mit mir herumtrug, und ſo ereignete es ſich denn, daß der Wachtmeiſter von guten Freunden benachrichtigt wurde, er ſei unrechtmäßig im Beſitz meiner Wieſenecke. Er ſtellte mich zur Rede im Beiſein des halben Dorfes. Na, Dietrich, ein Wort gab das andere; die Leute, die zugegen waren, nahmen theils Partei für mich, theils Partei für den Wachtmeiſter; wir erhitzten uns gegen⸗ ſeitig durch Beweiſe und darauf erklärte ich denn öffent⸗ lich, die Gerichte ſollten entſcheiden, ob der Wachtmeiſter Petter vom Holze des Bergſchenkenwirths ſeine Stuben geheizt habe und ob er fernerhin von meinem Holze brennen dürfe!“ Dietrich bewegte mißbilligend den Kopf bei dieſen Worten. „Ja, Du tadelſt mich, Mosje Haberhorſt, denkſt aber nicht daran, daß man die Geduld verlieren kann, wenn man ſein augenſcheinliches Recht beſtritten ſieht.“ „Es muß doch nicht ſo ganz augenſcheinlich und un⸗ 9 beſtreitbar ſein, ſonſt würden die Gerichtsherren nicht Jahre gebraucht haben, um Deine Klage zu prüfen“, meinte Dietrich gelaſſen. „Wie Du's verſtehſt!“ ſchalt Herr Evers.„Natür⸗ lich blieb mir der Wachtmeiſter die Antwort nicht ſchuldig, ſondern erklärte dagegen: es wäre gut, daß es im Lande Behörden gäbe, die darauf ſähen, daß man nicht ſein Eigenthum nach Gutdünken vergrößere. Da hatten wir den Skandal! Ich ärgere mich alle Tage, daß ich ſo thöricht geweſen bin, die Klage ein⸗ zureichen, aber ich kann ehrenhalber jetzt nicht davon abſtehen, damit der Dorfwitz mich nicht nach Wacht⸗ meiſter Petter's Erklärung verurtheilt. Als der Wacht⸗ meiſter ſtarb, hoffte ich die Geſchichte beendet zu ſehen. Bewahre! Der alte Mann hat ſeiner Tochter das Verſprechen abgenommen, ſeine Ehre zu berückſichtigen und nichts zu thun, was ihn in den Verdacht bringen könnte, von der ſtreitigen Grenze Kenntniß gehabt zu haben. Was iſt da zu machen! Lebte der Wachtmeiſter noch, ſo bliebe mir eine Ausſicht, ihn zu beſchwichtigen, da wir keineswegs über unſern Rechtsſtreit Feinde geworden waren. Jetzt iſt er todt und all mein Seufzen hilft nichts; Frau Horink beruft ſich auf ihres ſeligen Vaters Befehle und ich kann mich nicht durch Nach⸗ giebigkeit blamiren. Es iſt rein zum Verzweifeln! 10 Durch die Revolutionen im vorigen Jahre iſt ein kleiner Stillſtand eingetreten, wir haben kaum zwei Ter⸗ mine gehabt. Jetzt geht die Geſchichte wieder los. Heute früh traf eine Vorladung ein. Der Bote ſagte mir, daß eine ganze Compagnie von Sachverſtändigen hierher beordert werden würde, daß alle Grenzregiſter, alle Flurbücher und wie das Teufelszeug ſonſt heißt, revidirt werden ſollten, daß eine Gerichtsdeputation ernannt werden müßte, um an Ort und Stelle die Sache gründlich zu unterſuchen. Gott behüte einen in Gnaden vor Proceſſen und vor Gerichtsperſonen, Dietrich; es iſt, um den Verſtand zu verlieren!“ „Aber Du biſt ja ſelbſt ſchuld an Deinem Unglück“, lachte Dietrich, ergötzt von ſeines Onkels Verzweiflung. „Ja, ja, ja!“ ſchrie Evers in vollem Eifer.„Aber ich kann nicht wieder heraus aus der Falle, die ich Andern geſtellt. Meine ganze Reputation ſteht auf dem Spiel, wenn dieſer verwünſchte Proceß von mir aufgegeben wird. Geſtern Abend hörte ich vom In⸗ ſpector ſagen, Du ſchwärmteſt für Klärchen— hm, ich machte mir eben nichts daraus, obwohl das Mädchen lieb und hübſch iſt, im Grunde hatte ſie mir nicht Geld genug. Ja, ja! Da kam aber heute früh der Gerichtsbote und da fiel mir ein, daß es gar kein beſſeres Auskunftsmittel für meinen vermaledeiten 11 Proceß gäbe als eine Heirath zwiſchen Dir und Klara Horink!“ „Ein ſonderbarer Heirathsgrund!“ warf Dietrich ein. „Warum denn nicht? Was iſt leichter, als daß ich Dir die drainirte Wieſe ſchenke, und was iſt beſſer, als daß Frau Horink ihrer Tochter die Waldecke mit in die Ausſtattung gibt; auf dieſe Weiſe ſind wir nicht mehr Herr der ſtreitigen Punkte, ſondern die jungen Leute ſind Eigenthümer des Ganzen und jeder Zweifel fällt weg. Wir beiden Alten ſind aber in guter Ma⸗ nier unſern Proceß los geworden!“ ſchloß Herr Evers triumphirend. Er trocknete ſich den Schweiß von der Stirn und blickte ſeinem Neffen erwartungsvoll ins Geſicht. Dietrich jedoch ſagte gar nichts, ſondern ſchaute gedankenvoll durchs Fenſter, von wo aus er den Gartenzaun des Horink'ſchen Gehöftes ſehen konnte. „Nun, was grübelſt Du?“ fuhr Evers auf. „Dein Plan geht nicht durch, Onkel, Deine Be⸗ rechnungen ſcheitern“, ſagte Dietrich beklommen. „Was haſt Du dagegen?“ „Ich gar nichts. Aber Klara wird niemals ihre Einwilligung dazu geben!“ „Warum nicht, Du weiſer Salomo?“ „Ich bin ihrer nicht werth, Sie nimmt mich nicht zum Manne!“ 12 Herr Evers hob ſein wohlgenährtes Geſicht etwas hoch auf.„Nun, und weshalb ſollte ſie nicht?“ „Sie iſt zu gut und zu edel für mich“, antwortete Dietrich feſt und beſtimmt. „Was?“ rief ſein Onkel halb lachend und halb ärgerlich.„Junger Herr, bleib' Er mir vom Leibe mit ſolchen hochtrabenden Redensarten. Zu gut und zu edel? Daß Dich! Klärchen iſt gerade ein Mädchen wie andere Mädchen, und wenn die junge Dame etwas mehr auf Anſtand hält und etwas eiferſüchtig Dein Thun und Treiben mit den Frauenzimmern zügelt, ſo iſt mir das gerade recht, Du Wind⸗ beutel!“ „Gib Deine Bemühungen auf, Onkel“, fiel Dietrich bittend ein.„Klara wird mich niemals lieben— ein Mädchen wie Klara kann mir ihr Herz nicht öffnen— ſie ſteht hoch über mir in Bildung und Geiſtes⸗ größe—“ „Nun aber höre auf!“ unterbrach ihn Evers ge⸗ bieteriſch.„Deine Beſcheidenheit geht ein biſſel zu weit. Was Du an Klärchen Alles entdeckt haſt, davon hat noch kein anderes Menſchenauge etwas geſehen, alſo ſiehſt Du wahrſcheinlich durch die Verſchönerungs⸗ gläſer der Liebe.“ Als Dietrich nichts auf dieſe Bemerkung erwiderte, 13 ſondern träumeriſch in die Weite blickte, fuhr er wieder luſtig fort: „Es iſt rein zum Todtlachen! Alſo der Herr Haſen⸗ fuß ſieht eine Fee oder eine Göttin oder eine Edeldame in der hübſchen, blonden Klara? Gib Dich zufrieden, Dietrich! Klärchen iſt weder das Eine noch das Andere. Sie iſt ein hübſches, herziges Kind, gut erzogen und keineswegs dumm, hat hübſche Manieren, iſt im Schloſſe gut angeſchrieben und kocht, bäckt, näht, plättet nach Möglichkeit. Lauter gute Eigenſchaften, die es über⸗ ſehen laſſen, daß ſie kein entſprechendes Vermögen beſitzt. Nun? Was?“ fragte er hitzig, als Dietrich unwillige Geberden machte.„Du wagſt es nicht, um das Mädchen zu werben?“ „Nein!“ war des jungen Mannes Antwort.„Klara verwirft meinen Antrag!“ „Wetten wir, ſie gibt Dir keinen Korb!“ prahlte Herr Evers mit ſiegesgewiſſem Blick und hielt ihm die Hand zum Einſchlagen hin. „Onkel, ich habe nichts zu verwetten als mein Leben“, entgegnete Dietrich in raſcher Aufwallung und ſein Auge ſtrahlte in jener Kraft und Erhebung, die ſein beſſeres Selbſt verrieth.„Ich habe auch nichts zu verlieren als ſtille, ſehnſüchtige Wünſche. Gehen dieſe Wünſche, welche ich ſtets als unerreichbar be⸗ 14 trachtet habe, verloren bei Deinem Verſuche, ſo wird mir mein heiterer Sinn ſchon weiter helfen; alſo ſei es gewagt. Ich willige in Deinen Vorſchlag, Onkel. Verſuche, ob Du Klara's Einwilligung zu einem Bunde mit mir erhalten kannſt. Ich bezweifle es! Ich würde nie den Muth haben, mich ihr auf dieſelbe Weiſe zu nähern wie allen andern Frauen, weil ich weiß, daß ſie mich nicht lieben kann. Ich verdiene ſolch ein Mädchen nicht, Onkel!“ Herr Evers lachte überlaut. Er ſchien ganz un⸗ bekümmert um die Stimmung ſeines Neffen, die ſelt⸗ ſam gegen ſeine ſonſtige Laune abſtach. „Halt' ſtill!“ ſprach er in der größten Heiterkeit. „Ich verdiene, du verdienſt, er, ſie, es, man verdient, wir verdienen alle in den Himmel zu kommen!„Hallali“, ſagte ſtets der verſtorbene Förſter Horink, Klärchen's Vater,„Hallali, das Edelwild iſt unſer!“ Topp alſo, mein Sauſewind, topp, morgen um dieſe Zeit hältſt Du Deine Fee als Braut im Arme!“ Dietrich warf einen Blick gen Himmel, der mehr als Alles ſein Inneres verrieth. „Bei Gott und allen Heiligen“, flüſterte er mit erſtickter Stimme,„Klara's Glück ſollte in meinen Armen geſichert ſein!“ 15 Er verließ ſchnell das Zimmer, als fürchte er in jedem Worte, das noch folgen könne, eine Entheiligung ſeiner Gefühle. Man erwartete ihn vergebens zum Mittagseſſen und der Knecht Matthis berichtete, der junge Herr ſei nach der Ruine hinaufgegangen. Brum⸗ mend verzehrte Herr Evers ſein wohl zubereitetes Mahl und bedauerte nur, daß er ſeine Conferenz mit Dietrich nicht bis zum Nachmittag verſchoben hatte, weil der arme Brauſewind nun ohne Mittagseſſen in der Gegend umherirre. Dietrich war planlos fortgeeilt. Draußen in der freien, ſonnenhellen Flur erwachte er erſt zum Bewußt⸗ ſein deſſen, was eigentlich geſchehen war, und er ließ den Strom ſeiner tief verſteckten Liebe hier überwallen. Fortgetrieben von der Unruhe ſeines Herzens, ſtieg er die Höhen hinauf bis zur alten Bärenburg und ließ ſich dort in den Zerklüftungen eines alten Mauerwerks nieder. Wie lange er dort geträumt und in Seligkeits⸗ träumen geſchwelgt hatte, wußte er nicht. Als er aber, ermattet von dem Wogen und Schwanken ſeiner Empfin⸗ dungen, endlich das beſtimmte Ziel ſeines Glücks ins Auge faßte, da trat der Ernſt und der edle Vorſatz in ſeine Seele. Das Gute, das locker und leicht in ihm gewurzelt hatte und von allen Verſuchungen angefochten war, befeſtigte ſich im Hinblick auf eine Verantwortung 16 aller ſeiner Thaten. Der Leichtſinn, der Muthwille, der Hochmuth und die Eitelkeit, bedeutende Schwächen ſeiner Gemüthsbeſchaffenheit, lagen wie in Feſſeln ge⸗ ſchlagen bei dem Gedanken an eine Vereinigung mit Klara, dem Abgott ſeiner Phantaſie. Das Glück, welches ihm unerwartet geboten wurde, läuterte ſeine Seele und verlieh ihm mit der Kraft der Hoffnung zugleich auch den feſten Willen zur That. Dietrich ging an dieſem Tage nicht heim in ſeines Onkels Haus, ſondern ſtieg hinab nach dem Gutshauſe von Gunterek, woſelbſt der erſte Verwalter des Bären⸗ berger Amtmanns Reichsverweſer war. Dort blieb er bis zum nächſten Morgen, wo ſich ſein Schickſal ent⸗ ſcheiden ſollte. Zweites Kapitel. Der Tag war vergangen, das Diner im Schloſſe zur allgemeinen Befriedigung beendet und die Ge⸗ ſellſchaft rüſtete ſich zum Aufbruch. In kleine Gruppen vertheilt, bildete dann hier wie überall in zuſammengeſetzten Geſellſchaften die ſchließ⸗ liche Unterhaltung vor dem Abſchied die Hauptconver⸗ ſation, welche von wirklichem perſönlichen Intereſſe gehoben wurde. Man gab ſich rückſichtsloſer dem Stoff des Geſprächs hin, die Bande der Convenienz lockerten ſich, nachdem man ſich mit ſteifen Verbeu⸗ gungen und obligaten Handküſſen eine geſegnete Mahl⸗ zeit gewünſcht hatte. Eine allgemeine Heiterkeit brach ſich Bahn und beſeelte ſelbſt diejenigen Gäſte, die zu einem Gaſtmahl nur guten Appetit mitzubringen nöthig finden. Man war zufrieden mit Allem, was geſchehen, Fritze, Schloß Bärenberg. II. 2 18 geboten und geleiſtet worden war. Graf Askan hatte wider Erwarten Beifall gefunden. Seine Zuvorkommen⸗ heit, ſeine Artigkeit und Freundlichkeit wurden geprieſen, ſogar der Inſpector Prutz ſchien vollkommen mit Graf Askan zufrieden zu ſein. Reinhold von Leſſel hatte es verſtanden, durch eine gewiſſe liebenswürdige Zudring⸗ lichkeit die ältern Damen zu bezaubern. Man hatte ſich köſtlich amüſirt auf eigene Hand und auf Anderer Koſten und traf nun Anſtalt, nach Hauſe zu fahren, zu reiten und zu gehen. Es war ein Gaſtmahl in ländlichem Stil geweſen; man hatte es vorher gewußt und danach ſeine Anforderungen geſtellt. Förſter Horink hatte beim Aufbruch eine lange trauliche Unterredung mit Graf Askan gehabt. Sein Auge blickte mit dem Ausdruck einer ſeelenvollen Freude dem jungen Manne nach, als ſich beide mit biederm Händedruck von einander trennten. Schon im Begriff, den Saal zu verlaſſen, fühlte er ſeinen Arm leiſe be⸗ rührt. Raſch wendete ſich der Förſter— Dora Bella ſtand dicht bei ihm. Betroffen ſchaute der hochgewachſene Mann auf die kleine zarte Mädchengeſtalt, deren Geſicht ihm fremd erſchien in der ſie beherrſchenden Gemüths⸗ bewegung. „Horink“, ſagte Dora Bella mit feſtem Ton und mit Herrſchermienen,„kann ich darauf rechnen, daß — 19 Sie nichts dagegen haben, wenn ich mir Ihre Ver⸗ wandte Antonie van der Bruik zur Geſellſchafterin wähle?“ Der Förſter antwortete nicht ſogleich. Der Antrag überraſchte ihn. „Ihr Schweigen iſt mir Antwort“, ſprach Dora Bella ſtolz und wendete ſich ab. „Mein Gott, Comteſſe“, bat der Förſter,„jede Sache muß überlegt werden. Es fragt ſich, ob Toni die Stelle einer Geſellſchafterin bei Ihnen auszufüllen vermag.“ „Das iſt meine Sache. Ich werde meine Anſprüche danach einrichten“, war der jungen Dame Antwort. „Wenn Sie aus andern Beweggründen nichts dagegen haben, ſo ſagen Sie Ihrer Couſine, daß ſie morgen Nachmittag bei mir ſich melden möge.“ EChe der Förſter ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, war Dora Bella verſchwunden. Nachdenklich ſchritt er hinaus. Seinem Geiſte ſchwebte das junge, lieblich⸗fröhliche Kind Dora Bella vor, das unbeküm⸗ mert um ſein Daſein und um ſeine Weltſtellung dahin⸗ gelebt hatte. Was war geſchehen, daß eine ſolche Um⸗ wandlung möglich geworden? Endlich kehrte Ruhe im Schloſſe ein. Die Kron⸗ leuchter wurden ausgelöſcht, die Fenſter geöffnet, der 2* * 20 kühle Nachtwind jagte die ſeidenen Vorhänge hin und her, daß ſie geſpenſtiſch rauſchten, und die Geiſter der Einſamkeit, die vor dem luſtigen Geplauder der Ge⸗ ſelligkeit das Feld hatten räumen müſſen, kehrten wieder in ihr Reich zurück. Der alte Volkmann ſchien der Beſchützer dieſer Geiſterwelt zu ſein, denn er beeilte ſich, die Ordnung in allen Räumen wiederherſtellen zu laſſen, als dürfe die Nacht nichts von dem ſchwelgeriſchen Treiben des Tages bemerken. Unter ſeiner ſpeciellen Leitung wur⸗ den die Seſſel wieder auf dieſelbe Stelle gerückt, die Teppiche geſäubert und ausgebreitet, die Tiſche geordnet und Geſchirr, Gläſer und Silberzeug in den großen eichenen Schränken untergebracht. Dabei hatte der alte Volkmann immer noch Zeit und Gelegenheit, ſeine alten, muntern Augen überall hinzuſchicken, wo es etwas zu ſehen, und ſeine Ohren zu öffnen, wo es etwas zu hören gab. Da ſah denn der alte Volkmann plötzlich Dora Bella, die er kopfſchüttelnd während des ganzen Gaſt⸗ mahls beobachtet hatte, aus ihrem Zimmer kommen, noch im ganzen Geſellſchaftsanzug, obwohl ihre alte Bonne ſchon davon geſprochen, daß ſie ihre Comteſſe ausziehen gehen müſſe. Der alte Volkmann ſah auch, daß Dora Bella ſich unſicher umſchaute und nach — 21 den Fremdenzimmern gewendet lauſchte, ob dort noch Stimmen laut waren; dann ſah er die junge Dame plötzlich entſchloſſen vorwärts gehen, direct nach den Zimmern Sr. Excellenz, als müſſe ſie noch vor der Nacht mit ihrem Vater ein gewichtiges Wort ſprechen. Schon hatte ſie die Hälfte des Corridors durchſchritten, als die Thür des Zimmers, worin Graf Askan wohnte, ſich hinter ihr öffnete und ihr einen Rückzug rathſam erſcheinen ließ. Aber es war zu ſpät. Graf Askan kam der jungen Dame nahe, bevor ſie ihr Zimmer wieder erreichen und hineinſchlüpfen konnte. Graf Askan benutzte dieſen Zufall; Volkmann ſah trotz der trüben Beleuchtung des Corridors, daß er ſich gefliſſentlich beeilte, dieſen Zufall zu benutzen, und daß eine lebhafte Bewegung in ſeinem ernſten, edeln Geſichte ausgeprägt war. Graf Askan trat raſch an Dora Bella heran. Er ergriff Dora Bella's Hand. Der alte Volkmann konnte freilich nun nicht ſehen, daß die Hand des jungen Mädchens ſtarr und gefühl⸗ los in der warmen Rechte des jungen Mannes ruhte, daß ſie bei ſeinem leiſen, herzlichen Druck zuckte, als wolle ſie ſich raſch zurückziehen. Aber der alte Volk⸗ mann ſah den ſtolzen, verächtlichen Blick, womit Dora Bella zu Graf Askan aufſchaute, er ſah die hochmüthige 22 Neigung des Kopfes, womit ſie ſeinen Gruß erwiderte, und ſah die trotzig⸗ceremoniöſe Haltung, womit ſie vor ihm ſtand. War das dieſelbe Dora Bella, die mit der Lieb⸗ lichkeit eines Kindes und mit der Freundlichkeit eines Engels das ganze große Schloß belebt hatte? Was konnte dieſe Veränderung bewirkt haben? Welche Ver⸗ wandlung!, Der alte Volkmann hörte jetzt auch, was Graf Askan zu Dora Bella ſprach und was ſie antwortete. Der Klang ihrer Worte drang durch die gewölbten Räume deutlich zu ihm. „Es war mir bisher noch nicht vergönnt, mich Ihnen ſpeciell nähern zu können, Dora Bella“, ſagte Askan mit bittendem Ton. „Wer trägt die Schuld?“ warf die junge Dame lakoniſch ein und zog ihre Hand zurück. „Beurtheilen Sie mich nicht falſch—“ „Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht.“ „Unſer erſtes Begegnen hat Sie empfindlich gegen mich gemacht—“ „Nein!“ ſagte ſie kurz und wollte fortgehen. „Wenn ich nun bekenne, daß ich fühle, nicht recht gehandelt zu haben, als ich der unerwarteten Begrüßung nicht herzlich begegnete?“ ſprach Askan mit ſchmeichelnder, 23 leicht bewegter Stimme. Dora Bella hob ihre kleine weiße Hand abwehrend gegen ihn auf. „Keine Entſchuldigung, Graf Askan! In Ihrer Ent⸗ ſchuldigung liegt eine Beleidigung für mich.“ Sie neigte ſich leicht und war verſchwunden. Graf Askan blieb regungslos ſtehen und blickte ihr nach. Dann ſtrich er über ſeine Stirn und ging raſch vorwärts. Gleich darauf öffnete ſich Reinhold's Thür. Sein Mienenſpiel verrieth, daß er die kleine Scene beobachtet hatte. Als er an Dora Bella's Zimmer vorüberging, lächelte er beifällig und ſchritt dann eben⸗ falls raſch dem Zimmer des alten Grafen zu. Beide junge Männer waren alſo augenſcheinlich von Excellenz zu einem traulichen Abend⸗ oder Nachtgeſpräch beordert worden. Der alte Volkmann wirthſchaftete ruhig weiter. Bedenklich ruhten ſeine Augen bisweilen auf Dora Bella's Thür und es war ihm zu Sinne, als müſſe er dort hinein, um ein Gemüth zu tröſten, das von außer⸗ gewöhnlichen Wallungen und Erregungen in Gefahr kam, verbittert zu werden. Der alte Mann erkannte, daß Dora Bella zu ihrem Vater gewollt, ſie war zurückgeflohen, als ſie Graf Askan dorthin beſtellt ſah. Der alte Volkmann kannte die Gewohnheiten im Schloſſe; ſchon als ganz kleines Kind ging Dora 24 Bella nicht eher ins Bettchen, bis ſie dem Vater gute Nacht geſagt. Dies war ſeitdem jahraus jahrein ge⸗ ſchehen— Dora Bella war verdrängt von dem jungen Pflegeſohn des Grafen Harald. Ein unendliches Er⸗ barmen zog durch des alten Mannes Herz, als er überlegte, ob nicht Dora Bella unter der Erkenntniß gelitten haben könne. Das arme Kind! Ja, ja! Ihre Mutter war geſtorben, Gräfin Eliſabeth war zu ſehr von der Gewohnheit beherrſcht, allein und ihren lite⸗ rariſchen Beſchäftigungen hingegeben zu leben; jetzt hatte ſich nun das letzte Herz von ihr abgewendet— ja, ja! Der alte Volkmann durchſchaute ſchon ziemlich klar die Situation, da kam ihm die alte Bonne Dora Bella's noch zu Hülfe. „War das in der Ordnung?“ ſagte die alte Frau, mit treuherzigem Verdruß auf die Schulter Volkmann’s ſchlagend.„Wir ſind doch ſonſt ſo diplomatiſch, alter Volkmann, wir ſpielen doch ſonſt ganz flott den Cere⸗ monienmeiſter und wir laſſen ſolche Verſtöße gegen alle conventionelle Formen außer Acht?“ „Was haben wir denn geſündigt, alte Sabine?“ entgegnete Volkmann mit leicht gerunzelter Stirn. Er war ſehr empfindlich in Bezug auf Vorwürfe, die ſeine Wirkſamkeit als Feſtordner trafen. „Iſt das in der Ordnung, daß Excellenz die Ehren⸗ 25 plätze an Gräfin Eliſabeth und Graf Askan gibt, daß er Reinhold von Leſſel neben Gräfin Eliſabeth placirt und daß Comteſſe Dora Bella, als eſſe ſie das Gnaden⸗ brod im Schloſſe, am Ende der Tafel zwiſchen dem Amtmann und dem Inſpector Prutz ſitzt? Wo haben wir denn unſern Kopf und unſere Augen gehabt, daß ſo etwas paſſiren durfte, Sie alter Diplomat?“ Volkmann ſtarrte die Bonne mit weit aufgeriſſenen Augen an. Ja, daran war er ſchuld; er hatte die Verpflichtung, unter der Hand den Herren mitzutheilen, welche Damen von ihnen zu Tiſch geführt werden mußten; er erinnerte ſich, Dora Bella vergeſſen zu haben. Wer die junge Dame geführt, ob ſie zufällig den Platz zwiſchen den Herren gefunden, ob ſie ge⸗ fliſſentlich ſich zu den beiden Bekannten geſellt hatte, er konnte keine Rechenſchaft darüber geben, aber der Verſtoß war geſchehen, die Blamage unauslöſchlich und er trug die Schuld des unverantwortlichen Fehl⸗ griffs. Und Niemand, Niemand hatte daran gedacht, dieſe ſonderbare Vergeßlichkeit auszugleichen, weder Gräfin Eliſabeth noch Excellenz! Es hatte ſich im ſtrengſten Sinn des Worts Niemand um die Tochter des Hauſes beküm⸗ mert, weil die Anweſenheit des Grafen Askan die Auf⸗ merkſamkeit feſſelte und aller Intereſſe gefangen nahm. 26. Als der alte Kammerdiener ſtumm vor Schrecken blieb, fügte die Bonne hinzu: „Paſſen Sie auf, alter Volkmann, es geſchieht etwas. Ich kenne mein Comteßchen! Sie hat heute früh ihre Schwäne nicht gefüttert, ſondern mich beordert, es zu thun. Jetzt iſt ſie zu Bett gegangen, ohne mich zum Auskleiden zu rufen. Sie hat ſich von allen Seiten eingeſchloſſen; paſſen Sie auf, es geſchieht etwas.“ Drittes Kapitel. Während der Zeit, daß die beiden alten, treuen Hausdiener durch die verhängnißvolle Nachläſſigkeit aller Schloßbewohner gegen Dora Bella in Schrecken geſetzt waren, entwickelte ſich ein gemüthliches Plauder⸗ ſtündchen im Zimmer des Grafen Harald. Der greiſe Mann erſchien ſeit Askan's Ankunft im Schloſſe wie neu beſeelt, und wenn man ſagen konnte, Askan ſei nicht unempfindlich gegen die glänzende Aus⸗ ſicht, welche ſich ihm durch die Gunſt des Grafen Harald eröffnete, und er habe an dieſem Tage Alles gethan, um ſeine künftige Stellung zu den Edel⸗ leuten der nächſten Umgebung ſowohl als zu den Be⸗ amten der Bärenberg'ſchen Güter anzubahnen, mußte man wiederum auch eingeſtehen, daß Graf Harald für nichts mehr Sinn zu haben ſchien, als ſich in das 28 väterliche Verhältniß zu ſeinem künftigen Erben hinein⸗ zuleben. Der Verkehr mit dem jungen Manne, der direct aus der Welt mit ihrer politiſchen Bewegung kam, hatte ihn in ein Stadium geiſtiger Friſche und Rührigkeit verſetzt, wie Niemand es ihm bei der Ge⸗ ſunkenheit ſeiner körperlichen Kräfte zugetraut. Man hatte ihn ſeit Jahren nicht ſo belebt ſprechen hören wie an der Mittagstafel. Das Geſpräch war von einem Thema zum andern geflogen und hatte gelegent⸗ lich ſich auch auf das Gebiet der Politik gewagt. Namentlich hatte Graf Askan Andeutungen fallen laſſen, die einen ſpeciellern Einblick in manche Ver⸗ hältniſſe der ſtreitenden Parteien verriethen und wohl im Stande waren, das Intereſſe zu wecken. Da aber Graf Harald ein⸗ für allemal den Wunſch kund ge⸗ geben hatte, daß in ſeinen geſelligen Cirkeln man ſich aller politiſchen Geſpräche, die zum ungehörigen Aus⸗ tauſch perſönlicher Meinungen führen könnten, enthalten möchte, ſo mußte er jetzt ſelbſt ſeine Wißbegierde be⸗ zähmen und die Berichterſtattungen Askan's auf eine gelegenere Stunde verſparen. Zu dieſem Zweck war denn von ihm eine Zuſam⸗ menkunft in ſeinem Zimmer angeordnet. Beide junge Männer folgten gern und willig der Einladung. Graf Harald empfing ſie munter und aufgeweckt. 1 — 29 Er hatte ſelbſt die Seſſel um ſeinen Sophatiſch gerollt, ſich in einen bequemen Hausrock von violettem Sammt gekleidet, Cigarren aufgeſteckt und dampfte ihnen ſchon ſeelenvergnügt entgegen, als ſie beide raſch nach einander eintraten. Nachdem ſie alle drei ſich höchſt bequem placirt hatten, rührte Graf Harald an dem Glockenzug. Der alte Volkmann erſchien. „Allons, alter Knabe“, rief ihm Graf Harald ſcherzend entgegen,„allons, einen Nachttrunk!“ Der Kammerdiener betrachtete voller Erſtaunen die kleine Geſellſchaft, die ſich ohne ſeine Hülfe hier höchſt gemüthlich eingerichtet hatte. „Was befehlen Excellenz?“ ſagte er, mit wohlwollen⸗ den Blicken näher tretend. „Ei, was ſich für die Ritter der Tafelrunde ge⸗ ziemt, alter Knabe! Kräftig und klar ſei unſer Nacht⸗ trunk, würzig und belebend!“ Volkmann lachte mit dem ganzen Geſichte bei dieſer Citation aus einer längſt verſchwundenen Zeitperiode, wo der Herr Miniſter, Graf Harald Bärenberg, ſeine Freunde zu einem derartigen Nachttrunk verſammelte, wenn die Feſtmahlzeit im königlichen Schloſſe vor⸗ über war. „Das iſt lange nicht dageweſen, Excellenz!“ rief er 30 mit der Zutraulichkeit eines alten Dieners. Der alte Herr nickte ihm im Anfluge ſeiner guten Laune herz⸗ lich zu. „Und zum Nektar auch etwas Ambroſia, mein Alterchen“, fuhr er fort.„Sorge für die geeigneten Speiſen zum Imbiß à la fourchette.“ Volkmann warf ihm einen wahrhaft liebevollen Blick zu.„Ganz wie ehedem, Excellenz!“ rief er ſeelen⸗ vergnügt und verſchwand. „Wie die alte treue Seele ſich über die Reminiscenz aus frühern Tagen freute“, ſprach Graf Harald.„Bei⸗ nahe glaube ich, daß er Recht hatte, als er vor meh⸗ reren Jahren zu mir ſagte, ich hätte mich ſelbſt zu früh aufgegeben und mich aus Sentimentalität bei lebendigem Leibe begraben. Die ſpäte Liebe zu meiner Laura hatte mich total verändert und ich lebte ſeitdem gleich dem König Sardanapal unter Weibern.“ „Wohl nicht ganz einem Sardanapal vergleichbar“, wendete Askan ein. „Nein, nicht ſo üppig und ſinnlich wie jener König von Aſſyrien, allein doch mit dem Wohlbehagen der Sentimentalität“, erwiderte der alte Herr.„Fern von dem Treiben der Welt verfällt man ſo leicht in jene Schläfrigkeit, die den Thatendrang als eine Verſündi⸗ gung gegen ſein eigenes Wohlſein anſieht. Deshalb 31 wünſche ich, Askan, daß Du Dich auf irgend eine Weiſe am Umſchwung betheiligſt, den das Rad der Zeit jetzt begonnen.“ „Ich würde mich einer gewiſſen Theinrahms auch ehrenhalber gar nicht entziehen können, lieber Onkel, da mich das Vertrauen meines Fürſten mit einer ſpeciellen Botſchaft an den Hof nach Berlin beehren wird“, entgegnete Askan. „Beinahe vermuthete ich dergleichen nach Deinen Andeutungen bei Tiſche!“ rief Graf Harald belebt. „Wohl Dir, Graf Askan, daß Du unmittelbar durch Miſſionen dahin geführt wirſt, wo Du wirken kannſt“, ſprach Reinhold.„Ich möchte mir einen Weg in das Labyrinth der politiſchen Wirren bahnen, finde jedoch nirgends eine hinlängliche Unterſtützung meines guten Willens.“. „Dafür laß mich ſorgen, Reinhold“, ſprach Graf Harald raſch.„Beim Stande der Dinge wird es mir möglich ſein, einige meiner frühern Schützlinge an ihre Verbindlichkeiten zu erinnern, mir und auch namentlich Deinem ſeligen Vater wieder zu dienen.“ „Leben dergleichen Individuen noch?“ fragte Rein⸗ hold etwas hämiſch. „Gewiß, und ſie ſtehen jetzt oben im Wogenſchwalle“, erklärte Graf Harald. 32 Der alte Volkmann unterbrach das Geſpräch. Er trat ein, gefolgt von zwei Lakaien, die auf Silber⸗ platten einen Vorrath von kleinen Delicateſſen trugen, während der Kammerdiener ſelbſt in einem ſilbernen Behälter vier Flaſchen herbeiſchleppte, die er mit zu⸗ friedenem Schmunzeln dem alten Herrn entgegenhielt. „Dieſelbe Sorte wie damals, Excellenz!“ ſagte er pathetiſch. „Halten wir noch davon vorräthig? Vortrefklich! Nun, Alterchen, ſorg' dafür, daß meine Schweſter und meine Kleine uns nicht überraſchen in unſern Sünden des Rauchens und des Schwelgens. Laß den Damen melden, daß es beſſer ſei, ſie blieben fern von uns, denn die Grazien, Laren und Penaten verhüllten trauernd ihr Haupt beim Anblick unſeres Wachtſtuben⸗ vergnügens.“ „Die Damen haben ſich ſchon zurückgezogen“, flüſterte der alte Volkmann.„Wir haben der Gräfin Eliſabeth den Thee ins Zimmer beſorgen müſſen und Comteſſe Dora Bella haben ſich traurig zur Ruhe begeben.“ Der alte Herr fuhr elektriſch berührt vom Stuhle auf. „Traurig? Meine Bella traurig?“ fragte er haſtig. „Ich will zu ihr!“ „Würden ſich vergeblich bemühen, Excellenz“, refe⸗ 2 00 rirte Volkmann.„Wir haben Alles verſucht, um ins Zimmer zu kommen— wenigſtens die alte Sabine machte Verſuche— aber ganz vergebens! Comteſſe Dora Bella will nichts von uns wiſſen, verlangt nichts, hört auf nichts.“ Rathlos ließ der alte Herr ſeinen Blick über ſeine jungen Freunde ſchweifen. Er konnte dieſe nicht ver⸗ laſſen und doch drängte ihn ſein Herz und vielleicht auch eine kleine Regung ſeines Gewiſſens zu einem Beſuche bei Dora Bella, die er zwei Tage vernach⸗ läſſigt hatte. Sein Geiſt flog ſchnell zu dem idylliſchen Leben zurück, das ihn mit ſeinem Töchterchen auf nicht gewöhnliche Art und Weiſe verbunden hatte. Einen Augenblick war er von Beſorgniß für ihr Wohlſein erfüllt, dann verſcheuchte er den Gedanken und ant⸗ wortete, von ſeinen Vorbereitungen zu einer Scene aus frühern Jahren in Anſpruch genommen: „Laß die alte Bonne ja wachſam ſein, damit es meiner Kleinen an nichts fehle; hörſt Du, Volk⸗ mann?“ Volkmann hörte, aber er empfand den Unterſchied väterlicher Sorge von heute und von früherer Zeit. Bis dahin war Dora Bella der Abgott des alten Herrn geweſen; es gab ſeit ihrer Geburt nichts, was eine ſolche Anziehungskraft hätte haben können, um Fritze, Schloß Bärenberg. II. 3 34 ihn abzuhalten, ſich perſönlich vom Wohlſein dieſes Kindes zu überzeugen. Arme Dora Bella! Die alten Gefühle für Askan, die Erinnerungen an eine froh durchlebte Lebensperiode hatten ſchnell die nervöſe Reizbarkeit ſeiner Vaterliebe geſchwächt. „Arme Dora Bella!“ dachte der alte Volkmann, als er das Zimmer verließ.„Morgen früh werden wir den Anwalt unſerer Comteſſe ſpielen!“ Graf Harald gab ſich ſchnell ſeiner heitern Stim⸗ mung wieder hin. Von gleichen Empfindungen beſeelt, erſchloſſen ſich die Gemüther der drei verſchiedenartigen Männer weit rückſichtsloſer und überließen ſich weit lebhafter ihren Geſprächen, als dies ſonſt geſchehen ſein würde. Die Unterhaltung war bald in vollem Gang und erſtreckte ſich auf die Mittheilungen der Aufſtände in allen Ländern, ohne die eigenen Mei⸗ nungen dabei ſcharf hervortreten zu laſſen. „Ich habe mehr ein Verlangen, die Thatſachen von unparteiiſchen Leuten erzählen zu hören, als die Be⸗ richte der Preſſe zu leſen, welche mehr oder minder ein Ziel verfolgen“, ſagte Graf Harald.„Bei allen Ausartungen kann man ſich der Ueberzeugung nicht verſchließen, daß eine große Zeit hereingebrochen iſt.“ „Mindeſtens eine bewegte Zeit“, meinte Reinhold nachläſſig. 35 „Ich würde es eine lehrreiche Zeit nennen“, er⸗ gänzte Graf Askan bedächtig,„eine lehrreiche Zeit, die gerade durch ihre Erfahrungen ſehr wirkungsvoll wer⸗ den wird. Die Jahre 1848 und 1849 legen vielleicht den Grund zu einer Staatenreform und zu einer Bundesreform.“— Vielleicht!“ rief Reinhold.„Ich dächte, wir hätten die Gewißheit zur Hand, daß eine große Idee endlich verwirklicht werden wird.“ Er lachte leicht und ſpöttiſch. „Werden wohl nicht mehrere große Ideen verfolgt?“ fragte Askan abweiſend. Es entſtand eine kleine Pauſe, die Reinhold dazu benutzte, ſein Glas zu leeren. Graf Harald hatte den kleinen Zwieſpalt wenig beachtet, ſondern ſich einem leichten Nachſinnen über⸗ laſſen, aus welchem er mit den Worten auffuhr: „Wunderbar erſcheint mir das Beſtreben der Partei im Frankfurter Parlament, die ſich unter der Bezeich⸗ nung„Großdeutſche“ gebildet hat. Das Beſtreben dieſer Partei geht dahin, Deutſchland von Oeſterreichs Einfluß zu befreien, aber bedenken denn dieſe Männer nicht, was für Gegner, was für Widerſacher ihre Be⸗ ſtrebungen finden werden, wenn es ihnen auch gelungen wäre, in dieſem Meinungsſtreit obzuſiegen?“ 3* 36 „Ich halte allerdings auch dafür, daß es nur einem Staat, der mit Kühnheit, Kraft und feſtem Willen in einen Kampf mit Oeſterreich tritt, gelingen wird, den ſtörenden Einfluß deſſelben zu entkräften, aber niemals den Debatten einzelner Fractionen. Oeſterreich fühlt die Nebenbuhlerſchaft Preußens. Es entwickelt daher jetzt ſyſtematiſch den Vorſatz, Preußen die Sympathien zu entziehen, die es haben könnte, und dagegen die Macht des öſterreichiſchen Kaiſerſtaats zu entfalten. Die Re⸗ ſultate gehören aber ſicherlich einer viel ſpätern Zeit an. Ich nannte deswegen dieſe Zeitperiode vorhin eine lehrreiche Zeit, weil ich aus dieſem fürchterlichen revolutionären Treiben nichts weiter erwarte als eine Grundlage für ſpätere Reformen, die auf legalem Wege bewirkt werden“, ſprach Askan ruhig. „Ja ſo“, fiel Reinhold neckiſch ein,„Du liebſt die Verbeſſerungen und Einrichtungen durch den Volks⸗ willen nicht, Graf Askan.“ „Nein“, entgegnete Askan im ſelben Tone wie vor⸗ her.„So wenig ich außerdem mit Graf Brandenburg, dem Miniſterpräſidenten des Königreichs Preußen, har⸗ monire, ſo fühle ich mich dennoch verſucht, ihm beizu⸗ pflichten, wenn er behauptet, die Macht der öffentlichen Meinung ſowohl als die Macht des Volkswillens müſſe zwar anerkannt werden, wenn man ſich ihr aber hin⸗ 37 gebe, ohne das Steuerruder feſt und ſicher in der Hand zu behalten, ſo werde man niemals im Stande ſein, mit einem durch dieſe Macht gelenkten Schiffe den rettenden Port zu erreichen.“ „Wer eine ideale Vervollkommnung der Staats⸗ regierungen anſtrebt, thut freilich gut, erſt Alles durch die Zeit klären zu laſſen, bevor er dem Volkswillen Raum läßt“, ſprach Reinhold mit jenem oberflächlichen Weſen, wohinter ſich Schlauheit verbarg.„Darüber verfliegt nur der Nutzen der jetzigen Revolution.“ „Wenn ſie wirklich ſegenbringend war, gewiß nicht“, antwortete Askan. „Deine Principien ſchwanken, lieber Reinhold“, ſagte Graf Harald gütig.. „O nein! Ich meine nur, man muß verſuchen, im Wogendrange ein Schiff zu lenken, und nicht mit Ge⸗ walt einem Culminationspunkt zuſteuern“, ſprach Rein⸗ hold „Wer thut das wohl mehr als gerade die Vertreter des Volkswillens! Sie ſteuern mit Gewalt auf einen Punkt los, wo es von der erreichten Höhe ſchroff bergab gehen muß“, ſprach Graf Askan lebhaft.„Ich fühle keine Sympathie für Preußens König, aber daß er mit richtigem Takte die romantiſche Kaiſeridee des Frankfurter Parlaments durchkreuzte und die dar⸗ gebotene Kaiſerkrone nicht aus den Händen des Volks empfangen wollte, dies hat mich zu ſeinem Verehrer gemacht! Was bezweckte man, indem man ſie ihm bot? Und was erzielte er, wenn er ſie annahm?“ Reinhold lachte ſehr unſchuldig. „Ich habe die Deputation geſehen, als ſie voller Stolz und Zuverſicht nach Berlin reiſte, und ich habe ſie geſehen, als ſie wieder heimkam; auf den Geſichtern ſtand es mit Lapidarſchrift, was ſie fühlten.“ 3 „Es mag ein Mißgriff des Parlaments geweſen ſein“, ſprach Graf Harald,„aber es ſind Ehrenmänner, die das Wohl Deutſchlands dadurch zu begründen gedachten. Meine Amtsthätigkeit endete durch einen Conflict, der mich als Volksvertreter darſtellte. Es ſind mehrere dabei, denen ich damals das Wort ge⸗ redet, und ich weiß, daß ſie von einem wahrhaft edlen Streben erfüllt ſind.“ „Adreſſiren Sie mich an dieſe Herren, Excellenz!“ rief Reinhold von Leſſel raſch. „Nein! Dahin taugſt Du nicht, Reinhold“, ent⸗ gegnete Graf Harald. „Warum nicht?“ fragte der junge Mann keck. „Es fehlt Dir die Conſequenz, um Dich nützlich zu machen.“ „Ich wage zu widerſprechen, Excellenz. Ich ſtehe denen im Parlament an Conſequenz ſicherlich nicht nach, aber ich wage, meine gelegentliche Inconſequenz offen einzuräumen, was die Politiker von Fach nicht thun. Ich würde vortrefflich zu einem conſtitutionellen Miniſter mich eignen; ſchade, daß mir jede Ausſicht fehlt, es zu werden.“ „Du haſt die Wünſche Deines Vaters geerbt, Rein⸗ hold. Er wünſchte nichts ſehnlicher als ein Portefeuille. Ich warne Dich, denn er ſcheiterte in ſeinen Be⸗ ſtrebungen“, ſagte Graf Harald etwas ernſt und un⸗ willig. „Fürchten Sie nichts für mich, Excellenz“, ant⸗ wortete der junge Mann, mit Freimuth aufblickend. „Hätte mein Vater den Muth gehabt, den ich beſitze, ſo würde er zwar nicht Miniſter geworden ſein, aber er hätte die freundſchaftliche Correſpondenz mit Ihnen nie zu ſeiner Rechtfertigung benutzt.“ „Reinhold, Du weißt?“ fragte Graf Harald be⸗ ſtürzt. Der junge Mann ergriff ſeine Hand und führte ſie an ſeine Lippen. „Ich weiß Alles, ich kenne Ihren Edelmuth und preiſe Gott, daß ich Ihnen noch danken kann, was Sie an mir gethan.“ „Aber mein Himmel, woher weißt Du den Ver⸗ 40 lauf der Sache? Nur vier Menſchen im großen Weltall wußten davon. Mein König, mein Freund Leſſel, mein Secretär und ich. Sollte Prutz Dir mit⸗ getheilt haben, was ihm nicht zur Ehre gereicht? Kaum denkbar!“ Reinhold ſchwieg. Er wünſchte keine ſpeciellen Er⸗ örterungen, nachdem er ſeinen Zweck erreicht und den leichten Unwillen des alten, guten Mannes entwaffnet hatte. „Du biſt ein guter Menſch, Reinhold“, fuhr Graf Harald gutmüthig fort, als er keine Antwort erhielt. „Was ſich bei Dir an Frivolität vorfindet, iſt an⸗ genommenes Weſen, ich weiß das ſehr gut und be⸗ fürchte keineswegs eine Ausartung. Allein ich wieder⸗ hole deſſenungeachtet meine Warnung vor thörichtem Ehrgeiz, denn dieſer Dämon hat Manchen in eine Falle gelockt.“ „Ganz ſicher, Excellenz! Von hundert Staats⸗ männern, die einer ſchönen, heiligen und wichtigen Sache zu dienen vorgeben, ſind mindeſtens neun⸗ undneunzig vom Ehrgeiz influirt! Dieſe Glücklichen tadelt kein Menſch. Man ehrt, man achtet ſie, man huldigt ihrem Verſtande, der ſeine Inſpirationen vom Ehrgeiz erhält. Warum warnen Sie mich vor dem Ehrgeiz? Sie ſollten mich vor der Dummheit warnen, 41 in eine Falle zu gehen.“ Er lachte und Graf Harald ſtimmte ohne weiteres ein in dies unverfängliche Ge⸗ lächter. Warum Askan keine Miene verzog, warum er kopf⸗ ſchüttelnd ſeine Cigarre zwiſchen den Fingern drehte und ſein Glas mit leichtem Mißmuth an die Lippen führte? Askan mißtraute der Harmloſigkeit, die Reinhold oft zur Schau trug, wenn ſie nicht recht paſſend war. Er betrachtete dieſe Art Frohſinn als eine Manier, ſein Inneres zu verdecken, wenn er Gefahr lief, durch⸗ ſchaut zu werden. Ihm mißfiel dies gefliſſentliche Ab⸗ ſpringen von einer Sache und dies Anſchmiegen an perſönliche Intereſſen, je nachdem es nöthig ſchien. Sollte er Reinhold einer Charakterſchwäche beſchuldigen oder war es eine tiefbegründete Speculation? Er be⸗ ſchloß, eine Sonde in ſein Inneres zu ſenken, bevor er das Schloß wieder verlaſſen mußte, damit er ſeine Maßregeln danach nehmen könne. Graf Harald hatte mittlerweile das Geſpräch mit Reinhold fortgeſetzt und war auf das Gebiet perſön⸗ licher Meinungen übergegangen. „Es liegt mir daran, Deine Principien kennen zu lernen, Reinhold“, ſagte er mit ermunterndem Tone. „Wenn ich Dich dem Miniſterium meines Königs — 42 empfehlen ſoll, ſo mußt Du anderer Meinung ſein, als wenn ich Dir den Weg ins Miniſterium des Groß⸗ herzogs Friedrich bahnen ſoll. Sprich Deine politiſchen Anſichten aus, mein Lieber.“ 4 „Excellenz, mit feierlichen Reden zwingt man jetzt nichts mehr. Sie erlauben, daß ich Sie auf meine Handlungsweiſe verweiſe, die jedenfalls Ihrer Empfeh⸗ lung Ehre machen ſoll“, erwiderte der junge Mann ausweichend. „Ei, auf ſolche abenteuerliche Courage darf ich mich nimmermehr einlaſſen. Hinter Deinen Worten könnte füglich die Macht der Gulllotine lauern.“ „Bewahre, Excellenz! Meine Meinung baſirt ſich friedlicher. Ich lebe der Anſicht, man muß in all und jedem Falle ſtets zu retten ſuchen, was in Gefahr kommt. Erkennt man, daß die Bemühungen des Ret⸗ tens vergeblich ſind, ſo muß man Stoicismus genug beſitzen, Alles fallen zu laſſen.“ „Eine verzweifelte Theorie“, rief Graf Harald über⸗ raſcht, aber ſehr heiter. „Bewahre, Excellenz! Nur eine Lebensklugheit, eine Regel für alle Fälle, wodurch man unnütze Kämpfe ver⸗ meidet“, entgegnete Reinhold. „Was ſagſt Du dazu, Askan?“ fragte der alte Herr. 3 „Der Gedanke kann etwas für ſich haben, wenn ſich nicht die Conſtruction einer Wetterfahne dahinter verbirgt“, antwortete Askan. „Sich nach dem Winde drehen, iſt nicht immer eine Schwäche, Askan.“ „O nein, oftmals eine Klugheit, die ſich auf Liſt und Schlauheit gründet.“ „Es zeugt von Muth und Umſicht, den Stand der Witterung mitten im Drange des Lebens zu beachten.“ „Und iſt beſonders denen zu empfehlen, welchen die innere Kraft und Selbſtſtändigkeit fehlt.“ „Bah, mit Geiſtesgegenwart erſetzt ſich eine fehlende Kraft und Selbſtſtändigkeit!“ „Auch eine moraliſche Geiſtesgröße?“ fragte Askan aufflammend. „Gewiß! Man prift gelaſſen und trotzt nicht der Gefahr. Auch darin beweiſt ſich die Größe des Geiſtes und verleiht unſerer Moral Genugthuung.“ „Nicht Jeder möchte dieſer Schwierigkeit Meiſter werden“, rief Graf Harald dazwiſchen. „Um ſo größer der Triumph“, ſagte Reinhold. „Was nützt es übrigens, von Grundſätzen und An⸗ ſichten zu reden, die noch nicht erprobt ſind! Die politiſche Weisheit, welche ſich in ſchönen Redensarten wohlgefällt, iſt es eben, die unſere Fractionen bildet. Die Dämme und Verſchanzungen dieſer weiſen Beredt⸗ ſamkeit müſſen erſt morſch werden, ehe ſich eine neue Epoche zur vollen Wahrheit entfalten kann.“ „Darin ſtimme ich Dir bei“, unterbrach ihn Askan. „Die Kathederweisheit verſchleppt die Entſchlüſſe.“ „Allerdings“, ſagte Graf Harald,„ſolange man die Zeit mit Schauſtellungen von Kenntniſſen ver⸗ ſchwendet, ſolange man die Anforderungen der Gegen⸗ wart nach den Regeln der Vergangenheit prüft, ſolange man ſich durch eine ſtrotzende Gelehrſamkeit blenden und auch verwirren läßt, ſolange iſt nirgends ein rechter Erfolg zu erwarten.“ „Ein Parlamentsſaal iſt kein Hörſaal“, ſagte Rein⸗ hold.„Wer nicht vorher die verſchiedenen Verfaſſungen, die darauf Anſpruch machen, die beſte Regierungsform in ſich zu ſchließen, ſtudirt hat, geht überhaupt un⸗ gerüſtet ins Gefecht. Bleibe ſolch ein Individuum zu Hauſe, denn ohne die gehörige Ausbildung iſt er nur ein Werkzeug in der Hand eines Klügern.“ „Nicht ſowohl die gehörige Ausbildung als violnahr die Ausrüſtung mit feſten Grundſätzen, mit Parteiloſigkeit unnd Selbſtloſigkeit wird nöthig ſein, um einen ſichern Erfolg im Staatsweſen zu garantiren! Pflicht und Ehre müſſen unſern Weg regeln“, rief Askan. „Der Pfad der Pflicht und Ehre iſt ſchmal“, warf Graf Harald hin,„wenn aber unſer Fuß zum Gange darauf geübt iſt, ſo tritt er dennoch nicht fehl.“ „Es müßten denn die Wirbel der Irrthümer uns ſtraucheln laſſen“, ſprach Askan. „Aber Zeit und Umſtände berechtigen uns, dieſen Pfad nach Bedürfniß etwas breiter zu treten“, ſchloß Reinhold die Reflexion. „Wenn die Reinheit der Geſinnung und die Red⸗ lichkeit des Willens bei dieſer Veränderung nicht beein⸗ trächtigt werden, ſo mag jedem Mann von Ehre es freiſtehen, ſeinen Weg bequemer einzurichten“, meinte Graf Harald nachgiebig. „Die Verlockung dazu iſt jetzt vorhanden, man hüte ſich jedoch vor der Atmoſphäre der Gegenwart, ſie iſt anſteckend“, antwortete Askan mit Beziehung. „Nur für denjenigen, welcher Dispoſition zur Tages⸗ krankheit hat“, rief Reinhold und hielt übermüthig ſein Glas dem Grafen Harald zum Einſchenken hin.„Noch ein Glas, es ſei unſerm Streben geweiht! Zum Ziel! Hoch!“ Die drei Gläſer klangen hell und freudig zuſammen aber Askan leerte das ſeinige nicht, ſondern ſtellte es ruhig beiſeite. Viertes Kapitel. In dieſem Zeitalter der Aufklärung und Neuerung, wo man Heirathen durch Zeitungsannoncen ſchließt, erſcheint es gewiß Jedem befremdlich, daß am nächſten Tage der Gaſthofsbeſitzer Herr Evers beſondere Ver⸗ anſtaltungen traf und feſtliche Toilette machte, um ſeiner Bewerbung im Namen ſeines Neffen eine gewiſſe Feierlichkeit zu verleihen. Durch das ſeltſame Beneh⸗ men deſſelben im höchſten Grade befremdet, beſchleu⸗ nigte er die Ausführung ſeines Vorſatzes und zwar nicht mehr allein, um den Proceß los zu werden, ſon⸗ dern um über Dietrich's Zweifel zu triumphiren. Klara ſaß einſam im Zimmer, als ſie Herrn Evers über die Brücke ſchreiten und ihrem Hauſe abermals näher kommen ſah. Heute wußte ſie, weshalb er kam. Ihr Entſchluß war gefaßt. Auf ihren Ruf beeilte 47 ſich Frau Horink, ebenfalls im Zimmer anweſend zu ſein, wenn der ſtattliche Freiwerber eintreten würde. Nach der leidenſchaftlichen Scene tags zuvor hatten beide Frauen, die Mutter ſowohl als die Tochter beinahe ängſtlich vermieden, der Sache wieder Erwäh⸗ nung zu thun. Aus dem halben Geſtändniſſe Klara's war erſichtlich, daß ihr Dietrich keineswegs gleichgültig ſei, und die Mutter hatte es lediglich einer Anwand⸗ lung von Eiferſucht zugeſchrieben, daß ſie ſich gegen dieſe Heirath auflehnte. Wie viele Frauen, die ſelbſt den Liebestraum ihrer Jugend geringer anſchlagen, nachdem die Zeit und das Alter einige Verkühlung des Herzblutes haben ein⸗ treten laſſen, hoffte Frau Horink durch Beweiſe von Dietrich's Neigung die Eiferſucht ihrer Tochter alsbald ſchwinden und ihre Hoffnungen auf Beendigung des leidigen Proceſſes dadurch erfüllt zu ſehen. Mit ihrem Schwager hatte ſie nicht wieder über die Sache geredet, wohl aber mit ihrem Beichtvater, dem Pfarrer Lorenz. Dieſer hatte jeden Gewiſſensſcrupel, der ſie in Betreff ihres geleiſteten Verſprechens quälte, beſchwichtigt und ihr den Rath ertheilt, ſich durch Niemand in ihren Beſchlüſſen beirren zu laſſen, im Falle Klara geneigt wäre, den jungen Dietrich zum Gatten anzunehmen. Unter dieſen Empfindungen ſah ſie Herrn Evers 48 entgegen, als er würdig und ſtolz quer über den Fahrdamm ſchritt und mit wichtiger Miene das Gatter⸗ thor aufſtieß, welches den Zaun, der ihr Häuschen umgab, verſchloß. Klara fühlte ihr Herz pochen. Aeußerlich war ſie indeß ruhig und gefaßt. Herr Evers ſtand jetzt mitten im Zimmer, ein ſchalkhaftes Lächeln ſaß in ſeinen Mundwinkeln und ein ſiegesgewiſſer Strahl ſchoß aus ſeinen Augen, indem er erſt Frau Horink und dann Klara mit aus⸗ gezeichneter Artigkeit begrüßte. Einen Moment freilich ſtutzte er, als er Klara's tiefe Bläſſe und einen wehmüthigen Zug um ihre Lip⸗ pen bemerkte. Allein bedenklich wurde er nicht darüber. Er wußte ja noch von ſeiner ſeligen Frau, daß ſie in der Freude oft ebenſo heftig geweint wie in dem größten Herzeleid. Hatte ſie doch damals als Braut vor dem Altar ſo fürchterlich geſchluchzt, daß man glauben konnte, ſie würde gezwungen zur Heirath mit ihm, und im Gegentheil, ſie hatte es durch Bitten dahin gebracht, daß ſie ſich mit ihm verheirathen durfte. Ja, ja, die Frauen grämen ſich oft um nichts und weinen, wo ſie lachen und tanzen ſollten. Herr Evers empfand gar keine Unruhe über Klara's weißes Geſicht und über ihr wehmüthiges Lächeln. Gravitätiſch 49 nahm er Platz den beiden Frauen gegenüber und be⸗ gann ſeine Rede mit einem Gruße ſeines Neffen Dietrich, der ihn beauftragt habe, ſeinen Wünſchen und Neigungen Worte zu leihen. Mit einer Miene, die ſelbſt durch die Beimiſchung von großer Selbſt⸗ gefälligkeit nicht an Ehrlichkeit verlor, wendete er ſich zuerſt an die Mutter, legte ihr Rechenſchaft über die Stellung Dietrich's in ſeinem Hauſe ab und gab ihr genaue Nachrichten über die jetzigen Einnahmen des jungen Mannes. „Sie ſehen daraus, daß Dietrich im Stande iſt, eine Frau ſehr anſtändig zu ernähren“, ſchloß er ſeinen Budgetbericht.„Was ſich außerdem an Gründen vor⸗ findet, mir eine Heirath zwiſchen Dietrich und Klara angenehm zu machen, wiſſen Sie, meine verehrte Frau Nachbarin. Es bleibt mir aber nun noch übrig, auch in Klärchen einen Fürſprecher für meine und Dietrich's Wünſche und Hoffnungen zu ſuchen, und ich glaube nicht fehl zu greifen, wenn ich ehrlich und grad' heraus ſage, daß Dietrich mit einer übernatürlichen Verehrung und Zärtlichkeit auf Klärchen blickt und einigermaßen beſorgt ihrer Antwort entgegenſieht.“ Herr Evers hielt bei dieſen Worten inne und blickte erſt auf die Mutter, dann auf die Tochter. Die Mut⸗ ter erwiderte ſeinen fragenden Blick mit einem leiſen Fritze, Schloß Bärenberg. II. 4 50 Lächeln des Einverſtändniſſes und neigte in ſprechender Pantomime ſtumm das Haupt. Ihrer Einwilligung war Herr Evers ſicher. Nun? Klara ſaß regungslos, in ſich verſunken da. Herr Evers war zartfühlend genug, ihr einige Minuten ſtiller Ueberlegung zu ſchenken. Hätte er gewußt, daß herbe Zweifel ſie beſchäftig⸗ ten, daß ein bitterer Schmerz ihr Inneres durchzuckte, ſo würde er verſucht haben, ihre Gedanken mit einigen überredenden Beweiſen von Dietrich's Liebe zu durch⸗ kreuzen. So aber ſtörte er ſie nicht. Klara fühlte, daß ſie an einem Scheidewege ſtand, der entweder zum Glücke oder zum ewigen Elende führte. Ein Hauch aus ihrem Munde und der Mann, welcher ihr junges Herz zu einem glühenden Leben erweckt hatte, wurde ihr Gatte. Aber gewann ſie dadurch ein Glück? Nein! Die Zweifel an der Echtheit ſeiner Liebe würden ihr nie Ruhe gelaſſen haben. Als Klara beharrlich ſchwieg, nahm Herr Evers wieder das Wort. „Es liegt für eine junge Dame der Jetztzeit etwas Altväteriſches, etwas Hausbackenes in einer Werbung um ihr Herz und ihre Hand, was dem romantiſchen Sinne widerſpricht“, ſagte er ſcherzhaft ſich ins Weſen werfend,„allein unter den obwaltenden Umſtänden . 51 kann meine Werbung dem Fräulein Klara Horink nur angenehm ſein, denn ſie gibt ihr die Sicherheit meines Beifalls zur Wahl des Herrn Neffen. Darum, mein holdes Kind, erlaube ich mir denn auch die ganz be⸗ ſtimmte Frage, ob Dietrich hoffen kann, daß Du ihm hinlänglich gewogen biſt, um gern und willig ſeine Gattin zu werden, und ob ich darauf rechnen kann, daß Du einwilligſt, noch heute als ſeine Braut von mir in mein Haus eingeführt zu werden.“ Klara fuhr ängſtlich aus ihrem trüben Nachdenken auf und ſchaute dem Manne, der ſie ſo beſtimmt be⸗ fragte, voll ins Geſicht. „Nein, nein!“ rief ſie mit bebendem Tone. Herr Evers wich erſchrocken zurück und lehnte ſich feſt gegen die Lehne ſeines Seſſels. „Nein?“ wiederholte er mechaniſch und ſtrich über ſeine Stirn, als müſſe er einen Schatten des Zorns dort wegwiſchen. „Nein?“ fragte auch Frau Horink ſchmerzlich über⸗ raſcht.„Klärchen, Klärchen, Gott behüte Dich vor Uebereilungen! Kind, nimm Dein Wort zurück— bitte Herrn Evers um Bedenkzeit!“ „Was nützte mir wohl eine Bedenkzeit!“ wendete Klara mit traurigem Lächeln ein.„Ich habe mich ge⸗ prüft, habe Alles erwogen.“ 4* 52 1 „Und gibſt alſo mit wohlüberlegtem Entſchluſſe Deine verſagende Antwort?“ fragte Herr Evers be⸗ ſtürzt. „Verzeihen Sie mir's, Herr Evers“, bat Klara leiſe und ſanft. „Klärchen, beſinne Dich“ beſchwor ihre Mutter ſie, „Du könnteſt Dich irren, Du würdeſt ſpäterhin bereuen, nicht einen Verſuch gemacht zu haben, Deine Bedenken zu überwinden.“ „Iſt eine Bedenkzeit nothwendig, wenn die Gewiß⸗ heit in mir lebt, daß dieſe Verbindung gegen den Willen Dietrich's beſchloſſen worden iſt?“ fragte Klara, allmälig Faſſung gewinnend.„Der Wahrheit die Ehre, Herr Evers!“ Herr Evers ſah ſie bedenklich an. Sollte er lügen, ſich hinter Redensarten verſtecken? Sein Gewiſſen lehnte ſich dagegen auf, eine ſo wich⸗ tige Angelegenheit mit ſchlauem Humor zu beſeitigen. Er begann ſchon jetzt zu ahnen, was ſein leichtſinniger Herr Neffe gemeint haben könne, als er von dem jungen Mädchen wie von einem höhern Weſen ſprach. Er ſelber fühlte ſich unter dem Banne ihrer Eigenthüm⸗ lichkeit, als er achſelzuckend endlich ſagte: „Freilich, ohne ſein Wiſſen und Willen habe ich die Geſchichte eingefädelt, liebes Klärchen, aber meinen 53 Vorſchlag nahm er doch nachträglich mit ganz unzwei⸗ deutiger Freude auf.“ „Wann ſagten Sie ihm davon?“ fragte Klara etwas eifriger, als es ſonſt ihre Art war. Ihr Auge hing an ſeinen Lippen, als könne ſeine Antwort eine glückliche Veränderung in ihrem Beſchluſſe hervorbringen. „Mittags, als er nach Hauſe kam!“ Ein bitteres Lächeln verdrängte die Spannung in des Mädchens Mienen. „Alſo unmittelbar nach dem Augenblicke, wo er feurig, mit zärtlichen Worten eine Andere geküßt!“ ſtieß ſie unbedacht hervor. Herr Evers ſtutzte. Frau Horink deutete ihm pantomimiſch an, daß Klara aus Eiferſucht ſich weigere, den Antrag anzunehmen. Jetzt glaubte der gute Mann die Sache mit Humor an⸗ greifen zu dürfen. „Aber, liebes Klärchen“, ſcherzte er,„einen Kuß in Ehren wird Niemand wehren!“ „Meine Anſichten darüber ſind anders“, antwortete ſie ohne Aufregung, mit ſanftem, aber feſtem Tone. „Dietrich iſt ein Liebling aller Mädchen, ſein hei⸗ teres Weſen macht ihn dazu.“ „Ich will ihm dies Vergnügen nicht verkümmern, lieber Herr Evers, jedoch um ſo eher muß ich mich hüten, ſeine Frau zu werden.“ 54 „Wer weiß, ob's wahr iſt, daß er eine Andere geküßt.“ „Ich weiß es und verſichere es Ihnen. Hätte er, wie Sie geſtern verſicherten, mein Bild im Herzen gehabt, ſo würde er ſchwerlich einem andern Mädchen zärtliche Worte und zärtliche Liebkoſungen gewidmet haben.“ „Kind, was iſt wohl Gefährliches dabei, wenn ein Mann einmal etwas zärtlich thut!“ „Was gefährlich dabei iſt?“ fragte Klara mit der ganzen Naivetät der Unſchuld.„Würden Sie mich zu Dietrich's Braut erwählt haben, wenn ich mich mit andern Männern geküßt, wenn ich mich in leichtſinnige Liebeleien verſtrickt hätte?“ Herr Evers ſah aus, als hätte er fürs Leben gern laut aufgelacht. Er begnügte ſich indeſſen, nur ein wenig ſpöttiſch auszuſehen, und ſagte faſt herablaſſend: „Ja, das iſt auch etwas ganz Anderes, mein Klär⸗ chen. Den Männern ſteht ein bischen Flatterhaftigkeit wohl zu, zumal vor dem Brautſtand, reſpective vor der Ehe, allein wenn ein Mädchen ſich dergleichen zu Schulden kommen läßt, ohne daß ein beſtimmtes Ver⸗ hältniß zwiſchen ihm und dem jungen Manne beſteht—“ Klara unterbrach ihn ſehr haſtig: „Wenn ein Mann aber durch ſeine Liebkoſungen 5⁵ um ein Mädchenherz wirbt, muß er dann dem Mädchen nicht Wort halten? Darf er ſich als ehrenwerther Menſch eine Stunde ſpäter für eine Andere erklären?“ „Was das für kurioſe Anſichten ſind, liebes Kind“, ſprach Herr Evers etwas übellaunig.„Denkſt Du denn, daß Dietrich diejenige nun heirathen wird, die er bei Gelegenheit mit einiger Zärtlichkeit überhäuft hat?“ „Ja, das denke ich, das erwarte ich, das wünſche ich! Sagen Sie Ihrem Neffen, daß ich feſt überzeugt wäre, er liebe dies Mädchen; ſagen Sie ihm, er ſolle ſich durch keine Rückſichten binden laſſen, ſondern dies liebe Mädchen ſtatt meiner zur Frau nehmen.“ „Ei potztauſend Himmelelement“, brach Herr Evers nun los,„da dürfte ich denn auch erſt ein Wört⸗ chen zu reden haben und hätte ein Recht zu fragen, was das für ein Dämchen wäre, welches Dietrich heirathen ſoll auf Deinen Rath. Ich bin lediglich hergekommen, um Fräulein Klara Horink zu fragen, ob ſie die Frau meines Neffen und Erben werden wolle, und ich wiederhole jetzt, trotz aller Schnickſchnackereien, nochmals dieſe Frage und bitte um eine beſtimmte Antwort, wobei ich darauf aufmerk⸗ ſam machen will, daß es meinen Wunſch nicht allein betrifft, ſondern auch das Glück meines Neffen. Be⸗ denke dies, Kind, ehe Du antworteſt!“ 56 Frau Horink hob ihre Hände etwas empor und legte ſie mit bittender Geberde gegen ihre Tochter flach zuſammen. Klara bewegte ernſt, faſt betrübt ihr Haupt. „Meine Antwort auf Ihre Bewerbung habe ich ſchon gegeben“, ſagte ſie ſanft und leiſe. „Und Du nimmſt Deine Weigerung nicht zurück?“ „Nein, lieber Herr Evers!“ „Und der Grund, warum Du Dich weigerſt, Dietrich zu heirathen, iſt der—“ 4 „Daß ich überzeugt bin, Dietrich hat ein anderes Mädchen ſehr lieb.“ „Darf ich nicht den Namen wiſſen?“ „Ich habe kein Recht, Anderer Geheimniſſe, die ich zufällig erlauſchte, zu verrathen.“ Herr Evers erhob ſich mit Anſtand und Würde. „Zürnen Sie mir nicht, lieber Herr Evers“, bat Klara, ſeine Hand zwiſchen ihren Händen preſſend. „Und wenn es mein Leben koſtete, ſo könnte ich nichts thun, was gegen mein Geviſſen iſt.“ Der Mann ſah das junge Mädchen ruhig prüfend an. Ihm war, als walle ein Heiligenſchleier um das anmuthige, blaſſe Geſicht und der Friede Gottes leuchte aus den feuchten Augen, die ſie unendlich ſanft und freundlich auf ihn heftete. Er begriff, was ſein Neffe 57 gemeint haben könne, als er ſagte, Klara ſei zu gut, zu edel für ihn. Herr Evers gehörte ſonſt nicht zu den Leuten, die dergleichen ideale Weltanſchauungen und hochpoetiſche Geſinnungen zu würdigen Luſt ha⸗ ben, abſonderlich wenn ſie, wie der Fall hier vorlag, ſeine Wege und Pläne bedeutend durchkreuzen; allein ſo trotzig er ſich innerlich fühlte, ſo gewann er es dennoch nicht über ſich, das junge Mädchen mit ſeinem zornigen Humor zu verletzen. Ruhig prüfend blickte er in ihr mildes, blaues Auge. Die Wehmuth und die Trauer, die darin verſteckt lagen, entwaffneten ihn. „Mögeſt Du es nie bereuen, mein liebes Kind, was Du heute gethan! Ich will Dir nicht böſe werden, bei Gott nicht! Alſo ſei ruhig und werde einſt recht glücklich!“ ſagte er faſt gefühlvoll. Dann änderte er ſeinen Ton und wendete ſich zu Frau Horink. „Die Sache iſt abgemacht, Gnädige! Ich trage einen Korb heim! Mich verdrießt nur, daß Dietrich zum erſten Male in ſeinem Leben klüger geweſen iſt als ich. Er hat's mir gleich prophezeit, daß meine Berechnungen falſch ſeien. Mag's drum ſein. Unſere alte Kameradſchaft als Nachbarn wollen wir darum nicht aufgeben, Frau Horink. Aber nun wird fort proceſſirt! Glück auf, wenn Sie gewinnen, Gnä⸗ 58 dige; verlieren Sie aber, nun, ſo mögen Sie nur Ihre paar Thaler zuſammenſuchen, denn es wird tüchtige Koſten verurſachen. Wenn wir beiden alten Querköpfe, Ihr ſeliger Vater, der Wachtmeiſter, und ich, das vorausbedacht hätten, ſo wäre die Welt auch um ein paar kluge Männer reicher geweſen. Was iſt nun zu machen? Gar nichts weiter, als fort zu proceſ⸗ ſiren bis an der Welt Ende, denn das ſehe ich jetzt ſchon ein, dieſer Proceß um ein Stück Land, das nicht hundert Thaler werth iſt, wird noch lange Zeit eine milchende Kuh für eine Schaar Advocaten und Sach⸗ verſtändige ſein.“ „Bezwingen Sie Ihren Stolz, lieber Herr Nach⸗ bar“, wagte Frau Horink zu bitten;„laſſen Sie den Proceß fallen.“ „Ich? Was denken Sie! Soll das ganze Dorf mit Fingern auf mich weiſen und ſagen, ich hätte mich auf Ihre Koſten in Beſitz der Waldecke ſetzen wollen? Laſſen Sie doch den Proceß fallen, Frau Nachbarin!“ rief er kurz und trotzig. „Es hieße meines Vaters Grabhügel entehren, wollte ich dadurch die Meinung unter die Leute brin⸗ gen, als ſähe ich ein, daß er Unrecht gehabt!“ „Gut, ſo bleibt's beim Termine am ſechzehnten Auguſt, wo wir beide mit allen alten Hypotheken⸗ 59 und Flurbüchern gemartert werden ſollen. Eine fatale Geſchichte mit ſolchen Verhörsterminen!“ „Ich fürchte mich nicht davor, denn ich lebe der feſten Ueberzeugung, daß die Vorältern meines ſeligen Vaters im rechtmäßigen Beſitz der Waldecke geweſen ſind“, ſagte Frau Horink ganz ruhig. „Und ich freue mich darauf, daß es mir doch end⸗ lich gelingen wird, die ſeligen Petters allzuſammen zu überführen, daß ſie ſeit Menſchengedenken vom Holze des Bergſchenkenwirths gebrannt haben. Nun aber ſei's genug für heute! Wir bleiben gute Freunde und gute Nachbarn— das Leben iſt ja doch ſchlimm ge⸗ nug, nicht, Klärchen?“ 8 „Lieber, lieber Herr Evers!“ flüſterte das junge Mädchen und legte ihre Wange an ſeine Schulter. Lächelnd ſtrich der Mann über ihr weiches Geſicht, legte ſeinen Mund an ihr Ohr und ſagte ganz leiſe: „Ich kann's nicht laſſen, Kind, ich muß Dir's trotz alledem verrathen, Du haſt's dem Dietrich angethan! Er ſchwärmt für Dich wie für keine Andere— auf mein Wort! Aber im Grunde gönn' ich's dem Wind⸗ beutel, daß Du ihn nicht heirathen willſt. Sage es jedoch Keinem wieder, was ich Dir eben vertraut habe. Es iſt eigentlich wunderlich, daß ich als abgewieſener Freiwerber ſo gut mit Euch beiden Frauenzimmern bin, weiß Gott, ich kann aber nicht anders!“ Er ſchüttelte beiden Frauen mit redlich offenem Weſen die Hand und wanderte im kurzen Trotte, ſo eilig wie möglich, über den Damm der Brücke zu, damit ihn keiner der Dörfler in ſeinem Staatsanzuge gewahr werde. Den Dörflern entging er allerdings dadurch, aber nicht dem Inſpector Prutz, der ſchon im Schatten der Akazien, welche die Vorderfronte ſeines Hauſes ſchmück⸗ ten, ſaß und ſeiner wartete. Inſpector Prutz ſchien ſich mit Behagen unter der dichten grünen Akazie niedergelaſſen zu haben und keineswegs willens zu ſein, dieſen luftigen und ſchat⸗ tigen Platz ſo bald zu verlaſſen. Er ſah über die Hecke hinweg den Bergſchenkenwirth näher kommen, konnte jedoch nichts weiter ſehen als den Kopf und einen Theil der obern Bekleidung. Doch ſchon dieſer geringe Theil des Körpers war dergeſtalt elegant ausſtaffirt, daß die Aufmerkſamkeit des Inſpectors rege wurde und er mit ſcharfen Blicken den Pforteneingang hütete, um zu ſehen, ob er ſich irre, wenn er das Geſicht des würdigen Gevatter Evpers für friſch raſirt, das kurzgeſchorene Haar für geölt und die ſteifen Vatermörder für exemplariſch rein und weiß hielt. 61 Richtig! Herr Evers präſentirte ſich gleich darauf im vollen Sonntagsſtaat. Wo kam er her? In⸗ ſpector Prutz war ſehr vertraut mit Evers' Eigenthüm⸗ lichkeiten, er wußte demnach, daß er durch höfliche Fragen weniger zu fangen war, als durch eine mali⸗ tiöſe Ueberſtürzung. „Gehen Sie auf Freiersfüßen, Evers“, ſchrie er ihm entgegen,„oder ſind Sie meinem Rathe gefolgt und haben Ihrem Proceſſe durch einen Heirathsvor⸗ ſchlag drüben bei der Wittwe Horink ein Ende ge⸗ macht?“ „Wenn ich antworten wollte, daß ich es nicht ge⸗ than, ſo würden Sie mir nicht glauben“, erwiderte Evers lachend und knüpfte ſeine weiße Weſte auf, um ſich Luft zu ſchaffen.„Eine verwünſchte Hitze, heut' Mittag!“ fügte er hinzu und wiſchte ſich mit ſeinem hellgelben Foulard die Schweißtropfen von der Stirn. „Was gibt mir denn die Ehre, den Herrn Inſpector bei mir zu ſehen?“ „Was macht denn Fräulein Klärchen?“ fragte Prutz dagegen. „Iſt wohl, ſehr wohl!“ entgegnete lakoniſch Herr Evers. „Wann iſt denn Verlobung?“ forſchte Prutz weiter. „Frau Horink will ihre Anſprüche nicht auf andere 62 Weiſe beſeitigt wiſſen, als durch ein richterliches Urtheil. Laſſen wir alſo dieſer guten Frau das Plaiſir.“ Herr Evers ſagte dies ſo gemüthlich, mit einem ſolchen Anſtrich von Heiterkeit und Zufriedenheit, daß der Inſpector über die Ausdehnung der gepflogenen Unterhandlungen vollſtändig getäuſcht wurde. „Wollen Sie nicht eintreten, Herr Inſpector?“ fragte Evers mit einer Handbewegung. „Nicht doch! Hier iſt's wunderſchön! Eine bal⸗ ſamiſche Luft! Setzen Sie ſich her zu mir und laſſen Sie uns eine halbe Flaſche Rüdesheimer trinken! Ihren Staat können Sie erſt abwerfen, ich habe ein Stünd⸗ chen Zeit, denn die Reviſion der Bücher iſt auf mehrere Tage verſchoben. Im Schloſſe geht Alles kopfüber, binnen zwanzig Jahren ſind nicht ſo viele Veränderungen eingetreten, als ſeit den wenigen Tagen, daß Graf Askan hier iſt.“ „Glaub's ſchon! Glaub's ſchon!“ rief Evers fort⸗ eilend. In der Thür blickte er zurück und murmelte: „Der iſt nicht umſonſt hier! Wonach wird er fiſchen wollen? Aufgepaßt, damit er nicht zu viel fängt!“ Es währte nicht lange, ſo war Evers wieder da. Ebenſo ſchnell ſtand eine Flaſche Rüdesheimer in einem Eiskübel vor dem Inſpector und zwei koſtbare 63 Kelchgläſer. Man wußte, daß dieſer Herr vornehm gewöhnt war und that, als wenn das ſo ſein müßte. „Wie iſt's Diner abgelaufen, Herr Inſpector?“ fragte Evers, mit der Behendigkeit und Geſchicklichkeit eines wohlgeſchulten Gaſtwirths den Pfropfen der Flaſche herausziehend.„Es war großer Empfang, nicht? Ich ſah die Equipagen der Herrſchaften noch um neun Uhr wegfahren, ſo ſpät iſt's ſonſt nie geweſen.“ „Die gewöhnliche Geſellſchaft, Gevatter Evers, die nächſten Edelleute, einige Pfarrer, einige Gerichtsherren; aber unſer Graf war heiter und geſprächig, wie ihn noch Niemand hier geſehen. Mir wurde ganz wunder⸗ lich zu Muthe, als ich ſeine Liebenswürdigkeit beob⸗ achtete und mir ſagen mußte, daß nur die Anweſen⸗ heit des Grafen Askan eine ſolche Wiedergeburt der Jugend bewirkt hatte. Ich ſage Ihnen, Gevatter Evers, Excellenz war ſtrahlend vor Glück!“ „Glaub's ſchon, Herr Inſpector. Von früheſter Jugend an war der junge Graf ſchon der Abgott Sr. Excellenz. Er macht's immer ſo! Was er lieb hat und hoch hält, vergöttert er. Erſt in ſeinen jungen Jahren ſoll's die Schweſter Eliſabeth, dann ſeine erſte Gemahlin geweſen ſein. Dann kamen einige gute Freunde, für die er ſich opferte. Danach trat Askan 64. auf die Bühne und dann die zweite Gemahlin nebſt ihrem Töchterchen. Nun, davon brauche ich Ihnen nichts zu erzählen, denn das wiſſen Sie beſſer als ich.“ „Ja, aber denken Sie nur, Evers, für Comteſſe Dora Bella war kein Platz an der Tafel beſtimmt; können Sie das begreifen? Der alte Volkmann muß ganz beſondere Inſtructionen erhalten haben, denn er arrangirt ſonſt vortrefflich. Mir flüſterte er zu, daß ich die Tochter des Juſtizamtmanns von Gunterek führen ſolle, und als ich mich umſehe, ſteht die Comteſſe Dora Bella noch am Fenſter und ſieht gleichgültig zu, wie ſich die Geſellſchaft nach dem Speiſeſaal begibt. Was ſagen Sie dazu? Ein ſchlechtes Omen für diejenigen, die es mit dem ancien régime halten, nicht wahr?“ Herr Evers hatte ſehr aufmerkſam zugehört, biß die Vorderzähne zuſammen und ſchnitt eine Grimaſſe, welche füglich als ein Fluchwort gelten konnte. Weiter ließ er ſich nicht über eine Begebenheit aus, die ſein gutes Herz mächtig empörte. Ueber dem Fremdling, der ohnedies durch die Macht der Verhältniſſe Sohnes⸗ rechte erhielt, die Tochter zu vernachläſſigen! „Was blieb mir übrig, als Comteſſe zwiſchen mich und den Amtmann zu ſetzen“, fuhr der Inſpector fort. „Aber geben Sie Achtung, das bringt Früchte! Ich 65 habe nie geglaubt, daß unſere Comteſſe ſo gereifte und feſte Lebensanſichten haben könne, wie ſie im Ge⸗ ſpräche während des Mittagsmahls entwickelte. Heute wird das Teſtament fertig; machen ſie nicht Alles baumfeſt und granithart, ſo ſtößt die kleine Dora Bella Alles um, was ſie auf dem Wege Rechtens for⸗ mirt haben.“ „Ich denke, Graf Askan wird Comteſſe Dora Bella heirathen müſſen, um hier Herr und Gebieter zu wer⸗ den“, ſagte Evers ungeduldig. „Es wäre der beſte Ausweg, ob ſie es aber thut— Gevatter Evers, die kleine Comteſſe iſt verteufelt ge⸗ ſcheidt. Ich habe es niemals gedacht, daß dieſe junge Dame, trotz ihrer Harmloſigkeit, ſo viel Beobachtungs⸗ gabe und trotz ihrer Beobachtungsgabe ſo viel Harm⸗ loſigkeit entwickeln könne.“ Herr Evers begnügte ſich abermals mit einem kleinen Geberdenſpiele. Er traute dieſem Herrn durch⸗ aus nicht und fühlte ſich außerdem gereizt und ärger⸗ lich, weil er ihm ungelegen kam. Was wollte der Mann zu ſo ungewöhnlicher Zeit bei ihm? Sich die Zeit vertreiben? Sein innerer, verſteckt gehaltener Verdruß brachte ihn endlich dazu, was er eigentlich grundſätzlich gegen den Inſpector ſich nie erlaubte, ſeinen derben Humor Fritze, Schloß Bärenberg. II. 5 66 ſpielen zu laſſen, nachdem er vergeblich darüber nach⸗ geſonnen, wohinaus der Gaſt mit ſeinen Reden wollte. Er ſetzte ſich nun förmlich zurecht und maß den In⸗ ſpector mit mißtrauiſchen, ſpöttiſchen Blicken. Dieſer trank ruhig ſein Glas Wein aus und ſchaute über den Waſſerfall hinweg nach den Berghöhen hinüber. „Ein wahres Paradies hier oben“, begann er nach langer Pauſe, mit gezogenem Tone. Herr Evers lachte über dieſe erſte Anerkennung nach zwanzig Jahren. „Ja wohl“, antwortete er launig,„ein wahres Paradies und dabei die Zuverſicht, daß uns nicht, wie weiland den Vater Adam, die Neugier oder ſonſtige Gelüſte der Dame Eva daraus vertreiben können.“ „Einen Baum der Erkenntniß wird es aber wohl V1 auch hier, wie vor uralten Zeiten dort, geben, Gevatter Evers“, ſprach der Inſpector, auf ſeinen Ton eingehend. „Wir hüten uns aber vor aller Wißbegier, denn anderwärts möchten wir mit Trauer an dies Paradies zurückdenken“, entgegnete Evers lauernd. „Ja, ja! Wem's wohl iſt, bleibe ſitzen; es hat Königen und Kaiſern gedient, an dies alte Wort zu denken.“ „Ei, Herr Inſpector, das paßt nicht!“ rief Evers laut lachend.„Die Kaiſer und Könige haben gar nicht daran gedacht, aufzuſtehen.“ 67 „Aber das Volk iſt aufgeſtanden und hat gegen dieſe alte, gute Lehre gehandelt.“ „Ja ſo! Wenn Sie dahin ſteuern wollten, konnten Sie's einfacher thun! Alſo politiſiren wollen wir⸗ Darum ſind Sie hergekommen? Politik iſt nicht mein Geſchmack, Herr Inſpector. Politik macht mir den Rüdesheimer bitter.“ „Und doch ſind Sie der Mann dazu, um eine po⸗ litiſche Größe werden zu können“, ſagte Inſpector Prutz ſehr gleichgültig. Herr Evers rückte zwei Schritt zurück und ſtarrte ihn unverwandt an. „Durch die Wiedereinberufung der Kammern nach dem neuen Wahlgeſetze, dem die demokratiſchen Ele⸗ mente vollkommen abhold ſind, wird wahrſcheinlich der Platz im Abgeordnetenhauſe für unſern Kreis vacant werden; man ſprach geſtern bei Tafel davon. Es wird jetzt darauf ankommen, einen humanen, conſervativen Mann an die Stelle des raſenden Advocaten Kosmin, der am liebſten ganz Deutſchland mit allen ſeinen Thronbeſitzern nach ſeiner Pfeife hätte tanzen laſſen, zu bringen. Ich mache Sie darauf aufmerkſam, lieber Evers, daß es jetzt jedes Chriſten Pflicht iſt, ſich zu ſolcher Stellung im Staate zu drängen, um darauf einwirken und dazu mitwirken zu können, daß Ruhe und Frieden einkehre und Ordnung im Lande herrſche. 5* 68 Sie, mein lieber Evers, ſind der geeignete Mann für die neue Kammer.“ „Aber liebſter, beſter, theuerſter Inſpector“, rief Herr Evers außer ſich vor Schreck und Beſtürzung, „da gibt es ja wohl Tauſende von Männern im Staate, die viel eher zu ſolchem politiſchen Friedens⸗ ſtiftungsamte paſſen, als ich alter, dummer Tropf, dem die Weisheit aus dem Munde ſtolpert, ſtatt fließt! Sie zum Beiſpiel, Sie, Sie paſſen dazu wie gemacht.“ Inſpector Prutz lächelte ſo unſchuldig wie ein junges Mädchen bei der erſten Schmeichelei, die es über ihre hübſchen Augen hört. „Ich?“ fragte er und wiederholte erſt dreimal dieſes„Ich?“ bevor er unter leichtem Kopfſchütteln fortfuhr:„Nein, mein lieber Evers, ich bin nicht ſo un⸗ beſcheiden, mich mit den Eigenſchaften zu ſchmücken, die ein Abgeordneter unter den jetzigen Umſtänden aufweiſen muß. Ich bin zu heftig, wenn Unrichtiges verlangt wird, ich bin, wie die Menſchen es jetzt zu nennen pflegen, zu bureaukratiſch, zu ariſtokratiſch, ich ſtehe nicht genug auf der Seite des Volkes.“ „Herr des Himmels, ſtehe ich denn anders wie Sie?“ unterbrach ihn Evers noch etwas verwirrt. Inſpector Prutz fuhr fort: „Ich habe mich nur einmal in eine Wahlver⸗ 69 ſammlung hineinverlaufen, aber ich wage es gar nicht, zum zweiten Mal hinzugehen, denn ich wurde zornig über die Maßen. Der Advocat Kosmin ſtand auf der Rednerbühne, das heißt auf einem Tiſche mitten unter Bierkrügen und Schnapsgläſern, und ſchrie: der Adel, die Titel, die Orden müßten abgeſchafft werden, und Alles ſchrie mit, daß es das Allernothwendigſte ſei, dieſe Dinge aus der Welt zu ſchaffen. Nun, Gevatter Evers, ich hatte genug vom Unſinn. Ich erklärte ſehr laut und ärgerlich, es gäbe Leute, die freilich von Freiheit und Gleichheit predigten, aber ſehr gern obenan ſtänden mit Titel und Würden; darauf ent⸗ fernte ich mich und bin nie wieder in ein Wahllokal gegangen.“ „Mich bringt auch kein Menſch hinein!“ entſchied der Bergſchenkenwirth mit einer muthigen Handſchwenkung. „Aber, mein lieber Evers, die Regierung braucht jetzt Leute, die ſie unterſtützen.“ „Meinetwegen! Ich laſſe mich nicht wählen!“ „Wenn alle humanen, patriotiſchen Männer ſo ſagen, dann freilich bleibt die Regierung wieder hülf⸗ los den Demokraten gegenüber.“ „Was ſoll ich denn meine Haut zu Markte tragen! Gehen Sie doch hin und ſtellen Sie ſich als Candidat bei der Neuwahl auf“, trotzte der Gaſtwirth. „Das würde ſich für mich ſchlecht paſſen. Ich bin für Sie ſchon aufgetreten, habe Sie vorgeſchlagen, habe Sie gerühmt als einen loyalen Mann, als einen treuen Unterthanen unſers Königs—“ Evers unterbrach ihn ärgerlich: „Gut! Wie Du mir, ſo ich Dir, ſagt das Sprich⸗ wort. Ich werde Sie auch vorſchlagen, werde Sie als einen loyalen Mann rühmen, werde Ihre Kennt⸗ niſſe ans Tageslicht ziehen, Ihre Geſchicklichkeit offen⸗ baren und Ihre Unterthanentreue an die große Glocke hängen.“ „Meinetwegen, lieber Evers! Es wird Ihnen nur wenig helfen, man wird dennoch nicht auf mich reflectiren.“ „Das wollen wir doch einmal ſehen!“ rief Evers herausfordernd und in edler Entrüſtung beide Arme in die Seite ſtemmend. „Sie wagen viel dabei! Freilich, wenn ich's recht bedenke, ſo könnte ich wohl dem Volke nützen, ohne doch die Regierung in ihren Rechten zu beein⸗ trächtigen.“ „So, ſo! Könnten Sie das?“ fragte Evers, gewahr werdend, wohin der Inſpector ſteuerte. Ihm ging ein Licht auf und er ſtaunte über ſeine eigene Dummheit. 71 „O ja! Wer kennt denn die Bedürfniſſe des Vol⸗ kes beſſer als derjenige, welcher zwiſchen ihnen in Mangel und Noth groß geworden iſt? Wer kennt die Bürden des Lebens aus den verſchiedenen Schichten der Bevölkerung gründlicher, als derjenige, welcher unter dem Drucke dieſer Bürden aufgewachſen iſt?“ „Aber Sie doch nicht, Inſpector, von ſich ſprechen Sie doch nicht?“ fragte Evers eifrig und rieb viel⸗ ſagend ſeine Stirn mit der geballten Fauſt. „O, ich habe es nie verhehlt, lieber Evers, daß ich nur durch die Güte unſers Herrn Grafen einer niedern Sphäre entrückt worden bin“, entgegnete Prutz freimüthig. „Ei, dann wundert mich's doch, daß ich's heute zum erſten Male höre, Inſpector!“ rief Evers, in komiſcher Exaltation die Hände zuſammenſchlagend.„Alſo Sie — Sie ſind—“ Er bückte ſich und ſtreckte die Hand einige Zoll über den Erdboden hinweg. „Ja“, ſprach Inſpector Prutz mit Erhebung,„ja, ich ſtamme aus dem Volke und habe ſtets gewünſcht, die Intereſſen des Volkes vertreten zu können, ohne der Regierung zu. trotzen.“ „Wie iſt mir denn?“ rief Evers jubelnd.„Sie ſind ja plötzlich ein ganz anderer Mann, Inſpector! Haben Sie jetzt eine Maske vorgebunden oder haben 72 Sie Ihre Maske abgenommen? Aber wie's auch ſei, wenn Sie dafür ſorgen wollen, daß mich meine Mitbürger fernerhin weder für einen loyalen noch für einen human⸗conſervativen Mann halten, ſo will ich dafür ſorgen, daß Sie ſtatt des rabuliſtiſchen Advocaten Kosmin zum Landtag geſchickt werden. Schlagen Sie ein— eine Liebe iſt der andern werth!“ Fünftes Kapitel. Am nächſten Morgen— das Frühroth lag noch auf den Bergen und die Morgennebel verhüllten noch das Thal— kam der Förſter Horink eilig die Dorf⸗ ſtraße hinab, die er ſonſt bei ſeinen Reviſionen ſtets vermied, und betrat ſo raſch das Haus ſeiner Schwä⸗ gerin, daß weder dieſe noch Klara, welche bei ihrem Kaffeefrühſtück ſaßen, ihn eher gehört hatten, bis er vor ihnen ſtand. Er ſchien gerüſtet zu einer weitern Wanderung und zeigte ſich weit unruhiger und belebter als ſonſt. Ver⸗ wundert erwiderten die beiden Frauen ſeinen Morgen⸗ gruß und muſterten befremdet ſein Reiſecoſtüm. „Ich muß im Auftrage des alten Grafen nach der Reſidenz“, ſagte er beeilt,„kann aber nicht hier vorübergehen, ohne zu fragen, wie Ihr Eure 74 Angelegenheit mit dem jungen Haberhorſt geordnet habt.“ „Ganz nach Deinem Wunſche, lieber Schwager“, antwortete Frau Horink unverkennbar mißmüthig. „O, das heißt, Klara liebt ihn nicht?“ fragte der Förſter in bedauerndem Tone. Klara, an die dieſe Frage zwar nicht direct ge⸗ richtet war, wandte ſich erröthend ab, um jede Ant⸗ wort zu vermeiden. „Darüber kann ich Dir keine Auskunft geben, lieber Schwager“, entgegnete die Wittwe ſeufzend.„Klara hat beſtimmt erklärt, Herrn Dietrich Haberhorſt nicht heirathen zu wollen. Es wird Dir mit dieſem Ent⸗ ſchluſſe gedient ſein, mir aber keineswegs.“ Der Förſter ſchwieg und blickte nach Klara hin⸗ über. „Die Sache iſt alſo ganz abgemacht?“ fragte er nach einer langen Pauſe. „Vollſtändig entſchieden!“ „Klärchen, komm zu mir und ſieh mich an“ bat der Förſter.„Weswegen haſt Du Diedrich abge⸗ wieſen?“ „Weil ich die feſte Ueberzeugung habe, daß Dietrich nie um mich geworben hätte, wenn ſein Onkel es nicht gewünſcht“, erklärte das junge Mädchen freimüthig. „Nun“, antwortete der Förſter ſonderbar bewegt und aus dem leicht erklärlichen Grunde zögernd, weil er ſeine eigene Meinung von dem jungen Mann wider⸗ rufen mußte,„ich habe mit Dietrich eine Unterredung gehabt, er wußte noch nichts von Deinem Entſchluſſe, Klärchen. Offen und gerade heraus, ich muß einräu⸗ men, mich geirrt und dieſen jungen Mann falſch be⸗ urtheilt zu haben; ſollte alſo meine frühere Meinung auf Dich einwirken, Klärchen—“ „Nein, lieber Onkel“, unterbrach ihn Klara.„Jeder Menſch hat ſeine Phantaſien über ein Glück, wie er es ſich wünſcht“, fügte ſie hinzu, ehe er nur antworten konnte;„ich habe auch ſolche Träume gehabt und ich geſtehe, daß Dietrich zu meinen Träumen paßte. Ich habe ſtets gewünſcht, im Dorfe zu bleiben, ja, ich habe ſogar lebhaft gewünſcht, auf dem Schloßplatze wohten zu können. Aber die Erfahrung hat mich be⸗ lehrt, daß mein Herz ſehr empfindlich iſt. Selbſt wenn Dietrich glaubt, mich lieb gewinnen zu können, ſo iſt nir das nicht genug, ſeitdem ich weiß, wie er um ein Mädchenherz zu werben verſteht aus eigenem Antriebe.“ „Woher weißt Du das, Klärchen?“ forſchte der Förſter, obnohl er ſein Behagen bei der vernünftigen Rede ſeiner Lichte nicht verbergen konnte. 76 „Aus eigener Anſchauung, lieber Onkel“, war ihre Antwort. „Das iſt etwas Anderes. Ja, Dietrich hat mir ſelbſt eingeräumt, daß er etwas darin ſucht, leichtferti⸗ ger zu erſcheinen, wie er iſt, auch, daß der Verkehr mit jungen weiblichen Weſen ihm bisher als ein an⸗ genehmer und befriedigender Zeitvertreib erſchienen ſei. Aber, Klara, ich bin verpflichtet, Dir zu ſagen, daß deſſenungeachtet ein guter Kern in Dietrich ſteckt und daß ich feſt an ſein ehrliches Gemüth glaube, trotz ſeiner leichtſinnigen Außenſeite.“ „Daran habe ich niemals gezweifelt“, fiel Klara belebt ein.„Es freut mich, daß Du ihn richtig haſt erkennen lernen, denn wenn nun eintrifft, was ich er⸗ warte, was ich wünſche, ſo hat Dietrich doch nicht gegen Dein Vorurtheil anzukämpfen.“ „Das verſtehe ich nicht ganz, habe aber keine Zeit, dieſem Räthſel nachzuforſchen“, antwortete der Förſter. „Ich muß eilen, um den Zug nicht zu verpaſſer. Der Reitknecht vom Schloſſe iſt hinten heruntergertten— ich wollte Euch gern vor meiner Reiſe noch ſyrechen— er warket mit dem Pferde auf mich— alſo Adieu bis morgen Abend.“ „Was willſt Du denn in der Reſdenz, lieber Schwager?“ fragte Frau Horink neugieng. 64 „Ein Schreiben an den Hofmarſchall Freiherrn Wenk von Wenkenthal überbringen, mit demſelben Herrn über einige nothwendige Schritte zur Vervoll⸗ ſtändigung des Teſtaments conferiren und im Namen Sr. Excellenz eine Audienz beim Prinzen Heinrich nach⸗ ſuchen, dem ich ebenfalls mit einem Schreiben zugleich mündlich über die angeregte Sache Vortrag halten ſoll. Die Teſtamentsdeputation vom Gericht fand Aus⸗ ſtellungen am Entwurf des Teſtaments, daher dieſe ſchleunige Sendung.“ „Wunderbar, daß ſich Excellenz Deiner bedient zu ſolchem Vertrauensacte“, ſagte ſtolz lächelnd Frau Horink.„Schlügen dergleichen Geſchäfte nicht in In⸗ ſpector Prutz' Amt?“ „Vielleicht erledigte dieſer Herr auch ſolche Miſſio⸗ nen geſchickter, allein wir Horinks gehören einmal zu den Bärenberg wie die Blätter des Baums ſzum Stamme.“ „Ob nicht Excellenz auch weiß, daß dem Inſpector nicht zu trauen iſt?“ meinte Frau Horink. Statt der Antwort ſagte der Förſter nochmals „Adieu!“ und eilte fort. Gleich darauf blieb er ſtehen und rief zurück: „Heda, Klärchen, geh doch hinauf zur Toni— beinahe hätte ich's vergeſſen— geh hinauf— ſie 78 hat Dir viel zu erzählen und will Deinen Rath hören.“ Klara wechſelte raſch die Farbe und ſchaute ihrem Oheim ſinnend nach. Hinübergeben ſollte ſie?„Nein, nein!“ dachte ſie unter dem Nachweh der Erfahrung, die ſie weit ſchwerer betroffen hatte, als ſie ſich eingeſtehen mochte. „Was mag Toni paſſirt ſein?“ warf Frau Horink beiläufig hin.„Sollte Dietrich im Verdruß über Deine ablehnende Antwort und über Deinen guten Rath, den Du ihm durch Herrn Evers haſt ertheilen laſſen, raſch eine Bewerbung um Toni ins Werk geſetzt haben?“ „Wohl möglich“, war Klara's leiſe Antwort. Nein, hinüber gehen konnte ſie nicht. Es überſtieg ihre Geiſteskraft, dort das Glück ihrer jungen Verwandtin vielleicht ſehen zu müſſen. „Wirſt Du hingehen?“ fragte Frau Horink ſichtlich verdrießlich. „Nein! Antonie muß zu mir kommen, wenn ſie mir einen Wechſel ihres Geſchicks anzuzeigen hat“, ant⸗ wortete Klara ernſt und ruhig. Dabei blieb es und der Tag verging, ohne eine Zuſammenkunft der beiden jungen Mädchen zu vermitteln. Klara war ſtiller als ſonſt, aber freundlich wie immer. —— Daß ihr Zlick ſpähend nach der Brücke flog, die Antonie paſſiren mußte, wenn ſie zu ihr wollte, war natürlich. Daß ſie ſcheu zuſammenzuckte, wenn ſich endlich auf der Brücke etwas zeigte, was einer weib⸗ lichen Geſtalt glich, wußte ſie ſelber nicht.. Darüber ging die Sonne unter und die Nacht nahte heran. Klara ſaß ſtill im Dämmerlicht auf der Bank vor der Hausthür. Ihre Mutter hatte ſich ſchon zur Ruhe be⸗ geben. Da raſchelte es am Zaun, da rüttelte es an der verſchloſſenen Pforte und eine liebliche, heitere Stimme rief: „Klara! Klara! Klara!“ Ein Fieberſchauer durchflog Klarg's ganzen Körper. Es war Antoniens Stimme. Mit einem Gefühl, ſchwankend zwiſchen Widerſtreben und alter Freundſchaft, erhob ſich Klara und öffnete die Zaunpforte. Sogleich umſchlang Antonie ihren Nacken, küßte ſie und hämmerte zugleich ſchäkernd auf ihre Schultern los,„zur Strafe“, wie ſie luſtig ſagte. „Warum biſt Du heute früh nicht gekommen, böſe Kläry?“ fragte ſie lachend.„Warſt zu faul?“ „Warum kamſt Du nicht zu mir?“ verſetzte Klara kühl und ruhig. 80 „Ich mußte ja eilen, daß ich fort kam, und doch noch Toilette machen“, antwortete Antonie eifrig und mit wichtiger Betonung. 3 „Wohin mußteſt Du?“ fragte Klara ebenſo kühl und ruhig wie zuvor. „Aufs Schloß! Hat Onkel Förſter nichts geſagt?“ „Nein. Was ſollteſt Du im Schloſſe?“ „Ich bin auf Probe Geſellſchafterin dort.“ Ein Ausruf der Ueberraſchung war Klara's Ant⸗ wort. „Was ſagſt Du dazu, liebe Klara?“ ſchäkerte An⸗ tonie. Klara's Herz, noch von Bitterkeit erfüllt, begann raſcher zu pochen. „Welch ein Leichtſinn wieder!“ rief ſie heftig. „Ohne Leichtſinn iſt das Leben mir zu ſchwer“, antwortete Antonie neckiſch. „Wie biſt Du dazu gekommen?“ „Comteſſe haben mir befehlen laſſen, vor ihr zu erſcheinen, und haben mir den Antrag gemacht, Dero Geſellſchafterin zu werden. Comteſſe waren ſo gütig, mir eine Probe zu geſtatten, damit wir beide nicht durch übereilte Verpflichtungen gebunden wären, wenn wir finden ſollten, daß wir nicht für einander paßten. Höre, Klara, Comteſſe Dora Bella iſt 81 eine famoſe Dame, das habe ich nie in ihr ge⸗ ſucht!“ „Was denn?“ fragte Klara, ihren Groll gegen An⸗ tonie nach und nach vergeſſend. „Comteſſe Dora Bella nimmt es mit einer Million Geiſter auf, wenn es darauf ankommt“, rief dieſe lachend.„Du mußt es mir nicht übel nehmen, liebe Kläry, wenn ich ſie bald ebenſo lieb habe wie Dich.“ In reizender Schelmerei neigte ſie dabei ihr Geſicht und blickte von unten auf in Klara's Augen. Jetzt ſiegte die Güte des Herzens in Klara. Sie umfaßte den Hals ihrer Freundin und legte ihr Geſicht dicht an die Wange derſelben. „Du wirſt überhaupt bald gar keinen Platz mehr für mich in Deinem Herzen haben, Toni“, ſagte ſie ganz leiſe im Tone der alten, lieblichen Traulichkeit. „Das kann kommen, Kläry“, ſcherzte Toni.„Zum Beiſpiel, wenn ich mich verlieben oder verloben ſollte, müßte ich doch ehrenhalber erſt meinen Schatz fragen, ob er mir auch geſtatten wolle, Dich nebenbei zu lieben, nicht?“ „Er wird Dir's nicht geſtatten, frage ihn alſo nicht. Gib mich ſtillſchweigend auf.“ „Bewahre! Einen Kampf um Dich, mein Leben! Ich lerne von meiner Comteſſe Courage zeigen. Iſt Fritze, Schloß Bärenberg. II. 6 82 Dora Bella aber eine famoſe Dame, Klara“, wieder⸗ holte ſie nochmals. „Wie willſt Du aber Deine Stellung als Ge⸗ ſellſchafterin mit derjenigen vereinigen, die Dir bevor⸗ ſteht, Toni?“ „Die mir bevorſteht?“ wiederholte das junge Mädchen befremdet. „Ich dränge mich nicht in Dein Vertrauen, Toni“, ſagte Klara haſtig. „Aber ich dränge Dich zum Vertrauen und will wiſſen, was Du meinſt“, rief Antonie. Klara neigte nachdenklich ihr Haupt und antwortete nicht. „Zielſt Du auf meine Familienverhältniſſe, Klara? Ich habe der Comteſſe mein volles Vertrauen ge⸗ ſchenkt und ſie hat mir ſogar ihren Beiſtand ver⸗ ſprochen.“ Klara bewegte abwehrend den Kopf. Sie fühlte, daß es am beſten ſei, eine Angelegenheit zu beſprechen, die ſpäter oder früher doch zwiſchen ihnen zur Sprache kommen mußte. Sie ſtrengte ihre ganze Willensſtärke an, um ohne Schüchternheit mit leiſer, feſter Stimme zu ſagen: „Nein, Toni, ich meine Deine Verlobung mit dem— den Du geſtern geküßt haſt.“ 83 Ein helles Roth überflog zwar jetzt Antoniens Geſicht, aber ihr Mienenſpiel zeigte weder Erſtaunen noch jene reizende bräutliche Verwirrung, die ſelbſt die keckſten Mädchen zu überſtürzen pflegt, wenn ſie ſich in ihren heiligſten Geheimniſſen ertappt ſehen. „Habe ich doch Recht gehabt“, ſagte ſie, munter die Hände zuſammenſchlagend und damit Klara's Geſicht einrahmend.„Sieh mich an, Schelm, Du haſt uns belauſcht, mich und den Dietrich Haberhorſt. Ich ſagte es gleich:„Es raſchelt im Buſch, es raſchelt im Buſch; machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie Sünder.“ Haſt Du das auch noch gehört, liebe Kläry?“ „Nein, ich ſah nur, daß er Dich im Arm hielt, und hörte nur, wie er ſchmeichelnd um eine Belohnung bat.“ Antonie lachte hell auf. „Und da denkſt Du, ich ſei ihm verlobt? Und darum kamſt Du nicht, weil Du ſchmollen wollteſt? Nein, wie kann man mit ſolchen frommen Augen und ſolchem lieben Geſicht ſo grundſchlecht ſein wie Du!“ „Thu mir nicht Unrecht. Ich habe Dich nicht für verlobt gehalten, aber ich habe erwartet, daß Du Dich mit Dietrich verloben würdeſt.“ „Weil ich ihn und er mich zum Spaß oder Zeit⸗ vertreib einmal geküßt?“ 6* 6 84 „Du lachſt darüber, Toni, ich habe ernſtere Lebens⸗ anſichten.“ „Ich noch ernſtere, wie ich Dir feierlich verſichern kann, liebe Klara“, entgegnete Antonie ſehr ſorglos. „Ernſthaft geſprochen iſt der Gedanke von Dir, mich mit Dietrich Haberhorſt zu verloben, ſchrecklich dumm, ja ſo ſchrecklich und übermäßig dumm, daß ich ihn der klugen Couſine Klara gar nicht zutrauen kann.“ Klara lächelte ſchwach zu dieſer beleidigenden Ueber⸗ treibung. „Meine ernſten Lebensanſichten haben mich ſo dumm gemacht“, ſagte ſie ſanft. „Aber, Kind, meine Erziehung, meine Verhältniſſe und meine Ausſichten für die Zukunft paſſen doch wahrlich nicht für eine Stellung, wie ſie mir Herr Haber⸗ horſt anzubieten vermöchte.“ „Dann ſollteſt Du ihm dies zu erkennen geben, damit er nicht falſche Hoffnungen hegt.“ „Er denkt gar nicht an ein Verhältniß mit mir! Er kokettirt mit mir und ich erwidere ſeine Huldi⸗ gungen auf gleiche Weiſe. Freilich bin ich dergleichen männliche Koketterien nicht gewohnt, mindeſtens dehnen die Stutzer der Reſidenz ſie nicht bis zu handgreiflichen Liebkoſungen aus, ſie verlangen nicht gleich ein Dutzend Küſſe als Lohn für die Hülfe beim Kirſchenpflücken, 85 ſie verconſumiren mehr Papier zu Sonetten, etwas Band und Blumen zu Cottillonorden, zerreißen mehr Schuhſohlen bei Fenſterparaden und werfen gelegentlich ihr Geld für Reitſtunden fort, um als Reiter zu Pferde uns zu imponiren. Allein hier wie dort und dort wie hier iſt die Koketterie der Männer gleich und dient weſentlich zur Verſchönerung der geſelligen Verhältniſſe, mein Klärchen.“ „Geht dabei nicht viel Ehrlichkeit und Zuverläſſig⸗ keit zu Grunde?“ fragte Klara. „Nicht doch, wir ſind uns ja ebenbürtig! Wir er⸗ kennen uns gegenſeitig. Betrug iſt nicht denkbar. Un⸗ beſcheidene Anbeter läßt man abfallen, um nicht vor der Welt compromittirt zu werden. Wenn Du wie ich in einer kleinen Reſidenz groß geworden und unter den gemiſchten Bürger⸗ und Hofpverhältniſſen gelebt hätteſt, ſo würdeſt Du wiſſen, daß man ohne Adoration der Männerkoketten eine Null im Geſellſchaftskreiſe iſt. Nun, mein Klärchen, eine Liebe iſt der andern werth, ſagt Gaſtwirth Evers, alſo erwidern wir die Be⸗ mühungen der Cavaliere.“ „Eine traurige Geſellſchaftsverfaſſung“, flüſterte Klara, die unter dieſen Maximen ein Lebensglück ver⸗ loren zu haben ſchien.„Und das iſt überall ſo?“ „In größern Städten tritt es nicht als Nothwendig⸗ 86 keit heraus“, predigte Antonie ganz gemüthlich weiter. „Die letzten Jahre, wo ich in Berlin gelebt, habe ich mir die Koketterie etwas abgewöhnt, weil die Männer des Kreiſes, worin wir lebten, lauter Platos und Catos waren. Dazu Vater und Mutter kränkelnd—“ Klara blickte in ihr ſchönes, belebtes Geſicht, als ſie hier abbrach. Ein Schimmer von Wehmuth lag in Antoniens Mienen, indem ſie fortfuhr: „Es war die zweite Abtheilung meines Lebens; Sorge und Noth trat ein und die Jugendfreudigkeit ging verloren.“ „Verloren? O nein, Toni, nein!“ ſagte Klara, innig ihre Hände preſſend. „Hier erſt kam ſie wieder, liebe Kläry, ich blühte geiſtig wieder auf in Eurer himmliſchen Friedlichkeit wie eine verſchmachtete Blume im Thau und in friſcher Nachtluft. Daß meine Großmama darauf beſtanden, mich hierher zu flüchten, bis meines Vaters Familien⸗ verhältniſſe geordnet ſeien, danke ich ihr ewig, obgleich ich mich anfangs höchſt renitent gegen ihre Beſchlüſſe zeigte. Du weißt, daß der Tag nicht mehr fern ſein. kann, wo ich ſtrahlend als Erbin des Hauſes van der Bruik auftreten werde.“ „Um ſo befremdender iſt mir's, daß Du auf die Stelle einer Geſellſchafterin Anſpruch machſt.“ 8 87 „Das iſt ein feiner Plan, liebes Klärchen. Meine Großmama hat ihn acceptirt. Du wirſt Manches da⸗ gegen einwenden und mir Deine ernſtern Lebens⸗ anſichten zu Gemüthe führen. Aber ich wiederhole Dir des Gaſtwirths Evers Motto: Eine Liebe iſt der andern werth! Dieſer Evers iſt ein praktiſcher Mann, das muß ich einräumen, wenn ich ſeinen Neffen auch nicht heirathen will. In ſeinem Motto liegt Lebens⸗ weisheit.“ „Ich merke, wohinaus Du willſt“, unterbrach Klara ihre ſcherzhafte Rede.„Du haſt erkannt, daß Du der Comteſſe Dora Bella jetzt hülfreich ſein kannſt, und beanſpruchſt dafür, daß ſie Dir ſpäterhin bei Deiner Lebensſtellung von Nutzen ſein ſoll.“ Antonie ſchlug frohſinnig die Hände zuſammen. „Du widerlegſt gründlich meine Behauptung von Deiner ſchrecklichen Dummheit, Klara! Richtig gerathen! Es paßt mir, wieder in die Kreiſe zu kommen, wo ich ſeit meiner Jugend heimiſch geweſen. Nicht aus Stolz etwa wünſche ich dies, ſondern weil ich mich darin zu Hauſe fühle.“ „Es gefällt Dir nicht bei uns?“ warf Klara traurig ein. „Nimm es mir nicht übel, liebe Klara, nein, es gefällt mir nicht bei Euch, mindeſtens nicht dergeſtalt, 88 daß ich mein ganzes Leben in dieſem friedlichen Einerlei verbringen möchte“, erwiderte Antonie keck und ſicher. Ihre Freundin ſah ſie erſchrocken an. „Deine Erklärung überraſcht mich, denn ſie ſteht mit Deinem Frohſinn durchaus nicht im Einklange. Iſt Deine Heiterkeit Verſtellung geweſen, Toni?“ „Was fällt Dir ein! Ich bin immer heiter und wohlgemuth. Wer die Verhältniſſe nach ſeinem Ge⸗ ſchmack formen will, macht ſich das Leben ſchwer. Wer ſich von Jugend auf übt, dem Geſchicke ſich zu fügen, der fügt ſich ſicherlich auch dem Gatten, der uns zu tyranniſiren beſtimmt iſt. Sage, Klärchen, möchteſt Du gern heirathen? Aufrichtig, wenn ich Dich bitten darf.“ Klara ſenkte betroffen die Stirn zur Seite und blieb die Antwort ſchuldig. Wäre dieſe naive Frage zwei Tage früher an ſie gerichtet worden, ſo würde ſie ohne Zweifel herzlich gelacht haben, aber achtundvierzig Stunden mit allerlei guten und böſen Erfahrungen können eine Seelenſtimmung ſchon verändern. Antonie ſtörte dieſes Stillſchweigen nicht. „Ich bin praktiſch genug, keine Antwort auch als eine Antwort zu betrachten, und nehme Dein ſtörriſches Schweigen für ein lautes und vernehmliches Ja. Siehſt Du, liebe Kläry, ich will mich aber deutlicher mit 8 —— — —,— — 89 meiner Anſicht herauswagen. Im Grunde mache ich mir gar nichts daraus, einem Manne mein Ehrenwort zu geben, daß ich ihm in Devotion und ewiger, un⸗ wandelbarer Liebe und Treue angehören will. Was hat man von der Ehre, verheirathet zu ſein? Gar nichts weiter als Sorge um die Wirthſchaft, um die Kinder, um den Mann und um die Wäſche. Ein lang⸗ weiliges Vergnügen, liebe Kläry. Meinſt Du vielleicht nicht ſo?“ „Nein“, antwortete Klara ernſthaft.„Ich halte es viel eher für ein langweiliges Vergnügen, in Geſell⸗ ſchaften zu gehen und der Mode und des Aufſehens wegen mit koketten Männern zu kokettiren.“ „Gott ſei Dank, jetzt endlich erfahre ich doch Deine Meinung“, rief Antonie und lachte ausgelaſſen.„Du biſt ein Juwel, in Gold zu faſſen und auf dem Herzen zu tragen, das für Dich ſchlägt.“ „Spotte immerhin, ich weiß, daß Du ebenſo denkſt und nur aus Laune anders ſprichſt.“ Antonie umfaßte ſie und küßte ſie heftig. „Wie lieb biſt Du! Ja, Dietrich hat Recht, wenn er behauptet, Dein Weſen ſei ſo heilig, ſo ſanft, ſo freundlich und dennoch ſtets zurechtweiſend. Man muß Dich lieb haben, es geht nicht anders.“ Klara machte ſich ſchnell von ihr los, um ihre Ver⸗ 90 legenheit beſſer verbergen zu können, als jene dann tief athmend fortfuhr: „Dietrich, ja Dietrich, da fällt mir wieder ein, daß Du mich zu ſeiner Braut machen wollteſt. Wenn ich offenherzig ſein will, muß ich Dir bekennen, daß Dietrich einer der beſten, gemüthlichſten und liebenswürdigſten Stutzer iſt, die ich jemals kennen gelernt habe, aber bedenke ich eine Heirath mit ihm, ſo iſt das etwas Anderes. Da öffnet ſich mir ein Regiſter von Pflich⸗ ten, vor denen mir graut. Aber für Dich würde Dietrich paſſen, das heißt, wenn er etwas ſolider auf⸗ treten und hübſch ehrbar nur die blauen Augen ſeiner holden Gattin bewundern wollte. Was meinſt Du dazu, Klara?“ Das arme Mädchen war äußerſt beſtürzt über dieſen directen Angriff. „Davon kann nie die Rede ſein, weil— weil—“ ſie ſtockte und ſagte dann feſt:„weil er mich nicht liebt. Laß uns lieber Deine Angelegenheit mit der Comteſſe beſprechen, Toni. Haſt Du ſchon feſte Be⸗ ſchlüſſe gefaßt?“ „Ja, ich habe mit Bewilligung meiner Großmama, die eine Frau von Takt iſt, der Comteſſe unſere Fa⸗ milienverhältniſſe, den Streit der Brüder van der Bruik um das Vermögen der Aeltern und meines — 91 Vaters Anſprüche, die mir jedenfalls früher oder ſpäter ein hinlängliches Kapital zum Lebensunterhalt ſichern, mitgetheilt. Daran habe ich die Bedingung geknüpft, dieſer Verhältniſſe wegen, die meines Vaters Familie den guten Adelsfamilien dieſer Gegend ebenbürtig macht, unſere geſellſchaftliche Vereinigung auf gleichen Fuß zu ſtellen, das heißt, ſie ſoll mir nichts zu befehlen haben.“ „Das brauchſt Du von Dora Bella nicht zu fürchten“, erklärte Klara. „Meinſt Du?“ fragte Antonie ironiſch.„Du kennſt Comteſſe Dora Bella nicht.“ „Beſſer, viel beſſer, als Du ſie nach ſo kurzer Be⸗ kanntſchaft kennen gelernt haben kannſt.“ „Weißt Du zum Exempel, daß ſie tief trotzig iſt, trotzig wie ein Raubthier, das nur den günſtigen Mo⸗ ment abwartet, um ſein Opfer, das es gereizt, zu zerfleiſchen und zu zerreißen?“ Klara ſtand ſprachlos vor Antonien. „Aber die Comteſſe iſt in ihrem Rechte und ich habe mich zu ihrem Beiſtand verpflichtet. Dora Bella iſt ein wunderbares, tiefpoetiſches Weſen, das durch ſeine wunderbare Erziehung auf der Höhe und dennoch mitten in der Natureinfachheit nichts von ſeiner Ur⸗ ſprünglichkeit verloren hat.“ „Eben deswegen erkläre ich Deine Beurtheilung für eine Uebertreibung Deines Geiſtes, der ſich in ſolchen Behauptungen übermüthig zeigt. Dora Bella iſt ein harmloſes Kind. Dora Bella iſt mit mir aufgewachſen, denn ich bin nur zwei Jahre älter als ſie; könnte mir wohl eine Untugend an ihr entgangen ſein, wie Du ſie ihr andichteſt?“ Antonie ſchaute ihr ſchelmiſch ins Auge. „Welch eine edle Entrüſtung! Wie ritterlich Du für Deine Comteſſe eine Lanze einlegſt! Es hilft Dir nichts. Ich bleibe bei meiner Behauptung, die ein Reſultat meines übermüthigen Geiſtes ſein ſoll. Ja, ich gehe trotz Deines Zorns noch weiter und erkläre unſer ganzes Geſchlecht für trotziger als das Männergeſchlecht und erkläre dieſen Trotz für eine Tugend.“ „Toni!“ rief Klara ſtrafend und lachend zugleich. „Höre zu, ich will Dir Weisheit predigen“, fuhr Antonie ungeſtört fort.„Meine Heiterkeit iſt nichts als Trotz gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens. Dieſer Trotz beſteht aus dem Stolz und dem Muth des Geiſtes, der ſich nicht erniedrigen laſſen will von der Hand der Vorſehung, welche ſich ja immer ohne Unterſchied auf Gute und Böſe niederlegt. Iſt mein Trotz eine Tugend oder ein Fehler?“ Klara legte ihre Hand feſt auf Antoniens Arm — 93 und ſagte mit bedeutungsvollem Ernſt:„Darf man denn mit dem göttlichen Beſtandtheile unſers Daſeins ſolchen Scherz treiben, ohne eine Strafe des Himmels fürchten zu müſſen, Toni?“ Antonie blickte betroffen in ihr Auge. „Ich warne Dich, Toni. Du biſt welterfahrener als ich, Du haſt weit mehr gelernt, Du beſitzeſt mehr Talente, mehr Mutterwitz, mehr Anſtand, mehr Lebens⸗ art, mehr Muth und mehr Beobachtungsgabe als ich, aber, meine liebe Toni, Du nimmſt die Verhältniſſe und das Leben zu leicht.“ Antonie zog ſie ſchäkernd an ſich und hielt ihr mit ihrer weichen, feinen Hand den Mund zu. „Spare Deine Warnungen, liebe Kläry, mich retteſt Du nicht vor meinem Geſchick. Es muß ſich erfüllen, damit ich meinen Willen habe. Unſere Mei⸗ nungen gehen auseinander, unſere Herzen jedoch blei⸗ ben unveränderlich beiſammen. In der Welt iſt's einmal nicht anders. Jeder nach ſeiner Eigenthüm⸗ lichkeit! Was der Eine Trotz nennt, beliebt der Andere als Leichtſinn zu betrachten, was der Eine als Tugend proclamirt, verwirft der Andere als Laſter. Von ſeinem Standpunkt aus betrachtet hat Jeder Recht. Du haſt ebenfalls Recht, mich zu tadeln, und ich habe vor allen Dingen Recht, mir Lobreden zu halten.“ 94 „Ob es Dir nicht dienlich wäre, mehr auf meinen Tadel als auf Deine eigenen Lobreden zu hören?“ fragte Klara mit unendlich gütigem Ton. „Nein, nein! Du verlierſt an mir nicht viel, wenn ich verloren gehe!“ ſcherzte das junge Mädchen in un⸗ verwüſtlicher Laune.„Ich gehörte ſtets zu den Kindern, die am liebſten mit Seifenblaſen ſpielen, und ſolche Menſchen muß es zur Ergänzung der Vielſeitigkeit auch geben.“ Sie ſchloß Klara in die Arme, drückte ihre Lippen auf Klara's Mund und ſchlüpfte zur Gartenpforte hinaus. „Schließe wieder zu, damit Dich Dein Ritter nicht entführt“, ſcherzte ſie im Forteilen. Klara folgte ihrem Gebote und blieb dann am Heckenzaun ſtehen. Ihr Blick ſuchte die Bergſchenke, die ſich auf ihrer Höhe deutlich gegen den geſtirnten Himmel abhob. Sie dachte mit lebhaft klopfendem Herzen an das Geſpräch zurück, welches im raſchen Wechſel eine Menge neuer Eindrücke in ihr Inneres gelegt und ſie zu veränderten Anſchauungen gezwungen hatte. Sie fühlte ſich getröſtet. Warum ſollte ſie härter über eine ſchuldloſe Weltmanier im Verkehr urtheilen als Andere! Daß ſie nicht gleichgültig gegen Dietrich's 95 Anerkennung war und mit Genugthuung daran zu⸗ rückdachte, war natürlich. Weiter trieb ſie indeß ihre Phantaſie nicht in dieſen Ideenkreis, ſondern ſie eilte, ſich zur Ruhe zu begeben. Sechstes Kapitel. Die Tage der Arbeit, der Aufregung und Ver⸗ wirrung im Schloſſe waren vorüber, das Teſtament des letzten Grafen Harald Bärenberg war gemacht und die Gerichtsdeputation hatte das Schloß mit dem kühnen Selbſtvertrauen verlaſſen, daß von Rechtswegen nichts verſäumt worden war, um jeden beliebigen Ein⸗ ſpruch unberufener Erben im Keime zu erſticken. För⸗ ſter Horink war mit umfaſſenden Sicherheitsdocumenten von der Reſidenz wieder heimgekehrt und nach ſeiner Heimkehr ſtand dann der Vollendung des Entwurfs durchaus nichts mehr im Wege. Vollkommen zufriedengeſtellt ſaß Graf Harald am Tage nach Abſchluß aller Formalitäten in ſeinem Großſtuhl und blickte ruhig und ergebungsvoll auf die nächſten Ereigniſſe der Zukunft, die unerwartet ein⸗ 4 6 1 97 treten und eine vollſtändige Veränderung in dem alten, ehrwürdigen Schloſſe herbeiführen konnten. Eine Laſt ſchien von dem Herzen des Grafen gewälzt zu ſein. Er hatte nun den Tod nicht mehr zu fürchten, da keine Verwirrungen durch ſein Scheiden aus dem Kreiſe der Lebenden herbeigeführt werden konnten. Mit dieſer Befürchtung ſchwand auch zugleich die Be⸗ ſorgniß vor einem jähen und unvorbereiteten Tode. Sein Geiſt hatte eine wunderbare Elaſticität gewon⸗ nen, ſeit er das große Werk ſeines letzten Willens vollführt— warum hätte er die Hoffnung auf neue Kräftigung und neue Belebung von ſich weiſen ſollen, wenn ſie ſich ihm ſchmeichelnd aufdrängte. Ein ſtilles, feſtes Vertrauen auf eine verlängerte Lebenszeit nahm unter ſeiner behaglichen, träumeriſchen Ruhe allmälig mehr und mehr Beſitz von ſeiner Seele. Er wünſchte jetzt zu leben, um noch dahin wirken zu können, daß ſeine heiligſten und freudigſten Wünſche in Erfüllung gehen konnten. Er wünſchte zu leben, um mit der frohen Ueberzeugung ſterben zu können, weder fehl gegriffen, noch, in Irrthümern befangen, unrecht gethan zu haben, als er, einem höhern Weſen gleich, das Schickſal zweier Menſchen unwiderruflich beſtimmt hatte. Seine Liebe, ſein Segen ſollte der Grundſtein eines neuen Stammes werden; er hatte Fritze, Schloß Bärenberg. II. 7 98 unbedingt der Großmuth und Liebe eines Mannes ver⸗ traut, indem er ihn zum Berather, zum Beſchützer, zum Führer, ja zum Beherrſcher eines Weſens gemacht, das der Stolz und die Freude ſeines friedlichen Her⸗ des geweſen war, das ſeinem Alter ein unausſprech⸗ liches Glück verliehen hatte. Nach reiflicher Ueberlegung mit ſeinen Teſtaments⸗ vollſtreckern hatte er feſt und beſtimmt ſeinen Wün⸗ ſchen Ausdruck gegeben, und jetzt lag ein Troſt für ihn in dieſem Verhalten, dem er erſt mit natürlichem Widerſtreben entgegengetreten war. Seine Gedanken umfaßten die beiden Weſen, welche er von jetzt an nur als verbunden ſich vorſtellen konnte, mit der vollen Wärme ſeines Herzens, und wenn ſich ſein Ver⸗ ſtand hingebender für den Mann ausſprach, dem er ſein volles Vertrauen zuverſichtlich geſchenkt, ſo regte ſich ſein Gemüth bei dem Andenken an ſeine Tochter doch mächtiger. *In dieſer Seelenſtimmung traf ihn ſein alter Kammerdiener Volkmann, der froh, daß die Teſta⸗ mentsunruhe ihr Ende gefunden, mit dem Vorſatze ins Zimmer trat, eine Gelegenheit herbeizuführen, die das ſeltſam veränderte Weſen der Comteſſe zur Sprache bringen und die unterbrochene Traulichkeit ihres Ver⸗ kehrs mit dem Grafen wiederherſtellen ſollte. 99 Graf Harald ſah ihn fragend an, als er ſich Aller⸗ lei zu ſchaffen machte, was ſonſt nicht zu ſeinen Amts⸗ geſchäften gehörte. Er hatte beinahe ein halbes Jahr⸗ hundert mit dieſem alten, rechtſchaffenen Manne gewirthſchaftet, wußte alſo auf der Stelle, daß etwas, Abſonderliches die Handlungen Volkmann's regiere. Niemand kannte die leiſen Veränderungen in dem Ge⸗ ſichte deſſelben beſſer als er; allein er unterließ es Bemerkungen darüber zu machen, um ſich an der diplo⸗ matiſchen Feinheit zu ergötzen, mit der Volkmann ſein Anliegen ins Werk ſetzen würde. Der alte Volkmann wußte gleichfalls auf der Stelle, was ſein Herr im Schilde führte, und legte es darauf an, daß Excellenz durch eine Frage ſeinen Plan einleiten ſollte. Einige Minuten währte dieſer ſtille Kampf zwiſchen Herr und Diener, dann fragte Excellenz: „Was heißt denn das, alter Mann, daß Du Tiſche aufräumſt? Gibt's dazu nicht andere dienende Geiſter? Oder ſpielen wir Komödie, Volkmann?“ „Komödie, Excellenz? Ach nein; es müßte denn ſein, daß ein religiöſes Stück in Scene geſetzt werden ſollte, welches über die Pflichten eines Vaters Aus⸗ kunft gibt, Excellenz“, erwiderte der alte Volkmann beſcheiden und ehrfurchtsvoll. 7* 7 100 Graf Harald ſah ihn forſchend an. Ein leichtes Mißtrauen mochte aus ſeinem Blicke leuchten, denn er nahm an, daß ſich Volkmann erlaubt habe, die De⸗ batte über Feſtſtellung eines ehelichen Bündniſſes zwi⸗ ſchen ſeiner Tochter und ſeinem Pflegeſohn zu belauſchen. „Willſt Du mir nicht eine nähere Erklärung über dieſe gewagten Worte geben?“ ſprach er mißbilligend. „Exellenz, wir begreifen nicht, daß unſere Comteſſe im Preiſe geſunken iſt ſeit—“ Graf Harald ließ ihn nicht ausreden.„Es iſt wahr, alter Mann, eben dachte ich daran, ſie zu mir bitten zu laſſen“, ſagte er haſtig. „Ich habe Dora Bella immer nur beiläufig geſehen; gehe zu ihr, ich ließe bitten. Mach' eilig“, fügte er hinzu, als Volkmann zaudernd ſtehen blieb und erſt überlegte, ob es nicht gut ſein würde, mehr zu ſagen. Kurze Zeit darauf öffnete ſich die Thür hinter der Portière und Dora Bella erſchien. Graf Harald empfing ſie mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit, er behandelte ſie im Rückblicke auf die Stellung, die er ihr in ſeinem Teſtamente zuertheilt, nicht mehr als das unruhige Kind und betrachtete ihr verän⸗ dertes Betragen in ſeltſamer Selbſtverblendung wie eine wohlthuende Einwirkung ſeines ernſtern und ge⸗ hobenern Benehmens. „Sei gegrüßt, Dora Bella“, rief er ihr herzlich 101 entgegen.„Ich habe Dich lange nicht bei mir ge⸗ ſehen. Gott Lob, die unerquickliche Unruhe iſt vorüber. Ich kann nun ſterben, wenn Gott es will, denn das Glück meiner Bella iſt geſichert.“ Dora Bella war raſch näher getreten und hatte die dargereichte Hand des Vaters ergriffen.„Mein Vater“, ſprach ſie leiſe und lehate ihre Wange gegen die Hand, welche ſie hielt. Der große Wandſpiegel, dem Graf Harald zugewendet ſaß, ſpiegelte das Bild wider, welches ihn in dieſem Momente mit Dora Bella vereint darſtellte. Eine liebliche, eben erblühende Knospe und ein morſcher, abgeſtorbener Baum! Lang⸗ ſam wandte der alte Herr ſeinen Blick ab und ſenkte ihn auf das Kind einer ſpäten Ehe nieder. Die Liebe, die er dieſem Kinde gewidmet, zog wiederum ſegnend in ihn ein. Was ihn ſeither beſchäftigt, verlor plötz⸗ lich an Werth. „Du ſprichſt vom Glücke Deiner Dora Bella, Papa“, begann die junge Dame, zutraulich zu ihm aufſchauend, niſt es nicht ſicherer aufgehoben bei Deinem Leben als bei Deinem Sterben? Ich habe ſehr viele Bitten vor⸗ zutragen, deren Erfüllung zu meinem Glücke dient. Willſt Du ſie hören, dieſe Wünſche?“ „Ei freilich und ich verſpreche ſie zu erfüllen“, er⸗ widerte Graf Harald voll Güte und Liebe, indem er 102² zugleich ſeinen Arm um die zarte Geſtalt der Tochter legte. „Zuerſt wünſche ich, daß Du mir geſtatteſt, Fräu⸗ lein Antonie van der Bruik, die junge Dame, welche für jetzt beim Förſter Zuflucht geſucht, zu meiner Ge⸗ ſellſchafterin zu wählen und ihr, wie mir, ein anſtän⸗ diges Nadelgeld vom Inſpector Prutz auszahlen zu laſſen.“ Graf Harald lachte. Wird geſtattet!“ rief er.„Du kommſt meinen Wün⸗ ſchen entgegen rückſichtlich eines Geſellſchaftsfräuleins, nur war meine Wahl, durch Askan's Rath geleitet, auf die Nichte des Hofmarſchalls von Wenkenthal ge⸗ fallen.“ „Dagegen proteſtire ich!“ ſprach Dora Bella gleich⸗ gültig.„Ich will Antonie, keine Andere.“ „Zugeſtanden! Weiter! Was wünſcheſt Du noch?“ „Ich wünſche zwei Reitpferde und einen Stall⸗ meiſter, geſetzt und anſtändig, damit er mich und An⸗ tonie bei unſern Ausflügen, die wir beabſichtigen, als Anſtandscavalier begleiten kann. Antonie kennt einen ſolchen Herrn; er iſt Stallmeiſter der verſtorbenen Für⸗ ſtin Muskit geweſen und würde ſicherlich gern hierher kommen. Inſpector Prutz mag die Sache arrangiren.“ Graf Harald lachte noch herzlicher als früher, ihn ſchien die Scene zu ergötzen. 103 „Großartige Pläne, Dora Bella! Wer hat ſie er⸗ funden? Du oder Deine neue Geſellſchafterin?“ „Ich ganz allein, Papa! Auf mein Befragen gab Antonie mir Auskunft, ſonſt nichts. Wirſt Du ſo gütig ſein, darauf einzugehen?“ „Mit Vergnügen! Du wirthſchafteſt zwar unbarm⸗ herzig auf meine Kaſſe los, aber ich nehme Dich nebſt Geſellſchafterin, Pferden und Stallmeiſter mit auf in meinen Etat. Nur bevorworte ich, daß Deinem Gemahle künftighin die Regulirung des Budgets frei ſteht, ohne Rückſicht auf meine Zugeſtändniſſe. Weiter! Was haſt Du noch auf dem Herzen?“ „Zu meiner neuen Stellung im Schloſſe paſſen meine Kinderſtubenräume nicht mehr, lieber Papa. Man hat mich ſchon zu lange dort verpflegt.“ Graf Harald hob aufmerkſam den Kopf höher. Es war, als öffnete ein Gedanke ihm die Augen. Askan's Anweſenheit hatte hier bedeutungsvoll eingewirkt. Das Kind fühlte ſich zur Jungfrau erwachſen— ſollte hier nicht das Erwachen eines Herzens mit ſeinen Wün⸗ ſchen zuſammentreffen? „Ich muß ein Zimmer für mich, ein Zimmer für Fräulein Antonie und einen Salon haben, der mir als Empfangszimmer dient. Meine Bedienung muß mei⸗ nem Stande gemäß vervollſtändigt und in meiner 104 Nähe einlogirt werden. Meiner alten Bonne mag die Oberaufſicht über meinen Haushalt übertragen bleiben, aber mir allein muß es freiſtehen, meine Bedienung zu wählen und zu entlaſſen.“ Graf Harald lachte nicht mehr, ſondern blickte mit ruhigem Erſtaunen auf ſeine Tochter. Welch ein Geiſt regierte in dem Mädchen, das vor wenig Wochen noch keinen Unterſchied zwiſchen ſich und den Kindern der Schloßbeamten machte? Als er nicht gleich antwortete, fügte Dora Bella kaltblütig hinzu: „Du ſtehſt an, lieber Papa, mir dieſe Bitte zu gewähren? Bedenke jedoch, daß ich nichts Unbilliges fordere. Tante Eliſabeth genießt dieſelben Vorzüge als Gräfin Bärenberg und ich vermuthe, daß ſie es gern ſehen wird, wenn die Repräſentation des Hauſes künftighin mir, der Tochter des jetzigen Schloßherrn, übertragen wird. Uebrigens ſteht dieſer Paſſus auch noch in meinen Wünſchen, lieber Papa; ich fordere es als ein Recht, daß ich als Deine Tochter reſpectirt werde, und da zwei Mächte nicht nebeneinander beſtehen können im Hauſe, ſo wünſche ich, daß Tante Eliſabeth mir die ſeit dem Tode meiner Mutter ihr überlaſſene Repräſentation überträgt.“ „Du biſt in Deinem Rechte, meine Tochter“, er⸗ widerte Graf Harald faſt feierlich,„und es wäre an “ 105 mir geweſen, dafür Sorge zu tragen, daß keine Incon⸗ venienzen die Ordnung meines Haushalts ſtörten. Tante Eliſabeth lebt zu ſehr ihren literariſchen Be⸗ ſchäftigungen, als daß ſie Deinen Uebergang ins jung⸗ fräuliche Alter mit ſeinen Standesanſprüchen hätte beachten ſollen. Ich lobe Deinen Takt, der Dich ſelbſt auf die Bahn geleitet, die Du im Leben zu gehen be⸗ ſtimmt biſt. Deinen Bitten ſoll auf der Stelle Folge gegeben werden und ſelbſt vorhandene Schwierigkeiten ſollen mich nicht abhalten, Deine Anordnungen zu be⸗ rückſichtigen.“ „Die Schwierigkeiten möchten ſich in der Einräu⸗ mung einer für mich paſſenden Wohnung finden“, ant⸗ wortete Dora Bella mit Gleichmuth.„In dem von Dir bewohnten Flügel würde es unſere Geſellſchafts⸗ räume beengen, lieber Papa, aber im andern Thurm⸗ flügel könnte es arrangirt werden, wenn wir das Kur⸗ fürſtenzimmer, das Graf Askan jetzt bewohnt, als Sa⸗ lon für mich einrichteten.“ „Sorge Dich nicht über den Platz, welchen ich Dir im Schloſſe einzuräumen verbunden bin, mein liebes Töchterchen. Im ſchlimmſten Falle beziehe ich das Zimmer neben der Bibliothek und mache Dir Platz hier unten.“ „Mein Vater, lieber Papa“, ſagte Dora Bella be⸗ 106 3 troffen und ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt.„Nein, das gebe ich nimmermehr zu. Viel eher kann Graf Askan dort neben der Bibliothek wohnen und wir nehmen den weſtlichen Thurm in Beſchlag.“ „Askan bleibt ja nicht hier, Dora Bella, er verläßt uns in wenigen Tagen. Hat er Dir das nicht geſagt?“ „Nein! Er hatte bis dahin noch nicht Gelegenheit, mir dergleichen Offenbarungen zu machen. Verläßt er Schloß Bärenberg, ſo ſteht meinem Plane gar nichts entgegen, Papa. Wir Damen des Schloſſes ziehen uns nach jenem Theile zurück und ſind Herrinnen jener Seite, während Ihr Gebieter dieſes Flügels bleibt. Wir haben die anmuthige, freundliche Ausſicht aufs Schloßplateau, auf die Thalgründe und Höhen mit dem Waldesgrün.“ „Nebſt der Ruine“, ſchaltete Graf Harald lächelnd ein.„Wir hingegen überſchauen die Ebenen mit ihren Dörfern und Städten meilenweit ganz unbeſchränkt. Wir ſind einig, Dora Bella. An dem Tage, wo Askan und Reinhold uns verlaſſen—“ „Geht Reinhold auch wieder fort?“ fiel Dora Bella überraſcht ein. 1 „Auch das iſt Dir nicht bekannt? Wie kommt es, daß Du nicht von den Beſchlüſſen unſerer Gäſte unter⸗ richtet biſt?“ warf Graf Harald unangenehm berührt hin. 107 „Man hat es nicht für nöthig gehalten, es mir zu ſagen, lieber Papa“, antwortete die Comteſſe ein fach und ruhig.„Hätte ich es gewußt, würde ich Dich nicht mit meinen vorläufigen Plänen incommodirt, ſondern gewartet haben, bis die Zimmer, welche ich in Beſitz zu nehmen wünſchte, leer ſtanden.“ „Damit Du nicht außerhalb des Kreiſes ſteheſt, den mein Vertrauen umfaßt, meine Kleine, ſo will ich Dir eröffnen, daß Reinhold, von mir mit Empfehlungs⸗ briefen ausgerüſtet, direct nach unſerer Hauptſtadt geht, um unter meinem Freunde, dem eben ernannten Mi⸗ niſter Romharr, eine Laufbahn zu beginnen, die ſeinem Ehrgeize ein neuer Sporn zu werden verſpricht. As⸗ kan hingegen geht, mit einer Vertrauensmiſſion beehrt, an den Berliner Hof. Im Spätherbſte kommen ſie beide wieder, um der Jagd obzuliegen. Ich hoffe einen heitern Winter zu verleben, und da meine Tochter Dora Bella den guten Willen zeigt, eine heitere und liebenswürdige Wirthin auf Schloß Bärenberg zu re⸗ präſentiren, ſo gebe ich mich der Zuverſicht auf genuß⸗ volle Tage um ſo feſter hin.“ Dora Bella blickte triumphirend in des Vaters Geſicht. Es war in dieſem blitzſchnellen Aufſchauen wieder der kindliche Ausdruck, welcher ſie ſo un⸗ beſchreiblich reizend machte. Graf Harald empfand 2 den Zauber dieſes halb ſchalkhaften, halb ſtolzen Blicks. 4 „Ja, ja, meine Kleine, Du haſt Recht, Dich zu ent⸗ puppen!“ ſcherzte er.„Du warſt mir bis dahin nur ein liebes Spielwerk— ich freue mich Deiner Ver⸗ wandlung, die mir eine heitere und treugeſinnte Ge⸗ fährtin für ſtille Stunden verſpricht und dennoch an⸗ gethan iſt, dem Leben mit ſeinen Standes⸗ und Ge⸗ ſellſchaftsrückſichten Rechnung zu tragen. Schon be⸗ ſchlich mich häufig der Gedanke, auch in Dir eine Muſe, gleich Deiner Tante Eliſabeth, in dieſer Einſamkeit aufleben zu ſehen und ich wehrte um deswillen Deiner Ungebundenheit niemals, um nur nicht noch eine Urania oder Kalliope im Schloſſe Bärenberg zu wiſſen.“ „Wäre dies ein Unglück geweſen?“ fragte Dora Bella naiv.„Tante Eliſabeth ſcheint mir den richtigen Weg zur allgemeinen Verehrung gefunden zu haben.“ „Glaub' es nicht, meine Kleine! Der Schein blen⸗ det Dich. Sie mag in ſich ſelbſt mit ihrer Schaffens⸗ kraft zufrieden, ja ſelbſt glücklich ſein, allein die Welt ſieht die Damen, welche ihre Gemüthsregungen, ihre Phantaſiegebilde, ihr inneres Leben und ihr höheres Streben zu Markte bringen, nicht mit günſtigen Au⸗ gen an.“ „Man überſchätzt in der Eiferſucht die Ehrerbietung — 109 der Geſellſchaft“, ſagte die Comteſſe, unwillkürlich ihrem Gedanken Worte gebend. Graf Harald muſterte blitz⸗ ſchnell ſein Töchterchen. Dieſe Bemerkung mußte ihn überraſchen, leider gab ſie ihm noch immer nicht hin⸗ reichendes Licht über den Seelenzuſtand deſſelben. Wäre er darauf verfallen, daß ihrer Verwandlung eine gehäſſige Triebfeder zu Grunde lag, ſo würde es ihm leicht geweſen ſein, das ganze Wolkenheer von böſen Gedanken zu zerſtreuen, das ſich in Dora Bella geſammelt hatte, da ihr eine Verheimlichung ihrer An⸗ ſichten fern lag. Er ſchwieg aber über die verräthe⸗ riſchen Worte und gab ſich nach der Erledigung ſeiner Geſchäfte mit Dora Bella, wie er es ſcherzend nannte, einem zärtlichen Geplauder hin, ohne zu ahnen, daß die junge Dame ihr erſtes Kunſtſtück in der höhern geſelligen Cultur, die mit Selbſtbeherrſchung beginnt, vollbracht hatte. Die Milde und Güte, welche Graf Harald aus⸗ zeichneten, hätten wohl ein hartes Gemüth endlich er⸗ weicht, wie viel eher ein Kindergemüth, das ſich nur in die Eisrinde eines künſtlichen Trotzes gehüllt hatte. Es war nur der verhängnißvollen Verblendung Sr. Excellenz zuzuſchreiben, daß nicht das ganze Gebäude der Klugheit zuſammenbrach, das mit ſeinen Funda⸗ menten lediglich auf einer krankhaften Empfindlichkeit 1 110 ruhte. Dora Bella's Verſtellungskunſt ſtand auf un⸗ ſichern, ungeübten Füßen; einige Fragen des welt⸗ klugen Vaters hätten ſie gezwungen, die Segel einzu⸗ ziehen, womit ſie in einem Fahrwaſſer, das ſie wenig kannte, ihrem Ziele zuſteuerte. Sein Zartgefühl ver⸗ hinderte ihn, leiſe Forſchungen anzuſtellen, die ihn über den Herzenszuſtand ſeiner jungen Tochter auf⸗ klären mußten, darum blieb er vollkommen in Dunkel⸗ heit darüber, wie weit ihre Gedanken über den Gegen⸗ ſtand ſeiner Träume auseinander gingen, wie wenig Dora Bella daran dachte, den Wünſchen ihres Vaters Folge zu leiſten und Graf Askan mit ihrer Neigung zu beglücken. Der gute alte Herr glaubte Alles gethan zu haben, was Dora Bella wünſchte. Er entließ ſie mit der Zuverſicht, daß nach ihrer Uebereinkunft für ſie in kürzeſter Friſt eine neue Lebensperiode voll Glanz, Glück und Befriedigung beginnen werde. Dora Bella ver⸗ ſchloß ſich auch keineswegs der Zärtlichkeit ihres Vaters, aber während er ihre kleine Verſtimmung überwunden und Alles ausgeglichen zu haben meinte, baute ſie mit der ſtillen Hartnäckigkeit eines erwachten Eigenſinns voll Conſequenz an einem Luftſchloſſe, deſſen Beſchaffen⸗ heit im vollſten Widerſpruche mit den Beſtimmungen ihres Vaters ſtand. Siebentes Kapitel. Die Unterredung zwiſchen dem Grafen und ſeiner Tochter blieb nicht ohne Folgen. Natürlich verbreitete ſich das Gerücht von einer bevorſtehenden Veränderung im Schloſſe mit Windeseile, als Graf Harald Befehle ertheilte, die auf ſeine Billigung der in Rede ſtehenden Umwandlung ſchließen ließen. Der alte Volkmann zog diplomatiſche Falten und gab ſeiner Comteſſe unbedingt Recht, wenn ſie ſich behaglich in ihres Vaters Hauſe einrichten und fernerhin nicht mehr die Kinderſtube bewohnen wollte. „Wir ſind der Meinung, daß wir nur etwas gelten, wenn wir uns geltend machen“, ſagte er höchſt weiſe zu dem flüſternden Hausperſonal;„und wir beweiſen am beſten, daß wir an unſerm Platze ſtehen, wenn wir 112 mit praktiſcher Ruhe auf dem Wege der Ordnung unſer Recht daran beweiſen. Alſo alle Ehrfurcht vor unſerer Comteſſe!“ Die alte Bonne benahm ſich weniger taktvoll und weniger diplomatiſch. Sie ſagte Jedem, der es hören wollte, daß die gnädige ſelige Frau Gräfin ſich im Grabe umdrehen müſſe, wenn ſie vom Jenſeits aus ihr einziges Kind ſo vernachläſſigt ſehen könne.„Aber Comteſſe wird ſich ſchon Recht verſchaffen. Ich kenne Comteſſe beſſer als Ihr alle!“ Von der Dienerſchaft verpflanzte ſich dies Geſprächs⸗ thema nach den Wohnungen der Schloßleute. Hier lehnte ſich ſchon manches Bedenken gegen Dora Bella's Anforderungen auf. Der Amtmann brummte, denn ihm ſielen die beiden Damenpferde und der ſogenannte Stallmeiſter zur Laſt. „Comteſſe Dora Bella hat das Turnen ſatt“, ſagte Inſpector Prutz, der ihm die Neuigkeit mit inniger Schadenfreude hinterbracht hatte;„nun will ſie reiten. Wer kann es ihr verdenken!“ „Und die luſtige Toni ſoll Geſellſchaftsfräulein ſpie⸗ len?“ fragte der Amtmann. „Sie wird ihre Rolle ſchon durchführen, Amt⸗ mann“, antwortete der Inſpector. „Was iſt es denn eigentlich mit dieſem Fräulein 113 van der Bruik? Iſt ſie adlig? Oder iſt es eine Holländerin, die ſich ſelbſt geadelt hat?“ „Bewahre! Die junge Dame ſtammt aus einer der älteſten Familien Belgiens. Ihr Vater war der tollſte Republikaner. Er hatte ſich in ſeinem Vater⸗ lande unmöglich gemacht und beglückte ſeitdem Deutſch⸗ land mit ſeinen freien Ideen. Nach ſeiner Verheira⸗ thung mit der Tochter der Frau Bertram nahm er eine Stellung am Hofe des freiſinnigen Herzogs von*** an. Plötzlich machte er auch dort ſich unmöglich und ging vor den Märztagen nach Berlin. Was von ihm damals verſäumt worden iſt, um ſich ſeines väterlichen Vermögens, das in ſeiner Heimat verwaltet wurde, zu verſichern, kann ich nicht ſagen, aber ihn packte die Noth, er war hülflos wie ein Kind in der herein⸗ gebrochenen Calamität, und das kleine Vermögen der Frau Bertram, das dieſe durch die Zinſen ernährt hatte, ging in einem Jahre vollſtändig drauf. Mittlerweile waren ſeine Freunde in Belgien für ihn thätig geweſen und hatten die Stockung ſeiner Einnahmen zu heben verſucht. Jedenfalls lag der Grund in böswilligen Familiengliedern, die ſeine Ver⸗ bannung aus dem Vaterlande benutzten, um ſich ſeines Antheils am väterlichen Vermögen zu bemächtigen. Man hat die Hülfe und den Beiſtand des König Leo⸗ Fritze, Schloß Bärenberg. II. 8 114 pold angerufen und dieſer ſoll edelmüthig erklärt haben, daß er nicht damit einverſtanden ſei, die Familie eines Mannes zu ſchädigen, der ihm einſtmals entgegenge⸗ wirkt. Leider traf dieſe Nachricht zu ſpät ein, um Herrn van der Bruik Segen zu bringen. Er war eben geſtorben und begraben. Seine Wittwe verfolgte den ihr eröffneten Weg. Auch ſie erlebte es nicht, daß ihre Wünſche gekrönt wurden. Sie ſtarb einige Mo⸗ nate nach dem Gatten und hinterließ ihrer alten Mut⸗ ter die Sorge für Antonie und für ihre Erbſchaft in Belgien. Ob das junge Dämchen dereinſt in den Beſitz ihres väterlichen Vermögens gelangen wird, iſt fraglich.“ „Dann thut das Dämchen gut, eine Stellung anzu⸗ nehmen, wodurch ſie ihrer Großmutter die Sorge um ſie erleichtert“, murrte der Amtmann.„Aber ſie ſollte doch vermeiden, unſerer Comteſſe nicht allerlei unnütze Dinge in den Kopf zu ſetzen. Dazu rechne ich zum Exempel die Reitpferde und den Stallmeiſter. Ich wette hundert gegen eins, daß dieſer Einfall nicht aus dem Kopfe der Comteſſe entſprungen iſt!“ „Wetten Sie nicht, Amtmann, Sie könnten ver⸗ lieren! Unſere Comteſſe hat ein wildes, kräftiges Ge⸗ müth, dem die Einſamkeit hier einen ſtark romantiſchen Anſtrich verliehen hat. Ich habe immer gefürchtet, daß die Langeweile ſie dazu treiben würde, gleich ihrer 115 Tante ein Bücherwurm zu werden, um ihrer Phantaſie genug thun zu können— nun, Sie werden mir doch zugeben, daß es weit geſcheidter von der kleinen Com⸗ teſſe iſt, ein geſundes wirkliches Pferd zu beſteigen und auf ihm durch unſere Waldungen zu ſtreifen, als ſich auf den gefflügelten Pegaſus zu wagen, der ſie in Regio⸗ nen führt, wo ſie blind gegen die Vorzüge ihrer Welt⸗ ſtellung wird.“ „Nur der Koſtenpunkt fällt hier ins Gewicht. Ein Pegaſus wird nicht gekauft und frißt nicht“, murrte der Amtmann. „Der Einwand iſt für die Einnahmen eines Grafen Bärenberg beleidigend, Amtmann. Wir haben, um mit dem alten Volkmann zu reden, wir haben ſeit den letzten achtzehn Jahren ungeheuer geſpart. Der Haus⸗ haltsetat hat ſtets Ueberſchüſſe gezeigt. Die Einfach⸗ heit unſeres Lebens hat nicht allein das Rittergut Gunterek erworben, ſondern auch noch runde Summen in die Bank befördert. Ich als Finanzminiſter muß uns das Lob ertheilen, daß wir uns prächtig ſituirt haben. Und dann nicht einmal ein paar Damenpferde und einen reſpectabeln Stallmeiſter zu bewilligen? Pfui, Amtmann, ſchämen Sie ſich!“ „So? Und der Stall für die Pferde und die Wohnung für den Stallmeiſter?“ 8⸗ — 116 „Damit kommen Sie mir nicht“, entgegnete der Inſpector herriſch und mit der ganzen Würde ſeiner Stellung.„Ich habe Ihnen ausnahmsweiſe einige Freiheiten geſtattet, weil eben unſere Wirthſchaft ganz einfach und einförmig war; dazu gehört die Ein⸗ ſtallung Ihres Rindviehs in die Räume, die für die Luxuspferde beſtimmt ſind; jetzt müſſen Sie meinen Anordnungen Folge leiſten und in kürzeſter Friſt das Rindvieh wieder nach Gunterek hinunterſchaffen, wohin es gehört.“ „Wo dies Rindvieh wegen der feuchten und unge⸗ ſunden Ställe nicht gedeihen kann“, fuhr der Amtmann ärgerlich auf.„Gehorſamer Diener, daraus wird nichts, und wenn Sie als Finanzminiſter“, ſchaltete er höh⸗ niſch ein,„auch die Verantwortung für Ihre Maß⸗ regeln zu übernehmen willens ſind. Mein Rindvieh bleibt ſtehen, wo es ſteht. Ich habe Erlaubniß be⸗ kommen, den Viehſtand hier oben zu vergrößern, und kein Adminiſtrator, kein Inſpector oder wie ſich ein Mann wie Sie ſonſt noch nennen mag, hat ein Recht, mir Vorſchriften zu machen!“ „Erhitzen Sie ſich nicht, Lieber“, entgegnete ganz gemüthlich der Inſpector.„Wer hat Ihnen denn da⸗ mals die Erlaubniß gegeben? Ich, der Adminiſtra⸗ tor oder Inſpector, wie Sie eben zu ſagen beliebten! 117 Damals galt ich Ihnen für eine zureichende Größe, dergleichen Erlaubniß zu ertheilen, jetzt bezweifeln Sie meine Macht, weil ſie Ihnen Schaden zufügen kann! Damals ſagten Sie, daß Sie bedeutende Vortheile durch den Umſtand erzielen würden, die eleganten Pferdeſtälle zu Ochſenſtällen machen zu dürfen, jetzt ſtellen Sie den wahren Grund Ihrer frühern Bitte in Abrede und ſchieben das Wohl und Wehe Ihres Rind⸗ viehs in den Vordergrund. Es hilft Ihnen aber nichts, Amtmann, Sie müſſen die Pferdeſtälle räumen, ich werde ſchleunigſt für die eleganteſte Renovirung derſelben ſorgen, denn morgen treffen die Pferde nebſt dem Stallmeiſter wahrſcheinlich ſchon ein.“ Der Amtmann hielt es unter ſeiner Würde, weitere Einwendungen zu erheben. Er verbarg ſeinen Groll über das allzu getreue Gedächtniß des Inſpectors, der ihm allerdings aus eigener Macht Vorrechte eingeräumt hatte, weil es ihm zu nichts geholfen haben würde, ihn auszuſprechen. Die Vorrechte, die ihm gewährt waren, hatte er mit tauſend kleinen Gegendienſten vergolten, er hatte es alſo in der Hand, den Inſpector für die entzogenen Freiheiten zu beſtrafen. Dieſer Herr war indeſſen nicht ſo thöricht, ſich das zu verſcherzen, was er als einen Zuſchuß zu ſeinen Einnahmen zu betrachten gewohnt war. Er hatte eine 118 Herrſchermiene aufgeſteckt, um den Amtmann in Schach zu halten, jetzt nahm er wieder die alte Feundſchafts⸗ maske vor. „Da fällt mir ein, Amtmann, wozu wird denn der ehemalige Jagdpavillon, der dicht hinter der Förſterei liegt, eigentlich benutzt?“ fragte er ſcheinbar zufällig. Der Amtmann kannte ſeinen Mann.„Zu gar nichts“, war ſeine Antwort, die er mit einem freund⸗ lichen Aufblick begleitete.„Der Förſter hat altes Ge⸗ rümpel darin, überflüſſiges Hausgeräth.“ „Können Sie ſich der Räumlichkeit genau entſin⸗ nen?“ „Warum nicht? Ich habe ja mit dem vorigen För⸗ ſter um die Benutzung des Hauſes gerungen.“ „Beſchreiben Sie mir das Innere des Hauſes.“ „Es iſt ein weiter, hallenartiger Flur, von beiden Seiten kleine hübſche Zimmer; hinter dem Jagdhäus⸗ chen ein graſiger Fleck, wohl einen Morgen groß, der jetzt den Ziegen des Förſters zur Weide dient. Im Hintergrunde ein ſchöner maſſiver Stall für die Pferde der Jäger, die zum Beſuche kamen, und für die Meute, die früherhin der Jagd wegen gehalten wurde. Das ganze Ctabliſſement iſt im Laufe des letzten Viertel⸗ jahrhunderts mißachtet und doch iſt es wirklich ein ſehr hübſches, gut gelegenes Haus.“ 119 „So? Sie loben es, weil Sie es haben möchten?“ fragte Inſpector Prutz luſtig. „Daran iſt nicht zu denken“, antwortete der Amt⸗ mann brummig.„Excellenz hat ſelber den Streit zwi⸗ ſchen mir und dem vorigen Förſter geſchlichtet und eigenhändig an denſelben geſchrieben, daß es ihm frei ſtände, es zu benutzen, und daß der Amtmann um ſo weniger darauf Anſpruch machen könnte, als es außer⸗ halb der Ringmauer des Amthofes ſtände.“ „Ich werde Excellenz vorſchlagen, dieſen Jagdpavil⸗ lon zur Stallmeiſterei zu machen und den innerhalb belegenen Grasfleck zur Reitbahn für die Comteſſe“, ſagte Inſpector Prutz ſehr ruhig. Der Amtmann wen⸗ dete ſich ganz zu ihm herum und ſah ihm voll ins Geſicht.„Iſt eine Schelmerei von Ihnen hinter dieſem Vorſchlage oder iſt's Ihr Ernſt? Sie ſehen mich zu⸗ verſichtlich und ehrlich an— dann behalte ich die Ställe für mein Rindvieh? Ja? Inſpector, das vergeſſe ich Ihnen niemals!“ „Ich werde Sie eines Tages daran erinnern, daß eine Liebe der andern werth iſt“, meinte Prutz leicht⸗ hin.„Wie wünſchen Sie nun das Arrangement mit der Fütterung? Ein Stallmeiſter füttert die Pferde nie ſelbſt. Er ſoll im Pavillon Wohnung erhalten, ſoll mit dem Kammerdiener Volkmann und der alten Bonne 120 diniren und ſoupiren, aber die Handreichungen beim Dienſt kommen dem Amthofe zu, wenn wir ſie nicht in Uebereinſtimmung gleich von vornherein ablöſen. Alſo beſtimmen Sie, ich handle als Ihr Freund!“ Nach einiger Berathung wurden die beiden Männer einig, daß die neue Stallmeiſterei mit allen Nebenaus⸗ gaben auf den Haushaltsetat des Grafen Harald ge⸗ ſetzt werden müßte. Zufrieden mit einander, trennten ſie ſich.„Eine Liebe iſt der andern werth“, dachte Inſpector Prutz beim Fortgehen. Er wußte, was des Amtmanns Wort bewirken konnte. Achtes Kapitel. Askan's Verſuche, ſich Dora Bella zu nähern, waren bisher an ihrer ſchroffen Artigkeit geſcheitert. Die junge Dame ging ihm keineswegs aus dem Wege, aber ſie beantwortete ſeine Anreden mit einer Kürze und Beſtimmtheit, die eine eingehende Unterhaltung unmöglich machten. Dabei vermied ſie jedoch mit gro⸗ ßem Takte, den Ton der kurzen Unterredungen mit Reinhold anders anzuſchlagen. Sie zog eine Schranke zwiſchen ſich und den beiden jungen Herren durch den kalten, fragenden Blick, womit ſie jede tronliche An⸗ näherung zu ſondiren ſuchte. Auf Reinhold ſchien ihr Benehmen wenig Eindruck zu machen. Er geſiel ſich darin, mit dem Ausdrucke großer Sorgloſigkeit von den Tagen ihrer Jugend zu ſprechen und ſie durch allerlei neckiſche Anmerkungen zu ärgern. 122 Dora Bella nahm es ebenſo ſorglos auf, ent⸗ kräftete jedoch häufig die Pointe ſolcher Reminiscenzen durch eingeſtreute Bemerkungen wie:„Sie irren ſich wohl in der Perſon, denn ich erinnere mich des Vor⸗ falls durchaus nicht“, oder auch:„Die Heldin dieſer Geſchichte ſoll ich ſein, Herr von Leſſel?“ Unter ſolchem Zwieſpalte gedeiht die Gemüthlich⸗ keit niemals. Anfangs beirrte dies Askan nicht. Er war ſteife Cirkel gewohnt und fühlte ſich gleichſam be⸗ ruhigt, nicht ſolchen Naturwüchſigkeiten zu begegnen, wie er nach der erſten Begrüßung erwarten mußte. Je mehr Askan ſich jedoch einbürgerte im Schloſſe, je mehr er ſich wieder acclimatiſirte, je mehr er den Plan ins Auge faßte, Dora Bella zu ſeiner Gattin zu wählen, deſto mehr ſehnte er ſich nach einem ge⸗ müthlichen Verkehr mit dem Weſen, das er beſchützen, ehren und lieben ſollte. Oft ertappte er ſich auf dem Wunſch, einſam im Parke mit Dora Bella luſtwan⸗ deln und bei dieſer Gelegenheit den Charakter derſelben prüfen zu können. Mehrmals wählte er die Stunde, wo die Schwäne von Dora Bella gefüttert wurden, zu einem Beſuche des Baſſins und vertiefte ſich ſcheinbar in die Lectüre eines Buchs, um ſie hier zu erwarten. Ent⸗ weder kam dann Dora Bella gar nicht oder ſie brachte Antonie van der Bruik mit. 123 Ganz unvorbereitet traf Askan die Nachricht, daß dieſe junge, ſicher und gewandt auftretende Dame von Dora Bella zur Geſellſchafterin erwählt ſei und daß letztere die Abſicht habe, ſich ſelbſtſtändig im Vaterhauſe einzurichten. Der Charakter der Comteſſe trat unter der Schil⸗ derung der auf dieſe Veränderungen bezüglichen Scene für ihn in ein ganz anderes Licht. So geneigt der alte Herr und auch Reinhold waren, dieſe Begebenheit noch als einen Auswuchs von Kinderlaune zu be⸗ trachten, ebenſo geneigt war Askan, Dora Bella's Wunſch ſehr bedeutungsvoll zu finden. Er theilte Reinhold ſeine Meinung mit. Dieſer lachte über ſeine Beſorgniſſe.„Weißt Du nicht, daß die Atmoſphäre in und um Bärenberg romantiſche Gefühle erweckt?“ fragte Reinhold neckend.„Dora Bella will Ritterdame ſpielen, weiter nichts! Viel in⸗ tereſſanter iſt mir die Nachricht, daß ſie das bildhübſche Mädchen, welches Feuerſtrahlen mit ihren Augen ent⸗ zündet, zur Geſellſchafterin gewählt hat. Fräulein Antonie wird Leben in Schloß Bärenberg bringen. Ich bin auf ihr Debüt neugierig und wünſche lebhaft, daß ſie auch Geiſt genug beſitzt, um für Männer von Welt intereſſant zu ſein. Sie wird uns heute Mittag vorgeſtellt werden.“ 124 „Ich habe ſie geſtern mit Dora Bella am Schwanen⸗ teich getroffen“, erwiderte Askan zerſtreut. „Ei, Du Glücklicher! Du haſt mit ihr geſprochen?“ rief Reinhold mit Pathos. „Nein! In Gegenwart fremder Perſonen verletzt die Wortkargheit Dora Bella's meine Eigenliebe. Ich redete die Damen nicht an, ſondern begnügte mich, ſie artig zu grüßen und fortzuleſen.“ „Mit affectirtem Stoicismus, recht ſo! Um ſo be⸗ gieriger wird Fräulein Antonie auf Deine nähere Be⸗ kanntſchaft ſein!“ „Ich gehöre nicht zu den Männern, die danach ſtreben, von weiblichen Weſen ausgezeichnet zu werden“, erklärte Askan kalt. „Dann arteſt Du Excellenz nicht nach.“ „War Graf Harald ein Damenheld?“ fragte Askan überraſcht. „Ei wohl! In keuſcher Ehrerbietung, wie es die damalige Zeit mit ſich brachte.“ „Wer erzählte es?“ „Ein Zeitgenoſſe von ihm!“ „Das thut mir leid! Mir iſt mein alter ehrwür⸗ würdiger Verwandter ſtets ein Vorbild geweſen und ich habe nicht geglaubt, daß er den Frauen Einfluß auf ſein Leben geſtattet habe.“ —— 125 Reinhold fühlte, daß er in ſeiner Frivolität eine Saite berührt, die Askan als zu heilig zum Scherze betrachtete. Widerrufen konnte er nicht, ohne ſich Blö⸗ ßen zu geben, aber ſein fruchtbarer Geiſt erfand ſofort ein Beſchwichtigungsmittel. Er lachte laut auf und ſagte: „Man konnte vom Grafen Harald ſagen, was der Franzoſe mit den Worten ausdrückt: A dieu mon àme, ma vie au roi, mon coeur aux dames, l'hon- neur pour moi!“ Graf Askan lächelte zufriedengeſtellt.„Mit dieſer Deviſe zu Grabe getragen zu werden, iſt ehrenvoll“, antwortete er. „Haſt Du den heldenmüthigen Entſchluß, danach zu leben, gefaßt, ſo wird Dir der Nachruf nicht feh⸗ len“, ſchloß Reinhold das Geſpräch und eilte aus dem Zimmer. Askan ſah es gern, daß er die Nachricht, welche er eben erſt beim Frühſtücke empfangen, in der Ein⸗ ſamkeit überdenken konnte. Er nahm ein Buch und verließ unbemerkt ſein Zimmer, wo die Unterredung mit Reinhold ſtattgefunden hatte. Seine Abreiſe war auf die nächſte Woche feſtgeſetzt. Es konnten Monate vergehen, bevor er wieder in Bärenberg einzutreffen im Stande war. Bis dahin in der quälenden Un⸗ 126 gewißheit ſchweben zu ſollen, ob Dora Bella ein ſeelen⸗ loſes Weſen, voll bizarrer Launen und rückſſichtsloſer Etourderien ſei, fähig, ihn in jedem Augenblicke zu verletzen, ſein Gemüth zu beunruhigen und damit ſei⸗ nem Leben einen Fluch des Eigennutzes anzuhängen, das überſtieg ſeine Geduld. Mit dem Vorſatze, Alles aufzubieten, um ſich über die Widerſprüche aufzuklären, die ihm überall auf⸗ ſtießen, ja ſelbſt mit dem Entſchluſſe, bei den Schloß⸗ leuten zu forſchen, um einigen Aufſchluß über Dora Bella's Charakter zu erhalten, ſchlug er den Weg nach dem Förſterhauſe ein, dem Zufalle vertrauend, der ihm den Förſter entgegenführen konnte. Dadurch täuſchte er Dora Bella, die ſchon mit ihrem Körbchen voll Weißbrod am Fenſter ſtand, be⸗ reit, ihre Schwäne zu füttern, bevor Antonie mit ihren Habſeligkeiten im Schloſſe eintraf, um definitiv ihre Stellung dort einzunehmen. Dora Bella ſchlüpfte friſch und froh geſinnt, wie in jenen Tagen, wo ſie noch nicht unter dem Drucke eines gehäſſigen Gefühls ſtand, durch den Parkweg und war bald bei dem Baſſin, wo ſie mit all der ſonderbaren Unruhe von den Schwänen bewillkommt wurde, die Askan eines Tages mit Erſtaunen be⸗ obachtet hatte. 127 Das junge Mädchen, ſicher gemacht durch die An⸗ nahme, daß Askan dem Förſter einen Beſuch zugedacht habe, überließ ſich ganz ihren natürlichen Gefühlen und den Eingebungen jenes neckiſchen, lieblichen Muth⸗ willens, der ſie von Kindheit an zum Lieblinge ihres Vaters und zum Lieblinge ihrer Geſpielinnen wie ihrer Untergebenen gemacht hatte. Befreit von der Furcht, beobachtet zu werden, der Feſſeln des Zwangs entledigt und ihrer Eigenthümlichkeit vollkommen hin⸗ gegeben, näherte ſich Dora Bella dem Teiche mit flie⸗ genden Schritten und rief heiter:„Nun, ihr trägen Schiffer, hurtig, hurtig die Anker gelichtet und die Segel aufgeſpannt!“ Und die Schwäne ſchoſſen wie auf Commando durch die klare, ſilberhelle Flut, umruderten die Weite des Teichs, hoben die Flügel und reckten die ſchneeweißen Hälſe gegen einander. Während der Zeit hatte ſich Dora Bella beeilt, die ſteinernen Stufen zum Waſſer hinabzuſteigen. Auf der unterſten Stufe, beſpült von den leichten Wellen, die das anmuthige Spiel der Schwäne hervorrief, ließ ſich das junge Mädchen aufs Knie nieder, ſtellte ihr Körbchen neben ſich und breitete die Arme gegen die Schwäne aus, die langſam und majeſtätiſch, ihr Ungeſtüm gleichſam bezähmend und zü⸗ gelnd, von der Mitte des Waſſers ihr entgegenſchwammen. 128 „So war's gut, mein alter Urlw; ſo iſt's recht, Lally; komm Bora, ſag' guten Morgen; her zu mir, du ſtörriſcher Rakk!“ plauderte Dora Bella, während die Thiere ſie nahe umkreiſten, ſich greifen und ſtreicheln ließen, die Köpfe auf des Mädchens Schulter legten und es duldeten, daß Dora Bella ihre Wange dagegen ſchmiegte. Es war ein reizender Anblick, dieſe zarte Mädchen⸗ geſtalt im hellblauen Kleide zwiſchen den weißen Schwänen; wie einer den andern überbot an Trau⸗ lichkeit, wie einer den andern zu verdrängen ſuchte, wie endlich mit heiterem Koſen und luſtigem Schelten Dora Bella ihre Arme um die Gruppe ſchlang und nach einander die weißen, glatten Köpfe küßte. Es war eine reizende, eine rührende Scene, das Spiel eines einſamen Kindes, auf der Höhe geboren, die Aus⸗ geburt einer warmen, lebhaften Phantaſie, das Be⸗ dürfniß der Jugend nach Geſpielen und ſei es auch nur die Gemeinſchaft im Verſtändniß mit vernunftloſen Geſchöpfen. Und dieſe Scene hatte einen tiefbewegten Be⸗ obachter. Graf Askan war an dem Amthof vorbeige⸗ ſchritten und ſteuerte direct auf das Förſterhaus zu, als ſein Blick auf den ſogenannten Jagdpavillon fiel, 129 der, tiefer unten, am Rande des Waldgehegs liegend, noch niemals ſeiner beſondern Aufmerkſamkeit werth be⸗ funden worden war. Jetzt aber ſtand das kleine Gebäude offen und die Neugier zog ihn dorthin. Raſch eilte er den Wieſenpfad hinab und trat hinein. Es war Niemand drin. Das Haus ſchien behufs einer Rei⸗ nigung geöffnet zu ſein, denn die Fenſter der kleinen Seitenkabinette waren offen und der Zug trieb den dunſtigen Geruch einer lange verſchloſſenen Räumlich⸗ keit ihm entgegen. Askan ſchlenderte durch das Gebäude und bewun⸗ derte die altmodiſchen Stuccaturverzierungen in der Eſtrichhalle, ſowie die feinen, ſehr gut erhaltenen Wandmalereien in den kleinen Zimmern, die neben der Flurhalle lagen. Askan trat auch auf den Raſenplatz, der ſich vom Pavillon bis zu einem ſehr gut gebauten Stallgebäude erſtreckte und durch ein ſchadhaft gewor⸗ denes, hohes Holzgitter eingehegt war. Er erinnerte ſich ſehr wohl der Bedeutung dieſes kleinen abgeſchloſ⸗ ſenen Raums. Die Worte des vorigen Förſters, daß hier manche ſchwere Schlacht mit Bouteillen geſchlagen und manche ſchwere Niederlage nach glücklich beſtan⸗ dener Jagd zu beklagen geweſen ſei, traten ſchnell vor ſein Gedächtniß und entlockten ihm ein Spott⸗ lächeln. Fritze, Schloß Bärenberg. II. 9 130 Wozu mochte jetzt der Jagdpavillon geöffnet worden ſein? Auf den richtigen Gedanken darüber wäre er nie gekommen. Es gehörte die raſche Planmacherei eines Inſpectors Prutz dazu, um eine nützliche Verwen⸗ dung dieſer hübſchen Räume zu erfinden. Graf Askan hielt ſich nicht dabei auf, darüber nach⸗ zudenken, ſondern beſchloß, ſich durch Nachfragen dar⸗ über zu unterrichten. Während er ſinnend durch die Grasfläche dem Hauſe wieder zuſchritt, drang ein Laut zu ihm, der ihn ſtutzig machte. Wie es häufig in bergigen Gegen⸗ den geht, daß es der allergenaueſten Terrainkennt⸗ niß bedarf, um die Nähe eines Ortes zu begreifen, der nach oberflächlicher Prüfung am entgegengeſetzten Ende zu liegen ſcheint, ſo geſchah es hier. Askan befand ſich durch eine Bergkrümmung dieſer Art ganz in der Nähe oberhalb des Schwanenteichs, und einige gewagte Verſuche, durch das ſchadhafte Gitter zu gelangen, brachten ihn im Nu dem Unterholze nahe, welches den Bergrand des kleinen Thalgrundes einfaßte. Er hatte nun volle Zeit und die beſte Ge⸗ legenheit, das Spiel Dora Bella's mit ihren zahmen Schwänen zu beobachten, da die junge Dame keine Ahnung davon haben mochte, daß man von dem alten Pavillon aus ſie belauſchen könne. 131 Askan glaubte zu träumen, als er von oben auf die liebliche Gruppe hinabſchaute. Zuerſt pochte ſein Herz in ſtiller Angſt. Es ſah aus, als müſſe Dora Bella bei der geringſten Bewegung der Schwäne ins Waſſer gleiten. Nach und nach überkam ihn aber ein Gefühl der Sicherheit, als er gewahr wurde, daß hier ein jahrelanger Verkehr auf gleiche Weiſe die Thiere zur Vorſicht einexercirt hatte. Zuerſt war es der Zauber der Ueberraſchung, der ſein Auge an ein Schauſpiel feſſelte, welches bis zur Kunſt in der Darſtellung einer Zähmung vernunftloſer Geſchöpfe ſtieg. Er verfolgte mit fieberhafter Span⸗ nung die Entwicklung der einzelnen Scenen. Nach und nach kehrte aber eine Empfindung des Wohlbehagens bei ihm ein, als er bemerkte, daß hier ein vollſtändiges Einverſtändniß zwiſchen Menſch und Thier herrſchte. „Url“, befahl Dora Bella und hielt ein Stück Weißbrod in der rechten Hand,„paß auf, dies ſoll Rakk haben.“ Sie warf das Brod weit hinein ins Waſſer und ließ dann alle vier Schwäne zugleich los. Hui, wie ſchoſſen ſie auf das ſchwimmende Brod hin und ſenkten die ſchlanken Hälſe, um es im Schwimmen zu erhaſchen! Eine Sekunde verging, dann kehrten ſie wieder und der alte Schwan trieb vor ſich her das Brod, das *† 13² ſeinem Sohne Rakk beſtimmt war. Rakk näherte ſich und verſchlang es. Hell auf vor Luſt lachte Dora Bella.„Schön, mein alter Url, da haſt du deine Be⸗ lohnung! Her, ihr Damen, Lally und Bora! Hier, theilt Euch!“ Sie ſtreute allmälig ihr Futter aus. Gravitätiſch wurde es von den Schwänen erhaſcht und verzehrt. Als das Körbchen leer war, ſchüttelte ſie lachend die Krumen aus und klatſchte in die Hände. Die Schwäne zogen ſich langſam nach ihrer Hütte zurück. War die Geſchichte nun zu Ende? Es wäre ein matter Schluß geweſen. Dora Bella erhob ſich und ordnete ihren Anzug, der einige Spuren des klaren Waſſers aufwies. Sie rich⸗ tete ſich auf; ſtolz und gebieteriſch ſtreckte ſie die Hand aus und ſagte:„Nun kommt, bedankt euch und ſagt Adieu!“ Ruhig ruderten die Schwäne näher. Einer nach dem andern umſchrieben ſie den Halbkreis des Baſſins. Wenn ſie in Dora Bella's Nähe waren, drängten ſie ſich dicht an die Steinſtufen. Dora Bella nahm den Kopf jedes einzelnen in die Hände, ſtreichelte ihn, drückte liebkoſend ihre Lippen darauf und entließ ihn. Dann ſprang ſie leichtfüßig die Treppe hinauf und verſchwand im Gebüſch. 133 Mit hochklopfendem Herzen ſchaute ihr Askan nach. War es möglich? Trog ihn kein Traumbild, äffte ihn die eigene aufgeregte Phantaſie nicht? Was er ge⸗ ſehen, grenzte ans Unglaubliche; wie hatte das junge Mädchen es angefangen, ein ſolches Spiel in Scene zu ſetzen? Daß der Zufall, die tägliche Beſchäftigung mit den Schwänen viel vermittelt hatte, war freilich augen⸗ ſcheinlich, allein welch ein Gemüth ſprach ſich in dieſem Verkehr mit den Schwänen aus, welch ein ſeelenvolles Schmeicheln, Grüßen und Küſſen! War dies daſſelbe Weſen, welches nie ein gutes Wort für ihn hatte, welches ſchroff gegen jede Mittheilung ſich auflehnte, die ihre Seele hätte entſchleiern können? Graf Askan hätte um Alles in der Welt jetzt mit keinem Menſchen reden mögen. Er arbeitete ſich durch das Dickicht bis zu dem Thalwege, der ſpäterhin zur alten Burg aufwärts ſtieg, und wandelte tiefſinnig im ſtillen Waldesgrün dahin. Seine Stimmung änderte ſich trotz der ruhigen Größe der Natur um ihn her nicht. Eine Aufregung, wie er ſie noch nie gefühlt, jagte das Blut ſchneller durch ſeine Adern und das Bild Dora Bella's ver⸗ klärte ſich unter dem Andenken an die eben belauſchte Scene. Allerdings gehörte eine vorbereitete Seele dazu, um von dem Funken der Sympathie hier berührt zu 134 werden. Askan würde am erſten Tage ſeines Hierſeins ſchwerlich eine ſolche Exaltation für das kindliche, halb rührende, halb komiſche Treiben der Comteſſe empfunden haben. Aber ſein Gemüth war für den tiefen und unverlöſchlichen Eindruck empfänglich gemacht. Die puppenhafte Verhüllung ſeines Weſens war ſchon durch⸗ brochen von der wohlthätigen, ſonnigen Atmoſphäre auf Schloß Bärenberg und die Regeln der Etikette hatten ſchon viel von ihrem Einfluſſe verloren. Für den Augenblick begriff Askan noch nicht, daß er an dem Wendepunkte ſeines Lebens ſtand, daß er, der mit kaltem Verſtande die Macht der Frauenliebe von ſich entfernt gehalten, in Gefahr war, der einfachen Natürlichkeit und Kindlichkeit eines Weſens zu erliegen, welches er ſehr gering geſchätzt. Sein Geiſt hatte ſich ſtark genug gewähnt, mit den Vortheilen eines reichen Vermächtniſſes das Kind des Mannes mit hinzuzuneh⸗ men, welcher ihn mit Glanz, mit Reichthum und Macht zu überſchütten gedachte. Er wußte nichts von den nähern Beſtimmungen des Teſtaments und hielt ſich nur an Vermuthungen und Folgerungen, aber der Ge⸗ danke lag zu nahe, um nicht von der Wahrſcheinlichkeit zur Gewißheit übergehen zu können, daß Graf Harald das Glück ſeiner Tochter mit ſeiner letzten Beſtimmung in ſeine Hände gelegt habe. Schon die Möglichkeit dieſes 135 Vertrauens von ſeiten ſeines Onkels hatte feſte Vor⸗ ſätze in ihm wach gerufen und ihm die Verpflichtung auferlegt, ſich Dora Bella zu nähern. Was ſich jetzt in ihm regte, warf alle ſeine Bedenken nieder und ließ ihn die Ausſicht auf eine Verbindung mit einem ſo reizenden, unverdorbenen jungen Weſen als ein Glück preiſen. Er mußte einſam ſein und einſam bleiben, bis er den Grund ſeiner Gefühlsregungen durchforſcht hatte, darum verbarg er ſich vor den Augen der Menſchen, die ihn mit ihren Blicken und Fragen verletzen konnten. Fern von aller Sentimentalität, glaubte er auch nicht an eine nachhaltige Wirkung des eben erhaltenen Ein⸗ drucks. Er wollte aber den Aufruhr in ſich beſchwich⸗ tigt wiſſen, ehe er wieder mit Dora Bella in einen äußerlich geſelligen Verkehr trat. Viel zu ehrlich, um mit ſich ſelber Komödie ſpielen zu wollen, geſtand er ſich zu, daß er in der erſten Be⸗ wegung ſeines Herzens am liebſten die anmuthige Geſtalt da unten am Teiche in ſeine Arme geſchloſſen und ſie um ihr kleines unſchuldiges Herz gebeten hätte. Da jedoch ſolche Einfälle durchaus nicht mit den Vor⸗ ſchriften der Convenienz übereinſtimmten, ſo überließ er ſich ſeiner Vernunft und ſuchte ſich durch einen Spaziergang abzukühlen. 136 Das Ziel ſeiner Wanderung war die Ruine, alſo dieſelbe Stelle, wo wenige Tage zuvor Dietrich Ha⸗ berhorſt mit wilden Zweifeln und entzückenden Hoff⸗ nungen gekämpft hatte. Die Gemüthsverfaſſung Askan's unterſchied ſich weſentlich von derjenigen, welche den jungen Dietrich hierher geführt. Eigentlich bildeten beide junge Männer einen Gegenſatz und dennoch fand ſich Vieles vor, was ſie gleich ſtellte. Graf Askan kannte weder Herrn Dietrich, noch war etwas von ſeinem Herzensleben zu ſeiner Kenntniß gelangt, ſon⸗ derbar aber war es und blieb es, daß er ſich, von einem ſtillen Verlangen geleitet, auf dieſelbe Stelle ſetzte, wo Dietrich Gelübde ausgeſprochen und heilige Vorſätze gefaßt hatte. Graf Askan that nichts dergleichen. Ihm fehlte jede Veranlaſſung, mit ſich ſelbſt unzufrieden zu ſein, deshalb überließ er ſich, halb von den Trümmern eines alten Balkons verborgen, dem träumeriſchen Wohlbe⸗ hagen, das ſeine Seele überflutete, als die balſamiſche Luft der Höhe über ſeine heiße Stirn ſtrich und ihm die Wangen kühlte. Graf Askan blickte nicht in ſein Inneres, das ſo ſtark aufgeregt geweſen war, nein, er blickte in die Ferne, er blickte nieder auf die friedlichen Dörfer, die zur Beſitzung des Grafen Bärenberg gehörten. Obwohl 137 jeder kaufmänniſchen Speculation fremd, leitete ihn doch der natürliche Drang zum Reichthum, flüchtig die Vortheile einer Stellung zu erwägen, die ihm durch die unendliche Güte des Grafen Harald verliehen werden ſollte. Welch ein Abſtand zwiſchen der Gegen⸗ wart und der Zukunft! Ein Bangen ergriff ihn. Es iſt unmöglich, ſagte ihm eine innere Stimme. Dora Bella's Bild trat wiederum mächtig vor ſeine Seele. Wenn ſie wirklich ſo gemüthvoll war, wie ſie ihm jetzt erſchien, es war zu viel des irdiſchen Glücks. „Es iſt unmöglich“, ſagte er laut hinaus in die Luft, als wünſche er, daß ein Windhauch das Wort des beſcheidenen Zweifels vor den Himmelsthron des Allmächtigen tragen möchte. Stolze Seelen beugen ſich ſo ungern zum Gebet der Demuth, ſie tragen lieber die Stirn aufrecht dem möglichen Sturme entgegen. Graf Askan ließ ſein ſcharfes Auge aber auch über das Schloß, das, durch eine Thalſchlucht von ihm ge⸗ trennt, einige hundert Fuß tiefer lag, gleiten und ſpähte auf dem Schloßplatze nach einem lichtblauen Gewande, wie er es eben zwiſchen den Schwänen geſehen. Kein Menſch war auf dem Schloßplatze zu ſehen. Verödet ſtand der Spielplatz; in ſtiller Mittagsruhe lagen die Gebäude, worin die Schloßleute wohnten; der Erholung Trägheit ruhte auf dem Gehöfte der Bergſchenke, nur 138 der Bach breitete mit immer gleicher Geſchäftigkeit und Hurtigkeit ſeine Wellen aus und ließ ſie ſpiegelhell bergab ſtürzen. Ermüdet wollte Graf Askan ſein Auge von der Gegend abziehen und es einen Augenblick ruhig ſchlie⸗ ßen, als ſich ihm ein neuer intereſſanter Gegenſtand darbot. Er ſah zwei Mädchengeſtalten aus dem Gar⸗ tengehege eines hübſchen Hauſes treten, das der Berg⸗ ſchenke gegenüber ſtand und mit ſeinem weißen Anſtrich und den grünen Laden und Jalouſien ein Schmuͤck des Dorfes war. Die Mädchen hielten ſich umſchlungen und gingen der Brücke zu, die ſie als Grenzpunkt zum Orte ihres Abſchieds beſtimmt zu haben ſchienen, denn ſie ſtanden ſtill, ſahen ſich feſt ins Geſicht— o wie gern hätte Graf Askan gehört, was ſie dabei ſprachen!— hef⸗ teten die Lippen aufeinander und wendeten ſich gleich⸗ zeitig ſchnell von einander, die eine über die Brücke ſchreitend, die andere in das Haus mit den grünen Läden zurückkehrend. Askan verfolgte die erſtere mit den Augen. Er wußte, daß es Fräulein Antonie van der Bruik, die Verwandte des Förſters Horink, ſein mußte, und er vermuthete, daß es ein Abſchiedsbeſuch geweſen, den dieſelbe ihrer Couſine Klara gemacht. Das Raſche, das Gewaltſame ihrer Trennung gab ihm einen Ein⸗ 139 Einblick in die Gemüther der jungen Mädchen. Sie ſchieden an der Brücke. Klara kehrte mit Ergebung in ihr ſtilles einfaches Heimweſen zurück, Antonie ſchritt feſt und ſicher über den Waſſerfall und ging geraden Weges in das Schloß, wo ſie in blendendem Schimmer einer neuen Wirkſamkeit ſich widmen wollte. Sie trenn⸗ ten ſich; vielleicht löſten ſich die Bande einer ſchönen Jugendfreundſchaft mit dem Entſchluſſe Antoniens, der ſie in glänzendere Umgebungen)] verſetzte. Graf Askan kannte nichts von Antoniens Verhältniſſen. Er nahm ihren Vorſatz, Dora Bella's Geſellſchafterin zu werden, als ein Mittel, ihre Exiſtenz ſicher zu ſtellen. Aber es weckte ſeine Aufmerkſamkeit für dies Mädchen, daß ſie ſo entſchloſſen ihren Weg nach dem Schloſſe verfolgte, ohne ſich umzuſehen, ohne in natürlicher Befangenheit ihrem Fuß Zögerungen zu verſtatten, als ſie dem Schloſſe näher kam. Mußte Askan nach ſeinem Geſinnungswechſel nicht überhaupt eine ernſte Achtſamkeit auf die Umgebungen Dora Bella's richten? Dunkel empfand er dies als eine Verpflichtung, da ſich Graf Harald in der letzten Zeit einer vollkommenen Ueberſicht der Standesverhält⸗ niſſe nicht mehr fähig gezeigt hatte. Seine Herzens⸗ güte glich die kleinen Sünden gegen die Etikette immer liebenswürdig wieder aus. Aber, fügte Askan ſeiner 140 Frage ſogleich bei, würde ſich Dora Bella irgend einer Beſchränkung unterwerfen, die er für nothwendig er⸗ achtete? „Ich muß zuerſt um Dora Bella's Vertrauen und dann um ihre Liebe werben“, dachte Graf Askan, in⸗ dem er ſich erhob und den Rückweg antrat. Er kam zu rechter Zeit im Schloſſe an, um noch Toilette machen zu können. Die Mittagsglocke hallte ihm entgegen, als er den Park entlang ſchritt. Bis ſie zum zweiten Male läutete, konnte er fertig ſein. Wunderbar, er war der erſte im Speiſeſalon! Was hatte ihn zu dieſer Eile geſpornt? Sein Aeußeres zeigte die größte Ruhe. Die romantiſche Färbung ſeines Gemüths ſchien gänzlich gewichen zu ſein und einer vernünftigen Kaltblütigkeit Platz gemacht zu haben. Er nahm mit Ueberlegung einen Platz am Fenſter ein, ſodaß er den Eingang mit halbem Auge hüten konnte, ohne gleich bemerkt zu werden. Es befriedigte den jungen Mann als Hofcavalier, daß die jungen Damen nicht eher erſchienen, bis der Graf und ſeine Schweſter eingetreten waren. Unmittelbar danach, bevor noch irgend ein Geſpräch zwiſchen den drei Anweſenden in Gang gekommen war, öffnete der alte Kammerdiener mit dem ganzen Ernſt 141 ſeiner Würde die Flügelthür und fragte mit tiefer Re⸗ verenz, ob Excellenz erlaube, daß Comteſſe Dora Bella ihre Geſellſchaftsdame vorſtelle.“ Etwas unzufrieden hob Excellenz die Stirn um einen halben Zoll höher und ſagte zwar freundlich, aber kurz:„Wozu die Ceremonien, alter Mann? Ich laſſe bitten.“ Volkmann unterdrückte ein beifälliges Lächeln, das ungefähr ſagen ſollte:„Comteſſe haben recht!“ Graf Askan dachte daſſelbe. Als ſich wiederum die Thür aufthat, war es Rein⸗ hold von Leſſel, der in aller Eile erſchien und ſich tauſendmal wegen ſeiner kleinen Verſpätung entſchul⸗ digte. Er trat haſtig an Askan heran, der wie in einem Verſteck ſaß und ſeine Blicke auf die Thür richtend, Dora Bella's Eintreten mit unruhiger Seele erwartete. „Feierliche Präſentation?“ fragte Reinhold ſpöttiſch. „Dora Bella macht Fortſchritte!“ Eine unbehagliche Pauſe folgte. Graf Harald legte die Hände auf den Rücken und ſpazierte mit leicht ge⸗ runzelter Stirn durch den Salon. Wer hatte dies ſteife Ceremoniell angeordnet? Wozu war es geſchehen? Unmöglich konnte es von ſeiner Tochter ausgehen, die viel zu wenig Gewicht auf dergleichen Anerkennungen geſellſchaftlicher Rechte gab. 142 Alter Mann, du irrteſt dich! Gerade Dora Bella war es geweſen, die ſich, mit ihrer neuen Geſellſchafts⸗ dame zugleich, die richtige Stellung im Schloſſe erzwin⸗ gen wollte, nachdem ſie die Erfahrung gemacht hatte, vernachläſſigt worden zu ſein. Dora Bella war klug genug geweſen, den alten Volkmann mit dieſem Arran⸗ gement zu betrauen, und der alte Volkmann ging be⸗ reitwillig auf ihre Anordnungen ein. Endlich öffnete ſich die Thür. Dora Bella trat raſch ein, Antonie folgte ihr. Mit einer Gewandtheit, die ihr Niemand, am wenig⸗ ſten aber ihr eigener Vater zugetraut hatte, wendete Dora Bella, die Hand Antoniens faſſend, den Blick grüßend rundum und führte ihre Freundin dem alten Herrn entgegen. „Mein lieber Papa hat mir geſtattet, meine einſame Stellung durch die Wahl einer Geſellſchafterin zu ver⸗ beſſern; ich erlaube mir, Dir Fräulein Antonie van der Bruik als ſolche vorzuſtellen und Dich gleichzeitig zu bitten, meine Freundin in unſern Familienkreis einzuführen“, ſagte die Comteſſe mit klarer, feſter Stimme und mit ausgezeichneter Ruhe in Haltung und Geberde. Graf Harald ſprach ein herzliches Willkommen und Antonie ſchlug ſchnell ihre braunen lebhaften Augen 3 143 zu ihm empor. Sie küßte die Hand nicht, die er ihr reichte, aber ſie heftete mit unbeſchreiblichem Freimuth ihren Blick feſt auf ihn, während ſie ſagte: „Es iſt mein Wunſch, der Comteſſe beweiſen zu können, daß ich aus Liebe zu ihr den Aufenthalt hier im Schloſſe gewählt habe.“ Graf Harald lächelte gütig und ſtellte ſie zuerſt ſeiner Schweſter, dann den beiden Herren vor. Graf Askan ließ dieſen Act der Einführung ziem⸗ lich gleichgültig an ſich vorübergehen. Sein Intereſſe wurde von Dora Bella gefeſſelt, die ihm plötzlich in einem ganz andern Lichte erſchien. Ihre Erſcheinung gewann durch den Contraſt, den ſie mit der hoch⸗ gewachſenen, vollen Figur Antoniens bildete. So ſchön letztere war, das unbeſchreiblich Zarte in Dora Bella's Geſtalt errang dennoch den Sieg über die üppigen Reize, welche Antonie ſchmückten. Askan's Auge glitt achtlos über die klaſſiſch ſchönen Formen Antoniens hin, kaum daß die tadelloſe Schön⸗ heit des Geſichts, der bezaubernde Glanz ihrer Augen und die blendende Weiße ihrer Schultern ihm eine leichte Bewunderung entlockten.! Anders war es mit Reinhold, der vollkommen überraſcht die ſchöne Geſtalt mit ſſeinen Blicken ver⸗ ſchlang und ſich nicht enthalten konnte, ſeinem Freunde 144 zuzuflüſtern:„Sie iſt ſchöner, weit ſchöner, als ich dachte!“ Gräfin Eliſabeth hatte die leiſen Worte vernom⸗ men.„Mir ſcheint die junge Dame allen Anſprüchen zu genügen, die wir an eine Geſellſchafterin für unſere Kleine machen mußten“, entgegnete ſie ebenſo leiſe. „Sie hat Routine, ſie hat Tournure!“ „Natürlich“, war Reinhold's Antwort,„ſie hat in der kleinen Reſidenz des Herzogs Albert Ernſt eine hervorragende Stellung eingenommen.“ „Wie ſo?“ fragte Gräfin Eliſabeth betroffen. „O Gnädigſte, in allen Ehren!“ murmelte der junge Mann.„Inſpector Prutz kennt ihre Antecedentien. Ihr Vater gehörte zu denen in Belgien, die gegen die Wahl eines conſtitutionellen Königs geſtimmt und durch ſeine republikaniſchen Geſinnungen ſich unmög⸗ lich gemacht hatten, als Prinz Leopold zum König der Belgier erwählt wurde.“ Während dieſer kurzen Berichterſtattung hatte ſich Graf Harald ausſchließlich mit Antonien unterhalten und auch aus ihrem Munde einen kurzen Lebensabriß erhalten. Wie haben Sie nur die plötzliche Veränderung Ihrer Verhältniſſe überwinden können, ohne Ihre Heiter⸗ keit einzubüßen?“ fragte Graf Harald wohlwollend. 145 Antonie richtete wieder ihr Auge mit jenem feſten und offenen Blicke, der ſogleich zum Herzen drang und Vertrauen weckte, zu ihm empor. „Ich könnte mein Haupt mit dem Glorienſchein einer Geiſtesgröße ſchmücken, Excellenz“, antwortete ſie heiter,„aber es ſei fern von mir, den Maskentand des geſelligen Verkehrs hierher zu verpflanzen. Lieber ge⸗ ſtehe ich offen ein, daß ich Gott Trotz biete!“ „Ein merkwürdiges Geſtändniß, liebes Fräulein!“ ſagte Graf Harald überraſcht. „Laſſen Sie ſich nicht dadurch zu Vorurtheilen gegen mich verleiten, Excellenz“, bat Antonie ohne jede Verlegenheit.„Von Jugend auf praektiſch, ſelbſt in meinen Spielereien, habe ich es gelernt, die Dinge von allen Seiten zu betrachten und aus Möglichkeiten den Schluß zu ziehen, daß Alles in der Welt ſeinen Vor⸗ theil haben müſſe. Ich trotze jetzt, auf dieſen Troſt geſtützt, der Prüfung, die Gott über mich verhängt hat.“ „Nennen Sie es nicht Trotz, liebes Fräulein“, wen⸗ dete Graf Harald mißbilligend ein. „Wunderbar, daß die Menſchen ſo ſtark gegen dieſe Naturkraft im Menſchen eifern“, rief Antonie belebter, als ſich ihrer untergeordneten Stellung gemäß eigent⸗ lich ſchickte. Graf Harald ignorirte gütig den kleinen Verſtoß Fritze, Schloß Bärenberg. II. 10 146 und man reihte ſich um die Familientafel. Reinhold ſaß zwiſchen Dora Bella und Antonien, Askan zwiſchen Antonien und Gräfin Eliſabeth, der Graf zwiſchen ſeiner Tochter und ſeiner Schweſter. Der alte Volkmann hatte durch die ſilbernen Serviettenhalter dieſe Rang⸗ ordnung beſtimmt angezeigt und es ſiel Niemand ein, ſich darüber zu wundern, noch weniger zu remonſtriren. Reinhold begriff mit ſeiner ſcharfen Faſſungsgabe, daß es nicht zufällig war, Dora Bella plötzlich zur Rech⸗ ten des Grafen zu ſehen. So kleinlich ihm dies erſchien, machte er dennoch keine weitere Bemerkung darüber. Er knüpfte mit Antonien unverzüglich ein Geſpräch an, indem er ihre Aeußerungen gegen Excellenz auf⸗ nahm und ſie ſcherzend darauf zurückführte, daß ſie den Trotz eine Naturkraft genannt habe. Antonie ging auf ſeinen Scherz mit aller Gewandt⸗ heit einer Weltdame um ſo lieber ein, weil ſie eine Abſicht mit ihrer Behauptung verbunden hatte. „Ich kann nur wiederholen, was ich geſagt“, meinte ſie mit übermüthigem Lächeln. „Aber nicht beweiſen, mein gnädiges Fräulein“, antwortete Reinhold und blickte feurig in ihre Augen. „O doch! Unterſuchen Sie gefälligſt die Beſtand⸗ theile einiger Tugenden und Sie werden finden, daß Trotz die Grundlagen derſelben ſind.“ Sie erhob ge⸗ * 147 fliſſentlich ihre Stimme ein wenig, als läge ihr dar⸗ an, gehört zu werden.„Sie werden mir zugeben, daß die bewegende Kraft des Stolzes oftmals im Trotze ruht. Woher ſtammen denn wohl plötzliche Verände⸗ rungen des Gemüths, plötzliche Erhebungen aus dem Schlendrian des gewöhnlichen Lebens, plötzliche Ent⸗ wicklungen der Seelenkräfte? Forſchen Sie nach, Herr von Leſſel, und Sie werden gewahr werden, daß der Trotz der Empfindlichkeit eine Macht geworden iſt, dieſe Umwandlungen zu bewirken.“ Askan hob aufmerkſam geworden den Zlick zu An⸗ tonien auf, Graf Harald aber, dem dieſe offenherzige Bemerkung ein Licht für die Verwandlung ſeiner Toch⸗ ter werden ſollte, wiederholte mit freundlicher Zurecht⸗ weiſung: „Nennen Sie das veredelnde und belebende Princip im Menſchen nicht Trotz, es iſt ein irriger Begriff Ihrer Laune, liebe junge Dame!“ „Excellenz, ich wage Sie zu bitten, ſich durch Prü⸗ fungen meiner aufgeſtellten Meinungen ſelbſt zu über⸗ zeugen“, antwortete Antonie kühn.„Der Trotz der Empfindlichkeit liegt tief im Innern jedes Menſchen, er wird aber durch Liebe leicht beſchworen.“ Ungeduldig über die Hartnäckigkeit des jungen Mädchens wendete Graf Harald das Geſpräch auf an⸗ 10* 148 dere Gegenſtände. Antonie dachte:„Alter Mann, du willſt nicht hören, du kannſt mich in der Güte deines Herzens nicht verſtehen und begreifen; gut, ich habe gethan, was ich ohne Verrath an Dora Bella thun konnte, ich habe dich auf den Urſprung ihrer auf⸗ fallenden Verwandlung hingeleitet. Willſt du dieſer Weiſung dich verſchließen, ſo mögen die Folgen einer geringfügigen Mißachtung deine Hoffnungen treffen und zerſtören. Ich kann nichts weiter für deine guten Pläne thun!“ Das Mittagsmahl verlief ganz angenehm. Die Unterhaltung war allgemein anregend und die Manier, womit Dora Bella, unterſtützt von ihrer gewandten Geſellſchafterin, als die repräſentirende Dame des Hauſes auftrat, hatte eine fröhliche Stimmung zu Wege gebracht. Dora Bella zeigte ſich ſelbſt belebter als in den Tagen des ſtillen Verdruſſes. Sie hatte erreicht, wonach ſie geſtrebt. Es konnte nie wieder vorkommen, daß ihre Stellung im Schloſſe zweifelhaft erſchien, daß man ſie in den Räumen der Kinderſtube ſuchte, daß die Honneurs einer andern Dame als ihr übertragen wurden. Gräfin Eliſabeth fühlte ſich von einer Laſt befreit, als ſie Dora Bella reif zu dem Amte ſah, das ihre Schultern ſeit dem Tode ihrer Schwägerin gedrückt hatte. Ihre ſanfte Heiterkeit verſchönte ebenfalls das 149 Geſpräch, und während ſie ſchwieg, benutzte ſie ſtets die Gelegenheit, mit ſtillem Forſchen den Geiſt Antoniens, der ſich frei im Austauſche von Ideen und Anſichten entfaltete, zu ergründen. Wie immer im Leben, wenn ſich das Innere eines Menſchen in unbemerkbaren Regungen entfaltet, ſo war der größere Theil dieſer kleinen Geſellſchaft dar⸗ über einig, daß Antoniens Einfluß auf Dora Bella Wunder bewirkt habe, während, wie Antonie ſelber am beſten wußte, Dora Bella's geiſtige Macht dahin ge⸗ wirkt hatte, dieſe Kriſis herbeizuführen und ſich ſelbſt Genugthuung zu verſchaffen. Einer freilich, einer unter denen, die da mun⸗ ter und friſch im fröhlichen Scherze einen Genuß fan⸗ den, einer fühlte in der ſtillen Unruhe ſeiner Seele eine Ahnung erwachen, daß in Dora Bella ein Doppel⸗ weſen ſei, daß ihre raſche Entfaltung einer Kraft ent⸗ ſpringe, welche unter der natürlichen Ungebundenheit ihres Jugendlebens gereift und durch irgend etwas Ab⸗ ſonderliches zur Blüte gebracht worden ſei. Graf Askan war dieſer eine im fröhlichen Kreiſe, welcher Dora Bella's Umwandlung erwog, ſie mit dem Weſen verglich, das er am Schwanenteiche belauſcht hatte und danach zu der Ueberzeugung kam, daß ſie von zweifachem Charakter ſei. 150 In der Milde und Güte, womit das junge Mäd⸗ chen das Spiel mit ihren Schwänen trieb, lag die Grazie der Kindlichkeit, das Gepräge der reinſten Un⸗ ſchuld, während die Ruhe und Gelaſſenheit, die ſie jetzt entfaltete, ihm als eine Maske erſchien, von der Weis⸗ heit des Alters ihr empfohlen. Wollte ſie abſichtlich täuſchen, indem ſie den Anſtand und die Anmuth einer Weltdame copirte, oder war dies ihr eigenſtes Weſen und die Kindlichkeit nur ein Abglanz früherer Zeit? Vor wenigen Tagen hatte er bezweifelt, daß Dora Bella im Stande ſein werde, einen Vergleich mit den cultivirten Hofdamen wagen zu können, und heute ſaß ſie gleich einer kleinen Königin zur Rechten ihres Va⸗ ters und hatte Obacht, daß nichts die Formen der Etikette verletze! Er grübelte über dies Problem nach. Was hatte den Impuls zu dieſer Umwandlung ge⸗ geben? War es der Trotz der Empfindlichkeit, der hier zu einer Macht ſich aufgeſchwungen? Unwillkürlich richtete er ſein Auge fragend auf Antonie, die mit Reinhold im lebhaften Geſpräche war und das volle Spiel geſellſchaftlicher Koketterie walten ließ. Man war von der Mittagstafel auf⸗ geſtanden und hatte ſich gruppirt, um nach Gefallen noch ein wenig zu plaudern. Antonie ſaß auf einem Stuhle im Fenſter, ihr gegenüber Reinhold. Scherze 151 und Witzfunken flogen hin und her zwiſchen ihnen An der hohen Lehne des Stuhls lehnte Dora Bella. Ohne ſich an dem drolligen, von Neckereien ſprühen⸗ den Geplauder zu betheiligen, hörte ſie doch demſelben mit Intereſſe zu, augenſcheinlich ergötzt und voller Ver⸗ ſtändniß. Ihr zartes, roſiges Geſicht ſtützte ſie auf den Arm und ſchaute, etwas vorgebeugt, mit Augen voll Liebe auf Antonie nieder. Askan's Blick hing gefeſſelt an ſihrer Erſcheinung, die jetzt, wie am Schwanenteiche, ein Bild der verkör⸗ perten Unſchuld und Grazie abgab. Ihn ergriff daſſelbe Verlangen wie am Morgen. Er hätte dieſe Elfengeſtalt in ſeine Arme nehmen und mit ihr fliehen mögen, damit ſie nur ihn und nicht auch Andere liebe. Dora Bella richtete den Kopf auf, ſchüttelte die Locken, die ihn umgaben, von der Stirn, blickte kalt und forſchend nach ihm hinüber und ſagte ruhigt „Papa, Du hältſt jetzt Sieſta, micht wahr? Ich hoffe, die Herrn werden nichts dagegen haben, wenn ich darauf gerechnet, daß ſie uns auf ein Stündchen nach dem Spielplatz geleiten, wo die Kinder heute mich erwarten, um mir ihre neu erworbenen Kunſt⸗ fertigkeiten zu präſentiren. Nachher trinken wir den Thee auf der Gallerie oder in den Colonnaden 152 unter den Orangenbäumen. Wenn Tante Eliſabeth es dann geſtattet, trägt uns Antonie etwas auf ihrem Flügel vor.“ Ordentlich erſchrocken wendeten ſich der Graf und Gräfin Eliſabeth zu der Comteſſe um. In des erſtern Mienen kämpften Verdruß und Lachen. Gräfin Eliſa⸗ beth ſtreckte abwehrend die Hände aus. Dora Bella lachte und warf übermüthig die Stirn auf.„Es hilft kein Sträuben, Papa; ergib Dich ins Unvermeidliche, Tante Eliſabeth“, rief ſie mit klingen⸗ dem Tone.„Beſäße ich einen Geſellſchaftsſalon, wohin ich die Gäſte des Schloſſes bitten könnte, ſo würde Deine Ruhe nicht geſtört werden, liebe Tante. Aber weder mein Zimmer noch mein alter Flügel iſt einer ſolchen Geſellſchaft würdig.“ Graf Harald machte nun keine Einwendungen weiter. „Sie ſind muſikaliſch?“ fragte Gräfin Eliſabeth Antonie, die von der Klugheit ihrer Comteſſe er⸗ götzt war. „Muſikaliſch?“ wiederholte Antonie, den Kopf wie⸗ gend.„Das kann ich nicht behaupten, gnädigſte Gräfin. Aber ich bin darauf eingelernt, alle Noten vom Blatte wegzuſpielen und, ohne eine Stimme zu beſitzen, Lieder und Arien zu ſingen. Meine erlernten Fertigkeiten 2 153 werde ich auf Comteſſe Dora Bella vererben, die mehr Talent und mehr Stimme hat als ich.“ Excellenz beurlaubte ſich von den Damen. Sein alter Volkmann kam, um ihn nach ſeinem Zimmer zu geleiten.„Volkmann“, ſprach die Comteſſe in dem Tone der Ueberlegung,„es iſt doch nicht zugig in den Colonnaden? Wir werden den Thee dort trinken.“ Ein ſchalkhaftes Lächeln zuckte über das runzel⸗ volle Geſicht des alten Kammerdieners. „Durchaus nicht zugig; zur Vorſicht werden wir die Hinterfenſter herunterlaſſen.“ Er faßte reſpectvoll den Arm ſeines Herrn und verließ mit ihm das Zimmer. Schweigend durchſchritten die beiden alten Men⸗ ſchen, die als Herr und Diener ein halbes Jahrhun⸗ dert zuſammen verlebt hatten, die Zwiſchenzimmer. Von Zeit zu Zeit warf Volkmann einen Ilick in das Geſicht Sr. Excellenz, zog aber zufriedengeſtellt den⸗ ſelben immer wieder ſchnell zurück, damit er auf dieſer ſtillen Forſchung nicht ertappt werde. Als das Zimmer des Grafen erreicht war, blieb dieſer ſtehen und legte beide Hände aaf des treuen Dieners Schultern. Sein Geſicht glänzte von der innern freudigen Aufregung und ſeine Stimme vibrirte leicht von ſeines Herzens Bewegung. 154 „Volkmann, wir ſehen einer ſchönen Zukunft ent⸗ gegen; mein altes Herz geht mir auf, wenn ich an das Glück meiner Dora Bella denke. Wie prächtig ent⸗ wickelt ſich ihr Weſen unter dem Hauch einer unbe⸗ wußten Liebe! Volkmann, Volkmann, ich möchte jetzt nicht ſterben ich möchte leben um des Glückes willen, das meiner noch wartet. Aber ehe wir uns in die⸗ ſem Kapitel feſtplaudern, denn ich weiß ſchon, daß Du eine Menge Beweiſe für meine gute Conſtitution und für meine Lebenskraft haſt jetzt gilt es einen Flügel ſchaffenz einen guten echten Erard. Das müſſen wir be⸗ eilen alter Mann, denn Comteſſe Dora Bella hat nicht einmal ein gutes Inſtrument. Pfui, alter Mann, wir ſorgen ſchlecht für unſer einziges Kindi“ Volk⸗ mann küßte frohgeſinnt ſeines Gebieters Hand. „Ja, Excellenz, wir ſorgen ſchlecht für unſere ein⸗ zige Freude, für unſer Kind! Wo ſoll der Flügel aber ſtehen?“ „Das findet ſich! Dora Bella ſoll die Fremden⸗ zimmer haben, dafür ſchaffen wir aus den Neben⸗ gemächern im Bibliothekthurme eine Reihe hübſcher Piecen. Spute Dich, alter Mann, daß ich zur Sieſta komme, ich muß mein Schläfchen abkürzen, denn ich bin ja zum Thee bei unſerer Comteſſe verſagt.“ Er lachte leicht auf und rieb ſich vergnügt die Hände. . 155 Volkmann machte raſch ihm Alles bequem, und Graf Harald ließ ſich im großen Fauteuil nieder, um von der Erfüllung aller ſeiner Wünſche zu träumen. Glück⸗ licher alter Mann, dein Geiſt ſchwelgte in den Träu⸗ men, die das Herz dir eingab. Während der Zeit hatte ſich Gräfin Eliſabeth auch nach ihrem Zimmer zurückgezogen und Comteſſe Dora Bella hatte die Herren gebeten, ihr nach dem Spiel⸗ platz zu folgen. Daß ſie dabei mit einem flüchtigen ironiſchen Lächeln Graf Askan gemuſtert und augen⸗ ſcheinlich ſeinerſeits auf eine Weigerung zu ſtoßen ge⸗ glaubt hatte, bemerkte ſowohl Antonie wie Reinhold. Graf Askan beachtete jedoch den Blick nicht, ſon⸗ dern ſuchte gefliſſentlich dieſe Gelegenheit zu einer traulichen Näherung zu benutzen. Reinhold ſowohl wie Antonie hatten nichts da⸗ gegen, daß ſie dadurch auf einander angewieſen blieben. Sie amüſirten ſich vortrefflich und waren ſich vermöge ihrer gleichen Seelenſtimmung trotz der immerwähren⸗ den Bekämpfung von Anſichten und Ideen ſchon ſo nahe gerückt, daß es ein Blick des Verſtändniſſes ge⸗ nannt werden konnte, als ſie, dem Grafen Askan und Dora Bella nachſchauend, dann raſch und flüchtig ihre Augen auf einander richteten. Askan ging an Dora Bella's Seite durch die Bos⸗ 156 quets nach dem Spielplatze, Reinhold hingegen ſchlug mit Antonien den kürzern Weg ein, der unmittelbar vom Portale über einen weiten Kiesplatz dahin führte. Der Abend nahte allmälig. Die tiefen ſchmalen Thäler lagen ſchon im Schatten, indeſſen das Plateau noch vom Sonnenglanze beleuchtet war. Die Blumen auf den Rabatten dufteten ſtärker und ein leiſer Luftzug breitete die ſo ſüßen Düfte der Levkoien und Reſeden über den ganzen Schloßplatz und führte ſie hinab in die Hütten und Häuſer der Dorfbewohner. „Sie werden ſich langweilen, Graf Askan“, begann Dora Bella ſogleich das Geſpräch, mit ſanfter Stimme zwar, aber mit beſtimmtem, faſt abſtoßendem Ausdrucke. „Ich fürchte es nicht“, antwortete Askan ebenſo ſanft und beſtimmt.„Doch erlaube ich mir ſogleich die Frage, warum Sie mich mit der ſteifen Anrede „Graf Askan“ kränken?“ Dora Bella hob den Kopf zu ihm auf.„Kränken?“ wiederholte ſie kaltſinnig.„Es iſt mir von keiner Seite bemerklich gemacht worden, daß hierin eine Krän⸗ kung für Sie liegen könne.“ „Gut, ſo hole ich die Bemerkung darüber nach und bitte Sie mit dem ganzen Ernſt der Aufrichtigkeit, mich als Freund und Verwandten künftighin traulicher anzureden.“ 157 Dora Bella wendete ſich raſch von ihm ab. „Wollen Sie meine Bitte erfüllen, Dora Bella?“ fragte Askan weicher. „Recht gern, aber es wird ſeine Schwierigkeiten haben, von meiner Gewohnheit abzugehen, ohne ge⸗ legentliche Verſündigungen“, war ihre unverändert gleichmüthige Antwort. Askan fand ihre Entgegnung nicht ſeiner Gemüths⸗ regung entſprechend, darum ſchwieg er und ſetzte ſeinen Weg mit ihr ohne weitere Erörterungen eine Weile fort. In der kaltſinnigen, faſt harten Erwiderung lagetwas, was ihn zu der Idee brachte, hier tief verſteckten Gemüths⸗ fehlern auf den Grund zu kommen. Er begriff dies Weſen nicht, darum erſtaunte er bei jeder Enthüllung ihres Innern und tadelte ihre Erziehung. Graf Harald beſaß zwar Welt⸗ und Menſchenkennt⸗ niß genug, um ſich nicht über die Charakteranlagen, über die Temperamentsfehler ſeiner Tochter täuſchen zu laſſen, allein ſeine Liebe für ſie hatte viel von jener Weichheit und Zärtlichkeit, die ſich zur allernachſichtig⸗ ſten Beurtheilung verleiten läßt. Nach minutenlanger Ueberlegung eröffnete Askan das Geſpräch wieder mit Rückſicht auf Dora Bella's erſte Bemerkung und fragte ſie ſcherzend, ob ſie ſich zur Wohlthäterin und Beſchützerin der turnluſtigen 158 Dorfjugend aufgeſchwungen habe und mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit dieſe Lehr⸗ und Bildungsſchule be⸗ aufſichtige, wie die vornehmen Damen die ſogenannten Nähſchulen, welche mit Religionsübungen verbunden ſeien. Dora Bella's reizendes Geſicht zeigte einen Schat⸗ ten des Unmuths, die Klarheit und Ruhe ihres Auges verſchwand und veränderte ſich in den Ausdruck ſtolzer Entſchloſſenheit. Wollte Graf Askan ſie mit ihren Lieblingsneigungen verſpotten? Schroff und keck, mit der naturgemäßen Ausrüſtung eines ungeſchulten jugendlichen Gemüthes gegen Ver⸗ höhnung antwortete die Comteſſe, daß es ihr nie einfallen werde, irgend ein Inſtitut zu gründen, um ſich bei der Bevölkerung ein Anſehen zu geben. „Am allerwenigſten aber eine Nähſchule mit religiöſer Grundlage“, ſchloß ſie ihre ſcharfe Rede.„Ich rede aus Erfahrung und leugne nicht, daß die vielen frommen Sprüche, die man von der Allmacht und Größe unſeres Schöpfers auswendig lernen muß, uns dieſe bewunderungswürdige Größe verhaßt machen können. In der Heiterkeit ſeiner Seele betet das Kind am innigſten zu Gott und bringt ihm am aufrichtigſten ſeinen Dank.“ Graf Askan wurde wiederum von dem Einblicke in 159 dieſe junge unverfälſchte Seele ergriffen. Entweder ſtand der Cultus ihres Glaubens auf der allerunterſten Stufe der Veredlung und ſchloß ſich kaum der chriſt⸗ lichen Religion an, oder ſie hatte ſich aus den unbe⸗ greiflichen und märchenhaften Traditionen des Chriſten⸗ glaubens zu einer göttlichen Einfachheit emporge⸗ hoben. „Wollen Sie damit überhaupt eine Abneigung gegen alle Religionsübungen kund geben, Dora Bella?“ fragte der junge Mann forſchend. „O nein! Nur die Kinderſeelen ſoll man nicht übermäßig dadurch belaſten, damit kein Widerwille gegen den äußern Gottesdienſt entſteht. Es gibt ein Stadium des Alters, wo man von ſelbſt ſich Gott und der Religion zuwendet, wo man Chriſtus und ſeine wundervollen Lehren begreift und zu befolgen ſucht, wo man der heiligen Mutter Gottes ſein Leben weihen möchte.“ „Eine wunderbare Anſicht, um ſo wunderbarer, da ſie mit Ihrer Jugend kaum in Einklang zu bringen iſt!“ „In der Einſamkeit reift der Menſch von innen nach außen und vernachläſſigt leichtſinnigerweiſe den Firniß, der ihm das richtige Anſehen gibt, Herr Graf“, ſagte Dora Bella leichthin. „Herr Graf?“ corrigirte Askan lächelnd. Dora 160 Bella wendete in reizender Verlegenheit den Kopf ſeitwärts und blickte lange Zeit ſchweigend vor ſich nieder. Was wollte Askan von ihr? Warum legte er es plötzlich darauf an, eine Stammverwandtſchaft geltend zu machen, die er doch am erſten Tage ſeines Hier⸗ ſeins ſo wenig reſpectirt hatte? Sie beſchleunigte ihren Schritt infolge einer unklaren Furcht und gab dadurch zu erkennen, daß ſie Grund hatte, ein längeres einſames Beiſammenſein mit dem Manne zu fürchten, den ſie haſſen wollte, ja den ſie in Wahrheit ganz entſchieden haßte. Askan ließ ſich aber nicht irren von den zweifelhaften Zeichen einer innern Aufregung. Er führte das Thema, welches ſie eben berührt, noch eine Weile mit Ruhe und Würde im Geſpräche fort und ſpann aus ihrer ungeprüften Anſicht vom Drucke der Religionsübungen auf eine Kinderſeele ein Gewebe von Lebenserfahrungen, woraus erſichtlich war, daß er die Uebung und Gewohnheit im Glaubenscultus für einen ſichern Stab im Weltgewühle halte. „Es mag ſein“, ſagte Dora Bella und ihr Auge hob ſich mit frommer Freude von dem ſonnedurch⸗ glänzten Walde empor bis zu dem Gemäuer der alten Ruine, die als ein Zeichen irdiſcher Vergänglichkeit auf dem Felſen ruhte, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ein 161 Zeugniß von überirdiſcher Kraft ablegte.„Es mag nöthig ſein, daß man im Weltgewühle eines ſtützenden Stabes bedarf, darum aber preiſe ich den Lenker meines Geſchicks, daß er mich auf dieſer Höhe hat aufwachſen laſſen, und ich will, ſoviel an mir iſt, nimmer von dieſem Orte ſcheiden, ſondern lieber dem härteſten Kampfe mich ausſetzen, als—“ Sie hielt inne. Sie hatte vergeſſen, daß der Mann, welcher ihr zur Seite ging, ihr ärgſter Widerſacher, ihr gefährlichſter Feind werden würde, wenn ſie einen Kampf beginnen wollte. Wäre ſie von rachſüchtigen und boshaften Gefühlen zu der nicht ganz vollendeten Aeußerung hingeriſſen worden, wahrlich ſie hätte mit der Wirkung ihrer Worte zu⸗ frieden ſein können. Eine heiße Röthe ſtieg dem jun⸗ gen Grafen ins Geſicht und ein Anflug von Stolz hemmte ſeinen Schritt, als fühle er, daß Dora Bella ihm damit andeuten wolle, ſeine Anſprüche würden die ihrigen durchkreuzen und ihre Rechte beinträch⸗ tigen. Seine zornige Wallung verflog bei der Wahrneh⸗ mung ihrer ſichtlichen Verwirrung. Was er im erſten Augenblicke für eine beleidigende Kundgebung ihrer Furcht vor ſeinen Anſprüchen ge⸗ halten hatte, erwies ſich durch ihre liebenswürdige Ver⸗ legenheit als eine Uebereilung, die ſie bereute und Fritz, Schloß Bärenberg. II. 11 16² doch nicht gut zu machen wußte. Es drängte ihn, ihre Hände zu ergreifen und mit voller Aufrichtigkeit von den Wünſchen ihres Vaters zu reden und daran die Offenbarung ſeiner leiſen Herzensregungen zu knüpfen. Es drängte ihn zu der Erklärung, daß er mit den Er⸗ wartungen ihres Vaters ſeine Hoffnungen auf ein echtes Lebensglück zu verbinden beginne und daß es ſein redlicher Wille ſei, das Vertrauen ihres Vaters zu verdienen. Wollte Gott, er hätte die gelinde Zag⸗ haftigkeit überwunden, die ihn abhielt, ſchon an dieſem Tage ſeinen eben erſt erwachenden Empfindungen Worte zu leihen; wollte Gott, er hätte ſeiner edlen, männlich ſchönen Perſönlichkeit mehr Einfluß auf die Phantaſie eines weiblichen Weſens wie Dora Bella zugetraut! Die Minuten, welche ihm günſtig geweſen waren, verflogen und bei einer Wendung des Weges ſtand er mit Dora Bella plötzlich vor dem Raſenplatze, in deſſen Mitte die Apparate zu den Turnübungen nebſt Schaukelwerken und Schwebebretern ſich zeigten. Eine kleine Schaar gut gekleideter Kinder verſchiedenen Alters und Geſchlechts tummelte ſich auf dem Raſen und die luſtige kleine Geſellſchaft ließ ſich herab, den ſchon eingetroffenen andern Gäſten, wozu auch Klara Horink, ihr Onkel, der Inſpector Prutz nebſt Gemahlin und Herr Dietrich Haberhorſt gehörten, Kunſtſtücke vor⸗ 163 zumachen. Reinhold hatte ſeine Gefährtin verloren. Sie war ſogleich auf Klara und ihren Onkel zugeeilt, um dieſe Beiden von den„gloriöſen Erfolgen ihres erſten Debüts“ in Kenntniß zu ſetzen. Kaum zeigte ſich Dora Bella im Eingange des Bosquets an Graf Askan's Seite, als die kleine Turn⸗ geſellſchaft in ein Freudengeſchrei ausbrach und die hüb⸗ ſchen Kinder wie beflügelt ihr entgegenjauchzten und entgegenflogen. „Guten Tag, Comteſſe! Wo biſt Du ſo lange ge⸗ weſen, Comteſſe?“ ſchrie ein ſtämmiger Burſche, des In⸗ ſpectors Sohn, der einzige männliche Sproß unter fünf oder ſechs Mädchen. „Liebe Comteſſe“, ſchmeichelte ein kleines, blondes, ſchönes Mädchen und drückte ihr Köpfchen an Dora Bella's Knie. Dieſe legte die Hand unter das Kinn des Kindes, hob das geſenkte Köpfchen und preßte ihre Lippen auf die klare Stirn der Kleinen. Es war das jüngſte Kind des Inſpectors, der ſich heute den Schein eines ſtolzen und glücklichen Vaters gab. Seine Kin⸗ der machten ihm wahrlich Ehre. Offenheit und Un⸗ ſchuld ſchmückten die ſchönen Geſichter derſelben, Kraft und Geſundheit die ſchönen, geſchmeidigen Körper. Dora Bella hatte ſich von Askan entfernt und war inmitten der Kinder vorwärts geſchritten. Ueberall 11* 164 huldigend begrüßt, von den dankbaren Aeltern umringt und von den Kindern durch Lobpreiſungen ihrer eigenen Kunſtleiſtungen beluſtigt, vergaß ſie ihren Begleiter und Alles, was ſich an ſeine Perſon knüpfte. Sie hatte keine Muße für bittere Erinnerungen. Sie hatte nur Ohren für die Prahlereien des Knaben, der ſich vermaß, nun Purzelbäume ſchlagen zu können, und für die beſcheidenen Verſprechungen der kleinen Blondine, mit beiden Beinen ſpringen zu wollen. Lachend gebot ſie endlich Ruhe und Ordnung und begrüßte dann einige fremdere Gäſte, die von der Nach⸗ barſchaft her ihre Kinder nach Bärenberg zum Spiel⸗ platz begleitet hatten. Ruhig und anmuthig wechſelte ſie mit allen An⸗ weſenden einige freundliche Worte, bat Platz auf den Gartenſtühlen neben den Tiſchen, die mit allerlei Er⸗ friſchungen beſetzt waren, zu nehmen und ermunterte Schüchterne auf die gewinnendſte Weiſe. Als ſie die erſten Formalitäten ihrer kleinen Turn⸗ feſtlichkeit beſeitigt hatte, ſuchten ihre Blicke Antonie. Dabei gewahrte ſie jetzt erſt Klara Horink. Mit einem leichten Ausruf der Ueberraſchung eilte ſie quer über den Raſen und warf ſich ſtürmiſch an die Bruſt des jungen Mädchens. Askan, der mit dem Förſter ein Geſpräch begonnen 165 hatte, befand ſich nahe genug, um zu hören, daß ſie den Namen„Kläry“ rief und daran eine Menge der lieblichſten Schmeichelworte knüpfte. „Kläry“, wiederholte der junge Graf ſinnend. „Kläry—“ Der Förſter lächelte.„Sollten Sie ſich der kleinen Klara, meiner Nichte, nicht entſinnen, Herr Graf?“ ſagte er, ſein Gedächtniß unterſtützend.„Soviel ich weiß, haben Sie ſelbſt den Namen Kläry für das damalige Kind aufgebracht.“ Graf Askan rief lebhaft:„O ich weiß, ich weiß, Kläry war meine Königin, ich fuhr ſie auf meinem Wagen, mit Ziegenböcken beſpannt, ſpazieren. Und dies holde, blonde Kind, dieſe Kläry konnte ich ver⸗ geſſen!“ Ohne ſich zu beſinnen, verließ er den Förſter und trat zu der Gruppe, die ſich ſchnell um Klara, Dora Bella und Antonie gebildet hatte. „Ein treuloſer Ritter meldet ſich zur Buße“, ſagte er, Klara's Hand erfaſſend, mit heiterem Tone.„Kläry, liebe Kläry, ich hatte Sie ganz vergeſſen! Darf ich auf Vergebung dieſer Sünde hoffen?“ Klara erwiderte einige freundliche Worte. Dora Bella aber ſchaute mit weit geöffneten Augen auf den Grafen Askan. Es war das erſte Scherzwort, welches 166 ſie von ihm hörte, und es erſchien ihr wie ein liebes Phantaſiebild, daß er ſo liebenswürdig ſcherzen, ſo ent⸗ fremdet allen ſteifen Formen ihrer Geſelligkeit ſich hin⸗ geben konnte. „Graf Askan legt Schmetterlingsflügel an, um ſeine Eulennatur zu verſtecken“, flüſterte Antonie, indem ſie mit der Comteſſe nach dem Kinderkreiſe zurückſchritt. Ein belebtes Lächeln war Dora Bella's Antwort. Einige Minuten nachher ordnete ſie die Spiele der Kinder, ließ dieſe unter der ſpeciellen Anleitung der älteſten Tochter des Inſpectors leichte Turnexercitien machen, vertheilte reichliche Spenden von Naſchwerk, Obſt und Kuchen und verkündete dann, daß fortan jeden Tag, wo gutes Wetter ſei, der Spielplatz von drei Uhr nachmittags bis abends, wenn die Sonne untergehe, geöffnet ſein werde. „Es hat mir leid gethan, daß ich in den letzten Wochen es verſäumte, Euch hier zu verſammeln. Es ſoll nicht wieder geſchehen, Ihr ſollt Eure Freude nicht einbüßen; auch wenn ich bisweilen verhindert bin, unter Euch zu erſcheinen, ſo wird dennoch Euer Vergnügen unverkürzt bleiben“, ſchloß die Comteſſe mit einem triumphirenden Seitenblick auf Askan, der trotz des guten Willens, über Dora Bella's Anrede zu ſpotten, ſtill und aufmerkſam der Verhandlung beiwohnte. 167 Die Kinder zerſtreuten ſich wieder, um weiter zu ſpielen, und die Zuſchauer traten in beliebige Gruppen. Es war ein Volksfeſt im Kleinen, wo Jeder nach ſeinem Geſchmack ſich amüſiren konnte. Zwanglos kamen die Leute, die durch einmalige Einladung be⸗ rechtigt waren, und zwanglos gingen ſie wieder. Früher hatte ſich der alte Graf bei dieſen Spielfeſten ſtets ein Stündchen ſehen laſſen, ſeitdem aber ſeine Gattin, die eigentliche Schöpferin derſelben, geſtorben war, hatte er vermieden, zu erſcheinen. Wer konnte ihm verdenken, daß er ſeinen Schmerz um den Verluſt der jungen blühen⸗ den Gattin nicht von neuem aufwühlen wollte! Graf Askan war von der eigentlichen Beſchaffen⸗ heit dieſer Vereinigung durch Klara unterrichtet. Er hatte ſich mit dem freundlichen, ſanften Mädchen wie⸗ der ſchnell befreundet und die Genugthuung erlebt, von ihr mit feinem weiblichen Sinne richtig erkannt zu werden. Die Zeit war ihm in der angenehmen Plau⸗ derei, die ſich ſtets auf die Vergangenheit zurücklenkte, raſch vergangen. Er ſah mit Erſtaunen die länger werdenden Schatten und ſuchte nun endlich auch Dora Bella wieder aufzufinden. Da ſaß das anmuthige Mädchen, welches Klara mit wehmüthiger Freundlichkeit ihres Lebens einziges Glück genannt hatte, da ſaß Dora Bella auf einem 168 niedrigen Bänkchen und ein Kreis, aus den kleinſten Mädchen gebildet, umtanzte ſie, melodiſche Worte dazu ſprechend. Was ſie ſprachen, was ſie mit den zarten Stimmchen halb ſingend vorbrachten, er verſtand es nicht. Aber es war ein entzückender Anblick, die kleinen, ſchönen Kindergeſtalten, wie ſie graziös hüpften, wie ſie a tempo ſtill ſtanden, in die Händchen klatſchten, jubelnd durch einander rannten und ſchließlich Dora Bella's Sitz erkletterten, mit ihren weißen Aermchen ſie umſchlangen, ſie auf Wange, Stirn, Mund oder auf den Hals küßten und dann raſch wieder einen Kreis bildeten. Graf Askan mußte an die Schwäne im Baſſin denken; hier, wie dort hatte Dora Bella eine Herrſchaft durch Liebe errungen. Ihm wurde es eng in der Bruſt, er preßte die Lippen zuſammen und ver⸗ ſchränkte die Arme über dem Herzen, als wolle er ver⸗ hüten, daß es ſich rege und bewege. In welchem Lichte erſchien ihm jetzt Dora Bella! Die Anziehungskraft ihres Weſens beruhte nur in ihrem eigenthümlichen Empfindungsvermögen, die Liebe⸗ fähigkeit ihres Herzens durchſtrömte wie ein belebendes Element alle die Herzen, die ſich ihr nahten, ſie war in Liebe groß geworden, von Liebe verzärtelt, durch Liebe verwöhnt; nur er, er hatte mit kaltem Auge 169 in das Gefühlsleben dieſes Mädchens geſchaut, nur er war ungerührt von der lieblichen Zutraulichkeit geblieben, mit der ſie als Tochter des Hauſes ihn willkommen geheißen. Jetzt endlich öffnete ſich ſein Auge für den innern unbegreiflichen Widerſpruch in Dora Bella's Weſen, er hatte ſie gekränkt und ihm allein war die Ruhe und Kälte zuzuſchreiben, womit ſie ihr Inneres gegen ihn gleichſam umpanzerte. Sein Herz wollte ihm ſpringen, als er zu dieſer Erkenntniß kam. Der Gedanke daran wurde ihm von Minute zu Minute unerträglicher. Er ſah ſich um, ob er nicht eine Seele finde, die ſein Leid verſtehen, die ſein Leid darüber mildern könne. Prüfend richtete er den Blick auf Antonie— o, dieſer ſtrahlende, welt⸗ liche Blick verhieß kein fühlend Herz. Reinhold? Nein, Spott und Schadenfreuden hätten bei ſeinem Geſtändniß in den Augen deſſelben gelauert. Seine Gedanken irrten zur Gräfin Eliſabeth hin. Nein, bei ihr hätte er wohl auf Mitleid, aber niemals auf eine Abhülfe rechnen können. 3 Da erleuchtete ihn Gott! Nur einer, der voll Liebe ſein Fehlen beurtheilen würde, konnte als Vermittler zwiſchen ihn und Dora Bella treten; nur ihr Vater, der Wohlthäter ſeiner Jugend, der väterliche Freund, deſſen tiefe Liebe er ſchon erprobt hatte, war würdig 170 ſeines unbeſchränkten Vertrauens. Es drängte ihn mächtig, zu ihm zu eilen und ihm ſein gepreßtes Herz auszuſchütten. Es trieb ihn fort, als werde jede Se⸗ kunde von Gewicht für ſein Vorhaben ſein. Unbemerkt entfernte er ſich und ſchlug denſelben Weg nach dem Schloſſe ein, den er mit Dora Bella gegangen war. Jedes Wort, das er hier von ihr ge⸗ hört hatte, beſtärkte ihn in der Meinung, die er jetzt von der Lage der Verhältniſſe, von der Stimmung Dora Bella's hegte. Er wollte ſein ganzes Sein und Weſen dem gütigen alten Freunde offenbaren und dann ſeinen Rath hören. Bis zur Demuth herabgeſtimmt durch ſeine Reue und Buße, wollte er ſich Allem unterwerfen, um dann, wenn er von ſeiner Gewiſſensunruhe befreit, gerecht⸗ fertigt vor Dora Bella erſcheinen konnte, in edlem Stolze und in edler Liebe um das reine Herz derſelben werben zu dürfen. Neuntes Kapitel. Graf Askan's ſchnelle Entfernung vom Raſenplatze war nicht ohne Einfluß auf die Zurückbleibenden. Schon daß man ſeinen Aufbruch ſofort bemerkte und daß man ſich bemühte, demſelben kein Hinderniß in den Weg zu legen, verrieth eine innerliche Freude darüber. Die äußere Haltung des jungen Grafen harmonirte nicht mit ſeinem humanen Innern. Sie drückte eine kalte Abgeſchloſſenheit aus und ließ des⸗ halb einen ſorgloſen Verkehr mit ihm nicht auf⸗ kommen. Namentlich fühlte ſich Herr Dietrich Haberhorſt von der Anweſenheit dieſes echten Hofcavaliers ſo gedrückt, daß er ſchon hundertmal im Begriff geweſen war, ſpurlos zu verſchwinden, weil ihm der Muth fehlte, in Gegenwart des ſtolzen Grafen dem Förſter Horink näher zu treten. 172 Und dies war der einzige Grund ſeiner Anweſen⸗ heit auf dem Spielplatze. Seit dem Tage, wo Herr Evers nach ſeiner verun⸗ glückten Brautwerbung vor dem jungen Mann er⸗ ſchienen war und ihm haarklein jedes Wort Klara's über dieſe Angelegenheit mitgetheilt hatte, war eine merkwürdige Verwandlung mit Dietrich vorgegangen. Er ließ kein Wort des Unmuths hören, er enthielt ſich des Scherzes, obwohl Herr Evers ſich humoriſtiſch ſeinem Spotte überantwortete und ihn ermunterte, derb zu lachen, da ſeine Meinung ſich glänzend ge⸗ rechtfertigt hätte.. Dietrich nahm ruhig ſeines Oheims Erklärungen auf. Was er innerlich dabei litt, erfuhr Niemand. Aber es entging weder dem Bergſchenkenwirth noch ſeiner Nachbarin, der Wittwe Horink, daß Diet⸗ rich Haberhorſt ein ganz anderer Menſch geworden war, daß er ruhig ſeine Straße ging und alle Mäd⸗ chen, alle Hunde und alle Katzen ungeneckt ließ. Er wurde dabei zwar weder mager noch blaß, aber in ſeinem Geſichte, namentlich in ſeinen Augen lag etwas, was die beiden Leute, die durch Klara's feſten Ent⸗ ſchluß in Mitleidenſchaft gezogen waren, zu allerlei Muthmaßungen bewegte. Daraus entſtand denn, nach einigen ſehr vorſichtigen Verſtändigungen der Nachbarn, eine Art Bündniß gegen den Neffen und gegen die Tochter, welches als Preis eine Hochzeit und das Ende ihres Proceſſes abwarf. Klara hatte nach der Unterredung mit Antonien eine Anſicht von der Sache gewonnen, die Dietrich's Wünſchen und den Plänen der beiden Verbündeten günſtig war. Sie faßte den Vorſatz, auf keine Weiſe mit unkluger Sprödigkeit ihr Glück zu vereiteln, wenn Dietrich durch zufällige Annäherungen ihr Gelegenheit geben ſollte, ihre wahren Geſinnungen gegen ihn zu verrathen. Indeß ſie wartete vergeblich darauf, daß Dietrich ihr begegnete. Im Gegentheil, er ſchien dies abſichtlich zu vermeiden. Der Grund dazu lag in einem Schamgefühle, ſich vor dem Mädchen ge⸗ demüthigt zu ſehen, das er innerlich zu ſeinem Ideale erhoben hatte. Aus den unzuſammenhängenden Be⸗ richten ſeines ehrenwerthen Herrn Onkels entnahm Dietrich, daß Klara ihn in Verdacht gehabt habe, ſein Herz ſei anderswo gefeſſelt, während ſein Onkel doch für ihn um Klara's Hand geworben. Es erforderte ſeinerſeits nur ein geringes Nachdenken, um ihn auf die richtige Spur zu bringen. Daß Klara jedoch in der kleinen, ſchuldloſen Liebelei einen Beweis von wirk⸗ licher, tiefer Neigung fand und ihn ſeiner Ehre wegen verpflichtet glaubte, Antonie zu ſeiner Braut zu machen, 174 das öffnete ihm die Augen über dergleichen thörichte Huldigungen. Er nahm ſich vor, Klara ſolle ihn erſt achten lernen, bevor er ſich ihr auf irgend eine Weiſe nähere. Um dies zu erreichen, mußte er zuerſt die Achtung ihres Onkels, des Förſters, erzwingen, und er ging ſcharf auf dies Ziel los, obgleich er den Förſter bis dahin als einen unerträglichen Pedanten ausge⸗ ſchrieen hatte. Eine Anpflanzung auf ſeinen Grundſtücken, die ihm ſchon jetzt als unbeſtreitbares Eigenthum überlaſſen worden waren, mußte den Vorwand hergeben. Der Förſter war ihm freundlich entgegengekommen und hatte ihm unverhohlen gezeigt, daß er ihn für einen tüchtigen und intelligenten Landwirth halte. Weiter konnte Dietrich für jetzt nichts verlangen, aber er wünſchte, daß Klara ſich durch den Augen⸗ ſchein überzeugen möge, wie hoch er binnen wenigen Tagen in der Gunſt ihres Onkels geſtiegen ſei. Die beſte Gelegenheit dazu bot die Verſammlung auf dem Spielplatze, wozu er von Comteſſe Dora Bella ein⸗ für allemal gebeten worden war. Vollkommen dazu gerüſtet hatte er hinter ſeinem Heckenzaune auf der Lauer geſeſſen, um ſicher zu ſein, daß Klara in Begleitung des Förſters ſich dorthin verfügte. Es war ſelten, daß der Förſter nicht wenig⸗ 175 ſtens ein halbes Stündchen zum Zuſchauen ging, ſelbſt dann noch, als ſeine beiden Söhne nicht mehr zu den Turnern gehörten, weil ſie auf entfernten Gymnaſien ihren Schulcurſus vollendeten. Dietrich's Vorausſetzung betrog ihn auch wirklich nicht. Klara, etwas bleich und ernſt, aber ſchön wie ein Muttergottesbild nach Dietrich's Meinung, ging ihren Onkel abzuholen, und als beide kaum den Ter⸗ raſſenweg nach dem Spielplatze angetreten hatten, da ſchritt Herr Dietrich Haberhorſt ſo ehrbar denſelben Weg hinauf, als denke er gar nicht daran, für Klara zu ſchwärmen. Oben auf dem Plateau angelangt, fand er den Förſter ſchon im Geſpräch mit Graf Askan und damit war ihm ſein ganzer ſchöner Plan verdorben. Jetzt endlich hatte Graf Askan das Feld geräumt. Dietrich, in der Furcht, den Förſter auch alsbald ver⸗ ſchwinden zu ſehen, beeilte ſich zu ihm zu gehen, wenn⸗ gleich Klara neben ihm ſtand und es dadurch den An⸗ ſchein gewinnen konnte, als gälte der jungen Dame dieſe Annäherung. Dietrich täuſchte ſich über ſich ſelbſt, indem er ſich vorredete, dies ſei nicht der Fall. Förſter Horink erwiderte die Begrüßung Dietrich's mit ungeheuchelter Freundlichkeit, und ſelbſt Klara 176 lächelte holdſelig, in ſeinem Auge die wehmüthige Ruhe ſuchend, von der ihre Mutter gefliſſentlich ſehr viel geſprochen hatte. Dietrich war im beſten Zuge, Fräulein Klara trotz ſeines ſtarken Herzklopfens etwas links liegen zu laſſen und ſich mit dem Förſter, vielleicht in einer Regung von Rache, in Geſchäftsangelegenheiten zu vertiefen, als es, ob aus Veranlaſſung anderer übermüthiger Perſonen, müſſen wir für jetzt dahingeſtellt ſein laſſen, dem Herrn Reinhold von Leſſel plötzlich einfiel, den Förſter zu wichtiger Berathung über den neuen Mar⸗ ſtall der Comteſſe in Anſpruch zu nehmen und von der Seite des Herrn Dietrich und des Fräuleins Klara fort⸗ zuführen. Nach Reinhold's Anſicht liefen die beiden jungen Menſchenkinder gar keine Gefahr, inmitten der ganzen Verſammlung zu Schaden zu kommen, deshalb machte er ſich kein Gewiſſen daraus, mit dem guten Förſter auf und davon zu gehen. Da ſtand nun Herr Dietrich zum erſten Male Klara allein gegenüber und noch dazu mit der unangenehmen Erinnerung an einen erhaltenen Korb. Große Geiſter wiſſen ſich aber immer zu helfen, und da bekanntlich in ſolchen Lebenslagen die Damen bei weitem mehr große Geiſter ſind, als die ſtarken 177 Männer, ſo war es ganz natürlich, daß Klara mit bewun⸗ derungswürdiger Faſſung ſogleich ſagte: „Wie glücklich die Kinder ſind!“ Dietrich ſah gerade hinein in ihre Muttergottes⸗ augen, und es war wohl die bitterſte Ironie, die ihm die Worte auspreßte: „Nennen Sie die Kinder nicht glücklich in ihrer Fröhlichkeit. In der Fröhlichkeit liegt Leichtſinn und der Leichtſinn iſt des Satans Werk!“ Klara blickte erſchrocken zu ihm auf.„Eine ent⸗ ſetzliche Schlußfolge! Gott möge die Kinder vor Ihrem Ausſpruch bewahren!“ „Möchte meine Mutter mich nur vor Leichtſinn und Uebermuth bewahrt haben“, ſtieß Dietrich gewaltſam hervor, ihm ſchien vor innerer Aufregung die Stimme zu verſagen. Klara lächelte gütig und beruhigend. „O, wenn Sie auch mild ausſehen wollen, ich weiß es, ich habe dieſe Lehre leider aus der Erfahrung ge⸗ ſchöpft, daß Sie alle Lebensverhältniſſe mit ſehr ernſten Blicken zu betrachten geneigt ſind.“ Er verneigte ſich ehrfurchtsvoll und verließ ſie, bevor ſie nur ein einziges Wort zu erwidern vermochte. In demſelben Momente ſchlang ſich ein weicher Arm um ihren Nacken und Antoniens Stimme flüſterte neckiſch in ihr Ohr: Fritze, Schloß Bärenberg. II. 12 178 „Habe ich' recht gemacht, daß ich den Onkel fort⸗ holen ließ? Was habt Ihr zuſammen geſprochen? Viel kann es nicht geweſen ſein. Herr Dietrich Haber⸗ horſt ſah gerade aus, als ſage er Dir Bibelverſe auf und Du machteſt ein Geſicht, als thäte es Dir leid, daß er ſie nicht ordentlich gelernt. Habe ich recht geſehen, lieb Kläry?“ „Du kannſt Recht haben, Toni, erwiderte ſchwer athmend das junge Mädchen und ſtrich zerſtreut über ihre Stirn.„Aber ſoviel an mir iſt, ſoll er recht bald Gottes reichſten Segen, einen leichten Sinn und ein fröhliches Herz, nicht ferner verwünſchen.“ „Beunruhige Dich nie über verzweiflungsvolle Re⸗ den der Männer, Klara“, antwortete Antonie.„Ich weiß nur eins, daß Du und Dietrich ein prächtiges Paar gäbet, und ich wünſche nur eins, daß es mög⸗ lichſt bald dahin komme.“ „Daran iſt nicht zu denken. Zwiſchen uns Uegt jetzt eine tiefe Kluft!“ „Dafür gibt es Kettenbrücken, von der Liebe ge⸗ baut!“ „Solche Brücken entbehren des ſicherſtellenden Fun⸗ daments, des Vertrauens!“ „Klärchen, ſei geſcheidt! Du willſt doch nicht etwa eine romantiſche Liebesgeſchichte aufführen, blaß wer⸗ 179 den vor Gram und mager vor Sehnſucht? Gott, wie albern! Im Buche nimmt ſich ſo etwas gut aus, im Leben finde ich es langweilig. Ich würde mich nie⸗ mals um Liebesleid grämen.“ „Um Liebesleid handelt es ſich hier nicht, ſondern darum, daß ein Menſchengemüth ſchwer verletzt iſt.“ „Ah bah! Ein Gemüth iſt bald geheilt, und wenn man dem Herzen freien Willen läßt, ſo zeigt es ſich ganz vernünftig. Es liebt heute dieſen und morgen jenen. Beſtändig iſt kein Menſchenherz!“ „Mit dieſer Anſicht eröffneſt Du Deinem künftigen Gatten eine trübe Ausſicht.“ „Still, Kleine! Wenn man heirathet, iſt's anders. Da tritt man in die Regionen von Pflicht und Ge⸗ wiſſen! Höre, lieb Kläry, ich will Dir ein Geſtändniß ablegen, damit Du gewahr wirſt, daß ich viel ehr⸗ licher zu Werke gehe wie Du! Ich glaube heute den Mann kennen gelernt zu haben, der mir vom Geſchicke beſtimmt iſt. Aber— frage nicht— weiter nichts darüber! Du weißt jetzt ſchon übergenug!“ Sie ſchwieg plötzlich und horchte mit Ueberraſchung auf etwas, was in ihrer Nähe geſprochen war. Reinhold hatte während dieſer Zeit mit dem För⸗ ſter und dem Inſpector eine Conferenz über die neu zu ſchaffende Reitbahn gehalten und ſie waren einig 12* 180 geworden, daß der alte Jagdpavillon ſich vortrefflich dazu eigne. Dem Förſter war es natürlich unbekannt geblieben, wie man darauf verfallen ſei, ihn des Jagdpavillons zu berauben und ſeine ihm eingeräumten Rechte ohne weiteres zu vernichten. Er würde aber auch, im Fall des Inſpectors erfinderiſche Schlauheit zu ſeiner Kennt⸗ niß gelangt wäre, nichts dagegen eingewendet haben. Seine Anſichten von Recht und Billigkeit hielten ihn ab, vorläufige Bewilligungen als Privilegien zu be⸗ trachten. „Wir müſſen den Befehl Sr. Excellenz ſo raſch wie möglich auszuführen ſuchen“ ſagte der Inſpector mit erheucheltem Bedauern,„ſonſt würde ich Ihnen die Benutzung des Jagdpavillons nicht entzogen haben. Aber der Reitknecht iſt ſchon heute mit entſprechender Vollmacht zu dem Fürſten Muskit geſendet, und wenn dieſer darauf eingeht, die eingerittenen Pferde ſeiner verſtorbenen Gemahlin dem Grafen Harald zu ver⸗ kaufen, ſo haben wir ſchon in wenigen Tagen das Eintreffen derſelben hier zu erwarten, Herr Förſter.“ „Wozu die Entſchuldigungen, lieber Inſpector? Excellenz iſt unbeſchränkter Gebieter und ich gehöre nicht zu den Männern, die ſich gegen die Verfügungen des Herrn auflehnen.“ 181 „Alſo ein Feudaliſt reinſten Waſſers“, warf Rein⸗ hold von Leſſel halb ſpöttiſch ein. Inſpector Prutz nickte höhniſch mit dem Kopfe. Ihn verdroß die innige Anhänglichkeit des Förſters und er beneidete ihm die Auszeichnung des Grafen Askan, der ihn auch heute wieder vorzugsweiſe auf⸗ geſucht hatte. Als der Förſter jetzt von ihnen ſchied, ſagte er leiſe und vertraulich zu Reinhold: „Che ich's vergeſſe, Herr von Leſſel, der Reitknecht hat zwei Briefe zur Beſorgung mitgenommen, die Sie intereſſiren werden.“ Reinhold ſchärfte unmerklich ſeine Aufmerkſamkeit. „Der eine Brief, eigenhändig von Excellenz ge⸗ ſchrieben, iſt an den Miniſter Romharr, einen tüchtigen, dem Liberalismus huldigenden Mann, der noch unter Excellenz die erſten Schritte in der Staatscarrière ge⸗ macht.“ „Ich weiß es“, ſagte Reinhold kaltblütig.„Excellenz erfüllte dadurch nar meinen Wunſch.“ „So?“ fragte der Inſpector frappirt. „Und der andere Brief, lieber Inſpector?“ forſchte Reinhold. „O, der hat wohl weniger zu bedeuten“, antwortete dieſer nachläſſig. „Woraus ſchließen Sie das?“ fragte Reinhold, 182 indem er ſich langſam in Bewegung ſetzte, um den Damen näher zu kommen. „Weil ich ihn ſchreiben mußte. Excellenz hat ihn nur unterzeichnet.“ „Wie lautete ſein Inhalt? An wen war er gerichtet?“ „An den Bundestagsgeſandten van Lynkhuyſen, einen Mann, der mit Excellenz ſtark liirt war und ſich bei der Trennung Belgiens von Holland als die rechte Hand Lebeau's außerordentlich bewährt hat. Beide Herren Adreſſaten ſind alte Freunde von uns, und Excellenz ſcheint Ihre Befähigung richtig auf⸗ gefaßt zu haben, indem er dieſe beiden einflußreichen Männer zugleich verpflichtete, Ihre künftige Stellung zu vermitteln.“ „War meine politiſche Meinung vom Grafen be⸗ ſonders betont?“ „Nein!“ antwortete der Inſpector ſarkaſtiſch lächelnd. „Excellenz fußte auf ſeine Empfehlung und deutete auf ſeine frühern Anſichten hin, die mit denen dieſer Herren ganz übereinſtimmten. Er hatte mir vorge⸗ ſchrieben, Sie als einen Pflegeſohn, als denjenigen, der mit Liebe in ſeinem Sinne erzogen worden ſei, darzuſtellen.“ „Kannte Lynkhuyſen meines Vaters Conflict mit Excellenz?“ 183 „Auf keinen Fall!“ betheuerte Inſpector Prutz. Die beiden Herren waren allmälig der Stelle näher gekommen, wo Antonie mit Klara ſtand. Reinhold machte jetzt Halt, um erſt noch einige Erkundigungen über den Brief an den Miniſter Romharr einzuziehen. Inſpector Prutz kannte deſſen Inhalt nicht. Er war ihm couvertirt übergeben und Excellenz hatte ihn mit ſeinem Siegelring geſchloſſen. „Schade“, ſagte Reinhold leichtfertig lachend,„ſchade, daß Sie mir von dieſem Briefe nicht ebenſo gut Be⸗ ſcheid geben können, wie vom Inhalte desjenigen an Lynkhuyſen.“ Dieſe Worte waren es, welche Antonie in ihrer Rede unterbrochen hatten. Geſpannt hing ihr Blick an den beiden Sprechenden, die ſich ſchnell nahten. „Hörte ich recht, Herr von Leſſel“, rief ſie ihm entgegen,„oder täuſchten mich meine Sinne, indem ich⸗ den Namen des Mannes ausſprechen hörte, auf den jetzt meine ganze Hoffnung beruht? Kennen Sie Herrn van Lynkhuyſen?“ „Noch habe ich nicht die Ehre“, entgegnete Rein⸗ hold,„doch dieſer Herr— Inſpector Prutz“, fügte er vorſtellend dazwiſchen—„dieſer Herr hat ihn bereits vor zwanzig Jahren gekannt.“ „So?“ ſagte die Dame mit gezogenem Tone. Sie 184 mißtraute dieſem Inſpector Prutz, weil ihr Onkel Horink nichts auf ihn hielt. Uebrigens war ihre Anti⸗ pathie gegenſeitig. „Wenn das gnädige Fräulein ihre Hoffnungen auf dieſen Herrn baut, ſo haben Sie Urſache, auf Er⸗ folg zu hoffen“, meinte Prutz mit ſtudirter Artigkeit und lauerndem Spott. Antonie erwiderte ſein Benehmen mit afeectirter Treuherzigkeit. „Wirklich? Dieſe Verheißung aus Ihrem Munde wird mich aufrecht halten, Herr Inſpector! Herr van Lynkhuyſen hat die Schweſter meines kürzlich verſtor⸗ benen Großvaters van der Bruik zur Gattin; bei ihm fand mein guter Papa nach ſeiner Flucht aus Belgien eine Freiſtatt, durch ſeine Hände gingen die Wechſel für meinen Vater und durch ſeine Vermittlung hoffe ich jetzt meine Anſprüche an das Erbtheil meines ſeli⸗ gen Papa durchzuführen. Ich kenne Herrn van Lynk⸗ huyſen nicht perſönlich, daher gereicht mir Ihr Lob zur Beruhigung. Woher kennen Sie ihn, Herr In⸗ ſpector?“ „Er war Attaché der Geſandtſchaft vor Jahren und gehörte zu den Lieblingen Sr. Excellenz des Staatsminiſters Graf Harald Bärenberg“, entgegnete ſehr förmlich der Inſpector. 185 „Wie? Excellenz kennt ihn? O, das iſt herrlich!“ rief Antonie fröhlich.„Gott ſcheint ſich beſonders für mein Wohlergehen ins Mittel zu legen, daß er mich hierher geführt! Meine Angelegenheiten könnten keinen beſſern Vertreter ſinden als den Grafen Harald. Ich werde die erſte Gelegenheit benutzen, um Excellenz für dieſe Sache zu intereſſiren. Kommen Sie, Herr von Leſſel, wir wollen Dora Bella ins Geheimniß ziehen!“ „Wenn ich mit meinem Rathe Ihnen vielleicht dienen kann, ſo befehlen Sie über mich, gnädiges Fräu⸗ lein“, ſprach Prutz Abſchied nehmend. Antonie neigte ſich huldvoll.„Der Dienſt, welchen Sie mir ſo eben durch Ihre Aufklärungen geleiſtet, verpflichtet mich Ihnen zu Danke, Herr Inſpector!“ Sie nahm Klärchen's Arm und ging mit ihr und Reinhold ſchnell auf Dora Bella zu. „Ein unerträglicher Menſch, dieſer Prutz“ flüſterte ſie im Fortſchreiten.„Ein eingebildeter, hochmüthiger, falſcher, hinterliſtiger und ſelbſtſüchtiger Mann; nehmen Sie ſich vor dem in Acht, Herr von Leſſel, vertrauen Sie ihm nichts an, laſſen Sie ihn nichts von Ihrem eigenſten Innern gewahr werden, er benutzt Alles, das Gute und Böſe im Menſchen zu ſeinen Zwecken! Glau⸗ ben und trauen Sie meiner Erfahrung, ſolche Männer kriechen auf allen Vieren in die Höhe, und wenn es 186 ihnen gelungen iſt, obenauf zu kommen, ſo richten ſie ſich ſtolz auf und ſpielen den Erhabenen, den Gott⸗ gleichen, den Meſſias!“ „Woher dieſe Weisheit bei ſolcher Jugend und Schönheit?“ fragte Reinhold erſtaunt. „Woher? Ich habe fünf Jahre mit Bewußtſein in den Coterien einer kleinen Reſidenz verlebt— wundert Sie meine Weisheit noch?“ fragte ſie ſchalkhaft.„Nun gut, dann will ich ferner eingeſtehen, daß ich meines Vaters Vertraute geweſen bin, daß er in Ermangelung eines treuen, zuverläſſigen Freundes mich zu ſeinem Freunde gemacht hat. Glauben Sie mir, ich könnte heute mein Staatsexamen machen und würde nicht durchfallen!“ Ihr Geſichtsausdruck war bei dieſer Großſprecherei ſo grundkomiſch, daß ſelbſt Klara in das fröhliche Gelächter einſtimmen mußte, welches in Reinhold ausbrach. „Wahrhaftig“, dachte Reinhold, während die Mäd⸗ chen ſich in Abſchiedszärtlichkeiten vertieften,„wenn die Angelegenheiten dieſer jungen Dame erſt ſicher geordnet ſind und dann ihr Vermögen meinen Wünſchen ent⸗ ſpricht, ſo werde ich nichts Klügeres thun können, als mich eiligſt mit ihr zu vermählen. Welch eine ſchlag⸗ fertige Zunge! Ihre Manier zeugt von Geiſt und Beobachtungsgabe, aber ich wette, ſie hat Beides nicht 187 mehr als manche Andere. Sie hat nur den Muth, hervorzutreten und die Lacher auf ihre Seite zu ziehen, wenn ſie mit ihren Behauptungen auf den Sand fährt. Für einen Menſchen, der auf ſich angewieſen iſt, paßt ſie vortrefflich, weniger möchte ſie in einem alterthüm⸗ lichen Schloſſe, mit Convenienzen, Etikette, Ceremonien und ſonſtigem Anſtandskram angefüllt, paſſen. Excellenz machte mittags mehrmals ein bedenkliches Geſicht bei ihren vagen Behauptungen. Prüfen wir erſt das Ver⸗ mögen und handeln dann ſchleunigſt!“ Durch eine natürliche Ideenverbindung kam er dann zu der Warnung Antoniens zurück, wobei ſie ſich harter und kecker Worte bedient hatte. Im Grunde mußte er der jungen Dame Recht geben, wenn ſie den Charakter des Inſpectors als ge⸗ fährlich ſchilderte. Er hatte dies ſchon einmal in ſeinem Leben durch eine bedenkliche Willkür in ſeinem Berufe bewieſen, indem er über die Correſpondenz des Grafen verfügte und dadurch eine Kriſis im Da⸗ ſein deſſelben herbeiführte. Die lange Zeit, welche er ſeitdem im treuen Dienſt⸗ eifer verlebt, entſühnte ihn. Aber Garantien bot dieſe Sühne nicht. Reinhold wußte recht gut, daß ſich Cha⸗ rakterfehler oft auf lange Zeit zur Ruhe legen und dann mit erneuter Kraft Beſitz von einer Seele 188 nehmen können, die fic gegen Verſuchungen ſicher gewähntt. dieſem Fall befand er ſich ſelber, und eben verſtand und begriff er die Regungen im In⸗ p xctor. Dieſer Mann war ehrgeizig wie ſelten ein Mann. Seine Ehrbegierde hatte keine Nahrung er⸗ halten und war bis zu den kleinlichen Aeußerungen des Hochmuths herabgeſunken. Jetzt flammte ſein Ehr⸗ geiz an der Möglichkeit wieder auf, ſich eine beachtetere Stellung im Staatsleben gewinnen zu können. Was war darin Tadelnswerthes? Beſtrebungen dieſer Art lagen im Geiſte der Zeit. Es war vorauszuſehen, daß man ſich überall nach den traurigen Empörungen des Volkes zu freiern Ver⸗ faſſungen würde bequemen müſſen. Viele Staaten dachten bereits ernſtlich daran, ſich die gemachten Er⸗ fahrungen zur Lehre dienen zu laſſen und mit Groß⸗ muth nachzugeben, um Herr ihrer Bedingungen bleiben zu können. Nun wohl, was lag denn Tadelnswerthes darin, wenn der Inſpector Prutz nach der Gelegenheit griff, ſeine Stimme als Volksvertreter geltend zu machen? Freilich trieb ihn mehr der Ehrgeiz als der gute Wille, dem Volke zu dienen, dazu, aber würde ſchließ⸗ lich die Beſonnenheit ſeines Weſens ihn nicht tüchtig 189 machen, ſich all den unweſentlichen Nebendingen zu entziehen, die durch die ſtürmiſche Beredtſamkeit excen⸗ triſcher Gemüther zu Hauptſachen erhoben wurden und die koſtbare Zeit zerſplitterten, die mit wichtigen Ent⸗ ſchlüſſen gekrönt werden ſollte? Kurzum, Reinhold von Leſſel redete dem Inſpector Prutz innerlich ſtark das Wort, während Antonie ſich einbildete, ihn hinlänglich vor demſelben bewahrt zu haben. Zum Freunde würde er ihn nie gewählt ha⸗ ben, allein es fehlte ihm der Anlaß, ſich ihm feindſelig entgegen zu ſtellen. Vollkommen im Widerſpruch mit Antoniens War⸗ nung ſtand es ſicherlich, daß Reinhold ſich vornahm, des Inſpectors Beihülfe zu benutzen, um ſeine eigenen Erfolge zu ſichern. Sein Grundſatz war, dem Unan⸗ genehmen nie viel Nachdenken zu gönnen. Demzufolge ſchloß er ſeine ſtillen Betrachtungen über des Inſpectors Werth und gab ſeinen Gedanken eine andere Richtung. Des alten Grafen Eifer, ihm ſeine Laufbahn zu ebenen, haͤtte füglich ſeine Dankbarkeit wecken können. Das geſchah nicht! Er betrachtete dieſe Bemühungen mit philoſophiſchem Gleichmuth und ſtellte als ein gründliches Erkältungsmittel gelegentlicher Dankgefühle ſtets die bedeutungsvolle Vorliebe auf, welche der alte gute Herr Askan zu Theil werden ließ. Er mißgönnte 190 dieſem nicht die Liebe des Grafen, wohl aber die Vor⸗ theile dieſer Liebe. Inzwiſchen waren die Abſchiedsfeierlichkeiten der drei hübſchen Mädchen beendet und Comteſſe Dora Bella wendete ſich mit ihrer Geſellſchafterin zum Heim⸗ gehen ins Schloß. Reinhold folgte ihnen. Auf dem kurzen Wege waltete ein munteres Necken und Scher⸗ zen, dem ſich ſelbſt Dora Bella nicht entzog. Sie ſchien aufzuleben, nachdem ſie die erſte Phaſe ihrer veränderten Stellung glücklich überwunden hatte. Reinhold fand abermals Gelegenheit, den Verſtand dieſes jungen Mädchens zu bewundern, das im Flügel⸗ kleide der Kindheit eine Menge wiſſenswerther Gegen⸗ ſtände in ſich aufgeſpeichert hatte, die ihrem Geiſte jetzt den Anſtrich der Reife verliehen. Ihr Thätigkeits⸗ trieb hatte ſich mit einem Leſedurſt verbunden, der ſie veranlaßte, jede einſame Stunde dazu zu verwen⸗ den, in der reichen Bibliothek ihres Vaters nach Geiſtes⸗ nahrung zu ſuchen. Dora Bella kannte alle deutſchen Klaſſiker faſt auswendig. Sie überraſchte jetzt ihre witzigern Begleiter damit, Verſe zu citiren und durch Schlagwörter berühmter Männer deren Einfälle zu beantworten. Daraus entwickelte ſich dann ein Wett⸗ kampf, der wahrhaft ergötzlich war und namentlich die reiche Bildung Dora Bella's ans Tageslicht förderte. 191 Reinhold erklärte die Comteſſe nach dieſer Probe, wo⸗ rin ſie den Schatz ihres Gedächtniſſes preisgegeben hatte, für einen Profeſſor der Geſchichte, während An⸗ tonie ſie voller Bewunderung zum Literarhiſtoriker erhob. In der fröhlichſten Laune trennten ſie ſich mit dem Verſprechen, beim Thee dieſe ernſte und bildende Er⸗ götzlichkeit fortzuſetzen. Antonie begab ſich auf ihr Zimmer. Dora Bella verfügte ſich erſt eiligſt auf einige Minuten zu ihrer Tante Eliſabeth, mit der ſie noch Verabredungen zu treffen hatte. Gräfin Eliſabeth empfing ſie, wie immer, mit der ſanfteſten Freundlichkeit. Von jeher mild und gefügig, würde ſie ſich jetzt gar nicht bis zur Oppoſition er⸗ hoben haben, ſelbſt wenn Dora Bella noch mehr von ihr verlangt hätte als die kleine Störung ihrer Abendruhe. Mit allerliebſter Würde nahm Dora Bella Platz neben der Tante und ſuchte ihr auseinander zu ſetzen, daß es die Ehre des Schloſſes Bärenberg erheiſche, ſich wieder auf den Thron einer geſellſchaftlichen Größe zu ſchwingen, nachdem die Trauer um ihre ſelige Mama in den Hintergrund der Seele getreten war. Gräfin Eliſabeth wiegte bedenklich ihr Haupt und 192 ſtrich bedeutungsvoll über ihren ehrwürdigen weißen Scheitel. „Bedenke, meine Kleine“, ſagte ſie zögernd.„Ich glaube, daß Du ein Recht haſt, von mir Unterſtützung Deiner Pläne zu fordern, allein mir fehlt jede Be⸗ fähigung zum Arrangement geſelliger Cirkel, mir fehlen die Talente, ein geſellſchaftliches Leben zu fördern.“ „Du ſollſt keine andere Plage davon haben, Tante Eliſabeth, als unſere Ehrendame, unſere Oberhofmeiſterin zu ſpielen“, antwortete Dora Bella lebhaft. „Mit der Verantwortung für Deine Thorheiten?“ fragte die Gräfin ſcherzend. „O, wir werden weiſer mit der Zeit und vernünf⸗ tiger mit dem zunehmenden Alter!“ rief Dora Bella pathetiſch.„Gib immerhin Deine Zuſtimmung, Du wagſt nichts dabei.“ Gräfin Eliſabeth ſtrich liebkoſend über das zarte Geſicht des jungen Mädchens. Von Tage zu Tage entfaltete Dora Bella ſich gleich einer längſt gereiften Knospe, die gewaltſam die Feſſeln zerſprengt, welche ihre völlige Entfaltung verhindern. „Wir werden unſere Kreiſe erweitern, ohne die alten Bekannten zu vernachläſſigen“, fuhr die Comteſſe eifrig fort.„Wir werden ſtets einige Familien im Schloſſe zum Beſuch haben, junge Damen und Herren, 193 die Luſt zeigen, hier ihre ſteifen Glieder vom Zwange der Etikette zu befreien. Wir entwerfen ein Programm für die Sommerſaiſon bis September, laſſen zum Herbſt einige Jagdvergnügungen in Ausſicht ſtellen, eröffnen die Winterſaiſon mit Ball und Liebhaber⸗ theater, woran wir zu geeigneter Zeit ein Masken⸗ ſpiel knüpfen, und feiern den Frühling im Blütenſchnee unſerer Berge, unter dem Nachtigallengeſang in unſern Waldungen. Gräfin Eliſabeth betrachtete ſie ſtarr vor Erſtaunen. „Mädchen, Mädchen“, rief ſie,„was ſind das für Ein⸗ fälle! Unſer ſtilles Schloß ſoll ein Sammelplatz ver⸗ gnügungsſüchtiger Menſchen, unſere heilige Einſamkeit vom Lärm der Geſelligkeit auf immer verdrängt wer⸗ den? Und Dein Vater mit ſeiner wankenden Ge⸗ ſundheit?“ „O, davon ſprich nicht, Tante Eliſabeth“, erwiderte Dora Bella mit einiger Entrüſtung im Tone.„Ich habe ſeit den letzten Wochen durch ſtille Beobachtung gelernt, daß mein lieber Papa frühlingsfriſch im Um⸗ gange mit gleichgeſtimmten Seelen werden kann. Wenn⸗ das Herz durch die Liebe zu ſeinem frühern Pflege⸗ ſohne Askan ſo feſt und kräftig wird, ſo hoffe ich, daß es durch die Liebe zu mir vollſtändig geſundet.“ „Und ich?“ wagte Gräfin Eliſabeth einzuwerfen; Fritze, Schloß Bärenberg. II. 13 194 „ich arme, alte Tante? Was wird aus mir in dieſem Kaleidoſkop aller unaufhörlichen Geſelligkeiten?“ „Du bekommſt Deine Ruheſtunden!“ ſagte Dora Bella gravitätiſch.„Zum Exempel, vom erſten Früh⸗ ſtück wirſt Du entbunden. Mittags iſt Dein Erſcheinen als Oberhofmeiſterin unbedingt nothwendig. Nach dem Diner ziehſt Du Dich zurück bis zum Thee, der ſtets zwanglos in meinem Salon genommen werden ſoll, da wir nicht fordern können, daß Leute, die ſich bei der Muſik zu Tode langweilen, unſern Muſikamuſements beiwohnen ſollen. Es ſteht alſo auch Dir frei, uns zu verſchmähen!“ „Sehr gütig!“ ſchob Gräfin Eliſabeth lächelnd ein. „Soupirt wird um neun Uhr und den müden alten Leuten geſtattet, unſern heitern Kreis zu ver⸗ laſſen nach Belieben!“ ſchloß Dora Bella und blickte mit ſchelmiſchem Triumph in das Geſicht ihrer Tante. „So ſoll es fortan in Schloß Bärenberg zugehen, lieb Tantchen, denn ohne Leben kein Glück und ohne Glück kein Leben!“ „Wenn dies Leben voll Glück und dies Glück voll Leben nur nicht meine ganzen Lebensgewohnheiten vernichtet“, ſeufzte Gräfin Eliſabeth.„Und was ſagt Dein Papa zu all den Plänen?“ Dora Bella lachte übermüthig hell auf. — „Papa wird in den Netzen der Hinterliſt gefangen!“ antwortete ſie.„So fern ich bis dahin von allen Ge⸗ lüſten zur Intrigue geweſen bin, ſo glaube ich dennoch für diesmal berechtigt zu ſein, nicht mit dem groben Ge⸗ ſchütze des Verlangens und Forderns vorzufahren, ſon⸗ dern ein feines Geſpinnſt von Wohlbehagen um meinen lieben Papa zu weben, worin er ſich dann mit Ver⸗ gnügen gefangen ſieht, wenn es zu ſpät iſt, es zu durchbrechen und zu zerreißen.“ „Ich glaube wohl, daß Du Deines Vaters Sinn ganz richtig beurtheilt haſt, wenn Du Zerſtreuung für ihn dienlich hältſt. Allein wie werde ich die Probe beſtehen im Gewühle einer ſteten Belagerung, da Con⸗ templation das Element und die Nahrung meines Geiſtes ausmacht? Wo bleibt mir die Ruhe zur Be⸗ trachtung, wo die Einſamkeit zum Nachdenken?“ Dora Bella blickte in halber Verlegenheit und in halber Schadenfreude vor ſich nieder. Die Tante mochte es als eine Strafe hinnehmen, wenn ſie die Neigung zu einer Ruhe ſtörte, die ſelbſtſüchtig genug geweſen war, ihrer Nichte Erziehung zu vernachläſſigen. Was ſich jetzt als Eingebung ihres gekränkten Herzens emporarbeitete, das hätte die liebende Fürſorge der Tante herbeiführen müſſen. „Haſt Du denn auch niemals daran gedacht“, ſprach 13* 196 Dora Bella nach kurzem Nachdenken mit Entſchloſſen⸗ heit,„daß die Zeit eintreten müſſe, wo die Tochter des Grafen Harald Bärenberg’ in die Welt geführt zu werden verlangen konnte? Iſt Dir denn die Mißach⸗ tung des Grafen Askan nicht aufgefallen, womit er die Tochter des Mannes behandelte, der ſein Wohl⸗ thäter im ganzen und vollen Sinne des Wortes ge⸗ weſen iſt?“ Gräfin Eliſabeth verfärbte ſich. Eine jähe Röthe wurde ſchnell von einer tiefen fahlen Bläſſe verdrängt. Ihr Gewiſſen regte ſich. Sie mußte ihrer Nichte Recht geben, denn das Betragen Askan's hatte nichts von der feinen und zarten Berückſichtigung aufgewieſen, die Dora Bella fordern konnte. Aber nicht ſie ſelbſt hatte dieſe Bemerkung gemacht, ſondern die Einflüſterungen der alten Bonne, die ſich in ihrem Pfleglinge beleidigt gefunden hatte, waren nachträglich durch verſchiedene Inſtanzen bis zu ihr gedrungen. Bewegten Tones erwiderte ſie: „Wenn mir die Schuld zufällt, meine theure Kleine, daß man Dich in den ungeordneten Hausverhältniſſen überſehen hat, daß—“ „Sei unbeſorgt, liebe Tante“, unterbrach die Com⸗ teſſe ſie ſorglos und offenbar der leichten Ironie in ihrer Antwort ſich nicht klar bewußt,„ſei unbeſorgt, 197 ich bin die Tochter einer Gräfin Boran aus dem fürſt⸗ lichen Hauſe Lichtberg und habe Gott Lob ſo viel Anlage zur Tournure geerbt, daß ich meine Anſprüche allein und ohne Hülfe geltend machen kann, wenn ich will. Bis dahin habe ich nicht gewollt, jetzt aber will ich!“ ſchloß ſie mit kräftiger Betonung. „Zürne mir nicht, es würde mir weh thun“, er⸗ widerte die Gräfin ſchnell.„Entſchuldige mich mit meinem Alter, das mich dem Grabe näher ſtellt als den Weltfreuden, das ſich lieber von Erinnerungen nährt als von neuen Erlebniſſen.“ „Wir wollen ſehen, wie die Feſttage eines geiſtigen Verkehrs auf Dich wirken, lieb Tantchen“, entgegnete Dora Bella liebevoll, um die ſichtliche Erregung der alten Dame zu beſchwichtigen.„Man muß ſich nicht eigenſinnig den Beſchäftigungen entziehen, die uns mit unſern Nebenmenſchen zuſammenbringen. Es wird das Entzücken Deiner bedrohten Einſamkeit und Ruhe weſentlich erhöhen, wenn Du aus dem Wirrwarr unſerer Geſelligkeit in dies reizende Gemach fliehſt und Deine geiſtigen Streifzüge wieder beginnſt.“ Gräfin Eliſabeth lächelte.„Wie weiſe Du ſprichſt!“ „Ich rede aus Erfahrung!“ „O über dieſe Erfahrungen eines Kindes!“ ſcherzte die Gräfin. 198 „Auch Kinder machen Erfahrungen, ſie achten nur nicht darauf; deshalb wundert man ſich als großer und erwachſener Menſch, wovon man denn eigentlich ſo klug geworden iſt.“ „Etwas von Deinen Erfahrungen in Bezug auf Deine erworbene Klugheit möchte ich wohl kennen lernen.“ „Warum ſoll ich Dir nicht geſtatten, Entdeckungs⸗ reiſen in den Bildungsgang meines Charakters zu machen?“ erwiderte Dora Bella heiter.„Sieh, ich las ſehr gern, ich las ſehr viel.“ „Ein Fehler, den Du von mir geerbt!“ Dora Bella neigte beiſtimmend das Haupt.„Oft⸗ mals war ich ſo vertieft, daß ich kaum wußte, ob ich lebte, wenn ich las. Mein Geiſt ging in der Phan⸗ taſie des Autors unter. Das waren meine ſchönſten Stunden und ich hätte ſie ganz ungeſtört genießen können, weil es Niemand einfiel, mich zu ſtören. Was that ich aber? Mitten im intereſſanteſten Kapitel ſprang ich auf und lief auf den Spielplatz, wo meine Gefährtinnen mich erwarteten. Weswegen ich dies that? Um mich mit ganzer Seele und aus tiefem Herzen nach meinem Buche zu ſehnen. Ich wußte, daß ein Genuß meiner wartete, und das machte mich ſo froh, ſo innig glücklich! Du hätteſt nur einmal ſehen 199 4 ſollen, wie ich mein Buch küßte, wie ich es liebte, wie ich mich in meinem Sophaeckchen zuſammenkauerte und nun las, bis mir Hören und Sehen verging. Siehſt Du, meine Tante, auf dieſe Erfahrungen baute ich meine Weisheit“, ſchloß ſie mit einem tiefen Seufzer, als hätte ſie ein ſchwereß Geſtändniß vollbracht. „Ganz gut; nur bedenkſt Du nicht, wie elaſtiſch die Jugend ſich regt und wie ſtumpf man im Alter ſich bewegt.“ „Verſuche es nur! Weißt Du noch, liebe Tante, was die Gräfin Terzky auf Thekla's Klage um ihre Mutter erwidert? Es war früher oft auf Deiner Zunge.“ „Ja wohl! Warum fragſt Du danach?“ „Ich bin ins Citiren von Klaſſikern gekommen durch Reinhold's und Antoniens Neckereien. Bitte, wie war's doch, Tante Eliſabeth?“ Gräfin Eliſabeth legte ſinnend die Hand an die Stirn und recitirte:„Sie wird in das Nothwendige ſich fügen. Ich kenne ſie! Das Ferne, Künftige beängſtigt ihr fürchtend Herz; was unabänderlich und wirklich da iſt, trägt ſie mit Ergebung!“ Lächelnd drohte die alte Dame dem übermüthigen Mädchen mit dem Finger, als Dora Bella mit inne⸗ rem Jubel die Schiller'ſchen Worte pantomimiſch be⸗ gleitete. 200 „Jetzt will ich dieſe prächtige Entſcheidung unſeres Streites richtig parodiren“, ſagte ſie mit Pathos. „Du wirſt in das Nothwendige Dich fügen. Ich kenne Dich! Das Ferne, Künftige beängſtigt Dein fürchtend Herz; was unabänderlich und wirklich da iſt, trägſt Du mit Ergebung! Iſt's nicht, als hätte Schiller für Tante Eliſabeth dieſe Worte erfunden?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Gekannt hat er mich ſchon, als er den„Wallenſtein“ ſchrieb“, entgegnete Gräfin Eliſabeth, in Erinnerungen an die ſchöne Jugendzeit verloren, die ſie mit all den großen Geiſtern der damaligen Zeit in Berührung ge⸗ bracht.„Aber ich ging noch im Flügelkleide der Jugend und zeigte keine Anlagen zu meinen jetzigen Schwächen und Fehlern. Du haſt gut gethan, mich mit dieſen Worten zu ſchlagen; ich gebe nach, meine Kleine, und werde die letzten Tage meines Lebens nützlich zu verwerthen ſuchen, indem ich Deine Abſichten unter⸗ ſtütze. Nur geht mein Rath dahin, Deinem Papa das Programm Deiner Luftſchlöſſer ebenfalls vor⸗ zulegen.“ „Ja!“ rief Dora Bella.„Wenn Du mir beiſtehſt, erobere ich Welten, alſo auch meines Vaters Willen.“ „Vertage jedoch die Mittheilung bis morgen früh.“ „Warum?“ fragte die Comteſſe unzufrieden. 3 NA— 201 „Weil in den Morgenſtunden der Geiſt proſaiſcher geſtimmt, alſo zu Ueberlegung mit kaltem Blute ge⸗ neigter iſt.“ Dora Bella ſann nach, ehe ſie ihre Einwilligung zu dieſem Vorſchlag gab. Gräfin Eliſabeth prüfte inzwiſchen das Geſicht ihrer Nichte, das etwas in ſich trug, als ſei trotz aller Selbſtzufriedenheit ein Schatten in ihrem Innern, ein räthſelhaftes Walten ihres Geiſtes, ein unergründlicher Mißmuth. Dora Bella dachte nach, aber wie ſie ihrem Nachdenken hingegeben war, daraus ließ ſich erkennen, daß der Quell ihrer Belebung nicht aus reiner Lebens⸗ luſt entſprang, ſondern ſich ein Geheimniß darunter verbarg, welches ſie geſchickt umging. Es währte lange, bevor ſie mit ſich einig war. Dann, wie aus tiefer Zerſtreuung erwachend, fuhr ſie heftig auf: „Nein, es geht nicht, Tante, liebe Tante! Ver⸗ zögerung könnte nachtheilig wirken! Soll Papa einge⸗ weiht werden, ſo muß es heute noch geſchehen, denn morgen ſchon wollte ich mir die Geſellſchaft der liebens⸗ würdigen Familie Wenk von Wenkenthal erbitten. Ich denke nicht entfernt daran, meine Abſichten dem kältern Blute der Ueberlegung unterzuordnen, ich werde menein Weg verfolgen, wie mein Programm es 202 heiſcht. In wenigen Tagen verlaſſen die beiden Herren unſer Schloß— vorher muß ſich der ganze Glanz unſerer Soiréen entfaltet haben.“ Die Gräfin zuckte unmuthig die Achſeln, doch viel zu wenig gewohnt, einem Menſchen zu widerſprechen, ſagte ſie nur ſanft: „Mir ſcheint, Du bauſt mit Kinderweisheit ein mächtiges Kartenhaus, das von einem Windhauche zer⸗ ſtört werden kann und wird.“ Zehntes Kapitel. Graf Askan wollte mit vollem Vertrauen dem alten Herrn ſein Herz öffnen, er nahte ſich ihm mit männlichem Entſchluſſe. Sein erſter Verſuch in der Selbſterkenntniß wurde von ihm mit feurigem Eifer beſchloſſen und ausgeführt, und wenn es wahr iſt, daß ein Kampf mit ſeinem eigenen Naturell den Mann zum Helden macht, ſo bewies in dieſem bedeutungs⸗ vollen Momente Graf Askan ſeine Befähigung zum Helden. Es mußte ihm jedes Bekenntniß ſeiner Schwäche ſchwer werden, am ſchwierigſten jedoch blieb eine Recht⸗ fertigung in dieſem Falle, wo er einer Mißdeutung unterworfen werden konnte. Daran dachte jedoch Graf Askan nicht. Geſtützt auf die Vertraulichkeit ſeines Verkehrs mit Graf Harald, öffnete er leiſe die Flügelthür, welche vom 204 Corridor aus in des Grafen Zimmer führte. Vom Abendſchein durchleuchtet, in der feierlichen Ruhe eines Aſyls, welches vom Geiſte ſeines Bewohners charakte⸗ riſirt wurde, lag das Gemach vor Askan's Blicken, als er es behutſam betrat. Noch ruhte Graf Harald im Faulſeſſel, wie er ſcherzweiſe ſeinen Schlafſeſſel immer zu benennen pflegte, aber der alte Volkmann ſtand neben ihm und ſchien die Wirkung ſeiner leichten Berührung abzuwarten, durch die er Exeellenz hatte wecken wollen. Bei dem leiſen Geräuſch, das Askan's Eintritt verurſachte, richtete der alte Diener gutmüthig zornig ſein Geſicht zu dieſem auf und flüſterte:„Wir haben heute einen Schlaf wie ein Dachs, Graf Askan. Schon dreimal verſuchten wir Excellenz zu wecken, immer vergebens! Jetzt aber iſt’'s Zeit— wir müſſen ja noch Toilette zum Thee machen, ſonſt verderben wir's mit der Comteſſe.“ Askan trat näher und horchte auf die tiefen, regel⸗ mäßigen Athemzüge des Schlafenden. Wie leid that es ihm, daß dieſer ſchöne Schlaf ge⸗ ſtört werden ſollte. Er wagte es, Volkmann den Vor⸗ ſchlag zu machen, Excellenz nicht zu ſtören. „Da würden wir ſchön ankommen, Herr Graf“, entgegnete Volkmann eifrig.„Exeellenz befahl noch — 205 vor ſeinem Einſchlafen— halt, jetzt regt ſich Excel⸗ lenz“, unterbrach er ſich.„Unſer Sprechen hat ge⸗ wirkt!“ Raſch wendete der alte Mann ſich wieder herum, legte ſeine Hand leicht auf die Hand des Grafen Harald und flüſterte bittend:„Excellenz, wollen wir nicht die Gnade haben, aufzuwachen? Wir dürfen nicht wieder einſchlafen— bitte, machen Excellenz ge⸗ fälligſt die Augen auf.“ Graf Harald ſchlug ſeine Augen wirklich auf und heftete ſie ſtarr und ernſt auf ſeinen treuen Diener. „Warum haſt Du mich geweckt, Volkmann?“ fragte er vorwurfsvoll und ließ ſeinen Zlick unſicher im Zimmer rundum gleiten. Dadurch wurde er Askan's anſichtig. „Warum haſt Du geduldet, Askan, daß mich der alte Mann aus meinem ſüßen Traume fortholte? Mein liebes Weib war ja bei mir— ja ja, Laura war wieder da— ſie ſegnete Dich— ſie ſegnete Dora Bella— o, warum habt Ihr mein liebes Weib ver⸗ ſcheucht— ſie ſegnete Dora Bella— unſer liebes Kind—“ Die letzten Worte flüſterte er kaum hörbar die Augen ſanken in unbeſiegbarer Müdigkeit ihm wie⸗ der zu. 206 „Laßt ihn, lieber Volkmann“, bat Askan mitleidig. „Noch ein Viertelſtündchen Ruhe und er wird um ſo friſcher erwachen.“ „Noch niemals haben wir Excellenz, ſo geſehen“, antwortete Volkmann etwas beklommen.„Es wird doch nichts zu bedeuten haben?“ Askan lächelte beruhigend.„Hört nur die tiefen, geſunden Athemzüge!“ „Geſund? Wenn wir nur wüßten, ob dies tiefe, rollende Athmen geſund wäre?“ fragte er ängſtlich. „Ich will Wache halten, Volkmann, und Euer Amt vertreten“, beſchwichtigte ihn der junge Graf. Volkmann neigte ſich nochmals über den Schlafen⸗ den, horchte ſcharf auf ſein Athmen, legte ſeine Rechte leiſe, leiſe auf ſein Herz, prüfte die Wärme der Hände— Alles in Ordnung— nichts Abnormes— ſein Ge⸗ müth beruhigte ſich wieder. Volkmann ſchlich hinaus. Askan nahm das Buch, welches auf dem Leſepulte des Grafen Harald lag. „Ueber die Unſterblichkeit der Seele!“ lautete der Titel des Werkes. Askan begann zu leſen. Das Buch enthielt nichts, was ihm fremd oder überraſchend war. Es war ein Kampf der Glaubenslehre gegen die Vernunft⸗ lehre, welche der Autor mit der frommen Zuver⸗ 207 ſicht auf ein Wiederſehen nach dem Tode durch⸗ führte. Aus dieſer Lectüre war natürlich der Traum des Grafen Harald entſtanden. In der Exaltation ſeines eigenen Glaubens hatte ſich ſeiner Seele das Entzücken eines Wiederſehens im Paradieſe der Unſterblichkeit, vor dem Entſchlummern eingeprägt und war zu einem ſchönen Traume geworden. Sein Einverſtändniß mit dem Verfaſſer dieſes myſtiſch⸗religiöſen Werkes ging klar daraus hervor, daß er Stellen angeſtrichen hatte, wie zum Beiſpiel:„Unſer ganzes Leben, unſer Lieben, unſere Hoffnung, unſer Denken, Fühlen und Empfinden ſollte aufhören gleich einem Lichte, das aus Mangel an Nahrung erliſcht, das erſtirbt, weil die Flamme vom Zufall gelöſcht wurde? Nein, es iſt die tröſtlichſte Segnung unſerer Glaubenslehre, daß wir mit der Ueberzeugung von Gottes Barmherzigkeit jeden Zwei⸗ fel an eine Fortdauer unſerer Seele erſticken müſſen.“ Askan, der ſich frühzeitig gewöhnt hatte, die fieber⸗ haften Aufregungen einer unlösbaren Controverſe durch eigene Verſtandesfolgerungen zu unterdrücken, und die nöthige Kaltblütigkeit beſaß, ein Leben mit Gott und mit chriſtlichen Sittenlehren allem religiöſen Prunke vorzuziehen, empfand ein tiefes, herzliches Mitleiden mit dem alten Herrn, der ſich in der Weichherzigkeit 208 des Alters an Strohhalmen aufrichtete und ſich durch die innere Sehnſucht nach ſeiner vorangegangenen Gat⸗ tin ermattete, ſtatt Troſt und Beruhigung im kräftigen Ermannen zu ſuchen. Dem jungen, lebenskräftigen Manne, der noch nie⸗ mals mit Verzweiflung getrauert hatte, ſchien es ein Leichtes, durch ſeine ſtarke und friſche Liebe die Phan⸗ taſie ſeines Wohlthäters vom traurigen Zwieſpalte der Hoffnung und des Zweifels zu befreien, indem er ihn mit liebevollen Vorſtellungen von dem Gedanken an ſeinen eigenen Tod abzog und ſeinem jetzigen Leben die Mißſtimmung nahm. Daß ſich Graf Harald mit Inbrunſt an die Möglichkeit einer baldigen Vereini⸗ gung mit derjenigen, die er ſo unſaglich geliebt, an⸗ klammerte, daß er nur zu ſeiner Befriedigung mit den tröſtlichſten Glaubenslehren ſich beſchäftigte, daß er ſich mit dem Gedanken an die Fortdauer des anmuthigen, fröhlichen Weſens, welches ſeine letzten Lebensjahre ſo unendlich beglückt hatte, über ihren unerwarteten Tod zu beruhigen ſuchte, daran dachte Graf Askan nicht, weil er eben noch niemals im Schmerze einer ewigen Trennung an Gott gezweifelt hatte. Ohne es zu wollen, hatte ſich Askan dennoch von dem geiſtreichen und lebhaften Stil des Buches an⸗ ziehen laſſen, und erſt das ganz verſchwindende Tages⸗ 209 licht mahnte ihn an ſeine Pflicht, den Grafen zu wecken und an ſein Vorhaben, ihm ſein Herz zu eröffnen. War es die Einwirkung der Lectüre oder was war es? Ein leichter Schauer ergoß ſich plötzlich über ſein Herz; es war, als würde es ſtiller im Gemach. Stiller? Und doch hatte ſich zuvor auch nichts geregt! Askan ſah nach ſeiner Uhr. Eine volle halbe Stunde war verfloſſen, ſeit Volkmann das Zimmer auf ſeine Verantwortung verlaſſen hatte, nun war es die höchſte Zeit, den alten müden Mann zu wecken. Raſch näherte er ſich dem Seſſel und beugte ſich über das Geſicht des Grafen. „Allmächtiger Gott!— Volkmann! Volkmann!“ Der Ruf entriß ſich unwillkürlich ſeinen Lippen. Volkmann erſchien. Er fand den Grafen Askan am Boden knieend, ſeine Augen hingen ſtarr an dem Ge⸗ ſichte ſeines Wohlthäters, ſeines väterlichen Freundes. Die gefalteten Hände hob er ihm flehend entgegen. Volkmann ſtürzte hinzu.„Todt! Todt! O meine Ah⸗ nung!“ ſtöhnte dieſer. Graf Harald war hinübergeſchlummert in das Reich des Jenſeits, wo er ſeine Gattin zu finden hoffte. Er hatte geendet, während Askan ihm eine Heilung ſeiner wunden Seele, eine Kräftigung ſeines ermatteten Ge⸗ müthes zu bringen gedachte. Sein Athem hatte auf⸗ Fritze, Schloß Bärenberg. II, 14 210 gehört, darum war es ſtiller um Askan geworden. Friedlich ruhte ſein Kopf in den Kiſſen, die ihn ſtütz⸗ ten; ohne Kampf war er eingeſchlafen! Eine entſetzliche Minute für die Ueberlebenden, wenn ſo plötzlich das Leben in die ſtille Erſtarrung des Todes übergegangen iſt; trauernd beugen ſie ihr Haupt vor dem Beſchluſſe Gottes. Trauernd! Sie ſollten Gottes Barmherzigkeit ſtatt deſſen preiſen! Volkmann ermannte ſich zuerft. Er durfte ſeine Pflichten nicht verſäumen, auch wenn das Leid ſeine Bruſt zuſammenſchnürte und ſeine alten Glieder zittern machte.— Leiſe ſchlich er hinaus, nachdem er die Lichter an⸗ gezündet und die Lampe auf dem Schreibtiſch zurecht geſtellt hatte. Er durfte ja nichts verſäumen. Ueber fünfzig Jahre hatte er's täglich gethan, wie hätte er 1 ſich in ſeinem Dienſt nachläſſig finden laſſen können, obwohl ſein Herz bei dem Gedanken blutete, daß ſein Herr nie wieder die Augen öffnen, daß er die Pünkt⸗ lichkeit und den Dienſteifer ſeines alten Volkmann nie wieder loben werde. Rathlos blieb Askan neben der Leiche ſtehen. Noch hegte er die leiſe Hoffnung, es könne nur eine Ohn⸗ macht ſein. 1 Volkmann ſchlich den Corridor hinab. Eigentlich 211 wußte er nicht, wen er rufen, wem er die ſchreckliche Nachricht zuerſt mittheilen ſollte. Wirrer Gedanken voll, verfügte er ſich nach den Colonnaden, wo Anſtal⸗ ten zu einer kleinen Feierlichkeit getroffen wurden, während der Graf Harald zum ewigen Frieden ein⸗ ging. Der Contraſt war fürchterlich. Er warf die letzten Reſte von Faſſung und Ueberlegung darnieder. Mit bebenden Knieen trat er unter die Orangenbäume, die ſchon im Lichtglanze prangten. Ein Tiſch, umſtellt mit blühenden Granatbäumen, ſervirt mit Allem, was zum Thee gehörte, ſtand in der Mitte. Die Flügel⸗ thüren der Gemächer, welche die Gräfin Eliſabeth inne hatte, waren geöffnet, ein Lichtmeer quoll daraus her⸗ vor und ließ die beiden jugendlichen Geſtalten der Comteſſe und Antoniens im vortheilhafteſten Lichte er⸗ kennen. Gräfin Eliſabeth ſaß im Sopha, ihr zur Seite ſtand Reinhold, bemüht, die leichten Unmuths⸗ falten von ihrer Stirn wegzuplaudern. Eben eilte Antonie zum Flügel und wollte zum Empfange des Grafen Harald, den ſie hinter dem Kammerdiener erſcheinen zu ſehen erwarten konnten, ein Stück beginnen. Volkmann wankte näher. Seine Hand wehrte dem Beginne der Muſik— ſchrecklich, ſchrecklich, wenn er 14r. 212 den luſtigen Tönen ſeine Botſchaft hätte folgen laſſen müſſen. Dora Bella ſchaute dem treuen Diener ins bleiche Geſicht. „Mein Vater!“ ſchrie ſie mit augenblicklichem Ver⸗ ſtändniß des tiefen Schmerzes, der ſich in Volkmann's Antlitz malte. „Wo iſt mein Vater, mein Vater!“ wiederholte das arme junge Weſen im ungeſtümen Schmerz. Ohne die Antwort abzuwarten, flog ſie fort, durch den Corridor, in das Zimmer ihres Vaters. Ihr erſter Blick traf auf Askan, der tief nieder⸗ gebeugt nach Athemzügen zu forſchen ſuchte. „Was iſt mit meinem Vater?“ fragte Dora Bella mit wildem Blicke.„Gehen Sie fort, Graf, gehen Sie fort von ihm, das iſt mein Platz, Sie ſollen mir nicht meines Vaters Liebe rauben! Ich bin ſein Kind— o Vater, Vater!“ Sie warf ſich vor dem Seſſel nieder und legte ihren Kopf an ſeine Wange. „Lieber Papa!“ ſchmeichelte ſie leiſe und zärtlich, als bedürfe es nur ihrer Liebkoſung, um ihn wieder leben⸗ dig zu machen. Sie glaubte ihn wiederum einem Anfalle unterworfen, wie vor einigen Monaten, wo ihn eine ſtundenlange Ohnmacht in Banden hielt und er 213 unter ihren Schmeichelworten das erſte Lebenszeichen von ſich gab. Die eiſige Kälte ſeines Geſichts erſchreckte ſie.„O laſſen Sie den Arzt holen“, bat ſie Askan, der erſchüt⸗ tert neben ihr ſtand und es nicht wagte, ihr die Wahr⸗ heit mitzutheilen.„Bitte, geben Sie mir das Riech⸗ fläſchchen vom Schreibtiſche— o mein lieber Papa— Deine Dora Bella hilft Dir— komm zu Dir— ſchlage die Augen auf. Hörſt Du mich denn nicht, Papa?“ Hätte Graf Harald noch einen Funken Leben in ſich gehabt, er würde durch die rührenden Bitten und Beſchwörungen zum Leben zurückgerufen worden ſein. Aber er war todt, ſeine Seele war von hinnen ent⸗ flohen, nichts konnte ihn ins Daſein zurückbringen! Allmälig füllte ſich das Gemach mit der erſchrocke⸗ nen Dienerſchaft, Gräfin Eliſabeth wankte an Reinhold's Arm herein, Antonie blieb ſchüchtern an der Schwelle ſtehen; der Tod war zu unerwartet eingetreten, um nicht eine große Erſchütterung bei ſämmtlichen Schloß⸗ bewohnern zu bewirken. Noch wagte Niemand eine laute Klage um den Dahingeſchiedenen, denn man wußte nicht beſtimmt, ob er wirklich todt ſei; aber in der Wehmuth der Mienen, in der Aengſtlichkeit der Blicke, in den leiſen Fragen mit gedämpfter, von Thrä⸗ 214 nen erſtickter Stimme trat endlich der Comteſſe die wahre Sachlage näher. Mit einem irren, überſpannten Blicke heftete ſie ihre Augen auf das erblaßte Geſicht; ſchaudernd hob ſie den Kopf von ſeiner Wange, die ihrer Bemühung, ſie zu erwärmen und zu beleben, ſpottete. Ihre Tante war unterdeſſen herangetreten, hülflos ſtreckte Dora Bella ihre Arme ihr entgegen. „Iſt er todt, Tante Eliſabeth?“ fragte ſie mit ganz veränderter Stimme. „O meine Kleine“, ſchluchzte dieſe,„laß uns für ihn beten! Möge Gott ſeiner Seele gnädig ſein!“ Wild ſprang Dora Bella auf. Der Schmerz der Ueberzeugung durchbrach alle Schranken und in der Aufregung des Entſetzens entſchlüpften ihr Worte, die eine grauſame Anklage mit der Offenbarung ihres In⸗ nern zugleich enthielten. „Antonie, hilf mir!“ rief ſie und ſtürzte dem ge⸗ ängſtigten Mädchen entgegen.„Ich bin verlaſſen von allen! Er iſt todt, mein Vater iſt todt, hörſt Du, er iſt von mir gegangen ohne Abſchied, auf ewig von mir gegangen und er ließ mich nicht rufen! Sein Liebling war bei ihm, er gebrauchte mich nicht, er hat ſein Kind, ſein einziges Kind verleugnet um eines Fremden willen, und dieſer Fremde hat die letzten lieben Worte von ihm gehört, dieſer 215 Fremde hat ſeinen letzten Athemzug belauſcht, von ihm geliebt hat er ihn behütet— o mein Gott! Mein Vater, warum haſt Du mich geringer geachtet als den Fremden!“ Wie ein Aufruhr lief es durch die Reihen der Die⸗ ner, als ſie dieſe herzzerreißenden Wehklagen hörten. Als wolle man ſich zum Schutz und Trutz ſchaaren, ſo dicht umdrängten ſie alle die Tochter des Hauſes, welche eine harte Beſchuldigung gegen Graf Askan ge⸗ ſchleudert hatte. Halb ohnmächtig, von Antoniens Armen mehr getragen als geführt, wurde Dora Bella aus dem Sterbezimmer gebracht, von den hülfreichen Händen der Diener und Dienerinnen wurde ſie nach ihrem Zimmer geſchafft, aber weder Graf Askan noch Reinhold, weder die Gräfin Eliſabeth noch der alte Volkmann hatten einen mitleidigen Blick für ſie. Sie alle vergaßen über der traurigen Nothwendigkeit, einem Todten ihre Theilnahme zu widmen, den Schmerz der beraubten Tochter.. Die Kunde von dem unerwarteten Ende des Grafen verbreitete ſich mit unglaublicher Schnelligkeit. Noch ehe man es erwarten konnte, befanden ſich ſämmtliche Schloßbeamte neben der Leiche, um ſich zu überzeugen, daß der Mann, der ihnen ein gütiger Herr geweſen war, wirklich aus dem Leben geſchieden ſei. Daß ſie dabei auch des Tages gedachten, wo ihnen im Grafen 216 Askan ein neuer Herr gegeben werden würde, war unvermeidlich. Sie hoben verſtohlen den Blick zu dem jungen Mann auf, der mit wahrhaftem Schmerze das traurige Ereigniß beklagte und ihnen durch ſeine wohl⸗ wollende Begegnung gleichſam den Beweis liefern wollte, daß er fühle, was ſie verloren. Aber auch die Schloßbeamten gedachten nur ſehr vorübergehend der verwaiſten Tochter des Hauſes. Sie achteten die drohenden Veränderungen um ihrer ſelbſt willen höher als die Thränen eines Kindes, das vom Geſchicke hart betroffen war. Sie prüften lieber das Mienenſpiel deſſen, der die Macht erhielt, ihre angenehme Exiſtenz zu gefährden. Von allerlei Befürchtungen beängſtigt, verließen ſie endlich das Sterbezimmer. Keinem als dem Förſter Horink fiel es ein, nach dem Gemüthszuſtande der Comteſſe zu fragen. Der Förſter ließ ſich von der alten Bonne zu ihr führen. Er fand ſie gefaßter, als er es nach der flüchtigen, bedeutungsvollen Andeutung des alten Volk⸗ mann hatte erwarten können. Nach dem erſten leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruche ihres Schmerzes war eine tödt⸗ liche Erſchlaffung gefolgt, die ſie mehrere Minuten be⸗ ſinnungslos darnieder geworfen hatte. Aus dieſer Ohn⸗ macht erwacht, war ſie nun einer ſtumpfſinnigen 217 Trauer hingegeben, einem peinlichen Brüten ohne Thränen. Die treuherzige Theilnahme des Förſters ſchien ſie wohlthuend zu berühren und aus ihrer dumpfen Be⸗ täubung zu wecken. Sie blickte träumeriſch zu ihm auf, als er ihr ſeine Dienſte anbot und ſie ſeiner Treue verſicherte. „Ja“, flüſterte ſie und ihre Stimme klang unheim⸗ lich heiſer,„ich gebrauche einen treuen Freund; Horink, verlaſſen Sie mich nicht, wenn mich auch alle in der Vorausſicht gering achten, daß ich aufgehört habe, hier Herrin zu ſein.“ Der Förſter ſchaute mitleidig auf die junge Dame nieder. „Darf ich Ihnen rathen als ein treuer Beamter, als ein Vertrauter der Familie, Comteſſe?“ fragte er kaum hörbar. Dora Bella wurde aufmerkſam. Sie neigte zuſtimmend den Kopf. „Laſſen Sie die Bibliothek ſchließen, Comteſſe!“ fügte er nun hinzu. „Thun Sie es in meinem Auftrage, bringen Sie mir die Schlüſſel“, bat Dora Bella ebenſo leiſe. Sie wußte, was der Förſter mit dieſer Warnung hatte ſagen wollen. Verloren gegangene Documente ſind nicht zu erſetzen, und wer die betreffenden Documente in den Händen hatte, war Herr ihres Geſchicks. 218 Sie ſah ein, daß Horink durch triftige Gründe zu ſeiner Warnung gezwungen wurde. Wen er bearg⸗ wöhnte, wem er eine intriguante Einmiſchung in ihre Verhältniſſe zutraute, wußte ſie nicht, aber ſie gab ihm unbedingt Recht, daß jeder möglichen Unbeſcheidenheit vorgebeugt werden müßte. Wer in der Bibliothek war, konnte füglicherweiſe ſich aller Familienpapiere bemäch⸗ tigen. Welch eine heilloſe Verwirrung konnte dadurch angeſtiftet werden! Wie ein Blitz durchflammte die Erinnerung an jene Documente, die ihr ſo bedeutſame Rechte ſicherten, den Geiſt Dora Bella's. Kein Menſch als ihre treuen Untergebenen bekümmerte ſich um ſie, keiner hatte einen tröſtlichen Liebesbeweis für ſie, und doch hatte ſie die Macht, alle Vorausſetzungen zu vernichten! „Bringen Sie mir ſofort die Schlüſſel von der Bibliothek!“ ſagte ſie beſtimmter und lauter als zuerſt zum Förſter.„Es iſt nothwendig, daß ich einen treuen Vertreter meiner Rechte habe; wollen Sie mir treu zur Seite ſtehen, ſo ſchließen Sie vor allen Dingen die Bibliothek um des Archivs willen, das jetzt ſo nach⸗ läſſig verwahrt wurde!“ Förſter Horink ſah ſich von der Comteſſe verſtanden und eilte, ihren Auftrag auszuführen. Als er zurückkam und ihr die Schlüſſel einhändigte, 219 fand er die Gräfin Eliſabeth bei Dora Bella. Wei⸗ nend und klagend machte die alte Dame ihrem Schmerze Luft, während ſich in dem Herzen ihrer Nichte eine unſelige Bitterkeit einniſtete und die tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit ihrer Seele und der drückende Schmerz ihres Herzens nicht durch Thränen gemildert wurden. Antonien war die ſtarre Ruhe der Comteſſe längſt unheimlich erſchienen. Sie hatte verſucht, dieſe inner⸗ liche Regungsloſigkeit zu heben. Alle Bemühungen blieben erfolglos. Um ſo auffallender erſchien es ihr, daß ihre junge Dame die Schlüſſel aus des Förſters Händen mit einer fieberhaften Haſt an ſich nahm und ſie ſorgfältig verbarg. Ihr Blick fragte den Verwandten, ſonſt wagte ſie keine Aeußerung. Dora Bella bemerkte den Blick.„Es ſind die Schlüſſel zur Bibliothek, Antonie“, ſagte ſie mit einem bittern Zucken um die Lippen. „Warum haſt Du die Bibliothek verſchließen laſſen?“ fragte Gräfin Eliſabeth erſtaunt. „Verloren gegangene Documente ſind nie zu erſetzen“, flüſterte Dora Bella. „Was fürchteſt Du, meine theure Kleine?“ fragte die Gräfin theilnehmender. „Ich fürchte nichts! Es ſoll aber Niemand dort hinein, bis ich im Stande ſein werde, meine Lage zu 220 überſehen und zu begreifen!“ erklärte Dora Bella fie⸗ berhaft heftig. „Comteſſe hat Recht!“ fügte der Förſter beſcheiden hinzu, als er den Schatten der Befremdung und des Unmuths auf dem Geſichte der Gräfin bemerkte. „Mein Gott, Dora Bella, welcher Dämon vergiftete das Vertrauen Deines Kindergemüths!“ rief ſie ſchmerz⸗ lich erregt. „Es iſt Nothwehr!“ flüſterte Dora Bella.„Warum habt Ihr mich verlaſſen! Sie hatten das Vertrauen meines Vaters, lieber Horink— wer wird mein Vor⸗ mund ſein? Der Hofmarſchall? Gut, laſſen Sie un⸗ verzüglich eine Stafette an ihn abgehen, ich muß ihn ſprechen, er muß ſogleich kommen, ſogleich, Horink, hören Sie? Stellen Sie ihm meine Lage vor, er wird ſeiner Pflicht genügen und nicht zögern zu kommen. O mein Gott, mein Gott!“ Sie verbarg mit einem herzzerreißenden Wimmern ihr Geſicht in den Händen, aber keine Thräne löſte das qualvolle Weh, dieſe Ver⸗ ſteinerung und Erſtarrung ihres Empfindungsvermö⸗ gens. Der Wechſel in ihrem Leben war ſo ſchnell eingetreten, als hätte ein tückiſches Geſchick die un⸗ ſchuldigen Intriguenſpiele, womit ſie ihrem verletzten Gefühle Genugthuung hatte verſchaffen wollen, beſtraft. Wie jämmerlich mußten ihr jetzt die weltlichen Be⸗ 221 ſtrebungen erſcheinen, wie unhaltbar die Freuden des Lebens, wie erbärmlich das Ringen nach einer äußer⸗ lichen Achtung! Mit dem unerwarteten Verluſte ihres Vaters er⸗ ſtarb auch ihr Herzensfrieden, und eine quälende Un⸗ ruhe, eine folternde Raſtloſigkeit nahm Beſitz von ihr. Ihre Gedanken jagten ſich. Ein Vorſatz verdrängte den andern, von einem Plane ſchweifte ſie zu dem andern, bis endlich der Schlummer ihre ruheloſe Seele beſchwichtigte. Der Schleier der Nacht deckte die Stätte der Trauer und die Genien der Träume breiteten ihre Flügel über die müden Augen, welche einen Gerechten des Herrn, einen milden, gütigen und redlichen Mann beweinten. An Dora Bella's Lager wachte mit treuer Sorge die alte Bonne, welche ſeit ihrer Geburt die Pflicht geübt, ſie vor Schaden zu behüten. Antonie hatte ſich erſchöpft ins Sopha geworfen, um eine kurze Ruhe zu ſuchen. Nicht alle diejenigen, welche der Ruhe bedurften, ſuchten ſie. Der alte treue Volkmann ſetzte ſich ins Sterbezimmer und hielt Todtenwacht. Wie hätte er ſeinen Herrn, den er ſo ſehr geliebt, verlaſſen können! Nein, ſeine Pflicht war es, in ſeiner 222 Nähe zu bleiben, auch wenn die Stimme, der er ſein Lebelang ſo gern Gehorſam geleiſtet, ihn nicht mehr rufen konnte. Ihm war die Nähe des Todten nicht ſchauerlich, wie ſie dem jungen Menſchen zu ſein pflegt. Seine Phantaſie war abgeſtorben und verglüht. Sie konnte der Seele das natürliche Grauen nicht mehr einflößen, welches in der Einbildungskraft beruht. Seine Nerven waren ſtumpf geworden und ſein Ge⸗ müth abgekühlt. Der erſte Eindruck des Schreckens war überwunden und ſeinem Schmerze that der Troſt Einhalt, daß er bald mit ſeinem Herrn vereinigt ſein würde. Während Dora Bella in der vollen Glut ihrer Kindesliebe den Vater floh, als ſie inne wurde, er lebe nicht mehr, während ſie, vernichtet durch das Entſetzen des Schreckens, betäubt von der traurigen Wirklichkeit, nur kurze Momente hindurch Vergeſſenheit im Schlafe fand und immer wieder unter dem Schauder der fürch⸗ terlichen Erfahrung in die Höhe fuhr, während der Zeit ſaß dieſer alte lebensmüde Mann neben dem Lager des Todten und wartete geduldig des neuen Tags, der ihn von ſeinem Poſten ablöſen ſollte. Aber auch ihm nahten die Genien der Träume und ſchloſſen ihm mit lindem Hauche die Augen. Sein Schlaf war ſanft und tief. Er hörte nicht, —;—— ——————— 223 daß die Thür geöffnet wurde, er ſah nicht, daß Rein⸗ hold von Leſſel vorſichtig eintrat und ihn mehrere Mi⸗ nuten ſcharf beobachtete. Das Antlitz des jungen Manns war bleicher als ſonſt. Seine innern Gedanken, ſeine Projecte hatten es jedoch gebleicht, nicht der Schmerz um den Wohl⸗ thäter ſeiner Jugend. Was bezweckte ſein ſpätes Erſcheinen in dem Zim⸗ mer, wo dieſer Wohlthäter ruhte? Waren es ver⸗ brecheriſche Gedanken, verbrecheriſche Projecte, die ſeiner fruchtbaren Phantaſie entſprungen waren und ihn hier⸗ her geführt hatten? Verbrecheriſche Pläne? Nein, o nein! Reinhold von Leſſel liebte ſeine Ehre viel zu ſehr, um ſie durch Verbrechen zu verunglimpfen. Ihn trieb nur der Durſt nach Macht, Größe und Reichthum in dieſe ſtillen, heilig friedlichen Räume, wo der Tod ſeine Herrſchaft aufgeſchlagen hatte. Reinhold von Leſſel gehörte zu den kaltblütigen Rechnern, die jede Gelegen⸗ heit zu benutzen trachten, wo ſich ihre Wünſche mit Erfolg krönen laſſen. Ihn führte der Wiſſensdrang durch die ſchaurige Nachtſtille bis in das Zimmer, wo ihm Aufklärungen werden konnten, ſeinen Projecten zum Heile. Ihm war das Recht eingeräumt worden, die Bibliothek zu jeder Zeit zu betreten. Warum ſollte 224 er keinen Gebrauch von dieſem Rechte machen, jetzt, wo es darauf ankam, dieſe Bevorzugung auszunutzen, wo ihm durch die Einſicht mancher Familienpapiere unendliche Vortheile erwachſen konnten? Vielleicht würde er auf dergleichen Gedanken nicht verfallen ſein, wenn ihm nicht der Verſucher in Ge⸗ ſtalt des Inſpectors Prutz nahe getreten wäre und ſeine Begierden durch Vorſpiegelungen geweckt hätte, ſo, daß ſie ſich erſt leiſe und widerſtrebend regten, dann aber feſter auftraten und zuletzt ihm keine Ruhe ließen, bis er ihren Einflüſterungen nachgegeben hatte. War Reinhold von Leſſel mit der Abſicht hier er⸗ ſchienen, ſich der nöthigen Familiendocumente zu be⸗ mächtigen? Bewahre! Seine Klugheit rieth ihm nur, die⸗ jenigen Papiere zu prüfen, welche Graf Harald vor⸗ ſichtigerweiſe ſeinen Blicken entzogen hatte. Er glaubte darin das zu finden, was er zu ſeinen ſpätern Lebens⸗ zwecken gebrauchte, und hielt es für erforderlich, ſich zu rechter Zeit von dem zu unterrichten, was ihm dien⸗ lich war. Wer kann jedoch für den zweiten Schritt bürgen, wenn erſt der erſte Schritt über die Grenze des ſchmalen Pfades gemacht worden iſt. den Pflicht und Ehre vor⸗ zeichnen? ———u— 225 Nachdem Reinhold ſich überzeugt hatte, daß Volk⸗ mann wirklich feſt ſchlief, überlegte er, was beſſer ſei, ihn zu wecken oder heimlich an ſeinem Stuhle vorüber zu ſchleichen. Er entſchied ſich für das Letztere. Raſch und geräuſchlos durchſchritt er das Sterbezimmer trat in das Nebengemach, welches eigentlich des Grafen Schlafzimmer geweſen war. Es war nicht erleuchtet. Reinhold zündete alſo eine der Wachskerzen an, die vor dem Toilettenſpiegel ſtanden. Sein erſter Blick auf die getäfelte Rückwand ließ ihn erkennen, daß die geheime Treppe, welche zur Bibliothek hinaufführte, verſchloſſen war. Er ſtutzte und blieb bedenklich ſtehen. Wer hatte dieſe Thür verſchloſſen? Wer konnte dieſe Thür verſchloſſen haben, die noch vor kurzer Zeit, noch unmittelbar vor dem Einbruche der Nacht offen geſtanden hatte? und Lag dieſer Handlung ein beſonderes Motiv zu Grunde? Er erinnerte ſich ſehr wohl, daß es Sitte geweſen war, dieſe Thür nie zu verſchließen, und daß der alte Graf ganz ſorglos bei offener Thür ſchlief, obwohl man durch den gewöhnlichen Eingang, der von dem Corridor aus über die breite Haustreppe bewerk⸗ ſtelligt werden konnte, ihn hier zu überraſchen im Stande war. Fritze, Schloß Bärenberg. II. 15 —x— 226 Warum war die Thür verſchloſſen, die ſtets offen geſtanden hatte? Neinhold begann nach dem Schlüſſel zu dieſer Thür zu ſuchen. Vergebens! Er fand ihn nicht, ob⸗ wohl alle übrigen Schlüſſel an einem ſilbernen Schlüſſel⸗ halter aufgehangen und bezeichnet waren. Aergerlich über dieſen unangenehmen Zufall, der ihn hinderte, ohne Aufſehen und auf dem nächſten Wege die Bibliothek zu betreten, ging er in das erſte Zimmer zurück und nahm Veranlaſſung, durch ein Ge⸗ räuſch die Ruhe des armen alten Dieners zu ſtören. Erſchrocken fuhr Volkmann aus ſeinem Polſterſtuhle auf und ſah mit reſpectvollem Erſtaunen dem jungen Herrn ſtarr ins Geſicht. „Geben Sie mir den Schlüſſel zur Tapetenthür der Treppe, die zur Bibliothek hinaufführt“, ſagte Rein⸗ hold mit ſorgloſer Miene.„Ich kann nicht ſchlafen und will mir etwas Intereſſantes zum Leſen holen.“ Volkmann rieb ſich den Schlaf aus den Augen und blickte nach der Wandbekleidung hinüber.„Wir haben nicht zugeſchloſſen“, ſagte er etwas verwirrt. „Es iſt aber zugeſchloſſen“, warf Reinhold ärger⸗ lich ein. „Unmöglich! Wir haben die Thür noch offen ſtehen ſehen, als wir das Bett von Excellenz hierher trugen.“ 227 „Das habe ich auch geſehen, jetzt iſt jedoch zu⸗ geſchloſſen, und da nach dieſer Zeit Niemand hier im Zimmer geweſen iſt als Sie und der Doctor, ſo müſſen Sie zugeſchloſſen haben. Beſinnen Sie ſich, wohin Sie den Schlüſſel gelegt haben.“ „Wir haben nicht zugeſchloſſen“, erklärte einfach Volkmann nochmals. „So muß ich über die Vordertreppe und durch die Corridore gehen“, ſagte Reinhold entſchloſſen und ver⸗ ließ das Zimmer. Volkmann ſah ihm nach, bedenklich und mißtrauiſch. „Sollte Graf Askan vorſichtigerweiſe dieſen Eingang verſperrt haben? Aber warum? Wozu? Was der junge Herr Graf zu erwarten hatte, ſtand feſt ver⸗ ſchrieben, und wenn alle Thüren ſperrangelweit auf⸗ blieben, ſo konnte ihm nichts genommen werden. Ku⸗ rios! Wer mag zugeſchloſſen haben?“ Reinhold kam zurück. Verdruß in allen Mienen, betrat er nochmals das Zimmer, wo Volkmann ſeines Amtes wartete. „Auch dort oben iſt die Thür der Bibliothek ver⸗ ſchloſſen“, rief er in unziemlich barſchem Tone.„Wer führt denn plötzlich hier das Regiment, daß man Thü⸗ ren verſperrt findet, die ſeit Menſchengedenken aller Welt geöffnet ſtanden?“ 15* 228 „Wir bitten um Verzeihung, aber wir ſind nicht entfernt darauf gefallen, ſolche Neuerungen hier einzu⸗ führen“, antwortete Volkmann mit Würde und Anſtand. Sein Blick aber drückte Zorn aus, über das Gebahren des jungen Edelmanns, der die nächtliche Ruhe nicht allein ſtörte, ſondern auch der feierlichen Trauer dieſes Gemaches Trotz bot.„Begnügen wir uns für die paar Stunden mit der Lectüre eines der Werke, die wir hier auf dem Schreibtiſche der ſeligen Excellenz finden, einen andern Rath können wir nicht geben.“ Reinhold nahm raſch das erſte beſte Buch vom Schreibtiſche, um nur ſein Vorgeben aufrecht zu er⸗ halten. Hätte Volkmann gehört, daß der Inſpector Prutz im Corridor Reinhold zugeflüſtert:„Es gibt im Archiv einige Documente, womit man den muth⸗ maßlichen Erben dieſer ſchönen Beſitzung ſtark im Schach halten könnte“— hätte Volkmann dieſe liſtigen Worte eines Verſuchers vernommen, ſo würde er ge⸗ wußt haben, weshalb Herr Reinhold von Leſſel durch⸗ aus in die Bibliothek dringen wollte, bevor andere Leute Beſitz von dieſem Raume nahmen. Zwar hatte Reinhold mit Gleichmuth und Klug⸗ heit dem Inſpector zur Antwort gegeben:„Das Te⸗ ſtament der ſeligen Excellenz macht jedes Schach⸗ ſpiel der Hinterliſt unmöglich“— allein in ſeinem 229 Innern ruhte dennoch der Entſchluß, ſich der Docu⸗ mente zu bemächtigen, die Graf Harald mit beſonderer Aufmerkſamkeit ſtets allein ſtudirt und dann ſorgſam weggeſchloſſen hatte. Daß der gute alte Herr dabei die Vorſicht vergeſſen, den Schlüſſel zum Archiv beſſer zu verwahren, ſollte ihm zum Vortheil gereichen. Und nun fand er die Bibliothek verſchloſſen! Wer im Schloſſe konnte einer möglichen Hinterliſt von vorn⸗ herein mit dieſer Maßregel entgegengetreten ſein? Am nächſten Tage erneuerte er ſeine Verſuche, in die Bibliothek zu dringen. Er fragte beim Frühſtück den Grafen Askan nach den Schlüſſeln, er examinirte alle Bedienten, bis er zuletzt die Ueberzeugung gewann, daß die Damen des Hauſes aus übergroßer Vorſicht dieſe Räume von allem Verkehr abgeſchloſſen hatten, weil man vom Bi⸗ bliothekzimmer in die Gemächer des Grafen gelangen konnte. Seine Ehre erforderte es, daß er jetzt von ihnen den Eintritt dort forderte, da ſeine Nachfragen Aufſehen erregt hatten; ſein Plan jedoch, die Docu⸗ mente zu prüfen, mußte für den Augenblick aufgegeben werden. Er beauftragte den alten Volkmann, der ihm mit ſteifer Förmlichkeit aus dem Wege zu gehen ſuchte, Gräfin Eliſabeth um den Schlüſſel zur Bibliothek zu bitten. 230 Nicht lange und Volkmann erſchien in ſeinem Zim⸗ mer, mit Gravität meldend: Gräfin Eliſabeth hätte die Schlüſſel nicht, wohl aber ihre Nichte, Comteſſe Dora Bella. Gräfin Eliſabeth riethe jedoch freundlichſt, die Schlüſſel nicht zu fordern, denn Comteſſe würde ſie bis zum Eintreffen des Herrn Hofmarſchalls von Wenkenthal nicht aus den Händen geben. Reinhold hätte gern zu ſeinem gewöhnlichen Mittel gegriffen und laut gelacht, um ſeine Ueberraſchung zu verbergen. Ihn frappirte dieſer kleine Vorfall aufs äußerſte. Gegen wen hatten die Damen Mißtrauen? Schnell gefaßt winkte er Volkmann mit der Hand und ſagte launig:„Dann warten wir gefälligſt, bis der Hofmarſchall kommt, nicht wahr, alter Volkmann?“ „Seltſam, ſehr ſeltſam!“ murmelte er, als er wie⸗ der allein war.„Sollte die hübſche Antonie nicht dar⸗ über Auskunft geben können? Es iſt zu auffallend, um ohne beſondere Beweggründe vollführt zu ſein.“ Von ſeiner Unruhe geleitet, ſuchte er Antonie zu treffen, indem ſie von ihrem Zimmer zu Gräfin Eli⸗ ſabeth ging, mit der ſie Rückſprache über einige un⸗ erlaßliche Formalitäten zu nehmen hatte. Eine helle Röthe überſtürzte Antonié, als ſie Reinhold plötzlich aus ſeinem Zimmer treten ſah, während ſie nach den Colonnaden einbog. Reinhold's Gruß bannte ſie auf 231 ihrem Gange und ſie ſchritt an ſeiner Seite unter dem Schatten der köſtlichen Orangerie dahin, etwas weniger ſicher als ſonſt in ihrem Weſen. Das Ereigniß des Tages mußte zuerſt zum Thema der Unterhaltung dienen, die von beiden Seiten nicht mit der gewohnten Ruhe geführt wurde. Antonie fand die Unterredung mit dem Cavalier unpaſſend und un⸗ bequem. Sie antwortete kurz und zerſtreut, ſie ant⸗ wortete auch ohne Ueberlegung. Unter dieſen Umſtänden wurde es denn Reinhold nicht ſchwer, den Verlauf der kleinen Scene zwiſchen dem Förſter Horink und der Comteſſe herauszulocken und daraus den Schluß zu ziehen, daß Dora Bella mit gereiftem Verſtande ihre Lage überſchaue und Herrin ihres Geſchickes bleiben wolle. Ihn beruhigte Antoniens Andeutung, daß Dora Bella dem Inſpector nicht traue. Alſo dieſem galt die beleidigende Maß⸗ regel? Wohl nicht ganz! Antonie warf ein Streif⸗ licht über Dora Bella's innere Verbitterung und ließ merken, daß man gut thun würde, ſich auf große Ueberraſchungen gefaßt zu machen. Eilig entſchlüpfte ſie ihm dann nach dieſer Mittheilung. Reinhold über⸗ legte nicht lange. Er durchſchritt die Colonnaden und verließ das Schloß vom Hofe aus, um nach dem Hauſe des Inſpectors zu gehen. 232 Inſpector Prutz ſah ihn kommen. Der ungewöhn⸗ liche Weg, den der junge Edelmann ſich gewählt hatte, verhieß dieſem ſchlauen Mann, daß man ihn aufſuche, weil man ihn brauche. Frohlockend rieb er ſich die Hände. Ihm war damit gedient, Herrn von Leſſel in Rechte eintreten zu ſehen, die er dem Grafen Askan nicht gönnte. Graf Askan war zu ſelbſtſtändig, zu feſt und zu klug für ihn. Lange Zeit konnte das Verhältniß mit ihm nicht auf dem Fuße bleiben, wie es jetzt war und wie es der Vortheil ſeiner Stellung erheiſchte. Unter dem ſehr einfachen Titel Inſpector verbarg ſich ein außerordentlich angenehmes Amt, wel⸗ ches durch die Milde des ſeitherigen Herrn eine impo⸗ nirende Macht gewonnen hatte. Die Geſchäfte gingen durch des Inſpectors Hände, alſo auch die Erfüllung und Befürwortung aller Wünſche und Bitten. Die Bequemlichkeitsliebe des Alters hatte dem Inſpector dieſe ausgedehnte Macht in die Hände geſpielt und die Rechtlichkeit und Ehrlichkeit in allen Geldangelegen⸗ heiten hatte das Anſehen deſſelben befeſtigt. Für einen jungen und thatkräftigen Gebieter hatte die Routine eines Beamten ſeiner Art nichts Wün⸗ ſchenswerthes. Seine Erfahrungen in der Praxis der Adminiſtration ſtimmten wahrſcheinlich mit den Theo⸗ rien des jungen Grafen nicht überein und der Herr 233 Inſpector Prutz hatte es verlernt, ſich dem ausgeſpro⸗ chenen Willen eines Gebieters zu fügen. Weit weniger Gefahr lief er, wenn Herr von Leſſel hier Herr und Gebieter wurde. Die ſchwankende Gemüthsart dieſes jungen Mannes ließ keine Gefahr fürchten, daß er die Zügel ſtraffer anziehen werde als Graf Harald. Seine Empfindungen waren alſo für den Augen⸗ blick aufrichtig für ihn geſtimmt. Er empfing ihn ohne Falſch ſehr freundlich, begierig erwartend, was ſich aus dieſem Beſuche entſpinnen werde. „Wiſſen Sie ſchon, daß Comteſſe die Bibliothek ver⸗ ſchloſſen hat?“ fragte Reinhold ohne alle Einleitung. „Nein!“ antwortete der Inſpector mit allen An⸗ zeichen einer großen und nicht ganz angenehmen Ueber⸗ raſchung.„Warum iſt dieſe außergewöhnliche Maß⸗ regel angeordnet?“ „Warum?“ wiederholte Reinhold lachend und ſtreckte gemächlich die Füße aus.„Entweder Ihretwegen, In⸗ ſpector, oder meinetwegen. Noch iſt's mir nicht ganz klar, wem man mißtraut. Wiſſen Sie, weswegen man Grund hat, uns zu mißtrauen?“ fragte er. Inſpector Prutz ſchoß einen prüfenden Blick auf Reinhold.„O ja“, ſagte er dann mit affectirter Offen⸗ heit.„Wegen der Documente, die ich geſprächsweiſe ſchon früherhin gegen Sie erwähnt habe.“ 234 „Sie kennen den Inhalt dieſer Documente?“ „Nicht wörtlich, aber.überſichtlich. Dem Sinne nach beſtimmen ſie Vorrechte der Töchter des Stammes.“ „Und worauf laufen die Gerechtſame der Gräfinnen Harald⸗Bärenberg hinaus, wenn der Stamm im Er⸗ löſchen begriffen iſt? Ich erinnere mich wohl der⸗ gleichen vernommen zu haben“, warf Reinhold ſehr gleichgültig ein. „Herr von Leſſel, wir wollen keine Komödie mit einander ſpielen; jetzt wo die Zeit zur That drängt, gilt es ehrlich ſein und mit offenem Viſire kämpfen“, entgegnete der Inſpector haſtig.„Wollen Sie mich nur aushorchen, ſo ſage ich Ihnen nichts weiter. Wollen Sie meinen Rath hören, ſo bin ich bereit, den⸗ ſelben zu geben, in der Vorausſetzung, daß Sie mir ſichere und redliche Verſprechungen leiſten.“ „Reden Sie, Inſpector!“ rief Reinhold belebt, denn dieſe Worte eröffneten ihm eine Ausſicht auf Erfolge, die er bis dahin nur als Bilder ſeiner erhitzten Ein⸗ bildungskraft betrachtet hatte.„‚Reden Sie! Mein Ehrenwort, daß ich nicht mit Liſt und Schlauheit mich Ihnen gegenüber waffne!“ „Die Sache liegt günſtig für Sie, darum machte ich Sie geſtern durch meine Bemerkungen aufmerkſam. Der Tod Sr. Excellenz konnte gar nicht vortheilhafter 235 eintreten, um Sie ſtatt des Grafen Askan zum Meiſter des Terrains zu machen.“ „Das ſind verheißende, verlockende und ſchmeichelnde Redensarten. Zur Sache!“ „Geduld! Zuerſt ſollen Sie erfahren, daß ſich un⸗ ſere Comteſſe darin wohlgefällt, den Grafen Askan als den Störenfried ihres ſtillen Glücks zu betrachten.“ „Ei, was Sie ſagen! Wer will, wer kann das wiſſen? Antonie etwa?“ Inſpector Prutz rümpfte die Naſe und behielt eine Zeit lang eine verächtliche Miene.„Nein! Dieſer hoch⸗ müthigen und ſuperklugen Dame verdanke ich meine Nachrichten nicht. Die alte Bonne iſt meinen Kindern ſehr freundlich geſinnt und dieſe hat es meiner Aelte⸗ ſten mitgetheilt. Dora Bella betrachtet Graf Askan durchaus nicht mit günſtigen Augen. Sie wird den Beſtimmungen des alten ſeligen Herrn ſchwerlich hold ſein.“ „Wie? Kennen Sie denn etwas von den Teſta⸗ mentsbeſtimmungen, Inſpector?“ fragte Reinhold er⸗ ſtaunt. Prutz lachte ein wenig und ſtrich verlegen ſeinen Bart. „Ja!“ antwortete er dann offenherzig.„Meine Sorge für die Zukunft muß es entſchuldigen, wenn ich 236 mich mit den Concepten des Grafen Harald mehr be⸗ ſchäftigte, als mir zuſtand. Ich bin ein ehrlicher Mann und werde niemals beſchuldigt werden können, für eines Dreiers Werth veruntreut zu haben, dieſe Selbſt⸗ hülfe hielt ich aber für erlaubt.“ „Ich beſtreite Ihnen ja die Befugniß nicht, zu leſen, was offen daliegt“, rief Reinhold lachend. Weiter! Noch weiß ich nicht, was mir Günſtiges aus dem ſchnellen Tode Sr. Exellenz erwachſen könnte.“ „Ganz kurz geſagt die Möglichkeit, durch eine Hei⸗ rath mit Comteſſe Dora Bella hierſelbſt Herr und Ge⸗ bieter werden zu können.“ Reinhold ſprang auf und umarmte den Inſpector. „Menſch, Sie myſtificiren mich, Sie wollen mich als einen Leichtgläubigen ſpäterhin verhöhnen!“ „Mein Intereſſe und das Ihrige geht Hand in Hand, mein gnädiger Herr“, erwiderte Prutz lächelnd, „und ich ſtütze meine Mittheilung auf die Thatſache, daß es der hübſchen kleinen Comteſſe frei ſteht, ſich einen Gatten zu wählen, und daß ſie danach das Recht hat, dieſen Gatten zum Beſitzer ihrer Güter zu erheben.“ „Aber, Inſpector, das wäre ja ein unglaubliches Vorrecht, was Damen von fürſtlichem Geblüte kaum zugeſtanden wird!“ —— 237 „Es findet ſich aber aus altersgrauer Zeit ein verbrieftes und kaiſerlich königlich beſiegeltes Ver⸗ ſprechen vor, dieſe Vorrechte der Gräfinnen Bären⸗ berg aufrecht zu halten. Ich gebe zu, daß es mit dieſem Documente eine beſondere Bewandtniß haben muß.“ „Merkwürdig! Merkwürdig! Das hätte ich wiſſen ſollen; meine Huldigungen würden mir jetzt den Weg geebnet haben, während ich Dora Bella durch meine ſteten Neckereien—“* „Laſſen Sie's gut ſein“, unterbrach ihn der In⸗ ſpector.„Ich weiß, daß die Comteſſe Sie ſehr günſtig beurtheilt, dahingegen eine zornige Bitterkeit verräth, wenn ſie Graf Askan's Erwähnung thut. Befolgen Sie jetzt meinen Rath und treten Sie vor der Er⸗ öffnung des Teſtaments in der Rolle eines theilneh⸗ menden, uneigennützigen Jugendfreundes auf, der Ueber⸗ gang zur wärmern Empfindung kann Ihnen dann nicht ſchwer werden.“ „O, die Wärme des Herzens ſteigt ſchon bei der Betrachtung dieſer koſtbaren Beſitzung, mein Beſter. Sie haben ſich das Recht zu ungeheuren Wünſchen er⸗ worben, wenn es mir glücken ſollte, hier auf dieſem Schloßplatze meine Siegesfahnen aufpflanzen zu können. Noch zweifle ich an der Möglichkeit eines ſolchen ———— Glückes, noch fürchte, ich die Teſtamentsbeſtimmungen des alten Grafen werden wie Engel mit feurigen Schwertern vor dieſem Paradieſe ſtehen und mir den Eingang wehren; aber Ihre Nachricht kam zur rechten Zeit, um mein Lebensſchiff mit Segel und Compaß zu verſehen und ihm die richtige Flagge zu verleihen. Mann, Mann, wenn Sie wahr geredet haben, ſo ſoll Ihr Glück mein ſteter Gedanke ſein, darauf mein Ehrenwort!“ „Wir ſtehen und fallen zuſammen, Herr von Leſſel“, antwortete der Inſpector leichthin,„deshalb iſt es zweckmäßig, alle Möglichkeiten zu erwägen. Geſetzt den Fall, wir ſtoßen auf Schwierigkeiten, die weder im Kreiſe unſerer Berechnungen, noch in unſerer perſön⸗ lichen Macht liegen, ſo müſſen wir unſer Geſchick durch anderweite Operationen zu gründen ſuchen. Dazu bietet uns der Zufall eine günſtige Gelegenheit. Sie ſind dem Miniſter Romharr durch Excellenz empfohlen und werden ohne Zweifel von dieſem Mächtigen be⸗ rückſichtigt werden. Ich aber habe zwei Wege vor mir, welche ich ſchließlich vereinen könnte. Ich möchte dem Drängen meines Ehrgeizes nachgeben und eine Rolle im öffentlichen Leben ſpielen.“ „Das heißt, Sie möchten in die Kammern? Nichts leichter als das!“ unterbrach ihn Reinhold. 239 „Sagen Sie das nicht! Was man nicht wünſcht, erſcheint immer leicht zu erlangen, aber die Schwierig⸗ keiten wachſen, wenn man etwas wünſcht und es er⸗ langen will.“ „Um dieſe Wünſche zu befriedigen, werde ich meine Rednergaben in Kraft treten laſſen.“ „Dann iſt mir der Erfolg geſichert! Aber Sie müſ⸗ ſen noch mehr für mich thun, mein Herr von Leſſel. Ich wünſche nach dem meine Stellung hier zu verlaſſen. Ohne unbeſcheiden zu ſein, kann ich ſagen, daß ich ſchon zu lange in einer Lage verharrte, die meinen Kenntniſſen nie angemeſſen war. Solange ich unbe⸗ ſchränkt walten kann, wiegt die Annehnlichkeit dieſer Machtvollkommenheit die beſtehende Unterordnung auf — unter Ihrer Herrſchaft würde Alles beim Alten bleiben. Setzen wir den Fall, daß Sie nicht zum Beſitz der Comteſſe mit ihrem Grafenſchloß kommen, ſo ver⸗ ändert ſich meine Stellung und ich bin geneigt, dann eine erträgliche Verſorgung in der Adminiſtration zu ſuchen.“ „Ei, Herr Inſpector, Sie haben ſtolze Gedanken!“ rief Reinhold lachend.„Ein ſolche Stelle nähme ich ſelber an, wenn ich ſie haben könnte.“ „Um ſo eher werden Sie Alles thun, ſie mir zu verſchaffen!“ ſprach der Inſpector ſehr beſtimmt. Reinhold biß die Zähne zuſammen. Er erkannte den ſchlauen Fuchs. Entweder— oder! Der In⸗ ſpector hatte ſeine Ehre in der Hand. Bemühte er ſich um Dora Bella und gewann er ihre Hand nebſt der Beſitzung, ſo verdankte er es den Rathſchlägen des ſchlauen Inſpectors. Darüber mußte er jedoch ſeiner Ehre wegen ſchweigen und ohne Weigern thun, was dieſer Mann verlangte. Gewann er Dora Bella's Hand nicht, ſo mußte er erſt recht thun, was der Inſpector von ihm verlangte, ſonſt deckte dieſer ſeine ganze Handlungsweiſe auf und überantwortete ihn dem allgemeinen Spotte. Aber der Herr Inſpector hatte nicht bedacht, daß er es mit einem ſehr leichtblütigen jungen Mann zu thun habe, der, von dem Sturze ſeines Vaters gewarnt, ſich nie Blößen geben werde. Es trat hier der ſeltene Fall ein, daß der eigene Verſucher die Größe der Er⸗ folge abſchwächte, indem er die Kette blicken ließ, die Reinhold ſein Leben lang hätte tragen müſſen. Es gab noch einen andern Weg zum Glücke, den der Inſpector nicht kannte, und das Bewußtſein, bis jetzt noch nichts als Worte an ein Unternehmen ver⸗ ſchwendet zu haben, welches ihm ein koloſſales Glück ver⸗ hieß, verlieh Reinhold ein ſtarkes Uebergewicht. Jeden⸗ falls war der Inſpector in ſeiner Siegesgewißheit zu — 241 weit gegangen. Er hatte den Ereigniſſen vorgegriffen und dem jungen Edelmanne im voraus die Lehren enthüllt, welche er ſeiner Erfahrung hätte überlaſſen müſſen. Blitzſchnell war die Wirkung dieſer Gedanken in Reinhold's Geiſt gedrungen und ſein Verſtand regelte nun ſeine Antworten. Er warf eine ganze Laſt von Bedenken auf, um ſich dahinter zu verſchanzen. Herr Prutz begann eine kleine Ungeduld zu zeigen. „Sie ſagten, Inſpector, die Schwierigkeiten wüchſen, wenn man etwas wünſche und erlangen wolle“, ſchloß endlich Reinhold etwas trotzig das Geſpräch.„Ich ſchlage Sie mit ihren eigenen Worten und trete dieſer Meinung jetzt bei. Was wir beide überſehen haben, wirft ſich wahrſcheinlich als unüberſteigliches Hinder⸗ niß in meinen Weg zum Grafenthum. Ich bin nicht ebenbürtig— meine Mutter war eine Bürgerliche! Sehen Sie, mein Beſter, daran ſcheitert mein Vorſatz, der Comteſſe mich als Bewerber zu nähern. Wie weit auch die Vorrechte dieſer Grafentochter gehen mögen, an der Ahnenprobe darf ſie ſchwerlich etwas ändern. Beſſer, ich gebe auf, was ich nicht erringen kann, ehe ich mich blamire.“ „Ich glaube auch dieſen Einwand entkräften zu können“, entgegnete der Inſpector ſehr verdrießlich. Fritze, Schloß Bärenberg. II. 16 242 „Es müßte denn ſein, daß Ihre Familie erſt durch 3 zwei Generationen geadelt iſt. Vielleicht ein Verdienſt⸗ adel, ein Beamtenadel, ein ſogenannter Papieradel?“ fragte er ironiſch. Reinhold faßte den Spötter feſt ins Auge, ſagte aber ganz heiter und wohlgemuth:„Sehr möglich, mein Beſter! Ich habe mich noch nie auf meinen Stammbaum geſteift, will jedoch jetzt ſtarke Nachfor⸗ ſchungen anſtellen, damit ich weiß, wie hoch ich meine Blicke richten darf, wenn ich Luſt habe, zu freien.“ „Sie ſind alſo entſchloſſen, meinem Vorſchlage kein Gehör zu ſchenken?“ „Nicht eher rühre ich mich vom Flecke, wo ich jetzt ſtehe, bis das Teſtament eröffnet iſt, mein Beſter! Schon die Freundſchaft für Askan, den ich als Pflege⸗ bruder zu ehren habe, heiſcht Rückſichten. Ich ließ mich von der Größe der glücklichen Ausſichten einige Minuten verblenden, Inſpector, mit Liſt richtet man hier aber nichts aus, denn unſere kleine Dora Bella hat Verſtand.“ Der Inſpector lächelte verächtlich.„Wer feig genug iſt, nicht einmal einen Wettkampf mit einem Kinderverſtand zu wagen, der gewinnt freilich eine ſolche Beſitzung nicht.“ 8 „Ach, beſter Inſpector“, gab Reinhold treuherzulg —— 4 zur Antwort,„ich entwickele vielleicht durch meine Ent⸗ ſchließungen einen ungeheuren Muth, ich gebe, ange⸗ ſichts eines großen Glücks, den Eingebungen meines Herzens nach.“ Der Inſpector drehte ſich raſch zu ihm herum und ſah ihn groß an.„Ich verſtehe nicht—“ Reinhold affectirte eine leichte Verwirrung.„Den⸗ ken Sie, daß man ungeſtraft in Fräulein Antoniens Augen blicken kann?“ Prutz lachte hell auf.„Sie ein Jünger des Eros! Wollen Sie mich für dumm halten?“ Der junge Mann hielt für gut, dieſe Frage nur mit einem Achſelzucken zu beantworten. „Gut“, rief der Inſpector entſchloſſen und in ſicht⸗ licher Entrüſtung,„ich will Sie nicht weiter mit meinen Rathſchlägen behelligen. Schade, daß wir ver⸗ ſchiedene Bahnen einſchlagen; es würde aus unſerer Vereinbarung ein Glück für uns beide entſtanden ſein, eventualiter eine Sicherſtellung unſerer Zukunft. Sie kennen nun zwar meine Abſichten, während ich die ihrigen nur errathe, allein wir werden uns aus Klug⸗ heit nicht verrathen, ſelbſt wenn ſich unſere Lanzen im Kampfe auch einmal kreuzen ſollten. Zuſammen hätten wir ein glänzendes Ziel erreichen können, einzeln ge⸗ lingt es uns kaum, uns über den Wogen zu halten.“ 16* „Schütten Sie das Kind nicht mit dem Bade aus!“ rief Reinhold heiter.„Wir werden uns doch nicht wegen Abweichungen in unſern Meinungen überwerfen? Ich fühle eine Art von Verpflichtung, ritterlich die Abſichten und Wünſche zu fördern, welche Excellenz in ſeinem Teſtamente ausſprechen wird. Gerade dieſe ehrliche Erklärung mag Ihnen eine Garantie ſein, daß ich leichtfertig plaudern und wünſchen, aber niemals leichtfertig handeln kann.“ „Nennen Sie das leichtfertig, wenn man ſein Glück bedenkt?“ „O ja, inſofern der Zweck die Mittel heiligen müßte.“ „Wenn Sie ſo engherzig denken, paſſen Sie freilich nicht zum Staatsmann.“ „Wirklich nicht?“ fragte Reinhold treuherzig.„Nun, was thut's! Es kann nicht Jeder Miniſter werden, der Jura ſtudirt hat, und geſetzt den Fall, Inſpector, mich hätte dennoch die Vorſehung dazu beſtimmt, ſo verlaſſe ich mich auf das ſchöne Sprichwort: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verſtand dazu. Uebrigens verſpreche ich Ihnen meinen Bei⸗ ſtand, wo Sie ihn wünſchenswerth finden. Mehr kann ich doch nicht thun, Inſpector?“ Mit dieſen Worten beendete Reinhold von Leſſel ein Geſpräch, welches ihm gezeigt hatte, wie nahe er am Abhange eines Weges gewandelt, der ſeine innere Selbſtſtändigkeit gewaltig bedroht hätte. Er mußte von Glück ſagen, den Kopf aus der Schlinge befreit zu haben, die ihn unſtreitig in fatale Beziehungen zu einem Manne gebracht, der geſonnen war, nichts um⸗ ſonſt zu thun. Reinhold hatte bis dahin grundſätzlich nie einen Vertrauten gehabt, er hegte ſogar die Anſicht, daß der⸗ jenige, welcher ſeine Vorſätze und Pläne mittheile, ſich einer Schwäche ſchuldig mache, und dennoch wäre er vielleicht hier der mächtigen Verſuchung erlegen, Hand in Hand mit einem Andern zu handeln, wenn der Inſpector nicht ſelbſt die Falle bloßgelegt hätte, worin er gefangen werden ſollte. Mit ſeiner Erkenntniß kam auch ſeine Kaltblütigkeit wieder und er hielt es für weiſe, lieber die Freundſchaft des Inſpectors zu ver⸗ ſcherzen, als ſich in Zwieſpalt mit Graf Askan zu bringen. Ihm blieben Mittel und Wege offen, das angedeu⸗ tete Ziel insgeheim zu verfolgen. Um ſich indeß vor Argwohn zu ſchützen, dichtete er ſich ſelbſt eine Leiden⸗ ſchaft für diejenige Dame an, die ſtets in Dora Bella's Nähe zu finden war. Nachdem er ſeine Ehre ſo weit wieder ſicher ge⸗ 246 ſtellt hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als den In⸗ ſpector mit der Miene von Herzlichkeit und vertrau⸗ licher Achtung zu verlaſſen. Läſſig plaudernd trat er mit ihm hinaus vor die Thür, als fordere er damit das Urtheil ſämmtlicher Schloßleute heraus. Es blieb jedenfalls nicht unbemerkt, daß er mit dem Inſpector verkehrt habe, um ſo offener und gleichgültiger mußte er einen Beſuch behandeln, der allerdings eine tiefere Bedeutung gehabt hatte, aber jetzt als zwecklos da⸗ ſtehen ſollte. Während Reinhold einige Minuten damit verbrachte, um über den Tod Sr. Excellenz und die damit ver⸗ knüpften Trauerfeierlichkeiten ziemlich laut und ver⸗ nehmlich zu reden, blickte der Inſpector ſehr aufmerk⸗ ſam auf die Fahrſtraße, die beim Waſſerfalle ſich nach dem Schloßplatze wendete. Sein feines Gehör hatte ſchon das Geräuſch eines näherkommenden Wagens vernommen, ehe nur das Geringſte davon ſichtbar ge⸗ worden war. Ihm entging dadurch die diplomatiſche Liſt, womit Reinhold ſeinem Beſuche den Charakter der Oeffent⸗ lichkeit aufdrückte und ſich das Anſehen gab, als erfordere die Wichtigkeit der nächſtfolgenden Anord⸗ nungen eine Beſprechung. Wenn die Aufmerkſam⸗ keit des Inſpectors nicht gefeſſelt geweſen wäre, ſo würde er ſich in ſeinem ſtillen Verdruſſe vielleicht nicht entblödet haben, durch eine unzeitige Haſt das Geſpräch zu beenden. So aber ſchwieg er und horchte. „Es kommt ein Poſtzug das Dorf herauf“, ſagte er endlich. „Vielleicht der Hofmarſchall, obwohl es kaum denk⸗ bar iſt, daß derſelbe ſchon eintreffen könnte, es müßte denn ſein, daß ſchon geſtern Abend ein Kurier an ihn abgeſendet worden“, antwortete Reinhold ruhig. Inſpector Prutz ſchärfte ſein Ohr gewaltig. Hof⸗ marſchall von Wenkenthal erfreute ſich ſeiner Liebe durchaus nicht, er hatte vielmehr einen namenloſen Reſpect vor ſeiner gewaltigen Rechtſchaffenheit. Schon mehrmals war der Beſuch dieſes Herrn von entſchei⸗ denden Folgen auf ſeine Geſchäftsthätigkeit geweſen und er pflegte deshalb zu ſagen: Donnerwolken wären ihm lieber als der ſonnenhelle, gnadenreiche Blick des Herrn Hofmarſchalls, der jeden Menſchen mit ſeiner grauſamen Ordnungsliebe zur Verzweiflung trei⸗ ben könne. „Was ſollte wohl irgend Jemand im Schloſſe ver⸗ anlaſſen, einen Kurier nach dem Hofmarſchall zu ſen⸗ den?“ meinte der Inſpector. Reinhold, der ſehr wohl wußte, daß Graf Harald 248 ihn zum Vormund der Comteſſe erwählt hatte, hütete ſich, Aufklärungen darüber zu geben. „Wahrhaftig, der Wagen des Hofmarſchalls!“ rief Prutz, als in dieſem Augenblicke die Wendung des Weges vom Fuhrwerke erreicht war und die Equipage über die Brücke beim Waſſerfall fuhr. „So will ich eilen, ihn am Portal zu empfangen“, ſprach Reinhold.„Sie ſcheinen den Herrn von Wen⸗ kenthal nicht zu lieben? Ich halte ihn für einen vortrefflichen Herrn, für einen Cavalier, für einen vollendeten Hofmann—“ „Meinetwegen mögen Sie ihn für einen Engel halten. Wenn der Hofmarſchall hier das Regiment erhält, ſo lege ich mein Amt nieder“, brauſte der In⸗ ſpector auf. „Soll ich ihm dies gleich von vornherein bemerk⸗ lich machen?“ fragte Reinhold voll Hohn. „Vorläufig noch nicht!“ erwiderte der Inſpector ärgerlich und wendete ſich zur Thür. Reinhold verließ ihn ohne ſonderliche Ceremonie und eilte, dem Wagen am Portale zuvorzukommen, was ihm auch dadurch gelang, daß er den Rückweg ins Schloß abermals über den Hof und durch die Colonnaden nahm. Er wußte, daß der Hofmarſchall es ſehr gern ſah, mit Ehrfurcht empfangen zu werden. Da ihm daran gelegen war, in gutem Einvernehmen mit dieſem Herrn zu bleiben, ſo benutzte er den Zu⸗ fall, welcher ihm Kenntniß von ſeinem Eintreffen gab, um ihm die Honneurs zu machen. Er ſtand ſchon im Portale, umgeben von einer Schaar Bedienten, die er im Fluge aufgeboten, als die Equipage des Hofmarſchalls anfuhr, und er ließ es ſich nicht nehmen, demſelben die Dienſte zu leiſten, die für gewöhnlich dem Kammerdiener Volkmann zufielen. Ein wohlwollendes Lächeln des Hofmarſchalls dankte ihm für ſeine Artigkeit. Auf Reinhold's Arm geſtützt, betrat er dann das Schloß, gefolgt vom ganzen Die⸗ nertroß. „Mon Dieu, welch ein trauriger Tag für mich!“ ſprach er im Fortſchreiten.„Mein guter, alter Freund— wie ſchnell iſt ſein Tod erfolgt! Aber ſeine Ange⸗ legenheiten ſind doch geordnet— ja? Alles fertig?“ „So viel ich weiß, hat Excellenz—“ Weiter kam Reinhold in ſeiner Berichterſtattung nicht. „Gut, gut!“ unterbrach ihn Herr von Wenkenthal. „Bin ich der Comteſſe gemeldet, lieber Volkmann?“ wendete er ſich an den alten Diener. Dieſer be⸗ jahte. „Führen Sie mich zu der jungen Dame!“ Er machte eine feierliche Handbewegung. Reinhold war 250 verabſchiedet und ging in ſein Zimmer. Dort ange⸗ kommen, warf er ſich der Länge nach auf den Divan und gähnte. Dann ſann er nach und ſagte laut: „Geduld, Spinnen können in ihrem eigenen Netz gefangen werden!“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. — Von demſelben Verfaſſer erſchienen bereits in meinem Verlage: Caritas. Roman von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Vorwärts! Novelle von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Srneſt Oktap. Novelle von Ernſt Fritze. 3 Bände. 16. Geheftet. Preis 2 Thlr. Gertrud. Roman von Ernſt Fritze. 4 Bände. 16. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Bie Erben von Mollun. Novelle von f Ernſt Fritze. 16. Geheftet. Preis 20 Ngr. 3 4 Idalium. Novelle von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Solitude. 5 Novelle von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Herren von Ettershaiden. Roman von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. Die Gebrüder Koltrum. Novelle von Ernſt Fritze. 2 Bände. 16. Geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. inaig. Ernſt Julius Günther. — — —— — ſſnenffffffffife Rſf ſiſſſſſſſnſfſff 6 1 7 18 6 7 8 11 12 13 14 15 1