Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 4 von.. Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V Seih- und SJeſebedingungen. f 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 83.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe d hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet wird. d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für änhenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————;———— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„=„ 3„=„ 4„—=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die grauen Rauchwolken, die ihm gleich einem Kometenſchweife nachzogen, wurden vom Lufthauche erſt zerſtört, wenn der Zug längſt außer Sicht war; ſie lagerten ſich wie Nebelgewölk auf den Berghöhen, die das Thal umſchloſſen, worin ſich die lange Wagenreihe raſtlos fortbewegte. Es war eine breite Ebene, die zwiſchen den waldbewachſenen Höhen lag, und die Eiſenbahn lief, genau berechnet, bald näher, bald ferner zwiſchen den Hügelketten, immer die Hinderniſſe vermeidend, die ihrer regelmäßigen Bewegung hemmend entgegentreten konnten. Daß man kaum zwanzig Jahre ſpäter Felſen, Berge und Gewäſſer Fritze, Schloß Bärenberg. I. 1 2 aller Arten für unerhebliche Grund⸗ und Bodenverhält⸗ niſſe halten würde, nicht ausreichend, um von der An⸗ lage einer Eiſenbahn abzuſtehen, davon ließ man ſich zu dieſer Zeitperiode noch nichts träumen. Der Bahnzug brauſte mit voller Kraft dahin, bis ſich plötzlich das Thal etwas verengte. Die prächtigen Waldhöhen traten näher zuſammen. Die Locomotive gab ein Signal, als wolle ſie die Aufmerkſamkeit der Paſſagiere für dieſen Punkt der Reiſe wecken. Wenn wirlich eine ſolche menſchenfreundliche Abſicht zu Grunde gelegen, als man die ſchrillende Pfeife ertönen ließ, ſo erfüllte ſich der Zweck vollkommen. Wer den Fenſtern zunächſt ſaß, fuhr mit dem Kopfe hinaus. In allen Waggons verſtummte das Geſpräch, und da der Zug bedeutend ſeine Schnelligkeit minderte, ſo glich dieſe kurze Strecke zwiſchen den Hügelketten einer Spazier⸗ fahrt in großem Maßſtabe und gab Veranlaſſung zu bewundernden Ausrufungen. Auch in einem Waggon erſter Klaſſe verfehlte das unerwartete Eintreten dieſer Veränderung ſeine Wir⸗ kung nicht. Das lebhafte Geſpräch, welches ſich um die frivolen Freuden des Reſidenzlebens gedreht hatte, ſtockte, und ein junger Mann, der bis dahin mit ſtolzem, kaltem Lächeln ſein Ohr den Koketterien einer Dame geliehen, wendete belebt ſein Geſicht dem Fenſter zu. 4————— 3 Ein Strahl von Freude durchglühte ſein Auge und er lehnte ſich hinaus, ſolange der Zug in gemäßigter Bewegung fortlief. Als er ſich aber nach glücklich paſ⸗ ſirter Biegung der Bahn wieder in Kraft ſetzte und brauſend dahinſchoß, wendete ſich der junge Mann zu ſeinen Reiſegefährten und ſagte, mit der Hand nach der Thalenge zurückdeutend: „Dorthin will ich, aber die eiſerne Nothwendigkeit führt mich weit über mein Reiſeziel hinaus.“ „Sie kennen dieſe Gegend, Graf Askan?“ fragte die junge Dame, die ſchon während der ganzen Fahrt die Gelegenheit geſucht hatte, ſich ihm liebenswürdig zu zeigen. „Ich habe hier eine glückliche Jugendzeit verlebt“, antwortete der junge Mann kurz. „Sie ſcheinen mit der Einbildungskraft der Jugend⸗ zeit dieſe Gegend zu verklären“, warf ein ältlicher Herr etwas ſarkaſtiſch ein.„Ihr Blick verrieth es mir! Da aber die allgemeine Stimme dies kleine Stückchen Land für einen Sammelplatz von Armuth und Elend ausſchreit, ſo muß ein beſonderer Reiz Ihre Erinnerungen beleben.“ „Haben Sie noch niemals die Erfahrung in Ihrem diplomatiſchen Berufe gemacht, daß die allgemeine Stimme trügt, Herr Legationsrath?“ fragte Graf Askan ebenſo ſarkaſtiſch.„Die prahleriſchen Thoren, welche 1* im Glanze der Welt zu leben gewohnt ſind, nennen Natureinfachheit der Sitten und des Geſchmacks ſehr häufig Armuth und Elend. In Rückſicht hierauf muß ich dem allgemeinen Urtheil Recht geben, denn man kennt hier nichts von verfeinerten Genüſſen. Aber Sie finden hier etwas, mein Herr, was ſich mit allem Golde nicht ſchaffen läßt. Sie finden fruchtbare, grüne Berge, Sie finden Thalſchluchten und ſilberhell ſprudelnde Bäche, vor denen unſere künſtlichen Fontainen jämmer⸗ lich beſtehen.“— „Das muß ich beſtätigen“, fiel eine Dame, die dem Legationsrathe gegenüber ſaß, raſch ein. „Ei, meine gnädige Frau, Sie machen Complot mit dem Grafen und zwar gegen mich?“ fragte der Legationsrath ſcherzend.„Bedenken Sie, daß unſer Vertrag uns bis Nizza verbündet.“ Die Dame ſtrich ihre ſchönen, langen Locken von Haaren, die nicht auf ihrem Kopfe gewachſen waren, aus dem Geſichte, welches ihrem hoch⸗ und altadligen Namen durchaus nicht entſprach, warf ihrem Reiſe⸗ freunde einen liebevollen Blick zu und antwortete: „Das Motto meines Stammes heißt: Der Wahr⸗ heit die Ehre. Sie ſehen, von Boſedow, daß ich eine echte Beldow bin. Das Land hier iſt und bleibt ein köſtlicher Naturgarten!“ 5 4 „Dann ändere ich meine Anſicht und erkläre es auch für ein Wunderwerk der Schöpfung“, rief der Legationsrath von Boſedow mit erkünſtelter Efſtaſe. „Dieſer Meinungswechſel wird den Bergen, Thälern, Felſenklüften und Quellen ſehr gleichgültig ſein“, ſprach Graf Askan lächelnd.„Ich traue Ihnen nicht viel Gefühl zu, Legationsrath, allein ob Sie dennoch nicht zu der Einſicht einer Gottesgüte kämen, wenn Sie an jener Waldecke, die wir eben paſſirten, das Städt⸗ chen aufſuchten, das in paradieſiſcher Ruhe auf dem Plateau des Berges liegt; wenn Sie von dort links bergab ſtiegen bis ins Thal hinab, welches, auf drei Seiten von ſechs Bergkuppen eingehegt und von Quellen durchrieſelt, ein wahres Paradies iſt; ob Sie nicht an der Felſenſchlucht, die wie eine Thorwölbung den Eingang zum Thale beſchränkt, ſtehen bleiben und unter dem Eindrucke der Ueberraſchung unwillkürlich die Hände falten würden, das iſt doch fraglich.“ „Um Ihre Vorausſetzung von wenigem Gefühl zu entkräften, würde ich allerdings dergleichen thun, Graf Askan“, ſpöttelte der Legationsrath,„aber mein Be⸗ fremden über Ihre Vorliebe für Naturſchönheiten will ich Ihnen doch auch nicht vorenthalten. Ich dächte, ein junger Cavalier, der ſeit neun Jahren ſich fort⸗ geſetzt und ausſchließlich in der Atmoſphäre eines ſtreng 8 — 8 6 geregelten Hoflebens wohlgefallen hat, könnte kaum noch Sinn für Naturwüchſigkeit haben.“ „Ihre Bemerkung, mein lieber Herr Legationsrath, liefert den Beweis, daß auch Diplomaten falſche Schlüſſe ziehen können“, entgegnete Graf Askan in demſelben Tone. „Wenn wir im Winter wieder in der Reſidenz zuſammentreffen, ſo werde ich Sie aufs Gewiſſen fragen, ob Sie mir mit Ihrem Ehrenworte verſichern können, dieſe von Ihnen gerühmte und geprieſene Land⸗ ſchaft ganz ſo befunden zu haben, wie Sie das Bild davon in der Romantit jugendlicher Anſchauungen ſich bewahrten, mein Herr Graf“, rief der Legationsrath mit ſchadenfrohem Lachen. „Meine Antwort ſei Ihnen hiermit zugeſichert“, war Graf Askan's ernſte Gegenrede. Damit endete die Unterhaltung zwiſchen den beiden Herren. Die Loco⸗ motive ſignaliſirte abermals, hemmte ihren raſenden Lauf und ſchob ſich langſam und immer langſamer einem ſehr einfachen Gebäude näher, das ſich als ein Stationshaus erwies. Man ſah vom Waggon aus einen leichten Wagen mit zwei prachtvollen Pferden halten. Die Pferde mochten die geſpenſtiſche Kraft des Dampfzugs nicht nach ihrem Geſchmacke finden. Sie ſchlugen wild die 1 3 — — Köpfe auf, ſchüttelten die Mähnen und hatten Luſt, das Weite zu ſuchen. Ein junger Herr hielt ſie jedoch kräftig beim Zügel, ſprach ihnen zu und wendete das Fuhrwerk ganz allmälig zur Seite. Es war eine ganz einfache kluge Maßregel, aber in der Ausführung lag eine ſolche Sicherheit und Ruhe, eine ſolche Zuverſicht auf Erfolg, eine ſolche Feſtigkeit in Haltung und Ge⸗ berde, daß aller Blicke von der Erſcheinung dieſes jungen Mannes gefeſſelt wurden. Auch Graf Askan hielt den Blick feſt auf die Scene gerichtet, bis die Waggonreihe ſich näher geſchoben hatte. „Es iſt Reinhold!“ ſagte er dann freudig, aber ganz unwillkürlich. „Jau, fiel die langgelockte Dame mit dem nicht ariſtokratiſchen Geſichte ſchnell ein,„ja, es iſt Reinhold von Leſſel— ich erkannte ihn gleich! Er wird Sie abholen wollen, Herr Graf.“ „Sie ſteigen hier aus, Graf Askan?“ fragte die kokettirende junge Schöne mit Trauer. „Vermuthlich, mein gnädiges Fräulein!“ lautete ſeine kurze Antwort.„Man verlernt auf einer Eiſen⸗ bahnreiſe ſein bischen Topographie, denn ich weiß wahr⸗ lich nicht genau, ob ich jetzt auf Station Bartlep bin oder nicht. Unſer Wille geht im Befehle des tyranniſchen Schaffners unter— warten wir alſo, was er mir zudictirt.“ 8 Der Zug hielt. Ein Schaffner riß den Wagenſchlag auf.„Station Bartlep!“ Graf Askan erhob ſich und ſchied mit freundlichem Gruße. Ein Diener in reicher Livree eilte auf ihn zu und unterzog ſich der Beſorgung ſeiner Reiſeeffecten. Ihn ſelbſt ſahen ſeine Reiſegefährten auf den jungen Mann zuſchreiten, der neben den noch immer nicht ganz beruhigten Pferden ſtand. Eine herzliche Begrüßung fand ſtatt. Beide junge Männer warfen ſich in die Jagdkaleſche und wie vom Sturme gejagt flogen die feurigen Pferde in einen nahen Waldweg hinein. Ein Weilchen ſpäter ſah man den Diener auf einem andern kleinen Wägelchen, das mit einem Pferde beſpannt war, in demſelben Wege verſchwinden. „Der alte Graf verſteht zu leben“, ſagte die Dame, mit Grazie ihre Locken aus dem Geſichte ſtreichend. „Ein Anderer hätte wohl nicht daran gedacht, für das Gepäck ſeines Vetters noch ein beſonderes Fuhr⸗ werk zu ſtellen. Mich freut dieſe rückſichtsvolle Artig⸗ keit.“ „Sie ſcheinen Graf Askan's hieſige Verwandtſchaft näher zu kennen“, meinte die junge Dame unter hör⸗ barem Seufzer. „O ja, meine Liebe! Ich habe als Kind während der unglücklichen Franzoſenzeit hier im Hauſe meiner — Großältern gelebt und bin oftmals auf Schloß Bären⸗ berg geweſen.“ „Iſt Graf Askan nicht der Sohn des alten Grafen Bärenberg?“ fragte der Legationsrath. „Bewahre! Graf Askan gehört zu der Linie Bären⸗ berg⸗Boſtett. Die hier angeſeſſenen Bärenberg führen den Vornamen Harald und ſind als Stamm der Familie zu betrachten.“ „Ah ſo! Das iſt Graf Harald, der ehemalige Miniſter, der ſeinem Freunde eine Grube gegraben und dann ſelbſt hineingefallen iſt“, ſpottete der Legations⸗ rath.„Sonderbar! Als ich Graf Askan einſtmals fragte, ob er zu dieſem Bärenberg gehöre, da verneinte er es ziemlich heftig. Und jetzt macht er ihm einen Beſuch, meine Gnädige?“ „Eben das iſt mir erfreulich, lieber von Boſedow“, antwortete die Dame.„Seit der zweiten Verheirathung des Miniſters hat eine feindliche Stimmung die Familie getrennt.“ „Warum das? Oder iſt es unbeſcheiden, danach zu fragen?“ warf die junge Dame ein. „Der Grund dieſes Conflictes iſt kein Geheimniß, meine Liebe.“ „So erzählen Sie, Gnädigſte“, bat der Legationsrath. „Uns Diplomaten iſt jede Aufklärung willkommen!“ 10 „Weil Ihr Diplomaten neugierig ſeid, lieber von Boſedow!“ antwortete die Gnädigſte mit geeigneter Würde. „Wenn gnädige Frau die Neugier nur als eine Eigenſchaft unſeres Standes betrachten, ſo ſind ja alle Frauen geborene Diplomaten!“ rief der Legationsrath lachend. „Ich will ſo großmüthig ſein, Ihre ſpöttiſchen Aus⸗ fälle nicht zu erwidern“, ſagte Frau von Beldow. „Was die Zerwürfniſſe der Familie Bärenberg betrifft, ſo zerſtörten ſie nicht allein die Einigkeit der beiden Linien, ſondern vernichteten auch Graf Askan's Hoff⸗ nungen auf das Stammgut mit ſeinen bedeutenden Einnahmen.“ „Jetzt begreife ich—“ fiel der Legationsrath ein. „Graf Askan iſt arm!“ „Ja! Durch ein Verſchulden eines Vorfahren ver⸗ armten die Bärenberg⸗Boſtett.“ „Und Graf Harald der Exminiſter hat keine Erben?“ „Er hatte keine Erben und erzog den jungen Askan gleich einem Sohne. Fünfzehn Jahre war er Wittwer, als es dem alten Herrn plötzlich einfiel, die junge Gräfin Boran, deren Mutter eine Prinzeß von Licht⸗ berg war, zu heirathen. Sowie die erſte Nachricht von ſeinem Vorhaben kund wurde, holte Graf Askan's . 11 Vater den Sohn von Bärenberg ab, ohne eine Erklä⸗ rung dieſes Beſchluſſes nöthig zu finden. Graf Harald ſoll ſehr beſtürzt geweſen ſein. Wir aber wußten uns dieſes Benehmen wohl zu deuten.“ „Zweifeln Sie, Gnädigſte, daß der alte Herr dies nicht gekonnt?“ „Wohl nicht, lieber von Boſedow. Oft wiſſen die Bethei eiligten weniger von dem, was ſie trifft, als fremde Perſonen. Graf Harald hat wenig im Vaterhauſe gelebt und nie großes Intereſſe an Geſchäften ge⸗ zeigt, die zum Reiche des Myſteriöſen gehören. Ich weiß aber von meiner Großmama, daß ſich eine Auf⸗ zeichnung ſehr wunderbarer Begebenheiten aus der Linie Askan⸗Bärenberg von der Hand eines Burgkaplans auf Boſtett vorfindet, wonach allerdings Graf Harald die Gräfin Boran nicht hätte heirathen müſſen, um den Frieden zwiſchen ſich und der Linie Askan zu wahren.“ „Das klingt ſehr räthſelhaft, Gnädigſte! Bitte um deutliche Erklärung!“ „Ganz einfach, die Großmutter der Prinzeß Licht⸗ berg iſt ſchuld am Vermögensverfall der Askan⸗Bären⸗ berg, lieber von Boſedow!“. „Jetzt wird es Tag in mir! Deshalb haſſen die Nachkommen dieſer Linie alle Nachkommen der Prinzeß Lichtberg?“ „Natürlich! Es ſind Dinge geſchehen, die einen Fluch von Kind auf Kindeskind ganz in der Ordnung erklären!“ „Entſetzlich, Gnädigſte! Sind dieſe Bärenberg denn keine Chriſten? Nun, wir huldigen doch der ſchönen Chriſtuslehre: vergeben und vergeſſen?“ „Darauf wird die Geſchichte wohl auch jetzt hinaus⸗ laufen. Der alte Askan iſt todt. Graf Harald's Gattin iſt auch geſtorben—“ „Hat ſie Erben hinterlaſſen?“ fragte der Legations⸗ rath intereſſirt. „Ich glaube nicht! Mindeſtens keinen Sohn! Eine Tochter wird da ſein.“ „So wird Graf Askan das Lehn erhalten! Ich gratulire ihm und finde ſeine Vorliebe für dies Stück⸗ chen Land ganz natürlich.“ „Beinahe vermuthe ich dergleichen. Graf Harald wird die Angelegenheit ſelbſt ordnen wollen. Er iſt ſchon alt, und wenn er auch noch immer ein wohl⸗ erhaltener, ſchöner Herr genannt werden kann, ſo möchte es doch in der Ordnung ſein, ſein Haus zu beſtellen.“ 3„Wenn wir von unſerer Reiſe zurückkehren, wird Graf Askan uns Rede ſtehen!“ ſchloß der Legations⸗ rath das Geſpräch. Zweites Kapitel. Mit allen Anzeichen einer fröhlichen Laune hatten ſich die beiden jungen Männer begrüßt und waren dann den Augen der frühern Reiſegeſellſchaft des Grafen Askan entſchwunden. Sie gewannen zunächſt keine Ruhe und Muße zum Austauſche ihrer Gefühle, da Reinhold von Leſſel ſeiner ganzen Geſchicklichkeit bedurfte, um die feurigen Roſſe im Zaume zu halten. Die Nothwendigkeit die⸗ ſer ſtummen Fahrt gab dem Grafen Gelegenheit, ſich mit voller Seele dem Zauber zu überantworten, wel⸗ cher ihn mit märchenhaften Erinnerungen umſpann. In tiefen Athemzügen ſog er die balſamiſch kühle Waldluft ein. Bilder von Frieden und Glück umſpielten ihn und ſein edelgeformtes Geſicht gewann einen Ausdruck von Verklärung, der demſelben ſonſt nicht eigen war. 14 Endlich auf gewohnten Wegen und in gewohnten Umgebungen, verlor ſich die Geſpenſterfurcht der er⸗ ſchreckten Pferde, und ſie begannen einen vernünftigen und geregelten Lauf. Das war dem Beginne eines traulichen Plauderns günſtig. Graf Askan erachtete es für nöthig, ſich über Mancherlei zu unterrichten, was zwiſchen dem Tage lag, wo er als zwölfjähriger Knabe in Begleitung ſeines finſterblickenden Vaters dieſe Gegend verließ, um ſie jetzt auf die beſtimmte For⸗ derung ſeines Verwandten, des Grafen Harald von Bärenberg, als dreißigjähriger Mann wieder zu betre⸗ ten. Freilich war er während dieſes Zeitraums nicht ganz ohne Nachricht über die Familienereigniſſe ge⸗ blieben, aber ſeit ſieben Jahren wußte er eigentlich nicht viel mehr, als daß ſein alter Stammherr wie ein Patriarch im Schooße ſeiner Heimat lebe und ſich damit begnüge, ſeine Umgebung glücklich zu machen. Bis vor ſieben Jahren war Reinhold, ſein Spiel⸗ gefährte und Erziehungsgenoſſe auf Schloß Bärenberg, der Referent aller Familienereigniſſe daſelbſt geweſen. Von der Zeit an, wo dieſer Jugenfreund ſich in ſeine Vaterſtadt, eine fern liegende kleine Reſidenz, zurück⸗ gezogen, um dort eine juriſtiſche Laufbahn zu beginnen, hörte er nur zufällig von Schloß Bärenberg und deſſen Bewohnern. Graf Askan mußte alſo verſuchen, die 15 alte Vertraulichkeit zwiſchen ſich und Reinhold wieder⸗ herzuſtellen, weil darin das einzige Mittel lag, ohne unbeſcheidene Forſchungen der Veranlaſſung zu der Einladung des Grafen Harald auf den Grund zu kommen. Er hielt es für angemeſſen, das Geſpräch mit gleich⸗ gültigen Bemerkungen einzuleiten, die allmälig zum Ziele führen konnten. Ohne ein Freund der Diplomatie zu ſein, hatte er doch die Geheimmittel derſelben, ſo⸗ weit ſie ſeiner Lebensſtellung erſprießlich waren, zu ergründen geſucht, um die Kunſt des Betragens zu lernen. Seinen Bemerkungen ſchloß er alsbald Fragen über das Wohlergehen ſeines Jugendfreundes an, als er fand, daß die Welt mit ihren Erfahrungen wenig in Reinhold verändert hatte. Sein Vertrauen erſchloß ſich danach raſch, vielleicht zu raſch und unbedingt für einen feinen Hofmann, der wohl im Stande geweſen wäre, eine erkünſtelte Harmloſigkeit und Sorgloſigkeit zu erkennen, wenn ſein eignes Herz nicht, von Hoff⸗ nungen, Wünſchen und Erwartungen in fieberhafte Wallungen verſetzt, dem Verſtande die Herrſchaft etwas ſtreitig gemacht hätte. Bald folgten nun Fragen und Antworten von bei⸗ den Seiten Schlag auf Schlag. Jugenderinnerungen aller Arten, Knabenſtreiche voll Uebermuth wurden aus dem Schachte des Gedächtniſſes heraufbefördert. Das alte trauliche Vernehmen war im ſchönſten Gange. Allein dabei ſtellte ſich, trotz aller Traulichkeit, doch ein merklicher Unterſchied heraus, der jedenfalls tief in der Verſchiedenheit ihrer Lebensſtellungen wurzelte. Selbſt in der Art und Weiſe der Anrede gab ſich dies kund, und wenn Graf Askan in Rückfällen jugendlicher An⸗ gewohnheit den alten Grafen Harald ſtets als„Onkel“ aufführte, ſo verſäumte Reinhold von Leſſel es ſicher⸗ lich nie, das Prädicat„Excellenz“ beizufügen, wenn er des alten Herrn erwähnte. „So weit wäre ich nun wieder heimiſch im Arka⸗ dien meiner Jugend“, ſagte Askan, als ſich nach einer ſtündlichen Fahrt die Eckthürme des Schloſſes Bären⸗ berg zwiſchen den Hügeln zeigten.„Es iſt Alles wie ſonſt, kaum daß eine Baumgruppe durch die vernich⸗ tende Gewalt der Zeit und der Axrt verändert erſcheint. Ich weiß, daß Du mit vollen Segeln ins Amt ſteuerſt, ich weiß, daß Onkel Harald ſeine Gattin verloren hat, daß er noch milder und gütiger iſt als ſonſt, daß er ſeinen Banquier für Dich und mich in Thätigkeit ge⸗ ſetzt hat und daß er Vater einer Tochter iſt, die er abgöttiſch liebt. Es wäre wohl genug, dies zu wiſſen, Reinhold, allein offen geſtanden, ich möchte auch noch wiſſen, was den Onkel veranlaßt hat, mich in einer 1 17 Eile vor ſein Angeſicht zu citiren, als hinge ſeines Lebens Seligkeit davon ab, mich wiederzuſehen.“ „Hat Excellenz Dir den Grund ſeiner Einladung nicht wenigſtens angedeutet, Graf Askan?“ fragte Rein⸗ hold mit einem lauernden Seitenblicke. „Nicht mit einer Silbe! Selbſt zwiſchen den Zei⸗ len war nichts zu leſen!“ betheuerte Askan.— „Wohl! So will ich es übernehmen, Dich darauf vorzubereiten, daß Excellenz mit dem Plane umgeht, ſein Teſtament gänzlich umzuwerfen und den verän⸗ derten Verhältniſſen gemäß neu zu teſtiren. Er will feſtſetzen, daß auf Dich das Lehn übergehe.“ „Dazu brauch' ich doch nicht verſchrieben zu wer⸗ den!“ rief Askan. „Wer weiß, ob die Bedingungen, unter welchen er Dich vor allen andern Prätendenten zum Stammerben wünſcht, es nicht nöthig machen, mit Dir Rückſprache zu nehmen. Ueberdies kann ich Dir nicht verhehlen, daß Excellenz, von einem leichten Schlaganfalle betrof⸗ fen, ſich ſeitdem täglich zum Tode vorbereitet.“ Graf Askan blickte ſonderbar überraſ ſcht ſeinen Freund an. Was ihm in dieſen Worten und in der Betonung derſelben eigentlich mißfiel, wußte er nicht ganz genau zu ſagen; allein ſein Mißtrauen gegen Reinhold datirte von dieſem Momente, wo er hinter dem ſorgloſen Fritze, Schloß Bärenberg. 1I. 8 0 —-—õõõõõõ————ßyß 18 Lächeln glaubte. „Warum ſagteſt Du mir dies nicht im Beginn un⸗ ſerer Unterhaltung, Reinhold?“ fragte er vorwurfsvoll. „Wenn ein Mann mit Todesgedanken mich zu ſich ein⸗ ladet, ſo erfordert es mindeſtens der Anſtand, daß ich ſeiner nicht mit dem Uebermuthe der Knabenzeit ge⸗ denke. Nach dieſem nachträglichen Berichte iſt mir der Sinn des Briefes klarer und die Bitte um Eile hei⸗ liger als zuvor. Er iſt alſo krank, der alte gute Herr?“ „Nicht doch! Excellenz iſt wieder wohlauf, nur die Furcht, eines Tages zu früh zu ſterben, quält ihn. Excellenz ließ mich vor ungefähr drei Wochen plötzlich zu ſich entbieten und hat ſeitdem unverdroſſen in den alten Archiven geſtöbert, um das Material zu einem neuen Teſtamente zu ſammeln.“ „Und Dir hat er ſo viel Vertrauen geſchenkt, ihm dabei zu helfen?“ fragte Askan haſtig. „Nein! Ich blieb nur ſein Handlanger, wenn es galt, Urkunden geſetzlich zu entziffern. Das Geſchlecht der Bärenberg hat wunderliche Gerechtſame; es ge⸗ hört zu den reichsunmittelbaren und hat mit einiger Nachhülfe eine bedeutſame und ausgedehnte Gewalt. Aber ich halte es für gut, Dich darauf aufmerkſam zu eine frivole Gleichgültigkeit zu entdecken 1 1 —— 19 machen, daß dieſe Rechte und Vorzüge nur dem Stamme Harald⸗Bärenberg zugeſichert ſind. Excellenz hat wohl nicht ohne Grund die alten Documente hervor⸗ geſucht, die ihm die unbeſchränkte Freiheit zuſprechen, über die Beſitzungen und über die Familienverhältniſſe ſeines Stammes verfügen zu dürfen. Freilich müſſen ſeine desfallſigen Beſtimmungen dem Landesherrn vor⸗ gelegt werden, aber es läßt ſich erwarten, daß Excel⸗ lenz auch hier mit ſeinem Willen durchzudringen ver⸗ ſteht, trotz der Ungnade, womit er ſeines frühern Amtes als Miniſter entlaſſen worden iſt.“ Während Reinhold von Leſſel ſprach, hatte Graf Askan verſtohlen ſeinen Blick auf das Schloß, das immer deutlicher aus dem Waldesgrün hervortrat, ge⸗ heftet. Er hatte dann den Blick nach den Ruinen der alten Bärenburg, die oben auf dem Vorſprunge des Berges ſichtbar wurden, ſchweifen laſſen. Der leuch⸗ tende Blick ſeines Auges verrieth ſein inneres Gefühl bei dem Gedanken, dieſe Stätten als Beſitzthum be⸗ wohnen zu können. Doch nicht ein Wort enthüllte die Bewegung ſeines Innern. Langſam wandte er ſein Geſicht dem Freunde wieder zu und erwiderte mit ruhigem, faſt gleichgültigem Lächeln: „Wenn mein Vater mich heute unter den von Dir angeregten Hoffnungen den Weg zum Schloſſe Bären⸗ 2* berg machen ſehen könnte, ſo würde er Gelegenheit finden, meine Hellſeherei zu bewundern.“ „Wie ſo?“ fragte Reinhold neugierig und faßte den Freund unvermerkt ſchärfer ins Auge.„Haſt Du vorausgeſagt, daß Du einſt als Herr der Bärenburg zurückkehren werdeſt?“ „Ganz ſo vermeſſen und anſtandswidrig lautete meine Prophezeiung nicht“, erwiderte Askan etwas hochfahrender.„Ich tröſtete uur meinen Vater, der durch die ſchnelle Heirath des alten Onkels betrübt war und meine Ausſichten auf zeitliches Glück weſent⸗ lich verändert fand, durch die knabenhafte Bemerkung, daß ich gar nicht begreifen könne, warum man ſich über die ſpäte Heirath ärgere; der alte Onkel wäre viel u gütig, um mir deſſenungeachtet ſein ſchönes Schloß nicht zu vermachen. Meine knabenhafte Anſchauung brachte mir damals das Prädicat„dummer Junge“ ein. Sage ſelbſt, ob ich dieſen Titel verdient habe?“ Reinhold lachte gezwungen. Er war überzeugt, daß eine wichtigere Bemerkung von Askan ver⸗ ſchwiegen wurde, die richtiger die damalige Stimmung ſeines Vaters charakteriſirt hätte. Er ſelber war Augen⸗ und Ohrenzeuge eines ſehr unangenehmen Zu⸗ ſammenſtoßes der beiden Grafen Bärenberg geweſen und hatte in ſeiner Erinnerung Worte bewahrt, die 21 eine tiefe Bedeutung haben mußten. Durch Askan's Mittheilung glaubte er dieſelben aufgeklärt zu ſehen. Er hatte ſich geirrt. Was er in ſeinem Gedächtniſſe bewahrte, verrieth einen vollſtändig gehäſſigen Bruch, der keineswegs durch ein günſtiges Vermächtniß aus⸗ geglichen werden konnte. Ob Askan nichts davon wußte? Er beſchloß zu ſondiren. „Hat ſich Dein Vater niemals mit der ſpäten Heirath der Excellenz ausgeſöhnt?“ fragte er ſcheinbar achtlos. „Das kann ich nicht verrathen, denn ich habe nie⸗ mals mit ihm darüber geſprochen. Mein Vater hatte kein Recht, die Heirath des Onkels Harald zu tadeln, und von mir wäre es eine undankbare Anmaßung ge⸗ weſen, wenn ich mir Urtheile darüber erlaubt hätte. Wenn ſich Onkel Harald durch ſeine Verbindung mit einer jungen Dame Tadel, ja ſelbſt Spott zugezogen hat, ſo durften wir am wenigſten ſolchen Meinungen beiſtimmen, da wir ihm zu Dank verpflichtet waren.“ „Mir erſchien es nur immer ſehr wunderbar, daß Dein Vater Dich plötzlich von Bärenberg abholte“, warf Reinhold ein. „Das lag in andern Verhältniſſen“, antwortete Graf Askan ſehr ernſt und ruhig. 22 „Worüber Du nicht ſprechen willſt?“ fragte Rein⸗ hold, indem er die Zügel feſter anzog und die Pferde auf einen etwas ſteilen Nebenweg lenkte, der ſie raſcher auf das kleine Plateau brachte, worauf das Schloß mit ſeinen Garten⸗ und Parkanlagen thronte. „Wozu alte Gräber aufrühren, Leichenſteine heben und den Haß aus dem Moder der Vergangenheit auf⸗ wühlen, Reinhold“, ſagte der junge Graf gemüthlich. „Laß Alles ruhen— es iſt todt!“ „O nein, todt iſt es nicht, Graf Askan, es ſchlummert nur und wirft ſein Unheil über Grabge⸗ wölbe hinaus. Warum verfolgte Dein Vater die junge Braut Deines Oheims mit bitterem Haſſe, warum? fragte Reinhold nachdrücklich. Graf Askan betrachtete ihn einen Moment mit ſichtlicher Ueberraſchung.„Was weißt Du denn da⸗ von?“ fragte er dagegen.„Du irrſt indeſſen. Nicht der Braut ſelbſt galt der Haß, ſondern ihrem Ge⸗ ſchlechte! Es iſt eine leidige Geſchichte, denn der Glanz unſeres Hauſes ging daran unter. Wir verarmten, und die Schuld des Vaters fiel auf Kind und Kindes⸗ kind. Mein Vater verſuchte es, Graf Harald umzu⸗ ſtimmen, als die Kunde von ſeiner Werbung um eine Urenkelin unſerer Verderberin zu ihm drang. Graf Harald gibt nichts auf alten Hader. Er lehnte ſich 23 herriſch gegen die Meinungen und Anſprüche meines Vaters auf. Natürlich konnte nach ſolchen Conflicten der Sohn nicht dort bleiben, wo dem Vater heftige Abweiſungen zu Theil geworden und ſomit pflanzte ſich der böſe Einfluß einer Dame vom Hauſe Lichtberg auf unſern Stamm fort, indem ihr Einzug auf Schloß Bärenberg mich zwang, mein Eden zu verlaſſen.“ Reinhold hätte gern noch mehr gefragt, um der ganzen Familienſpukerei endlich auf den Grund zu kommen, allein ſie näherten ſich jetzt ſchnell dem Schloſſe und die muthigen Roſſe durcheilten in keckem Galopp die kurze Allee, die bis zur Rampe des ganz freilie⸗ genden Schloſſes ſich hinzog. „Alles wie ſonſt“, flüſterte Askan vor ſich hin. „Alles wie ſonſt, nur er und ich, wir werden ver⸗ ändert uns gegenüberſtehen.“ A Nicht zwei Minuten ſpäter hielt das Cabriolet vor dem Portale mit ſeinen beiden in Stein ausgehauenen Bären, die den Eingang zu bewachen ſchienen. Reinhold ſprang behend aus dem Wagen, Askan folgte zögernd; eine innere Bewegung mußte von ihm bekämpft werden, bevor er ſich den neugierigen Blicken der herbeieilenden Dienerſchaft preisgab. Durch ſein Zögern führte er einen Auftritt herbei, der auf ſein ganzes Leben einzuwirken beſtimmt war. Seitwärts vom Schloſſe, von einem niedrigen eiſer⸗ nen Gitter umſchloſſen, lag ein freier Platz, der Askan's Tummelplatz in ſeinen Knabenjahren geweſen war⸗ Ein Blick dorthin zeigte ihm die bekannten Vorkeh⸗ rungen zu Turnübungen, die er als Knabe leiden⸗ ſchaftlich geliebt, aber derſelbe Blick unterrichtete ihn auch vom Vorhandenſein einer andern Generation im Schloſſe Bärenberg, woran er noch nicht gedacht hatte. Eine Gruppe Mädchen verſchiedenen Alters ſpielte auf dem Raſen des Platzes und der Schaukelkorb flog eben in ſchwindelerregender Höhe himmelan, ebenfalls mit Mädchen beſetzt. Mit weit geöffneten Augen ſtarrte Askan nach dem Turnplatze. Die holden Kindergeſtalten in ihren luftig hellen Sommeranzügen erweckten keineswegs ſeine Bewunderung. Noch ehe er fragen und über dieſe Mädchenſchaar Erkundigung ein⸗ ziehen konnte, ſchrie eine helle Stimme dem ſchaukeln⸗ den Diener den Befehl zu, die Schaukel anzuhalten, und eine der Inſaſſinnen derſelben ſchwang ſich mit gewagtem Sprunge auf die Erde. Ohne ſich die Zeit zu nehmen, ihren derangirten Anzug etwas zu ordnen, flog das junge Weſen über den Raſen und ſtand im nächſten Momente, die kurzen Locken wild aus dem Geſichte ſchüttelnd, vor dem erſtaunten Askan, ſeine beiden Hände ergreifend. 25 „Willkommen, Vetter Askan!“ ſagte die junge Dame mehr herzlich und jubelnd als graziös. Graf Askan zog überraſcht ſeine Hände zurück, die ziemlich derb gedrückt wurden. Ein Gefühl, das an Widerwillen grenzte, überlief ihn und machte, daß er ſchroff und kalt, mit der entſchiedenſten Zurückweiſung jeder Ver⸗ traulichkeit ſich verbeugte und dann ſein Auge fragend zu Reinhold erhob, der lächelnd näher trat.„Comteſſe Dora Bella, Tochter des Grafen Bärenberg!“ ſagte er vorſtellend. Ein Zug von Schadenfreude zuckte über ſein Geſicht, als nach dieſer Präſentation die junge Dame den Lockenkopf ſtolz aufwarf und keck entgegnete:„Ah! Es war eine Vorſtellung nöthig! Freilich, Vetter Askan gehört zu den Hofratten, welche die Etikette zu ihrem Geſetze, die Ceremonie zu ihrem Gottesdienſt und die Convenienz zu ihrem Elemente machen. Bleibe der Herr Vetter in ſeiner Atmoſphäre, ich gedeihe darin nicht! Adieu!“ Sie flog wie eine Gazelle zurück zu ihren Geſpie⸗ linnen, die neugierig ihre Spiele eingeſtellt hatten und etwas näher zum Geländer getreten waren. „Mit der jungen Dame haſt Du es von vornherein verdorben!“ ſprach Reinhold leiſe. „Daran liegt mir nichts!“ war die kaltſinnige Ent⸗ gegnung des Grafen. 26 „Comteſſe Dora Bella iſt etwas lebhaft—“ „Nenne es beim rechten Namen“, fiel Askan ſpöt⸗ tiſch ein.„Comteſſe Dora Bella iſt ein verzogenes und ungezogenes Kind!“ „Ein Kind?“ wiederholte Reinhold etwas verwun⸗ dert.„Dora Bella iſt ſiebzehn Jahre!“ Askan blickte ſtark überraſcht auf.„Weder ihr Aeußeres noch ihr Betragen ließ errathen, daß die Comteſſe ſchon den Kinderſchuhen entwachſen ſei“, ſagte er. „Sie iſt allerdings im Wachsthum zurückgeblieben, und hier im einſamen Schloß hat bis jetzt wohl Nie⸗ mand daran gedacht, ihr den Unterſchied zwiſchen der dreizehnjährigen Tochter des Wirthſchaftsinſpectors und der ſiebzehnjährigen des Grafen Bärenberg deutlich zu machen. Ich habe zwar dieſe Miſſion übernommen, allein bis jetzt noch keinen Dank geerntet.“ Graf Askan antwortete nichts auf dieſe Rede. Seine ganze Seele war von dem Wiederſehen erfüllt, das ihm mit jeder Sekunde näher trat. Raſch durch⸗ ſchritt er die Vorhalle und wendete ſich mit vollſtän⸗ diger Ortskenntniß ſogleich rechts nach dem Corridor, worin früher Graf Harald's Zimmer war. „Er wohnt noch im alten Lokale?“ fragte er während des Vorſchreitens. 27 „Ja! Ich bewundere Dein Gedächtniß“, entgegnete Reinhold.„Du findeſt Dich zurecht, als wärſt Du geſtern erſt abgereiſt!“ „O wundert Dich das? Ich habe meine Gedanken ſo oft hier weilen laſſen, daß es mir ſcheint, als hätte ich Bärenberg nie verlaſſen gehabt!“ „Wir wollen Dich prüfen!“ meinte Reinhold lächelnd und winkte einem alten Diener, der aus dem Hinter⸗ grunde herbeieilte, ſich ſchweigend zu verhalten. Askan richtete ſchon aufmerkſam den Blick auf ihn. „Alter Volkmann, mein Rabe!“ rief er ihm ent⸗ gegen und reichte ihm die Hand.„Sind wir's denn wirklich und zwar unverändert?“ „Ja, Graf Askan, wir ſind's!“ antwortete der alte, eisgraue Kammerdiener, lachend und weinend zugleich. „Aber Sie, mein Herr Graf, hätten wir nicht wieder⸗ erkannt, ſo verändert, ſo ganz, ganz anders wie als Junker vor zwölf Jahren! Wo haben wir denn nur den ſchwarzen Kopf und den ſchwarzen Bart hergekriegt? Wir waren ja nur ganz hellbraun. Du, mein Himmel, was werden Excellenz ſagen!“ Graf Askan nickte ihm freundlich zu.„Wollen ſehen, was Onkel Harald ſagt“, flüſterte er, auf die nächſte Flügelthür deutend.„Ich höre ihn durch's Zimmer ſchreiten.“ 28 Die Thür öffnete ſich im nächſten Momente und die hohe, ſtattliche Geſtalt eines Greiſes wurde ſicht⸗ bar. Seine ganze Erſcheinung zeigte eine ruhige Würde und Gelaſſenheit, allein ſeine Stimme vibrirte, als er ſanft ſagte:„Askan, lieber Askan, willkommen!“ Askan ergriff ſeine Hand, der alte Graf zog ihn in ſein Zimmer und ſchloß die Thür. „Es iſt ein anderes Ding, Volkmann, wenn man einen Grafen Bärenberg empfängt, als den armſeligen Reinhold von Leſſel, dem man durch Güte und Groß⸗ muth weiß zu machen verſucht, daß er ebenfalls als Pflegeſohn betrachtet werde“, ſagte Reinhold mit ruhigem Lächeln, indem er ſich zum Fortgehen wendete und mit einem gewiſſen Phlegma ſeinen Reitfrack zu⸗ knöpfte. Der zornige Blick, der über die Thür hinweg⸗ glitt, welche der alte Graf vor ihm verſchloſſen hatte, verlor ſeine Bedeutſamkeit durch dieſe gleichmüthige Rede, deſſenungeachtet wußte der alte Kammerdiener ganz genau, daß ſich der junge Herr nur deswegen mit ſeinen Knöpfen zu ſchaffen machte, um ſeinen in⸗ nern Verdruß zu verbergen. Er war nicht vergebens ein halbes Jahrhundert der Diener eines klugen Staatsmannes, eines Grafen Harald geweſen. Sein Scharfblick durchſchaute mehr, als Reinhold ahnte, die Grundlage ſeines Charakters und er wußte nur allzu 29 gut, daß ſich unter der ruhigen Oberfläche ſeines Weſens ein geheimer raſtloſer Ehrgeiz und ein ſtarker Grad von Eigenliebe barg. Reinhold ſelber würde das Vorhandenſein ſolcher Eigenſchaften in Abrede geſtellt haben. Er hatte noch nicht Gelegenheit ge⸗ funden, durch Selbſtprüfung zur Selbſterkenntniß zu gelangen, deshalb war es ihm zur Zeit noch ſelbſt ein Geheimniß, daß in ihm alle Anlagen zu einem bedeu⸗ tenden Manne ſchlummerten und daß es nur von der Gunſt des Geſchicks abhängig ſei, um ihn dorthin zu ſtellen, wo ſeine Begabung und ſeine Charakterbildung ihn zu heben vermochten. Vor der Hand war indeß gar keine Ausſicht für Rein⸗ hold, ſich geltend machen zu können. In ſeinem Vater⸗ lande gab es nicht allzuviel ausgezeichnete Stellungen und die Verleihung der Aemter hing von der Willkür des regierenden Fürſten ab. Zu Hofſſtellen qualiſicirte er ſich nicht, weil ſeine Mutter eine Bürgerliche ge⸗ weſen war. Er verachtete aus dieſem Grunde die Hof⸗ ämter und geißelte dieſe Kreiſe mit ſpöttiſchen Aus⸗ fällen. Die ſatiriſche Bemerkung der Comteſſe Dora Bella über die Hofratten war urſprünglich ſeinem Gehirne zuzuſchreiben, nur hatte das junge Mädchen ſie ihrem Naturell gemäß eingekleidet und derge⸗ ſtalt angewendet, daß er ſie mit heimlicher Schaden⸗ 30 freude gern als ein Produkt ihres Geiſtes gelten ließ. Reinhold von Leſſel verließ um eine Erfahrung reicher die Halle. Er war klüger geworden auf Koſten ſeines Herzens, indem er ſich von einem Wiederſehen ausgeſchloſſen und ohne alle Förmlichkeit verabſchiedet ſah, wobei gegenwärtig zu ſein er ein Recht zu haben glaubte. Er beſaß Takt genug, ſeine Empfindlichkeit darüber zu verſchleiern, weil er den Vorfall nicht als eine Kränkung ſeiner Rechte aufſtellen durfte. Unter dem Anſcheine großer Gleichmüthigkeit begab er ſich auf ſein Zimmer, wo er ungeſtört ſeiner innern Empörung Ausdruck geſtatten konnte. Der alte Kammerdiener ſchaute ihm bedenklich nach. „Ob er es redlicher mit uns meint als ſein Herr Vater?“ murmelte er.„Etwas mehr Vorſicht könnten wir wohl anwenden. Excellenz ſcheinen vergeſſen zu haben, daß die Unzuverläſſigkeit ſeines ſeligen Herrn Va⸗ ters ihm die Grube gegraben, in welche ſchließlich beide geſtürzt und von Amt und Würden gekommen ſind. Freilich, Excellenz haben für ſolche Dinge kein Gedächt⸗ niß; wir wollen doch unſere Augenſoffen zu halten ſuchen bei dieſer bedeutſamen Zuſammenkunft des alten und jungen Grafen. Excellenz ſchloſſen nicht ohne Grund jeden andern Menſchenblick von dem erſten Wieder⸗ 4 31 ſehen aus— wir waren bewegt— es ſoll etwas Großes in Scene geſetzt werden— ja, ja, wir ſtehen am Vor⸗ abende einer neuen Zeit für das Haus Bärenberg!“ Der alte Mann, von ſeiner Vorherſagung über⸗ zeugt, trippelte mit wichtigem Stirnrunzeln nach ſeinem Stübchen zurück, das er ſich ſo behaglich und ſauber wie möglich eingerichtet hatte. Seine Meinung von ſich ſelbſt und von der Wichtigkeit ſeiner Perſon war mit ihm groß und alt geworden, und danach richteten ſich auch ſeine Anſprüche auf Berückſichtigung. Daß Graf Askan ihn nicht vergeſſen, daß er ihn mit der alten Vertraulichkeit begrüßt hatte und ſogar moch ſeiner Eigenthümlichkeit eingedenk geweſen war, ſtets im Plural zu reden, das machte ihn zu ſeinem voll⸗ ſtändig ergebenen Diener. „Die Hofluft hat Graf Askan nichts geſchadet, wir haben es ja vorher geſagt“, ſprach er für ſich. „Excellenz wollten uns nicht glauben, nun ſehen’s Excellenz ſelber.“ Vorſichtig drückte er ſich beim Vor⸗ übergehen etwas näher an die Thür, hinter der die bei⸗ den Grafen verſchwunden waren. Er nickte zufrieden⸗ geſtellt. Das Geſpräch derſelben war ruhig und friedlich. * Drittes Kapitel. Schloß Bärenberg gehörte nicht zu jenen Gebäuden einer mittelalterlichen Romantik, die neben der Be⸗ wunderung auch ein gewiſſes Grauen wecken. Auf einem Hügel erbaut, der ſich wenig über die Höhe der Dorfkirche erhob, lag es nach allen Seiten frei und bildete mit ſeinen alten Bäumen einen Schmuck der ohnehin ſehr anmuthigen Landſchaft. Infolge der Nothwendigkeit, dem ſcharfen Luftzug wirkſam zu begegnen, hatte der vorſichtige Ahnherr des jetzigen Beſitzers das Schloß in Geſtalt eines Vierecks anlegen und das Portal durch eine dichte Lindenallee ſchützen laſſen. Daß es dem Auge weit wohlgefälliger geweſen ſein würde, wenn das Schloß weniger caſtellartig an⸗ gelegt worden wäre, iſt nicht zu bezweifeln; allein wohnlicher, behaglicher, bequemer und eleganter konnte 3 8 33 gar kein Gebäude eingerichtet ſein als Schloß Bären⸗ berg mit ſeinem viereckigen, weiten Hofraum, ſeinen zwei Thurmecken und ſeinen ſchönen Balkonfenſtern und Gallerien innerhalb des Hofs. Rechts lagen die Wohnzimmer der Familie, die Speiſe⸗ und Geſellſchafts⸗ ſalons, links die Fremdenzimmer mit einer wunder⸗ hübſchen Ausſicht auf die Reſte der alten Bärenburg, welche, halb unter wucherndem Geſträuch vergraben, ſo dicht am Abhang eines hohen Felſenriffs ſtand, daß man jeden Augenblick den Sturz des alten Gemäuers fürchten mußte. Ein ſchmaler, ſehr gut erhaltener glatter Fußpfad führte zu der Ruine hinauf. Er wurde von den Bewohnern der Umgegend mit Vor⸗ liebe zum Spaziergang benutzt und diente zugleich als Vermittlungsweg zwiſchen Schloß Bärenberg und einem Dorfe Gunterek, das Graf Harald in neuerer Zeit ge⸗ kauft hatte. Unweit des Schloſſes, ebenfalls auf dem Plateau des Hügels, lagen noch zwei Gebäude. In dem zu⸗ nächſt liegenden links wohnte der Wirthſchaftsinſpector Prutz mit einer zahlreichen Kinderſchaar und einer Gattin von ſeltenem Werth. Dieſe Familie gehörte zum Schloſſe wie die Bäume und Blumen des ganzen Plateaus, um daſſelbe zu zieren und zu beleben. Die Kinder, meiſtentheils Mädchen, waren engelſchön, gut⸗ Fritze, Schloß Bärenberg. 1. 3 34 artig und voll liebenswürdiger Heiterkeit, die ſie frei⸗ lich oft zu Schelmereien verführte, aber doch nicht zu beläſtigenden Unarten. Verwöhnt von der Nachſicht und Güte des alten Grafen, begünſtigt von der Freund⸗ ſchaft ſeiner einzigen Tochter Dora Bella, hatten ſich dieſe Kinder nach und nach Rechte angemaßt, die nicht fern von Eigenthumsrechten waren. Der Raſenplatz am Schloſſe wurde ihr Spielplatz in allen Formen, und da ſie mit kindlicher Liebenswürdigkeit auch das Herz des alten, ceremoniöſen Kammerdieners, des Factotums im Schloſſe, erweichten, ſo drückte die ganze Dienerſchaft beide Augen zu, um den Unfug nicht zu ſehen, den die wilde Schaar oft verübte. Der Vater dieſer Kinder, der durch den Titel Wirthſchaftsinſpector eine Aufſichtsbehörde des Schloß⸗ perſonals repräſentirte, gehörte zu den Männern, die ſtets über ſich blicken und in der Suͤcht, vornehme Gewohnheiten zu copiren, ihr Lebensglück finden. Herr Prutz ſtolzirte mit unveränderlicher Heiterkeit in der Welt einher, ohne ſich die geringſten Sorgen über die Pflichten zu machen, die Gott ihm auferlegt hatte. Er bekümmerte ſich um nichts als um ſeine Rechnungsbücher, die er jeden Monat ſeinem Herrn Grafen vorlegen mußte. Alles Andere überließ er ſei⸗ ner Frau, die mit großer Umſicht und Thätigkeit die * — 35 Bedürfniſſe ihrer Familie nach der nicht unbedeutenden Einnahme ihres Gatten zu regeln ſuchte. Freilich kam es deſſenungeachtet häufig vor, daß ſich Herr Prutz über alle Maßen wunderte, wenn er das Ausgabebuch ſeiner Gattin revidirte und eine Summe Geldes für warme Winterkleider notirt fand. Er bedachte in ſolchen Augenblicken nicht, daß ihm ſeine Cigarren und ſein Wein bedeutend mehr koſteten als die warme Winterkleidung ſeiner Kinder. In eben dem Maße war auch Herr Prutz erſtaunt, wenn er die großen Töpfe voll Milch betrachtete, die ſeine ſieben Sprößlinge zum Frühſtück verzehrten. Ihm fiel es leider nie dabei ein, zu berechnen, was er dagegen an Bier und Wein verconſumirte. Die Kinder des Herrn Wirthſchaftsinſpectors waren mittlerweile herangewachſen und der große Milchtopf, der ihm ein Aergerniß geweſen war, verſchwand all⸗ mälig, um der mächtigen Waſſerflaſche Platz zu machen, die ohne Unkoſten aus den Springquellen des Schloß⸗ hofs gefüllt wurde. Das klare Quellwaſſer bekam den Kindern ſo gut wie ein Thautropfen der aufblühen⸗ den Blume. Die Wangen der hübſchen Mädchen rötheten ſich bei der frugalen, geſunden Koſt, während ihr lieber Papa vom Weintrinken allmälig eine ge⸗ röthete Naſe davontrug, die ſeine Geſichtszüge weder veredelte noch verſchönte. 3* 36 Außer der angedeuteten üblen Eigenſchaft war der Wirthſchaftsinſpector indeſſen ein guter Mann, der ſeine Frau hochſchätzte, ſeine Kinder liebte und ſein Amt mit Verſtand und Redlichkeit verſah. Rechts, etwas ferner vom Schloſſe, nahe dem Abhang des Hügels, von dem ſanft abwärts das Dorf Bärenberg ſich bis zum Thal hinzog, befanden ſich die Wirth⸗ ſchaftsgebäude des Schloſſes, in welchen der Amtmann als Pachter von Bärenberg und Gunterek wohnte. Es war dieſe Pächterei ein Complex von gut erhaltenen Häuſern, mit einer weißgetünchten Mauer eingehegt und von einigen mächtigen Kaſtanienbäumen beſchattet. Unmittelbar daran, aber abwärts gelegen, ſchloß ſich die Förſterwohnung, welcher die Dorfſchenke gegenüber lag. Zwiſchen dieſen Häuſern, die auf einem terraſſen⸗ artigen Vorſprung des Hügels ruhten, bildeten die klaren Quellen des Plateaus einen Waſſerfall, der mit mächtigem Rauſchen fußhoch in ein Becken ſtürzte, um von dort aus mit rapider Schnelligkeit über Steine und Geröll neben dem Straßendamm durch das Dorf bis zum Thal hinabzufließen. Nur ober⸗ halb, zwiſchen dem Förſterhaus und der Schenke, fand ſich eine Brücke über den kleinen Bergbach, ſonſt mußte er von der flinken und gewandten Jugend überhüpft werden, während das bedächtige — Alter einige breite Steine benutzte, um darüber hin⸗ wegzukommen. Da die eben geſchilderten Häuſer durch den ſpru⸗ delnden Bach vom Dorfe getrennt waren, ſo hatte der Volksgebrauch die Einwohner derſelben mit dem Schloſſe in Verbindung gebracht und die Benennung„Schloß⸗ leute“ für ſie erfunden. Somit gehörten der Wirthſchafts⸗ inſpector, der Amtmann, der Förſter und der Gaſtwirth zu den Schloßleuten und ſtanden faſt gar nicht im Verkehr mit den übrigen Dorfbewohnern. Das Schloß mit ſeinen Umgebungen bildete alſo eine Welt für ſich, und in dieſer kleinen abgeſchloſſenen Welt, unberührt von dem Hauche irdiſcher Kleinlichkeit, war Dora Bella, die einzige Tochter des Grafen Harald, das belebende Princip. Sie thronte als Herrſcherin in dem Kreiſe ihrer Geſpielinnen, die ſie aus den vier Häuſern auf dem Berge zuſammenzog, ohne zu wiſſen, daß es Herrſcherinnen in der Welt gebe, die ſie um ihre Unabhängigkeit beneiden könnten. Von einer heitern Mutter angeleitet zu luſtigen Spielen und von einem zärtlichen Vater ſtets nachſichtig be⸗ urtheilt, war ſie eigentlich wild aufgewachſen und hatte ſich allmälig der Grenze der Jungfräulichkeit genähert, ohne daß es irgend Jemand ihrer Umgebung eingefallen wäre, ſie dem Kinderkreiſe zu entfremden, in welchem ſie ſich ſo überaus wohl fühlte. Selbſt der plötzliche Tod ihrer Mutter brachte keine Veränderung in ihren Ideenkreis und in ihre äußerliche Ausſtattung. Die Schweſter des Grafen Harald, die unvermählt geblieben war und ſeit früheſter Jugend Schloß Bärenberg zum Aufenthaltsort gewählt hatte, fand ſich nicht befugt, in die Erziehungsmethode ihrer verſtorbenen Schwägerin, die ſie zärtlich verehrt, einzugreifen. Ihre beſchränkten, durch ein einſames Leben hervorgerufenen Weltanſichten machten ſie gleichſam blind für die ungebundene Lebens⸗ weiſe ihrer Nichte Dora Bella und ſie überſah es, daß dieſelbe die Grenzen der Kindheit ſchon überſchritten hatte, während ſie noch im, Flügelkleide der Jugend umherflog. Genug, Comteſſe Dora Bella war innerlich noch im vollſten Sinne des Wortes ein Kind, als Reinhold von Leſſel nach jahrelanger Abweſenheit auf Schloß Bärenberg eintraf und ſeinem Erſtaunen über die verkehrte und unzuläſſige Erziehung mißbilli⸗ gende Worte lieh. Gräfin Eliſabeth ſah alsbald ihr Unrecht ein. Sie beeilte ſich, mindeſtens äußerlich dahin zu wirken, daß Dora Bella ihren Jahren gemäß erſchien. Auch ließ ſie es nicht an weiſen Vorleſungen fehlen, welche das wilde, ungebundene Töchterchen ihres Bruders auf den Unterſchied der Verhältniſſe, der zwiſchen ihr und ihren 39 Jugendgenoſſen obwaltete, aufmerkſam zu machen geeig⸗ net waren. Allein ihre Ermahnungen drangen nicht tief genug ein, um eine plötzliche Aenderung zu bewirken. Dora Bella entwaffnete die weiſen Strafpredigten der alten Dame ſtets mit Blicken voll ſchelmiſcher Reue und that gleich darauf wieder, was ſie einmal nicht laſſen konnte, das heißt, ſie ſtürmte hinaus auf den Raſenplatz und miſchte ſich in die Reihen ihrer harren⸗ den Spielgefährten. Dora Bella hatte übrigens in Reinhold den Störer ihrer harmloſen Jugendfreuden erkannt und ihn mit ſo allerliebſtem Zorn zur Rede geſtellt, daß er ſich ge⸗ zwungen ſah, ihre geiſtige Entwicklung trotz der äußer⸗ lichen Kindlichkeit ganz unzweifelhaft zu finden. Um ſo ſchärfer zog er gegen ihre Verwilderung, wie er es zu nennen beliebte, zu Felde und es entſpann ſich zwiſchen ihnen eine Fehde, die nicht ſelten bis zur Feindſeligkeit überging, wenn Reinhold von der Freiheit eines brüderlichen Freundes Gebrauch machte und ihre Lebensgewohnheiten mit dem Takte und der Schicklich⸗ keit nicht vereinbar fand. Von ihrem lebhaften und ungezügelten Weſen ge⸗ trieben, hatte Dora Bella eine Begrüß! ung ihres Vetters Askan ganz in der Ordnung gefunden, aber Askan's beleidigende Förmlichkeit hatte ſie über den Eindruck 40 belehrt, den ihr Entgegenkommen in ihm bewirken mußte. Mit keckem Wort entzog ſie ſich der unangeneh⸗ men Situation, die ſie ſich ſelbſt bereitet, und kehrte zum Kreiſe ihrer Geſpielinnen zurück. Aber Dora Bella fühlte ſich verletzt und beſchämt wie noch nie. Sie nahm ihre Geiſteskraft zu Hülfe, um noch einige Minuten auf dem Raſenplatze weilen zu können, ohne ihre Demüthigung merken zu laſſen, und ſchlich dann ſcheu und langſam dem Portale zu, um unbemerkt ihr Zimmer zu erreichen. Hier angelangt, ſchloß ſie ohne Zögern die Thür zu und eilte, einen prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen. Ihr Bild erſchreckte ſie. Ihr Haar hatte ſich gelöſt und verunſtaltete ſie durch die Unordnung, wo⸗ mit es ihr ſchönes, edles, zartes Geſicht umgab. Ihr Kleid hatte ſich von den Schultern verſchoben, ſodaß die Ebenmäßigkeit ihres feinen Wuchſes ſehr zweifel⸗ haft erſchien. Genug, ihr ſtrahlte ein Zerrbild ihres eigenen Selbſt entgegen, das der Spiegel mit hohn⸗ voller Getreulichkeit wiedergab. Eine heiße Scham überflutete Dora Bella. Dieſer Moment brachte ſie zur Selbſterkenntniß, und da ſie weder ſtumpfſinnigen Geiſtes noch ver⸗ wilderten Gemüths war, ſo mußte dieſe Erfahrung endlich Wirkung thun, das ganze Syſtem ihrer bis⸗ B — B ,— herigen Lebensanſchauungen umſtoßen und ihre Ge⸗ danken neu beleben. Zuerſt drückte eine ſchmerzliche Demuth ihr Weſen nieder. Bald aber erhob ſich ihr Selbſtgefühl und führte ſie auf Irrwege, die ihre Weiblichkeit mit Ge⸗ fahren bedrohten. Sie gedachte zum erſten Mal in ihrem jungen Leben mit Genugthuung ihrer bevor⸗ zugten Weltſtellung und erwog mit verächtlichem Lächeln die Lage der beiden jungen Männer, die ſich durch Wort, Blick und Geberde herausgenommen hatten, ſie mit ihren Gewohnheiten zu verurtheilen. Alle Fehler ihres Geſchlechts, dieſe angeborenen tiefen Uebel der Menſchheit, erwachten in ihr und bewirkten einen gewaltigern Umſchlag in ihrer Denkungsart, als die geringfügige Begebenheit hatte erwarten laſſen. Es erzeugte ſich blitzſchnell eine geiſtige Härte in dem ſonſt weichen und harmloſen Mädchen. Es er⸗ wuchs ein dämoniſcher Trotz aus dem kleinen Tropfen Gift, welcher in ihr Inneres geſchleudert und durch Eitelkeit, Empfindlichkeit und Groll genährt worden war. Sie ſchwor den beiden Männern Haß, ewigen Haß. War es ein Kinderſchwur, den die junge Dame mit der Geberde der heiligſten Entſchließung ablegte? Nein, auf dieſem ſchönen, edlen Geſichte prägten ſich die Empfindungen des Spottes, des Hohns und der Ver⸗ achtung aus, als ſie faſt laut ſagte:„Was ſind dieſe beiden erbärmlichen Weltmenſchen und was bin ich!“ Dora Bella handelte nach den Vorſchriften ihres eben erſtandenen Trotzes, der ſich ſchnell zu einer Herrſcherkraft ausbildete, indem ſie beſchloß, über die erlittene Demüthigung zu ſchweigen. Der weibliche Inſtinkt hieß dieſe Klugheitsregel ſchon um deswillen gut, weil jede Erörterung und Entſchuldigung eine neue Demüthigung in ſich ſchloß. Ruhig, als ſei nichts geſchehen, was ihre Laune hätte trüben können, klingelte ſie nach einer Stunde herber Ueberlegungen ihrer Kammerfrau und ließ ſich von neuem ankleiden und friſiren. Sie erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß der angekommene Gaſt noch immer mit Excellenz in deren Zimmer ſei und daß ſelbſt Gräfin Eliſabeth noch nicht das Vergnügen ge⸗ habt habe, den jungen Grafen begrüßen zu können. Dora Bella hörte dieſe Nachricht mit Erſtaunen Sie wußte, daß Tante Eliſabeth mit innigem Ver⸗ langen der Ankunft ihres frühern Pfleglings entgegen⸗ geſehen hatte, und jetzt war er länger als eine Stunde im Schloſſe, ohne ſich ihr genaht zu haben. „Am beſten, ich heuchle Gleichgültigkeit über dieſe ſonderbaren Ereigniſſe und ſuche den Schleier zu heben, 43 der die Begebenheiten deckt, welche ſchuld an Askan's Entfernung aus dem Schloſſe waren, wo ſein Andenken doch gefeiert wurde“, ſprach Dora Bella, während ſie abermals vor den Spiegel trat, um ſich mit kritiſiren⸗ den Blicken zu betrachten, bevor ſie der Einſamkeit ihres Zimmers entfloh. Ob die junge Dame noch immer ſtark verſtimmt war oder ob ſie an dieſem Unglückstag andere Anfor⸗ derungen an ihre äußere Erſcheinung machte, ſie fand ſich unerträglich häßlich friſirt und geſchmacklos ge⸗ kleidet. „Um ſo beſſer“, fuhr ſie mit trotzigem Lächeln in ihrem Selbſtgeſpräch fort.„Meine äußerliche Ausſtattung mag dem verwöhnten Hofcavalier ein Beweis ſein, daß mir ſehr wenig daran liegt, ſein Wohlgefallen zu er⸗ regen. Unſer Geſchmack, unſere Meinungen, unſere Anſprüche, unſere Lebensweiſe und unſere Vergnügun⸗ gen werden durch unſern Charakter beſtimmt, und da nach meines Vaters Ausſpruch zwiſchen einem Welt⸗ menſchen und einem Naturmenſchen keine Harmonie ſtattfinden kann, ſo werde ich mir nicht die geringſte Mühe geben, Vetter Askan's Sympathie für meine Welt und für meine Perſon zu wecken. Ich ahne, daß mein weiſer Papa die erſten Minuten des Wiederſehens zu einer Prüfung anwendet, um den Kern des Hof⸗ cavaliers gründlich zu unterſuchen. Mir kann es gleich ſein, ob er dieſen Kern gut erhalten oder verdorben findet.“ Dora Bella endete ihr weiſes Selbſtgeſpräch mit einem ſtolzen Aufwerfen des Kopfes und machte ſich fertig, das Zimmer zu verlaſſen. Im Verfolg ihres neuen Ideengangs ſchritt ſie mit vollkommener Gleich⸗ gültigkeit und kaltem Selbſtbewußtſein über die Schwelle, um einem zweiten Zuſammentreffen mit Askan ent⸗ gegenzugehen. Die Gefühle, die ſie jetzt beſeelten, waren aus dem Kampfe mit der ſchnöden Zurückhal⸗ tung des jungen Mannes hervorgegangen. Ob ſie eine Ausſaat des Böſen bleiben würden? —yy —y Viertes Kapitel. Gräfin Eliſabeth, die Schweſter des Grafen Harald, bewohnte im linken Flügel des Schloſſes, dicht neben den Fremdenzimmern, ein völlig abgeſondertes Quar⸗ tier und hatte auch ihre Dienerſchaft für ſich. Nur mittags erſchien ſie an der Tafel, ſonſt ließ ſie ſich ſelten in den Räumen blicken, welche die Familie ihres Bruders inne hatte. Dieſe ſeltſame Abgeſchiedenheit lag einestheils in der Vorliebe der Dame für die Ein⸗ ſamkeit, anderntheils gründete ſie ſich auf den Umſtand, daß ſie in Gemeinſchaft mit ihrem verſtorbenen Vater den linken Flügel bewohnt hatte und, von Gewohnheit gefeſſelt, ſich nicht entſchließen konnte, ſich anderweitig zu logiren, obwohl ſie dadurch an Bequemlichkeiten hätte gewinnen können. Um zu ihr zu gelangen, mußte Dora Bella den langen Corridor, die Vorhalle und einen Theil der 46 Gallerie durchſchreiten, wenn ſie es vermeiden wollte, in den Colonnaden, die vor den Fremdenzimmern lagen, mit Reinhold oder auch mit Askan zuſammen zu treffen. Das wollte die Comteſſe auf alle Fälle verhindern; deshalb horchte ſie erſt aufmerkſam und blickte forſchend rundum, bevor ſie ihren Weg nach dem Zimmer der Tante Eliſabeth antrat. Alles war ſtill, todtenhaft ſtill. Sie überlegte. Wäre ſie noch das harmloſe, un⸗ gebundene Kind der Natur geweſen, wie vor wenigen Stunden, ſo würde ſie den Weg durch die Colonnaden, die das Schloß mit dem linken Seitenflügel verbanden, unbedingt gewählt haben, da er viel näher und viel angenehmer war. Allein es überkam ſie ein eigen⸗ thümliches Gefühl von Furcht und Schüchternheit, in⸗ dem ſie die Möglichkeit bedachte, den jungen Männern, die hier ihre Zimmer hatten, begegnen zu können. Schon das leiſeſte Geräuſch von dorther jagte ihr einen ſolchen Schreck ein, daß ſie, faſt willenlos fortgetrieben, nach der Vorhalle eilte und ſchnell in die Gallerie ſchlüpfte. Athemlos blieb ſie hier ſtehen. Ihr Herz pochte fürchterlich. Sie verſuchte ſich ſelbſt über dieſe befremdliche Zaghaftigkeit zu verſpotten, es glückte ihr aber nicht. Ein Weh eigener Art, eine Wehmuth, eine Trauer, die keinen Grund hatte, füllte ihr Auge mit Thränen. Sie fühlte ſich außer Stande, dieſe Thränen 8 — 47 zu bemeiſtern, und brach in ein leiſes, ſchmerzliches Weinen aus. Erſchrocken über ſich ſelbſt trocknete Dora Bella haſtig ihre naſſen Augen und blickte mit erzwungener Heiterkeit um ſich. Es war ihr, als wenn die alten Gemälde, die hier in dichter Reihe hingen, mit Ver⸗ wunderung auf ihre Thränen blicken müßten, da ſie bis dahin nur durch ihr heiteres Lachen aus der Grabes⸗ ruhe aufgeſtört worden, welche in dieſem weiten Raume herrſchte. Die ernſten Mienen ihrer Vorältern mahn⸗ ten ſie zum Frieden mit ſich ſelbſt, und der eigenthüm⸗ liche Zauber, welcher ſtets für ſie in der Betrachtung dieſer alten Ahnenbilder gelegen hatte, erhielt einen Zuwachs von Romantik, als der Gedanke ihre Seele berührte, daß ſie, das letzte Kind des Harald⸗Bären⸗ berg'ſchen Stammes, unter dem Schutze dieſer ehrwür⸗ digen Bilder ſtehe. Die Poeſie des Familienſtolzes bemächtigte ſich ihrer Phantaſie. Sie blickte mit dem Ausdrucke des Verſtändniſſes von Bild zu Bild, wäh⸗ rend ſie langſam daran vorüberſchritt, und verſchwaud erſt durch die Thür, die zu den Gemächern ihrer Tante Eliſabeth führte, nachdem ſie zögernd eine lange Weile träumeriſch zurückgeſchaut hatte. Gräfin Eliſabeth ſaß an ihrem Leſepulte, als Dora Bella leiſe die Thür öffnete und die Portière unmerk⸗ 48 lich zurückſchob. Sie ſchien zu leſen. Sie las aber jedenfalls nicht mit Aufmerkſamkeit, denn ihr Blick hob ſich oft von dem Buche, das aufgeſtellt war, und ihr Ohr wendete ſich lauſchend dem Eingange zu, der zu den Colonnaden führte. Gräfin Eliſabeth repräſentirte in der Stattlichkeit ihrer Geſtalt, die ſie trotz ihrer ſechzig Jahre noch mit voller Elaſticität aufrecht hielt, eine richtige Tochter des gräflich Bärenberg'ſchen Geſchlechts. Weniger war dies der Fall mit dem Ausdrucke ihres Geſichts, deſſen Grundton Sanftmuth, Gleichmuth, Güte und Ruhe war. Der ſtille Stolz, den die klaſſiſch edeln Geſichter ihres Geſchlechts aufwieſen, fehlte ihr ganz und gar. Ihre ganze Erſcheinung hatte das Gepräge jener weib⸗ lichen Geſtalten, die durch die Natur zu den guten Geiſtern der Männerwelt beſtimmt ſind, aber ſelten den Beifall derſelben in dem Grade gewinnen, daß ſie zu Gattinnen erwählt werden. Die Einfachheit ihres Weſens iſt gewöhnlich nicht im Stande, das Intereſſe lebensluſtiger und lebenskräftiger Männer zu feſſeln, und was ſich ſonſt an Reiz und Liebenswürdigkeit bei ihnen vorfindet, das wird von ſolchen Frauennaturen nie zur Schau getragen. Dieſe weiblichen Geſtalten gehen gewöhnlich zu Grabe, ohne jemals geliebt worden zu ſein. 49 Die freundliche und gleichmüthige Ruhe in dem Geſichte der Gräfin Eliſabeth ließ auch darauf ſchließen, daß niemals der Sturm der Leidenſchaft in ihr ſtilles Daſein getreten ſein möchte. Der Schluß war jedoch nicht ganz richtig. Ein Moment in ihrem Leben hatte dies ſtille Herz in den Kampf mit heißen Wünſchen geſtürzt, aber ihre Vernunft war Siegerin geblieben und ihr Gewiſſen hatte ihr die Palmenkrone der edlen Ruhe dann auf die Stirn gedrückt. Dora Bella betrachtete eine Weile unſchlüſſig ihre Tante, bevor ſie zu ihr eintrat. Die Dame zeigte eine nachdenklichere Miene, als ſie an ihr zu ſehen gewohnt war. Ihre Ruhe erſchien etwas geſtört, ihr Gleich⸗ muth erſchüttert. Das junge Mädchen wagte es gar nicht, in den Kreis ihrer Gedanken zu treten, die einen befremdlichen Ausdruck auf ihr Geſicht geprägt hatten. Dora Bella war bis dahin für den heiligen Frieden, der in den Umgebungen ihrer Tante herrſchte, wenig empfänglich geweſen. Ihrem Sinn hatte die Weihe gefehlt, dieſe geiſtige Abgeſchloſſenheit eines einſamen Daſeins richtig würdigen zu können. Was öffnete ihr denn jetzt plötzlich das Herz, daß ſie in ſchüchterner Verehrung zauderte, die friedliche Stille des Gemachs durch ihren lärmenden Eintritt zu ſtören? Gräfin Eliſabeth bemerkte eine leiſe Bewegung des Fritze, Schloß Bärenberg. I. 4 50 Thürvorhangs und richtete ſcharf den Blick dorthin. Ein Lächeln überflog ihr ſanftes, blaſſes Geſicht. „Komm nur herein, Kleine“, rief ſie mit mildem, gütigem Tone.„Wenn ich Dich auch noch nicht ſehe, ſo weiß ich doch, daß von dort her Niemand anders zu erwarten iſt als Du. Dich führt ſicherlich die Neu⸗ gier zu mir. Du denkſt Askan hier zu finden. Komm nur näher! Er iſt immer noch nicht bei mir geweſen. Komm, laß Dich prüfen, wie Du ausſiehſt, bevor der Blick Askan's Dich trifft!“ Langſamen Schrittes bewegte ſich Dora Bella während der letzten Worte vorwärts, den Kopf in anmuthiger Verlegenheit ſeitwärts geſenkt. „Ah! Sieh da, meine Kleine— ſchon en grande tenue— vollſtändig courfähig gekleidet“, ſcherzte die Gräfin und ſtrich ſanft über den Lockenkopf, der von neuem unter dem Brenneiſen geweſen ſein mußte. „Meine gute Wartholt hat für nöthig gefunden, Deine Toilette den Anſprüchen eines Hofcavaliers gemäß an⸗ zuordnen— recht ſchön, ganz gutv; der erſte Eindruck iſt oftmals fürs ganze Leben entſcheidend. Seitdem mir Reinhold ſo eindringliche Vorleſungen über Deine un⸗ ſtatthafte Ungebundenheit gemacht hat, bin ich mir bewußt geworden, daß ich wenig zur Erziehung junger Mädchen tauge. Ich werde mich bei der Wartholt —łẽ — 5 51 ſpeciell für die Aufmerkſamkeit bedanken, womit ſie heute meine Vergeßlichkeit rückſichtlich Deiner Reprä⸗ ſentation ausgeglichen hat. Reinhold's Vorwürfen bin ich dadurch entgangen.“ 8 Dora Bella verbarg ſchüchtern und verſchämt ihr Geſicht an der Gräfin Schulter, verſuchte jedoch ihrer Stimme einen kecken Klang zu geben, als ſie erwiderte: „Deine Wartholt weiß gar nichts von meiner Toilette, Tante Eliſabeth, ich ſelber habe für nöthig erachtet, meinen Anzug zu wechſeln.“ „Sieh, Du ſchreiteſt fort in der Cultur“, unterbrach die Gräfin ſie freundlich.„Um ſo beſſer, daß Du ſelbſt daran dachteſt, Dich ſtandesgemäß zu präſentiren. Ich kann Askan jeden Augenblick erwarten.“ „Er iſt noch nicht bei Dir geweſen, Tante Eliſa⸗ beth?“ fragte Dora Bella mit erkünſteltem Befremden, verfiel aber gleich darauf in ihre gewöhnliche unge⸗ ſtüme und haſtige Fragemanier und rief:„Iſt denn Askan noch immer bei meinem Vater? Hat mein Papa ihn ſo lieb, daß er ſich von ihm nicht trennen kann? Und Du haſt ihn auch lieb, Du ſehnſt Dich ihn zu umarmen? Du lächelſt, Tante Eliſabeth— ach Du meinſt wohl, ich könne es Deinem Geſichte nicht anſehen, wenn Du innerlich aufgeregt biſt? Warum habt Ihr Askan von Schloß Bärenberg fortgehen laſſen, 4* 5² warum habt Ihr ihn nicht früher wieder herbeſchieden? Erzähle mir, liebe Tante, wie hängt dies zuſammen?“ Hochroth vor Eifer im Geſicht kniete Dora Bella auf das Fußkiſſen der Gräfin nieder und ſah ihr voll ins Auge. Gräfin Eliſabeth neigte ſich und küßte ſie auf die Stirn. „Erzählen läßt ſich das nicht, liebe Kleine“, ſprach ſie mit jener Güte und Herablaſſung im Tone, womit man zu Kindern redet, deren Begriffsvermögen man noch nicht hinlänglich entwickelt glaubt. Dora Bella empfand dies. Sie richtete das Köpfchen höher auf und hob die Bruſt ſtolzer hervor. „Wie? Erzählen läßt ſich's nicht?“, wiederholte ſie haſtig.„Iſt es eine entſetzliche Geſichte? Beruht das Ereigniß auf Geheimniſſen? Ich möchte davon unter⸗ richtet ſein. Ich muß darauf dringen, den Grund zu erfahren, damit ich mein Betragen gegen Askan regeln kann.“ Gräfin Eliſabeth wendete langſam den Blick auf ihre Nichte und ſah ſie augenſcheinlich verwundert an. Es lag Ueberlegung in ihrer Aeußerung und bis zu dieſem Moment hatte die Gräfin noch nie eine Spur von kaltblütiger Beſonnenheit an ihrer Nichte ent⸗ deckt. „Empfange Askan gleich einem Bruder, ohne Vor⸗ „— w— 53 urtheile und ohne Rückſicht auf die Vergangenheit“, antwortete ſie nach kurzem Sinnen.„Es liegt weder ein Geheimniß noch eine Schuld der eigenthümlichen Entfremdung Askan's zu Grunde. Lediglich die Ver⸗ änderung von Familienverhältniſſen brachte ſeinen Vater dahin, etwas eigenſinnig auf Askan's Entfernung zu beharren. Laſſen wir jedoch die Todten ruhen, liebe Kleine.“ „Warum iſt Askan ſeit vielen Jahren nicht ein einziges Mal zum Beſuch hier geweſen, da Dir und dem Papa doch ſo viel daran lag, ihn wiederzuſehen?“ fragte Dora Bella beharrlich. „Die Umſtände verboten Deinem Vater, ihn ein⸗ zuladen“, war Eliſabeth's kurze Antwort. „Solange meine Mama lebte, nicht wahr?“ fragte Dora Bella mit aufflammendem Argwohn. Gräfin Eliſabeth fuhr innerlich erſchrocken zuſammen. „Nein, Liebe, nein!“ ſagte ſie haſtig.„O, Deine Mutter wußte nichts, gar nichts von dieſem Conflicte, der durch leidige Familientraditionen herbeigeführt worden war Traurige Verſchrobenheit der Menſchen, die des Haſſes Fluch auf Kind und Kindeskind ausdehnt!“ „Alſo aus der Vorzeit ſtammt der Grund, wes⸗ wegen Askan Schloß Bärenberg mied?“ fragte Dora Bella noch begieriger. Sie war eine Verehrerin von alten Sagen und forſchte ſtets mit Leidenſchaft den alten Geſpenſtergeſchichten des Schloſſes nach. „Frage mich nicht, Dora Bella“, entgegnete Gräfin Eliſabeth ſanft abweiſend.„Du würdeſt die Sache nicht verſtehen, wollte ich ſie Dir auch auseinander⸗ ſetzen.“ „O Tante Eliſabeth“, warf die junge Dame ſehr unwillig ein,„bin ich denn noch ein Kind? Ich ver⸗ ſtehe Alles!“ fügte ſie, den lächelnden Blicken ihrer Tante Trotz bietend hinzu, indem ſie ſich in die Bruſt warf. Die Gräfin ſtrich über ihr Geſicht. „Verſtehſt Du wirklich etwas von der Macht und Kraft der menſchlichen Leidenſchaften, Du liebes Kind? Weißt Du ſchon etwas von der Kraft der Liebe und der Macht des Haſſes? Siehſt Du, jetzt mußt Du mir einräumen, daß Deine Vorausſetzung irrig war. Aber Du ſollſt ſpäterhin erfahren, wie die Sache zuſammen⸗ hängt; ich halte es für heilſam, Dich rechtzeitig von den Dingen zu unterrichten, die auf Askan's Leben bedeutſam eingewirkt haben würden, wenn nicht ſein Vater früher geſtorben wäre als Dein Vater. Freilich kommt es nun noch darauf an, welche Verhaltungs⸗ regeln er ſeinem Sohne Askan hinterlaſſen hat. Dies ſogleich zu erforſchen bewog Deinen Vater, Askan kommen zu laſſen.“ 9 55 „Ich will nicht hoffen, daß Askan mit gehäſſigen Empfindungen hierher gekommen iſt“, rief Dora Bella in mißtrauiſchem Eifer. „Askan hat nie als handelnde Perſon in dieſem Streite gewirkt. Er iſt der leidende Theil. Du weißt ja, daß er der Großmuth Deines Vaters ſeine ſorgen⸗ loſe Stellung in der Welt verdankt. Du haſt ja oft genug Gelegenheit gehabt, ſeine dankerfüllten Briefe zu leſen.“ „Freilich, aber warum kam er nicht ſich perſönlich zu bedanken?“ „Ein ungerechtfertigter Beſchluß ſeines Vaters hin⸗ derte ihn daran.“ „Jetzt kommt er indeß— hat der Beſchluß ſeines Vaters jede Kraft verloren mit ſeinem Tode, oder hängt der Tod meiner Mama damit zuſammen?“ Wiederum ſchrak Gräfin Eliſabeth zuſammen. „Was willſt Du Deine liebe ſelige Mutter in dies Zerwürfniß verwickeln? Wie kommſt Du darauf, liebes Kind?“ „Inſpector Prutz ſagte geſtern etwas, das mich zu dem Gedanken leitete.“ „Es iſt ſehr unklug und unvorſichtig vom Inſpector, dergleichen Andeutungen zu wagen“, entgegnete die Gräfin mit leichtem Verdruß.„Beunruhige Dich in⸗ deſſen nicht darüber, meine Kleine. Ich gebe Dir hier⸗ mit die Verſicherung, daß Deine Mutter, perſönlich betrachtet, außer jeder Beziehung zu dem Ereigniſſe ſteht, welches ſtörend in Askan's Verhältniß zu Deinem Vater eingriff.“ „Aber es iſt etwas von altem Familienhaſſe vor⸗ handen“, beharrte die junge Dame mit einer Combi⸗ nation, die ihr Niemand zugetraut.„Sag' es mir, Tante, Du weißt, ich ruhe nicht, bis ich die ganze Geſpenſtergeſchichte ergründet habe.“ Gräfin Eliſabeth runzelte im ſtillen Unbehagen leicht die Stirn.„Wie Du mich quälſt, Dora Bellal“ ſagte ſie leiſe.„Es paßt nicht für Deine Phantaſie, was der Zwiſtigkeit zu Grunde liegt. Alte verjährte Geſchichten, im Zorn heraufbeſchworen, vom innern Unmuthe unüberlegt benutzt— was längſt todt und ver⸗ geſſen war, iſt dadurch wieder ans Licht gezogen. Wir beide, Dein Vater und ich, wußten kaum von den Ereigniſſen, die den Ruin der Bärenberg auf Boſtett herbeigeführt hatten. Natürlich forſchten wir auf der Stelle nach und fanden auch endlich die wahrheits⸗ gemäße Aufzeichnung des damaligen Burgkaplans im Familienarchive. Hätten wir früher davon Kenntniß gehabt, ſo hätten wir dem aufbrauſenden Weſen des alten Grafen Askan beſſer ausweichen können. Ich — habe nie etwas von der Sage der Boſtetter Annen⸗ kapelle gehalten, weil der Aberglaube dem Teufel dabei eine Rolle gab. Zu meinem Erſtaunen fand ich bei Entzifferung der wunderlich ſtiliſirten, halb lateiniſch verfaßten Aufzeichnung der Begebenheit, daß eine That⸗ ſache zu Grunde lag, und ich habe zu Nutz und Frommen der ſpätern Generationen verſucht, die Familientragödie, die ihre dämoniſche Einwirkung bis auf unſere Tage ausdehnte, in verſtändlicher und zeitgemäßer Ausdrucks⸗ weiſe aufzuſetzen. Späterhin werde ich Dir das Manu⸗ ſeript zum Leſen geben, damit Dir Alles klar wird, was für den Augenblick noch für Dich ein Geheimniß bleiben muß.“ 3 „Haſt Du das Manuſcript in Deinem Schreibtiſche?“ fragte Dora Bella auffallend haſtig. „Nein. Ich habe es dem Familienarchive ein⸗ verlaibt.“ „Schade! Warum ſoll ich's wohl nicht jetzt leſen, da es mir doch ſpäterhin erlaubt ſein wird?“. „Der Inhalt paßt nicht für kindliche Phantaſien“, antwortete die Gräfin gelaſſen. Dora Bella warf ihrer Tante einen Blick zu, in welchem ſich ſchelmiſcher Trotz mit kühner Entſchloſſenheit vereinigte. Sie verließ mit beſonderer Eilfertigkeit ihren Platz auf dem Fußkiſſen der Tante, den ſie bis dahin behauptet hatte, und ſetzte 58 ſich höchſt ehrbar auf den Seſſel im andern Fenſter, der vor dem Arbeitstiſche ihrer Tante ſtand. Hier ergriff ſie die Nadel und begann an der großen bunten Stickerei, womit Gräfin Eliſabeth ihre Mußeſtunden auszufüllen ſtrebte, zu nähen. Verwundert blickte die alte Dame eine Weile dieſem Treiben zu, das von dem ſonſtigen Benehmen ihrer Nichte bedeutend abwich. Sie glaubte das junge Mäd⸗ chen noch nie ſo holdſelig geſehen zu haben wie in dieſem Augenblicke. Ihr Auge richtete ſich ſo feſt und ſo liebevoll auf die ſchöne Mädchengeſtalt, daß es Dora Bella nicht entgehen konnte, welchen Eindruck ſie auf ihre Tante gemacht hatte. Ein helles Roth überflog ihr Geſicht und ſie hob ihre Augen mit ſtrahlender Zärt⸗ lichkeit zu ihr empor, um ſie dann wieder zu ſenken, gleich einer Sünderin, die verbotener Gedanken über⸗ führt worden iſt.. Der Abend war während der Zeit herangenaht. Eine leichte Dämmerung umfing die Gegenſtände im Zimmer, welches nur durch die zwei tiefen Bogen⸗ fenſter Licht erhielt. Draußen glänzte freilich noch das Sonnengold des untergegangenen Tagesgeſtirns in den Baumgipfeln, allein ein duftiger Hauch ſtieg langſam aus den Thälern auf und drohte das Dunkel der Nacht zu beſchleunigen. 59 Jetzt wurden Tritte in der Colonnade hörbar, die vom Schloſſe nach dieſem Flügel führte. Noch eine Minute und der greiſe Kammerdiener Sr. Excellenz öffnete die Flügelthür, mit freudeleuchtenden Augen zu den Damen hereinſchauend. „Se. Excellenz und Graf Askan wünſchen auf⸗ zuwarten!“ meldete er, reſpectvoll ſich verbeugend. Dora Bella ſchlüpfte erſchrocken hinter die Portiere, die den Ausgang nach der Gallerie verbarg, Gräfin Eliſabeth aber ſtand weit lebhafter bewegt, als man ihrer friedlichen Außenſeite zutrauen konnte, auf und eilte ihrem Bruder und dem jungen Gaſte entgegen. Beide Herren wurden eben in den Colonnaden ſicht⸗ bar. Askan hatte den rechten Arm liebevoll um den alten Grafen gelegt und hielt mit der Linken die Hand deſſelben, auf dieſe Weiſe ſeinen unſichern Schritt ſtützend. Der Augenſchein lehrte, daß ein inneres Uebel die Kräfte des ſonſt noch ſtattlich aufgerichteten alten Mannes gelähmt und ihn theilweiſe auf die Hülfe⸗ leiſtungen Anderer angewieſen hatte. Stolz aber trug er noch ſeine Stirn himmelan und in den dunkeln Augen glühte noch die Geiſteskraft, die ihn ſtets ausgezeichnet. Mit einem Lächeln, das an Gräfin Eliſabeth's Lächeln erinnerte, blickte er auf Askan, während er durch die Hallen ſchritt, die vom Sonnengolde beleuchtet waren, 60 zeigte mit der Hand auf die Orangeriekübel, die hier ein Bosquet ſüdlicher Art bildeten, und ſagte heiter: „Der Orangerie geht es wie Dir, Askan, ſie hat ſich ſeit Deiner Abweſenheit kräftig und ſchön entwickelt, ſodaß ſie jetzt dem Klima unſerer Berge Trotz bietet. Sieh, dieſe Bäume waren Sprößlinge, als Du von uns Abſchied nahmſt.“ „Die Vorſehung hat uns unter gleichen Schutz ge⸗ ſtellt, lieber Onkel“, antwortete Askan mit leiſer Stimme. „Was dieſen Bäumen die Sonne, das war mir Deine Güte. In ſolcher Atmoſphäre iſt das Gedeihen und die Entfaltung nicht anders zu erwarten.“ Graf Harald lachte.„Die Antwort verräth Hof⸗ luft, Askan. Ob Du im Stande ſein würdeſt, gleich meiner Orangerie die Bergluft hier zu ertragen?“ Askan zögerte mit der Antwort und hatte dann das Glück, derſelben überhoben zu ſein, weil Gräfin Eliſabeth in der Thür ihres Zimmers erſchien, um ihn freudig willkommen zu heißen. Graf Harald nickte ihr zu, als wolle er ihr im voraus eine Frage beant⸗ worten. „Hier bringe ich ihn Dir, Eliſabeth“, rief er dabei. „Wir haben ihn wieder!“ Gräfin Eliſabeth ſtreckte dem jungen Manne beide Hände entgegen. Er ergriff ſie und führte ſie mit 52 — 61 einer gewiſſen Förmlichkeit an ſeine Lippen. Befremdet blickte die Dame ihn an. „Wir ſcheinen uns fremd geworden zu ſein“, ſprach ſie unter einem gütigen Lächeln. „Meinem Herzen kann nie etwas fremd werden, was ihm einmal theuer geweſen“, war Askan's Ant⸗ wort.„Bevor ich jedoch meinem eigenen Gefühle Aus⸗ druck gebe, muß ich mich der Pflicht entledigen, die Grüße meines Herzogs an Gräfin Eliſabeth Bärenberg auszurichten und ſie ſeiner Verehrung, die nur mit ſeinem Tode enden könne, zu verſichern.“ „Sereniſſimus iſt ſehr gütig“, erwiderte die Gräfin in vollkommener Ruhe.„Was macht der alte Herr? Es iſt ſehr lange her, daß wir zuſammentrafen im Leben, und wenn Deine Anweſenheit am Hofe mein Andenken nicht in ſeiner Erinnerung aufgefriſcht hätte, ſo würde Durchlaucht ſich ſchwerlich meiner noch er⸗ innert haben.“ „Was ich von Durchlaucht vernahm, meine theure Tante Eliſabeth, das ſtößt dieſe Behauptung total um“, erwiderte Askan belebt. „Alte Geſchichten, lieber Askan“, warf Graf Harald ein und ließ ſich in einem bequemen Seſſel nieder. „Herzog Karl thäte gut, darüber zu ſchweigen.“ „Seine Gemahlin trug die Schuld, daß davon ge⸗ 62 redet wurde. Von ihr, der hochverehrten Landesmutter, ſoll ich der Gräfin Eliſabeth dies Medaillon über⸗ reichen und wörtlich beſtellen: dies ſeien Bilder der Gegenwart; nur das Innere des Menſchen trotze der Vergänglichkeit.“ Gräfin Eliſabeth griff haſtig nach dem Käſtchen, welches Askan ihr lächelnd bot, und öffnete es durch einen Druck an der Feder. Es klappte auseinander. Zwei Gemälde en miniature wurden ſichtbar. Ein Schimmer von Rührung überflog die ſanften Mienen der Gräfin und ſie vermied es ſichtlich, dem Blicke ihres Bruders zu begegnen, als ſie ſich mit dem Me⸗ daillon näher zum Fenſter ſtellte. „Die Zeit wird dem fürſtlichen Paare wie uns andern Erdenbewohnern mit vernichtendem Griffel das Alter ins Geſicht geſchrieben haben“, bemerkte der alte Herr mit philoſophiſchem Gleichmuth.„Vertiefe Dich nicht in das Anſchauen der vergangenen Erdenblüte, Eliſabeth, darin vergehen die Gedanken der Hoffnung. Höre lieber auf meine freudigen Eröffnungen, die das Verhältniß Askan's zu uns feſtſtellen.“ Gräfin Eliſabeth legte raſch das Medaillon auf ihren Arbeitstiſch und ſetzte ſich bereitwillig zu ihrem Bruder. Der Ausdruck ſeines Geſichts hatte ihr ſchon die Bürgſchaft ſeines innern Friedens gegeben. Der 63 Grund zu Beſorgniſſen, welche ſeine Pläne für die Zukunft ſtören konnten, war alſo beſeitigt. „Denke Dir, daß Askan's Vater niemals eine Willensmeinung rückſichtlich unſeres Zerwürfniſſes ge⸗ äußert hat, wir mithin durch ſeinen Tod all und jeden Conflict als beendet anſehen können“, begann der alte Graf das Geſpräch. „Ich glaube ſogar verſichern zu können, daß mein verſtorbener Vater ſeinen übereilten Schwur ſtets bereut hat“, fügte Askan hinzu. „Es war auch ein thörichter Schwur, den er in der Hitze des Wortgefechts als eine unüberſteigliche Schranke zwiſchen uns warf“, entgegnete Graf Harald. „Hätte Dein Vater die Einwirkung dieſes Beſchluſſes bis auf ſpätere Zeiten ausgedehnt, ſo würde er eine ſchwere Verantwortung auf ſich geladen haben. Dein Glück hing davon ab, Askan! Mir ſteht es frei, unter den vorhandenen Grafen Bärenberg den zu wählen, welcher für künftige Zeiten als Stammherr mit der Stammbeſitzung belehnt werden ſoll. Nachdem ich von Dir erfahren habe, daß meiner Wahl, wenn ſie auf Dich fällt, nichts Hinderndes im Wege ſteht, bin ich entſchloſſen, mein Teſtament zu machen.“ Askan, der ſich, augenſcheinlich bewegt und in fieberhafter Spannung, nicht geſetzt, ſondern auf die 64 hohe Lehne ſeines Seſſels geſtützt hatte, neigte nur ſtumm das Haupt. Der alte Graf fuhr fort:„Reinhold Leſſel hat meine Inſtructionen vorläufig ſchon erhalten und er iſt mit allen Vorarbeiten ſo weit gediehen, daß nur die üblichen Formalitäten noch zu vollziehen ſind.“ Er hielt inne und blickte mit herzlicher Freundlichkeit in Askan's Auge. Der junge Mann zeigte eine große Selbſtbeherrſchung. Sein Geſicht blieb kalt und ruhig, obwohl der nächſte Augenblick ihn zum künftigen Be⸗ ſitzer einer Herrſchaft machen konnte, die ihn ſelbſt in den Augen ſeines Fürſten zum beneidenswertheſten Sterblichen erhob. Das Auge geſenkt und die Lippe geſchloſſen ſtand er da, bereit, das Glück mit Würde zu empfangen, das ihm vom Geſchick geſpendet wurde. Graf Harald lächelte zufrieden. So wollte er den Mann haben, den er an ſeiner Statt hier einzuſetzen ſtrebte. „Du wirſt der Erbe eines erlöſchenden Stammes werden, Askan. Fortan wird hier ein Geſchlecht er⸗ blühen, das aus den Harald⸗Askan⸗Bärenberg neu begründet iſt.“ Askan konnte jetzt einer Dankesregung nicht wider⸗ ſtehen, er neigte ſich und preßte ſeine Lippen auf die Hand des alten Herrn— die Lippen bebten leiſe. 65 Einen Blick des Einverſtändniſſes mit ſeiner Schweſter tauſchend fuhr Graf Harald fort: „Was Dir als Begründer des neuen Stammes ob⸗ liegt, wirſt Du in dem Vermächtniſſe finden, das aus⸗ führlich darüber Auskunft gibt. Der hartnäckige Un⸗ wille Deines Vaters über meine Heirath mit der Ur⸗ enkelin der Prinzeß Lichtberg konnte Dich dieſes Erb⸗ theils berauben, wenn nicht die Vorſehung zuerſt Deinen Vater und dann auch meine ſüßeſte Lebens⸗ freude, meine Gattin hätte ſterben laſſen. Der Schwur Deines Vaters lautete dahin, daß Du die Schwelle meines Hauſes nie betreten dürfteſt, ſolange die Ab⸗ kömmlingin einer Dame hier walte, welche zu ver⸗ fluchen ſein Stamm gezwungen ſei.“ Gräfin Eliſabeth hatte bei der letzten Wendung des Geſprächs erſt wieder Dora Bella's gedacht und danach mit unruhigen Blicken das Zimmer überflogen und die Vorhänge der darin befindlichen Thüren gemuſtert. Dora Bella war verſchwunden. Hatte die junge Dame ſich nur muthwillig verſteckt oder hatte ſie in einem Anfalle von Schüchternheit das Zimmer ganz verlaſſen? Von den Bewegungen ihres Gemüths in Anſpruch genommen, hatte Gräfin Eliſabeth nicht an das arme Kind gedacht und ſie machte ſich nun Vor⸗ würfe darüber. Leiſe erhob ſie ſich. Ihre erſte Fritze, Schloß Bärenberg. I. 5 66 Regung trieb ſie, die Rede ihres Bruders zu hemmen. Die Schonung erforderte es, daß Dora Bella nicht er⸗ fuhr, inwiefern ihre Mutter eine Veranlaſſung zu dem jahrelangen Zerwürfniß in der Familie geweſen war. Sie ſtand aber von ihrem Vorhaben ab, dem alten Herrn durch das Geſtändniß von Dora Bella's Anweſenheit im Zimmer Schweigen aufzuerlegen, weil in dem kindiſchen Verſtecken des Mädchens etwas Lächerliches lag. Unruhig ſchritt ſie endlich auf die Thür zu, die nach der Gallerie führte, und trat vor⸗ ſichtig hinter die Portiere. Die Thür ſtand offen, eine zweite Thür, die unmittelbar in die Gallerie mündete, ebenfalls. Von Dora Bella keine Spur. Jedenfalls hatte die junge Dame die Flucht ergriffen und war ſchleunigſt auf demſelben Wege entwichen, auf dem ſie gekommen war. Zufriedengeſtellt durch die An⸗ ſicht, daß dies ſogleich nach dem Eintreten der beiden Herrn geſchehen ſein würde, ſchloß Gräfin Eliſabeth die Thüren und ging ins Zimmer zurück. Sie fand die Scene dort etwas verändert. Askan hatte neben dem alten Herrn Platz genommen und ſomit der Verhandlung einen traulichern Charakter gegeben. Nachdem die ernſten Erklärungen überwunden waren, nachdem Askan ſich verſichert fühlte, mit höchſt 67 wohlwollenden Abſichten zu einem Beſuche auf Bären⸗ berg eingeladen worden zu ſein, wagte er es, ſich der Zuneigung zu überlaſſen, die ihn zu dem großmüthigen Mann zog, der trotz aller Zwiſchenfälle mit Vater⸗ treue an ihm gehangen. Gräfin Eliſabeth geſellte ſich zu ihnen. Das un⸗ bedingte Vertrauen ihres Bruders machte ſie zu ſeiner Verbündeten. Durch Sympathie und Blutsverwandt⸗ ſchaft eng verbunden, verlor ſich die Nachwirkung einer langjährigen Trennung auf der Stelle, als ſie ſich alle drei plötzlich am alten Platze wiederfanden. Was die Zeit verändert hatte an ihnen, das erſetzte ſich augen⸗ blicklich durch ein liebevolles Einverſtändniß. Die ernſte Beſorgniß des Grafen, daß Askan's Vater im wilden Zorn des Sohnes mögliches Glück zerſtört haben könne, daß der Verſtorbene jede ſpätere An⸗ näherung zu verhindern oder mindeſtens zu erſchweren geſtrebt, erwies ſich als grundlos. Askan war zu ihm zurückgekehrt als ein edler, würdiger Mann, welcher der Abſichten, die er hatte, werth ſchien. Was da⸗ zwiſchen lag an ſtillem Glück und ſüßer Freude, das vergaßen die alten Menſchen für den Augenblick. Selbſt der tiefe Schmerz beim Verluſte ſeiner jungen blühenden Gattin, der ihn hülflos darniedergeworfen, verlor momentan an Herbigkeit, während Graf Harald 5* 68 die Ueberzeugung gewann, daß ſeine Wünſche gekrönt werden würden. Er vergaß die Tochter über dem Sohne, den er ſich erkoren, er hielt die Erfolge deſſen, der nur durch Wahlverwandtſchaft zu ihm gehörte, für wichtiger als das Geſchick des eigenen Kindes. Im Stillen freilich verband Graf Harald Beides. Die Zukunft Dora Bella's ſicher zu ſtellen, war ſeine Beſchäftigung ſeit Jahren, und daß ihn dieſe Pflicht ſtets auf den Wunſch zurückgeführt, den Knaben, wel⸗ chen er in ſeiner Kindheit ſchon darauf hingewieſen, ſich als Erben von Bärenberg zu betrachten, zum Gatten Dora Bella's wählen zu können, war ganz natürlich. Solange ſeine Gattin lebte, trat dieſer Wunſch nicht lebhaft hervor. Jetzt wurde er indeß zur Leidenſchaft und führte ihn zu den Verſuchen, die ihn einer Verwirklichung aller Pläne näher brachten. Der alte Graf hatte alle Möglichkeiten erwogen, bevor er Askan zu ſich entbot. Sein Stamm gehörte zu jenen früherhin reichsunmittelbaren Ständen, deren Häuptern in Rückſicht auf ihre Abſtammung und auf ihre Beſitzungen alle diejenigen Rechte und Vorzüge zugeſichert waren, welche auf beſondere Privilegien ſich ſtützten. Namentlich war ihm aber die unbeſchränkte Freiheit geblieben, über ſeine Beſitzungen und über ſeine Familienverhältniſſe Verfügungen zu treffen, die 69 nur dem Landesherrn bekannt gemacht zu werden brauchten, um in voller Gültigkeit zu beſtehen. Dieſe Gerechtſame dehnten ſich noch weiter aus und gingen in Ermangelung männlicher Erben auf die letzte Tochter über, die ſich dann dem Stammrechte nach unbehindert vermählen konnte und dadurch ihrem Gatten den Nieß⸗ brauch ihres Vermögens geſtattete, ihm indeß einen Anſpruch auf die Familienvorrechte nicht zu gewähren vermochte. Dieſe zu verleihen mußte der letzte der Grafen Harald⸗Bärenberg ſeinen Nachfolger im Stamme erwählt und teſtamentariſch beſtimmt haben. Auf dieſes Vorrecht gründete Graf Harald ſeine Pläne, als er Askan zu ſeinem Stammerben, aber auch zugleich zu ſeinem Schwiegerſohn erkor. Im Falle er auf Schwierigkeiten geſtoßen wäre, die ſich nicht heben ließen, im Falle der Vater Askan's eine mögliche Verbindung vorausgeſehen und mit ſeinem Zorne bedroht und verworfen hätte, wollte Graf Harald ſeiner Tochter Dora Bella das Recht ihrer Erbanſprüche teſtamentariſch ſichern und ihr eine freie Wahl des Gatten geſtatten. So ungefähr lautete der Entwurf des Teſtaments, welches, wie ſich der alte Graf gegen Askan ausdrückte, ſchon vorläufig ſo weit ausgearbeitet war, daß nur noch die üblichen Formalitäten zu beobachten blieben. 70 Alle dieſe Vorſichtsmaßregeln waren nun unnöthig geworden. Askan ſaß neben ihm, ausgeſtattet mit allen Vor⸗ zügen, die Erziehung einer edeln Geburt verleihen kann. Askan war ein würdiger Gefährte für Dora Bella, ein würdiger Repräſentant der Weltſtellung, die er ihm durch ſeine Gunſt verſchaffen wollte. Dora Bella konnte ſich unter der Leitung ihres künftigen Gatten für den Beruf ausbilden, der ihrer wartete. Dora Bella ſollte in der Anerkennung ſeiner hervor⸗ ragenden Eigenſchaften von dem Streben erfüllt wer⸗ den, dieſem künftigen Gatten nachzueifern. Askan's Liebe und Güte ſollten das Herz Dora Bella's aus dem Schlummer wecken, dieſem Manne gönnte Graf Harald den erſten Pulsſchlag, der das Herz ſeiner wilden Taube bewegte. Im Vollggefühle ſeiner Zufriedenheit fragte der alte Herr endlich nach ſeiner Tochter und beauftragte den greiſen Volkmann, Comteſſe Dora Bella zu benach⸗ richtigen, daß man den Thee en famille im Zimmer der Tante trinken wolle. Der alte Kammerdiener kam zurück und meldete, Comteſſe Dora Bella ſei nicht in ihrem Zimmer und man habe ſie vor Abend nach der Gallerie gehen ſehen. Alllein auch dort ſei Comteſſe Dora Bella nicht zu finden. 71 „Laſſen wir das Kind“, entſchied Graf Harald. „Es iſte vielleicht ihr letzter Freiheitsflug! Ich denke, ſüße Feſſeln werden ſie bald in unſerer Mitte feſt⸗ halten.“ Der Blick, welcher dieſe Worte begleitete, jagte einen Schauder durch Askan's Seele. Sollte Graf Harald ihm das Opfer auferlegen wollen, dies halb cultivirte Weſen durch„ſüße Feſſeln“ zu zähmen? Sein ganzes Inneres lehnte ſich gegen den Plan auf und er fühlte die Kraft, eher der verführeriſchen Pracht ſeiner künftigen Lebensſtellung zu entſagen, als in Ge⸗ meinſchaft mit Dora Bella zu leben. Verwöhnt von dem feinen, geiſtigen Leben, das vorzugsweiſe das Element des Hofkreiſes war, worin er ſich ſeit Jahren wohlgefallen, verabſcheute er nichts ſo ſehr als die Naturwüchſigkeit des Menſchen. Ein Mann ohne For⸗ men war ihm greulich. Eine Frau, welche nicht ſtets die ſtrengſten Regeln der Etikette beobachtete, ver⸗ achtete er gründlich. Und dies geſetzwidrig natürliche, verwilderte, dreiſte Mädchen ſollte in Beziehungen zu ihm ſtehen, die ihn für ihr Betragen verantwortlich machten? „Nimmermehr!“ gelobte ſich der junge Mann. „Lieber Entbehrung und Armuth ohne Dora Bella, als Reichthum, Glanz und Ueppigkeit mit ihrer Hand. 72 Hieße es nicht dem Fluche meiner Ahnfrau trotzen, wollte ich die wilde Rebe eines wüſten Stammes zu feſſeln ſuchen? Nimmermehr! Ja, wenn ſie veredelt, wenn ſie ſittig und zartſinnig, wenn ſie in heiliger Reinheit den alten Fluch ihrer Abſtammung vernichten könnte!“ Fünftes Kapitel. Dora Bella hatte das Zimmer ihrer Tante unter der Einwirkung eines leichten Schreckens verlaſſen, jedoch keineswegs in der Abſicht, nicht wieder dahin zurückkehren zu wollen. Nur um ſich dem prüfenden Auge Askan's in freier Stimmung zu präſentiren, wich das junge Mädchen demſelben aus, als ſie fühlte, daß ſie befangen und verlegen geworden war. Ihre guten Vorſätze verflogen alsbald beim Beginn eines Ge⸗ ſprächs, das ihr klar machte, weswegen Askan jetzt auf Schloß Bärenberg angelangt ſei. Mit einer Spannung, die ſie fieberhaft zittern machte, hörte die junge Dame die Erklärungen ihres Vaters. Ein Weh eigener Art durchrieſelte ihr junges Herz, indem ſie begriff, daß nicht ſie allein durch die Liebe und Fürſorge deſſelben beglückt werde, daß noch 74 innigere Intereſſen ihn mit ſeinem jungen Vetter Askan verknüpften als mit ihr, der Tochter eines ver⸗ löſchenden Stammes. Ihr inneres Weh ſteigerte ſich bei der Erwähnung ihrer Mutter bis zum Schmerze. Mit angehaltenem Athem lauſchte ſie, da ſah ſie ihre Tante ſich erheben und floh geräuſchlos durch die Gallerie in ihr Zimmer, wo ſie erſchöpft von widerſtreitenden Empfindungen zuſammenbrach. Nicht eine Minute raſtete ſie aber. Das unſelige Geheimniß, das ihre liebe, fröhliche Mama mit dem Zerwürfniß der Bären⸗ berge verflocht, mußte enthüllt werden. Dora Bella raffte ſich auf und eilte mit beflügelten Schritten nach dem öſtlichen Thurm, der an die Wohnung' ihres Vaters grenzte und außer dem ſchönen, großen Bibliothekzimmer noch das Archiv in ſeinen dicken Mauern barg. „Dora Bella wußte hier wie überall im Schloſſe vortrefflich Beſcheid. Mit der Wißbegierde einer leb⸗ haften Kindernatur hatte ſie hier ſtundenlang ſchon ge⸗ kramt, ohne Grauen und Furcht zu fühlen. Sie wußte den Schlüſſel des Archivs zu finden, aber das Tages⸗ licht reichte nicht mehr aus, die dunkeln Räume zu erhel⸗ len, die ſie nach dem Manuſcript, welches Gräfin Eliſabeth aus alten Pergamenten gefertigt hatte, durchſuchen mußte. Rathlos blickte Dora Bella in der Bibliothek umher. 75 Grauſte es ihr nicht in dieſem Halbdunkel, das die verſchiedenen Globus, die Retorten und ſonſtigen Geräthſchaften zu chemiſchen Verſuchen, die Graf Harald liebte, in ein geſpenſtiſches Licht kleidete? Nein! Ihre Seele war nur von dem Gedanken er⸗ füllt, zu erfahren, was ihre Vorfahren verbrochen haben konnten, um ihr unſchuldiges Daſein noch mit einem Fluche zu verfolgen. Sie mußte das wiſſen und ſollte ſie die ganze Nacht hier weilen! Ha, dort, dort leuchtete etwas Weißes! Es war eine Wachskerze auf einem ſilbernen Leuchter. Dora Bella erinnerte ſich, daß ihr Vater vor einiger Zeit damit hinaufgegangen war, um im Archiv etwas zu ſuchen. Gut, dieſe Kerze ſollte auch ihr dienen. Es kam aber darauf an, ſie anzuzünden. Ihre Blicke irrten ſuchend umher. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, wenn ſie den Zweck ihres Hierſeins erreichen wollte. Da lag die Cigarren⸗ taſche ihres Vaters; ah, er war alſo oft und lange anweſend im Bibliothekzimmer. Freilich, er arbeitete ja daran, ſeinen Liebling Askan zum Herrn auf Bärenberg zu machen. Wo die Cigarrentaſche war, fand ſich auch Zündſtoff, alſo ſuchte Dora Bella weiter. Der Sonnenglanz draußen wurde allmälig matter— ſollte ihr Streifzug in die Bibliothek vergebens ge⸗ weſen ſein? Eifrig kramte das junge Mädchen die 76 umherliegenden Papiere zur Seite— ihr Blick fiel darauf nieder— ein blitzähnliches Zucken der freudigſten Ueber⸗ raſchung bekundete, daß ſie etwas Wichtiges geleſen habe. Raſch nahm ſie ein altes Pergament in die Höhe und trat damit zur Fenſterwölbung. Mit Schnörkeln überladen, farbig verziert und mit mächtigen Wachs⸗ ſiegeln bekräftigt, verrieth dieſe alte Urkunde dem überraſchten Mädchen, daß in Anbetracht der Möglich⸗ keit eines Ausſterbens des Stammes Harald⸗Bären⸗ berg dem letzten Harald⸗Bärenberg freiſtehe, eine Tochter zur neuen Stammmutter zu erheben, indem er ſie verheirathe und dem Gemahl derſelben ſeinen Namen verleihe, wozu es nur der formellen Beiſtim⸗ mung des Königs bedürfe. Dora Bella ließ das Pergament ſinken und blickte ſinnend hinaus in die geſegnete Aue, die ſich von dieſem Thurm aus über⸗ ſchauen ließ. Dann las ſie weiter. Es wurde ihr ſchwer, den Sinn dieſer Urkunde aus dem alten Stile mit ſeinen vielen untermengten lateiniſchen Ausdrücken zu entziffern. Sie erſah aber dennoch deutlich daraus, daß den Töchtern des ausgeſtorbenen Stammes ganz bedeutende Freiheiten garantirt wurden und daß es den edelgeborenen Gräfinnen Bärenberg freiſtehe, ſich gegen den Beſchluß des letzten Harald⸗Bärenberg auf⸗ zulehnen, im Fall ihnen der erwählte Begründer eines neuen Stammes nicht genehm ſei. Dora Bella las das alte Document wohl ſechsmal durch, bevor ſie wieder an den eigentlichen Zweck ihres Hierſeins dachte. Sie prägte ſich mit unklarem Bewußtſein den Inhalt deſſelben ein. Der falbe Abendſchein ſendete ihr dazu das letzte Licht. Es wurde beinahe finſter in der großen, winkligen Bibliothek. Dora Bella trug das Pergament wieder auf den Platz zurück, wo ſie es gefunden. Als ſie es niederlegte, fiel etwas klirrend zur Erde nieder. Es war ein ſilbernes Büchschen mit Zündſchwamm. Aufjauchzend vor Freude ſteckte die junge Dame das Licht an und verfügte ſich ins Archiv, wo ſie in fieberhafter Haſt ihre Forſchungen nach dem Manuſcript der alten Sage begann. Nicht lange und ſie hielt es in den Händen. Raſch machte ſie ſich bereit, es zu leſen. Die Zeit drängte. Nur an dieſem Abend, der durch Askan's Ankunft weſentlich von dem gewöhnlichen Treiben im Schloſſe abwich, war es ihr möglich, un⸗ geſtört in der Bibliothek weilen zu können. Sie mußte aber wiſſen, was vor Zeiten geſchehen ſei, um noch jetzt das Gefühl des Haſſes gegen die Familie ihrer armen, lieben Mutter aufrecht zu halten. Dora Bella überflog begierig die Blätter, die vor ihr lagen. Was ſich beim Leſen derſelben in ihrem 78 Innern regte, wirkte ſpäterhin zu ſichtbar auf ihre Handlungen ein, als daß man nöthig hätte, ihre Ge⸗ fühle zu zergliedern und offen zu legen. Der Ausſpruch ihrer Tante bewahrheitete ſich. Der Inhalt der Sage war für eine kindliche Phantaſie un⸗ paſſend, aber es weckte in ihr die Kraft des Geiſtes, was ſie las. Die innere Spannung, das leidenſchaft⸗ liche Intereſſe und die ſchwankende Empörung trieben das Blut ſchneller durch Dora Bella's Adern. Bald glühte ihr Auge von einem tiefen Feuer, bald athmete ſie kurz und haſtig wie im Fieber, bald warf ſie die Blätter voll Erbitterung auf den Tiſch und hielt minutenlang die Hände vor die Augen, als ſcheue ſie ſich, die erſehnte Aufklärung weiter zu verfolgen. Um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß nicht kindiſche Beurtheilungskraft Dora Bella's Phantaſie erhitzte, leſen wir das Manuſcript mit ihr. Es lautete: „Es gab eine Zeit, wo das Geſchlecht der Bären⸗ berg eine wichtige Rolle im deutſchen Reiche ſpielte, wo es Sitz und Stimme auf der Fürſtenbank hatte und mit landesherrlicher Gewalt auf ſeinen Beſitz⸗ thümern thronte. Aber es kam eine Wendung im Geſchick der Grafen Bärenberg, die das Geſchlecht in zwei Linien theilte, wodurch ſich ihre Macht zerſplitterte. 4 79 Seitdem war das Glück dem alten Stamme, den Graf Harald Bärenberg fortführte, günſtiger als der Neben⸗ linie, die ſich Askan⸗Bärenberg nannte und als Haupt⸗ beſitzung die Burg Boſtett uafwies. Nicht allein, daß Graf Askan Bärenberg⸗Boſtett vieler Vorrechte und Privilegien verluſtig ging, weil er mit keckem Muth ſeinem Kaiſer getrotzt hatte, ſondern ſeine Nachkommen führten auch ein Leben voll Saus und Braus, das mit den Einnahmen ihrer Beſitzungen nicht im Ein⸗ klang ſtand. Es waren eben die Grafen Askan eine Reihe ſtattlich ſchöner Männer mit allen Leidenſchaften und Fehlern, dabei aber im innerſten Kern doe echte Grafen Bärenberg. Zur Zeit des letzten Markgrafen und Kurfürſten Johann Georg reſidirte Graf Askan Ewald Bärenberg auf Boſtett. Er war der ſchönſte Mann ſeiner Zeit. Feurig und prachtliebend, wie nur einer ſeines Stam⸗ mes, wählte er lange unter den Töchtern des Landes, ehe er ſich entſchloß, die blonde, liebliche Anna von Kroſek zu ſeiner Gattin zu machen. Eine Zeit lang blieb dieſe Ehe die glücklichſte von der Welt. Ein Jahr verflog und noch eins, da zog Graf Askan Ewald zum Hoflager des Markgrafen Johann Georg. Sein blondes, ſchönes, zartes Weib blieb jedoch daheim, weil ſich die ſüße Ahnung in ihr regte, dem geliebten Gatten 80 den ſehnlichen Wunſch nach einem Stammerben erfüllen zu können. Ihr junger Bruder Wilfried leiſtete ihr in ihrer Einſamkeit Geſellſchaft. Nur einige Wochen blieb Graf Askan Ewald fort, dann kam er zurück in die Heimat, ein ganz Anderer, als er ausgezogen war. Er brachte eine hohe Dame nebſt ihrem Hofſtaat mit. Es war des Markgrafen Johann Georg Schwä⸗ gerin Ludmilla, eine geborene Prinzeß von Lichtberg, die unter dem Vorwande in die Heimat ihn begleitete, das Paradies kennen lernen zu wollen, wo Graf Askan mit der holden Gattin hauſe. Die Landgräfin war ſchön für die Augen der Männer; ſie war üppig gewachſen und in der Blüte des Frauenalters, wo das Bewußtſein ihrer Macht den Zauber ſteigert, der ſie umfließt. Die Landgräfin Lud⸗ milla war aber voll böſer Neigungen, ſie war leicht⸗ fertig und gefallſüchtig, ſie war eitel und ſittenlos. Der Kurfürſt, ihr Schwager, haßte ſie um ihres ſchlechten Lebenswandels willen und hatte ſie wegen eines ſkandalöſen Liebeshandels von ſeinem Hofe ver⸗ bannt. Da ihr Gemahl, ein ſchwächlicher, der Gelehr⸗ ſamkeit ſehr ergebener Herr, ſie nun nicht bei ſich dulden durfte, ſo verlegte die ſchöne Dame ihren Liebeshof nach Graf Askan's Paradies, und bald ver⸗ 81 drängten luftige, leichte und reizende Geſtalten, rau⸗ ſchende Vergnügungen und wüſte Gelage die ehrbare Stille der patriarchaliſchen Sitten und Gebräuche, die ſonſt dort gewaltet. Auf Gräfin Anna nahm Niemand Rückſicht, am allerwenigſten Graf Askan, der in den ſüßen Feſſeln einer verbotenen Liebe ſchmachtete. Gräfin Anna fühlte ihr Elend, aber ſie begriff dieſe Heimſuchung Gottes nicht, da ſie ſich ſagen konnte, ein ſolches Schickſal nicht verdient zu haben. Sie ſtand allein, ganz allein unter den leichtfertigen Gäſten, denn ihr Bruder Wilfried, der Page bei der Kaiſerin Maria Thereſia war, hatte ſie ſogleich nach der Ankunft ſeines Schwagers Askan wieder verlaſſen, um zu ſeiner Gebieterin zurückzueilen. Gräfin Anna hatte die Hoffnung auf eine plötzliche Umkehr ihres Gatten noch nicht ganz aufgegeben, ob⸗ wohl eine Woche nach der andern verlief, ohne die unerträglichen Gäſte zu entfernen. Sie hatte die Liebe, die da gern duldet und auf Beſſerung hofft, noch nicht verloren. Sie trug ſich mit dem Glauben, daß die Geburt ihres Kindes, die nicht lange mehr ausbleiben konnte, mit einem Schlage der wilden Wirthſchaft ein Ende machen würde, beſonders wenn es ein Knabe ſein ſollte, der das Licht der Welt erblickte. Sie wußte Fritze, Schloß Bärenberg. J 6 82 ja, welch einen Werth ihr Gemahl auf die Geburt eines Stammerben gelegt, wie beglückt er von der Ausſicht geweſen war, Vater zu werden, auch wenn ſie ihm eine Tochter ſchenken ſollte. Gräfin Anna wartete demüthig der Zeit, wo ſie wieder in die Rechte eingeſetzt werden würde, die ſie beanſpruchen durfte. Aber die Verhältniſſe wendeten ſich. Die Stunde ſchlug, wo ſich in ihrem Herzen das kleine Tröpfchen Gift, das in jedem Menſchen verborgen iſt, regte, wo ſich ein Atom des Haſſes, welches faſt in jeder flam⸗ mend heißen Liebe ruht, geltend machte, wo es ſchwoll, wo es rieſengroß wurde und als eine neue Leiden⸗ ſchaft den guten Sinn der jungen lieblichen Frau unterjochte. Gräfin Anna hatte es ſchon längſt vermieden, in der Geſelligkeit des Schloſſes zu erſcheinen, die ihr in der tiefſten Seele zuwider war. Sie wählte zu ihrem Aufenthalt immer diejenigen Räume, die fern genug vom ſinnebethörenden Lärm des neuen Hoflagers lagen, um nicht dadurch geſtört und aufgeregt zu werden. Eines Abends ſchlich ſie matt und müde, herzlich betrübt und traurige Vergleiche ausſpinnend in den Schatten der kühlen Waldung, wo ſie unweit des 83 Schloßparkes Ruheplätze finden konnte in der einſamen, beſchwichtigenden Stille. Sie ſchritt langſam dahin im goldenen Abendglanze. Ihr Leid drückte den Stempel einer heiligen Ruhe auf das bleiche Geſicht und der Blick ihrer Augen verrieth die Wehmuth eines ſchmerzerfüllten Herzens, das ſich in Gottes Willen gefügt hat. In dieſer Seelenſtimmung erreichte ſie ein Luſthaus mit doppelten Laubwänden, welches der Klippe gegen⸗ über lag, die mit ihren zackigen, zerklüfteten Felswänden eine Zierde der Gegend war. Hier ließ ſich Gräfin Anna nieder. Ihr Auge hob ſich zu dem verwitterten Geſtein, das von der Abendſonne verklärt wurde, und ſie betete mit Inbrunſt zur Jungfrau Maria um Bei⸗ ſtand in der ſchweren Stunde, die ihr bevorſtand. Mitten in ihren ſchwermüthigen Gebeten hörte ſie Stimmen von dem Wege her dringen, den ſie eben gekommen war. O es war der Klang des Uebermuths, der dieſe Stimmen heller ertönen ließ, es war der Ausdruck fröhlicher Luſt darin! Gräfin Anna erkannte ſogleich dieſe Stimmen und ſie ſchlüpfte ſo eilig wie möglich in die zweite Laub⸗ wand, die einen Ausweg nach dem nächſten Parkweg hatte. Es gelang ihr aber nicht, aus dem Laubgewinde zu entfliehen, bevor die Landgräfin Ludmilla und Graf 6* 84 Askan näher kamen. Sie mußte es aufgeben, die Wand zu durchbrechen, und ſaß nun wie ein gefan⸗ gener Vogel mitten im Laubwerk, ſtill des Augenblicks harrend, wo die beiden heiter plaudernden Menſchen vworüber ſein würden. Graf Askan und die Landgräfin Ludmilla hielten es indeſſen für gerathen, hier auszuruhen. Er führte die Dame in das einladende Laubhüttchen, das ein reizendes Verſteck für Liebende war. Die Dame ließ ſich nieder auf derſelben Stelle, wo Gräfin Anna ſo eben noch gebetet hatte, und Graf Askan warf ſich vor ihr aufs Knie, mit glühender Huldigung in ihr ſchönes Geſicht ſchauend. „Stehen Sie auf, Graf“, ſprach lachend die Dame und die Glut ihres eigenen Herzens färbte ihre Wangen ſehr, ſehr roth.„Stehen Sie auf! Solche Huldigungen dürfen Sie nach den Lehren der lieben chriſtlichen Kirche, der Sie angehören, nur Ihrer Ge⸗ mahlin widmen.“ „Kehrt ſich das Herz, das in Liebe und Anbetung glühende Herz an die kalten Vorſchriften der Kirche, ſchöne Geliebte?“ fragte der Graf mit einem Ton, der das Herz der armen Gräfin Anna wie ein zweiſchneidig Schwert durchbohrte. „Was hilft es aber, wenn wir auch nicht darauf 85 achten? Ihre Kirche verbietet ja unſere Vereinigung, ſie betrachtet Ihre Liebe als eine Sakramentsentheili⸗ gung und verwirft Sie als einen Meineidigen.“ „Meinen Sie, theure Ludmilla, daß ſolche Vorwürfe der Kirche mein Gemüth beunruhigen?“ fragte der Graf, zärtlich ihre Hände mit Küſſen bedeckend. „Aber Ihrer Frau ſcheinen doch dergleichen Be⸗ unruhigungen die gute Laune zu verderben“, meinte die Dame, keck ſeinen feurigen Blicken begegnend.„Ich will, Ihre ſcheinheilige Hausfrau ſoll mich beſſer ehren, damit man nicht aufmerkſam auf unſere Liebe werde. Der Burgkaplan von Bärenberg hat mir geſtern eine ſalbungsvolle Rede gehalten und die heilige Stellung einer Hausfrau, welche dem Stamme einen Erben zu geben im Begriff ſteht, meiner chriſtlichen Schonung empfohlen.“ Die Dame lachte ausgelaſſen und fuhr dann unter ſprechenden Liebesblicken fort: „Ich habe dem guten Pater bemerklich gemacht, daß die liebe, fromme Hausfrau des ſchönen, ritterlichen Grafen Askan ja Troſt und Hülfe bei ihren Heiligen ſuchen könne. Der Pater ſtrafte mich mit Verachtung, indem er mich ſchweigend verließ. Ich ging aber mit mir zu Rathe, mein lieber Graf, und fand ſchließlich angemeſſen, daß Sie Ihrer bleichen, nüchternen Haus⸗ . 86 frau mehr Aufmerkſamkeit widmen müſſen, damit das ſtille Geſchöpf etwas munterer erſcheint. Ich befehle Ihnen alſo, eine Portion Zärtlichkeit an Ihre Ge⸗ mahlin zu verſchwenden—“ „Verlangen Sie nichts, was ich nicht leiſten kann“, fiel Graf Askan hingeriſſen und bethört von ihren un⸗ keuſchen Liebesblicken ein.„Anna kann nichts weiter fordern, als daß ich ſie achte und ehre. Sie, Ludmilla, Sie ſind die Königin meines Herzens, der Athem mei⸗ nes Lebens, die Wonne meiner Träume. Wohl haben Sie Recht, wenn Sie Anna ein bleiches, nüchternes Weſen nennen. Anna muß und wird ſich zufrieden geben, wenn ich ſie fernerhin als die Mutter des Kindes ehre, das ſie mir geben wird. Hoffentlich iſt es ein Sohn. Ich erſehne mir einen Stammerben und der Himmel wird mir ſchon gnädig ſein, daß ich keine Tochter, ſondern einen Sohn begrüße. Die Mutter meines Stammerben werde ich alſo ehren; ſollte mir jedoch eine Tochter geboren werden, ſo ſinkt das Anſehen der Gräfin Anna und ſie weicht Ihren Anſprüchen, meine theure Geliebte.“ „Dann trenne ich mich nie wieder von Dir und Deinem Paradieſe, Du ſchöner, ritterlicher Graf“, koſte die Dame.„Dann lebe ich nur Dir, dann trotze ich den albernen Vorſchriften des Paters, der uns unſere 87 Liebe zur Sünde anrechnen will, dann ernennen wir die ſcheinheilige, ſanftblickende Hausfrau zur Aufſeherin des Hausweſens und leben ungetheilt unſerer Luſt und Leidenſchaft.“ Hellauf vor Entzücken lachte die ſchöne Verſucherin, die mit dämoniſchen Reizen den Grafen vom Weg der Tugend verlockt hatte, hellauf lachte ſie vor Luſt, wäh⸗ rend der bleichen Gattin Askan's das Herz brach und der kleine Gifttropfen in ihrem Innern zum furcht⸗ baren Zorn aufwallte. Wie lange die beiden ſündigen Menſchen noch geplaudert, geſcherzt und gekoſt haben mögen, was thut das der Nachwelt, zu deren Nutz und Frommen dieſe kleine Tragödie aufgezeichnet wer⸗ den ſoll! Genug, Gräfin Anna trat als ein verändertes Weſen aus der Laubgrotte, worin ſie zu ihrer Qual hatte ausharren müſſen. Sie ſah mit feſten und ent⸗ ſchloſſenen Blicken in die feurigen Wolken der ſinkenden Sonne und hob ihre Rechte wie zum Schwur gegen den Himmel auf, als ihre bebenden Lippen flüſterten: „Nie ſoll der treuloſe Verräther einen Stammerben mit ſeinen Augen ſehen— nie, nie! Meine heilige Schutz⸗ patronin helfe nur, daß mir mein Vorhaben gelinge! Möge der böſe Geiſt ſich der Seele deſſen bemächtigen, der mich um ſeiner ſündigen Liebe willen geſchmäht 88 und verachtet hat! Dir aber, meine heilige Schutz⸗ patronin, will ich eine Kapelle auf jener Klippe bauen laſſen, wenn Du mir beiſtehſt, die Macht meiner Feinde zu vernichten. Allabendlich um die Zeit des Sonnen⸗ untergangs ſoll zu Deiner Ehre ein Abendgeläut er⸗ klingen hinab ins Thal und herüber ins Schloß zu mir, wo ich von jetzt an den Haushalt meines ver⸗ ruchten Gatten und ſeines ſchändlichen Liebs führen werde auf eine Weiſe, daß ſie beide beſchämt weichen und verfolgt vom Hohn der Schloßeigenen das Para⸗ dies verlaſſen ſollen auf ewige Zeiten. Dazu verhilf mir, heilige Anna, und bitte für mich um Erhörung am Thron des Höchſten!“ Stolz aufgerichtet ſchritt Gräfin Anna auf einem Nebenwege ins Schloß zurück und ſendete noch an dieſem Abend einen reitenden Boten nach der kaiſer⸗ lichen Reſidenz, wo ihr Bruder, der einzige Verwandte, den ſie auf der Welt beſaß, weilte. Sie ließ den Jüngling zu ſich entbieten, aber nicht aufs Schloß, ſondern in das Städtchen, das am Abhang des Bergs lag, worauf die Burg Boſtett prangte. Dorthin ver⸗ fügte ſie ſich dann eines Tags, als ſie wußte, daß Wilfried von Kroſek angelangt ſei und ihrer harre. Der arme Knabe, in die Pläne eingeweiht, die ſeine ſanfte Schweſter Anna racheglühend entworfen, erſchrak 89 und ſuchte ſie umzuſtimmen. Er fühlte ſich der ſchweren Verantwortung nicht gewachſen, die ihm eine Mitwiſſenſchaft des Vorhabens auferlegte. Gräfin Anna blieb jedoch unerſchütterlich und forderte ſchließ⸗ lich im Namen ihrer Aeltern ſeinen Beiſtand, den er nun auch nicht verſagte. Beruhigt kehrte die Dame darauf nach der Burg Boſtett zurück und wartete der Zeit, die ihre Vorſätze reifen mußte. Ihr Bruder Wilfried blieb jedoch unten in der Stadt. Nun geſchah es aber bald danach, daß in einer hellen, warmen Sommernacht ungefähr in der elften Stunde beim erſten Hauſe, das am Bergabhang im Eingang der kleinen Stadt lag, ein Hund anſchlug und ſein eifriger werdendes Bellen nicht eher einſtellte, bis die Bewohnerin des Häuschens, aus ihrem Schlum⸗ mer aufgeſchreckt, in der geöffneten Hausthür erſchien. Ihr erſtes Wort beſchwichtigte den Hund, der von ihr dazu angelernt war, als Wecker zu dienen, wenn in der Nacht Jemand ihre Hülfe in Anſpruch zu nehmen gedrungen ſein ſollte. Die Bewohnerin dieſes Hauſes war in der dortigen Gegend unter der Benennung„die weiſe Frau“ be⸗ kannt und übte ſeit dreißig Jahren das Amt einer Hebamme mit großer Geſchicklichkeit. Bedächtig und ohne Uebereilung trat alſo jetzt Frau Urſula in die Hausthür mit der Ueberzeugung, zu irgend einer Hausfrau der Stadt beſchieden zu werden. Aber erſchrocken wich ſie zurück, als ihr eine Frauengeſtalt, eingehüllt in das landesübliche Regentuch, das ſie vom Kopf bis zu den Füßen vermummte, ängſtlich raſch entgegentrat, bei ihr vorbei ging und mit der Bitte um Hülfe in ihr Stübchen drang. Frau Urſula folgte ihr einigermaßen beſtürzt, ließ die Haus⸗ thür in der Vergeſſenheit offen ſtehen und gab dadurch einer ſchlanken, knabenhaften Männergeſtalt Gelegenheit, ohne Aufſehen in das Haus zu dringen und nahe der Thür Poſto zu faſſen. In dem Stübchen angelangt, wechſelte die fremde Frauengeſtalt nur wenige Worte mit Frau Urſula, aber dieſelben hatten zur Folge, daß die weiſe Frau alsbald ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſie richtete und nichts unterließ, was die Menſchlichkeit und ihr Beruf von ihr forderten. Die Nacht verging, der Tag brach an. Als der erſte Morgenſtrahl durch die kleinen Fenſter⸗ ſcheiben drang, erhob ſich Frau Urſula von ihrem Lager, das ſie ſich in der Eile auf der Erde hergerichtet, da ſie der feinen fremden Frau ihr Bett eingeräumt hatte. Frau Urſula war in einem kurzen, aber tiefen 91 Schlummer verſenkt geweſen. Sie ſchaute ſich etwas unwirſch im eigenen Stübchen um, verwunderte ſich über ihr befremdliches Lager und konnte ſich erſt gar nicht zurecht finden.. Was war denn geſchehen? Hatte ſie wirklich nicht blos geträumt? Ihr Zlick glitt forſchend und neugierig über das Bett hin, das an der Wand ſtand und für gewöhnlich ihr zur Ruheſtätte diente. Mein Gott, das Bett war ja leer! Aengſtlich trat die arme alte Frau näher. Sie konnte doch unmöglich alles das geträumt haben, was nur noch undeutlich vor ihrer Seele ſchwebte? Weswegen hätte ſie denn auf der Erde geſchlafen? Halt! Nein, ſie hatte nicht geträumt! Es ſchrie ein Kind! Frau Urſula ſchlug haſtig das dicke, ſchwere Federbett in die Höhe. Richtig! Da lag, nothdürftig eingebündelt, ein roſig ſchönes Kind, das ſeinen kleinen Mund weit aufthat, um Nahrung zu heiſchen. Aber die Mutter des Kindes, wo war dieſe ge⸗ blieben? Frau Urſula ſuchte mit den Augen umher, während ſie das kleine Würmchen mit Milch zu tränken ſich bemühte. Die Mutter war weder zu hören noch zu ſehen. Sie war fort! Nein, ſo etwas war der weiſen Frau in ihrem ganzen Leben noch nicht paſſirt. 92 Sie hielt ſich indeß nicht dabei auf, Reflexionen zu machen, ſondern ſtillte nur umſichtig und bedächtig den Hunger des allerliebſten kleinen Weltbürgers und wickelte ihn kunſtgerecht von neuem ein. Dabei dachte ſie denn endlich über das Ereigniß nach und wurde bald mit ſich einig, daß ſie ſicherlich einer jener armen Verführten während der Nacht ihre Dienſte gewidmet habe, die ihrer äußern Ehre wegen das Kind opfern müſſen, welches zum Verräther ihrer Schmach werden würde. Sie vergegenwärtigte ſich jedes Wort, das von der Mutter des kleinen Knaben in ihr Ohr geflüſtert worden war. Beſchwörungen und Bitten, den Knaben wohl in Acht zu nehmen, hatten mit Verheißungen gewechſelt, die eine reiche Vergeltung in Ausſicht ſtellten.„Nehmt Euch des Knaben an, als ſei es ein Kleinod, Euch anvertraut gegen reichen Lohn. Für heute findet Ihr nur dreißig Reichsthaler in meinem Beutel, aber ich verſah mich deſſen nicht und glaubte noch mehrere Tage auf die Geburt meines Kindes warten zu müſſen. Ich ver⸗ gelte Eure Bemühungen nach der Liebe, die Ihr mei⸗ nem Knaben erweiſt. Wenn der Burgkaplan von Bärenberg in die Stadt kommt, ſo tragt ihm das Kindchen hin zur Taufe und gebt ihm genau Rechen⸗ ſchaft, was in dieſer Nacht geſchehen iſt. Vergeßt 93 nichts davon, ſelbſt das leiſe Seufzen nicht, das Ihr an der Thür gehört, als ich mit einem Schmerzens⸗ ſchrei die Nachricht von Euch bekam, daß es ein Knabe ſei, den ich geboren.“ Ungefähr dieſe Worte hatte die Mutter des Kna⸗ ben, die ſich ſtets in den weiten Regenmantel verhüllt gehalten, geflüſtert. Noch hatte Frau Urſula die dreißig Reichsthaler, die ihr verſprochen waren, nicht gefunden. Sie ſuchte nun danach mit dem ſtillen Argwohn, daß ſie ſchwer⸗ lich dreißig Kreuzer finden werde, geſchweige denn dreißig Reichsthaler. Die fremde Frau war faſt ärm⸗ lich angethan geweſen; für ſolche Perſon mußte ja eine Summe von dreißig Reichsthalern eine unerſchwing⸗ liche Summe Geldes ſein. Aber ſiehe da! Ein klei⸗ ner feiner Saffianbeutel fand ſich wirklich zwiſchen den Bettkiſſen vor, die von der jungen Perſon ganz un⸗ verantwortlicherweiſe viel zu früh für ihren Zuſtand verlaſſen worden waren. Frau Urſula zählte begierig die klingenden Silberthaler, es waren richtig dreißig Stück. Zufriedengeſtellt betrachtete ſie das feine Beu⸗ telchen, das von geſchickten Frauenhänden geſtickt war. Es fiel der alten Frau auf, daß mitten aus der Stickerei ein Stück herausgeſchnitten und durch anderes Zeug erſetzt worden war. Ja, ja, ſie erinnerte ſich 94 jetzt, daß die Fremde geſagt hatte, was zwiſchen der Stickerei fehle, ſei ein Wappen und wer ihr dies einſt vorzeige, dem ſolle ſie das Kind überlaſſen. Für Frau Urſula war die Geſchichte nun abge⸗ macht. Sie erfüllte ihre Pflichten gegen den Knaben und widmete ſich ſeiner Pflege mit ganz beſonderem Eifer, weil ſie hoffte, dafür belohnt zu werden. In der Umgegend gab man ſich nicht ſo ſchnell darüber zufrieden. Man zerbrach ſich den Kopf über dieſe heimliche Niederkunft und erwartete mit Span⸗ nung, wie ſich das Räthſel löſen werde. Es geſchah aber nichts, gar nichts, was Aufklärung darüber hätte geben können. Das Kind war da, aber Niemand hatte die Mutter deſſelben geſehen als die weiſe Frau und dieſe wußte nicht einmal, ob ſie hübſch oder häßlich, groß oder klein, blond oder braun geweſen ſei. Von dem Städtchen bis zum Schloſſe Boſtett hinauf verbreitete ſich die myſteriöſe Geſchichte, aber dort hatte man eben im Augenblicke ſehr wenig Zeit, ſich um dergleichen Dinge zu bekümmern, denn die Gräfin Anna lag zum Tode erkrankt in ihrem Gemache und die betrübten Geſichter der Dienerſchaft erzählten da⸗ von, daß in dieſer Krankheit die Hoffnung auf einen Stammerben verſchwunden ſei. Gräfin Anna lag ruhig lächelnd in ihren ſeidenen 95 Kiſſen. Wer ſie liegen ſah mit den verklärten Blicken, ſo ſanft, ſo hold und ergeben, der fühlte ſich von Wehmuth und Theilnahme übermannt. Keinem Men⸗ ſchen fiel es ein, daß dieſe ſchüchterne, blaſſe Frau mit einer fabelhaften Energie einen Act der Rache vollführt habe, um ihren Gemahl zu ſtrafen. Wer hätte es wohl dieſem zarten, mädchenhaften Weſen zu⸗ getraut, daß es ſein Leben aufs Spiel geſetzt, um die Geburt des Knaben zu verheimlichen, die des Grafen Askan ſehnſüchtige Wünſche gekrönt hätte! Von dem jungen Bruder Wilfried geleitet, war Gräfin Anna mit dem Einbruch der Nacht aus der Burg entwichen und am Morgen hatte ſie in ſeiner Geleitſchaft wieder ihr Zimmer betreten, ohne daß ein einziger Menſch ihre Abweſenheit gemerkt. Beſtürzt umſtanden ihre Kammerfrauen ihr Lager, ſie konnten ſich dieſe Krank⸗ heit durchaus nicht erklären. Gräfin Anna ließ ſie ſprechen, was ſie wollten. Sie verlangte nach einigen Tagen den Burgkaplan von Bärenberg, der zugleich das Seelſorgeramt auf der Burg Boſtett verſah. Mit dieſem Mann hatte ſie eine lange Unterredung; es war eine Beichte, wie ſie ein ſanftes, gehorſames Kind dem Vater nicht verſagt, aber den Vorſtellungen des würdigen Paters ſchenkte ſie dennoch kein Gehör. Feſt blieb ſie dabei, daß ſie ihrem Schwur getreu bleiben müſſe und daß ſie ihr Gelöbniß erfüllen werde. Und ſie überwand die Bedenken des würdigen Paters. Er durfte das Leben der jungen Frau nicht gefährden; da jedoch jeder Widerſpruch Auf⸗ regungen herbeigeführt haben würde, die unter den obwaltenden Umſtänden ihren Tod veranlaſſen konnten, ſo gelobte er ihr Stillſchweigen und Hülfe für den möglichen Fall ihres Ablebens. Der Knabe wurde von ihm getauft und durch ſeine Bemühungen die Identität deſſelben mit dem Stammerben des Hauſes Bärenberg⸗Boſtett feſtgeſtellt. Nachdem dies geſchehen, nahm Wilfried von Kroſek heimlich Abſchied von ſeiner Schweſter Anna und ver⸗ ſchwand wieder aus der Gegend. Damit war fürs erſte die ganze Geſchichte ab⸗ gemacht. Gräfin Anna mußte ihre That mit einem wochenlangen Krankenlager büßen, von dem ſie neu⸗ belebt und neubegabt endlich erſtand. Als ſie zum erſten Mal wieder allein den Pfad durch den Wald nach der Laubhütte gegangen und an der Stelle angelangt war, wo ſie ihren Entſchluß zur That gefaßt, da warf ſie ſich mit inbrünſtigem Gebet auf die Knie und dankte Gott und ihrer Heiligen für den Beiſtand, den ſie ihr verliehen. Was ſie gelobt, das wollte ſie halten. Dort drüben, durch eine tiefe ————— 97 Zerklüftung der Berge vom Burgberg getrennt, ſollte eine Kapelle ſtehen und allabendlich mit dem letzten Sonnenglühen ſollte jahraus jahrein das Triumph⸗ läuten ihres Siegs über die Verräther ins Thal hinab⸗ klingen. Als ſie ihrer frommen Empfindung genügt, über⸗ legte ſie, was weiter zu thun ſei, um als Herr⸗ ſcherin im Gebiete ihres abtrünnigen Gemahls daſtehen zu können. Ihr Auge verlor jetzt den ſanften Glanz und begann zornig zu glühen, denn man hatte unver⸗ antwortlich an ihr gehandelt und während ihrer Krank⸗ heit rückſichtslos einem luſtigen und üppigen Leben ge⸗ huldigt. Sie fühlte ihre Kraft durch den Haß zu jedem Schritt geſtählt. Graf Askan hatte bis dahin die Hallen der Burg durch Schwelgerei und Ueppigkeit entheiligt, hatte ihre Rechte mit Füßen getreten und in den Armen der Landgräfin das Mißgeſchick ver⸗ träumt, welches ihm die Hoffnung auf einen Stamm⸗ halter raubte. Jetzt wollte Gräfin Anna ihn auf⸗ rütteln aus ſeinem Traum, jetzt wollte ſie ihre Rechte geltend machen und mit feſter Hand die Zügel der Hausfrau ergreifen, um die Würde ihres Hauſes wiederherzuſtellen. Gräfin Anna ließ zu dieſem Behuf ihren Ge⸗ mahl um eine Unterredung in ihrem Cloſet bitten. Fritze, Schloß Bärenberg. I. 7 39 98 Nur dort war ſie ſicher vor Störungen und vor Lauſcher⸗ ohren. Dort trat ſie ihm entgegen wie eine zürnende Gottheit. Ihre blauen, ſanften Augen ſprühten Zorn und ihre Lippen bebten im Grimm, als ſie ihm Wort für Wort ſeine ruchloſe Untreue bewies. Sie duldete keine Entſchuldigung und ſchnitt ihm gebieteriſch das Wort ab, als er verſuchte, ſich herriſch zu zeigen. Ihre ſtille Sanftmuth und weibliche Demuth war vollſtändig in dem gebieteriſchen Weſen einer Königin untergegan⸗ gen und ſie ſprach Drohungen aus, die ihn um der Landgräfin willen einſchüchtern mußten. Sie ließ ſich dann herab, unter feſten Bedingungen eine Art Frieden zu ſchließen, verlangte uneingeſchränkt ihre Rechte als Dame des Hauſes garantirt, erklärte ſich aber ihrer Pflichten als Gattin für vollſtändig los und ledig. Sie deutete die Mittel und Wege an, allen Verhältniſſen eine ſchimpfliche Wendung geben zu kön⸗ nen, im Fall ſich der Graf ihren Anordnungen zu widerſetzen Miene machen ſollte. Graf Askan, der ſtarke, ſtolze Ritter, war wie ver nichtet. War denn dieſe kalte, hochmüthig auftretende, vor Zorn glühende Dame wirklich ſeine zarte, ſanfte Anna? Reue bewegte ſchon jetzt ſein Herz, als er ſein Unrecht mit herber Wahrheit von ihren Lippen aus⸗ 99 ſprechen hörte. Reue bewegte aber ſein Herz im Laufe der nächſten Tage noch um Vieles ſtärker, als Gräfin Anna mit der Ruhe, dem Anſtande und der Würde einer Fürſtin die Honneurs des Hauſes übernahm und den leichtfertigen Ton der Geſelligkeit mit einer be⸗ wunderungswürdigen Taktik bekämpfte. Sie ſpielte eine andere Rolle wie bisher. Sie ſtellte ſich mit ihrer Geiſtesbildung und mit ihrer Liebenswürdigkeit neben die weltlich thörichte Land⸗ gräfin, deren oberflächliches Weſen in dieſem Wettſtreit klar wurde, und forderte das Urtheil der übrigen Gäſte heraus. Sie ging aber nach und nach weiter. Sie machte den Reiz und die Anmuth ihrer Jugend geltend und bereitete der zur Corpulenz neigenden Dame Lud⸗ milla manche Niederlage. Wie ſchön ſah die junge Gräfin Anna aus, wenn ſie mit bewundernswerther Kühnheit und Geſchicklichkeit auf ihrem milchweißen Pferde auf den ſchmalen Waldpfaden dahinſprengte; wie entzückend reizend nahm ſich ihre zarte Geſtalt aus, wenn ſie ihr gutgeſchultes Pferd zwang, die ſteilen Schluchtwege abwärts und aufwärts zu ſteigen, wenn ſie dann auf der Höhe hielt und der loſe Abendwind ihre blonden Locken wie eine Glorie um ſie breitete! „Wir reiten heute ins Thal hinab, Erlaucht“, ſagte 7* 100 Gräfin Anna eines Tages mit jenem Ton, dem Nie⸗ mand zu widerſprechen wagte. Die Landgräfin warf mißmuthig den Kopf zurück und forderte Graf Askan durch Blicke auf, dieſen beabſichtigten Spazierritt zu hintertreiben. Graf Askan ſchwieg jedoch. Seine Willenskraft war durch die Maßregeln ſeiner Ge⸗ mahlin gelähmt. Gräfin Anna betrachtete das Paar mit heimlicher Schadenfreude und griff luſtig nach ihrer Reitgerte. „Ei, Erlaucht“, ſprach ſie dabei,„wir ſind es den Thalbewohnern ſchon ſchuldig, ihnen unſern vornehmen Gaſt zu präſentiren. Wir reiten in vollem Glanz durch die Stadt und kehren auf dem Klippenſteg wieder heim. Hurrah, wie werden die Leute gaffen und ſtau⸗ nen, daß wir die Ehre haben, eines Fürſten Gemahlin und eines Prinzen Schweſter in unſerer Mitte zu ſehen!“ Sie lachte harmlos und vergnügt wie ein Kind und hatte doch den Buſen voll Bosheit und Heimtücke. Unter ſchelmiſchem Spott und anmuthiger Neckerei ordnete Gräfin Anna im Schloßhof die Cavalcade. Ihr Gemahl ſollte an der Seite der Landgräfin Lud⸗ milla bleiben, die eine faſt lächerliche Rolle zu Pferde ſpielte, weil ſie ängſtlich ritt. Dabei nahm ſich ihr voller Wuchs ſchlecht aus, wenn ſie im Damen⸗ ſattel ſaß, und ſie erſchien plump gegen die ſchlanke, 101 jugendliche Gräfin Anna, die auf dem Pferde zu Hauſe war. 3 Gräfin Anna ritt an der Seite ihres Pagen voran und gab ihrem Pferde bisweilen wie in einer An⸗ wandlung von Ungeduld freien Lauf, ſodaß es vogel⸗ ſchnell dahinflog, bis ſeine Reiterin es zügelte. Ver⸗ ſtohlen folgten die Blicke des Grafen Askan der Gattin. Seine Reue wuchs in ſolchen Momenten, weil er ſich von der Laſt ſeines Unrechts an ſeine Begleiterin gefeſſelt fühlte. Gräfin Anna war die erſte, welche das Städtchen erreichte. Sie hielt beim Hauſe der Frau Urſula an und wartete auf ihren Gemahl und auf die Landgräfin, welche vor Bangigkeit zitterte und eine wahre Leichen⸗ bittermiene machte. Wie es Gräfin Anna hatte haben wollen, ſo ge⸗ ſchah es. Durch ihre Erſcheinung vor dem Hauſe herbeigelockt, trat die weiſe Urſula in die Hausthür und gaffte neugierig dem Reiterzug entgegen. Auf dem Arm trug ſie ein ſchönes, dickes Knäbchen, das ſie liebevoll hin und her ſchaukelte. Gräfin Anna gab ſich eine verwunderte Miene und ritt etwas näher heran. Sie ſagte jedoch nicht eher ein Wort, als bis ihr Gemahl ganz nahe gekommen war. Dann rief ſie muntern Tons:„Was der Tauſend, alte 10² Urſula, iſt denn die Geſchichte mit der Perſon, die Euch ein Kind hier gelaſſen, wirklich wahr? Ihr habt ja da einen prächtigen Jungen; iſts der, den Euch die Fremde beſchert?“ „Ja wohl, gräfliche Gnaden“, erwiderte Frau Urſula reſpectvoll knixend. Flugs ſchwang ſich die junge Gräfin aus dem Sattel und trat der alten Frau ganz nahe.„Laßt doch den Kleinen einmal ſehen!“ rief ſie muthwillig. Ob aber ihr Herz nicht, mächtig bewegt vom erſten An⸗ blick ihres armen verleugneten Knaben, aufgezuckt in Qual und Jammer, das weiß Niemand. Nitt einer raſchen Wendung nahm ſie das Kindchen in den Arm und hielt es boshaft lachend dem Grafen entgegen, welcher eben ſein Pferd anhielt.„Seht, Graf Askan“, ſprach ſie neckend, aber ihr Blick ſprühte ihm ihren ganzen Haß zu,„ſeht, wie das Schickſal närriſch ſpielt! Uns wäre ein ſolches Püppchen gelegen ge⸗ kommen. Seht, wie ſchön es iſt!“ Sie hob des Kindes Geſicht, ſodaß es Graf Askan und ſeine Begleiterin ſehen konnten. Er wechſelte die Farbe, Ludmilla aber zuckte verächtlich die Achſeln. Um die unangenehme Scene zu enden, ritt die Landgräfin weiter und der Graf folgte ſeiner erlauchten Gefährtin. Gräfin Anna aber blieb ſtehen, warf ihrem Pagen 103 den Zügel des Pferdes zu und bat Frau Urſula um ein Glas Milch, ihren brennenden Durſt zu ſtillen. Frau Urſula wollte der gräflichen Dame zuerſt das Kind abnehmen, allein dieſe gab es nicht zu, ſondern trug auf ihren Armen den Kleinen ins Haus und ſetzte ſich mit ihm im Hausflur nieder, während Frau Urſula die Milch zu holen ging. Gräfin Anna war nun allein mit ihrem Kinde. O wie ſie es herzte und küßte, wie ſie nicht müde wurde, ſeine kleinen Finger zu bewundern, ihm das kleine ſüße Mäulchen zu küſſen, ihm die weichen Wangen zu ſtreicheln und ihm zuzunicken und zuzuflüſtern, bis es endlich lächelte! Ihre ganze Seele lag da in ihren Blicken und das gewaltſam unterdrückte Schluchzen in der Tiefe ihrer Bruſt oerrieth ihre ſüße ſchmerzliche Pein. Als Frau Urſula wiederkam, war ſie ſo freund⸗ lich und gelaſſen wie ein ſpielendes Kind. Woher nahm dies junge, zarte Weib ihre Kraft und Stärke bei der Ausübung ihrer ſchweren Rolle? Der Haß hielt ſie in der Brandung ihrer Gefühle empor, der tiefe Haß, mit dem ſie ſyſtematiſch ihrem Gatten ver⸗ gelten wollte, was ſie gelitten. Dieſer Haß, dieſer trotzige, fürchterliche Haß hielt Wacht vor ihrem Ge⸗ müth und ließ keine Regung der Milde dort eindringen. Zuweilen, wenn Graf Askan's Augen plötzlich die ihrigen ſuchten, wenn aus ſeinen bewundernden Blicken eine Wärme ſtrömte, die von unverlöſchbaren Empfin⸗ dungen ſprach, zuweilen, wenn ſie momentan ihre Maske vergaß, wenn ſie mitten im imponirenden Spiel einen Schimmer jener weiblichen Sanftmuth hervor⸗ leuchten ließ, die ſie früher ſo reizend gemacht, zu⸗ weilen alſo ſchien es, als müſſe ihr Gefühl und ſein Gefühl einen Weg finden, der ſie wieder vereinigen konnte; allein es bedurfte nur eines Blicks und eines Worts von der Landgräfin Ludmilla und der alte Zauber kehrte wieder, welcher die Sinne des Grafen Askan mit ſündhaften Feſſeln umfing. Nach einigen Monaten hatte Graf Askan dies Zwitterleben ſatt. Er wollte den ſtillen Druck der geiſtigen Oberherrſchaft, die Anna ſich errungen, nicht länger ertragen. Er geleitete ſeine erlauchte Geliebte an das Hof⸗ * kehrte nicht wieder in die Heimat zurück. Der Winter war ſchon gewichen, aber die Fluren lagen noch öde und kahl, als ſich Gräfin Anna allein und verlaſſen im weiten Schloſſe fand. Sie entwickelte aber nun eine neue Kraft und Thätigkeit. lager ihres Vaters, von dem ſie eingeladen war, und 105 Bauverſtändige wurden herbeigeholt. Die Kapelle auf der Klippe ſollte ſchleunigſt gebaut werden. Aber noch etwas Anderes mußte ſie ins Werk ſetzen. Sie wollte nicht länger in ſtillem Schmerz nach dem Hauſe blicken, wo ihr Kind lebte. Sie wollte ihr Kind haben neben ſich, in ihren Armen, behütet von ihrer Mutterzärtlichkeit. Gräfin Anna war nicht lange zweifelhaft, wie ſie ihres Knaben am beſten habhaft werden konnte. Wohl⸗ gemuth ritt ſie an der Seite des Baumeiſters, der mit dem Entwurf des kleinen Bethauſes beſchäftigt war, ins Thal, um von dort aus die Lage deſſelben zu be⸗ ſtimmen. Ganz gemüthlich plaudernd ritten ſie zu⸗ ſammen das Thal entlang und dann zur Bergkuppe hinauf, die vom Städtchen aus ganz bequem und all⸗ mälig aufſtieg, während zur Seite des Schloſſes eine tiefe Schlucht mit wilden Thalgründen den Schloßberg und die Klippe trennte. Beim Rückweg kamen ſie am Hauſe der Frau Urſula vorüber und Gräfin Anna ſchlug leiſe mit der Reitgerte an das kleine Fenſter, um ſie heranzu⸗ locken. Sie hatte ſchlau berechnet, daß die alte Frau mit dem Knaben auf dem Arm erſcheinen werde. 106 Lachend begrüßte die Dame Frau Urſula und fragte, ob ſich die Mutter des Knaben noch nicht ein⸗ gefunden, ihn zu holen. „Wird wohl mein Lebtag nicht geſchehen, gräfliche Gnaden“, war Frau Urſula's Antwort. „Sieh da, mein prächtiger Burſche“, ſcherzte die Gräfin und hielt dem ſchönen, kräftig entwickelten Kinde ihre Reitgerte hin. Es griff nach der Gerte und hielt ſie feſt. Die Gräfin winkte ihm holdſelig lächelnd zu.„Du wärſt mir ein Zeitvertreib in meiner Einſamkeit, mein Burſche“, ſagte ſie. Frau Urſula ſchaute ſie freudig überraſcht an. Es wurde der alten Frau die Pflege des Kindes etwas ſchwer. „Gräfliche Gnaden thäten ein chriſtlich Werk der Barmherzigkeit“, meinte ſie beſcheiden bittend. „Heda, mein Junge“, rief nun luſtig die Gräfin, „komm einmal her, kannſt dereinſt mein Page werden!“ Sie ſtreckte die Arme nach dem zappelnden Knaben aus. Frau Urſula reichte ihn aus dem Fenſter nach ihr hinüber und klatſchte vergnügt in die Hände. Noch hielt ſie die Worte der Gräfin nicht für Ernſt. Aber im Nu hatte dieſe den Kleinen in ihr weites, warmes Reitkleid gewickelt und ſprengte fröhlich grüßend mit ihm davon. Lachend folgte ihr Begleiter. 107 Nun hatte ſie ihr Kind und kein Menſch in weiter Runde hatte Argwohn geſchöpft. Ruhig und ohne Störung vergingen zwei Jahre. Graf Askan blieb in der Reſidenz des Fürſten von Lichtberg und verthat unglaublich viel Geld. Die Landgräfin Ludmilla war durch den Machtſpruch des Kurfürſten Georg Johann von ihrem ſtillen gelehrten Gatten geſchieden und mißbrauchte ihre Macht über Graf Askan lediglich nur noch, um Geld von ihm zu erlangen. Ihre Speculationen erſtreckten ſich auf eine neue Heirath mit einem Vetter, der Anwartſchaft auf ihres Vaters kleines Reich hatte, im Fall die Ehe ihres einzigen Bruders, des Erbprinzen von Lichtberg, kinderlos blieb. Als Proteſtantin blieb ihr das Recht der Wiederverheirathung, das dem Grafen Askan als Katholiken verſagt war, auch wenn er ſeine Ehe mit Anna hätte trennen laſſen wollen. Fama berichtete übrigens ſchon von bedeutſamen Zerwürfniſſen zwiſchen dem ſündigen Paare, die nur immer von der Land⸗ gräfin wieder beſeitigt werden ſollten, wenn ſie große Summen Geldes brauchte. Gräfin Anna hörte von dieſen Dingen ſprechen, ohne ſich darüber zu grämen. Sie war jetzt ruhig und ſanft. Sie ſchwelgte freilich in dem Triumphe, geſiegt zu haben, und hatte die Demuth eines echt 108 weiblichen Herzens bei dem harten Kampf eingebüßt, aber äußerlich merkte man nichts davon. Sie herrſchte beinahe unbeſchränkt in den Beſitzungen des fernen Gemahls und hatte beſchloſſen, ſich dieſe Herrſcher⸗ würde bis an ihres Lebens Ende zu ſichern, indem ſie ihren Sohn nach ihren Grundſätzen erzog. Mit ihrem Beichtvater, dem Burgkaplan von Bärenberg, hatte ſie die Verabredung getroffen, daß er eines Tags die Ge⸗ burt des kleinen Stammerben an den Grafen Askan verrathen, aber daran die beſtimmte Erklärung knüpfen ſollte, daß er ſich das Recht auf die Vaterfreuden durch ſein damaliges Betragen unbedingt verſcherzt habe und nicht befugt ſei, ſich um die Erziehung des Sohnes zu bekümmern.. Es war am Namenstag der Gräfin Anna, als die Glocke der Annenkapelle zum erſten Mal läutete. Das Werk war mühſam geweſen, aber es war ge⸗ lungen. Die Kapelle ſtand zur Freude aller Frommen auf dem kleinen Plateau der Klippe und ein glatter Weg führte vom Städtchen aufwärts, um den troſt⸗ bedürftigen Seelen ihre Wallfahrt hinauf zu erleichtern. Vom Schloſſe aus war auch ein ſchmaler Pfad hinab in die Schlucht gehauen und wieder aufwärts. Das war jedoch ein gefahrvoller und ſehr beſchwerlicher Weg, weil er ſich durch Felſenriffe und Bergabhänge 109 durchwand und alle die Schreckniſſe einer wilden Wald⸗ einſamkeit barg. Gräfin Anna ſaß am Fenſter und horchte auf den leiſen, melodiſchen Klang der St.⸗Annenglocke, welche den Sonnenuntergang feierte. Noch glühte die Sonne am Horizont. Ihre letzten Strahlen durchleuchteten das Cloſet der Gräfin, worin ſie ſaß und mit innerer Zufriedenheit auf die Kapelle ſchaute, die ſie von hier aus ſehen konnte. Wenn auch einfach gebaut und ohne prahleriſchen Luxus hergerichtet, prangte ſie doch zur Zierde der Klippe, von der Sonnenglut vergoldet und durch die melodiſchen Glockenklänge geheiligt. Gräfin Anna ſaß in ſtillem Frieden. Ihren kleinen Sohn hielt ſie dicht umſchlungen auf dem Schooße. Ihre Hände lagen gefaltet auf ſeinem kleinen, luſtig pochenden Herzen. Zufrieden überſchaute die Gräfin ihr Leben, zufrieden blickte ſie in die Zukunft, nach⸗ dem ſie die Qualen der letzten Vergangenheit über⸗ wunden hatte. Sie hatte Alles erreicht, was ſie wünſchte, wollte, hoffte und begehrte. Sie hatte ihren Knaben im Arm. Das Kind liebte ſeine Mutter mit ausſchließender Zärtlichkeit. Fielen ihre Gedanken auf den Vater dieſes ſchönen, kräftigen Knaben, ſo beſchwichtigte ſie die leiſe Stimme 110 ihres Gewiſſens dadurch, daß ſie ihn beſchuldigte, ſich ſelbſt des Glücks beraubt zu haben, welches ſie jetzt genoß. Die Mahnung an vergangene Seligkeit be⸗ kämpfte ſie ſtandhaft. Sie wünſchte ihrem Gemahl nie wieder zu begegnen und hatte die Flucht mit ihrem Sohn beſchloſſen, wenn es ihm einfallen ſollte, je wieder in der Burg Boſtett zu reſidiren. Wollte ſich im Rückblick auf die Vergangenheit eine Stimme erheben und ihr begreiflich machen, daß ſie wohl eine zu ſtrenge Richterin geweſen ſei, ſo beruhigte ſie ſich mit dem Gedanken an die Huld Gottes, die ihr Bei⸗ ſtand geleiſtet. Das Glöckchen läutete fort und fort. Himmliſcher Friede lag in dieſem Geläute. Der Purpurſchein des Abends füllte blendend das Gemach. Ein leiſer Schritt wurde hörbar, er näherte ſich tappend der Thür. Gräfin Anna glaubte, der Burg⸗ kaplan, der die Kapelle geweiht, werde es ſein. Die Thür zum Zimmer wurde leiſe geöffnet. Gräfin Anna blickte hin— eine Männergeſtalt erſchien auf der Schwelle— Gräfin Anna erſtarrte vor Entſetzen— es war ihr Gemahl, der Graf Askan, der dort ſtand, wie aus der Erde hervorgezaubert. Sie wagte nicht ſich zu regen. „Anna!“ rief der Graf und trat unſicher einen 111 Schritt vor. Anna fuhr beim Klange ſeiner Stimme zuſammen, als ſei ihr Herz getroffen. „Anna, biſt Du hier?“ fragte der Graf bittend. Was ſollte das bedeuten? Ihr Arm umfaßte krampf⸗ haft den Knaben. Sie erhob ſich mit ihm. Die Purpurſtrahlen der ſinkenden Sonne umleuch⸗ teten ſie grell und dennoch wiederholte der Graf: „Biſt Du hier im Zimmer, Anna, ſo komm zu mir!“ Die Gräfin ſtand aber und ſtarrte ihn an. „Anna, o Anna“, zitterte es von des Mannes Lippen,„habe Erbarmen mit mir! Ich bin blind ge⸗ worden, ich ſehe Dich nicht!“ Ein Schrei, wie er wohl ſelten aus einer Menſchen⸗ bruſt bricht, durchtönte das Gemach. Anna ſtürzte vorwärts, ſie ſtürzte zu den Füßen ihres Gatten und umſchloß unter wilden Schmerzensausbrüchen ſeine Kniee. „Das habe ich nicht gewollt!“ ſchrie ſie in unermeß⸗ lichem Jammer.„Das habe ich nicht gewollt! O, Gott iſt ein furchtbarer Richter über meine Vermeſſenheit! Aber warum traf er Dein Haupt und nicht das meine? O mein ſündhafter Haß hat dieſen Fluch auf Dich herrabbeſchworen!“ Sinnlos vor Reue warf ſie die Stirn auf ihres 112 Gatten Füße und küßte den Staub von der Fuß⸗ bekleidung des blinden Mannes. Dazu läutete noch immer das Glöckchen der Annen⸗ kapelle und Gottes Sonne ſenkte ſich friedlich hinter die Berge hinab. Graf Askan griff nach der Thür und ſchloß ſie. Er wollte keine Zeugen bei dieſem Wiederſehen haben, deshalb hatte er ſich ohne Hülfe vom Pferde ge⸗ ſchwungen und war eiligſt durch die bekannten Schloß⸗ räume getappt, bevor ſein Reitknecht Kunde von dem traurigen Ereigniß geben konnte. Der Graf kehrte mit vollkommen geheilter Seele von ſeiner Wanderung zurück und wollte durch reuige Liebe das Herz Anna's zu verſöhnen ſuchen. Was er nun von Anna's Lippen vernahm, was ſie ihm in der vollen Flut ihrer Reue beichtete, das machte ihn unausſprechlich glücklich. Sie hatte endlich den Trotz ihres ſtolzen Herzens gebrochen und war nun ganz in demüthiger, echt weiblicher Liebe aufgethaut. Die Erſchütterung löſte die Eisrinde von ihrem Gemüth, das Gift des Haſſes verflog vor dem mächtigen Licht der Selbſterkenntniß und die Flamme der lange unterdrückten Liebe quoll ſegensreich hervor. Gräfin Anna erzählte ihrem Gatten Alles, was ſie gedacht und dann unternommen hatte. Sie legte ihm den Knaben ans Herz und ſagte ihm, daß er ein 113 Pfand ihrer glücklichen Liebe ſei, daß ſie ihm jedoch damals das Glück, einen Sohn zu beſitzen, nicht gegönnt habe. Graf Askan verzieh ihr bereitwillig, was ſie gethan, und auch er begann dann eine offenherzige Beichte, woraus ſeine Gattin erſah, daß er die Feſſeln der unwürdigen Landgräfin Ludmilla oft drückend empfunden und mit ganzer Seele ſein früheres Glück zurückerſehnt habe. Er geſtand ihr, ſein ganzes Ver⸗ mögen vergeudet und ſeine Beſitzungen mit Schulden überbürdet zu haben. Seit Jahr und Tag ſei er aus jeder Liebesverbindung mit dem ſchlauen, koketten Weibe getreten, aber ſie habe ihn dafür an ihren Bruder, einen ſchwindſüchtigen Mann, der ſich mit allerlei Teufelskünſten befaßt, geliefert und ſie hätten mitſammen den Verſuchen obgelegen, Gold zu fabriciren, wozu natürlich von ihm das Material beſchafft worden ſei. Dabei wäre denn endlich ſein letztes Geld drauf⸗ gegangen, theilweiſe in die Kaſſen des ſaubern Prinzen von Lichtberg und ſeiner erlauchten Schweſter ſpaziert, theilweiſe aber auch verexperimentirt. Eines Tags habe man wieder allerlei Verſuche gemacht, und da ſei es geſchehen, daß eine Phiole mit ſchädlichen Sub⸗ ſtanzen aufgeflogen und der giftige Dampf ſein Augen⸗ licht getödtet habe. Graf Askan ſchloß ſeine Beichte damit, daß die Fritze, Schloß Bärenberg. I. 8 114 Sehnſucht nach ſeiner Gattin von dieſem Tage an immer mächtiger geworden ſei und daß er nun für ſein ganzes übriges Leben nichts weiter verlange, als in ihrer Geſellſchaft ſtill und einſam zu leben. Gräfin Anna dachte indeß nicht ſo. Als ihr Ge⸗ mahl und ihr Knabe in den Armen des Schlafes ruhten, da kniete ſie zerknirſcht vor dem Burgkaplan und flehte ihn in voller Bußfertigkeit um Hülfe an. „O ehrwürdiger Pater, ich will mich ja Allem unterwerfen, was Sie mir an Buße auflegen, um mein Vergehen zu ſühnen und den Fluch, den ich auf das Leben meines Gemahls geſchleudert, in Segen zu ver⸗ kehren. O mein Vater, mein Vater, was ſoll ich be⸗ ginnen, um die Laſt meines Gewiſſens zu erleichtern? Mit dem Sinken der Sonne habe ich die Verwünſchung ausgeſprochen, ich will fortan bei dem Aufgang der Sonne tagtäglich flehen, mich zu ſtrafen und ihn zu ſegnen. Dreißig Tage will ich im Dunkel der Nacht in den Thalgrund hinab und wieder hinauf zur Klippe ſteigen, um beim erſten Sonnenſtrahl zur Kapelle wall⸗ fahrten zu können; dreißig Tage will ich im erſten Sonnenſtrahl vor meiner Schutzheiligen um Erlöſung von dieſer fürchterlichen Erfüllung meines Fluchs flehen. O mein Vater, mein ehrwürdiger Vater, ſegnen Sie mich zu meinem Vorhaben und bitten Sie die Heiligen für mich!“ 115 Der ehrwürdige Burgkaplan fühlte ſich innig ge⸗ rührt von der Zerknirſchung des jungen Weibes, das ſich wohl zu leidenſchaftlich einer Reue ergab, nachdem es zur Selbſterkenntniß ſeiner zornigen Wallungen ge⸗ kommen war. Er ſuchte Alles hervor, was ſie be⸗ ruhigen konnte, und verſprach ihr, ſeine Heilkünſte an dem Grafen zu verſuchen. Ihre Wallfahrten zur heiligen Kapelle genehmigte er nur zagend, denn es war ein Weg voll Gefahren, den ſie im Duntkel der Nacht voll⸗ führen mußte, um mit dem erſten Lichtſtrahl vor dem kleinen Altar dort in der Kapelle knieen zu können. Von ihrem heiligen Vorſatze geſtärkt und getröſtet, be⸗ gann aber Gräfin Anna vertrauensvoll und muthig ihre Gänge am nächſten Morgen. Ruhig, lautlos ſchritt ſie durch die Pforte des Schloſſes, die ſie an jenem Abend, wo ſie den Gatten um eine Lebensfreude betrügen, wo ſie ihm ſein Kind entziehen wollte, be⸗ nutzt hatte. Ruhig, lautlos ſtieg ſie den ſteilen Felſen⸗ weg hinab in den Thalgrund und dann wieder von der Schlucht aufwärts. Sie wankte nicht auf dem felſigen, ſteilen Pfad, denn ein Engel behütete ihre Schritte. Zwei Tage hatte ſie ſchon gefahrlos ihre Wallfahrt beendet, da fand ſie am dritten Tage den Grafen Askan an der Pforte ihrer harrend. Er hatte vom 8* 116 Kaplan vernommen, was ſeine Gattin im wildem Schmerzgefühle gelobt. „Gemeinſame Schuld— gemeinſame Reue, ge⸗ meinſame Buße— gemeinſames Flehen, meine theure Anna“ flüſterte er kaum hörbar aus ſeiner Pilgerhülle hervor.„Ich werde Dir Deinen Weg vielleicht erſchweren, aber wir gehen doch mitſammen der Gefahr entgegen.“ Schweigend nahm die Gattin des Gatten Arm und ſie gingen langſam in Gebeten dahin auf dem ſchmalen, abſchüſſigen Pfade. Sie kamen ſtets zur rechten Zeit in die Kapelle und beteten dort, das Angeſicht der aufgehenden Sonne zugewendet, welche niemals von Regenwolken umſchleiert wurde während der ganzen Dauer ihrer Wallfahrten. Tag an Tag verſtrich. Schon waren neunundzwanzig Tage verronnen, der letzte Tag begann. Das Paar verließ die Burg wie immer. Der Arm des Grafen ruhte in Anna's Arm, ſeine Hand hielt ihre Hand umſpannt. Sie ſtiegen abwärts. „Weicht die Dämmerung ſchon, meine Anna?“ flüſterte Askan plötzlich zwiſchen ſeinen Gebeten. Die Gräfin neigte zuſtimmend ihr Haupt. Er aber richtete ſeine Stirn empor, zog ſie eifrig vorwärts und ſeine Hand begann zu zittern. „Sei unbeſorgt, wir kommen zeitig genug hinauf“, tröſtete ſie ihn leiſe. 117 Er bezwang ſeine Unruhe und mäßigte ſeinen Schritt wieder. „Wird es nicht plötzlich hell?“ fragte er wieder, als ſie eben die Kapelle erreichten. Die Gräfin führte ihn ſchweigend nach dem Altare und ſie ließen ſich in ihren Betſchemeln nieder. Die Sonne hob ſich langſam und majeſtätiſch aus den Morgennebeln empor. „Anna— ich ſehe die Sonne!“ rief der Graf voll Entzücken. Eine Ohnmacht Anna's war die Folge dieſer un⸗ erwarteten Freudenbotſchaft. Als ſie wieder zum Bewußtſein kam, fand ſie ſich in Askan's Armen, ſeine Augen feſt und forſchend auf ihr Geſicht ge⸗ heftet. „Ich ſehe Dein liebes Geſicht, mein theures Weib“, ſprach er ſelig lächelnd.„Ich ſehe Deine bleichen Wangen, Du ſchlägſt die Augen auf— ich ſehe Alles, freilich nur ſchwach und wie von einem Nebel über⸗ woben, aber ich ſehe doch wieder— ich ſehe, Anna! O laß uns Gott und Jeſus und alle Heiligen des Himmels preiſen, daß ich ſo begnadigt worden bin!“ Sie umſchlangen ſich feſt vor dem Auge Gottes, das ſich ſtrahlend über die Natur ausbreitete. Sie leiſteten heilige Gelübde und weihten ihre Seele dem 118 Guten. Dann eilten ſie zur Burg und verkündeten das Wunder, welches geſchehen war. Aber an dem⸗ ſelben Abende geſchah es, daß ſich fürchterliche Gewitter am ganzen Himmel zuſammenzogen und mit entſetz⸗ lichem Sturme losbrachen. Als ſollte die Welt aus ihren Angeln gehen, ſo tobte und heulte und raſſelte es in der Luft. Alle guten Chriſten bekreuzigten ſich, denn es war, als ſei der Böſe losgelaſſen und fahre vernichtungs⸗ luſtig in der Luft umher. Kein Auge ſchloß ſich in dieſer fürchterlichen Sturmnacht. Der Graf und die Gräfin blickten ſich bedeutſam in die Augen, denn ſie dachten mit Freude daran, daß ihre Wallfahrt glücklich beendet ſei und ſie nicht nöthig hatten, dem grauſen Unwetter unter Lebensgefahren Trotz zu bieten. Um die zwölfte Stunde wurde der Wettergraus noch toller. Raſende Blitze und krachende Donner⸗ ſchläge wechſelten mit Regengüſſen, die wie Fluten aus den Wolken brachen. Und als ein Stillſtand in dieſem Naturkampfe eintrat, da drang ein Krachen und Poltern durch die ſtillgewordene Nacht. Mit ſtockendem Athem faltete Anna die Hände— horch— horch— das Glöckchen in der Kapelle erklang, leiſe, ganz leiſe tönte es wie ein Siegesgeſang! 119 Am andern Morgen richtete das gräfliche Paar beklommen den Blick nach der Klippe, denn es hatte ſich ihrer die Vermuthung bemächtigt, die Kapelle ſei vom Sturme erfaßt und zertrümmert worden. Aber ſiehe da, ſie ſtand unverſehrt auf der Klippe. Als Gräfin Anna aber ſchärfer hinblickte, gewahrte ſie, daß der Bergabhang, der ſich an das Felſenriff lehnte, ſich ab⸗ gelöſt, in die Thalſchlucht hinabgeſchurrt war und ſo⸗ mit jeden Weg und Steg zu dem kleinen zethanſe vernichtet hatte. Und ſo ſteht die Kapelle noch bis auf den heutigen Tag. Nie hat wieder eine Menſchenhand die Glocke zum Tönen gebracht, ſeitdem ſie in jener Sturmnacht, wo der Teufel mit der heiligen Anna um den Beſitz zweier Menſchenſeelen gerungen und durch göttliche Macht bezwungen hat weichen müſſen von unſichtbarer Kraft berührt geläutet hat. Niemand wagt ſich hinauf zu der Kapelle und ſie wird allmälig vom Wetter und von der Zeit zerſtört werden. Geheiligt war ihr Andenken in den Herzen der beiden Gatten, die fortan beglückt und ruhig, aber in ſtillen Entbehrungen dahinlebten. Nur unter der Verſagung aller Lebensgenüſſe wurde es ihnen möglich, ſich ſtandesgemäß in den Augen der Welt zeigen zu können. Ihr Wohlſein war zerſtört und erſtand nie wieder, aber ihr Glück litt nicht. 120 darunter. Das Augenlicht des Grafen blieb ſchwach und umflort, dennoch lebte er heiter und zufrieden zwiſchen ſeinen Kindern, deren Zahl ſich bis auf fünf vermehrte. Er ſtarb noch auf ſeiner Burg, dann aber wurde die Beſitzung der Grafen Bärenberg⸗Boſtett ſchuldenhalber verkauft und die Sprößlinge dieſer Linie zerſtreuten ſich in aller Herren Länder, um durch Aemter an fürſtlichen Hoflagern und Dienſte in des Kaiſers Armee ſtandesgemäß ihr Leben friſten zu können. Von der Landgräfin Ludmilla, der man wohl mit Recht den Ruin des Stammes Bärenberg⸗Boſtett zuſchreibt, ſind nur unſichere Nachrichten zu verzeichnen. Sie hatte den Vetter Prinz von Lichtberg wirklich ge⸗ heirathet, hatte ihm einen Sohn geboren und war dann verſchwunden; Niemand konnte Auskunft geben, wo ſie geblieben ſei. Der Aberglaube gefiel ſich in der Annahme, daß der Teufel, deſſen Macht an der heiligenden Kraft des Guten beim Grafen Askan zer⸗ ſplittert ſei, ſich danach an die Ketzerin gehalten und ſie durch allerlei Künſte ins zeitliche und ewige Ver⸗ derben geſtürzt habe. Gewiß iſt das, daß der Prinz Lichtberg, ihr zwei⸗ ter Gemahl, zur katholiſchen Kirche übertrat, ſeine Kinder ebenfalls darin erziehen ließ und ſomit einen Wunſch des Ländchens erfüllte, das er ſpäterhin be⸗ 121 herrſchte. Mit ſeinem Sohne ſtarb die Lichtberg'ſche Dynaſtie aus. Nur Töchter, die ſich nicht ebenbürtig verheiratheten, ſind die Ueberbleibſel des fürſtlichen Stammes. Die letzte Prinzeß Lichtberg iſt an den Grafen von Boran vermählt und deren einzige Tochter iſt die Gemahlin des Grafen Harald⸗Bärenberg auf Bärenberg geworden. Dora Bella hatte mit einem Eifer, einer Spannung und Verſunkenheit geleſen, daß ſie in völliger Geiſtes⸗ abweſenheit die Augen aufſchlug und um ſich blickte, als ſie ihre Lectüre beendet hatte. Erſt als ſie zum Bewußtſein deſſen kam, was die Veranlaſſung zu dem Beſuche der Bibliothek und zur Aufſuchung des Manu⸗ ſeripts gegeben hatte, fiel es ihr ſchwer aufs Herz, daß man ſie hier finden könne. Schnell ſchlug ſie die von ihrer Tante geſchriebenen Papiere wieder in das alte, vergilbte Pergamentpapier ein, das jedenfalls die Aufzeichnungen des würdigen Burgkaplan enthielt, und legte Alles wieder an ſeinen Platz. Vorſichtig ſchloß ſie das Archiv, blies das Licht aus und verfügte ſich ſehr leiſe nach einer kleinen eiſernen Wendeltreppe, die unmittelbar in das Schlaf⸗ zimmer ihres Vaters führte. Sie trug Bedenken, die 122 Wendeltreppe nach dem Corridor zu wählen, weil ihr da Jemand begegnen konnte. Dora Bella horchte eine lange Zeit, ehe ſie auf den ſchmalen Tritten hinabſchlich. Es war alles ſtill! Ihr Vater pflegte lebhaft und laut zu ſprechen. Sie hörte nicht einen Laut. Nun gewann ſie Muth, ſchlüpfte durch das Schlafzimmer und traf Anſtalt, mit ganz unbefangener Miene in den Speiſeſalon zu treten, worin ſie die Geſellſchaft zu finden hoffte. Sie öffnete die Thür. Niemand da! Nur eine einzige doppelarmige Lampe brannte in dem Gemache. Die Tafel war gedeckt, aber nicht ſervirt, und allem An⸗ ſcheine nach ſollte nicht auf die gewöhnliche Weiſe hier ſoupirt werden. Während Dora Bella, verwundert über dieſe Ausnahme von der Regel, nachdachte und dabei überlegte, was von ihrer Seite zu thun ſei, um möglichſt unbemerkt zur Kenntniß der ſtattfindenden Veränderung des Soupers zu kommen, das allabendlich den Amtmann, den Förſter und den Inſpector Prutz mit ihnen vereinigte, trat der alte Kammerdiener Volkmann ſo ſanft und geräuſchlos wie immer in die andere Thür und ſchoß auf die Lampe los, um ſie wegzunehmen. „Laß ſtehen, alter Volkmann“, ſprach Dora Bella mit ſorgloſem Tone. Der Kammerdiener fuhr zu⸗ 123 ſammen vor Schreck bei dieſer unerwarteten An⸗ ſprache. „Ei, da ſind wir ja, Comteſſe!“ rief er vergnügt. „Wo waren wir denn, gnädiges Comteßchen? Wir haben Sie überall geſucht!“ „Gewiß aber nicht dort, wo ich geweſen bin, ſonſt hätteſt Du mich ſicherlich gefunden“, meinte Dora Bella ganz keck.„Was ſoll das heißen, daß noch keine An⸗ ſtalten zum Abendeſſen getroffen ſind? Es iſt neun Uhr vorbei!“ „Excellenz haben befohlen, im Zimmer der Gräfin Eliſabeth zu ſerviren“, entgegnete Volkmann mit hoch aufgezogenen Augenbrauen, was ihm ein diplomatiſches Ausſehen verſchaffen ſollte. Dora Bella lächelte verächtlich.„Unſere ländliche Geſellſchaft wird alſo unpaſſend für den Hofcavalier gefunden. Wie kann Papa ſolchen anſpruchsvollen Launen eines jüngern Verwandten nachgeben! Ein ſtolzes Ausſchließen von bürgerlichen Beamten mag in den Hofcirkeln gerathen ſein, aber nicht hier, wo man dieſe bürgerlichen Hausbeamten ſehr nöthig braucht, um nicht vor Langweile zu ſterben. Wer zu uns kommt, muß unſere ländlichen Geſelligkeiten reſpectiren, meine ich. Habe ich Recht, Volkmann?“ Der Kammerdiener hatte ſeine kleine Comteſſe mit großen Augen angeſehen, während ſie ſo weisheitsvoll ſprach. Es kam ihm vor, als wäre die junge Dame plötzlich gewachſen und plötzlich ſehr vernünftig ge⸗ worden. Wodurch nur? „Comteſſe irren“, ſagte er rückſichtsvoller als vorhin. „Excellenz wünſchten en famille zu ſpeiſen. Herr Rein⸗ hold von Leſſel iſt hinübergegangen zum Inſpector Prutz, um ihn im Namen Sr. Excellenz um Entſchul⸗ digung zu bitten. Wollen Comteſſe nicht eilen? Die Herrſchaften werden ſchon fertig ſein mit Speiſen.“ Dora Bella warf den Kopf ſo gewaltſam mit trotzigem Lachen zurück, daß ihre Locken ſich vom gol⸗ denen Kamme löſten. „Was ſoll ich dort bei Tante Eliſabeth? Den Abhub des Tiſches mir vorlegen laſſen? Es würde der Tochter des Hauſes, die der Gouvernante längſt entwachſen iſt, übel anſtehen, gleich einem Kinde zum Deſert zu kommen. Nein, Volkmann! Ich habe die Anſicht gewonnen, nicht zu dem Kreiſe zu gehören, den die Familie Bärenberg unter dem Ausdrucke en famille begreift. Die da im Zimmer der Tante Eliſabeth ſitzen, ſind Bärenberge im engſten Sinne des Worts. Ich aber bin die Abkömmlingin einer verhaßten Lichtberg, der man mit Recht den Ruin der Linie Bärenberg⸗ Boſtett zuſchreibt. Ich gehöre nicht zur Familie!“ 125 Sie ſchritt würdevoll an dem ſtark überraſchten Kammerdiener Volkmann vorüber und befahl ihm, ihr ein Abendeſſen in ihrem Zimmer ſerviren zu laſſen. Volkmann ſah ihr verblüfft nach, ſolange er ſie ſehen konnte. Was er gehört, überſtieg ſeine Faſſungs⸗ kraft und ſein Begriffsvermögen. War das dieſelbe Comteſſe Dora Bella, die noch am Nachmittage mit den Kindern der Schloßleute Fangball und Reifſtechen ge⸗ ſpielt hatte? Welche Veränderung! Was konnte dieſe Veränderung bewirkt haben? „Ob wir nicht beim Schlafengehen der Excellenz erzählen, was wir eben erlebt haben?“ murmelte der alte Mann, während er unhörbar leiſe den Corridor hinabging.„Nein! Schweigen wir, handeln wir diplo⸗ matiſch, halten wir die Augen offen und die Ohren bereit, reden wir vorſichtig, forſchen wir hinter den Couliſſen, verſchanzen wir uns hinter Einfalt, ver⸗ paliſſadiren wir uns mit Schlauheit und waffnen wir uns mit Geduld! Wir werden doch nicht ohne Erfolg in unſern jungen Jahren Diplomatie an eines Königs Hofe ſtudirt haben?“ Sechstes Kapitel. Reinhold von Leſſel hatte die kleine Kränkung ſchon überwunden, als Graf Harald perſönlich zu ihm kam, ihn zu bitten, den ſonſtigen Abendcirkel, wozu ſich die Hausbeamten einzufinden pflegten, abzubeſtellen. Er übernahm es, den Amtmann, den Inſpector und den Förſter zu benachrichtigen, daß wegen Askan's Ankunft keine Spielpartie ſein werde, und machte ſich unver⸗ züglich auf den Weg, dieſen Auftrag auszurichten. Im Grunde ſeines Herzens ſchlummerte indeß der Groll fort, der durch ſeine Ausſchließung von dem Familiencirkel abermals genährt wurde. Er hielt es für Familienſtolz, daß Graf Harald mit den Seinigen an dieſem Abende allein bleiben wollte, und doch lag der Grund nur in dem Widerwillen des alten Herrn, ſich in ſeinen mannichfachen Gefühlserregungen belauſcht zu wiſſen. — 12⁷ Von dieſer Seite betrachtet, mußte es Jeder natür⸗ lich finden, wenn der alte Graf ſogleich die erſten Momente des Wiederſehens zu all den Erörterungen benutzen wollte, die mit wehmüthigen Erinnerungen verknüpft waren. Reinhold von Leſſel begab ſich zuerſt ins Wirth⸗ ſchaftsamt, meldete des Grafen Willen, die gewöhnliche Whiſtparthie ausfallen zu laſſen, bat dagegen die ganze Familie des Amtmanns zum Diner und verfügte ſich dann in die Förſterei, welche dicht neben den Wirth⸗ ſchaftsgebäuden lag. Als er aus der Pforte der Einfaſſungsmauer trat, fiel ſein Blick auf zwei Mädchengeſtalten, die Arm in Arm daherkamen, augenſcheinlich vom gewöhnlichen Spielplatze, der durch Dora Bella der Sammelplatz aller Schloßleute geworden war. Ueberraſcht blieb Reinhold unter der Pforte ſtehen und ließ die Mäd⸗ chen, welche ihn nicht bemerkten, vorübergehen. Es waren ein paar hübſche Mädchen, dem Anſcheine nach nahe Verwandte, vielleicht Schweſtern, denn ihre Aehn⸗ lichkeit trat trotz aller Verſchiedenheiten ſichtlich her⸗ vor. Beide waren ſehr hübſch gekleidet, von gleicher Größe, feinen Geſichtszügen und durch einen gewiſſen Anſtand in Haltung und Geberde ausgezeichnet, ob⸗ wohl ſie ſorglos dahinſchlenderten, den großen Sonnen⸗ 128 hut in den Händen und keineswegs darauf bedacht, einen beſondern Eindruck zu erzielen. Ihre Verſchiedenheit beſtand darin, daß ſich um den Kopf der einen reiche braune Flechten ſchlangen und braune, lebhafte Augen unter den halb geſenkten Augenlidern verſteckten, wäh⸗ rend die andere durch ihr hellblondes Haar und durch ihre dunkelblauen Augen, die ſie mit ſanft ſchwärme⸗ riſchem Ausdruck zu den erſten Sternen am Abend⸗ himmel emporhob, charakteriſirt wurde. Lebhafter, feuriger und blühender war jedenfalls die Braungelockte und auf ihr haftete denn auch Reinhold's Blick mit unverkennbarer Bewunderung. Die jungen Mädchen gingen leiſe plaudernd den Fußſteig hinab, der nach dem Dorfe führte. Wem konnten ſie angehören? Der junge Mann zerbrach ſich den Kopf darüber. Es gab im Dorfe weder einen verheiratheten Geiſtlichen, denn das Dorf mit ſeinem Seelſorger war katholiſch, noch einen Schullehrer, der Töchter hatte. Dort, jenſeits des Waſſerfalls, wohnte die Wittwe des vorigen Förſters— ſie hatte ein Töchterchen gehabt, ein blondes Kind mit blauen großen Augen— richtig, es war Klärchen Horink, die, zur ſtattlichen Jungfrau entfaltet, ihm fremd geworden war. Aber die zweite junge Dame, die entſchieden noch hüb⸗ ſcher war? 129 Die beiden Mädchen ſtanden eben an der Brücke ſtill— ſie ſchienen ſich trennen zu wollen. Klärchen Horink küßte die Fremde und lief dann eilig über die Brücke, ohne ſich umzuſehen, obgleich ihre Freundin ihr allerlei Scherzreden nachrief, die ſie hätten zum Umkehren zwingen müſſen. Als ihre Bemühungen ſich vergeblich erwieſen, lachte ſie und wendete ſich um, während Klärchen in dem erſten Häuschen der Dorf⸗ ſtraße verſchwand. Eilig ſtieg die Fremde die kleine Berglehne wieder hinauf, welche bis zur Brücke führte. Reinhold blickte ihr geſpannt entgegen. Welch ein reizendes, fröhliches Geſicht, was für köſtliche Augen, die ihm keck und feurig entgegenblitzten! Er grüßte ſie ſchon von fern, weil er glaubte, daß ſie an ihm vorübergehen würde, aber zu ſeinem Erſtaunen bog ſie nach der Erwiderung ſeines Grußes vom Fuß⸗ ſteige ab und ſchlüpfte ins Förſterhaus. Raſch folgte er. Die Neugier, zu erfahren, wer ſie ſei, die wie eine Fee hier oben unter den Schloß⸗ leuten erſchienen war, beflügelte ſeine Schritte. Der Förſter war Wittwer und hatte nur zwei Söhne. Seine Tochter konnte es alſo nicht ſein. Eine alte Verwandte, die Wittwe eines Beamten aus der preußiſchen Reſi⸗ denz, führte dem Förſter die Wirthſchaft— ſollte dies Fritze, Schloß Bärenberg. I. 9 130 reizende Mädchen zu ihr gehören? Es konnte gar nicht anders ſein! Seine Vorausſetzung beſtätigte ſich. In dem Mo⸗ mente, als er durch die offenſtehende Hausthür trat, rief die Stimme der alten Dame aus einem Zimmer im Hintergrunde des Hauſes:„Toni, wo bleibſt Du denn ſo lange?“ „Wir warteten auf Comteſſe Dora Bella; ſie kam jedoch nicht, Großmama!“ Reinhold erinnerte ſich jetzt plötzlich, vom Förſter gehört zu haben, daß ſeine alte Tante vom Unglücke ſchwer heimgeſucht würde. Ihre Tochter ſei geſtorben und dadurch deren einziges Kind vater⸗ und mutter⸗ los geworden. Ganz gewiß war dieſe junge Dame das verwaiſte Kind. Reinhold wunderte ſich nur, daß er ſie noch nicht geſehen. Eigentlich erſchien dies natürlich, da er ſeit ſeiner Anweſenheit auf Schloß Bärenberg abſicht⸗ lich vermieden hatte, dem Spielplatz ſich zu nähern, weil er als Sittenprediger aufgetreten und ſtets gegen die Gemeinſchaft Dora Bella's mit der nicht eben⸗ bürtigen Geſellſchaft zu Felde gezogen war. Indeß er mit aller Geſchwindigkeit ſeine Gedanken ordnete, war Toni in das Hinterzimmer geſchlüpft und hatte wahrſcheinlich der Großmama berichtet, 131 daß Herr von Leſſel im Hausflur ſtehe. Die alte Dame erſchien mindeſtens, ſehr eilig ihre Küchenſchürze beſeitigend, und wollte den jungen Herrn in das Vorder⸗ zimmer führen, das mit ſeiner eleganten Einrichtung würdig genug war, ſolche Gäſte aufzunehmen. Rein⸗ hold lehnte es ab einzutreten. Er bat Madame nur die Beſtellung auszurichten und knüpfte hier, wie im Amthauſe, die Einladung des Grafen Harald daran, nächſten Mittag im Schloſſe ſpeiſen zu wollen. Die alte Dame blickte etwas befangen in Reinhold's Geſicht. Sie war eine Frau von guter Weltbildung und ſah wohl ein, daß ſolche Einladung wohl nur ein Act großmüthiger Herablaſſung ſei. Sie ver⸗ ſprach, ihrem Neffen, dem Förſter, den Befehl Sr. Ex⸗ cellenz mitzutheilen, wurde jedoch von Reinhold unter⸗ brochen. „Excellenz hat mich beſonders beauftragt, dafür Sorge zu tragen, daß ſämmtliche Schloßheamte mit ihren Familien morgen an ſeiner Taffel erſcheinen und ich darf deshalb gewiß darauf rechnen, auch Sie und Ihre Enkelin mit unſerm wackern Forſt⸗ verwalter erwarten zu dürfen, noch dazu, da Ihre Enkelin mit Comteſſe Doxa Bella befreundet iſt“, ſprach er lebhaft. Madame verneigte ſich mit einiger Würde.„Eine 9½ 132 Freundſchaft unter Gottes freiem Himmel gibt uns noch nicht das Recht, uns an die Tafeln der Vor⸗ nehmen zu drängen, mein Herr von Leſſel. Danken Sie Excellenz in meinem und meiner Enkelin Namen für die Ehre, die er uns hat zu Theil werden laſſen, aber wir lehnen dieſe Einladung pflichtſchuldigſt ab.“ Reinhold zog ärgerlich die Achſeln und ging. Ihn verdroß der Bürgerſtolz der Frau, die ihm taktvoll bewieſen, daß ſie ſich trotz Dora Bella's Freundlichkeit auf dem Spielplatze keineswegs zu den Schloßleuten zähle. Verdrießlich ging er nun ſchließlich zum Wirthſchafts⸗ inſpector Prutz, den er eben im Begriff fand, Toilette zum gewöhnlichen Abendpartiechen beim Grafen Harald zu machen. Der Inſpector zog eine Grimaſſe, als ihm Reinhold mittheilte, daß man im Schloſſe en famille bleiben wolle. „Sie auch ausgemerzt?“ fragte er ſchadenfroh und ſtreifte ſeine Cigarre, die ein wundervolles Aroma im Zimmer verbreitete, am Aſchenbecher ab. „Ich gehöre ebenſu wenig zur Familie wie Sie, lieber Prutz“, war Reinhold's gleichgültige Antwort. „Früher bildete ich mir deugleichen ein, weil Graf Harald gleich einem Vater für mich ſorgte. Wie er dazu gekommen iſt, mich erziehen zu laſſen, als ſei ich 133 ihm verwandt, müſſen Sie beſſer wiſſen, lieber Prutz“, fügte er mit einem lauernden Seitenblicke hinzu. Die Gelegenheit kam ihm äußerſt erwünſcht, denn er hätte längſt gern hinter den Schleier geſchaut, der die Ver⸗ gangenheit verbarg, worin Graf Harald als Miniſter und ſein Vater als Botſchafter ſich zu einem Zwecke verbunden hatten, der ihren Fall herbeizog. „Sie irren, Herr von Leſſel“, warf Inſpector Prutz ironiſch ein,„Sie irren ganz gewaltig, wenn Sie glauben, daß ich wiſſe, wie Se. Exlellenz dazu ge⸗ kommen iſt, Sie gleich einem Sohne erziehen zu laſſen Ich ſpielte früherhin eine zu untergeordnete Rolle im Vertrauen Sr. Excellenz.“ „Mein Vater und Excellenz waren befreundet?“ begann Reinhold, achtlos eine Cigarre ergreifend, die Prutz ihm mit lächerlicher Wichtigkeit darbot. „Sehr befreundet! Excellenz ſchrieb ſtets eigen⸗ händig an Herrn von Leſſel und ließ nie von mir copiren. Alle andern Correſpondenzen hatte ich als ſein Geheimſecretär in der Hand.“ „Weswegen nahm Excellenz ſeine Demiſſion?“ „Sie wollen die Wahrheit hören, Herr von Leſſel?“ fragte Prutz, ſich ſtolz in die Bruſt werfend, als wolle er die Wichtigkeit ſeines Urtheils geltend machen. 134 „Ich liebe keine Winkelzüge, wo von Thatſachen die Rede iſt!“ antwortete Reinhold kalt. „Excellenz mußte Ihres Vaters wegen abtreten“, entgegnete nun Prutz ebenſo kalt. „Wie? Ich denke, mein Vater iſt einer Intrigue Sr. Excellenz zum Opfer gefallen?“ ſprach Reinhold ganz gleichmüthig. 38 „O nicht doch! Graf Harald fiel einer koloſſalen Indiscretion Ihres Herrn Vaters zum Opfer. Man hat Sie falſch berichtet, wenn man Graf Harald als den ſchuldigen Theil hingeſtellt. Graf Harald war eng befreundet mit Herrn von Leſſel, er ſchätzte ihn wegen ſeiner Genialität und liebte es, ihn in den Kreis ſeiner nächſten Bekanntſchaften zu ziehen. Aber— Sie entſchuldigen meine Wahrheitsliebe— Ihr Herr Vater wurde durch ſeinen ſprudelnden Geiſt, durch ſeine Sucht nach glänzenden Auszeichnungen zu Un⸗ vorſichtigkeiten hingeriſſen, die Graf Harald bloß⸗ ſtellten.“ „Ich dachte, daß ſie beide einem Ziele zugeſtrebt hätten“, ſchaltete Reinhold ein. Herr Prutz wagte es, ſich noch ſtärker ins Weſen zu werfen. 4 „Ganz richtig, nur auf verſchiedene Art und Weiſe und aus verſchiedenen Gründen. Se. Excellenz hatte 8 135 das Wohl des Landes vor Augen, ging mit vorſichtiger Pflichttreue zu Werke und handelte nie eigenmächtig, wenn es galt, die Abſichten und Meinungen ſeines Fürſten zu vertreten. Excellenz war viel mehr Staats⸗ mann als Hofmann— Ihr Herr Vater war mehr Hofmann als Staatsmann. Sie wiſſen, es handelte ſich darum, die liberalen Bewegungen im deutſchen Volke zu erſticken, die ſich Fn avernünſtigem Forde⸗ rungen ſteigerten.“ „Sie ſprechen gewagt, Berr Prutz Die Zeit iſt jetzt wiedergekehrt und der Liberalismus ſcheint oben zu ſchwimmen“, unterbrach ihn Reinhold mit zweifel⸗ haftem Lächeln. „Was kümmert uns das hier!“ rief Prutz ganz pathetiſch.„Wir ſind gegen Volksaufſtand durch die Zufriedenheit und Liebe unſerer Dorfbewohner geſichert und gegen Staatseingriffe durch unſere Geſetzestreue. Genug, wir ſind loyal, Herr von Leſſel!“ „Und wie lautet die Geſchichte, wobei Graf Harald in Conflicte kam? Wir ſind von unſerm Thema ab⸗ geſchweift.“ „Kommen wir darauf zurück, daß Graf Harald mehr Staatsmann als Hofmann war; genug, Excellenz ſtimmte dafür, die zeitgemäßen Forderungen des Volkes zu berückſichtigen und zu befriedigen, um dadurch un⸗ 8 ziemliches und ungebührliches Auftreten der Volksredner zu entwaffnen. Ihr Herr Vater huldigte dieſer fried⸗ lichen Löſung nicht ganz, er redete dem Syſtem des Abſolutismus das Wort und wollte den Volkswünſchen zwar genügt wiſſen, aber als Gnadenact der Monarchie. Im Meinungskampfe wägt man die Worte nicht, mein lieber Herr von Leſſel, und Staatsbeamten ſollten ſtreng vermeiden, darüber zu ſchreiben, ſolange die Wag⸗ ſchale ſchwankt.“ Er ſchwieg, als habe er im Eifer 3ü viel geſagt. Reinhold fragte begierig: „Thaten dies die beiden Freunde etwa? Nun, wer kannte aber den Inhalt der Briefe?“ „Ihr Herr Vater mochte ſich anfangs mit einigen Andeutungen darüber übereilt haben“, antwortete der Wirthſchaftsinſpector ſichtlich befangen. „Das klingt doppelſinnig— Sie haben mir Wahr⸗ heit verſprochen!“ fuhr Reinhold herriſch auf. Prutz lachte beleidigend und rief ſpöttiſch. „Wie Sie befehlen! Der König ließ Ihren Vater zur Rede ſtellen. Um ſich zu vertheidigen und dar⸗ zuthun, daß er auf ganz monarchiſchem Grund und Boden ſtehe, reichte er einen Brief des Grafen Harald ein, worin dieſer ſeinen abſolutiſtiſchen Meinungen ent⸗ gegentrat und ihn warnte, ſich nicht zu Ungerechtig⸗ — ⁴4—jf— — —— 137 keiten gegen das Volk hinreißen zu laſſen, worin er ihn ermahnte, liberalern Anſchauungen ſein Ohr zu öff⸗ nen und die Volksintereſſen mehr im Auge zu behalten. Genug, der Brief Sr. Excellenz exculpirte Ihren Vater.“ „Solche Mittel ergriff mein Vater, um ſich in der Königsgunſt zu befeſtigen?“ fragte Reinhold mit kaltem, feſtem Tone.„Weiter, Herr Prutz!“. Prutz zögerte. Er ſchien jetzt an einen Zeitabſchnitt der vergangenen Geſchichte zu kommen, wo er ebenfalls nicht richtig gehandelt. Ihm half ſein Zögern nichts, denn Reinhold erklärte ihm, den Grafen Harald um den Schluß ſelbſt befragen zu wollen. „Nein, Herr von Leſſel, lieber will ich ſelber ſprechen, damit die Erinnerung an dieſe Erfahrungen das letzte Lebenslicht unſers guten Herrn Grafen nicht noch trübe. Nachdem Ihr Herr Vater ſeine guten loyalen Geſinnungen vollkommen beſtätigt hatte, wen⸗ dete ſich der Zorn des Königs auf Se. Excellenz, der bis dahin der einzige Menſch im ganzen Reiche geweſen war, welcher ſein volles und unbedingtes Vertrauen beſeſſen. Er ließ ihn zu ſich entbieten und überhäufte ihn mit Beſchuldigungen, die alle darauf hinausliefen, daß Se. Excellenz ſichtbar darauf ausginge, die monar⸗ chiſchen Principien zu ſtürzen und den Ideen der Conſtitutionen das Wort zu reden.“ „Woher kennen Sie den Inhalt dieſes Geſprächs ſo genau?“ fragte Reinhold plötzlich. Prutz lächelte verlegen und ſtrich ſeine Cigarre über⸗ mäßig ſtark ab. „Ich ſehe wohl, daß ich Ihnen nicht entgehen kann“, antwortete er mit erzwungener Laune,„alſo will ich nur meine Schandthat ebenfalls enthüllen. Ihr Herr Vater hatte ſich dem Könige gegenüber auf meine Kenntniß aller Correſpondenzen bezogen und darauf hin⸗ gedeutet, daß ich ebenfalls wiſſe, wie ſchroff er meinem Herrn Grafen rückſichtlich aller liberalen Anſchauungen entgegenſtände. Ich hatte danach die Ehre, vor Se. Majeſtät beſchieden und darum befragt zu werden.“ „Abſcheulich! Abſcheulich!“ ſtieß Reinhold aufgeregt hervor.„Solche Erbärmlichkeit kommt wohl kaum in der unterſten Schichte der Staatsregierung vor! Der König befragte Sie, den Privatſecretär ſeines Miniſters? Kaum glaublich! Der König Sie, und noch dazu perſönlich informirte er ſich, er befragte Sie und mein unglücklicher Vater hatte ſich auf Sie bezogen— Mann, es iſt nicht wahr, was Sie mir da erzählen!“ „Leider iſt es wahr, und wenn Sie damals in der Demagogenwirthſchaft gelebt hätten, ſo würden Sie noch ganz andere Erbärmlichkeiten kennen gelernt haben. Von oben herab kommt ſtets das Signal zu ſolchen —— 139 Ausſchreitungen des Spionirſyſtems. Da werden auf allerhöchſte Veranlaſſung Kammerdiener und Kammer⸗ frauen, Bediente und Stubenmädchen, ja ſelbſt Waſch⸗ frauen und Stiefelputzer in Bewegung geſetzt, um das demokratiſche Element zu durchforſchen.“ „Und Sie gaben ſich ebenfalls willig dazu her?“ fragte Reinhold, ſchon wieder beruhigt, mit ſarkaſtiſchem Ausdrucke. Prutz zuckte die Achſeln.„Meine Meinungen ſtimm⸗ ten mit denen Ihres Herrn Vaters überein—“ „Und Sie würden mit meinem unglückſeligen Vater geſtiegen ſein, wenn er nicht gefallen wäre. Was that Excellenz bei den Vorwürfen des Königs?“ „Er beſann ſich nicht lange, ſondern bat auf der Stelle um ſeine Entlaſſung.“ „Hoffentlich erkannte Graf Harald alsbald, daß nicht böſer Wille meinen Vater zu ſeiner Handlungs⸗ weiſe bewogen hatte?“ „Was Excellenz geglaubt hat, weiß ich nicht! Aber als er bemerkte, daß Ihr Herr Vater nicht die Reſul⸗ tate erzielen würde, die er mit ſeiner rückſichtsloſen Verantwortung zu erringen gehofft, da ſchrieb oder vielmehr, da ließ er mich an Ihren Herrn Vater ſchreiben. Es iſt der erſte und einzige Brief geweſen, den er nicht eigenhändig an Herrn von Leſſel gerichtet 140 hat. Excellenz warnte in dieſem Briefe Ihren Vater und rieth ihm, ſeine Entlaſſung zu fordern, weil man ihn zu verabſchieden im Begriff ſtehe. Ihr Herr Vater hatte wohl ſchon gefühlt daß ſein Benehmen das Miß⸗ trauen eher verſtärkt als geſchwächt hatte, alſo folgte er dem Rathe ſeines Freundes, der ihm edelmüthig einen öffentlichen Schimpf zu erſparen ſuchte; er bat eiligſt um ſeine Entlaſſung und ging in ſein Vaterland zurück.“ „Um dort krank zu werden und zu ſterben“, ſchal⸗ tete Reinhold mit ſchmerzlichem Ernſt ein. Es entſtand eine Pauſe. Inſpector Prutz ſchüttelte ſich, als ſei er froh, endlich eine Laſt los geworden zu ſein. Daß ſeine Offenbarung das Gemüth des jungen Herrn tief und unangenehm berühren mußte, lag in der Natur der Sache. Seine Stellung im Schloſſe erhielt dadurch einen andern Anſtrich. Prutz gönnte gewiſſermaßen dem Herrn Reinhold die kleine Demüthigung, da es demſelben ſeit ſeiner letzten Ab⸗ weſenheit eingefallen war, einen gewiſſen herablaſſen⸗ den Ton gegen ihn anzunehmen und ſtatt der frühern gefügigen Artigkeit oft herriſch aufzutreten. Außerdem zwang den Inſpector ein unabweisliches Pflichtgefühl, die Anſicht Reinhold's zu corrigiren, als er den Grafen Harald deſſen zieh, was ſein eigener Vater verſchuldet. 141 Nun war die Geſchichte aufgeklärt und Reinhold konnte danach ermeſſen, mit welchem Edelſinn Graf Harald begabt ſein mußte, um nach ſolchen Vorgängen den⸗ noch den Sohn ſeines verrätheriſchen Freundes einer drückenden Lebenslage zu entreißen und ihn auf ſeine Koſten zu einer ſtandesgemäßen Stellung heranbilden zu laſſen. „Damals kam ich hierher aufs Schloß“, begann Reinhold mit einem tiefen Athemzuge wieder. „Ja! Mich fanden Sie ſchon vor. Excellenz ließ es mich nie fühlen, daß er meinen momentanen Abfall von ihm kenne.“ „Graf Harald iſt der edelmüthigſte, gütigſte Mann, den ich kenne!“ rief Reinhold bewegt. „Und dennoch gilt er in der Welt für einen Staats⸗ mann, welcher ſich nicht geſcheut, durch ſeine Ränke den Freund zu ſtürzen, wobei er freilich mit in die Grube gefallen, die er ihm gegraben haben ſollte.“ „Dieſem Urtheile werde ich fortan zu widerſprechen wiſſen“, antwortete Reinhold feierlich und erhob ſich vom Sopha. Sein ganzes Weſen drückte die Demü⸗ thigung aus, die er ſo eben durch die Aufklärung aller Verhältniſſe empfangen hatte. Von allen hochfahren⸗ den JIdeen, welche ſich durch die wahrlich unverdiente Güte des Grafen Harald in ihm feſtgeſetzt hatten, war v 142 er gründlich kurirt. Sein Inneres erlitt eine Umwand⸗ lung. Bis dahin gehörte es zu ſeinen liebſten Gedan⸗ ken, ein kleines Beſitzthum zu erringen und in beſchau⸗ licher Weiſe eine gewiſſe Berufsthätigkeit mit dem fried⸗ lichen Leben eines Landedelmanns zu verbinden. Es war dem jungen Manne nicht ſchwer geworden, ſich in die Möglichkeit eines ſolchen Glückszufalls hineinzu⸗ träumen, weil er den fürſtlichen Reichthum ſeines Wohl⸗ thäters kannte und fälſchlich annahm, daß derſelbe Gewiſſensbiſſe in Bezug auf ſeines Vaters Vergangen⸗ heit zu beſchwichtigen habe. Die Offenbarung des rich⸗ tigen Sachverhalts löſchte alle Träume aus und ſtellte ihn dem Kampfe mit einem Welturtheile entgegen. Sein Ehrgeiz flammte auf. Die Schmach zu verwiſchen, die auf ſeines Vaters Namen ruhte, das zweideutige Lächeln der Eingeweihten zu bekämpfen, durch vollkommen ehren⸗ haftes Verfolgen ſeiner eingeſchlagenen Laufbahn es vergeſſen zu machen, was ſein Vater einſt geſündigt, das wäre wohl der natürlichſte Plan geweſen, der ſich ihm aufdrängen mußte. Aber daran dachte er nicht. Andere Vorſätze erfüllten auf der Stelle ſeine ganze Seele. Mit einem geiſtigen Muthe begabt, der an Toll⸗ kühnheit grenzte, hatte er ſich ſtets darin wohlgefallen, durch ſeine glänzende Beredtſamkeit Meinungen zu be⸗ kämpfen, die er ſelber erſt als richtig aufgeſtellt, und 143 durch dieſe ſophiſtiſchen Künſte die innere edle Wahr⸗ haftigkeit in ſich ſelbſt zu erſchüttern. Dieſe Geiſtes⸗ ſpielereien lagen in ſeinem Naturell, aber ſie hatten bis dahin wenig Einfluß auf ſeinen Charakter gezeigt. Das änderte ſich in dieſem ſchweren Momente, wo er durch das Andenken an ſeinen Vater gedemüthigt er⸗ ſchien. Mit derſelben Leichtigkeit, mit der er ſeine Trug⸗ ſchlüſſe anzuwenden pflegte, um Andere zu verwirren, wendete er dergleichen jetzt auf ſich und ſeine Verhält⸗ niſſe an. Er meinte es gerade nun nöthig zu haben, eine hohe und ausgezeichnete Weltſtellung zu erkämpfen, um zu beweiſen, daß er ſeines Vaters Grundſätze vor⸗ ſichtiger und klüger anzuwenden verſtehe. Er glaubte, um durch die Welt zu kommen, ſei es nur nöthig, die Steuerruder richtig zu wählen und die Elemente zu ſondiren, für welche dieſelben beſtimmt werden ſollen. Er hoffte befähigt zu ſein, jeder Partei nützen zu können, wenn er ſich erſt zum Dienſte derſelben ver⸗ pflichtet hätte; alſo galt es jetzt, die Augen offen zu haben, ſich energiſch in einen Kampf mit den Welt⸗ verhältniſſen zu werfen und das Feld zu ſuchen, wo er ſeine vielſeitige Bildung verwerthen konnte. Reinhold hatte ſich ganz rückſichtlos ſeinem tiefen, peinlichen Grübeln überlaſſen. Als er ſich demſelben gewaltſam entriß und dabei raſch ſeinen Blick empor⸗ 144 hob, trafen ſeine Augen mit denen des Inſpectors zuſammen. Eine volle Minute ruhten beider Blicke in einander. Trotz der Bedeutſamkeit derſelben gab keiner von ihnen ſeinem innerlichen Gefühle Worte. Ueberzeugt, daß ihre Gedanken ſich begegnet, reichten ſie ſich die Hand und ſchieden. Siebentes Kapitel. Der Inſpector hatte Herrn Reinhold von Leſſel pflichtſchuldigſt das Geleite bis zur Hausthür gegeben und ihm nachdenklich ſo lange nachgeſchaut, bis jener in den Bosquets, die das Schloß von dieſer Seite be⸗ ſchatteten, verſchwunden war. In ſeinem intelligenten Geſichte ſprach ſich dabei eine große Selbſtzufriedenheit aus, die erſt dann einem gewiſſen Unbehagen wich, als er mit ſeinen Gedanken zu ſich ſelbſt zurückkehrte. Er ſtrich ſich wiederholt über die Stirn, als wolle er von dort allerlei Bedenken wegtreiben, und richtete ſeinen Blick zu dem Schloſſe, als wolle er ſagen:„Was büße ich ein mit meiner geſchickt angebrachten Offen⸗ herzigkeit? Nichts, gar nichts! Was gewinne ich dadurch? Vielleicht einen Protector! Man muß jeden möglichen Vortheil aus ſeiner Stellung zu ziehen ſuchen!“ Fritze, Schloß Bärenberg. I. 10 146 Nach dieſem ſtillen Raiſonnement ließ er ſeine Augen über das Plateau ſchweifen. Es war mittler⸗ weile nächtliches Dunkel eingetreten und die Sterne blitzten am tiefblauen, klaren Himmel. Der Inſpector ging mit ſich zu Rathe, was nun für den Abend ge⸗ ſchehen könne, um die ausgefallene Whiſtparthie im Schloſſe zu erſetzen. Zu Hauſe bleiben, im Gewühle der Kinder, unter langweiligen Geſprächen mit der wirth⸗ ſchaftlichen Gattin? Das war unmöglich! Aber was thun? Sein Entſchluß ſtand bald feſt. Man mußte ein Spielchen arrangiren, wie man dies ſtets an den Abenden that, wo man unter ſich Geſellſchaft gab. Aber wo ließ ſich dies am beſten improviſiren? Beim Amtmann? Bewahre, die würdige Frau Amtmännin war Herrſcherin des Reichs und wußte ihrem Haus⸗ herrn kundzugeben, daß ſie abends Ruhe nöthig habe. Beim Förſter? Tante Bertram, die zeitige Haus⸗ regentin, war nicht die Dame, die mit ſich ſpielen ließ. Was blieb alſo übrig, als zuſammen in die Bergſchenke zu gehen, wo ſie zugleich am jovialen Wirth Evers den vierten Mann gewannen. Gedacht— gethan. Der Inſpector machte ſich auf den Weg zur Schenke, klopfte beim Vorübergehen ans Fenſter der Förſterei und beauftragte die hübſche Toni, 8 die das Fenſter flink öffnete, ihren Vetter Horink —O˖n—Q—n-—— 147 hinüber zum Gevatter Evers zu ſenden, weil man dort ein Spielchen machen wolle. Der Förſter ſolle den Amtmann mitbringen. Die Sache war im Umſehen gemacht. Kaum eine Viertelſtunde ſpäter ſaßen die Herren, welche heute im Schloſſe nicht gebraucht werden konnten, einmüthig zu⸗ ſammen in der großen, reinlichen Gaſtſtube und ſpielten Whiſt. Dazwiſchen beſprachen ſie aber die Ereigniſſe auf dem Schloſſe, die ſie heute hierher verſchlagen hatten. Sie geſtanden ſich unverhohlen ein, daß mit dem zu fürchtenden Tode des alten Grafen ein ganz anderes Regiment auf der ſogenannten Schloßhöhe eintreten werde; die patriarchaliſche Gaſtfreundſchaft höre mit ſeinem Leben auf und mache ganz ſicherlich jener ſtol⸗ zen und ſteifen Geſelligkeit Platz, worin Geburt, Stand und Rang abgewogen würden, meinte man einſtimmig. „Es wird unſerer Glückſeligkeit auf Erden gerade keinen Abbruch thun“, ſprach der alte, würdige Amt⸗ mann in mürriſchem Tone, den er ſelbſt beibehielt, wenn er ſeiner Freude Worte gab,„allein was man gewohnt geweſen iſt, erſcheint uns ſchließlich oft als ein Recht. Wir gehören nun einmal zum Schloſſe und haben treu zu Excellenz gehalten, ſeit er hier Ruhe und Erholung geſucht hat. Finden wir uns nun 10* * 148 eines Tages ausgeſchloſſen von den ländlichen Geſellig⸗ keiten, ſo wird uns dies erbittern.“ „Ganz recht, lieber Amtmaun“, erwiderte der In⸗ ſpector mit feinem Lächeln.„Es gibt Geſellſchafts⸗ rechte wie Völkerrechte; was uns gewährleiſtet iſt, müſſen wir haben, ſonſt rebelliren wir.“ Der Förſter hob ſeine ruhigen, offenen, braunen Augen von den Karten, die er eben zu miſchen bereit war, empor und ſagte:„Mir ſcheint die Einladung zum Diner auf morgen eine Vermittelung zwiſchen unſern erworbenen Rechten und den übernommenen Pflichten Sr. Excellenz anbahnen zu ſollen. Bemerken möchte ich nur, daß unſere Rechte ſich auf nichts ſtützen als auf unſere eigene Bereitwilligkeit, dem Grafen Harald als Partner im Whiſt zu dienen. So geht's mit vielen von unſern ſogenannten Rechten. Wir er⸗ greifen, was uns erfreut, bedienen uns deſſen, was uns nützt, und gründen darauf Anſprüche, während wir nur Dankbarkeit empfinden ſollten.“ „Sie betrachten Alles vom Standpunkte der Natur⸗ rechte“, ſpöttelte der Inſpector. „Ganz recht, lieber Inſpector“, war des Förſters Entgegnung, wobei er genau den Ton parodirte, in welchem dieſer vorhin dem Amtmann geantwortet hatte. Es gibt Naturrechte und Naturgeſetze, welche unſere — a— 149 Empfindungen regeln müſſen, wenn wir einer feinern Sphäre gemäß leben wollen, als diejenige iſt, welche jetzt in der Rebellion ſich wohlgefällt.“ „Pardon, Herr Förſter“, rief der Inſpector lachend. „Ich vergaß, daß Sie Alles auf die unglückſeligen Märztage des vorigen Jahres beziehen, was einer Oppoſition ähnlich ſieht.“ „Nur keine Politik, meine Herren“, brummte der Amtmann.„Um Gotteswillen, nur keine Politik, ſonſt reiße ich aus!“ „Fürchten Sie nichts, lieber Amtmann“, meinte der Förſter beſchwichtigend.„Ich halte politiſche Debatten für das ungeſundeſte Vergnügen, und nachdem ich un⸗ ſerm Freunde Prutz eine allbekannte Deviſe ins Ge⸗ dächtniß gerufen habe: Ehre und Achtung denen, wel⸗ chen ſie gebühren, wird ſich wohl unſere Differenz in der Beurtheilung von Rechten und Pflichten bezüglich Sr. Excellenz ausgleichen.“ Der Inſpector biß ſich auf die Lippen, unterdrückte klugerweiſe jede Entgegnung und unterſuchte mit er⸗ heucheltem Eifer die Karten, die ihm der Förſter zu⸗ theilte. Dieſer wendete ſich unterdeß zum Amtmann und fragte:„Wird Ihre Frau der Einladung Sr. Excellenz Folge leiſten?“ „Wahrſcheinlich; wenigſtens ſah ich, daß ſie ihr 150 Staatskleid einer Muſterung unterwarf. Weiber denken ja ſtets, daß ſie an einer Grafentafel nur im höchſten Staat erſcheinen dürfen“, murrte der Amtmann. „Meine Tante Bertram hat mit richtigem Takte die Einladung für ſich und Toni abgelehnt“, ſprach der Förſter. „Warum das?“ fragte der Inſpector überraſcht. „Werden Sie bei Ihren loyalen Geſinnungen dulden, daß man den alten Herrn durch dergleichen Renitenzen kränke?“. „Da ich, nach Ihrer eben gemachten Aeußerung, Alles vom Standpunkte des Naturrechts betrachte, ſo wird es Ihnen nicht befremdlich erſcheinen, wenn ich meiner Tante nicht den geringſten Zwang anlege. Sie iſt als ſelbſtſtändig zu betrachten und daher frei von jeder Pflicht gegen Excellenz“, antwortete der Förſter ruhig. „Sophiſtereien!“ murmelte der Inſpector.„Wem Ehre und Achtung gebührt, dem muß man ſie in allen Fällen zollen. Madame Bertram hat ſich ihrer jetzigen Stellung gemäß zu betragen und darf nicht hochmüthig ablehnen, wo der Herr befiehlt.“ „Sie haben Unrecht“, entſchied der Amtmann, mür⸗ riſch ſeine Karte auswerfend.„Was geht Frau Bertram unſere Excellenz an? Wenn ſich der Proceß —— 151 ihrer verſtorbenen Tochter zu Gunſten Toni's wendet, ſo wird es ihr nicht lange mehr auf unſerer Schloß⸗ höhe gefallen.“ Bis dahin hatte Herr Evers, der Gaſthofsbeſtzer, nur mit ſchweigender Theilnahme der Unterhaltung ſein Ohr geliehen. Bei dem Worte„Proceß“ fuhr er aber unter komiſcher Pantomime in die Höhe und rief dem Amtmann zu: „Um Gotteswillen, Herr Antmunn, reden Sie nicht von Proceſſen, wenn Ihnen mein Verſtand lieb iſt!“ „Haben Sie Proceſſe, Evers?“ fragte der Inſpector verwundert und die übrigen Herren ſahen ihn ebenfalls erſtaunt an. „Herr Förſter, Sie wiſſen's ja“, erwiderte Evers unmuthig.„Wegen der Wieſenecke, die der Wittwe Ihres ſeligen Bruders gehört. Es iſt eine leidige Geſchichte. Der Proceß währt nun ſchon jahrelang und koſtet uns ein heilloſes Geld, aber das Ende deſſelben iſt nicht abzuſehen, da ich nicht zurück kann und Ihre Schwägerin nicht zurück will.“ „Oder umgekehrt, Gevatter Evers!“ ſagte der Förſter munter.„Geben Sie nach, es würde Ihnen alle Ehre machen, wenn Sie als reicher Mann der Wittwe die fernern Unkoſten erſparten.“ „Es geht nicht, Herr Förſter“, erklärte der Gaſt⸗ wirth.„Meine Ehre leidet es nicht!“ „Nun, ſo proceſſiren Sie nur weiter“, meinte der Amtmann ärgerlich und blickte auf ſeine ausgeworfene Karte, die unbeachtet geblieben war. „Ich dächte, es gebe noch andere Mittel, Proeeſſe, die uns quälen, ärgern, erbittern und Geld koſten, zu endigen“, ſagte der Inſpector leichthin.„Wenn man einen hübſchen Neffen hat und der andere Part hat eine hübſche Tochter, ſo iſt ja nichts natürlicher, als durch eine Heirath den Proceß zu endigen. Wenn mir recht iſt, Gevatter Evers, habe ich von meiner Aelteſten, die, beiläufig geſagt, ein Wettermädel iſt, ſchon die An⸗ deutung gehört, daß Ihr Schweſterſohn, der Dietrich Haberhorſt, nur Augen für Klärchen Horink hat.“ „Daran zweifle ich“, warf der Förſter freundlich ein.„Herr Dietrich Haberhorſt hat für alle hübſchen Mädchen Augen, und unſere Mädchen und Frauen thun alles Mögliche, um den jungen Herrn, den man für den muthmaßlichen Bergſchenkenwirth anſieht, noch eitler und leichtſinniger zu machen, als er ſchon von Natur iſt.“ „Laſſen wir Mosje Dietrich Haberhorſt nun ruhen und ſpielen wir weiter“, murrte der Amtmann. Man ſpielte und der Vorſchlag des Inſpectors wurde keiner —— — 1 4 D ———õ—— weitern Beſprechung werth befunden. Auf den Förſter hatte es peinlich eingewirkt, ſeine Nichte, die er über⸗ aus lieb hatte, mit dem leichtſinnigen Dietrich Haber⸗ horſt zuſammengeſtellt zu ſehen. Dietrich's ganzes Weſen war freilich geeignet, einem jungen Mädchen von weniger Erfahrung den Kopf zu verdrehen, aber daß es dem jungen Manne gelungen ſein ſollte, ſich Klärchen's Neigung zu erwerben, daran zweifelte der brave Förſter, weil er Mädchenherzen nicht zu beur⸗ theilen wußte. Der Gedanke an den Vorſchlag des Inſpectors machte ihn innerlich zerſtreut. Er hätte ſehr gern nähere Nachforſchungen darüber angeſtellt, was das älteſte Töchterchen des Inſpectors weiter über ein Verhältniß geſprochen, das ihm im Grunde der Seele zuwider geweſen ſein würde. Blößen durfte er ſich indeß nicht geben um Klärchen's willen, alſo ver⸗ ſteckte er ſeine Beſorgniſſe und ſpielte ruhig weiter. Die Familie des Förſters Horink war ſehr geachtet im Dorfe, was man von der Familie des Gaſtwirths Evers nicht unbedingt ſagen konnte. Man unterſchied im Dorfe ſehr wohl die Schloßleute, die ſich vermöge ihrer Dienſtſtellung zum Grafen halten mußten, von denjenigen Bewohnern der Schloßhöhe, die ſich aus Hochmuth zu dieſem Kreiſe drängten und durch ihre Dünkelhaftigkeit Veranlaſſung zu Spöttereien gaben. Seitdem der Bergſchenkenwirth ſein Haus neu eingerich⸗ tet und ſich die Sonntagsgeſellſchaften der Dorfbewohner verbeten hatte, war er gründlich in Mißcredit gekom⸗ men. Als nun gar, unmittelbar nach dem Tode ſeiner Frau, der Schweſterſohn des Gaſtwirths Evers eintraf und den feinen und gelehrten Oekonomen ſpielen wollte, da war es vollends aus mit allen Dorffreundſchaften. Man betrachtete kopfſchüttelnd den jungen Dietrich Haberhorſt, der gleich einem Grafenſohne auftrat und die Wirthſchaft ſeines Onkels nach neuern Grundſätzen zu einer Muſterwirthſchaft erhob. Wäre Dietrich Haberhorſt ein ernſter, ſtiller Mann geweſen, ſo hätte man vielleicht die Zeit abgewartet und erſt geprüft, ob die Cultur des Landes unter den Reformen ſich heben würde; allein Dietrich Haberhorſt war ein bild⸗ hübſcher, luſtiger, leichtfertiger Menſch, der es im Ge⸗ ſchäft zwar ernſt meinte, aber außerdem zu allerhand Allotrien aufgelegt war. Fürs erſte machte er allen Mädchen im Dorfe weiß, daß es in ſeiner Heimat durchaus keine hübſchen Mädchen gebe und daß er gar nicht wiſſe, wie ihm geſchehen, als er hier lauter Engelsgeſichtern begegnet ſei. Nach dieſer Erklärung brannten alle Frauenzimmer danach, von dem über⸗ müthigen Dietrich bemerkt zu werden, aber die ehr⸗ baren Männer ließen es ihn fühlen, daß dergleichen 155 Albernheiten durch Hohn und Spott bezahlt werden müßten. Auch der Förſter Horink hielt ſeinen Tadel nicht zurück. Er gehörte zu den ehrenfeſten Stämmen des Dorfes, die mit ihrem Urtheile die kleine Welt regie⸗ ren, worin ſie leben. Seit Menſchengedenken waren die Horink Forſtverwalter in der Grafſchaft Bären⸗ berg geweſen. Sie hatten noch die Tage der Macht und des Anſehens mit erlebt, wo die Grafen Bären⸗ berg auf Bärenburg landesherrliche Gewalten ver⸗ mittelſt ausgedehnter Privilegien ausübten und ihre Stimme auf den Reichstagen und bei Reichsbeſchlüſſen von Gewicht war. Vom Vater auf den Sohn erbte die Forſtverwalterſtelle ſeit jenen glorreichen Tagen, und als vor mehreren Jahren es geſchah, daß ein Horink verſtarb, ohne einen präſumtiven Erben der Förſterſtelle zu hinterlaſſen, da gab der jetzige Förſter unverzüglich ſeine Stellung auf und kehrte in die Hei⸗ mat, in das Haus ſeiner Väter zurück. Ruhig, ohne Ueberhebung und dennoch ſeiner Stel⸗ lung ſich bewußt, die ihn in ehrenvolle Vertraulich⸗ keiten mit der Grafenfamilie verflocht, lebte Förſter Horink ſeinem Bernfe und fand reichlichen Lohn in der Erfüllung ſeiuer Pflichten. Seine Bildung überſchritt vielleicht nicht die gewöhnliche ſeines Standes, aber er 156 hatte ein Verſtändniß für alle Lebensverhältniſſe wie für alle Weltereigniſſe und richtete ſich ſtets nach dem Urtheilsſpruch ſeines edeln und kräftigen Gemüths Dadurch regelte ſich ſein Benehmen zu einer Form, die iihn weit gebildeter, klüger und feiner erſcheinen ließ, als er ſich zu geben beabſichtigte. Dadurch gerieth er jedoch beſtändig in Hader mit dem Inſpector Prutz, der eine höhere Bildung ge⸗ noſſen, eine gewiſſe Weltweis heit aus dem Verkehre mit hochgeſtellten Männern geſchöpft hatte und alle Lebensverhältniſſe und Weltereigniſſe ſtets unter die Kritik ſeiner Selbſtſucht ſtellte. Beide Männer bildeten einen ſchroffen Gegenſatz in Anſehung ihrer Gefühle, aber ſie trafen wiederum zuſammen in der gewiſſen⸗ haften Sorgfalt bei Ausübung ihrer Geſchäftsthätig⸗ keit. Sie achteten ſich um deswillen, tadelten ſich in⸗ deſſen gegenſeitig ganz unverhohlen, wenn es darauf ankam, ihre abweichenden Meinungen geltend zu machen. Der Inſpector ärgerte ſich beſonders über die treue Ergebenheit des Förſters, die ſich bis auf die kleinſten Verhältniſſe erſtreckte, welche auf ſeinen Verband mit dem gräflichen Hauſe Bezug hatten. Der Inſpector wußte, daß der Förſter Aufklärungen über alle Familiengeſchichten der Grafen Bärenberg geben konnte. Da es in ſeinem Intereſſe lag, beim vorausſichtlichen 157 Tode des Grafen Harald davon unterrichtet zu ſein, ſo hatte er in der letztern Zeit ſeine ganze Schlauheit aufgeboten, Nachrichten über die Erbfolge in der Fa⸗ milie einzuziehen. Man hatte ihm von anderer Seite mitgetheilt, die Gräfinnen Bärenberg hätten durch den Machtſpruch eines Kaiſers von Deutſchland die Rechte der Succeſſion, im Falle der Stamm auszuſterben drohe. Eine Anfrage beim Amtmann hatte keinen Erfolg ge⸗ habt. Der Amtmann wies ihn an den Förſter Horink, der in dergleichen Dinge eingeweiht ſei. Förſter Horink war aber nicht zu bewegen geweſen, die ge⸗ wünſchte Auskunft zu geben. Er geſtand ein, es zu wiſſen, meinte indeß, die Folge werde lehren, was für Rechte Graf Harald und Comteſſe Dora Bella haben würden. „Ei“, antwortete der Inſpector ärgerlich,„mir iſt die Sache nicht gleichgültig und ich muß den Sachver⸗ halt zu erforſchen ſuchen, da es eine Lebensfrage für mich ſein wird. Ich kann nicht darauf rechnen, von dem neuen Stammherrn mit derſelben Großmuth hono⸗ rirt zu werden wie von Excellenz. Bei den Staats⸗ umwälzungen, die überall in Ausſicht ſtehen, würde es mir nicht ſchwer werden, unter dem Schutze meines Herrn Grafen, der fälſchlich im Rufe ſteht, als Mär⸗ tyrer ſeiner freien Anſichten geſtürzt zu ſein, jetzt eine 158 hervorragende Stellung zu erringen. Der Geheim⸗ ſecretär eines liberalen Miniſters iſt ein Mann, zur jetzigen Zeit brauchbar für Fürſten und für das Volk.“ „Bleiben Sie, wo Sie ſind, Inſpector“, ſagte der Förſter mitleidig lächelnd. „Mit Ihren Weltanſchauungen beurtheilt, mögen Sie Recht haben, aber mein Geiſt regt ſich in einer ſo glücklichen Zeitperiode, wo man im Umſehen ein Porte⸗ feuille haben könnte.“ „Auf loyalem Wege?“ fragte der Förſter kurz. „Was iſt zur Zeit daran gelegen, ob loyal, ob nicht! Man muß zugreifen, wenn die Wellen der Volksbewegung uns nahe kommen; man muß Talent zum Klettern zeigen, wenn es eine Höhe zu erklimmen gilt.“ „Wer ſchon einmal verunglückt iſt bei derartigen Experimenten, der ſollte billig den Muth und die Luſt verloren haben, ſich gleichem Unglücke auszuſetzen“, meinte der Förſter ſehr ruhig und gemeſſen. Damit waren des Inſpectors Nachforſchungen denn für immer abgebrochen, wenn er ſich nicht ähnlichen Zurechtweiſungen ausſetzen wollte. Er hatte durch dies Geſpräch die Ueberzeugung gewonnen, daß der Förſter ſeine ganze Vergangenheit, ſoweit ſie mit der⸗ jenigen des Grafen Harald zuſammenhing, kannte, 159 und ſpürte keine Luſt weiter zu nähern Auseinander⸗ ſetzungen. Die Erfahrung hatte zur Folge, daß er Reinhold von Leſſel die eigentliche Grundlage ſeines Verhält⸗ niſſes zum alten Graſen offenbarte. Er berechnete ganz richtig, daß Reinhold's Ehrgeiz ſich energiſch aufbäumen wuͤrde, wenn er nach dem Tode ſeines Wohlthäters auf ſich ſelbſt angewieſen werden ſollte. Gut, ſo mochte denn der junge Mann in ihm einen Menſchen ſehen, der gebraucht werden konnte, der aber andern Falls beachtet und geſchont werden mußte um leidiger Geheimniſſe willen. Achtes Kapitel. Die Nacht war längſt angebrochen, als die Herren in der Bergſchenke ihr Whiſtſpiel beendeten und ſich anſchickten, nach Hauſe zu gehen. Während ſie alle drei ſchweigend am Waſſerfall hinaufgingen, hörten ſie von fern den raſchen Schritt eines Pferdes, der ſich ſchnell näherte. Der Amtmann blieb ſtehen und blickte mit vorgeſtrecktem Kopfe zurück nach der Dorfſtraße, die ſich jenſeits des zaſſerans hinabzog. „Es wird Dietrich ſein“, erläuterte der Piſpertor und betrat die Brücke, um hinüberzukommen, bevor der Reiter die Höhe erreicht hatte. „Ach ja! Gevatter Evers ſagte, ſein Herr Neffe ſei in der Nachbarſchaft auf Beſuch“, brummte der Amt⸗ mann.„Unſereins geht ſolchen kleinen Beſuchsweg, 161 den man durch Wald⸗ und Bergpfade verkürzen kann. Unſereins ſchont die Pferde, aber Herr Dietrich Haber⸗ horſt reitet gleich einem Junker.“ „Was Sie nur gegen den armen Menſchen haben!“ ſchalt der Inſpector.„Dietrich iſt ein Kind der Zeit.“ „Und ich ein Greis der Vorzeit“, fiel der Aumann grämlich ein.„Wir wollen ſehen, wer weiter kommt! Die Kinder der Zeit lieben den Qualm, den Rauch und Dunſt, wir Greiſe der Vorzeit qualmten nicht mit blöden Augen in die Welt hinein und machten ver⸗ ſtändigen Leuten keinen Dunſt vor.“ „Nun, was Dietrich für Verbeſſerungen in der Bodencultur eingeführt hat, das ſieht nicht gerade aus, als ſei es blauer Dunſt“, ſprach der Inſpector.„Nicht wahr, Förſter Horink, ſeine Anpflanzung auf dem Kahl⸗ kopfsberg zeigt von praktiſchem Verſtande?“ „Allerdings“, erwiderte der Förſter.„Der junge Mann kommt aus einem Lande, wo die Cultur jede Handbreit Land zu verwerthen ſucht.“ Er ſchwiegn und horchte nach der Landſtraße hinab. Das Pferde⸗ getrapp hatte aufgehört. Der Inſpector warf ſeine ſcharfen Augen ſchnell nach der Gegend, wo ſich der Reiter befinden mußte. Ein leichter Sternenſchimmer erhellte die nächſte Umgebung. Fritze, Schloß Bärenberg. I. 11 162. „Da haben wir's ja! Dietrich hält vor Klärchen's Fenſter und ſieht ſchmachtend hinauf“, ſprach er lachend. „Meine Aelteſte ſcheint Recht zu haben!“ Der Förſter wendete ſich und ging raſch aufwärts. Die andern Herren folgten. Einige Minuten ſpäter hatten ſie die Höhe erreicht und ſtanden vor der Förſterei. Der Reiter paſſirte in demſelben Moment die Brücke und verſchwand hinter der grünen hohen Hecke, welche die Bergſchenke umzäunte. „Es war Dietrich!“ ſprach der Inſpector, dem der Widerwille des Förſters nicht entgangen war, hohn⸗ neckend und reichte dem Förſter mit einem„Gute Nacht!“ die Hand. Schadenfroh ſich die Hände reibend, ging er dann mit dem Amtmann weiter. An der Pforte des Amt⸗ hofs angekommen, legte er ſeine beiden Hände feſt auf die Achſeln ſeines ſtämmigen Begleiters und flüſterte hämiſch: „Haben Sie's gemerkt, Amtmann? Dem Förſter ſtieg's zu Kopf, daß Dietrich ſeiner Nichte Klärchen die Cour macht. Paſſen Sie auf, das gibt eine Skandalgeſchichte!“ „Ich glaube nicht, Inſpector, daß Sie die Freude ha⸗ ben werden, auf der Schloßhöhe einen Skandal zu erleben. Die Luft hier oben taugt nicht dazu. Gute Nacht!“ I. 14 b 163 Der Amtmann verſchwand in der Pforte und der Inſpector ſetzte ſeinen Weg allein fort. Allerlei Ge⸗ danken durchkreuzten ſich in ſeinem Gehirn, während er den letzten breiten Terraſſenweg hinaufging, der unmittelbar an die Bosquetanlagen des Schloßplatzes ſich anſchloß. Langſam ſtieg er die letzten Stufen auf⸗ wärts und blieb dann ſtehen. Vor ihm breitete ſich das ganze ſchöne Plateau aus, worauf das Schloß in impoſanter Schönheit lag. Selbſt in dem matten Sternenſchimmer ſah es pracht⸗ voll aus und gewann durch die duftige Luft und die hehre Stille noch an romantiſchem Reiz. Der Inſpector ſchlug die Arme unter und heftete ſeinen Blick, in dem ſich Begehrlichkeit ausſprach, auf dies Gebäude, welches für ihn der Inbegriff des höchſten irdiſchen Glücks war. Hier herrſchen, hier thronen zu können— was waren dagegen die höchſten Ehrenſtellen im Staatsleben, in denen es erforderlich war, ſich vor einem noch Höher⸗ geſtellten zu beugen! Wie ſollte jemals ein Beſitzer dieſes Paradieſes Fürſtendienſte übernehmen können, wodurch ſeine Unabhängigkeit geſchmälert wurde! Der Inſpector begriff es nicht, für das Wohl Anderer ein ſolches Ruheleben opfern zu können, er kannte die geiſtige Befriedigung nicht, welche in der Ehre einer edlen Wirkſamkeit liegt. 11* 164 Weiter vorſchreitend, ſodaß die ganze Façade von ihm überblickt werden konnte, entdeckte er plötzlich trotz der weit vorgerückten Nacht Licht im Schloſſe, Licht in den Fremdenzimmern— alſo hatte der angekommene Gaſt, den man als den muthmaßlichen Erben des Grafen Harald bezeichnete, noch keine Ruhe gefunden— Licht im öſtlichen Thurm, wo Excellenz wohnte, Licht im weſtlichen Thurm, wo Gräfin Eliſabeth reſidirte. Sie waren alle noch wach, die bei dieſem Wiederſehen betheiligt ſchienen! Der Inſpector wunderte ſich nicht darüber. Er hatte es noch nicht vergeſſen, daß Askan's Abſchied vom Schloſſe ein ſchmerzliches Ereigniß geweſen war, welches ſelbſt durch die Ankunft der jungen, ſchönen Gattin des Grafen Harald nicht ganz verſchmerzt werden konnte. Wie aufregend mußte jetzt das Wieder⸗ ſehen geweſen ſein! Ihm ſelber war die Wiederanknüpfung des ſchönen Verhältniſſes zwiſchen der gräflichen Familie und Graf Askan keineswegs erfreulich. Er hatte den Knaben nie geliebt und der Knabe Askan hatte inſtinktmäßig ſeine gezwungene Freundlichkeit ſtets ſchroff zurück⸗ gewieſen. Geſtaltete ſich bei ihrem Begegnen dieſe gegenſeitige Kälte ebenſo, dann war ſeine Stellung für ſpäterhin ſtark gefährdet. Wie ſehr er dieſe Wahr⸗ ———.—⏑——— 165 ſcheinlichkeit fürchtete, haben ſeine Vorſichtsmaßregeln ſchon hinlänglich verrathen. Langſam, ſehr langſam ſchlenderte er auf dem breiten Kiesweg gerade auf das Schloß zu, welches er auf ſeinem Weg nach Hauſe nicht zu berühren brauchte. Ihn folterte das Verlangen, in die erleuch⸗ teten Zimmer hineinſehen und die Bewohner deſſelben belauſchen zu können. Aus ihren Mienen, aus ihren Blicken hätte er errathen wollen, was geſchehen ſei an dieſem erſten Abend und was geſchehen werde in der folgenden Zeit. Sein Bemühen war vergeblich. Er konnte mirgends hineinblicken in dieſe unerreichbar hohen Zimmer, und die darin weilten, ahnten nicht, daß in ihrer Umgebung ein Mann mit gefährlicher Neugier im Grund ihrer Seele zu forſchen verſuchen würde, wenn ſie ſich ſeiner Scharfſicht bloßſtellten. ——— Neuntes Kapitel. Die Nacht war weit vorgerückt, als Graf Harald, von Askan unterſtützt, das Gemach ſeiner Schweſter verließ, um nach den mannichfachen Aufregungen des Tags endlich die Ruhe zu ſuchen. Der alte Herr ſah ſehr zufrieden aus, während er am Arm des jungen Mannes, den er gleich einem Sohn liebte, den Corridor entlang ſchritt, voran der alte Kammerdiener, mit einem großen Armleuchter bewaffnet. Gräfin Eliſabeth blieb allein. Sie öffnete das Fenſter und ſchaute in die ſchweigende, ruhende Natur. Sie horchte auf das Rauſchen des Waſſerfalls und ließ den Blick auf den Ruinen der Bärenburg ruhen, die ſich in dunklen Umriſſen gegen den lichten Himmel abzeichneten. Ihr Geſicht verrieth deutlich eine erhöhte innere Stimmung. Zu dem ſtillen Frieden in ihren Mienen hatte ſich der Ausdruck einer ſanften Freude geſellt. Ihr erſchien der Sternenglanz des Himmels als die Verkündigung einer frohen Zukunft. Ihr poetiſcher Sinn gefiel ſich darin, dieſe funkelnden fernen Weltkörper Gotteslichter zu nennen und ſie als eine Verheißung ewiger Glückſeligkeit zu betrachten. In der Einſamkeit dieſes Lebens alt geworden, hatte ſich Gräfin Eliſabeth gewöhnt, vor dem Schlafen⸗ gehen in das Weſen der Natur zu blicken und den leiſen Regungen zu lauſchen, die ihr das Daſein eines höhern Weſens verkündeten. Es war ihr eine unaus⸗ ſprechliche Luſt, allein mit ihren Gedanken vor dem Auge deſſen zu ſein, dem keine Regung des Gemüths fremd und verborgen bleibt. In der Atmoſphäre der Nacht beſeelte ſich ihr Weſen und eine wunderbare Schwärmerei führte ſie in ein Leben der Phantaſie, wohin die Schatten des Alters niemals drangen. Dem Irdiſchen entrückt, durchirrte ſſie mit ihren Gedanken eine Unendlichkeit voll phantaſtiſcher Gebilde. Waren es Träume verfloſſenen Glücks, welche ſie dabei herauf⸗ beſchwor? Nein, es waren Schwingen des Geiſtes, die ſie emporhoben aus dem irdiſchen Walten, es waren Schwingen der Poeſie, die ihr ein Eden eröffneten, worin ſie, unbeirrt vom Alter, von der Proſa ihres ſtillen Lebens ausruhte in göttlichem Frieden. 168 An dieſem Tage, wo ſie durch Erinnerungen zur Vergangenheit zurückgeführt worden war, ſtrömte der Gedankenquell ſlebhafter um Gräfin Eliſabeth und ihr Herz pochte wärmer. Die Bilder, welche ihr Askan überbracht, traten ſin den Vordergrund ihrer Träume, die Erinnerungen, die ſich damit verbanden, umſchwebten ſie. Aber ohne(Schmerz, nur als ſichtbare Zeichen einer lange entſchwundenen Zeit wirkten ſie auf ſie ein. Sie vergegenwärtigten ihr die Jugend jihres Lebens, wo ſie in Beziehungen zu dem Fürſtenpaar geſtanden, welches ihr huldvoll das Gedächtniß daran bewahrt.“ Gräfin Eliſabeth ſchloß das Fenſter und ließ ſich in ihrem Lehnſtuhl nieder. Vor ihr auf dem Tiſch lagen die Bilder in dem Etui. Die alten ehrwürdigen Geſichter lächelten ſie aus dem Goldrähmchen an, aber ſie ſtimmten nicht mit dem Gefühl überein, das ſich in der Gräfin unter der zauberiſchen Einwirkung der nächtlichen Atmoſphäre entwickelt hatte. Der Friede des Alters und die Ruhe eines abgeſchloſſenen Lebens lagen zwar in den edlen Zügen, doch hatten die Charakter⸗ bildungen mit ſcharfem Meißel Linien in die Geſichter gezogen. Hier, in den ſcharf zuſammengekniffenen Mundwinkeln des Fürſten, ſprach ſich deutlich die jetzt durch Zeitereigniſſe hervorgerufene und ſtark auftretende 171 In jener nordiſchen Reſidenz war es, wo ſie dem Fürſtenpaar, das ſo eben verlobt worden war, begegnete. Dort, in der Pracht eines märchenhaften Lebens, geſchah es, daß ſich täglich Berührungspunkte in den gleichmäßig geiſtig⸗ romantiſchen Gemüthern fanden, die Eliſabeth mit dem Fürſten, welcher damals als zweiter Sohn ſeines Hauſes noch gar keine An⸗ wartſchaft auf den Thron hatte, zuſammenführten, während ſeine verlobte Braut, die Schweſter des nor⸗ diſchen Herrſchers, weder durch Schönheit noch durch Geiſt den feurigen Sinn deſſelben zu feſſeln ver⸗ mochte. Aber es bedurfte nur eines Moments, um Eliſa⸗ beth von der Gefahr, in der ſie ſchwebte, und von dem Unrecht, welches ſie einer Braut zuzufügen im Begriff ſtand, zu unterrichten, und der Zauber war gebrochen. Auf einem Balle, wo Eliſabeth, von den huldigen⸗ den Worten und Blicken des Fürſten gleichſam berauſcht, mit ihm tanzte, entfloh den Lippen dieſes Mannes ein gewichtiges Wort— Gräfin Eliſabeth lächelte bei der Erinnerung an dieſes Geſtändniß— und Eliſabeth hatte keine andere Entgegnung für den wildbewegten Mann, als:„Wehe dem, der ſein Leben im Glück ver⸗ träumen will!“ Ja, dieſer Fürſt mit dem ſtrengen, intoleranten Zug 172 um die Lippen hatte damals geſagt, daß er ihretwegen alle Bande zerreißen, daß er allen ſeinen Rechten ent⸗ ſagen und als ihr Gatte mit ihr in eine Einſamkeit fliehen und der Liebe, der Kunſt und der Literatur leben wolle! Gräfin Eliſabeth nahm ſein Bild ganz nahe und vertiefte ſich in den Blick ſeines Auges. Das Feuer des Geiſtes war darin ganz verkühlt— ein Beweis, daß es niemals echt und wahrhaft geglüht hatte. Sie leugnete es ſich ſelbſt noch jetzt nicht ab, daß ihr reines, unſchuldiges Herz damals unter ſeinen Blicken erwacht und in heftige Wallungen gerathen war. Sie hatte, erzitternd vor Schmerz, an dieſem Abend ihrem Vater den Abgrund enthüllt, dem ſie willenlos nahe gekommen war, und hatte ihn um Rath und Beiſtand angefleht. Des Vaters Rath legte jedoch noch eine ſchwere Pflicht zu ihrem eigenen Herzeleid. Er forderte um ihres Rufes willen eine eiſerne Willenskraft, eine Selbſtbeherrſchung edelſter Art, indem ſie die geiſtige Kraft der fürſtlichen Braut anzufachen verſuche und eine Annäherung des Prinzen an ſeine Braut vermittele. Gräfin Eliſabeth konnte wohl mit Recht ſieges⸗ freudig lächeln, wenn ſie daran zurückdachte, daß es ihr gelungen war, das Vertrauen der Prinzeſſin zu 173 erwerben und ihren Geiſt für das zu erwärmen, was ihr Verlobter mit Begeiſterung in ſich pflegte. Als ſie mit ihrem Vater die Reſidenz verließ, war der Sturm glücklich beſeitigt. Das fürſtliche Brautpaar hatte ſich enger an einander geſchloſſen. Eliſabeth glaubte kaum von beiden verſtanden worden zu ſein. Jetzt, nach langen, langen Jahren erhielt ſie den Be⸗ weis, daß beide wußten, was ſie ihr verdankten. Sie ſegnete in ſtiller Rührung das Andenken ihres Vaters. Sein edler, feſter Sinn hatte ſie den Sieg über ſich erleichtert und ſeine Lehren hatten ſie die Erhebung des Frauenherzens als eine Verklärung des weiblichen Geſchlechts erkennen gelehrt. Gräfin Eliſa⸗ beth hatte die Schatten der Nacht nicht zu fürchten; was aus den Schlummerſtätten der Vergangenheit auf⸗ wachte, ſtörte weder den Frieden ihres Herzens, noch die Ruhe ihres Gewiſſens. Warum ſchreckte ſie denn plötzlich wie von einem ſchmerzlichen Gedanken durch⸗ zuckt auf und erhob ſich mit einer Geberde voll ängſt⸗ licher Trauer? Sie gedachte Dora Bella's! Ihr Ge⸗ wiſſen machte ihr Vorwürfe, das junge Weſen, welches ihr anvertraut war, hintangeſetzt zu haben. Ihre Abweſenheit hatte ſie nicht gekäümmert. Wo war Dora Bella geweſen? Ueber Askan war Dora Bella ver⸗ geſſen worden, denn auch Graf Harald hatte mit keiner 174 Silbe der Tochter gedacht, die doch ſonſt ſeines Lebens Luſt und Freude geweſen. Die Erreichung ſeines liebſten Wunſches hatte den alten Herrn wunderbar zerſtreut, das Wiederſehen Askan's hatte ihr Herz angenehm befriedigt, und Dora Bella? Raſch nahm die Gräfin ihre Lampe und ging mit leichten, unhörbaren Schritten durch die Colonnaden nach dem Zimmer ihrer Kammerfrau, von wo aus man Dora Bella's Zimmer erreichen konnte, ohne den Corridor zu berühren. Die Thür leiſe zurücklehnend, ſchlich die Dame an dem Seſſel vorüber, worin ihre alte Wartholt den ſpäten Aufbruch der Herren zu verſchlafen getrachtet. Alles ſchlief in Frieden. Auch die Wärterin Dora Bella's, deren Zimmer die Gräfin paſſiren mußte, ruhte ſchon, ein Beweis, daß das junge Mädchen ebenfalls ſchlief, denn die alte Bonne erlaubte es ſich nie, eher einzuſchlafen, als bis ihr früherer Pflegling in den Armen des Schlummergottes ruhte. Gräfin Eliſabeth betrat vorſichtig das Schlafgemach ihrer Nichte. Täuſchte ſie ihr Blick oder richtete ſich Dora Bella wirklich bei ihrem Eintreten raſch empor, um ebenſo ſchnell wieder zurückzuſinken? Beſtürzt näherte ſich die Dame dem Bette, das von leichten Vorhängen verhüllt in einer Niſche ſiand 175 Alles blieb ſtill und regungslos hinter der Gardine. Die Gräfin ſetzte ihre Lampe nieder und überlegte, ob ſie Dora Bella wecken ſolle. War es die Einſamkeit der Nacht, die unheimliche Stille in einem Gemache, wo ſonſt helles, heiteres Leben waltete, genug, das Herz der Dame begann furchtbar zu klopfen und eine Angſt, als ſei das Kind geſtorben, das ſie an dieſem Abend einem Fremdling nachgeſetzt, bemächtigte ſich ihrer. Sie mußte ſich überzeugen, daß Dora Bella lebe. Unmerklich zog ſie die Vorhänge zur Seite und neigte ſich vorwärts. Dora Bella regte ſich nicht. Ihr Geſicht lag der Wand zugewendet. Es erſchien der Gräfin bleicher als ſonſt. Auch fiel ihr auf, daß ſie ihre Hände krampfhaft in einander gefaltet hielt. Sie neigte ſich tiefer auf das holde Geſicht. Es war ihr, als müſſe ſie die Stirn und die bleichen Wangen küſſen, als habe ſie dem Mädchen ein Unrecht abzubitten. O hätte Gräfin Eliſabeth doch gethan, wozu ihr Herz ſie trieb! Nein, eines Menſchen Schlaf zu ſtören thörichter Einfälle wegen, dazu konnte ſich die Gräfin nicht ent⸗ ſchließen. Nochmals ſenkte ſie voll Liebe den Blick auf Dora Bella's Geſicht, ließ die Vorhänge fallen und entfernte ſich ſo leiſe, wie ſie gekommen war. In heiliger Zärtlichkeit hatte ſie die liebliche Schläferin 176 geſegnet mit dem Blick, womit ſie ſchied. Hätte Dora Bella doch dieſen Blick geſehen, in welchem der Glanz reiner Mutterzärtlichkeit lag! Dora Bella hielt aber ihre Augen geſchloſſen und ſah nicht, was ihr trotziges Herz hätte rühren und erweichen müſſen. Kaum war indeß die Thür hinter der Gräfin Eliſabeth ins Schloß gefallen, ſo regte es ſich leiſe hinter den Bettvorhängen. Eine kleine weiße Hand ſtreckte ſich hervor, um die heruntergeſchraubte Nacht⸗ lampe höher zu ſtellen. Gleich darauf ſchoben ſich die Gardinen zurück, Dora Bella ſprang mit anmuthiger Behendigkeit aus dem Bette, fuhr mit den Füßen in die Sammt⸗ pantoffeln und hüllte ſich in einen langen, weiten Morgenmantel. Da ſtand die junge Dame hochaufgerichtet, in der ganzen Haltung, in Blick und Geberde ein ganz jan⸗ deres Weſen wie ſonſt. Was in ihr vorging, prägte ſich vollkommen in ihrem Geſichte aus. Als ſei es ihr eine Freude, die Tante durch ihr vorgebliches Schlummern getäuſcht zu haben, als wäre durch ihre Perſtellung ein Act großer Selbſtbeherrſchung geübt, ſo ſiegesfroh, ſo trotzig⸗freudig blickte ſie um ſich. Es verdarb ihr freilich ihren Triumph, daß ein paar große Thränen 177 über ihre Wangen rollten, noch ehe ſie es hindern konnte, aber nach dieſer kleinen Gefühlsexploſion ſchüttelte ſie tapfer den Druck der Wehmuth, welcher ihr junges Herz zuſammenpreßte, von ſich. Sie ließ ſich mit einiger Würde in dem Lehnſeſſel nieder, der dicht neben ihrem Bette ſtand, und ſtützte den Kopf mit beiden Händen auf den Tiſch. Sie dachte nach über ihr bisheriges Leben, über ihre Weltſtellung, über ihre Geburtsanſprüche und über ihre Erbſchaftsrechte und ſie erkannte, daß ein Einklang in allen dieſen Dingen nicht ſtattfand. Es mußte anders werden! Es ſollte aber gleich auf der Stelle Alles anders werden. Sie hatte ſchon am Abend, wo ſie ſich aus⸗ geſchloſſen von einem Familienrath ſah, den Gedanken gehegt, jetzt nahm ihr Entſchluß eine beſtimmtere Färbung an und ſie wiederholte ſich's mehrmals, daß es anders werden ſollte. Behandelte man ſie nicht wie ein Kind, deſſen Schlaf belauſcht wird? Hatte ſie nicht dieſelben Rechte wie ihre Tante, welche eine abgeſonderte Wohnung und eine geſonderte Bedienung hatte, während ſie zwiſchen der Bedienung logirt und von der Bedienung des Hauſes überwacht wurde? Ihr Plan reifte ſchnell. Sie wollte als die Tochter ihrer Mutter auftreten und als die Erbin ihres Vaters fordern! Daß ſie ſelber Fritze, Schloß Bärenberg. I. 12 178 die Schuld trage, wenn man ſie wild in den Tag hinein hatte wachſen laſſen, daran glaubte ſie nicht. Sie hielt für Gleichgültigkeit, was Nachſicht war, und rechnete es denen als Schuld an, die ihre freie Kindheit nicht beſchränken wollten. Aus der weichen Fröhlichkeit ihres Sinnes entwickelte ſich mehr und mehr ein harter Trotz. Wohin er ſie führen würde, lag klar zu Tage. Sie kannte die Urkunde ihres Stammes, die ihr Rechte ver⸗ lieh! Folgen wir ihr in der Entfaltung dieſes Trotzes, in welchem das tragiſche Element ihres Kampfes liegt. ——— Zehntes Kapitel. Der nächſte Tag brachte nichts von dem, was in Dora Bella's Plan lag, zur Reife, aber er änderte auch nichts in ihrem Vorſatze. Sie verließ ihr Zimmer nicht, ſondern richtete ſich mit eifriger Gefliſſentlichkeit darauf ein, von ihrem Vater daſelbſt aufgeſucht zu werden. Eine Hindeutung auf die Kinderſtube, die ſie noch immer bewohnte, würde dann hingereicht haben, ihre anderweiten Wünſche kund zu thun. Graf Harald kam aber nicht, wie er ſonſt wohl, wenn Dora Bella zu lange ſich ſeiner Geſellſchaft ent⸗ zog, zu thun pflegte. Natürlich, er hatte keine Zeit für ſeine Tochter, da er ſich einen Sohn zu erringen ſtrebte. Schon beim Frühſtück bat Graf Harald die beiden jungen Männer, ihn nach der Bibliothek zu begleiten, 12* 180 woſelbſt er ſchon ſeit dem erſten Tagesgrauen be⸗ ſchäftigt geweſen war, Auszüge aus den alten Urkunden anzufertigen. Dieſe Aufforderung befremdete die jungen Männer keineswegs, ſie hatten einigermaßen darauf gerechnet, zu einer geſchäftlichen Beſprechung mit dem Grafen befohlen zu werden, aber nicht beide zuſammen. Sie blickten ſich deshalb einen Moment fragend an, ſäumten indeß nicht, dem alten Herrn zu folgen. Ein Gefühl tiefer, herzlicher Zufriedenheit ſchien den Grafen zu beglücken, als er ſich ſeinen beiden Pflegeſöhnen hier im alten traulichen Raume, wo er die Fortſchritte ihrer erſten Bildung belauſcht hatte, gegenüber ſah. Er nickte ſeinem alten Kammerdiener, der dienſteifrig die Seſſel an den grünen Arbeitstiſch gerollt hatte, zu und ſagte:„Sorge, mein Alter, daß wir ungeſtört bleiben.“ Volkmann verſchwand mit vielſagendem Blick, und nun hätte er um Alles in der Welt nicht einem lebendigen Weſen geſtattet, ſich dem Eingang zur Bibliothek zu nähern. Volkmann war eben die perſonificirte Treue und Ergebenheit. 3 Die jungen Männer empfanden die Bedeutung des einfachen Befehls, den der Graf ſeinem Kammer⸗ diener ertheilt hatte, und ſahen der Cröffnung, die 45 181 ihrer augenſcheinlich wartete, mit erhöhter Spannung entgegen. „Ich habe Wichtiges mit Euch zu beſprechen“, be⸗ gann der Graf beeilt.„Ich betrachte Euch beide als diejenigen Menſchen, die mir am nächſten ſtehen, auf deren Schultern meine Sorgen ruhen müſſen von Rechtswegen. Ich ſtehe am Rande des Grabes und muß eilen, ſolange meine Hand noch Kraft, Macht und Gewalt hat, die mir vom Geſchick verliehenen Gaben des Lebens zu vertheilen und mich zum Scheiden von dieſer Welt zu rüſten.“ „Excellenz übertreiben in einer Anwandlung von Hypochondrie die Nothwendigkeit zur Eile“, ſcherzte Reinhold von Leſſel, während Askan ſein Auge mit Beſorgniß auf ſeinen alten Verwandten warf und es nicht wagte, ihn durch Vorſpiegelung von Zweifeln zu täuſchen. „Du biſt ein guter Tröſter, Reinhold“, antwortete Graf Harald lächelnd,„aber bemühe Dich nicht, ich gebrauche keinen Troſt, ſondern gehe gern hinüber in das Jenſeits, wohin mir mein liebes junges Weib vorangegangen iſt. Ihr Leben war mir ein himmliſch ſchöner Gruß aus froher Jugendzeit; ſolange ſie lebte, vergaß ich mein Alter, fühlte den Verfall meiner Kräfte nicht und trotzte den ſtillen Mahnungen des Todes. 182 Jetzt iſt Alles zuſammengebrochen, was meiner Gattin ſüße Fröhlichkeit aufgebaut, und ich fühle, daß ich ein alter Mann bin, der ſterben kann und bald ſterben wird. Aber ehe ich ſterbe, muß ich mein Haus beſtellen. Auf Euch beide baue ich dabei. Was ich Euch auf⸗ erlegen werde, iſt vielleicht ſchwer zu tragen. Habt Ihr Muth zum Werke?“ „O Muth genug zu jedem Werke, das meine Dankbarkeit zu beweiſen vermag“, rief Reinhold lebhaft. Askan reichte dem Grafen Harald die Hand über den Tiſch, verſicherte jedoch nicht mit einem Wort ſeine Bereitwilligkeit, ihm dienen zu wollen. Er gehörte zu den Männern, die erſt prüfen, was man von ihnen fordert, bevor ſie Verſprechungen leiſten und Verbind⸗ lichkeiten eingehen. Graf Harald verſtand ihn, weil ſeine eigene Sinnes⸗ art ihm aus dieſem Benehmen entgegenleuchtete. Er nahm ein Paquet Papiere zur Hand und legte es vor ſich hin.„Dies iſt mein Teſtament“, ſagte er ruhig. „Es enthält Alles, was ich wünſche, es ſpricht deutlich aus, was nach meinem Tode geſchehen ſoll. Gelobt mir beide, meinen Willen ſo viel wie möglich aufrecht zu halten, gelobt es mir mit einem Handſchlag!“ Willfährig thaten die jungen Männer nach ſeinem 183 Gebote. Der Graf fuhr fort:„In dieſem Teſtament ſeid Ihr beide zu Berathern meines Kindes, zu Ver⸗ waltern meines Vermögens ernannt.“ Ueberraſcht blickte Reinhold zu ſeinem Freunde auf.„Mein alter Freund, der Hofmarſchall Freiherr Wenk von Wenken⸗ thal, wird das Obervormundſchaftsamt übernehmen, ihm ſeid Ihr Rechenſchaft ſchuldig, mit ihm habt Ihr zu berathen, wenn wichtige Ereigniſſe eintreten ſollten, die Euch unſchlüſſig machen. Ihr alle drei ſeid welt⸗ und menſchenkundig und wohl geeignet, das Wohl und Wehe meines Kindes zu leiten. Dir, lieber Reinhold, als Juriſt liegt die Aufſicht über alle dahin einſchlagenden Branchen ob. Dir, mein theurer Askan, empfehle ich—“ er zögerte und fügte dann hinzu:„die innern An⸗ gelegenheiten meines Hauſes. Dein ritterlicher Sinn wird ſich in dem Schutze bewähren, den Du meiner Schweſter Eliſabeth und meiner Tochter Dora Bella verleihen ſollſt. Kann ich auf Euch rechnen, wenn ich in kurzer Friſt vielleicht die Erde verlaſſen muß?“ „Gewiß!“ ſagten die jungen Männer wie aus einem Munde mit feſtem, zuſicherndem Ton. „Gut, ſo bin ich fertig mit dem Leben und kann ſorglos dem Tode entgegenſehen“, ſprach Graf Harald heiter.„Ihr werdet alle Angelegenheiten geordnet finden, Kinder; was unklar in meinen Beſtimmungen 184 iſt, liegt eben noch im Schooße der Zeit. Wie es ſich auch entwickeln mag, meines Segens ſeid Ihr ſicher auf allen Euren Wegen, daran mögt Ihr Euch halten und nicht zaudern zu handeln, wenn auch etwas ge⸗ ſchehen ſollte, was meinen ausgeſprochenen Wünſchen nicht ganz entſpricht. Dora Bella's Glück iſt das Heiligſte für mich auf Erden; dies Glück darf durch nichts beeinträchtigt, durch nichts angetaſtet werden. Dora Bella's Entſchlüſſe werden entſcheiden; ſorgt nur, daß ſie nichts in Uebereilung beſchließe. Was Dora Bella auch thun möge—“ Der Graf erhob ſich und blickte feierlich bewegt in das Geſicht Askan's, während er weiter ſprach:„Was das Kind meiner un⸗ endlich geliebten Laura beſchließen wird, ſchwöre mir, Askan, daß Du mit dem echten Herzen eines Bären⸗ berg ihr Schutz und Beiſtand ſein willſt, bis ſie durch die Wahl eines Gatten die Zeit beſtimmt, wo Du Deiner Pflichten los und ledig wirſt.“ „Ich verpfände meine Ehre, indem ich Dir dies Verſprechen leiſte!“ erwiderte Askan kalt und ruhig. Graf Harald drückte ſeine Lippen auf Askan's Lippen und wendete ſich zu Reinhold. 1d„Beſorge Alles, lieber Reinhold, was nun nöthig iſt, um meine letztwilligen Verfügungen rechtskräftig zu machen. Ich will jetzt nochmals Alles durchſehen, 185 will meine ſpeciellen Wünſche durch Siegel verſchließen, damit ſie nicht den profanen Blicken einer Gerichts⸗ deputation ausgeſetzt werden können, und damit eine Angelegenheit ordnen, die mich ſeit Monaten tief be⸗ ſchäftigt hat. Geht nun hinab und denkt daran, daß wir heute ein Gaſtmahl im ländlichen Stil auf Schloß Bärenberg haben werden, wobei ich Euch der Nachbar⸗ ſchaft ſowohl wie meinen Beamten als meine Pflege⸗ ſöhne präſentiren will.“ „Das iſt mir angenehm“, ſagte Askan etwas belebt. „Sind Veränderungen eingetreten oder finde ich die alten bekannten Geſichter noch?“ „Nur mein guter Förſter iſt unterdeß geſtorben, aber ſein Bruder, der Dir auch bekannt iſt, hat ſeine Stelle eingenommen. In den benachbarten Familien iſt manches Pflänzchen zum Baume geworden ſeitdem und mancher Baum iſt dem Ausſterben und Verdorren nahe, ganz dem Zeitverlaufe gemäß. Meine Haus⸗ beamten habe ich zu meinen Hausfreunden erhoben; wir ſind überhaupt etwas aus der conventionellen Form getreten und naturgemäßer geworden; Alter, Bequemlichkeit und Langeweile haben dies allmälig vermittelt. Der Jugend ſteht es frei, ceremoniellere Begrenzungen wieder einzuführen, wenn es ihr be⸗ liebt.“— 186 „Das halte ich für gewagt bei dem jetzigen Gleich⸗ heits⸗ und Freiheitsſchwindel“, fiel Reinhold heiter ein. „Was einmal gewährt wurde, muß gehalten werden, ſonſt iſt der Sturm der Empörung zu fürchten. Haben Sie noch nichts von den Greueln im Sachſenlande ge⸗ hört? Es iſt ein Skandal! Preußen hat zu Hülfe eilen müſſen, in Dresden ging es toll her!“ „Iſt's wahr, Askan?“ fragte der alte Graf er⸗ ſchrocken. „Leider!“ antwortete Askan, der ſichtlich zerſtreut war und in Gedanken ganz andere drohende Gefahren erwog wie Volksaufſtände. „Davon müßt Ihr mir ſpäter noch erzählen“, meinte Graf Harald.„ZJetzt entlaſſe ich Euch feierlichſt. Gehe und ſuche Dora Bella auf, lieber Askan. Und Du, Reinhold, fertige den Boten an das Gericht ab, damit man mir eine Teſtamentsdeputation ſende.“ Er winkte mit der Hand, als beendige er eine Audienz, und die jungen Männer entfernten ſich. Schweigend ſtiegen ſie die breite Treppenflucht hinab, die zu dem Portale führte, und verließen wie auf Verabredung das Schloß, um ſich auf dem breiten Kieswege nach dem Park zu begeben. Hier erſt wagte Reinhold die leiſe Frage, die er mit einem verſtohlenen lauernden Blicke begleitete: 187 „Kannſt Du mir die ſeltſame Scene in der Biblio⸗ thek deuten, Askan?“ „Es war der Ausbruch eines weichen, romantiſchen Sinnes“, ſagte der junge Mann ausweichend, denn ihm waren die Worte und die Andeutungen des Grafen Harald nach den Eröffnungen in Gräfin Eliſabeth's Gemach erklärlich. „Wunderbar, daß ſich phantaſtiſche Ideen bis ins ſpäteſte Mannesalter erhalten können!“ rief Reinhold lebhaft. Sein Ton war nicht ganz frei von Spott und in ſeinen Mienen ſpielte eine kleine Nichtachtung. „Was Excellenz von dem Gaſtmahl in ländlichem Stile ſagte, macht mir wenig Luſt, demſelben beizu⸗ wohnen.“ Askan ſeufzte ganz unwillkürlich. Er erinnerte ſich mit Grauen des Schaukelſtuhls und der Turnapparate, welche ihm als Vor⸗ oder Nachſpiele eines Gaſtmahls im ländlichen Stile erſchienen. „Excellenz hat ſich überlebt“, fuhr Reinhold rück⸗ ſichtsloſer als bisher fort.„Er iſt Romantiker, wie ſie die Mondſcheinzeit erzeugte, und hält noch Worte für Thaten, während man jetzt damit umgeht, Thaten für Worte gelten zu laſſen. Er verpflichtet uns phantaſtiſch durch Eide ohne hinreichende Offenbarungen.“ „Sein edler Sinn und ſeine Herzensgüte verblenden — — 188 ihn gegen die Wirkſamkeit ſolcher Mittel“, fügte Askan ſchnell dazwiſchen.„Er vertraute ſtets blindlings und forderte dagegen blindes Vertrauen. Das entſchuldigt die eben erlebte Scene, Reinhold.“ „Ganz edel gedacht von Excellenz, nur etwas vor⸗ märzlich! Er hat ſich überlebt; ich muß meine Be⸗ hauptung wiederholen: er hat ſich völlig überlebt! Es iſt ein Glück für ihn, daß ſein Beamtenperſonal aus lauter loyalen Leuten beſteht, denen revolutionäre Ge⸗ danken wie Sünden vorkommen und demokratiſche An⸗ ſichten wie Verbrechen.“ „Ein Beweis, daß dieſe Beamten zufrieden ſind.“ „Wie? Du hältſt den Fortſchritt der Zeit, der ſich durch dergleichen Gedanken und Anſichten bemerkbar macht, für eine innere Unzufriedenheit?“ „Ganz unbedingt erkläre ich die Grundlage der Zeitereigniſſe dafür und füge noch hinzu, daß den meiſten Menſchen, die revoltiren, ſehr wenig an dem Vorwärts des Geiſtes gelegen iſt, ſondern vielmehr an dem Aufwärts ihrer Stellung und ihrer pecuniären Verhältniſſe.“ „Du haſt vortreffliche Anſichten von dem politiſchen Aufſchwung der Zeit.“ „Ich kann mir nicht helfen, wenn mein Verſtand für dieſe thörichten Schreiereien, die die Volksſouve⸗ 189 ränetät als die edelſte Grundlage einer Bundesverfaſſung betrachten, nicht ausreicht. Wem die Augen bei den Greuelſcenen in Frankfurt während des vorigen Herbſtes nicht aufgegangen ſind, der wird ewig blind bleiben, oder man muß annehmen, daß er Vortheile aus ſolchem politiſchen Treiben ziehen will.“ „Eine harte Verurtheilung der Männer, die als Schwärmer für eine demokratiſche Freiheit bekannt ſind.“ „Ich verurtheile Niemand, ſondern überlaſſe dies der Weltgeſchichte, mein lieber Reinhold. Indeß erlaube ich mir nur noch, Dich darauf aufmerkſam zu machen, was die Agitation durch klingende Schlagwörter und durch aufregende Redensarten bewirken kann. Die Vor⸗ gänge in Dresden haben uns ein Beiſpiel davon ge⸗ geben. Wofür kämpfte das Volk in Sachſen und wofür baute es Barrikaden? Für ein Phantom, das die er⸗ hitzte Phantaſie redſeliger Schwärmer als die einzige Verwirklichung aller irdiſchen Freiheitsſeligkeit aufgeſtellt hatte. Wenn der Mann, der es durch ſeine Beredt⸗ ſamkeit dahin gebracht, ſich an die Spitze dieſer Unter⸗ nehmung zu ſchwingen, ein Gewiſſen hat, ſo bemitleide ich ihn, denn ſeine nächtliche Ruhe muß durch die Tauſende von blutigen Leichen, die ſein Bett umſtehen, auf ewig geſtört ſein.“ 190 Reinhold lachte.„Du wirſt ſentimental wie Excellenz! Wenn mir im Leben einmal etwas Großes gelingen ſollte, ſo würde es mir ziemlich gleich ſein, was darüber zu Grunde gegangen iſt. Große Pläne erfordern große Opfer. Iſt es dem Menſchen Ernſt damit, ſo muß er ſich kein Gewiſſen daraus machen, die Mittel anzuwenden, die dazu nöthig ſind.“ „Mich wundert, daß Du am politiſchen Himmel noch kein Stern geworden biſt“, meinte Graf Askan ironiſch. „Das Firmament hat meinen Beifall nicht. Es muß erſt noch manche Wolke vom Himmelsgewölbe der Politik ziehen, ehe ich mit meinem praktiſchen Sinn als Stern dort glänzen kann. Ich ſtudire jetzt meine Rolle— weiter nichts!“ Er lachte abermals hell und freudig, als amüſire ihn ſein eigener Scherz. Graf Askan fühlte ſich aber nicht geneigt, in ſein Gelächter mit einzuſtimmen. Er mißtraute eher die⸗ ſem Ausbruche einer ſonderbaren Fröhlichkeit als den eben geäußerten Anſichten und Meinungen. „Was hältſt Du denn von der Conſtitution, Askan?“ fragte Reinhold wie in plötzlicher Eingebung.„Du biſt ſtreng monarchiſch geſinnt und ziehſt den Abſolutismus jeder andern Regierungsform vor, nicht wahr?“ A 191 Graf Askan warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Conſtitutionen, unter dem Druck von Revolutionen entſtanden, bieten keine ausreichenden Garantien“, ant⸗ wortete er, die letztere Frage umgehend.„Die Ver⸗ faſſung iſt dann keine freie Vereinbarung des Herr⸗ ſchers mit ſeinem Volke und wird ſicherlich ſtets vom Herrſcher angegriffen und umgangen werden. Es ent⸗ ſteht ein Kampf zwiſchen dem Willen des Fürſten und dem Willen des Volkes, und in dieſen Schwankungen gedeiht die Entfaltung einer neuen Regierungsform niemals.“ Ein ſeltſames Lächeln glitt über Reinhold's Geſicht. „Ja, ja! Das neue Kleid paßt dem alten Körper nicht, weil es nicht für ihn gemacht iſt.“ „Mag ſein, lieber Reinhold. Zufriedene und ruhige Menſchen, die fern von allen liberalen Be⸗ wegungen und Meinungskämpfen leben, werden die unbeſchränkte Regierung eines verſtändigen Monarchen der conſtitutionellen Staatsregierung weit vorziehen; auch der Adel wird geneigt ſein, monarchiſchen Principien zu huldigen; allein Männer von Einſicht ziehen ganz unbedenklich eine Regierungsform vor, woran ſich die Fortbildung und Veredlung eines Volkes knüpft.“ „An unſerm Hofe iſt man anderer Anſicht. Der —— — — —— — —— 1„ Herzog möchte vielleicht wollen, doch ſeine Rathgeber erbittern das Volk“, unterbrach ihn Reinhold. „Viel anders möchte es an unſerm Hofe auch nicht ſein“, meinte Askan raſch.„Man lebt einestheils der Ueberzeugung, durch religiöſe Elemente den Sinn im Volke ändern zu können, anderntheils denkt man durch Entziehung von Gnade und Huld wirken zu müſſen. Wir gehen aber trotzdem einer böſen Kriſis entgegen.“ „Schön gedacht!“ rief Reinhold.„An unſerm Hofe meint man die richtige Anwendung der Kanonen als ein probates Mittel empfehlen zu müſſen.“ „Dahin kommt es nie bei uns!“ „Wir werden uns auch beſinnen, ehe wir laden und ſchießen!“ „Unſer Erbprinz dringt darauf, die Forderungen des Volkes zu bewilligen; der tägliche Kampf mit ſeinem Sohne macht unſern Fürſten hart; das Volk weiß leider von dieſen Conflicten im Schloſſe und baut Pläne darauf.“ „Ich habe ſchon davon gehört!“ ſprach Reinhold. „Die kleinen Fürſten ſind eigentlich bei der Abtretung ihrer Alleinherrſchaft auch übler daran als die Groß⸗ mächte. Solange der Fürſt eines großen, volk⸗ reichen Staates die Macht hat, als Kriegsherr ſeine 2 193 Landeskinder vor die Kanonen feindlich geſinnter Nach⸗ barn zu ſchicken, ſo lange liegt die größte Herrſcher⸗ kraft immer in ſeiner Hand.“ „Dieſe Macht hält das Gleichgewicht!“ warf Askan zerſtreut ein. „Es iſt ein Unrecht, einem Herrſcher dieſe Macht zu laſſen!“ rief Reinhold. Graf Askan blieb ſtehen und ſah ihn verwun⸗ dert an. „Aus Dir ſpricht wohl der Demokrat?“ fragte er ſpöttiſch. „Gott bewahre! Man muß jedoch eine Sache von allen Seiten bedenken. Hat ein Monarch freie Erklä⸗ rung über Krieg und Frieden, ſo bleibt es ihm in ſchwierigen Verwicklungen mit ſeinem Lande ſtets frei, Kriege anzuzetteln, wo und wie es ihm beliebt.“ Jetzt lachte Askan.„Wir ſind ja keine Knaben, die durch ein übereiltes Wort kampfbereit gemacht werden können! Noch iſt über die neue Aera im lieben Deutſchland nicht zu entſcheiden, die veränderte Regie⸗ rungsform muß ſich erſt bewähren, aber ich glaube, daß kein Fürſt dem andern nachſtehen wird, wenn es ſich zeigt, daß die freiere Bewegung des Volkes nicht zum Mißbrauch derſelben führt.“ „Du biſt Idealiſt, Graf Askan. Das Erſte, was Fritze, Schloß Bärenberg. I. 13 194 wir erleben, iſt Reaction, und bei dieſer Gelegenheit könnte man ſein Glück machen!“ „Wie meinſt Du das?“ fragte Askan unwillig. „Ganz leicht zu begreifen!“ ſprach Reinhold leicht⸗ hin.„Ich würde zum Beiſpiel als Miniſter eines Fürſten ſeine Sünden der Intoleranz und Herrſchſucht auf mein Conto nehmen und dabei nicht ein Jota ſeiner Macht und ſeiner Rechte hergeben. Ermüdet das Volk vom Widerſtande, ſo habe ich des Fürſten Macht gerettet; ſiegt das Volk hingegen, ſo trete ich auf ſeine Seite und bedauere nicht anders handeln zu können.“ Er blickte herausfordernd auf Askan, der im eigentlichſten Sinne des Worts nicht wußte, was er zu dieſer Aeußerung ſagen ſollte. „Wofür muß ich Dich halten, Reinhold?“ fragte er endlich, als ſein Freund die eingetretene Pauſe nicht beenden zu wollen ſchien.„Schwanken Deine Meinun⸗ gen wirklich oder treibſt Du Scherz, indem Du bald ſo, bald ſo redeſt? Zu welcher Fahne haſt Du ge⸗ ſchworen? Ich bin tolerant und achte jede Meinung, alſo ſprich!“ „Geſchworen habe ich noch gar nicht! Ein beſitz⸗ loſer Edelmann zählt zu den Proletariern; er muß zugreifen, wo ſich ihm ein Vortheil im Verdienſt bie⸗ tet“, erwiderte Reinhold leichtfertig.„Es wird darauf 195 ankommen, was für Erfahrungen ich mache. Wer mich fängt, hat mich! Wie geſagt, Reaction iſt mein Fach; weißt Du ein Placement der Art für mich, ſo empfiehl mich!“ Er lachte keck und zuverſichtlich. „Ich werde Dir jedenfalls Ehre machen!“ „Du gehörteſt alſo wirklich zu den ſubjectiven Na⸗ turen, die in den Weltereigniſſen nur ihr eigenes Ich bedenken und befördert zu ſehen wünſchen?“ fragte Askan, noch immer zweifelhaft, ob dieſe Frivolität nicht eine Maske ſei, ihn mit ſeinen Meinungen her⸗ ausfordernd zu necken. „Bah, lieber Graf“, erwiderte Reinhold,„wer zur Jetztzeit kaltblütig bleibt, wird egoiſtiſch genannt. Ver⸗ laß Dich darauf, daß mit ſolchen ſubjectiven Naturen mehr anzufangen iſt als mit jenen Enthuſiaſten, die opferwillig erſcheinen.“ Die beiden jungen Männer waren während ihres lebhaften Geſprächs im Park dahingeſchritten und hatten unbeachtet gelaſſen, daß ſich der ſchöne Parkweg all⸗ mälig in die ungeordneten Pfade der Waldung ver⸗ lor. Bei einer Wendung ihres Wegs ſtanden ſie plötz⸗ lich auf einem freien kleinen Platze, der mit Raſen⸗ bänken verſehen war und eine entzückende Ausſicht auf das Dorf mit ſeinen gegenüberliegenden Bergwaldungen bot. Hier ſenkte ſich der Weg ſchroffer und endete 13* ——— 4 196 endlich, von rieſelnden Quellen eingeengt, in einem ſchmalen Thale, von wo ſich dann nach einigen Win⸗ dungen, die ſich terraſſenförmig hoben, der Weg nach der Ruine anſchloß. Reinhold blieb ſtehen und blickte in die Ferne. Askan aber ließ ſeinen Blick auf die unter ihm ruhende Landſchaft ſinken. „Sieh dieſes friedliche Dorf, Reinhold, liegt es nicht unberührt vom Geiſte der Zeit vor uns? Hat hier wohl ein Funke der heilloſen Verwirrung gezün⸗ det? Sind nicht dieſe Leute glücklich in ihrer Zu⸗ friedenheit?“ „Bah, Graf Askan, es hat vielleicht nur einer gefehlt, der ihre Unzufriedenheit gut geheißen!“ rief Reinhold.„Excellenz ſelber ſprach neulich dieſe Ver⸗ muthung aus.“ „Graf Harald hat, ſoviel ich weiß, ſtets danach getrachtet, fröhliche Geſichter um ſich zu ſchaffen. Denke an den Tag, wo er uns beide beauftragte, dem Förſter zu ſagen, daß er das Holzleſen im Walde ganz frei⸗ geben ſolle, damit die armen Menſchen nicht an dem beſtimmten Tage unter Regen und Sturm hinaus müßten.“ „Wohl denke ich an ſolche kleine Züge von Mild⸗ herzigkeit, Graf Askan; allein die Güte iſt nie im 197 Stande, Gemüther zu befriedigen, welche Luſt und Recht zu fordern haben.“ „Wohl wahr!“ ſeufzte Askan.„Eben deshalb iſt die eingetretene Gährung auch ſo ſchwer zu bewältigen. Güte hilft nichts dagegen und Gewalt erbittert ſtärker.“ Ein helles, heiteres Gelächter, das von oben herab drang, folgte dieſen Worten ſo prompt, als ſolle es eine Antwort darauf ſein. Etwas unwillig hob Graf Askan ſeinen Blick und muſterte die Wieſenfläche, die neben dem Fußſteige bergan ſtieg und vom Unterholz begrenzt wurde. Er ſah Niemand. Reinhold, der das Terrain beſſer kannte, lächelte. „Des Förſters Garten liegt hinter dieſen Haſel⸗ ſtauden“, flüſterte er. Askan runzelte die Stirn.„Es war die Stimme eines jungen Mädchens“ ſetzte Reinhold hinzu. „Sollte Dora Bella?“ warf Askan hin.„Kann ſie uns behorcht haben?“ „Bewahre! Uns galt dies Gelächter nicht! Es wird Toni, des Förſters, Couſine, ſein; ſie treibt Scherz mit Jemand— hörſt Du?“ Jetzt drangen deutlich die Worte durchs Geſträuch: „Laſſen Sie mich zufrieden, ich will Ihre Hülfe nicht, Dietrich!“ Askan athmete tief auf. Der Gedanke, Dora Bella 198 ſo ausgelaſſen lachen hören zu müſſen, hatte bleiſchwer ſeine Bruſt belaſtet. Die jungen Herren kehrten um und beſchleunigten ihren Rückweg, ohne wieder in politiſche Meinungs⸗ kämpfe zu gerathen. Reinhold dachte mit Schrecken daran, daß ihm oblag, noch vor Mittag einen Boten nach der nächſten Kreisſtadt abzufertigen, der nach Graf Harald's Willen eine Gerichtsdeputation herbeirufen ſollte. Die Zeit drängte, deshalb verließ er Askan, dem es in dem Schatten der alten Ulmen ſo wohl gefiel, daß er ſichtlich widerſtrebend den beeilten Schrit⸗ ten ſeines Freundes nachgab. „Wir treffen uns nachher“, ſagte Reinhold im Fort⸗ eilen.„Thu' mir den Gefallen und ſuche in Deiner Einſamkeit herauszuklügeln, was Excellenz mit den ſentimentalen Tiraden hat ſagen wollen, als er Dich ſchwören ließ, Donna Bella's Schutz zu bleiben, bis ſie Dich nicht mehr braucht. Eine merkwürdigere Be⸗ ſchwörung habe ich in meinem Leben noch nicht gehört und verſtanden oder vielmehr begriffen habe ich ſie gar nicht!“ 3 Er verſchwand, ohne die Antwort Askan's abzu⸗ warten. Mit einem bittern Lächeln ſchaute Askan ihm nach. Er verſtand den Sinn dieſer ſeltſamen Beſchwö⸗ rung ſehr gut und es gereichte ihm keineswegs zur 199 Freude, daraus die Abſicht ſeines alten Verwandten zu er⸗ kennen, ihn durch eine Verheirathung mit Dora Bella zum Erben und Gründer eines neuen Stammes zu machen. Der Gedanke lag eigentlich nahe, aber Askan hatte noch niemals an die Möglichkeit gedacht, ſich durch eine Heirath ein Glück zu gründen. Nach ſeinen Be⸗ griffen war die Ehe eine Uebereinkunft der Liebe und nicht vereinbar mit den Berechnungen des Eigennutzes, wobei der Verſtand und die Vernunft obſiegten. Sein erſtes Gefühl bei der Erklärung des Grafen Harald, die ihm in Verbindung mit den Offenbarungen in Gräfin Eliſabeth's Zimmer augenblicklich verſtändlich war, trieb ihn an, mit einem einzigen Worte die Hoff⸗ nungen und Wünſche zu vernichten, welche der alte Graf in ſich nährte. Er bezwang ſeine Wallung aus Liebe für dieſen Mann, der ihn zu beglücken wünſchte und ſich in den Mitteln dazu vergriff. Nach und nach war dann der Widerwille gegen ein Project geſchwunden, welches ihm und auch Dora Bella freie Hand ließ. Er wußte, daß es dem Grafen Harald freiſtand, über ſeine Beſitzungen zu verfügen, er wußte jedoch nicht, daß es den Töchtern des Stammes Bärenberg ebenfalls freiſtand zu remonſtriren, wenn ihre Erbrechte beengt waren, und er glaubte den Maß⸗ regeln der Liebe und Güte in der warmen Beſchwörung 200 des Grafen zu begegnen, während ſie eine Hinweiſung auf die Rechte der Tochter enthalten ſollten. Askan fühlte nach der vollſtändigen Beruhigung ſeines Innern nur das Eine mit erdrückender Schwere, daß eine Verheirathung mit Dora Bella unerlaßlich ſein würde, um die Wünſche des Grafen Harald mit ſeiner Güte gegen ihn in Einklang zu bringen. Lang⸗ ſam wandelte er unter dem Einfluſſe dieſer Gedanken im Schatten der Bäume dahin und das Herz wollte ihm nicht leichter werden, trotzdem er ſich das Bild Dora Bella's in glücklichere Situationen hineinmalte als die, worin er ſie hatte kennen lernen. Sie war jung, wahrſcheinlich bildſam, natürlich und jeder Veredlung gewiß fähig! Einige Jahre in veränderten Umgebungen glichen die jetzigen Uebelſtände ſicherlich aus. Aber würde er ſie dann lieben? Würde ſie ihn lieben? Und eine Ehe ohne Liebe geſchloſſen— ihm lief ein Schauder übers Herz! Boten ihm aber die Genüſſe eines reichen, bequemen und ſorgenloſen Lebens nicht Entſchädigung für die geopferte Glückſeligkeit des Herzens? Graf Askan richtete ſtolz die Stirn auf. Er vergegenwärtigte ſich das eben beendete Geſpräch mit Reinhold von Leſſel und rief ſich die trivialen Lebensanſichten deſſelben ins Gedächtniß zurück. Da⸗ hin ſollte es mit ihm nicht kommen! Er hatte gelernt 201 ſich zu beherrſchen. Er hatte den Idealismus der Jugend ſorgſam in ſich verſteckt und trug ihn als ein Amulet gegen alle Verſuchungen der Welt tief im Heiligſten ſeines Innern. So weltgeübt, ſo glatt und kalt, ſo gleichgültig und anmaßend er Vielen erſchien, wer den Ton ſeiner Stimme in unbewachten Momen⸗ ten gehört hatte, der wußte, daß etwas in ihm lag, was ihn über die gemeine Alltäglichkeit erhob. Langſam war er dem Schloſſe wieder nahe gekom⸗ men. Die Allee lief gerade auf das Portal zu. Er bemerkte eine weibliche Geſtalt im Veſtibül, die auf⸗ merkſam nach innen blickte. Sie wendete ſich dann raſch, bemerkte ihn und lenkte ihre Schritte ſogleich wieder in den Corridor zurück. Askan hatte Dora Bella erkannt. Es war offenbar, daß ſein Anblick ſie verſcheucht hatte, und ſo gern er die Gelegenheit benutzt hätte, ſich ihr den verwandtſchaftlichen Verhältniſſen gemäß mit einiger Freundlichkeit zu nähern, ſo fand er doch keine Veranlaſſung, ihre Geſellſchaft ſpeciell aufzuſuchen. Ihr Zuſammentreffen ſpäterhin war lei⸗ der unvermeidlich. Er hatte nicht nöthig, es gefliſſent⸗ lich zu ſuchen, da es ſich von ſelbſt machen würde. Um nicht der jungen Dame, die ihn ebenfalls ab⸗ ſichtlich vermied, beſchwerlich zu werden, kehrte er noch⸗ mals um und ſchlenderte ſeitwärts in den erſten Wald⸗ 202 gang, der rechts abwich. Der Weg führte ihn raſch in eine Tiefe, wo ſich durch die reichen Quellen der Berge ein Becken gebildet hatte, das, durch Kunſt in einen Teich verwandelt, der Aufenthalt einiger Schwäne geworden war. Das war für Askan etwas Neues. Neugierig ſchritt er näher an den Rand des Teichs, deſſen Wellen im Sonnenſchein glitzerten, und blickte mit dem Gefühle einer angenehmen Ueberraſchung auf dieſe Schöpfung, welche ihren Urſprung jedenfalls dem weiblichen Theile der Schloßbewohner verdankte. Es war ein prachtvoller Platz. Ringsumher der Schatten der hohen Buchen, in deren Wipfeln Tauſende von Vögeln ſchwirrten und ſangen; grüne Raſenflecken mit eingeſtreuten Blumenrabatten, von denen ein würziger Duft emporſtieg; majeſtätiſch ruderten die Schwäne auf dem kryſtallhellen Waſſer umher, ſcheu den Fremdling von fern muſternd, den ſie hier noch nicht geſehen. Ein unausſprechlicher Friede ruhte auf dem Ganzen, ein Friede, der dem Weltmenſchen fremd bleibt, aber dem poetiſchen Gemüthe eine entzückende Ruhe gewährt. Askan warf ſich tief athmend auf eine Ruhebank und überließ ſich ſeinen Träumereien, die ihn zu der Hoffnung zurückführten, hier leben, hier walten, hier herrſchen zu können. Weiche Empfindungen erwachten in ſeiner Bruſt und drängten ihn gewaltſam zu der 203 Erkenntniß, daß ein weibliches Weſen, welches noch niemals von den Gefühlen des Herzens beſtürmt ge⸗ weſen, in ſeiner allmäligen Entfaltung— zuerſt nur durch Sympathie gefeſſelt und dann durch eine fort⸗ ſchreitende Veredlung gehoben— eine würdige und geliebte Lebensgefährtin werden könne. Das einmal geöffnete Herz ſei ja ſo leicht zur zärtlichen Ergebung zu bringen und eine zartſinnige edle Hingebung müſſe ja die Ehe zu einem glücklichen Bunde machen. Unter ſeinen Betrachtungen hatte er aufmerkſam die Schwäne des Teichs beobachtet und war inne ge⸗ worden, daß die ſchönen Thiere von Minute zu Minute unruhiger bewegt das Waſſer durchſtrichen, daß ſie ſich an der Stelle, wo der Weg ausmündete, ſammelten, gleichſam harrend und irgend etwas gewärtig, was ſie gewohnt waren. Askan fühlte ſich angezogen von dem Spiel, das die Schwäne trieben, er hätte ergrün⸗ den mögen, was dahinter ſtecke. Plötzlich ſchoſſen die vier Thiere von ihrem Häuschen, wohin ſie trauernd zurückgewichen waren, vorwärts und drängten ſich eng in der kleinen Bucht zuſammen, die hier durch Kunſt geſchaffen worden war. Askan ſchaute verwundert zu, wie ſich eins dem andern zuvordrängen wollte. Was hatten die Thiere vor? Eine alte Frau mit einem Körbchen erſchien. 204 „Ah ſo, ſie ſind hungrig und warten auf Futter“, dachte Askan, als die Frau das Körbchen öffnete. Jetzt erſt bemerkte die Frau ihn. Sie grüßte ſehr devot und ſchritt dem Waſſer näher. „Die Schwäne ſind hungrig“, ſagte Askan leutſelig „Sie werden wohl ſtets um dieſe Zeit gefüttert?“ „Ja, gnädiger Herr“, antwortete die Frau und nahm etwas Weißbrod aus dem Körbchen. Sowie ſie ſich damit den Schwänen näherte, wendeten dieſer die ſchlanken Hälſe hin und her, entfernten ſich vom Nande des Waſſerbeckens und waren weder durch das Futter noch durch Locken und Rufen wieder heranzu⸗ bringen. Erſtaunt beobachtete Askan ihre Manöver. „Ich hab's gedacht“, ſagte die Frau.„Unſere Comteſſe wird von den Thieren zu ſehr geliebt; ſie nehmen das Futter aus keiner andern Hand.“ Askan erhob ſich und betheiligte ſich an den Be⸗ mühungen der alten Frau. Vergebens! Die Schwäne hatten ſich zurückgezogen und ruhten ſtolz und regungs⸗ los auf der ſilbernen Flut. Sie machten in ihrer ganzen Stellung den Eindruck einer ſtillen Trauer, die ſeltſam gegen das belebte und erwartungsvolle Weſen abſtach, womit ſie noch eben ihrer jungen Herrin ent⸗ gegengeſehen hatten. Trauerten die Schwäne wirklich um Dora Bella? 205 Verſchmähten ſie die Nahrung aus der Hand eines andern menſchlichen Weſens, blos weil es ihrer Ge⸗ wohnheit zuwider lief? Liebte ſie dieſe Thiere? Lieb⸗ ten die Thiere das junge Mädchen ſo ausſchließlich? In dieſen Fragen lag ein Räthſel verborgen, das Graf Askan angenehm beſchäftigte und ihn anſpornte, die Löſung deſſelben zu ſuchen. Er geſtand es ſich zu, daß in der Liebe zu dieſen vernunftloſen Geſchöpfen eine große Naturwüchſigkeit vorherrſchte, aber ſo gleichgültig ihm einen Tag früher eine derartige Kundgebung von Gefühl geweſen wäre, ebenſo wohlthuend berührte ihn die Hoffnung, hiernach einem weichen, warmen, kindlichreinen Weſen zu be⸗ gegnen, das in Geſtalt und Form ſich edel entfalten würde, wenn eine liebende Hand den Zügel zu ſeiner Bildung ergriffe. Elftes Kapitel. Der Förſter Horink konnte die Aeußerung des In⸗ ſpectors Prutz, durch welche ſeine Nichte Klara mit Dietrich Haberhorſt in Verbindung gebracht wurde, nicht vergeſſen. Je länger er ſich mit dieſer Idee be⸗ ſchäftigte, deſto verdrießlicher wurde er darüber, obwohl er ſich eingeſtehen mußte, daß man, im Allgemeinen 4 genommen, Herrn Dietrich für eine gute Partie an⸗ ſehen konnte. Alles, was ſich Günſtiges bei dieſer möglichen Liebes⸗ geſchichte herausſtellte, beſchränkte ſich auf die guten Vermögensverhältniſſe des Gaſtwirths Evers, der ſeinen Neffen allerdings zum Erben ſeines Hab und Guts ein⸗ geſetzt und ihn ſeit Jahr und Tag hierher beordert hatte, um ſeine ausgedehnte Wirthſchaft zu führen. Es fiel freilich ins Gewicht, denn Klara gehörte nicht —— 207 zu den Mädchen, welche ſich nach dem Tode des Vaters als bedeutende Kapitaliſtinnen ausweiſen und nach den Vormundſchaftsacten als begehrungswürdige Heiraths⸗ candidatinnen betrachtet werden können. Die Ein⸗ nahmen ihrer Mutter als Wittwe überſtiegen die noth⸗ dürftigen Ausgaben fürs Leben nicht gerade bedeutend, und wenn Frau Horink auch Beſitzerin eines Hauſes nebſt entſprechendem Ackerland durch den Tod ihres Vaters, des Veteranen Petter, geworden war, ſo er⸗ höhte dies zwar die Annehmlichkeit ihrer Lage, machte ſie indeß noch immer nicht zu einer wohlhabenden Frau. Das Häuschen, worin die Wittwe des frühern Förſters wohnte, lag der Bergſchenke ſchräg gegenüber und bildete das erſte Haus der Dorfſtraße. Es war ein hübſches Haus, das, mit dem breiten Giebel nach der Straße gerichtet, zweiſtöckig erſchien, während die andere Giebelſeite, auf der Berglehne ruhend, nur ein⸗ ſtöckig war. Ein hübſcher Garten umgab dies ſonder⸗ bar gebaute Haus von allen Seiten. Es wurde, ein⸗ gehegt von einem dichten grünen Zaun, dadurch gänz⸗ lich von der Straße abgetrennt und ſah einer länd⸗ lichen Villa gar nicht unähnlich. Von den Dorfbewoh⸗ nern wurde dies Haus mit ſeinen Bewohnern zum Schloſſe gerechnet, und man hatte es ganz in der 208 Ordnung gefunden, als die ſanfte, hübſche Tochter des alten Wachtmeiſters Petter vom Förſter Horink zur Gattin gewählt worden war. Jetzt als Wittwe hielt ſich Frau Horink ebenſo fern vom Schloſſe wie von den Dorfbewohnern. Sie lebte ſehr ſtill und ein⸗ gezogen, wehrte indeß ihrer Tochter Klara nicht, ſich der kleinen luſtigen Geſellſchaft anzuſchließen, die ſich oben auf dem Plateau unter Dora Bella's Leitung in Turnübungen wohlgefiel und allerlei andere Kurz⸗ weil trieb. Seit einigen Monaten hielt ſich Klara aber fern von den gewöhnlichen Verſammlungen der Schloßkinder. Sie hatte in ihrer Couſine Antonie van der Bruik, die plötzlich Vater und Mutter verloren und im Hauſe des Förſters Aufnahme gefunden hatte, eine Gefährtin gewonnen, welche ihren Jahren beſſer paßte, und war in kurzer Friſt durch die Bande der trau⸗ lichſten Liebe mit dieſem lebhaftern und lebensfriſchern Mädchen ſo vollkommen befriedigt, daß ſie nichts weiter wünſchte, als mit Toni vereint zu leben. Mit der gewöhnlichen Schwärmerei jugendlicher Mädchenherzen hingen die beiden hübſchen Couſinen dem Gedanken nach, ſich nie zu verheirathen, ſondern zuſammen in dem Hauſe Klara's ein Kloſterleben zu begründen, das alle irdiſchen Wünſche zu befriedigen vermochte. Ob dieſe Träume von der Glückſeligkeit 209 eines Erdenlebens nicht eine bedeutſame Ergänzung durch die Nähe der Bergſchenke erhielten, welche einem der hübſcheſten Männer ſeiner Zeit als Wohnung diente, muß dahingeſtellt bleiben. Frau Horink hielt mit Herrn Evers im Allgemeinen genommen gute Nachbarſchaft, das heißt, ſie grüßten einander und plauderten im Vorbeigehen mit einander, ohne ſich durch ceremonielle Beſuche zu beläſtigen. Seit des Wachtmeiſters Tode hatte ſich freilich eine kühlere Stimmung in Herrn Evers' Begegnung eingeſchlichen. Frau Horink hatte mit der Erbſchaft ihres Vaters zu⸗ gleich die Verbindlichkeit übernommen, einen leidigen Proceß, den er mit Herrn Evers führte, gerichtlich ent⸗ ſcheiden und ſich nicht zur Zurücknahme deſſelben be⸗ wegen zu laſſen. Einige Verſuche dieſer Art wurden von Frau Horink tapfer zurückgeſchlagen, und ſeit dieſer Zeit plauderte Herr Evers nicht mehr am Gartenzaun mit der Mutter und Tochter, wenn er vorüberging. Jedoch ließ er es ſonſt nicht an den gewöhnlichen Höf⸗ lichkeitsbezeigungen fehlen. Im Grunde that es Frau Horink leid, mit Herrn Evers proceſſiren zu müſſen. Da ihr alter Vater aber eine ausdrückliche Beſtimmung darüber nachgelaſſen und ihr ein Verſprechen abgenommen hatte, ſo betrachtete ſie ſich für gebunden. Fritze, Schloß Bärenberg. I. 14 210 Es war dies einer jener Proceſſe, die in der Ueber⸗ eilung angezettelt und mit Hartnäckigkeit fortgeführt werden, ohne größere Vortheile abzuwerfen, als ſchließ⸗ lich Recht zu behalten. Man hatte ſich von allen Seiten ſchon alle erſinn⸗ liche Mühe gegeben, den Herrn Evers zur Rücknahme der Klage zu bewegen; ſelbſt Graf Harald hatte darauf hinzuwirken verſucht, ihn zur Vernunft zu bringen, in⸗ dem er ihn aufmerkſam machte, daß nach des alten Wachtmeiſters Tode jede Veranlaſſung aufhöre, weiter zu proceſſiren, da er gegen einen Todten kämpfe. Herr Evers blieb dabei, ſeine Ehre erfordere einen richter⸗ lichen Spruch. Wenn nicht von ſeiten der Petter'ſchen Tochter ein Ausweg gefunden würde, ſo wollte er bis ans Ende ſeiner Tage den verwünſchten Proceß auf⸗ recht halten, koſte es auch hundertmal mehr, als das Stückchen Erde, worum es ſich handelte, werth ſei. Frau Horink ſeufzte bei ſolchen Kundgebungen von Starrſinn und ergab ſich ins Unvermeidliche. An dem Morgen dieſes Tages ſaß die gute Frau heiter und wohlgemuth in dem großen Lehnſtuhl, den ſie für gewöhnlich bei ihren weiblichen Handarbeiten einnahm, und ſtrickte. Sie war eine ſanfte, hübſche Frau noch jetzt, obwohl ſie ihr vierzigſtes Jahr erreicht hatte. Sie trug eine einfache, kleidbare Haustracht und 211 das blonde Haupthaar umgab in vollem Scheitel ihre weiße Stirn. Ihr zur Seite auf dem Fenſterbrete lag ein aufgeſchlagenes Buch, worin ſie minutenweiſe las, wenn ihre Strickerei glatt und ungehindert fortlief. Ihr gegenüber ſaß Klara und nähte. Dieſe gab ein Abbild ihrer Mutter, nur zeigte ſich eine entſchie⸗ denere Intelligenz im Geſichtsausdruck und eine weit edlere Haltung bei ihr vorherrſchend. Klara nähte, aber ihre Augen ſchweiften von der Arbeit die Höhen hinauf, die vor ihr lagen, und eine fromme Freude ſpiegelte ſich in ihren ſtrahlenden, fröh⸗ lichen Blicken, wenn ſie eine Weile andächtig dem wallenden Spiele der leicht bewegten Baumkronen ge⸗ lauſcht hatte. Klara hatte ein poetiſches Gemüth. Sie ſah das Leuchten des Mondes, das Flimmern der Sterne und den Auf⸗ und Untergang der Sonne nicht mit der Gleichgültigkeit, womit gewöhnlich der Land⸗ bewohner ſolche Wiederholungen in der Natur zu be⸗ trachten pflegt. Klara gehörte jedoch deswegen nicht zu den ſentimentalen Mondſcheinsheldinnen, die nervös zittern, wenn es blitzt, und thränenreich ſeufzen, wenn der Mond im vollen Glanz ſeine Bahnen durchzieht. Ihr Sinn war friſch und fröhlich, ihre Laune immer unbewölkt, aber trotz ihrer ſanften Außenſeite war ihr Gemüth kräftig und ihr Charakter entſchloſſen und 14* 212 etwas unbeugſam. Was ſie als gut und recht erkannt, dafür opferte ſie ſich. Nachgiebigkeit aus Rückſicht oder Schwäche verachtete ſie. Durch dieſe Eigenſchaften hatte ſie ſich zum Liebling ihres Onkels, des Förſters, empor⸗ geſchwungen, und er pflegte zu ſagen:„Klara iſt von Geſicht und Figur eine geborene Petter, gleich ihrer Mutter, aber von Geiſt und Herz eine echte Horink!“ Klara war ſtolz auf dies Urtheil, denn ſie fand Befriedigung in beiden Vergleichungen. Frau Horink hatte wenig Acht auf das, was auf der Straße vorging. Sie vertiefte ſich mehr und mehr in den Inhalt des Buchs, welches ſie durch Cooper's Phantaſie weit hinweg auf die Wellen des Oceans verſetzte. Klara mochte mit ihrer Phantaſie mehr auf dem Straßendamm zu thun finden, denn ſie ließ ihre Blicke ſtets, ehe ſie dieſelben wieder auf die Näherei ſenkte, über den Fahrdamm gleiten und muſterte dann gleichgültig die Seitengebäude des Wirthshauſes, das wohl hundert Schritt höher gelegen war als ihr Häuschen. Plötzlich ſah ſie eine Männergeſtalt oben in die Thorwegspforte treten und ſich bis zum Bergrande vorbewegen, von wo man in die Fenſter ihres Hauſes ſehen konnte. Erſt überfuhr ein ſüßer Schreck ihr 213 Herz und machte, daß ſie die Augen blitzſchnell ſenkte. Dann lachte ſie leiſe und erhob raſch die Blicke wieder, denn ſie begriff, daß der, welchen ſie zu ſehen meinte, nicht in Hemdsärmeln vor ihr erſcheinen werde. Nein, der Augenſchein belehrte ſie augenblicklich, daß es Herr Evers war, der ſich weit über das Holzgeländer bog, ſcharf nach den Fenſtern ihrer Wohnſtube blickte und, als er ſie und ihre Mutter am gewöhnlichen Platze ſitzen ſah, ſein Hausmützchen vom Kopfe riß und es grüßend gegen ſie ſchwenkte. Klara nickte und er ver⸗ ſchwand wieder. Gleich darauf ſah ihn das junge Mädchen über die Brücke des Waſſerfalls ſchreiten, mit dem ganzen ſtattlichen Weſen eines wohlhabenden Mannes quer über den Fahrdamm gehen und dann den ſchmalen Pfad im Graſe wählen, der direct auf das Garten⸗ pförtchen der Wittwe Horink führte. „Was mag Herr Evers wollen, Mama?“ ſagte Klara verwundert.„Er ſteuert auf unſer Haus los.“ Frau Horink fuhr von ihrem Buche, wo ſie mit Eochen Effingham um die Wette ſich auf den Oceans⸗ wellen geſchaukelt hatte, empor und ſchaute etwas ver⸗ wirrt auf ihre hübſche, lachende Tochter. „Evers kommt, ſagſt Du, Klärchen? Ach du mein Gott, ſicherlich iſt wieder ein Termin angeſetzt, ich 214 habe vorhin den Gerichtsboten die Fahrſtraße herauf⸗ kommen ſehen. Dieſer leidige Proceß— mein Vater hätte lieber ſtillſchweigen ſollen!“ Eben knarrte die Gartenpforte. Herrn Evers' wohl⸗ genährtes Geſicht erſchien vor dem Fenſter der Frau Horink und fragte mit einem ſeltſamen Leuchten in den ſchlaublinzelnden Augen:„Darf ich näher treten, Verehrteſte? Gehorſamer Diener! Darf ich mir denn erlauben—“ Raſch öffnete Frau Horink das Fenſter und rief einfallend:„Bitte näher zu treten, Herr Nachbar!“ Klara ſprang auf und öffnete die Stubenthür, mit Artigkeit und Förmlichkeit ſich verneigend. Es war, wie geſagt, ein ſeltener Gaſt und dazu ein Mann, den ſie ehren mußte. Zuvorkommend trat ihm auch ihre Mutter entgegen. „Sehr angenehm, Herr Nachbar“ ſagte ſie und lud ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. Herr Evers lachte und entgegnete jovial:— „Oder auch nicht ſehr angenehm, Frau Nachbarin! Doch wer kann's ändern! Haben Sie die Vorladung zum ſechzehnten Auguſt ſchon erhalten?“ Frau Horink machte eine abwehrende und zugleich verneinende Geberde.. „Wird ſchon noch kommen, Gnädige“, tröſtete Herr 215 Evers ſarkaſtiſch.„Was man nicht wünſcht, bleibt nie⸗ mals aus. Hören Sie, Frau Nachbarin, dieſer ver⸗ wünſchte Proceß bringt mich um alle gute Laune!“ „Weshalb haben Sie ihn angefangen, Herr Nach⸗ bar?“ meinte Frau Horink etwas ſpöttiſch. „Hätte ich das gedacht, wahrhaftig, ich hätte nie geklagt!“ „Vorgethan und nachbedacht—“ „Ja, ja, behalten Sie nur Ihre Weisheit für ſich, Gnädige! Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen ſchon in Leid gebracht! So heißt's und's iſt richtig! Aber, Frau Nachbarin, nachgeben kann ich nicht!“ „Ich auch nicht!“ antwortete die Förſterin lakoniſch und griff nach ihrem Strickſtrumpf. „Die Leute würden ja denken, ich hätte ungerechte Anſprüche erhoben.“ „Ja wohl, die Leute würden glauben, mein ſeliger Vater hätte darum gewußt, daß Ihnen das Stück Wald gehöre. Ich habe meinem Vater auf ſeinem letzten Krankenlager die Hand darauf geben müſſen, ſeine Ehre zu wahren, deshalb kann ich den Proceß nicht fallen laſſen.“ Herr Evers ſeufzte hörbar und drehte wie in ſtiller Verzweiflung die Daumen windſchnell um einander. Sein Blick fuhr nach Klara hinüber, die ſtill daſaß und nähte. 216 „Wenn ich aber einen Ausweg wüßte, den Proceß mit einem Schlage todt zu machen, Frau Nachbarin“— begann er ein klein wenig beklommen. „Laſſen Sie hören, Herr Nachbar“, entgegnete Frau Horink kaltblütig. „Der kluge Inſpector vom Schloſſe hat mich auf einen prächtigen Einfall gebracht“ fügte der Mann noch beklommener hinzu. Sein Auge ſuchte wiederum die junge Klara, und als dieſe eben den Blick auf ihn richtete, nickte er ihr unmerklich zu, als wolle er fragen, ob ſie nicht rathen könne, was nun folgen werde. Klara fühlte ſich beängſtigt von dieſer Traulichkeit, die gar nicht mit ihrem ſonſtigen Vernehmen im Ein⸗ klang ſtand. Sie wurde aufmerkſam. „So klug der Inſpector auch iſt, zu meinem Rath⸗ geber würde ich ihn nicht unbedingt machen“, ſprach Frau Horink währenddeſſen. 3 „O, der Rath geht auch nicht von ihm aus, nur 5 die Offenbarung eines Verhältniſſes, das mir ganz ge⸗ legen wäre für alle Fälle, weil ich nicht auf Geld zu rechnen brauche, das mir aber beſonders für dieſen Fall, wo wir zu proceſſiren aufhören könnten und würden—“ Er ſchwieg, weil er ſich nicht herauszu⸗ wickeln vermochte aus dieſen beſondern Fällen. Frau Horink ſah ihn groß an. — 8 217 „Ich verſtehe Sie gar nicht, Herr Nachbar; ſprechen Sie doch deutlicher! Wozu zwiſchen uns ſolche Umſchweife!“ ſagte ſie ermunternd.„Was ſagte Herr Prutz?“ „Was der geſagt hat, iſt gleichgültig“, fuhr Herr Evers nun heraus und ſeine Gedanken quollen wie aus einer geöffneten Schleuße, ungeregelt und un⸗ geordnet hervor. „Die Herren ſpielten ein Partiechen bei mir; Excellenz waren„occupirt«, deshalb kamen ſie zu mir. Und da entſchlüpfte dem Inſpector ſo'n Geheimniß, das mich freute! Sehen Sie, Frau Nachbarin, wenn ein Menſch Alles auf Erden beſitzt, womit er eine Frau und ein halb Mandel Kinderchen ernähren kann, ſo thut er wohl zu heirathen, damit ihm die übermüthigen Gedanken vergehen. Sehen Sie, da iſt unſer Proceß und da iſt mein Schweſterſohn, der Dietrich Haberhorſt, mein einziger Erbe, der alſo meinen Proceß auch erben wird. Sehen Sie, Frau Nachbarin, Ihre Toch⸗ ter iſt auch Ihre einzige Erbin— wie wäre es, wenn wir unſere Erben zuſammengäben und unſern Proceß den beiden Leutchen noch bei Lebzeiten vermachten? Dann wären wir beide doch das verwünſchte Ding los und könnten in aller Ruhe ſehen, was daraus würde!“ Frau Horink lachte. „Lachen Sie nicht, Frau Nachbarin“, fuhr Herr 218 Eyvers fort und trocknete ſich den Schweiß von der Stirn.„Wahrhaftig, ſo ernſthaft iſt mir mein Lebtag noch nicht zu Muthe geweſen, alſo lachen Sie nicht. Lieber wollen wir unſer Klärchen einmal ins Verhör nehmen und fürs erſte fragen, ob ſie nichts dagegen haben wird, wenn mein Herr Neffe für nichts Anderes Augen hat als für Klärchen Horink. Was ſagt Klärchen Horink zu dieſer Behauptung?“ Er wendete ſich bei den letzten Worten erſt wieder nach Klara's Platze um, ſah aber zu ſeinem Erſtaunen, daß die junge Dame bereits an der Thür angelangt war und eben hinter derſelben verſchwand, als er ſeine bedeu⸗ tungsſchwere Frage vollendete. „Es iſt ein gutes Zeichen, daß ſie flieht“, ſprach er, vergnügt hinterher ſchauend und ſeine fleiſchigen Hände reibend.„Nun aber ein Wort des Ernſtes, liebe Frau Nachbarin! Es iſt wahrhaftig meine Abſicht, in aller Form für meinen Neffen um die Hand Ihrer Tochter zu werben und damit dem Trödel, der uns ärgert, ein Ende zu machen. Natürlich würde mir ein ſolches Mittel nicht eingefallen ſein, wenn mir der kluge Inſpector Prutz nicht die Andeutung gegeben, daß mein Neffe Ihre Tochter zu lieben ſcheine. Ob Klara ihn lieb genug hat, um auf meine Pläne einzu⸗ gehen, das müſſen Sie zu erforſchen ſuchen. Es ſteht 219 von meiner wie von Ihrer Seite einer baldigen Ver⸗ heirathung der jungen Leute nichts entgegen, alſo ſchlagen Sie ein! Keine Termine mehr! Eine Schen⸗ kungsurkunde, ſagt Herr Reinhold von Teffel,d den ich eben befragte, eine Schenkungsurkunde über den fraglichen Gegenſtand beſeitigt Alles; ich zahle die Koſten und unſere Kinder werden trotz des vererbten Proceſſes glücklich!“— Frau Horink konnte ſich eines beifälligen Lächelns nicht erwehren, aber ſie hütete ſich irgend ein Wort zu ſagen, was ihre Meinung hätte verrathen können. Sie verſprach Herrn Evers, die Sache zu überlegen, mit Klara zu beſprechen und mit ihrem Schwager, dem Förſter, zu berathen; nur nach reiflichem Erwägen aller Verhältniſſe werde ſie einen Entſchluß faſſen und dabei ihrer Tochter das erſte und wichtigſte Wort gönnen. Gegen dieſe Erklärung konnte Herr Evers nichts einwenden. Er entfernte ſich nach dem Beſcheide und ſchritt ſtattlich und ſtolz, wie er gekommen war, wieder ſeinem Hauſe zu, nur mit dem Unterſchiede, daß jetzt eine Art Siegesfreude ſein Geſicht verklärte, ein Be⸗ weis, daß er an dem Erfolge ſeiner Werbung nicht den mindeſten Zweifel hegte. Klara war mit pochendem Herzen geflohen. Sie . 220 eilte in den Garten und verbarg ſich tief im Hinter⸗ grunde deſſelben, hinter den Roſen⸗ und Himbeer⸗ ſträuchern. Dort mußte ſie ſich auf eine Bank niederlaſſen, ſo groß war die Gemüthsbewegung, worin ſie durch dies Geſpräch gerathen war. „Wie? War es denn kein thörichter Traum? Sie ſollte Dietrich, den hübſchen, kecken, liebenswürdigen Dietrich, den Liebling aller Bärenberger Mädchen und Frauen heirathen? Sein Onkel wünſchte dies? Und Dietrich, das behaupteten Andere, Dietrich hätte nur Augen für ſie?“ Klara ſchlug beide Hände vors Geſicht und ver⸗ harrte eine lange Zeit wie in einem Traume. Sie hatte es ſich bis zu dieſem Momente noch nie ernſtlich eingeſtanden, daß ihre ganze Seele von ſeinem Bilde erfüllt war, und ſie fand ſich eigentlich ſelber über⸗ raſcht von der leidenſchaftlichen Freude, die ſie vom Scheitel bis zur Sohle durchwogte. In ihrem Innern regte ſich die Ahnung, daß Dietrich's Oheim wohl Recht haben könne, wenn er meine, Dietrich habe für nichts Anderes Augen wie für Klärchen Horink. Nur zweifelte ſie, daß er auch in der Ferne ihrer gedenke, daß er es ernſt mit den Huldigungen meine, die er ihr verſtohlen widmete. — ——— 4 2 —— 221 Sie blickte auf die letzte Vergangenheit zurück, woraus tauſend kleine ſchüchterne Aufmerkſamkeiten ihr entgegenleuchteten. Bald hatte er ihr Veilchen geſucht und war zur Ruine hinaufgeſtiegen, als man ihm ſagte, dort wüchſen die ſchönſten; bald hatte er ihr die erſte Roſe aus ſeines Onkels Garten gebracht, bald hatte er im Thale Vergißmeinnicht gepflückt, bald eine Schale voll Walderdbeeren geſammelt— waren das nicht, nach allen romantiſchen Erzählungen, die ſie las, beglückende Zeichen eines liebenden Herzens? O, ihr Herz jauchzte bei dieſen Erinnerungen und ſie ſehnte ſich, die Fülle ihrer ſeligen Gefühle in einer treuen Bruſt niederlegen zu können. Klara erhob ſich aus ihrem Verſteck. Sie beſchloß, zu ihrer ſchweſterlichen Freundin, zu Antonie van der Bruik zu gehen und ihr volles Herz durch Mitthei⸗ lung zu erleichtern. Sie ſchlüpfte aus der Hinter⸗ thür des Gartens, eilte den Wieſenweg entlang, der hinter den Gärten des Dorfes aufwärts führte, und kam ſchnell zu der Stelle, wo vor wenigen Minuten Graf Askan und Reinhold die lachende Stimme eines jungen Mädchens gehört hatten und umgekehrt waren, um zum Park zurückzuwandeln. Eilfertig und ſehr geſchickt kletterte Klara die Wieſenlehne hinauf und durchbrach das Dickicht der —y—; 222 Haſelbüſche an einer Stelle, wo es weniger dicht ver⸗ ſchlungen war. Schon hatte ſie ſich einen Weg ge⸗ bahnt und wollte den Garten des Förſters betreten, als ſie Stimmen hörte, welche ihre Schritte bannten. Vorſichtig bog ſie einige Zweige zurück— ihr Athem ſtockte, ihr Blut gerann. Da ſtand Dietrich— vor ihm lehnte Antonie an einer Leiter— er hielt Früh⸗ kirſchen in einem Korbe, die er jedenfalls von dem Baume, woran die Leiter ſtand, gepflückt hatte. Er hielt das Körbchen hoch in die Höhe, Antonie lachte und wendete ſich ab. „Warum nicht gar!“ ſagte das junge Mädchen, aber eine Purpurglut färbte ihr ſchönes Geſicht und die ſtrahlenden Augen erhielten einen beſondern Glanz. „Jeder Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth“, entgeg⸗ nete Dietrich ſchmeichelnd und ſah feurig in ihre feurigen Augen. „Ich habe Ihre Hülfe nicht verlangt“, trotzte Toni und griff nach dem Korbe. „So grauſam, ſüße Kleine— ſo grauſam“, flüſterte der junge Mann und hielt ihre Hände mit dem Korbe feſt.„Ich laſſe auch handeln, ſtatt zehn Küſſe nur drei, Toni, liebliche Toni— nur drei!“ Ob er ſie gewaltſam umſchlang, ob ſie ſich will⸗ fährig ihm zuneigte? 4 223 Es ſchwamm Alles undeutlich vor Klara's Blicken, ſie zog ſich ſchauernd vor Kälte zurück— ihr auf⸗ geregtes Blut war erkaltet. Die arme Lauſcherin hörte nur, daß ihre Freundin ſchäkernd rief: „Wie kann man nur verlangen, daß ein Mädchen bärtige Lippen berührt! Nie wieder, nie wieder, Dietrich!“ „Nie? Wirklich niemals, lieb Toni?“ fragte er dagegen. 4 Weiter hörte Klara nichts mehr, denn ſie glitt raſch den Wieſenabhang hinab und eilte, ihren Garten zu erreichen. Sie ließ ſich auf demſelben Platze nieder, wo ſie eben ſo himmliſch geträumt hatte, und begann ihre Gedanken zu ſammeln. Wäre ihr dieſe Erfahrung eine einzige Stunde früher gekommen, ſo hätte ſie ihr kaum eine Empfindung von Schmerz verurſacht, jetzt aber, von Hoffnungshöhen herabgeſtürzt, jetzt fühlte ſie ſich von einer unerträglichen Qual bedrückt. Freilich konnte ſie Niemand eine Schuld auf⸗ bürden, ſie mußte ſich ſelbſt, ihr leichtgläubiges Herz und ihren voreiligen Verſtand tadeln, welche beide falſche Schlüſſe gezogen hatten; allein ſie fühlte ſich dennoch beraubt, dennoch hintergangen, dennoch belogen, wenn auch nur von ſchüchternen Blicken. Sie gebrauchte eine lange Zeit, um ſich und ihr beſſeres Selbſt aus dieſem Chaos von wogenden Gefühlen wiederzufinden. Dann aber erhob ſie ſich ganz beruhigt. Sie wußte, was zu thun ihr oblag. Des Tages Mittagsglanz lag ſchon auf dem Schei⸗ tel der Höhen, als ſie wieder in das Stübchen eintrat, das ſie unter ſo aufgeregten Empfindungen verlaſſen hatte. Ihr Blick ſuchte die Mutter. Der Lehnſtuhl ſtand” leer. Erleichtert athmete ſie auf, denn ihre noth⸗ wendigen Erklärungen wurden dadurch etwas hinaus⸗ geſchoben. Sie gewann durch die Abweſenheit ihrer Mutter Zeit, ſich auf ein Geſpräch vorzubereiten, das ihr Inneres verhüllen ſollte, während es den Schein großer Aufrichtigkeit tragen mußte. Ein gefährliches Unternehmen, wenn ſie nicht ihrer Selbſtbeherrſchung ſicher war! Mit der Erfindungskraft der innern Unruhe durch⸗ dachte ſie, was ſie ſagen wollte, aber die Erfahrung lehrt, daß die Geſpräche, worauf man ſich vorbereitet, am wenigſten gelingen. Nach einer halbſtündigen peinlichen Erwartung trat Frau Horink ein. Sie war augenſcheinlich bewegt, 225 warf ihr Umſchlagetuch mit einer gewiſſen Haſt über die Lehne ihres Seſſels nnd ſetzte ſich beeilt nieder. Klara ſah, daß ſie ebenfalls mit Wallungen zu kämpfen hatte, wagte jedoch nicht das Geſpräch zu beginnen, wie ſie es ſich eigentlich vorgenommen. „Ich bin beim Onkel Förſter geweſen“, begann die Mutter kleinlaut. 3 „Das dachte ich mir gleich“, antwortete Klara und nähte eifrig. Sie hätte kein einziges Wort weiter herausbringen können, der Athem fehlte ihr, der Ge⸗ danke entwich ihr. „Dein Onkel hatte nicht viel Zeit— er iſt zum Diner beim Grafen befohlen; wenn es möglich iſt, kommt er noch heute herab zu uns“, fuhr die Mutter abgebrochen fort. „Iſt es denn nöthig bei einer Sache, die nur Dich und mich angeht, liebe Mama, auf des Onkels Rath zu warten?“ ſagte nun Klara mit Aufbietung aller Ruhe, die in ihr aufzufinden war. „Freilich, wenn wir wollen, können wir handeln, wie es uns gefällt“, meinte Frau Horink mit bedrückter Stimme, aber weit raſcher und ſicherer redend als zuvor. „Und ich dächte, die ganze Geſchichte wäre mit wenigen Worten abgemacht, fiel auch Klara feſter und Fritze, Schloß Bärenberg. I. 15 226 beſtimmter ein.„Herr Evers hat ſeine Vorſchläge viel zu voreilig begründet, wenn er denkt, daß ſein Herr Neffe mich durch Aufmerkſamkeiten auszeichnet. Ich beſtreite dieſe Vorausſetzung, Mama! Mit dieſem auf Erfahrungen gegründeten Zweifel fällt aber das ganze Gebäude ſeiner Pläne zuſammen, denn es kann mir doch nicht einfallen, auf Herrn Evers' Antrag einzu⸗ gehen, wenn ich weiß, daß Dietrich ein anderes Mäd⸗ chen lieb hat!“ Klara's Stimme wankte ein klein wenig bei den letzten Worten, ob durch innere Bewegung erzitternd oder im leichten Verwirrungsgefühl einer kindlichen Scham? „Ach, Kindchen, darüber muß man zur Zeit hinweg⸗ ſehen“, erwiderte Frau Horink beſchwichtigend,„und es fragt ſich ſehr, ob Dietrich nicht deſſenungeachtet ſehr gern das hübſche Töchterchen der Wittwe Horink, die zu den Schloßlenten gehört, heirathen würde.“ „Aber ich heirathe ſolchen Mann nicht, der aus Rückſichten um mich wirbt!“ ſagte nun Klara in ſo entſchiedenem Tone, daß ihre Mutter aufmerkſam wurde und ihr ſcharf ins Geſicht ſah. „Haſt Du etwas Beſonderes gegen Dietrich?“ fragte ſie theilnehmend.„Haſt Du vielleicht früher ſchon mit Deinem Onkel geredet? Er will nichts von dieſer Heirath wiſſen.“ — 227 „Nein, liebe Mama, ich habe weder mit Jemand geredet, noch an eine Verbindung mit dem jungen Herrn gedacht, der wie ein Meteor in unſer ſtilles Dorf fiel. Ich vermuthe aber, daß der kluge Inſpector Prutz die Huldigungen, welche Herr Haberhorſt meiner guten Antonie darbrachte, fälſchlicherweiſe auf meine Rechnung geſchrieben hat.“ „Nicht möglich!“ rief Frau Horink mit allen Zeichen einer verdrießlichen Verwunderung. „Uebrigens könnte Herr Evers deſſenungeachtet ſeinen Wunſch erreichen, mit der Verheirathung ſeines Neffen zugleich auch ſeinen übereilt angefangenen Pro⸗ ceß los zu werden, wenn Du das fragliche Stückchen Waldgrund unſerer Antonie feierlich als Eigenthum überließeſt und es ihr anheim gäbſt, mit ihrem künftigen Schwiegervater weiter zu proceſſiren.“ „Das geht nicht, Kindchen! Damit wäre das Recht Deines Großvaters gekränkt. Ich darf nicht über das Stückchen Waldgrund verfügen nach Gutdünken und hatte ſelbſt mein Bedenken über den Ausweg, den Herr Evers mir vorſchlug. Dein Onkel, welcher recht gut weiß, wie mich dieſe Proceßangelegenheit quält und peinigt, gab mir zu verſtehen, daß es nicht im Sinne meines Vaters gehandelt ſei, wenn ich Hals über Kopf auf dergleichen Vorſchläge einginge. 15 228 Angenommen den Fall, Du hätteſt Dietrich Haberhorſt lieb gehabt und er hätte wirklich aus Neigung Dich zur Frau gewählt, ſo wäre der Streit von ſelbſt er⸗ loſchen, denn Mann und Frau können über das Mein und Dein nicht proceſſiren und Evers hätte durch ſeinen Heirathsbeſchluß gewiſſermaßen eingeräumt, daß er Unrecht gehabt habe. So ungefähr lauteten Deines Onkels Worte. Es iſt jammerſchade, daß ſich die Sache zerſchlagen wird, Klärchen. Sieh, Du hätteſt eine gute Partie gemacht—“ Klara machte eine Geberde des Abſcheus.„Nun ja, wenn Du ihn nicht leiden magſt, ſo kann gar nicht mehr die Rede davon ſein“, fuhr ihre Mutter betrübt fort.„Aber abwarten müſſen wir erſt, was nun folgt. Es iſt nicht ganz unmöglich, daß ſich Dietrich's Neigung zu Dir wendet, obwohl Toni mit ihrem hübſchen und verlockenden Weſen ſein Herz ein wenig in Aufruhr gebracht hat. So etwas kommt öfter vor. Was meinſt Du, Klärchen, wenn Dietrich ſich von den Wünſchen ſeines Onkels, dem er ſein ganzes Glück ver⸗ dankt, beſtimmen ließe, dennoch um Deine Hand zu werben?“ „Dann würde ich Dietrich verachten!“ entſchied Klara mit heiligem Ernſt. Frau Horink ſchaute ihrer Tochter voll ins Ge⸗ 229 ſicht. Ihr Mutterherz ſtrömte von Liebe über, als ſie in dieſem von innern Aufregungen verklärten Antlitze ein tief verborgenes Weh zu erkennen glaubte. Eine Ahnung der Wahrheit beſchlich ihr Herz. 3„Es iſt ein eigen Ding um die Liebe“, ſagte ſie gleichſam tröſtend, mit weicher Stimme,„und Du wirſt gut thun, Dich nicht gegen den jungen Mann zu ver⸗ härten, auch wenn er Dir Anlaß zum Mißtrauen ge⸗ geben, mein Klärchen. Ich habe mit Herrn Evers die Verabredung getroffen, daß er mit Dietrich offenherzig reden ſolle, während ich mit Dir ſeine vorläufige An⸗ frage überlegen wolle. Sobald Herr Evers ſeiner Sache ſicher und mit Dietrich vollſtändig einverſtanden iſt, wird er kommen und in aller Form einen Antrag machen. Ueberlege alſo, was Du thun willſt. Dein Onkel mag Dir ſeine Gründe gegen dieſe Heirath mit⸗ theilen; ich wollte dies nicht dulden, weil ich gewiſſer⸗ maßen auf Gegenliebe bei Dir rechnete. Haben wir uns freilich im Irrthum befunden, ſo iſt die Sache für Dich leicht zu entſcheiden. Aber, mein Kindchen, ich warne Dich, denn Du biſt nicht ſo gleichgültig gegen Dietrich⸗ wie Du Dir und mir einzureden ſuchſt. Wenn Dietrich Dich aus freier Wahl zur Gattin begehrt, ſo—“ Klara unterbrach ihre Mutter, indem ſie ſich ihr leidenſchaftlich an die Bruſt warf. „Mutter“, flüſterte ſie gebrochenen Tons,„Mutter, ſoll ich mit der Liebe und Zärtlichkeit eines Mannes vorlieb nehmen, der zeitlicher Vortheile wegen den Wünſchen ſeines Onkels nachgibt? Soll ich meiner liebſten Freundin die Kränkung zufügen, daß ſie meinet⸗ wegen von dem Manne, den ſie liebt, verlaſſen wird? Soll ich endlich, abgeſehen von dieſem Allem, mein heiligſtes Gefühl unter Mißtrauen einem Manne wid⸗ men, der leichtſinnig meiner Liebe ſpottet?“ Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. — Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Sylvia's Freier. Roman von Eliſabeth C. Gaskell, Berfaſſerin von„Mary Barton“ c. Aus dem Sngliſchen. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. S Drangſale einer Frau 4 Oder: Die Halliburtons. Roman 4 Frau Henry Wood, Verfaſſerin von„Eaſt Lynne“,„Die Channings“ ꝛc. Aus dem Engliſchen 8 8 von A. Kretzſchmar. Autoriſtert Ausgabe, 5 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. 10 Ngr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Verloren und Gerettet. Roman von Caroline Eliſabeth Sarah Norton. Aus dem Engliſchen von F. Seybold. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Eaſt Lynne. Fran Heury Wood. Aus dem Engliſchen von Heinrich von Hammer. Nutoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ſſinſſſinſiniſinſ inſinanſnennſimnſin nſtinſſiſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20