„. — 5—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mor⸗ ens 7 Uhr bis Abe 8 gei 3 gei nds 8 Uhr offen. 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. Y3 15, Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d * der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(nanientlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1„7. Ausleihezeit. D ieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders danguf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V N A N Bibliothek deutſcher Originalramane. Herausgegeben J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. nierzehnter Band. Erneſt Octav. 1. III.. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Grnest Oectar. Nuuelle von Ernſt Fritze. Dritter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Erneſt Betan. Dritter Band. — Siebentes Kapitel. Die Reſidenz, die wir aus Gründen in„Landsau“ umgetauft haben, liegt in einer bezaubernd ſchönen Ge⸗ gend. Waldige Höhen umſchließen ſie auf allen Seiten und ein ſchiffbarer Fluß beſpült die Gärten und Es⸗ planaden, die ſtatt finſteree Mauern die Stadt be⸗ grenzen. Der Doctor Erneſt von Schmidt hatte unverzüg⸗ lich ein Werk in Angriff genommen, das, nach aller Menſchen Meinung, nicht glücken konnte, und dadurch die Aufmerkſamkeit der ganzen Bevölkerung auf ſich ge⸗ zogen. Aber es lag in der Volkseigenthümlichkeit die⸗ ſes Landſtriches, daß ſich die Beachtung ſeiner Perſon nur in einer wohlthuenden Freundlichkeit und in einem Intereſſe für Alles, was er that und ſprach, kund gab. Im Anfange belächelte er die zutrauliche Neugier, womit man ihn zuerſt anſtarrte, dann grüßte und zu⸗ 1859, XIV. Erneſt Octav. III... 1 10 letzt befragte: ob er denn wirklich den„Roſenauer Junker“ zum ordentlichen Menſchen machen könne. Das Idiom des Landes, ſo weich und wohl⸗ klingend, nahm ſolchen Erkundigungen den Charakter gewöhnlicher Frageluſt, und die Gemüthlichkeit der Freude, womit man die zuverſichtliche Antwort des jungen, ſtolzblickenden Arztes aufnahm, bewies deutlich, daß der arme Knabe Alfred ein vielbedauerter Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Intereſſes geweſen ſein mußte. Erneſt fühlte ſich angeſprochen von dieſer Theilnahme des Volkes für das reiche, hochgeborene Kind, dem das Schickſal Alles gewährt zu haben ſchien, nur nicht die regelrechten Gliedmaßen eines menſchlichen Körpers, und er war einigermaßen begierig, wie ſich ſpäterhin dieſe Zutraulichkeit entwickenn werde, wenn das Glück ſeine Cur begünſtigte. 1 Er dachte mit kühlem Lächeln an ſeine geſtörten Träume und verglich im Stillen die Bevölkerung der großen und bewegten Handelsſtadt mit derjenigen dieſer zwar belebten, aber dennoch ruhigen Reſidenz. Wie ſonnenhell und gemüthlich blickten dieſe Leute in's Le⸗ ben des Tages hinein, wie viel mehr Zeit zum Genuß deſſelben ſchienen ſie hier zu haben, während in Ham⸗ 5 burg mit der Minute gegeizt wurde, die den Erwerb vergrößern konnte. Dort concentrirten ſich die Ge 11 danken auf den Gewinn nach des Tages Laſt und Hitze — hier lagen die Empfindungen auf dem Sonnenſcheine der Freude, die ihnen die Erholung bot. In gleichem Maße, wenn auch auf andere Weiſe, empfand Konſtanze das Wohlthätige ihres veränderten Wohnortes. Sie hatte verlernt, am Wohlwollen frem⸗ der Menſchen Freude zu haben. Unbeachtet war ſie in der Blüthe ihrer Jugend unter den eiſigen und mediſanten Blicken der vornehmen Hamburger Bürger⸗ welt, die dem Titel, ſowie dem Adel Verachtung zei⸗ gen zu müſſen glaubt, nach und nach kalt geworden, ſo daß es ihr gleich war, ob ſie irgend Jemand gefiel. Das änderte ſich jedoch nach den erſten Spazier⸗ gängen, die ſie am Arme ihres Bruders unternahm. Eine innerliche Wärme durchzog ihr Gemüth, wenn ſie in den lebhaften und muntern Augen der Begegnenden ein Gemiſch von Huldigung und Reſpect aufblitzen ſah. Dem Weibe iſt es nie gleichgültig, welchen Eindruck ſie macht. Aber ebenſo wahr iſt es auch, daß die freund⸗ liche Anerkennung eine ganze Welt voll Wohlwollen in einem öde gelegenen Weiberherzen weckt. Die ungeſchminkte Bewunderung der guten Lands⸗ auer verfehlte nicht, eine heitere Zutraulichkeit in Kon⸗ ſtanzens Weſen zu legen, die ihren Ideenkreis von all⸗ 1* bald mit ſeinen hübſ ſehr angemeſſen anzubringen ſuchte, wieder zu verſöh⸗ 12 gemeiner Menſchenliebe bedeutend erweiterte, und ſie befähigte, ihre eigene Liebenswürdigkeit beſſer zu ver⸗ werthen, als ſie bisher gethan. Der alte Doctor Sterenthal that auch redlich das ſeinige, um dieſer glücklichen Gemüthsverfaſſung nach⸗ zuhelfen und feſte Wurzeln zu verſchaffen. Er gehörte zu den ächten, richtigen Reſidenz⸗ und Hofärzten, wie die Damen ſie gebrauchen, die für ihr ordinäres Lei⸗ den eine hochpoetiſche Auffaſſung und eine noch nie da⸗ geweſene Mixtur fordern. Mit grenzenloſer Geduld erdachte der gemüthliche alte Hofmedicus Krankheits⸗ namen voll zarter Poeſie, fragte unermüdlich nach je⸗ dem Zucken und Jucken, nach Bellemmungen im Kopf und Herzen, nach Schmerzen im Fingerſpitzchen und Haarwurzelchen, und hatte nach vielen Fragen dann endlich das Uebel, woran die Dame gewiß nicht litt, am Schnürchen. Bisweilen merkten die armen hyſte⸗ riſchen Frauen den Schalk und wurden böſe auf den alten guten Doctor Sterenthal, allein er wußte ſie chen, zarten Schmeicheleien, die er nen, Ohne den Beſuch des Doctor Sterenthal konnte keine Dame der höhern Kreiſe beſtehen, und es führte gewiß kein Arzt den Titel„Wirklicher Geheimer Sani⸗ tätsrath“ mit größerm Rechte, als er. * 13— Dieſer Mann war ganz geeignet, gegen Konſtan⸗ zens Eigenthümlichkeit zu Felde zu ziehen und ihrer romantiſchen Geſchwiſterzärtlichkeit entgegen zu ſteuern. Vor allen Dingen ſuchte er ihr begreiflich zu machen, daß ihre Schönheit und Aumuth keinesweges für einen Bruder, ſondern für irgend einen andern liebens⸗ und ehrenwerthen Herrn der Schöpfung ge⸗ wachſen und durch Gottes Willen beſtimmt ſei, und er nahm ſich die Freiheit, ſeinen„lieben Collegen,“ den Herrn Doctor Erneſt, bitter zu tadeln, daß er Kon⸗ ſtanze noch nicht verheirathet habe. „Wie wollen Sie es vor Gott und ihren ſeligen Eltern verantworten,“ rief er mit großem Pathos, „ſolch' ein prächtiges Frauenexemplar dem Verblühen entgegen leben zu laſſen, ohne durch deſſen Blüthe ei⸗ nes Mannes Herz zu entzücken?“ Eine roſige Gluth überlief Konſtanzens Geſicht. Sie erkannte die Güte und Wahrheit dieſes Scherzes, aber ſie war dergleichen ſo ungewohnt, daß es ſie verletzte. 5 Der Doctor Sterenthal, ein feiner Frauenkenner, betrachtete erſtaunt ihre Gemüthswallungen nach ſeinen öfter wiederholten ſcherzhaften Ausfällen, und er kam endlich auf einen Gedanken, den er zwar abſurd nannte, 14 der ihm aber dennoch eine gewiſſe Ehrfurcht vor dem Fräulein einflößte. „Sollte dies Frauenzimmerchen denn wirklich noch niemals daran gedacht haben, daß Frauenzimmer zum Heirathen in der Welt da ſind,“ murmelte er vor ſich hin, als er Konſtanze eines Tages verließ und ſeinen Wagen beſtieg, um die gewöhnlichen Rundbeſuche zu machen.„Beinahe ſcheint ſie mir die heilige Veſta in Perſon— das aber wär' Jammerſchade um ſolch' Perſönchen—. Fräulein Konſtanze— ich kann Jh⸗ nen nicht helfen— Sie müſſen heirathen! Ich werde mein Möglichſtes thun, um die Cavaliere der Reſidenz auf dieſe aparte Blume der Mädchenwelt aufmerkſam zu machen. Fräulein Konſtanze muß heirathen, ſo bald als möglich, und es wird mein Werk ſein, einen Ca⸗ valier mit ihrer Liebenswürdigkeit zu beglücken.“ Der Wagen pollte eilig die Straße hinab und Konſtanze, die natürlich von dieſem Selbſtgeſpräche keine Ahnung hatte, fühlte zum erſten Mal eine mäch⸗ tige Herzensregung, als ſie des alten Herrn cordiale Witze näher beleuchtete und es ſich eingeſtehen mußte, daßz er Recht habe. „Heirathen—?“ Ihre Gedanken flogen blitzſchnell zu einer Geſtalt zurück, die ſie einige Momente ihrer Aufmerkſamkeit gewürdigt hatte, um ſie dann, mit allen 15 Hoffnungen auf Verwandtenliebe, auf immer zu be⸗ graben. Ein flüchtiges, verächtliches Lächeln zog über ihr Geſicht hinweg, als ſie ganz insgeheim hinzudachte: „Noch dazu iſt er Wittwer hat alſo des Lebens lieblichſtes Glück ſchon gekoſtet, hat vielleicht keinen Raum in ſeinem Herzen übrig behalten, um irgend ein Mädchenbild wieder aufzunehmen. Was ſollte mir wohl die zweite Stelle im Heiligthume eines Männer⸗ herzens bieten können, das meiner ganzen, tiefen und ungetheilten Hingebung an daſſelbe werth wäre! Nein, mag der Vetter Regierungsrath immerhin eine bedeu⸗ tende Erſcheinung ſein, ganz dazu gemacht, um meine ungeprüfte Phantaſie für einige Zeit zu beſchäftigen, zum Urbilde einer unſchuldigen Mädchenträumerei möchte er ſich doch wohl nicht eignen!“ Unterdeſſen Konſtanze dergeſtalt mit ihren Herzens⸗ wallungen fertig wurde, machte ſich ihr alter Verehrer ein Vergnügen daraus, ſie überall als ein Phänomen, als ein Wunderwerk, als einen Stern am Weltenhim⸗ mel, der nur alle hundert Jahre ein Mal ſich erneuere, auszupoſaunen, und die Elite der Geſellſchaft auf dieſe ſeltene Erſcheinung aufmerkſam zu machen. Im Grunde hatte er dies nicht mehr nöthig. Man hatte die im⸗ ponirende Dame ſchon bemerkt und hatte ſie für eine Engländerin erklärt, was nicht gerade zu verwundern 16 war, da ſie ihre geſellige Tournüre dem Hamburger Ton verdankte, und die Stadt Hamburg in vielen Stücken als ein richtiger Abklatſch von England zu be⸗ trachten iſt. Schon dieſe falſche Vorausſetzung veran⸗ laßte das elegante Publikum zu einer größern Beach⸗ ung der Fremden, weil es ſeit kurzer Zeit Mode war, Vorliebe für Engländerinnen zu zeigen. Genug, Konſtanze gewann Terrain in der Societät und Erneſt in der Popularität. Beides ihren Welt⸗ anſprüchen genügend. Viel weniger zufrieden, als hiermit, war der junge Arzt mit den Eltern ſeines kleinen liebenswürdigen Patienten. Das ſtolze, vornehme Weſen der Baronin Roſenau, die ſich, wie es ihm ſchien, in Sammt, Gold und Seide gleichſam eingepuppt hielt, weckte ſei⸗ nen alten, nur ſchlummernden Spott über morſch ge⸗ wordene Stammbäume, deren Wurzel im Paradieſe, dicht neben dem Adamsbaume, zu ſuchen waren. Hier hatte er nach ſeiner Meinung einen derartigen Stamm⸗ baum, auf welchen der letzte Sproſſe, als ein gnomen⸗ haft verkrüppeltes Menſchenkind, keimte. In ſeine Hände war es gelegt, dieſen Letzten der uralten Familie Ro⸗ ſench, lebensfähig zu machen, und den ſtillen verzweif⸗ lungsvollen Gram der Elternherzen in Freude zu ver⸗ kehren. 17 An den„Gram um den Sohn“ glaubte Erneſt nicht recht, aber die Verzweiflung über„den Stamm⸗ halter“ gab er zu. Es konnte für eine ſo adelſtolze Familie gewiß kein größeres Malheur geben, als einen einzigen Sohn an Krücken dahinſpringen, oder ihn, als ein Knäuel zuſammengeworfener Menſchengliedmaßen, im kleinen Wagen herumfahren zu ſehen. Seinem Charakter gemäß ging der Doctor Erneſt von Schmidt der ſteifen Etikette des Roſenau'ſchen Hauſes conſequent aus dem Wege und vereitelte da⸗ durch jede vertraulichere Annäherung zwiſchen den El⸗ tern ſeines Patienten und ſich. Er hatte gleich in den erſten Tagen ſeiner begonnenen Cur ſehr entſchieden jede Meldung bei der„ gnädigen Frau“ verbeten und es ſich ausbedungen, ungehinderten Zutritt zu Alfred allein, zu finden. Deutlicher konnte ſich kein Arzt von jeder Gemeinſchaft mit der Familie abgeſchnitten wün⸗ ſchen, und das kalte, halb verächtliche Weſen Erneſt's war keinesweges einladend, ſeinen Wünſchen in dieſer Hinſicht entgegen zu handeln. Bei ſo bewandten Umſtänden war es kein Wunder, daß keiner der beiden Eltern Alfred's den Muth hatte, nach den Reſultaten der vollführten Operation zu fragen. Sie wählten den Doctor Sterenthal zu ihrem Ver⸗ 18 trauten, mußten aber leider die Erfahrung machen, daß auch dieſer nur„glückverheißende Vermuthungen“ auf⸗ ſtellte und ſie auf die nächſte Zukunft vertröſtete. Warum ſein junger College ſo wortkarg und ab⸗ weiſend jede Nachfrage nach dem Erfolge der Operation beantwortete, begriff der alte geſchnieidige Hofmedikus nicht. Er hätte für's Leben gern die Qual der Er⸗ wartung von der Bruſt der Baronin genommen, allein auch ihm erzeigte Erneſt die Gunſt einer offenen Er⸗ klärung nicht. Nur aus dem vornehm zuverſichtlichen Auüftreten ſchöpfte er die Hoffnungen, womit er die za⸗ genden Elternherzen aufrichtete, und dieſen war die grenzenloſe Liebe ihres Knaben für ſeinen Arzt, eine Garantie edler Pflichterfüllung. 3 Die Baronin Roſenau war aber durchaus nicht die ſtolze, abgehärtete Dame von Welt, wofür ſie Er⸗ neſt hielt. In ihrer Bruſt ruhten mächtige Leidenſchaf⸗ ten und glühende Gefühle, die nur von der Macht eiſerner Conſequenz in Zaum und Zügel gehalten wur⸗ den. Bevor die Vernunft ſich zur Alleinherrſcherin die⸗ ſes vulkaniſchen Gemüthes gemacht hatte, war ihr junges Leben eine Kette von Uebereilungen geweſen, welche den Schatten der Verkennung über ſie warfen. Es gab in ihren Antecedentien Vorfälle, die in Keckheit und Unüberlegtheit mit den Streichen einer 19 Lola Montez gewetteifert haben würden, wenn ſie un⸗ ter andern Verhältniſſen ausgeübt worden wären. Sie war die Tochter eines alten, ſehr vornehmen Militärs geweſen, der es ſich zum Geſetz gemacht hatte, ſeine einzige Tochter ganz allein und nach ſeinen Grundſätzen erziehen zu wollen. Was aus ſolchen Erziehungen wird, hatte ſich bei ihr genugſam gezeigt. Endlich legte die Liebe Hand an's Werk. Der Baron Roſenau, um ſechszehn Jahre älter als ſie, kam von ſeinen Reiſen zurück. Er war anders, als alle die Cavaliere der Reſidenz. Er war weniger artig gegen ſie, hatte keine Schmeicheleien für die einzige Erbin des reichen Vaters in Bereitſchaft, zeigte ſich verletzt von ihren Knabenſtreichen, ließ eine ſtolze Empfindlichkeit blicken, wenn ſie die Dehors vernachläſſigte, und er erklärte ſich nicht gegen das ſchöne verzogene Kind, obwohl man ſehen konnte, wie heiß er es liebte. Aber eines Tages, wo ihre zügelloſe Laune das Verhängniß gereizt hatte, wo ſie in Gefahr gekommen war, aus Leichtſinn ihren guten Namen einzubüßen, da trat er in die Schranken für ſie, denn er wußte ſie unſchuldig. Sechs Wochen ſpäter war ſie Baronin Roſenau, und ſeitdem deckte ſie mit ſtarkem Willen die Schleier der Etikette über ihr Inneres. Es wäre mithin vom Schickſale nicht nöthig geweſen, ſeine ge⸗ 20 waltige Hand ſtrafend auf dies Gemüth zu legen, allein ihr Fatum war beſtimmt, und ſie gebar ihrem Gemahl den ſchmerzlich erſehnten Erben als Krüppel. Sie bekam keine Kinder außer dem armen Alfred, der mit dem Engelslächeln der Zufriedenheit auf dem ſchönen, wachsbleichen Geſichte, ihre Liebkoſungen empfing. Was mußte dies feurig ſchlagende Mutterherz füh⸗ len, wenn ſie dieſen Sprößling einer zärtlichen und glücklichen Ehe betrachtete? Was mußte dieſe Frau empfinden, wenn ſie bedachte, daß er den Schlußſtein eines alten, berühmten Geſchlechtes bildete? Sieben Jahre trug ſie ſtill reſignirt ihre Trauer — ſieben Jahre hatten hingereicht, um die Eiskruſte des Stolzes über ihr immerwährend blutendes Herz zu ziehen— da blitzte ein Strahl von Hoffnung in ihre umnachtete Seele. Durch des alten Doctor Sterenthal hingeworfene Aeußerung:„wenn hier ein Menſch hel⸗ fen könnte, ſo wäre es einzig und allein der junge, kühne Operateur Schmidt,“ hob ſich der Schleier der Hoffnungsloſigkeit und jetzt— jetzt war es geſchehen, was man kaum zu denken wagte! Der Knabe war operixt und hing ſeit Wochen, bewacht von den Blicken eines tüchtigen Chirurgen, in der Hängematte. Was wurde nun aus ihm? Konnte ſie ſich der Hoffnung ohne Scrupel hingeben? tt 21 Erneſt wich einer beſtimmten Antwort aus. Von Stunde zu Stunde beſuchte er das Kind, von Stunde zu Stunde gewann dies Kind ihn lieber— aber für die Sorge der Eltern hatte er kein beſchwichtigendes Wort. Er hielt es in ſeiner vermeſſenen, vorurtheils⸗ vollen Meinung nicht für nöthig, dieſen ariſtokratiſchen Herzen, welche nur für die Erhaltung ihres reinen Stammbaumes zitterten, Troſt und Beruhigung zu ſpenden. Mittlerweile rückte die Hochzeit der Prinzeſſin Mathilde heran. Die Baronin erhielt die Nachricht, daß Alice während des Aufenthaltes des Oberkammer⸗ herrnpaars, das im Schloſſe Aufnahme fand, bei ihr wohnen ſollte. Eine wehmüthige Freude durchlief das Herz der Dame. Alicens Mutter gehörte zu ihren liebſten Jugenderinnerungen; die ſanfte, holdſelige, nur gar zu ſentimentale Güte der Verſtorbenen hatte oft⸗ mals ihr wildes Herz beſänftigt— ſie ſehnte ſich dar⸗ nach, die Tochter ihrer Jugendfreundin zu ſehen. Die feſtlichen Vorbereitungen zur Vermählung der Fürſtentochter, bildeten einen grellen Widerſpruch zu der ängſtlichen Stille im Hauſe des Baron Roſenau. Die Feierlichkeit erforderte die Anweſenheit beider Gatten am Hofe, da ſie zum Hofperſonal gehörten; aber das Fürſtenelternpaar, von tiefem Mitgefühle be⸗ ſeelt, entband ſie ihrer Verpflichtungen und ſtellte es 22 dem Baron frei, nach Belieben den Verſammlungen beizuwohnen, im Falle bis dahin das Schickſal ſeines Sohnes entſchieden ſei. An einem heitern, ſonnigen Octobermorgen, traf⸗ der Oberkammerherr mit ſeiner Gattin und Enkelin glücklich ein in Landsau. Die Baronin nahm mit freu⸗ diger Rührung die junge Tochter ihrer Freundin Alice in Empfang und führte ſie faſt mit Triumph in ihr Haus, während das Großelternpaar in gehöriger Grandezza zum Schloſſe fuhr. Unter der kindlich herzlichen Plauderei mit der Baronin, die ſie ſehr gut kannte und Tante nannte, verrann Alicen die erſte Stunde ihrer Anweſenheit im Roſenauiſchen Hauſe, und nachdem manches Thränchen der Wehmuth bei der Rückerinnerung an die Trauer⸗ zeit ihres Elternhauſes gefloſſen war, wanderte ſie endlich in jener traurig elegiſchen Stimmung, die mehr als jede andere Seelenregung geeignet iſt, einem ge⸗ wöhnlichen Ereigniſſe Bedeutung zu verleihen, nach ih⸗ rem Zimmer, um Mittagstoilette zu machen. Die Baronin lehnte ſich, träumeriſch ihren Ge⸗ danken nachhängend, in ihren Seſſel zurück und ließ die Vergangenheit nochmals an ſich vorüberziehen. Alicens Mutter, in ihrer Jugend und Schönheit, ſtand lebhaft vor ihrer Einbildungskraft— ſie verglich 23 das Bild der Mutter mit dieſer Tochter. Die Wage⸗ ſchale ſank zu Gunſten der Tochter. Wie feſt und ge⸗ diegen zeigte ſich Alicens Herz, während ſie um den Tod ihrer Angehörigen klagte, wie tapfer kämpfte ſie mit ihrer Wehmuth und ſuchte nach Troſtgründen, die zwar nicht über einen kindlichen Horizont hinausgingen, aber doch praktiſchen Sinn bewieſen. „Das iſt die Schmidt'ſche Ader in ihr—“ flüſterte die Baronin vor ſich hin.„Man hört des Präſidenten bürgerliche Weisheit heraus, womit er dem weiblichen Gemüthe die überflüſſige Gefühlsweichheit nehmen will.“ In einer ganz folgerechten Gedankenverbindung ſprang ſie bei dieſer Reflexion zu dem Vater Alicens über.„Er muß wieder heirathen— das ſteht feſt!“ monologiſirte ſie weiter, indem ſie ihre weißen, ſtark beringten Finger leicht in einander faltete.„Lag mir doch dieſer Ausſpruch, während Alicens Plauderei, blei⸗ ſchwer auf den Lippen. Was würde das Mädchen dazu geſagt haben?“ Ein Seufzer hob ihre Bruſt. Alicens Mutter war noch nicht ein Jahr todt. Aber zwangen nicht Familienverhältniſſe den hinterbliebenen Gatten, das Bild der verſtorbenen Geliebten ſo bald wie möglich vom Altare des Hauſes zu entfernen, um eine andere 24 Geſtalt dort heimiſch zu machen? Ganz im Hinter⸗ grunde regte ſich plötzlich ein Gedauke in der kalt und ſtolz ſcheinenden Dame, ganz im tiefſten Hintergrunde ihrer Seele erwachte eine Sehnſucht nach dem Ende ihrer Leiden, die ſie feſt verſchwiegen im Buſen trug. Was wartete ihrer für ein Leben, wenn die letzte Hoff⸗ nung auf Hülfe fehlgeſchlagen war? Wie glücklich mußte ſie Alicens Mutter preiſen, die aller Erdennoth entgangen, ungeſtört in der Gruft ruhete, als das Schickſal verheerend in ihren Kinderkreis einbrach. Wir überlaſſen für einige Momente die Baronin ihren Meditationen, die ſie in dunkle Empfindungen verſtrickten und wenden uns zu Erneſt, der faſt zu der⸗ ſelben Zeit, wo Alice in das Haus der Baronin trat, mit feſten, muthigen Entſchlüſſen ſein Zimmer verließ, um ſich auch dorthin zu begeben. Er ſagte ſeiner Schweſter mit einem zuverſichtlichen Lächeln„Adien“ Konſtanze kannte ihres Bruders Mienenſpiel. 2 „Was haſt du vor, Erneſt?“ fragte ſie theilneh⸗ mend ſeinen Weg vertretend. 4 Erneſt blickte unſchlüſſig in ihr Auge. Sollte er ſchon im Voraus davon plaudern? „Dir will ich es vertrauen,“ ſprach er eilig. „Mit dem ſonnigen heitern Herl twetter iſt mir det 25 Muth gewachſen— ich werde heute zum erſten male den kleinen Alfred experimentiren laſſen.“ Konſtanze holte tief, tief Athem. Sie intereſſirte ſich längſt für den Knaben, von deſſen liebenswürdigem Charakter ihr Bruder entzückt war. Sinnend ſchaute ſie ihm nach und eine ſeltſame Unruhe, beinahe ein Gefühl von Furcht, beklemmte von dieſem Augenblicke an ihr Herz. Bald darauf hielt der Wagen des Geheimen Sa⸗ nitätsrathes Sterenthal vor der Thür, und der ehren⸗ werthe Herr ſtieg ſchwerfällig die Treppe zu ihr hinauf. Erröthend begrüßte ihn das Fräulein. Sie machte ſich auf verſchiedenartige Vorleſungen gefaßt und bedauerte aufrichtig, wie ſie ihm ſelbſt ſagte, daß ihr Bruder ſchon weggegangen war. „Er iſt zu Baron Roſenau?“ fragte der Doctor, diesmal wider alle Vermuthung nicht gerade aufgeräunit und heiter geſtimmt. Konſtanze bejahte es, ſtand aber an, den Vorſatz Erneſt's,„die Folgen ſeiner Cur zu erproben,“ zu erwähnen. „Schadet nicht, daß ich ihn nicht mehr finde, meine junge Dame,“ entgegnete der Doctor.„Ich kann Sie zum Organ meines Mißmuthes machen. Sagen Sie meinem Herrn Collegen, daß ich alles Ernſtes mit 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 2 26 ihm zürne. Er iſt ein Tyrann, ein richtiger Tyrann! Er entwickelt eine menſchenmörderiſche Conſequenz, zeigt eine kannibaliſche Kaltherzigkeit, einen tartariſchen Stolz, eine arabiſche Gleichgültigkeit, eine ruſſiſche Hartherzig⸗ keit und eine deutſche Ruhe— iſt aber trotzdem ein vortrefflicher Menſch, der nur heirathen muß, um menſch⸗ liche Gefühle reſpectiren zu lernen.“ Konſtanze lachte herzhaft.„Heirathen ſcheint das Univerſalmedicament der hieſigen geheimen Sanitäts⸗ polizei zu ſein,“ verſetzte ſie ſcherzend. „Allerdings, mein gnädiges Fräulein,“ antwor⸗ tete der alte Hofmedicus mit Gravität.„Heirathen hilft für viele Uebel, und der Beruf eines Arztes würde bedeutend erleichtert werden, wenn er es nicht mehr mit ſo vielen unverheiratheten Herren und Damen zu thun hätte. Dieſe ſind des Arztes Plage und die Zer⸗ ſtörer ſeines Ruhmes. Bis zum dreißigſten Jahre ver⸗ ſchreibe ich jedem Fräulein nur„Heirath“— bei Herren dehne ich dies Recept bis zum fünfundvier⸗ zigſten Jahr aus. Hilft mein guter Rath nicht, ſo ſchreite ich zu bittern Mixturen. Aber laſſen Sie mich auf Ihren Bruder zurückkommen, der ſich meine ſpecielle Ungnabe zugezogen hat. Was mag den Sünder ver⸗ anlaſſen, über die ſchöne Baronin Roſenau eine ſolche quälende Ungewißheit zu verhängen, daß mir dies 27 «Frauenzimmerchen) zum erſten male in ihrem Leben nervös wird. Verſichern Sie ihn meines Zornes und fordern Sie ihn auf, mit der Dame fein ſäuberlich umzugehen.“ .„Worüber klagt die Baronin?“ fiel Konſtanze piquirt ein. Auch ſie hegte vorgefaßte Ideen über dieſelbe. Der wirkliche Geheime Sanitätsrath Sterenthal ſah das Fräulein ſehr groß und verwundert an.„Ein verteufelt ſpitzes Geſchwiſterpaar—“ brummte er. „Worüber ſie klagt? Sie klagt gar nicht— eine Ba⸗ ronin Roſenau erlaubt ſich nie zu klagen— aber ſie leidet und das brauche ich nicht zu dulden, mein gnä⸗ diges Fräulein. Sie leidet unter der ſchroffen, ab⸗ ſtoßenden Manier, womit Ihr Herr Bruder ihr Mutter⸗ herz behandelt—“ „Die ſtolze, kalte Dame!—“ warf Konſtanze ein—„Trauen Sie ihr wirklich Gefühl genug zu, um nur einen Moment aus dem ſteifen Prunk, der ihr Leben zu regeln ſcheint, zu erwachen? O ja, ſie lei⸗ det vielleicht in der Furcht, ihre ſtolzen Hoffnungen nicht erfüllt zu ſehen, aber im Grunde ihres Herzens ruhen gewiß nur weltliche Wünſche!“ „Wenigſtens menſchliche Wünſche—,“ erörterte der alte Doctor, warm werdend.„Ueberlegen Sie die 2- 28 8 Situation des armen« Frauenzimmerchen)— grenzen⸗ loſe Liebe zu ihrem Gatten, die bis zur huldigenden Verehrung geſtiegen iſt, ſeitdem er ſich gütig, wie einer der Götter Griechenlands, ſeinem unglücklichen Kinde gewidmet hat— betrachten Sie dies Verhältniß von dem Standpunkt aus, wo nach mehrjähriger unfrucht⸗ barer Ehe endlich ein Krüppel, als Erbe des alten Namens, geboren wird. Ein verkrüppeltes Kind iſt immer ein Unglück für ein Elternpaar— hier aber verbirgt ſich der Hohn des Schickſals in dem Unglücke. Ein Baron Roſenau trägt aber ſtolz den Druck des Geſchickes! Meinen Sie jedoch, mein gnädiges Fräu⸗ lein, daß die Herzensfaſern ſolcher Eltern nicht fibriren, daß der Wellenſchlag ihres Herzblutes nicht bis zum Explodiren erhitzt werden kann, ſo haben Sie doch we⸗ nig Menſchenkenntniß. Sie ſcheinen mir mit Ihrem Bruder vom Geſchlechte der Fiſche oder Amphibien zu ſein, die kaltes Blut haben— heirathen Sie, ehe es zu ſpät iſt! Einige Erhitzung Ihres Herzblutes kann nicht ſchaden, ſelbſt wenn Sie Schmerzen davon haben ſollten.“ Konſtanze war ſehr nachdenkend geworden. Soll⸗ ten ſie die Familie Roſenau falſch beurtheilt haben? Sie überlegte einige Momente, ob ſie nicht eine Ver⸗ theidigung der brüderlichen Syſteme übernehmen ſollte, 29 dann aber gab ſie es auf, weil ſie einſah, daß der⸗ gleichen Darlegungen ganz nutzlos ſein würden. Er⸗ neſt's Urtheil über die Ariſtokratie im Allgemeinen ſtimmte nicht einmal mit dem ihren überein— daß er ſich hier, unter der Einwirkung eines Vorurtheiles, wahrſcheinlich zu Inconvenienzen hatte verleiten laſſen, leuchtete ihr, nach den Andeutungen des Hofmedicus, ein. Gut, ſo konnte er nun das auch ſelbſt vertreten, was er für gut befunden hatte. „Ich weiß wenig von meines Bruders Stellung im Hauſe des Baron Roſenau,“ ſagte ſie leichthin, „nur, daß die Etikette daſelbſt dem freien Geiſte deſſelben zuwider iſt, vermuthe ich. Laſſen Sie Erneſt ruhig in ſeiner Bahn; auch wenn er irren ſollte, ha⸗ ben Sie nichts von Härte zu befürchten. Uebrigens nahet ſich der Verkehr mit dem Hauſe ganz ſicherlich ſeinem Ende, denn mein Bruder wollte heute Verſuche mit Alfred anſtellen.“ 3 Der Doctor Sterenthal fuhr freudig auf. Er ſtampfte mit luſtigem Aerger zweimal ſeinen Stock vor dem Fräulein nieder.„Und das ſagen Sie erſt jetzt—? Eilen wir, daß wir hinkommen, um zu ſehen, was der Sünder bewirkt hat!“ Er verließ eilend das Zimmer und gleich darauf 30 rollte ſein Wagen, unter dem geſteigerten Galop der Pferde, die Straße hinab. Sinnend blieb Konſtanze zurück. Die offenher⸗ zigen Scheltworte des alten Hofmedicus verfehlten ih⸗ ren Zweck nicht. Die junge Dame geſtand ſich zu, daß er nicht ganz Unrecht habe, wenn er die Wärme⸗ grade ihrer eigenen Herzen in Zweife zog Von ei⸗ nem ſelbſtſüchtigen Vater erzogen, ſchlang ſich der Egoismus in dünnen, aber haltbaren Fäden um ihre Intereſſen, und ſchloß ſie Beide, in ihrer eingewurzel⸗ ten Selbſtgenügſamkeit von allen andern Menſchen ab. Lag nicht ein ebenſo großer, nur anders begründeter Stolz in dieſer Aufſtellung, als der, welchen ſie an der Baronin Roſenau tadelten? Die Baronin legte den Schleier der Convenienz über ein tief trauerndes Herz, und ſie bauten ein Dach ſchroffer und kaltſinniger Gleichgültigkeit über ſich. Die Baronin heuchelte eine Seelenruhe, um nicht ewig bedauert zu werden— be⸗ fand ſie ſich nicht im gleichen Falle? Hatte ſie jemals die kleinen, ſchmerzenden Wunden, welche nur durch innige Vertraulichkeit und Hingebung an Anderer Wohl heilen gkönnen, blicken laſſen? Stand ſie nicht auch kalt, wie Marmor, unter der Erdenbevölkerung, die in gemeinſamer Freude und im gemeinſamen Leide ihr Glück findet? 31 Ihr Geſichtskreis war eng und beſchränkt geblie⸗ ben, während ihr Geiſt und ihr Charakter ſich ausbil⸗ deten, und ihr Wirkungskreis hatte Elemente in ſich, die ſehr leicht zu den Verknöcherungen führen, welche die Eigenſchaften des Gemüthes beeinträchtigen.— Während dieſer Zeitperiode, die ſchnell und un⸗ aufhaltſam vorüberrauſchte, hatte ſich Erneſt nach dem Hauſe des Baron Roſenau begeben, und er war im Begriffe, ohne alle Rückſicht auf Elterngefühle, nach dem Zimmer ſeines kleinen Patienten zu ſchreiten, als er plötzlich ſtehen blieb und in einer Anwandlung von Theilnahme daran dachte, die Baronin auf eine Ka⸗ taſtrophe vorzubereiten, welche immerhin eine freudige Aufregung im Schooße trug. Wäre er ſeiner Eingebung gefolgt, ſo würde er ſich eine bedeutende Lehre erſpart haben; allein das Geſchick wollte ihn nicht auf ebenem Wege zum Heile der Erkenntniß führen. Indem er zögernd an der Schwelle der Thüre weilte, die nach den Gemächern der Baronin führte, öffnete ſich dieſe ſchnell und Alice trat unter der früher⸗ hin beſchriebenen, ſanft bewegten Stimmung ihm ent⸗ gegen. Sie hielt ſich durchaus nicht dabei auf, den Herrn, der in nachdenklicher Stellung vor ihr erſchien, mit Aufmerkſamkeit zu betrachten, ebenſo wenig, wie 32 Erneſt es der Mühe für werth hielt, ſich das junge Dämchen genau anzuſehen, das mit flüchtigem Kopf⸗ neigen an ihm vorbei ſchlüpfte, aber der Eindruck war dennoch auf beiden Seiten gleich bedeutend und für's ganze Leben entſcheidend. „Wer war das?“ fragte ſich Alice, als ſie in ihrem Zimmer angelangt, ein ſonderbares Klopfen ihres Herzens verſpürte. Aber ſie fühlte ſich nicht un⸗ befangen genug, dieſe Frage laut dem Kammermädchen vorzulegen, das auf Befehl der Baronin ihren Anzug zu ordnen kam. „Wer war die Dame?“ fragte ſich auch Erneſt, als ſein Auge ſie bis zur Thür verfolgt hatte und ſie dahinter verſchwunden war. Er wußte aber keineswegs, daß dieſe Dame auffallend ſchön war— nein, nur ein unbeſtimmtes Gefühl zog ſeine Blicke ihr nach und wendete ſeine Gedanken zu ihr zurück, als er ſchon längſt mechaniſch nach Alfreds Zimmer gegangen und den Knaben mit Hülfe des Chirurgen von allen Ban⸗ dagen und Schienen befreiet hatte. Ein Entzücken, faſt zu groß für ſeine Bruſt, durchfluthete ihn, indem er den Knaben betrachtete, der wirklich geheilt und von ſeinen Gebrechen befreiet, vor ihm ſtand und von ihm unterſtützt, die erſten Schritte mit den gerade gewordenen Füßen wagte. 33 Leiſe ſchwankend, vor der Möglichkeit zitternd, die armen Beine, die nur mit Unterſtützung von ſtarken Krücken bis dahin ſeinen Körper getragen hatten, unter ſich einbrechen zu fühlen, ſchritt der Knabe vorwärts, von Minute zu Minute zuverſichtlicher auftretend. Zu⸗ letzt flog ein ſtrahlendes Lächeln über ſein Geſichtchen. „Meine Mutter—“ flüſterte er zu Erneſt hinauf, der ihn immerfort ermuthigte und dabei vor Freude hätte jauchzen mögen. „Du möchteſt zu ihr gehen?“ fragte Erneſt gütig. Alfred nickte. „Gehen Sie voraus,“ befahl der junge Mann ſeinem Gehülfen, der ebenfalls tief bewegt das Wun⸗ derwerk anſchaute, das ſich vor ſeinen Augen entwickelte. „Bereiten Sie die Dame vor!“ Der Chirurg eilte dem Befehle nachzukommen. Natürlich war eine geſchickte und zweckmäßige Vorbe⸗ reitung von ſeiner Seite nicht zu erwarten. Haſtig öffnete er die Flügelthüren und ſtürzte hinein. Die Baronin ſaß noch in Gedanken vertieft auf derſelben Stelle, und lehnte ſchwermüthig den Kopf an die Lehne des Seſſels, als ſich die Flügelthür mit un⸗ gebührlicher Eile öffnete und ihr Blick auf die Geſtalt des Chirurgen fiel. 34 Etwas afficirt von der Uebertretung des Herkom⸗ mens, das keinem Menſchen den Eintritt ohne Anmel⸗ dung geſtattete, erhob ſich die Dame ſtolz und feſt. Nicht die leiſeſte Ahnung eines Glückes ſtieg in ihr auf, als ſie fragend und mit einer Herrſchermiene den ver⸗ blüfft ſtehen bleibenden Mann muſterte, der endlich her⸗ vorſtammelte: „Gnädige Frau— er kommt!“ Das dunkle Auge der Dame blitzte lebhafter, als ſie verweiſend ſagte: „ Ueberlaſſen Sie doch künftighin die Meldungen meinem geübtern Diener. Wer kommt? Der Herr Doctor?“ Der Chirurg verbeugte ſich, nun vollkommen ver⸗ blüfft von der hoheitsvollen Zurechtweiſung, und deu⸗ tete mit der Hand rückwärts durch die offen gebliebene Thür nach dem andern Zimmer. Kopfſchüttelnd und mit der ganz entſchiedenen Miene der Mißbilligung richtete die gnädige Frau ih⸗ ren Blick dorthin. Was ſie ſah, machte ſie erſtarren vor überſchwenglicher Freude. Stolz und ſteif ſtand ſie da. 4 Stolz und ſteif, während ihr Athem ſtockte und das Herz die Bruſt zu ſprengen drohte. Alfred, ſorgfältig unterſtützt von des jungen Doc⸗ tors Armen, erſchien auf der Schwelle, überſtieg ſie —— 3⁵ muthig und ging ſicher ſeiner Mutter entgegen, die re⸗ gungslos an ihrem Platze verblieb und nur mit groß aufgeriſſenen Augen dem Knaben entgegen ſtarrte, der ihr wie ein Gaukelbild ihrer Phantaſie vorkam. Erſt als er ganz nahe bei ihr war, begriff ſie ihr Glück. Lautlos ſank ſie auf ihre Kniee nieder und empfing das Kind in ihren vorgeſtreckten Armen. Kein Laut drang über ihre Lippen, als ſie, ihn feſt aufrecht haltend, in das liebe, vom Lächeln ver⸗ klärte Antlitz blickte, aber eine Todesbläſſe fuhr über ihre Wangen und ihr Auge verglaſete. Voller Be⸗ ſtürzung übergab Erneſt das Kind dem Chirurg, riß am Schellenzuge und hob die Baronin empor, um ſie auf den Divan zu legen; das war nicht Ohnmacht— das war der Tod, der ſich dieſer Frau näherte! Das Herz, überwältigt von der ungeheuern Freude, war in ſeinen Functionen geſtört— es ſtand ſtill! Einen Au⸗ genblick verlor Erneſt alle Faſſung. Die ſchwere Ver⸗ antwortung drückte ihn zu Boden, und es lag eine wilde Verzweiflung in dem ſchnellen Aufblick zum Himmel, womit er ſich Gottes Beiſtand erbat. Das Zimmer füllte ſich mit der Dienerſchaft. Der Baron erſchien. Wüſtes Klagen und Jammern ertönte. Alfred wurde vom Chirurg vorſichtig in Kiſſen gelegt. 36 Alles drängte ſich um die Baronin, leiſen Lächeln ſeliger Freude ent fragte, rief, weinte— der K achtet während des Tumultes— die Schranken der Etikette brachen zuſammen) unter einem Ereigniſſe, das ſo ungeahnt erſchien. Man ſah in der Beſtürzung ein Gemiſch von Reſpect und Liebe walten. Schwere Minnten vergingen. Erneſt hatte der aronin eine Ader geöffnet. Vergebens! Es flo kein Blut. Er ſchritt zu den gewagteſten Mitteln, das fliehende Leben zurückzuhalten, das mehr und mehr aus dem Körper entwich. Endlich kehrte ihm die Hoffnung urück. Der Athem ſetzte leiſe wieder ein und das Herz begann von neuem zu pulſiren. Die Baronin bewegte ſich— die Dienerſchaft zog ſich auf einen Wink ihres Herrn langſam zurück. Als die Dame ſich ihrer ſelbſt bewußt wurde, da kniete Alice zu ihren Füßen, ihr Gatte hielt ſie in enger Umſchließung feſt an ſeinem Her zen und Erneſt beugte ſich, noch immer eine namenloſe Angſt in ſeinem die mit dem ſchlummert war. Alles nabe Alfred lag unbe⸗ ſprechenden Auge, über ſie. Ihn traf ihr Blick zuerſt. „ Was fürchten Sie—“ flüſterte ſie lächelnd. Dann kam ihr die Erinn zurück. Sie ſah ihren Gatten an. „O Gott! gütig erung an ihr Glück — Unſer Alfred— unſer Kind!“ 37 jauchzte ſie.„O wie geſegnet ſind wir— wie glück⸗ lich werden wir nun ſein! Wo iſt mein Knabe? Ent⸗ zieht mir ſeinen Anblick nicht— ſeid nicht grauſam in Eurer Sorge um meine Geſundheit—.“ Der Baron wußte nichts, alſo ſah er fragend zu Erneſt auf. Dieſer winkte dem Chirurg. Wie dieſe Scene enden würde, wußte er ſelbſt nicht und er verwünſchte tauſendfach ſeinen Mißgriff, der ein Leben in Gefahr brachte. Alfred wurde vorſichtig wieder auf ſeine Füße ge⸗ ſtellt und nun brach das Entzücken des gemarterten Mutterherzens in Freudenthränen aus. In dieſem Rauſche ergriff ſie des jungen Arztes Hand, legte ihre glühenden Lippen darauf und flüſterte mit einem unnachahmlichen Tone:„Segne doch Gott eſe Hand, die uns ſo namenlos glücklich gemacht hat!—“ Eine heilige Stille folgte dieſem Ausbruche des heißeſten Dankes. Erneſt fühlte einen Schauer durch ſein Inneres fahren und erhob zitternd vor Rührung das Auge empor, um es ganz willenlos auf das ſchöne Mädchen zu heften, das noch immer zu den Füßen der aronin kniete und den Knaben Alfred in ihren Ar⸗ men hielt. 38 Plötzlich trat der Doctor Sterenthal ein. Sein Blick überflog die Scene— von der Gefahr der Ba⸗ ronin war er ſchon draußen unterrichtet. „Sie Barbar,“ rief er mit erzwungener Heiter⸗ keit,—„Sie Tyrann und Menſchenfreſſer in Perſon, ich erkläre Ihnen den Krieg hiermit, weil Sie die ein⸗ zige Dame meiner Praxis, die Ohnmachten nicht noth⸗ wendig findet, ihren Grundſätzen ungetreu gemacht ha⸗ ben. Wie befinden Sie ſich jetzt, meine Gnädige?“ Er faßte manierlich den Puls der Baronin und warf dem jungen Collegen verſtohlen einen bitterböſen Bliek zu. „ Nun, es geht ja,“ meinte er mit beruhigender Stimme.„Aber jetzt, mein Junkerchen, mach' mal deine Kunſtſtücke und ſpaziere auf deinen Beinchen um⸗ her, die dir zurecht geflickt ſind—. Heiſa— ſieh da — nun kannſt du kreiſeln und Ballſchlagen gehen und kannſt die Mama ſpazieren führen.“ Des alten Hof⸗ medicus Abſicht war klar. Er wollte die Seelenſtim⸗ mung der überreizten Dame wieder in's Gleichgewicht bringen, und es gelang ihm auch nach und nach. Aber ganz ohnie Sorge war der Doctor Sterenthal nicht. Ihm lagen vielfache Erfahrungen vor, daß langver⸗ haltenes Leid ſchwere Folgen haben kann, und wie tief in's Innerſte der Wurm ſich in die eiſenfeſte Geſund⸗ 39 heit der Baronin eingefreſſen hatte, das verrieth ihre Zerſtörung unter dem Einfluſſe der Freude. Es war vielleicht für die Geneſung des Knaben Alfred ſelbſt von weſentlichem Vortheile, daß ſich damit eine Mi⸗ ſchung von Sorge um ſeine Mutter verband. Er trat dabei wieder in den Hintergrund und wurde ſomit der nöthigen Ruhe ſicherer theilhaft, als wenn die Mutter in ihrer natürlichen, köſtlichen Mutterfreude, ihn auf⸗ geregt hätte. Alfred verließ alſo bald das Zimmer, vom Doc⸗ tor Erneſt geleitet— der Doctor Sterenthal blieb zur Vorſicht noch bei der Baronin zurück, die ſich zwar durchaus nicht als Patientin betrachtet wiſſen woll aber vom alten Herrn ſtoiſchen Muthes dafür ertlert wurde. Ein leiſes, herzliches Geſpräch zwiſchen den beiden Gatten veranlaßte ihn, ſich Alicen, die verſchüchtert von den tragiſchen Auftritten im Hauſe ganz kleinlaut, am Fenſter ſtand, zu nähern, um dies junge Fräulein, das er von frühern Beſuchen her kannte, mit ſeinen Scherzen zu amuſiren. Zerſtreut beantwortete Alice ſeine kleinen Witze. Endlich faßte ſie allen Muth zuſammen, der in ihr wohnte, und fragte nach dem jungen Manne, den ſie erſt im Vorzimmer, dann bei ihrer Tante angetroffen habe. 40 „Es iſt Alfred's Wohlthäter, mein gnädiges Fräu⸗ lein,“ erklärte der Hofmedicus mit wichtigem Tone. Ein ſchöner Mann— potz Blitz— er heißt ja ge⸗ rade wie Sie—. Herr von Schmidt! Iſt es nicht curios, daß der Mann«von Schmidt) heißt?“ Alice meinte, darin nichts Seltſames zu finden, denn der Name ſei ſehr häufig. „Etwas Anderes würde es ſein, wenn er Schmidt⸗ Welldorf hieße,“ fügte ſie leicht erröthend hinzu. Der Doctor Sterenthal gab das zu und ließ beiläufig die Bemerkung einfließen, daß ſein junger College von Hamburg ſei. Alice ſtutzte. Das flüchtige Roth ihrer Wangen färbte ſich tiefer. „Von Hamburg?“ wiederholte ſie bedeutſam, und alles Blut drängte ſich zu ihrem ſchönen zarten Ge⸗ ſichte hinauf. Die Erzählungen der Madame Hirſch Meier tauchten auf. Wie war es aber möglich, daß derſelbe Mann, der noch vor Kurzem dort gewohnt hatte, jetzt hier anſäſſig war. Sie beſchloß ihre For⸗ ſchungen fortzuſetzen und fragte dreiſter. 1„Sollte es nicht dennoch ein Schmidt⸗Welldorf ſein, Herr Geheimrath? Mir iſt erinnerlich, daß ein Doctor Erneſt von Schmidt⸗Welldorf noch kürzlich in Hamburg gelebt hat.“ 41 „Richtig, gnädiges Fräulein,“ erklärte der Doctor ganz vergnügt,„und wenn ich dieſen Doctor Erneſt von Schmidt nicht hierher commandirt hätte, ſo würde er wahrſcheinlich noch dort ſein. Alſo der berühmte junge Herr gehört zu Ihrer Familie? Ei— ei, das freuet mich. Sie müſſen ſeine Schweſter kennen lernen — ein Prachtfrauenzimmerchen!“ „Iſt Konſtanze auch hier?“ fragte Alice freudig und ſelbſt vergeſſen. Der Hofmedicus ſchnitt ein poſſierliches Geſicht. „Potz blitz— Sie kennen—.“ „Nein, nein! Ich kenne ſie nicht,“ unterbrach ihn das junge Mädchen.„Ich weiß nur ihren Na⸗ men—. Thun Sie mir den Gefallen, Herr Geheim⸗ rath, und erzählen Sie meinem Großpapa, daß Erneſt hier iſt— es liegt mir daran, wollen Sie?“ „Dahinter ſcheinen mir Geheimniſſe zu ſtecken,“ brummte der neugierige Doctor. Alice lachte.„Große Geheimniſſe— Verſchwö⸗ rungen— Conſpirationen—!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, holde Fee,“ ſcherzte der alte Herr,„ich gehe jetzt darauf aus, meinen Na⸗ men auf die Nachwelt zu bringen, und da es mir als Arzt durchaus nicht hat gelingen wollen, ſo ſpüre ich andern Wegen nach.“ 1 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 3 42 „Ihre Empfänglichkeit für den Ruhm,«eine Ver⸗ ſchwörung aufgedeckt zu haben,» freuet mich, denn ſie wird dazu dienen, daß noch heute mein Großpapa von ſeines Neffen Erneſt Anweſenheit hierſelbſt in Kennt⸗ niß geſetzt werden wird. Darf ich darauf zählen?“ Sie hielt ihm die Hand entgegen, um ſeinen Hand⸗ ſchlag zu empfangen. Er zögerte einzuſchlagen. „Unter der Bedingung, holde Fee, daß Sie mir den Grund dieſes Auftrages mittheilen, will ich Ihr chargé d'affaire werden.“ Alice lächelte ſchalkhaft. Sie kannte die Neugier des guten Hofmedicus, und ſie hätte ſie gern befriedigt, aber ſie kannte auch ſeine ALuſt, Neutgkeiten zu verbreiten, und fürchtete dieſe Lei⸗ denſchaft. „Ich darf nicht aus der Schule plaudern,“ ent⸗ gegnete ſie ausweichend. 4 „Betrifft es eine Verheirathung?“ examinirte er. Alice verneinte lebhaft, wurde aber plötzlich merk⸗ lich verlegen. Der Doctor merkte es und benutzte ihre kleine Verwirrung. „Das ſollte mir auch leid thun, denn ich habe bereits über Herz und Hand meines lieben jungen Col⸗ legen verfügt,“ wendete er ganz ernſthaft ein. Alice heftete ihre klugen Kinderangen forſchend auf 1 43 ihn.„Es betrifft nur eine Erbſchaft,“ ſagte ſie plötz⸗ lich kalt und trocken. „Sieh— ſieh, die Kleine,“ ſchmunzelte der alte Herr, und rieb ſich frohlockend die Hände. Er blieb nicht mehr lange nach dieſem kleinen Zwiegeſpräche, ſondern entfernte ſich mit dem Verſpre⸗ chen, Nachmittags wieder vorzukommen, um nach dem Befinden der Baronin zu fragen. Alice überließ ſich jetzt einer ebenſo reizenden, als gefährlichen Träumerei, die allerdings durch den Aus⸗ ſpruch des alten Doctors angefacht war. Alſo Erneſt war nicht mehr frei? Sein Herz und ſeine Hand vergeben? Warum betrübte ſie ſich über dieſen Gedanken? Sie dachte mit einer unerklär⸗ lichen Wallung an ihr erſtes Begegnen und an die Situation, wo ſie, bald darauf, von dem Lärm im Hauſe herbeigezogen, erſchreckt die Kniee der Baronin umſchlang, und ganz unbeachtet von ihm, Augenzeugin ſeiner tiefen Aufregung wurde. In der Unerfahrenheit ihres Herzens ahnete ſie durchaus nicht, daß in dem lebhaf⸗ ten, leidenſchaftlichen Intereſſe, welches er ihr einflößte, der Keim von Liebe lag. Sie ſchrieb den Grund dieſes Gefühles einer Sympathie zu, die in der Verwandten⸗ liebe ihren Urſprung fand. Vielleicht dämmerte in ihr das Bewußtſein eines Glückes auf, indem ſie eine . 44 Gemeinſchaft mit ihm erträumte, aber da ſie die Quelle dieſes Glückes verkannte, ſo war es auch unmöglich, daß ſie ſich darüber klar wurde.— Um ſo lieblicher malte ſie aber die Zukunftsbilder aus, worin Erneſt eine Hauptrolle übernahm. Sein Weſen paßte zu ihren Frühlingsanſichten vom Leben, es imponirte ihrer Kinderphantaſie, die an ebenbürtigen Geiſtesrichtungen nicht entzündet, ſondern nur durch hervorſtechende Eigenthümlichkeiten auf eine Bahn gelei⸗ tet werden konnte, welche ihrer Seelenruhe Gefahr drohete. Alles, was ſie ſeit ihrer Jugend als ver⸗ ehrungswürdig an ihren Verwandten, dem und dem Oberkammerherrn erkannt, und Alles, was ſie ſeit den letzten Erfahrungen ihres jungen Lebens als lie⸗ benswürdig an ihrem Vater bewundert hatte, Alles das concentrirte ſich durch ihre ſehr geſchäftige Einbildung in Erneſt. Wie voreilig dabei ihr inati fuhr, ſah ſie natürlich nicht ein. Es waren kaum drei Stunden verfloſſen, ſeit ſie das Ideal ihrer romanti⸗ ſchen Träumerei geſehen hatte, allein ihr erſchien es eine lange Zeit— ja, ſie meinte ihn immer ſchon gekannt zu haben, ſie meinte bis auf den Grund ſeiner Seele ſehen zu können, ſie meinte jede Regung in ſei⸗ nem Gemüthe zu⸗ belauſchen. Mit thörichter Ueberei⸗ lung umflocht ſie ihre beiderſeitigen Intereſſen durch 9 45 Bande, von denen ſie nicht ſagen konnte, daß ſie ihre Zufriedenheit in ſich ſchließen würden. Sie beurtheilte die Ausdehnung dieſer Bande falſch, theils aus Sehn⸗ fucht nach einer Gemeinſchaft mit ihm, theils aus Un⸗ erfahrenheit. Die Bekanntſchaft mit dem Vetter Benno hatte ſie über Verhältniſſe belehrt, die ihrer ſtreng beaufſichtigten Jugend Myſterien geblieben waren, und ſeine unklugen Erklärungen von Liebe waren hinrei⸗ chend geweſen, ſie für Gefühle der Art empfänglich zu machen. Freilich entging ihm ſelbſt der Vortheil ſeiner frühzeitigen Belehrung, denn ihre Phantaſie konnte ſich für ſolche Männer, wie Benno, nicht erwärmen, aber das jetzige Erwachen ihres Herzens ſchrieb ſie danach irrthümlich einem ähnlichen Wohlwollen zu, wie ſie Benno'n geweiht, bevor er ſie mit ſeiner Leidenſchaft zurückgeſchreckt hatte. Sie ſetzte in Gedanken die hohe, ſtolze Geſtalt Erneſt's in die Räume des Schloſſes Welldorf, und gruppirte ſich mit der Familie um ihn herum. Welch' eine Fülle von Leben athmete dieſes Gedankenſpiel! Dann gedachte ſie bisweilen ganz flüchtig der ta⸗ delnden Schilderungen, welche Madame Hirſch Meier ſich erlaubt hatte. Ein Lächeln voller Verachtung flog dabei über ihr Geſicht. Sie verwarf ohne Gnade dies Urtheil, das Erneſt's edle Erſcheinung Lügen ſtrafte. 7 46 Eigenſchaften, wie Madame ſie ihm beigelegt hatte, ver⸗ bargen ſich nicht in ſolcher Hülle. Trotz— Stolz— Hartnäckigkeit und Kälte des Herzens? Nein, ihr Herz verweigerte die Unterſchreibung dieſer Verurtheilung. Während Alice träumte, handelte der Doctor Sterenthal und erfüllte ihren Befehl, bevor ſie über ihre Gefühle einig war. Der Oberkammerherr bewohnte mit ſeiner Ge⸗ mahlin einige Gemächer des rechten Seitenflügels, un⸗ weit der Räume, welche die Prinzeſſin Mathilde ein⸗ genommen hatte. Die Vorliebe dieſer jungen Fürſtin für den alten Herrn, ſowie die treue und bewährte Anhänglichkeit des Hauſes Heſſenthal, dem die Ober⸗ kammerherrin entſtammte, an das Fürſtenhaus, erhob die beiden alten Veteranen des Hofperſonals zu ſehr beachteten Perſonen. Von allen Seiten freudig begrüßt, und von der ſchönen Fürſtenbraut mit Jubel bewill⸗ kommnet, hatte ſie ſich eben, etwas angegriffen und er⸗ ſchöpft, in ihre Zimmer zuzückgezogen, als ein Lakai „den Doctor Sterenthal— Geheimrath Sr. Hoheit—“ anmeldete. Verwundert ſah der Oberkammerherr ſeine Gemahlin an, bat aber höflich und zuvorkommend um den angetneldeten Beſuch.— „Sie wollen gewiß ſondiren, ob die alten Leute nicht vermeſſen gehandelt haben, indem ſie ſich zur 47 Hochzeit rüſteten,“ rief der Oberkammerherr dem Doctor wohlwollend entgegen, und reichte ihm die Hand zur Bewillkommnung. „Nichts da— Excellenz—“ entgegnete der Hof⸗ medicus, treuherzig die dargereichte Hand ſchüttelnd, und dann mit Ehrerbietung beide Hände der alten Dame küſſend.„Mein Beſuch iſt diplomatiſcher Art. Philemon und Baucis können keinen Doctor gebrauchen, das weiß ich aus alter Erfahrung. Gottlob— Sie ſehen prächtig aus, meine Herrſchaften!“ fügte er herz⸗ lich hinzu, und ließ ſeine muntern alten Augen von Einem zum Andern ſchweifen.„Erbarmen Sie ſich doch der jetzigen Menſchheit, und veröffentlichen Sie das Geheimniß Ihrer Conſervationskunſt—!“ „Zur Sache, beſter Doctor—“ fiel der Ober⸗ kammerherr lächelnd ein, denn er kannte den gemüth⸗ lichen Schwätzer, der die Hauptſache oft vergaß. „Ja freilich, Excellenz— zur Sache! Die Huld und Gunſt einer jungen, prachtvollen Dame hängt von der Ausführung meiner Miſſion ab. Fräulein Alice läßt durch mich, ihren ergebenſten Sclaven, dem Herrn Großpapa melden, daß es dem Herrn Doctor Erneſt von Schmidt aus Hamburg wirllich gelungen iſt, die krummzuſammengewachſenen Beinchen des Junker Alfred von Roſenau, gerade zu heilen, und daß der beſagte 48 Herr Doctor Erneſt von Schmidt, wahrſcheinlich ein Abkomme Ihres Stammes, ſich bis dato noch hier in der Reſidenz Landsau beſindet.“ Der Oberkammerherr hatte ſchon während der wohl eingelernten Rede des Doctors mehrmals Zeichen eines freudigen Erſtaunens gegeben, und die alte Dame war mit dem allerfreundlichſten Lächeln ganz nahe an ihn herangetreten. „Alfred— curirt?“ fragte ſie dann, ihrem In⸗ tereſſe an dieſem glücklichen Ereigniſſe ganz hingegeben —„Alfred kann gehen— nein, iſt es denn möglich? Iſt es auch wirklich wahr? Erſt heute noch bei un⸗ ſerer Ankunft zeigte ſich ja die arme Baronin ſo tief betrübt und hoffnungslos! Iſt es wirklich, wie Sie ſagen, lieber Geheimrath?“ Und der Primus des Hauſes Schmidt⸗Welldorf rief ebenſo lebhaft angeregt: „Erneſt— meines trotzigen Octav's Sohn, iſt hier?“ Zuerſt beantwortete natürlich der feine Hofmedicus der alten Dame Fragen, und gab ihr die Zuſicherung der unverfäſſchten Wahrheit. Darauf erklärte er dem alten Herrn, daß es allerdings erſt einer Prüfung be⸗ dürfe, um die Abſtammung des Doctor Erneſt von Schmidt zu conſtatiren, da er ſich niemals Schmidt⸗ 49 Welldorf unterſchreibe. Er erbot ſich bereitwillig zur Ergründung dieſer Familienverhältniſſe, wurde jedoch mit ſeiner Gefälligkeit nicht allein abgewieſen, ſondern der Oberkammerherr bat ihn dringend, durchaus zu ſchweigen gegen Erneſt, da er nicht ſicher wäre, daß der junge Mann, wenn er wirklich identiſch mit dem zuletzt in Hamburg habilitirten Doctor Schmidt ſei, ohne Verweilen den Ort verließe, der zugleich mit ihm einen Bruder ſeines Vaters in ſeinen Mauern beher⸗ berge. Er theilte dem horchenden Hofmedicus das We⸗ ſentliche der ſchwebenden Familienverhältniſſe mit, und erfuhr dagegen die Vorfälle der letzten Zeit, woraus ſich ganz erſichtlich ergab, daß der Herr Erneſt ein unbeugſamer und trotziger Geſell war. Von einer peinlichen Unruhe gefoltert, ſchritt der Primus nach der Entfernung des Doctor Sterenthal im Zimmer hin und her. Er wollte ſeiner erſten Ein⸗ gebung, die ihn hintrieb zu dem Sohne Octav's, nicht folgen, er wollte überlegen, bevor er handelte. Es war ihm aber nicht möglich zu überlegen, denn ſein Herz war erwacht und die Güte dieſes alten Herzens zeigte ihm den Weg zu dem Manne, der ihn zu ver⸗ meiden ſuchen würde, wenn er ſeine Anweſenheit in der Reſidenz erfuhr. 50 Seine Gemahlin ſah dieſem ſtillen Kampfe gegen ſein eigenes Herz eine kleine Weile zu, dann aber for⸗ derte ſie ihn direct auf, ſich durch einen feſten Entſchluß zu beruhigen. Sie ſchlug ihm vor,„Erneſt ſogleich aufzuſuchen.“ Das Geſicht des Oberkammerherrn erheiterte ſich plötzlich. Dieſer Rath gab ſeinem ſchwankenden Brü⸗ ten die nöthige Stütze. Er ſah nach der Uhr. Es blieb ihm noch eine volle Stunde bis zur Mittagstafel, zu der er mit ſeiner Gattin befohlen worden war. Erneſt's Wohnung lag nicht weit entfernt— es war die Stunde, wo in dem Leben des Arztes eine kleine Pauſe der Erholung angeſetzt iſt— Alles ver⸗ vereinigte ſich, ihn in ſeinem Vorſatze zu beſtärken— er warf den Paletot über, nahm kurz und herzlich Ab⸗ ſchied von der alten Dame, und befand ſich auf dem Schloßplatze, ehe er es ſelbſt für möglich erachtet hatte.— Mit Jugendeifer ſtrebte er vorwärts. Als hinge das Glück ſeines Lebens von der Erfüllung eines Wun⸗ ſches ab, der jahrelang geſchlummert hatte, und ſeit Monaten erſt ſein täglicher Gedanke geworden war, ſo eilig ſchritt er dem Hauſe näher, wo Octav's Sohn in trotziger Einſamkeit lebte. Als er das Haus erreicht, die Treppe erſtiegen und den ihm entgegentretenden 51 Diener gefragt hatte,„ob der Doctor zu ſprechen ſei,“ da erſt dachte er daran, wie er es anfangen wolle, auf das kieſelharte Gemüth ſeines Neffen einzuwirken, um zum Zwecke zu kommen. „Melden Sie einen Mann, der ſich Troſt von dem Doctor Schmidt holen wolle,“ ſagte er mit einem wehmüthigen Lächeln, als der Diener ihn fragend muſterte. Der Diener zuckte zweifelnd die Achſeln, indem er hineinging, die ſonderbare Meldung zu übernehmen, und der alte Primus von dieſem Zweifel angeſteckt, ſchritt ihm unverzüglich nach. Erneſt und Konſtanze bewohnten eine Reihe von Zimmern, deren Gebrauch nicht ausſchließlich beſtimmt war. Bei ſeiner ungewiſſen Ausſicht hierzubleiben, hatte der junge Arzt es für unnöthig befunden, ſich eigens ein Sprechzimmer zuzurüſten, und es war eine ſtillſchweigende Uebereinkunft der Geſchwiſter, daß ſich Konſtanze, bei den vorkommenden Fällen eines Beſu⸗ ches, der ſpeciell dem Arzte galt, in das letzte Zimmer zurückzog, welches einen Ausgang nach ihrem Schlaf⸗ zimmer hatte, und von dort durch eine Tapetenthür mit dem Treppenflur in Verbindung geſetzt war. Erneſt war ernſter als je ohnlängſt nach Hauſe gekommen, hatte aber den liebevollen Fragen ſeiner 5² Schweſter ſtandhaft widerſtanden, und nur obenhin die gelungene Heilung des Knaben Alfred berichtet. Kon⸗ ſtanze hatte es ſich zum Geſetze gemacht, die finſtern Launen ihres Bruders ſo lange zu reſpectiren, bis er ſelbſt eine Erleichterung in Worten ſuchte, und ſie ah⸗ nete faſt, was ihn für dies Mal wieder ſehr unzu⸗ frieden mit ſich ſelbſt gemacht, und dadurch ſehr ver⸗ drießlich geſtimmt haben konnte. Die Auseinanderſetzungen des Hofmedicus über den wahren Werth der Baronin Roſenau galten ihr als Commentar dieſes bittern Ernſtes, der ſeine Stirn furchte und das muthige Lächeln ſeines Mundes ver⸗ löſchte. Wie tief eingreifend auf den Geſundheitszu⸗ ſtand der Dame aber ſeine Rückſichtsloſigkeit gewirkt hatte, konnte ſie freilich nicht ahnen. Ihr Mittagsmahl war verzehrt— Konſtanze bereitete nach Hamburger Sitte den Kaffee an einem Nebentiſche, und ſah dabei verſtohlen auf den Bruder, der nachdenklich in die Zeitungsblätter blickte, ohne zu leſen. „Wenn er ſeiner innern Bitterkeit doch Worte geben wollte,“ dachte ſie in dem Augenblicke, als der Diener eintrat, und einen Herrn mit dem ſonderbaren Zuſatze,„der ſich Troſt vom Doctor Schmidt holen „wolle,“ anmeldete. Erneſt ſprang haſtig auf, eine gewiſſe Wildheit lag in ſeinem Auge, als er antwortete: „Schicken Sie ihn fort, Georg— ſchicken Sie ihn zu einem andern Arzte!— Ich habe beſchloſſen, meine Praxis mit dem heutigen Tage zu beenden!“ Konſtanze, gleich bereit, das Zimmer bei der Mel⸗ dung zu verlaſſen, ſah erſchreckt zurück, hatte aber nicht Zeit, irgend ein beſchwichtigendes Wort zu ſpre⸗ chen, denn der Oberkammerherr ſtand hinter dem Diener auf der Schwelle. Weiter ſah ſie nichts. Die Thür fiel hinter ihr zu. Still und unbeweglich ſtand der alte Herr, und ſah feſt in das Geſicht Erneſt's, blickte feſt in ſein düſteres Auge und trotzte feſt dem Zorne, der um ſeine eingekniffenen Lippen lagerte. Der junge Mann, frappirt von dieſer ehrwürdi⸗ gen und ehrfurchtgebietenden Erſcheinung, ſtand eben⸗ falls regungslos eine Zeitlang ihm gegenüber, und ſtrich ſich dann, unter ſonderbarem Gefühle mehrmals über die Stirn. „Erneſt von Schmidt⸗Welldorf?“ fragte der Ober⸗ kammerherr in der ſanften, verbindlichen Art des feinen Hofmannes, und ſeine Stimme zitterte vor tiefer in⸗ nerer Bewegung. Erneſt verneigte ſich ſtumm. 54 „Sieh mich an, Du Sohn meines Bruders Octav — ſieh mich an, Erneſt!“ fuhr der alte Herr ebenſo ſanft fort. Die Mienen des jungen Mannes zeigten Beſtürzung. „Sieh— ich bin Erneſt der Erſte— Du, der zweite Erneſt des Hauſes, wirſt den alten Primus willkommen heißen, da er ſich aufgemacht hat, Dich zu ſich zu rufen, Dich an ſein Herz zu drücken, ehe es zu ſchlagen aufhört.“ Er ſtreckte ihm ſeine Rechte ent⸗ gegen. Aber der junge Mann hatte erſchrocken ſeine Blicke auf ihn geheftet, war zurückgewichen, und ſah ſtarr und unbewegt in dies gute, menſchliche Angeſicht, in dieſe von freudiger Rührung benetzten Augen. Die dargebotene Hand nahm er nicht an. „Ich glaube, daß Sie ein Recht haben, mich als den Sohn eines Bruders zu bewillkommnen—“ ent⸗ gegnete er mit gepreßtem Tone—„aber ich bin nicht geneigt, die Unbill, die mein armer Vater erleiden mußte, ohne Weiteres der Vergeſſenheit zu über⸗ geben—.— „Kannſt Du Dir denken, daß ich alter Mann vor Dir erſcheinen würde, wenn mir eine Schuld ge⸗ gen Deinen Vater auf dem Herzen läge?“ fragte der Oberkammerherr unverändert ſanft, aber etwas vor⸗ wurfsvoll. 55 Erneſt, wohl etwas ergriffen von dieſem Ein⸗ wurfe, wurde dennoch nicht andern Sinnes. Er wie⸗ derholte, mit einiger Hartnäckigkeit an ſeiner erſten Entgegnung feſthaltend, daß er überzeugt vom Rechte ſeines Vaters ſei, und daß ihm deshalb die Bekannt⸗ ſchaft der Familie nicht in dem Grade erfreulich ſein könne, wie man vielleicht verlange. „Ich habe gar keine Anlage zur Sentimentalität,“ ſetzte Erneſt etwas aufgeregt, und in der Abſicht hin⸗ zu, dieſe qualvolle Unterhaltung ſobald wie möglich zu enden. „Das glaube ich,“ entgegnete der Oberkammer⸗ herr ruhig lächelnd,„Du müßteſt ja nicht Deines Vaters Sohn ſein— aber der Gerechtigkeitsſinn war bisher zu vorherrſchend im Erbgut der Schmidt'ſchen Familie, als daß er Dir gänzlich abgehen ſollte. Und dieſer Gerechtigkeitsſinn wird Dich zwingen, die Aus⸗ einanderſetzungen eines alten Mannes anzuhören.“ „Wozu aber? Wozu?“ rief Erneſt ungeduldig werdend.„Wer ſteht uns dafür, daß ich mich über⸗ zeugen werde von einem lebenslangen Irrthume des eigenen Vaters? Und wenn mein Gerechtggkeitsſi un mich dann zwingen ſollte, das ehrwürdige Haupt un⸗ ſerer Familie durch mein Urtheil zu kränken?“ Der alte Primus ſah ihn mit ſo unverſtellter 56 Liebe an, daß es ihm heiß wurde im Herzen, aber ſein Widerſpruchsgeiſt behielt die Oberhand. Er fuhr fort: „Nach meinem Dafürhalten iſt es beſſer, ver⸗ gangene Dinge nicht aufzudecken, wenn man ſich de Erfolges nicht ſicher weiß.“ 1 „Dein Widerſtand kommt mir nicht unerwartet, lieber Erneſt,“ entgegnete mit ungeſtörter Seelengüte der alte Herr,„und ich dringe keinesweges in Dich, Deine Vorurtheile zu beſeitigen, ohne mich gehört zu haben. Das Einzige, was ich verlange, was Du mir mit dem Worte des Mannes verſprechen ſollſt, iſt: cmeine ganz wahrheitsgemäße Erzählung aus der Ju⸗ gendepiſode Deines Vaters anzuhören.) Was danach erfolgen wird, müſſen wir ruhig tragen. Willſt Du mir das Verſprechen leiſten:«Landsau nicht eher zu verlaſſen, bis Du mich angehört haſt?»“ 3 Erneſt kämpfte mit ſich. Luſt hatte er nicht, ſich in Erzählungen von Familientragödien verſtricken zu laſſen, die weſentlich keinen Einfluß auf ſeine Anſichten haben konnten; allein, war es die herzgewinnende Ruhe, womit der alte Herr alle ſeine Einwendungen hinge⸗ nommen hatte, oder war es ein Gefühl der Wißbegier, endlich zu hören, wie ſich die Betheiligten aus dieſem Rechtsfalle herausziehen würden, genug, er reichte 57 plötzlich ſeine Hand zum Pfande, daß er„hören“ wolle, was man ihm„erzählen“ könne. „Erwarte mich morgen Abend, mein lieber Neffe;“ ſagte nun zufriedengeſtellt der Primus.„Morgen Abend! ich werde mit Schmerzen die Minuten bis zu«morgen Abendy zählen— denn dieſer Abend wird mich um ein Sohnesherz reicher machen. Jetzt aber will ich Konſtanzen noch ſehen—.“ Erneſt machte eine abwehrende Geberde, wagte jedoch keine beſtimmte abſchlägliche Antwort zu geben. „Rufe mir Konſtanzen, mein lieber Neffe!“ be⸗ fahl der alte Herr.„Ich liebe ſie ſeit der Schilde⸗ rung meines Sohnes Ludwig—.“ „Nach der Schilderung Ihres Sohnes Ludwig?“ unterbrach ihn Erneſt ſehr verwundert und offenbar zweifelnd, daß die von„ſeinem Sohne Ludwig geſchil⸗ derte Dame“ Konſtanze geweſen ſein möchte. „Weißt Du nichts davon? Nun ſo mag ich auch nicht weiter davon reden, bis die Zeit da iſt, wo Dir ſolche Erzählungen mehr Vergnügen machen. Bitte— rufe mir Deine Schweſter—.“ „Ich dächte das hätte auch Zeit, bis es mir mehr Vergnügen macht,“ entgegnete der junge Mann gereizt. Ein Geheimniß, und noch dazu zwiſchen ſeiner Schwe⸗ 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 4 58 ſter und denen, die er als ſeine geborenen Feinde betrachtete, muße ſeine Galle aufregen. Der Oberkammerherr verſuchte ihn in eine gün⸗ ſtigere Stimmung zu bringen, und bat noch einige Male, das Fräulein herbei zu citiren, weil er ſich in ihr eine Bundesgenoſſin erwerben wollte. Als er ſich überzeugte, daß für jetzt jede Bemühung von dem Trotze des Herrn Neffen abprallte, machte er Anſtalt, ſeinen Rückzug anzutreten. Seine Zeit war abgelaufen. Er vertagte ſeine Belagerung des eigenwilligen Mannes bis auf„morgen Abend,“ und wendete ſich mit ſtillem Bedauern,„nicht glücklicher in ſeinen Bemühungen ge⸗ weſen zu ſein,“ zum Gehen. So lange hatte Konſtanze mit ſtarkpochendem Her⸗ zen der Unterhaltung zwiſchen den beiden Männern gelauſcht. Von dem erſten Ausrufe ihres Bruders betroffen gemacht, hatte ſie ihre Entfernung nicht bis zum letzten Zimmer ausgedehnt, ſondern war horchend ſtehen geblieben. Wer möchte unter den obwaltenden Umſtänden den erſten Stein der Verdammniß auf die holde Lauſcherin werfen. Nach ünd nach war ihr Gefühl bis zur ſchmerz⸗ lichſten Pein herangewachſen. Ihr Urtheil über die Bewohner des Schloſſes Welldorf brach morſch zuſam⸗ men, ſowie ſie den Mann, der ihr Oheim war, nur 659 reden hörte. Die Erzählungen der Madame Hirſch Meier erſchienen ihr wie ſchlechte Märchen, die keinen Glauben zu finden verdienten. Das Verlangen des Oberkammerherrn,„ſie zu ſehen,“ bewegte ſie, und der Grund zu dieſem Verlangen,„daß er ſie, nach der Schilderung ſeines Sohnes Ludwig, liebe,“ entzückte ſie. Für den Augenblick ſegnete ſie ihres Bruders Halsſtarrigkeit, die ſie einem ſehr unfriedlichen Auftritte entzog, aber ſehen, ſehen mußte ſie den alten Mann. Wie ein Vogel ſchlüpfte ſie durch ihr Schlafzimmer nach der Tapetenthür hin, öffnete ſie und ſtand urplötz⸗ lich, wie ein Götterbild, vor dem erſtaunten Oberkam⸗ merherrn da, als er eben, ſehr bedenklich und kopf⸗ ſchüttelnd, die Treppe hinabſteigen wollte. Eine ſchämige Zurückhaltung vor dem Herrn, der ihr fremd und doch ein Verwandter war, ließ ſie einige Momente zaudern. Dann aber hatte ſie ſich gefaßt, dann flog ſie auf ihn zu, ergriff ſeine beiden Hände, blickte ihm feſt, feſt und treuherzig in's Geſicht, und drückte mit liebli⸗ chem Lächeln ihre Lippen ſchnell auf ſeinen Mund. Im Nu war ſie wieder verſchwunden, und nicht einmal die Oeffnung in der Wand konnte der alte Primus entdecken, wodurch ſie erſchienen war. „Das iſt ja ein allerliebſtes Abentheuer,“ mur⸗ melte er, ſeelenvergnügt die Stufen hinabſchreitend. 4* 60 „Gott— welch' ein Mädchen! Welch' ein bezaubern⸗ des Mädchen! Aber Erneſt?“ Er ſchüttelte vielſagend das ehrwürdige Haupt.„Gut— warten wir«morgen Abendy ab! Ein edler Geiſt muß der Wahrheit ſich erſchließen. Iſt er unſerer Liebe abhold, iſt er ihrer unwürdig, ſo laſſen wir ihn fallen und retten uns das Mädchen!“ Nicht halb ſo eilig, in ſeiner Erwartung getäuſcht, kam der alte Herr heim in's Schloß und erzählte be⸗ trübt der horchenden Gattin ſeine Erfahrungen.— Sowie der Oberkammerherr das Gemach verlaſ⸗ ſen hatte, worin er mit Erneſt geweilt, ging dieſer ſcharfen Schrittes nach dem Zimmer, wo er Konſtanze finden mußte. Sie trat ihm heuchleriſch gefaßt aus ihrem Schlafzimmer entgegen, und barg die noch vor⸗ handenen Spuren der eben ſtattgehabten Aufregung ſehr geſchickt hinter einer gleichgültigen Frage, die ihr Bruder weder beantwortete, noch beachtete. Statt deſſen fuhr er mit einer Inquiſitormiene auf ſie los und rief: „Warum verhehlteſt Du mir, daß Du mit einem Sohne des Oberkammerherrn Schmidt⸗Welldorf zuſam⸗ mengetroffen biſt?“ Konſtanze machte ein höchſt unſchuldiges Geſicht, und ſchien nachzudenken. Sie hatte ſich feſt vorgenom⸗ 61 men, dies Mal der Herrſchaft ihres Herzens einen Sieg zu gönnen. Die Lehren des Hofmedicus trugen alſo Frucht. „Ja— ich erinnere mich!“ ſprach ſie dann mit einem kurzen Lächeln.„Es war zur Zeit, wo ſich die guten Falkwerder in einem Mißtrauensvotum wohlge⸗ fielen, und Dich dadurch in eine menſchenfeindliche Stimmung verſetzten.“ „Wo traft Ihr Euch?“ examinirte er mit ver⸗ letzender Nachläſſigkeit. Konſtanze ſah ihn ſtrafend an, und ließ die Frage ganz unbeantwortet. „Willſt Du mir dies Geheimniß etwa nicht auf⸗ klären?“ rief Erneſt ſehr bitter. „Warum nicht! Ich habe es noch nie für ein Geheimniß gehalten, ſondern im Anfange aus Scho⸗ nung gegen Dich verſchwiegen, daß des Oberkammer⸗ herrn Sohn, in deſſen Auftrage wahrſcheinlich, unſer Haus mit ſeinem Beſuche beehrt hat.“ 1 „Wie— Konſtanze? Der Burſche hat es ge⸗ wagt, in unſer Haus zu kommen?“ „Der Burſche—?“ wiederholte das Fräulein lächelnd.„Mir ſchien dieſer Herr um zwölf Jahre älter als Du, auch betrat er auf legalem Wege unſere Salons, ließ ſich beim Herrn Doctor von Schmidt 62 melden, und verlangte, von Deiner Abweſenheit in Kenntniß geſetzt, mich zu ſprechen. Alles dem Anſtande gemäß. „Und weshalb theilteſt Du mir dieſen Beſuch nicht mit?“ Konſtanze erhob ihre Stimme zur ſcherzhaften Feierlichkeit, indem ſie antwortete: 2 „Zuerſt aus dem Grunde, weil mir für Vetter Ludwig's Leben bange war, dann aber, weil ich mich vor der Erzählung der ungeheuerlichen Thatſache fürch⸗ tete, und zuletzt, weil ich mich darüber ärgerte.“ Ein Strahl der Zufriedenheit brach durch das dunkle Gewölk des Zornes, das auf Erneſt's Stirne hing. „Wirklich, Konſtanze?“ fragte er ruhiger.„Wür⸗ deſt Du Dich nicht von dem Glanz und der Pracht der Welt pezwingen laſſen, welche von der Stellung unſers Vaterbruders auf Dich überſtrömen wird, wenn Du Dich jetzt zu ihnen bekennſt?“ „Was gilt mir denn Glanz und Pracht, Erneſt?“ ſagte Konſtanze ganz einfach ruhig. „O— fes iſt der Lockvogel für Dein ungeprüftes Herz! Denke Dir Deinen Onkel in der Nähe der Höflinge oben an, geehrt von Fürſtenhuld, gehoben von Fürſtengunſt—“ 15 63 „Lohnte es ſich wohl der Mühe, deshalb zu le⸗ ben?“ warf Konſtanze ihm ein. Erneſt ſchlug ſeine Arme ineinander und begann einen Spaziergang im Zimmer. Seine Schweſter beobachtete ihn ganz verſtohlen. Sie war mit dem Ausdrucke ſeines Geſichtes zufrieden. Plötzlich ſtand er dicht vor ihr ſtill. „Unſer Onkel Primus Erneſt war hier—“ ſagte er eintönig. „Ich weiß es,“ antwortete ſie ganz gelaſſen. „Er will meine Seele von des Vaters Andenken löſen.“ „Das heißt: er wird Dir erzählen, was einſt⸗ mals geſchehen iſt, um eine ſo tiefe und unheilbare Entzweiung zwiſchen Brüdern herbeizuführen.“ „Natürlich werden die Lebenden den Todten nicht ſchonen, und der kann ſich nicht verantworten.“ „Dann thu' Du es für ihn, wenn es ſein muß.“ „Wenn ich aber unverſöhnt bleibe—?“ Kon ſtanze ſchwieg. „Wirſt Du den Feinden des Vaters folgen?“ „Ja“ „Ja?—“ ſchrie Erneſt vollſtändig erſchrocken. „Freilich—! 36 habe dieſe Antwort erwarten kön⸗ nen.“ Er lehnte den Kopf auf die Hand und blickte 64 düſter vor ſich hin. Konſtanze ſtand auf und küßte ihn ſehr zärtlich auf die Stirn. Weder beſänftigt durch dieſe Liebkoſung, noch dadurch von ſeinem Brü⸗ ten abgelenkt, blieb der junge Mann ruhig ſitzen. „Erneſt—“ begann das Fräulein zitternd— „unſer Schickſal nahet ſich einer Kataſtrophe. Bevor es zu ſpät iſt, zu einem Vertrauen zwiſchen mir und Dir, will ich mein ganzes Innere vor Deinen Blicken erſchließen, und meine thörichten Wünſche Deiner Ver⸗ urtheilung überlaſſen.“ Sie athmete mehrmals raſch und tief, ehe ſie fortfuhr: „Erneſt, glaubſt Du an jene Liebe, die flammend von Auge zu Auge zieht, die wie eine heilige Sym⸗ pathie die Herzen berührt, vergeiſtigt und mit wunder⸗ baren Kräften bereichert? Glaubſt Du an dieſe Liebe? Glaubſt Du an den unausſprechlichen Zauber, der elek⸗ triſch das Herz im Weibe und das Herz im Manne trifft, um ſie Beide für Zeit und Ewigkeit für einan⸗ der zu beſtimmen?“ „Nein,“ antwortete Erneſt, rauh, kalt, ſpöttiſch und hart.„Nein, ich glaube nicht daran!“ Konſtanze lächelte ihn, lieblich erröthend, an. „Du wirſt aber eines Tages daran glauben! Warten wir dieſes Tages ohne Sorge. Ich aber glaube ſeit dem Momente an dies Gefühl, welches unſerm Leben 65 Bedeutung und Weihe gibt, wo ich in die lichtſtrah⸗ lenden Blicke unſers Vetters Ludwig ſah!“. Erneſt fuhr ſchreckhaft zuſammen. „Du weißt nun mein Geheimniß, mein Bruder. — Du haſt nun die Macht, über mein Glück zu ge⸗ bieten—.“ 4 „Und Ludwig weiß auch um Deine Gefühle?“ preßte Erneſt hervor. „Nein. Ich habe ihn nur ein Mal, nur auf einige Minuten geſehen.“ „Biſt Du denn überzeugt, daß der Eindruck ge⸗ genſeitig war?“ „Ja!— Ludwig iſt Wittwer. Das Leid um ſeine Gattin fordert ſeine Zeit. Ich werde ſtill darauf harren, daß ihr Bild erbleiche!“ „Wittwer? Ein ſonderbares Ideal für Mädchen⸗ herzen—“ ſpottete Erneſt. Aber als bereue er ſein Wort, als wolle er die Bande zwiſchen ſich und der Schweſter nicht lockern, ſondern in edler und uneigen⸗ nütziger Zärtlichkeit noch feſter ziehen, ſetzte er ſchnell hinzu: „Es wird mir ſchwerer werden, als Dir, mein Herz von Dir zu einem andern weiblichen Herzen zu tragen, dashalb übe Nachſicht und verſtoße mich nicht! Ich bin herriſch und widerſpenſtig— Dir zu Liebe 66 will ich fügſam ſein und mein Ohr den Beſchönigun⸗ gen nicht verſchließen, die unſere Verwandten für ſich erdenken werden. Dein Glück fordert meine Nach⸗ ſicht—! Ich danke Dir für Dein Vertrauen!“ Konſtanze ruhete ſtill beglückt an ſeiner Bruſt. Sie war Siegerin in dem Kampfe mit den dämoni⸗ ſchen Gewalten geworden, die ihres Bruders Güte beeinträchtigten. Von ihren Armen umſchlungen, von ihren bittenden Blicken beſtürmt, beichtete er nun auch den Vorgang im Hauſe des Baron Roſenau und ge⸗ ſtand mit Reue ein,„daß er durch ſeine eiſerne Natur ein Menſchenleben in Gefahr gebracht habe.“ Konſtanze bebte wahrhaft entſetzt zuſammen bei dieſem Geſtändniſſe. Sie erlaubte ſich einige Einwen⸗ dungen— er ſchüttelte bedeutſam den Kopf. „Ich habe geſehen, wie ein Menſchenherz in der furchtbaren Empörung der Freude ſeine Kraft verlor— noch ein Moment, und es durchbrach ſeine Schranken! Ich ſehe ein, daß ich nicht zum Arzte paſſe, meine theure Schweſter—! Dein Wunſch, mich aus dieſem Berufe zu entfernen, wird ſich erfüllen— ich gebe die Praxis auf alle Fälle auf. Ich habe beſchloſſen, mir ein anderes Feld für meine Thätigkeit zu ſuchen.“ Konſtanze enthielt ſich für jetzt ihres Rathes. Sie überließ es dem Geſchicke, für die Löſung dieſer Lebens⸗ 67 frage Sorge zu tragen, und das Geſchick ſtellte ſich auch ſehr gehorſam zu ihrer Verfügung! Unter der geſchwiſterlichen Conferenz war es nach und nach Abend geworden. Die Herbſtſonne legte ſich mit ihren Goldſtrahlen ſchräg über die Erde hinweg und kleidete ſie in ein prachtvolles Lichtmeer, als Erneſt das Haus verließ und ſich einer jener Höhen zuwen⸗ dete, die, ganz nahe der Reſidenz, eine ſchöne Fern⸗ ſicht darbot. Die Lebensgeiſter eines kräftig fühlenden Mannes ſammeln ſich am leichteſten in der Einſamkeit der Na⸗ tur, unter der Einwirkung des balſamiſchen Hauches, welcher die Luft durchdringt und ſich ſchmeichelnd um die Wunden der Menſchenbruſt legt. Erneſt fühlte die Kraft dieſes Naturheilmittels, als er eine Weile, ganz hingegeben der Betrachtung, oben auf dem Plateau zugebracht hatte. Er war ganz allein. Der Herbſt verödete die ſonſt ſo ſehr belebten Spaziergänge und die bevorſtehende Hochzeitsfeier der Prinzeſſin Mathilde beſchäftigte die Bevölkerung der Reſidenz durch alle Geſellſchaftsſchichten. Ihm war es ein Genuß, allein zu ſein. Was ihn ſeit dem Morgen dieſes Tages bewegt hatte, was erſchütternd durch ſeine Bruſt gezogen war, das mußte erſt geſichtet und geklärt vor ihm liegen, bevor ſeine 68 Entſcheidung maßgebend für ſeine Zukunft wurde. Kon⸗ ſtanzens Bild löſete ſich, nach ihrem Eingeſtändniſſe, davon ab, alſo konnte er, ohne Berückſichtigung auf ſie, Pläne entwerfen. Warum wollte er nicht reiſen? Durch Deutſchlands Gauen, durch Frankreichs para⸗ dieſiſche Fluren, durch Europa über's Meer hinaus— durch die ganze große Welt hindurch, die ihm offen ſtand. Der erquickende Rauſch der Reiſeluſt breitete ſeine Flügel über ihn. Er ſah ſich in den Gegenden, denen der glasklare, von keiner Wolke verſchleierte Horizont, Himmelswölbung war— er träumte ſich, unter dem weichen Südweſtlüftchen, das ſeine Stirn umfächelte, auf die Fluthen des Meeres hinaus, das ſich ſpiegelglatt um das Bug eines Schiffes legte und in kräuſelnden Wellen hinterher ſeine Bahn bezeichnete. Hinter dem goldenen Lichte der Abendſonne tauchten die Fluren in ſeinen Träumen auf, denen dies Geſtirn jetzt die Morgenſonne wurde— feenhaftes Leben, tra⸗ giſche Geſtalten, ergreifende Abentheuer, wechſelnder Genuß— Alles rüttelte ſich unter der Zauberhand ſeiner Phantaſie auf und umgaukelte ſeine ſehnende Seele. Was äber war das Ziel? Wo lag es? Wann erreichte er es? Wenn er müde und matt einſtmals eine Heimath ſuchen wollte— wo fand er ſie? Bei ſeiner Schweſter? Nein! Nein! rief eine Stimme in 69 ihm voller Trauer. Seine Schweſter hatte unterdeß ihren Wirkungskreis lieben gelernt, und dort paßte er nimmermehr hinein! Die Reiſebilder verloren nach und nach von ihrem geheimnißvollen Zauber. Sie boten ihm zu wenig feſtſtehendes Glück. Er war mehr einem berufskräftigen Leben geneigt, weil er die Pein eines Nomadenlebens hatte begreifen lernen, ehe ſein Geiſt reif genug war, deſſen Abwechſelung zu würdigen. Ein Bild ſchlüpfte an ſeiner Erinnerung vorüber, das er flüchtig am Morgen in ſich aufgenommen hatte, das er in einem ſpätern Momente nachmals bemerkt hatte. Im rein idealen Lichte tauchte die Geſtalt Alicens vor ihm auf, eine blendende Erſcheinung im Dämmerſcheine halber Bewußtloſigkeit.— Etn flüchtiger Gedanke war es, der ihr Begegnen traf, ein Gedanke, der nicht haftete und nicht ausmalte, und doch ſchien Erneſt, wie vom Flügel eines Engels berührt, plötzlich ein Anderer. Seine eben gefaßten Reiſevorſätze verſanken in nebelhafte Fernen. Sein Auge ſchweifte lebhafter über die rei⸗ zende Umgebung, und irrte zufrieden über dies Pano⸗ rama hinweg, das in brillanter Abwechſelung die com⸗ plicirte Naturſchönheit der ganzen Erde aufweiſen zu wollen ſchien. Ruhig ſchwebten die Segelkähne den ſchmalen Fluß hinauf und hinab, der von ſcharf her⸗ vorſpringenden Höhen plötzlich dem Auge entzogen, 70 nachher wie ein Silberband in den grünen Auen wie⸗ der erſchien. Rechts die Contouren rieſiger Gebirgs⸗ maſſen vom Abendgolde beſäumt— links die prächtige Stadt mit ihren Thürmen und Thürmchen und der Glanzpunkt derſelben, das majeſtätiſche Schloß in der verklärenden Abendbeleuchtung. Es wurde ruhig in Erneſt. Sein Geiſt überblickte die Tage der letzten Vergangenheit unter andern Be⸗ weggründen, als vorhin. Was drängte ihn denn, einen Ort zu fliehen, der ſeinen Lebensanſprüchen zu genügen verhieß? Hier, wie überall keimte ſein Glück, wenn er die Wurzel dazu richtig einſenkte, und es richtig verpflegte. Waltete nicht ſeit Monaten ein Schickſalsdrang über ihm, der ſeine Theorien zu prüfen und umzuwerfen ſchien? Wieder tauchte das Bild Alicens flüchtig in ihm auf, und dies Mal beſtrebte er ſich, ihrer perſönli⸗ chen Reize ſich zu erinnern. Vergebens! Erheitert von der vergeblichen Bemühung, ſtand er auf, um hinab⸗ zugehen. Er nahm ſich vor, die Dame doch beſſer zu beſichtigen, von der er eingenommen war, ohne ſich eine feſte Vorſtellung von dem machen zu können, was ihn ſo ſehr bezaubert hatte. Seine romantiſche Träumerei wich vor dieſer lä⸗ 71 cherlichen Wirklichkeit und weckte das proſaiſche Gefühl der Neugier in ihm. Beim Hinabſteigen von der Anhöhe wendete ſich Erneſt einem kleinen fürſtlichen Luſthauſe zu, das mit großer Humanität der Discretion des Publikums ge⸗ öffnet war. Von hier aus konnte man den großen Schloßhof mit dem Orangerieſchmuck und ſämmtlichen Seitenflügeln überblicken. Durch eine natürliche Ideen⸗ verbindung ſtand jetzt das Bild des vornehm ſtattlichen Oberkammerherrn in ihm auf. Es war etwas in dieſer Erſcheinung, was ihn mächtig anzog, aber gerade weil ſich dieſe Anziehungskraft ſo geltend machte, ſträubte ſich der junge Mann dagegen. Er fürchtete ſich davor. Sein kindliches Gefühl hielt mit aller Macht den Glau⸗ ben an ſeinen Vater aufrecht, obwohl eine leiſe Furcht vor den Aufklärungen des Familienprimus ihn über⸗ ſchleichen wollte. Remonſtrationen dagegen waren wohl unerläßlich und unausbleiblich, allein er hatte ſich vor⸗ genommen, das zu vermeiden, was ein weiteres Zer⸗ würfniß zu Wege bringen konnte, um Konſtanzens Gefühle zu ſchonen, wiewohl ihm„ihre Liebe auf den erſten Blick“ nur Lächeln ablockte. Er predigte ſeinem Hange zum Spotte„Mäßi⸗ gung,“ und ſchwor ſich zu, ſeinem Charakter„Toleranz —OC᷑O—/BV———— nmm milienzimmer gerollt, und der Knabe betrachtete mit 72 und Güte“ zuzulegen, als er endlich mit einbrechender Dunkelheit den Pavillon verließ. Mit dieſen guten Vorſätzen näherte er ſich der Stadt und bog nach dem Hauſe des Baron Roſenau ein, um ſeinem kleinen Patienten noch einen Beſuch abzuſtatten. Nach gewohnter Weiſe durchſchritt er die Vorzimmer und wollte eben die Seitenthür zu Alfred's Zimmer öffnen, als ein Bedienter ihm ehrfurchtsvoll anzeigte:„daß der Junker bei ſeiner gnädigen Frau Mama ſei, und daß dieſe ihn dringend um ſeinen Beſuch in ihrem Zimmer bitten laſſe.“ Es wäre wohl möglich, wenn Herr Erneſt nicht gar zu feſte Vorſätze gefaßt und gar zu heilige Selbſt⸗ ſchwüre geleiſtet hätte, daß er ohne Weiteres dieſer dringenden Bitte getrotzt hätte und umgekehrt wäre, allein er nahm es als eine Prüfung ſeines ſtrengen Schickſales an, und trat gelaſſen in das Gemach ein, welches der Diener unter der Nennung ſeines Namens weit öffnete. Zu ſeinem Erſtaunen befand er ſich urplötzlich im Kreiſe der ſchönſten Häuslichkeit, und daß dieſe Fami⸗ lie heute zu Ben glücklichſten der Welt zählte, das verdankte ſie ihm. Man hatte unter der größten Vor⸗ ſicht den kleinen Alfred auf einem Ruhebette in's Fa⸗ 73 leuchtender Freude ein Album intereſſanter Bilder, die ihm Alice, dicht neben ihm ſitzend, erklärte. Eine helle Gasflamme durchſtrahlte das Zimmer und der Theekeſſel ſurrte einladend ſein eintönig Lied. Vor demſelben ſaß das Geſellſchaftsfräulein der Baro⸗ nin, bereit, die theedurſtigen Herrſchaften zu verſorgen. Der Baron las und die Baronin, ſtolz und ſteif wie immer, hatte eine Stickerei in der Hand. Es war eine warme Atmoſphäre verbreitet, wohl⸗ thätig für das Herz, das empfänglich für die ruhige Behaglichkeit eines Familienlebens iſt. Die Baronin erhob ſich raſch. Sie war, bis auf eine bedeutende Bläſſe, vollſtändig von ihrem Ohn⸗ machtsanfalle geneſen. Der Baron rief dem jungen Manne ein fröhliches Willkommen zu und deutete mit glückſeligem Lächeln auf ſeinen Sohn, der froh in die Händchen klatſchte. Alice ſah ihm mit unſchuldigfroher Neugier gerade in's Auge, als wollte ſie fragen, ob er wiſſe, daß er ihr Vetter ſei. Erneſt's Geſicht gehörte ſonſt nicht zu denen, die viel von dem verrathen, was im Innern vorgeht, allein bei dem unerwarteten Anblick einer häuslichen Glückſe⸗ ligkeit, wovon die kalte und ſtolzſteife Einrichtung des Hausweſens nichts ahnen ließ, verlor er die Selbſtbe⸗ 5 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 74 herrſchung doch in ſo weit, daß ſein Mienenſpiel die allergrößte Verwunderung zeigte.— Die Baronin lächelte fein, als ſie ihm ihre Hand reichte; Sie wußte jetzt ſeine«Verachtung aller Formen) beſſer zu deuten, als früher. Mit einer ſchnellen Wendung gegen Alice, die in der blendenden Erleuchtung, gleich einem Engel der Verſöhnung, lächelnd vor ihm ſtand, ſagte ſie vor⸗ ſtellend: „Fräulein Alice von Schmidt⸗Welldorf, Tochter des Regierungsrath von Schmidt⸗Welldorf! „Herr Doctor Erneſt von Schmidt⸗Welldorf!“ Ein lähmendes Erſtaunen feſſelte jedes Wort und jede Bewegung in dem jungen Manne. Er bemerkte das Behagen, womit ſich die kleine Geſellſchaft an ſeiner Verwunderung weidete, fand aber deſſenungeachtet keine Worte der Erwiderung, bis Alice voller Mitleid mit ſeiner augenblicklichen Verlegenheit zu ihm herantrat, ihre kleine weiße Hand auf ſeinen Arm legte und ſchalkhaft fragte: „Iſt denn mein Großpapa nicht bei Ihnen gewe⸗ ſen, lieber Vetter, daß Sie nichts wiſſen und nichts ahneten?“ „Ihr Großvater?“ wiederholte er. „Ja, ja— der alte liebe Primus Erneſt—“ ſcherzte ſie hold erröthend. 75 „Der Oberkammerherr—“ ergänzte die Baronin, ebenfalls einer mitleidigen Regung nachgebend, um ſeine Spannung zu löſen. „Allerdings,“ erwiderte Erneſt nun ſchnell gefaßt. „Aber er hat mir nichts von einer Enkelin im Hauſe der Baronin mitgetheilt, deshalb mein Erſtaunen.“ Alice brach in frohlockende Worte aus, die etwas von den Anſichten Erneſt's, in Bezug auf ſeine Fami⸗ lienabneigung, verriethen. Woher mochte es kommen, daß dieſer hartnäckige Widerwille ihm plötzlich Be⸗ ſchämung verurſachte? „Sie ſind im Sturm erobert—“ neckte das Mädchen in ſo herzlich gewinnender Weiſe, daß er ſein Blut wallen fühlte.„Nun aber muß ich Konſtanzen ſehen— heute noch, nicht wahr Vetter Erneſt⸗— heute noch! Ich habe mich ſo lange nach ihr geſehnt, habe ſo lange von ihr wachend und ſchlafend geträumt— bitte— bringen Sie mich zu Konſtanzen—!“ Erneſt ſah ſtill auf das liebliche Geſchöpf nieder, das unſchuldig ſo lange in ſein Auge blickte, bis ihre Blicke ſich trafen. Die Baronin verweigerte den ſpäten Beſuch bei Konſtanze und vertröſtete Alice bis auf den nächſten Morgen. Aufgeregt wies ſie dieſen Troſt ab.„Liebe Tante 5* 8 76 Baronin— Konſtanze iſt ja meine Couſine, meine ein⸗ zige weibliche Verwandte, außer der Großmama— ſei nicht grauſam— ſprich mir nur dies Mal nicht von den Geſetzen der Decorums—! Wäre nur der Onkel Präſident hier, der würde mir beiſtehen— Erneſt“ fügte ſie ſchmeichelnd hinzu,„ſeien Sie gütig gegen mich.“ Wie hätte ein Menſch ſolcher Aufforderung wider⸗ ſtehen können. Der Baron trat auch auf ſeine und Alicens Seite und ſomit hatte kaum der junge Mann die nothwendigen Vorſchriften für Alfred abgegeben, als Alice bereit war, in ſeiner Begleitung fortzugehen. Die Baronin war glänzend überſtimmt, allein ſie huldigte zu ſehr der Etikette, als daß ſie nicht ihrem Diener befohlen hätte, dem jungen Paare zu folgen. Erneſt belächelte dieſe Begleitung, allein er lehnte ſie nicht ab. Mit dem Verſprechen„ſehr bald wieder zu kom⸗ men und Konſtanze mitzubringen,“ verließen Beide das Haus, ehrbar vom reich galonirten Diener geleitet, der ihnen Schritt auf Schritt nachtrottete. Erneſt war ſtill und nachdenkend. Er fühlte, daß er einem andern Einfluſſe, als ſeinem eigenen Willen unterthan gehandelt hatte, indem er dieſe ſchnelle Be⸗ kanntſchaft der beiden Mädchen vermittelte. Um ſo leb⸗ 77 hafter plauderte Alice. Ihre helle klangvolle Stimme drang wie ein beſchwichtigender Zauber an Erneſt's Ohr, und er fühlte ſich bisweilen verſucht zu glauben, daß er träume. Ein ſolcher Umſchwung aller Ideen! — Ihm begann vor der Macht zu grauen, der er zu unterliegen beſtimmt ſchien. Sie gingen dahin, ſorglos, harmlos, unſchuldig, und hinter ihnen ſtand das Verderben auf, das von ihrer unbefangenen Herzlichkeit auf ihre Ferſen gehetzt war. Sie erreichten Konſtanzens Wohnung, ſie zogen fröhlich und freudeſpendend ein in das Haus, welches ein Aſyl neuer Freuden für Alle, die den Namen ih⸗ rer Väter trugen, werden ſollte, und unten an der Schwelle dieſes Hauſes lagerte ſich der auflodernde Haß der Leidenſchaft, der auf Vernichtung unſchuldiger Herzen ſinnt. Wir werden ſpäter ſehen, wer ſich in dem Dämon perſonificirt, der zerſtörend ſeinen Grimm walten läßt, deshalb folgen wir für jetzt dem lichtvollen Bilde der Ueberraſchung, das ſich rührend entwickelte, als Konſtanze vor dem Mädchen ſtand, das ſie ſchon im Andenken an ſeinen Vater geliebt hatte. Mit welcher Innigkeit ſie ſich umſchloſſen hielten, iſt unnöthig zu beſchreiben. Jede von ihnen barg ein zweites, noch tieferes und noch füßeres Gefühl in ſich, das ſie nicht ausſtrömen laſſen durften. In ihrer Ver⸗ —— 78 einigung aber fanden ſie beide die Garantie für ſpätere Seligkeit. 4 Konſtanze folgte der Einladung der Baronin Ro⸗ ſenau und kehrte mit Alicen nach der Wohnung derſel⸗ ben zurück. Erneſt aber hielt ſich mit kluger Ueber⸗ legung von ihrer Begleitung fern. Er mußte erſt den Oberkammerherrn mit ſeinem kalten Empfange verſöh⸗ nen, bevor er die Rechte der Familienbande in An⸗ ſpruch nahm.— Ruhelos verflog ihm der Abend. Konſtanze kam mit dem Gefühle vollſter Befriedigung heim. Sie ge⸗ wahrte ſeinen Zuſtand und bat um ſein Vertrauen. Er wies ſie ſanft zurück. Was wollte er nun beginnen? Mit Herzklopfen überdachte Konſtanze alle Wege, die er möglicherweiſe einſchlagen könnte. „ ss Beſte wäre, er liebte Alicen mit derſelben Hingebung, wie ich den Vater dieſes ſchönen Mädchens liebe,“ dachte ſie in der Stille der Nacht, als ſie die frohen Bilder der Abendſtunden an ſich vorübergehen ließ. Hätte ſie gewußt, daß der tapfere Bruder Er⸗ neſt in demſelben Momente unter tiefem Athemzuge flüſterte„Soll ich wirklich mit allem meinen Stoicis⸗ mus ſchmählich erliegen? Soll ich ſo zauberhaft ſchnell in einer Liebe untergehen, nachdem ich ſie ſo lange ver⸗ 79 lacht habe?“— Ja, hätte Fräulein Konſtanze dieſen Stoßſeufzer eines unerhört kalten und ſtolzen Mannes belauſchen können, ſie würde zufriedengeſtellt, ihr Haupt weich gebettet und tüchtig geſchlafen haben. Als ſie am nächſten Morgen, beſorgt ausſehend, ihrem Bruder entgegentrat, fand ſie ihn gelaſſen und ernſthaft, wie immer, allein ihrem ſcharfen Blicke ent⸗ ging im Laufe der Stunde die geheime Beyweglichkeit nicht, die ſeinem Weſen eine erhöhete Liebenswürdigkeit beimiſchte, eben weil ſie demſelben ganz entgegengeſetzt war. Sein Auge leuchtete bisweilen in einem Feuer auf, das auf innerliche Gluthzuſtände ſchließen ließ. Konſtanze trauete aber ihrer Wahrnehmung nicht recht. Je mehr und je heißer man wünſcht, deſto mißtrauiſcher iſt man gegen die Zeichen der Erfüllung ſeines Wun⸗ ſches. Hätte ſie eine Liebe, eine plötzlich entflammte ziemlich leidenſchaftliche Liebe für Alicen nicht ger ünſcht, ſo würde ſie von ihrem Vorhandenſein in rneſt's Bruſt ſchon überzeugt geweſen ſein. Um elf Uhr machte der junge Mann ſich zum Ausgehen bereit. Es war der Tag vor der Hochzeit der fürſtlichen Braut und Konſtanze hatte verſprochen, mit der Baronin und Alice die Ausſchmückung der Ka⸗ pelle zu beſichtigen, worin ſie getraut werden ſollte. „Bleibſt Du lange aus?“ fragte Konſtanze, weil 80 ſie ſeine Begleitung bei dieſer Beſichtigung wünſchte. „Wir wollen um zwölf Uhr die Kapelle beſehen.“ „Ihr werdet mich vielleicht dort finden,“ entgeg⸗ nete er mit einem Lächeln, gemiſcht aus Scherz und Ernſt. Eine Ahnung durchfuhr Konſtanzens Gehirn.„Er geht zum Oberkammerherrn!“ flüſterte ſie hocherfreut. Erneſt war ſeit ſeiner Sinnesänderung nicht einen Augenblick zweifelhaft über die nothwendigen Schritte von ſeiner Seite geweſen, die er dem Alter und der Stellung des alten Herrn Primus ihm gegenüber ſchul⸗ dig war. Er konnte nicht den Moment in träger Läſ⸗ ſigkeit abwarten, den ſein Oheim zu Erklärungen be⸗ ſtimmt hatte, ſondern er mußte den Trotz ſeines In⸗ nern demüthig beugen lernen, wenn ihm an ſeiner Ver⸗ ſöhnung gelegen war. Erneſt kannte den alten Primus nicht. Er hielt eine Abbitte für nothwendig, wo ein reuiger Blick hingereicht hätte. Kaum war der Name ſeines Neffen von den Lip⸗ pen des meldenden Dieners entflohen, als der liebens⸗ würdige alte Mann in der ganzen Glorie ſeiner ſanf⸗ ten Freundlichkeit erſchien und den jungen Mann feſt in die Arme ſchloß. „Ich habe Dich erwartet, mein lieber Neffe, ich habe gewußt, daß Du kommen und ohne Betheuerungen 81 Deinem alten Onkel glauben würdeſt. O, wären wir uns nur im Leben ein einziges Mal wieder begegnet, wäre Octav, Dein Vater, nur nicht ſo gänzlich aus unſern Augen entrückt geweſen— glaube mir, mein Junge, er hätte meiner Bitte um Verſöhnung auch nicht widerſtanden.„Helene,“ rief er zurückgewendet nach dem Nebenzimmer,„Helene, unſers Octav's Sohn — ein zweiter Erneſt—!“ Die alte Dame ſchritt etwas haſtig herbei. Jetzt wußte Erneſt, woher Alice die Grazie, Anmuth und liebliche Güte im Weſen hatte. Hier hatte er ihr Vor⸗ bild vor ſich. Er beugte ſich mit mehr Ehrfurcht vor dieſer Frau, als er Königinnen zu bezeugen Luſt hatte. „Gott ſegne Deinen Eingang bei uns,“ flüſterte ſie ſehr bewegt.„Und nun Ihr beiden Männer tauſcht ſchnell die alten, ſchmerzhaften Erinnerungen aus, da⸗ mit es klar bei uns werde und Friede um uns her. Dann ziehen wir zuſammen entweder nach Welldorf oder nach Werthalt, wo mein Sohn Ludwig und der alte Victor unſerer warten. Denk' nicht, daß Du uns ſobald wie⸗ der entkommſt. Dafür wollen wir Sorge tragen, mein lieber Erneſt!“ lächelte ſie. Die ruhige Einfachheit, womit ſie ihn in den Kreis ihrer mütterlichen Aufſicht und Beachtung zog, entzückte den jungen Mann. Da 82 war nichts von Ceremonie, keine baſenhafte Neugier, keine weibliche Zweifelſucht, kein unnützer Pathos in ihrem Empfange, und doch dabei dieſe Würde in Hal⸗ tung und Geberde, die Anmuth trotz des ſilberweißen Haares, das ſie, als eine Zierde ihres Alters, unge⸗ färbt unter den Spitzen ihres Häubchens trug. Der Eindruck, den dieſe alte Dame auf Erneſt machte, vol⸗ lendete den Sieg, dem er unterlag. „Ich habe Eure Verzeihung zu erbitten,“ ſprach er reuevoll, die Hände beider Verwandten feſtfaſſend. „Wirſt Du es mir vergeſſen können, mein theurer Onkel— 3 „O— Bſt—!“ unterbrach ihn der Oberkammer⸗ herr eifrig—„Du biſt ja gekommen— was iſt weiter nöthig?“ „Danke Gott, daß Du dem Onkel Präſidenten nicht in die Hände gefallen biſt,“ lachte herzgewinnend die Oberkammerherrin.„Was wird der ſagen? Wie werdet Ihr Beide mit einander fertig werden?“ „Gut, gut, ganz gut, Helene!“ rief der alte Herr vergnügt.„Mein Bruder iſt herzensgut, aber er iſt ein Juriſt, und alle Zuriſten ſind überweiſe und recht⸗ haberiſch. Ich bin froh, daß ich ihm ſchreiben kann «Du ſeieſt zu mir gekommen!)“— Alter, guter Mann, du ſollteſt nur wiſſen, wie 83 viel von dieſem verſöhnlichen Entſchluſſe auf Rechnung der ſchönen Alice kam!— „Nun aber will ich Dir die Jugendgeſchichte Dei⸗ nes Vaters erzählen, mein Junge,“ fügte er ſchnell hinzu, und nahm in einem Fauteuil Platz. Erneſt ſetzte ſich ihm gegenüber. Er war jetzt wirklich ge⸗ ſpannt darauf, die Anſichten ſeiner Gegenparthei zu ver⸗ nehmen, die ſich ſo ſicher in ihrem Rechte zu bewegen ſchien. Die Kammerherrin entfernte ſich. „Dein Vater,“ begann der Oberkammerherr,„war der Jüngſte der Familie, und wurde meinem Vater, dem Miniſter von Schmidt⸗Welldorf erſt geboren, als er ſchon den Abſchied genommen hatte. Wir andern Brüder folgten ſchnell in den Jahren aufeinander und waren ſchon ziemlich herangewachſen. Einem ſeltſamen Einfall von mir zufolge, ſtanden wir ſieben Brüder bei dem achten Gevatter, und dieſer erhielt nach einem eingeführten Familienbrauche den Namen Octavus.) Meine Eltern hingen mit großer Vorliebe an ihrem jüngſten Sohne, und er erhielt in Folge deſſen eine ganz andere Erziehung, als wir Aelteſten. Es iſt über⸗ haupt eine alte Erfahrung, daß ſpät geborene Kinder ſelbſt von den ſtrengſten Eltern einer großen Nachſicht ſich rühmen können. Zu dieſer ganz natürlichen menſch⸗ lichen Schwäche mochte ſich auch die plötzliche Verän⸗ 84 derung aller Lebensanſichten geſellen, welche unter der franzöſiſchen Revolution ſich Bahn brach, genug, mein lieber Neffe, es iſt ganz gewiß der Wahrheit gemäß und keineswegs übertrieben, wenn ich behaupte, daß die Herrſchſucht, der Egoismus und die Eroberungsluſt des großen Uſurpators Napoleon, von Deinem Herrn Vater en miniature ganz würdig repräſentirt wurde. Friede ſeiner Aſche und Segen über meiner Eltern Grab, aber ſie haben viel Leid auf mein Herz mit ih⸗ rer verfehlten Erziehung gelegt!— In Deinem Vater ſteckte ein edler Kern. Großherzig, nach ſeiner kin⸗ diſchen Manier, konnte er trotz ſeiner angeborenen und anerzogenen Tyrannei, das Hemd vom Leibe ziehen und die Vorrathskammern ſeiner Mutter leeren, wenn er einen Hungernden und Frierenden ſah. Oft lud er die Armen des Dorfes zuſammen, zog mit ihnen in den Schloßhof und befahl dem erſchrockenen Koch Alles herauszubringen, was auf dem Feuer ſiede und brate. Vorſtellungen dagegen halfen niemals, und es iſt mehr⸗ mals vorgekommen, daß er zum Angriff commandirte und unter dem jauchzenden Gelächter ſämmtlicher Die⸗ ner, mit ſeiner hungrigen Schaar die Eßvorräthe der Küche eroberte.. Solche Streiche erregten unſere Mißbilligung, während ſie, merkwürdiger Weiſe meinem alten, ſehr — 8⁵ pedantiſchen Vater, dem Miniſter, Spaß machten. Bei unſern Anweſenheiten im Vaterhauſe entſpannen ſich oftmals Debatten über dieſen Gegenſtand, die zuletzt eine Art Spannung zwiſchen uns Aelteſten und den El⸗ tern herbeiführten und uns den Aufenthalt daſelbſt pein⸗ lich machten. Das Schloßgeſinde ſah uns auch nicht gern kommen, weil es des eigenen Vortheils halber mit dem Junker Octav unter einer Decke ſteckte, kurz geſagt, mein lieber Neffe, es war gerade die höchſte Zeit, dem Spektakel in Schloß Welldorf ein Ende zu machen, als unſer Herr Vater und gleich darauf unſere Frau Mutter ſtarb. Zu unſerm Erſtaunen ſtellte Oc⸗ tav ſeine Anſprüche auf das Beſitzthum der Familie mit beiſpielloſer Keckheit, als ein begründetes Recht auf,«weil er allein von uns Allen auf Schloß Well⸗ dorf geboren und ſomit rechtmäßiger Beſitzer deſſelben ſeiv. Ich bemühete mich, ihm das Kindiſche ſeiner Gründe zu Gemüthe zu führen. Sein Trotz hielt mir das Widerſpiel und er, der dreizehnjährige Knabe, be⸗ hauptete von ſeinem Vater das Schloß ageſchenkt» er⸗ halten zu haben. Natürlich verlachten ihn ſeine Brü⸗ der, die erfahrener mit den Verhältniſſen waren, und reizten ihn damit. Von meiner Seite geſchahe damals Alles, was ihn beſchwichtigen konnte, jedoch vergebens. Wäre ich meiner erſten Eingebung gefolgt, ſo hätte ich 86 dem hartnäckigen Knaben das Gut zuſchreiben und an⸗ rechnen laſſen, denn ich erinnerte mich dunkel, daß un⸗ ſer Vater ein Mal die Idee ausgeſprochen hatte, in «Junker Octav einen tüchtigen Landedelmann zu er⸗ ziehen,» allein bei einigem Nachdenken kam ich von dieſem Einfall zurück und ſetzte mich, als Erſtgeborner, in das Recht, nach welchem mir das Stammgut der neuen Adelsfamilie Schmidt⸗Welldorf, zufiel. Aus dem Teſtamente unſers Vaters ging auch keineswegs hervor, daß er Willens geweſen wäre, gerade Well⸗ dorf in den Beſitz ſeines Lieblings zu bringen, wenn⸗ gleich deſſen Erziehung darauf hindeutete, daß er ein Landjunker werden ſolle, und ich ſchließe aus dem Um⸗ ſtande, daß wir unter der Rubrik«Erſparniſſe für Oc⸗ tavus» eine ganz bedeutende Summe Geldes deponirt fanden, auf des Vaters Abſicht:«ihm für dieſe Er⸗ ſparniſſe anderweit eine Beſitzung zu erſtehen,» woran ihn ſein plötzlich eingetretener Tod verhindert haben mag. Dieſe Summie Geldes wurde dem Bruder Oc⸗ tav unbeſtritten vorausberechnet, und da ſie ziemlich an den damaligen Werthanſchlag des Gutes Welldorf hinanreichte, ſo war ihm damit der Verluſt deſſelben hinreichend vergütet. Meine Brüder, obwohl durch dieſe väterlichen Maßregeln in ihrem Erbantheile be⸗ einträchtigt, fügten ſich ohne Murren dem Beſchluſſe, 87 dieſe Erſparniſſe unverkürzt an den bevorzugten Sohn kommen zu laſſen und ſie trotzten im Bewußtſein ihrer rechtlichen Handlungsweiſe, ruhig den Flüchen und Ver⸗ wünſchungen ihres ungebändigten Bruders. Mir ging ſeine Seelenſtimmung nahe. Ich vertrauete jedoch auf die Reife ſeines Verſtandes, die ihm in ſpäterer Zeit genügend erklären mußte, wie ungerecht die Beurthei⸗ lung ſeiner Verhältniſſe zu uns war und ich rechnete darauf, daß die Einſicht in dieſe Verhältniſſe unſere brüderliche Eintracht und Liebe nicht allein herſtellen, ſondern befeſtigen würde, aber ich täuſchte mich in dem Charakter meines jüngſten Bruders. Ohne Murren und ohne Klagen fügte er ſich, nach⸗ dem er eingeſehen hatte, daß ihm ſein unverſtändiges Schimpfen und Toben nichts half. Zwölf Jahre ver⸗ ſtand er es, mein Urtheil über ſich zu täuſchen, zwölſ Jahre wendete er dazu an, um, durch innerliche Ver⸗ bitterungen, die Bande der Familienliebe zu löſen. Als er mündig geworden war, ließ er mir Rechenſchaft über die Verwaltung ſeines Vermögens abfordern, caſ⸗ firte ſeine Gelder ein und— verſchwand! Ich habe ihn nie wieder geſehen, habe nie wieder von ihm ge⸗ hört! Nun entſcheide, mein lieber Neffe, Du, Sohn dieſes ſchmerzlich von mir betrauerten Bruders, ob wir ihm Unrecht gethan haben, ob unſer Bruder 88 Octavus eine Veranlaſſung zu dem bittern Haſſe gehabt hat, mit dem er uns Zeit ſeines Lebens vermieden.—“ „ Nein,“ antwortete Erneſt mit feſter, voller Ue⸗ berzeugung,„nein, mein theurer Onkel— nein! Mein Vater iſt ein Opfer ſeiner vorgefaßten Meinungen ge⸗ worden, und wenn es Dir ein Troſt iſt, ſo will ich Dir geſtehen, daß er von ſeinen eigenen Vorurtheilen bitter geſtraft wurde.“ Der Oberkammerherr ſchüttelte wehmuthsvoll ſein greiſes Haupt. „Das iſt mir kein Troſt, lieber Erneſt! Troſt⸗ voller und beruhigender würde es für mich ſein, zu erfahren, ob nicht ein einziges Mal die Erkenntniß ſeines Unrechtes verſöhnend die Handlungen beleuchtet hat, die er uns als Verbrechen anrechnete.“ Erneſt ſann nach. „Vielleicht iſt auch dies geſchehen,“ meinte er zö⸗ gernd.„Gewiß weiß ich es nicht. Er hat in früheren Tagen mein Herz mit dem Gifte eines unverſöhnlichen Haſſes gegen Euch zu erfüllen geſucht, aber in ſpäterer Zeit ſprach ell nie mehr von ſeinen Iugendeindrücken und meine Schweſter behauptete, liebevolle Aeußerungen, namentlich in Bezug auf Dich, den Primus Erneſt, ge⸗ hört zu haben.“ 89 „Das iſt ein Troſt für mich,“ rief der alte Herr lebhaft.„Wenn er nur nicht im Zorn von der Erde geſchieden iſt, wenn er nur nicht des Himmels Rache auf die Häupter meiner Lieben heraufbeſchworen hat! O, lächle nicht mit dem Ausdrucke des Unglaubens, lieber Junge! Die ſchaurige Gewalt des wilden Haſſes beugt oft die Güte der Vorſehung. Als mir ein Kind nach dem andern ſtarb, da durchſchüttelte mich der Ge⸗ danke an Octav's Fluch— als im vorigen Jahre die blühenden Söhne meines einzigen Sohnes Ludwig ein Opfer des Nervenfiebers wurden, als die Mutter die⸗ ſer prächtigen Knaben dahinſiechte, und der Vater der⸗ ſelben monatelang im Sturme der Nervenkrankheit ver⸗ brachte, da tauchte abermals dieſer Gedanke in mir auf. Lächle nicht über den Aberglauben des alten Mannes. Wenn Du, wie ich, ſechzig Jahre mit der vollen Aufmerkſamkeit eines wißbegierigen Forſchers die Welt⸗ und Familienereigniſſe beobachtet hätteſt, ſo würdeſt Du nicht lächeln bei meiner Behauptung, daß wir oft, direct und indirect, Märtyrer eines Menſchen⸗ fluches ſind.“ „ Mein Vater hat Dir aber nie geflucht, mein gu⸗ ter Onkel,“ fiel Erneſt beſtimmt ein.„Sein entſchie⸗ den zum Trotz ſich neigender Charakter, den er mir leider vererbt hat, hat ihn bewogen, ſich Eurer brü⸗ 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 6 4* 90 derlichen Gemeinſchaft zu entziehen und auch ſpäter ſei⸗ nen Groll feſtzuhalten, allein außer einer bittergehäſ⸗ ſigen Empfindung, die er in ſich genährt, hat er gewiß niemals ein Leid auf Euch herabbeſchworen.“ Der alte Herr nickte vielmals mit dem Kopfe. „Deine Betheuerung freuet mich— aber— woher denn Dein tief gewurzelter Widerwille und Deine entſchiedene Weigerung: Dich uns zu nähern?“ Erneſt fühlte eine leichte Beſchämung, antwortete aber ehrlich: „Ich kannte die Vorgänge aus meines Vaters Ju⸗ gend nicht genau genug, und ich gefiel mir, vielleicht im Uebermaße der Selbſtſtändigkeit, in der tragiſchen Nichtbeachtung Eures Aufrufes. Ich wollte, wie einſt mein Vater bei der Nachricht vom Tode des General Quartus von Schmidt⸗Welldorf, Euch zeigen, daß ich Geld und Gut gering achte.“ „Alſo dieſe Todesnachricht iſt dem Bruder Octav zu Geſicht gekommen?“ forſchte der alte Herr begierig. „Ja wohl. Er ſtand überhaupt immer mit eini⸗ gen Leuten im Verkehr, von denen er die Schickſale der Familie etfuhr, ohne daß er ihnen ſagte, warum dieſe Familie ihn intereſſire. „Zum Beiſpiel wohl mit dem Agent Franz Vel⸗ guth?“ warf der Oberkammerherr ein. 91 „Den Namen habe ich allerdings von ihm ge⸗ hört,“ bekräftigte Erneſt.„ Durch dieſen Mann hat er auch in frühern Jahren ſeinem Bruder Quartus einen Dienſt geleiſtet, der freilich die Ehre der ganzen Fa⸗ milie betraf.“ „Mein Gott, wie mich das freut, daß er uns doch nicht ganz aus ſeiner Erinnerung verſtoßen hat!“ rief der alte Herr gerührt.„Weißt Du das Nähere von der Dienſtleiſtung?“ „Nein,“ erwiderte Erneſt freundlich, auf ſeines Onkels Stimmung eingehend.„Aber wenn Franz Velguth noch lebt, ſo wird dieſer ſich deſſen erinnern. Mir iſt nur bekannt geworden, daß es ſich um Be⸗ trügereien feiler Emiſſäre gehandelt haben ſoll, wobei der Name des ruſſiſchen Onkel Quartus gemißbraucht, er dadurch compromittirt wurde und in Gefahr kam, ſchimpflich ſeines Dienſtes entlaſſen zu werden.“ „Wann ſollte dies drohende Ereigniß dann ſtatt⸗ gefunden haben? Ich habe nie davon gehört!“ „In den Jahren 1834— 35 muß es geweſen ſein. Wir haben damals in Paris gewohnt, und durch dieſen Umſtand gelangte mein Vater zur Kenntniß der In⸗ trigue. Ich war noch zu jung, um ein Urtheil darüber geltend machen zu können.“ „Und Franz Velguth weiß von der Geſchichte?“ . 6* „₰ 92 „Gewiß, denn er iſt von meinem Vater erkoren geweſen, unſern Onkel Quartus zu warnen.“ Der Oberkammerherr ſann nach. Seine Neugier, einmal erregt, ſpannte ſich noch unter einigen Andeu⸗ tungen von Wichtigkeit und er beſchloß, dieſer Sache, ſchon des Intereſſes wegen, etwas näher auf den Grund zu gehen. Franz Velguth gehörte zu den Männern, die überall bekannt ſind und vielfach gebraucht werden, wenn es gilt. Solche Männer haben gewiſſe Rechte auf die Freundſchaft aller Menſchen, eben weil man ſie braucht, und wenn ſie nun noch einen ſo durchdringen⸗ den Verſtand aufzuweiſen haben, wie dieſer Agent Franz Velguth, ſo erringen ſie ſich, bei aller ihrer Origina⸗ lität, überall eine Bedeutung und Berückſichtigung. Auch die Familienhäupter der Schmidt⸗Welldorfs, ſtanden in einem ganz traulichen Verkehre mit dem Agenten, und beſonders der Präſident ſchätzte ſeinen Geiſt, obwohl er ſeine Eigenthümlichkeiten nie ſchonte, ſondern ihn tüchtig damit haranguirte. Seit Jahr und Tag hatte man ihn nicht auf Schloß Welldorf und auch nicht in der Reſidenz, wo die Brüder jetzt zu⸗ ſammenwohnten, geſehen, aber daß er noch lebte und daß er ſich noch um die Familienangelegenheiten ihres Hauſes intereſſirte, das hatte er bewieſen, indem er 7 —,— 93 den jungen Benno von Schmidt, nach deſſen eigenem Geſtändniſſe, nach Welldorf geſchickt hatte. Das Geſpräch zwiſchen dem Oberkammerherrn und Erneſt wurde jetzt durch den Wiedereintritt der alten Dame unterbrochen, und nachdem man, ſehr zufrieden mit einander, eine Abendzuſammenkunft bei der Baro⸗ nin Roſenau verabredet hatte, ſchied Erneſt, um ſich mit beflügelten Schritten zur Kapelle zu begeben, wo außer ſeiner Schweſter Konſtanze noch ein anderes Au⸗ genpaar nach ihm ausſchaute. Aus einigen, beim Abſchiede hingeworfenen Aeußerungen der Oberkammer⸗ herrin, die mit weiblichem Scharfblick einen Zuſam⸗ menhang in dem beeilten Beſuche Erneſt's und der ge⸗ machten Bekanntſchaft mit Alice fand, hatte Erneſt Kunde von einem Vetter Benno erhalten, welcher wohl geneigt ſchiene, die Verwandtſchaftsbande durch innigere noch mehr zu befeſtigen; aber er hatte auch eben ſo ſchnell eine Abneigung gegen dieſe Verbindung entdeckt. Ob aber Alice dieſe Abneigung theilte? Sein Zweifel mochte ſeine Schritte beſchleunigen, und ſein Zweifel mochte auch ſeinem Gruße, ſeinem Betragen und ſeiner Stimme einige Färbungen verleihen. Hingeriſſen von ihren ſich ſchnell und ſtark ent⸗ wickelnden Gefühlen, neigten ſich die beiden jungen Menſchen ſchon bei dieſer zweiten Zuſammenkunft mit 94 einer Hingebung zu einander, welche jede Aufklärung über ihr Inneres unnöthig machte. Unter dieſer Gemüthsſtimmung betraten ſie die prachtvoll und ſinnig ausgeſchmückte Kapelle des Schloſſes, die von der höchſten Nobleſſe des Fürſtenthums mit ſchweigendem Anſtande bewundert wurde. Lautlos, aber um ſo ſprechender in Blick und Geberde, durchzogen Schaaren von elegant gekleideten Damen und Herren die Hallen und betrachteten die koſtbaren heiligen Sym⸗ bole, die brillanten Embleme und die reizenden Blu⸗ mengewinde. Auch Konſtanze und Alice, von Erneſt geführt, begannen ihren Rundgang. Ein Herr hatte ſie augenſcheinlich erwartet. Dicht in die Nähe des Veſtibul gedrückt, das Haar ſchattend über ſeine hohe, freie Stirn geſtrichen und den Kopf gefliſſentlich dem dunklern Theile des Raumes, wo er harrete, zugewendet, ſo ſtand er regungslos, bis die drei Geſtalten erſchienen, und kaum hatten ſie die Bo⸗ genhallen betreten, ſo ſchritt er langſam und ruhig, von mehreren Gruppen Schauluſtiger gedeckt, ihnen nach, die Augen iminer feſt auf ſie geheftet, ohne Bewun⸗ derung für die Koſtbarkeit und den Geſchmack der voll⸗ kommen gelungenen Ausſchmückung. Während die Reſi⸗ denzbewohner kaum ihrem Entzücken zu gebieten ver⸗ 9⁵ mochten, das ſich nur in leiſe gemurmelten Ausrufungen Platz machen durfte, ſah dieſer wunderliche Herr nichts, als Alice, am Arme eines Mannes, zu dem ſie das glänzende Auge bisweilen aufhob und deſſen Flüſter⸗ worten ſie lauſchte. Ein brennender Haß ſtrahlte bei dieſer Beobachtung des jungen Paares aus ſeinen Au⸗ gen, und eine wilde, wüſte Leidenſchaftlichkeit zuckte von den feſt zuſammengekniffenen Lippen hinauf über das ganze Geſicht hinweg, das unbeſtritten ſchöner war, als des jungen Erneſt's Geſicht, wenn auch nicht ſo edel. Schritt für Schritt bewegte ſich die Schaar der Schauluſtigen vorwärts, einer Proceſſion ähnlich, die Niemand durch einen Rückblick zu ſtören wagt. Schritt für Schritt folgte der wüſte, gehäſſige Blick des fremden Mannes auch dem jungen Paare, ohne daß es von ih⸗ nen bemerkt wurde. Plötzlich aber wendete ſich Alice, plötzlich, von einer ſeltſamen Macht veranlaßt, drehte ſie den Kopf, richtete ſie ihre Augen dorthin, wo der Fremde war, und wie von einem Schauder berührt zuckte ſie zu⸗ ſammen. „Benno!“ rief ſie unwillkürlich und ganz unbe⸗ wußt. Wie ein leiſer Glockenhall flog der Name durch die Hallen der Kapelle. 4 96 Die Wirkung dieſer beiden Silben, von den ſchönſten Lippen und auf die zarteſte Weiſe geſprochen, war ſchlagend. Benno verſchwand danach ſpurlos und Er⸗ neſt fühlte ſich, wie von einem Wetterſtrahle berührt, der bitterſten Qual anheimgegeben. Nachdem Alice die erſte, nicht angenehme Ueber⸗ raſchung überwunden hatte, ſah ſie ſich ſcharf, aber ganz vergeblich nach ihrem Vetter um. Sie belächelte ihren Schreck, der ihr eine ganz beſondere Bedeutung ſeiner Anweſenheit vorgeſpiegelt hatte, und ſuchte ſich Gründe hervor, die ſeine Reiſeroute nach Warſchau verändert haben könnten. Als ſie ihn aber trotz aller Forſchungen nicht wie⸗ der ſah, glaubte ſie ſich geirrt zu haben und erwähnte nichts weiter davon, nachdem ſie erklärt hatte, ſie müſſe von einer Aehnlichkeit momentan getäuſcht worden ſein. Erneſt wurde jedoch nicht wieder in jene beglückte und ganz idylliſch ruhige Stimmung zurückverſetzt. Sein Mißtrauen half ſeinem Stolze wieder etwas auf die Beine und regelte ſein Betragen gegen ſeine reizende Couſine zu einer gewiſſen Förmlichkeit, die ihm in den Augen der Baronin Roſenau und der Frau Oberkam⸗ merherrin weniger ſchadete, als in denen Alicens. Wäh⸗ rend Convenienz und Sitte ſein Benehmen„taktvoll“ ———— zu nennen beliebte, taufte es das hübſche junge Mäd⸗ chen„kalt“ und ſah ſehr betrübt dabei aus. Spät Abends, nachdem ſich der neugeſchloſſene Familienkreis im Salon der Baronin das erſte Rendez⸗ vons gegeben hatte, und in gegenſeitiger Zufriedenheit geſchieden war, ſaß Alice, einem einſamen Nachdenken hingegeben, auf ihrem Zimmer. Die Gardinen waren geſchloſſen, die Fenſter dicht verhangen und ein leichter, ſcharf vom Weſtwinde ge⸗ triebener Regen, ſchlug ſpielend gegen die Spiegelſchei⸗ ben, daß ſie leiſe erklangen. Alice dachte dem Wechſel nach, der ſeit Jahresfriſt ihr Leben betroffen hatte, und ſie überlegte mit gravitätiſchem Kindermuthe die Pflich⸗ ten, die ihr dabei zu Theil geworden waren. Die Baronin hatte mit ihr davon geſprochen, daß die Stelle ihrer Mutter erſetzt werden— daß ihr Vater wieder heirathen mußte. Solche Eröffnungen fallen immer wie Mehlthau in die Blüthe kindlicher Liebe und tödten den füßen Duft derſelben. Alice hatte idealen Träumen von Treue gehuldigt — was mußte ſie jetzt fühlen, wo eine reelle Wirklich⸗ keit ſie erweckte? Ein voller Accord auf einem ſchönen Flügel, ganz in der Nähe, vielleicht gegenüber ihrem Fenſter, ertönte jetzt ſo plötzlich, daß ſie jähe zuſammenſchrak und mit 98 klopfendem Herzen der Muſik lauſchte, die klar durch die ſtille Luft drang. Mit einigen harmoniſchen Wen⸗ dungen, einigen Läufen, einigen Trillern und ſonſtigen Hokuspokus, womit alle Virtuoſen zuerſt gern aufzu⸗ warten pflegen, wendete ſich endlich der Spieler einer wunderſchönen Melodie zu, die er hinreißend ſchön aus dem Geſchwirre einer vollſtimmigen Begleitung heraushob. „Es iſt Benno— es iſt Benno!“ flüſterte Alice zitternd vor Ueberraſchung. Aber ſie ging nicht zum Fenſter, ſie zog nicht die Gardinen zurück, hob nicht die Rouleaux auf, ſondern kauerte beklommen im Sopha, hörte zu und begann bitterlich vor Angſt zu weinen. „Was will er von mir?“ flüſterte ſie unter ihren Thränen.„Soll ich ihn verrathen, ſoll ich erzählen, wie er mir von Liebe geſprochen, wie er um meine Liebe gebeten hat? Was will er hier? Ich liebe ihn nicht, mich ängſtigte ſeine ſtürmiſche Bewerbung und das wortreiche Geſtändniß, das er mir ablegte, reizte mich zum Lachen!— Was bonnte ich Beſſeres thun, als durch feſtés Schweigen meinen Kaltſinn erklären. Ich dachte ſeiner Nähe entronnen zu ſein. Warum folgt er mir hierher und zwar verſteckt und heimlich. Er wollte nach Warſchau. Was will er hier? 99 Was hofft er von mir?— Benno handelt unred⸗ lich gegen meine Verwandten, daß er mich heim⸗ lich zu einem Bündniſſe verleiten will— was ſoll ich nun thun? Schweigen—? Wiederum ſeine un⸗ erlaubte Werbung ignoriren?“ Achtes Kapitel. Fräulein Alice hatte ſich wirklich nicht getäuſcht, als ſie Benno in der Kapelle zu ſehen glaubte, und ſie war auch keineswegs im Irrthum über den nächt⸗ lichen Klavierſpieler. Es gehörte ein ſo überſpanntes, leichtfertig leidenſchaftliches Temperament dazu, wie Benno hatte, um ſich zu dieſen extravaganten Schritten zu entſchließen und von denſelben Erfolg zu erwarten. Benno wollte nach Warſchau? Richtig, das hatte er erklärt, und nach dort war er vorgeblich vor beinahe vierzehn Tagen abgereiſt. Aber er täuſchte ſeine alten, ehrwürdigen Verwandten. Ohne Säumen machte er ſich auf den Weg nach Landsau, ſuchte die Wohnung des Baron Röſenau auf, wo Alice während ihrer An⸗ weſenheit bleiben ſollte, und verſchaffte ſich ohne Schwierigkeit ein Quartier dem Roſenau'ſchen Hotel gegenüber. 101 Daß er mit dieſem Streiche die Achtung ſeiner Herren Vettern auf's Spiel ſetzte, konnte er ſich an zwei Finger abzählen. Allein die Leidenſchaft machte ihn blind, und wenn das Herz erſt im Strudel der Wünſche den Pfad des Rechtes verlaſſen hat, ſo geht ihm gewöhnlich die Bahn verloren, worauf das Glück ehrlich zu erringen iſt. Benno ſah Alice ankommen und ſein Herz jauchzte in der Luſt, ſie zu ſehen und ſie ohne die Argusaugen der alten ehrenwerthen Herrſchaften zu wiſſen. Jetzt mußte es ihm, nach ſeiner Anſicht, leicht werden,„dies kleine reizende Fräulein, mit ſeiner allerliebſten Prüderie und ſeiner heißen Phantaſie“, an ſich zu reißen. Ihm waren ſchon ſchwerere Siege gelungen, an denen ihm nichts lag, wie ſollte es wohl kommen, daß er hier, wo ſein ganzes zeitliches und ewiges Wohl davon ab⸗ hing, vergebens nach Erhörung ränge. Er ſchob das bisherige Mißlingen der klöſterlich ernſten Einrichtung des Schloſſes Welldorf zu, und bauete auf die Wir⸗ kungen ihrer größern Unabhängigkeit.— Der Tag verging ihm unter beſtändigem Obſerviren. Alice wurde nicht ſichtbar, wohl aber bemerkte er einen hochgeſtalte⸗ ten jungen Mann, von edlem und imponirendem Aeu⸗ ßern, der sans géne in's Haus ging und ziemlich lange dort verweilte. Er fragte, im Anfluge wüthender Ei⸗ 102 ferſucht nach ihm bei ſeinem Wirthe und erhielt die befriedigende Antwort:„das ſei der Doctor, welcher dem Junker Alfred die Beine abgeſchnitten und wieder angeſetzt hätte.“ Jetzt hätte er laut lachen mögen über die Romantik, mit der ſeine Eiferſucht dieſen Mann bekleidet hatte. Herr Benno ſaß wie weiland Ritter Toggenburg: „harrend von des Morgens Lichte, bis zum Abend⸗ ſchein— ſtille Hoffnung im Geſichte, ſaß er da— allein!“ Endlich erſchien ſie, die Liebliche, endlich hörte er ihre ſanfte, klingende Stimme unter der Thürhalle. Sie ſchien im Begriffe auszugehen— er ſchlug ſein Fenſter zu und ſtürzte, wie ein Raſender, ihr nach. Wer malt ſein Entſetzen, ſeine blinde Wuth, als er in dem Manne, der an ihrer Seite ging, denſelben Herrn erkannte, welcher„Junker Alfred's Beine abge⸗ ſchnitten und wieder angeſetzt hatte!“ Wer beſchreibt ſeinen Grimm, als er jetzt erfuhr:„dies ſei der Doc⸗ tor Erneſt von Schmidt⸗Welldorf,“ und als er ſehen mußte, daß Alice, das wohlbehütete Kind der Familie, mit dieſem begünſtigtern Vetter im Dunkel des herein⸗ brechenden Abends in ein Haus ging, wo dieſer Erneſt wohnte. „Alſo deshalb dieſe Reiſe—“ knirſchte er außer 103 ſich vor Aerger.„Deshalb Alicens plötzliche Reiſe hierher, um ſie mit dieſem„Pflaſterkaſten» zu verkup⸗ peln und ſie mir, dem«freien Künſtler», zu entreißen! Wartet Ihr alten Hallunken, die Ihr Euch wie Kö⸗ nige auf Eurem Schloſſe dünkt— wartet, das werde ich Euch gedenken! Die Wände im Schloſſe Welldorf ſind nicht ſo dick, daß mir nicht Manches zu Ohren gekommen ſein ſollte, was eigentlich nicht für mich ge⸗ ſprochen wurde. Ich weiß, man beabſichtigt Alice mit einem Vetter zu verheirathen— gut— warum kann ich dieſer Vetter nicht ſein? Ich will dieſer Vetter ſein! Ich will und ich werde das Mädchen zu gewinnen ſu⸗ chen, das Alles in ſich vereint, was mich ſelig auf Er⸗ den machen kann: Reichthum, Schönheit, Ehre!—“ Ein häßliches Lächeln flog über ſein hübſches Geſicht, als er hinzufügte:„Sollte ich den Beſuch der jungen Erbin bei dem Herrn Doctor Erneſt von Schmidt⸗ Welldorf nicht zu meinen Gunſten ausbeuten können? Was thut es, wenn Fräulein Alice etwas weniger Ehre hat?“ Benno faßte Poſto an einem Pfeiler und beobach⸗ tete feſt das Haus, worin Alice verſchwunden war. Es währte nicht lange, ſo erſchien ſie wieder, aber nicht in des Doctors Begleitung, ſondern in Geſellſchaft einer Dame, mit der ſie ebenſo freundlich plaudernd, 104 den kurzen Weg nach Roſenau's wieder zurück machte. Jetzt erſt ſah er auch den ſteif hinterher marſchirenden Bedienten in der Roſenauiſchen Gallalivree. Seine Anſicht veränderte ſich etwas— ſeine Wuth legte ſich und machte einer ſtillen Ueberlegung Platz. Daß ein Zufall— eine Himmels Fügung nannte es Konſtanze— dieſe verſchollenen Kinder eines ver⸗ ſchollenen Bruders hierher geführt haben ſollte und zwar zu derſelben Zeit, wo ganz plötzlich das junge Fräulein auch zu dieſer Reiſe gedrängt wurde, war undenkbar. Die Sache war abgekartet, diplomatiſch ein⸗ gefädelt von dem feinen Hofmanne, dem Oberkammer⸗ herrn und dem ſchlauen Juriſten, dem Präſidenten. 1 Dieſe Pläne zu durchkreuzen, wäre allein ſchon ein Amuſement für den„freien Künſtler“ geweſen, allein ſein eigener Vortheil heiſchte die Vernichtung der hinter ſeinem Rücken geſchmiedeten Intrigue und er ſetzte jetzt ſeinen Kopf darauf, der ganzen Familie zum Trotz derjenige zu ſein, welcher Alicen mit ihrem Reichthume heimführen würde. Im Gunde ſeines Herzens lag allerdings eine gewiſſe Liebe, wenn man das unedle, bisweilen jähe aufflammende Sinnlichkeitsgefühl ſo nennen darf, für das junge, ſchöne Mädchen, die ihn zu ſeinen Thaten 107 2 Wie oft in ihr das heilige Prieſterthum der Harmonie erkannt. Und darauf hatte er gerechnet, darauf einen Plan gegründet, der ſie beide in den Schleier eines ſüßen Geheimniſſes und Verſtändniſſes hüllen ſollte. Alicens reine Mädchenſeele war aber der Verſu⸗ chung ohne Schwierigkeit entgangen. Keine, auch nicht die leiſeſte Bewegung verrieth dem Lanſchenden, daß ſie ihn in dem Spieler errathen habe, daß ſie von der Ueberraſchung«ihn hier zu wiſſen ergriffen ſei. Mit dem neuen Morgen zugleich erwachte in Benno eine wilde Unruhe und trieb ihn an, mit ver⸗ zweifelter Entſchloſſenheit zu handeln, um dem quälen⸗ den Zuſtande der Unentſchiedenheit zu entgehen. Er beſchloß ſein Incognito preiszugeben und eine Begeg⸗ nung mit denen zu riskiren, die vielleicht ein Recht zu einer Frage an ihn hatten. Mit dem Bewußtſein ſei⸗ ner Sprach⸗ und Dichtungsfertigkeit konnte es ihm nicht fehlen ſich herauszuwickeln, wenn das Ohngefähr tückiſch genug ſein ſollte, ihm, ſtatt Alice, wie er es ſehnlich wünſchte, den alten Oberkammerherrn vorzuführen. Es war der Vorabend der fürſtlichen Hochzeits⸗ feier, und der Confluxus der Fremden mehrte ſich mit jedem Augenblicke. Benno warf ſich in das fröhliche Treiben der Menſchen, welche von Neugier und Schau⸗ luſt erfüllt waren. Er hatte ganz richtig combinirt, —— 108 . wenn er an dieſen nächſten Tagen die ſtrenge Ober⸗ aufſicht über das noch nicht hoffähige junge Fräulein, bedeutend vernachläſſigt zu finden erwartete. Der Baron und die Baronin Roſenau, ferner nicht von häuslichen Sorgen abgehalten, mußten in ihre Hofpflichten eintreten, der alte Oberkammerherr fungirte als Ehrencavalier— höchſtens war alſo die alte Dame eine Begleiterin Alicens, wenn dieſe ſich in das Gewühl wagen wollte, und dieſe war ſeine Wider⸗ ſacherin nicht. Aber ſeine Combinationen ſcheiterten an dem einfachen Umſtande, daß Konſtanze und Alice das Haus der Baronin gar nicht wieder verließen, nachdem ſie mit dieſer Dame zuerſt nach dem Schloſſe gefahren waren, um die zur Schau ausgelegten Ausſtattungs⸗ gegenſtände für die Fürſtenbraut zu beſichtigen. Sie kehrten im Wagen wieder zurück und es gereichte nur das dem unverwüſtlich hoffnungsreichen jungen Manne zum Troſte, daß Erneſt nicht in ihrer Geſellſchaft war. Während er in unerſchütterlicher Conſequenz die Fenſterreihen des Roſenau'ſchen Hauſes mit ſeinen Blicken belagerte, erhielt der Präſident von ſeinem Bruder, dem Oberkammerherrn, folgenden Brief: „Mein lieber Bruder Victor. Wir drehen uns oft noch mit unſern Wünſchen, Plänen und Hoffnun⸗ gen im weiten Kreiſe der Schwierigkeiten, wenn ſchon anſpornte, allein es iſt ſicher, daß der Reichthum des⸗ ſelben bedeutend in die Wagſchale fiel, als er dem Widerſtande zu trotzen beſchloß. Unter dieſen Gemüthsregungen folgte er den bei⸗ den Damen, als ſie traut und lieb, wie alte Bekannte, zu der Baronin Roſenau gingen und unter dieſen un⸗ veränderten Vorſätzen erwartete er ſie am Morgen in dem Veſtibül der Kapelle. Nachdem er von Alice geſehen und erkannt worden war, blieb ihm für dieſen Moment nichts weiter übrig, als zu verſchwinden, da ſeine Anſchläge noch unreif im Schooße der Zeit ſchlummerten, und er erſt ausſpio⸗ niren mußte, in wie weit der Vetter Erneſt einen Vor⸗ zug im Herzen Alicens erhielt. Die Großeltern der jungen Dame durften nichts von ſeiner Anweſenheit erfahren, wenn er nicht von vornherein mit ſeinen Entwürfen ſcheitern wollte. Bis dahin war er alſo Herr ſeiner Vernunft, Herr ſeines Geiſtes und ſeines Verſtandes, ob aber ſeine ruhige Ueberlegung vor den Einflüſſen leidenſchaft⸗ licher Eindrücke beſtehen würde, ob er nicht im Strome der Wallungen mit fortgeriſſen, von ſeinen jeſuitiſchen Begriffen getragen und von ſeiner geſteigerten Selbſt⸗ ſucht zu Thaten geſtachelt, dennoch zu unterliegen be⸗ ſtimmt war, darüber machte er ſich keine Sorgen. 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 7 8 106 Als Alice die Fenſter verhangen, die Gardinen verſchloſſen ließ bei ſeinem nächtlichen Klavierſpiele, da zog ein höhniſches Lächeln über ſeine Lippen und er beſchloß ſeine Serenade mit einem luſtigen Walzer, als Ausdruck ſeiner ungeſtörten Laune bei dieſer affectirten, Gleichgültigkeit.— „Die junge Dame ſcheint mich«todtſchweigen zu wollen,“ murmelte er in die ſtille Nacht hinaus. „Bringen wir ſie morgen zum Reden, damit ihr Herz⸗ chen nicht eintrocknet.“. Lange ſtarrte er hinüber nach den Fenſtern, wo ein ſchwacher Lichtſchein ihm, trotz aller Verhüllungen, verrieth, daß das Jdol ſeiner weltlichen Träume noch nicht in des Schlafes Armen Vergeſſenheit ſuchte. Er hatte gar zu feſt auf Alicens muſikaliſche Na⸗ tur gebauet, als er den Verſuch machte, ſie mit ſeinen harmoniſchen Tönen herauszulocken, und er wußte ganz genau, daß nur ihr feſter Wille ſie abhielt, ihrer Muſik⸗ leidenſchaft nachzugeben, die ſie ſonſt unbewußt und willenlos fortzureißen pflegte. Wie oft war er nicht Zeuge des tiefen wonnigen Erbebens geweſen, welches ſie bei den ſüßen Adagio's der Beech haufſgen Sonaten bis zu Thränen überwäl⸗ tigte. Wie oft hatte er in dem feuchten Glanze ihres Auges die wahre innere Erkenntniß der Muſik belauſcht! 111 unſers Octav's übelangebrachte Anſprüche jetzt im Sohne zu realiſiren. „Laſſen wir dieſe Alternativen ruhen und dafür zu der durchweg befriedigenden Erſcheinung Konſtanzens übergehen. Es iſt mir ganz begreiflich, daß dies Mäd⸗ chen einen mächtigen Eindruck auf Ludwig's verwaiſetes Herz hat machen können. Du wirſt ſie jedenfalls mit aller der humoriſtiſchen Vorliebe beehren, die Du für ausgezeichnete Frauen an den Tag legſt. Nachdem ich von unſerm hartnäckigen Neffen abgeführt und auf die Zeit vertröſtet war, wo er begreifen gelernt, daß nicht wir, ſondern ſein lieber Vater in ſeiner kindiſch alber⸗ nen Selbſtverehrung gefehlt hatte, geſchah es mir viel⸗ leicht zum erſten Male in meinem Leben, von innerm Zorn überwältigt zu ſein. Ich ſchritt ernſtlich böſe der Treppe zu, als ich, wie hingezaubert, Konſtanze lieb⸗ reizend, lächelnd wie ein Verſöhnungsengel, vor mir ſtehen ſah und mich in vollſter, kindlichſter Anerkennung umarmt fühlte. Stumm, wie ſie erſchienen war, ver⸗ ſchwand ſie auch wieder. Ich aber trollte verſöhnt heim. Erſt am nächſten Abende, nachdem Alles zwiſchen mir und Erneſt ausgeglichen war, ſah ich Konſtanze wieder und zwar im Beiſein Roſenau's. Erneſt führte ſie mir ceremoniell zu— ich alter Mann blickte«ver⸗ legen, in ihr hübſches Geſicht, ſie aber, mit der * 112 Grazie, Leichtigkeit und Anmuth einer vollendeten Dame, erzählte unſer Treppenrencontre, flocht uns alle in ein heiteres Gelächter und entrirte ſofort mit meiner Frau ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen die zukünftigen Tyranneien ihres Bruders bei ähnlichen Gelegenheiten. Man konnte in Wahrheit nicht anmuthiger und dabei praktiſcher zu Werke gehen, um einer Scene, woran die harmloſe Stimmung ſcheitern mußte, alles Störende zu nehmen. Zuerſt hatte ſich Erneſt's Stirn gefurcht — dann aber ſah er ſeine Schweſter mit einem Blicke an, der ihr eine Verwandlung ſeiner etwas zornigen Gefühle ſehr deutlich verrieth. Ganz unbemerkt von allen Andern näherte ſie ſich nach einiger Zeit ſeinem Platze, neigte ſich zu ihm und blickte ihm in's Auge. Dieſer kleine Zug unterwürfiger Frauenliebe, die nicht zu athmen vermag, wenn der, den ſie lieb hat, ſei es als Gatte, ſei es als Bruder, ihr zu zürnen ſcheint, hat mich tief gerührt. Er iſt mir eine Garantie für Ludwig's Zukunft!. „Alice hat ſich mit leidenſchaftlicher Wärme an Konſtanze angeſchloſſen. Meine kluge Helene benutzte den Zeitpunkt! der erſten Exaltation, um das Kind auf die Möglichkeit aufmerkſam zu machen, daß ihr Vater nicht unbewegt beim Anblick dieſer wirklich bezaubernden Geſtalt bleiben werde. Ein glühendes Roth, dem eine 109 die Vorſehung mit leichtem Fingerdruck einen unſicht⸗ baren Mechanismus zu unſerm Heile leitet. Wundere Dich deshalb nicht, wenn Du erfährſt, daß wir mit unſerm Neffen Erneſt in der freundſchaftlichſten Einig⸗ keit leben und Konſtanzen, das liebenswürdigſte „Frauenzimmerchen, wie der Doctor Sterenthal ſagt, gleich einer Tochter lieben. „ Wie ſich dieſe Affaire ſo wunderbar günſtig und ſchnell erledigte? Wir fanden in dem Arzte, welchem der unglückliche Alfred zur Heilung anvertrauet war, unſern Neffen, und zwar gerade an dem Tage, wo er ſeine Kunſt glänzend bewährte. Alfred hat jetzt Füße wie jeder andere Menſch, und daß er ſie hat, verdankt er dem Muthe Erneſt's. Ich weiß, daß Dir dieſe Nachricht weniger intereſſant iſt, als eine Beſchreibung unſers erſten Zuſammentreffens, und ich gehe deshalb ſchnell zu dieſem Thema über. Bei der uns wohlbe⸗ kannten widerſetzlichen Gemüthsart unſers Neffen, konnte ich von dem erſten Angriffe auf ſeine vorgefaß⸗ ten Meinungen„keinen durchweg günſtigen Erfolg er⸗ warten, und in der That blieb dieſer ſelbſt noch hinter meinen geringen Hoffnungen zurück. Nur mit Mühe gelang es mir, den obſtinaten Sohn des Octav zu dem Verſprechen zu bringen, daß er mich hören wolle. Ich ſelbſt beſtimmte einen Zeitpunkt, der fern genug lag, 110 um ihm Gelegenheit zur Einſicht zu geben, im Stillen hoffend, daß die Pietät gegen den Aelteſten ſeiner Ver⸗ wandten ihn zum Vertrauen leiten würde. In wie weit meine Vorausſetzungen getäuſcht worden wären, wenn nicht das Geſchick unſere Alice mittelbar zu un⸗ ſerer Vertreterin gewählt haben würde, wollen wir un⸗ erörtert laſſen. Meine Frau ſchlägt den Einfluß Alicens ſehr hoch an, und Frauen haben darin einen fyliſſgen Blick.— Erneſt hat indeß mit einer erbaulichen Be⸗ reitwilligkeit die Grundloſigkeit eines vierzigjährigen Haſſes anerkannt, und wir ſind über die Zergliederun⸗ gen unſerer Beſitzanſprüche ſehr bald weggekommen. Sein Charakter iſt noch unfertig zu nennen, indem er von den Eindrücken der Außenwelt geleitet wird, aber der Fond in ihm iſt durchaus tadellos.— Wie er, mit ſeinem Stolze und mit ſeinem despotiſchen Weſen, in ſich einen Beruf zum Arzte hat finden können, be⸗ greife ich nicht— ich meines Theils halte ihn für den beſten Vertreter einer Landedelmannſchaft und würde ihn als Beſitzer von Schloß Welldorf, ganz an ſeinem Platze finden.. „Ich ſehe jetzt, durch eine Entfernung von ſunfzig Meilen hindurch, das Lächeln des Sarkasmus auf Dei⸗ nem Geſichte, mein lieber Bruder Victor, denn Du findeſt in dieſer Aeußerung ganz ſicher meine Willigkeit, 115 einen Brief, den ſie, in der Unkenntniß des Poſtſtem⸗ pels, als einen aus der Heimath zu betrachten geneigt war, und womit ſie ſich, nach der ſcherzend gegebenen Erlaubniß der Baronin, die ſoeben zu Hofe fahren wollte, ſchleunig in ihr Zimmer zurückzog. Alice gehörte noch der Jugend an, wo ein Brief als der Ausdruck innerlicher und wahrer Empfindung betrachtet wird. Sie erhielt überhaupt wenig Briefe, beſonders aber noch niemals einen, der nur von fern einem Liebesbriefe geähnelt hätte. Hiernach kann man ſich die ſtürmiſche Wallung, das an Entſetzen grenzende Erſtaunen vorſtellen, als ſie, ſchon bei den erſten Worten, in einen Strom von Gluth, Sehnſucht und Verlangen ſich getaucht fühlte, und von dem heißen Hauche einer leidenſchaftlichen Be⸗ redſamkeit betäubt, eine Fluth von Liebesklagen und Liebesbitten auf ſich einſtürmen ließ. Der Brief war nicht unterzeichnet— ſie hatte nie Gelegenheit gehabt, Benno's Handſchrift zu ſehen, allein, daß nur er der Verfaſſer dieſes Liebesgeſtänd⸗ niſſes ſein konnte, daran zweifelte ſie nicht einen Au⸗ genblick. Erhitzt von dem fremdartigen Ton ihrer Lectüre, entzündete ſich ihre Phantaſie bis zur Gluth, indem ſie ſich zum Gegenſtande einer Begeiſterung erhoben ſah, 116 die verrätheriſch genug eine Zärtlichkeit in ſich faßte, welche nur in ihrem Beſitze Genügen zu finden hoffte. Sie verſtand in ihrer Unſchuld nicht Alles, was der unbeſonnene Mann ihr zu ſagen ſich erlaubte, aber ihre Adern pochten und das Herz hob ſich in tiefern Athemzügen als ſie las:„Mein ganzes Weſen löſet ſich auf in Dir, Du ſüßes Mädchen— ich bin be⸗ rauſcht von dem ſanftzärtlichen Blick Deines Auges, das unbewußt von der Flamme ſpricht, die in Dir glühen kann! Ich gönne Niemandem dieſen Blick— meine Eiferſucht macht mich raſend, wenn ich daran denke, daß ein Anderer die roſigen Lippen meines rei⸗ zenden Ideals berühren könnte! Könnte ich zu Deinen Füßen liegen, nur ein Mal, o nur ein einziges Mal — könnte ich Dir mit dem vollen Ausdruck meiner Leidenſchaft in's Auge ſehen, Dein Herz müßte ſich daran entzünden, und wir würden im trunkenen Ent⸗ zücken unſere Vereinigung für's ganze Leben fühlen. Seit ich Dich kenne, Du liebliches Weſen, habe ich nur einen Gedanken gehabt, und das grenzenloſe Glück, wovon mir träumte, hat mich beſeelt. Du kannſt meine Träume verwirklichen, Du kannſt mich aus dem Meere von ſtürmiſchen Empfindungen emporheben und mein tiefes Sehnen nach Dir befriedigen! Wirf die Maske der jungfräulichen Zurückhaltung ab— ſei 113 tiefe Bläſſe folgte, war das Reſultat dieſes Experimen⸗ tes. Nicht ein Wort der Ueberraſchung entfloh ihrem Munde. Erſt am nächſten Morgen, als ſie mit Kon⸗ ſtanzen die Ausſtattung der Prinzeſſin betrachtet hatte, benutzte ſie einen kurzen Moment, um der Großmama ſehr leiſe in die Ohren zu flüſtern: Ich will Kon⸗ ſtanzen meinem Vater gönnen— aber— meine arme Mutter! Sie würde ſehr traurig ſein!» „Ludwig darf alſo nichts in ſeiner Werbung über⸗ eilen, wenn er nicht das weiche Herz ſeines Kindes un⸗ heilbar verletzen will. Eröffnet ſich zwiſchen Alice und Erneſt ein Verhältniß, wie unſere Anſichten es wün⸗ ſchenswerth finden, ſo verliert ſich das peinliche Gefühl in der Kleinen von ſelbſt. „ So ſtehen hier die Sachen, mein lieber Bruder Victor. Beiläufig ſuche doch den Agent Franz Velguth zu einem Beſuche in Werthalt zu veranlaſſen. Wir werden ohngefähr in vier Tagen Landsau verlaſſen, auf unſerer Rücktour Heſſenthals beſuchen, einige Tage in Caſſel bleiben und dann zu Ench zurückkehren, um erſt mit den erſten Schneeglöckchen Welldorf wieder zu beziehen. Bis dahin müſſen ſich alle Verhältniſſe ge⸗ klärt haben. Benno iſt wohl noch nicht zurück von Warſchau? Ich habe meine eigenen Bedenken über die Herkunft dieſes Vetters, ſeitdem mir Erneſt von 114 4 einem ſeltſamen Qui pro quo erzählt hat, worüber der Agent Franz Velguth Auskunft geben kann. Veranlaſſe dieſen Originalmenſchen alſo zu einem Beſuche Ende November, damit wir uns ſo weit wie möglich von der Echtheit des Vetter Benno vergewiſſern können. Meine Zweifel über ihn baſiren hauptſächlich darauf, daß in ihm auch nicht die geringſte Ader einer Fami⸗ lieneigenthümlichkeit hervorſpringt, während Erneſt, ohne Aehnlichkeit mit irgend einem unſerer Brüder zu haben, überall an einen von ihnen erinnert in Wort, Haltung, Blick und Miene. Das Studium dieſes kern⸗ geſunden Naturmenſchen, inmitten einer ſo blaſirten Männerwelt, wird Dir Spaß machen. Dir ſieht er am wenigſten ähnlich, aber im Innern möchtet Ihr wohl harmoniren.“ Der Brief ſchloß mit einigen Notizen über die Traufeierlichkeit, über einige Präſentationen und mit der wiederholten Verſicherung ſeiner Zufriedenheit über die ſchnelle Wendung ihrer Familienangelegenheiten. Wir entnehmen aus demſelben, daß der alte Herr von Benno's Anweſenheit in Landsau und von ſeinem Belagerungsſhſtem noch nicht unterrichtet war, und daß er es ſich nicht träumen ließ, mit welch' frevelhaftem Leichtſinne der junge Mann ſeine Entwürfe durchführte. An demſelben Tage erhielt auch Alice durch die Poſt 149 Gute, der ſich kaum zu einer verrätheriſchen Aufmerk⸗ ſamkeit und Huldigung herabließ, während in ihm eine Neigung für Alice zu lodern begann, die eher den Na⸗ men„Leidenſchaft“ verdiente. Es traten ſchon jetzt, im Beginne ihrer Bekannt⸗ ſchaft, Minnten voller Ueberwältigung ein, die von dem Siege der Liebe über ſeine Natur Zeugniß gaben, aber er ſelbſt kämpfte noch wacker mit der Liebe zu ei⸗ nem Mädchen, das er kaum einige Tage kannte, und ſein ſarkaſtiſcher Geiſt gewann faſt immer die Herrſchaft über ihn, wenn ſein Herz eine Schwäche zu zeigen beliebte, die er noch für einen Phantaſieirrthum erklärte. In einem traulichen Geſpräche mit Konſtanze gab er allerdings zu, daß eine Trennung von Alice ihm andere Empfindungen bereiten würde, als die kleine Doris, das arme liebe Inſelmädchen jemals in ihm hervorgerufen hatte, aber er hielt es keineswegs für unmöglich, auch in dieſem Falle Sieger der Conflicte zu werden, falls ſich dergleichen herausſtellen ſollten. „Wir kennen bis jetzt nichts von den Plänen der Familie in Betreff Benno's, des zweiten Vetters,“ fügte er anſcheinend kaltſinnig hinzu, entging aber trotz ſeiner Maske dem fein beohachtenden Schweſterherzen mit dieſer ſtill gehegten Furcht nicht,„wer weiß denn, 120 was der Präſident, der mir, wenn auch nicht Welt⸗ herrſcherideen, ſo doch Familienbevormundungen zu lie⸗ ben ſcheint, im Rathe der Weiſen beſchloſſen hat. Wende mir nicht mit Deinem mütterlich ſorgſamen Blicke ein, daß Dein Einfluß auf Alicens Vater mein Glück be⸗ gründen helfen ſoll, es iſt mein feſter Vorſatz, mich auf keine Weiſe als Bewerber um meine liebliche Cou⸗ ſine zu melden, wenn ich dadurch Familienzerwürfniſſe herbeiführen könnte. Ich liebe meinen alten Onkel, den Oberkammerherrn, bereits mit ſolcher Hingebung, daß mir ſeine ungeſtörte Seelenruhe jedes Opfers werth ſcheint.“ „Woher ſtammen Deine Bedenken, Erneſt?“ fragte Konſtanze etwas beſtürzt.„Hat Dir Onkel Primus Eröffnungen gemacht, die auf Pläne mit Alice und Benno ſchließen laſſen? Oder ſind ſie nur Aus⸗ geburten Deiner Sorge?“ Ein leichtes Roth der Verlegenheit ſchattete mo⸗ mentan des jungen Arztes Züge, als er haſtig er⸗ widerte: „Zwiſchen Alice und Benno walten Beziehungen ob, wenn mich meine Beobachtung ſonſt nicht täuſcht. Sein Name geht nie ohne eine kleine Verwirrung über ihre Lippen, und als die Tante Oberkammerherrin geſtern nach dem Klavierſpieler fragte, der ſeit mehren 117 ein liebendes Weib— werde mein, Alice, werde mein!“— Zwei Mal las ſie das Schreiben, welches ſich in derſelben Art, wie die angedeuteten Phraſen, durch zwei ganze Seiten hindurchzog, ohne daß das Pochen ihres Herzens ſich gelindert hätte. Dann aber ſiegte ihre edle Natur und die Pflicht der Sittſamkeit trat wieder in ihre Rechte. Beſchämt über ſich ſelbſt legte ſie den Brief vor ſich nieder und überlegte, was ſie damit anfangen ſollte. Ihr Stolz forderte ſie auf, die⸗ ſen Beweis einer heimlichen Liebeswerbung ebenſo hartnäckig zu verläugnen, wie ſie bisher ſeine Serenaden verläugnet hatte. Es war ihr zuwider geweſen, als Verrätherin ſeines unerlaubten Treibens aufzutreten, als ſie noch keinen ganz untrüglichen Beweis ſeiner Anweſenheit anführen konnte, dadurch aber ſchloß ſie auch jetzt die Thür zu einem nachträglichen Vertrauen gegen ihre Verwandten. Wäre Konſtanze nicht die Schweſter Erneſt's geweſen, ſo würde ſie dieſe mit hol⸗ der Schüchternheit in ein Geheimniß eingeweihet haben, das bei allem Mißbehagen darüber, dennoch einen Reiz in ſich barg, der von ihr eine Schonung des Gegen⸗ ſtandes heiſchte, welcher aus Liebe gegen die Geſetze des Herkommens ſündigte. Aber der Schweſter des Mannes, den ſie ganz unwillkürlich an die Stelle des hatte, das kam dem feſten, ſchwärmeriſchen Erneſt zu 118 wirklichen Schreibers dieſer Liebesepiſtel geſetzt und ſich dabei in die Situation hineingeträumt hatte, von ihm einſtmals ſolche Worte zu hören, dieſer Schweſter konnte ſie ihr heißwallendes Herz nicht eröffnen. Sie überlegte nicht lange. Bald flammie ein Streichhölzchen zwiſchen ihren Fingern und die gluth⸗ athmenden Liebesworte, die ihr Daſein vielleicht nicht „einem gedruckten Romane“ verdankten, wie dantals die Briefe an Benno's arme, verlaſſene Charlotte Bienengräber, gingen unbedauert einer ſpurlofen Ver⸗ nichtung entgegen. Als das kleine bewegliche Häufchen Aſche, das vor dem Hauche ihres Mundes aufflog, vor ihr lag, kehrte ihr Blut wieder in ſeine geregelten Bahnen zurück und ſie belächelte weiſe die thörichte Aufregung, die ſo ſchnell zu bewältigen geweſen war. Sie wußte aber nicht, daß ihr Lächeln ſeitdem liebenswürdiger und ihr Stim⸗ menton weicher und milder geworden war, wo ſie von der Erregbarkeit ihres Blutes Kenntniß erhalten hatte und ſie begegnete mit einiger Ueberraſchung dem for⸗ ſchenden Blicke Konſtanzens, der ſie nach dem Grunde dieſer Veränderung befragen zu wollen ſchien, als ſie bald darauf wieder mit ihr zuſammentraf. Was Benno mit vermeſſenem Muthe aufgewühlt A 121 Tagen Roſenau's gegenüber wohnt, und dabei des wundervollen Spieles erwähnte, womit Benno ſie ent⸗ zückt habe, da tauchte ſich ihr Geſichtchen in die feu⸗ rigſte Röthe, die ihrem zarten Teint zu Gebote ſteht. Ich beneidete den, welcher dieſe reizende Verwirrung hervorrief.“ Konſtanze ſchüttelte mißtrauiſch den Kopf. Da ſie jedoch ihrer Sache ebenfalls nicht ſicher war, ſo wollte ſie ihre Ueberredungskunſt nicht verſchwenden, aber er⸗ muthigt durch ihre Beobachtung eines erhöheten Ge⸗ müthslebens in Alice, wie ſie es am Tage zuvor voll⸗ ſtändig kund gegeben hatte, erklärte ſie doch die eiferſüch⸗ tigen Vermuthungen Erneſt's für voreilig. Sie geſtand es ſich heimlich ein, daß eine Ver— bindung ihres Bruders mit der jungen Tochter des Mannes, dem ſie Throne in ihrer Erinnerung gebauet hatte, zu ihren Lieblingsgedanken gehörte, und daß ſie hiervon auch ihre ſpätern Verhältniſſe abhängig machte. Wenn Vetter Benno freilich Alicens Neigung gewon⸗ nen haben ſollte, ſo blieb ihr nichts weiter übrig, als ihrem Bruder eine treue Gefährtin zu ſein, bis die neue Wunde ſeines Herzens verharſcht ſein würde. Von dieſer neu gewonnenen Anſicht der Verhält⸗ niſſe geleitet, war es ihr eine Erleichterung, von der beſchleunigten Abreiſe des Oberkammerherrn zu hören, 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 8 122 der, wie ſein Brief an den Präſidenten beſagte, ſchon am Tage nach der Abreiſe ſeiner erlauchten jungen Gönnerin— der Prinzeſſin Mathilde— Landsau eben⸗ falls zu verlaſſen beſchloſſen hatte, um den Einladungen der Familie Heſſenthal zu genügen. Konſtanze und Erneſt wollten mit dem Frühlinge in Welldorf eintref⸗ fen. Bis dahin konnte ſich die Unruhe und Spannung der Gemüther gelegt haben, und wenn vorausſichtlich das Gefühl ihres Bruders durch längſt gefaßte Fami⸗ lienbeſchlüſſe gefährdet erſcheinen ſollte, ſo mußte ein Wiederſehen hintertrieben werden, welches ihres Her⸗ zens Wünſche vielleicht krönen, aber Erneſt unnützen Kämpfen hingeben konnte. Von nun an ſchärfte Konſtanze ihre Aufmerkſam⸗ keit auf Alicens Gemüthszuſtand, und ſie fand ſo we⸗ nig Anlaß zu Befürchtungen, daß ſie insgeheim die eiferſüchtigen Grübeleien belächelte, die den Namen „Benno“ zu einer geſpenſtiſchen Wichtigkeit erhoben hatten. Des Feſtes Feierlichkeiten gingen vorüber. Im würdigen Glanze zeigte ſich des Bürgers Theilnahme durch Aufzüge, Feuerwerke, Muſik und Puppenſpiel. Das Gedränge wurde erſtickend, wenn die Schauluſt, von den rieſigen Anſtrengungen einzelner Patrioten angelockt, ſich auf dieſen Stellen concentrirte. Ueberall ſah man die haute volée mit Herablaſ⸗ ſung das Gewirr durchtheilen, um ſich harmlos dem Volke zuzugeſellen. Die Landsauer kannten ihre Ari⸗ ſtokratie, und ſie liebten dieſe Repräſentanten des Glan⸗ zes. Der Adel war reich— ſein Luxus nährte den Handwerker, darum ehrte dieſer den Stand, welcher ſeinen Lebensunterhalt bewirkte. Furchtlos ließen die vornehmen Damen die Schran⸗ ken zwiſchen ſich und dem friſch fröhlichen Völkchen fallen, furchtlos ſchritten ſie in das Gewühl hinein, wo ſie von ehrerbietiger Achtung beſchützt wurden. Der Abend war zur Tageshelle erhoben. Lam⸗ penlichter und Gasflammen wetteiferten um den Rang, die Schatten der Herbſtnacht zu verſcheuchen. Oben im Schloſſe entfaltete ſich die Pracht der großen Cour. Wer irgend Connexionen hatte, um dort als unbemerkter Augenzeuge ein Winkelchen zu fin⸗ den, von wo man den blendenden Pomp der Toiletten beobachten konnte, der pries ſich glücklich. Die Baro⸗ nin Roſenau wollte ihren jungen Freundinnen Alicen und Konſtanzen dieſen Anblick gewähren. Sie ordnete an, daß ihre Equipage um eine beſtimmte Stunde die jungen Damen zum Schloſſe bringen ſollte, und wäh⸗ rend ſie dabei verweilte, den beiden, nicht hofmäßig J3. 124 gebildeten Mädchen noch einige Etikettenregeln einzu⸗ ſchärfen, trat Erneſt mit ſeinem kleinen Patienten ein. „Laſſen Sie uns auch Theil haben an dem bril⸗ lanten Vergnügen,“ ſcherzte der junge Mann mit einem Blicke auf Alice, die in heller Freude glühete, ob in der Erwartung„ſchöner Kleider und des Goldes Pracht“ zu ſehen, oder aus Ueberraſchung über den unerwarte ten Beſuch.„Alfred ſoll die Illumination ſehen— ſie wird ſeinen Horizont über Weltglanz ebenſo bedeu⸗ tend erweitern, wie den der Damen über Hofglanz. Können Sie uns im Schloſſe nicht gebrauchen, gnädige Frau, ſo fahren wir unterdeſſen in den Straßen um⸗ her, bis die Herzen der Fräulein geſättigt ſind vom Schauen.“— Die Augen der Baronin leuchteten vor Luſt. Ihr Sohn ſollte wirklich ſo weit gekräftigt ſein, daß er mit ſeinem treuen Arzte hinaus durfte? Ein leichtes Ban⸗ gen dämpfte immer noch ihre Wonne. O, mit welchem Jubel hatte ſie den hohen Herrſchaften verkündigt, daß ſie bald die Ehre haben würde, ihn als geheilt von ſeinem Gebrechen zu präſentiren. „Wiſſen Sie,“ fuhr ſie, ſelbſtvergeſſen, heraus, „wiſſen Sie, daß Se. Hoheit mit Sterenthal von dem Plane geſprochen hat, Sie hier zu feſſeln?“ „Als Arzt?“ fragte Erneſt frappirt. 125 Die Baronin nickte, legte aber, als Zeichen devo⸗ ten Schweigens, den Finger auf den Mund. Erneſt ſchüttelte ernſthaft den Kopf. „Brechen wir dieſem geheimnißvollen Vorhaben das Siegel, meine Gnädige,“ ſagte er vermeſſen.„Ich habe in der ſchweren Stunde einer Selbſtprüfung und Selbſterkenntniß beſchloſſen, meine Laufbahn als Arzt mit dieſer, gottlob mir wohlgelungenen Cur zu enden! Sagen Sie das bei Gelegenheit Sr. Hoheit, um ihn und mich der Verlegenheit einer Unterhandlung zu ent⸗ ziehen, die an meinem unerſchütterlichen Entſchluſſe ſcheitern müßte.“ Die Baronin lächelte fein und diplomatiſch. Sie glaubte nicht an eine Unerſchütterlichkeit, welche von blendender Ehre bekämpft werden würde. „Doctor Sterenthal zieht ſich zurück von der Praxis,“ warf ſie leicht hin.„Sein Rang und ſeine Stellung werden vacant.— Se. Hoheit liebt das Haus Schmidt⸗Welldorf. Ich glaube der Ober⸗ kammerherr wird Sie ſehr beſtürmen, Ihren unbe⸗ greiflichen Entſchluß aufzugeben. Aber laſſen wir das bis zu günſtigern Zeiten dahingeſtellt ſein, und gön⸗ nen wir uns der freundlichen Gegenwart. Alfred darf alſo in Ihrer Begleitung hinaus? Gut! Der Wagen wird von mir erſt um neun Uhr gebraucht. 126 Bis dahin ſtelle ich ihn zu Ihrer Verfügung. Meine jungen Freundinnen müſſen aber Ihrer Geſſellſchaft entſagen, ſie ſind auf meine Begleitung angewieſen, wenn wir vom Schloſſe zurückfahren. Der Baron wird im Wagen des Oberhofmarſchall eine Tour durch die Stadt machen.“ Ihren Anordnungen wurde Folge geleiſtet, obwohl in Alicens Augen plötzlich das Verlangen nach den Herrlichkeiten der Toiletten erloſchen ſchien. Die Damen verfügten ſich auf's Schloß, und um acht Uhr ſah man den jungen Erben des Roſenau'ſchen Hauſes mit Vorſicht in den ſchaukelnden Wagen heben und ſeinen Arzt neben ihm Platz nehmen. Es währte aber keine Viertelſtunde, als die Equi⸗ page im raſenden Galopp die Straße wieder hinab⸗ rollte, als der herbeiſpringende Bediente den Junker, blaß, weinend und ſichtlich verſtört aus den Armen eines fremden Herrn empfing, der ſich ſogleich wieder in den Wagen warf und eilig davon fuhr. Was war geſchehen? Aus den Erzählungen des Knaben konnte Niemand klug werden. Still, in einen Winkel des Sophas gedrückt, ſchluchzte das arme Kind ſo lange, bis es einſchlief, und ſo fand ihn auch der Chirurg noch, der allabendlich mit beſtimmten Vorkeh⸗ rungen den Knaben auf ſeine Lagerſtätte bringen mußte. 2 127 Trotzdem der kleine Burſche ſich ſehr verſchlafen und confus zeigte, ſo enthielten ſeine Berichterſtattungen doch ſo viel Beängſtigendes für dieſen Mann, der dem Doctor Erneſt ſehr ergeben war, daß er ſogleich nach Beſeitigung ſeiner übertragenen Pflichten das Haus des Baron Roſenau verließ und zu Erneſt's Wohnung eilte. Ahnungslos und von der ſteifen Sitte des Hauſes vor jeder Mittheilung behütet, kam Alice ſpäterhin heim, und das junge Mädchen ſuchte, übermüde von allem Sehen und Hören, ſogleich ihr Zimmer auf. Zum erſten Male wurde ſie nicht von der harmoniſchen Liebesklage Benno's empfangen, zum erſten Male ſeit ihrer Ankunft konnte ſie ſich ungeſtört und ohne Be⸗ ängſtigung ihren Träumereien hingeben, die ſie nach Schloß Welldorf führten. Mitten in dem Taumel, den Glanz und Pracht, Hoheit und Macht ſtets über junge Seelen verhängen, hatte ſie eine Sehnſucht nach Schloß Welldorf mit ſeinem ſtillern und einfachern Glücke ge⸗ fühlt, das ſie allerdings mit der ernſten Geſtalt Er⸗ neſt's verherrlichte— mitten in dem berauſchenden Elemente eitler Triumphe, als die Blicke und Geber⸗ den des Einverſtändniſſes zwiſchen ihr und den ange⸗ ſehenſten Perſonen der Hofnobleſſe ſie, nebſt Konſtanzen, zum Gegenſtande allgemeiner Aufmerkſamkeit machten, 128 hatte ſie dieſe ephemere Luſt und Herrlichkeit gering angeſchlagen gegen ein Leben im Kreiſe ihrer Familie neben dem Manne, dem ſie huldigend Lorbeerkronen weihete. So jung ſie war, ſo fügte ſie dennoch feſt und ſicher einen Stein zum andern beim Baue ihrer Luftſchlöſſer und ſchaffte ſich ein beſtimmtes Bild ihrer Zukunft. Konſtanze wurde dabei die Schöpferin ihrer Glückſeligkeit. Ihr Widerſtreben gegen die Rechte, welche dies ſchöne Mädchen einzunehmen beſtimmt ſchien, ſchwand. Sie blickte über die Ferne hinaus, und ſah alle Lebensverhältniſſe im ſanften Glanze neuer Glücks⸗ ſonnen verklärt! 1 Benno ſpielte nicht! Es lag eine Beruhigung in dieſer Unterlaſſung beharrlicher Werbung, der ſie eine ſtille Todesverachtung entgegengeſetzt hatte. Er ſpielte nicht, alſo hatte er eingeſehen, daß ſein Bemühen ver⸗ geblich, daß ihr Herz kalt, ihre Phantaſie verſchloſſen gegen ſeine Huldigungen war. Sie freuete ſich jetzt ihrer klugen Maßregeln, womit ſie Hoffnungen im Keime erſtickt, und doch ſeine perſönlichen Verhältniſſe geſchont hatte. Niemand als ſie wußte von den Ge⸗ fühlen Benno's, und daß ſie davon wußte, konnte Nie⸗ mand, ſelbſt er nicht, ihr beweiſen. Das junge uner⸗ fahrene Kind freuete ſich alſo ihrer klugen Maaßregeln, weil es glaubte, Liebe und Leidenſchaft laſſe ſich be⸗ 129 ſchwichtigen. Daß ſich Rache, Haß und Verbrechen entwickeln können, wenn das Herz von der Kälte und dem Hohne, womit ihm begegnet wird, überfüllt iſt, wovon hätte Alice das wiſſen können. Zufrieden mit ſich ſelbſt, legte ſie ihr Köpfchen in die Kiſſen und ſchlummerte unter ſüßen Träumen bis zum Morgen. Aber der Morgen tagte endlich und brachte Licht und Leben in das unheilvolle, dunkel gebliebene Ereig⸗ niß des Abends. Zuerſt ſchlich ſich das Gerücht durch die untern Schichten der Bevölkerung, daß in dem Gewühl des Abends, unweit der Brücke und des Zeughauſes, wel ches ſich durch geſchmackvolle Verzierungen und Erleuch⸗ tungen ausgezeichnet hatte, ein Mann durch einen Meſ⸗ ſerſtich tödtlich verwundet ſei. Ungläubig lächelnd ſagte es Einer dem Andern, und ungläubig lächelnd hörte es Einer von dem Andern. Es lag ein Schleie des Geheimniſſes über der That ſelbſt und über dem Namen des Verwundeten. Dann, und zwar ſchon im Laufe der vorgerückten Morgenſtunden, gewann dies Gerücht Bedeutung. Man nannte einen Namen, der ſeit wenigen Tagen in den weiteſten Kreiſen bekannt geworden war. Es fanden ſich hier und da Leute, die etwas beobachtet hatten, ohne —— — —-ℳ⸗———--—— 130 Gewicht darauf zu legen, die nun erſt eine Sache zu erklären wußten, welche bis dahin unter der Beweg⸗ lichkeit ihres Erinnerungsvermögens verſchwunden ge— weſen war. Die Schleier der Ungewißheit lüfteten ſich mehr und mehr, und endlich ſtand die Thatſache feſt, aber leider un⸗ 'ergründlich. Bis zu den fürſtlichen Gemächern brachen ſich jetzt die Erzählungen eines unerhört daſtehenden Vorfalles Bahn, und erregten dort wie überall in der ganzen Reſidenz Theilnahme, Bedauern und Ent⸗ rüſtung. Im Hauſe des Baron Roſenau war man durch die Schranken ernſter Etikette vor allen Stadtgeſchich⸗ ten geſichert, und der Baron, die Baronin und Alice ſaßen in gemüthlichſter Sorgloſigkeit beim Frühſtücke, als ſchon das übrige Hausperſonal von der betrüben⸗ den Nachricht,„der Doctor von Schmidt ſei ermordet worden,“ gleichſam betäubt umherſchlich. Keiner wagte es, bis zu der ſtolzen Herrſchaft damit vorzudringen, ſolange nicht Einer oder der Andere durch officielle Nachfragen dazu berechtigt wurde, und doch fühlte Je⸗ der die Verbindlichkeit, diejenigen davon in Kenntniß zu ſetzen, welche in unmittelbarem Zuſammenhange mit dem ſchrecklichen Vorfalle ſtanden. In dieſer Calamität erſchien den Hausbedienten 131 der Geheimrath Sterenthal, wie ein Hülfsengel, und man beeilte ſich, ihn ſogleich beim Eintritte in's Haus von der Verlegenheit zu unterrichten, worin man ſich befand. Der Doctor war über alle Maßen erſtaunt, gerade Roſenau's noch in völliger Unwiſſenheit zu wiſ⸗ ſen, während ſie gerade, als am meiſten betheiligt, von allen Seiten Gegenſtand des Geſpräches waren. Er ſchritt unverzüglich zu einer Mittheilung, die von ihm beſſer, als von jedem Andern der Wahrheit gemäß gemacht werden konnte, da er direct von Erneſt kam. Seine Beſuche im Hauſe gehörten zu den Unter⸗ brechungen des Ceremoniells, die nur er ſich erlauben durfte, und ſo trat er denn unangemeldet in den Fa⸗ milienkreis, der ſich an den Vorgängen der verfloſſenen Tage ergötzte. „Fräulein Konſtanze läßt grüßen,“ rief er Alicen zu, die in friſcher Jugendlaune ihm entgegen ging, um lhn mit affectirter Feierlichkeit zu einem Seſſel zu ge⸗ eiten. „Was macht Konſtanze? Hat ſie gut geſchlafen?“ fragte das junge Fräulein. „Wahrſcheinlich hat ſie gar nicht geſchlafen— entgegnete der alte Hofmedicus mit ſo trockenem Ernſte, 74 132 daß die Augen der Anweſenden ſich ſofort auf ihn hefteten. „Iſt das Fräulein krank?“ forſchte der Baron. Alice ſah ängſtlich geſpannt aus. „Nicht das Fräulein—.“ „Erneſt?—“ fuhr Alice auf, unwiſſend darüber, wie verrätheriſch ihr Herz dabei heraustrat. „Wiſſen Sie noch gar nichts? Hat Alfred nichts darüber erzählt?“— Man verneinte die Fragen des Doctors, der klüglicherweiſe die Aufmerkſamkeit zurück⸗ leitete. „Es iſt dem Doctor Schmidt geſtern Abend ein eigenthümlicher Unfall paſſirt?“ Die Baronin griff heftig aufgeregt zur Klingel. Sie hatte ihren Sohn noch nicht geſehen. Als der Bediente erſchien, fragte ſie ganz ruhig: „Was macht Alfred? Iſt er geſund? Laſſen Sie ihn herführen!“ befahl ſie. Beruhigt wendete ſie ſich nun von Neuem zum Doctor, der ſtill lächelnd die Ausbrüche ihrer Mutter⸗ ſorge beobachtet hatte. „Erzählen Sie uns ſchnell von des Doctors Un⸗ fall—“ bat die Baxonin. Alice zitterte ſichtbar. „Eigentlich kann ich wenig erzählen,“ meinte der alte Herr, Gleichgültigkeit heuchelnd.„ Ich kam her, um aus Ihres Sohnes Erzählungen Stoff für meine Muthmaßungen zu ſchöpfen.“ Er ſtreifte mitleidig mit ſeinen gutmüthigen Augen über Alice hinweg, deren Gemüthsſtimmung aus der Bläſſe der Wangen deut⸗ licher hervortrat.„Doctor Schmidt iſt auf eine un⸗ begreifliche Weiſe derwundet, und zwar in dem Mo⸗ mente, wo er mit Ihrem Sohne den Wagen verlaſſen hat, um Alfred, von der Kaimauer aus, den vollen Ueberblick über den Zeughausplatz zu geſtatten. „Verwundet?“ fragte der Baron ungläubig.„Wie und auf welche Weiſe?“ „Ziemlich meuchelmörderiſch und banditenmäßig,“ erläuterte der Hofmedicus. „Doch nicht gefährlich? Sprechen Sie deutlich heraus— Sie ſpannen uns auf die Folter,“ rief die Baronin von Alicens ſtarrer Bläſſe geängſtigt. „Gefährlich iſt jede Wunde, ſo lange ſie nicht geheilt iſt,“ entgegnete Doctor Sterenthal ausweichend. „Man hat meinem jungen Freund einen Meſſerſtich ver⸗ ſetzt, der in ſeinen Folgen noch nicht überſehen werden kann—.“ „Allmächtiger Gott—!“ rief der Baron. Seine Gattin vermochte vor Entſetzen kein Wort hervorzu⸗ bringen, aber aus Alicens Augen ſtürzten Thränen. 134 „Und wer hat das gethan?“ fügte der Baron heftig hinzu. „Vermuthlich Einer, der ſeinen Brotneid bis zur Bösartigkeit hat wachſen laſſen,“ antwortete der Hof⸗ medicus.„Man ſpricht ſeit einigen Tagen davon, daß Se. Hoheit meinen jungen Collegen durch Huldäuße⸗ rungen eclatanter Art hier feſſeln will—. Es mag Manchem nicht damit gedient ſein, einen ſo grund⸗ geſcheidten Arzt neben ſich zu haben— hierin iſt allein der Grund des Attentats zu ſuchen, da Doctor Schmidt ſonſt mit Niemandem in Conflict gerathen iſt.“ „Leidet Erneſt ſehr?“ fragte Alice jetzt ſchüchtern. Wieder ſtreifte der alte Herr mit gewichtig mitleidigem Blicke über das junge Mädchen hinweg. „Konſtanze leidet jetzt mehr, als er,“ ſprach er ernſthaft. „Erneſt iſt doch nicht todt?“ ſagte ſie krampfhaft zitternd. „Noch nicht!“ erwiderte der Doctor ganz ruhig. Alice ſtand auf.„Ich will zu ihm!“ flüſterte ſie halb abweſend. „Das geht nicht, Alice,“ rief die Baronin. Das Mädchen wendete ſich und ſah ſie groß an. 3 „Das geht nicht?“ wiederholte ſie geiſterhaft. „Warum geht das nicht? Wer hätte wohl das Recht, 135 mir zu ſagen,«das geht nicht!“ Ich will zu ihm — ich will zu Erneſt— ich will!“ Ihre Geſtalt hob ſich unter ihrer Aufregung und ſie ſtand in einer königlich gebieteriſchen Haltung vor den erſtaunten Blicken der Anweſenden da, die ſie in dieſer Stellung nicht wieder erkannten. „Wir wollen hinauf in's Schloß ſenden,“ wendete der Baron ſanft ein.„Die Oberkammerherrin ſoll entſcheiden, ob Sie zu Erneſt gehen dürfen.“ Alice antwortete gar liche, ſondern verließ das Zimmer, augenſcheinlich um ſich zu einem Gange zu kleiden, der von ihr feſt beſchloſſen war. Etwas verlegen ſahen ſich die Gatten an. Der alte Hofmedicus ſchien ſich über das„kleine Frauen⸗ zimmerchen“ zu freuen, denn er ſpielte ganz gemüthlich mit ſeinem Stockknopfe. „Dulden Sie es nicht, Geheimrath—“ bat die Baronin.„Es muß dem Verwundeten Schaden brin⸗ gen—.“ „Kann ihm auch nützen,“ fiel der alter Herr ein. „Fräulein Alicens Erſcheinen löſet vielleicht den Bann der Lethargie, die jetzt vor allen Dingen unſere Be⸗ ſorgniß rege macht. Ich freue mich, Beziehungen zwi⸗ ſchen dieſen Leutchen entdeit zu haben, die ihm das Leben retten können.“ „Iſt er wirklich in Lebensgefahr?“ fragte die Baronin tief bewegt. „Er iſt ein todter Mann, wenn nicht Gottes Hülfe eintritt!“ Die Baronin verhüllte ihre Augen.„Benachrich⸗ tigen wir vor allen Dingen den Oberkammerherrn,“ ſprach der Baron nach einer Pauſe.„Wir dürfen Alice nicht einer Gemüthsbewegung Preis geben, die nachhaltig ſchädlich auf ſie wirken kann. Sie iſt unter unſere Obhut geſtellt—.“ Doctor Sterenthal lächelte ganz wenig. Er wußte beſſer, weshalb Baron Roſenau, der die Dehors auf's Aeußerſte beobachtete, nicht in Alicens Vorhaben willi⸗ gen wollte. Indem er über die egoiſtiſchen Regungen eines Menſchenherzens Betrachtungen anzuſtellen begann, trat der kleine Alfred, von einem Diener unterſtützt, herein. Die Baronin ſchloß ihn unter leidenſchaftlichen Liebkoſungen in ihre Arme, und begann vereint mit! dem Hofmedicus ein Examen nach den Vorfällen am vergangenen Abende. Aus den Erzählungen des Kindes ging hervor, daß Erneſt mit ihm nach der Brücke gefahren ſei und ihn aus vem Wagen gehoben habe, weil Alfred in der Glaskutſche verhindert geweſen wäre, die Verzierungen und Gas⸗ 137 transparente oberhalb der Dächer zu ſehen. Sowie der Wagen hielt, ſammelte ſich eine Menſchenmaſſe um die wohlbekannte Equipage des Baron Roſenau, und es ging von Mund zu Munde der Name„Junker Alfred.“ Für einige Minuten überwältigte das Erſtaunen„dies verkrüppelte Knäbchen, ſchlank, gerade und geſund zu ſehen, nachdem man es ſieben Jahre nur zuſammen⸗ gekrümmt im Wägelchen betrachtet hatte,“ das Inte⸗ reſſe an Illumination und Transparente. Flugs drängte ſich die Menge um die Kaimauer, worauf Erneſt den Knaben, der Sicherheit wegen, geſetzt hatte und die unſchuldigſten und fröhlichſten Beweiſe von Theilnahme regneten auf das lächelnde Kind herab. „Der Doctor hatte ſeinen Arm um mich gelegt,“ erzählte Alfred ſchließlich,„und hielt mich. Damit ich aber nicht unverſehens geſtoßen werden könnte, ſo hatte er ſich mit dem andern Arme vorgelegt, ſtand alſo ganz vor mir. Auf einmal zuckte er ſo, daß ich beinahe von der Mauer gerutſcht wäre, worauf ich ſaß. Er wurde ganz blaß und drückte ſeine Fauſt auf die Bruſt. Dabei ſah er ſich aber ſehr ſchnell um und rief:«Wer hat mich geſtochen!) Alle Leute ſahen ihn an. Kei⸗ ner antwortete, aber ſie wichen zurück. Nur ein Herr, den Doctor Schmidt auch Herr Doctor» nannte, trat 9 1858. XIV. Erneſt Octav. III. 138 näher an uns heran, und zu dieſem ſagte Doctor Schmidt:«Tragen Sie den Knaben zum Wagen, fah⸗ ren Sie ihn nach Hauſe und kommen Sie ſogleich zu mir zurück— ich habe Ihre Hülfe nöthig!)“ „Und wie kamſt Du nun nach Hauſe?“ fragte die Baronin athemlos vor innerer Bewegung. „Der fremde Doctor hat mich hergebracht und iſt gleich wieder abgefahren! Ich habe mich aber ſehr gefürchtet,“ ſchloß der kleine Junker kleinmüthig. Alicens Eintritt unterbrach die Unterredung. Sie erſuchte mit der Faſſung einer Dame von Erfahrung den alten Geheimrath Sterenthal, ſie in ſeinem Wagen zu Konſtanzen zu bringen, und ſie beachtete die leiſen Einwürfe der Roſenau's ſo wenig, daß dieſe es für gut hielten, ihre Worte nicht weiter zu verſchwenden. Noch wenige Minuten, und das junge Mädchen kniete vor dem Lager, worauf mit dem ſtillen Lächeln des Todes der Mann lag, den ſie in der Blüthe fri⸗ ſcher Geſundheit vor ſo kurzer Zeit verlaſſen hatte. Erneſt war in der tiefen Bewußtloſigkeit befangen, die faſt immer dem Tode unmittelbar vorausgeht. Er athmete noch. Sonſt aber ſchienen ſeine Lebensgeiſter gewichen zu ſein. Stumm, ein Bild namenloſer Trauer, ſaß Kon⸗ 139 ſtanze an ſeiner Seite, als Alice eintrat und ſich unter rinnenden Thränen auf die Knie niederwarf. Ihr Blick hing unverwandt an dem geliebten Ge⸗ ſichte, ſie ſchien zu hoffen, daß er die ſchweren Augen⸗ lider erheben und ſie mit dem ſtrahlenden Auge an⸗ ſchauen ſollte, wie er es immer that. Erneſt ſchlum⸗ merte fort— ſein Auge ſah ſie nicht. Troſtlos neigte ſie ihr Haupt zu ſeiner Bruſt her⸗ nieder und legte es mit der kindhaften Zärtlichkeit eines unſchuldigen Mädchens auf ſein Herz. O, wie leiſe, wie ſo ſchrecklich leiſe ſchlug dies Herz, das kaum die erſten Freuden des jungen Lebens gekoſtet hatte? Alice wurde beinahe überwältigt von ihrem Schmerze. Sie faltete die kleinen Hände über ſeiner todt⸗ wunden Bruſt und flüſterte leiſe Liebesworte.„Mein Erneſt— o hörſt Du mich, mein Erneſt? Sieh mich nur noch ein einziges Mal an— mein theurer, lieber Erneſt— höre mich, kehre zurück zu mir— hörſt Du mich nicht, Du lieber Freund?“ Als hätte eines Engels Bitte ſein Ohr berührt, als wiche vor dieſem Flehen die Macht eines böſen, ſtrengen Geiſtes, ſo ſtrich das Wehen eines werdenden Bewußtſeins über ſeine bleichen, ſtarren Züge. Noch eine Secunde, und er hob die Lider, ſah mit verklärtem 9* 140 Ausdrucke empor, und über ſeine Lippen flog wie ein Hauch„Alice.“ Unverwandt ſahen ſie auf einander. Es war ein Abſchiedsblick für's ganze Leben, und ein Geſtändniß für Zeit und Ewigkeit. Als ſein Auge müde wieder niederſank, legte das junge Mädchen in furchtbarer Exaltation ihre Lippen auf ſeinen Mund.„Im Leben und im Tode!“ flü⸗ ſterte ſie und ſank ohnmächtig zuſammen. Der Doctor Sterenthal rieb ſich zufrieden die Hände, als Konſtanze, aus ihrer Erſtarrung auffahrend, für Alicens Schmerz Sinn bekam. „Ein kapitales Frauenzimmerchen,“ murmelte er vergnügt die beweglichern Mienen des jungen Mannes beobachtend.„Der Teufel mag da gern ſterben, wenn ſolch' ein Röschen von Liebe und Treue flüſtert. Den Nerven ein excellentes Belebungsmittel— ſehe nur Ei⸗ ner, wie das Leben ſich in ihm wieder Bahn bricht— nun Achtung gegeben auf die Blutergießung der Wunde, alter Hofmedicus—! Müßte ſchlimm zugehen, wenn der nicht noch heirathete— muß heirathen— muß wahrhaftig heirathen!“ Während der alte Praktikus jetzt ſeine Belebungs⸗ experimente auf eigene Hand fortſetzte, war Alice im 141 Nebenzimmer unter Konſtanzens Bemühungen ganz wie⸗ der zur Beſinnung gekommen. Welch' ein ſchauriger Wechſel für ſie Beide. Ge⸗ ſtern das Schaugepränge des Glanzes— das Athmen in einer Atmoſphäre von Luſt und Freude— heute der Schatten des Todes zwiſchen ihnen und die heil⸗ loſe Pein eines ewigen Abſchiedes. Als Konſtanze am Abende unter Scherz und Necke⸗ rei den Wagen verlaſſen und hinauf in ihre friedliche Wohnung geſtiegen war, da begegnete ſie dem Ent⸗ ſetzen. Von Blut überſtrömt, ſaß ihr Bruder im Arm⸗ ſeſſel und bemühte ſich zu lächeln über ſeine Verwun⸗ dung, die ihn aber mit bitterer Menſchenverachtung überſtürzte. „Die Bosheit des Neides hat es gethan,“ ſagte er zu der zitternden Schweſter.„Ich unterliege mei⸗ nem Geſchicke, das mir die ſcheußliche Undankban keit der Menſchheit bereitet, der ich die Ruhe meiner Nächte widmen wollte. Wir weiſen Menſchen ſchmähen den Fataliſten— es gibt aber einen dunkeln Faden in unſerm Leben, der an's Ziel führt.“ Bald nachher wurde er vollſtändig bewußtlos. Der Chirurg, von Alfred's ſonderbaren Erzählungen erſchreckt, war ſein Retter geweſen. Er hatte den Blutguell ge⸗ ſtopft, mit welchem ſein Leben dahinrieſelte. 4 142 Mit übermenſchlicher Geiſteskraft hatte ſich Erneſt von der Kaimauer bis nach ſeiner Wohnung geſchleppt, um dem Publikum nicht das Schauſpiel ſeiner Unter⸗ liegung zu gönnen. Aus der Mitte der harmlos Neu⸗ gierigen war der Todesſtreich gekommen— von wem? Er konnte es nicht ſagen. Als er ſein Zimmer erreicht hatte, verſuchte er ſich allein zu verbinden. Sein Diener war nicht da — die Zofe der Schweſter ging der Herrlichkeit des Feſtes nach. Da kam ſein treuer Famulus. Daß nach ſolchem Blutverluſte ſelbſt eine weniger gefährliche Wunde den Tod herbeiführen konnte, war unzweifelhaft. Bald kam auch der Oberkammerherr mit ſeiner Gattin. Aber ſie fanden den Doctor Sterenthal ſchon auf den Flügeln des Triumphes. Erneſt hatte das Bewußtſein nicht wieder verloren. Der Vorfall machte indeſſen ein ungeheueres Auf⸗ ſehen. Seit Menſchengedenken war kein Verbrechen größerer Art in Landsau vorgekommen, und die Ma⸗ nier, einen verdienten und ganz harmloſen Herrn aus den höhern Ständen, mit einem Meſſer dergeſtalt zu durchſtechen, daß nur durch einen Glückszufall die Wunde nicht tödtlich geworden war, mißfiel der Polizei des Landes durchaus. Sie vigilirte, durch einige Be⸗ 143 fehle von oben herab noch animirt, mit großer Rigoro⸗ ſität in der Stadt umher, den Thäter des abſcheulichen Attentates zu erſpähen. Vor allen Dingen ſuchte man des Mannes hab⸗ haft zu werden, der den Junker Alfred nach Hauſe gebracht hatte. Er war, als ein Berufsgenoſſe des Doctor von Schmidt verdächtig,„aus Neid das Leben eines Mannes gefährdet zu haben, der ihm in ſeiner Praxis vielleicht im Wege ſtand.“ Im Falle, daß ſich dieſer Verdacht nicht beſtätigte, ſo ruhte doch die Schuld einer gefliſſentlichen Fahrläſſigkeit auf ihm, da er, trotz der Aufforderung des Verwundeten„zurückzukommen, weil er ſeine Hülfe nöthig habe,“ nicht wieder erſchie⸗ nen war. Hätte die Schwäche des Verwundeten ihn nicht unfähig gemacht, in den erſten acht Tagen nur die kleinſte Auskunft zu geben, ſo würde ſich der letzte Verdacht nicht haben halten können, denn Erneſt war vor dem Zurückkommen der Equipage ſchon fortge⸗ gangen. Einen ganzen Tag ſuchte man vergeblich nach einem Individuum, das man als Verbrecher zu betrach⸗ ten brannte. Der Zufall leitete endlich die Spur auf einen jungen Fremden, der zu ſeiner Belehrung für einige Monate die berühmte Klinik in Landsau fre⸗ quentirte. Im Triumph führten die Häſcher den Doctor 144 Mühlbach zum Polizeipräſidenten, wo es ſich denn er⸗ gab, daß dieſer Herr keinesweges der Mörder war. Aber er lichtete durch ſeine Ausſagen das Dunkel der That in Etwas. Er erzählte: daß er, von einer theilnehmenden Neugier getrieben, ſich näher herangedrängt habe, als er belehrt wurde, weshalb ſich das Volk an der Kai⸗ mauer zuſammenrottire. Von den eclatanten Erfolgen des Doctor von Schmidt ſchon länger in Kenntniß geſetzt, habe er zum erſten Male Gelegenheit gehabt, ein lebendiges Beiſpiel ſeiner Geſchicklichkeit vor ſich zu ſehen. Der Knabe ſei ihm noch ſehr wohl als Krüp⸗ pel erinnerlich geweſen, deshalb habe er auch einen jungen, ſehr hübſchen und elegant gekleideten Herrn,“ der mit ſichtlichem Spotte und Hohne dem Doctor von Schmidt ein bezeichnendes Epitheton angehangen, mit zurechtweiſendem Tone die Bemerkung gemacht, daß dem Doctor, außer dem innerlichen Stolze über ſeine enorme Geſchicklichkeit, auch noch die äußere Genug⸗ thuung nicht fehlen werde, denn es verlaute, daß er in die Stelle des berühmten Doctor Sterenthal einrücken ſolle. Nach dieſen Worten habe ſich der Fremde mit einem häßlichen Gelächter und den Worten:„Alles ab⸗ gekartet! Wartet!“ abgewendet und ſei ſeinen Blicken 14⁵ durch das Gewühl entzogen worden. Er könne nun freilich nicht behaupten, daß dieſer Fremde irgend etwas Wei⸗ 1 teres gegen den Doctor von Schmidt unternommen habe, allein er ſei gewiß unter der ganzen Verſamm⸗ lung, die ſich um die Gruppe gedrängt, der einzige geweſen, welcher misliebige Geſinnungen gegen ihn in ſich getragen. Als es ihm wohl zehn Minuten ſpäter gelungen ſei, näher zu dem Doctor von Schmidt, der ihn von der Klinik her recht gut kenne, heranzukommen, da habe dieſer, ſehr verſtört, das Kind ſeiner Obhut übergeben und ihn aufgefordert ſofort zurückzukommen, „weil er ſeiner Hülfe benöthigt ſei.“ Zuerſt hätte er feſt geglaubt, nicht er perſönlich fordere von ihm Hülfe, aber als der Knabe Alfred im Wagen„von Stechen“ geſprochen, da ſei ihm bange geworden, und er habe den Roſenau'ſchen Kutſcher angetrieben, ſo ſchnell wie möglich zurückzufahren. Bei ſeiner Rückkunft habe er den Doctor Schmidt nicht mehr gefunden, habe durch⸗ aus keine Auskunft über den Vorfall und weitern Ver⸗ lauf der Sache erhalten können, und ſei, unbeſorgt um das Schickſal des Mannes, für den er übrigens das lebhafteſte Intereſſe hege, vom Strudel der Menſchen⸗ maſſe wieder mit fortgezogen worden. Erſt am Morgen des nächſten Tages durch das Gerücht von dem wirklichen Unglücke des Doctors in Kenntniß geſetzt, habe er den 146 Zuſammenhang des Vorfalles leider in ſeiner ganzen Ausdehnung zu ſpät erkannt. So weit gingen die Auslaſſungen des eingefan⸗ genen Verdächtigen, den das Polizeipräſidium unver⸗ züglich wieder auf freien Fuß ſetzte, nachdem man von ihm die möglichſt genaue Beſchreibung des mißliebigen Fremden verlangt hatte. Dieß Signalement gab ungefähr das Conterfey eines Stutzers, wie es Tauſende giebt, die es lieben, ſich von einem vorzüglichen Schneider und einem geſchick⸗ ten Barbier und Friſeur zu einer menſchlichen Puppe ausſtaffiren zu laſſen, welche gerade Mode iſt. Wie konnte man in einer Zeit, wo unzählige Fremde in der Reſidenz geweſen waren, auf ein der⸗ artiges Individuum Jagd machen, ohne neunhundert neun und neunzig Male zu fehlen. Das Polizeipräſidium ſah ſich ſehr bald genöthigt, die Verfolgung des Miſſethäters aufzugeben und die Sache ad acta zu ſchreiben, weil ſich durchaus nichts herausſtellte, was zur Enthüllung der abſcheulichen That hätte führen können. Im Allgemeinen nahm das Publikum dieſelben Motive zu dem verſuchten Meuchel⸗ mord an, wie Erneſt ſelbſt, der ſich als ein Opfer ſeiner Berufstreue anſah. Nur Wenige ſchüttelten be⸗ denklich den Kopf bei dieſer Vorausſetzung, und meinten: 147 „es ſei doch möglich, daß dieß Ereigniß nicht im Zu⸗ ſammenhange mit der Heilung Alfred's ſtehe.— Man mußte es einem höhern Richter anheim geben, Licht über eine Begebenheit zu verbreiten, die in myſteriöſes Dunkel gehüllt blieb. Neuntes Capitel. Vier volle Wochen waren ſeit dem Ereigniſſe ver⸗ gangen, das wir im vorigen Kapitel beſchrieben, als eines Mittags der Präſident ſeinem Neffen Ludwig, der bei ihm zu diniren pflegte, mit Frohlocken entge⸗ genſchrie:„Sie kommen!“ „Gott ſei Dank—,“ war des Regierungsra⸗ thes Antwort.„Erneſt und Konſtanze mit ihnen?“ fragte er. „Nein, nicht mit ihnen— was ſehr geſcheidt von Ernſt und Konſtanzen iſt, da wir„Familie“ doch erſt Manches miteinander zu beſprechen haben. Aber das edle Geſchwiſterpaar trifft zwei Tage ſpäter hier ein, läßt uns alſo Zeit, Ehrenpforten und Triumphbögkn zu bauen, oder, wie Erneſt einſt zur Madame Hirſch Meier geſagt hat,„ein Kalb für den verlorenen Sohn“ zu ſchlachten. Ich bin neugierig auf den Erneſt, der 149 nicht allein Dein Mädchen Alice, ſondern auch unſere alte Mama Helene zur«frommen Begeiſterung» ge⸗ bracht hat. Ich bin auch neugierig auf Konſtanze,“ ſetzte er mit liſtigem Augenblinzeln hinzu.„Ja, ja, ich bin neugierig auf dies cbezaubernde Mädchen,» wie Bruder Primus ſchreibt. Morgen um dieſe Zeit ſind unſere Lieben da—! Ich habe meiner Köchin Alicens Lieblingseſſen anbefohlen— das iſt Sagoſuppe mit Wein,— Mama Helenens Lieblingseſſen anbefoh⸗ len— das iſt Hühnerfricaſſee— Bruder Primus Lieblingseſſen anbefohlen— das ſind märkiſche Rüb⸗ chen mit Hammelcotelet— Dein Lieblingseſſen anbe⸗ fohlen— das ſind Repphühner— und für mich da⸗ bei auf's beſte geſorgt, denn es ſind Alles Leibgerichte von mir—.“ Er lachte ſo herzlich, daß der Regie⸗ rungsrath, der ſich ganz ungewöhnlich ernſthaft zeigte, nicht widerſtehen konnte und mit einſtimmte. Als das Gelächter beſeitigt war, ſagte dieſer ärgerlich: „Wie unangenehm, daß Herr Franz Velguth ſei⸗ nen Beſuch noch immer hinausgeſchoben hat! Benno verfolgt mich förmlich! Er dringt auf eine Entſchei⸗ dung. Er will Alicens Eintritt in's Vaterhaus als den Zeitpunkt beſtimmen, wo er ihr ſeine Liebe er⸗ klären darf.“ „Nun laß ihn doch erklären,“ ſpöttelte der Prä⸗ 150 ſident.„Denkſt Du, Alice könne für ihn fühlen— denkſt Du, ſie liebe ihn? Thorheit! Ich traduire mir Alicens«fromme Begeiſterungy für den Märtyrer Er⸗ neſt als den Begriff«Liebe.“* Ein lindes Lächeln überflog des Regierungsrathes Geſicht. „Von mir haſt Du keine Familienſcene zu be⸗ fürchten, wenn Alice Herrn Benno einen Korb gibt,“ ſpöttelte der Präſident weiter.„Meine Sympathie für Klaviertrommelei hat mich noch nie verleidet, die Haus⸗ ordnung zu ſtören. Sollte mein liebes Mädchen wirk⸗ lich einige Minuten den Kopf, ſtatt des Herzens, ver⸗ loren haben, und in ihren Gefühlsäußerungen unvor⸗ ſichtig geweſen ſein, wie Vetter Benno behauptet, ſo iſt ſie deshalb noch nicht Braut von einem Manne, der ſeine Exiſtenz von unſerer Güte und Gerechtigkeit abhängig machen muß. Wir haben eine entſcheidende Stimme.“ „Du kennſt meine Grundſätze, beſter Onkel,“ warf Ludwig ein.„Ich habe der freimüthigen Wer⸗ bung Benno's freien Spielraum gegeben. Gewinnt er ſich Alicens Neigung, ſo iſt ſie ſein. Er hat ſich ta⸗ dellos benommen, hat meinen Wünſchen Folge geleiſtet und Alice unbehelligt gelaſſen. Seit vier Wochen zu⸗ rück von Warſchau, hat er geduldig die von Woche zu 151 Woche verſchobene Rückkehr meiner Eltern und Alicens erwartet— nun endlich bittet er um Erlaubniß, frei ſeine Liebe erklären zu dürfen— kann ich ihm die Erlaubniß verſagen?“ „Nein— nein! Tauſend Mal«nein!“ rief der Präſident.„Laß ihn doch das erklären, was er für nöthig erachtet, um zu ſeinen Zwecken zu gelangen. Nachdem Alice einen Adler hat kennen lernen, wird ſie doch hoffentlich den Gimpel nicht mehr für den König der Vögel halten. Ueberdies— wo bleiben denn die Taufzeugniſſe und die Trauſcheine?“ Der Regierungsrath zuckte bedenklich die Achſeln. „Glaubſt Du, mein Junker, daß er ſelbſt in Warſchau geweſen iſt, daß er ſelbſt die Kirchenbücher durchſtöbert hat, und daß von ihm Maßregeln aller Arten angeordnet ſind, die eine Aufklärung über die Verhältniſſe ſeiner Eltern bezwecken? Ich glaube es nicht! Er hat Warſchaus Mauern nicht geſehen, viel weniger noch die Kirchenbücher dort!“ Der Regierungsrath ſchien derſelben Meinung zu ſein, aber er fand darin noch keinen hinreichenden Grund, ſein Verſprechen rückgängig zu machen, das er bei Ben⸗ no's offener Bewerbung um Alice geleiſtet hatte. Seine Beſorgniſſe hatten ſich noch nicht gemindert, ſeitdem er den Charakter dieſes jungen Mannes näher zu prüfen 152 Gelegenheit fand, ſie hatten ſich jedoch auch nicht ver⸗ mehrt. Daß ſich Alicens Zurückkunft von einer Woche zur andern verzögerte, war ihm in Rückſicht auf dieſe Verhältniſſe lieb. Von Benno auf falſche Vermuthun⸗ gen geführt, glaubte er Alice weit wärmer für den hübſchen Vetter, als er dem Präſidenten eingeſtehen mochte, und wenn er auch gern zugab, daß ſich die Beurtheilungskraft ſeiner jungen Tochter durch das bewegtere Leben in Landsau geſchärft haben konnte, ſo ſtützte er ſich doch nicht ſo ſicher auf die Reſultate einer Mädchenprüfung, da er beſſer als der alte Herr wußte, wie wenig Beweggründe zur Liebe der innere Werth eines Menſchen bietet. Daß Erneſt's Bekanntſchaft nicht ganz ohne Wir⸗ kung auf Alicens Phantaſie geblieben war, erſah man deutlich aus ihren Briefen, allein da die Vorgänge an ſeinem Krankenlager durch eine ſeltene Discretion des alten Doctor Sterenthal nicht zur Kenntniß des Ober⸗ kammerherrn gelangt waren, ſo blieben ſie Alle, außer Konſtanze, im Dunkel über das zarte Verhältniß, wel⸗ ches Erneſt und Alice ohne Worte verband. Der Oberkammerherr hatte es zuerſt nur für nöthig befunden, ſo lange in Landsau zu verweilen, bis jede Lebensgefahr für Erneſt beſeitigt war— da⸗ nach aber beſchloß er, Konſtanzen zum Schutze, nicht 8₰ 27 153 eher abzureiſen, bis das Geſchwiſterpaar ihn entweder begleiten oder ihm doch bald folgen könne—. In bei⸗ den Entſchlüſſen ſuchte Herr Benno von Schmidt eine Demonſtration gegen ſich, obwohl für dies Mal kein Menſch an ihn gedacht hatte. Nachdem es dieſem jungen Herrn gelungen war, ſeinen Aufenthalt in der Nähe Alicens durch lügenvolle Erzählungen von Warſchau, ſeiner Reiſe dahin, ſeinen Beſtrebungen daſelbſt, von vornherein in Abrede zu ſtellen, ehe er danach befragt wurde, gefiel er ſich da⸗ rin, durch hochmüthige Keckheit ſeine Rechte in der Familie geltend zu machen. Den Sarkasmen des Prä⸗ ſidenten begegnete er mit gleicher Münze, wenn auch mit lächelnden Mienen, und die wiederkehrende Ruhe und Geſundheit des Regierungsrathes untergrub er durch ſeine beharrlichen Beſtürmungen um Alicens Hand. Das junge Mädchen hatte bis dahin weder für, noch gegen ihn geſprochen. Was hätte ihn, in ſeiner ver⸗ meſſenen Eitelkeit, wohl abhalten ſollen, ſich dennoch ſchmeichelhaften Hoffnungen hinzugeben? Die Ereigniſſe in Landsau, durch ſeine klugen Vorſichtsmaßregeln unſchädlich gemacht, belaſteten ſein Gewiſſen nicht im Geringſten. Er fürchtete nicht ein⸗ mal Alicen's Beſchuldigung. Sein leichtſinniges Selbſt⸗ vertrauen hob ihn über alle die Klippen hinweg, die 6 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 10 154 ſeinem Glücke entgegenſtanden, und er ſpornte ſich durch die Meinung, daß es jetzt nur darauf ankomme, dem Vetter Erneſt zuvor zu kommen, zu immer größerer Eile an. Er verkannte Alicens Charakter ganz gewiß, wenn er glaubte, ſie durch ſeine beſtimmte und vom Vater begünſtigte Werbung dergeſtalt zu verſchüchtern, daß ſie willenlos die Seine wurde. Der Präſident hatte mit gutem Bedachte in der Reſidenz die äußern Formen beibehalten, um eine drückende Familiarität von ſich fern halten zu können. Benno bewohnte alſo nicht ein Haus mit ihm, obwohl er hinreichend Platz in ſeiner Wohnung hatte, ſondern war in ein Hotel verwieſen worden, das weit genug entfernt lag, um nicht beſtändig in Berührung mit⸗ einander zu kommen. Der junge Mann war zufrieden mit dieſer Anordnung, die ebenfalls ſeinen Gewohn⸗ heiten mehr zuſagte. Man ſah ſich deſſen ungeachtet doch oft genug, um ſich gegenſeitig je länger, deſto un⸗ ausſtehlicher zu finden. Bisweilen lud ihn der Präſident zu Tiſche, rich⸗ tete es aber jedes Mal ſo ein, daß er mit ihm und ſeinem Neffen Ludwig nach dem Diner ausfuhr, um ihn dann mit Anſtand und Geſchick irgendwo los zu werden. Seine vielfachen Manöver bei der Durchfüh⸗ 155 rung dieſes Planes, waren für den unbetheiligten Beobachter von durchgreifend komaiſcher Wirkung. Benno machte ſtets gute Miene zu dieſem Spiele, aber es iſt anzunehmen, daß ſich ſeine Zuneigung für den Präſidenten keinesweges dabei ſteigerte. Genug, der Präſident und Herr Benno ſtanden ſich jetzt in derje— nigen Gemüthsverfaſſung gegenüber, die ihr erſtes Zu⸗ ſammentreffen auf Schloß Welldorf ſchon ahnen ließ. Dieſer Stimmung zufolge erhielt der junge Mann denn auch nicht die geringſte Nachricht von dem Ein⸗ treffen der ſehnlich erwarteten Geliebten, weil der Prä⸗ ſident das Wiederſehen ſeines Bruders ungeſtört ge⸗ nießen wollte. Erſt wenn ſie wirklich eingetroffen wa⸗ ren, ſollte ihm eine ceremonielle Einladung zum Diner überbracht werden, hatte er befohlen. Der Morgen dieſes freudig begrüßten Tages brach endlich an. Nebelſchleier umhüllten die Morgenſonne, aber in dem Herzen des Präſidenten glänzte die Freude wie eitel Sonnenſchein. Mit rührender Lebendigkeit rüſtete er ſich, unter Herrn Jakob Wittens Beihülfe, zum Empfange. Er wollte durchaus zum Bahnhofe hinaus, um ſeinen Bruder dort zu begrüßen. Aber ehe er dort hinfuhr, mußte er in die Wohnung des Oberkammerherrn, um zu ſehen, ob auch Alles in Stand geſetzt, ob die Stuben gewärmt, die Schlaf⸗ 10* 156 zimmer geordnet ſeien und überhaupt überall die luxu⸗ riöſe Gemüthlichkeit hergeſtellt war, die ſeine gnädige Frau Schwägerin vorzugsweiſe liebte. Auch beim Neffen Ludwig ſprach er erſt vor, um zu ſehen, ob die Gegenſtände wohl etwas beſeitigt wä⸗ ren, die„ſein liebes Mädchen“ gar zu hart an die furchtbaren Stunden der Trauer erinnern konnten. Mit ſtiller Freude bemerkte er hier die ſichern Fundamente neu geſtählter Geiſteskraft, die ſich in den Anordnungen verrieth, welche die erlittenen Schmerzen ſchonend über⸗ hüllten. Frohſinnig verließ der Präſident dies Haus. Er ſah die Macht der Erinnerungen gebrochen. Was nun geſchehen würde, war vorauszuſehen. Des Nebels Graus lag noch auf der winterlich öden Flur, als unter dem ſchrillenden Signale der Zug heranbrauſete. Der Präſident hatte es gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit für heilſam erachtet, in ſeiner Equipage ei⸗ nen Platz zu behaupten, als er ſie zum Bahnhofe befahl. Ludwig, von unbeſtimmten Ahnungen geleitet, hatte ſeines Vaters Wagen auch hingeſendet, kam aber ſelbſt, von Gefühlen zurückgehalten, zu Fuße erſt in dem Momente an, wo der Präſident ſich ſchon vor 157 einem Waggon poſtirt hatte, aus dem bekannte Stimmen eine Begrüßung hervorriefen. Fünf Augenpaare ſchaueten theils mit Spannung, theils mit herzlicher Freude dem alten häßlichen, ſpöt⸗ tiſch verzogenen Geſichte des Präſidenten entgegen und er bemerkte in dem erſten Anlaufe der freudigen Be⸗ willkommnung nicht, daß Erneſt und Konſtanze, trotz der telegraphiſchen Depeſche, dennoch mitkamen. Bevor der Oberkammerherr ihn grüßend umarmte, machte er ihn durch eine bedeutungsvolle Pantomime auf dieſe unverhoffte Begleitung aufmerkſam. Ein rührendes Lächeln flog über Tertius Victor's Geſicht und ſeine Stimme wankte, als er, raſch gefaßt, beide Hände dem Geſchwiſterpaare zum Wagen hinein⸗ reichte und jovial ausrief:„Willkommen Du Streiter für des Vaters Recht— willkommen Konſtanze!— Meine Huldigungen werden ſich künftig zwiſchen Dir und Alice theilen. Nicht mein Mädchen?“ Alice warf ſich mit feuchten, ſelig verklärten Augen an ſeine Bruſt. Der Präſident hob ſichtlich überraſcht ihren Kopf zu ſich empor. Dieſe Augen— dieſes Lächeln — dieſe Hoheit auf der weißen Stirn— welch' ein Gott hatte dieſe Veränderung binnen ſechs Wochen bewirkt? Alice fühlte die Bedeutung ſeines prüfenden Anſchauens. Sie ſchmiegte ſich erröthend feſter an ſein 158 Herz, ſie legte die Hände inniger um ſeinen Nacken. „O mein lieber Onkel,“ flüſterte ſie kaum hörbar— „ich habe ihn ſo lieb, ſo unſäglich, ſo über alle Be⸗ griffe lieb!“. Der Präſident hätte von Herzen gern ein weithin ſchallendes„Victoria“ über dies Eingeſtändniß ſchreien mögen. Der Anſtand erforderte aber Mäßigung, des⸗ halb ließ er es dabei bewenden, höchſt eilig zurück zu flüſtern: „Du hätteſt gar nichts klügeres thun können, als ihn lieb zu haben, mein Mädchen!“ Damit entließ er ſie von ſeiner Bruſt und gab ſich den ritterlichen Pflich⸗ ten für die anderen Damen hin. Während er Alice im Arme gehabt hatte, war der Regierungsrath der Gruppe näher gekommen und hatte unter dem gütigſten Lächeln und ausdrucksvollſten Blicke ſeine freudige Ueberraſchung zu erkennen gegeben. Der Perron eines Bahnhofes iſt aber kein geeigneter Platz zu bedeutenden Herzensergießungen, obwohl man ſchon Gelegenheit genug gehabt hat, merkwürdige Sce⸗ nen zu belauſchen.. Unſere Herrſchaften zogen es vor, die Einſamkeit eines Zimmers zur weitern Bekanntſchaft zu benutzen, aber indem ſich Ludwig mit ſchneller Wendung zu den Damen in den bereitſtehenden Wagen ſetzte und es dem 159 Präſidenten überließ, während der Fahrt den erſten Eindruck, welchen Erneſt auf ihn gemacht hatte, zu cul⸗ tiviren, zeigte er deutlich ſeine Vorliebe für Konſtanzens ſonnige Blicke. Das Geſchwiſterpaar blieb unter der gaſtfreien Fürſorge des Primus— der Präſident eilte zur wei⸗ tern Anordnung ſeiner Empfangsfeierlichkeiten nach Hauſe und der Regierungsrath führte ſeine Tochter Alice in die Wohnung, welche ſie ſeit dem Tode der Mutter noch nicht wieder geſehen hatte. Tief bewegt, faſt darnieder gebeugt unter der Wucht eines heftig eindringenden Schmerzes der Erinnerung, ſtieg das junge Mädchen die Treppen hinauf. Erſt als ſie mit ihrem Vater allein im Wohnzimmer der ver⸗ ſtorbenen Mutter ſtand, als ihre Blicke, wie ſuchend nach der Verlorenen umherſchweiften und ſie nirgends fanden, erſt da umſchlang der Vater die Tochter und ſie legte die thränenfeuchte Wange an ſein Geſicht. Einige Minuten der heiligſten Trauer verfloſſen. Dann richtete Alice ſich auf, ſenkte ihren Blück mit zärtlicher Verheißung in den ſeinen und ſprach leiſe und mit weichem Tone: „Wir werden wieder glücklich werden, mein lieber Vater— vielleicht glücklicher, als wir jemals geweſen ſind! Aber— Du vergiſſeſt doch meine Mutter nicht?“ 160 „Niemals—“ betheuerte der Regierungsrath in mächtiger Bewegung.„Wie könnte ich ihre Liebe, ihre Güte, ihren Liebreiz vergeſſen— wie könnte ich die Frau vergeſſen, die Deine Mutter iſt?“ Mit dieſer kurzen Unterredung war Alles geebnet, was Schwierigkeiten zu bereiten Miene machte. In Alicens Worten lag eine Heiligſprechung des Gefühles, das Konſtanzen mit ihrem Vater zuſammenführen würde. Die Geiſtesklarheit des jungen Mädchens betrat, ſo ſchien es, in allen Verhältniſſen den richtigen Pfad durch Labyrinthe, worin Mancher, durch verfehlte Mit⸗ tel ſchon umgekommen iſt. In der Energie ihrer Ent⸗ ſchlüſſe fand ſie immer die Kraft zur Ausführung, ohne lange Ueberlegungen nöthig zu haben und durch die Eile, womit ſie ſich der nothwendigen Handlungen un⸗ terzog, gab ſie ſich ſelbſt ihre Herzensruhe wieder. Als ſie Benno durch ihr Stillſchweigen verbannt zu haben glaubte, dachte ſie nicht mehr an ihn, bis er ſich in Landsau wieder bemerklich machte. Sie hatte aber ſein Bild einmal begraben und es erſtand weder im Lichte der Furcht, noch der Hoffnung wieder in ihr. . Als ſie Erneſt die unzweideutigen Beweiſe ihrer tiefen, ſchnell befeſtigten Liebe auf ſeinem Krankenbette gegeben hatte, löſchte ſie damit jeden Zweifel an ſein 161 und ihr Gefühl aus. Sie gebrauchte keine Erklärungen und hoffte auf keine Huldigungen von Erneſt,s Seite. Was in ihnen lebte, krankte nicht an Unſicherheiten— wozu alſo Verſicherungen von Liebe und Treue. Als ſie im Uebermaße der erſten freudigen Be— grüßung ihren Onkel Tertius Victor zum Vertrauten ihrer unüberwindlichen Neigung zu Erneſt gemacht hatte, da legte ſie ihr ferneres Wohl damit in ſeine Hände. Als ſie beim erſten Eintritt in ihre Wohnung, die ſo überwältigende Erinnerungen bot, das Vertrauen zwiſchen ſich und dem geliebten Vater wieder herſtellte, nahm ſie zugleich den Stachel der hemmenden Befürch⸗ tungen von den Verhältniſſen, die ſich zu ihrem beider⸗ ſeitigen Glücke gebildet zu haben ſchienen. Alicens Charakter gab das Beiſpiel zu einer Lebensweisheit, die beſſer benutzt, als bisher, die innigſten Harmonien zwiſchen den Menſchen bilden könnte. Sie ſelbſt wußte nicht, wie klug und geſcheidt ſie handelte, nein, es leitete ſie nur ein inſtinctmäßiger Abſcheu gegen die Laſt, die der Menſch ſich ſelbſt aufbürdet, wenn er die Weisheit ſeiner Ueberlegungen erſt reifen laſſen will. Benno hatte durch die Einladung des Präſidenten endlich erfahren, daß Alice wieder angekommen ſei, und er eilte auf den Flügeln der Liebe erſt zu der Woh⸗ 162 nung des Regierungsrathes, bevor er zum Diner des Präſidenten ging. Alice ſaß, ſchon in voller Toilette, neben ihrem Vater, in jenem lieblich traulichem Geplauder, wie ſie es von Welldorf her gewohnt war, als er gemeldet wurde. Ein kaum ſichtbares Verfärben des holden Ge⸗ ſichtes, mehr ein haſtiges Bleichwerden, als ein Errö⸗ then, obwohl die Farbe ihrer Wangen danach ſchärfer hervortrat, zeigte eine kleine Gemüthsregung. Sie er⸗ hob ſich, trat ihm aber keinesweges entgegen, ſondern ließ ſich gleich nach der artigen Begrüßung, wieder nie⸗ der im Sopha. Benno hatte ſich aber mit Vorſätzen gewaffnet. Er rückte nahe zu dem ſchönen Mädchen heran, ſah leidenſchaftlich erregt in ihr Auge und rief: „Haben Sie meiner vergeſſen, theure Alice? Iſt mein Bild erblichen vor dem Glanze der Anbetung, die man Ihnen gezollt hat. O Alice— Ihr Vater weiß es, wie ich geſeufzt habe nach dieſer Stunde des Wiederſehens— werden Sie mich jetzt tadeln, wenn ich die Qualen der Ungewißheit zu enden wünſche, wenn ich Sie, mit der Bewilligung Ihres Vaters, um Ihre Liebe anflehe— wenn ich Ihnen geſtehe, daß Sie für mich der Inbegriff des Schönſten und Be⸗ gehrungswürdigſten ſind, was die Erde trägt?“ Alice hob ohne bedeutende Verlegenheit ihr Auge 163 kalt fragend zu Benno auf und ließ es dann ſchnell über ihres Vaters Mienen ſchweifen, die bewölkt er⸗ ſchienen. „Meine Neigung begegnet der Ihrigen nicht, lie⸗ ber Vetter,“ ſprach ſie leiſe, aber ſehr gelaſſen und ſehr beſtimmt. „Alice—“ rief Benno, in glühender Leidenſchaft zu ihr ſich neigend und ihre Hände gewaltſam ergrei⸗ fend.„Wollen Sie einen Fluch über mein Leben wer⸗ fen— können Sie hart genug ſein, meine anbetende, zärtliche Liebe nicht einmal einer Prüfung zu wür⸗ digen—“ „Ja,“ entgegnete ſie ohne Zögern einfallend, „ja, ich bin ſo hart, Ihnen meine Herzenskälte für Ihre Leidenſchaft in Worten zu erklären, um jeder Miß⸗ deutung zu entgehen. Ich liebe Sie nicht, Vetter Benno— ich werde Sie niemals lieben!“ Ein Schimmer von Zufriedenheit verbreitete ſich über das Geſicht des Regierungsrathes. Benno ſaß, anſcheinend faſſungslos, vor ihr und ſtarrte ſie an. „Haben Sie ſich andern Hoffnungen hingegeben, ſo thut es mir wahrlich leid, Vetter Benno—“ fuhr Alice nit ausdrucksvollem Ernſte nach einer Pauſe fort. 164 „Ich glaube aber nicht, daß Sie mir nachſagen können, ich hätte Ihre Neigung irgendwie begünſtigt.“ „Nicht begünſtigt—“ wiederholte Benno mit ſtillem Ingrimme, wagte jedoch den kühlen und un⸗ ſchuldsvollen Blicken des jungen Mädchens gegenüber kein Wort weiter hinzuzufügen.„Es hätte alſo nie Beziehungen zärtlicher Natur zwiſchen uns gegeben— nie Alice— nie?“ fragte er feurig beſchwörend, ihren Blick ſuchend. „Nie, lieber Vetter— nie! Ich habe Sie nie⸗ mals verſtanden, wenn Sie wirklich beabſichtigt haben ſollten, mein Herz mit Ihren Huldigungen zu beſtür⸗ men—“ antwortete das junge Mädchen klug und mit achtungsvoller Aufrichtigkeit.„Laſſen wir unſer ver⸗ wandtſchaftliches Verhältniß durch Ihren Irrthum nicht ſtören und erwähnen wir lieber einer Sache nicht mehr, die für mich eine unangenehme Erfahrung iſt!“— Hätte der Präſident dieſe⸗Antwort gehört, er würde ſie umarmt, hätte er aber um die Vorgänge gewußt, auf welche Herr Benno ſeine„zärtlichen Be⸗ ziehungen“ ſtützte, ſo würde er ſeine kleine, kluge Nichte zu den Sternen erhoben haben. Der Regierungsrath hielt es für angemeſſen, die Unterhaltung mit Alicens Worten abzubrechen und ſeine peinliche Stellung dabei in dem Bedauern zu mildern, 165 womit er ſeinem jungen Vetter die Hand recht brüder⸗ lich drückte. Benno's Benehmen zeigte einen tiefen Schmerz. Ob jedoch dieſer Schmerz nicht eine Maske für den Aerger abgeben müſſe, wußte der Regierungsrath nicht ganz genau. Alice aber erkannte ihn dafür, als Benno, trotz der eben abgeſpielten Scene, Anſtalten traf, mit ihnen zum Diner des Präſidenten zu fahren. Ihre Bruſt hob ſich zum erſten Male im Zorne und Wider⸗ willen gegen ihn und ſie ließ ihn merken, daß ſie ſeine Gegenwart bei dieſem Familienmahle nicht wünſche. „Gönnen Sie mir immerhin die wenigen Mo⸗ mente, theure Alice,“ bat der junge Mann demüthig geneigt, aber mit dem Lächeln der Bosheit,„wo ich Sie ſehen und ſprechen hören kann. Da ich erwarten muß, unſern theuern Vetter Erneſt heute endlich kennen zu lernen, ſo zwingt mich das Geſchick, Ihrem Willen zu widerſtreben.“ „Ich fand es nicht meinetwegen, ſondern Ihret⸗ wegen nothwendig, Ihnen den Vorſchlag zu machen, dem Familienfeſte zu entſagen,“ fiel Alice ſchneidend kalt ein. Sie begaben ſich wirklich zuſammen in das Haus des Präſidenten, wo in der Zwiſchenzeit noch ein an⸗ derer, ſehnlich erwarteter Gaſt eingetroffen war, der 166 die Küchengeiſter mit ſeinen geſetzwidrigen Interpellatio⸗ nen etwas in Verwirrung gebracht hatte, und wie ein rumorender Kobold zwiſchen die Fanmilienfeierlich⸗ keiten fiel. Franz Velguth, in höchſt eigener Perſon, begrüßte ſie ſchon von oben herab mit einigen ſeiner beliebten originellen Redensarten, und vermittelte durch ſeine burleske Manier die Laune zwiſchen Benno und Alice ſo weit, daß ſie äußerlich heiter die Treppen hinauf⸗ kamen und ſich dann mit dem Agenten in ein ſcherz⸗ haftes Geſpräch einließen. Bald darauf rollte auch der Wagen des Oberkammerherrn heran und nach den erſten lebhaften Begrüßungen zog ſich Alice mit dem Ausdrucke eines entſchloſſenen Ernſtes von der Stelle zurück, wo Benno Platz genommen hatte. Erneſt und Konſtanze bildeten den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerkſamkeit, und der Präſident machte ſich an dieſem Tage einer gewiſſen Partheilichkeit ſchul⸗ dig, indem er ſeine Huldigungen ganz ungetheilt der neuerworbenen Nichte darbrachte. Benno beobachtete mit wachſendem Mißbehagen die Vertraulichkeiten zwiſchen dieſen Abkömmlingen des Hauſes und den Familienälteſten. Er kämpfte ſeine Entrüſtung darüber zwar wacker nieder, konnte aber eine Gereizt⸗ heit im Tone doch nicht dergeſtalt verſtecken, daß nicht 167 die alte Dame davon gerührt worden wäre. Ueber⸗ haupt wurde nach und nach eine kleine Spannung in dem Familienkreiſe bemerkbar, die nur von dem äußerſt gut gelaunten Präſidenten nicht reſpectirt und von dem Agenten Franz Velguth nicht erkannt wurde. Man ſetzte ſich endlich zu Tiſche, und da, wie wir ſchon wiſſen, der Präſident ſich ſehr ungern in dem ruhigen Genuſſe einer Mahlzeit ſtören ließ, und Herr Franz Velguth beim Eſſen gar keinen Sinn für etwas Anderes hatte, ſo ging die Tafel ziemlich ge⸗ müthlich vorüber, bis zum Nachtiſch. Der Präſident, der ſich auf die Complettirung ſeines Mittagstiſches ſehr viel zu Gute that und ſich von den zufriedenſtellenden Interjectionen des Agenten, womit er jeden Gang kritiſirte, geſchmeichelt fühlte, reichte dieſem, unter einem beſonders auffordernden Lächeln, eine Kryſtallſchale mit Datteln hin, der er eine andere mit Feigen folgen ließ. Herr Franz beſah ſich die Datteln eine ganze Minute, rümpfte die Naſe und gab ſie, ohne Inter⸗ jection, weiter. „Wollen Sie meine Delicateſſen verſchmähen,“ ſchrie der Präſident ihn an. „Iſt boſch—“ das heißt«nichts,„mein Herr Präſident!“ antwortete der Gourmand.„Keine ächte * 168 Waare— haben Arabien nie geſehen!— Iſt Surro⸗ gat— Bitte dringend——. Eſſe nur ächte Dat⸗ teln, mein Herr Präſident. Der Oberkammerherr, deſſen Zähne niemals Mandeln, Nüſſe und Datteln erlaubt hätten, wollte gutmüthig die Niederlage ſeines Bruders verdecken und lobte die Datteln als ausgezeichnet. „Bleiben Sie mir weg, Excellenz, 44 rief Franz rechthaberiſch.„Das verſtehen Sie nicht! Habe nichts dagegen, wenn ſie Datteln eſſen, die noch nicht ſo gut ſchmecken wie Eicheln, aus norddeutſchen Wäldern — habe gar nichts dagegen— eſſen Sie Datteln, ſo viel Sie wollen—! Die Geſellſchaft lachte, weil man eben nichts Beſſeres thun konnte, als lachen, wenn man ſich ſonſt nicht über die originelle, halb ſcherzhafte Grobheit des Mannes ärgern wollte, und Herr Franz ſpießte ſich mit ſeiner Gabel ganz gemüthlich während der Zeit einen künſtlichen Schmetterling von dem Tafelaufſatze herunter. „Beziehe alles direct, mein Herr Präſident,“ referirte er dabei mit einer Stentorſtimme,„meinen Käſe aus Cheſter— meine Gänſeleberpaſteten aus Straßburg— Da er unter ſeiner Rede fortfuhr, die Verzie⸗ 169 rungen von dem Baumkuchen, der vor ihm ſtand, mit der Gabel zu zerſtören, um ſich sans gene die Schmetter⸗ linge davon abzulöſen, ſo unterbrach ihn der Präſident ſpöttiſch: „Ja— ich ſehe ſchon, daß Sie Alles direct be⸗ ziehen— ſogar die Schmetterlinge von meinem Auf⸗ ſatze—! Ich bitk' mir aus, daß Sie die Thierchen kleben laſſen, bis man ſie Ihnen präſentirt.“ „Sollen Phalänen vorſtellen, Herr Präſident,“ entgegnete Herr Franz, mit unzerſtörbarem Gleichmuthe ſein begonnenes Werk fortſetzend und die nachgeahmten Inſekten auf ſeinem Teller klaſſificirend.„Hei— ein Bombyx— iſt gut gemacht— Haben Recht, mein Herr Präſident, beziehe meine Kalithen auch direct, habe neulich Schwalbenſchwänze und Segelvögel aus Kaſan erhalten— waren miſerabel„verpackt— hatte nichts als Leiber am Spieß— Flügeln zerſtört— ſchrieb meinem Geſchäftsfreunde zurück«ſei ein Eſel, der die Kalithen gepackt habe».“ „Aus Kaſan?“ wiederholte die alte Dame mit einem ſchnellen Blicke auf Benno, als wolle ſie auf dieſen Schmetterling aus Rußlands Gauen aufmerk⸗ ſam machen.„Ihre Liebhaberei für Schmetterlinge muß Ihnen aber viel Geld koſten, Herr Velguth,“ 11 7 1859. XIV. Erneſt Octar. III. 170 4 meinte ſie dann.„Schon der Transport macht ſie wohl theuer?“ „Beziehe ſie von Südamerika ebenfalls,“ fiel der Agent ſelbſtzufrieden ein. „Wie theuer kommt Ihnen ſolch' Thierchen unge⸗ fähr zu ſtehen?“ fragte Erneſt, der ſich im Allgemei⸗ nen, von den Nachwehen ſeiner Verwundung zurückge⸗ halten, wenig an der Unterhaltung betheiligt hatte und ſich etwas paſchamäßig von Alice und Konſtanze erhei⸗ tern ließ. „Die Schwalbenſchwänze von Kaſan berechne ich zum Louisd'or!“ erklärte Herr Franz wohlgefällig. Benno lachte.„Ich gebe nicht vier Groſchen für ſolch' Ding,“ flüſterte er, zu den beiden jungen Mäd⸗ chen geneigt, ſehr hörbar und ziemlich malitiös. „Sie haben gehört, mein lieber Herr von Schmidt, daß ich Ihrem Herrn Onkel Excellenz bemerklich ge⸗ macht habe«wegzubleiben von dem, was er nicht ver⸗ ſtehty, was würde ich Ihnen nun wohl ſagen müſſen?“ antwortete mit Suffiſance über ſeine Naſe wegſchauend, der würdige Agent zurechtweiſend. Benno, gereizt von Allem, was bis dahin an dieſem Tage paſſirt war, hatte ſichtlich eine Antwort auf den Lippen, die ſich mit den Regeln der Artigkeit nicht vertragen haben würde. 171 Der Oberkammerherr legte ſich begütigend in's Mittel, verſchlimmerte aber, unbekannt mit der Wer⸗ bung und Abweiſung ſeines Vetters Benno, die Sache auf's Aeußerſte durch ſeine Worte, die zwar für den Augenblick den jungen Mann zügelten, jedoch einen neuen Vorrath von Aerger zu dem vorhandenen fügten. Von nun an entwickelte ſich unter dem Einfluſſe erhitzter Gefühle, denen nur Erneſt und Konſtanze fremd blieben, das Geſpräch ſo unaufhaltſam ſchnell von ei⸗ nem Thema zum andern, bis man am Rande des Minenwerkes anlangte, wo eine Exploſion erfolgen mußte, daß wir nicht im Stande ſind, ohne Furcht vor Verworrenheiten, demſelben Schrittfür Schrittzufolgen. Es kam zuletzt zur Sprache, daß der Agent in ſeinem vielbewegten Leben vor langen Jahren dem Va⸗ ter Erneſt's bekannt geworden ſein müſſe. Wir wiſſen, daß die ganze Veranlaſſung zu dem erbetenen Beſuche Velguth's in der Dunkelheit dieſer Begegnung ruhete, allein Vielen des Familienkreiſes war dies ein Ge⸗ heimniß, und es mochte keinesweges im Plane derjeni⸗ gen, die ſich für eine Enthüllung der dabei obwaltenden Umſtände intereſſirten, liegen, dies Begegniß am Fa⸗ milientiſche zu verhandeln. Erneſt war der unſchuldige Verbrecher, der durch ſeine Bemerkung, den Namen des Agenten Franz Vel⸗ 11* 172 guth ſchon von ſeinen Jugendjahren her zu kennen, das Geſpräch darauf leitete und dem hoch aufhorchenden Manne erzählte,„ſein Vater habe ihn früher einmal zu ſeinem Chargé d'affaire in einer, ihm unklar geblie⸗ benen Geſchichte gemacht.“ „Wird ein Irrthum von Ihrer Seite ſein,“ meinte der Agent nachſinnend.„Habe niemals die Ehre gehabt, außer den beiden gegenwärtigen Herren von Schmidt⸗Welldorf, einen der verſtorbenen Herrn Brüder zu kennen.“ „Das beſtreite ich nicht,“ gab Erneſt zur Antwort. „Mein Vater hat ſich Ihnen nicht zu erkennen gegeben, Waren Sie nicht im Laufe des Jahres 1834 oder 1835 in Paris?“ „Bin in jedem Jahre in Paris geweſen— ſogar während der Julirevolution.“ „Erinnern Sie ſich des Umſtandes, daß ſich un⸗ ter den Polen, die damals zu Schaaren in Paris wohnten, nachdem die Inſurrection verunglückt war, das Gerücht verbreitete, der Kaiſer Nikolaus habe den Oberſt Quartus von Schmidt mit günſtigen Offerten als geheimen Agenten betrauet—“ „A— wohl— wohl erinnere ich mich!“ ſchrie der Agent ganz begeiſtert.„War eine Schurkerei von einem Andern— war ein Polenverräther— ein Po⸗ 173 lenſchnüffler— hatte ſich unter des edeln Oberſten Namen Eingang verſchafft— hatte aber den Mantel auf zwei Schultern getragen— war käuflich geweſen — für Rußland und gegen Rußland— für Polen und gegen Polen— ein Schandfleck der Menſchheit— ein Landsmann von mir, aus Magdeburg gebürtig— kannte den Schuft ſehr wohl, ſehr wohl!“ „Wie hieß er eigentlich?“ forſchte Erneſt, ganz ſeinem Intereſſe hingegeben. Hieß Schmidt— Schmidt! Nicht von Adel— Schmidt, eines Steuerraths Sohn—!“ referirte eifrig der Agent weiter, ohne ſich ſonderlich um den Eindruck zu bekümmern, den ſein originelles Referat hervor⸗ brachte.„Mußte eines Tages zu einem Herrn kommen — war alſo Ihr Herr Vater— habe dem ruſſiſchen Oberſt von Schmidt Warnung zufließen laſſen— ha⸗ ben darauf den falſchen Oberſt gefaßt und ihn—“ er machte die Geberde des Schießens—„vom Leben zum Tode gebracht. Ein famoſer Streich! Mein Lands⸗ mann war immer ein Bonvivant, dabei ein ſehr ſchö⸗ ner Kerl! Hatte ſich in Warſchau verheirathet— Jetzt flog ein Schauer der Erwartung durch die Herzen derer, die um den Verdacht wußten, welchen die Jugenderinnerung Erneſt's rege gemacht hatte. Die⸗ ſer ſelbſt war unbefangen. Konſtanzens weiblicher 174 Scharfblick ſagte ihr zwar, daß ſich in den Mienen des 4 Oberkammerherrn, des Präſidenten und Ludwig's etwas vorbereite, was erſchütternde Momente mit ſich führen könne, da ſie jedoch von dem Zweifel an Benno's Ge⸗ burt nicht unterrichtet war, ſo ſpannte ſich wohl ihre Aufmerkſamkeit etwas höher, allein ohne Furcht und Bangen. Alice zeigte ſich ſo gleichgültig, wie ſie war. Ihre Seele hing an Erneſt und ſchloß ſich damit für die Außenwelt ab. Liebende haben immer eine ſolche Zeitperiode und ſie bewundern ſpäterhin, daß das mög⸗ lich geweſen war. Benno fühlte oder affectirte eine große Verachtung gegen alle Anweſende.— Was er erwartete? Sein Blick hing ſich drohend an den Agenten, als dieſer fortfuhr: „Seine junge Frau war ſchön, bildſchön— ein wahres Göttermuzchen!“. Der Präſident lachte laut auf über dieſe Benen⸗ nung, die ihm zwar bekannt genug war, aber ſtets ſeine Laune von Neuem anregte. Dies Lachen klang entſetzlich in dem ſtumm horchenden Kreis der Zuhörer hinein und ſeine dämoniſche Gewalt verſtärkte ſich, als Herr Franz Velguth mit ſeinem kräftigen Organe während des ruhig fortfuhr:„war eine Polin aus gu⸗ tem Hauſe,— hieß von Buchotzky—“ 175 „Sie lügen—!“ ſchrie Benno, wie wahnſinnig aufſpringend, mit flammenden Augen. Der Agent machte eine Pantomime der Verwun⸗ derung:„Lügen?— Halten Sie Ruhe, lieber Herr von Schmidt— ich bin nicht ſehr geduldig und dann ſehr grob— merken Sie ſich das! Lügen? Bitte dringend!“ „So irren Sie ſich vielleicht,“ warf der Ober— kammerherr gütig ein, aber ſeine Stimme zitterte ein klein wenig. 3 „Kann mich gar nicht irren, Excellenz,“ erklärte der Agent.„Habe eine Violine von dem Vetter dieſer Frau gekauft— habe ſie noch— iſt ein excellentes Inſtrument— ein ächter veritabler Amati— ſteht ſein Name daran— Felix von Buchotzky— war ein famoſer Geigenſpieler— ein zweiter Boucher— hing mit Leib und Leben an ſeiner Geige, mußte aber fort aus Warſchau, wegen ſeiner politiſchen Umtriebe, ging nach Flensleben und gab Muſikunterricht— „Danach ſcheint dieſer Mann mit Ihrem Pflege⸗ vater identiſch zu ſein,“ ſchnarrte der Präſident im feierlicſſten Seſſionstone zu Benno gewendet, der ſich wieder hingeſetzt und trotzig das Haupt auf ſeine Hand geſtützt hatte. „Was—?“ ſchrie der Agent ordentlich erſchrocken, 176 die Antwort des jungen Mannes überhörend.„Was — Sie— ein Pflegeſohn vom Muſikdirector von Buchotzky?“ „Allerdings,“ wiederholte Benno nochmals mit trotzigem Lächeln.„Und da Sie ſo prachtvoll Romane zuſammenſchmieden können, die meine ſchöne Mutter als die Gattin eines ehrloſen Menſchen darſtellen—“ „Ihre Mutter? Wie denn—? Verſtehe mich nicht auf Räthſel—“ antwortete Herr Velguth trocken. „Bitte, mir das Wort zu erlauben,“ unterbrach ihn der Präſident. Erneſt erkannte jetzt endlich die Wichtigkeit des eingeleiteten Geſpräches und lehnte ſich, begierig auf den Erfolg lauſchend, vorwärts. Die Damen begannen zu zittern. Eine Enthüllung und Verurtheilung unter ihren Blicken ſchien ihnen peinlich — ſie machten Miene den Salon zu verlaſſen, aber ein herriſcher Blick des Präſidenten bannte ſie feſt an ihrem Platze. „Es wäre unklug gehandelt,“ ſprach der Präſident weiter,„wollten wir uns durch Debatten erhitzen, wo uns Thatſachen vorliegen, die unſer Urtheil von vorn⸗ herein begründen. Der Zufall enthüllt uns eben, daß dieſer junge Mann, deſſen Mutter eine geborene von Buchotzky iſt, nach ſeiner Angabe ſowohl, als nach der Berichterſtattung einer gewiſſen Frau von Pottky— 177 „Pottky—?“ ſchrie der Agent dazwiſchen— „auch eine alte Bekannte— großartiger Blauſtrumpf, dichtete Heldenlieder, ehe Helden da waren—“ „Das ſcheint ſie fortexercirt zu haben,“ ſpöttelte der Präſident, fiel aber gleich wieder in ſeinen Seſſions⸗ ton zurück.„Wir können uns glücklich ſchätzen, durch dieſen Zufall früh genug zur Kenntniß gelangt zu ſein, daß der Vater des Herrn Benno von Schmidt nicht identiſch mit unſerm Bruder Quartus iſt, was eben durch den Umſtand bewieſen wird, daß ſeine Mutter, eine geborene von Buchotzky, die Gattin eines andern Mannes, der zufällig auch den Namen Schmidt geführt hat, geweſen ſein ſoll. Der Irrthum von ſeiner Seite iſt ferner erklärlich, da er, wahrſcheinlich aus Gründen, die wir nicht weiter erörtern wollen, vielleicht mit der frühern Familiengeſchichte unſers Hauſes grundſätzlich bekannt gemacht worden iſt—“ „Grundſätzlich?“ fiel der ſchwatzſüchtige, unruhige Velguth ein.„Habe gar keine Gründe dazu gehabt — habe blos gefragt, ob er zu den Schmidt's auf Welldorf gehöre habe erzählt von den acht latei⸗ niſchen Brüdern— habe vom Malheur der Familie geſprochen— grundſätzlich? Bitte dringend!“ „Ich abſtrahire ſofort von meiner Behauptung, daß ſolche Mittheilungen« grundſätzlich gemacht ſeien, 178 wenn der junge Mann ſie Ihnen verdankt,“ entgeg⸗ nete der Präſident und ſein Auge ſtreifte feindlicher über Benno hinweg, der ſich ganz bequem zurecht geſetzt hatte und ſehr aufmerkſam zuzuhören ſchien. „Der Irrthum von ſeiner Seite, ſage ich noch⸗ mals, iſt ferner erklärlich, da er als eine Waiſe auf⸗ erzogen, niemals von den Schickſalen ſeines Vaters un⸗ terrichtet worden iſt, da ſein eigener Pflegevater, dem Anſcheine nach, darüber nichts erfahren hat!“ „Bitte dringend, mein Herr Präſident,“ erklärte Herr Franz Velguth mit Nachdruck,„Muſikdirector von Buchotzky kannte das tragiſche Ende des Schmidt ſehr wohl— hat mir es ſelbſt mitgetheilt— hat oft da⸗ von geſprochen— hat genug gezetert über den Spion und Verräther, der ſeine arme Frau betrogen hat.— Hätte mir der junge Herr Benno vertraut, daß er von Buchotzky erzogen wäre, ſo hätte ich ihm ſchon ſagen wollen, wer ſein Vater geweſen iſt.“. Benno ſchien ſeine Selbſtbeherrſchung zu verlieren. Er wechſelte die Farbe und warf einen Blick fürchter⸗ licher Wuth auf den Agenten. Auch der Präſident verlor ſeine Faſſung ein we⸗ nig, begann aber gleich wieder: „Trotzdem ich jetzt vermuthen kann, daß auch die⸗ ſer junge Mann nicht in Unwiſſenheit über das ſchau⸗ 179 rige Ende ſeines Vaters geblieben iſt, ſo bin ich den⸗ noch nicht gewillt, ihn des beabſichtigten Betruges au⸗ zuklagen, denn er kam mit der Erklärung zu uns,«daß es uns obliege, unſer Verwandtſchaftsverhältniß zu prü⸗ feny. Wir ſtehen am Ziele dieſer Prüfung—“ „Alles abgekartet! Aber wartet—“ murmelte der junge Mann und ſprang ſo heftig auf, daß ſein Stuhl umflog. Wie ein Pfeil durchzuckte dies verrä⸗ theriſche Wort Alicens Bruſt und wie eine Ahnung legte es ſich bleiſchwer in Erneſt's Erinnerung nieder. „Alles abgekartet— Wartet!“ Drei fürchterliche Worte für dieſe Beiden, die ſie allein hörten und verſtanden. „Jeder Angeklagte hat die Freiheit, ſich zu ver⸗ theidigen, eventualiter vertheidigen zu laſſen,“ rief Benno mit einer gewiſſen Ehrerbietung, die ſchlimmer als Hohn und Spott iſt.„ Es war ein Zufall, der mich im Hauſe des Amtmann Bienengräber mit dem Agenten Herrn Franz Velguth zuſammenführte. Es war ein Zufall, der mich ſpäterhin mit ihm zuſammen⸗ treffen ließ, wo er mir bündig bewies, Lich müſſe nach Welldorfy. Ich folgte der Weiſung, nicht in der Ab⸗ ſicht, Betrug zu üben, ſondern von Zweifeln über die Traditionen erfaßt, die meinen Vater vielleicht mit ei⸗ 180 nem andern Manne verwechſelten.— War dies nicht möglich? Es war ferner ein Zufall, daß mein Brief in die Heimath von einer Frau von Pottky beantwortet wurde— aber war es Zufall, meine Herrſchaften, daß mein ehrliches Auftreten mit diplomatiſcher Schlau⸗ heit erwidert wurde? War es Zufall, daß ich mit allen meinen Erklärungen hingehalten, hinter's Licht geführt worden bin? War es Zufall, daß ich nicht abgewieſen wurde, ſo lange der Herr Doctor Erneſt von Schmidt den Stolzen ſpielte? War es Zufall, daß dieſer Herr in Landsau ſich vorfand? War es Zufall, daß ihm ein sort bereitet wurde, daß er plötzlich zu Amt und Würden, der hohen, aber etwas neuen Ahnen würdig, kam? War es Zufall, daß Herr Velguth heute hier eintraf? War es Zufall, daß Herr Doctor Erneſt von Schmidt ganz harmlos eine alte Erinnerung in demſelben weckte? Ich bin fertig, meine gnädigen Herr⸗ ſchaften und ich bin froh, daß ich, weder blind, noch taub geboren, zeitig genug erkannt habe, wie ich nur eine Aushülfe in der Noth geweſen bin und fernerhin noch werden ſollte. Ich bin aber auch froh, daß ich nicht die Ehre habe, zu einer Familie zu gehören, de⸗ ren friſcher Stammbaum ſonderbare Auswüchſe hat.“ Schon während er ſprach, war der Agent Franz Belguth gelaſſen aufgeſtanden, hatte ſich der Thür ge⸗ 181 nähert und ſie ein wenig geöffnet. Als er ſchwieg, ſchrie er zur geöffneten Thür hinaus: „Friedrich— bringen Sie Hut und Stock des Herrn Benno Schmidt— er wünſcht nach Hauſe zu gehen!“ Benno behielt trotzdem ſeine Faſſung. Er ver⸗ beugte ſich mit übermüthiger Artigkeit nach allen Seiten und ſchritt mit Selbſtzufriedenheit hinaus. „Ich dank Ihnen, lieber Velguth, daß Sie mir die Antwort erſpart haben,“ ſagte der Präſident ſo ruhig, als wäre gar nichts vorgefallen, während die Uebrigen unter der Nachwirkung der abgeſpielten Scene bang athmeten. „Habe Ihnen dies Ungeziefer in's Haus geſchickt, mußte es wieder hinausſpediren,“ entgegnete Velguth ebenſo ſeelenruhig, wie ſein Freund Präſident, indem er wieder anfing, Jagd auf die Zuckerſchmetterlinge zu machen, die ihn zu intereſſiren ſchienen. Erneſt befragte jetzt ſeine Verwandten über die frühern Vorgänge mit dem ſchmählich entlaſſenen jungen Manne, und was er in kurzen Abriſſen erfuhr, das löſchte ſein ſchnell aufgelodertes Mitleiden gänzlich aus. Die Laune des Präſidenten war aber nicht im Stande, die Wolken von der Stirn ſeiner Damen zu entfernen. Eine trübe Stille lagerte ſich nach und nach 182 auf den kleinen Kreis und man war augenſcheinlich froh, als die Oberkammerherrin mit raſchem Entſchluſſe die Tafel aufhob. Während man ſich zur Entfernung rüſtete, trat Alice ihrem Onkel ſchnell näher und ſah ihm mit ei⸗ nem ſo bittend vertrauensvollen Blick in's Auge, daß er ſogleich eine ganz abſonderliche Veranlaſſung zu die⸗ ſem Blicke errieth. Liebkoſend zog er das Mädchen mit ſich fort in ein Nebenzimmer, das nur durch eine roſenrothe Ampel ein mildes Licht erhielt. „Was bedeutet Dein Blick— woher die trüb⸗ ſinnigen Gedanken, mein Mädchen?“ fragte er liebreich. „Du ſollſt mir Rath geben, lieber Onkel Tertius! Willſt Du mich anhören? Willſt Du mein Beichtvater ſein?“ Sie legte ſchmeichelnd die Hände auf ſeine Schultern und ſah ihn ernſt an.„Aber verſchwiegen und treu, wie ein wirklicher Beichtvater mußt Du ſein.“ „Ernſte Bekenntniſſe, Alice?“ fragte der Präſi⸗ dent, mit einigem Bangen an Benno's Rodomontaden denkend, die er ſich, in Rückſicht auf Alicens Neigung zu ihm, erlaubt hatte.. „Sehr ernſte Bekenntniſſe,“ flüſterte das Fräulein 183 bewegt.„Ich klage einen Mann auf Leben und Tod damit an— ich überliefere ihn durch meine Anklage der Gerechtigkeit.“ Der Präſident blickte mit zweifelhaftem Ausdrucke zu ihr nieder. Was in aller Welt ſollte das heißen? „Erräthſt Du nicht, daß ich Dir enthüllen will, wer den meuchelmörderiſchen Stoß auf Erneſt vollführt hat?“ „Nun? Du weißt, wer es geweſen iſt?“ fragte der Präſident begierig.„Du weißt es?“ „Ich habe es eben errathen!“ „Eben—?“ „Benno iſt der Thäter!“ „Benno—“ wiederholte der Präſident mit un⸗ gläubigem Erſtaunen.„Benno— mein Mädchen— Benno? In Landsau?“ „Glaube und traue meinem Worte!“ rief Alice lebhaft.„Benno iſt in Landsau geweſen.“ „Du haſt ihn dort geſprochen?“ forſchte der Prä⸗ ſident mit neuer Furcht. „Nein, aber geſehen habe ich ihn, gehört habe ich ihn—“ Alice brach ab, als ſie jetzt des Briefes Erwähnung thun wollte.„Bis dahin habe ich ihn ei⸗ ner ſo abſcheulichen That nicht fähig gehalten, ſonſt würde ich vielleicht ſchon früher den Verdacht auf ihn 184 geworfen haben, aber jetzt weiß ich es, daß er mit ruchloſer Hand Erneſt's Leben gefährdet hat.“ „Du weißt es? Wovon?“ „Er hat ſich ſelbſt verrathen!«Alles. abgekartet — wartet!» ſo lauten die Worte, womit ſich ein cjunger, hübſcher elegant gekleideter Herry kurz vor dem Attentate in Erneſt's Nähe gedrängt hat!?“ Der Präſident nickte beiſtimmend, denn er kannte dieſen Umſtand. „Wir legten den Worten eine andere Bedeutung unter. Jetzt aber verſtehe ich ſie! Haſt du nicht ge⸗ hört, wie jähzornig Benno dieſe Worte hervorſtieß, als er ſein Spiel mit uns aufgedeckt ſah?“ Der Präſident ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Alles abgekartet—!“ wiederholte er.„Freilich, ſon⸗ derbare Worte, mein Mädchen, gravirend genug, aber dennoch nicht abſolut beweiſend, da Benno's Anweſen⸗ heit in Landsau nicht erwieſen iſt.“ Alice gerieth durch dieſen Widerſpruch in jenen Eifer, wo ſich die Schleuſen der Beredſamkeit öffnen und das Vertrauen rückſichtsloſer hervortritt. „Ich würde wohl im Stande ſein, dieſe Anwe⸗ ſenheit feſtzuſtellen,“ rief ſie,„allein daran liegt mir nichts. Ich wünſche Benno nicht beſtraft zu ſehen, ſondern nur Erneſt vor fernern meuchelmörderiſchen Angriffen zu bewahren, und dazu kannſt Du mir ver⸗ helfen. Benno muß von Dir erfahren, daß ich ihn erkannt habe, daß ich errathen habe, wer mir allabend⸗ lich meine Lieblingsſtücke auf dem Fortepiano vorgetra⸗ gen hat— er muß erfahren, daß ich den Schreiber des Liebesbriefes, den ich erhielt—“ „Liebesbrief?“ fiel der Präſident ärgerlich ein. „Ja, ja! Nur Benno kann ihn geſchrieben haben, nur er kann einer ſo wahnſinnigen Eiferſucht und Liebe Worte gegeben haben, und iſt es nicht von ſchwerer Bedeutung, daß er ſeit dem Momente der That ver⸗ ſchwunden und verſtummt war? Unterſtützen alle dieſe Gründe, ſo gering ſie ſcheinen, nicht meine Be⸗ hauptung?“ „Die ſchlaue Berechnung ſieht ihm ähnlich,“ mur⸗ melte der Präſident, im Innern längſt von der Schuld Benno's überzeugt.„Wo haſt Du den Brief, mein Mädchen?“ „IEr iſt verbrannt! Nicht einen Augenblick mochte ich Liebesworte, die mir Grauen einflößten, in meinem Beſitze wiſſen. Was mir darin geſagt wurde— es iſt vernichtet und verflogen!“ „Für alle Fälle ein geſunder Verbrauch, mein Mädchen, allein als Beweisſtück würde er mir unver⸗ brannt lieber ſein.“ 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 12 186 „Meinſt Du, daß es eines Beweiſes bedarf, um Benno aus dem Felde zu ſchlagen? Behüte! Er iſt feige! Tritt ihm entgegen mit der feſten Beſchuldigung, wozu ich Dir die Gründe lieferte, und er wird nicht ſäumen, die Stadt zu verlaſſen. Weiter verlange ich nichts!“ „Eine gelinde Strafe für ſein Vergehen!“ „Ohne uns zu compromittiren, würde eine größere Strafe kaum möglich ſein.“ Der Prüſident ſtrich liebkoſend über ihr erhitztes Geſicht. 8 „Haſt ganz Recht! Wir wollen die Sache in Ue⸗ berlegung ziehen! Fahrt ruhig zu Hauſe!— Herr Vel⸗ guth mag Euch begleiten, um unſere Familienconferenz nicht zu ſtören.“ In dieſem Augenblick erſchien Erneſt auf der Schwelle des Zimmers. Auch er hatte mit richtigem Blicke den Präſidenten als denjenigen erkannt, welcher ihm nach der gemachten Entdeckung am beſten rathen konnte, und er ſuchte ihn zu dieſem Behufe auf. „Komm näher, mein Junker—“ rief der Prä⸗ ſident, ohne die Beſtürzung zu reſpectiren, mit der Alice ihren Rückzug zu bewerkſtelligen ſuchte.„Die Sache geht Dich an, die uns Beide hier zu geheimer Berathung zuſammenführte.“. 187 Erneſt trat raſch herein. Alicens holde Verwir⸗ rung verkündete ihm des Präſidenten Einverſtändniß mit ihr. Schon längſt von der ſanften, rührenden Hingebung des jungen Mädchens in die heiligſten Feſſeln geſchlagen, hatte er nur darum ſeine Zurückhaltung beharrlich beibehalten, um erſt Benno's Anſprüche an ſie zu prüfen. Was er jetzt erlebt hatte, hob ſeine Gründe auf, und was er jetzt von den Lippen des un⸗ getreuen Beichtvaters hörte, gab ihm das Recht, ſein Schweigen zu brechen. Aber Alice fühlte das Gefährliche ihrer Stellung zwiſchen dieſen beiden Männern, und ſie entſchlüpfte iynen, als Erneſt mit überwallendem Herzen den Em⸗ pfindungen Worte zu geben ſuchte, die längſt in ihm lebten und ſeine vollſtändige Sinnesänderung bewirkt hatten. Der Präſident hörte mit feuchten Augen zu. Was Erneſt ſprach, erſchien von dem Entzücken eines ſtark bewegten Herzens gefärbt. Mit der ihm eigenthüm⸗ lichen Lebendigkeit ſetzte er die einzelnen Umſtände zu⸗ ſammen, die ſein Leben auf den Standpunkt gebracht hatten, worauf er ſich jetzt befand. Alicens Bild thronte in ſeinem Innern, gleich einer Gottheit, und der Se⸗ gen ihres Einfluſſes wurde von ihm keinesweges in Abrede geſtellt. Es war ein kurzer, feſter Abriß ſeiner 12* 188. Vergangenheit, ein Gemälde der beglückenden Gegen⸗ wart und eine Skizze der hoffnungsreichen Zukunft, was der junge Mann mit aller Reife der Vernunft vor des Präſidenten Augen aufrollte und er bekleidete nichts von dem, was er erwartete, mit den glänzenden Far⸗ ben der Phantaſie. Von dem Geſchick in eine Reihe einfacher, aber bedeutungsvoller Ereigniſſe verwickelt, die ſeine Seele zu läutern vermochten, hatte er die Thorheit erkannt, gegen den Strom der Weltbildung zu ſchwimmen und als Reformator allgemeiner Welt⸗ zuſtände auftreten zu wollen. Dieſe neue Aera ſeines Denkens wurde von der Liebe energiſch bis zum Han⸗ deln emporgetrieben. Er war jedoch ehrlich genug, das einzuräumen, und dadurch gewann er ſich um ſo ſicherer in dem Präſidenten einen Bundesgenoſſen. Was ein jahrelanges, exemplariſch geordnetes Nebeneinanderleben nicht bewirkt haben würde, das begründete ſich in die⸗ ſer einſamen, kurzen Unterredung. Der Präſident be⸗ gann Exrneſt zu lieben, weil er ihn achten mußte. Ue⸗ ber den Mordanfall Benno's lächelte Erneſt jetzt mit⸗ leidsvoll. Er war der Meinung, daß er ganz ſicher vor jeder Wiederholung ſei, aber er zeigte ſich ſehr ge— neigt, nach Alicens Vorſchlag, eine Abſchreckungstheorie anwenden zu wollen, mehr des furchtſamen Mädchens wegen, als aus Nothwendigkeit. Natürlich übernahm: 189 d er die Rolle, dem jungen Manne ſtrafend entgegen zu treten, und er bat beim Abſchiede den Präſidenten für einen Zeugen zu ſorgen, der bei der Verhandlung mit Benno gegenwärtig ſein müßte, um derſelben die nö⸗ thige Wichtigkeit beizulegen. Am nächſten Morgen verfügte ſich Erneſt, in Be⸗ gleitung des Grafen Schlifern, nach dem Hotel, wo dieſer junge Herr Quartier genommen hatte, und ließ ſich bei ihm melden. Benno zögerte nicht die Herren anzunehmen, obgleich er nicht begriff, was Erneſt's Be⸗ gleitung eines Herrn beſagen ſollte, den er als einen Cartellträger anzuſehen geneigt war. Mit der pomp⸗ haften Manier eines Mannes von Welt und Erfah⸗ rung empfing er Beide, legte aber gefliſſentlich eine Nichtbeachtung in dem Gruße gegen Erneſt, während er dem Grafen, als einem Bekannten des Schmidt⸗ Welldorf'ſchen Hauſes, mit devoter Zuvorkommenheit begegnete. Das mitleidige Lächeln Erneſtes über dieſen Act großartiger Jämmerlichkeit, der ihm Zeugniß von den Grundlagen ſeines Charakters gab, reizte Benno mehr, als Worte. „Wollen Sie mir gefälligſt erklären,“ fuhr er heftig gegen ihn heraus,„was mir die unerwartete Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ 190 „Warteten Sie einen Augenblick, mein Herr, ſo wäre Ihre Frage unnöthig geweſen,“ entgegnete Erneſt ganz ohne Ueberhebung, aber dennoch entſchieden de⸗ müthigend.„Sie kennen den Herrn Grafen Schlifern — werden Sie ihn zum Zeugen einer Unterredung zwiſchen uns für vollſtändig qualificirt annehmen?“ „Unbedingt! Graf Schlifern iſt ein Ehrenmann!“ rief Benno.„Sein Beſuch kann mir nur zur Ehre gereichen, und wenn er von Ihnen dazu erwählt iſt, Rechenſchaft über meine geſtrige Abſchiedsrede zu for⸗ dern, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb Sie ihn begleitet haben!“ Wieder flog jenes beleidigende Mitleidslächeln über Erneſt's Geſicht. „Ihre geſtrige Abſchiedsrede? fragte er ſehr ruhig. „Glauben Sie Ihre Schauſpielerkünſte mit dem Ge⸗ pränge eines Duells beſchließen zu können?“ „Was ſonſt?“ fuhr Benno hochmüthig auf. „Das thut mir leid! Zu dieſem privilegirten Blutvergießen kann ich Ihnen nicht verhelfen, nachdem Sie Ihre Ehre anderweitig verloren haben.“ Benno ſprang auf und ſtellte ſich in flammendem Zorne ihm gegenüber. Ein beſchimpfendes Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen, aber es blieb dort hängen, als er dem vernichtenden Ernſte eines ſo ſprechenden Blickes 191 aus ſeines Gegners Auge begegnete, daß er wie von einem Zauber getroffen wurde. „Ein Mörder iſt nicht ſatisfactionsfähig,“ ſagte der Graf Schlifern, der ſich bis dahin ganz ſchweigſam verhalten hatte, mit tiefer, ruhiger Stimme. Beſtürzt ſtarrte Benno unverwandt auf Erneſt's furchtbar anklagende Augen, und wie ein Donnerrollen ſchlugen die Worte des Grafen an ſein Ohr. Seine Lippen verſagten ihm den Dienſt. Er hatte ſich ſicher geglaubt durch ſeine ſchlau eingerichtete Abreiſe aus Landsau, und er war in ſeiner Zuverſicht auf dieſe Sicherheit beſtärkt, als nicht der leiſeſte Hauch eines Verdachtes ihn anwehte, als ſogar die Schlanheit des Präſidenten von ſeiner Schlauheit beſiegt erſchien. Seine geniale Lügenfertigkeit ſchien ihm ungetreu zu werden— aber plötzlich nahm er ſeinen ganzen Muth zuſammen, plötzlich raffte er ſich zu einer verzweifelten Keckheit auf. „Wie ſoll ich dieſe vermeſſenen Worte deuten, meine Herren?“ fragte er mit theatraliſcher Würde, von einem zum andern ſchauend. „Ganz einfach ſo, wie Sie dieſe Worte gehört haben,“ erwiderte Erneſt kaltſinnig.„Sie ſind der Mann, der mir in Landsau einen Meſſerſtich verſetzt hat, woran ich beinahe geſtorben wäre. Ich lebe 192 gottlob noch und will Ihnen die Folgen Ihrer abſcheu⸗ lichen Niederträchtigkeit nicht anrechnen. Daß ich Sie lebenslänglich in's Zuchthaus bringen kann, werden Sie hoffentlich wiſſen—“ Er hielt inne, um die Antwort Benno's zu hören. Dieſer blieb völlig ſtumm. „Mein Entſchluß geht dahin,“ fuhr Erneſt fort, „mich jeder Rache zu enthalten, Sie jedoch durch Un⸗ terſchrift dieſes Contractes—“ er entfaltete ein Pa⸗ pier, von jenem wichtig ſcheinenden Formate, das Sün⸗ dern immer Bedenken einflößt—„auf immer aus dem Geſichtskreiſe derer zu verbannen, die ſeit geſtern An⸗ ſtoß an Ihrem Leben nehmen. Unſer Ehrenwort zum Pfande, daß außer meinem Secundanten in dieſer ver⸗ zweifelten Ehrenſache, dem hier anweſenden Herrn Grafen Schlifern, Niemand Kenntniß von Ihrer niedrigen That erhalten ſoll, wird Ihnen genügen. Aber—“ hier erhob er ſeine Stimme—„die ge⸗ ringſte Uebertretung dieſes Contractes überliefert Sie ohne Gnade den Händen der Gerechtigkeit. Machen Sie ſich bekannt mit dem Inhalte der Stipulation, mein Herr—“ Er reichte ihm das Papier und er⸗ wartete mit einiger Spannung, was Benno nach Durch⸗ leſung der Bedingungen beſchließen würde. Zu ſeinem Erſtaunen verlor er kein Wort darüber, ſondern ergriff 193 bereitwillig eine Feder, unterzeichnete die Schrift und überreichte ſie unter einer ehrfurchtsvollen Verbeugung dem Grafen, der ebenfalls ſeinen Namen darunter ſetzte. Man ſah es deutlich, daß der junge Mann von der Pein ſeiner Lage faſt überwältigt war und daß nur ein Gedanke das Chaos ſeiner Gefühle durch⸗ hallte:„Der Wunſch, allein zu ſein“. Eine kurze Zeit ſchien er zur Erkenntniß zu kom⸗ men, ſchien er von der Größe ſeines Leichtſinnes ſelbſt betroffen zu werden, ſchien er zu begreifen, daß er am Rande eines Abgrundes ſtehe, daß eines Richters Schwert über ſeinen Handlungen ſchwebe; eine kurze Zeit ſchien er Gott zu preiſen, daß Erneſt nicht als Opfer ſeiner Berſerkerwuth unterlegen ſei und eine flüch⸗ tige Secunde ſchien er von reuigen Empfindungen be⸗ ſeelt, ein Wort der Verſöhnung zu ſuchen— dann aber flohen die guten Geiſter wieder vor der leichtſin⸗ nigen Selbſtſucht, die einen Grundzug ſeines Weſens bildete und er ließ den Moment vorübergehen, welcher der Sühne ſeines Vergehens günſtig geweſen ſein würde. Nachdem die Procedur vollzogen war, womit Er⸗ neſt die Neigung des jungen Herrn zu Extravaganzen auf Koſten der Familie, die er mit ſeinen Speculatio⸗ 194 nen beehrt hatte, ſicher zu zügeln hoffte, entfernten ſich die beiden Herren mit kalter Höflichkeit und überließen ihn ſeinem Nachdenken. Dies war nun eben nicht erfreulicher Art. Ge⸗ ächtet in dem Kreiſe derer, die ſeine Exiſtenz bis zum Ueberfluſſe ausgeſtattet hatten, um ihrem rechtlichen Gefühle genug zu thun, geſtürzt von der Höhe ver⸗ meſſener Hoffnungen, gebeugt unter der Laſt einer un⸗ widerlegbaren Anklage, und entblößt von den Mitteln, den Gentleman fortſpielen zu können, blieb ihm weiter nichts übrig, als zu ſeinem Berufe zurückzukehren, der ihm früherhin ſeinen Lebensunterhalt verſchafft hatte. Es verfloſſen ihm mehrere Stunden in dem dumpfen Brüten, das ſchwer gefaßten Entſchlüſſen vor⸗ angeht, und er würde ſchwerlich mit heiterm Muthe aus demſelben erwacht ſein, da in ſeiner Kaſſe jene unerfreuliche Ebbe eingetreten war, die eine genaue Ueberlegung des Nothwendigen erfordert, wenn nicht vom Bedienten des Präſidenten plötzlich ein Brief ab⸗ gegeben worden wäre, in welchem eine Banknote von tauſend Thalern lag, mit dem lakoniſchen Citat aus Schiller's Don Carlos:—— „Ich fühle, daß ich ſtrafbar bin—“„deswegen vergönn' ich Ihnen zehn Jahre Zeit, fern von Madrid, darüber nachzudenken“——— 195 Wie ein Sonnenglanz durchſtrömte neuer Muth und neue Lebensfreude Benno's Bruſt, als er ſich im Beſitze dieſer Summe erblickte. Alle andere Unannehm⸗ lichkeiten verſchwanden vor ſeinen Augen. Der Weg in's phantaſtiſche Leben voll trügeriſcher Hoffnungen eröffnete ſich bei dieſer augenblicklichen Abhülfe ſeiner Noth von Neuem und gewitzigt von ſeinen Erfahrungen, glaubte er jetzt klüger handeln zu können. „Mein Spiel hier iſt ausgeſpielt,“ ſprach er auf⸗ geheitert zu ſich ſelbſt.„Thor, der ich war, mir ſelbſt in meinem nnüberlegten, wüthenden Angriffe auf ein erbärmliches Menſchenkind, eine Unglücksgrube zu gra⸗ ben. Hätte ich nicht den dummen, albernen Streich begangen, in der Uebereilung dem Herrn Doctor Er⸗ neſt, meinem Exvetter, das Meſſer in den Leib zu rennen, ſo würde ich die hochwohlgeborene Familie Schmidt⸗Welldorf am Fädchen gehabt haben, bis es mir gefiel, meine Maske fallen zu laſſen. Beſſer iſt's „ruhiges Blut behalten,“ wenn man Intriguen einfä⸗ delt, als„dummer Weiſe in Wuth zu gerathen.“ Es iſt einmal geſchehen, und geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern, zumal verbriefte und verclauſulirte. Auf⸗ geſchauet! Wohin ſteuere ich nun? Vortrefflicher Ge⸗ danke— Dich gab der Himmel ein!— Nach Char⸗ lotte Bienengräber! Sie wird vergeben und vergeſſen 1 196 und kann als Aequivalent gute Dienſte leiſten. Hm— Alice und Charlotte? Roſenduft und Tabaksqualm! Gold und Kupfer! Doch beſſer etwas, wie gar nichts! Raſch an's Werk—!“ Er begann ohne Weiteres ſeine Garderobe zuſammenzulegen und die Kommodenkaſten auszuräumen. Dabei ſiel ihm das Taſchenmeſſer in die Hände, womit er den meuchelmörderiſchen Angriff auf Erneſt gewagt hatte. Er betrachtete es wie ver⸗ wundert von allen Seiten und warf es dann in eine Ecke des Zimmers.„Wie ich nur dazu gekommen bin?—“ murmelte er.„Ich muß ganz im Delirium gehandelt haben! Sonſt kann ich einem Menſchen nicht einmal die Nägel abſchneiden, ohne daß mir das Herz wehthut, und an dem verwünſchten Abende fahre ich«mir nichts, dir nichtss mit dem Meſſer in einen menſchlichen Bruſtkaſten hinein. Diable, wenn mich die heilige Juſtiz dafür faßte—.“ Eilig, von dieſem fürchterlichen Gedanken in Schrecken geſetzt, warf er ſein Hab und Gut, wie Kraut und Rüben, durcheinander in den wohlbekannten Koffer und ſchloß ihn haſtig zu. 3 „Schwiegermama Bienengräber kann's beſſer packen—“ lachte er gleich wieder luſtig vor ſich hin. „Fort nur— fort!“ Er ſchellte, daß das Haus wiederhallte, trug dem 197 Hausknechte auf, ſeinen Koffer nach der Eiſenbahn zu beſorgen, bezahlte ſtolz ſeine Rechnung und— fuhr in kurzer Zeit zum letzten Male durch die Straßen der Reſidenz, um ſich ehenfalls nach dem Bahnhofe zu begeben. Seein Abzug wurde von einem Diener des Schmidt⸗ Welldorf'ſchen Hauſes befohlenermaßen beobachtet und pflichtſchuldigſt rapportirt. Der Präſident nahm die ganze Geſchichte von der komiſchen Seite und ſetzte ſeine Nichte Alice mit ſeinen Ausfällen auf die„Sicherheit des Staates“ in die größte Verlegenheit. Erneſt, der ſich grundſätzlich ihrer mädchenhaften Verſchüchterung nicht erbarmte, ſondern ſich daran weidete, erzählte erſt nachträglich den Da⸗ men von ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Benno. „Wie Lord Froſch iſt der Burſche durch die Stadt gefahren,“ ſchrie der Präſident.„Schade, daß unſer Freund Velguth dieſen Abzug nicht dirigiren konnte—!“ „Hat Fiasco gemacht!“ parodirte er den Agenten. „Wohin mag ſich unſer Exvetter gewendet haben?“ Darüber konnte Niemand Auskunft geben.„Ich bin nach den ſtattgefundenen Auftritten überzeugt,“ meinte der Regierungsrath lächelnd,„daß Benno nicht 198 ſpurlos in der Welt verſchwinden wird. Wir werden von ihm hören.—“ 1 Der Winter zog nach und nach ſeine Schleier hervor, mit welchen er die Erde mütterlich beſorgt bedeckte. Leichte Schneegeſtöber hüllten die Fluren in weiße Gewänder und die friedliche Häuslichkeit der Landbewohner beſchränkte ihre Amuſements auf die Stube, der der große Ofen Sommersgluthen ver⸗ ſchaffte. Im Amthofe, wo der Amtmann Bienengräber als König und Herr auftrat, waren einige kleine Ver⸗ änderungen vorgefallen, ſeitdem wir denſelben verließen. Charlotte hatte ihren Schmerz um den geliebten Benno bemeiſtert— ſie betete nicht mehr um ihren Tod, der ſie mit dem Verlobten vereinigen konnte— bisweilen flog ſchon ein Scherz von ihren Lippen und ſie be⸗ gann, ohne Krämpfe zu bekommen, ihr Klavierſpiel wieder. Das Weihnachtsfeſt rückte heran. Das iſt eine Zeit, wo ſich alle junge Damen ohne Gewiſſensbiſſe die Augen verderben, um den Brüdern, Geliebten und Vätern unnütze Geſchenke zu ſticken, zu nähen, zu häkeln und zu ſtricken. Natürlich konnte Charlotte hinter dieſer Mode nicht zurückbleiben und ſie betrachtete unter dem letzten 199 Schimmern der Tageshelle eine ſehr hübſche Perlſtickerei, — die ziemlich fertig war und ſie den ganzen Nach⸗ mittag anhaltend und ſehr angenehm beſchäftigt hatte, — bevor ſie dieſelbe bedächtig in ihren Nähtiſch legte, den ſie ſehr vorſichtig zuſchloß. Charlotte war bleicher, als früher, ſie ſah älter aus, aber feiner. Ihre Geſtalt hatte die überflüſſige Fülle eingebüßt, und wenn man auch nicht gerade ſa⸗ gen konnte, daß der Gram ihre Geſundheit untergra⸗ ben habe, ſo verrieth doch ihre Erſcheinung ſeine Ein⸗ wirkung auf ſie. . Dem verwöhnten Geſchmack eines Städters ſagte übrigens dieſe gedämpfte Gluth körperlichen Wohlſeins gewiß mehr zu, als jene roſige Kerngeſundheit, die Charlotten als Landſchöne ſtempelte. Ihr Geiſt ſchien ganz frei von den Erinnerungen geworden zu ſein, welche verheerend in ihre Geſund⸗ heitsfülle gegriffen hatten. Ein Lächeln ſchwebte auf ihren Lippen und eine ſonnige Heiterkeit lag in dem Blicke, womit ſie ſich dem Fenſter näher beugte, um die ſchneebedeckte Dorfſtraße hinabzuſehen. Sie war allein im Zimmer. Sie war ſogar allein zu Hauſe. Vatter und Mutter Bienengräber hatten eine Fahrt nach der Stadt unternommen, um„den Weihnachts⸗ mann für ihre Töchter zu beſtellen.“ Sie konnten je⸗ 200 ven Augenblick zurückkommen. Ob ihren Eltern der Blick gegolten hatte, der vom Fenſter ſinnend über die Felder hinab nach den Wipfeln der Bäume geflogen war, welche eine Landſtraße bezeichneten? Charlotte ging zum Flügel, eine hübſche Melodie zwiſchen den Lippen ſummend, und legte ſich ein No⸗ tenbuch zurecht. Dann öffnete ſie die Thür, die nach dem Hausflure führte, rief dem Hausmädchen zu „Holz nachzulegen“, befahl der Köchin„Theewaſſer zu halten“ und wendete ſich, immerfort leiſe ſingend, zu ihrem Klaviere zurück. Indem ſie den Klavierſeſſel zurechtrückte, öffnete ſich hinter ihr die eben geſchloſſene Thür wieder. Mit einem freudigen Laut der Ueberraſchung ſah Charlotte zurück und gerade in das Geſicht Benno's hinein, der vom letzten Tagesſchimmer erleuchtet, in der Thüre ſtand und jedenfalls derjenige nicht war, dem ihr Freudenruf gegolten hatte. Charlotte ſah ihn, ſprachlos vor Schreck, unver⸗ wandt an, bis er ſich, leidenſchaftliche Benennungen auf den Lippen, ihr näherte und ſeine Arme nach ihr ausſtreckte. Das Mädchen wich zurück. „Meine ſüße Geliebte“— flüſterte er—„Kennſt Du mich nicht mehr?“ 201 „Du lebſt, Benno? Du lebſt?“ ſtammelte Char⸗ lotte, immer weiter zurücktretend und mit ſprechendem Widerwillen die Hände gegen ihn wendend. „Haſt Du mich als todt beweint, mein Herzens⸗ mädchen?“ fragte Benno ſchmelzend. Das Mädchen warf ſich in einen Stuhl, bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und fing bitterlich an zu weinen. Ob es Freudenthränen waren? Benno fühlte ſich verlegen bei dem ſonderbaren Ausbruch ihrer Freude. Er hatte natürlicherweiſe, ihrer frühern Ueberſchwenglichkeit zufolge, einen ganz andern Empfang erwartet. Es war ſo ſtill im Zimmer, daß man einige Spätlinge der liebenswürdigen Sommer⸗ inſekten, die Amtsſtuben immer ſtark zu bevölkern pfle⸗ gen, ganz deutlich ſummen hören konnte. „Du haſt nicht redlich an mir gehandelt—“ ſchluchzte Charlotte leiſe hinter den Händen hervor. „Wo biſt Du ſo lange geweſen? Warum haſt Du ſeit vier Monaten nicht geſchrieben?“ „Wo ich geweſen bin, mein Liebchen?“ fragte Benno, ſich leiſe zu ihr heranſchleichend und ſie ebenſo leiſe und zart in ſeinen Arm nehmend, was ſie jetzt duldete.—„O es iſt eine Geſchichte, die mich an Menſchenwerth verzweifeln macht—!“ Charlotte ſah von der Seite auf zu ihm. Ihr 18 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 202 Blick fragte, aber es lag nicht der feurige Wunſch da⸗ rin, daß es ihm gelingen möchte, ſich ausreichend zu vertheidigen. „Ich jagte einem Phantome nach, das Dich, Du Holde, auf eine glänzende Oberfläche des Lebens heben ſollte! Hat Euch denn der Agent Velguth nicht von den Schritten unterrichtet, zu denen er mich ſelbſt ver⸗ anlaßte?“ fügte er im Tone tiefſter Entrüſtung hinzu. Charlotte ſchüttelte trübſinnig den Kopf.„Wir haben Herrn Velguth ſeit Deiner Abreiſe mit ihm gar nicht wieder geſehen!“ Benno ſchlug mit gut gelungenem Zorne die Hände zuſammen.„Gar nicht wieder geſehen? Und dieſer Hallunke hatte mir feſt verſprochen, Euch Alles mit⸗ zutheilen— Cuch auf eine Kataſtrophe in meinem Le⸗ ben vorzubereiten, die mich in den Stand zu ſetzen verſprach, meine ſüße Charlotte königlich zu ſituiren?“ Das junge Mädchen, ſonſt ſo ſehr zu königlichen Träumen geneigt, ſah durchaus nicht enchantirt aus, ſondern blickte mit einem Anfluge von Angſt nach der Thür, als ſich dort ein kleines Geräuſch vernehmen ließ. Benno fuhr während der Zeit fort: „Ich bin geſcheitert mit meinen Hoffnungen, meine Geliebte! Statt daß ich, anerkannt als der Majo⸗ ratserbe von der Beſitzung Schmidt⸗Welldorf, vor Dir 203 zu erſcheinen erwarten konnte, hat mich die böswillige Willkür eines bevorzugten Fürſtendieners mit großen Summen abgefunden, die mich zwar in den Stand ſetzen, Dich glänzend in der Welt zu placiren, aber leider mir die Befugniß rauben, Dich auf die Beſitzung mei⸗ ner Ahnen zu führen!“ Er machte ſich bei den letzten, tief bewegt hervorgeſtoßenen Worten los von Charlotten, und ſchritt heftig im Zimmer auf und ab. „Verloren— Alles verloren!“ murmelte er pa⸗ thetiſch und ſehr hörbar.„Und bei allen geſcheiterten Lebenshoffnungen noch die entſetzliche Erfahrung, daß vier Mal vier Wochen hingereicht haben, die glühende Liebe meines Mädchens erkalten zu laſſen. Dieſe Er⸗ fahrung wird mich tödten!“ Charlotte raffte ſich auf von ihrem Sitze, trat zu ihm heran und ſprach abgebrochen:„Benno— die Kränkung macht mich vielleicht ungerecht gegen Dich — habe Geduld— bedenke meine Lage— die fürch⸗ terliche Ungewißheit tödtete mich beinahe— dann ſtumpfte ſich die Qual meines Schmerzes ab— ich begrub meine erſte Liebe und die ſchönen lluſionen der erſten Liebe, die einen Gott aus dem Manne ma⸗ chen, der unſer Herz rührt, verflogen vor der Miß⸗ harmonie dieſes Grabgeläutes. Benno, ich bin ganz anders geworden, ſeitdem wir uns nicht geſehen haben! 134 204 Du ſelbſt trägſt die Schuld. Prüfe erſt, ob ich, ent⸗ kleidet von der Sucht, alle Lebensverhältniſſe excentriſch und phantaſtiſch zu ſchmücken, Dir ferner als Lebens⸗ gefährtin wünſchenswerth ſein werde— ich bin ganz anders geworden, Benno— ich bin ganz anders ge⸗ worden—.“ Das arme junge Mädchen brach wieder in Thrä⸗ nen aus, die jedenfalls eine andere Bedeutung hatten als die, welche Benno ihnen unterzulegen für gut befand. „O, mein liebes Leben, iſt es nur das, was Dich ſo kalt erſcheinen läßt!“ rief er exaltirt ihre Hände— die ſonſt ſo verachteten Hände— ergreifend und an ſeine Lippen preſſend.„Wie Du biſt, ſo liebe ich Dich! Du biſt eine reine, duftige Blume, die Balſam in des Mannes Herz ergießt, wenn er von des Lebens Laſt erſchöpft, ſtumpf und matt zu werden beginnt—.“ Charlotte ſah ihn wieder von der Seite an. Für dieſe ſchönen Floskeln hätte ſie ihm damals, als ſie für ihn ſchwärmte, ihre Seele dahingegeben, wie kam es nur, daß ſie ſo kaltſinnig und mißtrauiſch zu ihm auf⸗ ſchauete?. Benno bemerkte den verfehlten Eindruck erſt, als ſie leiſe und ſanftmüthig erwiderte: „Du biſt auch ganz anders geworden—! Was werden meine Eltern ſagen?“ 20⁵ „Wo ſind die Theuern?“ fragte Benno raſch zu einem andern, weniger lamentabeln Ton übergehend. „Sie ſind doch geſund—? Wie freue ich mich auf die Ueberraſchung, die ich ihnen bereiten kann!“ „Freue Dich nicht, lieber Benno,“ fiel Charlotte kleinmüthig ein.„Meine Eltern haben Dich auch für todt gehalten, und ſie werden nicht geneigt ſein, Dir Dein unverantwortliches Stillſchweigen zu vergeben. Sage mir nur, wo Du geweſen biſt?“ „Wo anders, als in Welldorf, auf dem Schloſſe, in welchem mein Vater das Licht der Welt erblickt hat! Mich trifft der Vorwurf, den Du mir machſt, diel weniger als den ſchurkiſchen Agenten Velguth, den ich mit dem Auftrage betraut hatte, Euch mündlich von der vorausſichtlichen Veränderung meiner Lebensſtellung zu unterrichten—.“ „Wo liegt denn Welldorf?“ fiel Charlotte etwas muthiger ein, denn ſie hörte den Wagen ihrer Eltern auf den Amthof rollen und konnte nun jeden Augen⸗ blick das Ende dieſes peinlichen téte à téte erwarten⸗ „Ja, wo liegt es—? ſcherzte Benno, ihre Taille umſchlingend, um durch dieſe Liebkoſung der Beantwor⸗ tung ihrer Frage zu entgehen. „Wohl ſehr weit von hier? Vielleicht nach Ruß⸗ land zu? Aber ſchreiben konnteſt Du doch, und wenn — 206 Welldorf an der äußerſten Spitze des Nordpols liegt—.“ Sie machte ſich ziemlich ſchnell aus ſeiner Umar⸗ mung frei und eilte nach der Thür, wo die Stimme ihrer Mutter ſchon hörbar wurde. Mit dem einzigen charakteriſtiſchen Ausrufe:„Mut⸗ ter! Benno!“ überantwortete ſie ihn nun einem gründ⸗ lichern Examen nach„Welldorf“ und„ſeinen Verhält⸗ niſſen,“ während ſie die Gelegenheit benutzte, um Faſ⸗ ſung zu gewinnen, und in einer einſamen Minute„das Glück“ zu betrachten, welches für ſie in dem Wieder⸗ erſcheinen Benno's lag. Eine gute halbe Stunde gebrauchte ſie zu ihrer Selbſtberuhigung, und als ſie wieder eintrat in das Wohnzimmer, wo ihre Eltern den jungen Herrn„ge⸗ hörig ins Gebet genommen hatten,“ da begegnete ſie einem mürriſch fragenden Blicke ihres Vaters und einem trübſinnigen Lächeln ihrer Mutter. Ganz augenſcheinlich erwarteten Beide eine er⸗ ſchöpfende Erklärung Charlottens über die fragliche Situation, die ſich ſo höchſt unerwartet herausgeſtellt hatte, allein das junge Mädchen, von einem Rechts⸗ gefühle geleitet, das jetzt eine Uebermacht über Alles, was da vorlag, errungen zu haben ſchien, beantwortete 207 die ſtumme Aufforderung zu einem Entſchluſſe nur durch ſanfte, abwehrende Blicke. Aber ſie enthielt ſich aller Vertraulichkeiten gegen Benno, wozu das frühere Verhältniß ſie berechtigte, entzog ſich augenſcheinlich verlegen ſeinen ſehr zarten Liebkoſungen und war froh, als der Dorfwächter die zehnte Stunde verkündete, ein unabweisliches Mahn⸗ zeichen für ihre Eltern das Bett zu ſuchen. Man trennte ſich in ſonderbarer Stimmung, die ſich bis über das Dienſtperſonal erſtreckte und ſich in neugierigem Flüſtern, Achſelzucken und fragendem Kopf⸗ ſchütteln kund gab. Dabei ließ ſich ein Name hören, der in Zuſammenſtellungen mit dieſem Ereigniſſe, eine Betheiligung daran verrieth. „Was wird aber Herr Ottendorf ſagen?“ fragte das Hausmädchen die Köchin, und dieſe zuckte unter gewichtigen Mienen ihre Achſeln. Wer war Herr Ottendorf? Warum ſollte er ganz beſonders eine Meinung über dieſe Vorfälle haben? Am nächſten Morgen kam der Koffer des zukünf⸗ tigen Herrn Schwiegerſohnes auf dem Amthofe an und wurde, gleich ſeinem verſchollen geweſenen Herrn Beſi⸗ tzer, auf derſelben Stelle placirt, wo er früherhin geſtanden hatte. Er war alſo ebenſo glücklich, wie ſein Herr Beſitzer, und zeigte ſich auch ebenſo gefühllos ge⸗ 208 gen die Blicke der Verwunderung, womit man ihn in Empfang nahm. Benno gab ſich die Miene vollſtändiger Unbefan⸗ genheit. Er hatte die Dreiſtigkeit gehabt, den würdi⸗ gen Amtmann durch einige Vorſpiegelungen von„jähr⸗ lichen Renten“ aus den Fonds der Schmidt⸗Welldorf⸗ ſchen Familieneinkünfte über den Verluſt des Majorats zu tröſten, und hatte ihm dabei eröffnet, daß er die betreffenden Briefe über ihre frühere Verabredung„von vierhundert Thaler vierteljährigen Zuſchuſſes“ wohl auf⸗ gehoben habe. Er ließ ſich an dem Morgen des neu⸗ hereinbrechenden Tages herab, eine beſchleunigte Hoch⸗ zeit mit Charlotten als das ſchönſte Ziel ſeiner heißen Wünſche zu bezeichnen, gab ſich alſo ganz den Anſchein, dieſe Verbindung als ein fait accompli zu betrachten, und benahm ſich ſo exemplariſch ungenirt in dem Kreiſe der verdutzt dareinſchauenden Familienmitglieder, daß es Niemand, ſelbſt der ehrſame Herr Amtmann nicht, wagte, bedeutende Einwendungen zu erheben. Der Amtmann Bienengräber trank aber ſeinen Kaffee haſtiger als ſonſt, und befahl einem Knechte, „das Pferd zu ſatteln.“) Eine Pupurgluth ſchlug über Charlottens Geſicht bei dieſem Anzeichen eines unſchuldigen Spazierrittes, 209 und Benno, der ihre Hand in demſelben Momente er⸗ faßte, fühlte dieſe zittern. War es Eiferſucht, welche ihm ſogleich die Frage eingab:„Wohin wollen Sie reiten, lieber Pere?“ „Nach Werbau, zum Guttsbeſitzer Ottendorf!“ entgegnete Bienengräber verdrießlich. Ottendorf? Den Namen habe ich bis dahin noch nicht von Ihnen gehört.“ „Natürlich—! Er iſt erſt ſeit vier Wochen Be⸗ ſitzer des Gutes.“ Charlottens Hand, die Benno ſehr feſt hielt, wurde eiskalt unter dieſen Geſpräche, aber ihr Auge lag offen und ehrlich vor ihm da, als ſie ergänzend hinzu⸗ ſetzte: „Und ſeit vier Wochen iſt er täglich hier gewe⸗ ſen, hat mich aus meiner trüben Laune herausgeriſſen, hat Theil an unſerm Leide und unſerer Freude ge⸗ nommen—“ „Und Du haſt ihn dafür, auf meine Koſten, etwas geliebt,“ fiel Benno leichtfertig ein. „Ich habe mich ihm herzlich zugeneigt, und würde ihn ganz gewiß zum Gatten gewählt haben, wenn es ihm eines Tages eingefallen wäre, um mich zu werben,“ ſprach Charlotte furchtlos zu ihm aufblickend. „Ei— eil! Mein Liebchen, Du biſt ſehr flatter⸗ 210 haften Sinnes! Du hätteſt Dir die ſelige Penelope zum Muſter nehmen ſollen, die Jahrelang in unver⸗ minderter Treue und Geſchäftigkeit ihres Gatten har⸗ rete,“ lachte Benno, ohne ſich an das ernſte Mienen⸗ ſpiel des Mädchens zu kehren, das dieſe Unterredung mit Vorſatz herbeigeführt hatte, um ihr Herz zu er⸗ leichtern, und ſich vor Vorwürfen zu wahren. „Dem Lebenden hätte ich ebenfalls Jahrelang meine Treue bewahrt,“ entgegnete ſie ganz ruhig und entſchloſſen,„allein als ich aus der wahrhaft unſinnigen Trauer um Dich zu mir ſelbſt kam, da klammerte ich mich faſt hülflos an das an, was mir zum Troſte geboten wurde. Herr Ottendorf kannte meine phan⸗ taſtiſche Neigung zu Dir, und er wendete die vernünf⸗ tigſten Maßregeln an, mich vor dem völligen Verſinken in bodenloſen Gram zu beſchützen. Ich verdanke ihm meine wiederbefeſtigte Geſundheit und meine neugewon⸗ nene Lebensanſchauung.“ G „Der Mann muß in Gold gefaßt werden!“ rief Benno, und fügte equivoque hinzu:„Ich werde ihm ſeinen Platz als Hausfreund bei mir reſerviren!“ „Du irrſt Dich in ſeiner Beurtheilung,“ erwiderte Charlotte mit wehmüthigem Blicke.„Ottendorf wird nie Dein Haus betreten— er haßt die Künſtler, wäh⸗ rend er die Kunſt liebt.“. 211 „Das iſt eine Paradoxe oder eine Beleidigung, Liebchen—.“ „Nimm es als das Letztere! Damit wir nicht eine Scene im Hauſe erleben, denn er würde, bei ſei⸗ ner unbedingten Offenherzigkeit, Dir die größten Wahr⸗ heiten in's Geſicht ſagen, will mein Vater ihm ſelbſt die Nachricht überbringen, daß Du hier biſt, und ihn bitten, während Deiner Anweſenheit nicht zu kommen.“ „Vortrefflich! Weiſet Ihr ihm die Thür, brauche ich es nicht zu thun,“ warf Benno hochmüthig lachend ein. Charlotte antwortete nicht, reichte aber ihrem Vater mit unzweideutiger Trauer die Hand, als ſie bewegt ſagte: „Grüße Ottendorf und erzähle ihm Alles— Alles! Ihr Weſen zeigte eine Reſignation, die nicht im Geringſten für eine glückliche Braut paßte. Sie glich vielmehr einem Menſchen, der aus dem Schlafe er⸗ weckt, nicht wieder einſchlafen kann, ſich auch, wegen betrügeriſcher Träume, fürchtet wieder einzuſchlafen. Benno hingegen ſchlüpfte mit ſeinen ſchlau entwor⸗ fenen und gut behaupteten Plänen ſo ſicher durch alle Hinderniſſe und ſich kreuzenden Begegnungen, daß der Argwohn des Amtmannes und Zorn der Amtmännin ſich zu legen begannen. Seine muntern und zärtlichen 212 Worte, mit denen er weit weniger geizig, als früher war, gewannen ihm zuerſt das Wohlwollen der Letztern wieder, und es kam ſogleich nach den erſten Tagen vor, daß ſie ihrer Tochter Charlotte ganz ernſtlich Vor⸗ ſtellungen über ihren Kaltſinn gegen den hübſchen jun⸗ gen Bräutigam machte.— „Ich gebe gern zu, daß er ſich ſtark gegen Dich vergangen hat,“ meinte ſie ſchließlich,„allein er hat den guten Grund gehabt, Dich mit ſeiner glänzenden Lebensſtellung zu überraſchen, hat feſt geglaubt, daß Du von dem Agenten oberflächlich benachrichtigt ſein würdeſt, und er thut jetzt Alles, um Dich zu ver⸗ ſöhnen.“ „Ich glaube nicht mehr an ſeine Worte— entgegnete Charlotte ruhig. „Weil Du ihn nicht mehr liebſt, Kind—“ ei⸗ ferte die Mama Bienengräber,„und das finde ich un⸗ recht—!“— „Ich auch,“ fiel Charlotte ſehr lebhaft ein.„Das iſt es eben, was mich guält, gute Mutter. Ich bin nie wetterwendiſch geweſen!— Woher kommt jetzt dieſe Veränderlichkeit? Liegt ſie in meinem Charakter, ſo muß ich mich ſelbſt verachten, und bin weder Benno's, noch irgend eines andern Mannes würdig. Liegt ſie aber in dem dunkeln Bewußtſein von Benno's Hinter⸗ 44 213 liſt, von ſeiner Unwahrhaftigkeit und ſeinem Leichtſinne, ſo wäre es meine Rettung vor unüberſehbarem Elende, gäbe ich meinem widerwilligen Gefühle nach. Wenn ich nur wüßte, ob Benno das fühlt, was er jetzt ſo geläufig herplappert— wenn ich nur erfahren könnte, wie die Geſchichte mit dem vornehmen Familienzirkel, den er, wie er ſagte, ſchmähend und verachtungsvoll verlaſſen hat, eigentlich zuſammenhängt.“ „Mein Gott, das würde doch zu erfahren ſein— meinte nachdenklich Mama Bienengräber, indem ſie mitleidig des Töchterchens naſſe Augen betrachtete. „Könnten wir nicht Ottendorf bitten, auf Entdeckungen auszugehen?“ Charlotte ſah ſie ruhig an.„Ottendorf darf dies Verhältniß nicht angreifen und ſtören, ſonſt verſchließt er ſich die Pforte ſeines Glückes für immer. Von mir allein muß es ausgehen, wenn ich Benno verab⸗ ſchiede. Glaube mir, Ottendorf's Ruhe liegt mir weit mehr am Herzen, als Benno's Liebe. Der ernſte Mann hat den jugendlichen Liebhaber vollkommen aus dem Felde geſchlagen, und die Natürlichkeit ſeiner ruhigen Neigung hat über die romantiſchen Flittergoldflügel der Leidenſchaft geſiegt.“ „Ottendorf wäre uns ein erwünſchter Schwieger⸗ ſohn geweſen, liebes Kind,“ ſprach Frau Bienen⸗ 44 X gräber nachgebend.„Weit erwünſchter, als Benno! Aber bedenke wohl— Ottendorf iſt beinahe vierzig Jahre, nicht ſchön—“. „Aber ſo gut— ſo gediegen— ſo geiſtreich— ſo innig und gefühlvoll,“ fiel Charlotte bedeutend lei⸗ denſchaftlich ein.„Ihn liebe ich mit meinem Herzen und mit meinem Verſtande und mit meiner Vernunft! Gegen dieſe ſchöne, beglückende Liebe kommt mir meine Leidenſchaft für Benno wie ein Rauſch voll neckiſcher Einfälle vor, wie ein Traum voll Eitelkeit und Hoch⸗ muth—! Doch ſei ganz ruhig, gute Mutter, iſt Benno meiner Neigung werth, ſo werde ich auch für ihn die ſchöne Zärtlichkeit zu erhalten ſuchen, die ich jetzt durch Ottendorf's lehrreiche Geſpräche, als die Grundlage eines ehelichen Glückes kennen gelernt habe.“ „Dein Vater würde ſehr zufrieden ſein, wollteſt Du Benno aufgeben—.“ „Nimmermehr, ſolange ich nicht Beweiſe ſeines Unwerths in Händen habe,“ betheuerte Charlotte. „Doch als ſeine Geliebte betrachte ich mich nicht— ſeine Liebkoſungen werde ich nicht dulden und eine Hei⸗ rath gehe ich nicht eher mit ihm ein, bis ich— den Agenten Velguth geſprochen habe.“ „Der iſt jetzt nach England—.“ „Deshalb eben warten wir mit der Hochzeit!“ 215 „Wäre nur Ottendorf nicht mit Dir bekannt ge⸗ worden,“ ſeufzte Frau Bienengräber, indem ſie, in Er⸗ mangelung eines andern Gegenſtandes, ihren eigenen Liebling verwünſchte. „Gott ſei dafür gelobt, daß Ottendorf in unſer Haus trat— er kam zur rechten Zeit,“ ſagte dagegen die Tochter und verließ ſchnell das Zimmer. Mittlerweile rückte das Weihnachtsfeſt heran. Charlotte hatte die ſchöne Perlſtickerei mit keinem Fin⸗ ger wieder angerührt, die von ihr am Tage vor Ben⸗ no's Rückkehr ſo leuchtender Freude voll, weggepackt worden war. Es ſollte eine Ueberraſchung für Otten⸗ dorf werden, mit dem ſie, ohne jede Erklärung, im freundſchaftlichſten Verkehre geſtanden hatte. Das mußte vorbei ſein, ſowie Benno wieder in ſeine vernachläſſig⸗ ten Rechte trat. In einer Hauswirthſchaft, wie die Bienengräber'⸗ ſche, gehört eine Wäſche mit zu den Vorbereitungen des Weihnachtsfeſtes. Es geht durchaus nicht anders, gewaſchen muß werden vor Weihnachten. Frau Bie⸗ nengräber traf richtig ihre Anſtalten, kramte zu dieſem Zwecke Benno's Koffer aus und fand bei dieſem Ge⸗ ſchäfte ganz unten auf dem Boden des Koffers ein Buch, das ſie ſorglos in's Fenſter warf, wo es von . 216 einer der jüngern Töchter des Hauſes gefunden und als Lectüre benutzt wurde. Es gehörte der unermeßliche Leichtſinn Benno’s dazu, daß er dies verrätheriſche Buch wenigſtens zwei Tage im Wohnzimmer herumliegen ſah, ohne es bei Seite zu bringen, und daß er es ſelbſt in den Händen Charlottens erblicken konnte, ohne an die Gefahr zu denken, welche ihm dabei drohete. Vielleicht war es ſeinem Gedächtniſſe ganz entſchwunden, zu welchem Be⸗ hufe er ſich dies Buch vor Zeiten aus der Leihbiblio thek hatte holen laſſen. Genug, die Vorſehung hatte weisheitsvoll ſeine Handlungen gelenkt, damit ſich ſein Schickſal erfülle.„ Charlotte ſaß träge und zu jeder Arbeit unluſtig in ihrem Arbeitsſeſſel, zur Seite des Fenſters, in wel⸗ chem das unſcheinbar gefundene Buch lag. Benno ſpielte, wie immer, ſeine meiſterhaft ein⸗ geübten Salonſtücke auf dem Fortepiano und gab ſich der ſichern Ueberzeugung hin, daß es ihm ſehr bald gelingen werde, Charlotten wieder in dem Netze ſeiner alten Künſte zu fangen. Wie wenig das Ausſehen derſelben dieſen Vor⸗ ausſetzungen entſprach, bemerkte er nicht, oder er gab ſich wenigſtens den Anſchein, es nicht zu merken. Ihr kaltes Lächeln bei ſeinen muſikaliſchen Exer⸗ 2 217 citien hätte es ihm freilich verrathen ſollen, daß ſeine harmoniſchen Angriffe auf ihre Phantaſie ganz erfolg⸗ los blieben, und daß ſie jetzt eher eingenommen gegen die pomphafte Virtuoſität der Neuzeit erſchien, als da⸗ für exaltirt. Der ſolide Kunſtgeſchmack Ottendorf's hatte weſentlich auf ihr Urtheil gewirkt, und bei der Bildungsfähigkeit ihres weichen und empfänglichen Tem⸗ peramentes war ſie ganz unmerklich von der frivolern Muſikleidenſchaft zu einer ernſtern Auffaſſung überge⸗ gangen, die ſich auf die Werke älterer Meiſter, bis zu Händel und Bach zurück leitete. Das rauſchende, lei⸗ denſchaftlich bewegte Spiel Benno's fand daher kaum noch Sympathie in ihr. Sie hörte faſt achtlos auf die prächtigen Melodien der Bellini'ſchen und Donizetti'ſchen Opern, welche Benno vorzugsweiſe jetzt vorzutragen pflegte, und ſie fühlte niemals jene wilde, ſüße Auf⸗ regung, die ſie damals zur Braut des jungen Mannes gemacht hatte. Bei ſeinen Sinnenbeſtürmungen alſo ganz andern Gedanken hingegeben, griff ſie endlich mechaniſch nach dem unſcheinbar eingebundenen Buche, und begann da⸗ rin zu blättern. Lächelnd überflog ihr Blick die erſten Seiten, worauf die Herzensergießung einer gewiſſen Hermione an einen gewiſſen Adolar mit der ſchwülſtigen Phraſeologie einer überſchwenglich unglücklichen Liebe, 1859. XIV. Erneſt Octav. III. 14 218 die getrennt worden war, abgedruckt ſtand. Sie machte dabei die frühzeitige Bemerkung, daß dergleichen Re⸗ densarten doch ſehr unwahr und zugleich lächerlich ſeien. Sie geſtand es ſich aber nicht ein, früherhin eben ſolche Tiraden unbeſchreiblich ſchön gefunden zu haben. Unvermerkt kam ſie in Zug und las weiter. Es wurde ihr zu Muthe, als öffne ſich ihr Erinnerungs⸗ vermögen, als rolle ein Vorhang vor ihr auf und ge⸗ ſtatte ihr einen Rückblick in die Vergangenheit. Die Briefe Adolar's, des Helden der Geſchichte, athmeten einen ihr bekannten Geiſt. Die pomphafte Liebeshul⸗ digung erinnerte ſie plötzlich an die Epiſode aus ihrem Brautſtande, wo ſie unzufrieden mit der rechtſchaffenen Herzensruhe Benno's war, und ſie fühlte jetzt die Veränderung ihrer Anſichten, indem ſie Adolar's Briefe las. Benno ſpielte ohne Argwohn fort, und Charlotte gab ſich ihrer Lectüre um ſo aufmerkſamer hin. Es war auch ein Melodrama, wie Herr Benno es im Schloſſe Welldorf geliebt hatte, aber hier wurde es ihm in ſeinen Folgen unbequem. Charlotte ſtutzte plötzlich. Sie rieb ſich die Stirn. Das Buch entſank ihrer Hand, und ihr Blick ſtreifte mit unſäglicher Verachtung den vertieften Fortepiano⸗ ſpieler. Leiſe ſchloß ſie ihren Arbeitstiſch auf, nahm 219 behutſam einen Brief hervor und verglich ihn mit dem eben geleſenen des Helden Adolar. Wie ein Nebel ſank es von ihren Augen, als ſie ſich überzeugte, daß ihr Verlobter ſich ſeine Liebes⸗ correſpondenz ſehr leicht gemacht hatte. Mit bittern Empfindungen ſchlich ſie aus dem Zimmer, die Briefe und das Buch in der Hand, um in der Einſamkeit ihres Stübchens die Forſchungen fortzuſetzen. Ihr Entſchluß war ſchon gefaßt, aber ſie wollte nicht in der Uebereilung handeln, ſondern nach reiflicher Prüfung und in ruhiger Ueberlegung. Innerlich empört, hatte ſie dennoch ſo viel Ge⸗ walt über ſich, eine gründliche Unterſuchung der Briefe vorzunehmen, und ſie mit denen des Romans zu ver⸗ gleichen. Die Probe fiel zu ihrem ſtillen Entſetzen glänzend aus. Wort für Wort hatte Benno, in ehr⸗ loſer Weiſe, einem Buche entlehnt, um ihr Herz zu bethören. Alle Liebesworte waren abgeſchrieben, und der Situation, nebſt dem Namen angepaßt, wie es nothwendig war. Wie albern erſchien ſich das junge Mädchen in der Nacherinnerung des Entzückens, das ſie damals eim Leſen dieſer Briefe empfunden hatte! Aber an dieſer Beſchämung erſtarkte ihr Vorſatz. Niemals, das fühlte ſie, niemals konnte ſie mit einem Manne ein 14* 220 Bündniß aufrecht erhalten, der fähig geweſen war, ſie dergeſtalt zu düpiren. Wenn ſie ſich vorſtellte, daß ſie, ohne dieſe Ent⸗ deckung, vielleicht eingewilligt hätte, trotz der Abkühlung ihrer Gefühle, Benuo's Gattin zu werden, ſo durch⸗ ſchauerte ſie ein Vorgefühl der Verzweiflung. Wie aber würde ſie erſt ſpäter die Erzählungen ſeiner Aben⸗ theuer in Schloß Welldorf ertragen haben, die ganz unausbleiblich durch Velguth zu ihr gedrungen wären? Herr Benno merkte längſt, daß ſich das Wetter⸗ glas der Gunſt im Hauſe ſehr zu ſeinem Nachtheile verändert hatte, und daß es nur eines einzigen Gewitter⸗ wölkchens bedurfte, um ſeine Stellung für immer zu untergraben. Seine Geſchmeidigkeit machte es ihm möglich, jedem drohenden Unwetter die Spitze zu bie⸗ ten, ſobald er deſſelben nur gewahr wurde, allein dieſe Brief⸗ und Buchgeſchichte entging ſeinen ſpürenden Blicken. Da Charlotte, ungeachtet ihrer Empörung, mit weiblicher Mäßigung die Spuren der unangeneh⸗ men Entdeckung verſteckt hatte, ſo traf ihn der Angriff des Amtmann Bienengräber, der eine Stunde ſpäter ſeine Klavierphantaſien unterbrach, gänzlich unvorbe⸗ reitet. „Kennen Sie dies Buch?“ fragte der wackere Familienvater, mit ſolcher Energie das unglückliche 221 4⁴ Exemplar einer vortrefflichen Liebesgeſchichte in Brie⸗ fen, auf das Fortepiano werfend, daß alle Saiten ſchrillend erklangen. Benno fuhr empor aus ſeinen harmoniſchen Träu⸗ men und ſagte kurzweg:„Nein!“ „Es hat in Ihrem Koffer gelegen, und iſt von mei⸗ ner Frau dort gefunden worden,“ erklärte Bienengräber kurz und kühn.„Wir haben uns bei der Durchſicht dieſes Buches überzeugt, daß Sie ſich die Mühe ge⸗ nommen haben, es theilweiſe abzuſchreiben, wahrſchein⸗ lich, um Empfindungen dadurch zu erheucheln, die Sie nicht aufweiſen konnten. Solche Streiche ſind eines rechtlichen Bräutigams nicht würdig. Der Wagen iſt angeſpannt, mein Herr von Schmidt— Ihr Koffer wird eben aufgepackt— wollten Sie ſo gut ſein und mein Haus ſo bald als möglich von Ihrer Gegenwart befreien, ſo würde ich mich herzlich froh fühlen.“ „Halte— la— ¹“ rief Benno ebenſo kurz und kühn.„Ihre Tochter iſt mir verlobt, und es fällt mir gar nicht ein, mich den väterlichen Ausweiſungen zu fügen, ſo lange ich in meinem Rechte, als Verlobter, den Platz in dieſem Hauſe beanſpruchen kann. Laſſen Sie ruhig den Wagen wieder abſpannen und meinen unſchuldigen Koffer wieder hinaufſchaffen in mein Zim⸗ 222 mer, denn ich verlaſſe Ihr Haus nicht eher, als nach meiner Hochzeit mit Charlotten.“ „Charlotte wird Sie nie heirathen!“ rief Bie⸗ nengräber finſter. „Dann habe ich für ewig Quartier hierſelbſt,“ parodirte Benno ebenſo finſter. „Machen Sie mich nicht wild!—“ rief Bienen⸗ gräber. „Bringen Sie mich nicht auf!—“ rief Benno. „Meine Tochter will Sie nicht heirathen!“ ſchrie Bienengräber heftiger. „Ich aber will Ihre Tochter heirathen!“ ſchrie Benno dagegen. Es entſtand eine Pauſe. Der Amtmann ſah ein, daß er auf dieſe Weiſe nicht zum Ziele kam. Wie aber ſollte er es anfangen? Er ſtellte ſich an's Fenſter und betrachtete ſich die Anſtrengungen, mit denen ein Knecht, ſeinen Anordnungen zu Folge, den Koffer Ben⸗ no's hintenauf ſchnallte. Benno trat an das andere Fenſter und ſchauete mit derſelben Ruhe auf dies Schauſpiel. Ganz wohl war ihm, bei der ihm bekannten Rückſichtsloſigkeit Bie⸗ nengräber's, nicht zu Muthe, allein er wollte nicht dem erſten Angriff erliegen, und er vertrauete allzu ſtark auf die ſchwache Güte Charlottens und auf die Gunſt der 44 223 Frau Bienengräber. Für den Augenblick überſtürzt von dem väterlichen Zorne, hatte er jetzt Zeit, auf einen Ausweg zu ſinnen. Leider fand er keinen. Bienengräber blieb ſtumm, bis der Knecht fertig war. „Wenn es Ihnen gefällig wäre?“ ſagte er dann ruhig kalt. „Ich wünſche Charlotten zu ſprechen,“ entgegnete Benno, wirklich verlegen um eine paſſende Haltung bei einer Scene, wo er eine gar zu erbärmliche Rolle ſpielte. „Meine Tochter wünſcht aber nicht mit Ihnen zu ſprechen, mein Herr,“ ſprach der Amtmann entſchieden verächtlich. „Das ſoll ſie mir ſelbſt ſagen! Rufen Sie Ihre Tochter!“— „Mit Vergnügen!“ Der Amtmann ließ zwei Mal den Namen„Charlotte“ ertönen und gleich da⸗ rauf trat das Mädchen mit gut behaupteter Würde in's Zimmer. Ihre Mutter folgte ihr mit beſorgten Mienen. „Charlotte!“ rief Benno mit gänzlich veränderter Stimme.„Dein Vater nimmt ſeine Verſprechungen zurück—. „Ich ebenfalls—“ fiel ſie ſchnell ein. „Du liebſt mich nicht mehr?“ „Nein!“ Beſtimmter konnte ſich gewiß kein Mädchen aus⸗ drücken, und dennoch ließ ſich der junge Mann in der Verwirrung zu einigen Einwendungen herab. Char⸗ lotte antwortete aber nichts mehr. Was ſich in ihr regte, gehörte dem Mitleiden an, aber dies war nicht ſo ſtark, daß es ſie zu einer Abänderung ihrer Ent⸗ ſchließungen verleiten konnte. Noch einige Minuten verfloſſen unter peinlichem Hin⸗ und Herreden, die ſich bis zu Vorwürfen von Seiten Benno's ſteigerten, dann befahl der Amtmann den Fußſack in den Wagen zu legen, zog ſeinem verblüfften Erſchwiegerſohne den Pa⸗ letot an, brachte ihm ſeinen Hut und führte ihn mit eigener hoher Hand hinaus bis an den Wagen. „Glückliche Reiſe!“ ſagte er kalt und höflich, als er dem jungen Herrn hineingeholfen und den Wagen⸗ ſchlag mit Vehemenz zugeworfen hatte. Die Pferde zogen an, und in wenigen Secunden war der Wagen ſammt ſeinem Inſaſſen den Blicken der Nachſchauenden entſchwunden. Mit Thränen im Auge wandte ſich Charlotte zu ihrem Vater, als dieſer wieder ins Zimmer trat, und umſchlang ſeinen Hals. Er blickte ihr ernſt in's Geſicht. „ Du biſt frei Charlotte— Danken wir Gott dafür,“ ſprach er herzlich.„Wir hatten Beide ge⸗ fehlt— gottlob, daß wir es früh genug eingeſehen haben!“ Zehntes Kapitel. Das Familiendrama Derer von Schmidt⸗Welldorf liegt jetzt geſchloſſen vor uns, ſoweit es die verhängniß⸗ vollen Ereigniſſe in ſich faßt, die eine Grundlage deſ⸗ ſelben bilden. Wir überlaſſen es der Phantaſie des Leſers, ſich die Empfindungen derjenigen Perſonen, welche aus dieſem Gewirr der Verhältniſſe zu einer Hochzeit zu ſchreiten Willens ſind, fernerhin auszumalen, und begnügen uns nur mit der kurzen Andeutung, daß ſich den beabſichtigten Verheirathungen nicht das kleinſte Hinderniß in den Weg ſtellte. Allein einige bedeutungsvollen Momente im fernern Verfolge der Lebensſchickſale derer, die unſer Intereſſe eine Reihe von Stunden in Anſpruch genommen haben, dürfen wir nicht gänzlich mit Stillſchweigen übergehen, und dazu rechnen wir den Augenblick, wo die Familie von Schmidt⸗Welldorf zum erſten Male in pleno das Schloß betrat, welches der Heerd der entſtandenen Fa⸗ milienconflicte war. 226 Mit dem Wehen der erſten Frühlingslüfte rückte der Oberkammerherr und ſeine Gattin in die alten ge⸗ liebten Räume ein. Einige Wochen ſpäter kam der Präſident, Erneſt, Konſtanze und Alice. Der Regie⸗ rungsrath wollte erſt am Vorabend ſeiner Trauung mit Konſtanze eintreffen, die von allen Mitgliedern der Fa⸗ milie einſtimmig auf den 29. Mai, den Tauftag des Octavus, feſtgeſetzt worden war. Dieſer Tag brach endlich an, heiter und wolkenlos, wie er fünf und funfzig Jahre früher geweſen war. Die Bäume ſtanden in der Pracht ihrer Blüthe— Wald, Wieſe und Flur legten Feierkleider des Frühlings an, und innen im Schloſſe wehete ein heiliger Ernſt. Früh Morgens, ehe Konſtanze ſich in den bräut⸗ lichen Schmuck kleidete, berief ein Befehl des Primus ſämmtliche Nachkommen des Miniſter von Schmidt⸗ Welldorf nach dem ehemaligen Zimmer dieſes Vorfahren, der Glanz und Ehre auf ſie vererbt hatte. Ein Ge⸗ fühl der Ehrfurcht feſſelte anfangs die Aufmerkſamkeit Aller, als ſie das ganz unveränderte, antik ausgeſtattete Gemach betraten, woſelbſt ſie von dem alten Brüderpaare, das herzlich Hand in Hand ihnen entgegen kam, begrüßt wurden. Feierlich klang die ſonore Stimme des Primus in dem weiten Raume wieder, als er mit Rührung und Herzlichkeit begann: 227 „Unſere Zuſammenkunft heute gilt Dir, mein lie⸗ ber Erneſt Octav, während ſie vor fünf und funfzig Jahren zu derſelben Stunde Deinem Vater galt. Hier auf dieſer Stelle, wo ich jetzt ſtehe, ſtand mein würdi⸗ ger Vater, und legte mit Vertrauen das Wohl und Wehe ſeines Spätgeborenen in unſere Hände— ob wir nicht einer Vernachläſſigung unſerer Pflichten an⸗ zuklagen ſind, will ich nicht unterſuchen, aber, das ver⸗ ſichere ich im Bewußtſein unſers Rechtes und unſers guten Willens: die Schuld der unglückſeligen Familien⸗ zerwürfniſſe, die Deinen Vater Octavus heimathlos gemacht haben, fällt uns nicht zur Laſt. Gott hat uns die Macht verliehen, unſer Gewiſſen von allen Vorwürfen zu befreien, indem er Dich uns zuführte! Wir ſind vom erſten Augenblicke an einig darüber geweſen, daß wir unſern Herzen die Genug⸗ thuung gönnen wollten, dem einzigen Sohn unſers Oe⸗ tav's den Beſitz des Stammgutes zu übertragen, und ihn als den Erben des Majorates zu erklären. Die Vorſehung vermittelt unſer Vorhaben durch die Liebe, welche Dein Herz und das Herz unſerer Enkelin Alice verbindet. Wir dotiren Welldorf als das Heirathsgut der Tochter unſers älteſten Sohnes, und haben dabei nur als Bedingung feſtgeſtellt, daß ich und meine alte 228 liebe Ehegattin Helene zeitlebens unſere Wohnung da⸗ rin finden mögen.“ Erneſt, ſichtlich ergriffen, trat jetzt haſtig vor, nahm die Hände des Primus und Tertius in die ſeinen und entgegnete ſehr ſchnell: „Ich nehme den Beweis Eurer Güte an, und dies ſei Euch ein Zeugniß meines ganz veränderten Sinnes. Das Schickſal hat mich in meinen Plänen für's Leben verhöhnt, es hat mich Schritt vor Schritt auf die Bahn geleitet, wo ich gebeſſert und von meinen Charakterhärten geheilt, glücklich wirken und ſchaffen kann. Es hat mich zu dem Weſen geführt, das mir nothwendig zu meinem Lebensglücke war— aus Alicen's Hand fließe der Segen, der meine Wünſche krönt.“ Der Präſident nickte ſehr bedeutungsvoll bei dieſen Worten. Er führte das junge Mädchen raſch einige Schritte näher zu Erneſt, und fügte, ihn unterbrechend, hinzu: „Wir wiſſen, was wir Alicen verdanken, wir wiſſen, daß ohne mein liebes Mädchen Erneſt Octav von Schmidt⸗Welldorf niemals die Schwelle von Schloß Welldorf betreten hätte— aber, wir wiſſen auch, daß wir dies Kind keinen beſſern Händen anvertrauen können, und daß Welldorf unter Deiner Herrſchaft gedeihen wird. Ziehet alſo ein in Frieden und unter unſern Segens⸗ wünſchen!“ A Hirſch Meier aus Hamburg hatte beſorgen laſſen, die 229 Alicens Wangen erglüheten aber ſchamhaft, als der Oberkammerherr ſagte: „Nun ſchmücke Dich, mein Kind— ſchmücke Dich mit Konſtanzen, legt Myrten um Enre Stirnen, denn Ihr ſollt zuſammen vor den Altar treten!—“ Mit einem Laut des Entzückens warf ſich Erneſt zu Alicens Füßen nieder und ſah mit huldigender Zärt⸗ lichkeit zu ihr hinauf. Konſtanze umſchlang unter Freu⸗ denthränen das zitternde Mädchen, und Ludwig drückte dankbar ſeinem alten Vater die Hand, während er ſeine Mutter an's Herz zog. „Iſt's nicht gut ſo?“ fragte die alte Dame ſeelen⸗ vergnügt.„Ja, das verdankt Ihr dem alten guten Victor, der in ſeiner Herzensfreude dieſe Idee faßte und ſie richtig glücklich ausführte, ohne daß Ihr etwas merktet.“ Der Präſident rieb ſich frohlockend die hagern Hände. „Die Tragödie begann mit einem Tauffeſte,“ ſchrie er ganz aus der feierlichen Stimmung heraustretend, „und endet mit einer Doppelhochzeit. So iſt's geſcheidt! Ich bitt' mir aber aus, daß jetzt keine Thränen mehr fließen, denn ces iſt Freude im Himmel und auf Erden!⸗“ Wir überlaſſen die Glücklichen ihrer Hochzeitsfreude, notiren nur ganz kurz, daß Konſtanze, von einem ſtillen Dankgefühle geleitet, ihren Brautanzug von Madame 230 natürlich ganz außer ſich vor Freude darüber war, und ſtellen uns bei der Familie erſt wieder ein, nachdem die erſten Tage des Glücksrauſches verfloſſen waren, und eine etwas ruhigere Gemüthsſtimmung Platz ge⸗ wonnen hatte. Der Präſident trat eines Morgens mit dem herz⸗ haften Gelächter, dem ſich gewöhnlich Alle anſchließen mußten, wenn ſie auch nicht wollten, in den Salon, wo man in traulicher Einigkeit die Morgenſtunden verlebte, und hielt triumphirend einen Brief in die Höhe. „Von wem?“ fragten die Damen neugierig. „Gewiß von Benno—“ meinte der Oberkammer⸗ herr. „Nein— vom Agenten Franz Velguth,“ ſchrie der Präſident im höchſten Tenor. „Hört! Hört! Ein Cabinetsſtück! Das iſt ein Hauptkerl! Ein Original in aller Suffiſance und Arro⸗ gance.“ 1 Neugier und Verwunderung in den Geſichtern, ſchloſſen Alle einen Kreis um den Präſidenten, der mit dem Ausdruck eines innern Behagens ſich förmlich zu⸗ rechtſetzte und ſogleich zu leſen begann: „Mein Herr Präſident! Allah il Allah!— Ver⸗ kündigung Ihrer Heirathen in der Familie hat mich nicht überraſcht, habe Beides vorausgeſehen und hin⸗ 231 reichend gemerkt an jenem Tage, wo ich die Ehre hatte, zu Mittag bei Ihnen zu ſpeiſen, und mit unechten Dat⸗ teln regalirt zu werden. Lege Huldigung den Damen zu Füßen— beſte Wünſche den Herren. Bin mit dem Hallunken Benno neulich abgefahren, wie einſtmals der Teufel mit Don Juan. Hat mich angeſchwärzt bei Freund Bienengräber, der Schurke! Habe aber Rache genommen! Bienengräber's älteſtes Muzchen war ſeine Braut, als der Kerl ſich bei Ihnen einſchmuggeln wollte. Ließ vier Monate nichts von ſich hören— Charlottchen grämte ſich zu Tode, bis ein Anderer kam, der ſie heirathen wollte. Was nun? Mosje Benno kam wieder, als er Fiasco bei Ihnen gemacht hatte. Fräulein Charlottchen ließ ihn aber ablaufen, weil er ſie betrogen— Briefe aus einem Roman abgeſchrieben hatte.— Mir bürdete er Schuld auf 8— genug, eines Tages ſetzte ihn Freund Bienen⸗ gräber in die Kutſche und ſagte: glückliche Reiſe! Das hübſche Charlottchen hat Ottendorf geheirathet. Der erzählte mir den Scandal und referirte mir, Mosje Benno's Beſchuldigung meiner Perſon. Komme eines Tages nach Magdeburg, ſitze in einer Weinſtube, ſehe mir gerade gegenüber Herrn Benno ſitzen, thut als ob er wich nie geſehen, ſpielt den Grand seigneur, trinkt Sect, iſt großmäulig!— 232 „Strafte ihn aber raiſonable. Fing an, meinen Nachbarn ſeine Lebensgeſchichte zu erzählen— war Hochgenuß, ihn dabei anzuſehen— man merkte wen ich meinte! Herr Benno ſtand auf wie Truthahn— nahm Anlauf gegen mich!— Streckte ihn mit Grobheit in den Sand! Ging ab— kam nicht wieder! Habe mir ſagen laſſen, ſein Paß ſei nach Warſchau viſirt. Ge⸗ hört dahin! Wird Frau von Pottky Viſite machen— gut das! 5 „Mein Herr Präſident! Soll nach Welldorf kom⸗ men? Bitte dringend— Welldorf iſt„boſch» für mich! Keine Eiſenbahn! „Komme ſpäter nach Werthalt— erzähle Ihnen Alles! War eine famoſe Geſchichte! „Habe die Ehre, mich Denen von Schmidt⸗Well⸗ vorf gehorſamſt zu empfehlen!“ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. ſſſiſſmſſſſſifſſſſſſſſſnſſſnſſſnſſnſſſſſſ ſſſiiſiſſſſn 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19