eiecer Sache engliſcher und ffranz ſiſcher Literatnr Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Zeſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vſonanayme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe nement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 2 2 1 Monat: 1 Mi. Pf. 1 Mr. 50 vf 2 M. 5. Ausärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und zuraf endung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu Fodde 6. Schadenersatz. Far beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei edan mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder veferte Buch ein Theil eines größeren Werres, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſebt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 1—8 von mfr geliehen, auch dafür zu ſtehen huban. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ‚legen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 d Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Dreizehnter Band. Erneſt Octav. II. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Ernest Ortax. M Auuelle von Ernſt Fritze. Zweiter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Erneſt Brtav. Zweiter Band. Viertes Capitel. Während Charlotte Bienengräber um Benno von Schmidt Trauer trug und ihn zu den Todten zählte, befand ſich dieſer allerdings in einem Zuſtande, wo man „den Himmel offen und der Seligen(was ſo viel als Engel ſagen will) Angeſicht ſieht,“ ob aber„auf Er⸗ den ſein Hoffen“ erfüllt werden würde, ſtand noch ſehr in Frage. Todt war jedoch Herr Benno nicht und er verſpürte auch nicht, die mindeſte Luſt, ſich begraben zu laſſen, es müßte denn ſein, daß er die elegiſche Stim⸗ mung des Dichters theilte, der da ſang:„Soll ich begraben ſein? In Gras und Blumen lieg' ich gern.“— Die Auferſtehung aus Gras und Blumen iſt wahr⸗ ſcheinlich ſo ſchwierig nicht, wie die aus einem Grabe, deshalb verdächten wir es dem Herrn Benno keineswegs, wenn er ſich in Gras und Blumen begraben ließe, um zu gleicher Zeit wieder auferſtehen zu können. 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 8 10 Nachdem er im ſüdlichen Deutſchland lucrative Ge⸗ ſchäfte gemacht und durch ſein wirklich gutes Klavierſpiel ſich einen Kreis von Gönnern und Freunden erworben hatte, fiel es ihm ein, ſich nach Bamberg zu begeben um von dort aus Baiern zu bereiſen. Hauptſächlich entſtand dieſer Plan aus dem Verlangen, ein Land kennen zu lernen, welches er ſeines Bieres wegen vorzugsweiſe liebte. Auf einer Station zwiſchen Frankfurt und Bam⸗ berg, woſelbſt der Zug ſo lange verweilte, daß dur⸗ ſtige und hungrige Paſſagiere in möglichſter Eile eine Erquickung nehmen konnten, fühlte ſich auch Benno bewogen, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen. Er ſtieg aus und ſchlenderte den Perron entlang auf das Zimmer zu, wo ein Buffet errichtet war. Mitten auf dem Wege wurde er von einer Stimme angerufen, die ihm bekannt war und ihn an einige Epi⸗ ſoden im Bienengräber'ſchen Hauſe erinnerte. Er wen⸗ dete ſich der Richtung zu, wo nochmals eine wahre Stentorſtimme ſeinen Namen ſchrie und ſtand richtig in wenigen Secunden vor dem Agenten Herrn Franz Velguth.. „Sie wollen nach Welldorf— nicht, mein junger Herr?“ ſchrie er ihn an.„Gut das! Haben recht! Sind ein«von Schmidt)— können Anſprüche machen 4* 11 — werden Majoratsherr— iſt kein Anderer da— Glück auf den Weg! Wenn ich einſtmalen in die Ge⸗ gend von Welldorf komme, ſuche ich Sie auf.— Grü⸗ ßen Sie den alten Herrn Primus von mir—! Iſt heute der 14. Auguſt— müſſen übermorgen da ſein, ſteht in«Zeitungy am 16. Auguſt ſollen Alle die«von Schmidt, ſich einſtellen auf Schloß Welldorf— eilen Sie.“ Benno lachte dem Agenten, der mit ununterbro⸗ chenem Eifer geſprochen hatte, gerade ins Geſicht. „Sie irren ſich, Herr Velguth,“ ſprach er, im Begriffe an ihm vorüberzueilen.„Es fällt mir gar nicht ein, nach Welldorf zu reiſen, es müßte denn auf meinem Wege liegen, ſo daß ich es nicht vermeiden könnte.“ „Wollen nicht hin? Unſinn! Können nicht wiſ⸗ ſen— heißen«von Schmidt»— ſind verlorene Söhne in der Familie geweſen— haben einen kläglichen Auf⸗ ruf erlaſſen— fehlt an einem Majoratserben.— Rei⸗ ſen Sie mit Eiſenbahn bis Schönberg, nehmen dort Poſt— gehen über Werthalt nach Welldorf— kom⸗ men zeitig genug!— Wollen nicht?— Auch gut! Auch gut! Haben nichts mehr mit einander zu reden— leben Sie wohl! Ich will nach Darmſtadt!“ Das Signal zur Abfahrt ertönte. Benno mußte zu ſeinem Verdruſſe in den Waggon zurück, ohne einen Biſſen genoſſen zu haben. e — 12 Aergerlich lehnte er ſich in die Polſter des Wa— gens und dachte über den Vorfall nach. Eine Weile dauerte es, ehe er zu einem vollſtändigen Verſtändniſſe der erlebten Scene kam, dann aber tauchte die Erin⸗ nerung an die Erzählungen des Agenten über eine Familie Schmidt⸗Welldorf in ihm auf und er über⸗ legte ſich, was er thun ſolle. „Hinreiſen!“ befahl ihm die Stimme des Leicht⸗ ſinns.„Hinreiſen! Was thut es, wenn du keine Le⸗ gitimationen aufzuweiſen vermagſt— was thut das?“ Die Bilder, womit er ſchon ein Mal ſeine Phan⸗ taſie erhitzt hatte, traten vor ſeine Seele.„ Alice.“ Flüchtig wie ein armer, ſüßer Hauch drang der Name von ſeinem Herzen herauf bis an ſeine Lippen. War es nicht natürlich, daß er nun in Bamberg ſeine Reiſe⸗ route änderte und ſtatt nach Süden— nach Norden eilte? Blindlings folgte er von hier aus den Anord⸗ nungen, die ihm der Agent flüchtig gegeben hatte und traf richtig am 15. Auguſt in der Reſidenz des Staa⸗ tes ein, wo der Präſident für gewöhnlich lebte und der Oberkammerherr in den Wintermonaten reſidirte. Hier wurde es ihm möglich, Nachrichten über eine Fa⸗ milie einzuziehen, zu der er ſich zu rechnen im Begriffe war und das, was er hörte, war wohl geeignet, einem armen Muſiker, bei dem die Kunſt nach Brot ging 13 Luſt zu machen, ſich als Abkömmling derſelben einzu⸗ ſchmuggeln. Man war in der Stadt auch ſehr genau von den Schritten unterrichtet, die von dem Ober⸗ kammerherrn gewählt waren, die Nachkommen der ver⸗ ſchiedenen Brüder ausfindig zu machen und es hatte ſich eine gewiſſe Spannung entwickelt, was für Reſul⸗ tate dieſer weithin verbreitete Aufruf bringen möchte. — Benno überlegte nicht länger— er nahm Ex⸗ trapoſt und fuhr nach Welldorf.— Der 16. Auguſt war angebrochen. Ein heiterer, ſonniger Tag voll Leben und Glanz. Schon am frühen Morgen fand eine Conferenz zwiſchen dem Präſidenten, dem Ober⸗ kammerherrn und dem Regierungsrathe ſtatt, um feſt⸗ zuſtellen was zu thun ſei, wenn Niemand erſcheine, obwohl der Primus dieſe Berathung für„zu früh“ erklärte. Allein der Präſident, welcher in ausgezeichnet guter Laune war, meinte: er habe ein Mal in ſeinem Leben die Periode durchgemacht, daß man alle Maß⸗ regeln der Welt mit dem ſchrecklichen Ausſpruche„zu ſpät“ bezeichnet hätte und ſeitdem ſei es Grundſatz bei ihm Alles„zu früh“ abzumachen. Die Herren kamen in dem Zimmer des Regie⸗ rungsrathes zuſammen, deſſen Ausſehen bei weitem beſſer war. Das Schickſal verrieth in dieſer vortheil⸗ haften Veränderung deutlich den Willen für diesmal 14 die Wahl eines Majoratserben unnöthig zu machen und der Oberkammerherr ließ merken, daß er den Auf⸗ ruf ebenfalls für„zu früh“ erklären möchte, wenn er nicht dabei einen doppelten Zweck vor Augen gehabt hätte. Eine fieberhafte Spannung färbte des alten Herrn Wangen mit einem Schimmer von Jugend, als der Tag vorrückte, ohne nur einen einzigen Brief, geſchweige denn einen Menſchen zu bringen, der im Zuſammenhange mit ihrer Aufforderung geſtanden hätte. Seine Ge⸗ müthsſtimmung theilte ſich nach und nach den Andern mit, als der Mittag nahe war und nichts erſchien, was ihre Hoffnungen oder ihre Befürchtungen erledigte. Alice war am gelaſſenſten bei der ganzen Ge⸗ ſchichte, während ihre Großmutter am traurigſten war. Die alte Dame war unter Leid und Freud alt ge⸗ worden, aber es däuchte ihr nichts ſchrecklicher von allen ihren Erlebniſſen geweſen zu ſein, als dies War⸗ ten auf Jemand, der ihr ſtilles Familienglück zertreten könne. Als die Mittagsglocke ertönte, athmete ſie froher auf. Es war drei Uhr. Noch wenige Stunden und der ominöſe Tag, vor welchen ihr ſchon ſeit vier Wo⸗ chen gegrauet, war hin. Ihre Toilette zeigte eine ungewöhnliche Pracht, woran zu merken war, daß ſie 15 auf Gäſte gerechnet hatte, aber das Lächeln, womit ſie ihrem Gemahle die Hand darreichte, als ſie im Speiſezimmer zuſammentrafen, verrieth eine ſtille Freude darüber, ſich vergeblich in ſchwarzen Atlas geſteckt zu haben. Man ſetzte ſich vergnügter als man erwartet hatte, zu Tiſche. Alice, in ihrem ſchneeweißen Kleide mit ſchwarzen Trauerſchleifen an der Bruſt, ſah einem En⸗ gel wirklich nicht unähnlich, indem ſie ihrem Groß⸗ onkel Präſidenten gegenüber Platz nahm. Er bemerkte dies und dachte: es möchte für einen jungen Majorats⸗ candidaten kein übler Anblick geweſen ſein, dies rei⸗ zende Kind als Burgfräulein zu ſeinem Empfange be⸗ reit zu ſehen. 6. Kaum hatte er den Gedanken beſeitigt, um mit Appetit ſeine Suppe zu verzehren, als das Schmettern eines Poſthorns einen Todesſchrecken durch ſein altes, ſteinhartes Herz jagte. „Da kommt Einer—“ ſtammelte er ſeinen Teller zurückſchiebend und alle Andern lallten es ihm nach. Der Oberkammerherr ſchlug vor, das Mittags⸗ mahl auf einige Minuten zu vertagen und im Nu ver⸗ ſchwand die Suppe von der Tafel um nachher als „neue Auflage“ wieder zu erſcheinen. 16 Man verfügte ſich in Pleno nach dem gewöhnlichen Geſellſchaftszimmer. „Den kann ich im Voraus nicht leiden, denn er hat mir meine Suppe verdorben,“ flüſterte der Prä⸗ ſident ſeinem Neffen ins Ohr. Der Bruder Primus ſollte ſeine Bemerkung nicht hören. Eine Poſt bog jetzt in die Parkallee ein. Was hätten nicht die Menſchen, welche da oben im Schloſſe am Fenſter ſtanden, darum gegeben, um in das Un⸗ gethüm von Wagen blicken zu können, das ſich ſchwer⸗ fällig in dem Schatten der Bäume verlor? Weſſen Herz am beklommenſten ſchlug bei dem Herannahen einer Entſcheidung, iſt nicht zu ſagen. Der Präſident bewahrte äußerlich ſeine humoriſtiſche Laune, allein ſeine Ohren traten etwas röther gegen den weißen Kopf hervor und meldeten dadurch ſeine innere Auf⸗ regung an. Die Oberkammerherrin lehnte ſich faſſungs⸗ los an ihren Gemahl, deſſen Hand fieberiſch bebte, als er ſie an ſich zog. Der Regierungsrath ſtand der Thür zunächſt, mit einem Lächeln auf dem noch immer etwas blaſſen Ge⸗ ſichte, das von bedeutender Diplomatie redete. Selbſt Alice war bewegt und heftete ihre Kinder⸗ augen neugierig auf die Thür, wo jetzt das„Geſpenſt ihrer Träume“ erſcheinen konnte. 17 „Ob es der Onkel Octav iſt, der da kommt?“ flüſterte ſie ihrem Großonkel zu. „Schwerlich, mein Mädchen,“ meinte dieſer.„Der gute Octav hätte uns eher einen Advocaten geſchickt— und der kann es am Ende auch ſein.“ Ein Wagen polterte jetzt draußen in den Schloß⸗ hof. Nur die Etiquette hielt ſämmtliche Anweſende in Schranken, ſonſt hätten ſie gewiß die Thüren geöffnet um zu erſpähen, wer ausſteigen würde. . Eine Reihe von Minuten verflog, regungslos, ihre Gefühle niederkämpfend, ſtanden ſie da. Jetzt naheten Schritte. Eine melodiſche Stimme ſprach einige Worte— Alle ſahen ſich an.—„Ein jugendlicher Tenor!“ flüſterte der Präſident lachend— der Be⸗ diente riß die Thüre auf und meldete:. „Herr Benno von Schmidt!“ „Benno“— wiederholte der Präſident und die übrigen murmelten„von Schmidt!“ Der Oberkammerherr, als Repräſentant der Fa⸗ milie trat raſch bis zur Schwelle vor, auf welcher im Nu die elegante Geſtalt des jungen Mannes erſchien, mit üblichen weißen Glacéhandſchuhen, im Frack, den Claque regelrecht im Arme. „Der kommt zum Dinér, aber nimmer mit Ver⸗ wandtengefühlen zur Familie,“ dachte der Regierungs⸗ trat vor, um ebenfalls ſeine Hand zu drücken und die 18 rath getäuſcht und hielt ſich zurück, während ſein Vater mit bewegter Stimme begann: „Daß Sie heute erſcheinen, wo wir unſere Fa⸗ milie zu einer Conferenz zuſammenberufen haben, be⸗ rechtigt mich, Sie als Vetter zu begrüßen— darum, willkommen, mein lieber Neffe Benno!“ Er reichte ihm die Hand und zog ihn raſch in den Kreis ſeiner Fa⸗ milie. Einen ſolchen Empfang mochte Benno nicht er⸗ wartet haben. Er war vorbereitet auf Kreuz⸗ und OQuerfragen ſeine„Abkunft“ und„die Rechte“ betref⸗ fend, mit welchen er in der Familie auftrat und er hatte ſich gehörig präparirt, durch ſeine myſteriöſen Mittheilungen, die er zu machen leider benöthigt war, das Intereſſe der Leutchen dergeſtalt zu feſſeln, daß ihm ein weiterer Aufenthalt nicht verſperrt wurde, wenn man ſeine Legitimation unzureichend finden ſollte, allein wie er ſich jetzt plötzlich durch ſchrankenloſes Vertrauen hineingeſchleudert fand in den Kreis derje⸗ nigen, die er zu mißbrauchen gedachte, da fehlte es ihm an höflich kalten Worten und eine überwältigende Bewegung hemmte den Strom ſeiner ſonſtigen Sprach⸗ fertigkeit. Dieſer Zufall wirkte aber verſöhnlicher und vermittelnder, als alle Worte. Der Regierungsrath 19 Oberkammerherrin ließ mit mütterlichem Wohlwollen ihre Blicke über den hübſchen Mann ſchweifen, der gerührt und verlegen zwiſchen ihnen ſtand. Nur der Präſident und Fräulein Alice blieben kaltſinnig. „Benno“— murrte der Erſtere und zog malitiös die Naſe in die Höhe.„Er riecht nach Apotheke!“ Alice aber betrachtete ihn, wie man ein Modenbild beſieht, um kritiſch die Lächerlichkeiten der Mode zu beleuchten. Ihr Auge begegnete dem ſeinen mit der Ueberhebung eines unreifen Geiſtes, der ſich inſtinct⸗ mäßig vor der Gewöhnlichkeit zurückzieht. Sie wen⸗ dete ſich kindlich gleichgültig zum Fenſter und ſah hinaus. Das war für Benno eine Rettung aus gefährlich werdenden Verlegenheiten. Der Blick des außerordent⸗ lich ſchönen Mädchens hätte ihn verwirrt und in nie zu löſende Verirrungen geſtürzt. So aber gelang es ihm bald, ſeine Faſſung bis zu dem Punkte höflicher Beſcheidenheit hinauf zu balanciren. Er beantwortete die Anrede des Oberkammerherrn ſichtlich freudig, ließ e ahnen, daß er ſich erſt einer ſtrengen Prüfung der Familie von Schmidt⸗Welldorf unterwerfen müſſe, weil er nicht belegen könne, daß er wirklich dazu gehöre. „Nun, das wollen wir bald feſtſtellen,“ ſchnarrte 20 den Präſident in ſeinem allerſchrillendſten Vortragstone, „wollen Sie uns gefälligſt den Vornamen ihres Herrn Vaters nennen?“ „Das kann ich nicht, mein Herr,“ entgegnete Benno freimüthig in ſein Geſicht ſchauend.„Ich habe meinen Vater nie gekannt, habe meine Mutter nur bisweilen geſehen und bin von einem alten Muſikdirec⸗ tor, den ich„Papay nennen mußte, auferzogen. Er bekam aber eine ſo reichliche Entſchädigung für meine Verpflegung, daß ich annehmen muß, von reichen Eltern abzuſtammen. Eines Tages kam meine Mutter wei⸗ nend und in Trauer bei uns an und erklärte: mein Vater ſei geſtorben. Sie ließ ſich nieder in Freusleben, wo ich in Penſion war, ſtarb aber nach wenigen Mo⸗ naten auch. Von da an hörte die Verpflegungsunter⸗ ſtützung auf. Der Nachlaß meiner Mutter reichte aus, mich Muſik ſtudiren zu laſſen und dadurch habe ich bis jetzt mein Fortkommen gefunden!“ Mit langen Geſichtern hörten die Anweſenden die⸗ ſen kurzen Abriß eines Lebens an, das ſehr abweichend von ihren Lebensanſprüchen war. „Wie aber in aller Welt, junger Mann, kommen Sie darauf, daß Sie zu unſerer Familie gehören könnten?“ fiſtulirte der Präſident unter ſcharfen In⸗ quiſitorblicken. 5 21 „Ich habe niemals daran gedacht, meiner Familie nachzuforſchen, mein Herr,“ fuhr Benno lächelnd fort, mit der großen Ruhe ſprechend, die Aufrichtigkeit ſcheint. „Ich bin Künſtler und finde meine Befriedigung in der harmloſen Genialität, womit die Jünger der Kunſt von einem Tage zum andern leben. Was mich bewogen hat hierher zu kommen, iſt lediglich Werk des Zufalls, der mich mit dem Agenten Herrn Franz Velguth zu⸗ ſammenführte. „Velguth?“— rief der Oberkammerherr und trat intereſſirt näher. „Velguth— Franz Velguth!“ wiederholte der Prä⸗ ſident.„Nun und der?“ „Herr Franz Velguth kennt Einiges aus meiner Ver⸗ gangenheit— ich hatte ihm erzählt, daß meine Mutter mir oftmals von den Sonderbarkeiten eines Großvaters geſprochen habe, der ſeine Söhne nach der Nummer taufen ließ.—“ 3 Die Herren wechſelten einen bedeutungsvollen lick. „Wie ſo, mein Herr?“ fragte der Präſident mit affectirter Gleichgültigkeit, ließ aber die ſchneidende Höhe ſeines Organs um einige Töne tiefer ſinken. Benno nahm die Miene des Nachdenkens an, in⸗ dem er erwiderte: 22 „Sie hatte mir von einem Primus, Secundus, Tertius erzählt—“ „Natürlich fanden Sie in ralm Aufrufe nun Veranlaſſung zu glauben, daß Sie damit gemeint ſeien!“ unterbrach ihn der Präſident ſarkaſtiſch. uen Aufruf habe ich nicht geleſen“— ant⸗ wortete Benno erſtaunt von einem zum andern ſehend. „Und doch ſind Sie an dem beſtimmten Tage hier?“ „Freilich bin ich hier, aber nur aus dem Grunde, weil Herr Velguth mir ſagte, daß ich nach Welldorf reiſen ſolle, daß ich nach Welldorf reiſen müſſe daß es Unſinn von mir wäre, nicht nach Welldorf reiſen zu wollen.“— Er hatte mit ſo treffender Parodie Ton und Pantomime des Agenten nachgeahmt, daß ein leiſes Lachen durch den Kreis der Anweſenden lief, die Herrn Velguth alle kannten. „Und ſomit, meine Herrſchaften, ſehen Sie mich hier erſcheinen,“ ſchloß Benno fröhlich und mit raffi⸗ nirter Schlauheit Falſches und Wahres verbindend. „Ich bin nicht im Stande, Ihnen augenblicklich Legi⸗ timationen vorzalehen, allein der Eifer des Agenten, der Ihnen zu dienen trachtete, bewog mich an dem 16. Auguſt hier zu erſcheinen, um mich wenigſtens als eine Perſon zu präſentiren, die vielleicht die Ehre hat 23 Ihnen anverwandt zu ſein. Meinen Geburtsſchein, ſowie den Trauſchein meiner Eltern muß mein Pflege⸗ vater in Verwahrung haben— ich werde ſofort von hier aus an ihn ſchreiben, um mich in den Beſitz der Papiere zu ſetzen.“ Eine Pauſe entſtand, in welcher Benno mit der zuverſicht tlichen Miene und Haltung eines Weltmannes einer Beſcheidung ſeines Inquiſitors entgegenſah. Der Onkel Präſident kniff ſeine Lippen ein, run⸗ zelte die Stirn und ſchnippte kaum bemerklich mit den Fingern. Dabei ſah er bisweilen von der Seite zu dem jungen Herrn auf und fand jedes Mal das Auge deſſelben ruhig fragend auf ſich gerichtet. Jeder ſchien inſtinctmäßig zu fühlen, daß er einem ſchlauen Gegner gegenüber ſtand und daß die nächſte Minute einen oder den andern bloßzuſtellen vermöchte. Ohne die Erzählung Benno's im Geringſten in Zweifel zu ziehen, empfand der alte Praktikus bei derſelben doch ein Mißbehagen, welches nur den geringſten An⸗ laß nöthig hatte, um zu einem Argwohn anzuwachſen. Das Stillſchweigen begann nachgerade peinlich zu werden, aber der Präſident konnte ſich noch immer nicht entſchließen, durch ſeinen Ausſpruch ſich die Ver⸗ antwortung cauf die Schultern zu laden. Endlich machte der Regierungsrath dem quälenden Zuſtande ſeiner 24 Unentſchiedenheit ein Ende, indem er Benno freund⸗ lich unter den Arm faßte, ihm freundlich in das männ⸗ lich hübſche Geſicht ſah und lächelnd ſagte: „Ihre Verhältniſſe ſind ſo ganz divergirend von denen, wie wir ſie von einem Abkommen des reichen Hauſes Schmidt erwarten zu können glaubten, daß wir nicht ohne Grund zweifelhaft werden müſſen, obgleich ſo Manches in Ihren flüchtigen Reminiscenzen aus Ihrer Jugend zu unſern Stammeigenthümlichkeiten ſtimmt. Ich nehme es über mich, Sie herzlich als Vetter zu begrüßen und werde, ſelbſt wenn Ihre Aus⸗ weiſungen über Ihre Abkunft nicht ausreichend befun⸗ den werden ſollten, mich freuen, Sie unter dieſen Umſtänden kennen gelernt zu haben. Sie bleiben für jetzt!— Mein Vater, der Oberkammerherr Pri⸗ mus von Schmidt,“ fügte er vorſtellend hinzu,„wird mir geſtatten, Sie als Gaſt ſo lange hier zu feſſeln, bis ſich das Verhältniß zwiſchen uns aufgeklärt hat.“— Dann wendete er ſich zu dem Präſidenten, ſtellte beide Herren, die ſchon in ihrem Geſpräche eine etwas feind⸗ ſelige Stellung gegeneinander angenommen hatten, bei⸗ derſeits unter Beibehalt der Form und Etiquette vor, führte den jungen Mann zu ſeiner würdigen Mutter und nannte den Namen ſeiner Tochter, die gleichmüthig und ſeelenruhig dem Fenſter nahe ſtehen geblieben war, 25 Dann verfügte ſich die Geſellſchaft zu Tiſche, alle andern Erörterungen auf gelegenere Zeit ver⸗ ſchiebend. Das Geſpräch drehete ſich um einige Tagesange⸗ legenheiten. Harmlos, als hinge nicht eine glänzende Zukunft von ſeinem Hierſein ab, betheiligte ſich Benno daran und gab durch den unvertilgbaren Anſtrich von Fröhlichkeit, der an Leichtſinn grenzte, der Converſation ein eigenthümlich friſches Leben. Im Verfolg einiger Anekdoten, die aus dem Myſterium der Künſtlerwelt geſchöpft waren, wobei der Aufführung der„Weißen Dame“ Erwähnung gethan wurde, die bekanntlich auf den Walter Scott'ſchen Roman„Guy Mannering oder der Sterndeuter“ baſirt, ſprach Benno, plötzlich ſich umſchauend, die koſtbare Ausſtattung des Speiſezimmers bewundernd und dabei auf ſich zurückkommend: » Meinen Erinnerungen zufolge, würde ich freilich ein Schloß, wie dies hier, nimmermehr als das be⸗ anſpruchen mögen, was mir aus einzelnen, märchen⸗ haft aufdämmernden Geſchichtchen als das Haus meiner Väter vorſchwebt. Beſonders geſchäftig war meine Kinderphantaſie immer, ſich die bezopften Köpfe einer Reihe von erwachſenen Knaben vorzuſtellen, die, wie mein Vater meiner Mutter erzählt hatte, bei einem zehnten oder zwölften, ſpät nachgeborenen Sohne meines 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 2 26 Großvaters Gevatter ſtehen wollten. Ich fand die Idee, bei einem Bruder auf dieſe Weiſe eine Pathen⸗ ſtelle zu übernehmen, ſo originell und ſchön, daß ich damals nichts ſehnlicher wünſchte, als auch zwölf Brü⸗ der zu haben.“ Der Oberkammerherr nickte lächelnd ſeinem Bru⸗ der zu, der aber ſchnitt ein ganz grämliches Geſicht und berichtigte:„Nicht zwölf— acht Brüder, Vetter Benno! Acht Brüder!“ „Dann iſt Ihr Vater alſo nicht der Jüngſte, bei dem Gevatter geſtanden wurde, geweſen?“ ſetzte er fragend hinzu. „Nein“— rief lebhaft der junge Mann.„Ganz gewiß nicht, denn er hat einen Haarbeutel à la Buona⸗ parte bei dieſer Gelegenheit getragen, den meines Groß⸗ vaters Kammerdiener aus beſonderer Gnade ſämmtli⸗ chen Junkern anfriſirt hat.“— Er ſchloß ſein Ge⸗ ſchichtchen mit einem herzlichen Gelächter, dem der Re⸗ gierungsrath beiſtimmte. „Wie alt ſind Sie, Vetter Benno?“ forſchte der Oberkammerherr mit immer wohlwollender ſich geſtal⸗ tendem Weſen. „Neunundzwanzig Jahre,“ war ſeine Antwort. „Was war Ihre Mutter für eine geborene?“ ſetzte der Präſident das Examen fort. 27. „Eine Buchotzky aus der Gegend von Lowicz, nahe der ruſſiſchen Grenze.“ „Von Buchotzky?“ „Allerdings!“ warf Benno kaltſinnig hin. „Sonderbar— ſonderbar!“ murrte der Präſident. „Weshalb lebten Sie nicht bei Ihren Eltern?“ „Das kann ich nicht erklären. So viel ich weiß, führte mein Vater ein unſtätes Leben, war längere Zeit in Petersburg, ging dann nach Süden.— Ih geſtehe, daß es mich niemals beſchäftigt hat und daß ich des⸗ halb ſehr im Dunkeln über ſeine Art zu leben geblieben bin. Vielleicht kann mein Pflegevater Auskunft über dieſen Umſtand geben.“ „ Wie heißt Ihr Pflegevater?“ examinirte der Präſident. „Buchotzky“— antwortete Benno nachläſſig. Alle ſtutzten. „Ein Verwandter Ihrer Mutter?“ „Ja wohl.“— „Muſikdirector in Flensleben?“ fuhr der Präſi⸗ dent ironiſch fort. „Ja wohl.“— „Von Adel?“ „Ja wohl.“ 3 „Wirklich— Muſikdirector von Buchotzky?“ fragte 2 28 ſich ſtreng aufrichtend der Präſident mit bedeutendem Zweifel in allen Mienen. „Das iſt dort eben nichts Seltenes, Herr Prä⸗ ſident,“ entgegnete Benno leicht hin.„Uebrigens war er in Warſchau Muſikdirector geweſen und hatte den Titel in ſeine Privatverhältniſſe mit hrüber genommen. Er war ein Vetter meiner Mutter.“ „Die Geſchichte fängt an egefährlich» auszuſehen,“ murrte der Präſident und ſchwieg fortan. Benno kümmerte ſich darum nicht. Je länger er in dem Kreiſe derer von Schmidt weilte, deſto ſicherer betrat er das Terrain, welches er zum Kampfplatz ſeiner Thaten auserſehen hatte. Die Seelengüte des alten Primus ebnete ihm die Ausſicht auf ein vergnüg⸗ liches und amuſantes Kampfſpiel, deſſen Endzweck er bis dahin noch nicht beſtimmt hatte. Er wollte ſich, wie immer in ſeinem Leben, von den Wellen des Zu⸗ falls tragen laſſen. Daß dabei ſein Augenmerk ganz beſonders auf eine Huldigung der Schönheit gerichtet war, der er, als Vetter, näher treten dürfte, als jeder Andere, darüber hegte er ſelbſt nicht den gering⸗ ſten Zweifel. Alice war in ſeinen Augen„himmliſch ſchön!“ Sie ſchien ihm Lilie und Roſe zugleich, Beides noch in der feſtgeſchloſſenen Knospe kindlicher Unbefangen 29 heit. Ein Schauer des Entzückens rann durch ſein heißes, leichtſinniges Herz, wenn er ſich dieſe ruhigen Augen, ſtrahlend vor Liebe, belebt von Wonne dachte, wenn er dieſe feine, reizende Geſtalt von ſeinen Armen umſchlungen tröamte, wenn er ſich als Pygmalion betrachtete, der die Marmorgleichmüthigkeit durch ſeine Küſſe verjagte. Freilich ſtörten ihn die Satyrblicke des Onkel Präſidenten in ſolchen Phantaſien, allein er glaubte es in Geduld und Beharrlichkeit mit ihm auf⸗ nehmen zu können und hoffte, daß dieſer läſtige Wider⸗ ſacher eines Tages heim müſſe zu ſeinen Berufsge⸗ ſchäften.. Indeſſen verging das Diner zur allgemeinen Zu⸗ friedenheit ziemlich gut. Man ſtand vertraulicher auf, ließ die ſteifen Formen etwas fallen und nahm den Ton der Familiarität an. Die alte Dame, beruhigt, daß ſich weiter Niemand als Prätendent melden würde, begann mit Wohlwollen den harmloſen Vetter zu be⸗ trachten, der ihr auf keine Weiſe Furcht einzuflößen vermochte und ihr durch ſein formenvolles Weſen den Glauben einflößte, daß er ſehr gut zu der Familie gehören könne. Sie hatte die Ueberzeugung, in ihm einen Sohn des Quintus zu ſehen, der, allen Nach⸗ richten zufolge, mit einer Frau in einigen Bädern geſehen worden war. Vieles ſtimmte überein, um ſie 30 ſicher in ihrer Vorausſetzung zu machen und wenn, momentan, die ſchreckliche Vermuthung in ihr auftau⸗ chen wollte, daß Benno vielleicht ein illegitimer Spröß⸗ ling ihres Schwagers ſei, ſo klammerte ſie ſich an das bewußtvolle und beſtimmte Verſprechen des jungen Mannes,„den Trauſchein ſeiner Eltern herbeizu⸗ ſchaffen.“ VDTDon dem Präſidenten geführt, betrat ſie zuerſt und mit ihm allein das Geſellſchaftszimmer und ſie nahm die Gelegenheit wahr, ihn um ſeine Meinung zu be⸗ fragen. „Was denken Sie, Victor?“ flüſterte ſie zutrau⸗ lich ſeinen Arm behaltend und ihn herzlich freundlich anſehend. Sie wußte, daß er gegen dieſe Vertraulich⸗ keit nicht gleichgültig war und ſich beſonders gern mit dem Vornamen anreden hörte. Der Präſident erwiderte ihren Blick. Sein altes, verſchrumpftes, häßliches Geſicht ſah ordentlich verklärt dabei aus. „Bis dato denke ich noch gar nichts, Helene, was uns beunruhigen könnte,“ entgegnete er ebenſo leiſe.„Ich denke ihm beizukommen, bevor er„Troja» erobert hat. Aber nehmen Sie unſere kleine Alice in Acht, damit er nicht den Goldſtaub von dieſer lieben Blume verletzt. Was iſt dies Kind lieb und ſüß in 31 ihrer Unſchuld— ein wahrhaftig reines, weißes Blatt⸗ — man möchte ihr Vater ſein, da man nicht ihr Mann werden kann.“ Die Oberkammerherrin lachte laut auf über dieſe heroiſche Liebeserklärung, ſetzte aber eilig hinzu:„Alſo Benno, der Vetter, gefällt Ihnen ſonſt.—“ „Gar nicht, Gnädige— gar nicht! In ihm iſt etwas, das ausſieht, als wäre der Muſikdirector Bu⸗ chotzky nicht von Adel. Das gehörte nun freilich nicht zum Unglück, denn wir«Schmidts) denken noch nicht lange ariſtokratiſch und haben nur Bedeutung dadurch erhalten, daß wir uns auf Stammbäume geimpft ha⸗ ben, wie der Ihrige, der bis zu Adam reicht. Aber ſchon daß er, uns zu narren, dies vorgeben könnte, ärgert mich. Ich werde meine Meſures danach nehmen.“ Jetzt traten die Andern ein. Alice mit einiger Haſt voran, als wolle ſie einer Berührung ausweichen, der Regierungsrath Arm in Arm mit Benno. Alice begab ſich ſogleich in die Nähe des Präſi⸗ denten, der ſie an ſich zog und ſie fragte: wie es mit einer kleinen Spazierfahrt ſei.— „Ich gehe ſpazieren mit meinem Papa, Onkel,“ flüſterte ſie ihm haſtig zu.„Du weißt, wie gern ich dies thue, aber, nicht wahr, Du nimmſt den neuen Vetter mit in Deinen Wagen.—* 32 „O, weshalb“— unterbrach er ſie lauernd. „Der kann mit Euch laufen.— Deine Großeltern und ich fahren lieber allein, mein Mädchen!“ Alice hob bittend ihre Hände zu ihm auf.„Ach, wenn Du mich lieb haſt.— Nimm ihn mit.“ Der Präſident lachte ſehr zufrieden, denn in ihrer Bitte lag ein unverſtandener Widerwille gegen Benno's Perſönlichkeit. „Es iſt ein verwünſcht hübſches Herrchen, dieſer Vetter Benno,“ meinte er. Alice ſtreichelte ſein Geſicht und legte die Stirn an ſeine Wange. „Schmeichelkätzchen“— ſagte er weich,„ſoll das heißen, meine alte Larve ſei Dir lieber?“— „Ja,“ rief ſie aufrichtig,„denn eben Dein Ge⸗ ſicht iſt keine Larve.“ Sie betonte das letzte Wort ganz auffallend. 1 In dieſem Augenblick fuhren zwei kunſtgeübte Hände mit wildem Ungeſtüm auf dem prächtigen Flügel, der im Zimmer ſtand, auf und ab, liefen in chromatiſchen Tonleitern, Octavengängen, Sextquart⸗ und Quart⸗ ſechstenaccorden hin und her, raſeten wie ein wildes Heer über die Taſten entlang und ließen dann eine heilige Me⸗ lodie, gleich einem Mondſtrahle aus ſturmbewegten Wol⸗ ken, zwiſchen dem Chaos von Tönen hervortreten. 33 Athemlos, zitternd vor Aufregung hatte ſich Alice umgewandt, ſo wie die erſten Accorde ertönten. Sie war es nicht gewahr geworden, daß ihr Vater den Flügel geöffnet und Benno daran Platz genommen hatte und war erſchrocken zuſammengefahren, als ganz ungeahnt die Muſik begann. Was aber Anfangs eine Ueberraſchung war, verwandelte ſich bei dieſem Spiele in Entzücken. So hatte ſie niemals ſpielen hören.— Ihre Bruſt hob ſich unbewußt, ihr Herz erbebte ahnungsvoll, Thränen füllten ihr Auge und ihre Lippen zitterten. Der Präſident ſchnitt ein fürchterlich verdrießliches Geſicht bei der Wahrnehmung eines Ergriffenſeins, das gefährliche Verwandlungen in dieſem jungen Herzen verhieß. „Hüte Dich, mein Knabe,“ murrte er ärgerlich, „hüte Dich, daß ich Dich nicht gefährlich finde— daß ich Dir nicht den Eingang hier erſchwere und den Ausgang erleichtere. Spielt der Burſche wie einer je⸗ ner Heiden, welche ſich ihre verſtorbenen Weiber wieder aus der Erde herausmuſicirten.“ Tootz ſeiner innerlichen Wuth hörte er aber eben ſo andächtig zu, wie Alice. Sei es nun, daß Benno's edlere Künſtlernatur ſieghaft hervorſtrömte oder war es die dämoniſche Don⸗ 34 Zuankraft, die ihn antrieb, die lieblichſten Cantilenen mit hinreißendem Ausdruck zu ſpielen, genug nicht das junge Mädchen allein ſondern ihr Vater, ihre Groß⸗ eltern und ihr ſatyriſcher Onkel— Alle erlagen dem Zauber dieſes Spieles, Alle athmeten tief auf, als Benno endete und ſich raſch vom Fortepiano erhob. Benno war ein Jünger der neuen romantiſchen Schule, die in ihrer Manier den Laien mehr, als den Muſikverſtändigen einem überwältigenden Gefühle unter⸗ wirft. Er wußte was er that und kannte die Macht dieſer reizenden Tongemälde auf überraſchte Gemüther, hatte alſo mindeſtens nicht ohne Abſicht ein Mittel ge⸗ wählt, welches ſeiner Erſcheinung den Reiz des In⸗ tereſſes zu geben fähig war. Der Präſident, nur augenblicklich hingeriſſen von ſeinen Empfindungen, trat zu ihm und fragte nach dem Componiſten der ſchönen Melodien. Ihm lag daran, durch alltägliches Geſpräch die Stimmung auf den Punkt zurückzuführen, wo ſie als Abkühlung excen⸗ triſcher Zuſtände zu gebrauchen iſt. Alice ſchlich auch näher. Augenſcheinlich weniger des Geſprächs wegen, das ſie gar nicht anzog, als um dem Spieler näher zu ſtehen, wenn er ſich wieder dazu bereitwillig finden ließ. Es bedurfte nur ihres ſchüchternen Blickes, den ſie zu ihm hinauf ſendete, 35 um ihn ſogleich bereit zu machen. Der Präſident ver⸗ eitelte dies Einverſtändniß von ſtummer Bitte und ſchneller Gewährung. Er legte ſeine Hand abwehrend auf den Deckel des Inſtrumentes und ſagte: „Nicht doch, für heute nichts mehr! Man muß haushälteriſch mit ſeinen Talenten umgehen, damit ſie ſich nicht abnutzen. Still Alice, mein Mädchen, keine Bitten— da kommt der Kaffee— thu Deine Schul⸗ digkeit und ſervire mir ihn. Nachher mache ich mit dem jungen Herrn und dem Großelternpaare eine Spa⸗ zierfahrt— Du aber ſiehſt zu, ob Dein Vater Fort⸗ ſchritte im Gebrauche ſeiner Beine gemacht hat.“ Benno hätte gar zu gern erklärt, daß die Fort⸗ ſchritte im Gebrauche der Beine ſein Intereſſe auch mehr in Anſpruch nähmen, als der unzweifelhaft ge⸗ ſunde Galopp der Schmidt⸗Welldorſ'ſchen Pferde, allein er war zu ſchlau und zu erfahren, um es mit dem Präſidenten zu verderben.. Der Kaffee wurde getrunken und der Kammer⸗ diener des Hauſes angewieſen, den jungen Herrn auf ſein Zimmer zu führen. „Wir halten die durchaus nothwendigen Ruhe⸗ punkte im Leben,“ meinte der Präſident lachend, als der Oberkammerherr mit einigen Umſchreibungen anzu⸗ deuten ſuchte, daß nach eingenommenem Kaffee eine 36 kleine Sieſta gehalten werde, wo Jeder ſein Zimmer aufzuſuchen pflege. „Wir, die wir nämlich die Ruhepunkte nöthig haben, ſuchen den Schlaf. Alice und ihr Vater aber halten unterdeß Familienparade— Gott ſei dem gnädig, der unſerm Burgfräulein Anlaß zu Klagen gegeben— ſie träufelt die Gifttropfen der Rache in ihres ſanften Vaters Herz oder in das ſanfte Herz ihres Vaters— wie es gerade kommt— und dort geht die Rache auf, wie Drachenzähne.“ Alice drohete ihm und er ging lachend hinaus, den Better Benno ohne Barmherzigkeit mit hinwegnehmend. Wie gern wäre dieſer bei Alice und ihrem Vater geblieben. Der Wille des Präſidenten zwang ihn aber ſein einſames Zimmer ſo lange zu ſuchen, bis der Wagen angeſpannt und die„Familee bereit ſei,“ eine Spazierfahrt zu unternehmen. „Machen Sie es ſich bequemer,“ rief ihm ſein Peiniger noch nach.„Wir ſind entre nous immer im Oberrock! Und Sie wollen ja mit Gewalt zur Familie gehören.“ „Allerdings“— erwiderte Benno freimüthig— „ſeit einer Stunde gehört es zu meinen leidenſchaftlich⸗ ſten Wünſchen, daß Herr Franz Velguth mit ſeiner Behauptung recht gehabt haben möge!“ 37 „Gehorſamer Diener“ ſchnarrte der Präſident und machte behutſam ſeine Thür zu. Es wurde Alles ſtill im Schloſſe. Die Diener ſchaft ſchlich geſpenſterhaft leiſe und ſelbſt die Hunde und Katzen ſchienen es zu wiſſen, daß„Lärm machen“ in dieſer Zeit geſetzwidrig ſei. Nur im Zimmer des Regierungsraths hörte man plaudern. Die Balconfenſter ſtanden auf. Der Bal⸗ ſam der blühenden Terraſſenblumen zog in das Zimmer hinein, wo Alice dicht bei ihrem Vater ſaß, ein Buch in der Hand und die Augen achtſam auf ihn gerichtet. Sie widmete ſich nach wie vor ſeiner ausſchließlichen Pflege, obwohl er von dem Tage an, wo der Präſi⸗ dent eintraf, Schritt für Schritt geſunder und auch heiterer geworden war. Schon ehe ſie das Geſellſchaftszimmer verließen, hatte Alice mit kindlicher Aufmerkſamkeit einen Schatten im Geſichte des Vaters beachtet, der ſeit den letzten Wochen nicht mehr darauf geſehen worden war. Sie forſchte jetzt nach dem Grunde ſeiner Verſtimmung. Er lehnte die Erklärung darüber ab. Was ihn be⸗ ſorgt machte, durfte ſie am wenigſten erfahren. Ihm bangte vor dem Ausgange der Familienangelegenheit, die mit Benno's Eintritt vorausſichtlich war. Nicht, daß er dem jungen Manne mißtrauet hätte, aber er erſchien ihm der jugendlichen Lieblichkeit ſeines einzigen Kindes nicht ganz ebenbürtig. So gern er es ſich verhehlen wollte, ſo kam er doch immer wieder darauf zurück, daß in des neuen Vetters Liebenswürdigkeit viel Fades lag, welches von einem oberflächlichen Charakter und von einer mangelhaften Bildung Zeugniß gab. Wie nun, wenn des Primus Willen dieſen Mann zum Gatten Alicens beſtimmte? Ein unbehagliches Gefühl überlief ihn. Möchte er häßlicher ſein— möchte er weniger formenſicher ſein— möchte er talentlos ſein— aber nur ſo, wie er ihn ſich zum Schutz und zur Stütze ſeiner Tochter wünſchte. Charaktervoll und edel! Beides fehlte dem neuen Vetter ganz und gar. Alice beobachtete ihres Vaters Geſicht und plau⸗ derte. „Wir gehen allein, Papa,“ ſagte ſie plötzlich, froh und ſinnig zugleich.„Ich habe den Onkel ge⸗ beten, Vetter Benno mit in den Wagen zu packen, damit es ihm nicht einfalle, mit uns zu gehen.“— Der Regierungsrath horchte.„Mir wäre die Begleitung des Vetters ganz recht geweſen, Alice,“ ſagte er gemüthlich in ihr Geſicht ſchauend. „Ich mochte es aber nicht,“ entſchied das Mäd⸗ chen.„Auf dem Spaziergange gehörſt Du mir.“ — 39 „Vetter Benno iſt aber ein liebenswürdiger Erzäh⸗ ler— er iſt amuſant— voller Talent.“— Alice machte eine geringſchätzende Pantomime. Daran beruhigte ſich ihr Vater für jetzt. Wenn Alice keine Neigung für ihn gewann, ſo blieb er unſchädlich. „Sein Spiel iſt hinreißend,“ ſetzte er nur noch gelaſſen hinzu. „Was er ſpielte, war göttlich“— flüſterte ſie mit einem ſchwärmeriſchen Lächeln—„ob ich jemals dieſe Compoſitionen werde ſpielen können?“ Argwöhniſch blitzte des Vaters Auge ſie an.„Willſt „D Du vielleicht Unterricht bei Vetter Benno nehmen?“ fragte er ſchnell. Eine helle Röthe flammte über ihr Geſicht und ſie fuhr, elektriſch von dieſem Gedanken berührt, von ihrem Sitze auf. Ihr Vater kannte ſie genau genug um zu gewahren, daß ſie die Perſon von der Sache trennte. Die Muſik, die ſie ſo vollkommen noch nie gehört, die ſie in dieſer verführeriſch ſchmeichelnden Art zu den Sinnen ſprechend noch nicht gekannt hatte, dieſe Muſik war das Ideal ihres Herzens geworden— der Mann aber nicht, der ſie ihr zu Gehöͤr gebracht. Ihr feiner Sinn bewahrte ſie vor ſolchen Excentricitäten, wodurch ſich Frauen ſo leicht compromittiren, wenn ſie, ſtatt den Componiſten zu würdigen, ihre Schwärmerei dem 2 40 weihen, der lebendig vor ihnen ſteht und ihre Hul⸗ digungen entgegen nehmen kann. Obgleich der Regierungsrath dies wohl erkannte, ſo hielt er es doch für angemeſſen, ſeinem Töchterchen eine kleine Vorleſung über kindiſche und flüchtige Nei⸗ gungen der Zugend, die erſt in reifern Jahren ihre ſchädlichen Einwirkungen geltend machten, zu halten. Es leuchtete aus ſeinen ernſten Worten hervor, daß er perſönliche Erfahrungen im Felde dieſer Jugendromantik gemacht habe, die ihn bis zur Lebensmüdigkeit zu brin⸗ gen im Stande geweſen waren. Alice hörte andächtig zu. Ihre Theilnahme ſprach ſich ſehr lebendig in ihren Blicken aus, die ſie feſt und glänzend auf ihren Vater geheftet hielt. Sie liebte ihren Vater ſo ausſchließlich und ſo eigenthümlich, daß ſie es wohl begriff, wenn er danach trachtete, ſich dieſe Neigung zu bewahren. Mit Stolz erklärte ſie ſich die Ermahnungen deſſelben als einen Ausfluß von Sorge ſie entbehren zu müſſen und es fiel ihr nicht im ent⸗ fernteſten ein, in Benno, der nach ihrer Anſicht weit aus dem Bereiche ihrer möglichen Neigung ſtand, den Gegenſtand einer Vaterſorge zu ſehen. Es war ſo ſtill, ſo heimlich und behaglich mit ihrer ganzen Umgebung, das Leben mit ſeinen niedri⸗ gen Beſchäftigungen, mit ſeinen eigenſüchtigen Beſtre⸗ 41 bungen und ſeinem engherzigen Treiben lag weit ent⸗ fernt von ihrem Geſichtskreiſe, ſie befand ſich auf einer Höhe, wo eine gewiſſe Iſolirung von den Weltwirren ſtattfindet, ſo daß dem Idealismus bei weitem größere Felder zu Gebote ſtehen, als ſonſt irgendwie, kurz geſagt: ſie gehörte zu den Bevorzugten ihres Geſchlechts, die ſich erſt zur Gewöhnlichkeit hinabſenken müſſen, weil ſie auf dem Standpunkte ihrer Geburt und Erziehung, darüber hinweggehoben ſind. Ihre beneidenswerthe Lebensſtellung wurde aber, trotz ihrer Jugend, von ihr richtig erkannt und richtig gewürdigt und ſie fühlte ſich keineswegs geneigt, dieſelbe leichtſinnig aufs Spiel zu ſetzen. Man konnte ſich verſucht fühlen, Alicens Weſen mit dem Prädicate„ ſtolz“ zu bezeichnen, wenn man die äußere Gleichgültigkeit betrachtete, womit ſie über die Geringfügigkeiten des Lebens hinwegſah, allein es gab hundert mal des Tages für den verſtän⸗ digen und vorurtheilsfreien Beobachter Gelegenheit, den echt weiblichen Kern ihrer Gemüthslage kennen zu lernen. Und darum eben war ſie der Liebling des alten, ſtörriſchen Präſidenten, weil ſie mit Kraft an einer Selbſtverleugnung und Selbſtbeherrſchung arbeitete, die dem Weibe nothwendig zur Vervollſtändigung ihres Weſens iſt, aber leider ihrer armen ſeligen Mutter gänzlich gefehlt hatte. 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 3 42² Während Alles in Ruhe verſenkt lag, während der Vater und die Tochter in jener Gemüthlichkeit, die das Fundament des Friedens iſt, zuſammen plau⸗ derten, während dieſer Zeit zog langſam und bedächtig ein ſchwer bepackter Lohnwagen die Landſtraße her, bog in den Schloßweg ein und langte mit der ausdrucks⸗ vollen Langſamkeit dieſer Art Reiſefuhrwerk auf dem Schloßhofe dergeſtalt geräuſchlos an, daß erſt das Knallen des Lohnkutſchers ſämmtliche Diener aus der ſchläfrigen Trägheit weckte, worin auch ſie ſich wohl⸗ gefallen hatten. Erſchreckt ſprang der Stallknecht aus dem Stall⸗ ſtübchen und ſtürzte blind vor Eifer dem Wagen zu, an deſſen Schlage ſich der Kutſcher beſchäftigte. Der arme Burſche glaubte gegen irgend eine hohe Herrſchaft oder gegen einen der„erwarteten Erben des Hauſes“ eine Nachläſſigkeit begangen zu haben und bat heran⸗ tretend ſehr demüthig um Entſchuldigung ſeines Zögerns. Wie ward ihm aber, als er den Wagenſchlag öffnend und den Tritt hinabſchlagend, ſich einer ſehr corpulenten Dame in dem bunteſten Reiſecoſtume gegen⸗ über fand, die mit liebenswürdiger Herablaſſung ſagte: „daß es nichts thue, gar nichts thue, denn ſie habe geſchlafen im Wagen und ſei erſt durch den Kutſcher erweckt.“. 43 „Himmel Element“— fluchte der Stallknecht mit weit aufgeriſſenen Augen und zeigte ſein ganzes weißes Gebiß hinter dem Schnauzbarte—„Himmel Element, wen haben wir denn da vor uns?“ Sein Fluch war glücklicherweiſe ſo leiſe geweſen, daß er von Madame Hirſch Meier, die ſich wirklich „lila, kirſchroth und hellblau“ im Fond des Wagens vorfand, als eine fortgeſetzte Entſchuldigung betrachtet und huldreichſt beantwortet wurde. „Der Herr Miniſterpräſident zugegen?“ fragte ſie dann von oben herabblickend, indem ſie ihr Doppel⸗ kinn hervorhob. „Was?“ entgegnete der Stallknecht ziemlich brüske. „Wir haben hier keinen Miniſterpräſidenten— ſcheint mir überhaupt, als wären Sie irre gefahren.“ „Wir ſind doch auf Schloß Welldorf?“— fuhr Madame den phlegmatiſchen Fuhrmann an. „Ja wohl,“ war ſeine Antwort und er begann die beiden Koffer loszuſchnallen, die hinten aufgepackt waren. „So bin ich nicht irre gefahren, mein Freund,“ belehrte Madame den Stalldiener,„ich werde hier erwartet!“ Der Burſche ſchüttelte zweifelnd ſein Haupt. So 3* lange er im Dienſte war, hatte er dergleichen„bunten Kram“ noch nicht geſehen.„Vielleicht eine reiſende Putzmacherin,“ dachte er, als die großen Koffer vom Wagen gehoben wurden. Jetzt endlich hatte auch das Schloßgeſinde die ſtaubige Landkutſche erblickt und ein Bedienter fuhr dienſtfertig auf die Dame zu, um ſie zu unterrichten, „daß für den Augenblick die Herrſchaften nicht zu ſpre⸗ chen ſeien.“ „Thut nichts, mein Freund,“ beſchied ſie ihn ebenfalls.„Führt mich nur auf mein Zimmer, damit ich Toilette machen kann— Kammermädchen ſind doch bei der Hand? Gut— ich bitte nur um ein Kam⸗ mermädchen!“ Verblüfft verbeugte ſich der Bediente und ſchlüpfte in das Zimmer des Kammerdieners, um dieſem ſeine Erfahrungen mitzutheilen und ihn um Rath zu bitten. Der Kammerdiener, das Factotum im Hauſe und mehr als alle übrigen Diener eingeweiht in die Ge⸗ heimniſſe der Familie, fand es möglich, daß dieſe Dame ein Abzweig derer von Schmidt⸗Welldorf ſei und daher ehielt er es auch für zweckmäßig, ihr bis auf Weiteres die gehörige Ehrerbietung zu bezeigen. Er befahl, eines der Zimmer, die zum Empfange von Gäſten bereit gemacht waren, zu öffnen und ging 45 in Begleitung des Herrn Jakob Witte ſelbſt hinaus, um die Dame zu empfangen. 4 Madame Hirſch Meier ſah ſie kommen, ließ ſich aber durch die Eleganz ihres ganz bürgerlichen Anzuges doch nicht zu dem Irrthume verleiten, die Herren des Schloſſes vor ſich zu ſehen. Sie war Menſchenkenne⸗ rin genug, um trotz der unbetreßten Röcke die Dienſt⸗ barkeit von dieſen glatten Stirnen zu leſen und ſie imponirte den etwas frappirten Männern bedeutend⸗ als ſie, mit gnädigen Mienen ihre Verbeugung erwi⸗ dernd, gleichgültig fragte: „Vermuthlich Kammerdiener Sr. Excellenz?“ Sehr dienſteifrig wurden jetzt die Koffer hinauf in eines der Gaſtzimmer geſchafft und zwar ſo eilig und ſo geräuſchlos, daß von den Mitgliedern der Fa⸗ milie noch nicht Einer wußte, was für Ueberraſchungen ihnen bevorſtanden, als Madame ſchon in Begleitung des Kammerdieners auf dem Corridor entlang ſpa⸗ zierte. In dem Augenblicke, wo ſie des Präſidenten Thür erreichten, öffnete dieſer dieſelbe und ſchaute neugierig heraus. Vermuthlich hatte er die ſchweren Tritte der Diener gehört, die die Koffer hinaufſchafften und war von Wißbegierde getrieben aufgeſtanden. Ein einziger Blick auf Madame genügte ihm— blitzſchnell ſchob er 46 die Thüre wieder zu, ehe ſie ſeiner gewahr werden konnte. 3 Kaum war ſie aber in ihrem Zimmer verſchwun⸗ den, ſo ſchallte ſeine Glocke durch's ganze Schloß und rief Herrn Jakob Witte herbei. „Diable— wer iſt denn das?“ kreiſchte der Präſident ihm unruhig entgegen. Herr Jak bedauerte, Sr. Gnaden nicht die ge⸗ wünſchte Auskunft geben zu können, ſetzte aber ſcha⸗ denfroh hinzu: die Dame habe erklärt, ſie werde er⸗ wartet! Als hätte ein Scorpion ihn geſtochen, ſo fuhr der Präſident zurück. Wirbelnd ſchlugen die Wellen einer fürchterlichen Vermuthung um ſein Haupt. „Octav's Wittwe!“ ſtöhnte er, ſich wie zerſchla⸗ gen in den Schlafſeſſel werfend. „Sie will Toilette machen,“ referirte Herr Jak ſehr ernſthaft weiter. „Noch mehr Toilette?“— fiſtulirte der Präſident auffahrend.—„Sie ſah ja ſchon aus wie zwanzig Damen in einer Toilette zerſchmolzen. Hilf Himmel! — Gott ſteh uns bei!— Reichen Sie mir die Cra⸗ vatte— bürſten Sie ſchnell mein Haar.— Sol!— So— nun will ich nur eiligſt zu meinem armen Bru⸗ der hinab, um den gegen eine Ohnmacht zu ſchützen. 47 Es hat dies Monſtrum“— er ſchwieg mitten in ſeiner Rede und ſagte nach einer kleinen Pauſe:„Hat noch Niemand die Dame geſprochen? Weiß Niemand, wie ſie heißt?“ Herr Jakob Witte verneinte es und der Präſident eilte mit der Haſt eines Jünglings zu dem Geſellſchafts⸗ ſalon hinab, wo eben der Regierungsrath nebſt Alice von der einen Seite und der Oberkammerherr nebſt Gemahlin von der andern Seite erſchienen. „Selbſt der Orient thut ſich auf, um unſere Wün⸗ ſche zu krönen!“ ſchrie der Präſident mit ſpöttiſchem Pathos ihnen entgegen und beeilte ſich, ihnen ſeine Er⸗ fahrungen mitzutheilen. Erſtaunen malte ſich in den Mienen der Männer, Furcht und Abſcheu in den Geſichtern Alicens und der alten Dame. „Allmächtiger Gott, was ſollen wir denn mit dieſer Frau anfangen!“ rief die Letztere die Hände ringend.„Mir hat von Anfang an Unheil geah⸗ net.“— „Beruhige Dich,“ bat der alte Primus, mitleidig und gütig die Hände ſeiner Frau küſſend. Sie wird zu entfernen ſein. Hat ſie keine Kinder von unſerm un⸗ glückſeligen Bruder aufzuweiſen, ſo reicht eine Summe Geldes und ein feſt ausgeſprochener Befehl, uns 48 ferner mit ihrer Verwandtſchaft zu verſchonen,» ganz gewiß hin, ſie zu beſchwichtigen.“ Eine Stunde verging in der peinlichſten Erwar⸗ tung. Madame machte noch immer Toilette. Man vergaß über die neuen Ereigniſſe den Vetter Benno und daß dieſer beſcheiden in ſeinem Zimmer des Rufes warten werde, welcher ihn zur Spazierfahrt auffor⸗ dern ſolle. Endlich erinnerte ſich der Regierungsrath daran. Man war aber zweifelhaft, ob nicht ſeine Gegenwart die zu fürchtende Scene noch qualvoller machen werde. Aber der Präſident gab durch den Befehl, ihn zu rufen, den Ausſchlag. „Benno's heitere Weltanſicht muß uns helfen, durch dies Labyrinth der ärgerlichen Beſchämung uns hindurch zu arbeiten,“ meinte er.„Der junge Mann iſt ebenfalls betheiligt, aber viel weniger ſchmerzlich als wir— laßt ihn dabei ſein, denn vorzuenthalten iſt die jämmerliche Erfahrung ihm nicht.“ Benno kam ſogleich. Ihm wurde mitgetheilt, was man zu erwarten habe. Ein ungläubiges Erſtaunen zeichnete ſich, komiſch genug in ſeinen Geberden. Er ſagte jedoch nichts, weil er durch ſeine Zweifel einen Argwohn gegen ſeine Echtheit aufzurühren fürchtete. Geſpannt hingen endlich, nach einer furchtbar langen Stunde, die Blicke der Anweſenden an der Thür, als 49 ſich dieſe öffnete und der Diener verlegen„die fremde Dame“ meldete, die ſich ſelbſt den Herrſchaften nennen würde. Die Thüren thaten ſich auf und herein rauſchte Madame Hirſch Meier,„ganz gelb, durchaus gelb,“ im Moiré antique Kleide, wie zur fürſtlichen Cour ange⸗ than und ſich ſchon auf der Schwelle mit einem ge⸗ wiſſen Anſtande verneigend. Unwillkürlich erwiderte man ſehr artig ihren Gruß und trat der ſtrohgelben Dame einige Schritte entgegen. „Habe ich die Ehre, den Herrn Miniſterpräſiden⸗ ten—“ begann ſie ceremoniös zum ſtattlichen Ober⸗ kammerherrn gewendet. Der Regierungsrath beeilte ſich, ſie zu unterbrechen, um ihr die Familie nach der Reihe vorzuſtellen. Als er ſich ſelbſt zuletzt genannt hatte, fragte er:„wen er nun vorzuſtellen das Vergnü⸗ gen haben könne.“ Madame warf lächelnd den gelbbebänderten Kopf, welchen zwei Marabut noch ein wenig unförmlicher machten, zurück und meinte:„das ſinde ſich ſpäter.“ Die Verſammelten warfen ſich einen Blick ſtiller, lächelnder Verwunderung zu. Nur Benno lächelte nicht. Ihm ahnete Unheil und er machte ſich gefaßt darauf, daß die Erſcheinung dieſer Frau ſein ganzes Spiel ver⸗ derben würde. 50 Madame bat nun um Verzeihung ihres unberufenen Einſchreitens in einer Sache, wo das Glück„einer Freundin,“ die ſie„anbete,“ weil ſie„ein Engel von Schönheit,“ eine„Fee an Güte und Barmher⸗ zigkeit“ ſei, die aber„unter dem Drucke eines harten Egoiſten,“ der ihr Bruder ſei,„zu Boden getreten werde“— auf's Spiel ſtehe. „Wollen Sie gefälligſt näher erörtern, in wie fern wir eine Rolle bei dem Schickſal Ihrer Freundin ſpielen“— ſchnarrte der Präſident in aller unange⸗ nehmſter Laune. „Ja wohl“— ſagte Madame mit tiefer Ver⸗ naeigung gegen ihn. Der Oberkammerherr aber, etwas aufathmend bei dieſem unverſtändlichen Eingange, trat mit einem Ge⸗ ſicht voll Wohlwollen zu ihr, bot ihr die Hand und führte ſie nach dem Eckdivan, woſelbſt ſeine Gattin ebenfalls Platz nahm und die Herren ſich ſtehend da⸗ rum gruppirten. Alice blieb am Fenſter und horchte geſpannt auf die ſich entſpinnende Unterhaltung. „Sie haben einen Aufruf erlaſſen an die Ab⸗ kommen Ihres erlauchten Stammes,“ begann Madame wieder mit der Zuverſicht, welche in einer unbedingten Selbſtverehrung ihren Grund hat—„und ich habe gegeben ſogleich die Nachricht davon an den Bruder 51 der Dame, die ich die Ehre habe Freundin) zu heißen.“— Der Präſident ſtampfte umgeduldig mit dem Fuße. „Dürfen wir bitten um den Namen dieſes Bru⸗ ders der Dame, die Sie Freundin heißen,“ ſprudelte er heraus. Er wußte jetzt ſchon, wie er dieſe Ge⸗ ſchichte zu behandeln hatte, denn er glaubte, einer Geld⸗ ſchneiderei zu begegnen. „Ja wohl— wir wohnen zuſammen in Hamburg, wo der Vater vor ſechs Jahren verſtarb, aber die Geſchwiſter in ſehr guten Verhältniſſen zurückließ.“— „Aber ſagen Sie uns doch nur erſt den Namen!“ ſchrie der Präſident erboſt. „Ja wohl— heißt er doch Erneſt Octav von Schmidt⸗Welldorf.“— „Erneſt Octav!“— rief der Oberkammerherr freudig—„Erneſt Octav?“— riefen die Andern außer Benno, der die Lippen zuſammenkniff und ſich nach dem Flügel hinbegab, wo er in den Noten zu blättern begann. „Und Octav— der Vater— todt?“ forſchte der alte Primus mit zitternder Stimme. „Ja wohl— todt— todt ſeit ſechs Jahren,“ re⸗ ferirte ſichtlich ergriffen Madame, die mit einiger Ueber⸗ raſchung den mächtigen Eindruck beobachtete, den ihre Botſchaft hervorgebracht hatte. Die Oberkammerherrin ſaß, die Hände vor den Augen, von denen klare Thränen die welken Wangen hinabträufelten, neben ihr und ihr Zittern war ſo con⸗ vulſiviſch, daß es ſich dem Polſter mittheilte. Der Primus ſchlug die Augen einen Moment hinauf zum Himmel und murmelte:„Alſo unverſöhnt! Dort wirſt Du Deinem Bruder nicht mehr zürnen! Dort wird der Schleier des Irrthums von Deinen Augen fallen.“ Der Präſident faltete ſeine Finger zuſammen und ſah verſtummt zu Boden. 4 Der Regierungsrath ſchien ſich freudig an der Gewißheit zu erheben, daß noch ein Schmidt⸗Welldorf in der Welt exiſtire außer ihm, und Alice eilte fröhlich zu ihrem Vater heran und fragte:„Iſt es ein Sohn vom Onkel Octav?“ Auf dieſe weiße, lichte Geſtalt fiel jetzt der Blick der ganz verſtummten Madame. „Gott— ſieht doch das junge gnädige Fräulein Konſtanze ſo gleich, wie ein Ei dem andern!“ Alice wendete ſich froh bewegt zu ihr, ſetzte ſich neben ſie und fragte, kindlich ihre Hand drückend:— „Konſtanze heißt meine Couſine? Konſtanze? Warum kam Konſtanze nicht zu uns? Warxum haßt ſie uns?“ „O, haßt doch dieſer Engel von Fräulein Nie⸗ manden, am wenigſten ihre erlauchten Verwandten. Iſt ſie doch ſo vereinſamt in der Welt— geht ſie doch immer ſo ſtill am Alſterbaſſin ſpazieren und hat Niemand bei ſich, als den Diener, der zwei Schritt hinter ihr bleibt— würden Sie, mein gnädiges Fräu⸗ lein, doch Ihre gnädige Verwandte lieben, wenn Sie ſie nur ſähen.“— Jetzt hatte ſich der Präſident aus der Verwirrung der Ueberraſchung wiedergefunden.„Aber, um Gottes willen, wer ſind Sie denn eigentlich?“ fragte er mit milderer Stimme, als früher. 2 „Nun ich? Ich bin des Hirſch Meier Frau, der in Hamburg wohnt und das reichſte Lager von Seidenzeugen und franzöſiſchen Shawls hält. „ Alſo Madame Hirſch Meier— gottlob, daß wir es endlich erfahren!“ ſcherzte der Präſident.„Wie aber kommen Sie dazu, ſtatt des Herrn Octav und ſeiner Schweſter Konſtanze ſich am 16. Auguſt hier einzufinden?“ „Habe ich Ihnen nicht ſchon geſagt, daß der Herr Doctor—“ „Welcher Doctor?“ herrſchte der Präſident ſie inquiſitoriſch an. „Iſt doch der Herr Erneſt von Schmidt ein Doc⸗ tor“— rief Madame. 54 „Arzt— Mediciner? Warum nicht gar“— fiel der Präſident ärgerlich ein. „Ja wohl— ja wohl! Ganz richtig, ein rich⸗ tiger Doctor, ein kluger Docter, ein ſehr kluger, aber ſtolzer Doctor, der die Armen umſonſt curirt und der zu den Reichen ſagt: Lſie ſollten nur hungern, dann würden ſie ſchon geſund ſein.“ Darum aber iſt er dem Volke auch ein Gott und wenn er am Hafen entlang geht, ſchreien die Inſelleute ihm ein„Hurrahy aus den Ewern entgegen. Sagt man doch, er wolle ſich in Falkwerder anbauen und ein Mädchen aus dem Volke dort heirathen. Freilich ſein Fräulein Schweſter würde dazu traurig ſehen, glaub' ich.“ „Das Fräulein liebt das Volk alſo nicht?“ forſchte der Präſident. Ihm lag die Freundſchaft dieſes Fräu⸗ lein von Schmidt mit Madame Hirſch ſchwer in den Gliedern. Madame machte eine Geberde des Abſcheues. „Wie könnt' ſie wohl. Paßt ſie doch nur zum Adel in ihrer Schönheit und Grazie! Hält ſie ſich doch ſogar fern von Allen, weil ſie iſt von erlauchtem Blute! Hat mein Mann, der ein feiner Denker iſt, ein ſehr ſublimer Denker, hat er eines Tages doch zu mir geſagt, — wir waren damals erſt verheirathet und wohn⸗ ten—“ 5⁵ „Sie wollen uns erzählen, was Ihr Mann ge⸗ ſagt hat“— lenkte der Präſident ungeduldig ein. „Ja wohl! Hat er doch geſagt, daß ſie wie eine Prinzeſſin geſtanden neben der reichen Senatortochter, die doch in Berlin den vornehmen Hofherrn geheirathet hat, wovon man erzählt.“— „Alſo Fräulein Konſtanze iſt Ihre Freundin— beſucht Sie fleißig, um bei Ihnen zu kaufen?“ fragte der Präſident haſtig dazwiſchen. „Ja wohl. Ich bete ſie an!“ rief Madame en⸗ thuſiaſtiſch. Alle lachten, ſahen ſie aber mit Wohl⸗ wollen dabei an. Madame merkte, daß ſie im Preiſe ſtieg und begann eine ihrer Plaudereien, wo ſie zwar vom Hundertſten ins Tauſendſte kam, aber dennoch ein ziemlich richtiges Bild der eigenthümlichen Lebenslage der Geſchwiſter entwarf. Das Intereſſe der Familie wuchs mit jedem Worte, welches die ſonderbare Frau ſprach und ſelbſt der Präſident ließ ſich herab mit einer Protectormiene einen ſehr ſchweigſamen Zuhörer ab⸗ zugeben bis zu den Momenten, wo ſie mit ihren Ge⸗ danken zu weit durchging. Dann faßte er ſie am Zü⸗ gel und leitete ſie zum Ergötzen der Geſellſchaft wieder zu dem vergeſſenen Thema zurück. Es war ihm bald klar, daß das eigentliche Weſen dieſer Jüdin nur von der unleidlichen Putzſucht begraben 56 wurde, daß ſie bei aller Narrheit einen Fond redlicher Gefühle in ſich trug und daß ihren Erzählungen, ab⸗ geſehen von den Aufſchneidereien, in Rückſicht auf die Geſchäftsbetriebſamkeit ihres Mannes, die ſie ungeheuer übertrieb, Glauben beizumeſſen war. Seine Gedanken flogen bei dieſer Erkenntniß ver⸗ gleichend zu Benno hinüber, der ſich Alicens Platz genähert hatte und nur die Gelegenheit zu erwarten ſchien, um mit ihr ein Geſpräch zu beginnen. Dort der feine, gewandte Weltmann, der ſich freimüthig der Familienprüfung geſtellt hatte— ſein ganzes Herz lehnte ſich gegen eine Verwandtſchaft mit ihm auf. Hier eine Frau von vulgärem Weſen, deren Glaub⸗ würdigkeit durch nichts unterſtützt wurde, die ihre Schil⸗ derungen aus der Luft gegriffen haben konnte, und dennoch horchte er begierig auf ihre kauderwälſchen Berichte und faßte, geſtützt auf eine Art Familien⸗ freimaurerei, die ſich an gewiſſen Zeichen erkennt, von Minute zu Minute ſtärkeres Vertrauen. Seine Hoff⸗ nung erſtarkte an Kleinigkeiten, die weniger vom Ge⸗ müthe ergründet wurden, als von den Fühlfäden eines juriſtiſchen Sinnes, der dem Zuſammenhange nach⸗ ſpürt und keinem Zufalle traut, welcher ohne Motive daſteht. Madame Hirſch Meier entwickelte in ihrem ganzen — — 57 Auftreten Grund und Urſache zugleich. Es war er⸗ kennbar, daß die Neigung zur excluſiven Geſellſchaft ſie beherrſchte, daß ſie ſich wichtig in ihren diplomatiſch entworfenen Plänen vorkam, daß ſie danach geizte, in der Familie Schmidt eine Rolle ſpielen und den Aufenthalt im Schloſſe als eine hochromantiſche Epiſode ihres gemeinbürgerlichen Lebens aufſtellen zu können. Dazu geſellte ſich eine reſpectvolle Vorliebe für das Geſchwiſterpaar, dem ſie dienen zu können glaubte, und wenn er auch annahm, daß dieſe Vorliebe bei andern weniger einladenden Gelegenheiten die Putznärrin nicht vom Flecke gebracht haben würde, ſo lag doch darin keine Verdächtigung ihrer Wahrheitsliebe. Unter den ſichtbaren Conſequenzen ihrer Handlungsweiſe erhob ſich der Werth derſelben in ſeinen Augen und ließ ihn ſehr nachſichtig gegen das werden, was eigentlich lä⸗ cherlich daran war. Was hatte dagegen der junge Mann, der ſich als Abkömmling eines nicht zu beſtim⸗ menden Bruders präſentirte, für Abſichten bei ſeinem Verfahren, das er rein dem Zufalle zuſchrieb? Wollte er ſich auf's Gerathewohl hier einzubürgern ſuchen— hielt er es für ſo ſehr leicht, durch eine Bewerbung um die ſchöne Blume des Hauſes, ſich in Rechte zu ſetzen, die er nur fingirt hatte? Es war eben kein Compliment für diejenigen, die 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 4 58 er zu myſtificiren gedachte, und das gerade reizte ihn auf, gegen den jungen Mann, den er ohne Grund beargwöhnte. Was hatte Benno gethan, um Ver⸗ dächtigungen zu verdienen? Gar nichts! Er war einer Aufforderung gefolgt, die man erlaſſen hatte, um die Mitglieder einer Familie an einem beſtimmten Orte zu verſammeln. War er nicht berechtigt dazu, ſo ſtand es den Oberhäuptern der Familie frei, ihm das zu er⸗ klären. Freilich erſt dann, wenn es ſich feſtſtellte, daß er nicht von einem Bruder abſtamme. Der Präſident ärgerte ſich aber beſonders darüber, daß es ſich ſchwer entſcheiden laſſen werde und daß, möglicherweiſe, der junge Herr viel beſſer unterrichtet ſei, als er ſich den Anſchein gab. Es fehlte in ſeinem Auftreten der „logiſche Zuſammenhang,“ und ſo ſicher er aus dem Umſtande,„daß der Doctor nicht erſchienen war,“ abnahm, er ſei ein echter Sprößling, ebenſo feſt ſchloß er aus der Erſcheinung Benno's, daß er keineswegs zu ihnen gehöre. Während der Präſident ſich verdrießlich ſeinen Vergleichen hingab, entwickelte ſich zwiſchen den übrigen Anweſenden ein ganz hübſcher geſelliger Verkehr. Man bildete Gruppen und gab ſich dem Geſpräche ſo hin, wie es gerade die Veranlaſſung dieſes Zuſammentref⸗ fens mit ſich brachte. Seitdem Benno die Erfahrung 59 gemacht hatte, daß man ohne Widerrede einen Arzt in den ariſtokratiſchen Familienzirkel aufzunehmen Luſt bezeigte, ſeitdem hob er ſein Künſtlerhaupt etwas ſiche⸗ rer. Er nahete Alicen mit der Sicherheit eines Vetters und ſie nahm ihn gleichmüthig als ſolchen auf. Die Muſik vermittelte zuerſt ihr Geſpräch, dann aber fand Benno auch andere Berührungspunkte, die das Band der aufkeimenden Sympathie feſter zu weben verſtanden. Er war Meiſter in der Kunſt, jugendliche Gemüther in einen exaltirten Zuſtand zu verſetzen, und er kannte ſein Talent darin. Flüchtig flog das Wort von ſeinen Lippen, flüchtig wie der leichtgefiederte Pfeil, womit der ſorgloſe Knabe ſpielt, aber es drang ein in weiche glühende Seelen und es drang unaufhaltſam um ſo tiefer, je weniger ſich ein unſchuldiges Gemüth dagegen waffnete. War es doch unbedeutend— war es doch nur ein Hauch aus ſeinem lebhaften, feurigen Geiſte, der ungezielt fortflog und ſich, ohne eine Stätte zu ſuchen, warm und belebend in jungen Herzen niederließ. Alice plauderte zwanglos mit ihm. Es war ihr neu, ſo flatternd auf und ab, halb vernünftig und halb kindiſch zu ſprechen und ſprechen zu hören. Nicht eine Spur von Sentimentalität und nicht eine Spur von Huldigung lag in der Manier, wie Benno ſprach. Er ſah ihr gerade in's Geſicht mit fröhlichen Augen 47 60 und ſo unbehaglich es Alice im Anfange dabei wurde, ſie lernte es bald, ihn ebenſo fröhlich anzuſehen. Alles, was er ſagte, war vüranweh wenn es auch weit entfernt von Gediegenheit des Urtheils und der Kennt⸗ niſſe ſchien. Er hatte den Schaum von allen Wiſſen⸗ ſchaften abgeſchöpft und ihn mit fröhlichem Gemüthe dergeſtalt gewürzt, daß man nie wußte, ob er ſcherze oder weiſe rede. Alice fand ſeine Unterhaltung ſehr amuſant. Der Präſident aber nannte ſie fade. So verſchieden ſind die ſubjectiven Urtheile von der Jugend und dem Alter. Als man zum Souper zu gehen ſich anſchickte, hatte ſich das Verhältniß zwiſchen den beiden jungen Leut⸗ chen ſchon dergeſtalt verbeſſert, daß Alice unbekümmert den Arm Benno's annahm, den ſie beim Schluſſe des Diners entrüſtet abgelehnt hatte. Der Präſident ver⸗ eitelte jevoch Benno's ſtrahlende Hoffnungen, womit er ſeine reizende Begleiterin an einen Platz neben ſich führte, indem er ſeine Großnichte zu ſich rief, weil ſie gewöhnlich dort ſaß. Benno nßnn gedankenlos leichtfertig ebenſo eifrig neben Madame Platz, ſendete aber blitzähnlich ſchnell einen wüthenden Blick zu dem Präſidenten hin, der dieſem leidenſchaftliche Vorſätze hätte verrathen käͤnnen wenn er von ihm beachtet worden wäre. 3 61 Madame Hirſch Meier ſah ſehr glücklich aus. Sie ſaß zur Rechten des Regierungsrathes, der unausgeſetzt mit ihr von dem Geſchwiſterpaare ge⸗ ſprochen hatte und ſie augenſcheinlich zu patroniſiren ſchien. Der Präſident warf eine ſcherzhafte Bemerkung darüber hin. „Sie ſcheinen wunderliche Empfindungen hier im Schloſſe zu Wege zu bringen, Madame,“ fügte er hinzu, nachdem das heitere Gelächter über ſeinen Scherz verhallt war.„Erſt erſchrecken Sie uns— dann ärgern Sie uns,— darauf amuſiren Sie uns und zuletzt lieben wir Sie—!“ „Der gnädige Herr Präſident ſind gewiß nicht leicht zu erſchrecken und zu ärgern,“ antwortete Ma⸗ dame mit einer naiven Beſcheidenheit ſehr prompt,— „aber noch weniger leicht zu amuſiren und am aller⸗ wenigſten zur Liebe zu bringen!“ „Bravo!“ rief der Oberkammerherr und nickte der ſtrahlenden Dame gemüthlich zu. Der Präſident lachte auf ſeine gute und herzliche Weiſe, die jedes Mal anſteckend für ſeine ganze Um⸗ gebung war. „Hören Sie— Madame, Sie gefallen mir!“ rief er in den freudig gellenden Tönen ſeiner hohen 62 Tenorſtimme.„Sie müſſen einige Wochen hier bleiben — wir wollen uns gegenſeitig zu beſſern ſuchen.—“ „O, da hätten wir am Ende zu wenig zu thun und hätten Langeweile—“ antwortete ſie mit einer artigen Verneigung.„Wenn Sie hätten geſagt:«ich ſolle lernen von Ihnen,» da wäre mir weniger bange vor Langeweile.“ „Gut, ſo will ich Sie beſſern und Sie ſollen von mir lernen“— brach der Präſident gut gelaunt heraus. Es machte ihm Spaß, die Liebenswürdigkeit aus ihr herauszulocken, die hinter ihrem ſtrohgelben Moirekleide verpanzert lag. ³— „Wenn ich's nur aushalte?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Es gehört wohl eine chriſtliche Ergebung dazu?“ „Ach ſo— die haben Sie nicht?“ foppte der Präſident. „Nimmermehr, gnädiger Herr— bin ich doch nur vom Stamme Iſrael!“ erwiderte ſie komiſch traurig. „Scheinen aber ein Prachtexemplar des Stam⸗ mes zu ſein“— neckte er, ſpöttiſch ihre Geſtalt mit den Augen überfliegend. „Ja wohl, ich bin meinem Manne die beſte Frau, und die muß ihm ſein«theuer.»“— „Charmant“— rief der Oberkammerherr, den das Wortgefecht ergötzte. 8 63 „Sie ſcheinen Meiſterin darin zu ſein, ihm dies handgreiflich zu machen,“ fiſtulirte der Präſident ſati⸗ riſch.„Warum iſt er nicht mitgekommen?“ „Ja warum? Weil er von ſeiner Frau Mutter das Sprichwort gelernt hat: mit gnädigen Herren iſt nicht gut Kirſchen eſſen“— fiel Madame treuherzig ein.„Hat er doch eine Babelangſt gehabt, als ich abreiſte und mir beneidet meine Courage— aber ich hatte mir vorgenommen, die Sache auszuführen, und ging dennoch.“—— „Das iſt recht!“ rief der Präſident und reichte ihr ein Näpfchen mit Kirſchen hin, von denen er erſt einige nahm.„Und nun verſuchen Sie einmal, Ma⸗ dame, ob die Gefahr ſo groß iſt.“ Er ſetzte ſich in ſcherzhafter Feierlichkeit zurecht,(— Madame Hirſch Meier ahmte ihm nach—) ſchaute gelaſſen in das Vollmondsgeſicht der kleinen dicken Dame und aß mit luſtiger Würde eine Kirſche nach der andern. Madame Hirſch Meier gab eine ſo glückliche Copie von ihm, daß die Heiterkeit bis auf's Aeußerſte ſtieg. Selbſt die Oberkammerherrin, ſonſt ſelten aus ihrem ſtillen Ernſte emporgeſchüttelt, brach in ein herzhaftes Ge⸗ lächter aus. Von dieſem Augenblicke an war Madame Hirſch Meier heimiſch in den Mauern des Schloſſes Welldorf, 64 und man duldete ohne Widerſpruch ihre lang gedehn⸗ ten häßlichen Erzählungen und ihre ſtrahlende Toilette. Der Präſident nahm ſie in Schutz vor denen, die ſie unbehaglich und unerträglich finden wollten. Er er— klärte noch an demſelben Abende ſeinem Bruder, daß er in Wahrheit wünſche, ſie auf einige Tage feſtgehal⸗ ten zu ſehen und daß er nicht ohne Grund gleich von vornherein Verſuche angeſtellt habe, um zu erfahren, ob es Mittel gäbe, ſie„genießbar auf einige Zeit“ zu machen. Der Oberkammerherr ſah ihn ſehr verwundert an, allein er that, als bemerke er nichts davon. Seine Pläne waren noch nicht ganz reif, und vorher davon zu ſprechen, ſie vielleicht durch brüderliche Einwendun⸗ gen modificirt zu ſehen, das war nicht ſeine Art. „Madame iſt nicht eine der Schlimmſten,“ fuhr er mit affectirter Gleichgültigkeit fort.„Wenn man ſieht, daß eine Frau ihre Lebenspoeſie in Kleidern, Hauben und Geſchmeide ſucht, ſo hat man das Vor⸗ urtheil, daß ihr auch nur durch dieſe trivialen Dinge beizukommen iſt. Oft täuſcht man ſich. Wir ſehen es hier. Madame hat neben Ihrer Schwäche noch eine hochromantiſche Neigung zur Ariſtokratie und das rettet uns vor Gemeinheit. Sie wird ſich mit ihren Plunder ſchmücken uns zu Ehren, aber ſie wird uns 65 nicht mit dem Wunſche, dem innerlichen Wunſche, alter Knabe, behelligen, daß wir ſie deshalb anbeten ſollen. Erwarten wir morgen und übermorgen— dann will ich herausrücken mit der ganzen Batterie von Entwür⸗ fen, die mir nöthig ſcheinen.“ Es währte aber nicht ſo lange, wie er bevorwortet hatte, ehe dieſe Entwürfe ans Tageslicht traten. Seine Ideen begegneten ſich mit denen ſeines Neffen Ludwig's und wurden von dieſem überraſchend expedirt. Schon am nächſten Morgen ſahen die Schloß⸗ diener zu ihrem Erſtaunen den Regierungsrath ganz früh zum Stalle gehen und mit dem Stallknechte Con⸗ ferenz halten. „O ja,“ lautete endlich die Antwort dieſes Man⸗ nes,„wenn wir binnen einer halben Stunde fahren, ſo kommen wir noch vor dem Abgange des Bahn⸗ zuges!“ „Gut, ſo ſorgen Sie, daß der Kutſcher ſich bereit macht!“ befahl der Regierungsrath und ging eilig in's Schloß zurück. Sein Vater ſchlief noch. Sein Onkel ebenfalls. Was blieb ihm übrig, als erſt zu dem Einen, dann zu dem Andern vor's Bette zu gehen. Zuerſt ging er zum Präſidenten, deſſen Urtheilsfähigkeit maßgebend für die ganze Familie geworden war. Hatte dieſer Gründe 66 von Bedeutung gegen ſein Vorhaben, ſo konnte er ſei⸗ nem Vater die Störung erſparen. Der Morgenhimmel ſendete kaum ſo viel Licht durch die Vorhänge des Zimmers, worin der Präſident der Ruhe pflegte, daß der Regierungsrath den Nacht⸗ mützenzipfel ſeines Oheims finden konnte. Von ihm ſelbſt war keine Spur zu ſehen. Er hatte die leichte Daunendecke in einer Anwandlung von Froſt bis über die Naſe weggezogen und ſchlief noch ſo feſt, daß er von Ludwig's Eintreten nicht das Mindeſte hörte. Erſt die Berührung ſeines Kopfes erweckte ihn. Er fuhr mit der unzweideutigen Haſt des ärgerlichen Schreckens in die Höhe und ſtarrte den Neffen ziemlich confus ſo lange an, bis dieſer zu ſprechen begann. „Verzeihung, Onkel— mein Anliegen leidet keinen Aufſchub, daher bin ich genöthigt, von Dir eine Audienz im Bette zu erbitten,“ ſagte er eilig und leiſe, damit man ihn nirgends höre und verſtehe.„Ich habe in der Nacht den Entſchluß gefaßt, ſofort nach Hamburg zu reiſen um zu recognoſciren—“ „Junker, mein Junker— laß Dich umarmen!“ ſchrie der Präſident mit gedämpftem Tone und reckte ſeine langen, hagern Arme verlangend aus den Kiſſen empor.„Du kommſt mir auf halben Wege entgegen — ſchon geſtern tauchte die Idee in mir auf, Madame —— meinem Vetter Erneſt— 67. hier feſt zu halten, damit ſie durch ihre Plaudermanie nichts verderbe und Dich, oder wenn Du widerhaarig ſein ſollteſt, den alten Primus gen Hamburg zu ſenden, um ſich vom Stand der Dinge zu überzeugen. Alſo Du willſt fort— ſchon heute?“ „In einer halben Stunde, lieber Onkel. Ich wünſche den Morgenzug nach Magdeburg zu benutzen, komme dort um neun Uhr an, und kann um zehn ein halb weiter nach Hamburg, wo ich jedenfalls am Abend früh genug eintreffe, um auch urhen zu können. Wie lange ich ausbleibe, hängt von den Umſtänden ab. Ich bin entſchloſſen, die beiden Menſchen kennen zu lernen, die ſich uns entzogen haben, was ich eigentlich nicht tadeln kann.“ „Ich auch nicht!“ fiel der Präſident ein, indem er ſeine Nachtmütze mit einer Miene abnahm, die eine Achtungsbezeigung für den Neffen Ludwig ſein ſollte. „Es gefällt mir von dem Sohne Octav's, daß er ſich den Brüdern ſeines Vaters, von denen er eine falſche Mei⸗ nung haben muß, beharrlich entzieht. Aber weiter mein Junker— welche Rolle willſt Du dort ſpielen— biſt Du präparirt?— Kannſt etwas lernen vom Vetter Benno—.“ „Eine Rolle, Onkel—?“ wiederholte der Re⸗ gierungsrath verwundert.—„Ich gehe einfach hin zu 68 „Und wirſt einfach abgewieſen, weil er nichts mit dem Regierungsrath von Schmidt zu thun haben will. Dazu brauchſt Du nicht nach Hamburg zu reiſen, um dieſe traurige Erfahrung zu machen. Madame Hirſch Meier ſoll uns wenigſtens ſo viel Nutzen brin⸗ gen, daß wir die Sache richtig anfaſſen, und ſie hat mehr als ein Mal verſichert, daß Vetter Erneſt ein ſtolzer Trotzkopf ſei.“ „Dann freilich wäre meine Reiſe verfehlt und könnte unterbleiben,“ meinte Ludwig nachdenklich.„Zur Intrigue tauge ich nicht!“ „Sollſt auch keine Kabalen und Intriguen ſchmieden, Junker Ludwig, ſondern nur thun, als wäreſt Du nicht der Regierungsrath von Schmidt und hätteſt nicht die Abſicht, Deine Vetterſchaft dort aufzuſuchen. Ich ver⸗ lange keine Maskerade, ſondern nur keine Veröffentlichung Deines Namens. Im Gaſthofe läßt Du das cvonb weg — Regierungsräthe, die Schmidt heißen, werden wohl im Nachbarlande Hamburgs einige Dutzend vegetiren.“— „Und was hülfe mir mein Incognito?“ fragte Ludwig lächend. „Nun Du gehſt incognito ſpazieren, wo Fräulein Konſtanze vielleicht zufällig auch geht— fädelſt eine Frage ein, die ein Fremder von Diſtinction ſchon wa⸗ gen kann— erforſcheſt ihre Schwächen—.“ H 69 „Onkel— dieſen Rath kann ich nicht gebrauchen,“ fiel der Regierungsrath haſtig ein.„Ich bin nicht alt genug zu dergleichen Einfädelungen,d und nicht jung genug zu leichtſinnigen Streichen, die eine Dame com— promittiren können. Wenn ich Konſtanzen gegenüber ſtehe, muß ſie wiſſen, mit wem ſie ſpricht. Ich baue auf den Schutz der Vorſehung, die ſich, ſelbſt durch die fabelhafte Einmiſchung der Jüdin, bis jetzt ſehr günſtig gezeigt hat, und ich vertraue Dir meine Alice“— ſchloß er eilig. „Aha, Du haſt auch peurs—“ fuhr der Präſi⸗ dent auf„Baue auf mich— Benno iſt mein Gegen⸗ gift für Madame, und Madame iſt das niederſchlagende Pulver für Benno. Reiſe mit Gott, mein Junker, laß Dir eilig«Dein Dänenroß ſatteln, damit Du Ruh Dir erreiteſt)—.“ Er ſtreckte ſeine Hand aus, drückte und ſchüttelte herzhaft die feine ſchmale Hand des Nef⸗ fen und wies dann zur Thür. Eine Thräne ſtand in ſeinem Auge, womit er den Regierungsrath verfolgte, bis er die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte. Still lag er und dachte den letzten Ereigniſſen nach, die eine wunderbare Verkettung zeigten. Ludwig, des Aelteſten Sohn— Wittwer— in Ge⸗ fahr ſich ſelbſt unter hypochondriſchen Launen zu ver⸗ lieren— Konſtanze, des Jüngſten Tochter— wenn 70 Gott ihre Vereinigung beſchloſſen hätte—! Hier machte er Halt mit ſeinen ſentimentalen Gedanken, rückte ſich behaglich wieder in den Kiſſen zurecht um noch ein Stündchen zu ſchlafen, und murmelte dabei: „Mir machſt Du nichts weiß, mein Junker— wenn der Erneſt keine Schweſter Konſtanze hätte, die von Madame KZangebetety wird, ſo würdeſt Du Dich nach wie vor einbündeln in Deine Krankheitsgrillen und keinen Schritt nach Hamburg thun. Aber mir iſt’s recht, ganz recht! Gefällt Dir die Tochter, ſo mag der Patron, ſeines ſeligen Vaters Ebenbild, wie es ſcheint, bleiben wo er will. Grämen wir uns um nichts— macht Ludwig gute Geſchäfte, ſo haben wir nichts verloren— und ich nehme gern die Obliegenheit auf mich— Gevatter— zu ſtehen!“ Mit dieſem hoffnungsvollen Bilde entwichen ſeine Gedanken und er ſchlief ein. Seine Combinationen wären gerecht und gut ge⸗ weſen, wenn Konſtanze ohne Erneſt ſich denken ließe. Hätte er von der Stärke geſchwiſterlicher Bande, wie ſie dieſe beiden vereinſamten Menſchen umſchlangen, nur eine Ahnung gehabt, ſo würde er nicht ſo troſt⸗ voll zuverſichtlich eingeſchlafen ſein und den armen, kaum geneſenen Neffen neuen Lebensconflicten entgegen⸗ gejagt haben. ———;— — 71 Der Präſident ſündigte am ofteſten aus Bequem⸗ lichkeitsliebe. Er wußte das, vertheidigte aber die Fol⸗ gen ſeiner Charakterunthätigkeit ſtets mit humoriſtiſchem Selbſtlobe und errang dadurch unter ſeinen Bekannten und Freunden die beneidenswerthe Stellung, als ein hülfreicher Geiſt betrachtet zu werden, ohne daß irgend Jemand Luſt verſpürte, ſeine Hülfe in Anſpruch zu nehmen, weil man im Voraus wußte, daß er die wichtigſten Angelegenheiten aus Bequemlichkeit ſo lange zu vertagen pflegte, bis ſie von ſelbſt untergingen. Eine Reiſe nach Hamburg war für ſeinen Neffen das gefährlichſte Unternehmen, wenn man die Möglichkeiten in's Auge faßte, die er überſah, allein„er grämte ſich um nichts,“ wie er ſchlaftrunken ſogar erklärte, und er traute dem ſchwer vom Schickſale heimgeſuchten Neffen Geiſtesſtärke genng zu, Verhältniſſen zu trotzen, die ihm im Wege ſtehen könnten. Beſorgter zeigte ſich der Oberkammerherr, beſorgter und umſichtiger. Er empfing den Sohn ebenfalls mit Freude, denn ihre Gedanken hatten ſich wirklich alle zuſammen in dieſem Plane concentrirt, und er würde ihn um dieſen Schritt gebeten haben. Um ſo angenehmer fühlte er ſich überraſcht, daß der Gedanke ſo ſchnell in's Werk geſetzt werden ſollte. Aber er warnte ſeinen 72 Sohn vor jeder Herzenswärme gegen Menſchen, die durch Charakter und Lebensweiſe geſtählt, gegen die lebendigen Familienintereſſen waren. Er ſprach ge⸗ wichtige Worte und er enthüllte damit die leiſen nagen⸗ den Schmerzen, die er von ſeines jüngſten Bruders Abneigung davongetragen hatte. Er war nicht ſo egoiſtiſch conſtruirt, um mit dem Motto:„Grämen wir uns um nichts,“ alle Serupel des Gefühls todt zu ſchlagen. Sein innigſter Wunſch ging dahin, die Kinder Octav's mit den letzten Sprößlingen ſeines Stammes in Einigkeit und Liebe zu ſehen. Sollte das Geſchick ſo günſtig ſich geſtalten, Konſtanzen in Well⸗ dorf als die Gattin Ludwig's begrüßen zu können, ſo wollte er gern nach dieſer Löſung des unheilvollen Irrthums ihres Vaters, ſein Haupt in Frieden betten laſſen. Daß Ludwig ganz allein zu dem Entſchluſſe gekommen war, nach Hamburg zu reiſen, freuete ihn, weil er dann außerhalb der Grenze der Verantwortung ſtand. Des Sohnes lebhaftes Weſen, das leichte Er⸗ röthen der Verlegenheit, womit er den Warnungen ſeines Vaters horchte, verrieth dem geübten Vaterauge, daß er einen heiligen Wunſch im tiefſten Herzen hege, und er hielt es für gut, ihn vor den Nachkommen ſeines Bruder Octav zu warnen, damit nicht ſein Herzens⸗ friede auf ewig bei dieſer Erfahrung zu Grunde gehe.“ 73 Es wurde beſchloſſen, Alicen ſowohl als Benno in vollſtändiger Ungewißheit über die Reiſe des Regie⸗ rungsraths zu laſſen, um ſich nicht einem zufälligen Verrathe gegen Madame Hirſch Meier auszuſetzen. Die alte Dame nahm es über ſich, das junge Mädchen mit einer Ausflucht zufrieden zu ſprechen, wenn ſie bei ihrem Erwachen den Vater verreiſt fand. Die Zeit drängte— die Pferde ſtampften unge⸗ duldig den Boden und warfen keck und ungeſtüm die Köpfe— noch ein herzliches„Lebewohl“ von des Sohnes Lippen und dahin brauſete der Poſtzug, um dieſen Mann der Kraft des Dampfes zu überantwor⸗ ten, der neue Lebensbahnen vor ſeinem wiederbelebten Geiſteshorizont auftauchen ſah. In der ſchönen und erhebenden Stimmung, womit nur die Jugend ſonſt ihre Reiſen beginnt, von denen ſie märchenhafte Aben⸗ teuer verlangt, fuhr der Regierungsrath einſam dem kommenden Tage entgegen. Was ſich in ſeinem In⸗ nern regte, war noch nicht Lebensluſt, aber es zogen ſich ſchon, wie beim Aufgange der Sonne vor ihm, helle durchleuchtete Wolkengebilde vor ſeine umnachtet geweſene Seele, und wie das göttliche Geſtirn zuerſt als ein Lichtfunken emportrat aus der Morgenröthe, ſo brannte auch in ihm ein Funken, der ſich zu einem belebenden Glücksſterne auszubreiten verhieß. Was er 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 5 74 beſeſſen hatte im Leben und was er verloren unter dem Grimme wüſter Krankheiten, das legte ſich mehr und mehr in das Grab der Erinnerung und wurde von ſanfter Wehmuth zur Ruhe gebracht. Er leugnete es ſich nicht ab, daß er jetzt auf dem Puntkte ſtand, nochmals wünſchen zu lernen. War er denn zu alt für neue Lebensfreuden? War ſein Geiſt vertrocknet, ſein Herz abgeſtumpft und ſeine Seele erlahmt von Leiden? Ja,„geweſen,“ aber der Lebensodem der Hoff⸗ nung hatte Alles in ihm wieder berührt und der fort⸗ ſchreitenden Beſſerung jetzt den belebenden Impuls ge⸗ geben. Außer der Dienerſchaft hatte aber noch ein Paar Augen die Abreiſe des Regierungsraths beobachtet. Benno ſchlief nicht mehr, als der Wagen aus der Re⸗ miſe gezogen wurde und ſeine Neugierde ſteigerte ſich bedeutend bei der Eile, womit Alles ins Werk geſetzt wurde, was eine Abreiſe beſchlennigen konnte. Er lag lauernd und mit einigem Herzklopfen im Hinterhalte, um ſich zu unterrichten, wer reiſen wollte. Es war am Abende nichts dergleichen beſchloſſen. Harmloſen Scherz auf den Lippen hatte man ſich getrennt und war zuſammen aufgebrochen, um die Ruhe zu ſuchen. Was ſollte er alſo von einer Reiſe denken, die jeden⸗ falls am Tage zuvor nicht projectirt war. 4 75 Sein Gewiſſen war nicht rein genug, um dabei gleichgültig zu bleiben, und er blickte mit Spannung nach dem Portale, als die vermehrte Geſchäftigkeit der Diener die Ankunft des fraglich Reiſenden anzeigte. „Der Regierungsrath!“ flüſterte er erſtaunt und erfreut zugleich, als er ſah, daß er allein den Wagen beſtieg. Seine ſchöne Tochter blieb alſo im Schloſſe! Vergnügt rieb ſich Benno die Hände. Sein gan⸗ zes Herz flammte für dies reizende Kind, das ſich ganz gemächlich in ſeinen aufgeſtellten Netzen fangen ließ. Alice! Schon der Name brachte eine ſtärkere: Gefühlsrevolution in ihm hervor, als er gewohnt war in ſich vorzufinden. Alice— ſein Traumbild im Hauſe des Amtmanns Bienengräber—! Wie ein Wetterſchlag traf dieſer plötzliche Ge⸗ danke die„himmelhoch jauchzenden“ Gefühle ſeiner Bruſt. Charlotte Bienengräber! Du gutes Mädchen mit den kurzen plumpen Fingern und den roſenrothen Wangen, wie hätte Dein Bild neben der lilienhaften Geſtalt Alicens beſtehen können. Benno warf es haſtig aus ſeiner Seele und rief ſeinen Verſtand zu Hülfe, um ein Bündniß mit ihr„wahnſinnig“ zu nennen, wenn es ihm frei ſtehe, das liebliche Kind auf der Höhe des Reichthums erwerben zu können. „Alice wird mich lieben, ihr ſüßes Lächeln 41 76 verrieth es mir— ſie wird, ohne Ahnung der Gefahr, der Sehnſucht meines Herzens entgegenleben— ihr Kinderherz wird ſich geöffnet haben, bevor es die Alten hindern können, und ich müßte kein Herzenskenner ſein, wenn ich nicht in der Tiefe dieſer Kinderaugen eine mächtige Kraft des Willens und der Leidenſchaft ſchlum⸗ mern ſehen könnte. Alice iſt göttlich! Eine reine Blume voll Duft, zart und doch ſo geregelt und feſt— o Alice!“ Benno's Auge glühete wirklich von einem leiden⸗ ſchaftlichen Entzücken, wie es ſeine arme, hübſche Char⸗ lotte niemals an ihm geſehen hatte. In dieſem Mo⸗ mente hätte er Briefe ſchreiben können, ohne Roman⸗ briefe copiren zu brauchen, in dieſem Momente zogen elektriſche Strahlen durch ſeine Phantaſie und belebten ſie bis in die dunkelſten Tiefen. Unter ſeinen phantaſtiſchen Aufregungen erreichten ſeine Gefühle vielleicht zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben den Höhepunkt, wo das edlere Sein im Manne beginnt. Er dachte mit innerlichen Vorwürfen an das Verhältniß zurück, welches er aus Habſucht geſchloſſen und mit grenzenloſem Leichtſinne fortgeführt hatte. Der Vorſatz tauchte in ihm auf:„Charlotten zu ſchreiben und ſie auf alle Fälle freizugeben,“ ihr zu ſagen,„daß ſeine Neigung zu ihr eine kalte Berechnung und ein 77 falſches Spiel geweſen ſei.“ Einen Augenblick dachte er daran, dies unverzüglich zu thun, dann aber fiel er zurück in die Unempfindlichkeit der Selbſtſucht und ſchrieb nicht! Hätte Charlotte den Geliebten ihres Herzens in ſolchen einſamen Selbſtbetrachtungen belau⸗ ſchen können, ſo würde ſie ihn mit der ganzen Kraft der empörten Weiblichkeit aus ihren Erinnerungen ver⸗ bannt haben. Leider erlag ſie der Täuſchung, die ihr liebeflammendes Herz nur allzugern unterſtützte und opferte dem die Ruhe ihres jungen Lebens, der ihr mit niedrigen Abſichten Liebe vorgeheuchelt hatte. 4 Nachdem Benno ſeine köſtlichen Zukunftsbilder feſt vor ſich eufgefrellt und auch der liebenswürdigen Ga⸗ lanterie ſeines Weſens Erfolge vorausbeſtimmt hatte, ging er daran, ſeinen äußern Menſchen ſo zuzuſtutzen, daß er den Augen Alicens wohlgefallen könne. Er ſuchte mehr genial als ſtutzerhaft zu erſcheinen, und ſeine Bewerbung unter der Maske des Künſtlerthums zu verſtecken, weil er dieſen Weg für den ſicherſten hielt. Ein angeborener Tact leitete ihn bei ſeinen Plänen auf Alicens Herz und hielt ihn von allem Com⸗ plimentenweſen fern. Er war dergleichen Zierlichkeiten nicht benöthigt, weil ſeine glänzende Gabe, ſich jedem Geſpräche anſchließen zu können, ihm den Vortheil ver⸗ 78 lieh, unter freimüthigen Anerkennungen die Feinheit der tief eindringenden Schmeichelei zu verbergen. Endlich, als die Stunde des Frühſtücks ſchlug, die alle Bewohner des Schloſſes im Speiſeſalon ver⸗ einigte, machte ſich Benno bereit, mit den vollen Segeln der unbedenklichen Hoffnung ſeinem Ziele zuzuſteuern, das ihm ein unermeßliches Glück in der Vereinigung von Reichthum, Glanz, Schönheit und kindhafter Güte verhieß. Seine unglaubliche Eigenliebe ſpielte ihm vor, daß es mit Leichtigkeit von ihm zu erreichen ſein werde, wenn er nur mit Selbſtvertrauen aufzutreten wiſſe. Im Salon war Niemand als der Präſident, der, die Hände auf dem Rücken, ziemlich nachläſſig ſeinen Gruß erwiderte und ihm zurief: ſein Neffe der Regie⸗ rungsrath, ſei nach der Reſidenz gefahren. „Wir werden das Glück haben, allein mit Ma⸗ dame Hirſch Meier zu dejeuniren, Herr Vetter,“ fügte er mit lauerndem Spotte hinzu,„und ich rechne ſtark darauf, daß Sie Ihre Liebenswürdigkeit entfalten, um ſie zu bezaubern.“ „Wir allein?“ wiederholte Benno erſchrocken, „wo ſind die Damen? Mitgereiſt ſind ſie nicht—!“ „Wiſſen Sie das ſo genau? Schade! Ich wollte ſie«verreiſt) ſein laſſen,“ ſpöttelte der Präſident. 79 „Beruhigen Sie ſich, beſter Vetter.— Meine Schwä⸗ gerin hat Migraine— das iſt eine Krankheit, die ſtets darauf wartet herbeigerufen zu werden, wenn die Dame nicht Luſt hat zu frühſtücken. Laſſen wir ſie— deſto beſſer wird ihr das Diner ſchmecken. Alice hin⸗ gegen ſchmollt mit uns, weil ihr Vater nicht Abſchied von ihr genommen hat. Sie weigert ſich, auf dieſen töchterlichen Schmerz ein proſaiſches Beafſteak oder ein Stück marinirten Aal zu ſetzen— grämen wir uns nicht darüber! Sie ſollen ihr nachher die Grillen wegſpielen.“ Benno's umdüſterte Stirn erhellte ſich ſchnell wie⸗ der. Er hatte gefürchtet, einer Kabale ſeines Wider⸗ ſachers zu begegnen. Der pomphafte Eintritt von Madame ſtörte ihr Geſpräch. Sie präſentirte ſich im allerſchönſten Negligee à la française von hellblauer Seide mit ponceau Auf⸗ ſchlägen. 3— „Wie die Morgenröthe am Himmel,“ ſchnaxrte ihr der Präſident entgegen, indem er ſein Lachen unter der Maske der Galanterie verbarg.„Madame, Sie werden unſere Sonne ſein, da die Firſterne des Hauſes im Nebel böſer Launen verſchwinden zu wollen geru⸗ hen.“ Er wiederholte mit einigen Abänderungen, was er Benno ſchon geſagt hatte, und da in der Zwiſchen⸗ 80 zeit der Oberkammerherr eingetreten war, ſo verfügte man ſich nach der gothiſchen Wölbung des Salons, der eine Art Balcon bildete und reihete ſich um den runden Tiſch. Madame Hirſch Meier benahm ſich merkwürdig zwanglos und ohne alle Verlegenheit. Mit der ſchar⸗ fen Beobachtungsgabe ihres Volkes hatte ſie den Ton richtig begriffen, in welchem ſie hier am beſten fort⸗ kam, und wenn ſie auch ihre Eigenthümlichkeiten nicht abzulegen vermochte, im Gegentheile, ſogar ſtärker als ſonſt darin excellirte, ſo that dies der Heiterkeit des kleinen Cirkels keinen Abbruch. Kaum hatte das Frühſtück ſein Ende erreicht, ſo forderte der Präſident die Gäſte auf, ſich in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer zu verfügen,„woſelbſt ihnen der Vetter Benno einen weitern Genuß durch ſein magnifiques Klavierſpiel bereiten werde.“ Alice ſaß ſchmollend wie ein frierendes Vögelchen im Fenſter und ſtickte. Ihr Blick ſtreifte ſo gleichgültig über Benno hinweg, daß ſeine Hoffnungsactien etwas zu ſinken begannen. Er wußte jedoch mit Mädchen⸗ launen umzugehen. Ohne ein Wort zu verlieren, ſetzte er ſich an den Flügel und begann das reizende ſchmeichelnde„Liebes⸗ lied“ von Henſelt zu ſpielen. Er dachte mit keinem 81 Gedanken daran, daß er einſtmals mit demſelben Stücke Charlottens Herzensgefühle aufgeregt hatte. Und wenn er daran gedacht hätte? Alice horchte ſichtlich bewegt. Sie richtete den Kopf halb empor und blickte ſehnend in eine ungewiſſe Ferne, der ihre Jugend noch unbeſtimmte Bilder lieh. Auf den Schwingen der lieblichen Melodie flog ihre Seele zu einem Weſen höherer Art, das ſie lieben wollte, deſſen Kraft ſie geiſtig feſſeln und dem ſie ſich unterordnen könnte. Der geheimnißvolle Zug, welcher das weibliche Herz in ſchöner Sympathie einem männ⸗ lichen Herzen nahe führt, durchwehte ihre Bruſt und ſie erglühte in holder Unſchuld bei dem Sehnen, das ganz unwillkürlich ihren Athem beklemmte. 3 Benno endete ſein Lied. Noch voll von den Em⸗ pfindungen, die ſie beſeligt hatten, wendete ſie ihr Auge zu ihm. Flammend ſtrahlte ſein Blick ihr entgegen und ſie ſenkte den Kopf zu ihrer Arbeit nieder. War er vielleicht der Gegenſtand, mit dem ihre Phantaſie ſich beſchäftigt hatte? Ein Lächeln, leiſe und flüchtig, glitt über ihr ſchönes Geſicht, das ſie noch etwas tiefer ſenkte. „Hat nicht geſpielt der Herr Benno wie ein Gott?“ fragte der Präſident, ſchalkhaft den Jargon der Madame Hirſch nachahmend, raſch zu dieſer herantretend. 5 8² „Mir iſt eine Polka lieber—“ entgegnete ſie naiv.„Was ſoll ich mit ſolchen Klageliedern der un⸗ glücklichen Liebe— man hat nichts davon als Lange⸗ weile!“ Alles brach in Lachen Benno ſprang ärgerlich auf nd war nicht wieder zu bewegen, in der Gegenwart der Nadame zu ſpielen. Der Präſident rieb ſich die Hände und flüſterte:„Man muß nur die Mipxtur anzuwenden wiſſen!“ 9 Fünftes Capitel. Angegriffen und müde, theilweiſe von ſeinen Illu⸗ ſionen curirt, womit er Welldorf am Morgen verlaſſen hatte, kam der Regierungsrath Abends ſpät in Ham⸗ burg an. Ein mattherzig galoppirendes Droſchkenpferd brachte ihn zu dem Hotel de l'Europe, woſelbſt ihn ein höchſt ſtattlicher Portier in Empfang nahm. Glück⸗ licherweiſe war das Abendeſſen ſehr gut und das Lo⸗ gement ausgezeichnet; ſonſt wäre der verwöhnte Edel⸗ mann gewiß vor Verzweiflung unverrichteter Sache wieder abgereiſt. Die Nacht ſtärkte ihn aber wieder in ſeinen Be⸗ ſchlüſſen. Ein Traum führte ihm das Geſchwiſterpaar ſo höchſt angenehm vor die Seele, daß er jünglings⸗ friſch vom Lager aufſprang, um den Traum verwirklicht zu ſehen. Er fing ſeine Sache jedoch diplomatiſch an, indem 84 er den Kellner zuerſt über einen Mann in der Stadt, der„Hirſch Meier“ heißen ſollte, umſtändlich ausfragte. Zufällig kannte der Kellner den Laden in der... Gaſſe, wo Herr Hirſch Meier Kattun, Wollen⸗ und Seiden⸗ zeuge verkaufte. Er lobte ihn als einen ſtillen, ſehr verſtändigen Mann, mit dem gut fertig zu werden wäre. Madame war ihm aber unbekannt. Dann fragte der Regierungsrath nach dem Doctor von Schmidt. Dieſer war eine unbekannte Größe für den Kell⸗ ner. Er beſann ſich jedoch, daß ein Mann vor Jahres⸗ friſt von ihm curirt worden ſei, der von allen andern Aerzten aufgegeben geweſen wäre. Alſo hier ſtand der Regierungsrath an der Grenze ſeiner inquiſitoriſchen Künſte. Er befahl daher dem Kellner, ihm einen kundigen Lohndiener zu beſorgen, da er auszugehen und die Stadtmerkwürdigkeiten zu beſichtigen wünſche. Der Kellner machte fälſchlich das„kundig“ auf die Doctor Schmidt'ſchen Verhältniſſe beziehen und fragte deshalb einen Burſchen der, zu Dienſtleiſtungen bereit, in der Halle unten lungerte:„ob er einen Doctor Schmidt kenne?“ „Ja woll!“ antwortete der Burſche raſch. „Nun, ſo gehen Sie auf Nummer einundzwan⸗ 8⁵ zig, da will ein Herr etwas wiſſen vom Doctor Schmidt!“ Flink wie ein Eichhörnchen huſchte Mosje Martin die Treppen hinauf und klopfte beſcheiden an Nummer einundzwanzig. Der Regierungsrath öffnete. „Sie befehlen?“ ſagte Martin mit höflichem Ernſt und trat raſch in das Zimmer. „Aha— Sie ſind ein Mann, der Fremde führen kann?“ meinte Herr von Schmidt etwas verwundert. „Ja woll! Man ſagte mir, daß Sie etwas über den Doctor Schmidt erfahren wollten?“ Der Regierungsrath lächelte.„Nun, kennen Sie ihn?“ „Wie mich ſelbſt! Er iſt ein ſchöner, großer Mann— er libt Seinesgleichen weniger, als die, welche unter ihm ſtehen— er iſt ſtolz und heftig, allein nie gegen ſeine Schweſter— er hat ſich in's Inſelvolk hinein verheirathen wollen und zu dieſem Zwecke eine verkrüppelte Inſulanerin vom Hinken curirt— er iſt aber andern Sinnes geworden— dies Mädchen macht ihm jetzt große Sorge, denn ſie liegt ſchwer krank am Nervenfieber!“ „Wovon wiſſen Sie denn das?“ unterbrach ihn der Regierungsrath ganz erſtaunt. „Mein Bruder iſt ſein Bedienter!“ war die ſehr erklärende Antwort, die das Erſtaunen im Keime er⸗ ſtickte, als Martin dann fortfuhr: „Es iſt jetzt nicht Alles, wie es ſein ſollte zwi⸗ ſchen den Geſchwiſtern. Eines Tages ſoll eine Ma⸗ dame Hirſch Meier von einem Zeitungsblatte gefaſelt haben, und mein Bruder Georg hat ſich die Beine abrennen müſſen nach dieſer Zeitung, aber, als ſie endlich dageweſen iſt, da hat der Doctor ſie zerriſſen und es mag einen Auftritt zwiſchen dem Herrn und dem Fräu⸗ lein gegeben haben, denn ſeitdem iſt das Fräulein ernſt⸗ haft, wie eine Nonne, und der Doctor ſitzt viel in ſeinem Zimmer allein. Wollen Sie noch mehr wiſſen, ſo ſagen Sie nur was Sie wiſſen wollen, und ich laufe eiligſt zu meinem Bruder hinüber und lege mich auf's Kundſchaften. Aber— Böſes haben Sie doch wohl nicht im Sinne— ſonſt diene ich Ihnen nicht. Der Doctor behandelt meinen Bruder gut.“ Der Regierungsrath beruhigte ihn, und um die Sache nicht auffallend zu machen, ſagte er leichthin: er habe nur erfahren wollen, wo er wohne, nichts weiter. Dann wurden ſie einig über den Lohn für acht Tage, binnen welchen Martin ſeinen Herrn überall hinführen und auch als ſein Bedienter im Gaſthauſe bei ihm bleiben ſolle. Der Regierungsrath mußte ſich wohl ſelbſt nach den etwas unverſchämten Hamburgi⸗ 87 ſchen Begriffen„generös“ gezeigt haben, denn Mosje Martin that unten in der Halle gewaltig vornehm mit ſeinem Fremden. Dieſer aber dachte über den ſeltſamen Zufall nach, der ihm ein Subject in die Hände ſpielte, was ganz wie geſchaffen für ihn war. Jetzt mußte es ihm leicht werden, das Geſchwiſterpaar prüfen zu können. Martin kannte ſie, Martin konnte Nachrichten über Beide brin⸗ gen, und ſelbſt eine Zuſammenkunft vermitteln, ohne daß er nöthig hatte, ſich Blößen zu geben. Sein Vertrauen zu ſeiner diplomatiſchen Sendung wuchs gewaltig. Um zwölf Uhr machte ſich der Regierungsrath auf, um in Begleitung ſeines Dieners einen kleinen überſichtlichen Spaziergang durch die Stadt zu be⸗ ginnen. Zuerſt muß jeder Fremde das Alſterbaſſin ſehen, und von der Lombardsbrücke aus einen Blick auf die weit bedeutendere Außenalſter werfen, das verſteht ſich von ſelbſt. Auch Martin führte ſeinen Herrn ſogleich nach der Brücke,, obwohl derſelbe von ſeinem Zimmer aus einen hübſchen Ueberblick über die Gewäſſer gehabt hatte. Zugleich machte er ihn auf die ſchöne Prome⸗ nate am Ferdinandsthore aufmerkſam, die zu der Alſter⸗ 88 höhe hinanführte. Während ſie hier einige Minuten ſtehen blieben, trat ein Livreediener ſeitwärts aus dem Wagen und ſah ſich ängſtlich überall um. Martin's Auge fiel erſt achtlos auf ihn, dann ſagte er über⸗ raſcht: „Mein Bruder Georg! Was thuſt Du denn hier?“ „Haſt Du mein Fräulein nicht geſehen?“ fragte dieſer dagegen. Verwundert ſchüttelte Martin den Kopf, der Regierungsrath aber erinnerte ſich, daß ihnen nahe am Alſterdamme eine Dame von entſchieden noblem Anſehen begegnet war, die dicht am Baſſin ſich gehalten und das Geſicht dorthin gewendet hatte. Er wies den Bedienten dorthin und ſchritt dann mit einer ſeltſamen Wehmuth weiter. So nahe ihr, der ſeit vierund⸗ zwanzig Stunden alle ſeine Gedanken galten, ſo nahe, vom Geſchicke ihm entgegengeſendet, und dennoch ver⸗ geblich! Zerſtreut ließ er ſich von Martin auf einem Punkte placiren, wo er die prächtige Reihe der Land⸗ häuſer an dem Ufer der Außenalſter überſehen konnte, und zerſtreut flogen ſeine Blicke über die wunderhübſche Anſicht. Während ſeine Augen auf der Landſchaft ruheten, irrten ſeine Gedanken zu Konſtanze hin, und er bemühete ſich mit aller Gedächtnißkraft das Bild 89 der Dame, die er mit der achtloſen Neugier des ge⸗ reiften Mannes gemuſtert hatte, in ſich feſtzuſtellen. Es war ihm nicht möglich! Nur des Geſammtein⸗ druckes war er ſich bewußt und der fiel befriedigend aus. Die Harmonie ihrer Haltung mit der eleganten Einfachheit hatte ihn wohlthuend berührt. Ihr Geſicht war abgewendet geweſen. Wenn aber die Aehnlichkeit ihrer Geſichtszüge den Ausſpruch der Madame Hirſch Meier nicht vermittelte, ſo war auch nicht der mindeſte Schein eines paſſenden Vergleiches mit ſeiner Tochter Alice da. Konſtanze glich in ihrer Erſcheinung einer Königin, während Alice einer ſchlanken Elfin nicht un⸗ ähnlich war. Der Regierungsrath ſchützte Ermüdung vor und kürzte ſeine Tour bedeutend ab. Er beſtimmte den folgenden Morgen zu einer Fahrt nach dem Hafen und befahl ſeinem Diener Martin, einen Wagen bereit zu halten. Verdrießlich und ſehnſüchtig zugleich verbrachte er den Nachmittag in jenem Brüten, worin Entſchlüſſe ſich jagen und gleich Seifenblaſen zerplatzen, wenn die Luft der Wirklichkeit ſie berührt.. Kein Plan hielt Stich vor ſeiner Vernunft. Zu⸗ letzt kam er auf ſeine Krankheitsmanier zurück, wickelte ſich in einen Plaid, öffnete das Fenſter und blickte 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 6 ſtundenlang träumeriſch über die Alſter hinweg. Da⸗ mit übergab er gleichſam dem Zufalle, oder der Vor⸗ ſehung die Leitung ſeiner Geſchäfte, und er würde es am liebſten geſehen haben, wenn ſeine lieben Ver⸗ wandten ihn aufgeſucht hätten, ſtatt daß er ſich zu ihnen bemühen mußte, wenn er nicht unverrichteter Sache zurückreiſen wollte. Am nächſten Morgen entriß er ſich gewaltſam ſeiner Schlaffheit. Sobald er ſeinen Kaffee eingenom⸗ men hatte, befahl er den Wagen und fuhr nach der Elbhöhe, um von dort aus den Hafen zu überblicken. Es lag etwas Raſches in allen ſeinen Bewegungen, ein innerlicher Eifer vorwärts zu kommen, und wenn er auch, ebenſo wenig wie am Tage zuvor, Pläne ent⸗ worfen hatte, die als Richtſchnur ſeines Handelns gelten ſollten, ſo war er doch beſſer gewaffnet, irgend einem Zufalle die nöthige Einwirkung auf ſeine Hand⸗ lungsweiſe einzuräumen. Sinnend und heiterer Lebendigkeit voll, lehnte er am Stintfange und ſchauete über die Reihen der ſtatt⸗ lichen Fahrzeuge fort, die ſich leiſe in der eintretenden Fluth ſchaukelten. Es war ein pompöſer Anblick, der ihn mehr feſſelte, als er geglaubt hatte. Martin war von ihm hinabgeſchickt nach der Hafen⸗ treppe, um ein Boot zu miethen, das ihn, von einem 91 tüchtigen Lootſen geführt, zwiſchen die Reihen der Briggs, Dreimaſter und Schraubendampfſchiffe hindurch zu leiten vermöchte. Ihm kam die Luſt an, auf ſolchem Koloß dem Meere entgegen zu rudern, fernen Welttheilen zu, wo— ſeine Gedanken ſtockten plötzlich, als er zu denken im Begriff ſtand: wo Glück herrſcht. Wo Glück herrſcht? Es iſt nirgends ſtetig, ſo⸗ lange der Erde Staub unſere Füße berührt. So rein es den uneingeweiheten Blicken bisweilen erſcheint, hinter dem Schleier der Einſamkeit enthüllt es die irdiſchen Mängel und fragt man den Glücklichſten aller Men⸗ ſchen, ſo ſeufzt er über ſein Glück. Ging es ihm nicht ſelbſt ſo? Rang, Reichthum und Geburt vereinten ſich, ſeinen Lebenspfad zu ſchmücken, ſtillten dieſe Vorzüge aber die Sehnſucht, welche er der Vergangenheit zuwendete, und welche ſich jetzt an die Zukunft klammerte? Martin unterbrach ſeine Glücks⸗ und Unglücks⸗ träumereien. Sie beſtiegen ein Boot und ruderten im Hafen umher. Als ſie zu einem der größten Schrauben⸗ ſchiffe lenkten, um es beſichtigend zu umfahren, gewannen ſie eine Fernſicht über die Waſſerfläche und der Regie⸗ rungsrath betrachtete mit Intereſſe die Menge kleiner Ewer, die, ſchwer beladen, von den Inſeln kamen. Der Bootführer bemerkte es und ließ ſein Boot 6*— 92 langſam etwas hinabtreiben, den Ewern entgegen, die mit ihren rothen Segeln wie Vögel heranſchoſſen. Der Bootführer war Hoop, der allbekannte Lootſe. Als der erſte Ewer ihm nahe war, legte er die Hand vor den Mund und ſchrie durch die trichterförmige Oeffnung:„Habt den Doctor mit?“ „Noch nicht!“ war die lakoniſche Antwort. Martin ſah den Regierungsrath an. „Er meint den Doctor Schmidt!“ erläuterte er bedeutungsvoll lächelnd. „Was iſt mit ihm?“ fragte der Regierungsrath ſo gleichgültig wie möglich. „Er iſt ſeit geſtern Abend d'rüben auf Falkwer⸗ der—“ referirte der Bootführer, indem er die Ruder wieder einlegte.„Ich hab' ihn'nüber gebracht— er wollte aber Nachts über dableiben.“ „Iſt die Doris noch nicht geſund?“ fragte Martin theilnehmend. „So bald noch nicht—,“ erklärte Hoop ruhig. „Es macht dem Doctor viel Sorge,“ meinte Martin wichtig. „Glaub's ſchon— hat aber keinen Dank davon!“ murmelte Hoop bitter vor ſich hin.„Warum opfert er ſich? Wollen ſehen, wie's endet!“ 1 Der Regierungsrath hätte gern weitere Erkundi⸗ 8 93 gungen eingezogen, allein die Furcht vor Martin's liſtigen Augenblinzeln verhinderte ihn daran. „Holt Ihr den Doctor wieder?“ fragte dieſer jetzt angelegentlich. „Nein— der Vetter Smeth, mit dem ich eben ſprach, wollt' ihn über bringen.“ Ein Strahl durchbrach das chaotiſche Gewirr von Unſchlüſſigkeiten, womit ſich der Regierungsrath ſeit dem vorigen Tage abgemartert hatte, wie ein Stern tauchte es vor ihm auf, wie ein Lichtfunken brannte es in ſeinem Gehirne, als er vernahm, daß der Doctor fern und Konſtanze allein ſei. Hin zu ihr— hin zu ihr! Warum ſäumen und auf die Vorſehung bauen— oder— ſollte es wohl nicht abermals eine höhere Hand geweſen ſein, die ſeine Entſchlüſſe geleitet hatte, als er ſich hierher begab? Der Herr Regierungsrath glaubte gewiß, die Vorſehung habe gar nichts weiter zu thun, als ſich mit ihm und ſeinem trägen Geiſte zu beſchäftigen. Freilich, ſeltſam war und blieb es, daß ihm in dem weiten, volkreichen Hamburg gerade diejenigen Menſchen aufſtoßen und behülflich ſein mußten, die allein im Stande waren, auf ſeine Entſchließungen zu influiren, aber die Vorſehung mit ihren glücklichen Fügungen hat ſtets die begeiſtertſten Anbeter unter den bequemen 94 Menſchen gehabt, die ſich gern von den Eingebungen des Augenblickes leiten laſſen und zu denen zählte der Regierungsrath ganz entſchieden. Lebhaft angeregt dehnte er für jetzt ſeine Hafen⸗ beſichtigung ſo lange aus, wie er konnte, ließ ſich Alles erklären von Martin, hörte gern auf die verſtändigen Anmerkungen des Lootſen und verließ endlich das Boot mit dem Vorſatze, daſſelbe während ſeines Aufenthaltes oft zu benutzen. Ob dieſer Vorſatz ausgeführt wurde, wird die nächſte Stunde enthüllen. Schweigſam, in freundlichen Nacherinnerungen verſenkt, kam er zum Hotel zurück und begab ſich auf ſein Zimmer, allein nur um den Augen des ſchlauköp⸗ figen Martin entrückt zu ſein, der ihm in dieſem Mo⸗ mente mehr hinderlich als förderlich war. Scheinbar ermüdet ließ er ſich einige Erfriſchungen von dem flinken Burſchen beſtellen und entfernte ihn dann durch einen Auftrag. Kaum jedoch wußte er ſich unbeobachtet, als er ſchleunig ſeinen Anzug etwas ordnete, durch den Aus⸗ gang des Hotels nach der Ferdinandsſtraße daſſelbe ganz unbeachtet verließ und den Weg nach dem Hopfen⸗ markte zu erfragen ſuchte. Dies fiel ihm nicht ſchwer. Er fand das Haus und ſtand in einer Bewegung die 9⁵ ſeine Seele mit unausſprechlichen Gefühlen ſchwellte, an der Thüre, welche ſeine Zukunft verſchloß. „Wie wirſt Du Konſtanze finden?“ fragte er ſich, als ſeine Hand die Glocke zog und ein helles, harmo⸗ niſches Klingen ſeine Ankunft verkündete. Er befand ſich augenſcheinlich in einer poetiſchen Aufregung, die ihn zu ſeiner Jünglingszeit zurückführte, wo er. mit der Ruheloſigkeit des Sehnens Bande um ſich knüpfte, die nachher bisweilen zu Feſſeln wurden. War er denn nicht durch Erfahrung klug gewor⸗ den? Leider nicht! Nachdem er das Stadium wei⸗ cher, hoffnungsloſer Trauer glücklich überwunden hatte, verſiel er abermals in die überſchäumende Beweglich⸗ keit, welche Wünſche zur Leidenſchaft erhebt und die Wirklichkeit mit idealen Hoffnungen ſchmückt. Während er, ſo vorbereitet vom Schickſale, der Bekanntſchaft mit einem Weſen entgegenſah, das aller⸗ dings werth war, das Ideal ſeiner Träumereien zu ſein, harrte Konſtanze, einer düſtern Sorge hingegeben, der Ankunft ihres Bruders. Die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, ſah ſie geſpannt auf die Straßen hinab, von wo ſie ihn erwarten konnte. Natürlich konnte ihr unter dieſem Umſtande die hohe, edle Ge⸗ ſtalt des Regierungsraths nicht entgehen, als er zö⸗ gernd daher kam und endlich auf das Haus zuſchritt, wo ſie wohnten. Sie erinnerte ſich plötzlich, denſelben Herrn am Tage zuvor auf dem Alſterdamme geſehen zu haben. „Es iſt ein Fremder,“ dachte ſie, als er das Haus erreichte und eintrat. Es war weder ein beſon⸗ deres Intereſſe, noch eine tiefer begründete Neugier, womit ſie hinzuſetzte:„Ob er zu uns will?“ Hor⸗ chend wendete ſie das Ohr der Treppenklingel zu. Als dieſe gleich darauf hell und fröhlich durch's Haus ſchallte, durchzuckte ſie dennoch ein erwartungs⸗ voller Schauer. Ihr Herz begann zu pochen und eine heiße Röthe flog über ihr Geſicht. Man kann durch⸗ aus nicht behaupten, daß ſich ihre Gedanken auf dem richtigen Weg befunden hätten, allein eine Gewalt, dem Zauber gleich, den man Ahnung nennt, überflu⸗ thete ſie und machte ſie vom Wirbel bis zur Zehe erzittern. Starr hing ihr Blick an der Thür und wie durch ein Meeresbrauſen hindurch hörte ſie die Mel⸗ dung des Dieners: „Der Regierungsrath von Schmidt⸗Welldorf wünſcht aufzuwarten!“ Regungslos, beide Hände krampfhaft gegen die Bruſt gepreßt, ſtand ſie da, als dieſer Mann jetzt eintrat und raſch auf ſie zuging. Ganz überwältigt von ihrer Bewegung, blieben 97 Beide eine volle Minute voreinander ſtehen und ſahen ſich feſt in's Geſicht. Dann ermannte ſich der Regie⸗ rungsrath und begann mit freudezitternder Stimme: „Konſtanze, zürnen Sie nicht—! Ich mußte Sie ſehen—!“ Die Dame legte, betäubt von dem jähen Wechſel ihres Schickſals, das ſich endlich ihrer ſtillen Wünſche erbarmte, die Hand an die Stirn. „Träume ich denn? Woher wiſſen Sie? Wie fauden Sie uns? Wer ſind Sie?“ „Ich bin Ludwig, Ihres älteſten Onkels Sohn— ich habe ein Recht auf Sie, das ich geltend mache, wenn auch Ihr Bruder ſich dagegen auflehnt!—“ „Mein Bruder!“ fuhr Konſtanze auf und trat ſcheu einen Schritt zurück. „Fürchten Sie dieſen Bruder ſo ſehr, daß Sie uns ſeinetwegen verleugnen wollen?“ fragte Ludwig traurig. „Fürchten?“ wiederholte das Fräulein mit ei⸗ nem ganz unbeſchreibbarem Blicke.„Nein, ich liebe ihn ſo ſehr, um ſeinetwegen Alles zu entbehren, was mir ſeine Liebe rauben könnte. Entfernen Sie ſich— ich bitte Sie inſtändig darum, entfernen Sie ſich, damit er Sie nicht bei mir findet und mich vielleicht des Verrathes anklagt. Ich habe ihm ge⸗ lobt, Ihren Vater nicht von unſerm Leben in Kennt⸗ niß zu ſetzen— würde er ſich aber nicht ver⸗ ſucht fühlen, mir zu mißtrauen, wenn er Sie jetzt fände?“ „Sind Sie hart gegen mich, dieſes grauſamen Bruders wegen—?“ „Ich bin weit härter gegen mich ſelbſt, mein Herr,“ unterbrach ſie ihn lebhaft.„Was verlieren Sie? Nichts! Was aber gebe ich auf, wenn Sie meinem Wunſche Folge leiſten?“ Ihre Stimme ſank bis zum Flüſtern hinab, weil die innere Bewegung ſie erſticte. Der Regierungsrath faßte ihre Hand. „Konſtanze, im Namen unſerer Großeltern be⸗ ſchwöre ich Sie, geben Sie mir Rath, wie Ihnen und wie uns zu helfen iſt. Mein Vater ſendet mich— mein eigenes Herz trieb mich an— unſere Zufrieden⸗ heit hängt davon ab, die Manen eines Bruders zu verſöhnen, der ſich hartnäckig unſerm Kreiſe entzog. Warum haßt uns Ihr Bruder, der meines Vaters Namen trägt? Was haben wir ihm gethan?“ „Er iſt der Sohn ſeines Vaters,—“ fiel Kon⸗ ſtanze traurig, aber doch etwas vorwurfsvoll ein. „Und damit meinen Sie ein Recht anzudeuten, ſeine Familie haſſen zu dürfen?“ 1 „Nein, nicht haſſen zu dürfen, aber eine Ver⸗ 99 einigung mit derſelben zu meiden, und beſonders das Haus nimmer zu betreten, von deſſen Schwelle die Un⸗ gerechtigkeit ſeiner Brüder meinen Vater verbannte.“ Der Regierungsrath ſah ſie mit bewölkten Blicken an. So peinlich ihm dieſe falſche Anſicht der Verhält⸗ niſſe auch war, konnte er ſich doch nicht entſchließen, ihren Pietätsglauben umzuſtoßen 8 ihr Gemüth durch Enthüllung der wahren Sachlage zu verletzen. Er meinte ſich nicht dazu berufen, Dinge zu erörtern, die viel beſſer von Männern beſprochen und feſtgeſtellt wurden. Ohne alſo näher auf dieſe Bemerkung ein⸗ zugehen, ſprach er nur gütig und bedauernd zugleich: „Wie traurig wirken oft Uebereilungen auf die ſchönſten Verhältniſſe! Gerade um deshalb flehe ich Sie an, Ihren Einfluß anzuwenden, um Ihren Bruder davor zu bewahren. Bedenken Sie, Konſtanz i Vater iſt alt— mein Onkel Victor iſt alt— wie raſch kann Gott Beide zu ſich rufen— würde es nicht ein unſtillbarer Schmerz für Sie ſein, wenn die Todes⸗ nachricht zu Ihnen dränge und Sie auf immer der Gelegenheit beraubt wären, Ihre nächſten Verwandten, ein Paar edle, vortreffliche Männer, zu denen ich mit dem Stolz treuer Verehrung aufblicken muß, mit Ihrer Nachgiebigkeit zu erfreuen?“ Konſtanze hatte ihre ſchönen ſprechenden Augen in einer wahren Herzensqual auf den Sprechenden geheftet und ihre Hände, feſt ineinander gefaltet, nach und nach zu ihm erhoben. Ihr ganzes Weſen war unter den Worten ihres Vetters erbebt und ſie verfiel widerſtandslos in jene Exaltation, wo des Menſchen Herz alle Höllen von ſich wirft, um nur das entſetzliche Gefühl los zu ſein, verkannt zu werden. „Begreifen Sie denn nicht, mein Herr,—“ rief ſie faſt heftig,„begreifen Sie denn nicht, daß ich unter dem Willen meines Bruders unſäglich leide, daß ich mit der heißeſten Sehnſucht nach denen verlange, die an meines Vaters Wiege geſtanden haben, daß ich die Heimath meiner Väter als den einzigen Ort betrachte, wo ich Frieden und Seligkeit finden könnte— begreifen Sie denn nicht, daß ich aber die Liebe meines Bru⸗ ders, die ich beſitze, die mir nothwendig iſt, nicht gegen ein ungewiſſes Glück verrathen kann?—“ Sie ſah ſo wunderſchön in ihrer Ueberwältigung aus, daß der Regierungsrath hingeriſſen und entzückt ihre Hände ergriff und ſchweigend ſeine Stirn darauf ſenkte. Eine Pauſe entſtand. Unter welchen Gefühlen ſie verſtrich, iſt unnöthig zu beſchreiben. Konſtanze faßte ſich zuerſt. Sie hatte ihre Erklärung in der Heftigkeit einer ungewöhnlichen Gemüthsverfaſſung abgegeben und mußte nun dieſelbe moderiren. 101 Mein Bruder wird vielleicht ſpäter ruhiger und dann ſoll es mein Beſtreben ſein, ſeine Anſichten zu ändern, Beruhigen wir uns bei dieſem Gedanken, lieber Herr Vetter— bringen Sie Ihrem Vater meinen Dank für ſeine Güte— ſagen Sie Ihrem Onkel, wie Sie mich gefunden haben, Ihnen wird es geglaubt werden, daß ich, das ſchutzbedürftige Mädchen, mich der Stütze nicht entäußern darf, die Gott mir in meinem theuern Bruder verliehen hat. Aus ihren Berichten wird man erſehen, daß nicht gehäſſiges Widerſtreben, ſondern die Macht des Vorurtheils uns abhält, einem Rufe zu fol⸗ gen, der uns eine Heimath verſpricht. Grüßen Sie Ihren Vater— grüßen Sie unſern Oheim— o, wie gern, wie gern möchte ich beiden die Güte vergelten, die ſie für die Kinder ihres Bruder an den Tag legen!“ „Und dieſe Grüße ſollen den ganzen Erfolg meiner Reiſe ausmachen?“ fragte der Regierungsrath haſtig⸗ und aufgeregt dazwiſchen. „Nein, nicht den ganzen Erfolg,“ erwiderte Kon⸗ ſtanze mit rührendem Lächeln.„Sie haben durch Ihren Beſuch ein trauriges Mädchenherz erfreut— Sie ha⸗ ben mir durch denſelben eine ferne, freundli Aus⸗ ſicht eröffnet, worauf ich meine pfadloſen Träumereien nun begründen kann. Ihre Geſtalt ſteht als ein Wächter meiner Zukunft vor mir, als eine Verheißung, daß Wohlwollen und Familienliebe mir ein Aſyl ſein wird, wenn mein Bruder einſt eine Gattin heimführen ſollte. Iſt es nicht der Rede werth, ein vereinſamtes Mäd⸗ chen getröſtet zu haben?“ Der Regierungsrath kämpfte eine leidenſchaftliche Entgegnung gewaltſam nieder, allein ſeine Augen mochten verrätheriſch die innerliche Aufregung widerſpiegeln, denn Konſtanze ſchlug erſchreckt ihren Blick zu Boden und fuhr kälter und beſonnener fort: „Für jetzt muß dieſer Erfolg Ihnen genügen, lieber Vetter. Mein Bruder darf nichts von den Ver⸗ ſuchen erfahren, die wir zu machen entſchloſſen ſind. Verlegen wir eine Mittheilung Ihres Beſuches auf eine günſtigere Zeit. Mein armer Erneſt trägt ohne⸗ dies ſchweren Kummer und ſein Selbſtvertrauen iſt hart erſchüttert, wie ſollte ich es jetzt über mich gewinnen können, um meinetwillen die Laſt zu häufen die ſeine ganze Seelenfreudigkeit erdrückt!“ Sie reichte ihre Hand zu dem Vetter hinüber, der ſie ergriff und mit mehr als vetterlicher Zärtlichkeit zu ſeinen Lippen führte. Die echte Weiblichkeit ihrer rückſichtsvollen Ent⸗ ſagung entzückte ihn und es bedurfte wahrlich eines kleinen Kampfes mit ſeiner Empfindung, um ihn von dem Ausdruck dieſes Entzückens abzuhalten. Er fühlte, 103 daß ſie ſeine ſchleunige Entfernung wünſchte, daß ſie nicht geſonnen war nähere. Erörterungen über die Verhältniſſe der Familie zu veranlaſſen, der ſie für den Augenblick noch eine Fremde ſein und bleiben wollte, um nicht in Heimlichkeitskrämerei gegen den zu verfallen, der ihr naturgemäßer Beſchützer war. Er wollte alſo nicht zurückſtehen in der edelmüthigen Denkungsweiſe des braven Mädchens. „Leben Sie wohl, Konſtanze;“ flüſterte er ſchnell abbrechend.„Leben Sie wohl! Mir ſagt es eine innere Ahnung, daß wir uns bald, bald wiederſehen werden— es iſt unmöglich, wenn wir mit Ehrlichkeit und Offenheit einen Sturm auf Ihres Bruders Herz beginnen, daß er widerſtehen kann, oder er müßte denn ſeiner Schweſter nicht gleichen und dieſer Schwe⸗ ſter nicht würdig ſein! Ich lege unſere Wünſche ver⸗ trauungsvoll in Ihre Hand— wollen Sie mir ver⸗ ſprechen nach Welldorf zu ſchreiben, ſich an den ehr⸗ würdigen Senior der Familie, an den Primus zu wen⸗ den, wenn ſich irgend etwas ereignen ſollte, was unſere Hoffnungen heben könnte.—ℳ „Nein, mein Herr, nein!“ entſchied Konſtanze haſtig.„Hinter dem Rücken meines Bruders verſpreche ich nichts! Wie ſollte ich wohl vor ihm beſtehen, wenn er mir treu und offen in's Auge blickte.—“ Sie brach ab und holte tief beklommen Athem.„Ich weiß ſchon nicht, wie ich dieſen Beſuch verhehlen will,—“ fügte ſie leiſe hinzu,„und doch wage ich nicht zu wün⸗ ſchen, daß Sie nicht gekommen ſein möchten, weil es mich unbeſchreiblich glücklich gemacht hat, Sie zu ſehen.“ — Mit einem liebenswürdigen Lächeln ſchaute ſie zu dem bewegten Manne auf, ihre Blicke trafen ſich und hafteten aufeinander, eine Thräne ſchimmerte in Kon⸗ ſtanzens Auge, eine tiefe Wehmuth lagerte um den feſtgeſchloſſenen Mund— und war das bitterſte Schei⸗ den, was ſie je erlebt hatte, denn es ſchauderte ſie zurück in eine öde Hoffnungsloſigkeit, in welcher ſie bis dahin unbewußt vegetirt hatte. Jetzt war ein Licht über ſie hereingebrochen, jetzt hatte ein Hafen ihr gewinkt, anmuthige Bilder von Familienglück tauchten auf, die edle Erſcheinung des Mannes, der ſich ihr als den Botſchafter ehrwürdiger Brüder ihres Vaters präſentirte, ſpannte ihre Erwartung und ließ ſie eine Befriedigung aller ihrer Lebensanſprüche ahnen— und nun ſollte ſie im vollen Bewußtſein des Opfers leben, welches ſie ihrem Bruder zu bringen ſchuldig war. Einſam hier, und dort geachtet und geliebt von den Frauen der Familie!— Eine Frage nach der Mutter Ludwig's, nach ſeiner Tante, ſeinen Schweſtern, ſeiner Gattin— ſeinen Kindern ſchwebte auf ihren Lippen— 105 es mußten ja die Frauen der Familie ihr Intereſſe ſtärker wecken und feſſeln, weil ſie danach dürſtete, eine Freundin, eine Schweſter zu finden, der ſich ihr Herz aufſchließen konnte mit ſeinen Schwächen und ſei⸗ nen edelmüthigen Kämpfen. Sie drängte heroiſch die Frage zurück in ihre Bruſt, ſie wehrte der Thräne zu fallen, ſie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, ſie gebot der Trauer in ihrem Blicke— aber Ludwig's Herz war vorbereitet vom Schickſale für ſie, Ludwigs Herz erkannte ihren Kampf, ehrte ihre Gemüthsſtimmung und bewunderte ihre Cha⸗ rakterſtärke. Er leiſtete ſich den Schwur, dieſe Opfer⸗ willigkeit zu vergelten. Im Bewußtſein ſeines Ge⸗ fühles bildete ſich der Ausdruck ſeiner Blicke zu einem Treugelübde aus, wodurch er eine Verwirrung über das Mädchen herabbeſchwor, deren Bedeutung ſie nicht erkannte. Zögernd entzog ſie ihm ihre Hand, zögernd ſprach ſie mit leiſer, weicher Stimme ein Lebewohl und ihr Auge folgte ihm, als er ſich von ihr entfernte, als er auf der Schwelle nochmals ſtillſtand, um ihr Bild feſter in ſein Gedächtniß einzuprägen. Die Thür fiel endlich hinter ihm zu. Konſtanze neigte bis zum Tode betrübt ihre Stirn nieder, um nun zu weinen. Hätte Erneſt doch dieſe bitteren Sehnſuchtsthränen geſehen! 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 3 7 . 1906 Der Regierungsrath kehrte eilig zum Hotel zurück. Was hatte er noch hier zu thun? Sein Entſchluß ſtand ſogleich feſt, mit dem erſten Bahnzuge abzureiſen. Er brannte vor Begierde, ſeinem Vater und ſeinem Onkel das Reſultat ſeiner Bemühungen mitzutheilen und ihren Rath für die folgenden Schritte in Anſpruch zu nehmen. So konnte die Sache nicht hängen bleiben. Man mußte handeln. Aber ihm war durch die Bitte Kon⸗ ſtanzens die Brücke zu weitern Einſchreitungen abge⸗ brochen. Hätte er ſich von Anfang an direct an Erneſt gewendet, ſo wäre eine vermittelnde Erklärung, Mann gegen Mann, möglich geworden, da er es aber vor⸗ gezogen hatte, dieſe Vermittlung durch Konſtanzens Ein⸗ fluß bewirken zu wollen, ſo mußte nun ein anderer Angriff verabredet und beſchloſſen werden. Zu dieſer Sendung paßte der Präſident beſſer als jeder andere. Seine Rechtsgeläufigkeit und ſeine ju⸗ riſtiſche Beredſamkeit machten ihn fähig, in Erneſt eine Umwälzung ſeiner vorgefaßten Meinungen hervorzu⸗ bringen. Der Präſident mußte, als Reſpectsperſon, von Erneſt ſo weit berückſichtigt werden, um die Aus⸗ einanderſetzungen früherer Exeigniſſe vorlegen zu können. Es war nicht anzunehmen, daß ſich der junge Mann gegen die Einſicht von ſeines Vaters ungerechtem Zorne 0 407 verhärten könne, und ſo wie dieſe Schranke ſiel, war der Weg zu Konſtanzen frei. Unter ſolchen Gedanken⸗. ſpielen ordnete der Regierungsrath ſeine Abreiſe an. Martin, ſein Diener für dieſe kleine Spanne Zeit, riß die Augen verwundert auf, als er den Befehl er⸗ hielt, den Wagen zum nächſten Tage früh genug zu beſtellen, um mit dem erſten Bahnzuge nach Magdeburg zu reiſen. „Abreiſen, mein Herr?“ fragte er, ſeinen Ohren nicht trauend, daß ein Mann deshalb nach Hamburg gekommen ſein ſollte, um einen Spaziergang über den Alſterdamm, die Lombardsbrücke und den Jungfernſtieg, alſo rund um das Alſterbaſſin bis in's Hotel zurück, zu machen, und um einige Stunden im Hafen herumzu⸗ fahren. „Sie haben ja noch nichts geſehen, mein Herr? Es giebt ja noch hundert Merkwürdigkeiten— z. B. die Börſe, mein Herr— die Börſe—“ Der Regierungsrath ſchüttelte lachend den Kopf. „Thut nichts! Ich komme wieder— bald wieder und dann will ich in Ihrer Geſellſchaft ganz Hamburg be⸗ ſehen—“ „Wollen Sie denn nicht nach Blankeneſe?“ fragte Martin in Verzweiflung ihn unterbrechend. „Später— ja wohl!“ 7* *kaum eine Straße hier— „Aber es iſt ja himmelſchreiend— Sie kennen „Thut nichts. Ich komme wieder!“ „Ich darf Sie aber nicht fortlaſſen, mein Herr,“ fuhr Martin energiſch auf.„Unſere Ehre erfordert es, daß Sie Hamburg nicht bagatellmäßig behandeln. Sie müſſen Hamburg beſehen! Es wäre eine Verach⸗ tung gegen uns Hamburger—“ „Beruhigen Sie ſich, lieber Freund,“ erklärte der Regierungsrath beluſtigt.„Für jetzt muß ich nach Hauſe. Sie erhalten den bedungenen Lohn, ohne daß ich Sie benutzt habe, aber dafür ſollen Sie mich be⸗ dienen, wenn ich eines Tages glücklicher bin, als heute. Noch eins müſſen Sie mir verſprechen. Mein Onkel wird vielleicht in kurzer Zeit hier eintreffen— wollen Sie dieſen alten Herrn in Allem unterſtützen, was er verlangt?“ „Wenn es ſonſt nichts iſt, was ein ehrlicher Mann ſich zu thun ſcheuet,—“ war Martin's Antwort,„mit Vergnügen!“ „Gut. Ich werde Ihre Adreſſe aufzeichnen um Sie finden zu können. Morgen früh! Vergeſſen Sie nicht mich abzuholen!“ Martin verließ das Zimmer. Draußen überlegte er ſich weisheitsvoll die Sonderbarkeit mancher Men⸗ 109 ſchen, die in der Welt umherreiſen ohne Zweck und Ziel, beſchloß aber nach einiger Ueberlegung, daß er den Vortheil ſolcher Narrheiten ohne Gewiſſensſcrupel mitnehmen wolle.—„Es iſt weder gegen das Geſetz, einen vernünftigen Menſchen, der für ſein Geld nichts ſehen und hören will, laufen zu laſſen, noch gegen menſchliches Recht dies Geld, was ſo ein vernunftbe⸗ gabter Menſch wegzuwerfen Luſt bezeigt, aufzuheben und als verdient zu betrachten. Wenn ich nur begrei⸗ fen könnte, weshalb dieſer Herr Regierungsrath hierher gekommen iſt! Erſt dachte ich, es wäre auf den armen Doctor Schmidt abgeſehen— dann aber glaubte ich Hamburgs Schönheit hätte ihn hergebracht nun? Ich denke mir, der Mann hat nichts zu thun in der Welt und zu viel Geld im Beutel!“ Unter dieſen Betrachtungen ſchlenderte er gemüth⸗ lich die Ferdinandsſtraße hinab und ſtieß an der Ecke auf ſeinen Bruder Georg, der ihm wahrſcheinlich am ſicherſten zu einer richtigen Beurtheilung ſeines„Frem⸗ den“ hätte verhelfen können, aber glücklicherweiſe keine Zeit dazu hatte. „So eilig—“ ſchrie er dem Diener des Doctors zu, als dieſer ſpornſtreichs an ihm vorüberrannte. „Bei uns iſt große Unruhe— li mich nur jetzt! die verdammten Inſelleute!“ Ein neues Räthſel für den armen Martin! Was konnte denn los ſein? Der Doctor war auf Falkwerder— Doris Smeth,„das hübſche Hinkedei“, wie man ſie allge⸗ mein genannt hatte, war ſehr krank—. Nun ja, da lag die ganze Hiſtorie klar vor ſeinen Augen. Es ſtörte ſeinen Frieden eben nicht! Martin hatte ganz recht— Doris Smeth war ſehr krank geworden ſeit dem Starrkrampfe, der ſie nach ihrer verunglückten Waſſerfahrt zu dem kleinen Werder befallen hatte. Wochen gingen hin ohne dem jungen Mädchen Geneſung zu bringen und die bewölkte Stirn des Doctors verrieth es Konſtanzen, daß er keine Hoffnung für ihr Leben hatte. Mit der Sorgfalt eines Vaters wachte der junge Mann über den Ver⸗ lauf der Krankheit, die ihm ein Räthſel war. Still und ſchmerzlos ſchwand das junge Inſelmädchen hin, ihre Kräfte nahmen ab, der Lebenskeim verzehrte ſich. Hatte die Operation ihr Nervenſyſtem erſchüttert? Hatte Angſt und Todesfurcht auf den geſchwächten Kör⸗ per gewirkt? Wer konnte es ſagen! Die Mutter Smeth zeigte ſich wie wahnſinnig vor Kummer— Willi Berch ſchwor dem Doctor den Tod, wenn Doris ſterben ſollte. Dieſer armſelige Schächer, welcher nicht den Muth gehabt hatte, mit 111 der Liebe zu dem guten verkrüppelten Kinde 1 vor ſeinen Kameraden hervorzutreten, brüſtete ſich jetzt mit einer rieſigen Leidenſchaft und lieh ſein Ohr den Schwätze⸗ reien unredlicher und neidiſcher Menſchen, die dem jungen ſtrebſamen Arzte nicht hold waren. Vor Allen war es der Barbier des Ortes, welcher eines Tages undeutlich merken ließ, daß er etwas Be⸗ ſonderes ahne und daß er dem Doctor nie recht ge⸗ trauet habe. Natürlich ſtutzten die Leute und fragten. Thörichte Andeutungen folgten der erſten Bemer⸗ kung. Etwas Geklätſch, ein gehöriges Quantum Ver⸗ leumdung mit einem winzigen Atom Wahrheit gemiſcht, haben ſchon zu oft Erfolge gehabt, als daß es nöthig wäre, den lavinenartigen Fortſchritten des Unheils zu folgen, das an dem Tage endlich hereinbrach, wo Doris mit dem Abendglühen der Soung ſanft entſchlummerte, um niemals wieder zu erwachen. Erneſt war unermüdlich um ſie beſchäftigt geweſen, ſein Herz hatte die ſchöne Wärme für ſie bewahrt, die er eine kurze Zeit fälſchlich für Liebe genommen und das Intereſſe, das ihn zu einem Verſuche ihrer Heilung von dem entſtellenden Körperſchaden geführt hatte, war von der plötzlichen Wendung ihres Geſchickes eher ge⸗ ſteigert als vermindert. Ein Schmerz ganz eigener Art durchrieſelte ſein ſonſt ſo kräftiges Herz, als er 112 des Mädchens Athem nach und nach ſchwinden fühlte, als ihr Auge gebrochen ſchon, doch noch wie hülfe⸗ flehend ſich auf ihn richtete. Er faßte die kleinen, abgemagerten Hände in zitternder Angſt—:„Gott, mein Gott—“ murmelte er erſchüttert—„muß ich von dieſem Leben Rechenſchaft geben— hat mein Ein⸗ griff in die Verwahrloſung der Natur dies Leben ver⸗ nichtet—?“ Eine helle Thräne des Kummers tropfte von ſeinem Auge auf die trockenen, kaum noch athmenden Lippen des Mädchens. Schnell ſchlug ſie die Augen, die vom Schlafe zum Sterben übergehen wollten, noch einmal auf, vielleicht hatte ſie die dumpfen Verzweif⸗ lungsworte auch verſtanden, genug, ein Lächeln zuckte über das liebe Geſicht und in dem Blicke lag ein Dank. Nun war ſie todt! Der Doctor aber war ge⸗ tröſtet. Seine Sinne ſchienen wieder hell geworden, nachdem das Unvermeidliche beſtanden und der quälende Zuſtand der Unentſchiedenheit beſeitigt war. Anders, ganz anders trat der Schmerz des Mutter⸗ herzens auf. Es war ein fürchterlicher Wendepunkt in ihrem Leben, den Frau Smeth in ihrer Geiſteseinfach⸗ heit nur mit der unſeligen Anklage des Arztes erträglich machen zu können glaubte. Er hatte ihr Kind gemordet — ſagten es nicht alle Nachbarn, beſtätigte es nicht der 113 weiſe Bartſcherer, der geheime Medicinalrath der ganzen Inſel? Doris wäre gemordet, Gift ſei angewendet, ihr Leben zu vernichten! Der ſchauderhafteſte Unſinn lag in dieſer Beſchul⸗ digung, allein die Leute auf der Inſel glaubten daran. Den erſten Keim dazu hatte die Eitelkeit der Mutter Smeth gelegt. Sie fühlte inſtinctmäßig die Veränderung in des Doctors Benehmen heraus, als Doris zur Braut des hübſchen Willi erklärt wurde, und da ſich von da an das zunehmende Unwohlſein ihrer Tochter ſchrieb, ſo war ihr in Gegenwart des gelehrten Barbiers die Bemerkung entſchlüpft, daß ſie recht gut wiſſe, weshalb der Doctor nicht mehr ſo auf⸗ merkſam für Doris beſorgt ſei. Die Albernheit der Menſchen iſt aber nie größer, als wenn ſie ſich mit prophetiſchem Sinne brüſtet. Der Barbier hatte darauf erwidert,„daß er dem Doctor Schmidt nie recht getrauet und das Ende ſeiner Curen vorausgeſehen habe.“ Als Doris von Tage zu Tage ſchwächer wurde, fügte er dreiſter und bereitwilliger hinzu: das junge Mädchen ſei ein Opfer der jetzigen Doctorkünſte, die ſich über alles Maß erhöben und einen Mord nicht ſcheueten. 114 Dieſe kühne Behauptung rollte, wie ein Sand⸗ korn, in den locker liegenden Volksaberglauben und ſtürzte, halb verſtanden und halb begriffen, über dem armen Erneſt zuſammen, ihn gleichſam verſchüttend und begrabend im Beginne ſeines Ruhmes. Er ahnete aber nichts von den muthvollen Ver⸗ leumdungen des Barbiers hinter ſeinem Rücken. Sein Selbſtvertrauen war zwar ein klein wenig erſchüttert bei dieſem Todesfalle, er geſtand ſich ein„vielleicht fehlgegriffen und einer zarten Conſtitution zu viel auf⸗ gebürdet zu haben,“ allein bei näherer Prüfung beru⸗ higte ſich ſein Gemüth. Doris war nach der Operation durchweg geſund geblieben. Er hatte ſie damals mit der Genauigkeit eines Arztes beobachtet, der ſtolz auf ſein gelungenes Werk iſt. Unter der Veränderung ſei⸗ ner Pläne auf ſie, hatte er ſie nur ein einziges mal außer Acht gelaſſen. Doch mußte er ſich zu ſeiner Be⸗ ruhigung ſagen, daß er ſie ſtreng gewarnt und ſie ge⸗ nügend mit den Folgen von Erkältungen bekannt ge⸗ macht hatte. Der Tod hatte die zarte Blume bei der erſten Uebertretung ſeiner Befehle verletzt und ſein Opfer wäre ihm unter einer weniger ſorgſamen Pflege⸗ ſchon früher überantwortet. Was die Heilkunſt für Kräfte in ſich ſchließt, war angewendet, leider vergeb⸗ lich! Bleich, ein ſchönes Bild friedlicher Ruhe, lag 115 die„kleine Doris“ da!— Ihr Tod ſollte zu einer entſetzlichen Lehre für den jungen Arzt werden. Ohne ſichtbare Zeichen von Aufregung, aber tief im Innerſten betrübt, machte Erneſt alsbald Anſtalt die Inſel zu verlaſſen, um endlich nach tagelangen Ab⸗ weſenheiten matt und erſchöpft der Ruhe pflegen zu können. Der laute gellende Schmerzensſchrei der Frau Smeth that ihm wehe, er konnte hier nichts mehr hel⸗ fen und er ſehnte ſich fort von den ſchmerzlichen Scenen. Außerdem mißſiel ihm die Manier der Mutter, ihrem erſchütterten Herzen durch Anklagen Luft zu machen. „Hätte ich doch nie mein Kind den gewiſſenloſen Aerzten anvertraut!“ ſchrie ſie mit den Blicken einer Furie. Erneſt bemitleidete dieſe Verirrung ihres Schmerzes. Weniger nachſichtig jedoch beurtheilte er das Raſen des Bräutigams, der mit der Braut zugleich eine Ausſicht auf eine hübſche Verſorgung verlor. „Wer hatte ſich darum zu kümmern, daß Doris, der liebe Engel, hinkte?— Wenn es dem Doctor nicht beifiel, ſich in das liebe Göhr zu vergaffen, ſo lebte ſie heute noch— aber, als er merkte, daß es ihm nicht half, da hat er ihr Gift eingerührt;“ rief der Burſche im Nebenzimmer ſchluchzend, wie ein Knabe. Ein bitteres Lächeln verunſtaltete momeman des Arztes Geſicht. Raſch trat er zu dem undankbaren Menſchen, der am beſten wußte, wie er Wind und Wetter, Donner und Blitz nicht geſcheuet hatte, um zu helfen. „Ihr Verluſt iſt groß, Berch,“ ſprach er dumpf, „allein Sie dürfen nicht vergeſſen, daß es wenig Dank⸗ barkeit verräth, wenn Sie mich in Ihrem Schmerze beleidigen.“ „Nanu— Dankhbarkeit!“ fuhr Herr Willi brutal auf und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch.„Der Teufel ſei Ihnen dankbar! Solch' einen Engel hinge⸗ bracht zu haben! Sagten Sie has von Dankbarkeit? Wir werden Ihnen ein anderes Liedchen ſingen. Le⸗ bendig kommen Sie nicht von der Inſel, wiſſen Sie's?“ 8 Der Doctor wendete ihm verächtlich den Rücken und packte ſeine Sachen zuſammen. Willi ſprang auf und ſtürzte wie ein Wahnſin⸗ niger zum Hauſe hinaus, den Deichwall entlang und zum Landungsplatz hinunter. Gleichgültig gemacht durch das innedle Benehmen 117 von Leuten, die eines Tages einen Gott in ihm ge⸗ ſehen hatten, entfernte ſich Erneſt ebenfalls. Vor dem Hauſe ſtanden, in geringer Entfernung, Gruppen von Neugierigen, die aus Willi's Worten, womit er bei ihnen vorübergeflogen war, Haß und Ab⸗ ſcheu eingeſogen hatten. „Er hat ſie gemordet— er hat ſie vergiftet!“ murrten Einige. Die Andern ſperrten nur verwun⸗ derungsvoll die Augen auf. Kein Einziger unter dieſen Leuten erinnerte ſich des Jubels, womit ſie den Doctor damals begleitet und ihm ein„Hurrah“ gebracht hatten.. Der Doctor muſterte ſie ruhig mit den Augen und ging grüßend bei ihnen vorüber. Still und geräuſchlos, wie bei einem Leichenzuge, ſchloſſen die Gruppen ſich zu einem Gefolge und ſchritten, dicht hinter ihm bleibend, dem Strande zu. Hier ſtand Willi in drohender Stellung. Neben ihm der alte Vetter Smeth, der ſich eben verſtohlen die Augen trocknete und dabei murmelte:„Ein Hunds⸗ fott, der ihn überfährt!“ Bei ſeinem Anblick fiel dem Doctor die furchtbare Gewitternacht ein, wo er des armen geſtorbenen Mädchens wegen, ſein Leben eingeſetzt hatte. Sein Herz füllte ſich mit wohlwollender Rührung als er ſah, wie hart und ſtumm der Matroſe unter ſeinem Schmerze daſtand, ohne ihn bekämpfen zu können. Er reichte ihm die Hand. Der Alte wies ſie zornig zurück. „Wer hätte das gedacht, als wir damals unter dem furchtbarſten Unwetter herfuhren und neuer Hoff⸗ nungen voll, im vollen Sonnenſcheine zurückſchifften—“ ſprach der junge Mann milde und gut, obwohl ihm hinlänglich klar wurde, daß der Alte von Willi's Denkungsart angeſteckt war. „Jawoll!“ entgegnete Smeth mit Doppelſinn, in⸗ dem er hämiſch grinſend ihm den Rücken zuwendete und am Strand entlang ſchritt. „Fahren Sie mich über—“ rief der Doctor befehlend ihm nach. 3 „Denk nicht d'ran!“ war ſeine Antwort. „Nun, ſo wird es ein Anderer thun!“ meinte der Doctor ſich umſehend. Keine Hand und kein Mund rührte ſich ihm zu willfahren. Jetzt flammte Unwillen aus den ſtolzen Augen des jungen Mannes und er richtete ſich mit drohenden Mienen hoch empor.. „Habt Ihr's gehört— es ſoll mich Jemand 119 überfahren!“ herrſchte er die Männer an, die in dem Haufen der Neugierigen zu ſehen waren. Willi Berch nickte frech und ſchadenfroh mit dem Kopfe: „Pflanzen Sie nur auf— es fleckt nicht“)! Hier geblieben— Sie ſollen ſterben lernen!“ Der Doctor ſah ihn groß an. „Menſch— hat Euch der Schmerz wahnſinnig gemacht?“ fragte er ganz ruhig.— „Beinah, und Sie tragen die Schuld! Aber wir wollen's reichlich vergelten! Wir thun nur, wie Sie! Langſam, aber ſicher! Doris hat's müſſen durchmachen, können es auch— Platz iſt da zum Sterben— wir legen nicht eine Hand an— Sie können es allein abmachen—“. Der Doctor begriff ihn nicht. Sollte der ver⸗ rückte Burſche damit meinen, daß er hier am Strande verhungern müßte—? Es war doch undenkbar! „Macht mich nicht böſe,“ begann er wieder mit würdiger Ruhe.„Wenn Ihr Euch weigert mich über⸗ zufahren, ſo verfallt Ihr dem Geſetze—. Ich muß hinüber— wer von Euch fährt mich?“ “) Aufpflanzen= vornehm thun. Es fleckt nicht= es hilft nicht.. ——— 120 Keine Antwort. Der alte Matroſe Smeth hatte ſich auf eine Jolle gehockt und baumelte mit den Beinen. „Alter Mann— Ihr ſeid hoffentlich vernünftig und ſeht ein, welcher Verantwortung Ihr Euch aus⸗ ſetzt—“ rief der Doctor ihm zu.„Macht ein Ende und ſchiebt das Boot heran!“ „Denk nicht d'ran!“ rief der Alte eben ſo lako⸗ niſch wie vorher. „Wer iſt hier Ortsvorſteher?—“ fragte nun der Doctor mit ſchnellem Entſchluſſe. Willi ſchnippte mit dem Finger.„Bange machen gilt nicht.— Wir brauchen keinen Ortsvorſteher und haben dernon Ortsvorſteher— wir richten ſelbſt und Sie ſind gerichtet— übergefahren werden Sie nicht—!“ „Pfui über den erbärmlichen Menſchen!“ rief Erneſt von den Flammen ſeines Zornes überwältigt— „Pfui über die, welche wiſſen, wie ich zu jeder Stunde bereit war, zu Hülfe zu kommen, wie ich den Gewitter⸗ ſturm nicht ſcheuete—“ „Konnten gerne wegbleiben, dann lebte mein Göhr noch,“ unterbrach ihn Willi mit Heulen und Verzweiflungsgrimmaſſen. Wenn der Naturzuſtand des menſchlichen derzens 121 ſolche Auswüchſe hervorzubringen im Stande war, ſo verlangte Erneſt, der phantaſtiſche Philanthrop keine weitere Verkündigung innerlicher Anſchauungen. Die unredliche Undankbarkeit des jungen Burſchen ſchlug ihm tiefe Wunden, allein dies verharſchten unter dem Zorne, den er zu unterdrücken verſtand, ſogleich, und ſeine ganze Reihenfolge von idealen Bolksgefühlen tauchte in dem Schlamme der niedrigen Geſinnung unter, womit dieſe Menſchen Rache für einen Tod nehmen wollten, der ihn ſelbſt ſo tief betrübte. Der Strand füllte ſich nach und nach immer mehr. Greiſe Männer mit weiſen Mienen kamen heran, än⸗ derten aber die Volksmeinung durchaus nicht. „Geſchieht ſchon recht—“ ſprachen ſie.„Wer hieß dem Mann herzu kommen. Mag er ſeine Naſe⸗ anderwärts hinhalten— wir hätten die Doris noch, wäre er drüben geblieben.— Geht'mal hin und hört die arme Mutter ſchreien—/ Es ſoll ihn kein Menſch über bringen— kein Menſch darf ihm Brot geben— warum hat er das liebe kleine Göhr gemordet— er konnt' ſie hinken laſſen— ſie war ihm nicht im Wege und der Willi hätt' ſie geheirathet!“ Was ſollte der Doctor auf ſolche lächerliche Reden antworten? Sein Herz empörte ſich, aber ſein Mund zuckte 8 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 122 nicht. Er waffnete ſich mit Geduld, indem er meinte, die Aufregung werde ſich ſchon legen und die Vernunft wieder zur Herrſchaft kommen. Stillſchweigend über⸗ legte er, ob er in's Dorf zurückkehren oder hier ruhig ausharren ſolle. Er entſchied ſich für das Letztere. Eine leiſe tröſtende Ahnung flüſterte ihm den Namen ſeiner Schweſter Konſtanze zu. Er war jetzt zwei Tage vom Hauſe eutfernt— vielleicht trieb ſie die Sorge um ihn zu dem Befehle an Hoop„hinüber zu den Inſeln zu fahren, um nach ihm zu fragen.“ Das erkannte er wohl, Bitten glitten an dieſer ſtarrſinnigen, kaltherzigen Rotte ab und es würde ihn entwürdigt haben ſie anzuwenden. Befehle galten gar nichts in dieſer kleinen Republik. Um ſich nicht lächer⸗ lich zu machen, verſchwendete er alſo kein Wort, ſon⸗ dern lehnte ſich ergebungsvoll, allen ſeinen ſtürmiſchen Regungen Stillſtand gebietend, gegen das Baumaterial, welches am Werfte aufgeſtapelt war. Es lag etwas Achtung gebietendes in ſeiner ernſten Ruhe, das der Rotte imponirte und ſie von weitern Kränkungen ab⸗ hielt. Für den unbetheiligten Zuſchauer aber mußte es lächerlich ſein, die Regungsloſigkeit zu betrachten, womit die Leute am Strande aushielten und fortgeſetzt ihre Augen auf den Mann hefteten, den ſie in ihrer Macht hatten. 3A 123 Während der Zeit war die Sonne ganz hinabge⸗ ſunken, nur ein goldiger Reflex ruhete am Horizont und ſtreifte mit ſeinem Glanze das klare, ruhige Waſſer. Minute an Minute verging. Der Doctor rührte ſich nicht. Seine Blicke hingen an dem weithin ausgedehn⸗ ten Strande, worauf die Stadt mit ihren dicht daran ſchließenden Nachbarörtern lag und ſein Geiſt durchflog die Erfahrungen der letzten Vergangenheit. Wie viele Irrthümer traten ihm aus dieſen Be⸗ trachtungen entgegen. Er fühlte ſich gedemüthigt. Wo er Kronen des Verdienſtes durch eigenen Werth zu erringen geglaubt hatte, da fielen ihm die Dornen der Mißdeutung und Verkennung zu. Wo er mit der Entſchloſſenheit eines ernſten Willens nur die Opfer ſeines Berufes bekämpfen zu müſſen glaubte, da erntete er für ſeine Hülfsbereitwilligkeit Hohn ein. Was wartete ſeiner, wenn die Nacht hereinbrach? Würden die albernen Menſchen die Ruhe des Schlummers opfern, um hier ſtehen zu bleiben und ihn mit der dummen Gleichmüthigkeit ihres Naturells zu betrachten? „Bleibt nur!“ dachte er triumphirend,„Ihr ſollt mich nicht ermatten ſehen!“ Endlich rückte die Zeit heran, wo die Leute gern am Heerde ſaßen und die müden Glieder durch Ruhe 35 und gute, derbe Koſt ſtärkten. Die Gruppen lichteten ſich. Viele eilten nach Hauſe, nahmen einige Biſſen und kehrten, Brot und Fiſche in den Händen, zurück zum Strande, wo zu ihrer Genugthuung ein Mann ſtand, der gegen ſeinen Willen hier bleiben mußte. Sie wurden es nicht müde, ihn ſtehen zu ſehen, ſowie ſie es einſtmals nicht müde geworden waren„Hurrah“ zu ſchreien ihm zur Ehre. Die Erbärmlichkeit einer Menſchennatur konnte ſich gar nicht deutlicher kund ge⸗ ben, als in dieſem wetterwendiſchen Benehmen des Inſelvolkes. Wiederum war eine Stunde im trägen Laufe da⸗ hingeſchwunden, ohne die geringſte Veränderung in Erneſt's Lage zu bringen. Seine Energie hielt ihn aufrecht, ſtumm der abſcheulichen Verhöhnung zu trotzen und abzuwarten, wie dies kleinliche Spiel enden werde. 68 Zuerſt verliefen ſich mit dem Einbruche der Nacht die Kinder und die Frauen. Sie wurden es ſatt zu ſtehen, als die Stunde zum Schlafen heranrückte. Dann ſchlichen widerſtrebend die Alten heim. Was ſollten ſie noch am Strande, wo der Schleier der Dunkelheit den Gegenſtand ihrer Betrachtung zu ver⸗ hüllen begann. 3 Auch Willi ſchlich fort. Er wollte ſeinen Gram 125 verſchlafen. Der alte Smeth baumelte aber ſtandhaft mit den Beinen und kauete ſeinen Tabak. Dichte Finſterniß lagerte nun auf der Erde. Die letzten Weiber verließen den Strand in der Hoffnung, das Opfer ihrer ſonderbaren Volksjuſtiz morgen an demſelben Flecke zu finden. Sie beeilten ſich, noch der Mutter Smeth zum„Troſte“, dieſe Verſicherung aus⸗ zuſprechen, als ſie an dem Trauerhauſe vorübergingen, und ſchlüpften dann frierend in ihre Koje, um von ih⸗ rem Triumphe über„den ſchändlichen Doctor“ zu träumen. So wie ſich Erneſt mit dem alten Smeth allein fand, änderte er ſeine ſtatuenhafte Stellung, zog die Uhr und ließ ſie repetiren. Es war neun Uhr funf⸗ zehn Minuten. „Hören Sie, alter Mann,“ begann er gelaſſen und mit dem Ausdrucke ungeſtörter Seelenruhe,„jetzt bin ich der Komödie ſatt und frage Sie in aller Güte und mit Vertrauen auf ihre Vernunft, ob ſie mich binnen hier und ſobald als möglich überſetzen wollen?“ „Denk nicht dran!“ erwiderte Smeth hart⸗ näckig. „Sie laden eine ſchwere Verantwortung auf ſich, mein guter Freund,“ ſetzte der Doctor ganz unverän⸗ dert freundlich hinzu.„Wiſſen Sie, daß Sie ſtrafbar netnelset eeebe ſind, wenn Sie wider meinen Willen mich hier zurück⸗ halten?“ „Wo ſteht das?“ fragte der Alte kichernd.„Den möcht' ich ſehen, der mich zwingt, mein Bugſpriet in's Waſſer zu bringen!“ Erneſt fühlte, daß er Recht hatte. Seine Bruſt hob ſich unter der Ungeduld, aus einer Situation zu kommen, die ihn lächerlich zu machen drohte, wenn er am nächſten Morgen noch auf demſelben Flecke vorge⸗ funden und durch Hunger und Durſt zu Bitten ge⸗ zwungen werden würde. Er beſchloß zu verſuchen, ob er den Mann nicht durch Ueberzeugung dahin bringen könnte, von ſeinem Vorſatze abzuſtehen. Die Hoffnung auf Hülfe von drüben her, war mit dem Einbrechen der Nacht verſchwunden.. „Haben Sie wohl bedacht, wohin zuletzt Ihr Widerſtand führen wird?“ fragte er, gute Laune heuchelnd. „Hab's reichlich bedacht—“ „Sie machen ſich nur lächerlich! Denn wenn ich heute nicht komme, ſo wird morgen ein Boot von drüben mich holen.“ „Abwarten!“ 8 „Oder haben Sie im Sinne, kein Boot landen zu laſſen?“ 127 „Hat Niemand hier was zu ſuchen!“ „Ach ſo—“ rief der Doctor lachend.„Sie wollen Krieg meinetwegen führen!„Hören Sie, alter Freund, ſein Sie vernünftig und fahren Sie mich ſtill über—. Mein Wort darauf, daß man Sie zwingen wird, mich fort zu laſſen.“ „Wer denn? Zwingen? Das wäre der Kukuk, wenm's einmal geſagt iſt: ein Hundsfott, der ihn über⸗ fährt.“ Der Doctor horchte geſpannt hoch auf. Sollten wirklich die Landesvorſchriften dergeſtalt zu Gunſten dieſes Völkchens feſt ſtehen, daß ſolche Maßregeln ih⸗ rerſeits möglich waren. Ihm wurde unbehaglich zu Muthe. Es ſchien ihm jetzt beinahe ein Verbrechen im Werke zu ſein, das ſonderbarerweiſe nur auf Unter⸗ laſſungsſünden beruhen würde. Er überdachte die Un⸗ möglichkeit, Nachricht überkommen zu laſſen, wenn die Inſelbewohner ſein Dortſein zu verleugnen frech genug waren. Schon jetzt plagte ihn der Hunger und Er⸗ ſchöpfung raubte ihm die körperliche Feſtigkeit— wie ſollte das werden, wenn ihm jede Labung verweigert würde? Aber er konnte ſich ein ſolches Verfahren nicht denken, er konnte es nicht glaublich finden, einen Menſchen, der ſich willig und hülfbereit hieher begeben hatte, angeſichts einer großen civiliſirten Bevölkerung 2 ſolchem Ungemach preiszugeben. Freilich, den Verſuch dazu hatten ſie conſequent genug begonnen, und der heute bewieſenen ſtörriſchen Geſinnung nach zu urthei⸗ len, mußte er ſich auf ſchwere Kämpfe bereit machen. „Alſo zwingen kann Euch Niemand hier zu Lande!“ begann er wieder nachdem er die Hülfloſigkeit ſeiner Lage näher in'’s Auge gefaßt hatte.„Nun, ſo will ich Sie bitten, Freund Smeth, will Sie herzlich bitten, mir den Liebesdienſt zu erweiſen und zwar gegen eine bedeutende Belohnung.“ „Es wär’ Meuterei—“ brummte der Alte, in⸗ dem er aufſtand und ſich die ſteif gewordenen Glieder gelenkig machte.„Schmeißen Sie Ihre Worte nicht weg—p“ „Ich biete Ihnen hundert Mark, Smeth!“ „Egal—! Ein Hundsfott, der Sie überfährt!“ „Ich verdoppele die Summe! Und ich mahne Sie an jene Nacht, wo ich mein Leben wagte, um zu der kranken Doris zu eilen. Iſt Euer jetziges Betragen wohl ein Dank für meine Bereitwilligkeit?“ „Gift in der Taſche!“ brummte der Matroſe. „Gift? Wer hat Euch denn ſolche Thorheiten in den Kopf geſetzt?“ fragte der Doctor mitleidig lächelnd. „Sagt nur, was Euch plötzlich den Kopf deidrehi hat⸗ Gift?“ 129 „Schmelzer ſagt Opium!“ „Wer iſt Schmelzer?“ forſchte der Doctor. „Barbier! Muß es verſtehen!“ Jetzt endlich ging dem jungen Arzte ein Licht auf über den ganzen Hergang, aber es war eben nicht ge⸗ eignet, ſeine Hoffnung auf Erlöſung zu ſteigern. Wenn ſich die Barbierweisheit auf die Analyſe der verſchiedenartigen Subſtanzen eingelaſſen hatte, die Erneſt zur Abwendung der gefahrdrohenden Starrſucht anzuwenden gezwungen war, ſo mußte es ihm ein Leich⸗ tes geweſen ſein, die Herzen der einfältigen Menſchen mit Argwohn gegen ihn zu erfüllen. „Smeth, ich ſchwöre Ihnen zu, daß der Barbier es nicht verſteht,“ ſprach der Doctor mit verſtärktem Ei⸗ fer.„Nehmen Sie einmal Ihren Verſtand zu Hülfe und ſagen Sie mir, weshalb ich wohl einem ſo guten, lieben Mädchen Arzeneien reichen ſollte, die ihr ſchaden konnten.“ „Eiferſucht—“ murmelte der Matroſe. Ein heißes Roth der Beſchämung überlief Erneſt's Geſicht. Gut, daß die Finſterniß dieſe Herzensver⸗ rätherei verdeckte. Man hatte alſo ſeine Abſichten durch⸗ ſchauet und glaubte ihn fähig zu Frevelthaten. Stumm ſah er eine Weile über das Waſſer hin⸗ weg. Welch' eine wunderbare Kette von Zufällen ent⸗ deckte plötzlich ſein innerer Blick, als er die Ereigniſſe überſchauete, welche ihn ſeit Kurzem in Zwieſpalt mit ſeinen früherhin ſo baumfeſt ſtehenden Principien ge⸗ bracht hatten. Wovon wußten aber dieſe Leute ſein Lebensgeheimniß, wer hatte es aus ſeiner Bruſt heraus⸗ geleſen, was er im vermeſſenen Knabenglauben beab⸗ ſichtigte?— Gehörte nicht eine Sehergabe dazu, um zu errathen was er Unkluges geträumt hatte? Er fühlte ſich unfähig dem Worte„ Eiferſucht“ die nothwendige Entgegnung zu geben, deshalb begnügte er ſich mit dem Ausrufe: 8 „Welche thörichte Beſchuldigungen!“ Der Matroſe ließ ihm auch ein wenig Zeit zu fernern Redensarten. Er reckte ſich, gähnte ſehr un⸗ genirt und tappte dann hörbar nach dem Werfte hin, der ſich bis zur Spitze der Inſel hinzog. „Er will mich meinem Gewiſſen überlaſſen,“ murmelte der Doctor. „Wohin mag er gehen?“ Noch immer hörte er das ungeſchickte Auftreten, das den alten Seemann verrieth, bis es ſich endlich in ein Raſcheln von Holzſpänen verlor und ganz verhallte. „Eine ſündhafte Unbarmherzigkeit!“ flüſterte der Verlaſſene.„Sind das Menſchen aus dem Jahrhun⸗ derte der Erfindungen und forcirten Cultur? Wilde, 131 rohe und amphibienartige Geſchöpfe ſind es— o Kon⸗ ſtanze— wie ſehr Recht haſt du mit deiner Meinung über den Volkscharakter!“ Erneſt begann haſtig hin und her zu ſchreiten, weil ihn die Nachtkälte incommodirte. Er hatte nichts als einen leichten Ueberzieher bei ſich, den er über den Sommeranzug zu tragen pflegte. Der Wind blies ſanft, aber doch kalt über das Waſſer her und ſchaukelte die Jollen und Böte mit leiſem Geplätſcher hin und her. Verſuchsweiſe trat Erneſt an die Fahrzeuge. Ein Gedanke an die Möglichkeit darin fortzukommen, wenn auch nicht hinüber zum gegenſeitigen Ufer, durchfuhr ſein Gehirn. Aber ſie waren alle feſt angeſchloſſen und die Dunkelheit wurde ſo ſtark, daß wahrſcheinlich die größte Kunſt dazu gehört hätte, überzufahren. „Könnte ich ſchwimmen!“ murmelte der Doctor ärgerlich und ging wieder hin und her. Eben hatte er ſich dem Deichwalle auf einige Schritte genähert und ſehnſüchtig nach den hübſchen Häuſerchen hinaufgeſchauet, woraus ihn der Volkswahn⸗ ſinn mit tiefer gehäſſiger Verachtung verbannt hielt, als eine Geſtalt aus dem Ufergeſtrüpp auftauchte, ſich ſehr ſchnell gegen ihn bewegte und, bei ihm angelangt, haſtig ſeinen Arm faßte. Ohne einen Laut von ſich zu geben, zog ihn dies unerkennbare Weſen ſanft vorwärts zwiſchen die Weiden und führte ihn ſicher und gewandt eine lange, lange Strecke abwärts bis zu einem freien Platze, der ſich von dem Walle hinab, einer Landzunge ähnlich, in den Strom hinein erſtreckte. Hier hielt die Geſtalt an und ſtüſterte, dicht zum Ohre des ganz er⸗ ſtaunten Doctors geneigt, einige Worte, worauf dieſer ohne Weiteres es duldete, daß ihm ein Tau um die Taille geſchlungen wurde. Jetzt patſchte die Geſtalt tapfer in's Waſſer, den Doctor am Tau hinter ſich herziehend. Es kam ihnen nicht höher als über die Knöchel, aber es währte mehrere Minuten bevor dieſer Waſſerſpaziergang geendet war. Der unbekannte Führer mußte ſehr bekannt mit dem Terrain ſein, denn er ſchritt ſo ſicher dahin, als hätte er einen ausgetretenen Fuß⸗ pfad vor ſich. Sie blieben übrigens immer in der Nähe der Inſel und Erneſt hätte zuweilen mit der Hand das Geſträuch faſſen können. Endlich hielt der Führer an und ließ ein ganz leiſes Pfeifen hören. Sofort klatſchte ein Ruder in's Waſſer und Erneſt ſah zu ſeiner unausſprechlichen Freude den Kiel eines Bootes vor ſich, welches eine zweite Geſtalt beherbergte. Ar Noch eine Secunde und er ſaß geborgen darin. Eben ſo ſchweigſam, wie früher, deutete der Führer ihm an, ſeine durchnäßten Stiefel abzuziehen und der 133 Mann, welcher noch im Boote war, reichte ihm mit jener geſchäftskundigen Eile, die den eingeſchulten Be⸗ dienten verräth, trockene Fußbekleidung und warme Hüllen. Er gebrauchte ſie, denn es brach nun ein ſo gewaltiger Froſt über ihn herein, daß er im eigent⸗ lichſten Sinne des Wortes mit den Zähnen klapperte. An ſeinen Bewegungen erkannte der Doctor ſeinen Diener jetzt eben ſo leicht, wie er vorher ſchon den treuen Lootſen Hoop erkannt hatte, der ſein Boot ganz gemächlich ſtromab treiben ließ, bis ſie ſich Blankeneſe gegenüber fanden. Hier erſt löſete der Lootſe das Siegel ſeines Mundes. „Jetzt haben ſie das Nachſehen—“ ſprach er vergnügt.„Das iſt ein Teufelsvolk!“ „Gott ſei Dank—“ rief nun auch der Diener. „Habe ich eine Angſt gehabt!“ „Aber Menſchenkinder,“ erwiderte der Doctor aufathmend,„war denn dieſe Heimlichkeitsprocedur nothwendig?“ „Vielleicht nicht nothwendig, lieber Herr, aber rathſam,“ erklärte der Lootſe.„Ich merkte es ſchon geſtern, daß drüben etwas gebrütet wurde, allein ich wollte nicht voreilig mit meinem guten Rathe ſein. Es konnte auch nichts helfen, wenn ich hinüber kam, die 134 Rackers hätten mich vertrieben. Darum ließ ich ſie ſicher werden.“ „Sie ſcheinen die Manöver dieſer Volksſouveräne⸗ tät ſchon zu kennen?“ fragte der Doctor mit Spannung. „Geſchieht ſo etwas öfter? Und gibt es kein Mittel, dieſem Unweſen zu ſteuern?“ „Es möchte ſchwer ſein, lieber Herr,“ meinte der Lootſe.„Es ſind alte Volksmeinungen, die ſie als ihr Recht anſehen. Oft kommt es nicht vor. Die Leute hüten ſich vor dem Verkehr mit ihnen und ſeit ſie vor Jahren einmal einen Advocaten dwuazenmneentden wie ſie es nennen, der im Auftrage eines Gläubigers ein Häuschen verkauft hatte, haben ſie es nicht wieder gethan.“ „Iſt denn der Advocat wirklich verhungert?“ fragte der Diener ganz beklommen. „Jenu— nein! Aber der Mann hatte ſich den Tod an den Hals geärgert über die nichtswürdige Hals⸗ ſtarrigkeit, womit ſie ihm die Ueberfahrt verweigerten.“ „Da habe ich es beſſer gemacht,“ lachte der Doctor ſelbſtzufrieden dazwiſchen.„Mir ſchien es gleich, als erwarteten die Leutchen eine Art Komödie, die natürlich mit der Niederlage desjenigen enden mußte, der hülflos ihrer niederträchtigen Rohheit überantwortet war; des⸗ halb befahl ich ihnen zuerſt mich überzufahren, dann 7 135 machte ich ihnen Vorſtellungen über ihre ſchändliche Undankbarkeit und als ich das Nutzloſe derſelben er⸗ kannte, verlor ich nicht ein Wort weiter, ſondern hoffte auf meine Schweſter und auf Sie, lieber Hoop.“ „Es freut mich, daß Sie im Boote ſind—“ meinte der Lootſe mit mehr Wichtigkeit, als der Doctor erwartete.„Wir ſahen Sie beim letzten Tagesſchimmer, von der Mühle in Neumühl aus, durch ein gutes Fern⸗ rohr am Strande ſtehen und ich bat nur den Himmel, daß Sie dort bleiben möchten. Ihr Diener brachte mir die Sachen für Sie und er erbot ſich, mich zu begleiten. Das war mir recht. Er konnte das Boot flott im Waſſer halten, während ich hinſchlich, Sie zu holen. Hätten ſie uns geſehen, würden ſie uns geſteinigt ha⸗ ben— ich kenne das! Ich habe ſeit neun Uhr in den Weiden gelegen und gelauert. Nun bitt' ich um Eines — ſagen Sie nie, wie Sie fortgekommen ſind! Die Leute dürfen es nicht erfahren, daß ich Sie geholt habe— reden Sie gelegentlich aus, Sie hätten ein Schiff angerufen oder was Sie ſonſt ſagen wollen, nur laſſen Sie mich davon, ja?“ Der Doctor überzeugte ſich endlich, daß ſeine Lage wirklich nicht ganz ohne Gefahr geweſen war. Wenn ſich die Verbrüderung dieſer Waſſerfahrer ſo weit er⸗ ſtreckte, daß ſogar redliche Männer anſtanden, ihrem 136 Rechtsgefühle unbedingt zu folgen, dann hätte er aller⸗ dings, ſogar innerhalb der Grenzen geſetzlicher Macht, unterliegen können. Und unter dieſem Volke, das ihm das Ideal naturgemäßer Kraft und Unverdorbenheit zu verwirklichen ſchien, hatte er ſich anſiedeln, mit dieſem Volke hatte er ſich verbrüdern wollen, um es geiſtig zu ſich heranzubilden? Hoop ruderte direct über den Strom und hielt ſich dann nach dem Strande bis nach Altona hinauf. Dort legte er an. Der Doctor verließ mit ſeinem Diener das Boot und verfügte ſich durch die Vorſtadt St. Pauli zu dem Milternthore, wo ſie nach Erlegung der Einlaßſteuer ungehindert einpaſſirten und kurz vor Mitternacht endlich das Haus erreichten. Konſtanze hatte ſie mit fieberhafter Spannung er⸗ wartet. Ohne von der eigentlichen Beſchaffenheit des Un⸗ gemaches, womit die böswillige Undankbarkeit ſeiner Inſelfreunde ihren Bruder bedrohet hatte, unterrichtet zu ſein, war ſie doch einer unbehaglichen Ahnung un⸗ terworfen geweſen, die aus den Anordnungen des alten, bewährten Bootsführers entſprangen. Als ſie ihren Bruder wohlbehalten vor ſich ſtehen ſah, da überließ ſie ſich mit triumphirender Miene der Freude, ihn durch die Maßregeln ſeiner Volksfreunde 137 bedeutend abgekühlt zu ſehen, und ſie vertagte nur aus Rückſicht auf ſeine wirklich vorhandene körperliche Er⸗ ſchöpfung die Fragen nach den gewonnenen Reſultaten ſeiner Erfahrungen. Allein er entging denſelben nicht, als er am nächſten Morgen mit ihr frühſtückte. Sie begann ſogleich ihr Examen damit, ob er nun den Glanz der Romantik, mit dem er den Volkscharakter verherr⸗ licht habe, durchſchaue und zu der Erkenntniß gekommen ſei, daß nur eine vorgeſchrittene Bildung dem innerſten Menſchenkerne eine genießbare Bedeutung verleihe. Ernſt lächelte über ihren Eifer und gab zu, ſich, nach dieſer Probe naturwüchſiger Gefühls⸗ und Ge⸗ müthselemente, keineswegs von der allgemeinen Volks⸗ urſprünglichkeit angezogen zu fühlen. „Ich habe die Ünhaltbarkeit meiner Idee längſt eingeſehen,“ fügte er mit einiger Beſchämung hinzu, nallein ich würde mannhaft noch einige Zeit mit meiner eigenen Unzufriedenheit gekämpft haben, um meine Lebens⸗ principien einer vollſtändigen Reviſion zu unterwerfen. Dieſer Kampf wird mir durch den geſtrigen Auftritt ſehr erleichtert. Ich fühle mich durch die Veränder⸗ lichkeit der Volksgunſt geheilt und betrachte mich als entlaſſen aus einer Anſtalt, wo ich krankhafter Vorliebe wegen geweilt hatte. Die Bande meiner Sympathie ſind nicht gelöſt, ſondern zerriſſen durch den Verrath 9 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 138 einer ganzen Corporation. Der einzelnen Böswilligkeit hätte ich widerſtrebt, aber daß ſich eine zuſammen⸗ gefügte Volksmaſſe von verſchiedenartigen Charakteren, unter der Leitung eines habſüchtigen und egoiſtiſchen Menſchen von zweifelhaftem Werthe und unzulänglicher Beurtheilungskraft zu ſolchen Schritten verführen ließ, die die Wohlfahrt eines ſonſt von ihnen anerkannten Mannes gefährdete, das ſtellt allerdings ihre Geſin⸗ nunguntüchtigkeit eclatant heraus.“ „Und es wird Dich hoffentlich dieſe Erfahrung von jedem Verſuche abhalten, Dein Aſyl zwiſchen ihnen zu ſuchen?“ fragte Konſtanze etwas haſtig. „Ja!“ antwortete Erneſt offen und ehrlich.„Ich erkläre mich jetzt füj Deine Lehre, daß man von un⸗ ſerm Standpunkte aus niemals zwiſchen dieſen Leuten glücklich leben kann, ſondern nur wohlthätig wirken wird, wenn man über ihnen ſteht, unabhängig und von der Kraft des Geſetzes beſchützt!“ Konſtanze reichte ihm die Hand.„Wenn doch alle die Männer, die ſich mit dem großen Werke der Volksverbrüderung und Volksveredlung bemühen, ein⸗ ſehen wollten, daß die Willkür roher Naturen ihre eigene Strafe ſein wird, wenn die Macht in deren Hände kommt. Wenn ſie doch ſichten wollten, auf welchen Grundlagen ihre Humanität und Philanthropie . 139 beruht, wie viel von ihren Illuſionen durch Eitelkeit erzeugt iſt, welche ſich in der ſtürmiſchen Anbetung des Volkshaufens wohlgefällt. Glaube mir, mein lieber Bruder, die Beglückungsſyſtente, worin ſich gerade die⸗ jenigen am meiſten hineinleben, welche von Ehrgeiz getrieben, den Beifall der Welt nöthig haben, ſcheitern ſtets mehr zum Nachtheil des Beglückers als der Be⸗ glückten. Der Wohlthäter trägt ein wundes Herz aus dem Kampfe, während das Volk die mislungenen Ver⸗ ſuche bekrittelt, verlacht und verhöhnt.“ „Du biſt Ariſtokratin von Kopf bis zum Fuße,“ ſcherzte Erneſt, etwas trübſinniger als ſonſt blickend, denn er konnte es ſich nicht verhehlen, daß nach der eingetretenen Kataſtrophe eine große Leere um ihn ent⸗ ſtehen würde.„Deine Grundſätze wurzeln in dem Vorzuge der Geburt, die uns willkürlich und zufällig über die Menge emporhebt.“— „Nicht ganz, Erneſt,“ unterbrach ihn Konſtanze. „Ich würde den Mann verachten können, welcher ſich, ausgeſtattet mit geiſtigen Fähigkeiten, ganz harmlos und gemächlich auf dem Landſitz ſeiner Väter niederläßt und ſchläfrig das Ende ſeiner Tage erwartet. Nein, ich verlange ebenfalls, wie Du ſelbſt, die Urſprünglichkeit des Menſchencharakters, der emporſieht und emporſtrebt zu den Höhen, die in jedem Berufe zu erklimmen ſind, aber 9* —— 140. ich ſtehe davon ab, in die Tiefe zu ſteigen, um deſto mehr klettern zu müſſen, wenn der Ruhm winkt. Jeder an ſeinem Platze. Das Talent im Volkskreiſe verdient meines Erachtens mehr Ehre als dasjenige, was der Sphäre der Bildung entſpringt. Die Kraft muß ge⸗ waltiger ſein, die es aufwärts ſchafft. Doch daß ein Mann, um das Volk zu ehren, in ſeine Schichten hin⸗ eintreten und dort, als ein Glanzſtern blendend, ſein Glück romanhaften Culturbeſtrebungen unterordnen will, das läuft allerdings gegen meine Grundſätze, die mit meiner Geburt entſtanden ſind. Erneſt ſtützte den Kopf in die Hand und blickte brütend vor ſich hin. Daß ſeine Schweſter ihm ſeinen Schiffbruch ſo eindringlich zu Gemüthe führte, verdroß ihn nicht, aber daß er einſehen mußte, ſich durch ſeine jugendliche Unklugheit in eine ſchiefe Lebenslage gebracht zu haben. Wie oft hatte ihn Konſtanze gewarnt! Wie vielfach ſeine Pläne angegriffen und ihm dargelegt, daß ſich ſolche Ideen nur in den Urwäldern Amerikas aus⸗ führen ließen. Sollte er jetzt plötzlich umkehren; um haltlos, getrieben von den Wellen des Weltlebens, fern von dem Hafen der Sicherheit und Ruhe, eine neue Bahn zu beginnen? Sollte er, ſeinen aufgeſtellten Maximen zuwider, als Arzt der übermüthigen Reichen auftreten, die ſich, von Genüſſen aller Art krank ge⸗ —— 141 macht, mißmüthig und anſpruchsvoll nur dann an den bezahlten Hausdoctor wenden, wenn ſie wieder geſund ſein wollen, um von neuem zu ſchwelgen? Sollte er der Freund und Berather hyſteriſcher Damen werden, nachdem er den edeln Zweck ſeines erwählten Berufes verkannt und verworfen geſehen hatte? Konſtanze fühlte ſehr gut, daß ſie in dieſer wo⸗ genden Stimmung mit ihren Geheimniſſen keine Stätte fand und ſo ſicher ſie den Plan zu recht offenherzig ſchweſterlichen Eröffnungen auch angelegt hatte, ſo ſchnell wich ſie davon ab, als ſie gewahrte, daß der Eindruck der gemachten Erfahrungen viel tiefer war, als ſie angenommen. Ihre Hoffnungsſegel, von günſtigen Ereigniſſen geſchwellt, verſprachen, ſie unter kluger Führung ihres Lebensſchiffes zu einem Eilande ſonniger Ruhe und Zufriedenheit zu bringen und ſie leitete vorſichtig auf dies Ziel ihrer Pläne zu. Nach dem Frühſtücke rüſtete ſich der Doctor zu dem gewöhnlichen Beſuche ſeiner Patienten. Eine dü⸗ ſtere, träge Langſamkeit in allen ſeinen Bewegungen verrieth den Zuſtand ſeines Gemüthes, indem er die Reihe derjenigen überdachte, die jetzt Rath, Troſt und Hülfe von ihm erwarteten, um ihn ſpäter nach erfolgter Geneſung oder nach fehlgeſchlagenen Hoffnungen mit 7 E* 142 beleidigendem Hohne zu belohnen. Seine Seele konnte ſich nicht zu dem Standpunkte aufſchwingen, der bis dahin ſeines Lebens Glanz ausgemacht hatte. Hier allein mußte der aufmerkſame Beobachter ſchon erkennen, daß ihm die ganz ſelbſtloſe Aufopferungsfähigkeit geſtört war und daß ſich ſeine„Jkarusflügel“ nicht wieder heilen laſſen würden. Sein Beruf war ihm verleidet. Sein Selbſtver⸗ trauen ſchien erſchüttert und ſein Gemüth begann ſich zu verbittern. Hätten pecuniäre Verhältniſſe ihn genö⸗ thigt, ſich in den Strudel ärztlicher Bemühungen zu werfen, ſo würde ſich, nach dem Verluſt der idealen Weltanſchauungen, in dem Erfolge ſeiner tüchtigen Leiſtungen ein Feld neuer Berufsanſtrengungen eröffnet haben, allein bei dem vorhandenen Zuſtande ſeiner Geldmittel drängte ihn nichts in den Kreis einer Thä⸗ tigkeit hinein, dem er plötzlich abhold wurde. In einer wachſenden Herzenskälte nahm er ſeinen erſten Weg an dieſem Morgen nach dem Fleete, wo er einen großen Theil der Falkwerder Bevölkerung zu finden erwarten konnte und er präparirte ſich im Stillen auf einen grimmerfüllten Empfang der Leute, die er um eine un⸗ würdige Rache betrogen hatte. Err irrte ſich. Nicht eine Spur von Verdruß lag in dem ernſten, nichtsſagenden Geſichte des alten 143 Matroſen Peter Smeth, welcher der Erſte war, der ihn ſah. Mit einer Neugier, die an Stupidität grenzte, glotzte ihn der alte wettergebräunte Menſch an und fragte ebenſo lakoniſch wie ſonſt: „Sind S' glücklich über?“ Der Doctor ſah ihn verwundert an.„Wie Sie ſe⸗ hen, Smeth,“ entgegnete er ſehr ernſthaft,„was meinen Sie wohl, wenn ich jetzt mein Recht verfolgte und Euch Alle zur Verantwortung zöge?“ Der Alte grinſte ein klein wenig, nahm bedächtig ſein„Primchen“ Kautabak aus dem Munde, ſpie tüchtig aus und fragte dann:„Als was denn?“ „Als boshafte und verleumderiſche Beleidiger—.“ „So? Thun S' doch! Wir haben die Leiche!“ Der Doctor fühlte ſich furchtbar erſchüttert durch dieſen Einwand, der ihm die Hartnäckigkeit einer Be⸗ ſchuldigung verrieth, die er nicht verdiente. „Smeth— alter Mann,“ rief er in der Em⸗ pörung ſeines Gemüthes,„Sie wiſſen es doch am beſten, wer mich in der Todesangſt ſeines aufgeregten Gewiſſens hinüber geholt hat, als Doris, mein armer, kleiner Liebling, vom Starrkrampfe befallen war! Sie wiſſen es doch, daß ich damals gezeigt habe, wie ſehr ernſt es mir um die Rettung dieſes jungen Lebens 144 war! Hat denn die Unvernunft dieſes Willi Berch alle Nachgedanken in Ihnen zerſtört, daß Sie nicht einſehen können, wer eigentlich ſchuld an Doris Tode iſt!“ Der Matroſe ſah wieder ſtumpfſinnig zu ihm auf. „Na nu?“ fragte er kalt. „Willi Berch iſt ſchuld!“ ſprach der Doctor mit feſtem Tone.„Geht hin und fragt alle Aerzte der Welt, ob nicht die Todesangſt des armen Mäd⸗ chens und ihre Erkältung auf dem Kerkwerder die Ur⸗ ſache geweſen, daß ſie in Starrkrampf verfallen iſt. Geht hin und forſcht, ob ich wahr rede—!“ „Und das Gift?“ fiel der Alte ein.„Schmelzer hat's geſagt!“ „Den Barbier Schmelzer werde ich verklagen!“ rief der Doctor drohend. Der Matroſe ließ ein leiſes Kichern hören, das dem jungen Manne wie ein Spott der Hölle vorkam. „Als wenn S' ihn hier hätten!“ ſprach er lang⸗ ſam ſich abwendend, um wieder an ſeine Arbeit zu gehen.„Was wir nicht wollen, thun wir nicht! Mein Boot iſt mein Boot! Ein Hundsfott wer ihn'nüber⸗ holt oder'nüberbringt! Schmelzer iſt unſer!“ Jetzt ſammelten ſich die Frauen von den Inſeln um den jungen Mann und ſtarrten ihm, wie es ſchien, 145 maaßlos erſtaunt ins Geſicht, ohne einen Laut von ſich zu geben. „Ich will es mit denen verſuchen,“ dachte der Doctor und ſprach einige Worte begrüßend zu ihnen. „Er iſt nüber—“ flüſterten ſie untereinander. „Wer mag ihn nüber gebracht haben?“ Weiter ſpra⸗ chen ſie nichts, ſondern blickten mit derſelben Seelen⸗ loſigkeit wie am Tage zuvor auf ihn hin. Ein Grauen erfaßte ihn. Waren das Menſchen? Hatte ihr Ge⸗ werbe dieſe gedankenloſe Herzensleere in ihnen erzeugt oder war es der Charakter dieſer Menſchenrace? „Was macht Frau Smeth?“ fragte er eilig, um nur etwas zu fragen und dann ſchnell das Weite zu ſuchen. „Sie weint reichlich,“ antwortete eine alte Frau im trockenſten Tone.„Was wird ſie ſagen, wenn ſie hört, daß Sie leben.“ Der Doctor lächelte bitter. „Habt Ihr gedacht, ich ſei todt?“ fragte er. „Jawoll!“ riefen ſie Alle, wie aus einem Munde. „Für dies Mal hat mich Gott noch erlöſet vom ſchmählichen Untergange,“ entgegnete der junge Mann ruhig,„und er wird diejenigen zu ſtrafen wiſſen, die mich beſchuldigen. Denkt an mich, wenn Gottes Ge⸗ richt Euch heimſuchen ſollte, wenn Ihr Euch in Noth 146 und Drangſal vergeblich nach einem Retter umſehet. Ich habe es gut mit Euch gemeint— Ihr aber habt mir ſchlecht vergolten!“ Raſch wendete er ſich und ſchritt die Straße hinab. Die Weiber ſahen ihm in gefühlloſer Ruhe nach und gingen dann gedankenlos ihrem Gewerbe nach, das ſie Tag ein, Tag aus beſchäftigte. Verſtimmt kam er nach Hauſe. Konſtanze erfuhr ſeinen Beſuch am Fleet nicht, weil er dieſe Wunde zur Ableitung aller Rückfälle in ſeine„Volkskrankheit“ offen erhalten wollte. Er hegte von nun an einen tiefen Abſcheu gegen Alles, was ihm eine Erinnerung an dieſe Epiſode ſeines Lebens brachte, und der Tropfen der Empfindlichkeit, der fortgeſetzt auf den Fleck fiel, wo er in allen ſeinen Gefühlen und Schwächen ſo un⸗ heilbar verletzt war, unterhöhlte ſicherer das Luftgebilde ſeiner Jugendträumereien als alle Vorſtellungen. Während er, unachtſamer als ſonſt gegen die glücklichere Laune Konſtanzens, ſeinen Kampf ſtill und heldenmüthig durchmachte, bereitete ſich um ſeine Schwe⸗ ſter auch etwas, was ſie ihrer Beſtimmung näher führte. 4 Sie belauſchte mit ſtets wachem Intereſſe die Stimmung ihres Bruders, um zu erfahren, ob die mo⸗ mentane Niederlage wohl im Stande ſei, eine radicale 147 Heilung von ſeinen lange gepflegten Vorſätzen herbeizu⸗ führen. Sie übereilte nichts, ſondern wartete ruhig darauf, was für Sprößlinge jetzt aus den ſteckengeblie⸗ benen Wurzeln ſeiner Weltanſichten aufſchlagen würden. Trotz der liebevollſten Schätzung ſeiner Vorzüge konnte ſie es ſich nicht verhehlen, daß ſeine Eitelkeit ihn in dieß Unglück geſtürzt, ihm dieſe Wunden geſchlagen habe, aber ſie überließ ihn getroſt der Zeit welche ſolche Wunden heilt und ſie zur Quelle des richtigen Ehrgeizes macht. Vor allen Dingen war es ihr lieb zu bemerken, daß er ſeinen Beruf weit kaltblütiger übte als früher, daß er ſein Intereſſe daran beſchränkte und ſich mehr mit Studien beſchäftigte, daß er ſeine vernachläſſigten Corre⸗ ſpondenzen wieder aufnahm und mit einigem Eifer aufwärts ſtrebte. Sie vertrauete ſeiner geſunden Na⸗ tur, die ſich von der Phantaſie wohl verleiten laſſen konnte, die aber nie auf Abwegen verharren würde, wenn er ſie als ſolche erſt erkannt hatte. Zwiſchen den erfreulichen Beobachtungen, die ſie machte, ſtahl ſich immer, als ein Lichtblick aus der Ferne, die Erinnerung an den Vetter Regierungsrath, welcher mit ſeiner poeſiereichen Aufregung eine ſonder⸗ bare Herzensbeweglichkeit in ihrer ſtillen Bruſt geweckt hatte. Noch immer hatte ſie die Eröffnung ihres aben⸗ teuerlichen Bekanntwerdens mit einem Sprößlinge des 148 Hauſes Schmidt⸗Welldorf auf gelegenere Zeiten ver⸗ tagt, und je mehr Tage darüber hingingen, um ſo ſchwerer fand ſie es, das bedeutungslos zu erzählen, was ſo tief in ihr Seelenleben eingegriffen hatte. . Der September begann mit Regen, Wind und Kälte. Schauernd ſuchte Jeder die behagliche Wärme des Zimmers, und Konſtanze blickte mit einigem Bangen auf dieſe Vorzeichen des Winters, den ſie nicht gern in der unwillkommenen Einſamkeit wieder angetreten hätte. Eines Morgens, glücklicherweiſe in der Abweſen⸗ heit ihres Bruders, die jetzt ſeltener als ſonſt war, platzte mit dem Regen und Wind zugleich Madame Hirſch Meier wie eine Bombe in die friedliche Stube Kon⸗ ſtanzens und füllte ſie mit einem überfluthenden Ge⸗ mengſel von Mittheilungen, die das Fräulein weder verſtand noch begriff. Sie vernahm von den Lippen der Jüdin hochtrabende Titel, ohne zu wiſſen, weshalb ſie damit behelligt wurde. Zuerſt horchte ſie mit höf⸗ licher Aufmerkſamkeit darauf, als ſie aber durchaus nicht daraus klug werden konnte, ſchnitt ſie den erha⸗ benen Gedankenflug der kleinen, dicken Dame plötzlich durch die Frage ab: „In welchem Bade ſind Sie denn geweſen?“ „In welchem Bade?“ wiederholte Madame mit 149 entſetzter Verwunderung darüber, daß ihr ſtundenlanges Referat ziemlich nutzlos an den Ohren des Fräuleins vorübergeflogen ſei.„Ei beileibe, mein gnädiges Fräu⸗ lein, bin ich doch geweſen in keinem Bade, ſondern auf Schloß Welldorf, bei Dero gnädigen Verwandten, bei dem ſcharmanten Herrn Oberkammerherrn von Schmidt⸗ Welldorf!“ Konſtanze fuhr erſchrocken auf. In ihrem hell⸗ aufleuchtenden Auge brannte die Frage, wie dieſe Frau dahin gekommen ſein könnte, und ſchon die nächſte Minute belehrte ſie über den Grund und die Urſache von Madame's Reiſe. Eine unbeſchreibliche Niedergeſchlagenheit bemäch⸗ tigte ſich des Fräulein. Sie bedachte im erſten Mo⸗ mente nicht, daß die Anweſenheit des Regierungsrathes mit der Reiſe der Jüdin zuſammenhängen konnte und fühlte ſich tief gedemüthigt in dem Gedanken, daß dieſer Mann glauben werde, ſie habe die Veranlaſſung zu der Miſſion gegeben, die Madame in Folge einer Inſpiration unternommen hatte. „Aber, Madame Hirſch Meier, warum haben Sie mich denn nicht von Ihrem Vorhaben in Kenntniß geſetzt,“ klagte ſie in ſo verdrießlichem Tone, daß Madame es für gut hielt, ſich in verſchwenderiſch ge⸗ 150 müthlicher Weiſe als„ihre anbetende Freundin“ zu erklären. Das war jedoch nichts weniger als ein Balſam für Konſtanzens verletztes Gefühl. Sie horchte von nun an mit Kopfſchütteln den Berichterſtattungen, die ihm mit breiter Suade von„der Liebenswürdigkeit und Freundſchaft des alten Herrn, von ſeinen Bitten, ihren Aufenthalt auf eine ganze Woche und zwei Tage aus⸗ zudehnen und von dem geiſtreichen Scherze des Herrn Präſidenten, der kein größeres Vergnügen gekannt habe, als ſie in Neckereien zu verflechten,“ gemacht wurden. Die Bilder, welche von dieſen natürlich nicht edel gehaltenen Schilderungen in ihr Platz gewan⸗ nen, ähnelten denen nicht, die ſie in ihrer Phan⸗ taſie gehegt hatte. Sie gedachte ihres Vaters dabei. Sein abgeſchloſſenes, etwas ſtolzes Auftreten in der Welt gewann Bedeutung und wotivirte die gefliſ⸗ ſentliche Entfernung von ſeiner Familie, die ſich„in Freundſchaftsbezeugungen gegen eine Frau von ſehr untergeordneter Bildung wohlgefiel.“ Was an Ariſto⸗ kratie in Konſtanzens Bruſt nur ſchlummerte, das wachte auf und dehnte ſich zu rieſenmäßiger Größe empor. Ihr Stolz verband ſich mit den Anſichten von weibli⸗ cher Würde und veranlaßte ſie, plötzlich alle Träume aus der Seele zu werfen, die ſie ſchon mit den Fa⸗ 15¹1 milienhäuptern in harmoniſche Verbindungen gebracht hatten. Madame Hirſch Meier ſchied von ihr mit hoch⸗ trabendem Selbſtlobe, ohne zu ahnen, welches Unheil ſie geſäet und welches ſtille Hoffen auf beſſere Zeiten ſie zerſtört hatte. Die Erörterungen, mangelhaft genug, weil Konſtanze ſich zu keiner Forſchung erniedrigen wollte, waren der Reiſe des Regierungsraths nicht günſtiger geworden. Konſtanze mußte annehmen, daß Madame unmittelbar nach der Hamburger Reiſe dieſes Herrn Vetters auf Welldorf eingetroffen war und eine ganz unnöthig gewordene Ueberbringerin von Nach⸗ richten über ſie und ihren Bruder abgegeben hatte. Sie fragte nicht nach dem Zuſammenhange. Ihre Em⸗ pörung wuchs unter den Erzählungen der zudringlichen Frau dermaßen, daß ſie Gefühle von Haß kaum zu unterdrücken vormochte. Sie überlegte aber das Lä⸗ cherliche ihrer Lage dieſer Frau gegenüber, wenn ſie ſich mehr Anſehen geben wollte, als die„hochgeſtellten Häupter des Hauſes Schmidt⸗Welldorf,“ und nahm die Maske leutſeliger Geduld ſo lange vor, bis ſie ſich allein ſah. Dann aber überließ ſie ſich ungehindert ihrem Verdruſſe und beſeitigte mit einer Eile, die we⸗ niger Verwandtenliebe zeigte als man erwarten konnte, alle Pläne ihrer Zukunft. Sie dankte im Stillen Gott 15⁵²2 für die Hartnäckigkeit ihres Bruders,„ſich nicht der Familie nähern zu wollen, welche ihrem Vater fremd geworden war— ſie dankte im Stillen Gott, das Geheimniß ihrer Bekanntſchaft mit dem Vetter Regie⸗ rungsrath bewahrt zu haben— kurz geſagt, ſie über⸗ eilte ſich in der Verwandlung ihrer Gefühle dermaßen, daß ſie wild und ungeſtüm im beleidigenden Hochmuthe alle Erinnerungen todtſchlug, welche ihr zu einiger Auf⸗ klärung nöthig geweſen wären.— Das Blut ihres Vaters floß ſtark in ihren Ader und ſein erſter Wellenſchlag vernichtete eine ganze Saat von glücklichen Zufällen. Wirkſam bei dieſer Erfahrung mochten auch die verzögerten Maaßregeln einer Annäherung ſein, die den Familienhäuptern ja jetzt nicht mehr ſchwer war, wenn ſie dieſelbe wirklich ſo wünſchenswerth gefunden hätten, wie ihr Aufruf es ahnen ließ. Statt deſſen gefiel man ſich auf Schloß Welldorf „liebenswürdig gegen eine Frau zu ſein, die ſie un⸗ endlich tief unter ſich ſtellte,“ und„Witzeleien mit ihr zu treiben.“ Empörender Gedanke! Indeſſen ſie, der Abkömm⸗ ling des Hauſes, vom Vetter Ludwig gekannt und bewundert, angſthaft und beklommen, in idealer Stim⸗ mung einer Schickſalsentwickelung entgegenſann, überließ 153 man ſich plebejiſchen Scherzen mit einer Närrin und bürgerte dieſelbe auf dem Schloſſe ihrer Ahnen ein. Entſetzliches Verbrechen! Konſtanzens Eitelkeit erlitt eine ebenſo bedeutende Niederlage unter dieſen Erfahrungen, als die ihres Bruders, und wenn ſie in den Augen vernünftiger Menſchen auch noch ſo nichtig und erbärmlich erſcheinen, für das ſtolze Gemüth des jungen Fräuleins waren die Ereigniſſe von großer Wichtigkeit. Der Werth des Familienverbandes ſank in ihren Augen. Sie ſehnte ſich nicht mehr nach der Geſelligkeit, wo Elemente, wie Madame Hirſch Meier, in ihrem bunten Coſtüme zur Geltung kommen konnten. Die ideale Herrlichkeit der vornehmen Sphäre ſchrumpfte zuſammen und wurde von ihr mit bitterm Lächeln als ein Phantom begraben. Unter ſolchen häßlichen Gedanken, der reinen Heiterkeit ihres Weſens Gift zuführend, litt ihre Laune. Erneſt begegnete oftmals ſpöttiſchen Ausfällen in ihren Reden, die verletzend für ihn waren, obwohl ſie nur eigentlich die Verletzung ihres Gemüthes ausſprechen ſollten. Die Grenzen ſolcher Gemüthsſtimmung ſind zu fein, um immer gehörig beachtet zu werden. Jeder trug etwas in der Bruſt, was ihn bekümmerte, und jeder bemühte ſich, den kleinen Aerger über fehlgeſchlagene Träume zu verbergen. Ein einziges offenherziges Ge⸗ 1839. XIII. Erneſt Octav. II. 10 1 154 ſpräch würde Alles klar und eben gemacht haben, allein die Offenheit verkroch ſich vor der Schaam, die Ein⸗ geſtändniſſe begleiten. Die erſte Zeit verſtrich Konſtan⸗ zen unter der ſorgfältigen Bemühung, ihre geheim⸗ nißvollen Berührungen mit dem Schloſſe Welldorf zu verſtecken, und dabei mußte ſie natürlich heucheln lernen, nachher lehnte ſich Alles in ihr gegen Erklärungen auf, die des Bruders Spott reizen mußten. Alſo— ſie ſchwieg fort und fort, und Exneſt erhielt keine Ahnung von den Ereigniſſen, die ſich in ihr Leben gedrängt hatten. Wie das aber immer zu gehen pflegt in auf⸗ geregten Seelenſtimmungen— man überträgt den Wi⸗ derwillen gegen die Schickſale auf den Ort, wo man ſie erlebte. Konſtanze begann den Aufenthalt in Hamburg widerwärtig zu finden. Ihr Bruder ebenfalls. Beide rechneten ſie die kleinen Feindſeligkeiten des Geſchickes der Stadt zur Laſt und fanden es in dieſer Zeit der Mißlaune wunderbar, daß ſie ſich bis dahin dort ge⸗ fallen hatten. Bei ſo günſtig vorbereitetem Boden traf eines Tages die Aufforderung eines berühmten Arztes ein, der ſich ſchon früher für den talentvollen, ſtrebſamen jungen Akademiker Erneſt von Schmidt bedeutend ein⸗ 155 genommen gezeigt hatte,„ſich Angeſichts dieſes nach der Reſidenz des Herzogs von.... zu verfügen, um ihn bei einer wichtigen Conſultation mit ſeinen Erfahrungen zu unterſtützen.“ 3 Obgleich auf der Stelle entſchloſſen, dieſem ehren⸗ vollen Antrage zu folgen und auch keinesweges geneigt, ſich durch irgend eine Rückſicht in ſeinen Entſchließun⸗ gen ſtören zu laſſen, betrat er dennoch mit einem ver⸗ legenen Lächeln das Zimmer ſeiner Schweſter, wo dieſe müßig ſinnend im Fenſter lehnte, um ihr die Verän⸗ derung ſeiner Lebensanſichten durch dieſen Schritt deut⸗ lich zu erklären. Freudig fuhr ſie auf bei ſeiner Nachricht. „Du willſt fort— wirklich Erneſt? O, wie gütig kommt das Schickſal meinen ſtillen Wünſchen entgegen—“ rief ſie, faſt zu tief bewegt für ſeine gewöhnliche Gemüthsregung.„Laß uns Hamburg für immer mit einem andern Wohnorte vertauſchen! Laß es uns als eine Fügung von oben betrachten, daß Du aus dem Kreiſe Deiner Thätigkeit gerufen wirſt.“ Der junge Mann blickte ſie etwas betroffen an. „Was iſt Dir geſchehen, meine liebe Schweſter, daß Du ſo leidenſchaftlich biſt?“ forſchte er und faßte brüderlich beſorgt ihre Hände.„Du zitterſt— Du biſt ſeltſam aufgeregt! Hat man Dich gekränkt?“ 10* 156 Konſtanze ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und legte ihre Stirn an ſeine Bruſt.„Ich bin ein Kind geweſen,“ flüſterte ſie.„Frage nicht— ich bin ein thörichtes, albernes, hochmüthiges Mädchen gewe⸗ ſen, und ich bin von meiner ſtolzen Höhe herabgeſtürzt! Frage nicht— es heilt ſchon, was wund war. Mein Herz aber war es nicht, nur mein Stolz wurde getroffen—.“ Und dennoch flog ein Erröthen, wie der heiße Wellenſchlag des Blutes es hervorbringt, über ihr ſchönes Geſicht, und dennoch tauchte das Bild des Mannes, den ſie als Vetter Ludwig in ihren Erinne⸗ rungen eingeſchloſſen hielt, jähe vor ihren Geiſtesaugen auf! Erneſt beruhigte ſich indeß an ihrer Verſicherung und verfolgte gern und willig die Pläne, die ſie für eine Veränderung ihres Wohnortes bereit hielt. Ihm war es gleich, wo er wohnte. Hülfsbedürf⸗ tige fand er überall. Die Reſidenz, wo er nur mo⸗ mentan wirkſam ſein ſollte, lag in einer der reizendſten Gegenden Deutſchlands. Warum ſollte er nicht ver⸗ ſuchen, ſich dort heimiſch zu machen? Er verlor nichts, wenn es nicht gelang, und ſeiner Schweſter that er einen Gefallen. Dazu kam noch, daß er einen gewiſſen Druck ſeiner Seele ſtets erneuert fühlte, wenn er einen der abtrünnigen 157 und undankbaren Inſelbewohner zu Geſicht bekam, daß er mit Widerwillen an die demüthigende Lage dachte, wo er dem hartnäckigen Volkswillen unterlegen war und daß er bei weitem weniger gleichgültig gegen die gelegentlichen feinen Ausfälle ſeiner Herren Collegen war, die in ſeinen gewagten Curmethoden eine Art Charlatanerie ſahen, als er ſich das Anſehen gab. Es vereinigte ſich Alles, um ſeinen Entſchluß zu befeſti⸗ gen, und nachdem er dem Doctor Sterenthal ſeinen Beiſtand zugeſagt, einen der nächſten Tage zu ſeinem Eintreffen bei ihm beſtimmt und ſeine Anordnungen zu einer möglichen Ueberſiedelung getroffen hatte, beſchleu⸗ nigte er die Abreiſe mit ſeiner Schweſter in einer Weiſe, daß ſie eher einer Flucht ähnlich ſah. In den erſten Tagen las man auf der Treppen⸗ thür, die das Quartier des Doctors von Erneſt ab⸗ ſchloß, mit zolllangen Buchſtaben die Worte:„Ver⸗ reiſt.“ Madame Hirſch Meier, die ſich allen Ernſtes zur Protectorin des Fräulein Konſtanze von Schmidt⸗ Welldorf aufzuſchwingen Luſt bezeigte, fand zu ihrem Erſtaunen die wegweiſenden Worte, als ſie„ſehr bunt und ſtolz“ dahergeſchritten kam, um ſich nach dem Ver⸗ laufe der Familienangelegenheiten zu erkundigen, die ſie zum glücklichen Ziele zu geleiten ſich vorgenommen hatte. 158 „Wohin denn verreiſt?“ fragte ſich ſelbſt ganz beſtürzt die Madame, weil kein Anderer da war, den ſie fragen konnte.„Vielleicht nach Welldorf?“ Langſam und widerſtrebend verließ ſie das Haus, und verdrießlich hörte ſie von dem Hauswirthe, daß Niemand erfahren habe, wohin die Herrſchaft gereiſt wäre. Bedienter und Magd ſei mitgegangen. Eine Woche ſpäter machte Madame Hirſch Meier einen neuen Verſuch, ihre Schutzbefohlene heimzuſuchen. Jetzt aber ſtanden mit zolllangen Buchſtaben die Worte: „Morgen und übermorgen Auction“ an der Treppen⸗ thür. Beſtürzt ſchauete ſie rundum, ob denn Niemand da ſei, der ihr nähere Auskunft über dieſe unerhörte Geſchichte zu geben vermöchte. Sie forſchte bei dem Hausbeſitzer— ſie fragte und lamentirte— man lachte ſie aus, als ſie von ihrer„Freundſchaft und Anbetung“ für die Verſchwundenen ſprach, aber es vermochte ihr kein Menſch beſtimmte Auskunft zu geben. „Sie ſind nach Welldorf,“ tröſtete ſie ſich und begab ſich ergebungsvoll in ihr Quartier zurück. Bald darauf war die Wohnung des Doctors von Schmidt an andere Leute vermiethet, fremde Geſichter wurden am Fenſter ſichtbar und das geſchäftige Treiben der Stadt zog wie ein Strudel über das Daſein 159 der Geſchwiſter hinweg, jede Erinnerung an ſie be⸗ grabend. 3 Nur Madame Hirſch Meier erzählte noch immer mit rührendem Pathos von der Freundſchaft, die ſie im Schloſſe Welldorf genoſſen und von der Anbetung, die ſie für Konſtanze gefühlt hatte. Sie ging nie vor dem Hauſe vorüber, wo das„ſchöne Fräulein“ gewohnt, ohne mit einem Seufzer der„ſeligen Zeit“ zu erwäh⸗ nen, die ſie durch dieſe„hohe Bekanntſchaft“ erlebt und mit kummervollen Blicken zu beklagen, daß ſie durchaus nicht erfahren könne, was aus„ihren vorneh⸗ men Freunden“ geworden ſei. 4 Sie hätte für's Leben gern Schritte gethan, um Nachrichten darüber einzuziehen, allein dagegen ſetzte ſich Herr Hirſch Meier mit aller Kraft und vertröſtete ſie auf die Huld ihrer Gönner, die ſich vielleicht eines Tages ihrer Dienſtleiſtungen erinnern würden. Sechstes Capitel. Kaum hatte Madame Hirſch Meier das Schloß verlaſſen, ſo brach, wie eine Flamme unter der Decke ſehr brennbarer Stoffe, die Unruhe des Regierungs⸗ raths hervor und trieb die paſſive Gleichmüthigkeit ſeiner beiden ehrwürdigen Verwandten zum thatkräfti⸗ gen Handeln an. Bis dahin hatte er, das laute, etwas unziemliche Scherzen ſeines würdigen Oheims mit der Jüdin ge⸗ fliſſentlich vermeidend, ſich mit dem Erbauen von Luft⸗ ſchlöſſern ergötzt, wobei ihm das Bild ſeiner ſchönen Couſine in vollſtändiger Glorie bedeutende Dienſte ge⸗ leiſtet hatte. Als der ſehnlich erwartete Zeitpunkt ein⸗ getreten war, wo der Präſident, des Spaßes müde, der nicht dummen aber confuſen Madame angekündigt hatte,„ſeine Chaiſe würde am nächſten Tage die Ehre haben, ſie ſammt ihrer brillanten Garderobe aufzuneh⸗ 161 men, um ſie unverſehrt beim Bahnhofe zu Beelsberg abzuliefern,“ da verwandelte ſich ſeine Geduld in Un⸗ geduld und er fragte, was nun geſchehen ſolle? Der Präſident zeigte eine ſchwerfällig ironiſche Stimmung bei ſeinen Vorſchlägen, die allerdings dar⸗ auf hinaus gingen, daß von ihrer Seite ein Angriff auf Erneſt's Vorurtheile geſchehen ſolle, dem ganz ei⸗ gentlich eine entſchuldigende Erklärung über frühere Familienereigniſſe folgen müſſe. „Bitt' mich auszulaſſen bei dieſer diplomatiſchen Sendung,“ ſchnarrte der Präſident ſehr ungnädig.„Ich rühre keine Hand, um den Unhold, der des Vaters Blut in den Adern hat, hierher zu locken. Sprich mir nur nicht von den ſiegreichen Waffen der Wahrheit,» womit du die Verſchanzung niederzuwerfen denkſt, die der unüberwindliche Sohn unſers trotzköpfigen Bruders Octavus um ſich bauet. Wahrheit hift als«Kriegsliſt niemals, aber wohl Liſt und Heuchelei. Schickt den Junker Benno hin als Parlamentär, der verſteht dies Metier gut.“ Der Oberkammerherr ſchüttelte mißbilligend den Kopf. Ihm gefiel die Art und Weiſe nicht, womit ſein Bruder dieſe intereſſanten Nachkommen des Octav abzufinden hoffte. Er hatte aber etwas Aehnliches vor⸗ vhergeſehen, weil er die Reizbarkeit ſeines Weſens in 162 Bezug auf Octav kannte. Ohne Gift und Galle kam eein Vergleich zwiſchen ihnen gewiß nicht zu Stande, wenn dem Präſidenten zu viel Spielraum gelaſſen wurde, und er mußte ihm recht geben, als er behauptete: es gehöre ein bedeutender Vorrath von friedliebenden Gefühlen dazu, um dieſe Geſchichte in Ordnung zu bringen. Der Regierungsrath hatte ſeine Entſchlüſſe längſt feſtgeſtellt, im Falle er auf Widerſtrebungen ſtoßen ſollte, die ſeinem Glücke hinderlich waren. Seit er Konſtanze kannte, hatte er wieder eine Zukunft, woran er erſtarkte und ſich neu belebte. Dem Familienrathe wollte er nicht vorgreifen. Aber ſtritten ſeine Anſichten mit den Beſchlüſſen deſſelben, ſo glaubte er den Weg finden zu können, der ihn in ein neues Eden zu führen vermochte. Vielleicht war dieſer Mann noch niemals in ſeinem Leben innerlich ſo ſelbſtändig entſchloſſen ge⸗ weſen, wie jetzt. Ein neues Daſein erſchloß ſich ſeinen Blicken, und es ſtattete ihn mit vernünftigen Ideen aus. Darin gab er ſeinem Oheim nach, daß„die patriar⸗ chaliſche Gelaſſenheit ſeines Vaters eher zum Ziele führen werde, als wenn er, der Präſident, dem obſti⸗ naten Doctor einen Artikel über Recht und Unrecht do⸗ ciren und mit Schulweisheit erklären wolle.“ I „Wir müſſen zugeben,“ meinte der etwas gereizte 163 Präſident ſpöttiſch lachend,„daß unſere Familienange⸗ legenheit ganz reizende Intermezzos in unſer ſtilles, ab⸗ geſchloſſenes Leben ſchleudert und uns durch die noth⸗ wendigen Charakterſtudien an Menſchenkenntniß berei⸗ chert. Wer hätte wohl gedacht, daß in dieſem reinlichen Chriſtenſchloſſe ein Monſtrum moſaiſcher Putzſucht den Tummelplatz ihrer koketten Modebeſtrebungen finden werde!“ Der Regierungsrath zog ärgerlich die Achſeln in die Höhe.„Wer trägt die Schuld?“ fragte er un⸗ muthig.„Du hätteſt am Tage meiner Rückkehr von Hamburg ebenſo gut Deine Chaiſe mit der ckoſtba⸗ reny Perſon beladen können, als ſpäter.“ Der Präſident ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Primus— ſtecke Freudenfahnen auf,“ ſchrie er im hohen Tenore,„Dein Sohn Ludwig iſt geneſen— er findet ſeinen Onkel nachahmungswerth und copirt ihn. Ein unumſtößlicher Beweis, daß er nun ein alter Mann wird! Sieh, Junker Ludwig,“ fügte er verſchmitzt lächelnd hinzu,„mein Plan ging dahin, mit dieſer «koſtbareny Perſon noch ein anderes luftiges Men⸗ ſcheneremplar aus dem Schloſſe zu bugſiren, und das iſt mir leider nicht gelungen. Denkt Euch den Jubel, wenn ich den Junker Benno zum Cavalier der Dame ernannt hätte!“ 164 „Dein Mißtrauen gegen Benno finde ich unge⸗ gründet,“ unterbrach ihn Ludwig ernſt. „Ah ſo— Du hältſt ihn für«echte Waare,» wie Madame zu ſagen pflegt?“ „Nicht ganz für echte Waare,» ſondern vielmehr für einen illegitimen Sprößling des Onkel Quintus, der ja Deutſchland als Abentheurer nach allen Rich⸗ tungen durchſtreift haben ſoll,“ erklärte Ludwig. „Ihr glaubt alſo an die Erzählungen, die der junge Herr bisweilen als auftauchende Erinnerungen aus ſeinen Jugendjahren auftiſcht?“ fragte der Präſi⸗ dent liſtig blinzelnd von einem zum andern ſehend. „Wohl, mein guter Victor—“ bekräftigte der Kammerherr mit einigem Erſtaunen.„Wo ſollte er Kunde von dieſen Familientraditionen bekommen ha⸗ ben?“ „Ich aber glaube gar nichts!“ prahlte der Prä⸗ ſident heraus. „Warten wir es ab. Seine Legitimationen blei⸗ ben lange aus, allein ſie müſſen doch eines Tages an⸗ kommen, und dann iſt es immer noch Zeit genng, unſer Mißtrauensvotum in Kraft treten zu laſſen,“ beſchwichtigte der Oberkammerherr.„Bei den Damen hat er Glück gemacht—“ ſetzte er lächelnd hinzu, 4 165 „meine alte Helene verjüngt ſich ganz unter den Zauber⸗ tönen, die er dem Fortepiano entlockt.“ „Ei, dagegen habe ich nichts,“ rief der Präſident eifrig.„Mag Deine Helene jung und hübſch darunter werden, wie ſie vor funfzig Jahren war, allein mein liebes Mädchen möchte ich vor ſeinen Bezauberungen bewahrt ſehen.“ „Beruhige Dich—“ erwiderte der Regierungs⸗ rath mit Vaterſtolz,„Alice weiß den Künſtler vom Mann zu unterſcheiden! Im Uebrigen iſt Benno aber ein intelligenter Menſch, dem wir in jedem Falle durch Protection fortzuhelfen ſuchen müſſen, auch wenn er nicht zu uns gehört.“ „Der hilft ſich allein fort!“ ſprach der Präſident. „Seine Geſchmeidigkeit öffnet ihm die Wege. Seine Vorräthe im Geiſte weiß er zu verwerthen. Seine Liebenswürdigkeit iſt ein haltbarer Firniß für die ge⸗ wöhnlichen Menſchenaugen. Was er an Fond nicht von Natur erhalten hat, das ſuchte er durch Studium zu erlernen, und er verſteht es mit Herzensgefühlen, Seelenregungen und Gemüthsbelebungen zu Markte zu ziehen. Der hilft ſich ſchon fort in der Welt, dar⸗ auf«parire ich,“ wie Madame zu ſagen pflegte.“ Obwohl er in ſeinem gewöhnlichen ſarkaſtiſchen Tone ſchloß, ſo ſah man doch, daß er unter dem 4 — 166 Schleier ſeiner ſcherzhaften Komödie die Zeit nicht allein mit Neckereien vertändelt, ſondern die Gelegen⸗ heiten benutzt hatte, dabei Benno's Charakter zu ſtu⸗ diren. Sein Neffe, ungehalten über ſeinen Verkehr mit Madame, den er nach ſeiner Meinung ungebührlich ausgedehnt hatte, überzeugte ſich jetzt von der Umſicht des„Richters,“ der nur nach gewonnenen Ueberzeugun⸗ gen zum Urtheile ſchreiten will. Der Präſident erſah aus ſeinem verlegenen Lächeln, daß er im Stillen Ab⸗ bitte leiſtete. Er legte ſeine magere Hand auf des Neffen Schulter und ſah ihn an. „Ich möchte das Fräulein Konſtanze wohl auch auf einige Wochen unter dem Brennglaſe meiner Beob⸗ achtung haben, bevor ich Dir meinen„Segen gebe,“ ſprach er ohne Weiteres abſpringend. Ludwig fühlte die Röthe der Ueberraſchung über ſein Geſicht flie⸗ gen. Man wußte alſo von ſeinen innerſten Herzens⸗ regungen.— „ Ich möchte vor allen Dingen ausprobiren, mein Junker,“ fuhr er ungenirt fort,„ob in dem Fräulein wohl noch etwas friſcher und geſunder Kern, der an unſer Bürgerthum erinnert, liegt, ob ſie Brot und Käſe nicht verſchmäht und vor dem Schaum eines Glaſes Bier nicht in Ohnmacht fällt! Junker, mein Junker— lege Dir Deine Erfahrungen zurecht, und 167 Du wirſt ein Kartenhaus ſehen, wo Du rieſenfeſte Fundamente gelegt zu haben meinteſt. Baue jetzt vor⸗ ſichtiger—! Laß Dich nicht von idealer Zartheit berücken—! Unterſuche die Geſundheit des Herzens und der Seele, des Gemüthes und des Verſtandes, bevor Du die ätheriſchen Schönheiten berückſichtigſt, die nur in der Phantaſie beglücken—.“ Ludwig, der den feingegebenen Tadel ſeiner erſten Wahl im tiefſten Herzen fühlte, ihn aber nicht zu ent⸗ kräftigen vermochte, reichte dem warnenden Oheime die Hand und ſein Blick nur bat um Schonung der ver⸗ lorenen, geliebten Frau, deren Andenken zwar in ſei⸗ nem Herzen zu erbleichen begann, die er aber eben um ſo mehr mit aller Herzensmacht gegen menſchliche Urtheile zu vertheidigen ſuchte. „Wenn Gott mir in Konſtanzen dieſelbe weiche Güte und Hingebung wiedergäbe, die ich in Alicens Mutter ſo innig liebgewonnen habe, ſo wäre ich glück⸗ lich zu preiſen,“ entgegnete er raſch,„dann würde ſie einen ſeltenen Verein von Charakterſtärke und Weib⸗ lichkeit aufweiſen. Ihr Weſen ähnelt meinem verſtor⸗ benen Weibe durchaus nicht, daran beruhige Deine Beſorgniß!“— „Unſere Wünſche ſtehen in Gottes Hand,“ be⸗ gütigte der Primus.„Wir werden das Geſchwiſter⸗ 168 paar hoffentlich im Winter bei uns ſehen und in dem beſchränkten Verkehre Gelegenheit zur Prüfung haben.“ „Wenn Erneſt mit ſeiner barbariſchen Bruder⸗ liebe uns keinen Strich durch die Rechnung macht!“ warf der Präſident ein. „Allerdings, meine Hoffnungen auf eine leichte Löſung der Spannung ſind geſunken, ſeitdem ich die bedeutende Feſtigkeit der Charaktere kennen zu lernen Gelegenheit gehabt und eine Einſicht in die Vorurtheile des Geſchwiſterpaares erlangt habe,“ ſprach Ludwig. „Vor allen Dingen liegt es uns ob dafür zu ſorgen, daß wir von Erneſt richtig beurtheilt werden. Da⸗ durch befreien wir unſere Familie nicht allein von einem Makel, ſondern wir bringen auch Konſtanzen auf den richtigen Standpunkt, eine Annäherung meiner⸗ ſeits entweder frei zu geſtatten oder rückſichtslos abzu⸗ weiſen.“ 1 „Es will mir nicht gefallen, mein Junker, daß ſie ſo weichlich die Feſſeln geiſtiger Unterordnung trägt,“ warf der Präſident ein. Der Regierungsrath wiegte abwehrend und miß⸗ billigend den Kopf.„So iſt es nicht! Wer Kon⸗ ſtanze nicht geſehen hat, kann ſich keinen Begriff ihres Weſens machen. Sie iſt ein leuchtendes Beiſpiel 169 geſchwiſterlicher Liebe, die in feſter Selbſtſtändigkeit dem Willen des Bruders nachlebt, weil ihr Glück und ihr Frieden davon abhängt.“ „ Liegt nicht zu viel Phantaſterei in ſolcher über⸗ ſchwenglichen Geſchwiſterliebe?“ meinte der Präſident, augenſcheinlich mehr intereſſirt, als er zeigen wollte. „In jedem andern Geſchwiſterverhältniſſe würde man das finden können, aber hier iſt der Charakter der gegenſeitigen Neigung durch die Umſtände entſchul⸗ digt,“ erwiderte Ludwig lebhaft.„Ich wiederhole nochmals: wer Konſtanze nicht geſehen und gehört hat, kann nicht über dieſe Verhältniſſe urtheilen.“ Vor dem ritterlichen Ernſte dieſer Worte zog der Präſident alle ironiſchen Fühlfäden ein, er ſchlug ſei⸗ nen Bruder ſanft auf die Schulter und ſprach: „Mach dich fertig, alter Knabe, damit Ruhe im Schloſſe einkehre!“ Mit dieſer Entſcheidung hatte er ſeine Mitwirkung an dem Werke der Aufklärung vollſtändig verweigert und es wagte Niemand, ſelbſt der Oberkammerherr nicht, eine Silbe zur Abänderung ſeines Entſchluſſes einzuwenden. Im Grunde hatte er ganz recht, daß er ſich von einer Affaire zurückzog, die ſehr ſubtil ange⸗ faßt werden mußte, wenn ſie nicht ſcheitern ſollte, und er war der Mann nicht, der ohne Schwertſchlag eine 8 11 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 170 Meinung aufgab oder zu verbeſſern ſuchte. Seine Nachſicht gegen die begeiſterten Lobreden ſeines Neffen ließ einen tiefern Blick in die geheimen Wünſche ſeines Herzens werfen, als er ſonſt Gelegenheit dazu gab, aber es lief ſeiner Denkungsart zuwider, Zugeſtändniſſe zu machen, wenn er des Erfolges noch nicht ganz ſicher war, deswegen berührte er von nun an dies Kapitel nicht wieder, bis der Tag erſchien, wo eine Conferenz darüber nöthig wurde.— Der geſellige Verkehr im Schloſſe hatte nach und nach eine Vertraulichkeit zwiſchen Benno und den Damen des Hauſes herbeige⸗ führt, die von Seiten der Oberkammerherrin beinahe bis zu wohlwollenden Geſinnungen hinaufgeſtiegen war. Sie nahm ihn häufig gegen die Witzpfeile ihres Schwa⸗ gers in Schutz und richtete durch ihre gutmüthige Vertheidigung die Wurfgeſchoſſe ſeines Spottes von ihm auf ſich ſelbſt. Aber ſie fürchtete ſich nicht. Sie vertrauete der chevaleresken Geſinnung des Präſidenten, der ſehr bald wieder in die Bahn der Eiikette einlenkte, wenn er ſie in der Hitze des Gefechtes übertreten hatte. Niemals entfalten glänzende Talente den beleben⸗ den Einfluß auf die Geſelligkeit mehr, als bei den Launen der Witterung. Ebenſo beharrlich, wie in Hamburg, ſendete der September auch hier mit kaltem Nordweſtwinde den Regen vom Himmel herab und iſolirte Schloß Welldorf von allen Beſuchen der Nach⸗ barſchaft. Auf ſich ſelbſt beſchränkt, ſuchte ſich Jeder ſo gut wie möglich in den Stunden zu beſchäftigen, die ausgeſchloſſen von den Verſammlungen im Salon wa⸗ ren und jedem die Freiheit geſtatteten, zu thun was er wollte. Bis dahin hatte Benno dieſe Stunden im Freien zugebracht, einem träumeriſchen Planmachen hin⸗ gegeben, auf kleine Begegniſſe mit Alice lauernd, die auch bisweilen den Schatten des Parkes ſuchte. Jetzt aber bannte ihn das abſcheuliche Wetter in ſein Zim⸗ mer und er fühlte eine Langeweile, die von einer ge⸗ wiſſen Ungeduld drückend gemacht wurde. Er verſuchte daher den Bann des Ceremoniels etwas zu löſen, bat um Erlaubniß, im Salon, während der Abweſenheit der Schloßherren, das Fortepiano zu Studien benutzen zu dürfen und er uſurpirte damit das Recht, ſich zwang⸗ los in dieſen Räumen zu bewegen, welche bis dahin mit iſtrenger Etikette dem allgemeinen Verkehre abge⸗ ſchloſſen waren. Die erſten Tage brachte er allein darin zu. Kein Menſch ſtörte ihn. Allein er bemerkte bald, daß Alice ihren Nähtiſch und ihr Zeichenbret in's Nebenzimmer ſtellen ließ, um ſeinen Muſikübungen näher zu ſein. Ebenſo rückte die alte Dame dem Schauplatze ſeiner 11* Thätigkeit mit ihrem Häkel⸗ und Strickzeuge auch etwas näher, indem ſie Platz im Cabinet nahm, welches nur zu Spielparthien benutzt wurde. Das Wetter dauerte zu Benno's Ergötzen fort. Er verſchrieb ſich eiligſt neue Muſikalien und nun währte es nicht acht Tage, ſo ſah man das Arbeits⸗ geräth der alten Dame ſehr ehrbar in einem der Bal⸗ confenſter placirt, dem Stickrahmen Alicens gegenüber. Der Oberkammerherr lächelte gütig zu den Ueber⸗ tretungen der Hausordnung und fand ſie natürlich, aber der Präſident ging wie ein gereizter Löwe umher und raiſonnirte. Benno konnte ein ſiegreiches Lächeln nicht imnier ganz unterdrücken, ſonſt aber gab er ſich ein ſo harm⸗ loſes Anſehen, daß ihm ſein ſtiller Widerſacher nichts anhaben konnte. 1 Durch den feſt ausgeſprochenen Willen der Ober⸗ kammerherrin war die Reiſe nach Hamburg ſo lange vertagt, bis das Wetter günſtiger dazu ſei. Sie er⸗ klärte halb ſcherzend, daß ſie ſich berufen fühle, die guten Vorſätze ihres alten Herrn zu unterſtützen und dieſer habe ſich vorgenommen„ſobald noch nicht zu ſterben“. Ludwig zeigte freilich einige Falten des Unmuthes und der Ungeduld bei dieſem Beſchluſſe, erlaubte ſich * ſogar dem Präſidenten entging, wenn er auch mit aber nicht eine einzige Aeußerung darüber, weil er da⸗ mit ſein Inneres zu verrathen fürchtete. Er ging ſeit⸗ dem behutſamer zu Werke, wo er die Erfahrung ge⸗ macht hatte, daß man aufmerkſam auf ſeine Herzens⸗ regungen war. Seine Geſundheit verbeſſerte ſich von Tag zu Tag und er bezeichnete ſchon mit Beſtimmt⸗ heit die Zeit, wo er wieder mit friſcher Kraft in ſein Amt einzutreten Willens war. Nach langen trüben Tagen machte endlich die Sonne wieder Miene, ihr Antlitz der armen durchweich⸗ ten Erde zuzukehren, zwar noch in ſehr vermindertem lanze und mit der Laune, ſich hinter jeder Wolke zu verſtecken, welche es für gut hielt, mit naſeweiſer Eile über das blaue Himmelszelt hinzuziehen, allein ſchon dieſe Sonnenblicke waren im Stande, in den Herzen der Menſchen neue Hoffnungen auf Herbſtfreuden und Herbſtblumen zu erwecken. Herr Benno von Schmidt ſah die Wetterver⸗ beſſerung nicht allzu gern. Sie drohte ihm einen Theil des Terrains wieder zu entreißen, das ſeinen Plänen auf Alicens Exoberung ſo außerordentlich günſtig war. Er hatte eine wunderliche, ſeltſam verführeriſche Art und Weiſe von Converſation zwiſchen ſich und den Schloßdamen eingeführt, deren tief angelegter Plan 174 dumpfem Mißbehagen dies Spielwerk der Genialität belauſchte. Auch an dem Morgen des erſten ſonnigbeſtrahlten Tages ſaß Benno, wie immer ſeit mehreren Wochen, am Flügel und warf ſelbſtgeſchaffene Melodien mit den Schöpfungen anderer Meiſter kunſtvoll zuſammen, um einen Theil ſeiner innern Lebhaftigkeit damit zu Tage zu fördern. Im Fenſter ſaß die Kammerherrin und Alice. Beide hatten ſie die Blicke auf ihre Arbeit geheftet, allein ihre Seelen ſchwebten auf den Melo⸗ dien, die Benno dem Inſtrumente mit Meiſterſchaft entlockte. Von Zeit zu Zeit unterbrach ſich der junge Mann, faſt möchte man ſagen kokett, um einige geiſtreiche Worte, einige geheimnißvoll verrätheriſche Anmerkungen, welche einen tiefen Fond von Gefühlen errathen ließen, zu ſprechen, die er dann ſogleich wieder mit der Glorie hinreißender, lieblicher Accorde umwand. Alicens leicht geröthete Wangen und belebte Au⸗ gen gaben Zeugniß von dem Eindruck der ſonderbar melodramatiſchen Unterhaltung. Ihre Stirn neigte ſich tiefer, wenn der Zauber der Töne ihr Auge mit Thrä⸗ nen füllte und ſie erhob ſich wieder ebenſo ſchnell, um den wechſelnden Harmonien mit heiterer Sehnſucht zu lauſchen. 3 8 175 In ihrer jungen Bruſt lag noch kein Verſtändniß leidenſchaftlicher Worte, aber wohl die Ahnung einer Seligkeit, wie ſie die Verbindung zweier gleichgeſtimm— ten Herzen zu geben verſpricht. Eine Stunde mochte Benno's Exercitium gedauert haben, als der Präſident, der ſeine Correſpondenzen abgemacht hatte, in dies Herzenspräludium hineinbrach und wie ein nordweſtlicher Seeſturm die brandenden Wellen ſeines Aergers über die ſanftſelige Geſellſchaft ergoß. Er nahm zur Zerſtörung des Effectes zu dem wirkſamſten Mittel ſeine Zuflucht, indem er die Stim⸗ mung der Bewunderung mit Heiterkeit vermiſchte und ſie aus den leidenſchaftlich bewegten Gemüthsregionen herabzog. Seine ſpöttiſche Zergliederung der Tondich⸗ tungen neuerer Zeit riefen eine Entrüſtung in Alice hervor. „Aber Onkel,“ ſchmollte ſie ernſtlich böſe zu ihm aufſehend,„gib doch den Fortſchritten der Muſik eben⸗ ſo viel Raum, wie allen andern Kunſtrichtungen. Wenn die Manier der jetzigen Compoſition abweicht von den claſſiſchen Sonaten Beethoven's, ſo iſt das doch noch immer kein Grund, die reizenden Tondichtungen zu verwerfen.“. „Behüte, mein Mädchen!“ rief der Präſident, ko⸗ miſch demüthig ihre Hand ergreifend und küſſend. 176 „Behüte! Allein ich erlaube mir nur, dich dringend zu bitten, eine vernünftige und verſtändliche Idee in „Rhapſodien“ zu bringen, die ungefähr in guter, deutſcher Ueberſetzung lauten:„Nrachen, ſchmachten, donnern, ſäuſeln, flüſtern, trommeln, lachen, brummen, pfeifen, ſtampfen, rennen, puffen, raſſeln, trampeln, flöten, ſtoßen, ſingen, ſchnattern—“ „Hör' nur auf! Hör' nur auf!“ rief Alice in ein heiteres Gelächter, ausbrechend. „Iſt das ſchön, mein Mädchen?“ fragte der Prä⸗ ſident ſehr freundlich. „O, wie boshaft biſt du mit freundlichem Ge⸗ ſichte,—“ entgegnete ſie lebhaft und wendete ſich bittend zu ihrer Großmutter, die dem Präſidenten lächelnd drohete. „Laſſen Sie uns doch entzückt ſein über Vetter Benno's Rhapſodien,“ ſprach ſie zurechtweiſend,„es thut ja Niemand Schaden!“ „Mögen Sie doch!“ rief der Präſident pathetiſch. „Ich habe gar nichts dagegen, wenn ſich vernünftige Menſchen an Unſinn erbauen wollen, der zuſammen⸗ geſtoppelte Ideen enthält und uns nicht die mindeſte äſthetiſche Befriedigung bietet.“ 3 „Gerade der ſchnelle Gedankenwechſel in dieſen muſikaliſchen Spielereien amüſirt und weckt angenehme Gefühle in uns,“ entgegnete die alte Dame. 177 Der Präſident ſah komiſch lächelnd in das gute Geſicht ſeiner Schwägerin, als er erwiderte: „Wenn ich«Muſikſpielereien» haben will, ſo iſt mir die Form eines rechtſchaffenen Hopſers oder Wal⸗ zers bequemer; dabei kann ich mir wenigſtens die «Wohlthat einer jugendlichen Träumerei“ ungeſtraft erlauben.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß Sie mich nicht als Jüngerin einer jungen Schule ſehen möchten?“ fragte die Oberkammerherrin lachend. „Bewahre, denn Ihr Geiſt bleibt ewig jung!“ rief der Präſident in ſehr gellendem Tone.„Ich will nur damit erklären, daß ich ſelbſt keine Exaltation da⸗ für fertig kriege. Alice iſt unreif in ihren Urtheilen und Erfahrungen, für Sie muß das«Unreife“ ſchön ſein, aber wie Sie daran Geſchmack finden lernten, möchte ich faſſen können.“ Die alte Dame war augenſcheinlich etwas empfind⸗ lich, denn ſie blieb die Antwort ſchuldig, während Alice ſich lebhaft dem Onkel entgegenſtellte und heiter ausrief: „Gelehrte Männer beſchränken ſich nur immer auf das, was ſie gelernt haben, hingegen gebildete Frauen wachſen mit der Zeit fort; darin liegt es, Onkel Prä⸗ ſident, daß du den Hopſer und Walzer liebſt, während Großmama bei den Rhapſodien an Alles denkt, was 178 ſeit ihren Jugendjahren in ihrem Geiſte und auch in ihrem Gemüthe Platz gefunden hat. Wie kann ein Mann wohl wiſſen und fühlen, was uns bewegt,“ ſetzte ſie altklug hinzu.„Schmerz und Freude, laute Luſt und ſtilles Glück kommt und geht in buntem Ge⸗ wirre und in ſchnellem Wechſel durch des Menſchen Leben— iſt es aber nicht dennoch ein zuſammenpaſſen⸗ des Ganze—?“ Der Präſident ſah das Fräulein ernſthaft an. Woher kamen dem kindlichen Frauenzimmer ſolche In⸗ terpretationen? Kopfſchüttelnd glitt er mit ſeinen Augen von Alicen zu Benno, der gelaſſen, als ginge ihn der Discurs gar nichts an, am Flügel lehnte und zuhörte. Der Präſident führte die Hand ſeiner Schwägerin ach⸗ tungsvoll an feine Lippen.. „Strafen Sie mich, gnädige Frau Schweſter, ich bin ihr Sklave!“ ſprach er mit wahrer Zerknir⸗ ſchung. „Sie ſind ein unverbeſſerlicher Spötter,“ entgeg⸗ nete die alte Dame ihren Unmuth bezwingend.„Gön⸗ nen Sie mir immerhin die kleinen Lichtblicke, die Ben⸗ no's Kunſtfertigkeit in mein einſames Daſein wirft. Ich gebe ja gern von vornherein zu, daß die Inſpi⸗ rationen der neuern Tondichter nicht überall die ſtrenge Kritik des Kunſtkenners vertragen, allein ſie ſprechen 179 zum Gemüthe und ich habe ſtets den Genuß der Muſik von dem Standpunkte der Subjectivität betrachtet.“ „Helfen Sie uns, Vetter Benno!“ bat eifrig das junge Fräulein, ihm näher tretend. „Ja, ja! Legen Sie eine Lanze ein für Ihr Spielwerky—“ fügte der Präſident lachend hinzu. „Sie zeigen ſich entſchieden lau bei meinem Angriffe.“ „Wozu ſollte ich mich ereifern?“ fragte Benno nachläſſig.„Jede Kunſt hat ihre Neuerungen und muß ihren Abklärungsproceß durchmachen.“ „Deshalb meinen Sie der Kunſt wohl ungeheuer zu dienen, wenn Sie dieſen launenhaften Neuerungen Thor und Thür zur Gunſt des Publikums öffnen?“ meinte der Präſident. „Ich folge nur meinem eigenen Geſchmacke, der ſich in der Romantik wohlgefällt—.“ „Vergeſſen aber dabei,“ fiel der Präſident raſch ein,„daß Sie den Geſchmack an claſſiſchen Sachen verderben.“ „Ein Lächeln überflog Benno's Züge.„Ich dächte die Klarheit und Einfachheit der Ideencombi⸗ nationen, wie die Vergangenheit der Muſik ſie bietet, wäre, als Wurzel und Stamm, nicht zu verderben und zu untergraben, weil ſie eben unſere Grundlage bildet. Verirrt ſich des Laien Geſchmack von dieſen Muſtern A 180 der Kunſt, ſo iſt damit noch nicht feſtgeſtellt, daß wir Künſtler mit den Fortſchritten der Zeitcultur unſere Lehrer ihres Ruhmes entkleiden wollen!“ „Oho, junger Mann, Sie wenden Sophismen an und ziehen ſich aus der Affaire, indem Sie Ihre Schuld auf die Schultern der Laien laden. Bieten Sie Gemüthsamüſements ſtatt wahren Kunſtgenuß, ſo wir⸗ ken Sie auf die Geſchmacksrichtung im Allgemeinen und Einzelnen ein.“ „Gut, ich nehme den Vorwurf als gerecht an und vertheidige mich damit, daß der Muſik Freiheit zur Entwi ung, wie jeder andern Kunſt und Viſeenſchaft, geſtattet werden muß. Was ſich nicht mit der eigen⸗ thümlichen Schönheit und mit dem Werthe der Muſik verträgt, das wird der hiſtoriſche Verlauf derſelben ſchon tödten,“ rief Benno. Durch ſeine Nachgiebigkeit entwaffnet, ſah ſich der Präſident außer Stande, die boshaften Angriffe auf des jungen Virtuoſen Productionen weiter auszudehnen. Er begegnete einem ſo ſchadenfrohen Lächeln in Alicens ſanftem Angeſichte, daß er ſeine Niederlage in dieſem kleinen Wortgefechte ergötzlich zu finden be⸗ gann und den Damen des Schloſſes ihren Sieg gännte. Der Triumph, womit die Oberkammerherrin ſein 184 Stillſchweigen aufnahm, galt ihm als das unzweideu⸗ tigſte Wohlwollen für die Perſönlichkeit, die er nicht mit ſeinem Vertrauen beehrte, aber es durchkreuzte durchaus ſeine ſtillen Pläne nicht, dieſe kluge und feine Frau ſich im Netze eigener Gefühlsverirrungen fangen zu ſehen. Weniger erbaulich erſchien ihm Alicens Sieges⸗ miene, welcher er Herzenswärme unterlegte. Er be ſchloß ſorgſamer zu wachen und den Einwirkungen„der romantiſchen Muſik“ einige„Dornenhecken“ entgegen⸗ zuſtellen. Nach dieſem Vorſatze war es denn unaus⸗ bleiblich, daß er in kurzer Zeit, zu ſeinem grenzenloſen Erſtaunen, auf eine ſyſtematiſche Belagerung der beiden einzigen Damenherzen des Schloſſes ſtieß. Mit der leichtſinnigen Lebhaftigkeit ſeiner Sinne hatte Herr Benno einen geiſtigen Verkehr zwiſchen ſich und den⸗ ſelben eingeleitet, der ſelbſt der geübten Beurtheilungs⸗ kraft der alten Dame nur als gemüthlich und anregend eeerſchien, während er in ſeiner verſteckten Tiefe Fall⸗ gruben für das junge und unverſuchte Herz Alicens verbarg. Es bedurfte nur der Entdeckung dieſer poeſie⸗ reichen Unterhaltungsmanier, um dem praktiſchen Ju⸗ riſten zugleich eine Methode an die Hand zu geben, die allen elektro⸗magnetiſchen Verband zwiſchen den Gemü⸗ thern zerriß, welche ſich in Rapport zu ſetzen droheten, * 182 Mit directen Angriffen richtete er nichts mehr aus, darüber hatte ihn der kleine Muſikſtreit belehrt— er mußte ſich alſo bequemen, durch ſeine ſehr proſaiſche Perſon die poetiſche Stimmung niederzuhalten, und er ſchlug zum Verdruſſe Benno's plötzlich ſein Domicil ebenfalls im Geſellſchaftsſalon auf, um, wie er ſagte, „ſein falſches Urtheil über die neumodigen Muſikſtücke gründlich aboliren zu können,“ im Grunde aber nur, um wie ein Alpdruck auf des jungen Vetters Phantaſie⸗ feuer, das er„Don Juansfunken“ taufte, zu wirken. Die Oberkammerherrin bemerkte das Gefliſſentliche ſeiner Anweſenheit und fühlte ſich beleidigt davon. Meinte der Herr Schwager, daß Alice unter ihrem mütterlichen Schutze nicht ſicher genug ſei? Vertrauete er ihrer Umſicht ſo wenig?. Einigermaßen gereizt, ließ ſie Bemerkungen dieſer Art fallen und eröffnete dadurch eine hofmäßig fein geführte Kriegslaufbahn, die ſich jedoch niemals zu größern Ausfällen perſtieg, ſondern ſich in Plänkeleien wohlgefiel, wie ſie der gute Ton erlaubte. Der Prä⸗ ſident benahm ſich ritterlich artig dabei. Seine Laune erlitt keine gallichten Zuſätze, weil er in Alicens gänz⸗ licher Gleichmüthigkeit bei ſeinem Einſchreiten eine Ga⸗ rantie ungeſtörter Herzensruhe zu haben vermeinte. Sie gab ſich nach wie vor dem Genuſſe der Muſik hin, 183 augenſcheinlich ebenſo beglückt, ohne die geiſtreichen Zwiſchenreden ihres phantaſtiſchen Anbeters. Das Wahre der Sache lag auf der Hand. Sie gebrauchte keine anregenden Commentare zu Benno's Muſikpro⸗ ductionen. In ihrer Bruſt klangen die Melodien wie⸗ der und weckten ein ſchmeichelndes Echo in dem noch ganz unberührten Herzen, wo ſolche weltlich leichtfer⸗ tige Geſtalten, wie Benno, keinen Platz gewinnen konn⸗ ten. Alice gehörte nicht zu den faſelnden Mädchen, die in der augenblicklichen Exaltation, Perſon und Phan⸗ taſierauſch zuſammenwerfen und ſich in ein blumen⸗ bedecktes Elend verſenken. Ihr Gemüth war feurig, aber ihre Seele kühl und von Verſtandeskräften ge⸗ läutert. Trotz dem ſie auf der Höhe geboren und er⸗ zogen war, fand ſich ein bedeutender Vorrath prak⸗ tiſchen Bürgerſinnes vor, der ſie über den Schwächen hochgeborener Phantaſterei emporhielt. Der Präſident freuete ſich innerlich über„ſein ver⸗ nünftiges Mädchen“ und erwartete mit großer Zuver⸗ ſicht von ihrer Seite ganz entſcheidende Maßregeln, wenn es trotz aller Vorſicht einſt zu beſtimmten Fragen und Erörterungen kommen ſollte. Er enthielt ſich aller Warnungen, indem er, ſeinen Maximen gemäß, die Keime der Leidenſchaft in dem eigenſinnigen Widerſtreben des Menſchenherzens erblickte, 184 die in hundert Fällen, bei gelaſſener und gleichgültiger Behandlung, nie Wurzel geſchlagen haben würden. Er wollte das Drama ſeiner eigenen Entwicklung überlaſſen, ohne zu bedenken, wie gewagt es ſei, auf die Feſtigkeit eines jungen Mädchens zu bauen und er glaubte genug zu thun, wenn er mit geweckter Auf⸗ merkſamkeit den Schritten folgte, die der feurig ent⸗ brannte junge Mann zu thun für gut finden würde. Freilich für den Fall, daß er genöthigt ſein ſollte, das Schloß wegen ſeiner Berufsthätigkeit früher zu verlaſſen, als die ganze Familienangelegenheit zur Ent⸗ ſcheidung gekommen war, da mußte er Pläne entwer⸗ fen, die in dies Gewebe ruhiger Toleranz eingriffen. Er ſah deshalb mit Vergnügen die Regenwolken endlich verfliegen und begrüßte die Herbſtſonnenſtrahlen un einiger Freude. Der Plan des Regierungsrathes wurde nun wie⸗ der hervorgeſucht und es kam zwiſchen den Vertrauten Benno und Alice wußten noch immer nichts von der Hamburger Reiſe des Regierungsraths— zu ei⸗ nem ziemlich feſten Entſchluſſe, als das Geſchick aber⸗ mals einen Strich durch die Rechnung machte. Wer jemals eine zeitlang die Einſamkeit eines Landlebens genoſſen hat, der wird wiſſen, mit welcher Begierde Brieſe aus der Stadt, dem Bezirke früherer Intereſſen, in Empfang genommen werden. Es iſt, als ob ſich die Wichtigkeit des Lebens in dem Mo⸗ mente zuſammendrängt, wo die Poſtmappe, von den Händen des Hausherrn geöffnet, ſich ſeines Inhaltes entleert. Daß ſich die Erwartung oftmals getäuſcht ſieht, daß Briefe voll leerer Worte und gedankenloſer Phraſen mit begieriger Haſt geöffnet und kaltlächelnd bei Seite geworfen werden, komut freilich viel öfter vor, als daß ſie mit Befriedigung zuſammengefaltet oder auch mit geſpannter Aufmerkſamkeit nochmals ge⸗ leſen werden; allein an dem Morgen des erſten Octo⸗ bertages, wo der Oberkammerherr die Poſtmappe ſtärker als jemals belaſtet fand, und für jeden Schloßbewohner, außer für Alice, einige Couverte herauszog, da con⸗ centrirte ſich merkwürdigerweiſe eine ſolche Maſſe von intereſſanten Mittheilungen, die von Einfluß auf das Schickſal der Familie waren, daß wir genöthigt ſein werden, von mehreren Briefen Notiz zu nehmen. Der Präſident empfing ſeine Correſpondenzartikel mit mißvergnügtem Geſicht. Sie betrafen durchweg Geſchäftsſachen und legten ihm die Mahnung„nach der Reſidenz zurückzukehren,“ mit ſchweigender Dring⸗ lichkeit an's Herz. Dagegen leuchtete ein Strahl wirklicher Freude 12 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 5 186 aus den Augen des Oberkammerherrn, als er ein feines Couvert geöffnet in ſeiner Hand hielt und mit Bewe⸗ gung ausrief:„Von der Prinzeſſin Mathilde!“ „Ei— ei! Hat Ihre Durchlaucht des alten Ver⸗ ehrers noch nicht vergeſſen,“ ſpottete der Präſident gutmüthig,„trotzdem ſie eine glückſelige Braut iſt, ſchreibt ſie Briefe voller amour an den verabſchiedeten Anbeter?“ Der Oberkammerherr zog ſich mit ſeiner Depeſche in's Nebenzimmer zurück, wohin ihm Alicens Blick neugierig und geſpannt folgte. Während er abweſend war, erklärte der Präſident dem Vetter Benno, daß „Prinzeſſin Mathilde“ die jüngſte Tochter des fürſt⸗ lichen Hauſes ſei, an deſſen Hofe ſein Bruder in frü⸗ herer Zeit als Kammerherr fungirt habe. Die Ober⸗ kammerherrin ſei aus jenem Fürſtenthume gebürtig. Kaum hatte er ſeine Auseinanderſetzungen beendet, ſo trat der alte Herr wieder ein. „Die Prinzeſſin ladet uns zu Ihrem Hochzeits⸗ feſte ein,“ erklärte er ſehr bewegt. „Aha— Durchlaucht wünſchen den alten Anbeter zu demüthigen,—“ ſchnarrte der Präſident. „Oder zu erfreuen!“ fügte der alte Herr hinzu. „Sie ſchreibt: ſie könne ſich kein recht ſchönes Hochzeits⸗ feſt denken, ohne ihren alten, treuen Freund und ohne ihre liebe Oberkammerherrin. Was meinſt du Helene—?“ „Wir folgen der ehrenvollen Einladung— na⸗ türlich!“ fiel die alte Dame ſchnell ein. „Was gilt's— unſer Primus fällt öffentlich auf's Knie und huldigt der angebeteten Dame—“ neckte der Präſident beharrlich weiter.„Was gilt es: der Ober⸗ kammerherr ſpielt den treuen Pagen, und trägt der fürſtlichen Braut mit derſelben Dienſtfertigkeit die Braut⸗ ſchleppe nach, wie er ſie einſt, auf beſondern Befehl, im Ruheſeſſel des ſeligen durchlauchtigen Großvaters im Salon ſpazieren gefahren hat.“ Der Oberkammerherr lachte herzlich.„Du kannſt die Geſchichte doch nicht vergeſſen!“ rief er. 4 „In meinem ganzen Leben nicht,“ betheuerte der Präſident mit affectirtem Ernſte,„und ich bedauere nur von Herzen, daß ich nicht das Vergnügen gehabt habe, in der Geſellſchaft des alten Herzogs geweſen zu ſein, als dieſer würdige Iſegrimm, von dem dumpfen Rollen und Poltern über dem Billardſaale, woſelbſt Se. Durchlaucht eine Partie Ohombre zu ſpielen ge⸗ ruheten, aufmerkſam gemacht und geärgert, ſich an der Spitze ſeiner Spielparthie oben hinauf begab, um zu ſehen, welche Frevelhand ſeinen koſtbaren engliſchen Schlafſeſſel in reſpectwidrige Bewegung zu ſetzen ſich 3 12* 188 erlaubte, während er nicht d'rinnen ſaß. Kannſt du dir deinen ehrwürdigen Großpapa wohl vorſtellen, mein Mädchen,“ wendete er ſich an das lachende Fräu⸗ lein,„wie er ein Prinzeßchen im Rollſtuhle ſpazieren fährt? So— das kannſt du dir alſo vorſtellen— hm— ſolche Spazierfahrten liegen alſo in der Natur der Sache.— Curios, der alte iſegrimmſche Herzog hat das ih ganz in der Ordnung gefunden, wenigſtens hat er ſeine durchlauchtige Frau Schwiegertochter, die ganz vergnügt der Spazierfahrt ihres fürſtlich eigen⸗ ſinnigen Töchterchens zugeſehen, angefahren und ihr be⸗ merklich gemacht, daß er ſein Großtöchterchen keines⸗ weges in dem beſagten koſtbaren engliſchen Schlafſeſſel zu ſehen wünſche«danach zu achten!d Weißt du, mein Maädchen, was dein ehrwürdiger Großpapa da gethan hat? Er iſt ritterlich vor die beſchämte Fürſtin, die allerdings Schuld geweſen iſt, daß Prinzeßchen Ma⸗ thilde voll Prätenſion im koſtbaren Rollſeſſel Platz ge⸗ nommen hatte, hingetreten, hat ſeine mannhafte Bruſt dem Grimme des alten Herzogs Preis gegeben und hat edelſinnig erklärt:«Wenn Jemand den Zorn Sr. Durchlaucht verdiene, ſo ſei er es ganz allein!) Für ddieſe Heldenthat wird er alſo jetzt, nach vollen zwanzig Jahren, zur Hochzeit Ihrer Durchlaucht der Prinzeſſin Mathilde befohlen. Nehmt ein Exempel daran!“ 189 „Prinzeſſin Mathilde war aber keinesweges ein prätentiöſes und eigenſinniges Kind,“ warf die alte Dame ein,„ſondern ein ſanfter Engel, der wie ein kränkelndes Blümchen die Pflege und zärtliche Aufmerk⸗ ſamkeit des ganzen Hofperſonals genoß. „Und jetzt iſt ſie ſo blühend und ſchön,“ rief Benno exaltirt. „Sie kennen die Prinzeſſin?“ fragte der Präſident voller Erſtaunen. „Ich kam direct von dem dortigen Hofe hierher und habe zwei Mal im Zirkel der Fürſtin Mutter ge⸗ ſpielt,“ erklärte er freimüthig. „ Es wird immer beſſer!“ brummte der Präſident, ihm jähe den Rücken zuwendend. Die andern Anweſenden nahmen die Sache leich⸗ ter, obwohl es namentlich der alten Dame nicht ganz recht war, einen jener reiſenden, von Fürſtengunſt be⸗ zahlten Künſtler, im Kreiſe ihrer Familie zu haben. Sie ſtammte noch aus den alten Zeiten, wo ſolche Künſtler mit großer Ueberhebung behandelt wurden und in allertiefſter Devotion die Ecke des Salons ſuch⸗ ten, wenn ſie eine Piece vorgetragen hatten. Die Sache hatte ſich etwas geändert, allein von der Leut⸗ ſeligkeit der hohen Herrſchaften hing es dennoch jedes Mal ab, ſolchen fürſtlichen Einladungen die Erniedri⸗ gung zu nehmen. Um das Geſpräch nicht wieder in das alte Gleis zurückfallen zu laſſen, ſagte ſie eilig:„Mein Brief iſt von der Baronin Roſenau. Sie ſchreibt mir, daß ſie und ihr Gemahl jetzt Hoffnungen gefaßt hätten, welche die troſtloſe Oede ihrer Zukunft lichteten. Ihr Sohn Alfred wird noch im Laufe dieſer Woche, unter der ſpeciellen Aufſicht des Doctor Sterenthal, einem ſehr geſchickten Operateur überantwortet werden, der ſich nach einer gründlichen Unterſuchung ſeiner Verkrüppelung anheiſchig gemacht hat, den armen Knaben zu einem menſchlichen Weſen zu erheben.“ „Wenn das nur nicht eine Charlatanerie iſt,“ rief der Präſident dazwiſchen.„Wer kann wider Gott und die Natur! Alfred Roſenau wird trotz dieſer Ver⸗ ſprechungen als ein Krüppel leben oder er wird an der Cur ſterben!“ „Ganz dieſelbe Anſicht findet ſich im Briefe der Baronin,“ entgegnete die Oberkammerherrin,„nur in anderer Wendung. Die unglückliche Mutter meint: wenn mein einziger Sohn, der Erbe unſers Namens, als ein Opfer der gewagten Cur ſterben ſollte, ſo müſſen wir einen Troſt in dem Gedanken zu finden ſuchen, daß er ein fürchterliches Daſein als Krüppel 191 vor ſich gehabt hätte, wenn er leben geblieben wäre. Uebrigens verbürgt Doctor Sterenthal die bewunderns⸗ würdige Geſchicklichkeit des Arztes, der ſich für eine Operation erklärt hat.“ „Was iſt jetzt nicht Alles möglich,“ ſprach der Oberkammerherr.„Die Curen der Aerzte grenzen an Wunder. Vielleicht wagen ſie bisweilen zu viel, aber wenn ich denke, daß es gelingen ſollte, dieſem begabten Knaben, der ſich machtlos, weil er krumm zuſammenwächſt, von einem Orte zum andern tragen und fahren laſſen muß, plötzlich das Glück einer, wenn auch nicht glänzend ſchönen, aber doch menſchlichen Geſtalt zufallen zu ſehen, ſo erfüllt mich ein Schauer der Ehrfurcht vor der ärztlichen Kunſt.“ „Ich bitt' dich, jubele nicht zu früh!“ rief der Präſident. „Es ſpricht wenig für die Berühmtheit des ge⸗ ſchickten Operateurs, daß er ſich ſeinem Patienten der⸗ geſtalt widmen kann,“ fügte er ziemlich grämlich hinzu. „Wann werdet Ihr reiſen? Wann ſeid Ihr befohlen?“ Der Oberkammerherr ſchlug das Billet auf. „Durchlaucht bittet, daß wir ſchon am Ende des näch⸗ ſten Monates eintreffen.“ „Und wie lange werdet Ihr bleiben?“ examinirte er weiter. 192 „Höchſtens bis Ende November! Ich vermiſſe mein behagliches Stillleben nicht gern auf lange Zeit.“ „Und was wird aus uns während der Zeit?“ fragte der Präſident zu dem Regierungsrath gewendet, der mißvergnügt über die Hochzeitsreiſe, nicht ein Wort geſprochen hatte. 3 „Ich bleibe mit Alice bis zum November hier, dann gehe ich zurück in mein Amt,“ entgegnete er mit ruhiger Beſtimmtheit.. Der Präſident nickte wohlgefällig, drehete ſich ſchnell zu Benno um, ſchlug ihn hart auf die Schulter und rief ſehr vergnügt:„Und wir, Vetter Benno, wir machen uns im Laufe der nächſten Tage auf und verſuchen die Gaſtfreundſchaft meines Junggeſellenhauſes. Da Sie gern in fürſtlichen Salons ſpielen, ſo ſoll Ihnen die Zeit ſchon nicht lang werden! Unſer Herzog iſt ein bedeutender Muſikfreund!“ „Bevor Sie etwas beſchließen,“ wendete der junge Mann beſcheiden ein,„möchte ich Sie doch er⸗ ſuchen, den Inhalt dieſes Briefes erſt zu prüfen, den ich erhalten habe.“ 1 „Was—? Hat ſein Inhalt eine beſondere Wich⸗ tigkeit?“ fuhr der Präſident ihn an, und griff ſehr ſchonungslos nach den Blättern, die in Benno's Fingern ruheten..1 at S „Für mich, aber vielleicht nicht für Sie! Zuerſt erſehe ich aus dem Anfange dieſes Schreibens, das aus Flensleben datirt iſt, den Tod meines Pflege⸗ vaters.“— Das war jedoch eine Thatſache, die er ſchon ſeit Jahresfriſt wußte. „Wer ſchreibt Ihnen denn?“ forſchte der Präſi⸗ dent mißtrauiſch, während ſich alle Andern unter den Anzeichen wahrer Theilnahme um den jungen Mann reiheten. „Eine Dame, von deren Leben ich bisher keine Ahnung gehabt habe,“ erwiderte Benno leichthin, ob⸗ wohl ſeine Gedanken in dem Momente, wo er redete, von mächtigen Eindrücken beherrſcht wurden.„Ich bin nicht im Stande über die Wahrheit ihrer Berichte zu urtheilen, denn ſie enthüllt mir in ihrem Briefe Verhältniſſe, die ich nicht gekannt habe. Wollen Sie den Brief leſen— wollen Sie die Prüfung der Thatſachen übernehmen, die dieſe Frau, welche ſich als eine Jugendfreundin meiner Mutter decouprirt, aufſtellt, ſo verpflichten Sie mich. Ich bin ſehr über⸗ raſcht von ihren Erzählungen, weil ſie ein romanhaftes dunkles Gewand tragen. „Sie erlauben, daß ich mich während dieſer Prü⸗ fung, der vielleicht eine raſche Verabſchiedung folgt, 194 zurückziehe.“ Er verbeugte ſich achtungsvoll und ver⸗ ließ das Zimmer ohne irgend ein Wort der Erwide⸗ rung abzuwarten. Nach ſeinem Abtreten entſtand eine peinliche, er⸗ wartungsvolle Stille. Die Oberkammerherrin ließ ſich mit einem leiſen Zittern in ihren Arbeitsſeſſel nieder und Alice nahm mit erkünſteltem Eifer ihre Stickerei zur Hand. Der Präſident legte ſich mit brennender Neugier die Blätter zurecht, und der Oberkammerherr ſetzte ſich dicht neben ihn, um nicht ein Wort von ſei⸗ ner Vorleſung zu verlieren. Nur Alicens Vater zeigte jene gelaſſene Stimmung, die entweder ein Beweis von Gleichgültigkeit oder vorhandener Ueberzeugung iſt. Während ſich unten im Salon ein Kreis von Neugierigen gruppirte, ſchritt Benno oben in ſeinem Zimmer, unter den ausgelaſſenſten Freudenausbrüchen, gleich einem losgelaſſenen wilden Thiere, leidenſchaftlich bewegt hin und her. Einzelne Ausrufungen verkünde⸗ ten genugſam, daß er von dem flüchtig überblickten Briefe ſelbſt auf's höchſte überraſcht ſchien und nicht begreifen konnte, wer die Schreiberin deſſelben war, die ſein Glück zu vermitteln ſtrebte. Mit glühenden Wangen, die Augen in ausbrechender Leidenſchaft lo⸗ dernd, wanderte der junge Mann raſtlos auf und ab. Er ſah zurück auf den Pfad, den er ſeit den letzten 195 Monaten gewandelt hatte— lag nicht in jedem kleinen Ereigniſſe, das ihn ſeit ſeiner Kenntniß von den Schmidt⸗Welldorf'ſchen Angelegenheiten betroffen, ein Schickſalsfinger, der peremtoriſch darauf hinwies, daß es ſeine Beſtimmung ſei, durch dieſe Familienconflicte glücklich zu werden? Wer war die Frau, die ihn jetzt mit Ereigniſſen aus einer nebelumhüllten Vergangenheit bekannt machte? Sie hatte ſich„Alexandra von Pottky“ unterſchrieben. In ſeinem ganzen Leben war ihm der Name noch nicht vorgekommen! Entzückt hob er ſeine Arme zum Himmel empor und gelobte der Dame, die mit feſter Hand in den Schickſalszügel ſeiner von Tag zu Tag unſicherern Zu⸗ kunft griff, um ihn einem ſehnlich erwünſchten Ziele zuzulenken, einen Gedenkſtein ihrer Thaten würdig. Nach dem erhaltenen Briefe hinderte ihn nichts mit einer offenen Werbung um Alicens Hand hervorzutre⸗ ten, und wenn es ihm gelungen war, die Liebe und die Einwilligung des ſchönen Mädchens zu gewinnen, nun dann? Dann trotzte er den Erklärungen, die noch im Schooße der Zeit verborgen lagen! Unterdeſſen er träumte und himmelhohe Luftſchlöſſer bauete, las der Präſident, wie folgt: 196 „Um Sie jeder Verwunderung über die unberu⸗ fene Briefſchreiberin zu überheben, mein junger unbe⸗ kannter Freund, erkläre ich mich ſogleich als eine Zu⸗ gendfreundin Ihrer ſeligen Mutter und geſtehe Ihnen, daß ich mich in Beſitz Ihres Schreibens an Ihren Pflegevater geſetzt habe. Ihr Pflegevater ruhet ſeit dreizehn Monaten unter der Erde, kann Ihnen mit⸗ hin nicht die gewünſchten Aufſchlüſſe über die Verhält⸗ niſſe Ihres verſtorbenen Vaters geben. Was ich da⸗ von weiß, will ich Ihnen enthüllen; aber ganz und gar den Schleier von der Vergangenheit ziehen, kann ich nicht, weil ich ſtets nur Andeutungen aus dem Munde Ihrer ſeligen Mutter vernahm, die allerdings auf ſeltſame Familienverhältniſſe ſchließen laſſen. „Ich wurde mit Ihrer Mutter, Kathinka von Buchotzky, und mit der Gräfin Emilie Plater, zuſam⸗ men in einem Kloſter erzogen und die innigſte Freund⸗ ſchaft verband uns, ſo lange wir im Kloſter weilten. Ihre Mutter war ſchön und talentvoll. 1 „Als wir in das Alter traten, wo man die Bil⸗ dung der Mädchen in Polen als vollendet betrachtet, ging die Comteſſe Emilie Plater zu Uhran Oheim, dem Staroſten Caſimir Plater, nach Wilna, und ich begleitete meine verheirathete Schweſter nach Poſen. Ihre Mutter hingegen hatte die Idee gefaßt, ſich der „ 197 Bühne zu widmen und wählte Warſchau zu ihrem zeit⸗ weiligen Aufenthaltsorte. Nachdem wir einige Jahre fern von einander gelebt, und nur durch Briefe in Verbindung geſtanden hatten, kam ich ebenfalls nach Warſchau und fand Ihre Mutter als die glückſelige Braut eines deutſchen Edelmannes, den ſie zu heirathen gerade im Begriffe ſtand. „In den erſten traulichen Stunden ſchon geſtand mir Kathinka, daß ſie ſchwere Kämpfe mit ihren Ver⸗ wandten wegen ihrer Liebe gehabt habe, und daß es nur der perſönlichen Einwirkung des Großfürſten Kon⸗ ſtantin, welcher damals als Statthalter in Warſchau reſidirte, gelungen ſei, die Einwilligung ihrer Vettern gleichſam zu erzwingen. Nachdem dieſe Vettern aber eingeſehen hatten, daß Kathinka unter dem ſpeciellen Schutze des Großfürſten ihrem Widerwillen trotzen könne, machten ſie gute Miene zum böſen Spiele und ſchloſſen ſich keineswegs von dem feſtlichen Gepränge aus, womit an einem Frühlingstage des Jahres 1828, Fräulein Kathinka von Buchotzky, die Gattin des Herrn von Schmidt wurde. Der Großfürſt hatte mit merk⸗ würdiger Humanität der Hochzeit durch ſeine Gegen⸗ wart eine ſo glänzende Bedeutendheit verliehen, daß ganz Warſchau davon in Alarm geſetzt war. Gleich nach den erſten Wochen ihrer jungen Ehe, mußte Herr ½ 8 1 8 4 198 von Schmidt in geheimen Aufträgen nach Petersburg, und ſeine ſchöne Gattin begleitete ihn. Erſt nach Jahresfriſt kamen ſie wieder nach Warſchau zurück und da wurden Sie, mein junger Herr, geboren. Ihre Mutter war noch nicht ganz wieder hergeſtellt, als Ihr Vater abermals abreiſen mußte. Er ließ ſeine junge Frau und ſein Söhnchen unter dem Schutze eines al⸗ ten Vetters, Ihres nachherigen Pflegevaters, des Muſikdirector von Buchotzky, zurück, kam von Zeit zu Zeit auf wenige Wochen zu ſeiner Gattin, die er noch immer leidenſchaftlich liebte, und überredete ſie endlich, wieder mit ihm zu reiſen, natürlich ohne das kleine Söhnchen, das den Strapazen einer wandernden Le⸗ bensart keineswegs gewachſen war. Damals habe ich Sie oft geſehen, oft auf meinen Armen getragen und Sie ſehr oft zum Gegenſtande meiner Correſpondenz mit Ihrer beſorgten Mutter gemacht. Die ausbrechende Revolution in Polen, dieſer letzte mißlungene Verſuch des armen Polenvolkes, ſeine Freiheit und Selbſtſtän⸗ digkeit wieder zu erringen, entfernte mich aus Warſchau, als Sie kaum die erſten Worte lallen konnten, und ich habe Sie ſeitdem nicht wieder geſehen, wohl aber Ihre beiden Eltern. „Es war manches edle Haupt in der wilden Energie, womit der Plan der Befreiung verfolgt 199 wurde, gefallen, und manches große Herz hatte ſein Blut vergebens auf den Schlachtfeldern vergoſſen. Auch mein Vater ſtarb in Folge der erhaltenen, fürchterlichen Wunden, und was noch ſchlimmer war, die meiſten meiner Vettern ſchmachteten nach der Niederlage, die das Volk, trotz allem Heroismus, erlitt, im Gefäng⸗ niſſe. Mein Verlobter, der Herr von Pottky, lag ſchwer verwundet in unſerm Hauſe verſteckt, und wir zitterten bei jedem Geräuſch für ſeine Freiheit. Es waren gräßliche Tage der Angſt und Noth. Unſer Gut lag unfern von Warſchau, aber nicht an der Heerſtraße, und die Unwegſamkeit dieſer Waldgegend ſchützte uns einigermaßen vor dem Beſuche kriegeriſch geſinnter Leute. Um ſo größer war eines Abends un⸗ ſere Ueberraſchung, als ein Wagen, begleitet von einem Trupp Ruſſen, in unſern Schloßhof rollte. Geängſtigt verbargen wir uns hinter den verhangenen Fenſtern, um zu ſehen, wer uns auf eine ſo verrätheriſch auf⸗ fallende Weiſe einen Beſuch mache, und Sie können ſich ungefähr denken, mit welcher Herzensfreude ich plötzlich meine Jugendfreundin Kathinka, an der Hand ihres Gatten, dem Wagen entſteigen ſah. Ein be⸗ deutſamer Blick aus den ſchönen Augen der jungen Frau hemmte zwar meine Aafaden usbrüihe etwas, nahm mir aber keineswegs die Unbefangenheit ſo weit, 200 daß ich ängſtliche Sorge verrathen hätte. Und das rettete uns. „ Herr von Schmidt bat für ſich und ſeine Leute um ein Nachtquartier. Er trug Uniform. Bis dahin hatte ich nicht geglaubt, daß er Militär ſei, und Kathinka wich meinen Fragen aus, als ich ſie gleich nach der erſten Begrüßung haſtig und verſtohlen be⸗ fragte, ob«ſie gegen uns ſtehe». Da ich ohnedies wußte, daß Herr von Schmidt vertraut mit dem ruſ⸗ ſiſchen Großfürſten war, ſo ließ ich die Sache uner⸗ gründet und dachte nur darauf, die Anweſenheit mei⸗ nes kranken Bräutigams, der tapfer in der Befreiung unſers Vaterlandes gehandelt, alſo der Verfolgung ruſſiſcher Behörden verfallen war, zu verbergen. Meine geringe Furcht vor feindſeligen Abſichten des Herrn von Schmidt verſtärkte ſich im Laufe des Abends, als ich bemerkte, daß ein Mann, den er als eine Art Kammerdiener oder Secretär bei ſich hatte, die Räume des Schloſſes durchſchlich und ſich mit einigen unſerer Leute vertraut zu machen ſuchte. Ich beſchloß ſogleich die Freundſchaft Kathinka's zu benutzen, um jedes Spioniren im Keime zu erſticken. Während die junge Frau ſich alſo für einige Momente zurückzog, um ihre Toilette zu vervollſtändigen, trat ich eilig in ihr Zimmer und ſagte ihr, daß ich durch ihren Beſuch in Verlegen⸗ 201* heit geſetzt werden könne, wenn ſich die Männer ihrer Escorte neugierig und unbeſcheiden zeigen würden. „Kathinka ſah mich ſehr traurig an und erklärte mir, daß ſie fürchte, man wiſſe um Pottky's Aufenthalt und ſei ſeinetwegen hier. Ich war ſo beſtürzt und ſo überwältigt von Schmerz über dieſe Erklärung, daß ich mich vergaß und in bittere Vorwürfe ausbrach. Wie konnte ein Polenkind die Begleiterin einer Spürrotte ſein, die das Land durchzog, um die armen Verwunde⸗ ten der Verſchwörung zuſammen zu leſen? Ich ſagte Ihrer Mutter das unverhohlen Sie hatte nur Eine Entſchuldigung für ihr Thun: die grenzenloſe Liebe für den Mann, der ihr Gatte und zugleich in ſeiner Stellung zum ruſſiſchen Hofe, ihr Vaterlandsfeind war. eSch liebe ihn,» ſagte ſie unter den Thränen innerer Entzweiung, Lich liebe ihn mehr, als mein Vaterland, und ich benutze meinen Einfluß nur, um in einzelnen Fällen Rückſicht für meine Landsleute zu erflehen. Sei ruhig, Alexandra, dein Verlobter ſoll nicht gefunden werden!» „Kathinka hielt Wort. Am nächſten Morgen brach die Spürbande wieder auf und entfernte ſich ohne Hausſuchung. Ihre Eltern blieben bis Mittag. Wir überließen uns harmlos unſerer alten Jugendliebe und der Herr von Schmidt war liebenswürdig genug, un⸗ 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 13 F 202 ſere Vaterlandsliebe ganz zu ſchonen. Der deutſche Edelmann betrachtete unſere patriotiſche Verzweiflung mit kühlem Verſtande und nannte den Unabhängigkeits⸗ trieb, der unſern Adel zum Aufſtande geleitet hatte, einen«temporären Wahnſinn, da es jedem vernünf⸗ tigen Menſchen einleuchtend ſein müſſe, daß ſich Polen nie wieder als ſelbſtſtändiges Reich halten könne». Damals empörte ſich meine junge Seele gegen dieſen Ausſpruch, jetzt aber muß ich zugeben, daß etwas Wahr⸗ heit in demſelben liegt. „ Wir verlebten, ungeachtet unſerer Meinungsver⸗ ſchiedenheiten, einige recht ſchöne Stunden zuſammen und es war ſpäter geworden, wie Herr von Schmidt anfangs beſtimmt hatte, als der Befehl zum Anſpannen von ihm gegeben wurde. Kathinka ſtand mit mir am Fenſter, während ihr Gatte noch einige Schreibereien beſorgte. Wir verabredeten eben einen Briefwechſel in Chiffern, die uns aus unſerer Penſion noch ſehr ge⸗ läufig waren und oft dazu gedient hatten, nichtige Ge⸗ heimniſſe vor neugierigen Blicken zu verſchleiern. Jetzt ſollte unſere erlangte Fertigkeit dazu dienen, Kathinka von den Vorfällen Nachricht zu geben, wo ſie hülfreich einzugreifen vermochte. Mein Blick fiel dabei auf den ſehr ſchmuzigen Landweg, der zwiſchen moorigen Wie⸗ ſen bis zum Waldrande dahinlief und unſern Augen * 203 weithin ſichtbar war. Ich erblickte in der Ferne ein paar Menſchen, die eilig in dem kothigen Wege daher⸗ kamen und deren Aeußeres keinesweges mit dem Spa⸗ ziergange in dieſem Schmuze harmonirte. „«Was heißt das? fragte ich meine Freundin Kathinka, verſtohlen mit dem Finger dorthin deutend. «Sollten das nicht Flüchtlinge ſein, die von Eurer Escorte aufgeſcheucht, hier Zuflucht ſuchen wollen? Ein Herr in feiner Polentracht und eine Dame in franzö⸗ ſiſcher Coiffüre— Locken à la neige—? Beim Him⸗ mel,“» ſetzte ich eilig flüſternd hinzu,«es iſt Emilie! — Erkennſt Du ſie, Kathinka? Comteſſe Emilie Plater und der junge Graf Cäſar, ihr Couſin. Sie ſcheinen verfolgt zu werden— Kathinka—.» Meine bittenden Blicke wurden von der jungen Frau ſogleich recht ver⸗ ſtanden. Sie gab mir einen Wink— ich flog wie auf Sturmesflügeln die Treppe hinab, dem flüchtigen Paare entgegen. Was Kathinka geſagt und gethan, während meiner ſehr kurzen Abweſenheit, das weiß ich nicht, aber ſo viel iſt gewiß, daß die arme, bis zum Tode erſchöpfte Comteſſe, Emilie Plater, und ihr junger Vetter einen Platz in dem ſehr ſichern Wagen des Herrn von Schmidt einnahmen, als er fortfuhr, und daß auf dieſe Weiſe die Häſcher, welche ihnen auf der Spur waren, um ihre Beute betrogen wurden. Auch 13* 204 meinem Verlobten gelang es, der Gefangenſchaft zu entgehen. „Was außerdem Ihre ſelige Mutter Gutes an ihren Landsleuten gethan hat, weiß ich nicht genau, allein es muß ſehr viel geweſen ſein, denn es gab die Veranlaſſung zu ihrem eigenen Unglück. „Schon daß es dem Grafen Cäſar Plater durch Kathinka's Vermittlung gelungen war, ſeinen Verfol⸗ gern zu entgehen, wurde der erſte Anlaß zu einem Miß⸗ trauen, das ſpäter in hellen Flammen ausbrach. Es blieb natürlich nicht verborgen, wie die beiden bedeu⸗ tendſten Kämpfer für Polens Freiheit, trotz aller Wach⸗ ſamkeit, ungefährdet geblieben waren. Comteſſe Emilie, als die Jeanne d'Arc der polniſchen Revolution betrach⸗ tet, als das Ideal heldenmäßiger Weiblichkeit und Va⸗ terlandsliebe von allen Polen angebetet, erkrankte un⸗ mittelbar nach dieſer Hetzjagd auf ihre Perſon und wurde das Opfer der übermäßigen Anſtrengungen, de⸗ nen ſie unterworfen geweſen war. Bei ihrem Tode nannte man den Namen ihrer Jugendfreundin, Kathinka von Buchotzky, und es gelangte zu den Ohren der Be⸗ hörden, daß dieſe Kathinka menſchlich gehandelt hatte. Dies war genug, um die Stellung des Herrn von Schmidt zu gefährden und ihn zu zwingen, ſich pro forma auf eine Zeit lang von ſeiner jungen Gattin zu 205 trennen. Kathinka ging zu ihrem Vetter, dem Muſik⸗ director von Buchotzky, bei dem Sie noch immer weil⸗ ten und die Gatten ſahen ſich nur verſtohlen bis zu der Zeitperiode, wo es der ruſſiſchen Regierung gelungen war, ihre Gewalt über das unglückliche Land von neuem und, wie es ſcheint, für die Dauer zu befeſti⸗ gen. Herr von Schmidt ging nach Petersburg und Kathinka folgte ihm nach einiger Zeit. Sie blieben bei ihrem Pflegevater. „Die Auswanderungen meiner Verwandten und meines Verlobten nach Frankreich ſtellten dieſe ſicher, aber ſie machten mich ſehr unglücklich. Ich konnte und wollte meine Heimath nicht verlaſſen, blieb alſo für immer getrennt von dem Manne, den ich lieb hatte, wenn nicht durch irgend einen Glückszufall der Herr von Pottky in ſein Vaterland zurückgeführt werden konnte. Im Allgemeinen ſahen wir Alle ſchon damals die Nutz⸗ loſigkeit des Aufſtandes ein, und es mochte ſich in mancher Polenbruſt die Mahnung regen, daß man die Lage des Volkes dadurch eher verſchlimmert, als ver⸗ beſſert habe. Fern von der Heimat, verbannt aus dem Lande, wo man geboren und erzogen iſt, da wächſt der Muth, lieber den Druck einer Regierung zu ertragen, als ganz heimathlos zu ſein. Pottky ſprach oftmals ſeine Sehnſucht aus, lieber ſtill und thätig, als Landmann K 1 5 * 206 in Polen zu hauſen, als ſich in fremder Herren Ländern unbeſchäftigt umhertreiben zu müſſen. Ich faßte daher den Entſchluß, Schritte zu wagen, die dieſe Sehnſucht nach einem arbeitsthätigen Daſein zu befriedigen ver⸗ mochten. Wiederum ſollte Kathinka von Buchotzky mein Beiſtand ſein. Ich wußte, daß ſie in Petersburg wohnte; ich kannte von früher her ihre Beziehungen zu dem Großfürſten Konſtantin, und ich machte mich des⸗ halb eines Tages mit frohem Muthe auf, um Ihre Mutter, mein junger Herr, aufzuſuchen. Es gelang mir nach vielen vergeblichen Forſchungen, nach manchen Irrwegen, wozu der weitverbreitete Name«von Schmidt) Veranlaſſung gab. Ich fand meine Jugendfreundin ſtiller, bleicher und weniger frohmüthig, als ſonſt. Sie ſchien von den Einwirkungen höherer Mächte ſehr verſchüchtert und verſagte mir entſchieden jede Hülfs⸗ leiſtung. So viel ich aus ihren Andeutungen entziffern konnte, war ſie ohne Wiſſen der Gönner ihres Gatten in Petersburg und lebte nur heimlich und ohne An⸗ ſpruch auf öffentliche Präſentation, als ſeine Gattin, bei ihm. Ich ſtellte ihr das Mißliche ihrer Lage vor und bat ſie dringend, ihres Rufes wegen, ſolche Lebens⸗ weiſe aufzugeben. Kathinka ſchüttelte traurig den Kopf und erklärte:«nicht ohne ihren Gatten leben zu kön⸗ nen, und da durch ihre eigene Schuld ihre Stellung 207 dergeſtalt begründet wäre, ſo müßte ſie auch damit zu⸗ frieden ſein. Sie habe es der polniſchen Revolution zu danken, daß man ihren Gatten, der eine Polin gehei⸗ rathet habe, mit Argwohn belaſte, obwohl er mit Leib und Seele für die ruſſiſchen Intereſſen zu wirken ſuche.» „Ich verließ meine Freundin mit traurigem Her⸗ zen, und habe ſie nicht wiedergeſehen. Glücklich war ſie ſchon damals nicht mehr. Später ſoll ſie Veran⸗ laſſung gehabt haben, Petersburg ſehr eilig zu ver⸗ laſſen und bei Ihrem Pflegevater eine Zuflucht zu ſuchen. Sie gab ſich, der Welt zu Gefallen, für eine Witwe aus, obgleich man von vielen Seiten behauptete, daß Herr von Schmidt damals keineswegs geſtorben ſein, ſondern noch lange in ruſſiſchen Dienſten, und zwar in ſehr glänzenden Verhältniſſen, gelebt haben ſoll. Das Alles erfuhr ich aber erſt viel ſpäter, und zwar zu einer Zeit, wo ſich mein Schickſal ſchon wieder gelichtet hatte. „Als ich unverrichteter Sache, mit ſehr geſunkenen Hoffnungen von Petersburg zurückkam, war von eini⸗ gen tollkühnen Polen ein neuer Volksaufſtand verſucht worden, der die ruſſiſchen Behörden mit ſolcher Er⸗ bitterung erfüllte, daß meine Bemühungen für eine Be⸗ gnadigung Pottky's gänzlich fruchtlos geweſen ſein wür⸗ 208 den. Ich mußte eine günſtigere Zeit abwarten. Um meinem ſehnenden Herzen zu genügen, unternahm ich eine Reiſe nach Frankreich, hielt mich dort bis zum Jahre 1835 auf, jedoch ohne eine Heirath mit Herrn von Pottky zu ſchließen, die mich meiner Güter in Po⸗ len beraubt haben würde und verließ erſt im April die⸗ ſes Jahres, als wir einen überraſchenden Beweis von Kaiſer Nikolaus' menſchenfreundlicher Güte erhielten, mit neugeweckter Hoffnung Paris. „Mein Vetter, der Oberſt von Slewiky, war nämlich plötzlich geſtorben und hatte im Augenblicke ſei⸗ nes Todes mit fieberhafter Sehnſucht den Wunſch aus⸗ geſprochen: im Vaterlande begraben zu ſein. Man be⸗ nachrichtigte den Kaiſer von dieſem Wunſche und er war ſo gnädig anzuordnen, daß meines Vetters Leiche, auf Koſten der Krone, nach Polen geſchafft und in dem Brückenkopfe der Praga mit allen militäriſchen Ehren beigeſetzt werden ſolle, um dort friedlich zu ruhen, wo er feindlich gewirkt habe.» „Ich erſah aus dieſer Handlung, daß der Kaiſer Nikolaus das, was ihn vor fünf Jahren ſo ſchwer ge⸗ kränkt hatte, zu vergeben und zu vergeſſen bereit ſei, und das Licht der Hoffnung entzündete ſich um ſo heller in mir, als ich bedachte, daß Herr von Pottky nicht ſo betheiligt bei dem Aufſtande geweſen war, als mein 209 Vetter Slewiky. Ich kam gerade zu rechter Zeit nach Warſchau, um den erſten Huldblick, den der ruſſiſche Kaiſer auf unſer armes Polen warf, zu erhaſchen. Er hatte bis dahin beharrlich jede Annäherung der Volks⸗ vorſtände zurückgewieſen, und ſeine Mißſtimmung gegen das Volk auf unzweideutige Art an den Tag gelegt. Endlich in demſelben Jahre, wo ich meine Zuverſicht auf glückliche Beſeitigung aller Hinderniſſe, die zwiſchen meiner Verheirathung mit Pottky lagen, ſetzte, beſchloß der Kaiſer, auf der Rückreiſe von Kaliſch über Warſchau zu gehen und den Bitten der Stadtbehörden um Ver⸗ ſöhnung nachzugeben. Ich bauete auf dieſen Umſtand meinen Plan, und er gelang. Der Kaiſer zeigte ſich feſt, ernſt und ſtrenge den ſtädtiſchen Behörden gegen⸗ über, er ſchnitt den demüthigen Rednern das Wort vor dem Munde ab und nahm Gelegenheit, ihnen offen und gerade ſeine Geſinnungen auszuſprechen, die ſich von dem Undanke, mit welchem die Nation frühere wohlthätige Einrichtungen belohnt hatte, verletzt zeigten, aber er verwechſelte nicht des Volkes Schwäche und In⸗ tereſſe mit dem ſpeciellen Wohle des Einzelnen, denn er hörte mich gütig und ruhig an, als ich mit meinen Bitten furchtlos vor ihn hintrat, und reichte mir mit wahrhaft brüderlicher Güte die Hand zur Bekräftigung ſeines Verſprechens,«den Herrn von Pottky unangetaſtet 13 1 5 4 210 auf meinem Beſitzthume leben zu laſſen, wenn er als mein Gatte in's Vaterland zurückkehren wolle.» „Voll Freude über mein lange verzögertes Glück traf ich meine Anſtalten und ſchrieb auch an Ihre Mutter. „Mein Schreiben blieb unbeantwortet. Mein Hochzeitstag verging ohne Ihre Mutter— viele, viele Wochen ſpäter erhielt ich einen Brief, den Kathinka wahrſcheinlich in der Abſicht geſchrieben hatte, ihn mir zu ſenden, der aber aus unerklärten Urſachen liegen ge⸗ blieben war. Sein Inhalt ließ mich ein tief gekränktes und gebrochenes Herz ahnen— wodurch gekränkt und verletzt, blieb mir ein Räthſel. Mit dieſem Briefe zugleich meldete mir Ihr Pflegevater ſehr lakoniſch den Tod ſeiner Couſine Kathinka, und erklärte dieſen Tod für Kathinka's Glück. „Obwohl es mich ſehr lebhaft intereſſirte, etwas Näheres über den Grund dieſer Bemerkung zu erfahren, ſo unterließ ich doch eine Nachforſchung. Theils konnte ich auf eine ſchriftliche Anfrage von dem trägen, ganz abſonderlich ſchreibunluſtigen Muſikdirector von Buchotzky durchaus keine Antwort erwarten, und theils war ich von meinen neuen, glücklichen Verhältniſſen ſehr in An⸗ ſpruch genommen. Jetzt, Ihnen gegenüber, thut es mir freilich außerordentlich leid, dies verſäumt zu ha⸗ 211 ben. Der einzige Menſch, der uns auf unſer Befragen eine Auskunft hätte geben können, war Ihr Pflegeva⸗ ter, und deſſen Lippen hat der Tod geſchloſſen. Daß Sie von dem wortkargen, alten Murrkopfe aber in Ungewißheit über Ihre Familienverhältniſſe gelaſſen wurden, gibt eine Veranlaſſung, an eine beſondere Schickſalsverkettung zu glauben, ſonſt ſähe ich doch gar keinen Grund, warum der alte Mann Ihnen nicht die Abſtammung Ihres Vaters, von der er ganz gewiß unterrichtet geweſen iſt, klar vorgelegt hätte. Meiner Meinung nach hat der Ehrgeiz in Ihres ſtolzen Vaters Herzen über die Liebe geſiegt, und er hat ſeine leiden⸗ ſchaftlich geliebte Kathinka verſtoßen, als er gewahr wurde, daß ſich der Czar der polniſch geſinnten Gattin abhold zeigte. Was Ihren Vater ſonſt ſollte abgehal⸗ ten haben, Sie als ſeinen rechtmäßigen Sohn nach Pe⸗ tersburg zu berufen, nachdem er den Tod Kathinka's erfahren, ſehe ich wirklich nicht ein. Wahrſcheinlich hat er Ihr Daſein ganz verleugnet und Sie im Laufe ſei⸗ nes vielbewegten Lebens vergeſſen. Wie er geſtorben iſt, werden Sie hoffentlich wiſſen. Wo nicht, ſo mö⸗ gen Sie nachträglich erfahren, daß er im Spiele mit dem Fürſten Senſikow aneinander gerathen, daß es nicht ohne Beleidigungen abgegangen iſt, und daß in Folge deſſen ein Duell ſtattgefunden hat, in welchem — 212 das Unrecht, in der Perſon des Fürſten Senſikow, ſiegte, während Ihr Vater als ein Opfer ſeines edlen Eifers, einen Böſewicht zu entlarven, fiel. Trotz vie⸗ ler Schwächen, war Ihr Vater in weitem Kreiſe, und namentlich in dem Hoßzirkel, ſehr beliebt, deshalb machte ſein außergewöhnlicher Tod ſehr viel Aufſehen, und die Nachricht davon drang ſelbſt bis in unſere ſtille Ein⸗ ſamkeit. Ich fand alſo jetzt beſtätigt, was man ſchon früherhin vermuthet hatte, daß Kathinka von Buchotzky nicht als Wittwe, ſondern als eine verſtoßene Gattin geſtorben war. „Es liegt mir nun noch ob, Ihnen zu erklären, wie ich zu dem Briefe gekommen bin, den Sie aus Unkenntniß an einen Verſtorbenen gerichtet hatten. „Mein Schwiegerſohn iſt Director des Kreisge⸗ richts in Flensburg, und die Poſtbehörde hatte den Brief, welchen ſie als«unbeſtellbar» ſchon wieder zu⸗ rück hatte gehen laſſen wollen, dem Gerichte zugeſchickt mit der Anfrage: ob daſſelbe geneigt ſei, Auskunft über die geſtellten Anfragen des frühern Pflegeſohnes Buchotzky's zu geben. Natürlich wollte ſich das Ge⸗ richt nicht damit befaſſen, und der Brief würde Ihnen zurückgeſendet worden ſein, wenn nicht zufällig meine Toch⸗ ter von mir den Namen Kathinka von Buchotzky gehört, und in Folge einer plötzlichen Inſpiration ihren Mann 213 gebeten hätte, mir den Brief zuſchicken zu dürfen. So kam ich zu ſeinem Beſitze und ich willfahrte ſehr gern Ihrem Verlangen nach Auskunft über Ihre Familien⸗ verhältniſſe, ſo weit ſie mir bekannt geworden ſind. Was Ihnen noch wünſchenswerth an Tauf⸗ und Trau⸗ ſcheinen, ſowie an Todesbeſtätigungen iſt, das werden Sie nach meiner Auseinanderſetzung leicht erlangen können. Getraut ſind Ihre Eltern in der Kirche zu⸗ nächſt dem Statthalterpalaſte. Getauft ſind Sie jedoch wahrſcheinlich in einer der Kirchen der neuern Stadt⸗ theile, woſelbſt Ihre Mutter zur Zeit Ihrer Geburt wohnte. Deutlich beſchreiben kann ich Ihnen dieſen Stadttheil nicht. Sie werden gut thun, ſelbſt nach Warſchau zu reiſen, um dieſe Scheine zu holen. „Sollten Sie ſich zu dieſer Reiſe entſchließen, ſo melden Sie es mir. Ich werde Sie dann in Warſchau erwarten und Sie nach Kräften unterſtützen. Daß Sie nach abgethanenen Geſchäften mir die Freude machen werden, als mein lieber Gaſt mit nach meinem Dörfchen zu gehen, bezweifle ich gar nicht. Sie gehören in den Kreis meiner Kinder, und Sie ſollen als mein älteſter Sohn betrachtet werden. Möge der Himmel Ihnen vergüten, was die Ungerechtigkeit Ihres Vaters Ihnen entzogen hat.“——— Der Präſident warf mit den letzten Worten, die 214 er mit erhobener Stimme geleſen hatte, den Brief auf den Tiſch und überließ ihn der Neugierde ſeiner Schwä⸗ gerin, die nochmals einzelne Stellen überblickte und mehrere Male die Unterſchrift„Alexandra von Pottky, geborene von Slewiky“ wiederholte. „Die Dame drückt ſich merkwürdig gut deutſch für eine Polin aus,“ bemerkte der Oberkammerherr mit ſo bedrücktem Tone, daß man deutlich ſah, er ſpreche nur, um doch etwas zu ſagen. „Madame Pottky ſcheint mir eine verkappte Schriftſtellerin,“ ſchnarrte der Präſident.„Ihr Be⸗ richt beruht auf vagen Vermuthungen und ſtreift an einen Roman. Das kann uns aber nicht veranlaſſen, der indirecten Aufforderung, die ſie an uns richtet, nicht gerecht zu werden. Ich ſchlage deshalb vor, un⸗ ſerm Herrn Benno bis zur Zeit, wo ſeine Taufzeugniſſe beſchafft ſind, eine Revenue des Geldes zukommen zu laſſen, das wir, als den Nachlaß unſers ruſſiſchen Bru⸗ ders, in Beſitz genommen haben.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele,“ rief der Re⸗ gierungsrath lebhaft auffahrend. „Sie ſind doch gut,“ fiel die alte Dame ein, und reichte dem Schwager mit wohlwollendem Lächeln die Hand. „Keine Elogen, Helene,“ ſchrie der Präſident im 215 höchſten Tenor.„Güte iſt nicht mein Fach— Gerech⸗ tigkeit will ich gern üben, nur keine Güte!“ „Nehmen Sie es, wie Sie wollen,“ entgegnete die Oberkammerherrin lächelnd,„aber ich geſtehe Ih⸗ nen, daß ich mich vor Ihrem Widerſpruche ſehr ge⸗ fürchtet habe, als ich während des Briefleſens daran dachte, daß das geſchehen müſſe, was Sie eben vor⸗ geſchlagen haben. Es wäre doch entſetzlich, wenn wir dem Sohn einen Nachlaß vorenthalten wollten, den er nicht allein beanſpruchen kann, ſondern deſſen er auch benöthigt iſt.“ „Und Sie traueten mir die koloſſale Ungerechtig⸗ keit zu, im Beſitze der Mittel zu bleiben, die den jungen Herrn abhalten können, im fürſtlichen Salon Eckenſteher zu werden, meine Gnädigſte?“ fragte der Präſident ironiſch. „Nein, lieber Vietor, ich trauete Ihnen nur Klug⸗ heit genug zu, die Mangelhaftigkeit dieſes Beweiſes aus dieſem Briefe herauszufinden!“ erwiderte die Ober⸗ kammerherrin ganz ruhig. „Wir werden es uns angelegen ſein laſſen, die vorherrſchenden Zweifel entweder zu lichten oder zu be⸗ ſeitigen. Aus Letzterm erſteht dann freilich die Ueber⸗ zeugung, daß Benno trotz allen zutreffenden Umſtänden, doch nicht unſer Neffe iſt.“ 1 216 „Alſo auch du zweifelſt—“ fiel der Oberkammer⸗ herr ſchnell ein. Der Präſident ließ ſich nicht ſtören, ſondern fuhr erklärend fort:„Lichtet ſich der Schleier, der in meinen Augen die Sdentität der beiden ruſſiſchen Perſönlichkei⸗ ten zweifelhaft macht, ergibt es ſich, daß Benno's Va⸗ ter wirklich unſer Bruder iſt—“ „Es würde mich tief ſchmerzen,“ fiel der Ober⸗ kammerherr wieder ein. „So ſteht das Arrangement der Geldverhältniſſe uns begütigend zur Seite,“ fuhr der Präſident fort. „Beſeitigen ſich die Zweifel, die allerdings durch dieſen Brief erweckt werden, und ergibt es ſich, daß unſer ſelig verſtorbener Quartus etwas Weniges von einem Schur⸗ ken nicht an ſich hatte, ſondern daß der wunderbare Zufall einen Mann gleichen Namens aus Deutſchland dorthin führte, wo Benno geboren iſt und unſer Bru⸗ der gelebt hat, ſo thun wir ein chriſtliches Werk, wenn wir dem Prätendenten Benno für fehlgeſchlagene Hoff⸗ nungen eine kleine Rente überlaſſen. Alſo jedenfalls würde ich es rathſam und an der Zeit finden, die Geldangelegenheit ſicher zu ordnen.“ „Beweiſen ſeine Taufſcheine die Abkunft vom Onkel OQuartus, ſo wirſt du ihm hoffentlich das ganze Kapital 217 zu beliebigem Gebrauche überantworten?“ fragte der Regierungsrath. „Das weiß ich noch nicht!“ meinte der Präſident, und ſah von der Seite ſeinen Bruder an, der augen⸗ ſcheinlich unter ſchmerzlichem Nachdenken mit ſehr ver⸗ ſchiedenartigen Empfindungen im Kampfe lag.„Ich denke, wir verzinſen es nur; denn mir ſcheint, Herr Vetter Benno hätte Anlage, mit 60000 Thalern fir fertig zu werden. Meinſt Du nicht: auch, alter Knabe?“ Der Oberkammerherr ſchreckte aus ſeinem Nach⸗ ſinnen empor und ſah verwirrt in das Geſicht ſeines Bruders. Er hatte nicht ein Wort von deſſen Rede gehört. „Was grübelſt Du?“ fügte der Präſident herzlich inzu. 4„Ich denke mir den möglichen Fall, in Quartus einen faulen und unwürdigen Zweig unſerer Familie betrauern zu müſſen,“ verſetzte der alte Herr mit kum⸗ mervoller Miene.„Mein Herz blutet, wenn ich die ehrenvolle Stellung, worin er ſtarb, durch Mittel er⸗ worben ſehe, die ich aus voller Seele verabſcheuen müßte.“ „Du möchteſt keinen Polenſpürhund zum Bruder haben?“ fragte der Präſident ſpöttiſch. „Nein—! Der Gedanke empört mich!“ 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 14 218 „Iſt es denn ſo gewiß, daß unſer Bruder der⸗ gleichen Geſchäftchen getrieben hat?“ „Es könnte doch ſein— die Wahrſcheinlichkeit dafür iſt da—.“ „Nichts weniger,—“ ſpottete der Präſident.„Ge⸗ rade aus dieſem Umſtande ziehe ich den Zweifel, daß der Spion, welcher Schmidt hieß und Fräulein Ka⸗ thinka von Buchotzky ehelichte, keineswegs ein Schmidt⸗ Welldorf war.“ „Der Grund iſt nicht ſtichhaltig,“ warf der Re⸗ gierungsrath ein.„Jeder handelt von ſeinem Geſichts⸗ punkte aus, recht, wenn er zu einem Ziele zu gelan⸗ gen ſtrebt. 7 Der Oberkammerherr nickte zuſtimmend.„Hätte uns Frau von Pottky nur wenigſtens eine Art Sig⸗ nalement von Benno's Vater entworfen,“ ſprach er traurig. „Stille Deine Sorgen, alter Knabe,“ fuhr der Präſident auf,„und rüſte Dein hochzeitlich Kleid für Prinzeß Mathilde.— Wenn Du heimkehrſt, ſoll mit Macht gearbeitet werden, um die Kinder vom Stamme Schmidt zu Paaren zu treiben. Ich leugne gar nicht, daß ich ſehr wenig Stolz auf einen Bruder ſein würde, der ſich zu niedrigen Dienſten herleiht, der ein ſchönes junges Weib verläßt, der ſeinen Sohn vergißt, und 219 2 der dann, als ein geachteter Mann auspoſaunt, harmlos in jene Welt geht, wo ihm ſeine Thaten vergolten werden ſollen. Allein dergleichen Dinge kommen in der geſteigerten Cultur unſers Zeitalters ſo oft vor, daß man ſich nachgerade freuen muß, wenn man nur einen Betrüger, und nicht einen Räuber und Mörder als Bruder zu verehren gezwungen iſt.“ Er begegnete bei dieſen Worten einem ſo verwun⸗ derten Blicke aus Alicens Augen, daß er laut auf lachte.„Das ſcheinen Dir wohl Märchen, mein Mäd⸗ chen?“ fragte er, koſend über ihr hübſches Geſicht ſtreichend.„Apropos, was ſagſt Du denn zu dem exceſſiv ſchönen Briefe der Frau von Pottky? Du glaubſt daran, wie an ein Cvangelium, nicht?“ Alice bejahete die Frage ganz ſorglos und unverhohlen. Die alte Dame jedoch horchte geſpannt darauf, was weiter folgen würde. Sie wußte ſeit lieber, langer Zeit, daß er ſich ſtets einer Zwiſchenperſon bediente, wenn er ihr eine Lehre ertheilen wollte. Was er alſo jetzt ihrer Enkelin fagte, das konnte ſie getroſt auf ſich beziehen. „Und was würdeſt Du ſagen, wenn es bewieſen würde, daß außer Berückſichtigung des Weſentlichen, das iſt die Herkunft Benno's, nicht ein Wort davon wahr wäre?“ fragte der Präſident mit dem gemüth⸗ 14* 220 lichſten Tone, den er in ſeiner Kehle aufzutreiben ver⸗ mochte. „Mein Gott,“ entgegnete Alice lebhaft,„was ſollte wohl die Frau von Pottky veranlaßt haben, ſol⸗ chen Brief zu ſchreiben!“ „Lediglich die enorme Liebe aller Frauen zur Romantik und die unverwüſtliche Neigung«Wahrheit und Dichtung zu vermengen, mein Mädchen! Viel⸗ leicht hätte Frau von Pottky ganz anders geſchrieben, wenn ſie von der Wichtigkeit ihrer Ausſage überzeugt worden wäre. So aber hat ſie mit innerlicher Freude dieſe Probe deutſcher Stylübung der Poſt übergeben, hat ihr weiſes Haupt in die Daunen ihres Bettes geſenkt und iſt in den ſeligen Traum übergegangen etwas Großes geleiſtet und etwas Gutes geſtiftet zu haben.)“ 1— Die Oberkammerherrin fühlte ein unbehagliches Erröthen auf ihren Wangen bei des Präſidenten Aus⸗ einanderſetzung. „Wenn Sie dergleichen glauben,“ ſprach ſie kurz und herbe,„ſo ſollten Sie mit der Ertheilung Ihrer Wohlthaten gegen Benno vorſichtiger ſein.“ „Bewahre! Ich wünſche mir Glück zu dieſer Tänuſchung, die mich auf den Standpunkt privilegirter Wohlthätigkeit bringt, gnädigſte Schweſter. Ich denke 221 damit das Mittel zu finden, um Benno's Zwecke zu ſondiren. Hat er nur danach getrachtet, von dem Reichthume der Schmidt⸗Welldorf'ſchen Familie zu profitiren, ſo bin ich ſicher, daß er nach der verclauſu⸗ lirten Revenue Reißaus nimmt und ſein Taſchengeld im Hurrah unterbringt!“ 4 „Sie beurtheilen Benno falſch,“ antwortete die Oberkammerherrin. „Das gebe Gott nicht!“ ſchrie der Präſident im Fiſteltone.„Sie machen mir Angſt— ſchreiten wir raſch zur Prüfung!“ Er riß den Klingelzug und be⸗ fahl dem eintretenden Diener: „Herr Benno möchte ſich ſogleich in's Zimmer Sr. Excellenz des Oberkammerherrn verfügen—!“ „Nun kommt!“ ſprach er zu ſeinem Bruder und ſeinem Neffen.„Sehen wir, was unſer Prätendent für Geſichter macht.“ Er ſchritt voran— die beiden Her⸗ ren folgten. Benno war der Einladung unverzüglich nachge⸗ kommen und ſtand ſchon erwartungsvoll mitten im Zim⸗ mer des Primus, als ſie eintraten. Seine Mienen zeigten eine vollkommene Ruhe und in den lebhaften Augen lag eine ſtille Entſchloſſenheit. Man ſetzte ſich und der Präſident bat ſeinen Bruder um die Vergünſtigung, das Wort nehmen zu 222 dürfen. Eine Neigung des Kopfes war des Ober⸗ kammerherrn Antwort. Benno fixirte mit einigem Be⸗ fremden den alten Herrn, weil er deſſen gedankenvollen Ernſt durchaus nicht erklären konnte. Der Präſident, das Schreiben der Frau von Pottky in der Hand wie⸗ gend, begann: „Der Inkhalt dieſes Briefes, zuſammengenommen mit den Erinnerungen aus Ihren Iugendjahren, wo Sie von den Brüdern Ihres Vaters gehört haben wollen, erweckt allerdings den Glauben, daß wir in Ihnen den Sohn eines Bruders anerkennen müſſen, deſſen Verheirathung uns ſtets ein Geheimniß geblieben iſt. In Erwägung der Möglichkeit haben wir beſchloſ⸗ ſen, Sie proviſoriſch als unſern Neffen anzunehmen und Ihnen das Vermögen des Mannes, den Sie recht⸗ mäßig Vater zu nennen vielleicht verpflichtet ſind, zu Gute kommen zu laſſen, und zwar in der Art, daß Sie von dem Tage an, wo Sie ſich uns als Neffen präſentirt haben, eine Rente von 2000 Thalern jähr⸗ lich, zahlbar in jährlichen Raten und zu beziehen von unſerm Banquier Lehwald in der Reſidenz, von uns erhalten. Um uns jedoch zur Auszahlung des Ihnen zukommenden Nachlaſſes des General Quartus von Schmidt⸗Welldorf zu beſtimmen, bedarf es erſt eines feſtern und haltbarern Beweiſes.“ 223 8 8 „Es iſt mir nie eingefallen, darauf Anſpruch zu machen,“ unterbrach ihn Benno mit lächelnder Gleich⸗ müthigkeit.„Ich ſchlage die Ehre, zu Ihnen zu ge⸗ hören, höher an—.“ Der Präſident ſah ihn argwöhniſch an.„Darin liegt eine Familienliebeserklärung,—“ meinte er, aus ſeiner ernſten Stimmung in die gewöhnlich ſatiriſche übergehend. „Wie Sie es nehmen wollen,“ verſetzte Benno, freimüthig den Blick emporrichtend.„Was Sie mir als proviſoriſche Rente bieten, kann ich in Rückſicht auf meine Verhältniſſe, die meinen Verdienſt für jetzt beeinträchtigt haben, nicht ganz ablehnen. Aber ich will mich, bis zur Zeit der Aufklärung meiner Herkunft, als Ihren Schuldner betrachtet wiſſen. „Darauf gehen wir nicht ein, lieber Neffe,“ ſprach der Oberkammerherr.„Sie haben ein Recht an unſere Dankbarkeit für alle Fälle, und bei den vorliegenden Umſtänden müßte doch ein ganz curioſes Zuſammentreffen obwalten, wenn Sie ſich nicht durch Ihren Geburtsſchein als den Sohn unſers Bruders legitimiren könnten.“ „Dieſer Anſicht trete ich unbedingt bei,“ warf der Regierungsrath, freundlich die Hand des jungen Mannes drückend, ein. Benno erröthete. Sein Auge 224 blitzte. Seine Natur, der Phantaſie des Ikarus ſich anſchließend, der mit wächſernen Flügeln die Sonne zu erreichen ſtrebte, hob ſich unter plötzlich entzündeten Hoffnungsſtrahlen, die längſt in ſeiner Bruſt geruhet hatten, und er vergriff ſich in dem Urtheile der Freund⸗ lichkeit, die der Regierungsrath ihm angedeihen ließ. Mit einer Wärme und Leidenſchaft, die den Präſiden⸗ ten förmlich verblüffte und den Oberkammerherrn ſehr überraſchte, umarmte er ſeinen Vetter Ludwig und rief mit bebendem Tone: „In Ihrer Hand allein ruht mein Glück! Von Ihnen hängt es ab, einen Mann zu höhern Lebens⸗ anſichten zu begeiſtern, der von Natur mit Geiſtes⸗ gaben verſehen iſt, die ihm eine Stellung in der Welt ſicherten, der aber durch die Umſtände auf eine Bahn geworfen wurde, welche ſeinen Anlagen nicht vollkom⸗ men entſpricht!“ Er wendete ſich und ließ ſeine ſtrah⸗ lenden Blicke vom Oberkammerherrn zu dem Präſiden⸗ ten ſchweifen. „In Gegenwart dieſer ehrwürdigen Männer,“ ſetzte er mit einer unermeßlichen Freimüthigkeit hinzu,„mache ich Ihnen die Erklärung einer überwältigenden Leiden⸗ ſchaft für Alice und lege die Entſcheidung in Ihre Hände.“. Er ſchwieg, aber kein Wort der Erwiderung löſete 1 225 ſich von den Lippen der drei Männer, die Zeuge ſeiner gewagten Erklärung waren. Hatte der Verdruß oder die Ueberraſchung die Geiſtesgegenwart des Präſidenten gelähmt, daß er ſtumm da ſaß und dem kecken Freier in’s Geſicht ſchauete? Der Regierungsrath war der Erſte, welcher das Peinliche der ſtummen Scene fühlte und ſeine Welt⸗ klugheit befahl ihm eine Antwort, die ausgleichend für die Gemüthsſtimmung jedes Einzelnen war. „Ihre feurige Natur leitet Sie in der Wahl ihrer Ausdrücke irre, lieber Benno,“ ſprach er gütig. „Die Neigung für Alice kann in dem ruhigen Beiſam⸗ menſein noch nicht bis zu dem Stadium geſtiegen ſein, wo ſie Leidenſchaft wird. Ich nehme Ihr Geſtändniß für meine junge, kaum dem Kindesalter entwachſene Tochter mit väterlicher Berückſichtigung an, fordere aber von Ihnen, daß Sie Alicens Kinderfrieden nicht ſtören, ſondern Ihre Liebesbewerbung auf vernünftige Weiſe beſchränken. Ich werde der Neigung meines Kindes nie Zwang anlegen.“ „Vortrefflich diplomatiſch—“ dachte der Präſi⸗ dent, laut aber ſagte er unter dem Anſe heine großer Ruhe—:„Der Vater Alicens hat die auptſtimme bei der Einwilligung zur Heirath— wir aber, die Weiſen des Hauſes, halten Rath über die Würdigkeit 226 des Bewerbers. Zuerſt erlaube ich mir die Aufrage nach Ihren Zukunftsplänen, in ſo fern ſie Bedeutung für einen zukünftigen Schwiegerſohn des Hauſes haben. Wollen Sie ſich zum Generalkapellmeiſter emporſchwin⸗ gen?“ Benno, unzufrieden mit der weithin vertagten Verlobung, die er am liebſten ſofort im Rauſche der erſten Ueberraſchung geſchloſſen geſehen hätte, warf ſich nachläſſig in den Seſſel zurück, und nur die Nothwen⸗ digkeit einer Entgegnung entriß ihm die Worte:„Meine Pläne bezogen ſich nicht auf die precaire Weltſtellung eines Amtes. Ich denke in der geiſtigen Beſchäfti⸗ gung eine Höhe erreichen zu können, welche mich würdig des Kleinodes macht, das Schloß Welldorf in ſich faßt. Literatur, Muſik und Dichtkunſt bieten Bahnen, die zu ruhmvollen Lebensſphären führen, wenn man des Verdienſtes nicht benöthigt iſt. Alicens Geiſtigkeit, ihre subtilité d'esprit machen ſie fähig, die Beſtre⸗ bungen eines Mannes zu würdigen, der den Glanz der Berühmtheit um ſie hüllen will—.“ „Das iſt eine erhabene Lebensanſchauung,“ fiel der Präſident mit der Miene des ruhigen Hohnes ein, und Benno war aus dem Contexte gebracht. Seine Em⸗ pfindlichkeit erwachte. Die lange unterdrückte Fähigkeit, ſich mit den ariſtokratiſchen und bureaukratiſchen Capri⸗ 227 cen des Präſidenten in ebenbürtigen Kampf wagen zu können, machte ihr Recht geltend. „Ich weiß, dergleichen Lebensanſchauungen haben für den Adel keine Bedeutung,“ ſagte er artig.„Der berühmte Mann wird von der Nobleſſe belächelt, wäh⸗ rend beſternte Dummköpfe im Preiſe ſtehen, allein—“ Der Oberkammerherr legte beſchwichtigend ſeine Hand auf Benno's Arm und erſtickte damit den Schluß ſeiner Rede. „ 3u dergleichen Debatten ſind wir nicht beiſam⸗ men,“ ſprach er ernſt.„Wir befinden uns in dem Falle, das Lebensglück eines theuren Kindes zu erwä⸗ gen, und es wird uns nie einfallen, Ihnen den Weg vorzuzeichnen, der Sie zur Pforte Ihres Glückes zu führen vermag. Mein Sohn Ludwig hat Ihnen frei⸗ geſtellt, um die Liebe Alicens zu werben— die Hand des theuren Mädchens werden wir vergeben, nachdem wir hinlänglich geprüft haben, ob eine richtige Zunei⸗ gung in Alice und in Ihnen obwaltet. Dazu aber gehört Zeit! Es wäre unpolitiſch gehandelt, wollten wir uns durch Launen den Weg freundlicher Verſtän⸗ digung verſchließen, und voreilig, wollten wir un⸗ bedingt unſere Zuſtimmung zu einem Bündniſſe geben, das von uns bisjetzt noch nie in's Auge gefaßt worden iſt. Sie haben ſich als ein redlicher Bewerber gezeigt 228 — ebenſo redlich werden wir uns gegen Sie benehmen. Wir betrachten Sie von heute ab als zu uns gehörig, und räumen Ihnen alle Rechte eines Familiengliedes ein. Kommen Sie und gehen Sie, wie es Ihnen beliebt. Wo ich, das Oberhaupt der Familie, weile, da iſt auch Ihnen eine Stätte bereitet, da ſind Sie zu Hauſe!“— „Natürlich aber verlangen wir deſſenungeachtet die Trauſcheine und Geburtsſcheine, die zur Conſtati⸗ rung unſers Familienbandes nöthig ſind,“ fügte der Präſident im Geſchäftstone hinzu.„Reiſen Sie nach Warſchau. Sprechen Sie mit Frau von Pottky aus⸗ führlich über das, was ſie weiß und wiſſen will. Laſ⸗ ſen Sie ſich eine genaue Perſonalbeſchreibung Ihres Vaters geben. Fragen Sie nach ſeinem Range und Stande zur Zeit der Verheirathung mit Ihrer Mutter genug, ſuchen Sie privatim zuerſt Alles zu erläu⸗ tern, um den nachherigen Gerichtsmaßregeln kein Hemm⸗ niß zu bereiten. Frau von Pottky muß Alles beſchwö⸗ ren, was ſie angibt— ſagen Sie ihr dies. Nur dann, wenn wir ganz au fait über dieſe Nebenum⸗ ſtände ſind, können wir zur Hauptſache ſchreiten, die Sie zum Erben des ziemlich bedeutenden Vermögens deſſen machen wird, den Sie Vater nennen.“ Die kühle Ruhe, womit der Präſident ſprach, 229 imponirte dem jungen Manne. Er verſprach nach Warſchau zu reiſen, allein erſt dann, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, auf ſchriftlichem Wege zu ſeinen Scheinen zu gelangen. Aus ſeiner Antwort leuchtete hervor, daß es ihm viel weniger um eine Anerkennung, als um eine Ver⸗ lobung zu thun ſei. Als er ſich bald darauf, mit weit weniger zuverſichtlichen Mienen, in ſein Zimmer zurück⸗ zog, meinte der Präſident:„Herr Benno ſei ein ſchlauer Feldherr.“ Der Regierungsrath ſah verdrießlich aus. Alice dieſes Mannes Gattin?— Er ging ohne Verzug hinüber in den Salon, wo ſeine Mutter am Leſepulte ſaß. Sein Blick ſuchte mit beſonderer Aengſtlichkeit die Tochter. „Alice iſt in Deinem Zimmer,“ rief die alte Dame ihm zu.— Entſchloſſen näherte er ſich der Mutter.„Hilf mir mein Kind beſchützen—“ bat er leiſe. Die Ober⸗ kammerherrin ſah etwas erſchrocken zu ihm auf. „Wie ſoll ich das verſtehen, Ludwig?“ fragte ſie. „Benno wirbt um Alice— ich möchte ihm meine Tochter nicht geben—.“ „Ruhig, mein Sohn! Alice geht mit mir nach 230 Landsau. Die Baronin Roſenau wünſcht ſie zu ſehen. Ueberlaß mir Alles!“— Er küßte ſeiner Mutter die Hand und eilte mit beflügelten Schritten hinweg. Gleich darauf trat der Präſident ein. Die Ober⸗ kammerherrin ſah bedächtig in die Höhe. „Iſt das Arrangement zu Aller Zufriedenheit aus⸗ gefallen?“ fragte ſie heuchleriſch ruhig. Der Präſident heftete prüfend ſein ſcharfes Auge auf ſie. Die alte Dame müßte aber nicht Oberkam⸗ merherrin geweſen ſein. Keine Wimper due und das ſanfte Lächeln ihres Mundes ſah ſehr unſchuldig aus. „Hat Ludwig nichts erzählt?“ forſchte er. „Ludwig iſt ſchnell durch den Salon geeilt, als er Alice nicht hier fand,“ erwiderte ſie. Der ſchlaue Juriſt ließ ſich wirklich täuſchen. Er nahm Platz. „Was meinen Sie, Herr Schwager,“ begann die Oberkammerherrin ſehr freundlich,„ich hätte ſehr große Luſt, Alice für einige Wochen von ihrem Vater zu trennen—.“ Der Präſident horchte geſpannt. Mit demſelben Plane umgehend, war er zu ſeiner Schwägerin ge⸗ kommen, und ſie erleichterte ihm ſeine Bitten bedeutend. „Die Baronin Roſenau bittet mich, Alice den Winter über in rf“ vor 233 erſcheinen. Der Oberkammerherr, ganz unſchuldig an der Conſpiration, die Alice aus dem Bereiche von Ben⸗ no's Leidenſchaft entfernen ſollte, war wirklich ſo ſorg⸗ los gleichmüthig, wie er ausſah. Der Präſident ſchien ſehr gut gelaunt. vorläufig zufrieden mit der Ausſicht, dem ten“ einen Strich durch die Rechnung machen zu können. Seit der„edeln und höchſt freimüthigen Bewerbung“ des jungen Mannes hatte er Reſpect vor ſeinem„Hel⸗ denmuthe“ und trug einen Schatten von Furcht in ſich, daß„der Knabe ihm weit gefährlicher werden könne, wie er je geglaubt hatte.“ Mit friſchem, lebendigem Humor nahm er den Faden der Unterhaltung auf und knüpfte ihn da an, wo er am Nachmittage beim Kaffee abgeriſſen worden war. Er erzählte der lächelnden Alice,„es ſei nun keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die Wiege von Benno's Vater neben der ſeinigen geſtanden habe,“ und er forderte ſie mit farkaſtiſchem Ernſte auf:„Re⸗ ſpect vor Benno zu haben, der einen Grad näher am Stammbaume ſeiner Ahnen ſtände, als ſie.“ Dann berichtete er der Oberkammerherrin,„daß ſie vor dem Schlafengehen noch wichtige Geheimniſſe, das Glück der Familie betreffend, aus dem Munde ihres Gatten, des ſtattlichen Primus, vernehmen werde 1859. XIII. Erneſt Octav. II. 15 Er war „Prätenden⸗ 74 5⁵ 234 Die alte Dame verlachte ihn mit dieſer Prophe⸗ zeihung und meinte:„ſie kenne ihn genugſam, um zu wiſſen, daß er die Neugier als einen Foltergrad der Tortur anſehe, und beſonders Frauen gar zu gern dieſer Marter übergebe. Hinter ſeinem Geheimniſſe ſtecke nur der Schalk.“ „Zeigen Sie ſich lieber ein Mal recht ritterlich, Herr Schwager, und helfen Sie mir eine Bitte durch⸗ ſetzen, die, wie ich im Voraus weiß, trotz allem kind⸗ lichen Reſpecte, an der Bruſt meines Sohnes abprallen wird. Die Baronin Roſenau wünſcht Alice, die Tochter ihrer liebſten Jugendfreundin zu ſehen, und bittet mich, ſie ihr zu ſenden. Da wir nun beſchloſſen haben, der Einladung der Prinzeſſin Mathilde nach Landsau zu fol⸗ gen, ſo bietet ſich eine vortreffliche Gelegenheit, das Kind mitzunehmen— aber ich fürchte, daß mein Sohn Ludwig ſich nicht entſchließen wird, Alice von ſich zu laſſen.“ Der Regierungsrath, ein Feind aller Verſtellung und Lüge, wechſelte die Farbe, machte eine ſtumme, abwehrende Bewegung und murmelte etwas, das Nie⸗ mand verſtand. Alice hingegen ſprang auf, warf ſich ihrem Vater an die Bruſt und rief:„Ich will meinen Vater auch nicht verlaſſen!“ Der Präſident zog komiſche Geſichter, und der Oberkammerherr blickte gutmüthig lächelnd auf ſeinen Sohn und deſſen Tochter. Was dachte und that aber Benno? Zuerſt er⸗ ſchrak er, denn dieſer Vorſchlag durchkreuzte ſeine neu⸗ entworfenen Belagerungspläne. Dann blitzte Mißtrauen durch ſein Gehirn und er beobachtete mit bedeutend rollenden Augen die Familie. Eine heimliche Wuth durchfluthete ihn und regte ſeine Galle auf. Als er jedoch nicht einen Schimmer von Einverſtändniß er⸗ haſchte, kämpfte er ſeine Entrüſtung nieder und ſpannte nur ſeine Aufmerkſamkeit in höherm Grade an. „Dazu biete ich meine ritterliche Hülfe nicht an, gnädige Frau Schweſter,“ rief der Präſident erwi⸗ dernd.„Alice iſt hier nöthig im Schloſſe— ſie iſt mir nöthig zu meiner Laune, ſie iſt ihrem Vater nö⸗ thig zur Pflege, ſie iſt dem Vetter Benno nöthig zur Be⸗ wunderung ſeiner Virtuoſität—. Einleuchtende Gründe, um Sie abzuweiſen und zur Ruhe zu verweiſen.“ Die Oberkammerherrin warf ihm einen affectirt böſen Blick zu und ſprach dann: „Ludwig— Dein Onkel zeigt ſich als tückiſcher Hauskobold— er läßt mich in Stich, wenn ich ihn benutzen will. Sei Du gütiger, als er. Erlaube mir, den Wunſch der Baronin zu erfüllen.“ 15 236 „Recht gern, liebe Mutter,“ entgegnete jetzt der Regierungsrath zu Aller Erſtaunen ſehr deutlich und vernehmlich.„Alicen wird es Freude machen, mit Euch zu reiſen, und ich werde die wenigen Wochen Eurer Abweſenheit benutzen, um mich wieder in meine Be⸗ rufsthätigkeit zu werfen. Der Winter wird uns hof⸗ fentlich wieder in Werthalt vereinigen. Ich gehe ſchon in den nächſten Tagen dahin. Es muß der Schmerz der Erinnerung doch ein Mal überwunden werden, und ich fühle mich jetzt erkräftigt genug, die Räume wieder zu ſehen, wo ich ſo glücklich, und nachher ſo elend war.“ „Gut! So ſei es!“ bekräftigte der Primus, au⸗ genſcheinlich ſehr befriedigt von ſeines Sohnes Beſtim⸗ mung. Der Präſident hätte gern laut gelacht vor Freude über Benno's ſonderbar ärgerliches Geſicht, aber er unterdrückte ſeine luſtige Laune und warf einige widerſpruchsvolle Worte ein, die natürlich ganz ohne Wirkung bleiben ſollten. Alice beliebte mit ihrem Vater zu ſchmollen, daß er ſie als entbehrlich zu ſeinem Wohlſein betrachtete, und die Oberkammerherrin freuete ſich über den gelun⸗ genen Coup. Als die Geſellſchaft ſich trennte, trat Benno, der ſich auffallend ſchweigſam verhalten hatte, raſch und — ———— 237 unbemerkt zu der alten Dame, und fragte mit ver⸗ haltenem Grolle: „Sind Sie meine Widerſacherin, gnädige Frau Tante?“ Sie ſah ihn freundlich an. Etwas entwaffnet von dieſem Blicke, fügte er traurig hinzu: „Sie entführen mir den Stern, deſſen Nähe mein Herz begeiſtern, meinen Geiſt entflammen und meine Seele läutern kann— ich liebe Alice— ich bete in ihr das Ideal meiner Träume an— Alicens Vater iſt meiner Bewerbung nicht entgegen—.“ Eine ſehr gut geſpielte Ueberraſchung zeigte ſich im Benehmen der alten Dame. „Bedenken Sie, was ich bei dieſer unvorhergeſe⸗ henen Trennung empfinden muß—.“ „Es läßt ſich aber nicht ändern, lieber Benno,—“ unterbrach ſie ihn ernſt. „Mein Glück wird ſich daran zertrümmern—.“ „Dann iſt dieß Glück keiner Klage werth—.“ „Stehen Sie ab von Ihrem Vorhaben— reiſen Sie ohne Alice.“ „Auf keinen Fall!“ entſchied die alte Dame ſehr würdig.„Nun auf keinen Fall!“ „So werde ich Ihnen nach Landsau folgen,“ ſprach Benno keck. d 8 238 „Mit welchem Rechte?“ fragte die Dame ſtolz. „Mit dem Rechte des Troubadours, der ſeine Herzensdame durch ſeine hingebende Treue verherrlicht,“ meinte er leichtſinnig. „Die Zeiten ſind vorbei, mein junger Freund, und ich möchte Ihnen rathen, ſich aller romantiſchen Schritte zu enthalten, damit die Grenzlinie unſerer Standesverhältniſſe—“ „Ich reſpectire keine Grenzlinien,“ unterbrach er ſie rückſichtslos.„Ich habe ein Recht, um Alice zu werben, und ich habe das Verſprechen des Vetter Lud⸗ wig, daß er der Neigung ſeiner Tochter keinen Zwang anthun werde—.“ Die Oberkammerherrin ſchlug wahrhaft erſtaunt die Hände zuſammen. „Sind das die Geheimniſſe, deren Enthüllung mein Schwager verſprach?“ rief ſie wirklich beſtürzt. „Sie werden jetzt anerkennen, daß ich das Recht habe, Alicens Reiſe zu hintertreiben,“ fuhr Benuo hartnäckig fort. Er bedachte nicht, daß er mit jedem Worte das Fundament, worauf ſeine Exiſtenz im Schloſſe ruhete, mehr untergrub. „Alice reiſt mit mir nach Landsau,“ erklärte die Dame voller Hoheit und Würde. „Nur, wenn Alice felbſt es will!“ rief Venn 3 — — —õ— 239 zuverſichtlich, und ſchritt mit einem Triumpflächeln aus dem Zimmer. 3 „Herr Benno iſt ein kluger Feldherr, gnädige Frau Schweſter,“ raunte der Präſident ihr zu, als die alte Dame ganz entrüſtet ihm nachſchauete. „Kluge Feldherrn vernichten nur oft durch Ueber⸗ eilungen den günſtigen Erfolg ihrer Pläne,“ erwiderte ſie.„Ich bin fertig mit ihm!“ „Das freut mich,“ ſagte der Präſident, frohlockend die Hände reibend. Während er aber ſiegesgewiß war, hatte ſich die Ungeduld des jungen, abentheuerlichen Mannes ſchon andere Bahnen eröffnet, die zum Ziele führen konnten. Er benutzte den Moment, wo Alice für einige Minnten die Terraſſen zu betreten pflegte, um den Sonnenuntergang zu belauſchen. Sie that dies täglich, und Benno wußte das. In jeder andern Stimmung würde er nicht gewagt haben, ein Terrain zu betreten, was ganz eigens als ein abgeſchloſſenes Heiligthum für den Regierungsrath reſervirt worden war, ſolange er kränkelte. Kaum hatte er aber den Salon verlaſſen, ſo ſchlüpfte er durch ein Seitenzimmer, das den Schloß⸗ beſuchern zum Garderobezimmer diente, und trat durch dieſen einzig noch möglichen Ausgang plötzlich und ganz 240 unerwartet zu Alice hinaus, die am Geländer lehnte und träumeriſch in die ſtille Abendflur hineinblickte. Goldene Wolken zogen vom weſtlichen Himmel herauf, vom Widerſchein gefärbt und erhellt, und ver⸗ breiteten ein mattes unſicheres Licht über den Platz, wo das Fräulein im Schutze einer Platane ſtand. Sie fuhr erſchreckt auf, als der Klang einer Männerſtimme ihr Ohr traf, und ſchauete ſehr verwundert in Benno's Geſicht, als ſie ihn erkannte. Vom Zimmer ihres Vaters her glänzte 8 erzenlicht und überſtrömte ihre ſchöne Geſtalt mit jenem magiſchen Schimmer, der, idealiſi⸗ rend, einer jugendlichen Erſcheinung beſonderes Leben gibt. Alice konnte nicht anders glauben, als Benno ſei durch die Zimmer ihres Vaters in dieſen abge⸗ ſchloſſenen Raum gedrungen, und ſie wunderte ſich einigermaßen darüber, daß ihr Vater ihm geſtattet hatte, ihre Einſamkeit zu ſtören. „Man beabſichtigt uns zu trennen,“ flüſterte Benno mit bewegter Stimme, und neigte ſich ganz zu dem Fräulein. Alice blickte mit freundlicher Unſchuld auf zu ihm. „Ahnen Sie denn nicht, Alice, daß der Beſchluß Ihrer Reiſe ein Complott gegen uns iſt?“ fragte der junge Mann noch leidenſchaftlicher, und ſenkte den feu⸗ rigſten Strahl ſeiner ſprechenden Augen in ihr reines 241 Herz. Als das Fräulein dennoch ganz unbefangen blieb, und nur erſtaunt den Kopf leiſe bewegte, da ſchlug er beide Hände verzweiflungsvoll vor's Geſicht und flü⸗ ſterte mit unausſprechlich zärtlicher Traurigkeit:„O, Alice— Alice— ſollte ich mich ſo entſetzlich getäuſcht haben, als ich in Ihnen meinen Schutzengel verehrte, als ich mich mit heiliger Schwärmerei dem Glauben hingab, daß Gott Sie beſtimmt habe, meinem Daſein Licht und Glanz zu verleihen? Alice, mein ganzes Herz glüht für Sie—“ er warf ſich, wie von einer innerlichen Gewalt getrieben, zu ihren Füßen nieder, ergriff ihre beiden Hände, die ſie zitternd, verwirrt und beſtürzt loszuringen ſuchte, preßte ſeine Lippen da⸗ rauf und ſtammelte kaum hörbar eine Menge der zärt⸗ lichſten Worte und leidenſchaftlichſten Betheuerungen. Nur eine einzige Minute währte dieſe ganze Scene, und während derſelben hatte ſich dem Munde Alicens auch nicht ein Laut entrungen. Ebenſo lautlos machte ſie ſich dann mit einer gewaltſamen Bewegung frei, und ſchritt langſam der Balconthür zu. Benno ſah ihr in grimmiger Beſtürzung nach. Er gewahrte, daß ſie ſich, bleich zwar, aber ſonſt ganz ruhig, dicht neben ihren Vater ſetzte, und nach ihrer Stickerei griff. „Sie hat kein Herz—“ murmelte er.„In ihren Adern fließt Fiſchblut— ich bin begierig, was nun 242 geſchehen wird!“ Er ſprang auf, ſchlich leiſe durch das Cabinet, und eilte auf ſein Zimmer. Dort fragte er ſich ernſthaft nachdenkend, was nun zu thuün ſei. Nach langem Grübeln beſchloß er abzuwarten, was nach dieſen Geſtändniſſen erfolgen würde. Ihm blieb ein ſchleuniger Rückzug immer unverwehrt, wenn ſich Gewitterwolken am Horizonte ſeiner hoffnungsreichen Ausſichten ſehen laſſen ſollten. Daß Alice nicht verſchweigen würde, was er ge⸗ wagt hatte, ſchien ihm nur allzugewiß. Allein dieſe Be⸗ fürchtung war grundlos. Alice ſchwieg im Gefühle einer Beſchämung, die durch die Kindlichkeit ihres Herzens er⸗ zeugt wurde, von dieſer Abendſcene, nur ihre plötzliche Zu⸗ rückhaltung bewies, daß ſie ſich über das Verhältniß zu ih⸗ rem Vetter Benno klar geworden war, und daß ſie voll⸗ ſtändig erkannt hatte, wie gleichgültig er ihr ſei. Nicht eine Herzensfiber regte ſich zu ſeinem Gunſten, und nicht ein er— barmender Gedanke ſchlüpfte durch ihr verwirrtes Hirn. Kalt und ruhig begegnete ſie ihm in den unvermeidlichen Zuſammenkünften bei der Mittags⸗ und Abendtafel. Der Präſident witterte etwas von dem Vorfalle, aber er hütete ſich, Forſchungen danach anzuſtellen. Im Geheimen freuete er ſich über eine Verſuchung ſei⸗ nes Lieblings, die ihm Gelegenheit gab, die Kraft und Selbſtſtändigkeit ihres Gemüths zu prüfen. Alice ſprach mit heiterm Geſichte von der Reiſe 243 nach Landsau, nachdem ſie dieſelbe als eine Rettung aus unangenehmen Verhältniſſen erkannt hatte. Sie gab ſich fortan ohne Widerſtreben dem Eindrucke hin, den die Erwartung von Reiſeabentheuern in einer ju⸗ gendlichen Phantaſie hervorbringt. Daß ſie bei den Aeußerungen darüber mißver⸗ ſtanden werden könnte, fiel ihr nicht ein. Es iſt aber auch zu erwarten, daß ſie ſehr gleichgültig bei dem Urtheile Benno's geblieben ſein würde, der ſie mit ſtil⸗ lem Ingrimme in ſeinen Gedanken für eine kleine Heuchlerin erklärte. Mädchen der Art, wie Alice, wa⸗ ren ihm in ſeiner Praxis noch nicht vorgekommen, daher nahm er die freie, friſche Lebensluſt, die ſich unwillkürlich nach und nach wieder bei ihr einſtellte, und gerade in den Vorbereitungen zu einer Reiſe eine heilſame Anregung fand, für eine Maske. Trotzdem er zu ſeinem Erſtaunen erkannte, wie zartſinnig Alice die leidenſchaftliche Erklärung ſeiner Gefühle für ſie verborgen hielt, ſo fand er doch in ſeiner Stellung jetzt etwas Gedrücktes. Er beſchloß abzureiſen. Die Wechſel, welche er von dem Primus ausgehändigt erhalten hatte, machten es thunlich, daß er ſich, unter dem Vorgeben„nach Warſchau abgehen zu wollen,“ auf einige Zeit entfernte, ohne jedoch ſeine fieberhaften Wünſche in Bezug auf Alice ganz aufzugeben. 244 Es traten ſchon rauhe Stürme und kalte Nächte ein, als eines Tages Schloß Welldorf mit feſtgeſchloſ⸗ ſenen Thüren und dichtverhangenen Fenſtern das Bild öder Verlaſſenheit repräſentirte. Der Präſident und ſein Neffe waren nach Werthalt, der Oberkammerherr nebſt 1 Gemahlin und Enkelin nach Landsau abgereiſt. Ende des zweiten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Von Kober's Album, Zibliothek deutſcher Original⸗ romane, ſind die Jahrgänge I.— X.(1846— 1855) complet nicht mehr zu haben. Der XI. Jahrgang(1856) 24 Bände mit den zwei Gratisprämien Vorträt und Biographie Carl von Holteiys,— iſt noch vollſtändig vorräthig und durch alle Buchhandlungen für 8 Thlr. Pr. C.(in Oeſterreich Fl. 10. 60. Kr. O. W.) zu beziehen. Inhalt: 1. 2. Band: Schwarzwaldau. Roman von Carl v. Hollei. 3. Band: Eine reiche Erbin. Novelle von Elſried v. Taura. 4. bis 7. Band: Auf dem Hradſchin oder Kaiſer Nu⸗ dolph II. und ſeine Zeit. Hiſtoriſch⸗romantiſches Ge⸗ mälde von Eduard Maria Oetlinger. 8. bis 10. Band: Helene. Ein Frauenleben. Roman von Robert Prutz. 11. Band: Der Sohn eines berühmten Mannes. Hi⸗ ſtoriſche Erzählung von Levin Schücking. 12. 13. Band: Peter Pommerering. Hiſtoriſcher Roman von Ernſt Willkomm. 14. bis 16. Band: Neues Leben. Novelle von Theodor Mügge. 17. 18. Band: Ein deutſches Schneiderlein. Hiſtoriſcher Roman von Jſiidor Proſchho. 19. 20. Band: Erinnerungen einer Großmutter. Roman von Julie Burom. 21. bis 24. Band: Schiller. Kultur hiſtoriſcher Roman von Johannes Scherr. Einzelne Werke koſten pr. Band zwanzig Silbergroſchen. Kober’s Album. Bibliothek deutſcher Originalromane, XII. Jahrgang(1857) 24 Bände mit den zwei Gratisprämien Porträt und Biographie von Julie Burow, iſt noch vollſtändig vorräthig und durch alle Buchhandlungen * für 8 Thlr. Pr. C.(in Oeſterreich Fl. 10. 60 Kr. Oe. W.) zu haben. Inhalt: 1. 2. Band: Günther von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Ro⸗ man von Levin Schücking. 3. bis 5. Band: Caritas. Roman von Ernſt Pritze. 6. 7. Band: Heimath und Ferne. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſeck. 8. Band: Handwerksburſchen. Bilder aus dem Volksleben von Joſef Meßner. 9. 10. Band: Der Jeſuit. Hiſtoriſcher Roman aus dem Schwedenkriege von. Iſidor Proſchko. 11. 12. Band: Familie Schaller. Roman von Adolf Glaſer. 13. Band: Der Geheimrath. Ein Lebensbild von MaxRing. 14. bis 16. Band: Noblesse oblige. Roman von Karl von Holtei. 17. bis 19. Band: Der König von Tauharawi. Launi⸗ ger Roman von Jerdinand Stolle. 20. bis 22. Band: Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzäh⸗ lung von Julie Burow. ¹ 23. Band: Waldgeſchichten. Von Joſef Meßner. 24. Band: Die Tochter des Wilddiebes. Eine Erzählung nach Thatſachen von Elfried von Taura. Einzelne Werke werden nur zum doppelten Subſcriptions⸗ preiſe abgegeben. Kober's Album, Bibliothek deutſcher Originalromane, XIII. Jahrgang(1858) 24 Bände mit der Gratisprämie Die Ueberraſchung, iſt noch vollſtändig vorräthig und durch alle Buchhandlun⸗ gen für 8 Thlr. Pr. C.(in Oeſterreich Fl. 10. 60 Kr. Oe. W.) zu beziehen. Inhalt: 1. Band: Der Flatbootmann. Amerikaniſche Erzählung von Friedrich Gerstächer. 2. 3. Band: Aus den Tagen der großen Kaiſerin (Maria Thereſia.) Hiſtoriſche Novellen von Levin Schücking. 4. bis 7. Band: Van Hoboken. Erzählung aus der erſten Zeit der Colonien in Nordamerika von Fr. W. Arming. 8. 9. Band: Lebensbilder. Von Julie Burow. 10. 11. Band: Vorwärts! Novelle von Ernſt Iritze. 12. 13. Band: Aus eig'ner Kraft. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſeck. 14. bis 16. Band: Neue Stadtgeſchichten. Von Max Ring. 17. Band: Caglioſtro in Petersburg. Hiſtoriſcher Roman von Theod. Mundt. 18. 19. Band: In Wald und Schloß. Novelle von St. Graf Grabowski.. 20. bis 23. Band: Michel. Geſchichte eines Deutſchen unſerer Zeit von Johannes Scherr. 24. Band: Die Töchter des Freiſchulzen. Erzählung von Carl von Holtei. Einzelne Werke werden nur zum doppelten Subſcriptions⸗ preiſe abgegeben. = Verlag von Kober& Markgraf in Prag.= Gesterreich und Mapoleon III. im Streit um Italien. Schmidt-Weissenſels. Mit einer Karte der Alpenländer. (Schweiz, Curol und Ober⸗Jlalien.) Preis 60 Nkr. Oe. W.= 10 Sgr. Pr. C. Niee hat ein Krieg die Welt mehr empört, als der von Na⸗ poleon und Sardinien gegen Oeſterreichs gutes Recht unternom⸗ mene. Ehrgeiz und Furcht vor der Revolution im eigenen Lande haben ihn heraufbeſchworen; die Frechheit hat ſich als Unſchuld hingeſtellt, die Lüge verdeckte die niedern Motive. Welche Ge⸗ fahr der Bonapartismus für Europa iſt, das hat ſich nun klar gezeigt, und hiervon, ſowie von Oeſterreichs Recht und Frankreichs Perfidie, Sardiniens Plänen und Ita⸗ liens wirklichen Verhältniſſen, endlich von Deutſch⸗ lands Stellung zur italieniſchen Frage und zu Oeſterreich im Kampfe um die Lombardei gibt vor⸗ ſtehende angezeigte Broſchüre eine klare, geſchichtlich begründete Schilderung, der eine trefflich ausgeführte colorirte Karte des Kriegsſchauplatzes zur ergänzenden Illuſtration dient. — — “ Errnnnwmnmmmmmnmrnnauuuanun 7 3 9 10 11 ſinmfiniiſtn l fſf 16 17 18 2 13 14 15 V 1 8 4 A —= — 5 —