Eduard Täglicher Leſepre 71 Das Abon für wöchentlich auf 6 Monat: 1 8— „„ Mananngaganagannnnhan bum. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben J. L. Kober. Vierzehnter Jahrgang. Zwölſter Band. Erneſt Octav. 1. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Ernest Oetar. A Aunelle von Ernſt Fritze. Erſter Band. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Erneſt Brtau. Erſter Band. Einleitungscapitel. Das neue Jahrhundert hatte begonnen. Ueber die Gauen Deutſchlands zogen bedrückende Schauer ſchwerer Zukunftsahnungen, die von der ſchwülen Re⸗ 3 volutionsatmoſphäre Frankreichs erzeugt wurden. Die friedliche Nachläſſigkeit, welche ſich ſeit mehrern Jahr⸗ zehnten auf die verſchiedenen Staaten der deutſchen Herrſcher gelagert hatte, nahm den Charakter von Be⸗ fürchtungen an und was der Grenze Frankreichs ſehr nahe war, das fühlte auch im innern Boden der Staats⸗ verhältniſſe ſchon die vulkaniſche Bewegung, die vom Nachbarlande aus verheerend Alles durchſchütterte. Be⸗ amte von Erfahrung prophezeieten große Ereigniſſe und zogen ſich behutſam vom Ruder zurück, bevor es zu ſtürmen, zu brauſen und zu wüthen begann. Daß Alles ſo kommen würde, wie es nachher unter dem gewalti⸗ 1859. XII. Erneſt Octav, I. 1 4 10 gen Scepter des Revolutionsbändigers Napoleon kam, davon freilich träumten die Leutchen damals nicht eine Silbe. Sie fühlten nur Furcht vor einem Anſteckungs⸗ fieber und mußten erleben, daß ein furchtbarer Arzt eher die Grenze überſchritt, als das Fieber ſelbſt. Oberhalb des Thüringer Waldes, am Rande des preußiſchen Reiches lag die Beſitzung eines Würden⸗ trägers, wie ſie die kleinen Fürſten gern um ſich ſehen. Er führte den hochtrabenden Titel Miniſter und den ſehr plebejiſchen Namen Schmidt. Als die erſten factiſch verbürgten Nachrichten von der grauſigen Revolution des Südens mit ihren zahl⸗ loſen Niederträchtigkeiten ſein Ohr erreichten und ſein Herz mit bangem Schrecken erfüllten, da meinte er ſchnell entſchloſſen,„es ſei Zeit, ſeinem müden Körper und ſeinem noch müdern Geiſte Ruhe zu gönnen.“ Zum Erſtaunen des ganzen Landes bat der Miniſter von Schhmidt⸗Welldorf um ſeine Demiſſion und zog ſich ſchleunigſt mit ſeiner Familie nach Welldorf, einem Gute, das er von ſeinem Vater geerbt hatte, zurück. Es würde unnöthig ſein, wollten wir die miß⸗ trauiſche Verwunderung mit allen ihren unerläßlichen Auswüchſen zu ſchildern verſuchen, die von Mund zu Mund ging, bis ſie durch andere Ereigniſſe aus dem 11 Bereiche der klatſchhaften Neugier vertrieben wurde. Es mag uns genügen, daß der Miniſter von Schmidt ſich nicht im mindeſten an irgend eine Verwunderung mit malitiöſem Lächeln ausgeſprochen kehrte, ſondern mit Weib, Kindern, Dienſtboten und Hausthieren aller Art, nach Welldorf abreiſte und in kurzer Zeit ganz ge⸗ müthlich in dem einfachen, neugebaueten Schloſſe dort hauſete. Man hatte den Austritt des Miniſters aus dem Staatsdienſte ſchon vergeſſen und war im Begriffe, den guten Herrn von Schmidt nebſt allen ſeinen Söhnen auch in das Dunkel der Vergeſſenheit zu ſchieben, als ſich etwas in ſeiner Familie ereignete, was plötzlich Aller Augen abermals mit lächelndem Erſtaunen auf ihn lenkte. Im Jahre 1801, am 22. Mai wurde ihm zu ſeinen ſieben lebendigen Söhnen hinzu, ein achter Sohn geboren. Der Miniſter ſowohl als ſeine Gemahlin waren geneigt, dieſen kleinen Weltbürger mit eben ſo großem Erſtaunen zu betrachten, wie alle andere Leute und es bedurfte wirklich eines ſo herzhaften Geſchreies, wie der kleine neugeborene Junker auszuſtoßen beliebte, um ſie zu überzeugen, daß die ältliche und kränkliche Mi⸗ niſterin allen Unmöglichkeiten zum Trotze nochmals Mutter geworden war. Zuerſt ſchämte ſich die vier 12 undvierzigjährige Mutter ihrer neuaufgelegten Würde, dann aber wurde ſie ſtolz darauf. Aehnlich ging es allen Gliedern der Familie. Das Murren und Spott⸗ lächeln der älteſten Junker, wovon der erſte ſtudirte und der zweite Lieutenant war, verwandelte ſich in ein väter⸗ liches Wohlwollen, als ſie das winzige Junkerchen mit ſeinen Fäuſten vor dem hungrigen Mäulchen erblickten und von ihnen ging dies Wohlwollen, wie ein elektri⸗ ſcher Strom durch die Herzen aller Brüder. Bevor wir nun irgend etwas Anderes erzählen, müſſen wir uns dieſe Junker von Schmidt⸗Welldorf nach der Reihe aufſtellen und ihre Namen, nebſt ihren Phyſiognomien betrachten. Der Miniſter hatte die erſten drei Söhne, welche ihm geboren wurden, als etwas genommen, was wohl öfter in der Welt geſchieht und ſie Erneſt, Ludwig und Vie⸗ tor genannt. Bei der Geburt des vierten Knaben überraſchte ihn ein jovialer Gedanke und er ließ ihn „Quartus“ taufen. Was war nun natürlicher, als daß der fünfte„Quintus“, der ſechste„Sextus“ und der ſiebente„Septus“ getauft wurden. Man lachte über die Grille des hochgeſtellten Mannes, gewöhnte ſich jedoch daran und erwartete nun nichts gewiſſer, als in dem letzten Sprößlinge einen„Octavus“ erſtehen zu ſehen. 1 13 Der Gedanke lag zu nahe, um nicht allgemein aufgefaßt zu werden und die drei älteſten Brüder, denen längſt die Namen„Primus“„Secundus“ und „Tertius“ zugefallen waren, ohne daß ſie im Kirchen⸗ buche ſtanden, erklärten ihre Anſichten ſofort ſchon da⸗ durch, daß ſie das Junkerlein mit Octavus anredeten. Im Ganzen war ein guter, geſunder Sinn in ſämmtlichen Junkern und ſo unähnlich ſie ſich im Aeußern waren, ſo ähnlich zeigte ſich ihr Gemüthszuſtand. Es fand ſich nichts von einem ariſtokratiſchen Typus bei ihnen vor, woran man die alten Geſchlechter zu erkennen pflegt, ſondern Jeder hatte ſein Geſicht für ſich, bald mit großer, bald mit kleiner Naſe,— bald mit braunen, bald mit blauen Augen,— bald mit hoher, bald mit niedriger Stirne,— bald mit brei⸗ tem, bald mit feinem Munde. Hübſch war kein einziger von ihnen— häßlich auch nicht. Große athletiſche Geſtalten ſchienen ſie Alle werden zu wollen und in dieſem Punkte arteten ſie nach dem Vater. Acht Tage nach der Geburt des kleinen Junkers ſah man die ſieben Brüder, von denen der Jüngſte funfzehn Jahr zählte, mit feierlichen Mienen in den Corridoren des Schloſſes umherwandeln, bis ſich die Thür des Zimmers regte, welches ihr„Herr Vater“ bewohnte. Sie hatten ihn um eine Audienz bitten 14 laſſen und warteten nun geduldig auf den Moment, wo der Miniſter unter der Einwirkung eines gewiſſen Etiquettenkrames, die Meldung an ſie ergehen laſſen werde:„er ſei bereit ſie zu empfangen“. Es ſchlug elf Uhr. Noch immer patrouilllirten die Junker des Hauſes auf und ab des Augenblicks gewär⸗ tig, bis der franzöſiſche Kammerdiener das große Werk des Ankleidens, incluſive des Friſirens, am Herrn Papa vollbracht hatte. Zwei Mal flog der gewandte Jean Pierre, auf den Fußſpitzen balancirend, wie ein Jünger der Terpſichore, an ihnen vorüber, um noth⸗ wendige Hülfsmittel zu ſeinem Geſchäfte herbeizuholen. Jedes Mal wurde er von dem ungeduldigen Primus Erneſt aufgehalten und befragt:„warum die Toilette des gnädigen Herrn Papa ſo lange dauere“, allein er bekam niemals eine ausreichende Antwort. Der ge⸗ ſchmeidige Ankleidekünſtler entſchlüpfte ſtets mit einer vielſagenden Geberde, ohne ſich auf Erörterungen ein⸗ zulaſſen, aber drinnen im Zimmer Sr. Excellenz unter⸗ ließ er es nicht, von der Ungeduld der„Meſſieurs“ zu berichten. „Was mögen meine Jungens wollen?“ brummte der Miniſter, der ſich auch etwas unbehaglich unter den nie fertig werdenden Händen ſeines Vertrauten fand. Herr Jean Pierre, eben den letzten Act ſeiner Kunſt beginnend, welcher eine kleine Färbung der Wangen Sr. Excellenz beabſichtigte, lächelte verſchmitzt, als er antwortete: „Ik weiß nich, was Meſſieurs wollen! C'est une chose de conséquence—! Messieurs aben impatience — kehen wie Dromedare, ſteif wie Brett— la bourse à cheveux kanz à la Robespierre—“ Er machte die Pantomime einer ſehr ſteifen Haltung, ſchnitt ein feier⸗ liches Geſicht, hielt die eine Hand ausgeſperrt im Nacken, um die Ungelenkigkeit eines ſchlecht geordneten Haar⸗ beutels anzudeuten und tappte ſoldatiſch auf und ab. Der alte Herr lachte über die poſſierliche panto⸗ mimiſche Vorſtellung des kleinen Franzoſen, der ſich ſtets über das moquirte, was er nicht ſelbſt geſchaffen hatte und deshalb mit dem deutſchen Bedienten der Junker in feindſeliger Spannung ſtand.„Lehre doch dem Franz, wie man andere Haarbeutel macht, als à la Robespierre“, antwortete er. „A— der Franz is zu dumm—“ radebrechte Monſieur Jean Pierre, indem er wohlgefällig die große, ſtattliche Geſtalt ſeines Herrn und Gönners mit Kenner⸗ blicken muſterte,„das is un homme, der nich kann unterſcheiden 1 Robespierre von à la Buonaparte. Deutſche homme können das nie unterſcheiden, aben 16 nie Idee von à la Buonaparte— werden es viel⸗ leicht lernen, mais zu ſpät, zu ſpät!“ Der Miniſter dachte an dieſen Ausſpruch ſeines Kammerdieners funfzehn Jahr nach dem Geſpräche, und er mußte ihm, leider in weit wichtigerer Bedeutung recht geben, daß der deutſche Mann erſt dann die Ideen Bonapartens begriffen hatte, als es zu ſpät war. Für den Augenblick lächelte er nur zu den Künſt⸗ lerüberhebungen des Franzoſen, ließ ſich von allen Seiten abſtäuben und beauftragte ihn dann:„die Junker zu rufen!“ Feierlich, wie ſie alle Sieben auf dem Corridor des großen Momentes einer väterlichen Audienz geharrt hatten, traten ſie ein und reiheten ſich ſchweigend um die impoſante Perſönlichkeit, die ſie„Vater“ nannten. Primus Erneſt räusperte ſich, als wolle er mit aller Förmlichkeit den Doctorhut in einer gelungenen Disputation erwerben und begann: „Gnädiger Herr Vater, wir treten mit einer Bitte vor Sie, die Ihnen im erſten Moment Befrem⸗ den einflößen kann, aber bei näherer Ueberlegung an Bedeutſamkeit gewinnen wird. Wir Brüder allzuſam⸗ men wünſchen von Ew. Gnaden gewürdigt zu werden, bei unſerm jüngſtgeborenen Brüderchen Gevatter zu ſtehen und ihn dadurch gleichſam in unſern beſondern ½ 17 Schutz zu nehmen. Es iſt dieſer Gedanke ein Aus fluß unſerer brüderlichen Geſinnung für den kleinen Buben, der hülfloſer als wir Alle im Leben daſtehen würde, wenn Gott der Herr über die Tage unſers gnädigen Herrn Vaters dereinſt verfügen ſollte. Ich, der Primus unſers Bruderkreiſes, bin erwählt, den Knaben über der Taufe zu halten. Wenn Sie alſo nichts dagegen einzuwenden haben, ſo ſind wir ent⸗ ſchloſſen, morgen früh in der Kapelle zu erſcheinen und die Taufhandlung von znunſerm würdigen Pfarrer in Welldorf vollziehen zu laſſen. Uebermorgen verlaſſe ich das Schloß, um meinen Studien wieder nachzugehen, deshalb bitte ich im Namen meiner Brüder um ſchleu⸗ nige Reſolution.“ „Meſſieurs“, entgegnete prompt der Miniſter, „der Einfall hat meinen Beifall und ich acceptire Ihr Anerbieten in jeder Hinſicht. Da ich, getrieben von meiner Vaterliebe für die, welche ich die Ehre habe meine Söhne zu nennen, ſtets darauf bedacht geweſen bin, das Vermögen, das mir mein Vater hinterlaſſen hat, nicht allein zu erhalten, ſondern auch zu vergrößern, ſo ſoll Keiner von Ihnen durch die Geburt meines Octavus beeinträchtigt werden. Mein Teſtament, das ich ſchon ſeit zehn Jahren niedergelegt habe, wird alſo keine Aenderung erleiden, die Theilung meiner Baar⸗ ſchaft wird erfolgen, wie ich ſie vor der Geburt des Jüngſten angeordnet habe, denn ich hoffe mit Gottes Hülfe innerhalb der Friſt, die mir noch zum Leben bleibt, ein Erſparniß zu Gunſten des letzten Kindes zu machen. Allein, ſollte mich der Tod früher aus der Mitte meiner hoffnungsvollen Nachkommenſchaft rufen, ehe ich dies in's Werk zu ſetzen ermöglichte, ſo fordere ich von Ihnen an Eidesſtatt jetzt das Verſprechen: für den kleinen Burſchen, den Sie ſich zum Pathen erwählt haben, väterlich zu ſorgen und zwar in der Art, daß ein Jeder von Ihnen das Kapital einſchießt, welches die Theilung gleich macht. Ein Majorat ſtifte ich nicht, Meſſieurs! Wer dies Familiengut, das mein ſeliger Vater mit dem Schweiße ſeiner Arbeit verdiente, über⸗ nimmt, um es zu bewirthſchaften, der wird die Be⸗ dingungen, unter welchen es geſchehen kann, nicht gerade unbillig finden. Ein Weiteres ſprechen wir noch ſpäter⸗ hin. Für jetzt danke ich Ihnen, Meſſieurs, und lade Sie ein, morgen früh um elf Uhr in der Kapelle zu erſcheinen. Ihrer gnädigen Frau Mutter werde ich Mittheilung machen. Ueberlegen Sie einen Augenblick das, was ich geſagt habe und geben Sie mir Antwort darauf.“ Der Miniſter ließ ſich würdevoll in ſeinem Seſſel nieder. Die Brüder bildeten nach reſpectvoller Ver⸗ 5* 49 neigung einen Kreis, um eine kurze und ruhige Bera⸗ thung zu halten. Nachdem der Primus Erneſt eine Anſprache gehalten und die Stimmen geſammelt hatte, trat er wieder vor: „Wir ſind mit den Anordnungen unſers gnädigen Herrn Vaters vollkommen zufrieden und verſprechen mit einem Handſchlage„des Bruders Octavus Rechte wahrzunehmen und für ſeine Gleichſtellung in der zu⸗ künftig erfolgenden Erbſchaft Sorge zu tragen.“ Nach dieſen Worten reichte er ſeine Rechte dem Vater, der ſie kräftig ſchüttelte und ſeine Brüder folgten dieſem Beiſpiele. Darauf öffnete Septus, als Jüngſter, dienſt⸗ fertig die Thür und die Junker entfernten ſich eben ſo feierlich ſchweigſam, wie ſie gekommen waren. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht von dieſem Beſchluſſe durch das Schloß und fand ſeinen Weg bald durch's ganze Dorf. Das ſchien den Leuten eine Taufe, wie ſie noch nie dageweſen war. Stets bereit, die Handlungen ihres Gutsherrn, der mit dem prahleriſchen Titel„Miniſter“ eine unerreichbare Größe in ihren Augen war, mit Ehrfurcht zu betrach⸗ ten, mußte gerade dieſer kirchliche Act ihrer Verehrung die Krone aufſetzen. Und als den Dorfälteſten ſogar eine Einladung zukam, dieſer großartigen Taufe in der Schloßkapelle beizuwohnen, da gab es dicht unter 20 dem lieben Herrgott ſelbſt, keine würdigern Men⸗ ſchen auf der Erde, als die ganze Familie Schmidt⸗ Welldorf. Die Taufe ging vor ſich. Stattlich herausge⸗ putzt, von den geſchickten Händen des väterlichen Kam⸗ merdieners zum erſten Male à la Buonaparte friſirt präſentirte ſich der Kreis der Brüder um das Tauf⸗ becken und das gute Lächeln, welches auf ihren Ge⸗ ſichtern thronte, als der Täufling im koſtbar verzierten Familien⸗Taufkleide, das Jeder der Brüder an dieſem heiligen Tage getragen hatte, zwiſchen ihnen erſchien, war wirklich geeignet, jene ſtille Rührung zu erwecken, die alle Anweſende ganz unbewußt überſchlich. Nach der Reihe hielt ein Jeder das Brüderchen eine kurze Spanne Zeit auf den Armen und dieſer kleine Schelm machte ſich das Vergnügen, ſeine hellen dummen Augen ganz unverwandt in das Geſicht des⸗ jenigen zu richten, der ihn gerade hielt, als wolle er ſagen:„ich ſehe und höre Alles und werde Euch eines Tages daran erinnern, was Ihr verſprochen habt.“ Junker Erneſt trug das Knäbchen auf ſeinen Armen der Miniſterin wieder zu, die zwar ſchwach und matt, aber ſeelenglücklich auf dem Sopha ſaß. „Gottes Segen über Euch, meine Kinder!“ flü⸗ ſterte ſie mit einer anmuthigen Verlegenheit, als die 4 4* 21 ſtattliche Jünglingsſchaar in Proceſſion das getaufte Brüderchen wieder zurückbrachte. An dieſem Tage war Freude, Friede und Fröh⸗ lichkeit im ganzen Schloſſe verbreitet. Feſtlicher Glanz durchſtrömte es von den Salons bis zum kleinſten Bedientenſtübchen und im Dorfe er⸗ fuhren auch die Aermſten, daß Braten und Wein vor⸗ trefflich ſchmecke. Bald nachher wurde es einſamer im großen Schloſſe und nach und nach immer ſtiller. Junker Primus Erneſt nahm ein Hofamt bei demſelben Für⸗ ſten an, dem ſein Vater glorreich gedient. Secundus Ludwig wurde von der Größe des meteorgleichen Feld⸗ herrn Buonaparte angezogen und ſchloß ſich ſeiner Heeresmacht an, die ſpäterhin ſein deutſches Vaterland verheerte. Tertius Victor ſtudirte Jura in Göttingen und Quartus zog mit einem Vetter hinauf zu Ruß⸗ lands Steppen. Die übrigen vier Brüder lebten und lernten in den Tag hinein ohne beſondern Zweck und ohne be⸗ ſtimmtes Ziel, bis zur Zeit wo die franzöſiſche Macht ſich weiter und immer weiter verbreitete. Ihr kriege⸗ riſcher Sinn erwachte. Die Fahnen des ſiegreichen Eroberers lockten ſie ebenfalls an. Einer nach dem 22 andern trat in die Reihen der franzöſiſchen Krieger, weil ſie eben nichts anderes vornehmen konnten. Nur Octavus, das Kind, blieb unter dem Schutze der alten Eltern. Der Tummelplatz ſeiner Thaten war noch der Raſen des Schloßgartens und ſeine Er⸗ oberungsluſt richtete ſich auf die Trümmer alter Bänke, die er mit Siegesmuth erkletterte um„Vivat“ und„Hurrah“ zu ſchreien, daß die Bäume zitterten, als ſchon alle Brüder hinausgeflogen waren in die Welt, um Ehre zu ſuchen, aber nicht zu finden. Junker Octavus wurde aber ein unbändiger und ungezogener Bube. Die Reſpectslinie, welche Anno Eins die ältern Söhne des Hauſes von unehrerbieti⸗ gen Worten und Handlungen zurückgehalten hatte, war durch Alter und neuen Modeton allmählich mürbe ge⸗ worden. Leichtere Sitten, lockerten die Steifigkeit der Formen und was Anno Eins ein unverzeihliches Ver⸗ brechen geweſen war, das belächelte jetzt der frühere Miniſter von Schmidt⸗Welldorf. Junker Octavus ſagte dreiſt und verwegen„Papa und Mama“, während ſeine Brüder nur einen„Herrn Vater“ und eine„Frau Mutter“ aufzuweiſen gehabt hatten. Junker Octavus erlaubte ſich ein ſehr vertrauliches „ Du“, wo ſonſt die Convenienz mit ihrem„Sie“ ge⸗ herrſcht hatte. Deſſenungeachtet war der kleine Junker das 23 Herzblatt der Mama und das Spielwerk des Papa. Sie ſchienen Beide vergeſſen zu haben, daß ihnen noch andere Kinder lebten, und wenn dieſe ab und zu im elterlichen Schloſſe erſchienen, ſo kehrte ein Unbehagen mit ihnen ein, das eben ſo peinlich für die Eltern, als für die Kinder war. Am liebſten verkehrte der Junker mit der Dorfjugend, die er mit ſeiner Herrſchſucht gehörig maltraitirte, aber es gab auch ſeitdem keinen hungernden Armen mehr im Dorfe. Er kleidete und ſpeiſete ſeine Kameraden mit der Großmuth eines Königs und ent⸗ wickelte bei dem geringſten Widerſtand, den er bei dieſer Handlungsweiſe fand, einen ſo ungebändigten Willen, daß ſich ihm mit der Zeit Niemand mehr zu wider⸗ ſetzen wagte. Die Loſung im Schloſſe hieß„Junker Octav hat's geſagt!“ Danach richtete ſich das ganze Haus⸗ geſinde, und ſogar der Kammerdiener Sr. Excellenz, Monſieur Jean Pierre, welcher Jahr aus, Jahr ein, ſein Amt als Ankleidekünſtler beim alten Herrn ver⸗ richtete und ihn eines Tages mit derſelben Gemüthlich⸗ keit à la Bourbon friſirte, wie er ihm ſeither ſtetig à la Buonaparte den Kopf zurecht geſetzt hatte, trotz des deutſchen Grimmes, der in des Miniſters Bruſt eingezogen war. Es war die letzte Veränderung der Mode, die —— 24 der Miniſter erlebte. Der Tod ereilte ihn an dem Tage, wo der Friede unterzeichnet wurde und die Brü⸗ der trafen von allen Seiten, gerade noch zur rechten Zeit ein, um auch die Miniſterin in die neue Familien⸗ gruft zu geleiten. Als alle Ceremonien mit ziemlich kaltem Herzen vollbracht waren, ging man unter dem Beiſtande der Welldorfer Gerichtsbarkeit daran, die Erbſchaftsmaſſe zu regeln und ſie nach dem Teſtamente zu vertheilen. Sie wurde bei weitem bedeutender befunden, als man erwartet hatte. Das baare Vermögen belief ſich auf mehrere hunderttauſend Thaler und der Anſchlag des Familiengutes war ſo niedrig berechnet, daß derjenige, welcher es übernahm, in großen Vortheil trat. Die Erſparniſſe, welche der Miniſter zu Gunſten des jetzt dreizehnjährigen Junker Octav geſchrieben hatte, beliefen ſich jedoch höher noch, als die Theilungen des Capi⸗ tales und es erregte auf einen Moment einen durch⸗ greifenden Mißmuth, daß der Jüngſte des Hauſes beſſer geſtellt erſchien, als alle Andern. Primus Erneſt, der ſich zu einem ernſten und tüchtigen Charakter ausgebildet hatte, wehrte beſonnen den Ausbrüchen des Tadels, der auf Aller Lippen ſaß. Die Pietät verlangte eine noble und anſtändige Unter⸗ werfung in den Willen des Herrn Vaters und er wies 25 in einigen Worten darauf hin, daß ſie in doppelter Rückſicht verpflichtet ſeien, nichts anzutaſten, was Bezug auf Junker Octav's leibliches Wohlergehen habe. Seine Rede drang durch und es wurde dem Primus aufgetragen, als Vormund des unmündigen Octav ſeine Gelder ſicher zu ſtellen. Die Verhandlungen über die Erbſchaft nahmen bei der verträglichen Gemüthsart der Schmidt⸗Well⸗ dorfſchen Nachkommen ſchnell einen ſo guten Fortgang, daß ſich die Mehrzahl der Brüder, von Berufspflichten getrieben, ſchon nach wenigen Wochen zu einem viel⸗ leicht ewigen Abſchiede aus dem väterlichen Schloſſe rüſteten.. Primus Erneſt hatte mit Bewilligung ſämmtlicher Brüder das Gut übernommen und er be⸗ nutzte das letzte, feierlich ernſte Mittagsmahl, welches ſie zuſammen im großen Saale vereinigte, um ſeinen Brüdern ſeine demnächſt erfolgende Verlobung mit der Comteſſe Helena von Heſſenthal zu verkünden und ſie mit herzlicher Liebe zu erſuchen, ihn als den Primus der Familie, der mit väterlicher Sorge für ſeine Brüder fühle, auf dem Stammgute heimzuſuchen, ſo oft es ihre Zeit erlaube. „Ich werde Schloß Welldorf jedes Jahr ſechs volle Monate bewohnen und es mir angelegen ſein laſſen, die Umgebungen und Einrichtungen deſſelben 1859. XII. Erneſt Octav. I. 26 dergeſtalt zu verſchönen, daß es Euch eine Freude ſein kann, hier zu weilen,“ ſchloß er bewegt.„Der Tag, wo Ihr mich hier aufſucht, wird immer ein Feſttag für mich und für meine Gattin ſein—“ Weiter kam er nicht in ſeiner Rede, denn Junker Octav ſprang plötzlich auf von ſeinem Sitze und ſchrie, mit knaben⸗ hafter Ungezogenheit die bärtigen Geſichter ſeiner Brüder muſternd:„— Was ſoll das heißen? Denkt Ihr, ich bin ſo einfältig, daß Ihr mir geben und nehmen könnt, was Ihr wollt? Dies Schloß gehört mir und wenn Ihr mit allen Teufeln im Bunde ſeid, ſo werde ich mich dennoch nicht daraus vertreiben laſſen. Es iſt mein Eigenthum, Papa hat es hundert Mal geſagt, daß es mein ſein ſolle und wenn Bruder Erneſt es an ſich reißt, ſo iſt er ein Räuber—!“ ſchloß er athemlos. „Stopft doch dem Knirps das Maul,“ erwiderte Quartus, der ruſſiſche Major, gutmüthig lachend. „Laßt ihn reden, bis er es müde wird—“ meinte Tertius, der phlegmatiſche Juriſt. Primus Erneſt aber nahm die Sache ernſthafter. Er ließ ſich herab, dem Knaben das Verhältniß der Dinge ſorgfältig auseinander zu ſetzen, um ihn zu über⸗ zeugen, wie ſehr er im Unrecht ſein würde bei ſeinem kindiſchen Verlangen. Es half ihm nichts. Gewohnt, 27 ſeinen Willen durchzuſetzen, fühlte er ſich empört von dem erſten bedeutenden Widerſtande, der ihm geboten wurde. Jähzornig ſchlug er nach der Hand, die ihm Primus Erneſt zur Verſöhnung reichte und hierdurch gab er das Zeichen zu einem allgemeinen Aufſtande. Im Nu hatten ſich die Brüder erhoben und einen Kreis um ihn geſchloſſen. Ihre flammenden Augen und die aufgehobenen Arme verkündeten genugſam, daß Jeder mit dem wohlthätigen Gedanken einer verdienten Züch⸗ tigung beſchäftigt war, aber Erneſt wehrte dem Vor⸗ haben. „Octav iſt zu jung und unerfahren,“ ſprach er beſchwichtigend,„als daß er wiſſen ſollte, welche Be⸗ leidigung in ſeinem Betragen gegen uns liegt. Vertagen wir die Erörterungen unſerer Conflicte auf die Zeit, wo er zurechnungsfähig iſt und behandeln wir ihn jetzt mit der chriſtlichen Nachſicht, die wir als ſeine natür⸗ lichen Beſchützer zu üben verpflichtet ſind.“ Der Junker ſprang dreiſt bis in die Mitte des Kreiſes, ſtemmte die Arme keck auf die Hüften und ſah mit ſpöttiſch-⸗kalten Knabenaugen rundum. „Ich will keine chriſtliche Nachſicht von Euch!“ rief er trotzig.„Ich haſſe Euch! Ich verachte Euch, wenn Ihr mir mein Eigenthum raubt! Papa's Willen ſollt Ihr thun— Papa hat mir dies Schloß geſchenkt—“ 2 * 28 „Wo haſt Du denn die Schenkungsurkunde, kleiner Bruder?“ fiel Victor kaltblütig ein. Einen Augenblick ſtutzte der Knabe, dann ſagte er ſchnell beſonnen: „Iſt eine Schenkungsurkunde nöthig, wenn Papa ſeinem Knaben etwas ſchenkt?“ 4 „Ja freilich,“ belehrte Victor ihn gnädig und herablaſſend.„Von uns hat Niemand gehört, daß der Herr Vater Dir ein ſo brillantes Geſchenk ge⸗ macht hat.“ „Und Du glaubſt es deshalb nicht?“ fragte der Junker mit blitzenden Augen.„Geh und frage die Leute, was Papa geſagt hat. Hundert Mal iſt von ſeinen Lippen gegangen«daß ich in Welldorf bleiben ſolle, weil ich hier geboren ſei» und ſein Zorn wird Euch ſchon treffen, wenn Ihr mich verjagt!“ Alle belächelten dieſe knabenhafte Drohung, nur Grinns Erneſt nicht. Gedankenvoll blickte er vor ſich nieder und überlegte, was zu thun ſei. Ganz dunkel erinnerte er ſich einiger Aeußerungen des ſeligen Mi⸗ niſters, die allerdings auf die Idee hindeuteten, in Junker Octav„der im Boden der Welldorfer Ge⸗ meinde Wurzel geſchlagen,“ einen Landedelmann zu erziehen, aber ſpeciell hatte er ſich nie darüber aus⸗ geſprochen. Sein nachdenkliches Sinnen und die Allen bekannte 29 nachgiebige Güte ſeines Weſens belehrten ſeine Brüder über die Pläne, welche ſeine Bruſt durchblitzten, eher als er ſie ausgeſprochen hatte und veranlaßten den Herrn Tertius Victor zu der gelaſſenen Aeußerung: „Da ſich in unſers Herrn Vaters Teſtament nichts vorfindet, was maßgebend auf unſere Entſchlüſſe wirken könnte, ſo wäre es thöricht, wollten wir den Launen eines Knaben Gehör ſchenken. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Familiengut immer den Beſtim⸗ mungen des älteſten Sohnes anheim fällt, wenn ſonſt von väterlicher Seite nichts darüber befohlen iſt. Unſer Bruder Erneſt iſt der Aelteſte und hat ſomit den erſten Anſpruch. Schlägt er den Beſitz aus haltbaren Grün⸗ den aus, ſo tritt Ludwig in ſeine Rechte. Alſo erklärt Euch, Ihr Brüder. Laßt uns eine Sache zu Ende bringen, die dem weichmüthigen Primus Scrupel erregt. Sag' an: willſt Du bei Deinem Beſchluſſe beharren, Welldorf in Beſitz zu nehmen, Bruder Erneſt?“ Primus Erneſt blickte, bewegt auf ſeinen jüngſten Bruder, der mit zitternder Ungeduld an ſeinem Munde hing. Ihm fiel die Stunde ein, wo er dieſen Knaben, ihm Schutz und Trutz gelobend, zur chriſtlichen Weihe auf ſeinen Armen gehalten und er zögerte eine volle Minute, bevor er den Entſchluß bekräftigte, welcher den erſten wichtigen Wunſch dieſes Kindes der Ver⸗ 30 nichtung übergab. Endlich erhob er ſeinen Blick und ſprach feſt und ſicher den Vorſatz nochmals aus,„das Gut als Stammgut der Familie zu übernehmen.“ Wild und höhniſch lachte Junker Octav auf. „Nimm es nur! Nimm es nur— ich werde es eines Tages dennoch bekommen!“ ſchrie er überlaut und ſtürzte, den Kreis der Männer durchbrechend, in leidenſchaft⸗ licher Haſt aus dem Zimmer. Mißbilligend ſchaueten ſie ihm nach. Sein Betragen regte den Vorſchlag an, den verzogenen Sohn der Familie nicht länger unter der Aufſicht eines Hauslehrers und in der Umgebung eines allzu nachſichtigen Geſindes zu laſſen, ſondern ihn der Obhut einer ſtandesmäßigen Lehranſtalt zu über⸗ geben. Dieſer Beſchluß wurde ihm eröffnet und als er die ſtarre, an Entſetzen grenzende Verwunderung über ſolche Machtſprüche überwunden hatte, da fühlte daß er Niemand uf der ganzen Welt ſo haſſen Fnnte, wie ſeine ſieben Brüder. Er verſchloß aber Fine Haßgefüühle in der jungen Bruſt und wartete geduldig auf den Tag, wo er, mün⸗ dig geworden, in den unbeſtreitbaren Beſitz ſeines Erb⸗ theiles kommen würde. Erſt dann konnte er ausführen, was ſein brennender Haß ihm eingegeben hatte. Unmittelbar nach dem Ablauf des Trauerjahres feierte Primus Erneſt, der durch ſeine Verbindung mit 31 der gräflich Heſſenthalſchen Familie jetzt zu den nächſten Umgebungen ſeines Fürſtenhauſes gehörte, ſeine Ver⸗ mählung und dies war das letzte Mal, daß die Brüder zuſammentrafen und ſich wiederſahen. Junker Octav hatte ſich während dieſer kurzen Zeit außerordentlich verändert. Es fiel Allen auf, aber es nahm ſich Nie⸗ mand ſo zu Herzen, wie Primus Erneſt. Was allen Andern eine Einwirkung der ſtrengern Zucht ſchien, das ſchrieb er ganz richtig andern Gründen zu. Allein welche große und abentheuerliche Pläne in dem jungen Gehirne Wurzel gefaßt hatten, davon ahnete er doch nichts. Seine liebevolle Heiterkeit gegen den ernſthaften, ſtörriſch ruhigen Knaben prallte nutzlos ab. Nur ein Mal, als Erneſt die holdſelige, ſtrahlende Braut auf ihn zuführte und er ihr ſagte,„daß Octav ſein liebſter Bruder ſei,“ nur dies eine Mal vergaß er ſeine Mäßigung, die er ſich ſtreng vorgezeichnet hatte und warf einen Blick ſo tiefer und bitterer Gehäſſigkeit ahr ſeinen freudig bewegten Bruder, daß die junge Br erſchrocken zurückwich und mit ängſtlicher Scheu nach einigen herzlichen Worten ſuchte. Primus Erneſt legte der Scene nicht viel Bedeutung unter. Er erkannte erſt ſpäterhin, welche Kluft ſich durch des Knaben finſtern Groll zwiſchen ihnen aufgeriſſen hatte. Nach den Vermählungsfeſtlichkeiten trennten ſich 32 die acht Nachkommen des Schmidt⸗Welldorfſchen Hauſes in der ſichern Ueberzeugung, ſich bald wieder zu ſehen, allein ſie ſahen ſich niemals wieder im vollſtändigen Bruderkreiſe. Zuerſt ſchied der Tod den wackern Sep⸗ tus aus, der bei der Flucht Napoleon's von Elba mit Enthuſiasmus den deutſchen Fahnen ſich zugeſellte, um den Eroberer, welchem er früher mit feurigem Eifer gedient hatte, nun vernichten zu helfen. Er verlor dabei ſein Leben in der Schlacht bei Belle⸗Alliance. Kurz darnach ſtarb Sextus, ebenfalls in dieſem Kriege verwundet, an den Folgen ſeiner Wunden in der Fremde. Secundus Ludwig verheirathete ſich mit einer Franzöſin und blieb als Bewohner in dem Lande zurück, das er als Feind betreten hatte. Quartus ging wieder nach Rußland und Junker Octav bezog endlich die Univerſität, ohne nur ein einziges Mal ein freund⸗ een Brüdern nöthig gefunden zu haben. ſhen de Briefchen, geſchweige denn einen Beſuch bei ⸗ Erſt nachdem die Mündigkeit Octav's erfolgt und er im Beſitz ſeines Vermögens war, erſt da erkannten die Brüder, daß eine vorſätzliche Entfremdung in den Zufällen lag, die ihn fern von der Gegend gehalten hatten, wo ſie wohnten. Er ſendete einen Bevollmäch⸗ tigten, der vollſtändig zur Empfangnahme ſeines Ver⸗ mögens autoriſirt war. Voller Verwunderung über 33 dieſe Maaßregel forſchte Primus Erneſt bei dem Advo⸗ katen, was ſeinen Bruder abgehalten haben könne, ſelbſt zu kommen. Das Achſelzucken, womit ſeine Fra⸗ gen beantwortet wurden, genügte ihm durchaus nicht, allein er mußte damit vorlieb nehmen, denn der ſchlaue Rechtsgelehrte gab ſich das Anſehen, als ahne er gar nichts von einem Zwieſpalte zwiſchen ſeinem jungen Clienten und den Brüdern. Kaum waren die Vormundſchaftsangelegenheiten geordnet und der Advokat mit den erhobenen Summen, die er kraft ſeines Auftrages, ſich ſogleich baar aus⸗ Zahlen laſſen ſollte, abgereiſt, ſo ſchrieb Primus Erneſt an ſeinen Bruder Octavus und bat ihn um Erklärung ſeines Betragens.. Der Brief kam nach einigen Tagen zurück mit der Poſtbemerkung„abgereiſt.“ Jetzt machte ſich Herr Erneſt ſelbſt auf den Weg nach Bonn, wo Octav zuletzt gelebt hatte. Seine Reiſe war vergeblich. Sie brachte ihm keine erfreulicheren Reſultate, als die Notiz auf dem Briefe. „Abgereiſt!“ ſagte ſein Wirth, als er dort zuerſt nachfragte. Wohin? Das wußte er nicht. Aber er vermuthete„weit weg,“ weil des jungen Herrn Vor⸗ bereitungen zur Reiſe darauf hingedeutet hätten. „ Abgereiſt!“ hieß es überall, wo er fragte. Un⸗ 4 verrichteter Sache kehrte er zur Heimath zurück und dieſe Erfahrung umſchleierte längere Zeit den ſonſt ſo heitern Himmel ſeines Lebens. Junker Octav war und blieb verſchollen. Sein Andenken verblich endlich. Während jedoch die übrigen Brüder mit gleich⸗ gültiger Gelaſſenheit ſein gewaltſames Zerreißen aller Familienbande beſprachen, füllte ſtets eine ſtille Weh⸗ muth das Herz des würdigen Primus.„Wer hätte gedacht, daß dieſer Knabe, den wir Alle mit einer hei⸗ ligen Bruderliebe in unſern Kreis aufnahmen, uns ſo ſchmählich verachten würde?“ ſprach er oftmals.„Um uns mit doppelt und dreifachen Banden an dies letzt⸗ geborene Kind zu feſſeln, ſchlug ich damals vor, ſeine Pathen zu werden— er hat dieſen Act chriſtlicher Liebe gänzlich unnütz gemacht. Gott nehme ihn nun in ſeinen Schutz, da er ſich unſerer Hülfsbereitwilligkeit entzieht.“ 4 „ Er wird ſchon kommen, wenn er uns gebraucht!“ meinte der Juriſt und Quintus verſprach, ſich in der Welt gelegentlich nach ihm umzuſehen.—. Die Zeit drang mit gewaltigem Fluge vorwärts. Sie vernichtete leider mit ihren ehernen Flügeln das Glück des Gerechten eben ſo unerbittlich, als das des Ungerechten und ſtürzte den Staub der Vergeſſenheit 35 eben ſo feindlich über die Guten, wie über die Böſen. Vier Jahrzehente rauſchten vorüber von dem Tage an gerechnet, wo des Hauſes Aelteſter Beſitz von dem Familiengute nahm und dieſe vierzig Jahre mit ihren großen und kleinen Schmerzen und Freuden überlaſſen wir dem Dämmerlichte der Vergangenheit. Wir haben das Fundament unſerer Erzählung dem Auge des Leſers enthüllt, um ſicherer in den Wellen der Begebenheiten untertauchen zu können. Mag er ſich als eigener Pilot nun auf den Wogen zurecht finden, die ihn bald ſüdlich, bald nördlich, bald öſtlich und bald weſtlich zu ſchleu⸗ dern Miene machen. Ueberall, das verheißen wir, begrüßen ihn die Geſtalten, welche zu dem Hauſe Schmidt⸗Welldorf ge⸗ hören. Die Kränze unſers phantaſtiſchen Spieles bil⸗ den ſich aus ihren Schickſalen. Erſtes Capitel. Das Gut des Amtmann Bienengräber lag in einer Gegend, welche von den Romantikern mit Grau⸗ ſen, von den Oekonomen aber mit Entzücken betrachtet wird. Nichts als Himmel und Kornfelder, ſo weit die Blicke reichen und wären die Augen auch mit dem beſten Fernrohre bewaffnet. Wallender Waizen links, rauſchender Roggen rechts, dazwiſchen zur Abwechſelung ein grünliches Ha⸗ ferfeld und üppig emportreibende Gerſtenflächen. Ungefähr ſo war die Abwechſelung des endloſen Fahrweges, die ein ſtarker gutgenährter Mann in einem einſpännigen Wagen mit lächelndem Behagen beobach⸗ tete, als er, ſelbſt kutſchirend, langſam und gemächlich auf das Dorf zufuhr, das ſchon ſeit einer Stunde nahe vor ihm zu liegen ſchien.— 37 „Das nennt man alſo hier zu Lande eine gute Mittelernte, die man zu erwarten hat,“ begann er endlich, in einer Gemüthsſtimmung, welche als ein zor⸗ niger Humor zu bezeichnen ſein könnte, ein Selbſtge⸗ ſpräch.„Muß'mal den Amtmann Bienengräber exami⸗ niren, ob er den Zeitungsartikel«von hieſiger Mittel⸗ erntey verfaßt hat. Dieſe Hunde— dieſe Hallunken— eine Mittelernte—? Wollen uns barbieren— war gut, daß ich Unglück mit Pferde und Wagen hatte— hätte nicht ſo aufgepaßt.— Mittelernte! Möchte wiſſen, wo noch ein Halm Platz ſinden ſollte, möchte ſehen, ob Halm nicht kaput ginge, wenn Aehre ſchwerer wäre— dieſe Hunde—!“ Er zupfte herzhaft die Zügel, die er ſehr widergebräuchlich und ungeſchickt in den Hän⸗ den hielt und das Pferd verſtand glücklicherweiſe dies Zupfen. Es ſetzte ſich in Trab und kam ganz ver⸗ nünftig vor dem Amtmannshauſe an. Amtmann Bienengräber, ein ächtes Bild vor⸗ märzlicher Oekonomen, hatte ſchon aus dem Fenſter geſehen und mit ſteigender Verwunderung den Herrn im Wagen betrachtet. Als der Einſpänner von der Dorfgaſſe abbog und ſeinem Thorwege zulenkte, klappte er ſein Fenſter haſtig zu und rief, gegen ſeine Frau gewendet:—„Wahrhaftig Lottchen, Du haſt Recht! Es iſt der Agent Franz Velguth in höchſt eigener Perſon!“ 38 Flink eilte er zur Hausthür und kam gerade zu rechter Zeit, um den herabkletternden Herrn mit jovialen Redensarten begrüßen zu können. „Alle Wetter Herr Velguth,“ rief er ihm zu,„ſeit wann fahren Sie denn einſpännig und allein in der Welt umher?“ Der Agent drehte ſich ſteifnackig zu ihm um:„Seit mein Wagen in Bornberg zerbrochen und mein Kutſcher betrunken iſt!“ entgegnete er lako⸗ niſch.„Bin ein Mann, der 98000 Meilen gereiſt iſt, aber das iſt mir zum erſten Male paſſirt.“ Er ſprach ſtets wichtig und mit einem gewiſſen Pathos. „Können Sie denn fahren?“ fragte der Amtmann heiter. „Konnte es nicht— habe aber die Erfahrung gemacht, daß der Menſch Alles kann, was er will!“ Mit dieſen Worten hatte der Agent den Wagen vollends verlaſſen und ſtieg mit der Ruhe eines Mannes, der ſich niemals zu übereilen braucht, die Stufen zur Hausthür hinan. „Küß' Ihnen die Hand, meine hochverehrte Frau Amtmann,“ rief er der Dame entgegen, die jetzt auch im Hausflur erſchien, um den Hausfreund, reſpective Geſchäftsfreund, ihres Mannes zu bewillkommnen.„Wie geht's? Wie ſteht's? Sind die kleinen Muzchens wohl auf? Was macht das Fräulein Charlottchen?“ Die 39 Amtmännin lachte über die ſchnell hervorgepolterten Fragen und über die Benennung„Muzchen,“ womit er ihre Töchter meinte. Unter Scherz und Neckerei wurde Herr Velguth in's Zimmer geleitet, wo der Tiſch ſchon zum Abend⸗ eſſen gedeckt war. „Vortrefflich,“ meinte der Reiſende.„Habe Mit⸗ tag ſchlecht geſpeiſl! Was haben Sie, meine hochver⸗ ehrte Frau Amtmännin?“ „Gurkenſalat mit Eierkuchen,“ referirte die Hausfrau. Der Agent zog ein langes Geſicht.„Gurken⸗ ſalat—“ wiederholte er gezogen.„Gurkenſalat iſt «boſchy für mich. Allah iſt groß— Mittag: Gur⸗ kenſalat mit Schweinecotelet— Abend: Gurkenſalat mit Cierkuchen? In Gurken haben Sie wohl mehr als eine gute Mittelernte hier zu Lande gemacht? Allah il Allah!“ Der herzhafte Seufzer, womit er ſeine Rede ſchloß, erweichte das Herz der ſonſt ſparſamen Hausfrau. „ Nun dann warten Sie noch ein Stündchen, Herr Velguth,“ tröſtete ſie lächelnd.— „Und was kann ich dann haben?“ fragte der Gourmand begierig blinzelnd. „Kalb⸗ oder Rindescalopes—“ „Bitte um Kalbescalopes—“ fiel Herr Velguth ein.„Wie wollen Sie dieſe bereiten?“ 3 „Nun, Herr Velguth, entweder à la maitre d'hotel oder à la bechamelle—“ meinte die Hausfrau. „Bitte dringend um mattre d'hotel!“ rief Herr Velguth eifrig.„Sie haben doch eingemachte Cham⸗ pignons? Nehmen Sie ja dazu!“ Lachend ſchritt die Dame zur Thür um ihre Be⸗ fehle in der Küche zu geben. Indem ſie die Thür öffnen wollte, wurde dieſelbe von außen aufgemacht und ein großer junger Mann erſchien. Er trat ſo⸗ gleich auf das allerartigſte zurück und ließ die Dame des Hauſes an ſich vorbeigehen, bevor er in's Zimmer trat. Sein Gruß gegen den Agenten, der ihn noch niemals hier im Hauſe getroffen hatte und ihm des⸗ halb mit zuſammengekniffenen Augen, den Kopf hoch⸗ müthig zurückgelehnt, ſcharf entgegenſah, war gleichfalls außerordentlich verbindlich, ſo daß dieſer, faſt gezwun⸗ gen, aufſtand und ihm eine Verbeugung machte.* „Herr von Schmidt,“ ſprach der Amtmann vor⸗ ſtellend,„Herr Agent Franz Velguth!“ Die Herren wiederholten die Verbeugung, dann ſetzte ſich der Agent und Herr von Schmidt lehnte ſich in das nächſte Fenſter. Sein Benehmen zeigte, daß er ein Hausgenoſſe und lediglich des Abendeſſens 41 wegen hereingekommen war. Eigentlich brannte Herr Velguth, in ſeiner gewöhnlichen Neugier, darauf zu erfahren, was es mit dieſem jungen, feingekleideten Herrn für eine Bewandtniß habe, allein die momentane Scheu vor einer Indiscretion lähmte die Luſt, ſeinen Wiſſens⸗ durſt auf alle Fälle zu befriedigen, und er begnügte ſich eine Weile damit, den Herrn mit einer gewiſſen Unverſchämtheit zu fixiren. Der Amtmann lenkte das Geſpräch auf den zu⸗ nächſtliegenden Zweck von Velguth's Anweſenheit. Er fragte: ob er Korn oder Wolle erſchachern wolle.„Sind ſchlechte Ausſichten auf die Ernte,“ entgegnete der Agent liſtig.„Kornſpeculation iſt«boſchy— das heißt auf deutſch«nichts». Mit Wolle eher— wie notireu Sie?“ fragte er den Amtmann, ſah aber blinzelnd zu dem Herrn von Schmidt hin. Dieſer lächelte ſpöttiſch. „Fragen Sie mich nicht—“ warf er dreiſt ein,„ich würde Ihnen die Preiſe unerſchwinglich hoch rechnen.“ Der Agent hob ſeinen Kopf ſo weit nach hinten, daß er über die Naſe fort nach dem„vorlauten“ jun⸗ gen Herrn zu ſehen gezwungen war. „Sind Sie jetzt Herr im Hauſe?“ fragte er. „Mein Gott, Herr Velguth, Sie ſahen mich je bei der Frage nach dem Preiſe der Wolle an,“ ent⸗ gegnete Herr von Schmidt mit brüskem Tone. 1859. XII. Erneſt Octav. I. 3 42 Der Agent drehete ſich blitzſchnell um, ſo daß der junge Mann ſeine Schattenſeite zu ſehen bekam. Die⸗ ſer lachte herzlich. „Wenn ſie jetzt mit dem Herrn Amtmann ſpre⸗ chen, dann weiß ich, daß es nicht mir gilt,“ ſagte er ſo freundlich, daß der Agent von dem Tone verſöhnt wurde. Velguth ſetzte ſich wieder anſtändig zurecht und ſprach: „Wiſſen Sie, junger Herr, weshalb ich ſie mu⸗ ſterte? Ich wollte aus Ihren Geſichtszügen erkennen, ob Sie zu denen von Schmidt gehören, welche auf Welldorf hauſen.“ „Das iſt wohl möglich,“ bedeutete ihn der junge Mann gleichgültig.„Ich habe mich nie viel um meine Verwandten bekümmert.“ —„Die Schmidt⸗Welldorf ſind von neuem Adel — kaum hundertjähriger Stammbaum— wenn ſie ihre Ahnengruft eröffnen, finden ſie ſelig verſtorbene Innungsgenoſſen und Krämervolk.—“„ „Das mag ſich in meiner Ahnentafel auch vor⸗ finden—“ flocht der junge Mann lakoniſch ein. „Es waren dort acht Söhne— vielleicht ſind Sie ein Sprößling davon.—“— Herr von Schmidt zuckte leicht die Achſel, ant⸗ wortete aber nicht. 43 „Der Primus iſt ein ſcharmanter alter Herr— hat Leid und Traurigkeit erlebt— hat zwei Söhne ſchon begraben laſſen, und der dritte und letzte wird nächſtens das Zeitliche ſegnen. Die Schmidt⸗Welldorf ſind raſch in die Höhe gegangen, haben gut angeſetzt, laboriren aber jetzt am Ausſterben.“ „Dann möchte ich nicht dazu gehören,“ lachte der junge Mann,„denn ich fühle keine Luſt zum Sterben.“ „Von den Acht, die der alte Miniſter von Schmidt nach der Zahl taufen ließ, lebt nur noch der Primus, als Oberkammerherr außer Dienſt in Werthalt, Reſi⸗ denz des Fürſten von A....* der Tertius, als Prä⸗ ſident ebendaſelbſt, und der Octavus, als Taugenichts, irgendwo. „Es wäre wohl möglich,“ ſchaltete der Amtmann ein,„daß Sie doch dazu gehörten, Benno, Ihre Eltern ſind todt— Sie ſollten ſich darum bekümmern.“ „Wäre leicht zu ergründen,“ meinte der Agent. „Der Taufſchein Ihres Vaters wäre der beſte Beleg. Muß Secundus oder Quartus oder Sextus oder Sep⸗ * Die Reſidenz Werthalt möchte der Leſer vergeblich auf der Karte von Deutſchland ſuchen. Der Name iſt grund⸗ ſätzlich fingirt. 3* 44 tus geheißen haben. Müſſen aus Rußland oder Frank⸗ reich gebürtig ſein.—“ Der junge Mann horchte hoch auf.„Aus Ruß⸗ land?“ wiederholte er. „Sind daher? Sind alſo des Quartus Sohn— hat vielleicht ſpät geheirathet— iſt ein angeſehener Mann dort geworden, Feldmarſchall oder ſo etwas,“ fuhr der Agent fort.„Vor dreißig Jahren war er noch ledig— habe ihn geſehen— groß, prächtig, ein Don Juan— brachte ein hübſches Vermögen zuſam⸗ men— ſpielte gern und hoch, gewann und verlor— ſoll eines Tages dem Fürſten Sonſikow die Karten in's Geſicht geworfen haben— natürlich gab's ein Duell und Herr Quartus von Schmidt⸗Welldorf war das Opfer. Mein Schwager ſchrieb mir's, bedauerte, daß Schmidt gefallen und nicht der Fürſt. Iſt das viel⸗ leicht Ihr Vater geweſen?“ „Schwerlich,“ ſprach der Amtmann, als Herr Benno verloren in tiefes Sinnen nicht antwortete. „Wenn man ſolchen Vater gehabt hat, ſo weiß man es gewiß.“ 8 „Vielleicht war's der Secundus,“ begann rede⸗ ſelig der Agent wieder.„Der Secundus ſoll in Frank⸗ reich eine Gräfin geheirathet haben, ſoll aber, wie ver⸗ lautet, kinderlos geſtorben ſein. Von dem Octav werden 3.— — ſich Träume in ſeiner Seele, den Erzählungen. 45 Sie hoffentlich nicht herſtammen. Der iſt ein fauler Zweig im Stamme Schmidt. Ein undankbarer Schlin⸗ gel, ein Tückebold, ein ungezähmtes Raubthier, das am liebſten das Herzblut ſeiner Familie getrunken hätte. Die Familie hat ihn nach einem Plenobeſchluß aus⸗ geſtoßen— danach iſt er verſchollen— hoffentlich irgendwo aufgehangen oder erſäuft— ſolche Creaturen müſſen ſich nicht vermehren, damit die Sünde in Per⸗ ſon, ſich nicht fortpflanzt. Sind Sie vielleicht von dieſem Mosje ein Sprößling?“ Der Amtmann ſchlug lachend auf ſeines Geſchäfts⸗ freundes Schulter:„Es wäre mehr, als Dummheit, wenn Benno jetzt«Jay ſagte, Sie maſſiv grober Menſch.“ Der Agent ſchmunzelte, als wäre ihm eben die größte Schmeichelei geſagt. Einmal im Zuge erzählte er nun noch eine Menge einzelner Familienereigniſſe der Schmidt auf Well⸗ dorf, worunter natürlich das Tauffeſt mit dem feſt⸗ lichen Haarbeutel à la Buonaparte vom Kammerdiener Jean Pierre, obenan ſtand, weil es eine Lieblings⸗ geſchichte des ruſſiſch gewordenen Quartus geweſen war. Der Amtmann Bienengräber ergötzte ſich an der Plau⸗ derei ſeines Freundes, und Herr von Schmidt horchte ſinnend, als bildeten ſich Pläne oder als erneuerten 46 Als endlich die Amtmännin, gefolgt von ihren Töchtern und der Köchin, die ſtolz die ſchnell her⸗ gerichteten Escalopes à la maitre d'hôtel auf einem Plateau trug, im Zimmer erſchien und die Herren zum Souper einlud, da ſchloß Herr Velguth ſeine hübſchen Erzählungen mit der Aufforderung an den jungen Mann, „ſich nur ſo bald als möglich in den Beſitz der nöthi⸗ gen Legitimationen zu ſetzen, wenn er wirklich zu jenem Stamme gehöre, denn der Sterbefall, welcher wohl ſo ziemlich den letzten männlichen Deſcendenten wegraffen werde, ſei unausbleiblich bald zu erwarten und da der Oberkammerherr auf dringendes Bitten ſeiner Gemahlin, einer Gräfin Heſſenthal, ein Majorat aus Welldorf gemacht habe, ſo würde jeder Nachkomme dieſes Stammes eine excellente Erbſchaft thun können.“ Herr von Schmidt lachte nur zu dieſem guten Rathe und die Geſellſchaft reihete ſich zwanglos um den Tiſch, der auf der einen Seite Gurkenſalat und Eierkuchen, auf der andern Seite Escalopes à la maitre d'hôtel aufwies. Der Agent langte tüchtig zu. Plötzlich aber be⸗ merkte er, daß nach einfach bürgerlichem Gebrauche kein Wein auf dem Tiſche ſtand. Ein Souper ohne Wein war für ihn nicht denkbar 47 und er war auch keinen Moment zweifelhaft darüber, daß er ihn fordern könne. „Was trinken wir denn, Herr Amtmann?“ fragte er mit zuverſichtlichem Blinzeln und hob ſich noch ein Stück Fleiſchmaſſe aus der Schüſſel. „Ja— befehlen Sie, Herr Velguth,“ entgegnete der Amtmann gelaſſen. „Bitte— bitte—! Was Sie wollen— nur was Sie wollen. Beileibe nicht, daß ich beſtimmen wollte,“ meinte der Agent kauend. „Nun ſo ſchlüge ich ein Glas ächtes Weizenlager⸗ bier vor, das ich ganz ausgezeichnet habe—* Velguth legte ſich hinten über und ſah ſeinen Gaſtfreund ſchief über die Naſe an.„Bier— Weizen⸗ lagerbier? Meinen Sie wirklich Weizenlagerbier? Be⸗ dauere— bitte dringend um Champagner— kann nicht dienen mit Bier— Sect vom beſten, wenn's beliebt!“ Der Amtmann ſtand fröhlich lachend auf und gab ſeiner älteſten Tochter den Schlüſſel zum Weinkeller. Er hatte es gar nicht anders erwarten können und es gewiſſermaßen darauf angelegt, dieſe Scene herbei⸗ zuführen. Während der Champagner beſorgt wurde, fragte der Agent beifällig, wo die Amtmännin die deliciöſen Champignons her hätte. Arglos bemerkte die Hausfrau, daß ſie eine ganze Kruke davon eingemacht habe. 48 „Bringen Sie mir Kruke!“ ſchrie Velguth entzückt. „Bitte um Kruke!“ Zögernd, denn ſie wünſchte ihren Vorrath der Eßluſt des hinlänglich bekannten Gourmand nicht Preis zu geben, entfernte ſie ſich, ergab ſich aber in ihr unabänderliches Schickſal und brachte eine handhohe, umfangreiche Glaskruke herbei, die ſie reſignirt ſeinem Willen überließ. Der Agent nahm einen Eßlöffel und fiſchte ſich die Champignons aus der bedeutend ſcharfen Eſſigbrühe. Es blieb wenig in dem Behältniß, das er mit Wohl⸗ behagen auf den Tiſch zurückſchob und zum Ergötzen der ganzen Bienengräberſchen Familie vertilgte er das ätzend ſcharfe Gericht mit großer Behendigkeit. „Iſt ſchön, ſehr ſchön, nur leider ohne Bordeaux⸗ eſſig— werde Ihnen einen Anker Bordeauxeſſig beſor⸗ gen— notire ihn billig— mag nichts eſſen ohne Bordeaueſſig— ſchmeckt gemein bürgerlich!“ „Nach meiner eben gemachten Erfahrung,“ fiel die Dame ärgerlich ein,„haben Sie meine agemein bürgerlichen“ Champignons nicht verſchmäht.“ Es beliebte dem Agenten nicht, auf dieſe Zurechtweiſung zu antworten. Seine Arroganz und. Suffiſance, ſprichwörtlich geworden in der ganzen Welt, bewahrte ihn vor jedem Gewiſſensbiß und wenn er — ₰ 49 ſich die größten Beleidigungen erlaubt hatte. Er be⸗ grüßte jetzt den Knall der Champagnerflaſche mit einem fröhlichen Blicke, nahm das ſchäumend überquellende Glas und ſetzte es koſtend an den Mund. Darauf hub er die Flaſche in die Höhe und las das Etiquette:„Sillery mousseux Qualité Supérieure— de Berghes-Jannet a Ay—. Iſt boſch, Amtmann, iſt boſch— müſſen veuve Clidout halten— iſt der einzig trinkbare Sect—“ „Nun, ſo laſſen Sie dieſen ſtehen,“ warf der Amtmann ein. „Nehme vorlieb für heute, Amtmann, ein ander Mal bitte ich dringend um veuve Cliqout—“ Er hielt inne und ſah ſtrafend auf Herrn von Schmidt, der ziemlich ungenirt über ihn lachte.—„Was lachen Sie? Herr von Schmidt, Sie ſind mir unbequem. Wollen Sie nicht einen Spaziergang machen nach dem Abend⸗ eſſen? Die Quantitäten Gurkenſalat nebſt Eierkuchen, die Sie verzehrt haben, fordern eine kleine Bewegung in freier Luft— gehen Sie ſpazieren, ich bitte darum.“ Der junge Mann, welcher augenſcheinlich keine Luſt hatte, ſich von der Laune des Gaſtes tyranniſiren zu laſſen, wendete ſich zu der älteſten Tochter des Hauſes und begann mit ihr ein leiſes und eifriges Geſpräch. Als der Agent bemerkte, daß er keine Er⸗ widerung auf ſeinen uneigennützigen Vorſchlag fand, richtete er ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf den Cham⸗ pagner und verbreitete ſich mit Sachkenntniß über die verſchiedenen Bereitungsarten. Es war intereſſant, ihm zuzuhören. Seine Anmaßung beruhete überhaupt auf umfaſſenden Kenntniſſen in allen Branchen der Wiſſen⸗ ſchaften und bei einer geregelten Beſcheidenheit wäre er der intereſſanteſte Geſellſchafter geweſen, den die Erde getragen hat, allein es gehörte eine Rieſengeduld dazu, ſich den immerwährend wiederholten Arroganzen des guten Mannes unterzuordnen. Dem Unbetheiligten machten ſie Spaß und als Anekdoten klangen ſie er⸗ götzlich, aber wer darunter zu leiden hatte, der zog ſich mit einigem Grolle aus der Affaire, worin er auf jeden Fall niemals den Sieg erfocht. Bisweilen ließ er ſich herab, durch eine gewiſſe freundliche Zuvorkom⸗ menheit den Eindruck wieder zu verlöſchen, der die Herzen gegen ihn erbittert hatte und darin ſah man dann deutlich, daß er niemals aus Bosheit, ſondern in der Eingebung einer Laune beleidigt hatte und an⸗ maßend aufgetreten war. Während Herr von Schmidt, welcher im Allge⸗ meinen in ſehr vertraulichen Beziehungen zu der Amt⸗ mannsfamilie zu ſtehen ſchien und von Alt und Jung „Benno“ genannt wurde, gefliſſentlich vermied, irgend eine unangenehme Berührung mit dem Gaſt des Hauſes herbeizuführen, beachtete gerade dieſer Mann mit un⸗ verhehlter Aufmerkſamkeit Alles, was derſelbe vornahm. Er ſah denn auch, daß Benno plötzlich nach einer lebhaften Debatte mit Fräulein Charlottchen, einem derben, blühenden Landmädchen, das ſeine braunen, hellen Augen aufgeweckt auf ihrem Nachbar ruhen ließ, aufſprang und nach dem Fortepiano eilend ein Noten⸗ buch ergriff. Er trat damit an's Fenſter und blät⸗ terte darin. „Sehen Sie hier Charlotte,“ rief er dann. Das Fräulein begab ſich zu ihm an's Licht und blickte auf⸗ merkſam auf die Noten hin, die er tactmäßig mit dem Finger bezeichnete. „Es wird mir doch dadurch nicht klar,“ ſprach ſie halb trotzig.„Spielen Sie es, damit ich ſehe, daß Sie Recht haben.“ Benno ſchüttelte mit dem Kopfe und hob ſeinen Blick vielſagend zu Herrn Velguth auf. „Morgen,“ flüſterte er. „Und morgen iſt wieder keine Zeit—“ ſchmollte die Dame mit einem etwas zärtlich bittenden Blicke. „Sie ſpielen jetzt ſo wenig und Sie wiſſen doch, wem Sie damit eine Freude machen können.“ Benno legte ſeine Hand leicht auf Charlottens Achſel.„Ich bin aus wichtigern Gründen nach dem Amthofe des Amtmann Bienengräber gekommen,“ flü⸗ 52 ſterte er.„Haben Sie noch nicht geſehen, daß Ihr Vater mit Stirnrunzeln mein Klavierſpiel betrachtet?“— Charlotte warf den Kopf leicht auf: „Die Mutter iſt für uns— ſie will, daß Sie uns durch Ihr ſchönes Klavierſpiel erfreuen— kehren Sie ſich nicht an des Vaters faltige Stirn—“ ent⸗ gegnete ſie ſehr leiſe und dennoch drangen die Worte zu Velguth's ſcharfen Ohren. „Oho— Freund Bienengräber,“ ſagte er laut zu dieſem,„man conſpirirt dort gegen Sie.— Hören Sie nicht gern Muſik?“. Erſchrocken wendeten ſich die beiden jungen Leut um und der Amtmann erwiderte etwas mürriſch:„O ja, aber wenn man ſich Vorkenntniſſe in der Wirth⸗ ſchaft aneignen will, ſo muß man etwas anders thun, als Klavier ſpielen.“ Snc, „Wer will ſich denn Wirthſchaftskenntniſſe erwer⸗ ben?“ examinirte Velguth, der endlich ſeine Neugier über den Standpunkt des jungen Herrn im Hauſe zu befriedigen hoffte. „Herr von Schmidt. Er hat ſeine juriſtiſchen Studien abſolvirt, will aber zur preußiſchen General⸗ commiſſion übergehen um Oekonomiecommiſſarius zu werden. Dazu iſt es nöthig, daß er Ackerland und 53 Getreidearten zu unterſcheiden vermag und deshalb befindet er ſich ſeit Oſtern bei uns.“ „So— ſo! Bloß deshalb? Freue mich, Herr von Schmidt, daß Sie muſikaliſch ſind,“ fügte Velguth ſogleich ſeiner verrätheriſchen Frage hinzu.„Bin es auch. Spielen Sie von Beethoven?“ Benno reichte ſchweigend das Notenheft hin, das er noch in der Hand hielt. Es waren Sonaten von Beethoven und er hatte das Scherzo der Es⸗dur⸗ Sonate aufgeſchlagen. „Bitte dringend um eine Sonate,“ rief der Agent eifrig. Charlotte bat pantomimiſch um die fragliche, die vorhin ihren Disput erweckt hatte und der junge Mann ſetzte ſich an's Fortepiano. Er ſpielte überraſchend fertig, exact und mit gutem Verſtändniß. Als er aufhörte, klaſchte Velguth lebhaft Beifall. „Brav— ſehr brav! Wenn ich das ſage, können Sie ſchon ſtolz darauf ſein. Habe alle Klavierſpieler ge⸗ hört, die gelebt haben.“ „Auch die im vorigen Jahrhundert,“ ſchaltete Charlotte ſpöttiſch ein. „Nein— bitte, die nicht, mein Fräulein. Bitte dringend, nichts vom vorigen Jahrhundert.“— Es gehörte zu ſeinen Eigenthümlichkeiten, das vorige Jahr⸗ 54 hundert gründlich zu verachten.—„Haben Scherzo vortrefflich aufgefaßt!“ rief er nach einer kleinen Pauſe, indem er das Thema ſicher und feſt trällerte. Herr von Schmidt ſah ihn frappirt an.„Kann⸗ ten Sie die Sonate ſchon? fragte er. „Nicht eine Note davon,“ betheuerte Velguth. „Wundern ſich über mein muſikaliſches Gedächtniß— kann ganze Opern auswendig— Händel's Oratorien— Bach's Cantaten und Friedrich Schneider's Kirchen⸗ muſikſtücke. Macht mir kein Menſch nach, guter Herr von Schmidt!“ Der junge Mann belächelte die Großprahlerei. Er ſaß noch vor dem Fortepiano und begann träume⸗ riſch leiſe einige Reminiscenzen von Henſelt. Sie mußten Bezug auf die erſte Bekanntſchaft Charlottens mit ihm haben, denn ein helles Roth flammte auf ihren Wangen und ihr Blick zeigte eine ſeelenvolle Innigkeit. Der Agent merkte es.„Hören Sie auf meinen Rath,“ ſprach er boshaft das hübſche junge Mädchen firirend,„gehen Sie nach Welldorf— haben ein Bezauberungsmittel bei ſich— forſchen Sie nach, ob Sie zur Verwandtſchaft gehören— fehlt dort an männ⸗ lichen Erben. Iſt nur ein Töchterchen da, Alice— ein wahres Feenmuzchen.“— Er küßte ſeine Finger⸗ 5⁵ ſpitze und warf ſie exaltirt in die Luft, himmelan. Alles lachte über das„Feenmuzchen,“ nur Charlotte ſtreifte mit einem Blicke wilder Eiferſucht das Geſicht des jungen Mannes, der ſinnend vor ſich hin ſah. Sie fühlte inſtinctmäßig die Gefahr, welche die leichtfertige Rede Velguth's über ihr Liebesverhältniß verhängt hatte, ſie ahnete etwas von den Bildern voll Glanz und Glück, die ſich vor Benno's Seele aufrollten und ſie haßte plötzlich den lieblichen Namen„Alice.“ Die naturwüchſige, unverdorbene Seele eines Land⸗ mädchens verträgt keine Wallung, die ihr nicht gehört, im Herzen und in der Phantaſie des Geliebten. Und in dem Verhältniſſe Charlottens und Benno's lag noch ein Geheimniß, das ſtärker, als gewöhnliche Lie⸗ besketten den jungen Mann zu ihren Füßen bannte. Ihr heißer leidenſchaftlicher Blick weckte Benno aus ſeinem Nachſinnen. Er heftete ſein Auge unſchuldig und vertraulich auf das Mädchen und ſpielte die vor⸗ hin aphoriſtiſch recitirte Piece von Henſelt voll, kräftig und mit ſteigender Leidenſchaft. Charlotte neigte ihr blühendes Geſicht tief nieder— einige Thränen tropf⸗ ten über ihre roſigen Wangen und ſie ſegnete das hereinbrechende Dämmerlicht, das dieſe Bewegung allen Blicken verbarg. Ddie Töne verhallten— ein athemloſes Schwei⸗ gen dankte dem Spieler, der die Herzen aller Anwe⸗ ſenden mit einer wunderbaren Empfindung erfüllt hunte, die Niemand kund zu geben wagte. Charlotte ſah ihn an. Ihr Blick ſagte:„Sch vertraue Dir! Ich baue auf Deine Wahrhaftigkeit!“ Herr Velguth rüttelte ſich Jewaltſam aus dem Wirrwarr ſeiner gefühlsreichen Träumerei auf, erhob ſich, ſteckte proſaiſch ſich dehnend die Arme aus und ſprach mit ſpöttiſcher Feierlichkeit:„Nehmen Sie ſich vor dieſem Apollo Arion in Acht, lieber Amtmann, er bezaubert Ihr Weib und Ihre Kinder, und Ihre Thiere werden ihm folgen, wohin er ſie haben will. Hat mich alten Kerl ſogar zu Phantaſien verlockt.“— „Beruhigen Sie ſich,“ erwiderte der Amtmann kaltblütig.„Ich bin kein Muſiknarr und behalte meine Augen hübſch offen.“ Es war die erſte mißtrauiſche Aeußerung, die dem Hanusherrn entfuhr. Sie erweckte in drei Herzen eine große Beſorgniß. Die Amtmännin, Charlotte und Benno tauſchten einen ſchnellen, ängſtlichen Blick. „Wer iſt Ihr Lehrer gewefen?“ fragte Velguth mit wirklichem Intereſſe zum Flügel tretend. Benno zögerte, dann warf er zuverſichtlich ſein lockiges Haar zurück von der Stirn und antwortete: „Henſelt und Chopin!“* f 57 Der Agent ſah ihn groß an.„Beim Brahma, das hört man!“ rief er reſpectvoll.„Aber wie ver⸗ einten Sie dieſe Lehrſtunden— hier Henſelt— dort Chopin— Norden und Süden—.“ Benno ſtrich ſich unbehaglich über's Geſicht und fixirte den Amtmann, der ſich ganz ruhig eine Cigarre abſpitzte. „Zuerſt lebte ich in Süden— als Chopin ſtarb, zog ich nach Norden,“ antwortete der junge Mann kurz ab. „Und dabei ſtudirten Sie Jura?“ examinirte der Agent beharrlich. „Allerdings ſtudirte ich dabei,“ verſetzte Herr von Schmidt mit verfinſterter Stirn ſehr abweiſend. Um der Inquiſition ein Ende zu machen, recitirte er mit voller Kraft und Eleganz den Schluß von Beethoven’s Cis-moll Phantaſie. Unter dem Rauſchen dieſer wildleidenſchaftlichen Harmonie erſtarb das Organ des Quälgeiſtes. Er ſchwieg, weil er fürchten mußte, nicht gehört zu wer⸗ den. Als Herr von Schmidt endete, ſprang Velguth wie ein Beſeſſener auf ihn zu. „Herr—“ ſchrie er in ungeheurer Aufregung— „Herr, Sie ſind ein Virtuoſe erſten Waſſers— Herr, wer hat Ihnen erlaubt, ſo zu ſpielen! Habe das von . 4 5 1859. XII. Erneſt Octav. I. 58 Liſzt, von dem Matador aller Pianopauker gehört— hat es nicht ſo excellent geſpielt wie Sie— Herr, Sie ſind ein wahrhaftiger Künſtler— hängen Sie Vor⸗ ſtudien zur Oekonomiey an den Nagel— ſpielen Sie in der Welt herum— Sie bringen es zu einem beſſern Leben, als—“ Zitternd ſtand Charlotte, zitternd die Amtmännin bis dahin und betrachteten Beide die von Begeiſterung erglühete Wange Benno's. Sie fürchteten etwas— vielleicht ein unbewußtes Wort, vielleicht eine Erklä⸗ rung befriedigten Künſtlerſtolzes. „Herr Velguth, Sie raſen wohl,“ unterbrach die Amtmännin ihn haſtig.„Laſſen Sie doch Herrn von Schmidt ſeinen Weg gehen.“ Der Agent, aus dem Contexte gebracht, richtete ärgerlich ſeinen Blick auf ſie: „Was verſtehen Sie davon, Frau Amtmännin?“ herrſchte er ſie an.„Sind eine gute Dame, ſind eine brave Dame, können vortrefflich«maitre d'hoôtel kochen, können ſcharmant«Gänſe nudeln), aber weiter ver⸗ ſteigt ſich Ihr Begriffsvermögen nicht.„ „Iſt auch vor der Hand unnöthig,“ beſchied ihn treuherzig, aber mit verhaltener Spottſucht der Amt⸗ mann.„ Wenn Sie entzückt ſind von der Spielerei des Herrn von Schmidt, ſo habe ich nichts dagegen, ich, als Oekonom, wünſche etwas weniger„Spielerei und etwas mehr«praktiſchen Ernſty. Das ſind ſub⸗ jective Anſichten, lieber Velguth, aber mir würde ein ſpielender Mann als das unnützeſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden erſcheinen. Herr von Schmidt kann jedoch thun und laſſen, was er für gut hält.“ Es trat eine ängſtliche Stille ein. In Benno kämpfte etwas. Charlotte ſchlug die ſchönen Augen nicht auf. Herr Velguth ärgerte ſich, aber er konnte eigent⸗ lich nicht ſagen worüber. Vielleicht fand er jetzt ſelbſt ſeine Exaltation übertrieben. Jedenfalls aber herrſchte ein peinvoller Ernſt in dem kleinen Kreiſe, der gar keine Wiederanknüpfungs⸗ punkte darbot. Da griff Benno leichtſinnig entſchloſſen in die Taſten und raſſelte in toller, karikirter Lebhaf⸗ tigkeit den bekannten grand galop von Liſzt ab. Es lag eine verletzende Verſpottung in dieſer Beantwortung des ernſten Vaterwortes, das der Amtmann indirect an ihn gerichtet hatte. Er mußte ihn jedoch mit Ab⸗ ſicht gewählt haben, denn er ſprang lachend nach der Beendigung des Stückes auf und eilte aus dem Zimmer. „Wird mein Lebtage kein Oekonomiecommiſſarius!“ rief Velguth pathetiſch ihm nach. „Ich werde ihn bitten, ſeine„Vorſtudien» in einem andern Hauſe zu machen,“ fügte der Amtmann hinzu. 4* 60 Charlotte verließ ebenfalls das Zimmer. „Wo ſtammt er her?“ forſchte Velguth, die Amt⸗ männin von der Seite beobachtend. „Genau weiß ich es nicht,“ antwortete Bienen⸗ gräber.„Er iſt ſo lange er denken kann eine Waiſe und nur von den Wohlthaten eines hochgeſtellten, viel⸗ leicht fürſtlichen Herrn, erhielt er bis dahin ſeine Subſiſtenzmittel. Wenigſtens erzählte er mir dies, als er ſich bei mir als Eleve meldete. Ob es wahr iſt, weiß ich nicht!“ „Frau Amtmännin weiß wohl mehr von ihm?“ inquirirte Velguth ſchlau mit den Augen zwinkernd. Er hatte ſehr wohl ihr Einverſtändniß mit den beiden jungen Leuten bemerkt. „Ich pflege mich nie um die Zöglinge meines Mannes zu bekümmern,“ entgegnete ſie barſch.„Herr von Schmidt gefällt mir—“ „Und dem Fräulein Tochter auch!“ ſchrie Vel⸗ guth auflachend dazwiſchen. Der Amtmännin ſchwoll die Galle. Irgend ein böſer Geiſt mußte dieſen Agenten zur Unzeit hieher verſchlagen haben. Es war Alles im beſten Gange geweſen. Der Papa Bienengräber hatte eine beden⸗ tende Vorliebe für Benno gezeigt, der allerdings nur unter dem Vorwande„Oekonomieſtudien machen zu — 61 wollen“ hier eingeſchmuggelt worden war. Papa Bie⸗ nengräber war nahe daran geweſen, durch ſeine Vor⸗ liebe für den liebenswürdigen Mann in eine Falle zu gehen, die ihm die Gattin und die Tochter geſtellt hatten. Dieſer Abend mit ſeinen durchkreuzenden Er⸗ eigniſſen verdarb die ganze Anlage, dieſer Abend drohete Charlottens künftiges Lebensglück zu vernichten. Aergerlich und darum zur Grobheit geneigt, wie noch nie in ihrem ganzen Leben, fuhr ſie den arroganten Agenten an: „Wenn Sie zu uns kommen wollen, um unſern Familienfrieden zu ſtören, ſo—“ „Kann ich mich unverweilt an die Luft ſetzen,“ vollendete Velguth mit gemüthlichem Pathos.„Ge⸗ ſchieht aber nicht, meine verehrte Frau Amtmännin, bleibe die Nacht hier. Morgen kommt mein betrunkener Kutſcher nebſt Kutſche und Pferden von Borneberg. Ehe Kutſcher, Kutſche und Pferde nicht da ſind, ver⸗ laſſe ich Ihr Haus nicht.“ „Es würde wenig Lebensart von meiner Seite verrathen, wenn ich dergleichen hätte ſagen wollen,“ murmelte die Hausfrau beſchämt und ging hinaus. Draußen im Flur wurde ſie von den weichen Armen ihrer Tochter Charlotte umſchlungen und nach einem kleinen Hinterſtübchen gezogen. „Ach Mutter, Mutter,“ jammerte die Kleine, „mir iſt himmelangſt— der Agent kennt gewiß unſern Benno, er wird Alles entdecken! Und es wird nun tauſend Mal ſchlimmer werden;, als wenn ich aufrichtig zu Werke gegangen wäre. Warum habe ich mich auf dieſe Betrügerei eingelaſſen? Warum habe ich gelogen? Es geſchieht mir Recht, wenn der Vater in Zorn ent⸗ brennt und Benno aus dem Hauſe weiſt.“ „Höre auf mit Klagen,“ ſprach die Mutter ge⸗ faßt.„Was iſt es denn groß, daß Du den Stand des Mannes verhehlteſt, den Du der Liebe Deines Vaters empfahlſt? Daß er Muſik und nicht Jura ſtudirt hat, wird hoffentlich Dein Vater nicht übel nehmen. Warum ſind die Männer ſo eigenſinnig, daß wir zur Liſt unſere Zuflucht nehmen müſſen.“ „Es wird den Vater kränken,“ entgegnete Char⸗ lotte traurig,„und das thut mir weh. Hätte ich doch den Muth gehabt, ihm zu ſagen:«gib mich dem Ge⸗ liebten zur Frau, er iſt zwar Muſiker, aber er kann mich ernähren;“» ſtatt daß ich eine Geſchichte erzähle von Oekonomie ſtudiren und ſo weiter. Mutter, meine Lüge iſt die Saat zu meinem Unglücke, Du ſollſt es ſehen! Ich war zu keck, zu verwegen— Deine Billigung rechtfertigte mich in meinen Augen— mein armer Vater hat ein ſehr undankbares Kind,“ ſchloß ſie tief bewegt. 63 Die Amtmännin mußte im Stillen der Tochter Recht geben, aber ſie überlegte beſonnener, als jene, was ihnen zu thun übrig bleibe. Sie mochte denken, ſo viel ſie wollte, das Sachverhältniß blieb daſſelbe. Es war richtig, daß die Lüge, die monatelang zwi⸗ ſchen ihnen gewuchert hatte, ein Unkraut war, welches ſeinen Samen fernerhin zum Schaden ihres Familien⸗ friedens ausſtreuen konnte. Der Amtmann hatte in ſeiner Herzensgüte der jungen Charlotte einen Aufenthalt in der Reſidenz be⸗ willigt, um Muſik zu treiben, hatte ihr ein ſchönes Inſtrument gekauft und zum Dank brachte ſie ihm ihren Muſiklehrer in's Haus unter einer annehmbaren Maske. Offen geſtand ſie dem Vater ihre Liebe zu dieſem Manne, aber liſtig verhehlte ſie ihm deſſen Stand, weil ſie Widerſtand von dem Vater zu fürchten hatte. „Kennt der Vater erſt meinen Benno,“ ſo trö⸗ ſtete ſie ſich,„dann hilft mir ſeine eigene wackere Ge⸗ ſinnung den Widerwillen beſiegen.“ Benno ging leichtſinnig auf die Komödie ein. Ihn amüſirte die Maskerade und er beeilte ſich, ſeine Ver⸗ bindlichkeiten in der Reſidenz abzuſtreifen, als Char⸗ lotte ihm ſchrieb:„ihr Vater freue ſich ſeines Ent⸗ ſchluſſes, bei ihm zu lernen, da er dadurch Gelegen⸗ heit erhalte, ihn zu prüfen.“ 64 Benno hatte ſich wunderbar gut und leicht in ſein neues Verhältniß geſchickt. Von einer Verlobungs⸗ erklärung zwar wollte der Amtmann noch nichts wiſſen, allein er behandelte ihn mit der väterlichen Vertraulich⸗ keit eines wohlwollend geſinnten Mannes, ſo daß Nie⸗ mandem vor dem guten Ausgange bangte. Die Amtmännin war im Geheimniß. Sie nahm es leicht bis zu dem Momente, wo ihr Mann unver⸗ hohlen ſeine Meinung über das Virtuoſenthum Benno's ausſprach. Stets bereit zu einem kleinen Kampfe mit den Eigenthümlichkeiten ihres Gatten, beſchloß ſie, nur die Abreiſe des Agenten abzuwarten, um die Geſchichte auf's Reine zu bringen. Ihre Pläne wurden durchkreuzt. Kaum hatte der Amtmann ſeinen Gaſt in's Gaſtzimmer geleitet und ihm„gute Nacht“ geſagt, ſo rief er ſeine Hausfrau, ſeine Tochter und Herrn Benno von Schmidt in's Wohnzimmer. Sie erſchienen alle drei in der Vorausſetzung einer Erklärung, aber dennoch mit ſehr verſchiedenarti⸗ gen Empfindungen. Charlotte zitterte unter ihren Reue⸗ thränen und Benno fand Trotz genug in ſich vor, um einem Eclat zu begegnen. Frau Bienengräber war ruhig und kaltblütig. Der Amtmann lehnte am Ofen. Sein gebräun⸗ 65 tes Geſicht verrieth weder Zorn noch Liebe. Der Strahl einer Kerze war nicht hinreichend, den ganzen weiten Raum des Wohnzimmers zu durchhellen, und Charlotte benutzte die Schatten, um ſich mit ihrer Be⸗ klemmung zu verſtecken. „Tritt näher, Charlotte,“ bat ihr Vater gelaſſen. „Ich möchte es nicht draußen hören laſſen, daß ich bis heute blind geweſen bin, und wenn Du dort ſtehen bleibſt, ſo muß ich laut ſprechen.“ Es bedurfte nur dieſer Worte, um das weich⸗ herzige Mädchen aus aller Faſſung zu bringen. Im Nu hing ſie an des Vaters Hals und bedeckte ihn mit Küſſen und mit Thränen. Benno fühlte ſich auch ge⸗ rührt. Er ergriff die harte, gebräunte Hand Bienen⸗ gräber's und bat um Verzeihung. „Nun und Du?“ fragte dieſer ſeine Gattin, die einigermaßen verlegen der raſchen Entwickelung des Familiendramas zuſah. Das Lächeln Bienengräber’'s erhob ihren Muth. „Man muß Euch Männer ja hinter das Licht führen,“ ſprach ſie ſcherzend,„Eure Tyrannei iſt Schuld an unſerer Lüge. Du verzeiheſt uns alſo?“ „Ich verzeihe,“ entgegnete der Amtmann mit tie⸗ fem, ruhigem Ernſte,„aber ich gebe die Verheirathung meiner Tochter erſt nach zwei Jahren zu. Hört mich, 66 ehe Ihr in Freudenergießungen ausbrecht. Ich halte die Verheirathung eines Künſtlers für einen Meineid von vorn herein, ſobald er ſich jung und ohne Prü⸗ fung verpflichtet, atreu zu ſein.“ Ich habe ein Beiſpiel in meiner Familie gehabt, wonach ich dies abmeſſen kann, und ich bin nicht leichtſinnig genug, das Glück meines Kindes auf denſelben Boden pflanzen und ver⸗ trocknen zu laſſen. Ebenſo wenig bin ich aber ſo un⸗ vernünftig, eine Treue und eine Liebe von Euch zu fordern, die ſich von Erinnerungen nährt. Benno wird, ohne Verlobung, bei uns aus⸗ und eingehen, er kann ſich als Dein Stillverlobter ſo oft einſtellen, wie er will, aber er verläßt unſer Haus in den nächſten Ta⸗ gen und tritt aus dem erlogenen Verhältniſſe. Er iſt Künſtler, er iſt Virtuoſe— Herr Velguth iſt mir in dieſer Hinſicht eine genügende Autorität— gut, er mag bleiben, was er iſt und die Lorbeern ernten, die er beanſpruchen kann. Eure pecuntären Verhältniſſe ordne ich im Laufe der Zeit dergeſtalt, daß bei ver⸗ nünftigem Haushalte nie ein Mangel Euch treffen kann.“ „Vater, mein lieber Vater, Du biſt unverdient gütig gegen mich,“ flüſterte Charlotte. Der Amtmann ſtrich liebkoſend über ihr Geſicht und nahm dies Lob ſtillſchweigend hin. Er wußte am beſten, was ihn bei dieſem Falle geneigt machte, mehr Nachſicht zu üben, als ſein hartes und ſchroffes Natu⸗ rell ſonſt erwarten ließ. Die Andeutungen Velguth's auf ein Verwandtſchaftsverhältniß mit einer zwar neu⸗ adligen, aber reichen und ſehr angeſehenen Familie des Nachbarſtaates waren geeignet geweſen, Herrn Benno in ein günſtiges Licht zu ſtellen, und geſetzt den Fall, die Speculation auf das reiche Majorat der Schmidt⸗Welldorf misglückte, ſo mußte ſich dies im Zeitraume von zwei Jahren vollſtändig entwickelt haben. Während Charlotte im gläubigen Vertrauen dem Vater⸗ herzen neue und wahrhafte Unterthanenſchwüre leiſtete, übergab der Amtmann ihr Glück verſchiedenen Con⸗ ceſſionen, die er von ſeiner Willenserklärung für ſpä⸗ tere Zeit abhängig machte. Vielleicht war es die erſte Ernte der ausgeſtreuten Lüge, daß der Vater mit dem Herzen der Tochter Speculationen begann. Man hatte gewagt mit ihm zu ſpielen, und es war gelungen, ihn in ſeiner Sorgloſigkeit zu umgarnen. Warum ſollte er nicht Revanche nehmen? Gelang der Plan, den er in Ausſicht einer möglichen Familienverbindung Benno's mit den Schmidt⸗Welldorf entworfen hatte, ſo war die Zukunft Charlottens eine glänzende. Realiſirten ſich die Träume von dieſer Herrlichkeit nicht, ſo hatte er es in der Hand, Benno zu verwerfen und ſich einen paſſendern Schwiegerſohn zu wählen. Bienengräber 68 gehörte zu den kalten, biedern Rechenmeiſtern, die das Facit ſtets einer Rückprobe unterwerfen und ihre Multi⸗ plication einer Diviſion überantworten. Er ſpecu⸗ lirte ebenſo redlich in Wolle, Korn, Spiritus und Kar⸗ toffeln, wie ſeine Ehegattin in Butter und Eiern. Da⸗ bei hob ſich ihr Wohlſtand und ſeine drei Töchter hat⸗ ten die Ausſicht, dereinſt für gute Partien zu gelten. Sie konnten dies Relief gebrauchen, denn außer der blühenden Jugend und feurig ſchönen Augen nebſt ſchönen Zähnen hatte ſelbſt Charlotte nichts aufzuwei⸗ ſen, was ſie in die Reihen hübſcher Mädchen geſtellt haben würde. Fragen wir nun, wie Benno, der phan⸗ taſtiſche Künſtler, zu einem Liebesverhältniſſe mit der kernigen Landſchönheit gekommen war, ſo müſſen wir mit Achſelzucken auf die vielen Bündniſſe hinweiſen, die unter Erwägung einer erklecklichen Mitgift geſchloſ⸗ ſen werden. Wie ſelten findet man in der Jetztzeit, daß der Mann nicht vor ſeiner ausbrechenden Liebes⸗ flamme bedächtig fragt: hat das Mädchen Vermögen? Freilich, die Männer ſehen ſich genöthigt, danach zu fragen, ihre Einnahmen reichen nicht aus, den grif⸗ lichen und fürſtlichen Pomp zu beſtreiten, den die Be⸗ amten⸗ und Bürgerfrau für ihre Verhältniſſe nöthig findet, allein tiefer noch liegt die jetzige Art zu heira⸗ then in dem Egoismus, der da meint:„was ſoll ich 2 ¹ 69 denn anderer Leute Töchter ernähren? Weshalb meine ſchwer verdienten Einnahmen mit Jemand theilen?“— Die Opferwilligkeit der Liebe fällt nach gerade der Spötterei anheim, wozu die Unbeſonnenheit des Jüng⸗ lings das Thema liefert. Ausnahmen von der Regel gibt es zwar, aber ſie ſtehen vereinzelt. Charlotte ſchrieb die ſchnell entſtandene Liebe Benno's ihrer Liebenswürdigkeit zu. Sie verfiel der Selbſtüberſchätzung aller jungen Landfräulein, die ſich beachtungswerth finden, weil ſie in ihrem dörflichen Kreiſe beachtet werden. Der Vergleich mit geiſtigern, feinorganiſirtern Mädchen bringt dieſe Landdämchen immer in die mißliche Lage, lächelnd überſehen zu wer⸗ den, wenn nicht die Poeſie eines wohlgefüllten väter⸗ lichen Seckels ihnen zur Seite ſteht. Was ſie an guten, braven Herzen und redlichem Gemüthe aufzu⸗ weiſen haben, kommt nicht in Anrechnung bei den Kri⸗ tiken der Städter. Natürlich greifen ſie nun zu der allerſicherſten Waffe, ſich den Weg zur Gunſt des Stadtpublikums anzubahnen und verbreiten das magiſche Licht des Reichthums um ihre handfeſte Erſcheinung. Schon lange zuvor, ehe Charlotte Bienengräber das Steinpflaſter der Reſidenz betrat, erzählte man ſich, daß ſie. gewiß funfzigtauſend Thaler ſchwer ſei. Solche Frau konnte Herr Benno von Schmidt, * 5 70 der ſich von Privatſtunden ernähren mußte, ſehr gut gebrauchen und als er Charlotten beſichtigt hatte, da war er nicht abgeneigt, ſie ſo viel zu lieben, wie er als guter Ehemann verpflichtet war. Leider liebte das arme, gute Amtmannskind ihn ſehr bald viel inniger als er es ſich träumen ließ und als er es für zweck⸗ dienlich fand. Sein Gexiſſen regte ſich bisweilen, wenn das Mädchen hingeriſſen von ihrem Enthuſias⸗ mus für Muſik einen Abgott aus ihm machte und es kamen Stunden, wo er ihre zu tiefe Zärtlichkeit wahr⸗, haft bedauerte, aber deſſenungeachtet ſetzte er ſeine kühle Geldfreierei beharrlich fort und ging ſogar, um zum Ziele zu gelangen, auf die verabredete Komödie ein. In dem engen Kreiſe der Bienengräberſchen Fa⸗ milie wurde ſeine Neigung für Charlotten etwas wärmer. Er fühlte ſich behaglich in der honetten Bür⸗ gerlichkeit, wo der Erwerb nicht nach Stunden berech⸗ net wurde. Charlotte erſchien ihm hübſch gegen ihre beiden eben herangewachſenen grundhäßlichen Schwe⸗ ſtern. Die Güte ihres Weſens, die Reinheit ihres Herzens und die glühende, unſchuldige Hingebung für ihn erweckten den Wunſch ſtärker in ihm,„ſie als Gattin heimführen zu können.“ Was blieb ihm zu wünſchen übrig, wenn er im Beſitze ausreichender Sub⸗ ſiſtenzmittel, eine brave Frau an ſeiner Seite, den Kunſt⸗ 71 aufregungen ohne Sorge hingegeben, bis an ſein Le⸗ bensende wallſahrten konnte? Er begann mit unruhi⸗ germ Herzen die Abneigung des Amtmannes gegen ſein elegantes Klavierſpiel zu beobachten, er dachte mit Kümmerniß an eine Zertrümmerung ſeiner Pläne, die ſich jetzt enger mit Charlotte verknüpften, als früher⸗ hin. Da trat die Erſcheinung des Agenten Franz Velguth in ſein abgeſchloſſenes Leben und rüttelte ihn aus dem halb ſchlaftrunkenen Zuſtande auf, in welchem er ſich ſo wohl befunden hatte. Was war nicht Alles in den paar Abendſtunden geſchehen? Seine Virtuoſität hatte ſich glänzend bewährt und einen größern Triumph errungen, als jemals! Wer in eines Künſtlers Seele den echten Funken der Genialität zu belauſchen Gelegenheit gehabt hat, der wird wiſſen, daß ein ſolcher Erfolg beim Einzelnen hundertfach den allgemeinen Applaus überſteigt. Benno war abgeſehen von allen laxen Grundſätzen in einem Stücke wahr und zwar in der Exaltation für ſein Studium. Sein Herz pochte noch immer freudig und voll Befriedigung, als er ſchon ſpät in der Nacht ſein Zimmer betrat und an das feurige Lob des wunder⸗ lichen Menſchen, der ſich Franz Velguth nannte, zurück dachte. Allein noch andere Träume berührten die extra⸗ vagante Phantaſie des Virtuoſen. Ihm ſchwebte ein Bild vor— Herr Velguth hatte es in ſüßlicher Schwärmerei dem Himmel gleich geſtellt, hatte es in komiſcher Verzückung„ein Feenmuzchen“ genannt. Wo⸗ her kam es, daß Benno beſtändig an Alice dachte, be⸗ ſtändig den Namen Alice flüſterte, ſich nach Welldorf ſehnte, ſeine Stellung dort erträumte, des Lebens ideale Herrlichkeit an des Fräuleins Namen knüpfte und plötzlich dabei alle Luſt verlor, Charlotten, das wackere liebe roſige Kind mit ihrem Reize und mit ihrem Gelde ſein eigen zu nennen. Wie plebejiſch erſchien ihm der Name Charlotte Bienengräber. Wie? durfte er, der Künſtler eine Charlotte Bienengräber an ſein blumen⸗ bekränztes Daſein binden, durfte er die ätheriſchen Regionen eines Künſtlerdaſeins mit einer Heirath ver⸗ unglimpfen, welche den Staub und Schmutz der Erde hinein verpflanzte? Herr Benno von Schmidt war ein ſehr leichtfer⸗ tiger Mann mit luftiger Phantaſie und wetterwendiſchem Herzen. Charlotte hatte eine dunkle Ahnung von dieſen Charakterſchwächen. Sie zeigte bisweilen eine Eifer⸗ ſucht, die einer Othello'ſchen gleich kam. Ganz insge⸗ heim geſtand ſie ſich oftmals, daß ihrem Geliebten viel Stoff von zeitgemäßen Männerfehlern innewohne, allein ihr Herz hing zu innig an ihm, als daß ſie 73 nicht geneigt ſein ſollte, ihm Alles zu vergeben, wenn er reuemüthig ſein Unrecht eingeſtand. Kleine Scenen waren ſchon geſpielt. Den größern und wichtigern Auftritten, die in's Mark des Lebens greifen, war das gute Kind ſo fremd, daß ſie ſich nicht davor fürchtete. Sie beurtheilte das Leben nach dem Beiſpiele ihres Vaterhauſes. Vater und Mutter waren auch bisweilen unzufrieden mit einander und ihre verſchiedenen Meinungen arteten in Wortgefechte aus, die dann in einem mehrtägigen Schmollen verliefen. Etwas Anderes glaubte ſie auch nicht beanſpruchen zu dürfen, wenn ſie ſich nicht ſelbſt in die Kategorie „ſentimentaler Schwärmerinnen“ ſetzen wollte. Sie meinte in ihrer naturwüchſigen Lebensanſicht, daß ſie ganz gewiß ſehr glücklich mit Benno leben und ſeine Triumphe mit ihm theilen würde. Sie ſah ſich ſelbſt berühmt, weil er, der gefeierte Künſtler, berühmt war, ſie glaubte eine Stufe beſonderer Ehre an ſeiner Seite zu betreten und bedachte nicht, daß er ein be⸗ zahlter Mann ſein würde, der die Geſelligkeit der Welt durch ſein Talent heben ſolle. Ihre Gedan⸗ ken ergingen ſich in Grafen⸗, Fürſten⸗, König⸗ und Kaiſerſalons, wo Alles ſchwieg, wenn ihr Geliebter die ſchmalen, weißen Hände auf die Taſten legte. O, wie ihr junges und unerfahrenes Herz vor Entzücken 1859. XII. Erneſt Octav. I. 5 74 hüpfte, daß ſie einſtmals an ſeiner Seite, einen cordialen Umgang mit allen Potentaten des Erdballs pflegen könne— ſie trat in dieſem Gedanken feſter auf, blickte ſich kühner um, lächelte huldvoll, grüßte herablaſſend, winkte gnädig mit der Hand und hob ihre hübſche) kleine Stumpfnaſe ſo hoch, ſo hoch bis ſie beinahe mit ihrem Dorfkirchthurm gleich war. Dabei hatte ſie aber ganz regelmäßige Vorſchriften an ihren künftigen, berühmten Klaviervirtuoſen zu machen. Er durfte ſich in keine Fürſtin oder Herzogin verlieben, er ſollte und mußte, ſelbſt wenn dieſe Damen, wie ſie manchmal gehört und geleſen hatte, ſich ſterblich in ihn verliebt haben würden, kalt wie Eis und rein wie friſchge⸗ fallener Schnee ihnen gegenüberſtehen. Er durfte den Herzoginnen, Fürſtinnen, Gräfinnen und Baroneſſen keinen alten Handſchuh ſchenken, woraus ſie ſich Amu⸗ lette oder ſonſt dergleichen Andenken an ihn machen konnten; wollten ſie ſich ſonſt blamiren und das Waſſer aus dem Glaſe, das er nicht ausgetrunken hatte, ſo lange in ihren Flacons aufheben, bis es faul war, ſo hatte ſie nichts dagegen. Er mochte die ganze Damenwelt zur Raſerei bringen, aber er ſollte und mußte nur ſie im Herzen tragen, ſollte und mußte nur ihrer Liebe bedürfen, ſollte und mußte mit einem Siegeslächeln ſämmtliche Gräfinnen der Welt ſchmachten laſſen. 75 Während Charlotte, das gute alberne Kind in der Stille der Nacht ſolchergeſtalt die Theſen zu ihrer ehelichen Verbindung entwarf, während derſelben Zeit träumte Benno, der gefeierte und berühmte Künſtler, von Schloß Welldorf, ſah ſich als Verwandter dort aufgenommen, ſuchte nach ſeiner Abſtammung von Einem der acht Stammhalter, und fand ſich endlich Aug' in Auge mit einem himmliſch ſchönen Weſen, das er„Alice“ nannte.— Am Morgen waren beide Leutchen nüchtern. Char⸗ lotte bemerkte, wie viel Zeit ſie noch zu verleben hatte, bevor ſie mit Fürſtinnen und Gräfinnen auf„Du und Du“ kommen konnte und ſie ſervirte mit höchſter Ge⸗ laſſenheit ihrem Vater den Kaffee, dabei beſchließend, ſich während der Friſt Hemden zu nähen und Strümpfe zu ſtricken für den Zeitpunkt ihrer ungeheuern Stan⸗ deserhebung. Herr Benno fühlte nicht ganz ſo reſignirt. Er dachte daran, daß er in der Reſidenz einige Anwei⸗ ſungen auf ſeine baldige Heirath mit der funfzigtauſend Thaler⸗Tochter des Amtmann Bienengräber gegeben hatte und daß die Leute, welche ſolche Anweiſung er⸗ halten hatten, ſchwerlich geneigt ſein dürften, zwei Jahre auf ihr Geld zu warten. Die Ueberlegungen dieſes unerwünſchten Caſus furchten ſeine jugendliche Stirn. . 5* ————†——— 76 Er trat verdrießlich in das Wohnzimmer, wo Charlotte dem Vater Kaffee einſchenkte und mit liebenswürdiger Geduld alle die Stiche und Maſchen berechnete, welche ſie noch zu machen hatte, bevor ſie heirathen konnte. Herr Franz Velguth ſchlief noch. Sein betrunken geweſener Kutſcher war jedoch ſchon angelangt und hatte die reparirte Kutſche ſtattlich langſam vor der Thür aufgefahren. Während die Pferde im Stalle den Hafer Bienengräber's koſteten, verſuchte der Kutſcher ſein Kopfweh, eine richtige Folge der übermäßigen Brannteweinverconſumirung, mit einer Taſſe Verwal⸗ terkaffee zu vertreiben. Dem liebenden Blicke Charlottens entging die Wolke des Mißmuthes nicht, die Benno's Geſicht ver⸗ unſtaltete. Vorſorglich ihres Vaters gute Laune be⸗ hütend, die davon abhing, daß er als die Hauptperſon des Haushaltes betrachtet wurde, ſchenkte ſie ihm erſt die zweite Taſſe Kaffee ein, deckte den Deckel darauf, um den ſelbſtmörderiſchen Gelüſten der Fliegen eine Schranke zu bauen und ſtellte ſie dicht vor ihn hin. Dann erſt machte ſie Benno's Taſſe zurecht und indem ſie ihm dieſelbe darbot, ſtrich ſie vielſagend lächelnd über ſeine düſtere Stirn. 3 Er beantwortete das unſchuldige Liebeszeichen durch eine unmuthige Geberde. Bekümmert ſah ſie 77 ihn an.„Biſt du mir böſe?“ fragte ſie weich⸗ müthig. Statt einer Antwort küßte er ihre Hand und be⸗ trachtete dabei zum erſten Male die kurzen, dicken Fin⸗ ger mit den tief abgeſchnittenen Nägeln unter Wider⸗ willen. „Eine ächte Bauernhand, trotzdem ſie weiß und weich iſt,“ dachte er ärgerlich. Als ob dieſe Hand nicht immer ſo ausgeſehen hätte! Glücklicherweiſe für das arme Kind polterte in dieſem Augenblicke Herr Velguth die Treppe herab und verhinderte, daß der junge Mann ſeinem ungerechten Unmuth Worte gab. „Iſt Kutſcher da?“ ſchrie draußen Herr Velguth. „In einer Viertelſtunde anſpannen!“ Er öffnete die Thür. Ohne ſich im geringſten um die Anweſenheit des jungen Brautpaares zu kümmern, fragte er, auf den Amtmann zuſchreitend:„Bleibt dabei? Bin zufrie⸗ den mit der Lieferung— bleibt feſt zum October— komme wieder! Will nun fort— muß nach Aſchers⸗ leben, von dort über Braunſchweig nach Hannover— Courierzug geht um elf Uhr dreißig Minuten.“ „Sie werden doch erſt Kaffee trinken,“ bat Char⸗ lotte, lachend vortretend, weil Velguth wider alle Artig⸗ keitsregeln, ſie gänzlich ignorirte. 78 „Kaffee—? Sagten Sie Kaffee? Niemals Kaffee, mein Fräulein. Haben Sie Gurke, friſche ſauere Gurke in Salz eingemacht? Geben Sie mir Gurke und ein Glas Champagner,“— entgegnete Velguth, ſeine Weſte über das unſauber gewordene Hemd knöpfend. „Aber Herr Velguth,“ wagte Charlotte einzuwen⸗ den.„Verträgt ſich denn das und ſchon früh Mor⸗ gens mit nüchternem Magen?“ „Vortrefflich!“ rief Velguth.„Eilen Sie! Kaffee iſt cboſchy für mich. Ah— ſieh da— der Virtuoſe von geſtern,“ wendete er ſich mit augenblicklicher Er⸗ innerung um zu Benno, der ſichtlich gelangweilt am Fenſter ſtand.„Nehmen Sie Rath an, junger Mann— gehen Sie nicht zur Oekonomie über, ſondern zur Mu⸗ ſik— Ihre Vorſtudien zur Muſik haben ſie ſchon ge⸗ macht—“ „Allerdings,“ unterbrach der Amtmann ihn ſehr ſchnell.„Wir haben uns geſtern nur einen Scherz mit Ihnen erlaubt! Herr von Schmidt hat ſich der Muſik gewidmet.—“ „Ganz ſchön, werden ſchon Glück machen!“ rief Velguth und biß herzhaft in eine große Schlangen⸗ gurke, die ihm Charlotte eilig präſentirte.„Kommen Sie mit, Herr von Schmidt. Habe in Braunſchweig Freunde— die Quartettmüllers— iſt leider kein Quartett 79 mehr, iſt defect geworden, fehlen zwei. Auch den Lit⸗ tolf und noch andere kenne ich. Gehen Sie mit nach Hannover.— Arrangiren Ihnen ein Concert.“ Eine auffallende Heiterkeit überſtrahlte Benno's verfinſtertes Geſicht. Sein Blick wendete ſich blitzſchnell zu Charlotte. Sie verſtand die ſtumme Frage und obgleich ein leichter Schmerz ihre Bruſt durchzuckte, ſo ſagte ſie doch ſehr freundlich,„den Vorſchlag nehmen Sie an.“— Blinzelnd nickte der Agent.„Haben ihn gut gezogen—“ flüſterte er. Charlotte ging erröthend hinaus und Benno folgte ihr, um ſich wirklich zur Fahrt fertig zu machen. Charlotte trat ihm oben an der Treppe entgegen, als er, umgekleidet und ſeine Reiſe⸗ taſche über der Schulter hinabeilen wollte. Er umfaßte ſie in einem Anfluge wahrhafter Herzlichkeit und preßte ſeine Lippen heiß auf ihren purpurrothen Mund.„Leb' wohl, mein ſüßes Mäd⸗ chen,“ flüſterte er. In einſamen Zuſammenſein nann⸗ ten ſie ſich„Du.“ „Ich komme in einigen Tagen zurück, bis dahin hat ſich der Zwieſpalt im Vater ausgeglichen und wir wollen verſuchen, ihn zu einer Verkürzung unſerer Prü⸗ fungszeit zu überreden. Mein Koffer bleibt hier. Sollte ich der Sachen benöthigt ſein, die darin ver⸗ — 80 wahrt liegen, ſo ſchreibe ich Dir, mein geliebtes Kind.“ Er küßte ihr die Thränen vom Auge.„Weine nicht, Charlotte. Es iſt freilich anders gekommen, als ich hoffte, aber wir haben doch die Ausſicht auf Glück nicht ganz eingebüßt. Weine nicht. Verſuche den Vater günſtig zu ſtimmen.— Jedenfalls ſehen wir uns hei⸗ terer wieder, als wir jetzt ſcheiden.“ Charlotte erſchien faſſungslos. Ihre Bruſt hob ſich unter dem Krampfe eines tiefen Schmerzes, ihre Lippen bebten unter ſeinem leidenſchaftlichen Ab⸗ ſchiedskuſſe und ſie hing mit erbleichten Wangen und erloſchenen Augen in ſeinen Armen. Kein Wort kam über ihre Lippen, nur ihre Augen gewannen auf eine kurze Zeit wieder Leben und Aus⸗ druck und darin war denn deutlich zu leſen, daß ſie ihn unausſprechlich lieb hatte und ihn bat, ihr treu zu bleiben. Er eilte hinab auf Velguth's Ruf. Sie blieb oben am Fenſter ſtehen, blickte ſtarr auf den Wagen hinab und hielt die Hände, die armen, verachteten und mit Widerwillen betrachteten Bauernhände krampfhaft auf dem heftig pochenden Herzen. Benno ſtieg ein. Noch einmal richtete er den Blick ſuchend umher, er fand die Geliebte und grüßte ſie mit zerſtreutem Lächeln. Die Pferde zogen an, der Wagen bog um das Haus— Charlotte blieb wie betäubt —— ——᷑— —ᷣj.— N 81 am Fenſter ſtehen.— War es denn möglich? Benno fort— vielleicht auf ewig? Wie öde erſchien das Haus. Wie langweilig das Leben darin! Wie trübſelig langſam verfloß der Tag. Zuletzt griff ſie zu einem Mittel, das ſonſt ſich probat erwieſen hatte. Sie nahm die Noten vor und wollte etwas ſpielen. Nun brach vollends ihre Faſſung zu⸗ ſammen. 1 „O, warum, warum liebt man einen Menſchen ſo ſehr, wenn es uns nur herzzerreißende Qual verur⸗ ſacht,“ murmelte ſie, ihre weinenden Augen in den Händen verbergend. Am zweiten Tage wurde es ein klein wenig beſſer, aber ihre Heiterkeit blieb verſchwunden. Beſorgt blickte der Amtmann ſie von der Seite an. Charlotte war ſein Lieblingskind. Ihre bleichern Wangen mißſielen ihm, aber er mußte doch erſt abwarten, ob die Roſen nicht wieder kamen. Zehn Tage vergingen. Der elfte kam heraufge⸗ zogen mit allem Glanze und entfernte ſich wieder mit aller Pracht und noch immer blieben die Wangen ſeiner Tochter bleich und der Blick des Auges matt. Noch ein Tag ſollte verfließen, dann wollte er mit ihr reden und ihr freiſtellen, gleich zu heirathen. Mittags kam der Poſtbote.„Fräulein Charlotte —— 82 Bienengräber— aus Caſſel—“ ſchrie er luſtig in's Haus hinein. Verwundert wiederholten alle Bienengräbers aus einem Munde: „Aus Caſſel?“ Der Brief war von Benno. Er ſchrieb heiter und in ſehr gemächlichem Tone. Es war ihm geglückt. Er hatte in Braunſchweig geſpielt mit Erfolg ſowohl in der Anerkennung, als in pekuniärer Hinſicht. In Hannover ebenfalls. Jetzt wollte er in Caſſel ſpielen. Und dann wollte er ſüdlich und weſtlich und öſtlich Concerte geben. Ihm ſchien wohl, wie einem Fiſche im Waſſer, der lange im Trockenen gelegen. Er hatte guten Muth, zeigte viel freudige Lebensluſt und verrieth einige Sehnſucht nach ſeiner hübſchen Charlotte. Außer⸗ dem bat er, ſeinen Koffer nach Caſſel zu ſenden, weil er bis zum Herbſte auszubleiben gedenke. Dann aber meinte er ſo viel erworben zu haben, um in Charlot⸗ tens Nähe die Prüfungszeit, die der geſtrenge Vater anzuordnen beliebt hatte, verleben zu können.“—— Es war ein guter, freundlicher Brief, aber Char⸗ lotte, in ihrer geſteigerten Schwärmerei und in dem Gefühle einer Liebe, die ganz andere Worte erfunden haben würde um den Schmerz der Trennung zu beklagen, legte todtenblaß das Papier zuſammen und ſteckte es 6 4 in ihre Schürzentaſche. Auf die Frage der Eltern fand ſie nur die kurze Antwort:„Benno wünſcht, daß wir ihm ſeinen Koffer nachſchicken, er will eine weitere Kunſtreiſe antreten, um Geld zu verdienen.“ 4 „Dazu braucht er nicht zu reiſen,“ brummte der Amtmann, dem bei der zunehmenden Blüäſſe ſeines Töchterchens unbehaglich zu Muthe war.“ „Was bleibt ihm weiter übrig?“ warf die Amt⸗ männin ein, die ihre Geſchoſſe immer richtig zu ver⸗ ſenden ſuchte.„Soll Benno zwei Jahre lang auf Deine Güte warten und dabei verhungern? Er hat Dir ja ſelbſt geſtanden, daß er ohne Vermögen iſt; danach konnteſt du abmeſſen, was ihm, während der vorgeſchriebenen Prüfungszeit, zu thun übrig bleibt.“ Der Amtmann ſchwieg, aber ſeine feſtgegründeten Pläne erlitten eine merkliche Erſchütterung. Von ſei⸗ nem Geſichtspunkte aus, betrachtete er ſich fälſchlich als die Urſache der blaſſen Wangen, die Charlotte zur Schau trug, und er beſtimmte im Stillen einen weit frühern Zeitpunkt zu der Verheirathung derſelben, um das Geſicht der Tochter wieder roſig zu ſehen. Der Koffer Benno’s wurde gepackt. Mit mütter⸗ licher Sorge übernahm die Amtmännin die Ergänzung des Mangelnden, legte feine Hemden und neue Strümpfe in Ueberfluß hinzu, behielt alte Kleidungsſtücke unter 84 dem Vorwande,„ſie verſchenken zu wollen“ und er⸗ ſetzte ſie durch einige Banknoten, damit Benno„neue Röcke und Beinkleider“ kaufen könne. Ihr gutes Herz fühlte ſich ganz in ihrem Elemente, indem ſie Mutter⸗ pflichten übernahm und Mutterſorgfalt übte. Weniger liebenswürdig zeigte ſich Charlotte. Sie ſchrieb eine lange Epiſtel voll ſentimentaler Anklagen, die gut ſtyliſirt, aber ſchlecht angewendet waren. Sie ſtellte ſich ſelbſt darin als eine verlaſſene Braut dar, die„dem Eden ihrer ſüßen Träume entrückt“ in der kraſſen proſaiſchen Wirklichkeit keine Stätte findet, ſich fernerhin nützlich zu machen. Ihre Sehnſucht nach dem Geliebten ergoß ſich in unerträglich hochtrabenden Ti⸗ raden, die allerdings einem gleich glühend entzündetem Manne vielleicht„himmliſches Manna“ für ſein dar⸗ bendes Herz geweſen wären, aber dem jungen Herrn Benno, der erſt gefragt hatte,„ob Charlotte auch hin⸗ reichend Geld beſitze“ bevor er ſie ſeiner Liebe werth zu halten beſchloß, einen Todesſchrecken einjagten. Er überlegte, düſtern Gedanken hingegeben, was er mit ſo„fürchterlich viel Liebe“ anfangen ſollte und meinte ganz naiv,„viel Geld und weniger Liebe“ würden zu ſeinem Wohlbehagen zuträglicher ſein. Die praktiſche Mutterliebe der Amtmännin hatte mehr ſeinen Beifall. Er fand die alten Hoſen und 8⁵ Röcke und Weſten durch die Banknoten hinlänglich be⸗ zahlt und zögerte nicht, bei dem beſten Schneider in Caſſel die„ausgeführten alten Kleider“ zu erſetzen. Bei dieſem Gefühle beſchlich ihn der Gedanke, daß die Mutter für ihn viel beſſer paſſe, als die Tochter. Vielleicht iſt Herr Benno von Schmidt nicht der Einzige in der Welt, der zu den Fahnen dieſer be⸗ quemen Lebensphiloſophie ſchwört. Er ließ zwei Tage vergehen ehe er ſich anſchickte, den Trauerbrief ſeiner Geliebten zu beantworten, und er gab ſich während dieſer Zeit alle erſinnliche Mühe, in eine recht elegiſch ſüße Stimmung zu kommen. Als ihm das durchaus nicht glücken wollte, ſchickte er in halber Verzweiflung nach der erſten beſten Leihbiblio⸗ thek und ließ ſich den allerzärtlichſten„Roman in Briefen“ ausbitten.. Der Leihbibliothekar war ein vortrefflicher Bücher⸗ kenner. Er ſendete ein Exemplar, das für alle Phaſen eines rechtſchaffen exaltirten Liebeslebens ausreichenden Stoff verarbeitete, und Benno copirte ohne Bedenken den erſten beſten Brief eines„gewiſſen Adolar“ an eine„gewiſſe Hermione,“ nur daß er ſtatt des Na⸗ mens der„überſchwänglich geliebten, mit Götterworten und Götterkräften bis zu den Sternen erhobenen Her⸗ mione“ mit treuer Conſequenz den proſaiſchen Namen 86 „Charlotte“ ſetzte. Die herzzerfleiſchende Liebe des guten Adolar, den er als gedrucktes Beiſpiel vor ſich liegen hatte, entlockte ihm zwar mehrmals ein ſtilles Lächeln, aber er nahm an, daß Dasjenige, was ge⸗ druckt ſei, zuverläſſig eine Wahrheit des Gefühls be⸗ kunde, und er bedauerte ſeine Herzensconſtruction, die ihn von ſolcher menſchenmörderiſcher Empfindung aus⸗ ſchloß. Dabei überfielen ihn aber doch Gewiſſensbiſſe, als er ſein Petſchaft auf den copirten Liebesſchmerz drückte, und nur die wirkliche Unmöglichkeit, aus eigenen Ge⸗ fühlserfahrungen ſolche exemplariſch hochtrabende Liebes⸗ epiſteln fabriciren zu können, verleitete ihn, das Schrei⸗ ben dennoch abgehen zu laſſen. Charlotte empfing mit ahnungsvollem Herzen die⸗ ſen Brief. Ihr Zittern verrieth eine krankhafte Auf⸗ regung.— Der Amtmann ſah ſie verſtohlen an— ſein Vaterherz flammte auf— mit innerlicher Energie warf er alle ſeine Scrupel von ſeiner Seele. Er beſchloß ſeine Tochter von dieſer Pein zu erlöſen. Während er das beſchloß, eilte Charlotte auf ihr Stübchen und las Benno's Brief. Ein Freudejauchzen entrang ſich ihren Lippen, ſie trauete ihren Augen nicht! Sie glaubte jetzt die ſchwindelnde Höhe eines Liebes⸗ glückes erreicht zu haben. Welche ſüße und dabei er⸗ — 87 hebende Schmeichelei lag in jedem Worte— wie arm⸗ ſelig trocken und langweilig war dagegen die heitere Wahrheit ſeines erſten Briefes, wo er ſie„meine liebe gute Charlotte“ anredete? Tauſendmal küßte ſie die Zeilen und dann als ſie, müde von den aufregenden Thränen, womit ſie den Ausdruck ſeiner Liebe in ſich aufgenommen hatte, das Blatt Papier zuſammenfaltete, da barg ſie es nicht in der Schürzentaſche, ſondern legte es dicht auf ihr klopfendes Herz. So thöricht iſt bisweilen die Liebe, wenn ſie die Bahn der Vernunft verläßt. Am andern Tage eröffnete ihr der Amtmann, daß er geneigt ſei, ihre Hochzeit in den erſten Tagen des neuen Jahres, alſo anderthalb Jahre früher, als er zuerſt beſtimmte, zu feiern und er trug ihr auf, Benno zu fragen, ob es ausreichend ſei, wenn er für ihre Wirthſchaft vierteljährlich vierhundert Thaler einſchieße. Der erſte Moment der freudigen Ueberraſchung brachte das junge Mädchen wieder an den Hals des Vaters, der ſie herzlich an ſich drückte. Dann aber flog ſie zum Schreibtiſche und beantwortete mit wonne⸗ ſeligem Herzen den Prachtbrief Benno's. Mit dieſem Tage veränderte ſich ihr ganzes Leben. Ihre Zukunft erſchien ihr ſichergeſtellt und ihre Liebes⸗ angelegenheit befriedigte ihre Phantaſie. Dabei blüheten 88 natürlich die Roſen ihrer Wangen wieder und die Au⸗ gen zeigten mehr Glanz als jemals. Der Amtmann maß ſich die Schuld an ihrer glücklichen Veränderung bei, aber wir fürchten, ihr Glück gründete ſich auf die fortgeſetzte trugvolle Correſpondenz mit Benno, wel⸗ cher ſeinem angebahnten Wege treu blieb und als Con⸗ terfei des Romanhelden Adolar ſein Heil verſuchte. Die Heirath, mit den vierhundert Thalern vierteljäh⸗ riger Einnahme als Fixum, war ihm ganz gelegen und er verſprach ſogleich zurückzukehren, wenn er den Verbindlichkeiten genügt, die er bereits eingegangen ſei. Der Briefwechſel zog ſich regelmäßig durch einige Monate fort, bis Benno endlich Charlottens Brief plötzlich unbeantwortet ließ und ein zweiter, den ſie, ängſtlich werdend, hinterher ſchickte, ſogar unverrichteter Sache zurückkam.„Unbeſtellbar,“ weil Herr Benno von Schmidt in Frankfurt, woſelbſt er einige Tage geweſen, nicht mehr anweſend ſei, hieß die erſchütternde Nachricht des Poſtamtes, welches den Brief Charlottens zurückſendete. Was ſollte das heißen? Das Mädchen nahm mit Entſetzen und Verzweiflung eine Durchſicht ihrer Corre⸗ ſpondenz vor, um daraus einen Grund des unerklär⸗ lichen Vorganges zu ſuchen. Sie fand nichts. Keine Andeutung über den Verlauf ſeiner Reiſetour— aber 2 89 auch keine Veränderung in ſeinen Gefühlsausdrücken. Zärtliche Schmeicheleien wechſelten mit tiefſinnigen Be⸗ trachtungen über das Leben der Liebe und über die Liebe der Menſchen. Geiſt, Herz, Seele und Gemüth in gött⸗ licher Harmonie, umflochten mit hinreißenden Redensar⸗ ten— nein, untreu war Benno nicht!— Er mußte todt ſein, ermordet von ruchloſer Hand mitten in ſeiner„Lie⸗ besſeligkeit“.— Charlotte gerieth außer ſich bei dem Gedanken und brachte das ganze Haus mit ihren Schmerzensausbrüchen in Schrecken. Es begannen qual⸗ volle Tage. Der Amtmann ſetzte ſich mit der Polizei⸗ behörde in Rapport und bat um Aufſchluß des räthſel⸗ haften Verſchwindens eines Mannes, der doch nicht ganz unbemerkt geblieben ſein konnte. Die Antwort der Behörde beſſerte wenig. Nur daß er nicht er⸗ mordet ſei, glaubte man feſt verſichern zu können, ſonſt wußte man nichts über ſeinen Verbleib zu berichten. „Er kommt—“ tröſtete die Mutter.„Er kommt und überraſcht uns“— ſprach der Vater. Darüber verging ein langer Tag der Erwartung nach dem an⸗ dern, allein Benno kam nicht, ſchrieb nicht und man hörte nichts von ihm. Wo der Gram einkehrt, weicht der Frohſinn. Der Amthof, ſonſt ein Aſyl des fröhlichen Friedens, ſchien öder ſeit dem Verſchwinden des jungen Mannes. 1859. XII. Erneſt Octav. I. 3 6 Charlotte behauptete:„er ſei todt“— Sie legte Trauergewänder an, packte ihre Ausſtattung in die Kiſten und las nichts, als die ſchönen Briefe, die Denkmäler einer unglücklich zerſtörten Liebe. Der Herbſt mit ſeinen trüben, heitern und kalten Tagen zog an Charlotten vorüber und ſie wußte es kaum. Als der Winter ſein Schneekleid über die Fluren deckte, da wich ihr Schmerz einer gemilderten Trauer. Sie betete nicht mehr ſo inbrünſtig um ihren Tod, der ſie mit dem Geliebten wiedervereinigen konnte. Bisweilen flog ſchon ein Scherz von ihren Lippen und ſie begann, ohne Krämpfe zu bekommen, ihr Klavierſpiel wieder. Jetzt überlaſſen wir das gute Mädchen ohne Sor⸗ gen den kleinen Nachwehen ihres Grams und wenden uns der Gegend zu, wo bekannte Geſtalten uns ent⸗ gegentreten, deren Jugend verſchwunden iſt und mit ihr viel von den Illuſionen, die Glück verhießen.— Zweites Capitel. Das Dorf Welldorf lag auf einer jener Ver⸗ flachungen der Gebirgskette, die gegen die daran ſchlie⸗ ßende Niederung immer noch eine gewiſſe Erhöhung zu nennen iſt. Von dem wellenförmigen Erdgebilde trug das Dorf ſeinen Namen. Es reihete ſich kreisförmig um den höchſten Punkt, auf welchem das Schloß lag und ein ſtark fließender kleiner Strom durchſchnitt die Wieſen und Gärten des Dorfes, ihnen Anmuth und Leben verleihend. Das Schloß hatte in den letzten vierzig Jahren eine weſentliche Verſchönerung erlitten. Dem einfachen Gebäude waren Seitenflügel angehängt, prachtvolle Terraſſen führten zu der Vorderfront hinauf, während die übrigen Seiten von Parkanlagen ganz eingehüllt erſchienen. 6* 92 Man ſah den Reichthum der Beſitzer in jeder Anlage, ohne daß die noble Einfachheit dadurch beein⸗ trächtigt wurde. Innen im Schloſſe war auch Alles anders ge⸗ worden. Die Zimmer des alten Schloſſes zeigten mehr veredelten Geſchmack wie ſonſt, und der neue Anbau imponirte durch großartige Anlage. Man konnte nicht zweifeln, daß die Beſitzer in den letzten Jahrzehnten mit großer Vorliebe gebauet und gebeſſert hatten und daß die Beſitzung einen Werth in ihren Augen gehabt hatte. Es war ein ſchöner Sommertag mit bewegter Luft und fliegenden Wölkchen,— vielleicht derſelbe Tag, wo der Agent Franz Velguth beim Amtmann Bienengräber eintraf— als ein bleicher, ſchlanker Mann von kaum vierzig Jahren langſam aus dem Seitenflügel rechter Hand auf die Terraſſe trat und aufmerkſam das Wetter beobachtete. Die friſche Luft⸗ ſtrömung hob ſein lockiges Haar von der krankhaft weißen Stirn und ſpielte warm und leiſe um ſein blaſſes Geſicht. Ein träumeriſches Lächeln zeigte ſich, als er ſtill betrachtend über das Dorf mit ſeinen Gär⸗ ten hinwegſchauete und den Lauf des ſpiegelhellen Fluſſes verfolgte. Ein ſchmerzliches Lächeln aber drängte ſich hervor, als er dann zum Himmel emporſah, die 93 kleinen weißen Wölkchen beobachtete und ſich wie in Froſt erſchauernd, wieder nach dem Balkonfenſter wen⸗ dete, aus dem er hervorgetreten war. Es lag eine gewaltige Schlaffheit, eine entſetzliche Müdigkeit in dem ſchleichenden Gange, womit er zurückſchritt und der Ton ſeiner Stimme klang krankhaft ergeben, als er dicht am Eingange ſagte: „Nein, Alice, es iſt zu windig!“ Im ſelben Augenblicke erſchien ein junges Mädchen auf der Schwelle, blickte ſanft und freundlich rund um und dann auf dem mattherzigen Herrn, der vor ihr ſtand. „Papa, der leiſe liebliche Wind ſchadet Dir nicht,“ entgegnete ſie mit bittendem Tone. „Möglich, meine Kleine, aber er iſt mir unange⸗ nehm. Mich friert!“ Alice hing ſich ſchmeichelnd an ſeinen Arm.„Nur eine Viertelſtunde, lieber Papa, laß uns fahren— nur der dichtbelaubten Parkweg einmal auf und ab— ſieh, den Doctor will es ſo gern— Großmama fährt mit— ſie war ſo ſehr freudig bewegt, daß Du endlich ein⸗ mal den Wald wiederſehen wollteſt, wo Du ſonſt ſo gern weilteſt.“— „Ja ſonſt, Alice,“ wiederholte der Herr und ſtrich traurig über ſeine Stirn.„Wozu ſoll ich den Wald 94 noch ſehen— heute oder morgen iſt es zu Ende mit mir und dann iſt's gleich, ob ich ihn geſehen habe.“ Alice neigte ihr reizendes Geſicht tief nieder, da⸗ mit ihr Vater ihre Thränen nicht ſehen ſollte. Mit demüthiger Schmiegſamkeit ergab ſie ſich dieſem Ur⸗ theile, das weniger aus einer Ueberzeugung entſprang, als ſeinen Sitz in einer gewiſſen Gemüthskrankheit hatte. Der Wagen, welcher ſeitwärts aufgefahren war, um den Regierungsrath von Schmidt endlich gewalt⸗ ſam dem trübſeligen Einerlei ſeiner langſam vorſchrei⸗ tenden Geneſung zu entreißen, wendete auf Alicens Wink um und fuhr kaum hörbar wieder in den Hof zurück. Dieſelbe Scene ſpielte nun tagtäglich ſeit vierzehn Tagen zur Betrübniß des rathloſen Arztes und zur Verzweiflung Alicens. Es lag eine entſetzliche Kraft⸗ loſigkeit der Seele in dieſem Manne, der bis zu dem Augenblicke, wo er ſeine geliebte Frau und zwei blü⸗ hende Söhne einem herrſchenden Nervenfieber unter⸗ liegen ſehen mußte, ein heiterer und lebensmuthiger Menſch geweſen war. An dem Tage, der ihm den letzten Knaben raubte, wurde er auch ein Opfer der Epidemie. Aber der Tod ſchlich ſich nur verheerend an ihn heran, und ließ ihm das Leben mit der halb irren Idee, daß es den⸗ noch mit ihm aus ſei. 9⁵ Sein alter Vater, der noch immer ſtattlich feſte Primus der Familie, litt unbeſchreiblich unter der Laune ſeiner eigenſinnigen Weichlichkeit, die aller⸗ dings am letzten Ende ſeine Auflöſung beſchleuni⸗ gen mußte. Man erfand täglich neue Mittel, den armen Kranken nur einmal frei von ſeiner hypo⸗ chondriſchen Grille zu machen, ihn nur erſt ein einziges Mal aus dem Winkel ſeines Zimmers, wo er in Pelze und Decken gehüllt vor eingebildetem Froſte ſchauerte, herauszulocken, allein bis jetzt bewieſen ſich aüle Ver⸗ ſuche vergeblich Der Regierungsrath verſprach auszugehen, auszu⸗ reiten und auszufahren, ſowie das„Wetter ſchön genug ſei“ und dann gab er jedesmal das Urtheil:„das Wetter wäre durchaus nicht geeignet zu einem Aus⸗ fluge.“ Alice, ſein einzig übrig gebliebenes Kind, der älteſte Sprößling einer glücklichen Ehe, widmete ihre ganze Jugendheiterkeit dem leidenden Vater, ſie be⸗ kämpfte heroiſch die Trauer um die Mutter und um die beiden Brüder, wenn ſie neben ihm weilte und malte ihm die Zukunft mit ſo lichten Farben, wie nur möglich. Der Regierungsrath fühlte ihren Einfluß, Er entbehrte das Kind nicht gern eine Minute, war aber in ſeinem Körper⸗ und Gemüthsleiden ſo egoiſtiſch, 96 daß er nicht bedachte, wie ein ſolches Vegetiren ver⸗ nichtend auf ein zartes funfzehnjähriges Mädchen wirken müſſe. Sie war geſund. Aber ſie verbleichte in dem Dunſte des Krankenzimmers, das der Eigenſinn be⸗ harrlich ſchloß, und ihre friſche Fröhlichkeit verkehrte ſich in eine gereizte, anmaßende Stimmung, die ſich in der Wichtigkeit ihres Amtes keinen Widerſpruch entge⸗ genſtellen ließ. Der Wagen war richtig zum funfzehnten Male unverrichteter Sache wieder weggefahren, und der Re⸗ 1 gierungsrath wickelte ſich ganz behaglich in ſeine Pelze ein, als die Thür ſeines Zimmers geöffnet wurde und ſeine Mutter eintrat. Mit der ſichern und feſten Haltung einer gut conſervirten Matrone von ſechzig Jahren blieb ſie auf der Schwelle ſtehen und richtete mißbilligend ihr Auge auf den kranken Sohn. „Was ſoll das heißen, mein lieber Sohn?“ fragte ſie ſanft, aber tadelnd.„Ich warte auf Dich und Du ſendeſt den Wagen wieder weg.“ „Es iſt zu windig, Mutter— wahrhaftig es iſt zu windig,“ klagte der Kranke.„ Morgen wollen wir ſehen, morgen.“ Er kauerte ſich zuſammen und legte müde den Kopf an die hohe Lehne ſeines Seſſels. Die Oberkammerherrin trat näher. Ob ſie Schmerz, b 97 ob ſie Unmuth fühlte, das konnte man in dem ſcharf⸗ ariſtokratiſchen Geſichte nicht leſen. Sie legte ihre weiße ſchmale Hand auf ſein lockiges Haar und ſagte eben ſo ruhig wie vorhin: 1 „Du biſt zwar meinen Befehlen entwachſen, aber ich werde dennoch Gebrauch von meinen frühern Rech⸗ ten machen müſſen, um Dich endlich aus dieſen troſt⸗ loſen Zuſtande befreit zu ſehen.“ „O, Mutter, mein Zuſtand iſt gut, ſobald ich nur ungeſtört in meinen weichen Decken ſitze und keine Luft fühle. Die paar Tage, die ich noch zu leben habe, laß mich nur ſo zubringen.“ Er lächelte zu ihr auf und ſie bog ſich mit einem krampfhaften Aufſchluchzen zu ſeiner Stirn nieder. Die ſtarken Feſſeln der Selbſt⸗ beherrſchung ſprangen im Nu vor dieſem Worte. „Iſt es doch, als ruhe ein Fluch auf uns und auf unſerm Hauſe,“ ſprach Sie nach einer Pauſe, in welcher ſie wieder Herrin ihrer ſelbſt geworden war.„Alle meine Kinder todt, bis auf Dich, Du theurer Erſtge⸗ borener. Die Brüder Deines Vaters— alle todt! Deine Kinder todt bis auf das zarte Blümchen.“— Sie ſah mit unendlicher Innigkeit auf Alice nieder, welche, ihre großen himmelblauen Augen von Thränen verſchleiert, zu ihr aufblickte.„Deine liebenswürdige Gattin todt— wohin ich blicke, Gräber und Grab⸗ kreuze— mein Gott, womit haben wir dies ſchwere Schickſal verdient!“ Die alte Dame rang die Hände in einander und blickte ſtumpf vor ſich hin. Plötzlich ſchien ein Gedanke durch ihr Gehirn zu fliegen und eine Erinnerung in ihr wach zu werden. Sie fuhr auf und ſah ſich etwas wild um. „Wie kommt ſein Andenken gerade jetzt plötzlich in mich zurück?“ fragte ſie beklommen wie zu ſich ſelbſt ſprechend. Der Regierungsrath ſah ſie aufmerkſam und befremdet an. Alice ſtand auf und umfaßte ſie mit einigen beſchwichtigenden Worten. „Was meinſt Du, Großmama?“ forſchte ſie neu— gierig, als die Oberkammerherrin wehmüthig hinzu⸗ fügte:„Es iſt der 29. Mai, der Tag, wo er Ange⸗ ſichts ſeiner Brüder, die Alle dahin ſind bis auf Euren Vater und Euren Onkel Victor, die Taufe empfing. Wunderbar— ich habe ſeiner ſeit vielen Jahren nicht gedacht— ſollte er in ſeiner Vermeſſenheit des Him⸗ mels Fluch auf unſer Haupt geſchleudert haben?“ „Ich weiß nicht, Mutter, von wem Du eigentlich ſprichſt,“ entgegnete der Regierungsrath mit leichterm Tone, als vorher,„aber ich denke der Himmel wird nicht ſo unbarmherzig ſein, einen Fluch zu realiſiren, den irgend ein Unhold auf arme unſchuldige Menſchen zu ſchleudern Miene macht.“ 99 Alice aber ſah mit einem Ausdrucke ſtiller, ent⸗ ſetzter Furcht in das farbloſe und traurige Geſicht ihrer Großmutter. Es ſtimmte mit ihren troſtloſen Träume⸗ reien überein, daß ſie Alle einem Fatum erliegen und die ganze, ſchöne Herrlichkeit eines glänzenden Lebens ungenoſſen verlaſſen müßten. Ihre aufgeregten Nerven trugen dazu bei, ſolchen Phantaſiebildern Leben zu ver⸗ leihen. Die Vorzüge, welche ihr durch Geburt, Schön⸗ heit, Reichthum und Rang, in der Welt eine Stel⸗ lung begründeten, ließen ſie die Grauſamkeit ihres Schickſals höher anſchlagen. Es tauchte ein grauſiges Bild vor ihr auf, das Bild eines ſchrecklichen Man— nes, welcher hier getauft war und ſie dennoch jetzt ver⸗ flucht hatte. Ihre Kindereinbildungskraft ſchuf dem Hauſe„Schmidt“ das tragiſche Schickſal eines jener alten, vermoderten Geſchlechter, wo„weiße Frauen“ oder„polternde Ritter im Harniſch“ das Haus durch⸗ wandelten und entweder der Väter Sünden ahndeten oder Rache an einem Nachkommen nahmen. Zu ihrem unausſprechlichen Erſtaunen behandelte ihr kranker Vater die Geſchichte ſehr leicht:„A— ich erinnere mich, Mutter,“ begann er nach einer Pauſe, die unter allſeitigem Nachdenken verfloſſen war,„Du ſprichſt von Octavus, dem jüngſten unſerer Oheime? Du meinſt, weil er davon abſtehen mußte, Well⸗ 100 dorf zum Tummelplatz ſeiner Herrſcherlaunen zu machen, ſo würde er dies freundliche Aſyl mit Verwünſchungen verfolgt haben? Glaub' das nicht. So lange er Knabe war, konnte er in den Irrthum verfallen, Welldorf als Eigenthum beanſpruchen zu können. Als Mann wird er ſchon eingeſehen haben, daß er der Allerletzte war, dem es zufallen mußte.“ Die Oberkammerherrin ſchüttelte, in Erinnerun⸗ gen verloren, leiſe den Kopf. „Es iſt aber ſeltſam,“ meinte ſie, etwas ſcheu ihren Gedanken Worte gebend.„Nimm es nur hin, hat er damals erboſt geſchrien, ich bekomme es doch.“ 1 —„Er iſt aber glücklicherweiſe todt, ſo viel man weiß,“ warf der Regierungsrath lächelnd ein. Alice, die mit furchtbarem Herzklopfen zugehört hatte, athmete ordentlich froh auf. „Wir glauben es,“ berichtete die alte Dame, augenſcheinlich erfreut über ihres Sohnes belebtere Stimmung. Es war das erſte Mal ſeit den ſechs Monaten, wo ſeine Gattin geſtorben, daß er mit In⸗ tereſſe an einer Unterhaltung Theil nahm. „Als der Onkel in Rußland ſtarb, iſt, ſo viel ich weiß, eine allgemeine Aufforderung an alle Erben der verſchollenen Gebrüder von Schmidt⸗Welldorf er⸗ 101 gangen, ſich zur Erbſchaft zu melden,“ erzählte ſie wei⸗ ter.„Es kam jedoch Niemand mit Anſprüchen und ſo fiel das Vermögen Deinem Vater und dem Präſi⸗ denten zu.“ „Der es auch nächſtens auf unſern Vater ver⸗ erben wird—“, fiel der Regierungsrath wehmüthig ein. „Wem nützt nun das viele Geld und Gut? Meine lieben Knaben hat Gott verſorgt—. Alice wird einſt das reichſte Mädchen in Deutſchland werden, wenn es ſo fort geht.“ Das junge Mädchen ſah geiſterhaft lächelnd zu ihm auf.— „Ich will kein Geld und Gut—,“ flüſterte ſie heimlich.„Ich will nur Glück!“ Die Oberkammerherrin zog ſie freundlich an ſich und der Regierungsrath ſprach ſeufzend: „Glück zerrinnt, mein Kind. Mein Glück ſtand mit feſten Wurzeln in dem Boden des Erdenlebens und ein einziger Sturm hat es zu Boden geſchlagen. Wünſche Dir Frieden, aber wünſche Dir niemals Glück.“ „O, Papa—,“ rief Alice aufgeregt,„warum nicht Glück? Ich möchte glücklich, ſo recht tief innig glücklich ſein, nur kurze Zeit, dann mag ich ſterben, was thut das?“ Die alte Dame fühlte ein leiſes Roth über ihre Wangen fliegen bei der Leidenſchaftlichkeit des Aus⸗ 102 drucks, womit Alice ſprach. Sie erkannte das Herz des unſchuldigen Mädchens mit ſeiner tiefen Sehnſucht nach Liebe darin. Sie hielt es für angemeſſen, einen Scherz aus der Wendung des Geſprächs zu machen, deshalb ſagte ſie, ſchalkhaft mit dem Finger drohend: „Erinnere Dich ſtets daran, meine Kleine, daß Du Dich in Deinen Lieblingsgerichten übernommen haſt und nach dem Genuſſe leiden mußteſt. Der Wunſch nach einem vollendeten Glücke ſcheint mir auch ein Lieb⸗ lingseſſen zu ſein—.“ Alice lachte und legte mit der elaſtiſchen Fröhlich⸗ keit der Jugend ihre Arme um die Großmutter, wäh⸗ rend der Zeit, daß der Regierungsrath wieder auf ſeinen Onkel Octav zurückſchweifte: „Habt Ihr niemals vernommen, ob Octav ſich verheirathet hat?“ forſchte er mit Intereſſe. „Niemals, lieber Ludwig, niemals!“ antwortete die Oberkammerherrin eifrig.„Wir haben nichts von ihm gehört, ſeit er mündig geworden iſt und ſchon vorher hat eer unſer Haus mit keinem Fuß betreten, iſt auch nie wieder hier in Welldorf geſehen worden. Als unſer Erneſt, Dein älterer Bruder, geboren wurde, bat ihn Dein Vater, eine Pathenſtelle zu übernehmen. Er hat den Prief gar nicht beantwortet. Wir ſendeten. han — — 103 bei Deiner Geburt abermals eine Einladung zur Taufe. Keine Antwort. Dann ging er fort. Wohin? Das weiß Niemand, nicht einmal ſein Advocat. Seine Le⸗ gitimationen, Geburtsſchein, Todtenſchein der Eltern und ſo weiter hat er damals gleich mitgenommen, wor⸗ aus wir auf eine Auswanderung ſchloſſen, darüber ſind nun dreißig Jahre vergangen. Es iſt möglich, daß er nach Amerika überſiedelt iſt und dort ſeinen Tod ge⸗ funden hat.“ „Ich muß einmal ernſtlich über dieſe Familien⸗ angelegenheit mit dem Vater ſprechen,“ antwortete der Regierungsrath. Es ſcheint mir nöthig, durchgreifende Maßregeln zu nehmen, um dieſen Punkt aufzuhellen. Von den andern Gebrüdern Schmidt haben wir authen⸗ tiſche Nachrichten.“ „Ja und zwar in der Art, daß ſie alle ohne Leibeserben verſtorben ſind. Der Onkel Secundus Lud⸗ wig, wonach Du getauft biſt, iſt in Frankreich geblie⸗ ben, hat ein liebenswürdiges Mädchen von guter Ge⸗ burt geheirathet und iſt nur vierzig Jahr alt gewor⸗ den. Sein Vermögen iſt auf ſeine Witwe übergegan⸗ gen. Mehrere ſind im Freiheitskriege Opfer ihres Muthes geworden. Quintus iſt, kurz vor dem Onkel Quartus, ziemlich heruntergekommen und verarmt in einer kleinen Stadt im ſchleſiſchen Gebirge verſtorben. 98 104 Sein Todtenſchein wurde uns von der dortigen Be⸗ hörde zugeſendet.“ „Quintus war nicht verheirathet?“ „Wir glauben nicht, können aber nichts Beſtimm⸗ tes darüber behaupten. Eine Anzeige ſeiner Verheira⸗ thung iſt uns nie zugekommen, aber bisweilen hat er ſich in Geſellſchaft einer Frau in Bädern ſehen laſſen. Auf unſere Fragen danach, lachte er ſtets, ohne uns den gewünſchten Aufſchluß zu geben.“. „Sonderbar! Wir müſſen wirklich ernſtlich an eine Zuſammenbernfung der ſämmtlichen Nachkommen des Miniſter von Schmidt⸗Welldorf denken. Im Falle ich von Gott abgerufen werden ſollte, ſo erledigt ſich das Majorat und die Brüdererben treten ein. Finden ſich keine Erben vor, ſo muß zu Alicens Gunſten eine Auf⸗ hebung des Majorates eingeleitet werden. Der Onkel Präſident kann die Affaire in die Hand nehmen. Mor⸗ gen will ich mit dem Vater ſprechen.“— So traurig die Veranlaſſung zu dem neuen inner⸗ lichen Regen und Leben war, ſo ging es doch wie ein freudiger Strom durch Aller Herzen, als wirklich am nächſten Tage der kranke Sohn eine Conferenz mit ſei⸗ nem Vater abhielt und ihn zu den Schritten beredete, die er wünſchenswerth fand. Der Oberkammerherr, unſer Primus, mit dem 4 105 alten gutmüthigen Lächeln und der wohlwollenden Miene, wie vor vierzig Jahren, trug den Schnee des Alters auf ſeinem Haupte, aber innerlich lebte noch dieſelbe friſche Herzensgüte, die ihn immer ausgezeichnet hatte. Sein Leben zeigte Freude und Schmerz in ſchneller Wechſelung, der Tod war immer dicht an ihm vorbei⸗ gegangen, aber, wie ein geſunder Baum im Sturme, ſo gab er willig den Tribut, den der unerbittliche Senſenmann gefordert hatte und haderte dennoch nicht mit Gott.. Nur jetzt, wo ſein letzter Sohn hülflos erlag, wo der Geiſt deſſelben ſich weichlich beugte und das noch junge Leben verächtlich dem bittern Geſchicke eben⸗ falls zu opfern bereit ſchien, nur jetzt ſchwoll ſein Vaterherz von Leid und Klage, und warf gepeinigt die Frage auf:„Warum muß ich dies noch erleben!“— Das weichlich Unmännliche, worin ſich der Regie⸗ rungsrath einpuppte, war ihm in Tod zuwider. „Der Mann muß ſich nicht aufgeben, ſo lange er Athem in der Bruſt hat,“ pflegte er zu ſagen. „Ludwig iſt dem Leben zurückgegeben, alſo muß er auch dem Kampfe mit dem Ungemach des Lebens nicht aus dem Wege gehen. Er iſt noch jung. Mag er ſehen, daß er ſein Leid niederkämpft— mag er ſein Herz abſchließen für die Vergangenheit und an eine 1859. XII. Erneſt Octav. I. 7 106 neue ſegensvolle Zukunft denken. Er muß ſich wieder verheirathen— er iſt es der Familie ſchuldig.“ Was half dem alten kräftigen Herrn ſein Raiſon⸗ nement? Gar nichts. Seinem Sohne fehlte der gute Wille, auf ſolche Vorſchläge zu hören. Als der Oberkammerherr davon hörte, daß An⸗ ordnungen zu einer Zuſammenberufung aller möglichen Schmidt'ſchen Deſcendenten getroffen werden ſollten, zeigte er ſich ſehr bereitwillig dazu. In ihm lebte nämlich noch immer ein Funken von Hoffnung, daß ſein jüngſter Bruder Octav nicht todt ſei. Er hatte einſt von dem Agenten Franz Velguth gehört, daß er auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen durch ganz Deutſch⸗ land, Frankreich und Italien, mit einem Herrn zuſam⸗ mengetroffen wäre, der ihn auffallend eindringlich nach den Schickſalen der Familie Schmidt⸗Welldorf befragt habe. Nun war zwar nicht der mindeſte Grund vorhan⸗ den, dieſen Herrn für ſeinen jüngſten Bruder zu halten, allein ein Menſch, der etwas ſchmerzlich erhofft, klam⸗ mert ſich gern an ein Schattenbild, wenn es ihm dar⸗ geboten wird. Seit dieſer Begegnung waren ſchon viele Jahre vergangen. Während der Zeit hatte ſchon eine Aufforderung an die Erben des ruſſiſchen General Quartus von Schmidt alle Zeitungen durchlaufen, ohne ein Reſultat zu erzielen, allein der mögliche 107 Fall lag vor, daß jetzt der Zweck doch erreicht werden könnte. Der Präſident von Schmidt, Tertius Victor, wurde zangelaben zu einer vorläuſigen Berathung und er traf mit dem Anfange des Junius auf Schloß Welldorf ein, das er ſeit mehreren Jahren nicht be⸗ ſucht hatte, weil es etwas abgelegen von ſeinem Wohn⸗ orte war. Das Abendroth lag auf der Flur, als Alicens ſcharfe Augen zwiſchen dem Wieſengrün, welches den Fluß begrenzte, des Onkels Victor Equipage entdeckte, die von einem ſchönen Poſtz ug gezogen, eilig näher kam. Ihr Freudenruf drang in das Zimmer des Vaters, der in ſeinen Pelz gehüllt, vom Seſſel aus den Unter⸗ gang der Sonne„durch's Fenſter“ bewunderte. „Er kommt,“ rief das junge Mädchen freudig nochmals.„Jetzt biegt der Wagen in den Schloßweg ein, jetzt fährt er über die Brücke, jetzt rollt er lang⸗ ſamer den Hügel hinauf, jetzt verſchwindet er in der Parkallee— nur noch zehn Minuten und der alte gute Onkel iſt hier!“ Sie ſchien eine größere Freude als ſonſt beim Anblicke des alten Mannes zu empfinden, den ſie ſeit der traurigen Kataſtrophe in der Familie, die in der 75 Stadt über ſie hereingebrochen war, nicht geſehen hatte. Es lag für das krankhaft furchtſame Gemüth des kleinen Fräuleins eine Art Troſt in der Nähe des phlegmatiſch ruhigen Oheims, der, ein ſtereotypes Bild der Uner⸗ ſchütterlichkeit, ihrer Angſt um den Vater eine Stütze verlieh. Als der Wagen verſchwunden war, trat ſie von der Terraſſe zurück in das Zimmer und ſah mit Er⸗ ſtaunen ihren Vater aus ſeiner Verpuppung aufſtehen und mit mehr Schnelligkeit als ſeit vielen Tagen der Thür zuſchreiten. Der Abend mit ſeiner belebenden Kühle galt ihm ſchon ſeit vielen Wochen für giftige Luft und da vor einigen Stunden ein friſcher, dichter Regen gefallen war, ſo ſchien Alicen dies Wetter keineswegs verlockend zu einem Spaziergange für einen ſo eigenwillig der Einwirkung beſſerer Atmoſphäre ſich entziehenden Kran⸗ ken. Aber ihre liebevolle Einrede wurde gar nicht beachtet. Der Regierungsrath trat in die Abenddäm⸗ merung hinaus, ſchritt einige Male feſt und ſicher auf dem Terraſſenplateau hin und her und ſagte mit einem unruhigen Lächeln: „Die Zeit wird mir zu lang. Ich möchte in fliegender Eile Alles das beſorgen, was nöthig iſt!“ Alice ſenkte betrübt die Augen. Wollte der Vater 109 damit ſagen, daß er ſeiner Auflöſung ſich näher fühlte als jemals? Daß in dieſer Unruhe ein neuer Lebensdrang ſich offenbaren könnte, ahnte ſie nicht. Sie überredete den Vater mit zärtlicher Schmeichelei, den ſeuchten Fuß⸗ boden zu meiden und ſah ihm mit Erſtaunen in's Geſicht, als er plötzlich bis dicht an den Rand der Terraſſe trat, die Arme in ſprechender Sehnſucht über die Landſchaft hinweg ſtreckte und tief athmend ausrief: „Sieh', Alice— ſieh', wie ſchön iſt Gottes Erde!“ Ach wie gern, wie gern hätte das junge Mädchen an dieſen Ausſpruch eine Ermahnung geknüpft, welche ihn aufgefordert haben würde, Gottes Güte und die Schönheit der Erde zu genießen, allein die Fluth ihrer kindlichen Gefühle überwältigte ſie und ſie ſchmiegte ſich nur zärtlich an die Bruſt ihres noch ſo jungen Vaters, der ſich ſchon mit feſten Vorſätzen zum Sterben rüſtete. Vorwurfsvoll blickte ſie zu ihm auf und ſie bemerkte zum erſten Male in ihrem jungen Leben, wie ſchön des Vaters Lächeln, wie ſeelenvoll ſein Blick ſein konnte. Eine lebhafte Empfindung, faſt zu warm für Kindes⸗ liebe, durchſchauerte ihr unſchuldiges Herz. Sie um⸗ ſchlang den Vater, preßte ihre Stirn feſt gegen ſeine Bruſt und flüſterte: * 110 „Vater, mein Vater, ſtirb nur nicht— bleibe bei mir— lebe für mich— lebe für mich!“ Sein Vatergefühl, ziemlich verſchlungen von dem Egoismus der Selbſtliebe, erwachte. Er legte den linken Arm um die Taille ſeiner Tochter, hob ihr wunderbar reizendes, von innern Herzensregungen ver⸗ geiſtigtes Geſicht mit der rechten Hand zu ſich empor und entgegnete betroffen von der Schwärmerei in dieſen blauen Kindesaugen. „Für Dich leben, meine Kleine— für Dich? Es lohnte ſich der Mühe nicht! Du biſt mir gleich— Dein Herz wird früh wählen und dann kannſt Du den Vater entbehren!“ „Nie werde ich mein Herz für Jemand ſchlagen fühlen, wie für Dich!“ rief mit ausbrechendem Gefühle das junge Mädchen. „Kleine Thörin—“ flüſterte der Regierungsrath. „Gehe hin den Großonkel zu begrüßen und führe ihn dann zu mir.“ Alice ging nicht gleich, ſondern lehnte ihr Geſicht an des Vaters Geſicht, das er zu ihr geneigt hielt, bis dieſer leiſe ihre Angen, ihre Stirn und ihre Lippen mit väterlicher Liebkoſung geküßt hatte. Sie ging dann und ihr Vater ſah ihr nach. 1 V — — „Wäre ſie der ähnlich, die ich in meiner Jugend 3 — 6 111 ſo heiß geliebt habe—“ dachte er tiefſinnig,„wäre ſie ihrer Mutter gleich! Es könnte mich tröſten— es könnte mir einen leichten Wiederſchein meines frühern Glücks bereiten!— Sie hat die Güte, die Anmuth, die Grazie ihrer Mutter geerbt, aber nicht ihre Geſichts⸗ züge— ſie hat die weiche Hingebung, die mich an meiner Geliebten entzückte, aber die mir als Gatte oft läſtig ſiel— ſie hat die Ueberſchwenglichkeit und Opfer⸗ bereitwilligkeit, welche mir meine Geliebte als Ideal der Weiblichkeit erſchienen ließ und die mir in ſpäterer Zeit Schmerzen aller Art bereitete.— Alice wird viel⸗ leicht glücklich werden, aber ſie wird in ihrer Indivi⸗ dualität dem Leben des Mannes ebenſo eine Roſe mit Dornen ſein, wie mein verklärtes Weib. Wie heiß habe ich meine Gattin geliebt und dennoch bin ich nie zur Ruhe und zum Glücke gekommen. Matt gehetzt bin ich! Das Leben hat mir in dieſem Verhältniſſe nichts bieten können, was rein befriedigend geweſen wäre, was ſoll ich mich fürder anſtrengen, noch leben und erringen zu wollen? Mein Glücksborn iſt verſiegt. Ja, wären meine Knaben da— Alice in ihrer weichen Kraftloſigkeit kann mich nicht ermuthigen. Und doch— wie lieb glänzte ihr Auge— wie lieb war das ganze ſchöne Geſichtchen durchſtrahlt! Nein! Nein! Das Alles iſt nur eine unſelige Reizbarkeit!“—— 8 Mit dieſem Gedanken ſchritt er zur Balconthür, ſetzte ſich in ſeinen Lehnſtuhl, aber wickelte ſich nicht ein, ſondern richtete ſeine Aufmerkſamkeit geſpannt auf das, was außen vorging. Während der Zeit war der Großonkel Präſident, herangezogen von ſeinem ſtolzen Viergeſpann, auf dem Schloßhofe angelangt, wo der Oberkammerherr, ſeine Gattin, Alice und ein Theil der vornehmern Diener⸗ ſchaft zu ſeinem Empfange bereit ſtand. Eilig verließ der Präſident ſeinen Wagen, umarmte ſeinen Bruder, küßte der Frau Schwägerin die Hand und nahm Alice in die Arme mit dem wehmüthigen Gefühle: das Ueber⸗ bleibſel einer zerſtörten Familie zu halten. Sein Auge irrte dabei haſtig umher und er fragte: „Was macht Ludwig?“ Man zerſtreute ſeine Beſorgniß durch einen kurzen Bericht und nun ſchickte er ſich, etwas weniger haſtig in allen ſeinen Bewegungen, an, in's Schloß zu treten. „War mir es doch auf dem ganzen Wege, als führe ich lebendig zu unſerer Familiengruft,“ ſprach er fortſchreitend mit jenem ſpitzig gellenden Organe, das ſich Leute, denen die Natur eine kräftige Stimme ver⸗ ſagt hat, bei nothwendigem öffentlichen Vortrage ſo leicht verſchaffen.„Der Tod hat wieder grimmig ge⸗ hauſt, alter Knabe.“. 113 „Danken wir Gott, daß er uns zwei Leben un⸗ angetaſtet ließ,“ entgegnete der Oberkammerherr ernſt und ruhig.. Seine Art zu ſprechen ſtach ſonderbar gegen das heftige Eifern in des Präſidenten Weiſe ab. Langſam und gemeſſen, immer den Schein rückſichtsvoller Ver⸗ bindlichkeit ſelbſt in den Accent ſeiner Rede zeigend, berührte es wohlthuend und beſchwichtigend das Gemüth, wenn er ſprach, während man bei ſeinem Bruder leicht zweifelhaft wurde, ob nicht eine zänkiſche Gereiztheit den Klang ſeiner Rede färbte. Auch im Uebrigen waren ſie ſehr verſchieden. Der Oberkammerherr groß und von ſtattlicher Fülle, mit ſcharfgezeichneten feinen Ge⸗ ſichtszügen und ſelbſt jetzt noch gelockten Haaren, obwohl ſie ſchneefarbig waren. Der Präſident groß und ſpin⸗ deldürr, häßlich wie ein Pavian, mit kurzer Stumpfnaſe und ſtarkgewölbter Oberlippe, ganz kurz abgeſchnittenen Haaren, die wie das abgeſchorene Fell eines Hundes an den Ohren in röthlicher Haut ausliefen. Aber dabei hatte er grundgute, freundliche Augen und ein herzhaft herzliches Lachen. Vielleicht lag es in der auffallenden Häßlichkeit ſeines Aeußern, daß er nicht geheirathet hatte. In ſeinem Leben prägte ſich die alte Geſchichte aus, daß der Mann das vernünftige Weib, welches die innern Eigenſchaften des Mannes höher ſtellt, als ſein Aeußeres, überſieht, weil er ſich daraus capri⸗ cionirt, eine glänzende Tagesſchönheit heimzuführen, die ihn mit ſeiner Häßlichkeit verſpottet. Man durfte den Onkel Präſident nicht auf dies Capitel bringen ohne Gefahr zu laufen, ſeinen Zorn zu erregen. „Zwei Leben unangetaſtet gelaſſen hat?“ wieder⸗ holte der Präſident auf ſeines Bruders Antwort.„Ich will hoffen, daß Du uns beide damit meinſt, wenn Du Gott dafür dankſt?“ Der Oberkammerherr lächelte. „Nein, alter Knabe. Wir beide ſtehen außerhalb der Dinge, wofür man Gott danken muß. Wir können von der Weltbühne verſchwinden, ohne daß wir fürchten müſſen, Herzen zu zerbrechen und Häuſer vor Jammer einſtürzen zu ſehen.“ Der Präſident ſchnippte herzlich lachend mit den Fingern.„Denke auch! Denke auch! Nun, alter Knabe, bitt ich Dich um Gottes willen, nur keine Jeremiaden. Laß ſchlafen, was ſchläft! Hin iſt hin! Wer bringt es wieder? Wenn Ludwig wieder geſund iſt, muß er ſchleunig heirathen—. Was? Du zuckſt die Achſeln,“ zeterte er in der ganzen Kraft ſeiner dünnen Stimme. rathen!“ murmelte der Oberkammerherr.— „Weil ich fürchte, Ludwig denkt nicht au's Hei⸗ —. —. 115 „Und hier— das Kind Alice muß auch heirathen. Ihre Mutter war nicht viel älter, als ſie mit Ludwig zum Altar trat,“ fuhr er eifernd fort.„Ach, wer hätte das gedacht, als wir ſo froh das blutjunge Ehe⸗ paar leben ließen— Ludwig einundzwanzig Jahr— Alicens Mutter ſechzehn— und nun?“ „Keine Jeremiaden,“ replicirte der Oberkammer⸗ herr bedeutſam auf eine Thür zeigend, die von der Halle nach dem Seitenflügel ging.„Willſt Du Ludwig erſt ſchnell begrüßen? Er bringt den Abend ſtets in ſeinem Zimmer zu und iſt nicht zu bewegen, ſeinen bequemen Stuhl unſerer Geſellſchaft wegen zu verlaſſen.“ „Und das leideſt Dn, alter Knabe? Wo bleibt die väterliche Macht?“ Der Oberkammerherr zuckte die Achſeln.„Du wirſt noch ſchlimmere Sachen hören!“ Er öffnete die Thür zu dem Zimmer des Re⸗ gierungsraths und rief: „Ludwig— der Onkel!“ Schnell erſchloß ſich die zweite Thür und des kranken Sohnes Geſtalt wurde ſichtbar. Frappirt ſtand der Präſident und ſah ihn an. Das war allerdings kein Spaß. Der Neffe hatte ſich furchtbar verändert. Lieber Junker, Du haſt weiß aufgelegt,“ ſagte ter im Scherze ſeinen Schreck verbergend.„Sei mir aber gegrüßt in dieſer Welt viel tauſend Mal. Die Zeit wird ſchon helfen überwinden!“ Der Regierungsrath ſchüttelte ſeinem Oheime die Hand und küßte ihn mit den Worten: „Täuſchen wir uns nicht, mein beſter Onkel, über die Güte der Zeit. Glaube meinen Erfahrungen, die Zeit nimmt nur unbarmherzig ſehr viel von unſern Jugendfreuden hinweg und ſetzt nichts an deren Stelle. Daran erlahmen wir und werden lebensmüde. Für heute nichts mehr— ich muß Deine Geſellſchaft ent⸗ behren, weil ich mir ſonſt den Schlaf meiner wenigen glücklichen Stunden raube. Morgen!“ Er grüßte nochmals und ſchloß haſtig die Thür. „Morgen—“ wiederholte der Oberkammerherr— „morgen! Es iſt der Refrain ſeines jetzigen Lebens. Morgen, ſagt er, um nur für den Augenblick Ruhe zu haben— morgen! wird er in unerträglicher Schlaff⸗ heit wohl ſagen, bis er alt und gebrechlich geworden iſt. Glaubſt Du jetzt, daß er jemals wieder heirathen wird?“ „Ludwig gefällt mir nicht,“ entgegnete der Prä⸗ ſident, aus einem ſtillen Nachſinnen auffahrend.„Wir werden unſere Maaßregeln ſchleunigſt ausführen müſſen, um unſern Stamm zu erhalten. Wo iſt Alice?“ „Bei ihrem Vater,“ antwortete die Oberkammer⸗ 1 —— 117 herrin, welche bekümmert dem ganzen Geſpräche ſchwei⸗ gend beigewohnt hatte.„Sie opfert ſich für ihn!“ „Das ſoll ſie bleiben laſſen,“ fuhr der Präſident kreiſchend heraus.„Alice iſt meine ganze Hoffnung— das Mädel iſt hübſch wie eine Fee— ſie muß ſich verlieben und wir übertragen unſern Namen auf ihren künftigen Mann.“ „Das heißt, wenn ſich kein Schmidt⸗Welldorf in der Welt mehr findet—“ warf der Oberkammer⸗ herr ein. „Chimären, alter Knabe— wo ſoll denn ein Schmidt⸗Welldorf herkommen?“— „Wir müſſen jetzt Alles anwenden, um Gewißheit über Octav's Schickſal zu erhalten,“ meinte der Ober⸗ kammerherr belehrend. „Das ſoll geſchehen! Schlagt nur Mittel vor, einen Menſchen ausfindig zu machen, der durchaus nicht gefunden werden will,“ rief der Präſident erbittert. „Es muß verſucht werden,“ erklärte ſein Bruder. „Wir ſetzen einen Tag feſt und fordern in allen nur denkbaren Localblättern, nicht allein die möglichen Erben des Miniſters von Schmidt⸗Welldorf, ſondern auch jede Behörde und jeden einzelnen Menſchen auf, der uns Auskunft zu geben vermöchte, an dieſem beſtimmten Tage hier zu erſcheinen oder eventualiter brieflich Nach⸗ 118 richt zu geben von dem, was er über etwaige Verwandte dieſes Hauſes weiß.“— „Das wird Erfolg haben,“ lachte der Präſident herzlich.„Wir werden ſie zu Schaaren heranziehen ſehen— ſchlachtet nur einige Ochſen— bratet ein Dutzend Kälber und köpft ein Schoa Hühner und Trut⸗ hühner— das Volk wird ſich einen Spaß daraus machen, wird kommen, wird Reiſekoſten liquidiren und wenn der Trödel vorüber iſt, ſind wir wahrſcheinlich noch verwirrter im Kapfe als zuvor.“ .„Es mag ſein, daß Du Recht behältſt,“ ſchaltete jetzt der Oberkammerherr ein,„und wir müſſen uns auf einige Betrügereien gefaßt machen, allein Deiner Sachkenntniß vertraue ich die Unterſcheidung von Lüge und Wahrheit und die Erfahrungen, welche wir dabei machen, ſind das ſicherſte Medicament für ſpätere Ge⸗ wiſſensbiſſe Ich habe ſchon heute meinen Vorſchlag vor Deinen Augen enthüllt, um morgen die Debatte zu kürzen. „Das iſt ein ſehr weiſer Vorbedacht, alter Knabe,“ fiſtulirte der Präſident und zoͤg den Pemdkragen bis an die röthlichen Ohren.„Guter Rath kommt über Nacht und es will mir ſcheinen, als ob ſich kein gan⸗ derer Weg nach Küßnacht finden werde. Aber weißt Du, ich habe 1 ges in der Langeweile der Sonnen⸗ 119 hitze daran gedacht, daß Fräulein Hermine von Ber⸗ halden eine höchſt paſſende Frau für Ludwig abgeben könnte—“ „O bewahre,“ rief die alte Dame dazwiſchen, „Hermine iſt zu alt für unſern Sohn!“ „Zu alt?“ fragte der Präſident.„Höchſtens acht⸗ bis neunundzwanzig, alſo zehn Jahr jünger als er.“ „Mag ſein, den Jahreszahlen nach,“ entgegnete mit abweiſender Entſchiedenheit die Dame,„aber ſouſt ſchon ſo verſunken in den Prätenſionen der alten Jung⸗ fernſchaft, daß ſie für Ludwig's Perſönlichkeit nicht paßt.“ „Lndwig's Perfönlichkeit ſieht ſehr reducirt aus,“ ſcherzte der Präſident. 4 „Eher würde ich Roſa von Hanke vorſchlagen— das iſt eine anmuthige Geſellſchafterin, eine Dame voll muſikaliſcher Talente—.“ „Brr— Frau Schwägerin,“ ſchnarrte der Prä⸗ ſident—„mit einer Stimme, womit ſie, wenn ſie Wiegenlieder ſingt, Todte auferweckt. Fräulein Roſa's Poſaunentöne würden dies Haus platzen machen. Frei⸗ lich, auf der Terraſſe hätte ſie Naum genug dazu und ſie könnte die Bewohner von Dorf⸗Welldorf bisweilen entzücken. Es iſt kein Unglück ſo groß, als mit einer Dame verheirathet zu ſein, die eitel auf ihre Stimme iſt und ſich bemüht, herzzerbrechend zu ſchreien.“ Der Oberkammerherr lachte.„Du übertreibſt fürchterlich.“ „Reine Wahrheit, reine Wahrheit!“ betheuerte der Präſident.„Außerdem habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß talentvolle Damen ihr Talent niemals zu Gunſten ihres Ehegatten derf hnwenden Sie halten gut Haus damit und verbrauchen es nur zum Staat. Daher vielleicht auch unſere Abneigung gegen ſolche Damen.“ „Ich beſtehe keinesweges auf einer Verbindung mit Fräulein Roſa,“ wendete die Oberkammerherrin lächelnd ein,„glaube auch zuverſichtlich, daß das Andenken an ſeine verſtorbene Gattin das Herz Ludwig's mit einer chineſiſchen Mauer umzieht— woher ſonſt ſeine ſchmerz⸗ liche Muthloſigkeit, ſein ſichtliches Aufgeben alles Lebens⸗ glücks?“ Sie erhielt keine Antwort auf die halbe Frage; weil beide Brüder in ſich eine ſo angehäufte Maſſe ſentimentalen Stoffs nicht vorfanden, die, wie eine undurchdringliche Mauer, ſie von allen Weltwünſchen entfremdet haben würde. Sie gingen bald darauf in's Speiſezimmer und der Präſident warf dort ganz bei⸗ läufig hin, daß er es für einen Mangel in der Er⸗ ziehung halte, ſo raſch den Appetit zum Lebensgenuß zu verlieren, wenn es doch ein Mal gut geſchmeckt habe. 121 Eher würde er dieſe ganze Appetitloſigkeit vorziehen und eine gänzliche Reſignation angemeſſen finden, wenn ſich„Bitterkeiten in demjenigen gezeigt hätten, was anſcheinend von gutem Geſchmacke geweſen wäre.“ Die Oberkammerherrin wußte augenblicklich, daß dieſe Be⸗ merkung eine lang verhaltene Antwort auf ihre Frage ſein ſollte und ſie wendete etwas befremdet das Auge zu ihrem Gatten, der zuſtimmend mit dem Kopfe nickte. „Wie kann ich das verſtehen, meine Herren?“ fragte ſie unruhig.„Wollen Sie damit ſagen, Herr Schwager, daß Ludwig mit ſeiner Gattin nicht glücklich geweſen wäre?“ „Der Himmel behüte uns vor dieſer Behauptung,“ antwortete der Präſident.„Aber meine Gnädige, Alicens Mutter war zu wenig«Erdenkindy. Sie hätte am liebſten Roſenblätter gegeſſen und Thautropfen getrun⸗ ken, und das iſt einem tüchtigen und geſunden Men⸗ ſchenverſtande oft langweilig.“ Die Oberkammerherrin zog eine mißbilligende Miene. „Nun— ſo ſollte ich meinen, Ludwig würde aufathmen und nach proſaiſcherm Glücke ſachen, warf ſie mit Entrüſtung ein. „Ich meine, in dieſer Hinſicht iſt ſich Ludwig noch nicht klar. Seine Krankheit umnebelt noch e Schärfe 1859. XII. Erneſt Octav. I. ſeiner Beurtheilungskraft. Schade, daß die Discretion uns verbietet, mit ihm gerade heraus zu ſprechen,“ fügte der Präſident nach einem bedächtigen Koſten des Weins, den ihm ſein Bruder eingeſchenkt hatte, hinzu. Die alte Dame fuhr ordentlich erſchrocken von ihrem Sitze auf. „Mein Gott, Sie haben doch nichts dergleichen vor, Herr Schwager?“ fragte ſie empört.„Ja, ja— man kann Ihnen ſchon zutrauen, daß Sie eines Tages in aller Gemüthlichkeit zu Ludwig ſagen: verſuche eine zweite Fran, wenn Du auch in der erſten Dich ge⸗ täuſcht haben ſollteſt.“ „Ja, Frau Schwägerin, darauf geb' ich Ihnen mein heiliges Wort, daß ich das ganz gewiß zu dem guten Junker ſage, wenn ich ſehe, daß er irgend wie ſchwankend iſt,“ rief der Präſident mit einem Lachen aus den höchſten Fiſtelregionen.„Warum ſollt' ich wohl auf Strümpfen gehen, wenn ich mit meinem Neffen ein Wort des Ernſtes zu reden habe— feſt zugetreten, wenn auch einige zarte Herzensfaſern dabei zerquetſcht werden, nachher den Balſam der Wahr⸗ heit darauf gelegt. Den Menſchen möcht' ich ſehen, der noch lange in Illuſionen verharrte, wenn die Wirk⸗ lichkeit erſt von ihm erkannt iſt.“ Der Oberkammerherr nickte immerfort Beifall überließ jedoch ſeinem Bruder die Auseinanderſetzung dieſes Capitels ganz allein. Es brachte die Kammer⸗ herrin das ſtumme Spiel deſſelben zur Verzweiflung. Sie wendete ſich endlich mit der directen Frage an ihn: „Und Du theilſt Deines Bruders Anſicht, mein lieber Erneſt, daß Ludwig ſich nicht ganz glücklich in ſeiner Ehe gefühlt hat?“ „Liebe Frau— ich glaube, es hat heimlich bis⸗ weilen Ohnmachten gegeben, wenn unſer Ludwig nicht hat«Roſenblätter ſpeiſen und Thautropfen nippen⸗ wollen,“ antwortete der alte Primus mit beſchwichtigen⸗ dem Wohlwollen.„Ludwig heirathete als Knabe. Als er Mann wurde, fand er ſich am Spinnrocken ſitzen und einen ſammtweichen Pantoffel drohend über ſeinem Haupte. Wenn der Mann mit der innigſten Liebe im Herzen nicht glücklich geworden iſt, ſo muß ihm bange ſein, ohne Liebe ein Band zu ſchließen. Darin liegt der Grund, daß unſer Ludwig keine Ehe wieder ein⸗ gehen wird—“ „Oder er müßte ſich denn nochmals verlieben, was mit neununddreißig Jahren gar keine Unmöglich⸗ keit iſt,“ ſchloß der Präſident weiſen Tones. Die alte Dame rückte ſich kopfſchüttelnd in ihrem Seſſel zurecht, aber ſie fühlte ſich von der Wahrheit . 124 in ihres Gatten Worten beſiegt. Der Präſident rieb ſchadenfroh die hagern Hände zuſammen und ſprach frohlockend: „Ja, ja, Frau Schwägerin, ſo iſt es in der Welt, die Ihr Damen durch das Prisma Eurer Ver⸗ klärungsgläſer beſchauet. Wenn ein Mann ſeine Frau begraben ließ und er wählt ſich keine zweite, ſo heben die Damen fromm die Augen gen Himmel und beten für“den treuen Mann“, aber ich parire zehn gegen eins, daß er ſich lediglich«aus Furcht» nicht wieder⸗ verheirathet hat.“ „Alſo logiſch geſchloſſen,“ fuhr die Oberkammer⸗ herrin mit feinem Lächeln fort,„ſind die Männer außerordentlich glücklich in ihrer Ehe geweſen, die ſo⸗ gleich nach dem Begräbniſſe wieder zur Wahl ſchreiten. Danach wäre dies das herrlichſte Epitaphium auf dem Grabſteine der Verſtorbenen und jede Ehefrau müßte mit dem letzten Athemzuge ihren Gatten um Gottes willen bitten, nur ſo ſchleunig wie möglich ihre Stelle zu erſetzen.“. „Allerdings,“ ſchnarrte der Präſident mit wohl⸗ gefälligem Lachen.„Wir werden das Recept unſerm Majoratserben verſchreiben, vielleicht hilft es. Und da Alicens Mutter immer ſehr viel vom«Engel an ſich hatte, ſo wird ſie ſich, vom Himmel herabſchauend, ohne — 8 125 irdiſche Beimiſchung des Glückes freuen, das wir da⸗ durch ſtiften.“— 1 Es lag ſo viel Frivolität in dieſer Aeußerung, daß die alte Dame ſie würdevoll unbeantwortet ließ. Das Geſpräch wendete ſich ungezwungen zu andern Gegen⸗ ſtänden. Man trennte ſich früh und kam überein, den nächſten Tag einen Angriff auf Ludwig's krankhafte Gewohnheiten zu wagen, bevor man ſich dem eigent⸗ lichen Zwecke der Familienzuſammenkunft hingäbe. „Wir müſſen verſuchen, den verzagten Nerven ein wenig Spannkraft zu verleihen,“ meinte der Präſident, indem er ſeiner Schwägerin mit einiger Demuth und Buße, die Hand zur«guten Nachty küßte.„Der hinfällige Körper muß vom Geiſte unterſtützt werden 3 und der hinfällige Geiſt vom Körper. Durch dieſe Wechſelwirkung erhielten wir beiden alten Knaben bis heute unſer Daſein und können alſo aus Erfahrung Rath ertheilen.“— Der Kammerdiener des Oberkammerherrn ſtand mit zwei großen Armleuchtern bewaffnet an dem Ein⸗ gange des Corridors, um den Präſidenten zu ſeinen Zimmern zu geleiten und der Kammerdiener des Prä⸗ ſidenten folgte, gleichfalls mit Armleuchtern. Der Ober⸗ kammerherr ließ es ſich nicht nehmen, ſeinen Bruder zu begleiten. Arm in Arm, mit dem Ausdrucke eines 126 herzlichen Wohlwollens auf den alten Geſichtern durch⸗ ſchritten ſie den wohlbekannten Corridor, der faſt unver⸗ ändert geblieben war. Plötzlich blieb der Präſident ſtehen. „Hier war unſers ſeligen Vaters Zimmer— was haſt Du damit gemacht, Bruder Primus?“ fragte er eilig. „Nichts, lieber Tertius— es ſteht noch heute, wie es unſer Vater verlaſſen hat. Wollen wir hin⸗ eingehen?“ „Ja,“ rief der Präſident mit ſchnellem Entſchluſſe. Der Schlüſſel wurde geholt und die Brüder traten ein. Nachdem die Kammerdiener die Beleuchtung geordnet hatten, verließen ſie in ehrerbietiger Scheu das Zimmer. Schweigend ſtanden die Herren und ſchauten ſich langſam um. Dann ſahen ſie ſich an und reichten einander die Hand. „Wie ſiehſt Du dem ſeligen Vater gleich,“ ſprach der Präſident gedämpft und um einen halben Ton tiefer als ſonſt.„Es iſt mir noch niemals ſo auf⸗ gefallen, wie jetzt eben. Erinnerſt Du Dich, wie wir hier ſtanden und Audienz beim Seligen hatten? Wie Du, als Primus, das Wort führteſt?“ Ein ſchönes Lächeln überflog des Primus Geſicht. „Wir hatten Wichtiges vor—“ antwortete er. „Wir wollten bei unſerm Octavus Gevatter ſtehen.“ 127 „Es war ein ſonderbarer Einfall von uns,“ meinte der Präſident;„wenn ich mich recht erinnere, ſo ging der Vorſchlag von Dir aus.“ „Sonderbar kann ich noch heute meinen Einfall nicht finden,“ ſprach der Oberkammerherr entgegnend.„Er war naturgemäß. Die großen Brüder ſollten ſich des kleinen hülfloſen Brüderchens annehmen und um ſie dazu zu verpflichten, erſann ich die Pathenſchaft. Es iſt freliich Alles anders geworden, wie ich träumte und bisweilen taucht eine Art Reue in mir auf, daß ich unſerm Octavus das Gut nicht überlaſſen habe.“ Der Präſident ſah ihn freundlich an. „Das ſieht Dir ähnlich, alter Knabe,“ ſcherzte er, fügte jedoch ſogleich ſehr ernſthaft hinzu!„Unter uns geſprochen, ſo will es mir nicht behagen, daß wir uns dieſen Kobold, den kleinen Dämon des Hauſes Schmidt⸗Welldorf, wieder auf den Hals laden wollen. Stehe ab von dem Vorhaben, beſter Bruder, ſtehe ab davon. Es ahnt mir Unglück. Wenn nun Octav erſcheint, was willſt Du dann thun?“ Der Oberkammerherr ſtutzte. „Das weiß ich noch nicht!“ entſchied er ſchnell, „Das hängt ja von den Umſtänden ab, worin wir ihn finden. Iſt er verheirathet und hat Söhne, ſo müſſen wir verabreden, ſeinen Aelteſten als Majoratserben zu erklären, im Falle Ludwig ſtirbt. Iſt er unverheirathet, ſo wollen wir ihm vorſchlagen, eine paſſende Heirath einzugehen— er iſt zwanzig Jahre jünger als ich, zählt alſo noch zu den Heirathsfähigen.“ Der Präſident ſchüttelte immerwährend den Kopf als Zeichen ſeiner Mißbilligung. „In dem Plane iſt etwas, was mir durchaus nicht zuſagt. Laſſen wir lieber den Mann, der ſich von uns auf eine unverantwortliche Weiſe losgeriſſen hat, in Frieden, verheirathen wir Alicen und adop⸗ tiren deren Gatten.“ „Nein, mein Bruder. Das iſt der allerletzte Ausweg aus dieſem Labyrinth, allein für jetzt nicht zu rechtfertigen,“ ſprach mit voller, ſtarker Stimme der Oberkammerherr. Der Präſident zuckte zuſammen. „Du ſprichſt doch accurat, wie unſer ſeliger Vater,“ ſagte er, ſonderbar bewegt.„Ich füge mich Deinem Willen, Primus— ich füge mich!“ Er nahm wieder ſeinen Arm und auf ſeinen Ruf erſchien das Kammerdienerpaar, um die Herren weiter zu geleiten. Der Präſident blieb auf der Schwelle nochmals ſtehen. „Weißt Du noch, Bruder Primus,“ fragte er wieder heiter,„wie ſich hier Mosje Jean Pierre, des 1 129 Vaters Kammerdiener, mit anmuthiger Reverenz erbot, uns zum Tauffeſte à la Buonaparte zu friſiren? Ja, Ihr Herren Kammerdiener,“ fügte er mit jener liebens⸗ würdigen Herablaſſung hinzu, die den Herzen der Dienſt⸗ boten ſo wohlthuend iſt, indem er ſich zu denſelben umwendete,„Mosje Jean Pierre war doch ein ganz anderer Kerl, wie Ihr. Die Sorte Kammerdiener iſt ausgeſtorben— glatt wie ein Aal, verſchwiegen wie ein Todter, ſchlau wie ein Fuchs, behende wie ein Wieſel, aufmerkſam wie eine Nachtigall, dienſtfertig 4 wie ein Schwarzer, treu wie ein Hund, geſchickt wie ein Affe und ehrlich— nun, ehrlich wie die jetzigen Kammerdiener!“ Er lachte ſo gutmüthig und herzlich, daß Alles mitlachen mußte und die feierliche Stimmung aus des ſeligen Vaters Zimmer verſchwand. „Nun ſchlaf wohl, lieber Primus,“ ſagte er, ſich die Thränen aus den Augenwinkeln drückend, die ihm ſein herzhaftes Lachen dahin gebracht hatte.„Schlaf wohl. Ich denke unter Deinem Schutze«einen langen Schlaf zu thun).“— Die Thüren des eleganten Gaſtzimmers fielen zu und der Präſideut fand ſich mit ſeinem ehrenwerthen Jakob Witte, ſeit zehn bis funfzehn Jahren Kammer⸗ diener Sr. Gnaden, allein. Während Herr Jak, wie 130 er der beliebten Kürze wegen genannt wurde, die Vor⸗ bereitungen zur Nachttoilette ſeines Herrn begann und die Schlafmützen, Schlafhemden, Schlafjacken und der⸗ gleichen mehr hervorholte, um ſie dem alten Herrn anzuziehen, gab der Präſident ſich einem ſehr ernſten Nachdenken hin. „Ein eigener Fall,“ murmelte er endlich, als er ganz vergeblich geſonnen hatte, um mit ſich und den diver⸗ girenden Anſichten ſeines Bruders in's Reine zu kommen. „ Sehr traurig,“ fiel Herr Jak ein, der da glaubte, dieſe Erklärung gelte ihm, dem Vertrauten. Der Präſident ſah verwundert zu ihm hin. Er hatte nicht geglaubt, daß er ſo laut gedacht, aber es war ihm lieb, dadurch ſeinem unerquicklichen Nachſinnen überhoben zu ſein. „Freilich etwas traurig, aber im Allgemeinen leicht zu ändern,“ erklärte er gutmüthig.„Wer heißt uns Schritte zu thun, die wir nicht nöthig haben.“ „Verzeihung, Ew. Gnaden,“ erwiderte der Kam⸗ merdiener, einſehend, daß er ihn falſch verſtanden habe, mit der Offenheit, die ihm im langjährigen Dienſte zugeſtanden war,„ich dachte, Sie ſprächen von dem Zuſtande des gnädigen Herrn Regierungsrath—“ „Pah— der Fall bekümmert mich nicht—“ meinte der Präſident leichthin.„Warum ſoll mein 131 Neffe nicht wieder geſund werden, da er glücklich vom Krankenbett erſtanden iſt. Aber die Eile, womit man «Erben» aufruft, obwohl noch nichts zu erben vorliegt, die will mir nicht in den Kopf.“. .„Man hat auch Beiſpiele, gnädiger Herr, daß ſolche Zuſtände ſich beſſern, wenn die richtige Hülfe geſucht wird— nur nicht gleich in's Irrenhaus!“ ſchloß er mit gewaltigem Pathos.— Der Präſident ſah Herrn Jak ſtarr an. Dieſer ſchlug, verlegen über ſeine voreilig geäußerte Willens⸗ meinung ſcheu die Augen nieder. „Wenn ich fragen darf, Monſieur Jacques,“ ſchnarrte ſein Herr in dem Tone, der ſeine zornige Gereiztheit ſtets verrieth,„wenn ich fragen darf, wer iſt zum Tollhaus reif? Sie oder ein Anderer?“ „Verzeihung, Gnaden—“ ſtammelte der Kammer⸗ diener und zog dem Herrn die Nachtjacke an. „Nun, ſprechen Sie— erklären Sie, Monſieur Jaques—“ fuhr dieſer fort.„Ah— ſo— Sie wollen mir erſt die Zwangsjacke anlegen.— Heraus mit der Sprache!“ „Hat man Ihnen verhehlt, gnädiger Herr, daß der Herr Regierungsrath wahnwitzig iſt?“ fragte der Kammerdiener entſchloſſen, aber mit der tiefen Kümmer⸗ niß eines Theilnehmenden. 3 „Wahnwitzig?“ ſchrie der Präſident auf.„Be⸗ richten Sie Facta—“ befahl er nach einer kleinen Pauſe, wieder gefaßt. „Der Herr Regierungsrath hat die fire Idee czu crfrieren),“ flüſterte Jak leiſe und heimlich. „Dummes Zeug!“ fuhr der Präſident auf.„Phan⸗ taſiegeburten des Geſindezimmers— mein Neffe iſt ſchwer krank geweſen, hat Nervenfrieren, iſt hypochon⸗ driſch— Ich bitt' mir aus,“ ſetzte er hochmüthig hinzu, „daß von morgen an kein Menſch im Schloſſe mehr von cfixen Ideen) meines Herrn Neffen ſpricht. Sie haben dafür zu ſorgen, Herr Jakob Witte!“ Er wendete ſich mit weit mehr Stolz, als er für gewöhnlich zeigte, von ſeinem Diener ab und ſchritt gravitätiſch im Zimmer hin und her, während Herr Jak mit einigen ſehr tiefen Verbeugungen den Befehl auszuführen verſprach und tauſendmal um Entſchuldigung bat. Endlich beſänftigte ſich das Gemüth des Präſi⸗ denten wieder. Er blieb ſtehen, ſah den Diener mit gutmüthigem Lächeln an und ſagte: „Ihr ſeid verwünſcht raſch darüber her, wenn es gilt, irgend einem Höhergeſtellten das Bischen Verſtand abzuſprechen— wißt Ihr, woher das kommt? Nein? Nun blos daher, weil Ihr dabei Gelegenheit habt, Euch mit dem Verſtande brüſten zu können, den Ihr verwandt nach dem Himmel empor, von wo aus die 133 behalten zu haben meint. Aber, Witte, Ihr kommt dadurch nicht um eine Stufe höher, wenn Ihr die Mängel Eurer Herrſchaft an's Tageslicht fördert, alſo laßt ab davon!“ Er bedeutete den verlegenen Kammerdiener, der allerdings an dem Fehler vieler dienſtbaren Geiſter laborirte,«Kritiken über herrſchaftliche Klugheit zu gebeny, durch einen Wink mit der Hand, ihn zu ver⸗ laſſen, ohne ihn weiter anhören zu wollen und er gab ſich dabei das Anſehen, als beachte er dergleichen Redereien nicht. Aber kaum ſah er ſich allein, ſo ließ er die Maske fallen und ſtand ſeinem Geſichte die Freiheit zu, die Qualen, die ihn peinigten, blicken zu laſſen. „ Sollte es wahr ſein?“ murmelte er, ſchmerzlich bewegt, indem er, die Hände auf dem Rücken, das Zimmer durchſchritt.„Sein Ausſehen ſpricht dafür— Warum ſollte man mir aber ein Geheimniß daraus machen? Wahnwitzig? ncin, ſo tief wird uns der Sch zzyf r aller Dinge nicht beugen! Lieber möcht' ich mir abermals das leidige Stückchen Trauerflor über den Hut ziehen laſſen, als ihn, den ich immer ſo lieb gehabt, ſo leben ſehen!“ Er trat an's Fenſter, öffnete es und ſchaute un⸗ Sterne luſtig flimmernd ihm zu winken ſchienen. 134 „Da oben ſoll Allweisheit thronen, Allgüte herr⸗ ſchen und Allgegenwart ſein! Alſo müſſen wir geduldig hinnehmen, wenn uns der Weltenherrſcher mit dem, was wir Zufall nennen, demüthigt. Zwar verſtehe ich den Gang der himmliſchen Gerechtigkeit nicht recht her⸗ auszufinden und würde mich verſucht fühlen, nach irdiſch geſetzlichen Begriffen es für eine ſchreiende Un⸗ gerechtigkeit zu erklären, wenn des wilden Buben Octav trotzige Erklärung«auf jeden Fall dereinſt Well⸗ dorf als Eigenthum beſitzen zu wolleny, wirk⸗ lich durch mächtige Schickſalswendungen unterſtützt werden ſollte. Wer hätte gedacht, daß wir genöthigt ſein würden, dieſen anmaßenden Trotzkopf zu citiren, um nur den neuen Stamm der Familie nicht vergehen zu ſehen!“. Der Präſident gehörte zu den Menſchen, die ſich von Mißmuth und Sorgen nie um den ſüßen ſanften Schlaf betrügen laſſen. Nachdem er ſeinen Groll gegen das Geſchick ausgeſprochen hatte, legte e hig zu Bette und ſtand am Morgen, als kaum Sonne den Mantel der Morgenröthe von ſich geworſen hatte, rüſtig und heiter wieder auf. Er hatte alle Grillen⸗ verſchlafen und wendete die kurze Zeit, die ihm bis zum Frühſtücke verblieb, dazu an, mit gemüthlichem 13⁵5 Spotte das Schloß ſeiner Ahnen von allen Seiten zu bewundern. Seine ange, hagere Geſtalt in einen mächtig⸗ ſchönen türkiſchen Schlafrock gehüllt, ſchlich er, wie der Kalif von Bagdan im Schloſſe umher und ſuchte ſich zu orientiren. Seit neun Jahren war er nicht hier geweſen und ſeitdem hatte ſein Bruder durch Anbau das Schloß ſo bedeutend vergrößert, daß der alte Theil unter den Neubauten gleichſam verſchwand. Der Präſident geſtand es ſich willig und gern zu, daß es nicht leicht ein Schloß geben könne, wo die Behaglicheit mit den Reichthume der Ausſtattung mehr Hand in Hand gehen, aber er lächelte dennoch ſar⸗ kaſtiſch über die moderne Zierlichkeit, die auf den erſten Blick das neue Adelsgeſchlechty verrathe. Der Reiz, der für ihn in den großen, weitläufigen Gebäuden mit uralten ellendicken Steinmauern lag, wurde nichk durch die warme Lebensfriſche, die ſich durch das ſchön decorirte— Haus zog, erſetzt. Was waren die hellen, neuen Ge⸗ mälde ind Statuen gegen die verſtäubten Alterthümer einer Familie, die ſeit Jahrhundert en beſtand, deren Stammbaum in die dunkle Zeit des erſten Ritterthums hineinreichte! Er meinte den feinen, nenen Gemächern mit ihren zeitgemäßen Zierrathen das Seuutageder guügen ſeiner Vorfahren anzuſehen, die ſechs Tage redlich arbeiteten, um den ſiebenten mit Aplomb als reiche Herren zu vertrödeln. 4 „Hier wird nie der Staub die Atmoſphäre verder⸗ ben,“ murmelte er, ſpottſüchtig gemacht durch den kleinen Neid, der ſein Herz immer beſchlich, wenn er ſich mit den Abkömmlingen des alten Adels verglich.„In Pomp gegründet und in Glanz untergegangen, wird in hundert Jahren kein Menſch mehr wiſſen, daß die Familie Schmidt— eine große deutſche Familie— einſtmals einen Anlauf genommen hat, ſich aus dem plebejiſchen Staube zu einer ariſtokratiſchen Höhe aufzuſchwingen.“ Seine Betrachtungen verloren ſich jetzt wieder in dem Chaos von Widerwilligkeiten, die an dieſem Tage geläutert werden ſollten und er zog ſich auf ſein Zimmer zurück, um ſich ankleiden zu laſſen. Ganz unwillüürlich überfiel ihn ein Bangen, wenn ee an ſeine nächſte Zuſammenkunft mit dem Regierungs⸗ rath dachte und je näher die Zeit heranrückte, deſto reſignirter präparirte er ſich auf eine traurige Erfahrung. Um ſo größer war ſein freudiges Erſtaunen, als ſich unerwartet ſeine Thür öffnete und der kranke Neffe mit einem ſehr geſunden Gelächter in's Zimmer hinein⸗ fragte: ſeit wann der gnädige Herr Onkel das Habit eines Paſcha gewählt habe, um den armen Schloß⸗ dienern den Kopf zu verdrehen.. 4 137 Der Präſident ſah ihn wohlwollend an. „Wie ſo, mein Junker?“ fragte er heiter. „Der Caſtellan hat mir eben auf Ehre) ver⸗ ſichert, daß der Herr Präſident als Dame verkleidet), ſchon am Morgen auf der Terraſſe herumſpaziert ſei,“ berichtete der Regierungsrath näher tretend, während der Präſident unter bedeutſamer Wichtigkeit einen Blick mit ſeinem froh überraſchten Kammerdiener tauſchte. „Da liegt mein Maskenanzug,“ meinte der Onkel Präſident, lachend auf den großgeblümten Schlafrock und auf einen ſchwarz und weißgegitterten Plaid zei⸗ gend.„Sieh zu, ob Dein Caſtellan«ſeine Ehre“ auf's Spiel geſetzt hat.“ Der Regierungsrath mußte zugeben, daß dieſer zuſammengeſtellte Anzug einer Verkleidung nicht unähn⸗ lich ſähe und er verbreitete ſich mit ſeinem gewöhnlichen Humor früherer Tage über die neue Mode, die ſich kürz⸗ lich erſt von England nach Deutſchland überſiedelt hatte, „als Deutſcher einen Plaid zu tragen“. Als er das Zimmer wieder verlaſſen hatte, machte der Präſident ein fröhliches Geſicht, worin ſich ſeine innern Hoffnungen widerſpiegelten und der Kammer⸗ diener beeilte ſich zu ſagen: „Welch' eine Thorheit, dem gnädigen Herrn eine fire Idee anzudichten!“ 1859. XII. Erneſt Octav. I. 9 4 Der Präſident ſixirte ihn lächelnd von der Seite. „Sie wechſeln mit erbaulicher Schnelligkeit Ihre Meinungen und Urtheile, lieber Witte. Vergeſſen Sie nur nicht, daß die Erfinder ehrenrühriger Gerüchte nie ſo tadelnswerth erſcheinen, wie die Verbreiter derſelben. Ich bin überzeugt, der Caſtellan hält mich im Stillen für ebenſo verrückt, wie meinen Neffen, den Regierungs⸗ rath, blos weil ich ein Tuch gegen die Morgenfriſche übergehangen hatte, von deſſen Gebrauch für Männer er bis dato noch nichts gewußt hat. Behält dieſer weiſe Caſtellan nun ſein Urtheil im verſchwiegenen Buſen, ſo ſchadet es weder mir, noch ihm, aber läßt er es zum weitern Verbrauch über ſeine Lippen treten, ſo müſſen vernünftige Leute es ihm nicht nachſprechen. So— nun legen Sie mir noch ein Taſchentuch heraus — jetzt wären wir fertig!“ Der Kammerdiener kannte ſeines Herrn Eigen⸗ thümlichkeit und wußte, daß mit den letzten, zweiſinnigen Worten die ganze Unüberlegtheit ſeines Verhaltens am vorigen Abend ad acta geſchrieben war. Drüben im Familienſalon wartete die Oberkam⸗ merherrin mit Alice auf die Herren. Das Frühſtück ſtand bereit, allein die Männer zögerten es einzuneh⸗ men. Alice zeigte mehr Ungeduld, als die alte Dame und ſie äußerte endlich die Meinung, daß ſie vielleicht ſchon jetzt zu einer Berathung zuſammengetreten ſein möchten. Sie hatte Recht. Es währte keine halbe Stunde, ſo hörte man des alten Primus Stimme von oben herab den Befehl ertheilen„zu ſatteln, um eine De⸗ peſche nach der nächſten Eiſenbahnſtation zu befördern.“ Trauriß horchte die Oberkammerherrin auf dieſen Befehl und mit einer Miſchung von Furcht und Freude, das junge Mädchen. Was konnte man nun Alles erwarten! Längſt vexblichene Bilder tauchten in der Erinnerung der alten Dame auf. Sie ſah den trotzigen Knaben vor ſich ſtehen, als ihr junger Gatte ſie als Braut zu ihm geführt hatte— konnte ſie von dieſem, vielleicht bös⸗ williger noch, verhärtetem Gemüthe irgend etwas Freundliches hoffen? Das Glück der Familie wurde jetzt in ſeine Hände gelegt. Er gewann Macht über das Schickſal der Menſchen, die er mit Verachtung und Trotz gemieden hatte und ihr ſchauderte vor der Will⸗ kür ſeines Herrſchens. Ja, ſo lange der Primus lebte, konnte es gehen, was wurde jedoch aus ihr, was aus Alice, wenn des harten Schickſals Walten die letzten Stützen des Hauſes brach, wenn ihr Gatte, wenn ihr Schwager, wenn ihr Sohn heimgingen vor ihr. Ihre Bruſt hob ſich unter beklemmten Athemzügen, 140 während das junge Mädchen an ihrer Seite eine tiefe Sehnſucht nach der Entwirrung eines Geheimniſſes in ihrem Familienkreiſe, entſtehen fühlte. Die fremdartige Charakterfärbung eines Mannes, der ihr Oheim war, zog ſie unwillkürlich, bei allem Abſtoßenden, an. Sie wünſchte ihn zu ſehen, ihn kennen zu lernen, freilich mit einer Art ſcheuer Neugier, wie man wilde Thiere zu betrachten pflegt, aber ihr phantaſtiſches Gemüth bildete einen Uebergang zur Bezähmung ſeines trotzigen Weſens in ſich aus, ſie dachte es ſich herrlich, wenn er feindſelig kam und durch Güte und Liebe bezwungen wurde. Darum leuchtete ihr Auge auch hell und zu⸗ verſichtlich, als die Herren jetzt eintraten in’s Früh⸗ ſtückzimmer und der Oberkammerherr mit ſehr ernſten, faſt feierlichen Mienen erklärte:„Es ſei beſchloſſen, die Aufforderung zu jeder, auch der kleinſten und ge⸗ ringfügigſten Auskunft über etwaige Mitglieder der Familie, ſogleich abgehen zu laſſen und den ſechzehn⸗ ten Auguſt als den Tag anzuberaumen, wo die ſchrift⸗ lichen Mittheilungen darüber oder das perſönliche Er⸗ ſcheinen derjenigen Perſonen, welche berechtigt zu ſein glaubten, erwartet würden. „Bis zum ſechzehnten Auguſt hat alſo Junker Ludwig Zeit, den Kranken zu ſpielen,“ bemerkte der Präſident in unverwüſtlichem Sarkasmus,„ allein ſollte 141 wider Vermuthen ſich kein Comparent ſtellen, ſo werde ich ein ernſthaftes Wort mit ihm reden, meine Gnä⸗ dige, trotz ihrer ſubtilen Lebensanſichten, die eine Fort⸗ dauer der Liebe nach dem Tode predigen. Einer muß heirathen,“ fügte er leiſer hinzu, indem ſeine Blicke verſtohlen von Alice zu ihrem Vater wanderten. Der Regierungsrath hörte den Nachſatz. Ein flüchtiges Roth zuckte über ſein Geſicht, aber es zeigte von da an den leichten Schatten eines bedenklichen Sinnens. Das Bild ſeiner verſtorbenen Frau trat lebhaft vor ſeine Seele, er vergegenwärtigte ſich die Freuden ſeiner Ehe, er gedachte der kleinen Leiden, die ihm die In⸗ dividualität der Geliebten bereitet hatte und dann warf er ſich die Frage auf, ob es ihm möglich ſein würde, eine ſtille und einfache Vernunftheirath zu ſchließen. Tauſend Stimmen in ſeiner Bruſt riefen:„Nein! Nein!“ Gut, ſo mußte alſo Alice das Opfer ſein. Der Regierungsrath war mit neununddreißig Jah⸗ ren noch nicht zu der Weltweisheit gelangt, die andere Weltleute ſchon vor ihrer Mündigkeit begriffen haben. Er beurtheilte alle Lebensverhältniſſe nach idealen Be⸗ griffen und räumte den Zwangsmitteln, die zu einer hervorragenden Stellung zu führen vermochten, nicht die geringſte Macht ein. Mit allen Eigenſchaften aus⸗ geſtattet, die für die glänzende Welt ausſchließlich von Bedeutung ſind, hatte er ſich auf der Lebensbahn, welche ihm von Geburt angewieſen war, ſo lange ſehr glücklich gefühlt, bis das Unglück ſeinen Weg durch⸗ kreuzte. Von der nichtigen Höhe, die ſich ein Held des Geſellſchaftsſaals erträumt, herabgeſchleudert, fand er ſich plötzlich zu ſchwach, den Wechſelfällen ſeines Geſchicks den männlichen Muth entgegen zu ſtellen, der ihn über die wüſte Leere ſeines beraubten Daſeins em⸗ porheben konnte. Aber außer dieſer Schwäche entdeckte er auch zu ſeinem Erſtaunen, daß er von der Wirk⸗ lichkeit des Lebens noch gar keinen rechten Begriff er⸗ halten habe. Seine Lebeuszeit war unter einem Spielc von Arbeit verfloſſen, durch die Liebe zu einer ſchönen Frau ausgefüllt, in den Capricen eines geſelligen Ver⸗ kehres untergegangen— war es zu verwundern, wenn er, keinen weitern genußreichen Verbrauch derſelben kennend, es nicht der Mühe werth fand, weiter zu träumen oder von vorn anzufangen? Alice alſo mußte das Opfer ſein? Ißhm ging ein Schauder durch die Seele. Sein Kind jammerte ihn. Sollte das zarte Mädchen über⸗ redet und bezwungen von den Vorſtellungen der Fa⸗ milienoberhäupter das ganze überſchwenglich poetiſche war in dieſem Zeitungsinſerate eine ſo ſprechende 143 Glück der Liebe entbehren, blos um einen kaum empor⸗ geſchoſſenen Familienſtamm zu erhalten? Wozu gründete ſein Vater ein Majorat! Es war unnöthig. Es„war eine Ungerechtigkeit gegen die jüngſtgeborenen Kinder des Hauſes. Es dünkte ihm ein Uebergriff der väterlichen Macht, den älteſten Sohn dergeſtalt zu bevorzugen. Der Miniſter, ſein ehren⸗ werther Großpapa, hatte ausdrücklich eine gleiche Thei⸗ lung des Erbes ausgeſprochen, weshalb folgte man nicht dieſem Gerechtigkeitsgefühle? Alice ſollte nicht das Opfer ſein! Sie ſollte nicht ihre Jugend vertrauern und mit ihren ſanften Blicken einen Vorwurf auf ſein Herz ſchleudern. Sein Vorſatz, den er nach dieſem Grübeln faßte, entſprang aus dem klaren und lautern Quell einer romantiſch tief begründeten Vaterliebe. Ehe er ſein Kind dem kalten Leben überantwortete, das eine Vernunftheirath verſprach, lieber wollte er mit dem vollen Bewußtſein deſſen was er that, eine neue Ehe ſchließen. Die beſchloſſene Aufforderung lief wirklich vom Stapel und fand ihren Weg, mittelſt der umſichtigen Anordnung des Präſidenten durch alle Länder des cul⸗ tivirten Europa, bis über das Meer hinaus. Es 144 Dringlichkeit ausgedrückt„über den Verbleib der acht namhaft gemachten Söhne, des weiland Miniſter von Schmidt⸗Welldorf Erben, irgend eine Nachricht zu erhal⸗ ten,“ daß es gar nicht fehlen konnte, die Aufmerkſam⸗ keit im Allgemeinen zu erregen und den Wunſch zu erwecken, der Familie durch die Kundgebung deſſen, was zur Aufklärung und Ermittlung dienen konnte, einen Dienſt zu leiſten. Die diplomatiſche Schlauheit des alten Juriſten hatte dem Aufrufe den Schleier des Geheimniſſes übergeworfen, indem er die Gründe zu demſelben ganz unerörtert ließ und eine Aufklärung darüber den Conferenzen auf dem Schloſſe zu Well⸗ dorf überantwortete, die von dem ſechzehnten Auguſt an beginnen ſollten. Durch einige kleine Zuſätze des wohlwollenden Primus gewann dazu der Aufruf den Anſchein einer Bitte an das Publikum im Allgemeinen, wodurch ſelbſt dann eine Aufklärung erzielt werden konnte, wenn auch die fortdauernde Gehäſſigkeit des Bruders Octavus ſich nicht zu einer Verſöhnlichkeit geneigt fin⸗ den laſſen ſollte, die eine Zuſammenkunft möglich machte. Der alte gute Oberkammerherr meinte in ſeinem Sinne ſchon genug errungen zu haben, wenn er den Aufenthalt, eventualiter den Tod, ſeines Bru⸗ ders mit Gewißheit erfuhr. Lebte Octav, ſo wollte 145 er ſich weder von großen Entfernungen, nach fortge⸗ ſetzten Unverſöhnlichkeiten abhalten laſſen, durch ſeine perſönliche Einwirkung ein brüderliches Verhältniß wieder herzuſtellen, dies erklärte er ſeinem Bruder ganz unverhohlen. Ihn peinigte ſeit lieber, langer Zeit die feindſelige Erbitterung ſeines jüngſten Bruders und die ſeltſam ſich häufenden Sterbefälle in der Fa⸗ milie thaten das ihrige, um ſein Herz immer mehr dem Verlangen zu öffnen, die Geſtalt dieſes Bruders zwi⸗ ſchen den übrig gebliebenen Sprößlingen derſelben walten zu ſehen. Ohne dem Aberglauben zu huldi⸗ gen, erſchien ihm doch bisweilen das ſichtliche Ver⸗ gehen ſeines neubegründeten Stammes, als eine Wir⸗ kung der flammend ausgeſprochenen Verwünſchung, die von des Knaben Lippen geflogen war und er machte ſich Vorwürfe über die Leichtſinnigkeit, womit er da⸗ mals die gewaltſame Entfremdung ſeines Bruders auf⸗ genommen hatte. Mit wahrer Inbrunſt erflehete er es jetzt vom Schickſale, daß ihre Schritte Erfolg haben und ihm die Freuden eines Wiederſehens noch vor ſeinem Tode vergönnt ſein möchten. Er theilte die Befürchtungen ſeiner würdigen Gattin, die Unheil ſprießen ſah, keineswegs. Die Ruhe und Erfahrung des gereiften Mannes hatte ganz ſicher längſt die knabenhafte Arroganz in's richtige Licht geſtellt und 146 Herrn Octav fähig zu verſtändigen Vergleichungen gemacht. Ihm erſchien deshalb der ſechzehnte Auguſt als ein Lichtpunkt ſeines alten Lebens, während die Oberkammerherrin mit der Spitzfindigkeit weiblicher Zweifelſucht täglich neue Quellen der Sorge für die Zukunft entdeckte. Drittes Capitel. In der breiten Waſſerfläche, welche die Elbe bil⸗ det, bevor ſie ſich in die Nordſee ergießt, liegen eine Menge kleiner Inſeln, deren Bewohner ſich vorzugs⸗ weiſe den Geſchäften widmen, die von der unmittel⸗ baren Verbindung mit der See herbeigeführt werden. Schon durch die Iſolirung ihrer Wohnorte ſowohl, als durch das halb ſeemänniſche Leben, das ſie zu führen gewohnt ſind, hat ſich unter dieſen Inſelbewohnern ein eigenthümlicher Charakter ausgebildet, der ſie von den Bewohnern der Elbufer, ſo nahe ſie auch denſelben ſind, ſonderbar auszeichnet. Es entwickelte ſich nament⸗ lich durch ihre Beſchäftigungen auf dem Waſſer, ſo wie durch den Handel, den ſie eines Theils mit Fiſchen, andern Theils mit Gemüſen und Obſt betreiben, eine rückſichtsloſe Selbſtſtändigkeit in ihrem ganzen Weſen, 148 das ſie allen andern Bewohnern dieſes Diſtrictes ge⸗ genüber ſehr mündig erſcheinen läßt. Wie bei allen Inſelbewohnern, wo die Männer mehr auf dem Waſſer, als auf dem Lande zu Hauſe ſind, müſſen auch die Frauen auf dieſen„Werdern,“ wie man ſie nennt, kräftig und thatbereit dem Leben entgegentreten und allen häuslichen Obliegenheiten, wo⸗ runter die Ackerwirthſchaft und Viehzucht inbegriffen iſt, vorſtehen. Eine Conſtitution, derb wie Stein und eine Geſundheit feſt wie Eiſen macht ſie im Allgemeinen auch tüchtig dazu und es kommt ſelten vor, daß ſich auf den Werdern Menſchen vorfinden, die ſich durch Verkrüpplungen wie man ſie unter verweichlichenden Verhältniſſen ſo oft entſtehen ſieht, auszeichnen und ſich zum Geſchäfte untauglich erweiſen. Die Werder ſind durchgängig ſo flach, daß nur hohe Erdwälle ſie vor Ueberſchwemmungen und gewalt⸗ ſamen Eisgängen ſchützen können und dieſe Wälle ſind theilweiſe ſo hoch, daß man nur die Wipfel der Bäume gewahr wird, wenn man ſich ihnen nähert, aber gerade das giebt dem kleinen, von ihnen beſchützten Fleckchen Erde einen unbeſchreibbaren Reiz. Die Häuſer liegen ſo tief verſteckt hinter den Wällen, als hätten ſie ſich vor Sturm, Wetter und Waſſer verkrochen und ver⸗ ſpotteten nun in ihrer zierlichen Reinlichkeit die Feinde 1⁴9 ihres Daſeins. Reinlichkeit iſt ein vorherrſchender Schmuck aller Gebäude auf den Inſeln und Reinlich⸗ keit die vorherrſchende Tugend aller Inſelbewohner. Es war an einem Sonntage, als auf dem Deich⸗ walle der Inſel Falkwerder Jung und Alt, Groß und Klein umherlungerte, um eben dieſen Sonntag ſo gehörig zu feiern, wie es zum Glück ihres armen, einfachen Lebens nothwendig war. Der Tag neigte ſich ſchon zum Ende und ließ bei der ſteigenden Stille der Natur, bei der bangen Schwüle der Luft und der gänzlichen Regungsloſigkeit derſelben ein Gewitter erwarten, bevor er ganz geſchie⸗ den war. Das Waſſer lag kryſtallhell um die Inſel. Ohne Wellenſchlag, nur in einer friſchen, aber ruhigen Be⸗ weglichkeit zog es dem nicht fernen Meere zu. Zwiſchen den ſpielenden und lärmenden Kindern, zwiſchen den plaudernden und ſtrickenden Frauen ſchritt plötzlich luſtwandelnd ein Mädchenpaar daher, jung und hübſch genug, um auch anderwärts aller Augen auf ſich zu ziehen; was in dem Momente geſchah, als ſie beide von unten aufſtiegen um oberhalb des Walles ihren Spaziergang fortzuſetzen. Den plaudernden Frauen ſtockte das Wort im Munde und den Stricke⸗ rinnen entſank das Strickzeug, indem ſie dieſen Mäd⸗ 150 chen nachblickten, wie ſie Arm in Arm ſicher und feſt dahinſchritten und rechts und links die herzlichen Guten⸗ abendgrüße vertheilten. War es denn möglich, was dieſe Frauen jetzt mit ihren eigenen, geſunden Augen bewunderten? War es kein Traum, daß die hübſche braunlockige Doris, des reichen Obſthändler Smeth Töchterchen, plötzlich nicht mehr hinkte mit ihrem verkrüppelten Fuße, ſondern „ſchlank weg“ dahin marſchirte, wie ihre Freundin Eleonor, des Lootſen Berch Tochter? Es grenzte wahrlich an ein Wunder! Die„Iael⸗ frauen dachten mit frommer Andacht an die Erzählun⸗ gen der heiligen Schrift, wo auch Lahme— gehend und Blinde— ſehend geworden waren, als der Hei⸗ land ſeine heilige Hand auf ihr Gebrechen gelegt hatte. Aber was ſie jetzt ſahen, das war nicht mit einem Male geſchehen, ſondern es hatte ſich unter den ge⸗ ſchickten Händen eines Arztes entwickelt. Dieſer junge Doctor von Schmidt war dem hübſchen Inſelkinde in den Straßen Hamburgs begegnet und ſein Kennerblick hatte ſogleich eine Heilung des Gebrechens erkannt. . Er war darauf zu dem jungen Mädchen herange⸗ treten, das ſich mittelſt einer Krücke mühſam von Ort zu Ort ſchleppte, aber deſſen ungeachtet mit ihren luſtigen braunen Augen Alles frohſinnig in ſich aufnahm. 151 Zuerſt, als er dem Mädchen und den Eltern des⸗ ſelben die Verſicherung gegeben hatte, den verkrümmten und ganz verdreht gewachſenen Fuß in eine richtige Lage zu bringen, damit Doris gehen ſolle, wie alle andern Menſchen, da zögerte man es zu glauben und ſeine unentgeltlich gebotene Hülfe anzunehmen, aber nachdem das Mädchen, einer möglichen Abhülfe entzückt entgegenſehend, ihren feſten Willen zur Operation erklärt hatte, ſchritt man ungeſäumt dazu. Jetzt waren kaum ſechzehn Wochen verfloſſen, ſeit die hübſche Doris mit Krücken umherwankte und nun ſpazierte ſie, freilich noch vorſichtig und am Arme ihrer Freundin Eleonor, wohlgemuth auf dem Damme entlang. Grenzte das nicht an ein Wunder? . Schon hundert Mal hatten die Frauen den ope⸗ rirten Fuß, ſeit er aus den Bandagen befreiet war, beſchauet und geprüft— ſie mußten ſagen, die Ge⸗ ſchichte war unbeſtreitbar gewiß. Daß unter ſolchen Umſtänden der junge Doctor, der erſt kurze Zeit ſich in Hamburg niedergelaſſen hatte, vergöttert und von allen Zungen geprieſen wurde, iſt natürlich. Wenn er auf der Inſel erſchien, lief ihm Alles entgegen. Die Kinder reichten ihm die ſchmutzi⸗ 152 gen Hände und die jungen Mädchen grüßten mit dem freundlichſten Geſichte. Am allerfreundlichſten jedoch empfing ihn Doris, ſeine Patientin, der er einen ſo weſentlichen Dienſt ge⸗ leiſtet hatte.* Während die Frauen in ändächtigem Staunen den beiden Mädchen nachſahen, wendeten dieſe ihre Schritte nach der Spitze der Inſel, die eine Ausſicht auf den weiten Waſſerſpiegel bis zum Höhenpunkte bei Blankeneſe eröffnete. Hier blieben ſie ſtehen und ſchaueten mit der ſtumpfen Neugier, die immer ein Zeichen von weniger Poeſie im Menſchen iſt, über das Waſſer hinweg, nach den reizenden Villen hinüber, wo die vornehmen und reichen Kaufleute Hamburgs ihr Gom merqmartier aufſchlugen. Ein Boot ſchwankte zu derſelben Zeit durch das klare und ſtille Waſſer, geführt von der kundigen Hand eines Lootſen, und eine hohe Männergeſtalt lag träu⸗ meriſch in dem engen kleinen Raume, unter Gefühlen ganz anderer Art, das hohe Elbufer mit ſeiner male⸗ riſchen Abwechſelung betrachtend, als die Inſelmädchen. Während ſich oben auf dem Walle zu dieſen der junge, ſchlanke Willi Berch, Eleonor's Bruder, geſellte und ſie beredete, mit ihm in ſeiner neuen Jolle eine 153 Fahrt nach dem kleinen Werder zu unternehmen, ſtrich das Boot langſam an der entgegengeſetzten Seite von Falkwerder heran und der Doctor erhob ſich von ſeinem Platze um auszuſteigen. Es war ein junger, großer Mann von intelligen⸗ tem Aeußern, der ohne zu den Männerſchönheiten zu zählen, niemals unbeachtet bleiben konnte. Eine ſtolze Haltung und ein kalter Blick konnte bei einer ober⸗ flächlichen Beurtheilung ihm den Verdacht des Hoch⸗ muths zuziehen; allein es bedurfte nur einer Klage, die an ſein Ohr drang, um den mildeſten Strahl des Erbarmens in ſeinen überaus ſchönen Augen zu ent⸗ zünden. 4 Zögernd verließ er das Boot. Hatte er vielleicht mit einem gewiſſen Vorſatze die Inſel an dieſem Tage aufgeſucht, der ihm jetzt leid wurde? Beinahe hätte man ſo etwas denken ſollen, wenn man die wechſelnde Stimmung auf ſeinem Geſichte beobachtete. Licht und Schatten flog darüber. Spott und Gefühl wetteiferte um den Vorrang und wenn man das ſtumme Geberden⸗ ſpiel in Worte hätte überſetzen wollen, ſo würde die Frage darin enthalten geweſen ſein:„Iſt Liebe nicht Thorheit?“ Der Doctor von Schmidt ſtieg langſam die Wall⸗ höhe hinan. Oben angekommen blieb er abermals 1859. XII. Erneſt Octav. 1. 10 154 ſtehen und ſendete ſeine Blicke nach dem gegenſeitigen Strande hinüber, wo in lebensvoller, maleriſcher Mannichfaltigkeit die Stadt Hamburg mit ihrer Vor⸗ ſtadt St. Pauli, daran Altona, Ottenſen, Neumühl, Oevelgönne, Flottbeck, Nieſtetten, Ottmarſchen und Blankeneſe mit ſeinem Sültberge weithin ausgebreitet lag. Ein blendender, goldiger Lichtſtrahl ſtahl ſich ſo eben aus der dunkeln Wolkenmaſſe, welche in dichten Schichten den nordweſtlichen Himmel bedeckte und be⸗ leuchtete mit prächtigem Glanze die weißen Villen, die oberhalb der Dörfer die Höhen des Strandes zierten. Es war ein Augenblick in der Natur, wie ſie ihn ſelten ſchafft, weshalb es dem Menſchen eine Unnatur ſcheint, wenn der Maler dieſen köſtlichen Moment auffaßt und ihn ſeinem Bilde einverieibt. Ein ſolcher Abendhim⸗ mael, prachtvoll gezeichnet, mit den drohenden Wetter⸗ wolken auf lichtblauem Grunde, unverändert und unbe⸗ weglich, iſt oft ein Bild des menſchlichen Daſeins, das Stürme hinter einer ruhigen Hülle heranrücken läßt. Der Doctor Schmidt verfiel auf dieſen Gedanken, als er, in Betrachtungen verſenkt, den lärmenden und ſpielenden Kindern näher kam, die ihn alsbald umring⸗ ten, um ihm, als etwas Großes zu erzählen„daß Smeth's Doris nicht mehr an Krücken gehe.“ Er be⸗ lächelte gütig die Huldigung, die in dieſer ganz natur⸗ 15⁵ wüchſigen Begrüßung lag und ging ſeitwärts 3bum „Smeth's Doris“ einen Beſuch abzuſtatten, der eigent⸗ lich nicht mehr zu ſeiner Praxis gehörte. Das Haus vor Jan Smeth zeichnete ſich durch ſeine Bauart von allen übrigen der Inſel aus. Es erinnerte an die holländiſchen Meiereien, die überall mit Dachſchindeln von Holz verſchält, von außen das Anſehen leichter Bretterbuden haben und doch ſo warm und behaglich ſind, daß ſelbſt der bösartige Nord⸗ wind lange an den Schindeln rütteln kann, bevor er Eingang in ſolch ein Haus erhält. Innen aber fand man die Sauberkeit, welche aus den zweckmäßigen dunkelbraunen Anſtrich der Fußböden entſteht, die, wie die Kajüten eines Schiffes, an jedem Tage gewaſchen werden, ohne die gewöhnliche Scheuerfeuchtigkeit zu verbreiten. 3. Frau Smeth ſaß in der Thür und las die Ham⸗ burger Zeitung. Die Fenſter ihres Hauſes blitzten im Abendſonnenſchein und die bunten Winden, welche an der ländlichen Veranda, die ſich über der Hausthür wölbte, emporgezogen waren, ſtrahlten in dieſem Son⸗ nenglanze. 8 Die Frau war in die übliche Tracht der Inſel⸗ bewohner gekleidet, aber viel ſauberer und feiner, ſie gab in ihrer ganzen Erſcheinung ein Bild glückſeliger 10* 156 Zufriedenheit ab, obwohl ſie in dem frühgealterten Geſichte deutliche Spuren ihres arbeitsvollen Lebens trug. Beim Anblicke des Doctors ſtieß ſie einen Aus⸗ ruf der freudigen Ueberraſchung aus und eilte ihm haſtig entgegen. „Die Doris iſt fortgegangen, Herr Doctor,“ ſprach ſie leuchtenden Auges zu ihm aufblickend.„Sie wär' wohl ganz gerne heim geblieben, hätt' ſie's gewußt, daß Sie'naus kämen.“ Der junge Arzt antwortete nicht, aber ſein Mie⸗ nenſpiel verrieth, daß er meine, das Mädchen könne es wohl erwartet haben. Es trat ein leichter Spott⸗ zug um ſeinen Mund, als er ſich in dem wohlgeord⸗ neten Zimmer der Frau Smeth niederließ und ſeine Augen kritiſirend umherſendete. Bis dahin hatte er dies Haus noch immer nur in ärztlicher Beziehung ſeiner Aufmerkſamkeit werth befunden und erſt am Morgen dieſes Tages waren Entſchließungen in ihm aufgetaucht, die aus einer falſch verſtandenen Vorliebe für das Volk im Allgemeinen und für die kleine, braun⸗ lockige Doris im Speciellen entſtanden waren. Dieſe Entſchließungen hatten ihn allerdings zu ſeinem Beſuche veranlaßt, aber ſeine Patientin wußte außerdem, daß er„ſpäteſtens am Sonntag“ hatte 157 wiederkommen wollen. Es war ein böſes Omen, daß ſie dies vergeſſen konnte. Frau Smeth verbreitete ſich während ſeines kur⸗ dankenſpieles über das unerhörte Glück, das ſich die glückliche Kur für ihre Tochter eröffne und rch erzählte ihm, wie ſchon oftmals, daß Doris die leb⸗ hafteſte Dankbarkeit empfände. Ein ſarkaſtiſches Lächeln, womit der Doctor dieſe mütterliche Ergießung erwiderte, wurde von der guten Frau nicht begriffen, weil ſie keine Ahnung von dem Hergenszuſtandt des Mannes hatte, dem ſie gern alle Schätze der Welt zu Füßen gelegt für den ihnen ver⸗ keherien Segen. Sie entfernte ſich endlich, ohne Sorge um eine Wortkargheit, die ſie eigentlich ſo nahe anging, und beſchäftigte ſich damit, dem geehrten Gaſte eine Er⸗ friſchung zu bereiten. Der Doctor blieb allein. Er hatte nun Muße, ſein Traumleben von Glück, womit er ſich ſeit vier⸗ undzwanzig Stunden beſeligt hatte, mit der Wirklichkeit zu vergleichen. Die erſte Frage, die er ſich jetzt vor⸗ legte, lautete: liebſt du denn wirklich dieſe kleine braun⸗ äugige Doris ſo leidenſchaftlich, daß ihr Beſitz dir nothwendig iſt? Sein Herzpochen bei dieſer kaltblütigen Frage. 158 ſchien dem unerfahrenen Manne ein freudiges Ja und er vertiefte ſich danach in eine Reihe von Erinnerun⸗ gen, woraus ihm wie ein liebliches Licht, die unſchul⸗ dige und zärtliche Neigung des jungen Mädchens ent⸗ gegenleuchtete. Der junge Herr Doctor gehörte zu den Weltver⸗ beſſerern, die im Volke den Mark des Guten ſuchen und es für leicht halten, das Große und Edle aus demſelben herauszubilden. Von früher Jugend an war es ein Lieblingsgedanke von ihm geweſen, einſt ein Naturkind durch ſeine leidenſchaftliche Liebe zu beglücken und ſich dies ſehr einfach geträumte Naturkind zu einem ꝛerhabenen Beiſpiele ächter Weiblichkeit auszubilden. Es war alſo nicht der Zufall allein, der ihn antrieb, ſeine wundärztlichen Geſchicklichkeiten an Doris Smeth zu verſuchen. Das reizende Geſicht der armen Kleinen fiel ihm auf— er bot den Eltern Hülfe an, aber tief im Herzen regte ſich zugleich eine Hoffnung, ſeine Jünglingsideen realiſiren zu können. Armer Thor, der ſein Lebensglück auf Chimären ſetzte! Die Kur war gelungen, Doris befand ſich im Beſitze ihrer geſunden Gliedmaßen. Jetzt trat die Kriſis in des Doctors Maximen ein. Er überlegte Alles und überſah dabei, daß gerade die Kraft, womit er Entſchlüſſe faßte, ein Beweis von bedeutender Herzenskühle war. 159 Vertraut mit allen Blutbewegungen und Nerven⸗ regungen im Menſchen war er jetzt an einen Punkt im weiten Felde ſeiner Wiſſenſchaft gekommen, worin er ſich unwiſſender bewegte, als ein Knabe. Der Ernſt ſeines Studiums hatte ihn früh gereift für ſeinen Be⸗ ruf, aber er hatte ihn auch fern von den Erkenntniß⸗ quellen des wirklichen Lebens außerhalb ſeiner Berufs⸗ ſphäre gehalten. Mit glühendem Eifer warf er ſich in die Praxis und die Erfolge, welche ſeine Kuren ge⸗ wannen, brachten ein Selbſtvertrauen zu Wege, das ihm Titanenkräfte verlieh. Aber es war Alles Dichtung, es war Alles Traum. Seine Pläne für ſein Lebensglück krankten an Idealismus, und brachten ihn auf Abwege, wohin ſich nur überſpannte Menſchen verirren. Die Zeit war raſch vorwärts geeilt, doch Doris erſchien noch immer nicht. Die Entſcheidung, die der junge Arzt auf dieſe Zuſammenkunft geſtützt hatte, wurde dadurch hinausge⸗ ſchoben. Er hatte das Herz des Mädchens ſondiren, er hatte ſie befragen wollen, ob ſie ihm angehören könne für's Leben, ob ihre Dankbarkeit mit der tiefen Liebe zu ihrem Wohlthäter vereint, ausreichen würde, ſich ganz nach ſeinen Vorſchriften zu bilden— kurz geſagt, er war mit dem feſten Willen nach der Inſel * 160 gefahren, um vermeſſen den Gott ſeines Geſchickes zu ſpielen und ſein Schutzgeiſt entfernte den Gegenſtand, welcher die Klippe geworden wäre, woran ſein Lebens⸗ glück hätte ſcheitern müſſen. Mißmüthig brach er endlich auf, ohne Doris ge⸗ ſehen zu haben. Wo aber weilte dieſe? Die Mädchen waren mit Willi, dem hübſchen Schiffbauer, der ſeit einigen Wochen im Hauſe ſeiner Eltern auf Beſuch war, in die kleine, elegante Jolle geſtiegen, ein Meiſterſtück des geſchickten Willi, und waren hinüber gefahren nach dem Kerkwerder, einem winzigen Inſelchen, das nur Gras und hübſche Waſſer⸗ blumen aufwies, und von der hochſteigenden Fluth ſtets überſchwemmt wurde. Es war ganz flach, nur in der Mitte zeigte ſich eine Erdſtufe, deren ſcharf ausgeſpülte Kante deutlich von der Macht der hier oft anſchlagenden Wellen er⸗ zählte. Kleines kurzes Geſträuch rankte ſich, feſt ver⸗ ſchlungen, wie eine Hecke, auf dieſer Erhöhung entlang und bildete eine rieſige Bank mit einem Geländer daraus. Auf dieſer natürlichen Raſenbank ſaßen die drei jungen Menſchen, nachdem ſie bunte Kuckuksblumen, Butterblumen und blaue Glocken gepflückt hatten, machten 161 Kränze und plauderten harmlos zuſammen. Eine wonnig warme Luft, nur von dem Hauche des ſtrömenden Waſſers getränkt, ſchlich beruhigend um die Kinder der Inſel, die ſorglos und mit dem Elemente vertraut, den Abend hier erwarten wollten, um mit der eintre⸗ tenden Fluth ſchaukelnd nach Falkwerder hinüber zu treiben. Während ſie lachten und ſangen, während die braunlockige Doris von den zärtlichen Blicken Willi's getroffen, ihr ganzes Herz vor den Freunden der Ju⸗ gend öffnete und ſie gewahren ließ, wie unglücklich ſie ſich mit ihrem verkrüppelten Fuße gefühlt, wie ſie es als ein Gotteszeichen zu einem eheloſen Leben betrachtet habe, während dieſer Zeit ging die Sonne langſam hinter dem finſtern Gewölke unter und die Fluth trat langſam auf das Gras der Inſel. Die dicken Wolken zogen ſich dann ſchwerfällig auseinander und breite⸗ ten ſich immer weiter über den tiefblauen Abend⸗ himmel aus. Die drei jungen Menſchen achteten deſſen nicht. Warum auch? Hatten ſie nicht auch eine Jolle, worin ſie die karhe Strecke bis zur Heimath in wenigen Mi⸗ nuten erreichen konnten und war nicht ein ſtarker, ge⸗ wandter Ruderer zur Stelle, der ſie ſelbſt in Sturm und Wetter, wohlbehalten zum Hafen bringen würde? 162 Sie plauderten fort und fort. Willi geſtand der er⸗ glühenden Doris, daß er ſie trotz ihres verkrüppelten Fußes zur Geliebten ſeines Herzens gemacht und ſie ungeachtet dieſes Körperfehlers einſtmals zur Frau be⸗ gehrt hätte. Doris glaubte das, obgleich das Geſtändniß ſo ſpät kam, daß es zweifelhaft blieb, ob es unter andern Umſtänden jemals erfolgt ſein würde. Sie nahm ſeine Liebe um ſo williger an, als ihr junges Herz längſt den hübſchen Willi als den Stolz und das Ideal der Inſel betrachtet hatte. Er war der„Löwe“ unter den jungen Männern, der die Mode angab und einige Dummheiten ganz ungeſtraft ausüben konnte. Solche Männer ſind immer das Ziel der Mädchenwünſche. Ein kühler Luftzug drang endlich durch das kleine Geſträuch, und weckte die Aufmerkſamkeit der jungen Mädchen, die ſich dagegen gelehnt hatten. Erſchrocken wies Eleonor mit der Hand zum Himmelszelte hinauf und ſagte:„Es fängt an zu wehen— wir haben ein Gewitter herauf, ehe wir denken. Laßt uns zu Hauſe.“ Sie erhob ſich eilig und ſchüttelte die Blumenreſte von der Schürze. „Ja wohl!“ meinte Willi rund umſchauend. „Mit der Fluth kommt's herauf— es iſt grauſig dunkel nach dem Meere zu.“ 163 Doris wurde ſehr ängſtlich. Sie hatte ſich nie weit vom Hauſe gewagt und war vermöge ihrer Kör⸗ perlichkeit etwäs verzärtelt worden. Man lachte aber ihrer Angſt. Sorglos verließen ſie nun ihren Platz und ſchritten dem Raſen entlang der Stelle zu, wo die Jolle am Pflocke feſtgekettet lag. Der Raſen zeigte ſich weich und feucht. „Donner und Doria—“ ſchrie Willi lebhaft auf,„wir müſſen eilen, die Fluth iſt höher hinauf, als ich vermuthen konnte.“ Er hielt die Mädchen zu⸗ rück um voraus zu gehen, und patſchte richtig nach zwei Secunden in dem mit Gras bedeckten Waſſer. „Nur vorwärts— es hilft nichts— naſſe Füße gibt's— aber ſterben werdet Ihr nicht daran. Reich⸗ mir Deine Hand, Doris!“ Das junge Mädchen wich zurück.„Nein, nein, Willi— ich darf mir die Füße nicht erkälten, ſagt der Doctor.— Kannſt Du die Jolle nicht'naufſchieben bis hieher—?“ rief ſie mit ſehr beklommenem Tone. Die Jolle? Ja die Jolle? Wo war die Jolle geblieben? In einem Anfalle von wahrhaftem Schrecken ſchickte Willi ſeine Blicke umher, die Jolle zu ſuchen, die er in dieſer Gegend angelegt hatte. Endlich ent⸗ deckte er ſie. Weit über Nieſtetten hinaus bei Ja⸗ 164 kobſens Reſtauration ſchwankte ſie kieleinwärrs gegen die Fluth hinunter. „Himmel Element— das iſt ein fataler Zufall!“ ſchrie Willi.„Geht zurück Ihr Mädchen, geht zurück, ſchwenkt von der Inſelbank Eure Schürzen, gegen den Deichwall von Falkwerder damit ſie unſern Ünfall ge⸗ wahr werden.— Doris— eile Deine Füße vor Näſſe zu wahren— Herr Gott, welch' ein fataler Zufall!“ Still, aber mit Thränen der Angſt im Auge rettete ſich Doris auf die höchſte Anhöhe, um von dort aus, mit ſteigender Beklemmung, das Verſchwinden der graſigen Ufer zu beobachten. Immer höher ſtieg die Fluth— immer näher zog das grollende Gewitter. Der Strom lag vereinſamt. Fern ab, nach dem Strande von Neumühl zu, rauſchten einige ſtolze Drei⸗ maſter, aber ſie waren ſo fern von ihnen, daß kein Laut von ihrem Munde zu denſelben dringen konnte. „Die Fluth ſteigt raſch, Willi—“ flüſterte die muthigere Schweſter des jungen Burſchen etwas ängſt⸗ lich,—„ſie wird doch nicht die ganze Inſel über⸗ laufen?“.. „Ich denk' es nicht,“ murmelte er und blickte verzagt auf die Thränen der armen Doris, die von ihren Augen tropften.„Sei ruhig, liebe Doris,“ bat er weichmüthig.„Du ſollſt nicht in der Gefahr umkommen— wird es ſchlimm, ſo werf' ich das Zeug ab und ſchwimme hinüber um ein Boot zu holen— ſei ruhig— vielleicht werden ſie unſere Lage vom Deichwalle gewahr und kommen.— „Schwimmen? Du, ſchwimmen?“ wiederholte ſeine Schweſter.„Biſt nie ein großer Held im Schwim⸗ men geweſen.— Gehſt unter, wie ein Kohlenſack!— darauf verlaſſe ich mich nicht.“ „Warte es ab Leonor,“ fuhr Willi hitzig auf. „Dir zu lieb ginge ich ſchon nicht in's Waſſer, aber der Doris wegen geſchieht's, ſo wahr ich Willi Berch heiße.“ Doris lächelte ihn ſeelenvoll an.„Vielleicht iſt es nicht nöthig— wehen wir nur tüchtig mit den Schürzen!“ Sie nahm abermals ihr Schürzchen und ließ es flattern und fliegen. Die Fluth war ſachte herangekrochen bis zu dem Fuße der Erdſtufe und die Wellen tönten jetzt, ſie ziſchten und brauſeten— der Wind erhob ſich und pfiff hohl durch die Waſſerfluth. Die Wolken hingen bleiſchwer über ihnen. Einzelne Blitze zuckten von fern her ſchon durch die Luft und ein dumpfes Poltern drang über die Waſſer⸗ 166 fläche herüber. Ob es Donner war, wußten die Armen nicht zu unterſcheiden. Es konnte auch der heranſchlei⸗ chende Sturm ſein. „Es gibt reichlich Regen, wenn es erſt los⸗ bricht—“ flüſterte Eleonor wieder und noch ängſtlicher, als zuvor. „Ja wohl,“ antwortete Willi, indem er Anſtalt traf ſeine Kleidung abzuwerfen. „Warte noch Willi—“ bat ſeine Schweſter und Doris faßte heftig bewegt ſeine Hände. „Du ſollſt Dein Leben nicht wagen,“ ſprach ſie befehlend.„Die Fluth wird nicht höher ſteigen und wenn's, zu regnen beginnt, wird man mich ſuchen und erfahren, daß wir mit Dir in die Jolle geſtie⸗ gen ſind.“ Der junge Burſche ſah das Mädchen ſtumm an. Eine Welt von Gefühlen ſchien in ihm aufzugehen. Hatte er bis dahin, vielleicht im frevelvollen Leichtſinne, an das Vermögen gedacht, das das hübſche Mädchen zu erwarten halte, ſo trat jetzt ihr Werth in ein an⸗ deres Licht. Wie ſanft und gut benahm ſie ſich, ob⸗ gleich ſie ein Recht gehabt hätte zu zürnen, daß er die Jolle ſo nachläſſig befeſtigt hatte. Sie erfreuete ſich erſt ſeit kurzer Zeit einer Körperlichkeit, die jetzt gefährdet erſchien, denn des Arztes Befehl war geweſen 167 „die Füße vor Erkältung zu hüten!“ und dennoch be⸗ rückſichtigte ſie ſich weniger, als ihn. Ganz überwältigt von ſeiner innern Aufwallung warf er ſeine Arme um das gute reizende Kind, drückte es feſt an ſich und rief:„Gebe doch nur Gott, meine Doris, daß Dir kein Schade geſchieht—! Was ſoll ich nur thun, um Dich zu bewahren— du Gott!“ Ein heftiger Stoßwind fuhr über den ſchmalen Erd⸗ ſtreifen hinweg, auf welchem ſie ſtanden und er faßte im Wirbel das leichte Schürzchen, das Doris in der Hand hielt. Hoch auf flog es, flatternd und wehend, wie ein Nothzeichen trug es der Wind fort gegen Falkwerder hin, wo der Doctor eben vom Walle hinab⸗ ſtieg mit ſeinem Lootſen das Wetter beſprechend. Der Schiffer ſchauete prüfend in die Wolken und meinte,„ſie kämen noch hinüber.“ Der Doctor aber ſah das ſegelnde Schürzchen in der Luft und fragte:„was iſt das? Woher kommt das? 74 Er blieb ſtehen und legte ſein kleines Fernrohr an.„Sind dort nicht Menſchen mitten im Waſſer?“ warf er fragend hin, bevor er das Glas richtig geſtellt hatte.„Sehen Sie, Hoop— dort rechts hinüber gegen Neumühl hinauf—“ „Es iſt auf dem Kerkwerder—“ erläuterte der 168 Lootſe—„die Fluth wird ihn heute unterbringen, das Gewitter treibt von der See her.— Sehen Sie etwas Herr Doctor? der Abend iſt von Wetterwolken zu dunkel, als daß ich's erkennen könnte. Da— wirk⸗ lich— es weht noch eine Schürze.—“ „Allmächtiger Gott, Hoop—“ rief der Doctor erſchrocken ſein Fernrohr zuſammenſchiebend—„machen Sie hiuüber— es ſind zwei Mädchen und ein Mann, wenn ich nicht irre, ſo iſt Doris Smeth dabei— ſie ſtehen auf einem Streifen Erde ſo breit wie eine Gar⸗ tenbank— eilen Sie!“ Hoop trollte ſchnell zum Strande, löſte die Kette des Bootes und ſchoß nach zwei Minuten pfeilgeſchwind durch den Strom dahin nach dem Kerkwerder zu. In tiefer gewaltiger Erſchütterung lehnte der junge Arzt an einen umgeſtülpten Kahn und richtete zitternd das Fernglas wieder auf die Stelle. Noch ſah er die drei Geſtalten ſtehen, aber der Erdſtreifen ſchien ihm ſchmaler geworden. Die Geſtal⸗ ten mochten Mühe haben, ſich gegen die Stöße des Windes, die in immer verſtärkterm Maaße losbrachen, zu ſchützen— der Doctor ſahe deutlich, daß ſie ſich dicht zuſammen ſtellten, die kleine, welche er für Doris hielt, in der Mitte. Der Gewittergraus zog während der Zeit näher und das Waſſer begann ſeine Wogen 169 heftiger zu wälzen. Sie vertrieben den Doctor von ſeinem Standpunkte. Er mußte höher hinauf. Als er wieder hinüberblickte, war der Erdſtreifen gar nicht mehr ſichtbar, aber die Menſchen ſtanden feſt verſchlun⸗ gen in der weiten Waſſerfläche und das Boot des Lootſen Hoop lavirte unweit dieſer Stelle vorſichtig auf die Gruppe zu. Noch eine Minute— eine Ewig— keit für den bewegten Zuſchauer am Strande,— dann ſah er das Boot wenden— die drei Menſchen ſaßen in demſelben. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete der Doctor die Landung. War es wirklich Doris, das Ideal ſeiner philanthropiſchen Träume, die er abermals und zwar vom unvermeidlichen Tode gerettet hatte?e Sein Mißmuth, womit er ihre Abweſenheit er⸗ tragen, begann zu weichen vor der Aufregung, in welche er von ihrer wunderbaren Rettung verſetzt wurde. Sie erſchien ihm jetzt doppelt als ſein Eigenthum, da des Himmels Fügung ſie wiederum in ſeine Hände legte. Vorher betrachtete er ihr von Plagen befreites Daſein als ein Werk ſeiner Güte, die ſie zu einem Geſchöpfe ſeines reinen und redlichen Willens zu machen geeignet war, jetzt aber gehörte ihm dies Daſein und er beſchloß, es als ein Geſchenk von Gottes mächtiger Hand an ſich zu ketten. 1859, XII. Erneſt Octav. I. 8 11 170 Die Wolken trieben unterdeſſen in raſender Eile von Norden nach Süden— einzelne Tropfen ſprühe⸗ ten hernieder, aber das Gewitter entlud ſich nicht. Feſt wie ein Baum ſtand der Doctor und ſah dem Boote entgegen. Als es ſich dem Landungsplatze näherte, über⸗ zeugte er ſich, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. Doris ſaß, bleich von der ausgeſtandenen Angſt, dicht neben einem jungen, auffallend hübſchen Manne, von ſeinem Arme umſchlungen und ſchützend an ſeine Bruſt gezogen. „Doctor Schmidt! Hurrah!“ rief dieſer junge Mann ihm frohſinnig entgegen und ſchwenkte ſein Schiffermützchen grüßend gegen ihn. Das Boot landete, vermochte aber nicht ſo weit aufzufahren, daß ein ganz trockenes Ausſteigen möglich wurde. Hurtig ſprang Willi heraus, nahm Doris in ſeine Arme und trug ſie hinüber bis dicht vor den Doctor, dem er fröhlich in's ernſthafte Geſicht ſchauete und dabei ſprach: „Das war aber gerne*) eine verfehlte Parthie nach dem vertracten Kerkwerder und meine neue präch⸗ tige Jolle iſt dabei«hopps» gegangen. Schönen *) Provinziell. 171 Dank, guter Hoop, für die Rettung,“ wendete ſich der gewandte, hübſche Menſch an den Lootſen, der ruhig in ſeinem Boote auf ſeinen Herrn Doctor wartete. „Kommt vielleicht eine Gelegenheit, daß ich's vergel⸗ ten kann.“ Während er ſprach, hatte ſich Doris mit der allerliebſten Verſchämtheit der Inſelmädchen, die jedoch nicht ganz ohne Koketterie war, ihrem Arzte genähert und eine halbe Entſchuldigung hergeſtottert, daß ſie „fortgegangen geweſen wäre.“ Doctor Schmidt ſah ſie gutmüthig ſpöttiſch an: „Gebrauchen Sie Ihre Füße immerhin zum Fortge⸗ hen— ich habe nichts dagegen!“ antwortete er ſehr kalt. Er grüßte kurz und beſtieg raſcher, als es nöthig ſchien, das Boot, das Hoop ſogleich vom Ufer ab⸗ ſchwenkte. 4 „Wir haben ihm nicht einmal danken können— ſagte Eleonor und Doris, welche fühlte, daß er ihr zürnen müſſe, ſchauete ihm traurig ſo lange nach, als ſie das Boot ſehen konnte. Der Doctor lehnte mit derſelben Gleichmüthigkeit im Boote, wie bei der Hinfahrt. 4 Ob er innerlich ebenſo ſeelenruhig war, konnte. 44 man nicht enträthſeln. Das Unwetter war vorübergeflogen, klar wie 11 Glas lag der Waſſerſpiegel vor ihm und des Abend⸗ himmels goldiger Streif begrenzte nordweſtlich die weite Fläche. Es ſchien kein Anfang und kein Ende dort unten zu ſein— Himmel und Waſſer ein unendlich ſchönes Ganze. Des jungen Mannes Augen ruheten feſt darauf. Auf ſeinem Geſichte ſtrahlte eine Zuverſicht des Glau⸗ bens, die es wahrhaft rührend verklärte. Plötzlich hielt der Loötſe mit Rudern inne und ſah ſich nach ſeinem Paſſagier um. „Wiſſen Sie, mein Herr, wo wir jetzt ſind?“ fragte er ernſt. Der Doctor fuhr aus ſeinem Sinnen auf:„Nun? Hoop— ich will micht hoffen—“ ein Schauder ſchloß ihm den Mund, als er neben ſich eine ſtrudelnde Wogenwelle erblickte, die wild und rauſchend gegen den Bord anſchlug. Hoop nickte bedeutſam. „Hier ſtanden die unbedachtſamen Kinder,“ er⸗ klärte er, mit dem Finger hinüber deutend.„Sie waren verloren, wenn Sie das flatternde Schürzchen nicht gewahr wurden. Eine Minute ſpäter war die Raſenbank verſchwunden— Gott hat ſie wunderbar beſchützt!“ f H Des Doctors Blick fuhr unter einem nie gefühl⸗ 173 ten Grauſen über das Waſſer hin, welches jetzt in ſeinem Schooße ein Eiland trug, worauf noch vor kurzem mit friedlicher Freude drei junge Herzen ſorglos geweilt hatten. „Wenn aber ſo große Gefahr beim Betreten dieſes Werders vorhanden iſt, ſo ſollte dies verboten werden,“ erwiderte er nach einem minutenlangen Schweigen. „Iſt gar keine Gefahr, lieber Herr,“ war Hoop's trockene Antwort. Die Fluth kommt langſam— frei⸗ 3 lich mit der Fluth müſſen dieſe Werder alle verlaſſen werden. Willi Berch hätte nur ſeine Jolle beſſer an⸗ binden müſſen— aber der Burſch hat wahrſcheinlich Hören und Sehen über ſeine Liebe verloren gehabt.“ „Ueber ſeine Liebe?“ wiederholte der Doctor ge⸗ laſſen.„Zu wem?“ „Nun— zu Doris Smeth— haben Sie es nicht geſehen?“ berichtigte Hoop lächelnd. „Iſt das ein ſchon lange beſtehendes Verhält⸗ niß?—“ examinirte der junge Herr weiter. „Geſprochen hat man ſchon längſt davon! Die Alten wollten es gern, aber Willi hat ſich bis dahin der hinkenden Braut geſchämt. Dem haben Sie mun abgeholfen.—“ *„Ja wohl,“ ſchloß der Arzt das Geſpräch und erſenkte ſich wieder in ſeine Gedanken. 174 Er wußte jetzt ganz genan, daß man ſich bei Plänen zu einem Lebensglücke, wozu zwei gehören, verrechnen kann, wenn man die Begründung deſſelben nur von ſeinem Willen abhängig glaubt. Allein er fühlte auch, daß der Verluſt des erträumten Glückes ihn weniger ſchmerzte, als verdroß. Von der Höhe ſeiner Bildung und ſeiner bürger⸗ lichen Stellung herab überſah er die weichen Feſſeln des Gemeinlebens, die von früher Jugend ſich hin⸗ und herziehen und alles Intereſſe in ſich vereinen, das ein einfaches Leben in ſich faſſen kann. Er meinte ein Glück darzubieten, indem er ſich ſelbſt ein Glück ſchaffen wollte, wie es ſeine verirrte Phantaſie als rein und naturgemäß anpries und ſiehe da, ſeine Perſönlichkeit war nicht im Stande geweſen, die naturwüchſige Lie⸗ benswürdigkeit eines Jugendfreundes zu überſtrahlen. Er gab dem Mädchen die Fähigkeit, gleich andern Leuten zu gehen und ſie lief ſogleich dahin, wohin ihr Herz ſie zog. Solche Erfahrungen waren freilich wenig ge⸗ eignet ihm ferner Luſt zu machen, ſich einem Mädchen aus dem Volke zu widmen, um urſprünglich großher⸗ zigen Empfindungen nachzuforſchen und für ſich zu cul⸗ tiviren. Er hatte nicht daran gedacht, Naturfehlern begegnen zu können, als er Naturtugenden nachzujagen. beſchloß. 5 175 Aus dem Chaos ſeiner Gefühle, die keinesweges ſehr angenehm waren, weil ſeine Erfahrung ihm das Bekenntniß der Thorheit entriß, tauchte ihm ein lachen⸗ des Geſicht entgegen, das Geſicht ſeiner Schweſter Konſtanze, die ihm täglich vorgepredigt hatte, welche Thorheit er im Begriff war zu begehen, als er eigen⸗ ſinnig darauf beharrte, ein Meiſterſtück ſeiner eigenen Schöpfung zu bilden und dann zu lieben. Was würde ſie ſagen, wenn ſie dieſen ungeahneten Ausgang ſeines Vorhabens erfuhr? Bot ſich ihr nicht dadurch ein aus⸗ gezeichneter Stoff zu Neckereien? Unter ſolchen Gedan⸗ ken verging ihm unvermerkt die Zeit und das Boot war, mit der Fluth vorwärts getrieben, ſchon unter dem Rainville'ſchen Garten angelangt, als er von der herabſchallenden Muſik aufgeſchreckt, einige Damen im blendendſten Putze am Strande ſtehen und win⸗ ken ſah. „„Was wollen die Damen?“ ſragte er ſeinen Lootſen. „Mit hinauf nach Hamburg,“ entgegnete dieſer. „Es ſind Kunden von mir— wenn Sie geſtatten wollten, daß ich ſie mitnehme—“ „Warum nicht!“ rief der Doctor nachläſſig ſeinen Sitz räumend und dicht beim Lootſen Platz nehmend. Das Boot bog an's Ufer und die Damen ſtiegen 176 ein. Es waren Jüdinnen, ihr Jargon verrieth ſie ſogleich, auch die ſententiöſe Artigkeit, womit ſie ihren Dank ausſprachen. Der Doctor hielt ſich ſtill und zurückgezogen. Er war nicht in der Stimmung, auf eine Converſation einzugehen, die ſich um nichts drehete. Plötzlich ſagte die Eine der grün, gelb und roth coſtümirten Damen mit einer gewiſſen Dringlichkeit zu ihm: „Habe ich doch heute Morgen ſchon an den Herrn Doctor von Schmidt gedacht und muß ich nun heut' Abends mit ihm wirklich zuſammentreffen. Sind Sie wohl aufmerkſam geworden, mein beſter Herr, auf den Artikel in der Zeitung, wo die Familie von Schmidt, ſtammend von einem großen Herrn, der Präſident oder Miniſter iſt geweſen, zu einer Zuſammenkunft aufge⸗ fordert wird. Gehören der Herr Doctor gewiß zu dieſer Familie von Schmidt?“ Der Doctor wendete, mit der Nachläſſigkeit eines Mannes, welcher nicht ruhig genug iſt um ſich für Zeitungsartikel zu intereſſiren, ein, daß ſein Vater ein einfacher Privatmann geweſen ſei und nie im Staats⸗ dienſt geſtanden habe. Die Dame ließ aber nicht nach von der Möglich⸗ keit zu reden, daß er dennoch dazu gehöre und rieth 177 ihm, eine praktiſche Geſchäftskundigkeit verrathend, die Anzeige in Obacht zu nehmen, da viel davon abzu⸗ hängen ſcheine. Er belächelte ihren Eifer ohne ſich davon ange⸗ ſteckt zu fühlen und ſie kauderwälſchte die ganze Anzeige auf eine Art zurecht, die allerdings ſeine Aufmerkſam⸗ keit nicht erwecken konnte. Sie hatte nicht einen ein⸗ zigen der ſonderbaren Vornamen richtig behalten, wo⸗ durch man am erſten zu einer beſtimmten Anſicht der Sache hätte kommen können und ſie verwechſelte den Namen des Schloſſes auf eine ſo unerhörte Weiſe, daß der Doctor eher von Spanien als von Deutſch⸗ land aus dieſen Aufruf datiren konnte. Außerdem hätte es von ſeiner Seite eine gewiſſe Ueberwindung gekoſtet, ſich mit einer Dame in ein ernſteres Zwiege⸗ ſpräch zu vertiefen, die ihm durch die übermäßige Rückſicht auf Effect, womit ſie gekleidet war, eine ausreichende Erläuterung ihres innern Gehaltes gab. Nichts war dem ernſten zum Sarkasmus neigenden jungen Manne mehr zuwider, als eine Schauſtellung von Schmuck und der Zuſammenfluß von Roth, Gelb und Grün in der Kleidung einer Frau. Es ſchien ihm der plebejiſche Grundſtoff einer mißrathenen Cul⸗ tur, die des grellen Firniſſes bedürfe, darunter zu ſchlummern. 178 Ungeachtet ſeiner Wortkargheit hörte die Dame nicht auf, ihre Lebenserfahrungen über„verlorene Kin⸗ der einer vornehmen Familie“ auszukramen und ihn beſtändig zu befragen,„wo er eigentlich geboren— was ſein Vater denn geweſen ſei, wo er bisher ge⸗ wohnt habe.“— Der Doctor wurde deſſen überdrüſſig. Er belehrte die wißbegierige Dame, daß„ſie nichts an ihm ver⸗ dienen könne, wie ſie meine, denn er gehöre ganz ge⸗ wiß nicht zu den verlorenen Söhnen der achtbaren Familie von Schmidt, die durch ihren Aufruf ihre Speculationswuth rege gemacht hätte.“ Madame Hirſch Meier ließ ſich aber nicht ab⸗ ſchrecken durch ſeinen Spott. Sie ſchien es ſich in den Kopf geſetzt zu haben„ein Geſchäftchen“ mit dem Herrn Doctor zu machen und„das Profitchen,“ welches der Präſident von Schmidt Jedem wollte zufließen laſſen, der die geringſte Auskunft zu geben vermöchte, wo der jüngſte Bruder ein Ende genommen hatte, zu verdienen. Als ſie inne wurde, daß der junge Mann 1 auf ihre inquiſitoriſchen Fragen nichts mehr antwortete, beſchloß ſie ihr Glück bei der Schweſter deſſelben, dem Fräulein Konſtanze von Schmidt, die in ihrem Ge⸗ ſchäfte zu kaufen pflegte, zu verſuchen und ſie beſtimmte im Voraus den nächſten Tag zu einem ſyſtematiſchen Spioniren in dieſer Sache, die ihre Aufmerkfamkeit durch den Widerſtand des Doctors weit bedeutender anregte, als zuerſt. 4 Mittlerweile näherte ſich das Boot dem Hafen und nachdem die Damen, ſchnell durcheinander ſprechend ihre„große Dankbarkeit dem jungen Herrn dargebracht hatten,“ ſchritt dieſer eilig durch die Straßen hinauf bis zum Hopfenmarkte, wo er in ein gut ausſehendes Haus trat und die Treppen hinanſtieg. Kaum hatte er ſcharf die Glocke gezogen, ſo öff⸗ nete ſich die Entréethür und ein ſchlankes ſchönes Mädchen, nur wenige Jahre jünger als der Doctor erſchien, ihn begrüßend, auf der Schwelle. „Endlich, Erneſt! rief ſie mit jenem freundlichen Ernſte, der einen Tadel und eine Freude zugleich ver⸗ kündet.„Wie habe ich mich geſorgt, als das Gewitter aufſtieg und aus dem Abende eine Nacht zu ſchaffen Miene machte. Biſt Du naß geworden, lieber Bru⸗ der? Komm— Dein Thee wartet auf Dich!“ Erneſt erwiderte auf dieſe liebenswürdige Haus⸗ mütterlichkeit gar nichts, ſondern brachte Hut und Hand⸗ ſchuhe in Sicherheit und lehnte ſich dann mit dem ſpöttiſchſten Geſichte von der Welt im Sopha zurück. Konſtanze ſah ihn fragend an. „ Ich erlaube Dir, mein Schweſterlein, daß Du 180 mich in aller Form auslachſt, denn ich bin gründlich abgeführt!“ ſprach er mit dem Anſcheine großer Gleich⸗ gültigkeit, aber dem Schweſterherzen entging ein leichtes Beben ſeiner Stimme nicht.— „Lieber Erneſt—“ bat ſie weich und leiſe. Sie achte nicht. „Nein, nein, Konſtanze, Du kannſt die Senti⸗ mentalität bei Seite laſſen— Elegien ſind mein Fach nicht,“ meinte er raſch. „Sie hat Dich abgewieſen?“ fragte Konſtanze dennoch eben ſo weich und leiſe. „Bewahre— ich ſah früh genug ein, daß ihr ein Schifferjunge lieber war, als der hochgelehrte Doctor Schmidt,“ erklärte er. Jetzt brach ein Lächeln durch das ernſte Mienen⸗ ſpiel der jungen Dame. „Und Du haſt ſie nicht befragt, ob ſie ſich von Dir in die Schule ſchicken und nachher lieben laſſen wollte?“ forſchte ſie, Schelmerei im Auge und um den Mund.„Dein Kunſtwerk ging alſo ſchon als Thon⸗ form zu Grunde, bevor ein edles Geſtein vergeblich verſch wendet wurde? Gottlob, daß es endete! Gottlob, mein lieber Bruder, daß dieſe Erkenntniß nicht zu ſpät kam.“ Sie lachte herzlich und ohne Bedauern, nachdem 181 ſie ſich überzeugt hatte, daß Erneſt's Herz weniger verletzt erſchien, als ſeine Eitelkeit. „O, Du weiſer Phantaſt, der Du die Ordnung des Weltlaufes umkehren und zu den Grundanfängen der Cultur zurückſchreiten wollteſt— ſiehſt Du, wie Recht ich hatte?“ „Ich gebe es zu, Konſtanze,“ entgegnete Erneſt ruhig lächelnd—„und da ich mich in Beziehung auf die liebenswürdige kleine Doris ſo ſtark verrechnet habe, ſo will ich Dir hiermit das Verſprechen leiſten, mich um die Erziehung meiner künftigen Frau ferner nicht zu bekümmern.“ Konſtanze ſchlug, frohüberraſcht, ihre Häude in einander. Eine ſo plötzliche und radicale Heilung von ſeinen idealen Träumen hatte ſie nicht erwartet. Aber ſie hemmte ihren Freudenausbruch. Sie kannte die ſtarre Rückſichtsloſigkeit ihres Bruders. „Heißt das, Erneſt, daß Du nun die erſte beſte, dir Dir in den untern Volksſchichten, von denen Du nur allein edle Naturwüchſigkeit erwarten zu können behaupteſt, angenehm erſcheint, zu Deiner Gattin er⸗ heben willſt, unbekümmert, wie tief ſie an Bildung unter Dir ſteht?“ fragte ſie eindringlich ernſthaft. Der Doctor ſchüttelte den Kopf und ſtrich ſich ſchweigend den Schnauzbart glatt. Das war das ſicherſte 182 Zeichen einer kleinen, ſelten vorkommenden Verlegenheit, die ſeine Schweſter zu ehren gewohnt war. Es ent⸗ ſtand eine etwas feierliche Stille. 3 „Du biſt lie curirt, lieber Erneſt?“ fügte ſie dann liebreich hinzu „Gründlich!“ rief der Doctor tief aufathmend. „Nachdem mich meine Wahrnehmungen in Beziehung auf ſehr warme Dankgefühle im Herzen meiner hüb⸗ ſchen Patientin ſo wacker betrogen haben, gebe ich alle meine Verhaltungsregeln den Frauen gegenüber auf. Ich bekenne Dir, daß ich mit dieſen Principien ge⸗ geſcheitert bin. Was ich als eine Urſprünglichkeit der Herzenswärme deutete iſt nichts geweſen, als die Hoff⸗ nung geſunde Beine zu erhalten, damit ſich der Burſche, den ſie geliebt hat ſeit Kindesgebeinen, ihrer fernerhin nicht mehr ſchäme. Was ich für Feſtigkeit und Geduld einer unverdorbenen weiblichen Natur hielt, war ein Herzensfieber, welches ſie aufrecht hielt, weil die Hoff⸗ nung auf den Beſitz des Geliebten im Hintergrunde leuchtete. Genug der Zergliederung, mein Schweſter⸗ lein— Dein ehrenwerther Bruder, der ſich in den Wiſſenſchaften der Medicin, Chemie und Phyſik als ein Wunder der Gelehrſamkeit präſentirt, iſt bei der erſten Analyſirung eines Mädchenherzens mit ſeiner Weisheit zu Schanden geworden. Es war ein Fehlſchritt, der 183 glücklich am Scheidewege von einer höhern Macht ge⸗ hemmt wurde.“ „Deine ganze Laufbahn iſt ein Fehlgriff von Dir,“ warf Konſtanze freundlich belehrend ein.„Du hätteſt mit Deinen Anlagen, Fähigkeiten und der feſten Beharrlichkeit Deines Weſens eine bedeutende Stellung in der Welt erklimmen können, wenn Du die Beamten⸗ carriere erwählt hätteſt.“ „Meinem Charakter ſagte das Studium der Me⸗ diein mehr zu, weil ich in einer unbeſchränkten Unab⸗ hängigkeit durch meine Handlungsweiſe Erfolge erzielen kann, die mich ohne Nepotismus ehrenvoll in der Welt placiren.“ „Du haſt mit der Wahl dieſes Berufes die An⸗ ſprüche auf weltliches Streben abgeſchloſſen, indem Du es Dir zum Geſetze machſt, mit großer Hingebung die Leiden der untern Volksklaſſen zu lindern. Wird nicht der Tag erſcheinen, Erneſt, wo dieſe Philanthropie eine Art Heuchelei erforderlich macht?“ Erneſt richtete ſich raſch und ſtolz auf.„Heuchelei iſt das verabſch euungswürdigſte Verbrechen der Menſch⸗ heit!“ rief er flammend vor Unwillen.„Sch. werde mich nie dazu erniedrigen und es iſt bei meiner Dir bekannten Aufrichtigkeit gegen mich ſelbſt, nicht zu fürch⸗ ten, daß ich zu Schauſpielerkünſten greifen werde.“ 184 „Wer kann von ſich ſagen, daß er den Schleiern der Selbſttäuſchung entgehen will?“ warf Konſtanze ſanftmüthig ein,„und der beſte Weg zur Heuchelei liami in der Selbſtverblendung.“ „Sei ohne Sorge, Konſtanze, fühle ich mich er⸗ nüchtert in meinen Beſtrebungen, ſo verlaſſe ich ſih er⸗ lich die betretenen Pfade, ohne mich ſchwermüthigen Gedanken hinzugeben, die mich verblenden könnten,“ ſprach Erneſt wieder gelaſſen und im vollen Bewußt⸗ ſein ſeiner Charakterſtärke.„Meine«romanhafte Ueber⸗ ſpannung,» wie Du ſie neulich benannteſt, ſtützt ſich auf die Erfahrungen meiner Jugendjahre, die in dem iſolirten Daſein unſers kleinen Familienkreiſes eine heftige Sehnſucht nach einem befriedigenden Familien⸗ glücke erzeugt haben.“ „Das finde ich natürlich,“ ſiel Konſtanze lebhaft ein.„Nur daß Du glaubſt, dies Glück ſei aus dunk⸗ lem Grunde von Dir an's Tageslicht zu ziehen, nur dies tadele ich.“ Erneſt wiegte bedeutſam ſein Haupt.„Würden Dir die Familienkreiſe gefallen haben, die aus den Verwandten der kleinen Doris gebildet waren?“ fügte Konſtanze, gereizt durch dies Kopfſchütteln hinzu. „Liegt nicht ein herber Widerſpruch in der Sehnſucht nach Familienbündniſſen und in der Wahl einer Gattin, die ſich durch eine Verbindung mit einem höhergeſtellten und höhergebildeten Manne vollkommen excludirte von ihrer Familie? Erneſt, Du biſt Dir nicht ganz treu geblieben bei dieſer Erklärung.“ „Du denkſt, ich würde mich nicht behaglich unter dem treuherzigen Völkchen gefühlt haben, dem Doris entſtammte.“ „Nein! Nein! Auf die Dauer nicht! Eine Heimath hätteſt Du niemals dort gefunden!“ „Meine Heimath war ſchon dort!“ murmelte der junge Mann.„Ich erſchien den Leuten als ein Weſen, dem ſie blindlings ergeben waren.—“ Konſtanze lächelte über dieſe unreife Weltanſchauung.„Mit wel⸗ cher Liebe, mit welchen Huldigungen, mit welcher Treu⸗ herzigkeit kam man mir, dem Fremdling, entgegen! Wie willig gewährte man mir Achtung und Ehrerbie⸗ tung— ſollte es ſo ſchwer ſein, die Bande der Liebe damit zu verknüpfen?“ Konſtanze erhob ſich von ihrem Seſſel, trat zum Bruder und umſchlang mit beiden Armen ſeinen Kopf. Eine herzlichere Schweſterliebe, als aus ihren Augen leuch⸗ tete, indem ſie ihre Lippen auf ſein lockiges Haar preßte und dann ihre Wange darauf legte, kann es auf dieſem Erdenrund nicht geben. „Wie tief und brennend muß Dein Verlangen 1859. XII. Erneſt Octav. I. 12— 186 nach einer Heimath ſein, Du lieber Junge,“ flüſterte ſie,„daß Du ſogar mit dem Fleckchen Erde dort drü⸗ ben und mit ſeinen einfältigen Bewohnern zufrieden ſein wollteſt. Aber, haſt Du nie darüber nachgedacht, worauf ſich die warmen Huldigungen Deiner Inſel⸗ freunde ſtützten?“ 8 „O ja. Auf eine gewiſſe Dankbarkeit für die geheilten Beine der kleinen Doris,“ entgegnete Erneſt lächelnd und ſpottluſtig, weil er Konſtanzens Sentimen⸗ talität erſchüttern wollte. „Richtig. Das Gefühl der Dankbarkeit verfliegt aber. Du würdeſt bald die Erfahrung gemacht haben, daß Deine Inſelfreunde ebenſo leicht, wie alle andern Menſchen, den Begriff«Danlbarkeit“ als einen Irr⸗ thum der Moralgeſetze zu betrachten Luſt zeigten—“ Der Doctor ſprang auf und griff nach ſeiner Lampe, die angezündet auf einem Nebentiſche brannte. „Mit Vernunftgründen, mein Schweſterlein, läßt ſich nun einmal die Romantik eines Männerherzens nicht löſchen,“ ſagte er leichthin,„es muß die Schmerzen der Erfahrung koſten, wenn es zur Heilung reif ge⸗ macht werden ſoll.“ Ich hatte beſchloſſen, mein Lebensglück nach einem Syſteme zu gründen, bin aber deſſenungeachtet ſehr geneigt, mich, nach dem Fehlſchlagen meiner Pläne, 187 von den Lebenswogen ſchaukeln zu laſſen, bis ſie mich an irgend ein Eiland anſpülen, das mich aufzunehmen bereit iſt. Das planloſe Umhertreiben von einem Orte zum andern, welches unſerm Vater bis zu ſeinem Tode eigen geworden war, trägt die Schuld an meinen Lebensanſichten. Denn, da die Heimath unſers Vaters ſeinen Kindern verſchloſſen iſt, ſo fühle ich mich ange⸗ trieben, mir ſelbſtſtändig eine zu verſchaffen.“ „Dazu bot ſich Dir Gelegenheit, wenn Du Dir ein Gütchen gekauft hätteſt und Landmann geworden wäreſt,“ ſchaltete Konſtanze ein. „Ich wollte mit dem Volke leben und nicht über demſelben ſtehen.“ „Du biſt ein wunderlicher Menſch! Deine idealen Anſichten verrathen eher einen müßigen Edelmann, als einen derben Volksfreund und ich hoffe, daß Du eines Tages zu Deinem Erſtaunen gewahr werden wirſt, wie leicht das Ideal der Weiblichkeit, welches Du wünſcheſt, in jenen höhern Sphären zu finden iſt und wie raſch ſich eine Heimath nach Deinen Begriffen zwiſchen denen bilden wird, die uns ebenbürtig ſind.“ „Du liebſt den höhern Stand— die excluſive Geſellſchaft?“ fragte Erneſt auf der Schwelle ſtehend mit ausgeprägter Jronie.’ „Entſchieden, mein Herr Bruder!“ erklärte Kon⸗ 12* 188 ſtanze freimüthig zu ihm aufblickend.„In der feinen Geſellſchaft liegen die Elemente, welche mich beglücken können. Damit will ich nicht deh pten, daß ſich nicht Vieles dort fände, was ich weg wünſchen möchte, allein die Atmoſphäre, worin Bildung, Grazie und Eleganz vorherrſchend iſt, enthält den richtigen Stoff zu meinem Wohlbehagen. Erinnere Dich, daß ich ſchon in meiner früheſten Jugend„das Prinzeßchen, ſpielte, während Du Deinen Tummelplatz zwiſchen der Straßen⸗ jugend ſuchteſt und daß mir die allgemeinen Lebens⸗ regeln genügten, um mich klug zu machen, während Du ſtets eigene Erfahrung zu Deiner Belehrung bean⸗ ſpruchteſt. Wir wollen ſehen, weſſen Principien zum Glücke führen und wo vom Geſchicke der Platz vorbe⸗ reitet iſt, den wir beſtimmt ſind einzunehmen.“ „Meiner Meinung nach, ſtehe ich ſchon auf dem Platze, den ich auszufüllen im Stande bin und der meinen Neigungen von früher zuſagt. Meine Praxis wird mir den Tummelplatz meiner Thätigkeit dort feſt⸗ ſtellen, wo ich ihn als Knabe ſuchte. Gebe Gott, daß Dich Deine Theorien in der Praxis nicht unglücklich machen.“ „Fürchte nichts, Erneſt,“ rief fröhlich das Mäd⸗ chen ihm nach, als er mit dieſen Worten aus der Thür ſchritt und ſie ſogleich hinter ſich ſchloß. Mit gedankenvollern Blicken, als ihre heitere 189 Stimme erwarten ließ, blieb ſie einſam im Zimmer zurück und ließ das beſchloſſene Geſpräch an ſich vorüber⸗ ziehen. Vorläufig damit zufrieden, daß ihres Bruders Entſchlüſſe, die ſie nie gebilligt hatte, an Hinderniſſen geſcheitert waren, welche keine Gewiſſensſcrupel auf⸗ kommen ließen, überdachte ſie mit einer leichten Weh⸗ muth die Iſolirung, welche von einer gewiſſen Raſtloſig⸗ keit und Sonderbarkeit ihres längſt verſtorbenen Vaters über ſie Beide verhängt worden war. Kein Menſch in der ganzen Welt nahm Intereſſe an dem Wohlſein oder dem Unglücke ihres jungen Lebens! Sie ſtand mit ihrem Bruder einſam zwiſchen dem Menſchenge⸗ wühl und blickte von der Höhe einer unabhängigen Selbſtſtändigkeit mit Trauer auf diejenigen, die, von Banden und Verhältniſſen gefeſſelt, dennoch im Aus⸗ tauſche gegenſeitiger Leiden und Freuden weit glück⸗ licher waren. Der Mangel an Umgang hatte ſie ſchon in frühſter Jugend zum Nachdenken gebracht und ihrem Gemüthe eine Feſtigkeit verliehen, die dem Weibe erſt in ſpätern Jahren und nach erfahrungsreichen Kämpfen zu Theil wird. Dieſe Feſtigkeit vollendete die Liebenswürdigkeit ihres Weſens, ſie miſchte der Frohſinnigkeit die mächtige Gewalt eines unbedingten Zutrauens bei und feſſelte Alle, die Gelegenheit hatten, ſich ihr zu nahen. 190 Leider waren dies nur Wenige und unter dieſen Wenigen befand ſich nicht ein einziger Menſch, der ihr Intereſſe im gleichen Maaße zu erregen im Stande war. Vierundzwanzig Jahre zählte ſie, ohne daß es irgend einem Manne gelungen war, ihr Herz nur eine Minute zum ſtärkern Pulſiren zu bewegen und ſie glaubte auch nicht an die Möglichkeit je einen Andern ſo herzlich lieb haben zu können, wie ihren Bruder Erneſt. Ihre ſeleſame Stellung zwiſchen ihm und ihrem Vater hatte ihr Veranlaſſung gegeben den Männercharakter mehr zu ſondiren, als ſonſt Mädchen thun. Sie hatte die Ueberzeugung von vorhandenen Charakterſchwächen des ſogenannten„ſtarken Geſchlechtes“ gewonnen, allein ſie liebte dieſe Schwächen, die ihr Anlaß boten, Selbſt⸗ verleugnungen zu üben und ſie gehörte dadurch keines⸗ weges zu den hochromantiſchen Heldinnen der Romane, die ſich Puppen voller Vollkommenheiten zu ihren Ide⸗ alen wählen. Ihrer Hineigung zur Vornehmheit ge⸗ maß mußte derjenige, dem ſie ihr ganzes Herz zu weihen geneigt war, fern von jeder unnoblen Geſin⸗ nung ſein und mit ſeinen Lebensanſprüchen über der Gewöhnlichkeit hervorragen, weiter reichten ihre An⸗ ſprüche nicht, aber ſie bildeten eine unumſtößliche Grundlage ihrer Wünſche. Die Erſcheinung ihres Bruders mochte im Stillen — 191 ein Modell ihrer Träume abgeben. Seine hohe Ge⸗ ſtalt, der Adel ſeiner Bewegungen, gepaart mit der Nachläſſigkeit und Gleichgültigkeit gegen pomphafte Aufſtellungen erfreuete ſie ſtets und wenn ſie erklärte, ſeine Aeußerlichkeit ſtände nicht im Einklange mit ſeinen Syſtemen, ſo hatte ſie vollkommen Recht. Sie ſelbſt ſtellte in ihrer Erſcheinung das edelſte Bild weiblicher Anmuth dar und erweckte ganze un⸗ willkürlich das Urtheil von einer vollſtändigen Harmonie des Innern mit dem Aeußern. Trotz der Einfachheit ihrer Kleidung ſprach ſich in jeder Beziehung eine ge⸗ heime Vorliebe für den Glanz der Toilette aus, wel⸗ cher einer jugendlichen Geſtalt zur Zierde gereicht. Ihr Geſchmack zeigte ſich dabei tadellos. Den Tand der Mode verachtete ſie, aber die graziöſe Zierlichkeit derſelben fand ſie ſtets heraus und paßte ſie ihrer Geſtalt an. Somit vereinte ſie ohne Koketterie die Schönheit ihres Geſichts mit der reizendſten Einfach⸗ heit ihres Anzugs und erregte bei dem erſten Anblicke ein überraſchend wohlthuendes Wohlgefallen. Erneſt war eigentlich ſtolz auf ſeine Schweſter und es mochte ganz im Hintergrunde ſeiner Seele die Idee gewurzelt haben, ſich, ähnlich ihrem Weſen, eine Gattin zu er⸗ ziehen. Von der Schwierigkeit einer ſolchen Erziehung 192 hatte er keinen Begriff gehabt und das Geſchick er⸗ ſparte ihm die Bitterkeit ſpäterer Reue. Während Konſtanze ihren Ueberlegungen nachhing, ſaß der Doctor Erneſt ſchon wieder über ſeinen Bü⸗ chern. Ob nicht bisweilen das Bild des hübſchen Inſelmädchens, das ihm mit ſo heißer Dankbarkeit begegnet war, über die Zeilen flog und ſich zwiſchen den Blättern des metaphyſiſchen Buchs verſteckte, iſt doch ſehr zweifelhaft, wenigſtens verrieth der ſinnende Blick, womit er bisweilen in die Leere ſchauete, etwas von dergleichen Begegnungen. Die Nacht rückte nach und nach weiter vor, Erneſt löſchte ſein Licht und ging zur Ruhe ohne gewahr zu— werden, daß einzelne ſcharfe Windſtöße ein neues Ge⸗ witter am Himmel verkündeten. Er ſchlief den Schlaf des Gerechten und hörte das Brauſen und Praſſeln des Regens nicht, der ſcharf gegen die Fenſter ſchlug, hörte das Rollen des Donners ebenſo wenig und ließ ſich noch weniger von den grellen Blitzſtrahlen erwecken. Konſtanze jedoch hatte ſich unter dem Graus der Nacht erhoben, war leiſe hinübergeſchlichen in des Bruders Zimmer und hatte ihren Sitz, etwas beklom⸗ men und beängſtigt, auf ſeinem Sopha genommen. Plötzlich, mitten im Gräuel des Wetters, wurde die„Krankenklingel“ gezogen, raſch, wild, als hinge 193 das Leben eines Menſchen von der Eile ab, womit der Arzt herbeigeholt wurde. Konſtanze ſprang auf— Erneſt war im Nu auf den Füßen, ganz wach und beſonnen. „Was iſt?“ fragte er ſeine Schweſter, die be⸗ ſorgt ihm entgegentrat. „Wir werden es gleich hören, der Diener öffnet ſchon die Thür,“ antwortete ſie. „Weshalb biſt Du auf?“— forſchte er verwun⸗ dert. Ein fürchterlicher Blitz und ein gleich darauf fallender Donner überhob ſie der Antwort. „A— h ſo!“ rief er ironiſch—„meine helden⸗ müthige Schweſter fürchtete ſich vor dem Gewitter!“— Ein Poltern die Treppe hinauf, mit den ungeſchickten Schritten eines ungeübten Treppenſteigers feſſelte dann ſeine Aufmerkſamkeit. Er erkannte die Haſt der Ver⸗ zweiflung in dem eiligen Aufſteigen und öffnete hülfe⸗ bereit ſogleich ſeine Thür. Ein Mann trat ein. Athemlos, verwirrt, ver⸗ zweiflungsvoll ſtand er und ſchnappte nach Luft.— Erneſt erkannte den Mann nicht gleich— eine dunkle Erinnerung tauchte auf, aber ehe ſie deutlich in ihm werden konnte, ſchrie dieſer Mann: „Ach, kommen Sie Herr Doctor, kommen Sie! Ach, ſie iſt todt, ſie iſt todt!“ 194 „Wer iſt todt?“ ſtammelte Erneſt. „Doris, das engelgute Göhr*), Doris Smeth!“ ſchrie er. Es war Willi Berch, der hülfeflehend ſeine Arme nach ihm ausſtreckte und faſt in die Knie ſank. Der Doctor taumelte zurück und griff nach einem Haltpunkte, Konſtanze ſchrie auf, und umfaßte ihn. Sie erhielt ihre Beſonnenheit früher wieder und fragte nach den nähern Umſtänden des Unglücks. Willi konnte nichts erklären. Er wußte nur, daß er mit ſeiner Schweſter Eleonor nach der glücklichen Rettung vom Kerkwerder, das junge Mädchen zu Haus begleitet hatte, daß ſie noch ein Weilchen zuſammen geblieben waren, um der Frau Smeth das Abentheuer zu erzählen und daß dann in der Nacht, eben als das Gewitter losgebrochen war, der Vater von Doris bei ihnen vorbei, nach ſeinem Vetter Peter Smeth, dem tüchtigſten und erfahrenſten Ruderer der Inſel, geſtürzt war, um ihn zum Doctor Schmidt zu beordern, weil ſeine Tochter ſtarr, bleich und leblos in ihrem Bette liege: „Ich ſprang eilig hin zu Smeths,“ ſchloß er ſeine Erzählung mit einem gewaltſamen Schluchzen „da lag ſie— todt, ach lieber Herr Doctor, todt und ſtarr *) Göhr, Provinzialismus, ſtatt„Mädchen.“ 195 Ein fürchterlicher Blitz und Donnerſchlag unter⸗ brach ſeine Rede. Der Doctor, von Blitz und Donner nichts be⸗ achtend, hatte ſich wieder gefaßt und ſetzte ſich ſogleich an ſeinen Schreibtiſch. Konſtanze gab dem armen Burſchen, den die Verzweiflung aus allen Mienen leuchtete, ein Glas Wein und verſuchte einige Trö⸗ ſtungen. „Ach Fräulein, was iſt's ſchrecklich, wenn man ſich Vorwürfe bei ſolchem Unglück machen muß— wäre ich nicht auf den Einfall gekommen, die Mädchen nach dem Kerkwerder zu fahren und hätte ich meine Jolle beſſer befeſtigt, ſo möcht's gerne nicht geſchehen ſein—“ jammerte der arme Menſch ganz leiſe, um den ſchrei⸗ benden Doctor nicht zu ſtören. Dieſer war bald fertig. Er faltete das Papier, rief ſeinen Diener und ſendete ihn nach der Apotheke. Zwiſchen all dieſen Scenen leuchtete und ſtrahlte der Blitz und grellte bald nah, bald fern der Donner. Als der Diener des Doctors fort war, begann dieſer ſeinen Anzug zu vervollſtändigen. Konſtanze trat ihm erſchreckt näher. „Was willſt Du thun, Erneſt?“ fragte ſie ängſt⸗ lich. Er ſah ſie groß und verwundert an. „Meine Schuldigkeit—“ antwortete er lakoniſch. 196 „In dieſem entſetzlichen Wetter!—“ fuhr ſie auf.„Bei dem Sturme, der die Waſſerwogen haus⸗ hoch jagen wird?“ „O, Fräulein—“ bat Willi ſchüchtern—„es gibt nirgends einen geſchicktern Segler im Sturme, als Peter Smeth von Falkwerder und der hat mich knüber gebracht.—“ Konſtanze rang in wilder Herzensbewegung die Hände. Ihr Bruder war das einzige Weſen auf der ganzen, weiten Welt, das zu ihr gehörte! Wenn ſie ihn verlor? Sie konnte ihn verlieren in dem ge⸗ fahrvollen Unternehmen, das er vorhatte. Hundert Male glückt eine Ueberfahrt über ein ſturmbewegtes Waſſer und dann mißlingt es ein Mal plötzlich, wo gerade ein unentbehrliches Menſchenleben mit zu Grunde geht. Sie wagte jedoch kein Wort. Der düſtere Ernſt auf ihres Bruders Stirn verrieth ihr genugſam, daß er innerlich mehr litt, als er zeigen wollte. Er packte aus dem Vorrath ſeiner Hausapotheke mancherlei zu⸗ ſammen, legte ein chirurgiſches Beſteck bei, und zeigte in allen ſeinen Vorbereitungen, daß er an eine Ret⸗ tung des Mädchens glaubte, das man ihm als„todt“ gemeldet hatte. Mittlerweile kam keuchend ſein Diener mit den Medicamenten und Blutigeln wieder. Erneſt ging hinaus, um ihn nach einen Auftrag zu ertheilen und Konſtanze ſchlich ihm nach. „Mein lieber Bruder,“ flüſterte ſie, ihn um— ſchlingend—„mußt Du fort in dieſer grauſigen Nacht, unter Blitz und Donner, Sturm und Regen— mußt Du, mein Bruder?“ „Ich muß, Konſtanze!“ erwiderte der Doctor mit feierlicher Betonung.„Mir geht es, wie dem armen Menſchen da drinnen. Mich peinigen Selbſt⸗ anklagen. Ich ſah das ſchreckensbleiche Angeſicht, als ſie, kaum errettet aus ſchauderhafter Todesgefahr, zu mir trat und ich folgte meiner bösartigen Empfindlichkeit und wendete mich ſchleunig von dem armen Kinde, ob⸗ wohl ich wiſſen konnte, daß bei ihrem, von der Ope⸗ ration geſchwächten Nervenſyſteme, ein gefahrbringendes Nervenübel ſie überfallen konnte— verachte mich nun, meine gute Konſtanze, daß ich mich meines Berufes unwürdig gemacht habe! Gebe nur Gott, daß ich Doris rette, ſonſt iſt meine Heiterkeit auf ewig untergraben.— Wie herzlos, wie ſelbſtſüchtig iſt doch der Menſch in ſeiner Empfindlichkeit!“— Die Männer rüſteten ſich zum Weggehen. Der Regen hatte einen Moment nachgelaſſen, das Gewitter entlud ſich nur noch in ſchwachen Blitzen und fernen Donnerpoltern. Zwiſchen den fliegenden Wolken blickte 198 T bisweilen der Mond hervor, als wolle er neugierig den Gewitterſpectakel betrachten. Konſtanze nahm in verſtellter Ruhe Abſchied von Erneſt. Sie ſahen ſich Beide ſehr ernſt in die treuen Geſchwiſteraugen, reichten ſich die Hände und ſchieden. Aber das Mädchen öffnete ihr Fenſter und ſah ihm ſo lange nach, wie ſie ihn ſehen konnte. Dann ſchickte ſie ein inbrünſtiges Gebet um ſeine Erhaltung zum Himmel empor. Inzwiſchen erreichten die Männer den Landungs⸗ platz, wo Peter Smeth im Boote ihrer harrete. Der Doctor nahm ſeinem Diener die Sachen ab und ſendete ihn mit der Weiſung zurück, ihn vor dem Abende des nächſten Tages nicht zu erwarten. Dieſer eilte froh ſeiner Behauſung wieder zu, denn die Nacht war nicht einladend zu einem Spaziergange. Erneſt trat dicht an das Üſer und ſah hinaus in die wüſte, wilde Nacht. Der Mond wurde eben von ſchwarzen, unheildrohenden Wolken beſchattet, dadurch mehrte ſich das unheimliche Dunkel. Der Sturm zog heulend durch die obern Luftregionen, llapperte un⸗ wirſch mit den Segelſtangen und in der Takelage der Schiffe, die hier vor Anker lagen und fand ein grau⸗ ſiges Echo im Toſen des Waſſers. Der junge Mann warf entſchloſſen einen Blick hinauf zu dem, der ihn überall ſchützen konnte. Er mußte hinüber über dieſe klatſchenden und ſchaumſpritzen⸗ den Wellen— er⸗ mußte! „Werden wir eine ſchnelle Fahrt hoffen können?“ fragte er den alten, mürriſch ausſehenden Matroſen, der ihm die Hand zum Einſteigen in'’s Boot dar⸗ reichte. „Wie's kon mit war die lakoniſche Antwort. „O,“ rief Willi eilfertig,„eine kleine halbe Stunde bringt uns über—“ „Meinſt—?“ lakoniſirte Peter Smeth ſpöttiſch. Dabei hob er ſich mit ſeinen hochbeſtiefelten Beinen langſam und ſchwerfällig in's Boot und machte die Leinen des Segels zurecht.— „Beeilt Euch etwas guter Freund,“ bat der Doctor ungeduldig, als der Matroſe immer noch mit dem Abſtoßen zögerte. „Hab's nicht noth—“ brummte Vetter Peter. „Haben reichlich Zeit, bis die Flage*) über iſt. Legen Sie ſich unter's Theerſegel—“ „Er hat Recht, Herr Doclor,“ flüſterte Willi, und hob ein großes getheertes Laken auf, um es über *) Regenſchauer. 200 ſich und den Doctor auszubreiten.„Beſſer wir ſchwi⸗ tzen hier d'runter, als würden wir naß, wie gebadete Katzen.“ WViirklich war kaum die Bedeckung zu Stande ge⸗ kommen, als ein fürchterlicher Regenguß mit hinläng⸗ lich grauſenhaftem Siurmestoben vom Himmel hernie⸗ der raſete und den Doctor veranlaßte, der Vorſicht des alten Matroſen dankbar zu ſein. Dann aber zeigte der Himmel einiges Erbarmen mit den armen Reiſenden. Die Wolken zertheilten ſich, der Mond beleuchtete ihre Bahn und ſpiegelte ſich mit glänzendem Muth⸗ willen in den aufgeregten Wellen. Peter Smeth ließ nun die Segel aufbauchen und lavirte ſich kunſtvoll aus dem Schiffslabyrinthe des Ha⸗ fens hinaus. Er ſaß ſtramm und ſteif, wie ein Holz⸗ bild da und dachte an nichts, als an ſein Boot. Willi ließ die Blicke achtlos über das ſchöne Na⸗ turſpiel von Wogen, Mond und Wolken hinſchweiſen und wünſchte mit Verlangen„erſt heim zu ſein.“⸗ Was aber empfand Erneſt? Eine wunderbare Ruhe füllte ſeine Bruſt, ungefähr die Ruhe, die der Geneſende nach der Ueberwindung einer Krankheit hat, wo ſich das Leben wieder ſchön entfaltet und Alles neu in Hoffnung ergrünt. 201 Erneſt war auch ein Geneſender, wenn man ſeinen emporgeſchraubten Gemüthszuſtand eine Krankheit nen⸗ nen kann. Für jetzt fühlte er mit Selbſtzufriedenheit, daß er durch eine treue Pflichterfüllung das ſühnen konnte, was er im Unmuthe am Abende vernachläſſigt hatte. Er beurtheilte Doris' Nervenzuſtand von vorn⸗ herein als mehr beängſtigend wie gefährlich, hätte aber um keinen Preis der Welt eine Minute verſäumen mögen, ihr zu Hülfe zu kommen, jetzt, nachdem ſie ſich aus dem Kreiſe ſeiner Herzenswünſche losgelöſet hatte. Schlug die Fahrt fehl, verunglückte er bei dieſem Beginnen, ſo verlor Niemand wie Konſtanze und dieſe hatte mit ihrem Abſchiedsblicke ſein Vorhaben gebilligt! Kam er glücklich hin, rettete er das arme Kind aus dem Starrkrampfe, der ihr Leben bedrohte, ſo hatte er ſeine Selbſtzufriedenheit damit errettet, alſo unend⸗ lich viel an Seelenruhe gewonnen. Er verglich ſeine Fahrt vor kaum ſechs Stunden mit dieſer. Toſend in grimmiger Eitelkeit waren ſeine Gefühle vorhin geweſen, wie jetzt das Waſſer grimmig toſete, und freundlich und klar waren ſeine Empfin⸗ dungen jetzt, wie vorhin im Abendlichte der Himmel. Ein Wechſel der Elemente und ein Wechſel in ihm. In der Natur, wie in ihm ein Gährungsproceß, dem die Läuterung und Reinigung auf dem Fuße folgte. 1859. XII. Erneſt Octav. I. 13 202 Die fliegenden Wolken zogen ſich wieder zuſammen, ſie fuhren dahin, wie reiſende Gebirge, vom Mond⸗ lichte am Rande matt durchglänzt. Rauſchend ſchlugen die Schaumwellen gegen das Boot, das ihnen trotzte und von der kundigen Hand des maulfaulen Vetter Peter Smeth geführt, kunſtgerecht lavirte, vor dem Winde lag und dann im günſtigen Moment eine tüchtige Strecke vorwärts ſchoß. Mitten im Strome faßte fie eine zweite Flagge. Der Matroſe brummte und ſchärfte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit.— „Soll ich helfen?“ fragte Willi, als er im Be⸗ griff war, den Doctor wieder unter das Theerlaken zu ſtecken. „Helfen?“ murrte der Matroſe.„Helfen in den Grund ſegeln, mein Jung? Jawoll!“ „So ſchlimm wird's nicht werden— junge Burſche. „Denkſt—?“ war die Antwort und das Boot ſchwappte ſo jähe herum, daß das Waſſer drüber ſchlug. Im Nu war es halb voll. „Jetzt kannſt helfen, mein Jung. Füll' aus— geſchwind!“ befahl der Matroſe. Deer Regen begann. In Strömen fuhr er aber⸗ mals nieder und hüllte die Schiffenden in einen un⸗ meinte der 203 durchdringlichen Schleier. Der Doctor warf dennoch haſtig ſeine Bedeckung weg, denn er merkte aus dem leiſen Fluchen des Matroſen, daß ſie in Gefahr waren. „Was iſt's, was Ihr fürchtet?“ fragte er ent⸗ ſchloſſen aufſtehend.„Sprecht es aus, wenn Ihr etwas Unangenehmes ahnet—“ „Schuld bin ich nicht—“ murrte der Matroſe— „hundert Mark für einen vernünftigen Blitz— damit ich ſehen könnt', was da rechts rauſcht.“ Alle ſchwiegen und lauſchten. „Iſt's ein Dampfer, ſo fährt er uns in den Grund—“ flüſterte Willi.„Können Sie ſchwimmen, Herr Doctor?“ „Nicht genug, um mich allein durch ſolche Strö⸗ mungen ⸗zu wagen“, entgegnete er kaltblütig.„Aber ich bin gefaßt auf ein unwillkommenes Bad und werde im Stande ſein, mich über dem Waſſer zu erhalten.“ Willi erklärte in demſelben Falle zu ſein. Der Matroſe ſagte: „Genug, reichlich genug—!“ Ob er damit die Kunſtfertigkeiten im Schwimmen ſeiner beiden Paſſagiere meinte, verdeutlichte er nicht weiter, denn ein harter Stoß warf ihn ſowohl, als dieſe zu Boden, das Waſſer überſpülte ſie alle zuſammen und auf den ſchrillen Zu⸗ ruf:„Greift! Greift!“ den der Alte ausſtieß, klammerte 18* 204 ſich Jeder an den Bord, um beim Umſchlagen des Bootes einen Halt zu haben. Das Boot ſchlug aber nicht um, ſondern ſchaukelte ſich gemächlich auf dem Gegenſtande, der den Stoß verurſacht hatte. „Nicht gerückt und gerührt, bis der Regen nach⸗ läßt, ſodaß wir ſehen können—“ befahl der Matroſe. „Ein Dampfer war's nicht, der rauſchte, vielleicht ſitzen wir auf dem Lütgenwerder feſt—“ „Wahrhaftig, Vetter Smeth“, unterbrach ihn Willi.„Wir haben Weiden zur rechten Hand— ich faſſe ſie hier—!“ „Still geſeſſen, nicht gemuckſt—,“ brummte der Alte und ein Laut, wie von einem innerlichen Gelächter drang zwiſchen ſeinen Lippen hervor. Zehn Minuten vergingen, bevor der entſetzliche Regenguß nachließ. Eine Ewigkeit für die armen Ge⸗ ſtrandeten, denen die Angſt nicht erlaubte unter das Theerlaken zu kriechen. Endlich hörte das Platſchen auf und verwandelte ſich in ein ruhigeres Rieſeln, bis es nach und nach zu einem durchſichtigen Sprühen er⸗ loſch. Der Doctor athmete tief auf. Er vertraute nun der Kunſt des Bootführers nicht mehr ſo unbedingt, wie früher und wünſchte ſehnlich aus dieſer Situation befreit zu werden. Ein ſchwaches Mondlicht zeigte ihm, daß ſie kaum 205 die Hälfte ihres Weges überwunden hatten und richtig auf einen der kleinen Werder aufgefahren waren. Zu ſeinem Erſtaunen machte Vetter Peter Smeth durchaus keine Anſtalt, ſie von der Stelle zu bringen. Er ließ das Boot ſchaukeln, ſo viel es wollte, obwohl der Mond ſchon glänzend am Himmel prangte und die Ge⸗ witterwolken nun gründlich entleert ſchienen. „Wollen wir die Nacht hier bleiben?“ fragte der Doctor ſpöttiſch. „In zehn Minuten ſind wir über—“ behauptete der Alte ruhig. „Darauf bin ich neugierig—“ ſpöttelte der Doc⸗ tor weiter, indem er ſich vor Froſt und Näſſe ſchüttelte. „Der Wind ſchlägt um—“ erklärte er.„Wir haben ungeheuer Glück gehabt—.“ „Das weiß der Himmel,“ lachte der Doctor und Willi ſtimmte herzhaft mit ein. „Hoi! Hoi!“ ſchrie der Alte und ſchnalzte mit der Zunge. Wie der Reiter ſein Pferd zu neuen Cour⸗ betten ſpornt und in der Luſt des Vergnügens gar nicht an die Gefahren dabei denkt, ſo auch der Matroſe. Mit einer Vehemenz, die an's Uebernatürliche grenzte, trieb er ſein Boot vom Sandberge, worauf es feſt⸗ gerannt war, hinunter, wendete es in's Fahrwaſſer, ließ das Segel aufblähen und dirigirte es gerade auf 206 die unruhigen Wellen zu. Wie ein Pfeil flog es darüber hin— der Mond leuchtete ihm— der Wind half ihm— binnen zehn Minuten legte er glücklich bei Falkwerder an. Beladen mit den Hülfsmitteln zur Rettung, naß wie man nur ſein konnte, aber dennoch innerlich glück⸗ lich über die überwundene Fahrt, langte der Doctor in Willi’s Begleitung bei Smeth's Hauſe an, das hell erleuchtet war. Weinend kam ihnen Frau Smeth entgegen. „Sie iſt todt!“ jammerte ſie. Der Doctor trat eilfertig zu dem Lager, worauf Doris lag. „Stillt Eure Klagen, guten Leute— ſie lebt!“ rief er laut und freudig. Ein Freudenſchrei, dem ein ſtilles Dankgebet folgte, war das Reſultat dieſer Erklärung, dann entwickelte ſich die ärztliche Thätigkeit des Doctors. Aber Stunde an Stunde verrann, ohne den Krampf zu heben. Kein Lebenszeichen erfolgte und nur den feſten Verſicherungen des Arztes gelang es, den wieder ausbrechenden Zweifel zu ſtillen. Die Sonne ging auf. Sie beleuchtete das ſtille, kalte Geſicht der kleinen, hübſchen Doris, neben welcher nnermüdet der wackere junge Doctor weilte. 207 Willi war ſein treuer Gehülfe geweſen, jetzt ſaß der arme Burſche am Fuße des Bettes und ſchlief, überwältigt von der mächtigen Anſtrengung der Nacht. Erneſt, im Sonntagsſtaate des guten Burſchen,— ſeine Kleidung trocknete draußen in der Morgenſonne— ſaß mit Frau Smeth und beobachtete die Kranke. Mit trüben Blicken hing die Mutter an ſeinem Geſichte, um Beruhigung aus dem Ausdrucke deſſelben zu ſaugen. Der Doctor zeigte auf Willi: „Es iſt ihr Bräutigam?“ fragte er ganz leiſe. „Noch nicht, aber ſie haben immer ſehr an ein⸗ ander gehangen,“ flüſterte ſie dagegen.„Willi erhält heute ſeine Strafe—. Im vorigen Jahre hat er mein armes Göhr ſehr gekränkt. Seine Kameraden hatten ihn geneckt mit der Heirath und da war ihm im Leicht⸗ ſinne das Wort herausgefahren: er würde keine Hin⸗ kedei*) heirathen. Doris hatte ihn grundlieb. Sie konnte ihm deshalb nicht böſe ſein, aber ſie ſprach's rund heraus, daß ſie ſchon lang' nicht an's Heirathen gedacht hätte und ihn nimmer nehmen würde. So ſtand's, als Sie die Kur mit ihr begonnen und nun möcht' der Jung' freilich reichlich gern mein Göhr als *) Provinzialismus. 208 Liebſte haben. Er ſoll's auch, wenn ſie nur lebendig bleibt— er ſoll ſie noch vor dem Winter haben—. Es paßt Keiner ſo gut zu ihr, wie Willi, glauben's mir, Herr Doctor.“ Er glaubte es von Grund ſeiner Seele und hatte auch jetzt gar nichts mehr dagegen. Innerlich erſtaunt über ſeine frühere Verblendung, hatte er ſchon heute Gelegenheit, an die weisheitsvollen Ausſprüche ſeiner verſtändigern Schweſter zu denken. Sein Herz ſchwoll in Liebe der herzlichſten Art zu Konſtanze auf. Sie ſorgte ſich um ihn, während er hier ſaß und auf das Erwachen einer Scheintodten wartete, ſie ſorgte ſich mit der Liebe einer Mutter, einer Gattin und Schweſter— war nicht bei ihr ſeine Heimath? Konnte er jemals ein Weib finden, das ſich ihm inniger, und doch ohne die anſpruchsvolle Leidenſchaft einer Geliebten, an⸗ ſchmiegte? War es nicht unklug von ihm, ein Glück und eine Heimath in dem Weſen einer fremden Per⸗ ſönlichkeit zu ſuchen, da ihm eine Schweſter, wie Kon⸗ ſtanze zur Seite ſtand?— Mit dieſen Fragen entwarf er ſich ein Cölibat in ſo lichtvollen Farben, daß dagegen ſein früheres roman⸗ tiſches Träumen zu einem lächerlichen Schattenbilde erblaßte. Während ſeines Nachdenkens erörterte Frau Smeth V — 209 mit der Zutraulichkeit ihres Charakters ihre Familien⸗ verhältniſſe nebſt den Vortheilen einer Verheirathung zwiſchen Doris und Willi, weil„die beiden gleich wohlhabend wären.“ Der Doctor riß ſeine Augen weit auf. Dahinaus lief alſo die Poeſie dieſer Inſelidylle? „Freilich iſt's reichlich Zeit, darüber zu ſprechen,“ ſeufzte ſie ſchließlich,„denn bis dahin liegt mein Göhr noch wie'ne todte Auſter am Strande, aber ich mein' doch, daß wir gerne eine Hochzeit haben, ehe der Winter kommt. Doris hat's dem Willi vergeben, was er dazumal gefaſelt und ſie wird's Glück greifen, nu es kommt. Ein’ Fremden darf ſie nicht nehmen und hier auf dem Werder iſt's der Anſehnlichſte!“ Alſo auch hier in dem abgeſchloſſenen Winkel der Erde herrſchte die Proſa des Wägens und die Herzen mußten ſich auf den Geldbeuteln der Eltern zuſammen⸗ finden? Ein bitterer Spott durchflog das Herz des Arztes und vermochte ihn zu der leichtſinnigen Frage: „Einen Fremden dürfte Doris nicht nehmen, ſag⸗ ten Sie, Frau Smeth? Wie nun, wenn ſich Einer um Ihre Tochter beworben hätte, der Geld und Gut, Bildung und einen vornehmen Stand aufwies?“ „Es wär' eine Dummheit, wenn ſo'n Mann mein Göhr heirathen wollt',“ antwortete Frau Smeth 210 treuherzig.„Der würd' mein Lebtag nicht auf unſerer Inſel heim'ſch werden und mein Göhr möcht' ſich gerne im Staat ausnehmen, wie'ne geſottene Steinbutte— hie blank— da ſchwarz—!“ Sie machte durch eine Wendung der Hände von innen nach außen pantomi⸗ miſch klar, was ſie meine. Der Docctor lachte. „O, wenn ein Mädchen will und den Mann lieb hat, ſo iſt Vieles möglich zu machen,“ warf er hin. „Glauben's nicht, Herr Doctor—“ entſchied die Frau.„Liebe hält nicht aus— Gewohnheit thut mehr—. Wer zu getrodkneten Fiſchen gewöhnt iſt, ſtellt ſie höher als Beeſſteak—. Haben's reichlich erfahren—“ In dieſem Moment war es, als liefe ein Schimmer von Bewegung über die Glieder des jungen ſtarrſüch⸗ tigen Mädchens— der Doctor ſah aufmerkſam nieder zu ihr. „Sehen Sie nach den Senfpflaſtern unter den Fußſohlen,“ murmelte er und faßte den Puls.„Nehmen Sie die Pflaſter ab— ſchnell die Tropfen— wir müſſen den Moment benutzen, wo ſie athmet—“ Doris regte ſich wirklich ganz, ganz wenig— ein Zucken, ein Augenaufſchlag und ein raſches Aufathmen! Der Doctor benutzte den flüchtigen Schimmer von Leben und flößte ihr die Tropfen glücklich ein, allein erſt 211 mehrere Stunden ſpäter ging er nach dem Strande hinunter, um zu Hauſe zu eilen. Seine Anordnungen waren beſtimmt gegeben und da es ſich hier lediglich um einen ſehr heftigen, drohenden Krampfanfall handelte, ſo konnte er ohne Beſorgniß das Mädchen der Heilkraft der Jugend überlaſſen.— Mit einem ſeltſamen Blicke beſtieg er das Boot, an deſſen Steuerrnder der grämliche Vetter mit der Bemühung, ihm entgegenzulächeln, ſeiner wartete. Mit einem ſeltſamen Blicke ſchweiften ſeine Gedanken in die letzte Vergangenheit zurück, die ihm ein Schlüſſel zur Zukunft wurde. Die ganze Bevölkerung der Inſel ſtand auf dem Deichwalle, als er das Boot beſtieg und ein „Hurrah!“ ertönte von dort her, ſo wie er im ſchau⸗ kelnden Fahrzeuge ſtand. „Na nu—“ ſprach der Matroſe und zeigte auf die ſtrahlende Sonne, die ſchon hoch am Himmel ſtand. Der Doctor lächelte. „Ich denke, wir werden eine beſſere Fahrt haben, als in der Nacht.“ „Jawoll!“ Das Boot ſchwenkte ſich und ſchnellte ab vom Ufer. „Hurrah! Der Doctor Schmidt ſoll leben!“ ſchrie Alles oben auf dem Walle und der junge Arzt, bewegt von der allgemeinen Theilnahme, nahm grüßend 212 ſeinen Hut ab. So lange das Boot ein Sicht» war, tönte ihm das fröhliche„Hurrah“ nach, dann wurde es ſtill. Eine reine, mildwarme Luft ſchwebte über dem Strome und ein heller, blauer Himmel wölbte ſich über demſelben. Der Sturm der Nacht hatte die Waſſer⸗ wogen ſtark gerüttelt und ſie gingen noch hohl und un⸗ ruhig ihren Weg. Sonſt aber war friedliche Ruhe überall und der Duft der erfriſchten Wieſen drang belebend von allen Seiten herüber.— Der Matroſe, immer entſchieden maulfaul, ſchwieg ſtockſtill und ruderte. Der Doctor fühlte ſich ermüdet. Er ſchloß ſeine Augen und überließ ſich dem ſüßen Be⸗ hagen einer Ruhe, die durch die Einwirkung der milden Atmoſphäre zauberhaft verklärt wurde. Er dachte an die Freude ſeiner Schweſter, wenn er plötzlich zu ihr eintreten und Alles für beſeitigt erklären würde, was ſeinen frohen Muth benachtheiligen konnte und er freuete ſich auf den Frieden ſeiner Häuslichkeit. Aber er fand dieſen häuslichen Frieden nicht, wie er ihn verlaſſen hatte. Konſtanze hatte am Morgen durch einen Gemüſe⸗ händler von Falkwerder, der mit ſeinem Ewer*) unweit *) Ewer ſind die Boote, die vorzugsweiſe von den Elb⸗ inſelbewohnern zum Transporte von Obſt, Gemüſen, Torf, Milch und Fiſchen benutzt werden. 213 des Hopfenmarktes in einem der Fleete*) anzulegen pflegte, die Ueberfahrt mit allem Ungemache, das ſie unterweges betroffen, erfahren, allein zugleich auch die Nachricht, daß ihr Bruder ſchwerlich ſo bald wieder kommen werde, de der Zuſtand des jungen Mädchens noch unverändert ſei. Die Leute, welche die Botſchaft überbrachten, waren ſchon abgefahren Zewheſen. als das junge Mädchen zu ſich kam. Konſtanze ergab ſich in's Unabänderliche und war nur froh, daß die nächtliche Fahrt ſo weit glücklich abgelaufen war. Der Morgen derging ihr unter ihren muſikaliſchen und literariſchen Beſchäftigungen und ſie war, nach dem Frühſtücke eben im Begriffe, einen Geſchäftsweg an⸗ zutreten, als ihr Kammermädchen„Madame Hirſch Meier“ meldete. Die junge Dame trauete ihren Ohren nicht und glaubte, der Beſuch ſei ihrem Bruder in ärztlicher Be⸗. ziehung zugedacht, allein Liſette verſicherte:„Madame wünſche ihr gnädiges Fräulein zu ſprechen.“ Geſpannt blickte Konſtanze der Dame entgegen, *) Kanäle. 214 als ſie, diesmal nicht„grün, roth und gelb,“ ſondern „blau, gelb und roſa“ in's Zimmer rauſchte. Einen größern Contraſt als dieſe beiden weiblichen Geſtalten in ihrer eigenthümlichen Erſcheinung bildeten, konnte es nicht leicht geben. Konſtanze, ſchlank und fein, Madame Hirſch Meier klein und bedeutend dick. Konſtanze einfach in unſcheinbaren Farben— Madame im grellſten Geſchmacke gekleidet. Mit einem Wortſchwall ohne Ende auf Konſtanze zuſchreitend, gelang es dieſer erſt nach minutenlangen Bemühungen ſie zum Sitzen zu bewegen und einen glück⸗ lichen Moment zu erhaſchen, wo ſie nach dem Anlaſſe zu ihrem Beſuche fragen konnte. „Mein gnädiges Fräulein,“ plapperte Madame wieder los—„eine kurioſe Angelegenheit— eine famoſe Geſchichte. Sehen Sie, mein gnädiges Fräu⸗ lein, geſtern war Muſik bei Rainville in Ottenſen— Sie kennen doch die pompöſe Reſtauration— nur Leute aus unſerm Stande beſuchen ſie— ganz pompös, ganz fein—“ „Sie wollten mir erzählen—“ bat Konſtanze lächelnd. „Jawohl— wir gingen zum Hafen und ließen uns zu Rainville fahren. Ausgezeichnete Muſik— ſüperbe Toiletten—. Hoop iſt ein für alle Mal unſer 215 Bootsführer. Ihr Herr Bruder fährt auch nur mit ihm— er iſt ein zuverläſſiger Mann, ganz zuverläſſig, ſehr zuverläſſig! Wir wollten mit dem Omnibus zu⸗ rückfahren, mein gnäd'ges Fräulein—“ „Aber mein Gott, liebe Madame,“ unterbrach Konſtanze ſie ungeduldig,„wollen Sie mir nicht ge⸗ fälligſt zuerſt ſagen, was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft?“ „Ja wohl— die Omnibus waren erſtickend voll, ſehr erſtickend und wir fielen auf den Gedanken, lieber wieder im Boote zurückzufahren, obwohl es ſtroman geht. Wir hatten aber Fluth, ſchöne Fluth— kamen ſehr raſch nach Hamburg. Ihr Herr Bruder fuhr gerade vorüber und hatte die Gewogenheit, uns mit⸗ zunehmen. Habe ich doch immer geſagt, daß der Herr Doctor iſt ein ſchöner Mann, ein kluger Mann, aber ein ſehr, ſehr ſtolzer Mann!“ Konſtanze lächelte gutmüthig, rückte jedoch, ſichtlich gelangweilt, unruhig hin und her. „Das alſo wollten Sie mir erzählen?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Ja wohl—. Ich hatte in den Zeitungen geleſen einen Aufruf— warten Sie, ich habe ihn eingeſteckt einen ſchönen Aufruf, einen rührenden Aufruf— den die Familie von Schmidt Hochwohlgeboren, und die 216 Präſidenten und die Miniſter von Schmidt⸗Wensthal— o nein, nicht Wensthal,—“ Sie fuhr mit der be⸗ haudſchuhten Hand in eine Kleidtaſche und ſtöberte wohl eine Minute lang in derſelben herum, ehe ſie endlich ein zerknittertes Zeitungsblatt hervorbrachte. Konſtanze war aber plötzlich gar nicht mehr un⸗ geduldig, ſondern ſehr aufmerkſam. Sie griff ſogleich nach dem Blatte mit der Bitte:„Erlauben Sie—“ und legte es auf dem Tiſche auseinander. Ihre Augen irrten flüchtig über die Zeilen hinweg, um den Namen Schmidt zu ſuchen. Madame Hirſch Meier blickte auch darauf nieder. „O, Du Gott Abrahanrs— es iſt nicht das rechte Blatt!“ rief ſie erſchrocken—„muß ich mich vergriffen haben—“ Konſtanze durchſah dennoch erſt die ganze Zeitung und warf, als ſie wirklich nichts fand, mit unverkenn⸗ barem Verdruſſe das Papier zur Seite. „Können Sie mir nicht ungefähr ſagen, liebe Madame, was in dem Aufruf enthalten war?“ fragte ſie die ganz beſtürzt verſtummte Frau. „Ja wohl— auf's Wort weiß ich's!“ betheuerte dieſe, wieder zum Leben zurückkehrend.„Habe ich doch Ihrem Herrn Bruder den ganzen Aufſatz hergeſagt 217 ſchon geſtern und hat er mich doch verhöhnt und geſagt: er ſei kein verlorener Sohn!“ „Mein Bruder weiß von dem Aufrufe, beſte Madame? Er hat mir nichts davon geſagt!“ erklärte Konſtanze frappirt. „Ja wohl weiß er— hat er doch nichts davon hören wollen. Und ich will pariren, es geht Sie an, was da in den Zeitungen ſteht. Wie? Heißt nicht Ihr Herr Bruder Erneſt Octav? Wie?“ „Allerdings—“ entgegnete Konſtanze immer auf⸗ merkſamer und geſpannter.„Wovon wiſſen Sie das? Iſt dieſer Name genannt?“ „Ja wohl—. Hat mir mein Mann doch erklärt, daß es ſind ihrer Acht und daß Octav der Achte heißt.“ „Octavus— mein Vater hieß Octavus—“ mur⸗ melte Konſtanze ſinnend.„Sie wollten mir ſagen, was in dem Aufruf enthalten iſt.“ „Jawohl— es iſt geſagt, rührend geſagt, daß Alle geſtorben ſind und daß man nicht wüßte, ob der Achte noch am Leben ſei und daß Alle, die am Leben wären, am ſechzehnten Auguſt dieſes Jahres im Schloſſe der Miniſter und Präſidenten von Schmidt⸗Meßdorf—“ „Welldorf—“ ſchaltete Konſtanze leiſe, ganz leiſe ein. 3 1859. XII. Erneſt Octav. I. 14 218 „Ja wohl—“ ſchrie Madame Hirſch Meier ſehr freudig,„habe ich's nicht geſagt, habe ich nicht parirt darauf, daß Ihr ſtolzer Anſtand ganz ausſehe, wie die Miniſter und Präſidenten von Schmidt⸗Wellsdorf— ja Welldorf, richtig, Welldorf—“ „Wenn ich nur die Zeitung hätte!“ meinte die junge Dame bedenklich.„Und Sie hätten meinem Bruder dies Alles auch geſagt, was Sie mir eröffnet haben?“ forſchte ſie nochmals bedenklich. „Ja wohl— viel, mehr noch— viel, ſehr viel mehr noch!“ betheuerte Madame Hirſch Meier.„Schade, daß ich nicht die richtige Zeitung gegriffen habe—. War ich nicht gleich ſo geſcheidt und ſagte geſtern Abend zu meiner Köchin: heb mir die Zeitung von heute auf, und nun ſteckt mir das dumme Weſen die vom Sonn⸗ abend in die Taſche.“ „Wäre es Ihnen möglich, liebe Madam, mir das richtige Blatt ſogleich zuzuſenden, ſo würden Sie mich⸗ unendlich verpflichten,“ fuhr Konſtanze mit ſchnellem Entſchluſſe auf.„Ich möchte mich gern überzeugen, ob Sie Recht haben, wenn Sie annehmen, wir könnten bei dieſer Angelegenheit betheiligt ſein—. Ich werde unſern Diener mit Ihnen gehen laſſen und Sie geben ihm gefälligſt das rechte Blatt— ja?“ „Ja wohl!“ lautete die Antwort der Madame, 219 aber ſie blieb ſteif im Sopha ſitzen, denn ſie theilte die Unruhe des Fräuleins keinesweges. Sie hatte Zeit. Konſtanze gerieth in eine gelinde Verzweiflung, als die kleine dicke Jüdin feſt ſitzen blieb, ohne Rück⸗ ſicht auf ihre Gemüthsſtimmung zu nehmen. Sie hatte eine dunkle Ahnung von einem Ereigniſſe, das in ihr Leben eingreifen könne und ſie ſtand vor der Enthüllung dieſes Ereigniſſes wie gefeſſelt. Ihre Geduld wurde durch die unerſchöpfliche Plau⸗ derluſt der Madame auf die äußerſte Probe geſetzt. Nichts wußte dieſe Frau ordentlich— immer ſchweifte ſie ab— Alles verdrehete ſie und dennoch ging ſie nicht, obwohl Konſtanze immer wieder nach der Zeitung verlangte. Endlich ertrug das junge Mädchen dieſen Zuſtand nicht mehr. Sie riß heftig die Glocke. Der Diener erſchien und ſie befahl ihm, bei der Wirthin nach der Sonntagszeitung zu fragen. Er ging eilig fort. „Ja wohl—“ rief Madame—„das iſt ein guter Gedanke, ein ganz vortrefflicher Gedanke vom gnäd'gen Fräulein— nun werden wir ja ſehen, ob ich nicht Recht habe— ich parire darauf!“ Der Diener kam wieder.„Die Wirthin bedauere, die Zeitung ſei verbraucht!“ „Gehen Sie zum Nachbar,“ befahl Konſtanze ſehr aufgeregt. Sie ſtand auf und ſchritt unruhig hin und 14* 220 her. Ihre Gedanken hafteten an dem Umſtande, daß ihr Bruder dieſen Aufruf ignorirt habe.„Das darf er nicht!“ dachte ſie. Sie vergaß ganz und gar ihren unerträglich läſtigen Beſuch und ſchreckte ordentlich zu⸗ ſammen, als Madame wieder zu ſprechen begann. Der Diener trat abermals mit„einem Be⸗ dauern“ ein. „Madame, erbarmen Sie ſich meiner Unruhe,“ bat nun Konſtanze und faßte die Hand der phlegmatiſch daſitzenden Frau.„Gehen Sie und nehmen Sie den Diener mit— vielleicht ſinden Sie das rechte Blatt— ich bin gern zu jeder Dienſtleiſtung bereit— bitte, Madame—“ „Ja wohl,“ entgegnete Madame Hirſch Meier ganz gemüthlich, blieb aber ſitzen und erzählte, daß ſie eben denſelben Stoff über ihr Sopha habe ziehen laſſen, als das gnäd'ge Fräulein neulich bei ihr gekauft habe. Konſtanze ſah ein, wie wenig ihr ihre Bitten helfen würden, ſie ſah ein, daß dieſe Dame mit derſelben Gelaſſenheit noch ſtundenlang ihrer Unruhe trotzen würde— ihre Entſchloſſenheit warf alle Schranken der Höflichkeit nieder. „Es iſt mir angenehm geweſen, Sie bei mir zu ſehen,“ ſprach ſie, mit der Haltung einer Königin ſich vor ihr verneigend.„Für jetzt muß ich bitten, mich 8 221 zu entſchuldigen, wenn ich mich bei Ihnen beur⸗ laube—.“ „O, laſſen Sie ſich nicht abhalten, gnäd'ges Fräulein— ich habe Zeit, ich kann warten,“ meinte Madame, mit beiſpielloſer Beharrlichkeit ſitzen bleibend. Konſtanze verließ das Zimmer und ſchickte den Diener in die nächſte Zeitungsexpedition, um das Zei⸗ tungsblatt endlich zu bekommen. Sie bedentete ihn, daß er es ſchaffen müſſe auf alle Fälle und ſchloß ſich in ihr Schlafzimmer ein. Madame Hirſch Meier ſaß noch eine halbe Stunde ſtill und andächtig im einſamen Geſellſchaftszimmer, dann erhob ſie ſich, beſtellte dem Kammermädchen, wel⸗ ches mühſam das Lachen verbiß,„daß es ihr leid thue, doch nicht auf des gnäd'gen Fräuleins Zurückkunft warten zu können“ und ging„blau, roſa und gelb,“ mit herablaſſendem Kopfnicken die Treppe hinab, laut zurückrufend:„der Bediente ſolle ihr nur folgen, um das Zeitungsblatt in Empfang zu nehmen.“ In demſelben Moment kam ihr dieſer entgegen⸗ geſtürzt und hielt triumphirend Eines in die Höhe. Jetzt ärgerte ſie ſich, daß ſie ſchon aufgebrochen war und wäre für's Leben gern wieden mit umgekehrt, allein bevor ſie darüber zu einem Entſchluſſe kommen konnte, ſiel die Treppenthür wieder zu hinter dem Diener und ⁸ 222 ſie fand ſich durch das dunkle Gefühl ihrer Ueberflüſſig⸗ keit bewogen, ihren Heimweg fortzuſetzen. Kaum zu Hauſe angelangt, ließ ſie ihren Mann, einen ernſten, thätigen und gebildeten Geſchäftsmann aus dem Verkaufslokale herbeirufen, um ihm die ganze Geſchichte zu erzählen. Man kann ſich denken, wie confus ſie zuerſt von der„eleganten Wohnung“ von „den Tapeten und Bildern und Spiegeln“ erzählt haben mag, ehe ſie zum eigentlichen Zweck ihrer Be⸗ richterſtattung kam. Herr Hirſch Meier hörte ſchwei⸗ gend zu bis ſie fertig war. Er konnte auch nichts Beſſeres thun. Ihm war die ganze Geſchichte gleich⸗ gültig und er mißbilligte das Einſchreiten ſeiner Frau in eine Familienangelegenheit, die ſie nichts anging. Sein Rath war geweſen, den Leuten das beſagte Zeitungsblatt hinzuſchicken, wenn ſie wirklich ſich nütz⸗ lich in der Sache machen wolle, allein gewohnt ſeine. kleine, dicke Frau ihren Weg verfolgen zu ſehen, den ſie einmal betreten hatte, bekümmerte er ſich weiter nicht um die Sache. Was zuerſt nur ein allgemeines Intereſſe an Fräulein Konſtanze und deren Bruder geweſen war, das entwickelte ſich im Geiſte der Madame Hirſch Meier nach und nach zu einer Art Speculation und von dieſem Hebel des Intereſſes getrieben, erhitzte ſich * 223 ihre Phantaſie zu allerlei Plänen für das Wohl„ihrer Kunden,“ wobei ſie ihrer Lieblingsneigung„mit vor⸗ nehmen Leuten in Freundſchaft zu kommen,“ nachge⸗ hen konnte. Sie wendete ihre confuſe Beredſamkeit auf, um ihren Mann für dieſe Pläne zu begeiſtern, allein vergebens. Herr Hirſch Meier blickte ernſthaft dazu und zog die ſchwarzen Augenbrauen immer ärgerlicher zuſammen, je mehr ſie ſich darin vertiefte. Ihrem Verlangen, daß er ſich daran betheiligen ſolle, weil die Familie der Miniſter und Präſidenten von Schmidt gewiß ein „ſchönes Profitchen“ denen zukommen laſſen würde, die ihnen in ihrem Intereſſe gefällig wären, trat er ent⸗ ſchieden entgegen und ſchlug es rund ab, ſich mit den vornehmen Leuten in Correſpondenz zu ſetzen, wie Madame es von ihm heiſchte. „Du haſt genug gethan, Marianne,“ ſprach er feſt und unerſchütterlich,„daß Du den Doctor auf⸗ merkſam auf die Annonce gemacht haſt, Alles Andere geht uns nichts an und ich bitte Dich, keine weitern Beſuche bei Fräulein Konſtanze zu machen. Will ſie Dich ſprechen, ſo weiß ſie, wo Du zu finden biſt.“ „Was ſagſt Du lieber Hirſch—“ fuhr Madame auf.„Keine Beſuche bei ihr machen? Muß ich mich nicht entſchuldigen, daß ich bin fortgegangen? Muß ich nicht 224 fragen, ob ich ihr dienen kann fernerhin? Hat ſie mich nicht freundlich behandelt, wie eine Schweſter? Iſt es nicht Schuldigkeit, iſt es nicht Menſchenpflicht, dem Herrn Miniſter im Grabe noch zu helfen, daß ſeine Nachkommen zu ihrem Rechte kommen? Nein, lieber Hirſch— bin ich Dir auch unterthan gern in allen Sachen— hier muß ich gehen meinen Weg, wie mein Gewiſſen es verlangt,“ ſetzte ſie, großartig den Kopf zurücklegend, pathetiſch wie ein Prediger, hinzu.„Ich werde klug ſein und witzig genug, um die Sache zu Ende zu bringen Kallein,y» wie ich ſie habe ewefangir «allein» aber ich will die Ehre dann nicht hinnehmen «allein», mein lieber Hirſch, ſondern ſie theilen mit Dir, meinem geliebten Eheherrn.“ Herr Hirſch Meier zuckte die Achſeln. „ Was habe ich davon? Was nützt mir eine Ehre? Thue aber, was Dir gefällig iſt.“ Er verließ ſeine Frau und überantwortete ſie ihren hochfliegenden Plänen.— Indeſſen hatte ſich Konſtanze von der Richtigkeit der Hirſch Meier'ſchen Vermuthungen überzeugt und erwartete mit der heftigen Ungeduld eines unruhig be⸗ wegten Herzens die Rückkehr ihres Bruders. Nach ihrer Anſicht war es unmöglich, daß er ſich der Dringlichkeit dieſer Aufforderung entziehen konnte und ihre Einbildungskraft zeigte ihr von nun ** an ein Leben im Kreiſe angeſehener und geachteter Verwandten. „Welch ein Glück,“ dachte ſie in der Extaſe ihrer Dankbarkeit gegen das Geſch jick,„welch ein Glück, daß Erneſt's dumme, thörichte Pläne, ſich mit dem Volke zu verbrüdern, um eine Heimath zu erringen, geſcheitert ſind an eines einfältigen Mädchens Jugendliebe!“ Dann erfaßte ſie plötzlich die Angſt, daß ein Irrthum obwalten und die kleine Doris dennoch ihren Bruder lieben könne. Das war die ſicherſte Klippe zuv Scheiterung ihrer glänzenden Träume. Beängſtigt ſchauete ſie nun aus nach ihm, beängſtigt berechnete ſie die Möglichkei⸗ ten, die ihn draußen auf der Inſel feſſeln konnten. Ihre Entſchlüſſe reiften daran. Wenn Erneſt ſich in der Sphäre nfcdelge die ihr im Grunde des Herzens zuwider war, die ſie niemals zu befriedigen vermochte, die ihr mehr ein Grauen, als idylliſche Freuden ver⸗ ſprach, ſo machte ſie ſich los von ihm und verſuchte ſich im Kreiſe derer zu acclimatiſiren, zu denen ſie durch die Bande des Blutes und durch ihre leiden⸗ ſchaftliche Vorliebe gehörte. Bereits in ihrer Jugend hatte ſie den Mangel an ebenbürtigem Umgange recht ſchmerzlich vermißt. Ihre Mutter, eine hinterlaſſene Waiſe des Major von Heldern, hatte keine näheren Verwandte gehabt, auch 226 wären ſie ihr nutzlos durch das Wanderleben ihres Vaters geworden, der bald in Paris, bald in Prag, bald in Berlin, bald in Bremen und zuletzt in Ham⸗ burg gewohnt hatte. Beide Geſchwiſter, auf ſich ſelbſt angewieſen, hatten unter dieſem vagabondirenden Leben ihre Eigenthümlichkeiten frei entwickelt, aber ſie unter dem Drucke ihres finſtern und unfreundlichen Vaters nicht zur Geltung gebracht. Erſt nach ſeinem Tode, vor ſechs Jahren, fühlten ſie die Troſtloſigkeit ihres Daſeins und die Schwere des Verhängniſſes zu Niemand zu gehören und daraus bildete ſich dann die Charakterrichtung mit ihren Ge⸗ müthseinwirkungen. Erneſt war entſchieden mehr auf Abwege der Phanta⸗ ſterei gekommen, wie Konſtanze, die mit weiblicher Ge⸗ duld ihr Schickſal erwartete, während Erneſt ſich eins ſchaffen wollte. Jetzt aber trat die Vorſehung leuch⸗ tend in ihren Weg und ſie beſchloß, dies Licht zu benutzen. Erneſt eilte ohne Ahnung der bevorſtehenden Kämpfe zu ſeiner Schweſter, die ihm, mit dem Zei⸗ tungsartikel in der Hand, entgegentrat. „Gottlob, die Gefahr iſt vorüber,“ ſagte er, achtlos gegen die drohende Haltung, womit Konſtanze ihn begrüßte.„Mich ſoll wundern, ob die zarte Con⸗ 227. ſtitution dieſes kleinen Geſchöpfes ein hartes Leben voll Arbeit und Entſagung, wie ihrer wartet, ertragen kann. Sie iſt wahrhaftig zur vornehmen Dame ge⸗ boren!“ „Aber Du wirſt ſie nicht zur vornehmen Dame erheben?“ fragte Konſtanze eindringlich. Der Doctor verzog ſeine Mienen zum Spotte. „Nach den vorliegenden Verhältniſſen habe ich gar kein Recht mehr dazu und möchte auch, ſelbſt in dem Falle, daß Doris mich dem naturwüchſigen Willi Berch vorzuziehen Luſt verſpürte; niemals der Zweite im Herzen eines Mädchens ſein. Der Schmelz der Weib⸗ lichkeit leidet durch jede Liebeserfahrung— ich träume von einem jungen Herzen, dem ich den Schlüſſel der Erkenntniß biete.“ Konſtanze näherte ſich ihm.„Dazu haſt Du ein Recht,“ warf ſie fieberhaft ungeduldig hin. Sie brannte vor Verlangen das Geſpräch auf ihre Angelegenheit zu bringen, fühlte aber kaum den Muth, den An⸗ knüpfungspunkt gewaltſam herbeizuführen. „Ohne ein Freund von den rührenden Thorheiten der erſten Liebe zu ſein,“ fuhr Erneſt behaglich Platz nehmend um ſein Diner zu verzehren, fort,„ſchwärme ich doch für das erſte Herzenserröthen eines ſchönen Mädchenantlitzes und für das Leuchten eines unſchuldi⸗ 4 228 gen Augenpaares. Für jetzt aber, mein Schweſterlein, will ich mich mit Deiner Liebe und Güte begnügen und habe deshalb den Entſchluß gefaßt,„gar nicht zu heirathen, ſondern Dir zu leben und, zu ſterben!“ Schlag ein Konſtanze— es gilt einen Pakt, den wir Beide unterzeichnen müſſen!“ Mit einem frohſinnigen Lächeln, das nicht die kleinſte Beimiſchung von Spott in ſich trug, hob Erneſt ſeine ſprechenden Augen zu der Schweſter auf und hielt ihr die Hand hin. Zu ſeiner Verwunderung trat ſie weit zurück und legte abwehrend die Hände auf den Rücken. „ Dieſen Pakt kann ich nicht eingehen, ohne zu clauſuliren, Erneſt,“ verſetzte ſie ruhig. Seine be⸗ troffene Miene zeigte etwas von Schreck über ihr Be⸗ nehmen. „ Du meinſt bedingen zu müſſen,“ ſprach er plötz⸗ lich kalt werdend mit ſeinem gewöhnlichen Sarkasmus, „daß Du heirathen könnteſt, wenn ein Mann Dein Herz in Aufruhr zu bringen wüßte— immerhin— ich laſſe mir die Clauſel gefallen und hätte ohnedieß bei ſolchen abſonderlichen Vorfällen meine Remiſſion zugeſtanden.“ „ Erneſt, Du weißt, wie ich über unſer geſchwi⸗ ſterliches Verhältniß denke, deshalb wird es nicht nöthig 4* 229 ſein, daß ich mich vertheidige,“ antwortete Konſtanze mit milder Freundlichkeit.„Ich verlange nach keiner Erlaubniß zum Heirathen, denn ich glaube, daß ich mich in keinem Eheverhältniß ſo rein glücklich fühlen kann, wie neben Dir. Aber mein Lebensglück hängt noch von einigen andern Kleinigkeiten ab und ehe ich Dein Treugelübde annehme, muß ich meine Scrupel beſeitigt ſehen.“— Sie neigte ſich lächelnd über ihn und ſtrich liebevoll über ſeine Augen.— „Lies dieſen Artikel und dann ſage mir, was Du thun willſt!“ Sie legte das Blatt neben ihn, ſetzte ſich ihm gegenüber und beobachtete unverwandt ſein Mienenſpiel. Es weckte keine Hoffnungen. Ernſt und gleichgültig las er bis zu Ende und legte es mit den Worten nieder: „Die alte Litanei! Vor acht bis zehn Jahren ſpielte daſſelbe Stück und unſer Vater lachte darüber. Damals entging uns ein Erbtheil— jetzt entgeht uns nichts, alſo um ſo weniger finde ich Veranlaſſung; nur eine Feder darfür naß zu machen, geſchweige gar nach Welldorf zu reiſen.“ „Erneſt, dieſer Meinung wiederſpreche ich,“ ver⸗ ſetzte Konſtanze, gewaltſam alle Aufregungen nieder⸗ kämpfend mit großer Gelaſſenheit.„Der Vater hatte ein Recht, ſeine Handlungsweiſe zu beſtimmen nach den 230 Erfahrungen, die ſeinen Zwieſpalt mit der Familie herbeigeführt haben. Wir ſtehen außerhalb dieſer Er⸗ fahrungen und erliegen ſomit der Verpflichtung, den Oberhäuptern unſers Stammes die ſchuldige Anzeige vom Ableben unſers Vaters und von unſerm Daſein zu machen!“ Der Doctor lehnte ſich vom Tiſche zurück, der ſchon ſervirt war und nur der Speiſen wartete, welche ihn zieren ſollten, faßte ein paar Meſſer und Gabel und muſicirte mit keckem Uebermuthe auf dem Rande des Tellers, der noch leer vor ihm ſtand. Konſtanze zitterte innerlich vor Verdruß, ſie war eigentlich wüthend über ihres Bruders höhnendes Mu⸗ ſikſpiel, allein ihre Selbſtbeherrſchung überwachte ſorg⸗ fältig jede Kundgebung der innern Empfindungen und ſie hörte mit gut affectirter Gleichgültigkeit zu, als Erneſt ſagte: „Wie beredt mein Schweſterlein wird, ſowie ſich die Ausſicht zeigt, eine Schloßherrin zu werden——! Haſt Du wirklich Luſt, denen im Leben zu begegnen, die unſern Vater aus dem Schloſſe Welldorf vertrieben, die ihn heimathlos machten, die ihm ſeinen ganzen Zugendmuth raubten, die ihn mit ſeinen rechtmäßigen Anſprüchen verhöhnten, die ſich nicht darum kümmerten, ob er in ſeiner Zugendunerfahrenheit unterging, die 231 ihn ſo lange verachteten, bis Gott mit ſeiner Zucht⸗ ruthe unter ihnen wüthete und ſie wie die Rotte Korah vernichtete, damit ihr Geſchlecht auf Erden vergehe!“— Er lächelte freilich bei ſeinen eifrigen Aufzählun⸗ gen der„Sünden ſeiner Väter,“ allein es lag doch eine ſichtliche Bitterkeit in der Anklage, die er vor⸗ brachte. Konſtanze ſchwieg, denn der Diener ſervirte die Suppe. So wie dieſer das Zimmer wieder verlaſſen hatte, ſagte ſie ebenſo gleichgültigen Tones, wie ſie im Geſichte Gleichgültigkeit zur Schau trug: „Wir haben dieſe Beſchuldigungen von unſerm Vater gehört— wäre es nicht rathſam, einer Verant⸗ wortung unſerer Oheime ebenfalls Gehör zu ſchenken?“ „In dieſen Worten ſpricht ſich ein Zweifel gegen die Glaubwürdigkeit unſers Vaters aus, den Deine Pietät gar nicht aufkommen laſſen müßte. Factiſch iſt es, daß unſer Vater mit ſeinen Brüdern gänzlich zer⸗ fallen war, daß er alſo einen triftigen Grund zum Zorne gegen dieſelben gehabt haben muß—“ „Darin widerſpreche ich Dir,“ fiel Konſtanze etwas lebhafter ein.„Wie nun, wenn der Vater von falſchem Geſichtspunkte aus, ein Recht beanſprucht hätte?“ 4 „So würde er doch binnen dreißig Jahren ein ein⸗ 232 zig Mal zur Erkenntniß ſeines Unrechts gekommen ſein und dieſe Einſicht würde ihn damals zur Verſöh⸗ nung geleitet haben, als der ruſſiſch gewordene Oheim Quartus das Zeitliche geſegnet und uns ein nanthaf⸗ tes Erbtheil hinterlaſſen hatte. Nein Konſtanze— laß Dich nicht vom Schimmer des Glanzes blenden, be⸗ wahre mit kindlichem Herzen den Glauben an unſers Vaters Anſprüche, bekämpfe lieber Deinen Hang, der Dich irre leiten will und entſage mit feſtem Herzen den Truggebilden, welche einen Schatten auf den Charakter unſers Vaters werfen. Er iſt unverſöhnt geſtorben, weil er ſich von der Habſucht ſeiner Brüder verdrängt ſah.— Konſtanze ſchüttelte leiſe den Kopf. Erneſt hielt inne und ſahe ſie verwundert an. „Nicht ganz unverſöhnt lieber Bruder, nicht ganz ohne Reue— glaube mir—“ meinte ſie zaghaft. „Woraus willſt Du das ſchließen?“ forſchte er, ſtreng ſich emporrichtend. „Ich fragte ihn einſt, weshalh er Dich«Erneſt' genannt, da antwortete er mit einen Lächeln ſo ſchön, wie ich es nie wieder an ihm geſehen habe: mag er einem Erneſt gleichen!“— Der Doctor wendete ſich lachend von ihr ab und nahm ſich ein Beefſteak von der Platte, die ſein Diener eben hereingebracht hatte. 3 233 „Frauencombinationen!“ warf er beiläufig hin. „Trugwaſſer und Trugeis— Gedankenfärbungen.— Ein Lächeln— mein Vater hat nie ſchön ge⸗ lächelt, ſondern immer finſter, wie eine Wetterwolke dareingeblickt.— Weißt Du, was er mir einſt geſagt hat mit jenem grimmigen Lächeln, das einem Bären zur Zierde gereicht haben würde: Meines Bruders älteſter Sohn iſt todt— Du wirſt in ſeine Stelle treten und deshalb gab ich Dir ſeinen Namen.“ Konſtanze fühlte ſich verletzt und ſchwieg. Der Doctor fuhr fort: „Ja mein Schweſterlein— ſo lauten die Les⸗ arten verſchieden nach unſern ſubjectiven Anſichten. Ich will nichts von unſerm Onkel Erneſt, alſo iſt es auch unnöthig, daß er von unſerm Daſein erfährt. Hätte unſer Vater dies gewünſcht, ſo würde er ihm unſere Geburt angezeigt haben. Da er aber aus allem Connex mit ihm getreten iſt, ſo halte ich mich an meines Vaters Willensmeinung, die mir maßgebend ſein wird bis ich mich überzeuge, daß der Irrthum auf ſeiner Seite geweſen iſt.“ „Wie willſt Du das je beurtheilen können, wenn Du Dir den Weg abſchneideſt, eine Einſicht in dieſe Familienantecedentien zu erhalten,“ fiel Konſtanze ein. 1859. XII. Erneſt Octav. I. 15⁵ 8 234 „Es bietet ſich jetzt eine Gelegenheit, unſern Ver⸗ wandten mit höflicher Zurückhaltung nahe zu treten, ſie zu ſondiren und ſie dabei zugleich von unſerm Leben in Kenntniß zu ſetzen, es hindert uns nichts, ſpurlos aus ihrem Bereiche wieder zu verſchwinden, wenn wir unſere frühere Verurtheilung beſtätigt fin⸗ den ſollten. Weshalb wollen wir den Verſuch nicht wagen? „Willſt Du hinreiſen nach Welldorf? Willſt Du, wie ein Landſtreicher Deine Legitimationen vorlegen und ſie prüfen laſſen? Willſt Du dem Andenken Deines Vaters das Büßergewand eines verlornen Sohnes an⸗ legen? In Gottes Namen, gehe hin nach Welldorf, küſſe dem gnädigen Herrn Onkel die Hand und ſtelle Dich zur Dispoſition! Mich bringt weder die Kraft des Dampfes, noch die Wuth der Elemente zu der Schwelle des Ortes, von dem mein eigener Vater ver⸗ trieben wurde und wenn meine würdigen Oheime noch ſo ſchmachtend um eine Zuſammenkunft bitten. Gehe hin, Konſtanze— verſuche Dein Heil, verleugne mich— gib an, Du ſeieſt des Vaters einziges Kind— genieße die Wohlthaten, die das böſe Gewiſſen viel⸗ leicht— ich ſage vielleicht— auf Dich häufen wird, drücke die Hand, die Dich ſtreichelt und verbanne den Haß, der in uns groß gezogen wurde— ich habe nichts dagegen— aber wir ſcheiden dann für dieſes Leben, wir zerbrechen dann zwiſchen uns die ſüßen, lieben Bande unſerer Geſchwiſterneigung— wir ſind todt für einander!“ 3 Des Doctors Stimme wankte ſichtlich, indem er die letzten Worte ſprach und deſſenungeachtet nahm er ſcherzend ſein Muſikſpiel mit Meſſer und Gabel wieder auf, deſſenüngeachtet lachte er ſpottbereit in Konſtanzens thränenumflorte Augen hinein. Sie kämpfte aber ebenfalls ihre tiefe Bewegung hinunter und erwiderte mit vorwurfsvollem Tone: „Du haſt des Vaters Sinn, und aus Deinem jetzigen Entſchluſſe ſehe ich mehr, als aus jedem an⸗ dern Grunde die Ueberzeugung in mir feſt werden, daß unſer Vater auch im Irrthume einer trotzigen Ueberreilung gehandelt haben kann. Ich füge mich Deinem Willen, denn ich wüßte nicht, wie ich ohne Deine Liebe beſtehen ſollte. Gebe Gott, daß Du es nie bereueſt, mein Wohlſein von Deiner raſchen und unüberlegten Entſcheidung abhängig gemacht zu haben.“ Der Eintritt des Dieners mit dem letzten Gerichte unterbrach ſie und ſie vermied nachher das Geſpräch wieder aufzunehmen. Ihre Hoffnungen, ſo leidenſchaftlich erfaßt, ver⸗ 15* flogen und ihre Träume, ſo beſeligend in der Leiden⸗ ſchaft ihrer Wünſche, entwichen. Sie ergab ſich ſo⸗ gleich und unbedingt dieſem Beſchluſſe ihres Bruders, aber ſie fühlte ſich ſonderbar tief betrübt. Er hatte ihr ſehr Unrecht gethan, indem er ihre Hineigung zu den einzigen Verwandten, die ihr lebten, einem Wohl⸗ gefallen an den Flitterſtaat des Glanzes zuſchrieb, ob⸗ wohl ſie ſich es gar nicht ableugnete, daß der ſolide Glanz ihres Familienſtammes ihr ganzes Intereſſe be⸗ deutend erhöhete; er hatte ihr ſehr Unrecht gethan, als er das Bedürfniß ihrer Seele ſich im Kreiſe ge⸗ bildeter, ebenbürtiger Menſchen bewegen zu mögen, für eine hochmüthige Ausartung erklärte und ſie damit verſpottete. Allein deſſenungeachtet zürnte ſie ihm nicht. Sie fügte ſich. Ihr ſtill trauriges Sinnen verrieth es, daß ſie bei dem Ausgange dieſer Angele⸗ genheit litt, aber ſie fügte ſich! Erneſt mußte bemerken, wie viel ſchöne, plötzlich erwachte Träume ſie klagelos begraben hatte, doch es beliebte ihm zu thun, als bemerke er es nicht. Ja, er ging ſo weit, ſie mit einzelnen ſpöttiſchen Ausfällen zu ärgern und von einem ganz„abnormen Combina⸗ tionsvermögen“ zu ſprechen, das ein ganzes Leben voller Handlungen und Charakterkraft von einem „ ſchönen Lächeln“ vernichten laſſe. 237 Konſtanze vertheidigte ſich nur durch einen ſanften und geduldigen Blick. Dieſe Vertheidigung verfehlte niemals ihren Zweck, wiewohl es ihm, begreiflicherweiſe, nicht einfiel, ſeinen Willen dafür aufzugeben. Eines ſchönen Tages wurde Fräulein Konſtanze abermals durch den Beſuch der Madame Hirſch Meier erſchreckt, die mit allem Pompe dies Mal„ ſchwarz, purpur und blau“ erſchien. Ehe die arme, junge Dame ſo viel Geiſtesgegenwart entwickeln konnte, ſich als„nicht zu Hauſe“ notificiren zu laſſen, ſtand ſie da„klein, rund und bunt,“ mitten im Geſellſchafts⸗ zimmer und entſchuldigte ſich bedeutend mehr, als nöthig war, über ihre Unart,„neulich weggegangen zu ſein. Innerlich ſeufzte Konſtanze,„wäre ſie doch auch weggeblieben,“ aber äußerlich beobachtete ſie die lügen⸗ volle Etikette und bat„Platz zu nehmen.“ Von dem Gemengſel der Redensarten, in die ſich Madame jetzt verwickelte, verſtand Konſtanze weiter nichts, als die Worte:„daß es ihr keine Ruhe ge⸗ laſſen habe zu erfahren, ob ſie wirklich die Enkelin des großmächtigen Miniſter von Schmidt⸗Welldorf wäre. „Allerdings, meine gute Madame,“ erklärte das Fräulein mit ernſter Würde. 1 238 „Nun? Und Sie werden doch hinreiſen zum ſechzehnten Auguſt?— Werden ſich doch einige Roben machen laſſen? Werden doch einen neuen Burnuß kaufen und ein neues, echt franzöſiſches Shawltuch? Himmelſchöne Sachen haben wir auf dem Lager, mein gnäd'ges Fräulein— ſehr himmelſchön!“ „Es thut mir leid, daß ich Ihre Hoffnungen auf meinen Einkauf zerſtören muß,“ erwiderte Konſtanze mit ſchwachem Lächeln,„wir werden nicht hinreiſen!“ Madame ſah ſie mit bedeutend geöffnetem Munde an. Einen Moment war der Ausdruck ihres Geſichtes verdrießlich, dann aber durchſtrahlte ein Gedanke das Gewölk ihres Unmuthes und ſie fragte angele⸗ gentlich:. „Sie werden alſo nicht hinreiſen? Sie werden ſchreiben einen Brief?“ „Auch das nicht!“ entſchied Konſtanze übereilt und ſetzte mildernd hinzu:„wer weiß denn, ob uns die Sache betrifft?“ Eine Unruhe unbegreiflicher Art kam über Ma⸗ dame Hirſch Meier. Ihr Speculationsgeiſt ſchien ſich auf andere Bahnen zu verirren. Sie ſchien ordentlich zu wachſen im Gefühle einer gewiſſen Wichtigkeit. Sie legte den Kopf auf, damit ihr fettes Doppelkinn würdig hervortrete, drapirte ihren Purpurſhawl male⸗ 239 riſch um ſich und ſtand zu Konſtanzens grenzenloſer Ueberraſchung auf, um ſich zu empfehlen. Eine ſo ſchnelle Befreiung von dieſer Belagerung hatte ſie ſelbſt im allerglücklichſten Falle nicht erhofft. Sie ſchrieb ſie dem Umſtande zu, daß Madame ihre Rechnung nicht gefunden habe und nur ihre koſtbare Zeit nicht länger bei ihr verſchwenden wolle. „Es wundert mich gar ſehr, daß Sie nicht die Koſten einer Reiſe dahin anwenden,“ ſprach ſie noch im Augenblicke des Scheidens, welches ſie mit tauſend⸗ fachen Redensarten verlängerte.„Habe ich doch ein Gefühl für die Klagen meiner Verwandten, welche nach mir rufen.— Weiß Gott, ich parire, der Herr Doctor hat nur ſeinen Stolz aufgeſetzt und hat ver⸗ boten, daß Sie ſollen antworten auf die rührende Schrift, auf die ſehr rührende Schrift. Mein gnäd'⸗ ges Fräulein hatte eine zu große Freude— habe ich es doch geſehen— zitterten doch die Händchen, die ich gerade anſah, weil Sie einen ächten Brillant am Finger trugen, ganz ächt und vom reinſten Waſſer.—“ Konſtanze vermochte nicht ein lügneriſch heiteres Geſicht zu machen, als Madame Hirſch Meier ihre Vermuthung ausſprach und die ſchlaue Jüdin wußte nun, daß ſie abermals„pariren“ konnte und Recht behielt. 240 Sie ging vergnügt, als wäre ihr eine Gnade vom Himmel gewährt und ihre romantiſche Geſchmacks⸗ richtung war die Stufenleiter zu den allerglücklichſten Luft⸗ ſchlöſern, die jemals auf Erden gebaut ſind. Konſtanze gab Befehl: Madame Hirſch Meier nie wieder vorzulaſſen, um ſich die Pein der Erinne⸗ rung an eine Epiſode ihres einſamen Lebens zu erſparen, die ihr Gemüth zu verfinſtern drohete. Allein dieſer Befehl war ganz unnöthig. Madame kam nicht wieder. Getragen von einem,„edlen Gedanken,“ von einem„noblen, großartigen Gedanken,“ von einem „ſehr ausgezeichnet ſüperben Gedanken“ war ſie in das Haus ihres Gatten zurückgekehrt, hatte ihn aber „nicht“ zum Vertrauten ihrer erhabenen Ideen ge⸗ macht, ſondern ganz in aller Stille Vorbereitungen zu einem großen Werke getroffen. Im Verkaufslokale wunderte man ſich, von dieſem Tage an, über den Eifer der Principalin, während der Abweſenheit ihres Mannes, alle koſtbaren Stoffe kritiſirend zu beſchauen und Alles das, was im brillan⸗ teſten Farbenglanz ſtrahlte, ohne Rückſicht auf den gleichen Geſchmack der möglichen Käuferinnen, für ſich zu acquiriren. „Was hat ſie vor?“— flüſterten die Jünglinge ——y— 241 im Geſchäfte—„was hat ſie vor? Will ſie nach Helgoland um Furore dort zu machen? Will ſie nach Norderney um die Firma zu heben? Will ſie incognito als Prinzeſſin von Geblüt reiſen? Oder iſt ſie gar zur Hochzeit des Louis Napoleon mit der Gräfin von Teba geladen? Was hat ſie vor? Was mag ſie vor⸗ haben?“ Noch größer war das Erſtaunen der Ladenjüng⸗ linge, als Madame ſich in ihrer Farbenwahl ſogar bis zum„Weiß“ verſtieg. Weiß gehörte bis dahin zu ihren„Renoncen,“ aber um ſich zu vervollſtändigen, wählte ſie als Ueberwurf zu einem hellgrünen Kleide einen weißen mit roth ausgeſchlagenen Burnuß, deſſen große und gewichtige Troddeln ganz wohlgefällig auf ihrem fleiſchigen Nacken ſich wiegten. „Weiß iſt ariſtokratiſch!“ hatte Madame geſagt, als ſie, trotz der abſchreckenden Nüancirung ihres Ge⸗ ſichts zu dem Burnuß, den Umhang über den Arm legte und den Laden damit verließ. „Was hat ſie vor!“ ſchrien ſie im Chore und der Aelteſte unter ihnen gab ſeiner geſteigerten Be⸗ denklichkeit gegen ſeinen Principal endlich Worte. Mit verwunderten Blicken überflog Herr Hirſch Meier das Verzeichniß der Sachen, die ſeine ehren⸗ werthe Gattin Marianne binnen wenigen Wochen„be⸗ 242 fohlen“ hatte und ſo lieb ihm von jeder andern Frau eine ſo koloſſale Verſchwendung geweſen ſein würde, ſo verdrießlich machte ihn dieſe Erfahrung an der eigenen. Er ging ſofort nach ſeiner Privatwohnung, wo er richtig drei Schneidermädchen in einem Hin⸗ terſtübchen entdeckte, die ſich bemüheten, der kleinen dicken Madame lange Taillen zu den Stoffkleidern zu fabriciren. Mißmuthig betrat er ſein Wohnzimmer. Madame ſtand eben vor dem Trumeau und beſah ſich von hin⸗ ten, vermöge eines Stellſpiegels, den ſie kunſtgerecht vor ſich placirt hatte. Ein leichter Schreck durchrieſelte doch ihre fetten Glieder, als ſie im Spiegel den dro⸗ henden Augen ihres Hirſch Meier begegnete. Aber ſie war nie verlegen um Worte und ſie wußte, daß ſie es mit einem gutmüthigen freundlichen Manne zu thun hatte. „Sieh nur, mein lieber Hirſch— Du kommſt gerade zu rechter Zeit— ſieh nur, müſſen nicht die Troddeln etwas kürzer geſchürzt ſein— ſtecke ſie nur einmal— biſt Du doch der gefälligſte Ehemann auf Gottes Erdboden— ſo— da ſtecke ſie— richtig— ſo iſt's geſchmackvoll— kleidet mich der Burnuß doch von hinten ſo gut, daß ich mich ſelbſt nicht erkennen würde! Hat doch«weiß» auch einen Glanz, wie roth 243 und gelb— will ich doch künftighin auch„weiß“ tragen—“ „Vor allen Dingen,“ unterbrach Herr Hirſch Meier ſie haſtig,„vor allen Dingen ſage mir nur erſt, was Du vor haſt?“ „Was ich habe vor?“ wiederholte Madame liſtig in ſein Auge ſchauend und ihm den ſchönen ſchwarzen Backenbart ſtreichelnd—“ mußt Du das wiſſen gleich? O nein, Du weißt, daß Du mir und meinem Ver⸗ ſtande kannſt trauen, daß ich nichts thue gegen die Ehrbarkeit, daß ich nimmer Dir Schande, ſondern nur Ehre mache— frag' alſo nicht— warte bis ich wie— derkomme.— Thue ich doch ein großes Werk der Menſchlichkeit, ein edles Werk, ein ſehr ſublimes Werk der Menſchlichkeit, womit ich gründe Glück, Ehre und Reichthum eines Weſens, das meine Freundin iſt!— Halte ſtill, mein lieber Hirſch Meier und laß mich thun, wie ich will.— Hat doch oft ein Körnchen Gutes Bäume von großer Ehre wachſen machen— weiß man doch nicht, wovon der große Baron Rothſchild zuerſt iſt geſtiegen auf ſein adelich Poſtament—? Liegt es doch in meinem Blute, daß ich trachte vornehm zu ſein— paſſe ich doch ebenſo gut dazu, wie meiner ſeligen Großmutter Schweſter Kindeskind, die eine Stadträthin iſt geworden und mit allem Adel auf Du 244 und Du ſteht!— Laſſe mich nur thun— laſſe mich nur handeln— das Glück kommt über Nacht und wenn der Tag anbricht, ſo iſt die Sonne da, die ich über Dein Haupt leuchten laſſen will, weil ich Dich liebe, wie nichts auf Gottes Erdboden.“— Sie be⸗ kräftigte dieſe Ausſage mit einem abermaligen Bart⸗ ſtreicheln, dem ſie einen Kuß beifügte. Herr Hirſch Meier, welcher ſchon zu oft Beweiſe von der Beharrlichkeit ſeiner Marianne gehabt hatte, gab ſich zufrieden nach dieſer Erklärung, ermahnte ſie aber eindringlich, ſich um Gottes willen nicht zu bla⸗ miren, damit die neidiſchen Glaubensgenoſſen und die ſpottſüchtigen Chriſten nichts zu lachen hätten. „Du haſt Dir ein Conto angelegt, das einer Fürſtin Ehre machen würde,“ ſchloß er ſeine Ermah⸗ nung,„nun, ich genehmige das, was geſchehen iſt, Mariane, bitte aber nun um Abſchluß, ſonſt muß ich im Laden erklären, daß Dein Credit erſchöpft iſt.“— Madame verſprach ihm„auf Ehre“ nichts mehr holen zu wollen, ſie hatte glücklicherweiſe gut vorgearbeitet und hatte deshalb genug. Ihre Thätigkeit aber ging ſtill fort. Die Schnei⸗ dermädchen ſaßen noch wochenlang und machten Taillen. Die Putzmacherin erfreuete ſich auch ihres Beſuches zu verſchiedenen Malen und eines Abends kamen vier 244 A Männer und brachten zwei große, ſehr ſchöne Reiſe⸗ koffer, die Madame Hirſch Meier raſch und heimlich in ihre Manſardenſtube ſchaffen ließ, wohin ſich ihres .„Mannes Fuß niemals verirrte. 664„Was hat Madame nur vor?“ fragten ſich auch jetzt die Schneidermädchen heimlich und ſelbſt die Köchin ſchüttelte bedenklich ihr weiſes Haupt. Ende des ersten Bandes. 5 — 8. G. 2 5 8 S 5 80 2 8 * S 5 8 Nſffſſnſſſſſnſſſſſnſ 3 1 ſſſſſſſſſſſſſſſſinſrſſſſiſſ 7 8 9 10 11 12 1 15 1 4 6 17 18