Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von. 9. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 11 5 82 1— 7„— 7 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Auskuaenn Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 ͤ—y— 4 ⸗ —— —õ— — — Novelle * IArnſt Fritze. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von He Merey in Prag. Erſtes Capitel. Lyſanna hatte, gleich Giſela. eine ſchwere, ſtürmiſche, Nacht durchlebt. Als der Purpur der Morgenſonne den Horizont umſäumte, erhob ſie ſich von ihrem Lager, wel⸗ ches ihr kein Ruhelager geweſen war. Ihr Schlaf, ein wüſtes, ſtets unterbrochenes Schlummern, hatte ſie nicht erquickt, wohl aber war aus den dunkeln, verworrenen Träumen ein feſter Entſchluß entſproſſen, den ſie mit merkwürdiger Ruhe und Gelaſſenheit ſogleich zur Ausfüh⸗ rung zu bringen ſuchte. Was ſie am Tage zuvor erlebt hatte, was ihrer er⸗ wachten Aufmerkſamkeit am Abend dieſes Tages unver⸗ hüllt entgegentreten war, das hatte ſie zum Bewußtſein ihrer Lage gebracht und es bedurfte nur der Erkenntniß ihrer Fehler, um in ihrem reinen Herzen Grundſätze zu entwickeln, die jeder Verſuchung trotzten. 4 Im Hauſe ſchlief noch Alles. Es war am Abende eines jener Familienfeſte arrangirt geweſen, die durch eine ungezügelte Heiterkeit gefährlich werden können. Ly⸗ ſanna, zuerſt fortgeriſſen vom Strudel der Luſt, war plötzlich ernſt geworden und kein Witz, kein Scherz, kein Bitten und Necken hatte das Lächeln auf ihre Lippen Zurückzuführen vermocht. Vergebens forſchte man, was ihr begegnet ſei, was ihre Laune geſtört habe. Lyſanna ſchwieg. Es wäre eine Entheiligung geweſen, hätte ſie mit⸗ theilen wollen, was wie eine Viſion in ihr Leben getre⸗ ten war, um ſie von dem Rande eines ewigen Unglückes zurück zu reißen. Zuletzt wurde man es müde, die Verſtimmung des ſchönen Mädchens zu beachten, ſelbſt Herr Edmund Roſ⸗ ſian ließ in den Beſtrebungen nach, ſie wieder auf den Gipfel der ausgelaſſenen Heiterkeit zu erheben und da⸗ durch erhielt ſie Gelegenheit, ihrer Urtheilskraft freien Spielraum zu laſſen. Die Wirkung ihrer Beobachtungen war eine ſchlaf⸗ loſe Nacht, der ein feſter Entſchluß folgte. Sie wollte noch an demſelben Tage ein Haus verlaſſen, das mit ſei⸗ nem äußern Prunke eine allgemeine Verdorbenheit be⸗ deckte. Ihre Gedanken ſuchten Giſela auf, als ſie ſich an⸗ kleidete, und dann ihre Sachen in den Reiſekoffer zu ord⸗ — —— —— —,—— —— —— Ct nen begann. Es war ihr, als müſſe ſie Giſela zu Hülfe rufen, als könne es ihr nicht gelingen, Vorſätze auszufüh⸗ ren, die eine gewiſſe Geiſteskraft erforderten. Allein je höher der Tag ſtieg, je lichter Alles um ſie her wurde, deſto muthiger hob ſich ihr junges Herz. Sie wollte allein handeln! Sie wollte Giſela, deren Betragen ſie jetzt voll⸗ kommen begriff, den Beweis liefern, daß ſie ihrer Ach⸗ tung werth geblieben war. Kaum, daß ihre Freundin Emma das Bett verlaſſen hatte, ſo ließ ſie ihr durch das Kammermädchen melden, „ſie wolle zu ihren Eltern zurück.“ In voller Beſtürzung trat Frau Emma zu ihr ein. Lyſanna empfing ſie ruhig und freundlich. Frau Warren ſtarrte ſie erſchrocken an, denn das Mädchen war eine Andere geworden während dieſer ſchweren Nacht. Ernſt und bleich war ihr Geſicht. Die Kraft der Entſchloſſen⸗ heit hatte ſtrenge Linien in dies weiche, kindliche Antlitz gezogen und ihren Augen einem fremdartigen Ausdruck verliehen. „Um Gotteswillen, Lyſanna— was iſt Dir geſche⸗ hen?“ fragte die junge Frau mit wahrhafter Theilnahme, ihren Arm um die Freundin ſchlingend. „Es iſt nichts geſchehen,“ antwortete Lyſanna.„Ich wünſche nach Haus zurückzukehren und bitte Dich, mir einen Wagen beſorgen zu laſſen.“ „Du haſt Heimweh!“ rief Frau Warren. „Es iſt möglich!“ ſagte Lyſanna mit tiefem Athem⸗ zuge.„Laß mich ziehen ohne Erklärung und ohne Wider⸗ ſtand. Ich muß fort! Ich muß noch heute fort! Ich muß in einer Stunde unterweges ſein! Frage nicht— forſche nicht, meine liebe gute Emma— ich muß fort!“ Frau Warren warf ſich in einem Anfalle aufrichti⸗ ger Trauer weinend in einen Lehnſeſſel. „Warum willſt Du fort, Lyſanna?“ rief ſie bewegt. Lyſanna hatte eine Antwort auf den Lippen, hielt ſie jedoch zurück und ſah nur bittend in Frau Warrens un⸗ ſtät flackernde Augen. „Roſſian hat ſein ganzes Glück auf Dich geſetzt,“ fuhr die Dame fort. Eine Handbewegung war Lyſanna's Antwort.„Du glaubſt nicht an ſeine Liebe? Lyſanna, ich. weiß aber, daß er Dich liebt und ich beſchwöre Dich, ein ſicheres Glück, eine ſchöne, heitere Lebensſtellung nicht aus Eigenſinn aufzugeben.“ „Bitte, ſprich nicht weiter darüber,“ bat Lyſanna ſanft. 3 „Roſſian leidet es nicht, daß Du reiſeſt— er gibt Dich nicht wieder frei— nur aus Zartſinn hat er noch keine Erklärung gewagt— er läßt Dich wahrhaftig nicht fort!“ Jetzt flammten Lyſanna's Augen und ihre Wangen 1 —— — 1 — — 7 rötheten ſich durch die Regungen von Stolz.„Gott ſei geprieſen, daß er nicht das Recht hat meinen Willen be⸗ ſchränken zu können. Eine Pauſe trat nach dieſen Worten ein. Die junge Frau lehnte nachdenklich im Seſſel. Sie verſuchte ſich in's Gedächtniß zurückzurufen, was wohl geſchehen ſein könne, um Lyſanna's Ausruf zu rechtferti⸗ gen. Sie fand nichts. Ihre Sorgloſigkeit hatte ſie ſchon zu ſehr in Lebensanſchauungen verſtrickt, die eigentlich jeden moraliſchen Halt entbehrten, als daß kleine Ueber⸗ tretungen der feinen Sitte ſie hätten befremden können. „Willſt Du Dir wenigſtens nicht Zeit zur Ueber⸗ legung gönnen?“ fragte ſie endlich traurig. „Mein Entſchluß ſteht feſt— mache mir das Herz nicht ſchwer, Emma.“ „Ich ſage es Dir im Voraus, Lyſanna, Roſſian wird Alles aufbieten, um Dich hier zu halten. Er wird Dir ſogleich ſeine Liebe erklären.“ „Um ſo eher muß ich fort!“ „Sollteſt du ihn nur fliehen, weil Fräulein von Ilow ſeine Liebe nicht begünſtigt.—“ „Fräulein von Ilow hat nie ein Wort mit mir über Roſſian geſprochen,“ fiel Lyſanna ſehr raſch in ihre Rede. „Ich weiß nicht, ob ſie ihn begünſtigt oder nicht.“ „Um ſo übereilter finde ich Deinen Entſchluß, vor ſeiner Erklärung unſer Haus zu verlaſſen.“ „Ich muß fort! Ich muß zu meinen Eltern!“ er⸗ klärte Lyſanna. „Du wirſt trüben Tagen entgegengehen, wenn Du zu ſpät inne wirſt, was Du durch Deine übereilte Ab⸗ reiſe an Lebensglück auf's Spiel geſetzt haſt.“ „Lieber eine trübe Gegenwart verleben, als einer qualvollen Zukunft entgegenſehen. Ich reiſe mit klarem Bewußtſein, meine liebe Emma, ich weiß, was ich ver⸗ laſſe, ich weiß, was mir nothwendig zu meinem Glücke iſt. Ich bleibe Dir ewig dankbar für die Güte, welche Du mir bewieſen haſt, aber jetzt muß ich zu meinen Eltern zurück, auch wenn mich der Schein einer Undankbarkeit träfe.“ Raſch und zornig erhob ſich Frau Warren.„Meine Bitten ſind vergebens geweſen— ich füge mich Deinem Eigenſinne und werde dafür ſorgen, daß der Wagen in einer Stunde vor der Thür hält.“ Sie verließ mit einer nicht gerade anmuthigen Eil⸗ fertigkeit das Zimmer. Lyſanna ſah ihr traurig nach. Auch von der Freundin hatte ſie ſeit dem letzten Abend einen ganz andern Begriff erhalten. Sie dachte mit einem peinlichen Gefühl daran zurück, daß ihre Aeußerungen ſehr laxe Grundſätze verrathen hatten. In den Träumen der trübſelig verbrachten Nacht war ihr der grelle Abſtand einer geſelligen Heiterkeit und einer geſelligen Ausgelaſ⸗ 9 ſenheit widerwärtig nahe getreten und ſie ſammelte jetzt beim Tageslichte die ſchwach entglommenen Strahlen der richtigen Erkenntniß, um die Bilder zu vervollſtändigen, welche die Phantaſie ihrem Geiſte vorgeführt hatte. Sie ſtand im Begriff ihre Freundin zu bedauern, ſtatt ſie, wie früherhin, beneidenswerth zu finden. Wohin mußte ein Leben führen, das in den Grundlagen nur Genußſucht aufwies! Wie bald ſich ſolche Freuden durch Ausartung beſudelten, hatte ſie jetzt ſchon erlebt und ſie wendete ſchaudernd den Blick von einem Schauſpiele, in dem ihr jedenfalls eine Rolle zugedacht worden war. Durchaus nicht gerührt von dem Geſtändniß, daß Roſſian ſie liebe, vollendete ſie ihre Reiſevorbereitungen, ſchloß den Koffer, nachdem ſie ſorgfältig Alles eingepackt hatte und ſchickte ſich dann an, ſchon vollſtändig reiſefer⸗ tig angethan, in das Familienzimmer zu gehen, um, wie gewöhnlich, das Frühſtück mit ihrer Freundin dort ein⸗ zunehmen. 2 Beim Oeffnen der Thür gewahrte ſie Herrn Edmund Roſſian, der mit düſter zuſammengezogenen Augenbrauen dem Berichte der Frau Warren lauſchte. Er blickte beim Geräuſche, welches vom Oeffnen der Thür verurſacht wurde, auf, und eilte ſo ſchnell auf Lyſanna zu, daß es ihr unmöglich wurde, den raſch ge⸗ faßten Vorſatz eines Rückzuges zu bewerkſtelligen. 10 Mit dem Ausdrucke ſchmerzlicher Verzweiflung, der aber viel Theatraliſches hatte, rief er: „Sie wollen reiſen, Fräulein Lyſanna?“ „Ja!“ antwortete das junge Mädchen lakoniſch und trat ihrer Freundin näher, die ſich den Anſchein voll⸗ kommener Ruhe und Gleichmüthigkeit gab. „Sie haben nur das Heimweh! Sie kommen wie⸗ der! Wann kommen Sie zurück?“ „Niemals!“ war die Antwort. „Niemals! Niemals? Wiſſen Sie, daß eine Belei⸗ digung für uns Alle und ſpeciell für Ihre Freundin darin liegt, wenn Sie reiſen und niemals wiederkommen wollen?“ Lyſanna ſtreckte ihre Hand nach Frau Emma aus und lächelte ſie lieblich freundlich an. „Meine Freundin wird mich nicht ſo hart beurthei⸗ len, wie Sie, mein Herr,“ ſagte ſie. „Und wenn ich es thäte, Lyſanna?“ fragte Frau Warren ſchroff, ohne die Hand zu erfaſſen, die ihr dar⸗ gereicht wurde. Dann würde ich die Minute herbeiſehnen, die mich von hier entfernt und würde es ewig bedauern, hieher gekommen zu ſein, wo man mein Handeln verkennt,“ antwortete das junge Mädchen, tief verletzt von der Zu⸗ rückweiſung ihrer freundſchaftlichen Liebkoſung. 11 „Wiſſen Sie nicht, welche Schmerzen Sie uns be⸗ reiten, Lyſanna?“ fragte Roſſian mit dem Ausdruck der Leidenſchaft. Lyſanna erröthete und ſenkte ihr Auge vor ſeinem Blicke. „Freilich,“ fuhr der junge Mann fort und begann im Zimmer hin und her zu wandeln,„freilich, Sie ſind kalt geblieben bei meiner von Tag zu Tag wachſenden Liebe— Sie haben keine Ahnung vom Pochen eines leidenſchaftlich bewegten Herzens— Sie ſind zu meinem Unglück hieher gekommen!“ Er blieb ſtehen vor dem jun⸗ gen Mädchen und faßte beide Hände desſelben. Sein Blick ſchien ſie durchbohren zu wollen. Seine ganze Ge⸗ ſtalt ſchien durchzittert von der Bewegung ſeines Ge⸗ müthes. „Mädchen, Mädchen, Du biſt verantwortlich für mein Seelenheil!“ rief er mit fürchterlichem Pathos.„Du haſt mit ſcheinheiliger Sanftmuth Hoffnungen in mir erweckt und Flammen in mir genährt— Lyſanna, ich laſſe Dich nicht reiſen— Du mußt mein werden! Als meine Braut begleite ich Dich dann heim! Ich will Deinem Vater ein liebevoller Sohn, ich will Deinem Onkel ein treuer Ge⸗ hülfe werden— ich will Dich als das Kleinod meines Lebens betrachten bis an meines Lebens Ende!“ Er hatte immer ſchneller, immer bewegter geſpro⸗ chen, aber Lyſanna war trotzdem immer ruhiger und 12 immer ernſter geworden. Sie fühlte die Unwahrheit ſei⸗ ner Rede, ſie begriff die Abſicht derſelben und verſtand plötzlich die Speculation auf ihre Hand. Ihre Hände mit raſcher Bewegung befreiend und mehrere Schritte von ihm zurücktretend antwortete ſie weit feſter und ſicherer, als Herr Roſſian und Frau Warren erwartet haben mochten. „Es thut mir wahrlich von Herzen leid, wenn ich Hoffnungen durch eine unkluge Freundlichkeit in Ihnen erweckt haben ſollte; damit Sie aber raſch und gründlich von jeder Hoffnung geheilt werden, erkläre ich Ihnen ehrlich, daß ich Ihre Wünſche nie erfüllen und daß mein Onkel Ely gar keinen Gehülfen gebrauchen kann. Ich tödte mit dieſer Erklärung zwei falſche Anſichten. Wenn irgend Jemand den Glauben gehegt hat, daß ich oder meine liebe Angehörigen Abſichten mit dem Beſuch in der Stadt verbunden, ſo möge meine ſchnelle Abreiſe als Antwort darauf dienen. Erſt jetzt erkenne ich den Grund einiger Aeußerungen, die mir geſtern Abend zu Ohr kamen.“ Sie wendete ſich, um das Zimmer zu verlaſſen. So lange hatte Frau Warren in eigenthümlicher Gelaſſenheit der ganzen Scene beigewohnt. Nach den feindlich heraus⸗ fordernden Worten Lyſannens fühlte ſie ſich berufen, der Unterhaltung durch ihre Einmiſchung eine Wendung zu geben. „Du biſt alſo beleidigt von Jemand, Lyſanna?“ fragte ſie haſtig und dem jungen Manne einen Wink gebend, der ihm gebot ſich zu entfernen.„Wer hat Dir unedle Abſichten untergelegt? Wer hat Dich von dummen Vor⸗ ausſetzungen in Kenntniß geſetzt? Wer hat Dir ganz un⸗ nöthig Aufklärungen über Wünſche gegeben, die erſt noch im Schooße der Zeit reifen mußten? Sprich, liebe Ly⸗ ſanna, damit ich den Urheber des ganzen Unglückes zur Rechenſchaft ziehen kann! Ich muß wiſſen, wer es ſich erlaubt hat, Dich mit dergleichen Andeutungen zu kränken!“ Lyſanna blieb ſtehen. Ein Lächeln, etwas ſpöttiſch, aber dennoch gutmüthig, flog um ihre Lippen. „Dein Herr Gemahl iſt der Verräther deſſen ge⸗ weſen, was noch nicht an's Tageslicht treten durfte, weil es erſt im Dunkeln reifen mußte.“ „Warren ſelbſt— Warren!“ rief Roſſian.„Verdammt! das ſoll er büßen!“ Er verſchwand. Frau Emma fa ltete ihre Hände zu— ſammen und ſah ihm erſchrocken nach. Kannte ſie ihn genugſam, um für das Glück ihres Mannes, den ſie herzlich lieb hatte, fürchten zu müſſen? „O Lyſanna,“ flüſterte ſie ſcheu und ängſtlich.„Warum haſt Du mir das gethan!“ „Schreibe mir die Folgen nicht t zu, Emmia, erwie⸗ derte das junge Mädchen feſt.„Ich habe Dich dringend 14 gebeten, mich nicht über die Gründe meines Vorſatzes zu befragen, ich habe Dich dringend gebeten, mich ohne Wi⸗ derſtand abreiſen zu laſſen. Was haſt Du auch von Roſſian zu befürchten? Dein Gatte wird ihn zu beruhi⸗ gen wiſſen und ſein augenblicklicher Zorn wird verflie⸗ gen wie ein Rauchwölkchen im Sturme.“ „Du kennſt ihn nicht!“ antwortete Emma beklom⸗ men.„Er iſt die Seele des Geſchäftes. Er hat Energie genug einen böſen Gedanken durchzuführen.“ „Traueſt Du ihm zu, daß Rachegedanken ſein Herz⸗ blut verſteinern könnten?“ Frau Warren bewegte zuſtimmend das Haupt.„Haſt Du ſchon Beweiſe davon? Ja? Und Du ließeſt mich ohne Warnung dem Einfluſſe ausgeſetzt, den ſeine Liebenswür⸗ digkeit zu üben fähig war?“ „Seine übrigen Eigenſchaften, ſo wie ſein ganzer Lebenswandel ſtellte Dein Glück in einer Verbindung mit ihm keineswegs in Zweifel. Was er an böſen Gewohn⸗ heiten an ſich hatte, das war von dem Geiſt der Liebe leicht zu unterjochen,“ antwortete Frau Warren, verſchüch⸗ tert von Lyſanna's Eruſt.„Wenn Du mir zu Liebe, mir zur Beruhigung, ihm Hoffnung auf einen günſtigen Er⸗ folg ſeiner Bewerbung vorſpiegeln wollteſt, Lyſanna! Nur vorſpiegeln, nur ihn hinhalten.—“ 3. —j —COCQM——— —õõõꝛÿ——yÿyÿ—— 15 Lyſanna ſah ſie an.„Welche Erniedrigung läge für mich in ſolchem Betrug.“ „Die Gewiſſensbiſſe über dieſen Betrug würden meinen Schlaf nicht ſtören,“ fiel Frau Warren lebhaft ein.„Darf ich Roſſian ſagen, daß Du ſchon jetzt bereue⸗ teſt ſeine Liebe zurückgewieſen zu haben? Hier ſoll er Dich nicht wieder behelligen, aber er mag ſpäterhin nach Glaubek kommen— er iſt ja ſchon dort geweſen, um eine Geſchäftsverbindung mit Deinem Onkel Ely anzu— knüpfen.“ Lyſanna heftete ihren Blick feſter auf ihre Freun⸗ dinn:„Hältſt Du wirklich eine ſolche Täuſchung für er⸗ laubt?“ Frau Warren lachte.„Jede Täuſchung, die uns Vor⸗ theil bringt, iſt erlaubt, meine liebe Lyſanna. Wie ſollte ſonſt ein Kaufmann in der Welt fortkommen. Täuſchung iſt Lebensphiloſophie, iſt Lebensklugheit— man muß ſich ſogar ſelbſt täuſchen kännen und ſeine eigenen Phantaſien glauben lernen. Roſſian hat mich über den Geiſt der Welt aufgeklärt. Täuſchung überall. Arme Kleine, Du biſt um fünfzig Jahr zu ſpät geboren. Ja in den guten alten Zeiten war man vielleicht in der Mode, wenn man ſo ehrlich auftrat, wie Du, So etwas iſt nur noch von Werth in dem Landhauſe Deines Vaters.“ „So will ich mich ſchleunigſt aufmachen und wieder Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 2 — 16 heimgehen zu meinem Vater,“ ſagte Lyſanna mit heiter erhobener Stimme.„Unſere Wege ſcheiden ſich, weil ſich unſere Anſichten trennen, aber unſere Herzen können deſſen ungeachtet verbunden bleiben, meine liebe Emma. Ich paſſe nicht in der Sphäre, die Dich beglückt und wenn das Leben der Welt überall ſolche Klippen birgt, wie ich hier entdeckt habe, ſo verlaſſe ich kühlgeworden den zau⸗ beriſchen Glanz, der auf Täuſchung beruht.“ Das Rollen eines Wagens unterbrach das Geſpräch, welches wieder ernſt zu werden drohete. Frau Warren wurde dadurch an ihre Pflicht als Wirthin erinnert— Lyſanna aber verfügte ſich unverweilt auf ihr Zimmer, um ihr Reiſegepäck dem Kammermädchen zu übergeben, daß ſie es zum Wagen ſchaffen laſſe. Beide Damen befanden ſich im Irrthume. Nicht der Reiſewagen, den Frau Warren hatte holen laſſen wollen, ſondern die Equipage des Commerzienrath Wappra war es, die raſch daher rollte und vor dem Hauſe Warren s ſtill hielt. Giſela ſtieg ſo beeilt aus dem Wagen, daß ſie ihn ſchon längſt verlaſſen hatte und die Treppe hinaufge⸗ ſchlüpft war, ehe Warren, der von Kopfweh geplagt im Eckdivan des Comtoirs ruhete, ſich erhoben und an's Fen⸗ ſter treten konnte. Roſſian hatte im Sturm das Haus ſogleich verlaſſen, ohne in's Comtoir zu gehen. Nicht, daß 17 ihn der Schmerz ſo ſtark aufgeregt hätte, wohl aber ein gewiſſer Verdruß über Warren's Schwatzhaftigkeit, die auf immer ſeinen Projecten ein Ziel geſetzt. Es gelang Giſela ganz unbemerkt die Treppe hin⸗ aufzukommen und das Zimmer Lyſanna's zu erreichen. Früh mit dem erſten Morgenſtrahle war die Milde und Gerechtigkeit wieder in ihr Herz zurückgekehrt und ſie hatte beſchloſſen, ihren erſten Vorſatz auszuführen, der Ly⸗ ſanna wieder unter ihren Schutz ſtellen ſollte. Noch ehe die Familie ihres Bruders aufgeſtanden war, rollte der Wagen des Commerzienrathes die Landſtraße zur Stadt hinab und Giſela, die zitternd vor Ungeduld im Fond des Wagens lehnte, gelobte ſich, Alles anzuwenden, um die böſe Saat, die in Lyſanna zu wuchern ſchien, un⸗ ſchädlich zu machen. Ihre Zuneigung zu dem holden We⸗ ſen war wo möglich noch gewachſen, während der Seelen⸗ ſturm verheerend in ihr getobt hatte. Sie ſehnte ſich das ſorgloſe Lächeln zu belauſchen, das den ungetrübten Ge⸗ müthszuſtand ihrer jungen Freundin ſo ſchön bezeichnete. Sie fürchtete, daß dies Lächeln verſchwunden ſein könnte — warum hatte ſie ihrer ſtolzen Empfindlichkeit nachgegeben und war ohne genügende Aufklärung dem erſten kriegeri⸗ ſchen Angriffe Roſſian's gewichen. Immer gewiſſer wurde es ihr, daß dieſer die Hand im Spiele gehabt und ihre Trennung von Lyſanna zu gewiſſen Zwecken nöthig ge⸗ 2*¾ 18 funden hatte. Unbemerkt zu Lyſanna zu gelangen war nach dieſer Ueberzeugung durchaus nöthig. Leiſe hatte ſie ſich endlich der Thür ſo weit genähert, um ſie öffnen zu können.— Sie blieb ſtehen. Ihr Herz klopfte vor Bangigkeit! Was für Erfahrungen brachte ihr die nächſte Minute! Lauſchend lehnte ſie die Stirn gegen die Thür, die ſie von Lyfanna trennte. Sie hörte, daß das junge Mädchen haſtig hin und her ging. Sie hörte, daß ſie Kaſten auf zog und wieder ſchloß. Von einem unerklärlichen Gefühle getrieben riß ſie die Thür auf, Lyſanna ſtand vollſtändig gekleidet am Fenſter. Sie wendete ſich um, blieb jedoch von einer fremdartigen Schüchternheit, die nicht ganz ohne Stolz war, wie gefeſſelt ſtehen, als ſie Giſela erblickte, die mit einem einzigen flüchtigen Blicke bemerkte, was hier vor⸗ gehen ſollte. Ein Strahl von Freude, wie ſie noch nie ihr Inne⸗ res berührt, zuckte durch ſie hin. Mit beflügelten Schritten durcheilte ſie das Zimmer, ergriff Lyſanna's Hand und preßte ſie feſt zwiſchen ihren Fingern.„Sie wollen fort?“ fragte ſie mit ſtockendem Athem.„Sie wollen fliehen? Oder— iſts eine Braut⸗ fahrt?“ fügte ſie mit ſinkender Stimme hinzu.„Nein? O Lyſanna, was für eine Nacht hat mir die Angſt, die 19 Furcht und der Unwille bereitet! Warum ſendeten Sie mir mein Billet zurück, ohne es geleſen zu haben? Warum wurde ich abgewieſen geſtern Vormittag, als ich kam, um Sie aufzufordern mit uns zu fahren?“ In Lyſanna lichtete es ſich. Man hatte alſo erbärmli⸗ cherweiſe eine kleine Intrigue eingefädelt, um zum Zwecke zu gelangen. Wenige Worte genügten zur Aufklärung der ganzen Geſchichte, aber wenige Worte genügten auch, um das Band, welches ſich durch die Beſtrebungen Roſſian's wirklich etwas gelockert hatte, feſter als jemals zu ziehen. Lyſanna erzählte von den Vorgängen des Abendgelages. Gegen Giſela ſprach ſie es endlich aus, was verhindert hatte, daß ſie rettungslos aus dem luſtigen Gewirr als Roſſian's Verlobte hervorgegangen war. „Mein Vater erſchien mir!“ ſprach ſie mit beben⸗ den Lippen. „Das heißt, Du dachteſt ſeiner, mein liebes, liebes Kind?“ fragte Giſela liebevoll dieſe zitternden Lippen küſſend. „Nein! Nein! Ich dachte ſeiner nicht! Ich hatte mich gänzlich der Aufregung überlaſſen, die ſich Aller bemächtigte— in dem wilden Jubel, im Gläſerklang miſchten ſich Worte, wie ich ſie noch nie ſo beſtrickend vernommen— mein Blick begegnete Blicken, wie ich ſie nie geſehen— o Giſela, was wäre das Ende dieſer Auf⸗ 20 regung geweſen? Roſſian's Arme droheten mich an ſich zu reißen— ſcherzend, nur leichtſinnig ſcherzend wich ich ihm noch aus— da erſchien mein Vater! Ich habe ihn geſehen— er blickte mild und gütig auf mich, wie er zu thun pflegt, wenn ich ſeinen Rath einzuholen komme — er erſchien aber bleicher noch als ſonſt, ſein Auge er⸗ hob ſich mit traurigem Ernſte, als er mich lange an⸗ geſehen und richtete ſich klagend zum Himmel empor — es wöährte länger, als eine volle Minute, daß er im Eingange des Salons ſtand und mich betrachtete— eine Eiſeskälte durchfluthete mich vom Kopf bis zur Zehe— ich ſah das Bild langſam zerfließen und blickte nun, wie erwachend um mich. Alles war verändert, Giſela—“ „Natürlich, denn Deine Seele hatte den trügeriſchen Schein durchſchauet. In der heiligen Sympathie, die Dein Herz für das innere Weſen Deines Vaters eröff⸗ net, lag der Warnungsruf, der Dich erweckte und es iſt theilweiſe meiner Einwirkung zuzuſchreiben, daß Du, auf dem Gipfel der Aufregung angelangt, der Worte gedach⸗ teſt, die ich Dir ſchon oft zugeflüſtert:„Wenn Dein Vater nach dem Grunde fragte—“ „Nein,“ beharrte Lyſanna,„ich dachte an nichts! Weder Deine Ermahnung, meine theure Giſela, noch meines Vaters Bild war in mir wach— ich dachte an nichts— da erſchien mein Vater— er war da, mit 1 21 einem Schauer von Furcht und Freude wurde ich ſei⸗ ner gewahr und meine Augen ruhten feſt auf ſeiner Geſtalt.“ Giſela ſchwieg, um nicht durch Widerrede die Phan⸗ taſie des jungen Mädchen noch mehr zu verwirren. Augen⸗ ſcheinlich war Lyſanna einer Sinnestäuſchung verfallen geweſen, wie ſie ſonſt nur in dem Zuſtande zwiſchen Schlaf, Traum und Erwachen vorzukommen pflegt. Die Möglichkeit einer phantaſtiſchen Einbildung lag in Ly⸗ ſanna's überreiztem Gemüthe. Was ſich daran beſtrei⸗ ten ließ, das wich von ſelbſt unter der Beſchwichtigung der Zeit, alſo handelte man mit weiſer Ueberlegung, wenn man die Erinnerung nicht von Neuem weckte. Ich hätte Dir nie ſo viel Muth zugetraut,“ begann Giſela nach kurzer Pauſe, während ſie ihr Auge auf die Reiſeeffecten Lyſanna's ruhen ließ,„ich hätte nie geglaubt, daß Du, als die Tochter Deines Vaters ſo feſt einem Kampfe entgegentreten würdeſt.“ „O, ich bin nicht allein meines Vaters Tochter,“ antwortete Lyſanna mit einigem Stolze,„ich bin auch meines Oheims Nichte.“ Giſela wechſelte raſch die Farbe, als ſie erwiederte: „Wohl Dir, daß Ely's Geiſt ſich in die Erziehung ein⸗ ſchlich, die Du in der Einſamkeit Deines Dorflebens em⸗ pfingſt. Dieſer Geiſt hat Dich wahrſcheinlich aus gro⸗ 22 ßer Gefahr errettet. Denke, wenn Du eines Tages inne geworden, daß der Mann Deiner Wahl nicht achtungs⸗ werth ſei.“ „Ich glaube, mein Stolz hätte mich emporgeriſſen, ſelbſt wenn ich Roſſian geliebt—“ ſagte das junge Mäd⸗ chen mit Erhebung.„Ich könnte nie die Gattin eines Mannes werden, über den die Welt die Achſeln zuckt.“ „Kind— Du kennſt die Macht der Liebe noch nicht!“ „Die Blicke der Nichtachtung würden die Liebe in mir tödten. Ich meine, die Grundlage der Liebe muß eine Schwärmerei, eine ideale Verklärung des Gegenſtan⸗ des ſein. Ich würde eher einen Mann lieben lernen, der mir abſtoßend entgegengetreten iſt, den ich gefürchtet habe, als denjenigen Mann, der mir lächerlich und von der Welt mißachtet erſcheint.“ Giſela nickte ihr lächelnd Beifall zu, fand ſich jedoch bewogen, auch dies Thema fallen zu laſſen, ohne die Möglichkeiten und Zufälligkeiten im Leben zu zergliedern. Sie hatte ſich ſchon längſt im Stillen überkegt, ob ſie nicht in dem Entſchluſſe Lyſanna's eine Entſcheidung ihrer eigenen ſchwankenden Gemüthsregungen ſehen und raſch die Gelegenheit benutzen ſolle, ihren Beſuch in der Stadt ohne Aufſehen und ohne Erklärung ebenfalls ab⸗ zukürzen. Sie entſchied ſich jetzt dafür und fragte das 23 junge Mädchen ſcherzend, ob ſie Platz für ſie im Wa⸗ gen hätte. Eine helle Freude überſtrömte Lyſanna's Antlitz. Ihr heimlicher Wunſch erfüllte ſich. Das dunkle geſtalt⸗ loſe Unbehagen, womit ſie ihrer Heimkehr in's Vater⸗ haus gedachte, erloſch. In Giſela's Begleitung lag eine Rechtſprechung der beſchleunigten Rückkunft und ſie ging der peinlichen Auseinanderſetzung mancher Verhältniſſe dadurch aus dem Wege. Giſela verließ ſie, um eiligſt ihre Zurüſtungen zu treffen und ſchriftlich ihren Bruder in Kenntniß zu ſetzen. Wie von einem Traume befangen blieb Lyſanna zurück. In dem Lichtſtrome, der ſie nach dem Schatten ihrer trüben Erfahrungen umfloß, glühte vor Allem der Gedanke an die vertrauliche Zärtlichkeit, womit Giſela ſie an ſich gekettet hatte. Die Schranken zwiſchen ihnen waren gefallen. Ohne Ueberlegung hatte ſich ein ſchwe⸗ ſterliches Verhältniß ausgebildet, das längſt wohl vorbe⸗ reitet, aber dennoch ſchwerlich ohne die Ereigniſſe der Gegenwart ſo raſch zur Blüthe gekommen wäre. Die Kraft der Selbſtändigkeit war zugleich die Vermittlerin zur geiſtigen Ebenbürtigkeit geworden. Die ſchüchterne Kindlichkeit Lyſanna's war unter dem Drange dieſer Kraft erloſchen, aber der Zauber der kindlichen Anmuth war dabei nicht verletzt. In demſelben Grade, wie die ſchöne Frucht durch ihr Reifwerden an Schönheit ge⸗ winnt, ſo hatte durch das Bewußtwerden der Weiblich⸗ keit einen Reiz erhalten, der ſie lieblicher noch und ein⸗ nehmender machte. Als nach einigen Stunden der Reiſewagen mit ſei⸗ nen beiden Inſaſſinnen raſch davonrollte, ſtand Roſſian neben ſeinem Freunde Warren am Fenſter des Comtoir. Beide ſahen dem Wagen ernſthaft nach. „Dieſe Speculation wäre geſcheitert,“ ſagte Roſſian leichtfertig den Kopf aufwerfend und die ernſten Gedan⸗ ken mit Gewalt verjagend.„Jetzt bitte ich aber um Erklärung, weshalb Sie es für nöthig fanden, der klei⸗ nen Donna ein Licht anzuzünden, bevor es nöthig war.“ „Die Zeit drängte,“ antwortete Warren und ſeine ſchläf⸗ rigen Augen bekamen Leben.„Zu einer langweiligen Bewerbung war es zu ſpät geworden und der Aufent⸗ halt der nichts weniger als thörichten Dame mußte ab⸗ gekürzt werden. Fräulein Lyſanna war zu klug für das Spiel, was jetzt beginnen muß.“ „Darf ich bitten, deutlicher zu reden?“ warf Roſ⸗ ſian ungeduldig ein. „Es kommt ſchon von ſelbſt, wie Inſpiration, über Sie, wenn Sie dieſe Briefe geleſen haben werden. 25 Roſſian griff nach den Papieren, die ihm Warren hinhielt. Dieſer fuhr fort: Wir müſſen eilen, uns in Sicherheit zu bringen. Meine Frau wird in's Seebad geſchickt.“ „Warum nicht gar!“ fiel Roſſian höhniſch ein. Man ſieht den ungeſchickten Spieler! Nach der Schweiz dirigiren Sie Ihre Frau.“ Warren dachte einige Minuten nach. Während der Zeit las Roſſian die Papiere. „Das iſt freilich ein verwünſchter Zufall,“ murmelte er und ſteckte die Briefe mit einem Schwefelhölzchen in Brand.„Gutÿ! Beſchleunigen wir, was längſt als Plan vor uns gelegen. Wir müſſen verſchwinden!“ „Wir müſſen verſchwinden,“ wiederholte Warren, aus ſeinem Nachdenken auffahrend.„Sie haben recht. Meine Frau muß aus Geſundheitsrückſichten nach Genf — Sie haben recht! Inſtruiren Sie den Doctor Bleier — ich werde nach und nach auf meine Frau einzuwirken ſuchen.“ „Am Beſten wäre es, Sie ließen die Frau in Stich!“ ſprach Roſſian ärgerlich.„Es erſchwert unſere Projecte.“ „Meine Frau bleibt bei mir!“ erklärte Warren. „Es kann nie davon die Rede ſein, daß ich mich ihrer entledigen ſoll.“ 26 „Was wollen Sie denn ferner mit dieſer Mode. puppe? Nun, wie Sie wollen! Wie viel Zeit haben wir noch?“. „Leider nur ſechs Wochen!“ „O— hinreichend— hinreichend!“ ſtieß Roſſian hervor.„Wo wir uns treffen wollen, wiſſen wir, was wir mitnehmen wollen, wiſſen wir— alſo nicht eine Silbe über unſere Lippen! Ganz richtig— die Zeit drängt— Ihre Frau muß fort! Hätte die kleine phan⸗ taſtiſche Koltrum„angebiſſen,“ ſo war dies Alles nicht nöthig. Unſer Credit wäre auf den Namen„Elias& Tobias Koltrum“ gewachſen, wie Mohrrüben im friſch⸗ gedüngten Acker.“ Warren legte die Hand auf ſeinen Arm, als wolle er das Gewicht ſeiner weitern Eröffnung dadurch verſtärken. „Auch über dieſen Punkt muß ich Ihnen eine un⸗ willkommene Aufklärung geben, mein Beſter. Die Fa⸗ brik„Gebrüder Koltrum“ hat einen vortrefflichen Na⸗ men, allein rückſichtlich des Reichthumes der Beſitzer be⸗ findet man ſich im Allgemeinen in einem großen Irr⸗ thum.“ „Was Sie ſagen!“ rief Roſſian laut lachend.„Alſo⸗ auch Schwindel?“. „Das nicht— nur Täuſchung, die aber von Kol⸗ trums nicht ausgeht.“ 27 „Wovon wiſſen Sie das?“ fragte Roſſian begierig. „Herr Gott, wenn wir uns in unſerer eigenen Schlinge gefangen hätten! Wer klärte Sie über die Vermögens⸗ verhältniſſe der Gebrüder auf?“ „Ein Vetter, der als Baumeiſter jetzt in Glaubek beſchäftigt iſt. Er theilte mir lachend mit, daß die Fa⸗ brik ein wahres Moſaik von Gebäuden ſei. Jeder An⸗ lage ſähe man an, ob Herr Ely bei Caſſe geweſen ſei oder nicht. Wenn man den ganzen Complex von Häu⸗ ſern betrachte, ſo imponire die Fabrik, allein ein Mann, der zureichendes Capital beſitze, würde niemals derglei⸗ chen zuſammenbauen. Ich forſchte vorſichtig weiter und erfuhr dann, daß Ely jetzt ein Wohnhaus für ſich baue und allen Anzeichen zufolge ſich verheirathen werde.“ Roſſian brach in ein ausgelaſſenes Gelächter aus. „Das ſetzt dem Dinge die Krone auf! Alſo nicht ein⸗ mal unbeſtrittene Erbin iſt Fräulein Lyſanna?“ rief er, „und darum ſolche Anſtrengungen? Für dieſe Täuſchung muß ich Revanche haben.“ „Ich warne Sie, Roſſian! Keine auffallende Schritte! Wir haben alle Vorſicht nöthig, um uns aus unſerer Bedrängniß herauszuwickeln. Bisweilen erſcheint es mir leichter und klüger, auf ehrlichem Wege zu enden, als ſo, wie Sie es vorgeſchlagen haben.“ „Sie ſind und bleiben ein Träumer,“ antwortete 28 Roſſian mit ausgeprägtem Hohne.„Was können wir dafür, daß im Umſchwunge der Geſchäfte das für uns ein Schaden geworden iſt, was höchſt vortheilhaft zu werden verſprach? Man muß ſich aber zu helfen wiſ⸗ ſen! Noch iſt nicht Alles für uns verloren! Jenſeit des Oceans blühen auch die Blumen und reifen auch die Früchte. Wie Du mir— ſo ich Dir! Haben wir durch den Schwindel Anderer bluten müſſen, ſo üben wir nur das Vergeltungsrecht—“ „An Unſchuldigen, warf Warren bitter ein, aber der Funke von Ehrlichkeit, der noch in ihm glühete, wurde durch die Energie der Frivolität erſtickt, womit ihn Roſ⸗ ſian beherrſchte. Mit ſchweigender Verzweiflung ordnete ſich Warren ſeinem Aſſocié unter, weil er darin die ein⸗ zige Rettung erblickte. Was ſie beſchloſſen hatten, ent⸗ fernte ihn wenigſtens von dem Orte, wo er als ehrlicher Mann betrachtet zu werden, gewohnt war. Immer ein Troſt, der ihn für ſeine gewagten Entwürfe zu ſtählen vermochte. Seit Jahr und Tag von der Furcht gehetzt, daß der Schwindelgeiſt Roſſian's ihn mit in's Verder⸗ ben reißen werde, hatte er endlich den gewandten Einflü⸗ ſterungen des gewandten Speculanten Gehör gegeben. Der letzte Verſuch, ſich und ihn zu retten, war die be⸗ abſichtigte Heirath mit Lyſanna Koltrum, die ihnen Bei⸗ den als eine leichte Beute erſchien. Warren merkte ſchon 29 nach den erſten Tagen einer nähern Bekanntſchaft, daß dies junge Mädchen bei weitem mehr Urtheilskraft beſaß, als ſeine eigene Gattin, und er ſchloß daraus, daß ſie ſchwerlich jemals als Spielball von Roſſian's Launen würde dienen können. Von dieſer Erkenntniß eingeſchüch⸗ tert, wendete er ſich eifriger, als früherhin, den Plänen zu, die zur Rettung aus drückenden Verhältniſſen führen konnten. Als er endlich wahrgenommen, daß Lyſanna mit ſehr aufmerkſamen Blicken um ſich zu ſchauen be⸗ gann, da hielt er es für gerathen, ihre Beobachtung durch einige Bemerkungen zu unterſtützen. Es war hohe Zeit, die Rettungsanker auszuwerfen. Was Herr Edmund Roſſian in ſeinem Leichtſinne über⸗ ſah, das trieb Warren gerade an, zu eilen. Er konnte es ſich nicht länger verhehlen, daß eine gewiſſe Nichtach⸗ tung gegen die Firma Warren& Roſſian auftauchte. Zwar verſchwand dieſelbe ſogleich, wenn die umlaufen⸗ den Wechſel prompt von ihnen bezahlt und eingelöſet wurden, allein ſie war und blieb doch immer ein Be⸗ weis, daß die Grundfeſten des bürgerlichen Vertrauens angegriffen ſein mußten. Bevor eine ſtarke Erſchütterung das nöthige Ver⸗ trauen noch gefährlicher untergrub, mußte alſo gehandelt werden. Im Grunde war es ihm lieb, daß Ely Kol⸗ trum nicht in das Elend ſeines Schwindellebens hinein⸗ 30 gezogen wurde und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß er die erhaltenen Aufklärungen über ſeinen Vermögenszu⸗ ſtand anwendete, um Roſſian'’s weitere Pläne auf ihn zu vereiteln. Leider gelang ihm dies nicht. Schon in den näch⸗ ſten Tagen lief ein Brief von dem Fabriksbeſitzer Elias Koltrum ein, der ſeine Willfährigkeit anzeigte, in den vor⸗ geſchlagenen Handel einzugehen. Der Brief war von Roſſian in Beſchlag genommen und wurde von ihm ohne Vorwiſſen Warrens auch wieder beantwortet. Was ging ſein Separatgeſchäft die Firma Warren& Roſſian an! Mit wenigen Briefen war die Sache in Gang ge⸗ bracht. Die Verladung des Zuckers wurde bewerkſtelligt und glücklich langte er an dem Orte ſeiner Beſtimmung, in der Reſidenz an. Jetzt begann Herr Eduard Roſſian ſeine verdächtigen Speculationen. Er entwickelte eine auf⸗ opfernde Freundſchaft für Herrn Elias Koltrum, indem er ihn benachrichtigte, daß eine merkliche Steigerung in den Zuckerpreiſen zu hoffen ſei. Er habe deshalb mit dem Käufer einen Rückcontract abgeſchloſſen, wonach es ihnen frei ſtehe, den Zucker bis zur günſtigen Zeit lagern zu laſſen. Natürlich übernahm Roſſian in rührender Selbſt⸗ aufopferung das Riſico des Geſchäftes und ſchätzte ſich, nach ſeinen geläufigen Verſicherungen, ſehr glücklich, Herrn Koltrum in doppelter Hinſicht Dienſte leiſten zu können, 31 da es verlaute, daß der Käufer nur um deshalb ſo willig auf einen Rückcontract eingegangen ſei, weil er Unglück gehabt habe, alſo nicht zahlungsfähig ſei. Daß dieſer ſo⸗ genannte Käufer des beſtellten Zuckers nur ein verkappter Helfershelfer war, konnte Niemand ahnen, der nicht einen Blick in das verborgene Leben der Schwindelſpeculationen zu werfen Gelegenheit gefunden hatte. Herr Roſſian hatte gemüthlich dem Fabrikbeſitzer Koltrum fünf hundert Cent⸗ ner Zucker aus den Niederlagen entzogen und er hatte es nun in der Hand, ſein Spiel mit dem unbeſchränkten Vertrauen dieſes Mannes zu treiben, bis er den Erlös daraus in ſeiner Taſche untergebracht hatte. Fritze: Die Gebrüder Koltrum II. Bd. — Zweites Capitel. In Glaubek ſchien Alles im beſten Gange. Die Bau⸗ unternehmungen hatten einen ſo ungeſtörten Fortgang, daß ſie wuchſen und gediehen, gleich den Bäumen des Waldes, nur etwas raſcher und ſichtbarer. Ely hatte ſogleich nach der Abreiſe Giſela's zuerſt ſein neugewonnenes Terrain zu ſichern geſucht und durch eine hohe Bretterwand den Raum bezeichnet, wo ſeines neuen Wohnhauſes Hinterwand die Gränze des kleinen Häuschens beſchränken ſollte. Aber nicht allein die Selbſt⸗ ſucht regierte ſein Thun. Auch für die Verpflichtung be⸗ hielt er Sinn, die er mit übernommen hatte. Ein neuer, feſtgeſtampfter Eingang zum ſehr klein gewordenen Hofe wurde auf der andern Seite eingerichtet und das Hof⸗ häuschen, worin die alte Beata Platz gefunden, mit dem Vorderhauſe durch einen überdeckten Gang verbunden⸗ 33 Mit beſonderer Vorliebe widmete ſich Ely dieſem Bau. Er war täglich dort zu ſehen. Er machte alle Anord⸗ nungen mit einer Wichtigkeit, die an Aengſtlchkeit gränzte. Er trieb die Arbeiter, als ahne er, daß Giſela und Lyſanna ihre Rückkehr beſchleunigen würden und ſomit gelang es denn ſeinen Bemühungen, am Schluſſe der dritten Woche das begonnene Werk als vollendet be⸗ trachten zu dürfen. Mit ſelbſtzufriedenem Lächeln führte er ſeinen Bru⸗ der und Frau Magdalena am Abend des Tages, der ſo inhaltſchwer für Lyſanna geworden war, in Giſela's kleines Gebiet, um ihnen die Veranſtaltungen zu zeigen, die er getroffen, um ſeine Verpflichtungen für den bewil⸗ ligten Hofraum zu löſen. Herr Toby's Mienen verriethen eine vollkommene Zuſtimmung mit Allem, was angeordnet worden, Frau Magdalenens Geſicht jedoch gab zu verſtehen, daß ſie anfange durch einen dichten Schleier zu blicken, den die Berechnungen des Verſtandes wohlweislich um leichte Her⸗ zensregungen gezogen, um unter dieſer Hülle ſich ſelbſt genug thun zu können. Wenn die Frauen den Urſprung einer Thatſache zu entdecken vermögen, ſo erwacht gewöhnlich ihre Combi⸗ nationsgabe. Frau Magdalene überſchaute mit feinem Lächeln die Ausführung einer Entſchädigung für Giſela 3 14 34 und blickte dann zurück auf frühere Erfindungen Ely's zu gleichen Zwecken. Ueberall leuchtete ihr die zartſinnigſte Rückſicht auf den Geſchmack einer feingewöhnten Welt⸗ dame entgegen. Wenn hier nicht eine ſtille Neigung als kühne Lehrmeiſterin vermittelnd aufgetreten war, ſo fehlte ihr die Verbindung zwiſchen Ely's rein praktiſchem Weſen und dieſem etwas nutzloſen Prunk, der zu der höchſt ein⸗ fachen Haushaltung der jungen Dame auch nicht paßte. Die Kochapparate, mit blankem Meſſing ausgelegt, blitz⸗ ten einladend im Abendſonnenſcheine, aber in dieſem Glanze ſprachen ſie hohnvoll die Frage aus: Wozu? Glaubte Ely wirklich feſt an die Dauer eines Aufent⸗ haltes, den Frau Magdalene, trotz ihrer Vorliebe für Giſela im Stillen bezweifelte, weil ſich dieſelbe noch in dem Alter befand, wo eine warme und vernünftige Liebe möglich iſt oder wollte Ely nur ſchlauerweiſe Alles an⸗ wenden, um ihr einen dauernden Aufenthalt angenehm und wünſchenswerth zu machen? Sie bemühte ſich mit ſtiller Aufmerkſamkeit in ſeiner Seele zu leſen, um den Geiſt ſeines Schaffens zu er⸗ gründen. Es gelang ihr nicht. Die Zeichen, welche das Erwachen einer Neigung ſtets begleiten, fanden ſich nicht bei Ely vor. Seine Strebſamkeit verhüllte ihm ſelbſt die weichen Strömungen, die ihn bei dieſen Anordnungen zu einer gewiſſen Poeſie geleitet und nachdem er hier * — 35 fertig geworden, wendete er ſich mit ſo ausſchließlichem Eifer ſeinen nächſten Beſchäftigungen zu, daß ſich auf der Oberfläche ſeines Weſens nur die alte Gemüthsver⸗ faſſung zeigte, die kein tieferes Intereſſe erkennen ließ. Frau Magdalene begnügte ſich endlich, Ely's Verfahren wieder als einen Act ſeiner charakteriſtiſchen Güte zu be⸗ trachten, wie er ſie gewohnheitsmäßig zu üben pflegte. Aber ihre Gedanken ließen ſich nicht ſo leicht ver⸗ löſchen, wie ihr Verſtand es heiſchte. Von dem Vorſatze beſeelt, den dichten Schleier, der auf Momente gewichen war, ganz und gar zu entfernen, nahm ſie zur Verſtellung ihre Zuflucht. Mit der größten Gleichgültigkeit in Blick und Geberde ſtellte ſie, auf dem Rückwege nach ihrem Hauſe, die Möglichkeit auf, daß Giſela gar nicht wieder nach Glaubek kommen werde. Lyſanna hätte in ihrem letzten Briefe erwähnt, daß man im Hauſe des Commer⸗ zienrathes Wappra mit Bitten ſie beſtürme, nicht wieder hieher zu gehen. Das wirkte endlich. Ely wechſelte die Farbe, ſein Auge öffnete ſich weit und eine Wolke legte ſich auf ſeine Stirn. Trotz dieſer ſichtlichen Gemüthsre⸗ gung ſprach er kein Wort, ſondern ſah nur ſeinen Bruder beiſtimmend an, als dieſer erwiederte: „Wir würden um eine Freude ärmer ſein, wenn Fräulein Ilow ſich von dieſen Bitten beſtimmen ließe. Ich glaube aber nicht an einen Wankelmuth der jungen 36 Dame und die Gründe, weshalb ſie Glaubek als ein Aſyl betrachtete, ſind noch nicht gehoben.“ „ Ich glaube auch nicht, daß Giſela den Bitten nachgeben wird,“ ſagte Frau Magdalene ganz treu⸗ herzig, während ſie mit ſtillem Forſchen Ely's Geſicht betrachtete? Er gab nicht durch eine Sylbe zu erkennen, was er von der angeregten Sache dachte. War dies Gleichgül⸗ tigkeit oder entſprang ſein beharrliches Schweigen der Furcht ſich zu verrathen? Frau Magdalene hätte es für's Leben gern gewußt. Tapfer fuhr ſie fort: „Für Dich könnte es nur von Nutzen ſein, Ely, wenn Fräulein Giſela den Bitten ihrer Verwandten nach⸗ gäbe. Du würdeſt den Bau eines Wohnhauſes für Dich ſparen und durch geringe Vergrößerungen das Ilow'ſche Häuschen für Dich einrichten können.“ Wie ein Glanz flog es über Ely's Geſicht. Er ant⸗ wortete aber noch immer nicht. Das reizte den ſanftmüthigen Sinn der Frau Mag⸗ dalene. „Wenn Giſela nicht wiederkommt, ſo fühle ich mich beinahe verſucht, es dem Verdruß zuzuſchreiben, den ſie hier ſchon wegen ihrer kleinen Beſitzung gehabt hat.“ 37 Ely hüllte ſich feſt in ein ungewöhnliches Schweigen. War er auf ſeiner Hut? Schwerlich. Er wußte nicht, daß das, was ſich in ihm regte, jenes ſüße Gefühl ſein könne, welches nur der Jugend gebührt. Sein Bruder antwortete ſtatt ſeiner: „Das Fräulein iſt zu klug, um nicht einzuſehen, daß ihr Verdruß durch bedeutenden Gewinn aufgewo⸗ gen wird.“ „O, das genügt uns Frauen nicht immer,“ ſprach Frau Magdalene mit größerm Eifer, als nothwendig war.„Wir lehnen uns gegen nichts ſtärker auf, als gegen eine Bedrückung und der projectirte Bau Ely's iſt im Stande, ihr den Aufenthalt in Glaubek gänzlich zu ver⸗ leiden.“ „Wenn meine Frau recht hätte,“ wendete Tobias bedächtig ein,„ſo möchte ich Dich wirklich bitten, mehr Rückſicht auf Deine Nachbarin zu nehmen, Bruder Ely. Haſt Du auch nicht wieder hinterliſtig gehandelt, wie das erſte Mal, ſo frägt es ſich doch immer noch, ob das Fräulein ihre Einwilligung zu alle dem gegeben, was Du beſchloſſen haſt.—“ Ely lächelte. Die Erinnerung an jene kleine Scene, wo er mit Giſela auf der Terraſſe zuſammengetroffen war, trat wohlthuend vor ſeinen Geiſt. „Sie kommt wieder!“ ſagte er mit dem Aus⸗ drucke der innigſten Ueberzeugung.„Sie kommt wieder! Fragt ſie dann ſelbſt, was ſie will und was ſie nicht will!“ Er trennte ſich nach dieſer kurzen Erklärung, um ſo ſchnell wie möglich zum Ufer hinabzuſteigen. Frau Kol⸗ trum blickte ihm ſinnend nach.„Sie kommt wieder!“ wiederholte ſie mit demſelben Accent, der Ely's Worte bezeichnend gemacht hatte.„Woraus ſchöpft Ely die Ue⸗ berzeugung, daß das Fräulein wiederkommt? Ich möchte das wiſſen!“ Herr Toby lachte.„Wenn Ihr Frauen keine Sorgen habt, ſo ſucht Ihr Euch Sorgen zu ſchaffen!“ ſprach er. „Sei doch unbekümmert, bis der Kummer Dich wirklich erfaßt hat.“— Ely ging raſch ſeines Weges. Es gehörte zu ſeinen Abendvergnügungen, beim Sinken der Sonne durch den hübſchen Strandweg nach dem Oſterhof'ſchen Bau zu gehen, um die Fortſchritte desſelben in Augenſchein zu nehmen. Er traf dort, wie auf Verabredung, jedes Mal mit Volkmar zuſammen, verbrachte eine Viertelſtunde plaudernd mit ihm und trennte ſich ſtets auf das Herz⸗ lichſte von dem jungen Manne, der ihm in allen Stücken außerordentlich zuſagte. Bisweilen begleitete Volkmar den Fabriksherrn auf ſeinem Rückwege. Er benutzte dann die Gelegenheit, einige Momente bei dem Landhauſe Toby's zu verweilen, ließ ſich jedoch nie bereden den Abend da⸗ ſelbſt zuzubringen. Während er dadurch ganz allmählig den Gebrüdern Koltrum wieder näher trat und in ihnen das frühere Wohlwollen erweckte, wurden ſeine Eltern immer un⸗ ſicherer über die innere Beſchaffenheit ſeines Geiſtes und ſeines Gemüthes. Vielleicht lag dies in der Abſicht Volk⸗ mars. Es hat etwas Verletzendes für den gereiften Mann, ſich ſtets von ſeinen Angehörigen durchſchauen zu laſſen und die Erfahrungen, welche Volkmar am erſten Tage ſeiner Heimkehr in's Vaterhaus gemacht, waren nicht dazu geeignet, ihn den traulichen Eröffnungen ſeines Vaters und ſeiner Mutter geneigt zu machen. In ſeinem Innern gab es jetzt einen Punkt, den er jeder Beobachtung zu entziehen ſtrebte. Eine ſchmerz⸗ liche Erwartung ſchärfte ſeine Aufmerkſamkeit auf jedes müſſige Geſpräch, das die ganz unerwartete Reiſe Ly⸗ ſanna's nach der Stadt betraf, aber wer ihn bei ſolchen Geſprächen beobachtete, der fand auch nicht eine Spur von Intereſſe in ſeinem Geſichte. Seine Mutter ärgerte ſich über dieſe unveränderliche Gleichgültigkeit gegen ſeine hübſche Jugendgeſpielin. Sie ärgerte ſich auch über die gleichgültige Läſſigkeit, womit er ſeinen angefangenen Bau betrieb, den er doch mit lebhafter Entſchloſſenheit begonnen hatte. Seine verän⸗ derte Stimmung riß ſie oftmals zu der Aeußerung hin, daß es ihm leid zu ſein ſcheine, die Sache ſo eifrig an⸗ gefangen zu haben und daß ihn nur ein gewiſſes Ehrge⸗ fühl bei ſeinem begonnenen Werke halte. Das Mutterauge mochte recht geſehen haben. Allein weniger der Ehrgeiz oder das Ehrgefühl, ſondern eine ſtille Hoffnung, daß ſich Lyſanna nicht von den Aeußer⸗ lichkeiten des Stadtlebens ſo weit feſſeln laſſen werde, um ſchnell eine Wahl zu treffen, hielt ihn noch bei ſeinem Schaffen aufrecht. Der Gleichmuth, den er entwickelte, erſchien jedem andern Menſchen als eine Eigenthümlich⸗ keit ſeines Temperamentes, während ſeine Mutter ganz richtig darin ein Unbefriedigtſein erblickte. Es erging Volkmar eben wie einem Menſchen, der beim Entſchluſſe zu einer Wanderung auf glänzenden Sonnenſchein ge⸗ rechnet hat und der nachher gezwungen iſt zwiſchen dro⸗ henden Wolken zu wandern. Trübſinniger als ſonſt machte Volkmar ſich eben bereit ſeine Bauſtelle zu verlaſſen, als Ely Koltrum fröh— lichen Angeſichtes bei ihm eintraf. Ueberraſcht beſichtigte der Fabriksherr das Tagewerk der Leute, die ſich eben zum Fortgehen rüſteten. Sein Blick ſchweifte über die Colonne hinweg, welche die Arbeiter zu bilden begannen, um heimwärts zu ziehen, das heißt 41 zu den Dorfhäuſern, wo ſie, als Fremdlinge, Verpflegung und Wohnung geſucht hatten. „A— ſo— Sie haben Ihre Arbeitskräfte ver⸗ ſtärkt,“ ſprach Koltrum.„Ich begriff nicht, wie es mög⸗ lich geworden war, das zu bewerkſtelligen, was ich hier ſehe.“ „Der Ingenieur wünſchte eine Beſchleunigung,“ ant⸗ wortete Volkmar, kaltſinnig über den mächtigen Wall wegblickend, der ſich vom höhern Ufer bis zur Bucht in allmähliger Abdachung hinzog,„noch acht Tage und alle Vorarbeiten ſind beſeitigt.“ „Vortrefflich! Somit haben wir das Vergnügen noch vor dem Einbruch des Winters einen Palaſt hier ſtehen zu ſehen,“ ſcherzte Koltrum. Volkmar lächelte ſchwach. Seine Gedanken irrten jedenfalls zu einem andern Ge⸗ genſtande über, der ihm intereſſanter war. Ely merkte nichts davon. Er ließ ſich von dem Eindrucke feſ⸗ ſeln, den die Macht des menſchlichen Willens auf ihn ausübte. „Der Baumeiſter war vorgeſtern nach der Stadt geritten, um Hülfstruppen zu holen,“ fuhr Volkmar feſt und kalt fort.„Er hat ſeinen Vetter Warren geſprochen und auch Ihr Fräulein Nichte geſehen. Warren hat ihm mitgetheilt, daß ſich zwiſchen ſeinem Aſſocié Roſſian und Fräulein Lyſanna ein Verhältniß zu bilden ſcheine.“ „Was? Ei, das wäre mir ja äußerſt angenehm,“ er wiederte Koltrum froh überraſcht. „Das Verhältniß erfreut ſich alſo Ihrer Billigung?“ fragte Volkmar noch kälter. „Ja wohl! Roſſian kann mir von großem Nutzen ſein!“ rief Koltrum eifrig. „Dann freilich habe ich nichts weiter hinzuzufügen,“ murmelte der junge Mann und brach das Geſpräch durch eine abſpringende Frage ſchnell ab. Ely beantwortete dieſe Frage, kam aber nochmals auf die ihm mitgetheilte Nachricht zurück, indem er ſagte: „Roſſian iſt ein tüchtiger Kaufmann und ſolcher iſt mir jetzt nöthig. Ohne in eine Compagnie treten zu wollen, habe ich mich entſchieden ein Handlungshaus für meine Verkäufe zu engagiren. Keine Firma ſcheint mir geeig⸗ neter dazu, als„Warren und Roſſian,“ entſchieden die ſpeculativeſten Männer ihrer Zeit. Hand in Hand mit dieſen muß ich in zehn Jahren ein Millionair ſein!“ Er lachte leicht über ſeine großprahleriſchen Ideen.„Erſt heute,“ ſchloß er dann,„erſt heute habe ich ein Geſchäft mit einem gewiſſen Siegmund Markmann in der Reſi⸗ denz abgeſchloſſen und zwar durch Roſſians Vermittlung, welches mir einen hübſchen Vortheil bringt.“ „Mit Roſſian allein machen Sie Geſchäfte 20 fragte Volkmar aufmerkſam werdend. eo,“ 43 Koltrum ſtutzte und fuhr ſich über die Stirn.„Nicht doch— aber es fällt mir auf,“ ſprach er bedenklich, „daß Markmann allerdings nur von Roſſian ſpricht! Zufall gewiß, alſo mag es gehen. Der vortheilhafte Vor⸗ ſchlag machte mich etwas blind und eilfertig. Es thut jedoch nichts! Der Zucker ſteht gut im Preiſe— ich hoffte nicht gerade auf große Abnahme, darum kam mir die Offerte auf fünf hundert Centner Melis ganz à propos! Sie ſehen, Volkmar, Roſſian kann mir von großem Nutzen werden und ein hübſcher feiner Mann iſt er dazu.“ Volkmar hatte nichts dagegen einzuwenden. Er ließ die Rede Koltrum's unbeantwortet und ging an ſeiner Seite durch den Buſchweg zurück. Plaudernd ſtiegen beide Männer den Terraſſenweg hinauf. Vertieft in ihr Ge⸗ ſpräch, das belehrend und erheiternd genannt werden konnte, weil es ſich von der Arbeitsthätigkeit Ely's zu Volkmar's Reiſen in fremden Ländern wendete, achteten ſie nicht ihrer Umgebung und bemerkten auch nicht, daß ſich oberhalb des Hügels ein lebhaftes, fröhliches Gewirr entwickelte, welches durch einen am Landhauſe haltenden Wagen herbeigeführt zu werden ſchien. Wiäährend alſo Koltrum ſeinem jungen Gefährten zu beweiſen ſuchte, daß die gehörige Ausdauer und der aus⸗ reichende Fleiß, womit man einem beſtimmten Ziele ent⸗ gegen arbeite, ſehr gut die Belehrungen der Welt ent⸗ behren könnten und während Volkmar dem gereiften Ge⸗ ſchäftsmanne die Vorzüge einer Belehrung darthat, die durch Erfahrungen von Andern geſammelt waren, wäh⸗ rend der Zeit ſtand Herr Toby und Frau Magdalene freudezitternd an dem Reiſewagen und nahmen ihre Toch⸗ ter, nebſt deren Begleiterin in Empfang. Die Bewill⸗ kommnungen trugen den Charakter einer vollkommenen Ueberraſchung. Niemand hatte daran gedacht, die beiden jungen daa- men ſo bald eintreffen zu ſehen. Herr Tobias ſchloß ſeine Tochter mit nie gefühlter Freude in die Arme und pries ſich mehr als ein Mal glücklich, daß er ſie wieder habe. Aehnlich, nur etwas weniger vertraulich war ſeine Begrüßung rückſichtlich Giſela's. „Ihr dürft uns nicht wieder verlaſſen,“ ſagte er. „Wir haben Eure Abweſenheit ſchwer empfunden!“ Lyſanna ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt und fragte heimlich:„Haſt Du meiner geſtern recht lebhaft gedacht? So lebhaft, mein lieber Vater, daß Du mich hätteſt heim⸗ rufen mögen?“ „Geſtern? Nein, mein Kind!“ antwortete Toby ehr⸗ lich.„Ich habe geſtern meine Abhandlung über die me⸗ taphyſiſche Theologie beendet, wovon ich ſo in Anſpruch 45 genommen war, daß ich Deiner nicht eher, als heute früh gedachte.“ „Alſo nur ein Spiegelbild meines Gewiſſens, wie Giſela mir gleich ſagte,“ flüſterte das junge Mädchen vor ſich hin. „Was meinſt Du?“ forſchte Toby. „Ich meinte Dich geſehen zu haben— ich meinte von Dir gerufen worden zu ſein!“ ſprach Lyſanna auf⸗ geregt. 1 „Glaubt meine Tochter an jene myſtiſchen Seelen⸗ verbindungen, die man mit dem Ausdrucke„Ahnungen“ bezeichnet?“ fragte Herr Toby vorwurfsvoll.„Täuſchun⸗ gen aufgeregter Phantaſie ſind dieſe Ahnungen, womit man das Herz armer furchtſamer Sterblichen voll Grauen füllt.„Nein, meine Lyſanna— Gott möge verhüten, daß Du einen Gewiſſensruf dieſer Art nöthig hatteſt.“ Der ungewöhnliche Ernſt in dieſer Entgegnung hatte zur Folge, daß Lyſanna und Giſela in ſchweigender Ue⸗ bereinſtimmung es vermieden, jemals von den Vorgängen zu reden, die Veranlaſſung zu Lyſanna's Viſion gegeben haben mochten. In der Freude des Wiederſehens verwiſchte ſich ſelbſt in Toby jede Erinnerung daran. Man war froh ſich wie⸗ der zu haben. Man beſtürmte Giſela, nicht in ihre Woh⸗ nung zu fahren. Man erzählte. Man wunderte ſich, daß eine Abweſenheit von wenigen Wochen eine ſo große Menge Veränderungen hervorbringen konnte. Lyſanna trat an's Fenſter und betrachtete das Bollwerk am Fluſſe, worauf Oſterhof's ein Schloß bauen wollten. Sie fand dieſe Idee grundkomiſch, da Oſterhof's einen großen, großen Flächenraum von Erde beſaßen, wo ſie ohne Mühe, ohne Koſten und ohne Zeitverluſt prächtige Pa⸗ läſte aufführen konnten. Mitten in ihrem beflügelten, ſehr ſpöttiſchen Redefluß ſtockte ſie, erröthete ſie und wurde ſtumm, wie ein Fiſch. Ihr Auge hatte zwei Geſtalten entdeckt, die ſtehen blieben und den Reiſewagen mit großer Aufmerkſamkeit betrachteten, der noch vor dem Landhauſe hielt, weil ſich Giſela nicht entſchließen konnte den Abend hier zuzubrin⸗ gen und weil Frau Magdalene nicht leiden wollte, daß ſie allein in ihrer öden Wohnung weile. „Sollte meine Nichte zurückgekommen ſein?“ fragte Herr Ely ſeinen jungen Freund, der mit einem Gemiſch von Furcht und Freude ſeine Augen anſtrengte, um Ge⸗ wißheit zu erlangen, wer in dem Wagen geſeſſen hatte. Ely nahm ſeinen Arm und zog ihn mit in die Gat⸗ terthür, die von den Terraſſen aus zum Garten führte. Willenlos folgte Volkmar. Was auch ſeiner jetzt wartete, es war gut, daß dieſer lähmende Druck von ſeiner Seele genommen wurde. Entweder kam Lyſanna als Braut 47 Roſſian's zurück oder ſie hatte die Freundin in der Stadt früher verlaſſen um dieſer Bewerbung willen. „Mein Gott— Volkmar kommt!“ rief Lyſanna und wich vom Fenſter, um ſich im Hintergrunde des Zim⸗ mers zu verbergen. Es herrſchte nur noch das Dämmerlicht des Abends im Smache, aber Giſela bemerkte dennoch mit einigem Erſtaunen, daß eine Purpurgluth Lyſanna's Geſicht über⸗ flog. Natürlich erſchloß ſich hiermit für die welterfahrene und herzenskundige Dame die Erkenntniß, daß im tief⸗ ſten Innern des jungen Mädchens das Bild deſſen, den ſie Volkmar nannte, eine Schutzwache gegen alle Beſtür⸗ mungen gebildet hatte. Ihre Neugier erwachte. Gern hätte ſie zuvor gefragt: Wer iſt Volkmar? Wo kommt er her? Warum höre ich, die ich nun ſchon monatelang im Hauſe verkehre, dieſen Namen zum erſten Male?“ Sie konnte nichts fragen. Volkmar erſchien. Mit ihm zugleich Herr Ely Koltrum. Der Name Oſter⸗ hof klärte dann Giſela über das Fremdartige der Verhält⸗ niſſe auf. Prüfend ſchaute ſie den jungen Mann an, der ſich mit Gewalt zuſammennahm, um den Anflug von Verwirrung, welcher ihm vom Herzen aufwärts nach dem Kopfe ſtieg, zu bemeiſtern. „ SSollten wir uns nicht ſchon im Leben begegnet ſein?“ fragte Giſela ſehr freundlich. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 4 „O, wie Lyſanna's Herz vor Freude pochte, denn dieſe Freundlichkeit gab ihr eine Garantie für Volkmar's Werth. „Wie glücklich bin ich, daß Sie ſich deſſen erinnern, mein gnädiges Fräulein,“ erwiederte der junge Mann. „Ich hielt mich meiner Studien wegen in der Stadt auf, 1 2 wo Sie lebten— „‚RNichtig! Sie waren ein Freund meines Bruders und oft, ſehr oft ſein Rathgeber, um ihn von Thorheiten abzuhalten,“ unterbrach ſie ihn ſchnell.„Mein Bruder iſt verheirathet—“ „Ich weiß es! Eckberg theilte es mir mit,“ ſagte 1 Volkmar zerſtreut, denn aus dem Hintergrunde des Zim⸗ mers ertönte eine Stimme, die ſein ganzes Herzblut in Wallung brachte. Lyſanna war ſo weit zurückgewichen, wie es die Wände des Gemaches nur erlaubten. Ihre Gedanken wirbelten unſtät in ihr. Ein leichtes Schmollen, wie es ein kindlich empfängliches Gemüth wohl empfin⸗ det, wenn es mit ſeinen freudigen Regungen hintan⸗ geſetzt wird, überflog ſie, als ſie Volkmar ſagen hörte, daß er ſich Giſela's erinnere. Ihrer hatte er ſich nicht erinnert oder auch wohl nicht erinnern wollen. Hier bil⸗ dete ſich der Same des Mißtrauens. Volkmar mußte einen Grund gehabt haben ſich ihrer durchaus nicht zu erinnern. Sie hätte fliehen, ſie hätte ſich verſtecken mögen, 49 um nur ſeiner höflichen Begrüßung, die nun fernerhin nicht zu umgehen war, auszuweichen. Herr Ely entriß ſie der Qual dieſes Momentes. Mit jovialer Herzlichkeit be⸗ grüßte er ſeine hübſche Nichte. Er fragte, ob ſie ihre Bildungsreiſe ſchon vollendet, warum ſie dieſelbe abge⸗ kürzt habe. „Nun,“ warf er neckiſch hin,„keine Antwort? Kommſt Du klüger und glücklicher zurück? Hat der Lebensodem der Welt die Schlacken des Dorflebens geſondert vom edlen Metalle? Kehrſt Du geläutert, gereinigt, veredelt — mit einem Worte, raffinirt heim?“ „Gewiß!“ entgegnete das junge Mädchen mit er⸗ zwungener Heiterkeit und legte etwas mehr Klang in ihre Stimme, als ſonſt. Es iſt dies eine unbewußte und an ſich ſehr unſchuldige Coquetterie und nur dem geübtem Ohre erkennbar. Giſela war zu beſchäftigt, um darauf zu merken. Ihr wäre die Gereiztheit Lyſanna's nicht ent⸗ gangen, welche daraus hervorklang und ſie hätte den Grund dieſer Wallung auf der Stelle errathen. „Gewiß bin ich klüger heimgekehrt,“ ſprach Lyſanna, naber der Läuterungsproceß iſt durch niederſchlagende Mittel bewirkt.“ „Soll ich daraus entnehmen, daß Du klüger, aber nicht glücklicher zurückkommſt?“ fragte Ely ſcherzend wei⸗ 4* ter.„Etwas blaſſer biſt Du. Ich meine jedoch, Luft und Sonne habe Deinem Geſichte gefehlt, weiter nichts?“ „Wer weiß! Eine Läuterung ohne ſtarke Wallung iſt nicht gut denkbar—“ warf das junge Mädchen hin. Giſela war nun aufmerkſam geworden und wendete ſich halb zur Seite, um dieſem Geſpräch zu lauſchen. Volk⸗ mar benutzte dieſen Umſtand, um der Gruppe etwas näher zu treten, die ſein Intereſſe weckte. Lyſanna hatte Beiden keinen Blick gegönnt. Ihr Groll war merklich geſtiegen. Ihr jungfräulicher Stolz begann eine Schranke zwiſchen ſich und Volkmar zu bauen. Ihr Verſtand nahm unver⸗ merkt die Zügel, während ihr Herz im leiſen Erwachen ſich regte und gleich einem erſchreckten Kinde Luſt be⸗ zeigte, ſein Erwachen mit Thränen zu begrüßen. Ihr Verſtand dictirte ihr die Worte, welche von ihren Lippen floſſen und der Funken, der ihren Geiſt belebte, war von Eitelkeit angefacht. „Erfahrungen liefern aber die beſten Ingredienzien, um dergleichen Wallungen zu erzeugen,“ fuhr ſie mit ſeltſamer Heiterkeit fort.„Was dadurch bewirkt worden iſt, kann man nicht gleich beurtheilen. Die Zeit muß die Abklärung übernehmen— die Zukunft alſo wird Dich erſt darüber belehren, ob ich veredelt von der Bildungs⸗ und Prüfungsreiſe heimgekommen bin.“ Ely heftete forſchend ſeinen Blick auf das Mädchen. 51 Er fand trotz ſeiner Sorgloſigkeit heraus, daß in ihr ein fremdartiges Element erſtanden war und da ihm der Gedanke an Herrn Edmund Roſſian zunächſt lag, ſo nahm er an, daß eine Leidenſchaft für denſelben dieſe neue Geiſtesphaſe in Lyſanna erweckt hatte. Ehe er zu neuen Neckereien ſchreiten konnte trat Volkmar in ſichtlicher Verwirrung auf ſie zu und bot ihr die Hand zum Gruße. Worte fand er nicht, der feine Cavalier. Sein Gewiſſen machte ihm den Vorwurf, daß er durch ſeine erſte ungeſchickte Begrüßung das Recht zur Traulichkeit verſcherzt habe, darum wagte er nicht zu ſprechen. Lyſanna legte nur die äußerſten Fingerſpitzen in ſeine dargebotene Hand und rief mit vollkommen gut ge⸗ ſpielter Ueberraſchung: „Willkommen in der Heimath, Herr Oſterhof! Ich habe ſchon geſehen, daß Sie darauf bedacht ſind, aus Ihrer Ziegelbrennerei, gleich den Herrſchern von Frank⸗ reich, Tuilerien*) zu ſchaffen. Glück auf zu Ihrem Un⸗ ternehmen!“ Der Einfall fand Beifall. Man ſcherzte weiter und das Drückende der erſten Begegnung verlor ſich unter dieſen Scherzen. Nur Giſela behielt ein offenes Auge *) Bekanntlich heißt la Tuilerie: die Ziegelbrennerei und die Tuilerien in Paris haben ihren Namen dem Umſtande zu verdanken, daß auf dieſer Stelle früherhin ſogenannte Ziegel⸗ hütten geſtanden. 2 52 für Alles, was ſich entwickelte und ſie war zufrieden damit. Volkmar ging bald. Er war nicht zufrieden, als er am Bergabhange entlang ſeiner Wohnung zuſteuerte und den Blick hinabſendete auf ſein entſtehendes Werk. Wenn ihm auch der ſpöttiſche Vergleich des hübſchen Mädchens abermals ein Lächeln ablockte, ſo ſtieg es doch warm von ſeinem Herzen auf, als er bedachte, wie fremd, ſelbſtbe⸗ wußt und gleichmüthig ſie ſeine Begrüßung aufgenommen und alle Bande der Jugendbekanntſchaft durch die cere⸗ monielle Anrede zerriſſen hatte. Freilich mußte er ſich eingeſtehen genügenden Anlaß dazu gegeben zu haben, aber weh, ſehr weh that ihm die augenſcheinliche Ent⸗ fremdung doch. Er beſchloß, die Gelegenheit nicht zu ſu⸗ chen, die eine allmälige Annäherung bewerkſtelligen konnte und es dem Zufalle zu überlaſſen die Kluft zu über⸗ brücken, die zwiſchen ihm und Lyſanna gähnte und den Zwieſpalt ebenfalls wie den Läuterungsproceß Lyſanna's der Zeit zu überantworten. In der Art und Weiſe, wie das junge Mädchen Rechenſchaft über dieſe Bil⸗ dungs⸗ und Prüfungsreiſe gegeben hatte, lag für ihn ein Troſt und eine Beruhigung. Er erkannte beſſer, als Herr Ely Koltrum, daß andere Erfahrungen, wie das Erwachen der Liebe, die Rückkehr Lyſannas beſchleunigt hatten. Das Spukbild ſeiner Phantaſie verſank. Roſ⸗ 53 ſian war nicht mehr Gegenſtand ſeiner Befürchtung. Ihm traten andere Hemmniſſe in den Weg, welche ſeiner Neigung Gefahr droheten und dieſe wurzelten in dem Glauben an eine vollkommene Herzensruhe des Mäd⸗ chens, das er nachgerade als eine ſeltene Blume des Welt⸗ alls zu betrachten begann. Wunderbar erſchien es ihm, daß ſeine einfachen Eltern den Werth eines weiblichen Weſens ſo richtig aufzufaſſen gewußt hatten. Wie be⸗ zeichnend erſchien ihm nunmehr der Ausſpruch ſeiner Mutter:„Sieh ſie nur erſt!“ Und wie charakteriſtiſch der lakoniſche Ausruf ſeines Vaters, als er ihm ent⸗ wickelt hatte, was für Anſprüche er an eine Lebensge⸗ fährtin zu machen geſonnen ſei. Unter dem Sonnen⸗ ſcheine des erſten Liebesſtrahles entfaltete ſich ſein beſſeres Selbſt. Was ſchlummernd in ihm gelegen, was an edlern Eigenſchaften in ſeinem Weſen geruht und vom frivolen Flitterwerke der Welt überſponnen geweſen war, das keimte, das wuchs im erſten Liebesſtrahle. Die Herrſchaft der Selbſtſucht brach. Die eingeſogenen Grundſätze ver⸗ flogen vor der Erkenntniß wahrer Thätigkeit, wahrer Maännlichkeit, wahren Stolzes und wahren Glückes. Seine Phantaſie erhielt Schwungkraft, aber ſie wurzelte dabei in dem Frieden der Wirklichkeit. Seine Phantaſie beſeelte ſich, aber nur um ihm die Lehre vorzupredigen, daß er die Achtung derer zu erringen habe, mit denen er leben wollte. 54 Elaſtiſcher wurde ſein Schritt, während er unter ſeinen neuen Gefühlen, die er vollkommen erkannte, dahineilte. Ihm fehlte weder die Kraft, noch die Luſt zu einem Kampfe. Stufe um Stufe wollte er Lyſanna's früherer Gunſt näher zu kommen ſuchen und es dann dem Geſchicke über⸗ laſſen, ihre Empfindungen zu gleicher Höhe mit den ſei⸗ nigen zu treiben. Es war nach ſeiner Meinung unmög— lich, daß ſie ganz gleichgültig gegen die lieblichen Freuden ihrer Jugend geworden war. Nur vom Schleier der Ver⸗ geſſenheit umhüllt, hatte die Traulichkeit der Kindheit doch ganz den Zauber behalten, der ſiegend durchbrechen mußte, wenn die Erinnerungen wach wurden. Daß er ſelbſt eines Tages verhärtet und erkältet geweſen und zur Zeit voll glühender Träume war, gab ihm den beſten Beleg der Möglichkeit. Zufrieden war er alſo nicht, als er Lyſanna mit dem Bewußtſein verließ, daß ſie entfremdet und mit untadelhafter Haltung ſeine Annäherung erwiedert hatte, aber ihn umgaukelten die himmliſchen Tröſtungen der Hoffnung, als er endlich ſein Vaterhaus erreicht und mit dem letzten Blicke die Sterne begrüßt hatte, die über dem Hauſe des lieblichſten aller Mädchen ſtanden. Wie gern hätte er jubelnd den Eltern zugerufen, daß ſie, die von ihnen als Tochter gewünſcht wurde, ſeines eigenen Herzens Kleinod geworden, allein ſein In⸗ neres ſträubte ſich gegen ein Bekenntniß, welches ihm eine Entheiligung ſchien. Mochten ſie es an ſeiner be⸗ lebten Stimmung, mochten ſie es an der geſteigerten Be⸗ triebſamkeit, mochten ſie es an ſeinem geſtörten Gleich⸗ muthe, mochten ſie an ſeiner Strebſamkeit, an ſeinem be⸗ friedigten Weſen merken, daß ſich eine neue Lebensader in ihm regte, daß ſeinem Leben Glanz und Glück ver⸗ liehen, daß der Werth ſeines Daſeins erhöhet ſei. Noch trugen ihn ja nur die Flügel der Hoffnung! Wie nun, wenn dieſe geknickt und er rettungslos elend im Hafen der Ruhe verharren ſollte, wo er der Seligkeit entgegen⸗ geträumt? Drittes Capitel. Giſela betrat nicht in jener Seelenruhe ihr einſames Zimmer wieder, wie bei ihrer frühern Rückkehr. Auch ſie fühlte eine Macht um ſich, der ſie ſich faſt willenlos ergab. Auch ſie ſtellte die Zukunft zur Vermittlerin des Zwieſpaltes auf, der in ihren eigenen weiſen Grundſätzen entſtanden war. Still durchirrte ſie die Riunnr, welche ihr im fremd⸗ artigen Luxus einen Beweis tiefer uneigennütziger Freund⸗ ſchaft gaben. Alles war neu und glänzend. Alles be⸗ quem eingerichtet, wohnlicher, als ſonſt und der kleine Hofraum, den ſie dafür abgelaſſen, gar nicht in Betracht zu ziehen. Still durchirrte ſie ſogar den Garten im Abenddunkel und ſtrich liebkoſend mit der Hand über die Roſenhecken, die unverſehrt geblieben waren. Die zahl⸗ loſen Knospen verhießen eine üppige Blüthenpracht. Sie 56 pries ſich glücklich dieſe Pracht ſehen zu können.„Geh doch, Ihr Weltmenſchen!“ flüſterte ſie im linden Abend⸗ hauche Platz unter dem Fliederſtrauche nehmend, der ſeine Blüthendolden ſchmeichelnd über ihr Geſicht legte,„geht doch und errichtet Euch Götzenbilder, die Ihr anzubeten trachtet! Jagt dem Vergnügen, jagt dem Ruhme, jagt der CEhre nach, ſtürzt Euch in die Wellen des Genuſſes, fröhnt Euren Gelüſten, laßt Euch leiten von den Dä⸗ monen der Eitelkeit, der Selbſtſucht, ſpielt Komödie vor Euren Nebenmenſchen, prahlt mit Eurem Glücke, fahrt, lauft, fliegt durch das Weltall und ſucht Euer Ich an den Pranger der Großprahlerei zu placiren— o was iſt Alles das gegen die ſüße Friedlichkeit einer Einſamkeit, wo man ſich ſelbſt lebt, wo man, durch ſüße Bande ge⸗ feſſelt, in ruhiger Pflichterfüllung Gottes Herrlichkeit wür⸗ dig zu erkennen und zu preiſen im Stande iſt. Es gibt kein größeres Erdenglück, als in beſchaulicher Stille dem Tag und ſeiner Arbeit zu leben. Wer das Heil ſeines Lebens in anderer Weiſe ſucht, iſt auf Irrwegen. Geht, Ihr Frauen, ſucht Eure Zerſtreuung im Reiſegewühl, ſucht ſie im Kokettiren— ich beneide Euch wahrlich nicht um die kleine vergängliche Luſt dieſer Aufregungen! Selbſtachtung iſt ein ſchönerer Lohn, als die zweifelhafte Verehrung unſerer Nebenmenſchen, die nur ihren Zwecken huldigen.“— 58 Als wolle ein höheres Weſen ihr Antwort auf ihre Anſichten, als wolle Gott ſelbſt ihr ein Zeichen ſeines Wohlgefallens geben, ſo tief geheimnißvoll rauſchten plötz⸗ lich die Bäume ringsum und ahnungsvoll ruhig wurde es danach. Giſela's Herz fühlte ſich von einem namenloſen Entzücken berührt. Die Poeſie der Frühlingsnacht weckte in ihr die Zuverſicht auf Gottes geheimnißvollen Schutz und aus dem Nebel der Zukunftsträume ſprang ein Licht⸗ ſtrahl, gleich einer Verheißung von ſicherem Glück. Naturen, wie Giſela's, die mit ihrer Vorliebe für einfaches Genügen und einfache Beſchränkung, die mit ihrem Hange zur Einſamkeit und Stille eine Anwartſchaft auf's Jungfrauenkloſter zu haben ſcheinen, tragen gerade die vollkommenſte Befähigung in ſich, einem edlen Manne das Haus zum Tempel des Friedens zu erheben, worin er ausruhen kann nach des Tages Laſt und Hitze. Was der Zerſtreuungsſucht der Neuzeit zum Vorwurfe gereicht— die Disharmonie im Familiendaſein zwiſchen dem Wol⸗ len und Können, zwiſchen dem Verlangen und Gewäh⸗ ren— ſchafft ſolchen Naturen eine unerträgliche Pein. Sie meiden deshalb ſolche Conflicte, die ihnen Qual bereiten und finden dafür eine volle Befriedigung in einer unge⸗ ſtörten Seelenruhe. Dabei tödtet ſich indeß ihre Em⸗ pfindungsfähigkeit keineswegs. Im Gegentheil, wenn die 59 Vergnügungsſüchtigen und Zerſtreuungsſüchtigen längſt ſchon leeren Herzens nur noch im Egoismus leben und athmen und in merkwürdiger Selbſtbeſchönigung Alles für ſich auszubeuten ſuchen ohne Rückſicht auf andere zu nehmen, dann brennt in dieſen weiblichen Weſen ſtill und heilig, wie ein ewiges Licht, bis zum ſpätern Alter eine köſtliche Opferwilligkeit, die jede ſchwere Pflicht zum Tempeldienſt im Reiche des Friedens erhebt. An ihnen geht die Zeit vorüber, kaum daß ſie auf den leiſen Flü⸗ gelſchlag derſelben achten. Sie leiden nicht vom rauhen Sturm des Herbſtes nnd vom Eiſeshauche des Winters. ſie werden ſogar nur unweſentlich verändert vom liebli⸗ chen Auferſtehungsfeſt der Natur und vom üppig ſüßen Dufte des Sommerlebens, weil in ihnen immer die Se⸗ ligkeit der Ruhe wohnt. Nach dem Abende, wo Gottes Gruß Frieden und Ent⸗ zücken in Giſela's Bruſt goß, vergingen Wochen in gleich⸗ förmigem Laufe. Des Frühlings volles Leben entfaltete ſich. Die Roſen blühten auf, die ihren Garten wie ein Kranz umhegten. Schöner aber noch blüheten die prachtvollen Stammroſen auf den Terraſſen des Frieſenhofes. Dort ſaß Giſela ſtundenlang im träumeriſchen Wohlbehagen. Man war es ſehr bald gewohnt, ſie da zu finden. Lyſanna flüch⸗ tete ſich mit ihren keimenden Schmerzen zu ihr. Sie glaubte ſich unbeachtet, ja ſogar mißachtet von Volkmar, 60 dem ſtattlichen Cavalier, weil er nie wieder zu ihnen ge⸗ kommen war, obwohl er fleißig mit Ely verkehrte und bei gelegentlichen Begegnungen ihrem Vater eine unver⸗ kennbare faſt ehrerbietige Achtung bezeigte. Giſela ſah das ſanft traurige Lächeln wohl, das Lyſanna’s Antlitz trug, allein ſie hatte den Glauben, daß ſich Alles natur⸗ gemäß entwickeln müſſe, wenn es haltbar für ein ganzes Menſchenleben werden ſolle und was ſie ſah, das erfüllte ſie ja nur mit Vermuthungen. Gewißheit hatte ſie nicht, da ihre junge Freundin jede Erklärung über frühere Freundſchaftsverhältniſſe zwiſchen Volkmar und den Ihri⸗ gen ſichtlich vermied. Daß Giſela auf der Terraſſe, unter dem ſchützenden Baldachin des Plateau mit ihrer Handarbeit anzutreffen war, machte dieſen Platz zum Verſammlungsorte der ganzen Familie. Frau Magdalene ſuchte ihre Zeit ſo ein⸗ zutheilen, daß ſie einige Stunden des Tages erübrigte, die ſie dort oben zubrachte. Der weiſe Herr Tobias hatte nie ſo zerſtreut ſtudirt und nie ſo wenig in Abhandlungen geleiſtet, wie in dieſem Jahre. Er benutzte ſeine kleinen Gedankenpauſen, um eiligſt einen Abſtecher nach dem Bal⸗ dachin zu machen, deſſen hochrothe Quaſten verführeriſch im Winde tanzten und ihm zu winken ſchienen. Selbſt Ely widerſtand dem Zuge nicht, der ihn zum Plateau trieb, wo Giſela gleich einer Roſenkönigin thronte — — 2 61 und mit unwiderſtehlichem Zauber allmählig alle Herzen unterjochte. Mild und ruhig floß das Geſpräch zwiſchen Allen. Ein Austauſch von Erfahrungen fand nie Statt, wohl aber eine klare Darlegung des eigenſten innern Weſens und darin ſteigerte ſich denn mit einer gewiſſen Werthſchätzung auch das Verlangen, die entdeckten Eigen⸗ thümlichkeiten zu ſchonen. Daß hierin das feſteſte Bil⸗ dungsmittel lag, wußten ſie nicht. Bisweilen bat Ely, mit eigenthümlichem Tone und zwar jedesmal gegen Abend, Giſela um ein Lied. Wodurch Giſela ein Ver⸗ ſtändniß dieſer Bitte erhalten hatte, iſt nicht erklärt wor⸗ den. Aber ſie ſchien den Grund dieſer Bitte zu kennen, denn ſie lächelte und ging ſehr bereitwillig in Lyſanna's Zimmer, wo ſeit ihrer Reiſe ein ſchöner Flügel aufgeſtellt war. Wenn ſie geſungen hatte und wieder aus dem Hauſe trat, war der Fabriksherr jedes Mal verſchwunden, ohne ihr den gebührenden Beifall gezollt zu haben. Wenn die Abendſonne ihren goldigen Bogen über den Strom gezogen hatte, dann ſpazierten die beiden Mädchen Arm in Arm hinab zum Strande, wo ihnen der anmuthigſte Pfad zwiſchen dem Weidengebüſch winkte. Oftmals eilte auch Lyſanna von einer inneren Unruhe getrieben früher hinunter und durchſtrich einſam das Ufer⸗ grün. Sie lief keine Gefahr dabei, denn Giſela's ſchar⸗ fes Auge überwachte ſie von der einen Seite, und Volk⸗ mar Oſterhof verfehlte auch nicht von ſeinem erhöhetem Bau hinüber zu ſchauen und ſie ſtill zu beobachten. Einmal dehnte das junge Mädchen ihren einſamen Spaziergang bis zur Bucht aus. Es zog ſie mit magiſcher Gewalt dahin und da ſie nichts von Volkmar's ſchwei⸗ gender Anbetung ahnete, ſo hatte ſie keinen Grund ein Terrain zu meiden, welches ſein Beſitzthum begränzte. Giſela verlor ſie aus den Augen, als ſie zwiſchen die vorſpringenden Weidenſträucher trat, um die Landſpitze zu erreichen, die ſich weit hinein ins Waſſer erſtreckte und mit friſchem Grün bekleidet, ein hübſches Ruheplätz⸗ chen bot. Aufmerkſam heftete Giſela den Blick an dieſe Land⸗ zunge. Sie fand dieſe Abweichung vom Wege unpaſſend, deshalb ſchickte ſie ſich an hinab zu eilen, um dem unvor⸗ ſichtig luſtwandelnden Mädchen als Geſellſchafterin zu dienen. Schon auf dem Wege zur zweiten Terraſſe fand ſie ihre Sorge beſtätigt, Lyſanna ſaß nicht mehr allein am Abhange des raſigen Ufers Eine Männergeſtalt hatte ſich ihr zugeſellt. Aengſtlich eilte ſie vorwärts. Sie er⸗ kannte, daß es nicht Volkmar war, der ſo plötzlich bei Lyſanna erſchienen war. Bald umrauſchte das bewegliche Gebüſch Giſela mit ſeinen flüſternden Klagelauten, denen der Aberglaube die Stimmen der hier Verunglückten zu⸗ ſchrieb. Giſela hatte nie nicht endenden Flüſtern un ſem Abende, obwohl die Sonne am die Nachtigallen auf der Terraſſe ein Liebesfeſt. ſo ſehr das Grauſige dieſes d Lispeln gefühlt, als an die⸗ Himmel lachte und ſchlugen, als feierten ſie Giſela eilte vorwärts. Da drang ein Schrei durch die Luft. Es war Lyſanna’s Stimme. Ein Schauer durchſchütterte Giſela.„Gott, Gott— was iſt ihr ge⸗ ſchehen!“ murmelte ſie und lief ſo ſchnell ſie konnte. Das Gebüſch rauſchte „Lyſanna drang durch das dichte Grün— pfadlos arbeitete ſie ſich zwiſchen den Strãu⸗ chern hervor. Ihr Geſicht glühte, Angſt und Schrecken ver⸗ zerrte ihre Mienen. „O, Giſela!“ Waſſer geſtürzt— Hülfe! Er gl ſchrie ſie ihr entgegen. Er iſt in's nein, es war Abſicht— o Giſela, itt vor meinen Augen hinein—1⸗ Wieder rauſchte es im Weidengebüſch. Volkmar erſchien. Sein Auge drückte eine furchtbare Gemüths⸗ bewegung aus. „Was iſt geſchehen? Sie riefen ſagte er athemlos. Das junge Mädchen at mit der Hand nach gegnete ſie Fritze: Hülfe, Lyſanna!“ hmete kurz und beklommen, der ganz nahen Bucht deutend, ent⸗ ſie, mit verſagender Stimme: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 5 64 „Er ging rückwärts— er iſt in's Waſſer geglitten — helfen Sie!“ Fort ſtürzte Volkmar. Giſela und Lyſanna folgten ihm. Einen Augenblick blieb der junge Mann am Ufer ſtehen, prüfend ſchweifte ſein Blick über die Oberfläche des Waſſers, dann warf er den leichten Sommerrock ab und ſprang mit kühner Gewandtheit in die Fluth, die er mit Sicherheit durchtheilte. Schon nach wenigen kräfti⸗ gen Armbewegungen hielt er plötzlich inne, um eine Men⸗ ſchengeſtalt mit gewaltſamem Ruck empor zu heben. Nur wenige Minuten dauerte die Scene, dann ſtanden zwei triefende Männer auf dem Raſen gegen einander über und Volkmar, der nicht gerade ſanft verfahren war bei dieſem vermeintlichen Rettungsverſuche, fuhr heftig auf: „Künftighin nehmen Sie ſich in Acht und erſchrecken. Sie nicht harmloſe Spaziergängerinnen mit ihren Komö⸗ dienkünſten, Sie können ſchwimmen, mein Herr und ich begreife wahrlich nicht, was Sie bewogen hat, hier mit Ihren Schwimmkunſtſtückchen zu brilliren. Wer ſind Sie, wenn ich fragen darf?“ Der Gerettete lachte ihm höhniſch in's Geſicht. Wie ein Blitz durchfuhr Volkmar der Gedanke, daß er Herrn Edmund Roſſian vor ſich habe. Giſela hatte mit richtigem Tacte ſogleich Lyſanna's Hand ergriffen und in Gemein⸗ ſchaft mit ihr einen beſchleunigten Rückzug angetreten, 65 als ſie Roſſian in dem triefend naſſen Mann erkannte. Die beiden Nebenbuhler ſtanden ſich ſomit allein ge⸗ genüber. „Da Sie anerkennen, daß ich ſchwimmen, mich alſo ſelbſt retten konnte, ſo bin ich Ihnen keinen Dank weiter ſchuldig, mein Herr,“ antwortete Roſſian, der ſeine ſichtliche Verlegenheit durch frechen Trotz zu mas⸗ kiren ſuchte.„Sie wiſſen ja nicht, ob ich nicht zu den Füßen der ſchönen Koltrum ſterben wollte?“ „Eine erbärmliche Ausrede!“ rief Volkmar.„Eine Beleidigung für dieſe junge Dame, die ſich ſicher vor dergleichen Vagabundenſtreichen fühlte. Wer ſind Sie, mein Herr, damit ich endlich erfahre, mit wem ich es zu thun habe.“ „Und wer ſind Sie, da Sie es wagen mich zu in⸗ ſultiren?“ fragte Roſſian ſich keck aufrichtend.* „Ich bin auf meinem Grund und Boden, alſo be⸗ rechtigt mir Landſtreicherkünſte hier zu verbitten! Stel— len Sie Ihre Schwimm⸗ und Tauchverſuche an, wo Sie wollen— hier verbitte ich es mir!“ Stolz wendete er ſich und ſchritt der Ziegelei zu. „Wir werden uns anderweit finden!“ rief Roſſian ihm nach. „Wenn Sie ein Ehrenmann wären, würde ich dieſe Redensart zu deuten wiſſen,“ rief Volkmar kalt zurück. 5*½ 66 Als er ſich nach wenigen Secunden umſah, war Roſſian verſchwunden. Beſorgt, daß er den Damen nochmals nahen könne, eilte er einige Arbeiter hinterher zu ſenden. Er hätte es nicht nöthig gehabt. Roſſian mußte einen Schleichweg eingeſchlagen haben und die beiden Mädchen hatten in fliegender Eile den Weg bis zur erſten Terraſſe zurückgelegt, wo ſie gegen jede Verfolgung geſichert waren. Hier ſtanden ſie ſtill.„Was ſoll ich von dieſem Auftritte denken, Lyſanna?“ fragte Giſela faſt feierlich ernſt.„Erkläre mir— wußteſt Du, daß Roſſian hier war?“ Blick traf die Freundin. „Wie kannſt Du darauf zur Landſpitze vorzugehen?“ forſchte Giſela weiter. Lyſanna hob, flüchtig erröthend, ihren Kopf und ſah nachdenklich in die Ferne.„Ein unabweisbares Gefühl drängte mich dahin,“ ſagte ſie ſehr leiſe.„Zürne mir nicht deshalb— mißtraue mir nicht! Frage mich auch nicht weiter— ich mußte dahin, ich mußte und ich folgte mei⸗ nem innerlichen Drange.“ „Willſt Du auch mir nicht vertrauen, was Roſſian zu Dir geſprochen hat 2“ fragte Giſela etwas kühl. Lyſanna bejahete es lebhaft und begann zu erzählen, Lyſanna ſchüttelte den Kopf. Ein vorwurfsvoller —— — 67 daß ſie ſich kaum auf dem Raſen hingeſetzt habe, als ſie von einem Kniſtern„als laufe Jemand auf dem Ufer⸗ ſand daher,“ erſchreckt ſei.„Da ich aber mit allen Leuten des Dorfes vertraut bin, ſo ſah ich nach dem erſten Ge⸗ fühle von Ueberraſchung ruhig dem Erſcheinen desjenigen entgegen, der mir näher kam.“ „Von welcher Seite kam Roſſian? Glaubſt Du, daß er Dich geſehen haben kann?“ „Gewiß! Seine Anrede verrieth dergleichen. Meine Aufregung bei ſeiner unerwarteten Erſcheinung verſetzte mich in eine Erſtarrung, wie an jenem Abende, wo ich meinen Vater zu ſehen geglaubt. Ich hielt es für eine Spiegelfechterei meiner Sinne, bis ſein Sprechen mich weckte.“ Die ganze Begebenheit blieb Giſela unbegreiflich. Sie trat Oſterhof's Meinung bei, daß es auf einen Schreck abgeſehen ſei. Wozu aber? Roſſian that nichts ohne Abſicht! Hier ließ ſich jedoch gar kein bedeutſamer Zweck erkennen, dem ſo extravagante Mittel zu dienen vermochten. Nach Lyſanna's Verichten hatte das Hinab⸗ ſtürzen in's Waſſer mehr den Anſchein des Zufalles. Roſſian war, heftig ſprechend, zurückgetreten, hatte ſich der tiefen, keſſelförmigen Bucht dadurch auf gefährliche Weiſe genähert und war vom glatten Raſen abgeglitten. Das klang natürlich genug. Weſentlich veränderte ſich die 68 Sache, als Volkmar's unerwartet ſchnelle und energiſche Hülfsleiſtung den Mann wieder an's Ufer befördert und ihn leichtſinniger Kunſtſtücke beſchuldigt hatte. Weshalb ſollte ſich Roſſian ſolcher auffallenden Schritte bedient haben? Nur um Lyſanna zu erſchrecken? Darum macht ſich ein Mann, wie dieſer ſchlaue Speculant, nicht die Füße naß. Hier lag ein tief verſtecktes Spiel zu Grunde! Giſela war längſt mit ſich darüber einig, daß Volkmar'’s Dazwiſchenkunft das Ende dieſer Tragödie verkürzt habe, nur blieb ihr der Zuſammenhang unbegreiflich und ſie neigte ſich nach und nach zu der Ueberzeugung hin, daß der Zufall irgend einen albernen und unbeſonnenen Ein⸗ fall Roſſian's begünſtigt haben könne. Dieſe Meinung gewann überall die Oberhand, als Ely bald darauf ſeinen gewöhnlichen Beſuch auf dem Plateau abſtattete und nach der lebhaften Schilderung ſeiner Nichte laut lachend ausrief: „Dieſer arme Mann! Wo habt Ihr ihn denn ge⸗ laſſen? Hoffentlich iſt er in Sicherheit und hat vom un⸗ freiwilligen Bade keine Erkältung davongetragen! Es freut mich zu hören, daß Roſſian ſchon heute hier an⸗ gelangt iſt. Wir haben Geſchäfte zuſammen abzumachen, die ihn veranlaßten, mir ſeinen Beſuch auf übermorgen anzumelden. Alſo er iſt hier? Und Volkmar hat ihn in ſeinem Eifer beleidigt? Nun ich werde mir's angelegen 69 ſein laſſen Frieden zwiſchen beiden jungen Herrchen zu ſtiften. Jetzt aber, Fräulein Giſela,“ fügte er mit verän⸗ dertem Tone hinzu,„jetzt ſingen Sie mir ein Lied— bitte— Die linden Lüfte ſind erwacht— Wollen Sie?“ Giſela wollte. Ein freundlicher Blick ſagte ihm, daß ſie ſeine Vorliebe für dies einfache Lied theilte. Während Giſela im Zimmer ſang, während Ely träumeriſch dem Eindrucke ihres Geſanges ſich hingab, während dieſer kurzen Zeit bereitete das Geſchick die end⸗ liche Löſung von Mißverſtändniſſen vor, die zwei junge Herzen nach gerade mit jener Pein erfüllten, welche die Ruhe des Gemüthes und die Harmonie der Seelen⸗ ſtimmung bedrohet. Von einer gewiſſen Sorge erfüllt, daß er ſeines barſchen Benehmens wegen von Lyſanna getadelt werden möchte, hatte Volkmar ſich beeilt ſeinen Anzug zu wech⸗ ſeln und war dann auf dem nächſten Wege, am Abhange entlang, zum Landhauſe des Herrn Tobias gegangen. Er fühlte ſich gedrungen, die Gründe ſeines ſchroffen Auftretens zur Kenntniß der beiden jungen Damen zu bringen. In ihnen lag eine ausreichende Entſchuldigung für ſeinen zornigen Ausfall. Daß er Roſſian in dem Manne vermuthen mußte, änderte äußerlich die Sache innerlich nicht, denn der Streich eines Menſchen, ſich durch den Anſchein von Gefahr ein Intereſſe zu erwerben, war 70 mehr als knabenhaft, er gränzte an Albernheit. Volkmar hörte Giſela ſingen. Er ſah, daß Ely, tief verſunken in der Nähe des Hauſes ein lauſchiges Plätzchen gewählt. Lyſanna's helles Gewand leuchtete ihm vom Baldachin her entgegen. Dorthin zog es ihn. Lyſanna ſah ihn kommen. Ihr Herz begann zwar etwas ungeſtümer zu pochen, aber nicht ſo ſtark, daß es ihre Sinne hätte in Verwirrung bringen können. Die bisherige Kühle im gegenſeitigen Benehmen gab ihr voll⸗ kommen Muth zu einem Alleinſein mit dem jungen Manne. Als er näher gekommen war, ſtand ſie auf und ging ihm artig einige Schritte entgegen. Sie ſah außer⸗ ordentlich hübſch aus. Die ſchlanke, feine Geſtalt wurde vom Abendſonnenglanz glorienhaft umſponnen und da ihre geiſtige Eigenthümlichkeit mit ihrer äußern Erſcheinung im Einklange ſtand, ſo wirkte ihr Anblick faſt überwäl⸗ tigend auf Volkmar. Das große, hellbraune Auge, wel⸗ ches den Ausdruck einer ſeltenen Aufrichtigkeit und See⸗ lenfriſche trug, hielt ſie unbefangen auf ihn geheftet, bis ihre Blicke ſich trafen, ſich tief in einander verſenkten und dann ſcheu zur Seite wichen. Eine Purpurröthe überzog Lyſanna's Geſicht bis zur Stirn. Sie ſchien mit aller Schwungkraft und Heiterkeit des Geiſtes an einer Klippe zu ſcheitern, die ihr noch unbekannt geblieben war, denn ihr fehlten die Gedanken und die Worte, als wäre es 71 Nacht umher und Alles vergangen und todt, was da Leben und Odem gehabt. Glücklicherweiſe war Volkmar von einer gleichen Gefühlswelle überſchwemmt worden. Er bemerkte wohl ſeine eigene ſinnberaubende Verwirrung, aber nicht die⸗ jenige des jungen Mädchens. Schweigend gingen ſie zurück zum Baldachin. Schwei⸗ gend ſetzten ſie ſich. Giſela ſang noch immer. Schmei⸗ chelnd drangen die Töne dieſer ſchönen Stimme bis zu ihnen heraus. Ein Verdacht überſchlich Lyſanna's Herz, als Volkmar noch immer ſchwieg. Giſela's Geſang feſ⸗ ſelte ihn wahrſcheinlich mehr, als ſie nach ſeinem Blicke glauben konnte. „Wie ſchön ſie ſingt!“ flüſterte ſie leiſe. Volkmar fuhr auf. Seine Verwirrung wich. Raſch ſtrich er mit der Hand über die Stirn und ſchien weniger entzückt über den Geſang, als über den weichen Klang in Ly⸗ ſanna's Ton. Lyſanna merkte dies. Die Fröhlichkeit ihrer Laune kehrte im Nu zurück und half ihr über die Klippe hin⸗ weg, die ihr erſtes Alleinſein mit dem frühern Jugend⸗ geſpielen barg. „Wo haben Sie Roſſian gelaſſen?“ fragte ſie mit ihrer gewöhnlichen Schalkhaftigkeit. „Er verſchwand mir vor den Augen, wie ein Nebel⸗ 72 bild, nachdem Sie durch Ihre beſchleunigte Entfernung der lächerlichen Scene ein Ende gemacht. Um mich wegen der Rolle, die ich dabei geſpielt, zu entſchuldigen, bin ich zu Ihnen geeilt, mein Fräulein—“ Er ſtockte, denn Lyſanna blickte ihn bei der for⸗ menvollen Anrede ſo bedenklich ſchalkhaft an, daß er Alles' vergaß, nur nicht das, was ihn bis in's Innerſte hinein zu beſeligen vermochte. Lyſanna nahm ſchnell das Wort: „Onkel Ely hat den großen Vorſatz gefaßt, Sie Beide zu Freunden zu machen.“ „Mich und dieſen Roſſian? Nie!“ antwortete Volk⸗ mar ſehr entſchieden.„Sind Sie ſeine Freundin? Sind Sie ihm gewogen? Stehen Sie mit ihm in einem Ver⸗ hältniſſe, das ich ſchonen muß, ſo vertrauen Sie es mir, damit ich Sie nicht mit meinem Urtheile über ihn kränke.“ Lyſanna bewegte abwehrend den Kopf.„Er kam nicht meinetwegen,“ ſagte ſie haſtig.„Er hat mit Onkel Ely Geſchäfte—“ „So wäre es nur Zufall geweſen, der ihn zur Bucht geführt und zwar in dem Momente, wo Sie dort weil⸗ ten, was ſeit Ihrer Rückkehr noch nicht geſchehen war?“ Lyſanna warf einen ſeltſamen Blick auf Volkmar. „Die Bucht gehört zu Ihrem Beſitzthume— wie hätte ich wagen können dorthin zu gehen, da Sie mich 73 niemals eingeladen haben Ihre großartigen Veränderun⸗ gen auf der Ziegelei in Augenſchein zu nehmen,“ ant⸗ wortete ſie mit anmuthiger Schelmerei. „Und doch traf Roſſian Sie dort?“ „Des Schickſals Tücke lenkte meine Schritte.“ „Nichts Anderes?“ fragte Volkmar weich und leiſe. „Sind die Sterne der Erinnerung gänzlich erloſchen in Ihnen? Erinnern Sie ſich nicht mehr der Sommerabende, wenn wir in Ihres Vaters Begleitung den dumpfgelegenen Frieſenhof verließen und hieher zur Bucht wallfahrteten? Es hat ſich Vieles ſeitdem verändert— bis in den Kern des Geiſtes hinein haben wir uns verändert ſeit dieſer Zeit— aber ſollte denn jede Erinnerung an die ſchönen ſtillen Jugendfreuden in Ihnen erloſchen ſein? Ich em⸗ pfing dort unten an der Bucht den Keim zur Poeſie, die ſich in beſtimmte Formen und Worte kleidet, Ly⸗ ſanna, nein, nur den Keim zu der Befähigung ſich geiſtig aufzuſchwingen und in der goldenen Atmoſphäre der idealen Wirklichkeit ein Heil zu ſuchen. Der Glanz der Welt leitete mich eine kurze Zeit auf Irrbahnen— hier fühlte ich mich von allen Irrlehren geneſen— hier lernte ich die verborgene Feenkraft des Univerſum's begreifen. Der Keim der Poeſie, der an jener Bucht, unter dem leiſen, immerwährenden Wellenſchlag des Stromes in mich geſenkt wurde, iſt in mir groß und mächtig ge⸗ wachſen. In ihm heiligt ſich die Erinnerung an jene ſtillen Abendſtunden, wo Ihr Vater mir den Horaz und den Virgil lieb machte. Sind in Ihnen alle Erinnerungen daran erloſchen?“ „Niemals!“ ſagte Lyſanna und ſchlug die glänzen⸗ den Augen hell zu ihm auf.„In mir konnte keine Erin⸗ nerung erlöſchen, weil ich täglich in dieſen Erinnerungen lebte. Sie aber mußten Ihr Gedächtniß erſt wecken— darum erkannten Sie mich auch am erſten Abend Ihrer Rückkehr in's Vaterhaus nicht, während ich mit voller Freude dem in's Antlitz ſchauete, der in meinen Kinder⸗ jahren einen Platz neben mir eingenommen hatte.“ „Ich erkannte Sie, Lyſanna,“ antwortete Volkmar ehrlich.„Aber als ich Ihnen damals begegnete, lagen noch die Wolken eines Irrglaubens um mich. In ſchein⸗ baren Kleinigkeiten ruhen die Hebelkräfte unſers Geiſtes. Daß ich Sie an jenem Abend ſah, wurde mir der An⸗ fang eines neuen Lebens. Ueberraſcht blickte ſie ihn an. In ihrem Auge wech⸗ ſelte es wie Schatten und Licht. Ernſt und Scherz blitz⸗ ten in dem Blicke, womit ſie ihn anſchaute, Wehmuth und Fröhlichkeit— tiefe Zärtlichkeit und ſchelmiſcher Zorn. „Sie wollen mich ſtolz und eitel machen,“ ſagte ſie und es war ganz der alte, treuherzige Ton einer lange 75 entſchwundenen Zeit, in dem ſie ſprach.„Aber es wäre Thorheit von Ihnen, meine vielen Schwächen und Fehler noch zu vermehren. Ihr neues Leben begann damit, daß Sie mich wie eine Fremde behandelten— es hat mich geſchmerzt, Volkmar.“ „Wie eine Fremde—“ wiederholte der junge Mann, „nein, wie eine Heilige behandelte ich Dich, Lyſanna. Die Poeſie, die mit jedem Tage mächtiger in mir Wur⸗ zel ſchlug, ſchauderte zurück vor den alltäglichen Schwätze⸗ reien, womit man Dich, Du liebliche Blume der Heimath, mit mir zuſammenſchmiedete. Die Poeſie der Liebe führte mich im Dunkel der Nacht hieher— ich lauſchte auf Deine Stimme— ich verfolgte den Schatten Deiner Geſtalt. Du würdeſt im Traume mein eigen. Die Men⸗ ſchen ſollten es aber nicht gewahren. Ich wollte kein Weibergeſchwätz über meine heiligen Regungen angefacht wiſſen. Es ſollte nicht in das Bereich ſpeculativer Pläne kommen, was mich gleichſam veredelte. Man durfte nicht ahnen, was der Sporn zu meiner Thatkraft war. Es entheiligte meine Empfindungen, von meiner Werbung um Dich reden zu hören— Lyſanna— ich mußte Dir mein Inneres enthüllen, bevor ich um Deine Liebe zu werben beginne, damit Du Vertrauen zu mir faſſen kannſt— Niemand ſoll davon etwas ahnen bis zu dem Tage, wo ich, Deiner Liebe ſicher, im Triumphe den Eltern Dich zuführen darf. Es hieße mein Glück profa⸗ niren, wollte ich es unter fremden Augen gedeihen ſehen, nein— ſtill und heilig knospe die Blüthe, bis ſie im vollen Glanze daſteht.“ Mit welchen Empfindungen Lyſanna dieſen Worten lauſchte, die einen Widerhall in ihrem Innern fanden, läßt ſich nicht beſchreiben. Sie hatte aus Erfahrung kennen gelernt, daß es ein höheres Glück gebe, als der Glanz der Welt, als die hohlen Triumphe des Reich⸗ thumes und der Schönheit. Sie hatte ſchon begriffen, daß dies Glück ſeine feſte Grundlage in Pflichterfüllung und Berufsthätigkeit haben müſſe, wenn es Beſtand haben ſolle. Wie eine Offenbarung mußte ihr jetzt Volkmar's Anſicht erſcheinen und da das Liebesleben, welches im Beginne mit innerlichem Zwieſpalte hervorgeſproſſen, ein Bewußtſein ſeiner Seligkeit mit ſich führt, ſo reifte in Lyſanna Alles das urplötzlich, was ſonſt ſeine gewiſſen Stadien durchzumachen hat. „Darf ich nicht mit Giſela, nicht mit meinen Eltern über den Austauſch unſerer Gefühle reden?“ fragte ſie nach einer Pauſe, worin nur ihre Blicke zu einander ge⸗ ſprochen hatten. „Mit Giſela wohl,“ erwiederte Volkmar.„Doch Deine Eltern wollen wir von unſerm Vertrauen aus⸗ ſchließen, da meine Eltern dann dasſelbe Recht bean⸗ 77 ſpruchen könnten und gerade ihnen muß meine Werbung um Dein Herz ein Geheimniß bleiben.“ „Fürchteſt Du Widerſtand, Volkmar?“ fiel das Mädchen haſtig ein. Ein ſtolzes Zurückziehen machte dieſe Frage bedeutſam. 3 Volkmar lächelte.„Im Gegentheil! Mein Vater würde vor Freude über dieſe Hoffnung Alles überſtürzen — und ich will, ich muß Dir Zeit geben, mich in meiner neuen Geſtaltung zu prüfen, weil ich ein ſicheres Gefühl meines ewigen Glückes haben will. Nachdem ich die Be⸗ deutung des Lebens erkannt habe, behüte ich meine Vor⸗ ſätze und Entſchlüſſe mit der ruhigen Feſtigkeit, die ich Deinem Vater abgelernt.“ „Wirſt Du dabei nicht auch vom Mißtrauen gegen mich geleitet?“ fragte Lyſanna etwas ſchüchtern.„Meine Sucht nach Vergnügen, meine Vorliebe für geſelligen Glanz, meine Eitelkeit und noch viele andere Untugenden führten mich zu einer Reiſe—“ „Du biſt früher zurückgekommen, als man erwar⸗ tete—“ „Willſt Du den Grund davon wiſſen?“ fragte Ly⸗ ſanna mit hohem Erröthen. „Wenn Du es für nöthig hältſt, daß ich den Grund kennen lerne,“ erwiederte er ſehr raſch. „Man ging darauf aus, mich mit Roſſian zu ver⸗ 78 loben. Giſela behütete mich. Eines Abends aber fehlte mir dieſer Engel meines Lebens und da erſt erkannte ich, daß ich in Gefahr ſei auf ewig elend zu werden. Ich rüſtete mich zur Reiſe. Ein längeres Bleiben in dem Kreiſe, welcher unwürdig an mir gehandelt, war nicht möglich.“ „Und Giſela?“ fragte Volkmar mit ſchmerzlicher Spannung. „Giſela kam, als ich eben bereit war in den Wagen zu ſteigen. Unverzüglich mit mir zurückzukehren war ihr erſter Gedanke— o unſere Rückfahrt glich einer Umkehr zum Guten!“ „Hatte Roſſian eine Erklärung ſeiner Liebe ge⸗ wagt?“ „Im Augenblick des Abſchiedes verſuchte er der⸗ gleichen— es glich aber ſo ſtark einem theatraliſchen Verſuche, was er ſprach und that, daß ich mit Ruhe und Faſſung ihm und meiner Freundin bemerklich machte, was ich dabei empfand. Seitdem zürnt mir Emma Warren—“ „Und Roſſian?“ preßte Volkmar hervor. Lyſanna lachte.„Seine Komödie iſt noch nicht zu Ende! Er verſuchte mir in hochtrabenden Worten weiß zu machen, daß ſein Untergang mein Werk ſein werde.“ „Du tadelſt ſein unſinniges Beginnen?“ 79 „Hat er mit Abſicht den Sturz in's Waſſer voll⸗ führt, ſo erkläre ich ihn für einen albernen Thoren. Seine Erſcheinung war mir nie mehr zuwider geweſen, als eben heute. Muß ich nun noch an einen elenden, kleinlichen Kunſtgriff glauben, ſo verabſcheue ich ihn. Mein Onkel ſoll dieſe Sache zu Ende führen. Noch heute vertraue ich ihm Alles, was mir bis dahin geſchehen iſt.“ Giſela's Geſang verhallte in dieſem Augenblicke und ſie trat unerwartet ſchnell aus dem Hauſe, unzweifelhaft nicht abſichtslos, denn ſie richtete ihre Schritte ſogleich nach der Gegend, wo Ely ſaß. Che dieſer zum eiligen Rückzug kommen konnte, ſtand ſie vor ihm und ſagte feſt und entſchieden:„Haben Sie einige Minuten Zeit— ich muß Sie wegen des Vorfalles am Waſſer ſprechen und Ihnen in Bezug auf den jungen Kaufmann, dem Sie Vertrauen zu ſchenken ſcheinen, einige nothwendige Mit⸗ theilungen machen.“ Ely war artig genug ſtehen zu bleiben, allein ſeine Mienen verriethen, daß er eben keine Luſt hatte ſeine Zeit mit leerem Geſchwätz tödten zu laſſen. Giſela beurtheilte ſeine Verdrießlichkeit nachſichtig. „Ich weiß,“ ſagte ſie ruhig,„daß Sie durch Ihre Ar⸗ beiten und Pflichten ſehr beſchränkt ſind, würde mir es aber ſelbſt nie verzeihen, wenn mich ſpäterhin der Vor⸗ wurf treffen könnte, daß ich zu ſpät geredet hätte. Wer Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bp. 6 80 weiß, ob es nicht ſchon zu ſpät geſchieht!“ fügte ſie mit einem ängſtlichen Blick hinzu.“ Ohne ſich bei einer wei⸗ teren Vorrede aufzuhalten, theilte ſie Herrn Ely in kur⸗ zen Abriſſen mit, daß bei Lyſanna's Anweſenheit in der Stadt die Abſicht hervorgetreten ſei, ſie mit Roſſian in ein Verhältniß zu verflechten, daß aber die geſunde Na⸗ tur des jungen Mädchens den geiſtigen und moraliſchen Verfall des Geſellſchaftskreiſes im Warren'ſchen Hauſe durchſchauet habe. „Sie warf mit eigenem Entſchluß, ohne meinen Rath zu fordern, ohne meine Hülfe in Anſpruch zu neh⸗ men, die Feſſeln ab, die ſie entwürdigt hätten. Sie er⸗ klärte dem Herrn Roſſian am Morgen ihrer Abreiſe, in Gegenwart ihrer Freundin, daß ſie ſowohl, als ihre An⸗ gehörigen niemals Abſichten mit dem Beſuche im War⸗ ren ſchen Hauſe verbunden hätten und daß es ihr unmög⸗ lich ſei, den Liebesbetheuerungen Roſſians Glauben zu ſchenken.“ „Verſteh' ich Sie recht, mein Fräulein,“ unterbrach Ely ſie haſtig.„Hat man geglaubt, daß wir unſere Ly⸗ ſanna als Mittel zu mercantilen Zwecken benutzen wollten?“— „Ja. Man hat überall dieſe Idee zu verbreiten geſucht. Man hat Sie als muthmaßlichen Compagnon bezeichnet.“ 81 „Das ſollte mir fehlen!“ rief Ely entrüſtet.„Han⸗ delsverbindungen wollte ich mit dem Hauſe anknüpfen. Um mir den Verkauf zu erleichtern, bot Roſſian ſeine Hülfsleiſtungen an, natürlich mit üblicher Proviſion!“ „In dieſer Art faßte Lyſanna die Sache auf und wies Roſſian mit ſeinen hochgeſpannten Hoffnungen zurecht. Dort hatte ſich das junge Mädchen ehrenvoll ſelbſt aus der Affaire gezogen— hier aber iſt es die Pflicht ihrer Angehörigen, ſie gegen Maßregeln eines dreiſten und toll⸗ köpfigen Mannes zu ſchützen. Ihr Bruder liebt zu ſtark den Frieden, als daß ich hoffen dürfte, er würde fernern Beſtrebungen Roſſian's Widerſtand leiſten. Ich wende mich deshalb an Sie.“ „Was kann— was ſoll ich thun, mein Fräulein?“ fragte Ely zögernd. „Zuerſt bitte ich Sie, jeden Verſuch zu hindern, den Roſſian zu ſeiner Einführung in Ihre Familie machen ſollte. Dann aber bitte ich Sie vorſichtig zu ſein und ihm in keiner Hinſicht zu trauen. In der Stadt laufen ſonderbare Gerüchte um. Man bezweifelt die Wahrheit ſeiner Worte, man mißtrauet ſeinen Behauptungen und ſchüttelt den Kopf über den fabelhaften Leichtſinn ſeiner Handlungsweiſe.“ „Sie ſehen mich erſtaunen über dieſe Nachrichten. 6* 8² Meine eingezogenen Erkundigungen beſagten von Allem das Gegentheil.“ „Ich kenne die Quellen nicht, woraus Sie geſchöpft, aber ich glaube behaupten zu können, daß ſie nicht lau⸗ ter ſind. Solche Männer, wie Roſſian, brauchen Helfers⸗ helfer. Natürlich reden dieſe, wie ihr Vortheil es heiſcht. Trauen Sie dem Urtheile der Männer, denen ich einige Aufklärungen über Roſſian verdanke.“ Ely war bedenklich geworden. Obwohl er keines⸗ wegs geneigt war, ſolchen Urtheilen ſeine eigenen Be⸗ obachtungen unterzuordnen, ſo ſtand doch für den Augen blick mancherlei auf dem Spiele, was ihn beunruhigen konnte. Es war richtig, daß er zu unbedingt vertrauungs⸗ voll auf Roſſian's Vorſchläge eingegangen war. Die Warnung Giſela's vermochte ihm für andere Fälle zu helfen. Glücklicherweiſe hatte ſich das gewagte Geſchäft bis zu einem günſtigen Reſultate hingezogen und die plötzliche Ankunft des jungen Kaufmannes gab ihm eine Art Garantie für den glücklichen Schluß. Nach manchen Hin. und Herſpeculationen, bald günſtigen, bald ungün⸗ ſtigen Conjuncturen qusgeſetzt, war der Verkauf des Zuckers endlich gelungen und die Zahlung dafür in zwei Tagen fällig. Ely fühlte ſich ſicher. In dieſer Voraus⸗ ſetzung verlor die Warnung an Werth, aber er ſah den⸗ noch nicht gleichgültig darüber hin. —xIV— 83 „Ich hoffe morgen Herrn Roſſian auf die Probe ſtellen zu können, in wie weit das Urtheil ſeiner Mitbürger rich⸗ tig iſt,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, während er an Giſela's Seite langſam dem Plateau näher ging.„Von vorn herein gebe ich zu, daß ſeine Grundſätze etwas lax ſind. Der Gewinn geht ihm bisweilen über die Vor⸗ ſchriften der Moral, doch habe ich noch niemals Ueber⸗ tretungen des Geſetzes von ihm vertheidigen hören. Es liegt allerdings im Geiſte der Zeit Geſchäfte zu machen, die ſo nahe an den Gränzen des Betruges hinlaufen, daß nur ein Menſch mit weitem Gewiſſen dieſem Schwindel huldigen kann. Leid ſollte es mir thun, Herrn Roſſian auf ſolchen Wegen zu ertappen.“ Sie waren mittlerweile dem Baldachin ſo nahe ge⸗ kommen, daß dieſe Worte von Lyſanna verſtanden wer⸗ den konnten. Raſch ergriff ſie dieſe Gelegenheit. „Gut, daß Du kommſt und zwar mit einem Namen auf den Lippen, der uns eben zu einer Convention Ver⸗ anlaſſung gegeben hat.“ „Zu einer Convention?“ wiederholte Ely ſchnell er⸗ heitert.„Heißt das zu einem Vertrage oder einer Ueber⸗ einkunft, meine kleine Lyſanne?“ „Iſt das nicht egal?“ fragte das junge Mädchen ſchnell. Ihr Erröthen und ihre Verlegenheit verriethen, daß ſie ebenfalls einen Unterſchied zwiſchen Vertrag und Uebereinkunft machte. „Nicht ganz egal,“ verſetzte Giſela, mit einiger Ver⸗ wunderung Lyſanna betrachtend, die ihr völlig verändert erſchien. Und doch waren es nur Minuten, ſeit ſie das Mädchen zuletzt geſehen?„Im Vertrage liegen binden⸗ dere und heiligere Feſſeln.“ „So iſt zwiſchen uns ein Vertrag geſchloſſen,“ rief Volkmar, ſein glänzendes Auge kühn emporſchlagend. Ely prüfte, jetzt ebenfalls verwundert, ſein Geſicht. Was war mit dieſem ruhigen Menſchen vorgegangen? Ich möchte vor allen Dingen den Gegenſtand, die Grundlage Eueres Vertrages kennen lernen,“ ſagte er. Lyſanna warf ſich ſcherzhaft in's Weſen und ſprach: „Wir ſind einig geworden in dem Wunſche, Herrn Ed⸗ mund Roſſian auf immer von unſerer friedlichen Hei⸗ math zu entfernen und zwar meinetwegen, um mich vor ſeinen unſinnigen Huldigungen ſicher zu wiſſen, und Volk⸗ mar's wegen, um ihn fernerhin vor unfreiwilligen Bädern zu bewahren! Du biſt die einzige Perſon, die uns in unſeren gerechten Wünſchen beiſtehen kann. Willſt Du ihm ſagen, daß er ferner hier nicht gewünſcht wird, On⸗ kel Ely?“ „Das ſoll geſchehen!“ rief Ely zufriedengeſtellt. Er nickte abfchiednehmend den jungen Leuten zu und reichte —— 85 Giſela die Hand, die ſie ohne Scheu ergriff und herzlich drückte. Kaum war Ely hinter den Roſenbäumen verſchwun⸗ den, ſo wendete ſie ſich lächelnd zu den Beiden um, de⸗ nen die Verklärung der Liebe aus den Augen ſtrahlte. „Warum Geheimniſſe vor Deinem Onkel, Lyſanna?“ fragte ſie ruhig. „O glaubſt Du, Onkel Ely hätte mich verſtanden und begriffen, wenn ich ihm geſagt, daß—“ Sie hielt inne und ſenkte verſchämt das Geſicht zur Seite. Giſela begriff Alles. Sie ſah Volkmar mit freundlicher Auf⸗ forderung im Blicke, an. „Ich habe die Mißverſtändniſſe, die ſich durch meine Schuld zwiſchen uns aufgethürmt hatten, durch Offenher⸗ zigkeit zu löſen verſucht,“ antwortete Volkmar bewegt. Ueberraſcht horchte Giſela. Es hatte alſo ſchon ein Verhältniß zwiſchen ihnen beſtanden? Dieſe Erfahrung machte ſie betroffen. Ihr war Lyſanna's ganzes Weſen ſo urſprünglich kindlich und jungfräulich vorgekommen, daß ſie ihre Seele noch vollſtändig unberührt von der Erkenntniß einer irdiſchen Seligkeit gehalten hatte. Volkmar, nicht gewohnt ſeinen innern Empfindun⸗ gen vor fremden Herzen Worte zu geben, ſprach jedoch nicht weiter. Er benutzte die eingetretene Pauſe, um ſich zu verabſchieden, wohl einſehend, daß der Strom der 86 —— 4 Beredtſamkeit von Lyſanna's Lippen beſſer fließen werde, wenn er fern ſei. So lange Lyſanne den jungen Mann ſehen konnte, hielt ſie unverrückt den Blick auf ihn geheftet. Als er endlich ihren Augen entſchwunden war, warf ſie ſich an Giſela's Bruſt und begann zu beichten. Wort für Wort wiederholte ſie, was zwiſchen ihnen geſprochen worden war. Giſela ließ ſie reden. Im Allgemeinen gefiel ihr das feſte und männliche Auftreten des jungen Mannes, der ſelbſtbewußt dem Mädchen ſeiner Liebe entgegentrat. Manches aber berührte ſie unangenehm. Die Werbung 4 um ein Frauenherz verlangte wohl mehr Wärme als Ueberlegtheit, mehr leidenſchaftliche Aufregung als Phi⸗ loſophie. Daß Volkmar ſeine Neigung nicht durch das leidige Dorfgeſchwätz profaniren laſſen wollte, zeigte einen gewiſſen Zartſinn, die Empfindlichkeit eines zartbeſaiteten Herzens. Daß er ſeine Erklärungen nicht bis zur Feſſel ausgedehnt, ſondern der Zeit das Knüpfen heiliger Bande überantwortet hatte, verrieth eine ſeltene Selbſtbeherr⸗ ſchung. Dennoch würde Giſela lieber geſehen haben, wenn ſich der Sturm der Liebe mehr geregt hätte. Sie fürchtete eine Abkühlung durch Lebensgenuß darin ſehen zu müſſen. Eine Reihe von Jahren waren dieſe beiden Herzen ſich weder in der Erinnerung, noch durch zufälli. 87 ges Begegnen nahe getreten und dennoch ſtützte Volkmar die Wünſche ſeines Herzens auf frühere Gefühle. So etwas klang unglaublich. Es wäre eine wunderbare, tief im Innern begründete Sympathie ihrer Seelen geweſen, wenn ſich der Funke ſtill genährt hätte, um beim erſten Zuſammentreffen die Kraft zu einer Flamme zu entwik⸗ keln. In der glücklichen Vertraulichkeit der Kinderzeit mußte ſich dann alſo der Keim einer Neigung finden laſ⸗ ſen, die das jetzige Verſtändniß ſogleich möglich machte. „Wußteſt Du ſchon früher, daß Dir Volkmar lieb war?“ fragte Giſela, als Lyſanna, ſehr oft ſtockend und erröthend, mit ihrem Berichte fertig war. „O, ich habe nie darüber nachgedacht,“ ſagte ſie verſchämt. „Geſprochen hat er auch nie früher über ſeine Zu⸗ neigung zu Dir?“ forſchte Giſela weiter. Lyſanna ſah ſie groß an.„Wie ſollte er dazu ge⸗ kommen ſein?“ antwortete ſie faſt entrüſtet. „Nun, man hat ſchon öfter aus kindlich und unſchul⸗ dig vertraulichen Aeußerungen entnehmen können, was ſpäterhin erſt zur richtigen Deutung kam.“ „Niemals iſt es Volkmar eingefallen— niemals habe ich an die Möglichkeit gedacht, daß uns das Ge⸗ ſchick wieder zuſammenführen könne, um uns auf ewig zu vereinen!“ 5 „Wie kannſt Du aber denn ſo unbedingtes Ver⸗ trauen zu ihm faſſen— wie kannſt Du glauben, daß er in Dir eine Gefährtin ſeines Lebens zu finden hofft, die ihn liebt.“ „O, ich kenne ihn— er kennt mich! Wir haben uns, nach ſeiner Meinung, bis in den Kern unſers Gei⸗ ſtes hinein verändert, aber, Giſela, unſere Herzen ſind die alten geblieben und nun dieſe Herzen einmal erkannt haben, daß ein räthſelhaftes Intereſſe ſie aneinander ge⸗ knüpft hielt, trotz aller Trennung, nun ſind Mißverſtänd⸗ niſſe nicht mehr möglich— nun iſt unſer Schickſal be⸗ ſchloſſen! Als ich Volkmar begegnete, es war einige Tage vor unſerer Reiſe, da ſchmerzte es mich nicht, daß er mich nicht erkannte, ſondern es regte meinen Stolz und meinen Trotz auf. Meine Eitelkeit wünſchte einen Triumph, um ihn demüthigen zu können. Erſt am Abende vor unſerer Abreiſe erwachten wieder edlere Gefühle in mir. Jetzt erkläre ich mir die tiefe Wehmuth meiner damaligen Stimmung. Mein Herz war ſchon wach ge⸗ worden. Ich wußte aber nicht, daß ſich die Liebe im Zorne entwickeln kann.“ Sollte ſein Bild Roſſians Einfluß geſchmälert haben?“ „Gewiß! Ich legte unbewußt einen Maßſtab an ſein zerfahrenes unmännliches Weſen. Aber ich war ſo thöricht, ſeine Huldigungen zu wünſchen, um nicht unbe⸗ — —— 89 wundert zu bleiben. Ich wünſchte Aufſehen zu erregen, um Volkmar zu imponiren. Wie nahe am Rande des Verderbens ich geſchwebt, weiß ich erſt jetzt, wo der reine Lichtglanz einer edlen Männerhuldigung mich umweht. Ich habe Volkmar aber klar eingeſtanden, was oder wie ich geſündigt.“ „Wie nahm er Dein Gedächtniß auf?“ „Sichtlich betroffen— ſchmerzlich bewegt. Er nannte es die Taufe der Welt. Er meinte die Schuld tragen zu müſſen, daß ich aus der Paradieſesunſchuld zum Be⸗ wußtſein des irdiſch Unreinen gekommen ſei.“ „Du haſt nichts dabei eingebüßt, Lyſanna,“ ſagte Giſela raſch.„Unſere Kräfte müſſen geprüft worden ſein, wenn wir ein Glück darauf bauen wollen. Die Feſtigkeit des Willens lernt man erſt kennen, wenn Ver⸗ ſuchungen bekämpft werden müſſen. Du biſt beſtanden in der Prüfung. Mng es Deines Vaters Bild, das Du geſehen haben wllſſt, mag es Volkmar's geiſtiger Einfluß geweſen ſein, der Dich vor einem leichtſinnigen Verlöbniß bewahrt hat— Du haſt zur rechten Stunde bewieſen, daß im reinen Gemüthe die ſichere Quelle zur Selbſtachtung ſprudelt und uns zur Erhebung leitet. Wohl Dir, wenn Volkmar einſieht, daß der Frieden der Heimath das Glück ſeines Lebens birgt. Die idyllliſche Ruhe der Einſamkeit wird ihm nicht immer genügen, allein er wird gern dahin zurückeilen, wo ſein Reichthum ihm Throne bauet.“ „Wenn ich nur ganz ſicher wäre, daß ſeine Eltern die Neigung zu mir gern ſähen,“ wendete Lyſanna bedenk⸗ lich ein.„Mir ſchweben ganz dunkel Erinnerungen vor, die dies bezweifeln laſſen. Nichts wäre mir aber ent⸗ ſetzlicher, als gezwungen in einer Familie geduldet zu werden, die eines Tages weit über uns ſtand. In einem Dorfleben macht es Epoche, wenn ſich Ungleiches verbin⸗ det— der Spott iſt hier zu Lande rückſichtsloſer, als in großen Städten. Ob Volkmar nicht dadurch zur Ge⸗ heimhaltung ſeiner Werbung veranlaßt worden iſt?“ Giſela fand dieſe Bedenken unhaltbar. Als ihr Ly⸗ ſanna durch Beiſpiele aus ihrer Umgebung darthat, daß Lebensglück in ſolchen Zerwürfniſſen zu Grunde gegangen ſei, wurde ſie ſehr ernſt.„Da beweiſen uns nun die ſchreibfertigen Volksverbeſſerer, daß die krankhaften, ver⸗ dorbenen Zuſtände im Staate nur der höhern, widerſin⸗ nig exeluſiven Geſelligkeit zuzuſchreiben ſeien und daß dieſe Zuſtände nur durch die Elemente, worin das natur⸗ wüchſige Volk gedeiht, verbeſſert werden könnten und nun machen wir hier die Erfahrung, daß der im Staub ge⸗ borene und vom Schweiße ſeiner Arbeit lebende Menſch eine weit ſchlimmere ariſtokratiſche Abſonderung aufrecht erhält, als der gebildete Mann des Jahrhunderts, deſſen — 91 Familie einen Stammbaum pflegt.„Die Sache“ inter⸗ eſſirt mich mächtig, Lyſanna. Ich werde mich aus mei⸗ ner Iſolirtheit in das Getriebe der Dorfintrigue werfen, um Studien zu machen.“ Lyſanna fand dieſe Idee ergötzlich. Sie, als der Abkömmling des Frieſenhofes, hätte dergleichen nicht wa⸗ gen mögen, allein die Geburt Giſela' ſtellte dieſe trotz der Häuslerei, unabhängig von allen Vorurtheilen, dem Volksgeiſte des Dorfes gegenüber. Nach ihrer Meinung ließ ſich nicht erwarten, daß die boshaften Scherze der Dörfler eine Dame von Giſela's Stande zur Zielſcheibe nehmen würden. — 1 4 Viertes Capitel. Ely war in der feſten Ueberzeugung nach dem Frie⸗ ſenhofe zurückgegangen, daß er Roſſian dort vorfinden 1 werde. Er täuſchte ſich. Roſſian erſchien auch nicht am 1 nächſten Tage. Seine Entfernung aus der Gegend ſtellte ſich dadurch feſt, daß ihn kein Menſch wieder geſehen hatte. Einigermaßen erſtaunt über dies räthſelhafte Kommen und Gehen ſah er mit Spannung dem Tage entgegen, den Roſſian ſelbſt als denjenigen bezeichnet hatte, wo er die Zahlung für die Zuckerlieferung, die er zuletzt noch auf eigene Rechnung genommen, leiſten werde. Es be⸗ fremdete den Fabrikherrn, daß Roſſian dieſe Reiſe ge⸗ macht, ohne den eigentlichen Zweck derſelben zu erfüllen, aber ſeine eigene Redlichkeit verhinderte dennoch, trotz Giſela's Warnungen, daß ein volles Mißtrauen in ihm Platz nahm. 93 Mittlerweile waren die Vorbereitungen zum Bau des Oſterhof'ſchen Wohnhauſes auf der neuen Baſtei ſo weit gediehen, daß der Grundſtein zu demſelben gelegt werden ſollte. Herr Karl Traugott Oſterhof wünſchte eine kleine Feierlichkeit dabei. Volkmar ging ſelbſt ſehr gern darauf ein. Ihm war feierlich und feſtlich zu Muthe, wenn er ſeine Sinnesänderung überdachte, die mit dem Entſchluſſe, ſich hier niederzulaſſen, zugleich begonnen hatte. Natürlich durfte aber das Weſen, das den Grund⸗ ſtein zu dieſer Umſtimmung gelegt, nicht fehlen, wenn die Stätte geweiht werden ſollte, wo ſie mit einander glücklich zu ſein hofften. Eine Einladung an die Familie Koltrum lag nahe, da Jedermann wußte, wie lebhaft ſich Ely für Volkmar's Unternehmung intereſſirte. Der Morgen eines prächtigen Sommertages ruhte auf der Flur, als ſich die Menſchen auf der Wieſe zu verſammeln begannen, um„das Schloß“ endlich beginnen zu ſehen, das ſchon längſt die Phantaſie ſämmtlicher Dorfbewohner in Thätigkeit geſetzt hatte. Die Sonne ſtreuete Lichtflocken auf den Strom, daß er erglänzte wie in einer Illumination— die Vögel ſangen, als wüßten ſie, daß es ein Freudenfeſt gäbe und die Dörfler hatten ſich alle gewaſchen und rein gekleidet zur Feier dieſes. Tages. Volkmar war hinaufgegangen, um Koltrum's mit aller Achtung und Ehrerbietung, die er für ſie fühlte, zu 8. ——— —y——————— 94 geleiten. Bald darauf erſchien er in ihrer Begleitung. Er führte Fräulein Giſela am Arm und ſchritt mit ihr voran. Lyſanna an der Seite ihres Oheims folgte und das würdige Ehepaar Herr Tobias und Frau Magdalene bildete den Schluß. Kaum wurde dieſe Gruppe den Augen der verſam⸗ melten Dorfbewohner ſichtbar, ſo erhob ſich ein Ziſcheln, ein Flüſtern und ein leiſes Lachen, das wie anſteckend die Reihen durchlief. Einzelne abſichtlich laute Bemer⸗ kungen gaben kund, daß man ſich freute, endlich das große Geheimniß durchſchauen zu können, weshalb Volkmar Oſterhof ein Schloß bauen wolle. Da meinte Einer: „Das wäre alſo die Gräfin— die Prinzeſſin, welche Frau Oſterhof werden wolle—.“ Ein Anderer ſchrie ge⸗ fliſſentlich unbedachtſam:„Kann denn ein Vollſpänner eine Häuslerin freien?“ Nach und nach häufte ſich Spott und Laune und ar⸗ tete in Ungezogenheit aus. Giſela that, als höre ſie nicht. Im Herzen fühlte ſie es aber ſchmerzlich, daß es hier im Angeſichte von Gottes freier Natur nicht anders ſei, als d'rinnen in den Städten, die man doch der dort herrſchenden Gebrechen wegen verdammte. Hier wie dort regierte Neid, Mißgunſt, Gemeinheit, Spottſucht und Herzloſigkeit. Gemüthlichkeit fand ſie nirgends. Sie gedachte der Behauptung Lyſanna's —— 95 und fühlte die Wahrheit derſelben. Die verſteckte Tücke in den Randgloſſen, welche überall laut wurden, galt dieſen Dörflern als Witz, und die Kränkung, die darin lag, wurde doppelt belacht, weil ihnen nicht oft Ge⸗ legenheit geboten wurde, ihr Müthchen auf dieſe Weiſe zu kühlen. „Haben Sie je eine Ahnung vom Volkston im Dorfe gehabt?“ fragte Volkmar ſeine Gefährtin.„Sie werden es ſich nun wohl gefallen laſſen müſſen, eine Zeit— lang für meine Braut zu gelten.“ „Sie ſehen, ich trage dies Unglück mit Heiterkeit,“ antwortete Giſela.„Ich verſtehe aber nun Ihre mehr praktiſche, als romantiſche Liebeswerbung. Wahrlich, es hieße Ihre Liebe entheiligen, müßten Sie jeden Blick reiner Huldigung dem Urtheile dieſer Leute preisgeben.“ Die Arbeiter hatten einen Kreis um den ganzen Bauplatz gezogen, der ſich nur den betheiligten Perſonen öffnete. Im Kreiſe ſelbſt bildete ſich eine Gruppe von den Meiſtern der verſchiedenen Gewerke, die bei der ganzen Anlage beſchäftigt waren. In der Mitte derſelben befand ſich Herr Karl Traugott Oſterhof und ſeine Frau nebſt dem Geiſtlichen des Dorfes und einer kleinen Aus⸗ wahl von Vettern der Familie. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. Als die Familie Koltrum ſich näherte, wendeten ſich 7 96 Aller Blicke dorthin. Ein leiſer Laut der Ueberraſchung glitt von Frau Oſterhof's Lippen, als ſie Giſela am Arme ihres Sohnes ſah und mit der Miene verlegenen Stolzes wich ſie einige Schritte hinter ihren Verwandten zurück. Giſela, durch Volkmar belehrt, daß eine conven⸗ tionelle Präſentation hier ſtörend wirken würde, trat mit raſcher Wendung zu der Frau, die ihr als die Mutter des jungen Mannes bezeichnet worden war, hielt ihr mit herzlicher Zutraulichkeit die Hand hin und ſagte: „Sie werden mir, der Fremden, doch geſtatten, daß ich bei dieſer ſchönen Feierlichkeit einen Platz einnehme? Ich habe dem Einſturze der alten Ziegelei beigewohnt, ich war Zeuge der kühnen Entſchloſſenheit, womit Herrn Oſterhof das Leben gerettet wurde, dadurch habe ich auch das Recht erworben, mich der heutigen Grundſteinlegung des neuen Hauſes als Zeugin zuzugeſellen.“ Frau Oſterhof widerſtand dieſer herzlichen Anſprache nicht. Sie duldete es, wenn auch mit ſchwerem, tiefem Seufzer, daß Giſela traulich bei ihr verweilte, und ſie muſterte, nach und nach ruhiger und freundlicher werdend, mit ſteigendem Behagen die vornehme Aeußerlichkeit der Dame, die plötzlich als eine Hauptperſon in ihren Ideenkreis trat. Für Giſela hatte es ein großes Intereſſe, die Eltern Volkmar's zu beobachten und ihre Eigenthümlichkeiten * 97 zu ergründen. Sie erkannte in Herrn Karl Traugott den nachgiebigen Vater und Gatten auf der Stelle. Das große, ſtets weit geöffnete Auge desſelben flößte Vertrauen ein. Sein Lächeln verrieth die Neigung zum Spott, ließ aber zugleich die innere Güte und Willigkeit erkennen. Seine ſteife Haltung repräſentirte den reichen Vollſpän⸗ ner. Weniger ſicher fiel das erſte Urtheil über Frau Oſter⸗ hof aus. Ihr Lächeln war erzwungen und ihr Auge be⸗ wegte ſich, unſicher blickend, zu raſch hin und her. In ihrer äußern Erſcheinung war nicht eine Spur von länd⸗ licher Toilette und ſteifem Weſen, wohl aber eine ſelbſt⸗ bewußte Ruhe und ein gewiſſer Stolz lagerte jedenfalls im Hinterhalte und gab ihrem Auftreten eine deutliche Färbung. Sie hatte dem Fräulein von Jlow charakteriſtiſch die Antwort gegeben:„Es muß uns ja eine Ehre ſein, wenn das gnädige Fräulein der Feierlichkeit beiwohnen will—“ während der gute Karl Traugott bieder und laut ſagte:„Es iſt uns eine Ehre, Sie hier zu ſehen, mein Fräulein!“ Die Feierlichkeit nahm ihren Anfang mit einer re⸗ ligiöſen Anſprache des Geiſtlichen, der darauf hinwies, daß die innere Vergeiſtigung und Erhebung des Menſchen ſich im äußern Streben geltend mache. Nach ihm nahm Volkmar das Wort. Er erklärte, daß er einem Vorbilde 98 nachſtrebe. Seine Worte bedurften keines weitern Com⸗ mentars, denn Aller Augen richteten ſich auf Elias Kol⸗ trum, der in ſeiner männlichen Kraft und Schönheit da ſtand, wie die verkörperte Intelligenz. Das Lächeln der Güte, welches in dieſem Augenblicke ſein befriedigtes Gefühl kund gab, ließ ſeinen ganzen Charakter erkennen. Volkmar ſchritt nun zu den kleinen Förmlichkeiten, die gewöhnlich bei Grundſteinlegungen beobachtet werden. Eine ſtarke Blechkapſel wurde hervorgeholt, worin Mün⸗ zen vom neueſten Gepräge aus aller Herren Länder, nebſt genauer Angabe ihres Werthes, eingepackt wurden. Ein Pergament lag bereit, worauf alle Anweſenden ihre Namen verzeichneten. War es Zufall, daß Volkmar die Familie Koltrum zuletzt aufforderte, mit ihrer Handſchrift das Blatt, welches mit begraben werden ſollte, zu zieren? War es wirklich nur Zufall, daß Lyſanna Koltrum die Reihe ſchloß und er ſelbſt mit kühnem Schwunge ſeinen Namen als Hausbeſitzer dicht, dicht darunter ſetzte und mit einem ſeligen Aufblicke zu dem Mädchen einige Worte hinzufügte, die Niemand zu leſen bekam? Raſch rollte er das Pergament zuſammen. Die Blechbüchſe wurde geſchloſſen und in die Tiefe geſenkt, wo ſie zwiſchen unvergänglichem Geſtein einer Auferſtehung entgegenſah, nachdem Alles, was jetzt und was nach Jahrhunderten gelebt hatte, vergangen war. 99 „Gott ſegne mein Beginnen!“ ſprach Volkmar mit ſtarker, weit tönender Stimme,„Gott ſegne mein Be⸗ ginnen! Mit dieſem Grundſtein zugleich lege ich die hei⸗ ligſten Schwüre vor dem Allmächtigen nieder. Ich will in meiner Heimath leben, wirken, ſchaffen und ſterben. Es werde mir dieſe Stätte ein Aſyl des Friedens, jenes Friedens, der durch Gewiſſensruhe geſtützt und durch treue Pflichterfüllung geſichert iſt. Wohl mir, wenn nach meinem Tode mein Andenken durch Thränen geweihet wird!“— Stumm und nachdenklich ſaß Frau Oſterhof am Abend dieſes Tages in ihrem Wohnzimmer. Sie war bis dahin durch die feſtliche Bewirthung der Bauleute in Anſpruch genommen geweſen, konnte ſich aber im erſten Momente der eingetretenen Ruhe nicht der beſorglichen Gedanken erwehren, die wie dunkle Wolken am Himmel der Zukunft daherzogen. Sie wartete mit erhöhter Spannung auf das Ein⸗ treten ihres Mannes, um ſich mit ihm über das ausſpre⸗ chen zu können, was centnerſchwer auf ihrer Bruſt ruhte. Statt ſeiner erſchien Volkmar. In einer Stimmung, der alle ſtörende Beimiſchungen genommen waren, trat er vor ſeine Mutter hin und blickte ſie mit herziger Liebe an. Eine Thräne verdunkelte das Auge der Frau Oſterhof.. 100 „Volkmar, Du haſt uns nicht um Rath gefragt,“ begann ſie langſam und zögernd,„es iſt auch nur die Sorge um Dein Wohl, welche mir jetzt die Lippen öffnet— ſage mir, ob Du ſchon feſt gebunden biſt durch Dein Ehrenwort?“ Volkmar fühlte Erbarmen mit der trauernden Mut⸗ ter, aber durfte er reden? Nein! „Sorge doch nicht Mama!“ ſagte er fröhlich.„Was fürchteſt Du für mein Glück?“ Er wich ſorgfältig einer nähern Erklärung aus. „Sie iſt ſchön, noch ſehr ſchön! Ihr Weſen hat mir ſehr gefallen. Ich glaube wohl, daß ſie, wie keine An⸗ dere in der Welt, in Deine Pläne für die Zukunft paſſen wird— Du wirſt den kleinen König in der Heimath ſpielen und ſie hat alle Anlagen dazu, Deine Königin zu ſein— aber lieber Sohn—“ „Mama—“ unterbrach Volkmar ſie ſehr ſchnell. „Sorge nicht! Ich bitte Dich herzlich, denke nicht mehr an die thörichten Ideen, mit denen ich erfüllt war, als ich von meinen Reiſen heimkehrte. Siehſt Du denn nicht, daß ich vollkommen verändert bin?“ „Um ſo mehr wundere ich mich über Deine Wahl! Nicht, daß ich die Dame nicht ehren und achten möchte — nicht, daß ihre Armuth der Grund meiner Sorge wäre— aber ſie paßt doch nicht recht zu uns. Biſt Du 101 aber ſchon feſt gebunden, mein Sohn, nun ſo führe ſie in unſer altes Haus, das auch ein Aſyl des Friedens ge⸗ weſen iſt mein Lebtage. Sieh— eine Liebe hinter dem Rücken der Eltern iſt nicht gut!“ „Mutter,“ rief Volkmar lachend,„Liebe entſteht immer hinter dem Rücken der Eltern!“ Etwas muthiger blickte jetzt Frau Oſterhof in das heitere Auge des Sohnes.„Sie iſt aber zu alt für Dich, Volkmar. Wenn Du in voller Mannesblüthe biſt, gleicht ſie einer verblühten Blume. Gott— haſt Du denn gar keine Augen, mein Sohn, daß Du dies Fräulein dem Engelskinde vorziehen kannſt, das wie ein Blümchen Wunderhold neben ihr ſteht? Wie ſchön iſt dieſe Ly⸗ ſanna! Und als ſie mich anſah— ach, in dieſen Augen lag ein wahrer Himmelstroſt für mich.“ Volkmar wen⸗ dete ſich ab, um ſeine Bewegung zu verbergen. „Nun,“ ſagte er mit verſtelltem Ausdrucke,„ſo laß Dich tröſten von dieſen Augen, wenn Du Kummer fühlſt! Ich habe gar nichts dagegen.“ „Hätte ich doch vernünftiger gedacht damals, wo Du noch im Hauſe Koltrum's Deine froheſten Stunden verlebteſt? Du wareſt damals auf dem beſten Wege, nichts lieber auf der Welt zu haben, als Lyſanna.“ Volkmar machte eine ſchnelle Bewegung. Der Aus⸗ ruf, daß dieſe Zeit längſt wiedergekehrt ſei, ſchwebte ihm 10² auf den Lippen. Heldenmüthig kämpfte er dies beſeligende Geheimniß zurück. Doch einſehend, daß er die weiche Rührung, die ihn bei den Klagen ſeiner Mutter überſchlich, nicht lange mehr bewältigen würde, dachte er an einen ehrenvollen Rückzug. Der Eintritt ſeines Vaters erſchwerte ſeinen Vor⸗ ſatz. Mit der ganzen Kraft ſeiner väterlichen Liebe in den Augen vertrat er dem Sohne den Weg und ſah ihn feſt an. „Du denkſt, die Verlobung iſt vergraben!“ ſagte er mit komiſchem Pathos. Volkmar wechſelte die Farbe.„Vater!—“ bat er mit einem flüchtigen Seitenblicke. „Was ſoll denn das Geheimthun?“ fuhr Herr Karl Traugott jovial fort.„Siehſt Du denn nicht, daß ich ſo⸗ wohl wie Deine Mutter die Lärmpoſaune für's Leben gern an den Mund ſetzten? Heraus mit der Sprache, Herr Sohn! Was haſt Du auf das Pergament ge⸗ ſchrieben? Du willſt nichts ſagen? Nein, dazu reicht mein Verſtand nicht aus!“ „Vater— durchkreuze nicht meinen Weg,“ ſprach Volkmar bittend.„Laß das Geheimniß ruhen, bis es zur rechten Zeit auferſteht.“ „Was für Gründe leiten Dich bei dieſer Bitte? Complimente ſind meine Sache nicht, aber Du haſt Dich ——ÿ——·˖ñ— 103 heute durch Dein ganzes Verhalten als ein wackerer und tüchtiger Mann aufgeſtellt. Ich habe Achtung vor Dir bekommen, Volkmar. Beweiſe mir Deine Liebe durch Vertrauen, damit ich den heutigen Tag als den glücklich⸗ ſten meines Lebens betrachten kann.“ „Vater— was mein Herz empfindet, könnte ich Dir vertrauen, aber wäre es edel von dem zu reden, was nur als eine himmliſch ſüße Ahnung vor mir liegt?“ Frau Oſterhof war aufgeſtanden. Dunkle Hoffnungen regten ſich in ihr. „Was iſt denn geſchehen?“ fragte ſie gedämpften Tones ihren Mann.„Was ſprachſt Du? Eine Verlobung — vergraben?“ „Haſt Du es nicht ſo raſch entziffern können?“ ſprach Karl Traugott voller Haſt.„Er hat ſeinen und Lyſanna's Namen mit ſchönen Linien umſchlungen und darunter geſchrieben:„„„So Gott will, in Jahresfriſt mein Weib!““.„⸗ Ein Jubelruf entſchlüpfte dem Munde der Mutter: „Du haſt Dich doch nicht geirrt, Alterchen.“ „Ich irre mich nie!“ war Karl Traugotts Ant⸗ wort. Volkmar ſtand regungslos. Es kam ihm zu uner⸗ wartet, daß ſein Geheimniß entſchleiert worden war. Frau Oſterhof umarmte ihn.„Ob ich's wohl werth 104 bin, ſie als Tochter umarmen zu dürfen,“ flüſterte ſie in nie gefühlter Herzenserweichung. Der junge Mann wehrte ſich mit männlicher Kraft ſeiner Rührung, die ihn jetzt zu übermannen drohete. Er durfte nicht wanken im einmal gefaßten Vorſatze, wenn er nicht den Blüthenſtaub von ſeiner Liebe ver⸗ wehen ſehen wollte. Sanft erwiederte er die Liebkoſung ſeiner Mutter. „Nicht voreilig, Mama,“ ſprach er dann launig.„Die Demuth der Freude kommt noch zu früh. Laß es Nie⸗ mand hören, daß Dein Sohn andern Sinnes geworden iſt, wie vor einigen Monaten. Schweige, damit die lieben Gevattern und Muhmen nicht vor der Zeit die Au⸗ gen aufſperren und durch Zungenfertigkeit Alles ver⸗ derben.“ „Haſt Du keinen Muth, Volkmar?“ fragte die Mutter verwundert. Volkmar zuckte nur leicht die Achſeln. „Soll ich mit Koltrum's ſprechen?“ fragte ſie ei⸗ frig weiter. „Nein! Gebt mir nur Zeit und ſchweigt, bis ich Euch mein Vertrauen ſchenken kann.“ „Höre, Herr Sohn,“ bemerkte Herr Karl Traugott weiſen Tones,„ich weiß aus Erfahrung, daß ſich Eiſen ſchmieden läßt, wenn es glüht. Du biſt ſo weit. Ich 105 gebe Dir acht Tage Zeit. Nach Verlauf dieſer Friſt mar⸗ ſchire ich ſtracks zu Lyſanna's Vater und freie in aller Form um ihre Hand. Du wiegſt ſchwerer, als ſie, und Tobias kennt Dich genug, um zu wiſſen, was er für einen Tochtermann in Dir erwarten kann. Sind wir's zufrieden, ſo kann Tobias Koltrum nichts dagegen haben. Darnach zu achten, Herr Sohn. In acht Tagen iſt Lyſanna Deine Braut, ſo wahr ich Karl Traugott Oſterhof heiße. Dabei bleibt es! Biſt Du zufrieden, liebe Alte?“ „Ja! Ja! Ja!“ rief Frau Oſterhof überlaut und ſehr vergnügt.„Und wenn das Mädchen gar nichts mitbrächte— ich glaube, das Kind hat's mir ange⸗ than!“— Volkmar hatte das Zimmer verlaſſen, ohne daß die beiden Eltern es gewahr geworden. Verwundert ſahen ſie ſich an, als ſie es entdeckten. „Dazu reicht mein Verſtand nicht aus!“ wiederholte Herr Karl Traugott.„Er läuft davon!“ Volkmar's Faſſung war ſtark untergraben, als er das väterliche Haus verließ und den Weg nach dem Frie⸗ ſenhofe einſchlug. Täglich hatte er dieſen Weg gemacht ſeit der Erklärung gegen Lyſanna. Täglich ſehnſuchts⸗ voller, täglich glückſeliger. Lvſanna's Augen ſtrahlten ja die Gewißheit ſeines Glückes ihm entgegen. Ihr Erröthen, ihre zitternde Scheu, wenn eer ihr die Hand zum Gruße 106 bot, ihre Bewegung, wenn er ſchied, Alles verrieth, daß keine Prüfung von Empfindungen mehr nöthig war. Er ſah ein, daß es thöricht ſei eine Erklärung zu verzögern, die ſeine Erdenſeligkeit begründete. Wenn dem Strom der Liebe eine freie Bahn erſt eröffnet iſt, ſo kann man den Lauf derſelben nicht mehr hemmen. Warum ſollte er ſich ſträuben glücklich zu ſein? Alle die Scrupel, welche er vor wenigen Tagen aufgeſtellt, waren zerfallen und verflogen. Sollte er erſt durch plumpe Reden im Dorfe ſeinen Frieden verbittern laſſen? Die Zeit ihrer neuen Bekanntſchaft war freilich ſehr kurz und rechtfertigte wohl ein gelindes Erſtaunen des Herrn Tobias und Elias. Nachſichtiger zeigten ſich ſicher⸗ lich die Frauen. Giſela hatte ihm unverholen eine herz⸗ liche Achtung gewidmet— Frau Magdalene liebte ihn ſchon längſt. Unter dieſen Gedanken war er dem Landhauſe nahe gekommen und als er die Gatterthür erreicht hatte, da ſchritt er, in einer Anwandlung von Furcht und Verwir⸗ rung vorüber. „Meine Eltern haben Alles verdorben mit ihren voreiligen Redereien!“ dachte er erbittert und eilte den Abhang hinab. Nur wenige Schritte in den Weidenbuſch hinein und er ſtand plötzlich vor den beiden Mädchen, die im kühlen Abenddufte hier luſtwandelten. Sie waren 6 ,„ 107 im Begriffe zurückzugehen, da die Stunde nahete, die Ely auf dem Plateau zuzubringen pflegte. Mit derſelben Gewiſſenhaftigkeit, wie der Fabrikherr beachtete Giſela dieſe kurze Spanne Zeit, die vom ganzen, langen Tage die einzige Erholungsſtunde desſelben ausmachte. Volkmar kehrte mit ihnen um. Giſela ſchritt raſcher voraus. Sie hätte um Alles in der Welt die Minute nicht verſäumen mögen, wo Ely über die Brücke kam und ſein Auge ſie ſuchte und grüßte. Es lag eine ei⸗ gene Art in dieſem ſtillen Gruße. Faſt könnte man ſagen, „ein banges Fragen, eine unruhige Forſchung, ob ſie auch da ſei, ob ſie nicht fehle.“ Trotzdem näherte ſich Ely der Dame nicht. Selten, daß er ſich ausſchließlich mit einer Rede an ſie wendete. Ihn befriedigte es, ſie zu ſehen und ihn beglückte es, ſie ſingen oder ſpielen zu hören. Wie tief ihn dies befrie⸗ digte und beglückte, das bemerkte wohl Niemand. Nur Frau Magdalene hatte mit feinem Inſtinete die zarten, geiſtigen Beziehungen dieſer beiden Menſchen begriffen und beobachtete mit inniger Theilnahme die Entwicklung eines Verhältniſſes, welches unter dem Drucke der Ver⸗ nunft kaum ſichtbare Fortſchritte machte. Giſela war hinter dem wallenden Gebüſche ver⸗ ſchwunden. Volkmar aber ſtand ſtill und legte ſeine bei⸗ den Arme um Lyſanna. So vor ihr ſtehend, die leicht 108 bebende Geſtalt ſtützend und mit liebeſtrahlenden Blicken das Antlitz betrachtend, das unter dieſen Blicken immer ſtärker erglühte, ſagte er, ſchwankend zwiſchen Heiterkeit und Verdruß: „Meine Eltern ſind ungeduldig, Lyſanna— ſie brennen vor Verlangen Dich als Tochter begrüßen zu können— wie vermöchte ich aber zu verantworten, daß Du mich ohne Prüfung für den erklären ſollteſt, der Dein Gefährte für's ganze Leben werden will.“ Das Mädchen lehnte ſich feſter auf ſeine Arme und ſah ihn mit glückſeligem Vertrauen an. „Warum ſollte ich das nicht erklären können, Volk⸗ mar, da es unwandelbar feſt in mir ſteht, daß ich nie⸗ mals einen andern Mann lieben kann, wie Dich?“ Volkmar's erzwungene Ruhe wich vor dieſem ein⸗ fachen, unſchuldigen Bekenntniſſe. Die Begeiſterung der Leidenſchaft durchſtrömte ihn. „Mädchen! Mädchen! Es iſt ein heiliges Gelöbniß, das Du ausgeſprochen haſt. Ewig und unwandelbar Liebe und Treue? In Trübſal und Glück— in Leid und Freude meine Gefährtin?“ Lyſanna wiederholte mit Thränen im Auge:„In Trübſal und Glück, in Leid und Freud'!“ Volkmar zog ſie feſter an ſich, ſeine Lippen berühr⸗ ten die Lippen des Mädchens— ein Moment ſeliger 109 Vergeſſenheit folgte— Gottes Auge ruhete mit Wohl⸗ gefallen auf dem jugendlichen Paare, das vom letzten Sonnengolde verklärt, einen heiligen Bund ſchloß. „Nun komm, meine Geliebte, meine Braut,“ jubelte Volkmar.„Nun komm, daß wir es Deinen Eltern, daß wir es meinen Eltern, daß wir es der ganzen Welt ver⸗ künden, wie glücklich wir ſind! Aber nicht über's Jahr, wie ich heute den Wunſch in jenen Grundſtein dort ver⸗ ſenkte, nicht über's Jahr, ſondern in vier Wochen führe ich Dich heim in meines Vaters Haus— was ſoll ich warten, was ſoll ich harren und ſchmachten, bis der Palaſt fertig iſt, da unſerer Seligkeit eine Hütte Raum genug gäbe. Du biſt nun mein Eigenthum, Lyſanna— ich bin Dein Herr und Gebieter!“ Lachend ſchmiegte ſich das Mädchen an ihn und in dieſer Umſchlingung, mit dem Ausdrucke ſeliger Fröh⸗ lichkeit traten ſie vor Herrn Tobias und Frau Magda⸗ lene, die eben aus dem Hauſe ſchritten, um mit Ely und Giſela ſich zu vereinen, welche unter dem Baldachin ſaßen. „Ich will Dir Dein ſchönſtes Kleinod entführen, mein weiſer Lehrer, mein Freund und Vater,“ ſagte Volkmar, innig die Hand des überraſchten Toby preſſend. „Wirſt Du mir Deine Lyſanna gern zum Weibe geben? Und Du Mutter Magdalene— haſt Du Vertrauen zu mir, daß ich ſie ehren, achten, lieben und beglücken werde mein Lebelang?“ „Kinder— iſt's Ernſt?“ fragte Toby halb er⸗ ſchrocken.„Nun ſo ſei es fern von mir, daß ich Euren Wünſchen entgegentrete.“ „Was ſagen Deine Eltern?“ fragte Frau Magda⸗ lene vorſichtig. „Sie warten mit Sehnſucht, daß ich ihnen die Toch⸗ ter an's Herz lege!“ antwortete der junge Mann mit Triumph.„Ihr habt uns geſegnet— ich ſehe es aus Euren Blicken— nun komm, Geliebte— fort zu den Eltern, damit ſie ruhig ſchlafen können!“ „Nur einen Augenblick zu Giſela,“ flüſterte Ly⸗ ſanna. „Und zu meinem wackern Ely!“ jubelte Volkmar. Stürmiſch, in voller Luſt und Freude ſlogen ſie fort aus der Umarmung der Eltern, um dem Oheim und der Freundin, die Beide ahnungsvoll der Scene von fern ge⸗ lanuſcht hatten, ihr Glück zu künden. Dann ging es auf den Sturmesflügeln des jugend⸗ lichen Eifers fort nach Oſterhof's Haus. Kopfſchüttelnd, lächelnd und doch mit Wehmuth im Blick, ſahen die Zurückbleibenden dem jungen Paare nach, das mit Sturm⸗ ſchritt und Entſchloſſenheit eine neue Lebensbahn betrat. Dieſer leidenſchaftliche Ausbruch der Freude gab zu er⸗ 111 kennen, wie tief und verſteckt die Liebe in dem Herzen derſelben geruht hatte. Von Jugend auf in einander verwachſen mit ihren Intereſſen bedurfte es nur eines Wiederſehens im richtigen Momente ihres Lebens, um ſie in Liebe zu vereinigen. „Wie thöricht leichtſinnig die Jugend zu dem wich⸗ tigſten Bunde ſchreitet,“ ſagte Ely in eigenthümlicher Verdüſterung über die Landſchaft hinwegſchauend. „Die Welt würde ausſterben, wenn dieſer thöricht ſüße Leichtſinn nicht vorwaltete,“ antwortete Toby ſehr weisheitsvoll. „Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, daß unſerer Lyſanna das prächtige Haus dort drüben an den Wieſen gebaut werden ſollte,“ fügte Frau Magdalene hinzu. „Preiſen Sie Gott,“ ſprach Giſela ſehr bewegt,„Ihr Kind bleibt Ihnen nahe. Wir behalten ſie! Ihr Glück wird unter unſern Augen erblühen.“ „Wir behalten ſie— ja—“ ſagte Ely etwas iro⸗ niſch.„Ich will Sie an dies Wort erinnern, wenn Sie Abſchied von hier nehmen, ohne daran zu denken, daß Lyſanna's Glück weſentlich beſſer erblühen würde, wenn Sie hier bliebe.“ „Ich werde nie einen Abſchied nehmen, der dieſe Kühle meines Herzens verriethe,“ entgegnete Giſela ernſt Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 8 * 112 in ſein Auge blickend.„Nichts in der Welt könnte mich bewegen eine Stätte zu verlaſſen, die mir die Glückſelig⸗ 4 t eines innern Friedens brachte, wie ich ſie bis dahin vergeblich geſucht.“ „Verzeihen Sie mir die Frage,“ ſagte Frau Mag⸗ dalene im Tone des Mitgefühls,„iſt es ein Unglück, ein Herzenselend geweſen, das Ihnen den Frieden geraubt hatte oder verhinderte Ihre Eigenthümlichkeit, daß Sie den Frieden dort nicht fanden, wo ſie durch Geburt und Rang heimiſch ſein mußten.“ Giſela zögerte einen Augenblick, bevor ſie antwor⸗ tete. So ſchonend die Frage war, ſo füßſen ſie doch dar⸗ auf angelegt zu ſein, Ely's ſehr unruhigen Blick zu be⸗ ſchwichtigen. Mußte ſie nicht um ſo vorſichtiger mit der Beantwortung derſelben zu Werke gehen? Sie wendete ſich ganz zu Frau Magdalene herum, als ſie endlich, nach einer ziemlich langen Pauſe erwiederte: „Sie haben keine Idee von dem eitlen Scheinleben unſeres Standes und von dem hohlen Gepränge des Reichthumes im Weltleben, darum werden Sie es nicht begreifen, wenn ich geſtehe, daß mich Ueberdruß am Leben in die Einſamkeit dieſes Dorfes trieb. Ich wollte lieber allein ſein und darben, als mein beſſeres Selbſt im elenden Strudel der Geſelligkeit gefährden laſſen. * Ich hielt mein Herz für kalt und ſtolz genug, um jede — 113 Gemeinſchaft mit Menſchen entbehren zu können. Pflich⸗ ten banden mich nicht mehr, ſeitdem mein Vater geſtor⸗ ben war— hier ſuchte ich nur ein Aſyl für mein ſelb⸗ ſtändiges Denken und Handeln und ich fand Menſchen, die ich achten konnte, Menſchen, die ich lieben mußte— ich fand die Glückſeligkeit eines innern Friedens. Glauben Sie nun noch,“ wendete ſie ſich plötzlich mit glänzenden Blicken an Ely,„daß ich jemals dieſe Stätte, die wahre Heimath meines Weſens, verlaſſen könnte?“ Statt jeder Antwort ergriff Ely ihre Hand, preßte ſie wiederholt an ſeinen Mund und beugte ſich dann darüber hin, um die Bewegung ſeines Innern zu ver⸗ bergen, die ja nothwendigerweiſe ſein Geſicht gleichſam verklären mußte. Ehe es ſich jedoch einer der Anweſen⸗ den verſah, ſtand er ganz gelaſſen und ſagte: „Heute bitte ich wohl vergebens um ein Lied? Ja, es wird Vieles, Vieles anders werden, nun Lyſanna die Braut des reichen Oſterhof geworden iſt. Sie werden wohl Gelegenheit haben, einen Vergleich zwiſchen der Stadt⸗ und Landetikette zu machen, der Ihre Vorliebe für Glaubek niederſchlagen wird.“ „Glauben Sie wirklich, daß ich mich bereitwillig finden laſſen könnte, noch ein Mal die bittern Lehren der Erfahrung durchzumachen? Nein. Ich habe eine Gränzlinie gezogen, darüber hinaus wird nicht ein Schritt gewagt!“ S — „Aber, innerhalb dieſer Gränzlinie liegt der Frieſen⸗ hof und meine Eremitage?“ fragte Herr Tobias gut⸗ müthig ſcherzend. „Ja! Hier habe ich meine Heimath gefunden! Hier will ich leben und ſterben!“ rief Giſela. Der Ton, wo⸗ mit ſie ſprach, klang ſcherzend, das Auge aber ſtrahlte durch Thränen. Herr Ely hielt es für angemeſſen zu verſchwinden. Giſela ſaß bald darauf allein in ihrem Zimmer. Sie war allein, ja, aber die Geſtalten, die ſie ſo innig lieb gewonnen, umgaukelten ſie. Alles was an dieſem Tage geſchehen war, lagerte wie ein Traum in ihrem Ge⸗ müthe. Sie war allein, aber die Seele deſſen, den ſie über Alles liebte, den ſie ihrer ſtillen Liebe für würdig hielt, umſchwebte ſie. Was hatte ſie denn an dieſem Tage gewonnen, daß die Zukunft vor ihr auftauchte, geſchmückt mit den Farben einer belebten Phantaſie? Wie war es geſchehen, daß der leere Raum der Vergangenheit ver⸗ ſchwand und eine Fülle von Erwartungen ihren Geiſt hob? Die Hoffnung war in die einfache Geſchichte ihres Lebens getreten und hatte mit goldenen Lettern die matten Grundriſſe der ſtillen Zufriedenheit aufgefriſcht! Es war ihr gerade zu Sinne, als ſuche ſie verödete Steppen plötzlich mit keimenden Blüthen überkleidet, als töne eine Stimme in ihr Ohr, die ihr mit lieblichem Klange prophezeihe, daß ihr Lebenspfad durch dieſe Blüthenaue — 115 führe und daß ſie nie wieder verlaſſen und allein des Er⸗ dendaſein's Druck tragen werde. Wie bald zerſtört des Schickſals Sturm ſolche Träume und läßt das Joch des Unglücks um ſo ſchwerer auf des Unſchuldigen Schultern fallen! Nie hatte ſich Giſela der urſprünglichen Weichheit ihres Herzens ſo widerſtandslos hingegeben, nie war ihr die Möglichkeit eines häuslichen Glückes an der Seite eines edeln, tüchtigen und begabten Mannes ſo nahe ge⸗ treten, nie hatte ſie ſo ſüß geträumt und nie war ſie glücklicher erwacht, als an dem Morgen, der dieſem Abende folgte. Schon glänzte die Sonne am Horizonte, aber der Thau der Nacht glitzerte noch an den Gräſern und lag in Perlen reinſten Waſſers auf den Roſen, als Giſela in ihren Garten trat. Sinnig durchwandelte ſie die ſchön geebneten Steige, jede neu erblühte Blume mit liebkoſen⸗ dem Lächeln begrüßend. Dann traf ihr Auge auf die Roſenhecke, die ihr Territorium begränzte. Sie gedachte des Scherzes des weiſen Tobias, der ſich innerhalb der Gränzlinie desſelben einniſtete. Vielleicht gedachte ſie auch des Tages, wo dieſe Roſenhecke das Eigenthum des herrſchſüchtigen Fabriksherrn ſein werde. Da erſchien er ſelbſt jenſeits der Roſenhecke. Verſtört blickte ſein Auge ſie an. Er hielt eine Reitpeitſche in der Hand. Sein Anzug verrieth, daß er ſchon früh fort wollte. „Gut, daß Sie da ſind,“ ſagte er abgeriſſen.„Der Ingenieur, welcher Oſterhof's Bau leitet, hat mir wun⸗ derliche Botſchaften gebracht. Gehen Sie zu meinem Bruder— er wird Ihnen Alles mittheilen. Meine Zeit drängt. Ich will ſehen, was noch zu retten iſt! Der In⸗ genieur wartet meiner— er ſoll eine Aenderung in meiner Fabrik leiten und ich muß ihm meine Anſicht darüber klar machen. Leben Sie wohl, Giſela. Dem hellen Tage folgt ein trüber Morgen— Gott will nicht, daß der Menſch übermüthig träume— leben Sie wohl!“ „Wohin wollen Sie?“ fragte Giſela voller Be⸗ ſtürzung. Ihr wurde keine Antwort. Raſch war er fort⸗ geeilt. Fünftes Capitel. „Vorwärts! rief Ely und ſpornte ſein Pferd zu raſender Eile. Es iſt ein großer Unterſchied, im Jubel des Glückes der ſtrahlenden Morgenſonne entgegen zu reiten oder im Schatten der traurigen Furcht. Ely hatte noch nie einen eingetretenen Wankelmuth des Geſchickes ſo tief und ſchmerzlich empfunden, wie dieſen, den er nach einer Nacht voll beglückender Träume erfahren mußte. Ja. Auch er hatte der Zukunft mit glückſeliger Zu⸗ verſicht in's Antlitz geſchauet und von einem ſpäten, aber auch um ſo himmliſchern Glücke geträumt. Sein Erwa⸗ chen glich einer Ernüchterung, die im Rückblicke Seelen⸗ ſchmerzen bietet. „Vorwärts!“ rief er ſeinem treuen Roſſe zu, als er urch die üppig grünen Felder hinſprengte, um nur ſo bald wie möglich eine Ueberzeugung zu gewinnen, die 118 ſeinen Glauben an Menſchenehrlichkeit ſtark zu erſchüttern verſprach. Der Ingenieur, der Oſterhof's Bauunternehmung lei⸗ tete, hatte ihm ſoeben mitgetheilt, daß Herr Edmund Roſſian entweder das Opfer ſeiner eigenen Unvorſichtig⸗ keit oder ein Opfer räuberiſchen Anfalles geworden ſei. Warren, von der fürchterlichſten Angſt geſetzt, habe ihm aufgetragen Nachforſchungen in der Gegend von Glaubek anzuſtellen. Roſſian's Leiche ſei einige Meilen weiter unten aufgefunden, aber außer ſeiner ſehr koſtbaren Uhr und einer leeren Brieftaſche habe man nichts bei ihm entdeckt, obwohl er nach Warrens Berechnung eine außer⸗ ordentlich bedeutende Summe Geldes bei ſich getragen haben müſſe. „Alſo auch wahrſcheinlich die achttauſend Thaler, die er mir zu zahlen hatte!“ war Ely's Antwort auf des Ingenieur's Mittheilung geweſen. Dieſer Mann war darauf erſchrocken näher zu ihm herangetreten und hatte ihm zugeflüſtert: „Haben Sie Forderungen an die Firma Warren& Roſſian? Wenn das iſt, ſo eilen Sie ſich bezahlt zu ma⸗ chen, denn ich habe Gründe zu vermuthen, daß es ſchlimm mit dem Geſchäfte ſteht. Warren ſcheint auch zu fürch⸗ ten, daß durch Roſſian's unſeliges Ende Alles in Allarm gebracht werden könnte.“ —. — 119 Das Geld konnte ihm alſo verloren gehen. Von dieſem Gedanken aus umdüſterten ſich die Pläne für die Zukunft. Es war der erſte Verluſt, der ihn bedrohte. Ein bitterer Groll ſtieg in ihm auf, als er bedachte, was es ihm für Mühe, für Arbeit und Nachdenken gekoſtet hatte, um dieſe Summe zu erzielen, die ſeine ſtill geheg⸗ ten Wünſche krönen konnte. Mit dieſem Gelde hatte er ſich ein Wohnhaus, eine Stätte, worinrer endlich, dem Herbſte ſeines Lebens nahe, ein häusliches Glück zu finden hoffte, bauen wollen. Daß Giſela die Gebieterin dieſer einfa⸗ chen Stätte zu werden geneigt ſei, war ihm ſchon länger kein Geheimniß mehr. Ihre Seelen waren längſt in ein⸗ ander verſchmolzen. Ohne ein Wort mit ihr zu wechſeln, hatte ſie die Macht über ihn erhalten, ſeine Gedanken zu feſſeln. Nachdem ſie ſpäter im Hauſe ſeines Bruders in nähere Berührung mit ihm getreten war, hatte ſie Wünſche in ſeinem Herzen erregt, die er vernünftigerweiſe zuerſt zu bekämpfen ſuchte. Jetzt aber war er ſchon längere Zeit einig mit ſich geworden, daß ihr Glück mit dem ſeinigen zuſammenhing und daß ſie willig ſein Eigen werden würde, wenn er ſie darum bäte. Er hatte den Abend, welchen er dazu benutzte, ihre ge⸗ heimſten Anſichten hervorzulocken, als den Moment ihres gegenſeitigen Gelöbniſſes betrachtet— der Morgen nach dieſem Abende zeigte ſich dergeſtalt umwölkt, daß er frei⸗ 120 willig ſeine Pläne aufgab, wenn die drohenden Wolken ſich wirklich entladen ſollten. Viel raſcher, als man ſonſt dieſen Weg nach der Stadt zurücklegte, kam er bei Warren an und warf ſich von ſeinem dampfenden Pferde, ohne daß irgend ein Be⸗ wohner des Hauſes es zu bemerken ſchien. Es war kurz nach Mittag. Die Sonne lag brennend auf den Stra⸗ ßen und überall ſah man die Fenſtern von Rouleaux und Marquiſen geſchützt. Um ſo auffallender erſchien es Herrn Ely, daß Warren's Haus eine ſeltſame Vernach⸗ läſſigung, eine Oede und Schmuckloſigkeit aufwies, die nach Lyſanna's Beſchreibung nicht vorgewaltet hatte. Verwundert betrachtete er die Front des Hauſes. Alle Fenſter ſtanden offen. Gerade als ſei das Haus ausge⸗ ſtorben und von allen Bewohnern verlaſſen. Nur unten, zur rechten Seite des Einganges erblickte er rothe Damaſt⸗ gardinen mit verblichenen Troddeln. Dorthin beſchloß er ſich zu wenden. Nachdem er einen Burſchen herbeigerufen, der ſein erhitztes Pferd langſam hin und her zu führen im Stande war, trat er mit raſchem, energiſchem Klopfen ohne Wei⸗ teres in das Zimmer ein, das er für das Comptoir der Principale hielt. Bei ſeinem unerwarteten Eintritt erhob ſich Warren langſam vom Schreibtiſche und ſah ihn mit dem gewöhnlichen ſchläfrigen Blicke prüfend an. — 121 „Sie erkennen mich nicht!“ ſagte Herr Elias Kol⸗ trum raſch. Ein Schreck eigener Art ſchien den jungen Kaufmann zu durchrieſeln, ſeine Augen öffneten ſich zu⸗ ſehends und die Hand, welche er Ely zum Willkommen reichte, zitterte. Sichtlich bemüht ſeines unerwarteten Gaſtes Auf⸗ merkſamkeit von einer ſchon feſt verſchloſſenen kleinen Reiſe⸗ taſche, wie ſie von Geſchäftsreiſenden über die Schultern gehängt getragen wird, abzuziehen, bat er ihn Platz zu nehmen und gewann dann endlich ſo viel Faſſung, um ein Geſpräch anzuknüpfen. „Ein unerwarteter, aber lieber Beſuch,“ ſagte er freundlich, wenn gleich noch immer zerſtreut.„Es thut mir nur leid, daß ich Sie nicht ſogleich zu meiner Frau führen kann— aber Emma iſt ſeit vierzehn Tagen ſchon verreiſt— der Doctor verordnete ihr eine Cur— ihre Bruſt iſt angegriffen— er fürchtet für ihre Lungen.“ „Mein Beſuch gilt heute nur dem Geſchäftsmanne, liebſter Warren,“ unterbrach Ely ſeine Rede, die in einem gleichgültig leiernden Tone geſprochen worden war.„Was iſt an dem Gerüchte, das ſich verbreitet hat? Wiſſen Sie ſchon etwas Näheres über Roſſian's räthſelhaf⸗ ten Tod?“ Ein verächtliches Lächeln gab ihm Antwort, ſonſt nichts. 2A 122 „Man ſpricht davon, daß Ihnen aus dieſer Bege⸗ benheit ſchweres Unglück erwachſen könne— man ſpricht von Verlegenheiten, die Sie ſtürzen könnten.“ Warren ließ ſeinen Blick mechaniſch zur Erde ſinken. „Da übertreibt man,“ ſagte er kalt. „Das freut mich um Ihretwegen, aber auch um mei⸗ ner ſelbſt willen.“ Warrens Augenlider zuckten, als wollten ſie raſch in die Höhe gehen. Er bezähmte jedoch die Wallung, die ihn dazu gebracht, und wiederholte:„Um Ihrer ſelbſt willen?“ „Ja. Dann wird Ihnen meine Forderung nicht läſtig fallen,“ antwortete Ely raſch, als dränge es ihn eine läſtige Sache zu beſeitigen. Jetzt fuhren aber die ſtets geſenkten Augenlieder Warrens raſch in die Höhe und er ſah Herrn Koltrum mit ſehr weit aufgeriſſenen Augen an. „Haben Sie denn Forderungen an uns? Daß ich nicht wüßte, Herr Koltrum!“ Ely nahm die Papiere aus der Brieftaſche, die ſei⸗ nen Anſpruch feſtſtellten und reichte ſie ihm zur Durch⸗ ſicht, dabei bemerkend, daß er vermuthen müſſe, Roſſian's Anweſenheit in dortiger Gegend hätte damit zuſammen⸗ gehangen. Er bemerkte zu ſeiner Verwunderung ein großes Staunen in Warren's Mienenſpiel bei der Beſich⸗ tigung und dies Staunen machte ſich denn auch Luft in » — —— 123 dem ärgerlichen Ausrufe:„Das iſt gewiß wieder eines jener verdammten Schwindelgeſchäfte, die Roſſian auf eigene Rechnung unternahm. Ich kann Ihnen, gottlob nachweiſen, daß nicht ein Loth Zucker in unſern Büchern ſteht, geſchweige denn Hunderte von Centnern. Herr Koltrum— Sie thun mir aufrichtig leid— „Ich verſtehe das nicht!“ ſagte Ely ſtreng und her⸗ ausfordernd.„Sehen Sie die Unterſchrift— iſt das die Unterſchrift eines Einzelnen der Aſſociés? Da ſteht „Warren& Roſſian.“ „Es thut mir wahrhaftig ſehr, ſehr leid,“ wendete Warren ſichtlich betroffen und ängſtlich ein.„Hätten Sie nur ein einzig Mal privatim an mich geſchrieben— aber⸗—“ er ſprach plötzlich ſchneller und griff nach ſeiner Uhr— ich hoffe, mein Herr, daß ſich noch Alles zum Guten für Sie wendet. Roſſian's Tod iſt ja noch gar nicht bewieſen— und dann— Sie haben in der Reſidenz verkauft— wollen Sie nicht den Zwiſchen⸗ händler Markmann um Nachricht bitten. Vielleicht hat der das Geld noch nicht an Roſſian abgehen laſſen. „Wie hängt die Nachricht vom Tode Roſſian's und von einer Beraubung desſelben zuſammen?“ fragte Kol⸗ trum, ohne die Unruhe Warren's im mindeſten zu re⸗ ſpectiren. „Es iſt gewiß nur ein leeres Geſchwätz,“ ſagte War⸗ ren beruhigend in ſehr treuherzigem Tone, dem Ely frü⸗ her volles Vertrauen geſchenkt haben würde. Durch die Erkenntniß ſehr mangelhafter Redlichkeit im Geſchäfte Warren& Comp. gewarnt, ſagte er ſehr beſtimmt:„Mag dies Gerücht nun wahr oder nur erfunden ſein, die Leute zu ſchrecken und⸗ anderweite Verluſte zu decken, ſo wun⸗ dert mich doch vor allen Dingen, daß in einer Handels⸗ verbindung Jeder für ſich Geſchäfte machen darf, ohne für die Folgen, reſpective für die Zahlung zu haften.“ „Es iſt auch nicht in der Ordnung!“ fuhr Warren heftig auf. Was habe ich gewarnt, wie oft habe ich ge⸗ zuͤrnt, wie oft gedrohet unſere Verbindung zu löſen!“ Uebrigens iſt Ihr Geld wahrſcheinlich noch zu retten, oder wenigſtens der Zucker. Ich habe das Syſtem Roſ⸗ ſian's durchſchauet. Er verkauft nur in kleinen Partien, um gleich Zahlung zu haben. Reiſen Sie ſchleunigſt nach der Reſidenz. Vielleicht daß Sie die Hälfte retten von dem, was Sie verloren geben müſſen.“ „Ich weiß nicht, ob ich irgend etwas verloren muß, ſo lange Ihre Firma beſteht,“ antwortete Ely trocken. „Sie ſind mir aber die genauen Angaben über Roſſian's vermeintlichen Tod noch ſchuldig geblieben.“ „Mein Gott,“ rief Warren ungeduldig,„ich weiß ſelbſt nichts Genaueres und bin von Sorge und Angſt ziemlich verwirrt. Meine Geſchäfte erheiſchen eine Reiſe 125 in dieſer Angelegenheit. Roſſian war derjenige, welcher außerhalb unſere Firma vertrat. Ich muß nothwendig zu erforſchen ſuchen, ob er eineaſſirt hat. Ich muß hin, um die Uhr und die Brieftaſche zu recognoſciren, die bei der Leiche eines Mannes aufgefunden ſein ſollen.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen einen Umſtand mitzu⸗ theilen, der Sie auf eine Spur zu leiten vermag. Roſ ſian iſt vor mehreren Tagen in Glaubek geweſen und hat in narrenhafter Manier das Intereſſe Lyſanna's durch einen Sturz in's Waſſer zu wecken verſucht.“ Warren ſah frappirt in die Höhe.„Roſſian— in Glaubek?“ murmelte er. „Ja, in Glaubek! Ich nahm ſeine Anweſenheit na⸗ türlich als einen Beweis, daß er mir mein Geld bringen würde. Statt deſſen verſchwand er nach dem kleinen mißglückten Kunſtſtücke. Der Tag, an dem er, wie er mir hier“— er deutete auf einen Brief—„ſchriftlich anzeigte, bei mir eintreffen zu wollen, iſt längſt vor⸗ über—⸗ „Und Sie glauben, Roſſian habe nur Komödie ge⸗ ſpielt? Er habe nur eine Scene machen wollen? „Davon bin ich überzeugt, denn Volkmar Oſterhof, der ihn, im Wahne, er ſei verunglückt, zu retten eilte, verſichert, daß Roſſian ein vortrefflicher Schwimmer und Taucher ſei.“ ————— 126 „Roſſian kann ſchwimmen? Wiſſen Sie das ge⸗ wiß?“ fragte Warren ſonderbar kalt. Als Ely dieſe Frage mit Beſtimmtheit bejahte, fuhr er fort: „Jetzt fange ich an zu begreifen! Die Komödie begann in Glaubek und endete in dem Fiſcherdorfe Ben⸗ genau. Wie weit iſt Bengenau von Glaubek entfernt?“ „Wer den Weg und Steg am Fluſſe kennt, kann Bengenau von Glaubek aus in anderthalb Stunden er⸗ reichen. Für gewöhnlich rechnet man es zwei Meilen.“ Ich gebe Ihnen jetzt die Verſicherung, daß Roſſian nicht todt iſt, ſondern die Nachricht ſeines Todes aus wichtigen Gründen ſelbſt verbreitet hat. Roſſian iſt ein Schurke, der mich elend gemacht, der mich demoraliſirt hat— ſein letzter Streich war der niederträchtigſte— und ich konnte noch zweifeln, ich konnte noch wünſchen, daß er nicht verunglückt ſein möchte! O, was auch fer⸗ ner noch geſchehen möge, lieber Herr, richten Sie nicht ſo ſtreng über mich.“ Er zog eine Schublade auf und nahm einen ſehr groß gefalteten Brief hervor.„Leſen Sie. Es iſt der Bericht des Predigers in Bengenau über den unerklärlichen Vorfall, der das ganze Dorf in Allarm geſetzt hat. Leſen Sie! Sie werden dann eben ſo gut begreifen, wie ich, daß eine Farce geſpielt worden iſt, die mit Ueberlegung in Glaubek begonnen wurde. 127 Was Ihnen unbegreiflich dabei bleiben ſollte, das ſuchen Sie durch Roſſian's Hang zum Abenteuerlichen zu ent⸗ räthſeln.“ Ely ſetzte ſich zurecht, um den ſehr langen, etwas ſalbungsvollen Brief gründlich zu ſtudiren. Warren be⸗ ſchäftigte ſich noch einige Minuten an ſeinem Schreib⸗ bureau, nahm ganz unbemerkt die dort liegende Reiſetaſche unter den Arm und verließ das Zimmer mit dem gleich⸗ gültigen Weſen eines Menſchen, der gleich wieder zu kommen gedenkt. Ely aber las mit ſteigender Begierde den Bericht des Bengenauer Geiſtlichen, der nach vielen religiöſen Tröſtungen zu erzählen begann, wie folgt: „Es war an einem Abende, wie ſie Gott zu ſchaffen „liebt, um ſeine Kinder auf der Erde zu beglücken, als „ich mit den Meinigen vor dem Pfarrhauſe unter der „Linde ſaß. Meine beiden Knaben baten um Erlaub⸗ miß nach dem Stromufer gehen zu dürfen. Ich ſchärfte „ihnen ein vorſichtig zu ſein und nicht zu ſpät wieder „zu kommen. Die Sonne war nämlich im Sinken „und dann wurde es einſam am Strande. Keine „Viertelſtunde ſpäter kommen meine Knaben athemlos „wieder angelaufen. Der Aelteſte, ein achtjähriger „Junge von großer Begabung, der ernſt und vernünf⸗ „tig in die Welt blickt, hielt eine prächtige uhr mit Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 128 „goldener Kette in der rechten und eine Brieftaſche in „der linken Hand. Schon von ferne ſchrie der Jün⸗ „gere uns zu, daß eine Leiche am Ufer liege! Erſchrok⸗ „ken ſtand ich auf und ging ihnen entgegen. Der „Aelteſte begann dann eine Erzählung, woraus hervorging, „daß ein Mann, deſſen Kleider triefend naß geweſen „ſeien, durch das Ufergebüſch ſich durchgearbeitet habe, „und gerade auf ſie zugeſchritten ſei. In ſeiner Hand „hatte dieſer Mann die beiden Gegenſtände getragen „und die Kinder ſehr haſtig gefragt, ob ſie des Paſto⸗ „ren Kinder ſeien. Auf Bejahung dieſer Frage hatte „er dem Aelteſten die Sachen übergeben, ihm einge⸗ „ſchärft, dieſelben ſogleich ſeinem Vater zu überbringen „und dieſem mitzutheilen, daß eine Leiche am Ufer „liege, der er vorſichtigerweiſe dieſe Gegenſtände abge⸗ „nommen. Er hatte eilfertig und ſchon im Weggehen „begriffen, hinzugefügt, daß er ſelbſt beinah ſein Leben „gewagt, weil er geglaubt habe, daß noch Leben in „dem Manne geweſen, der in der Strömung aufge⸗ „taucht ſei. Nach dieſen Worten war er im Gebüſche „wieder verſchwunden. „Ich betrachtete die Brieftaſche, ſchlug ſie auf und „blätterte darin, während meine Frau die Uhr von allen „Seiten beſichtigte. Es wurde uns ſogleich klar, daß „hier ein Mann von Stande verunglückt ſein müſſe und 129 „da die Angehörigen ſolcher Leute ſtets ein gutes Ho⸗ zmorar für die Auffindung der Leiche zu zahlen pflegen, „ſo machten ſich einige der zunächſt wohnenden Fiſcher „ſogleich auf, um die Leiche in's Dorf zu holen. Mein „Aelteſter begleitete ſie als Führer zu der Stelle, wo „der Fremde durch's Gebüſch ſich Bahn gebrochen hatte. „Es war mittlerweile dunkler geworden, aber Menſchen, „die des Weges kundig und mit dem Ufer eines Stro⸗ „mes vertraut waren, konnten immerhin das Chriſten⸗ „werk noch ausführen. Sie kamen aber unverrichteter „Sache zurück. Nirgends eine Leiche. Weit hin warFe „ſie gegangen, auf und ab am kieſigen Ufer— nirgends „eine Spur. Im Weidengeſträuch hatten ſie geſucht. „Vergebens. Am nächſten Morgen mit dem erſten Licht⸗ „ſtrahle gingen die Männer wieder zur bezeichneten „Stelle, um ſich den Verdienſt von Andern, die des „Weges daher kommen konnten, nicht ſchmälern zu laſſen. „Ihr Suchen hatte keinen andern Erfolg, wie am Abend „zuvor. Nun blieb nichts Anderes übrig, als die Ver⸗ „muthung, daß von andern Dörfern her der Zufall „Menſchen dahin geführt haben konnte, die ſich den „Finderlohn nicht entgehen laſſen wollten und deshalb „ſogleich mit der Fortſchaffung der aufgefundenen Leiche „geeilt hatten. Auch Nachforſchungen über dieſe Ver⸗ „muthung führten zu keinem Reſultate. So weh es mir 9 130 „thut, ſo muß ich doch nun geſtehen, daß keine andere „Möglichkeit vorliegt, als eine Unredlichkeit eines Dorf⸗ „bewohners. Von dem guten Anzuge des Ertrunkenen „verlockt, muß irgend Jemand den Vandalismus aus⸗ „geführt haben, die Leiche zu entkleiden und ſie ſo den „Wellen wieder preiszugeben. Ueber der Sache ruht „alſo ein Schleier, der nur durch Gottes Macht ge⸗ „lüftet werden kann. Was die abgelieferten Gegenſtände „betrifft, ſo fand ich in der ſonſt ganz leeren Brief⸗ „taſche, deren Blätter nur mit einigen Berechnungen „beſchrieben waren, ein Couvert in der Deckeltaſche, das „an einen Herrn Edmund Roſſian lautete. Da ich durch ‚einen Freund erfuhr, daß in der Stadt.... eine „Handlung„Warren& Roſſian“ exiſtire, ſo beſchloß „ich, mich an dieſe Handlung zu wenden. Vielleicht daß ves derſelben möglich ſei, über die verſchwundene Per⸗ „ſönlichkeit, der die aufgefundenen Sachen gehörten, „Auskunft zu ertheilen und den Erben namhaft zu „machen, wo ſie ſich die Uhr, die ſehr werthvoll iſt, „abzufordern haben. Sonderbar erſcheint es, daß auch „der Mann, der ſie abgeliefert hat, durchaus nicht zu „ermitteln iſt. Mein Aelteſter behauptet, es ſei ein jun⸗ „ger, ſehr gut gekleideter Mann geweſen, aber ſein jün⸗ „gerer Bruder beſtreitet dies mit großem Eigenſinn und „ſagt:„der Fremde war graubärtig und zottelig“ In 131 „dieſem Widerſpruche liegt eine Erſchwerung zur Er⸗ „mittelung desſelben. Man weißanicht, ſoll man jungen „oder alten Wanderern nachforſchen, die an dem frag⸗ „lichen Abende des Weges dahergekommen ſein könn⸗ „ten. Der Umſtand thäte am Ende auch nichts zur „Sache, denn dieſer Mann hat ſeine Chriſtenpflichten „im weiteſten Sinne der Moral erfüllt. Er hat ehrlich „das Werthvolle, das geraubt werden konnte, in meine „Hände liefern laſſen. Ich muß nun jede weitere Maß⸗ „regel den Herren Warren& Roſſian überantworten „und bitte darum, daß man mir ſo bald wie möglich „Nachricht darüber zukommen laſſe.———“* So weit hatte Ely Koltrum geleſen, da jetzt der gute Pfarrer von Bengenau ſich wieder in chriſtlich re⸗ ligiöſe und moraliſche Betrachtungen über den vorlie⸗ genden Fall verlor, ſo ſchlug er den Brief zu und rief, ohne aufzuſehen: „Das iſt die kurioſeſte Geſchichte, die mir je in meinem Leben vorgekommen, Warrenl was aber berech⸗ tigt Sie denn zu erklären, daß die Komödie in Glaubek begonnen und in Glaubek beendet iſt?“. Er erhielt keine Antwort. Verwundert blickte er nun um ſich. Er befand ſich allein im Zimmer. Warren, deſſen erinnerte er ſich dunkel, hatte ihn verlaſſen. Er hatte keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er auch wieder⸗ 13² kommen werde. Still grübelnd lehnte er ſich bequem in die Kiſſen des Diwan's und wartete. Seine Gedanken gingen zu dem Geſpräche mit Warren zurück. Was die⸗ ſen Herrn zu einem Verdachte gegen Roſſian im vor⸗ liegenden Falle bewog, faßte er nicht. So klug, ſo in⸗ telligent, ſo ſcharf beurtheilend und geiſtig befähigt auch Ely Koltrum war, für Schlauheit und Schwindel zeigte er ſich zu redlich dumm. Ihm fehlte aber auch die nöthige Kenntniß von Roſſian's Charakter. Nach ſeiner Einſicht kam es hier nur darauf an, feſtzuſtellen, erſtens, ob die Uhr und die Brieftaſche Roſſian gehört hatten und zwei⸗ tens, ob Roſſian noch am Leben ſei. Er trennte im Geiſte die beiden Perſönlichkeiten, welche im Berichte des Geiſtlichen auftraten. Der Fremde, der die Sachen abgeliefert, konnte doch wahrlich nicht derjenige ſein, dem ſie gehörten. Nicht im Entfernteſten fiel ihm die Möglichkeit ein, daß Warren dergleichen Unſinn glauben könne. Hätte er gewußt, was für Gründe Warren für ſeinen ſtillen Glauben aufzuweiſen hatte, ſo würde er bald eine gleiche Ueberzeugung gewonnen haben. Längſt einig mit einander, ſich durch einen betrü⸗ geriſchen Bankerott aus der Klemme zu ziehen, worin ſie ſchon ſeit Jahresfriſt ſteckten; längſt vorbereitet auf die Idee, nach Eincaſſirung ſo vieler Gelder, wie nur zu be⸗ ſchaffen waren, eines Tages zu verſchwinden, um ſich in Philadelphia unter verändertem Namen wieder zu treffen und ein ſchon vorbereitetes Geſchäft mitſammen zu be⸗ gründen, bedurfte es bei Warren zuerſt nur der Ab⸗ weichung Roſſian's vom urſprünglichen Plane, um ihn zu verwirren und beſorgt zu machen. Als aber aus Ely Koltrum's treuherziger Mittheilung hervorging, daß es wirklich Roſſian und kein Anderer geweſen ſei, der im oder am Waſſerſtrome verſchwunden, da wußte Warren, daß Roſſian ſelbſt das Gerücht von ſeinem Tode zu verbreiten geſucht und nicht ohne Abſicht die leere Brief⸗ taſche zurückgelaſſen hatte. Warren allein verſtand die hämiſche Schadenfreude, womit Roſſian ſeinen Trumpf ausgeſpielt hatte. Die bei Weitem größere Hälfte des be⸗ ſtimmten Geldes befand ſich zur Zeit in ſeinem Beſitze. Daß er es vorzog, damit verſchwinden und ſich als todt betrachten laſſen zu wollen, verrieth ſeinen Abfall von ihm. Schon am Morgen, von Ahnungen beſtürmt, hatte Warren beſchloſſen, ſchleunig ſeine eigene Abreiſe in's Werk zu ſetzen. Es war ihm gelungen ſeine Caſſe we⸗ nigſtens ſo weit zu vervollſtändigen, daß er nicht ganz mittellos in die weite Welt ging. Er hatte ſeiner Frau, der er herzlich zugethan war, Nachricht gegeben, daß ſie nach England gehen ſolle, was um ſo leichter zu be⸗ werkſtelligen war, da ſie mit einer engliſchen Familie in 134 der Penſion zu Genf Freundſchaft geſchloſſen hatte. Ob er ſie dort erwarten werde, war klugerweiſe nicht geſagt worden. Nachdem dieſer Brief beſorgt war, ſchritt er leichten Herzens zur Ausführung ſeiner anderweit nöthigen Maßregeln. Er packte ſeine Werthpapiere ein und machte ſich fertig mit dem nächſten Eiſenbahnzug fortzufliegen. Da kam Herr Elias Koltrum und ſtörte ſeinen Plan. Eine unbezwingliche Angſt ergriff ihn. Es war ihm zu Muthe, als ſtänden die Rachegeiſter auf und machten Miene ihn in Noth und Elend, in Schmach und Schande zu ſtürzen. Wenn er nur fort wäre— nur fort aus dem Zimmer! Bei jedem Worte, das er ſelbſt ſprach, bei jedem Worte, das er hören mußte, tönte es wie Geiſterruf um ihn,„nur fort! fort! fort!“ Herr Elias Koltrum wartete geduldig ziemlich lange darauf, daß Warren wieder zu ihm eintreten ſollte. Als es nicht geſchah, erhob er ſich, vom ſcharfen Ritte er⸗ müdet, ſchwerfällig und ging einige Male im Zimmer auf und nieder. Die Zeit verrann. Minute an Minute verfloß— Warren erſchien nicht. Aergerlich über die Ungezogenheit des Kaufmannes öffnete er endlich die Thür und ſchaute hinaus. Alles öde— Alles ſtill. Nicht die kleinſte Spur von dem Leben, das ſonſt in Handlungs⸗ häuſern zu bemerken iſt. Verwundert trat Ely Koltrum in den Flur. 135 Kein Menſch zu hören und zu ſehen. Er ging nach dem Hofe hinaus. Ein übler Duft von Seife, Oel und Wagenſchmier drang ihm in die Naſe. Der Hof ſah ſchmierig und unordentlich aus. Strohüberreſte, alte Kiſten, Kruken, zerbrochene Flaſchen, Papierſchnitzeln u. ſ. w. hatten ſich dergeſtalt angehäuft, daß der Weg da⸗ durch unſicher geworden war. Kopfſchüttelnd wendete ſich Ely ab und ging zurück. Sein Blick fiel auf die Thür des Comtoirs. In der Hoffnung dort Jemand zu finden, eilte er die Comtoirthür zu öffnen. Ein eigner Anblick wartete ſeiner. Da ſaß der alte Buchhalter an ſeinem Schreibpulte, die Hände ſtützten ſeinen Kopf, die Feder lag quer über einem Buche, das geſchloſſen war und die Augen ſtarrten in dummer Verwunderung den Eintreten⸗ den an. Seitwärts hockte ein junger Burſche auf einer verkehrt geſtellten Kiſte. Seine Hände umſchloſſen die Knie und ſein Haupt war auf die Bruſt geſenkt, als wäre er im Begriff ein Nachmittagsſchläfchen zu machen. Er nahm ſich nicht einmal die Mühe außzuſehen, als die Thür mit mehr Geräuſch geöffnet wurde, als er ge⸗ wohnt war. „Iſt Herr Warren nicht hier?“ fragte Koltrum barſch. Der alte Buchhalter ſchüttelte den Kopf ſo langſam, als koſte es ihm Anſtrengung ihn zu bewegen. 136 „Wo iſt denn Herr Warren?“ fuhr Koltrum böſe auf. „Drüben!“ antwortete der alte Mann ruhig. „Drüben iſt er nicht. Er hat das Zimmer verlaſſen. Wo mag er ſein? Suchen Sie ihn!“ Der Buchhalter rief den Arbeiter an. Dieſer hob ſeinen Kopf und glotzte den fremden Mann an, ußne ſeine bequeme Stellung aufzugeben. „Geh oben Fritz und ſieh, ob der Herr oben iſt!“ befahl der Buchhalter. Während deſſen machte Koltrum die Bemerkung, daß das Geſchäft flau zu gehen ſcheine. „Im Sommer immer,“ antwortete der Buchhalter mit philoſophiſcher Ruhe. Derr Arbeiter kam zurück und berichtete, daß oben „Alles zu“ ſei. „Mein Gott, ſo ſucht ihn! Ich muß noch miit ihm reden. Wie unverantwortlich ungezogen, mich warten zu laſſen!“ ſchalt der Fabrikherr. Der Arbeiter ſah den Buchhalter rathlos an und der Buchhalter regte ſich nicht. „Ich kann nichts thun, mein Herr,“ erwiederte er. „Herr Warren wird ſchon kommen, warten Sie nur ein wenig.“ 4¾ „Erwarten Sie ihn hier?“ fragte Ely, dem das Nichtsthun der Leute jetzt erſt auffiel. „Nein, mein Herr!“ ſagte der Buchhalter. „Was thun Sie denn hier?“ „Für jetzt— gar nichts!“ Der junge Arbeiter, im Begriff ſich wieder auf ſeinen Platz zu verfügen, ſchlug ein Schnippchen, lachte und ſetzte hinzu.„Für gar nichts bezahlt. Was geht's uns an. Um ſieben Uhr ſchließen wir zu und gehen nach Hauſe.“ Es tagte in Koltrum. Ein bitterer Groll überwallte ihn.„Ich werde gehen, um nicht länger den Narren des Herrn Spediteur Warren zu ſpielen. Aber— ſagen Sie ihm, daß ich von nun an des Geſetzes Macht in Anſpruch nehmen würde!“ Er verließ eilend das elende, ſchmutzige Comtoir, ſchritt hinüber in's andere Zimmer, nahm Reitpeitſche und Mütze, ſteckte ſeine Papiere und den Bericht des Pfarrers von Bengenau ein und ſprengte wenige Mi⸗ nuten ſpäter wieder zum Thore hinaus. Erſt draußen in der Vorſtadt ſtellte er ſein armes, müdes Pferd ein und begann dann kaltblütig zu überlegen, was zu thun ſei. Seeine Hoffnungen waren ungeheuer geſunken, ſeit er die Handlung der Herren Warren& Roſſian in ihrer gan⸗ zen Herrlichkeit zu bewundern Gelegenheit gehabt hatte. 138 Er fühlte, daß ihm das Geld verloren ſei. Ganz im Hintergrunde leuchtete lnoch die Hoffnung, die Warren ſelbſt erſt angefacht hatte. Es war möglich, daß der Zucker noch nicht ganz verkauft war. Die eigenartige Verſchleppung dieſes ganzen Handels unterſtützte die Gründe dafür. Er beſchloß alſo eine Reiſe in die Reſi⸗ denz. Nach den Angaben in Roſſian's Briefen konnte es ihm nicht ſchwer werden, die betreffenden Perſonen, die theils als Zwiſchenhändler, theils als Beſteller genannt waren, aufzufinden. Vor allen Dingen mußte er jedoch nach Haus. Der Ingenieur, welcher ihm eine weſentliche Veränderung in ſeinem Fabrikhauſe angerathen hatte, mußte erſt mit Vollmachten verſehen werden. Außerdem hatte er be⸗ ſchloſſen, den Bau des Wohnhauſes, das allmählig em⸗ porſtieg aus den Grundmauern, einzuſtellen, bis er die feſte Zuverſicht auf den diesjährigen Reinertrag, der ihm durch Roſſian verloren zu gehen drohete, wieder gewon⸗ nen hatte. Die Arbeiter konnten Beſchäftigung auf der Ziegelei finden. Sein Entſchluß, nichts an ſeinen äußern Verhältniſſen zu ändern bei der Ausſicht auf eine ſo herbe Einbuße, ſtand ſchon feſt, bevor er nur ordentlich darüber nachgedacht hatte. Seine Träume von häuslichem Glücke erloſchen, ohne daß er nöthig gehabt den Ernſt ſeines Willens zu ihrer Beſeitigung anzuwenden. Er war 139 aber erbittert über dieſe Heimſuchung, die keinen un⸗ ſchuldigern und rechtſchaffenern Menſchen hätte treffen können. Was hatte er nicht Alles beſchloſſen, was nicht Alles erdacht, was nicht Alles berechnet, was nicht Alles geordnet im ſchmeichelnden Traume einer ſchönen Zu⸗ kunft! Allmählig ſollte die Fabrik als ſein alleiniges Eigenthum auf ihn übergehen. Er wollte ſeines Bruders Anſprüche abzulöſen ſuchen, um, wenn Gott ihn noch mit Kindern ſegnen ſollte, dieſe als unabhängige Erben einſetzen zu können. Er wußte dann doch wenigſtens, für wen er ſeit zwanzig Jahren gewirkt und gearbeitet hatte. Lyſanna's Heirath mit dem reichen Oſterhof machte ſeinen Bruder gewiß geneigt, das Grundſtück nicht mehr ſo hoch anzuſchlagen, wie er es als das einzige Eriſtenzmittel des hübſchen Mädchens anſchlagen mußte. Einige Jahre der Einſchränkung und er ſtand unabhängig da. Stumm preßte er die Lippen zuſammen, als er daran zurückdachte. Ganz troſtlos war er jedoch nicht. Giſela blieb in ſeiner Nähe. Er wollte ihre Ruhe ehren, er wollte ſtill neben ihr weilen— war es nicht ein ſüßes Glück, von dieſem Weſen bemerkt, beobachtet und geehrt zu werden? Der ſicherſte Grundpfeiler ihres beiderſeitigen Friedens blieb die ruhige, auf Achtung gegründete Zuneigung, die ſie verband. Als Ely gegen Abend aufbrach, um heim zu reiten, 140 wählte er den Weg, der ihn über Bengenau führte. Er wollte ſich die Beweiſe eines Todes verſchaffen, an den er feſter glaubte, als Warren. Wer den Reiter, der ſo ſtattlich und ſchön auf ſei⸗ nem Roſſe dahin zu ſprengen pflegte, jetzt auf dem müden Pferde heimwärts ziehen ſah, der wußte es ohne Er⸗ klärung, daß ihm die ſpäten Blumen ſeines Lebens vor dem Erblühen geknickt waren. Ruhe thronte auf ſeiner Stirne, Ernſt leuchtete aus den dunkeln Augen, aber der Groll tilgte die Heiterkeit aus ſeinem ganzen Antlitze und prägte demſelben eine düſtere Entſchloſſenheit ein. Sechstes Capitel. Lyſanne war eine glückſelige Braut. In der voll⸗ ſtändigſten Sorgloſigkeit der Jugend fühlte ſie nur das Glück, von Volkmar geliebt zu werden, ohne daran zu denken, daß ſie dadurch den Ueberfluß des Reichthumes gewann. 8 Gerade dieſe Harmloſigkeit bewahrte ſie vor einer Schüchternheit und Zaghaftigkeit, welche einem Einver⸗ ſtändniſſe mit Volkmar’s Eltern Hemmniſſe in den Weg gelegt haben würden. Die Eleganz und der feine Geſchmack, womit ſich das junge Mädchen kleidete, bezauberte Frau Oſterhof förmlich, noch ehe ſie die Hoffnung hatte, ſie als Tochter in ihre Arme ſchließen zu können. Ihre Vorliebe für Alles, was vornehm ausſah, ſteigerte nach und nach das Verlangen, dieſe anmuthige, reizende Mädchengeſtalt als ihres Sohnes Gattin zu ſehen und als der Wunſch ganz unerwartet in Erfüllung ging, da war ihr Entzücken dar⸗ über geeignet, eine erſte Annäherung zwiſchen ihr und Lyſanna mit dem Scheine wahrhaft mütterlicher Zunei⸗ gung zu überkleiden. Aber das Wohlwollen entſprang aus Aeußerlichkeiten. Grund genug, um eine Haltbarkeit desſelben bezweifeln zu müſſen. Jedoch Lyſanna nahm es als Wahrheit und vergalt es in dieſem Sinne. Volk⸗ mar's Liebe begeiſterte ihn für den Augenblick ebenfalls zu ſtark, als daß er einen Zweifel an der Zärtlichkeit aufſteigen laſſen ſollte, womit ſeine Mama, bis zu Thrä⸗ nen erweicht, das Mädchen umfing. Beſſer, feſter und zuverläſſiger war Herr Karl Traugotts liebevoller Ernſt, der ſich bei dieſer erſten Annäherung zeigte. Er blickte wohlwollend in das ſchöne Geſicht des jungen Mädchens, welches ſeines Sohnes Weib werden wollte und als das holde Weſen in kindlicher Vertraulichkeit ihre zarten Lippen auf ſeinen bärtigen Mund drückte, da ſprang ein ganz bedeutendes Stück von der Eiskruſte ab, die der Bauern⸗ ſtolz über ſein Herz gelegt. Spät Abends trennten ſie ſich. Am Morgen war es der erſte Gang Karl Traugott's, dem weiſen Toby einen Beſuch zu machen und in alter, herkömmlicher Form um die Hand Lyſanna’s für ſeinen Sohn Volk⸗ mar zu freien. 143 Natürlich lief die Kunde von dieſem Ereigniſſe wie ein Lauffeuer von Hof zu Hof und das junge freudeſelige Brautpaar that das Mögliche, um durch Spaziergänge Arm in Arm der Verlobung Geltung zu verſchaffen. Nachmittags vereinigten ſich die Familien Oſterhof und Koltrum zum erſten Male unter dem Baldachin. Der Verſuch zu einer verwandtſchaftlichen Einigkeit ſollte gemacht werden. Dieſer Verſuch lief ſehr glücklich ab. Ely's kunſtſinnige Verſchönerung dieſes Plateau's impo⸗ nirte der Frau Oſterhof. Sie hatte bis dahin nie Ge⸗ legenheit gehabt und auch nicht geſucht, die Terraſſen zu beſteigen und ſie war, mit dörflicher Scheelſucht, die ſich ſtets in Verhöhnung wohlgefällt, bemüht geweſen, dieſe Koltrum'ſche Schöpfung lächerlich zu machen. Jetzt mußte ſie ſich ſelbſt eingeſtehen, daß man nichts Schöne⸗ res ſehen könne, als dies Plateau mit ſeinem Baldachin und ſeinen Leinwandwänden, die ſich nach Belieben ſchlie⸗ ßen und öffnen, aufrollen und herunterrollen ließen. Giſela's Anweſenheit that auch das Ihrige, um Frau Oſterhof's etwas geſchmackloſen Stolz zu befriedigen. Genug, ſie war zufrieden und betrachtete mit genügſa⸗ mer Laune die Partie ihres Sohnes als eine eben⸗ bürtige. Im Allemeinen herrſchte ein zwangloſer, freund⸗ licher Ton. Man bedauerte, daß Ely nicht zugegen ſei Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 10 144 und dies gab Herrn Toby Veranlaſſung zu bemerken, daß ſein armer Bruder auf dem Punkte ſtehe, nahe an achttauſend Thaler einzubüßen. Die Gleichgültigkeit, womit die alten Oſterhof's dieſe Nachricht aufnahmen, frappirte Giſela. Sie ſelbſt hatte bei Toby's Aufklärung über die ſchnelle Abreiſe des Fabriksherrn eine ſo tiefe und ſchmerzliche Theil⸗ nahme gefühlt, daß ſie Oſterhof's entweder für uner⸗ meßlich reich oder für ſehr herzlos halten mußte, um den Gleichmuth derſelben erklären zu können. Ihre Ge⸗ danken verfolgten Ely auf ſeinem Wege ſie litt mit un⸗ ter ſeinen Befürchtungen, weil ſie geſehen hatte, daß ſie im Stande geweſen waren, ſeine gewöhnliche Ruhe zu erſchüttern. Oft ſehnte ſie ſich, nur allein ſein zu kön⸗ nen und unwillkürlich drängte ſich ihr der Gedanke auf, daß Glaubek ſehr viel von ſeiner Anziehungskraft ver⸗ lieren würde, wenn Ely Koltrum nicht daſelbſt weile. In ſtummer Reſignation ſaß ſie bis ſpät in der Nacht am Fenſter ihres Zimmers und wartete des Huf⸗ ſchlages, der ſchon von fern her ſeine Ankunft verkün⸗ den konnte. Sie wartete vergeblich. Mitternacht war vorüber und Ely war noch nicht zurückgekehrt.— „Heute aber wird er kommen,“ ſagte Giſela froh bewegt, als ſie wieder im Morgenſtrahle ihren Garten betrat, um ihre neu entfalteten Blumen zu grüßen. 145 Ely war ſchon da und ſtand an der Roſenhecke. Mit einem Lauf des Entzückens eilte ſie nach der Stelle und reichte ihm über das Gebüſch hinweg die Hand. Er berührte ſie mit leiſem Drucke und ließ ſie ſogleich wieder fallen. Sein Auge blickte kalt und fremd auf ſie. Ein unendliches Erbarmen durchſchlich Giſela's Bruſt. „Armer Freund!“ flüſterte ſie. „So? Wiſſen Sie ſchon, daß Gott mich für meine thörichten Phantaſien geſtraft hat? 2“ fragte er ruhig. „Ihr Auge nur verrieth mir, daß Sie Urfache ha⸗ ben, traurig zu ſein,“ antwortete ſie ſanft. „Nun ja! Ich gleiche einem Menſchen, der auf⸗ wärts ſtrebte, der im Sonnenbrande nach dem Schat⸗ ten lechzte, welcher ihm ein ſüßes Ausruhen ver⸗ hieß. Ein kleiner Stoß warf mich wieder hinab, ſo daß ich die Kühlung des Schattens nur noch in weiter Ferne erblicke. Sie haben recht gehabt, mich vor Roſ⸗ ſian zu warnen— es war nur zu ſpät. Zu ſpät! Zu ſpät! Giſela— es iſt Alles zu ſpät— ich will ge⸗ duldig ſein und mich meiner Arbeit weihen.“ Giſela wagte es nicht, ihm abermals die Hand zu reichen, aber ſie ſah ihn feſt und mit tiefer Zärtlichkeit an, als ſie doppelſinnig fragte: 10* 146 „Was haben Sie denn verloren, was ſich nicht er⸗ ſetzen ließe?“ „Ich habe den Glauben an Menſchenredlichkeit ver⸗ loren— ich habe Gottes Gerechtigkeit bezweifeln ge⸗ lernt! Roſſian iſt ein Schurke, wie es hoffentlich kei⸗ nen zweiten giebt. Sein ganzes Leben eine Lüge und ſein Tod desgleichen. „Alſo er lebt— er iſt nicht ertrunken— haben Sie ihn geſprochen— haben Sie Hoffnung—“ Ely hatte während dieſen ſehr haſtig hervorgeſtoßenen Fragen eine Brieftaſche und eine Uhr hervorgeholt. „Erkennen Sie dieſe Sachen als Eigenthum Roſ. ſian's?“ fragte er. „Die Uhrkette ganz gewiß!“ rief Giſela nach dem erſten Blicke darauf. Es exiſtirt ſicherlich nicht eine zweite Uhrkette hier in der Gegend. Er war ſtolz darauf, ſie zu haben und hatte ſie ſich nach eigener Angabe in einer ſüdlichen Stadt, die berühmt wegen ihrer Goldarbeiten iſt, anfertigen laſſen. Die Brieftaſche kann ich nicht re⸗ cognosciren.“ „Sie kennen aber Roſſian's Handſchrift?“ „Nein. Ich habe nie Gelegenheit gehabt, etwas Geſchriebenes von ihm zu ſehen.“ Ely nahm einen Brief aus der Taſche, ſchlug ihn auf und legte ein Couvert, das er aus der Brieftaſche 147 zog, gegen die Unterſchrift. Alles das that er ganz ruhig. „Vergleichen Sie dieſe beiden Handſchriften?“ ſagte er, ſich über die Roſenhecke beugend. „Das hat ein und dieſelbe Hand geſchrieben,“ er⸗ klärte Giſela beſtimmt. „Das glaube ich auch,“ erwiederte Ely,„und da die Brieftaſche keine Spuren an ſich trug, daß ſie lange Zeit in völlig mit Waſſer getränkten Kleidern geſteckt hätte, ſo ſchloß ich, daß Roſſian gar nicht weiter im Waſſer gelegen hatte, wie hier, wo er unzeitig von Oſter⸗ hof gerettet wurde. Er wollte hier, aus Unvorſichtigkeit verunglückt, zu verſchwinden ſuchen. Als es mißlang, rannte er am Ufer entlang und benutzte das Zuſammen⸗ treffen mit den Knaben des Bengenauer Geiſtlichen, um ſeinen vermeintlichen Tod anzuzeigen.“ Aber weshalb das Alles?“ „Weshalb? Einen Todten verfolgt man nicht mit Steckbriefen! Ich komme direct von Bengenau, wo ich meines armen Pferdes wegen die Gaſtfreundſchaft des Pfarrers annehmen mußte. Es iſt mir gelungen, aus der Beſchreibung des älteſten Knaben, dem die Sachen am Strande übergeben wurden, Roſſian auf das Be⸗ ſtimmteſte zu erkennen. Sie können meine Gewißheit 148 vervollſtändigen, wenn Sie ſich zu erinnern vermögen, was für Kleider Roſſian getragen—“ „Ganz genau erinnere ich mich. Weite, graue Pan⸗ talons, wie ſie jetzt Mode ſind und eine kurze, ſehr enge Joppe von gleicher Farbe und von gleichem Stoffe.“ Der Anzug ſieht malpropre aus— lodderig, wie der kleine Pfarrerknabe ſagt?“ „Sehr lodderig— ſehr unfein, obſchon die Schnei⸗ der ihn als fein anpreiſen.“ „Dann habe ich mich alſo nicht geirrt! Roſſian iſt flüchtig geworden mit bedeutenden Summen. Er hat jede Verfolgung im Keime zu erſticken geſucht. Zuerſt benutzte er die gewöhnliche Schreckhaftigkeit eines Mäd⸗ chens, weil er Hilfe nicht nahe glaubte. Er würde ruhig irgendwo an's Ufer geſchwommen und verſchwunden ſein, wenn Volkmars Fauſt ihn nicht an's Land befördert hätte. Der zweite Verſuch koſtete ihm ein Opfer. Um ſeinen Tod glaublich zu machen, entäußerte er ſich ſeiner Uhr und gab ſeine Adreſſe an.“ „Abſcheulich! Schlimmer, ſchlauer, als ich je ge⸗ dacht habe!“ rief Giſela ſchaudernd. „Jetzt will ich meinem Bruder Nachricht geben,“ fügte Ely ſchnell abbrechend hinzu.„Ich muß ſchleunig nach der Reſidenz. Wahrſcheinlich iſt meine Reiſe vergeblich, al⸗ 149 lein ich will Alles verſuchen— leben Sie wohl— in acht Tagen hoffe ich zurück zu ſein.“— Giſela ſah ihm ſchmerzlich aufgeregt nach.„So kalt! So vollkommen reſignirt! Ich weiß aber den⸗ noch, daß meine Gegenwart ihm ein Troſt, daß meine Nähe ihm eine Nothwendigkeit geworden iſt! Acht Tage — eine lange Reihe von trüben Stunden— acht Tage wird mir Glaubek ſo öde und wüſt ſein, wie mein frü— heres Leben.“— Aber die trübſten und langweiligſten Stunden ver⸗ gehen zuletzt und wenn man feſt entſchloſſen einer trü⸗ ben Gegenwart in's Auge blickt, allen Illuſionen Valet ſagend, dann erwacht die Geduld um ſo eher und trö⸗ ſtender in uns. Giſela gehörte überhaupt nicht zu denen, die mit bitterer Beredtſamkeit das Schickſal anklagen, wenn ſich die Zukunft, die ſie frei von Wolken wähnten, plötzlich mit Schleiern umzieht. Sie murrte nie gegen das, was man als Verhängniß zu betrachten geneigt iſt. Sie war ſtets mehr auf Leid, als auf Freude gefaßt. Aber ſie zügelte auch ſelbſt Ausbrüche der Freude mit derſelben Kraft, wie Ausbrüche des Schmerzes, um das Gleichge⸗ wiicht ihrer Seelenſtimmung zu bewahren. Wie wenige Frauen üben dieſe ſchwere Kunſt, die ihre Herrſchaft eh⸗ renwerther ſichern würde, als die Schwäche der Liebens⸗ 150 würdigkeit, womit ſie die geiſtige Kraft des Mannes in Anſpruch nehmen. Giſela war der Geiſteskraft Ely's ebenbürtig. Sie ergänzten ſich gegenſeitig. Was bei ihm die Energie ſeines Charakters bewältigte, das be⸗ werkſtelligte bei ihr auf ſanftere Art die Geduld.— Der Sommer entfaltete ſeine Wärmekraft zur Pein der Menſchen. Dennoch war Alles geſchäftig auf den Feldern von der Morgenſonne bis zur Abendſonne. Die Wieſen am Strome waren gemähet und der Duft des friſchen, blumigen Heues drang, balſamiſche Erquickung aushauchend, bis zur Terraſſe hinauf. In Liebesluſt und Fröhlichkeit beobachtete Lyſanna, mit einem Fernrohre bewaffnet, den Fortſchritt des Baues, der nun ſchon gar nicht mehr anders genannt wurde, als die Tuilerien. Lyſanna beobachtete aber auch die Schritte Volkmar's und zählte eifrig die Minuten, bis er bei ihr ſein würde. „Die Glückliche!“ dachte Giſela, mit glänzenden Au⸗ gen ihrem Thun und Triben zuſchauend. Kannſt Du es begreifen, Giſela,“ ſagte das Mäd⸗ chen ſo plötzlich, als hätte ſie in der Seele der Freun⸗ din geleſen,„wie man ſo glücklich werden kann durch die Liebe zu einem Manne?“ „O ja,“ war Giſela's leiſe Antwort.„Ich ſehe es ja an Dir!“ 151 * „Schelmin!“ ſchalt Lyſanna lachend.„Ich meine, ob Du nicht weißt, wie es möglich iſt, daß man einen Mann ſo über Alles lieb gewinnen kann.“ „Dies Myſterium gehört zu den Naturnothwendig⸗ keiten,“ antwortete jetzt weiſen Tones ihr Vater. Ly⸗ ſanna wurde roth und entſprang, um allen Auseinander⸗ ſetzungen über die Naturnothwendigkeit zu entgehen. Sie ſah Volkmars Vater auf dem Wege daherſchreiten und eilte ihm entgegen. Arm in Arm mit ihm trat ſie wie⸗ der unter den Baldachin. Zwiſchen dieſen beiden Men⸗ ſchen hatte ſich während weniger Tage ein vollkommenes Zutrauen entwickelt. Lyſanna ſchmiegte ſich dem ehrba⸗ ren Herrn Traugott mit derſelben Kindlichkeit an, wie ihrem Vater und Herr Karl Traugott wendete ſein Herz mit derſelben ſtillen Treuherzigkeit der neuen Tochter zu, wie ſeinem Sohne. Seine erſte Frage betraf heute die Rückkehr Ely's. „Iſt er noch nicht heim?“ fragte er etwas beeilt.„Nun — dieſe Reiſe hätte er ſich ſparen können. Warren& Roſſian hat aufgehört. Die beiden Herren haben zur rechten Zeit die Thüren geſchloſſen.“ „Wie? bankerott? Warren—!“ rief Lyſanna ſehr erſchreckt von dieſer Andeutung. „Bankerott— das iſt gar nichts geſagt. Alles leer! Zerbrochene Kiſten, alte Gläſer, ſchmutzige Kruken, 15² unbrauchbares Stroh und Heu— das haben die Gläu⸗ biger zu ihrem Schrecken vorgefunden, als ſie vorgeſtern das Haus geſtürmt.“ Starr vor Schreck ſtand Lyſanna vor ihm. Giſela lächelte bitter. Sie gedachte zuerſt des armen Ely, der im Schweiße ſeines Angeſichtes das verdient und erwor⸗ ben hatte, was in dieſem ſcheußlichen Bankerott verloren ging. „Und Warren? Und Emma?“ fragte Lyſanna zit⸗ ternd.. „Sind wahrſcheinlich längſt in Sicherheit! Warren iſt entflohen, nachdem er Wechſel aller Arten, echte und falſche, zu Gelde gemacht und ſeine Frau iſt ſchon längſt fort geweſen. Wohin? das weiß Niemand! Steck⸗ briefe fliegen im Lande umher— Roſſian's Tod wird ſtark bezweifelt— ihm ſchreibt man die Betrüglichkeit des Falliſſements zu, denn Warren hat ſich wenigſtens bis dahin alle Mühe gegeben, redlich zu bleiben. Seine Flucht kann man ihm freilich nicht verzeihen. Ich denke, die Scham, ſich ſo gründlich blamirt zu ſehen, hat ihn heimlich fortgetrieben. Ja, ja— Ely's Lehrgeld iſt bit⸗ ter, aber ſo geht es— Schlauheit überrumpelt die Klugheit. Giſela ſaß regungslos. Ihr Herz blutete bei dem Geſpräche, das ſo obenhin der Verluſte gedachte, die doch 153 im Stande geweſen waren, ſchon jetzt auf ſeinen Geſchäfts⸗ betrieb einzuwirken. Sie war gewahr geworden, daß der Bau eingeſtellt war. Jedenfalls eine Vorſichtsmaßregel des Fabriksherrn, der unnütze Ausgaben vermeiden wollte. Dazu kam noch eine Unterredung mit dem Ingenieur, der einige Reparaturen in dem Fabriksgebäude übernom⸗ men hatte. Dieſer Mann hatte die Einrichtungen des ganzen Geſchäftes als außerordentlich praktiſch erklärt, aber hinzugefügt, daß durch einige Neuerungen bei Wei⸗ tem mehr Gewinn erzielt und Arbeitskräfte geſpart wer⸗ den könnten. Seine Bemerkungen deuteten darauf hin, daß Ely erſt auf ſeine Vorſchläge eingegangen ſei, jetzt aber nur eine billigere Inſtandſetzung der Maſchinerien angeordnet habe. Giſela hatte daraus entnommen, daß der Koſtenauf⸗ wand von Ely berückſichtigt werde und ihr Intereſſe hatte ſie vermocht, ihren Weg, der ſie täglich durch einen Theil des Fabrikshofes führte, vor dem Gebäude vor⸗ über zu nehmen, wo man mit Eifer die Verbeſſerungen in's Werk zu ſetzen ſuchte. Sie war ſtehen geblieben und hatte dem Dinge zugeſchaut. Da brannten im un⸗ teren Hausraume Kohlenfeuer und Schmelztiegel ſtan⸗ den umher. Es wurde gehämmert und geſchmiedet, es wurde gelöthet und genietet, einzelne Werke des gan⸗ zen Maſchinenbetriebes lagen auseinandergenommen, ſie 154 wurden verändert und verbeſſert. Es erſchien dem ungewöhnten Auge Giſela's gleich einer vulkaniſchen Bewegung und ſie betrachtete Alles das, was von dieſen ruſſigen Händen wieder zu einem Ganzen zuſammenge⸗ ſetzt werden ſollte, mit dem Erſtaunen eines Kindes. Bei Karl Traugotts Berichterſtattung glitt dies Bild der gefliſſentlichen Zerſtörung vor ihrem Geiſte vorüber. Sie grübelte darüber nach, warum anderen, minder thätigen Männern jedes Geſchäft gelinge, warum gerade dieſem armen Ely durch die unerwartete Einbuße ein Hemm⸗ ſchuh angelegt werde. Sie hatte nicht weiter auf das Geſpräch geachtet, das ſich in Vermuthungen über War⸗ rens Aufenthalt verlor, bis endlich Herr Tobias Koltrum mit etwas gehobenem Tone ſagte: „Glauben Sie denn, daß ſich mein Bruder von ſol. chen Dingen ſogleich entmuthigen laſſen werde? Seine Sinnesart weicht von derjenigen Claſſe von Kaufleuten ab, die durch Speculation ihre Verluſte zu erſetzen ſtre⸗ ben, aber was durch doppelten Fleiß, durch methodiſche Ausdauer und berechnende Geduld erlangt werden kann, das wird er nach dem erſten mißlungenen Verſuche ein⸗ zubringen j ſuchen.“ 4 „Nun, ich habe einen Vorſchlag zur Erleichterung ſeiner Mühwaltung. Ich will eintreten in's Geſchäft als Compagnon. Mein Sohn hat mich durch ſeine Zie⸗ * 155 geleiſpeculation brach gelegt*) und ich habe Luſt, mich an Ihrem Anweſen zu betheiligen. Die Mittel, welche ich zuſchießen kann, ſchaffen ſchneller, als Fleiß, Geduld und Ausdauer vermögen.“ Giſela horchte geſpannt auf Toby's Antwort, die ein wenig lange ausblieb. „Darüber ſteht mir keine Entſcheidung zu, lieber Oſterhof,“ ſagte er endlich ſehr beſtimmt. „Was? Wem denn? So viel ich weiß, ſind Sie eigentlich Beſitzer der Fabrik und es würde Ihrem Bru⸗ der gar nicht einfallen, gegen Ihren Beſchluß Einwen⸗ dungen zu erheben.“ „Ich würde ihn jedoch kränken, wollte ich plötzlich Rechte geltend machen, nachdem er zwei Jahrzehnt ſeine Pflichten gegen mich ſo treu geübt.“ „Nun, ſo laſſen wir die Idee fallen. Streit zu ſäen iſt meine Sache nicht,“ antwortete Herr Karl Trau⸗ gott gemüthlich. Mein Vorſchlag iſt gemacht. Iſt Ih⸗ nen damit eines Tages gedient, ſo erinnern Sie ſich daran.“— Giſela konnte kaum die Zeit erwarten, daß Oſterhof ſich verabſchiedete, um von Toby zu erforſchen, wie die Stellung der Brüder, rückſichtlich der Eigenthumsrechte, zu einander ſei. Was ſie beiläufig früherhin darüber *) Provinzialismus für„in Ruhe geſetzt.“ 156 vernommen hatte, war ihr entfallen und ſie erkannte nun jetzt die ganze troſtloſe Lebensſtellung des jüngeren Koltrum, als Tobias ſie ſehr gelaſſen belehrte, daß nach dörflichem Brauch der älteſte Sohn Eigenthümer aller liegenden Gründe ſei und nur nach völligem Ausſterben dieſes Familienzweiges der zweite Sohn einen Anſpruch habe. „Doch bleibt es dem zweiten Sohne frei, ſich als eine Art Aufſicht über das Geſinde im Elternhauſe feſt⸗ zuſetzen, im Falle er nicht zu heirathen gedenkt,“ ſagte Toby ſchließlich. „Und in dieſem Sinne iſt Ihrem Bruder alſo nur die Freiheit gewährt geweſen, in Ihrem Intereſſe zu wirthſchaften?“ fragte Giſela.„Er hat dieſe Freiheit ſehr edel benutzt!“ „Ely iſt immer ein tüchtiger, rechtlicher Menſch ge⸗ weſen,“ erwiederte Toby ſehr kaltblütig, während Giſela im innern Aufruhr ihrer Empfindungen erzitterte.„Ich habe ihm aber auch nie etwas in den Weg gelegt, ich habe mich allen ſeinen Anordnungen willig gefügt.“— Giſela konnte es nicht unterlaſſen, bei dieſer, mit voll⸗ ſtändigem Phlegma verrathenen Selbſtſucht, ſehr ſpöttiſch den Kopf aufzuwerfen. Er hatte nie dem Manne etwas in den Weg gelegt, der ſein ganzes Leben geopfert, um ihm Quellen des Wohllebens zu eröffnen! Beinah' über⸗ 157 ſchritt dieſe gemüthloſe Aeußerung die Gränzen gemüth⸗ licher Weisheit. Toby mochte an dem Mienenſpiele Gi⸗ ſela's ſehen, daß ſie ihn in ſeinen Rechten nicht ganz begriff, denn er fügte raſch hinzu:„Gewöhnlich nehmen die übrigen Kinder eines Hofbeſitzers die Summe Gel⸗ des, womit ſie abgefunden werden und ſuchen ſich ander⸗ wärts zu placiren. Ely zog es vor, bei mir im Hofe zu bleiben und ſein kleines Erbtheil mit meinem Grund⸗ ſtück vereint zur Anlage einer Fabrik zu benutzen.“ „Beſteht denn gar keine Uebereinkunft zwiſchen Ihnen und Ihrem Bruder? Kein gerichtlicher Vertrag?“ fragte Giſela. 8 „Nein! Wozu denn auch? Was wir beiden Brü⸗ der abzumachen haben, geſchieht ohne Geſetz und Rich⸗ ter. Ely ſchafft nach ſeinem Gutdünken und ich ſage zu Allem„Ja.“ Unter ſo bewandten Umſtänden gibt es nie Conflicte.“ „Wenn Sie aber eher ſterben, als Ihr Bruder? Dann tritt des Geſetzes Kraft ein!“ „Ja dann— dann wird Ely's Herrſchaft freilich beſchränkt werden. Dann ſollte er mir leid thun— er iſt etwas herrſchſüchtiger, als ihm eigentlich zukommt.“ „Ich würde an Ihrer Stelle teſtamentariſch Ely's Rechte ſichern.“ Herr Tobias ſah ſie ſehr verwundert an.„Ely 8 158 hat gar keine Rechte an den Frieſenhof,“ antwor⸗ tete er. „Um ſo eher verdient Ihr Bruder, daß Sie ſeine Stellung in der Fabrik ſichern und ihm Rechte ver⸗ leihen.“ „Aber, mein Fräulein, jedes Recht, welches ich mei⸗ nem Bruder einräume, iſt ein Raub am Erbtheile mei⸗ nes eigenen Kindes. Soll ich das Vermögen Lyſanna's ſchmälern um meines Bruders willen? Würden Sie es gutheißen können, althergebrachte Formen eigenmächtig zu verletzen, wenn gar keine Nothwendigkeit dazu vor⸗ liegt? Es wird Niemandem einfallen, meinen Bruder in ſeinem Wirken zu ſtören. Sie haben vorhin gehört, daß ich ſeine treue Pflichterfüllung dankbar anerkenne— fra⸗ gen Sie ihn ſelbſt, ob er mehr verlangt.“— Giſela erwiederte nichts mehr. Es empörte ſie, hier auf einen Egoismus zu ſtoßen, der ſich bequem mit dem Mantel der Bruderliebe bedeckte. Eine herrliche Bruderliebe, die ſich im Wohlſein damit brüſtete, daß man dem Bru⸗ der ja volle Freiheit geſtatte, ſo viel zu arbeiten und ſo viel zu erwerben, wie er wolle. Giſela konnte ihre Ent. rüſtung nicht ganz beherrſchen, darum zog ſie es vor, ſich in die Einſamkeit ihres ſtillen Zimmers zu flüchten. Sie war ſehr traurig geſtimmt durch die Erkenntniß, daß überall des Menſchen Herz von eigenſüchtigen Regungen 159 entwürdigt und des Menſchen Geiſt davon umdüſtert würde. Wie uneigennützig hatte dagegen Ely gehandelt! Das Intereſſe ſeines Bruders gleich ſeinem eigenen wah⸗ rend, hatte er mühſelig und beladen die ſchönſte Zeit ſeines Lebens in Arbeit verbracht. Immer beſchäftigt, immer bedachtſam, immer klug und ruhig war er plötzlich von einem Geſchicke ereilt, was die Frucht ſeiner Thätigkeit vernichtete. Aber nicht dies allein— nein, Giſela fühlte, was er nun aufgeben mußte für die nächſte Zeit, um erſt wieder einzubringen, was verloren gegangen war. Ein Lächeln göttlicher Liebe umſpielte des Mäd⸗ chens Lippen, als ſie bedachte, daß ſie ihm in ihrer ſtillen, zärtlichen Achtung einen Troſt zu bieten ver⸗ möchte. 4 Sie waren Beide ja durchaus nicht weniger ſympa⸗ thetiſch verbunden, als ſonſt und waren Beide nicht wei⸗ ter getrennt, als bisher. In dieſer unveränderten Stel⸗ lung zu einander ruhte der Troſt, den ſie bieten konnte. Ihre Sorge beſchränkte ſich allmählig. Ihr Unmuth wich. Ihr Urtheil wurde milder und gerechter. Sie begann die Feſſeln des Herkommens zu ehren und ord⸗ nete ſich bereitwillig den Anſprüchen deſſelben unter.— Die Tage waren endlich verfloſſen, welche der Fa⸗ briksherr zu ſeiner Reiſe beſtimmt hatte. Giſela kam Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 11 160 am Abend des achten Tages über den Hof und ſah einen Wagen in der Nähe des Fabriksgebäudes ſtehen. Ein freudiger Schreck durchzitterte ſie. Aber ihr Glaube, daß Ely zurückgekommen ſei, beſtätigte ſich nicht. Es war der Wagen des Ingenieurs, der fortreiſen wollte. Die Arbeiten waren vollendet und er wollte die Zeit benutzen, um einem zweiten Baue nun mehr Aufmerkſamkeit zu widmen. Eben räumten die Werkleute ihr Werkzeug aus der Fabrik. Die Pechpfannen waren erloſchen. Die Schmelztiegel zeigten nur noch Ueberreſte vom verbrauchten Metall. Der Ingenieur ſchloß ſelbſt die Thür, übergab den Schlüſſel dem Aufſeher des Hofes, ſetzte ſich in ſei⸗ nen leichten Wagen und dieſer rollte davon. Ein ſonderbares Weh durchſchnitt Giſela's Herz, als ſie die immer einſamer werdende Stätte erblickte. Einer nach dem Andern verließ wohlgemuth den Hof und ging grüßend an ihr vorüber. Gleichſam gebannt blieb die junge Dame noch einige Minuten ſtehen, dann kehrte ſie gedankenvoll in ihr Haus zurück. „Wenn er eines Tages dieſe Stätte verlaſſen muß, wie jene Arbeiter, die ihres Lohnes ſicher zum heimatt 8 lichen Herde eilen— wohin wird er ſich mit dem hoff. nungsleeren Herzen wenden?“ flüſterte ſie düſter vor ſich hin. Der Abend brach herein. Sie ging nicht nach der 161 Terraſſe zurück, wie ſie verſprochen hatte. Die Einſam⸗ keit war ihr immer mehr Bedürfniß geworden, je ſchöner ſich Lyſanna's Glück entfaltete und je freundſchaftlicher ſich der Verkehr mit Volkmar's Verwandten geſtaltete. Was ſie in der Stadt geflohen, das floh ſie auch hier. Geſellige Verhältniſſe erfreueten ſie nicht. Am weit geöffneten Fenſter ſitzend ſchauete ſie in die ſtille, duftige Nacht hinaus. Da ſtieg ein Stern vor ihr auf. Wie ſonderbar! Ein heller, großer, röthlich flak⸗ kernder Stern ſchien es ihr, der gleich einem Meteor von der Fabrik herkam und quer über die Landſchaft flog, bis er ſich ſchnell ſenkte und im Fallen erloſch. Giſela's Blick hatte achtſam dieſes Phänomen ver⸗ folgt.„Wäre es ſein Glücksſtern, der da geleuchtet in wunderbarer Pracht!“ ſagte ſie ſchwärmeriſch. Wäre ich reich— könnte ich dieſem Manne mit meiner Hand zu⸗ gleich die Mittel bieten, ſich unabhängig zu machen! Könnte ich ihm lohnen, was er bisher, mit dem Bewußt⸗ ſein der reinſten Uneigennützigkeit, geſchaffen.“ Ihre Gedanken wurden durch die Wiederholung des wunderbaren Naturſpieles geſtört. Wiederum fiel ein ſſterrnähnlicher Lichtkörper aus dem ätherblauen Himmel herab. Ein zweiter, ein dritter, ein vierter folgte. Dicht vor ihrem offenen Fenſter ſchoß dann noch einer hernie⸗ der, dann hörten dieſe Erſcheinungen auf. 11* Eigenthümlich bewegt, ſaß dem Grauſen vor etwas Uebernatürlichem erliegend, ſchloß Giſela das Fenſter ſorg⸗ fältiger, als ſonſt und legte die Laden von Innen zu. Zum erſten Male überkam ſie das Gefühl, daß ihr durch Ely's Abweſenheit ein Schutz fehle. Die Aufregung ih⸗ rer Nerven hielt ſie noch lange auf ihrem Lager und ſie erhob mehr als einmal horchend den Kopf aus den Kiſ⸗ ſen, weil ihr zu Sinne war, als müſſe etwas Außerge⸗ wöhnliches geſchehen. Giſela ſchlief nun aber auch um ſo feſter, als die Sonne in Oſten emporſtieg und die Dorfbewohner ſchaa⸗ renweis zur Feldarbeit hinauswanderten, ſich laut und kräftig einen Gutenmorgen zurufend. Giſela ſchlief noch ſanft, während ſich im Morgenſonnengolde allgemach Gruppen zu bilden begannen, die ihre Aufmerkſamkeit verwundert auf den hohen Schornſtein richteten, der ſich als ein Wahrzeichen der wachſenden Induſtrie in die Wol⸗ ken ſtreckte. Der Schornſtein warf wallende Rauchwol⸗ ken, untermiſcht mit Funken aus, wie man es noch nie bemerkt hatte. Befremdet fragte Einer den Andern, ob denn in der Fabrik gearbeitet würde. Im Sommer ge⸗ ſchähe dies doch ſonſt nicht. Weithin ſprühete jetzt der Funkenregen und der Rauch hüllte nachgerade die ganze Fabrik ein. Da ertönte ein greller Schrei, er drang aus den Kehlen der Hunderte von Feldarbeitern, die da 8 163 müſſig ſtanden und ſich wunderten. Im Nu hatte ſich das Dach, das den Schornſtein zunächſt umgab, zu einer einzigen großen ungeheueren Flamme entzündet, die him⸗ melan ſtieg. Giſela ſchreckte aus dem ſanften Morgenſchlafe auf, als der furchtbare Ruf:„Feuer, Feuer! Die Fabrik brennt!“ dicht vor ihrem Fenſter erſchallte. Schaudernd kleidete ſie ſich an, ſchaudernd gedachte ſie jetzt der nächtlichen Sternfunken, die gleichſam als Warnungszeichen von dort herüber geflogen waren. Sie wußte ſie jetzt beſſer zu deuten, als in der natürlichen Furchtſamkeit einer nächtlichen Einſamkeit. Retter ſtürm⸗ ten herzu von allen Seiten. Feuerſpritzen im raſenden Galop kamen herbei. Volkmar ſtürzte an Giſela's Fenſter vor⸗ über. Einen Augenblick hielt er ſeinen Lauf an und wendete ſein bleiches, beſtürztes Geſicht ihr zu.„Allmäch⸗ tiger Gott! Mein armer, armer Freund!“ rief er ihr entgegen. Giſela ſank auf ihre Knie. Sie weinte und be⸗ tete laut! Nach einigen Stunden war man Herr der Flammen geworden, aber völlig ausgebrannt ſtanden die ſtarken Mauern des Fabriksgebäudes allein noch unverſehrt. Die ganze Maſchinerie war zerſtört. Was an Holzwerk im Gebäude geweſen war, hatte wahrſcheinlich ſchon in 164 der ganzen Nacht allmählig geglüht und ſich dann zur zerſtörenden Flamme gebildet, als ſich Zugluft dem glü⸗ henden Elemente beigeſellt. Wie das Feuer entſtanden war, blieb natürlich ein Geheimniß, denn der unvorſich⸗ tige Arbeiter, welcher in der Eile ſeinen Schmelzapparat nicht hinausgetragen, ſondern irgend einer Feuerſtelle, wo der Zug die nicht ganz erſtorbene Gluth neu anfachen konnte, nahe geſchoben hatte, der Arbeiter ließ ſich nicht entdecken. Von unten auf war die Gluth geſtiegen, das ließ ſich aus allen vorhandenen Kennzeichen feſtſtellen. Innen, nahe am Schornſteine, hatte die Feuersbrunſt ih⸗ ren Herd, das war gewiß. Daher auch die aufſteigen⸗ den, vom gewaltſamen Luftdruck emporgetriebenen Feuer⸗ klumpen, die nicht allein von Giſela, ſondern auch von einigen andern Leuten deutlich bemerkt worden waren. Durch die Geiſtesgegenwart Volkmars war dem Brande weit ſchneller Einhalt gethan, als man zuerſt gehofft hatte. Dennoch zeigte ſich die Zerſtörung ſehr betrübend. Das Maſchinenwerk war gänzlich unbrauchbar, das Trieb⸗ werk vernichtet und die Ernte vor der Thür. Nicht zwei Monate und die Campagne begann— was ſollte nun werden mit dem reichen Fruchtſegen, der dem Fabriks⸗ herrn ein zufriedenes Lächeln entlockt hatte! Von den zunächſt ſtehenden Häuſern waren nur die Dächer zerſtört, die Ställe zeigten ſich unverſehrt und das Rindvieh ſtand 1 165 ſchon Mittags wieder an der gewohnten Krippe, gemüth⸗ lich wiederkäuend. Tags darauf war Sonntag. Ein trauriger Sonntag für Giſela. Sie hatte ihn niemals ſo unſäglich betrübt durchlebt. Ely Koltrum war am Abende des Brandta⸗ ges angelangt. Verdüſtert, ſtumm und ernſt hatte er nicht einen Blick für ſie gehabt und ſie wollte doch mit dem erſten Blicke ihr ganzes Herz enthüllen, wie es zärtlich und theilnehmend, tröſtend und liebevoll bei ſeinem Un⸗ glücke ſchlug. Er verſchmähte des Weibes Troſt, weil er in ſich ſelbſt die Kraft ſuchte, die ihm nun nöthig war. Verdüſtert ſaß er am Sonntage bei ſeinem Bruder, der ihm vorpredigte, daß es thöricht ſein werde, gegen des Schickſals Tücke fernerhin anzukämpfen. „Wir tragen den Verluſt mitſammen, mein guter Ely,“ ſchloß er ſeine wenig ermuthigende Rede.„Suche zu retten, was zu retten iſt! Du haſt gekämpft mit den Widerwärtigkeiten des Lebens, die dem Menſchen zufal⸗ len, welcher nicht mit ausreichenden Mitteln zu ſolchen Wagniſſen gerüſtet iſt. Was haſt Du davon? Nichts, als Kummer! Und all' die Sorgen, all die Opfer, welche Du gebracht, ſtehen gleich Geſpenſtern der Vergangen⸗ heit um Dich herum. Laß Dir nun genügen, mein guter Ely. Raffe zuſammen, was noch verwerthet werden kann. So viel wird herauskommen, um das einfache 166 Brod, das wir nöthig haben, zu ſchaffen. Lyſanna iſt Gottlob verſorgt! Wir werden alt und gebrauchen Ruhe!“ Ely hob ſeine wolkenbedeckte Stirn und betrachtete ſeinen Bruder, als wolle er danach abmeſſen, ob er wirk⸗ lich ſchon ein alter, unbrauchbarer Mann ſei, der Ruhe nöthig habe. Allerdings, Toby war das richtige Bild des beginnenden Alters und Toby zählte nur ſechs Jahre mehr als er. Tobhy's gebückte Haltung, die ihm vom vielen Schreiben eigen geworden war, ſein langes, unge⸗ ordnetes, theilweiſe ſchon bleichendes Haar ließ ihn noch älter erſcheinen, als er wirklich war. Trübe fiel er zurück in ſeine Grübeleien. Sein Bruder hatte wohl recht ihn an die Tage des Alters zu erinnern, denn er vergaß daran zu denken in der Luſt des Schaffens und Ar⸗ beitens. „Du ſiehſt mich freilich rathlos, Bruder Toby,“ ant⸗ wortete der Fabriksherr nach einer kurzen Pauſe.„Un⸗ glücklicher konnte dieſes Brandunglück nicht eintreffen. Die Ernte iſt vor der Thür und mir fehlen augenblicklich die Mittel, um ſo ſchleunig wie möglich koſtſpielige Schnellbauten zu unternehmen. Wenn ich im Beſitze einer hinreichenden Summe Geldes wäre, womit ich nur ſchleunig das Fabrikshaus bis zur Campagne in Stand ſetzen laſſen könnte, ſo würde ich dennoch nicht verzagen. — 167 Die Feuerverſicherungsſumme würde kaum die Hälfte der alten Einrichtung decken und zu der neuern Conſtruction bedarf ich noch einmal ſo viel. Mein Credit iſt ſicherlich nicht hinreichend, um eine Anleihe wagen zu können.“ „Nein— dazu gebe ich auch meine Einwilligung uicht, mein guter Ely,“ fuhr Herr Tobias ſehr eilig da⸗ zwiſchen.„Was zu beſchaffen war durch unſere Einnah⸗ men, das habe ich Dir preisgegeben— nun hört aber jede Eigenmächtigkeit auf. Du weißt, die Fabrik iſt mein Eigenthum— ich will, ſie ſoll nicht wieder auf unſere Koſten in Stand geſetzt werden— ich willl, ſie ſoll verkauft werden in Schutt und Aſche! Der Erlös kann nicht ſo gering ſein, daß wir nicht unſer Leben fri⸗ ſten könnten, dies Haus mit dem Garten bleibt mir. Der alte Frieſenhof iſt theilweiſe zerſtört vom Feuer, mag es alſo kommen, wie es will, ſo betrachte ich dies Haus als meines Vaters Erbe und nenne es fortan den Frieſenhof. Ueberlege Dir, was ich geſagt habe, dann wirſt Du finden, daß ich nicht beſſer handeln kann.“ Ely ſchwieg. Er war nicht im Stande, ſeine Ge⸗ danken ſo weit zu ſammeln, um zu fragen:„Was ſoll denn aber aus mir werden?“ Von Jugend auf mit dem Gedanken vertraut, daß ſeine Thätigkeit nur ſeinem Bru⸗ der zu Gute käme, fiel ihm jetzt am Ende ſeiner Lauf⸗ bahn gar nicht ein, darüber nachzudenken, daß ſeine ganze 1 168 Exiſtenz ſomit ein Nichts geweſen ſei, daß er in der Dienſtbarkeit verblieben, wie es in der alten guten Zeit die Sitte mit ſich brachte. Der Schlag, der ihn ge⸗ troffen hatte, war zu hart. Seine Seele erſchien gebeugt, ſein Geiſt verſchüchtert. Die Erfahrungen, die er in den letzten Wochen gemacht, hatten eine Art Vernichtungs⸗ ſtoff in ſich getragen, der ausreichte, die flackernden Lich— ter einer ſpät entflammten Phantaſie gänzlich zu verlöſchen. In dem ſchweren Augenblicke, wo Herr Tobias Koltrum zum erſten Male den Herrn im Hauſe ſpielte und ſeinem Willen Geltung zu verſchaffen Miene machte, in dieſem ſchweren Augenblicke war Ely nur der Bruder des wirklichen Eigenthümers und er ſchwieg! Herr Tobias nahm ſein Schweigen für eine Ein⸗ willigung und fuhr fort: „Der alte Oſterhof machte mir ein Anerbieten, das heißt vor dem Brande, als ſich hier die Nachricht von der Flucht des ſaubern Herrn Warren verbreitet hatte, vielleicht iſt er geneigt, die Fabrik auf alleinige Rechnung zu übernehmen. Damals bot er ſich mir nur als Com⸗ pagnon an.“ „Du biſt aber doch nicht darauf eingegangen?“ fragte Ely, mit einer Belebtheit, die auffallend abſtach gegen ſeine traurige Abgeſpanntheit, der er bis dahin verfallen war. 169 „Nein. Aber er ließ mir einen ſpätern Ent⸗ ſchluß frei.“— Ely ſchwieg wieder. Wenn Karl Traugott Luſt hat ſein Geld in die rauchenden Trümmer zu ſtecken,“ fuhr Tobias fort,„ſo iſt er mir als Käufer ganz genehm.“ Ein bitteres Lächeln ſtahl ſich über Ely's Geſicht. „Da ich bis dahin keine Veranlaſſung gehabt habe, mich um die Betriebſamkeit der Fabrik zu bekümmern, ſo wird es jetzt um ſo ſchwerer für mich werden, den Werth derſelben richtig zu taxiren. Ich rechne dabei auf Deinen Rath, mein guter Ely.“ Ely erhob ſich ſchwerfällig und machte Anſtalt ſich zu entfernen. Betäubt und müde, aber keinesweges lebensmüde, ließ er die Redereien ſeines Bruders über ſich hinrauſchen mit dem dunkeln Bewußtſein, daß er eines Tages wieder im Stande ſein werde, ener⸗ giſcher aufzutreten, als in dem Momente, wo er aus allen ſeinen Himmeln geſtürzt, eigentlich nicht wußte, ob er ſich oder ſeinen Bruder beklagen ſollte. Langſam ſchlich er den gewohnten Gang nach den Terraſſen hinauf, um von dort über die Brücke in die noch rauchenden Trümmerhaufen ſeiner Fabrik zu blicken. Seine Wohn⸗ ſtätte war vernichtet. Man hatte ſeine Habſeligkeiten nach dem Landhauſe ſeines Bruders geſchafft und ihm da⸗ durch ein Aſyl dort angewieſen. Er konnte aber dort nicht 170 ausdauern! Seine Seele war zwar noch überfüllt von den traurigen Eindrücken, die er empfangen, aber im In⸗ ſtinete ſeines Herzens beruhete es, daß er ſich dorthin ſehnte, wo das einzige Weſen zu finden war, welches ſeine Empfindungen verſtehen konnte. Langſam ſchlich er über die Brücke hinweg und ging auf dem Raſenrain bis zu den Viehſtällen, von wo es bergab in die innern Hofräume führte. Dort blieb er ſtehen. Der nahe Strom von der einen Seite und die zuckenden Flämm⸗ chen, die noch immer aus einzelnen Brandſchichten auf⸗ loderten, von der andern Seite, überkam es ihn wie eine Offenbarung, daß nur ein feſtes Gottvertrauen ihn ab⸗ halten könne, ſeiner totalen Niederlage durch einen raſchen Entſchluß ein Ende zu machen. Er war kein Schwäch⸗ ling, aber er war eine durch und durch herrſchſüchtige Natur, der es ſogar unerträglich erſchien ſich unter dieſer Heimſuchung zu beugen, obwohl Gottes Hand ſie ihm auferlegt hatte. Feſt ſtand er, aufrecht trug er ſein Haupt, das nicht unter der Laſt der Jahre und unter der Bürde ſeiner Thätigkeit gebeugt worden war, aber er ſchlug die Arme über die Bruſt feſt in einander, als bedürfe er der Feſſel, um den Jammer ſeines Innern über dieſe Zerſtörung zurückzudrängen. Seine Zähne preßte er zuſammen, als wäre er nicht ſicher, daß eine bittere Klage über ſein unverdientes Schickſal ſeinen Lippen entflöge. Sein gebräuntes Geſicht 171 zeigte Todtenbläſſe und der Ausdruck innerer Qual ver⸗ zerrte dasſelbe bis zur Unkenntlichkeit. So ſtand er lange, lange Zeit und blickte wie ſtumpfſinnig auf die greuliche Zerſtörung hinab. Er bemerkte nicht, daß Giſela, die den Weg über den Hof nicht wagen konnte, die Dorf⸗ ſtraße entlang kam und auf der Treppe zur Brücke em⸗ porſtieg. Er ſah nicht, daß ſie ſtehen blieb und ihn un⸗ verwandt betrachtete, bis ein Thränenſchleier ihr Auge verdunkelte. Er beachtete nicht, daß ſie ſich ihm näherte. Erſt da fuhr er auf, als ſie mit ruhiger Freundlich⸗ keit ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihn mit ſehr ſanftem Tone fragte: „Iſt denn Alles verloren, was Sie im Leben be⸗ glückte, daß Sie ſo tief ſchmerzlich traurig ſind?“— Erſt da erſchütterte ein Lebensſtrahl die Erſtarrung ſeines Weſens, doch bewegte er ſich nicht und löſete die Arme nicht von der Bruſt. „Alles verloren— Alles, mein Fräulein!“ preßte er hervor,„ich ſtehe am Grabe aller meiner Hoff⸗ nungen!“ Giſela ſchaute ihm bittend ins Auge, indem ſie er⸗ wiederte: „Verzweifeln Sie nicht, Herr Koltrum! Wo des Himmels Macht vernichtet, da kann des Himmels Macht auch Hülfe bringen.“ 172 Ely fuhr heftig auf:„Religiöſe Anſchauungen, die mir in meinem Unglücke nichts helfen können, da es ſich hier um das Allermateriellſte des menſchlichen Daſeins, um Geld handelt.“ „Sollte Ihnen, dem bewährten Geſchäftsmanne, der ſo gut acereditirt iſt in der Handelswelt, ſollte Ihnen es ſchwer werden Capitalien zu erlangen, wie Sie die⸗ ſelben zur ſchleunigen Herſtellung der Fabrik nöthig ha⸗ ben?“ fragte die junge Dame ruhig. In ihrem Tone lag jedoch eine ehrende Anerkennung und Aufmunterung. Der Fabriksherr warf ſtolz den Kopf auf:„Der Bettler findet nirgends eine offene Thür, mein Fräulein. In die Schwindeleien eines Wechſelvertrages verſtricke ich mich grundſätzlich nicht, alſo bleibt mir keine Hoffnung, mich aus dieſer Calamität anders ehrenhaft zu retten, als dem Willen meines Bruders nachzugeben.“ „Was hat Ihr Bruder beſchloſſen?“ fragte Giſela ahnungsvoll. „Die Brandſtätte zu verkaufen!“ antwortete Ely mit dumpfem Tone. Giſela trat leichenblaß zurück.„Und Sie—“ ſtam⸗ melte ſie erſchrocken. „Ich?“ erwiderte Ely.„Ich? O, ich habe keine Rückſichten zu nehmen! Wenn mir das Leben zu ſchwer erſcheint— Sie ſchaudern vor dieſem Gedanken zurück, 173 mein Fräulein,“ unterbrach er ſich ſelbſt mit der Miene ſpöttiſchen Mitleid's, ermeſſen Sie aber einmal, wie viel Jahre dazu gehören würden, um mir eine Stellung im Leben zu gründen, die mich befriedigen könnte, wie mich meine ungebundene Betriebſamkeit hier befriedigte. Ich muß allein wirken, allein ſchaffen, allein herrſchen können. Alles Andere, was dem Menſchen ſonſt zum Wohlſein und Wohlbehagen gereicht, kann ich entbehren, aber die Frei⸗ heit meines Handelns nicht.“ „Stellen Sie doch Ihrem Bruder vor, daß Sie durch den Verkauf der Fabrik in eine peinliche Situation gerathen würden, die Sie zur Verzweiflung treiben könnte.“ „Was hülfe mir dieſe Vorſtellung,“ antwortete Ely gleichgültig.„Mir fehlt die Grundlage, um dieſe Vor⸗ ſtellung zu unterſtützen.“ „Kann Oſterhof, der Vater Volkmars, Ihnen nicht nützen?“ „Mein Bruder hofft an ihn zu verkaufen. Das Beſte wär's auch, da Lyſanna doch Erbin iſt.“ „Dann wäre aber Ihre Stellung hier geſichert!“ rief Giſela ganz freudig.„Herr Karl Traugott kann ohne Sie ja gar nichts anfangen!“ Ely richtete ſich ſtraffer auf und in ſeinem Auge glühte das frühere Feuer. 174 „Und ich ſollte mich den Anordnungen des alten hochmüthigen Vollſpänners fügen, nachdem ich zwei Jahr⸗ zehnte hier geherrſcht habe?“ In meiner eigenen Schö⸗ pfung ſollte ich Diener Anderer ſein, die ihre Hand in einen wohlgefüllten Beutel ſtecken und dadurch die Macht an ſich reißen können, aber nicht den Verſtand? Sehen ſich um, mein Fräulein, Alles, was Sie hier erblicken, iſt mein Werk. Stein auf Stein habe ich tragen müſſen, um das herſtellen zu können— mein Geiſt ſchwebt in dieſen Räumen, mein Verſtand gründete das Werk und ich war der Herr und Meiſter desſelben. Entweder ich bleibe in dieſem Verhältniſſe oder ich verlaſſe dieſe Gegend, um nie wieder das zu ſchauen, was mit mir verwachſen, nur durch tägliche Schmerzen von mir losgeriſſen werden kann!“— Er wendete ſich und ſchritt feſt und ſicher nach dem Hofe hinein. Giſela beugte ergebungsvoll ihr Haupt, denn ſie hatte ihn verloren. Die geiſtige Verbindung zwiſchen ihnen machte es ihr möglich, in jedem Worte die Erklä⸗ rung zu leſen, daß ſeine Träume von häuslichem Glücke in den Flammen verlodert ſeien. Sie faltete ihre Hände in einander und ſchauete hinab auf die Trümmer der Häuſer, die zugleich die Trümmer ihres Glückes in ſich bargen. Da trat die Unterredung vor ihren Geiſt, die 175 ſie am Tage des Eisganges mit dem weiſen Tobias Koltrum gehabt hatte.„Lebenskämpfe demüthigen un⸗ ſern Geiſt,“ hatte ſie behauptet und ſie wiederholte jetzt mit dem Tone voller Ueberzeugung dieſe Behauptung. Aber war es recht, daß ſie ihr Glück ſo raſch aufgab, daß ſie ohne Widerſtand, gleich dem mattherzigen Tobias das Feld räumte, um nur Frieden zu ſuchen? Giſela zögerte keinen Augenblick, dem Lichtſtrahle zu folgen, der in ihre Seele gedrungen war. Sie hatte eine Miſſion zu erfüllen. Feurig ſchritt ſie an's Werk, als ſie erſt einen Weg entdeckt hatte, der zum Ziele zu führen verſprach. Immer ſicherer entfaltete ſich der ſchwankende und unbeſtimmte Gedanke zum Plane und ihr Geiſt, einmal erregt und hingeriſſen, wuchs bis zum männlichen Ehrgeize heran, der den Kampf mit unge⸗ wöhnlichen Waffen wagt, ehe er ſich zur Unterwerfung bequemt. Giſela verſchloß ſich in ihr Zimmer und ſchrieb. Es war ein langer Brief. Es war ein Act rückhaltloſen Ver⸗ trauens, den ſie übte. Sie ſchrieb zuerſt mit zitternder und unſicherer Hand, denn das Gefühl führte ihre Feder. Dann wurde ſie ruhiger. Sie lächelte bisweilen, während ſie ſchrieb. Aber auch eine Thräne fiel auf das Papier. Sie hatte ihren Urſprung in dem zärtlichen Bedauern, womit ſie das Schickſal des Mannes beklagte, der ſichen Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 12 176 auf einer ſchwer errungenen Höhe gewandelt hatte und dann ſchuldlos in eine Tiefe geſtürzt worden war. Als Giſela endlich den langen Brief faltete und ſiegelte, da ruhete der Geiſt hoffnungsvoller Ergebung auf ihrem ernſten Geſichte. Siebentes Capitel. Es war ſehr ſtill und ſehr dunkel im Wohnzimmer des Herrn Karl Traugott Oſterhof. Des Mittags Schwüle lag auf dem Hauſe. Die Läden der Fenſter waren ge⸗ ſchloſſen und nur die Fliegen ſummten ärgerlich im Zim⸗ mer umher, die kleinen Lichtpunkte ſuchend, die ihnen des Tages Daſein verriethen. Auf dem großen, mit amerikaniſchem Leder bezogenen Sopha hatte ſich's Frau Oſterhof bequem gemacht, dicht daneben im Schaukelſtuhle ruhete ihr Eheherr. Sie woll⸗ ten Beide Mittagsruhe halten. Eine Weile blieb es ſtill. Man hörte nichts als das Surren der unruhigen Fliegen. „Schläfſt Du, Alterchen?“ fragte dann Frau Oſter⸗ hof, ungewöhnlich ſanft und milde. „Nein, liebe Alte, ich ruhe mich nur etwas. Du 12* 178 weißt es ja, daß ich zum Tobias Koltrum gehen will. Warum ſchläfſt Du nicht? Peinigen Dich etwa die Flie⸗ gen?“ Es lag ein verhaltener Spott in der Frage. „Ach ſei doch vernünftig, Du weißt recht gut, was mich peinigt!“ entgegnete die Frau. Es entſtand eine Pauſe. Wäre es nicht ſo ſehr dunkel im Zimmer geweſen, ſo hätte ſie ſehen können, daß Karl Traugott ein ſehr vergnügtes Geſicht machte. „Iſt Dir's denn ganz egal, wenn man jetzt über Volkmars Partie ſpottet?“ ſetzte ſie nach einigem Zö⸗ gern hinzu. „Worüber ſpotteten wohl die albernen Leute nicht?“ fragte Oſterhof ruhig. „Hätten wir nur nicht ſelbſt die Veranlaſſung ge⸗ geben, daß Volkmar ſeine Verlobung beſchleunigte,“ klagte die Frau. „Darüber beruhige Dich, liebe Alte,“ tröſtete Karl Traugott.„Wie ich die Sache jetzt erkenne, ſo wäre dieſe Verlobung auch ohne unſere Bitte vollführt. Durch Zwang wächſt keine Liebe, wie dieſe.“ „O—“ ſagte die Frau herbe,„unter den jetzigen Umſtänden hätte ich nie meine Einwilligung zu der Hei⸗ rath gegeben. Die Tochter eines bankerotten Zuckerfa⸗ brikanten—? Nein, Karl Traugott, nicht durch Knie⸗ 179 fall würde ich zu bewegen geweſen ſein meinen Segen zu geben.“ „Nun ſo iſt's nur gut, daß der Segen ſchon gegeben antwortete der Mann trocken. iſt, „Und wie ſtolz und pretenſiös iſt heut früh dieſe Lyſanna meinen Anſichten und Meinungen entgegen ge⸗ treten? Das giebt zwiſchen uns mein Lebtag keinen Vertrag!“ „Du„hier“ und die junge Frau„drüben“ in den Tuilerien, wie die kleine Hexe es immer ſo allerliebſt ſpöttiſch benennt,— der Raum dazwiſchen iſt weit ge⸗ nug, um lauten Zank zu verhindern,“ meinte Oſterhof ſehr gleichmüthig.„Ich denke aber, Streit birgt Haß im Schooße, darum iſt es beſſer, man ſtreitet ſich nie.“ „Und ich denke, daß man niemals vergeſſen muß, was man iſt,“ ſagte Frau Oſterhof ärgerlich.„Schön⸗ heit thut's nicht allein, wenn das Geld kein Anſehen giebt.“ „Nun liebe Alte, wenn Schönheit und Geld zu⸗ ſammenkommt, ſo giebt das einen guten Klang,“ ſagte Herr Karl Traugott lachend.„Unſer Volkmar hat das Geld und Lyſanna hat die Schönheit— Liebe haben ſie alle Beide in Hülle und Fülle, alſo ſtimmt Alles zur Harmonie.“ 180 „Was ſoll denn nun eigentlich werden mit der Fa⸗ brik?“ fragte die Frau abweichend. Ihre Launenhaftigkeit verhinderte ſie, dem gerechten Urtheile ihres Mannes beizupflichten. „Verkauft wird ſie!“ ſagte Karl Traugott ſehr beſtimmt. „Verkauft?“ wiederholte die Frau verwundert.„Be⸗ wahre! Das iſts ja eben, was mich ſo ſchwer geärgert hat. Lyſanna erklärte mir,„die Fabrik könne von ihrem Vater gar nicht verkauft werden und wenn ſie Himmel und Erde in Bewegung ſetzen ſollte, ſo würde ſie das nicht dulden. Was aus ihrem Onkel Ely werden ſollte, fragte ſie und daß ihr Vater nur ſolchen Gedanken habe faſſen können, begreife ſie gar nicht.—“ „Nun dann wird die Fabrik nicht verkauft,“ ſprach Karl Traugott ſehr ruhig. Frau Oſterhof richtete ſich ſo haſtig auf, daß ſie bei⸗ nahe den Tiſch, welcher vor dem Sopha ſtand, umſtieß. Die Taſſen und Gläſer, die darauf ſtanden, klirrten ſehr verdächtig. „Herr Gott— ein Erdbeben!“ brummte Karl Trau⸗ gott.„Iſt's mal wieder nicht richtig, liebe Alte? Was geht uns denn die Fabrik an?“ „Mit Euch Männern iſt nie etwas anzufangen?“ 181 „Mit Volkmar auch etwa nicht?“ fragte der Mann ſchlau.„Das freut mich!“ „Natürlich, weil Du immer Recht behalten willſt! Volkmar gab mir wenigſtens Recht, daß es gut ſei, wenn wir Alles anwendeten, um den Platz, der unbeſtritten der ſchönſte im ganzen Dorfe iſt, an uns zu bringen und wenn wir die günſtige Gelegenheit nicht vorüber gehen ließen ihn zu erwerben, aber Du, mit Deinem Eiſenkopfe, ſagſt ruhig, wie ein Stockfiſch„dann wird die Fabrik nicht verkauft.“. Herr Karl Traugott faßte mit komiſchem Ernſte an ſeinen Kopf, als wolle er ſich überzeugen, daß er von Eiſen ſei. „Eigenſinn iſt doch eigentlich mein Fehler nie ge⸗ weſen, liebe Alte,“ ſagte er darnach ſehr treuherzig „wie kannſt Du mich denn mit einem Eiſenkopfe ver⸗ gleichen?“ Frau Oſterhof ſchwieg und traf Anſtalt die Läden vor den Fenſtern ein klein wenig zu lüften. Sie tappte durch die dunkle Stube und ſprach dabei: „Man ſollte ſich doch nie von ſeinem Herzen be⸗ ſtimmen laſſen, Grundſätzen ungetreu zu werden. Gleich und gleich muß ſich geſellen. Arm und reich paßt nicht. Ein Vollſpänner ſetzt ſich vom Pferd auf den Eſel, wenn er eine Heirath zugibt, die nicht ebenbürtig iſt. Es dünkt mich eine gerechte Strafe Gottes, daß uns dergleichen paſſiren muß. Bankerott vor der Hochzeit! Allerliebſt. Die Hochzeit wird brillant werden. Ganz eines Oſter⸗ hof'ſchen Erben würdig!“ Jetzt war ſo viel Licht in's Zimmer gelaſſen, daß Frau Oſterhof ihres Mannes Geſicht deutlich ſehen konn te Der Ausdruck darin gefiel ihr durchaus nicht, noch we⸗ niger ſeine Antwort: „Du haſt wohl Langeweile, liebe Alte!“ „Wie ſo?“ „Nun— ich habe immer bemerkt, daß Du nur aus Langeweile zankſt.“ „Heute habe ich wohl hinreichend andere Gründe dazu. Alles könnte vermieden werden, wenn Du darauf beſtändeſt die Fabrik kaufen zu wollen. Dann iſt von keinem Bankerott mehr die Rede, dann haben wir Ly⸗ ſanna's Erbtheil mit dem unſers Sohnes vereinigen wollen, dann bringen wir die Wieſen, die zwiſchen der Ziegelei und der Fabrik liegen, nach und nach an uns und beſitzen ſomit ein Stück Land, um das uns Fürſten beneiden können.“ „Wenn das Waſſer nämlich davon bleibt. Und Ely Koltrum?“— „Ely Koltrum wird entweder abgefunden oder als Aufſeher der Fabrik engagirt.“ 183 „H— ml Eine ganz gute Belohnung dafür, daß er mich mit Lebensgefahr aus der Ziegelei geholt hat, dicht vorher ehe der Eisberg darüber hinwegging! Kennt denn Volkmar dieſen Plan ſchon?“ Frau Oſterhof, die mit der ganzen Herzloſigkeit der reichen Frau bis dahin ihre Pläne entworfen hatte, ſtutzte bei der Erwähnung der Eisberge, die über die Ziegelei hinweggeſtürzt waren. Noch verharrte ſie aber in ihrem ſelbſtſüchtigen Projecte. „Volkmar braucht davon gar nichts zu wiſſen! Wenn du mit Tobias Koltrum einig wirſt, ſo iſt die Sache gemacht.“ „Bis auf Ely, den Lyſanna nicht verlaſſen will, könnten wir auch damit zufrieden ſein?“ „Ely mag nach Amerika gehen— dort findet er gewiß Gelegenheit bald ein reicher Mann zu werden,“ ſprach Frau Oſterhof voll Verdruß über ihres Mannes unerſchütterliche Ruhe.„Auf der Fabrik taugt er uns nicht. Er iſt gewohnt den Herrn zu ſpielen, obaleich er dazu nie ein Recht gehabt hat.“ „Jreilich wäre es eigentlich Tobias' Schuldigkeit ge⸗ weſen, als Herr zu wirthſchaften, daraus würde aber niemals eine Fabrik entſtanden ſein,“ warf Oſterhof kalt⸗ blütig ein. Seine Frau zog eine nichtachtende Miene.„Um 184 ſo beſſer für uns, wenn es nicht dahingekommen wäre, denn damals hatte ich im richtigen Gefühle Volkmarn verboten, ſich Lyſanna zu nähern.“ „Nachher hatte Dir's das Mädchen aber angethan,“ ſagte der Mann gutmüthig einfallend. „Wir können uns nicht beklagen, liebe Alte, unſer Volkmar hat uns bis dahin Alles zu Gefallen gethan, was wir gewünſcht haben. Er wurde ein vornehmer Mann, weil Du es ſo haben wollteſt— er blieb hier und übernahm die Wirthſchaft, weil ich es ſo haben wollte— er verlobte ſich, weil wir es Beide ſo haben wollten. Wie kannſt Du noch mehr verlangen, liebe Alte?“ „Von Volkmar verlange ich gar nichts,“ antwortete ſie.„Von Dir verlange ich, daß Du die Fabrik in aller Stille an Dich bringſt, bevor der Bankerott ruchbar wird, damit ſie im Dorfe nicht mit Fingern auf uns weiſen.“ „Ich will ſehen, was ich thun kann, liebe Alte,“ ſprach Herr Karl Traugott, indem er ſich aus ſeinem ſehr bequemen Rollſtuhl erhob und ſeine Glieder etwas mehr dehnte, als es nöthig war. Sein Geſicht ſtrahlte dabe vor Freude und er fügte mit unterdrücktem Lachen hinzu: „Alſo die kleine Hexe, die Lyſanna hat heute ihre 185 erſten Trumpf gegen Dich ausgeſpielt! Es freut mich ordentlich. Ich hatte Furcht, daß ſie die Sanftmuth ihres Vaters geerbt habe. Damit wäre Volkmarn gar nicht gedient. Er artet nach mir und muß unter Druck gehalten werden, wenn er ſich zum ordentlichen Hausvater ausbil⸗ den ſoll. Achtung vor der Meinung der Frau, das ſichert die Grundlage der Liebe, liebe Alte.“ Frau Oſterhof ſah ihn ſchmollend an. Sie wußte recht gut, was er mit ſeiner Rede andeuten wollte. „Fürchte nichts, ich weiß recht gut, daß Widerſpruch den Zorn reizt. Sei unbeſorgt. Ich kaufe die Fabrik um jeden Preis und wenn ich nichts weiter daraus machen könnte, als eine ſchöne Ruine zum Schmucke der ganzen Land⸗ ſchaft.“ Während er ſprach, hatte er ſeinen Anzug wieder vervollſtändigt und wollte nun das Zimmer verlaſſen. Seine Frau trat an ihn heran und zupfte hier und da, um kleine Fehler in der Toilette zu bedecken. „Sei nur nicht unvorſichtig, Alterchen,“ ſprach ſie ſanfter, als bisher.„Wir haben jetzt einmal unſere Ein⸗ willigung zu der Heirath gegeben— wenn ich vorhin ſo böſe that, ſo war dies—“ „Im Grunde nichts anders, als ein Pröbchen, wie Langeweile am beſten zu vertreiben iſt,“ fiel er ſehr ſchnell ein. 186 „Ach, geh doch! Langeweile kann uns nicht ärgerlich machen, aber—“ „Widerſpruch, liebe Alte,“ vollendete er ihren Satz. „Nun ja. Niemals ſollen wir Frauen recht haben.“ „Du haſt ja immer recht, liebe Alte. Ich bin kein Freund von Schmeicheleien, aber das muß ich Dir doch eingeſtehen, ohne Dich wäre ich ein Bauer geblieben und ohne Dich wäre Volkmar ein richtiger Bauer geworden und hätte nach richtigem Vollſpännergefühle eine wackere Vollſpännertochter zum Weibe genommen. Die Verfei⸗ nerung danken wir Dir. Die wunderhübſche, ſaubere und anmuthige Schwiegertochter auch. Wir fühlen uns ganz glücklich in unſerer Verfeinerung, liebe Alte. Das Leben hat einen andern Geſchmack, unſer Glück eine andere Farbe angenommen. Denk Dir, wir ſollten jetzt um⸗ kehren— wir ſollten Lyſanna verlieren— wir ſollten ferner nicht mehr mit ſtrahlendem Lächeln auf der Ter⸗ raſſe empfangen werden—. Denke Dir⸗ Ely, der eigent⸗ liche König von Glaubek, würde aus der Fabrik vertrieben und müßte nach Amerika gehen, um dort nochmals eine Thronleiter hinauf zu klettern— denke Dir, Ely fehlte der Familie Koltrum— denke Dir, wir ſetzten uns feſt unter dem Baldachin, den Ely inn ſeinem praktiſchen Verſtande gleichſam erfunden hat— „Hör' nur auf, Alterchen,“ unterbrach ſie ihn und * 187 ein warmer Strahl brach aus ihren unruhigen, Aerger verrathenden Augen.„Hör' nur auf— ich merke ſchon, Du kaufſt die Fabrik nicht!“ „Warum denn nicht! Freilich kaufe ich ſie, wenn Tobias ſie gern los ſein will!“ rief Herr Karl Traugott mit großem Eifer. „Jetzt ſage ich, wie Du immer ſagſt: hier reicht mein Verſtand nicht aus!“ „Der Mann muß auch ſtets klüger ſein, als die Frau, liebe Alte! Ja, ich habe den feſten Willen, die ganze Wirthſchaft des Herrn Tobias Koltrum zu kaufen, im Falle ſich Ely Koltrum entſchließt mein Compagnon zu werden! Verſtehſt Du es nun?“ Das ganze Geſicht der Frau Oſterhof erheiterte ſich. „Wer hat Dir denn dieſen Gedanken eingegeben, Alter⸗ chen? So wird es am Beſten ſein! Nun geh' mit Gott! Seit Du vom Eisberge geſprochen, lag es mir wie ein Eisberg auf der Bruſt. Ich wollte es aber nicht merken laſſen. Geh mit Gott und grüße mir die Schwiegertochter.“ Herr Karl Traugott ging.„Wieder ein Sturm be⸗ ſeitigt, der Alles zerſtören wollte,“ murmelte er.„Wie Volkmar wohl von der Sache denkt! Ely muß geſchont werden. Lyſanna hat ihren Onkel lieb— er darf nicht gekränkt werden! Vorwärts!“— Als er hinter der Kirche nach dem Fußpfade einbog, 4 188 der am Abhange entlang lief, ſah er ſeinen Sohn Volk⸗ mar mit Lyſanna vom Bau hinunter nach der Bucht ſchreiten. Augenſcheinlich hatten ſie das Haus, worin ſie vereint wohnen wollten, beſichtigt, und ſich gefreut, wie raſch es aus ſeinen Grundmauern emporſtieg. Herr Karl Traugott verfolgte ſie mit ſeinen Blicken bis zur Bucht. Dort verſchwanden ſie im Ufergebüſch, das ſich im Som⸗ merſonnenſchein mächtig entfaltete. „Die Verfeinerung liebt auch anders, wie wir ge⸗ liebt haben,“ murmelte Oſterhof weiterſchreitend.„Wie lieb das flüſtert, wie ſanft und hübſch das zuſammen plaudert!“ Er lächelte ſehr beglückt und nickte bedeutſam mit dem Kopfe:„Wir wiſſen es jetzt, was den Herrn Sohn plötzlich zur Thatkraft anſpornte— wir wiſſen es wohl.“— Eng an einander geſchmiegt, die Blicke in einander tauchend, einer Seligkeit hingegeben, wie ſie nur die reinſte und jugendfriſcheſte Liebe verleihen kann, wandelte das junge Paar unterdeſſen im Ufergebüſch dahin. Es ge⸗ witterte in der Ferne. Kühlende Lüftchen bewegten die Weidenzweige, die das luſtwandelnde Paar umhüllten. Lyſanna ſah ſchwärmeriſch über die Wieſen hin, als ſich der Weg einmal nahe daran entlang zog und maß mit den Augen die kleine Entfernung, die ſie ſpäter von ihrem Vaterhauſe trennen würde. 189 Volkmar berührte ihre glänzenden Augen mit ſeinen Lippen.„Ob Du mir auch gern in eine ferne Fremde gefolgt ſein würdeſt?“ fragte er weich und leiſe. „Ueberall hin, mein Volkmar!“ ſagte ſie raſch und entſchieden.„Fordre es und ich ziehe mit Dir in eine Sandwüſte, lebe einſam mit Dir in einer Hütte und mühe mich ab um das tägliche Brod. Die Liebe zu Dir füllt mein ganzes Weſen aus. Ich weiß nicht, wie es möglich ſein würde zu leben im Bewußtſein, daß der Tag vergehen ſolle, ohne Dich zu mir führen zu können. Gott mag eine Trennung verhüten!“ Volkmar umſchloß das ſchöne Mädchen inniger. „Noch wenige Wochen und Du biſt mein für's ganze Leben— noch wenige Wochen und es trennt uns nichts mehr!“ flüſterte er leidenſchaftlich. Mit der vollen Hingebung und Innigkeit der Liebe ſchmiegte ſich Lyſanna an ſeine Bruſt. Dann hob ſie den glänzenden Blick und bewegte abwehrend das Haupt. „Wie wenig ſtehen unſere Verhältniſſe im Einklange mit unſerem Liebesglücke, mein Volkmar. Nein, trage Dich nicht mit der Hoffnung, daß ich ſo bald Dein wer⸗ den kann. Laß erſt Alles geordnet ſein. Mich ergreift ein tiefer Schmerz, wenn ich Onkel Ely's bleiches, ern⸗ ſtes Geſicht ſehe.“ 190 „Lyſanna!“ rief Volkmar beſtürzt.„Seit wann haſt Du dieſen Vorſatz gefaßt?“ „Seit ich aus dem ſelbſtſüchtigen Taumel erweckt wurde, der mich wie ein Glückstraum umfing. Deine Mutter ſagte mir, daß Mein Vater die Fabrik verkaufen müſſe.“— „Nicht doch! Er will ſie verkaufen, weil er ſich vor den Widerwärtigkeiten des Geſchickes fürchtet. Die Koſten des Baues erſchreckten ihn,— ſonſt nichts!“ „Deine Worte beruhigen mich! Aber meinen Vor⸗ ſatz können ſie nicht ändern!“ „O mein Lieb, wie kannſt Du mit kaltem Herzen eine Weigerung aufrecht halten, die unſer Glück verzö⸗ gert.“ „Verzögert—? Ja, das will ich zugeben, aber woenn es durch dieſe Verzögerung geſichert würde?“ Volkmar ſchauete in ihre Augen, die hell und klug blitzten, wie zwei ſtrahlende Sterne. „Bitte, mein Lieb— was denkſt Du? Sag’ mir Alles!“ „Möchteſt Du den ſüßen Frieden unſeres Herzens⸗ bundes getrübt ſehen, Volkmar?“ fragte das Mädchen feſt, aber ſehr zärtlich. Er küßte ſtatt der Antwort die Lippen, die ſo ernſthaft fragten. „Wenn wir dem entgehen, wenn wir den feinen 191 Blüthenſtaub von unſerm Liebesleben nicht verwehen laſ⸗ hen wollen im Sturme alltäglicher Reibungen, ſo darf ich nicht als Deine Gattin in Dein Vaterhaus ziehen, mein Geliebter,“ ſagte ſie ſanft. Eine Ahnung durch⸗ flog Volkmars Seele. „Meine Mutter?“ fragte er bedeutungsvoll. Ly⸗ ſanna neigte die Stirn an ſeine Schulter. Eine lange Weile ſprachen ſie nicht. Die leiſe Anklage ſeiner Ver⸗ lobten wurde von Volkmar vollſtändig begriffen und für richtig befunden. In dem Maße, wie ſeine Mutter die Regentin ſpielte, war Lyſanna es nie gewohnt geweſen und daß ihr feiner organiſirtes Gemüth von der launen⸗ haften Herrſchſucht derſelben abgeſtoßen und verletzt wer⸗ den mußte, war ihm ſogleich klar. Er überlegte, was zu thun ſei, um ſeine Wünſche erfüllen zu können, ohne gegen die äußere Schicklichkeit zu verſtoßen. Lyſanna fürchtete während dieſer Pauſe, daß er ſich von ihrer Offenherzigkeit verletzt fühle. Schüchtern hob ſie endlich den Blick zu ihm auf. Ein heiteres Geläch⸗ ter endete eben das Nachdenken Volkmars.„Ich habs!“ rief er und umfaßte ungeſtüm die Geliebte. „Volkmar!“ entgegnete das Mädchen ſich ſträubend, als er muthwillig mit ihr vorwärts tanzte. „Ich hab's, mein Lieb!“ Ich hab's!“— Er träl⸗ Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 13 19²2 lerte eine Walzermelodie und hob die leichte Geſtalt hoch auf. Was haſt Du?— Sei doch wenigſtens ſo vernünf⸗ tig, mir Deine Anſichten mitzutheilen,“ bat Lyſanna. „Wir reiſen, bis unſer Palaſt fertig iſt!“ rief der junge Mann dictatoriſch. Einen Augenblick ſtarrte Lyſanna ihn verdutzt an. „Volkmar? Reiſen? Wir Beide reiſen— das geht ja nicht!“ „Das wollen wir ſehen. Es geht Alles in der Welt, wenn es richtig angefangen wird. Nicht eine Stunde laß ich mir von dem Glücke ſtehlen, welches mir von Gott ſelbſt verliehen iſt. Sieh, mein Lieb, eines Tages ſprach ich im Uebermuthe aus, daß man Venedig Genua, Florenz, Rom und Neapel geſehen haben müſſe, wenn man als Cavalier gelten wolle. Meine Abſicht war es, meinen Freund Eckberg, der im Herbſte dieſe Reiſe in Gemeinſchaft mit ſeiner Mutter und Gattin antritt, zu begleiten. Da ſah ich Dich, Lyſanna! Der erſte Anblick entſchied über mein Schickſal. Ich hätte mich nie wieder von der Erdſcholle trennen können, die Deine Heimath war. Aber mit Dir, mit meiner jungen Frau hinauszufliegen in die claſſiſchen Gefilde, mit Dir vereint die wunderſchöne Natur— und Kunſttempel Italiens bewundern zu dürfen— o Lyſanna, Gott ſegne 193 Deine Weigerung, die ſich auf eine feine und richtige Beobachtung ſtützt— die Seligkeit der Erde wird die Seligkeit des Himmels mit ſich vereinen— ich will aber auch dies Glück zu verdienen ſtreben!“ Lyſanna faßte ſeine Hand mit ihren beiden Händen. Auf ihrem ſchönen Geſichte lag der Widerſchein eines innern Gelübdes. Jedes ſeiner Worte hatte in ihrem Innern einen Widerhall gefunden und in der Art, wie er die erſten Zerwürfniſſe der Gegenwart beſeitigte, um ſie im Meere der Zukunft zerfließen zu laſſen, lag eine Gewährleiſtung für ihren Frieden in der Ehe. Lange wandelten ſie hin und her auf dem Pfade im Ufergebüſch. Die hehre Ruhe der Natur beſchwichtigte die leidenſchaftlichen Wallungen ihrer jugendlichen Herzen. Befriedigt vom Bewußtſein ihrer Zärtlichkeit ruheten alle Wünſche und ihr Geiſt öffnete ſich den Anſchauungen, welche ihn zu der Stufe einer höhern Erkenntniß erhob. Lyſanna zeigte ſchweigend auf die Wellen des Stro⸗ mes, die wie Silberflächen durch die Zweige der Weiden ſchimmerten. Der Anblick weckte Erinnerungen in Volk⸗ mar, die ſich aus dem Nebel der Vergangenheit nach und nach entwickelten und an's Tageslicht heraufſtiegen. Mit der Aufrichtigkeit wahrer Liebe führte er die Zeit vor ihrer Seele vorüber, wo er zum letzten Male an ih⸗ rer Seite hier gewandelt und die Silberfluthen des Waſ⸗ 13* 194 ſers bewundert hatte. Er geſtand ihr, was ihn von ih⸗ rem Umgange entfernt hatte, er ließ ſie in ſeiner Ver⸗ gangenheit leſen, wo ſeine Schwächen zu Fehlern wur⸗ den, wo er auf immer ſchmalern Stegen am Rande einer Weltverdorbenheit hingegangen war. Lyſanna lä⸗ chelte ihn gütig an, aber ſie wurde bleich. War nicht ihr Lebenspfad, gleich dem ſeinen, dicht an die Gränze des Verderbens geführt? Nur Giſela, deren Bild ſtets wie ein Geſtirn vor ihr prangte, hatte ſie bewahrt. Es wurde ſtill und dunkel in ihrem Geiſte, als ſie Beide der lehrreichen Prüfungszeit gedachten, die ihnen beſchie⸗ den worden war. Dann aber lichtete es ſich ſchnell in ihrer Seele. Sie kamen an die unvergeßliche Stunde zurück, wo ſie ſich begegnet waren nach jahrelanger Tren⸗ nung. „Noch kämpfte mein irregeleiteter Verſtand gegen die berauſchenden Phantaſiebilder,“ ſagte Volkmar mit liebenswürdiger Offenheit.„Daß Du ſchon Siegerin wareſt, beweiſ't der Beginn des Baues, den ich längſt mit Beihülfe meines Freundes Eckberg entworfen hatte, welcher der genialſte Architekt iſt, den die Erde trägt. Es muß Alles gehen, wenn der Menſch es richtig an⸗ fängt, ſagte er ſtets. Er hat recht. Er beweiſet es durch Beiſpiele. Ich ſchrieb ihm, daß er kommen ſollte, um mir Rath zu geben. Er antwortete gar nicht, ſon⸗ 195 dern ſchickte mir den Ingenieur auf den Hals. Mit Feuereifer gingen wir an's Werk! Als ich jedoch hörte, Du würdeſt eines andern Mannes Weib werden, da er⸗ kannte ich meine Leidenſchaft—.“ „So klar liegt mein eigenes Innere nicht vor mir, Volkmar,“ antwortete Lyſanna leiſe und demüthig. „Der Nachklang meiner Irrthümer iſt beſchämend für mich und ich bin meiner erſten Gefühle für Dich nicht ſo ſicher, wie Du. Dein Anblick regte mich merkwürdig auf, aber ich war nicht geneigt, Dir die Demüthigung zu verzeihen, welche Du mir durch Deinen kalten Gruß bereitet hatteſt.“ „Aber, als Du Abſchied nahmſt, mein ſüßes Lieb?“ fragte er zärtlich.„Als Du dort oben allein ſtandeſt im Kampfe mit unbekannten Gefühlen; als außer Gott nur ich Dich ſah und aus Deinem ganzen Weſen die Grund⸗ elemente der Flammen lodern ſah, die uns jetzt verei⸗ nigen?“. Der Lichtſchein der Verklärung überflog Lyſanna's Antlitz. Die heilige Stimmung, welche ſie damals ge⸗ fangen hielt, trat in ihre Erinnerung zurück.„Ja— damals—“ flüſterte ſie tief erröthend,„um ſo tadelns⸗ werther erſcheint mir jetzt der Trotz, womit ich dem Gen danken an Dich entfloh.“ „Der Kern der Liebe iſt oft bitter, ätzend und ſcharf, 196 aber die Blüthe derſelben iſt immer ſüß und lieblich,“ antwortete Volkmar tröſtend.„Du haſt mich lieb gewonnen in der früheſten Kindheit, wie ich Dich, und unſere Ehe wurde im Himmel beſchloſſen. Wir erſcheinen im großen Welt⸗ all wie zwei Blumen in gleicher Erde, die träumend im Sonnenſcheine des Lebens erblüheten. Wären wir in der Meeresſtille der alltäglichen Gewohnheit einander zu eigen geworden, ſo würde unſere Liebe nicht ſo ſchön, ſo beglückend, ſo veredelnd ſein.“ Lyſanna's leuchtendes Auge ſagte:„Ja, Du haſt recht!“ Ihre Lippen ſprachen leiſe und wehmüthig: „Mögen die Engel Gottes unſer Glück nun in ihre Ob⸗ hut nehmen.“ Hier rief des guten Karl Traugott's derbe Stimme ſie aus ihrem ſchwärmeriſchen Traumleben wach. Sein jovialer Ton verſcheuchte alle Sentimentalität. Das Glück aber blieb. Im Glanze desſelben geſellten ſie ſich nun der Ver⸗ ſammlung zu, die ſchon lange unter dem Baldachin über Ely's Wohl und Wehe zu Gericht geſeſſen. Ely hatte ſich eben entfernt und vorher die feſte Erklärung abgege⸗ ben, daß er durchaus kein Recht habe, ſich dem Verkaufe der Fabrik zu widerſetzen, da ſie, nach ſeiner Meinung, unbeſtrittenes Eigenthum ſeines Bruders ſei, daß er aber niemals dazu zu bewegen ſein werde, mit einem An⸗ 197 dern, als mit ſeinem aindeneem gemeinſames Geſchäft zu ttabliren. „Seine Conſequenz hält Lisberge in Schach,“ ſagte Oſterhof ſehr vergnügt zu ſeinem Sohne, als er ihm flüchtig das Reſultat der ſtattgefundenen Conferenz mit⸗ theilte. Lyſanna ſah ernſthaft in ſein Geſicht. In Karl Trau⸗ gott's Augen ſchimmerte das Licht der Liebe. Sie ver⸗ ſtand ihn auf der Stelle. Rede heute nicht ein Wort mehr, meine kleine Schwiegertochter,“ ſprach er barſch ermahnend,„der Wi⸗ derſpruch Ely's hat Hyänen aus uns beiden Vätern ge⸗ macht. Jetzt will ich erſt ſchleunig heim und meiner lieben Alten mittheilen, was ſie wiſſen muß. Was habt Ihr denn in Eurer Conferenz da unten am Waſſer be⸗ ſchloſſen? Es ging ja ſehr wichtig her, Volkmar!“ „Wir haben Reiſepläne gemacht, Vater,“ antwor⸗ tete der junge Mann ſehr raſch.. Herr Karl Traugott riß ſeine Augen ſehr weit auf. „Reiſepläne?“ wiederholte er. „Nun? Wundert Dich das?“ ſcherge der Sohn. „Du wirſt mir doch eine Hochzeitsreiſe bewilligen?“ „Ja ſo! Das iſt eine der neuen Moden, die je⸗ der Cavalier mitmachen muß! Freilich, ohne Hochzeits⸗ 198 reiſe geht es nicht. Immerhin— ich bewillige Alle. Wohin ſoll's gehen?“ „Da ich noch einen Ausflug nach Italien zu fordern habe, den ich nur Euretwegen unterließ, ſo werde ich mit meiner jungen Frau nach dem Lande ziehen, wo die Citronen blühen und nicht eher wiederkommen, bis mein neuer Palaſt fix und fertig iſt.“ Herr Karl Traugott ſchauete frappirt erſt in das Geſicht ſeines Sohnes, der ſehr gleichmüthig und dann in das Angeſicht Lyſanna's, die ſehr unſchuldig ausſah, dann ſchlug er ein ſo herzliches Gelächter auf, daß alle Anweſenden mit einzuſtimmen gezwungen wurden. Er lief eiligſt davon, immerfort lachend. Noch in der Ferne hörte man ſein vergnügtes, aus dem Herzen kommendes Lachen, und Lyſanna ſagte heimlich zu ihrem Verlobten: „Dein Vater iſt weit klüger, als er ſcheinen will, aber ſein Herz iſt treu und zuverläſſig.“ „Das wollt' ich meinen!“ ſprach Volkmar mit Zu⸗ verſicht. Der Hochmuth, der uns Bauern plagt. iſt ihm nicht bis in's Herz gedrungen.“ Karl Traugott Oſterhof erreichte ſein Hausi im Schweiße ſeines Angeſichtes. Er war gelaufen wie ein Courier, um ſeiner lieben Alten ſo ſchnell wie möglich Nachrich⸗ ten bringen zu können, die ihn bis in's Innerſte ſeiner Seele gefreut hatten. 199 Sein Lachen war allmählig verſtummt und in einen ehrbaren Ernſt verwandelt worden. Schon von fern ſah er ſeine Frau unter den Akazien ſitzen, welche die Front ſeines Hauſes zierten. Seine Geberden bewogen ſie auf⸗ zuſtehen, um ihn in's Haus zu begleiten. Sie kannte ſeine Manier, rückſichtslos laut zu werden und wollte jedes Aufſehen meiden. Kaum hatte Frau Oſterhof die Stubenthür hinter ſich geſchloſſen, ſo rief er auch ſchon:„Freu Dich, liebe Alte— Alles in der beſten Ordnung!“ Er ging ſei⸗ nen Stock in die Ecke zu ſtellen und ſeinen Hut auf⸗ zuhängen, dabei ſprach er immer abgeriſſen:„Ging Alles nach Wunſch!— Sehr ſchonend gegen Ely ver⸗ fahren— ſehr ſchonend— Alles mit Handſchuhen an⸗ gefaßt— wie es ſich ziemt, einen Lebensretter zu be⸗ handeln. Aber— der Ely Koltrum iſt ein—“ er be⸗ ſann ſich einen Moment, weil ihm ſein Gedächtniß un⸗ treu geworden—„ja, ein Eiſenkopf— richtig, ein Ei⸗ ſenkopf iſt Ely Koltrum, gerade ein ſolcher Eiſenkopf, wie ich bin. Alles in der beſten Ordnung, liebe Alte, ſogar der Scandal wegen Bankerott und Hochzeit be⸗ ſeitigt.“ Er zog den Rock ab und legte ſich in die Sopha⸗ ecke zurück. Geſpannt hatte Frau Oſterhof jedes Wort von ſeinen Lippen geſogen. Sie war aber ſichtlich durch — 200 die abgeriſſenen Redensarten nicht gerade zufriedenge⸗ ſtellt. Der„Eiſenkopf“ machte ſie bedenklich, ob Ernſt, ob Scherz hinter den Floskeln ſtecke. „Ja, ja! Wir können nun ſicher Mittagsruhe hal⸗ ten— die Fliegen werden uns nicht mehr peinigen. Ging Alles nach Wunſch. Die Fabrik können wir alle Tage haben und zwar ganz nach Deinem Belieben, ohne Herr Ely Koltrum, denn er weigert ſich, in ein Com⸗ pagniegeſchäft mit mir zu treten.“ „Er weigert ſich?“ fragte Frau Oſterhof verwun⸗ dert.„Was will er denn anfangen? Hat er noch ſtolze Pläne? Der Mann muß nicht ganz bei Sinnen ſein!“ „Das dachte ich auch, als er mir rundweg erklärte, nicht mein Aſſocié werden zu wollen. Nun, die Sache findet ſich noch, wenn wir erſt die Fabrik haben. Wir überſchlugen ungefähr die Koſten. Bankerott iſt Koltrum keineswegs, liebe Alte. Er gewinnt noch ſo viel, daß er mit ſeiner Frau ruhig leben kann. „Daran habe ich ja nicht gezweifelt.“ „Nicht? Ich dachte! Du ſpracheſt vom Bankerott — da bleibt gewöhnlich nichts übrig.“ „Was rechnet Koltrum im Ueberſchlag für die Bau⸗ lichkeiten, die noch brauchbar ſind?“ fragte die Frau, nä⸗ her auf die Sache eingehend. 201 „Darüber iſt noch nichts beſtimmt. Wir haben nur die Gränze vorläufig geſteckt.“ „Die Gränze?“ fragte Frau Oſterhof. „Ja. Bis zur Brücke behält Tobias Koltrum die Beſitzung. Die Brücke wird abgebrochen und eine nie⸗ drige Mauer als Gränzſcheide errichtet. Da der Frieſen⸗ hof vom Feuer ſtark mitgenommen iſt, ſo will Tobias Koltrum ſein jetziges Wohnhaus mit dem Namen ‚Frie⸗ ſenhof“ belegen.“ Ein maßloſes Erſtaunen feſſelte bis dahin Frau Oſterhof's redeluſtige Zunge. Jetzt riß dieſe Feſſel und eine Antwort, von Zorn und Empörung gefärbt, hemmte die weitere Auseinanderſetzung Oſterhof's. Er hielt inne und horchte mit gutmüthigem Geſichte (auf ihren heftigen Einwand, der ſich mit der Verfeinerung ihrer Sitten nicht gut vertrug. „Aber was fällt Dir denn ein, liebe Alte,“ ſagte er dann.„Jetzt ſchiltſt und zankſt Du und doch habe ich nur nach Deinem Willen gehandelt. Du verlangteſt die Fabrik zu kaufen, damit das Gerede von einem Bankerott unterdrückt würde.“ „Was ſollen wir mit dem alten Gerümpel, wenn wir nicht die Terraſſen dazu haben können?“. „Daß Dir daran liege, habe ich nicht gewußt. Was 20² willſt Du denn mit allen Häuſern, liebe Alte. Laß doch dem armen Tobias ſeine ſtille Eremitage.“ „Meinetwegen. Um die Fabrik brauchſt Du Dir dann auch keine Mühe zu geben,“ antwortete Frau Oſter⸗ hof ruhiger. 1 „Deſto beſſer! Dann wird Tobias Koltrum wohl ſo vernünftig ſein, ſie gar nicht zu verkaufen. Mir hat Herr Ely unbeſchreiblich leid gethan. Sein ganzes Weſen iſt verändert— gerade in der Art, als ſähe er ſich nur nach einem Sarge um.“ „Aber um Gotteswillen, Alterchen— ſo hilf doch dem Manne,“ ſprach Frau Oſterhof plötzlich verändert. Es iſt ja unchriſtlich vom Tobias gehandelt, daß er gar keine Rückſicht auf ihn nimmt.“ „Wenn Du es willſt, mag ich ihm gern beiſpringen. Freilich— es geht jetzt heillos viel Geld darauf und Volkmar's Reiſe nach Italien wird auch noch einen ſchönen Thaler koſten.“ „Volkmar's Reiſe nach Italien?“ wiederholte die Frau. Der Verſtand ſchien ihr ſtill zu ſtehen. Herr Karl Traugott machte ſich ein Vergnügen daraus, ihr in aller Gemächlichkeit vorzuerzählen, was er ſo eben in Erfah⸗ rung gebracht. „Mir ſcheint es, als ſpiele Volkmar damit ſeinen eerſten Trumpf aus,“ ſagte er ſehr vergnügt und rieb die 203 Hände.„Es freut mich, daß er uns zeigt, wie hoch er ſein Liebchen ſchätzt. Die Männer, die ihre Frauen von irgend Jemand mißachten laſſen, ſind nicht werth gute Frauen zu haben. Ich bin ſtets darauf bedacht geweſen, Dich hoch und werth zu halten. Volkmar hat recht. Er führt ſein Weibchen nicht in unſer altes Haus, damit die Dorfbewohner mit ihren ſpitzen und böſen Zungen nicht das Unglück der Familie Koltrum zu einem Bankerott machen und meinen, wir hätten aus Mitleiden und Er⸗ barmen unſer Wort gehalten. Volkmar hat recht! Er verſchmäht die bäueriſche Sitte, eine brillante Hochzeit zu machen. Dafür nimmt er ſeine hübſche Lyſanna in den Arm und reiſet, als vornehmer Cavalier, nach Italien, bis ſein Palais fertig iſt Deine Erziehung macht Dir alle Ehre, liebe Alte. Ich hätte es nie fertig gekriegt, aus dem groben Bauern einen ſo feinen Mann, einen ſo vor⸗ trefflichen Mann herauszubilden.“ Frau Oſterhof ſchwieg mäuschenſtill. Die Wahr⸗ nehmung beſtürzte ſie, daß ſie in Lyſanna einen Zart⸗ ſinn und eine Geiſtigkeit zu ehren gezwungen wurde, die ſich von keinem Unglücke herabſetzen ließ. Sie bereuete ihre rückſichtsloſen Reden, womit ſie das ſtolze Herz Lyſanna's verwundet hatte. Wäre ihr dieſe Lehre von ihrem Sohne ertheilt, nachdem die Verhältniſſe zwiſchen ihm und Ly⸗ ſanna unabänderlich geſichert waren, ſo hätte ein tiefer A. 204 und unheilbarer Bruch entſtehen können. Allein daß ihr Sohn bei der erſten Gelegenheit bewies, ſeine Gattin ge⸗ höre einer Sphäre an, die ſie aus dem Ideenkreiſe ge⸗ wöhnlicher Menſchen entfernt hatte, daß er bei dem ge⸗ ringfügigen Angriffe von ihrer Seite zeigte, ſeine Gattin ſolle über den Beurtheilungen kleinlicher Dorfweisheit erhaben ſtehen, das weckte in ihr einen Reſpect, der ſehr gute Folgen hatte. Sie kam zur Einſicht und ſtieg vom Gipfel ihres Hochmuthes abwärts, als ſie einſah, daß ſelbſt der ärmſte Menſch unantaſtbare Rechte habe, die vom Zartgefühl ſeiner Umgebung behütet werden müßten. Es wurde Frieden geſchloſſen zwiſchen Frau Oſterhof und ihrem Manne. Er hatte„ſein Müthchen gekühlt,“ wie er es zu nennen pflegte und als er bemerkte, daß ſie Reue fühlte bei der Rückerinnerung an die unzarte Offenbarung, die ſie ſich gegen das unſchuldige Mädchen, welches ihre Tochter werden ſollte, hatte zu Schulden kommen laſſen, da mäßigte er ſeine Schadenfreude. Sie waren ſehr bald einig darüber, ihrem Sohne dieſe län⸗ gere Reiſe mit der jungen Frau zu geſtatten und da bis zur Zeit ihrer Abreiſe der Bau ſo weit vorgeſchritten ſein mußte, um Volkmar's Aufſicht entbehrlich zu machen, ſo erwuchs ihnen nicht der geringſte Nachtheil daraus. „Man ſollte beinah verſucht ſein zu glauben, daß ein guter Geiſt bereit ſtehe, alle Deine Worte, Gedanken 205 und Wünſche zum Beſten zu lenken, liebe Alte,“ ſprach ſchließlich Oſterhof. „Ja, Du Spötter,“ antwortete ſie grollend,„Du wendeſt die Worte der heiligen Schrift dabei an: ſie ge⸗ dachte es böſe zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen! Ich will aber wenigſtens aus den letzten Be⸗ gebenheiten lernen, daß man bei der Verfeinerung nicht allein das Aeußerliche des Lebens und die Bildung des Geiſtes berückſichtigen muß, ſondern auch die Veredelung des Gemüthes. Unſer Pfarrer hat wohl nicht ohne Grund bei ſeiner Baurede dieſe Worte zum Texte genommen. Ich hatte nur kein rechtes Verſtändniß dafür. Jetzt weiß ich, was er meinte und ſeine Rede ſoll in einen guten Boden fallen.“ Herr Karl Traugott umfaßte ſie und drückte einen Kuß auf ihren Mund, indem er antwortete: „Eine kluge Frau beſſert ſich aber ſchweigend, liebe Alte. Eine Rede erhält eine Antwort und die freundlich begonnene Verſtändigung kann zum Kriegsgeſchrei werden. Ein Tropfen Galle verdirbt das ſüßeſte Herzblut. Alſo thu’, als wenn nichts vorgefallen wäre. Sie ahnen nicht, worüber ich gelacht habe. Verſtehſt Du?“ Frau Oſterhof nickte beiſtimmend mehrmals mit dem Kopfe. Das ſtillſchweigende Einverſtändniß mit ihrem Manne milderte die Beſchämung, als Grund dieſer un⸗ gewöhnlich ausgedehnten Hochzeitsreiſe betrachtet zu wer⸗ 206 den. Hätte Volkmar, hätte Lyſanna etwas von ihrer innerlichen Zerknirſchung geahnt, ſo würden ſie in natur⸗ gemäßer Berückſichtigung von ihrer Reiſe abgeſtanden ſein. Herr Karl Traugott Oſterhof hatte ſich in der letz⸗ ten Zeit als ein zu weiſer Menſchenkenner bewährt, um nicht den Gedanken aufkommen zu laſſen, daß er dies bedachte, indem er ſeiner Frau den Rath gab, keine Worte über den Anlaß zur Reiſe zu verlieren. Er gönnte ſeinem Sohne, den er immer ſtill und treu geliebt hatte, die Reiſe und er wünſchte, daß Lyſanna, die er von Stunde zu Stunde zärtlicher in's Herz ſchloß, an der Seite ihres jungen Gatten die Paradieſesluſt ihrer jungen Ehe recht voll und rein genießen könne. Die geiſtige Gemeinſchaft dieſer beiden jungen Men⸗ ſchen intereſſirte den einfachen, verſtändigen Mann mehr, als er dachte und er handelte gewiß im Antriebe dieſes Intereſſe, als er ſeiner Frau die Lippen, die eine himm⸗ liſch ſchöne Uebereinſtimmung zweier Herzen ſtören konn⸗ ten, mit wohlüberlegten Rathſchlägen ſchloß. „Sie ſollen ſo glücklich werden, wie nur irgend zwei Menſchen glücklich auf Erden geweſen ſind,“ dachte er, als er ſich im letzten Abendſchimmer vor die Thür ſetzte und ganz gemüthlich zufrieden die wenig poetiſche Ausſicht auf eine ſtaubige Dorfſtraße genoß. —— Schluß⸗Capitel. Frau Oſterhof hatte nicht ganz Unrecht gehabt, wenn ſie die Gebrüder Koltrum mit ihrer Fabrik gleich einer gefallenen Größe zu behandeln Luſt bezeigte. Der Geiſt, welcher das Unternehmen hielt, war wie vernichtet und zerſtört. Eine äußere Gelaſſenheit bedeckte zwar Ely's trau⸗ rige Gemüthsverfaſſung, aber gerade die Ruhe, die er an den Tag legte, wenn vom Verkaufe des ganzen Frie⸗ ſenhofes die Rede war, mußte dem aufmerkſamen Be⸗ obachter auffallend erſcheinen. Es ſchien, als ob er zum erſten Male in ſeinem ganzen Leben der Meinung ſeines Bruders huldigte und einem Kampfe mit Widerwärtig⸗ keiten lieber aus dem Wege gehen, als denſelben trotz bieten wollte. Herr Tobias Koltrum glaubte ganz in ſeinem Rechte zu handeln, als er beſtimmt den Verkauf der Brandſtätte, wie er es nannte, anordnete. Er hatte Fritze: Die Gebrüder Koltrum. II. Bd. 14 208 noch nie ſo viel Energie bewieſen, als in dieſem Ent⸗ ſchluſſe. Da er auch nicht den geringſten Widerſpruch von ſeinem Bruder Ely erfuhr, ſo glaubte er ihn mit ſeinen Maßregeln einverſtanden. Auch ſeine Frau gab ſich dieſer Täuſchung hin. Nicht aber Lyſanna. Sie war von den rückſichtsloſen Eröffnungen der Frau Oſterhof über die Gefahr belehrt, worin das Handels⸗ und Fabrikunterneh⸗ men ihres Onkels ſchwebte.„Ihm würden die Mittel fehlen ſich zu halten— er müſſe die ganze Wirthſchaft veräußern, um einem ſchimpflichen Bankerott vorzubeugen.“ Lauteten nicht ſo die ſchweren, demüthigenden Worte, die Lyſanna anhören mußte? Und dann— ihr Vater hätte erklärt, daß unter allen Umſtänden das ganze Eta⸗ bliſſement ſofort verkauft werden ſolle? Wie Bleigewichte lagen dieſe Eröffnungen, denen unzarte Andeutungen auf die allgemeine Stimme beige⸗ fügt worden waren, auf Lyſanna's Seele, doch war ihr Charakter durch Giſela's Umgang dergeſtalt gereift, daß ſie ruhig einer ſtillen Beobachtung ſich widmete, bevor ſie ihrer Meinung Worte lieh.. Zuerſt verſuchte ſie mit der liebenswürdigen Heiter⸗ keit, die ihr ganzes Weſen charakteriſirte, auf die Seelen⸗ ſtimmung ihres Oheims einzuwirken und ſein Selbſtver⸗ trauen wieder zu heben. Mit dieſem Verſuche ſcheiterte ſie gründlich und ſie machte dabei die höchſt unwillkom⸗ 209 mene Entdeckung, daß ſich ihre Freundin Giſela durch⸗ aus nicht willfährig finden ließ, bei derartigen Verſuchen mitzuwirken. Ihr Verſtand ſagte ihr, daß hier ganz be⸗ ſondere Umſtände vorwalten mußten. Die Ahnung des wahren Sachverhaltes tauchte in ihr auf und trieb ſie nun zum Handeln. Schon in den erſten Tagen nach dem unglückſeligen Brande hatte Ely das Landhaus ſeines Bruders wieder verlaſſen und war bemüht geweſen, ein Unterkommen in dem alten halbzerſtörten Frieſenhofe für ſich herzuſtellen. Hier lebte er abgeſchloſſen, wie ein Einſiedler, ſichtlich bemüht allen Erinnerungen zu entfliehen, die ihn zu ſeinen „thörichten Träumen“ zurückzuführen im Stande waren. Er ordnete, was zu ordnen war. Er ließ den Brandſchutt wegräumen, machte der Aſſeeuranz Anzeige von dem Brande, beaufſichtigte ſeine Wirthſchaft und gab ſich das Anſehen, als erträge er mit der Würde eines Philo⸗ ſophen das Mißgeſchick, welches ihn auf dem Höhen⸗ punkt ſeiner Lebenskraft zum Invaliden zu machen drohete. Ja, wenn er Muth gehabt hätte, fremde Hülfe für ſein eigenes Intereſſe in Anſpruch zu nehmen! Ja, wenn er nicht durch die Nichtswürdigkeit der Firma Warren& Roſſian Erfahrungen gemacht hätte, die ihm ein Grauen vor dem Verkehr mit der Handelswelt eingeflößt. Seine 14*½ 210 Redlichkeit hatte ihn in unglaublicher Reinheit erhalten und ihm einen beſchwerlichen Weg zum Erwerb vorge⸗ zeichnet, während Andere mit geringeren Mitteln durch freches Speculiren weit glücklicher und geſegneter er⸗ ſchienen. Daß ſein Bruder die Wirthſchaft ganz und gar ver⸗ kaufen wollte, wunderte ihn nicht, obwohl derſelbe wei⸗ ter keine Beſchwerde von den Einrichtungen gehabt haben würde, die getroffen werden mußten. Der Verluſt, den Tobias erlitt, war für ſeine Verhältniſſe nicht ſehr be⸗ deutend. Kaufte Jemand die Fabrik, der hinreichende Mittel beſaß, ſo ſchnell und koſtſpielig wie möglich her⸗ zuſtellen, was das Feuer vernichtet hatte, ſo konnte die Campagne, vielleicht um einige Monate verſpätigt, den⸗ noch beginnen. Aber— es gehörte ein bedeutendes Baarvermögen dazu, um dies Alles zu bewerkſtelligen. Er hatte nie mit fremdem Gelde wirthſchaften gelernt. Sein ganzes, mühſam erworbenes Werk war aus jährli⸗ chen Ueberſchüſſen entſtanden. Er bauete nie eher, bis er Geld dazu im Kaſten hatte. Aus dem Einen war das Andere geſchaffen— das war die Eigenthümlichkeit ſeines ganzen Weſens— darum konnte er nie in einer Gemeinſchaft wirken, wo er die Pläne eines fremden Geiſtes mit den ſeinigen verbinden ſollte. Lyſanna erkannte dies. Sie erklärte ſich ſeine mo⸗ mentane Hülfloſigkeit und wartete nur auf den Zeitpunkt, wo wirklich Schritte gethan werden würden, die ihr ein Recht zum Widerſpruch geben könnten. Für jetzt lag nur eine ſchwüle Ruhe, ein trauriger Stillſtand auf Allem, was ihre Umgebung bildete. Giſela mied es, auf den Terraſſen zu erſcheinen. Ely ließ ſich faſt gar nicht ſehen. Sie hatten es wohrſcheinlich Beide nöthig, die Vernunft zur Herrſcherin der Phantaſie zu machen. Giſela konnte ſich nicht entſchließen, die Muſik zur heiligen Trö⸗ ſterin ihres ſtillen Leid's zu machen und Ely ſuchte zu vergeſſen, daß er eines Tages nicht gewußt habe, ob Giſela ihres Geſanges wegen von ihm geliebt oder ob ihm die Muſik Giſela's wegen ſo unbeſchreiblich ſüß er⸗ ſchienen ſei. Bisweilen hob ſich ſeine Bruſt unter der Klage, warum der Himmel ſeinen Gleichmuth erſchüttert habe. Aber die kurze Spanne Zeit, in welcher Frühlings⸗ ahnungen ſein Herz friſch und froh gemacht, war eine zu glückſelige geweſen, um nicht ſelbſt unter ſeinem jetzigen Unmuthe eine Wirkung auf ihn auszuüben. Er tröſtete ſich mit dem Zauber der Zeit, der alle Qualen zu be⸗ zwingen vermag. Giſela aber war nicht hoffnungslos ſtill. In ihrer Bruſt ruhte das Geheimniß eines Briefes, den ſie ge⸗ ſchrieben mit der tiefen, verſteckten Gluth einer Beredt⸗ ſamkeit geſchrieben, wie ſie nur dem Herzen entſtammt. 1RREI 212 Freilich der Erfolg dieſes Briefes blieb trotzdem unſicher. Der Tag kam aber endlich, wo es galt zu handeln, wo die Hoffnungen durch feſte Erklärungen niedergeworfen wurden, wo die Uneigennützigkeit Ely's in herrlichem Lichte prangte und Lyſanna einſehen lernte, daß der Edel⸗ muth einen Sieg über geiſtige Größe erringen könne. Der Tag kam, wo die Tochter dem Vater als Gegnerin gegenüber ſtand. Es hatte ſich die Nachricht verbreitet, daß die Ge⸗ brüder Koltrum ihre Fabrik verkaufen wollten. Das An⸗ ſehen, welches die Koltrum s durch dieſe Fabrik errungen hatten, lockte einige reiche Bauern aus dem zunächſt liegenden Dorfe Bedorf zum Kauf. Sie erſchienen ganz. unerwartet im Hauſe des Herrn Tobias, um ſich die Sache anzuſehen. Natürlich konnte ihnen Toby nicht die kleinſte Aus⸗ kunft über das geben, was ſie zu wiſſen wünſchten. Mit einem Anſtrich von Verlegenheit empfing der gelehrte Mann die Bauern, wich ihren Fragen ſo gut wie mög⸗ lich aus und erbot ſich endlich, mit ihnen hinüber zum alten Frieſenhofe zu gehen, wo ſie Ely finden würden. Mit einem Blicke, worin Trauer und Entrüſtung kämpfte, ſah Lyſanna den Männern nach, als ſie über die Brücke hinweg nach der Fabrik zuſchritten. Sie hörte, daß ihr Vater dieſen Uebergang als die Gränze der Fabrik bezeichnete und ſie hörte auch, daß der Eine der Männer lebhaft erwiederte, daß er ſich des alten Frieſenhofes noch ſehr deutlich erinnere und über die Ausdehnung desſelben ſehr verwundert war. „Kaum ein Achtel ſo groß, wie jetzt war er,“ rief er beim Weitergehen. Er lag jenſeits des Fahrdammes und jetzt nimmt er die ganze Breite des Dorfes ein. Es iſt doch ein tüchtiges Gehöft geworden. Wie viel Geld mögen Sie da hineingeſteckt haben, Herr Koltrum?“ Lyſanna vernahm ihres Vaters Antwort nicht, aber ihr Herz begann unruhig zu klopfen und ſie hätte hin⸗ terher eilen mögen, um die Unterhandlungen zu ſtören. Es währte eine volle Stunde, bevor Herr Tobias in Begleitung ſeines Bruders wieder langſam und gemeſ⸗ ſen über die Brücke daher kam. Ely aber ſtand mit verſchränkten Armen mitten im Wege ſtill und ſah zu⸗ rück, während Toby ſeinem Hauſe ſich näherte. Als wi⸗ derſtrebe es ſeinem Gefühle, dem Bruder zu folgen, als halte ihn Schmerz und Betrübniß an der Stelle gefeſ⸗ ſelt, wo er einſt mit Giſela von den neuen Einrichtun⸗ gen geredet, die er hoffnungsreich entworfen hatte, ſo ſtand er da und ſtarrte ſtill vor ſich hin. Das Leben war doch ſchwerer zu ertragen, nun er mehr und mehr aus dem Lichte desſelben in den Schat⸗ „ten der Zukunft blickte. Was half ihm ſein Sträuben 214 gegen die Anerkennung eines ewigen Elendes, wenn er den Platz räumen mußte, wo er ſich einen Grundſtein zum Glücke und zur Ehre gelegt zu haben meinte. Je⸗ des Wort der Männer, die ſtarke Luſt zum Kauf gezeigt hatten, brannte in ſeiner Bruſt die Gewißheit ein, daß bald Alles vorbei ſein werde. Die Männer aus Bedorf hatten Geld genug, um ihr Gelüſt nach der Fabrik be⸗ friedigen zu können— es war zu erwarten, daß ſie ſehr bereitwillig ſich in einen Beſitz ſetzten, der ihnen Vor⸗ theil und ein gewiſſes Anſehen in der Welt bot. Es war ihm unmöglich, jetzt ſeinem Bruder zu folgen. So lange ihre Intereſſen Hand in Hand gingen, hatte eine trauliche Beſprechung mit Toby ſtets zu den friedlichen Freuden ſeines Daſeins gehört— ſeitdem Toby als Herr aufgetreten und Verfügungen getroffen hatte, die ſeinem Glücke zuwiderliefen, war ihm eine Unterredung mit demſelben peinlich. Nicht, daß er ihn getadelt hätte, aber eine unbewußte Empörung bauete eine Schranke zwiſchen ihnen auf. Unwillkürlich ging er zurück in den Hof der Fabrik. In Gedanken vertieft blieb er bei der Stätte ſtehen, wo die Grundmauern zu einem neuen Wohnhauſe für ſich angelegt waren. Eine tiefe Sehnſucht nach Giſela's tröſtlichem Zuſpruch erfaßte ihn, als er daran zurück⸗ dachte, unter welchen Träumen er den Plan zu dieſem Hauſe entworfen hatte. Erweicht von ſeinen Rückblicken fragte er ſich, ob es nicht eine unnöthige Selbſtquälerei ſei, wenn er alle Blumen aus ſeinem Lebenswege zu vertilgen ſuche. Als wolle das Geſchick ihm dieſe Frage beantwor⸗ ten, ſo unerwartet kam ihm in dieſem Momente ein Brief zu, den der Poſtbote mit gewichtigem Tone als einen recommandirten bezeichnete. Ely nahm den Brief aus der Hand des Poſtboten. Zerſtreut blickte er darauf nieder. Er erwartete nichts Freudiges mehr— er konnte nach ſeiner Meinung nichts Erfreuendes mehr erwarten, darum muſterte er gleich⸗ gültig das Couvert dieſes Briefes, bevor er ihn zu er⸗ öffnen Miene machte. Die Idee, daß es ein Uriasbrief ſein werde, vielleicht eine Nachricht, um das Maß ſei⸗ nes Ungemaches voll zu machen, brach ſich nach und nach Bahn. Nun eröffnete er ihn ſchnell. Je feſter die Ge⸗ wißheit eines neuen Ungemaches, deſto ſicherer die Grund. loſigkeit jeder Hoffnung. 2 Einige Minuten verſtrichen unter dem Leſen des Schreibens. Ely's Geſicht zeigte nur den Ausdruck eines Erſtaunens. Ob die Ueberraſchung eine angenehme ſei, konnte man nicht erkennen. Nachdem er fertig mit Leſen war, blickte er auf. Langſam fuhr er mit ſeiner Rech⸗ ten über die Stirn. Sein Auge belebte ſich und irrte 216 von einem Gegenſtande zum andern, als wolle er ſich vergewiſſern, daß kein Traum ſeine Sinne umfange. Wie verändert erſchien dem Manne Alles! War es denn mög⸗ lich, daß ſein Trübſal gehoben werden konnte! Noch flammte kein Strahl der Freude in ihm auf— noch hemmte der Zweifel ſein Herzblut, damit es nicht voreilig ſeinen Kreislauf beſchleunige— noch hielt die Vernunft ſeine Phantaſie unter Druck— noch ver⸗ warf der Verſtand die Möglichkeit einer Thatſache, die wie eine Zaubermacht alle dumpfen Trauerträume ver tilgte. Er nahm nochmals den Brief vor die Augen und las: „Ich habe von Ihrem zweifachen Unglücke gehört „und mit Erſchütterung vernommen, welchen Einfluß „ dasſelbe auf Ihre ehrenwerthe Thätigkeit haben wird. „Betrachten Sie dieſe Unglücksfälle als einen Wetter⸗ „ſtrahl, der den Guten und den Böſen treffen kann. „Meine Theiluahme iſt wahr und aufrichtig, ſie führt „mich zu der Erklärung, daß Ihnen ſo viel Geld zur „Dispoſition ſteht, wie Ihnen zur beſchleunigten Her⸗ ‚ſtellung der Fabrik nöthig iſt. Wünſche, die Sie „außerdem haben, werde ich mit Freuden erfüllen, „wenn Sie mir in den nächſten Tagen das Vergnügen „Ihres Beſuches gewähren wollen. Einem Ehrenmanne, „wie Ihnen, beiſtehen zu können, iſt eine Ehre für mich „und würde von jedem rechtſchaffenen Menſchen als „eine Chriſtenpflicht betrachtet werden.“ Unterzeichnet war dieſer Brief. W. Wappra. Com⸗ merzienrath. Endlich tagte es in Ely Koltrum. Der Nebel, wel⸗ cher ſich mit dieſer Ueberraſchung um ſein Gehirn ge⸗ zogen hatte, wich.„Giſela! Giſela!“— Aus der Tiefe ſeiner Bruſt drang der Name. Wie ihn noch nie Men⸗ ſchenlippen geſprochen, tönte er gleich einem Gebete, gleich einem Dank aus Herzensgrunde. „Zu ihr! Zu ihr! O, mein Gott!“ Er trat in ihr kleines Haus. Zum erſten Male ſah Giſela ihn in ihrem Zimmer. Nicht mit dem Jünglings⸗ eifer der Liebe und Sehnſucht, ſondern langſam näherte er ſich dem Mädchen, das ſich von ihrem Sitze erhob und mit Purpurgluth überflammt, nicht fähig war ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Der Brief in ſeiner Hand ſagte ihr Alles. Er hielt ihn ihr hin:„Das danke ich Ihnen, Giſela! Gott ſegne Sie dafür! Es war die einzige Möglichkeit mich zu retten— Sie haben den rechten Weg gefunden!“ „Zürnen Sie nicht, Ely, daß ich es wagte, hinter Ihrem Rücken die Fürſprecherin zu ſpielen,“ antwortete Giſela bebend.„Ich wußte, an wen ich meine Bitte rich⸗ tete. Der Schwiegervater meines Bruders achtet und 218 ehrt Sie vor allen Männern der Induſtrie voraus. Ich wußte das. Er ſagte mir davon, als ich zum letzten Male in der Stadt war.— Bervor ich Sie auf dieſe Hülfe aufmerkſam machte, wollte ich erforſchen, ob Wappra auch zu jeder Hülfleiſtung bereit ſein würde— er hat nicht mir, er hat Ihnen ſelbſt geantwortet, wie ich ſehe.— Haben Sie denn nun Ihr Selbſtvertrauen wiedergewonnen?“ fragte ſie innig freundlich. „Ja! Ich weiß jetzt, daß ich eines Tages glücklich ſein werde!“ entgegnete Ely.„Ich weiß, daß der Sturm des Geſchickes durch meine Kraft bewältigt werden kann. Ich weiß, daß es einem Mangel an Vorſicht meinerſeits zuzuſchreiben iſt, wenn ich am Ziele eines mühevollen Lebens vollſtändig abhängig vom Willen meines Bruders blieb. Jetzt, wo mir die Mittel geboten ſind, wird die Erfahrung meine Schritte leiten und ich ſehe freudig dem Tage entgegen, wo ich unabhängig das Werk meiner Arbeit verwalten kann.“ „Erklären Sie mir die wunderbare Entſchloſſenheit Ihres Bruders, womit er auf den Verkauf der Fabrik beſteht!“ rief Giſela eifrig.„Leitet ihn Selbſtſucht? Leitet ihn Eigennutz? Leitet ihn die Furcht vor Ver⸗ luſten?“ „Ihn leitet Schwäche!“ antwortete Ely etwas ſchmerzlich.„Seine Ruhe wurde durch den Gedanken an 219 mögliche Unglücksfälle geſtört. Daß er dabei mein Wohl⸗ ſein gar nicht berückſichtigte, muß ich ihm allerdings zum Vorwurf machen.“ „Warum verſuchten Sie nicht, ihn durch Vorſtel⸗ lungen von ſeinem Vorhaben abzubringen? Es mußte bei ſeinem friedlieben den, muthloſen Charakter ein Leichtes ſein, ihn zu bereden.“ „Möglich— aber ich war eben ſo muthlos, wie mein Bruder und ich lernte in dieſer ſchweren Zeit erſt begreifen, daß die Liebe zu einem weiblichen Weſen ein Hemmſchuh der Thatkraft werden kann, wenn Mißgeſchick unſere Träume zerſtört. Ich wußte nicht, was beginnen! Sie haben das Richtige getroffen— der Himmel möge Sie ſegnen!“ Giſela lächelte ihm unbeſchreiblich zutraulich an. Ely hatte ſich ſelbſt wieder gefunden— die Sicher⸗ heit ſeines Blickes, die Ruhe ſeines ganzen Weſens ver⸗ rieth es ihr, daß ihre Liebe die ſchweren Stunden der Prüfung abgekürzt hatte, daß ihre Liebe jetzt ſein heil⸗ ſamſter Troſt geworden ſei. Mit der klaren Einfachheit ſeines Charakters ſprach er ſich nun über ſeine Seelenſtimmung in der verfloſſenen Zeitperiode aus. Geleitet von dem tactvollſten Zartge⸗ fühl legte er dem Mädchen, das ſein Herz beherrſchte, erſt die ſeltſamen Verhältniſſe zur Einſicht vor, die durch die Conflicte mit ſeinem Bruder erſt recht deutlich ge⸗ macht worden waren. Er erklärte ihr, daß er nicht im Stande ſei, einer Dame von Stande eine genügende Exiſtenz zu bieten, wenn dieſelbe mit den Anſprüchen ihres Standes aufzutreten Willens ſei. Dann erſt erzählte er ruhig, daß er es von Anfang an als eine Wohlthat empfunden hätte, Giſela im klei⸗ nen Hauſe zu wiſſen, daß ſein Leben eine ganz andere Färbung erhalten, daß er unter dem ſteigenden Einfluſſe der Liebe, die er zu ihr gefaßt, große Gedanken genährt habe. Er beleuchtete ſeine tyranniſchen Eingriffe in ihr Eigenthum und geſtand ihr den vermeſſenen Plan, den er mit dem Bau ſeines Wohnhauſes verbunden hatte. Ihr kleines Häuschen ſollte ſich gleichſam als ein Flügel demſelben anlehen und ihm ſchon ein Aſyl ſtiller Häus⸗ lichkeit werden, ehe noch der Bau des größern Hauſes vollendet war. Seine Einrichtungen waren getroffen, bevor das Ungemach mit Roſſian's Betrügerei begann. Jetzt hatte er mit Rückſicht auf ſeine haltloſe Stellung ganz auf das Project verzichtet, aber er hielt ſich an dem Glauben aufrecht, daß die Sonne des Glückes nun von Neuem über Alles das aufgehen werde, was von ihm be⸗ ſchloſſen worden war. Giſela hielt die Hand feſt in den ihrigen, die er ihr reichte. Des Weibes heilige Scheu vor dem Worte 221 des Geſtändniſſes wich bei der Bedeutſamkeit dieſes Au⸗ genblickes. Sie fragte ſanft, mit ſchwärmeriſcher Hingebung in Blick und Ton, warum er den Glanz des Glückes erwar⸗ ten, warum er nicht Troſt, Beruhigung und Erheiterung in der verdoppelten Lebensplage bei ihr im kleinen Häus⸗ chen ſuchen wolle. Sein Aufenthalt im halb zerſtörten Frieſenhofe ſei ſo elend, daß ihr Herz bei dem Gedan⸗ ken blute, ihn dort zu wiſſen. Sie fragte, ob er fürchte, daß ſie mit Anſprüchen auftreten werde, die ſeine mo⸗ mentan beſchränkten Einnahmen überſchreiten könnten. Ely ſchaute mit leuchtenden Blicken auf dies de⸗ müthige Weſen, das aus dem Glanze der Welt hieher geflohen war, das ſich entſchloſſen hatte ihr reiches Gei⸗ ſtesleben ihm zu widmen. Ely widerſtand ſeiner Her⸗ zenswallung nicht. Er zog Giſela an ſein Herz, er küßte leiſe und ehrfuchtsvoll ihre Lippen und fragte ſie, ob ſie denn wirklich, trotz ſeiner Bedrängniß, ihr Schickſal mit dem ſeinigen vereinen wolle. Ihre Antwort gab ihm die Ueberzeugung, daß ſie ſein eigen geweſen vom erſten Tage ihrer Bekanntſchaft. Seine Ruhe, ſeine ſtille Entſchloſſenheit hatten ihr im⸗ ponirt. Die Art, wie er die Rettung Oſterhof's beim drohenden Eisgange vollführt, war ihr ein Zeugniß ſeiner Geiſteskraft geweſen. Seit dieſem Momente glühte ſie in 222 ſtiller Begeiſterung für ihn und ſein Wirken und Schaffen gab ihrem Gefühle ſtets neue Nahrung. Was hinderte ſie denn, ihr Leben jetzt mit dem ſeinen zu verknüpfen? Was konnte ſie zurückhalten, das heilige Band der Ehe um einen Herzensbund zu ſchlin- gen, der in reinſter Hingebung ihres Weſens beruhete? Ely und Giſela wurden einig, in aller Stille die nothwendigen Schritte zu thun, die eine geräuſchloſe Trauung erforderlich machte. Kein Laut, kein Blick ſollte verrathen, was zwiſchen ihnen vorgegangen war. Der Giftzahn der Dorfklätſcherei ſollte dies reine Glück nicht berühren. Sie wollten ſich nicht wieder im kleinen Hauſe allein ſprechen, bis Ely als ihr Gatte es betreten konnte. Verſchwiegen und heimlich wollte Giſela ihre Anordnun⸗ gen zu ihrer neuen Wirtthſchaft treffen, ſelbſt ihre alte Dienerin mußte von dem Vertrauen ausgeſchloſſen blei⸗ ben, um nicht ihr geheimnißvolles Walten in Gefahr zu bringen. Als Ely endlich Giſela verließ, um ſeinem Bruder den Brief Wappra's und ſeine nunmehr veränderten Rechtsanſprüche an die Fabrik mitzutheilen, da war er ganz der frühere, feſt und ſorglos einem arbeitsvollen Leben entgegenſchreitende Mann; auf der Brücke, wo er vor einigen Stunden zaghaft umgekehrt war, blieb er wieder ſtehen und ſendete einen Blick zurück in die eben 223 verlebte Zeit. Ihm war zu Muthe, als ſei er durch einen dichten Nebel geſchritten, der ſich im friſchen Mor⸗ genwind eines neuen Tages getheilt hatte, um dem gan⸗ zen Sonnenglanz deſſelben Raum zu geben. Hier an dieſer Stelle war der Wendepunkt ſeines Geſchickes eingetreten. Zurückg ehalten von dem ſchmerz⸗ haften Bewußtſein, ſeine Schöpfungen in andere Hände übergehen zu ſehen, hatte er nicht die Kraft gehabt, ſei⸗ nem Bruder zu folgen, als dieſer von ihm Rathſchläge über die Einleitung des Verkaufsgeſchäftes erwartete.—— Tobias war erſt in ſeinem Zimmer inne geworden, daß Ely zurückgeblieben ſein mußte. Statt ſeiner hatte ſich Lyſanna in ſeltſamer Haſt eingeſtellt, um dem Va⸗ ter mitzutheilen, daß Ely düſter und nachdenklich gezögert habe, daß er dann aber in die Fabrik zurückgegangen ſei. Ein leichter Verdruß umſpielte Herrn Tobias ſanft⸗ münhige Mienen bei dieſer Nachricht. Es drängte ihn eine gewiſſe Ruheloſigkeit, die vielleicht ihren Urſprung im Gewiſſen hatte, zum endlichen Handeln. Die Sache heiſchte Ueberlegungen mit ſeinem Bruder Ely und die⸗ ſer war denſelben jetzt aus dem Wege gegangen. Frau Magdalene erſchien faſt eben ſo eilfertig, wie ihre Tochter. Sie fragte nach dem Ergebniß der Beſich⸗ tigung und hörte, daß Alles im höchſten Grade befrie⸗ digend ausgefallen ſei. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. 11. Bd. 15 224 „Was ſagt der Onkel Ely zu Deinem Entſchluſſe, die Fabrik loszuſchlagen?“ fragte jetzt Lyſanna feſter und entſchiedener, als ſie, im Gefühle ihrer tiefen Ehrfurcht vor dem Vater, ſonſt aufzutreten pflegte. Das junge Mädchen ſtand vor ihren Eltern, die dicht neben einander eine gleichartige Anſicht der Sache zu repräſentiren ſchienen. Beide Eltern ſahen die Tochter verwundert an. Eine Antwort erhielt ſie aber nicht.. Lyſanna fuhr fort.„Dein Entſchluß wird freilich das Reſultat reiflicher Ueberlegung ſein, mein lieber Va⸗ ter, aber ich möchte Dich doch flehentlich bitten, nichts zu übereilen.“ „Reiflicher Ueberlegung—“ wiederholte der weiſe Tobias etwas beſtürzt. Ihn überraſchte die Bemerkung ſeiner Tochter, denn in Folge reiflicher Ueberlegung han⸗ delte er keineswegs. Frau Magdalene ſah forſchend in Lyſanna's Geſicht, das die Spuren einer gewaltſam un⸗ terdrückten Gemüthsbewegung trug. Dieſer bleiche Schim⸗ mer, dieſe leicht zitternden Lippen, dieſer gehobene Blick, der mehr den Himmel, als die Erde ſuchte— eine Ahnung durchflog die Bruſt der Mutter und ſie trat ganz unrbemerkt ein wenig ſeitwärts, als wolle ſie andeuten, daß ſie neutral im Kampfe ſei, der zwiſchen Tochter und Vater auszubrechen drohete. — —————᷑—C—/—Z=˖—-— 225 „Mir erſcheint es ſo ſehr ſchwierig bei dem vorlie⸗ genden Schritte, den richtigen Weg einer Sonderung der Anſprüche zu finden, daß ich vor dieſem Verkaufe zurück⸗ beben würde,“ ſprach Lyſanna ruhig und beſonnen Kber ihre Jahre hinaus. „Du verkennſt die Natur dieſer Verhältniſſe, mein Kind,“ antwortete Tobias ſanft. „Ich glaube nicht, lieber Vater! Ich halte es für unmöglich, eine gerechte Theilung zu treffen, nachdem ein halbes Menſchenalter hindurch ungetheilte Intereſſen ob⸗ gewaltet haben.“— „Das Schickſal hat trennend eingegriffen,“ war des Vaters Antwort,„mir wäre es lieber geweſen, wenn erſt unſer Tod dieſe Verhältniſſe abgeſchloſſen hätte. Da aber die Umſtände darauf hinweiſen, daß eine Aufrecht⸗ haltung des Geſchäftsbetriebes nicht mehr nothwendig iſt, da Deine Verheirathung mit Volkmar Oſterhof Dich in Lebensverhältniſſe bringt, die eine Vermehrung und Sicher⸗ ſtellung Deiner künftigen Exiſtenzmittel unnütz erſcheinen laſſen, ſo— „Vater!“ unterbrach ihn Lyſanna mit traurigem Blicke und lebhaftem Tone,„alſo weil es nicht mehr zu unſerm Nutzen dient, vernichteſt Du den Lebensberuf un⸗ ſeres bisherigen Ernährers, unſeres unermüdlichen Wohl⸗ thäters?“ 15* —y— 4 226 Frau Magdalene zuckte ordentlich zuſammen bei Ly⸗ ſanna's Worten. Sie trat noch weiter von ihrem Gat⸗ ten hinweg, als wolle ſie ſich dieſes nrechtes nicht theil⸗⸗ haft wiſſen. Herr Tobias aber lächelte mild und gätig„Denkſt Du, ich werde meinem Bruder Ely nicht anrechnen, was er uns gethan hat. Sei ganz ruhig! Ely ſoll gewiß zu⸗ frieden mit mir ſein! Lyſanna's Blick begann feurig zu leuchten. „Vater, wie willſ Du Deinem Bruder das vergü⸗ ten, was er gethan hat, wenn Du ihm ſeines Geiſtes Schöpfung, ſeiner Seele Befriedigung raubſt!“ „Du verkennſt die Natur unſeres Verhältniſſes, mein Kind,“ wiederholte Herr Tobias mit Nachdruck.„Ely weiß, was ihm als zweiten Sohn des Frieſenhofes für Rechte zuſtehen und er weiß, daß ich ihn mehr um ſei⸗ ner ſelbſt willen habe gewähren laſſen, als um meinet⸗ willen.“ „Und wer hat den Vortheil ſeiner Arbeit genoſſen⸗ 2* fragte Lyſanna ſehr bewegt. Frau Magdalene trat raſch an die Seite ihrer Tochter. Es lag in dieſer ganz unbewußten Handlung eine bezeich⸗ nende Meinungserklärung. Herr Tobias ſah auf ſeine Tochter und auf ſeine Frau nieder, ohne zu antworten. 3 227 „Wie willſt Du ihm die ſchlafloſen Nächte vergüten, die er ſeinem Geſchäfte widmete, um es in Flor zu bringen? Wie willſt Du ihm die Schweißtropfen bezah⸗ len, die er vergoß, während wir uns gemüthlich im Schat⸗ ten erquickten, den er uns geſchaffen hatte?“ „Lyſanna!“ ſprach Herr Tobias ernſt und gewichtig. Lyſanna fuhr bewegter fort: „Wie willſt Du ihm die Jahre der Jugend bezah⸗ len, die er unſerm Wohlleben geopfert hat?“ „Lyſanna!“ rief der weiſe Gelehrte erſchüttert. „Wie die Sorgfalt, ſein Beſtreben, uns Freude zu bereiten, unſere Bequemlichkeit zu erhöhen— wie die unerſchütterliche Güte, wie die jahrelange Opferwilligkeit, wie ſeine Beſcheidenheit, ſeine Anſpruchsloſigkeit, ſeine Sparſamkeit gegen ſich ſelbſt, während er mit ſeltenem Geſchmack uns in Luxus hüllte, wie nilſt; Du dies Alles vergelten, mein lieber Vater?!“ „Lyſanna!“ ſprach der Vater faſſungslos. Die Mut⸗ ter faltete zitternd ihre Hände in einander.„Ely ſoll ſich nicht beklagen dürfen,“ fügte Tobias dumpf hinzu. „O, Ely wird nie klagen!“ rief Lyſanna mit rüh⸗ render Begeiſterung.„Haſt Du jemals eine Klage von ihm gehört? Ely wird das Werk ſeiner Jugend, die Schöpfung ſeiner Thätigkeit verlaſſen, ohne zu klagen, er ———ÿÿü 228 wird heimathlos umherirren, ohne zu klagen, er wird alle ſeine irdiſchen Wünſche begraben, ohne zu klagen. „Toby— verkaufe die Fabrik nicht!“ ſchrie Frau Magdalene, gequält von Gewiſſensbiſſen, aufgeſchreckt von den Vorwürfen ihrer Tochter, grell auf. Zerſtört ſchauete Toby umher. „Soll denn Alles verloren gehen im Kampfe mit dem böſen Geſchicke?“ fragte er leiſe. „Es geht nicht Alles verloren, mein Vater!“ ſprach Lyſanna ſanfter.„Es bleibt für Euch genug übrig zum Lebensbedarf— Ely wird eher ſelbſt Mangel ertragen, als Dich einſchränken—“ „Toby— um Gotteswillen— verkaufe die Fabrik nicht!“ wiederholte Frau Magdalene flehend.„Wir haben unverantwortlich gehandelt, nur an uns zu denken— ver⸗ kaufe die Fabrik nicht— überlaß ſie an Deinen Bruder, wie ſie ſteht und liegt— nimm dies Haus für den Frieſenhof, es iſt dreifach ſo viel werth— laß den Gar⸗ ten, laß die Terraſſen eine Entgeltung für das Grund⸗ ſtück ſein— finde Dich ab mit Ely— laß ihn im Be⸗ ſitze ſeines ſauererworbenen Werkes— beraube ihn nicht ſeines wohlverdienten Lohnes!“ „Und Lyſanna's Erbe?“ fragte der Weltweiſe ſehr bewegt. Das junge Mädchen trat heftig bis zu ihm heran 229 und ſagte feierlich:„Mit ausdrücklicher Bewilligung mei⸗ nes Verlobten ſchwöre ich Dir, daß ich auf jedes Erb⸗ theil verzichte, welches durch Ely's Opfer vergrößert wor⸗ den iſt! Sein irdiſches Glück, das ihm ſpäter blühete, als andern Männern, hängt mit der Erlangung des Eigen⸗ thumsrechtes dieſer Fabrik zuſammen— mein Vater, wirſt Du es über Dich gewinnen, das Glück Deines ein⸗ zigen Bruders zu zerſtören?“ „Gott behüte mich vor jedem Gedanken an ſolche Unthat!“ rief Tobias erſchrocken. „So übergieb dieſem Bruder vertrauensvoll das Ge⸗ ſchäft, das er bis hieher zu Deinem Nutzen verwaltet hat. Noch iſt nichts verloren— und es wird Alles gut wer⸗ den, wenn Onkel Ely ſeine gewohnten Bahnen erſt wie⸗ der betreten kann.“ Ein Geräuſch an der Thür ſtörte Lyſanna in ihrer Rede. Ely trat ein. Der Glanz des Glückes thronte auf ſeiner heiter gewordenen Stirn. Er reichte dem Bruder ſtumm den Brief Wappra's und ſagte mit dem gewohnten Herr⸗ ſchertone: „Ich komme, um Dir Vorſchläge wegen Abtretung der Fabrik zu machen!“ Noch ehe Tobias ein Wort des dargereichten Brie⸗ fes geleſen hatte, antwortete er: — —————— 3 230 „Ich gewähre im Voraus Alles, was Du zu for⸗ dern berechtigt biſt, mein lieber Ely!“ 1 Dann las er den Brief laut. Ein Freudejauchzen rang ſich von Lyſanna's Lippen. Sie umſchlang den Oheim.„Giſela!“ flüſterte ſie vertraulich an ihn geſchmiegt. Nur ein flüchtiges Lächeln antwortete ihr. Sie wußte aber nun Alles und war zu⸗ frieden. Von dieſem Augenblicke an trat Alles wieder in's Gleichgewicht, was im Drangſale der letzten Wochen ſchwankend geworden war. Die Rechte, welche Tobias Koltrum zu vertreten hatte, verloren ihre Wichtigkeit durch Volkmar's Erklä⸗ rung, die Lyſanna in ſeinem Namen abgegeben hatte und als der Weltweiſe erſt mit offenen Augen für Elias' An⸗ ſprüche eine Theilung des vorhandenen Gutes in Erwä⸗ gung zog, da empfand er es, wie richtig ſeine Tochter die Verhältniſſe beurtheilt hatte. Herr Ely Koltrum aber, durch ſeine Erfahrungen belehrt, ſuchte ſeine bürgerliche Stellung auf Grund der Geſetze zu befeſtigen. Seine erſte Handlung war ſich als Eigenthümer der Fabrik erklären und die Firma „Gebrüder Koltrum“ in dem Handelsregiſter löſchen zu— laſſen. Mit der Uebernahme einer Schuld auf dies Ei⸗ genthum mußte er andere Rechte als ſonſt aufweiſen 231 können. Er ordnete mit ſtrenger Redlichkeit das Geſchäft und ermäßigte unter Herbeiziehung von Sachverſtändigen die allgemeine Nutznießung ſeines Bruders auf eine Jahresrente von anderthalb tauſend Thalern, wobei die⸗ ſem das Eigenthumsrecht des Terraſſengartens nebſt Land⸗ haus und Plateau verblieb. Die Ausſteuer Lyſanna's fiel dem Fabriksvermögen zu. Nach dem Tode von Lyſanna's Eltern ſollte es der Tochter frei ſtehen, ent⸗ weder eine Abfindungsſumme zu beſtimmen, die dem Werthe des alten Frieſenhofes gleich kam oder ſie konnte, ohne irgend Entſchädigung weiter beanſpruchen zu dürfen, Eigenthümerin der Gartenanlagen nebſt Haus und Pla⸗ teau verbleiben. Im Wege des Verkaufes durfte ſie aber das Landhaus nicht veräußern. Nachdem die Auseinanderſetzung von beiden Brüdern angenommen und gerichtlich feſtgeſtellt war, begann Ely. mit neuem Muthe zu wirthſchaften. Die Hülfe, welche ihm Herr Carl Traugott Oſterhof auf ausdrückliches Verlangen ſeiner Frau anbot, lehnte er dankbar ab, ohne demſelben zu verrathen, aus welcher Quelle er ſchöpfen durfte, um die nöthigen Ausgaben zu decken. Natürlich wurde dadurch Jedermann im Dorfe irre geleitet und die leiſen Gerüchte, daß Ely durch die raſch auf einander folgenden Unglücksfälle zu Grunde gerichtet ſei, hörten auf der Stelle zu eirculiren auf. Noch ein Mal aber ver⸗ 5 ſetzte der Fabriksherr Herr Elias Koltrum das liebe Dorfpublicum in ein gränzenloſes Erſtaunen, als urplötz⸗ lich der Geiſtliche an einem Sonntage in den erſten Ta⸗ gen des Septembers von der Kanzel herab verkündigte, daß beſagter Herr Elias Koltrum Willens ſei, mit der Jungfrau Fräulein Giſela von Ilow in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Als wäre Revolution, ſo rottete ſich das Volk vor den Kirchthüren zuſammen, um dies unerhörte Ereigniß zu beſprechen. Ely und Giſela ſtanden noch an demſelben Tage vor dem würdigen Diener der Kirche und ließen ihren Herzensbund in aller Stille einſegnen. Dann erſt verfügten ſie ſich nach der Eremitage, wo man mit Spannung und freudiger Theilnahme ihrer wartete. Lyſanna flog den Neuvermählten entgegen und ſchlang ihre Arme feſt um die Freundin. „Vergilt Du ihm, was er uns Gutes gethan hat!“ flüſterte ſie. Gleich darauf war die Gruppe umringt von den Verſammelten und die Rührung des erſten Momentes löſ'te ſich in Heiterkeit auf. Lyſanna vor Allen war ausgelaſſen fröhlich wie ein Kind, das ſeine liebſten Wünſche erfüllt ſieht. Sie gedachte mit komiſcher Feier⸗ lichkeit der erſten Bekanntſchaft mit Giſela und behaup⸗ 6 233 tete, ſchon damals eine Vorahnung des großen Ereigniſſes gehabt zu haben. „Wie wäre ich ſonſt zu der Warnung gekommen, daß Du Dein Haus vor der Uſurpation unſers Onkels Ely in Acht nehmen ſollteſt? Meine Warnung hat nichts geholfen,“ fügte ſie mit ſchalkhafter Trauer hinzu,„und da der Onkel Ely kein anderes Mittel hat finden können, ſich in den ſehnlich gewünſchten Beſitz zu ſetzen, ſo hat er ſich in Dein Eigenthum hineingeheirathet.“ „Recht ſo, Ely!“ rief Volkmar.„Dein muthiges Vorſchreiten weckt die Luſt zur Nachahmung.— Mit den Blüthen des Herbſtes haſt Du Dein Glück begonnen — wir beſtimmen hiermit feierlich, daß wir Deiner wür⸗ dig ſein wollen. Da ſeht hin Alle, die Ihr Euer Wort dazu geben müßt— meine Tullerien kommen in dieſer Woche noch unter Dach. Gebt Euren Segen und laßt uns ausfliegen!“ Eine tiefe Stille folgte dieſer Bitte. Herr Karl Traugott war der Erſte, welcher ſprach. „Nicht ohne Bedingung werden wir dieſen Segen ertheilen,“ ſagte er, treuherzig ſeiner Frau, die ganz demüthig zur Seite ſtand, zunickend.„Wann kehrt Ihr wieder?“ „Wenn die Schwalben kommen und den neuen Frühling verkündigen,“ ſagte Volkmar feſt. 234 „Das iſt zu lange!“ rief Herr Toby im Tone des Schreckens. „Wir wollen unterhandeln— vier Monate erlauben wir,“ meinte Oſterhof. „Bis dahin kann das Haus bewohnbar ſein,“ bat Frau Magdalene leiſe. „Wo nicht, ſo ſeid Ihr Gäſte meines Hauſes,“ er⸗ klärte Oſterhof bedeutungsvoll. Volkmar ſah Lyſanna an. Sie ſchwieg. „Oder Hausgenoſſen der Eremitagenbewohner,“ ſprach Herr Toby ruhig.„Genug, nicht länger als vier Monate wollen wir Euch entbehren.“ Frau Oſterhof hatte nicht mit einer Miene ver⸗ rathen, was ſie dachte. Es war die erſte Probe kluger Nachgiebigkeit, die ſie ablegte. Da es ihr weit weniger ſchwer geworden war zu ſchweigen, als ſie gedacht hatte, ſo iſt zu vermuthen, daß ſie es vorziehen werde, ihrer Zunge öfter Zaum und Zügel anzulegen.— In der Folge wurde Alles in Glaubek, wie man es zu hoffen berechtigt war. Herr Elias Koltrum hatte das Glück, ſein Geſchäft zur höchſten Blüthe zu bringen. Vom Morgen bis zum Abend thätig fand er die ſüßeſten Freuden im Schooße ſeiner Familie. Aehnlich erging es Volkmar, dem auch Alles glückte, was er anfing. Nur war er ſowohl als Lyſanna noch 235 zu lebensluſtig, um ſich auf die Freuden des Hauſes zu beſchränken. Ihre Häuslichkeit war glänzender— ihr Auftre⸗ ten in der Welt zeigte den Ueberfluß, in dem ſie lebten. Beide liebten die Zerſtreuung und gaben ſich mit jugend⸗ licher Sorgloſigkeit der Luſt des Vergnügens hin, ohne in Ausartungen zu verfallen. Giſela hatte die Freude, vom Commerzienrath Wappra die Verſicherung zu erhalten, daß ſein Sohn Ilow ein ruhiger und verſtändiger Mann geworden ſei, ſo wie der Einfluß ſeiner Cameraden aufgehört habe. Von Roſſian hat man bis dahin nichts vernommen. Sein ſpurloſes Verſchwinden rechtfertigt den Verdacht, daß er mit dem Gelde, das er ſich erſchwindelte, über's Meer geflohen ſei. Von Warren hingegen hörte man ſagen, daß ſeine fluchtähnliche Abreiſe ihn zwar vor ſeinen wuthentbrann⸗ ten Gläubigern geſchützt, aber keineswegs aus der Noth gerettet habe. Er ſoll in England ein dürftiges Ein⸗ kommen, unter ganz verändertem Namen erwerben und ſeine Gattin ſoll von dem eitlen Traum ihrer Weltgröße vollſtändig geneſen ſein. Ein wahres und befriedigendes Glück nach ſolchen Lebensſtürmen zu finden iſt ſchwer, da nicht der eigene Wille, ſondern der Wogendrang des Geſchickes eine Sinnesänderung bewirkt hat. —— Hr AA ———— — ſſnffffſſſſſſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 A A* — 84 . 8 — 9 *.„ 1 . 1— F— 4 — A .. 4 “