——.----— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8I 3 vo.. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 3 4 ahonn ment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und et ür wehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wit.— Pf. „ 3 5„„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer un Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Wenterweulelhen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben — G ———— . » 8 b 7 — — — — — e e e eeeee Leeeer. — ie Gebrüder Kaltrum. Novelle von Irnſt Fritze. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. erey in Prag. M Heinr. — Erſtes Capitel. Jedes Dorf hat ſeine Romantik, ſeine Idylle und ſeine Schauerpoeſie. Fragt nur darnach und Ihr werdet dieſe Behauptung beſtätigt finden. Hier bezeichnet man ein altes Gemäuer als den Schauplatz ſchauriger Ge⸗ ſpenſtererſcheinungen— dort iſt's ein alter Weidenſtamm, dem Mord und Todtſchlag eine traurige Berühmtheit verliehen. Hier ſteht eine alte Mühle, die mit geſpen⸗ ſtiger Hurtigkeit ihre morſchen Flügel drehet, ſeitdem der Müller ſich den Tod von ihnen hat geben laſſen und dort iſt ein kleines, ſtilles Gewäſſer, worin man die Leiche eines ſchönen Dorfmädchen gefunden, die von ihrem Geliebten verlaſſen worden war. Selbſt der Kirchthurm und das friedliche Pfarrhaus ſpricht von romantiſchen Begebenheiten, und hat die Bevölkerung eines Dorfes das Glück, einen Poeten in Perſon eines Schulmeiſters oder gar in Perſon eines Barbiers zu beſitzen, ſo wird die Romantik desſelben weit bedeutungsvo ller und wirk⸗ ſamer im Gewande einiger erlaubter Zuſätze, wie die Poeſie ſie liebt. Aber ſei auch die Phantaſie noch ſo geſchäftig be⸗ müht, das, was ſchlummernd im Schooße der Vergan⸗ genheit ruhet, herauszufördern und als ſchaurige Sagen in den Mund des Volkes zu verpflanzen, das Leben der Wirklichkeit bietet in ſeiner Wahrhaftigkeit tagtäglich mehr des pſychologiſch Intereſſanten, als alle Traditionen zu ſchaffen vermögen. Die Cultur mit ihren Rieſenſchritten ſtreckt ſich allmählig auch über das Dorf. Sie rüttelt an alten Vorurtheilen, an verjährten Rechten, an lächerlichen Ueberhebungen und was dabei zu Grunde geht und was dabei glänzend erſteht, das iſt auch oftmals eine tiefer⸗ greifende Romantik, die als Thatſache doppelte Bedeu⸗ tung hat. 8 Wenden wir uns nach dieſer kurzen Einleitung dem Orte zu, welcher als der Schauplatz unſerer Schilderun⸗ gen zu betrachten iſt. Vor uns liegt ein Dorf lang— geſtreckt auf dem Saume einer Erhöhung, die von der Natur geſchaffen ſcheint den Ueberſchwemmungen des 8 Stromes ein Ziel zu ſetzen, der ſeine Wellen hier maje⸗ ſtätiſch langſam vorbeiwälzt. Wieſenflächen füllen die Nie⸗» derungen bis zu dem ſanft geſchwungenen Abhange, an den ſich meiſtentheils die Gärten der Dorfbewohner an⸗ ſchließen. Dies Dorf— wir wollen es kurzweg mit dem Namen Glaubek bezeichnen— galt ſchon vor Jahren als eine Zierde der Landſchaft, obwohl nur Häuſer der allereinfachſten Bauart, nebſt ärmlichen Hütten und kunſt⸗ loſen Gartenzäunen dem Auge deſſen begegneten, der vom Strome aus die hübſche Lage des Ortes bewun⸗ derte. Die lange Reihe von Häuſern mit ihren Gärten, die ſich von Oſten nach Weſten entlang zog, täuſchte über die Größe und Bedeutſamkeit dieſes Dorfes ſo lange, bis man ſich der Spitze der Erhöhung näherte, die nach dem Waſſer zu einen Vorſprung bildete. Hier, durch eine Krümmung des Stromes begünſtigt, überblickte man die Aermlichkeit ſeiner innern Einrichtung und zugleich die ganze Eintönigkeit einer fruchtbaren Ebene, die zur Freude der Beſitzer ſtets ſegensreiche Ernten verſprach. Die rei⸗ zende Idylle, welche man ſich von der Stromſeite aus geſehen, mit allen möglichen poetiſchen Farben ausge⸗ malt, verſchwand allerdings dem Vorüberfahrenden, allein denen, die da wohnten, blieb ja der Strom mit ſeinen Wieſen, die von ſtarken Weidenbuhnen gegen die Ver⸗ nichtungswuth des Waſſers geſchützt waren; ihnen boten ſich ja die wechſelnden Freuden einer Gegend, die von einem mächtigen Gewäſſer durchſtrömt wird. Wer kennt nicht die ſüße Ruhe eines ſonnigen Sommerabends, im kleinen Boote, von flüſternden Wellen langſam dahin gleitend, unbewußt von ewigem Frieden träumend? Wer hat nicht, über die weite Waſſerfläche hinwegſchauend, ſchon empfunden, daß er das Glück, mit den Wellen dahinziehend, in der Ferne ſuchen möchte? Wem iſt nicht ein Strahl der Beruhigung in's Herz gedrungen, wenn das Sonnengold des Abends Brücken über die Stromes⸗ wellen zog, die das Waſſer mit dem Himmel vereinigten und den Uebergang zur Ewigkeit leicht zu machen ſchienen? Zwiſchen dem Weidengeſträuch bahnte ſich ein ſchmaler Fußweg, kaum Raum für zwei Perſonen gebend. Dieſer Pfad wurde von den Bewohnern aller Ortſchaften, die, gleich Glaubek, am Strome lagen, dergeſtalt benutzt, daß er, trotz der häufigen Ueberſchwemmungen, immer ſehr bald wieder glatt und feſt getreten, den Umwohnenden nicht allein ein Communicationsweg, ſondern auch ein Spazierweg war. Namentlich den Glaubekern diente er zu kleinen Vergnügungen im Frühlinge und Sommer. und die zahlloſen Stege, welche von den Gärten an dem Abhange entlang nach dem Strome führten, gaben hin⸗ reichend Zeugniß von der Vorliebe der Glaubeker Jugend für dieſe Promenade. So war es vor Jahren— ſo ſah Glaubek vor der Zeit aus, wo der Morgenglanz der Cultur, welche mit der Macht des Dampfes anbrach, über dieſen Ort auf 7 ging. Und nicht von Außen trat die Allgewalt des Zeit⸗ geiſtes mit ihren Wundern heranz nein, von innen heraus, in der eigenen Bevölkerung entwickelte ſie ſich, nachdem der Kern der Erkenntniß hier in einen richtigen Boden gefallen war. Das Dorf Glaubek gehörte ſtets zu den reichen Dörfern. Seine Einwohner waren in drei Abtheilungen getheilt, die durch ein Herkommen, weit ſtrenger, als die ſtrengſte Hofetikette, verbunden und getrennt waren. Man fand dort Vollſpänner, Halbſpänner und Häusler, und jedes Kind im Dorfe wußte, was für eine Kluft zwi ſchen dem Sohne eines Vollſpänners und der Tochter eines Halbſpänners gähnte— eine Kluft, die nicht ein mal von Geldſäcken ausgefüllt werden konnte. Ein maß⸗ loſer Stolz regelte das Benehmen der Vollſpänner. Sie überflügelten darin jede Anmaßung der Ariſtokratie und ſtolzirten mitseiner Würde im Dorfe umher, als wären ſie die Fürſten der Welt und aus purem Golde gegoſſen. Man fügte ſich dieſem alten Herkommen und ließ ihnen ihre eingebildete Größe. Der reichſte Vollſpänner und dabei der Stolzeſte ſeines Standes war Herr Karl Traugott Oſterhof, und ſeine ehrenwerthe Gattin gab ihm in dem Fehler der Selbſtüberhebung und Selbſtüberſchätzung nichts nach. Ihr Grundſtück bildete die öſtliche Spitze des Dorfes und ihr Wohnhaus war das ſchönſte im Orte, ſo lange Glaubet exiſtirte. Das Geſchick begünſtigte dieſen Mann. Er fand auf ſeiner Beſitzung plötzlich das ſchönſte Material zur Zie— gelbrennerei und er zögerte keinen Augenblick, dieſen Zufall gehörig auszubeuten. Seitdem war er noch hochmüthiger, und da ſich im Dorfe kein Gutsbeſitzer oder Amtmann fand, ſo hielt er ſich für den vornehmſten Mann daſelbſt. Kein Menſch beſtritt ihm dies. Ja, es iſt anzunehmen, daß ſogar Niemand die Wahrheit ſeiner Selbſtſchätzung bezweifelte. Seine Frau, ebenfalls eines Vollſpänners Tochter, war im Grunde geſcheuter, als er. Ihre ſcharfe und ſchnelle Faſſungsgabe befähigte ſie einzuſehen, daß ſie auch nicht mehr Bäuerin ſcheinen müſſe, wenn ſie mehr ſein wolle. Die Erhebung aus ihren früheren Ver⸗ hältniſſen bedingte eine Geiſteserhebung. Ihre Beobach⸗ tungen hatten den Erfolg, daß ſie ihrem Manne rund heraus erklärte,„ihrem Reichthume Ehre machen zu müſſen, wenn ſie ſich in Reih' und Glied mit den Amtleuten und Paſtoren der Umgegend zu ſtellen ge⸗ neigt wären.“ Herr Karl Traugott hatte nichts dagegen einzuwenden, und Frau Oſterhof ging tapfer an's Werk, als ihr Sohn, das einzige Kind, welches ihr von Gott geſchenkt worden war, heranwuchs. Sie brachte den Knaben, der nach einem — ſeiner Pathen Volkmar getauft war, nach der Stadt auf ein Gymnaſium und erlaubte ihm bei ſeinen Ferienbe⸗ ſuchen jedweden Umgang mit feinen und gebildeten Leu⸗ ten, um ſeine Natur zu veredeln. Bei dieſer Gelegenheit näherte ſich der junge Volk⸗ mar Oſterhof auch einem Manne, der ſonſt von ſeinen Eltern gründlich mißachtet worden war. Dieſer Mann 4 gehörte nämlich dem zweiten Range der Dörfler an und wurde als Halbſpännersſohn von Frau Oſterhof nicht courfähig befunden, obwohl er ſtudirt hatte. Man nannte ſein Vaterhaus nicht anders als den Frieſenhof. Ob aber ſeiner Vorfahren Stamm in Friesland zu ſuchen war, muß unentſchieden bleiben. Fremdartig klang ſein Name, zerinnerte auch durch ſeine Endſylbe an Städte frieſiſcher Gegenden und alte Leute wollten ſich erinnern, gehört zu haben, daß ſich ein Kriegsmann in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Hof hineingeheirathet habe, den man jetzt den Frieſenhof nannte. So viel iſt ſicher und gewiß, daß die Koltrums, die ſeit jener Zeit im Frieſenhofe ihr Daſein begonnen und vollendet hatten, die ſchönſten Männer des ganzen Kreiſes geweſen waren. Von der Familie Koltrum lebten jetzt nur noch zwei Sprößlinge, Tobias und Elias, Namen, die ſtets in der Familie zu finden geweſen waren. Tobias hatte, wie ſchon oben angeführt wurde, Theologie ſtudirt. Als er zum 10 erſten Male die Kanzel betreten hatte, um ſeine Redner⸗ gaben zu prüfen, war er von einer unüberwindlichen Angſt befallen und in unbezwinglicher Gedächtnißſchwäche ſtecken geblieben. Das veranlaßte ihn, ſeinen Vorſatz,„Prediger werden zu wollen,“ gänzlich aufzugeben und ſich auf ſein väterliches Erbtheil zurückzuziehen, wo er fortan ſeinen Studien und ſchriftſtelleriſchen Beſchäftigungen oblag. Sein Bruder Elias hatte Kaufmann werden wollen. Er war bis zu dem großen Momente gekommen, wo die Lehrjahre eines Comtoiriſten ſich in die glückſelige Frei⸗ heit der Commisjahre verwandeln, als ſein Bruder Toby ſeine Carriere änderte. Das brachte auch in ſeine Lauf⸗ bahn einen Umſchlag. Er kannte das unpraktiſche Weſen Toby's und ſah ein, daß ſich der Ertrag des kleinen. Ackergutes unter deſſen Verwaltung nicht gerade mehren würde. Flugs ſattelte er um, ging in ſein Dorf zurück und fing an zu ſpeculiren mit dem, was ſein und ſeines Bruders Eigenthum war.. Toby verheirathete ſich ſehr bald mit der Tochter eines Paſtoren. Ely blieb ledig und ließ ſich von ſeiner hübſchen, ſanften Schwägerin Magdalene pflegen und ver⸗ ſorgen. Eine Reihe von Jahren ſchlich an dieſen Leuten vorüber, ohne weſentliche Veränderungen zu bringen. Von mehreren Kindern blieb dem Toby Koltrum nur eine Tochter„Lyſanne“ am Leben, die ſo ſtill und geräuſch⸗ 11 4 V los im Hauſe aufwuchs, daß man ſich ihres Daſein's 4 kaum bewußt war. Lyſanne war die ſchüchterne Tochter eines ſchüchter⸗ nen Vaters, deſſen Wahlſpruch nach dem verunglückten Kanzelvortra durch ſein ganzes übriges Leben verdeut⸗ licht wurde. Er ging von dem Grundſatze aus, daß ein Menſch nie das zu erringen ſtreben ſolle, was den Frie⸗ den ſeiner Tage verkürze. Ihm fehlte die Energie zum Widerſtande und zum Kampfe, aber dafür hatte er eine rieſige Geduld aufzuweiſen— die Geduld eines Welt⸗ 1. weiſen, der einen Berg zur ebenen Erde machen konnte 1 ohne zu murren. Auch darin glich ihm ſeine Tochter. Mit der Emiigkeit einer Ameiſe umſchwärmte ſie ihren geduldigen Vater, wenn er ſaß und ſchrieb, ohne an eine Erquickung zu denken. Zu fragen wagte ſie nicht, ob er etwas bedürfe. Aber ſie ſchleppte Alles herbei, was ihn erfriſchen konnte und ſtellte es ihm nahe, daß er es ſehen f mußte. Dann ſetzte ſie ſich geduldig auf einen kleinen Stuhl und betrachtete das blaſſe, edele Geſicht ihres Vaters, wenn er ſich in den Momenten der Begeiſterung aufrichtete und nach den fliegenden Wolken des Himmels⸗ gewölbes emporſchauete. Dem Kinde erſchien der Vater in ſolchen Augenblicken als ein Heiliger und ſpäterhin, wo die Ideen in ihr klarer und feſter wurden, wo die Jungfrau ein Verſtändniß für ſolche ſchwärmeriſche Er — ———mmmEEſ hebungen hatte, da fühlte ſie ſich ſtolz, einen ſolchen Vater zu beſitzen. Lyſanne konnte ihrem heitern Onkel Ely ernſtlich zürnen, wenn dieſer ſeinen gelehrten Bruder einen Träumer nannte, der im Himmel beſſer aufgehoben ſei, als auf der. Erde. Freilich, Herr Elias Koltrum glich in der Kraft und Fülle ſeiner Geſundheit, in der Energie und Herrſchſucht ſeines Weſens mehr einem Fürſten der . Erde, der ſeinen Zwecken ohne Berückſichtigung derer nachlebt und nachſtrebt, die abhänzig von ſeiner Gnade ſind. Unterſtützt von einer imponienden Aeußerlichkeit, mit der ſtattlichen Haltung, die ihm ſeine militäriſche Stellung als preußiſcher Landwehrlieutenant zur Natur gemacht hatte, war er ganz dazu geſchaffen, ſeinen Grund⸗ ſätzen gemäß bis„in den Himmel hinein ſteigen zu wollen.“ „Wer Verſtand und Kraft genug beſitzt, dem iſt Alles möglich ſprach er ſtets, wenn ſein Bruder Toby ſeine weiſe Lehre als Schutzmittel gegen alle Speculationen aufſtellte und ihm vorpredigte,„daß man nichts er⸗ kämpfen müſſe, weil man, wenn man endlich als Sieger auf dem Schlachtfelde aller Lebenskämpfe angelangt ſei, erſt einſehen lerne, welche Opfer, gleich blutigen Leichen, unſere Vorſätze und Entſchlüſſe aufgehäuft hätten.“ Ely Koltrum lächelte zu dieſen Behauptungen und 8 verfolgte ſein Ziel mit ungeſtörter Seelenruhe. Seine Schwägerin Magdalene pflichtete oftmals ſeinen Anſichten * 13 bei, aber Lyſanne, das ſchüchterne Kind, ſtemmte ſich innerlich gewaltig gegen dieſe Pläne, die der Weisheit ihres Vaters entgegenliefen. Sie gab natürlich ihrem Ge⸗ fühle keine Worte, allein der innerliche Groll bildete eine Urtheilskraft in ihr aus, die wahrſcheinlich ohne dieſe Reibungen unentwickelt mit ihr geſtorben ſein würde. In den Kreis dieſer Leute trat Volkmar Oſterhof nach der Anweiſung ſeiner klugen Mutter, die recht gut erkannte, wie hervorragend in geiſtiger Hinſicht des Halb⸗ ſpänners Koltrum Sö ge waren. Mehrere Jahre ging der Jüngling im Frieſenhofe aus und ein. Die Einwir⸗ kung dieſes Umganges zeigte ſich allſeitig. Wenn er von dem tiefen gediegenen Wiſſen des Toby Koltrum tropfen⸗ weis die Nahrung in ſich ſog und mit Feuereifer ſeiner Schulbildung oblag, um dieſem Vorbilde nachzukommen, ſo veredelten ſich ſeine Weltanſchauungen unter Ely Koltrum's heiteren Belehrungen wie mit einem Schlage. Das Leben im Großen erſchien ihm als das Ideal alles Strebens, ſeitdem dieſer junge Mann ihm ein Gemälde von der erreichbaren Größe und Macht eines einfachen Menſchenlebens aufgerollt hatte. Mit Enthuſiasmus klam⸗ merte er ſich an dergleichen Gedanken an, aber leider ohne die Grundelemente ſeiner erſten Erziehung zu ver⸗ nichten. Dies zeigte ſich in dem Augenblicke, wo es gegolten Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 2 Hingebung zu ehren. Die Jahre waren dahingerauſcht, ſie hatten aus dem Kinde Lyſanne eine wunderholde Erſcheinung ge⸗ macht, die ſchon jetzt, wo ſie ſich dem Zeitpunkte nä⸗ herte, welcher die jungfräuliche Blüthe raſch erſchließt, allgemeines Aufſehen erregte. Natürlich ſprach man im Dorfe davon und es kam der Frau Oſterhof zu Ohr, daß man ſich mit der Vermuthung trug,„Volkmar werde keine andere, als Lyſanne Koltrum zur Frau nehmen.“ Hul Wie loderte es in dem hochmüthigen Herzen der reichen Frau auf! Sie konnte kaum die Zeit erwar⸗ ten, ihrem hoffnungsvollen Sprößlinge ſtreng zu gebieten, daß er ſich von vorn herein ſolche thörichte Gedanken vergehen laſſen möge, denn ſie werde nie ihre Einwilli⸗ gung zu einer Heirath mit der Halbſpännertochter geben. Volkmar hörte den mütterlichen Herzenserguß ſehr ruhig an. Das kalte Lächeln, womit er zwei Mal den Namen „Koltrum's Lyſanne“ wiederholte, bewies deutlich, wie ſtark er noch von den ländlichen Vorurtheilen beherrſcht wurde. Koltrum's Lyſanne gehörte ganz augenſcheinlich zu den Mädchen, mit denen eine Verbindung nach ſeinen Standesbegriffen unmöglich war, wenn er nicht ſonſt Luſt hatte ſich dem allgemeinen Spotte Preis zu geben. Er verſprach ſeiner erhitzten Mutter, da Frieſenhof hätte ſeine Freunde im Frieſenhofe durch eine unbedingte 15 mit keinem Fuße wieder zu betreten und er hielt Wort! Da kurze Zeit darauf der Umſtand eintrat, daß Herr Volkmar ſein Dienſtjahr im preußiſchen Heere abmachen mußte und er weit weg, nach dem Rheine, geſthickt wurde, ſo fiel dieſe plötzliche Nachläſſigkeit ſeinen alten Freunden nicht weiter auf. Mit den Eltern Volkmars hatten die Brüder nie verkehrt und da der Frieſenhof am entgegen⸗ geſetzten Ende des Dorfes lag, ſo trafen die beiden Fa⸗ milien ſonſt auch nicht zuſammen. Außerdem erſchien auch gerade der Zeitpunkt, wo Herr Ely Koltrum ſeine lang gehegten Pläne zur Aus⸗ führung zu bringen trachtete. Zuerſt waren dazu Unter⸗ handlungen mit Baumeiſtern nöthig und des nöthigen B Zaumaterials Zuflucht zur des Herrn Karl Traug da dieſe wegen Ziegelbrennerei ott Oſterhof nahmen, ſo verbreitete ſich wie ein Flugfeuer plötzlich die Nachricht, daß Ely Koltrum bauen wolle. Was aber wollte er bauen? Dieſe Frage beſchäftigte alle Dorfbewohner ſo lange auf's pein lichſte, bis die Antwort zum Vorſchein kam:„Er will eine Zuckerfabrik bauen!“ Eine Zuckerfabrik? Welcher vernünftige Menſch fände dieſe Idee nicht über alle Be⸗ griffe thöricht! Noch dazu, daß ein Mann, der im Dorfe geboren und groß geworden, auf ſolche Idee verfiel, war geradezu unerhört. Man beliebte es lächerlich zu finden! Ja, wenn ein Mann weit hergekommen wäre und hätte 2 ſſſſͤſͤſͤſͤ —n 16 ſich Glaubek zum Verſuche ſeiner Speculation auserſehen, weil ihm die Lage des Ortes und die Fruchtbarkeit der Gegend 4½ ſeinem Zwecke geeignet ſchien— aber ein Eingeborner und noch dazu eines nicht allzu reichen Halbſpänners Sohn, der mit knapper Noth die Lebens⸗ bedürfniſſe der ganzen Familie Koltrum aus ſeiner Be⸗ ſitzung zog—? Man lachte nach Herzensluſt, wenn man beim Frieſenhofe vorbei g ging und die Anſtalten ain Bau der Zuckerfabrik treffen ſah. Herr Ely Koltrum ließ ſie lachen und d behann ge⸗ laſſen ſein Werk. Zuerſt veränderte und vergrößerte er ein kleines Gartenhaus, nahe dem Abhange und ſchuf es zu einem wunderhübſchen und bequemen Wohnhauſe für Toby und ſeine Familie um. Er erfüllte damit die einzige Bedin⸗ gung, welche der ſtille Weltweiſe bei der Genehmigung ſeiner Pläne gemacht hatte. Toby wollte fern vom lauten Geſchäftsbetriebe und möglichſt wenig beläſtigt von dem Qualm, Dampf und ſgetiic des neuen Unter⸗ nehmens ſein. Als dies Landhaus, durch Veranda, eriegelfrnſte und Marquiſen zu einem wahren Wunderwerke in den Augen der Dorfbevölkerung erhoben, fertig und von Toby's Familiie bezogen worden war, begann der Bau der Fabrik. 17 Fabelhaft ſchnell ſtiegen die Gebäude in die Höhe und mit lautem, jubelnden Spott begrüßte die liebe Dorf⸗ jugend allabendlich die Fortſchritte, welche der ſchlank in die Höhe ſteigende Schornſtein, der bis in die Wolken geführt zu werden ſchien, den Tag über gemacht hatte. Die weiſen Alten des Dorfes ſchüttelten jedoch miß⸗ billigend den Kopf zu dieſem Wagniß und meinten, ſie ſähen ſchon den Tag kommen, wo das Ding zuſammen⸗ ſtürzen und ſchweres Unglück anrichten werde. Als dann der erſte ſchwere, ſchwarze Dampf ſich 6 über der Krone dieſes Schornſteins ſammelte und wun⸗ derbar ruhig zum Himmel emporwirbelte, da hörte man von allen Seiten die weisheitsvolle 2 Zemerkung, daß Herr Ely Koltrum ſein Geld zum Schornſtein hinaus⸗ dampfen laſſe. „Oder umgekehrt,“ erwiederte heiter und zuverſicht⸗ lich der junge Mann.„D „Der Dampf bringt mir das Geld in’'s Haus!“ Und ſo geſchah es! Das Unternehmen, mit ſeltener Umſicht, mit feurigem Eifer und bewunderungswürdigem Verſtande geleitet, gedieh ſichtlich. Nicht mehr, als fünf Jahre waren nöthig, um ſeine Stellung in der Handels⸗ welt zu einer ſehr beachteten zu machen und da er un⸗ abläſſig vorwärts ſtrebte, da er nach ſeinen und auch nach Anderer Erfahrungen beſſerte, ergänzte und ſpecu⸗ — —— 18 lirte, ſo hob ſich ſein Geſchäft und ſein Anſehen von Tag zu Tag. Selbſt im Dorfe begann man ſeinen Namen mit Achtung zu nennen, als man einſah, daß der Verkehr in der Fabrik ſtieg und immer neue Gebäude zur Ver⸗ größerung nöthig machte. Wie durch Zauberei war der ehemalige Frieſenhof in eine kaſtellartige Anlage verwandelt, die mit ihrer großartigen Einrichtung dem ſchlichten Landbewohner im⸗ poniren mußte. Von Jahr zu Jahr wuchs der Umfang dieſes Hofes. Gebäude aller Arten entſtanden in ſeinen Ringmauern und da der Raum gicht mehr ausreichte, ſo mußten Ne⸗ bengebäude gekauft und dieſer Ringmauer einverleibt werden. Was rechts zunächſt der Fabrik lag, ob Haus, ob Garten oder Ackerland, das ſuchte Elhy zur geeigneten Zeit immer an ſich zu bringen, obwohl er oft auf Wi⸗ derſtreben ſtieß, da die Leute es nachgerade lernten vom wachſenden Reichthume des Herrn Zuckerfabrikanten Vor⸗ theil ziehen zu wollen. Schließlich gaben ſie aber doch nach, immer wenn Herr Ely noch einen Funfzigthaler⸗ ſchein vor ihren Augen ſpielen ließ. Weniger glücklich war er im Ankaufe von Raum linker Seite, wo ſein Gehöft von einem ſehr hübſchen Häuschen begränzt wurde, das einem Major gehörte, der es von ſeinem Vater, ganz wie es jetzt noch lag und ſtand, geerbt, aber niemals * 19 bewohnt hatte. Die eigenartigen Verhältniſſe dieſes Gränz⸗ nachbars verboten Ely den Verſuch zum Ankauf zu machen. Der Vater des Major von Ilow, ein alter in. valider Officier aus den Befreiungskriegen, hatte das kleine Grundſtück von einem Häusler gekauft, hatte die Hütte, welche darauf geſtanden, niederreißen und ein ein faches, aber ganz behaglich eingerichtetes Haus dafür auf⸗ bauen laſſen. Den kleinen Hausgarten hatte er durch den Ankauf mehrerer Morgen Ackerland vergrößern und in zwei Abtheilungen, theils mit Blumen, theils mit Feld⸗ früchten und Gemüſen von ſeinem Diener bebauen laſſen. Hier hatte er dann den Reſt ſeiner Tage unter der komiſchen Rubrik als„Häusler“ verbracht und war be. müht geweſen, das kleine Beſitzthum durch eine Teſta⸗ mentsbeſtimmung der Familie ſeines einzigen Sohnes dadurch zu erhalten, daß er jedweden Verkauf verbot, damit ſein Sohn, der Major, ebenfalls ein Aſyl auf Erden fände, wenn er ſeiner militäriſchen Laufbahn müde ſei. Seit dem Tode des alten Freiheitskämpfers ſtand das Haus leer. Nur im Seitengebäude wohnte eine alte Jungfer, gleichſam als Haushüterin. Sie war die Tochter des ehemaligen Dieners und kannte den Major von Ju⸗ gend auf. Sonſt wußte ſie nichts weiter von ſeinen Ver⸗ hältniſſen, als daß er einen Sohn habe, der Lieutenant, und eine Tochter, die noch unverheirathet ſei. Der Garten 20 war verpachtet an einen Nachbar und der Zuſtand des⸗ ſelben verrieth deutlich den vollſtändig unbeſchränkten Gebrauch desſelben. Von der einen Seite wurde dieſer Garten durch eine dichte Roſenhecke begränzt, die den⸗ ſelben von einem ſchmalen ſchöngepflaſterten Durchgang trennte, der vom Hauptgebäude der Fabrik zu den ſeit⸗ wärts belegenen Ochſenſtällen führte und nur von den vornehmſten Beamten der Fabrik benutzt wurde. So oft Ely dieſen Weg paſſirte, blieb er ſtehen, überſchauete das Terrain und dachte dann ſeufzend an die Unmöglichkeit, es ankaufen zu können. Es hätte ihm weſentlich genützt, da er ſich hiermit einen Weg zu ſeinen Feldern bahnen konnte, der ihm viel Zeit erſparte. Außer⸗ dem wäre das Häuschen leicht mit ſeinem Hofe zu ver⸗ binden geweſen und hätte bei der Neuheit Haltbar⸗ keit ſeiner Grundmauern zu allerlei Zwe derwendet werden können. Was nützte dem Major von Il es Fleckchen Erde. Ihm konnte es weſentliche Dienſte leiſten und dem Beſitzer brachte es kaum fünfzig Thaler ein. Freilich— vielleicht diente es dem adeligen Herrn dazu, um ſich gegen ſeine Cameraden mit dem Beſ⸗ itze eines Gutes brüſten zu können.„Man erlebt ja dergleichen,“ dachte ſpottbereit der Fabrikherr.— 8 Ely verjagte anfangs mit aller Gewalt den Ge⸗ 21 danken an einen Verſuch, das Haus an ſich bringen zu wollen; allein als er eines Tages von der alten Beate vernahm, daß der Major von Ilow geſtorben ſein ſolle, da ſetzte er ſich endlich hin und ſchrieb an die Erben dieſes M. verſtorbenen Major von Jlow zu kaufen und zwar unter den vortheilhafteſten Bedingungen für ſie. Die Antwort erfolgte ſehr bald. Sie war von einer Frauenhand geſchrieben und mit dem Namen„Giſela von Ilow“ unterzeichnet. Ganz kurz und beſtimmt zeigte Fräulein Giſela von Ilow dem Herrn Elias Koltrum an, daß das Grund⸗ ſtück der Familie Ilow nicht verkauft werden könne, weil ſie ſelbſt, von ihrem Vater teſtamentariſch zur Eigen⸗ thümerin d elben ernannt, binnen Kurzem in Glaubek kannes, daß er bereit ſei Haus und Garten des eintreffen. ihren bleibenden Aufenthalt dort nehmen werde. Der des Hauſes würde ihr die Möglich⸗ keit zerſtören, felbſtſtändige Stellung in der Welt behaupten zu können. Dieſer offen ausgeſprochene Grund würde hinreichen, ihre abſchlägliche Antwort zu beſchönigen und zugleich eine Aufforderung für den Fabrikbeſitzer ent⸗ halten, von jedem ferneren Verſuch zum Ankauf des Hauſes abzuſtehen. Der innere Groll über dieſe beſtimmte Abweiſung gab ſich bei Herrn Elias Koltrum dadurch kund, daß er den Brief des Fräulein Giſela von Ilow zuſammenballte und kurzweg in's Feuer warf. Mit einiger Schadenfreude überblickte er ſeitdem die heilloſe Zerſtörung des Gartens vom Ilowe'ſchen Eigen⸗ thume, in dem, wörtlich genommen, Kraut und Rüben durcheinander wurzelten. Er malte ſich die angenehme Ueberraſchung des beſagten Fräulein Giſela aus, welches hier, inmitten der kläglichſten Gartenfreuden, der Welt eine ſelbſtändige Stellung abtrotzen zu wollen Miene machte. Freilich— die Roſenbüſche grünten recht hübſch und zahlreiche Knospen ſtreckten die Köpfchen ſchon der Sonne entgegen, um in ihrem Glanze die Kelche zu öffnen, aber weiter gab es, im ſtrengſten Sinne des Wortes auch gar nichts Hübſches im ganzen, großen Garten, als dieſe Roſenhecke, welche die Gränzſcheide des Gebietes machte. Mehr als Alles erbitterte den Fabrikherrn die ruhige, klare und unzerſtörbare Beſtimmtheit des erhal⸗ tenen Beſcheides, der ihm ſogar den Verſuch eines fort⸗ geſetzten Kampfes abſchnitt und er war oft nahe daran, den Entſchluß des gnädigen Fräulein's zu verwünſchen, welches ſich mit dem Anſtand und der Würde, einer Dame von Stande in ihre Häuslerſtelle zurückzuziehen für gut fand. 3 Mit geſteigerter Aufmerkiumket Peohachtet er ſeine Nachbarſchaft, um das Vergnügen hg aben zu können, ſich e. 23 an der erſten Ueberraſchung des zu weiden. Das Schickſal begünſtigte ihn. Er ſah eines Tages einen Reiſewagen, bepackt mit Koffern, Kiſten und Bett⸗ ſäcken, langſam die ſtaubige Heerſtraße herkommen. Der Wagen hielt vor dem Ilow'ſchen Hauſe. Neugierig kamen einige Leute aus dem Dorfe herbeigelaufen, auch Herr Ely, der eben den Durchgang neben dem Hauſe paſſiren wollte, beſchleunigte ſeinen Schritt und kam noch zur rechten Zeit, um eine ſchwarzgekleidete Dame den Wagen verlaſſen zu ſehen, die mit freundlichem Ernſt die Um⸗ ſtehenden begrüßte und ſie nach dem Aufenthalte der alten Beate befragte. Eilig ſtürzte Alles zur Hofpforte, um die Alte her⸗ beizuholen. Während der Zeit gab die ſchwarze Dame dem Kutſcher Anweiſung die Sachen abzuladen. Einige ſtämmige Burſchen leiſteten unaufgefordert Beiſtand. Herr Ely aber lehnte ſich nachläſſig an einen Mauervorſprung, der ihn verbarg und wartete des Augenblickes, wo dies gnädige Fräulein, das alle ſeine Wünſche durchkreuzte, von allen Qualen grauſamer Enttäuſchung durchzittert ihr Grundſtück in Augenſchein nehmen wif rde. Es waren keinesweges menſchenfreundliche Empfindungen, die ſich y'regten und dieſes gehäſſige Gefühl verlor ſich auch nicht, als jett Giſela ihr Geſicht dem gnädigen Fräuleins „ Fabrikgebäude zuwendete und aufmerkſam die Dimen⸗ ſionen ſeines Etabliſſements prüfte. Es war ein ſchönes, ernſtes und ruhiges Geſicht, das er bei dieſer Gelegen⸗ heit zu ſehen bekam, nicht jugendlich mehr und dennoch von jener blühenden, friſchen Art, die eine feſte Geiſtes⸗ und Körpergeſundheit verräth. Große braune Augen, von ſtarken Augenbrauen überwölbt, gaben dem weißen Ge⸗ ſichte einen Ausdruck von Beſtimmtheit und Feſtigkeit, dem das milde Lächeln ihres Mundes ſeltſam wider,. ſprach. Von mittlerer Geſtalt zwar nur, erſchien ſie doch groß, weil ſie eine ſehr gerade und feſtaufgerichtete Hal⸗ tung liebte. Ihre Bewegungen ſo wie ihre Sprache waren ruhig, faſt gemeſſen und befehlend und was ſie ſagte, klang Alles überlegt und bedacht. Sie kam ganz allein, ohne Diener und ohne Die⸗ nerin. Ein Beweis, daß ihre ſelbſtändige Stellung in der Welt durch pecuntäre Verhältniſſe ſtark gefährdet war. Oder— ſollte vielleicht der Hochmuth ihr dieſe Maßregel dictirt haben, um den Schein aufrecht zu erhal⸗ ten, als finde ſie auf ihrem Beſitzthume eine ausreichende Bedienung vor? Herr Ely lachte, als dieſer Gedanke in ihm auftauchte. 8 Giſela's Geſicht verrieth indeß nichts von getäuſch⸗ ten Erwartungen, als Beata jetzt herbeikam und die Thü⸗ ren des Hauſes öffnete, um die unge Dame mit ihren 3 be r Habſeligkeiten einzulaſſen. Ruhig trat ſie auf den ſtei⸗ nernen Tritt, der den Aufgang zur Hausthür bildete, ordnete an, was in dem Zimmer rechts und was in dem Zimmer links abgeſetzt werden ſolle und verſchwand dann im Hausraume, ohne den Mann bemerkt zu haben, der mit feindſeligen Geſinnungen ihren Einzug beobachtet hatte. Auch er traf nun Anſtalten ſich zu entfernen, weil nicht zu erwarten war, daß das gnädige Fräulein ſchon jetzt eine Beſichtigung des Gartens vornehmen werde. Der Anblick eines neuen Fuhrwerkes hielt ihn aber wie⸗ der feſt an ſeinem Lauſchorte. Es kam ein kleiner Wagen daher, einer jener Rollwagen, wie er ſie zum Transport von Möbeln in der Stadt oft genug geſehen hatte. Auch dieſer Wagen hielt vor dem Jlow'ſchen Hauſe ſtill und Ely ſah einen unförmlichen Kaſten darauf liegen, deſſen Bedeutung ihm zuerſt unklar war. So wie der Rollwagen hielt, kam das Fräulein eilig heraus und ſprach eifrig mit dem Führer dieſes Fuhrwerkes. Sie hatte den kleinen runden Hut abgelegt und Ely war nun im Stande, ſie beſſer noch betrachten zu können. Angelegentlich ſprach und bat ſie den Mann um etwas. Der Mann nickte lächelnd und ſchob vorſichtig den großen Kaſten von Wagen. Mit Hilfe des Kutſchers öffnete er ihn dann und ein prächtiger Flügel wurde ſichtbar, der kunſtfertig darin verpackt lag. Langſam hoben die Männer das Inſtrument heraus, ſchroben die Beine und eine ſchön geſchnitzte Lyra an und trugen es dann be⸗ hutſam in das links belegene Zimmer, wo Giſela ſchon einen Platz dazu ausgeſucht hatte. Gleich darauf ertönten einige vollſtimmige Accorde, denen ſich brillante Cadenzen und eine höchſt liebliche Melodie anſchloß. Dann brach Giſela ab, trat ſehr raſch in die Hausthür zurück und ſagte mit einer vor freudi⸗ ger Bewegung wankenden Stimme:„Ich danke Euch— mein liebes Inſtrument iſt ganz unverſehrt!“ Sie ſtreckte ihre Hand aus und ließ die Bezahlung für ihre geleiſte⸗ ten Dienſte mit fröhlichem Kopfnicken in die Hände der Männer gleiten. Daß ſie zur Zufriedenheit derſelben ge⸗ zahlt hatte, zeigte die geſteigerte Artigkeit, womit ſie dem gnädigen Fräulein alles mögliche Glück in der neuen Heimath wünſchten. Die Hausthür wurde dann geſchloſ⸗ ſen und die Männer fuhren in's Dorf, um die Pferde zum Rückweg ſich ſtärken zu laſſen. Nun wohnte Giſela von Ilow im Hauſe. Aber Nie⸗ mand ſah ſie. Nur ihr ſchönes Clavierſpiel, nur die vol⸗ len, ſonoren Klänge ihrer ſchönen Altſtimme gaben Zeug⸗ niß ihrer Anweſenheit. Gleich einer Einſiedlerin lebte die junge Dame. Dem Fabriksgebäude ſchenkte ſie keine Auf⸗ merkſamkeit und wenn Herr Ely Koltrum ſich nicht gar zu ſehr über ihr Daſein geärgert hätte, ſo würde er ſehr 27 —47 bald vergeſſen haben, daß in ſeiner gabtes, ſchönes, aber gefunden habe, behauptete, wie Standes. Herr Ely Koltrum machte ſeine Randgloſſen über ihre Lebensweiſe, ohne dabei inne zu werden, daß er ſich ſelbſt verdammte. Suchte er denn Verkehr mit den Leu⸗ ten? Iſolirte er ſich nicht eben ſo gefliſſentlich im Ge. wühle der Welt, wie dies Mädchen? Selten entfernte er ſich aus dem Raume, in dem er ſeine Thätigkeit ent⸗ wickelte. Immer eifrig beſchäftigt blieb ihm kaum ſo viel Zeit, ſein Mittagsmahl im Hauſe ſeines Bruders einzu⸗ nehmen. Morgens und Abends hielt er ſelbſt ſeine Revi⸗ ſionen, am Tage durchritt er die Feldmarken und begann erſt im Herbſte die Campagne in der Fabrik, ſchärfte ſich ſein Auge für Veränderungen, die ihm als Verbeſſerun⸗ gen erſchienen, danne arbeitete er auch mit dem Geiſte, ohne doch ſeinen Körper zu ſchonen. Trotzdem blieb er kerngeſund, friſch, frohen Muthes und ſtets unverzagt. Alabendlich hielt er alſo Reviſionen, die ihn jedes Mal durch den Gang führten, welcher neben dem Ilow⸗ ſchen Garten entlang lief. Seitdem Giſela ſeine Nach⸗ barin geworden war, wurden dieſe gewiſſen pedantiſchen Nachbarſchaft ein be⸗ ſonderbares Mädchen ein Aſyl worin ſie eine ſelbſtändige Stellung ſelten eine Dan ie ihres Alters und Reviſionen mit einer Pünktlichkeit abgehalten. Es ergriff ihn eine merkliche Unruhe, wenn er nicht zur beſtimmten Zeit die Runde durch die Ochſenſtälle machen konnte. Kam er dann von dort zurück und näherte ſich dem Hauſe, wo Giſela wohnte, ſo wurde ſein Schritt immer langſamer, immer bedächtiger und zögernder, gerade als habe er für dies Revier die höchſte Aufmerkſamkeit nöthig. Er blickte rückwärts— er blickte vorwärts— allein wohin er auch ſehen mochte, ſein Ohr war den ſchmeicheln⸗ den Tönen der Muſik zugerichtet, die aus jenem kleinen Hauſe drangen, wo zu ſeinem Verdruſſe ſeiner ſpecula⸗ tiven Bauluſt ein Ziel geſetzt worden war. Er gewöhnte ſich allmählig an dieſen kurzen Kunſtgenuß und er horchte mit wachſendem Entzücken auf die ſeelenvollen einfachen Lieder Giſela's oder auf die Sonaten, die ſie ſpielte. Freilich verſtand er gar nichts von Muſik, aber er em⸗ pfand ein ſüßes Wohlbehagen bei⸗ dieſem Genuß und je mehr er die verſchiedenen Sachen, die von der jungen Dame vorgetragen wurden, kennen lernte, deſto feſſelnder geſtaltete ſich der Zauber dieſer unbekannten Kunſt für ihn. Ganz unbewußt räumte er den wenigen Minuten, welche ihm unter den Klängen der Harmonien verflogen, die Wich⸗ tigkeit eines geheiligten Feierabends ein und er meinte nicht Ruhe finden zu können, wenn er ſie entbehren ſollte. Aber es trat ein Zeitpunkt ein, wo dieſe heiligſtille Abendfeier ein Ende nahm. Der Wind ſchnob ſchon bis⸗ 29 weilen ſcharf über die kahlwerdenden Felder Fabrik hatte die Arbeit begonnen. der ſchwarze Rauch aus dem Schornſteine und wälzte ſich verdüſternd über die Stromufer fort. Herr Ely mußte ſeine Augen und Ohren überall haben, doch verſäumte er trotzdem ſeinen gewohnten Gang nicht. Aber eines Abends hörte er weder Giſela's Stimme durch die Abend⸗ ſtille dringen, noch lockten ihn die erhabenen Adagios Beet⸗ hovens am Gartenzaume zu weilen. Alles ſtumm! Alles ſtill! Eine kurze, ſchwere Minute verſtrich. Ely ſtrengte vergeblich ſein Gehör an. Nichts regte ſich! Es wurde ihm zu Muthe, als löſche langſam ein Licht vor ihm aus, das ihm als Leuchte gedient. Ruhig ging er ſeines Weges, denn er hielt dies ungewöhnliche Ausfallen der Muſikſtunde für einen Zufall. Als auch am nächſten Abend kein Ton durch die Luft drang, als noch ein Abend und wiederum ein Abend verging, ohne ihm die liebgewordenen Klänge zu bringen, da lächelte er bitter und verdächtlich, während er dachte:„Alſo ein Sommerplaiſir für's gnä⸗ dige Fräulein— mit dem erſten Winterſturm gibt ſie ihre gerühmte Selbſtändigkeit auf. Hoffentlich war es „hier wohnen zu wollen und in der Tag und Nacht ſtieg nur eine Laune von der Dame, und ſie iſt nächſten Sommer ihrer ſelbſtändigen Stellung ſo überdrüſſig, daß ſie mei⸗ nen Kaufbedingungen geneigter wird.“—— Fritze: Die Gebrüder Koltrum. 3 30 Augenblicklich zu beſchäftigt, um dem Leben und Treiben einer Fremden nachzuforſchen, verſank allmählig die kurze Romantik ſeines werkthätigen Daſeins in ein traumähnliches Gefühl. Das Weihnachtsfeſt ging vorüber und das neue Jahr begann mit Sturm, Regen, Schnee und Hagel. Ein Tag überbot den andern mit grauſigen Bildern winterlicher Launen. 1 „ Herr Ely Koltrum hällte ſich feſter in ſeinen Pelz, wenn er ſeinen Rundgang machte und er ſchritt eiliger über den weiten Hof nach den Hintergebäuden. Der Regen hatte ſich mit dem Ausbruch des Abends gänzlich in Schnee verwandelt und der Wind peitſchte ihm die großen Flocken dergeſtalt in's Geſicht, daß ſein Bart bald einem Schneehügel glich. Ein ſchwaches Mondlicht erhellte ſei⸗ nen Pfad, den er mit halbgeſchloſſenen Augen verfolgen mußte. Er verweilte länger als gewöhnlich in der Fabrik, um ſich ordentlich aufzuthauen. Als er wieder auf den Hof trat, umfing ihn der volle Glanz des bisher ver⸗ ſchleierten Mondes— es hatte aufgehört zu ſtürmen und zu ſchneien und der Wind war ruhiger geworden. Ely ging weiter, zufrieden mit dieſer Wetterverände⸗ rung. Plötzlich blieb er ſtehen, wie bezaubert. Was war das? Betrog ihn ein Traum? Ein glockenheller Ton folgte dem erſten leiſen Klange, der ihn ſtutzig gemacht hatte, Giſela ſang! Sie war wieder da! Mitten im Graus des Winterregimentes war Freudenſtrahl durchzuckte es des ſtarken Mannes Herz und er lehnte heftig athmend ſeine welches den Ein ſie wieder gekommen! Wie ein Stirn an das Gitter, igang zu ſeinem Gehöfte bildete, um beſ⸗ ſer lauſchen zu können. W horcht hatte auf die l wunderbare Macht auf ie lange er geſtanden und ge⸗ angentbehrten Töne, die eine ſo ihn ausübten, das wußte er nicht. Erſt als Giſela's Geſang, als ihr Spiel verhallte, erſt da richtete er ſich froſtſchauernd aus ſeinem Winkel auf. Er ſah erſtaunt um ſich. Er blickte verwundert zum Him⸗ melsgewölbe empor. Dort oben, wie in ſeinem Geiſte war es plötzlich himmliſch klar geworden— die Nebel ſchleier waren gewichen und tauſende von leuchtenden Sternen blitzten ihm entgegen. Leuchteten ſie denn anders wie ſonſt oder gab die ſtille Glückſeligkeit ſeines Herzens ihnen den Schimmer und Glanz, das Beben und Fun keln, welches ſich als eine Gruß, als ein Ruf des Giſela war wieder ge freudige Bewegung, als ein Willkommens auglegen ließ. kommen! dieſer wohlthuende Ge⸗ danke begleitete ihn in ſeine einſame Wohnung und legte ſich ſchmeichelnd um alle ſeine Sinne, als er ſich nach des Tages Laſt und Mühen überließ. Doch dieſem folgte ein Morgen, den Armen des Schlafes Abend voll wunderbarer Aufregung der Ely's Seele wie der ernüchterte. 3* Er ging ſeinen Geſchäften nach, ohne ſich in Erinnerun⸗ gen zu vertiefen, die ſchattenhaft ſeinen Geiſt umſchweb⸗ ten. Kaum daß er einen Blick nach den Fenſtern des klei⸗ nen Hauſes warf, an welchem er vorüberritt, um Ge⸗ ſchäfte in der Nachbarſchaft abzumachen. Kühl und ernſt, wie immer, bewegten ſich ſeine Gedanken in dem Kreiſe ſeiner gewöhnlichen Thätigkeit. Nur unbewußt ließ er ſeine Augen in der Landſchaft umherſchweifen, die vom einge⸗ tretenen Froſt in eine wunderbare Winterpracht gehüllt worden war. Nur ganz unbewußt athmete er tiefer, als er die Bäume in dem Kryſtallglanze bewunderte, den die ſchnelle Kälte aus den Nebelſchleiern gewoben. Allein während er ſtillſchweigend der ſehr proſaiſchen Bemerkung nachhing, daß dieſer Wetterwechſel die Urſache geweſen, weshalb Abends zuvor die Sterne ſo wundervoll geflim⸗ mert und gefunkelt hätten, während derſelben Zeit ſchlich ſich der Gedanke durch ſeine Phantaſie,„daß die Natur ſich Giſela's wegen in aller gewöhnlichen Herrlichkeit zeige, daß ſie im Winterglanze prange, um ihre unverhoffte Wiederkehr als ein Feſt zu feiern.“ Die momentane freudige Ueberwältigung, die er ſich, als vernünftiger Mann, keineswegs abzuleugnen verſuchte, wurde von ihm als eine leidenſchaftliche Muſikliebe aus. gelegt, wogegen ſich allerdings einwenden ließ, daß er außerdem bei den muſikaliſchen Leiſtungen anderer Men⸗ — — — 33 ſchen höchſt gleichgültig blieb. Von der Gefahr dieſer Sympathie hatte er, trotz ſeines reifen Verſtandes, keine Idee. Es lag ihm nichts ferner als die Sehnſucht nach einer Verbindung mit einem weiblichen Weſen. Sein Geiſt war von Geſchäften vollkommen gefüllt, ſeine Phan⸗ taſie von allerlei Plänen beſtändig in Anſpruch genom. men und ſein Herz durch die liebevolle Verbindung mit ſeinem Bruder und deſſen Familie dermaßen befriedigt, daß er nichts weiter wünſchte. Er betrachtete ſeine Nichte Lyſanne als die Erbin deſſen, was er mit dem väter⸗ lichen Erbtheile gegründet und erworben hatte und es fiel auch ſeinem Bruder Toby gar nicht ein, Widerſpruch dagegen laut werden zu laſſen, da nach altem Herkom· men das ganze Gehöft mit allen liegenden Gründen ſtets an den älteſten Sohn eines Hofbeſitzers überging, wäh— 8 rend der jüngere nur mit einer verhältnißmäßig geringen Summe Geldes abgefunden wurde. Die Fabrik führte die Firma„Gebrüder Koltrum.“ Ganz natürlich, denn der Schöpfer und Begründer der⸗ ſelben hatte die Mittel ſeines Bruders zu dem Unter⸗ nehmen in Anſpruch genommen und wirthſchaftete für das gemeinſame Intereſſe, ohne Rechenſchaft darüber zu geben. Der Erfolg ſeiner kühnen Speculation hatte dies Vermögen vergrößert. Ohne ſich nur im mindeſten an Handelsſpeculationen zu betheiligen, blieb Herr Toby Theilnehmer des Gewinnes und ſicherte dadurch ſtill⸗ ſchweigend die Erbanſprüche ſeiner Tochter. Er kannte ſeinen Bruder genug, um zu wiſſen, daß derſelbe ſich nie zu abenteuerlichen Wagniſſen fortreißen laſſen würde. Er wußte, daß er Erfahrung genug beſaß, um jene gefährli⸗ chen Männer zu meiden, die in der Handelswelt zu fürch⸗ ten ſind, weil ſie mit dem Scheine der Glaubwürdigkeit ihre Berechnungen aufſtellen und durch ihr keckes Auftre⸗ ten in gewiſſenloſer Handlungsweiſe, die ſie freilich nicht Betrug nennen wollen, die Grundlage ihres Reichthumes und ihres Glückes bilden.„Durch die Mittel, die ſich derartige Speculanten erlauben, gelangen ſie nur zum Zwecke auf Koſten der Betrogenen,“ hatte Ely ſeinem Bruder unzähligemal verſichert. Es war alſo nicht zu fürchten, daß er ſein Vertrauen auf Männer ausdehnen würde, die dergleichen Grundſätze in ſich pflegten. Um noch ſicherer zu ſein, ſchärfte der philoſophiſche Tobias Koltrum die Aufmerkſamkeit ſeines Bruders mit dem belehrenden Humor, der die Schwächen und die Vorzüge der wachſenden Cultur vor Augen hat. Er ergänzte die Weltklugheit ſeines Bruders durch ſeine Weltweisheit, indem er die Erfahrungen Anderer geltend machte und es dann ſeinem Verſtande anheim gab, ſie für ſich und ſeine Verhältniſſe auszubeuken. Zweites Capitel. Von der ſonderbaren Huldigung des Fabriksherrn Ely Koltrum, die natürlich nur ihrem muſikaliſchen Ta⸗ . lente gezollt wurde, ahnte Giſela von Ilow gar nichts. Sie kannte ihren Nachbar kaum und wußte von ſeinen perſönlichen Verhältniſſen ſehr wenig. Ob⸗ wohl ſie den ſtattlichen Herrn zuweilen an ihrem Fenſter vorüberreiten ſah, ſo fühlte ſie doch zu wenig Intereſſe für ihn, um ſich näher nach ihm e Es war dieſer jungen Dame mit ihrer Umgebung Glaubek keineswegs enthaltsorte rkundigen zu mögen. nichts daran gelegen, ſich vertraut zu machen. Sie hatte mit ſo ſtolzen Ideen zu ihrem Auf⸗ gewählt, wie Herr Ely Koltrum legte, ſondern mit Vorſätzen, waren. ihr unter⸗ die durchaus ehrenhaft Durch Schönheit, Gehurt und Talent auf einen Le⸗ 36 bensweg geführt, wo ſie von allen Seiten ausgezeichnet zu werden hoffen durfte, war ſie dennoch nicht ſo glück⸗ lich geweſen, unter den vielen Männern, die ſie um⸗ ſchwärmt hatten, einen einzigen zu treffen, der ihren in⸗ nern Werth höher zu ſtellen Luſt bezeigte, als die irdi— ſchen Güter anderer Mädchen. Sie, die ſchönſte, die talentvollſte und die charaktervollſte des ganzen Kreiſes, war an der Gränze der Jugendblüthe angelangt, ohne es zu bedauern, daß ſie unvermählt geblieben. Die ewigen Kämpfe der. Standesrepräſentation bei unzureichenden Mitteln hatten ſie endlich ſo gleichgültig gegen das Welt⸗ leben gemacht, daß ſie ſogleich nach ihres Vaters un⸗ vermuthetem Tode die Gelegenheit ergriff, ſich in das Dunkel eines Dorflebens zurückzuziehen, wo ſie, allen Anſprüchen der Welt entzogen, ihren Einkünften gemäß exiſtiren konnte. Sie berechnete mit der Vernünftigkeit der reifen Jugend, welcher die ſelbſtübernommenen Opfer keine ſind, daß ihres Lebens Unterhalt aus der Erde die ihr eigen war, wachſen, daß das Haus ihr Obdach und Schutz verleihen und daß die kleine Rente, welche des Vaters Fürſorge ihr geſichert, ihr Kleidung und die nöthigen Nebenausgaben verſchaffen würde. Beſuche zur Anknüpfung neuer Freundſchaftsverhältniſſe wollte ſie vermeiden. Machte ſie Beſuche, ſo mußte ſie erwarten eingeladen zu werden und ihr Stolz verbot ihr etwas 37 anzunehmen, was ſie nicht erwiedern konnte. In Weltvor⸗ urtheilen befangen hielt ſie aber nun auch ihren Entſchluß ſo conſequent aufrecht, daß ſie ſogar den Schein der ge⸗ ringſten Annäherung vermied und ſich Mißdeutungen da⸗ durch ausſetzte, die ſich in albernen Schwätzereien kund gaben. Aber es erging Giſela von Ilow, wie es dem Herrn Ely Koltrum ergangen war. Als die Dorfbewohner ſa⸗ hen, daß das gnädige Fräulein im kleinen Hauſe ruhig fortlebte, daß ſie dem freundlichen Gruße einen herzlich gut gemeinten Dank ſpendete, daß ſie allſonntäglich, ohne Oſtentation, einfach gekleidet zur Kirche ging und den alten Pfarrherrn mit Ehrfurcht grüßte, wenn ſie ihm auf dem Kirchwege begegnete, da ſtieg die ſchöne, ernſte Dame allmählig im Preiſt und die allgemeine Ach⸗ tung mehrte ſich von Tag zu Tage. Giſela erfuhr nichts davon. Sie war im Herbſte zu ihrem Bruder gereiſt, um die Pflege ſeiner jungen Frau im Wochenbette zu überwachen, hatte den kleinen Erſtgeborenen über der Taufe gehalten und war, trotz Sturm und Schnee wie⸗ der in ihr Häuschen zurückgeeilt. Ihr Bruder hatte mit kluger Tactik das Herz eines ſehr reichen Mädchens zu gewinnen gewußt und es dadurch möglich gemacht, ſehr jung und auf der unterſten Stufe ſeiner Officier laufbahn heirathen zu können. Der Reichthum ſeiner jungen Frau verſetzte ihn in eine ſorgloſe Lage und ſchon nach dem Tode des Vaters machte er Giſela Anerbietun⸗ gen, wodurch ſie im Stande geweſen wäre, ihre Rolle in der Welt fortzuſpielen. Aber ſie lehnte ſeine Unter⸗ ſtützungen, ſo wie die Wohnung in ſeinem Hauſe auf das Beſtimmteſte ab und ging nach Glaubek, wo ſie in ſtiller Thätigkeit und Zurückgezogenheit zu leben gedachte bis an ihres Lebens Ende. Dieſer Entſchluß entſprang nicht aus Lebensmüdigkeit, nicht aus falſchem Stolze— nein, es ſagte ihr ein einfaches Leben mehr zu, als das Treiben der Welt mit ſeinem Ja⸗ gen nach Zerſtreuungen. Giſela gehörte nun einmal nicht zu denjenigen weiblichen Weſen, welche ſtark und mächtig gegen Alles in die Schranken treten, was ihren Wünſchen vom Schickſal hemmend in den Weg geworfen wird. Sie ſtrebte nie nach Anerkennung ihrer Talente— im Gegentheil, ſie belächelte die Anſtrengungen der Frauen, welche mit geringen Geiſtesgaben eine Stelle in der Welt einzuneh⸗ men trachteten, wo ſie mit Ruhm und Glanz eine Rolle durchführen zu können meinten. Sie erkannte ſchon früh, daß man Frauen, die ſich vor der Menge auszuzeichnen ſuchten, mit Spott huldigte und ſie beherrſchte conſequent ihre Regungen, wenn ſich Freunde ihres Vaters bemüh⸗ ten, ihr glänzende Erfolge zu prophezeien. Allerdings rechtfertigte ihr muſikaliſches Genie und ihre wunder⸗ ſchöne Stimme dieſe Meinung und es war faſt ſcher 39 anzunehmen, daß ſie einen hervorragenden Platz in der Reihe ausübender Künſtlerinnen errungen haben würde; allein Giſela wendete ſich entſchieden von ſolchen Verſu⸗ chungen ab und behauptete ſtets, daß ihr die Freude des Einzelnen ein ſchönerer Lohn für ihren Geſang ſei, als der Applaus der Menge. Giſela war von früheſter und zu kühl geweſen. und Biegſamkeit wi Jugend an zu vernünftig Ein wenig mehr Schmiegſamkeit ürde ſie liebenswürdiger gemacht ha⸗ ben. Sie hatte zugleich die erhabene Schwäche, ſich ſelbſt genug zu ſein und keinen andern Menſchen nöthig zu haben, um die kleinen Laſten des Lebens zu überwinden. Mit ſolchen Geſinnungen paßte ſie allerdings nicht ganz in die Kreiſe, die ihr durch ihre Geburt angewie⸗ ſen waren. Ihr Hang zum einſamen Leben trat indeß erſt da ganz entſchieden hervor, als ſie, völlig verwaiſtt, einen neuen Lebensweg betreten ſollte. Sie hatte im Verlaufe der paar Sommermonate, die ſie völlig iſo⸗ lirt in Glaubek verlebt, die friedliche Stille ihrer Ein⸗ ſamkeit ſo hoch ſchätzen gelernt, daß ſie den erneuerten Anerbietungen ihres Bruders die zuverſichtliche Erklärung entgegenſtellte:„vollkommen glücklich in Glaubek zu ſein.“ Ihre eilige Abreiſe beglaubigte dieſe Verſicherung und nachdem man von ihr das Verſprechen gefordert, wenigſtens monatelang zum Beſuch zu kommen, ließ man 40 das wunderliche Mädchen trotz Sturm und Schnee ihrem Eigenwillen folgen. Giſela war nun wieder allein in ihrem Stüb⸗ chen. O, wie froh, wie emſig richtete ſie ſich ihr Winter⸗Quartier ein. Und es wurde Winter, tüchti⸗ ger Winter! Fußhoch lag der Schnee auf den Fel⸗ dern, die ſich vor Giſela's Blicken wie ein Schneemeer ausbreiteten. Sinnend irrte ihr Auge oft über dieſe weiße Maſſe hinweg, die der quellenden Saat in der Erde Schooß eine weiche, warme Decke geworden war. Endlos erſchien ihr die Fläche und die Ruhe des To⸗ des ſprach fie daraus an. Sie hatte in der Stadt wohl ſchneebedeckte Straßen und Dächer geſehen, doch nie in ihrem Leben ein ſo weites Feld. Der Eindruck dieſes Anblickes wirkte nachhaltend auf ihr Gemüth, ohne es zu bedrücken oder zu verdüſtern. Sie fand nur täg⸗ lich neue Veranlaſſung, über ihr bisheriges Leben nach⸗ zudenken und dasſelbe mit ihrem gegenwärtigen Schick⸗ ſale zu vergleichen. Es wurde für ſie ein Genuß, ſich träumeriſchen Reflexionen hinzugeben, ſich in die einfache Größe der Natur zu vertiefen und ihre Seele durch An⸗ ſchauungen zu veredeln, die ihr hier näher getreten wa⸗ ren, als im Strudel des Weltlebens. Sechs Wochen der grimmigſten Kälte wurden ein Prüfeſtein für die Haltbarkeit ihrer Grundſätze und Ent⸗ 41 ſchlüſſe, die ſie für dies Einſiedlerleben beſtimmt hatten. Giſela bewährte ſich aber. Heiter blickte ihr Auge und ein liebes Lächeln thronte auf ihren Lippen, wenn ſie mit der alten Beata ſprach, die ſie wegen des traurig ſtrengen Winters gutmüthig bedauerte. Sie hoffte auf den Frühling, der die Natur in gefälligem Gewande aufſtellen werde und beſchäftigte ſich ſchon jetzt lebhaft mit Plänen zur Verbeſſerung ihres Gartens, deſſen Ver⸗ pachtung mit dem Monat Januar aufgehoben wor⸗ den war. Der Frühling nahete endlich, die Sonne bekämpfte muthig des Nordwindes eiſige Lüfte, der Schnee ſchmolz und die Eisdecke des Stromes löſete ſich langſam, um in mächtigen Schollen dem Meere zuzuſteuern. Die Schneemaſſen der Gebirge füllten aber die kleinen Berg⸗ flüſſe weit ſchneller, als irgend ein Menſch gedacht hatte. Dadurch ſchwollen die Ströme, ehe ſich die Eisdecke zer⸗ bröckeln konnte und die Gewalt der Wogen ſetzte Un⸗ maſſen von Eis in Bewegung, ſchob die rieſigen Eis⸗ blöcke über einander, wenn das Strombette Widerſtand zu leiſten vermochte oder warf ſie im Waſſerſchwall weit auf die flachen Ufer, ganze Häuſer im Nu vernichtend, bevor die Bewohner nur eine Ahnung von Gefahr be⸗ kamen. Giſela ſaß arbeitend am Fenſter und freuete ſich 42 der auffallenden Wärme der Sonne, die zum Unheile mancher Menſchen das nachzuholen ſtrebte, was ſie ſeit Wochen verſäumt hatte. Beata arbeitete mit Hülfe eines Taglöhners im Garten. Plötzlich erhob ſich ein Tumult im Dorfe. Alles, was laufen konnte, lief quer über die Fahrſtraße weg nach dem Abhange. Befremdet ſchaute Giſela auf. Ehe ſie nur einen weitern Gedanken faſſen konnte, öffnete ſich die Thür und Beata erſchien athem⸗ los auf der Schwelle. „Das Eis! Gnädiges Fräulein— das Eis kommt!“ rief ſie. Giſela wiederholte: Das Eis? Beata, was ſoll das heißen? Das Eis kommt?“ „Kommen Sie nur, gnädiges Fräulein und ſehen Sie es ſelbſt,“ ſprach Beata beſchleunigt. „Wohin ſoll ich gehen, um das Eis zu ſehen?“ fragte die junge Dame befremdet. „Nach dem Wall— bitte— werfen Sie Ihren Mantel um— es ſoll furchtbar ſein!“ Giſela's Neugier erwachte. Wo ſie bis dahin ge⸗ wohnt, war kein Strom in der Nähe geweſen und das eeben, daß ein ſo mächtiger Strom bei Glaubek vorüber⸗ floß, hatte ihr ſchon den Ort intereſſant gemacht. Me⸗ chaniſch erhob ſie ſich. Viel und mancherlei Gedrucktes war ihr über dergleichen Eisgänge ſchon zu Geſicht ge⸗ — 43 kommen— jetzt konnte ſ überzeugen, was Wahres daran war. Während dieſer Gedanken warf ſie einen Mantel um, ſetzte ihren Hut auf und folgte ihrer noſſin durch die Häuſer und Gärten der gegenüber ſte⸗ henden Häuſerreihen, die näher zum Abhange führten. Sie kam gerade zur rechten Zeit, menden Eisberge langſam alten Hausge— um die ſchwim⸗ und grauenhaft ſchön heran⸗ treiben zu ſehen. Von der glänzenden Märzſonne über⸗ ſtrahlt, glich die hochgethürmte Eismaſſe einem ſchwim⸗ menden Eisgebirge, das von unfichtbarer Kraft gebildet und fortgetrieben, mit jedem Augenblicke zen drohte. Krachend zerſplitterte andern, wenn er ihm im We obern Schichten noch h die ſteigenden Wellen reit, es zu überſpülen. zuſammenzuſtür⸗ ein mächtiger Block den ge war, ziſchend ſchoben ſich die öher und rauſchend drängten ſich am Uferrande entlang, immer be⸗ 9 Giſela ſtand, in Schauen verſunken, fieberhaft auf⸗ geregt von dem hehren Schauſpiele, am äußerſten Rande 3 des Abhanges. Ihr ganzes Weſen verrieth die Span⸗ nung, womit ſie dem Verlaufe des Naturereigniſſes ent⸗ gegenſah. Sie beachtete nicht, daß ſie ſogleich der Gr⸗ genſtand freundlicher Aufmerkſamkeit für e von Menſchen geworde ſprunge, der zu der ine Gruppe n war, die oberhalb auf dem Vor⸗ Fabrik gehörte, Platz genommen ie ſich durch den Augenſchein — 44 hatte, um den Eisgang in' aller Bequemlichkeit zu be⸗ obachten. Dieſer Vorſprung war geſchmackvoll zu einem terraſſenartigen Garten umgewandelt und mit einem klei⸗ nen Plateau verſehen, das eine weite Fernſicht ermög⸗ lichte. Hier ſtand Herr Toby Kultrum, ſein Bruder Ely, ſeine Gattin und Lyſanne. Mit Intereſſe wendete ſich zuerſt der Blick der Frauen der jungen Dame zu, die, in Betrachtungen verloren, die Familie nicht wahr⸗ nahm. „Es iſt das gnädige Fräulein,“ flüſterte Lyſanne mit einer gewiſſen Wichtigkeit. „Willſt Du nicht zu ihr gehen, meine Kleine,“ ſprach Toby, der weiſe Philantrop mit gütigem Tone,„willſt Du ſie nicht einladen herauf zu kommen? Sag' ihr ein Compliment in unſerm Namen und wir ließen bitten, hier Platz zu nehmen, da ſie hier eine beſſere Ueberſicht hätte.“ Lyſanne zögerte ſchüchtern eine kleine Weile; als ſie jedoch endlich Anſtalt traf, dem Auftrage ihres Vaters Folge zu leiſten, da trat Herr Ely ruhig, als geſchähe es von ungefähr, mehrere Schritte von ſeinem Bruder hin⸗ weg und ſchien Luſt zu haben, das Plateau ganz zu ver⸗ laſſen. Während deſſen hatte Lyſanne mit flüchtigen Schrit⸗ ten den kurzen Weg durcheilt, der ſie von Giſela trennte, —— 45 und trat, mit liebenswürdi ger Freundlichkeit grüßend, an die Dame heran. Giſela ka unte dies reizende Kind ſchon. Sie war demſelben bei gelegentlichen Gängen zur Kirche und auch bei kleinen Promenaden begegnet und ſtets von ihm mit der Zuvorkommenheit der Jugend und der länd⸗ lichen Höflichkeit begrüßt worden. Das junge Mädchen hatte durch ihre einfach noble Erſcheinung bereits ihr Intereſſe erregt und bisweilen den Wunſch aufkommen laſſen, mit ihm verkehren zu dürfen. liche Irrthum, in den Fabrik Kaufmannswelt zu Aber der verzeih⸗ sbeſitzern jenen Herren der begegnen, die im Vollgenuß des Reichthums geneigt ſind, ſich für die mangelnde Bildung und für die verſagte Rangeswürde im Luxus des Ueber⸗ muthes zu zeigen, hatte die kluge Dame veranlaßt, jede Annäherung durch Blick und Wort zu vermeiden. Sie wollte nun einmal nicht wieder in jene Conflicte ver⸗ wickelt werden, die ſie bis zum Ueberdruß aus frühern Erlebniſſen kennen gelernt hatte. Sie glaubte nach ihren Beobachtungen berufen zu ſein, den Luxus als ein La⸗ ſter betrachten zu dürfen. Hatte nicht der Hang zum Prunke oft die entſetzlichſten Folgen gezeigt? War er nicht oft der Beweggrund zu den verderblichſten Schrit⸗ ten? Führte er nicht raſch und ſicher zur Demoraliſa⸗ tion? Unter dieſen Anſichten handelte ſie, indem ſie ſtumm an einem jungen Weſen vorüberſchritt, das ihr Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 4 46 mehr gefiel, als irgend ein weibliches Weſen in früherer Zeit. Aber es war ein Strahl von Güte in ihren Augen geweſen, wenn ſie den Gruß Lyſannens erwiederte und dies gab dem jungen Mädchen Muth, ſie im Namen ihres Vaters jetzt anzureden und einzuladen. Mit dem Wohlwollen einer reinen, neidloſen Be⸗ wunderung ließ Giſela ihren Blick auf Lyſanne ruhen, während ſie ſprach, reichte ihr dann, hingeriſſen, durch dieſe Empfindung, raſch die Hand und folgte ihr ohne Zaudern. Zuvorkommend kam Herr Toby ihr ſchon im Gange entgegen, um ſie hinaufzugeleiten, aber ihm fiel bei ſei⸗ ner einfachen Denkungsweiſe nicht ein, ſich der jungen Dame vorzuſtellen und Giſela hob etwas unſicher ihr Auge zu dieſem Manne auf, den ſie noch nie geſehen hatte. Seine ganze Erſcheinung frappirte ſie. Er ſah viel mehr einem Geiſtlichen gleich, als einem Fabriks⸗ herrn. Sein blaſſes, edelgeformtes Geſicht, die hohe Stirn, welche den hohen Denker und Philoſophen ver⸗ rieth, die Milde ſeines Organes und ſeine gewählte Ausdrucksweiſe— Alles ſtimmte, um ſie in der Mei⸗ nung zu beſtärken, daß er weder Kaufmann noch Oeko⸗ nom ſein könne; alſo in keiner Weiſe zur Fabrik ge⸗ höre. Es war ihr zum erſten Male ſeit ihrem Hierſein verdrießlich, ſich nicht näher nach den Verhältniſſen ihrer nächſten Alachhaten erkundigt zu haben. 47 Ein furchtbares Krachen vom Strome her überhob ſie jetzt ihrer momentanen Verlegenheit. Eilig ſtiegen ſie die breiten Terraſſentreppen zum Plateau hinauf und nahmen am äußerſten Geländer Platz, wo ſie den Strom von allen Seiten beobachten konnten „Was veranlaßte das Getöſe, Ely?“ Toby Koltrum ſeinen Bruder, der ſeitwärts ſtehen ge— blieben war und nur durch eine ehrerbietige Verneigung die Dame begrüßt hatte. „Wahrſcheinlich ſind die ſchwimmenden Maſſen auf Grundeis geſtoßen,“ erwiederte Ely mit ruhiger Artig- keit, ohne ſich zu nähern. „Wahrhaftig— die Berge heben ſich— gnädiges Fräulein!“ rief Lyſanne mit kindlichem Enthuſiasmus. Giſela faltete beklommen die Hände und ſchauete ſtarr auf den Fluß. Es war ein impoſanter Anblick. Höher und immer höher ſchoben ſich die Schollen— das Ge⸗ birge aber rührte ſich nicht. Wie eingemauert ſtand die glänzend helle Kryſtallwand da. Brauſend brachen ſich die Waſſerwogen daran— aber ſie vermochten ſie nicht wieder in Bewegung zu ſetzen. „Sehen Sie— dort hinten tritt der Fluß über—“ rief Herr Toby. Ely nahm ein Fernglas zur Hand. „Wenn das Eis nicht bald einen Durchgang öffnet, ſo wirft ſich die ganze Maſſe über unſere Wieſen,“ re⸗ 4* fragte Herr ferirte er dann mit aller Höflichkeit, blieb jedoch in ge⸗ meſſener Entfernung. „Und die Häuſer hier unten am Abhang?“ fragte Giſela haſtig. „Die liegen hoch genug, mein Fräulein,“ entgeg⸗ nete Herr Toby.„Doch jenes Dorf dort hinter den Wieſen kann Schaden leiden.“ „Und Oſterhofs Ziegelei iſt verloren,“ fügte Ely hinzu.„Das Ufer drüben iſt höher— der Widerſtand dort wird alſo die Kraft der Fluth hieher lenken.“ Sein Ausſpruch beſtätigte ſich ſchon. Man bemerkte eine leichte Schwankung der Eismaſſen nach den diesſei⸗ tigen Ufern. „Allmächtiger Gott,“ ſprach Giſela aufgeregt.„In dem Hauſe dort ſind ja Menſchen!“ Ely nahm geſchwind ſein Fernglas.— Lyſanne und ihre Eltern ſtrengten vergeblich ihre Augen an, ir⸗ 4 gend Jemand zu entdecken.„Sie müſſen ſehr ſcharf ſe⸗ hen können,“ meinte Herr Toby.„Wo ſehen Sie Je⸗ mand?“ „Am Fenſter des kleinen Häuschen, das rechts ne⸗ ben der Ziegelei ſteht!“, „Richtig!“ rief Ely.„Es iſt Oſterhof ſelbſt in höchſt eigner Perſon— was in aller Welt hat der Mann da noch zu ſchaffen, da ſchon vor zwei Stunden die Gefahr 49 ſignaliſirt wurde!“— In dieſem Momente ſchob ſich der Eisberg ſeitwärts— das Waſſer ſchoß ziſchend ne⸗ ben her und überfluthete die Buhnen mit ihren ſchönen Gängen. „Noch einmal ein ſolcher Stoß und Oſterhof's Zie⸗ gelei wird vom Eiſe erfaßt—“ ſagte Ely.„Was hat nur der thörichte Mann dort zu kramen!“ Kaltblütig wendete er ſich und verſchwand vom Plateau. Man be⸗ merkte ſeine Abweſenheit kaum. Aller Sinne waren auf die nächſte Entwicklung des ſchaurig ſchönen Naturſchauſpieles gerichtet. Wie es dort unten krachte— wie es ziſchte—! dazwiſchen zitterten Töne, als ſpränge Glas in Stücke. Geiſterhaft grol— lend brachen ſich einzelne Wellen Bahn und ſprudelnd fuhren andere am Eiſe in die Höhe, um mit ſchallendem Geräuſch wieder niederzuſtürzen. Langſam breitete ſich die Waſſerfläche uf den Wieſen aus, Schritt vor Schritt ſich das Terrain erkämpfend. Noch wenige Minuten und der Fahrdamm zwiſchen der Ziegelei und dem Dorfe ſtand wie ein Streifen in den ſpieg elhellen Fluthen, auf denen einzelne Schollen, gleich mächtig großen Schwänen dem Lande zuſegelten. Allmählig verſchwand auch der Fahrdamm zwiſchen der Wieſenfläche. Unverrückt ſtand das Eis, aber das Waſſer drängte ſich mit furchtbarer Gewalt neben dem⸗ 50 ſelben vorbei und ſtürzte ſich immer wilder rauſchend auf dieſe flache Uferſeite. Plötzlich erſchien ein Mann zu Pferde mitten in dem ſteigenden Gewäſſer. Er führte ein zweites Pferd am Zügel und verfolgte ſicher die kaum ſichtbare Straße nach der Ziegelei, die ſchon überſpült war. Es war Ely, der im wildeſten Galop dahinſprengte, ſo daß das Waſſer unter den Hufen der Pferde hoch aufſchlug. In wenigen Minuten legte er den Weg nach der Ziegelei zurück, die noch frei auf der kleinen Erhö⸗ hung lag, während dicht hinter ihr die Eiswände und vor ihr eine weite Waſſerfläche zu ſehen war. Auf dem trockenen Vorplatze des Gehöftes hielt Ely ſein Pferd an und man hörte deutlich, daß er ſo kräftig, wie ſeine Lunge es nur geſtatten wollte, den Na⸗ men des Ziegeleibeſitzers rief. Oſterhof erſchien auch un⸗ verzüglich. Er ſchien ſich zuerſt mit gränzenloſem Er⸗ ſtaunen nach allen Seiten umzuſehen, aber nachdem er durch einige haſtige Geberden eine bedeutende Verwun⸗ derung über das wunderbar ſchnelle Wachſen des Stro⸗ mes ausgedrückt hatte, ſchwang er ſich auf das zweite Pferd, und beide Männer ritten nun vorſichtig und be⸗ duchtin durch die immerfort ſteigende Fluth nach dem Vorſprunge des Hügels zurück, von wo aus eine bequeme Fahrſtraße in das Dorf führte. 51 Kaum waren ſie Beide den Blicken der kleinen Geſellſchaft, die mit ſtummer Angſt und mit Intereſſe das Wagniß Ely's beobachtet hatte, entſchwunden, ſo ſchlug ein donnerähnliches Krachen an ihr Ohr und lenkte ihre Aufmerkſamkeit wieder auf das Eis. Ein Schrei des Entſetzens durchdrang die Luft. Die ganze, große Menge Menſchen, die auf der Anhöhe dem Schauſpiele zuſah, ſtieß im gemeinſamen Schreck dieſen Klageruf aus. Wäh⸗ rend die Familie Koltrum mit Beklommenheit dem Aus⸗ gange von Ely's Wageſtück entgegenſah, hatte ſich der Eis⸗ berg ruckweiſe fortgeſchoben. Dann mußte derſelbe un⸗ verſehens Luft erhalten haben und bevor nur irgend einer der vielen Zuſchauer gewahr geworden war, wohin ſich die kaum merklich bewegte Maſſe wenden würde, warf die Gewalt der Strömung in furchtbarer Schnel⸗ ligkeit die lockergewordene Eiswand nach den Wieſen zu, im Nu die Ziegelei zertrümmernd und überſtürzend! Als Giſela den Blick wieder hinwendete nach dem Orte, wo vor wenigen Minuten noch zwei Menſchen geweilt hat⸗ ten, da ſah ſie nichts als aufgethürmte Eisſtücke, die ſich, wie ein Bollwerk, quer über die Wieſe hinzogen. Das Unerwartete dieſes Ereigniſſes überwältigte die Dame. Ein Schleier umzog ihre Sinne. Sie wankte, Sie, die nie gewußt hatte, was ſchwache Nerven ſeien, ſah ſich in der Nachwirkung ihrer Gemüthsaufregung bang nach einer Stütze um. Als ſie ihrer Sinne wieder mäch⸗ tig wurde, fand ſie ſich in den Armen der Frau Koltrum und ihr Auge traf in Lyſſanna's Blick, der von Weh⸗ muth, Theilnahme und Innigkeit erfüllt war. Raſch rich⸗ tete ſie ſich auf, als wolle ſie zeigen, daß nur die Ueber⸗ raſchung ſie darniedergeworfen habe. Indem ſie herz⸗ lich die Hände der Mutter und Tochter in die ihrigen faßte, ſagte ſie ſchwach lächelnd: Rechnen Sie es nicht einer albernen Empfindſam⸗ keit zu, daß ich einen Moment die Geiſteskraft verlor, nein— nur die Offenbarung Gottes in der Macht des Elementes übte eine merkwürdige Wirkung auf mich aus!“ 3 „Ich finde Ihren Zuſtand ſehr begreiflich, mein Fräulein,“ ſprach Koltrum gütig.„Wenn die Hülle, welche eine höhere Hand wohlthätig über die Gefahren und Schreckniſſe der Elementbewegungen breitet, plötzlich fällt und unſern Augen ein Abgrund gezeigt wird, ſo muß das Herzblut davon um ſo mehr irritirt werden, je weniger unſere Phantaſie dergleichen geahnet hat. Die Kämpfe des Widerſtandes im Naturleben bergen leider ſtets die Macht zur Zerſtörung in ſich!“ „Aber es iſt etwas Großes, etwas Erhabenes in die⸗ ſen Kämpfen des Naturlebens,“ erwiederte Giſela eifrig. „Man fühlt ſich mehr als Gottes Kind und unter ſeinem 53 Schutze! Sie ſehen mich zweifelnd an, fügte ſie noch eifriger hinzu, nenſpiele einem Ausdrucke b gung ſtreifte.„Wagen Sie es abzuleugnen, daß Gottes Macht und Güte die Wuth des zerſtörenden Elementes zü⸗ gelte, um zwei Menſchenleben nicht untergehen zu laſſen?“ „Ich danke und preiſe Gott für dieſe Fügung, mein Fräulein,“ antwortete Koltrum mit tiefem Gefühle,„denn mein Bruder Ely iſt mein Stab und meine Stütze in dieſem Erdenleben und er iſt mir mit meiner Familie zugleich theuer, lieb und werth; allein die Erhabenheit und Größe in den Naturſchauſpielen, welche im Kampfe des Widerſtandes beruhen, kann ich mit Gottes Schutz und Güte nicht in Einklang bringen. Wozu ein K der Verlauf eines Ereigniſſes Wozu der unnütze Widerſtand, trägt? Wozu die Angſt vor einer Menſchenſeele. und der Hoffnung?“ mein Herr,“ als ſie in Koltrum's Mie⸗ egegnete, der an Mißbilli⸗ ampf, wenn friedlich abgehen kann? der Unheil im Schooße drohenden Gefahren in Wozu die Aufregung der Furcht Giſela blickte verwundert in das müſſe ſie ſich verſichern, daß ein luſtig reden könne. „Lieben Sie denn tigkeiten des Lebens?" denn er las ſeine Männerantlit, als Mann ſo wenig kampf⸗ die Kämpfe mit den Widerwär⸗ fragte der Weltweiſe freundlich, Verurtheilung aus dieſem Blicke. 40 „Nein!“ antwortete Giſela aufrichtig. „Dann beſchuldige ich Sie der Inconſequenz, wenn Sie meiner Anſicht widerſprechen wollen!“ „Aber mit Unrecht, mein Herr!“ ſprach Giſela ent⸗ ſchieden.„Lebenskämpfe demüthigen unſeren Geiſt— Naturkämpfe erheben ihn!“ „Kurz und bündig abgeführt, mein lieber Toby,“ fiel Frau Koltrum heiter ein.„Doch erlaube ich mir den Einwand, mein Fräulein, daß ein Sieg in unſern Lebenskämpfen auch etwas Erhebendes mit ſich bringt.“ „Das gebe ich gern zu, aber ſtelle nun auch dage⸗ gen die Behauptung auf, daß eben ſo viel Geiſtesgröße in einer Unterwerfung liegen kann, wenn Selbſtbeherr⸗ ſchung das Motiv derſelben iſt,“ antwortete Giſela ru⸗ hig. Lyſanne nickte zuſtimmend mit dem Kopfe. Man ſah, daß nur ihre angeborene Schüchternheit ſie abhielt, ſich an dieſem Geſpräche zu betheiligen und ihren Empfindungen Worte zu leihen. Die beiden Gatten aber ſahen ſich bedeutungsvoll an. Sie glaubten ein Eingeſtändniß ſchwerer Heimſuchungen aus Giſela's Er⸗ klärung ziehen zu dürfen und betrachteten mit erhöhter Theilnahme die edle Erſcheinung des Mädchens, das viel⸗ leicht bittere Kämpfe in ihrer Einſamkeit beſtanden hatte. So lange war Giſela von Ilow ihnen eine vornehme Dame aus der Stadt geweſen, jetzt trat ſie durch die 55 einfache Ehrlichkeit ihrer Sprache in ein anderes Licht und förderte, ſtatt der Ehrerbietung und Achtung, eine herzliche Theilnahme aus dem Schachte dieſer Gemüther herauf. Sie verſtändigten ſich durch ihren Blick. Der ſtolzen Edeldame ſich zu nähern verbot ihr eigner See⸗ lenadel, aber dem einſamen Mädchen die ſtillen Freuden ihrer ſorgloſen Häuslichkeit zugänglich zu machen, erſchien ihnen als Pflicht. Mittlerweile hatte ſich die Eismaſſe, welche am jen⸗ ſeitigen Ufer gleichſam vor Anker gelegen, losgemacht und ſchwamm nun in majeſtätiſcher Pracht und Ruhe auf dem Waſſerſpiegel heran. Jetzt erſt erkannte man die gefährliche Aufſtauung des Eiſes, denn die Spitze dieſes Koloſſes erreichte beinahe die Höhe der Hügelwel⸗ len, auf denen Glaubek lag. So lange Giſela die ſchwim⸗ mende Eismaſſe ſehen konnte, verfolgte ſie die den Augen. Dann athmete ſie tief ſtalt, um ſich freundlich, aber ſ zu verabſchieden. So raſch ging das jedoch nicht. Frau Magdalena faßte die Hand, die Giſela ihr darbot, feſter und ſchauete mild prüfend in ihr Geſicht. „Wollen Sie uns ni Haus mit Ihrem Beſu fragte ſie mit achtung ſelbe mit auf und traf An⸗ ehr beeilt von Koltrum's cht die Freude machen, unſer kleines che zu beehren, Fräulein von Jlow?“ svollem und doch zärtlichem Tone. Giſela, augenſcheinlich frappirt, ſah erſt ſie, dann Herrn Toby ſcharf an. Sie muſterte innerhalb der Se⸗ eunde, die ſie zögernd ſchwieg, das ſchöne, männlich ſanfte Geſicht Toby's und ſeine ruhige, gedankenvolle Stirn. Es ſprach ſie etwas daraus an, das ſie wunderbar an⸗ zog, obwohl ſein weniger Kampfmuth ſie nicht gerade angenehm berührt hatte. Seine ſolide Denkungsweiſe hatte dieſem Geſichte eine charaktervolle Ruhe verliehen, die vertrauenerweckend, war. Er ſprach nicht, er fügte der Einladung ſeiner Gat⸗ tin nicht eine Sylbe hinzu, er ſchauete nur fragend in das forſchend weit geöffnete Auge Giſela's hinein und doch wirkte ſein Einfluß entſcheidend auf ihren Entſchluß. „Bitte— kommen ſie mit,“ bat Frau Magdalene mit einer gewiſſen Erregung. Lyſanne legte ihre Hände flach zuſammen und lächelte wie ein bittendes Kind. Wie hätte Giſela zu widerſtehen vermocht! Sie trat den Weg nach dem Hauſe an, das ſeitwärts vom Vorſprunge, etwas zurück und näher der Fabrik belegen war. Sie gab der natürlichen Macht menſchlicher Liebens⸗ würdigkeit nach und überantwortete ſich von dieſem Au⸗ genblicke an nicht allein dem Einfluſſe anderer Weltan⸗ ſchauungen, wie ihr früheres Leben ihr geboten, ſondern auch anderen Gefühlsregungen. Mit einer Art Feierlichkeit ſchritt ſie über die Schwelle 7 8 5 des patriarchaliſchen Hauſes, wo Behaglichkeit, Ruhe, Ordnung und Einfachheit an der Tagesordnung war, wo die Herrſchaft des Geiſtes jeden Gedanken an übermüthi⸗ gen Lurus verbannt hatte. Giſela empfand die Wirkung dieſer ſeelenreinigenden Atmoſphäre auf der Stelle. Ihr Herz erſchloß ſich, wie eine Spätblume, die vom Son⸗ nenſtrahle berührt raſch zum Leben erwacht. Als ſie im Dämmerſcheine des bedeutungsreichen Tages endlich das Haus Toly's verlaſſen wollte, da war ſie durch die traulichen Plaudereien der Familie in alle Verhältniſſe derſelben eingeweihet. Sie begriff den Cha⸗ rakter des jüngern Bruders nach die Weitem beſſer, als Toby's Weſen, res Gemiſch von Gediegenheit und Sorgloſigkeit und Charakterfeſtigkeit, von Ernſt und Milde und von Gelehrſamkeit und Kindlichkeit war. Er ſelbſt hatte ihr geſtanden, daß er ſich für einen geborenen Geiſtlichen halte— und dennoch hatte er ſich von dem erſten mißlungenen Verſuche in ſeiner Berufsthätig⸗ keit beſtimmen laſſen, ſeine Lebenspläne gänzlich zu ver⸗ ändern? ſen Darlegungen bei das ein ſonderba⸗ Schüchternheit, von „Kommen Sie,“ flüſterte Lyſanne dem Fräulein beim Abſchiede zu,„ich führe Sie durch die Fabrik— der Weg iſt beſſer und weit näher.“ Giſela's Miene drückte eine Befremdung aus, Der 58 Weg durch die Fabrik konnte nach ihrer Meinung durch⸗ aus nicht näher ſein. „Folgen Sie nur der Kleinen,“ ſprach Herr Toby, der ihre Zweifel errieth.„Mein Bruder Ely iſt ein prak⸗ tiſcher Bauherr— er hat es zu Stande gebracht, daß die Dorfſtraße, welche früher unweit ihres Hauſes zum Fluſſe hinabführte, verlegt wurde. Durch ſeine Vorſchläge bewogen und durch ſeine Anerbietungen beſtimmt, geſtat⸗ tete man, was ihm Vortheil und der Gemeinde keines⸗ weges Schaden brachte. Ein Durchſtich des Vorſprunges gab die nöthige Straße her, die er zu ſeiner Bequemlich⸗ keit dann überbrücken ließ.“ „Onkel Ely ſetzt nämlich Alles durch, was er ſich einmal vorgenommen hat,“ ſiel Lyſanne kindlich ſpottend ein.„Hüten Sie nur Ihr Haus, ſonſt finden Sie es eines Tages als ſein Eigenthum wieder.“ „Hoffentlich wird ſein erſter mißlungener Angriff ihm alle Luſt dazu verleidet haben,“ meinte Giſela ge⸗ laſſen. „Er hat ſchon Verſuche gemacht, das Haus zu kaufen?“ fragte Frau Koltrum lächelnd.„Ja dann hü⸗ ten Sie ſich nur vor ihm— er verſteht es wirklich, Himmel und Erde ſich unterthänig zu machen, um ſeine Zwecke zu erreichen.“ „Ja, ja, Fräulein,“ ſcherzte Herr Toby,„hüten Sie ſtreng monarchiſchen 59 ſich vor Ely's Speculationen! Er ſcheint Accord mit der Glücksgöttin geſchloſſen zu haben und nächſtens wird er kühn mit dem Himmel in Unterhandlungen treten wegen des nothwendigen Regens und Sonnenſcheines, da ihm Beides nie zur rechten Zeit kommt.“ „Es iſt ein ſtrebſamer Geiſt in ihm,“ meinte Frau Magdalene in beſchwichtigendem Tone.„Aber er gehört Gottlob nicht zu den Kaufleuten, denen, in Ausſicht auf Gewinn, nichts heilig iſt. Fürchten Sie alſo nichts von hartnäckigen Beſtürmungen rückſichtlich Ihres Hauſes.“ Sie hielt inne, denn Giſela blickte ſie eigenthümlich an. „Ich glaube ficher zu ſein, daß an meiner Feſtig⸗ keit die größte Hartnäckigkeit ſcheitern würde,“ antwortete Giſela ganz ſanft und ruhig.„Uebrigens beſchränkte Herr Ely Koltrum ſeinen Kaufverſuch nur auf eine An⸗ frage. Mich wundert, daß Sie nichts davon wiſſen.“ „Ely iſt Autokrat in ſeinem Reiche, das er nach Principien regiert und ich habe ihm willig die Rechte meiner Erſtgeburt abgetreten, weil ich fühle, daß ich nicht fähig wäre, die Pflichten eines Herr⸗ ſchers und ſei es auch nur eines conſtitutionellen, zu über⸗ nehmen. Ich lebe, wie ein Philoſoph und laſſe mich er— nähren und pflegen von den Meinigen.“ Lyſanne blickte mit ehrfurchtsvoller Liebe zu ihm auf und küßte ſeine Wange. Seine Gattin drückte ebenfalls durch einen Blick 60 ihr Glück aus, für ihn ſorgen zu dürfen. Er nickte ihnen zu,„Da ſehen Sie es, wie mich die Meinigen verwöh⸗ nen, mein gnädiges Fräulein,“ fügte er hinzu.„Meine Tochter hält mich für den klügſten und meine Frau hält mich für den beſten Mann auf Gottes Erdboden! Das kommt aber daher, weil ſie alle Beide keinen anderen Mann kennen gelernt haben!“ Er lachte herzlich. „Sie ſcheinen allerdings wenig Verkehr mit den Menſchen zu haben,“ meinte Giſela, ſichtlich intereſſirt von der kleinen Familienſcene.„Sie lieben die Zerſtreuung der Welt nicht. Aber gebrauchen Sie denn die Erheiterung der Geſelligkeit nicht?“ „Was braucht ein Menſch für geſelligen Verkehr, der Bücher, Gedanken, Phantaſie, Feder, Tinte und Papier hat!“ „Der Meinung trete ich nur theilweiſe bei, mein Herr,“ erwiederte Giſela heiter.„Ja, wenn Sie Erheite⸗ rung und Befriedigung in der Ausübung von Kunſt, von Muſik und Malerei fänden, ſo würde ich dieſe reichhal. tige Beſchäftigung für ein genügſames Menſchenherz aus⸗ reichend erklären.“ „Muſik“— wiederholte Herr Toby ſinnend.— „Muſik erſcheint mir freilich als ein Ideal geiſtiger Er⸗ heiterung und Befriedigung. Mich kann Lyſanna's ſchüler⸗ hafter Vortrag einer ſanften Melodie auf unſerm alten 61 Clavierkaſten feſſeln und von ernſten Forſchungen abzie⸗ hen— wie würde alſo eine gute, eine vollkommene Mufik auf mich erſt wirken, wenn ich Gelegenheit hätte ſie öfter zu hören!“ „Sie haben noch niemals Muſik gehört,“ fiel Gi⸗ ſela in ſeine Rede.„Das kann Ihr Ernſt nicht ſein! Muſit iſt ja eine ſo verbreitete Kunſt, daß ſelbſt in Pro⸗ vinzſtädten Gelegenheit dazu geboten wird!“ „In der Stille meines Daſein's iſt ſie mir nur eine Tradition aus jenen Tagen, wo ein Mozart und ein Beethoven gelebt haben ſollen. Seit meiner verunglückten Kanzelparade habe ich mein Dorf nicht verlaſſen, mein gnädiges Fräulein, bin alſo von der Verbreitung muſi⸗ kaliſcher Freuden unberührt geblieben. Sie werden ſich nach dieſem Eingeſtändniſſe verſucht fühlen, mich zu den Böotiern, Podoliern und Troglodyten zu rechnen, die in der Seligkeit ihrer Unwiſſenheit die glücklichſten Men⸗ ſchen ſind, aber ich appellire zugleich an Ihre Großmuth und Güte, die meine Bildung vervollſtändigen kann. Es iſt das Gerücht von Ihren vortrefflichen muſikaliſchen Leiſtungen zu mir gedrungen— Lyſanne hat Sie eines Abends belauſcht und kam entzückt nach Hauſe— erlau⸗ ben Sie mir einen Beſuch bei ſich— wie? Sie wenden ſich ab? Finden Sie mein Verlangen unbeſcheiden?“ Giſela antwortete nicht. Sie kämpfte hart mit ſich Fritze: Die Gebrüder Koltrum.* —— —— 62 ſelbſt, um dieſe zweite Feſſel nicht über ſich werfen zu laſſen. Sie wollte allein bleiben. Hatte ſie darum die Fri⸗ volitäten der großen Welt verworfen, um hier an den kleinlichen Intereſſen des Dorflebens zu kranken? Stolz hob ſie ihr Auge, um furchtlos das entſcheidende Nein zu ſprechen. Statt deſſen flog ein liebes, friedvolles Lä⸗ cheln über ihr Geſicht und ſie reichte dem Manne, der gebeten hatte„ſie beſuchen zu dürfen“ haſtig beide Hände hin. „Kommen Sie, ſo oft Sie wollen, mein Herr! Kommen Sie mit Ihrer Gattin und mit Ihrer Tochter — es wird ein Triumph der Muſik ſein, wenn Sie ſich nach der Erheiterung und Befriedigung ſehnen, die ich als Jüngerin der Kunſt Ihnen biete!“ Gerührt preßte Herr Toby die Hände, die er noch hielt. Er war ein viel zu feiner Seelenkenner, um nicht den Sieg beurtheilen zu können, den er jetzt über Vor⸗ urtheile und Vorſätze aller Arten errungen hatte. Wäre er mit ſeinem Verſuche geſcheitert, hätte Giſela es über ſich gewonnen„Nein“ zu ſagen, ſo würde er, ſeinem Grundſatze zufolge, jeden Wunſch einer Annäherung un⸗ terdrückt haben. Giſela nahm freundlich, aber ſtumm Abſchied und ſchlang ihre Hand vertraulich um Lyſanna's Arm, als ſie den Pfad einſchlugen, der ſie zu der Fabrik führte. Sie dahin rauſchte, große Eisſchollen wiegend. Lyſanne blieb ſtehen und deutete m dem Fluſſe.„Hat mein dem Tone der Ueberze kraft im Naturleben, da kann! Sehen Sie, wie ſtücken ſpielt und vorhin Kampfe.“ Giſela blickte dem Mädchen, das ihres Vaters rich⸗ tige Tochter war, lächelnd in's Geſicht.„Sie ſind auch mehr eine Verehrerin des Friedens, als des Streites,“ erwiederte ſie.„Wenn nun aber in dem fortwährenden ur die Bedingung neuer Schöpfung läge? Wenn die Naturgeſetze des Univerſum's das„Leben“ von einem ewigen Wechſel und das„Beſtehen“ von ſtür. n aller Elemente abhängig machten— wenn nun die ſtetige Ruhe einer friedlichen Entwicklung als Vor⸗ läufer eines ewigen Stillſtandes zu betrachten wäre? Das junge Mädchen hatte fragte ſie eilig: auf ſeinen Wellen it der Hand nach Vater nicht recht?“ ſprach ſie mit ugung.„Wozu die Zerſtörungs⸗ die Löſung naturgemäß erfolgen die Fluth mit den leichten Eis⸗ das grauſige Wüthen im wilden — aufmerkſam zugehört. Jetzt 5*½ —-—— ——— 64 „Sie meinen, in ſeiner ungeſtörten Ruhe liege die Aufforderung zum Einſchlafen?“ Giſela beantwortete die haſtige Frage nur mit einer zuſtimmenden Geberde und Lyſanne fragte weiter: „Wenden Sie dieſe Behauptung auch auf den fried⸗ liebenden Menſchen an, der ſein Daſein vor Stürmen zu bewahren ſucht? Sie zögern, mir zu antworten?“ Giſela ſah nachdenkend in die aufgeregten Mienen des Mädchens. Sie wußte ſich dieſe Frage nicht recht zu deuten. Sollte ſie ihre kindliche Verehrung für den Vater gefährden durch den Ausſpruch, daß der Menſch berech⸗ tigt ſei, ſein Daſein aus Stürmen zu retten, aber daß er unrecht thue, ſich aus Phlegma und Kleinmuth gleich⸗ ſam zu begraben, um nur Frieden und Ruhe zu ge⸗ winnen? Sie fand es gerathen nicht darauf zu antworten, ſondern das Geſpräch mit den ausweichenden Worten zu ſchließen:„Vielleicht bietet ſich uns in unſerm fernern Leben Gelegenheit, auf dieſen Gegenſtand, der Sie ſeltſam auf⸗ regt, zurückzukommen und wir verſtändigen uns dann leich⸗ ter, als jetzt, wo wir uns auf Hypotheſen beſchränken müßten.“ „Ich möchte aber gar zu gern jetzt gleich Ihre Meinung hören, weil ich danach einen Entſchluß faſſen könnte,“ ſprach Lyſanne mit flehender Stimme.„Mein 65 Vater predigt mir ſeine Grundſätze, daß Niemand die Ruhe ſeines Lebens Stürmen preisgeben dürfe und meine Mutter erklärt mir, daß Jedermann verpflichtet ſei, ſein innerſtes Selbſt der Einwirkung weltlicher Verhältniſſe darzubieten, um, nach der Prüfung, für die eigenen Ent⸗ ſchließungen verantwortlich gemacht werden zu können.“ „Und was für Veranlaſſung iſt zu dieſen verſchie⸗ denartigen Anſichten?“ fragte Giſela etwas erſtaunt. „O— ein großes Ereigniß für unſere ſtille Häus- lichkeit,“ erwiederte Lyſanne mit ſcherzhafter Feierlich⸗ keit.„Ich habe eine Einladung von meiner Jugendfreun⸗ din Emma Warren erhalten, die in der Stadt an einen Kaufmann verheirathet iſt.“ Giſela horchte hoch auf. Mit dieſer Dame hatte ſie kurze Zeit in einem H Hauſe gewohnt, ſie auch bei den Schwiegereltern ihres Bruders in Geſellſchaft ange⸗ troffen. „Ich habe große Luſt der Einladung zu folgen,“ be⸗ richtete das junge Mädchen weiter. „Ihr Vater iſt dagegen?“ „Nicht dagegen, aber er will mir keinen Rath geben, um jeder Verantwortung zu entgehen. Nur ſeine Lebens⸗ regeln macht er geltend, um mich zu ſchrecken. Mein Herz gibt ihm recht, aber ich ſehne mich nach einem ſo prächtig heitern Leben, wie Emma Warr en führt.“ 66 „Ihre Mutter hat alſo den Muth, Sie dieſer Prü⸗ fung auszuſetzen?“ forſchte Giſela. „Meine Mutter ſcheint die Reiſe ſogar zu wün⸗ ſchen!“ erklärte Lyſanne.„Doch der Entſchluß ſoll von mir ausgehen.“ „Und Sie möchten reiſen?“ „Ja! Sehr gern und zwar bald, damit der Som⸗ mer nicht den Glanz des Winters verlöſche,“ antwortete Lyſanne in vollem Enthuſiasmus.„Was rathen Sie mir? Ihre Idee, in einer ungeſtörten Ruhe eine Auffor⸗ derung zum Einſchlafen zu ſehen, brachte mich dazu, Sie um Rath zu fragen. Bitte— meinen Sie, daß ich mein Daſein vor Stürmen bewahren muß, wie mein Vater behauptet?“ „Nein! Reiſen Sie, Madame Emma Warren iſt bei allem Hang zum Lurus eine ehrenwerthe Dame und ganz dazu geeignet, Sie mit den Freuden der Welt be⸗ kannt zu machen. Wann werden Sie bei Warren's er⸗ wartet?“ „Anfangs April. Es werden dann mehrere Feſtlich⸗ keiten ſein, zu denen Emma Zutritt hat. Alſo Sie rathen mir wirklich zu dem Beſuche? Wollen Sie meinen Vater über die Gefahren dieſer Reiſe zu beruhigen ſuchen?“ „Das kann ich um ſo eher, da ich bald nach Ihnen 67 ebenfalls in der Stadt eintreffen und mit Ihnen in meh⸗ reren Cirkeln zuſammen ſein werde.“ „A— wie ſchön! Das erhöht meine Freude!“ Zwanglos gab ſich nun das junge Mädchen ihrer kind⸗ haften Seligkeit hin, die Stadt mit ihren zauberhaften, berauſchenden Feſten kennen zu lernen. Sie malte mit den Farben des Märchens, indem ſie das Glück ihrer Freundin pries und neidlos, aber mit heißer Ungeduld, ein gleiches Loos auf Erden erſehnte. Giſela horchte ſchweigend ihren phantaſtiſchen Herzens⸗ ergüſſen. Die Reife ihres eigenen Verſtandes ließ ſie auf der Stelle erkennen, daß nicht Hang zum Vergnügen, ſondern nur ein ſtilles Unbefriedigtſein das junge Weſen in das Weltgewühl hinauslockte. Ihrer Jugend verzieh ſie dieſe Exaltation; wäre Lyſanne zehn Jahr älter ge⸗ weſen, ſo würde ſie ſich erkältet von ihr gewendet haben. Einer ſo erfahrenen Weltdame, wie Giſela, konnte es nicht fremd bleiben, daß der Same der Eitelkeit in Ly⸗ ſanne geworfen war und daß es nur der richtigen Atmo⸗ ſphäre bedurfte, um dies Samenkorn gedeihlich zu ent⸗ wickeln. Wer anders, als die Freundin Emma Warren konnte die Phantaſie Lyſanna's entflammt und das leb⸗ hafte Verlangen nach dem Glanze ſtädtiſcher Vergnü⸗ gungen geweckt haben? Wer anders, als dieſe Frau, die mindeſtens ſechs Jahr älter war, als das Mädchen, konnte ihr bemerklich gemacht haben, daß ſie ſchön genug ſei die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen und reich genug, um mit den geprieſenen Modeſchönheiten in die Schranken zu treten. Einer ſo erfahrenen Weltdame, wie Giſela, konnte es nicht entgehen, daß ſich in dem phantaſtiſchen Kopfe Lyſanna's Hoffnungen auf Triumphe, die mit einer glänzenden Heirath zu enden pflegen, gebildet hatten, daß ſie in aller Unſchuld beſtimmt darauf rechnete von den jungen Männern belagert zu werden, daß ſie ſich mit mädchenhaftem Stolze vorgenommen, nur dem ſchönſten, creichſten, klügſten und angeſehenſten ihre Hand und ihr Herz zu ſchenken. Es that Giſela im Grunde leid, die ideale Erſcheinung Lyſanna's nicht ganz im Einklange mit ihrer Seelenſtimmung zu finden. Das weltliche Wün⸗ ſchen und Sehnen ſtörte die Harmonie in dieſem weib⸗ lichen Weſen mehr, als ſie gut fand und es bangte ihr erſt jetzt vor dem Urtheile des Herrn Toby, der jeden⸗ falls, trotz ſeiner Indolenz, ſein Töchterchen richtiger be⸗ urtheilte, als die kluge geiſtesrege Mutter, welche ſorglos ihr einziges Kind dem Weltleben mit ſeinen ehen gen und Stürmen preiszugeben geneigt war. Zerſtreut durch dieſe Reflexionen ſcritt dre Dame an Lhſanna's Seite durch die Fabrik, paſſirte endlich den überwölbten, ſchöngepflaſterten Durchgang neben ihrem Garten und ſtand dann plötzlich dicht neben ihrem Häus⸗ —— 69 chen, ohne eigentlich recht zu wiſſen, wie ſie dahin ge⸗ kommen ſei. Erſtaunt betrachtete ſie nun erſt ihre ganze Umgebung und geſtand der lächelnden Lyſanne ein, daß ſie niemals eine Idee von der Einrichtung und Zuſam⸗ menſtellung der verſchiedenen Fabrikanlagen und Oeko⸗ nomiegebäude gehabt hätte und daß ſie nicht begreife, wie ein einziger Mann das Alles überſehen könne. „Ein anderer Mann, wie Onkel Ely, würde das Kunſtſtück auch nicht zuwege bringen,“ war Lyſanna's Antwort.„Er gönnt ſich aber auch Tag und Nacht keine Ruhe. Und für wen ſchafft und erwirbt er ſo raſtlos? Nur für mich, Fräulein! Deshalb thut mir es ſo leid, daß ich nicht dankbarer gegen ihn geſinnt bin. Statt mich ſeines raſtloſen Eifers zu freuen, ärgere ich mich darüber, daß er mit wahrhafter Energie Alles überwindet, was ihm hinderlich zu werden droht. Nehmen Sie nur Ihr Häuschen in Acht,“ ſchloß ſie lachend,„gefällt es ihm, gebraucht er es, ſo hilft Ihnen kein Weigern, kein Bitten und kein Flehen— Sie müſſen es herausgeben!“ Giſela nickte, ebenfalls lachend, ſehr bedeutſam mit dem Kopfe, damit trennten ſich die beiden Mädchen. Giſela betrat Zimmer, wie ſie es Abende nicht die ge dahin ſtets an dem mit ganz andern Empfindungen ihr verlaſſen hatte und ſie fand an dieſem wöhnliche Ruhe. Sie hatte ſich bis genügen laſſen, was das Geſchick für 2 ÿ ää fie bereit gehalten und war bei ihren ſehr gemäßigten Anſprüchen an wahrhafte Menſchengüte und Freundlich⸗ keit, nie erſtaunt geweſen, weniger Intereſſe zu finden, als ſie erwartet hatte, aber jetzt fühlte ſie ſich bis inss Innerſte erſchüttert von der Erfahrung, daß es noch Men⸗ ſchen im Weltalle geben könne, die ſo rein natürlich gütig, ſo anſpruchslos trotz Reichthum, Geiſt und Bil⸗ dung waren! Ihre Erfahrung in dieſen wenigen Stunden ſtieß alle Lehren und Regeln ihrer mühſam aufgebauten Weltweisheit um. Sie lernte begreifen, daß ſie voreilig den Stab über die allgemeine Bevölkerung der Gegen⸗ wart gebrochen und damit ihr eigenes irdiſches Wohlbe⸗ hagen beeinträchtigt hatte. Indem ſie dem höchſten Ge⸗ nuß eines menſchlichen Daſeins entſagte, der in der Hin. gebung und in dem Austauſche der Gedanken liegt, und ſich gefliſſentlich auf ſich ſelbſt beſchränkte, hatte ſie nur der Feſtigkeit ihres Charakters genügt, welcher eine ärm⸗ liche Unabhängigkeit dem glänzenden Sclaventhume vor⸗ zog. Ohne zu beachten, daß ſie ſich ſelbſt mehr beraubte, als ihre alten Freunde, die ſie als eine Zierde ihrer Cirkel zu betrachten gewohnt waren, hoffte ſie ſich in eine Einſamkeit einzuleben, die keine Schreckniſſe für ſie bot. Statt deſſen fühlte ſie bei der erſten Bekanntſchaft mit dieſen einfachen Naturmenſchen eine Sympathie erwachen, welche ihr die Stille ihres Zimmers ſo peinlich machte, & 71 daß ſie ſich nach den Plaudereien derer ſeh nte, die ſie eben verlaſſen hatte. De r Eindruck, den die Familie Koltrum auf ſie gemacht, war um deswillen ein ſo ge⸗ waltiger, weil ſie ganz verſchieden von alle den Menſchen dachte, handelte und lebte, die ſie bis dahin kennen ge⸗ lernt hatte. Es war ihr ganz zu Muthe, als ſei ſie zu einem neuen Glücke erwacht, als habe ſie etwas erreicht, was ſie ſtets als unerreichbar betrachtet, als müſſe ihre Seele ſich mit den Seelen dieſer Menſchen verketten, um die Süßigkeit des Erdenlebens kennen zu lernen! Was ihr vom Geſchick verſagt geweſen, Mutterliebe und Schwe⸗ ſterliebe, das bot ſich ihr in Frau Magdalenens liebe⸗ K r Frau, an den Vater der Einwirkung ſeines ſie verhehlte es ſich nicht, beſeitigt, allen Widerſtand e geſtand es ſich ein, daß dieſem Männerauge eine sgeübt, daß er in ihr das monie eröffnet hatte. ng getrieben warf ſie end⸗ ſich hinaus, um die heiße 72 Stirn zu kühlen. Der friſche Hauch der Luft that ihr wohl, aber er verlöſchte ihre Gedanken nicht. Niemals hatte ſie die himmliſche Ruhe eines nordiſchen März⸗ abends ſo genoſſen, wie in dieſem Momente, wo ſich eine einſame Landſchaft, die man reizlos nennen mußte, vor ihr ausbreitete, wo das dumpfe Rauſchen des Stromes an ihr Ohr ſchlug und ein leichter Wind, gekühlt von der Schneeluft ferner Gegenden, ihr Geſicht umfächelte. Sie ſah im Geiſte wieder die himmelanſtrebenden Eismaſſen vom fluthenden Waſſer herangetrieben— ſie ſah Ely auf dem Pferde dieſe Fluthen durchſchneiden, um den unvorſichtig zögernden Mann aus der Ziegelei zu retten.— Das Bild Ely's verſchmolz mit dem ſei nes Bruders— ſie lieh ihm ſeine Züge, weil ſie nur eine ſchwache Idee ſeines Aeußern in ſich aufgenommen— ſie ſah das Wagniß glücken und kein Menſch hielt es der Mühe werth, nur ein anerkennend lobendes Wort darüber zu verlieren— man fand es gleichſam in der Ordnung, daß Ely ſein Leben eingeſetzt hatte.— Er war nicht wieder auf dem Plateau erſchienen.— Das Waſſer hob die Eisberge und ſtürzte ſie—! Mit einem Schauder ſchloß Giſela das Fenſter. Sie eilte an ihr Inſtrument und ſang mit hinreißendem Gefühle Uhland's poetiſchen Frühlingsgedanken:„Horch! Wie brauſet der Sturm und der ſchwellende Strom in der Nacht hin!“ ——— ͤſͤ —————C—C——ſſſſ —— Schaurig ſüßes Gefühl! Lieblicher Frühling— Frühling Du naheſt?—“. Dieſe einfachen Worte— welch eine Bedeutung ge⸗ wannen ſie für Giſela!— Nur allein für Giſela? Nicht für den Mann, wel⸗ cher allabendlich lauſchte und durch den Zauber der Muſik gefeſſelt, das Weſen als ein höher begabtes, überirdiſches zu betrachten begann, das ihm ſ Zauberblüthen heiligte? CEly hörte die Worte. Sie drangen wie ein ſüßes Gift in ſein Herz, denn er fühlte die Beziehung derſelben zu dem Vorgange des Tages. Das leiſe Pulſiren des Herzens wurde ihm durch den leidenſchaftlichen Ausdruck verſtändlich, womit Giſela ſang. „Schaurig ſüßes Gefühl!“ wiederholte der Mann, als Giſela ſchwieg.„Schaurig ſüßes Gefühl— lieblicher Frühling, Du naheſt!. Hätte irgend ein menſchliches Auge die wunderbare, tief innige Begeiſterung für Giſela's muſikaliſche Leiſtun⸗ gen beobachten können, ſo würde Ely als ein Phantaſt und zugleich als ein warmer Verehrer der jungen Dame erklärt worden ſein. Aber er war nach ſeiner Meinung ſehr weit davon entfernt das geringſte perſönliche Inter⸗ eſſe an ihr zu nehmen. Seiner Ueberzeugung nach blieb ihm das gnädige Fräulein eben ſo gleichgültig, wie jedes ein Leben mit dieſen die nicht gerade für das ſchöne Geſchlecht ſchwärmen und außerdem befand ſich die hochgeborene Dame von Ilow nach ſeinen Begriffen nicht auf gleicher Hemiſphäre mit ihm, war alſo nicht allein für ihn eine unerreichbare Größe, ſondern blieb auch eine Perſönlichkeit, die er in ſeinem Ideenkreis von Glück und Wohlbehagen nicht hei⸗ miſch machen konnte. Unter dieſer Gemüthsſtimmung gewann der nähere Verkehr ſeines Bruders mit dem Fräulein im kleinen Hauſe für ihn gar keine Bedeutung. So nahe der Ent⸗ ſchluß lag, daß er ſich ebenfalls bei Giſela einführte, um ſie muſiciren hören zu können, ſo fiel es ihm dennoch gar nicht ein den Wunſch auszuſprechen. Ja, er beküm⸗ merte ſich ſcheinbar durchaus nicht um die freundſchaft⸗ lichen Beziehungen zwiſchen Toby's Familie und Giſela, obſchon ſie täglich an Innigkeit und Freundlichkeit zu⸗ nahmen. Er beachtete kaum, daß ein neues Leben im Landhauſe mit dem Frühlinge zugleich erſtand, daß ſein Bruder lebhafter ſprach und dachte, daß ſeine Schwägerin Magdalene regſamer und freudiger ſich zeigte und daß Lyſanne öfter als ſonſt an ihrem alten Claviere zu finden war, wo ſie das übte, was ſie unter Giſela's Leitung ſingen und ſpielen lernen ſollte. Was ging denn auch Herrn Ely Koltrum, den tüch⸗ andere weibliche Weſen. Er gehörte zu den kühlen Männern, —— — 75 tigen, unermüdlichen Geſchäftsmann, die Veränderung ſol⸗ cher Kleinigkeiten an? Sein Geiſt hing wichtigeren Fragen nach, als ſein Bruder und deſſen Familie jemals würden begreifen können. Seine Seelenruhe blieb ungeſtört, während ſeine Verwandten nie einen ſo ſchönen Frühling erlebt zu haben meinten. Er kam nie eine Minute früher oder ſpäter zu Tiſch, wenn er auch wußte, daß Giſela als Gaſt das Mittagsmahl mit ihnen theilen würde. Sein Betragen war tadellos artig und zuvorkommend gegen die Dame, aber er miſchte ſich nur aufgefordert in das allgemeine Geſpräch, obwohl er bemerkte, daß Giſela häufig mit Intereſſe ſeinen Antworten lauſchte, daß ſie ſogar mit ſichtlichem Erſtaunen ſeine treffende, kurze Redeweiſe, die das ſichere Gepräge von Geiſtesſchärfe trug, bewunderte. Er kam auch nicht öfter, als ſonſt, ſelbſt wenn er von ſeinem Bruder oder von ſeiner Schwä⸗ gerin aufmerkſam gemacht wurde, daß Giſela einen Be⸗ ſuch zum Nachmittag oder Abend verheißen hatte. Es ſah alſo ganz danach aus, als wäre er völlig unbeſchäftigt mit dem Weſen, das wie ein leuchtender Stern die ganze Häuslichkeit Toby's durchglänzte; allein Giſela fand ſo oft Beweiſe von zartſinniger Aufmerkſamkeit vor, daß ſie ſeinen Kaltſinn im Stillen zu bezweifeln begann. Bald hatte der galante Fabrikherr Abends den ganzen Weg durch die Fabrik, den ſie bis zu ihrer Wohnung zurück 76 legen mußte, erleuchten laſſen; bald war eine Pforte ver⸗ ändert, um einen Näherweg zu erzielen; bald hielt der Wagen vor dem Landhauſe, wenn ein leichter Frühlings⸗ regen den Weg aufgeweicht hatte und ſchließlich war eines Tages der ganze Garten bei Giſela's Hauſe auf das Reizendſte bepflanzt und in Ordnung gebracht. Bei dieſer Gelegenheit nahm die Dame Veranlaſſung ihrer ſttillen Dankbarkeit endlich Worte zu leihen. Herr Ely wies ſie aber damit froſtig an ſeinen Bruder, der den Plan zu dieſer Ueberraſchung entworfen habe. Toby leugnete dies nicht ab, machte jedoch geltend, daß die Ausführung nur durch Ely's ganz abſonderliche Thätigkeit möglich geworden ſei. Giſela hob vorwurfsvoll den Blick zu dem Fabrik⸗ herrn auf.„Warum verſchmähen Sie ſo kalt meinen Dank, mein Herr?“ fragte ſie mit leicht bedrückter Stimme. „Weil ich keinen Dank verdiene, ſondern eine Strafe,“ antwortete Ely lakoniſch. „Strafe?“ wiederholten alle Anweſenden. Ely ver⸗ beugte ſich und ſprach weiter: „Allerdings, mein Fräulein, denn ich habe Sie be⸗ ſtohlen und betrogen!“ „Wie meinen Sie das?“ forſchte Giſela geſpannt. Sie begann zu ahnen, was er gethan. 77 „Denken Sie, daß ein Kaufmann etwas um thut? Denken Sie, ſonſt daß ein Kaufmann nur einen Au⸗ genblick ſeinen eigenen Vortheil aus den Augen laſſen wird?“ „Und Ihr Vortheil bei die ſem Unternehmen?“ warf Giſela mit Humor ein. „Beſteht darin, mein gnädiges Fräulein, eine kleine Terrainveränder ſehnlich wünſchte und dur daß ich mir ung erlaubte, die ich längſt ch den Ankauf Ihres Hauſes zu erreichen gehofft hatte. Ich habe,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe zögernd fort und eine leichte Röthe flog über ſein männlich ſchönes Geſicht,„ich habe das Staket dicht hinter dem überbauten Durchgang, der Ihnen Schutz und mir Erleichterung meiner Inſpectionen verleiht, weg⸗ nehmen und die Roſenhecke an dieſer Stelle durch Hol⸗ lunderbüſche erſetzen laſſen. Dadurch iſt das Ihr Eigen⸗ thum geworden, was hinter dem Stakete lag.“ „Prächtig! Prächtig!“ rief Herr „Dadurch bekommen Sie di lände und die prachtvollſten Fleckchen Garten gleicht eine „Das wäre aber ein Geſchenk, Herr Koltrum und Sie ſprachen von einem Betrug!“ ſprach Giſela. Ely ſchlang, etwas verlegen lächelnd, die Arme in Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 6 Toby ſcherzend. e ſchönſten Weintraubenge⸗ Frühlingsblumen, denn dies m Treibhauſe!“ — einander, als müſſe er bei dem folgenden Geſtändniſſe eine martialiſche Haltung bewahren. „Dafür habe ich mir aber, an paſſender Stelle, wieder ein Stück Ihres Gartens zugeeignet,“ begann er, feſt in Giſela's Auge ſchauend.„Der untere Theil Ihres Gartens war längſt mein Augenmerk, weil ich von dort aus eine Einfahrt in die Fabrik möglich machen konnte, die mir viele Vortheile bot. Ich benutzte den Auftrag mei⸗ nes Bruders,„Ihren Garten einzurichten,“ um zum Ziele zu kommen. Ich kaufte eiligſt die Hütte, welche Ihrem Hauſe zunächſt liegt und befreite ſie dadurch zugleich von einem 5 gefährlichen Nachbarn, der durch die Länge ſeiner Pacht Ihren Garten halb als ſein Eigenthum betrachtete. Die Hütte wird morgen niedergeriſſen und der kleine ſchmale Garten wird die Verbindungsſtraße zwiſchen meinen Feld⸗ marken und der Fabrik. Um dieſen Plan aber ausfüh⸗ ren zu können, brauchte ich nothwendig den untern Theil Ihres Gartens, wie Sie ſich ſelbſt überzeugen können, mein gnädiges Fräulein. Verzeihen Sie alſo meine Eigen⸗ mächtigkeit, die an Diebſtahl gränzt.“ „Warum haben Sie verſchmäht, mir dies vorher⸗ zuſagen?“ fragte Giſela vorwurfsvoll. Erſtlich hätte ich dadurch den Plan meines Bru⸗ ders verrathen und ſomit die Ueberraſchung verdorben und zweitens hoffte ich nichts von einem gütlichen Ver⸗ Lyſanna's, mit menſchlichen Schwä weh. Sie mußte ihn tadeln, eigennütz ſie auch Frau Magdalenens Entſ ließ und ſi 79 gleich, nachdem Sie mir geſchrieben hatten, daß Sie nicht mit weitern Anerbietungen behelligt ſein wollten.“ „Sehen Sie, Giſela! rief Lyſanna lachend.„Glau⸗ ben Sie mir nun, wenn ich Sie warne, Ihr Haus in Acht zu nehmen, damit Sie es nicht eines Tages als Onkel Ely's Eigenthum wiederfinden?“ Giſela ließ den Scherz unerwiedert. eine kleine Empfindlichkeit nicht ganz unterdrücken und wollte dem Manne, der zwar herrſchſüchtig in ihre Rechte eingegriffen hatte, aber jetzt mit dem ſanften, bittenden Blick ſeines Bruders ihre Vergebung heiſchte, nichts Un⸗ freundliches ſagen. Sie war im Grunde ihres ſie durch die Eigenmächtigkeit dieſes Mannes nichts ein⸗ gebüßt, ſondern im Gegentheil etwas gewonnen hatte. Allein was Sie bei ſeiner Handlungsweiſe verſtimmte, das fand ſeinen Urſprung in ihrem Widerwillen gegen alle Schlauheit, die ſich der Gränze einer gewiſſen Straf⸗ würdigkeit näherte, und dieſer Schlauheit in Ely zu be⸗ gegnen, deſſen ideale Erſcheinung Sie konnte Herzens überzeugt, daß ſich eben ſo wenig, wie chen vertrug, that ihr hart tadeln, einen Zufall ig zu ſeinen Zwecken benutzt zu haben, und wenn chuldigungen gern gelten ich tapfer gegen ihren Mißmuth auflehnte, ſo 6* 80 trat dennoch die Veränderung ihrer Stimmung zu ſicht⸗ lich hervor, um nicht von Ely wahrgenommen zu wer⸗ den. Er entfernte ſich, anſcheinend nichts weniger als reuevoll. Er beſchloß, der Zeit die Wiederherſtellung einer Laune zu überlaſſen, die er getrübt hatte. Sein Wunſch war erreicht. Darin fand er den beſten Troſt! Bei näherer Beſichtigung mußte Giſela ſich's einge⸗ ſtehen, daß ſie alle Urſache habe, mit Ely's Anordnun⸗ gen zufrieden zu ſein. Die beiden Gartenſtücke ſtanden in keinem Vergleiche, was die Größe und die Cultur be⸗ traf. Sie hatte unter allen Umſtänden entſchieden durch dieſen Tauſch gewonnen. Trotz alledem konnte ſie ſich zu keinem anerkennenden Worte gegen Ely entſchließen. Sie war froh, daß ihre Abreiſe nach der Stadt nahete, denn ſie hoffte durch die kleine Abweſenheit eine Ausglei⸗ chung, dieſes Conflictes. —— Drittes Capitel. Während am weſtlich belegenen Ende des Dorfes Glaubek im Frieſ enhofe ein mächtiges Werk der Indu⸗ ſtrie entſtanden war, hatte ſich die öſtliche Spitze desſel⸗ ben ſehr wenig verändert. Herr Karl Traugott Oſterhof thronte mit unverwüſtlicher Würde in ſeinem alten Hauſe und verſchob alle Pläne zur Verbeſſerung auf die Rück⸗ kehr ſeines Sohnes, der jahrelang vom Elternhauſe ent⸗ fernt war, um ſeine Kenntniſſe zu vervollſtändigen und die nöthige Weltbildung eines Mannes zu erlangen, der einige hunderttauſend Thaler mit Anſtand zu verzehren gedenkt. Frau Oſterhof hatte ihrem Stolze genügt, indem ſie den einzigen Soh n lieber jahrelang entbehrte, als ihn unter den Bauerſöhnen ſeine mühſam gewonnene Schulbil⸗ dung opfern zu ſehen. Er ſollte als fertiger,“ gediege⸗ —— 82² ner Weltmann in das Vaterhaus zurückkehren und die Wirthſchaft übernehmen mit der Erziehung eines Edel⸗ mannes. Zwiſchen durch hatten ſich ihre Anſichten über manche bäuerliche Regeln bedeutend verändert und ſeitdem ihr Eheherr, Herr Karl Traugott, durch die Umſicht des Herrn Ely Koltrum von einem gewiſſen Untergange ge⸗ rettet worden war, hatte ſich ihre Phantaſie mit aller⸗ hand Plänen getragen, um eine geſellige Verbindung mit dem Hauſe Koltrum anzubahnen. Das Renommé der Zuckerfabrik hatte längſt begonnen, ihr zu imponiren und da ſie fühlte, daß ihr Eheherr, trotz alles Bauernſtolzes, in Schatten getreten war, ſo beſchloß ſie, die erſte Gele⸗ genheit zu benutzen, um von dem Sonnenſcheine des Glückes, worin Koltrum's gediehen, zu profitiren. Dieſe Gelegenheit kam mit der Ankunft ihres Soh⸗ nes Volkmar, der acht Tage nach dem gefährlichen Eis⸗ gange ganz unvermuthet eintraf und der allen Erwar⸗ tungen entſprach, die ſie von ihrem Erziehungsſyſteme gehegt hatte. Volkmar war ein vollendeter Cavalier geworden. Die Eleganz ſeiner äußern Erſcheinung entſprach der ta⸗ delloſen Haltung in Allem, was Sitte, Lebensart und guter Ton mit ſich brachte. Ohne ſehr hübſch zu ſein, konnte man ihn dennoch zu den Männern rechnen, die 83 nie unbeachtet im Leben vorübergehen. Sein Auge war feurig und verrieth einen lebendigen Geiſt. Der modige Schnurrbart, welcher ſich mit dem Kinnbarte vereinigte und dadurch den unteren Theil des Geſichtes unter dem wohlgepflegten Bartwuchſe gleichſam verſteckte, ſtand ihm vortrefflich, weil die Weiße ſeiner ſchönen Zähne hervor⸗ gehoben und ein zu flach gerundetes Kinn verborgen wurde. Außerdem erfreuete ſich Herr Volkmar Oſterhof einer großen Portion Keckheit, die ihn befähigte, den Menſchen die Spitze zu bieten, welche ſeine Vorzüge nicht in dem Grade anzuerkennen Luſt zeigten, wie er es wünſchte. Er hatte die Macht ſeines ſtets gefüllten Geldbeutels erprobt und hatte hierauf den Beſchluß ge⸗ gründet, durch ſeinen Reichthum zu Ehren zu kommen. Hierin war er alſo der richtige Sohn ſeiner Mutter. Allein, daß ſich Abweichungen in ihren übrigen Anſichten vorfanden, erwies ſich ſchon nach den erſten Geſprächen, die ſich auf ihre Lebensgrundſätze bezogen. Frau Oſterhof hielt es Sohn ſeinen Reichthum Speculation. Herr für recht und billig, daß ihr vermehre durch Heirath und Volkmar Oſterhof hatte zu beiden Dingen nicht die geringſte Luſt. Er ſchüttelte lachend ſein ſchön friſirtes Haupt und meinte, daß es weiſer ſei, nach Rang und Stand zu ſtreben, wenn man nicht auf Geld bei der Heirath zu ſehen brauche. Uebrigens ge⸗ ſtand er ſeiner Mutter ſogleich ein, daß er nichts ſo ſehr fürchte, als den Krieg mit ſeinem eigenen Herzen, im Falle dies ſich einfallen ließe, gegen die Vorſchriften des Verſtandes eine Neigung zu faſſen. Er wünſche Frieden auf alle Fälle, damit er gehörigen Spielraum zum Götndienſte deſſen behielte, was er Ehre und Anſe⸗ hen nenne. „A was,“ antwortete Frau Oſterhof vorſchnell. „Thu nachher was Du willſt, mein Sohn, aber für jetzt wirſt Du nach dem Plane handeln, den ich zu Deinem. Glücke entworfen habe.“ „Wenn dieſer Plan meinen Weltanſprüchen genügt, Mama— warum nicht!“ ſagte der Sohn, der ſeine Mutter ſeit ſeiner Rückkehr aus der großen Welt Mama betitelte, weil er es von feinen Leuten ſo gehört hatte. „Verlange nur nicht das Unmögliche von mir, ſonſt iſt es mit unſerm Einverſtändniß vorbei.“ „Der junge Mann wußte aus Erfahrung, daß ſeine Mutter Ruhe und Frieden für nahe verwandt mit Lange⸗ weile hielt und daß ſie gewiſſermaßen Zerſtreuung durch Widerſpruch ſuchte. Er erwartete alſo für's Erſte gedul⸗ dig ihre Vorſchläge. Sie ließ ihn nicht lange warten. „Sieh’ Volkmar,“ begann ſie mit der Behaglichkeit des ſichern Erfolges,„ſieh, den Koltrum's iſt es ganz er⸗ ſtaunlich geglückt, ſeitdem Du in der Fremde geweſen—“ — ——— 85 „Du haſt mir davon geſchrieben, Mama— es freut mich!“ fiel Volkmar ein.„Im Grunde habe ich es gar nicht anders erwartet, denn Ely iſt ein höchſt intelligen⸗ ter Kopf und hat einen feſten, gediegenen Charakter!“ „Nicht wahr— nicht wahr?!“ erwiederte Frau Oſter⸗ hof freudig.„Die Familie gehört zu den angeſehenſten im Dorfe.“ „Das will nicht viel ſagen,“ bemerkte der Sohn ſarkaſtiſch lächelnd. „Und Lyſanneiſt das ſchönſte Mädchen weit und breit! „Was? Mädchen? Iſt Lyſanne noch nicht verhei⸗ rathet? Das nimmt mich Wunder!“ „Nun— die Kleine zählt ja kaum neunzehn Jahr“ wendete Frau Oſterhof ein.„Vielleicht hat Gott ſie für Dich aufgehoben—“ „Für mich? Ich danke!“ rief Volkmar luſtig und laut auflachend. Eine Feldpflanze für mich?“ „Wirf die Sache nicht ſo verächtlich bei Seite, Volkmar!“ mahnte die Frau.„Lyſanne iſt jetzt eine Erbin.“ „Wie ſo?“ fragte Volkmar erſtaunt. „Nun? Haſt Du vergeſſen, daß ſie das einzige Kind ihres Vaters iſt?“ „Pah— wenn Elh heirathet, mindern ſich ihre Ausſichten!“ 1 86 „Ely Koltrum heirathen? Ein lächerlicher Gedanke! Der Mann iſt ja ein Vierziger!“ „Es haben ſchon manche Vierziger geheirathet, Mama. Du weißt ja gar nicht, ob Ely nicht ſeine eigene Nichte Lyſanne heirathen will.“ „Ely, ſeine Nichte? Du bringſt curioſe Möglich⸗ keiten an's Tageslicht, mein Sohn!“ „Wie? Wäre das noch nie dageweſen, Mama? Und dann, wenn auch dies nicht geſchähe, ſo bliebe es doch fraglich, ob er nicht eine andere Wahl träfe!“ „Damit würde Lyſannen's Anſpruch an die Fabrik nicht erlöſchen, denn Lyſannen's Vater iſt Eigenthümer des Frieſenhofes geweſen und bleibt es für alle Ewig⸗ keit, wenn auch hundert Fabriken auf dieſe Stelle ge⸗ baut worden wären.“ Volkmar erhob ſich, abermals lachend. Du biſt im⸗ mer ein halber Juriſt geweſen, Mama. Mich intereſ⸗ firen ſolche Rechtsanſprüche nicht und da ich noch ſehr wohl im Gedächtniſſe behalten habe, wie empört Du vor kaum acht Jahren über die Möglichkeit warſt, daß ich mich mit Liebesgedanken an das kleine Mädchen Ly⸗ ſanne tragen könne, ſo wirſt Du mir erlauben, Dir jetzt zu erklären, daß dies junge Fräulein durchaus nicht in meine Pläne für die Zukunft paſſen würde.“ 87 „Sieh ſie nur erſt,“ warf ſeine Mutter lako⸗ niſch ein. „Ich werde ſie nicht ſehen, wenn ich ſie nicht ſehen will!“ ſagte Volkmar trotzig den Kopf hebend.„Denkſt Du, daß mir nicht Hunderte von Mädchen auf meinem Lebenswege begegnet ſind, die es werth waren, von mir bewundert zu werden? Ich verweigerte ihnen meine Bewunderung um meines Herzensfriedens willen, wenn ich hörte, ſie ſeien weder reich, noch von angeſehener Fa⸗ milie. Siehſt Du, Mama— ſo ſchifft mit Klugheit jetzt der Cavalier durch die Wogen des Lebens. Man wahrt ſein Herz, indem man ſeine Augen beherrſcht und ſchließt dann eine Ehe, die Alles erfüllt, was man be⸗ gehrt.“ „Lyſannens Familie gehört jetzt auch zu den ange⸗ ſehenen,“ ſchaltete Frau Oſterhof einigermaßen kleinlaut geworden, ein. Des Sohnes Philoſophie flößte ihr Ehr⸗ furcht vor ſeinem Verſtande ein. „Pah! Koltrum's bleiben, was ſie ſind und können meine Ideen nicht verwirklichen,“ antwortete Volkmar mitleidig lächelnd und zündete ſich mit Cavalieranſtand eine Cigarre an.„Ich habe ganz andere Pläne, wie Du erwarten wirſt.“ „Du haſt wohl ſchon gewählt, Volkmar— iſt 8 nicht ſo?“ fragte ſie beklommen, als er nicht gleich ant— 88 wortete. Volkmar wiegte neckiſch ſein Haupt und dampfte ſtark, als erfordere die Cigarre ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit. Dann aber erhob er ſeine Stimme und ſagte laut und vernehmlich: „Noch iſt's nicht geſchehen, Mama, denn meine Ver⸗ hältniſſe hier müſſen erſt geordnet ſein, ehe ich ſicher als Bewerber in einer vornehmen Familie auftreten kann, die mich in der Welt und ihrer Geſelligkeit oben anzu— . bringen fähig iſt.“* Was gedenkſt Du denn für Anſprüche an uns zu machen, um Deine Pläne ausführen zu können?“ fragte Frau Oſterhof.„Daß wir uns der hergebrachten Ord⸗ nung fügen und uns gern in's Altentheil ſetzen laſſen werden, wenn Du Dir eine Frau nimmſt, verſteht ſich von ſelbſt, aber aus dem Hauſe möchten wir wohl nicht gern gehen, mein Sohn, deshalb berückſichtige uns, wenn Du eine feine und vornehme Dame wählſt. „Bloß dieſes Umſtandes wegen habe ich meine Rück⸗ kehr beeilt, als ich erfuhr, daß unſere Ziegelei durch den Eisgang vernichtet ſei. Ich wollte verhindern, daß der Vater in Unterhandlungen wegen eines Neubaues träte, bevor er meine Lebenspläne kennen gelernt. Die Zie⸗ gelei muß entweder ein großartig induſtrielles Unterneh⸗ men werden können oder ſie wird in ihren Trümmern losgeſchlagen, Mama!“ „Um Gott, wozu denn großartiger, da ſie einen hübſchen Profit abwirft!“ rief die Frau voller Erſtaunen die Hände zuſammenſchlagend.„Wozu denn die Ziege⸗ lei verkaufen? Was das für Einfälle find? Daß wir das Malheur gehabt haben, ſie vom Eiſe zu ſehen, kann uns doch nicht veranlaſſen ſchätzen? Der Schaden iſt auch ſ da das Holzwerk noch brauchbar Steinen im zertrümmert o gefährlich groß nicht, und der Vorrath von Trockenſchuppen unverſehrt geblieben iſt. „Um ſo beſſer, wenn wir einen Bau beginnen wol len im größern Maßſtabe,“ ſag „Ich habe große Luſt dazu! Nur bei dem Baue haben.“ „Ah, Du denkſt, weil es dem Ely Koltrum im Frie⸗ ſenhofe ſo ſchnell geglückt iſt mit ſeiner Zuckerfabrik, ſo wird es Dir auch nicht fehlen, wenn Du Dein Glück mit Dampf zu treiben anfängſt,“ ſpöttelte die Mutter.„Laß ſolche Verſuche bleiben— Du haſt Geld genug zum Leben, wie es der reichſte Kaufmann ſich wünſcht.“ 4 „Wenn Ihr mir ſo viel zu geben gedenkt, ſo ver. kaufen wir das ganze Ziegeleiwerk mit ſeiner Länderei,“ antwortete Volkmar kaltblütig.„Unſern Acker hat Ely Koltrum in Pacht? Wann läuft der Pachteontract abd“ „In zwei Jahren. Wir rechneten nicht darauf, daß te Volkmar lakoniſch. muß ich freie Hand „ ſie gering z — —— 90 Du ſchon jetzt Luſt haben würdeſt den Hauspapa zu ſpielen,“ referirte Frau Oſterhof. „Eure Rechnung ſoll Euch auch nicht betrogen ha⸗ ben, Mama,“ entgegnete Volkmar fröhlcich.„Nur das Unglück mit der Ziegelei hat mich hergezaubert. So wie ich mit dem Vater die Sache in's Reine gebracht habe, gehe ich wieder fort. Ich habe mit meinem Freunde Julius von Eckberg eine Tour nach Italien verabredet. Ein Cava⸗ lier, der Venedig, Neapel, Rom, Genua und Florenz nicht geſehen hat, wird über die Achſel angeſehen. Bis ich wiederkomme, iſt Alles geordnet und ich führe mir dann eine Frau in's neue Haus!“ „In's neue Haus?“ fragte Frau Oſterhof erſtaunt. „Nun?“ fragte dagegen neckend der Sohn.„Da ich Euch aus dieſem Hauſe nicht vertreiben ſoll, ſo muß ich doch für meine zukünftige Familie ein neues Haus bauen? Mirr iſt dies ſehr genehm, Mama. Oder ſoll⸗ teſt Du wirklich von der Idee ausgegangen ſein, daß wir allzuſammen Platz in dieſem alten Bauwerke hätten? Du wirſt mir erlauben, Dir zu erklären, daß dieſe Idee durchaus nicht in meine Pläne für die Zukunft paſſen würde.“ Frau Oſterhof ſah ihren vornehm erzogenen Sohn etwas zweifelhaft an. Sie hatte große Luſt Widerſpruch zu erheben. Zur rechten Zeit fiel ihr jedoch ein, daß noch 91 nicht alle Hoffnung für ihre Pläne verloren ſei.„Sieh Du nur erſt Lyſanne Koltrum,“ ſagte ſie abſpringend,„viel⸗ leicht wirft ihr Anblick alle Deine Zukunftsſchlöſſer um.“ „Ich werde Lyſanne Koltrum keines Blickes würdi⸗ gen,“ erklärte Volkmar ſehr feſt und beharrlich.„Früher wollte Dein Stolz mir es nicht erlauben, mich ihr zu nähern— jetzt ſträubt ſich mein Stolz dagegen. Ich will höher hinaus! Ich bin verwöhnt durch den Umgang mit fein gebildeten und vornehmen Damen!“ „Nun, wenn Fräulein von Jlow, die feine, ſtolze und vornehme Dame, mit Lyſanne ſchweſterlich verkehrt, ſo muß ſie wohl ebenfalls feingebildet ſein.“ „Fräulein von Jlow?“ wiederholte Volkmar und eine angenehme Ueberraſchung leuchtete in ſeinem ſpre⸗ chenden Auge auf.„Fräulein Giſela von Jlow?“ „Kennſt Du das gnädige Fräulein?“ forſchte ſeine Mutter. „Freilich! Sie war vor fünf Jahren, als ich meiner Ackerbauſtudien wegen in der Stadt lebte, wo ihr Vater als Major ſtand, die Krone aller Geſellſchaften. Ihr Bruder iſt der Schwiegerſohn des reichſten Mannes ge⸗ worden und der Cirkel dieſes reichen Commerzienrathes Wappra iſt dem fürſtlichen des Landes gleich zu ſtellen. Wie iſt Lyſanne zu der Bekanntſchaft mit dieſer jungen Dame gekommen?“ 9²2 „Sie wohnt ja hier, Volkmar! „Hier im Dorfe? Bei Koltrum's?“ „Nein, nein! In ihrem Häuschen— erinnere Dich doch, wo der alte invalide Hauptmann von Ilow ge⸗ wohnt hat.“ Volkmar ſchlug ſich vor die Stirn.„Wußte ich doch gar nicht, wo ich den Namen gehört hatte!“ rief er⸗ heiter. In der Häuslerei wohnt dieſe Königin der Mode? Seit wann denn?“ „Seit ihres Vaters Tode,“ ſprach Frau von Oſter⸗ hof mit einigem Mitleiden. „A— der Major iſt todt?“ Er verſank in Nach⸗ denken. Wie ein Blitz hatte der Gedanke ſein Inneres durchzuckt, daß dieſe Dame vollkommen zu ſeiner Gattin geeignet ſei. Ihr Ernſt inmitten des Kreiſes, der ihr warm gehuldigt, hatte einen ſehr angenehmen Eindruck auf ihn gemacht— gerade ſo hatte er ſich die Frau vor geſtellt, welche ſeinem Salon vorſtehen ſolle— gerade Verhältniſſe der Art, wie Fräulein von Ilow zu beherr⸗ ſchen gewohnt war, hatten ſeine Phantaſie in Flammen zu ſetzen gewußt und er war bemüht geweſen, die Stufe der geſelligen Bildung zu erreichen, die ihm in ſolchen Cirkeln verblendend entgegengetreten war. Er glaubte die Vorliebe für vornehme Kreiſe nur den Anforderungen ſeines Bildungsganges zuſchreiben zu müſſen und ver⸗ 93 kannte die Triebfedern ſeiner Pläne, die in maßloſer Ei⸗ telkeit und Selbſtüberhebung gründeten. Während er, in der Schätzung ſeines Reichthumes, ſich zum Zutritt in höhere Geſellſchaftskreiſe berechtigt fühlte, überſah er bei ſeinem hellen Verſtande keineswegs, daß an der Wahl einer Gattin ſeine Zukunftsträume ſcheitern konnten. Von Leidenſchaft und Liebe hielt er nicht viel, weil Beides das Gleichgewicht in ihm zu ſtören vermochte. Was an idylliſcher Romantik jemals in ihm geſchlummert hatte, das belächelte der vielſeitig gebildete Cavalier höchſt weiſe als Kinderpoſſen und Trugbilder der Jugend⸗ phantaſie. Er glich einem Menſchen, der kaltſinnig genug zu ſein ſich vermißt, den Erdball ſich drehen zu laſſen, wäh⸗ rend er feſt ſtehend, die Wunder des Himmels betrachtet. Warum ſollte er jetzt nicht den Verſuch wagen, Fräulein Giſela von Jlow ihrer anſcheinend nicht beneidenswerthen Lage zu entziehen, indem er ihr Herz und Hand anbot? Sie war freilich einige Jahre älter, als er— allein ihre Schönheit, ihre geiſtige Bildung, ihre Talente und ihre koſtbare Tournure glich dies Mißgeſchick vollſtän⸗ dig aus. Von dieſer Idee zu ſprechen, hütete er ſich und ſeine Mutter hätte eher den Einſturz des Himmels erwartet, als eine Ahnung von den himmelanſtrebenden Heiraths⸗ gedanken Volkmars bekommen. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. 7 ——— —— 94 Schon am nächſten Tage beſichtigte Volkmar in Be⸗ gleitung ſeines Vaters die verſchüttete Ziegelei. Große Eisblöcke hatten ſich zwiſchen die leichtgebaueten Mauern geſchoben und ſahen hier einer Auflöſung durch den war⸗ men Frühlingsſonnenſchein entgegen. Das Waſſer war wieder in ſeine Ufer zurückgetreten und die Wieſen lagen ſchon frei, wenn auch noch ſtark naß, dem ſcharfen Winde ausgeſetzt. Hier an Ort und Stelle trat Volkmar, gewandt des Vaters Eigenthümlichkeiten berückſichtigend, mit ſeinen großartigen Rathſchlägen hervor. Sie ſcheiterten urplötz. lich an des alten Karl Traugott's praktiſchem Sinn. „Daraus wird nichts, mein Sohn Volkmar,“ ant⸗ wortete er ſehr kaltblütig, nachdem er erſt aufmerkſam Alles mit angehört hatte, was ſein Sohn als zeitge⸗ mäße Entwürfe vortrug.„Die Ziegelei wird aufgebaut, wie ſie war. Sie wird verwaltet, wie immer. Sie ſoll mein Altentheil werden! Du magſt oben im Vaterhauſe wirthſchaften— ich baue mir in der Nähe von Koltrum s Landhaus ein Häuschen, damit ich die Ziegelei beſſer unter Aufſicht habe. So wird es und nicht anders! Zwei Jahre gebe ich Dir noch Zeit— bis dahin iſt Alles in Ordnung. Die Ackerpacht läuft ab bis zu der Zeit und mein klein Altentheilhäuschen wird fertig. Du kannſt mit meinen Anordnungen ganz zufrieden ſein, denn ein 95 Edelmannsſohn hat es nicht beſſer, als Du. Iſt Dir das alte Haus da oben nicht hübſch genug, ſo baue es Dir zurecht nach Deinem Geſchmacke. Bauet doch jeder Vogel ſein Neſt, ehe er ſein Weibchen einführt und daß Du auch dafür ſorgen wirſt, eine hübſche, wackere Schwie⸗ gertochter bereit zu halten, erwarte ich.“ „Du meinſt, daß ich hier leben ſoll?“ fragte jetzt Volkmar beſcheiden, aber doch in ſehr bedeutſamem Tone dazwiſchen. „Das verlange ich!“ war Herrn Karl Traugott's Antwort. „Wozu hätteſt Du mir dann die Weltbildung geben laſſen?“ fragte ſein Sohn. „Damit Du einſehen lernen ſollteſt, wie glücklich ein tüchtiger Oekonom iſt!“ Volkmar lächelte unmerklich. Der Vater ſah es den⸗ noch.„Haſt Du einen freiern ſelbſtändigeren Mann ken⸗ nen gelernt, als den Bauer? Nenne mir einen Beruf, in welchem der Mann ſo richtig den kleinen Fürſten ſpielen kann. Was wir thun, thun wir freiwillig und jede Mi⸗ nute, die wir arbeiten, bringt Gewinn.“ „Es iſt aber geiſttödtende Arbeit, die vom Bauer verlangt wird,“ warf Volkmar ein. Geiſttödtend? Hm? Wozu haſt Du Leſen und Schreiben gelernt? Wozu Deinen Geiſt gebildet und 7„ 96 Deinen Verſtand bereichert? Ich dächte, ſo etwas hielte vor bis an unſeres Lebens Ende!“ „Wahrlich, nicht dazu, um hier als Bauer zu le— ben, habe ich mich wiſſenſchaftlich gebildet!“ rief Volk⸗ mar.„Nein Vater— ich habe die Abſicht, den Acker verpachtet zu laſſen und von dem Ertrage in der Stadt zu leben. Willſt Du Dich bis an Dein Lebens⸗Ende mit kleinlicher Arbeitsluſt für die Ziegelei aufopfern, ſo darf ich nichts dagegen einwenden, aber ich theile ſolche Lebensanſichten nicht! Hätteſt Du mir geſtattet mit der Ziegelei eine Speculation zu wagen, ſie nach dem Muſter der großartigen Ziegeleien, wie ich ſie in Holland und in England geſehen habe, einzurichten, ſo würde ich mit Hülfe meines Freundes Julius von Eckberg ein Unter⸗ nehmen in's Werk geſetzt haben, das alle deutſchen Zie⸗ geleien zu Schanden gemacht hätte. Mir iſt aber nichts daran gelegen, daß es nicht geſchieht. Nur den guten Rath möchte ich Dir geben, daß Du die Ziegelei etwas höher hinauf baueſt, damit ſie nicht wieder vom Eiſe zer⸗ ſtört werden kann.“ „Nichts da! Die Ziegelei bleibt auf demſelben Flecke! Hat das Eis jahrelang dieſes Ufer nicht überſchüttet, ſo wird es nun auch ſo bald nicht wieder geſchehen,“ antwor⸗ tete Herr Oſterhof bedächtig.„Bequemer kann ich ſie nicht legen, wie hier, kaum hundert Schritt vom Fluſſe, 97 wo die Schiffe, die einladen wollen, dicht anlegen können. Nichts da, Herr Sohn! Rede mir nicht in meine Sache — ich werde mich jedes Rathes enthalten über Deine Abſichten— dann ſind wir quitt! Lebe und faullenze, wie Du willſt— ich aber will auch leben und arbeiten, wie ich will! Nach altem Brauch in unſerer Familie iſt der Hof Dein Eigenthum, wenn Du fünf und zwanzig Jahre biſt und Dich verheirathet haſt. Ich wußte das und habe deshalb die Ziegelei zu meinem Steckenpferde gemacht. Denn Langeweile im Leben iſt ſchlimmer, als der Tod.“ Er richtete ſeine Geſtalt etwas ſtraffer auf, als er ganz vergnügt hinzufügte:„Ich liebe aber das Leben und die Arbeit, darum rettete mich Gottes All- macht vom Tode durch Ely Koltrum's Hand.“ Volkmar blickte herzlich in ſein Auge:„Gott ſei ge⸗ lobt dafür, lieber Vater! Es wäre ein ſchreckliches Un⸗ glück für uns geweſen, Dich auf dieſe Weiſe zu verlieren Ich will auch gleich hinauf in die Fabrik, um Herrn Ely zu danken. Wir find alſo einig, beſter Vater. Du legſt meinen Lebensentwürfen nichts in den Weg?“ „Bewahre! Wem nicht wohl iſt in der Heimath ſeiner Väter, der paßt nicht mehr dahin, mein Sohn. Mein Wunſch war es, Dich hier im Orte wirken und Deine Theorien anwenden zu ſehen— verlangen wll ich, nach beſſerer Ueberlegung, nun nichts! Jeder muß 98 7 nach ſeiner Facon glücklich zu werden ſuchen— Zwang gibt bitteres Blut.“ Volkmar, ſichtlich ergriffen von der vernünftigen 8 Nachgiebigkeit ſeines Vaters, faßte ſeine Hand und drückte ſie herzlich. Herr Karl Traugott nickte gemüthlich mit dem Kopfe, aber in dem Tone, womit er fortſprach, lag eine gehörige Portion Spott:„Wie Du es fertig krie⸗ gen willſt, Dein ganzes Leben hindurch zu faullenzen und nichts vorzunehmen, als in der Welt umher zu ſcher⸗ wenzeln, begreife ich freilich nicht. Mir erſcheint der Menſch ohne Thätigkeitstrieb, wie ein Baum ohne Frucht. Aber ich hindere Dich nicht! Will Ely Koltrum ſpäter⸗ hin meinen Acker nicht mehr, ſo nehme ich ihn vom Herrn Sohn in Pacht— Du wirſt nicht ſchlechter dabei fahren, denn ich verſtehe das Wirthſchaften und kann tüchtig was leiſten im alten Style!“ „Vater— das kann Dein Ernſt nicht ſein!“ unter⸗ brach ihn Volkmar etwas beſtürzt. „Warum nicht? Ich bin noch ſehr rüſtig,“ antwor⸗ tete Herr Karl Traugott und ſtellte ſich breit vor den Sohn hin, als wolle er ſich den muſternden Blicken des⸗ ſelben präſentiren. „Ja, ja! Sieh mich nur an! Ein Mann, der bald 1 ſechszig Sommer gelebt hat!— Iſt Dir unter Deinen. neuen Bekannten irgend einer vorgekommen, der mit ſechs⸗ ——— 99 zig Jahren noch luſtig von„arbeiten“ Sohn— wir leiden aber hier auch ni heiten einer wilden Ju Feuer des Weines verbrannt und von un Trinken ſetzt ſich Kraft in die Knochen.“ Wenn man nicht unvernünftig iſt ſeine Geſundheit und Geiſteskraft in Weltleben auch bewahren,“ ſpricht? Ja, mein cht an den Krank. gendzeit! Unſer Hirn iſt nicht vom ſerem Eſſen und ſo kann man dem bewegtern wendete Volkmar ein. „Ich hoff' es an Dir zu erleben! Als ich Dich ge⸗ ſtern ſo plötzlich einrücken ſah, machte ich mir ein Plän⸗ chen zurecht, mein Sohn Volkmar. Mir fuhr die Idee durch den Kopf, daß Du Koltrum's kleine Lyſanne hei⸗ rathen und Compagnon von Ely werden müßteſt. Ich ſehe aber ein, daß ich eine Rechnung ohne Wirth ge⸗ macht habe und zwar in zweierlei Rückſichten. Erſtens nimmt Ely keinen Compagnon, weil er viel zu herrſch⸗ ſüchtig iſt und zweitens wird er die kleine Lyſanne ſelber heirathen wollen.“ „Drittens aber würde dies hübſche Landblümchen ſchwerlich meinem verfeinerten Geſchmacke entſprechen,“ ſetzte Volkmar lachend hinzu. „Na— höre!“ wichti ger Betonung. „Ich wähle unter keiner Be nicht zur guten Geſellſchaft ge ſagte der gute Karl Traugott mit dingung eine Frau, die hört und nicht die Fähig⸗ 100 keit beſitzt, einem glänzenden Hausweſen vorzuſtehen!“ ſagte der Sohn unnöthig eifrig. Und das kann man von einem Mädchen, die gleich Lyſanne erzogen wurde, nicht erwarten.“ „Na— höre!“ wiederholte der Vater noch bedeu⸗ tungsvoller, als zuerſt. „Schönheit allein hilft dazu nicht. Eine imponirende Sicherheit, die aus dem Selbſtgefühle entſpringt, iſt das erſte Erforderniß. Dann die majeſtätiſche Ruhe einer Königin—“ Herr Karl Traugott maß den Sohn von Kopf zu Fuß.„Weißt Du was, Volkmar— heirathe Dir das Fräulein von Jlow, mache ſie zur Hausregen⸗ tin und küß' ihr den Pantoffel. Ich aber danke für ſolche Schwiegertochter!“ Er wendete ſich und ging lang. ſam zur Ziegelei hinein. Volkmar blieb ganz verblüfft ſtehen. Wie kam ſein einfacher Vater auf dieſe Idee, die ſelbſt ſeiner Mutter fern geblieben war? Was hatte dem gemüthlichen Alten ein ſolches Ver⸗ ſtändniß ſeiner innerſten Gedanken beigebracht? Volkmar fühlte ein kleines Unbehagen bei dieſen Betrachtungen. Ihm war es lieb, jetzt den großen klaren Augen ſeines Vaters nicht ausgeſetzt zu ſein. Er ſchämte ſich innerlich zum erſten Male ſeiner Hochmuthsſpeculationen und er⸗ klärte ſie im Stillen für geeignet ſich lächerlich damit zu machen. Von Jugend auf Schritt vor Schritt auf einer 101 Bahn fortgeleitet, die ein falſches E mußte, hatte der junge Mann ſ verwirren laſſen von den L hrgefühl erzeugen eine geſunde Vernunft ehren der Mutter und von den Erfolgen, die ſein ſtets gefüllter Beutel zeigte. Der Glanz des Lebens erſchien ihm gleichbedeutend mit der Seligkeit desſelben. Der äußere Prunk blendete ſeine Sinne und die bevorzugte Stellung in der Geſellſchaft wurde das Ideal ſeiner Träume. So lange er ſich inmitten aller Weltverbindungen befand, konnte er natürlich nicht von dieſen Irrthümern geneſen, denn der ſtete Verkehr mit jungen Leuten aus den höhern Ständen ließ ihn gar nicht zur Prüfung der verſchiedenartigen Grundelemente eines irdiſchen Glückes kommen. Er hatte Freunde in Fülle, aber nicht einen einzigen vertrauten Freund, mit dem er einen Austauſch von Anſichten und Gefühlen wagen mochte. Das erſte trauliche Geſpräch ſeit unmittelbar nach ſeiner Ankunft mit ten Mutter. Darin war er mit ſiegreicher Miene aufge⸗ treten und hatte verſuchsweiſe ſeine modernen Lebensan⸗ ſchauungen zur Geltung gebracht. Von dem Reſultate dieſer Verſuche ermuthigt, meinte er feſter und kühner mit ſeinem Plane„gar nicht wieder im Dorfe wohnen zu wollen,“ hervortreten zu können, da er den Verſtand ſeines Vaters nicht ſo zu fürchten hatte, wie die Schlauheit ſei⸗ Jahren pflog er ſeiner geiſtesverwand⸗ ner Mutter. Er war inne geworden, daß Herr Karl Traugott Oſterhof gar nicht ſo leicht zu bethören ſei und daß er eine klare Ueberſicht aller Folgen der verkehrten Weltbildung habe. Er hatte dem Sohne freien Spielraum gelaſſen. Und doch fühlte ſich der Sohn ſo beengt, als hätte er in ihm den größten Widerſacher ſeiner Meinungen gefunden? Langſam ſchritt Volkmar unter ſeinen Gedanken dar⸗ über auf dem Damme entlang, der quer durch die Wieſen nach der Anhöhe führte. Es war derſelbe Fahrdamm, auf den Ely damals gebauet, als er Oſterhof zu retten ausgeritten war. Volkmar wußte dies und eine warme Empfindung durchſchlich ihn, als er dieſe ſchmale Erhö⸗ hung betrachtete, die von beiden Seiten abſchüſſig genug war, um, vom Waſſer überfluthet, eine große Gefahr bei der geringſten Abweichung zu bereiten. Er ſah es ein, daß Ely wirklich der Retter ſeines Vaters geweſen war, denn dicke Eisſchollen lagerten noch zu beiden Seiten des Dammes und das zerwühlte Pflaſter desſelben war ein Beweis von der Gewaltſamkeit der Ueberſchwemmung. Volkmar ſchritt gedankenvoll vorwärts. Sein Auge erhob ſich bisweilen, um die Anhöhe vor ſich zu muſtern, die ſich ſeit ſeinen Knabenjahren merkwürdig verändert hatte. Er kannte die Gegend kaum wieder. Bei gelegent⸗ 103 lichen, immer nur kurzen Beſuchen im elterlichen Hauſe war er nicht hiehergekommen und hatte von der Aus⸗ dehnung der Fabrik eben keine imponirte ihm der Veränderung des Vorſprunges mit ſeinem Plateau, war ihm ganz unbekan Notiz genommen. Jetzt gewaltige Umfang derſelben. Die baſteiartigen nt geblieben und die brei⸗ ten Terraſſenwege lockten ſeine Aufmerkſamkeit. Er blieb einige Augenblicke ſtehen, um dieſe Schöpfung zu betrach⸗ ten, die unter den fleißigen Händen eines einzigen Man⸗ nes entſtanden war. Dort oben heerſchte ein Mann, wel⸗ cher nicht das Viertel des Oſterhof'ſchen Vermögens be⸗ ſeſſen hatte. Seine Energie hatte Alles bezwungen, was ihm entgegen ſtand und die Achtung der Welt lohnte ihm. Ein mitleidiges Lächeln verdrängte die Miene der Bewunderung, als Volkmar an dieſe Belohnung von Ely's Fleiße dachte. Die Welt, welche dieſem lohnte, war nicht der Kreis, welcher ihm genügen konnte. Er blickte höher hinauf, als in die Comtoire der Kaufleute, wo Ely's Name prangte. Der nächſte Weg zur Fabrik war auf dem Damme entlang bis zu der neuen Dorfſtraße, die vom Waſſer all⸗ mählig aufwärts führte. Ob es wohl Zu jählings verließ ſtege, die ſich n fall war, daß Volkmar den Damm und auf einem der vielen ſchmalen Fuß⸗ ach der Anhöhe kreuzten, bergan ſtieg? 104 Ob es wohl Zufall war, daß er ſehr langſam an dem Gitter vorüberging, welches das Landhaus des ältern Koltrum vom Wege trennte, daß er ernſthaft die dicht mit Vorhängen verhüllten Fenſtern des hübſchen, kleinen Hauſes betrachtete und forſchend ſeinen Blick durch den Garten ſchweifen ließ? Ob es ganz abſichtslos geſchah, daß er nachher ſich vielmals umwendete und dann ſtillſte⸗ hend, aus der Ferne dies friedliche Aſyl eines Weltweiſen nachdenklich betrachtete? Es muß nur reiner Zufall geweſen ſein, denn als jetzt plötzlich ſeitwärts eine Gatterthür geö ffnet wurde und eine ſchlanke, weibliche Geſtalt, ohne ihn gewahr zu werden, am graſigen Abhang entlang ging, gebückt um Veilchen zu pflücken, die hier in Menge zu blühen began⸗ nen, da hob der junge Cavalier ſo ſtolz und gleichgültig ſein Haupt, als wäre er ein Fremdling in der Gegend und wüßte durchaus nicht, daß dies reizende Weſen, wel⸗ ches mit kühnem Schritt den Pfad verließ und am ab⸗ ſchüſſigen Rande den lieblich duftenden Frühlingsblüm⸗ chen nachforſchte, niemand anders war, als Lyſanne, des Herrn Tobias Koltrum Töchterchen. Endlich wendete ſie ſich und ſprach leichtfüßig wien der bergauf. Jetzt mußte ſie dem jungen Manne begeg⸗ nen. Eine ſonderbare Verwirrung bemächtigte ſich ſeiner, als er dieſem Momente entgegenging. Ungewiß wie er ————— 105 ſich gegen die junge Dame benehmen ſolle, nahm er ſich ſogleich vor, lieber ſtumm grüßend vorüber zu ſchreiten, als ſich mit unbeholfener Manier von ihr anerkennen zu laſſen. 3 Lyſanne erkannte ihn aber augenſcheinlich auf den erſten Blick und ſchauete ihm, in aller Ehrlichkeit und Unſchuld ihres Herzens freudig erröthend, offen ines Geſicht. Wäre Volkmar mit den Regungen eines Frauenher⸗ zens vertraut geweſen, ſo hätte er in dem lebensvollen Ausdrucke des jugendlichen Antlitzes den Sonnenſchein eines fröhlich bewegten Innern erkennen müſſen und dieſe Erkenntniß hätte unverzüglich eine Brücke über die Kluft gebauet, welche durch die langjährige Trennung entſtan⸗ den war. Aber Volkmar hatte keinen Sinn für Lyſanna's na⸗ türliche Regung, ſondern ſchritt nach einem ſehr ceremo⸗ niöſen Abziehen ſeines Hutes ſtumm an dem Mädchen vorüber. Als er dieſe heroiſche That ausgeführt hatte, über⸗ fiel ihn eine Art Reue. Es war ihm zu Muthe, als habe ſich Lyſanne plötzlich mit einer anmuthigen Würde feſter emporgerichtet und in ſtolzer Kälte ſeinen Gruß erwie⸗ dert.„Es war ihm ſo zu Muthe“— gewiß wußte er nichts, gar nichts weiter, als daß er ſeiner Weltbildung wenig Ehre gemacht hatte. 106 In dieſer Gemüthsſtimmung durfte er nicht bei Ely Koltrum erſcheinen, wenn er ſich nicht lächerlich machen wollte. Er ſchritt alſo ſteif am Abhange hinauf bis zur Kirche, wo er in's Dorf biegen mußte, um in ſeines Vaters Haus zu gelangen. In einer Anwandlung von Unmuth, der nicht ohne Beimiſchung von Scham geblieben war, erreichte er das Haus ſeiner Eltern und trat eilig in das Wohnzimmer, welches durch eine Thür mit dem Schlafzimmer derſel⸗ ben verbunden war. Indem er ſich verdrießlich in die Ecke des altmodigen Diwan's niederwarf, hörte er ſeinen Vater lachend ſagen: „Was denkſt du darüber, wenn uns unſer Einziger ſo'n altes Frölen in's Haus brächte, um uns vor der Welt zu baroniſiren?“ Volkmar fühlte ſich wie mit kal⸗ tem Waſſer überſchüttet. Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet gränzte allerdings ſeine Idee an Albernheit. Er begann jetzt über ſeine Lebenspläne nachzudenken. Sein Vater erleichterte ihm das ſchwere Werk der Selbſt. erkenntniß durch einige Seitenbemerkungen, die ihre Wir⸗ kung ſchon um deshalb nicht verfehlten, weil ſie ſein Selbſtgefühl eher hoben, als niederdrückten. Der frühere Hochmuth des alten Mannes hatte ſich unter den Erfah⸗ rungen der letzten Jahre gleichſam veredelt und was nar⸗ renhafter Bauernſtolz geweſen war, das hatte ſich zu dem — Volkmar mit auffa 1⁰9 ſo würde mir Ely Kol ſen ſein.“ „D trum nicht über den Kopf gewach⸗ u beneideſt ihn wohl gar?“ „Freilich! Und ich dachte mein Sohn Volkmar ſollte mit ſeiner Wiſſenſchaft in einen Wettkampf mit ihm treten.“ So lange hatte Volkmar ruhig dem Zwiegeſpräch im Nebenzimmer zugehört. Jetzt trieb es ihn auf und zu ſeinen Eltern. Verwundert blickten Beide auf, als er ſtür⸗ miſch die Thür weiter aufſtieß und laut rief: „Topp Vater! Es gilt! Ich wage einen Wettkampf mit Ely Koltrum! Aber dazu gebrauche ich das alleinige Eigenthumsrecht auf die Ziegelei und ein ausreichendes Betriebscapital!“ „Ach ſo! Um mit dem gnädigen Herrn von Eckberg Schwindeleien zu treiben, die den Leuten die Augen ver⸗ blenden ſollen?“ fragte Herr Karl Traugott ſareaſtiſch. „Nein, nein! Ich übernehme Alles allein und unter⸗ nehme Alles auf n. neine Verantwortung—“ verſicherte llender Lebhaftigkeit.„Freund Eckberg hat freilich Anſpruch auf den erſten Gedanken dieſer in⸗ duſtriellen Vervollkommnung, aber es wird ihm gar nicht einfallen mich deshalb zu tadeln, wenn ich das Werk allein beginnen und vollführen will. Julius Eckberg iſt nämlich der Sohn eines Bergbeamten und von Jugend Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 8 110 auf mit den Beſtandtheilen vertraut, welche die Inner⸗ lichkeit unſerer Erde bilden. Er iſt damals mit ſeinem Vater hier geweſen, als unſere Ziegelei entſtanden war und er erinnerte ſich jetzt, bei Gelegenheit unſers Un⸗ glückes, daß ſein Vater die Anlage derſelben ſo nahe dem Strome getadelt habe. Eben ſo gut erinnerlich war ihm aber auch das Urtheil ſeines Vaters geblieben, daß Tonnen Goldes aus dieſem Erdſchachte gewonnen werden könnten bei richtiger Verwerthung.“ „Ach ſo!“ ſpöttelte der Vater, welcher ſehr auf⸗ merkſam zugehört hatte,„darum wollte mein Sohn Volkmar entweder ein großes Werk daraus machen oder die ganze Geſchichte losſchlagen? Wie reime ich denn dieſe verſchiedenartige Meinung?“ „Vater, ich kann die Mittelmäßigkeit nicht leiden,“ antwortete Volkmar lachend.„Unſere Ziegelei ſtellte ſich ſehr mittelmäßig dar und verdarb das Renommé des reichen Vollſpänners Karl Traugott Oſterhof. Darum entweder ein Werk der Induſtrie aus der Ziegelei ſchaf⸗ fen oder ſie, nebſt allen vorausſichtlichen Vortheilen, los⸗ ſchlagen. Uebrigens will ich offenherzig den Umſchwung meiner Anſichten einräumen, der durch den Eindruck der mächtigen Entwicklung des Koltrumſchen Unternehmens bewirkt wurde, und Dir das Geſtändniß ablegen, daß ich ebenfalls, von feindſeligem Neide angetrieben, einige Luſt zum Welteifer verſpürte, als ich die koloſſale Verände⸗ rung und Verſchönerung bewunderte, die unſer Dorf einem einzigen Manne verdankt. Alſo Vater— freie Hand, freies Spiel und freie Verfügung— das Riſiko i*ſt auf meiner Seite!“ Er hielt dem alten Manne die Hand hin zum Einſchlagen. Karl Traugott Oſterhof ſchlug aber nicht ein. Er trauete nach ſeinen neueſten Erfahrun⸗ gen den Einfällen des Herrn Sohnes nicht. Hätte er gewußt, daß Volkmar der Wahrheit ge— mäß von der mächtig auf ihn einwirkenden Entwicklung Lyſanna's zu dieſem Umſchwunge ſeiner Stimmung ge⸗ bracht war, ſo würde er es eher begriffen und vielleicht auch geglaubt haben, daß ein tief verborgener Lebensernſt in der Bruſt des jungen Mannes zu erwachen beginne. Volkmar ſelbſt konnte freilich ſelbſt keine Erklärung über die Quelle ſeiner plötzlich veränderten Stimmung geben. Er erkannte weder den Grund noch die Urſache davon. Nur deſſen war er ſich bewußt geworden, daß in dem Heimathsgefühle ein Zauber verborgen lag, der mit jeder Minute wuchs und eigenthüm lich beſtrickende Feſ⸗ ſeln in ſich enthielt. Schon jetzt hatte ſich ihm die Wahr⸗ heit offenbart, daß die ſtille Achtung vor dem Wirken und Schaffen eines Mannes unendlich viel Beſeligendes bieten konnte, daß dieſe Achtung erhebend gegen das Ge. fühl war, in vornehmen Kreiſen ſeines Geldes wegen 8* 112 geduldet zu werden. Die Wendung ſeiner Meinungen er⸗ ſchien jedoch im Allgemeinen zu raſch, um an die Halt⸗ barkeit derſelben zu glauben. Der Verfolg mußte lehren, was für Maximen daraus hervorgehen und welche Wir⸗ kungen ſie auf ſeinen Gemüthszuſtand äußern würden. Sein Vater traute augenſcheinlich dem Frieden nicht, obwohl er Alles billigte, was im Laufe der nächſten Tage von Volkmar als Project aufgeſtellt wurde. Er mußte zugeben, daß ſein Sohn mehr Sachkenntniß entwickelte, als er ihm zugetraut, aber er mißtrauete der Feſtigkeit ſeiner Vorſätze und der Beharrlichkeit, die zur Ausführung dieſer Pläne erforderlich war. Natürlich ließ er dem Sohne nichts von ſolchen Befürchtungen merken. Nur ſeiner klugen Gattin theilte er die Scrupel mit, die ihn bei der Regſamkeit Volkmars ergriffen. „Ich kann' nicht recht faſſen, liebe Alte,“ ſagte er kopfſchüttelnd.„Wie ein ſtolzer Adler kam er hier an, und jetzt thut er gerade, als eilte es, ein Neſt zu ſchaffen für ein liebes Weibchen.“ „Es iſt die gute Natur, die er von uns geerbt hat,“ erwiederte Frau Oſterhof feierlich. Herr Karl Traugott blickte ſie ſpöttiſch von der Seite an.„Höre, von der guten Natur halte ich nicht viel. Es ſteckt etwas Anderes dahinter!“ „Nun, was ſollte das ſein! Bei Koltrum's iſt Volk⸗ mar noch nicht geweſen, ſonſt könnte man glauben, die Weisheit dort habe ſich über ihn verbreitet,“ antwortete Frau Oſterhof empfindlich.„Wir ſind ja Alle nicht klug geboren, ſondern erſt nach und nach klug geworden.“ „Es ſteckt aber hier etwas Anderes, als eine Klug⸗ heit,“ beharrte Herr Karl Traugott. „Glaub's mir, liebe Alte, um Narrheiten los zu werden, koſtet es Erfahrungen, die uns ein Licht über unſere Narrheiten aufſtecken. „Haben wir uns nicht alle Mühe gegeben, ihn über ſeine falſchen Lebensanſichten zu belehren?“ warf die Frau lebhaft ein. „Nichts da! Warnungen und Belehrungen thun nichts und helfen nichts gegen Narrheiten.“ „Kann ſich ein guter Sinn nicht plötzlich wieder⸗ finden?“ fragte die Frau, welche den Widerſpruch als eine Erheiterung ihres ſtillen Daſeins betrachtete, noch lebhafter. „Wenn der Hochmuth Wurzel gefaßt hat, findet eine plötzliche Aenderung nicht Statt. Ich habe das an mir ſelbſt erprobt, liebe Alte, Die Erfahrungen können uns nach und nach beſſern, aber eine plötzlliche Verän⸗ derung zeugt von Leichtſinn oder von einer innerlichen Erſchütterung.“ Frau Oſterhof lachte herzlich. „Was Du weiſe ſprichſt! Man könnte denken, Du ſeieſt Tobias Koltrum'’s Schüler geworden. Beweiſe nur doch erſt Volkmars Veränderung. Er iſt mit Plänen für die Anlage einer neuen Ziegelei beſchäftigt— weiter nichts!“ „Deine Klugheit in Ehren, liebe Alte— Eigenſinn iſt nie mein Fehler geweſen, davon haſt Du dich in un⸗ ſerer Ehe überzeugen können,— aber hinter Volkmars friſche, lebensvolle Thätigkeit ſteckt entweder etwas oder ſie erliſcht, wie ein Strohfeuer.“— „Curios! Ich finde ſein Verhalten ganz natürlich,“ entgegnete die Frau ärgerlich.„Unſer Sohn iſt durch ſeine lange Abweſenheit von der Heimath kalt gegen die An⸗ nehmlichkeiten derſelben geworden. Nachdem er ſich wieder heimiſch gemacht, gewinnt ſein Beſitzthum an Werth und das Beiſpiel, welches ihm Ely Koltrum gegeben, ſpornt ihn zur Nachahmung. Klarer kann auf der ganzen Welt nichts ſein.“ „Und ich behaupte dennoch, daß Volkmar triftige Gründe hat, ſich plötzlich hier heimiſch zu machen. Ent⸗ weder er hat triftige Gründe oder es ſind Schwankungen in ſeiner Meinung, die mir ſchwere Opfer a gen werden. Er beginnt mit Feuereifer ein Werk, viel Geld koſtet.“ 1— „Leide es doch nicht, wenn Du Furcht haſt,“ fiel die Frau ein. 1— ſſ——— „Widerſtand gibt bitter Blut, liebe Alte. Laß ihn bauen, laß ihn wirthſchaften— glückt es nicht, ſo hat 4 er ſeinen eigenen Beutel beſtohlen. Bankerott macht es uns nicht, aber lächerlich kann es uns machen, alſo heißt es„aufpaſſen und eingreifen,“ wenn unſer Herr Sohn die Luſt verlieren ſollte.“ „Was bezweckt er denn eigentlich?“ fragte Frau Oſterhof, bedenklich gemacht. „Er will Gott und der Natur trotzen,“ war Karl Traugott's Antwort.„Er will durch Mauern und Erd⸗ wälle das zu erzielen ſuchen, was Ely Koltrum in der — Natur vorgefunden hat.“ 4— 2 2 Frau Oſterhof ſtarrte ihren Mann erſchrocken an. „Was denn,“ ſagte ſie unwirſch,„will Volkmar Berge bauen?“ „Ja! Berge! Baſtionen! Kaimauern! Bollwerke—! Alles wird geſchaffen, um ſich das Vergnügen zu machen, dann eine Ziegelei d'rauf zu ſetzen.“, „Und dazu haſt Du Deine Einwilligung gegeben?“ 1 rief die Frau voller Entſetzen. Herr Karl Traugott Oſterhof zuckte mit komiſchem Cenſt die Schultern und ſprach parodirend:„Man muß 3 veit begreifen, liebe Alte!“* —„Nun, da hört denn doch Alles auf!“ ſagte die Frau ganz empört, indem ſie ſich ſehr kampfbereit em⸗ 116 porrichtete.„Warum erfahre ich dieſen Plan erſt heute? Ich werde ſogleich mit Volkmar reden und ihm Vorſtel⸗ lungen machen.“ „Laß das, liebe Alte! Widerſpruch facht den Eigen⸗ willen nur heller an. Volkmar wird es ſchon einſehen, ohne unſere Einmiſchung, daß ſein Plan nicht ausführbar iſt. Denk' Dir nur— hinter der Bucht, die von dem etwas hohen Ufer hinter unſerer Ziegelei gebildet wird, will er einen künſtlichen Hügel ſchaffen, der ſich der Wöl⸗ g der Anhöhe, worauf das Dorf liegt, anſchließen ſoll. Du weißt, dort liegt meine ſchönſte Wajzenbreite, die bis an unſer Gehöft geht. Auf einen Theil dieſer Breite ſoll eine doppelte Allee von Obſtbäumen angelegt werden, um die Verbindung mit der Heerſtraße zu er⸗ leichtern. Zugleich ſoll dieſe Anlage eine Zierde für unſer Dorf werden. Hier im alten Hauſe wird eine Niederlage eingerichtet für den Abſatz zu Lande. „Und wo bleiben wir?“ warf die Frau ſehr ent⸗ rüſtet ein. „O, wir bleiben hier ungeſtört. Es werden Schuppen gebaut und Volkmar macht ſich das Vergnügen, unten am Strome einen Palaſt aufzuführen, der zu ſeinen Plänen für die Zukunft paßt,“ ſpöttelte Herr Oſterhof. Frrau Oſterhof ſchlug ergebensvoll die Hände in einander. In dem tiefen Seufzer, womit ſie ihrem Herzen Luft machte, verrieth ſich, neben dem Unwillen über die thörichten Projecte ihres Sohnes, der fromme Wunſch, F daß es ihr doch nie eingefallen ſein möchte, Volkmar in der Fremde erziehen zu laſſen. „Und Du haſt Deine Erlaubniß zu allen dieſen Albernheiten gegeben?“ fragte ſie bitter. „Lieber Himmel, was ſollte ich denn dagegen ein⸗ wenden! Wenn er die Albernheiten ordentlich und regel⸗ † recht ausführt, ſo kann etwas Großes daraus werden. Aber ich traue ihm keine Ausdauer zu— es müßte denn ſein, daß etwas Anderes dahinter ſteckte.“ 4„Ja, ja! Damit beſchönigſt Du Deine Schwäche — gegen den Sohn,“ brauſ'te die Frau auf. „Dein Lebelang haſt Du es ſo gemacht. Erſt immer mit Würde und Ernſt etwas angeordnet und befohlen und nachher nicht ein Auge, ſondern alle beiden Augen zu⸗ gedrückt, wenn wir Deine Befehle nicht beachteten.“ „Ja, liebe Alte, Zwang würde ja nur den Zorn reizen und Zank iſt meine Sache nicht! Wir haben viel Geld und nur einen einzigen Erben. Macht es dieſem Erben Spaß, die Landſchaft mit ſeiner Ziegelei zu ver⸗ zieren und am Strome zu wohnen, nun ſo laſſe man 4 ihm dies Plaiſir, denn er kann es bezahlen. Ich habe nur das eine Bedenken, daß er wetterwendiſch iſt und die Geſchichte nicht vollendet. Dann wird es freilich noth 118 thun, daß ich den Plunder fertig bauen laſſe, um nicht ausgelacht zu werden. Was thuts! Wir beiden Alten ſpielen dann vornehm, reſidiren im Sommer am Strome und im Winter im alten Palais— ja, lache nur, man lernt nichts leichter in der Welt, als eine vornehme Lebensweiſe.“ * —— Viertes Capitel. Eben ſo wenig wie Volkmar erwähnte auch Lyſanna 34 gegen irgend Jemand ein Begegniß mit dem Jugend⸗ . freunde, das ihr mehr Verdruß als Freude bereitet hatte. Sie fühlte ſich gekränkt von dem kalten, förmlichen Gruße 1 Volkmars, aber peinlicher noch war ihr die Erinnerung an das frohe Aufjauchzen ihres Herzens bei dem un⸗ verhofften Wiederſehen, welches dem jungen Manne nicht unbemerkt geblieben ſein konnte. Schüchterner als ſonſt betrat ſie von da an die einſamen Wege, die zu den friſch keimenden Wieſen hinabführten. Sie hatte überall, ſelbſt in ihrem ſichern Garten, das beklemmende Gefühl, als umſchwebe ſie ein unſichtbares Weſen, das urplötzlich zu ihrem Schrecken Geſtalt und Körperlichkeit gewinnen könne. Eine unabweisliche Empfindung zwang ſie oft ſich umzuſehen und ſie wußte ſich nicht zu erklären, warum Trauer ihre Seele umſchleierte, wenn ſie niemand hinter ſich oder ſonſt auf ihrem Wege fand. Durch ein leichtes Unwohlſein Giſela's war die Reiſe j in die Stadt, die ſie gemeinſchaftlich unternehmen wollten, auf einige Tage verſchoben. So ſehr ſich Lyſanna auf b die gefährlichen Freuden des Stadtlebens gefreut hatte, ſo ertrug ſie doch jetzt zu Giſela's Erſtaunen die Ver⸗ zoͤgerung ihrer Wünſche mit vielem Gleichmuthe. Ja, ſie beſtand ſogar mit einem gewiſſen Eigenſiune darauf, noch einige Tage länger zu zögern, als Giſela es für nöthig hielt. b Kein Menſch verfiel darauf, dieſe Veränderung mit der Ueberzeugung zuſammen zu ſtellen, daß Volkmar noth⸗ wendigerweiſe in ihrem Vaterhauſe einen Beſuch machen müſſe, da es verlautete,„er werde nun für immer zu Haus bleiben.“ 8 Tag an Tag verſtrich und Volkmar erſchien nicht bei ſeinem alten Freunde. Die Abreiſe wurde endlich feſtgeſetzt. Da die ganze Gegend noch die Wohlthat eines Eiſenbahnverkehres ent⸗ behrte, ſo hatte Herr Ely Koltrum ſeinen Reiſewagen zur Dispoſition der beiden Damen geſtellt und Giſela hielt es der Artigkeit gemäß, ihm am Tage vor der Ab⸗ 8 reiſe perſönlich dafür zu danken. Sie wußte, daß er um die Mittagsſtunde bei ſeinem Bruder anzutreffen war und ſie wählte unbedenklich dieſe . 3 121 Gelegenheit ſich ihm zu nähern, nachdem ſie ihn ſeit jenem Tage, wo ein Zwieſpalt in ihrem Innern entſtanden war, vollſtändig gemieden hatte. Raſch durchſchritt ſie ihr Gärtchen, öffnete die Sei⸗ tenthür, die nach Ely's neueſter Anordnung von dort in den verdeckten Gang führte und eilte flüchtigen Fußes über den Hof der Fabrik nach der Brücke, dem Ueber⸗ gange zum Terraſſengarten. Eben betrat ſie das Plateau, als Ely, vom Landhauſe her, ebenfalls die Terraſſen hinauf ſchritt. Eine Secunde ſpäter und ſie hätten ſich nicht getroffen. Giſela ſah dies ein und eilte ihm um ſo freundlicher entgegen. „Wie gut, daß ich Sie noch treffe,“ ſprach ſie mit gütigem Tone und reichte ihm zum erſten Male ihre Hand.„Mein Beſuch galt Ihnen, mein Herr.“ Ely war merklich aus ſeiner gewohnten Faſſung ge⸗ bracht. Eine verrätheriſche Röthe überflammte ſein männ⸗ lich ſchönes Geſicht und aus ſeinen dunkeln Augen ſchoß ein leidenſchaftlicher Freudenſtrahl. „Mir? Mir galt Ihr Beſuch?“ fragte er ſehr haſtig, indem er die ihm dargereichte Hand feſter faßte, als nothwendig war.„So zürnen Sie mir nicht mehr? Es hat mich unendlich gepeinigt, Sie böſe auf mich zu denken.“ 122 Giſela zog beſtürzt ihre Hand zurück, blieb aber eben ſo freundlich, als ſie erwiederte: „O mein Zorn iſt längſt verraucht. Wie hätte ich böſe bleiben können bei der Erkenntniß des großen Vor⸗ theiles, den ich durch Ihre Eigenmächtigkeit gewann.“ „ Alſo Sie ſind zufrieden? Wie mich das freut! Uebrigens habe ich, trotz meiner innerlichen Pein auch keinesweges bereut, was ich Ihnen Böſes gethan. Im Gegentheil, es hat mir nach ſpäterer Einſicht ſehr leid gethan, mir nicht mehr von Ihrem Grundſtücke zugeeignet zu haben,“ entgegnete Ely Koltrum mit einer Ehrlich⸗ keit im Blick und Ton, die zwiſchen Ernſt und Scherz ſchwankte. Giſela lachte und hob abwehrend beide Hände gegen ihn auf. „Machen Sie es nur gnädig mit mir, damit Lyſanne nicht Recht behält mit ihrer Behauptung, daß ich Sie eines Tages zu meiner Verwunderung als Eigenthümer meines Hauſes anerkennen müſſe.“ „Nein! nein, mein gnädiges Fräulein— Ihr Haus iſt mir heilig— ich möchte es nicht beſitzen— ich könnte es nicht ertragen, dort das wirre Geräuſch des Werktages zu hören, wo——.“ Er brach ſeine ohnedies unzu⸗ ſammenhängende Rede ab und fügte nur noch gefaßt hinzu:„Nein, Ihr Haus wird niemals wieder das Ziel meiner Wünſche werden.“ „Um ſo beſſer, wenn ich mich Ihrer Kaufluſt gegen⸗ über ſicher weiß,“ war Giſela's Antwort.„Es wäre auch ein ganz vergebliches Bemühen, mein Herr, denn ich würde uutter keiner Bedingung dieſen kleinen Fleck Erde ver⸗ Fäußern, der im Stande iſt meinem einſamen Leben einen gewiſſen Halt zu geben.“ 4„Ich erkenne das jetzt, mein Fräulein— ich ehre hre Gründe— aber ich werde Sie umſpinnen mit meiner Fabrik, Sie werden ſich bald innerhalb der Grän⸗ 1 zen meines Territoriums befinden. Ich werde Sie auch fernerhin beſtehlen, wo ich nur kann. Für jetzt brauche ich am allernöthigſten ein Streifchen von Ihrem Hof⸗ raume, das Ihnen gar nichts nützt. Wozu haben Sie einen breiten Thorweg, da Sie weder Feldwagen noch Equipagen beſitzen. Mir könnte der Raum großen Nutzen gewähren und Ihnen erwüchſe daraus eine gewiſſe Si⸗ cherheit, ein Schutz gegen den unerträglichen Nordoſt⸗ und Nordweſtwind, wenn ich ein Gebäude ſtatt des bedeckten Ganges neben ihrem Häuschen aufführte. Ich würde nicht allein zu jeder Entſchädigung bereit ſein, ſondern auch ihre Bequemlichkeit auf alle Weiſe im Auge behalten. Bitte— ſchlagen Sie mir's nicht ab.— Ich erweitere dafür Ihren Garten auf der andern Seite, laſſe während Ihrer Abweſenheit ſämmtliche Gebäude auf Ihrem kleinen Beſitzthume renoviren, richte der alten Beata ein beque⸗ — ʃ— 4 . 8 — 124 meres, Ihnen näher liegendes Logis im Seitengebäude ein— nun, mein Fräulein?“ Giſela hatte voller Erſtaunen dem Vortrage Ely's gelauſcht und ſchon im Voraus das beſtimmteſte Nein da⸗ gegen beſchloſſen. Als er ſchwieg und durch ſeinen Blick ihr Inneres zu durchforſchen Miene machte, ſchlug ſie ſtolz und ſicher ihr Auge zu ihm auf. Aber ihre Sicher⸗ heit wich und ihr Stolz wankte vor dem wunderbaren Ausdruck ſeines Auges, das mit reinem, tiefem Feuer auf ihr ruhete. Sie lächelte ſtatt aller Antwort. Aber⸗ mals erlag ſie der natürlichen Macht menſchlicher Lie⸗ benswürdigkeit, abermals handelte ſie gegen ihre feſten Vorſätze und gab, gleichſam willenlos geworden, ihre Zu⸗ ſtimmung zu den Vorſchlägen, die Ely ihr mit unge⸗ wöhnlicher Beredtſamkeit gemacht hatte. Raſch ergriff der froh überraſchte Fabrikherr ihre Hände und drückte ſie wechſelweiſe an ſeinen Mund. Verwirrt duldete das Mädchen den Ausbruch dieſer ſtürmiſchen Freude, hielt es jedoch für angemeſſen ihre Verwirrung hinter der kühlen Frage zu verſtecken: „Was wollen Sie auf dem Platze bauen? Ställe? Oder ein Maſchinenhaus?“ „Fürchten Sie nichts, Fräulein,“ antwortete er treu⸗ herzig.„Es wäre unrecht, Ihnen den Lärm oder die un⸗ angenehmen Dünſte der Fabrik nahe zu bringen. Mir “ 125 fehlt ein angemeſſenes Comtoir. Mein Wohnhaus iſt auch unzureichend. Ich prüfte ſchon lange die Räumlich⸗ keiten der Fabrik, um zu ergründen, wo der zweckmäßigſte Platz zum Aufbau eines Hauſes ſei, der beiden Anfor⸗ derungen entſprechen könnte und kam ſtets darauf zurück, daß der Platz, wo Ihr Reich ſeinen Anfang nimmt, am geeignetſten für die Anlage eines bequemen Wohnge⸗ bäudes ſei.“ Darum alſo wollten Sie mich vertreiben?“ fragte Giſela ſcherzend. „Nein, ſo weit hinaus darf ich mein Wohnhaus nicht verlegen, ſonſt fehlt mir der Ueberſichtspunkt. Tra⸗ gen Sie überhaupt keine Sorge, daß Sie beläſtigt wer⸗ den könnten durch die Nachbarſchaft. Ich laſſe nur die Rückfront gegen ihren Garten lehnen und werde mir dorthin keine Fenſter geſtatten. Die Vorderfront geht nach dem Fabrikhof hinaus und nur ein Seitenflügel dehnt ſich bis zu ihrem Hauſe. In dieſem Flügel richte ich Geſchäftszimmer ein, er wird, wie Ihr Haus, ein— ſtöckig werden.“——— Ein zutraulicher Austauſch bringt oftmals die Men⸗ ſchen erſt zur Erkenntniß, daß man ſich im Stillen für Jemand mehr intereſſirt, als man ſelbſt glaubte. Be⸗ trifft der Austauſch kleine Erlebniſſe, ſo öffnet er das Herz ſchnell und weit, füllt es mit Theilnahme und ket. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 9 aus meinem Aſyle tet zärtlich, was eben noch fremd einander gegenüber⸗ ſtand. Betrifft der Austauſch Ideen, die einen Einblick in das innere Weſen eines Menſchen geſtatten, ſo neigt ſich der Geiſt dem Geiſte, die Seele der Seele zu und ſtreuet den Samen tiefer und haltbarer Sympathie in das bewegte Innere. Betrifft der Austauſch jedoch Pläne für die Zukunft, ſo verwebt ſich Herz, Geiſt und Seele mit dem Gelingen deſſen, was noch geſtaltlos vor uns gelegen, als es zu unſerer Kenntniß gelangte. Hier feſſelt ſich das Intereſſe erſt Schritt für Schritt, mit dem Intereſſe wächſ't die Sympathie und unſere Theilnahme wird ſo groß, als wären wir ſelbſt Schöpfer der Pläne, die uns vor der Verwirklichung mitgetheilt wurden. Aehnlich er⸗ ging es Giſela, als ſie von Ely Koltrum geſchieden war und ſich ſeine Pläne in's Gedächtniß zurückrief. Er hätte gar kein glücklicheres Mittel finden können, ſie mit der neuen Eigenmächtigkeit zu verſöhnen, die er ſich zu Schul⸗ den kommen ließ. Unbeſtreitbar war es, daß er ohne ihre Genehmigung Pläne auf ihr Eigenthum entworfen hatte und er würde dieſe Pläne im Vertrauen auf ihre Güte auch unfehlbar hinter ihrem Rücken ausgeführt ha⸗ ben, aber ſo empörend rechtswidrig dieſe Handlungs⸗ weiſe blieb, ſie vermochte ihm nicht wieder zu zürnen. Durch das kurze, vertrauliche Geſpräch unter vier Augen fühlte ſie ſich dieſem Manne ſo nahe gerückt, daß es ihr ——————— ͤͤͤhͤſͤſͤſͤſͤſͤſ⁄— 127. bisweilen vorkam, als wären ſeine Projecte die ihrigen als handele er in ihrem Geiſte. Bis dahin hatte Herr Elias Koltrum außerhalb der Gränzen ihrer Theilnahme geſtanden. Das Materielle ſeines Strebens entfernte ihn von der ſtillen Gemüthlichkeit ſeines Bruders, die dieſen zu edeln Regungen erhob, ohne ſeine Thatkraft entwickeln zu können. Für Giſela's Gemüth gab das Stillleben des ältern Koltrum den vollen Reiz einer geiſtigen Be⸗ friedigung her und ſo lange ſie der Hinterliſt des jün. gern Koltrum abhold geweſen, kam ſie nie zum ernſten Vergleiche des Bruderpaares. Das änderte ſich, als ſie dieſe Schlauheit von der komiſchen Seite zu betrachten begann, als ihr Mißfallen daran verſchwand und einer Art Neugier Platz machte. Es reizte ſie zum Lachen, in ihm einer Annectionsſucht zu begegnen, wie ſie ſich unruhige Fürſten zu Schulden kommen ließen. Sie verglich ſein Verfahren mit der diplomatiſchen Schlauheit großer Männer, die ihren Zwecken zulieb kein. Mittel unrecht finden. Er ahmte im Kleinen nach, was ſeit Jahrhunderten von der öffent⸗ lichen Meinung geheiligt war. Er gab für das, was er nicht käuflich erwerben konnte, größere Räumlichkeiten her, opferte willig Eigenthumsrechte auf andere Flecke, um ſich Strich für Strich das ihm nöthige Terrain zu erobern. Er hatte ſie in ſein Vertrauen gezogen, er hatte ſie um Erlaubniß gebeten, aber erſt als Alles fertig in ſeinem Geiſte geworden war. Was würde er gethan haben, wenn ſie ihm ihre Erlaubniß verweigert hätte? Einmal heimiſch in ſeinem Ideenkreis, beantwortete ſie ſich die ſe Frage mit der Ueberzeugung, daß es ihm dennoch ge⸗ lungen ſein würde, ein Auskunftsmittel zu finden, um ſei⸗ nen Willen durchzuführen. Ganz derſelben Meinung war Lyſanne, der ſie ſo⸗ gleich die neuen Eroberungsgelüſte ihres Oheims mit⸗ theilte. „Ich erwarte gar nichts Anderes, Fräulein Giſela,“ antwortete ſie heiter,„als daß Sie eines Tages obdach⸗ los umherirren und ich werde meine Mutter veranlaſſen, vorſorglich eine Wohnung in unſerm Hauſe bereit zu halten, damit Sie unſer armes Dorf nicht ganz und gar verlaſſen.“— Giſela war im Begriff ihr zu verſichern, daß Ely ein Verſprechen geleiſtet, ihr Haus nicht durch Speeula⸗ tionen an ſich zu ziehen, aber eine ſeltſame Scheu ver⸗ hinderte ſie, ſeine Worte zu wiederholen. Die Erinne⸗ rung daran berührte ſie wohlthuend und es war gewiß charakteriſtiſch, daß die naive Wärme, die in ſeiner Er⸗ klärung gelegen, ſie tiefer beglückte, als die Huldigungen der eleganteſten Männer es je vermocht hatten. Sollte er ihr ſpäterhin Schlingen zu legen geneigt ſein, ſo war 4 2 — es, nach ihrer Meinung beſſer, ſeiner momentanen Güte nicht Erwähnung zu thun, da ſie den Glauben an die Ehrlich⸗ keit ſeines Willens durch nichts aufrecht halten konnte. So ſcharfſinnig ſie ſonſt zu urtheilen vermochte, über das Innere dieſes Mannes, der ſich titanenartig durch die Verhältniſſe ſeiner kleinen Welt arbeitete, ſchwebte ſie im Dunkel. Die Symptome, welche ſein Gemüth zu verrathen fähig waren, änderten ſich ſo ſchnell, daß ſich daraus ſein Gemüthszuſtand nicht ſicher erkennen ließ. Giſela begnügte ſich aus dieſem Grunde mit beifällig ironiſchem Lächeln zu erwiedern: „Herr Ely Koltrum iſt allerdings ein ſehr gefährli⸗ cher Nachbar und ſeine Unerſättlichkeit im Geſchäftsleben, die Unruhe der Vergrößerungs⸗ und Verbeſſerungsſucht, die ihn zu peinigen ſcheint, macht ihn zum Egoiſten.“ „Ja, inſofern Sie ſeinen Geſchäftskreis bezeichnen,“ fiel Lyſanne lebhaft ein,„aber im Privatleben iſt er ein anderer Menſch. Für fich hat er keine Zeit, für ſich hat er kein Geld, für ſich iſt ihm nichts Bedürfniß. Sie ſollten ſeine Wohnung ſehen! Ein Paar große, öde, dunkle Gemächer mit den Möbeln ſeines Groß⸗ oder Urgroßvaters, ohne Gardinen, ohne Putz und Bequem⸗ lichkeit. Mein Vater nennt dieſes alte, von den hohen Fabriksgebäuden gleichſam eingeſchachtelte Haus nicht an⸗ ders, als die Tonne des Diogenes.“ 130 Giſela hatte ſie ſehr uͤberraſcht angeſehen.„Haben Sie denn nie das kleine Haus bemerkt, das ſeitwärts, neben den Pferdeſtällen und Wagenſchuppen ſteht?“ fügte das junge Mädchen hinzu. Giſela ſchüttelte mit dem Kopfe. „Auch darin weichen alſo die beiden Brüder von einander ab,“ ſagte ſie zerſtreut.„Ihr Vater liebt augen⸗ ſcheinlich eine zierliche, elegante und dabei doch praktiſche Hauseinrichtung, Ihre Zimmer entbehren ſelbſt der netten Kleinigkeiten nicht, die einen guten Geſchmack verrathen und unſerem Daheim einen Reiz verleihen, welcher uns darin feſſelt. Oder iſt Ihre Mutter die Schöpferin die⸗ ſer geſchmackvollen Ausſtattung?“ „Bewahre!“ ſprach Lyſanne eifrig.„Meine Eltern haben für dieſe Sachen gar keinen Sinn. Onkel Ely hat unſer Haus ſo geordnet, wie Sie es ſehen— On⸗ kel Ely hat es für uns gebauet und eingerichtet. Dann hat er uns hineinverpflanzt und meine Mutter freund⸗ lich angewieſen, der Einnahme gemäß zu leben, die er uns geſichert hat. Onkel Ely ſorgt für Alles. Er kauft für den Vater die Bücher, für die Mutter und mich koſt⸗ bare Kleider und Putzgegenſtände— er ſchafft, er arbei⸗ tet für uns Alle— er kennt keine andere Freude, als die Fabrik, die mir zufallen wird, zu dem einträglichſten un ternehmen zu erheben.“ „Eine ſeltene Selbſtloſigkeit!“ entgegnete Giſela ——— — ſehr leiſe. Ihr Onkel muß Sie ſehr lieb haben, es müſſen ihn wohl noch andere Gründe zu dem Streben und Schaffen anſpornen— welcher Mann wäre wohl im Stande, täglich ſein Leben zu opfern ohne die Aus⸗ ſicht auf eine beglückende Vergeltung. Haben Sie nie darüber nachgedacht, Lyſanne?“ Das junge Mädchen ſah ſie mit ehrlicher und offener Freundlichkeit an. „Nachgedacht habe ich noch nie darüber, Fräulein Giſela, aber glauben Sie nur nicht, daß ich undankbar bin, weil ich meinem Onkel mancherlei nachſage. Ich weiß es von Kindesgebeinen an nicht anders, als daß er unſer Ernährer iſt; aber das Geld, womit er wirth⸗ ſchaftet und das Grundſtück, worauf er ſeine Unterneh⸗ mungen gründete, iſt meines Vaters Eigenthum.“ „So iſt Herr Ely Koltrum nur der Verwalter Ihres väterlichen Vermögens?“ fragte das Fräulein.„Ihr Vater iſt vom Geſchäft zurückgetreten?“ „Nein— die Fabrik hat Ely ganz allein angelegt — das Geſchäft hat er ſtets ganz allein geführt.„Mein Vater gab ihm die Erlaubniß zu thun, was er wollte.“ „Eine ſeltene Brüderlichkeit— ein fabelhaftes Ver⸗ trauen, das ich nach weltlichen Begriffen unklug nennen würde. Wenn Sie ſich nun verheirathen möchten, das 132 ——=ͤͤ heißt, mit einem andern Manne, als mit Herrn Ely Koltrum, verheirathen möchten.“ Lyſanne wendete ſich ganz zu dem Fräulein herum und ſchaute ſie mit komiſcher Beſtürzung eine ganze Mi⸗ nute ſtarr an.„Denken Sie, daß ich meinen eigenen Onkel heirathen könnte?“ fragte ſie. „Sein Betragen, ſein opferfreudiges Walten und Wirken läßt aber darauf ſchließen, daß er einen ſolchen Lohn im Stillen erwartet,“ ſprach Giſela kaltblütig, ihren. 7 Blick in Lyſanna's Auge ſenkend. We ie gehofft hatte, dort dem aufblitzenden Funk jähen Herzenser kenntniß zu begegnen, ſo irrte ſie. Nichts als der flackernde Frohſinn einer kindlichen Verwunde rung ſtrahlte in dem klaren, ſchönen Auge und ihr helles, friſches Lachen mußte auch den mißtrauiſchſten Menſchen überzeugen, daß in ihrem Herzen nicht ein Funken von Leidenſchaft glimmte. „Nein, Fräulein Giſela, darin ſuchen Sie ſeine un⸗ veränderte opferbereite Güte nicht. Daran denkt Onkel Ely gar nicht. Es iſt ihm Gewohnheit geworden für uns zu ſchaffen und zu wirken und die Genugthuung, ſein eigenes Werk in dem Fabrikunternehmen anbeten zu können, iſt ihm ein ausreichender Lohn. Er hat ſchon mehr⸗ mals angedeutet, daß er mich am liebſten mit einem 9 tüchtigen, ehrenwerthen Kaufmanne zu verheirathen wünſcht, der ihm eine Art Compagnon werden könne. Allein— — ö — — 133 ich habe meinen Vater als Unteiſtützung zur Seite, wenn ich ihm erkläre, daß ich mich nicht verhandeln laſſen will.“ Giſela nickte beiſtimmend mit dem Kopfe.„Um Alles in der Welt nur keine Heirath um äußerer Verhältniſſe willen. Erſt muß das Herz ſprechen, meine liebe Ly⸗ ſanne!“ ſagte ſie mit einer gewiſſen Feierlichkeit, brach jedoch ſchnell ab und ging zu den Verabredungen über, die ihre bevorſtehende Reiſe nöthig machten. Plaudernd betraten ſie dann das Haus, in dem es Giſela ſo übkr⸗ aus wohl gefiel und es ſchien Lyſannen, als betrachte ſie mit erhöhter Aufmen inkeit jeden einzelnen Gegen⸗ ſtand, der die harmoniſche Einrichtung dieſes hübſchen Hauſes vervollſtändigte. Spät am Abend ſchlüpfte das junge Mädchen noch⸗ mals hinaus auf die Terraſſe. Giſela hatte ſie mit der ſcherzhaften Ermahnung verlaſſen, ſich das Bild der Hei⸗ math feſt in die Seele zu prägen, damit die frivolen Freuden der Welt ſie nicht verlocken könnten, der Hei⸗ math ganz zu entſagen. Da ſtand ſie nun im Sternen⸗ flimmer, ganz allein und einer unbekannten Wehmuth hingegeben, die von der freudigen Erwartung einer glän⸗ zenden Reihe von Vergnügungen nicht unterdrückt wurde. Noch wehten rauhe Lüfte und geſpenſtiſch ſtarrten die blätterloſen Bäume im Zwielicht ſie an. Eintönig rauſchte der Strom und auf der Waſſerfläche ſchaukelten ſich nicht 134 die leichten Boote, die von einem Ufer zum andern fröh⸗ liche Menſchen trugen, welche den Sommer zu nachbar⸗ lichen Beſuchen benutzten. Lyſanne ſenkte die Stirn gegen die Metallſäule, die den Baldachin des Plateau trug. Ihre Augen irrten ſtrom ab und ſtrom auf— das Wehe der Einſamkeit überkam ſie, mit dieſem Wehe aber auch die Romantik eines Schmerzes, der die ſtille Seligkeit ihres bisherigen Lebens heiligte und ſie unter den ſchützen⸗ den Zauber der Erinnerung ſtellte. In ihren Augen zit⸗ 3 terten Thränen, als ſie daran dachte, daß die Bäume und die Frühlingsgeſträuche blühen, daß die Nachtigallen ihr himmliſches Flöten beginnen, daß die Wieſen grünen und 4 die Weiden am Strome den Pfad mit ihrem lichten Grün ſchmücken würden, ohne daß ſie eine Zeugin Alles deſſen ſei, was ſie jahrelang mit Entzücken erfüllt. Warum hatte ſie wohl dem Vorſatze Spielraum gegeben, dieſe einfachen Freuden einer Zerſtreuung zu opfern, von der ſie nur eine undeutliche Vorſtellung hatte, alſo höchſt un⸗ ſicher war, ob ſie Befriedigung darin finden würde. Sie muthete der Welt zu, ſie glücklich zu machen, ohne dar über klar zu ſein, was ihr eigentlich zu ihrem Glücke fehle. Jetzt am Scheidewege, wo die Morgenröthe des kommenden Tages das Thor einer neuen Zuknnft er⸗ öffnen ſollte, jetzt warf ſich das arme, ſtill traurige Kind die Frage auf, warum ſie nicht bleibe, wo ſie ſo unend⸗ 4 lich glücklich geweſen ſei. Es lag für das junge Mädchen ein Troſt darin, daß ſie wiederkehren werde, bevor die Roſen blüheten, daß ſie im Schatten der ſchwankenden Weidengeſträuche das Feſt der Wiederkehr feiern werde, daß die Nachtigallen noch nicht zu ſchlagen aufgehört hätten, wenn ſie oben unter dem Baldachin den Sonnen⸗ untergang zu belauſchen käme. Was ſie von dem Er⸗ wachen des Frühlings entbehren mußte, das wurde ihr 3 ja gewiſſermaßen tauſendfach erſetzt durch Genüſſe an— derer Art. Aber ihr Herz, einmal erweicht von der Trauer der erſten Trennung, warf wiederum ungeſtüm 4 die Frage auf, ob ſie auch glücklich wieder heimkommen, ob ſie Alles wiederfinden werde. Das Bild ihrer Eltern tauchte in ihr auf. Die beglückende Ruhe ihres häus- lichen Lebens entfaltete ſich in vollem Reize vor ihrer Phantaſie. Ihres Vaters wortloſe Zärtlichkeit, ihrer Mutter gütevolles Lächeln— würde ſie Beides wochenlang ent⸗ behren können? Und wenn dieſe einſamen Eltern ſich nach ihr ſehn⸗ ten, wenn ſie traurig die Stunden zählten, die ſie fern von ihnen war? Mit der Morgenröthe des kommenden Tages ſchloß ſich eine Schranke um ihren Willen. Sie konnte nicht zu den trauernden Eltern, um ihnen in flüch⸗ tiger Umarmung den Morgengruß und den Abendſegen auf die Lippen zu drücken.„O das Scheiden von lieben 136 Gewohnheiten iſt doch ſchwärer, als ich dachte,“ flüſterte Lyſanne und deckte beide Augen mit der Hand zu, als müſſe ſie den Thränen wehren, die darin perlten.„Der Glanz der frohen Feſte muß berauſchend auf mich wirken, wenn dieſer Kummer mich nicht frühzeitig zurückjagen ſoll in mein ſtilles Dorfleben. Die Tage liegen vor mir wie Berge, die ich überklettern muß und früher erſchienen ſie mir wie Roſengewölke, in denen ich leben und athmen A ſollte, um mit Entzücken mir des eigentlichen Lebensge⸗. nuſſes bewußt zu werden. Wäre nur der Abſchied erſt vorüber, wäre ich erſt in der Nähe meiner Freundin, damit ich all' dieſen Erinnerungen, die mich hier feſſeln J wollen, entzogen bin.“ Sie richtete ihren Blick in die er⸗ ſehnte Ferne. Träumeriſch weilte ſie nun bei der Luſt, die ihrer harrete. Die Gaukeleien der Phantaſie häuften Bilder anderer Art in ihrer Seele an. Die Schwere der Zeit hüllte ſich wieder in die verführeriſchen Roſenwolken und ihre Bruſt wurde von dem Bleigewichte der Trennungs⸗ ſchmerzen befreit. Der Strom rauſchte ja ſo eintönig — die Entwicklung der Natur war ja ſo langweilig— warum grämte ſie ſich denn? Wenn ſie für immer die Heimath verlaſſen müßte, dann, ja dann——. Und ihr Gedanke flog hinüber zu dem Manne, der ſo lange in der Fremde geweſen und doch wieder heim⸗ ——ÿ—ͦ—ͦ—ℳx;—— —— gekehrt war. Volkmar Oſterhof wollte in der Heimath leben, nachdem er die Freuden, die Schönheiten und die Wunderwerke der Welt gründlich kennen gelernt hatte. Lag darin nicht das Eingeſtändniß, daß es nirgends ſo anmuthig ſein konnte, als in der Heimath, als auf dem kleinen Fleck Erde, wo unſere Wiege geſtanden? Volk⸗ mar Oſterhof hatte jedoch über die Freuden, über die Schönheiten und über die Wunderwerke der Welt ſeine alten Freunde vergeſſen. Man ſprach im Dorfe davon, daß er vornehm geworden ſei, daß er den Edelmann ſpielen und ſich in eine adelige Familie hineinheirathen wolle. Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über Lyſannens Antlitz. Sie begriff die Veränderung im menſchlichen Gemüthe nicht, weil ſie ſich ſelbſt für unwandelbar hielt. In dem friſchen, erſten Frühlingsleben ihrer Jugend ſtehend, galt ihr die Treue in der Liebe und Freundſchaft als das höchſte in allen Sitten- und Tugendlehren. Sie würde es ſich nie verziehen haben, wenn ſie den jungen Volk⸗ mar Oſterhof aus ihrem Andenken verbannt hätte. Daß er es gethan, rechnete ſie ihm zwar nicht gerade als Sünde an, aber er verlor in ihren Augen allen Werth. Sie glaubte weit ſchneller an Alles, was die Dienſtleute Oſterhof's großprahleriſch verbreiteten, als wenn ſie die Erfahrung nicht gemacht hätte, die ſie von ſeiner totalen Sinnesänderung überzeugen mußte. Schon waren die — 138 Tage zu Wochen geworden und Herr Volkmar hatte das Haus ſeiner alten Freunde Koltrum nicht betreten. Sie gedachte in der Einſamkeit ihrer Wehmuth auch ſeiner, aber nicht mit der kindlichen Güte, die das Grund⸗ element ihres Charakters war. Nein, nachdem ſie Tage⸗ lang mit ſtiller Sehnſucht der Minute geharrt hatte, von ihm als eine Jugendfreundin begrüßt zu werden, wendete ſie ſich grollend von ihm ab und verbannte mit einem Anfluge von Trotz ſein Bild aus ihrer Phantaſie. In der feierlichen Stille des Abends ſtahl es ſich ganz un⸗ vermuthet wieder in ihr Gedächtniß zurück. Sie wußte nicht, daß ſich ihr Spottlächeln allmählig legte, daß es zu einem lieben, gütigen Lücheln überging, daß es zuletzt, wie eine traurige Freundlichkeit, ihr Geſicht verklärte, indem es den Sieg der innern Herzenswärme verkündete. Der Strom rauſchte ſo eintönig und dennoch ſchienen ihr liebliche Melodien daraus entgegen zu ſchwellen— Volkmar hatte ſie ſo oft gefragt:„Wollen wir in meiner Jolle an's andere Ufer fahren?“— Sie hatte ſtets be⸗ reitwillig ihren Platz auf dem Bänkchen der Jolle einge⸗ nommen— ſie hatte nie gezittert, wenn der furchtloſe, kecke Knabe ſein Segel vom Winde aufblähen ließ, denn Volkmar ſah ſie mit ſeinen ernſten, ſprechenden Augen an und ſagte beruhigend:„Fürchte Dich nicht— ich kann ſchwimmen! Fallen wir in's Waſſer, dann rette ich — ——— ſehen. Ein Kätzchen, das dem 139 Dich!“— Und wenn der Frühling kam, deſſen Ent⸗ wickelung ſie langweilig finden wollte— nun, dann waren ſie Beide täglich hinabgeſprungen nach dem Weidenge⸗ büſch, um zu ſehen, ob die Weidenblüthen, die man „Schäfchen“ in der Gegend nannte, noch nicht aufge⸗ brochen und um zu prüfen, ob die Pfade zwiſchen den Buhnen noch nicht zu paſſiren waren. Volkmar Oſterhof hatte das Alles vergeſſen und doch war es ſo hübſch daran zurück zu denken. Lyſanne ſchaute mit ſanfter Trauer nach der zertrümmerten Ziegelei, wohin ſie wall⸗ fahrteten, um von der Ziegelmeiſterfrau Schafmilch zu erbitten. Späterhin war ſie allein dorthin gegangen— jetzt war auch das vorbei! Das Weh ihres Herzens kehrte plötzlich wieder. Es war ihr zu Muthe, als müſſe ſie den rufen, der aller dieſer Freuden vergeſſen, als müſſe ſie ihn daran mahnen, wie kindlich glücklich ſie geweſen, ehe die Terraſſen mit Blumen und eiſernen Geländern geſchmückt waren. Am graſigen Bergabhange waren ſie hinabgerutſcht— Volkmar ſchämte ſich deſſen jetzt ganz gewiß.— Weit über das eiſerne Gitter hin⸗ weg lehnte ſich Lyſanne und ſchaute hinab. Dort unten regte ſich etwas. Sie hatte es ſchon ein Mal gehört, aber in der Gedankenfluth unbeachtet gelaſſen. Jetzt ſchärfte ſie ihre Sinne. Alles blieb ſtill. Nichts war zu ſchlafenden Vögelchen nach⸗ 140 geſtellt oder ein umherſchleichender Hund konnte das Ge⸗ räuſch verurſacht haben Eine kleine Weile horchte das junge Mädchen und blickte ſcharf auf den Pfad, der ſich unter der Terraſſe zum Strome hinabſchlängelte. Der helle, mit Sternen beſäete Himmel überwölbte den Abhang ſo, daß nicht die dichte Finſterniß der Nacht darauf ruhete und die ſchim⸗ mernden Wellen des raſch fließenden Fluſſes warfen die flimmernden, zuckenden, blitzenden Sternenlichter reflec⸗ tirend durch die Luft, daß ſie mit ihrem Glanze die Dunkelheit zur lichtern Dämmerung machten. Lyſanne ſah aber nichts, Lyſanne hörte auch ferner nichts. Und dennoch zog ſie ſich plötzlich, wie von einem Furchtſchauer getrieben, haſtig vom Geländer zurück, breitete mit einem tiefen, tiefen Athemzuge die Arme abſchiednehmend über die Gegend hin und floh ſcheu dem Hauſe zu. Kaum hatte ſie das Plateau verlaſſen, ſo entwickelte ſich aus dem Schatten der Haſelbuſchſtauden, die tiefer unten eine Einfaſſung der Terraſſen bildeten, ein Etwas, das jedenfalls ſchon lange dort unten regungslos ge⸗ weilt hatte. Die ſchlanke hohe Geſtalt Volkmars wurde dann ſichtbar. Sie zeichnete ſich vollkommen erkennbar gegen den klaren Himmel und den hellen Strom ab. Der junge Mann ſchien ſich dieſes Umſtandes vollſtändig bewußt zu —— ——— 141 ſein, denn er ſchlüpfte eilig über den Terraſſenweg und verlor ſich in den ſchmalen, vom Haſelnußgebüſch ver⸗ deckten Pfad. Hier erſt ſtand er ſtill und richtete ſeine Aufmerkſamkeit nach oben. Dort blieb Alles ruhig, nach⸗ dem ſich hinter Lyſanne die Thür geſchloſſen hatte. Volkmar ſchritt feſter weiter hinauf, bis er ſich dem Landhauſe, das einige hundert Schritt zurückſtand, ge⸗ genüber befand. Hier blieb er abermals ſtehen. Sein Blick hing an den hell erleuchteten Fenſtern, die weder von Läden, noch von dichten Vorhängen geſchirmt waren. Wie ſo friedlich, wie einladend lag das Haus hinter den Eine große Lampe neuerer Conſtruction mußte in dem Zimmer rechts brennen, denn ein Strom von Licht ergoß ſich von dort aus durch die leichten Gardinen, die in geſchmackvoller Draperie die Fenſter umhüllten. Links leuchtete ein kleinerer Schein. O, Volkmar wußte es ja, daß dort der Freund ſeiner Jugend, der väterliche Freund, welcher ihm die Bahn des Wiſſens unendlich erleichtert hatte, raſtlos forſchte und ſtudirte. Er wußte, daß dort ein Mann, gleich den Berühmteſten ſeiner Zeit klug und gelehrt, ganz einfach lebte, ohne auf Ruhm, Ehre und Auszeichnung Anſpruch zu machen. Seine Verehrung für dieſen ſtillen Weltweiſen war durch Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 10 den Verkehr mit der Welt eher geſtiegen, als vermin⸗ dert. Er hatte durch Vergleiche erkannt, welch' ein Fond von Wiſſen in dieſem Manne ruhete, der in Beſchei⸗ denheit den Schatz ſeiner Kenntniſſe nur dann öffnete, wenn er von Außen gleichſam dazu gezwungen wurde. Was an dem guten Herrn Tobias Koltrum als ein Feh⸗ ler erſchien, die Feigheit nämlich, die er jedem Lebens⸗ kampfe gegenüber zeigte, das verklärte ſich in der Phan— taſie des jungen Volkmar Oſterhof im Momente dieſer nächtlichen Charakterſchau. Er trat noch näher an das Gitter, das den Ter⸗ raſſengarten umſchloß. Schärfer noch heftete er ſein Auge auf das Haus, welches ihm ſo viel Intereſſe ein⸗ flößte. Als wolle er das Innere desſelben mit Forſcher⸗ blicken durchbohren, ſo unverwandt hielt er ſeine Auf⸗ merkſamkeit daran gefeſſelt. Wie thöricht von ihm, hier zu ſtehen, da es ihm doch frei blieb hinein zu treten und zu ſagen, daß er mit unverändertem Herzen heimgekehrt ſei! Warum zögerte er denn, ſeine alten Rechte auf die Freundſchaft derer geltend zu machen, die gütig ſeiner gewartet ſeit dem Tage ſeiner Ankunft? Warum ſcheute er ſich Beweiſe von Freundſchaft zu geben, die er doch empfand und die man von ihm fordern durfte? Er glich einem Kinde, dieſer ſtark gewaffnete, im Schooße der Welt gereifte Cavalier— er glich einem — Kinde, das ſeinen Willen durchſetzt, ungeachtet der Schmer⸗ zen, die es bedrohen. Seiner Handlungsweiſe lagen ver⸗ ſchiedenartige Anſichten zu Grunde. Eines Theiles war es ein gewiſſer Stolz, der ihn abhie mit den Gebrüdern K ſelbſtändig das lt, eher den Umgang oltrum wieder anzuknüpfen, bis er Werk, welches ſeine Geiſtesthätigkeit plötzlich ſtark in Anſpruch nahm, begonnen hatte. Man ſollte nicht glauben, daß er die Rathſchläge Ely's dazu nöthig befunden. Außerdem wollte er wiederum nicht vor Ely Kol⸗ trum erſcheinen, bis er mit allen Vorbereitungen zu ſeinem Werke im Reinen war. In den nächſten Tagen trafen gegen anderthalb hundert Erdarbeiter ein, mit 4 4 ihnen zugleich ein tüchtiger Ingenieur, der dem Plane Volkmar's zufolge dem Neuban der Ziegelei zuerſt die richtige Grundlage geben ſollte. Volkmar hatte etwas Großes vor. Er wollte ſeinen lieben Landsleuten impo⸗ niren, aber zugleich wollte er der Erde, die ihm von Gottes⸗ und Rechtswegen gehörte, einen hundertfach größern Gewinn zu entlocken ſuchen. . Dieſe beiden eben angeführten Gründe räumte er ſich willig ein, aber da ß im Hintergrunde ſeiner Seele ein Gedanke ruhete, der vielleicht ein Hauptgrund ſeiner Verzögerung war, daran zu denken und darüber nachzu⸗ denken vermied er gefliſſentlich. Unter dem unbeſtimmten 10* 144 Eindrucke, den die Perſönlichkeit des ſchönen Mädchens bei der flüchtigen Begegnung auf ihn gemacht hatte, regte ſich eine merkwürdige Scheu, ihren Namen mit dem ſei⸗ nigen im profanen Geſpräche verbinden zu hören. Gleich⸗ wie er die Anrufung Gottes im Weltverkehre für eine Entheiligung des höchſten Weſens betrachtete, ſo erſchien ihm die Manier, womit ſeine Eltern von ſeiner Heirath mit dieſem anmuthig reizenden Weſen ſprachen, plötzlich als eine Entwürdigung aller zarten Empfindungen im Menſchenherzen. Wie befremdlich ſchnell ſich ſeine An⸗ ſichten über dieſen Gegenſtand geändert hatten, deſſen war er ſich nicht ganz klar bewußt. Hätte man ihm eine Vorhaltung darüber gemacht, ſo würde er kaum daran geglaubt haben, daß es eine Minute in ſeinem frühern Leben gegeben, wo er dieſe Lyſanne mit großer Gleich⸗ gültigkeit als eine Dame betrachtet, die nicht in ſeine Pläne für die Zukunft paſſen werde. Klugerweiſe ver⸗ ſchloß er die zauberartige Veränderung ſeines Innern und entging dadurch gewiſſermaßen einer Selbſterkenntniß. Das Einzige, was er ſich in der belebtern Wärme ſeiner Phantaſie geſtattete, war ein Spaziergang im Beginne der Dämmerung, den er ganz ſorglos bis zur Dunkel⸗ heit ausdehnte und ſehr unſchuldig damit endete, daß er langſam den Hügel hinaufſtieg, wenn der erſte Licht⸗ ſchimmer in Tobias Koltrum's Arbeitszimmer entglomm. ——— 145 2 Bis er die Terraſſen erreicht hatte, brannte dann auch die große Lampe im Familienzimmer und er hatte dann wenigſtens die Freiheit Lyſanne ab und zu hinter den luftigen Vorhängen hin und her gehen zu ſehen. Zu ſeinem namenloſen Schrecken war ſie an dieſem Abende plötzlich zur Thür hinausgeeilt, um ſich dann auf dem Plateau in Träumereien zu verſenken. Es war Volkmar noch glücklich gelungen vom Gitter wegzuſchleichen und im Schatten der knospenden Haſelnußſtauden ein aus⸗ reichendes Verſteck zu erobern. Aber ſeine Situation war dennoch nicht beneidenswerth geweſen, da er ſo nahe vor Lyſanne poſtirt ſtand, daß ſie bei einiger Aufmerkſamkeit die Männergeſtalt im kahlen Strauchwerke ſehen mußte. Beklommen hatte er den Athem angehalten, um ſich nicht zu verrathen. Er ſchämte ſich der Unwürdigkeit ſeiner Lage und gelobte ſich, nach dieſem zweiten verunglückten Verſuch ritterlicher Kühnheit, den Weg, welcher in dies Revier führte, nicht eher wieder zu betreten, bis er mit Freimuth alte Freundſchaftsrechte geltend machen könne. Aber trotz der peinlichen Poſition vor dem Töchter⸗ chen des weiſen Toby Koltrum erlaubte er ſich doch eine ſcharfe Beobachtung dieſes holden Kindes, das im ma⸗ giſchen Dunkel vor ihm ſtand. Es gelang ihm durch die fortgeſetzte Uebung ſeiner Sehwerkzeuge in ihren Geſichts⸗ Zügen die alten, lieben, bekannten Linien zu entdecken und da das wenige geiſterhafte Licht des Sternenhim⸗ mels die feſtere Prägung der vollendeten Weiblichkeit nicht genügſam erhellte, ſo trat ihm zuletzt ihr Bild ſo vertraut entgegen, als habe er nur das engelhübſche, holdſelig ſanfte Kind vor Augen, das ſich ſtets ſtill mit ſeinen Thränen verſteckte, wenn er einen Schmetterling aufzuſpießen Miene machte. O, hätte ſie doch geahnt, was ſich unter dem An⸗ ſchauen ihres Angeſichtes in Volkmar's Erinnerung regte, wie ſich ſeine Gedächtnißkraft entwickelte, um geſchäftig die kleinen, lieblichen Freuden der Jugendzeit mit präch⸗ tigen Farben zu übermalen. Ihr mußte aber nichts ferner liegen, als die Idee, daß der kalte, ſtolze Weltmann in⸗ nerlich erwärmt ſein könne und nur des Augenblickes harre, der günſtig genug ſei, um ihn in ihrem Familien⸗ kreiſe vollſtändig wieder heimiſch zu machen. Hätte ſie die Bewegung ſeines Herzens erkannt, ſie würde unter den Jubelhymnen ihrer entflammten Phantaſie jeden Gedanken an eine Reiſe entfernt haben, die ſie von ihm trennte. Es lag im Rathſchluſſe Gottes, daß dieſe Ent⸗ fernung nicht verhindert wurde. Sie ſollte der Prüfſtein von Lyſanna's innerm Gehalt werden. Die Spuren des flüchtigen Wiederſehens verwiſchten ſich, bevor der Mor⸗ genſonnenſtrahl des Reiſetages ihre Abſchiedsthränen in 147 den Augen gelöſcht hatte. Sie gedachte ſogar im Laufe dieſes erſten Trennungstages ſchon mit keinem Gedanken mehr eines Mannes, der ſie im Weltgewühle vergeſſen hatte und die leichte Trauer um den verlorenen Jugend⸗ freund kühlte ſich ſchon vor der Ankunft bei ihrer Freun⸗ din Emma Warren ab. Fünftes Capitel. Nur der Macht des Geldes und des daraus ent⸗ ſpringenden Anſehens hatte es Herr Volkmar Oſterhof zu verdanken, daß ſich die Spottluſt der Dorfbewohner nicht bis zum Uebermuthe hob, als am nächſten Tage ein großer Trupp Arbeiter mit Hacken, Schaufeln und Spaten ausgerüſtet am Ufer des Stromes aufmarſchirte und unter den Befehlen eines ſtattlichen Herrn, den ſie Herr Baumeiſter nannten, zu graben und zu karren be⸗ gannen. Alles, was geſunde Beine hatte, kam gelaufen und ſtellte ſich gaffend in der Nähe der zertrümmerten Zie⸗ gelei auf, in voller Spannung der Dinge wartend, die da kommen ſollten. Hie und da machte ſich der Volks⸗ witz Luft in kleinen Bemerkungen, die dann wohl von den Nächſtſtehenden belacht wurden, ſonſt aber hielt der Reſpect vor des Vollſpänners Oſterhof Sohn, der gleich 149 einem Prinzen das Obercommando zu führen ſchien, die vorlauten Burſchen und Knaben mehr im Zaume, als damals beim Bau der Koltrum'ſchen Fabrik. Rüſtig gingen aber auch die Leute an die Arbeit, die ihnen auf's genaueſte und zweckmäßigſte vom Bau⸗ meiſter vorgezeichnet wurde und es gränzte an's Wunder⸗ bare, was binnen Kurzem geſchaffen war. Stumm und ſtarr vor Erſtaunen ſtanden die Gaffer, welche am Mor. gen dem Beginn des Tagewerkes beigewohnt hatten, am Abend vor dem, was fertig vor ihnen lag. So etwas war ihnen noch nicht vorgekommen. Das ganze Ufer bis zur Bucht, wo die alte Ziegelei geſtanden, war total ver⸗ ändert. Statt des Uferrandes, der ſich nur wenig höher zog, wie die Wieſen, war eine wallähnliche Erhöhung entſtanden, die ſich dem Hügelrande anſchloß. Ein breiter tiefliegender Fahrweg, der von der Ziegelei auf bedeu⸗ tenden Umwegen zum Oſterhof'ſchen Gute führte, war verſchwunden und den abſchüſſig angränzenden Waizen⸗ feldern gleich gemacht. Starke Stricke, von einem Pfahle zum andern gezogen, bezeichneten die Linie, wo das Fun⸗ dament zu einer gewaltigen Kai⸗Mauer gelegt werden ſollte— genug die Leute blickten kopfſchüttelnd auf aller⸗ lei Anſtalten zu einem Bau, der ihren Begriffen nach einem wahnſinnigen Einfall gleich kam. Dabei mußten ſie aber doch zugeben, daß Alles wie 150 am Schnürchen ging. Die alte Ziegelei war nothdürftig zum Betriebe hergeſtellt und was an den Stellen, wo das brauchbare Material lag, gegraben wurde, das ſchaffte man dorthin, um es den Sachkundigen zur weitern Ver⸗ arbeitung zu überlaſſen. Es ging, wie geſagt, Alles mit fabelhafter Geſchwindigkeit, und die fremden Arbeiter, die ſich gleich einer Corporation maſchinenmäßig bewegten, ernſt und gemeſſen ihre Arbeiten verrichteten und dabei wenig Luſt zu unnützen Plaudereien bezeigten, erſchienen beinah als die Geiſter eines Zauberers, der die Macht hatte:„Es werde!“ zu ſprechen. Einige Tage reichten hin, den guten Karl Traugott Oſterhof, der wie ein grollender Löwe unter den Leuten umherſtolzierte und jedes Spottlächeln durch einen grim⸗ migen Blick zu dämpfen ſuchte, mit den Ideen ſeines Sohnes zu verſöhnen und ihn zu der charakteriſtiſchen Aeußerung gegen ſeine Frau zu veranlaſſen: „Gottlob, liebe Alte— das wird was Ordentliches! Jetzt kommen wir wieder über den Ely Koltrum!“ „Haſt Du ſo große Furcht gehabt, daß es nichts würde?“ fragte die Frau.. „Heilloſe Furcht, liebe Alte! Nicht des Geldes we⸗ gen— des Auslachens wegen. Ich hatte gar keinen Be⸗ griff von dieſen Erdbauten, wie es unſer Baumeiſter nennt, weil hier noch keine Eiſenbahn gebauet iſt, aber 151 ich habe ſchon jetzt alle Achtung vor Volkmar's Plänen.“ An dieſem Tage hielt es auch Volkmar für gerathen, nun endlich einen Beſuch bei ſeinen alten Freunden, den Gebrüdern Koltrum zu machen. Als er ſich zu ſeinem Gange nach der Fabrik rü⸗ ſtete, wählte er mit großem Bedacht diejenige Tageszeit, wo er hoffen durfte, Herrn Ely zu einer Beſichtigung ſei⸗ nes begonnenen Baues bereden zu können, um damit zu⸗ gleich Gelegenheit zu erhalten, die Förmlichkeit der noth⸗ wendig gewordenen Entſchuldigungen ſeines verzögerten Beſuches abzuſchneiden. Wie viel bei dieſem überlegten Entſchluſſe auf das Klopfen ſeines Herzens zu rechnen war, muß unerörtert bleiben. Er glaubte ſich das Zu⸗ ſammentreffen mit Lyſannen zu erleichtern, wenn er als ein vielfach beſchäftigter, von wichtigen Gedanken zer⸗ ſtreuter Mann auftrat und darin eine Entſchuldigung für ſeine ſeltſame Begrüßung finden ließ. Volkmar war ſeit Jahren nicht in der Fabrik gewe⸗ ſen und er hatte ſich durch die Erweiterung derſelben zu dem Wahne verleiten laſſen, daß auch innerhalb derſelben für eine ſtandesmäßige Wohnung des Fabrikherrn geſorgt ſein werde. Um ſo mehr wurde er überraſcht, als er Ely noch im alten Wohngebäude des Frieſenhofes fand, in derſelben Ausſtattung, wie ſein Vater es den Söhnen hin⸗ terlaſſen hatte. 152 Ely nahm ihn herzlich auf. Sein biederes Weſen ſtand ganz im Einklange mit der alten Einrichtung ſei— nes Wohnſitzes und Hausweſens. Auch er war unver⸗ ändert geblieben. Was die fortſchreitende Bildung ſei⸗ nes Geiſtes an ihm verwandelt hatte, das betraf im Grunde ein äußeres Formenweſen, das ſich nur in ge⸗ wiſſen Fällen geltend machte. Erfreut von Volkmar's Be⸗ ſuch, intereſſirt von den Ideen, die dieſer junge Mann durch ſein Leben im großen Weltverkehre eingeſogen, vertiefte er ſich ſogleich in Fragen und Forſchungen, die eine eben ſo lebhafte Erwiederung fanden. Volkmar hatte gar keine Gelegenheit ſich ſeiner Nachläſſigkeit gegen ihn anzuklagen. Eine Andeutung darüber wies Ely lachend ab.„Wir ſind hoffentlich keine Leute, die ſich von alber⸗ nen Convenienzen irren laſſen!“ ſagte er. Volkmar fühlte ſich beſchämt und drückte die Hand kräftig, die ihm ge⸗ boten wurde. „Sind Sie ſchon drüben beim Toby geweſen?“ fragte Ely abſichtslos. „Von hier aus wollte ich zu ihm. Ich denke, wir ſteigen zuſammen hinab und betrachten uns die Anlage des Kai,“ antwortete Volkmar. „Tobh ſteigt keinen Schritt deshalb hinab,“ ſagte Ely lachend.„Er ſitzt mehr, als je zwiſchen Büchern. Ich glaube, er hat im Sinne, einen Commentar zum Hum⸗ ————— 153 boldt'ſchen Kosmos zu ſchreiben, Buch und vergleicht es mit ein ſo begierig ſtudirt er das em alten, verräucherten Werke, das er früher einmal aufgeſtöbert hat. Uebrigens intereſſirt er ſich für Ihren Bau. Er legt ſein Fernrohr öfter an, als ſonſt und ſagte mir geſtern Mittag, daß er Lyſannen geſchrieben,„hier finge man an„Berge“ zu bauen.“ Volkmar horchte ſcharf auf. Lyſannen geſchrieben? Hatte er denn recht gehört? Zu fragen wagte er nicht. „Es iſt ſchade, daß Ihr Bruder ſein Wiſſen ſo ver⸗ gräbt,“ erwiederte er zerſtreut.„Ich bin vielen gediege⸗ nen Männern auf meinen Wegen begegnet, allein noch nie Jemandem, der ſo feſt und ſicher in ſeinen Kenntniſſen iſt. Ein wahres Lexikon in allen Branchen.“ „Er iſt zu feige, um herauszutreten. Er läßt ſich's genügen mit der Anbetung ſeiner Frau, ſeiner Tochter, und eines Fräulein Ilow, das jetzt ſich ſeinen Hausge⸗ noſſinnen zugeſellt hat.“ Ely ſprach die letzten Worte merklich zögernd, nahm auch Veranlaſſung ſeine Cigarre zu betrachten und, ob⸗ wohl ſie tüchtig qualmte, ſie dennoch mit einigen Zügen in hellere Gluth zu bringen. Volkmar merkte nichts von dieſer kleinen Verlegen⸗ heit, die jedenfalls nur dadurch entſtanden war, daß er zum erſten Male gegen einen andern Menſchen von dem Fräulein geſprochen hatte. „Ich kenne Fräulein von Ilow,“ ſchloß Volkmar der Rede Ely's nach kurzem Bedenken an.„Sie lebte in der Stadt, wo ich Student ſpielte. Sie war ſehr ſchön— iſt ſie es noch?“ Verwundert blickte Ely Koltrum ſeinen jungen Freund an.„Schön?“ wiederholte er ſehr langſam,„ſchön iſt Fräulein von Ilow nicht.“ „Sie mag verblüht ſein,“ fiel Volkmar verlegen ein, denn er gedachte ſeiner Idee, dieſe Dame zur Hebung ſeiner bürgerlichen Stellung zu benutzen.„Damals, vor ſechs Jahren etwa, ſtand ſie in voller 2 Blüthe und galt für das ausgezeichnetſte Mädchen der feinen Geſellſchaft. Sie war Meiſterin in allen ſchönen Künſten, malte vor⸗ trefflich, ſpielte und ſang hinreißend ſchön—“ “ unterbrach ihn Ely ein klein wenig zu lebhaft,„ja ſie ſingt und ſpielt wunderſchön, aber weiter weiß ich auch nichts von ihr— weiter intereſſirt mich nichts von ihr.“ „Sind Sie denn muſikaliſch?“ fragte Volkmar. „Bewahre! Ich höre bisweilen gern zu, wenn Mu⸗ ſik gemacht wird, ſonſt iſt nicht eine Ader von Muſik in mir, junger Herr. Ich habe zu dergleichen Vergnügungen nie Zeit gehabt. Sie müſſen nicht vergeſſen, was für „nu— 155 mühſelige Wege ich habe wandeln müſſen, bevor ich zu der Stelle gekommen bin, wo ich jetzt ſtehe. Sie, mein junger Freund, ſchaffen aus einem vollen Beutel— aber ich beneide Sie nicht deshalb. Das iſt die einzige Poeſie meines Lebens, daß ich mit Sorgfalt einen Stein zum andern getragen habe, bis ich zum Ziele gekommen bin.“ „Etwas von dieſer Poeſie werde ich mir auch zu verſchaffen ſuchen,“ ſprach Volkmar lachend.„Ich habe nie Luſt verſpürt mich in die Wolle zu ſetzen, die meine Vorfahren haben ſcheeren laſſen. Der Widerwille gegen dieſen Schlendrian des Lebens hat mich ſogar eine Zeit⸗ lang auf widerſinnige Ideen gebracht. Daß unſere Zie⸗ gelei vom Eisberge zertrümmert worden iſt, ſcheint zu mei⸗ ner Rettung geſchehen zu ſein. Davon ſpäter mehr. Ich denke, es ſoll kein Rückſchlag wieder eintreten.“ „Nur nicht Rückſchlag—“ rief Ely eifrig.„Vor⸗ wärts, ſelbſt auf Gefahr eines Riſiko— nur nicht zurück — lieber untergehen! Uebrigens liegt ſelbſt im Still⸗ ſtand eine drohende Lähmung, junger Freund. Bin ich einmal vier und zwanzig Stunden ganz zufriedengeſtellt, ſo überkommt es mich, wie Bangen und ich ſuche nach Verbeſſerungen.“ „O weh! da könnte die Verbeſſerungsunruhe eines Tages zum Fehler, ja ſogar zur Untugend werden!“ ſprach Volkmar ſehr heiter. Ely blickte ſchnell auf zu ihm ———— „Meinen Sie?“ fragte er leiſe. Er gedachte Giſe⸗ la's Zorn. Es entſtand eine Pauſe. „Jetzt gehe ich mit Energie darauf los, mein Ge⸗ ſchäft direct mit der Stadt in Verbindung zu bringen,“ begann dann Ely ſo ruhig, als hätte er gar nichts in ſeinem Geiſte, als nur Geſchäftsideen.„Sie kennen wohl den jungen Warren noch von Ihrer Jugend her? Nein? Erinnern Sie ſich ſeiner nicht? Er iſt des Amtmannes Sohn aus Großgaden. Der Mann iſt ein ganzer Kauf⸗ mann, tüchtig und geſcheut, dabei ſo weit ehrlich, wie er als Kaufmann ehrlich ſein muß, offenherzig und zu allen dieſen guten Eigenſchaften kommt noch, daß er ungeheuer glücklich ſpeculirt. Seine Frau iſt des Paſtors Tochter aus Großgaden. „A-—hl er iſt ſchon verheirathet!“ unterbrach ihn Volkmar ſichtlich erleichtert. „Freilich! Seine Frau iſt Lyſanna's einzige Ju⸗ gendgeſpielin, zählt jedoch fünf Jahre mehr, als unſere Kleine. Theodor Warren hat ebenfalls mit wenig angefangen, wie ich. Sein älteſter Bruder bekam das Gut und er mußte für ſeines Lebens Bedarf arbeiten. Er wurde Kaufmann, etablirte ſich mit einem gewiſ⸗ ſen Edmund Roſſian, einem ganz verteufelt liebens⸗ würdigen, genialen Menſchen, der vier Jahre in Eng⸗ land und Frankreich und Italien geſtanden hat, aller — 157 Länder Handel und Wandel kennt und die Ausſicht hat einen ſehr reichen Verwandten zu beerben. Auf den Cre⸗ dit dieſes Mannes, mit einer unbedeutenden Erbſchaft gründeten beide junge Männer ihre neue Handlung und ſie blüht, nach kaum fünf Jahren, gleich den bewährteſten Firmen. Die Leute machen enorme Geſchäfte. Sie ver⸗ ſtehen einen Umſatz der Waaren zu bewirken, wie kein anderes Handlungshaus.“ „Sie haben ſchon Verbindungen mit dieſem Hauſe?“ fragte Volkmar, offenbar nur um doch etwas zu ſagen. „Ja. Nur verſuchsweiſe knüpfte ich an, als mir Warren, bei ſeinem letzten Beſuche, den er mit ſeiner ungen Frau hier machte, ſehr annehmbare Propoſitionen ſtellte. Gelingt dieſer Verſuch, ſo gehe ich raſch vorwärts. Jedenfalls habe ich den Vortheil von dieſem Verſuche, daß er mir eine neue Anſchauung des jetzigen Geſchäfts⸗ betriebes eröffnete, die ich ausbeuten werde.“ „Die Zeit hat im Handelsverkehr mächtige Verän⸗ derungen hervorgebracht,“ meinte Volkmar, noch immer etwas zerſtreut.„Der Dampf fördert den Umſatz. Schade, daß wir hier keine Eiſenbahn zu hoffen haben.“ „Pah! der Fluß macht ſie unnöthig,“ ſprach Ely. „Wenn mir mein neueſter Plan gelingt, ſo werde ich Rheder auf eigene Fauſt, dazu gebrauche ich aber auch neue Gebäude, ausgedehntere Raffinerie.“ Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 11 158 „Sie verkaufen meiſt als Melis?“ „Im Großgeſchäfte nur Melis. Es würde mir ein vermögender Compagnon allerdings erſprießlich ſein, allein, lieber junger Freund, ich huldige dem Prineipe Selbſt⸗ denken und Selbſthandeln.“ „Es glückt Ihnen auch allein am beſten,“ ſprach Volkmar gemüthlich.„Sie bauen ſchon wieder? Iſt die⸗ ſer Bau in Verbindung mit Ihren neuen Plänen zu bringen?“ „Theilweiſe. Dieſer alte Frieſenhof ſoll anderweit A benutzt werden. Ich muß für eine Wohnung ſorgen und — für einige Comtoirzimmer, da junge Kaufleute aus der Stadt ſolch' ein Comtoir, wie ich hier aufzuweiſen habe, nicht anſtändig finden. Herr Warren ſowohl als Herr Roſſian wollten berſten vor Lachen, als ſie hier waren.“ „Herr Roſſian war alſo ſchon hier? Iſt dieſer Herr verheirathet?“ fragte Volkmar ſehr beeilt. „Verheirathet noch nicht,“ entgegnete Ely mit eigen⸗ thümlichen Lächeln.„Er hat jedoch große Luſt dazu— wer weiß, was ſich ereignet. Frau Emma Warren hat nicht nachgelaſſen mit Bitten um Lyſanna's Beſuch, bis wir es unſerer Kleinen erlaubten hinzureiſen. Möglicher⸗ weiſe kommt ſie als Braut des hübſchen, liebenswürdigen und reſpectabeln jungen Mannes wieder heim. Mir ahnet 159 ſo etwas. Ich werde bei der Anlage eines Wohnhauſes ſtark auf dergleichen Zufälligkeiten Rückſicht nehmen. Nun aber iſt's genug geſchwatzt. Schweigen Sie vor der Hand über meine Conjecturen— mir ging das Herz ordentlich auf bei dieſem Ihrem erſten Beſuche. Es iſt etwas Eige⸗ nes im Bande, welches den Knaben zum reifen Manne zog und dieſen mit einem gewiſſen heiligen Intereſſe für ihn erfüllte. So etwas erſtirbt ſelten. Ich fühle es an mir, daß man ſolche Schützlinge und Schüler mehr liebt, als man denkt. Ich hoffe, wir werden in dem verſchieden⸗ artigen Kreiſe unſerer Wirkſamkeit prächtige Cameradſchaft halten. Nun kommen Sie hinab zu Ihrem Bauplatze.“ „Wollte Gott, ich hätte Sie gleich aufgeſucht,“ ant⸗ wortete Volkmar mit ſtark bedrückter Stimme. „Nun? Iſt's denn zu ſpät, daß Sie darüber ſeuf⸗ zen?“ fragte Ely lachend. Sie gingen. Ely führte ſei⸗ nen jungen Freund mit gerechtfertigtem Stolze durch ſein Revier bis zu der Brücke, die über die Straße zum Strome hinab, ſich wölbte. „Sehen Sie hier, Volkmar—“ rief er vergnügt, „auch ein Stückchen Tunnelbau, den ich den Eiſenbahnen nachgemacht habe.“ Volkmar, der mit geſunkener Laune ſeinem Führer gefolgt war, betrachtete ſich die Brücke mit Erſtaunen. „Wozu das?“ fragte er. 11* — ͦ3§— ——— 160 „Um nicht nöthig zu haben, meinen Weg nach To⸗ by's Eremitage über die Dorfſtraße zu nehmen. Bemer⸗ ken Sie denn nicht, daß der Frieſenhof links und das das neue Wohnhaus Toby's rechts von Fahrdamme liegt? Das war läſtig, das war unbequem, das war zeit⸗ raubend und unbehaglich. Ich ſetzte Alles in Bewegung, errang mir die Erlaubniß, den Fahrdamm des Dorfes hundert Schritte früher abwärts ins Feld zu leiten und machte mich dagegen verbindlich, einen Weg zum Waſ ſer anzulegen. Sie ſehen, das iſt geſchehen. Ich ließ meinen Hügelvorſprung durchſtechen, ließ dieſe Kluft über⸗ bauen und überbrücken, gewann an Raum, an Bequem⸗ lichkeit und ſtiftete dem Dorfe ſelbſt einen großen Vortheil.“ Sie überſchritten während dieſer Auseinanderſetzung die Brücke langſam und ſtanden dann, zurückſchauend, ſtill. Man überſah von hier aus ungefähr das Terrain, welches ſich Ely nach und nach zu eigen gemacht hatte. Das Plateau lag bekanntlich höher, als der ganze Ufer⸗ rand und Ely war befliſſen geweſen, dasſelbe noch der⸗ geſtalt zu erhöhen, daß man eine Art Ueberſicht des ganzen Etabliſſements gewinnen konnte. Volkmar war ſichtlich uberraſcht von dem Aublicke dieſes Häuſerknäuel, der im bunten Gemiſch und dennoch wohlgeordnet, Alles in ſich vereinigte, was zum Ge⸗ ſchäftsbetriebe in der Nähe ſein mußte. 161 „Ich ſtreiche die Segel vor Ihnen,“ ſagte er mit dem Tone aufrichtiger Bewunderung zu Ely, der mit verſtändiger Selbſtſchätzung in Blick und Geberde neben ihm ſtand.„Sie haben geleiſtet, was ſelten ein Einzel⸗ ner zu Stande bringt.“ „Nicht wahr, Volkmar?“ war des Mannes Ant⸗ wort.„Ganz allein mein Werk! Es iſt ein ſchöner beglückender Gedanke?“ „Schade, daß Sie nicht geheirathet, daß Sie nicht einen Sohn haben, der in des Vaters Fußtapfen treten könnte! Schade, wenn dieſe große Schöpfung eines flei⸗ ßigen und beſtrebſamen Mannes in Hände fiele, die un⸗ geſ chickt in das Triebwerk griffen und es zerſtörten.“ Ely ſah ihn groß an.„Wie kommen Sie auf dieſe Idee, junger Freund?“ fragte er ernſt. „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Volkmar nicht ganz ehrlich, denn er wußte es wohl, daß die Befürchtung ihm die Bemerkung auf die Lippen gelegt, Roſſian könne von Lyſanna's Hand als Herrſcher in dieſe Räume geführt werden.„Gedanken der Art ſind übrigens wohl natür⸗ lich,“ ſetzte er mit gemüthlicher Schmeichelei hinzu,„wenn man die ganze Macht einer Schöpfung in der Hand eines Menſchen weiß, der nicht leicht erſetzt werden kann.“ Herr Ely Koltrum ſchien wirklich noch nie daran ——————— 162 gedacht zu haben, daß er hier eines Tages fehlen und entbehrt werden müſſe. Nachdenklich ließ er ſein Auge über die ganze Fabrik ſchweifen und ſagte halblaut:„Ja, ja, Volkmar, der Menſch iſt ſterblich und wenn ich mit meinen fünfundvierzig Jahren auch noch lange Ausſicht zum Leben haben könnte, ſo iſt und bleibt es doch frag⸗ lich, ob ich über's Jahr noch lebe. Es ſollte mir leid thun, um meinetwillen um der ſchönen Projecte willen, die ich noch im Kopfe trage,“ ſchloß er mit heiterm Gleichmuthe. „Denken Sie doch lieber an's Heirathen, als an Sterben,“ neckte ihn der junge Mann. Eine helle Röthe ſchoß über Ely's Geſicht.„Ich ſollte jetzt noch heirathen?“ rief er ſpöttiſch.„Vielleicht ein Stadtdämchen mit Crinoline, Ungarhütchen und Schleppkleide? Nein, Freund Volkmar, als Narr möchte ich die Erde denn doch nicht verlaſſen.“ „Es gibt viele vernünftige Mädchen, die den ſtatt⸗ lichen Fabrikherrn Koltrum mit Freuden als Gatten an⸗ nähmen,“ beharrte Volkmar. „Wirklich? Glauben Sie das? Nun wohl, mein Theurer, laſſen Sie mich einrücken in's Kreisblatt, ſchrei⸗ ben Sie für mich ein Heirathsgeſuch, ungefähr folgenden Inhaltes—“ Volkmar hielt ihm lachend den Mund zu.„Soll 65b 1 163 geſchehen, ſoll geſchehen. Gute Behandlung iſt doch der Dame ſicher?“ Ely nickte ſtatt der Antwort und die beiden Män⸗ ner traten im beſten Humor den Weg nach Toby's Ere⸗ mitage an. Herr Toby Koltrum ſaß und ſchrieb. Seine Gat⸗ tin, die ſeit Lyſannens Abreiſe ſtets in ſeinem Studier⸗ zimmer weilte, um der traurigen Einſamkeit aus dem Wege zu gehen, blickte von ihrer Nähterei auf, als die Schatten der beiden Kommenden das Fenſter ſtreiften. 8 „Volkmar Oſterhof,“ ſagte ſie ſanft, um ihren Mann aufmerkſam zu machen. „Volkmar kommt? Ach der liebe Junge!“ erwie⸗ derte Herr Toby, indem er ſich lebhafter, als ſonſt, vom Arbeitsſeſſel erhob.„Willkommen daheim!“ rief er dem jungen Manne entgegen. Dieſer ergriff ſchnell Frau Magdalenens Hand, küßte ſie und umſchlang dann mit beiden Armen den Mann, der ihn ſo unendlich liebevoll begrüßte. Er verdiente dieſe Güte nicht und es drängte ihn vollſtändig, dies einzugeſtehen. Man ließ ihm gar keine Zeit dazu. „Was wollen Sie da bauen?“ fragte Toby lachend anf die Wieſen hinab deutend. 164 „Denken Sie Frieden zu ſtiften zwiſchen Waſſer und Erde?“ „Keineswegs,“ antwortete Volkmar ebenfalls ſehr heiter.„Friede, das heißt, ewiger und ungeſtörter Friede zwiſchen zwei gleich berechtigten Mächten iſt nicht gut denkbar, wenn nicht die Kraft der einen Macht überwie⸗ gend iſt. Ich will dem tückiſchen Elemente, dem Waſ⸗ ſer zeigen, daß die Erde ſeinen Launen kräftigen Wider⸗ ſtand leiſten kann.“ „Seien Sie nicht allzu ſicher,“ ſcherzte Toby.„Was das Waſſer erreichen kann, vernichtet es, wenn auch nur allmählig. Sie geben den Wellen Spielraum, ſich dort mehr ausbreiten zu können, indem ſie die Ufer durch den Abſtich erweitern— warten Sie nur, es kommt eine Zeit, wo ſich die Waſſerwogen ein Vergnügen daraus machen werden, Ihre künſtlichen Hügel zu unterſpülen. Im Kampfe wird nichts geſchont, mein Lieber.“ „Voreilig geurtheilt, Herr Bruder,“ nahm Ely das Wort.„Volkmar legte der Erde einen Panzer von Gra⸗ nit an.“ „Wie denn? Soll das kein Deichwall werden, was die Leute dort unten ſchaffen?“ fragte Toby plötz⸗ lich ſehr aufmerkſam. „Eine Baſtei wird es, Herr Bruder! Eine ſtarke Mauer von Bruchſteinen wird den Erdwall bis zur Bucht 165 6 ſtützen. Ein rieſiges Werk, das rieſig viel Geld koſten wird, aber das Werk krönt den Meiſter. Wir gewinnen namentlich durch die Verſchönerung des Panorama's.“ „Ich dächte, die raſigen Ufer mit den zerſtreueten Büſchen und Bäumen, dann die Bucht mit ihrem im⸗ merfort wallenden und ſchwankenden Weidengeſtrüpp wä⸗ ren hübſch genug geweſen,“ ſprach Herr Toby ſanft⸗ müthig. „Ich aber dächte,“ fiel Ely ein,„ein hundert Fuß hoher Wall mit Eiſengittern und friſchgrünen Taxus⸗ hecken dahinter, dazu ein palaſtähnliches Haus mit Eck⸗ thürmen, Gartenanlagen und geſchmackvoll geordneten Häuſern, die zum Betriebe der Brennerei gehören, das müßte noch hübſcher ausſehen.“ „Ein Haus mit Eckthürmen— ein Schloß— wol⸗ len Sie bauen, Volkmar?“ ſprach Frau Magdalene neckend.„Dann iſt's alſo wahr, daß Sie eine vornehme Dame heirathen wollen?“ Volkmar lachte, ſah jedoch viel verlegener aus, als es ſich für einen feinen Cavalier aus der großen Welt ſchickte. „Was? Iſt das wahr?“ fragte Ely mit blitzen⸗ den Augen voll Uebermuth. Wollen Sie ſich hier ein Welt⸗ und Modedämchen mit Crinoline und Schleppkleid herverpflanzen? Wie heißt Ihre Erwählte?“ Volkmar 166 belehrte ihn mit einigen Worten, daß die Meinung des Dorfperſonals voreilig ſei. „Nun gut— wie Du mir, ſo ich Dir,“ heißt das Sprichwort. Heirathen müſſen Sie, wenn Sie ein Schloß bauen. Sollte Ihnen die Gelegenheit fehlen, eine paſ ſende Wahl treffen zu können, ſo bleibt Ihnen ja auch das Kreisblatt zur Hülfe.“ Alles lachte und ſtimmte in dieſen Scherz ein. Volk⸗ mar erzählte die Veranlaſſung dazu. Schnell verſtummte der Scherz auf Frau Magdalenens Lippen und ihr Blick ſuchte beſorgnißvoll das Auge ihres Gatten. Dieſer ver⸗ ſtand ſie und winkte ihr abwehrend zu. „Wenn eine Heirath Ely's ihn und uns nicht in ſehr unangenehme Verwickelungen zu bringen vermöchte, ſo zu ſagen, in einen Kampf zwiſchen Pflicht und Brü⸗ derlichkeit, ſo würde ich ſchon längſt darauf beſtanden haben, daß er heirathe. Aber wie wollten wir wohl auseinanderkommen bei unſern verſchiedenartigen Rech⸗ ten und Pflichten. Ely muß zu uns halten ſeinetwegen und unſertwegen. Heirathete er, ſo begannen traurige Kämpfe— alſo war es beſſer, er heirathete nicht! Und ſo muß es nun bleiben.“ Warum fiel dieſe egoiſtiſche Feigheit zum erſten Male wie ein Tropfen glühendes Erz in Ely's Herz. Er kannte doch ſeinen Bruder ſchon längſt als einen Mann, 167 der ſeines eigenen Friedens wegen am liebſten der gan⸗ zen Welt Stillſtand geboten hätte? Feſt richtete er ſeine athletiſche Geſtalt vor Toby auf und ſah ihm kühn in's Antlitz. „Denkſt Du, daß ich deshalb mein Herz zum Schweigen verdammt habe, um dem Kampfe mit mei⸗ nen Verhältniſſen auszuweichen? Du irreſt Dich! Mein Verſtand herrſchte und da er meine Zeit gänzlich in An⸗ ſpruch nahm, ſo hatte mein Herz keine Gelegenheit, ſich mit ſeinen Wünſchen aus dem dunkeln Hintergrunde, wohin es gebannt war, hervorzuwagen. Hätte es jemals geſprochen, ſo würde das Schwert der Gerechtigkeit un⸗ ſerm Kampfe ein Ende haben machen können. Du weißt, daß ich mir zu rathen und zu helfen weiß!“—„ 4 Er nahm Volkmar am Arm und verließ das Haus. Während die beiden Männer von den Terraſſen aus einen ganz ſchmalen, ziemlich abſchüſſigen Pfad bergab wanderten, ſagte Frau Magdalene mit leiſem, klagendem Tone: „Wenn ſich Fräulein Giſela's Befürchtungen nur nicht beſtätigen, Toby!“ „Sorge doch nicht um Dinge, die wir blinde Sterb⸗ liche einem höhern Weſen anvertrauen müſſen,“ antwor⸗ tete Herr Tobias. „Ich habe längſt an Ely etwas Fremdes, etwas Unerklärliches bemerkt und nun dieſe Reiſe Lyſannen’s.“ 168 „Ely wird aber weder Zwangsmittel anwenden, noch ſeine gewöhnliche Ueberrumpelungstheorie zweckmäßig finden, wenn es ſich um Lyſanna's Herzensglück handelt. Du ſelbſt haſt ja dieſe Reiſe bei mir befürwortet, liebe Magdalene.“ „Wohl hab' ich das, weil ich unſerer Tochter da⸗ durch eine Freude zu machen wünſchte und weil ich das gefährliche Phantaſiefeuer, das ihre Freundin Emma thö⸗ richterweiſe angefacht, am Beſten durch die Frivolitäten der Wirklichkeit zu löſchen hoffte. Ich kenne mein Kind und durfte dem klaren Urtheile desſelben vertrauen. An⸗ ders aber iſt es, wenn man das Herz Lyſanna's zu be⸗ ſtürmen ſucht, um leidig ſelbſtſüchtiger Zwecke willen. Iſt erſt das Herz entflammt, ſo verliert die Vernunft an Kraft.“ „Was iſt denn aber zu fürchten, wenn Lyſannens Herz ſich mit den Entwürfen Ely's einverſtanden erklärt. So oder ſo— Lyſanne iſt in allen Fällen Ely's Com⸗ pagnon, denn ſie iſt meine Erbin, alſo gewiſſermaßen Eigenthümerin des ganzen Unternehmens, welches unter meines Bruders Obhut ſo trefflich gediehen iſt,“ er⸗ wiederte Herr Tobias Koltrum mit beſchwichtigendem Tone. „In der Art, wie er jetzt ſprach, lag eben wieder jenes unerklärliche Etwas, wovon ich mir keine Rechen⸗ 169 ſchaft zu geben vermag. Ich hatte die Abſicht, das Ge⸗ ſpräch ſo zu lenken, daß es Licht in das Wirrniß mei⸗ ner Gedanken werfen konnte— Du verſtandeſt jedoch meine Aufforderung, mir beizuſtehen, wahrſcheinlich falſch, mein Lieber.“ „Ich verſtand Deinen Blick ſehr wohl, Magdalene, allein ich weiß aus Erfahrung, daß Widerſtand in Ely Eigenſinn entzündet. Fügen wir uns ſeinen Anordnun⸗ gen! So lange wir nicht genau wiſſen, was beabſich⸗ tigt wird, iſt es am Beſten, ſich die Schmerzen des Wi⸗ derſtrebens nicht aufzuladen. Worauf gründet ſich un⸗ ſere Beſorgniß, Lyſanne als den Gegenſtand einer Spe⸗ culation betrachtet zu ſehen? Nur auf die Bemerkung des Fräulein von Ilow, die in der Zuverſicht, womit Herr Edmund Roſſian ſeine Huldigungen unſerer Toch⸗ ter weihet, ein Einverſtändniß Ely's mit Warrens zu entdecken glaubt. Und wenn das wäre? Unſere Toch⸗ ter könnte faſt nicht beſſer wählen. Kein Kampf, keine Ungleichheiten, keine Disharmonie und keine Zerwürf⸗ niſſe! Alles paßt, fügt und ſchickt ſich!“ Frau Magdalene ſtrich ſtill lächelnd über des fried⸗ liebenden Gatten Angeſicht. Dann ergriff ſie ein zierli⸗ ches Couvert, zog ein Briefchen daraus hervor und ſagte: „Warum hält es Fräulein Giſela für nothwendig, mich von dieſem Umſtande in Kenntniß zu ſetzen. Sage mir 170 nur, weshalb ſie wohl ſchreiben ſollte, daß die Zuver⸗ ſicht, womit Herr Roſſian unſere Lyſanne dreiſt um⸗ ſchwärmt, ihr unangenehm aufgefallen wäre?“ Herr Toby zog ſeine Gattin an ſich und küßte ihr herzlich die Wange, bevor er erwiederte:„Ihr Frauen ſaugt aus all den Dingen Gift, die Ihr nicht gleich be— greift. Das Fräulein meint es gut— Du meinſt es gut, aber trotzdem quält Ihr Beide Euch und mich ohne Noth. Lyſanne iſt ein ganz verſtändiges Mädchen, wel⸗ ches ſich nicht leicht verblenden läßt.“ „Das weiß ich! Aber wenn ſie zu lieben meinte und dann ſich getäuſcht fühlte?“ „Magdalene! Wackere Seele— zu lieben meint? Welche thörichte, weltliche, unheilige Idee haſt Du vom Herzen unſers Kindes! Wehe dem weiblichen Weſen, das ſich in Hinſicht ihres Herzens nicht ſicher fühlt. Die Liebe und die Reinheit des Herzens geht unter dem Pa⸗ nier der Unſchuld Hand in Hand— das Mädchen, das zu lieben meint, muß die Reinheit und Unſchuld des Herzens eingebüßt haben, ſonſt könnte es ſich nicht täu⸗ ſchen laſſen. Lyſanne aber ſteht unter dem heiligenden Schutze jugendfriſcher Reinheit und Unſchuld!“ Magdalene blickte mit frommer Verehrung in To⸗ by's verklärtes Auge. Seine idealen Anſchauungen be⸗ 171 wegten ſie bis zur Rührung und dennoch flüſterte ſie mit einem leichten Anfluge von Spott ganz leiſe: „Ihr Männer ſeid doch, trotz aller Gelehrſamkeit, blind und taub für das, was Ihr nicht gleich begreift. Du haſt recht in Allem, was Du ſagſt, aber Du berück⸗ ſichtigſt durchaus nicht, daß ſich unſer verſtändiges Kind in Verſuchungen geſtürzt hat, die unter der glänzenden Oberfläche unbekannte Gefahren verbergen.“ „Dann wird der Gedanke an uns ihr die nöthigen Stützen geben!“ ſagte Toby ruhig. Sechstes Capitel. Seit vierzehn Tagen weilte nun Lyſanne in der Stadt und tummelte ſich in den erſehnten Luſtbarkeiten, die ſie glücklich machen ſollten. Das Haus ihrer Freundin Emma Warren ſchien ganz dazu eingerichtet, dieſen Zweck zu erfüllen. Elegant und zierlich, mit den Koketterien des Luxus geſchmückt, zeigte es auf den erſten Blick den wahren Charakter ſei⸗ ner Bewohner. Die blendende Außenſeite verhüllte zwar die Unbequemlichkeiten und Unbehaglichkeiten der ganzen Einrichtung nicht und verbarg nur unvollkommen den Mangel manches Nützlichen und Angenehmen, was eine Häuslichkeit, bei aller Einfachheit, reizend machen kann, aber Lyſanne gewahrte davon nichts. Der Ueberfluß von koſtbaren Kleinigkeiten nahm ihr geſundes Urtheil gefangen. Sie pries Emma glücklich, gerade weil ſie lau⸗ 173 ter überflüſſige Sachen um ſich her aufgeſpeichert hatte, und ſah mit neidloſem Erſtaunen, wie ſich der Gatte ihrer Freundin täglich beeiferte, die Zimmer derſelben noch mehr zu ſchmücken. Einen ganz ähnlichen Eindruck, wie die Wohnung der Frau Warren, machte ihre eigene Erſcheinung auf den ſtillen, verſtändigen Beobachter. Die junge Dame war von Draußen hereingekommen, von vorn herein et⸗ was verzogen und verbildet, und da ſie in ihren länd⸗ lichen Verhältniſſen eine Hauptrolle geſpielt hatte, ſo glaubte ſie berufen zu ſein, auch in den erweiterten Ge⸗ ſellſchaftskreiſen den Ton angeben zu dürfen. Ländliche Modedamen lieben gewöhnlich das Auf⸗ fallende. Der kleinſtädtiſche Geſchmack verirrt ſich häu— fig zu theatraliſchem Pomp und nimmt treuherzig die Aufmerkſamkeit der Gaſſenbevölkerung für Bewunderung. Aehnlich erging es Frau Emma Warren. Sie war ein gutmüthiges, leichtherziges Weſen, das in die Welt hineinlebte, ohne ſich darum zu kümmern, ob die Ein⸗ nahme und der Stand ihres Gatten den Luxus geſtatte⸗ ten, den ſie ſich überall erlaubte. Weder ſchön, noch bedeutend klug, aber groß und hager genug, um allen Moden als Putzſtock dienen zu können, ſtolzierte ſie ſeit ihrer Verheirathung in ihrem weiten Stahlgeſtell durch die Straßen der belebten Stadt, Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 12 174 viel mehr Raum dort beanſpruchend und einnehmend, als ihr von Rechtswegen gebührte. Sie fühlte es nicht, daß ihr oftmals der Spott zwiſchen Artigkeit entgegenſpru⸗ delte. Es befriedigte ſie, wenn ſie Aufſehen erregte, und ſie trotzte mit dreiſter Stirn ſogar dem Gelächter, wenn es galt, als die Erſte einer lächerlichen Mode Eingang verſchaffen zu wollen. Trotz alledem war ſie doch gut und angenehm im Umgange. Sie gehörte zu den beachteten Frauen der Geſellſchaft, weil ſie ſtets Muth genug zeigte, die erſten Reihen des Concertſaales und die Balkonlogen des Thea⸗ ters mit ihrer modernen Geſtalt zu ſchmücken. Lyſanne bewunderte dieſe Freundin, die nur ſechs Jahre älter, bedeutend unwiſſender und tactloſer, aber um hundert Procent muthvoller war. Vierzehn Tage hatten hingereicht, ſie zur Nachahmerin ihrer bewunderten Freun⸗ din zu machen. Sie folgte tapfer ihrem Beiſpiele in Betreff von Modeſachen, nur lehnte ſich ihr beſcheidene⸗ res Weſen gegen den lächerlichen Prunk und ihr feiner Sinn gegen Alles auf, was keck und herausfordernd aus⸗ ſah. Durch⸗ dieſe Mäßigung und Beſchränkung veredelte ſich aber ihr Anzug und erſchien trotz aller Eleganz be⸗ ſcheidener, dazu kam noch die äußerſt liebliche Schönheit ihres Geſichtes und die jugendliche Friſche und Anmuth. ihrer ganzen Erſcheinung, die Jeden nachſichtig gegen ſie 175 ſtimmte, wenn ſie einmal ſo ſchwach geweſen war, dem herrſchenden Geſchmacke ihrer Freundin nachzugeben. Das Hausweſen der Frau Emma Warren entſprach ihrem äußern Auftreten. In großem Style reicher Bürgerlichkeit war die Bedienung geordnet und Ly⸗ ſanna ſah hier zum erſten Male, daß es nicht gerade zur Pflicht einer Hausfrau gehöre, die Speiſen für die Familie ſelbſt zuzubereiten. Hier gab es eine Köchin, die das vortrefflich beſorgte. Hier gab es aber auch ein fein gekleidetes Kammermädchen, das auf jeden Wink lauſchte und einen zierlich coſtümirten Bedienten, der je⸗ des Befehles gewärtig ſtand. Aber es gab Räume im Hauſe des Kaufherrn Al⸗ fons Warren, die durchaus nicht mit der Eleganz und dem glänzenden Comfort in Einklang ſtanden; es gab Räume im untern Geſchoß und auf dem Hofe, die von üblem Geruche erfüllt, die vom Schmutze überzogen erſchienen. Selbſt das Comtoir bot einen Anblick, der nichts weni⸗ ger als empfehlend war. In dieſem Comtoire war es ſtill und öde. Nur ein alter Buchhalter ſaß am Schreibtiſche und ein junger Arbeiter ſchien Tag ein, Tag aus beſchäftigt, allerlei Oele in Probefläſchchen zu füllen und allerlei Talg, Schmalz und Theer in Kruken zu vertheilen. Gegenüber dieſem Comtoir lag das Geſchäftszim⸗ 12* 176 ſauber, obwohl nur geſchäftlich eingerichtet. Ein Eckdi⸗ wan, hinter einer grünen Draperie verborgen, bewies, daß den beiden Principalen bisweilen die Zeit lang wurde und daß Beide die Bequemlichkeit liebten. Herr Alfred Warren, ein ernſter, blaſſer Mann mit ſehr dunklen Haaren und einer hohen, fein geſtalte⸗ ten Stirn, der ein paar ſchläfrige Augen etwas Melan⸗ choliſches verliehen, war der Aeltere und gleichſam der Gründer der Handlung. Er hatte Erfahrungen geſam⸗ melt während einer langen Reihe von Jahren, die er als Agent auf Reiſen zugebracht und als eines Tages eine Ver⸗ wandte von ihm ſtarb, welche ein kleines Vermögen an ihn und ſeine Couſine Emma mit der Bedingung vermachte, daß ſie ſich heirathen ſollten, da fügte er ſich ganz willig dieſen teſtamentariſchen Wünſchen.„Beſſer zehntauſend Thaler und eine ganz gute Frau, als fünftauſend Thaler und keine Frau,“ dachte er, als er ſich entſchloß. Kurz nach der Gründung ſeines Geſchäftes vereinigte er ſich mit Eduard Roſſian, einem auffallend hübſchen Kauf⸗ manne, der noch beſſer, als er ſelbſt, es verſtand, ſeine Erfahrungen, die er in England, Frankreich und Italien gemacht hatte, zu verwerthen. Von da an nahm die Hand⸗ lung„Warren& Roſſian“ einen ſchwunghaften Betrieb, der noch durch den Credit Roſſian's, welcher als der Erbe 4 mer der beiden Prineipale. Es war ſehr elegant und 4 177 eines Millionair's bezeichnet worden war, bedeutend ge⸗ hoben wurde. Kein Menſch wußte genau, was die eigent⸗ lichen Geſchäfte des Handelshauſes waren, kein Menſch konnte ſagen, womit die bedeutenden Summen verdient wurden, die als ein gleichſam flüſſiges Capital von Hand zu Hand gingen. So viel aber war gewiß und erwie⸗ ſen, daß Alles prompt abgemacht wurde, was ſich an Wechſel und Conto in den Büchern anderer Kaufleute vorfand. Im Grunde trauete man dem ernſten Alfred War⸗ ren mehr, als dem liebenswürdigen Edmund Roſſian. Ungeachtet der Letztere auf dem ſichern Fundamente einer Erbſchaft ſtand, zögerte mancher doch mißtrauiſch in die⸗ ſer oder jener Angelegenheit, wenn ſich Warren nicht da⸗ bei betheiligen zu wollen ſchien. Im Allgemeinen mochte dies leichte Mißtrauen darin fußen, daß Herr Roſſian ein leidenſchaftlicher Spieler war, allein da er ſtets mit Glück hazardirte und niemals einem Menſchen etwas ſchuldig geblieben ſein ſollte, ſo mußte das Urtheil über ihn wohl tiefer liegen. Edmund Roſſian war ſehr klug, ſehr fein, ſehr ſcharf beobachtend und dabei ſehr ſpottluſtig. Er verſteckte je⸗ doch dieſe Eigenſchaften in einem liebenswürdigen bur⸗ ſchikoſen Weſen und gab ſich das Anſehen der Nachläſ⸗ ſigkeit in Rückſicht auf geſellige Gebräuche, um ſich nicht verantwortlich gemacht zu ſehen, wenn einmal ſein ei gen⸗ ſtes Leben zur Sprache kam. Erſchien er als Gaſt in einem Cirkel, ſo verband er damit eine Abſicht. Um zu verhindern, daß man die Abſicht merke, gab er ſich ſtets das Anſehen, als bringe er ein Opfer, ſich dem geſell⸗ ſchaftlichen Zwange unterzuordnen. Dadurch erreichte er, daß ſein Erſcheinen ſtets mit Jubel begrüßt und daß er nie beargwohnt wurde, wenn ſpäterhin Folgen erwieſen, daß irgend Jemand die Schwatzhaftigkeit eines Andern ausgebeutet haben müſſe. Edmund Roſſian huldigte denſelben Principien, wie „Ely Koltrum. Er glaubte ebenfalls, daß es nur des Menſchen energiſchen Willens bedürfe, um Alles mög⸗ lich zu machen. Nur in der Wahl der Mittel möchten beide Männer nicht übereinſtimmend befunden worden ſein, wenn man ſie einer ſtrengen Sichtung unterworfen hätte. Während Ely Koltrum mit der ſtillen Beharrlich⸗ keit eines Eigenwillens zum Ziele zu gelangen ſtrebte, der dennoch immer redlich blieb, hielt Edmund Roſſian Alles für erlaubt, was zum Ziele und zum Gewinn führte. Während Herr Ely Koltrum mit der Ueberle⸗ gung des gereiften Mannes handelte und dem Verſtande die Leitung aller geiſtigen Kräfte überließ, ſtürzte Herr Edmund Roſſian im jugendlichen Leichtſinne alle Beden⸗ ken auf Koſten der Moral um und beſchwichtigte die ſehr unbedeutenden Mahnungen ſeines Gewiſſens mit ſtrafbarer Leichtfertigkeit. Und dieſer junge Mann ſchwamm jetzt, wie ein Fiſch im Waſſer ſo luſtig, im Strome ſeiner Berechnun⸗ gen, daß es gut ſei, wenn die Firma Warren und Roſ⸗ ſian noch durch den ſoliden Namen Koltrum gehoben werde. Es wurde ihm ſehr leicht, ſich in die nöthigen Opfer zu fügen, als er die Nichte des ſoliden Ely Koltrum flüchtig geſehen und danach gehört hatte, daß dieſes rei⸗ zende Mädchen die eigentliche Beſitzerin der anſehnlichen Zuckerfabrik„Gebrüder Koltrum“ ſei. Aber es wurde ihm nicht ganz ſo leicht, dies Geſchäft nach ſeinen Wün⸗ ſchen zu ordnen, wie er gehofft und eigentlich erwar⸗ tet hatte. Eine Reihe von Tagen lebte Lyſanna Koltrum gleich⸗ ſam mit ihm unter einem Dache und noch immer hatte er ſich nicht das Recht erworben, ſeine Verlobung mit ihr bekannt zu machen, während ihm doch im Stillen von allen Seiten Glückwünſche zu der Heirath mit einem ſo durchaus reizenden Mädchen, das ſogar Vermögen mit ihren übrigen Vorzügen vereinigte, entgegengebracht werden durften. „Es iſt zum Verzweifeln, Warren,“ ſagte er in der vierten Woche zu ſeinem ernſthaften Freunde, als er 180 eines Morgens gähnend in's Comtoir trat und ſich in die Ecke des Diwans warf.„Wiſſen Sie, daß ich ge⸗ ſtern Abend auch nicht um einen Schritt näher gekom⸗ men bin?“ „Sie hofften doch ſo viel von den Belagerungs⸗ plänen für den geſtrigen Abend und Ihr Blick glänzte doch ſiegestrunken, als wir des Lieutenant'’s Salons ver⸗ ließen?“ wendete Warren verwundert ein. „Mein Gott, wiſſen Sie nicht, daß es zur Feinheit der Diplomatie gehört, im Bewußtſein der inneren Nie⸗ derlage ſieghafte Kühnheit zur Schau zu tragen. Geſtern Abend bin ich endlich zur Einſicht gelangt, daß mir die Ilow eine höchſt unbequeme Perſönlichkeit iſt.“ „Die Ilow? Fräulein Giſela?“ rief Warren ganz erſtaunt. „Ja! Keine andere, als Fräulein Giſela! Warum haben Sie dieſe Dame Ihrem Cirkel einverleibt?“ „Wie hätte ich es anders machen können? Sie wa⸗ ren ja anfangs entzückt von ihr!“ „Ja!l weil die Dame, als Verwandte des ſteinrei⸗ chen Commerzienrath Wappra unſerem Cirkel Credit zu verſchaffen im Stande war. Aber ſie thut nichts für uns, ſondern ſie hindert mich am Erfolg meiner Bewer⸗ bung. Wiſſen Sie— die Ilow darf unſere Schwelle 181 nicht eher wieder betreten, bis ich den Verlobungskuß auf Lyſanna's Lippen gedrückt habe.“ Warren ſah bedenklich zu ihm auf.„Sie denken, das geht nicht!“ ſetzte Roſſian lachend hinzu.„Es muß aber gehen! Die Ilow iſt eine ſtolze Dame. Ihre Frau Gemahlin hat nur nöthig, unſerem pfiffigen Kammer⸗ kätzchen die Weiſung zu geben, ſie nicht vorzulaſſen, ſo kommt ſie nicht wieder.“ „Und wir verfeinden uns den Commerzienrath, wo ſie logirt,“ warf Warren ein. „Pah! Wenn's Zeit iſt, riskiren wir einen Fuß⸗ fall und klagen das Kammerkätzchen eines ungeheuern Irrthumes an. Das läßt ſich mit einiger Redefertigkeit ſchon wieder ausgleichen.“ „Trotzdem fürchte ich, daß ſich ihr neuer Entwurf zur Beſtürmung Lyſanna's nicht durchführen läßt. Wir haben uns zu feſt mit Giſela's Verwandten verbunden, um ohne Ungezogenheit uns zurückziehen zu können. Sogar zu heute Abend iſt eine Verabredung getroffen. Wir wollen in unſerem Hauſe muſieiren!“ „Seien Sie unbeſorgt! Lieutenant von Ilow iſt heute Abend behindert, zu Ihnen zu kommen,“ fiel Roſ⸗ ſian nachläſſig ein. „Das wäre mir aber höchſt unangenehm!“ fuhr Warren auf.„Woraus folgern Sie, daß er nicht kom⸗ men wird?“ Roſſian machte eine kecke, ſpöttiſche Miene.„Weil ich ihn abſichtlich den ganzen Abend gleich einem bür— gerlichen Offieiere„Herr Lieutenant“ titulirt habe. Das verträgt ein Edelmann nicht,“ antwortete er mit nä⸗ ſelndem Tone.„Er fordert, Herr von Ilow genannt zu werden.“ „Thorheit! Sagen Sie mir die Wahrheit! Was haben Sie für ein Mittel angewendet, ihn abzuhalten?“ „Das iſt mein Geheimniß, lieber Freund! Genug, die Ilow's kommen nicht zu Ihrer improviſirten muſi⸗ kaliſchen Soirée, alſo verwandeln Sie dieſe Soirée in ein ſplendides Souper. Die Ananasbowle beſorge ich!“ Warren öffnete ſeine ſchläfrigen Augen ſehr groß und blickte mit einiger Mißbilligung auf Roſſian. Es lag ein Reſt von Rechtſchaffenheit in dieſem feſten und forſchenden Blicke, der den jungen Mann zum lauten Gelächter reizte. „Wiſſen Sie, Warren— es iſt ein Kampf um die Exiſtenz,“ fügte er unter Lachen hinzu. „Mir deucht, als gingen unſere Meinungen ſeit Kurzem bedeutend auseinander,“ entgegnete Warren et⸗ was bedrückt. „Pahl mir iſt die Geſchichte nachgerade langweilig. 183 Wenn mir nicht Koltrums Fabrik ſo überaus zuſagte, ſo ließe ich Lyſanne fallen.“ „Wollen Sie mir damit andeuten, daß Ihnen das ſchöne Mädchen gleichgültig ſei?“ „Wiſſen Sie— Ihre gedankenloſe Gattin iſt mir bequemer, weil ſie unbekämmert um das Warum un⸗ ſerem Geſchäfte gleichſam als Aushängeſchild dient.“ Warren ſeufzte, erwiederte jedoch auf dieſe unver⸗ ſchämte Bemerkung nichts. Roſſian ſprach weiter:„Fräu⸗ lein Koltrum ſtammt noch aus jenen Zeiten, wo die Tu⸗ gendehrlichkeit Glück zu machen pflegte. Die junge Dame möchte für's Leben gern ſündigen, aber ſie hat noch im⸗ mer nicht den gehörigen Muth dazu. Bleibt ſie jedoch acht Tage lang ohne die Ilow'ſche Stärkung claſſiſch moraliſcher Grundſätze, ſo iſt ſie unſer!“ „Ich verbitte mir aber allen Ernſtes, daß Sie meine Frau als Hülfe bei dieſem neuen Angriffe benutzen,“ ſagte Warren heftig. „Wiſſen Sie— das iſt gar nicht nöthig!“ antwor⸗ tete Roſſian kaltblütig.„Lyſanna iſt ein ſchwaches Kind der Grazien und der Rauſch der Eitelkeit iſt eine vor⸗ treffliche Helfershelferin. Wer Sympathie für den thea⸗ traliſchen Tand der Welt hat, gräbt ſich ſelbſt Fallgru— ben. Wenn Lyſanne erſt meine Frau iſt, will ich ſie ſchon über dergleichen Gefahren aufzuklären ſuchen. Den 184 größten Theil des Jahres ſoll ſie in Glaubek leben. Ich habe vorgearbeitet, daß Herr Ely ein Wohnhaus bauet. Bis es fertig iſt, wohnen wir bei Lyſannens Eltern. Das heißt, meine Frau, als Beſitzerin der Fabrik. Ich, für mein Theil, reiſe nur ab und zu— ich bin hier ſehr nöthig, das weiß ich. Ihre Gattin kann mit Lyſanna in die„Sommerfriſche“ gehen. Wir abonniren auf zwei Moden⸗Journale, daran wird ſie ſich genügen laſſen.“ Warren hatte ſich während dieſer Rede langſam nie⸗ dergeſetzt und die Stirn mit ſeiner Hand geſtützt. In ſeiner Stellung lag eine gewiſſe Apathie. Dieſe verrieth ſich auch in den Worten:„Mir iſt's recht! Ordnen Sie das Feſt, welches Sie heute Abend wünſchen. Sollte jedoch Fräulein Giſela unſerer Verabredung gemäß kom⸗ 4 men— „So wird ſie abgewieſen,“ ſchloß Herr Edmund Roſſian Warrens Rede.„Ich nehme die Verantwor⸗ tung auf mich. Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen übrigens mittheilen, daß Fräulein Giſela's Bruder irgend etwas erſinnen wird, um ſein Ausbleiben triftig entſchul⸗ digen zu können und dazu wird er hoffentlich ſeine Schweſter nöthig haben.“ „Reden Sie weniger räthſelhaft, Roſſian,“ unter⸗ brach ihn Warren. „Wiſſen Sie, daß Sie dies Räthſel nicht entziffern 185 ohne meine Nachhülfe, das liegt in Ihrer Trägheit des Geiſtes. Wenn Sie nachdächten, ſo würden Sie ſich erin⸗ nern, daß ich dem Herrn Lieutenant von Ilow geſtern zehn Ducaten abgewonnen habe.“ „Ach ja! Welche dunnermuuſi ſo hoch zu ſpielen,“ antwortete Warren. „Die Unvernunft iſt auf ſeiner Seite, nicht wahr? Ich merkte, daß es ihn verlegen machte— er erhält ſein Taſchengeld von ſeiner Frau Gemahlin immer erſt Mon⸗ tags, damit er Sonntags hübſch zu Hauſe bleiben muß — darum ſagte ich: es drängt nicht, Herr Lieutenant, bringen Sie mir's morgen Abend mit. Vor Montag kann er aber nicht zahlen, alſo haben wir drei volle Tage frei. Bis Montag muß ich Lyſannens Wort haben— bis Montag muß ſie meine Braut ſein. Ich denke mir, daß mein Herr Lieutenant eine kleine Frühlingsfahrt nach ſeines Schwiegervaters Villa arrangiren wird. Wenig⸗ ſtens habe ich mein Möglichſtes gethan, um ihn auf die⸗ ſen Gedanken zu bringen. Sollte es Fräulein Giſela ein⸗ fallen, unſere Lyſanne dazu einladen zu wollen, ſo iſt das einzige Rettungsmittel, die Damen zu verleugnen.“ Warren begriff nun den Plan Roſſians. Er mußte einräumen, daß er gut angelegt ſei. Da er eine Verbin⸗ dung ſeines Compagnons mit Lyſanna lebhaft wünſchte und das Glück dieſes jungen Weſens durchaus nicht ge⸗ 186 fährdet ſah, wenn Roſſian der Gatte desſelben wurde, ſo übernahm er jetzt ſehr gern die Verbindlichkeit, jede Störung fern zu halten, die dem erwünſchten Verlöbniß des jungen Paares hinderlich werden könne. Er ertheilte Befehl, Fräulein Giſela nicht anzumelden, und als die Dame wirklich höchſt eilig kam, um ſich für den Abend zu entſchuldigen und Lyſanne auf einige Tage mit auf des Commerzienrath's Landgut zu nehmen, da mußte ſie ſich unverrichteter Sache wieder entfernen. Herr Edmund Roſſian ſah ſie vom Comtoirfenſter aus fortgehen. Er rieb ſich die Hände und lachte heimlich.„Wiſſen Sie, Warren, man hat mich in meiner Jugend für ſimpel gehalten, können Sie das glauben?“ ſagte er mit der Hand auf die forteilende Dame deutend. „Warum nicht?“ erwiederte Warren gleichmüthig. „Bei manchem Menſchen blüht der Verſtand, gleich einer Blume, plötzlich auf.“ A „Wiſſen Sie— mir iſt der Verſtand aber ange⸗ boren. Schon als kleiner Junge ſchwieg ich und behielt meine klugen Gedanken ſo lange für mich, bis ich ſie verwerthen konnte. Ich war ſo närriſch zu glauben, daß meine Klugheit keinem Andern zu nützen brauche.“ „Dann ſind Sie ſchon als Knabe klüger geweſen, als mancher reife Mann, der aus gewiſſem Hochmuth 187 mehr ſpricht, als gut iſt,“ antwortete Warren.„Fräulein Giſela ſind Sie nun los— was weiter?“ „Jetzt beſtelle ich den Verlobungsring und bereite eine köſtliche Ananasbowle! Ich habe großes Verlangen, am Fräulein von Ilow zu beweiſen, daß ich nicht ſim— pel bin.“— Warren runzelte ein wenig die Stirn und ging in das obere Stockwerk, wo die Damen waren. Er durch⸗ ſchritt ein großes, prächtiges Vorzimmer mit ſchnellem, elaſtiſchem Gange und ſtand öffnete das Cabinet, welches ſeine Frau bewohnte, ohne vorher anzuklopfen. Ein Schrei war die Folge ſeines Eintretens, dem ein fröhliches Gelächter folgte. Verwundert warf er die Thür weiter auf und ſtand alsbald vor den beiden Freundinnen, die ſich gegenſeitig auf eine eben ſo originelle, als auffal⸗ lende Weiſe friſirt zu haben ſchienen. „Wie gefallen wir Dir, Alfons?“ fragte Frau War⸗ ren, ſich wohlgefällig im Spiegel betrachtend und die hochgethürmten Scheitel mit Kamm, Bürſte und Pomade glättend. Warren lachte. Zum erſten Male trat ihm die Lä⸗ cherlichkeit der Modethorheit ſo grell entgegen, daß er ſich wunderte, wie eine Frau mit ſo nüchternem Verſtande, wie Emma, dergleichen phantaſtiſchen Kram an ſich dul⸗ den könne. 188 „Du ſiehſt aus, als wäreſt Du wahnſinnig gewor⸗ den,“ antwortete er. Frau Emma klatſchte überfroh in die Hände. „Gerade ſo ſoll's ausſehen!“ rief ſie entzückt, wäh⸗ rend Lyſanne, die ſogleich ſchüchtern an die Seite getre⸗ ten war, raſch die Nadeln und Kämme löſete und eil⸗ fertig das Haar zurückſtrich. Warren ſah ſie mit einem unbeſchreiblich gütigen Blicke an. „Laſſen Sie ſich durch meine Frau nicht verführen,“ ſprach er.„Emma liebt nun einmal das Außergewöhnliche und hat Muth genug, dem Lachen der Vernünftigen Trotz zu bieten. Sie ſehen hübſch genug aus im einfachen An⸗ zuge, Sie haben keine Toilettenkünſte nöthig!“ Frau Warren warf ihm einen ſchmollenden Blick zu.„Ein hübſcher Anzug verſchönert jedes weibliche Weſen. Frag nur Roſſian, was der darüber ſagt.“ Warren hatte eine bittere Antwort auf der Zunge. Er gedachte in dieſem Momente der unverſchämten Be⸗ merkung Roſſian' über ſeine Frau und ſeine ganze, troſt⸗ loſe Abhängigkeit von dieſem jungen leichtfertigen Mann trat lebhaft vor ſeinen Geiſt. Wie? Wenn er ihn verrieth? Wenn er ſich ſelbſt rettete auf Koſten ſeines Compagnons, wenn er ſeine Ab⸗ ſichten, ſeine Entwürfe, ſeine Pläne aufdeckte? Wenn er Lyſanne warnte? Wenn er Ely Koltrum warnen ließ? — 5 189 Nein, es ging nicht. Es war zu ſpät. Rettung war nur noch möglich, wenn ſich ihr Credit hob, wenn Lyſan⸗ na's Vermögen die Zerrüttung deckte, worin ſie durch ge⸗ wagte Speculationen geſtürzt waren. Wozu eine War⸗ nung, da nicht der geringſte Zwang angewendet wurde, da es freier Entſchluß blieb, ob dies junge Mädchen die Gattin ſeines Handelsgefährten werden wollte. Nur aus ihrem Gemüthe heraus mußte ihr die Hülfe wach⸗ ſen, im Falle ihr Lebensglück in Gefahr ſchwebte. Er⸗ lag ſie den Beſtürmungen der eigenen Neigung, der ei⸗ genen Schwächen, ſo trug ſie ja ſelbſt die Schuld an ihrem Schickſale!“ Er war nicht verpflichtet über ſie zu wachen, und in der That, die hellen, klugen Augen, womit dieſe junge Freundin ſeiner Frau um ſich ſchauete, rechtfertigten ſei⸗ nen Vorſatz, ihr die Wahl eines künftigen Lebensweges ganz allein zu überlaſſen. Am Beſten blieb er von aller Verantwortlichkeit frei, wenn er weder ſtörend, noch be⸗ günſtigend in Verhältniſſe eingriff, die ſich unter ſeinen Augen entwickelten. Nachdem er ſich mit dergleichen Sophismen beru⸗ higt und in die gewöhnliche Apathie verſenkt hatte, be⸗ richtete er den beiden Damen die Veränderung des Pro⸗ gramm's für die Luſtbarkeiten des Abends. Ohne zu er⸗ wähnen, daß Fräulein Giſela in eigner Perſon dageweſen Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 13 190 ſei, meldete er ihren Ausflug nach der Villa des Com⸗ merzienrath Wappra, die ungefähr eine Stunde von der Stadt entfernt, am Fuße eines kleinen, waldbewachſenen Berges erbauet war. Ein wenig, ein klein wenig ſtutzte Lyſanna über dieſe ſchnelle Aenderung in einer Verabredung, die mit beſonderer Bedeutſamkeit von Giſela, Abends zuvor, ge⸗ nehmigt worden war. Es ſchien ihr befremdlich, daß ihre wackere Beſchützerin, die jeden Schritt im geſelligen Ver⸗ kehr des Warren'ſchen Hauſes zu überwachen ſchien, plötz⸗ lich ſich entfernte, nachdem ſie doch am Abend zuvor wichtige Warnungen für nöthig gefunden hatte. Dazu kam noch, daß ſie ſich mit Unbehagen erinnerte, zu dieſer Partie vom alten Commerzienrathe eingeladen worden zu ſein, ohne daß ſie jetzt zur Mitfahrt aufgefordert wurde. Es reizte ihre Empfindlichkeit ſich vergeſſen zu glauben. In der Wallung des leichten Zornes erloſchen die Zwei⸗ fel, welche Giſela immerfort rege zu erhalten gewußt hatte. Sie gab ſich, mit natürlichem Jugendtrotz, von dieſem Augenblicke an unbedingt den thörichten Ein⸗ flüſterungen ihrer Freundin hin, die kein höheres Glück kannte, als in den trivialſten Vergnügungen zu ſchwelgen. Während der Zeit war Edmund Roſſian bemüht geweſen, ſeinem Plane auf alle Weiſe zu dienen. Es kam darauf an, unter dem Scheine rechtlicher Liebe ein Bünd⸗ 191 niß mit Lyſanna zu knüpfen und das unerfahrene Mäd⸗ chen durch Geſtändniſſe zu feſſeln, die ihm einen morali⸗ ſchen Zwang auferlegten. Von keiner Seite war Wider⸗ ſpruch zu fürchten, hatte er erreicht, daß Lyſanne ihm das Verſprechen einer ewigen Liebe und Treue geleiſtet und wenn ihr tactvolles Zurückziehen in den Augenblicken lebhafter Sinnenbeſtürmung, womit er ſie zu fangen hoffte, auch ſeine frühere Zuverſichtlichkeit, auf Zärtlich⸗ keit rechnen zu können, etwas herabgeſtimmt hatte, ſo blieb doch eine hinreichende Portion Ueberzeugung von ſeiner Unwiderſtehlichkeit in ihm zurück. Seit dem vori⸗ gen Abend wußte er, daß Fräulein Giſela ihm Hinder⸗ niſſe in den Weg zu legen ſuchte, daß ſie ſeinen Bewer⸗ bungen um ihre junge Freundin nicht hold war. Wie er ſich dieſer Gegnerin entledigen ſollte, begriff er erſt nicht. Aber er bedurfte nur weniger Minuten, um einen Plan zu bilden und er begann ſogleich an der Ausführung des⸗ ſelben zu arbeiten. So weit ſchien Alles vortrefflich zu gehen. Was er voraus berechnet, war eingetroffen. Giſela's Bruder, für den Augenblick wirklich zahlungsunfähig, ergriff mit Freu⸗ den die Gelegenheit den Zeitpunkt herauszuſchieben, wo ſeine kleine Ehrenſchuld abgezahlt werden mußte. Fräu⸗ lein Giſela war glücklich abgewieſen— Herr Edmund Roſſian dachte in vollem Ernſte daran, ſeine Hand mit 13* einem geeigneten Verlobungsringe zu ſchmücken. Lächelnd im Siegesübermuthe blickte er durch das Fenſter auf die Straße hinab, jeden Augenblick erwartend, daß die Equi⸗ page des Commerzienrathes vorüber raſſeln würde. Dies ſollte das Signal zu ſeinen weitern Schritten ſein. Er wartete aber vergebens. Die Equipage erſchien nicht, wohl aber der Diener des Herrn Commerzienrathes, der auf das Haus losſteuerte, offenbar in der Abſicht, den Brief, welchen er zierlich zwiſchen den Fingern hielt, daſelbſt abzugeben. Roſſian ſprang auf. Der Brief mußte erſt die Mu— ſterung paſſiren, ob er auch nicht auf ſein Vorhaben ſchäd⸗ lich einwirken konnte. Ganz mit der Miene, als käme er von ungefähr daher, trat er dem Bedienten im Flure entgegen und fragte nach ſeinem Begehr. Der Mann zeigte den Brief. Er war an Fräulein Lyſanne Koltrum gerichtet. „A— h von Fräulein von Ilow?“ fragte Roſſian mit liebenswürdiger Freundlichkeit. Der Diener bejahete die Frage.„Wohl eine Einladung zu der Partie nach Wappra's Villa?“ forſchte Roſſian weiter. Sein Lächeln wurde bedeutſamer. Der Diener zuckte reſpectvollartig die Achſeln und meinte, daß dies möglich wäre, da die Wagen zur Fahrt ſchon befohlen ſeien. Er ſolle Antwort zurückbringen. Roſſian faßte einen kühnen Entſchluß. 193 „Nehmen Sie das Briefchen wieder mit und ſagen Sie dem gnädigen Fräulein, daß ich von heute ab Fräu⸗ lein Lyſanne als meine Braut zu betrachten berechtigt ſei und in dieſem Rechte die Einladung ablehnen müßte.“ — Er nickte ſehr vornehm und entließ den verblüfften Mann mit einer herablaſſenden Handbewegung. Eine Stunde ſpäter rollte die Equipage Wappra's wirklich vorüber. Ein zweiter Wagen folgte. Die ganze Familie ſchien vom Frühlingsſonnenſcheine herausgelockt zu werden— Roſſian wußte es beſſer. Ihm war die Urſache und Wirkung kein Geheimniß. Hier entwickelte ſich, wie ſchon oft im Leben, ein einziger Gedanke zur That, um folgerecht ein ganzes Menſchendaſein zu umſpin⸗ nen. Frohlockend beobachtete der Mann, welcher mit dreiſter Hand die Kunſtgriffe zur Erreichung ſeiner Ab⸗ ſichten vollführt hatte, daß aus keinem der Wagen ein Blick oder Gruß zu dem Fenſter hinaufgerichtet wurde, wo Frau Warren mit ihrer Freundin zu ſitzen pflegte. Das Werk war gelungen. Giſela war empfindlich ver⸗ letzt. Ihr Einfluß auf Lyſanna war zertrümmert. Nun galt es, die Scrupel einer veralteten Moral zu überwäl⸗ tigen und durch die Sturmfluthen der Leidenſchaft eine Kraft des Widerſtandes zu zerſplittern, die ſeinen Sieg erſchwerte. Im Jubel ſeiner Siegesfreude kamen ihm noch ver⸗ ſchiedene koſtbare Einfälle, die ihm außer dem Beſitze 194 Lyſannens noch anderweite Vortheile bringen konnten. Er brauchte ja Geld, um ſich als freigebiger Bräutigam zu zeigen. Wie war dies am ſicherſten zu erlangen? O— er wußte ſchon Rath dafür. Sogleich ſetzte er ſich an das Schreibbüreau und verfaßte mit ruchloſem Leichtſinne einen Geſchäftsbrief, worin er Herrn Elias Koltrum ein ſehr ergiebiges Geſchäft antrug. Es handele ſich um eine ſchleunige Lieferung von fünfhundert Centnern Zucker, ſchrieb er ihm und fragte dann an. ob er per Waſſer dieſen Zucker nach der Reſidenz ſpediren laſſen könne. Zahlung erfolge durch ihn ſelbſt unmittelbar nach Einlie⸗ ferung der Waare. Er überlas den köſtlichen Geſchäftsbrief mit ſchaden⸗ frohem Lachen. Es war gewiß, daß der ehrliche Zucker⸗ fabrikant in Erwartung des ſichern Vortheiles darauf ein⸗ ging. Das Weitere kümmerte ihn nicht, da er mit derglei⸗ chen Kniffen und Ränken ſchon hinlänglich vertraut war und immer einen Ausweg gefunden hatte. Es war dies eines jener Geſchäfte, die er auf eigene Hand unternahm, woran ſich Warren grundſätzlich nie betheiligte, ihm ſo⸗ gar gedrohet hatte, dies zur öffentlichen Kenntniß zu brin⸗ gen. Leider war er nach glücklicher Löſung derſelben ſtets ſchwach genug geweſen, den Profit mit ihm zu theilen und ſich dadurch zum Mitgenoſſen einer unredlichen Specu⸗ lation zu machen. 195 Herr Edmund Roſſian beförderte den Brief eigen⸗ händig zur Poſt. Ein Beweis, daß er Warren für den Augenblick nicht in dieſen Handel einweihen wollte. „Ein Handgeld auf mein künftiges Glück,“ dachte er, als der Brief in den Kaſten glitt.„Es müßte doch kurios zugehen, wenn mir aus dieſem Geſchäftchen nicht binnen kurzer Zeit ſechstauſend Thaler durch die Hand liefen? Nach der Reſidenz ſendet Koltrum gern. Der Transport zu Waſſer erleichtert ihm das Geſchäft, wie er ſagt. Es war ein brillanter Einfall von mir, ihn da⸗ hin zu dirigiren, wo ich meine ſicherſten Abnehmer habe. Man muß Genie haben, wenn man ſich bei der Ebbe oben halten will. Ich werde ſchon morgen meinen Freund Siegmund Markmann avertiren, daß er auf meine Rech⸗ nung fünfhundert Centner Melis auf Lager nimmt und werde ihn ſogleich inſtruiren über den kläglichen Gegen⸗ bericht, daß es plötzlich mit dem Melis abſcheulich flau ſtehe. Natürlich referire ich ſchleunigſt an Koltrum, doch nicht eher, bis der Zucker in loco iſt, und rathe ihm, nicht auf das Geſchäft einzugehen, bis ſich die Preiſe wieder höben.“ Er lachte ſelbſtgefällig vor ſich hin.„Es iſt eine prächtige Sache kluge Gedanken zu haben und ſie ver⸗ werthen zu können,“ dachte er weiter.„Die Männer ſind einfältig, die von ihren Einfällen ein Tagebuch machen. Herr Koltrum würde mir ſeine Achtung nicht verſagen, 196 wenn er es einſehen könnte, daß ich ſeinen Zucker pro forma lagern laſſe, während er ſchleunigſt in irgend einer Raffinerie verſchwinden wird, wo er ſpurlos vergeht, um eines Tages wieder aufzuerſtehen. Es iſt eine eigene Ro⸗ mantik in ſolchen Geſchaften. Man escamotirt gleich einem Taſchenſpieler. Wo ſind die Waaren? Wo iſt das Geld? Ha, ha ha ha!“ Er hatte wirklich laut gelacht und wahrſcheinlich in ſeiner Verſunkenheit auch laut geſprochen, denn ſein Freund Warren, der ihm zufällig entgegenkam, berührte ziemlich unſanft ſeine Schulter und fragte ihn erſchrocken, ob er ſeinen Verſtand verloren habe. „Wiſſen Sie Warren, wer wirklich Verſtand hat, kann ihn nie verlieren,“ antwortete Herr Edmund Roſ⸗ ſian ziemlich malitiös.„Sie bilden ſich ein welchen zu haben, Sie ſind allerdings ſtündlich in Gefahr Fiasco da⸗ mit zu machen. Jetzt gehe ich, um die Ingredienzien zu einer Bowle zu beſtellen, welche zauberhaft ſchmecken und wirken ſoll. Auf Wiederſehen! Grüßen Sie mein Lieb' und Ihre Frau!“ Trällernd ging er die Straße hinab. Siebentes Capitel. Giſela fühlte ſich tief verletzt. Es war der dreiſten Prahlerei Roſſians gelungen, ihr Vertrauen auf Lyſan⸗ nen's innere Kraft zu erſchüttern. Die Mittel, die er angewendet, um ſie von dem Mädchen fern zu halten, das ſie am Rande eines Abgrundes ſchweben ſah, zeigten ſich probat, alſo hatte er das innere Weſen Giſela's wirklich richtig erfaßt und verſtanden. Nur mit gehei⸗ mem Widerwillen hatte ſich die Dame einem Cirkel an⸗ geſchloſſen, der ihrem Geſchmacke nicht zuſagte. Das Mitleiden mit Lyſanna, welche, nach ihrer Meinung, einer Speculation zum Opfer fallen ſollte, feſſelte ſie, wäh⸗ rend die Frivolität im Warrenſchen Hauſe ſie immerfort abſtieß. Muthig ſchiffte ſie jedoch durch die Wogen der Geſellſchaft, der man unvorſichtiger Weiſe das Kleinod einer durch Bildung und Edelſinn hoch daſtehenden Fa⸗ 198 milie anvertraut hatte. Das Ringen nach eitler Ehre, die Sucht zu glänzen und die unverhüllte Begier nach üppigem Lebensgenuß widerte ſie an. Aber ſie hielt tapfer aus und bekämpfte das unheimliche Gefühl, wel⸗ ches ſie bei der Beobachtung der Menſchen ergriff, denen Lyſanna, das reine, zartſinnige Töchterchen des weiſen Toby Koltrum, zugeſellt worden war. Ihr Urtheil über Edmund Roſſian ſtand nach den erſten vierundzwanzig Stunden feſt. Es war ein richtiges Erkennen ſeiner bo⸗ denloſen Verderbtheit. Ihm die liebliche Blume zu ent⸗ reißen, die er im frechen Uebermuthe als ſein zu betrach⸗ ten ſchien, das war das Ziel ihres Strebens, der Zweck ihrer freiwilligen Wachſamkeit. Sie durfte aber nicht feindſelig gegen den ſchönen jungen Mann auftreten, der von Seiten der Eltern viel⸗ leicht begünſtigt wurde. Sie arbeitete deshalb unver⸗ merkt darauf hin, daß Lyſanna durch eine freie Entſchlie⸗ ßung dem Bündniſſe auswich, das ſich unbegreiflicher⸗ weiſe der Billigung Aller erfreute, die dagegen hätten wirken ſollen. Tropfenweis gab ſie ihre Lebensregeln, tropfenweis ſenkte ſie die Erkenntniß in ihr Herz und wartete dann geſpannt des Augenblickes, wo ſich die Weisheit ihrer Lehren bewähren würde. Wie oft eilte ſie mit dem Anſcheine ruhiger Sorgloſigkeit in die Nähe Lyſanna's, wenn das Auge des ſchönen Mädchens feu⸗ 199 riger zu glänzen begann und ein lieblich zufriedenes Lä⸗ cheln darthat, daß die ſüßen Schmeicheleien Roſſian's ihr Herzblut in Wallung brachten. Wie oft nahm ſie lä⸗ chelnd den Shawl von ihren Schultern, wenn Roſſian ſie zum Tanze holte und die feurigen Blicke verrätheriſch leuchtend auf ſie heftete. Es begleiteten immer nur we⸗ nige, ganz unſchuldig klingende Worte ihre kleinen Freund⸗ ſchaftsdienſte, aber Lyſanna fühlte deren Bedeutung. „Wie heiß flammen ihre Wangen,“ ſagte ſie ganz gütig, „man machte mich ſchon darauf aufmerkſam.“ Oder: „Wie ſeltſam ihr Auge glüht, wenn Ihr Vater Sie ſähe, würde er fragen, wovon Sie bewegt ſeien.“ Lyſanna hob dann erſchrocken den Blick— der Traum der Eitelkeit wich— der Taumel ihrer Sinne erloſch. Verſtändig geworden, als hätte ein Strahl küh⸗ len Waſſers ſie ernüchtert, gab ſie den ſchmeichelnden Hul⸗ digungen Roſſian's wenig Gehör, denn ihre Vernunft zog eine Schranke, woran die lügenvolle Exaltation ſei⸗ ner Huldigung ſcheiterte. Lyſanne wußte es nicht, was Giſela für ſie that, aber ſie fühlte ſich wohl unter ihrem Schutze, ſie hatte das Gefühl der Sicherheit, wenn ſie ihr ernſtes Auge ſuchen konnte und ſie war ſtolz darauf, von ihr auffal⸗ lend begünſtigt zu werden. Mitten in der Aufregung ihrer neuen Lebensluſt erkannte ſie die Vorzüge Giſela's, 200 die nicht allein in einer gediegenen Bildung, ſondern auch in der tactvollen Handhabung aller geſelligen For⸗ men beſtanden. Wie albern, wie linkiſch, wie unzart und ungebildet erſchien ihr Frau Emma Warren neben dem Fräulein von Ilow, die nur wenige Jahre mehr zählte, aber mit richtigem Tacte einen Unterſchied zwiſchen ſich und den jüngern Mädchen machte, während Frau War⸗ ren mit dem jüngſten Mädchen rivaliſirte. Freilich übte der äußere Glanz, in den ſich ihre Freundin Emma hüllte, trotz dieſer Erkenntniß, einen Zauber aus, der ſie ſtets zur Nachahmung reizte, aber der innere Gehalt Giſela's ſtand wachſam als Vorbild vor ihrem Geiſte und verhinderte, daß die Reinheit ihrer Seele verlo— ren ging. Als Giſela im Wagen des Commerzienraths Wappra vorüberfuhr und ſich mit ſchmerzlicher Entſchloſſenheit feſter in die Ecke des Fonds drückte, um nicht in Verſu⸗ chung zu kommen, Lyſannen einen Scheidegruß, einen Mahngruß zuzuwinken, da ahnete ſie nicht, mit welchen Empfindungen das junge Mädchen auf dieſen Wagen hinabſchauete, der ihre Beſchützerin hinwegführte. Ein Schmerz, ſo ſchneidend und weh, daß ſie unwillkürlich die Hände gegen das Herz preßte, durchzuckte ſie. Es war ihr zu Muthe, als ſei ſie verdammt, als ſei ſie ge⸗ richtet, als verkündige dieſer kaltſinnige Abfall ihrer Be⸗ —— 201 ſchützerin der ganzen Welt, daß Giſela ſie verachte. Warum aber verachtete man ſie? Eine Fluth von Erin⸗ nerungen überſtürzte ſie bei dieſer Frage. Sie hatte am Abend zuvor, in der Soirée beim Lieutenant von Ilow, mit größerer Hingebung als ſonſt den zärtlichen Zuflüſte⸗ rungen gelauſcht, womit Edmund Roſſian ſie beſtürmt. Lag denn aber darin ein Grund zur Verachtung? Al⸗ lerdings, denn ihm fehlte die Berechtigung zu ſolchen Vertraulichkeiten. Gut, ſo mußte ſie als ſeine Braut der Welt entgegentreten, um ihre Ehre zu retten. Als ſeine Braut! Ein eigenthümlicher Schauer von Furcht überrie⸗ ſelte das junge Mädchen bei dieſem Gedanken. Als ſeine Braut ſollte ſie dann in ihres Vaters Haus zurück⸗ kehren und ihr Vater, ihr ernſter, kluger Vater ſollte von ſeiner geiſtigen Höhe herab auf den Mann blicken, den er Sohn nennen mußte? Eine tiefe, heiße Scham machte ihr Haupt ſenken. War denn wirklich die Nothwendig⸗ keit vorhanden, daß ſie dieſen jungen Mann zum Gat⸗ ten wählte, weil ſie einige allzu vertrauliche Blicke ge⸗ duldet hatte? Zum Gatten! Zum Gatten den Mann wählen, welchen ſie kaum einige Wochen kannte, der nur in Saus und Braus ihr näher getreten war, mit dem nicht ein einziges Band wahrer Sympathie ſie verknüpfte? Zum Gatten, zum Gefährten für das ganze Leben ſollte ſie dieſen Mann erwählen? Wo war denn der 20² Grund zu einer ſolchen Verpflichtung zu ſuchen—? Um Giſela's Verachtung zu entwaffnen? In einer Anwand⸗ lung von Troſtloſigkeit ſchlug ſie beide Hände vor's Ge⸗ ſicht und weinte. Hätte doch Giſela ihrem ſchmerzlichen Grolle nicht nachgegeben, als ſie vor den Fenſtern vor⸗ 3 überfuhr, wo ſie Lyſanna wußte. Ein einziger Blick⸗würde 1 der erfahrenen Weltdame verrathen haben, daß eine glück⸗ 4 liche Braut nicht mit Mienen, worin Kränkung und Weh⸗ muth ſich widerſpiegelten, ihre unvorhergeſehene Entfer⸗ nung aus der Stadt bemerkte. Das ganze Gewebe der tückiſchen Argliſt, welches Roſſian ausgeſponnen, um ſie zu entfernen, hätte ſie al⸗ lerdings nicht zu durchſchauen vermocht, allein ihr Miß⸗ trauen würde erwacht ſein. Schon war es ihr befremd⸗ lich erſchienen, daß Roſſian die ſchriftliche Einladung gar nicht angenommen, ſondern zurückgewieſen hatte. War dies blos Tactloſigkeit, Unkenntniß der Höflichkeitsfor⸗ ſollte es eine bittere beleidigende Zurückwei⸗ men oder ſung ſein. Von ihren Gedanken beſchäftigt achtete ſie kaum auf das Geſpräch des Commerzienrathes mit ſeiner Toch⸗ ter und mit ſeinem Schwiegerſohne, das ſich um einige Stadtneuigkeiten drehete und dann auf pecuniäre Ver⸗ hältniſſe der Familie überging. Der Commerzienrath Wappra war ein Empor⸗ 203 kömmling reinſten Waſſers, hatte ganz klein angefangen und ſtand jetzt, im ſechszigſten Jahre, auf dem Gipfel des Reichthumes und Anſehens. Es war gewiß nicht zu verwundern, daß er durch ſolche Carriere eine große Mei⸗ nung von ſeinem Verſtande ſowohl, als von ſeinen Ver⸗ hältniſſen bekam. Er hielt ſich unbeſtritten für den ein⸗ ſichtsvollſten Kaufmann und für den vornehmſten Pri⸗ vatmann, war aber dabei der gemüthlichſte Menſch, den man ſich denken kann. Der größte Stolz ſeines Alters blieb ſeine Tochter, ſo lange er keinen Enkel aufzuwei⸗ ſen hatte. Jetzt war der jungen Frau ihr Rang ſtreitig gemacht. Sein Enkel nahm ihre Stelle ein und mit der Geburt dieſes Knaben war auch der Vater desſelben im Werthe geſtiegen. Unaufgefordert verdoppelte er den Zuſchuß zur Haus⸗ haltungscaſſe des jungen Paares und ließ ſehr häufig mit etwas derbem Scherze eine Rolle Goldſtücke in die Hand des Schwiegerſohnes gleiten, wenn er merkte, daß eine Zubuße nöthig war. Giſela kannte die ganze Eigen⸗ thümlichkeit dieſer Verhältniſſe und da ſie weit ſtolzer und feinfühlender war, als ihr Bruder, ſo empfand ſie es jedes Mal als eine ſchmerzhafte Demüthigung, wenn dergleichen Geſpräche in Gang kamen. Raſch rollte während deſſen der Wagen ſeinem Ziele näher. Im zweiten Wagen ſaß die Amme mit 204 dem kleinen Junker von Ilow, die Hausmamſell, welche nach dem Tode der Commerzienräthin das ganze Haus⸗ weſen unter ſich hatte und jener Bediente, der mit dem Briefe von Herrn Edmund Roſſian zurückgeſchickt wor⸗ den war. „Dein geſtriges Feſtin hat Dir wohl Geld gekoſtet, mein Sohn Ilow?“ fragte der Commerzienrath mit jo⸗ vialem Tone.„Es war aber hübſch, Kinder— ich habe mich köſtlich amuſirt, und meine ſtillen Beobachtun⸗ gen gemacht.“ Herr von Ilow, ſeiner Schweſter im Aeußern mehr ähnlich, als im Innern, ſtrich ſelbſtbewußt ſein Bärtchen und erwiederte:„Man hat ſich allgemein amuſirt, chèr papa.“ „Nur über Sie hab' ich mich geärgert, Giſela,“ fuhr der Commerzienrath heiter fort.„Was hatten Sie denn immer das junge Liebespärchen zu ſtören? Der Roſſian hätte Sie mit ſeinen Blicken vergiften mögen, als Sie des letzte Mal in voller Haſt quer durch den Salon eil⸗ ten und Lyſanna entführten. Er rächte ſich dafür an Ihrem Bruder, Fräulein Giſela.“ Das Fräulein warf einen fragenden Blick auf ihren Bruder, der ſichtlich verlegen ſeitwärts aus dem Wagen ſah.„Ja, ja— er rächte ſich!“ ſetzte der alte Herr la⸗ chend hinzu.„Ohne Grund entrirte Herr Roſſian kein 205 Spielchen im Nebenzimmer— ohne Grund thut dieſer Roſſian nichts. Wie viel hat er Dir abgenommen, mein Sohn Ilow?“ „Einige Ducaten!“ ſprach der Lieutenant gezwun⸗ gen nachläſſig. „Schon bezahlt?“ fragte der Commerzienrath lau⸗ ernd. Giſela's Blick glitt über ihres Bruders Geſicht. Sie fühlte ſich empört von dem Leichtſinne, womit er die günſtigen Verhältniſſe ſeines Schwiegervaters aus⸗ beutete. Auch Ilows Gattin ließ ihr Auge ſchnell über das hübſche, ſtolze Geſicht ihres Mannes ſchweifen, aber ſie nahm die Sache leicht und erbarmte ſich ſeiner. „Papa, wie kannſt Du denken, daß mein armer Mann noch überflüſſige Ducaten im Sacke hat, da er mir ſeit acht Tagen Geld über Geld hat geben müſſen!“ rief ſie lachend und hielt gleich ihre kleine Hand offen dem Vater entgegen. Dieſer fuhr mit der Rechten in eine Seitentaſche und nahm ein Röllchen heraus, das er in die geöffnete Hand ſeiner Tochter warf. Scherzend ſteckte ſie es ihrem Manne zu und gab ihm einen Kuß. Giſela's Blick dankte ihr.. „Ich hatte ſo etwas von Ducaten reden hören,“ ſprach während deß der Commerzienrath ganz gemüth⸗ lich,„und als ich vorhin Reiſegeld einſtecken wollte, fiel Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 14 206 mir dieſe Rolle Ducaten in die Augen. Paßt’ wie ge⸗ macht! dachte ich, und nahm ſie mit.“ „Glaube nicht, chèr papa, daß ich öfter ſo leicht⸗ ſinnig bin,“ ſtammelte der junge Mann. „Ah was. Als Wirth durfte mein Sohn Ilow nichts gegen das Spielchen einwenden,“ fiel der Commerzien⸗ rath ein.„Giſela trägt allein die Schuld. Hätte ſie den Roſſian in Amor's Feſſeln gelaſſen, ſo wäre er nie auf ein Spielchen verfallen. Warum ſtörten Sie denn die Liebesgeſchichte, Giſela? Es wäre wahrhaftig eine Verlobung daraus geworden.“ „Mir gefällt Herr Roſſian nicht!“ ſtieß Giſela faſt willenlos hervor. „Mir auch nicht!“ rief die junge Frau.„Trotzdem er ſchön iſt, macht er auf mich den Eindruck eines Diavolo.“ „Mir gefällt er auch nicht,“ meinte der Commer⸗ zienrath.„Aber Lyſannen ſcheint er zu gefallen und ich wette, er iſt ſchuld, daß das hübſche Kind uns heute verſchmäht hat.“ „Roſſian iſt ſo übel gar nicht,“ ſprach Giſela's Bruder.„Er hat noble Paſſionen, das iſt nicht zu leug⸗ nen— „Aber ihm fehlen die noblen Manieren,“ warf Gi⸗ ſela ein.„Ihm fehlt der noble Sinn und die noble Ehrenhaftigkeit!“ 207 „Starke Beſchuldigungen!“ ſagte der Commerzien⸗ rath bedächtig.„Er iſt Ihnen alſo, mit einem Worte geſagt, nicht gut genug für unſere hübſche Koltrum?“ „Nein!“ erklärte Giſela entſchieden. Lyſanna's Fa⸗ milie iſt zu ehrenwerth, um ſolche Grundſätze gut heißen zu können, wie Herr Roſſian förmlich zur Schau trägt.“ „Das läßt ſich glauben,“ antwortete der alte Herr, „denn der alte Name Elias Koltrum hat einen ſehr gu⸗ ten Klang. Ich bin überhaupt den Leuten gewogen, die ſich durch Fleiß und Klugheit in die Höhe bringen. Die Fabrik Koltrum's zählt zu den beſten und man ſieht, daß er immer noch ſtrebt, zu verbeſſern. Solchen Leu⸗ ten zu helfen iſt eine Freude.“ „Ely Koltrum braucht keine Hilfe,“ entgegnete Gi⸗ ſela lächelnd.„Er hilft ſich ſelber.“ „So habe ich's auch gemacht,“ rief der Commer⸗ zienrath ordentlich feurig,„und ich habe ſo viel erwor⸗ ben, daß es beinah' für mein einzig Kind zu viel iſt. Um dieſem Uebelſtande abzuhelfen, wählte ich mir in meinem Schwiegerſohne einen kräftigen Beiſtand zum Ver⸗ brauch des lagernden Geldes, nicht wahr, mein Sohn Jlow?“ Der junge Officier lachte und ſchüttelte dem cher pèére die Hand. „Uebrigens haben Sie nicht ganz unrecht mit Ihrem 14* 208 Widerwillen gegen Herrn Edmund Roſſian,“ fuhr der Commerzienrath etwas ernſthafter fort. Der Mann tollt in die Welt hinein und ſchont weder Freund noch Feind, wenn es noth thut. Man erzählt ſich merkwürdige Ge⸗ ſchichten von ihm. Er leugnet zwar mit großer Keckheit ſeine Theilnahme an dieſen Geſchichten ab, allein das Dunkel läßt ſich gar nicht anders lichten, als daß er die Hand im Spiele gehabt haben muß. Ich kenne Einige der Geprellten, die nur auf den Moment warten, wo er als Erbe ſeines Onkels mit zureichenden Mitteln ver: ſehen ſein wird, um mit ihren gerechten Anſprüchen und Beweiſen hervorzutreten.“ „Um ſo trauriger, daß Lyſanna ſeine Gattin wer⸗ den wird,“ ſeufzte Giſela. „Warne ſie doch, liebe Schwägerin!“ rief die junge Frau.„Warum ſprichſt Du nicht offen mit ihr? Wozu die ängſtliche Ueberwachung, die Dir nichts helfen kann, da er Zutritt bei Warren's hat?“ „O, im Zuſtande der Ruhe läßt ſich Lyſanna nicht von den Fadheiten blenden, die dieſer Mann in Anwen⸗ dung bringt,“ ſprach Giſela aufwallend.„Er weiß das auch und meidet ein Zuſammentreffen im Familienkreiſe, in der nüchternen Tagesbeleuchtung, eher, als er es ſucht. Lyſanna iſt unbewußt eitel. Sie iſt unbewußt gefallſüch⸗ tig, wenn ſie ſich im Brennpunkte der allgemeinen Auf⸗ — 209 merkſamkeit weiß. Ein Wort, eine flüchtige Erinnerung von mir tödtet die kleine Schlange in ihr, die ſie zur Sünde verleiten möchte—“ „Giſela— alle Achtung vor Ihrem Verſtande,“ fiel der Commerzienrath plötzlich ein,„aber hier ertappe ich Sie endlich einmal auf einer Schwäche. Sie ſpielen ein romantiſches Spiel mit Ihrem hübſchen Liebling, Sie agi⸗ ren mit Vorliebe in der Rolle ihres Schutzgeiſtes und wollen feine Seelenſtudien machen. Ich warne Sie. Es möchte eines Tages zu ſpät ſein, darum ſprechen Sie offen und ehrlich ein ordentlich verſtändliches Wort mit Lyſanne.“ „Ich fürchte, es wird ſchon zu ſpät ſein,“ antwor⸗ tete Giſela mit feierlicher Betonung. „Das arme Mädchen!“ rief Frau von Ilow bewegt. „Sie iſt alſo verlobt?“ „Wenigſtens muß ich dies annehmen, da mir Roſſian in abſcheulich unartiger Manier hat kund thun laſſen, daß nach ſeinem ausdrücklichen Wunſche Lyſanne nicht von der Partie ſein könne. Dazu kommt, daß ich heute früh, unter einem Vorgeben von dem ſchlaulächelnden Kammermädchen der Frau Warren abgewieſen wor⸗ den bin.“ Der Commerzienrath zog ſeine buſchigen Augen⸗ brauen noch dichter zuſammen und blickte nachdenklich vor ſich hin.„Die Sache iſt nicht klar, Giſela. Sie haben 210 heute das Feld zu früh geräumt. Entweder hat Roſſian aus erbärmlicher Rache eine Demüthigung für Sie vor⸗ bereitet oder er hat Sie aus dem Wege räumen wollen. Roſſian thut nichts ohne beſondere Gründe. Wäre er ſchon verlobt, ſo hätte er Sie mit Hohn erwartet und ſich als Verlobter präſentirt. Die Sache iſt nicht klar. Er hat Sie mit ſeiner Unverſchämheit zu früh in die Flucht geſchlagen. Hätten Sie mir mitgetheilt, warum Lyſanna trotz unſerer frühern Verabredung nicht mit⸗ fahren wollte, ſo würde ich einfach den Wagen vor War⸗ rens Thür haben halten laſſen und Lyſanna in höchſt eigener Perſon heruntergeholt haben. Roſſian's Augen ſprachen geſtern zu deutlich ſeinen Haß gegen Sie aus. Ich halte ſein Verfahren für eine Rache, glaube indeß, daß er Abſichten damit verbindet. Giſela horchte geſpannt auf dieſe Auseinanderſetzung. „Es wäre möglich— es wäre möglich,“ ſagte ſie leiſe. Ohne den ganzen Zuſammenhang zu begreifen, fühle ich einen Faden durch die letzten Ereigniſſe.“ „Warten Sie— den Faden entdeckte ich ſchon. Wer hat den Brief an Lyſanna beſorgen ſollen? Unſer Jean? Gut. Er ſoll ſogleich bei unſerer Ankunft im Landhauſe ein Examen beſtehen.“ „Vielleicht kann ich mit einigen Andeutungen die⸗ nen,“ ſprach der junge Officier leichthin. 8 211 „Rede, mein Sohn Ilow.“ „Noch während wir allzuſammen pointirten, redete mir Roſſian zu, die Partie nach der Villa auf heute anzuſetzen.“ „Sieh! Sieh! Und mein Sohn Ilow war Wachs in der Hand des intriguanten Doppelſpielers.“ „Nicht ganz Wachs, cheèr père,“ antwortete der Lieutenant auf den Scherz eingehend.„Aber als ich ihm zehn Ducaten ſchuldete und er mir Friſt gab, das Geld heute Abend mitzubringen, da dachte ich an die lockenden Schilderungen von Frühlingspracht, die Roſſian ange⸗ wendet hatte mich zu reizen, weil ich nicht zahlen konnte.“ „Mein Sohn Ilow zeigte ſich als ein gelehriger Schüler,“ ſpöttelte der Commerzienrath, er wiederholte die lockenden Schilderungen zuerſt vor den Ohren ſeiner Frau und dieſe trug ſie weiter bis zu mir— ſchön, daß ich Deine Anlagen kennen lerne, ſie ſollen mir ferner dienen. Wird Ihnen die Sache ſchon klarer, Giſela?“ fragte er, den Ausdruck ſeiner Stimme ſchnell wechſelnd, denn er ſah, daß die Mittheilung des jungen Mannes eine tiefe ſchmerzliche Bewegung ihres Gemüthes bewerk⸗ ſtelligt hatte. 1 „O, ich mache mir Vorwürfe! Ich möchte zurück! Lyſanna iſt unſchuldig!“ ſagte das Fräulein abgebrochen. „So kleine unbedeutende Urſachen— ſo kleine unſchein⸗ 212 bare Zufälligkeiten— wäre es denn wirklich möglich, daß Alles durch Roſſian's Klugheit angeſtellt iſt?“ „Außerordentlich wahrſcheinlich iſt dies. Ich könnte Ihnen noch ganz andere merkwürdige Geſchichten von ihm erzählen. Der Roſſian iſt ein Teufelskerl. Schlau und dreiſt, wie die Jetztzeit es verlangt. Wenn es wahr iſt, daß im Gewinn immer Gottes Segen liegt, ſo muß er in ganz beſonderer Gunſt bei Gott ſtehen.“ 4 „Läſtern Sie Gott nicht,“ rief Giſela in großer Aufregung.„Auch Betrug bringt Gewinn und Betrug iſt ein Abfall von Gott und ſeinen Lehren. Wie ſteht überhaupt die Handlung„Warren und Roſſian?“ fügte ſie mit aufblitzendem Mißtrauen hinzu. 1 „Gut, ſo weit man es beurtheilen kann,“ war des Commerzienraths Antwort. „Steht ſie auf ſolidem Boden?“ „Warren hat mit mehr angefangen, als mancher Andere. Ob er mit viel aufhört, muß die Zeit lehren.“ „Ich habe oft von Ihnen ſagen hören, daß es nicht gleich iſt, ob ein Handlungshaus auf reellem Credit ge⸗ baut iſt oder auf erſchwindeltem.“ „Das iſt keineswegs gleich, Giſela, aber es kommt auf die Reſultate an. Wie viele Handelshäuſer began⸗ nen mit reinem Schwindel und faßten feſten Fuß. Ich liebe ſolche Geſchäftsverbindungen nicht. Mir iſt ein 213 arbeitsliebender Geſchäftsmann lieber, als ein ſpeeulati⸗ ver. Darum wäre Herr Roſſian nicht mein Geſchmack, während es Herr Koltrum im höchſten Grade iſt. Der Mann gründete ſich erſt ſeinen Credit und dann begann er zu ſpeculiren. So habe ich es auch gehalten. Man weiß das in der Kaufmannswelt und hat Reſpect vor mir. Die Schwindler meiden mich, aber die ehrlichen Leute ſuchen bei mir Hülfe. Spricht mich Jemand um Beiſtand an, ſo frage ich nach, ob er anderwärts ſchon Verſuche gemacht hat. Iſt das geſchehen, ſo weiſe ich ihn ab. Es ſoll nicht heißen, wenn kein Anderer hilft, ſo hilft doch der alte Wappra.“ „Iſt das nicht eine vorgefaßte Meinung? fragte Giſela.„Kann nicht eine gewiſſe Zaghaftigkeit Urſache ſein, daß man Sie nicht gleich behelligen will?“ Ganz egal, mein gnädiges Fräulein, ſcherzte Wappra mit liebenswürdiger Gemüthlichkeit.„Wenn Sie Geld brauchen und denken nicht gleich daran, daß ich Ihnen helfen könnte, ſo haben Sie nicht das nöthige Vertrauen zu mir gezeigt. Sie bekommen nicht einen Thaler, zur Strafe für Ihre Zweifel.“ „Bringen Sie dieſe humane Geſinnung nicht zur öffentlichen Kenntniß, ſonſt überläuft man Sie immer zuerſt mit Bitten.“ „Hat nichts zu ſagen. Der Schwindler fürchtet mich. 214 Ehrliche Leute kommen ſeltener in Verlegenheit und ſind zaghafter im Borgen. Es hat wirklich nichts auf ſich, wenn ich meine Schwäche aufdecke. Am meiſten wird dieſe Schwäche von meinem Töchterchen benutzt. Sie kommt immer eher zu mir, als zu ihrem Manne. Ihr Bruder, mein Sohn Ilow, verſäumt dieſe Klugheit. Er ſollte es einmal mit mir verſuchen ſtatt mit Wucherern, die ihm ungeheure Zinſen anrechnen.“— Der Offiecier wendete abermals ſeinen Blick zum Wagen hinaus. Gi⸗ ſela ſah, daß er ſich ſchuldig fühlte. Ein bitterer Unwille erfüllte ſie plötzlich und ſie ſagte:„Vielleicht gehört mein Bruder zu den Schwindlern, die den Commerzienrath Wappra fürchten.“ „Nicht doch! Seine Ausgaben ſind Convenienz⸗ ſünden, die er ſeinem chèr pere nicht auf's Conto bringen will. Lieber nimmt er die Zuflucht zu einem jener Blutſauger, die fünfzig Procente nicht zu viel finden.“ Giſela war bleich geworden vor Scham. Sie fühlte recht gut, daß der Commerzienrath ein Recht zu väterlichen Vorhaltungen hatte, aber ſie ſah nicht ein, weshalb ſie unter ſolchen Scenen leiden ſollte. Und unter ſolchen Ver⸗ hältniſſen hätte ſie leben müſſen, wenn ſie nicht, geiſtes⸗ ſtark genug, eine aärmliche Einſamkeit dem Glanze einer bürgerlichen Ueberhebung vorgezogen hätte. — 11 ——- * „Hier ſind Deine beiden Wechſel, mein Sohn Ilow, die Du dem Agenten Schnok ausgeſtellt haſt.“ Der Officier griff gleichmüthig nach den Papieren. „Wenn Dich künftighin Durchmärſche von Truppen zwin⸗ gen, generös gegen die Herren Cameraden zu ſein, ſo komm zuerſt zu Deinem Schwiegervater und denke hübſch daran, daß es eine Schwäche von ihm iſt, zuerſt um Bei⸗ ſtand angeſprochen zu werden.“ „Haſt Du noch mehr ſolcher Amuſement's, lieber Papa?“ fragte des Commerzienraths Töchterchen heiter. Sie ſchmiegte ſich dabei zärtlich an ihren Mann, der verſtoh⸗ len ſeine Schweſter beobachtete.„Sieh Giſela,“ fügte ſie neckiſch hinzu,„das iſt pures Großthun vom Papa. Er will Dir nur zeigen, wie gut er iſt und er hätte dies doch gar nicht nöthig, da Dir gar nichts daran liegt, ſeine Herzensgüte kennen zu lernen!“ „Haltet es mir zu Gute, Ihr Lieben,“ erwiederte Giſela eifrig, denn ſie erkannte die Richtigkeit der Zu⸗ rechtweiſung, die in den Worten der jungen Frau lag, „haltet es mir zu gute, wenn ich mit leicht verletztem Sinn kaufmänniſche Verhandlungen, die einen Vorwurf für meinen Bruder enthalten, anders aufnehme, wie Ihr. Der Druck einer ſolchen Abhängigkeit würde anich lang⸗ ſam tödten.“ „Ei, ei, wie ſentimental, mein gnädiges Fräulein 1* 216 ſcherzte Wappra.„Danken wir Gott, daß wir nicht ſind, wie Sie. Was ſollte aus den armen Ofiicieren unſerer Armee werden, wenn der Druck einer ſolchen Abhängig⸗ keit tödtlich werden könnte! Nein, Giſela— das ſind meine Vaterfreuden! Er ſoll aber nicht zu andern Wu⸗ cherern gehen, denn ich will die Zinſen verdienen, die er denen in die Hände ſpielt. Dieſe Zinſen ſollen auf das Erbtheil meines Enkels kommen.“ Bezwungen von der liebevollen Herzlichkeit, womit Wappra ſprach erfaßte Giſela ſeine Hand und ſagte: „Möchte Ihnen mein Bruder nur nie Gelegenheit geben, daß Sie bereuen ihn zu einem verwöhnten Sohne ge⸗ macht zu haben.“ „Sehen Sie doch nur—“ antwortete der alte Herr auf das Ehepaar deutend, das in ſtiller Zärtlichkeit ein⸗ ander in die Augen blickte.„Er liebt. Sie liebt. Wir lieben alſo und dies gleicht Alles aus, was nicht eben- mäßig iſt.“ „Der Wagen hielt. Man war angelangt vor der Villa, die im Blüthenſchleier der Bäume eingehüllt dalag. Vom Zauber der Frühlingswonne beſchwichtigt, vergaß Giſela für jetzt die Sorgen um Lyſanna's Wohl und ſie über⸗ ließ ſich in menſchlicher Vergeßlichkeit ſo vollſtändig dem Eindrucke, den das neue friſche Leben in der Natur auf ſie machte, daß ſie„ordentlich zuſammenſchrack, als der Commerzienrath plötzlich beim Theetrinken ſagte:„Ich wollte, wir hätten die kleine Koltrum hier!“ „Wie tadelnswerth von mir, daß ich ſie vergeſſen konnte,“ dachte Giſela, indem ſie ihre Taſſe ſchnell nie⸗ derſetzte. Sie gab ihren Selbſtvorwürfen jedoch keine lauten Worte, ſondern blickte nur fragend in das Geſicht Wappra', das gedankenſchwer erſchien. „Es iſt am Ende Alles viel ſchlimmer, als wir je gedacht haben,“ fuhr derſelbe fort.„Mein neuer Diener Jean hat mir wunderliche Aufklärungen gegeben.“ „Mein Gott, ſprechen Sie!“ bat Giſela beunruhigt. „Die Wechſelwirkungen im menſchlichen Daſein ſind oft merkwürdig. Hätte Herr Roſſian nicht den Brief, welchen Sie an Lyſanne gerichtet, zurückgewieſen, ſo würde ich niemals darauf verfallen ſein, Jean nach Roſ⸗ ſian zu fragen. Und nun genügte dieſe eine Frage, um mir einen Einblick in alle Lebensverhältniſſe des jungen Mannes, in ſeine Vergangenheit ſowohl, als in ſeine Zu⸗ kunft zu eröffnen. Bitte— erzähle doch, lieber Papa!“ ſprach Frau von Ilow lebhaft angeregt und ſelbſt der phlegmatiſche Lieutenant ſtrich ſeinen Schnurrbart mit einer Manier, als hätte er Eile. Giſela faltete ihre Hände in einander und horchte mit aller Spannung.. „Jean kennt Herrn Roſſian. Er war vor mehreren 218 Jahren bei dem Onkel, den der junge Herr zu beerben gedenkt, als Diener. Dieſer Onkel iſt allerdings ſehr reich, ſteht jedoch mit Herrn Roſſian keineswegs in ſol⸗ chem Verwandtſchaftsverhältniß, daß er ihn ohne Teſta⸗ ment beerben könnte. Ein Teſtament macht aber der alte Herr nicht. Roſſian weiß dies ſehr gut, benutzt in⸗ deß den vorhandenen Onkel ſo lange als Lockvogel, bis er mal ſtirbt. Dieſer Zeitpunkt kann bald eintreten, da der Onkel krank iſt.“ „Was haben Sie über Lyſanna gehört?“ fragte Giſela haſtig. „Jean meint, wenn die junge Dame nicht ſehr reich wäre, ſo verlobte ſich Herr Roſſian nicht mit ihr. Nur die höchſte Noth könne ihn zum Heirathen bringen. Oder ein wahrhaft fürſtlicher Reichthum. Ich glaube das erſtere— die Noth— iſt für jetzt ein Hauptgrund ſeiner Bewerbung. Er will Koltrum s Compagnon werden.“ „Meine Ahnung!“ fuhr Giſela ungewöhnlich heftig auf.„Das habe ich gefürchtet!“ Ein ſehr verwunderter Blick des Commerzienrathes brachte ſie zum Bewußtſein ihrer Bewegung. Sie er⸗ röthete ſtark und bückte ſich verwirrt auf ihre Stickerei⸗ nieder. „Darüber beunruhigen Sie ſich nicht, meine Gnädige,“ ſagte Wappra,„Koltrum wird ſich hüten ſeine Allein⸗ herrſchaft durch einen Mann beeinträchtigen zu laſſen. Ich kenne Elias Koltrum wenig, aber ich kenne ihn ge⸗ nug, um zu wiſſen, daß er niemals die Augen zudrückt, wenn er handeln will.“ „Woher aber die Zuverſichtlichkeit von Roſſian's Auftreten?“ „Angeborene Frechheit! Weiter nichts? Aber mir ſcheint, als läge Ihnen, da Sie einmal als die Reiſe⸗ gefährtin und Beſchützerin des jungen Fräuleins in der Stadt betrachtet werden, die Verpflichtung ob, handelnd einzuſchreiten. Denn— wenn Roſſian erſt der Verlobte Lyſannens iſt, ſo hat er ihre Ehre in ſeiner Gewalt. Er ſoll ein bösartiger Mann ſein nach Jean's Schilderung. Er ſoll aller Schandthaten fähig ſein.“ „Warum habe ich mich von meiner ſtolzen Empfind⸗ lichkeit leiten laſſen,“ ſprach Giſela traurig. „Es iſt ja noch nicht zu ſpät!“ tröſteten die Ver⸗ wandten.„Was iſt aber zu thun? Wie iſt es anzufan⸗ gen, Lyſanna ihren Umgebungen zu entreißen?“ „Sie müſſen morgen mit dem Früheſten in die Stadt fahren, um ihr Heil bei dem jungen Mädchen zu verſu⸗ chen,“ meinte der Commerzienrath. „Morgen? Wird es morgen noch Zeit ſein?“ „Jedenfalls und wenn auch eine Erklärung ſtattge⸗ — n———·-·—— 220 funden hätte!“ ſprach Frau von Ilow.„Durch ihr Wort iſt Lyſanna nicht gebunden, da ihre Eltern erſt ihre Ein⸗ willigung geben müſſen.“ „Wie weiſe mein Töchterchen ſpricht!“ rief Wappra mit komiſchem Erſtaunen.„Ich weiß eine Zeit, wo ſie ſagte, daß ſie einem gewiſſen Lieutenant ewige Liebe und Treue geſchworen— natürlich ohne ihre Eltern vorher um ihre Einwilligung dazu gebeten zu haben. Ebenſo wird Fräulein Lyſanna handeln.“ „Aber Giſela muß ihr beweiſen, daß ſie ihre Liebe an einen Unwürdigen verſchwendet hat.“ „Das glaubt kein Mädchen, welches liebt und Ly⸗ ſannens Augen glühten von einem Gefühle, das der Liebe ſehr nahe ſtand,“ erklärte Wappra.„Verſucht muß Alles werden, dafür ſtimme ich. Iſt es dann nicht zu ändern, ſo müſſen wir uns mit unſerem guten Willen tröſten.“ „Verſucht muß Alles werden,“ wiederholte Giſela entſchloſſen.„Ich bitte Sie, lieber Papa, mir morgen um ſechs Uhr Ihren Wagen zu erlauben. Iſt es nicht zu ſpät, ſo bringe ich Lyſanna mit heraus, aber ich bitte im Voraus um Schonung des armen lieben Kindes, wenn es unſere Aufgabe werden ſollte, Feſſeln von ihrem Her⸗ zen zu löſen, das in thörichter Verblendung für Liebe hal⸗ ten konnte, was nur Sinnenrauſch iſt.“ Giſela erhob ſich nach dieſen Worten und trat raſch —— durch das Balkonfenſter auf die Terraſſe hinaus, von welcher man in die Boskets gelangen konnte. Der Commerzienrath ſah ihr ernſthaft nach. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Ich hätte nie geglaubt, daß Giſela, die ernſte, ſtolze Jungfrau, ſo zärtlicher Ge⸗ fühle fähig wäre, wie ſie für die kleine Koltrum zeigt. Sonderbar! Sonderbar!“ „O, Schweſter Giſela hat ſtets ein edles Herz ge⸗ zeigt,“ erwiederte der junge Officier, den Dampf ſeiner Eigarre mit größter Gleichmüthigkeit aufwärts blaſend. Giſela artet ganz nach unſerm Vater!“ „Nach wem arteſt Du“ denn mein Sohn Ilow? fragte der Commerzienrath neckend.„Oder biſt Du ein⸗ zig in Deiner Art?“ Giſela hatte die Terraſſe ſogleich verlaſſen und war hinter den blühenden Büſchen der Spireen und Goldre⸗ gen verſchwunden. In ſchwer zu beſchreibender Unruhe durchſtrich ſie die ſchmalen Gänge, die labyrinthiſch das Geſträuch durchſchnitten. Schon dunkelte es ſtark, aber der Mond hing im vollen Glanze über ihr und gab hin— reichendes Licht zu ihrem Spaziergange her. Sie war unzufrieden mit ſich, daß ſie nicht conſequent ihre Vor⸗ ſätze durchgeführt hatte, von welchen ſie vollkommen ge⸗ ſtählt war, als ſie nach dem Tode ihres Vaters aus ihren geſelligen Verbindungen trat und den Aufenthalt Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 15 im kleinen Häuschen zu Glaubek einer glänzenden Ab⸗ hängigkeit vorzog. Sie war unzufrieden mit ſich, dem Zuge ihres Herzens gefolgt zu ſein, der ſie in neue Ban⸗ den verſtrickte.— Sie war unzufrieden mit ſich, daß ſie die leiſen Warnungen ihrer Vernunft mißachtet hatte, die vom Be. ginne ihrer erſten Bekanntſchaft mit Koltrum's die Macht durchſchaute, welche dieſe Menſchen über ſie gewinnen würden. Das neue friſche Leben in ihrem Geiſte hätte ſie aufmerkſam machen müſſen, wie tief die Sympathie war, die ſie mit ihnen verband. Allein ſie war unklug allen Grundſätzen ungetreu geworden und hatte ſich von einem mächtigen Intereſſe verleiten laſſen, ihre Seelenruhe zu opfern und alle Ge⸗ danken mit der Wohlfahrt und dem Lebensglücke Ly⸗ ſanna's zu vereinigen. Das begeiſterte Wohlwollen für dies junge Mädchen hatte ſie nicht abgehalten ihre Fehler zu erkennen, aber ſie hoffte ſie als Siegerin aus den Kämpfen hervorgehen zu ſehen, die ihr bevorſtanden. Statt deſſen mußte ſie den Kummer erleben, Lyſanna der geheimnißvollen Macht, die gewöhnlich junge innerlich verderbte Männer auf unſchuldige Mädchen ausüben, erliegen zu ſehen. Sie hatte freilich gethan, was in ihren Kräften ſtand, um ihre junge Freundin vor einem Bündniſſe mit Roſſian zu be⸗ —— wahren, aber dennoch machte ihr Gewiſſen ihr Vorwürfe, nicht energiſcher aufgetreten zu ſein. Beunruhigt von dieſen Empfindungen, aber auch tief beſchäftigt von dem Gedanken an die Behauptung des Commerzienrathes, daß Ely Koltrum in Eduard Roſſian einen Aſſocié gewinnen wolle, durchſchritt ſie haſtig den Garten mehrmals, ohne zu einem Entſchluſſe kommen zu können, der ihr den richtigen Ausweg zeigte, einen Ab⸗ ſchluß der projectirten Verbindungen zu hindern. Ely's Bild erſtand vor ihrer Phantaſie, wie er ruhig und abgeſchloſſen in ſeiner ehrenhaften Thätigkeit fort⸗ ſchritt.— Wie? Sollte dieſer argloſe, redliche Mann von ſeiner Tugendhöhe herabgezogen und in leichtſinnige Speculationen verwickelt werden, die ſeinen guten Ruf tödteten? Ein ſchmerzhaftes Bedauern, wie man es nur bei der Zertrümmerung eines theuern Kleinodes empfindet, überwallte Giſela's Herz und machte es ſtärker ſchlagen. Und der arme, unſchuldige Tobias Koltrum, der in ſeiner Weisheit keinen Begriff von„faulen Geſchäften“ und „genialen Speculationen“ hatte, wie ſollte der ſich an einen Schwiegerſohn gewöhnen, der von ihm weder ge⸗ achtet, noch geliebt werden konnte. Die Größe des Contraſtes zwiſchen ihnen machte jedes Verſtändniß unmöglich, aber den Schaden davon 15* 224 würde nur Herr Toby zu tragen haben. Roſſian's Drei⸗ ſtigkeit mußte dieſen ſtillen, ſchüchternen Gelehrten, der nicht einmal einen Kampf mit ſich ſelbſt wagte, erdrücken. Dann dachte Giſela auch an ſich. Was büßte ſie nicht Alles ein bei einer Veränderung, die ihr ohnedies in der Seele zuwider war! Der ſtille Frieden, welcher wie ein Zauber ihre neue Heimath umweht hatte, verſchwand bei dem Eintritt Roſſian's in dies Gebiet. Der ſeltſame Reiz, der ſie gebannt hielt, löſete ſich. Ihre heilige Einſamkeit erſchien entweiht, ihre geheimnißvolle Zufrie⸗ denheit geſtört. Alles konnte gerettet werden, wenn Roſſian fern blieb, wenn er verhindert wurde den geweiheten Grund und Boden unter Rechten zu betreten, die ihn zum Herr⸗ ſcher erhoben. Sein frecher Blick würde Seelenzuſtände durchſpäht haben, die im Schlummer des Friedens einer allmähligen Löſung gewiß waren, während ſie, unter dem Brennglas der ſpottbereiten Neugier aufgefunden, Beſchämung und Qual verurſachten. Hier ſtockte der ſtark bewegte Gedankenfluß Giſela's. Sie ſtand vor einem Räthſel, das ſie ſelbſt noch gar nicht zu löſen gewagt hatte, weil ſie in die Tiefen des eigenen Herzens hineinſteigen und von dort heraus Gründe über das geheime Verſtändniß hervorholen mußte, das ſie mit 1 4 Ely Koltrum verflocht. Worauf ſtützte ſie die Voraus⸗ ſetzung, von dieſem Manne mehr beachtet zu werden, als er zu zeigen für gut fand? Woraus entſprang die Be⸗ fähigung ihrerſeits, ſein inneres Intereſſe zu errathen, da er doch demſelben ffaſt gar keinen Ausdruck gegeben? Zwei inhaltsſchwere Fragen, die nicht geeignet waren ihr Herzklopfen zu ſtillen! . Giſela ging in Gedanken zurück bis zum Urſprung ihrer Bekanntſchaft. Der fürchterliche Eisgang in ſeiner poetiſchen Majeſtät trat lebendig in ihr Gedächtniß zurück. Das war der Tag, wo ihr Inneres wunderbar erwärmt, die erſten Impulſe zu einem Wohlwollen empfangen, welches, gleich dem Sonnenſchein, die ganze Atmoſphäre um ſie her erwärmte. Ein ſchönes Gefühl des Behagens war die erſte Empfindung, der ſie ſich bewußt geworden. Sie nannte dieſe Empfindung„ſich heimiſch fühlen in dem erwählten Lebenskreiſe.“ Weniger bewußt war ſie ſich der Urſache dieſer Em⸗ pfindung. Sie hatte einen guten Theil ihrer gewöhnlichen Feſtigkeit und Beſonnenheit eingebüßt; ſie war im Um⸗ gange mit Lyſanna um mehrere Schritte zurück in die Lebhaftigkeit der Jugend getreten und ſie glich bisweilen einer vom Winterſchlaf erweckten Träumerin, die den Zuſtand der höchſten Erdenſeligkeit in dem Erſtarren aller Lebenskräfte geſucht und jetzt endlich, von dieſem Wahne 226 kurirt, die neue Lebensregung mit geblendeten Sinnen, zweifelnd und zagend, für einen Segen Gottes erkennt. Giſela's Scharfblick ließ ſie bei der Prüfung ihrer Sin⸗ nesänderung in Stich. Leiſe Mahnungen der Vernunft belächelte ſie im Glauben an ihre Conſequenz. Genug ſie blieb im Dunkeln, bis eine einzige Minute den Blitzſtrahl der Erkenntniß in ihr Herz ſendete und dadurch auch den Zuſtand eines andern Menſchenherzen klar machte. Sie blieb ruhig und gefaßt. Sie blieb glücklich, denn ſie hegte durchaus keine Wünſche für die Zukunft. Jetzt aber, wo ſie des ruhigen Glückes verluſtig zu gehen fürchten mußte, jetzt drohete ihre Faſſung zu ſchwinden. Ihre Ruhe ward überhaupt von Allen gemißdeutet, die ihr in den Tagen der Jugend nahe geſtanden hatten. Man legte ihr all⸗ gemein dieſe Ruhe als Kälte aus, nahm an, daß der Verſtand ihr Herz beeinträchtige und erklärte ſie für un⸗ fähig eine tiefe, leidenſchaftliche Zärtlichkeit zu empfinden. Man irrte ſich jedoch! Ihr Herz war leider ſtets zu warm für die oberflächlichen Berührungen geweſen, die in der großen Welt als Liebe und Freundſchaft gelten, deshalb flüchtete es endlich unter die Herrſchaft des Ver⸗ ſtandes. Ihre Erfahrungen hatten ſie ſcheu gemacht und als ſie erſt das Alter erreichte, wo Herzensregungen vom Spott der Menge zur Ruhe verwieſen werden, da glaubte ſie für alle Zeit gegen den Zauber der Liebe geſichert zu ſein. Sie brachte kein Opfer, als ſie noch vor dem Be⸗ ginne des dreißigſten Lebensjahres der Welt und ihren Freunden Valet ſagte, ſondern ſie war mit muthigem Herzen in eine Einſamkeit geflüchtet, wo ſie ſich ſelbſt leben konnte. Tief innen aber glühte die unentweihte Kraft der Zärtlichkeit, die noch Niemand von ihrer Familie in An⸗ ſpruch genommen. War es ein Wunder, wenn Männer, wie die beiden Brüder Koltrum, bei den Vorzügen ihrer innern und äußern Geſtaltung, ſogleich ihr Intereſſe weckten, wenn ſie nach und nach einen Theil ihres nie verſchwendeten Wohlwollens in Anſpruch nahmen? Mit dieſer Frage ſuchte ſie die Lichtblitze der Selbſt⸗ erkenntniß zu löſchen und da ſie ihre Neigung zu Lyſanna nicht zu beſchönigen und zu verhüllen brauchte, ſo gab ſie ſich dieſer mit voller Herzlichkeit hin. Die Schleier ſanken aber jetzt von ihrer Seele und ſie erkannte im Augenblicke des traurigen Verluſtes, was ſie zufrieden und glücklich gemacht hatte. Ely's Bild, in ſeiner männlichen Kraft, in der Be⸗ weglichkeit des Geiſtes, die ihn zu immer neuem Schaffen ſpornte, in der ruhigen Gemüthlichkeit, womit er ſich für das Wohl ſeiner Familie opferte, in dem ſinnigen Ernſte, der ſich nur bei beſonders belebten Geſprächen zurückzog, um einer liebenswürdigen Heiterkeit Platz zu machen— Ely's Bild in der ganzen Macht ſeiner Vorzüge ſtand jetzt grell beleuchtet vor ihrer Phantaſie— wenn ſie es zu verbannen gezwungen wurde, ſo löſchte ſich eine Sonne des Glückes aus und ſie trat in den Schatten der Zu⸗ kunft, welche ſich über geſchloſſene Träume ausbreitete. Entſchloſſen richtete ſich Giſela auf. Ihr Auge hob ſich zum Himmel empor, wo in wandelloſer Klarheit der Mond im blauen Aether ſchwamm. Sie gelobte ſich, den Kampf mit dem Manne zu beginnen, der das Glück zu zerſtören drohete, welches ſie ſpät erkannt und auch ſpät gewonnen hatte. Es blieb ihr fern, ſich in nähere Beziehungen zu Ely zu denken, als in rein freundſchaft⸗ liche, gerade aber deshalb erſchien ihr das ſtille Wohlſein in ihrem kleinen Kreiſe gefährdeter. Die Zeit ſchwand. Wenige Jahre und Ely trat in das Alter, welches die reinen heiligen Bande der Freundſchaft gelten ließ. We⸗ nige Jahre und ſie durften in der Sympathie ſich ver⸗ einigt zeigen, die eine Familie verbindet. Eine göttliche Ruhe und Zuverſicht überſtrahlte bei dieſem Gedanken das ſchöne, ſtolze Angeſicht Giſela's. Sie mußte um den Preis kämpfen, ſo lange es möglich war. Ein ſolches Daſein harmonirte mit ihren idealen Weltanſchauungen. Wie unedel zeigten ſich dagegen die Verhältniſſe, worin ihr Bruder gebannt war. Abhängig von der Gnade eines reichen Mannes, den er Vater nannte— kraftlos den 34 Verſuchungen gegenüber, die ſein Stand mit ſich brachte — unthätig dem Schickſale hingegeben, das ſeine Be⸗ förderung übernahm— verhätſchelt von einer ſchwachen, gutmüthige Frau, die eines Tages einſehen konnte, daß man den Mann achten muß, welchen die Liebe zum Herzen geführt.„Traurig, wer ein ſolches Leben erträgt, ohne die Erniedrigung desſelben zu fühlen,“ ſeufzte Giſela und trat mit wieder gewonnener Faſſung in das erleuchtete Familienzimmer zurück. Dort hatte ſich auch mancherlei geändert. Zwiſchen dem Commerzienrath und ſeinen Kindern hatte ſich ein Geſpräch entſponnen, welches von der leichten Neckerei des alten Herrn bis zu der Differenz von Anſichten ge⸗ ſtiegen war. Es hatte ſich dabei herausgeſtellt, daß der Commerzienrath keinesweges geſonnen war, diejenigen Sünden, welche er beim Hinausfahren ſo leicht genom⸗ men, auch ſo leicht hingehen zu laſſen. Zuerſt in ſarca⸗ ſtiſchem Tone, dann aber mit dem ganzen Ernſte eines unzufriedenen Vaters war nochmals Alles von ihm zur Sprache gebracht worden. Es war erſichtlich, daß nicht ein Wort ohne beſondere Bedeutung von ihm gewählt war und daß auch er dieſen Ausflug nach dem Landhauſe zu ſeinen Zwecken zu benutzen gedacht hatte, als Lyſanna nicht von der Partie war. Giſela trat ein, als die Flammen des Widerſpruches ſchon durch die Thränen der jungen Frau von Ilow ge⸗ dämpft waren. Forſchend ruhten die Blicke des Mädchens auf den Geſichtern, die ſie heiter verlaſſen und von Miß⸗ muth verfinſtert wiederfand. „Es iſt heute ein beſonders ſchwerer Tag im Reiche Gottes,“ ſprach der Commerzienrath, den fragenden Blick Giſela's beantwortend.„An manchen Tagen ſcheint ein Engel des Himmels ſichtend und richtend mit der Wage⸗ ſchaale der Gerechtigkeit umher zu fliegen. Aus kleinen Urſachen wachſen an ſolchen Tagen große Wirkungen. Reden Sie ein vernünftiges Wort mit Ihrem Bruder, Giſela, damit ich nicht gezwungen bin, morgen mein Te⸗ ſtament zu ändern.“ 3 Giſela ſah beſtürzt aus. Noch eben mit der Vor⸗ ſtellung beſchäftigt geweſen, wie wenig ehrenvoll eine Abhängigkeit vom Geldbeutel eines reichen Schwieger⸗ vaters ſei, fürchtete ſie doch Worte zu vernehmen, die von der Abnahme der Langmuth und Gnade desſelben Zeugniß gaben. „Sagen Sie ſelbſt, Sie Repräſentantin der Ver⸗ nunft, ob ich nicht recht habe, wenn ich verlange, daß mein Sohn Ilow aus einer Cameradſchaft ſcheide, der das Recht ertheilt iſt, mehr Ausgaben verlangen zu können, als ſie Einnahmen nachweiſen kann?“ Betroffen blieb Giſela die Antwort ſchuldig. Was —, 231 ſie eben verworfen hatte, gewann Werth. Fügte ſich ihr Bruder dieſen Anforderungen, ſo trat er aus den Grän⸗ zen der kraftloſen Unthätigkeit, die ſie eben noch ver⸗ dammt hatte, aber er verlor gänzlich das Gleichgewicht. Sein Stand, ſein Beruf, ſeine Beſchäftigung gaben ihm eine Weltſtellung, die der Gnade und Wohlthat des rei⸗ chen Mannes trotz bot. „Nun? Sie zögern, Giſela?“ fragte der Commer⸗ zienrath gereizt„Ich dächte, durch meine unerſchütterliche Güte hätte ich das Recht erworben, über das fernere Ge⸗ ſchick Ihres Bruders zu entſcheiden?“ „Nein!“ rief Giſela.„Dies Recht beſtreite ich Ihnen! Mein Bruder muß frei entſcheiden. Was er beſchließt, muß freier Entſchluß ſein. Sie dürfen trotz aller Opfer, die Sie ihm gebracht haben, nichts verlangen, was ihn zum Sclaven Ihres Willens macht!“ Der Commerzienrath lächelte überlegen und mit Anmaßung.„Die Kette, womit ich ihn zu feſſeln beab⸗ ſichtige, iſt von Gold, meine Gnädige,“ antwortete er. Mein Sohn Ilow muß ſeinen Abſchied fordern, wenn er fernerhin die Nutznießung meines Vermögens beanſpruchen will. Widerſetzt er ſich meinen Wünſchen, ſo ſchließe ich ihn offenkundig durch Teſtamentsverordnung als Erbe aus und laſſe die Kinder meiner Tochter als Erben einſetzen. Die Wahl ſteht ihm frei!“ „Nur daß ich die Folgen dieſer Wahl tragen muß,“ wendete der junge Officier ein. „Ganz richtig! Kann es Dich wundern, wenn ich Veranſtaltungen treffe, nicht das ganze Officiercorps fé⸗ tiren zu müſſen. Die Cameradſchaft erfordert dergleichen. Es ſind alſo Standesſünden, die ich tragen ſoll, ohne ſie zu theilen. Was habe ich von dieſem point d'honneur? Was hat meine Tochter davon? Was hat mein Enkel davon? Ja, was noch mehr ſagen will— was hat mein Sohn Ilow davon? Iſt Dir's eine Ehre, wenn's heißt: „Camerad von Ilow kann's, denn der alte Wappra hat's und bezahlt's?“ Giſela hatte ſich nach und nach in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen. Geſpannt hing ihr Blick an ihres Bruders Geſichtszügen. Sie hoffte auf einen männ⸗ lichen Widerſtand. Eine peinliche Stille folgte den letzten Worten des Commerzienrathes, der ſo gemüthlich ausſah, als hätte er ſeinem Schwiegerſohne ein Geſchenk dargeboten. Frau von Ilow hielt den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt. Auch ſie beobachtete ſcharf das Mienenſpiel ihres Gatten. Sie hoffte auf nachgiebige Schwäche, um mit dem Vater in Harmonie bleiben zu können. Ihre Augen ſuchten Ilow's Blicken zu begegnen, als ſie wahrnahm, daß ein knabenhafter Trotz um ſeine Lippen zog. Kaum 233 war ihr dies gelungen, ſo erhellte ein Lächeln des jungen Mannes Züge und er ſagte ſehr gleichgültig: „Ich werde um meinen Abſchied einkommen, jedoch unter der Bedingung, daß ich mit meiner Familie unter ſtandesmäßiger Ausſtattung zwei Jahre reiſen darf.“ „Zugeſtanden!“ rief der Commerzienrath und die junge Frau flog mit einem Freudenſchrei ihrem Gatten an die Bruſt. Giſela verließ unbemerkt das Zimmer, um allein zu ſein. Noch ſpät in der Nacht ging ſie ruhelos in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Die Schwäche ihres Bruders demüthigte ſie entſetzlich. Statt daß er mit kräftigem Entſchluſſe die Feſſeln ſeines Schwiegervaters lockerte und ſeine Ausgaben nach den ganz bedeutenden Einnahmen, die ihm geſichert waren, regelte, ſtatt daß er durch eine beſchleunigte Verſetzung ſich den Mode ge⸗ wordenen Brandſchatzungen ſeiner Cameraden entzog und ein neues, ſolides Leben begann, ſtatt daß er ſeinem erwählten Berufe eine geiſtige Erhebung beizumiſchen ſuchte, ſtatt deſſen ordnete er ſich dem Willen eines frei⸗ gebigen Verwandten unter und machte ſich vollſtändig ab⸗ hängig von ſeinem Gelde. Noch ein Mal, bevor ihr Bruder ſein Schlafgemach aufzuſuchen ging, hatte ſie verſucht ihm das Gewagte ſeiner Entſcheidung vorzuführen und von allen Seiten zu beleuchten. Die Antwort, die er ihr gab, beſchränkte ſich auf einige Phraſen, welche ihr das Bild des weiſen Herrn Tobias Koltrum blitzſchnell vor die Seele führten. „Wozu der unnütze Widerſtand, Giſela,“ war Ilow's 3 Antwort.„Wozu die Kämpfe mit den Anſichten unſerer † Nebenmenſchen, noch dazu, wenn ſie Einfluß auf unſer Wohlleben haben? Liegt nicht eine Art Geiſtesgröße 3 in meiner Selbſtbeherrſchung, womit ich mich unter⸗ werfe?“ „Ich erkläre dieſe Selbſtbeherrſchung als eine Feig⸗ heit, die den Lebenskämpfen lieber aus dem Wege geht, als den Verſuch einer Geiſteserhebung zu machen,“ er⸗ wiederte Giſela darauf und ihr Bruder hatte achſelzuckend ihr Zimmer mit dem Ausſpruche verlaſſen, daß man nichts erkämpfen müſſe, weil jeder endliche Sieg unge⸗ heure Opfer aufweiſe. Hatte nicht Tobias Koltrum ganz ähnliche Grund⸗ ſätze aufgeſtellt? War er nicht auch jedem Kampfe aus⸗ gewichen, als er die Erfahrung machte, daß in ſeiner Individualität⸗Schwächen waren, die nur durch hartnäckige Selbſtbeherrſchung beſeitigt werden konnten? Auch er zog einen ewigen Frieden dem Kriege mit des Lebens Wi⸗ derwärtigkeiten vor; allein wie edel zeigte ſich ein Rück⸗ zug nach der erſten geiſtigen Niederlage und wie er⸗ 235 haben ſtand er in der Beſcheidenheit ſeiner Selbſtde⸗ müthigung da! In der Stille der Nacht prüfte Giſela nun ſich und ihre letzten Erfahrungen. Was hatte ſie gewonnen? Was hatte ſie verloren? Die letzten Bande, welche ſie mit der Welt verknüpft, waren zerriſſen!— Zerfallen mit ſich und mit Allen, die ſie zu achten gemeint hatte, blieb ihr nichts übrig, als wieder in ihre Einſamkeit zurückzufliehen, die ſie, ihren frühern Vorſätzen ungetreu geworden, neu belebt verlaſſen hatte. „Es iſt eine Antwort des Schickſales, die mir aus den letzten Erfahrungen entgegenleuchtet,“ ſagte ſie, ſich gewaltſam zur ruhigen Beſchaulichkeit zwingend.„Es ge⸗ ſchieht mir recht! Mein letzter Reſt von Glaube an Menſchenwerth und Erdenglück iſt gänzlich vernichtet— es geſchieht mir ganz recht, denn ich wußte, was ich auf⸗ gab, um mich von Neuem bethören zu laſſen!“— Der Egoismus regte ſtark die Flügel, als ſie ſich mehr und mehr in ihre Gedanken vertiefte und zu den Fragen überging, was es ſie denn kümmere, wenn die Menſchen durch eigene Thorheit untergingen. Sie wollte zurück in ihre Einſamkeit, entmuthigt zwar, aber mit lebenskräftigen Vorſätzen, ſich lieber zu vergraben in ihrem kleinen Aſyle, weder Luft, noch Sonne zu ſuchen, um nur nie wieder in den Kreis von Menſchen gezogen zu werden. Die Nicht. achtung, womit ſie Aller gedenken mußte, die ſie lieb gewonnen, that ihr ſelbſt weh, da ſie noch ein Mal der Bethörung verfallen war, zu glauben:„es ſei doch auf der Erde das zu finden, was ſie feſſeln und einen kurzen Traum von Erdenglück verwirklichen könne.“ Die letzten Täuſchungen zeigten ſich leider als die bitterſten und ſchmerzlichſten ihres ganzen Daſeins. Wohin ſie auch blickte, überall Täuſchung. Da war Alfons Warren, deſſen ſchläfrige Ruhe ihr als ein Aus⸗ druck phlegmatiſcher Ehrenhaftigkeit erſchienen war— dann ſeine Gattin Emma, die ſie trotz dem Hange zur thea⸗ traliſchen Schauſtellung und zur ausgearteten Putzſucht für eine zuverläſſig gute Frau gehalten— Beide ſanken in ihrer Achtung bei der Betrachtung, daß ſie ſich bei einem Geſchäfte betheiligten, wo es galt, die heiligſten Gefühle des Herzens und die heiligſten Bande der Menſch⸗ heit zu einem Gegenſtande der Speculation zu machen. Gut! Mochten ſie Alle untergehen in den ſchmutzigen Wogen des Lebens— mochte der feigherzige Tobias ſein ſchwaches Kind opfern laſſen— mochte Frau Mag⸗ dalene erſt durch Schmerzensthränen klug gemacht wer⸗ den— mochte Herr Ely Koltrum in der fürchterlichen Verachtung ſeines neu erwählten Aſſocié zur Erkenntniß kommen— mochte ihr Bruder bei der wachſenden Qual einer Abhängigkeit bereuen, was er in ſeiner Charakter⸗ 237 ſchwäche gethan— mochte Lyſanna ihr kindlich reines Herz durch Eitelkeit vergiften laſſen— ſie, ſie wollte fort aus der Nähe deſſen, was ſie ſo unſäglich betrübte, ſie wollte mit ihrem verödeten Herzen das Land der Wirklichkeit fliehen und in den lichten Gefilden der Phantaſie und Kunſt ihre Tage verträumen, bis Gott ſie rufen würde. In der bittern Empörung ihres Herzens überſah Giſela die Thorheit ihrer Klagen. Es war noch nichts geſchehen, was ſie zur Ergebung in ihr Schickſal trieb und ſie hätte in der eigenthümlichen Heftigkeit ihres Kummers bei einiger Ueberlegung eine gefährliche In⸗ eonſequenz entdecken können. Ihre getrübten Anſchauun⸗ gen waren ganz augenſcheinlich das Reſultat einer fremd⸗ artigen Muthloſigkeit, die ſich im Schatten der ſtillen Nachtſtunden ganz allmählig entwickelt hatte. Aber die Schatten der Nacht werden ſtets vom Morgenglanze eines neuen Tages verjagt und je unge⸗ rechter der Zorn daher geſtürmt iſt auf den Schwingen einer gekränkten Eigenliebe, deſto größer iſt die Erwär⸗ mung und Erhebung eines edlen Herzens. Fritze: Die Gebrüder Koltrum. I. Bd. 16 10 11