9.— 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von von.„. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: E ——— B— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 1„ 3„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vuin Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ſ ſt 3 — Kampf überall. 5 Novelle. von Ernſt Fritze. —jj— ·ꝗᷓgʒRʒAR; Berlin, 1874. Verlag von Guſtav Behrend(Herm. Förſtner). W. Charlottenſtraße 27. —— — * Erſtes Kapitel.*) jie ſaßen beim Frühſtück. Mit fröhlichem Behagen gaben ſie ſich einem Genuſſe hin, den ſie erſt ſeit dem Tode des ſparſamen, genügſamen und geſtrengen Familienvaters als eine Noth⸗ wendigkeit des Lebens im Familienkreiſe eingeführt hatten. Die kleine Geſellſchaft beſtand aus der Mutter, zwei Söhnen und einem jungen Mädchen. Lebensluſt ſtrahlte aus Aller Augen— Heiterkeit beſeelte ihren Geiſt, und witzige Munterkeit würzte die Worte, die raſch und flüchtig von den Lippen floſſen. Zunächſt der Mutter, mit ihrem friſchrothen Geſichte eine gut conſervirte Funfzigerin repräſentirend, ſaß Hubert der Aelteſte. Er bekrittelte Alles in der Welt mit ſarkaſtiſcher Manier. Ihm war ſtets der Caviar zu ſalzig und der Créme zu ſüß. Das Bewußtſein des Reichthums hatte ihn üppig gemacht und ſeinen Schwächen Zaum und Zügel genommen. Die Frivolität ſeiner Gedanken lachte ihm aus den grauen Augen, und das Zucken ſeiner Mundwinkel verrieth ohne Worte ſeine Geſinnungen. Weniger ſchlimm ſah Arnold der zweite Sohn aus, ob⸗ wohl ſeine Neigung zur Ironie nicht beſtritten werden kaun. *) Vor Nachdruck dieſer Novelle wird ausdrücklich gewarnt. 1* Im Grunde war er aber um einige Linien gemüthlicher als Hubert— ſeine Indolenz ließ ihn ſanftmüthiger erſcheinen. Das junge Mädchen gehörte zur Familie. Man nannte ſie mit neckiſchem Muthwillen bald„Olly“ bald„Poldy“, einer nichts weniger als hübſchen Abkürzung ihres Namens Leopoldine. Die junge Dame war nicht gerade ſchön zu nennen, aber ihr belebtes Mienenſpiel und ihr friſcher, hübſcher Teint machten ſie zu einer anmuthigen Erſcheinung. Sie ſtellte es ſich ſtets zur Aufgabe, ihren Vettern und ihrer Tante gefällig und dienſtbar zu ſein; doch that ſie dies mit dem Anſtande einer Dame und mit der freundlichen Artigkeit eines aufmerkſamen Familiengliedes; ſie erzwang⸗ ſich dadurch mit richtigem Tacte die Geltung, die ſie als die Bruderstochter des verſtorbenen Hausherrn und als ſeine Pflegetochter zu beanſpruchen berechtigt war. Leo⸗ poldine war das Factotum des Hausweſens geweſen bei Lebzeiten ihres würdigen Oheims, und es fiel auch keinem der Erben dieſes Oheims ein, ihr den Platz im Hauſe ſtrei⸗ tig machen zu wollen, den ſie nach der ausdrücklichen Be⸗ ſtimmung des Verſtorbenen ſo lange behaupten könne, wie es ihr ſelbſt beliebe. Man vermochte ſich eigentlich auch gar nicht zu denken, daß„Poldy“ im Hauſe fehlen dürfe; aber ganz ſo, wie früher, war ihre Stellung doch nicht. Es fehlte der Mann, der ſie ihrem Werthe nach ſchätzte. Wenn man auch nicht behaupten konnte, die Frau Tante erkenne ihre Leiſtungen nicht an oder ſie ſei unzufrieden darüber, ſie als feſtgewurzelt im Hauſe betrachten zu müſſen, ſo richtete ſich doch jetzt allmälig eine unſichtbare Schranke zwiſchen den beiden Damen des Hauſes Depping auf, die mit der Zeit für beide Theile Unbehaglichkeiten mit ſich führen — 5— mußte. Für den Augenblick beſchränkte ſich die Mißhellig⸗ keit darauf, daß die Dame Depping die ruhigen und ver⸗ wunderten Blicke des jungen Mädchens unbequem fand, wenn ſie im Uebermuthe des Glückes und der Freiheit aus Rand und Band ging. Und dies geſchah nach dem Tode ihres Gatten faſt täg⸗ lich. Sein Ableben bereitete ſeiner Familie die nicht unan⸗ genehme Ueberraſchung, daß er durch ſeine Strebſamkeit ein viel reicherer Mann geworden war, als man es nach ſeiner Sparſamkeit hätte ahnen können. Er hatte ſeine Frau und ſeine Kinder zu fröhlichen Erben gemacht. Die Familie Depping ſuchte jetzt eifrig nachzuholen, was ſie ſich unter dem Drucke des ſparſamen Familienvaters hatte verſagen müſſen. Die Dame richtete ſich im Aeußern wie im Innern nach„ihren Mitteln“ ein, und ihre Herren Söhne folgten willig ihrem Beiſpiele. Mit dem Bewußtſein, aus⸗ reichendes Vermögen zu beſitzen, erloſchen die Triebe des Ehr⸗ geizes, die ſie vorher auf eine ehrenvolle Laufbahn geführt hatten. Sie verſpürten Beide durchaus keine Luſt mehr, ſich zu quälen. Hubert, der Lieutenant, meinte, er habe dem Vaterland ſchon mehr als nöthig gedient, indem er die Fatiguen und Strapatzen des böhmiſchen Krieges ertragen und nahm flugs ſeinen Abſchied, bevor neue Kriegsſtürme über Deutſchlands Fluren ſich zuſammenziehen konnten. Und Arnold, der Juriſt, hielt es für ganz überflüſſig, ſich nun noch der anſtrengenden Arbeit eines letzten Staatsexamens zu unterziehen, noch dazu, da daſſelbe möglicherweiſe miß⸗ glücken könne. Vorläufig aber nahm er doch nur„wegen Familienangelegenheiten“ auf vier Jahre Urlaub. Beide Herren, der geweſene Lieutenant ſowohl als der — 6— beurlaubte Juriſt, hatten ihr Domicil bei der Mama aufge⸗ ſchlagen, die ſich eifrigſt bemühte, das Weſen einer Dame anzunehmen, welche nichts zu thun hat, als zu leben und zu genießen. Die Stadt, worin ſie wohnten, gehörte zu jenen hübſch gelegenen Provinzſtädten, die von welt⸗ und lebensmüden Menſchen aufgeſucht werden, wenn ſie von des Daſeins Laſt auszuruhen wünſchen. Staubfrei und friſch⸗ grün lag abſonderlich der obere Theil des Ortes mit ſeiner Abdachung gegen den vorüberfließenden Fluß, woſelbſt ſich auch das Wohnhaus der Familie Depping befand. Unregel⸗ mäßige Straßen, von Gärten und Landhäuſern unterbrochen, bildeten ein ganz romantiſches Stadtviertel für ſich, das häufig von Fremden aus fernen und nahen Großſtädten zur Sommerfriſche benutzt wurde. Es paßte dieſe Stadt auch vortrefflich dazu. Man rühmte die Luft und das Waſſer nach Kräften, und da mit einer geſunden Woh⸗ nung auch eine billige Verpflegung zu erwarten war, ſo wurde es allgemach Mode, hierher zu ziehen und ſich das, was die dortige Natur nicht an Heilkräften bot, in wohl⸗ verpfropften Flaſchen aus fernen Gegenden ſchicken zu laſſen. Ausſicht und friſche Luft fand man genügend. Hügelketten, Wälder und Wieſen, ſprudelnde Bäche, die ſich dicht am Abhange in den Fluß ergoſſen, ſogar ein altes Schloß mit eingeſunkenen Mauern, umgeben von geſpenſtiſch verkrüppelten Weiden, nichts fehlte, um die Landſchaft zu verſchönern, und im Sommer ſammelte ſich die ſchöne Welt in Schaaren, ſo daß die Häuſer am Abhange einer Colonie von Welt⸗ und Staatsbürgern glichen, die hier, auf kurze Zeit zuſammen⸗ gewürfelt, des Lebens Plagen zu vergeſſen ſuchten. Die Familie Depping hatte bis dahin auch ſtets die — 7— obere Etage ihres hübſchen Hauſes für die Sommermonate vermiethet gehabt. Jetzt aber ſollte dies nicht mehr ge⸗ ſchehen. Man wollte ſich des kleinen Vortheils wegen nicht beläſtigen laſſen.* Sie ſaßen am Frühſtückstiſch in ſtrahlender Laune unter der erſtehenden Pracht des neuen Frühlings, vor ihren Blicken eine glänzend geſicherte Zukunft.— Dieſe beneidenserwerthen Erdenkinder! Nach den kleinen Mühen ihres Lebens ſtanden ſie auf der Höhe des Glückes, unangefochten von den Wider⸗ wärtigkeiten, womit Andere zu kämpfen haben. Die Erfül⸗ lung all' ihrer Wünſche war geſichert; Befriedigung verklärte ihre Geſichter und färbte den Humor ihrer Einfälle. Fand dieſe Behauptung wohl Anwendung auf Alle, die um den Frühſtückstiſch verſammelt waren? Wohl nicht. In dem Geſichte der jungen Dame wechſelte Licht und Schatten. In ihrem Auge blitzte es bisweilen auf wie Unruhe und Kampf, und in ihrem Innern wogte und wallte es bedeutend. Man ſah es an dem unſtäten Blicke, der von Einem zum Andern flog, als ſich das Geſpräch auf die Pläne einer Verheirathung Huberts lenkte, als es rückſichtslos ausgeſprochen wurde, daß man darauf rechne, im Laufe der Sommerſaiſon eine Erbin auffinden zu können, die, ihre Sommerfriſche mit einer Ver⸗ lobung zu ſchließen, geneigt ſei. Leopoldine hatte ſtille Hoff⸗ nungen genährt, ſeit ſie aus ihres Oheims Munde den 3 Wunſch vernommen,„ſie mit Hubert verheirathet zu ſehen.“ Sie war keine arme Waiſe, die von der Gnade ihrer Ver⸗ wandten zu leben gezwungen wurde, und wenn ihr Vermögen auch dem Erbtheil Hubert's gegenüber gering erſchien, ſo war dies nach ihrer Anſicht jetzt um ſo weniger ein Hinder⸗ ℳ — 8— niß, ſie zur Braut deſſen zu machen, dem ſie von ſeinem Vater beſtimmt worden war. Sie hatte ſich mit dieſem Gedanken längſt vertraut gemacht; ſie liebte Hubert trotz ſeiner Schwächen, und reine und unſchuldige Mädchen ahnen gewöhnlich nicht, wie wenig Anziehungskraft ſie für eyniſche Männer haben. „Apropos, Mama,“ wendete ſich Hubert zu ſeiner Mutter, und ſein ganzes Geſicht glänzte vor Spott,„was iſt denn aus der Geſchichte mit Deiner gottesfürchtigen Generälin Kynar geworden? Hat Ihro Gnaden Dir Auftrag gegeben, Dich anderweit nach einem Logis für ſie umzuſehen? Du haſt ihr doch hoffentlich determinirt erklärt, daß wir unſer Quartier jetzt ſelber brauchen.“ „Ich habe Leopoldinen die Antwort auf dieſen Brief übertragen, mein Sohn, weil es mich incommodirte, der lieben Dame ihr Geſuch abzuſchlagen,“ entgegnete Frau Depping mit einigem Aufwande von Gefühl;„aber ich habe nicht ver⸗ ſäumt, der liebenswürdigen Frau einige empfehlenswerthe Quartiere vorſchlagen zu laſſen.“ „Und was iſt darauf erfolgt, Poldy?“ fragte Hubert. „Gar nichts, nicht wahr? Schade! Daraus kann man ſchließen, daß die Generalin es nun aufgegeben hat, den Sommer hier zuzubringen. Ich würde ihre Bekanntſchaft kultivirt haben, um mir den Eingang zu ihren frommen Cirkeln zu ſichern, da ich beabſichtige, nächſten Winter in der Reſidenz zuzubringen. Die Generalin ſoll eine hübſche, kleine Verwandte haben, der ſie ihr ganzes Vermögen vermachen will.“ Frau Devpping legte, froh überraſcht, ihre Hände zum Gebet zuſammen. Ei, der Plan gefällt mir, Hubert,“ ſagte ſie eifrig; wo⸗ —— — — 9— her weißt Du, daß die alte Dame ſolch' Vermächtniß beab⸗ ſichtigt? Sie hat ja eine Nichte, die an einen hohen Staats⸗ beamten verheirathet iſt.“ „Unſer Schulrath Meineke ſagte es mir mit geheimnißvollem Schmunzeln. Es muß allerdings etwas Beſonderes dabel im Spiele ſein; die ausgeprägte Schadenfreude des guten heili⸗ gen Meineke ließ dergleichen ahnen.“ „Schulrath Meineke weiß Alles; er iſt die rechte Hand bei der Generalin Kynar guten Werken. Wenn er es Dir geſagt, iſt's wahr und richtig. O, Hubert, dieſem Plan gehört meine ganze Billigung! Die Generalin hat Zutritt zu den nobelſten Kreiſen der Reſidenz;— bitte den Schul⸗ rath morgen zu Tiſche, wir wollen vorarbeiten. Eine Ver⸗ wandte der Generalin Kynar wär' mir gelegen als Schwie⸗ gertochter.“ Jetzt brach Hubert lärmend in ein übermüthiges Geläch⸗ ter aus. „Mama glaubt's, Poldy, daß ich mich einer reichen Partie wegen zum Heuchler erniedrigen könnte. Mama glaubt ſo etwas von ihrem Sohne“, rief er wiederholt, indem er ſich vom Tiſche erhob und in's Nebenzimmer eilte, wo man ihn fortlachen und fortjubeln hörte. Empfindlich erhob ſich Frau Depping ebenfalls und ſagte zu ihrem Sohne Arnold:„Hubert mag ſich vorſehen mit ſeinen Späßen, die mich lächerlich machen.“ „Laß ihn doch,“ begütigte ſie dieſer,„Du weißt ja, es iſt ſeine Hauptleidenſchaft, die Menſchen zu narriren.“ Ein Seitenblick auf Leopoldine machte dieſe Worte doppelſinnig. Das junge Mädchen achtete deſſen nicht. Ihr Auge leuchtete bei dem Ausbruch von Spott und Muthwillen, der wenig 8 — 10— kindlichen Reſpect gegen ſeine Mutter verrieth. Sie fühlte ihre ſtillen Hoffnungen daran erſtarkt und kannte den Ver⸗ lauf ſolcher Scenen zu gut, um Anſtoß daran zu nehmen. „Komm' her, chére maman!“ rief wirklich ſchon der ge⸗ weſene Lieutenant mit wahrer Commandoſtimme aus dem Nebenzimmer, von dem man eine weite Ueberſicht nach der Heerſtraße hatte;„komm her und ſieh', was da angewackelt kommt wie eine Arche Noah. Wahrhaftig— es iſt ein Möbelwagen von der Eiſenbahn— direct aus der Reſi⸗ denz.— Jetzt geht das Sommervergnügen hier an!“ Frau Depping, von ihrer Neugier bezwungen, folgte dem Rufe Huberts und nahm Platz in ihrem Paradeſeſſel am Fenſter. „Wohin mag der Wagen wollen?“ fragte ſie verwundert. „Weißt Du, Leopoldine, wer ſchon ſo früh Sommergäſte erwartet?“ Das junge Midchen verneinte die Frage, deutete aber, plötzlich aufmerkſam werdend, auf ein gegenüberſtehendes Haus, in welchem die Fenſter der zweiten Etage alle ge⸗ öffnet waren. Es wurde ſtill im Zimmer, Leopoldine ging aus und ein. Hubert las die Zeitung, und Arnold lehnte ſchläfrig im Fauteuil, ein Buch in der Hand, deſſen Blätter noch nicht aufgeſchnitten waren. Frau Depping beobachtete den näher kommenden Möbel⸗ wagen. Er hielt richtig vor dem gegenüberliegenden Hauſe ſtill, und eine Anzahl von Arbeitern machte ſich ſogleich daran, ihn auszupacken. Dame Depping auf ihrem Zenſterſeſſel ſah aufmerkſam zu.. 4 765 „Mein Gott, was für prächtige Möbel— endlich.„Wer mag dort einziehen? Poldy, laß Dich doch — — — 11— erkundigen. Solche koſtbare Sachen paſſen ja gar nicht in die niedrigen Stuben der zweiten Etage.— Sieh nur, Arnold, dies prachtvolle Cylinderbüreau— ganz eben ſo wie Deines, was Du Dir neulich gekauft haſt! Das muß ein Depoſſedirter ſein, der dort Zuflucht ſucht.“ „Vielleicht auch nur ein Suspendirter, Mama,“ corrigirte Arnold mit ironiſcher Sanftmuth,„der ſeinem Geldbeutel zur Erleichterung neuen Lebensmuth aus unſerer friſchen Bergluft ſchöpfen will.“ „Aufgepaßt! jetzt kommt der Eigenthümer aller der Herr⸗ lichkeiten, Mama,“ meldete Hubert, der ebenfalls zum Fenſter hinausgeblickt hatte,„eine Droſchke in Sicht!“ Mit einiger Spannung ſah man den Leuten entgegen. Selbſt Arnold ſchien aus ſeiner Gleichgiltigkeit zu erwachen; er legte ſein Buch nieder und ſchaute der Droſchke entgegen, die alsbald vor dem Hauſe, wo der Möbelwagen ſtand, ſtill hielt. Noch einige Momente— der Wagenſchlag wurde geöff⸗ net, und es ſprang ein Herr heraus, ein Mann in der Blüthe und Kraft des Lebens; ſein blaſſes Geſicht war von einem dunkelblonden Vollbart umrahmt, und ſeine Augen mit einer Brille bewaffnet. Der Herr trat haſtig einige Schritte auf den Straßendamm zurück und ließ ſeine Blicke raſch und prüfend über das Haus gleiten. Im ſelben Moment ſtand auch ſchon eine Mädchengeſtalt neben ihm, die ſeinen Arm ergriff, das Haus ebenfalls muſterte und dann mit anmuthiger Eilfertigkeit nach dem Möbelwagen lief, um hinein zu ſehen. Die Deppings konnten nichts von dem Geſichte der jungen Dame un erſcheiden, und ihre Geſtalt war auch von dem vollkommen verhüllt; aber ſie machte in ihrer anzen Erſcheinung den Eindruck, als ſei ſie kaum den Kinder⸗ jahren entwachſen. K .— 12— Die aufmerkſamen Beobachter ſahen nun noch einen kleinen Knaben und dann eine ſehr graziöſe Dame der Droſchke ent⸗ ſteigen.„Wenn das die Mutter des Mädchens iſt, ſo huldige ich vorläufig der Mutter und laſſe die Blüthenknospe ſich erſt entfalten,“ bemerkte Hubert, mit Kennerblicken die ſchoͤne, 9 ebenmäßige Geſtalt der Dame muſternd.„Eine junge Mutter für dies erwachſene Töchterchen!— Es iſt ein Elend für die hübſchen Mütter, wenn ihre Töchter ihnen ſo bald den Rang ſtreitig machen. Und für uns hat es ſeine Schwierigkeiten, den Weg zwiſchen Mütter und Töchter zu finden.“ Er unterbrach ſeine frivolen Reflexionen und heftete, ver⸗ ſtummt vor Ueberraſchung, ſeine Blicke feſt an die Gruppe, die ſich jetzt drüben gebildet at Das junge Mädchen hatte den verhüllenden Reiſeplaid abgeworfen und ſtand einige Secunden in ihrem knapp anlie⸗ genden, mit Pelz beſetzten Wintercoſtüm da, bevor ſie ſich reſolut an ihren Wagen begab und eine Caſſette von ziem⸗ licher Größe herausholte. Ein Wink bedeutete dem Knaben, der träumeriſch daſtand, daß er mit anfaſſen ſolle, und mit kurzen, feſten Schritten ging ſie neben dem Möbelwagen hin⸗ weg in's Haus hinein, während ihr Vater, vollkommen von der ariſtokratiſchen Hilfloſigkeit ſeiner Gattin in Anſpruch genommen, kaum Muße erlangte, um den Droſchkenkutſcher abzufertigen. Im Nu war die kleine Dame wieder unten am Wagen, jedoch ohne ihren Bruder. Dem hatte ſie geheißen, ſich der Sicherheit wegen auf die Caſſette zu ſetzen. Ebenſo reſolut wie zuvor zog ſie nun einen zweiten Gegenſtand, einen Hand⸗ koffer, aus der Droſchke, ließ ihn auf die Erde gleiten, nahm Schirme aus dem Wagenfond, Plaid's nnd Fußſäcke, übergab dieſe einem Arbeiter, belud ſich ſelbſt mit dem Köfferchen, das augenſcheinlich Koſtbarkeiten enthielt, und verſchwand abermals mit ihrer Laſt im Hauſe. Hubert hatte jede Bewegung der jungen Fremden mit brennenden Blicken verfolgt. Er hatte, von der Anmuth der Tochter gefeſſelt, es vergeſſen, deren Mutter zu bewundern, die in anſpruchsvoller Schönheit für nichts Sorge trug, als für den äußeren Anſtand, womit ſie ſich auf den Arm des Gatten lehnte, bevor ſie dem Hauſe zuſchritt.—— „Wer mag das ſein?“ fragte zuerſt begierig die Dep⸗ ping ſche Familie; bald fragte es auch die ganze Stadt. Zweites Kapitel. Das junge Mädchen hatte, trotz des ſchweren Koffers, flink und behende zum zweiten Male die beiden Treppen er⸗ ſtiegen und kam ihren Eltern bereits wieder entgegen, als dieſe ruhig und gemeſſen Anſtalt trafen, aufwärts zu gehen. „Sieh in der Droſchke nach, Urſel, ob nichts mehr in den Seitentaſchen ſteckt,“ ſagte der Herr mit gütigem Tone. „O Gott, mein Flaconetui,“ klagte die Dame mit dem Ausdrucke tödtlichen Schreckens. „Sei unbeſorgt, Mama,“ erwiderte das junge Mädchen mit heller, fröhlicher Stimme,„ich hole es.“ Sie eilte wie ein Sturmvogel hinab. 3 „Wenn Urſel es nur findet,“ klagte die Dame weiter, „es ſteckt oberwärts in einem Täſchchen des Wagens.“ „Urſel findet es,“ ſprach der Herr und geleitete ſeine — 14— Gattin mit der Steifheit eines Geſellſchaftscavaliers die Stufen hinauf, über den Vorſaal hinweg in die offenſtehenden Woh⸗ nungsräume hinein. Hier machte er Halt, ſah ſich aufmerkſam nach allen Seiten um, trat in die Thüren zu den Nebenzimmern und ſagte ſchließlich zu ſeiner Gemahlin, die ruhig ſtehen ge⸗ blieben war:„Die Wohnung iſt hübſch, Adele.“ „O ja, es ſcheint ſo,“ antwortete die Dame mit jener Lauheit im Tone, die eine innere Unzufriedenheit ahnen läßt. „Sie genügt in ihren Räumlichkeiten den Anſprüchen, die wir jetzt machen dürfen.“ „Willſt Du nicht ablegen, Adele?“ unterbrach der Herr ſie raſch, indem er ſich ſeines Ueberziehers entledigte und den⸗ ſelben an einen Nagel hing, der im Thürpfoſten eingeſchlagen war. Mit einem unausſprechlichen Widerwillen verfolgte die Dame ſeine Bewegungen und wendete ſich dann, tief auf⸗ ſeufzend, verächtlich ab. Ein Rock am Thürpfoſten! Es war weit mit ihnen gekommen, daß ihr Mann ſich dies erlauben durfte. „Ich werde im Anzug bleiben, bis die Garderobièren feſt gemacht ſind,“ ſagte ſie bedrückt. „Wie Du willſt, Adele,“ meinte der Herr kurz.„Die Leute ſind fleißig dabei; es wird binnen Kurzem Alles in beſter Ordnung ſein. Dann kehrt hoffentlich Deine gute Laune zurück.”— „Hier— hier?— Nie! Niel“ rief die Dame leidenſchaft⸗ lich aufgeregt.„Mein Frieden, mein Glück iſt vernichtet!“ Werde erſt wieder ruhig, beſte Adele,“ bat der Mann, ohne gerade ſeinem Tone eine ſchmeichelnde Wärme, wie ſie den Worten entſprochen haben würde, zu verleihen.„Es iſt 4 — 135— Dir nichts verloren gegangen; Du haſt Alles, was Dich bis⸗ her beglückt hat.“— „Welch' eine thörichte Behauptung, Bernhard,“ fuhr die Dame empfindlich auf.„Alles habe ich verlaſſen müſſen, was mir lieb und theuer war, was ich hoch und werth hielt! Wie willſt Du mir erſetzen, was ich bei dieſer furchtbaren Wand⸗ lung unſers Geſchickes einbüßte?“ Der Mann lächelte ſchmerzlich.„In ſolcher Stimmung nimmſt Du niemals Rückſicht auf das Gefühl, das uns für's ganze Leben zuſammengefügt, darum will ich mich ſelbſt mit meiner herzlichen Liebe und mit meinem guten Willen gar nicht in Anrechnung bringen, aber blicke auf Deine Kinder, erwäge das ungeſtörte Wohlbehagen Deines Lebens. Was iſt denn weſentlich vernichtet in Deinem Glücke, wenn die Grund⸗ lage deſſelben unverſehrt iſt?“ Die Dame ließ verächtlich ihren Blick durch die überſeh⸗ baren Räumlichkeiten ſchweifen, hielt indeß eine Beantwortung der Vorhaltung nicht für zweckmäßig. „Gefällt Dir die Wohnung nicht, ſo ſuchen wir eine andere,“ fuhr der Herr fort,„indeß rufe ich Dir in's Ge⸗ dächtniß zurück, daß ich die Schuld an dieſem Mißgriff nicht trage. Du ſelbſt haſt nach den Rathſchlägen Deiner Tante Kynar dieſe Stadt als Wohnort und dieſe Wohnung als Aſyl für die nächſte Zeit gewählt, als wir Beide überein⸗ ſtimmend für gut hielten, unſern bisherigen Aufenthalt ſo lange zu verlaſſen, bis meine Angelegenheit vollſtändig ge⸗ ordnet und meine Zurückberufung in's Amt bewerkſtelligt ſein wird.“ „Das dürfte nimmer geſchehen— nimmer! Der Miniſter hat meiner Tante Kynar rundweg jede Audienz dieſerhalb abgeſchlagen.“ — 16— „Es war auch übereilt von Deiner Tante, darum zu bitten,“ fiel der Herr ſehr gleichmüthig ein. „Der Miniſter wird Dir nie vergeſſen, daß Du ihn einer Ueberſchreitung ſeiner Amtsbefugniß beſchuldigt haſt.“ „Er ſoll dies auch nicht vergeſſen.“ „Der Miniſter wird Dir nie vergeben, daß Du ihm eine Erinnerung an ſeinen Verfaſſungseid und an ſein Gewiſſen in's Geſicht geſchleudert, daß Du ſeine Maßregeln gegen die Ueberſchreitungen der einzelnen Parteien im Parlamente bitter getadelt, daß Du ihn durch ſeine eigenen, früheren Ver⸗ ſprechungen bloßgeſtellt, und daß Du ſeine Berufsthätigkeit für verderblich genug gehalten haſt, um das Fundament eines conſtitutionellen Staates wanken zu machen.“ „Es fällt mir auch gar nicht ein, beſte Adele, zu ver⸗ langen, daß der Miniſter mir meine wahrheitsvollen Behaup⸗ tungen vergeben ſoll,“ ſprach der Herr mit eigenthümlicher Betonung.„Dieſe Behauptungen mögen ihm die Augen öffnen für die Verderblichkeit ſeiner Grundſätze und ſeiner Wirkſamkeit.“ „Der Miniſter hat ſeinem Vetter, welcher es übernommen, für uns ein gutes Wort zu ſprechen, geantwortet, daß nach ſeinem Princip der Staat keinen Beamten dulden dürfe, der den Uebermuth beſäße, ſich gegen ſein Verfahren aufzulehnen.“ „Uebermuth? Beſte Adele, das Wort iſt falſch gewählt. Es gehört ein Heldenmuth, ein Opfermuth dazu, die perſön⸗ liche Meinung Angeſichts des Miniſters zu vertreten. Wür⸗ deſt Du es zweckmäßiger gefunden haben, wenn ich mich feige vor dieſer Pflicht zurückgezogen, wenn ich ehrlos den Kampf⸗ platz, das heißt, wenn ich„ſchweigend— als Heuchler“ den Kampfplatz verlaſſen hätte?“ 6 3 9 3 1 1 6 3 9 3 1 1 „Nein,“ ſagte die Dame ſchnell;„aber ich meine, Du konnteſt überhaupt von vornherein Dich, wie ſo Viele des Hauſes, indifferent verhalten, um nicht den Zorn des Miniſters zu wecken. Jetzt haſt Du Dein ganzes Lebensglück auf's Spiel geſetzt; jetzt haſt Du jede Ausſicht auf eine glänzende Carriere verloren.“ „Das iſt noch fraglich,“ antwortete der Herr mit auf⸗ flammendem Blicke.„Der Miniſter ſteht vor einer Kriſis— er kann fallen— ja ich behaupte: er wird fallen, er muß fallen! Seine ſtoiſche Gelaſſenheit iſt ihm keine Stütze mehr, und wir werden trotz der Auflöſung des Landtages ſiegen. Ich leugne Dir übrigens nicht, Adele, daß mich während meiner Parlamentsthätigkeit vielerlei Erfahrungen belehrt haben, wie ſchwer es iſt, bei der Parteiſucht und bei der Parteiwuth in der Aufregung der Debatte ſein edleres Selbſt zu wahren. Das, was ich gethan habe, mußte ich eben thun um meines Gewiſſens, um meiner Ehre und um meines edlern Selbſt's willen. Daran beruhige Dich, wenn Dich die Einflüſterungen Deiner Tante Kynar gegen mich aufbringen wollen.“ Dieſer Auftritt wurde durch das Wiedererſcheinen Urſels unterbrochen, die der Mutter ihr Flaconetui überreichte und dem Vater mit ſchelmiſcher Wichtigkeit eine Cigarrenſpitze von Meerſchaum entgegenhielt. Sie brachte gleichzeitig die Nachricht, daß alle Möbel nun ſchon oben, und daß die Kleiderſchränke hinten in einer hübſchen Kammer aufgeſchlagen ſeien. Der Wagen mit den Kiſten war auch angelangt, alſo die Ausſicht vorhanden, daß mit Hilfe eines ſchon anweſen⸗ den Tiſchlers und Tapezierers noch vor dem Abend Alles in ſchönſter Ordnung ſein werde. „Und ohne Dienſtboten können wir dennoch nichts anfan⸗ Ernſt Fritze: Kampf überall. 2 — 18— gen,“ ſagte Frau Adele, eigenſinnig in ihrer böſen Laune verharrend.„Warum gab ich Dir nach, Bernhard, als Du vorſchlugſt, meine Köchin zu entlaſſen.“ „Deine Tante meinte, ſie würde uns in unſerm hieſigen Leben mehr hinderlich als förderlich ſein, und ihre frühere Wirthin werde ſofort eine paſſende Köchin ſchaffen können.“ „Bis dahin hungern wir,“ wendete die Dame gräm⸗ lich ein. „Noch haben wir Fourage, Mama,“ rief Urſel fröhlich und öffnete einen ſaubern Korb, aus dem allerhand leckere Eßwaaren hervordufteten.„Aber halt, Mama, die Sache läßt ſich ja machen. Ich gehe zu der frühern Wirthin unſerer Tante Kynar— wie hieß ſie doch? Wo wohnt ſie? Tante Kynar hat uns eine Karte mitgegeben—.“ Man ſuchte. Die Karte fand ſich.„Madame Depping ſei herzlich gegrüßt und freundlich gebeten, ſich meiner Nichte anzunehmen. Emilie Kynar“— las Urſel mit lauter Stimme. „Kennen Sie eine Madame Depping?“ fragte ſie den Tape⸗ zierer, der ſich eben mit ſeiner Trittleiter einſtellte, um die Vorhänge aufzuſtecken. Er bejahete die Frage und deutete mit der Hand nach dem nahegelegenen Hauſe am Abhange. „Ah, das iſt gut,“ ſprach Urſel.„Ich werde mich unver⸗ züglich zu ihr begeben, legitimirt durch dieſe Karte ſie er⸗ ſuchen, uns eine Köchin zu verſchaffen.“ Flink ſtrich ſie mit den Händchen über den Plüſch ihres Winterpaletots, zog die Handſchuh wieder an, flüſterte dem Vater zu:„Dort ſteht die Caſſette und der kleine Koffer,“ und huſchte die Treppe hinab. Frau Depping ſaß noch in derſelben Stellung am Fenſter. Ihr Paradeſeſſel brachte es zuwege, daß ſie den Außen⸗ ſtehenden als Knieſtück ſichtbar war. — 19— Ihr Sohn Hubert hatte ebenfalls ſeinen Platz am Fenſter behauptet. Der Anblick des ſchönen Kindes hatte Brennſtoff in ſein Herz geworfen. Urſel trat ſorglos in die weit offenſtehende Hausthür. Die Wagen waren fortgefahren. Sie konnte jetzt unbehinderter die Straße nach allen Richtungen hin überſchauen. Vom hellen Frühlingsſonnenglanze übergoſſen, ſtand das Mädchen auf der erhöheten Thürſchwelle. Der volle unausſprechliche Reiz der erſten jungfräulichen Blüthe trat unter dieſer Be⸗ leuchtung deutlich und vortheilhaft hervor. Urſel ließ ihren Blick forſchend über ihre nächſte Um⸗ gebung ſchweifen, bis er das Fenſter traf, wo Dame Depping in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit zu ſehen war. Ihr erſchreckter Blick entdeckte auch gleichzeitig das Männer⸗ antlitz am nächſten Fenſter, das mit unverhülltem Intereſſe dicht gegen die Scheiben gedrückt war, um ſie beſſer wahr⸗ nehmen zu können. Ein Widerwillen eigener Art überſchlich die junge, reine Seele des kindlichen Mädchens; denn ſchon der Blick eines ſolchen, innerlich vergifteten Mannes verletzt, und unbewußt deſſen, was ſie that, ſchob ſie haſtig die Hand, worin ſie die Karte ihrer Großtante Kynar hielt, in die Seitentaſche ihres Paletots, ließ das verhängnißvolle Blättchen hineingleiten und wendete ſich entſchloſſen, um zurück in's Haus zu gehen. Sie ſuchte nun ihre neue Wirthin auf, deren Rath ihr das erſetzen ſollte, was ſie aus einem eigenthümlichen Antriebe als unausführbar erkannt hatte. Sie fand die Wirthsleute, Mann und Frau, in einem freundlichen Hinterſtübchen, von wo aus man das ganze Haus vortrefflich überwachen konnte. Der Mann, ſeiner Profeſſion 2*☛ — 20— nach ein Schuhmacher, jetzt aber ein Rentier, der vom Miethsertrage ſeiner Sommerquartiere lebte und zehrte, be⸗ zeigte der jungen, freimüthig grüßenden Dame eine widerliche Devotion voll ſcheinheiliger Phraſen; dagegen ließ es die Frau bei einer kurzen, kalten, faſt feindſeligen Begrüßung bewenden. „Der Herr ſegne Ihren Eingang, gnädiges Fräulein“, be⸗ gann Schuſter Lindner die Unterredung voll Salbung. „Und unſern Ausgang gleichermaßen“, fiel Urſel faſt muthwillig ein;„denn Herr Lindner, von unſerm Wegziehen hängt gleichſam unſer Glück ab.“ Der Blick der Wirthin entwölkte ſich bei ihren Worten, und ein zufriedenes Lächeln umſpielte ihre ſchmalen, eben noch herbe geſchloſſenen Lippen. „Sind Sie und Ihre Eltern zufrieden mit dem Quar⸗ tier?“ fragte ſie mit einem Anfluge theilnehmender Güte. „Ganz zufrieden, Madame,“ erklärte Urſel lebhaft. „Wir haben eine wunderſchöne Ausſicht, und abſonderlich mein Schlafzimmer mit dem Ausblick aufs alte Schloß hat mich entzückt.“ „Sie hätten die erſte Etage, die weit eleganter und be⸗ quemer eingerichtet iſt, haben können, Fräulein,“ entgegnete ſie haſtig;„aber die gnädige Frau Tante ließ uns durch ihr Geſellſchaftsfräulein melden, daß ſie nicht wünſche dem Ge⸗ heimrath Hoche vorzugreifen, der wieder einige Monate hier wohnen will.“ „Wie? Geheimrath Hoche—!“ rief Urſel beſtürzt. „Hier im Hauſe— Sr. Excellenz der Geheimrath?“ „Wußten Sie das nicht?“ fragte Frau Lindner mit ſichtlicher Befriedigung den Eindruck ihrer Benachrichtigung — 21— belauſchend.„Es war doch Sr. Excellenz mit der Frau Generalin ein Herz und eine Seele.“ „Ja—“ fiel der Schuſter Lindner mit Pathos ein,„in Chriſto vereint— ein Herz und eine Seele! O, der gna⸗ denreiche Gott mag dieſe gottgeweihten Seelen zu ſeinem Preis und ſeiner Anbetung noch lange auf der Erde wandeln laſſen!“ „Das mag Gott thun“, erwiderte Urſel trocken.„Ich habe aber eine Bitte an Sie, liebe Madame, die mir wich⸗ tiger iſt, als das Wohlſein Anderer zu beſprechen. Wir find dringend einer Köchin benöthigt; denn— ich kann Alles, beſte Madame, nur nicht kochen!“ Sie lachte ſo herz⸗ gewinnend zu der vor ihr ſtehenden Frau auf, daß dieſe hingeriſſen von ihrer inneren Erwärmung, die Hand des reizenden Kindes erfaßte und herzlich erwiderte: „Aber ich kann kochen, liebes Fräulein; ich kann ſehr gut kochen und bin gern bereit, Ihnen heute ſowohl wie immer, wenn Sie es wünſchen, ein ſchmackhaftes Mittag⸗ brod zu liefern.“ „Da wären wir ja aus aller Noth!“ rief Urſel fröhlich aufſpringend.„Mama wollte ſchon verzweifeln und uns auf einen Hungertod vorbereiten.“ „So lange Suſette Lindner lebt und ihre Glieder rühren kann, ſollen Sie weder Hunger noch Durſt leiden“, ent⸗ gegnete Madame treuherzig.„Ich ſorge ſür Alles, Fräulein. Eine Köchin will ich ſchon für Sie ſchaffen, und inſtruiren will ich ſie auch ſchon, daß ſie's ordentlich macht mir zur Ehre. Bis Sie complett eingerichtet ſind, beſorge ich Ihre Beköſtigung gegen eine billige Vergütung. Sagen Sie das Ihren lieben Eltern. Kaffee bringe ich Ihnen gleich hinauf, — 22— und das Mittagbrod können Sie um drei Uhr erwarten.— Iſt's Ihnen ſo recht?“„Ich bin entzückt, Madame,“ ver⸗ ſetzte das junge Mädchen,„und will nur gleich hinauf⸗ pringen, um die Mama zu beruhigen.“ Sie nickte mit reizender Zutraulichkeit und wollte fort. Madame Lindner hielt ſie zurück.„Halt' mal, Fräulein— zuvor muß Alles klar zwiſchen uns ſein. Sie müſſen erſt erfahren, weshalb ich Sie ſo unfreundlich empfing. Wären Sie geweſen wie Ihre Frau Tante, die da gegenüber bei Deppings gewohnt, als der ſelige Herr Depping noch lebte, ſo hätte ich mich niemals um Sie bekümmert. Solche Chriſten bringen nur Unheil in's Haus! Aber als ich wahr⸗ nahm, daß Sie nicht zu dieſen Scheinheiligen zählten, da ging mir's Herz für Sie auf. Glauben Sie mir, ich hab's erfahren, was fromme Leute vermögen, wenn ſie ſich etwas in den Kopf geſetzt haben. Mein alter, guter Mann iſt auch ihr Opfer geworden— nun, ich hab' mich darin er⸗ geben und laſſe ihn walten und ſprechen wie er will.“ „Hat denn meine Tante ſeine Umwandlung verſchuldet?“ fragte das junge Mädchen, peinlich von dieſer Mittheilung berührt. „Nein, als dieſe Dame hier eintraf, war er ſchon auf dem beſten Wege. Sehen Sie, wir wohnen hier an der Grenze vom Fürſtenthum Dodenburg, und die Reſidenz iſt uns ganz nahe. Dort graſſirt jetzt eine Sucht fromm zu ſein, und man hat ſich einen Conſiſtorialpräſidenten von fern her geholt, der ſtreng gottesfürchtig iſt und ſich ſeine geiſt⸗ lichen Räthe danach wählt. Das wär' ſoweit ganz gut und ginge uns, da wir anderer Fürſten Landeskinder ſind, nichts an. Aber das Unglück will, daß Schulrath Meineke meines —— — 23— guten Mannes Schweſterſohn iſt, und daß Dodenburg ſo nahe liegt. Schulrath Meineke iſt aber Sr. Excellenz Hooche Liebling und Ihrer Tante Kynar rechte Hand. Du großer Allvater, wären Sie nun mit denen im Bunde geweſen, ſo hättet Ihr mich wahrhaftig zum Tempel hinausgebetet und geſungen. Aber nicht wahr, Fräu⸗ lein, Sie ſind eine vernünftige, richtige Chriſtin, und Ihre Eltern ſind auch nicht ſolche Lamm⸗Gottes⸗Anbeter?“ „Fürchten Sie nichts, beſte Madame; wir ſind kirchlich und chriſtlich geſinnt, aber wir ſind keine Heuchler und keine Phariſäer!“ antwortete Urſel mit ernſter Miene. „Jetzt athme ich froh auf und koche Ihnen Kaffee mit fröhlichem Herzen“, ſagte Madame Lindner vergnügt. „Sorgen Sie um nichts, Fräulein, ich halt's für meine Pflicht, für Sie Alle zu ſorgen.“ Urſel ſprang leichtfüßig die Treppe hinauf. Sie traf die Mutter noch in ihren Reiſekleidern, den Vater jedoch eifrig dabei, eine gewiſſe Ordnung herzuſtellen. Sie überbrachte der Mutter die freudige Botſchaft, ohne ſpeziell zu erwähnen, weshalb ſie es vorgezogen, ſich mit ihrem nothwendigen Anliegen an die Wirthin zu wenden. Leider ſchwand der Mißmuth und die Verſtimmung ihrer Mutter dadurch nicht; Urſel war dies indeß gewohnt und ließ es ſich nicht einfallen, gegen den hartnäckigen Feind zu kämpfen. Hurtig eilte ſie danach zum Vater.„Iſt's Dir bekannt, Väterchen, daß Geheimrath Hoche ſeine Sommer⸗ ferien hier im Orte, und zwar hier im Hauſe zu verleben pflegt?“ fragte ſie leiſe und mit dem Blicke des Verſtänd⸗ niſſes. Ueberraſcht hob der Vater ſein Geſicht zu ihr auf. Der — 24— Ausdruck von Verwirrung und Verdruß ließ erkennen, daß er nicht davon unterrichtet war. „Wer ſagt das, Urſel?“ „Unſere Wirthin, die keineswegs zu ſeinen Verehrerinnen zählt.“ „Iſt das ganz gewiß?“ Urſel nickte mehrmals beſtätigend mit dem Kopfe. Ein Lächeln brach ſich Bahn durch den Ernſt auf des Vaters Antlitz.* „Das wäre das ſeltſamſte Qui pro quo, was es geben könnte,“ ſagte er mehr für ſich, als zu ſeiner Tochter. „Gerade im Begriff, die Vertheidigung meiner Philippika zum Druck vorzubereiten und das gerichtliche Verfahren gegen mich, dem Er als Präſident vorſitzen wird, anzugreifen— gerade in dieſer Zeitperiode mit ihm in einem Hauſe wohnen? Was thut's! Ich kann es nicht hindern, Urſel, und Du weißt, man muß ſich in die Verhältniſſe zu fügen ſuchen; denn die Verhältniſſe fügen ſich nicht nach unſerm Willen. Ich mißachte diejenigen Menſchen, welche ſich durch Kleinigkeiten aus ihrem Gleichmuthe bringen laſſen, mithin darf ich mir ſelber dergleichen nicht zu Schulden kommen laſſen.“ Ruhig, als wäre nichts geſchehen, widmete der Vater ſich wieder ſeiner Beſchäftigung, während Urſel raſch ihres Ueberkleides ſich entledigte und ſich ihm hilfreich zugeſellte. Schweigend packten ſie eine Kiſte nach der andern aus, Alles mit practiſchem Sinne ſogleich in die betreffenden Schränke ordnend. Von Zeit zu Zeit blickte Urſel verſtohlen nach dem Nebenzimmer, wo ihre Mutter mit kurzen, haſtigen Schritten hin und her ging; von der Thür zum Fenſter— vom Fenſter zur Thür. Der reizenden Fernſicht einen Blick zu ſchenken, fiel der Dame gar nicht ein. —-—— 8 ———— ——— Urſel benutzte die Gelegenheit, wo ſie ſich ihrem Vater nähern mußte, ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken und flüſterte mit lieblichem Schmeichelton:„Nicht wahr, Väter⸗ chen, ich bin Dein beſter Freund?“ „Ja, Urſel, ja, Du biſt und bleibſt mein beſter Freund,“ wiederholte der Vater, in ſichtlicher Erregung der ſchweren und bittern Minute gedenkend, wo ſie als kleines Kind diefen Troſt in ſein verzweifelndes Herz geträufelt hatte. „Und als beſter Freund darf ich Dir wohl aufrichtig meine Meinung ſagen,“ fuhr das junge Mädchen zärtlich fort.„Ich glaube, Du hätteſt gut gethan, der Mutter den Beſuch bei ihrer Tante Kynar nicht abzuſchlagen; ſie kann es nicht ver⸗ ſchmerzen, daß Du ihr dieſe Freude nicht geſtatten wollteſt.“ „Nein, Urſel, ich durfte, unſerer und ihrer eigenen Wohl⸗ fahrt wegen dieſen Beſuch jetzt nicht zugeben.“ „Warum nicht, Väterchen? Mama würde erheitert und erfriſcht zu uns hierher gekommen ſein, während ſie jetzt im beſtändigen Kampfe mit ihrem Verdruß krank werden wird.“ „Das iſt ein Uebel, was vergeht. Tauſendfach größer wäre der Schaden, den ihr Beſuch in der Reſidenz angerichtet hätte. Du ſiehſt mich zweifelnd an, Urſel. Nun, entſcheide ſelbſt, ob es rathſam geweſen, Deine Mutter zu den Leuten zu ſchicken, die mich haſſen, die mich verabſcheuen, ſeitdem ich unerſchütterlich ein Ziel verfolge, das ihnen widerwärtig iſt; ſeitdem ich gegen den ankämpfe, welcher den Stern ihrer Clique bildet.“— Die peinliche Empfindung, die ihn in dieſem Momente beherrſchte, drückte ſich unwillkürlich ſo ſcharf in ſeinen Zügen aus, daß ſeine junge Tochter nicht wagte dies Thema weiter zu verfolgen. Es war allerdings ein her⸗ ber Contraſt im Leben dieſes Staatsbeamten, daß die Men⸗ 7 ſchen in ſeiner Umgebung, die ihm die liebſten waren, das ſchroff tadelten, was ihm eine öffentliche Anerkennung, eine huldigende Verehrung von Seiten ſeiner Freunde und Parla⸗ mentsgenoſſen bereitet hatte. In ſeinem bedeutenden Wirkungskreiſe hatte er ſtets mit Kraft und Einſicht auf die Verbeſſerung und Vervollkommnung der conſtitutionellen Principien hingearbeitet. Seine Abſicht war ſtets nur darauf gerichtet, ſeine Anſchauungen und ſeine Kenntniſſe richtig zu verwerthen, ohne mit ſeinem Wiſſen und mit ſeinem Studium glänzen zu wollen. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, einzelnen Perſönlichkeiten ent⸗ gegen zu treten. Er begnügte ſich damit, geiſtreiche Suaden durch irgend ein ſchlagendes Wort zu hemmen und zu ent⸗ kräften, und er gehörte bis dahin zu den wenigen Volksver⸗ tretern, deren edle Denkungsart ſelbſt von den gegenüber ſtehenden Parteien nicht beſtritten wurde. Da traten gefahr⸗ liche Maßregeln der Regierung ein, welche gegen die Ver⸗ faſſung liefen; ſie regten zuerſt nur die lauten Schreier mit ihren guten Stimmen zur Debatte auf, aber die drohende Gefahr, die unabſehbare Wirkung der miniſteriellen Ver⸗ fügungen weckten auch die ruhigern und beſonneren Männer zum Kampfe dagegen. Und was die Verſammlung der Volks⸗ vertreter mit ſtürmiſchem Beifall belohnt, das ſtörte den Frieden ſeines Familienlebens! Raſch glitt die Erinnerung an dieſe kaum überwundene Lebensperiode durch den Geiſt des Vaters, als die Tochter ſeine Seelenruhe durch ihr Geſpräch geſtört hatte und voll Erbarmen in ſein umdüſtertes Geſicht blickte. „Sei getroſt, Urſel,“ ſagte er dann gütig zu dem jungen Mädchen,„ſei getroſt, Deine Mutter wird ſich beſinnen; ſie wird ſich wiederfinden!“ — 27— Noch eine kleine Weile verging dem Vater und der Tochter in ungeſtörter Thätigkeit. Ihr unermüdlicher Eifer krönte ſich, die Unordnung lichtete ſich; Tapezier und Tiſchler thaten ebenfalls das Ihrige zur Ausſchmückung der Zimmer. Die Bilder hingen ſchon an den Wänden, die Spiegel waren placirt, ebenſo die Etagèren und Blumentiſche, ſogar die Vorhänge an den Fenſtern und die Portiéren an den Thüren waren theilweis befeſtigt. Urſel ſchauete mit leuchtenden Augen durch die hübſchen, freundlichen und bequem belegenen Wohnungsräume, und es gefiel ihr von Minute zu Minute mehr in ihrem neuen Aufenthaltsorte. Da regte es ſich endlich in der Bruſt der eigenwilligen Mutter, und ſie trat reumüthig in das Zimmer, wo ihr Gatte und ihre Tochter weilten. An ihrer Hand hielt ſie den Knaben, welcher ſich inſtinetmäßig mehr zu der Mutter hielt, die ebenſo wenig wie er hier nützen konnte. Die Dame näherte ſich langſam dem Gatten. Ihr ſchönes, noch jugend⸗ lich friſches Geſicht zeigte eine ſanfte Freundlichkeit, als ſie ſagte:„Mein Kopfweh läßt nach, Bernhard; ich will Euch helfen! Nimm mir den Regenmantel ab, Urſel. Was Du da auspacken willſt, kann ich beſorgen.“ „O Mama, wenn Du nur ſo gütig ſein willſt, den Frühſtückstiſch zu arrangiren,“ ſagte Urſel heiter.„Sieh, da kommt unſere Frau Wirthin und bringt uns Kaffee.— Curt hilft Dir; nicht wahr, Curt?“ Der Knabe ſchmiegte ſich an ſeine Mutter und machte ein widerwilliges Geſicht. Seine Schweſter ſah ihn, ver⸗ ächtlich lächelnd, an und gab es ſogleich auf, gegen ſeine Laune, die er ſtets von ſeiner Mutter copirte, aufzutreten. Sie ging Madame Lindner entgegen, die ein Kaffeebrett mit — 328— allem nöthigen Geſchirr trug, während ihrer Magd ein zweites Präſentirbrett mit Kannen und Backwerk anver⸗ traut war. Es erfolgte eine freundliche Begrüßung von allen Seiten; in ihr gingen die letzten Spuren der bekämpften Mißſtim⸗ mung unter. Curt ſowohl wie ſeine Mutter ließen ſich die delikaten Milchbrödchen vortrefflich ſchmecken; er hatte nichts dagegen einzuwenden, als ihm Urſel verhieß, er ſolle von jetzt ab alle Tage ſo ſchöne Brödchen zum Kaffee bekommen. Mach dem Frühſtück trat die Mutter in eine volle, er⸗ ſprießliche Thätigkeit ein. Ihrem Geſchmacke und ihrer Um⸗ ſicht fiel das Arrangement anheim. Sie ſetzte die anweſenden Handwerker in Erſtaunen durch ihre practiſchen Anweiſungen, wonach im Umſehen die Wohnung ein ſo elegantes Ausſehen wie möglich erhielt. Bevor Madame Lindner mit ihrem Mittagsmahle erſchien, war Alles ſo weit geordnet, daß die Familie in einem Hinterzimmer, das vollkommen zum Speiſe⸗ zimmer eingerichtet, mit Büffet, Couliſſentiſch, Porzellan⸗ ſchränken und dergleichen verſehen war, diniren konnte. Durch die Frohſinnigkeit Urſel's geweckt, belebte ſich auch der Knabe Curt bis zu kleinen heitern Einfällen und Ver⸗ gleichungen, worin er etwas zu leiſten vermochte, und die anſpruchsvolle Mutter, die ſich nun von ihrem gewohnten Comfort umgeben ſah, ließ ſich herab, zufrieden auszuſehen. Das Mittagsmahl verlief in ſonnigerer Laune, als man hatte erwarten können. Die Furcht vor dem„fremden Leben am fremden Orte“ hatte ſich verloren, als Urſel's Mutter einſah, daß ſie mit den Sturmglocken ihres Zornes nichts er⸗ reichen werde, als eine vermehrte Thätigkeit des Gatten und der Tochter. Sie gab zu, daß ein Sommeraufenthalt im Orte und in der Wohnung ſein„Angenehmes“ haben könne. — 29 Ihr Gatte ſchlang ſeinen Arm um ihre Taille, zog ſie nahe an ſich heran und dankte ihr für dies gute Wort. Sein Auge richtete ſich ſo treu und liebevoll auf die ſchöne Ge⸗ ſtalt wie vor achtzehn Jahren, wo er, bezaubert von ihrem Liebreiz, für ſie entflkammte und ihr das Gelübde der Liebe und Treue ausſprach, ohne geprüft zu haben, ob ſie jemals ein Verſtändniß ſeines geiſtigen Lebens und Strebens gewin⸗ nen würde. Er hatte damals nicht bedacht, was für ein Wagniß es war, die verwöhnte, großartig erzogene Nichte der Generalin Kynar zur Gattin zu wählen. Die Verhält⸗ niſſe Adelens ſchienen ihm nicht glänzend genug, um eine Furcht darüber aufkommen zu laſſen. Sie war die hinter⸗ laſſene Tochter eines Bruders der Generalin, und ihre Auf⸗ nahme wie ihre Erziehung in dem glänzenden Haushalte der Tante war ein Act der Güte. Damals lebte der Sohn und Erbe der Generalin noch. Dieſer Sohn war ein Opfer des Krieges im Jahre 1866 geworden. Danach ſtieg freilich die Hoffnung Adelens auf eine Erbſchaft des großen Vermögens, und ihre Characterſchwächen ſteigerten ſich raſend ſchnell mit dieſer Hoffnung. Ihr Gatte vertraute ihrem geſunden Verſtande und ihrem guten Herzen bei allen Anfällen von Mißſtimmung und von Unzufriedenheit mit ihrem Geſchicke. Er war der Anſicht, daß Willenskraft und Geiſtesſtärke des Mannes die beſte Abwehr gegen Launen ſei, daß der Mann nur dahin trachten müſſe, die Oberhand zu behalten. Was dabei dennoch ver⸗ loren gehen könne, beachtete er nicht. Daß der Ausdruck in den Augen der Gattin weniger Liebe als Gleichmuth verrieth, ſtörte ihn für den Augenblick nicht in ſeiner Freude über den wiederhergeſtellten Frieden. Drittes Kapitel. Leopoldine Depping ſaß allein im Wohnzimmer. Zwei Tage waren ſeit jenem Morgen vergangen, zwei Tage voll bitterer Erfahrungen, voll harter Seelenkämpfe hatten das junge Mädchen ernſter und bleicher gemacht. Sie hing ihren Gedanken nach, welche ſie zuvörderſt in die Vergangenheit zu⸗ rückführten, wo ſie auf tauſend verrätheriſche Momente ſtieß, die ihr die Zuverſicht eingeflößt, daß Hubert ſich ihr mit wärmeren Empfindungen widmete, als man ſich für gewöhn⸗ lich Couſinen gegenüber zu geſtatten pflegt. Er war ſeit einem Jahrzehnt dem elterlichen Hauſe entrückt geweſen, immer nur für kurze Zeit auf Urlaub darin erſchienen und hatte dann ſtets den gelegentlichen Neckereien ſeines jovialen Vaters, „ſich Leopoldinen zur Frau zu wählen,“ ſichtbar Beifall ge⸗ ſchenkt. Das Verhältniß zwiſchen ihm und Leopoldine nahm unmittelbar nach dem Tode ſeines Vaters einen andern Cha⸗ rakter an. Die Neckereien fielen fort, Hubert änderte ſeinen Ton gegen ſie, und nöthigte ſie dadurch, weniger zutraulich gegen ihn zu ſein. Aber ſie erwartete trotzdem allen Ernſtes faſt täglich eine Erklärung von ihm, die ſie offenkundig zu ſeiner Braut machen werde. Während Leopoldine den meiſten Familiengliedern des Hauſes allgemach läſtig wurde, hielt ſie ſich noch immer für unentbehrlich— ein Irrthum, der ihr zu verzeihen war, ein Irrthum, in welchen gutmüthige und liebe⸗ volle Menſchen ſo leicht verfallen, wenn man ſie, ſchlau be⸗ rechnend, zum allgemeinen Beſten verwendet. Die Augen waren ihr indeß in den verfloſſenen zwei Tagen aufgegangen — 31— und hatten ihr das Weſen des Mannes, dem ſie ſtill und treu angehangen, in ſeiner wahren Verfaſſung gezeigt. Der Stoff zum Nachdenken lag alſo nahe; aber noch war kein Entſchluß in ihr gereift, was ſie thun ſolle, um ihre Lebens⸗ ſtellung fortan mit ihren veränderten Lebensanſprüchen in's Gleichgewicht zu bringen. Die friedliche Stille um ſie her wurde durch Hubert's ſtürmiſchen Eintritt jähe unterbrochen. Der junge Mann be⸗ fand ſich augenſcheinlich in gereizter Stimmung, rannte einige Male im Zimmer hin und her und ſagte dann laut und herbe: „Alſo Du kannſt nicht erfahren, wer die Herrſchaften dort drüben bei Lindners ſind? Sonderbar, daß Du das nicht er⸗ fahren kannſt, Poldy— ſonderbar, ſehr ſonderbar! Auf Ehre! Ich intereſſire mich lebhaft, von Stunde zu Stunde lebhafter, für das reizende Kind dort drüben; ich wünſche aber vor allen Dingen erſt zu wiſſen, wer und was ihr Vater iſt, und Du behaupteſt, es nicht erfahren zu können—? Sonderbar, ſehr ſonderbar!“ „Du würdeſt mir unrecht thun, wollteſt Du an meinem guten Willen zweifeln, Dir die gewünſchte Auskunft zu ver⸗ ſchaffen,“ entgegnete das Mädchen ſanft. „Warum weigerſt Du Dich denn zur Madame Lindner zu gehen und ſie zu fragen?“ „Weil mir unſere Köchin verſichert hat, Madame wiſſe es ſelbſt nicht, wie der Herr heiße.“ „Aber— ob er von Adel iſt? Du weißt ja, daß es mir bei meinen Heirathsprojecten hauptſächlich darauf ankommt, mit einer vornehmen, adligen Familie anzuknüpfen.“ Leopoldine blickte ſeitwärts auf, neigte jedoch, ohne zu antworten, mit einem geringſchätzigen Lächeln ihr Geſicht wieder auf ihre Näharbeit. — 32— „Sollte vielleicht die Eiferſucht Dich verhindern, mir hier behilflich zu ſein?“ fragte Hubert ſarkaſtiſch. Leopoldine ſchwieg und nähte fort. In ihr war mehr Taubenblut als Drachengift vorhanden. „Oder etwa Neid und Mißgunſt, daß mir glücken könne, wonach Du lange geſtrebt?“ „Wonach ich geſtrebt?“ wiederholte Leopoldine, erſtaunt ihn unterbrechend. „Nun, wem die Cirkel der vornehmen Welt verſchloſſen ſind, ſehnt ſich in der Regel leidenſchaftlich nach ſolchen Weltfreuden.“ „Ich habe mich mit der vornehmen Welt nie befreunden können, habe mich nie für ihre Freuden erwärmen mögen und habe ihre Anmaßungen ſtets belächeln müſſen, wenn ich daran dachte, daß mit dem letzten Athemzuge des Menſchen auch ſeine Erdengröße aufhört.“ „Was kennſt Du denn von den Freuden, die Du ſo philoſophiſch verwirfſt?“ fragte der junge Mann mit be⸗ leidigendem Mitleiden. Vielleicht mehr als Du denkſt, mehr als irgend Jemand, weil ich als ein nützliches und unſchädliches Glied der Som⸗ merſaiſon betrachtet und, zu allen dieſen Freuden angeworben wurde,“ gab Leopoldine zur Antwort. „Ahl jetzt begreife ich,“ höhnte Hubert,„und da Du eingeweiht biſt in dies Feuerleben der feinen Welt, ſo gönnſt Du mir' nicht, mit den Großen des Landes mich liirt zu ſehen.“ Er durchmaß zornig das Zimmer und ſtellte ſich herausfordernd vor ihr auf. „Eine kindiſche Behauptung,“ ſagte das Mädchen, mit würdevoller Ruhe dem wilden, wüſten und ungerechtfertigten ——— ᷣ-—-— Zorn des jungen Mannes begegnend.„Dein unerwarteter Reichthum hat Dich hochmüthig gemacht, und Dein Hoch⸗ muth wird Dich eines Tages verrückt machen. „Höre mein letztes Wort in dieſer Sache, Poldy,“ ſchrie er ſie in wilder Aufregung an.„Wehe Dir, wenn Du mir hinderlich bei meinen Projecten ſein ſollteſt— wehe Dir!“ Leopoldine entgegnete furchtlos:„Was ſollte mich wohl veranlaſſen, Dir in dem, was Du Dein Glück nennſt, hin⸗ dernd in den Weg zu treten! Es müßte denn ſein, daß ich das junge, liebreizende Mädchen dort drüben vor Dir zu warnen gezwungen würde.“ Hubert lachte ſtatt aller Antwort. Sein kalter, kecker Geiſt fand darin nichts Gefahrdrohendes, wenn er dies lieb⸗ reizende Mädchen wirklich zu heirathen erſt beſchloſſen hatte. „Warne ſie nur,“ ſprach er nach einer langen Pauſe, in welcher er fortgeſetzt ſeine Augen auf die Hausthür drüben heftete.„Warne ſie nur, Poldy. Das würde ſie doch nicht abhalten, mich zu lieben, wenn ich es will.— Halt' mal!“ unterbrach er ſeine unverſchämte Rede,„die Thür öffnet ſich— es iſt der Schulrath Meineke, der aus dem Hauſe tritt; der ſoll mir Rede ſtehen— der wird mir die nöthige Auskunft geben können!“ Er ſtürzte fort! Leopoldine ſah, daß er den Schulrath erreichte, und daß er ihn freundſchaftlich unter den Arm faßte. Die Thür des Nebenzimmers wurde in dieſem Augen⸗ blicke geöffnet. Frau Depping erſchien.„Was habt Ihr denn vor, Poldy?“ fragte ſie mißbilligend.—„Hubert wird doch keine Thorheit begehen in ſeiner Aufregung?“ Bevor die junge Dame eine Antwort zu geben vermochte, Ernſt Fritze: Kampf überall. 3 — 34— ſtand Hubert ſchon wieder im Zimmer. Bedeutend abge⸗ kühlt, ſagte er zu ſeiner Mutter gewendet:„Nun weiß ich's! Der Herr heißt Ringforth.“ „Herr von Ringforth?“ fragte ſeine Mutter begierig, ganz nahe an ihn herantretend. „Nein, Mama— einfach Herr Ringforth,“ verſetzte Hu⸗ bert mit ſichtlichem Spott. Jetzt trat Arnold haſtig der Thürſchwelle näher. Er hielt eine Broſchüre in der Hand, worin er geleſen.„Wie ſagteſt Du?“ forſchte er eifriger, als ſonſt ſeine Indolenz⸗ zuließ.„Ringforth? doch nicht Bernhard Ringforth.“— Er wies auf das Titelblatt ſeiner Flugſchrift;„doch nicht der Verfaſſer dieſer Zeitfragen, der Oberſtaatsanwalt Ringforth, einer der geiſtvollſten, gediegenſten Juriſten ſeiner Zeit?“ „Wohl nicht,“ entgegnete Hubert ſehr gleichgiltig,„ſonſt hätte es der Schulrath gewußt und es mir geſagt. Es kann ein Bruder, ein Vetter von dem Oberſtaatsanwalt ſein— warum nicht?“ Mit dieſen Worten verließ er pfeifend das Zimmer; Frau Depping folgte ihm. „Hubert, was haſt Du nun davon, ſagte ſie tadelnd, „Du biſt und bleibſt doch ein Strudelkopf; wie konnteſt Du wohl Poldy ſo bitter kränken.“ „Sie hat mich auch nicht geſchont,“ antwortete er grollend. „Alſo mit dem Adel wär's wirklich nichts? Ich kann's kaum glauben— Mann und Frau ſehen ſo vornehm aus. Hätteſt Du Dir nur gegen Poldy nicht ſolche Blößen ge⸗ geben.“ „Was kann's helfen, Mama? ein Mal mußte es doch zur Sprache gebracht werden, daß ich nicht Willens bin, ſie zu ——— heirathen, und nun iſt es geſchehen,“ rief Hubert verdrießlich; und im vollen Ausbruche ſeiner Herzloſigkeit fügte er ſeltſam lächelnd hinzu:„Lieben kann ich ſie ja deſſen ungeachtet, wenn ſie es wünſcht— ebenſo gut, wie ich mir vorgenommen, die ſchöne Mutter und die reizende Tochter dort drüben zu lieben. Jeder im Weltall ſtrebt nach demjenigen, was ihm das Wünſchenswertheſte erſcheint, Mama. Mir fehlt für jetzt ein Amüſement, darum will ich der Mutter und der Tochter dort drüben meine Huldigungen weihen. Mach' nur keine Einwendungen— das ſind poetiſche Freiheiten der großen Welt, das ſind Gaukelſpiele aus den Coterien— das ſind Amüſement's, die man in den Salons übt.“ Er ſtürmte, grell auflachend, davon, ehe ſeine erſchreckte Mutter ein Wort der Erwiderung fand. Als Frau Depping in's Zimmer zurückkam, ſtand Arnold n der Nähe des Fenſters, den Blick träumeriſch zu den Fen⸗ ſtern des Lindner'ſchen Hauſes empor gehoben. „Du glaubſt wohl dennoch, daß der Herr Ringforth dort drüben der Verfaſſer Deines Büchelchens iſt, Arnold,“ ſagte ſie, mehr mit dem Ausdruck der Neugier als der Theilnahme. In Arnold's Augen leuchtete ein warmes und lebhaftes Gefühl auf, als er entgegnete:„Wenn er es wäre, Mutter, welch' ein Glück für mich, ihn perſönlich kennen zu lernen. Ich ſchwärme für dieſen Ringforth; er iſt mein Ideal ge⸗ weſen, ſeit ich meine juriſtiſche Laufbahn begonnen, und ich verehre ihn wegen ſeiner edlen Selbſtverleugnung, womit er für Recht und Gerechtigkeit und Gewiſſensfreiheit eintrat, obwohl er wußte, daß er, als Märtyrer ſeiner kühnen Volks⸗ vertretung, würde büßen müſſen, was er„das Product ſeiner Ueberzeugung“ genannt.“ 3* 3 —Q—O—O—— — 36— „So, ſo?“ fragte Frau Depping,„er hat unfreiwilligen Urlaub?“ „Allerdings, man hat ihn ſuspendirt; man hat den Land⸗ tag aufgelöſt, und man will zu neuen Wahlen ſchreiten. Es wird nichts helfen, denn ſeine Partei wird wiedergewählt, das Publicum hat ſich nun einmal überzeugt, daß die Intereſſen des Landes in guten Händen ruhen.“ „Mich kümmern ſolche Volksgeſchichten ſehr wenig, guter Arnold,“ unterbrach ihn ſeine Mutter,„und eine Verherr⸗ lichung durch ſolch' eine Amtsentſetzung kommt mir geradezu lächerlich vor. Der Kladderadatſch erinnerte neulich ganz richtig daran:„Jeder ſehe, was er treibe, jeder ſehe, wo er bleibe und wer ſteht, daß er nicht falle.“ Ungefähr ſo lautete es, und ich unterſchreibe das Verslein mit vollem Einver⸗ ſtändniß.“ Zerſtreut hatte Arnold die Mutter reden laſſen, was ſie wollte. Seine ganze Aufmerkſamkeit war durch die Frage in Anſpruch genommen, ob es ihm wirklich vergönnt ſein würde, die perſönliche Bekanntſchaft eines Mannes zu machen, den er ſehr hoch ſchätzte. „Wenn ich nur wüßte, ob er es wäre! wenn ich ohne unbeſcheidene Forſchung erfahren könnte, Mama, ob der Herr—“ Weiter kam der junge Mann in ſeiner Rede nicht. Leopoldine hatte ſich ihm unbemerkt genähert, nahm ihm die Flugſchrift, die er noch immer in der Hand hielt, und über⸗ las flüchtig das Titelblatt, worauf Name und Stand des Verfaſſers angegeben war. Sie fand, was ſie ſuchte, deutete mit dem Finger auf die Stadt, wo der Oberſtaatsanwalt fungirt hatte und ſagte ſanft und leiſe:„Gewißheit kann ich —— 3——— — 27— Dir dadurch freilich nicht verſchaffen, Arnold; aber das hat mir Madame Lindner mittheilen laſſen, in dieſem Orte hat die Familie bis dahin gewohnt. Sie ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen, während Arnold freudig dankte und ihr erklärte, die gegebene Auskunft genüge ihm ſchon vorläufig; denn von dem betreffenden Orte könne er Nachricht einziehen. Frau Depping ſah dem Mädchen nach und ſagte mit einem Anfluge von Mitleid:„Hubert war vorhin ſehr übler Laune.“ „Ich hab's gehört,“ gab Arnold zur Antwort.„Es iſt gut, daß es zwiſchen Beiden zum völligen Bruch gekommen iſt. Mir hat die gute, argloſe Poldy längſt leid gethan. Sie verdient ein beſſeres Schickſal, als Hubert's mißachtete Gattin zu werden.“ „Er hat mir ſo eben ſchöne Anſichten über die Amüſements der Salons entwickelt. Um ſich die Langeweile zu vertreiben, will er Eroberungen der Herzen verſuchen.“ „Hubert mag ſich in Acht nehmen und unſern Namen nicht völlig in Mißcredit bringen. Warum geht er nicht auf Reiſen, wenn ihm die Heimath zu langweilig und zu enge wird? Für alle Fälle liegt eine Erbärmlichkeit ohne Gleichen darin, das Herz eines jungen Mädchens in Flammen zu ver⸗ ſetzen, ohne den Willen zu haben, ſie zur Gattin zu wählen. Poldy's ruhige Natur, ihre moraliſche Feſtigkeit hat ihrer Liebe eine Schranke geſetzt, über die hinaus ſich der Leichtſinn Hubert's nicht wagte. Sie wird dieſe Erfahrung nur mit einigen trüben Stunden und nicht mit ihrem ganzen Lebens⸗ glücke bezahlen. Nicht immer ſteht aber die Vernunft neben dem bethörten Mädchenherzen, und es giebt heißere Liebes⸗ ſchmerzen, als Poldy jemals empfinden wird.“ — 38— „Sag' ihm das ſelbſt, Arnold,“ meinte Frau Depping faſt gerührt. „Das wäre nutzlos, Mama. Warnungen vor dem Böſen ſind bei Hubert Anſpornungen zur Sünde. Aber ich werde ihn nicht aus den Augen verlieren, ihn gleichſam überwachen und durch rechtzeitiges Einſchreiten ſeinen Willen zu brechen ſuchen.“ In dieſem Momente ſtürmte Hubert, pfeifend und träl⸗ lernd, durch den Corridor, der neben den Zimmern entlang⸗ lief. Arnold horchte auf, legte ſein Buch hin und folgte den Schritten ſeines Bruders, als er hörte, daß er das Haus verließ. Sein erſter Blick in's freie Land überzeugte ihn, ſeine Vorausſetzung ſei richtig geweſen. Drüben auf dem Trottoir ging Urſel mit ihrem Bruder, augenſcheinlich im Begriff, einen kleinen Spazirgang in die ſchöne blühende Flur zu unternehmen. Der Knabe Curt ſchritt ſtolz und ſtattlich neben ſeiner Schweſter, als wäre er ſich der Ritterpflicht gegen dieſelbe ſchon bewußt. Die kleine, feſte und gedrungene Geſtalt des achtjährigen Burſchen nahm ſich in den hohen Stiefeletten und kurzen Hoſen ſehr gut aus, und das biegſame Stöckchen mit Elfenbeingriff konnte füglich als eine nothwendige Waffe für unberechtigte Friedensſtörer gelten, die ihren Weg zu durch⸗ kreuzen Luſt verſpüren ſollten. Urſel ſah wunderhübſch aus in dem einfachen Coſtüm, das anmuthig und bequem ihre jugendlichen Formen umſchloß. In ruhiger, ernſter Weiſe mit einander plaudernd, wanderten die jungen Spazirgänger in eine mit Kaſtanienbäumen dicht beſetzte Allee, deren friſchgrüne Kronen ſchon einen leichten und erquickenden Schatten bildeten. Die Allee lief ſchnurgerade —— —— auf das Badehaus zu, das, mit ſeinen weiß und grünen „Gittern und Bänken ſie anlockend, als das Ziel ihrer erſten Wanderung bezeichnet worden war. Hubert verließ unmittelbar nach ihnen ſein Haus, hemmte jedoch ſeinen Schritt, um ihnen einen Vorſprung zu gewäh⸗ ren und folgte erſt raſcher, als ſie die Mitte des Weges er⸗ reicht hatten. Er wünſchte, auf dieſe Weiſe eine Bekannt⸗ ſchaft einzuleiten, die, fern von aller Convenienz, ihm raſch zu einer gewiſſen Vertraulichkeit verhelfen ſollte. Seiner Berechnung gemäß holte er die beiden harmlos Luſtwandelnden an einer von blühendem Gebüſch etwas ver⸗ deckten Stelle richtig ein, grüßte beim Vorübergehen leicht und blieb dann, ſie erwartend, ſtehen. Erſchreckt hob Urſel jetzt erſt die Augen zu dem hochge⸗ ſtalteten Herrn empor. Sie erkannte auf der Stelle den jungen Mann, der ſie bei ihrer Ankunft ſo dreiſt gemuſtert hatte. „Ei, mein Fräulein,“ redete er ſie leutſelig und artig an, „Sie wollen gewiß mit dem Brüderchen einen Spazirgang machen? Sie ſind fremd hier— erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen anſchließe und als Führer diene.“ „Allerdings,“ entgegnete Urſel ernſt und gemeſſen wie eine Dame und gab ihrem Geſichtsausdruck jene unnachahmliche Sicherheit, die ſelbſt dem wüſteſten und leidenſchaftlichſten Mann imponirt,„allerdings bin ich fremd hier, mein Herr! Ich weiß mir jedoch nicht zu erklären, in wie fern dies Sie berechtigt, mich anzureden. Ich kenne Sie nicht. Geſtatten Sie mir die Frage: ſind Sie mir jemals vorgeſtellt worden?“ Hubert ſtand wie angedonnert. Er wußte aus dem Salon⸗ leben ſeines Offizierſtandes, was dieſe Abfertigung zu bedeuten habe. Deſſen ungeachtet verſuchte er ſich zu decken und er⸗ widerte mit verbindlichem Tone, aber lächelnd:„Hier in der Sommerfriſche nimmt man es mit dergleichen Convenienz⸗ regeln nicht ſo genau, mein Fräulein.“ „Ich bin berechtigt, es genau zu nehmen, mein Herr,“ fiel Urſel ſchnell ein, verbeugte ſich artig, faßte Curt's Hand, wendete ſich und ging nach Haus zurück. Curt hob mit drohender Spielerei ſein Spazirſtöckchen gegen ihn auf, bevor er ſeiner Schweſter folgte. Arnold war von fern ein Beobachter dieſer Scene ge⸗ weſen. Er hatte Hubert's Niederlage gerecht befunden und dabei eingeſehen, daß ſich dieſer dadurch bei der Familie un⸗ möglich gemacht habe. Ein Gefühl von Befriedigung durch⸗ ſchlich ihn, ein Gefühl von Achtung und Bewunderung hob ſeine Bruſt höher, als er, verſteckt vom Gebüſch, das junge Mädchen ruhig an ſich vorübergehen ſah. Die junge Dame hatte inſtinctiv den Wurm zertreten, der böswillig ihren Weg durchkreuzte. Mit einfacher Ruhe, mit ſeltenem Tacte hatte ſie die Unverſchämtheit ſeines Bruders entkräftet. Eine Bewegung, die er ſich nicht erklären konnte, füllte plötzlich ſeine ganze Seele mit einem Lebensmuth, der ſeinem Weſen Wärme und ſeiner Zukunft Glanz verlieh. Sein Herz regte ſich ahnungsvoll. Er ging einſam in die duftigen Thäler hinaus, ſtieg, in Träumen verloren, auf die Höhen und ſchauete hinaus in die Ferne, die überall Glück und Wonne verhieß. Er beobachtete die Zugvögel, die vom Süden in ihre nordiſche Heimath zurückeilten, um Neſter zu bauen und in ihrem Liebesleben die Herzen fühlender Menſchen durch ſüßen Geſang zu entzücken. Eine Nachtigall im nahen Ge⸗ ſträuch, vom Sonnenglanz des Frühlings verführt, ließ leiſe 41— lockende Töne durch die ſtille Luft dringen. Sie verklangen wie ein unſchuldiges Liebesflüſtern. Viertes Kapitel. Die Familie Ringforth lebte ſich allmälig ein in ihre neuen Verhältniſſe. Nachdem die erſten Mühſeligkeiten eines Um⸗ zuges überwunden und alle Unordnungen beſeitigt waren, zeigte es ſich, daß man noch niemals ſo bequem, ſo weit⸗ läufig und ſo freundlich logirt geweſen war. Madame Lindner, die gefälligſte Wirthin ihrer Vaterſtadt, ſorgte für eine wackere Köchin und war unermüdlich hilfsbereit, wo es noth that. „Alles dem Fräulein Urſel zu lieb,“ denn die gnädige Frau und Junker Curt waren nicht nach dem Geſchmacke der biedern Frau, und für den Herrn fühlte ſie zur Zeit noch keine Sympathie. Man beſchränkte ſich übrigens im Allgemeinen auf die einfachſte Lebensweiſe, machte Partieen und Spazirgänge, ohne irgend wie geſellige Verbindungen anzuknüpfen, und ver⸗ mied ſichtlich, wenn auch auf ungeſuchte Weiſe, jede Be⸗ kanntſchaft, obwohl es Ringforth's Abſicht war, nicht bloß für die Sommermonate ſich hier nieder zu laſſen, ſondern einen bleibenden Aufenthalt zu nehmen, bis eine günſtige Entſcheidung ſeiner Angelegenheit eingetreten ſei. Ordnung, Frieden und Ruhe war alſo wieder eingekehrt in den kleinen Familienkreis; aber man hätte wohl ohne Uebertreibung ſagen können: es war ein Frieden ohne Leben, es war die Ruhe eines unerquicklichen Stillſtandes. Es — 42— fehlte der Odem der Liebe, der von der Mutter ausgehen muß; es mangelte dem Verkehr und dem Geſpräch die Hin⸗ gebung herzinnigen Vertrauens. Der kleine Curt, der ſich jetzt mehr zur Schweſter Urſel als zu ſeiner Mutter hielt, bildete häufig den Mittelpunkt des Geſpräches. Er erzählte Heldenthaten, die er vollführt und beſchrieb Wunderdinge, die er entdeckt haben wollte. Der Knabe war noch nie aus den Mauern großer und volkreicher Städte gekommen, hatte noch nie ſelbſtſtändig im Freien ſich bewegt und fühlte ſich hier plötzlich ſo unbeengt, daß ſeine Phantaſie und ſeine Thatkraft erwachte. Hinter jedem Buſche lauerten für ihn Gefahren, die er zu bekämpfen den Muth in ſich fühlte. In Katzen, in Hunden, die friedlich ihren Weg verfolgten, erblickte er wilde Thiere; Kaninchen, welche furchtſam aus dem Bereich ſeiner Nähe ſprangen, machte er durch ſeine Einbildungskraft zu geſpenſtiſchen Erſcheinungen, die er muthig verjagt hatte. Man wehrte dieſen Don Quixotiaden nicht. Sein Vater freute ſich des geiſtigen Um⸗ ſchwunges, der darin aufblitzte, da Curt bis dahin allzu⸗ weichlich an der Mutter gehangen und dadurch unliebens⸗ würdig geworden war. Ringforth zeigte äußerlich nur ſelten bemerkbar, was ihn erfreuete und was ihn bekümmerte. Seine Selbſtbeherrſchung und ſeine Selbſtverleugnung wob einen dichten Schleier um ſeine Gefühle, den nur eine gleich geſtimmte Seele und ein gleich fühlendes Herz zu durchſchauen vermochte. Ob er glücklich war? Niemand konnte es ſagen; ſelbſt ſeine Tochter Urſula, die leidenſchaftlich an ihm hing, wußte nichts von ſeinen innern Kämpfen, die ihn zum Opfer eines tragiſchen Schickſals machen ſollten. —— ——- — Für jetzt hatte Ringforth ein Aſyl gefunden, fern von der Welt, worin er gelebt. Seine Zeit war in Anſpruch ge⸗ nommen, und ſeine Erholungen befriedigten ihn. In ſeinem Zimmer durfte er nicht oft geſtört werden. Dort lebte er, gleichſam abgeſchieden von der Außenwelt, ſeinen Forſchungen, ſeinen Studien, ſeinen Reflexionen und ſeinen Grübeleien hingegeben. Es war ihm jedenfalls keine angenehme Störung, als eines Morgens ſeine Köchin mit der Meldung zu ihm her⸗ eintrat:„Herr Schulrath Meineke wünſche ihm die Auf⸗ wartung zu machen.“ Verwundert ſchauete Ringforth von ſeiner Arbeit auf und fragte:„Schulrath Meineke?“ „Ja, Herr Ringforth,“ antwortete das Dienſtmädchen treuherzig,„Schulrath Meineke, unſers Herrn Lindners Schweſterſohn.“ 3 „Ah— ſol!— Dann darf ich ihn ſchon wegen des guten Einvernehmens mit meinen Wirthsleuten nicht abweiſen laſſen,“ dachte Ringforth, etwas verdrießlich ſeine Feder niederlegend. „Sehr angenehm!“ ſagte er laut. Die Magd verſchwand, und gleich darauf trat ein unſcheinbarer, mittelgroßer Herr mit glattraſirtem Geſicht und halblangen Haaren, die ſorg⸗ fältig geordnet und geglättet waren, in's Zimmer. Ein Frack, weiße Handſchuhe und weiße Halsbinde vervollſtändig⸗ ten den geiſtlichen Rath. „Sie geſtatten, Herr Oberſtaatsanwalt, daß ich mir— gelegentlich eines Beſuches bei meinem lieben, von mir hoch⸗ verehrten Onkel Lindner, ihrem zeitigen Wirthe— erlaube, Ihnen meine Hochachtung zu beweiſen,“ redete er den etwas überraſchten Ringforth mit dem feinen Weſen eines Welt⸗ mannes an. — 44 Mißtrauiſch ließ Ringforth ſeine Blicke über dieſe Er⸗ ſcheinung gleiten, die dem Charakter ſeiner politiſchen Partei⸗ ſtellung vollkommen heterogen war. Er erwiderte indeß die Anrede mit entſprechender Höflich⸗ keit, und die Herren nahmen Platz. Zuerſt bewegte ſich das Geſpräch in allgemeinen Ma⸗ terien, wie ſie das Leben mit ſeinen Verhältniſſen und Wechſelungen bietet. Die Wohnungs⸗ und Ortsangelegen⸗ heiten gaben hinreichend Stoff dazu, ließen aber zugleich den ſcharfſinnigen Ringforth außer allem Zweifel, daß er in dem geiſtlichen Rath Meineke einen jener intoleranten, orthodoxen Proteſtanten vor ſich habe, der die Kraft ſeines Geiſtes dazu benutzte, um gegen den menſchlichen Verſtand und gegen die menſchliche Vernunft zu kämpfen. Ringforth vermied eine Debatte. Er ließ den Schulrath reden und hörte zu, ohne den Verſuch zu machen, ſeine ab⸗ ſurden Meinungen zu widerlegen. Selbſt directe Bezüglich⸗ keiten auf ſeine parlamentariſche Laufbahn nahm er gleich⸗ giltig auf und beantwortete ſie ſo kühl und gelaſſen, daß jedes weitere Eingehen darauf unmöglich wurde. Er wollte dem Manne gegenüber, der ſichtlich zu ſeinen Gegnern ge⸗ hörte, nicht warm werden, ſo lange derſelbe ſich nicht direct als Angreifer ſeiner Principien aufſtellte. Es kam aber endlich dahin. Der Schulrath fragte, ob er nicht Willens ſei, ſich bei den Neuwahlen zum Parlamente zurückzuziehen. „Keinesweges, mein Herr,“ war Ringforth's ſchnelle und entſchiedene Antwort.„Ich halte es für eine Bürgerpflicht, wieder einzutreten.“ „Sie haben ſich aber einen großen Antheil von Schuld beizumeſſen, daß die Auflöſung des Abgeordnetenhauſes nöthig befunden worden iſt.“ „Um ſo mehr iſt es meine Aufgabe, mich abermals bei der Erledigung von Fragen zu betheiligen, die zur Erörterung gekommen ſind und abermals kommen werden.“ „Bedenken Sie nicht das Unheil, welches daraus für's Land erſprießen kann?“ „Ich bedenke nur das Unheil, das man dem Lande auf⸗ erlegen will.“ „O, der Herr erleuchte Sie, daß Sie nicht in dieſem Irrthum verharren. Treten Sie zurück, verehrter Herr! Geben Sie den Männern freien Spielraum, die das wahre Wohl der Menſchheit vor Augen haben.“ „Ich hindere Niemand in ſeinem Wirken und Schaffen, Herr Schulrath.“ „Sie hindern nicht— nein! Aber Sie verhindern die Entfaltung frommer und heiliger Pläne, worin ſich die Ver⸗ edlung des Volkes gründet. Ich ſehe die Mißbilligung auf Ihrer Stirn kräuſeln— ich weiß, daß Sie zu denen zählen, die uns nicht als Freunde betrachten. Sie haben in einer Ihrer geiſtreichen, nur leider nicht ſympathiſchen Reden mit ſcharfer Betonung von einer„Kirchthurms⸗Politik“ ge⸗ ſprochen—“ „Erlauben Sie,“ fiel Ringforth raſch in ſeine Rede, welche den Ausdruck der Salbung annnahm—„erlauben Sie, daß ich dies Geſpräch abbreche mit der Erklärung: die Zeit iſt gottlob vorbei, wo man mit dem Katechismus in der Hand eine große Rolle im politiſchen Leben ſpielen konnte. Laſſen Sie uns dergleichen Auseinanderſetzungen vermeiden, ſie führen zu nichts!“ — 46— Es entſtand eine Pauſe, die unangenehm zu werden drohte, weil der Schulrath vergeblich nach einem paſſenden Worte der Erwiderung ſuchte, und Ringforth nicht Luſt hatte, ihm ſeine Situation, die er ſelbſt verſchuldet, zu er⸗ leichtern. Der Zufall führte eine glückliche Löſung herbei. Die Köchin trat abermals meldend in's Zimmer, dem Herrn Ringforth mit den Worten„Herr Referendar Depping wünſcht aufzuwarten,“ eine Karte überreichend. Referendar Depping kam wie gerufen. Günſtiger konnte er ſeinen Beſuch, den er im Antriebe ſeiner tiefen und leiden⸗ ſchaftlichen Verehrung unternahm, nicht bewerkſtelligen. Er wäre ſchwerlich von Ringforth angenommen, wenn derſelbe ihn nicht als einen willkommenen Ableiter der eingetretenen Mißſtimmung hätte betrachten müſſen. „Sehr angenehm!“ ſagte er mit erleichterter Bruſt. Der Schulrath erhob fich, um zu gehen. „Ich hoffe, Gelegenheit zu haben, Sie von Ihren Irrthümern zurückkehren zu ſehen,“ ſagte er, ſich hofmänniſch bis zur Stuhllehne hinab verbeugend.„Der Ruhm Ihres Namens wird nicht beeinträchtigt, wenn Sie ſich bei den Neuwahlen zurückziehen, und Sie werden be⸗ denken, daß weiter fortgeſetzte Auflehnungen gegen die Re⸗ gierung ganz ohne Nutzen bleiben, denn man hat dort oben ſeine Beſchlüſſe gefaßt.“ „Ich werde nicht ablehnen, wenn mein Kreis mir mein Mandat von Neuem anträgt, und ich verſichere Ihnen, daß dies von großen Nutzen ſein wird, und daß die Beſchlüſſe von oben an einem verlorenen Poſten eines erledigten Portefeuille's ſcheitern werden,“ entgegnete Ringforth mit dem Bewußtſein und mit der Begeiſterung edler Thatkraft. — 47— Der Schulrath verbeugte ſich nochmals und ging. Arnold Depping, der beurlaubte Referendar, trat ein. Wie verändert, wie unglaublich verändert war der junge Mann ſeit den wenigen Wochen, die zwiſchen dem Morgen, wo er am Frühſtückstiſche die Ankunft Ringforth's wahr⸗ nahm und dem jetzigen Morgen lagen. Verſchwunden war das ſchlaffe, matte Lächeln, verſchwunden der gelangweilte Blick, verſchwunden die gleichgiltige Ruhe ſeines Mienen⸗ ſpieles. Hochauf trug er den Kopf; auf der Stirn lag das Licht eines innern Lebens, aus dem Auge ſtrahlte die Zuver⸗ ſicht des Geiſtes, und ſein ganzes, männlich ſchönes Ange⸗ ſicht erſchien vergeiſtigt und verklärt, als er raſch auf Ring⸗ forth zutrat und ihn achtungsvoll und beſcheiden um Ver⸗ zeihung bat, daß er ſich erlaube, ihm endlich perſönlich nahe zu treten. Gütig reichte ihm Ringforth die Hand.„Sie haben mich, trotz meiner vorſätzlichen Zurückgezogenheit dennoch auf⸗ geſpürt,“ ſagte er, freundlich ſpottend. „Verzeihen Sie mir mein gewaltſames Eindrängen; aber Ihr Freund Wadesheim, der zugleich mein Gerichtsdirector und Gönner war, ermuthigte mich zu einem Beſuche, nach welchem meine Seele dürſtete, Herr Oberſtaatsanwalt,“ ent⸗ gegnete Arnold, lebhaft bewegt. Ringforth fühlte die Huldi⸗ gung heraus, die in ſeinen Worten lag und ſagle abſpringend: „Sie arbeiten jetzt am hieſigen Gerichte?“ „Nein— ich bin beurlaubt auf zwei Jahr wegen—,“ er ſtockte und blickte vor ſich nieder.„Ihnen gegenüber will ich keinen Grund zu dieſem Urlaub erheucheln,“ ſagte er dann etwas befangen, aber mit einfacher Offenherzigkeit.„Nicht Familienangelegenheiten zwangen mich, den Urlaub nachzu⸗ — 48— ſuchen, ſondern in einer Anwandlung von Faulheit beſchloß ich, aus dem Juſtizdienſt zu ſcheiden und als Privatmann meine ganze Lebenszeit zu verbummeln und zu verträumen. Mein Vater iſt im vorigen Jahre, gerade als ich dabei war, mein letztes Examen zu machen, geſtorben. Wir fanden un⸗ vermuthet einen Reichthum vor, der unſere Berechnungen weit übertraf. Die Schwierigkeiten, die geiſtigen An⸗ ſtrengungen, verbunden mit dem ungewiſſen Ausgang, ſcheuch⸗ ten mich von dem Examen zurück, und ich nahm vorläufig Urlaub, um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen. Mir erſchien es als eine Thorheit, für eine kleine Summe zu arbeiten und dem Staate zu dienen, während mir eine Revenue von meh⸗ reren tauſend Thalern zu Gebote ſtand; ich verlor die Luſt, mich dem Willen Anderer unterzuordnen, und mein Ehrgeiz ſchlummerte ein.“ „Ich finde Ihr Verhalten nicht lobenswerth, aber ganz natürlich. So lange man dem Staate umſonſt dienen muß, in der Hoffnung ſpäter eine einträgliche und ehrenvolle Stel⸗ lung dadurch zu erringen, ſo lange regelt dieſe Hoffnung unſere Denkungs⸗ und Handlungsweiſe. Durch eine plötzliche, glänzende Ausſicht muß ſich eine Veränderung Ihres Innern ergeben, aber es folgt ein Rückſchlag, mein junger Herr Col⸗ lege, und augenſcheinlich befinden Sie ic in dem Stadium der Reaction.“ „Allerdings. Ich habe meine übereilten Entſchlüſſe ver⸗ worfen, habe mich vor einigen Tagen zum Examen gemeldet und werde in kürzeſter Friſt das nachzuholen ſuchen, was ich verſäumt habe.“ Ringforth reichte ihm die Hand.„Das iſt lobenswerth! Verfolgen Sie nur feſt Ihr Ziel, und räumen Sie Ihrer 49— natürlichen Widerſetzlichkeit gegen die Mühen des Lebens nicht ſo viel Macht ein, daß ſie die Thatkraft Ihrer Seele hemmen. Den Lohn dafür finden Sie ſpäter in ſich ſelbſt.“ „Ihr unerwartetes Erſcheinen in meinem Lebenskreiſe brachte mich zur Beſinnung,“ ſagte Arnold leiſe.„Ihr Bei⸗ ſpiel ſtellte mir vor Augen, was ich aufzugeben im Begriff ſtand. Die Achtung der Menſchen geht demjenigen verloren, der nur ſelbſtſüchtig ſeinem Behagen lebt.“ „Ganz richtig. Aber halten Sie es dagegen auch nicht für allzuleicht, dieſer allgemeinen Achtung ſich ſelbſt zum Opfer zu bringen, lieber Freund,“ ſagte Ringforth ſchnell und mit einem matten Lächeln.„Man hat daran zu tragen, wenn man der Märtyrer ſeiner Meinungen wird. Noch eben habe ich nur gewaltſam eine Strafrede von mir abge⸗ halten, die mich demüthigen und bekehren ſollte.“ „Vom Schulrath?“ fragte Arnold, leicht lachend und wenig reſpectvoll. „Sie kennen den Mann?“ „Erſt ſeit Jahresfriſt, obwohl er urſprünglich aus der hieſigen Stadt ſtammt.“ „Wo lebt er denn, nicht hier?“ fragte Ringforth ſehr verwundert. „Nein. Er gehört zur Suite des neuen Conſiſtorial⸗ Präſidenten im Nachbarſtaate.“ „Er ſcheint ſich als ein„Werkzeug des Herrn“ zu betrachten.“ „Vielleicht nur ſeiner Carrière wegen. Er iſt verzweigt durch ſeine Bekanntſchaften bis in die höchſten Cirkel unſers Landes, in denen man ſeinen Anſichten huldigt.“ Danach ein gefährlicher Mann, der etwas von oben hoffen kann.“ Er nſt Fritze: Kampf überall. — 50— „Gewiß! Er ſcheut die Mittel zum Zwecke nicht, das habe ich wohl in ſeiner Thätigkeit für die religiöſen Vereine zu bemerken Gelegenheit gehabt. Er ſowohl als die Gene⸗ ralin Kynar leiſteten Großes darin.“ „Kannte der Schulrath die Generalin?“ fragte Ringforth beeilt und ſichtlich überraſcht. „Ja wohl— er war ihre rechte und ihre linke Hand— er war ihr Berather und ihr Vertreter; er war faſt täglich ihr Gaſt während der drei Sommermonate, die ſie hier ver⸗ lebte in meiner Eltern Hauſe,“ antwortete Arnold mit ſo ſichtlicher Nichtachtung, daß ſich in Ringforth ein gewiſſes Mißvergnügen regte. „Wiſſen Sie nicht, daß ich in der Generalin Kynar eine Tante meiner Frau zu ehren habe?“ fragte er mit leicht gerunzelter Stirn. Arnold fuhr erſchrocken von ſeinem Sitze auf.„Wie? Mein Gott—“ ſtammelte er gänzlich faſſungslos. „Hat denn nicht meine Tochter an Ihre Frau Mutter eine Karte ihrer Großtante Kynar abgegeben? Ich dächte doch.” „Nein, nein! Meine Mutter hat gar nicht die Ehre ge⸗ habt, mit irgend Jemand aus Ihrer Familie zuſammenzutreffen.“ Ringforth läͤchelte. „Nun das begreife ich nicht! Es muß eine ſolche Empfeh⸗ lungskarte vorhanden ſein,“ ſagte er, wohlwollend die Ver⸗ wirrung des jungen Mannes beſchwichtigend. „Ich bitte zwar dringend um Entſchuldigung wegen meines unberufenen Rapport's über Dinge, die außerhalb der Grenze meines Spruchrechts liegen,“ ſagte dieſer endlich gefaßt und mit einer edlen Offenherzigkeit,„aber ich nehme meine Aeuße⸗ — 51— rungen nicht zurück, ſondern betrachte ſie gleichſam als eine Offenbarung meiner tief gewurzelten Abneigung gegen die religiöſen Ausartungen unſerer Zeit. Mögen Sie danach Ihr Urtheil über mich fällen.“ „Beruhigen Sie ſich, junger Freund. Die Tante meiner Frau iſt durchaus nicht meine Freundin,“ entgegnete Ring⸗ forth,„und ich gehöre nicht zu ihren Verehrern.“ „Das beweiſt mir, wie richtig ich ſie nach ihren Werken beurtheilt habe.“— Ringforth entließ den jungen Mann mit den Anzeichen eines erwachenden Wohlwollens. Nachdem Arnold ſich von ihm verabſchiedet hatte, durch⸗ maß Ringforth in einer unbeſchreiblichen Gemüthsſtimmung ſein Zimmer mehrmals, ehe er ſich ſelber wiederzufinden ver⸗ mochte. Sonſt gegen die Fährlichkeiten des Lebens kühl, rang jetzt plötzlich ſeine Phantaſie mit einem unklaren Ge⸗ danken, welcher ſich, gleich einem Phantome rieſengroß aus den Erlebniſſen emporreckte, die rein vom Zufall herbeigeführt waren. In ſeiner geſtörten Seelenruhe ſchwankten die Ideen wie in einem Nebel, während er ſich ſonſt nur an vernünftige und faßbare Gedanken hielt. Er konnte ſich nach den oben erlebten Scenen des Gefühles nicht erwehren, welches einer Furcht vor unſichtbaren Gefahren gleichkam und ihm Sorge vor der Zukunft einflößte. Umſonſt ſuchte er den finſtern und geheimnißvollen Aufruhr ſeines Innern gewaltſam zu dämpfen,— es half ihm ſeine Willenskraft für diesmal nichts. Die letzte Vergangenheit hob ſich gar zu drohend hervor und waffnete ſeine Erinnerungen. Die Kämpfe, die er durchgemacht, erneuerten ſich. Auf der einen Seite ſtand ſein Staatsleben mit den Triumphen, 4* ————ö —Iöö die er errungen, mit dem Dank ſeiner Parteigenoſſen für ſeine geharniſchten Reden; auf der anderen Seite dagegen das aus⸗ geſprochene Mißfallen ſeiner vorgeſetzten Behörde, dem ſchließ⸗ lich ein Act grauſamer Willkür folgte. Er wurde vorläufig ſeines Amtes entſetzt, und er erlangte gerade hierdurch eine Be⸗ rühmtheit, wie ſie ſein beſcheidener Character nicht wünſchte. Auf der andern Seite ſtellte ſich ſein Familienleben nach⸗ dieſer Kataſtrophe auf. Der herbe Tadel, den er von Seiten der Generalin Kynar erfahren, die Verſtimmung ſeiner Gat⸗ tin, dazu eine gewiſſe Abhängigkeit von der Güte der Ge⸗ neralin, gegen die ſich ſein Männerſtolz oft ſchon aufgebäumt, und ſchließlich der verderbliche Einfluß der alten Dame auf ſeine Gattin, die ſich zu ihrem Verdruſſe von einer Lebens⸗ bahn verdrängt ſah, worauf ſie geglänzt und in der Erwar⸗ tung künftiger Größe geſchwelgt hatte:— Alles dies flog mik Sturmesgewalt durch ſeine Seele und regte ſeinen Geiſt zu trüben und ruheloſen Betrachtungen auf. Bisher hatte er noch nichts gefürchtet; woher ſtammte jetzt ſeine Beſorgniß?„Giebt es Ahnungen, die uns warnen ſollen?“ fragte er ſich. Um ſeiner peinlichen, ſchwankenden Empfindungen Herr zu werden, wendete Ringforth ſich endlich nach der Thür ſeines Familienzimmers, öffnete dieſelbe und rief, ohne hin⸗ einzutreten, den Namen ſeiner Tochter. Die Stimme der Köchin antwortete ihm. Sie berichtete, das Fräulein ſei mit Curt ſpaziren gegangen, und die gnädige Frau habe ſich nach dem Garten begeben. „Nach dem Garten? Allein? Nach dem Garten, den ſie nur auf beſondere Veranlaſſung betrat?“ fragte ſich Ringforth in einer Anwandlung von Argwohn.„Wie? Sollte der Be⸗ . „ — 53— ſuch des Schulrath Meineke hier im Hauſe damit zuſammen⸗ hängen?“ Schnell entſchloſſen, verließ er ſein Zimmer und ging hinab nach dem Garten, der dicht hinter dem Hauſe lag. Schon beim Eintritt in demſelben wurde er ſeiner Gattin anſichtig, die im Schatten eines blühenden Kaſtanien⸗ baumes ſaß, ruhig und träumeriſch, wie man ſie jetzt zu ſehen gewohnt war. Ringforth näherte ſich ihr ſchnell. Seine innere Be⸗ ſchämung gab ſeiner Stimme einen beſonders weichen und warmen Klang, als er ſagte:„Wie weiſe von Dir, Liebchen, daß Du die Annehmlichkeiten unſerer Wohnung ſchätzen und benutzen lernſt. Nicht wahr, Du mußt zugeben, daß unſer hieſiges Leben ſeine Freuden und ſeine Reize hat, die uns unſer früheres Leben nicht bot.“ Frau Adele hob den Blick und ließ ihn voller Verwun⸗ derung ringsum ſchweifen. „Ich dächte,“ antwortete die Dame mit geringſchätzendem Lächeln,„der Reiz unſers frühern Lebens könnte durch der⸗ gleichen Freuden nicht erſetzt werden. Ich muß Dir geſtehen, beſter Bernhard, daß ich dieſer Abgeſchiedenheit von Allem, was ich ſeit meiner Jugend gewohnt geweſen, ſchon herzlich müde bin.“ „Du wirſt es gewohnt werden, früheres Glück zu entbeh⸗ ren, Adele,“ tröſtete ſie Ringforth, freundlich in ihr Auge blickend. „Nein, ich bin es völlig überdrüſſig, ewig zu entbehren!“ „Harre aus, Liebchen! Du wirſt Deinen Lohn in dem Triumph finden, womit wir zurückkehren,“ ſcherzte etwas ge⸗ zwungen der Mann. „Wenn nur der Triumph nicht zu lange auf ſich warten läßt,“ meinte die Dame in grämlicher Krittelei. — 54— „Ja, Geduld mußt Du haben,“ rief Ringforth mit eigen⸗ thümlicher Betonung. „Wozu Geduld? Laß uns nach der Reſidenz ziehen; dort ertrage ich dieſen Zwiſchenzuſtand beſſer und leichter. Warum wollen wir nicht in der Reſidenz den Ausgang Deines Pro⸗ ceſſes abwarten?“ „Meines Proceſſes? Fürchteſt Du eine regelrechte, geſetz⸗ liche Verurtheilung?“ fragte Ringforth, aufmerkſam werdend. „Ich befürchte das Schlimmſte, daß Du„widerſetzlich zu bleiben“ beſchloſſen haſt.“ „Wer hat Dir das mitgetheilt, Adele?“ fragte er ſanft und eindringlich. „Der Augenſchein lehrt es ja,“ warf ſie ausweichend ein. „Gut! Ich leugne es auch Dir gegenüber nicht, daß ich feſt entſchloſſen bin, mein Werk fortzuführen, im Falle mir bei der Neuwahl des Parlamentes ein Mandat angetragen werden ſollte.“ „Wenn das Dein feſter Entſchluß iſt, ſo hätteſt Du um ſo weniger Veranlaſſung hier zu wohnen. Sied'le mit uns frühzeitig nach der Reſidenz über, dann biſt Du dort heimiſch, wenn Dich Dein Amt als Abgeordneter dorthin ruft,“ ent⸗ gegnete Frau Adele mit großer Lebhaftigkeit. „Du vergiſſeſt, daß ich mich dadurch der täglichen Qual ausſetzen würde, von Deiner Tante mit Vorwürfen überhäuft zu werden; daß mich die dortigen Verhältniſſe erdrücken würden.“ „Vielleicht auch nicht, wenn Du unter dem Einfluſſe der Tante Kynar den Vorſchlägen hochgeſtellter Männer Gehör gäbeſt.“ „Davon kann nie die Rede ſein,“ war Ringforth's ernſte Erwiderung. — 55 „Warum nicht, wenn Ehre und Anſehen damit verbun⸗ den iſt?“ „Ehre und Anſehen, wobei die Selbſtachtung verloren geht?“ fragte Ringforth ruhig. Die Dame wollte antworten. Es wäre ſicherlich eine herbe, eine verletzende Erwiderung geworden. Noch zur rechten Zeit fühlte ſie dies und ſchwieg. Ringforth fuhr fort:„Du weißt es, Adele, kein kleinliches Streben, keine eitle Lockung hat mich zu den Schritten verleitet, die mein Schickſal herbeigeführt haben.“ „Mit denſelben Worten könnteſt Du Dich auch beſchwich⸗ tigen,“ fiel Frau Adele haſtig und übereilt ein,„wenn Du meiner Mahnung folgteſt.“ „Ja wohl,“ entgegnete Ringforth mit überlegenem, aber bittern Lächeln,„nicht wahr, der Zweck heiligt die Mittel, Liebchen? Du haſt wohl Briefe von der Generalin empfangen?“ „Ja! Briefe, die mir den furchtbaren Abſtand zwiſchen „Jetzt und Sonſt“ vor Augen führten— Briefe, die mich belehrten, daß ein Leben voll Trauer und Entſagung meiner wartet, wenn Dein ſtarrer Sinn ſich nicht brechen läßt.“ „Adele!“ unterbrach Ringforth ſie warnend. Frau Adele erhob ſich haſtig. „Schreibe Dir ſelbſt es zu, wenn ich meinem Herzen Luft mache, guter Bernhard, denn Du haſt es durch Deine Reden geöffnet. Es lag nicht in meinem Plane, Dich von meinen innern Kämpfen zu unterrichten. Du haſt es nicht anders haben wollen, alſo erkläre ich Dir nochmals unumwunden, daß landſchaftlicher Reiz ſowie ländliche Stille meinen Schmerz über zerſtörte Lebensſtellungen nicht beſchwichtigen kann.“ „Du thuſt mir leid, Adele, recht leid thuſt Du mir, daß ——— 2— ———— 3—— — 36 ſich Dein Leben durch meine Schuld getrübt zeigt, aber ich bitte Dich herzlich um Ruhe und Geduld bei den Wechſel⸗ fällen unſers Geſchickes. Je unabhängiger wir vom Schickſal ſind, deſto freier und froher waltet unſer Geiſt und findet überall da das Gute heraus, wo uns die Vorſehung hart anzugreifen ſcheint. Nimm an, daß für unſere Geſundheit ein Sommeraufenthalt hierſelbſt von Nutzen iſt und widme Dich der Pflicht, Deine Nerven zu ſtärken. Sieh, ſchon füllt ſich das ſchöne Thal mit Sommergäſten— die Zeit verfliegt — ſchon beginnen die Roſen zu blühen— noch wenige Wochen, und der Sommer entfaltet ſeine ganze Pracht. Er⸗ innere Dich auch daran, daß nicht ich, ſondern Deine Tante Kynar dies Obdach für uns zweckmäßig gefunden hat.“ „Aus beſonderen Gründen,“ ſagte Frau Adele kaltblütig. „Natürlich, liebe Adele! Deine Tante wollte mich mit dem Geheimrath Hoche zuſammen bringen, und jetzt ſieht ſie das“ Gefährliche eines ſolchen Zuſammenlebens ein. Sie hat ſich zur Herrin unſers Schickſales erheben wollen und warf ihr Netz dazu um mich! Ich bin mit vollem Bewußtſein ihren An⸗ ordnungen gefolgt, weil dieſelben meinem Geſchmacke zu⸗ ſagten. Jetzt ſtemme ich mich jedoch mit vollem Bewußtſein gegen ihre weitere Pläne und faſſe hier feſten Fuß bis auf Weiteres.“ „Und wenn Du nach der Reſidenz mußt Deiner parla⸗ mentariſchen Verpflichtungen wegen?“ „Dann bleibſt Du mit den Kindern hier. Ich kann, durch die Eiſenbahnverbindung begünſtigt, jeden Sonntag mit Euch verleben,“ erklärte Ringforth mit jener ruhigen Entſchiedenheit, die keinen Widerſpruch aufkommen läßt. Sprachlos vor Ueberraſchung ſtarrte ihn Adele an.„Iſt das Dein Ernſt?“ fragte ſie zweifelnd. „Mein voller Ernſt— mein feſter Entſchluß, mein un⸗ 1 umſtößlicher Wille!“ Einige Secunden ſchien Frau Adele von Schrecken über⸗ wältigt zu ſein. Ihre Wangen entfärbten ſich und ihre Lippen bebten. Aber alsdann rang ſich ihrem Charakter gemäß, die Selbſtbeherrſchung nach conventionellen Regeln wieder empor. Sie lächelte mit den bleichen Wangen und mit den zitternden Lippen. „Iſt dies Dein letztes Wort, Bernhard— Dein letztes Wort in dieſer trübſeligen Angelegenheit?“ fragte ſie ſehr ruhig, aber ganz tonlos. 4 Ringforth ergriff ihre beiden Hände, drückte ſie ſanft zwiſchen ſeinen Fingern und preßte ſie ſogar in augenblick⸗ licher Wallung an ſeinen Mund, indem er ſagte: „Liebchen, liebes Liebchen, erwäge, was meine Ehre von mir fordert. Ich muß als ein unabhängiger und ſelbſtſtän⸗ diger Mann daſtehen, wenn ich unbeſcholten meinen Weg verfolgen will. Das würde mir durch Deine Anweſenheit in der Reſidenz ſehr erſchwert werden. Deine Verwandtſchaft mit der allbekannten Generalin würde mich überall hemmen, ſogar in meinem Entſchluſſe, unmittelbar nach den Erledi⸗ gungen der zweifelhaften Rechtsfragen mein Mandat nieder⸗ zulegen. „Warum nicht vorher? Warum es jetzt wieder annehmen?“ fragte ſeine Frau. „Weil dem Kämpfer Feigheit vorzuwerfen iſt, wenn er ſich mitten im Kampfe zu entfernen ſucht. Fallen oder Siegen, nun der Kampf einmal entbrannt iſt, Liebchen! Da⸗ gegen leiſte ich Dir das Verſprechen, nach der Entſcheidung des vorliegenden Kampfes, Deine Wünſche berückſichtigen, — 3 mehr meiner Familie leben und alle Conflicte vermeiden zu wollen, die unſere Eintracht ſtören können. Biſt Du zu⸗ frieden, biſt Du einverſtanden mit dieſem Verſprechen?“ fragte Ringforth, und der Ton ſeiner Süue war wieder warm und milde. Frau Adele fand in ſich nicht gleic ein Wort richtiger Erwiderung, und indem ſie zögernd ihr Auge erhob, traf es auf die Geſtalt der Madame Lindner, die am Eingange des Bosket ſtand und ehrerbietig knickſte. Froh, der Antwort überhoben zu ſein, nickte die Dame ſo freundlich, wie ihre Wirthin ſie noch nie geſehen, als ſie erihe ob es erlaubt ſei, die Herrſchaften zu ſtören. „Treten Sie näher, Madame,“ rief Ringforth gleich⸗ zeitig. Madame Lindner beeilte ſich, von dieſer Einladung Gebrauch zu machen und begann ſogleich mit der treuherzigen Furchtloſigkeit, die ihr Weſen charakteriſirte. „Es betrifft Ihren eigenen Vortheil, meine Herrſchaften; deshalb werden Sie wohl entſchuldigen, wenn ich die Ge⸗ legenheit benutze, Sie ſofort davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Sie jetzt das Quartier in der Bel⸗Etage beziehen können. Soeben hat uns unſer Herr Neveu die Nachricht gebracht, daß der Geheimrath Hoche für dies Jahr darauf verzichte, da ſein Arzt einen Aufenthalt in Gaſtein für zweckdienlicher hielte.“ „Nein,“ fiel Frau Adele mit befremdlicher Haſt der guten Madame in die Rede,„wir werden unſere Wohnung behalten. Vermiethen Sie die Bel⸗„Etage anderweit. Nicht wahr, Bernhard, die Wohnung entſpricht ganz unſeren Wünſchen?“ wendete ſie ſich ihrem Gatten zu. Ringforth ſah zerſtreut in die Ferne, ſeine ruhige Stirn — 59— verfinſterte ſich für einige Momente bei dem Gedanken, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Zuſammenhang zwiſchen der Laune ſeiner Frau und dieſer Nachricht ſtattfinde, und daß der Beſuch des geiſtlichen Raths Meineke ebenfalls damit in Verbindung zu bringen ſei, aber er unterdrückte ſeinen Arg⸗ wohn und verſicherte der Madame Lindner, daß er ſeiner Gattin beiſtimmen müſſe. „Nun, dann werde ich der engliſchen Familie, einer Lady Elmore mit ihren drei Kindern den Vorzug vor allen Be⸗ werbern um die Bel⸗Etage geben, gnädige Frau, im Fall Sie nichts dagegen einzuwenden haben,“ antwortete Madame Lindner gutmüthig.„Fräulein Leopoldine, von Depping's drüben, hat mir verſichert, daß dieſe Dame ſtill und an⸗ ſpruchslos lebe und ſich nur ihrer Kinder wegen hier auf⸗ halte. Vor zwei Jahren logirte ſie nämlich drüben bei Depping's, wo im vorigen Sommer die gnädige Frau Tante gewohnt hat,“ berichtete ſie mit ihrer unermüdlichen Redeſelig⸗ keit,„und damals iſt ſie eine gute Freundin von Fräulein Leopoldine geworden. Die Lady iſt nämlich eigentlich eine Deutſche; ſie hat aber einen Engländer geheirathet und be⸗ ſucht alle zwei Jahr ihr deutſches Vaterland. Nun aber will ich jedoch die Herrſchaften nicht weiter beläſtigen, nichts für ungut!“ Sie knickſte wiederum ſehr ehrerbietig und verſchwand alsbald hinter dem Gebüſch. Eine Pauſe folgte ihrer ſchnellen Entfernung. Ringforth hatte eine Frage auf den Lippen— er unterdrückte ſie aber aus Rückſicht auf die Reizbarkeit ſeiner Gattin und zog vor, auf eine gelegenere Zeit zu warten. Was hatte er denn auch für ein Intereſſe daran, ob der Schulrath Meineke zu den Freunden der Generalin Kynar zähle, wie der Referendar —y ———— — ͤͤſÿ⅓⅓⅓⅓⅓ — 60— Depping zu behaupten wagte? Näher lag ihm die Er⸗ kundigung, ob die Empfehlungskarte ihrer Tante an Frau Depping etwa nicht benutzt worden ſei. Er fragte danach. Frau Adele verneinte ſeine Frage, meinte jedoch, ſie würde in den nächſten Tagen Veranlaſſung nehmen, der be⸗ treffenden Frau Depping einen Beſuch zu machen. „Dann gehe ich mit,“ ſagte Ringforth freundlich.„Re⸗ ferendar Depping hat mir ſoeben Viſite gemacht; ich werde dieſelbe erwidern. Der junge Mann gefällt mir.“ „Er gefällt Dir?“ fragte Frau Adele voller Verwunde⸗ rung, und ein leichtes Roth überſtürzte ihr hübſches Geſicht. „Urſel findet ihn abſcheulich! Sie begreift nicht, daß man ihn als einen ſchönen Mann bezeichnet.“ „Unbedingt iſt er ein hübſcher Mann,“ verſetzte Ringforth lebhaft,„und ich begreife Urſel's Abſcheu nicht.“ „Urſel geht ſo weit in ihrem Widerwillen gegen ihn, daß ſie mir entſchieden erklärte, das Haus ſeiner Mutter nicht betreten zu wollen, ſo lange er darin weile,“ ſprach Frau Adele leichthin. „Wovon kennt ihn Urſel?“ fragte Ringforth frappirt. „Er begegnet uns bisweilen auf unſern Spazirgängen, grüßt uns dann ſehr artig, was Urſel in ihrer abſprechenden Manier„unverſchämt“ nennt.“ „Wie? Er grüßt Euch? Nun, dann iſt es unbegreif⸗ lich, warum er ſich Dir nicht hat vorſtellen laſſen, Liebchen.“ „Eine Tactloſigkeit, die wohl nur aus Unkenntniß der feinen Lebensart entſtanden iſt,“ meinte die Dame.„Uebri⸗ gens überraſcht es mich, zu vernehmen, der junge Mann ſei Juriſt. Ich würde ihn viel eher für einen geweſenen Mili⸗ — — — 61— tär gehalten haben— ſein Weſen, ſein Aeußeres ſprach da⸗ für; auch ritt er geſtern ein wunderſchönes, etwas wildes Pferd mit der Gewandtheit eines Kavallerieoffiziers.“ Ringforth hatte etwas zerſtreut zugehört. Jetzt unter⸗ brach er die Rede ſeiner Frau mit den Worten:„Da kommen unſere Kinder!“ Sein Auge belebte ſich und redete davon, daß in ſeinem Herzen, trotz der ernſten und wichtigen Beſchäftigung, der er ſich gewidmet, eine rührende Familien⸗ liebe loderte. „Mein Gott, wie laut und lärmend der Curt iſt,“ ſagte die Dame mißbilligend. „Laß ihn nur, Liebchen; das iſt Knabenmuth!“ „Dergleichen Knabentugenden behagen mir nicht, Bern⸗ hard.“ Die Stimmen kamen näher. „Heida, Urſel,“ hörten die Eltern den Knaben ſchreien, „heida, in den Garten— Papa und Mama ſind im Garten, ſagt Madame Lindner.“ Mit wilden Sprüngen kam er dann auf das Bosket zu⸗ gelaufen, wohinter Ringforth und ſeine Gattin ſaßen. „Mama, wir haben eine Schlange geſehen— eine große, große Schlange!“ rief er, auf ſie zuſtürzend. „Eine Schlange?“ fragte die Mutter erſchreckt, und der Vater warf einen beſorgten und fragenden Blick auf Urſel, die langſamer näher kam. „Es war keine Schlange gefährlicher Art,“ beantwortete ſie ſeinen Blick,„und ein Arbeiter zeigte ſie uns.“ „Alſo eine große Schlange haſt Du geſehen, mein Junge?“ neckte ihn nun der Vater,„wenn Dich nun dieſe große Schlange aufgefreſſen hätte?“ Der Knabe ſah ihn groß an mit einer kühnen, feſten — 62—— Miene:„O, ich hätte mich nicht auffreſſen laſſen; ich hätte ſie todtgeſchlagen!“ antwortete er entſchloſſen. „Gottlob, das Knabenblut regt ſich endlich,“ murmelte Ringforth. „Sonderbar, was Dich erfreut, ſchmerzt mich,“ entgegnete Frau Adele klagend.„Du giebſt Dir wohl viel Mühe, Urſel, ihn recht muthig zu machen?“ „Ja, liebe Mama,“ entgegnete das junge Mädchen, an⸗ muthig lächelnd,„ich affectire oft Furchtſamkeit und Hilf⸗ loſigkeit, um ſeinen Muth zu wecken.“ „Dadurch entfremdet man ihn freilich am ſicherſten einem Mutterherzen, an das zu flüchten er ſich gewöhnt hatte.“ „Das iſt meine Abſicht nicht, liebe Mama,“ unterbrach Urſel ſie beſtürzt. „Das kann Urſels, das kann auch meine Abſicht nicht ſein, beſte Adele,“ fiel Ringforth der Tochter in's Wort, „da ich den Schutz, die Liebe und Treue eines Mutter⸗ herzens für das höchſte Gut und Glück in einem Familien⸗ leben halte.“ Der Knabe Curt verſtand wohl eigentlich den Sinn dieſes Geſpräches nicht, aber, noch voll von Eifer und Kampfesmuth, ſagte er ernſt und gewichtig:„Mama, wenn ich ſehe, daß die Schlange zu Dir kommen will, dann trete ich ihr den Kopf entzwei— gewiß, das thu' ich!“ Die Mutter lächelte und küßte ihn. Der Vater blickte ernſt auf ihn nieder. Fünftes Kapitel. Der geiſtliche Rath Meineke war unmittelbar nach ſeiner Verabſchiedung von Ringforth in das Haus der Frau Depping gegangen, welche ihn als den Freund der Generalin Kynar ſchätzen gelernt, ohne Sympathie für ſein Weſen und Wirken zu fühlen. Ihrer Anſicht nach glich er einer drohenden Ge⸗ witterwolke, die Blitzſtrahlen in ſich birgt. Leopoldine war noch weniger ſeine Freundin. Doch blieb ihre Abneigung Allen ein Geheimniß, weil die junge Dame es nicht liebte, ihre Empfindungen zur Schau zu tragen. Sein Beſuch ehrte Frau Depping; deshalb gab ſie ſich den Anſchein, als erfreue er ſie auch. Was ihn zu dieſem Beſuche bewege, darüber dachte ſie nicht nach, ſondern empfing ihn wie einen lieben alten Bekannten. Ihre Söhne waren nicht daheim. Frau Depping ſprach ihr Bedauern darüber aus, während ſie ſich mit dem Schul⸗ rath im kirſchrothen Sopha placirte und den Anſtand einer vornehmen Dame nachzuahmen ſuchte. „Den jüngern Sohn Arnold habe ich ſo eben beim Staats⸗ procurator Ringforth getroffen,“ entgegnete der Schulrath mit dem müden, milden Blick einer innerlichen Trauer.„Es weckte mein innigſtes Bedauern, ihn dort zu ſehen.“ „Warum, Herr Rath?“ fragte Dame Depping voller Schrecken und voller Neugier. „Weil ſeine Seele dort in Gefahr kommt!“ Leopoldine, die theilnahmlos auf ihren Platz am Fenſter zurückgekehrt war, erhob ſich, um ſich näher zum Sopha zu — 64— ſetzen. Furcht verriethen ihre Mienen nicht, auch kein In⸗ tereſſe des Mißtrauens; wohl aber eine große Begierde, end⸗ lich etwas über die fremde Familie zu erfahren, die ſie mächtig anzog. „Ja, meine Beſte,“ fuhr der Schulrath mit dem Aus⸗ drucke trauriger Sanftmuth fort,„mir iſt eine trübſelige Miſſion zu Theil geworden! Ich ſoll dieſen Ringforth ſon⸗ diren; ich ſoll in dem wüſten Schutt ſeiner Vergangenheit einen Tempel aufzurichten ſuchen. Ich bin muthlos an's Werk gegangen und bin verzweiflungsvoll davor zurück⸗ geſchaudert; denn dieſer Menſch iſt ſchlimmer, weit, weit ſchlimmer, als ich dachte. Die unglückliche Frau! Die armen unglücklichen Kinder! Was wird aus ihnen in der Gemein⸗ ſchaft mit dieſem Manne, der mit ruchloſer Conſequenz ſeinen veabſcheuungswürdigen Weg verfolgen will?“ Er hieit inne, faltete die Hände und holte tief, ſehr tief Athem, als ſei ihm die Luft zu heiß und zu ſchwer. Dieſen kurzen Stillſtand in der feierlichen Rede benutzte Leopoldine, um mit Entſchloſſenheit zu fragen, was ſich Herr Ringforth habe zu Schulden kommen laſſen. „Was Ringforth gethan, fragen Sie, mein Fräulein? Er hat geſündigt, er ſündigt täglich und wird fort fündigen! Er hat kein Gewiſſen; er iſt kein Chriſt!“ „Das ſollte ich doch glauben, Herr Rath,“ wendete Frau Depping, die vor Schrecken bis dahin ſtumm geblieben war, zwar kleinlaut, aber doch überzeugten Tones ein,„denn er geht alle Sonntag in die Kirche.“ „Das iſt eitel Heuchelei und Phariſäerhochmuth. Er dient nicht dem Herrn, ſondern ſeinem Götzen! Und ſein Götze heißt„Liberalismus!“ rief der geiſtliche Rath, die zornglühenden Augen gen Himmel richtend. Ein flüchtiges Lächeln unterdrückend, ſagte Leopoldine ſanft und ruhig:„Sollte wohl Herr Ringforth bei der jetzigen Zeitſtrömung der einzige Mann ſein, der dieſem Götzen dient?“ „Ei, ei, Herr Rath,“ rief gleichzeitig Frau Depping ſehr naiv,„mit dieſer Verdammung ſchlagen Sie ja in's lichterlohe Feuer! Alle geſcheidten Männer ſind ja liberal geſinnt.“ „Der Herr wird ſie ſchon dafür züchtigen mit Feuer, Peſt und Schwert— züchtigen— züchtigen durch ihre eigenen Verſündigungen“, eiferte der Schulrath, mit Zornesröthe über⸗ goſſen. Verlegen über einen Ausbruch von Fanatismus, der ſich ſchwer mit des Gaſtes ſonſtigen Sanftmuth vereinen ließ, blickten die beiden Damen ihn an. Er kam zu ſich und ſuchte den Eindruck ſchnell zu verlöſchen, den er durch ſeinen Eifer gemacht hatte.„O, nur die Freundſchaft für die edle Frau Generalin konnte mich aus aller Faſſung bringen,“ ſprach er mit verändertem Weſen und bleich gewordenem Antlitz.„Sie ſehen mich verwundert an, meine Damen? Hat die Generalin niemals des großen Herzeleid's Erwähnung gethan, das ihr der Gatte ihrer Nichte bereitet?“ „Wie? Ich verſtehe nicht,“ ſagte Frau Depping. „Himmel! ſollte Ringforth dieſer Mann ſein?“ rief Leopoldine. Der Schulrath neigte gravitätiſch ſein Haupt. „Frau Ringforth— die Nichte unſerer Generalin?“ fragte Frau Depping noch immer ungläubig.„Iſt das möglich? Dieſe puppenhafte Schöne— dieſe ätheriſche Donna eine Nichte unſerer willensſtarken, energiſchen Generalin?“ Leopoldine ſaß ſinnend da. Schatten und Licht wechſelte Ernſt Fritze: Kampf überall. 5 — 66— auf ihrem Angeſichte.„Ich erinnere mich,“ flüſterte ſie,„ſie nannte ihn ſelten, ſie nannte ihn Bernhard. Zufrieden war ſie mit ihm nicht, durchaus nicht; aber ſie ſprach ſtets mit Anerkennung von den Geiſtesvorzügen, von dem edeln Ge⸗ müthe dieſes Bernhard. Iſt ſie jetzt zerfallen mit ihm?“ „Total zerfallen ſeit er im Winter mit unverantwort⸗ licher Dreiſtigkeit gegen die Verwaltungsmaßregeln des Miniſters auftrat. „Warum that denn Herr Ringforth das auch,“ meinte Frau Depping in treuherziger Dummheit.„ Er konnte liberal ſein, ſo viel er wollte, aber gegen ſeinen eigenen Vorgeſetzten mußte er nicht auftreten.“ „Noch dazu, da ihm die Tante ſeiner Frau angekündigt hatte, ſie werde dergleichen Leute in ihrem Hauſe nicht dul⸗ den,“ referirte der Schulrath. Leopoldine preßte lächelnd ihre Lippen zuſammen, während er fortfuhr:„Ringforth zeigte eine verabſcheuungswürdige Undankbarkeit, daß er deſſenungeachtet ſeine Principien auf⸗ recht hielt. Er wohnte während der Zeit, daß er Abgeord⸗ neter war, ſtets mit Weib und Kindern bei der Generalin, — und als die Kataſtrophe eintrat, als Ringforth es wagte, dem Miniſter Dinge in's Geſicht zu ſagen, die überall als eine entſetzliche Beleidigung angeſehen werden mußten, da war der Zwieſpalt unvermeidlich. Das Abgeordnetenhaus wurde aufgelöſt, Ringforth kehrte ſchleunigſt mit ſeiner Familie in ſeine Heimath zurück und wurde nach wenigen Wochen vom Amte ſuspendirt. Die Generalin bot im Edel⸗ muth der Nichte und ihren Kindern einen Aufenthalt bei ſich an, bis die Angelegenheit definitiv entſchieden ſei, aber Ring⸗ forth lehnte dies Anerbieten ab. Dagegen zeigte er ſich — 67— willig, als die Generalin ihrer Nichte vorſchlug, hierher zu ziehen. Ich wurde von meiner edlen Freundin beauftragt, für ein Quartier Sorge zu tragen und mich der armen Familie nach Kräften anzunehmen. Was iſt aber da zu thun?“ ſeufzte der Schulrath.„Gegen ſolche Hartnäckigkeit iſt nicht zu kämpfen!“ „Nennen Sie das Feſthalten der gewonnenen Ueberzeugung nicht fälſchlich Hartnäckigkeit?“ fragte Leopoldine lebhaft. „Liegt nicht eine edle Unerſchütterlichkeit in Ringforth's Handlungsweiſe? Und wenn Sie ſeine Familie bedauern, ſo kann dies ſicherlich nicht in Rückſicht auf Ringforth's Ver⸗ halten gegen dieſelbe geſchehen. Nie im Leben beobachtete ich einen gütigern Gatten, nie einen ſorglichern Vater. Es iſt erhebend, dieſe edle ſtolze Geſtalt eines Mannes in liebe⸗ voller Beſorgniß mit ſeiner Familie beſchäftigt zu ſehen.“ „Mir iſt nur unbegreiflich, warum die Generalin dieſe Heirath zugegeben hat,“ fiel Frau Depping in ihre Rede. Der Schulrath wiegte nachdenklich ſein Haupt. „Die veränderten Verhältniſſe bewirken häufig eine Ver⸗ änderung der Geſinnungen,“ meinte er zögernd.„Damals lebte der Sohn der Generalin noch und nahm als der Erbe ſeines Vaters die Stellung ein, welche jetzt durch die be⸗ ſondere Güte der Generalin ihrer Nichte(reſp. ihrem Gatten und ihren Kindern) eingeräumt werden ſoll. Damals war Frau Adele Ringforth keineswegs eine Erbin, jetzt aber ſoll ſie es werden. Finden Sie es nicht begreiflich, wenn nicht allein die Generalin, ſondern auch ihre Nichte Bedingungen macht!“ „Begreiflich finde ich das, aber durchaus nicht edel,“ ſagte Leopoldine.„Das Benehmen der Frau Ringforth läßt aller⸗ 5 — — 68— dings darauf ſchließen, daß ihr der Beſitz ihres Gemahles gleichgiltiger iſt als der Beſitz eines großen Vermögens.“ „Meinen Sie, mein Fräulein?“ fragte der Schulrath lauernd.„Woraus ſchließen Sie das?“ „Aus der Art und Weiſe, wie die Dame die liebevollen Aufmerkſamkeiten ihres Gemahles annimmt.“ „Sie glauben, daß er ſie mehr liebt als ſie ihn?“ „Unbedingt!“ rief Leopoldine lebhaft. „Ei freilich,“ beſtätigte Frau Depping.„Ihr Kaltſinn kann mich in Zorn bringen. Sie verzieht keine Miene, hat keinen Blick für ihn. Ich begreife nur nicht, daß er das nicht bemerkt, und daß er es erträgt.“ „Die Liebe erträgt Vieles,“ warf Leopoldine halb⸗ laut ein.. „Damen haben darin einen lobenswerthen Scharfblick. Mir ſcheint, als wäre auf Ihre Beobachtungen ein Angriff vorzubereiten;— durch ſeine ſeltene Liebe wäre ihm vielleicht beizukommen; lehrt uns doch ſchon die bibliſche Geſchichte, daß der ſtärkſte Mann durch Liebe beſiegt werden kann,“ ſprach der geiſtliche Rath, in Sinnen verloren. „Was haben Sie denn gegen ihn vor?“ fragte Dame Depping mehr neugierig als theilnehmend. „Gegen ihn nichts— für ihn, für ſein Seelenheil wollen wir wirken; auf den richtigen Weg wollen wir ihn führen, und wenn wir uns dabei ſeiner Gattin als Werk⸗ zeug bedienen, ſo handeln wir mit Gott im Bunde, der die Liebe in ſein ſündiges Herz gelegt hat.“ 4 Leopoldine ſah ihn ſcharf und mißtrauiſch an. Seine Worte wichen zu auffallend von ſeinem vorherigen Eifer ab, um nicht ihre Verwunderung zu wecken, daß er plötzlich durch —— 4 28 Liebe erzwingen wollte, wozu er wenige Minuten früher am liebſten Feuer und Schwert benutzt hätte. Sie prüfte ſein Mienenſpiel, ob es ihr nicht verrathen könne, was in ihm vorging, was die Umwandlung ſeiner Geſinnungen vermuthen ließ. Sie gewahrte nichts Befremdliches. Völlig unbefangen fuhr der Mann fort, ſich über die Verirrungen der Menſch⸗ heit im Allgemeinen auszulaſſen und dann mit ſchärferer Be⸗ tonung auf Ringforth's Freiſinnigkeit hinzudeuten. Es klang harmlos, was er ſagte, und gewann einen Schein von Wahr⸗ heit, wie er es darlegte. Beide Damen hätten ſich wohl beruhigen können bei der Mäßigung und Sanftmuth ſeiner Reden, aber Beiden war zu Muthe, als lauere hinter ſeiner gefliſſentlichen Ruhe eine gefährliche Abſicht. Er ſuchte un⸗ zweifelhaft die weiblichen Seelen mit ſeinem Glaubens⸗ Idealismus zu umſtricken. Er verlor ſich in jene ſüßliche Hingebung an die Seeligeit einer irdiſchen Heiligung zu weltlichen Zwecken und kam ganz allmälig wieder auf das Anathema zurück, das er über Alles, was zum Liberalismus gehörte, geſchleudert hatte. Frau Depping, in Erinnerung des Schreckens, der ſie bei ſeinem Zornausbruch überkommen hatte, machte eine abwehrende Bewegung. „Schweigen wir lieber über Ihren gottesläſterlichen Eifer,“ ſagte ſie ſchnell;„für ſo unchriſtlich hätte ich Sie mein Leb⸗ tag nicht gehalten, beſter Herr Schulrath Ich glaube jetzt beinahe, Sie wären auch im Stande, eines Tages wie das Volk der Juden zu rufen:„ſteinigt ihn, ſteinigt ihn!“ Weiß denn die gute, liebe Generalin von Ihrer Intoleranz?“ Der Schulrath lächelte und erwiderte:„Wir ſtimmen in allen Dingen überein!“ —— ———————————— 70— „Und mit ſolchen Gedanken beſuchen Sie noch den armen Herrn Ringforth— mit dieſer Galle im Herzen machen Sie einem Manne Viſite? Das geht über meinen chriſt⸗ lichen Horizont!“ „Ich will meine Geſinnungen nicht verhehlen,“ entgegnete der geiſtliche Rath, indem er ſich langſam und bedächtig vom Sopha erhob. Er ſah ein, daß hier nichts zu erreichen war, nachdem er einmal die Maske unvorſichtig hatte fallen laſſen. Was er auch beabſichtigt haben mochte, er gab es auf, und daß er etwas aufgab, ſah man ihm deutlich an. „Wer ſteht mir denn dafür, lieber Herr Schulrath,“ ſprach Frau Depping in der klaſſiſchen Naivetät ihres We⸗ ſens,„daß Sie nicht mit einem innerlichen„Wehe! Wehe!“ mein Haus verlaſſen? Aber das verbitte ich mir! In mei⸗ nem Haus kann Jeder denken und handeln, wie er will; er mag dabei ſeine Vernunft und ſein Gewiſſen zu Rathe ziehen. Wer aber in mein Haus kommt, der muß mit guten und freundlichen Geſinnungen kommen, ſonſt kann er wegbleiben. Ich hab' mir immer eingebildet: je chriſtlicher, deſto gütiger und geduldiger. Jetzt mein ich aber, iſt mir ein Licht über die chriſtliche Beſchaffenheit mancher Menſchen aufgegangen. Wer ſeinen Nebenmenſchen verfluchen kann—“ „Sie irren, Madame,“ fiel der Schulrath in ihre Rede; „ich habe Niemanden verflucht.“ „Was denn weiter, guter Herr,“ unterbrach ſie ihn mit einer Geberde des Abſcheues.„Und daß Sie es nur wiſſen, Ihr Chriſtenthum iſt ſchlimmer als Liberalismus. Punktum!“ Schon im Beginn der geharniſchten Rede hatte die Thür im Nebenzimmer leiſe geknarrt, und Poldy hatte Arnold eintreten ſehen. Er blieb an der Thür ſtehen und horchte — — 71— auf die Abfertigung, die ſeine kühne Mama dem geiſtlichen Rath zu Theil werden ließ. Unwillkürlich gedachte er der Abweiſung Ringforth's und verglich ſie ſtill lächelnd mit der Zurechtweiſung ſeiner Mutter.„Jeder in ſeiner Weiſe!— Das iſt die zweite Niederlage des geiſtlichen Rathes; ob er nun entmuthigt iſt?“ Schwerlich! Er verließ zwar mit gerunzelter Stirn und kurzen Abſchiedsworten das Zimmer und hatte für die feinen Anſtandshöflichkeiten der Dame Depping keinen Sinn; aber er trug ſeinen Kopf hoch auf gerichtet, und in ſeinen Augen glomm der Funke einer aufwachenden Idee. Sobald der Rath das Zimmer verlaſſen und Frau Dep⸗ ping, von ihrer höflichen Geleitſchaft bis durch's Vorzimmer zurückkehrend, ſich ines Wohnzimmer zu Arnold begeben hatte, öffnete ſich die Tapetenthür von Huberts Schlafcabinet, und der junge Mann ſprang mit einigen großen Sätzen ſeiner Mutter nach. „Bravo, laß Dich umarmen!“ rief er überlaut mit ſchein⸗ barer Begeiſterung.„Mama, Du warſt großartig in Deiner Strafpredigt! Du verdienſt decorirt zu werden!“ „Geh mir doch, Hubert!“ rief Dame Depping, den Kopf aufwerfend;„ſeit ich weiß, was es mit dem Decoriren oft⸗ mals für eine Bewandtniß hat, ſcheint's mir keine Ehre mehr, decorirt zu werden.“— Sie verſchwand in's Nebenzimmer. Auch Leopoldine verließ das Beſuchszimmer, und die Brüder waren nun allein. Arnold hatte ſich in den Armſeſſel geworfen, welcher dem Fenſter gegenüber ſtand und ſchauete planlos in die Weite. Sein Peuder betrachtete ihn eine ganze Weile. War es der Abglanz innerer, freudiger Regſamkeit und Selbſtzufrieden⸗ heit, der Hubert zum Neid reizte, oder war es eine Art Eifer⸗ ſucht, daß ihm die Verhältniſſe einen Beſuch bei Ringforth gegönnt, genug er ſagte plötzlich mit ſichtlichem Hohne:„Du ſiehſt ja ganz verklärt aus, Arnold, ſo recht, als wäreſt Du vom Sonnenglanze des Glückes geſchminkt.“ In der That, der Ausdruck war richtig gewählt. Arnold gab jedoch nichts auf dergleichen vom Spotte dietirte Aus⸗ ſprüche. Er beantwortete die Anrede ſeines Bruders nicht und wendete ihm auch ſeinen Blick nicht zu. „Es ſcheint mir beinahe, als wären neue Hoffnungen in Dir aufgeblüht,“ fuhr Hubert fort.„Nun, wie gefällt Dir Fräulein Urſel in der Nähe?“ Jetzt richtete Arnold das Auge auf ihn, verwundert und fragend zugleich. „Verſtell' Dich nicht, Arnold,“ rief er lachend,„wir wiſſen Beſcheid und laſſen uns nichts vorphantaſiren. Denkſt Du wirklich, ich ſolle Dir glauben, daß Dich lediglich Verehrung für dieſen famoſen Ringforth zu einer Viſite drüben veran⸗ laßt habe? Bewahre! Aber laß Dir einen guten Rath geben, Bruder Arnold. Spiele erſt einen Liebesroman mit der hübſchen Mutter und dann heirathe die Tochter. In unſerer Garniſon war dies Ton, wenn eine noch jugendliche reizende Mama ihre Tochter in die Welt führte. Glaub' mir, das giebt die glücklichſten Ehen, und ſo wie ich Dich kenne, wür⸗ deſt Du die Geſchichte ganz geſchickt zu leiten wiſſen, um kaltblütig in einem entſcheidenden, bedenklichen Momente ſagen zu können:„Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter!“ „Was weißt Du denn von meinem Innern?“ warf Arnold fragend ein. Es koſtete ihm Mühe, ſeine Gelaſſenheit ſo zu bewahren, wie er es in dieſem Augenblicke für nothwendig 4 1 3 1 — 73— hielt.„Du befindeſt Dich überall im Irrthum. Es lag gar nicht in meiner Abſicht, mich den Damen Ringforth vorſtellen zu laſſen, und ich habe denn auch nicht das Vergnügen ge⸗ habt, ſie zu ſehen.“ „Nun,“ entgegnete Hubert mit ſprudelndem Uebermuthe, „wenn ich mich denn ſo über alle Maßen geirrt habe, ſo⸗ ſteht es mir wohl frei, meine Huldigungen den beiden Damen in der Art zu bringen, wie ich Dir vorſchlug? Bis dahin hielt mich einigermaßen die Furcht im Zaum, die lächerliche Poſſe„von zwei feindlichen Brüdern“ nochmals in's Leben zu rufen.“ „Thu' was Du willſt! Ich lege Dir kein Hinderniß in den Weg,“ antwortete Arnold mit erzwungenem Gleichmuth. „Nur muß ich Dich bitten, Dich künftighin nicht meines armen ſchönen Pferdes zu bedienen, wenn Du Deine Hul⸗ digungen durch Reiterkünſte darzubringen beabſichtigſt. Du haſt kein Recht, mein theuer erkauftes Pferd auf dieſe Weiſe zu Grunde zu richten. Von heut' ab darf Dir der Stall⸗ burſche das Pferd nicht wieder ſatteln. Kauf Dir ein Roß, wenn Du Parade reiten willſt.“ Mit den letzten Worten erhob er ſich und verließ das Zimmer. Hubert ſah ihm mit zuſammengebiſſenen Zähnen nach. „Wovon weiß er das?“ murmelte er.„Ich glaube, er verfolgt die Kleine auf Tritt und Schritt, um zu ihrem Bei⸗ ſtande bereit zu ſein. Er ſpielt ihren Schutzgeiſt! O, der Thor! Die Tochter einer gefallenen Größe zu reſpectiren!“ ——— ——— Sechstes Kapitel. „Wohin fahren wir, Vater?“ fragte Urſula voller Begier, als eines Mittags ein hübſcher Wagen vor die Thür rollte und Ringforth ſeiner Familie ankündigte, der Wagen ſei von ihm beſtellt worden.. „In's Gebirge,“ lautete des Vaters Beſcheid,„nach der Studentenkanzel und den Eirauer Klippen.“ Wie jubelten, wie jauchzten die Kinder, die noch wenig von der Welt und ihren Naturſchönheiten geſehen hatten. Selbſt Ringforth zeigte eine Belebtheit und Freudigkeit, wie ſie ſelten an ihm wahrgenommen wurde. Nur Frau Adele verhielt ſich paſſiv, ließ ſich's gefallen, wohl verſehen gegen Sonne und Luft, im Fond des eleganten Wagens zu paradiren, und lächelte gelegentlich, wenn Curt, ihr Liebling, ſchnurrige Einfälle und Vergleiche zu Tage förderte. Sie fuhren zuerſt durch's Thal im Schatten einer Linden⸗ allee, die, in voller Blüthe ſtehend, ihren würzigen Duft der weichen Sommerluft mittheilte. Das Thal war eng begrenzt von waldigen Höhen ſo weit das Auge reichte, und die kleine fröhliche Geſellſchaft im Wagen ſchien durch dieſe einfachen Landſchaftsreize ſchon voll⸗ kommen befriedigt. „Es muß dort hinter den Waldhöhen noch ſchöner ſein,“ ſagte lächelnd der Vater. „Du willſt uns wohl neugierig machen, meinte die Mut⸗ ter mit leichtem Gähnen. Aber es währte nicht lange, und ihr Unglaube wurde kräftig widerlegt. — 75— Die Lindenallee war zu Ende. Kurzes Geſtrüpp und einzelne Felsſtücke faßten den Weg ein, der ſich endlich in ein Seitenthal verlor, welches rechts von hochſteigenden Fels⸗ wänden, links von Hügelketten mit dem friſcheſten Waldes⸗ grün vom Grund bis zur Höhe bedeckt, begrenzt wurde. Der klare Gebirgsbach, der ihnen bis dahin ſtets zur Seite ent⸗ gegengeplätſchert war, rauſchte hier in ſchönen, bisweilen ſo⸗ gar impoſanten Kaskaden von den Waldhöhen herab, bald durch den Sonnenglanz prachtvoll erleuchtet, bald vom Schat⸗ ten des Buſchwerkes maleriſch überſponnen und eingehüllt. Von jetzt an fuhr man allmählig bergan. Schöne, ge⸗ wundene Fahrwege führten bis zu einem Forſthauſe empor, in deſſen Nähe ein ſpeculativer Wirth eine Sommerſchänke aufgeſchlagen hatte. Der Weg, ohnehin einer der reizendſten, der ſich denken läßt, war durch den Geſchmack eines Kunſt⸗ freundes mit Allem geſchmückt und verſehen, was nur den Sommergäſten der Stadt Behagen gewähren und Frende machen konnte. Geſchmackvolle Ruheplätze auf Punkten, die eine unerwartet ſchöne Fernſicht darboten, kurze Seitenſtege nach den grotesken Felſengebilden, reizende Fußſtege im dun⸗ keln Waldesſchatten: Alles lockte zum Ausſteigen und zur Fußwanderung. Urſel wäre ganz ſicherlich nicht im Wagen ſitzen geblieben, wenn nicht beim Einfahren in das köſtliche Thal ihr Blick auf einen Reiter getroffen, der ihrem Wagen in einiger Entfernung zu folgen ſchien. Sie erkannte das Pferd, und das war genügend, um jeden Wunſch nach einer Wald⸗ ſtreiferei im erſten Keime zu erſticken. Sie bekämpfte kaum ihren Widerwillen, als ſie der Möglichkeit eines Zuſammen⸗ treffens dort oben auf der Höhe gedachte. Konnte ſie denn — 76 dieſem unerträglichen Reiter, der ſie bis zum Ueberdruß mit ſeinen Reiterkünſten verfolgte, auch hier unter dem Schutze ihrer Eltern nicht entgehen? Ihr Auge forſchte unruhig, als ſich der Weg wendete, ob er folge. Nein! Er bog in einen andern Weg ein, der zu den Waldgehegen führte. Schon athmete ſie freier, da ſagte plötzlich ihr Vater, der ihr gegenüber ſaß:„Sieh da! dort reitet Depping zwiſchen den Tannenpflanzungen hinauf.“ Schnell bewaffnete ſeine Gattin ihr ſchwächeres Geſicht durch ihre Lorgnette. Urſel hielt es nicht der Mühe werth, hinter ſich zu blicken, doch Curt kletterte auf den Sitz und ſchaute ernſthaft dem raſch aufwärts ſteigenden Pferde nach. „Das iſt Herr Depping nicht, Papa, das iſt nur ſein Pferd!“ erklärte er, ſtolz lächelnd, mit der Sicherheit eines Weltweiſen. „Er wird's doch wohl ſein, Curt,“ meinte ſeine Mutter, ihn mit der Lorgnette auf den Kopf tippend,„denn ſein Pferd würde ſchwerlich einen Andern auf ſeinem Rücken dulden.“ „Das Pferd iſt gar nicht wild,“ widerſprach der Knabe trotzig.„Herr Depping macht es nur wild!“ Urſel ſeufzte ganz verſtohlen. Es konnte füglich als eine Beſtätigung dieſes Urtheiles betrachtet werden. Ihr Blick glitt in die duftigen, grünen Baumwölbungen hinein, die ſie für'ss Leben gern mit Curt durchſtreift hätte; aber wer ſtand ihr dafür, daß ſie nicht im nächſten Moment von dem unfern reitenden Depping erſchreckt und geärgert werden könne, wenn der Wagen mit den Eltern aus der Geſichtsweite verſchwun: den war. Sie gab lieber das Vergnügen einer Waldſtreiferei auf, um dieſer Möglichkeit auszuweichen. — 77— Mittlerweile waren ſie dem Ziele ihrer Fahrt näher ge⸗ kommen. Allgemach bereitete ſie die immer romantiſchere, immer wildere und groteskere Zerklüftung der Felſen auf etwas Außergewöhnliches vor. Die kleine Geſellſchaft im Wagen wurde ſtiller, weil ſich ihrer eine gewiſſe Spannung bemächtigte. Man hatte augenſcheinlich ſchon die Höhe er⸗ reicht, denn der Wagen rollte raſch auf dem felſenharten Wege, der zwiſchen dem Geſtein kunſtgerecht angelegt war, dahin. Ein friſcher, kühler Luftzug umwehte ſie und machte, daß ſich die Bruſt leichter hob und freier athmete. Noch eine kleine Weile, und der Wald lichtete ſich, die Felſenwand hörte auf, das Auge traf auf eine Thalſpalte, die ſich neben dem gut geſchützten Fahrwege eröffnete. Von Grauen und Entzücken gleichzeitig beherrſcht, ſchaueten Alle ſtumm in die Tiefe, welche von Bäumen faſt ausgefüllt war. Man fuhr auf dem Rande eines Felſens, dem die menſchliche Kunſt und Beharrlichkeit einen gefahrloſen Weg abgezwungen hatte. „Dort d'rüben— das muß die Studentenkanzel ſein,“ ſagte Ringforth, nach einem Felſenvorſprung deutend, der ſich weit über den Thaleinſchnitt hinwegbog. „Warum nennt man dies nicht„Gottes Kanzel,“ ſprach Urſula lebhaft bewegt;„predigt nicht Gott ſelber in dieſer wunderbaren Vermiſchung von Schönheit und Größe?“ „Wie kann man dahin kommen?“ fragte Curt mit Kindeseifer.„Papa, wir wollen auf die Studentenkanzel klettern. Papa, ja?“ „Beruhige Dich, Curt,“ entgegnete Frau Ringforth ſehr gelaſſen.„Das iſt, wie Vieles im Gebirge zum Anſchauen, und dann fahren wir wieder nach Hauſe.“ — 78— „Wollen ſehen, Adele, ob Du Recht behältſt,“ meinte Ringforth halb ſcherzend, halb tadelnd. Der Weg lenkte auf ein Plateau zu, das mit ſeiner Ein⸗ friedigung von Felsblöcken einen altem Burghofe gleich ſah. In der Mitte dieſes geebneten Platzes ſtand ein leichtge⸗ bautes Haus im Schweizerſtyle. Seitwärts gegen Felſen gelehnt und von Felſen geſchützt vor wilden Winterſtürmen, zeigte ſich des Förſtes Haus, einfach, aber bequem und nett. Der Weg führte zwiſchen den Häuſern durch und ſenkte ſich augenſcheinlich wieder bergab. Der Wagen hielt vor dem Schweizerhauſe. Ein Kellner ſprang leichtfüßig herbei, um den Wagenſchlag zu öffnen— ſonſt ſah man keine Menſchenſeele auf dem weiten ſonnigen Platze. Allein, kaum hatte Ringforth zuerſt ſeine Kinder, dann ſeine Gemahlin herausgehoben, ſo ſchlug der Schall von Pferdehufen an ſein Ohr, und zwar von der entgegen⸗ geſetzten Seite her. Schnell wendete er den Blick dahin. „Es iſt Depping,“ ſagte er freudig;„der kommt mir ge⸗ legen; er iſt hier einheimiſch, alſo mit Weg und Steg hin⸗ länglich vertraut.“ Urſel umfaßte des Vaters Rechte mit ihren beiden Händen und flüſterte ihm zu:„O, laß Depping fern von uns bleiben, Väterchen! es würde mir meine Freude trüben, müßte ich ihn zwiſchen uns dulden!“ Mit unwilligem Forſchen heftete Ringforth ſeinen Blick einen Moment auf ſeine Tochter, kehrte ſich dann haſtig um und ließ ihre kindliche Bitte unbeachtet. Während deß war der Reiter näher gekommen, hielt in einiger Entfernung ſein Pferd an und ſchwang ſich raſch und — 79— leicht aus dem Sattel, als der Hausknecht des Sommer⸗ hotels ſichtbar wurde. „Willkommen hier, mein beſter Depping!“ rief ihm Ringforth unzweifelhaft herzlich entgegen, indem er um den Wagen ſchritt, der ihn mit ſeiner Geſſellſchaft verſteckte. Urſel hatte ſich gefliſſentlich abgewendet; ihre Mutter trug eine große Gleichgiltigkeit zur Schau, und nur Curt reckte neugierig ſein Köpfchen und lief dem Vater eilfertig nach. „Das iſt ja Herr Depping nicht, Papa!“ ſchrie er mit voller Lungenkraft.„Papa— höre doch— Herr Depping iſt das nicht, aber Herr Deppings Pferd iſt es.“ Urſel, durch dieſen Ausruf beruhigt, warf verſtohlen einen Blick nach dem Reiter, der, mit beſcheidener Artigkeit Herrn Ringforth entgegentretend, ſich vorläufig darauf beſchränkte, die Damen von fern zu grüßen. Urſel gewahrte zu ihrem Erſtaunen, daß ſie ſich vergeb⸗ lich geängſtigt hatte. Ein fremder Herr war es, der mit kalter Ehrerbietung den Zoll der gewöhnlichen Lebensart entrichtete, als er ſeinen blonden Lockenkopf entblößte und unge⸗ zwungen ſich verneigte. „Hat Herr Depping einen Bruder?“ fragte ihre Mutter leiſe.„Ich wußte das nicht.“ Curt ſpielte den Vermittler in dieſer etwas peinlichen Scene.„Heißt Du denn etwa auch Depping?“ fragte er mit knabenhafter Zudringlichkeit. „Allerdings, mein Kleiner“, antwortete Arnold mit ruhiger Freundlichkeit,„und das Pferd gehört mir und nicht dem andern Depping, den Du darauf reiten ſaheſt.“ „Das iſt recht gut; ich werd' es Urſeln gleich er⸗ zählen!“ erwiderte der Knabe eifrig fortſtürzend. 6 „Hier ſcheint ein Irrthum vorzuwalten, der mich berech⸗ tigt, Sie ſogleich meinen Damen vorzuſtellen,“ ſagte Ring⸗ forth, lebhaft vorwärts ſchreitend. Arnold folgte ihm. Sein Geſicht trug den Ausdruck kühler Höflichkeit, als er den Damen vorgeſtellt wurde. Kaum, daß er die ſchläfrig geſenkten Augen etwas erhob, kaum, daß er die nöthigen Phraſen kalt und gemeſſen über die Lippen brachte. Auf Ringforth's Bitte, ſich ihnen an⸗ zuſchließen, ging er ohne beſondere Freundlichkeit ein, ver⸗ ſprach jedoch, ſeinem Amte als Führer Ehre zu machen. „Das iſt gut von Dir,“ erklärte Curt altverſtändig. „Der andere Depping gefällt mir lange nicht ſo gut wie Du. Nicht wahr, Urſel?“. Da endlich blitzte ein Blick hinüber nach dem jungen Mädchen, das reizend erröthete bei dieſer naiven Schwätzerei ihres Bruders. Man nahm den Kaffee zuſammen ein und rüſtete ſich dann zum Beſuche der Studentenkanzel. Arnold forderte den kleinen Burſchen auf, mit ihm voran zu gehen, um den Weg zu ſuchen. Der Knabe hing ſich, verklärt von Stolz und Freude und Erwartung, an die Hand ſeines neuen Freundes, und ſein kleines Herz wurde von Muth geſchwellt, als er ſich vorſtellte, in den Abgrund klettern und wieder aufwärts klimmen zu müſſen, um zur Studentenkanzel zu kommen. Die Sache machte ſich zu ſeinem Erſtaunen ganz anders und viel bequemer. Man ging einfach noch eine Strecke auf dem Felſenpfade entlang, dann wendete ſich der Weg um einen mächtigen Felsvor⸗ ſprung, der gleichſam die Thalſpalte abſchloß, und befand ſich in kurzer Zeit am Fuße des Felskegels, worauf die Kanzel ſich ſtützte. 6 — 31— Die kleine Geſellſchaft war gemüthlich fortgewandert; nur in gelegentlichen Bemerkungen hatte ſich der Zuſtand ihrer Seele und ihres Gemüthes offenbart. Selbſt Urſel bewies durch eine befremdliche Schweigſamkeit, daß ihr Inneres tief beſchäftigt war— ob indeß mit etwas Zuerwar⸗ tendem oder mit etwas Geſchehenem, darüber ließ ſich nichts ent⸗ ſcheiden. Sie ſchlenderte hinter ihren Eltern her, und ihre Augen ruheten oft nachdenklich auf der hohen, ſchlanken Ge⸗ ſtalt des Mannes, der ihnen als Führer voranging. Sie hatten unter dieſer Stimmung ihr Ziel erreicht. Jetzt galt es, eine ſteile Felſentreppe zu erſteigen. Arnold faßte den Knaben Curt mit ſtarkem Arm und trug ihn hin⸗ auf. Ringforth mit ſeiner Gattin folgten furchtlos, und Urſel machte ſich bereit, ebenfalls unverweilt empor zu klettern. 8 „Bleiben Sie, mein Fräulein,“ befahl Arnold von oben herab.„Ich komme Sie zu holen!“ Das junge Mädchen lachte und ſprang leichtfüßig den Eltern nach. Arnold wurde bleich wie ein Todter, und ſeine Hand ſtützte ſich krampfhaft auf die eiſerne Einfriedigung der Kanzel. Aber er rührte ſich nicht, er ſprach nicht, er athmete kaum. Ringforth hatte in dieſem Moment den engen Raum der Kanzel auch erreicht. Verwundert ſah er in Arnold's Antlitz die Spuren einer furchtbaren Angſt; ein einziger Blick rückwärts belehrte ihn über den Urſprung dieſer Gemüthsbe⸗ wegung. Die Felſenſtufen hingen frei über dem Abgrund. Ein unvorſichtiger Tritt, ein zufälliger Blick und vom Schwindel erfaßt, war der Sturz in die Tiefe unvermeidlich. Auch Ringforth hatte die Geiſtesgegenwart und Selbſt⸗ 6 Ernſt Fritze: Kampf überall. —————ÿ⅓ — —— beherrſchung, zu ſchweigen, um nicht durch einen Laut die ſorgloſe Sicherheit ſeiner Tochter zu verſcheuchen. Arnold trat heran zur Treppe, ſeine Hand ſtreckte ſich dem jungen Mädchen entgegen, kräftig erfaßte er ihren Ober⸗ arm; ſie blickte verwirrt und zürnend auf,— eine verhängniß⸗ volle Secunde, und ſie ſtand oben im Kreiſe der Ihrigen. „Großer Gott, was haben Sie gewagt!“ ſtammelte Arnold mit zitternden Lippen.„Ich wollte Sie nach ein⸗ ander hinauf geleiten; denn ich bin ſchwindelfrei und mit dieſem Wagniß vertraut; ſehen Sie aber— ſehen Sie—!“ Schaudernd blickten alle Drei in die Tiefe, welche ſie eben überſchritten hatten. „Müſſen wir wieder dort hinab ſteigen?“ fragte Ürſel zitternd. „Nein, wir gehen von hier durch dieſe Felsſpalte nach dem Plateauwege, den ich geritten bin,“ ſprach Arnold, ſich ſammelnd. Erleichtert ſchaueten ſie einander an.„Die Gefahr wäre alſo beſtanden?“ fragte Ringforth beruhigt.„Ich geſtehe, daß ich nicht nach einer Wiederholung Verlangen trage. Aber ich bin Ihnen dankbar, daß Sie uns nicht durch Warnungen vorher geängſtigt; die Sorge um ein theures Leben kann den muthigſten Mann ſchwach machen.“ „Vater, wir werden belohnt für die überſtandene Gefahr,“ ſagte Urſula, begeiſtert die Hände ausſtreckend;„ſieh, ſieh! wie hier Gottes allmächtige Hand gewaltet und gebildet hat!“ Alle wendeten ſich der Ausſicht zu, die nicht allein ſchön, ſondern überwältigend durch den Zauber einer unfaßbaren Kraft und Allgewalt war. Dicht vor ihnen die Ueberſicht der Thalſpalte mit ihren uralten Bäumen, unter deren dunkeln Schatten der Bach rieſelte, von Zeit zu Zeit ſichtbar durch die Blätterkronen. Wilde Zerklüftungen, wie ſie von Zeit, Wetter und Sturz gebildet zu werden pflegen, lagen deutlich und nahe da, während ſich rechts hin dies ſchmale Thal öffnete, und die Felsgruppen ſich in waldbewachſene Berge verwandelten, die ſich bis zur Ebene hinzogen, wo ſie ſich, ſanft abwärts laufend, in breiten friſch grünen Wieſenrändern mit dem fruchtbaren Ackerlande ver⸗ banden, deſſen Morgenbreiten wie Kartenblätter an einander gereihet erſchienen. Den Hintergrund dieſes köſtlichen Pano⸗ rama's bildete die Stadt mit ihren Thürmen und den neuen Häuſerreihen, die durch die Anforderungen der Sommergäſte in der Neuzeit entſtanden waren. „Ich ſehe unſer Haus,“ prahlte der kleine Curt, der unbe⸗ 4 ſtritten die ſchärfſten Augen in der Familie beſaß.„Ich ſehe auch Dein Haus, Herr Depping— da, wo der Garten mit dem weißen Schirmdache iſt— ſeht Ihr's?“ Es ſah dies Niemand weiter als der muntere Burſche. Aber man hatte ſich unwillkürlich dem jungen Manne zugewendet, der ſich in den Hintergrund gezogen, und man gewahrte, daß er merkwürdig verändert erſchien. Verſchwunden war das kühle, ironiſche Lächeln ſeiner Lippen. Seinem ganzen Weſen war eine nervöſe Unruhe aufgeprägt, die ſeine weltmänniſche Hal⸗ tung ſtark beeinträchtigte. „Was iſt Ihnen?“ fragte Ringforth beſorgt.„Was fürchten Sie? Offenbaren Sie mir, was Sie ſo mächtig bewegt.“ —„O nichts, nichts, was Sie betrifft,“ beeilte ſich Arnold zu erklären.„Ich demüthige mich nur vor mir ſelber, indem ich einſehe, daß unſere Hilfsleiſtungen ohne den Beiſtand eines 6 * —— höhern Weſens ein Nichts, ein Traum, eine eitle Illuſion ſind. Ich ſah Sie im Wagen fortrollen, mein Herr, und erfuhr von meiner Couſine Leopoldine, die den Empfang ihrer Freundin, der Lady Elmore, im Hauſe Lindner's vorbereitet, daß Sie nach der Studentenkanzel wollten. Sofort gedachte ich der Gefahr, der Sie ſich in völliger Unkenntniß des ſchwierigen Beſteigens ausſetzen würden und eilte Ihnen nach. Und was hätte meine Vorſicht genützt, wenn nicht Gottes Hand Sie ſicher geleitet und bewahrt hätte?“ Bewegt drückte Ringforth des jungen Mannes Hand. „Vor dem Richterſtuhle des Höchſten gilt auch der gute Wille für die That,“ ſagte er gütig. Warum war Urſula während Arnold's Geſtändniß tief erröthet? warum hatte ſie ihr heißes Geſicht auf Curt's Lockenkopf gelegt und in unverſtandener Aufwallung deſſen Stirn geküßt? Arnold hatte zu ihrem Vater geredet und nicht zu ihr, und dennoch wiederholten ſich in ihr die Worte, welche ihr Vater ſo eben erſt ausgeſprochen:„Die Sorge um ein theures Leben kann den muthigſten Mann ſchwach machen!“ Und als Arnold beim Weitergehen ihr plötzlich den Arm bot mit den Worten:„Es giebt zwar keine Gefahr mehr, aber ich halte es dennoch für gerathen, Sie und Ihren Bruder zu feſſeln, um Sie Beide vor Abgründen zu ſichern, — da hob ſie raſch ihren Blick zu ihm auf, dankte ihm mit einem zutraulichen Lächeln und geſtand ihm ein, daß ſie jett b nicht mehr ſo furchtlos und ſchwindelfrei ſei wie vorhin ſ „Wunderbar,“ ſagte Frau Adele zu ihrem Gatien,. während ſie dem jungen Paare folgten,„daß ich im Laufe der ganzen zwei Monate niemals dieſen jungen Mann be⸗ — 85— merkt habe, ſondern ſtets nur ſeinen Bruder, der überall unſern Weg durchkreuzte.“ „Es ſcheint Urſel dieſelbe Erfahrung gemacht zu haben,“ entgegnete Ringforth.„Ich werde Gelegenheit nehmen, ſie über den Grund ihrer Abneigung zu fragen, die ſie zu der auffallenden Bitte trieb, ihn fern zu halten.“ „Thu das nicht,“ unterbrach die Gattin ihn haſtig;„es iſt beſſer, dergleichen Gefühlsregungen unerörtert zu laſſen. Dieſer junge Mann iſt ernſter, pedantiſcher, gleichgiltiger als ſein Bruder. Bei näherer Bekanntſchaft mag das an⸗ genehmer erſcheinen, aber intereſſanter und gefährlicher iſt der andere Depping.“ „Dann iſt's vielleicht der Inſtinct der Unſchuld, der ſich in Urſels Abneigung geltend macht,“ ſagte Ringforth nach⸗ denklich.„Im zartfühlenden Weibe regt ſich ſtets ein unab⸗ weislicher Widerwille gegen frivolweltliche Männer.“ Frau Adele lächelte fein und ſtrich die knappen Hand⸗ ſchuhe glatt. Sie hielt ihre Tochter Urſel durchaus nicht für zartfühlend genug, um Anſtoß an einer männlichen Leiden⸗ ſchaftlichkeit zu nehmen. Sie rechnete ihre eigene Tochter zu jenen grob conſtituirten Naturen, die ſo leicht mit ihrer Offenheit und Ehrlichkeit Staat machen. Die Beurtheilung ihres Gatten erſchien ihr als eine kaum zu rechtfertigende Idealiſirung, und ſie nannte ſeine tief gewurzelte günſtige Meinung, die Schwäche eines Vaterherzens. Wodurch Ihre Tochter zu dem herangebildet worden war, was ſie unliebenswürdig in ihren Augen machte, wußte ſie ſich in ihrer Selbſtanbetung nicht zu erklären. Es war nach ihrer Anſicht zu ſpät, um ſie davon zu kuriren; und als die bequeme Dame erſt einſah, daß ſie den größten Vortheil von der Entſchiedenheit und — 86— Feſtigkeit ihrer Tochter hatte, daß ſie dem jungen Weſen Alles aufbürden konnte, was ihr ſelbſt Zeit ihres Lebens zu⸗ wider geweſen war, da ergab ſie ſich in das Schickſal, eine höchſt praktiſche, aber ſtreng bürgerlich geſinnte Tochter zu haben. Zwiſchen dieſer Mutter und dieſer Tochter bildete ſich mehr und mehr eine Kluft, die durch Nichts in der Welt überbrückt werden konnte. Die ernſte und heiße Liebe zum Vater hatte Urſel frühzeitig hellſehend gemacht; ſie bemitleidete ihn, und darin lag das Verdammungsurtheil für ihre Mutter.— „Es war ein genußreicher, ſchöner Tag,“ ſagte am Abend Ringforth, als die Familie heimgekommen um den Theetiſch ſaß.„Schwerlich wäre er ſo angenehm verſtrichen, meine Urſel, wenn ich Deiner ſonderbaren Bitte Gehör gegeben und den Herrn Referendar Depping von uns fern gehalten hätte. Meinſt Du nicht?“ Urſel hob ehrlich das Auge zum Vater auf.„Meine Bitte beruhte auf einem Irrthum. Ich wußte nicht, daß im Depping'ſchen Hauſe zwei Herren lebten; ich habe erſt heute erfahren, daß Hubert, der Aelteſte, Lieutenant geweſen, und daß Arnold, unſer Begleiter, ein glühender Verehrer meines Vaters iſt.“ „So,“ unterbrach Ringforth ſie ſcherzhaft.„Das hat er Dir wohl unterwegs erzählt?“ „Ja, wir haben nur von Dir, von⸗ Deinem Standpunct in der politiſchen Welt, von Deinem wohlbegründeten An⸗ ſpruch auf den ungetheilten Beifall der öffentlichn Meinung geſprochen.“ „Ein ſonderbarer Unterhaltungsſtoff für zwei junge Menſchen,“ ſpöttelte Frau Adele. „Wie ſo, liebe Mama?“ fragte Urſel ſanft.„Wovon das Herz voll iſt, das drängt ſich unwillkürlich auf die Lippen.“ „Dieſer Arnold Depping gefällt Dir alſo?“ fragte Ring⸗ forth.„Damit unterſchriebſt Du mein eigenes Urtheil über ihn. Aber weshalb gefällt Dir der Lieutenant Depping nicht, liebes Kind?“ „Weil er frech und roh iſt!“ antwortete Urſula kalt und feſt. Eine flammende Röthe ſchlug über das Geſicht ihrer Mutter. „Das klingt hart, Urſel,“ ſagte Ringforth und ſah ſinnend ſeine Gattin an, die mehr und mehr ihre gewohnte Haltung verlor und faſt willenlos ausrief:„Es klingt gemein, Urſel; welche Dame würde, außer Dir, ſolch' Urtheil auszuſprechen wagen!“ „Liebe Mama, ich kann mir nicht helfen und muß mein Urtheil trotz Deines Tadels aufrecht halten. Wer die Hecken unſeres Gartens durchbricht, wer jedes Mittel uns zu be⸗ läſtigen für erlaubt hält, der verdient die Prädikate, die ich ihm beigelegt habe,“ war Urſula's ruhige und gemeſſene Antwort. „Dieſe Handlungsweiſe hat wenigſtens, gelinde beurtheilt, den Charakter einer albernen Huldigung, wie ſie gebildeten Kreiſen fern bleibt,“ ſprach Ringforth mißbilligend. „Für mich liegt eine Nichtachtung darin, die mich be⸗ leidigt, liebes Väterchen.“ „Allerdings, denn es giebt anſtändige und paſſende Wege, Huldigungen darzubringen.“ Frau Adele hatte ſich zu faſſen geſucht; ſie heftete ſchläf⸗ rig und gelangweilt ihren Blick auf die ſilberne Theekanne — 88— und ſagte gedehnt:„Wie kann man Gewicht auf ſolche Dinge legen, die nur die Romantik eines Krähwinklers ver⸗ rathen.“ Ringforth erhob entſchloſſen den Kopf.„Um dieſer Ro⸗ mantik die Spitze abzubrechen, werde ich morgen früh dem Referendar Depping meinen ſchuldigen Gegenbeſuch machen, aber allein. Was Deine Abſicht betrifft, Adele, die längſt verjährte Karte Deiner Tante abzugeben, ſo muß dies bis zu einer gelegentlichen Begegnung vertagt werden.“ Urſula warf ihrem Vater einen unerklärlich ernſten, tiefen Blick zu, der ihn electriſch zu berühren ſchien und ſeinen Vorſatz feſtigte, dem Herrn Lieutenant Depping den nöthigen Reſpect einzuflößen. Wohl ihm, daß er den Blick ſeines Kindes falſch ver⸗ ſtanden hatte, daß er die Furcht, welche dies junge reine Herz folterte, nicht erkannte. Die Ruhe ſeines Geiſtes würde unrettbar zerſtört worden ſein; und er hatte die Klar⸗ heit des Verſtandes, die ungetrübte Feſtigkeit der Seele jetzt gerade ſehr nöthig, wenn er nicht ſeine bis dahin behauptete politiſche Stellung verloren geben wollte. Die Wahlen ſtanden in der nächſten Zeit bevor. Schon begannen die Agitationen der verſchiedenen Parteien, und man war in' Geheim der Meinung, daß die Liberalen ihre Kraft zuſammen faſſen müßten, um nicht von den Conſer⸗ vativen, die von oben herab mächtig unterſtützt wurden, über⸗ flügelt zu werden. Es lag im Intereſſe des Miniſteriums, das Abgeordnetenhaus anders conſtituirt zu ſehen wie bei ſeiner nothwendig gewordenen Auflöſung. Namentlich ſuchte die Regierung die Wiederwahl der Männer zu hintertreiben, die als Parteiführer einen ſo gewaltigen Einfluß auf die öffentliche Stimmung ausübten. —— —— — 89— Zu dieſen Parteiführern zählte gewiſſermaßen Ringforth, obwohl er nicht überall mit den Schreiern im Abgeordneten⸗ hauſe übereinſtimmte. Es war alſo Ehrenſache der Wahl⸗ männer und Ehrenſache des Gewählten, die Mandate wieder in den Händen derer zu ſehen, die ihrer Pflicht in allen Punkten nachgekommen waren. Das Volk entwickelte einen löblichen Eifer, ihre früheren Abgeordnete abermals durchzubringen. Was in dieſem Falle erfolgen würde, war kaum zweifelhaft; daher verdoppelte die Regierung ihre Anſtrengungen bis in’s Lächerliche, als die wachſende Betheiligung des Volkes die Reſultate der Neu⸗ wahl vorausſehen ließ. Ringforth wurde ſchon am nächſten Tage nach der Spazir⸗ fahrt zu einer Verſammlung ſeiner frühern Wähler entboten. Er folgte ſehr bereitwillig dieſer Aufforderung, die ihn auf mehrere Tage dem Kreiſe ſeiner Familie entführte. Allein bevor er abreiſte, entledigte er ſich aus doppelten Gründen der Pflicht, ſeinem Verehrer, dem jungen Depping, einen Beſuch zu machen.. Wenn er irgend eine Beſorgniß gehegt, ſo ſchien dieſe nach der erlangten Bekanntſchaft mit dem Lieutenant Depping vollkommen beſeitigt. Er hatte in Hubert einen etwas über⸗ müthigen und ſpottſüchtigen Mann gefunden, dem vielleicht nicht ohne Grund ungeregelte Sitten vorgeworfen werden konnten, doch ſchien er ihm weder ein leichtfertiger Lüſtling noch ein romanhafter Thor. Ringforth's Welt⸗ und Menſchenkenntniß erſtreckte ſich auf dieſem Felde nicht ſo weit, um die Langeweile leichtſinniger Lebemänner als eine Hebekraft zu betrachten, welche die Schwächen weiblicher Weſen an's Tageslicht fördert zum eigenen Amüſement. — Siebentes Kapitel. Frau Adele lehnte im Sopha halb ſchlafend, obgleich ſie ſich den Anſchein gab, als läſe ſie. Am Morgen war ihr Gatte abgereiſt. Der Tag hatte ſchwül begonnen; dann hatte ein kurzes, heftiges Gewitter gewüthet, und nach dem Gewitterregen lag eine erquickende Kühle auf der Flur, welche zum Spazirgang verlockte. Seit einigen Tagen wohnte die Lady Elmore mit ihren Kindern im Hauſe. Urſula, die raſch einen freundſchaftlichen Verkehr zwiſchen den drei Elmore'ſchen Knaben und ihrem Bruder Curt ver⸗ mittelt hatte, forderte die Knaben zu einer Wanderung nach dem Badegarten auf. Sie erhielten die Erlaubniß ihrer Mutter, und Leopoldine ſchloß ſich den fröhlichen Kindern an. Das Intereſſe, welches dies junge Mädchen für Urſula fühlte, war von Tag zu Tag gewachſen, und die aufflammende Freude der Letzteren bei der unerwarteten Bitte, ſie und die Kinder begleiten zu dürfen, verrieth hinlänglich, daß dies Intereſſe gegenſeittg war. Im Alter zwar verſchieden, waltete dennoch ſonſt eine ſo merkwürdige Aehnlichkeit in ihren Anſichten und Auffaſſungen aller Verhältniſſe vor, daß ſchon die wenigen Tage ihrer näheren Bekanntſchaft hinreichten, ſie vertraut zu machen. Leopoldine war zur Stütze und Pflege ihrer kränklichen Freundin in ihre Familie getreten und wohnte nicht mehr im Hauſe ihrer Tante, der Frau Depping. Urſula hatte nie eine Schweſter, nie eine Freundin, nie eine Vertraute, nie eine Rathgeberin gehabt— Dienerin befahl, Shawl und Hut zu bringen, als ſie den — 91— ſie hatte ihre kleinen Leiden ſtill in ſich ſelbſt getragen, aber oft lebhaft gewünſcht, ſich an ein Herz ſchmiegen und Alles, was ſie quälte, darin niederlegen zu können. Jetzt ſchien das Geſchick dieſen Wunſch erfüllen zu wollen. Als Urſula mit ihrem Bruder zur Mutter ging, um vorſchriftsmäßig die Hand derſelben zu küſſen und Adieu zu ſagen, hatte Frau Adele ihre bequeme Stellung noch nicht geändert. Sie verblieb auch darin, bis die Schritte der Kinder im Hauſe verhallt waren.— Die Sonne fiel ſchräg in's Fenſter und verkündete ihren heutigen Abſchied ſchon durch die Gluth einer tiefen Abend⸗ röthe, als Frau Adele ſich endlich erhob, als ſie vor dem Spiegel ihre Haarfriſur ordnete, als ſie klingelte, der breiten Sonnenhut keck auf die Stirn drückte und ihrem Ge⸗ ſichte dadurch einigermaßen den Reiz der Jugend verlieh. Sie ging langſam, ſehr langſam die Treppe hinab und ſchlug den Weg nach dem Garten ein. Ihr Weſen verrieth nichts von dem Verlangen, Luft und Abendfriſche zu ge⸗ nießen; ihr Blick ſprach keine Freude über das reizvolle Singen und Zwitſchern der Vögel aus, welche in Schaaren auf den hochwipfligen Bäumen ſaßen und ein Abendconcert aufführten. Achtlos ließ ſie das Tuch von den Schultern gleiten und ſchritt unter dem Anſchein eines tiefen Nach⸗ denkens durch die ſchnell wieder trocken gewordenen Sand⸗ wege bis zum Enge des Gartens. Des Himmels tiefrother Abendglanz umgab ihre elegante Erſcheinung mit verfüh⸗ reriſcher Färbung, und als ſich die Dame bei einem Ge⸗ räuſch im nahen Heckengeſträuche plötzlich umwendete, da blieb es ungewiß, ob der äußere Gluthſchein oder ein inneres Ge⸗ fühl ihre Wangen färbte. — 52— Ihr Auge hatte einen Mann im Geſträuche entdeckt, der ſich Bahn durch die Hecke brach und im nächſten Momente mit einem bedeutſamen Lächeln ſie begrüßte. Frau Adele heuchelte einen kleinen Schrecken und einen großen Zorn.„Mein Herr, das iſt nun das dritte Mal, daß ſie ſich erdreiſten, auf unerlaubte Weiſe hier einzudringen; ich werde Beſchwerde über Ihre Vermeſſenheit führen, die meine Spazirgänge ſtört und unſicher macht.“ „Gnädige Frau, rechten Sie mit Ihrer Schönheit, wenn Sie zürnen wollen,“ ſprach Hubert Depping mit leiden⸗ ſchaftlicher Wärme.„Ich ſah Sie, durch Sonnenpurpur verklärt, luſtwandeln, und es zog mich mit unwiderſtehlicher Gewalt zu Ihren Füßen.“ Frau Adele lachte und machte eine anmuthig abwehrende Geberde. Sie lachte? Ja, ja, ſie lachte ſilberhell, kindlich unſchuldig, kindlich fröhlich, indem ſie ausrief: „Sparen Sie Ihre Exercitien aus dem Complementir⸗ buche des vergangenen Jahrhunderts, Herr Lieutenant, und geſtehen Sie lieber einfach und ehrlich zu, gegen den Anſtand und gegen die Sitte geſündigt zu haben.“ „Ich geſtehe Alles zu, was ſie verlangen, gnädige Frau,“ antwortete Hubert mit dem Ausdrucke einer komiſchen Reue. „Gut, nun beſſern ſie ſich und wählen Sie künftighin keine Wege, die verboten ſind, ſonſt könnte man ſie eines Tages fälſchlich für einen Räuber oder Dieb halten und Sie auf die Anklagebank bringen,“ ſcherzte Frau Adele. Sie ſcherzte? Ja, ſie ſcherzte! „Es iſt aber ſo hübſch, Sie zu überraſchen, gnädige Frau,“ ſprach Hubert mit weicher, bittender Stimme;„und es macht mich glücklich auf einen ganzen Tag, wenn ich 8 3— ————.—— hier verſtohlen mit Ihnen einige Minuten geplaudert habe.“ „Thorheiten! Thorheiten, mein Herr!“ rief Frau Adele, ihre Augen vor den Blicken ſenkend, womit Hubert ſeine Bitte unterſtützte.„Mein Mann hat mir geſagt, daß Sie ihn um Erlaubniß gebeten, uns die Aufwartung machen zu dürfen; warum thun Sie es nicht?“ Hubert heftete ſeine feurigen Blicke dreiſter und feſter auf die ſchöne Frau und erwiderte mit erkünſtelter Treu⸗ herzigkeit:„Kann die ſteife Förmlichkeit auch für den köſt⸗ lichen Reiz dieſer erzwungenen Augenblicke entſchädigen? Dort oben in Ihrem Empfangs⸗Salon ſind Sie die vor⸗ nehme Dame, hier ſind Sie eine reizende, eine liebeswürdige, eine anmuthige Frau. Begreifen Sie nun meinen Wider⸗ willen gegen die Formen und Ketten der Convenienz?“ Angeregt von dieſer Erklärung, verfielen ſie nun Beide in einen Streit, den ſie mit friſchem Humor und ver⸗ rätheriſcher Lebhaftigkeit eine gute Weile fortſetzten. Was ſie redeten war flach und bedeutungslos, aber die Blicke, womit ſie ihre Worte begleiteten, gaben Zeugniß von einer innerlichen Aufregung, die, genau genommen, eine Gattin, eine Mutter ſich nicht geſtatten darf. War das dieſelbe Frau, die für den Gatten, für ihre Kinder nie ein ermunterndes, nie ein gütiges und warmes Wort hatte? War das Frau Adele, die ruhige, formenvolle Gattin des ernſten Ringforth? Ja, es war dieſelbe Frau, aber der befruchtende Strahl der Koketterie hatte ſich in ihr Inneres gedrängt und dort die Quellen aus dem ſtarren Bande der langweiligen Alltäglichkeit befreit, die ihr Weſen zu beleben vermochten. Als ſie ſchieden, reichte Frau Adele dem jungen Manne — mit neckiſcher Herablaſſung die ſchöne, weiße, weiche Hand, und duldete, daß er,„Beſſerung“ gelobend, ſie an ſeine Lippen führte. Sie ſaß längſt wieder in derſelben Stellung auf dem Sopha, als ihre Kinder vom Spazirgange heimkehrten, der ihnen ein unſchuldiger Genuß geweſen war. Umſchwärmt von den lebhaften Knaben, war es zwiſchen den beiden jungen Mädchen dennoch zu einem Austauſch von Ideen ge⸗ kommen, welche die Grundlage ihres Weſens bildeten. Beide neigten ſtark zu einer heiteren Lebensanſchauung, und dennoch lag in der Natur Beider eine ausgeprägte Zuverläſſigkeit mit einem Anſatze von Pedanterie, wenn es ſich um Pflicht⸗ erfüllungen handelte. Die letzten Erfahrungen in Leopol⸗ dinen's Vergangenheit hinderten ſie keineswegs, frohmüthig in die Zukunft zu ſchauen, nachdem ſie das Kapitel ihre Wünſche und Hoffnungen abgeſchloſſen und ihre Augen für den Unwerth ihres Vetters Hubert geöffnet hatte. Daß ſie in Rückſicht auf dies Verhältniß die Gelegenheit ergriff, ſich der Lady Elmore zuzugeſellen, als dieſe krank und leidend anlangte und ihre Knaben unter Leopoldinen’s Aufſicht zu ſtellen wünſchte, war natürlich. Sie fürchtete das Zuſammenleben mit Hubert nicht, ſondern ſie wollte ihm zeigen, daß ſich die Pforten ihrer Zukunft ſchnell wieder geöffnet hatten, nachdem ſie ſich feſt in der Selbſt⸗ überwindung bewährt. Huberts ſeltſame Gewandtheit, ſich dem Charakter eines weiblichen Weſens anzuſchmiegen und dabei die Kaltblütigkeit ſeines Innern zu bewahren, trug die Schuld an ihrer jahrelangen Täuſchung. Als ſie derſelben inne wurde, warf ſie jeden Kampf bei Seite und blieb Siegerin auf dem Kriegsſchauplatz des Hauſes. Sie verließ daſſelbe mit dem feſten Vorſatze, es nie wieder als blei⸗ benden Aufenthalt zu wählen, um nicht Zeugin von dem leichtfertigen Treiben deſſen zu ſein, der einſt das Ideal ihrer Träume geweſen war. Sie löſte die Feſſeln des Kreiſes, dem ſie angehört hatte, auf die natürlichſte Weiſe, mußte aber die Erfahrung machen, daß Frau Depping plötz⸗ lich mit Entrüſtung und Verwunderung ihre Entfernung als eine Undankbarkeit betrachtete. Zu ihrem Troſte nahm Arnold entſchieden Partei für ihre Handlungsweiſe und ent⸗ waffnete ſowohl den Zorn ſeiner Mutter als den Spott ſeines Bruders. Bei Urſula gründete das ſchöne Hoffnungsgefühl, welches die Träume der Jugend belebt, mehr in einer unſchuldigen Selbſtloſigkeit und in einer kindlichen Unterwerfung. Frei von jeder Selbſtſucht, fand ſie ihr Glück im Wohlſein ihrer Familie, und da ſie nicht begriff, wie dieſe ohne ſie be⸗ ſtehen könne, ſo berechnete ſie das Glück ihrer Zukunft ſtets nach den Leiſtungen, deren ſie ſpäter fähig ſein werde. Daß ihr Herz eines Tages für ſich ſelber wünſchen könnte, ahnte ſie noch nicht. Für jetzt gab es für ſie keinen leidenſchaft⸗ lichern Wunſch, als ihren Vater ſiegreich aus dem Kampfe mit ſeinen Widerſachern hervorgehen zu ſehen. Ihre Mit⸗ theilungen darüber gegen Leopoldine fanden einen ſo auf⸗ fallenden Widerhall, daß ſich dadurch das Band ihrer Freund⸗ ſchaft bildete und ſchnell feſtigte. Möglich, daß die Hauptanziehungskraft bei Beiden nicht allein in der gegenſeitigen Werthſchätzung ihrer Charaktere beſtand! Der Menſch täuſcht ſich darin ſehr leicht, und namentlich nimmt die Jugend oft den Enthuſiasmus des Herzens für den Ausſpruch des Verſtandes und der Ver⸗ nunft. — 96— Während Urſula mit glühendem Eifer die Freundſchaft für Leopoldine nährte, wirkte ihr Vater mit gleicher Leb⸗ haftigkeit für den Zweck ſeines Lebens. Die Wichtigkeit der Entſcheidung in der politiſchen Streitigkeit trat je näher deſto greller hervor, und die Nothwendigkeit einer durch⸗ greifenden Reform ergab ſich mehr und mehr, als Ringforth durch Schrift und Wort darauf hinwies, daß es ſich bei den ſtreitigen Punkten um eine Verletzung der Verfaſſung handele. Die aufgetauchten Differenzen konnten nur durch Gewalt⸗ ſtreiche erledigt werden, nachdem ſich die Regierung zu Ge⸗ waltmaßregeln hatte verleiten laſſen. Ringforth kam mit der Zuverſicht heim, die Be⸗ mühungen der Liberalen mit Erfolg gekrönt zu ſehen. Was ſich daran für Zukunftsbilder knüpften, läßt ſich ohne große Auseinanderſetzungen begreifen. Er ſchloß ſeine Gattin bei der Begrüßung feſter an's Herz und ſagte liebevoll:„Sei wohlgemuth, mein Liebchen, unſere Verbannung wird bald ihr Ende erreichen, und Du wirſt das kurze Exil hierſelbſt in unſern wieder hergeſtellten Weltverhältniſſen bald verſchmerzen.“ „Ich weiß nicht, ob ich um den Preis, Dich in Deinen falſchen Principien verharren zu ſehen, dies wünſchenswerth finden kann,“ antwortete Frau Adele, mit grämlicher Miene ſich dem Arme des Gatten entziehend. Er lächelte zuverſichtlich.„Die Ausſöhnung mit meinen Prineipien wird dem Siege derſelben folgen.“ „Du könnteſt irren. Ich ſtütze mein Wohlſein lieber auf angeborne Größe, als auf erkämpfte und errungene. Meine Erziehung in dem Elemente feſt begründeter, ſocialer Vorzüge mag das verſchulden.“ — 97— „Du vergißt aber, daß nicht allein Deine Eltern, ſon⸗ dern auch die Eltern der Kynar'ſchen Familie dem einfachen und ehrenwerthen Handwerksſtande entſproſſen ſind, daß ſich mithin Deine Verwandten rühmlichſt emporgearbeitet haben.“ So ſanft und gütig dieſer Vorwurf geſprochen war, er that dennoch ſeine Wirkung. Das Blut ſchoß der Dame in’s Geſicht, und ihre Finger drehten haſtig die Enden ihrer prachtvollen Buſenſchleife. Es bedarf immer nur eines Tropfens, um ein übervolles Gefäß zum Ueberfließen zu bringen. Die Hinweiſung auf ihre Abſtammung regte den Haß gegen Ringforth's Verwandſchaft wieder auf, die ſeiner Wahl nicht hold geweſen war. Sie glaubte jetzt plötzlich klar über die Gründe dieſer Abneigung zu ſein. Die Ring⸗ forth'ſchen Familienglieder gehörten allzuſammen ſeit urdenk⸗ lichen Zeiten der höhern Büreaukratie an; daß die Miß⸗ billigung der ernſten und ehrenhaften Jamilie in dem Um⸗ ſtande gründete, Bernhard Ringforth könne ſich, durch Liebe verblendet, in der Wahl ſeiner Gattin vergriffen haben, daran hatte die eitle, weltlich anſpruchsvolle Dame niemals gedacht, und darauf verfiel ſie auch jetzt nicht. Ihr Blut wallte bei der Rüge ihres Gatten, und der Zufall that ſein Uebriges, um das Lebensſchiff Ringforth's, als es dem Hafen der ſchwer erkämpften Ruhe nahe war, wieder in die wild ſchäumenden Fluthen zurück zu ſchleudern. Ringforth war heiterer, als ſonſt; ſein Geiſt regte frei die Flügel, und er warf ſich mit wahrer Begeiſterung auf die Ausarbeitung einer Schrift, die auf ſeine jetzige und auf ſeine zukünftige Stellung zum Staate Bezug hatte. Die wenigen Stunden, die er ſeiner Familie widmete, wurden ihm intereſſant durch Urſels Berichterſtattungen her Alles, Ernſt Fritze: Kampf überall. 98— was mit ihr in Berührung kam. In erſter Linie ſtand da die Freundſchaftsverbindung mit Leopoldine Depping. Natür⸗ lich lernte er das junge Mädchen bei der nächſten Gelegen⸗ heit kennen, und es gewährte ihm ein genußreiches Studium, die beiden practiſchen und bedachtſamen Naturen der neuen Freundinnen zu vergleichen. ½ Dann trat die wieder hergeſtellte, aber äußerſt ſchwäch⸗ liche Lady Elmore als Gegenſtand von Urſels Schilderungen auf. Sie theilte dem Vater mit, daß ſie dieſe Bekannt⸗ ſchaft gehörig auszubeuten ſuche, um ſich in der engliſchen Sprache zu vervollkommnen. War es nicht, als wäre das Schickſal verſöhnt? Durfte man ſich wundern, daß dem geprüften Manne das Gefühl überkam, als würde es nach allen innern Kämpfen nun Friede in ihm und um ihn werden? Und ihn verlangte nach Ruhe! Wenn auch ſein Geiſt ſtark genug geweſen war, die bittere Erfahrung ſeiner Amtsentſetzung gefaßt zu ertragen, ſeine Seele war trübe und ſein Gemüth müde dabei ge⸗ worden.— Das Thal hatte ſich allmälig mit Fremden gefüllt. Die Villen, die Gartenhäuſer und die Gaſthöfe waren beſetzt mit allerlei Menſchen aus allen Ständen von nah und fern, die der Luft und der Erholung bedürftig waren. Die Promenaden in der Linden⸗ und in der Kaſtanien⸗ Allee zeigten ſich belebt; man luſtwandelte zwanglos und doch mit Eleganz und Würde. Selbſt Frau Adele verſchmähete es nicht, jetzt am Arme ihres ſtattlichen Gatten im feinſten und modernſten Prome⸗ nadencoſtüm ſpaziren zu gehen. Es wirkte augenſcheinlich wohlthuend auf ihre augenblickliche Stimmung, ihn oftmals — 99— als einen Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit und unwillkürlichen Huldigung zu ſehen. Frau Adele machte auch jetzt endlich die Bekanntſchaft ihrer Hausgenoſſin, der Lady Elmore, und ſie fand Geſchmack an der ſchönen, bleichen Frau, die ſchon vor Jahren Wittwe geworden war und ſich doch noch nicht über den Verluſt des geliebten Gatten tröſten konnte. Ohne ſentimental zu klagen, ſprach ſich in allen ihren Worten und Handlungen die ſtete Er⸗ innerung an den Vater ihrer drei Knaben aus, und ſie be⸗ hütete treu dieſe Kinder, deren Erziehung ihre Pflicht ge⸗ worden war. Lady Elmore hatte vor zwei Jahren im Depping'ſchen Hauſe gewohnt und dort eine liebevolle, tröſtende Aufnahme gefunden. Das beſtimmte ſie, nach ihrem beſeitigten Unwohl⸗ ſein, der Dame Depping einen Beſuch zu machen. Sie ſprach von ihrem Vorhaben in dem kleinen Kreiſe, der ſich ſtets in den Morgenſtunden aus den Hausbewohnern im Garten bildete, und forderte Frau Adele auf, ſie zu begleiten. „Ich weiß, Ihre Frau Tante hat im vorigen Sommer ſehr freundſchaftlich mit Madame Depping verkehrt, und es würde, wie mir Poldy zugeſtanden hat, der Dame Depping eine große Freude bereiten, Sie und Ihre Tochter auch ken⸗ nen zu lernen, nachdem ſie das Vergnügen gehabt hat, Herrn Ringforth's Bekanntſchaft zu machen. Was hielt Sie ab, Ihren Gemahl zu begleiten?“ Ein verlegenes Lächeln war vor der Hand Frau Adelens ganze Antwort. Urſel aber hatte ſchnell ihren Kopf gehoben und ihr Blick haftete feſt und forſchend— ja man könnte ſagen„drohend“ auf ihrer Mutter. Als feine Menſchenkennerin erſah die Lady, daß hier etwas — 100— war, wie es nicht ſein durfte, um einen vertraulichen Ver⸗ kehr möglich zu machen. Sie ließ die Sache fallen. Leo⸗ poldine ſtrich ahnungsvoll über ihre Stirn. Was war geſchehen? Was hinderte Frau Ringforth, dem Vorſchlage der Lady Folge zu leiſten? Sie that die Fragen nicht laut, aber Urſel las ſie in ihren unruhigen Augen, und ſie benutzte einige Augenblicke ſpäter die Gelegenheit, ihr un⸗ bemerkt zuflüſtern zu können:„Sei nicht böſe, Poldy,— aber weder Mama noch ich dürfen das Haus Deiner Pflege⸗ mutter betreten.“ „Hubert,“ ſtieß Poldy peinlich bewegt heraus. Ihre weitere Forſchung wurde unterbrochen. Ringforth, der ſich ſonſt des Morgens ſelten ſtören ließ, kam heute raſch in den Garten und näherte ſich der geſelligen Gruppe unter den Kaſtanienbäumen. Sein Geſicht verrieth eine kleine Ge⸗ müthsbewegung; in der Hand hielt er ein Papier, das er ſeiner Gattin zögernd reichte. „Aus der Reſidenz, Adele; ein Telegramm von der Ge⸗ ſellſchafterin Deiner Tante Kynar— ſie meldet die Er⸗ krankung der alten Dame.“ Eine allgemeine Theilnahme ſprach ſich nach ſeinem kur⸗ zen Referate aus. Noch eben hatte man der Generalin Er⸗ wähnung gethan. Lady Elmore theilte dies Herrn Ring⸗ forth mit. „Es iſt etwas Trauriges mit ſolchen telegraphiſchen De⸗ peſchen,“ ſagte Frau Adele, unruhig die wenigen Worte noch⸗ mals durchfliegend.„Da ſteht's ſo kalt und abgemeſſen wie eine Marſchordre, die nichts berückſichtigt, als des Königs Befehl:„daß meine Tante plötzlich erkrankt, daß der Arzt beſorgt iſt, und daß auf den ſpeciellen Wunſch der Kranken — mir dieſe Nachricht mitgetheilt wird. Was man wünſcht in Folge deſſen, davon theilt die gute Emma nichts mit. Soll ich kommen?“ „Fragen wir ſofort telegraphiſch an,“ ſprach Ringforth. „Bitten wir um nähere Nachricht, mein Liebchen. Ich gehe, dies zu beſorgen. Aengſtige Dich nicht voreilig; Fräulein Emma iſt ſtets ſehr aufgeregt, wie Du weißt.“ Ringforth verließ den Garten und begab ſich nach dem Telegraphenbüreau, um perſönlich die Depeſche aufzugeben. Bei ſeinem Eintritt dort wurde ihm eine zweite Depeſche übergeben, die der erſten faſt auf dem Fuße gefolgt war. Sie enthielt nur die Worte:„Kommen Sie, gnädige Frau, die Kranke verlangt ſehnlichſt nach Ihnen; der Arzt erklärt die Erkrankung für gefährlich und fürchtet ein ſchnelles Ende.“ Nachdenklich ruhten die Augen Ringforth's auf dem Blatte, das ihn zwang, ſeinem Entſchluſſe ungetreu zu werden. Um ſeine Gattin vor dem Einfluſſe der Tante zu bewahren, ſollte ſie nie wieder in ihr Haus; konnte er aber dem Wunſche einer Sterbenden entgegentreten? Durfte er das? Er eilte nach Hauſe und bereitete ſeine Gattin auf die Nothwendigkeit vor, noch am ſelben Tage abreiſen zu müſſen. 8 Mit des Blitzes Schnelle verbreitete ſich die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung der Generalin Kynar; ſie drang auch ſofort in das Depping'ſche Haus und wurde von Frau Depping ihren Söhnen mitgetheilt, als ſie ſich zum Mittagseſſen bei ihrer Mutter einfanden. „Das paßt mir,“ murmelte Hubert, ſchadenfroh lächelnd, als ſeine Mutter hinzufügte: Frau Ringforth werde unverzüg⸗ lich zu ihrer Tante reiſen. — 102— Arnold horchte erſchreckt auf dieſe unpaſſende Aeußerung. Seit er Urſula unter Leopoldinens beſondern Schutz wußte, hatte ſich ſeine Sorge um das junge Mädchen etwas be⸗ ruhigt. „Wie meinſt Du das, Hubert?“ fragte er ſcharf. Hubert ſchaute gleichgiltig auf.„Die ſchöne Frau ge⸗ hört zu meinen Augenweiden— zu meinen Amüſements hier⸗ ſelbſt, und ich ſtand im Begriff, ihretwegen meine Kopen⸗ hagener Reiſe aufzugeben. Nun ſie zum Sterbebette ihrer Tante eilt, werde ich mich zu meiner längſt beſchloſſenen Reiſe rüſten. Hoffentlich iſt bis zu meiner Rückkehr die Generalin ſanft und ſelig entſchlafen, und die ſchöne Frau wird mir in der Trauerkleidung um ſo beſſer gefallen.“ Mit ſtark gerunzelter Stirn hatte Arnold der frivolen Erwiderung gehorcht. Er fühlte ſich empört und wollte ſeinem gerechten Zorne harte Worte leihen. Zur rechten Zeit erinnerte er ſich, daß er Oel in's Feuer gießen werde, wenn er ſich zu Kundgebungen ſeines Unwillens verleiten ließe. Er ſchwieg alſo und Hubert fuhr leichtfertigen Tones fort:„Außerdem paßt's mir deshalb, weil die Abreiſe der ſchönen Frau hoffent⸗ lich dem Schulrath einen Strich durch ſeine Rechnung macht.“ „Wie ſo?“ fragte Madame Depping neugierig. „Waͤs hat dieſer Mann faſt täglich hieher zu kommen, Mama; weißt Dus vielleicht?“ „Ich habe nicht die Ehre, zu des Herrn Schulraths Ver⸗ trauten zu gehören, Hubert.“ „Nun, ich kann mir keinen andern Grund zu ſeinen auffallend vermehrten Beſuchen bei ſeinem Onkel Lindner drüben denken als einen beſondern Zweck.“ „Du könnteſt irren, wenn Du dieſe auffallend vermehrten —— Beſuche des geiſtlichen Rathes mit Frau Ringforth in Zu⸗ ſammenhang brächteſt,“ ſprach Arnold mit erzwungener Gleichgiltigkeit.„Eher iſt es möglich, daß er ſich bei einem vorausſichtlichen Zuſammenſturz im Fürſtenthum Dodenburg hier zu decken ſucht.“ t„Pah, Schulrath Meineke ſtürzt nicht mit, wenn ſeine Staasregierung Fiasco macht. Der iſt zu ſchlau, um nicht beim Wackeln des Conſiſtorialpräſidenten, Front gegen ihn zu machen. Allerdings es verlautet, daß die guten Dodenburger es überdrüſſig ſind, von dem eingeſchmuggelten Conſiſtorial⸗ präſidenten kirchlich geſchuhriegelt zu werden. Das Volk will ihn über die Grenze bringen und ihm einen Laufpaß in ſeine Heimath geben, wo er unter dem zeitigen Cultusminiſter eine brillante Karriere machen kann; aber es iſt nicht anzu⸗ nehmen, daß unſer guter Meineke bei der kundgegebenen Ent⸗ rüſtung des Dodenburger Publikum ſich als treuer Anhänger und Verehrer des„verfloſſenen” Conſiſtorialpräſidenten be⸗ weiſen und aufſtellen wird.“ „Deſſen ungeachtet können Meineke's häufige Beſuche in unſerer Stadt damit zuſammen hängen,“ wendete Ar⸗ nold ein. „Nein, ſage ich!“ rief Hubert keck und zuverſichtlich.„Du wirſt hoffentlich nicht ſo unſchuldig ſein, zu glauben, daß dazu ein ſtundenlanger Spazirgang im Lindner'ſchen Garten, ein Spazirgang voll Hangen und Bangen in ſeliger Pein, nöthig iſt, eben ſo wenig, wie ein halb Dutzend feurige Hand⸗ küſſe beim Kommen und Gehen der ſchönen Frau. Dahinter 8 ſtecken keine politiſche Intereſſen, ſondern perſönliche.“ „Wovon weißt Du von dieſen Zuſammenkünften im Lind⸗ 3 ner'ſchen Garten?“ fragte Frau Depping treuherzig. —— 1,— —— 36 — — 104— Hubert ſah ſeine Mutter ſchlau lächelnd an, erhob ſich vom Mittagstiſch, nahm ſeine Reitgerte, die er bei ſeinem Eintreten auf's Sopha geworfen, trällerte eine Melodie aus dem Barbier von Sevilla, ſchlug mit der Reitgerte gegen ſeinen hohen Stiefel den Tact dazu und verließ ohne Zeit⸗ verluſt das Zimmer. „Weißt Du mir die Geſchichte zu erklären, Arnold?“ fragte Frau Depping, ziemlich gereizt durch ihres Aelteſten Benehmen. „Du haſt geſehen, daß Hubert ſich nicht darüber erklären wollte, liebe Mama.“ Frau Depping ſchob ärgerlich ihren Stuhl zurück und ſtand auf.„Es will mir vorkommen, als ſei mit den Ring⸗ forth's dort drüben ein böſer Geiſt hier eingezogen. Nichts als Räthſel, nichts als Thorbeiten, nichts als Aerger und Verdruß!“ „Mama, Du biſt doch ſonſt gerecht,“ wendete Arnold ſanft und bittend ein;„wie kannſt Du Ringforth's den Aerger und Verdruß aufbürden, den Dir Deine Söhne ver⸗ urſachen? Sei gütig, wie ich es von Dir ſtets gewohnt ge⸗ weſen bin! Wer weiß,“ fügte er ſehr leiſe hinzu,„wer weiß, ob Du nicht eines Tages mein Glück von dieſer Familie abhängig werden ſiehſt.“ Erſchrocken trat die Dame dicht vor ihren Sohn hin. Sie dachte nur an Frau Ringforth, an die ſchöne Frau, deren Lob und Preis ihr Sohn Hubert im Munde geführt. „Aber, Arnold, ſchämſt Du Dich der Sünde nicht! Eine verheirathete Frau— 2 Arnold lächelte und blickte mit liebenswürdigem Freimuthe in das mütterliche Geſicht. A —— — 105— „Sie hat eine unverheirathete Tochter, Mama—⸗ „Ach ja, die Kleine,— ja, ja die Kleine,— dagegen ließe ſich nichts einwenden.“ Dame Depping nickte zuſtimmend, ſeufzte jedoch ver⸗ nehmlich.„Wenn die Damen nur nicht ſo—— apart wären, nicht ſo hochmüthig! Haben mir keinen Beſuch ge⸗ macht: das darf ich ihnen nie und nimmer vergeben!“ „Wer weiß, ob Du es nicht eines Tages„tactvoll“ nennſt, daß die Damen angeſtanden, Dir Viſite zu machen. Hubert's Benehmen hat jedenfalls bewirkt, was Du den Damen als Hochmuth auslegſt.“ „Hubert's Benehmen?“ fragte Frau Depping überraſcht. „Ja. Wenigſtens deutete Poldy, als ſie Dir vorhin den Beſuch der Lady Elmore auf Nachmittag anmeldete, darauf hin. Sieh, Mama, es liegt dann in Deiner Macht, die un⸗ gezogenen Huldigungen Deines älteſten Sohnes, welche den Damen Ringforth's verbieten, Dich in Deinem Hauſe auf⸗ zuſuchen, dadurch zu entkräften, daß Du dem jungen Mädchen wenigſtens, freundlich und gütig entgegenkommſt, wenn Du Urſula irgendwo antriffft.“ „Das wird nicht geſchehen, mein Sohn Arnold,“ brach Dame Depping barſch heraus.„Ich bin durch mein Alter berechtigt, Artigkeiten und Zuvorkommenheiten zu fordern, aber nicht ſie zu erweiſen, wenn man mir durch Stolz einen Rangunterſchied bemerklich gemacht hat. Fräulein Urſula Ringforth iſt die Tochter eines ſuspendirten Staatsbeamten, ich aber bin Frau Depping, zwar nur die Wittwe eines Fa⸗ brikanten, indeß eine Wittwe, der ihre Mittel erlauben, fürſt⸗ lich zu leben.“ Sie rauſchte zum Zimmer hinaus, und ihre Schleppe zog hinter ihr her wie ein Kometenſchweif. —— 4— 106— Arnold blieb ſitzen und ſtützte den Kopf in beide Hände, während er in ein unruhiges Sinnen verfiel. Neu belebt hatte er ſich warm und voll wahrhafter Reue über ſeine Geiſteserſchlaffung dem Sterne zugewendet, der ihm ein Lohn ſeines erneuten Strebens werden konnte. In angemeſſener Beſcheidenheit hatte er die Bekanntſchaft mit dem Vater Urſels angeknüpft, aber, durch den Spott ſeines Bruders ver⸗ anlaßt, es beharrlich vermieden, mit ſ einer wachſenden Neigung hervorzutreten. Er wollte erſt der Beamtenwelt zeigen, daß er würdig ſei, in ihren Kreis zurückzukehren, bevor er es wagte, um die Tochter eines der geachtetſten Beamten zu werben. Er fühlte ſich geheiligt durch ſeine ſtille, tiefe Liebe; aber er fühlte ſich des Erfolges nicht ſicher und doch nicht kühn genug, um vorwärts zu ſchreiten. In kurzer Zeit mußte er die Heimath verlaſſen. Wenn ſein Bruder ſeine Abweſen⸗ heit benutzen wollte, ſo ging ihm verloren, was ſeines Daſeins Sonne werden ſollte. „Ich halte es nicht aus,“ flüſterte er in ſtiller Ver⸗ zweiflung;„ich halte es nicht aus— der Gedanke tödtet alle Geiſtesfunken in mir. Ich muß mit Ringforth reden; ich muß mir das Recht erweben, Urſula ſchützen zu dürfen; ich muß wiſſen, was ich nach den Tagen geiſtiger An⸗ ſtrengung zu hoffen oder zu fürchten habe. Meine Bewer⸗ bung um das liebliche Mädchen iſt verfrüht, ich gebe es von vorn herein zu; aber Ringforth kann mein ehrliches Wort nicht falſch verſtehen, und Urſula— Urſula?“ Ein Lächeln voller Glückſeligkeit war die ſtille Antwort auf dieſe Frage. Ihr Auge hatte ihm ſchon verrathen, daß ſie in ihrer Kindes⸗ unſchuld und Herzensreinheit einen Unterſchied zwiſchen ihm und ſeinem Bruder gemacht, daß ſie Vertrauen zu ihm ge⸗ faßt hatte. — — 107— Arnold quälte ſich wie alle Liebende mit Befürchtungen und Sorgen, die in ſeinem eigenen Herzen begründet waren. Er verfiel nicht darauf, daß ſein Bruder ganz andere Pläne verfolgte. Er dachte nicht daran, daß Hubert ſtets Neigung gezeigt, das Leben in jener extravaganten Weiſe zu genießen, die den ariſtokratiſchen Kreiſen als Norm dient, und daß er jenem Ehrgeize huldigte, der ſich durch die Ausſicht auf eine erhöhte geſellſchaftliche Stellung zu Allem willig finden läßt. In der dunkeln Quelle dieſer Selbſtſucht ruhete allerdings der erſte Anlaß zu Hubert's Benehmen gegen die Mutter des Mädchens, das ihn feſt und ſicher in die Schranken des Anſtandes gebannt hatte. Zuerſt von leichten Rachegedanken getrieben, dann aber amüſirt und angezogen von der merklichen Belebung ſeines kalten Innern und zuletzt vollkommen entzückt von dem Ge⸗ heimniß des Spieles mit einer Dame, die ihm die letzten Blüthen ihrer jugendlichen Liebenswürdigkeit im Zauber der Koketterie darbot, ohne ihm die geringſten Freiheiten zu ge⸗ ſtatten; füllte er die Zeit ſeines langweiligen Aufenthaltes um ſo lieber mit dieſem Amüſement aus, als es ihm außer der angenehmen Beſchäftigung die Hoffnung eröffnete, ſich dadurch in einer Familie der Reſidenz heimiſch zu machen, die mit den höhern Kreiſen in Verbindung ſtand. Das Ziel ſeines kleinlichen Ehrgeizes, die Höhe der Geſellſchaft zu er⸗ ringen und ſich, als reicher Mann, darin unabhängig zu be⸗ haupten, war dann erreicht. Es ergötzte den jungen Mann, ſich ſelbſt mit ſeinen theatraliſchen Zurüſtungen in die Bahnen zu bringen, die ihm bis dahin verſchloſſen geweſen waren; und er ſpielte um ſo ſicherer mit innerlichen Flammen, die ihn und den Gegenſtand ſeiner Huldigung in ein falſches — 108— Licht zu ſetzen vermochten, als er ihrer beiderſeitigen Herzens⸗ kühle gewiß war. Was dabei an Achtung und Familien⸗ glück verloren ging, kümmerte ihn nicht. Nachdem Hubert erfahren hatte, mit welchem Bahnzuge Frau Adele die Stadt verlaſſen und ihre Reiſe nach der Reſidenz antreten würde, verfügte er ſich im Schlendrian eines gelangweilten Spazirgängers nach dem Bahnhofe. Er hatte die verwegene Abſicht, ſich der Dame„als Reiſege⸗ fährten durch Zufall,“ zu präſentiren und den Erſtaunten zu ſpielen, daß er ſie auf der Tour nach der Reſidenz traf. Natürlich mußte dieſe Scene erſt bei der zweiten Station, wo ein Bahnwechſel eintrat, aufgeführt werden; deshalb wurde es nöthig, ſich ſo ſchleunig wie möglich in ein Coupé zu ſetzen, fortzudampfen und der Zeit zu harren, wo ſein be⸗ rechneter Plan ausgeführt werden konnte. Als er den Bahnhof betrat, fiel ſein Blick auf eine Männergeſtalt, die mit Schirmſtock, Handkoffer und Reiſe⸗ plaid ausgerüſtet, augenſcheinlich im Begriff war, ebenfalls den Bahnzug nach der Reſidenz zu benutzen. „Es iſt der Schulrath— wahrhaftig— der Schulrath,“ murmelte Hubert, ſich hinter ihm wegſchleichend, mit unter⸗ drücktem Lachen.„Sehen wir, was der alte Junggeſell hier will. Auf Ehre! macht der heilige Mann mir einen Quer⸗ ſtrich durch meine Entwürfe, ſo kündige ich ihm meine Freund⸗ ſchaft für immer.“ Der Zug brauſete heran. Flugs nahm Hubert ein Billet und barg ſich in den Hintergrund eines Rauchcoupés, obwohl er keine Leidenſchaft für's Rauchen hatte. Sein Auge hütete jede Bewegung des Schulraths Meineke. Jetzt fuhr eine Droſchke an, welcher eiligſt Herr Ringforth ent⸗ —— — 100— ſtieg, um ſchnell das Fahrbillet zu beſorgen. Der Schul⸗ rath wendete ſich. Hubert merkte, daß er nicht geſehen ſein wollte. Im Wagen ſaßen außer Frau Adele ihre Kinder, die langſam ausſtiegen und dem Vater entgegen ſahen. Das Signal zur Abfahrt wurde gegeben. Ringforth kam zurück, zwei Billette in der Hand; ein Koffer wurde dem Bahn⸗ bedienten zur Beſorgung übergeben. Frau Adele küßte mit Herablaſſung und Güte ihre Kinder, nahm den Arm ihres Gatten und ließ ſich von ihm in den Waggon heben. Hubert theilte ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen der Familiengruppe und dem Schulrath, der verſtohlen Herrn und Frau Ringforth beobachtete und mit dem vollen Ausdrucke getäuſchter Hoff⸗ 5 nungen Beide im Waggon verſchwinden ſah. Es war er⸗ ſichtlich, daß er darauf die unvorhergeſehene Begleitung der ſchönen Frau in Erwägung zog, daß er die Folgen davon bedenklich prüfte und dann einen Entſchluß faßte. Er trat . in das Wartezimmer zurück. Das zweite Signal ertönte, der Zug ſetzte ſich in Bewegung, und der Schulrath blieb zurück. „O, der Narr, der Narr,“ frohlockte Hubert,„daß ihm entging, wie nur die Mutter Abſchied von den Kindern nahm und nicht auch der Vater, woraus zu ſchließen iſt, daß Herr Ringforth noch heute mit dem Abendzuge heimkehrt, mithin nur bis zur Station Gersheim fährt, wo Frau Adele den Waggon wechſelt und meinem Schutze anheimfällt. Heut Abend zehn Uhr ſind wir in der Reſidenz, und ich werde dort als hilfreicher Geiſt meine Schuldigkeit thun.“ Zwei Stunden ſpäter erhielt Frau Depping zu ihrem Erſtaunen ein Telegramm folgenden Inhalts:„Sorg —— — 110— Ddich nicht um mich, ich habe eine kleine Fahrt durch's Land aangetreten. Vorläufig will ich erſt das Terrain recognos⸗ ciren. Hubert.“ Die Depeſche war in Gersheim aufgegeben. Gersheim war der Knotenpunkt aller möglichen Eiſenbahnen. Wohin ſich Hubert zu verfügen beſchloſſen, war alſo daraus nicht erſichtlich. Hatte der Zufall ihn nach Gersheim geführt? Der Mutter des jungen Mannes ahnete nicht, daß er durch ſeine Unbeſonnenheit des Schickſals Macht heraus⸗ gefordert hatte. Achtes Kapitel. Frau Depping hatte übrigens keine Zeit, über dieſe un⸗ begreifliche Laune ihres Sohnes Hubert nachzudenken. Ihr war, wie ſchon erwähnt iſt, von Leopoldinen die höchſt er⸗ freuliche Anmeldung zugegangen, daß Lady Elmore mit ihren Knaben den Thee bei ihr einzunehmen gedenke, und dieſe Nachricht hatte ſie in eine geſteigerte Thätigkeit verſetzt. Trotzdem Leopoldine ſie dringend gebeten hatte, den Be⸗ ſuch der Lady einfach als eine Kundgebung ihrer Erkennt⸗ lichkeit zu betrachten, ſo hielt ſie ſich doch für verpflichtet, Alles zu thun, um die Dame mit ſtrahlendem Aufwande zu mepfangen. Wenn eine Frau vom Rang und Stande der Lady in ihren Salons Thee trinken wollte, ſo mußten dieſe feſtlich hergerichtet ſein, feſtlich geſchmückt und feſtlich ausgeſtattet mit dem, was Mund und Magen verlangte. Am liebſten à A 2ℳ 111 hätte Dame Depping in ihren kleinbürgerlichen Auffaſſungen ſogar die parquetirten Fußböden der Zimmer ſchnell auf⸗ poliren laſſen, um dem vornehmen Beſuche mit der blitzend⸗ glatten, gefährlichen Reinlichkeit zu imponiren; allein, das hatte Poldy wohlweislich geradezu verboten, und es be⸗ ſonders betont, daß der geringſte Terpentingeruch die Lady abhalten werde, die Schwelle des Hauſes zu überſchreiten. Alſo gebohnt und polirt durfte nicht werden, eben ſo wenig geräuchert; aber was ſich ſonſt bürſten, putzen und blank machen ließ, das entging dem Schickſal einer gründ⸗ lichen Reviſion nicht. Dann belud Dame Depping die ſilbernen Kuchenteller mit feinem, ſchweren Backwerk, thürmte Schüſſeln voll Butter⸗ ſchnitte, Tellern voll Fleiſchwaaren und Delikateſſen, packte die Zuckerſchaale voll Zuckerſtücke, ſtellte das prächtige, neue Theeſervice mit den ſilbernen Kannen auf den Theetiſch in's richtige Licht, öffnete alsdann die Flügelthüren, um ihrer Wohnung einen impoſanten Anſtrich zu geben— und alle dieſe Anſtrengungen um einer einzigen Dame willen, welcher dergleichen Schauſtellungen ſehr gleichgiltig waren! Frau Depping folgte indeß bei dieſer Gelegenheit ihrem Grundſatze, der ſich ſeit dem Tode ihres Mannes in ihr ent⸗ wickelt hatte. Die Verhältniſſe hatten ſich ſehr verändert ſeit der Zeit, wo Lady Elmore nur als eine gute Mietherin betrachtet worden war. Frau Depping war, nach ihrem Dafürhalten, der Nobleſſe um einige Stufen nähergerückt; ſie mußte, nach ihrer Meinung, der Welt zeigen, daß ſie jetzt eine Anwartſchaft auf den Verkehr mit der höheren Geſell⸗ ſchaft hatte, daß ihre Mittel ihr erlaubten, ſich in Reih⸗ und Glied mit der Ariſtokratie zu ſtellen. Frau Depping — 112— glaubte, wie Viele in ihren Wittwenverhältniſſen, das, was ihr an Bildung des Geiſtes fehlte, durch äußern Prunk er⸗ ſetzen zu könen. Da ſie bei alledem eine gewiſſe Gutherzig⸗ keit bewahrte, ſo überſah man im Allgemeinen ihre etwas lächerliche Geſpreiztheit und ließ ſie nach ihrem Gutdünken ſchalten und walten. Punkt ſechs Uhr erſchien Lady Elmore am Arme Leo⸗ poldinen's im Depping'ſchen Hauſe und wurde von Frau Depping mit dem feierlichen Anſtand einer Dame empfangen. Lächelnd überflog der Blick der Lady die Vorbereitungen zu ihrem friedlichen Beſuche. Sie war durch Leopoldinen’'s Mit⸗ theilungen zwar ſchon vorbereitet auf den mächtigen Um⸗ ſchwung der Depping'ſchen Verhältniſſe und Weltanſchauungen, aber was ſie hier an übertriebenem Luxus vorfand, übertraf dennoch ihre Erwartungen. Beſonders komiſch erſchien ihr der Ueberfluß von Purpurroth und Saftgrün, der ſich in den Sophabekleidungen, Tiſchdecken, Portiéèren und Gardinen⸗ behängen geltend machte. Leopoldinen's Augen hafteten da⸗ gegen erſchrocken auf den Bergen von Lebensmitteln, womit mindeſtens zwei Dutzend Damen ſatt gemacht werden konnten, und ſie trat mit der Miene eines ausgeprägten Mißbehagens an den Theetiſch, um ſich der Bereitung des Thee's zu unterziehen. Frau Depping entging das Mißfallen ihrer Nichte nicht. 4 Sie warf ſich etwas in's Weſen und ſagte mit feierlichem Lächeln:„Jeder in ſeinem Kreiſe, nach ſeiner Weiſe, meine gnädige Frau! In meinem Hanuſe iſt's Sitte, meinen Gäſten zu zeigen, daß vollauf für ihre Naturalverpflegung geſorgt wurde. Es mag ein veraltetes Herkommen ſein, in Eſſen und Trinken ſeine Gaſtfreundſchaft zu beweiſenz allein — 113— ich meine, wenn auch Alles aus der Vorzeit verdammt wird, das Eſſen und Trinken bewährt noch jetzt ſeine Macht und ſeine Kraft. Habe ich Recht, Mylady?“ „Theilweis, ja!“ erwiderte die vornehme Dame lächelnd. „Sehen Sie die freudeglänzenden Blicke meiner Knaben, Madame. In der Kinderſeele, wo das Materielle noch die Grundlage der natürlichen Freuden bildet, beherrſcht die Luſt eines ſolchen Genuſſes noch alles Andere.“ „So mögen die jungen Lords meiner altdeutſchen Gaſt⸗ freiheit Beifall zollen,“ ſprach Frau Depping mit herzlichem Kopfnicken. Während Leopoldine den Thee bereitete, fragte die Lady nach den Söhnen der Hausfrau. Sie hörte mir einigem Bedauern, daß ſie Beide nicht zu Hauſe ſeien. „Das ſind freie Herren geworden, Mylady,“ gab Frau Depping mit Selbſtgefühl zur Antwort.„Hubert hat ſeine Epauletten in den Kaſten gelegt, und was er für Pläne in Bezug auf ſeine ſpätere Lebensſtellung hegt, weiß ich nicht; er ſagt es mir nicht, und ich frage auch nicht danach. Heut' iſt er plötzlich auf und davon geflogen. Wohin, das mag der Himmel wiſſen. Von Gersheim ſchickte er ein Tele⸗ gramm mit der einfachen Meldung: er wolle das Terrain recognosciren.“ Mit ſichtlicher Betroffenheit hatte Poldy zugehört. „Wann iſt Hubert gereiſt? Ich habe ihn noch Nachmittag am Fenſter geſehen,“ ſagte ſie beklommen. „Wahrſcheinlich mit dem Courierzug,“ antwortete Frau Depping. „Vielleicht hat er die Abſicht, wieder in Dienſt zu treten,“ meinte die Lady. Ernſt Fritze: Kampf überall. 8 — 114— „Iſt unmöglich,“ entgegnete Frau Depping, ſchlau lächelnd.„Hubert iſt invalid—.“ „O, wurde er 1866 verwundet?“ fragte die Dame ver⸗ wundert und theilnehmend. „Das nicht,“ erklärte Frau Depping,„Hubert iſt gar nicht zur Action gekommen. Aber als ſein Vater geſtorben war, zeigte es ſich, daß er an dem Familienübel der Deppings litt, worauf mein Sohn Arnold vom Soldaten⸗ dienſte frei geworden.“ „Ein Familienübel?“ ſchaltete die Lady ein.„Ich ſah nie kräftigere Männergeſtalten, als Ihren verſtorbenen Gatten und ſeine Söhne.“ Frau Depping wiegte bedeutſam ihren Kopf, bevor ſie antwortete:„Es iſt auch nichts weiter, als eine Lahmheit der Füße nach anſtrengendem Gehen. Bei Arnold war das Uebel ausreichend vorhanden, um ihn invalid zu machen, bei Hubert ſtellte es ſich erſt nach den Strapazen des Krieges ein. Er nahm ſeinen Abſchied. Aber zu ſeinem Aerger er⸗ hielt er den Abſchied, ohne zum Hauptmann erklärt zu werden, obwohl er längſt Premierlieutenant geweſen. Das grollt ihn, und er hat ſchon mehrfach davon geſprochen, ſich Fürſprache zu verſchaffen, um nicht als„ewiger Lieutenant in der Weltgeſchichte dazuſtehen,“ wie er ſich ausdrückt. Vielleicht liegt hierin der Grund ſeiner haſtigen Reiſe.“ Leopoldine athmete froh auf.„Danach wäre zu hoffen,“ dachte ſie beruhigt,„daß nicht leichtfertige Abſichten anderer Art ſeine Reiſe bewerkſtelligten.“ „Durch Fürſprache am rechten Orte iſt freilich Manches zu erlangen,“ meinte die Lady, indem ſie die gefüllte Thee⸗ taſſe aus Leopoldinens Händen nahm und ihr einen Blick 4 — 115— des Verſtändniſſes zuwarf,„indeß muß man auch die rich⸗ tigen Wege zu gehen wiſſen, um ſich Fürſprache zu er⸗ werben und dabei Unvorſichtigkeiten vermeiden.“ „Darüber ſind wir einig, gnädige Frau,“ ſagte Frau Depping treuherzig,„und Hubert ſah von Anfang an ſehr gut ein, daß ihm ein Beſuch bei dem Herrn Ringforth un⸗ bedingt ſchaden würde—“ „Daß ihm jedoch die Bekanntſchaft mit der Nichte der Generalin Kynar nützen könne,“ fiel Leopoldine raſch und mit Abſicht ein, indem ſie verſtohlen auf die Elmore'ſchen Knaben deutete, die ihre kleinen Naſen verrätheriſch empor⸗ ſtreckten und ihre Ohren bei dieſer Wendung des Geſpräches ſpitzten.„Es iſt durchaus kein Geheimniß,“ fuhr ſie gleich⸗ müthig fort,„daß Hubert mit Frau Ringforth mehrfach Geſpräche im Lindner'ſchen Garten hielt, die ſicherlich keinen anderen Zweck hatten, als den Einfluß der Frau Ringforth auf ihre Tante zu benutzen.“ „Poldy, verſtehe ich Dich recht? Hubert— Geſpräche mit Frau Ringforth— im Lindner ſchen Garten?“ fragte Frau Depping voll Erſtaunen.„Das iſt nicht möglich!“ Leopoldine zeigte leichthin auf die Knaben, während ſie aantwortete:„Unſere Lords haben's ihrer Bonne erzählt, daß Hubert mit Frau Ringforth im Garten ſpaziren gehe.“ „Ei, der Tauſend!“ rief Frau Depping lachend und in völliger Unbefangenheit.„Wie ſchlau vom Hubert! Haben Sie denn verſtehen können, was die Beiden zuſammen ge⸗ ſprochen haben, junger Herr Albin?“ wendete ſie ſich zum Aelteſten. „O ja,“ gab der zehnjährige Knabe ſchwerfällig, aber deutlich in deutſcher Sprache zur Antwort,„ich verſtehe gut deutſch, weil Mama deutſch ſpricht.“ 8* — 116— „Nun? Und was ſagte mein Sohn Hubert zu der Dame Ringforth,“ examinirte Frau Depping ergötzt weiter. „Er ſagte:„Ich bewundere Ihren Geiſt und Ihre Schönheit,“ referirte der Knabe mit angebornem Ernſt und mit vorzeitiger Würde. Eine Pauſe folgte dieſer unverhofften Offenbarung. Lady Elmore machte dem drückenden Schweigen ein Ende.„Bitte, theure Poldy, geben Sie den Knaben ihren Thee, und laſſen Sie dieſelben ungehindert Gebrauch von der Gaſtfreundſchaft unſerer guten Frau Depping machen. Dann aber mögen die Knaben ſich empfehlen. Sie haben die Abſicht, unter der Aufſicht Urſula's dem Vater derſelben entgegenzugehen, der mit dem Achtuhrzug von Gersheim zurückkehrt, wohin er ſeine Gemahlin begleitet hat.“ Frau Depping ſchien plötzlich zu begreifen, was man ſowohl ihrem Sohne, als der ſchönen Frau Ringforth zur Laſt legen könne. Sie war ſo klug zu ſchweigen, bis die Knaben, vollkommen geſättigt und mit allerlei Kuchenwerk für den Spazirgang bepackt, das Haus verlaſſen hatten. Dann erſt rückte ſie ſich behaglich zurecht, legte die Arme graziös übereinander und ſagte mit Pathos: „Mein Sohn Hubert ſcheint verrückt geworden zu ſein, Mylady! Haſt Du denn davon gewußt, Poldy? Mir ſteht der Verſtand ſtill! Was denkſt Du darüber?“ „Aber, beſte Tante, die Sache iſt ja jetzt leicht zu er⸗ klären und leicht zu begreifen,“ entgegnete das junge Mädchen klugerweiſe.„Hubert will das Terrain recognos⸗ ciren, er iſt nicht ſehr wähleriſch bei ſeinen Mitteln zum Zweck verfahren.“ „Ich glaube, Poldy hat Recht, Mylady,“ ſprach Frau — 117— Depping, mit fragendem Blick ihrem vornehmen Gaſte zuge⸗ wendet. Die Dame neigte leicht das Haupt.— „Was weiter folgt, läßt ſich nicht vorausſehen,“ fuhr Leopoldine mit traurigem Tone fort.„Mir thut meine kleine Urſel leid! Ich fürchte, ſie weiß von der tadelnswerthen Schwäche ihrer Mutter mehr, als ſie merken läßt.“ „Gewiß weiß ſie davon,“ ſagte die Lady tief aufathmend. „O mein Gott, welch' ein trauriges Schickſal, die eigene Mutter nicht achten, ſondern nur dulden und ſchonen zu müſſen! Ich halte mich des lieben Mädchens wegen für ver⸗ pflichtet zu geſtehen, daß ich weiß, es iſt nicht das erſte Mal, wenn Urſel's Vater in liebevoller Vergebung einen Schleier über die unvorſichtigen Koketterien ſeiner Gemahlin zieht.“ „Mein Gott, mein Gott!“ flüſterte Frau Depping auf s Höchſte beunruhigt,„und mein Sohn, mein eigener Sohn; ſo etwas iſt ja nie in unſerer Familie paſſirt! Hubert wird doch dieſe Schande nicht auf ſeinen ehrlichen Vatersnamen bringen;— was ſind das für Streiche!“ Das ganze, ſchwere Gewicht aller Sitten⸗ und Moralgeſetze, die ſie in ihrer Jugend mit Andacht auswendig gelernt, machte ſich in der erſchütter⸗ ten Frau geltend. Lady Elmore empfand Mitleid für ſie.„Beunruhigen Sie ſich nicht allzu ſehr, liebe Frau Depping,“ ſagte ſie, liebkoſend ihre Hand auf ihren Arm legend und ihr in's Geſicht ſchauend, das vom Schrecken und Unwillen ſtark verändert war.„Der härteſte Tadel würde die Dame treffen. Die Stimme der Welt urtheilt ſcharf und ſchonungslos über Frauen, welche ihr Amüſement in ſolchen leichtfertigen Bündniſſen ſuchen, während ſie ſich über die Vergehungen der Männer kaum erhebt. Eine traurige Rolle ſpielt der Gemahl einer Koketten eere:rers — 118— und eitlen Weltdame; er wird bald bemitleidet, bald ver⸗ ſpottet, bald ausgelacht. Die Beklagenswertheſten dabei ſind ſtets die Kinder und namentlich die Töchter einer Frau, die fehlgegangen; denn ihnen hängt der Makel der Mütter an.“ „Aber doch nicht der jungen Dame dort drüben?“ fragte Frau Depping eifrig.„Wer könnte es wohl über's Herz bringen, dies reizende und verſtändige Mädchen zu verdäch⸗ tigen?“ fügte ſie bewegt hinzu. „Niemand, welcher Urſula kennt, Niemand!“ rief Leopoldine mit Begeiſterung. „Aber, wer ſie nicht kennt, wird ſich nicht entblöden, ſie als die Tochter einer nicht fleckenlos daſtehenden Mntter zu betrachten,“ ſagte die Lady ausdrucksvoll. „Was läßt ſich da thun, gnädige Frau? Ich bin in Ver⸗ zweiflung, daß mein Sohn Hubert ſolche alberne Geſchichten angefangen. Er wird doch Frau Ringforth nicht etwa ent⸗ führen wollen, wie immer in den Romanen erzählt wird?“ „Schwerlich,“ ſagte Leopoldine geringſchätzig lächelnd. „Hubert handelt mit kaltem Herzen—“ „Und Frau Ringforth ebenfalls,“ fiel die Lady ein.„Es heißt hier nur den äußern Schein wahren; innerlich iſt kaum etwas zu fürchten. Aus dieſem Grunde, Frau Depping, ver⸗ nichten Sie das Telegramm, und reden Sie nie davon, daß Ihr Sohn unvermuthet abgereiſt iſt. Stirbt die Generalin, woran ich noch ſtark zweifle, ſo beſchäftigt der Traueranzug die Dame Ringforth eben ſo angenehm wie die Albernheit, hinter dem Rücken ihrer Familie ſich Rendezvous zu geben.“ „Meinen Sie, gnädige Frau?“ fragte Hubert’'s Mutter mit Exaltation.„Nun, ſo wünſche ich von ganzem Herzen, daß die Generalin das Zeitliche ſegnen möge, damit der Sache — 119— mit einem Schlage ein Ende gemacht iſt. Schon die ſchöne Erbſchaft würde Frau Ringforth auf andere Gedanken bringen.“ Die Erbſchaft iſt ihr nicht unbedingt ſicher,“ warf Lady Elmore ein.— „Nicht? Kennen Sie die Generalin Kynar, Mylady?“ „Die Generalin kaum, aber ihre Verhältniſſe. Das Ver⸗ mögen, welches ſie beſitzt, ſtammt von ihrem verſtorbenen Gemahl; aber ſie kann frei darüber verfügen. Verfügt ſie nicht teſtamentariſch darüber, ſo geht Frau Ringforth leer aus.“ „Richtig! etwas Aehnliches hat der geiſtliche Rath Meineke behauptet,“ bekräftigte Frau Depping.„Um Gotteswillen, da mag ſich die Dame nur hüten, daß der ſtrengen und ſtolzen Frau Tante nicht die unerhörte Albernheit meines Aelteſten zu Ohr kommt!“ „Darüber würde die Tante hinwegſehen, wenn es ihr gerade zweckdienlich wäre,“ ſprach Lady Elmore mit dem ihr eigenthümlichen Weſen, das ein Gemiſch von Sanftmuth und Beſtimmtheit war. Frau Depping öffnete ihre Augen etwas mehr als nöthig war bei dieſen Worten, wagte aber nicht zu widerſprechen. Hingegen Leopoldine warf ſich zur Vertheidigerin der Ge⸗ neralin auf, indem ſie entgegnete:„Ich dächte, die geſellſchaft⸗ lichen Geſetze bildeten für alle höheren Kreiſe Schranken, über die Niemand eigenmächtig hinaus greifen könne, ohne Anſtoß zu geben.“ „Die Generalin hat ſchon öfter den Muth bewieſen, nach ihren eigenen Einfällen zu handeln, ohne ſich um das Urtheil der Welt zu kümmern,“ antwortete Lady Elmore.„Wie ge⸗ ſagt, perſönlich habe ich die Dame Kynar kaum kennen ler⸗ — 120— nen, als ich noch als Hofdame der Prinzeß Marie in der Reſidenz lebte. Meine Prinzeß liebte den Cirkel nicht, zu dem ſich die Generalin hielt; und ſelbſt als es der alten, herrſchſüchtigen, bigotten Frau gelungen war, ſich durch eine hochgeſtellte Dame in den Kreis einzuführen, der unſere alte Königin umgab, blieb ſie mir fern, weil Prinzeß Marie ſie mied. Sie wundern ſich darüber, meine Damen? Ihnen er⸗ ſchien die Kynar liebenswürdig? Glauben Sie mir, ſie iſt eine gefährliche Frau! Ohne fertige Geiſtesbildung dominirt ſie dennoch durch ihre Geiſteskraft. Sie hat mit dämoniſcher Macht den Widerſtand ihres einzigen Kindes gebrochen, als dieſer Sohn eine Braut wählte, die, als Tochter des freiſin⸗ nigſten Staatsbeamten, Einfluß auf ſeine politiſchen Geſin⸗ nungen gewann. Das Verlöbniß ging zurück. Ein Jahr ſpäter traf eine öſterreichiſche Kugel das Herz des jungen Mannes, welches in ſelaviſcher Unterwerfung den Befehlen der Mutter gehorſam geweſen war. Was für Mittel ſie an⸗ gewendet hatte, um ihren Sohn zu beſtimmen, das Verhält⸗ niß mit Leona Dorbeck zu löſen, weiß man natürlicherweiſe nicht, allein die ganze hohe Welt nahm Partei für das liebens⸗ würdige Mädchen, und mein Gemahl erhielt ſogar insgeheim Inſtructionen von einer der fürſtlichen Damen, die darauf hinzielten, dem Rittmeiſter Kynar ſein ſchweres Unrecht be⸗ greiflich und die Folgen davon anſchaulich zu machen. Mein Gemahl hat damals eine Unterredung mit der Dame Kynar gehabt. Er zeigte ſeitdem einen entſchiedenen Widerwillen gegen dieſelbe. Seine Stellung als Attaché bei der Geſandt⸗ ſchaft nöthigte uns dann zu einer ſchleunigen Rückkehr nach England, und ich hörte erſt nach ſeinem Tode wieder von der Affaire, die damals ſo viel Aufſehen in meiner heimath⸗ — 121—. lichen Reſidenz gemacht hatte. Der Schluß durch den Krieger⸗ tod des Rittmeiſter Kynar erſchien mir tragiſch, er weckte perſönliche Gefühle für die beraubte, ſchwer geprüfte Mutter in mir. Zu meinem Befremden hörte ich, daß die Generalin der Theilnahme nicht bedürfe, daß ſie im Heiligenglanze ihr Schickſal trüge, und daß ſie befliſſen geweſen, durch den Schickſalsſchlag ein größeres Anſehen zu erringen. Sie ſoll jetzt im Mittelpunkte der Miſſion für die innere Politik des Landes ſtehen.“ Leopoldine hatte ſich bisher ſchweigend verhalten, wie ſie immer zu thun pflegte, wenn ſie ſich ein Urtheil über den Gegenſtand des Geſpräches bilden wollte. Jetzt brach das perſönliche Intereſſe für Ringforth ihr Schweigen. „Wie ſteht in dieſem Falle die Generalin zu dem Gatten ihrer Nichte?“ fragte ſie lebhaft. „Gewiß feindlich,“ gab die Lady zur Antwort;„denn Ringforth iſt ein entſchiedener Gegner ihrer Partei. Man hat ſchon längſt erwartet, daß er aus Rückſicht für die Tante ſeiner Frau eine leichte Schwenkung zum Rückzug machen werde.“ „Das hat man von Ringforth erwartet?“ fragte Leo⸗ poldine entrüſtet.„O, dann erkennt man den Mann in ſeinen edeln Beſtrebungen nicht! Ringforth gehört nicht zu den Parlamentsrednern, die aus Nebengründen ſich dem con⸗ ſtitutionellen Leben weihen; er offenbart nicht aus Eitelkeit die Erfahrungen und Studien, die ihn zu der Stellung eines Abgeordneten befähigen.“ „Man wird aber Mittel und Wege finden, ihn eben des⸗ halb zu beſeitigen.“ „Allerdings, denn der Anfang dazu iſt ſchon gemacht, indem man ihn ſuspendirte.“ — 122— „Man wird ſo lange intriguiren, bis er mürbe geworden wie ſchon viele Andere.“ „Ein Ringforth wird nie muthlos!“ „Wohl ihm, wenn Sie recht behalten, Leopoldine,“ ſchloß die Lady das Geſpräch und drückte dem jungen Mädchen warm die Hand.„Mein verſtorbener Gemahl war derſelben Anſicht wie Sie. Er hielt Ringforth für den Mann, unter deſſen Geißel, die er redlich und kräftig ſchwinge, die Partei zuſammenbrechen müſſe, die ſich unheilvoll des Staats⸗ ruders bemächtige.“ Die Dame erhob ſich und ſchickte ſich an Abſchied von Frau Depping zu nehmen, obwohl dieſelbe feierlichſt Proteſt gegen die Kürze ihres Beſuches einlegte. „Ich komme wieder,“ ſagte ſie freundlich,„ich komme bald wieder zu einem Plauderſtündchen, aber ich mache es zur Bedingung, daß Sie morgen bei mir den Thee ein⸗ nehmen. Wollen Sie?“ Frau Depping auf's Aeußerſte erfreut, verſprach es mit Hand und Mund. „Ohne große Toilette, Tantchen,“ flüſterte Leopoldine ſcherzend.„Wir ſind unter uns, und Dein ſchwarzes Seiden⸗ kleid ſteht Dir am beſten.“ Nach dieſer Ermahnung beeilte das junge Mädchen ſichtlich den Aufbruch. Sie fühlte das Verlangen, durch eine Frage an Urſula den Druck von ihrem Herzen zu löſen, der ſie ſeit der Nachricht von Huberts ſeltſam geheimnißvoller Abreiſe beläſtigte. Was ſie von Urſula hörte, beruhigte ſie gänzlich. Von Hubert keine Spur; wohl aber hatte Urſel mit Mißbehagen die Anweſenheit des geiſtlichen Rathes bemerkt, war auch keineswegs von ſeinem Zurückbleiben befriedigt, ſondern hegte — 123— die Ueberzeugung, daß auch er von dem Geſellſchaftsfräulein der Generalin berufen, und daß etwas gegen ihren Vater im Werke ſei. Das Tochterherz nahm Partei für den Vater, ohne die Mutter zu tadeln, als ſie, einmal angeregt von Leopoldinen's Theilnahme, ſich in lebhafter Weiſe über die Stellung ihrer Eltern zu einander ausließ. Indeß zu Offen⸗ barungen früherer Ereigniſſe kam es nicht. Wußte ſie nicht von dem, was die Welt darüber geredet hatte? Leopoldine vermied zartfühlend jede Andeutung von Huberts Abreiſe, um nicht durch ihren Verdacht einen Tropfen Gift in Urſula's reines, ſtreng ſittliches Gemüth zu ſchleudern. Ob nicht dennoch ein Funken Argwohn in ihr Inneres ſprühete und durch die Entwicklung der Verhältniſſe Nahrung fand, bis die hellen Flammen der Erkenntniß vor ihr aufſchlugen, wer kann das wiſſen! Es war ihr weh' und bang um's Herz, als ſie den Vater von der Begleitung ihrer Mutter heimkehren ſah, als ſie in ſeinem wehmüthigen Ernſt die Erklärung las, daß es ihm ſchwer geworden war, gegen ſeinen Vorſatz zu handeln. Sie wußte es, was er ſich gelobt hatte, und ſie mußte dies Gelöbniß als die einzige Rettung in den drückenden Verhältniſſen anerkennen, welche die Mutter trotz ihres unverkeinbaren Kaltſinnes ihrer Familie wieder zuführen konnte. War das Schickſal auch hier grauſam gegen ihren Vater und durchkreuzte mit Hohn ſeine Pläne? Seit der Nachricht von der Erkrankung der Generalin lag es wie Gewitterſchwüle um Ringforth; er wußte nur nicht recht, wie und woher ihn der erſte Schlag treffen könne. Bedrückt von ſeinen unklaren Empfindungen wanderte er ruhelos im Zimmer hin und her, nachdem er mit ſeinen — 124— Kindern zu Abend gegeſſen und Curt ihm gute Nacht ge⸗ ſagt. Sonſt frei von thörichter Empfindelei, mehr durch die Macht der Gewohnheit zu der Vereinigung mit ſeiner Gattin gezogen, fühlte er jetzt in der Einſamkeit jene un⸗ heimliche Beängſtigung auftauchen, die das Menſchenherz ergreift, wenn der Tod vernichtend neben ihm aufgetreten iſt. Er glaubte ſich unbeobachtet und legte allen Zwang ab. Die Maske der Gelaſſenheit, womit er ſeine innere Unruhe verdeckte, ſchwand nach und nach, und der düſtere Trübſinn, der mit ſtillem Verdruß über die Schickungen gemiſcht war, welche ſeine Pläne vernichteten, trat mehr und mehr hervor. Ohne den Blick, zu erheben, war er ſchon mehrmals am dicht verſchloſſenen Fenſter vorübergeſchritten; plötzlich aber blieb er davor ſtehen und riß die Flügel mit einer Heftig⸗ keit auf, als fehle es ihm an Luft zum Athemholen. Es war ſpät Abend. Nur im Weſten ſchimmerte es noch wie ein Widerſchein des verfloſſenen Tages und verbreitete ein unſicheres Licht, das durch den Glanz der Mondſichel, die im Aetherblau des Abendhimmels ſchwebte, nicht bedeutend verſtärkt wurde. Leiſes Wehen rauſchte in den Bäumen des vor ihm ausgebreiteten Thales, und der Fluß, der daſſelbe durchſchnitt, glitzerte vom Mondesſchimmer, wie ein Silberband im duftigen Wieſengrün. In raſchen Athem⸗ zügen zog Ringforth die friſche, belebende Abendluft ein. Leider bewährte ſie nicht ihre Heilkraft, ſondern weckte eher eine tiefe Wehmuth bei dem Gedanken an den kurzen, herz⸗ loſen Abſchied ſeiner Gattin. Kaum, daß ſie ihm die Hand gereicht, kaum, daß ihre Lippen die ſeinen berührt, als er ſie ſorgſam im Coupé placirt, das ſie bis zur Reſidenz nicht mehr zu verlaſſen brauchte. Unter dem Einfluſſe des linden, — —...„— — 125— koſenden Lüftchens flog ſein Geiſt der Gattin nach und ver⸗ ſuchte den Schleier der Zukunft zu lüften. Es lagen ſchwere Folgen dieſer Reiſe vor ihm. Der Tod ſowohl als das Leben der Generalin in wiedergekehrter Geſundheit boten ihm verhängnißvolle Kämpfe. Werde die Kraft ſeines Geiſtes ausreichen, trotz ſeiner Mißgeſchicke ein genügendes Glück daraus zu retten, ein Glück, das ihm Ruhe des Ge⸗ müthes gewähren könne? Sein Auge hob ſich fragend zu den Sternen empor, die im Dunkel des Abends deutlicher hervortraten. Er ſenkte es wieder in dem traurigen Be⸗ wußtſein, daß die Zukunft eines menſchlichen Lebens nicht von dem Willen eines Erdenbewohners abhängig ſei, ſondern, daß ſie von einer höhern Hand beſtimmt und ge⸗ leitet werde. Ringforth glaubte ſich unbeobachtet bei den Kund⸗ gebungen ſeiner geſtörten Seelenruhe, allein das treue Kinder⸗ herz, das ihm Gott zum Troſte erweckt und belebt hatte, wachte über ihm. Leiſe war Urſula eingetreten, und ihr Arm legte ſich um des Vaters Hals, bevor er ihre Anweſen⸗ heit im Zimmer bemerkte. „Haſt Du Kummer, Väterchen?“ flüſterte ſie zärtlich dringend.„Willſt Du mir, Deinem beſten Freunde, nicht vertrauen, was Dich unruhig macht?“ 4„Kannſt Du dies nicht errathen, Urſel?“ fragte ihr Vater, ſchnell die Falten ſeiner Stirn glättend und auf den Platz im Sopha deutend, den Frau Adele ſtets mit unnach⸗ ahmlicher, graziöſer Nachläſſigkeit einnahm.„Der Platz iſt leer, Urſel; mich beſchäftigt die Frage, wann er wieder be⸗ ſetzt ſein wird.“ 3 „Mama meinte, ſie würde bald wiederkommen; es gefiele ihr jetzt ſehr gut hier, und ſie habe im Sinne, ſelbſt im Winter hier zu bleiben, da Lady Elmore beabſichtige, ihren hieſigen Aufenthalt bis zum März auszudehnen und dann ihrer Geſundheit wegen nach Meran zu gehen. Ich freute mich des Entſchluſſes, weil ich mich hier ebenfalls unbe⸗ ſchreiblich wohl fühle, Väterchen.“ Ringforth ließ ſein Auge mit väterlichem Wohlgefallen auf ihr ruhen, während ſie mit liebenswürdigem Jugendeifer ihn zu tröſten ſuchte. Sie fühlte ſich hier glücklich? In der That, es bedurfte kaum dieſer Verſicherung. Nur das innere Wohlbehagen, nur das volle Selbſtgenügen konnte ſo zauberähnlich der lieblichen Kindlichkeit dieſe Reize verleihen. Ihm fiel nicht ein, daran zu denken, daß ein Strahl jener belebenden Gluth, welche der Jungfrau Blüthe herrlich ent⸗ faltet, dies junge Herz berührt haben könne. Urſel begegnete ſeinem bewundernden Blicke mit treuherzigem Lächeln: „Väterchen, Du weichſt mir aus; Du haſt andere Sor⸗ gen,“ fuyr ſie liebreich fort. „Nun ja, es ſei Dir geſtanden, Urſel, daß ich eben ein⸗ ſah, es ließe ſich mit aller vorhandenen Willenskraft gegen das Schickſal nichts ausrichten,“ gab Ringforth ruhig zur Antwort. Urſula lehnte ihren Kopf an die Bruſt des hochgeſtalteten Vaters und erwiderte nichts auf ſeine Erklärung. Es ent⸗ ging ihr nicht, daß ihr Vater ihren Fragen gefliſſentlich aus⸗ wich, daß er ihr die wahren Gründe ſeiner ſichtlichen Ver⸗ ſtimmung nicht mittheilen wollte; deshalb gab ſie es in kind⸗ licher Beſcheidenheit auf, weiter in ihn zu dringen. Aber ſie hatte noch mehr auf dem Herzen. Sie wollte dieſe erſte ſtille Abendſtunde dazu benutzen, um ſich über Einiges auf⸗ 127— klären zu laſſen, was ihr zu Ohren gekommen war. Urſula's Geiſt konnte keine Nebel vertragen, ihre Seele nicht die ruheloſe Ungewißheit. Dem Unglück würde ſie feſt und be⸗ ſonnen entgegengetreten ſein, während geringfügige Zweifel ſie bis zur Qual beſchäftigen konnten. Was ſie jetzt beun⸗ ruhigte, war nur ein Urtheil der Welt, welches Zwieſpalt in ihr hervorgerufen, den ihr Vater beſeitigen ſollte. „Ich möchte Dich etwas fragen, Väterchen,“ begann ſie nach einer kurzen Pauſe in anmuthiger Demuth;„ich möchte aus Deinem Munde ein Urtheil hören, welches mir den Maßſtab zu den Urtheilen Anderer geben ſoll.“ „Und wer hat dieſe Urtheile gefällt?“ fragte Ringforth etwas haſtig und argwöhniſch. Urſula zögerte mit der Antwort.„Ich glaube, darauf kommt nichts an, Väterchen,“ ſagte ſie dann;„doch bin ich bereit, es Dir nachträglich zu eröffnen, wenn Du es nöthig finden ſollteſt.“ „Nun, ſo frage, Urſel; ich werde Dir antworten! Deiner Einleitung zufolge betrifft der Stoff der Urtheile mich und mein politiſches Leben.“ „Allerdings! Väterchen, darf ich aber offen fragen, wie Dein beſter Freund— ohne Rückhalt und ohne Furcht die Ehrerbietung zu verletzen, die ich Dir ſchuldig bin?“ „Du ſcheinft mich ernſtlich zur Rechenſchaft ziehen zu wollen, Urſel,“ antwortete Ringforth gütig;„ich geſtatte Dir jede Frage. Beginne Deine Inquiſition.“ Das junge Mädchen richtete ſich aus ihrer Stellung auf, faltete ihre Hände über der Bruſt des Vaters und ſchaute offen und ehrlich in ſein Geſicht, während er ſeine Arme um ſie ſchloß und ſie erwartungsvoll fixirte. „Sag' mir mal vor allen Dingen, Väterchen, ob Dein Miniſter ein Recht hatte, Dich Deines Amtes zu entſetzen?“ „Von ſeinem Standpunkte aus betrachtet, konnte er mich ſuspendiren; denn es giebt ein Geſetz, nach welchem die Be⸗ amten der Staatsanwaltſchaft direct den Anordnungen des Miniſters unterworfen ſind. Indeß er überſchritt ſeine Be⸗ fugniß, indem er mich als Abgeordneten, den die Verfaſſung ſchützte, verfolgte. Er rief die Entſcheidung des Straf⸗ gerichtes über mich herauf und ſtellte mich nebſt meinen Parteigenoſſen, die ſeine Macht erreichen konnte, unter An⸗ klage. Sein Verfaſſungseid und ſein Gewiſſen hätten ihn davor warnen müſſen.“ „Dann iſt es richtig, wenn man vom Miniſter ſagt, er habe unrecht im Recht gehandelt?“ fragte das junge Mäd⸗ chen, aufmerkſam jedem Worte des Vaters folgend. „Dieſer Phraſe im gewöhnlichen Weltſtyle widerſpreche ich nicht!“ „War Dein feſtes Auftreten gegen den Miniſter ein Act perſönlichen Grolles oder wurdeſt Du von Deinen Principien dazu gezwungen, Väterchen?“ Ringforth's Mienen wurden durch ein leichtes Lächeln erhellt.„Deine Mutter behauptete wohl das Erſtere? Du kannſt Dich darüber beruhigen. Mich leitete mein Verſtand und nicht mein Gemüth bei allen parlamentariſchen Hand⸗ lungen. Des Miniſters Drohungen ſollten mich einſchuͤch⸗ tern, aber ſie bewirkten das Gegentheil, ohne mich jedoch zum Groll gegen ihn zu reizen. Seine Macht mußte eben öffentlich angegriffen werden.“ „Vertrug ſich das mit Deiner Stellung? Geſtattete dies dein Amt— Dein Beruf?“ fuhr Urſula mit der Ent⸗ — 129— ſchloſſenheit eines Kindes fort, welches vor dem Wagniß ſeiner Fragen nicht zurückſchreckt. Ein kleiner Farbenwechſel verrieth, daß dies in Ringforth eine wunde Stelle war.„Der Fortſchritt der Zeit bedingt auch einen Umſchwung in uns, wenn wir uns frei den Ein⸗ wirkungen des Vorwärtsſtrebens erſchließen ſollen; eine Pflicht hebt dann die andere auf, Urſel. Der Menſch kann irre gehen in ſeinen idealſten Beſtrebungen, und dennoch erwächſt Schönes und Herrliches daraus. Ich bereue nichts; ich nehme nichts von dem zurück, was mir mein jetziges Schickſal be⸗ reitet hat.“ „Darin liegt für mich die Garantie, daß Du recht ge⸗ handelt haſt, Väterchen,“ fiel Urſula eifrig ein.„Denke nur daran, daß ſich ſchon viele große Männer gegen das aufge⸗ lehnt, was die Pietät hätte heiligen müſſen; das läßt ſich leider nicht vermeiden und verdient wohl keinen Tadel.“ „Wir mußten den angreifen, welcher unſerer politiſchen Geſtaltung feindlich begegnete. Und wenn wir auch jetzt nicht durchdringen ſollten, ſo erhalten wir doch eine Grund⸗ lage für ſpätere Siege unſerer Partei, für ſpätere Siege unſeres ganzen Landes. Haſt Du noch mehr Fragen zu thun, Urſel?“ fragte er mit einer Beimiſchung von Spott. Sie bewegte verneinend ihren Kopf. Ein Anflug von Muth⸗ willen charakteriſirte das Lächeln, womit ſie dem Vater in's Auge blickte. Als wolle ſie ihm die kleine Pein, der ſie ihn unterworfen, verſüßen, ſo herzig ſchäkernd drückte ſie ihre friſchen Lippen auf ſeinen bärtigen Mund, indem ſie flüſterte: „Ich wußte das Alles ſchon, aber ich wollte es von Dir hören, Väterchen, wollte es mir von Dir ſagen laſſen. Es iſt ſo köſtlich, die Vertraute eines geliebten Vhiees zu ſein, Ernſt Fritze: Kampf überall. —————— — 130— der für uns das Urbild alles Verehrungswürdigen iſt. Nicht wahr, Du begreifſt, warum ich Dir meine Fragen vorgelegt habe?“— „Ninforth begriff den Grund ihrer Fragen und fühlte ſich getröſtet.. Neuntes Kapitel. Es war unkbeſtreitbar richtig, wenn Urſula behauptete, in ihr throne ihr Vater als Urbild alles Edlen und Großen; allein ſie wußte es ſelbſt wohl kaum, daß durch den wunder⸗ baren Zauber der Liebe allmälig ein anderes Bild neben ihm in ihre Träume glitt und ihr Herz für ein ſeliges Glück öffnete. Urſula war ein ſeltenes Mädchen; ſie glich ſo wenig den jungen Damen der Jetztzeit, daß ſie ſelbſt ſchon in der Schul⸗ zeit iſolirt unter ihren Gefährtinnen ſtand. Die Reinheit ihres Herzens paarte ſich von früher Jugend an mit einer gewiſſen Kraft des Geiſtes, mit einem beſonnenen Ernſte und mit einer ruhigen Heiterkeit. In dieſen Vorzügen ihres Weſens mochte es liegen, daß ſie von ihren Schulgefährtinnen zwar anerkannt, aber nicht als Freundin geſucht wurde. Sie hatte mit ſtill poetiſchem Sinne ſchon oft den ſchwärmeriſchen Gedanken gehegt, durch opfervolle Hingebung ſich die Sym⸗ pathie eines weiblichen Herzens zu erringen, damit ihr nicht länger das fehle, was allen andern jungen Mädchen gewährt war. Ganz unverhofft half das Schickſal dieſem tief empfun⸗ denen Mangel ab, indem es Leopoldinen's Herz für ihren Werth öffnete und erwärmte. — 131— Es iſt erklärlich, wenn ſich mit der Freundſchaft auch zu⸗ gleich die Liebe für diejenigen entfaltet, die dem Freundes⸗ herzen nahe ſtehen. Es war mithin auch erklärlich, wenn ſich in den beiden Mädchen gleichmäßig das Intereſſe für die⸗ jenigen hob, die für ſie die hervorragendſten Geſtalten ihrer Umgebung waren. Leopoldine erzählte von ihrer Vergangenheit; aber das zartſinnige Mädchen konnte ſich nicht entſchließen, der viel jüngeren Freundin die Herzenserfahrungen mitzutheilen, worin ihr Vetter Hubert eine zweifelhafte Rolle geſpielt; deshalb vermied ſie Hubert überhaupt zu erwähnen und beſchränkte ſich auf Schilderungen von Arnold's Charakter, der außer einigen Jrrthümern ſeines Geiſtes, ſich ſtets untadelhaft be⸗ währt hatte. Sie erkannte jetzt ihre Liebe für Hubert als eine Thorheit der Selbſtverblendung, als eine Schwäche, der ſie ſich ſchämte, weil der Gegenſtand ihrer reinen Zärtlichkeit derſelben nie würdig geweſen war. Die Erinnerung daran ſchwand raſch, als ſie das Haus ihrer Verwandten verlaſſen und in engem Verband mit der Lady Elmore zu neuen Welt⸗ anſichten geleitet wurde. Die Erinnerung daran ſchwand jedoch, ohne nur eine Spur in ihr zurückzulaſſen, als eine geiſtigere, edlere Regung ſich ihrer bemächtigte und ihr ganzes Sein in der Freundſchaft für Urſula und in der abgöttiſchen Verehrung ihres Vaters auflöſete. Leopoldine wußte es eben ſo wenig wie Urſula, was ihrem Leben jetzt einen ſo zauber⸗ haften Reiz verlieh. Es hatte ſich nach und nach im Hauſe der Frau Lindner ein idylliſches Zuſammenleben gebildet, ohne daß ſich Jemand beſondere Mühe darum gegeben. Erquickt vom Schlafe mit ſeinem traumvollen Leben, ſuchte man am Morgen im Schat⸗ 9 —,———— — 132— ten der Bäume die lebensfriſche Wirklichkeit auszubeuten. Selten fehlte irgend Einer der Hausbewohner, wenn Frau Lindner behäbig und freundlich wie immer, den Frühſtückstiſch nach engliſcher Manier zurecht machte und mit allerlei Er⸗ friſchungen und Delicateſſen belud. Lady Elmore hatte wenig von den Eigenthümlichkeiten des Landes angenommen, das durch ihre Verheirathung ihre Heimath geworden war, aber Gewohnheiten, die das Familienleben innerlich befeſtigten, hielt ſie mit treuer Pietät für den frühverlorenen Gatten heilig. Dazu gehörte das Familienfrühſtück und der Abend⸗ thee, woran nach der Sitte des Hauſes Elmore auch die Kinder theilnahmen. Dieſe Sitte hatte ſchon früher hier Anklang gefunden; ſie war, wie wir wiſſen, ſchon im Depping'ſchen Hauſe, wo die Lady vor zwei Jahren gewohnt, eingebürgert. Zuerſt ſchwärmte in dieſem Jahre nur der kleine Curt aus Freund⸗ ſchaft für die drei Knaben Elmore dafür; dann fand auch Frau Adele Vergnügen daran, und ſchließlich verſäumte ſogar Ringforth dieſe Frühſtücksſtunde im Garten ſehr ſelten. Wil⸗ lig und gern übernahm Frau Lindner die allgemeine Be⸗ köſtigung; auch ſie hatte ihre Freude an dem lebhaften und heitern Verkehr ihrer Sommergäſte und meinte, noch nie ein ſo herzlich frohes Sommerleben durchgemacht zu haben wie in dieſem Jahre. Gerade bei ſolchem harmloſen Zuſammen⸗ leben zeigt ſich der Menſch in ſeiner Natürlichkeit, und der Lady Elmore konnte nicht entgehen, daß Urſula's ſonniglieb⸗ liche Weſen nur durch beſondere Umſtände gedämpft und zu einer ernſten Beſonnenheit umgewandelt war. Gleich Anfangs hatte ſie einmal in liebevoller Neckerei die Bemerkung ge⸗ macht, daß ſie zu ernſt für ihr Alter ſei und hinzugefügt: — 133— „Wenn ſie wüßten, Fräulein Urſel, wie gut Ihnen die Fröh⸗ lichkeit kleidet, ſo würden Sie ſchon aus Eitelkeit ſcherzen und lachen.“ „Gewiß nicht,“ hatte das junge Mädchen im Aufblitz einer inneren Empörung geantwortet,„denn Gefallſucht und Heuchelei iſt mir im Tod zuwider.“ Der Blick, welcher nach dieſer Erwiderung auf Urſel fiel, enthielt neben der Verwunderung einen Tadel.„Haben Sie, ungeachtet Ihrer Jugend, ſchon Erfahrungen gemacht, die Ihr Urtheil hervorriefen?“ fragte die Lady etwas pikirt. „Ja, ich habe Ernſt und Mißlaune ſchwinden ſehen, wenn es galt, liebenswerth zu erſcheinen, und ich habe die Gau⸗ keleien des geſelligen Spieles, worin die Eitelkeit thront, ver⸗ achten gelernt,“ gab Urſula in voller Aufregung zur Ant⸗ wort. Dann aber verflog ihre Wallung, und ſie neigte be⸗ ſchämt ihre Stirn tiefer auf ihre Handarbeit, um ihre Ver⸗ legenheit zu verbergen. Lady Elmore war eine Weltdame. Sie lenkte das Ge⸗ ſpräch erbarmungsvoll raſch auf andere Gegenſtände, um nicht merken zu laſſen, daß ſie einen tiefen Blick in Ringforth's. Familienleben gethan. Am Morgen nach Frau Ringforth's Abreiſe fiel ein leich⸗ ter, feiner Strichregen vom Himmel, der die beliebte Früh⸗ ſtücksfreude zu zerſtören drohete. Bedenklich prüften Aller Augen von Minute zu Minute den Wolkenzug, je näher die zwölfte Stunde rückte. Zwar die Luft war warm und bal⸗ ſamiſch, aber wer kann im Garten unter Bäumen frühſtücken, wenn es regnet. Schon dachte Lady Elmore daran, ihren kleinen Salon durch die dienſtwillige Frau Lindner in Stand ſetzen und die ———— q-D— — 134— kleine Geſellſchaft einladen zu laſſen, als plötzlich die Sonne den Wolkenſchleier zerriß und ſich ſiegreich Bahn brach. Jubel ertönte im Hauſe. Der Platz unter den Kaſtanien wurde mit Brettern belegt, und nach der gefürchteten Ent⸗ behrung gewann die Gartenſcene einen neuen Reiz. Ringforth hatte anſtrengend gearbeitet, und er war er⸗ müdet und abgeſpannt an's Fenſter getreten, um ſich zu er⸗ holen. Er zeigte ſich am Morgen als ein Anderer, wie am Abend. Sein Auge blickte lebensmuthiger und kühner über die Flur, die ſich eben mit unausſprechlichem Zauber nach dem erfriſchenden Regenbade entfaltete. Seine ſtraff aufge⸗ richtete Geſtalt, ſeine wolkenloſe Stirn, ſeiner Augen ſtrah⸗ lende Begeiſterung verkündeten allzuſammen eine innerliche Erhebung aus den Kämpfen mit der irdiſchen Kleinlichkeit und Nichtigkeit. Groß und voll hing ſein Blick an dem Gebirgskamm, der das Thal einſchloß; aber man ſahe, ſein Geiſt ſchweifte darüber hinaus und verlor ſich in unabſehbare Fernen. Nicht ſein Glück und nicht ſein Leid ſtand vor ſeinem innern Auge, ſondern das Geſchick der Völker, die ſich im wohlver⸗ ſtandenen Unrechte gegen Willkür und Druckvon oben erhoben. Der gute Wille der Regenten wurde gedämpft durch die Parteien, die ihnen zu dienen trachteten; hiergegen ſich aufzulehnen war ſein Streben! Recht und Gerechtigkeit hieß ſeine Loſung, und auf geſetzlichem Grunde ſein Ziel erreichen, war ſeine Abſicht. Nicht lange mehr und er ſtand im Kreiſe ſeiner Geſinnungsgenoſſen vor den Tribünen, die ihn, den von der Regierung Geächteten hören und beurtheilen ſollten. Er wußte recht gut, daß unter denen, die auf den Tribünen ſaßen, ebenfalls Parteiſucht herrſchte, daß ſich ihre Meinungen durch Wort und Schrift ſeiner Gegner zerklüftet hatten. — 135— Aber es kam weder Furcht noch Muthloſigkeit und Feigheit in ſeine Seele. Er fühlte ſich durchdrungen von dem Recht der Anſprüche, die er im Namen ſeiner Wähler vertrat und war ſich der Reinheit und Lauterkeit ſeiner Meinungen bewußt. Sein Knabe Curt unterbrach ſein Nachdenken mit der jauchzenden Meldung, daß die Sonne ſcheine, und daß im Garten gefrühſtückt werden ſolle. Lächelnd verhieß der Vater„zu erſcheinen,“ um die Freude im Garten zu theilen. Zurückgeführt in die Wirklichkeit und in die Gegen⸗ wart, gewann er die Aufmerkſamkeit für ſeine eigene Lage wieder. Er gedachte der fernen Gattin, und er gedachte der Möglichkeit, wiederum in einen Conflict mit ſeinen Familien⸗ verhältniſſen zu gerathen im Falle ſich die Geneſung oder— „ der Tod der Generalin bis zu dem Zeitpunkte ausdehnen ſollte, wo er, in Folge der Eröffnung des Landtages, nach der Reſidenz mußte. Was wurde dann aus ſeinem feſten Entſchluſſe, den er durch Manneswort verbürgt,„das Haus der Generalin nicht zur Wohnung zu wählen.“ „Wie traurig, daß das Schickſal meinen Willen durch⸗ kreuzt,“ dachte er, indem er ſich anſchickte, die Treppe hinab⸗ zuſteigen. Das Geräuſch von Tritten, welche aufwärts ſtiegen, ließ ihn einen Moment am Treppengeländer zögern. 4 Gleich darauf wurde bei der Wendung der Stiegen der Kopf eines Mannes ſichtbar. „Ah, Herr Referendar!“ rief Ringforth heiter und reichte Arnold treuherzig die Hand entgegen.„Kommen Sie, um Abſchied zu nehmen? Ich hörte von Ihrer Couſine — 136— Leopoldine, daß Sie mit Ihren ſchriftlichen Examenarbeiten ſchon fertig ſeien. Bravo, junger Freund! Sie ſind wacker an's Werk gegangen.“ „Wenn im Innern mächtige Hebel wirken, pflegt der Menſch wie im Rauſche der Begeiſterung zu handeln,“ ent⸗ gegnete Arnold nicht ganz unbefangen. Er folgte dem ein⸗ ladenden Winke Ringforth's, mit verrätheriſcher Haſt das Zimmer deſſelben betretend, als fürchte er von Jemand er⸗ lickt zu werden. „Nicht um Abſchied zu nehmen, komme ich zu Ihnen,“ begamm er mit fliegendem Athem, während ſie Platz im Sopha nahmen,“ ſondern um das Heil meines Lebens von Ihnen zu erflehen.“ Ringforth ſtutzte und ſchaute forſchend in das Geſicht des jungen Mannes, welches in den Mienen und in einer ungewöhnlichen Bläſſe ſeine tiefe Bewegung verrieth. Sein Blick fragte, aber ſein Mund blieb ſtumm, als fürchte er ſich vor einer voreiligen Frage. „Seien Sie gütig,“ bat Arnold, verſchüchtert von dem Ernſt, womit Ringforth ihn betrachtete.„Mein Geſtänd⸗ niß, daß ich Urſula mit der vollen, zärtlichen Hingebung meines Herzens liebe, kann Sie wohl kaum überraſchen—“ Er hielt inne, denn Ringforth legte ſeine Hand mit hartem, feſten Drucke auf ſeinen Arm, und es war mehr Schrecken als Freude in dem Ausdrucke enthalten, womit er die Worte hervorſtieß:„Mein Gott! Depping! Urſel, meine Urſel lieben Sie?“ „Ueberraſcht Sie mein Bekenntniß ſo unangenehm?“ fragte der junge Mann raſch. Ein dunkler Schatten überflog Ringforth's Stirn, un — ——— — 137— ſeine Lippen preßten ſich zuſammen, als müſſe er einen Schmerz bewältigen. Aber er ſchüttelte ſanft den Kopf, als Arnold leiſer hinzufügte: „Freilich, ich habe Ihnen durch meine frühern, offen⸗ herzigen Eröffnungen die Schwächen und Irrthümer meines Geiſtes ſo ſchlagend bewieſen, daß es Ihnen wohl ſchwer werden mag, an eine gänzliche Umkehr in mir zu glauben; aber bei Gott! der erſte Blick auf Ihre Tochter bewirkte eine Veränderung aller meiner Weltanſchauungen. Vor ihrem klaren, ruhigen Weſen ſanken die erträumten Vor⸗ züge meiner Lebensſtellung in ihr Nichts zurück— Urſula's Urtheil wurde der Stern meines Daſeins! Dieſer Proceß in mir vollzog ſich nicht allmälig, ſondern trat mit einem Schlage in Kraft. Sch liebte Urſula mit der reinen, tiefen Zärtlichkeit, die uns Kraft zur Reſignation verleiht. Ich wollte ſchweigen, wollte ſtill werben um mein heiliges Glück, bis ich mich in der Prüfung bewährt hatte; aber— ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß mein Bruder Hubert demſelben Glücke zuſtrebt wie ich, nur auf romantiſcherm Wege, durch leidenſchaftliche Huldigungen, die dem edlen Weſen Urſula's für jetzt nur Schrecken, Angſt und Sorgen bereiten. Wie aber, wenn Hubert in ſeiner wilden Rück⸗ ſichtsloſigkeit ſich zu Schritten, zu Handlungen verleiten ließe, die einen Zwieſpalt unſerer Familien zur Folge hätten, der nie zu löſen wäre? Ich mußte reden, bevor es zu ſpät war; ich mußte meine Liebe Ihnen bekennen, um Rechte zu ge⸗ winnen, die das Mädchen meiner Wahl vor unvorſichtigen Werbungen ſchützen konnten.“ Arnold ſchwieg jetzt. Er hatte zuletzt mit dem klaren Ton einer edlen Begeiſterung geſprochen, unbeirrt von ver⸗ wirrenden Empfindungen. Sein Auge flammte dabei, aber ſein Geſicht war ruhig, und ſeine Stimme bebte nicht. Ringforth regte ſich nicht bei dem offenherzigen Geſtändniſſe des jungen Mannes, der nun ſchwieg, um zu erfahren, was er zu hoffen habe, der aber froh aufathmete, als Ringforth ſein Auge zu ihm erhob und es mit treuherziger Freundlich⸗ keit auf ihm ruhen ließ. „Sie haben mich auf's höchſte überraſcht, junger Freund 4 begann er nach einer Pauſe.„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Aber, ich bitte Sie— gönnen Sie ſich, gönnen Sie meiner Urſel Zeit zu einer Prüfung Ihrer beiderſeitigen Gefühle.“ „Nein, nein!“ fiel Arnold leidenſchaftlich ein.„Vertagen Sie nicht mein Glück! Geſtatten Sie, daß ich Urſula zeige, wie tief ihr Bild in mein Herz geſenkt, wie groß der Ein⸗ fluß ihres Weſens auf mich iſt.“ „Urſel iſt noch ſo jung— kaum ſiebzehn Jahr. Was weiß ein ſo junges Mädchenherz von den ſchweren Ver⸗ pflichtungen, die es mit dem Verlobungsringe übernimmt!“ erwiderte Ringforth, ſchwermüthig der Kämpfe gedenkend, die er mit ſeiner ſehr jung verheiratheten Gattin durch⸗ gemacht. „Vertrauen Sie mir und vertrauen Sie Urſula,“ bat Arnold.„Urſula iſt eine Perle, die nicht durch ihren Glanz, ſondern durch ihr Inneres Werth erhält und dadurch unwider⸗ ſtehlich feſſelt.“. „Ganz richtig,“ fiel Ringforth ein,„von Jugend auf war ſie mein Stolz und meine Freude. Ich wußte, daß der Tag kommen werde, wo ich mein Kind an das Herz eines Gatten legen müßte, aber ſo früh— ſo früh erwartete ich es nicht.“ — — 139— „Vertrauen Sie mir,“ bat Arnold abermals mit lebhaft zärtlichem Tone,„ich will Ihnen Urſula nicht rauben; ich weiß, daß ſie mit jeder Faſer ihres Daſeins Ihnen ver⸗ 3 bunden iſt—“ „Machen wir uns keine Illuſionen, junger Freund,“ unter⸗ brach ihn Ringforth,„der Gatte theilt nie gern die Gefühle ſeiner Frau mit Jemand, und ſei es auch ihr Vater oder ein ſonſtiges Familienglied. Ich weiß dies aus Erfahrung.“— Arnold ſenkte den Blick. Er empfand die Wahrheit dieſer Bemerkung. „Ich muß mich dem allgemeinen Schickſal aller Väter fügen,“ ſetzte Ringforth nach kurzem Schweigen hinzu,„und ich billige Ihre Werbung um Urſel—. Es wird ſehr öde um mich werden,“ flüſterte er mit verhaltener Wehmuth vor ſich hin. Arnold ergriff ſeine Hand und preßte ſie herzlich zwiſchen die ſeinigen. Sprechen konnte er in dieſem Momente nicht. „Soll ich mit meiner Tochter über Ihre Herzenswünſche ſprechen?“ fragte Ringforth. „Gedenken Sie der Zeit Ihrer Liebe,“ wendete Arnold raſch ein,„und geſtatten Sie mir das erſte Wort, die erſte Kundgebung meines Herzens.“ Aber keine Verlobung, mein Freund; warten wir den Zeitpunkt ab, wo meine Frau wieder hier ſein wird— even⸗ tualiter— wo wir uns in der Reſidenz zuſammen treffen werden,“ entſchied Ringforth beſtimmt.„Sind Sie damit nicht einverſtanden?“ fügte er hinzu, als Arnold mehrmals über ſeine Stirn ſtrich und tiefſinnig vor ſich nieder ſah. „Nicht ganz,“ erwiderte er zögernd.„Ich kann nur be⸗ dingungsweiſe auf Ihren Wunſch eingehen. Meine Werbung — 140— um Urſula muß frei und öffentlich ſein, damit ſie mir das Recht gebe, als ihr Schirm und Schutz auftreten zu können. Meiner Familie namentlich darf es kein Geheimniß bleiben, wenn Urſula meiner Werbung hold iſt. Ich muß das Recht haben, als drohender Rächer vor meinem zukünftigen Para⸗ diſe zu ſtehen und von jeder Unbill Rechenſchaft verlangen können. Wie vereinigen wir dieſe gerechten, wohl überlegten Anforderungen mit Ihrem Verbote„keine Verlobung!“ „Man vereinigt ſich jedes Mal ſicher und ſchnell, wenn man die Anſprüche fallen läßt, die zwiſchen den gegenſeitigen Bedingungen ſtehen,“ ſagte Ringforth ſchwach lächelnd.„Für dies Mal bin ich in dem Falle, nachgeben zu müſſen, denn Sie treten als wackerer Streiter für Ihre Herzensangelegenheit in die Schranken. Was Sie hinſichtlich Ihres Bruders fürchten, andert allerdings die ganze Sache und ſtellt das Recht als Klugheit auf Ihre Seite.“ Ein lautes fröhliches Rufen, dem alsbald die Oeffnung der Thür folgte, unterbrach das Geſpräch. Es war Curt, der hereingeſtürmt kam und mit kindlicher Ausgelaſſenheit in's Zimmer hineinſchrie:„Papa, Lady Elmore läßt Dir ſagen: die Sonne ſchiene köſtlich und Deine Chocolade würde kalt; Du ſollteſt geſchwind in den Garten kommen!“ Raſch erhob ſich Arnold, um ſich zu verabſchieden, wäh⸗ rend Ringforth ſein Söhnchen mit dem Beſcheid abfertigte, ſogleich erſcheinen zu wollen. Curt flog die Treppe wieder hinab. Ihn kümmerte es nicht, was der Beſuch zu bedeuten habe, der ſeinen Vater abhielt, ſein ſchönſtes Vergnügen zu theilen. Etwas mehr empfänglich dafür zeigte ſich Urſula bei ſeiner ſorgloſen Berichterſtattung. Sie wechſelte raſch die Farbe und ſah Leopoldinen forſchend an. — — — 141— „Ihr Vetter will fort?“ fragte die Lady.„Vielleicht dehnt er ſeinen Abſchiedsbeſuch auch auf uns aus.“ „Arnold wird erſt nach dem erfolgten Urtheile über ſeine ſchriftlichen Examenarbeiten reiſen,“ erklärte Leopoldine. „Wollen Sie ihn in meinem Namen einladen, Poldy, mit uns zu frühſtücken?“ fragte Mylady, durch einen Blick ihre Theilnahme an Urſel's Gemüthsregung kund gebend. „Recht gern!“ ſagte die junge Dame haſtig aufſpringend und nach dem Hauſe eilend. Sie kam ſehr bald allein zurück.„Arnold bedauert, ab⸗ lehnen zu müſſen,“ referirte ſie ſichtlich aufgeregt;„es wäre ihm für den Augenblick unmöglich, ſich unſerm heitern Kreiſe zugeſellen zu können; er wird ſich ſpäter bei Ihnen entſchul⸗ digen, Mylady! Urſel's Vater jedoch wird ſogleich erſcheinen. Die beiden Herren verabredeten nur noch einen Spazirgang nach den Kaskaden.“ Gleich darauf trat Ringforth in den Garten. Sein Auge ſuchte ſchon von fern die Tochter, welche in lieblicher Befangenheit den Blick geſenkt hielt, als wüßte ſie, welch ein wichtiges Geſpräch mit Arnold den Vater gefeſſelt gehal⸗ ten hatte. Im Nu war es dem Vater klar, daß er bis dahin mit Blindheit geſchlagen geweſen ſei. That ihm das Herz bei dieſer Wahrnehmung auch weh, ſo war er dennoch ſelbſtlos genug, das Glück ſeines Lieblings bei weitem wichtiger zu finden als ſeine Zufriedenheit.„ Es wird öde im Hauſe werden,“ dachte er während ſeines Vorwärtsſchreitens;„ wie öde, wie traurig, wie ungemüthlich, wie unbehaglich, denn mein„beſter Freund“ iſt mir untreu geworden!“ „Meine Botſchaft hat Sie geſtört,“ rief ihm Lady —— ⏑—⏑—˖—ͦꝛ—ℳ:-—— —— — 142— Elmore entgegen.„Entſchuldigen Sie es mit meiner Ab⸗ ſicht, Sie unſers Vergnügens theilhaft zu machen. Da wir gefürchtet hatten, vom anhaltenden Regen in unſerm heitern Frühſtücksſtündchen beeinträchtigt zu werden, ſo gewann die plötzliche Gewährung unſers Wunſches für uns Alle einen doppelten Werth.“ „Ja, meine Gnädige,“ erwiderte Ringforth, etwas haſtig ſeinen Platz einnehmend,„wir armen Sterblichen wiſſen ſel⸗ ten unſer Glück, das wir haben, eher zu ſchätzen, als bis wir in Gefahr ſind, es einzubüßen. Uebrigens muß ich um Ent⸗ ſchuldigung meiner Verſpätung bitten: ein lieber Beſuch hielt mich gefeſſelt— Arnold Depping läßt ſich empfehle; wir 1 haben eine Partie nach den Kaskaden auf dem Rinnenwege 6 verabredet.“ „Auf dem Rinnenwege!“ rief Urſula mit leuchtenden Augen. „Haſt Du Muth, Urſel, den Weg mit uns zu gehen?“ fragte ihr Vater bedeutſam. „O gewiß, gewiß! Der Weg bietet ja keine Gefahren, ſondern nur Mühen, die durch Geduld überwunden werden können,“ ſagte das junge Mädchen harmlos. „Nur Mühen, die durch Geduld überwunden werden kön⸗ nen,“ wiederholte Ringforth, zerſtreut mit dem Theelüſfe ſeine Chocolade rührend. „Wie deute ich die Bezeichnung„Rinnenwege“?“ forſchte die Lady, welche in dem Mienenſpiele ihrer Söhne die Luſt ſchimmern ſah, an der Partie Theil nehmen zu dürfen. „Einfach als Stege, die der Waſſerſturz nach heftigem Regen gebildet hat,“ erklärte Leopoldine lächelnd.„Dieſe Stege zu verfolgen, bildete das Hauptvergnügen Arnold's in 5 —— y,— ———— A — 143— ſeinen Knabenjahren, und ich muß geſtehen, ſie haben einen ganz eigenthümlichen Reiz für die kletterluſtige Jugend.“ „Aber nicht für gebrechliche Damen,“ unterbrach Lady Elmore ſie, abwehrend die Hände gegen Ringforth erhebend. „Wollen Sie indeß meinen Knaben erlauben, ſich Ihnen an⸗ zuſchließen, ſo werden Sie ſich viele dankbare Herzen er⸗ werben.“ „So eben wollte ich meinen jungen Freunden Ihre Er⸗ laubniß erwirken,“ ſprach Ringforth, ſeinen Blick empor⸗ richtend. Derſelbe traf auf Leopoldinen's Blick, in welchem eine ſtille Beſorgniß ausgedrückt war.„Sie, mein Fräulein, werden uns doch aber begleiten?“ fragte er haſtig. Leopoldine ſenkte ihren Blick nicht, als ſie mit dem an⸗ genehmen Lächeln, das ihre Herzensgüte verrieth, erwiderte: „Ganz gewiß und die Freude über Ihre Ueverraſchung bei den ſeltenen Naturſchönheiten wird mein Vergnügen er⸗ höhen.“ „Nach den Kaskaden! Nach den Kaskaden!“ jubelten die Knaben in heller Luſt. Lady Elmore nickte ihnen liebreich zu.„Werdet Ihr nicht vor dem ſteilen Wege zurückſchrecken? Nun, es ſei ge⸗ wagt! Ich werde die Zeit Eurer Abweſenheit mit Frau Depping im Badegarten verplaudern.“ „Nach den Kaskaden!“— Die glücklichen Menſchenkinder kletterten hinauf, erklimmten mühevoll die Felſen, unter Lachen und Jubeln alle Schwierigkeiten überwindend. Die Knaben, nach Arnold's Anleitung voran, von Urſel gefolgt, welcher ſich Arnold anſchloß, um bei jeder ſteilen Senkung hilfreich die Hand bieten zu können. Daß er bei dieſen Hilfsleiſtungen eine faſt zärtliche Fürſorge kund gab, — 144— machte Urſel oft erröthen, allein ſie wies ſie nie zurück und geſtattete ihm unter leiſem Erzittern, daß er ihre Hand feſt⸗ hielt, auch wenn keine Abſchüſſigkeiten den Weg unſicher machten. Ringforth geleitete Leopoldine und fand in der Gemeinſchaft des Steigens ſo viel Anregung in ihrer Unter⸗ haltung, daß er den Weg weit weniger anſtrengend fand, als er's ſich gedacht hatte. Sie ſtiegen empor zu den Höhen— Alle, Alle mit be⸗ friedigtem Herzen— Alles athmete Freude— Alles athmete Luſt. Der Himmel begünſtigte die Wanderluſtigen mit dem ſchönſten Wetter. Kühle Lüftchen milderten den Sommer⸗ ſonnenſchein, und als ſie auf dem kleinen Felsplateau bei den Kaskaden anlangten, da fanden ſie, von Arnold's Fürſorge beſchafft, ein einfaches, köſtliches Vesperbrod vor, dem das ſtärkende Bier zur Erquickung nicht fehlte. Dieſe unerwartete Gaſtfreundſchaft des jungen Mannes ſetzte dem Vergnügen die Krone auf. Der Kellner vom nächſten Wirthshauſe ſervirte mit Anſtand auf den Felsblöcken ſeinen Imbiß, und, in maleriſchen Gruppen gelagert, ſtärkte man ſich zu der weit weniger ſchwierigen Abwärtstour. O, Ihr glücklichen und ſorgloſen Menſchenkinder, genießt die kurze, ſchöne Glücksſtunde! Ihr wißt nicht, wie nahe das Schickſal oft das Leid neben die Freude zu ſtellen be⸗ müht iſt.“ Während oben auf der Höhe lebensvolle Heiterkeit herrſchte, wuchs unten im Thale— im Badegarten— Frau Dep⸗ ping's Befriedigung neben der Lady Elmore und gedieh faſt zur Seligkeit, als ſie ſich im Mittelpunkt der Nobleſſe wiederfand, von Jedem begrüßt, von Jedem achtungsvoll be⸗ handelt. Sie war ſehr glücklich; aber ſie blieb beſcheiden. NW — 145— Sie begriff zum erſten Male in ihrem Leben, was Poldy, die kluge, ſanfte Poldy an ihr zu tadeln fand, und ſie nahm ſich vor, den Fingerzeigen der Nichte mehr Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Zehntes Kapitel. Hubert verfolgte mit Conſequenz ſeinen einmal gefaßten Vorſatz. Er hielt ſich in ſeinem Rauchcoupé verborgen bis zur Station, wo Ringforth ſeine Gattin verließ, um nach Haus zurückzukehren. Er hatte es klugerweiſe ſo eingerichtet, daß man in ſeiner Heimath über die Richtung ſeiner Reiſe völlig im Unklaren blieb; aber er hatte es ſchlauerweiſe auch darauf angelegt, daß ſelbſt Frau Adele unſicher ſein ſollte, ob Zufall oder Berechnung ihn mit ihr zuſammenführe, als er endlich ſein Coupé verließ und auf dem Perron dahin ſchlendernd, die Inſaſſen der Damencoupés muſterte. Ein Ausruf des Erſtaunens begrüßte Frau Adele, die träumeriſch im Fond lehnte und mit vornehmer Gleichgiltig⸗ keit in das rege Treiben blickte, das ſich bei der Ankunft des Courrierzuges entfaltete. Ein Ausruf des Erſtaunens, der das Gepräge einer großen und freudigen Ueberraſchung trug, begrüßte ſie, als Hubert ihrem Blicke begegnete, und ſie ſich mit kokettem Lächeln dem offenen Wagenſchlag näher bog, um ſich ihm bemerkbar zu machen. „Gnädige Frau,“ ſprach Hubert mit ausgezeichneter Höf⸗ lichkeit,„eine Begegnung auf der Heerſtraße? Wohin wollen Sie?“ Ernſt Fritze: Kampf überall. 10 ——.. — 146— „Nach der Reſidenz. Meine Tante iſt ſchwer erkrankt,“ antwortete die Dame beeilt, denn der Schaffner begann die Thüren zu ſchließen. Hubert warf einen Blick in den Waggon. Lauter Damen von Diſtinction mit den ehernen Geſichtern einer nobeln Ehr⸗ barkeit. Brrh! Dieſe Sorte mied der leichtfertige Hubert. „Schade, ſchade, meine Gnädigſte; Sie ſitzen im Damen⸗ coupé, wo Schnurrbärte und Cigarrenſpitzen verpönt ſind. Ich werde mir indeß erlauben, Ihnen bei jeder Station meine Aufwartung zu machen und meine Ritterdienſte an⸗ zubieten.“ Er verneigte ſich ehrfurchtsvoll und eilte in ſein Coupé zurück. „Der Anfang wäre gemacht und ſehr gut gelungen,“ murmelte er, frohlockend die Hände reibend.„Bleibt die alte Tante am Leben, kehr ich als Hauptmann in mein Vater⸗ haus zurück. Wo der Nepotismus ſo ſtark regiert wie hier zu Lande, da muß man die Sehne im Bogen zu ſpannen verſuchen. Vielleicht findet ſich im heiligen Kreiſe der Gene⸗ ralin Kynar irgend eine hohe Perſönlichkeit, welcher mit einigen tauſend Thalern als Zwangsanleihe gedient iſt. Bei⸗ ſpiele, wie ſie manche Ordensvertheilung aufweiſt, machen weiſe und geben Anleitung zu den Mitteln, einen Zweck zu erreichen. Mein Plan ſcheint von der Vorſehung herrlich unterſtützt zu werden. Wozu ſonſt dieſe zweckdienliche Er⸗ krankung der Generalin?“— Hubert erfüllte ſeine gelobten Ritterpflichten auf's pünkt⸗ lichſte und genoß dafür die Ehre, Frau Adele in die Equi⸗ page ihrer Tante heben zu dürfen, die zu ihrer telegraphiſch gemeldeten Ankunft bereit ſtand. Er verabſchiedete ſich mit der Verheißung, am nächſten Tage ſich perſönlich vom Be⸗ finden der alten Dame überzeugen zu wollen. ———— — — 147— Frau Adele fuhr mit ſehr gemiſchten Empfindungen durch die wohlbekannten Straßen der Reſidenz. Als ſie das letzte Mal denſelben Weg, aber hinaus nach dem Bahnhofe, machte, da glaubte ſie auf lange Zeit von den impo⸗ . ſanten Häuſern und Paläſten Abſchied nehmen zu müſſen. Sie verließ die Stadt an der Seite ihres Gatten nach vielen aufregenden Scenen voll Zerwürfniſſen. Ihre Tante hatte dem Gatten alle Freundſchaft gekündigt. Was eine Dame nur Beleidigendes auf einen Mann häufen konnte, der conſequent ſeine politiſche Bahn verfolgte, das war von Seiten der alten herrſchſüchtigen Frau geſchehen. Ringforth hatte für's Leben Abſchied von ihr genommen, nach den harten und ungerechten Bemerkungen, für's ganze übrige Leben, als ſie die Worte hervorgeſtoßen:„Einem Manne, wie Dir iſt mein Haus künftig verſchloſſen!“ Der Glanz ſeines Auges hatte Ringforth's innere Empörung ver⸗ rathen, ſonſt aber war er unbewegt erſchienen. O, wie das Herz des Vervehmten von bitterm Groll übergequollen war, 2 als ſie damals mit den Kindern ſeinem ernſten Befehle ge⸗ horchte, und an ſeiner Seite in die einfache Einrichtung ihres bürgerlichen Hausſtandes zurückkehren mußte, nachdem ſie ſich im Glanz und in der Ueppigkeit eines luxuriöſen 4 Lebens mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, daß ſie, ſich als die Erbin ihrer Tante zu betrachten, berechtigt ſei. Wie ein böſer Traum lag die Zwiſchenzeit hinter ihr, und ſie rollte unaufhaltſam dem Ziele ihrer beglückenden Voraus ſetzungen näher. Der Wagen hielt. Noch ehe der Kutſcher die Pferde vollſtändig zum Stehen gebracht, öffnete der Portier die Thür des ſchönen, eleganten Hauſes, worin die Generalin 19s — — 148— Kynar die Bel⸗Etage bewohnte und trat dem Wagenſchlag näher. „Fräulein von Grieſacker läßt gnädige Frau bitten, un⸗ verzüglich in's Schlafzimmer der Frau Generalin zu eilen,“ flüſterte er beklommen. „Steht's ſo ſchlimm, lieber Ekart?“ fragte Frau Adele erſchrocken.. „Der Herr über Leben und Tod kann immer noch helfen, wenn er will!“ entgegnete der Portier, bedächtig die Thür wieder ſchließend, als ſie beide eingetreten waren. Frau Adele ſtrich, tief athmend, über ihre Stirn, bevor ſie den Fuß auf die breiten Wendeltreppen ſetzte, die zur Wohnung ihrer Tante hinaufführten. Ein Diener ſtand wartend am Treppengeländer und warf geräuſchlos die Entreethür auf. Frau Adele eilte flüchtigen Fußes durch eine Reihe Zimmer, während der Diener auf dem Corridor entlang lief, um die Meldung zu übernehmen. Gleichzeitig mit ihm betrat ſie das Wohnzimmer, wo Fräu⸗ lein von Grieſacker weilte. Dicht neben dieſem Wohn⸗ zimmer war das Schlafzimmer der alten Dame. Die Flügelthüren, die dahin führten, ſtanden offen. Eine milde Dämmerung breitete ſich in vermittelnder Tönung über die geſuchte Pracht dieſes Schlafgemaches, das unwillkürlich an orientaliſche Märchen erinnerte. In einer Niſche, geſchützt von ſchweren blauſeidenen Vorhängen, ſtand das Bett der Generalin, in welchem ſie ruhte. Frau Adele ſchritt leiſe darauf zu und betrachtete voll Theilnahme das weiße, bleiche Geſicht ihrer Tante, das ſich, feſt umrahmt von einem Nachthäubchen, kaum von dem Bett⸗ kiſſen, worin ſie lag, unterſchied. Die weißen, blutloſen — 3—— 1— 149— Hände hielt ſie leicht gefaltet auf der Bettdecke ausge⸗ ſtreckt. Mitleidig berührte Frau Adele mit ihren Lippen dieſe kalten Hände. Sofort ſchlug die Generalin die Augen auf, die wie Feuerfunken über das geneigte Haupt der Nichte fort, nach dem Nebenzimmer flogen, wo Fräulein von Grieſacker, eine helle Blondine, im modernſten Aufputz ſtand und mit ſichtlicher Verlegenheit die Hände rang. „Wie? Adele, Du kommſt allein? Habt Ihr mein drittes Telegramm nicht erhalten?“ fragte die kranke Dame mit klangvoll ſonorer Stimme. „Ja, wir haben es kurz vor meiner Abreiſe erhalten, liebe Tante,“ flüſterte Frau Adele ſanft. „Wie? Und dennoch kommſt Du allein, Adele? Alſo Bernhard wagt es, den Befehlen einer Sterbenden zuwider zu handeln? Bernhard Ringforth treibt ſeinen Trotz wirk⸗ lich ſo weit?“ fragte die alte Dame zwar nicht lauter als vorher, aber mit geſchärftem Ausdrucke. Ein leichtes Achſelzucken war Adelens ganze Antwort. „Bernhard weigert ſich alſo mich zu verſöhnen? Er mag ſich vorſehen. Eines Tages könnte er das bereuen!“ „An mir hat es nicht gelegen, beſte Tante; ich habe mich bis zu Bitten erniedrigt, daß er mich begleiten ſolle,“ flüſterte Frau Adele mit ſehr ſanftem Tone.„Mir hatte der Schulrath mitgetheilt, daß wir Alles aufbieten ſollten, Bernhard zum Mitreiſen zu bewegen— gleich darauf traf die dritte Depeſche ein— trotzdem mußte ich allein reiſen.“ „Nun gut! Für heute nichts weiter! Fräulein Emma wird für Dich ſerviren laſſen— ſchlaf wohl!“ ſprach die alte Dame, ohne ſich zu regen und zu bewegen. — 150— „Soll ich nicht bei Dir bleiben, liebe Tante?“ bat Frau Adele beſorgten Tones. „Iſt nicht nöthig! Der Doctor Rewangen hat mich für heute außer Gefahr erklärt. Morgen ſtehe ich wieder auf. Fräulein Emma wird Dir meine Krankheitsgeſchichte mit⸗ theilen. Laſſen Sie ſerviren!“ Die ſchlanke Blondine bog den dünnen Oberkörper wie eine Pappel, die vom Winde erfaßt iſt und ſchwebte zur Thür hinaus. Gleich darauf kam ſie wieder und führte Frau Adele in's Nebenzimmer, das wie durch einen Zauber⸗ ſchlag erleuchtet und zum Speiſezimmer eingerichtet war. „Ob die Tante wohl wirklich krank iſt?“ fragte ſich Frau Adele ſehr bedenklich, während ſie Platz am reich be⸗ ſetzten Tiſch nahm.„Was war's mit der Tante?“ fragte ſie dann laut.„Ich bin in Todesangſt hierher geeilt!“ „O, es war ſehr gefährlich, ſehr gefährlich,“ antwortete das Geſellſchaftsfräulein unter gefühlvollem Aechzen.„Wir fürchteten jeden Augenblick den Tod.“ „Hatte der Krankheitsfall eine beſondere Veranlaſſung?“ „Alteration! Ja wohl! Unſere liebe Gnädige nimmt ſich Alles zu ſehr zu Herzen.“ „Was war denn geſchehen?“. „Wir hatten Geſellſchaft— nur unſe enger Zirkel— einige Herren vom Miniſterium— beſond rs intereſſant der Hilfsrichter Loſch. Dieſer kramte aus, we er wußte, und das wirkte fürchterlich auf die liebe Gnädige!“ erzählt das Fräulein mit Pathos, aber trotzdem ſeltſam abgebrochen. 2 „Es war alſo nicht einer ihrer gewöhnlichen Anfälle, liebe Emma,“ flüſterte Frau Adele vertraulich.„Sie wiſſen, Tante Kynar liebt leckere, ſchwere Speiſen; es würde mich beruhigen, wäre es nur eine Folge von Indigeſtion.“ — 151— „O, möglich wäre dies,“ meinte das blonde Fräulein, welches nicht allzu viel Scharfſinn unter ihrem neumodigen Lockengebäude verbarg.„Aber nein, nein, meine gnädige Frau— ſie wurde kalt, ſie wurde ganz ſtarr, ganz fteif— Doctor Rewangen war außer ſich. Unſere liebe Gnädige bewies eine himmliſche Ergebung— eine engelhafte Ruhe, als ſie mir befahl, an Sie zu telegraphiren.“ Frau Adele bewegte zweifelnd den Kopf. Ob ihre Tante wirklich krank geweſen war? Die Nacht verlief ohne Störung. Man fand ſich im Wohnzimmer zuſammen und von der Krankheit, die Tags zuvor das ganze Haus in Allarm geſetzt, war kaum die Rede. Fräulein von Grieſacker hatte das weite, ſchöne Gemach zu einem geſchmackvollen Krankenzimmer umgewandelt, hatte die Fenſter durch Behänge verdunkeln und einen eleganten großen Fauteuil hereinrollen laſſen, worin Frau Generalin in halb liegender Stellung ruhete. Man ſah, es wurde Beſuch erwartet, und die ge⸗ wählte Krankentoilette der alten Dame ließ errathen, daß ſie vornehmem Beſuche entgegenſah. Ein koſtbarer Kaſchmir⸗ anzug umhüllte ihre Geſtalt, und das ſcharf, aber fein⸗ geſchnittene, bleiche Geſicht umgab ein luftiges Gekräuſel von Spitzen mit lilla Bandſchleiſchen. Frau le drückte ihre Freude über die ſchnelle Ge⸗ neſun⸗ Tante aus, war jedoch ſo klug, die Veran⸗ ſtauu. a zum Beſuchempfang nicht zu bemerken. Sie wünſchte insgeheim, das Alleinſein mit ihrer Tante bald unterbrochen zu ſehen, da ſie aus manchen Anzeichen ſchloß, daß ein Sturm im Anzuge war. Für ſie gab es auf der großen, weiten Welt nur einen Menſchen, dem ſie ſich ſelaviſch unterwarf, und das war ihre Tante Kynar, welche ihre Macht fühlbar zu machen verſtand. „Es gefällt Dir in Deinem Wohnorte, Adele?“ fragte die alte Dame plötzlich, nachdem man ſich auf alle Weiſe geſchmackvoll arrangirt hatte. Frau Adele, die bei dieſer Eröffnung des Geſpräches nicht wußte, wohin es führen ſolle, begnügte ſich leicht mit den Achſeln zu zucken und ein ſchmerzliches Lächeln zu zeigen. „Deine letzten Briefe gaben mir Veranlaſſung, an eine vollſtändige Ausſöhnung mit Deinem Manne zu glauben. Bei dem Stand der Dinge ſcheint mir dies unbegreiflich,“ fuhr die Generalin mit der Sicherheit eines Redners fort, der das Gewicht ſeiner Meinung kennt.„Mein Freund, Rath Meineke, theilte mir mit, daß er Dich ſeinen Rath⸗ ſchlägen nicht immer zugänglich gefunden.“ „So weit ſeine Anforderungen mit Deinen Inſtructionen übereinſtimmten, bin ich ſtets denſelben nachgekommen, meine gute Tante,“ gab Frau Adele ſanft und geduldig zur Ant⸗ wort.„Allein Rath Meineke verfolgte mit Eifer perſönliche Intereſſen, denen ich mich abhold zeigte.“ Die Generalin hob ihren Blick und ließ ihre großen, braunen Augen forſchend auf der Nichte ruhen. Ein ſelt⸗ ſames Lächeln zuckte um ihre Lippen, als ſie dann ſagte: „Deine Eitelkeit ſpielte Dir wohl mal wieder einen Streich, Adele; dieſer Mann— perſönliche Intereſſen?“ Frau Adele lachte. Faſt kindlich demüthig lachte ſie. „Du haſt mich falſch verſtanden, theure Tante. Der Schul⸗ rath iſt beunruhigt über ſeine Stellung, ſeit man in Doden⸗ burg gegen den kirchlichen Zwang revoltirt; er verlangte „ — 153— meine Befürwortung bei dem Herrn von Byern, und begreiflicherweiſe kann und darf ich hinter dem Rücken Bernhard's, meinem Verſprechen gemäß, nie wieder mit dieſem Byern in Verkehr treten.“ „Sonderbar! Warum werndete ſich der Schulrath mit dieſem Verlangen nicht an mich?“ ſprach die alte Dame, und zum erſten Male prägte ſich eine gewiſſe Gereiztheit und Schärfe in ihrem ſchönen, klangvollen Organe aus. „Der Meinung war ich auch, mein Tantchen,“ meinte Frau Adele mit zärtlicher Beſchwichtigung.„Erwarteſt Du ſeinen Beſuch? Nein? Nun, ſo begreife ich die Kühnheit nicht, mit der er ſich mir als Reiſebegleiter anbot. Um ihn los zu werden, bat ich Bernhard mich bis Gersheim zu be⸗ gleiten, da von dort noch ein Abendzug zurückgeht.“ „Ich kann den Rath Meineke jetzt hier gar nicht ge⸗ brauchen; er würde meinen Plänen im Wege ſtehen. Fräulein Emma mag ihm das telegraphiſch mittheilen. Fräulein Emma erhob ſich von ihrem Platze und ging in's Nebenzimmer, um das Telegramm abzufaſſen. Während der Zeit ſagte die Generalin mit gedämpftem Tone und weit ſchneller, als bisher ſprechend: „Dein Mann muß auf alle Fälle her, Adele. Melde ihm nichts von meiner ſchnellen Beſſerung. Er ſoll kommen! Er muß kommen! Ich habe mein Wort gegeben, ihn her zu ſchaffen. Man iſt oben geneigt zu Opfern, um ihn zu beſtimmen, das Mandat ſeines Kreiſes abzulehnen. Seine Partei hat zwar mit Glück operirt, das bedingt indeß noch keinen Sieg. Man wünſcht aber von oben, den Kampf abzuſchwächen— vorſichtig, Adele! Spiele gegen ihn die Offenherzige und ſage ihm das, was Du jetzt erfahren haſt. — 154— Mache ihm begreiflich, daß mein Teſtament in Ausſicht ſteht— vorſichtig— gegen Emma kein Wort darüber!“ Im Eifer des Sprechens hatte die Generalin den Ober⸗ körper etwas aus den Sammetpolſtern erhoben. Jetzt naheten männliche Schritte, und ſie ließ ſich alsbald in die vorige Stellung zurückſinken. Doctor Rewangen trat ein. Sein Blick drückte Ver⸗ wunderung und Beſtürzung aus, als er ſeine Patientin außerhalb des Bettes fand. „Mein Himmel, welch ein Wagniß, gnädige Frau!“ 6 rief er.. „Was iſt dabei, wenn eine alte Frau nicht im Bette, ſondern auf dem Faulſeſſel ſterben will,“ erwiderte die Dame mit Humor.„Ich halt's nun einmal im Bette nicht aus.“ „O, ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus, Gnädigſte. Im Gegentheil! Es iſt Bewunderung, Ueberraſchung, Freude und Beſorgniß, was mir meinen Ausruf entlockte. Ihr ſtarker Geiſt regiert den Körper— aber— aber!“ Er faßte unter bedenklichem Stirnrunzeln ihren Puls. „Es iſt nicht in der Ordnung, daß Sie auf ſind. Was haben Sie vor? Warum ſind Sie aufgeſtanden?“ „Ich will mein Teſtament machen, Doctor,“ entgegnete die Generalin trocken. „Aber ohne Alteration, wenn ich bitten darf, ohne Alteration, ſonſt ſtehe ich für nichts! Ihr Puls zeigt eine bedentende Neigung, ſich gegen die geſetzliche Ordnung auf⸗ zulehnen.“ „Thorheit, ich habe mit meiner Nichte lebhaft ge⸗ ſprochen.“ „Keine Beſuche weiter als Ihre Nichte!“ befahl der Doctor.„Ich ſah Sr. Excellenz Equipage in der Straße halten, ich will nicht hoffen, daß Sie ihn hier erwarten.“ „G'rade der Miniſter käme mir ſehr gelegen. Ich habe mit ihm confidentiell zu ſprechen.“ „Ich kann mir denken, worüber. Laſſen Sie's bleiben. Sie werden das Rad der Zeit doch nicht hemmen! Am Beſten wär's, man ſchickte Sie fort, nach Süden oder Norden, wo von unſerer leidigen Politik nicht die Rede iſt.“ „Ich laſſe mich nicht ſchicken, Doctor.“ „Sie werden ſich nicht ſträuben, wenn es Noth thut.“ Der Diener unterbrach die ſcherzhafte Streitigkeit mit der Meldung:„Herr Kammergerichtsaſſeſſor Loſch wünſcht aufzuwarten.“ „Da haben wir's ja!“ rief Doctor Rewangen.„Aſſeſſor Loſch oder der Miniſter ſelber.— Beide gleichmäßig gefähr⸗ lich für eine Kranke von Ihrer geiſtigen Beſchaffenheit!“ Getäuſchte Hoffnung in allen Mienen verrathend, legte ſich die alte Dame feſter in ihren Seſſel. Ihr Ehrgeiz hatte ihr einen andern Erfolg ihrer Anſtrengungen vorgeſpiegelt. Was half es? Sie mußte den jungen Mann als Abgeordneten ſeines Gönners und Vorgeſetzten empfangen.„Sehr ange⸗ nehm!“ ſagte ſie gelaſſenen Tones. Aſſeſſor Loſch trat ein und Doctor Rewangen empfahl ſich. Nach der üblichen Präſentation ihrer Nichte und der noth⸗ wendigen Erkundigung nach ihrer Geſundheit blickte die Ge⸗ neralin höchſt erwartungsvoll in das Geſicht des jungen Juriſten, der zum eigentlichen Zweck ſeines Beſuches zu ſchreiten zögerte, weil er die Anweſenheit der Gattin des⸗ jenigen Mannes ſcheuete, von dem ſein Auftrag handelte. — 156— Die Generalin hob ſeine Verlegenheit durch die Erklärung, Frau Adele ſtände nicht auf ihres Gemahls Seite. „So wird es Sie nicht befremden, gnädige Frau,“ ſprach der junge Mann mit verbindlichem Tone,„wenn ich, beauf⸗ tragt, Ihnen eröffne, daß man Willens iſt unnachſichtlich gegen diejenigen Parlamentsmitglieder vorzugehen, die dem Beamtenſtande angehören.“ „Die Nachricht iſt mir nicht neu; mein Gatte ſelber hat ſie mir mitgetheilt,“ antwortete Frau Adele gleichmüthig. „Ja, was noch mehr ſagen will, Herr Aſſeſſor, mein Gatte Allgemeinen ſie findet.“ „Wir wiſſen das und erkennen zugleich, daß darin eben die Macht ſeines Geiſtes liegt. Es hängt Alles davon ab, daß Ihr Herr Gemahl nicht in's Parlament kommt. Unſere Schritte dieſerhalb bei den Neuwahlen ſind wirkungslos ge⸗ blieben, und es bleibt uns nur noch die Hoffnung, ihn auf gütlichem Wege zur Ablehnung ſeines Mandat's zu be⸗ wegen.“ „Und ich werde es dahin zu bringen ſuchen,“ fiel die Ge⸗ neralin in voller Begeiſternng ein.„Verlaſſen Sie ſich auf mein Wort, und verſichern Sie Sr. Excellenz, daß ich Mittel und Wege wüßte, ihn zu zwingen, ſeiner eigenen Wohlfahrt wegen zurückzutreten.“ „Rechnen Sie auf die ehrerbietigſte Dankbarkeit Sr. Exellenz. Er leiſtet das Verſprechen, alle Unbill zu über⸗ ſehen, die ihm Herr Ringforth angethan und dieſen begabten Mann rückſichtsvoll in eine Stelle zu bringen, wo er in ehrenvoller Thätigkeit ſich Achtung und Anerkennung ver⸗ ſchaffen kann.“ findet die Maßregel nicht ſo tadelnswerth, wie das Volk im 4 “ —— “ „Eine ſeltene Hochſinnigkeit!“ rief die Generalin entzückt. „Eine edle Hochherzigkeit, wenn der Beleidigte dem Beleidiger auf ſo echt chriſtliche Weiſe vergilt. Nehmen Sie mein Wort zum Pfande, daß der Gatte meiner Nichte unſchädlich gemacht wird. Es wäre das erſte Mal, daß mir etwas nicht ge⸗ länge, was ich ernſt und entſchloſſen mir vorgeſetzt habe. Ich bin jetzt zum Aeußerſten bereit; und es wird, es muß gelingen, die Willenskraft Ringforth's zu brechen.“ Der junge Abgeſandte bückte ſich ehrfurchtsvoll vor der Dame.„Wenn in unſern Wählerkreiſen ſolcher Enthuſiasmus gewaltet hätte, wäre dieſer traurige Conflict als erledigt zu betrachten. Nicht unſertwegen iſt es nothwendig, dem dreiſten Ueberſchreiten aller Form von Seiten des Liberalismus Zaum und Zügel anzulegen— die Macht der Regierung ſteht uns ja zur Seite, und dieſe Macht iſt unerſchütterlich— ſondern das Wohl des Landes macht unſern Widerſtand erforderlich und nöthigt uns, jede Hilfsquelle zu benutzen, meine gnädige Frau.“ Im Nu erhob ſich die Generalin aus ihrem Seſſel und ſtand in ihrer ganzen Stattlichkeit vor dem überraſchten jungen Manne. Mit der unzweideutigen Handbewegung, die eine Beendigung der Audienz ausdrückt, ſprach ſie dann zu⸗ rechtweiſend:„Was für Gründe Ihre Partei zum Handeln zwingen, iſt für mich nicht maßgebend. Ich diene nur meinem königlichen Hauſe, das die Gnade Gottes ſchützen möge vor frechem Volkswillen. Sagen Sie das wörtlich Ihrem Gönner.“ „Excellenz wird eines Tages ſelbſt kommen und Ihnen danken. Für den Moment darf Niemand unſere Verbindung mit Ihnen ahnen,“ entgegnete etwas beſtürzt der junge Mann, — 158— indem er ſich mehrmals verbeugte und vorſchriftsmäßig rück⸗ wärts der Thür ſich näherte. Noch eine tiefe, ſehr tiefe Ver⸗ beugung, und er verſchwand. Die alte Dame blieb aufrecht ſtehen, bis die Thür hinter dem jungen Manne zugefallen war. Sie machte eine Fauſt hinter ihm her und ſagte grimmig:„Wir kennen das! Der junge Herr bemüht ſich, Lorbeeren für ſich zu pflanzen und ſich einen rothen Vogel für's Knopfloch groß zu ziehen. Ich werde Gelegenheit finden, meine Thätigkeit vor die rechten Ohren zu bringen.“ Ihr Charakter prägte ſich ſo ſcharf, ſo furchterweckend bei dieſer letzten Scene aus, daß Frau Adele ängſtlich und be⸗ klommen, der weitern Reſultate gewärtig, auf ihren Platz zurückkehrte und ſich abermals fragte, ob die Tante wohl wirklich krank geweſen ſei. Sie ſollte nicht lange in Unge⸗ wißheit über den nächſten Act einer großartigen Herrſchſucht bleiben. „Dein Mann findet ſeine Amtsentſetzung nicht tadelns⸗ werth; ſagteſt Du nicht ſo zum Aſſeſſor Loſch, Adele? Warum haſt Du mir das nicht brieflich mitgetheilt; warum enthieltſt Du mir dieſe wichtige Meinung Bernhard's vor?“ Frau Adele blickte unſchlüſſig auf zu ihrer Tante.„Erſt bei einem Geſpräche in den letzten Tagen äußerte Bernhard dieſe Anſicht, und ich geſtehe, das ich ſie nicht für wichtig 4 hielt.“ „Darüber haſt Du nicht entſcheiden,“ fiel die alte Dame mit ſchneidender Kälte ein. Du haſt nur nach meiner Vorſchrift zu handeln, mir jedes Wort Deines Mannes mit⸗ zutheilen, das von Einfluß auf meine Handlungsweiſe ſein könne. Weiß Bernhard, daß der Geheimrah Hoche dem — — 159— Collegium vorſitzen wird, welches ihn nebſt ſeinen Collegen verurtheilen ſoll?“ „Ja, Bernhard äußerte es ein Mal—“ „Warum ſchriebſt Du das nicht?“ fiel die Generalin in ihre Erklärung.„Was ſagte er darüber?“ „Nichts von Belang, theure Tante! Ihm ſchien es unbe⸗ quem mit dem alten Herrn in einem Hauſe zu wohnen.“ „Es lag in meiner Abſicht, die beiden Männer zuſammen zu bringen. Leider ſcheiterte mein Plan an der dummen Auf⸗ richtigkeit der Frau Lindner, die es dem Geheimrath annon⸗ cirte, als ſie Gelegenheit hatte, das Quartier anderweit zu vermiethen. Wer bewohnt die Bel⸗Etage?“ fügte ſie gleich⸗ giltig hinzu. „Lady Elmore,“ gab Frau Adele ſorglos zur Antwort. Aber die Wirkung ihrer ſorgloſen Erwiderung belehrte ſie augenblicklich, daß ſie mit ihren Mittheilungen kein Glück hatte. Aus weit aufgeriſſenen Augen ſie anſtarrend, wieder⸗ holte die Generalin mit einer von Zorn gedämpften Stimme: „Lady Elmore?“ Befangen bejahete Frau Adele die Frage. „Und das erfahre ich erſt jetzt? Das erfahre ich ganz beiläufig? Adele, was ſoll ich von Dir denken!“ Frau Ringforth wendete ſich in wahrer Verzweiflung hin und her, und ihre weißen Finger ſpielten nervös mit den Bändern ihrer Buſenſchleife. „Theuerſte Tante, Du haſt mich, meines Wiſſens, nie danach gefragt, wer mit uns in Lindner's Hauſe wohne,“ ſtammelte ſie endlich muthig hervor.„Wie konnte ich ahnen, daß es Intereſſe für Dich haben würde, von Lady Elmore zu hören?“ Die alte Dame lachte erbittert hell auf. „Von Lady Elmore, meiner boshafteſten Feindin— von — 166— Lady Elmore, der ſtolzen, prüden, hochmüthigen Edelmanns⸗ tochter, die nur ihren vollzähligen Ahnen ihre Stelle als Hofdame bei der Prinzeſſin Marie verdankte, die froh war daß ſich der Attaché Henry Jarvis in ſie verliebte, die von Glück ſagen konnte, daß ihr Schwiegervater und gleich darauf ihr Schwager das Zeitliche ſegneten, wodurch ihr Gemahl zur Erbſchaft und zum Namen Elmore gelangte—“ ſie hielt erſchöpft inne und geſtattete nur noch ihren braunen Augen den noch vorhandenen Groll und Zorn auf ihre unglückſelige Nichte auszuſtrömen. „Ich habe niemals die Perſönlichkeiten erwähnen hören, welche Dir, wie es ſcheint, vormals viel Verdruß bereitet haben,“ wagte Frau Adele zu ſagen.„Hätte ich nur von fern die Bedeutung der Lady gekannt, ſo würde ich von ihr geſchrieben haben, da wir täglich zuſammentrafen.“ „Und warum theilteſt Du mir's nicht mit?“ fragte ihre Tante mit wiederhergeſtellter Faſſung.„Adele, ich überzeuge mich, daß mein Scharfſinn mich nicht betrogen, als er aus Deinen Briefen einen Abfall von mir herauslas, als mein Verſtand mir Zeichen einer innerlichen Verſöhnung mit den verabſcheuungswürdigen Principien Deines Mannes bemerklich machte und mir einredete, es ſei die höchſte Zeit, dem Dinge ein Ende zu machen.“ Frau Adele runzelte die Stirn.„Theure Tante, Du verurtheilſt mich ungerecht und legſt mir Dinge zur Laſt, die nicht von mir abhängig ſind. Ebenſo wenig ſcheint mir Dein Urtheil über Lady Elmore richtig. Sie iſt durchaus nicht ſtolz und hoffärthig und hat das freundlichſte Gemüth. Niemals hörte ich ein gehäſſiges Wort, wenn Deiner zu⸗ fällig Erwähnung gethan wurde. Man hat Lady Elmore gegen Dich verleumdet.“ ———— —,,— — 161— „Lehre mich doch meine Feinde nicht kennen!“ herrſchte die Generalin ſie an.„Es war Deine Schuldigkeit, mir Alles zu ſchreiben, was ſich im Hauſe zu trug. So lautete die Verabredung! Du biſt Deiner Verpflichtung nicht nach⸗ gekommen! Du ſcheinſt im Begriff geweſen zu ſein, von mir abzufallen. Nimm Dich in Acht, Adele!“ „Theuerſte Tante,“— bat Adele, ihre Hand faſſend und ſchmeichelnd mit Küſſen bedeckend. Die Generalin ſchien davon weder gerührt, noch verſöhnt. Der Ausdruck ihrer Stimme war herbe und ſtrafend, als ſie ſagte:„Geh'! Geh' in Dein Zimmer bis auf Weiteres! Denke nach, wie Du die Verſündigung gegen mich wieder gut machen kannſt. Geh'! Bereue und thu' Buße!“ Flammend vor Aufregung, erhob Frau Adele ihren Blick; ſie ſenkte ihn wieder, ohne ein Wort der Widerrede zu wagen. Ihre Tante war das einzige Weſen im Weltall, das ſie fürchtete. Schon im Begriff, ſich zu erheben und wie ein folgſames Schulmädchen den erniedrigenden Anweiſungen der herrſch⸗ ſüchtigen alten Frau Folge zu leiſten, legte ſich der Himmel ſelbſt in's Mittel. Fräulein Emma trat wieder ein, in der ausgeſtreckten Hand eine Karte haltend. Die Generalin nahm ſie.„Hubert Depping,“ las ſie verwundert.„Hubert Depping, Premier⸗Lieutenant a. D. Iſt der hier? Ei, laſſen Sie ibn näher treten, Fräulein Emma. Das war mir ſtets ein lieber Menſch! Treten Sie näher,“ rief ſie dem jungen Herrn entgegen, als ihm Fräulein von Grieſacker die Thür zu öffnen eilte.„Treten Sie näher; ſeyen Sie mir willkommen,“ fügte ſie wohlwollend und aufmunternd hinzu, während Hubert Depping mit dem Anſtande eines Ernſt Fritze: Kampf überall. 11 — 162— vollkommen ſichern Weltmannes das ſchöne, weite Gemach betrat und feſten Fußes durchſchritt.„Iſt das nicht ein wunderbarer Zufall, daß Sie gleich beim Eintritt hier auf ein bekanntes Geſicht aus Ihrer Heimath ſtoßen? Sie ken⸗ nen ſich doch?“ ſragte ſie, lauernd ihr Auge über Adele und Hubert ſendend. Hubert, durch einen einzigen Blick von der Beängſtigung Adelens in Kenntniß geſetzt, der für den Moment zur Vor⸗ ſicht mahnte, affectirte eine gewiſſe Unſicherheit, bevor er mit. kalter Höflichkeit ſagte:„A— h— Frau Oberſtaatsanwalt Ringforth—! Nur von fern habe ich bis dahin die Ehre gehabt— da ich— Sie verzeihen meine kühne Offenherzig⸗ keit— da ich einen Gegenbeſuch unterlaſſen mußte.“ „Und weßwegen unterlaſſen mußte, mein Herr Lieutenant?“ fragte die Generalin, die Stirn hebed. „Weil ich aus Grundſatz nie mit den ſogenannten Libe⸗ ralen verkehre, meine Gnädigſte,“ verſetzte Hubert mit Frei⸗ muth.„Ich pflege den als meinen Feind zu betrachten, der ſich gegen meinen König, der ſich gegen die Souverainetät von Gottes Gnaden auflehnt.“ Wohlgefällig ruhete der Blick der alten Dame auf dem jungen Mann, dem das Kunſtſtück gelungen war, mit einem Schlage die weltkluge Frau zu täuſchen und ſie dergeſtalt für ſich einzunehmen, daß ſie ihm beim Verabſchieden frei ſtellte, ihr Haus ſo oft zu beſuchen, als es ihm beliebe. Sehr zufrieden mit ſich ſelber und mit dem Schickſale, das ihn auffallend zu begünſtigen ſchien, verließ Hubert das Haus der Generalin. Er blickte in ſeinem Uebermuthe ſehr fröhlich in die Zukunft und gab ſeiner Phantaſie ſehr freien Spielraum, als ſie ihm glänzende Bilder vorzumalen begann. — 163— Hubert hatte das Alter erreicht, wo die Weltſtellung an Werth gewinnt, wo in der Regel der Ehrgeiz zur Blüthe kommt. Leider fehlte ihm aber der richtige Ehrgeiz; er ſuchte Befriedigung in äußerlichen Dingen und wähnte ſich gehopen durch einen Kreis vornehmer Menſchen, denen er's an Luxus gleich thun konnte. Das koſtete weder Kampf noch Mühe. Seines Bruders erneuete Thatkraft belächelte er ſpöttiſch; jedoch erwirkte ſich derſelbe durch ſeine geiſtige Erhebung ſo viel Reſpect, daß er ſich fürchtete, ihn von ſeinen leichtfertigen Plänen in Kenntniß zu ſetzen. Es mußte Alles ein Geheimniß bleiben bis zu dem großen Momente, wo er als der Löwe des Tages ſich ſeiner Siege rühmen konnte. Was er dann eigentlich gewonnen hatte, danach fragte ſich Hubert natürlich nicht! Und was bewog die Gene⸗ ralin zu der auffallend freundlichen Aufnahme? Frau Gene⸗ ralin Kynar gebrauchte zur Zeit einen lieben gehorſamen Sohn, der für die nächſtfolgenden, unvermeidlichen Ereigniſſe ihr zu Dienſt war, und Hubert Depping ſchien nicht abge⸗ neigt, die ihm zugedachte Ehre zu übernehmen; denn ſoweit ſie ſeinen Charakter kannte und ſeine Grundſätze beurtheilen konnte, paßte er vortrefflich zu der Rolle, die er in ihrem Intereſſe ſpielen ſollte. Elftes Kapitel. Wonnige Zeit der Jugend, wo die Liebe im reinen, un⸗ entweiheten Herzen keimt! Es mag den kalten Weltmenſchen befremden, es mag ihm ein Lächeln abzwingen, wenn in der 11* ——————e—— — 164— holden Harmloſigkeit des Verkehres zwiſchen zwei Liebenden, welche eben die Bahnen betreten haben, die ſie einem Ziele zuführen ſollen, plötzlich ein unbewachter Blick alle Fibern des Herzens erbeben macht, wenn in dem Austauſch dieſes Blickes eine Seligkeit ohne Gleichen ſie überwältigt und die Scherzworte von ihren Lippen nimmt; aber für die Theil⸗ nehmenden im Kreiſe liegt ein hoher Zauber in dieſen Licht⸗ ſtrahlen des Herzens, die über die Tiefen des unergründlichen Innern Auskunft geben. Jede Stunde des Tages gewann an Bedeutung, ſeit Arnold ſich Urſula mit entſchleiertem Herzen zeigte. Er gehörte zum Familienkreiſe, ſeit Ringforth ſeine Bewerbung angenommen. Mitſammen zogen ſie aus, um Thal und Berg zu beſuchen, wo Arnold als Knabe mit Luſt geweilt; und wenn die fröh⸗ liche Geſellſchaft heim kam, dann ſah Lady Elmore, die zu⸗ rückgeblieben war, in den leuchtenden Augen des ſchönen Paares, daß ihre Seelen ſich inniger vor einander aufgeſchloſſen, daß ihre Herzen ſich heller entflammt hatten. Von den reinſten und edelſten Gefühlen beherrſcht, ſuchte Arnold ſein Lebensglück zu feſtigen. Aber die Sonne des Glückes ſollte ihm nicht nur aufgehen im leuchtenden Glanze, ſondern auch mit Wärmeſtrahlen: er umfaßte Alles, was ihn umgab, mit erhöheter Zärtlichkeit; er brannte vor Verlangen, dem geliebten Mädchen ſeine kühnen, feurigen Wünſche ge⸗ ſtehen zu dürfen, und doch ſchonte er ſie in ihrer Herzensbe⸗ wegung mit dem Zartgefühle der Vergötterung und Anbetung, die alles Irdiſche abſtreift. 3 Für Alles erwärmt und erweicht, weil er ſich ſelbſt be⸗ ſeligt fühlte, war er auch für ſeine Mutter ein Anderer ge⸗ worden. Dieſe ſtaunte über ſeine plötzliche Umwandlung. ————. ———44————— 165— Als Leopoldine es für angemeſſen hielt, ihr den Gedanken nahe zu legen, daß ſeine Liebe zur reizenden Urſel dies 4 Wunder bewirkt habe, da fuhr zuerſt, wie eine Art Eifer⸗ ſucht, Tadel und Verdruß durch ihr Mutterherz. Bald aber verlöſchte dieſe Fackel der Mißgunſt, und ſie erklärte, dem jungen Mädchen durch Zuvorkommenheit den Weg zu ihr erleichtern zu wollen. b Sie führte dieſen Vorſatz auf ihre Weiſe aus. Als Urſula, in Träumen verloren, eines Tages unter den Kaſtanienbäumen ſaß, jeden Augenblick Leopoldinen's gewärtig, ſtand wie aus der Erde geſtiegen, plötzlich Frau Depping in gewähltem Anzuge vor ihr und fragte mit treuherzigem Eifer nach dem Befinden der Generalin— nach Nachrichten aus der Reſidenz. Urſula, über und über erglühend, erhob ſich raſch. Sie ſtand zum erſten Male der Mutter des Mannes, welcher ſo ſchnell der Inbegriff aller ihrer Gedanken geworden war, allein und in nächſter Nähe gegenüber. Inſtinctmäßig fühlte ſie die Abſichtlichkeit dieſes Beſuches, und ihr Blick ſuchte ängſtlich zu erforſchen, ob Leopoldine nicht zu ihrem Beiſtande 8 herbeieilen werde. Als ſie die Freundin nirgends erblickte, 4 4 beeiferte ſie ſich den Faden des Geſpräches zu erfaſſen. Sie berichtete, daß ſie ſelbſt in einiger Unruhe über das Aus⸗ b bleiben des von ihrer Mutter verheißenen Briefes wären. 3 In einem Telegramm habe ihre Mutter verkündet, daß die Gefahr vorläufig beſeitigt und gewiſſermaßen eine Beſſerung eingetreten ſei. In einem bald erfolgenden Briefe würde das Nähere über den Krankheitszuſtand der Generalin berichtet werden. Urſula hatte haſtig und in unverkennbarer Verwirrung 4 —— — 166— geredet, und Frau Depping war eine ſichtlich wohlwollende Zuhörerin geweſen. Als das junge Mädchen ſchwieg, ruhete ihr Blick feſt auf demſelben, und in ihrem Auge glühte das warme, tiefe Gefühl, das nur eine Mutter empfinden kann. Urſula hatte nie dies zärtliche Wohlwollen im Blicke ihrer 3 eigenen Mutter aufblitzen ſehen; es ergriff ſie und weckte im Nu ihr Vertrauen. Und als Frau Depping treuherzig das Bedauern ausſprach, ſie erſt jetzt näher kennen gelernt zu haben, da fühlte ſich Urſula gedrungen, zu ihrer Entſchuldi⸗ gung die Sachlage zu entſchleiern. Sie ſenkte die Augen ein wenig und zog mit allerliebſter Wichtigkeit die Stirn in Falten, während ſie erzählte, wie ſie unmittelbar nach ihrer Ankunft im Begriff geweſen ſei, mit Unterſtützung einer Empfehlungskarte von der Tante Kynar, die Hilfe der Frau Depping in Anſpruch zu nehmen, wie ſie aber von dieſem Vorhaben abgeſtanden ſei, als ſie zu ihrem Schrecken einen Herrn am Fenſter erblickt habe, der mit nichtachtender, verletzender, beleidigender Neugier ſie an⸗ geſtarrt habe. „Und das war mein Sohn Hubert?“ fragte Frau Dep⸗ ping mit einer Güte im Ausdruck, die ihr ganzes Herz ver⸗ rieth. Urſula bejahete dieſe Frage ſehr haſtig und ſehr beſtimmt. „Ja— ja!“ erwiderte Frau Depping nachdenklich, „Hubert iſt ein Thunichtgut— ein richtiger Thunichtgut, der ſich durch Uebermuth und Laune oft bis auf die Spitze treiben läßt; aber,—“ ſie faßte vertraulich des jungen Mädchens Hand,—„bös iſt er nicht; in der That, bös iſt er nicht. Sie werden ſich im Laufe der Zeit genugſam davon überzeugen. Hubert treibt's manchmal arg, ich weiß es wohl; — 167 aber er kehrt ſtets zur rechten Zeit um. Vergeben Sie ihm nur ſeine Ungezogenheiten; bös hat er's noch nie ge⸗ meint, Fräulein Urſula; es iſt immer nur reiner Muth⸗ willen, purer Uebermuth!“ „Das ſagt Ihr Mutterherz,“ fiel Urſula leicht erröthend ein,„das Urtheil der Welt möchte wohl anders lauten. Des Mannes Ehrgefühl muß dieſen Uebermuth begrenzen, ſonſt macht er ſich verächtlich!“ Ueberraſcht blickte Frau Depping auf das junge Mädchen, das es wagte, der Mutter ein ſolches Prognoſticon zu ſtellen. „Traurig, wenn Sie recht hätten,“ antwortete ſie, ſchnell von ihrer Betroffenheit geneſend; aber ich fürchte es nicht. Schlecht iſt Hubert nicht, und man verachtet doch nur die ſchlechten Menſchen.“ Urſula wiegte ſchüchtern ihr Köpfchen, ohne die Augen aufzuſchlagen. In ihrer reinen Kinderſeele war ſchon früh ein Tropfen gährenden Mißtrauens gefallen, und dies ver⸗ härtete ihr Urtheil gegen Leichtfertigkeiten. „Wie wollen Sie ſein Eindringen hier in den Garten recht⸗ fertigen,“ flüſterte ſie zitternd und kaum hörbar. Frau Depping horchte auf.„Wie denn, Kind?“ fragte ſie theilnehmend und neugierig zugleich. Urſula zeigte mit der Hand nach der dichten Gartenhecke. „Was wollte er denn hier?“ forſchte Frau Depping dringend. „Wir ſahen ihn ſtets, wenn Mama im Garten war—“ ſtammelte Urſula. Ein herzliches, harmloſes Lachen war zuerſt Frau Dep⸗ ping's Antwort. Dann ſchüttelte ſie des Mädchens Hand recht herzhaft und ſagte im Tone der Ueberzeugung:„Ueber⸗ — 168— muth, nichts als Uebermuth, liebes Kind, ich kenne ja meinen Jungen! Aber, wenn er heimkehrt, werde ich ein ernſtes Wort mit ihm reden. Für's Erſte ſind wir ihn los. Sehen Sie, ſo iſt er! Monatelang hat er von einer Reiſe nach Kopenhagen und möglicherweiſe nach Schweden geredet; er reiſt nämlich ganz gewiß nach Norden, wenn alle Andern nach Süden reiſen, das iſt ſo ſein Vergnügen. Plötzlich geht er auf und davon, ohne Lebewohl zu ſagen, und ich wette, aus Stockholm ſchickt er ein Telegramm, worin er mir meldet, daß er ſich das Vergnügen machen werde, nach Lapp⸗ land zu reiſen. Alles rein aus Uebermuth, beſtes Fräulein, rein aus Uebermuth!“ Damit drückte und ſchüttelte Frau Depping dem jungen Mädchen die Hand und ſah ihr ſo herzensfreundlich in's Auge, daß man ihr gut ſein mußte. Urſula dachte noch lange nach der Entfernung des Gaſtes darüber nach, ob die Regelwidrigkeit in Huberts Betragen ſich durch Jugendmuth und Muthwillen ent⸗ ſchuldigen laſſe. Sie wurde ihren Gedanken durch das Erſcheinen ihres Vaters entzogen, der mit ernſtem Geſicht, einen Brief in der Hand zu ihr kam. „Lies den Brief, Urſel,“ ſagte er mit gehaltnem Weſen, „lies ihn mit Aufmerkſamkeit und komm' dann zu mir auf mein Zimmer.“ Mit einem ſeltſamen Schauer von Furcht, Hoffnung und Spannung hielt Urſula den Brief zwiſchen den Fingern, bis ſich ihr Vater entfernt hatte. Dann erſt warf ſie einen Blick darauf; ſie erkannte die Handſchrift ihrer Mutter. Was der Brief enthielt, machte ſie bald erblaſſen. Sie — 169— las ihn langſam und bedächtig durch. Dann begann ſie von vorn und las ihn Wort für Wort nochmals. Ihr holdes, jungendliches Geſicht war ernſter und bleicher geworden, als ſie endlich aufſtand und feſten Schrittes den Garten verließ. Oben angelangt, verfügte ſich Urſula ſogleich in des Vaters Arbeitszimmer. Sie fand ihn am Schreibtiſche. Ein Brief lag fertig couvertirt vor ihm; einen zweiten endete er eben mit ſeiner Unterſchrift. „Was gedenkſt Du zu thun, Väterchen?“ fragte die Tochter mit bewegter Stimme. Ringforth blickte auf und wies mit dem Lächeln eines Märtyrers auf ſeine beiden Briefe. „In dieſen Schriftſtücken liegt meine Antwort, Urſel. Deine Mutter verlangt im Namen ihrer Tante, daß ich ſo⸗ fort mein Mandat als Abgeordneter zurückweiſe, um nicht des Erbtheiles verluſtig zu gehen, das die Tante Kynar Euch teſtamentariſch vermachen will. Nun, Urſel? Glaubſt Du, daß ich um des Geldes willen meine Ehre einſetzen, daß ich meine Grundſätze verkaufen werde?“ „Nein!“ war des Mädchens Antwort. „Gut, mein beſter Freund! In dieſem erſten Briefe hier habe ich meinen Wählern geſchrieben, daß ich mit Eifer dahin ſtreben werde, die Ehre zu verdienen, die man mir durch meine Wiederwahl erzeigt hat.“ Er hielt inne und ſah voll in ihr Auge. „Ich habe es nicht anders erwartet, Väterchen!“ „Weiter! Deine Mutter fordert mich im Namen ihrer Tante auf, unverzüglich nach der Reſidenz zu kommen, um ihr bei der Schwierigkeit ihrer letztwilligen Verfügung Rath — 170— und Beiſtand zu leiſten. Ich habe Deiner Mutter geant⸗ wortet, daß ich nicht kommen werde, und daß ich es ihrer Tante überlaſſen müſſe, ſich anderweit nach einem juriſtiſchen Beiſtand umzuſehen. In vier Wochen würde, dem Ver⸗ nehmen nach, der Landtag einberufen werden; dann würde ich an meinem Platze, alſo in der Reſidenz ſein und könne die vorliegenden Schwierigkeiten prüfen. Vor der Hand wünſche ich nur eine fortſchreitende Beſſerung der Tante, damit Deine Mutter wieder hier bei Euch ſein könne, wenn mich meine Verpflichtungen nach der Reſidenz riefen.“ Ringforth hielt eine kleine Weile inne, als müſſe er erſt überlegen, ob es rathſam ſei, den ganzen Inhalt ſeines Briefes der jungen Tochter mitzutheilen. Er entſchloß ſich dazu. „Außerdem habe ich Deine Mutter darauf aufmerkſam gemacht, daß mich nichts in der Welt veranlaſſen könne, jemals das Haus ihrer Tante wieder zu betreten; ſie kenne die unüberwindlichen Hinderniſſe und werde ſie zu ehren wiſſen. Darum ſchon ſei es geboten, daß ſie bei eintretender Beſſerung ihre Rückkehr in mein Haus beſchleunige, und daß ſie von jedem Verſuche abſtehe, mich abermals in directe Beziehungen zu ihrer Tante zu bringen. Er ſchwieg und wartete nun auf eine Bemerkung ſeiner Tochter. Sein Blick umwölkte ſich, als Urſel damit zögerte. „Du kannſt nicht anders handeln, Väterchen?“ fragte ſie endlich ſanft. „Nein! Ich kann nicht anders handeln! Was zwiſchen mir und der Tante Kynar liegt ſeit dem letzten ſtürmiſchen Abſchiede, iſt durch nichts zu vernichten. Die alte Frau hatte vergeſſen, daß ihre Nichte Adele eine vater⸗ und mutter⸗ — 171— loſe Waiſe war, als ich mich um deren Liebe bewarb. Das Schickſal hat Deine Mutter jetzt zur möglichen Erbin ge⸗ macht. Das kann, das ſoll und wird mich jedoch niemals unter die Herrſcherlaunen der Generalin zwingen. Mag ſie ihr Teſtament ſo einrichten, daß ich völlig ausgeſchloſſen werde, daß ihre Reichthümer Eurer Mutter zur alleinigen Dispoſition geſtellt ſind; ich will nichts dagegen einwenden und nichts davon beanſpruchen. Ich hoffe noch immer, daß Deine Mutter eines Tages einſehen lernt, der innere Friede überdauere allen äußern Glanz.“ Wieder trat eine Pauſe ein, weil Urſel es nicht wagte, ihrer Meinung Worte zu geben. Sie ehrte des Vaters Willen, aber ſie ſah eine unheilvolle Kriegserklärung in ſeinen unumwunden ausgeſprochenen Worten, denn ſie kannte die Schwächen ihrer Mutter beſſer als ihr Vater. Während Ringforth mit ſicherer und feſter Hand ſeinen Brief in das Couvert ſchob und daſſelbe ſorgfältig ſchloß, überwallte das Kinderherz eine nie gefühlte Angſt, die ſie antrieb, ihre Hand auf den Brief zu legen und zu fragen:„Vater, lieber Vater, kannſt Du nicht anders handeln? Darfſt Du wirk⸗ lich Deiner Ehre wegen das Mandat nicht ablehnen? Mir ahnet Unheil! Mama mit der Tante im Bunde— der Miniſter— ſeine Macht, Dich zu verderben— der Staat mit ihm im Bunde— Tante Kynar's Parteiwuth! liebes Väterchen— Dein beſter Freund bittet, Dich keiner Ueber⸗ eilung ſchuldig zu machen! Zurück kannſt Du nach Deinem Briefe nicht wieder. Was Du in dieſen Zeilen ausge⸗ ſprochen, iſt vielleicht dem winzigen Schneeball gleich, der im Fortrollen eine Lawine erzeugt, die Dich verſchüttet!“ Der Vater umſchloß ſeine Tochter mit beiden Armen. ———— 1 K „Thörichtes Kind,“ ſagte er ruhig,„denkſt Du, ich hätte nicht Alles erwogen, bevor ich ſchrieb?“ Urſel ſeufzte aus voller, bedrückter Bruſt.„Was danach kommt, werde ich zu tragen wiſſen,“ fügte er tröſtend hinzu, 4 indem er ſeine Briefe einſteckte, um ſie ſelbſt zur Poſt zu tragen. Es war ein Tag der Aufregung. Wie es oft im Menſchen⸗ leben vorkommt, daß ein Sturmwind durch die friedlich ge⸗ ſtimmten Seelen fährt und alle ſchlummernden Geſühle wach rüttelt, ſo geſchahe es an dieſem Tage mit Urſula. Nichts fürchtend und nichts hoffend, war ſie ſich am frühen Morgen nur bewußt: wie ſchön das Leben ſei, wenn eine friſche, herrliche Natur es einſchließe und mit idylliſchen Freuden ſchmücke. Aber kaum trat der Tag mit ſeinen Ereigniſſen 3 in Kraft, ſo fuhren Wolkengebilde an ihrem Morgenhimmel auf und bedeckten mit ihrem Schatten ihre geprieſenen Freu⸗ den der Einſamkeit. Das herzlich aufrichtige Weſen der Mutter des Mannes, den ſie in reinem Kindesglauben für den herrlichſten im Weltall hielt, hatte ſie wunderbar er⸗ griffen und ihr eine ideale Meinung von deren Mutterliebe beigebracht. Im raſchen Wechſel machte ſich dann ihre tiefe, verehrende Liebe für den Vater geltend, und ſie fühlte ihre Ruhe ſchwinden; denn die Sorge und Furcht trat ein. Nachmittags kam endlich Leopoldine, um ſie zum Spazir⸗ gang abzuholen, dem die Lady Elmore allmälig gekräftigt, ſich anſchließen wollte. Es wäre eine Erleichterung für Urſel geweſen, hätte ſie 3 Alles, was ſie bewegte und drückte, in Poldy's treue Bruſt niederlegen dürfen; allein die geheimen Leiden ihrer Familie entſchleiern, hieß das Vertrauen des Vaters verrathen. — 173— Ringforth lehnte den Spazirgang entſchieden ab. Er blieb zurück, verſprach jedoch, ihnen Abends entgegen zu kom⸗ men. Leopoldinens heitere Mienen trübten ſich bei ſeinem Vorwand, daß Arbeiten ihn feſſelten. Sie ſah mit dem geſchärften Blicke der zärtlichen Freundſchaft den Schleier der Wehmuth über ſeinem Auge und fragte beim erſten Alleinſein mit Urſel voll liebender Ungeduld nach dem Grunde des Trübſinns, der ſich ebenſo ſichtlich bei ihr, als bei ihrem Vater zeige. Urſula ſchwieg und küßte ſie mit zärtlichem Ernſt. 4 Man ſchlug den Weg nach dem Badegarten ein, weil er der ebenſte im Thale war, aber man wollte nicht im Garten einkehren und zwiſchen den alltäglichen Vergnügungen der Menſchen die Freude an der Sommerpracht mit der Langeweile vertauſchen. Deshalb verließ die kleine Geſell⸗ ſchaft die breite Kaſtanienallee dicht vor dem bunt beſetzten Garten und ſchritt auf einem feſtgetretenen Wieſenpfade einer kleinen Meierei zu, wo man nur friſche ſüße und ſaure Milch mit dickem Rahm zur Erfriſchung erhalten konnte. So lange hatte Leopoldine der Lady als treue Stütze gedient. Als ſie aber ihre kranke Freundin in der dunkel beſchatteten Veranda, gut verſorgt gegen Luft und Kühle untergebracht und dem hungrigen Knabenvolke hinreichend Milch, Brod und Zucker verſchafft hatte, da nahm ſie Urſel einige Momente aus dem Kreiſe hinweg und flüſterte ihr haſtig in's Ohr: Arnold reiſe am nächſten Nachmittage; er werde ihnen folgen, er ſei wunderbarer Weiſe ſehr raſch zum Examen befohlen. Niemand ſolle wiſſen, weshalb er reiſe, nicht daß er fürchte, er ſei nicht ausreichend gerüſtet, ſondern der allgemeinen Neugier zum Trotz. — 174— „Dort kommt Arnold über die Wieſe,“ ſagte ſie, ſich ſelbſt unterbrechend und eilte nach der Veranda, Urſula der unvermfidlichen, einſamen Begegnung hartherzig über⸗ antwortend. Arnold hatte Urſula mit Poldy ſchon längſt bemerkt, jedoch zögernd ſeinen Schritt gemäßigt, als wiſſe er, wovon zwiſchen den Freundinnen die Rede ſei. Sobald ſeine Couſine wegeilte, beſchleunigte er die wenigen Schritte und ſtand im Nu vor Urſula, die bleich und innerlich erzitternd ſtehen geblieben war, anſcheinend im Anſchauen des abend⸗ lichen Himmels verſunken, welcher mit kleinen Wölkchen wie überſäet erſchien. Silberweiß mit roſigen Rändern ſchifften ſie hoch oben am Himmelszelt dahin, während die Sonne hinter dichten Nebelſchleiern ſtand und nur durch einen Purpurpunkt im Gewölk ihr Daſein verrieth. Aber in dieſem Momente erweiterte ſich der Punkt, und die Sonne durchbrach ſiegreich die dunkeln Maſſen am Horizonte, mit ihren letzten Strahlen Alles vergoldend, was farblos im Dämmerſcheine gelegen. Verklärt von dieſem Goldſchimmer, ſtanden die beiden jungen Menſchen vor einander, äußerlich ruhig und gefaßt. „Sie reiſen morgen? Poldy ſagte es mir eben,“ begann Urſula. „Ich gehe einer Prüfung meines Wiſſens entgegen,“ antwortete Arnold.„Das Reich des Wiſſens iſt groß. Wie ich auch wiederkehren werde, darf ich Sie dann fragen, ob Sie mich für würdig halten, Ihnen mein Leben zu weihen?“ „Beruhigt es Sie, ſo beantworte ich Ihnen ſchon heute dieſe Frage,“ entgegnete das junge Mädchen mit reizendem Lächeln.„Gehen Sie getroſt und kehren Sie getroſt wieder. —— 88 —-—— Nicht im Verſtande liegt die Kraft zu beglücken, ſondern im Herzen!“— Sie hatte ihr Auge ſchüchtern zu Boden geſchlagen. Jetzt gewann ſie es über ſich, es zu erheben und ſein Auge zu ſuchen. Ihre Blicke wurzelten feſt in ein⸗ ander— nicht in der Fiebergluth des aufwallenden Herzens, nein, in dem Ernſte eines heiligen Gelöbniſſes. Schweigend gingen ſie neben einander den jubelnden Knaben entgegen, die erſt jetzt ihren Freund Arnold erblickt hatten, und bald ſah man den jungen Mann inmitten der fröhlichen Jugend allerlei Spiel und Kurzweil treiben. „Gehen wir langſam voraus,“ ſagte nach einer Weile Lady Elmore zu Leopoldine, als Curt ſeine Schweſter Urſel heranrief, um Anweiſungen zu geben beim Spiele. „Ja,“ ſagte Leopoldine mit ganz beſonderer Güte und Bereitwilligkeit,„ja, es iſt beſſer für Sie. Der Wieſen⸗ pfad iſt ſchmal und das Gras gegen Abend oft feucht. Ihnen möchte es auch gut ſein, wenn wir auf der Grotten⸗ bank eine kleine Ruhepauſe machten. Sie ſammeln dort neue Kräfte!“ „Kluge Leopoldine,“ antwortete Lady Elmore ſcherzend, „das Glück Anderer zu fördern, iſt Ihre Freude, und Sie vergeſſen darüber, daß Ihnen das Schickſal Ihr eigenes Glück ſchuldig geblieben iſt.“ „Es hat noch Zeit, mich zu belohnen,“ war Leopoldinen's treuherzige Erwiderung. Während dieſe beiden Damen die verabredete Ruhepauſe auf der Grottenbank machten, traf Ringforth bei ihnen ein. Sein Blick ſuchte unruhig die Tochter. „Unſere Kinder werden bald hier ſein,“ rief ihm die Lady zu;„ſie ſtehen unter Schutz und Aufſicht des Referendar Depping.“ — 176— „Ich will ihnen entgegen,“ ſagte Ringforth, weiter gehend. 3 Nach wenigen Minuten traf er ſie ſchon auf dem Heim⸗ wege begriffen. Urſula hatte ihr Hand leicht in den Arm Arnold's gelegt, der leiſe und eifrig zu ihr redete. Das Mädchen zuckte zuſammen, als ihr Vater plötzlich vor ihnen ſtand. Arnold lächelte, faßte mit ſeiner Hand die ihrige und hob die Hände in dieſer Vereinigung zu ihm empor. „Segnen Sie uns!“ flüſterte er. Ringforth betrachtete ſie beide mit ſichtlicher Rührung. Erinnerungen umwogten ſeinen Geiſt. Auch er hatte unter dem blendenden Schimmer und Glanz der Abendſonne ſein Bündniß mit Adele geſchloſſen. Kein Wort entrang ſich ſeinen Lippen. Es war keine heitere Verlobung, die Urſula und Arnold ſchloſſen! Des Vaters Segen blieb ihnen ſogar vorenthalten, denn um ſeine Wehmuth zu verbergen, wendete er ſich ſchnell und ſchritt quer über die Wieſe hinweg in den Wald hinein. „Es wird ſehr öde um mich werden, ſagte Ihr Vater mir damals,“ redete Arnold weiter, indem er die Hand Urſels wieder in ſeinen Arm legte und langſam vorwärts ſchritt.„Aber, Urſula, es ſoll nie öde um ihn werden! Wir werden mit ihm ziehen, wohin er auch gehen möge; wir werden treu an ſeiner Seite ſtehen, wenn des Landes Undank ihm Anerkennung verſagen ſollte; wir werden in verdoppelter Liebe ihn den Kaltſinn derer vergeſſen machen, die ihm Verehrung ſchulden. Sie haben mit kindlichem Vertrauen mich einen Blick in Ihre Familienverhältniſſe 8 thun laſſen, Urſula, und dieſe ſind wahrlich traurig genug. Doch Geduld! Geduld! Bald tragen wir gemeinſam an dieſem Leide, das Ihr junges Herz bedrückt, das Sie ſo ernſt, ſo ſorgenvoll macht. Vertrauen Sie meiner innigen Verehrung für Ihren Vater. Fortan wirken wir zu⸗ ſammen!“ Es war keine heitere Verlobung, wie man ſieht, und dennoch legte Urſula am ſpäten Abend, wunderbar getröſtet und beſeligt, ihr Haupt in die weichen Kiſſen, um auszu⸗ ruhen von dieſes einen Tages Laſt und Mühen. Am nächſten Morgen ſahen ſich die Verlobten noch ein Mal im Zimmer Ringforth's. Vor des Vaters Augen nahm Arnold das junge Weſen zum erſten Male an ſein Herz und Urſula flüſterte weinend:„Väterchen, ich bin nun ſeine Braut, aber Arnold will es erlauben, daß ich Dein beſter Freund bleibe! Ich werde ihm eine treue Gattin werden, aber dennoch bleibe ich Dein beſter Freund!“ „Vergiß nicht, theure Urſel, daß ich eine gute, treue Mutter habe,“ ſprach Arnold nach einer Pauſe, worin Jeder mächtig mit ſeinen aufgeregten Empfindungen zu kämpfen gehabt hatte.„Meine Mutter weiß von meinem Glücke.“ „Wenn Du abgereiſt biſt, gehe ich mit Poldy zu ihr hinüber und bitte ſie um ihre Liebe,“ antwortete Urſel in aufloderndem Jugendmuth. „Außerdem bewahrt das Geheimniß Eures Glückes, bis Deine Mutter heimkommt; wir ſind ihr dies ſchuldig,“ ſagte Ringforth.„Ich will ihr noch heute davon ſchreiben.“ Er ſchrieb, ja er ſchrieb an ſeine Gattin Adele! O ſo gütig, ſo ganz verloren in den Erinnerungen an die Blüthen⸗ zeit ihrer eigenen Liebe, ſchrieb er ihr! Das ſchwere Leid, Ernſt Fritze: Kampf überall. 12 — 178— das ſie ihm während der Dauer ihrer noch nicht zwanzig⸗ jährigen Verbindung bereitet, verſank vor dieſen ſchönen Er⸗ innerungen, und ſeine eigene Begeiſterung gab ihm die Kraft zur Selbſtverleugnung. Er bat ſeine Gattin— nein, er beſchwor ſie bei der Liebe, die ſie verbunden,— heimzu⸗ kommen, ſo ſchnell, als nur möglich, um ihre Tochter Urſel, die ſo überaus anmuthig und ſchön als Braut erſcheine, mit ihrer Heimkehr zu erfreuen. Er ſchrieb ihr! Ob aber Frau Adele den Brief des Gatten jemals geleſen, jemals erhalten hat? Die Tage vergingen. Urſula wurde der Liebling, der Abgott der Frau Depping. Unter ihrer Adreſſe kamen kleine, kleine, kurze Briefchen von Arnold, und durch ihre Hand gingen die zärtlichen Antworten Urſels zurück an den Geliebten, der ihr von Minute zu Minute theurer wurde. Frau Adele beantwortete den erſten Brief Ringforths ebenſo wenig, wie den zweiten. Es bekümmerte den Gatten kaum. Er wußte, daß ſeine Gemahlin keine paſſionirte Briefſchreiberrin war.„Sie wird kommen, Väterchen,“ meinte Urſula. „Ich glaub's ſelbſt, daß ſie uns eines Tages mit ihrer Ankunft überraſchen wird,“ bekräftigte Ringforth im guten Glauben an ſein Recht.„Sonſt hätte Deine Mutter wohl geantwortet.“ — 179— Zwölftes Kapitel. Unter dem Bewußtſein eines Liebesbündniſſes entfaltet ſich das Familienleben zwiſchen den Betreffenden äußerſt ſchnell und freudig. Es bedurfte nur weniger Tage, und Frau Depping hatte die Eigenthümlichkeiten der Ringforth'ſchen Lebensweiſe vollkommen begriffen und ſich zu eigen gemacht. Sie erhielt durch Urſula ganz unbewußt edlere Anſchauungen vom Leben und Streben im menſchlichen Gemüthe. Ihre angeborene Güte ſchwang jetzt ſiegend ihr Scepter, indem ſich ihre Phantaſie für einen höheren Lebensgenuß entfaltete und ihr ein weites Feld von mütterlicher Sorge eröffnet worden war. Urſula brachte die Morgenſtunden, wo Curt durch den gemeinſamen Unterricht mit Lady Elmore’s Knaben beſchäf⸗ tigt war, faſt unausgeſetzt im Nachbarhauſe zu. Was Sie dorthin zog, was ſie dort feſſelte? Die freundliche Mutter⸗ güte, womit ſie empfangen, womit ſie gehätſchelt wurde. Urſula fühlte fich verſtanden in ihrer Liebe zu dem Sohne Arnold; ſie konnte ihr Köpfchen an die Bruſt der Mutter lehnen und voll Sicherheit auf die unveränderliche Treue eines Mutterherzens bauen. Daß dieſe Frau des Luxus Uebermuth huldigte, daß ſie im bunten Tand und Kram ihre Seligkeit fand, daß ihre Geiſtesbildung mangelhaft, daß ihre Weltlichkeit bis zur Lächerlichkeit geſtiegen war, was that das? Ihr Herz war gut geblieben. Urſula vergaß bei ihr die tiefen, geheimen Kränkungen, womit ihre eigene Mutter herzlos ihr Familienleben zerſtört hatte. Die 12* — 180— Schönheit, die Bildung, die Feinheit ihrer Weltkenntniß, die Gewandtheit in allen Umgangsformen galt ihrer Mutter ſtets mehr, als ein ſtilles einfaches Glück voll friedlicher Freuden; hieran ſcheiterten die Verſuche ihres Vaters, ſie für Familienglück empfänglich zu machen. Sie wollte be⸗ wundert, ſie wollte beſchäftigt ſein; ſie wollte auf einer Höhe ſtehen und Alles zu ihren Füßen ſehen. Der Zweck eines ſolchen Erdenlebens war erbärmlich, indeß die Mittel, welche ſie oftmals dazu verwendete, waren noch erbärmlicher. Ihre Sittlichkeit kam zwar nicht in Gefahr, denn ſie that Alles mit kaltem Herzen, aber ſie trotzte zu kühn auf die Sicher⸗ heit ihrer Herzenskälte, wenn ſie zu ihrem Amüſement Ro⸗ mane ſpielte. Ringforth kannte dieſe Schwäche ſeiner Gattin weniger als Urſula, die durch unverantwortliche Sorgloſigkeit der Mutter oft Zeugin ihrer koketten Spielereien geworden war. Ringforth wußte nicht, an welchem Abgrunde ſein Liebling geſtanden; aber er wußte, daß Urſel einen Abſcheu vor fri⸗ volen Menſchen hatte. Das genügte ihm. Ihre Verlobung mit Arnold gewann mehr und mehr ſeinen Beifall. Seine Zukunft verſprach ſich zu lichten. Die Einberufung des Landtages ſtand bevor, und allen Anzeichen nach war die Löſung der politiſchen Zerwürfniſſe für ſeine Partei günſtig. Die Stimmung des Landes hatte ſich bei den Neuwahlen außergewöhnlich kund gegeben. Es war unmöglich, daß man ſich länger dagegen verblenden laſſen konnte, und wenn erſt das Licht der Erkenntniß in den Regierungskreiſen ein⸗ gedrungen war, dann zögerte man ſicherlich nicht mit der nothwendigen Abhilfe, um zur Vereinbarung anderer Vor⸗ lagen die Kräfte zuſammenfaſſen zu können. —— —— — 181— Mit welchem Eifer gab ſich Ringforth ſchon jetzt den Vorarbeiten hin, die ſpäter erforderlich waren. Er ſaß am Schreibtiſch. Vertieft in ſeine Studien, beachtete er es kaum, daß ſeine Köchin die Zeitungen leiſe neben ihm niederlegte, obwohl er die Zeit immer mit Spannung er⸗ wartete, wo ihm der Welt Neuigkeiten und Streitigkeiten neue Anregungen brachten. Endlich aber blickte er auf. Außer den Zeitungen lag noch ein Brief neben ihm. „Aus der Reſidenz,“ murmelte er, die Handſchrift ſeiner Gattin Adele erkennend.„Mein Gott!“ rief er betroffen, als ihm aus dem raſch geöffneten Couvert die ungelenke Schrift der alten Generalin entgegenleuchtete. Er las! O es waren wenige Worte, die er zu leſen hatte! Man hatte es nicht für nöthig erachtet, viele Worte zu verſchwenden, um ihm eine Alternative zu ſtellen, vor der ſein Inneres zurückſchauderte. „Iſt es dahin gekommen!“ ſprach er leidenſchaftlich auf⸗ geregt, mit bitterm Lachen den kurzen und inhaltſchweren Brief auf den Tiſch werfend.„Man droht, man ſtellt mir Bedingungen, man fordert unbedingte Unterwerfung! Adele unterſchreibt dieſe ſchmachvollen Forderungen; ſie erklärt ſich einverſtanden, vollkommen einverſtanden mit dem Ausſpruch der Tante, welcher mich erniedrigt?“ Er lehnte ſich in ſeinen Seſſel zurück und verſuchte ruhiger zu werden. Es gelang ihm nicht. Die Empörung ſeiner Seele brach wieder im Selbſtgeſpräche hervor. „Drohungen und Schmähungen von der Gattin, die ich ſo vertrauensvoll geliebt, die ich ſo vertrauensvoll in meine Gedanken eingeweiht, daß ſie wiſſen mußte, wie mich die Anforderungen, wie mich ihre Erklärungen unheilvoll ver⸗ — 182— letzen würden,“ flüſterte er mit unheimlichem Tone;„und ich zittere, ich zittere bei der Kundgebung dieſer Frauen⸗ laune!“— Er ſchlug die wirklich bebenden Hände flach zu⸗ ſammen und betrachtete ſie mit innerlichem Zorne über die Erſchütterung, die ihn zu überwältigen drohte, die auf eine peinliche Weiſe ſeine ſonſt ſo feſte Seelenſtimmung beein⸗ trächtigte. Sein ganzes Weſen war in Aufruhr. Nicht allein der Unmuth der Ueberraſchung, ſondern auch der Schmerz machte ſich in ſeinen Mienen bemerkbar, während er düſter vor ſich niederblickte und ſeine gegenwärtige Situa⸗ tion überdachte. Was ſich jemals an Liebesfreude in ihm geregt, ſtand hell und mahnend vor ſeinem Geiſte; was er einbüßen ſollte, wenn er den betretenen Pfad ſeiner Politik, die ſich auf An⸗ erkennung ſeiner Staats⸗ und Bürgerpflichten ſtützte, weiter verfolgte, gewann an Werth; aber— für welchen Preis mußte er ſich die Sicherheit dieſer Lebensfreuden ſichern? Er mußte ein feiger Wortbrüchiger, er mußte ein Heuchler werden! Seine Empörung über die Zumuthungen der beiden verbündeten Frauen wuchs. „Fahr' wohl, Du armes, bethörtes Weib, fahr wohl! Ich kann um dieſen Preis Deine Exiſtenz nicht wieder auf die glänzende Höhe bringen, der Du im ſtolzen Muthe ent⸗ gegen zu gehen glaubteſt; fahr' wohl!“ flüſterte er, wild auffahrend.„Moͤge Euch der Gedanke an den verſtoßenen Gatten, an den verlaſſenen Vater Dir niemals den Schlaf rau⸗ ben! O, daß es dahin gekommen, daß es dahin ge⸗ kommen iſt!“ Er verſank in ein tiefes, grübelndes Nachdenken. Wie lange er mit ſeinen Empfindungen gekämpft, wußte er ſelbſt — am wenigſten. Der Brief lag vor ihm ausgebreitet und ſeine Rechte preßte ſich feſt darauf. Sein Kampf war be⸗ endet! Daß ihm dabei die Augen feucht geworden waren, merkte er nicht. An der Thür regte es ſich. Er mußte erwarten, Urſula eintreten zu ſehen. Um Zeit zur Faſſung zu gewinnen, ſchloß er ſchnell die Augen und lehnte ſich feſter in ſeinen Seſſel. Die Thräne des Schmerzes und Seelenleides, wovon er nichts wußte, hing ſich verrätheriſch in ſeine Wimpern. Urſula trat ein. Sie kam in voller Lebens⸗ und Liebes⸗ freudigkeit; voll Schelmerei nahete ſie dem anſcheinend ſchlum⸗ merden Vater. Sie neigte leiſe ihr Antlitz zu ihm nieder. „Um Gott, er hat geweint!“ flüſterte ſie kaum hörbar. „Vater, lieber Vater, was iſt geſchehen?“ Ringforth zuckte innerlich zuſammen bei dieſem ſüßen Kindesgeflüſter, aber er öffnete die Augen nicht. Er regte ſich nicht. Er wollte ſeiner Tochter die Spuren ſeines inner⸗ lichen Kampfes verheimlichen. Urſula fühlte ſeine Abſicht heraus. Sie reſpectirte dieſen väterlichen Willen indeß nicht. Raſch umfaßte ſie ſeinen Kopf mit beiden Händen und legte ihre Wange feſt auf ſeinen Scheitel.„Väterchen, liebes Väterchen,“ bat ſie mit zuckenden Lippen, als er jetzt nicht länger widerſtand, als er die Hand von dem unheilvollen Briefe löſte und den Arm um ihre zarte Geſtalt legte.„Liebes Väterchen, bin ich Dein beſter Freund nicht mehr?“ ſchmeichelte ſie, und die Rührung dämpfte den Klang ihrer Stimme. „Ja, ja!“ fuhr Ringforth entſchloſſen in die Höhe,„Du ſollſt mir rathend und helfend zur Seite ſtehen; Du ſollſt entſcheiden für Dich und Deinen Bruder.“ — 184— Er ſprang von ſeinem Sitze auf, durchmaß mehrere Male 1 mit hallenden Schritten ſein Arbeitszimmer, bevor er fort⸗ fuhr:„Es iſt jetzt ſo weit gekommen, daß Ihr Kinder wählen müßt, ob Ihr Euch zu dem Vater oder zu der Mutter halten wollt.“ Ein leiſer Schmerzensſchrei gab Kunde von Urſula's ge⸗ ängſtigter Seele. 3 „Die Tante Deiner Mutter erklärt mit harten, kalten Worten, daß ſie die Ehe ihrer Nichte Adele, mit deren Bewilligung als getrennt betrachten würde, im Falle ich meine politiſchen Irrwege nicht auf der Stelle verließe und mein Mandat ablehnte. Sie meldet mir, daß ſie Ihr Teſtament zu machen im Begriff ſei, daß ſie die Kinder ihrer Nichte hiermit auffordere, unverzüglich zu ihr zu kom⸗ men, und daß es von mir abhange, Euch zu ihr zu be⸗ gleiten, um dadurch mein zeitliches und ewiges Glück zu 3 ſichern. Meine Weigerung würde das Signal zur Eheſchei⸗ dung und zur Enterbung ſein.“. „Großer Gott,“ klagte das Mädchen, die Hände ringend. „Unſere arme Mutter!“ „Deine Mutter iſt nicht die beklagenswertheſte bei dieſem Ereigniſſe,“ fiel Ringforth finſter ein.„Sieh hier!“ Er deutete mit der Hand auf den Schluß des Briefes.„Deine Mutter fügt dem herzloſen Inhalte des Schreibens ſehr kalt⸗ ſinnig die Erklärung hinzu, daß ſie ganz einverſtanden mit allen Anordnungen ihrer Tante Kynar ſei, und daß ich gar nicht darauf rechnen könne, ſie jemals wieder zu ſehen, wenn ich mich weigere, den Befehlen der Tante zu gehorchen. Sie hätte unſere jetzige Lage ſtets als eine Schmach angeſehen und verlange meine„Umkehr“ und„vollſtändige Unter⸗ werfung.“ — 185— „Das ſchreibt meine Mutter!“ ſchrie Urſula auf.„Das wagt ſie zu ſchreiben an Dich— an Dich—!“ ſie brach ab und verhüllte ihr Geſicht mit den Händen. „Warum ſollte ſie das nicht ſchreiben, da ihre eigene Tante ihr als Vorbild gedient,“ entgegnete Ringforth, nun wieder im Beſitz ſeiner gewöhnlichen Gelaſſenheit. „Und wenn Du dieſen Anforderungen nicht entſprichſt?“ fragte Urſula athemlos vor Bangigkeit. „Dann kehrt Deine Mutter nicht zu mir zurück, ſondern fordert Euch, unſere beiden Kinder— auf, zu ihr zu kommen.“ „Darf unſere Mutter ſo handeln?“ ſtieß das junge Mädchen beängſtigt hervor. „Warum nicht, wenn ſie ſich dadurch die reiche Erb⸗ ſchaft ihrer Verwandtin ſichern kann, die dann auf Euch übergehen wird.“ „Des Mammons wegen will ſich unſere Mutter von Dir trennen?“ „Sie erwirbt Euch damit des Lebens Ueberfluß.“ „Und Dein Entſchluß, Vater?“ „Mein Entſchluß ſteht feſt. Ich beuge mich dem Willen der beiden Frauen nicht, die ſchonungslos mein Lebensglück zu zertrümmern trachten.“ Urſula hob den Kopf. Ihr Geſicht veränderte ſich, während Ringforth nach einer Pauſe fortfuhr.„Es iſt indeß nicht meine Abſicht, Deinen Entſchluß zu beeinfluſſen. Dir ſteht mit vollem Rechte frei, zu handeln, wie Dein Herz es Dir eingiebt. Allein ich mache Dich aufmerkſam auf das, was Du erwerben kannſt und was Du aufgiebſt. Denke an Deine Pflichten, denke an Deinen Verlobten— denke an Deinen Bruder— denke an—— 4 ——õ———— ) — 186— „An Alles dies dachte ich, Väterchen,“ unterbrach das junge Mädchen ihn mit ihrer gewöhnlichen, kindlichen Naivetät,„mir fiel dabei ein, daß ich weder der Großtante Kynar noch meiner Mama auf ihrer glänzenden Lebensbahn nothwendig oder nützlich ſein werde, daß ich aber weder Dich und Curt noch Arnold verlaſſen, treulos verlaſſen könne, ohne zu ſterben; ich bleibe bei Dir!“ Ringforth ſah ſie ruhig und feſt an.„Willſt Du den Zorn der Tante Kynar wecken und die ſchweren Folgen deſſelben tragen, Urſel?“ „Viel eher als den Gedanken an Deine Trauer, wenn wir uns trennen müßten.“ „Meine Hilfsbedürftigkeit darf Dich nicht zur Ent⸗ ſagung ſo überwiegender Vortheile verleiten.“ „Mich verleitet nicht Deine Hilfsbedürftigkeit, ſondern meine treue Tochterliebe, Väterchen. Schreib' der Tante. Kynar das, an Mama werde ich es ſelbſt ſchreiben. Ich bleibe hier, und mein Bruder Curt muß auch hier bleiben. Wir gehören zu Dir und können uns nicht des Mammons wegen von Dir losreißen. Wir bleiben bei Dir!“ Das junge Mädchen hatte ohne Exclamation geſprochen. „Du betrachteſt Deinen folgenſchweren Vorſatz ſo gleich⸗ müthig, weil Du glaubſt, Deine Mutter werde ihre 1 Drohungen nicht wahr machen,“ wendete Ringforth etwas V ſchroff ein. „Ja, liebes Väterchen! Die Mutter i*ſt verleitet durch Andere. Wenn ſie das erſt einſieht, ſo wird ſie der Ver⸗ gleich Deiner ewig gleichen Güte mit dem harten Eigenſinn 3 der Tante Kynar wieder zu uns zurückführen. Mein Arnold ſchreibt mir, daß er unmittelbar nach ſeinem beendeten —— — 187— Examen Mama aufſuchen werde. Ich hoffe ſehr viel von ſeinem Beſuche bei der Tante Kynar. Schreib Du, was Du ſchreiben mußt, um Deine Ehre zu wahren. Ich will auf mein Stübchen gehen und auch ſchreiben. Sei guten Muthes, Sonnenſtrahlen lichten das dichteſte Gewölk!“— Sie ſchmiegte ſich auf einen Moment an den in Sinnen verlornen Vater und verließ ſchnell das Zimmer, um in der Einſamkeit ihres Stübchens den Schmerz, welchen ſie kräftig in Zaum gehalten, austoben zu laſſen. Mit einem Strome von Thränen warf ſie ſich betend auf die Knieen und rief Gott um Hilfe an! Sie fürchtete mehr, viel mehr, als ſie ihrem Vater einzugeſtehen wagte. Was bis zu dem Momente dieſer ſchrecklichen Eröffnungen nur bedeutungslos geklungen, wurde gewichtig; denn Arnold hatte ſeiner Mutter beiläufig gemeldet, er glaube Hubert in dem Gewühle eines zufällig entſtandenen Straßenauflaufes erkannt zu haben, ſei jedoch nicht im Stande geweſen, ſich Gewißheit darüber zu verſchaffen.“ Eine Reihe von Möglichkeiten eröffnete jetzt dieſe Nach⸗ richt. Ihre Zukunft mit allen ſüßen Wünſchen und herr⸗ lichen Hoffnungen lag vernichtet vor ihr. Die Jahre der Jugend fließen ſonſt im Elternhauſe im ungeſtörten Frieden dahin; mag es auch ſtürmen in der Welt, mag auch in troſtloſem Kummer ein Tag den andern über⸗ bieten: Das Kind lächelt ſorglos und unſchuldig in das ernſte Ge⸗ ſicht des Vaters hinein; es lächelt bei den verſteckten Thränen der Mutter, ohne zu begreifen, daß dieſe Thränen bitterer ſind als Kindesthränen. Urſula Ringforth hatte dieſe Sorgloſig⸗ keit der Jugend verloren, noch ehe ſie ſich der Begriffe Moral und Tugend bewußt geworden war. Aber nicht durch — 188— Thränen, nicht durch den Ernſt des Lebens hatte ſie ihre Harmloſigkeit eiugebüßt, ſondern durch das Lächeln der eige⸗ nen Mutter, das dieſe ſtets für andere Männer hatte, doch niemals für ihren Vater. Sie trug es als ein Geheimniß in ihrem Kinderherzen, daß ſie die Schwäche der Mutter er⸗ kannt hatte bis zu einem Tage, wo ihr Vater mit ſtolzem Manneswort Rechenſchaft von ſeiner Gattin zu fordern be⸗ rechtigt ſchien. Böſe Zungen hatten Thatſachen übertrieben, um ihm Kränkungen zuzufügen. Ein warnender Freund war zu ihm gekommen, um ihm Mittheilungen über umlaufende Gerüchte zu machen, da trat Urſula mit Kindesmuth und Kindesunſchuld für die Mutter ein. Ihre Erklärung be⸗ ruhigte des gekränkten Vaters Herz,— ſeine Tochter erſchien ihm als der Schutzgeiſt ſeines Hauſes. Aber jetzt? was für Erfahrungen folterten ihr Herz! War es eine Kette von Zufälligkeiten, die ſich ihr durch Hubert's Anweſenheit in der Reſidenz enthüllte? Unmöglich! Und ſie war nicht der Mutter zur Seite wie ſeit dem erſten dämmernden Bewußtſein ihrer Kinderjahre, wo ſie, vom In⸗ ſtinet geleitet, der Mutter eine oft unbequeme Geſellſchafterin blieb. Ohne den Abgrund menſchlicher Leidenſchaften zu kennen, beurtheilte Urſula die gefahrloſe, kalte Koketterie ihrer Mutter ganz richtig; aber würde die Welt zaudern, die Ehre ihrer Familie anzutaſten, wenn jetzt, angeſichts ihrer Verlo⸗ bung mit dem Bruder Huberts, ihre Mutter auf eine Tren⸗ nung ihrer Ehe beharrte? Urfula ſchrieb unter dem Einfluſſe ihrer tiefen, ſchmerz⸗ lichen Befürchtungen, und ihre Feder wurde von der Begeiſte⸗ rung für ihr Vorhaben geführt. Sie zeigte ſich willig, ihr Leben, ihr Glück zu opfern, nur bat, flehte ſie, beſchwor die — 189— Mutter, zurück zu kehren und in ihrem Familienkreiſe zu vergeſſen, was trennend zwiſchen ſie und ihre Familie zu treten im Begriff ſtehe. Ringforth hatte nicht minder ergreifend ſeinem erſchütter⸗ ten Innern Ausdruck gegeben. Beide Briefe waren eine Mahnung, die nicht wirkungslos bleiben konnte, wenn in dem Buſen der bethörten Frau nur noch ein Funken von Liebe, nur noch ein Hauch von mütterlichem Wohlwollen vorhanden war. Ob ſie den erwarteten Erfolg hatten?. . 4 8 Dreizehntes Kapitel. In der Zwiſchenzeit hatte ſich Hubert's Stellung im Hauſe der Generalin Kynar auf das Angenehmſte heraus⸗ gebildet. Seine Beſuche waren regelmäßig geworden. Der junge Mann hatte ſchlauerweiſe die Haupturſache ſeiner Reſidenzreiſe dergeſtalt verſchleiert, daß weder die Generalin noch die ſehr liſtige Geſellſchafterin, Fräulein Emma, etwas Anderes darin ſahen, als die Luſt, ſich die Langeweile zu vertreiben. Bevor er eine Andeutung davon wagte, mußte er den Einfluß ſeiner Gönnerin prüfen. Der Zeitpunkt näherte ſich allmählich, wo dies möglich wurde. Die hoch⸗ ſtehenden Beamten ihres Geſellſchaftskreiſes ſammelten ſich nach und nach wieder in der Reſidenz. Man ſprach ſchon von der Eröffnung des Landtages, obwohl noch nicht des Herbſtes Nebelſchatten die Sommertage verfinſterten. Es erſchienen hin und wieder einige dieſer Zugvögel im Kreiſe des Hauſes, der ſich Dienſtags dort zuſammenfand— aber ——— — 190— die Stimmung zeigte ſich kühl, launiſch und mißtrauiſch, je nachdem die Nachrichten über Ringforth umliefen, der jetzt zu den gefürchtetſten Parteiführern gehörte. Daß die alte Dame den unvergleichlichen Muth bewies, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um ihren Willen durch⸗ zuſetzen, gewann ihr nicht die unbedingte Achtung— es entging Hubert keineswegs ein leichtes Naſerümpfen und ein verrätheriſches Spottlächeln, wenn man Frau Adele begrüßte, und aus den ſchnöden Bemerkungen ihrer Tante den Sach⸗ verhalt zuſammenſtellen konnte. Auch beſtätigten ihm die gelegentlichen Aeußerungen ihres Arztes ſeine Beſorgniſſe, daß man in der Provinz ihren Einfluß, wie ihren Ruf, be⸗ deutend überſchätze. „Paſſen Sie auf,“ ſagte der Doctor, als er mit Hubert auf dem Trottoir unweit des Kynar'ſchen Hauſes zuſammen⸗ traf und ſich anſchickte in ſeiner Begleitung dorthin zu gehen. „Paſſen Sie auf— es iſt etwas in der Luft, was die alte Frau zu Boden wirft.“ „Sie meinen, Doctor?“ fragte Hubert unſicher das ſchlaue Lächeln des Doctors prüfend. „Neulich gab's einen Starrkrampf— den überwand ſie mit ihrem harten Kopfe.“ „Oder ſie ſpielte ihn mit ihrem harten Herzen,“ ſchaltete Hubert, ebenfalls lächelnd, ein. „Beide Lesarten haben etwas für ſich,“ meinte der Doctor lakoniſch. „Nun? Glauben Sie eine Wiederholung fürchten zu müſſen?“ „Ich meine, es wird eine ſchleunige Luftveränderung nöthig ſein und zwar auf mehrere Jahre,“ entgegnete Doctor Re⸗ wangen malitiös. — 191— „Wie das? Warum?“ feagte Hubert einigermaßen be⸗ ſtürzt. „Weil ſie ſich durch ihren excentriſchen Eigenwillen„un⸗ möglich“ gemacht hat. Sie müſſen wiſſen, in der höheren und allerhöchſten Geſellſchaft geht's accurat zu, wie in der niedrigſten Volksſchichte. Man benutzt ſeinen Nächſten— man ſchmeichelt ſeinem Nachbarn und ſpielt den guten Freund, ſo lange man etwas von ihm zu erlangen hofft— glückt's, ſo hält man noch ein Weilchen die Maske feſt und zieht ſich dann allmälig zurück; ſchlägt's fehl, dann läßt man den guten Nachbar und Freund mit Eclat fallen, um damit ſein eigenes Anſehen zu retten. Oeffnen Sie Ihre Augen und Sie werden vielleicht in nächſter Zeit durch den Augenſchein von der Wahrheit meiner Behauptung ſich überzeugen können.“. Sie waren während ihres Geſpräches bei der Thür des Kynar'ſchen Hauſes angelangt und der Portier öffnete eiligſt, ohne ihr Klingeln abzuwarten. „Gut, Herr Doctor— gut, daß Sie kommen,“ flüſterte er mit einer bezeichnenden Pantomime, zog ſich indeß, wie ein furchtſamer Kettenhund ſogleich in ſein Kellerſtübchen zurück. Die Herren wechſelten einen Blick und ſtiegen ſtumm mitſammen die Treppen aufwärts. Vorſichtig berührte der Doctor den Klingelknopf. Die Glocke ſchlug innen nur leiſe an, aber wie im Fluge ſtand Fräulein Emma hinter den bunten Glasſcheiben des Treppenflures. „Gott ſei gelobt, daß Sie kommen!“ rief ſie ſehr aufge⸗ regt, trotzdem aber ſehr leiſe.. Die Herren traten ein. Der Doctor raſch und ſicher— Hubert zögernd und ſich hier überflüſſig fühlend. — 192— „Was iſt denn los, Fräulein?“ fragte der Doctor, nach⸗ dem er den Treppenverſchluß zugedrückt hatte. „O Gott— ſeit geſtern Nachmittag ging es Schlag auf Schlag.“ „Dahin wird es auch eheſtens bei ſolcher aufregenden Lebensweiſe mal kommen,“ murrte der Doctor.„Und Schlag⸗ fluß iſt ſchlimmer, als Starrſucht. Was gab's denn?“ „Geſtern war unſer Andachtskränzchen, wo Excellenz Hoche immer Vortrag und Gebet hält. Geheimrath Hoche ließ ab⸗ ſagen. Eine halbe Stunde ſpäter Frau Miniſter von Mahl⸗ mann ebenfalls. Dann Frau Generalin von Tieflau, dann unſere beiden eifrigſten Mitglieder— Sie wiſſen ja— und wir hatten gerade geſtern feſt auf den Beſuch des Baron* gerechnet, den er ſchon längſt verheißen.“ „Der kam aber auch nicht?“ warf der Doctor ſarka⸗ ſtiſch ein. „Bewahre— nicht einmal ſein Famulus der Aſſeſſor Loſch kam, hatte es aber auch nicht abſagen laſſen. Nur einige alte Wittwen, einige Geheimrathstöchter, einige Majors außer Dienſt und einige Candidaten ſtellten ſich ein. Alle ſchienen ſichtlich beſtürzt, als ſie hörten, Excellenz Hoche werde die Andacht nicht halten— genug, es währte keine Stunde, und unſer Salon war leer.“ „Nun, da könnte auch ſchon einen ſtärkeren Menſchen der Schlag vor Aerger rühren,“ ſprach der Doctor gemüthlich lachend. „Und nun heute!“ „Was? Noch mehr?“ „Jawohl. Heute kamen Briefe aus der Provinz.“ „Aha— von Ringforth!“ rief der Doctor belebter und — 193— lauter.„Die Briefe brachten wohl das Maß zum Ueber⸗ ſchäumen?“ „Gnädige Frau hat ſich eingeſchloſſen— Frau Adele iſt angewieſen die Koffer zu packen— ich habe Befehl erhalten: die Dienerſchaft abzulohnen!“ Der Doctor hätte gern laut aufgelacht, ließ es jedoch bei einem vielſagenden Blick bewenden, den er Hubert zuwarf, welcher ein ſtummer Zuhörer geweſen war. „Sie wiſſen nun Beſcheid, Herr Doctor— kommen Sie!“ flüſterte die Geſellſchafterin eilig vorangehend. Der Arzt folgte. Hubert blieb nachdenklich am Fenſter des Vorzimmers ſtehen, noch uneinig mit ſich, ob er ſich nicht ungeſäumt ent⸗ fernen und ſpäterhin erſt wiederkommen ſolle. Indem er ſeine Blicke achtlos über die gegenüberliegende Häuſerreihe gleiten ließ, trafen dieſelben auf eine Männer⸗ geſtalt, die ſich langſam und gemüthlich auf dem Trottoir daher bewegte, augenſcheinlich damit beſchäftigt, das Haus der Generalin Kynar gründlich zu betrachten. Wie vom Blitz getroffen, fuhr Hubert vom Fenſter zurück. Das war ſein Bruder Arnold! Schon einmal glaubte er ihm von fern begegnet zu ſein, und er war geflohen um ſeinen Blicken aus⸗ zuweichen. Jetzt beſtätigte ſich, was er bis dahin für eine Eingebung ſeines böſen Gewiſſens gehalten. Arnold's Anweſenheit in der Reſidenz befremdete ihn. Er wußte ja nichts von den letzten Ereigniſſen in der Heimath; er wußte nichts von der Verlobung Urſula's, weil ſie noch als Geheimniß betrachtet wurde, wußte nichts von dem Eifer ſeines Bruders, womit er das vor Jahresfriſt unterbrochene Examen wieder geltend gemacht und die noch nöthigen ſchrift⸗ lichen Arbeiten mit rieſigem Fleiße ergänzt hatte. Ernſt Fritze: Kampf überall. 13 — 194— Wie eine Erleichterung kam ihm der Gedanke an eine mögliche Abreiſe der Generalin in's Gedächtniß zurück. Ehe er indeß zu einer klaren Ueberſicht ſeiner Lage und Stellung gelangte, öffnete ſich die Thür des Salons und Frau Adele, friſch und ſtrahlend, wie das Morgenroth eines neu begin⸗ nenden Tages, eilte raſch auf ihn zu. Mit jenem Lächeln, das Urſula ſo bitter zu tadeln wagte— mit jenem Lächeln, das ihr momentan den Reiz der Jugend zurückzugeben im Stande war, reichte ſie dem jungen Manne die Hand und theilte ihm, ohne alle Vorrede, mit kurzen, beflügelten Worten die Nachricht mit,„daß nun das Zerwürfniß mit ihrem Gatten unwiderruflich ſei, daß ihr Gatte lieber ſie aufgeben, als ſeine politiſche Meinung ändern wolle. Die Trennung von ihrer Familie ſei damit unterſchrieben, denn auch Urſula weigere ſich hartnäckig, den Aufforderungen der Tante Kynar Folge zu leiſten und nach der Reſidenz zu kommen.“ Hubert hatte ſtarr vor Erſtaunen der lebhaften Bericht⸗ erſtattung der Dame Adele gelauſcht. Er war in einem An⸗ falle inneren Entſetzens mehrere Schritte von ihr zurückgewichen. Im Nuentfaltete ſich die ganze Reihenfolge von Muthmaßungen, 3 wozu ſein leichtfertiges Handeln Veranlaſſung bot. Im Nu ſtand ſein Bruder mit ſeinen zornglühenden, flammenden Blicken, in welchen ſich Verachtung mit Entrüſtung paarte, vor ihm— im Nu erhob ſich ſeines Vaters Bild; ernſt und drohend war der Ausdruck der Geſichtszüge, womit er, wie ſonſt wohl im Leben, Rechenſchaft von ſeinem Thun und Treiben for⸗ derte, womit er ihn in ſeinem wildeſten Jugendmuthe be⸗ zwungen hatte. Alles, was noch an Moral und Tugend in dem äußerſten Winkel ſeines frivolen Innern aufgeſpei⸗ chert lag, machte ſich plötzlich geltend und mahnte ihn, an ſeine — 195— eigene Ehre und an die Ehre der Dame zu denken, die durch ſorgloſen Leichtſinn gefährdet erſchien. „Gnädige Frau,“ ſtammelte er faſſungslos,„bedenken Sie— bedenken Sie!“ „O, die Sache iſt leicht zu arrangiren,“ entgegnete Frau Adele ſo leichthin, als gälte es die Garnitur eines Feſtkleides zu berathen.„Wir reiſen! Meine Tante ſoll nach dem Süden, ihres aſthmatiſchen Uebels wegen. Sie begleiten uns, nicht wahr?“ fragte ſie mit ſchmeichelndem Tone.„Meine Tante rechnet darauf, Sie als Reiſecavalier engagiren zu dürfen.“ „Viel Ehre für mich!“ antwortete Hubert, nach und nach wieder Faſſung gewinnend. „Es wird eine genußreiche Reiſe werden! Urſel hat für dergleichen Lebensgenüſſe keinen Sinn— ſie beſitzt ihres Vaters practiſch bürgerliches Weſen. Nicht wahr, Sie ge⸗ nießen mit uns die köſtlichen Tage, wenn wir, berauſcht von der Schönheit und Großartigkeit der Natur, die heimath⸗ lichen Aergerniſſe zu vergeſſen ſuchen.“ „Gewiß! Gewiß!“ entgegegnete Hubert feurig einfallend. „Mich beſeeligt der Gedanke,“ fuhr Frau Adele fort, ſchwärmeriſch die Augen hebend,„o, wie lange habe ich ſchon gewünſcht„reiſen zu können,“ zumal nach den ſüd⸗ lichen Geſtaden des Meeres, deren bezaubernder Einfluß auf uns Nordländer einen unſäglichen Reiz ausüben ſoll—“ „Sich ergötzen an dem Meeresſpiegel mit ſeinen pracht⸗ vollen Farben und Wellenſpielen, überſpannt vom tiefblauen Himmel des Südens,“ fiel Hubert prompt ein,„welch' ein entzückender Gedanke!“ „Und dann die zahlloſen, eleganten Villen in den von Blüthen ſtrotzenden Gärten—“ 13 8½ „Durch Seeluft gekühlt— luſtwandelnd zwiſchen wild⸗ wachſenden Geranien, Pelargonien und Myrthen—“ „In luftigen Gewändern— im Haar die Purpur⸗ blüthen des Granatbaumes vereinigt mit der duftigen Orangenblume—“ „Ein Götterleben winkt uns—“ „Die unſchuldige Seeligkeit des Paradieſeslebens—“ Ein ſchrilles Klingeln unterbrach das Geſpräch.„Meine Tante,“ lispelte Frau Adele zuſammenzuckend.„Auf Wieder⸗ ſehen— Sie kommen hinein, wenn der Doctor fort iſt.“— Die Dame hielt ihm die Hand hin. Er ergriff ſie nicht, ſondern legte, ſcheinbar ſelbſt vergeſſen, militäriſch grüßend, zwei Finger an die Stirn. Verwundert über dieſe Tact⸗ loſigkeit verließ Frau Adele haſtig das Zimmer. Hubert blieb ſinnend allein. Wie von einer höhern Macht getrieben, wich er unmerklich mehr und mehr zurück, bis er der Thür ſehr nahe ſtand. Sein Geiſt kehrte zu dem Ideengange wieder, der ihn ſchon vorhin zu unerquicklichen Reflexionen verleitet hatte: Mit dem„Hauptmann“ war es nichts. Nachdem es der Generalin mißglückt war, den Gemahl der Nichte am Gängelbande zu führen, mußte ſie in Mißcredit fallen. Den Cieisbeo der Frau Adele zu ſpielen, war für den kaltherzigen Witzbold keineswegs verführeriſch genug zu einem Opfer— den gehorſamen Reiſebegleiter der alten„grimmigen, wüthen⸗ den, raſenden“ Dame abzugeben, hatte in Wahrheit noch weniger Verlockendes— ſein erſtes Debüt auf der hohen Weltbühne war mißglückt— es gelüſtete ihn nicht nach wei⸗ teren Verſuchen. Ein Geräuſch vom fernen Wohnzimmer her weckte ihn — 197— aus ſeinem tiefen Nachdenken. Wild blickte er um ſich. Er hatte vergeſſen, wo er ſich befand und glaubte ſich von einem Traume umfangen. Ein haſtiger Sprung nach der Thür— fort war er! Wie gejagt von Furien ſtürzte er die Treppe hinab— hinter ihm her tönte es, wie Hohn der Hölle: „Herr Lieutenant— Herr Lieutenant!“— 3 Unmittelbar nach ſeinem Verſchwinden trat Fräulein Emma in's Zimmer, athemlos vor Eile und angſtvoll die Hände ringend, als ſie ſich vergeblich nach ihm umſah. Die Gene⸗ ralin war zornig über alle Maaßen, daß man Herrn Hubert nicht gleich zu ihr eingelaſſen. Sie hatte den Doctor mit Vorwürfen empfangen. Ihr Athem ging kurz und ſchwer, als ſie ihm deutlich zu machen geſucht, daß er ſie unverant⸗ wortlich vernachläſſigt habe, und daß ſie nun ohne ſeinen Rath entſchloſſen ſei, unverzüglich abzureiſen. Der Doctor hatte danach mit ſeinem eigenthümlichen Lächeln darauf hin⸗ gewieſen, daß er es ſtets für nöthig erachtet, ſie auf mehrere Jahre einer Luftveränderung zu unterwerfen, und zwar ſo ſchleunig wie möglich. Nun ſollte Hubert kommen und ihre Befehle entgegennehmen. Hubert war fort! Er war verſchwunden! Fräulein Emma lehnte ſich voller Verzweiflung weit zum Fenſter hinaus, um nach ihm zu ſehen. „Er iſt fort!“ jammerte ſie.„Allmächtiger, jetzt wird ein ſchweres Unwetter über mich hereinbrechen! Wie konnt' ich ahnen, daß er ſich entfernen werde, ohne der Gnädigen den ſchuldigen Beſuch zu machen!“ Zögernd trat ſie zum Treppenflur hinaus; ſie hörte eilige leiſe Tritte von unten herauf, und noch ehe man die Klinge anrühren konnte, warf ſie geſpannt die Thür zurück,— ein Herr ſtand vor ihr; aber keineswegs Lieutenant Depping. — 198— „Herr Schulrath!“ rief die freudig überraſchte Geſell⸗ ſchafterin und reichte ihm beide Hände dar. Allein ſchnell ihrer Pflicht eingedenk, fragte ſie haſtig:„Haben Sie den Lieutenant Depping nicht geſehen? Sie müſſen ihm be⸗ gegnet ſein?“ „Allerdings,“ antwortete der geiſtliche Rath mit mildem, gütevollen Lächeln. „Wo? Verzeihen Sie— ich muß ihm nach! Er ſoll unverzüglich zur Generalin kommen; ſie will Verabredungen mit ihm treffen, will ihm Aufträge geben. Morgen will ſie die Stadt verlaſſen. O mein Gott, hier ſind fürchterliche Dinge paſſirt, lieber, beſter Schulrath!“ „Ich weiß Alles! Ringforth wird zum Sprecher der Fraction deſignirt werden, und ſomit iſt Alles zu fürchten,“ flüſterte Schulrath Meineke wichtig und geheimnißvoll;„des⸗ halb eben eilte ich hieher. Aber bemühen Sie ſich nicht um Hubert Depping; er hat mir im Fluge auf der Hausſchwelle aufgetragen, der Generalin zu melden:„er bedauere, die ihm zugedachte Ehre als Reiſecavalier ablehnen zu müſſen; er wolle vorläufig erſt nach Kopenhagen, dann nach Stockholm, um däniſch und ſchwediſch zu lernen. Dann beabſichtige er zu gleichem Zwecke nach England, nach Frankreich, nach Italien und nach Spanien zu gehen. Wenn er ſich in allen Sprachen vollſtändig eingeübt habe, würde er kommen und ſich den Damen mit der größten Ergebenheit zur Verfügung ſtellen.“ Fräulein Emma ſchlug die Hände zuſammen. Ihr bleiches Antlitz zeigte Spuren der Entrüſtung, mit Schadenfreude gemiſcht. „Kommen Sie, lieber Rath, kommen Sie,“ flüſterte ſie — 199— dann, von einem Gedanken erleuchtet.„Sie reiſen mit uns, nicht wahr? Sie ſind mir viel tauſend Mal lieber als Reiſecavalier; kommen Sie!“ 3 Der Schulrath hielt ſie an der Hand zurück.„Vorſicht! Vorſicht!“ ſagte er leiſe mahnend. Die Geſellſchafterin horchte erſt, nach den Zimmern ge⸗ wendet, ehe ſie antwortete:„Ich fürchte freilich, Frau Adele wird über dieſen Tauſch nicht ſo erfreut ſein.“ „Das frägt ſich; warten Sie es ab, was ſie ſagt,“ meinte der geiſtliche Herr mit ſonderbarem Lächeln. „Hier iſt Alles verloren?“ Er beſchrieb einen Umkreis mit der Hand. „Vollſtändig! Man theilte mir confidentiell mit, daß von dem Disciplinarverfahren gegen Ringforth Abſtand ge⸗ nommen ſei. Der Schulrath nickte beſtätigend mit dem Kopf und murmelte bitter lachend:„Mein früherer Conſiſtorialpräſi⸗ dent ſagte mir ſoeben daſſelbe. Dem iſt's noch geglückt, aber mir kann er hier keine Stellung verſprechen. Er meint, es wäre leider zu erwarten, daß die Verhandlungen über die ſchwebenden Fragen, welche beim Schluß des Landtages Gegenſtand des Parteihaders und ſpäterhin Veranlaſſung zu den durchgreifenden Agitationen geweſen ſeien, durch die überwiegende Majorität der Liberalen zu unſerm Schaden gelöſt werden würden. Ringforth's Einwirkung iſt zu fürch⸗ ten. Er hat an Achtung gewonnen, ſeit er ſein Glück für ſeine Ideen eingeſetzt.“ „Was er hier an Liebe eingebüßt, ſcheint ihm mithin erſetzt zu werden,“ ſpöttelte das Fräulein.„Halten Sie jetzt plötzlich ſeine Beredtſamkeit für gefährlich?“ — 200— „Ja. Er ſpricht nicht glänzend, aber überzeugend. Seine Rede weicht nie von der Sache, um Staat zu machen, und dieſe Selbſtloſigkeit macht ſie ſiegreich.“ „Laſſen Sie das um Gotteswillen nicht die alte Gnädige hören. Sie haben Ihre Meinung geändert, lieber, beſter Schulrath; Sie ſind doch nicht abgefallen von uns?“ „Keinesweges, mein gnädiges Fräulein. Allein, wenn ſich die Verhältniſſe ändern, darf man nicht blind ſtehen bleiben. Früher hieß es, ſich um die Miniſter ſchaaren und zu ihrer Fahne ſchwören, jetzt gebietet die Klugheit, ſich neutral zu halten.“ „Sie glauben doch nicht das Miniſterium in Gefahr?“ fragte die Geſellſchafterin in ſchadenfroher Haſt. „Unbedingt in Gefahr! Zwei werden mindeſtens ge⸗ zwungen ſein, ihr Portefeuille niederlegen zu müſſen. Die Spottblätter ſchlagen ſchon Allarm.“ Bis dahin hatte der Schulrath mit dem eifrigen Flüſtern weltlicher Intereſſen ſein Geſpräch geführt, jetzt fiel er in den Ton ſentimentaler Religionsſchwärmerei zurück. „Es iſt eine Welt voll Sünde, mein gnädiges Fräulein. Hoffen wir zu Gott, daß unſere momentane Niederlage der Uebergang zu unſerm Siege iſt; hoffen wir auf die Gnade des Herrn!“ Fräulein Emma ſchien nicht beſtimmt auf dieſe Gnade zu rechnen, indem ſie ſich den Zorn der Generalin wieder vergegenwärtigte. Sie winkte ſtumm mit der Hand und flog ihm voraus, um die vorgekommene Kataſtrophe zu mel⸗ den und der ſchnellen und unvermutheten Abtrünnigkeit des Herrn Hubert durch die Ankunft des geiſtlichen Raths einen heilſamen Balſam hinzuzufügen. Der Schulrath folgte lang⸗ ſam und gefliſſentlich zögernd. 201— Er ſah durch die Thürſpalte den Doctor Abſchied neh⸗ mend ſtehen, ſah Frau Adele mit dem ſüßeſten Lächeln ſich verbeugen, ſah Fräulein Emma am Ohr der Generalin, ihr etwas zuflüſternd, was den beiden Anweſenden ein Geheimniß bleiben ſollte, und ſah ein ſtarres Erſtaunen in dem weißen Angeſichte der alten Dame, welches jedoch im Nu einer hold⸗ ſeeligen Freundlichkeit wich. „Sehr angenehm— ſehr angenehm—“ ſprach ſie mit ihrem klangvollen Organe und miſchte dem kalten Ausdrucke eine weiche Wärme bei.„Sie kommen mir wie von Gott geſendet, mein guter, lieber Schulrath. Treten Sie ein; ich heiße Sie von ganzem Herzen willkommen!“— Raſch trat der Begrüßte näher. Der Doctor aber zog verwundert die Augenbrauen hoch in die Höhe. Wo war die bisherige Athmungsbeſchwerde geblieben? Was war Verſtellung? Der kurze Athem, der wankende Sprachton, das unerklärliche Etwas in ihrem Aeußern, was ſie hinfällig erſcheinen ließ, oder dieſes Charaktermaskenſpiel voll fürſtlicher Herablaſſung. Er gedachte der Bemerkung, die Hubert gemacht.„Sie ſpielt die Kranke mit ihrem harten Herzen! Ja, ja— in ihrer eifrigen Bosheit affectirt ſie gottlos, was ihr eines Tages bevorſtehen wird,“ ſagte er ſich im lautloſen Selbſt⸗ geſpräch, und ſein Mienenſpiel drückte unverkennbar Miß⸗ achtung aus. „Reiſen Sie in Gottes Namen, gnädige Frau,“ fügte er demſelben laut hinzu.„Mein Bedenken, Sie heut oder mor⸗ genreiſen zu laſſen, iſt geſchwunden; reiſen Sie— reiſen Sie; ich wünſche Ihnen eine glückliche Fahrt!“ Seine Worte verhallten ungehört und unbegriffen. Unter dem Schwall von Begrüßungen, wie die fromme Heuchelei — 202— und berechnende Schwärmerei liebt, ging ſein ſarkaſtiſcher Scheidegruß verloren. Vierzehntes Kapitel. Urſula erwartete mit brennendem Herzen die Wirkung ihres beſchwörenden Briefes an ihre Mutter. Das kindliche Gemüth vergeiſtigt ja ſo leicht in der Entfernung den Werth der Eltern, weil die Sehnſucht nach ihrer Liebe die trüben Saiten ihres Charakters überhüllt. Das trauliche Verhält⸗ niß zu ihrer ältern Freundin Leopoldine hatte ſie die Süßig⸗ keit der rückhaltloſen Hingebung an ein erfahrenes Herz ken⸗ nen gelehrt, und ſie verlangte danach, auch in der Mutter eine Vertraute ihres Liebesglückes zu erwerben, welches ſich immer ſtrahlender, immer ſchöner entfaltete. Ja, Arnold's Liebe fing ſeit kurzer Zeit an, die warme Anhänglichkeit an ihren Vater zu beeinträchtigen; die Tochter wünſchte auch um deswegen ihre Mutter wieder herbei, um jeden Zwieſpalt in ſich zu vermeiden und um ihr Gewiſſen zu beruhigen. Der Zeitpunkt rückte mit Rieſenſchritten näher, wo ſie als Arnold's Braut vor der Welt erſcheinen, wo ſie, ſeinen feurigen Wünſchen zufolge, unmittelbar darauf ſeine Gattin werden und mit ihm eine Hochzeitsreiſe antreten ſollte, ehe ſie als ehrbare Hausfrau in ihren neuen Wirkungskreis trat. Arnold's Mutter hatte es ſich ausgebeten, vorläufig Alles nach ihrem Gutdünken einzurichten, und ſie fühlte ſich ſo be⸗ ——jyy glückt in der Sorge für ihr neues Töchterchen, daß ſie ſich ſelbſt mit all' ihren Thorheiten darüber vergaß. Das junge Paar ſollte in ihrem Hauſe wohnen, bis ſich Ringforth's Angelegenheiten geordnet hatten. Ringforth's ernſte, faſt düſtere Stimmung nach dem Ab⸗ gange ſeines Briefes an die Tante ſeiner Gattin zeigte, daß er die ſanguiniſchen Hoffnungen Urſula's nicht theilte. Er trauerte vielleicht weniger über den Verluſt einer Frau, deren Herz er nur theilweiſe ausgefüllt, als über ſeine eigene Her⸗ zenstäuſchung, die ihn jetzt im beginnenden Herbſte ſeines Lebens vereinſamte. Ihn überraſchte es kaum, als er endlich nach peinlichem Harren einen Brief aus Toulon, adreſſirt von einer fremden Handſchrift, erhielt, während Urſula beim Anblick dieſes Schreibens in heißes Weinen ausbrach. Die Mutter war fort! Fort mit der Tante, auf lange, lange Zeit unerreichbar! Der Schulrath Meineke ſchrieb es in ihrem Namen und ſendete im Namen der Tante Kynar — dieſer harten, herzloſen, in eigenſinniger Verblendung han⸗ delnden Frau— eine bedeutende Summe zur Ausſtattung Urſels—„das letzte, was ſie der hartnäckigen Großnichte mit dieſer Erklärung zukommen ließe.“ Von der Mutter nicht ein Segenswort dazu. Von ihr nicht ein beſchwichti⸗ gendes Wort des Abſchiedes an ihre Familie. Sie hatte ſich losgeſagt von Allem, was bis dahin zu ihr gehört, und weswegen— weswegen? Welch' ein düſterer Schatten in Urſula's von Glück durch⸗ leuchteter Zukunft! Als die erſte Erſchütterung überwunden war, legte es ſich wie ein Troſt auf des jungen Mädchens wunde Seele, daß der Schulrath der Begleiter der Reiſenden war und nicht Hubert Depping. Beide vereint mit den — 204— bert nur Hohn und Spott für die Lebenszwecke des frommen Mannes hatte. Ihre erwachten tröſtlichen Hoffnungen beſtätigten ſich. Ein Brief aus Kopenhagen traf ein, den Frau Depping mit ſtrahlendem Triumphe zu Urſula herüberbrachte. Hubert ſchrieb voller Humor„als Ausreißer“, wie er ſich benannte. Er erzählte ſeiner Mutter ganz gemüthlich eine Menge Reiſeabenteuer und gab die Abſicht zu erkennen, längere Zeit im Norden Europa's herumreiſen zu wollen. Wo er in der Zwiſchenzeit geweilt, hielt er für gerathen, nicht zu erwähnen, und Urſel war auch in der Freude ihres Herzens, allen Arg⸗ wohn vernichtet zu ſehen, viel zu wenig neugierig darauf. Leopoldine ahnte den Sachverhalt; ſie kannte Hubert. Seine übermüthige Kaltherzigkeit war ihr eine Bürgſchaft bei ſeiner Handlungsweiſe:„Bis an die Grenze und dann nicht weiter.“ Ganz ſicher lag hier dieſer Grundſatz auch vor. Von nun an widmete ſich Leopoldine mit unendlicher Güte der Familie Ringforth, aber ſie unterließ auch nicht, Urſula mit ſanften Worten zu tadeln, wenn dieſe in ihrer töchterlichen Pflichterfüllung zu weit gehen wollte. Damen konnte ſie ſich nicht denken, da ſie wußte, daß Hu⸗ 1 —— „Darf ich an mein Glück denken, Poldy, da mein Vater 3 ſo unglücklich iſt?“ fragte das junge Mädchen in wahrer Heerzensangſt. 3„Ich finde dieſe Frage nicht befremdlich, Urſel,“ antwor⸗ tete ſie ruhig;„es iſt einem weichen Herzen natürlich, nicht glücklicher ſein zu wollen als unſere liebſten Angehörigen. Allein Du würdeſt Arnold eines Glückes berauben, und 4 Arolds Glück muß das Ziel Deines Lehens ſein.“ „Ja— ja!“ rief Urſula leidenſchaftlich aufgeregt.„Aber ſage mir offenherzig: Thu ich recht, nur an ihn zu denken? Darf ich das Wohl meines kleinen Bruders aus den Augen ſetzen? Wird meinen armen, lieben Vater nicht die Sorge um Curt quälen?“ „Dieſe Sorge übernehme ich!“ ſprach Leopoldine feſt. Froh überraſcht, ſchauete Urſula in ihr liebes, ſanftes Geſicht.„Ich wagte nicht, Dich darum zu bitten, Poldy,“ flüſterte ſie kleinlaut. „Haſt Du an meiner Liebe gezweifelt, Urſel?“ fragte ihre Freundin mit ſanftem Vorwurfe.„Dein Vater hat mehr Vertrauen bewieſen,“ fügte ſie nach kurzem Zögern unter flüchtigem Erröthen hinzu;„er hat mich um meinen Schutz und um meine Pflege für Curt gebeten bis zur Zeit, wo Du von Deiner Hochzeitsreiſe zurück ſein wirft. Ich meine jedoch, daß ich um Eures Glückes willen die Stelle einer Hausverwalterin bei Deinem Vater annehmen und als treue und gewiſſenhafte Erzieherin Deines Bruders einen Beruf finden werde.“ Jauchzend vor Freude umſchlang Urſula die treue Freun⸗ din. Ihr Vater war geborgen, und nun empfand ſie die ganze Glückſeligkeit ihres Daſeins ungetrübt. Ihre innern Kämpfe zwiſchen Kindespflicht und bräutlicher Liebe waren durch Leopoldinen's Fürſorge beendet, und ſie konnte ſich ohne Vorwurf den Gefühlen widmen, die, mächtig und beglückend, ein ungetheiltes Herz forderten. „Komm hinaus, Poldy,“ bat ſie nach einer Pauſe, in der ſie von feierlichen Herzenswallungen verſtummt blieb, „komm' hinaus in's Freie; mich duldet's nicht in den engen Mauern; ich muß mich in die Unendlichkeit des Weltall's — 206— hinausträumen können; ich muß ſehen, ob die flüchtigen küh⸗ nen Hoffnungen, die mich beſeelen, ſich verwirklichen— eine Ahnung ſagt' es mir, daß meiner eine Ueberraſchung wartet.“ Leopoldine willfahrte gern der ſtürmiſchen Bitte. Das Wetter war zwar nicht einladend zu einer Prome⸗ nade. Die Wolken zogen ſich mit verrätheriſcher Geſchwin⸗ digkeit zuſammen und droheten mit Regengüſſen. Auch dun⸗ kelte es bereits ſtark. Doch, was kümmert ſich ein erwartungs⸗ volles Herz um einige Tropfen Regen, wenn es innen von Hoffnungen durchglüht iſt. Urſula ſah zum erſten Male friſch belebt, entlaſtet von der Kümmerniß um ihren Vater, in ihre Zukunft; ſie mußte hinaus und ſehen, ob Sterne am Himmel prangten, ob Wol⸗ ken denſelben verhüllten. Es war in ihr ja hell geworden, und der Glanz des Glückes hob ihre Zuverſicht, daß Alles, Alles ſich erfüllen werde, was ſie zaghaft geträumt. Auch in Leopoldine ging der Wellenſchlag der Freundſchaft höher als ſonſt. Sie war befriedigt von den Reſultaten ih⸗ res Entſchluſſes. So, meinte ſie im Stillen, ſo müßte eine Braut ſein, die dem Geliebten doch ausſchließlich ihr Leben zu weihen beſchloſſen hatte. So mußte Urſula dem Manne entgegen ſehen, der, veredelt durch ſeine Liebe, muthig den Kampf des Wiſſens wieder aufgenommen hatte, aus dem er aller Wahrſcheinlichkeit nach glänzend als Sieger hervorgehen werde. 3 Urſula ſchlug gleich den Weg ein, der um die Stadt herum nach der Eiſenbahn führte. Ob das Signal des an⸗ kommenden Zuges ſie dazu verlockte? Oder war der, begin⸗ nende Regen ſchuld, daß ſie im dichtbelaubten Gange Schutz — 207— ſuchte? Die Bäume mit ihren engverſchlungenen Kronen machten den Weg dunkel. Was fragte Urſula danach! Sie hörte ja Schritte, die ihr ſchnell entgegen kamen. Noch ſahe ſie Niemand, noch konnten ihre aufgeregten Sinne ſie täuſchen. Aber dann kam eine Wendung des Weges, wo die Bäume lichter ſtanden und dem weichenden Tagesſchimmer Einlaß erlaubten. Schnell wendete ſich Urſula; die Schritte hörten auf— Arnold's hohe, ſchlanke Geſtalt, vom Abendglühen erhellt, ſtand vor ihr. Ihre Ahnung hatte ſie nicht betrogen. Ohne ein Wort zu ſprechen, lagen ſie ſich Beide am Herzen. In den glühend lebendigen Augen des jungen Mannes ſprach ſich die ganze Glückſeligkeit ſeines Innern aus, als er das geliebte Mädchen nach den mühevollen Tagen der geiſtigen Marter in den Armen hielt, als er von Urſel's Lippen den Lohn für die überwundene Prüfungstortur nahm. Daran dachte indeß das Mädchen gar nicht. Sie war durch Leopoldinen's Entſchluß plötzlich zum vollen Bewußtſein ihres Glückes gekommen und hatte zugleich begriffen, daß die idealen Anſchauungen ihres kindlichen Pflichtverhältniſſes ver⸗ nichtet ſeien. Dies Glück mußte ſie ihrem Geliebten zuerſt mittheilen. „O, Arnold, Arnold— wie freudig gehöre ich Dir— wie eng ſchließt jetzt meine Liebe den Kreis um Dich und um mich—. Poldy will meinem Vater eine treuere Tochter ſein als ich, und mein armer Bruder wird an ihr eine beſſere Erzieherin gewinnen,“ flüſterte ſie mit dem ergreifenden Ton, wie er der menſchlichen Stimme in Momenten heißer Empfin⸗ dungen eigenthümlich iſt. Arnold's Blick dankte der ſchweſterlichen Freundin; dann „ — 208— aber vergaß er ſie und ihre Verdienſte um dieſe köſtlichen Minuten einer entzückenden Ueberraſchung im lebhaften Aus⸗ tauſch mit Urſula. Die Regentropfen rauſchten allmälig ſtärker nieder auf die Blätterkronen über ihnen. Hin und wieder ſchlug ein Tropfen auf ihre glühenden Stirnen; was kümmerte ſie das dro⸗ hende Element über ihnen: ſie hatten ſich wieder und tauſch⸗ ten im herzigen Geplauder Trauriges und Tröſtliches, was ſeitdem geſchehen war. Leopoldine ſchlich langſam hinterher. Auch in ihrer Seele war es hell und friſch geworden, ohne daß ſie ſich Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte, wodurch.—— In wenigen Wochen wurde Alles in's Werk geſetzt, was noch nöthig war, um die jugendlichreizende Braut zur Gattin Arnold's zu machen. Still und feierlich, aber auch nicht ohne traurige Rückblicke auf die Herzenskälte der Mutter, die ihrer Pflichten ſo wenig eingedenk geweſen war, verfloß der Tag, an welchem ihr Bund prieſterlich geſegnet wurde. 3 Einige Tage ſpäter verließ das junge Ehepaar die Hei⸗ math, um eine Hochzeitsreiſe nach dem Süden anzutreten. Arnold hatte beſchloſſen, bis Neapel zu gehen— vielleicht in der Hoffnung, die Generalin Kynar dort zu finden und Frau Adele zur Rückkehr in die Heimath zu bewegen. An demſelben Tage, wo Arnold und Urſula ihre Reiſe an⸗ traten, verließ auch Ringforth die Heimath und ging zum Landtag. Da es indeß nicht in unſerem Plane liegt, Reiſebeſchrei⸗ bungen oder parlamentariſche Berichte zu liefern, ſo über⸗ gehen wir die zunächſtfolgende Zeitperiode und begnügen uns, nur überſichtlich die kurze Zwiſchenzeit bis zur Rückkehr des jungen Ehepaares zu berühren. — 200— Von Hubert Depping, dem Lieutenant, gingen jetzt regel⸗ mäßig Nachrichten ein. Er gab, als guter Sohn, das feier⸗ liche Verſprechen, eines Tages heimzukehren, aber den Zeit⸗ punkt verſchob er in's Ungewiſſe, und nur aus der Andeutung, „daß ſich erſt alle Verhältniſſe in der Heimath klären, daß ſein Bruder mit der jungen Gattin das elterliche Haus ge⸗ räumt haben müßte, um ihm Platz zu machen,“ ſchloß man, er ſei erſt nach Verlauf des Winters zu erwarten. „Und das iſt gut!“ ſagte Leopoldine zu ſeiner Mutter; ehier paßt Hubert jetzt nicht— vielleicht iſt bis dahin Manches entſchieden, was noch in der Luft ſchwebt.“ „Soll ich ihm das ſchreiben, Poldy?“ fragte Frau Dep⸗ ping bedenklich. „Ja! Beſſer er erſcheint gar nicht als ſtörend,“ entgegnete die junge Dame mit dem vollen Rechte, das ſie als Schutz⸗ engel der Ringforth'ſchen Familie erworben hatte. Vom Schulrath Meineke lief auch ein Schreiben ein, jedoch nicht an Ringforth, ſondern an ſeine Tante Lindner, die ſich mit Leib und Seele dem Kreiſe gewidmet, welcher in ihrem Hauſe gegründet war. Ohne anzugeben, wo er ſich mit ſeiner Gönnerin, der Generalin, niedergelaſſen, forderte er von ihr Auskunft über die Wirkungen, die der Zorn der alten Dame gehabt habe. Frau Lindner las den diplomatiſch abgefaßten, mit„ſchönen chriſtlichen Geſinnungen geſpickten“ Brief ſehr bedächtig, legte ihn indeß ſorgſam ſo lange bei Seite, bis ihr Liebling Urſel von ihrer Hochzeitsreiſe heim ſei nnd ihn ſelbſt beantworten könne. Da Meineke keine Adreſſe beſtimmt, ſondern die Antwort„Poste restante Toulon' erbeten, ſo vermuthete man mit allem Rechte, daß die Generalin, im bitteren Grolle mit der ganzen Welt, jeden Ernſt Fritze: Kampf überall. 14 Verkehr unmöglich machen wolle. Als Urſula zurück war, benutzte ſie dieſe Veranſtaltung des würdigen Schulrath, um nochmals in kindlich zärtlicher Vertraulichkeit der Mutter nahe zu treten und ſie in die raſche Veränderung ihres Geſchickes ein⸗ zuweihen. Sie bekam keine Antwort, wußte mithin nicht, ob der Brief in die Hände ihrer Mutter gelangt ſei. „Es hilft unſerer Urſel nichts,“ ſagte Leopoldine vertrau⸗ lich zur Lady Elmore;„ich habe Meineke's Brief an ſeine Tante Lindner geleſen und daraus entnommen, daß die Ge⸗ neralin jetzt darauf beſteht, die Scheidung einzuleiten.“ „In dem Gebahren der Generalin liegt etwas Dämoniſches, was ſich gar nicht mit ihrer Religionsanſicht vereinigen läßt,“ meinte die Dame;„indeß iſt ſie einmal ſo weit gegangen, dann mag ſie ihr Werk vollenden. Ringforth kann nur da⸗ durch gewinnen, wenn er von dieſer ſchwachſinnigen, eitlen Gattin befreit wird.—— Die Heilkraft der Zeit bewährte ſich allmälig auch hier. Urſula war glücklich; ihr Vater empfand es als eine Wohl⸗ that, in Leopoldine eine treue und aufmerkſame Geſellſchaf⸗ terin zu finden, und ſein Knabe war mit dem Tauſche voll⸗ kommen einverſtanden, welcher ihm eine verſtändige Erzieherin verſchafft hatte. Es traten Tage der glücklichſten Zufrieden⸗ heit ein. Eine erquickende, geſunde Heiterkeit durchwehete den Kreis, der ſich aus den Familien der beiden Häuſer ge⸗ bildet hatte. Lady Elmore wurde dergeſtalt von dem regen, geiſtigen Leben um ſie her gefeſſelt, daß ſie ihre Abreiſe nach Meran noch immer hinausſchob, wiewohl die Jahreszeit ſie mahnte, daß es jetzt dort am reizendſten ſei. Es war ihr, wie ſie ſelber mehrmals äußerte, zu Muthe, als müſſe ſie noch einen Schluß aller Begebenheiten abwarten, die ſie im Laufe des Sommers und Herbſtes hier erlebt hatte. — 211— Und der Schluß der politiſchen Wirren ließ auch nicht allzulange auf ſich warten. Die Debatten im Abgeordneten⸗ hauſe verliefen Anfangs ſtürmiſch und unbefriedigend. Dann trat, wie auf Ordre höherer Macht, Windſtille ein, die Furcht und Hoffnung zugleich weckte. Ehe man ſich dann deſſen verſah, reichte ein Miniſter nach dem andern ſein Ent⸗ laſſungsgeſuch ein. Von Zweien wurde es angenommen; die übrigen blieben. Unter den Zweien war Ringforth's erbitterter Gegner der Erſte, und mit ſeinem Zurücktritt löſete ſich der Bann, der ihn ſeines Amtes unwürdig erklärt hatte. Darüber war der Winter beinah verfloſſen. Der Früh⸗ ling ſollte bald beginnen, noch aber bewies der Winter ſeine launiſche Herrſchaft und ließ Frühlingsluſt und Frühlings⸗ glauben nicht aufkommen. Es war März. Der Schnee ſiel in leichten, großen Flocken nieder und verſchleierte die hübſchen Fernſichten. Das Thal mit ſeinen Badegärten und Sommerhäuſern bildete mit den Höhen eine weite, weiße Fläche, die von dem grau be⸗ wölkten Himmel gleichſam eingeengt erſchien. Urſula war Gaſt bei Leopoldinen. Ihr Gemahl war nach der Reſidenz geeilt, um ſich dem neuernannten Miniſter vorzuſtellen. Sie erwartete ihn gegen Abend zurück, zog es jedoch vor, die freien Stunden einmal wieder im lieben alten Vaterhauſe zuzubringen. Sie ſtand am Fenſter und ließ ihren Blick über das weite Schneefeld ſchweifen. Unwillkür⸗ lich gedachte ſie des erſten Tages, wo ſie hier geſtanden und ſich über die ſchöne Ausſicht gefreuet hatte. Was war Alles ſeit dem geſchehen! Wie glücklich war ſie geworden! Wie raſch hatte ſich Alles verändert! Ein leichtes Geräuſch auf der Straße ſtörte die junge Frau in ihren Reflexionen. Sie 14 — 212— blickte hinab. Ein Wagen, deſſen Rollen im Schnee ge⸗ dämpft erſchien, kam durch das Flockengewimmel daher ge⸗ ſauſet. Er hielt plötzlich vor der Thür, deren Treppenſtufen vollſtändig verſchneiet und zu einem unförmlichen Haufen gemacht worden waren. Raſch wurde das Wagenfenſter der Droſchke niedergelaſſen. Ein Herr, verhüllt in Plaid und Reiſekappe muſterte den Schneehaufen vor ſich, der ein Erſteigen der Stufen faſt un⸗ möglich machte. Schnell entſchloſſen, riß er indeß den Wagenſchlag auf und ſprang mit einer plumpen Eilfertig⸗ keit aus dem Wagen, natürlich bis an die Knieen im Schnee verſinkend. Urſula mußte lachen über die unbehilfliche Behendigkeit, womit er dann ſich zur Thür hinauf arbeitete. Doch legte ſich gleich darauf eine kleine Beklemmung auf ihre Bruſt— der Herr kam ihr in Manier und Geberde bekannt vor. „Ei, Du mein Gott!“ hörte ſie die Wirthin des Hauſes im höchſten Affect einer außergewöhnlichen Ueberraſchung rufen, und gleichzeitig erſchien die Magd, bewaffnet mit Schaufel und Beſen, um Bahn nach dem Wagen zu fegen. Wenige Minuten nur, und dem Wagen entſtieg, geſtützt und ritterlich behütet vom danebenſtehenden Herrn, eine Dame, verſchleiert und in Pelze gehüllt. „Meine Mutter—“" ſchrie Urſula, bebend vor Aufregung, im Aufruhr widerſtreitender Empfindungen der Thür zu⸗ fliegend und die Treppen hinabſtürzend, ohne Leopoldinen zu beachten, die mit ſchreckensbleichen Mienen und angſterfüllten, weitgeöffneten Augen vom Kaffeetiſche ihr entgegentrat. Betäubt blickte ſie der jungen Freundin nach. Dann faltete ſie ihre Hände, hob ſie in einem Anfalle von verzweif⸗ lungsvoller Trauer hoch empor und flüſterte: — 213— „Nun bin ich überflüſſig hier; ich will ſie nicht ſtören!“— Sie flüchtete durch eine Seitenthür nach ihrem Zimmerchen, demſelben, wo früher Urſula gewohnt hatte. Urſula begrüßte ihre Mutter unterdeſſen. Dieſe zeigte eine Gelaſſenheit, wie man ſie nach einer Trennung von vielen, ereignißvollen Wochen kaum für möglich gehalten haben würde, wenn nicht der Augenſchein die Umſtehenden darüber belehrt hätte. Frau Lindner ſchüttelte empört ihr Haupt und ſchauete dem Begleiter der ſtummen, ſtolzen Dame, der natürlich kein Anderer, als Schulrath Meineke war, ſpöttiſch fragend ins Angeſicht, als er ſich ceremoniell vor derſelben verbeugte und ihr einen baldigen Beſuch verhieß. „Wollen Sie denn nicht bei uns eintreten, Herr Neffe?“ fragte die Hauswirthin, während Urſula unter leiſen Aus⸗ rufungen über das üble Wetter und dergleichen ihre ſichtliche Verſtörtheit zu verbergen ſuchte und die Mutter ſanft die Treppe hinauf geleitete. „Ich habe nicht eine Minute Zeit, Frau Tante,“ war des Schulraths eifrige Erwiderung, indem er durch Zeichen dem Kutſcher bedeutete, die Koffer nur im Flure niederzu⸗ ſetzen.„Ich muß mit dem Zuge weiter— meine Frau wartet draußen auf mich— wir wollen nach der Reſidenz.“ „Ihre Frau, Herr Neffe?“ platzte Frau Lindner mit dem Ausdruck des höchſten Erſtaunens heraus. „Ja wohl,“ antwortete der Schulrath gravitätiſch,„meine Frau! Vor acht Tagen weihete mein Freund Troett in Livorno den Ehebund zwiſchen mir und Fräulein Emma von Grieſacker. Das Nähere wird Ihnen Frau Adele Ringforth ſchon mittheilen. Der Herr ſei mit Ihnen; ich muß fort!“— — — Frau Lindner ſtürzte eilig in ihr Hinterſtübchen, wo ihr Mann, ohne Ahnung der Welt⸗ und Hausereigniſſe, ſich bei einem Schatzkäſtlein erbauete. Während deß hatte Urſula ihre Mutter hinauf und in das wohldurchwärmte Wohnzimmer gebracht. Hier erſt zog Dame Adele ihren Schleier vom Geſicht und ließ ſich von der Tochter küſſen. Urſula erſchrack. Bleich und mit ein⸗ geſunkenen Wangen, mit glanzloſen, unbeweglichen Augen ſtand die Mutter vor ihr, ein kühles Lächeln um die Lippen, wie von Gewohnheit erzeugt. Sie ließ ſich willig von der Tochter ihrer Winterhüllen entkleiden wie vormals, fragte jedoch nichts und beantwortete auch die Reden Urſula's An⸗ fangs nicht. Dieſer Zuſtand von Gleichgiltigkeit hatte zuletzt etwas Beängſtigendes und trieb Urſula zu einem feſtern und raſchern Vorgehen. „Den Vater findeſt Du nicht daheim, Mama,“ ſagte ſie herzigfreundlich;„aber da er oftmals Freitags Abend zum Beſuch kommt, ſo kann es ſein, daß er heute mit Arnold von der Reſidenz eintrifft.“ „Das wär' gut,“ antwortete ihre Mutter langſam und gleichmüthig.„Tante Kynar i*ſt geſtorben, Urſel, und ſie ſoll, nach Meineken's Erkundigungen, kein Teſtament gemacht haben. Dein Vater muß die Sache in die Hand nehmen, fagt Meineke—⸗ Urſula verbarg die Anzeichen ihrer großen Ueberraſchung und fragte bedauernd und theilnehmend nach den Umſtänden des erfolgten Todes, nach der Krankheit der Tante, ohne der Hinterlaſſenſchaft weiter Erwähnung zu thun. Frau Adele lächelte ſtärker und trat vor den Spiegel, indem ſie ſagte: f 4 3 3 4 3 — 215— „Krank war die Tante Kynar nicht. Als ich eines Mor⸗ Zens an ihr Bett trat, um ihr guten Morgen zu wünſchen war ſie todt. Meineke ſagt, er habe es längſt gefürchtet.“ „Und wo haſt Du gewohnt? wo iſt Tante Kynar ge⸗ ſtorben?“ fragte Urſula eifrig. „In der Nähe von Livorno. Meineke hatte dort einen Freund, Troett heißt er— durch deſſen Wermittelung kaufte Meineke eine Villa unweit des Meeresſtrandes— „Gott im Himmel, dann war ich Dir alſo ſehr nahe, als ich mit Arnold in Florenz weilte!“ unterbrach Urſula ihre Rede. Ihre Mutter wendete ſich, ſah ſie ſtarr an und fragte: „In Florenz warſt Du, Urſel?“ „Ja Mama! Auf meiner Hochzeitsreiſe— ich ſchrieb's Dir ja.“ Frau Adele bewegte ihr Haupt mit einem zweifelhaften Ausdruck. „Du biſt alſo ſchon verheirathet, Urſel?“ Urſula erröthete heiß und ſenkte etwas verlegen ihre Augen. „Wo iſt Dein Mann? Hier wohnt ihr doch nicht? Das wär' mir unbequem.“ „Nein, drüben bei Mama Depping in der Bel⸗Etage. O, es wird Dir bei uns gefallen, Mama. Aber wir hoffen, nicht mehr lange hier zu bleiben. Es verlautet, daß der Vater vom neuen Miniſter zu einem bedeutenden Poſten in Reviſionsangelegenheiten verwendet werden wird, und da wir uns nicht gern vom Vater trennen wollen, ſo iſt Arnold ſchleunigſt nach der Reſidenz gereiſt, um den Miſter günſtig für unſere Wünſche zu ſtimmen.“ „Das iſt gut. Nun aber will ich ruhen. Ich bin müde. Meineke hat die Geſellſchafterin der Tante kurz vor unſerer Abreiſe von Livorno geheirathet. Gieb mir Kaffee, Urſel. Dein Vater muß Nachfragen halten, ob wirklich kein Teſta⸗ ment vorhanden iſt; es iſt nicht denkbar, Urſel. Wovon ſollt ich leben? Seit vier Wochen peinigt mich die Furcht Tag und Nacht!“ „Sei ruhig, gute Mama, Du biſt nun wieder bei uns. Aber jetzt will ich den kleinen Curt holen laſſen; er iſt mit ) den Elmore'ſchen Knaben drüben bei Mama Depping—⸗ „Laß— laß!“ wehrte Frau Adele kaltblütig ab.„Nach⸗ her, ich bin müde, ſehr müde.“ Sie trank haſtig ein Paar Taſſen heißen Kaffee und lehnte ſich, alter Gewohnheit ge⸗ mäß, in die Ecke des Sopha's. Urſula ſtand ſeitwärts. Eine tiefe Bekümmerniß lag in dem Blicke, womit ſie ihre Mutter betrachtete. Eis und Schnee ſtatt Frühlingsluſt! O, wie ſich Alles in den weni⸗ gen Minuten verändert hatte, ſeit ſie am Fenſter geſtanden und von ihrem Glücke berauſcht geweſen war. „Mich friert, Urſel,“ flüſterte plötzlich ihre Mutter mit dem klagenden Tone eines Kindes.„Mich friert,— mich hat den ganzen Winter gefroren— Niemand hat's mir ge⸗ glaubt, Urſel!“ Unter dem Flüſtern erbarmender Liebe deckte Urſula eine ſeidene Steppdecke über die Mutter, die aber keine kalte Hände, ſondern fieberheiße Hände hatte. Sollte ſie krank ſein? Die Beſorgniß trieb die junge Frau endlich an, Leopoldine aufzuſuchen, um ihren Rath zu hören. Leopoldine trat ihr ſchon im Nebenzimmer entgegen. Gefaßt und ruhig umſchlang ſie die tief erſchütterte, junge Frau und mahnte ſie, an Arnold zu denken. — 217— Was halfen indeß alle Mahnungen. Die Stunden bis zur Ankunft Arnold's vergingen unter verwirrenden und auf⸗ regenden Scenen. Keiner wagte einen Ausſpruch über dieſe ganze Sache mit ihren Folgen zu thun. Lady Elmore ſchauderte vor einer Möglichkeit zurück, die ſich ihr unwillkürlich aufdrängte, doch gab ſie derſelben keinen Ausdruck. Es iſt wohl begreiflich, daß unter dieſen Umſtänden die endliche Ankunft des Bahnzuges, der Arnold und auch mög⸗ licherweiſe Ringforth bringen werde, mit Freude begrüßt wurde. Urſula, als ſie die heitere Stimme ihres Vaters von unten herauf dringen hörte, machte ſich bereit, ihm ent⸗ gegen zu gehen und ihn auf das vorzubereiten, was ſeiner wartete. Sie that es mit der ihr eigenen Beſonnenheit. Ihrem Arnold flüſterte ſie unter der zärtlichen Begrüßung mit fliegendem Athem, mit einer von Thränen gedämpften Stimme zu, daß ihre Mutter angekommen ſei.„Es iſt fürchterlich, ſie zu ſehen und zu hören, Arnold; bleibe fern, bis ich Dich rufe; Lady Elmore bittet, Du ſollſt bei ihr eintreten.“ Arnold weigerte ſich mit liebevollem Eifer, ſeine Gattin allein den ergreifenden Auftritten, die nothwendig folgen mußten, auszuſetzen. Er berief ſich auf ſeine Rechte, die ihn von vorn herein zur Bewillkommnung ſeiner Schwiegermutter aufforderten. Urſula's Augen füllten ſich mit Thränen. Sie flüſterte ihm einige Worte in's Ohr; beſtürzt wich er zurück; ſein Widerſtand erloſch vor dieſer geheimnißvollen Mitthei⸗ lung, und er ließ bangen Herzens die Tochter dem Vater folgen, als Ringforth ſich ſorglos nach dem Eingang ſeines Studirzimmers wendete. 8 — 218— Ringforth's Blick ſuchte zuerſt eine liebe Geſtalt, die hm ſtets in heiterer Gemüthlichkeit erſt ein Willkommen bot, bevor ſie daran ging, für ſeine Erquickung und Bewir⸗ thung im Daheim zu ſorgen. Er ſuchte Leopoldine verge. bens. Nur ſeine Tochter ſtand mit bleichem, von Schmerz und Angſt verzerrten Angeſichte vor ihm. „Wo iſt Poldy?“ fragte er haſtig, ihr Mienenſpiel prü⸗ fend.„Wo iſt Curt?“ „Curt iſt bei Mama Depping— Poldy—,“ ſie konnte nicht weiter ſprechen, ſondern zeigte mit der Hand nach dem Schlafzimmer, wo dieſe treue Helferin in allen Lebensnöthen mit dem Arrangement zu Frau Adelens Unterkommen be⸗ ſchäftigt war. „Urſel, was iſt geſchehen?“ fragte Ringforth kräftig und feſt wie ein Mann, der gegen Alles gewaffnet ſein muß. Urſel brauchte ihrem Vater nur zu ſagen, die Mutter ſei da, Tante Kynar todt, und dieſe ohne Teſtament geſtor⸗ ben,— um ihm die unbehagliche Situation klar zu machen, welche ihm bevorſtand. Mit einer Empfindung, die gar nicht zu beſchreiben iſt, hörte Ringforth auf den kurzen, gedrängten Bericht, den Urſula von der Mutter Ankunft, von dem befremdlichen Benehmen und von dem Gemüthszuſtande derſelben machte. Aller Groll, der ſich nach und nach in ſeinem Innern gebil⸗ det, häufte ſich bei dieſem unerwarteten Ereigniſſe und trieb ihn zu einem energiſchen Entſchluſſe. Erſt noch vor wenigen Wochen hatte ihm der Sachwalter der Generalin Kynar in der Reſidenz mitgetheilt, daß er den beſtimmten Auftrag habe, die Eheſcheidung einzuleiten und nun? Nun? Mit ——— 1——— — 219— welchem Rechte betrat ſie jetzt ſein Haus— mit welchem Rechte beanſpruchte ſie jetzt ſeinen Schutz, ſeine Hilfsleiſtun⸗ gen, ſeine Güte und ſeine Liebe? Er wußte, was für Qualen mit der Wiederaufnahme ſeiner Gattin verbunden waren. Er wußte, was er an ſtillem Glück und ruhiger Friedlichkeit verloren geben mußte; er wußte jetzt erſt, was er bis dahin entbehrt hatte, und was er nun wieder einbüßen ſollte! Die ſtille Geſtalt mit den ruhigen aufmerkſamen Augen, die nur für ſein Wohlſein und für das richtige Ent⸗ wickeln ſeines Knaben ſorgte, trat in aller Glorie echter, ſchöner Weiblichkeit vor ihn hin, und das leiſe Wehegefühl, das er dabei empfand, entdeckte ihm, wie unentbehrlich ihm ihre Nähe geworden war, wie traut, wie lieb ihn ſeine Häuslichkeit ſeit ihrem Schalten und Walten umfing! Aber nur wenige Augenblicke gab Ringforth ſeiner Bitter⸗ keit Raum, die ihn zu Vergleichungen aufwiegelte und ihn zu unedlen Entſchließungen anzuſpornen ſuchte. Seine Seele verwarf Alles, was ſich unter der Einwirkung der eingetre⸗ tenen Kataſtrophe in ihm regte. Er hatte es in ſeinem letzten Briefe an die Generalin ausgeſprochen, daß der Platz an ſeiner Seite, daß die Stelle an ſeinem häuslichen Herde ſtets für ſeine Gattin bereit ſein würde, wenn ſie von ihrer unglückſeligen Verblendung geneſen ſollte.“ Sie war jetzt da! Hilflos— krank vielleicht. „Nur um einige Minuten bitte ich, Urſel,“ ſagte er zu ſeiner zitternden Tochter,„ich muß mich zu ſammeln ſuchen, um würdig vor Deiner Mutter zu erſcheinen. Bereite ſie vor auf meine Ankunft.“ Urſula ging. Bevor ſie ſich zu ihrer Mutter begab, trat ſie in das Schlafgemach, das ihre Mutter früher inne gehabt — 220— hatte. Leopoldine hatte es ganz ſo herſtellen laſſen, wie es ehedem geweſen. Urſula brach in Thränen aus. Sie legte ihre Wange an das bleiche, ernſte Geſicht der Freundin. „Darf ich denn fortgehen und meine unglücklichen Eltern allein laſſen, Poldy?“ fragte ſie leiſe, aber leidenſchaftlich und ſtürmiſch bewegt. „Du mußt Deinen Pflichten als Gattin folgen; Du mußt fortgehen!“ „Aber Poldy, meine Mutter iſt meiner Hilfe, ſehr, ſehr bedürftig—“ „Du haſt heiligere Pflichten zu berückſichtigen, Urſel! Ich bleibe hier und ſuche Deine Stelle zu vertreten.“ „Poldy, es iſt fürchterlich für ein Kind, die Schwächen der Mutter den Blicken Anderer preisgeben zu müſſen,“ flüſterte Urſula ſehr leiſe. „Wenn man ſie vor böswilligen Urtheilen ſicher weiß und unter guter Pflege, ſo hat man kein Recht, ſich ſelbſt mit Vorwürfen zu martern.“ „Und wenn ſie Dich beleidigt, wenn ſie Dich kränkt, wenn ſie nicht berückſichtigt, daß Du aus reiner Herzens⸗ güte ein Opfer bringſt? Wenn es Dir dann zu ſchwer wird?“ Leopoldine hob ihre Augen und ließ ſie mit Entſchloſſen⸗ heit auf Urſula's Antlitz ruhen. Sie gedachte der jahrelan⸗ gen Marter, der ſie durch Huberts leichtfertiges Gebahren, durch ſeine ſtumme Werbung in Blick und Geberde ausge⸗ ſetzt geweſen und dennoch nicht müde geworden war, die Unannehmlichkeiten im Hauſe zu ertragen. „Zu ſchwer wird einem feſten und ſtillen Herzen nichts, — 221— Urſel— darauf ſtütze Dich und vertraue mir. Nun geh'. Solche Aufregungen taugen Dir nicht. Ich will Arnold bitten, Dich in Deine Wohnung zu führen und Dich zu zerſtreuen.“ Sie führte die junge Frau zur Thür, küßte ihr ſchmeichelnd und liebkoſend die Wangen und übergab ſie ihrem Gatten Arnold zur weitern Verfügung. Aber ſo ru⸗ hig und gelaſſen ſie das vollführte, in ihr wogte und wallte es doch ſtärker, als ſie ſehen laſſen wollte. Ob Urſula davon eine Ahnung hatte, läßt ſich nicht entſcheiden. Aber Ring⸗ forth, der die kurze Unterredung mit angehört hatte, wußte, wie edel und groß dies Mädchen handelte, indem ſie eine ſo ſchwere Bürde auf ſich lud. Er trat raſch zu ihr ein, ergriff ihre Hände und ſagte tiefbewegt:„Wie ſoll ich Ih⸗ nen danken, Poldy! Gott ſegne Sie für Ihre Güte!“ „Dieſer Segen liegt ſchon in meiner Pflichtausübung,“ entgegnete Leopoldine einfach. Ringforth hob raſch ihre Hände an ſeine Lippen, und im nächſten Moment trat er in das Zimmer, wo ſeine unglückſelige Gattin, in der Stellung ei⸗ nes Kindes, das ſich der Regeln des Anſtandes nicht bewußt iſt, hingekauert lag. Die Augen halb geſchloſſen, die abge⸗ magerten Hände auf den hochgezogenen Knieen gefaltet, be⸗ tete ſie flüſternd einen Vers ohne Sinn und Verſtand„von Sündenblut und Jeſus Herzelein.“ Ringforth trat unbemerkt nahe heran und betrachtete voller Schrecken das Gebild, das ſich ſeinen Blicken darbot. Ein unendliches Erbarmen füllte urplötzlich ſeine Seele. Ihr Bild war in ihm verlöſcht, ſeine Liebe zu ihr erſtorben; als er ſie jedoch ſo hilfsbedürftig, ſo jammervoll elend vor ſich liegen ſah, da überwältigte ein Schmerz eigener Art ſeine ganze Manneskraft. Dies war das Weſen, welches er als das Ideal ſeiner Träume ſo lange geliebt? Ein Schauder überlief ihn, als er ſich dieſe Geſtalt an ſeine Seite dachte. Sie, die Gefährtin auf der glänzenden Bahn, die ſich ihm jetzt eröffnet hatte! Wo war der gewiſſenloſe Mann, der ſie ihm in dieſer Verfaſſung in's Haus gebracht, nachdem er mit der herrſchſüchtigen Generalin im Bunde den letzten Reſt von geiſtigem Vermögen in Feſſeln geſchlagen und ſie kindiſch gemacht hatte! „Adele,“ ſagte er mit zitternder, milder Stimme. Die Frau richtete ſich aus ihrer Stellung empor, ſaß kerzengerade eine Secunde da, als gehorche ſie einer unwiderſtehlichen Macht und richtete dann erſt ihr erloſchenes Auge auf den Gatten. „Ach, Du biſt's, Bernhard? das iſt gut, daß Du da biſt. Meineke ſagt, Du müßteſt Dich darum bekümmern, was mir die Kynar'ſchen Erben herauszuzahlen verpflichtet ſind, wenn wirklich kein Teſtament da wäre. Thu' das, Bernhard, bekümmere Dich um die Erbſchaft. So lange ſoll ich hier bleiben; wenn ich aber Tantens Haus in der Reſidenz beanſpruchen könnte, ſagt Meineke, dann wollte er mit ſeiner Frau, der Emma von Grieſacker, zu mir ziehen.“ Ringforth hatte alle ſeine Geiſteskraft nöthig, um nicht vor innerem Entſetzen laut aufzuſchreien. Das, was er jetzt erlebte, überſtieg wohl das Maß gewöhnlicher Menſchenſchick⸗ ſale! Wild blickte er um ſich; ſeine Hände griffen nach ſeiner Stirn— da ſprach eine liebe, ſanfte Stimme dicht neben ihm:„Ruhe, Faſſung, mein Freund! ſie iſt wahnſin⸗ nig und deshalb herzlos! Wir wollen verſuchen, dies erſtor⸗ bene Herz wieder zu beleben.⸗ — 223— Machtlos warf ſich Ringforth in einen Seſſel. Er ſah wie durch einen Nebelſchleier Leopoldine an's Sopha treten; er ſah, daß ſie der apathiſch vor ſich niederblickenden Unglück⸗ lichen die Hand darbot, die dieſe nicht ergriff, ſondern ganz erſtaunt betrachtete und widerwillig zurückſchlug. „Einen Arzt— einen Arzt!“ ſtöhnte Ringforth in aus⸗ brechender Herzensqual. „Sie kennen mich nicht, gnädige Frau?— Ich bin Poldy Depping“, ſprach Leopoldine freundlich, aber mit feſter, ausdrucksvoller Stimme, um ihr gleichſam zu imponiren. Es gelang ihr.„Depping— Depping—“ wiederholte Frau Adele, und ein kokettes Lächeln überflog, wie ein Hauch, ihre Lippen, um alsbald wieder zu verſchwinden.„Hubert ſei mein Anbeter und Arnold heirathe meine Tochter Urſel,“ ſagt Meineke— Albernheit— ¹ murmelte ſie vor ſich hin und kauerte ſich wieder in ihre Ecke.„Mich friert, Poldy,“ klagte ſie,„mich hat den ganzen Winter gefroren,— ſie glaubten es aber nicht.“ Leopoldine warf Ringforth einen beſchwichtigenden Blick zu.„Sie iſt krank. Laſſen Sie ſchnell den Arzt kommen!“ Und der Arzt kam. War die unglückſelige Frau krank? Nein, ſie hatte weder Fieber noch körperliche Leiden. Inner⸗ lich, wohin trotz aller Stethoskope kein Arzt dringen kann, da ſteckte die Wurzel des Uebels, das man als eine Zerrüt⸗ tung des Nervenſyſtems bezeichnete, weil man es nicht anders erklären konnte. Ringforth berief die berühmteſten Aerzte der Umgegend. Ihr Urtheil lautete übereinſtimmend. Sie erklärten den V Zuſtand ſeiner Gattin mehr für einen Stumpffinn, als für Irrſinn verhehlten ihm jedoch nicht, daß eine Heilung nicht zu hoffen ſei. — 224— Nun beſtürmte ihn Lady Elmore, ſeine Gattin einer Heilanſtalt anzuvertrauen und erbot ſich, Frau Adele auf ſchonende Weiſe ſelbſt dahin zu bringen, indem ſie dieſelbe zur Mitreiſe nach Meran auffordern wollte. Dies Anerbieten wurde von Ringforth entſchieden ab⸗ gelehnt. „Dann helfe Ihnen Gott, Ihr ſchweres Schickſal er⸗ tragen,“ ſagte die Dame beim Abſchiede. Ringforth meinte ſchwermüthig, daß er das Kreuz geduldig tragen wolle, was ihm aufgebürdet ſei. Ihm lag vor allen Dingen daran, zu erforſchen, wie ſich die befremdliche Zerrüttung in ſeiner Gattin Geiſt und Körper vollzogen hatte. Das konnte er nur durch den Schulrath Meineke und durch das ehemalige Geſellſchaftsfräulein der Generalin erfahren. Da dies Ehe⸗ paar nach der Reſidenz ſich begeben haben ſollte, ſo beeilte er ſeine Abreiſe dorthin. Wer malt ſein Erſtaunen, als ſein erſter Blick beim Eintritt in ſeine dortige Wohnung ihn eine Karte erblicken ließ, worauf außer dem gedruckten Namen des Schulrath Meineke die ſchriftliche Notiz ſtand:„daß er in der Wohnung der Generalin Kynar zu treffen ſei, wichtige An⸗ gelegenheiten mit Ringforth zu verhandeln habe und um des⸗ willen eine beſchleunigte Unterredung mit ihm wünſche.“. Den Schulrath in jenen Räumen aufſuchen, die eine Menge von unerträglichen Erinnerungen darboten, widerſtand den Ge⸗ fühlen Ringforths. Er forderte alſo, kurz entſchloſſen, den Mann auf, ſeinen Beſuch zu einer beſtimmten Stunde zu wiederholen. Meineke ſtellte ſich pünktlich bei ihm ein. Erſtaunt prüfte Ringforth die äußere Erſcheinung des⸗ ſelben,— er ſtand vor ihm, als ein ganz veränderter Mann. Elegant, faſt ſtutzerhaft gekleidet, ein Lorgnon im Auge, das Haar ſtolz und kühn in die Höhe geſtrichen, verbeugte er ſich mit einer an Ehrfurcht ſtreifenden Artigkeit vor Ringforth, der ihn zwar höflich, aber kühl begrüßte und ſogleich das Geſpräch mit den Worten einleitete, daß ihre Wünſche ſich begegnet wären, denn auch er habe wichtige Angelegenheiten mit ihm zu beſprechen. „Es wird ſich unſer Intereſſe in einem Gegenſtande zu⸗ ſammenfinden,“ entgegnete Meineke, verbindlich lächelnd;„ge⸗ ſtatten Sie mir zuerſt das Wort, damit Sie die Recht⸗ mäßigkeit meiner Einmiſchung einſehen. Ich habe Sie im Auftrage der Kynar'ſchen Erben aufgeſucht, das ſoll heißen: der Erben des längſt verſtorbenen General Kynar.“ „Sie— im Auftrage dieſer Erben?“ unterbrach ihn Ringforth frappirt. „Ja. Sämmtliche Erben haben mich übereinſtimmend zu ihrem Vertreter, zu ihrem Bevollmächtigten und zum Ver⸗ walter der Erbſchaftsmaſſe bis zur Theilung erkoren.“ „Dieſe Maßregel ſcheint mir unüberlegt,“ warf Ring⸗ forth zerſtreut ein. Ihn beſchäftigte mehr der Gedanke an den Seelenzuſtand ſeiner Frau als an die Erbſchaft. „Weshalb?“ fragte Meineke pikirt. Es ſind faſt lauter redliche, aber ungebildete Handwerker in der Provinz, denen daran liegt, ihre Intereſſen durch einen ebenſo redlichen Mann vertreten und gewahrt zu wiſſen. Meinem Rathe zu folge haben ſie beſchloſſen, durch mündliches Uebereinkommen die eventuellen Anſprüche Ihrer Frau Gemahlin, als Erbin der Frau Generalin, zu befriedigen und dadurch das ganze Erbſchaftsverfahren abzukürzen.“ „Darüber mache ich mir keine Sorgen; das wird ſich Alles von ſelbſt abwickeln.“ Ernſt Fritze: Kampf überall. 15 — ——— ————————— B — 226— „Sie ſollten auf meine Intention eingehen und mich ebenfalls bevollmächtigen, die Anſprüche Ihrer Frau Ge⸗ mahlin, als Nichte der Frau Generalin, zu vertreten; es möchte von Vortheil für Frau Adele ſein, würde mir die ganze Regulirung übertragen.“ „»Warum nicht gar; ich übertrage Ihnen nichts,“ ſagte Ringforth ungeduldig,„und man wird von Gerichtswegen die ſogenannten Kynar'ſchen Erben ſehr bald darüber belehren, ob ſie ein Recht haben, vorzeitig über das zu verfügen, was für den Augenblick herrenlos daſteht. Das ſind Nebenſachen, die mich nicht zu einem Geſpräche mit Ihnen verlockten. Das Motiv zu dieſer von mir gewünſchten Zuſammenkunft liegt tiefer. Ich frage Sie ernſt, ſeit wann und aus welcher Veranlaſſung hat ſich die traurige Gemüthsbeſchaffenheit meiner Frau entwickelt?“ Der Schulrath ſtutzte, ja er fuhr, gleichſam bis in's Innerſte erſchreckt, zuſammen und ſtarrte dem fragenden Manne ſeelenlos in's Geſicht. Nur eine Secunde währte dieſer Schreck, dann fragte er mit etwas unſicherer Stimme: „Wie denn, mein Herr? Ich verſtehe nicht. Was hat Ihre Frau Gemahlin geſagt— was hat ſie geklagt?“ „Sie ſagt nichts— ſie klagt nichts; aber die Beſchaffen⸗ heit ihres Geiſtes ſpricht dafür, daß etwas Unverantwori⸗ liches geſchehen iſt.“ „Von meiner Seite nicht— bei Gott! Fragen Sie Ihre Frau Gemahlin— fragen Sie!“ rief Meineke auf⸗ athmend. „So trifft Sie doch wenigſtens die Schuld, daß Sie mich nicht in Kenntniß geſetzt, wenn ſie gequält wurde. „Darüber bin ich ſelbſt im Unklaren geblieben. Ich gebe — — 227— aber zu, daß die alte, böſe Frau ihren Grimm über die Er⸗ folge, die Sie im Vaterlande feierten, ſtets an Frau Adele ausließ und ſie zu—⸗ „—— zu geiſtigen Kaſteiungen verdammte,“ fiel Ring⸗ forth zitternd vor Schmerz ein. Meineke zuckte die Achſeln. „Bis endlich dieſe furchtbare Schwachſinnigkeit eintrat, die ſie zu einem Automaten machte. Und das Alles duldeten Sie? Das duldeten Sie ohne Gottes Zorn zu fürchten? Und dann lieferten Sie mir die arme, unglückſelige Frau in's Haus, ohne nur ein Wort von dem entſetzlichen Stumpf⸗ ſinne zu erwähnen?“ Meineke reckte ſich in die Höhe und ſagte ungemein höflich:„Sie übertreiben den Zuſtand Ihrer geehrten Gattin; ich habe Gottlob Zeugen in Menge, daß ſie in vollkommen geſundem Zuſtande mit uns in Livorno gelebt und auch mit uns, ohne Zeichen von Geiſteszerrüttung, Livorno verlaſſen hat. Was Ihnen jetzt ſo auffällig erſcheint, iſt wohl ein altes Uebel, nur einigermaßen durch die zuſammentreffenden Umſtände verſtärkt. Für nicht beſonders geiſtesſtark hat Ihre Frau Gemahlin ſtets gegolten, und wenn Ihre Liebe Sie dergeſtalt verblendet hatte, dies nicht zu finden, ſo können Sie für Ihre Herzenstäuſchung doch Niemand verantwortlich machen als ſich ſelber. Sie ſehen jetzt eingetroffen, was ich Ihnen vorausgeſagt habe:— der Herr züchtigt Sie im Jubel Ihres Sieges; es iſt die Hand des Herrn, welche Ihren Triumph zur Buße macht.“ Die ausgeprägte Malice, womit der Schulrath dieſe Rede gehalten, gab Ringforth Veranlaſſung, ſich ſchweigend zu verbeugen und durch eine Handbewegung nach der Thür an⸗ zudeuten, daß er nicht die mindeſte Luſt verſpüre, die Unter⸗ 15* — 228— haltung mit ihm weiter fortzuſetzen. Sie ſchieden unter ſchweigender, gegenſeitiger Verbeugung. Ringforth mußte anerkennen, daß eine bittere Wahrheit in der Erklärung des Schulraths enthalten war; aber gleichzeitig drängte ſich ihm auch der Gedanke auf, wie gefährlich dieſer Mann in der unbeſchränkten Vollmacht, die ihm von den vertrauenden Erben des General Kynar ertheilt war, für den ganzen Nachlaß werden könne. Schon daß er mit frecher Stirn ſich in Beſitz der Wohnung der Generalin geſetzt, bewies ſeine Fähigkeit zu Ausſchreitungen und Willkürlichkeiten aller Art. Ringforth erachtete es in Rückſicht darauf für geboten, den Sachwalter der verſtorbenen Generalin Kynar mit der Vollmacht zu betrauen, die Rechte ſeiner Gattin den übrigen Erben gegenüber zu vertreten und zu wahren. Und das hatte denn alsbald zur Folge, daß dieſer eine gerichtliche Verſiege⸗ lung beantragte, wodurch der vormalige Schulrath Meineke nebſt ſeiner Gemahlin, der vormaligen Geſellſchafterin der Generalin Kynar, urplötzlich an die Luft geſetzt wurden. Trotz aller mündlichen und ſchriftlichen Proteſtationen war der Traum von Herrlichkeit und Wohlleben zu Ende, und ſie mußten zu andern Mitteln ihre Zuflucht nehmen, um in be⸗ ſcheidenerer Weiſe ihr Leben zu friſten. Schon die erſten gerichtlichen Einſchreitungen veränderten alſo den Stand der fraglichen Erbangelegenheit, und nach näherem Eingehen ſtellte es ſich dann heraus, daß durch die teſtamentariſchen Verfügungen des, ſeit zwanzig Jahren, ver⸗ ſtorbenen Generals Kynar alle Eventualitäten bedacht, und im Falle keine Leibeserben vorhanden waren, das Baarver⸗ mögen, das ſich damals vorgefunden, an die Erben Kynar, alles Andere jedoch an die Nichte der Generalin fallen ſollte. — 229— In der Unkenntniß dieſer Beſtimmung mit ſeinen geſetz⸗ lichen Folgen hatte jedenfalls der geiſtliche Rath geglaubt, auf längere Zeit die Verwaltung des großen Vermögens an ſich reißen zu können. Der gute Mann hatte kein Glück. Auch ſeine unchriſtliche Prophezeiung in Bezug auf Ring⸗ forth's Sieg ging nicht in Erſüllung. Das Geſchick zeigte ſich barmherziger, als man es erwarten konnte. Ringforth's Ernennung zum neuen Amte erfolgte in kurzer Zeit und zwar begleitet von der Weiſung, ſich unver⸗ züglich nach dem Orte ſeines neuen Wirkungskreiſes zu ver⸗ fügen. Er verließ demzufolge noch vor dem Schluß des Landtages die Reſidenz, um Veranſtaltungen zu ſeiner Ueber⸗ ſiedelung nach der weitabliegenden Provinz zu treffen. Nicht mit frohem Herzen, aber ergeben und zufrieden⸗ geſtellt durch die Ausſicht auf eine Häuslichkeit, die durch Leopoldinen's Freundſchaft den Reiz der Friedlichkeit erhielt, traf er ganz unerwartet in ſeinem Hauſe ein. Es ſollte ihn hier ein neuer, ungeahnter Schlag treffen. Seine Gattin war ſoeben geſtorben! Sie hatte ſich, wie immer, mit Stumpfſinn und Gleichgiltigkeit in die Ecke ihres Divans geſchmiegt, hatte nach der feſtſtehenden Ge⸗ wohnheit über Müdigkeit und über Froſt geklagt und war von Leopoldine unter milden Troſtverheißungen auf den Som⸗ mer, in ihre ſeidenen Decken eingehüllt worden. Wenige Minuten ſpäter trat Urſula mit ihrem Arnold zu ihr ein; ſie fanden ſie bleich und ſtarr— ein Gehirnſchlag hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. Ringforth trat erſchüttert vor die Verblichene und legte ſeine Hand mit ſanftem, zärtlichen Drucke auf die blaſſe, kalte Stirn. Es war ſeine letzte Liebkoſung, die er dem —,— — 230— Weſen— Abſchied nehmend auf ewig— zu theil werden ließ, welches ſeines Herzens Wallen nicht verſtanden und nicht anerkannt hatte. Er wünſchte ſie nicht ins Leben zurück; ihr Tod nahm eine große Qual von ihm. Von jetzt an verlief Alles ganz naturgemäß. Da Arnold Depping, ſeinem Wunſche gemäß, gleichzeitig mit Ringforth, als Hilfsrichter dem Gerichte in der fernen Provinz einver⸗ 1 leibt worden war, ſo ſiedelten beide Familien zu derſelben Zeit in jene Gegend über. Nach Verlauf der üblichen Trauerzeit wurde Leopoldine die Gattin des ſchwer geprüften Ringforth. Sie machte es ſich zur Aufgabe ihres Lebens, ihn zu beglücken und den Sohn ſeiner erſten Gattin zu einem tüchtigen und charakter⸗ feſten Menſchen zu erziehen. Hubert Depping kehrte erſt nach jahrelanger Abweſenheit zu ſeiner Mutter zurück.„Die rieſigen Veränderungen,“ die ſn ſich in dieſem„kurzen Zeitraume,“ wie er ſich ausdrückte, vollzogen hatten, erregten zwar ſeine Verwunderung, ließen ihn jedoch kalt und erſchütterten ſeinen Gleichmuth auf keine 1 Weiſe. Er tröſtete ſeine Mutter, welche über ihre Verein⸗ ſamung klagte, mit dem feierlichen Verſprechen, ihr ſo viel zu ſchaffen zu machen, daß ſie an einem ſolchen Sohn für ihr ganzes Leben genug hätte. Es ſieht Herrn Hubert Depping ähnlich, daß er hierin Wort hält. Ueberblicken wir den Gang der Ereigniſſe, welche den kleinen Kreis dieſer Menſchen zum Glücke geführt, ſo drängt ſich uns am Schluß der Erzählung der Gedanke auf:„Kampf überall!“ Der Sieg iſt unſer, wenn wir in Treue unſern Pflichten leben!“ Berlin, Druck von W. Büxenſtein. hlenden Bände ſind vergr fe henfolge i der Re ie in ☛ D „Eiſeubahn⸗Auterhaltungen.“ (KNomane, liſtoriſcke Erzühlungen undl Criminalnovellen.) 1 Mark pro Band von 10— 12 Bogen Stärke. der i 4. Im rothen Krug, von F. H. H. Temme.(2. Aufl.) 5. Der Wahrſager. von Karl von Keſſel. 42 1 2. Eine moderne Heilige, von Demſelben.(2. Aufl.) 3. Di 4 7 2. Camilla, von Eu gen Hermann. 3 4. Pfeifenhaunes, von J. D. H. Temme.(2. Aufl.) 2 5. Franzöſiſche Geſchichten, von v. Grabowski. 8. Die Grafen Hardeck. Erzählung von E. Hermann. 2. Die Kloſterruine.(2. Aufl.) . Die Entſagungs⸗Urkunde, von M. A. Niendorf. 5. Ehemänner und Ehefrauen, von Fr. Friedrich. .Aus dem befreiten Venedig, von Michael Klapp. 3 Luſt und Leid hinter den Couliſſen, von Fr. Friedri ch. Mario, von Michael Klapp. Verzeichniß i demſelben Verlage bisher erſchienenen Bände der .Der Deſerteur, von v. Grabowski.(2. Auflage.) Die Polenbraut, von R. Dehnike.(2. Aufl.) 6 Ein Maskenball, von J. D. H. Temme. . Der Diamantenhändler, von R. Dehnike. . Der Geächtete, von Eugen Hermann. .Der Falkner. Novelle von Ed. Ziehen. Die beiden Condé. Novelle von Eugen Hermann. . Vom grünen Tiſch, von Michael Kla pp. Die Mühle am ſchwarzen Moor.(3. Aufl.) 5 . Zum Tode verurtheilt. Verkuppelt. . Das Kloſter. Novelle von Ed. Ziehen. .Die Tochter des Staatsauwalts, von Dufresne. Die Sonne bringt es an den Tagl von Fr. Friedrich. . Die Czechin, von E. Hermann. . Schlaue Lente. Erzählung von Fr. Friedri ch. Der Eberwirth. Dorfgeſchichte von K. Ber gyoigt. 7„ „ 45 3 7 46 , 4 71 48 49 „ 50 51 „ 52 7 54 „ 55 „ 56 57 „ 59 60 „ 61 7 62 71 63 64 „ 65 66 67 Werkſtatt Band 43. 44. Ein Gefangener der Baſtille. Hiltl. Berliner Schloßdiebe. 1 von George 5. Der Polizeityrann, von Fr. Friedrich. 6. Schloßgärtners Anna. Novelle von J. Hilmar. Liebeshändel. Eine heitere Erzählung von O. Hancke. . Hiſtoriſche Erzählungen, von Ed. Gottwald. Verdächtig! Criminalgeſchichte von E. Fritze. Capitain Bonaparte, von Schmidt⸗Weißenfels. Graf Hadubrand der 99., von Ru do lph Menger. . Der tolle Chriſtel, von Demſelben. . Baronin von Waldſtett, von Ewald Au guſt König. 5. Aus der Börſenwelt, von Louiſe Otto. . Allerlei Geiſter. Novellen von R udolph Menger. . Der Sohn des Neffen. Criminalnovelle von E. Fritze. Die Baechantin, von M. v. Schlägel.(2. Aufl.) .Verkannt. Novelle von J. Hilmar. „Wogen des Lebens. Von Sch midt⸗Weißenfels. . Ein Zenge vom Jenſeits, von R. Men ger. . Die Verräther. Novelle von Friedrich Steinbach. 4. Ein Ehrenritt. Hiſtoriſche Erzählung von J. Hilmar. 5. Entlarvt. Novelle von Ewald Auguſt König. . Die Putzmacherinnen, von M. von Schlägel. . Verkauft. Novelle von Ernſt Fritze. . Die Söhne Varnevelt's, von Schmidt Weißenfels. . Im Kerker geboren. Novelle von Ern ſt Fritze. Der Aufſtand in Algier, von Schmidt⸗Weißenfels. 76. Der Raub Polyxena's, von Sch midt⸗Weißenfels. . Aus den Tagen der Commune, von v. Grabowski. . Der Einſiedler von der Hallig von H. Hirſchfeld. . Prinzeß Victoria, von Schmidt⸗Weißenfels. Das Teſtament. Novelle von v. Gra bowski. 2. Verſtoßen. Novelle von Ewald Auguſt König. — S Engel und Dämon, von Friedrich Steinebach. . Die von der Röhn. Noyelle von Herm. Hirſchfeld. 85. 86. 87. „ 88. 5 89. — 90. Ungelöſte Räthſel. Novelle von Ernſt Fritze Deutſch oder Wälſch, von Schmidt⸗Weißenfels. Hofparauet. Erzählung von v. Grabowski. Kampf uberall, von Ernſt Fritze. Pfaffenliebſte, von J. Hilmar. Schwindelnde Bahn, von H. Hirſchfeld. oder Thron, Prozeß der Erben Naundorf aus Spandau, Ludwig XVII. von Frankreich. 5 Sgr. ——— ſ ſnnſiſſſſſſſſſſſſnſinſſnſſinſiſſiſſſſſſſfſſſfſſſſſſſfſſſ Rfffſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 4 —— 5 . 1 8 3 1—