———— 3 Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für wöchentlich WMücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ¹ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, u en. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 1 Bibliothek deutſcher Briginalramane. Siebenzehnter Jahrgang. Vierter Band. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. Novelle von Erunſt Fritze. Erſter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. ZJdalium. ———— Inhalt. Seite Erſtes Capitel. Finſterniß überall.... 1 Zweites Capitel. Die Sylphe des Thales... 14 Drittes Capitel. Des Lebens goldene Zeit... 27 Viertes Capitel. Mademoiſelle Maſſelot... 40 Fünftes Capitel. Nebelbilder.. 71 Sechſtes Capitel. Im alten Schloſfe.... 82 Siebentes Capitel. Lichtfunften 95 Achtes Capitel. Wolken der Vergangenheit.. 122 Neuntes Capitel. Falſche Götter.... 133 Zehntes Capitel. Alte Geſchichten. 151 Eilftes Capitel. Lehrſtunden.167 Zwölftes Capitel. Im Glanz des Lebens... 176 Dreizehntes Capitel. Am Scheidewege...10 Vierzehntes Capitel. Ein Veteran der Thalia.. 202 Fünfzehntes Capitel. Sonnenſtrahlen....217 Erſtes Capitel. Finſterniß überall! Fern vom Treiben der Welt, fern von großen Städten liegt ein ſchönes Thal, von drei höhern Berg⸗ kuppen, und einer ausgedehnten Felſenkante umgeben. Die Schlöſſer der Edelleute, welche dieſes romantiſch belegene Stückchen Erde bewohnen, ſind auf den Höhen erbauet und ſchauen, von Waldungen umkränzt, in das Thal hinab. Sie ſtammen aus alter Zeit und verrathen durch ihre Bauart, daß ſie der Sitz mancher Ahnen ge⸗ weſen ſein mögen, bevor das neunzehnte Jahrhundert über die deutſchen Gauen aufgegangen war. Am höchſten belegen war das Schloß Hohenſtein mit ſeinen verwitterten Thürmen und mit ſeinen zer⸗ bröckelnden Mauern, von außen ein Bild der Vorzeit, von innen aber mit dem Luxus der Neuzeit geſchmückt. s gehörte dem Baron von Hohenſtein, einem geiſt⸗ reichen, alten Herrn, der es nur zur Sommerzeit be⸗ wohnte und es dann zum Sammelplatze von Fürſten Idalium I. 1 2 und Königen, von Dichtern und Gelehrten zu machen ſuchte.. Auf den beiden andern Bergkuppen prangten neben den alten Schlöſſern zwei neuere Gebäude, nach ſtädti⸗ ſcher Form von einem neugeadelten Geſchlechte erbauet. Zur Zeit wurden ſie nicht bewohnt, weil die Söhne mi⸗ norenn waren und theils auf Reiſen, theils auf Univer⸗ ſitäten ihre Bildung vervollſtändigten. Der Beſitzer, ein Herr von Wöllner, war im Freiheitskriege geblieben und ſeine Gemalin hatte eine ferne Reſidenz zum Aufent⸗ halte gewählt, um der Trauer der Einſamkeit zu entfliehen. Gebirge adminiſtriren und nnahme desſelben au⸗ Sie ließ ihre Beſitzung im verzehrte mit ihren Kindern die Ei ßer Landes. Dem Baron von Hohenſtein waren die beiden klei⸗ nen Schlöſſer mit den hellgetünchten Mauern und den m Auge. Er unterdrückte neumodiſchen Portalen ein Dorni⸗ jedes Mal, wenn ſein Blick darauf fiel, nur mit Mühe einen martialiſchen Fluch und wendete ſich jedes Mal mit einem Seufzer, der dem Ausſterben der frühern Be⸗ ſitzer galt, hinweg. Er ſelbſt war gottlob hinreichend mit Erben geſeg⸗ net, um ein ſolches Familienunglück nicht vorausſehen zu müſſen, teln, um ſeine glänzende Exiſtenz und es fehlte ihm auch keineswegs an Mit⸗ behaupten zu können. 4 2₰ 5 Er lebte ohne Sorgen und genoß die übrig gebliebenen Freuden des Alters, nachdem er ſeine Jugend vollſtän⸗ dig benutzt hatte, um alle irdiſche Glückſeligkeit kennen zu lernen. Daß er frei von Vorwurf darauf zurückblicken konnte, rechnete er ſich ſelbſt zur größten Ehre an. Ein Dichter— vielleicht Schiller oder Goethe— hatte in der Begeiſterung dichteriſchen Entzückens(wahr⸗ ſcheinlich vom gluthweckenden Cypernweine enthuſiasmirt, den der Baron von Hohenſtein mit beſonderer Vorliebe im Keller hegte) dieſe romantiſche Landſchaft als das Idalium der alten Dichter geprieſen und wir benützen dieſen Umſtand um uns aus der Verlegenheit zu helfen, da wir den wirklichen Namen der Ortſchaften zu verſchweigen Urfache haben. In Idalium fand man im zweiten Jahrzehnt des jetzigen Jahrhunderts außer den eben beſchriebenen Schlöſſern auf der Höhe auch in dem Dorfe, das ſich im Thale um einen umfangreichen Landſee lagerte, ſehr hübſche, reinlich und wohnlich ausſehende Häuſer, die im Allgemeinen auf einen gewiſſen Wohlſtand der Bevöl⸗ kerung ſchließen ließen. Namentlich trat ein zweiſtöckiges vortheilhaft hervor. Weiße Vorhänge an den Fenſtern, ein ſauber angeſtrichenes Gehege um den kleinen Haus⸗ garten, der zur Seite lag, und ein ſpiegelhell geputzter 1* 4 4 Griff an der braunen Hausthür gaben dem hübſchen, breiten Hauſe ein vornehmes Anſehen. Dies Haus wurde ſeit Jahresfriſt von einem Herrn bewohnt, deſſ en Aeußeres gerade nicht impoſant, doch elegant und von der Art war, daß es jede Vertraulichkeit zurückwies. Ein alter Diener in dunkelgrauer Livree mit gelben Aufſchlägen beſorgte ſeine Aufwartung und nannte ihn„gnädiger Herr.“ Er ſelbſt aber hatte nur unter dem einfachen Namen„Engelbrecht Maltmann“ den Miethscontract mit dem Eigenthümer des Hauſes entworfen und den⸗ ſelben eben ſo unterzeichnet. Herr Engelbrecht Maltmann war ein Mann in ſeinen beſten Jahren, hatte ein ſcharfgezeichnetes, fei⸗ nes Geſicht, lebhafte Augen und eine hohe, von feinen Runzeln überzogene Stirn. Seine Geſtalt erreichte kaum die gewöhnliche Mannesgröße. Da er ſich aber ſehr gerade hielt, ſo überſchätzte man häuſig ſeine Größe und überzeugte ſich erſt bei näherer Betrach⸗ tung, daß er eigentlich als Mann zu klein ſei. Er lebte einſam und einfach. Eine Bauerfrau war ſeine Köchin und ſeine Wäſcherin, alles Uebrige ſeiner Bedienung wurde vom alten Diener, den er mit franzöſiſcher Ausſprache„George“ rief, mit gro⸗ ßer Geſchicklichkeit und Sorgfalt in's Werk geſetzt. 5 Wo Herr Engelbrecht Maltmann früher gelebt, ob er, durch Unglück oder durch eigenes Verſchulden getrieben, in Idalium einen Zufluchtsort hatte ſuchen müſſen, das erfuhr Niemand. Es blieb ſogar zweifel⸗ haft, ob überhaupt das Leben dieſes Mannes jemals getrübt worden ſei. Sein glatt raſirtes Geſicht zeigte viel Seelenruhe und Gleichmüthigkeit und wenn er, ſtets einſam und allein, ſehr langſam und bedächtig den ſchmalen Waldpfad entlang bis zum See hinab⸗ ging, um von dort den Untergang der Sonne zu belauſchen, ſo forſchten die Blicke der Neugierigen im Dorfe vergeblich nach irgend einer verrätheriſchen Bewegung in ſeinem Mienenſpiele. Mit philoſophiſcher Ruhe ſchritt er dorthin und eben ſo unbewegt begab er ſich, die Hände auf dem Rücken, wieder zu ſeiner Wohnung zurück, die ein Stückchen höher belegen war, als der See im Thal⸗ grunde. Daß er mit demſelben Geſichtsausdrucke jeden Morgen auch den Aufgang der Sonne, an ſeinem Fenſter ſtehend, erwartete und die Blicke ein klein wenig unruhiger über den See hinwegſchweifen ließ, gerade ſo, als wolle er fragen:„Iſt dies der Tag, der mir das bringen wird, was mich beglücken würde?“ davon wußte kein Menſch, außer ſeinem Georg et⸗ was. Man hielt den Abendſpaziergang für eine Ge⸗ 6 wohnheit und daß er dabei die Stunde wählte, wo die Natur eine ihrer ſchönſten Scenen feierte, war zu natürlich, um ſich darüber zu verwundern. Wollten wir den Herrn Engelbrecht Maltmann aber einmal in ſeiner Abendeinſamkeit belauſchen, ſo würde ſich uns der undurchdringliche Schleier lüf⸗ ten, der über den unbeweglichen Zügen lag. Wir wür⸗ den ſein ganzes Weſen in Aufruhr und ſeine Bruſt von jenem Gefühle durchzuckt ſehen, das zwiſchen Ver⸗ achtung, Haß und Trauer ſchwebt. Herr Engelbrecht Maltmann war ein Märtyrer ſeiner Ideen, einer jener Betrogenen, die eine Zeit lang Anerkennung gefunden haben, um dann ſpäter als Opfer der Zeit zu fallen! Er war eine politiſche Größe ge⸗ weſen, hatte ſeine Ideen mit einiger Selbſtüberſchätzung als Zeitgeſetze geltend zu machen geſucht, mußte aber erleben, daß ſeine Beſtrebungen gerade in dem Mo⸗ mente mißdeutet wurden, wo ſie als zeitgemäß in Wirkſamkeit treten ſollten. Er floh den Schauplatz ſei⸗ ner Thaten. Einſam, aus Trotz gegen das Schicktal, das ihn demüthigte, verlor er mit dem felſenfeſten Glauben an Gott zugleich alles Vertrauen zu den Menſchen, und begrub mit der glücklichſten Vergangen⸗ heit auch eine glänzende Zukunft. Er hatte ſich durch 7 die Strömungen der Zeit hindurch lavirt, um end⸗ lich, ſtatt in dem Hafen der Ruhe zu landen, mit ſei⸗ nen Prinzipien am Wankelmuthe ſeiner Zeitgenoſſen zu ſcheitern. Daß aber das Menſchenherz nicht auf⸗ hört zu hoffen, davon gab die ſtille Erwartung, wo⸗ mit Herr Engelbrecht Maltmann täglich der Morgen⸗ röthe entgegenſah, den beſten Beweis. Ohne es ſich einzugeſtehen lebte er der feſten Zuverſicht, daß man ihn ehrenvoll zurückberufen werde, und daß dann ſeine Ideen wie glänzende Sterne das Chaos durch⸗ dringen und lichten müßten, welches in allen Staaten Deutſchlands herrſchte. Ueberlaſſen wir ihn ſeinen käglichen Träumen von Anerkennung und wenden wir uns dem See zu, der mit ſeinen klaren Wellen den Wieſengrund beſpült, welcher ein zweites, eben ſo hübſches und ſtattliches Haus, wie das am Berge, umgibt. Dies Haus unterſchied ſich, trotz der gleichen Bau⸗ art, trotz der eben ſo hübſchen Vorhänge an den Fen⸗ ſtern und dem blitzenden Meſſinggriff an der braunen Hausthür, doch weſentlich von dem oberhalb belegenen, und zwar durch die Lebhaftigkeit des Verkehrs in demſel⸗ ben und durch eine äußerſt einladende Veranda. Vor dieſer Veranda, die ganz einfach aus Holzbal⸗ 8 ken gezimmert und von Sommerſchlinggewächſen um⸗ rankt war, hatte man die köſtlichſte Ausſicht über das ganze Thal mit ſeinen Bergen und Schlöſſern, und diente ſie darum auch den Bewohnern des Hauſes am See in der warmen Jahreszeit als Eßſalon und Geſellſchafts⸗ zimmer, als Boudoir und Arbeitsſtube. Das Gehöft lag iſolirt und der ganze Wieſenplan bis zum See hinab gehörte dazu. Es war früher des Baron von Hohenſtein's Eigen⸗ thum geweſen, wurde jedoch am Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts von ihm an eine Frau Dorſak verkauft, welche, durch die günſtige Lage dazu veranlaßt, eine Molken⸗ wirthſchaft darin anlegte, die ſich als außerordentlich rentabel bewährte. Man gab dem Hauſe den Namen— „der Meierhof“ und im weiteſten Umkreiſe wollte Nie⸗ mand andere Butter und andere Milch kaufen als ſolche, die von Frau Dorſab's Meierhof kam. Frau Dorſak war noch immer eine hübſche Frau, obwohl ſie eine Tochter von achtzehn und einen Sohn von zweiundzwanzig Jahren hatte. Ihre Erſcheinung, in der Mitte von Küchen⸗ und Wirthſchaftsgeräthen der gröbſten Art, befremdete einigermaßen, da weder die Färbung ihres Teints, noch die Feinheit ihrer Hände in Harmonie mit ihrer Arbeitsthätigkeit zu bringen waren. 9 Es blieb ihren Nachbarinnen räthſelhaft, daß dieſe Frau, ungeachtet aller ſauern Arbeit, nicht ausſah wie alle andern Dorfbewohnerinnen, und ſie hatten ſie deßhalb in Verdacht geheimer Schönheitspflege, wie ſie große Damen anwenden ſollten. Frau Dorſak bekümmerte ſich nicht viel um das Geſchwätz ihrer Nachbarinnen. Sie war eine ruhige, ſehr thätige Frau, und was ſie aus frühern, beſſern Verhältniſſen in dies arbeitsvolle Daſein an Bildung mit hinübergebracht hatte, das füllte ihre Mußeſtunden hinlänglich aus. Dazwiſchen ſang ſie bisweilen ein Liedchen bei der Arbeit oder plauderte mit ihrer Tochter ſo anmuthig leiſe, daß die Dame der feinen Welt ſehr verrätheriſch daraus hervorblickte. In dieſer Art hatte ſie ſiebenzehn Jahre auf dem Meierhofe verlebt und noch immer wußte kein Menſch, woher ſie eigentlich ſtamme und was ſie früher für eine Rolle geſpielt habe. Ihr Wirken und ihr Schaf⸗ fen war einfach, als ſei ſie deſſen ſeit ihrer Jugend⸗ zeit gewohnt; aber ihr Weſen, die Erziehung ihrer Tochter, ihr wunderſchöner Geſang und ihr vortreff⸗ liches Klavierſpi! verriethen, daß ſie einem andern, als landwirthſchaftlichem Kreiſe angehört hatte. Es konnte nicht fehlen, daß Frau Dorſak durch ihr Dienſtperſonal ſogleich Kenntniß von dem neuen Dorfbewohner Herrn Engelbrecht Maltmann erhielt, allein es regte ihre Aufmerkſamkeit wenig an. Um ſo auffallender erſchien ihre ſichtliche Befangenheit, als er zum erſten Male an ihrem Meierhofe vorüberging, um zum See hinabzuſchreiten. Beſtürzt blickte ſie ihm nach. Als wolle ſie ſich überzeugen, daß kein Phantom ihre Sinne täuſche, ſo ſtarr und aufmerkſam heftete ſie ihr Auge auf den Mann, der über ihre Wieſen hinſpazierte ohne eine Ahnung deſſen, was in ihrer Seele vorging. 3 Dann wendete ſie ſich haſtig um und verließ ih⸗ ren Platz, um ein Begegnen zu vermeiden, welches ihr, wenn auch nicht ſchmerzlich, ſo doch höchſt unbequem war. Späterhin zeigte ſie dergleichen Gemüthsbewe⸗ gungen nie, Herr Engelbrecht Maltmann mochte grü⸗ ßend an ihr vorübergehen oder für einige Momente ſtehen bleiben, um einige Worte mit ihr zu ſprechen, die ſich meiſtentheils auf das Geſchäft bezogen, das ſie betrieb. Nur ſpielte oftmals ein leiſes Lächeln über ihr Geſicht, wenn ſie mit karger Artigkeit ſeine Anrede beantwortete, die jedes Mal im Tone der freundlich⸗ ſten Herablaſſung geſchah. Darüber verging der erſte Sommer. Zu Frau Dorſab's Erſtaunen blieb Herr Maltmann auch wäh⸗ 11 rend der Winterszeit in Idalium und ſie betrachtete bisweilen mit ſteigender Aufmerkſamkeit dieſen Mann, wenn er langſam und bedächtig, trotz Sturm und Re⸗ gen, zur Zeit des Sonnenunterganges von ſeinem Hauſe hinabſtieg, um den letzten Tagesſchimmer auf den Berg⸗ kuppen zu erwarten. Ihr theilnehmender Blick folgte ihm und in ihrer Seele dämmerte die Ahnung, daß nicht allein Gewohnheit, ſondern ein tief verſtecktes, ſchmerzliches Abſchiednehmen vom Tage ihn dahin trieb, wo er das Verglühen desſelben betrachten konnte. Ihr Blick drang durch die feſte und unergründliche Ruhe ſeines Mienenſpieles und ſie las zuletzt die ſtumme Klage darin:„Wieder vergeblich geharrt!“ Oftmals, wenn ſie in den langen Winterabenden mit ihrer Tochter geſungen, Klavier geſpielt und gele⸗ ſen hatte, öffnete ſie noch ſpät das Fenſter und ſah zu jenem Hanſe hinauf, wo ein helles Fenſter ihr ver⸗ rieth, daß dort oben ein ehrgeiziger Kopf noch träumte und ſchuf, daß dort oben ein ſchöpferiſcher Geiſt fern von der geſellſchaftlichen Sphäre, der er angehörte, über große Ideen grübelte, die vielleicht von Denen verdammt wurden, welchen das Gedeihen derſelben Gewiſſensſache ſein mußte. Warum ſonſt wandelte er einſam ſeinen Weg, da er ſchon vor langen Jahren ſeinen gewaltigen Einfluß auf die Staatsentwicklungen begründet hatte? Ihr Intereſſe an Herrn Maltmann ſtieg unter dieſen Beobachtungen. 4 Sie konnte am beſten beurtheilen, was es heiße, ſich mit Selbſtverläugnung von Allem zu trennen, was die Gewohnheit Erfreuendes und Beglückendes in ein Menſchendaſein zu flechten vermag. Sie wußte, was es bedeute, dem Verſchulden Anderer weichen zu müſſen, um in der ſelbſtgewählten Einſamkeit die Störungen des Gemüthes, die Wallungen einer empör⸗ ten Seele beſchwichtigen zu können. Da ſie an ſich die erfreuliche Erfahrung gemacht hatte, daß man in einer Thätigkeit, die allen frühern Gewohnheiten vollkommen widerſprach, am ſicherſten eine Heilung ſolcher Seelenleiden erzielte, ſo hätte ſie dem Manne da oben, der ſich gewiß abmühete, mit geiſtiger Kraft die Gemüthswunden zu heilen, den Rath zurufen mögen:„Wende Deinen Blick hieher, Du armer Verſtoßener, ſiehe, wie man es anfangen muß, um von der Verblendung kurirt zu werden, als ruhe das Heil und das Glück unſers Lebens nur in dem Glanze der Anerkennung und Verehrung! Komm 13. und lerne von mir, wie viel Troſt und Beruhigung in der körperlichen Beſchäftigung zu finden iſt, wenn der Geiſt müde gehetzt und das Herz bittern Täuſchun⸗ gen erlegen war. Hat man die Energie Deiner Ge⸗ danken, die Kraft Deiner Ideen, die Klarheit Deiner Vernunft mißdeutet, ſo komm und lerne von mir das Urtheil der Menge vergeſſen!“ Zweites Capitel. Die Sylphe des Thales. Der Frühling hatte ſich eben in ſeiner ganzen Kraft und Schönheit entfaltet, und die Berghöhen, noch vor wenigen Tagen nur glänzend braun von den geſchloſſenen Buchenknospen, waren plötzlich wie mit einem friſch grü⸗ nen Flor überworfen. Herr Engelbrecht Maltmann, überraſcht von dieſer wunderbar raſchen Entfaltung, hatte ſich ausnahmsweiſe ſchon Nachmittags auf den Weg gemacht, war aber nicht nach dem See hinunter gewan⸗ dert, ſondern ſeitwärts in eine Schlucht hineingeſchritten, die ſich ſehr bald bis zu einem ſchmalen Fußſteige ver⸗ engte, welcher ziemlich ſteil bergan ging. Unter ernſten und wehmüthigen Gedanken ſtieg er bergauf, unkundig des Weges und unbekannt damit, daß dieſer Fußſteig durch das Dunkel des Waldes ſich hin⸗ ſchlängelte, bis zu einem Felſenvorſprunge, von dem man weit in's Land und auch auf alle niedrigeren Bergkuppen des Thales, ſo wie in das Dorf und auf den See hinab⸗ — 15 blicken konnte. Hohenſteinklippe nannte das Volk dieſen Felſen, aber der neue Herr der alten Schlöſſer hatte einer ſchönen Franzöſin zu Ehren den Namen Esperance in den Granit hauen laſſen und den Ort Eſperancens⸗ ruh' getauft. In voller Entrüſtung über dieſe Huldigung hatte Baron Hohenſtein unter dem Namen dieſer ſchönen Fran⸗ zöſin die Worte en Dieu anbringen laſſen, und damit zugleich ſeinem Patriotismus Ausdruck gegeben, der nur in der„Hoffnung auf Gott“ Geduld genug errungen hatte, um die Schmach der franzöſiſchen Herrſchaft zu ertragen. Herr Engelbrecht Maltmann wußte natürlich von dieſem Conflicte der Nachbarſchlöſſer gar nichts, und fühlte ſich darum auch auf's Heftigſte erſchüttert, als ihm unerwartet eine von Moos überzogene Inſchrift entge⸗ genleuchtete, die ſeinem Geiſteszuſtande vollſtändig ent⸗ ſprach. Ergriffen ließ er ſich auf den glatt gehauenen Steinen, die einen Ruheplatz bildeten, nieder. Er ge⸗ brauchte mehrere Minuten, um den Eindruck, den dieſes ſeltſame Zuſammenklingen ſeiner Stimmung mit dieſer unvergänglich daſtehenden Phraſe, die das Motto ſeines jetzigen Lebens war, zu bewältigen. Dann aber richtete er wie neu belebt ſeinen Blich empor und ließ ihn über das Land hinausſchweifen, nach 16 jenen kaum ſichtbaren Gebirgsketten, die, wie Gewitter⸗ wolken geformt, am Horizonte ruhten. Von jenen Gebirgen, welche ſeine Vergangenheit von ihm trennten, ſank endlich ſein Auge müde und über⸗ drüſſig hinab in das ſtille Idalium, das ihm eine Zu⸗ fluchtsſtätte geworden war, und da traf es auf einen Gegenſtand, der die Wolken von ſeiner Stirne verjagte, und den Nebel des Trübſinns aus ſeiner Seele ver⸗ ſcheuchte. Eine Mädchengeſtalt kam eilig, als fürchte ſie das Erwachen der Natur zu verſäumen, vom See daher; ihr Fuß berührte kaum das keimende Gras der Wieſen, und als ſie am Rande des Berges, der ihr zunächſt lag, ange⸗ langt war, da zögerte ſie nur deßwegen einen Augenblick, um die verſchiedenen Fußwege, die ſich zu den Höhen hinaufſchlängelten, zu prüfen. Endlich ſchien ſie einig mit ſich. Sie verſchwand im kaum belaubten Walde, kam jedoch ſehr bald auf dem terraſſenförmigen Wege wieder zum Vorſchein und ließ ſich am Abhange, in mäßiger Entfernung von der Hohenſteinklippe, im Graſe nieder. Hier ſaß ſie eine lange Zeit ganz träumeriſch ſtill, und ließ ihre Augen von den Höhen zum See und vom See wieder zu den Kuppen der waldbewachſenen Berge glei⸗ ten. Es lag etwas Andächtiges in ihrer Haltung und Geberde. Die Hände fromm gefaltet, ſchien ſie ihren 17 Gedanken einen freien Flug zu geſtatten, der ſie him⸗ melan führte. Herr Maltmann konnte ihr Geſicht nicht erkennen, allein aus ihren leichten, graziöſen Bewegungen ſchloß er auf Jugend und Schönheit, und dieſe Vor wurde beſtätigt, als plotzlich das Mädchen; ſchen Wendung in das volle Sonnenlich melodiſches Gelächter ertönen ließ und ſchwenkte. Maltmann ſah ſogleich, daß dieſe lebhaften⸗ ſtrationen der Frau auf dem Meierhofe gal ⸗ ſam aus der Hausthüre trat, und ſich nach allen Seiten umſah. Richtig. Jetzt gewahrte ſie ihre Tochter auf dem Berge. Sie ſchlug, offenbar erſtaunt, die Häu men und beantwortete das Gelächter des 2 einem gleichen Lachen; dann winkte ſie. It lachte fort, ſchlug aber mit voller Bruſtſtimme auf einen Dreiklang an, dem ſie in drollis Wort„non, non“ unterlegte. Herr Maltmann traute ſeinen Ohren; Stimme! Welch' ein ſicheres Intoniren! Wele kunſt 9 gerechte Schwellung des Tones! Träumte er dean? Er faßte ſich wirklich handfeſt an Haar und Stirn, denn das Mädchen fuhr fort zu ſolfeggiren auf das Wörtchen non, Idalium. 1. 5 2 18 lief die Tonleiter auf und ab bis zu den höchſten und bis zu den tiefſten Tönen einer weiblichen Kehle und ſchloß mit einem trillergleichen komiſchen Lachen, dem ſie ſelbſt ſehr ſplendid Beifall klatſchte. Es war gewiß die reizendſte Diana, die nur eine Theaterſoubrette hätte erſinden können. Gleich darauf verſchwand das Mädchen. Maltmann ſtarrte betäubt auf den Fleck, wo ſie geſeſſen hatte und fragte ſich, wer die Sängerin ſein könnte. Raſch erhob er ſich. „Dem muß ich auf die Spur kommen!“ flüſterte er mit ſo bedeutend belebtem Weſem, daß man ſchwerlich den melancholiſch ruhigen Spaziergänger, der täglich beim Sonnenuntergange am See zu finden war, erkannt haben würde. Eilfertig begab er ſich auf den Rückweg und wartete 2 den Abſchied der Sonne nicht ab, ſondern ſchlug ſogleich den Weg zum Meierhofe ein. Dort aber war Alles ſchon wieder in das proſaiſche Alltagstreiben übergegangen. Frau Dorſak ſtand in der Milchkammer und hob vorſichtig die Sahne von der Milch, einige Mägde waren dabei, dieſe zu Butter zu ſchütteln und die übrigblei⸗ bende ſauere Maſſe zu Käſe gerinnen zu laſſen. Von der Tochter ſah und hörte man nichts. Ganz erſtaunt drehte ſich Frau Dorſak um, als 4 19 hinter ihr die wohlbekannte Stimme des Herrn Engel⸗ brecht Maltmann ertönte, die ihr in allerfreundlichſter Herablaſſung einen guten Tag wünſchte. Bis ſo weit hatte ſich die gelegentliche Artigkeit desſelben noch nie verſtiegen, daß er das Haus betreten. Er beſchränkte ſeine Höflichkeit bis dahin auf einen gnädigen Gruß bei zufälligen Begegnungen und hatte ſich noch nicht einmal die Mühe gegeben, an das Fenſter oder auch nur unter die Veranda zu blicken, um zu grüßen. Unter dieſen Um⸗ ſtänden war es natürlich, wenn Frau Dorſak mit Zeichen großer Verwunderung des Herrn Gruß erwiderte und ſeiner ferneren Rede geſpannt entgegenſah. Maltmann zeigte ſich auch gleich bereit, auf den Zweck ſeines unerwarteten Beſuches loszuſteuern. Ein verbindliches Lächeln auf den Lippen, rief er heiter: „Laſſen Sie ſich nicht ſtören, meine Beſte! Ich will mich auch keineswegs unberufen in dies Heiligthum Ihrer Wirkſamkeit eindrängen, ſondern will Sie hier von der Schwelle aus nur ganz geſchwind nach der Sängerin fragen, die Ihnen ſoeben eine Probe Ihrer Virtuoſität abgelegt hat.“ Eine helle Röthe überſtürzte bei dieſer Anrede das blühende Geſicht der Frau. Sie trat haſtig aus ihrer Milchkammer hervor und lud den Herrn durch eine 2* 20 Handbewegung ein, in das gegenüberliegende, offenſte⸗ hende Zimmer zu treten. 3 Er lehnte es entſchieden ab, und blieb in dem wei⸗ ten Hausraume ſtehen. Sichtlich beleidigt durch dieſe ſtolze Abfertigung, nahm Frau Dorſak eine ſehr gleichgiltige Miene an, und widerholte ſehr kurz: „Eine Sängerin, mein Herr?: „Ja, ja! Eine Sängerin, die Ihnen von oben herab zuſang—“ „Ach— Sie haben den Muthwillen meiner Toch⸗ ter Joſepha belauſcht,“ fiel die Frau kalt lächelnd ein. „Das tolle Mädchen war davon gelaufen, ſtatt Muſik zu üben.“ Die letzten Worte hörte Maltmann gar nicht mehr. „Ihre Tochter? dieſe Sängerin? Ihre Tochter mit einer Stimme, die Aufſehen in der Welt erregen würde? Wo iſt dieſe Tochter? Kann ich ſie ſehen? Sie muß mir vorſingen, was ſie kann.“ „Bedauere!“ entgegnete Frau Dorſak, immer gleichmäßig kalt und ſteif.„Joſepha iſt nach Kleineck hinaufgegangen, um die Tochter des Wöllner'ſchen Admi⸗ niſtrators zu beſuchen.“ 3 „Sie kommt aber wieder hieher zurück?“ warf Maltmann ungeduldig ein. 21 „Natürlich!“ antwortete die Frau befremdet. „Sie müſſen dies Mädchen zur Sängerin ausbil⸗ den laſſen,“ fuhr er eifrig fort. „Davor ſoll mich Gott bewahren!“ war Frau Dorſak's eiſig kalte Antwort. „Warum nicht? Sie verſtehen das nicht! Ich ga⸗ rantire den glänzendſten Er folg!“ „Meine Tochter iſt mir zu lieb! Ich verkaufe ſie nicht!“ „Welche alberne Idee! Haben Sie noch nie von den Triumphen großer Sängerinnen gehört? Kennen Sie den Namen Catalani?“ „O ja! Aber ich werfe mein Kind nicht in einen Strudel, wo es vor meinen Augen untergehen kann.“ Herr Engelbrecht Maltmann ſah ſie ſehr groß Wie kam eine Meierin zu ſolcher ruhigen Lebens⸗ ſophie? „Hätten Sie jemals Gelegenheit gehabt, eine Sän⸗ gerin zu ſehen, ſo würden Ihre Bedenken ſchon ſchwin⸗ den, meine Liebe. Es iſt etwas Großes, eine Künſtlerin zu ſein!“ fuhr er, lebhafter ſprechend, fort. „Das ſinde ich nicht! Sie ſteht von allen Seiten frei und iſt eben ſo gut dem Tadel wie dem Lobe aus⸗ geſetzt. Meine Tochter ſoll verborgen glücklich werden!“ „Thorheit, bei ſolcher Himmelsgabe! Sie wiſſen philo 22 es ja gar nicht zu beurtheilen, wie bevorzugt Ihre Toch⸗ ter durch dieſe Stimme iſt!“ Frau Dorſak lächelte. „Joſepha iſt nicht die Erſte in unſerer Familie, die derartig begabt iſt,“ ſagte ſie.„Ihre Stimme iſt ein Familienerbtheil.“ „Um ſo ſchlimmer, daß Sie ſolch' Erbtheil nicht verwerthen!“ „Was hätten wir davon?“ fragte die Meierin mit verächtlicher Miene. „Ehre, Ruhm, Geld und einen unſterblichen Na⸗ men!“ antwortete Maltmann, ganz exaltirt. „Mir iſt ein unbeſcholtenes Daſein und ein ruhiges Gewiſſen lieber!“ gab ſie zur Antwort. Wiederum heftete Herr Engelbrecht Maltmann ſein Auge groß und verwundert auf die Frau, deren Grund⸗ ſätze merkwürdig philoſophiſch waren. Während dem ſprach ſie weiter: „Schützen Sie einmal eine talentvolle Frau vor Verleumdung? Selbſt wenn ſie wie ein Engel der ſtrafbaren Huldigung Trotz bietet, ſo nagt dennoch der böſe Leumund an ihrem Rufe. Sie ſollten doch das wiſſen, mein Herr! Oder haben Sie Ihre Jugenderfah⸗ rungen vergeſſen?“ Herr Engelbrecht Maltmann trat beſtürzt einen 23 Schritt zurück, und ſein feines Geſicht färbte ſich pur⸗ purroth. Was wußte dieſe Frau von ſeinen Jugend⸗ jahren, wo er eine Erfahrung dieſer Art faſt mit ſeinem Leben bezahlt hatte? Er muſterte ſie ſcharf, ob nur der Zufall die Worte in ihren Mund gelegt. Die gleichgil⸗ tige Miene, wonitt ſie ſeinem prüfenden Blicke begegnete, beruhigte ihn wieder. Aber er fühlte ſeinen Eifer erkalten, der Welt in der Tochter dieſer Frau eine bewundernswerthe Künſtlerin zu verſchaffen. Seine Stimmung veränderte ſich wie⸗ der, ſeine Exaltation legte ſich, und wenn auch damit das Intereſſe für die hübſche Sängerin nicht einſchlief, ſo kühlte ſich doch ſein Enthuſiasmus für die Sache ab. Er hielt es für gerathen, das Geſpräch darüber ohne Weiters abzubrechen, und er that dies mit den Worten: „Wir werden ja ſehen, ob ſich nicht der Himmel ſelbſt in's Mittel legt, um Ihre talentvolle Tochter für die Kunſt zu gewinnen.“ „So lange ich lebe, wird dies nicht geſchehen!“ er⸗ widerte Frau Dorſak mit ſeltſam bewegtem Tone.„Und wenn ich zu früh ſterben ſollte, ſo mag ein höheres We⸗ ſen die Erfüllung des Schwures übernehmen, den ich meinem ſterbenden Vater leiſten mußte.“ Sie verneigte ſich mit dem ſtolzen Anſtande einer 24 Dame und ging, ohne ſich weiter um Maltmann zu be⸗ kümmern, in ihr Zimmer, das ſie hinter ſich verſchloß. Von hier aus ſah ſie dem forteilenden Herrn nach und bemerkte ſehr gut, daß er ebenfalls aus ſeiner ge⸗ wöhnlichen Faſſung aufgeſtört worden war. Er vergaß zum erſten Male ſeit ſeinem Hierſein dem in vergebli⸗ chem Harren verlebten Tage ein Valet zu bringen, und eilte mit beflügelten Schritten ſchnurſtraks ſeiner Woh⸗ nung zu, ſtatt nach dem See hinab zu gehen. Ein trauriges Lächeln ſtahl ſich über Frau Dor⸗ ſak's Züge, als er endlich hinter der braunen Thür mit dem ſpiegelblanken Griffe verſchwunden war. „Ich muß mich ſehr verändert haben“, flüſterte ſie dann,„daß er mich gar nicht erkennt, daß ſelbſt eine Unterredung mit mir nicht im Stande iſt, mein Bild aus der nebelvollen Vergangenheit hervortreten zu laſſen. Freilich— zwanzig Jahre ſind ein Zeitraum von großer Einwirkung auf jugendliche Züge, allein, daß mein An⸗ denken ſo gänzlich in ihm verwiſcht iſt, um ungeachtet der verrätheriſchen Andeutungen keine Erinnerung zu wecken, das muß mich befremden! Er hat wohl viel erlebt wäh⸗ rend dieſer Zeit— ſein Geiſt hat vielleicht raſtlos dem hohen Ziele, das er ſchon damals vor Augen hatte, zu⸗ geſtrebt und ihn dem übrigen Leben entrückt. Ich möchte wohl wiſſen, was ihn hieh ſeine Familie nicht bei ihm i Sie verſank a von dieſer Zuſammenkunft geweckt worden waren. Die Bilder aus ihrem frühere n verknüpft waren, trugen Im Gegentheil, es ſchloſſen ſich blicke, wo ſie auf der Weltb als glänzende Rolle hiets⸗ Gatten auf den Altar der Kunſt ten die Huldigungen dor K Maltmann's Geſtalt, in ſeine ter in ſeiner Bereöſemtei der heller vor ihr auf und auf ihre Lippen. „Er iſt noch ganz derf der Alte“— ſprach ſie, erheitert d durch's Zimmer ſchreitend geiſtert für Alles, was Kunſt heißt, geiſterung überſ prude lnd, wie dame Was ihn nur heha verſchl agen: auf dem beſten W Gege, ein bew die rechte Hand ſeines Vo Vertruntt aller Fürſten!— W maßen verſperrt, daß er wie im E Familie verläugnet und ſeine Standeserhö innerungen, die — eben, die mit Malt ma ine eben ſo ehronvolle durch die Liebe eines llt, von allen Sei iaſten er eit und Elegang tauchte immer Llbſtzuße iedenes Lächeln „noch ganz und der⸗ daß et ſeine ung verbirgt? 26 Ob ich mich ihm zu erkennen gebe?— Nein!— Er, wird das Thal wieder verlaſſen und mich dann ver⸗ rathen!“ 3. Mit dieſen Worten öffnete ſie das Nebenzimmer, ging zu einem dort ſtehenden Clavier, ſetzte ſich und be gann nach kurzem Präludium halblaut ein Lied zu ſin⸗ gen.—„Ob er es noch kennen würde?“— ſagte ſie traurig, als ſie es geſungen hatte. 3 Drittes Capitel. Des Lebens goldene Zeit. Während ſich die eben erzählte Scene im Meier⸗ hofe zutrug, war Joſepha, der Frau Dorſak heiteres Töchterchen, rüſtig den Berg hinaufgeſtiegen, worauf Kleineck, das Schloß der Familie Wöllner, lag. Joſepha war eine allerliebſte Erſcheinung in ihrem einfachen, von waſchbarem Stoffe angefertigten Anzuge, ſie würde vielleicht im ſtrahlenden Putze viel von dem Reize verloren haben, der ſie jetzt ſchmückte. Sie ſah viel jünger aus als ſie wirklich war, und das lag in der außerordentlichen Zartheit ihrer Geſtalt. In eben dem Grade, wie ihre Mutter voll, blühend und rund war, zeigte ſich die Tochter zart und ätheriſch, ſonſt aber ſahen ſie ſich ähnlich, wie ſich nur Jugend und Alter ähnlich zu ſehen vermögen. Es war anzunehmen, daß Frau Dorſak eines Ta⸗ ges eben ſo weiß und durchſichtig ausgeſehen haben mochte, wie ihre Tochter, und daß nur ihre Berufsthä⸗ 28 tigkeit eine Feſtigkeit halte, die ihr jetzt 3 Leicht wie eine Gaze lle erſtieg Joſe pha die Fel⸗ it und Fülle der Geſtalt entwickelt zur Zierde gereichte. ſen, immer Richtwege ſuchend und den ſichern Fahrweg verſchmähend. Ihr blondes„krauſes Haar, das ſich in 4 kleinen, nat ürlichen Löch hen um die weiße Stirn legte und im Nacken von einem Bande uſammengehalt ten wurde, hob ſich im leichten? einde und bildete eine Glorie um das ſchmale, etwas bl laſſe Geſicht. Ihre Augen blitzten vor innerer Fröhlichkeit und die ſchwellende Freude ihr rer Bruſt äußerte ſich in dem kaum hörba⸗ ren Summen eines Frühlin sliedes, das immer den Re⸗ imnin bildete:„Herbei— herbei! Es ſinget die Lerche — es klappern die Störche— es ruft uns des Kuckucke Geſchrei! Herbei!“— In der einen Hand trug Joſepha den Hut, welchen ſie der Wärme wegen vom Kopfe genommen, in der 5 andern Hand ſchwenkte lich ein ziemlich großer Seiden beutel(der zur damaligen Zeit unerläßliche Pompadour) zythmiſch h in und her, während ſie aufwärts ſtieg. Diet fromme Friedl hkeit, die ſich in des lieblichen Kindes ſtrahlenden Au ickte, bewieſen ein vollkommen unberührt geblieben erz und eine unentweihte Phan⸗ taſie. Joſepha hatte e in poet iſches Gemüth und ein wei⸗ ches zärtliches Herz. Beides war hinreichend geweſen 29 um ihre Jugend in dieſer Einſan lich zu machen. Sie betrachte e des, das S„Schimmer en der und die Ver Gleichgültigkeit, womit gleichen Naturerſche laſſen pflegen. 1 heldinnen zu gehören, ko flüſternden uſche n des le 5 die Strahlenfäden verfolgen Waſſer hinwegzogen, eine Feenbrücke ſich die neciſchen mhaſ ge Das waren die unſch geweſen, und jetzt ſ ei Glück dadurch dernehre daß d W öllner'ſchen Güter eine T ihre Freundin geworden 1 auf, um ihr ein Buch zu bri Es war die Undine von die Höhe eerreicht und der Weg li g Edin n⸗ gen Steigerungen und Se enkungen im; dahin, d d ſchon einen leichten Schatien gewährte, totdem ſich die erſten Blättchen kaum entfaltet hatten Eine balſamiſche Luft überſtrömt e die Waldungen hier auf der Höhe. Joſepha fühlte ſich dem Himmel näher keit vollkonnn nen glück⸗ rungen mit 30 als ſonſt, und empfand dieſe Frühlingsſchönheit bewußt⸗ voller als ſonſt. Ihre Bruſt hob ſich unter tiefen Athem⸗ zügen; ihr Ohr lauſchte dem girrenden Zwitſchern der Vögel, die ſchon Neſter baueten und ihr Auge verfolgte achtſam die kleinen, ſilberhellen Quellen, die nur im Frühling fließen und in des Sommers Hitze verſiegen. Sie dachte an Undine und an den Oheim Kühleborn, und wann ein Quellchen neben ihr über Baumwurzeln hinwegrauſchte, ſo war es ihr gerade, als ſei ſie ſelbſt Undine und müſſe mit den Geiſtern der kaum ſichtbaren Gemächer zu plaudern anfangen. Plötzlich aber wurde ſie aufgeſchreckt aus ihrer Ge⸗ dankenwelt. Ein Laut drang zu ihr— ein Ruf— ein helles, fröhl ches Jauchzen, und ehe ſie ſich deſſen verſah, rauſchte es im Gebüſche und zwei Arme umſchlangen ihren Nacken und zwei Lippen preßten ſich ſtürmiſch auf ihren Mund.„Joſepha— Emmy!“„Emmy— Jo⸗ ſepha!“ Und die Mödchen küßten und drückten ſich, als hätten ſie ſich Jahre lang nicht geſehen. „Hab' ich's nicht geſagt!“ rief dann Emmy, des Adminiſtrators Tochter, frohlockend. „Haſt Du's gerathen?“ fragte dagegen Joſepha eben ſo frohlockenden Tones. „Ja! Ich hatte keine Ruhe mehr“, berichtete Em⸗ * 31 my.„Ich ſollte der Mama helfen beim Leinwandmeſſen — ſie denkt ſchon an meine Ausſtattung— aber ich bet⸗ telte mich los und flog hieher. Ich wußte, daß Du kameſt! Und nun biſt Du da, mein Herzblatt, meine kleine Fee, meine Bergkönigin—“ „Und ich bringe Dir ein Buch mit,“ fiel Joſepha eifrig ein.„Ach, ein ſo liebes, zauberhaft anziehendes Buch von einer Waſſerfee, die einen Ritter liebt— o ich habe gezittert und geweint um dies liebe Nixchen, das ſie Undine genannt.— Joſepha zog unter dieſen Worten die Schnüre ihres Pompadours auf und nahm das Buch heraus. Emmy griff begierig danach, ſchlug es auf und begann ſogleich zu leſen. „Nein, Emmy— das thu' nicht! Lies es nicht anders, als in der Einſamkeit Deines Ruͤmmerchens— ſchließ' Dich aber ein, öffne Dein Fenſter und laß den Blüthenduft, das Rauſchen der Wälder und das Flöten der Nachtigallen zu Dir eindringen. Wenn Du dann lieſeſt, ſo wird es Dir ſein, als lebteſt Du in der Undine, als fühlteſt Du ihre Seligkeit und ihre Schmerzen, als zerrönne Dein Leben in dem ihren!“ Joſephen's Augen ſtrahlten in göttlicher Begeiſte⸗ rung während ſie ſo ſprach, und ihre feinen Lippen zuckten, wie vom innern Sch hmerz bewegt. 32 Emmy ſah ſie verwundert an. Ihre reifern Jahre und ihre praktiſche Natur befähigten ſie den tiefen, faſt ſchädlichen Eindruck ſolcher Lectüre auf die zart beſaitete Seele ihrer Freundin richtig zu beurtheilen. Sie ſchlug das Buch zu, ſteckte es in ihre Schürzentaſche und ſagte: 4 „Du ſollteſt ſolche Bücher nicht leſen, die d ich aus der wirklichen Welt in ein Zauberland führen. Dein kleiner Kopf iſt ſchon phantaſtiſch genug ausgefüllt! Aber komm, mein Herzblatt— komm, laß uns erſt ein wenig hier ruhen und plaudern, denn oben bei Mama da müſſen wir ſo ehrbar wie ein paar Kaffeekannen neben einander ſitzen. Komm! Hier iſt ein lauſchiges Plätzchen.— Die Sonne hat es getrocknet und warm gemacht! Sieh, wie weich das Moos auf dem Geſtein iſt— komm, laß Dich nieder!“ Sie ſetzte ſich bequem zurecht, ſtemmte die vollen, runden Arme auf ihre Knie und ſah Joſephen zu, die ſich, hoch aufathmend, quer über den Stein warf, ihr 3 Kleid ſittig um ſich ordnete und dann den Kopf auf Emmy's Schooß legte. Ein unendlich gütiges Lächeln ſpielte um Emmy's Lippen, als ſie ſo da ſaß und ihre Freundin betrachtete. 4 4 Emmy war eine echte Landſchöne mit vollen, dun⸗ kelrothen Wangen und kräftigen Gliedern. Kaum zwei Jahre älter als Joſepha, war ſie doch vollkommen vor⸗ bereitet zum Lieben und Heiraten und ſie ging auf die⸗ ſen nothwendigen Act im weiblichen Leben ſo muthig los, daß es ſicher war, ſie eheſtens als irgend eine Prediger⸗ oder Amtmanns⸗Frau im Hafen der Ehe einpaſſiren zu ſehen, ohne vorher einen Roman voll herzbrechender Sen⸗ timentalität erlebt zu haben. 3 Und dies poeſieloſe Weſen liebte die zarte, blonde Joſepha mit einer Zärtlichkeit, die über das gewöhnliche Maß der Freundſchaft beinahe hinaus ging. Joſepha war binnen wenigen Monaten die Sonne ihres Da⸗ ſeins, der Stern in dem myſtiſchen Dunkel ihrer Zukunft geworden. Joſephen zu Liebe las und muſicirte ſir. Joſephen zu Liebe phantaſirte ſie über Sonne, Mond und Sterne, Joſephen zu Liebe würde ſie Berge verſetzt und Mauern eingeriſſen haben. Für dieſe Hingebung tauſchte ſie aber eine gleiche Zuneigung ein. Sie war das er ſte weibliche Weſen außer der Mutter Joſephen's, die zärtliche Worte an ſie gerichtet, die unſchuldige Liebkoſungen auf ſie gehänft— mußte Joſepha ſie nicht dafür lieben, daß ſie einen Strom von ganz neuen Empfindungen in ihr ge⸗ weckt hatte? Ob aber eine gleiche Willenskraft in ihren Freundſchaftsgefühlen ſich entwickeln würde, wenn das eſchick ſie zu Opfern herausforderte, das blieb für den Augenblick fraglich.. Jetzt lag Joſepha in reizender Schläfrigkeit auf 3 Idalium. I. 34 dem Schooße ihrer Freundin und ließ ſich die Stirn, die Locken, die Augen und die Hände von ihr küſſen. Von dem Orte, wo ſie ſaßen, konnte man einen Theil des Hohenſteiner Schloſſes überblicken. Während Emmy mit dem Ordnen der blonden Löckchen beſchäf⸗ tigt war, fragte Joſepha plötzlich: „Was iſt denn auf Hohenſtein los, Emmy? Die Fenſter ſind ja geöffnet!“ „Der alte Baron wird kommen, ſo wie die Wäl⸗ der grün ſind,“ entgegnete Emmy nachläſſig. Joſepha richtete ſich jähe in die Höhe. „Wie? der Baron will wieder hier reſidiren? Er iſt ja zwei Sommer nicht hier geweſen? AJa, das ſoll Gründe gehabt haben, mein Feen⸗ kind,“ plauderte Emmy, ſchäkernd das Band an Jo⸗ ſephen's Kopf ſtreifend, das ihr Haar feſthielt.„Die alte Maſſelott, dies Inventarienſtück der Familie Wöllner, das mein Vater zum Durchfüttern mit über⸗ nommen, hat mir Wunderdinge davon erzählt. Und Du weißt nichts davon, wie es ſcheint!“ „Nicht ein Wort!“ betheuerte Joſepha, ſehr neu⸗ gierig ihre Augen erhebend. „Die Geſchichte iſt romantiſch, Kleine—“ „Um ſo intereſſanter. Erzähle, beſte Emmy!“ 35 „Wir wollen es der alten Maſſelott ſagen, daß ſie uns heute Abend damit erfreut.“ „Ach, nicht doch! Erzähle, was Du weißt. Ich brenne vor Neugier und kann auch nicht oben bleiben. Ich habe meiner Mutter feſt verſprochen, ſogleich wieder zu kommen!“ Emmy lachte.—„Das haſt Du ſchon öfter ge⸗ than und biſt dennoch geblieben, Feenkind!“ „Heute aber nicht!“ ſprach Joſepha ernſthaft. „Mir iſt heute ſonderbar zu Muthe!“ Emmy ſah ihr ſchelmiſch in die Augen, aber ſie wurde ernſthaft, als Thränen darin ſchimmerten.—„Um Gott, was fehlt Dir denn, Joſepha? Das dumme Buch i*ſt Schuld, nicht wahr? Du biſt aufgeregt davon, nicht wahr d. Joſepha verbarg beſchämt ihr Geſicht am Herzen der Freundin.„Ich weiß es nicht, aber ich bin nie ſo ausgelaſſen und doch innerlich ſo bewegt geweſen wie heute.“ „Das Buch iſt Schuld,“ tröſtete Emmy. „Was iſt's mit dem alten Baron— erzähle doch!“ ſchmeichelte Joſepha. 3 .„ Ach, die Geſchichte iſt auch eben nicht luſtig, aber ſie hat jetzt mit einer Hochzeit geendet,“ rief Emmy un⸗ muthig.„Sieh, der Sohn des alten Barons war Witwer 3* 36 geworden, und in dieſer Zeit, vor der Franzoſenperiode hier in Deutſchland, lebten die Enkel desſelben hier auf Hohenſtein. Wöllner's wohnten dazumal auch hier. Es war aber ein bitterer Haß zwiſchen den beiden Herren, weil Wöllner auf Kleineck geboten hatte, als die Kleinech'ſche Familie ausſtarb. Hohenſtein hatte gedacht, die Güter an ſich zu reißen und dieſer Plan wurde ihm vereitelt. Wöllner war ſehr reich. Es kam ihm darauf an, ſeinen neuen Adel auf altes Geſtein zu verpflanzen,ſagt die alte Maſſelott ſelbſt, die ſchon Bonne beim Staatsrath von Wöllner geweſen iſt, deßhalb ſcheute er kein Mittel Kleineck zu bekommen.—“. „Und er bekam es, wie wir ſehen,“ ſchaltete Joſepha ungeduldig ein. „Richtig! Er bekam es und der alte Baron Hohen⸗ ſtein haßte ihn um deßwegen ſo gründlich, wie nur alte Sdelleute haſſen können. Er verbot ſeinen Enkeln mit den Wöllner'ſchen Kindern zu ſprechen. Die aber kehrten ſich nicht daran, wie die alte Maſſelott ſagt. Namentlich konnte der älteſte Junker Aegyd nicht leben, wenn er die kleine Margot von Wöllner nicht geſehen hatie. Damals alſo ſchon fing eine Liebe an, die nachher den wildeſten Zorn des alten Baron entflammt hat. „Margot Wöllner—“ wiederholte Joſepha ſehr leiſe.„Ich muß ſie kennen! Mir iſt, als hätte ich eine 37 Margot geliebt, als hätte dieſe Margot mir Blumen⸗ kränze um's Haupt geflochten und mich geküßt. Ich muß meine Mutter fragen, ob ich dies nur geträumt habe!“ „Es wird wohl Wahrheit ſein,“ wendete Emmy etwas trocken und kühl ein. Sie fühlte eine Wallung von Eiferſucht bei Joſephen's weichem Tone, womit ſie dieſer Epiſode aus der Kinderzeit gedachte.—„Margot iſt vor zehn Jahren nochmals hier geweſen und damals hat ſich ihre Kinderliebe vom Neuen entflammt.“ „Wie alt iſt Margot?“ fragte Joſepha eifrig. „Zwei und zwanzig Jahr! Sie hat ſich jetzt mit einem hochgeſtellten Staatsbeamten verheiratet.“ Joſepha fuhr ordentlich erſchrocken auf und ſtarrte ihre Freundin an. „Wie? Margot iſt untreu geworden?“ rief ſie. „Was konnte ihr alle Treue helfen, Kleine,“ er⸗ klärte Emmy gleichgültig lächelnd. „Es ſoll ein heißes Liebesverhältniß zwiſchen dem Herrn Aegyd von Hohenſtein und Fräulein Margot obgewaltet haben, allein der alte Baron hat ſeinen Fluch darauf geſetzt und iſt zwei Jahre hinter einander mit ſeinem Enkel Aegyd auf Reiſen gegangen, um die Liebe in ihm zu erſticken. Jetzt, wo Margot eine andere Ver⸗ bindung geſchloſſen hat, kommt er zurück und will nun wahrſcheinlich hier ſterben.“ 38 „Und Aegyd?“ flüſterte Joſepha träumeriſch. „Der wird hoffentlich dem Beiſpiele Margot's folgen!“ „Auch dieſen Aegyd glaube ich zu kennen,“ ſprach Joſepha, den Blick ſeltfam bewegt auf das Schloß Ho⸗ henſtein heftend, aus deſſen Fenſtern ihr bleiche Geſichter mit traurigen Mienen entgegen zu ſtarren ſchienen. „Du wirſt wohl bisweilen als Spielgenoſſin der kleinen Fräulein hinaufbefohlen ſein,“ ſpöttelte Emmy, noch nicht geheilt von dem Eiferſuchtsanfalle von vorhin. „Nein!“ entgegnete Joſepha heftig,„nein, das hätte meine Mutter nie erlaubt, und man hat der⸗ gleichen auch niemals verlangt. Was ich erlebt habe mit dieſem Aegyd und mit dieſer Margot, das häugt mit unſerm See und auch mit der Hohenſteinklippe zu⸗ ſammen.“ „Aha— die Herrſchaften haben ſich dort Rendez⸗ vous gegeben!“ lachte Emmy erheitert. Joſepha nickte langſam mit dem Kopfe.„Aegyd kniete vor Margot— ja, ja! Ich ſang das Lied vom treuen Curd, das ich meiner Mutter abgelauſcht hatte. Sie ſtanden Beide am See, als ich ſang—“ das junge Mädchen ſchwieg und legte nachdenkend die Hand an die Stirn.„Was war es doch, was ſie Beide dann ausrie⸗ fen— was war es doch?“ „Höre, mein Herzblatt, Du ſcheinſt mir auf dem Wege zu ſein, eine Hellſeherin zu werden,“ ſcherzte Emmy, indem ſie aufſtand und Joſepha mit empor zog.„Komm, laß uns lachen, damit ich nicht glauben muß, Du ſeieſt ein Cobold aus dem Felſen und nicht meine luſtige Joſepha.“ Joſepha, gleich ihrer Kindlichkeit wieder zurückge⸗ geben, umſchlang ihre Freundin und ſie gingen auf Kleineck zu. Viertes Capitel. Mademoiſelle Maſſelott. Schloß Kleineck gehörte ſeit fünfzig Jahren der Familie des als Staatsrath verſtorbenen Herrn von Wöllner, welcher ſich allerdings keines ſo glänzenden Stammbaumes zu erfreuen hatte, als die früheren Be⸗ ſitzer des Gutes, die Herren von und zu Kleineck. Der Staatsrath von Wöllner war leider Gottes eines Bäckers Sohn und hatte ſich, ſowohl begünſtigt durch verſchiedene Zeitverhältniſſe als durch ſeine Talente, dergeſtalt emporgeſchwungen, daß ihm noch vom König Friedrich dem Großen das Adelsdiplom verliehen war. Durch die Heirat mit einer reichen Kaufmannstochter erhielt er die Mittel, ſich auf Kleineck anzukaufen und daſelbſt ein elegantes, neues Stammhaus zu erbauen. Sein Sohn, eben ſo genial und ſpeculativ wie der Herr Staatsrath, machte es möglich, die zweite Beſitzung der Kleineck'ſchen Erben, auf der nächſten Bergſpitze, auch zu erſtehen, und ſo geſchah es, daß die bei weitem ergiebi⸗ 3 4 —— 41 gere Hälfte des Thales im Umſehen durch landwirth⸗ ſchaftliche Speculationen eine Goldgrube für die neu⸗ adeligen Beſitzer wurde, während der Baron von Hohen⸗ ſtein auf ſeinem hochromantiſchen Felſenſitze— die Mittel der Induſtrie verächtlich verſchmähend— ſeine Familieneinnahmen nicht um einen Heller erhöhet ſah. Glücklicher Weiſe reichten dieſe aus, jedweden Auf⸗ wand zu bewerkſtelligen und im Vergleiche mit den„Em⸗ porkömmlingen“ die Regungen des Neides fern zu hal⸗ ten. Seit dem Tode des Staatsrathes, der ſeinen Sohn überlebt hatte, ſtanden, wie ſchon geſagt, die neuen klei⸗ nen Schlöſſer leer, und nur die ruinenhaften alten Ge⸗ bäude, die ſich demüthig hinter den weißen Mauern ver⸗ krochen, waren von dem Adminiſtrator und ſeinen Leu⸗ ten bewohnt. Es lag wohl in der Natur der Sache, daß ſich das ſogenannte alte Schloß auf Kleineck äußer⸗ lich wie innerlich ziemlich vernachläſſigt zeigte und daß ſich nachgerade die Nothwendigkeit herausſtellte, minde⸗ ſtens für eine anſtändige Wohnung des Adminiſtrators Sorge tragen zu müſſen. Der neue Wirthſchaftsverweſer Köhler hatte es denn auch nicht unterlaſſen, ſeiner Herrin, der gnädigen Frau Hauptmann von Wöllner, reſpectvoll vorzuſtellen, daß ihr gewiß nicht damit gedient ſein würde, wenn eines guten Tages die morſchen Dachbalken des alten 42 Schloſſes über ihm zuſammenbrächen und ihn ſammt ſeiner Familie im Schutte begrüben. Auf dieſe ganz er⸗ gebene Eingabe erfolgte jedoch weder eine Antwort, noch verrieth die gnädige Frau es durch irgend eine That⸗ ſache, daß ſie von dieſer Vorſtellung lebendigen Begra⸗ bens gerührt worden ſei. Der Adminiſtrator, dem ſein Leben zu lieb ſein mochte, machte alſo kurzen Proceß und kündigte ſeiner Herrin ohne Weiteres den Dienſt. Er gab ihr dabei zu verſtehen, daß, bei den glänzenden Ein ahun der Fa⸗ milie Wöllner, es eine Sünde und Schande ſei, einen Aufenthalt für Ratten und Mäuſe gut genug für den Mann zu finden, der ſich zum Beſten der Familie auf⸗ opfere, und daß es ferner einen großartigen Egoismus beweiſe, zwei geräumige Schlöſſer leer ſtehen zu laſſen. und ihn in die Folterkammern der weiland Kleinechſchen Ritterburg zu verweiſen, wovon noch dazu die alte Er⸗ zieherin des Hauſes, Mademoiſelle Maſſelott, die beſten Zimmer in Beſchlag genommen hätte. Entweder erhalte er, als Repräſentant der weiläufigen Wirthſchaft, einen Theil des neuen Schloſſes zur Wohnung oder er ver⸗ laſſe im Sommer eine Stellung, die ihm keine ausrei⸗ chende Behaglichkeit böte. Der Brief war deutlich genug, um verſtanden zu werden. Allein auch er ſchien keinen Erfolg zu haben. Vierzehn Tage waren ſeit ſeiner Abn — 43 ſendung verfloſſen und noch immer war nichts geſchehen, was auf die Willfährigkeit der gnädigen Frau hätte ſchließen laſſen können. An dem Tage, wo Joſepha Dorſak nach Kleineck hinaufſtieg, um ihre Freundin zu beſuchen, hatte ſich der Vater derſelben endlich entſchloſſen, dieſem unſichern Zu⸗ ſtande ein Ende zu machen und ſich um eine andere Stellung zu bemühen. Emmy wußte dies ſchon, allein ſie war ſeelenſtark genug, es der jungen Joſepha zu verhehlen, damit ſich deren Laune nicht trübe.— Frohſinnig wandelten die beiden Mädchen Arm in Arm den Waldpfad entlang, der ſich bis zu dem großen, hochgewölbten Hofthore der alten Burg hinſchlängelte. Scherzend erreichten ſie den Hof, und indem ſie über den ſchlecht gepflaſterten, winkeligen Hofraum hinweg ſchrit⸗ ten, hörten ſie die Frau Adminiſtratorin, Emmy's etwas launenhafte Mama, mit zänkiſchem Tone Jemand ab⸗ weiſen.. Eine helle, wohltönende Männerſtimme antwortete im beſchwichtigenden Tone. „Ei was!“ ſprach Madame dagegen,„ſehe ich etwa aus wie eine Herbergsmutter?“ Emmy eilte raſch vorwärts, um einen weitern Aus⸗ bruch böſer Laune zu verhindern, und Joſepha folgte. Sie betraten zur rechten Zeit den weiten dunklen Hausflur, um einen jungen Mann, der mit beſcheidener Bitte nochmals den Wunſch laut werden ließ,„für die Nacht ein Bett in einem Kämmerchen zu erhalten“, in dieſem Verlangen unterſtützen zu können. Emmy ſowohl als ihre Freundin ſahen nach dem erſten Blicke in das hübſche, heitere Geſicht des Reiſen⸗ den, daß ſie es keineswegs mit einem Handwerksbur⸗ ſchen zu thun hatten, wie Madame Köhler anzunehmen ſchien. Beide jungen Mädchen verneigten ſich höflich gegen ihn und Emmy warf ſich ſcherzend ſogleich zu ſei⸗ ner Sachwalterin auf. „Ei, Mama!“— rief ſie fröhlich—„wenn uns dieſer Herr verſpräche, die böſen Geiſter aus den alten Mauern zu bannen, die ſeit Jahrtauſenden hier ihr We⸗ ſen treiben, ſo könnten wir ihm ſchon ein Nachtlager verſchaffen!“ Der junge Reiſende ging alsbald auf den Scherz ein. „Topp, Mademoiſelle!“ rief er.„Ich banne alle Geiſter, die Sie hier beunruhigen!“ Emmy nickte ihm ſorglos zu.„Es gilt! Nicht wahr, Mama— der Herr wird im Thurmzimmer ſchlafen!“ Madame Köhler, ſtets von der heitern Laune ihres Kindes wohlthätig erwärmt, lächelte ſauerſüß.„Meinet⸗ 45 wegen! Nur geben Sie uns nicht Schuld, wenn der alte Thurm, der ſchon ſeit mehreren Wochen verdrießlich ſein bemooſtes Haupt ſchüttelt, über Ihnen zuſammen⸗ bricht.“ „So arg wird's nicht ſein, daß dergleichen zu fürchten wäre!“ meinte der Wanderer, indem er ſein ele⸗ gantes Reiſeränzelchen von der Schulter nahm und ſammt ſeinem Knotenſtocke in einem Winkel zu placiren ſuchte. Er ſah ſich dabei verſtohlen nach allen Seiten um und ſchien eben nicht erbaut von dem Hausflure, der, trotz der ſichtlichen Reinlichkeit, ein wüſtes Anſehen hatte. Emmy öffnete jedoch ſchnell die Thür zur Wohn⸗ ſtube und lud ihn mit einer Handbewegung ein, näher zu treten. „Nehmen Sie ihre Reiſe⸗Effecten mit, ſonſt möch⸗ ten die böſen Geiſter des Schloſſes eher aus Ihren Pa⸗ pieren erſehen, mit wem ſie es zu thun haben, als wir!“ ſprach das Mädchen neckend. Der junge Mann ſtand plötzlich ſtill und ſah in ihr glänzend braunes, vor Frohſinn funkelndes Auge. „Ein Wort, ehe ich eintrete, Mademoiſelle! Ich habe eine Bedingung zu machen. Mein Name muß bis auf Weiteres aus dem Spiele bleiben. Wollen Sie nicht 46 darauf eingehen, ſo bin ich gezwungen, weiter zu wandern.“ 4 Emmy ſtutzte und maß ihn von Kopf zu Fuß. —„Sie reiſen wohl incognito, mein Herr,“ fragte ſie ſpöttiſch. Joſepha, bis dahin eine ſchweigſame Theilnehmerin der kleinen Stene, ſchlug heiter die Hände zuſammen. „Prächtig! Prächtig! Unſere Phantaſie werd dann aus Ihnen einen Ritter Huldbrand von Ringſtetten machen.“ Der junge Mann wendete ſich überraſcht zu ihr um. Wenn er auch in den Kreiſen der großen Welt eine Bekanntſchaft mit dem neuen Werke des Herrn de la Motte Fouqué erwarten durfte, ſo nahm es ihn doch Wunder, hier in dieſer Bergeinſamkeit von der Undine reden zu hören. „Gut,“ erwiderte er freundlich und mit jener Güte, womit man halberwachſene Mädchen anzureden pflegt. „Ich will Dein Ritter Huldbrand für heute Abend ſein, Du kleine Waſſernixe!“ Joſepha, eigenthümlich berührt von ſeinem Tone, flüch⸗ tete in's Zimmer ohne zu antworten, und ſetzte ſich ge⸗ fliſſentlich hinter die große, braune Kaffeekanne, die auf einer Wärmlampe prangte. Es währte nun nicht zwei Minuten, ſo war ein hei⸗ teres Geſpräch im vollſten Gange. 47 Emmy, mit ihrem unerſchöpflichen Humor, leitete den Faden der Unterhaltung, aber Joſepha in ihrer ſin⸗ nigen, poetiſchen Lebhaftigkeit würzte cs. Mehrmals fügte es ſich, daß der Reiſende, wie erſtaunt, ſeine hellen Zlicke auf dies zarte, blonde Weſen ſenkte und kopfſchüt⸗ telnd zu berechnen ſchien, wie viel von den treffenden Einfällen des Mädchens, das er einem Kinde gleich hielt, dem Zufalle zu danken war. Er war oftmals nahe daran zu fragen, wer ſie ſei. Daß ſie nicht zur Familie des Adminiſtrators gehörte, verrieth ſich in dem förmlichen„Sie“, womit Madame Köhler ſie anredete. Endlich hob ſich für ihn der Schleier des Geheimniſſes, das er, ſo lange er ſich ſelbſt nicht nennen wollte, ehren mußte. Er erwähnte flüchtig der preußiſchen Reſidenz und rief dadurch Joſephen's lehhafte Frage hervor: „Ob er aus Berlin ſei.“ Der junge Mann ſchüttelte lachend den Kopf. „Das läuft gegen unſern Contract,“ ſprach er da⸗ bei.„Sie dürfen nicht forſchen und nicht neugierig ſein.“ „Meine Neugier galt nicht Ihrer Perſon,“ entgeg⸗ nete Joſepha ſchnell.„Berlin intereſſirt mich lebhaft. Mein Bruder Vincent ſtudirt dort.“ Der Fremde neigte ſich mit verbindlichem Lächeln 48 zu ihr.„Wie heißt Ihr Bruder? Ich habe auch dort ſtudirt.“ „Vincent Dorſak!“ rief Joſepha mit ſtrahlenden Blicken. „Wie? Dorſak? der ſchöne Sänger—2“ fragte der Fremde frappirt. „Sänger?“ wiederholte Joſepha unbehaglich.„Be⸗ wahre, er ſtudirt Jura!“ 8 „Ja wohl, mein kleines Fräulein,“ entgegnete der Fremde mit mehr Vertraulichkeit als bisher. Ein helles Roth überflog Joſephen's feines Geſicht, während des Fremden Blick unſicher über ſie hinwegſtreifte.„Aber,“ fuhr er fort,„er iſt der Liebling aller. Damen, die er durch ſeinen Geſang bezaubert. Seine Gönnerin, die Herzogin Charlotte von Hildburghauſen hat im vorigen Jahre mehrere Monate am Hofe ihres königlichen Schwa⸗ gers zugebracht, und dadurch iſt Ihr Bruder im Hofkreiſe heimiſch geworden. Man nennt ihn nur„den ſchönen Sänger.“ Er iſt vor Allem der Liebling der Gräſin Brandenburg, der Halbſchweſter der preußiſchen Ma⸗ jeſtät.“ Joſepha horchtemit Spannung dieſen Eröffnungen. Ein Unbehagen eigener Art miſchte ſich mit dem Intereſſe, welches für ſie in den Mittheilungen lag, die ihr den eigenen Bruder in einem fremden Lichte zeigten. War die Gräfin — 49 Brandenburg jung? War ſie ſchön? Lagetwas Gefährliches in dieſer Liebhaberei? Sie wagte, von jungfräulichem In⸗ ſtinkte geleitet, keine Frage dieſerhalb zu thun, heftete jedoch ihren Blick ziemlich verwundert auf den Erzähler, ſo daß dieſer lachend ausrief: „Die kleine Waſſernixe ſcheint von den Myſterien des brüderlichen Lebens in der preußiſchen Reſidenz eben nicht viel zu wiſſen! Ja, ja! Dein Bruder Vincent iſt ſeit Jahr und Tag der Held auf dem Felde der Muſik, rivaliſirt mit unſerem beſten Tenoriſten, mit Stümer, ko⸗ kettirt mit den Sängerinnen Seidler und Milder⸗Haupt⸗ mann, liegt der ſchönen Gräfin Julie Brandenburg zu Füßen und ſteht in Gefahr, ſtatt der Themiswage, die Fahne der Thalia zu ergreifen. Sein alter Lehrer, Sig⸗ nor Giuliani, der jetzt ebenfalls in Berlin lebt und von der Herzogin Charlotte in die höchſten Kreiſe eingeführt i*ſt, hält ihn eng umgarnt und will ihn, wahrſcheinlich ſeines eigenen Vortheils wegen, bereden zur Oper zu gehen und nach Italien überzuſiedeln. „Das darf Vincent nicht!“ fuhr Joſepha entrüſtet auf.„Die Herzogin Charlotte hat es meiner Mutter verſprechen müſſen, meinen Bruder davon abzuhalten, und Fürſten müſſen noch eher Wort halten als andere Menſchen.“ „Die Herzogin weiß ſchwerlich etwas von den Ma⸗ Idalium. I. 4 50 chinationen ihres ehemaligen Lehrers, Signor Giuliani,“ ſpottete der Fremde.„Uebrigens irrſt Du, meine Kleine, wenn Du das Wort einer Fürſtin felſenfeſt glaubſt. Je⸗ der ändert und modelt ſein Wort nach Bequemlichkeit, der Fürſt, wie der Bettler, der König, wie der Bauer! Was übrigens in der letzten Zeit geſchehen iſt, weiß ich nicht, denn ich bin einige Zeit abweſend geweſen von Berlin.“ Ein Gedanke durchblitzte Joſephen's Kopf.—„Auf Reiſen etwa?“ fragte ſie, ſchlau lächelnd in ſein Geſicht blickend.. Der Fremde betrachtete ſie überraſcht. Sollte ſie errathen haben, wer er ſei?* Der Ausdruck ihrer Augen verrieth dergleichen. Schnell beugte er ſich zu ihr hin und nahm den Augen⸗ blick wahr, wo Emmy anderweit beſchäftigt war, um ihr zuzuflüſtern:„Verrathemich nicht! Behalte Deine Ent⸗ deckung für Dich, kleine Nixe.“ Joſepha erröthete vor Freude.„Es iſt Aegyd!“ dachte ſie mit romantiſchem Entzücken. „Es iſt kein Anderer, als Aegyd, der Junker von Hohenſtein, der, von ſeinen Reiſen zurückgekommen, hier Nachrichten über Margot's Untreue einziehen will! Es iſt Aegyd!“ Bezaubert von dieſem Glauben, erwachte die Neu⸗ —— 51 gier nach der Liebesgeſchichte Margot's und Aegyd's um ſo ſtärker in ihr und ſie benutzte den Moment, wo Emmy ſich wieder zu ihnen geſellte und mit geſteigerter Laune die Unterhaltung an ſich riß, zu einer fluchtähnlichen Ent⸗ fernung aus dem Zimmer, um Mademoiſelle Maſſelott zu beſuchen. Eiligſt ſchlüpfte das junge, ſeltſam aufgepegte Mädchen den dunklen Corridor hinab, dem Gemache zu, das die ehemalige Erzieherin der Familie Wöllner be⸗ wohnte und niemals verließ. Mit hochklopfendem Herzen blieb ſie erſt eine Weile ſtehen, als ſie die ſchwere, eichene Thür zu dem Entreſol geöffnet hatte, welches den Eingang zu dem Theile des alten Schloſſes bildete, der von Mademoiſelle Maſſelott eingenommen wurde. Joſepha athmete ſchwer, wie unter der Laſt einer ahnungsvollen Bangigkeit. Ihrer erſten Eingebung fol⸗ gend, hatte ſie beſchloſſen, ſich Kenntniß von einem Lie⸗ besverhältniſſe zu verſchaffen, das ſie mächtig intereſſirte; allein im Begriffe den Beſuch bei der alten Dame, die im Geruche ſehr preteneiöſer Launenhaftigkeit ſtand, zu wagen, ſchreckte ſie vor einem Beginnen zurück, deſſen 3 Erfolg ſehr zweifelhaft ſchien. Es war kein Wunder, daß ſich das Romantiſche der ganzen Gegend auch der Gemüthsart eines jungen Mäd⸗ chens mitgetheilt hatte, welches eine einſame Jugend in 3 4*½ 52 phantaſtiſchen Träumen, an dem Ufer des Sees und unter dem dichten Schatten uralter Bäume, verlebte. Es war auch kein Wunder, daß ſich in ihrer jungen Seele eine poetiſche Anſchauung aller Lebensverhältniſſe ent⸗ wickelte. Ihre eigene Mutter, ſo praktiſch und tüchtig ſie ſich ſonſt erwies, hatte den Keim dazu in ihre Bruſt gepflanzt und es ruhig der Umgebung überlaſſen, eine Schwärmerei zu begünſtigen, die eigentlich nicht zu der proſaiſchen Exiſtenz einer Butterhändlerin paßte. Das Schiefe ihrer Stellung trat auch immer grell heraus, wenn die vornehmen Bewohner der Schlöſſer ihre Sai⸗ ſon dort hielten. Dann beſchränkte Frau Dorſak mit ernſtem Befehle die Wanderluſt ihres Töchterchens und hielt ſie ſtreng in den Grenzen ihres Eigenthums. Dieſe Maßregeln hatten zur Folge, daß das Daſein Joſepha's ſelbſt den Kindern der Schloßherrſchaften ein Geheim⸗ niß blieb, und daß es nur dem Zufalle zuzuſchreiben war, wenn Joſepha wirklich dem Junker Aegyd von Hohenſtein und der ſchönen Margot von Wöllner irgend einmal begegnet ſein ſollte. An der Sonderbarkeit die⸗ ſer Umſtände ſteigerte ſich eben nur das Intereſſe des jungen Mädchens für die myſtiſchen Vorgänge auf jenen vornehmen Höhen, die ihre Phantaſie zu Thronen der höchſten Intelligenz und Romantik erhob. Zitternd ſtand ſie vor der Eröffnung von Thatſachen, die ihre — 53 Pulſe raſcher ſchlagen zu machen verſprachen— zitternd ſtieg ſie endlich die ſechs kleinen Stufen hinauf, die bis zur Thüre von Mademoiſelle Maſſelott's Gemach führ⸗ ten. Sie klopfte leiſe und behutſam an. „Entrez, s'il vous plait!“ rief Mademoiſelle mit gellender Stimme. Joſepha trat ſchüchtern auf die Schwelle.„Darf ich denn, Mademoiſelle Maſſelott?“ fragte ſie zaghaft, noch ehe ſie die Thür vollſtändig geöffnet hatte. Mademoiſelle erhob ſich ein klein wenig aus dem Lehnſeſſel, den ſie am Fenſter einnahm, und nickte mit majeſtätiſcher Herablaſſung. Ihre große, ſchlanke Figur, eingehüllt in ein ſchwarzes Kleid von Sorge, das Haupt gekrönt mit einer großen weißen Haube, erweckte unwill⸗ kürlich ein Grauen. Mumienhaft eingetrocknet, zeigte ihre Haut jenes farbloſe Colorit, das nicht gelb und nicht weiß, aber immerhin grell genug gegen die Umhül⸗ lungen hervortrat, um als zart gelten zu können. Die fein gegliederten Hände glichen Todtenhänden und lagen ſtets unbeſchäftigt in graziöſer Nachläſſigkeit auf ihrem Schooße, nur dann ſich erhebend und bewegend, wenn ſie mit der Rechten aus einer Miniaturdoſe ein Pris⸗ chen Spaniol zur Naſe beförderte und mit der Linken die Spuren davon von ihrem Buſentuche abſtäubte. So ſaß dieſe alte Dame Tag für Tag, ſchaute 54 zum Fenſter hinaus, über die waldigen Höhenzüge hin⸗ weg, träumte von der Vergangenheit, ſpeiſte mit Appe⸗ tit, was ihr die Frau Adminiſtrator Köhler ſerviren ließ, und wartete geduldig auf ihr ſeliges Ende. Sie war eine Elſaßerin, ſprach eben ſo gut deutſch wie fran⸗ zöſiſch, und wußte davon zu erzählen, wie ſchwer es der Stammmutter dieſes neuadeligen Geſchlechtes geworden war, ſich von den kleinbürgerlichen Gewohnheiten los zu machen, die ihr von ihrer niedrigen Geburt und Erzie⸗ hung anklebten. Mademoiſelle Maſſelott hatte es über⸗ nommen, die Nachkommen dieſer armen, von Con⸗ venienzregeln zu Tode geplagten Frau Staatsräthin von Wöllner, die lieber plattdeutſch als franzöſiſch ſprach, zu dreſſiren, und es war ihr gelungen, eine handliche Politur über die grobconſtruirte Natur der erſten Linie zu werfen. Seitdem verbeſſerte ſich das Geſchlecht von ſelbſt und die dritte Generation unterſchied ſich ſchon ſo wenig von den hochmüthigen Trägern alter Namen, daß eine Vermiſchung mit denſelben in Ausſicht ſtand. Da⸗ von aber ſchrieb ſich das Gefühl der Wichtigkeit her, womit die alte, ehemalige Bonne in die Vergangenheit zurückblickte. Sie betrachtete ſich als die Schöpferin der geiſtigen Exiſtenz eines Stammes, der ſeine Aeſte ſchon weit zu verbreiten begann und nach Jahrtauſenden in —,— — -—rü—— 5⁵ demſelben Lüſtre prangen konnte, wie der Stammbaum Derer von Hohenſtein. 3 „Treten Sie näher, Mademoiſelle Joſepha“— ſprach die alte Dame mit ſüßlicher Freundlichkeit.„Es freut mich, Sie zu ſehen! Emmy hat mir ſchon geſagt, daß Sie oben wären. Wollen Sie ein Täßchen Kaffee bei mir trinken? Ich habe noch davon— Emmy iſt ſehr gütig gegen ihre alte Freundin— ſie verſorgt ſie reich⸗ lich mit Kaffee und guter Sahne. Nehmen Sie eine Taſſe dort aus der Etagere und ſchenken Sie ſich ein!“ Joſepha, die ſehr wohl wußte, daß Mademoiſelle Maſſelott nicht den kleinſten Widerſpruch vertragen konnte, that gehorſam, was ſie befahl und trank zum Ueberfluſſe, um nur die Bonne bei guter Laune zu er⸗ halten. „Wie iſt es hübſch bei Ihnen, Mademoiſelle“— ſagte ſie dann, indem ſie ſich mit der zierlichen Hurtig⸗ keit ihres Weſens auf die Fußbank der alten Dame nie⸗ derkniete und ihr ſchmeichelnd in's Geſicht blickte. Dieſe lächelte königlich. „Sie leihen ſich die Worte meines Lieblings, um mich zu erfreuen“, entgegnete ſie. „Ach, es ſind Herzensworte“, ſchäkerte Joſepha, „darum drängen ſie ſich auf die Lippe.“ 56 „Ihr Liebling heißt wohl Margot?“ fügte ſie in naiver Ueberſtürzung hinzu. . Mademoiſelle Maſſelott richtete ihre tiefliegenden, kohlſchwarzen Augen ſtechend auf das junge Mädchen, das ſich ſo harmloſer Weiſe in ihr Vertrauen zu drän⸗ gen ſuchte. Als ſie aber nur einer anmuthigen Schel⸗ merei in dieſem feinen Kindergeſichte begegnete und nicht jener böswilligen Neugier, womit klatſchſüchtige Ge⸗ müther die Tagesereigniſſe zu erforſchen trachten, da lä⸗ chelte ſie wiederum majeſtätiſch und ſtrich wohlwollend über das lockige Haar Joſephen's. „Kennen Sie denn Margot von Wöllner?“ fragte ſie dabei.„Ich dächte nicht!“ „Doch, Mademoiſelle! Mir ſchwebt dunkel ein wunderſchönes Weſen im weißen Kleide mit blauen Bändern vor!“— Die Bonne nickte zuſtimmend.— „Ich weiß nicht“, fuhr Joſepha etwas gewagt fort,„ob ich irre, aber in dieſem Traumbilde vereinige ich ſie ſtets mit einem Knaben, den ſie Aegyd nannte.“ „Aegyd von Hohenſtein“, ſchaltete die Bonne be⸗ denklich ein.„Wo ſahen Sie Margot und Aegyd?“ 1 „Am See. Aegyd ſchien Margot ſehr lieb zu ha⸗ ben“, fügte ſie ſehr leiſe hinzu. „Sein Herz kannte nichts weiter, als Margot“, entgegnete die alte Dame, alle Vorſicht vergeſſend. is. „Wenn er als Knabe ſchon zu ihren Füßen ſaß und ihr die blauen Feldblumen zum Kranze reichte, den ſie flocht, ſo ſtrömte die ganze Seligkeit ſeines jungen Herzens aus ſeinen Augen. Er wurde aber früh belehrt, daß ein Junker Hohenſtein ſein Auge nicht begeiſtert auf eine Wöllner richten dürfe. Das harte Wort des alten Bar⸗ baren, des Baron von Hohenſtein, hat die ſchönen Kin⸗ derträume zerſtört. Margot iſt die Gattin des Grafen Toska geworden.“ „Die Gattin eines andern Mannes mit der Liebe zu Aegyd im Herzen?“ fragte Jo ſepha in treuherziger Trauer. „Ihr edles, großes Herz trieb ſie zu dieſem Schritte!“ rief Mademoiſelle Maſſelott mit einem Eifer und einer Aufregung, die an Verzückung grenzte.„Ein kaltes, deutſches Gemüth kann freilich dieſe Sublèmèté nicht faſſen. Deutſche Treue iſt immer nur Mangel an Energie— deutſche Güte immer nur Schwäche und grenzt nahe an Dummheit, aber Margot iſt keine matt⸗ herzige Deutſche— groß und erhaben ſteht ſie da, ein Opfer ihrer Seelengröße. 3 „Ich bilde mir ein, daß man ſehr unglücklich ſein muß, wenn man Jemand heiratet, dn man nicht liebt“, entgegnete Joſepha, in aller Unſchuld, ziemlich verwe⸗ gen der Exaltation ihrer alten Gönnerin trotzend. 58 „Margot wird nie unglücklich werden, denn ſie gibt mit dieſem Schritte den Geliebten ihrer Jugend ſeinem Vaterlande und ſeinem Wirkungskreiſe zurück. Ihre Heirat löſet den Bann, den der drohende Fluch des alten Baron Hohenſtein auf ſein ganzes Daſein legte. Margot geht mit ihrem Gatten, welcher der Ge⸗ ſandtſchaft angehört, in's Ausland und eröffnet damit dem Jugendgeliebten die Pforten ſeines Stammhauſes wieder. Die Herzen Beider werden ruhig werden und in der Pflichterfüllung einen Balſam zur ſpätern Hei⸗ lung finden.“. Joſepha wiegte noch immer bedenklich ihren Kopf.„Sie verletzt aber einen Schwur“, flüſterte ſie ſehr leiſe.„Ich weiß es, daß ſie ſich Treue geſchworen haben— die Worte ſchweben wie in einer Glorie vor meiner Erinnerung, allein ich kann ſie nicht wiedergeben — ich finde den Ausdruck dafür nicht.“ Mademoiſelle Maſſelott fixirte mit ſteigender Ver⸗ wunderung das junge Mädchen, das ſie in ein Geheimniß eingeweiht fand, von welchem ſie glaubte, daß es mit dichten Schleiern umhüllt ſei. „Wie kamen Sie zur Kenntniß dieſer Worte? fragte ſie lebhaft bewegt. „O, Margot liebte mich als Kind,“ entgegnete Joſepha mit ſtrahlendem Lächeln.. 59 „Sie hat niemals Ihrer erwähnt!“ erklärte die Bonne abweiſend. „Aber ſie rief mich, wenn ſie beim See war! Ich kannte den Laut ihrer Stimme und flog immer wie ein Vogel zur Höhe hinan, wo ſie mit Aegyd war.“ „Kind— Sie lügen doch nicht!“ warnte die alte Dame ſtrengen Blickes. Joſepha ſenkte betroffen ihr Auge.„Zuweilen iſt es mir freilich, als hätte ich dieſe reizenden Scenen, von denen ich Zeugin wurde, nur geträumt,“ ſprach ſie kleinlaut. „Erſt heute, als vom Hohenſteiner Schloſſe die Vorhäuge weheten, ſchlich es wie Ahnung durch mein Herz, daß es Grüße der Erinnerung ſein könnten, die mich überſchleichen, wenn ich auf der Hohenſteiner Klippe von tiefer Sehnſucht nach der ſchönen, engelgleichen Geſtalt ergriffen werde, die mich ſchmeichelnd an ihren Buſen gepreßt und mir die Stirn mit Blumenkränzen geziert hatte.“ „Und immer war dieſes Weſen, das Sie in Ihren Träumen ſehen, in der Geſellſchaft eines Knaben, den ſie Aegyd nannte?“ fragte die alte Dame, ſchwermüthig lächelnd. 4 „Immer!“ behauptete Joſepha, muthiger gemacht durch dies Lächeln.„Aber der Knabe blieb nicht Knabe 60 — Margot blieb nicht ein Kind. Eines Tages, als der Fruühling wieder Sonnengold auf unſere Berge ſtreuete, hörte ich eine füße unvergeſſene Stimme durch die Luft dringen.“ „Kind, Kind— Sie phantaſiren!“ warnte die Bonne, unruhig nach ihrer Doſe greifend, um ſich durch eine Priſe zu ſtärken. „Es iſt möglich,“ entgegnete Joſepha offenherzig. „Sie mögen entſcheiden, ob ich geträumt habe, Mademoi⸗ ſelle Maſſelott. Heben Sie den Druck der Ahnung von meiner Bruſt, der mich ſeit der Nachricht von Margot’s Verheiratung ſo ſchmerzlich beläſtigt. „Ich folgte dieſem ſüßen Rufe faſt willenlos. Jahre waren vergangen, ſeitdem ich ihn nicht gehört hatte und Niemand im Thale nannte mich„Seſi“, wie das feen⸗ gleiche Weſen, das ich wie eine Gottheit anbetete.“ „Wie alt waren Sie damals?“ warf Mademoi⸗ ſelle inquiſitoriſch ein. 5 „Gewiß nicht älter als neun oder zehn Jahre,“ erklärte Joſepha nach einigem Sinnen.„Mein Bruder war noch zu Hauſe. Ich glaube in demſelben Jahre nahm ihn die Herzogin von Hildburghauſen mit hinweg.“ „Richtig!“ rief die Bonne überraſcht.„Jetzt fange ich an zu glauben, daß Sie nicht blos geträumt haben, Joſepha. Sie folgten alſo dem Rufe„Sefi“ obwohl 61 dre Jahre dazwiſchen lagen, wo Sie ihn zuletzt ver⸗ nommen?“ fragte ſie geſpannt. „Ja, ich folgte dem Rufe, ſtand aber ziemlich lange, ſehr delenen vor meiner Gottheit, die mir fremd geworden war und in ihrer ſtrahlenden Schönheit, in der Pracht ihres Anzuges eher einer Fürſtin glich, als einer Fee. Ein Herr ſaß neben ihr. Von ihm iſt mir kein Bild in der Seele geblieben, daher habe ich ihn auch nicht erkannt. Margot aber würde ich auf den erſten Blick wieder erkennen und der Name„Sefi⸗ bildet eine Zauberkette zwiſchen ihrem Herzen und dem meinigen.“ Die Bonne ſah träumeriſch vor ſich hin. Von Erin⸗ nerungen an jene Zeit überwältigt, wo der Keim der leidenſchaftlichen Anhänglichkeit in der Bruſt Margot's und Aegyd's zur glühendſten Liebe aufflammte, fühlte ſie ihr Erbarmen mit jenem jungen Weſen von Neuem belebt. Ganz unwillkürlich brach ſie in die Worte aus: „O, dieſer Tyrann— dieſer gottvergeſſene Barbar — ſoll denn ſeine Härte, ſein Hochmuth wirklich auf Erden nicht geſtraft werden?“ „Sie meinen den Baron von Hohenſtein?“ fragte Joſepha mit Spannung.„Der alte Herr ſieht ſo gut aus, warum haßte er denn Margot und widerſetzte ſich ihrem Hüülne „Er haßt weniger meinen ſchönen Liebling, als 62 das ganze Geſchlecht Wöllner,“ antwortete die Bonne, im ſtillen Grimme die Schleuſen der Beredſamkeit öffnend. „Sagten Sie nicht, er ſähe gut aus? Mag er auch im Grunde ſeines Herzens gut ſein, aber er iſt ein hochmüthiger Narr, der ſeinen alten Stammbaum mit Glorien umgibt. Er iſt ein Ungeheuer in ſeinem Stolze. Gott möge ihn ſtrafen für ſeine Liebloſigkeit, womit er das Glück ſeines Enkels und Margot's mit einem einzigen Schlage zerſtörte.“ „Geſchah dies damals vor zehn Jahren?“ fragte Joſepha, ihrem Tone den Stempel der Harmloſigkeit aufdrückend, während ihr Inneres vor Unruhe und Wißbegierde glühete. „Nein.“ Damals entſpann ſich erſt die tiefe Liebe zwiſchen den beiden jungen Herzen, die von Jahr zu Jahr zunahm, bis ſie aus dem verſchloſſenen Innern herausbrach, wie Flammen aus einem ſtillglühenden Veſuv. „Aber ſie hatten ſich damals ſchon Treue geſchworen!“ „Kinderſchwüre—“ flüſterte die Bonne, mitleidig lächelnd.„Die Gewalt brach dieſe Schwüre! Bei dem letzten Wiederſehen der Liebenden waren es nicht ihre unſchuldigen Kinderaugen, die auf dem Liebespaare ε 553 ruheten, ſondern die Bafiliskenblicke des alten Tyrannen von Hohenſtein. Sein Fluch trennte die Armen auf immer!“ „Warum mag mich Margot ſpäterhin nie wieder gerufen haben?“ ſprach das junge Mädchen traurig. „Hatte ſie die kleine Sefi dergeſſen oder war ſie ſich ihrer vornehmen Stellung bewußt geworden? Nie, nie hörte ich den Namen Sefi wieder durch die ſtille Luft dringen!“ „Sie fürchtete den Zeugen ihrer frühen Liebe, meine liebe Joſepha,“ beſchwichtigte ſie die alte Dame.„Ganz gewiß fürchtete ſie von Ihnen verrathen zu werden. Später aber kam ſie immer nur auf einige Tage nach Kleineck, lediglich um mich zu beſuchen. „Ich erwarte auch dies Jahr ihren Beſuch. Sie wird nicht eher nach Petersburg gehen, bis ſie Abſchied für's ganze Erdenleben von mir genommen hat.“ „Ach, ich möchte Margot wohl wiederſehen, wenn auch nur ganz in der Ferne!“ rief das junge Mädchen, inbrünſtig ihre kleinen Hände zuſammendrückend. „ ‚Drängen Sie ſich nicht in Margot's Lebensweg,“ antwortete die Bonne ſtreng,„Ihr Bild weckt Erinne⸗ rungen und reißt alte Wunden auf. Sie iſt jetzt beru⸗ higt und für die Proſa des Lebens gewaffnet. Was ſich Poetiſches mit Ihrer Perſon vereinigt, das iſt Gift 64 für die reine Seele einer Gattin. Alſo meiden Sie ein Begegnen, Joſepha.“ „Wenn ſich nur Aegyd nicht Pläne gemacht hat, Margot wiederzuſehen,“ rief mit plöotzlichem Argwohn das junge Mädchen. „Aegyd wird ſein Vaterhaus nicht eher betreten dürfen, bis Margot, von ihrem Gatten ihrer neuen Heimat zugeführt iſt.“ „Er iſt aber ſchon zurückgekehrt,—“ ſiel Joſepha übereilt ein.„Er iſt hier! Er bauet darauf, daß der Adminiſtrator ihn nicht kennt. Er iſt hier im alten Schloſſe!“ Auf's Höchſte überraſcht erhob ſich Mademoiſelle Maſſelott mit jugendlicher Schnelligkeit, indem ſie wie⸗ derholte:„Er iſt hier im Schloſſe? Hier? Aegyd iſt hier! O, Du mein Gott, welche Ueberraſchung! Was hat er vor? Wie ſieht er aus? Iſt er gefaßt genug, die fürchterliche Pein zu ertragen?“ Joſepha zog die Stirn etwas kraus und rümpfte ihr Näschen. Der Pathos, in welchen die gute Bonne ver⸗ fallen war, ſchien ihr mit der Laune des Herrn Aegyd nicht im Einklang zu ſtehen. Entweder der junge Herr wußte noch nichts von ſeinem Verluſte oder er hatte im Wechſel der Jahre viel von der Heftigkeit ſeiner Neigung eingebüßt. Als ſie der Bonne die Antwort ſchuldig blieb, 6⁵ machte dieſe einen raſchen Gang durch das Zimmer und ſagte gebieteriſchen Tones: „Ich muß ihn ſehen— ich muß ihn ſprechen! Sagen Sie ihm, daß er zu mir komme!“ „Das wage ich nicht,“ wendete Joſepha ein.„Er hat mich gebeten, ihn nicht zu verrathen.“ Mademoiſelle ſtand ſtill und dachte nach.„Es iſt am Beſten, ich löſe in ganz proſaiſcher Weiſe ſeinen ungehori⸗ gen Beſuch, den er in der gewaltſamen Aufregung ſeines Temperamentes nicht bedacht und überlegt hat. Welch' maßloſes Sichgehenlaſſen unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen! Kommen Sie, Joſepha— ich will an Ihrem Arme den ungewohnten Weg durch den dunklen Corri⸗ dor antreten. Ich glaubte nicht, daß ich dieſen Gang noch einmal in meinem Leben machen würde, aber es ſei— kommen Sie, reichen Sie mir den Arm zur Süütze!“ Sorgſam leitete das junge Mädchen die alte Bonne die ſechs Stufen hinab und führte ſie vorſichtig durch den Corridor. Ihr Herz klopfte hörbar. Sie fühlte etwas wie Furcht vor dem Fremden, den ſie, trotz ſeiner Bitte, verrathen hatte, und hielt ſich möglichſt verſteckt beim Oeffnen der Thür, um ſchlimmſten Falls einen beſchleu⸗ nigten Rückzug bewirken zu können, wenn er zornig wer⸗ den ſollte. Schon vor der Thür hörte ſie in lebhaften Wechſel⸗ 5 Idalium. I. 66 reden, daß der Adminiſtrator eingetroffen war und ſich mit dem fremden Gaſte in ein Geſpräch über die Bau⸗ fälligkeit des Schloßgebäudes und über die Unſicherheit ſeiner eigenen Stellung zur Familie Wöllner eingelaſſen hatte. Kaum hatte ſie aber die Thür weit geöffnet, ſo daß die Geſtalt der Bonne in ihrer ganzen Unheimlichkeit ſichtbar wurde, als der Fremde beinahe wüthend aufſprang, heftig mit dem Fuße aufſtampfte und ſehr zornigen To⸗ nes ausrief: „Wer hat mir das gethan? Wer hat mich der Bonne verrathen? Wer wagte das?“ Zu gleicher Zeit ſprach die Bonne in froher Beſtürzung:„Sie ſind es, Lothar? Sie? Und die kleine Thörin träumte von Aegyd? Warum trauete ich auch ihrer Phantaſie, die ſtets im Galopp mit ihr davon läuft! Willkommen daheim! Gott ſegne Ihren Eingang!“. Herr Lothar von Wöllner, der aus triftigen Grün⸗ den ganz incognito in den Hallen ſeiner Väter recognos⸗ eiren wollte, hörte gar nicht auf ſeine alte Bonne. Er gab der Zügelloſigkeit ſeines Naturell's nach, als er Joſepha erblickte, die, neugierig und ſchüchtern zugleich, den Lockenkopf hinter der Mademoiſelle hervorſtreckte. „Biſt Du es geweſen, Du vorwitziges Kind, das mich dennoch verrathen hat? Was haſt Du hier zu ſchaffen? Fort mit Dir!“ — 67 Emmy hörte mit Entſetzen dieſe Ausweiſung an. Ihre Lebensgeiſter ſammelten ſich jedoch wieder und ſie trat mit kühnem Vorſatze nahe an den heftig geſtikuliren⸗ den Herrn. „Erlauben Sie— dieſe junge Dame, die Sie ſo verächtlich zu behandeln wagen, iſt meiner Eltern Gaſt und wir befinden uns hier in einem Zimmer, worin nur meine Eltern zu befehlen haben. Obwohl es mir jetzt klar wird, daß wir in dem unbekannten Reiſenden den Herrn und Gebieter von⸗Kleineck zu begrüßen haben, ſo mache ich Ihnen doch bemerklich, daß Sie ſich auf einem Terrain befinden, wo Sie zur Zeit nichts zu befehlen haben.“ „Er meint es nicht ſo böſe,“ rief die Bonne da⸗ zwiſchen.„Er iſt der alte Poltron, wie als Knabe— ſehen Sie, er bereut ſchon ſeine Heftigkeit!“ Wirklich ſtrich ſich Lothar mehrmals halb lachend, halb verlegen über die Stirn und wendete ſich, unſchlüſſig über ſeine nächſten Schritte, ab. Emma aber wollte ihre Freundin im Triumphe von der Schwelle der Thür her⸗ einführen. Joſepha war verſchwunden. Man rief, man ſuchte in dem dunklen Gange, man fand ſie jedoch nicht. Wie ein geſcheuchtes Reh, bis in's Herz hinein verletzt, war ſie geflohen; trotz des einbrechenden Abends war ſie dem 5* 68 Waldweg entlang den Berg hinabgeeilt und hatte ſich nicht eher eine Secunde Raſt gegönnt, bis ſie erſchöpft und weinend am Herzen der Mutter lag, der ſie ihr Leid unter bittern Thränen klagte. Wahrlich, die erſte Berüh⸗ rung niit Denen dort auf den Höhen, welchen ſie illuſoriſch alle Tugenden der Menſchheit andichtete, übte eine Wir⸗ kung auf ihr Gemüth aus, das ſie einer jahrelangen Er⸗ fahrung überhob. Die Täuſchungen über den Werth vornehmer Men⸗ ſchen zerfloſſen mit ihren Thränen zugleich und machten einem ſehr zweckmäßigen Mißtrauen Platz, das ſich bald mit jenem geiſtigen Stolze verband, welcher die beſte Würde des Weibes iſt. Dies kleine unbedeutende Ereigniß bildete den er⸗ ſten Ring in der Kette ihres Schickſales. Es hob die kin⸗ diſche Sorgloſigkeit aus ihrer Bruſt und legte ihr da⸗ für den Zauberſchlüſſel der edelſten Weiblichkeit in die reine Seele. Als Emmy, die ihr athemlos nachgeeilt war, um ſie zu ſuchen und zu beruhigen, auf der Meierei eintraf, da lächelte ſie ſchon unter ihren Thränen hervor und zeigte eine ſehr gemäßigte Trauer über die Beleidigung, die ihr widerfahren war. In dem raſchen Wechſel ihrer Jugendempfindungen blieb es aber bemerkenswerth, daß ſie ihrer Freundin, — — ,— 69 ohne Veranlaſſung und im Beiſein ihrer Mutter erklärte, nie den Beſuch auf Kleineck wiederholen zu wollen. „Komm zu mir herab, meine liebe Emmy, komm, und wir wollen am See entlang wandern, wir wollen zu den Klippen, die nie von den vornehmen Leuten beſucht werden, hinaufklettern, aber dort hinauf, wo ihre Herrſch⸗ ſucht mich ausweiſen kann, dort hinauf komme ich nie, nie wieder!“. Emmy lächelte ein klein wenig zu der Wichtigkeit dieſes Ausſpruches. Allein Frau Dorſak verſtand den Ernſt desſelben beſſer zu beurtheilen. Sie hörte zwar mit Befriedigung, daß Herr Lothar von Wöllner ſeine Ueber⸗ eilung bitter bereue, daß er, erſt jetzt durch Emmy von dem Alter ihrer Tochter unterrichtet, die Belei⸗ digung der jungen Dame ſchmerzlich empfinde, allein ſie ſtimmte Joſepha bei und verbot die Beſuche im alten Schloſſe, um jede Begegnung zu vermeiden. Es war wohl natürlich, daß Joſepha nach dieſer erlebten Scene ſehr unruhig ſchlief, daß ſich das Bild des erzürnten Mannes gewaltſam in ihre Träume drängte und daß ſie ſelbſt am Morgen unaufhörlich mit dem Ge⸗ danken daran beſchäftigt war. Mit aller Liebenswürdigkeit ſeines Weſens hätte Lothar wahrſcheinlich nicht einen ſolchen nachhaltigen Eindruck erzielt, als durch die zornige Uebereilung, worin 70 er die nöthige Selbſtbeherrſchung vollkommen verlor. Wie durch Nebel und Gewölk blitzte zuweilen die Erinnerung an das leidenſchaftliche Aufflammen der friedlichen Augen durch ſie hin, und ſie ertappte ſich mehrmals auf dem Wunſche, dem heftigen Manne ſagen zu können, daß ſie ihm gerne verzeihe und daß ſie bedaure ihn gereizt zu haben. Der ſicherſte Weg zum weiblichen Herzen iſt lei⸗ der oftmals das Intereſſe für hervorſtechende Eigenthüm⸗ lichkeiten der Männer, die keineswegs zu den Tugenden der Menſchheit gerechnet werden können; daher kommt es, daß die tollen, heftigen, leidenſchaftlichen Männer ſo viel Unheil anzurichten vermögen, obwohl ſie ihre Temperamentsfehler durchaus nicht verbergen. N Fünftes Capitel. Nebelbilder. Herr Engelbrecht Maltmann hatte nicht ganz ſo unberührt von Reminiscenzen den Maierhof verlaſſen, wie Frau Dorſak glaubte. Was in ihm auftauchte, war freilich noch immer ohne Geſtalt und Leben, und nu, in leichten Umriſſen traten Ereigniſſe vor ſeine Seele die ſeit zwanzig Jahren geſchlummert hatten. Kaum hatte er ſein Zimmer erreicht, und war nach⸗ denklich einige Male darin hin und her gewandert, ſo griff er nach dem Klingelzuge, um ſeinen Diener herbei⸗ zurufen. Georg erſchien in aller Eile und nit ziemlich er⸗ ſtauntem Geſichte, denn die Sonne war noch nicht ge⸗ ſunken, und vor dieſem Zeitpunkte den Herrn im Hauſe zu wiſſen, das regte die Neugier des alten Dieners mächtig auf. „Wer iſt die Frau dort unten im Meierhofe am See?“ fragte Maltmann ohne weitere Vorrede. 72 „Sie heißt Frau Dorſak, gnädiger Herr,“ war Georgs Antwort. 3 „Dorſak? Dorſak? Erinnere Dich einmal, alter Knabe, ob uns der Name ſchon im Leben vorgekom⸗ men iſt?“ Der Diener ſchüttelte langſam ſein ſchneeweißes Haupt.. „In unſeren Zirkeln, gnädiger Herr?“ „Ja— oder auch ſonſt wo! Denke zurück an frü⸗ here Zeiten! Du kennſt doch das Duell, welches ich früherhin mit dem Finanzrathe Bendler hatte— ich glaube, die Frau dort unten im Meierhofe ſpielte darauf an.“ Georg machte große Augen. „Auf das Duell mit dem Finanzrathe Bendler?“ wiederholte er überraſcht. „Du weißt, Bendler's Frau war feenhaft ſchön und ſang wie ein Engel!“ „Ja!“ ſeufzte der alte Diener,„ich weiß, ich weiß!“ „Auch darauf ſpielte die Frau Dorſak an.“ „Unmöglich, gnädiger Herr!“ fiel Georg ein. „Wovon ſollte dieſe Frau, die kaum ſo alt ſein kann wie dieſe ſchöne Dame, das erfahren haben, was wir ſo feſt in uns verſchloſſen, nämlich, deß wir ſie ſo feen⸗ haft ſchön fanden!“ 73 Maltmann lächelte, trotz ſeiner innern Unruhe, über das„wir“ ſeines alten, treuen Georg. „Ja, ja! Es iſt dennoch ſo, alter Knabe!“ ſprach er.„Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt endlich an die Sonnen! ſagt das alte Sprichwort. Be⸗ ſinne Dich nur, ob nicht dies Frauenzimmer, das merk⸗ würdig gute Formen zu haben ſcheint, vielleicht im Haus⸗ halte des Finanzrathes placirt geweſen iſt!“ „Unmöglich, gnädiger Herr! Frau Dorſak iſt zu jung dazu. Rechnen Sie doch zurück— wir ſind ja ſchon alte Männer geworden ſeitdem!“ „Nun, nun,“ fiel Maltmann mit einem Seiten⸗ blicke auf den Spiegel ein,„Du wohl, aber ich bin mit meinen fünf und vierzig Jahren noch ganz paſſable.“ „Das gebe ich zu, allein die Frau da unten iſt ein blühend ſchönes Weib von dreißig und einigen Jahren, die kann zu unſerer Zeit in Berlin noch nicht gedient haben. Sie hat eine Tochter— ſo ein kleines, luftiges Ding—" er hielt plötzlich inne, und ſtarrte ſeinen Herrn wie abweſend an. „Nun?“ fragte Maltmann geſpannt,„was ſtört Dich plötzlich?“ „Herr Gott, gnädiger Herr!“ entgegnete Georg in ſichtlicher Aufregung, nachdem er von einem innerlichen Schrecken geneſen war.„Habe ich doch ſchon oftmals 74 geſonnen und geſonnen, an wen mich das kleine, zierliche Weſen mit dem Tituskopfe erinnere— le bhaftig an die Finanzräthin Bendler— leibhaftig!“ „Georg!“ rief Maltmann faſt erſchrocken,„Deine lebhafte Phantaſie ſpielt Dir ſicherlich einen Knaben⸗ ſtreich. Und dieſe Tochter ſingt ebenfalls wie ein Engel?“ „Singt? Nein, gnädiger Herr— ich habe ſie noch nicht ſingen hören! Sollte es nicht eine Verwandte der Finanzräthin Bendler ſein? Sie iſt vielleicht aus dieſer Gegend gebürtig geweſen— ſo etwas kommt vor.“ „Nein, nein! Die Bendler war aus der Mark ge⸗ bürtig. Ihr Vater war Geiſtlicher und bekleidete eine der höchſten geiſtlichen Stellen. Sein Name iſt mir ent⸗ fallen, aber ich denke, er holte ſeine Tochter und ſeinen Enkel ab, als die ſchreckliche Kataſtrophe über den Finanzrath hereinbrach.“ 3 „Ja, ja! Ich erinnere mich! Es war im Jahre 1798! Sehen Sie, gnädiger Herr— ſo lange Jahre liegen ſchon zwiſchen dem Duell und dem heutigen Tage. Sie irren ſich, wenn Sie Andeutungen darauf fürchten.“ „Und die Aehnlichkeit, die Dich noch eben zur Bild⸗ ſäule verwandelte?“ fragte Maltmann ſarkaſtiſch lä⸗ chelnd. „Iſt Zufall, purer Zufall! Ich will aber, mit Ihrer Erlaubniß, einmal unſere Wirthin über die Ver⸗ 7⁵ hältniſſe der Frau Dorſak ausforſchen. Vielleicht findet ſich dennoch eine Verbindung mit unſerer Vergangen⸗ heit!“ „Thu' das, alter Knabe, aber ſei vorſichtig, damit Deine Erkundigungen nicht die Aufmerkſamkeit auf uns zurückleiten. Ich denke zwar nicht mehr lange hier müßig zu warten, bis der König meiner bedarf, allein wenn ich mich entferne, ſo braucht Niemand zu wiſſen, wer hier den Undank ſeines Königs zu vergeſſen und zu ver⸗ ſchmerzen geſucht hat. Alſo vorſichtig, Georg! Vor⸗ ſichtig!“ Der Diener entfernte ſich und Maltmann ſtellte ſich mit untergeſchlagenen Armen an'sFenſter. Er liebte dieſe Attitüde des Napoleon Bonaparte und er liebte auch viele Principien des Welteroberers; allein ihn ſelb ſt haßte er mit allen Faſern ſeines deutſchen Herzens. Darin lag eben der Grund ſeiner freiwilligen Verban⸗ nung aus dem Vaterlande, daß man in ſeinen Vorſchlä⸗ gen zur Bildung der conſtitutionellen Monarchie den Geiſt Napoleon's ſpuken ſah. Empört über dieſe Ver⸗ urtheilung, die ihn unverſchuldet traf, verließ er ſeinen Wirkungskreis voller Zorn, jedoch in der feſten Voraus⸗ ſetzung, daß man ihn nicht lange werde entbehren kön⸗ nen, wenn der König die Verheißungen, womit er ſein Volk zum Kampfe der Befreiung berufen hatte, erfü llen 76 wolle. Ihm fiel nicht ein, daß man Verſprechungen, in ſo heiligen Momenten geleiſtet, zurückziehen oder auch nur modiſiciren könne; darum gab er ſeiner politiſchen Exaltation noch Worte und übte ſorglos noch Maßregeln dieſer Art, als der nüchterne Herrſcherſinn ſeines Kö⸗ nigs ſchon längſt vom Fieber des Freiheitskrieges ge⸗ neſen war und ſeine Ideen von den Rechten eines Vol⸗ kes geändert hatte. Ein Jahr war ihm ſchon im vergeblichen Harren darauf verflofſen. Sein elaſtiſcher Sinn hielt ihn deſſen ungeachtet aufrecht. Er glaubte ſich unentbehrlich beim Werke der Staatsveränderungen, beim„Inſceneſetzen“ der Conſtitution und bei der Begründung von Reformen, die er zuerſt kritiſch beleuchiet und als nothwendig dar⸗ gelegt hatte. Ihm ahnte nicht, daß ſeine freiwillige, fluchtähnliche Entfernung einer ſörmlichen Entlaſſung zuvorgekommen war, daß man ſich mehr behindert als gefördert durch ſeine perſönliche Einwirkung fühlte, in⸗ dem man von ſeinen Theorien nur theilweiſe Gebrauch zu machen gedachte. Bis zu dem Augenblicke, wo er von dem Eindrucke, den Joſephen's ungekünſtelte Naivetät hervorgebracht, geleitet wurde, ſeinem erregten Kunſtſinne zu folgen, der ihn in die Meierei hineintrieb, bis zu dieſem Augen⸗ blicke hatte nichts die Monotonie ſeines täglichen Har⸗* 4 77 rens auf ſeines Königs Ruf unterbrochen. Er war für den Genuß der Weltfreuden abgeſtorben und hatte den Rückblick in die Vergangenheit vermieden. Jetzt aber rollte ſich allmälig, trotz der Unthätigkeit ſeines Gedächt⸗ niſſes, ein Bild nach dem andern auf. Er vergegenwärtigte ſich die Zeit, wo er nicht dem Ehrgeize allein, ſondern der Luſt, der Liebe, der Kunſt und Poeſie gelebt, wo er, als ein richtiger Schüler des Zeitgeiſtes, ſich mit glühendem Eifer in geiſtige Auf⸗ regungen geſtürzt, wo er in phantaſievollen Genüſſen ge⸗ ſchwelgt hatte. In dieſe Zeitperiode fiel jenes Duell mit dem Ehemanne einer ſchönen gefeierten Frau, das nach ſeiner Meinung von Frau Dorſak aus dem Schat⸗ tenreiche der Vergeſſenheit heraufbeſchworen worden war. Er ſah ſich wieder zu den Füßen jener Dame, auf⸗ gelöſt in einer Exaltation halb ſinnlicher, halb geiſtiger Art. Die Dame, geängſtigt von der unſinnigen Huldi⸗ gung, ſchrie auf und lockte durch dieſen Schrei ihren Gatten und eine Anzahl Gäſte herbei. Der Anſtand er⸗ forderte ein Duell, welches ziemlich harmlos verlief und die Freundſchaft der betheiligten Männer nicht weiter ſtörte. Aber die beleidigte Dame verbot ihm den Ein⸗ tritt in ihre Salons.— Ja, ja! So war es! Wovon mochte die Frau Dorſak dieſe fatale Epiſode aus ſeinem Jugendleben kennen? 78 Von dieſer Jugendgeſchichte ſchweifte ſein aufge⸗ ſcheuchtes Erinnerungsvermögen über zu den Ereigniſ⸗ ſen der Vaterlandsgeſchichte, die mit glühenden Lettern in ſeine Bruſt gegraben waren. Kunſt und Wiſſenſchaft hatte mit der Macht des Empire français allen Werth für ihn verloren und er dürſtete nur danach, ſeinem in⸗ nern Grolle die richtigſten Ausdrücke zu leihen, wenn er ſeine Feder eintauchte, um in dieſer troſtloſen Zeit den Muth zur Gegenwehr zu wecken. Was er damals durch ſeine ernſten und fortgeſetzten Forſchungen in ſich auf⸗ ſpeicherte, das gab er als eigene Erfahrungen dem wieder hergeſtellten Staate Preußens als goldene Saat zum Völkerwohl. Man erhob ihn dafür zuerſt in die Wolken, dann ließ der Enthuſiasmus nach. Ja, ja! So war es! Und dazu ſendete das Geſchick noch die ſchwere Prüfung, ſeine treue, geiſtvolle Gattin zu ver⸗ lieren, die ihm wohlthätige Feſſeln auf den ruheloſen Geiſt legte, wenn er überſprudeln wollte. Er ſtand jetzt ganz allein in der Welt. Seinen Freunden hatte er ſich entzogen. Seiner Berufswirkſamkeit war er durch ſeinen eigenen Willen entrückt. Zwei Töchter hatten in unſinniger Schwärmerei freiwillig die Welt verlaſſen. Beugen denn dieſe Thatſachen ſeinen Lebens⸗ muth nicht? O, nein! Er iſt voller Zuverſicht und ſieht dem zweiten Abſchnitte ſeines Daſeins im gläu⸗ —e 79 vigen Vertrauen auf den glänzendſten Schluß entgegen. Verführeriſche Bilder ſtehen vor ſeiner Phantaſie und bauen ſich in der Leidenſchaftlichkeit ſeines Weſens bis in den Himmel hinein. Er weiß, mit welchen Mitteln er dennoch zum Ziele gelangen wird, wenn ſein edlerer Wille an den Hinderniſſen ſcheitern ſollte, die ihm als allmächtig für den Augenblick entgegenſtehen. Und er iſt trotz der höheren Begabung keineswegs abgeneigt von ſeiner geiſtigen Höhe herabzuſteigen, um ſeine glänzende Laufbahn zu verfolgen. Seine Gedanken über dieſe Entſchließungen ſind noch unklar und verworren. Er fühlte den Unterſchied zwiſchen edlem Streben und einem eitlen Jagen nach Ehrenſtellen noch zu lebhaft. Nur ſo viel ſtand feſt, daß er keinen Weg ſcheuen werde, um aus dem Weltſtrudel, worin er untergegangen war, wie⸗ der empor zu tauchen. Maltmann trat endlich vom Fenſter hinweg an ſeinen Schreibtiſch, der, ziemlich ungeordnet, mit einer Menge von Schriften und Büchern bedeckt war. Gleichgültig nahm er ein Zeitungsblatt in die Hand und überblickte, wahrſcheinlich in der ſichern Ueberzeu⸗ gung„nichts anzutreffen was ſeine Seelenruhe ſtören könne“, ruhig darauf nieder. Es währte jedoch nicht eine Minute, ſo verrieth ſein Mienenſpiel, daß dennoch dergleichen in der Welt paſſiren konnte. Eilig überflog 80 er den Artikel von Berlin, womit die Zeitung ihre Re⸗ ferate begann. Man meldete von dort, daß die große Sängerin Catalani erwartet werde, daß ihr Auftreten in Preußens Reſidenz behindert werden könne, da das Gerücht von einer todesgefährlichen Erkrankung der Herzogin Charlotte von Hildburghauſen, der geliebten Schwägerin des Königs, die Stadt durchlaufe. Träte der gefürchtete Todesfall ein, ſo würde die Hoftrauer der Catalani ſehr hinderlich ſein. Man ſpräche von einer Reiſe des Königs nach Hildburghauſen, da die Majeſtät große Sehnſucht an den Tag gelegt hätte, die Schweſter ſeiner verſtorbenen Gemalin Louiſe noch ein⸗ mal zu ſehen. Maltmann legte das Zeitungsblatt wieder hin. Ein Lächeln überſtrahlte ſein feines Geſicht und ein Zug von Uebermuth legte ſich über die ſtolz erhobene Stirn. „Ei, ſieh da! Dieſer Tod käme mir gelegen, wenn er den König in meine Nähe führte. Ich werde Sr. Majeſtät dann zu begegnen wiſſen und damit den Bann meiner Feinde brechen, der mich fern von ihm hält!“ 4 Mit hoch aufgerichtetem Kopfe durchſchritt er mehrmals das Zimmer. Wie ein Triumphator verfolgte er ſeinen Weg, als wäre er nun allen Mißhelligkeiten entronnen. Plötzlich aber ſenkte er die ſtolz erhobene Stirn 81 und ſtrich darüber hin, um eine aufſteigende Erinnerung zu entfernen. „Sonderbar!“ murmelte er halblaut.„Seit Jah⸗ ren iſt jedwede Erinnerung an die ſchöne Bendler in mir erloſchen geweſen und heute tritt ihr Bild beſtändig aus dem Dunkel der Vergangenheit hervor. Jene Herzogin Charlotte war es ja, welche den erſten glänzenden Schein, der ſich ſpäterhin bis zu einer Glorie ausbildete, über die junge Frau warf. Jene kunſtſinnige, kunſtverſtändige, hohe Dame zog ja damals ſchön, als ſie beim erſten Be⸗ ſuche, den ſie der Kronprinzeſſin Louiſe abſtattete, die Aufmerkſamkeit des ganzen Berliner Publikums auf dies reizende Röschen aus der Mark, indem ſie nach einer Gluckſchen Arie die Sängerin mit Thränen des Entzückens umarmte. Sonderbar, daß ich gerade heute an dieſe herrliche Scene erinnert werde, daß das Bild der ſchönen Bendler wie ein Phönix aus der Aſche in mir auflebt!“ Idalium. 1. * Sechſtes Capitel. Im alten Schloſſe. „ Nachdem Lothar von Wöllner von der alten Bonne erkannt worden war, bielt er es nicht mehr für noth⸗ wendig ſein Nachtquartier im alten Thurme, der nach Emmy's Ausſage„wackelte“, aufzuſchlagen. Er verfügte ſich, nicht gerade in der beſten Laune, nach dem neuen Schloſſe und ſchlief dort ſo vortrefflich, daß er erſt erwachte, als die Sonne längſt über den Hohenſtein geſtiegen war. Ein wohlſervirtes Frühſtück von duftendem Kaffee in Silbergeräthſchaften erinnerte ihn zunächſt an die freundliche und reſolute Tochter ſeines Adminiſtrators und hieran ſchloß ſich unmittelbar der ſehr unbehagliche Gedanke an das junge Mädchen, welches er ungebührlich behandelt hatte.— So gern der junge Gutsherr ſich auch mit Gering⸗ ſchätzung von dieſem kleinen, unangenehmen Vorfalle gewendet hätte, es gelang ihm nicht, ſein Gewiſſen zu * 83 4 beruhigen, das ihm Vorwürfe über ſein Aufbrauſen machte. Er kannte den Bruder Joſephen's als einen eleganten, jungen Mann von einer Weltbildung, die man gewöhnlich nur in den höhern Kreiſen der bürger⸗ lichen Geſellſchaft findet. Mußte er nicht erwarten, daß die Schweſter die⸗ ſes gefeierten Dilettanten, der ſich durch ſeine feine, muſikaliſche Bildung biäein die Umgebungen des Hofes Bahn gebrochen hatte, e enfalls zu der Achtung berech⸗ tigt war, die man einem gebildeten weiblichen Weſen zu zollen gezwungen iſt? Der Schluß dieſer Folgerung machte ihn noch ver⸗ drießlicher, als er ſchon war und er ſah es gar nicht ungern, als Mademoiſelle Maſſelott eine Botſchaft an ihn ergehen ließ, zu ihr zu kommen! Bald ſaß er mit dem Gefühle kindlicher Verehrung neben ſeiner erſten Erzieherin, die ſeit mehr als vierzig Jahren das Factotum des Hauſes geweſen war. „Nun ſagen Sie mir aber vor allen Dingen, Lothar,“ begann die alte Duenna in zärtlicher Rührung, das männlich gewordene, hübſche Geſicht ihres Zöglings betrachtend,„was mein lieber Engel, meine Margot macht. Still, antworten Sie nicht ſo obenhin, ſondern denken Sie an Alles, was zwiſchen heute und dem Tage liegt, wo ich ſie, aufgelöſt in Trauer, von meinem Herzen 62 1 84 losriß, wo ich ihre weiche, liebkoſende Stimme in einem Schmerzensſchrei erſterben hörte. Denken Sie daran, Lothar, und dann antworten Sie mir auf meine Frage.“ Der junge Mann hatte während dieſer Rede ſeine Blicke nachdenklich rundum geſendet und ſie oftmals mit tieferem Intereſſe an dieſem oder jenem Gegenſtande hängen laſſen. Es blieb ſelbſt für die Bonne, welche ihn ſo gut kannte, wie ſich ſelbſt, ungewiß, ob er ſich in die Erinnerung dieſer trüben Abſchieosſtunde vertiefte, oder ob er mit leichtem Sinne ſich des Trübſinnes darüber entſchlug und nur die alterthümliche Einrichtung des alten Gemaches bewunderte und bekrittelte. Ein Stillſchweigen eigener Art folgte der ausge⸗ ſprochenen Frage. Forſchend wurzelte das Auge der Maſſelott, das ſo unheimlich dunkel in ſeiner Höhle ruhete, auf dem jungen Erbherrn. Ihr war es nach wenigen Minuten kein Räthſel mehr, warum er zu antworten zögerte. „Sie haben alſo das ſchwere Werk vollbracht, Margot zur Gattin eines andern Mannes zu machen?“ ſprach ſie ganz gelaſſen, indeß die zitternden Hände ihre Ueberraſchung, ihre tiefe Erſchütterung bewieſen. „Nein, liebe Maſſelott!“ entgegnete nun beeilt der junge Mann.„Aber, als meine Mutter mein Urtheil über dieſe Angelegenheit in Anſpruch nahm, da 8⁵ habe ich meiner Meinung gemäß gerade heraus geſagt, daß mir die Heirat mit dem Grafen Toska, der ein guter, freundlicher, weichmüthiger Mann iſt, ſehr gelegen käme, weil ſie nicht allein ehrenvoll für unſere Familie, ſondern auch in allen Stücken abhelfend wäre. Margot iſt weder von mir, noch von irgend Jemand überredet. Sie hat ſtill unſerer Diskuſſion über dieſen Gegenſtand beigewohnt und iſt eines Tages zu unſerer Verwunde⸗ rung mit dem weichen Entſchluſſe hervorgetreten, die Bewerbung des Grafen Toska unter der Bedingung zu geſtatten, daß er ſofort mit ihr nach Petersburg über⸗ ſiedle, wohin er geſendet werden ſollte.“ „War Margot ruhig bei dieſem Entſchluſſe?“ fragte die Bonne mißtrauiſch. „Sehr ruhig! Sie hat ſich innerhalb der letzten zwei Jahre ſehr verändert. Von ihrem excentriſchen We⸗ ſen iſt ſie geheilt!“ „Das ſchrieb ſie mir!“ ſchaltete die Bonne ein. „Du wirſt Dich ſelbſt davon überzeugen können, denn ſie kommt in den nächſten Tagen hieher.“— Ein Lächeln innigſter Befriedigung überzog das alte, vertrock⸗ nete Geſicht der Bonne. Lothar fuhr fort:„Graf Toska hat ſchleunigſt aufbrechen müſſen. Wichtige diplomatiſche Ereigniſſe nöthigten ihn ſeine Trauung einige Tage früher anzuſetzen, als ſie beſtimmt war. Unmittelbar 86 vom Altare ſchied er von ſeiner jungen Frau. Man ſah ihm an, wie ſchwer ihm dieſe Pflichterfüllung wurde, und ich glaube bemerkt zu haben, daß auch Margot nicht ohne Empfindung den Mann unerwartet von ſich fern ſah, dem ſie Treue gelobt hatte. Sie wird ihm in wenigen Wochen folgen und hat die kurze Zwiſchenzeit dazu beſtimmt, Dich, Du alte, gute Maſſelott, noch einmal wieder zu ſehen. Ich bin ihr nur um achtundvierzig Stunden voraus, habe meine Extrapoſt am Fuße des Hohenſteins verlaſſen und dies lediglich, um die hieſigen Verhältniſſe unter dem neuen Adminiſtrator, der mir als ein Querulant erſchien, unbe⸗ kannterweiſe zu prüfen.“ Die alte Dame lachte und nickte wiederholt mit dem Kopfe. „Ja, ja! Ich kenne Ihr praktiſches Weſen! Es ſieht Ihnen ähnlich als Gott Zeus, der Donnerer, von oben herab zu ſchanen und ſich über die Mängel zu in⸗ formiren, die man beklagt. Der Adminiſtrator hat aber Recht. Das Schloß bricht eheſtens zuſammen. Wenn es nur ſo lange zu ſtehen belieben wollte, wie ich lebe. Ich liebe einmal dies ehrwürdige Gemach, worin ich der erſten Frau von Wöllner das Abe beibrachte. Was haben Sie in Hinſicht auf des Adminiſtrators Klagen beſchloſſen, lieber Lothar?“ „Ich werde neue Wirthſchaftsgebäude bauen! Wir 87 können keines von den Schlöſſern entbehren, da ich von jetzt an auf Kleineck und mein Bruder Sandor dort drüben auf der Horſtburg hauſen werde.“ Mademoiſelle richtete ſich ſchnell auf. Sie war unzweifelhaft ſehr angenehm von dieſer Eröffnung berührt. „Ei— dann möcht' ich wohl noch ſo lange leben, bis ich Eurem Erſtgeborenen ebenfalls das Abe beibrin⸗ gen könnte“, rief ſie launig aus.„Wird Ihre Frau Mama auch künftighin hier wohnen?“ „Nein!“ entgegnete Lothar, ſichtlich verſtimmt. „Mama befindet ſich in Ihrem Elemente wo ſie iſt und verthut eine enorme Menge Geld auf unſere Koſten.“ „Das hört nun auf. Ich bin ſeit zehn Monaten mündig und Feodor wird es in drei Monaten. Der Vorwand„Margot's Zerſtreuung heiſche die glänzenden Feſtin's“ fällt fort. Mama wird auf Diäten geſetzt, die ſie hier oder auch anderwärts verzehren kann. Wir Brüder ziehen uns eine Zeit lang aus dem rerſchwen⸗ deriſchen Leben zurück, um unſere Deſicit's wieder auszu⸗ gleichen und eventualiter nehmen wir die Gelegenheit wahr, reiche Frauen zu heiraten.“ Augenſcheinlich beluſtigt durch die trockene Manier, womit Lothar ſie in die pekuniären Verhältniſſe des 88 Hauſes einweihete, ſchlug die Bonne herzhaft ihre ma⸗ gern, ſchmalen Hände zuſammen und rief: „Das gefält mir! das gefällt mir! Ein neues Ge⸗ ſchlecht gehört nicht in die Weltſtrudelei, wo es ſich von vorn herein verflacht und die Wichzigkeit des Grund⸗ beſitzes mißachten lernt. Hieher gehört Ihr! Hier pflegt mit Behagen den keimenden Stammbaum! Hier ſammelt die Sproſſen der Familie und lehrt ihnen, was der Beſitz einer Scholle Erde für ſtille, ruhige Glück⸗ ſeligkeit birgt. Ei, ei— daß ich das noch erleben ſoll, dafür preiſe ich den Höchſten! Hat Ihr Herz ſchon gewählt?“ fragte ſie mit verſchämter Zutraulichkeit. „Mein Herz wohl nicht!“ antwortete der Erb⸗ herr, ſorglos lachend. hälber Mama will mich in die kö⸗ niglich preußiſche Familie bringen.“ Mademoiſelle runzelte die Stirn, ob dieſes unziem⸗ lichen Scherzes. Lothar aber wiederholte, was er geſprochen und fügte hinzu:„Mama, die für alle Regungen des menſch⸗ lichen Herzens eine feinere Witterung zu haben vorgibt, will aus der Freundlichkeit, womit die Gräfin Branden⸗ burg, eine Tochter der Gräfin Dönhoff und des verſtor⸗ benen Königs, mich ſtets in ihre Unterhaltung zu zie⸗ hen die Gnade hatte, ſo lange ſie ſich in Dresden auf⸗ hielt, den Schluß ziehen, daß dieſe geiſtreiche Dame, die 89 freilich eben ſo viel Geld verbrauchen würde, wie chère maman, in mich verliebt ſei und meine Bewerbung ſchließlich begünſtigen würde. Zur Hebung unſeres Standes möchte dieſe Liaiſon vielleicht beitragen, zur Verbeſſerung unferer Finanzen jedoch keineswegs. Außer⸗ dem glaube ich nicht an ein tieferes Intereſſe, ſondern bin der Meinung, daß die Huld der Dame ein Intri⸗ guenſpiel verſtecken ſollte. Nun— die Zeit wird leh⸗ ren, was wir thun oder laſſen ſollen. So viel ſteht feſt, Gräfin Julie hat viel königliches Blut in ſich und iſt mindeſtens eine ſehr annehmbare Partie!“ „Ihr Glück wäre gemacht!“ warf Mademoiſelle leiſe ein. „Das weiß ich zu ſchätzen und werde deßhalb meine Hand für vorkommende Fälle in Bereitſchaft halten!“ entgegnete Lothar, leichtfertig lachend. „Wo wohnt die Gräfin Brandenburg?“ forſchte Mademoiſelle, ſichtlich intereſſirt. „In Berlin. Ihr königlicher Halbbruder hat ſie in beſondere Affection genommen, beſucht ſie oft und ſchmückt ihr Hotel mit reizenden Geſchenken! Ein förmlicher Hof umgibt die ſchöne Gräſin, die Witz mit Aumuth paart und Schönheit mit Talenten.“ 3 Sein Ton war ein klein wenig ſpöttiſch geworden 90 beim Schluſſe ſeiner Rede. Die Maſſelott drohete ihm mit ihrer farbloſen Hand auf jugendlich ſchelmiſche Art. „Ja, ja! liebe Maſſelott,“ ſcherzte der junge Erb⸗ herr,„ich bin immer noch Dein gehorſamer Eleve und ſchweige ſchon! Aber das muß ich Dir doch noch ſagen, daß ich einen ſehr gefährlichen Rivalen habe, und zwar in der Perſon des Vincent Dorſak hier aus dem Dorfe, der unter dem Namen„der ſchöne Sänger“ ungeheures Furore in der Umgebung des Hofes macht.“ „Wie?“ rief die alte Dame erſtaunt.„Der Bru⸗ der der kleinen Joſepha, die Sie geſtern ſo unbarmher⸗ zig angedonnert haben?“ Ein leichtes Roth überflog das Geſicht Lothar's bei dieſer Citation eines Streiches, den er gern ungeſchehen gemacht hätte. „Ja, ja! Von derſelben jungen Dame, die ich für ein Kind lgalten habe, weil ſie einfältiger Weiſe ihr Haar à l'enfant trägt! Nun aber verlaſſe ich Dich, liebe Maſſ ſelott, um Anordnungen für Margot's Unterkommen zu treffen. Vielleicht wäre es vernünftiger geweſen, wenn wir ſie abgehalten hätten den Ort wieder zu ſehen, der alte Wunden öffnet!“ „Laſſen Sie meinen armen Liebling immerhin noch ein einziges Mal in der Rückerinnerung glücklich ſein,“ ent⸗ gegnete Mademoiſelle weichherzig. 91 „Ich habe nichts dagegen,“ meinte Lothar.„Mei⸗ ner Anſicht nach lagſt Du ſowohl als Margot ſelbſt zu viel Gewicht auf die Kinderliebſchaft, die ſich leider zwiſchen zwei ſo nahe an einander grenzende Beſitzungen ſtellte und feindliche Grenzen bildete. Ich denke, der alte Baron Hohenſtein wird ſich nun zufrieden geben und die Hand nicht zurückweiſen, die ich ihm freundlich, als Nachbarn nämlich, zu bieten geſonnen bin.“ Die alte Dame machte eine heftig abwehrende Pan⸗ tomime. „Nun? Was haſt Du dagegen, gute Bonne,“ fragte Lothar frappirt. „Der alte Baron wird dieſe dargebotene Hand niemals ergreifen!“ betheuerte ſie.„Hören Sie auf mich und nähern Sie ſich dem Hohenſtein nicht!“ „Was verſtehſt Du denn davon,“ ſprach Lothar geringſchätzend.„Der alte Herr kommt zurück, wird dies Jahr eine glänzende Saiſon hier halten und wird durch die Gräfin Brandenburg, die ſchon von ihm invitirt worden iſt, von meinem Eiſer unterrichtet werden, ſeinen Wünſchen conform zu handeln. Paß auf! Der Weg über die Hohenſteiner Klippe wird ſehr bald breit geeb⸗ net ſein zu jedem geſelligen Verkehre zwiſchen Kleineck und Hohenſtein!“ ſchloß er im heitern Pathos. 92 „Nie! Nie!“ ſprach die Franzöſin im Grabeston. „Laſſen Sie ſich warnen!“ Lothar wendete ſich ärgerlich ab, um ſich zu entfer⸗ nen. Er gehörte zu den Männern, die ihre Vorſütze nicht gern vom Widerſpruche durchkreuzen laſſen. Die Bonne hielt ihn aber an der Hand zurück und ſagte in beſcheiden bittendem Tone: „Lothar— darf ich Sie auch fragen, was Sie vorhin unter dem Intriguenſpiel der Gräfin Branden⸗ burg meinten, welches die Ihnen erwieſene Huld verſte⸗ cken ſollte?“ Der junge⸗Mann, ſchnell beſänftigt und erheitert durch die Neugier ſeiner alten Erzieherin, lachte gewin⸗ nend und wiegte dann ſpöttiſch ſein Haupt. „Eigentlich brauchteſt Du das nicht zu wiſſen, liebe Maſſelott,“ ſprach er zögernd.„Da Du jedoch von Gift und Dolch träumen und der zauberiſchen Gräſin Julie fürchterliche Gedanken andichten könnteſt, ſo will ich Deine Wißbegierde befriedigen. Gräfin Brandenb urg arbeitet nach meiner unmaßgeblichen Meinung an ihrer Standeserhöhung mit demſelben Eifer, womit alle Em⸗ porkömmlinge aufwärts ſtreben. Sie hat beſcheidener⸗ weiſe ihr Auge nicht höher gerichtet, als auf meinen durchlauchtigen Freund, den Prinzen Heinrich von Reuß, der mich ſogleich nach meiner Ankunſt in Dresden bei 93 meiner Mama aufſuchte und damit die freundſchaftlichen Beziehungen unſerer Studienjahre wiederum anknüpfte. Der ſchönen Gräfin königliches Blut ſtrebt nach der Souverainität.“ „Ganz natürlich! Sie ſucht alſo einfach einen Mann, der ſie zur regierenden Fürſtin zu erheben vermag, zu feſſeln. Gelingt ihr dies nicht, ſo wird ſie vielleicht die unbeſchränkte Herrſchaft auf Kleineck nicht verſchmähen!“ „ Und Sie würden ſich dazu hergeben, eine Aushülfe zu ſein!“ rief Mademoiſelle voller Entrüſtung. „Warum denn nicht?“ fragte Lothar phlegmatiſch. „Der königliche Halbbruder erhebt mich dafür in den Grafenſtand, decorirt mich mit Hausorden und derglei⸗ chen, vermehrt meine Güter und ſetzt mich, den Urenkel eines Bäckermeiſters, in den Stand, in allen polirten Hofſalon's eine glänzende Rolle ſpielen zu können. Siehſt Du, gute Maſſelott, dieſe Lebensphiloſophie haben wir von Deinem großen Napoleon gelernt. Der hat uns davon unterichtet, daß die Wege zu irgend einem Fürſtenſitze gar nicht ſo ſchwer zu finden ſind, wenn man nur die Mittel nicht ſcheuet und nicht mit deutſcher Klein⸗ ſtädterei ſchüchtern nach der Meinung der Wett frägt. Dein großer Napoleon hat mit ſeinem göttergleichen Scepter das Weltall cultivirt, hat die alten Grabgewölbe der Ariſtokratie geſprengt, um den Gebeinen der Par⸗ venüs Platz zu verſchaffen, und iſt der Me ſſias aller ehrgeizigen Menſchen geworden.“ „O hören Sie auf, Sie Spötter! Gott gebe nur, daß das alte Joch der verſchimmelten Vorurtheile nicht wieder auf die Schultern der Völker gelegt wird. Es ſ ſollen ſchon Anſtalten dazu getroffen werden, wie mir der Adminiſtrator ſagt.“ „So! der Adminiſtrator liebt auch wohl die ſtau⸗ bigen Stammbäume nicht?“ neckte Lothar. Sein fri⸗ ſcher Humor konnte nie lange unterdrückt werden und das eben machte den jungen Mann bei allen ſeinen Fehlern ſo überaus liebenswürdig. „Der Adminiſtrator iſt ein tüchtiger Mann,“ belehrte die Bonne ihn lächelnd, und ſeine hübſche Tochter ſtellt den barmherzigen Engel für Ihre alte Erzieherin vor!“ „Das ſoll ihr belohnt werden!“ rief Lothar.„Fräu⸗ lein Emmy ſoll die Erſte ſein, die von meinem Haus⸗ orden profitirt, wenn ich der Schwager der preußiſchen Majeſtät werde!“ Mademoiſelle lachte.„Apropos“, ſagte ſie dann, 4 „iſt nicht di Fürſt von Reuß in dieſen Tagen geſtorben?“ „Ja wohl, und dadurch iſt Prinz Heinrich, mein Freund, der präſumtive Erbe des Ländchens geworden, 95⁵ denn ſein älterer Bruder, welcher jetzt ſuccedirt, wird ſich nicht ebenbürtig verheiraten. Ob man die Gräfin Brandenburg ebenbürtig finden wird, ſteht die Frage.“ „Mir ſcheint der Prinz Heinrich ziemlich kopflos den Anbeter dieſer Dame zu ſpielen und ich fürchte, ſie macht eine ſo bittere Erfahrung, daß ſie gern nach Kleineckflüchtet, um dem Eclat zu entfliehen. Die Sache muß ſich bald entſcheiden, da der neue Fürſt von Reuß auf eine Vermälung ſeines Bruders dringt. Entweder wird die Gräfin Julie im Herbſte„Prinzeſſin“ oder „Frau von Wöllner!“ „Leichtfertiger Mann!“ ſchalt die Bonne. „A— nicht doch! Gräfin von Wöllner hof⸗ fentlich— vielleicht auch Gräfin Kleineck oder Wöllner⸗ Kleineck!“ ſetzte er pathetiſch hinzu, als er das wohlge⸗ fällige Lächeln der Bonne bemerkte, die ſich von dieſer ſtolzen Idee angeſprochen fand. Sie neigte ihr Haupt, Lothar aber ſprang lachend hinaus und die Stufen zum Entreſol hinab. „Ob es nur Scherz von ihm iſt?“ fragte ſich die Dame,, als ſie allein war.“ „In dieſem Herzen iſt mir auch Manches unklar geblieben, trotz meiner ſorgfältigen Beobachtungen. Es vereinigen ſich darin die heterogenſten Eigenſchaften. Zornig und doch ſanftmüthig und geduldig wie ein Lamm, wenn es gilt— leichtſinnig und doch tief— fühlend— heiter bis zum Uebermuthe und doch zum Ernſte geneigt— genußſüchtig und doch enthaltſam in allen Lebensverhältniſſen— kaltherzig und doch opfer⸗ willig bis zum Edelmuth! Es iſt ein Gemiſch, wie man es nicht oft ſindet! Dagegen meine Margot— welch' ein Gemüth, welch' ein Herz, welch' eine Seele in dieſem reinen ſchönen Weſen! Auch Feodor iſt feſt, kräftig und männlich! Feodor wird ohne Schwankungen ſeinen Lebensweg verfolgen, gleich meiner Margot. In Beiden ruht die Macht ſich ſelbſt zu beherrſchen und den Wahn der Phantaſie zu entwaffnen, wenn er Gewalt über ihren Geiſt erringen will. Margot wird glücklich werden! Feo⸗ dor ebenfalls. Ob aber Lothar nicht in den Irrwegen des Lebens untergehen wird, das kann kein Menſch vorherſagen.. „Die Idee zu ſeiner Heirat iſt gut“, ſchloß ſie ihr Selbſtgeſpräch.„Das Geſchlecht der Wöllner wird durch die Abſtammung dieſer Gräſin nicht comprommitirt und der Abglanz der fürſtlichen Gunſt wird dem neuen Stammbaume ein Lüſtre geben!“ Siebentes Capitel. Lichtfunken. Zu derſelben Stunde, wo im alten Schloſſe dieſe Unterredung ſtattfand, ſchlich Joſepha, trotz des Ver⸗ botes ihrer Mutter, unter der Veranda hervor und nahm ihren Weg dicht am Gehege ihres eingezäumten Grund⸗ ſtückes am See entlang bis zur allmälig ſteigenden, erſten Höhe. Hier ſtand das junge Mädchen ſtill und blickte halb ängſtlich, halb komiſch verdrießlich nach dem Meierhofe zurück, um zu ſpähen, ob ſie vom mütterlichen Auge bei der Uebertretung ihres Befehles bemerkt werde. Frau Dorſak war aber leider im Molkenzimmer und ſah nichts von dem geſetzwidrigen Ueberſchreiten ihres Gebotes. Joſepha ſeufzte ſehr beklommen, ehe ſie weiter zu gehen wagte. Es war für ſie ein ungeheures Opfer nicht hinfliegen zu können, wohin ſie wollte. Langſam wendete ſie ſich wieder ihrem Hauſe zu, das friedlich und nett einige hundert Schritte tiefer vor Idglium. I. 7. 98 ihr lag und ließ ihre Gedanken über die Ereigniſſe hin⸗ ſtreifen, die einen Bann auf ihren Willen gelegt hatten. Ganz ſtill und geräuſchlos ruhete der See neben ihr. Seine Silberfläche widerſpiegelte den Meierhof mit ſeinen Umgebungen ſo deutlich, als ſei das Bild hineingemalt. Joſepha verglich ganz unwillkürlich dies paradieſiſch ruhige Bild mit dem Glanze der Schlöſſer, die auf den mächtigen Steinwänden, welche durch Naturkräfte gebil⸗ det waren, paradirten. Es war ihr noch nie begegnet, daß ſie mit ſolchem Unbehagen auf ihr ländliches Aſyl hinabgeſchauet hatte, wenn ſie von ihren Streifzügen durch die Felſen zu dieſer Ruheſtätte der Zufriedenheit zurückkehrte, und ſie meinte die Hülfloſigkeit ihres Daſeins, die Iſolirung im Thale noch nie ſo ſchmerzhaft empfun⸗ den zu haben wie in dieſer Morgenſtunde, wo ſie, gehemmt in ihrer Freiheit, auf dem Fleckchen Erde aus⸗ harren mußte, welches ihnen gehörte. Mißmuthig ſtand ſie abermals ſtill und ſpähete nach der Veranda hinüber. Frau Dorſak war nicht zu ſehen. Entſchloſſen drehete ſich das junge Mädchen um und flog wieder bergan. „Ich kann es nicht ertragen!“ flüſterte ſie, als ſie den Abhang, der mit Raſen vom friſcheſten Grün belegt und aus Lerchenbäumen und Birken bepflanzt war, berg⸗ 99 an lief.„Ich kann es nicht ertragen! Mögen ſie kommen, die zornigen, böſen Geiſter der Schlöſſer und mich gebie⸗ teriſch aus ihrem Gebiete verweiſen! O— hier iſt Got⸗ tes Athem— hier iſt Luft.— Unten muß ich erſticken vor Angſt und Wehmuth!“ Joſepha warf ſich oben ſogleich auf die Raſenbank, die ſie mit eigenen Händen geſchaffen hatte, und barg ſich unter den friſch grünen Haſelnußzweigen, damit ihre Mutter ſie nicht entdecken konnte, wenn ſie nach ihr aus⸗ ſchauete. Zufrieden, wie ein Kind, wenn es ſeinen Willen hat, ruhete das junge Mädchen in der Blätter⸗ hülle, durch keinen Gedanken mehr betrübt, von keinem Wunſche mehr bewegt. Nach ihrer Meinung konnte ſie hier von keinem Menſchen geſtört werden, denn der See begrenzte in weitem Bogen dieſe üppig grünen Terraſſen, von vorn und hinter ihr bildete eine breite Vertiefung, angefüllt mit loſem Felsgerölle und überwachſen von verkrüppelten Sträuchern, eine natürliche Grenze des Hohenſtein'ſchen und Kleineck'ſchen Gebietes. Der See und das Derf gehörte aber zu Hohenſtein, alſo befand ſie ſich nicht auf dem verbotenen Terrain ihres gefürch⸗ teten Feindes. Wie lange Joſepha, eine Nähterei in der läſſigen Hand, ſo geträumt hatte und wie lange ſie noch ſo ge⸗ träumt haben würde, das läßt ſich nicht beſtimmen, 7* 100 aber ſie wurde durch ein Geräuſch von rollendem Ge⸗ ſtein dermaßen erſchreckt, daß ſie ſich in einer An⸗ wandlung von Furcht noch tiefer in ihre grüne Umhül⸗ lung drückte. Gleich darauf raſchelte es neben ihr und als ſie ſurchtſam den Blick emporhob, da ſah ſie den Mann, welchen ſie am allerwenigſten zu begegnen wünſchte, dicht vor ſich ſtehen, Heiterkeit in allen Mienen und Frohſinn in den großen, ſchönen, braunen Augen. Beide ſahen ſich eine kleine Weile ſtumm und unverwandt an. Die unerwartete Begegnung trieb eine tiefe, heiße Röthe auf Beider Wangen. Nun bleibt es freilich ungewiß, welchen Empſin⸗ dungen dieſer Farbenwechſel entſprang. Man erröthet eben ſo leicht vor Schreck wie vor Verwirrung, eben ſo ſchnell vor Zorn, wie vor Freude, vor Verdruß, wie vor Entzücken. Fräulein Joſepha zeigte ſich bereit, den Grund ihres Erröthens im Zorne zu ſuchen, denn ſie ſenkte mit entſchieden trotzigem Stolze ihr Augenpaar, ohne Miene zu machen, den jungen Mann zu begrüßen. Lothar achtete gar nicht auf dieſe echt weibliche De⸗ monſtration. Ein neues Gefühl hatte ſein ganzes Weſen in Anſpruch genommen. Die Geſtalt des zarten, jungen Mädchens vor ihm, unter dem grünen Laubdache der 101 helle, glänzende Sonnenſtrahl, der, im See reflectirend, die ganze Landſchaft myſteriös verklärte, die weiche, bal⸗ ſamiſche Frühlingsluft, das leiſe, zärtliche Zwitſchern der Vögel über ihm— Alles, Alles vereinigte ſich, ſeine Seele wie ein Himmelstraum zu umfluthen und ein Ent⸗ zücken in ihm zu wecken, woran die hervorgeſuchte Würde Joſephen's ſcheitern mußte. Ohne ein Wort zu ſprechen, neigte ſich Lothar zu ihr nieder, ergriff ihre beiden Hände und führte ſie mit bittendem Lächeln ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen. Eine Secunde war das junge Mädchen faſſungs⸗ los und ſtarrte mit Unmuth in dieſe verführeriſch flehen⸗ den Augen hinein. Dann erhob ſie ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle und flog wie ein geſcheuchtes Reh den raſigen Abhang hinab, ihrem Hauſe zu, weder einen Blick noch einen Gedanken an den zurückwerfend, der ihr in ſeiner Traumſeligkeit entzückt nachſchaute und die Zierlichkeit und Grazie ihrer Bewegungen bewunderte. Athemlos kam Joſepha in der Veranda an und ließ ſich, zitternd an allen Gliedern, in einem Winkel nieder. Es währte eine geraume Zeit, ehe ſie ſich von ihrer Aufregung nur ſo weit erholt hatte, um einen kla⸗ ren Gedanken faſſen zu können. Glücklicherweiſe kam Frau Dorſak nicht aus ihrer Molkenſtube heraus und die poetiſche Nachwirkung dieſes proſaiſchen Davonlau⸗ 10² fens war der Entſchluß,„ihrer Mutter von dieſem Aben⸗ teuer nicht eine Silbe zu verrathen.“ Warum ſie ein Widerſtreben in der offenen Kinder⸗ ſeele fühlte, davon zu ſprechen, das fragte ſie ſich nicht. Vielleicht fürchtete ſie nur die immerwährende Wieder⸗ holung des heißen Erröthens, wenn ihr Gedächtniß zu der Stelle dieſes Zuſammentreffens zurückkehrte, wo er ſtumm zu ihr geredet, wo er ſchweigend zwar, aber ein⸗ dringlich eine Abbitte geleiſtet hatte. Auch gegen Emmy, die am Nachmittage zu ihr herabkam, erwähnte ſie nichts. Als ſie aber gegen Abend auf die Bitte der Freundin ſang, da horchte die Freundin ſowohl wie die Mutter verwunderungsvoll auf die ſüßen, weichen, ſehnſüchtigen Töne, die dem lieblichen Kinde unbewußt von den Lip⸗ pen quollen. Emmy, praktiſch und beſonnen, wie Niemand in der Welt, dachte ſogleich an die Undine.„Sie hat eine Seele bekommen“, ſagte ſie ſich heimlich.„Gott gebe, daß es zu ihrem Heile iſt!“ Laut aber ſcherzte ſie mit Joſephen und ſagte beim Abſchiednehmen: „Alſo Du kommſt nie wieder oben hinauf, mein Herzblatt, mein Feenkind?“ „Nie— nie wieder!“ betheuerte Joſepha mit Feierlichkeit, indem ſie ihr das Geleite bis vor der Veranda gab. 103 Hier traf ſie auf einen Mann, den ſie an ſeiner Livree als den Diener des Herrn Engelbrecht Maltmann erkannte, welcher ſchon öfters ihren Weg durchkreuzt atte. j Es war augenſcheinlich, daß dieſer Mann ſchon länger hier geſtanden und jedenfalls dem Geſange Jo⸗ ſephen's gelauſcht hatte. Er grüßte die jungen Mödchen ehrerbietig und ſchritt langſam und bedächtig das Dorf hinauf zu der Wohnung ſeines Herrn. Hier erſt, dicht vor der Thüre des Zimmers, worin Maltmann, gefoltert von ſeiner ewigen Unruhe der Er⸗ wartung, ſaß, ſtand er, ſich bedenkend, ſtill. Was ſollte er thun? Was nützte es, daß er Nach⸗ forſchungen über eine Frau anſtellte, die durchaus keinen Einfluß mehr auf das fernere Schickſal ſeines Herrn ha⸗ ben konnte? Ja, wenn er gewußt hätte, ob ſich derſelbe von der Gewißheit, in Frau Dorſak eine Theilnehmerin früherer Freuden erkennen zu müſſen, wie ein Dachs aus ſeinem Verſtecke aufſcheuchen ließe, ſo wäre es ihm be⸗ quem geweſen, ihn in Kenntniß von dem zu ſetzen, was er erfahren hatte. Er hielt es für eine halb wahnwitzige Idee von ſeinem Herrn, in dieſer Einöde auf königliche Entſchließungen zu harren, während es vielleicht nur einer einzigen perſönlichen Berührung bedurfte, um die Zerwürfniſſe zwiſchen den Behörden und Maltmann zu 104 ſchlichten. Er fand die hochgeſpannte Eitelkeit ſeines Herrn nachgerade lächerlich, weil ſie ihn zu geniren be⸗ gann, und er überlegte alſo nicht ohne Grund, ob er die Mittheilungen, und wie er ſie machen ſollte, um ein Re⸗ ſultat zu ſeinem Nutzen zu erzielen. Daß Frau Dorſak, die er noch nie in der Nähe ge⸗ ſehen hatte, mit der Familie der Frau Finanzräthin Bendler in Verwandtſchaft ſtehen mußte oder daß Jo⸗ ſepha nicht die Tochter der Frau Dorſak, ſondern die Tochter der Finanzräthin ſein könnte, der Gedanke war ihm bei dem Geſange des jungen Mädchens, den er eben belauſcht, nahe getreten. Es war unmöglich, daß ein Weſen nach zwanzig Jahren ſo täuſchend an Jemand erinnern konnte, wenn nicht geiſtige Beziehungen ſtatt⸗ gefunden hatten. Der alte Diener hatte die Finanz⸗ räthin oftmals ſingen hören, und es war ihm wie die wehmüthige Poeſie eines Kirchenliedes in die Seele ge⸗ drungen, als er Joſephen's Geſang hörte. Genau die⸗ ſelbe Stimme— genau dieſelbe Manier! Dazu ihre Aehnlichkeit, die freilich erſt dann frap⸗ pant hervortreten konnte, wenn Joſepha etwas kräfttger entwickelt war. Von ſeiner Wirthin hatte er nichts erfahren können, was Licht über das Herkommen der Frau Dorſak brachte. Sie wohnte ſchon zu lange im Dorfe, als daß 105 man ſich darüber den Kopf zerbrechen ſollte, wo ſie frü⸗ her geweſen ſei. Hätte der alte Diener nähere Erkundigungen über ihre Kinder eingezogen, hätte er erfahren, daß ſie noch einen Sohn habe, daß dieſer Sohn Vincent heiße, ja dann, dann wäre ihm ein volles, helles Licht aufge⸗ gangen. So aber zögerte er, ſeinem Herrn von den zu⸗ treffenden Züfälligkeiten Nachricht zu geben, und als er endlich die Thür öffnete und den fragenden Blicken des⸗ ſelben begegnete, da ſagte er nur ganz beiläufig und achſelzuckend: „Gnädiger Herr, ich habe nichts weiter über Frau Dorſak erforſchen können, als daß ſie immer hier im Dorfe gewohnt hat, daß es eine fleißige Frau iſt, die ſich mit Niemanden einläßt, und daß ſie außer ihrem aparten Weſen auch gelehrt iſt und Muſik treibt. Die Tochter ſingt ſehr hübſch, das habe ich eben ſelbſt ge⸗ hört.“ Maltmann hatte ſinnend zugehört. Jetzt fuhr er lebhaft auf. „Und die Tochter ſieht aus, wie die Bendler“, ſag⸗ teſt Du?“ 4 „Ja, aber alles Andere trifft nicht zu. Es iſt purer Zufall!“ 106 Maltmann ſchien zufriedengeſtellt zu ſein. „Bringe mir Licht und Thee!“ ſagte er mit gleich⸗ gültigem Tone. Georg ging dies zu beſorgen, und Maltmann ſtellte ſich wieder mit untergeſchlagenen Armen ans Fenſter. Sein ruheloſer Geiſt machte ihn empfänglich für jedes Geheimniß. Hätte er erfahren, es ſei die Finanzräthin Bendler, die hier im Dorfe Ruhe und Vergeſſenheit ihrer ſchweren Schickſale geſucht habe, ſo würde ſein Gefühl ſich höchſtens bis zu einem leichten Bedauern verſtiegen haben, daß ſo viel Liebenswürdigkeit unbewundert habe verblühen müſſen. Jetzt aber, wo ein undurchdringliches Dunkel über einer Sache lagerte, die ihn in Spannung verſetzt hatte, jetzt ergriff ihn eine unbezwingliche Luſt, ſich in dies Dunkel hinein zu ſtürzen, um die Verwirrung des Augen⸗ blickes ausbeuten zu können. Kaum hatte alſo Georg, der ahnungslos eine Triebfeder ſeines Handelns geworden war, das Zimmer wieder verlaſſen, nachdem er Licht und Thee gehörig ge⸗ ordnet hatte, ſo griff Maltmann nach einer leichten Kopfbedeckung, warf einen unſcheinbaren Rock über und verließ ſofort das Haus. Spähend nach allen Seiten, ſchlich er die Dorfſtraße hinab. Ueberall herrſchte Ruhe und Frieden. Einzelne 107 Fenſter waren erleuchtet und zeigten an, daß die Bewoh⸗ ner der Häuſer noch wach waren, die meiſten aber be⸗ wieſen die Mode des frühen Zubettegehens. Maltmann, der nun beinahe ein Jahr im Dorfe wohnte, war noch niemals ſo ſpät die Straße hinabge⸗ gangen und ſein Herz klopfte ihm daher, als ſtände er im Begriffe, eine Sünde zu begehen. Ungehindert kam er beim Meierhofe an, deſſen helle Fenſter weit hin durch die Luft glänzten. Leiſe ſchlich er unter den Fenſtern umher. Leider lagen ſie zu hoch, um hineinſehen zu können. Ungeduld ſtärkte endlich ſeinen Entſchluß, und er trat ſchnell zur Hausthüre, um ohne Weiters einen Angriff zu wagen. Die Thüre war verſchloſſen! Beſchämt wich er zu⸗ rück, als ſich unmittelbar darnach leichte Schritte der Thüre näherten und dieſelbe geöffnet wurde. Ihm war jetzt erſt klar geworden, in welche ſchiefe Stellung er durch ſeine ungebührliche Neugier kommen konnte. Was ihm Tags zuvor gar keine Scrupel verurſacht hatte, das gewann in der Vorausſicht eines Geheimniſſes eine beklemmende Wichtigkeit. Leider konnte er nicht wieder zurücktreten, denn Frau Dorſak ſelbſt war es, die ihm die Thüre öffnete, und ihn mit allen Zeichen großer Ueberraſchung einzutreten bat. Das Licht, welches ſie in der Hand trug, beleuchtete 108 voll ihr Geſicht, und machte es Maltmann möglich, jeden Zug desſelben prüfen zu können, bevor dieſer Lichtſchein entfernt war. Nein! dieſe Frau glich der Dame nicht, die er unter glänzenden Verhältniſſen gekannt, die er einſt bewundert, die er leichtſinnig geliebt hatte. Ein feines Lächeln voll Verbindlichkeit war die Frucht ſeiner ſcharfen Beobachtung, und er hatte ſich vollkommen in ſeiner Gewalt, als er das Geſpräch mit Unbefangenheit einleitete: „Verzeihen Sie es einem alten Exaltado, liebe Frau, daß er nicht Ruhe hat, ehe er nicht die junge Sän⸗ gerin von Angeſicht zu Angeſicht ſchauet, die ihn geſtern entzückte!“ Frau Dorſak runzelte die Stirn. Eine heftige Ent⸗ gegnung ſchwebte auf ihren Lippen. Aber ſie bedachte zur rechten Zeit, daß ſie eine Rolle ſpielen müſſe. „Treten Sie ein, Herr Maltmann!“ ſprach ſie mit ironiſcher Betonung des Namens. „Joſepha wird Ihnen ſehr gern etwas vorſingen, aber ich muß bevorworten, daß Sie ihr junges Herz nicht mit phantaſtiſchen Bildern füllen. Meine Tochter wird niemals eine Sängerin— das merken Sie ſich!“ Maltmann verbeugte ſich und machte eine Geberde, welche der Dame des Hauſes andeuten ſollte, daß er ihr 109 den Vortritt geſtatte. Frau Dorſak neigte leicht den Kopf und ging raſch voraus. „Sie hat in der Welt gelebt!“ dachte Maltmann, triumphirend den Erfolg ſeiner liſtigen Prüfung beobach⸗ tend.„Eine Bäuerin würde mit vielen Knixen mein Vorausgehen erzwungen haben. Ich will bald dahinter kommen, wo ſie die Weltroutine her hat, denn ſie ſcheint ſorglos meinen Beſuch als eine Huldigung ihrer Tochter zu betrachten.“ Herr Maltmann irrte ſich aber gewaltig in ſeiner eitlen Vorausſetzung. Frau Dorſak war beſſer auf ihrer Hut, als er ahnen konnte. Sie hatte von ihrer Tochter erfahren, daß der alte Georg vor der Veranda geſtanden und auf den Abſchiedsgeſang, den ſie Emmy gewidmet, gehorcht habe. Zufällig war dies Lied dasſelbe geweſen, welches ſie ſelber Tags zuvor nach dem Beſuche Malt⸗ mann's in wehmüthiger Stimmung hervorgeſucht und recitirt hatte. Dies Lied hatte eine Bedeutung für Malt⸗ mann, denn er hatte es für die Finanzräthin Bendler componirt. Sie mußte erwarten, daß der alte Georg es erkannt habe, und ſie ließ dieſe Befürchtung zur Richt⸗ ſchnur ihrer ferneren Handlungen werden. Mit der Miene der Argloſigkeit rief ſie Joſephen, die, auf's Höchſte verwundert, den ſpäten Gaſt eintreten ſah, aus dem Nebenzimmer und ſtellte ſie Maltmann vor. 110 Ohne ihm Zeit zu laſſen, ſeine exaltirten Tiraden anzubringen, ſprach ſie, ruhig zu ihrer Tochter gewendet: „Herr Ma’tmann hat Dich im Walde trillern hö⸗ ren und glaubt Dich im Beſitze einer Stimme, die die Welt in Allarm zu ſetzen vermöge. Singe ihm doch einige Sachen, damit er zur Einſicht kommt, daß Waldgeſang nicht für den Salon paßt.“ 4 Joſepha blickte zuerſt ihre Mutter erſtaunt an, dann verſtand ſie ihren ermunternden Blick. Mit der ganzen Schelmerei ihres Weſens klatſchte ſie übermüthig in die Hände, lief zurück in's Nebenzimmer, ſetzte ſich an das Clavier und begann eines jener friſchen, jauchzenden Jodellieder, die damals en vogue waren. Sichtlich getäuſcht in ſeinen Erwartungen, aber angezogen von dem reizenden Organe des Mädchens, hörte Maltmann dieſe Produktion der naiven Laune an. „Sehr hübſch!“ ſagte er gedehnt, als Joſepha mit jenen Kehllauten, die nur von Natur und nicht von Kunſt ſprechen, das Echo der Berge nachahmte.„Sehr hübſch, aber Sie verderben ſich Ihre Stimme damit, liebes Kind!“ „Nein,“ dachte er,„die Stimme erinnert mich nicht an jene Frau, welche den Gipfel des kunſtgemäßen Ge⸗ ſanges erreicht hatte. Prüfen wir einmal das Geſicht⸗ derholte ſie zwei Male, bevor er unter hochmüthigem 111 chen näher, das den alten Georg zu ſeinen albernen Illu⸗ ſionen verführt hat.“ Er erhob ſich und näherte ſich mit ſo unzweideutiger Eile dem Inſtrumente, woran Joſepha noch ſaß, daß Fran Dorſak merken mußte, er verfolge ſyſtematiſch eine Spur. Sein Eifer gab ihr Veranlaſſung, ſein Vor⸗ haben zu vereiteln. Sie winkte Joſephen, und als Maltmann beim Claviere anlangte, da war das junge Mädchen durch eine im Hintergrunde befindliche Tapetenthür ent⸗ ſchlüpft. Maltmann ſtand ziemlich verblüfft und ſah auf den leeren Platz. „Sie iſt ſcheu und flüchtig wie ein Vogel,“ entſchul⸗ digte Frau Dorſak.„Sie wird aber wieder kommen.“ Daß ſie bei dieſen Worten ein Spottlächeln nicht ganz unterdrücken konnte, gewahrte leider der feine Maltmann nicht. Er ließ ſich irre machen und ging mit großer Leut⸗ ſeligkeit und Herablaſſung auf das Geſpräch ein, welches Frau Dorſak in ſteigender Sicherheit mit der Frage begann: 3 „Ob Herr Maltmann Willens ſei, ſich im Dorfe anzukaufen?“ Maltmann, durch dieſe naive Frage beluſtigt, wie⸗ 112 Gelächter antwortete, daß er daran noch nie gedacht habe. „Entſchuldigen Sie,“ erwiderte mit ſchlauer Gleich⸗ gültigkeit Frau Dorſak, die nun auch einen Plan zu ver⸗ folgen Luſt empfand.„Ich glaubte, Sie reflectirten auf das Gehöft, worin Sie wohnen.“ „Nein, gute Frau“, entgegnete Maltmann gering⸗ ſchätzend.„Ich erwarte jeden Tag von meinem Könige und Herrn abgerufen zu werden.“ „Sie ſind alſo Staatsbeamter?“ fragte die Frau, Erſtaunen heuchelnd.„Weßhalb haben Sie ſich denn hier ein Aſyl geſucht? Sind Sie in Ungnade gefallen?“ Eine leichte Röthe färbte Maltmann's feines Ge⸗ ſicht. Seine Eitelkeit hatte ihn verführt zu viel zu ſagen und er konnte füglich, ohne Selbſtverdächtigung zu ris⸗ kiren, nicht zurück. Was wagte er denn auch, wenn er dieſer Frau, die zwar philoſophiſche Floskeln im Munde führte, aber ſonſt in ſehr untergeordneten Verhältniſſen lebte, Blicke in das Staatsleben geſtattete, das für ſie ein hohes, uner⸗ reichbares Terrain war? Seine Natur drängte ihn gewiſ⸗ ſermaßen zum Reden, nachdem er ſo lange ſchweigend ſein unverdientes Schickſal getragen hatte. Die hellen, klugen Augen der Frau Dorſak verſprachen ihm eine Zuhprerin, die verſtändig ſeinen Darlegungen zu folgen 113 4 im Stande war, dazu kam noch, daß er, wie alle geiſtig eitle Männer, gern mit untergeordneten Geiſtern ver⸗ kehrte, die ihn ſtaunend als eine Größe betrachteten und ihm keinen Widerſpruch zu bieten wagten, wenn ſie wirklich anderer Meinung waren. Genug, er erwiderte nach kurzem Ueberlegen: „Man beliebte im Miniſterium die Syſteme zu wechſeln, meine gute Frau, und da ich mit Fug und Recht als das Haupt der herrſchenden Partei zu be⸗ trachten war, ſo mußte ich dem Miniſterium mit Eclat im⸗ poniren. Ich lehnte jede Vermittlung ab, und gab mein Demiſſionsgeſuch ein. Man weigerte ſich mich zu entlaſſen und bewilligte mir nur einen Urlaub, weil man im In⸗ nern überzeugt iſt, daß der König dennoch ſein Wort einlöſen wird, welches er hochſinnig vor fünf Jahren verpfändete! dieſer Urlaub läuft in vier Wochen ab und ich hoffe früher noch mit Ehren zurückberufen zu werden, meine liebe Frau!“ Frau Dorſak hörte geſpannt zu. Vier Wochen? Was könnte ſich nach den eben gemachten Erfahrungen in vier Wochen nicht Alles ereignen? Er mußte fort aus dem Dorfe! Um jeden Preis mußte dieſer Staatsmann aus ihrer Nähe vertrieben werden, ehe er ihr folgereichen Schaden zufügen konnte. Idalinm. 1. 8 114 „Wenn man Sie aber nicht zurückberuft, Herr Maltmann?“ fragte ſie entſchloſſen, Maltmann ſah ſie groß an.„Ja, ja, mein beſter Herr! Sie haben nach meiner Einſicht nicht recht gehandelt, bis zum letzten Momente auf etwas zu warten. Sie hätten überhaupt gar nicht gehen ſollen. Ein Streiter, der früher das Feld räumt, bevor er tötal geſchlagen iſt, ladet ſehr leicht den Schein der Feigheit auf ſich!“ Maltmann rückte ſich ein wenig zurecht und warf verächtlich ſtolze Blicke auf die Meierin, die ſich heraus⸗ nahm, ihn, den Cavalier, mit ihrer Meinungsverſchie⸗ denheit bekannt zu machen. Frau Dorſak ließ ſich aber durch ſeine Verachtung ausdrückende Blicke gar nicht ſtören. Er mußte fort aus dem Dorfe, ehe er dahinter kam, wer ſie war.. „Sie verzeihen meine unumwundene Sprache, mein Herr“, fügte ſie gleichmüthig hinzu,„aber was Sie Ihrer Frau Gemalin vielleicht nicht geglaubt haben, das werden Sie einer Fremden eher glauben. Ihre Ge⸗ malin muß ſich ja durch Ihre lange Abweſenheit gekränkt fühlen!“ „Meine Gemalin iſt todt!“ berichtete Maltmann, kalt lächelnd, indem er ſich von ſeinem Platze erhob und die Arme über einander ſchlug. 115 Frau Dorſak verbarg nur mühſam den leich⸗ ten Schreck, den ihr dieſe Nachricht verurſachte. „Und Ihre Kinder?“ fragte ſie ſelbſtvergeſſen. „Meine Töchter ſind todt!“ ſprach er, eben ſo kalt lächelnd.„Ich ſtehe allein in der Welt, nur für die Inter⸗ eſſen des Volkes lebend, dem ich mein Herz, meine Seele und meine ganze Wiſſenskraft geweihet habe!“ „Das klingt ſehr gut!“ entgegnete Frau Dorſak gutmüthig.„Aber durch dieſen Eifer haben Sie ſich ge⸗ wiß geſchadet. Man wird, man muß ja mißßtrauiſch gegen einen Staatsbeamten werden, der um die Gunſt des Volkes wirbt! Sie verderben ſich Ihre Carriere. Gehen Sie ſchleunigſt nach der Reſidenz zurück— ich rathe es Ihnen!“ „Frau, wer ſind Sie? rief Maltmann außer aller Faſſung.„Woraus ſchöpfen Sie Ihre Bildung? Wo⸗ her kommen Ihnen dieſe Anſichten? Wer ſind Sie? Re⸗ den Sie— entdecken Sie ſich mir!“— Frau Dorſak lächelte mit gut gelungener Treuher⸗ zigkeit.„Ich bin die Meierin von Idalium, mein Herr, weiter nichts! Denken Sie denn, daß man vergeblich eine ſo belehrende Zeit, wie ſie uns das neue Jahrhun⸗ dert brachte, durchlebt hat?“ „Ja, Sie haben Recht, Madame!“ rief Malt⸗ mann exaltirt.„Die franzöſiſche Entwicklungsperiode 8* 116 ſollte wohl unſere Lehrmeiſterin ſein, das aber macht man mir eben zum Vorwurfe, daß ich Belehrungen von den Franzoſen angenommen habe. Ich will Reformen der Monarchien!“ Frau Dorſak legte beſchwichtigend ihre Hand auf ſeinen Arm. Heißt das wohl nicht beſſer„ich will Ab⸗ ſchaffung der Königsmacht?“ „Und wenn ich dies auch zugäbe?“ fragte Malt⸗ mann, ſeine kleine Figur herausfordernd emporrichtend. „Haben wir Preußen nicht den Verſicherungen unbedingt getrauet, die uns in dem feierlichen Momente der Volks⸗ erhebung vom Könige gegeben wurden? die Tempera⸗ tur der königlichen Politik ſcheint aber zu wechſeln. Das Volk muß alſo erinnern an die Verſprechungen, die geleiſtet wurden!“ den matten Erfolg, den ein entlaſſener Staatsbeamter erzielt! Gehen Sie in Ihr Amt zurück und wirken Sie klug, fein und weiſe für Ihre ſchönen Ideen!“ ſprach Frau Dorſak mit einem Anfluge von Begeiſterung. Maltmaun ſah die Frau feſt an.„Madame, Sie haben nicht immer in dieſer Umgebung und in dieſen Verhältniſſen gelebt!“ „Doch, doch, mein Herr! Ein halbes Menſchen⸗ alter hindurch ſetzte ich keinen Fuß über die Grenzen Gut! Erinnern Sie daran! Aber bedenken Sie —— 117 dieſer Bergketten hinaus!“ rief ſie, eilig ihre Selbſt⸗ vergeſſenheit gut machend. Maltmann blickte vor ſich nieder. Er überlegte, ob er nicht einen Angriff auf ihr Geheimniß wagen ſollte. Es kam ihm nur zu lächerlich vor, in dieſer mit Zwillich bekleideten Frau eine der eleganteſten Damen ſeiner Ju⸗ gend anerkennen zu ſollen. Kopfſchüttelnd wies er aber⸗ mals den Gedanken daran zurück und murmelte nur kaum hörbar die Worte: „Sonderbar— bei Gott, ſehr, ſehr ſonderbar! Iſt es eine Gottesſchickung, daß dieſe Frau, wie inſpi⸗ rirt von oben, mir ihren Rath aufdringt?“ Frau Dorſak hielt es für angemeſſen, dies Selbſt⸗ geſpräch nicht zu beachten. Sie war überhaupt bei weitem ſchmerzlicher bewegt bei der Erfahrung, von inem ehe⸗ maligen Freunde nicht erkannt zu werden, als ſie ſich ſelbſt eingeſtehen mochte. Still wartete ſie nun ab, was Maltmann beſchließen würde, nachdem ſie verſucht hatte, die Schleier der Täuſchung dicht um ſeine Seele zu hüllen. Aber ſie fuhr mit einem Schrei des Schreckens zurück, als er plötztich laut und kräftig ausrief: „Gut! Ich will mir Ihren Rath zu Herzen neh⸗ men und will für's Erſte nach Hildburghauſen gehen, um zu erfahren, ob der Tod der Herzogin Charlotte den König veranlaſſen wird, dorthin zu kommen!“ 118 Eine Bläſſe eigener Art hatte das blühende Geſicht der Frau Dorſak dermaßen entſtellt, daß Maltmann ganz erſtaunt ſein Auge auf ſie heftete, als ſie mit wan⸗ kender Stimme wiederholte:„Der Tod der Herzogin Charlotte? Sagten Sie nicht ſo?“ „Beruhigen Sie ſich“, ſprach er, mit vermehrtem Mißtrauen ſie fixirend,„noch lebt dieſe hohe Frau, die Ihnen vielleicht früher freundlich gewogen geweſen iſt! Sie iſt nur ſchwer erkrankt! Wollen Sie mir nicht geſte⸗ hen, wer Sie ſind, Modame, ſo werde ich es wahr⸗ ſcheinlich in Hildburghauſen erfahren, denn, daß Sie todtenbleich bei dieſer Nachricht geworden ſind, iſt mir eine Beſtätigung meiner Meinung. Sie kennen die Herzogin?“ „Ja wohl“, entgegnete Frau Dorſak ſehr weh⸗ müthig, aber ſicher und feſt.„Ihro Gnaden hat wäh⸗ rend der erſten Invaſion Napoleon's Zuflucht beim Baron Hohenſtein geſucht und hat ihre Milch nirgends lieber getrunken als im Meierhofe am See!“ , entgegnete Maltmann, wiederum irre ge⸗ macht, gezogenen Tones. „Seitdem habe ich die hohe Dame oft wieder⸗ geſehen“, fuhr Frau Dorſak fort, und die Stunden wer⸗ den mir ewig unvergeßlich ſein, wo ſie hier am Forte⸗ „So“ ——————— —— —— 119 piano bisweilen ein Lied ſang. Und ſie iſt krank, Herr Maltmann, wirklich lebensgefährlich krank?“ „Den Zeitungen nach iſt ſie dem Tode nahe, Ma⸗ dame, aber die Gefahr kann übertrieben worden ſein“, antwortete er mitleidig. Es thut mir leid, Sie unvor⸗ ſichtigerweiſe dadurch erſchreckt zu haben“, fügte er hinzu, ſeinen Rock zuknöpfend und nach der Mütze greifend. „Ich hätte es ja doch erfahren, ob einen Tag frü⸗ her oder ſpäter, was macht dies uns?“ meinte Frau Dorſak gelaſſen, indem ſie das Licht ergriff, um ihm hinauszuleuchten. Er verneigte ſich höflicher als ſonſt.„Hätte ich ahnen können, hier im Meierhofe eine ſo angenehme Zerſtreuung zu finden, ſo würde ich mir das Vergnügen gemacht haben, Sie früher aufzuſuchen“, ſprach er, Ab⸗ ſchied nehmend. Frau Dorſak affectirte ein ſorgloſes Lächeln, als ſie eben ſo höflich entgegnete: „Für die Dauer würden Sie ſich gelangweilt haben!“ Mit dieſen Worten beendeten ſie Beide eine Unter⸗ haltung, die ſich nur mit Mühe auf der Oberfläche ge⸗ wöhnlicher Geſpräche hatte halten laſſen. Maltmann 120 ſchritt in die ſtille Nacht hinaus. Er fühlte ſich von den Rathſchlägen einer ganz obſcuren Perſon wunderbar er⸗ ſchüttert, weil er dieſelben als eine unabſichtlich ausge⸗ ſprochene Meinung betrachten mußte. Je länger er darüber nachdachte, deſto rathſamer erſchien es ihm, den⸗ ſelben Folge zu leiſten, und als er ſein Zimmer wieder betrat, da kam es ihm vor, als hätte er thörichterweiſe eine ganze Reihe von Wochen verträumt, ſtatt zu handeln. Flugs rief er ſeinen Diener herbei und eröffnete dem angenehm überraſchten Manne, daß er zu packen habe, weil am nächſten Tage aufgebrochen werden ſollte. „Es war auch nicht länger zum Aushalten hier in den öden Bergen, gnädiger Herr“, erklärte Georg freudeſtrahlenden Angeſichtes.„Wohin dirigiren wir uns?“ „Zuerſt nach Hildburghauſen“, war Maltmann’'s Antwort. 4 „Als Herr Engelbrecht Maltmann?“ fragte Georg naiv.„Oder treten wir wieder als— „Still! Hier will ich den Namen nicht genannt wiſſen, Georg!“ gebot der Herr. „Es könnte leicht eine Stunde kommen, wo ich mit Beſchämung dieſer Zeit gedächte, und davon braucht 121 außer meinem alten treuen Georg Niemand etwas zu wiſſen!“ Der Diener küßte dem Herrn reſpectvoll die Hand, welche ihm gütig gereicht wurde, und entfernte ſich in der freudigen Gewißheit, bald wieder ſtandesgemäß ſein Weißbier in Berlin trinken zu können. Achtes Capitel. Wolken der Vergangenheit. Niiccht ganz ſo friedlich verlief ſich der Eindruck der ſtattgefundenen Unterhaltung im Meierhofe. Frau Dor⸗ ſak wartete nur die Entfernung ihres unerwünſchten Gaſtes ab, um die Maske zu löſen, die ihr Weſen wie eine Lüge von allen Seiten einſchloß. Unruhig durch⸗ wanderte ſie die beiden Zimmer, die, neben einander be⸗ legen, ein hübſches Enſemble bildeten. Sie konnte ihre Faſſung durchaus nicht wieder gewinnen und der Sturm, welcher ihre Bruſt durchwogte, lüftete endlich die Hülle von dieſer ruhigen Geſtalt, die, ungeſehen von Men⸗ ſchenaugen, eine übergroße Laſt von bitteren Lebens⸗ erfahrungen mit ſich herumtrug. Sie hatte gehofft, das Schickſal ihres Lebens durch Energie bezwungen zu haben und nun veränderte ein einziger Tag den Schlag ihres ſtillgewordenen Herzens; nun riſſen, wie durch unterirdiſche Mächte bezwungen, alle Anker, womit ſie ſich ſicher einer ungeſtörten Ruhe überantworten zu kön⸗ 123 nen geglaubt.„Warum bricht denn Alles über mich zu⸗ ſammen?“ fragte ſie ſich, leidenſchaftlich bewegt ihre Hände ringend.„Wozu ſendet Gott neue Unruhe dem Herzen, das endlich aufgehört hatte zu bluten? Soll ich umſonſt meinen Geiſt bezwungen haben? Soll ich dennoch die Schmähungen der Welt auf die Kinder deſ⸗ ſen werfen ſehen, der der Verſuchung des Glanzes er⸗ lag? O, mein Vater— mein Vater! Gib mir ein Zeichen, daß ich den Zorn des Himmels nicht verſchul⸗ det, daß ich dieſen neuen, herben Kampf nicht verdient habe!“ Als erwarte ſie wirklich ein übernatürliches Ereig⸗ niß vom Himmel, ſo ergebungsvoll richtete ſie ihre Augen in die Wolken des Nachthimmels, die, vom Mondlichte beglänzt, dahinzogen. Statt des erwarteten und erſehnten Wunders aber umſchlang ein weicher zarter Arm ihren Nacken und eine kindliche Stimme flüſterte in ihr Ohr: „Mutter, was ſollte das Alles heißen? Warum mußte ich jodeln? Weßhalb mußte ich fliehen?“ Frau Dorſak wendete ſich raſch um und blickte Jo⸗ ſephen eine Weile prüfend in's Auge. Konnte ſie dieſem Kinde die Gründe ihres Handelns ſchon vertrauen? Mußte ſie es eigentlich nicht, da ſie in Gefahr war, die einzige Vertraute auf der weiten Welt durch 124 den Tod zu verlieren? Niemand als die Herzogin von Hildburghauſen kannte ihre Verhältniſſe— Niemand, als ſie kannte ihre Vergangenheit. Sie hatte Alles ver⸗ nichtet, was Aufſchluß über ihr früheres Leben hätte geben können, weil ſie von der Herzogin das Verſpre⸗ chen erhalten, für die weltliche Stellung der Kinder Sorge zu tragen und mit ſchonender Hand die Wege zu ebnen, die ſie ſpüter zu betreten nöthig hatten. Rück⸗ ſichtlich ihres Sohnes hatte ſie ſchon Wort gehalten. Aber, was wurde aus ihm, wenn ſeine Beſchützerin wirklich von der Erde abgerufen werden ſollte? Was wurde aus ihm, wenn auch ſeine Mutter unerwartet ſterben ſollte? Wenn er dann zu ſeinem Schrecken fand, daß er, gleich einem verirrten Wanderer in der großen Einöde des Weltbetriebes, allein ſtand, daß er weder von ſeiner Abſtammung, noch von ſeinen Exiſtenzmitteln Rede und Antwort geben konnte. Eine Reihe von Jah⸗ ren hatte ſie den Sohn nicht geſehen. Sie waren ſich entfremdet. Er lebte in dem Gewühle der preußiſchen Reſidenz, vielleicht zum Weltmenſchen verflacht und ihr blieb nur ihre Tochter Joſepha zur Vertrauten übrig. Wäre Frau Dorſak in ihrer gewöhnlichen Gemüthsver⸗ faſſung geweſen, ſo hätte ſie nach andern Mitteln zur Vorſorge geſucht, allein ſie hatte ſchon vorher die ————p— 12⁵ Schranken der Selbſtbeherrſchung durchbrochen, daher antwortete ſie lebhaft bewegt: „O, mein Kind, mein liebes Kind, es ſtürmt plötz⸗ lich um uns und ich weiß nicht, was dieſer Sturm ver⸗ nichten, was er aufdecken kann. Ich muß zu Dir reden, ich muß Deinen Jugendfrieden ſtören und Dein unver⸗ ſuchtes Gemüth mit Geheimniſſen belaſten, damit Du Deinem Bruder offenbaren kannſt, was er wiſſen muß, wenn ich früher heimgehen ſollte zu meinem himmliſchen Vater, als Euer Schickſal ſichergeſtellt iſt.“ Joſepha, die noch niemals ſo leidenſchaftlich ernſte Worte von ihrer Mutter gehört hatte, ſchlang beide Arme um ſie und barg erſchrocken ihr Geſicht am Buſen der⸗ ſelben. Frau Dorſak zog ſie ſanft zum Sopha hin. Ihr Entſchluß ſtand feſt. Sie wollte und mußte den Schleier ihrer Vergangenheit ſo weit lüften, daß es ihren Kindern ſpäterhin nicht ſchwer werden konnte, ihre Herkunft zu beweiſen, aber mit welchen Schmerzen ſie dies erfüllen würde, das empfand ſie ſchon bei dieſer Einleitung. Die liebenswürdige, geiſtige Unruhe, die ſie den Männern ihrer frühern Umgebung ſo gefährlich ge⸗ macht hatte, brach nun gewaltſam wieder hervor und aus dem charaktervollen Weſen der berufstüchtigen Frau blitzten die verrätheriſchen Funken der Phantaſie empor. 126 Joſepha fühlte das verwandte Element ihres Na⸗ turells auf der Stelle heraus. Sie ſetzte ihre Einbil⸗ dungslraft in volle Thätigkeit und erwartete zitternd die weitere Auseinanderſetzung ihrer Verhältniſſe. „Es liegt ein Schleier auf meiner Vergangenheit, Joſepha, den ich theilweiſe zu zerreißen mich gedrungen fühle. Es wird Dich überraſchen, wenn ich Dir ſage, daß wir nicht immer in dieſem öden Thale gewohnt ha⸗ ben, daß eigene Schuld und Unglück mich hieher ge⸗ bannt.“ „Eigene Schuld?“ wiederholte Joſepha und hef⸗ tete, ſich ſchnell emporrichtend, den Blick ſo innig auf ihre Mutter, daß dieſe ſie küſſen mußte. „Du zweifelſt an einer Schuld und ich betrachte dies als den Lohn meiner herben Entſagung, womit ich dieſe Schuld zu ſühnen verſuchte. Höre achtſam auf das, was ich Dir ſage, mein Kind, und feſſele Deine lebhafte Phantaſie einige Momente daran. Es wird noth thun, daß Du es Dir einprägſt, weil ich meine Enthüllungen für heute noch beſchränken will.“ Joſepha drückte ſich feſter an ihre Mutter, als dieſe fortfuhr: „Stelle Dir ein großes, alterthümliches, prächtiges Haus vor, das auf einer Anhöhe, von den übrigen Wohnhäuſern der Stadt durch einen breiten Strom ge⸗ — — —— 127 trennt, lag, inmitten einer Anzahl ehemalig katholiſcher Kloſterhäuſer, die ſich um einen ehrwürdigen Dom ſchaarten. Stelle Dir dies Haus lebhaft vor. Im In⸗ nern ſtill und fr eedlich, geregelt nach ernſter Lebens⸗ weiſe, luxuriös und dennoch einfach ausgeſtattet, ganz dem Stande eines Mannes gemäß, der als Domprobſt darin lebte. Dieſer Mann war mein Vater. Ich war ſein einziges Kind, das Ueberbleibſel aus einer ſpät ge⸗ ſchloſſenen glücklichen Ehe. Er lebte nur mir, nur meiner Erzi hung und ſeinem Berufe. Für ihn gab es keine andere Welt als die Welt in ſeinem Hauſe und die Erfüllung ſeiner Pflichten machte ſeine Freuden aus. Stelle Dir dieſen Großvater als das echte Bild eines proteſtantiſchen, frommen Geiſtlichen vor, der die Hei⸗ ligkeit ſeines Standes auch im Aeußern repräſentirte.“ Joſepha hing mit weit geöffneten Augen an den Lippen der Sprechenden. Ein Gefühl der Ehrfurcht und Sehnſucht durchſchauerte ihre Bruſt bei der Schilderung ihres Großvaters. Es war ihr zu Muthe, als hätte ſie immer ein ſolches Bild geliebt. Die Mutter ſprach weiter: „Im Jahre 1795 trat ein glänzender Gaſt in dies ſtille, friedliche Haus, meine Joſepha, und noch in dem⸗ ſelben Jahre führte dieſer Gaſt mich als ſeine Gattin 128 fort von Havelberg, fort aus dem alterthümlich präch⸗ tigen Hauſe nach der Reſidenz Preußens, nach Berlin.“ „Mein Vater?“ fragte Joſepha ſchüchtern. Frau Dorſak neigte zuſtinmend ihr Haupt. „Dein Vater war ein von Gott und vom Schick⸗ ſale begünſtigter und begabter Mann“, fuhr ſie raſcher fort, als thue ihr die Erinnerung ſehr wehe.„Sein Leben in der großen Welt, ſeine glänzende Stellung, ſeine Verbindung mit den geiſtreichſten und dabei ein⸗ flußreichſten Männern, ſeine Freundſchaft mit den an⸗ geſehenſten Gelehrten, mit den berühmteſten Künſtlern, führten mich nach und nach in einen Strudel, dem meine unverſuchte Tugendkraft nicht gewachſen war. Ich ging beinahe unter, mein liebes, liebes Kind, aber Gottes Finger hob mich, als ich im Sinken war. Die Liebe Deines Vaters machte mich zum Mittelpunkte ſeiner glänzenden Geſelligkeit. Die Erziehung, die ich genoſſen hatte, unterſtützte meine Anlagen, dazu kam die ſchöne Stimme, welche ich von meiner ſeligen Mama geerbt, die mein Vater mit beſonderer Vorliebe hatte ausbilden laſſen— genug, ich war im Stande, den Platz, den mir das Geſchick vorbehalten, vollſtändig auszufüllen, und bald hatte ich für nichts mehr Sinn, als für die Ver⸗ gnügungen, die mir tagtäglich zu Gebote ſtanden. Aber mi der Vergnügungsſucht geht die Eitelkeit ſtets Hand — —— e — — 129 in Hand und mit der Eitelkeit wächſt der Leichtſinn. Eines Tages trat die Mahnung Gottes in der Geſtalt meines ehrwürdigen geliebten Vaters vor mich— ich aber verwarf dieſe Mahnung im trotzigen Uebermuthe und ſtieß die Warnungen des Vaters zurück. Er ſchied im Zorne von mir!“ Frau Dorſak athmete mehrmals ſehr tief und rang, ſichtlich beklommen, ihre Hände. Joſepha, die kaum zu athmen wagte, um nicht eine Silbe von der Enthüllung einer ungeahnten Vergangenheit zu verlieren, glitt ge⸗ räuſchlos neben ihrer Mutter auf's Knie nieder und ſtützte ihr Geſicht auf dem Schooß derſelben. Liebkoſend ſtrich die Mutter über den lockigen Scheitel der Tochter hinweg. „Höre weiter!“ ſagte ſie dann, wieder beruhigt. „Mein Vater verließ mich im Zorne, weil ich mich ſeiner Aufforderung„ihm zu folgen und meine Ehe mit dem Manne, den er erſt jetzt als unwürdig meines Be⸗ ſitzes erkannt habe, zu trennen“, auf das Beſtimmteſte weigerte, nachzukommen. Ich liebte Deinen Vater und konnte mich mit der Anſchauungsweiſe Deines Groß⸗ vaters, der nach bürgerlich kleinem Maßſtabe ſein Ur⸗ theil gab, nicht überein erklären. Was Dein Großvater zu verwerfen Urſache fand, bildete gerade den Grund⸗ ſtein meines glänzenden Lebens. Die Verbindung mit Idalium. I. 9 7 130 der Gräfin Lichtenau, einer Freundin des Königs, gab gerade unſerm Daſein das Lüſtre, das ich längſt zu lie⸗ ben begonnen hatte. Mein Vater ſchied im Zorne! Als hätte ſein Vaterſchmerz die Wellen des Unheiles, die uns nach Jahresfriſt überflutheten, heraufbeſchworen, ſo ungeahnet ſchnell traf Alles das ein, was er mir vor⸗ ausgeſagt hatte. Der König ſtarb. Sein Tod ſtürzte die Gräfin Lichtenau und der Sturz der Gräfin begrub unter den Trümmern ihres Glückes Deinen armen Va⸗ ter. Du warſt noch nicht geboren, meine Joſepha. Als man Deinen Vater fortſchleppte, um ihn in's Gefäng⸗ niß zu bringen, da fuhr der Schmerz mit ſolcher Bitter⸗ keit durch meine goldenen Lebensträume, das ich er⸗ wachte. Wohin nun? Was wir an Koſtbarkeiten, an Mobilien u. dgl. beſeſſen hatten, das fiel den Gläubi⸗ gern zu, denn es fand ſich, daß unſer Leichtſinn ſich auf vulkaniſchem Boden angebauet hatte. Wohin mit mei⸗ nem Knaben, der des Lebens Süßigkeit im Ueberfluſſe nur allzu ſtark gekoſtet? Wohin? Es naheten ſich mir Freunde fürchterlicher Art! Schaudernd wendete mein reines Herz ſich ab, aber wohin— wohin, mit dem Kinde, das lebte und leben wollte und wohin mit dem Kinde, das in wenigen Wochen zum Leben erwachen würde. 131 „Zum Vater! rief es in mir. Ich ſchrieb an mei⸗ nen Vater und demüthigte mich! Da kam er, nahm mich an ſeine Bruſt und ſagte:„Du ſollſt bei mir bleiben, ſollſt den Namen des Weltmenſchen, der im Schlamme groß geworden, ablegen, und ſ ollſt den unentweihten Namen Deines Vaters führen. Du ſollſt todt ſein für die, welche mit Dir gepraßt und verſchwendet, welche mit Dir Comödien aufgeführt und läſterliche Dinge ge⸗ trieben haben, Du ſollſt mein Kind wieder werden und Deine Kinder ſollen die Ehre meines Alters ſein. Trage in Geduld Deine Schmerzen.— Gott hat es weiſe ge⸗ lenkt, daß Du zeitig genug errettet biſt— Gott aber iſt mein Zeuge, daß mein Fluch Dich und Deine Kin⸗ der treffen ſoll, wenn ſich jemals die Saat in ihnen regt, die Du gelegt haſt. Heilig ſei Dir und Deinen Kindern die Gabe des Geſanges, die von Deiner ver⸗ klärten Mutter auf Euch übergegangen iſt. Heilig ſoll ſie gehalten werden und mein Segen wird dann auf Euch und Euerem Wirken ruhen!“ Frau Dorſak ſchwieg, erſchöpft von der innern Be⸗ wegung— Joſepha weinte. „Noch wenige Worte, mein Kind“, begann ſie bald wieder:„Das Geſchick gönnte mir die Ruhe nicht, die an der Seite mein es Vaters in mein Inneres zurück⸗ kehrte. Mein Vater erkrankte, als Du acht Monate 9* 132² zählteſt und er ſtarb, noch ehe wir Gefahr ahnten. Sein letztes Wort war eine Mahnung, meinen Schwur zu halten. Ich machte Alles zu Gelde, was mir an Nach⸗ laß zufiel, kaufte durch Vermittlung der Herzogin von Hildburghauſen dies Haus und zog mit Euch hieher.“ Neuntes Capitel. Falſche Götter. Am nächſten Tage, kaum daß der Morgen grauete, eilte Georg, der treue Diener Maltmann's, mit fröh⸗ licher Geſchäftigkeit eine kleine Kaleſche zurecht zu ma⸗ chen, die er im Dorfe aufgetrieben hatte. Es war ein Fuhrwerk, nichts weniger als elegant und bequem, aber nach den damaligen Anforderungen an Reiſegelegenheit immer ausreichend genug, um die nächſte Poſtſtation zu erreichen, von wo aus man mit ſtandesgemäßer Extra⸗ poſt weiter zu kommen gedachte. Frau Dorſak horchte froh überraſcht hoch auf, als ihr von den Mägden dies unerwartete Ereigniß mitge⸗ theilt wurde. Dieſe ſchnelle Abreiſe lichtete ihren Hori⸗ zont weſentlich von den Wolken, die Beſorgniß daran aufgethürmt hatten, und ſie konnte ein ſchadenfrohes Lä⸗ cheln nicht unterdrücken, wenn ſie daran dachte, daß es bei dem ſanguiniſchen Maltmann nur weniger Andeu⸗ 134 tungen bedurft hatte, um ihn aus ſeiner trägen Ruhe aufzuſchrecken. Hätte ſie in die verborgenen Tiefen ſeiner Seele dringen können, ſo würde ſich dieſem ſchadenfrohen Ge⸗ fühle ein Erſtaunen beigefügt haben, ein Erſtaunen über die unermeßliche Beweglichkeit ſeines Geiſtes, der ſich, ſelbſt im Mannesalter, noch mit Jünglingsunbeſonnen⸗ heit auf neue Bahnen warf. Maltmann hatte nichts Geringeres im Sinne, als ſeine Theorien in Stich zu laſſen, um der Vorſehung nun auf andere Weiſe eine freie, ungehinderte Entwick⸗ lung der Lebenswege zu eröffnen, die ihn zu einem Gi⸗ pfelpunkte zu bringen vermochten. Und das Geſchick zeigte ſich bereit, ſeine neuen, lebhaften Beſtrebungen zu unterſtützen. Er näherte ſich in ſeinem beſcheidenen Gefährte eben den erſten Häuſern des Städtchens, das ihn mit beſſerm Reiſefuhrwerk verſehen ſollte, als ein Cou rier im Galopp an ihm vorüberjagte und ſich in dem Laby⸗ rinthe der kleinen Gaſſen verlor. Erſt beim Gaſthofe, der ſtattlich am Markte prangte und mit ſeinen goldenen drei Kronen wie eine Glücksſonne ſtrahlte, ſah Maltmann dieſen Courier wieder, und zwar in der für ihn höchſt unangenehmen Beſtrebung, ſeinem Wege hinderlich zu ſein. 135 „Zurück— zurück!“ befahl dieſer gallonirte Vor⸗ reiter mit einiger Impertinenz, dem armen Pferde, das die Kaleſche zog, einen Peitſchenhieb verſetzend.„Die Paſſage muß frei ſein für Se. Durchlaucht den Prinz von Wittgenſtein. Zurück mit der elenden Karote— fahrt zur Seite, Ihr Leute! Se. Durchlaucht kann je⸗ den Augenblick eintreffen!“ Maltmann, der im Bewußtſein ſeines Standes ſchon eine herbe Zurechtweiſung auf den Lippen gehabt hatte, ließ auf der Stelle halten und winkte dem Vor⸗ reiter, näher zu kommen. Es konnte ihm gar nichts Angenehmeres in der Welt paſſiren, als ein Zuſammentreffen mit dieſem all⸗ mächtigen, preußiſchen Beamten hier in wildfremder Umgebung, wo kein Menſch eine Ahnung von der Be⸗ triebſamkeit auf der großen Schaubühne der Welt hatte. Hier um eine Audienz bei dem Staatspolizeiminiſter zu bitten, um das Terrain recognosciren zu können, das er bei ſeinen veränderten Lebensplänen kennen mußte, dabei wagte er nichts, denn ſeine Bitte hatte keinen amtlichen Charakter. Aber er mußte ſich erſt die nöthige Kenntniß zu verſchaffen ſuchen, von welcher Beſchaffenheit die Reiſe des Prinzen war. Deßhalb winkte er dem Cou⸗ rier und fragte ihn mit entſchieden vornehmer Manier: „Seid Ihr in Durchlauchts Dienſten?“ 136 Der Vorreiter, ebenfalls im Bewußtſein ſeines Standes, hatte eine grobe Antwort auf der Zunge, als aber ſein Blick in demſelben Momente über den Wagen hinſtrich, da begegnete er einem ſo bezeichnenden Ge⸗ berdenſpiele im Geſichte des treuen Georg, daß er höflich den Hut zog und feierlich die Frage bejahete. „So? Alſo eine Privatreiſe?“ forſchte Maltmann zufrieden lächelnd weiter. „Zu Befehl! Haben aber Depeſchen aus Berlin erhalten. Müſſen eiligſt zurück,“ referirte der Mann. „So? Wer begleitet Durchlaucht?“ „Niemand. Reiſen allein.“ „Wird Durchlaucht hier anhalten?“ „Zu Befehl. Haben Frühſtück beſtellt. Werden Pferde wechſeln!“ „Dann werde ich ausſteigen Georg“, ſprach Maltmann mit der Würde und Herablaſſung eines vor⸗ nehmen Mannes.„Beſorge mir meine Garderobe. Ich will den Prinzen erwarten und empfangen wie es ſich gebührt, da uns der Zufall einmal zuſammengeführt hat.“ Es geſchah, wie er befohlen hatte. In kurzer Friſt ſtand Herr Engelbrecht Maltmann in eleganter Civil⸗ tracht, die Bruſt mit drei Orden geſchmückt, im Vor⸗ ſaale der Bel⸗Etage, woſelbſt Se. Durchlaucht dejeuni⸗ 137 ren ſollte und ſah dem heranbrauſenden Poſtzuge ent⸗ gegen, der ihm den Prinzen von Wittgenſtein zuführte. Von tüchtiger, kundiger Hand gelenkt, ſtanden die ſechs Pferde auf einem Ruck ſtill wie angenagelt vor dem Gaſthofe zu den drei goldenen Kronen und der Wirth begrüßte in größter Devotion den ausſteigenden, leutſelig grüßenden Herrn, ihn unter unzähligen Reve⸗ renzen die breite, hübſche Treppe hinaufleitend. Oben ſtand Herr Engelbrecht Maltmann. Er ver⸗ neigte ſich ehrerbietig. Der Prinz blickte etwas unſicher auf ihn hin. Dieſe kleine, elegante Männergeſtalt kam ihm bekannt vor, ohne daß er ſie ſogleich richtig zu placiren wußte. „Ei der Tauſend—“ ſprach er zögernd—„irre ich mich? Staatsrath Maltmann von Mörs?“ „Durchlaucht geſtatten, daß ich unbefugter Weiſe die Honneurs mache“, entgegnete Maltmann, unbefangen lächelnd.„Der Zufall ließ mich wenige Minuten vor Ihnen hier eintreffen—“ „Vortrefflich lieber Staatsrath“, rief der Prinz, heiter einfallend.„So habe ich Geſellſchaft beim Früh⸗ ſtück! Treten wir ein!“ Er ſchritt raſch in den kleinen Salon, wo in aller Eile ein Frühſtücktiſch arrangirt war, und überflog das Arrangement mit ſeinen Augen. 138 „Schnell“, befahl er, als er nur ein Couvert wahr⸗ nahm,„ſchnell, noch ein Couvert für den Staatsrath Maltmann von Mörs! Setzen wir uns indeſſen. Ich habe verteufelt viel Appetit! Wie geht's Ihnen, Staats⸗ rath? Was ſagen Sie zu den albernen Demagogenſtrei⸗ chen? Man hat mich förmlich aus meinem dolce far niente damit aufgeſprengt. Mein Bruder, bei dem ich auf Beſuch war, lachte darüber, ich aber finde die Ge⸗ ſchichte nicht zum Lachen, ſondern zum Aergern. Kaum zur Ruhe gekommen, mitten im beſten Staatsreformiren tauchen ſolche Hirngeſpinnſte auf, um unſere Arbeit nach innen zu mehren!“ Er zusterürach ſich nur um eine Taſſe Bouillon auszuſchlürfen, Maltmann jedoch be⸗ nutzte die Pauſe, um ſehr beſch eiden einige verwunderungs⸗ volle Fragen über das Thema ſeiner Rede einzuwerfen. „Was? Sie wiſſen noch nicht, daß es in den Kö⸗ pfen unſerer Jugend gährt?“ fragte der Prinz ſehr er⸗ ſtaunt.„Sie wiſſen nicht, daß ſich unſere Schulknaben einbilden, das Vaterland nach ihrem Willen regieren zu können, weil ihre Brüder, Vettern und Väter es vor fünf Jahren zu befreien eilten? Wo haben Sie denn geſteckt, daß Sie von dem Crawall, der ganz Deutſch⸗ land zu durchziehen ſcheint, noch gar nichts gehört haben?“ 1„Meine Geſundheit forderte ländliche Ruhe und Stille—“ ſchob Aundönü verlegen ein. 139 Der Miniſter ließ aus ſeinen halbzugedrückten Augen einen mißtrauiſchen Blick über das Geſicht des Staatsrathes ſchweifen und fuhr, raſch ſprechend, fort: „Man hegt den Verdacht, daß die Lehrer an den Gymnaſien, daß die Profeſſoren der Univerſitäten, daß die Autoren der politiſchen Blätter ihre Hände mitſam⸗ men im Spiele hätten und man ſpionirt ſchon nach Denen umher, die als die Quellen des austretenden Stromes anzuſehen ſind.“ Er hielt inne und ließ wieder einen Blick auf den Staatsrath fallen, der dieſem höchſt unan⸗ genehm war.„Ich weiß, Sie ſind politiſcher Schrift⸗ ſteller“, fügte er dann hinzu,„Sie werden ſich jedoch hoffentlich nie zum Organe von Ideen machen, die der Revolution ſehr nahe kommen?“ „Bevor ich Ew. Durchlaucht dieſe Frage beant⸗ worte, muß ich zuvörderſt um Angabe deſſen bitten, was die Jugend unſeres Vaterlandes bezweckt“, ſprach Maltmann von Mörs mit ruhiger Würde. „Das wiſſen Sie alſo nicht!“ lachte der Miniſter huldvoll.„Nun, dann hat es mit Ihrer Schuld daran nichts zu ſagen. Es ſollte mir auch leid thun. Sie ſind tüchtig in Ihrem Berufe und haben uns mit Ihrer Feder ſchon oftmals genützt. Das werden Sie hoffentlich auch ferner thun.“ Maltmann verbeugte ſich, zeigte jedoch eine ſo ſicht⸗ 140 liche Neugier, mehr von den demagogiſchen Umtrieben im lieben Vaterlande zu erfahren, daß der Prinz ſogleich, lebhaft erzählend, fortfuhr: „Denken Sie ſich, Staatsrath, man hat Briefe aufgefangen, die Grauſen erregen könnten, wenn der Briefſteller nicht noch täglich aus ſeinem Rocke hinaus⸗ wüchſe. Ein gewiſſer Witt, von Geburt ein holſteini⸗ ſcher Pferdehändler, hat ſich das Vergnügen gemacht, ein Gedicht zu fabriciren und es unter dem Titel„die deutſche Jugend an die dentſche Menge“ drucken zu laſſen, und zwar mit einem Anhange, worin er die Nothwen⸗ digkeit und den Nutzen einer Revolution in Deutſchland darſtellt. Man würde darüber lachen können, wenn nicht gleichzeitig der Profeſſor Oken in Jena ſich zum Verthei⸗ diger dieſes Menſchen aufgeworfen und die Ideen des Verrückten für beachtungswerth erklärt hätte.“ Maltmann ſchüttelte ungläubig den Kopf.„Pro⸗ feſſor Oken iſt ein Ehrenmann, Durchlaucht“, ſagte er gemeſfen. Ihm wurde etwas ſchwül zu Sinne und er fürchtete jeden Augenblick einen Angriff ſeiner Grundſütze. „Mag ſein, Herr von Mörs“, eutgegnete der Mi⸗ niſter.„Er muß aber doch fort vom Lehrſtuhle, um damit einen Niederſchlag in den exaltirten Gemüthern zu be⸗ wirken. Sollen wir die ſechzehnjährigen Tertianer be⸗ ſtrafen, die in ihrer Dummheit es als eine Kleinigkeit an⸗ 141 ſehen, ein einiges Deutſchland unter einem Kaiſer durch den Mord ſämmtlicher deutſcher Fürſten zu gründen? Sollen wir dieſe Buben überwachen, die acht und dreißig Dolche zu ſchleifen bereit ſind, ihrer wahnwitzigen Idee zu Liebe? „Nein, wir müſſen das Uebel an der Wurzel faſſen und die Lehrer ſtrafen, die ſolchen Thorheiten Vorſchub leiſten, die durch ihre tolle Begeiſterung das bis zum Fanatismus erhitzen, was ſie klugerweiſe dämpfen ſollten. Der Umſturz ſämmtlicher Throne Deutſchlands wird weder durch Mord, noch durch Revolution erzielt werden, darauf gebe ich Ihnen mein Wort! Dergleichen chimä⸗ riſche Theorien vertreten Sie alſo nicht, Staatsrath?“ „Nein, gnädigſter Herr“, antwortete Maltmann, freimüthig aufblickend.„Was ich zum Staatenwohle für heilſam erachte, liegt ſolchen verbrecheriſchen Ab⸗ ſichten fern. Zum Sturze von Verfaſſungen können nur Schulknaben rathen, aber nicht erfahrene Männer. „Nicht die Auflöfung der ganzen Syſteme führt zum Heil, ſondern die zeitgemäße Reform. Wir haben in rei⸗ fern Jahren einen Abſcheu gegen gewaltſamen Umſturz und die Revolution Frankreichs lehrt uns auch den in⸗ ſtinktmäßigen Widerwillen beachten, aber dagegen iſt auch in's Auge zu faſſen, daß Dasjenige, was wir jetzt 142 widernatürlich zu erhalten ſuchen, eines Tages zum Sturze kommen wird!“ Prinz Wittgenſtein ſtrich ſich unmuthig über die Stirn.„Sie meinen es im Allgemeinen gut, Staats⸗ rath“, erwiderte er kühl.„Etwas weniger für die Volks⸗ intereſſen könnten Sie exaltirt ſein, damit man Sie nicht fälſchlicherweiſe mit den Demagogen zugleich an den Pranger der Oeffentlichkeit ſtellt. Wo haben Sie bis jetzt gehauſet?“ ſchob er ſchnell fragend dazwiſchen. „Am Fuße des Hohenſteins, Durchlaucht,“ ant⸗ wortete Maltmann arglos. „Wie? Doch nicht als Gaſt auf Kleineck bei den Wöllners?“ rief der Miniſter frappirt. „Nein. Ich lebte, einſam meinen Studien hinge⸗ geben, in einem Landhauſe unfern des See's.“ „Iſt das Zufall geweſen? Wirklich, reiner Zufall? Nun, beſter Herr von Mörs, es gehört wirklich eine ſo gute Meinung, wie ich ſie von Ihnen habe, dazu, um an einen Zufall zu glauben, wo Jedermann eine abſichtliche Handlung ſuchen würde, der Ihre literariſchen Thätig⸗ keiten kennt. Fedor von Wöllner iſt ja eben einer der Heroen der verbrecheriſchen Verbindungen— er iſt ja Derjenige, welcher einen unſinnigen Aufruf an achtund⸗ dreißig wehrhafte Jünglinge erlaſſen hat, um die achtund⸗ dreißig ſcharfgeſchliffenen Dolche für die Tirannen 143 des deutſchen Vaterlandes in die ſicherſten Hände zu geben.“ „Ich habe nicht die Ehre gehabt dieſen heldenmü⸗ thigen Jüngling kennen zu lernen“, erwiderte Maltmann mit ironiſcher Artigkeit.„So viel ich weiß, lebt die Fa⸗ milie ſchon längſt in Dresden. Uebrigens iſt eine derar⸗ tige Geſinnung in der That kaum zu begreifen, noch dazu, da die Familie Wöllner ſelbſt Grundbeſitz hat!“ „Ja wohl“, fiel der Miniſter lachend ein, und noch dazu, da einer dieſer zum Morde reifen Tirannen erſt ſeinen Großvater vom Puder des Mehlſackes befreiet hat! Man ſucht den blutdürſtigen Knaben, um ihm über die gedachten Anſprüche der deutſchen, gekrönten Häup⸗ ter Vorleſungen zu halten. Haben Sie nichts von dem Burſchen gehört in Idalium?“ „Ich habe gar keinen Verkehr mit den Bewohnern der Höhen und der Thäler geſucht“, erklärte Malt⸗ mann ſehr ernſt. „Auch mit der hübſchen Frau Dorſak nicht?“ fragte lächelnd drohend der Prinz. „Nein“! rief Maltmann überraſcht.„Durchlaucht kennt die Frau Dorſak?“ „Ei, wenn man beim Baron Hohenſtein geweſen iſt, ſo verdiente man doch wohl den größten Tadel, 144 nicht ein Glas Milch aus Frau Dorſak's Milchkam⸗ mern getrunken zu haben!“ ſcherzte der Prinz. „Den Tadel habe ich auf mich geladen! Frau Dorſak's Milch hat meine Lippen nicht genetzt,“ ent⸗ gegnete im gleichen Tone der Staatsrath. „Dann haben andere Intereſſen Sie in den Meierhof geführt?“ neckte der Prinz weiter. „Allerdings,“ referirte Maltmann.„Ich habe verſuchen wollen die Tochter der Frau zur Sängerin ausbilden zu laſſen. Leider bin ich mit meinen Vor⸗ ſchlägen entſchieden zurück gewieſen.“ „Hat die Tochter wirklich Stimme?“ fragte der Prinz mit größerer Aufmerkſamkeit.„Ihr Sohn ſang auch vortrefflich und hat ſich dadurch die Gunſt der lie⸗ benswürdigen Herzogin von Hildburghauſen erworben. Kennen Sie ihn?“ „Den Knaben habe ich nicht kennen lernen und nicht ſingen hören. Es war überhaupt nur Zufall, daß ich Kenntniß von der Familie nahm.“ „Den Knaben?“ wiederholte der Prinz nachſin⸗ nend.„Nun, ſo ſehr Knabe wird er wohl nicht mehr ſein. Als ich ihn das letzte Mal ſah, war er ſchon ein ſtattlicher Burſche. Früher brachte ich jeden Som⸗ mer einige Wochen beim Baron Hohenſtein zu. Seit⸗ dem der alte Herr aber eine heilloſe Furcht vor einer 145 Verſchwägerung mit der Familie Wöllner hat, wohnt er nicht mehr dort, ſondern reiſet mit ſeinem Enkel in der Welt umher.“ Maltmann von Mörs hatte zerſtreut zugehört. Ihn beſchäftigte der Gedanke an Frau Darſak mehr, als des Baron Hohenſteins Sorgen, deßhalb ließ er die letzten Worte des Prinzen unbeantwortet, und fragte plötzlich: „Was mag der Mann dieſer Frau geweſen ſein?“ Prinz Wittgenſtein ſah ihn zuerſt groß und ver⸗ wundert an, dann umſpielte ein feines Lächeln ſeine Lippen. „Sie meinen Dorſak? Wie kommen Sie zu der Frage? Wahrſcheinlich hat er dasſelbe Metier betrieben wie ſeine ehrenwerthe Gattin, und ſie ſetzt das Geſchäft mit Umſicht und Eifer fort. Warum fragen Sie danach?“ „Weil mir die Frau gebildeter vorkam, als man es erwarten kann. Sie ſchien ſeltſamer Weiſe von meiner Vergangenheit unterrichtet zu ſein—“ „Ei der Tauſend! Vielleicht iſt der ſelige Dorſak als Jäger mit dem Baron Hohenſtein in der Reſidenz, geweſen und hat dort allerlei gehört. Was war es, was ſie wußte?“ „Sie ſpielte auf ein Jugendabenteuer an, das ich vor zwanzig Jahren hatte.“ Idalium. J. 10 146 „Staatsrath— ein Liebesabenteuer?“ rief die Durchlaucht lachend.„Haben Sie jemals exeellirt darin? Ich dächte nicht.“ „Das kann ich nicht behaupten,“ erklärte Malt⸗ mann, ſeine kleine Geſtalt etwas emporrichtend.„Allein das damalige verlief mit einem Duell,“ fügte er hinzu, ſich in die Bruſt werfend. „Erzählen Sie doch! das iſt drollig, Staatsrath! Konnten Sie denn fechten? Oder ging's los auf Pi⸗ ſtolen?“ „Allerdings— auf Piſtolen. Mein Gegner war der Finanzrath von Bendler, Durchlaucht.“ „Halt' mal! Helfen Sie erſt meinem Gedächtniſſe nach. Bendler— Bendler? War der Mann nicht eine Creatur der ci devant Gräfin Lichtenau, ſpäterer Schauſpieldirector von Holbein, jetzt ſchmählich ver⸗ laſſenen Uriadne?“ „Ganz richtig, durchlauchtiger Herr! Bendler hatte eine bildſchöne, talentvolle Frau.“ „Auch aus dem Stamme der Gräſin Lichtenau? Sie wiſſen doch, daß ſie aus dem Geſchlechte der Trom⸗ peter ſtammte? Vielleicht gehörte die ſchöne Bendler zum Poſannengeſchlechte!“ „Nein! Frau von Bendler ſtammte aus der Fa⸗ milie eines Geiſtlichen. Sie war ſchön wie ein Feen⸗ 147 kind, aber prüde wie eine Landpflanze. Sie glaubte ihre Tugend in Gefahr, als ich, hingeriſſen von ihrem göttli⸗ chen Geſange, huldigend vor ihr niederſank und ihre Hände küßte. Ihr Hülferuf führte nicht allein ihren Gatten, ſondern auch die Gäſte herbei, und um das De⸗ corum zu beobachten, ſchlugen wir uns.“ „Ja, ja, ja! Ich erinnere mich, Mörs! Ich erin⸗ nere mich!“ unterbrach ihn der Prinz boshaft.„Man verfertigte damals eine Carrikatur auf Sie und ließ Sie als Falſtaff vor der Dame knieen! Ich erinnere mich! Ganz Berlin war voll davon. Das Bild hing an allen Schaufenſtern.“ „Erlauben Sie, Durchlaucht,“ ſprach Maltmann eifrig.„Sie irren ſich! Sie verwechſeln mein Aben⸗ teuer mit dem des Commerzienrath Schmidt, des ſoge⸗ nannten„dicken Cupido“, der unſers ſeligen Königs Geſchmack theilte und für die Gräfin Lichtenau ent⸗ brannt war. Der König überraſchte den corpulenten Anbeter ſeiner Geliebten zu ihren Füßen und ſoll ihm halb im Zorn und halb im Scherz einen Krückſtock des alten Fritz verehrt haben, damit er künftighin ohne fremde Hülfe wieder aufſtehen könne, im Falle ſeine Leidenſchaft ihn zu Kniebeugungen verleite. Dieſen Vorfall beutete der Witz der Berliner Scribenten aus, und man illuſtrirte ihn.“ 10* 148 Wie Blitzesleuchten hatte die Freude über ſeine kleine Bosheit, während dieſer Berichtigung, das Mie⸗ nenſpiel des feinen Diplomaten durchzuckt. Was er beabſichtigt hatte, war gelungen. Er kannte Maltmaun genau genug, um zu wiſſen, daß dieſer kluge, aber eitle Beamte nur ſo lange ſehr ſchlau war, wie er nicht eifrig und gereizt wurde. Ihm lag daran den Zufall zu benutzen, der ihm einen ſn brauchbaren Mann in den Weg geworfen hatte. Ihm lag aber auch daran, dieſem Beamten nicht merken zu laſſen, daß er benutzt werden ſollte, alſo galt es, ihn aufzuregen. „Excusez, lieber Mörs!“ rief er heiter.„Ja, ja, Sie haben recht— der dicke Schmidt war das Ori⸗ ginal dieſer Carrikatur. Nun? Wie war es mit Ihrem Abenteuer? Hoffentlich endete es mit dem Duelle nicht, ſondern ging ſchließlich in erhörte Liebe über.“ „Mit nichten, Durchlaucht! Die kleine, ſpröde Schöne verbat ſich ein für alle Mal meinen fernern Beſuch, ſtillte jedoch leider das Gerede dadurch nicht, denn die Fama trug es, zu ihrem Kummer, bis zu ihres Vaters Ohren und weckte dieſen aus ſeiner Sorg⸗ loſigkeit. Es war eine ganz dumme Geſchichte, Durch⸗ laucht!“ „Aber intereſſant, lieber Mörs!“ ſentgegnete der Miniſter, ſich ſchnell erhebend. 4 149 „Sie müſſen mir von dieſen Bendler's mehr erzählen! Wie endete der Mann? Mir iſt dunkel erin⸗ nerlich, als wäre er nach dem Tode unſers hochſeligen Herrn caſſirt, iſt's ſo? Wiſſen Sie was, ſahren Sie mit mir— ich habe Eile und ſterbe faſt vor Lang⸗ weile allein im Wagen. Fahren Sie mit mir und er⸗ zählen Sie mir, was Sie Intereſſantes in jener tollen Zeit erlebt haben!“ Er wendete ſich, Gleichgültigkeit heuchelnd, ſehr ſchnell zu ſeinem Kammerdiener und ließ ſich den Mantel umlegen. Dadurch entging ihm der Ausdruck in Malt⸗ mann'’s Mienen, der ſich als eine höchſt angenehme Ueberraſchung erwies, als er ſich ſo unerwartet ſeinem Ziele näher gerückt fand. Günſtiger konnte wahrlich der Zufall nicht ſpielen, um ihn wieder in die Bahn zu lenken, die er ſich ſelbſt in ſeiner Selbſtüberſchätzung verſchränkt hatte. Willfährig verbeugte er ſich und folgte dem neu gewonnenen Gönner unverzüglich, als dieſer hinabging, um ſeinen Wagen wieder zu beſteigen. Georg nahm ſeelenvergnügt ſeinen Platz neben dem Kammerdiener Se. Durchlaucht ein, und ſo ging es fort im Galopp, einem neuen, noch in Dunkel ge⸗ hüllten Daſein entgegen. 1 4 4 1 1 150 Wer würde es wohl den beiden höflich kalten Her⸗ ren angeſehen haben, daß ſie, um ihrer Partei willen, von einander Gebrauch zu machen geſonnen waren! Mit der nachläſſigſten Miene vereinigten ſich hier zwei Staatsmänner, welche ganz verſchiedene Zwecke verfolgten, die zu erreichen der Eine die Macht, die zu unterſtützen der Andere den Geiſt hatte. Beide glaubten ſich ſelbſt zu nützen, indem ſie eine Annäherung verſuchten, Sie wußten recht gut, daß ſie entgegengeſetzter Mei⸗ nung waren, daß es im Vortheil des Einen lag, die geiſtigen Bewegungen im Volke zu hemmen, die der Befreiungskrieg hervorgerufen hatte, und daß der An⸗ dere ein Streiter für die Nothwendigkeit einer Conſti⸗ tution war, welche die Geiſtesregſamkeit im Volke zu befördern drohte, aber ihr perſönliches Intereſſe ließ dieſe Anſichten in den Hintergrund treten und machte ſie gleichzeitig blind für die Folgen einer gegenſeitigen Verpflichtung. Herr Maltmann von Mörs hielt ſich für ſelbſt⸗ ſtändig genug, ſeinen Weg wieder betreten zu können, wenn er wollte, deßhalb ſtürzte er ſich lächelnd in die Grube, die zu graben der Miniſter für zweckmäßig hielt. Er hätte berückſichtigen ſollen, daß Knoten ſtets leichter zu ſchürzen als zu löſen ſind. 4 5 * Zehntes Capitel. Alte Geſchichten. Kaum hatte ſich die ſchwerfällige Caroſſe des Prin⸗ zen in die gehörige Schwingung geſetzt, ſo rückte ſich die⸗ ſer behaglich zurecht und ſprach in ermunternd leutſeli⸗ gem Tone: „Jetzt erzählen Sie mir nur zuerſt die Lebens⸗ geſchichte Ihres Freundes Bendler, mein lieber Staats⸗ rath, nachher kommen wir wohl von ſelbſt auf andere Sachen, die uns ebenfalls nahe liegen und unſer In-⸗ tereſſe in Anſpruch nehmen, wenn auch nicht auf ſo an⸗ 8 genehme Weiſe, wie dies Thema. Herr Bendler gehörte wahrſcheinlich zu jenen männlichen Weſen, die, wie die Pfannkuchen im Faſching, in's Fett hineingeworfen wur⸗ den, um gar zu werden und dann ſchön aufgepuſtet wie⸗ der zum Vorſchein kamen, um im Geſchäftsleben ihre Rollen zu übernehmen. Dieſe Wichte ſtellten ſich da⸗ mals ſofort mit dem Adel in Reih und Glied, ohne daß irgend ein anderer Menſch wie des Königs Kummerer/ 15²2 der famoſe Rietz, etwas davon wußte, wo eigentlich der Adel hergekommen war. Es war eine ſchauderhaſte Wirthſchaft zur damaligen Zeit. Gottlob, daß unſer Monarch ohne Rückficht auf ſeine Pietät gegen den Verſtorbenen dazwiſchen fuhr. Nicht wahr, Bendler hatte auch weiter kein Verdienſt, als daß er ein ſchöner Mann war?“ Maltmann zuckte die Achſeln und lächelte. „Nun ja— da haben wirja die Beſcherung!“ fuhr der Prinz, verächtlich lachend, fort. „Der ſchöne Mann hatte Gnade vor den Augen der Gräfin Lichtenau gefunden und mußte deßhalb be⸗ fördert werden? Nun begreife ich nur nicht, wie er zu einer ſchönen Frau gekommen iſt?“ „Bei dieſem Verhältniſſe war Liebe im Spiele“, fiel Maltmann ſehr ſchnell ein. „Er brachte ſich die Frau mit von einer Geſchäfts⸗ reiſe und lebte mit ihr mehrere Jahre ziemlich zurück⸗ gezogen, bis endlich die Gräfin Lichtenau eines Tages das Talent der jungen, ſchönen Frau entdeckte und es zu ihren muſikaliſchen Soireen verwendete.“ „A— ſo? Sie lernte Comödie ſpielen auf dem prächtigen Liebhabertheater der Lichtenau? So— ſo! Dann wird es aber mit ihrer Tugend eben nichts auf ſich gehabt haben?“ 8 153 Maltmann hob ſchnell den Blick und heftete ihn eigenthümlich an des Prinzen Geſicht, als er antwortete: „Wenn die Freundſchaft der Herzogin von Hildburg⸗ hauſen vielleicht Bürgſchaft für dieſe problematiſche Tu⸗ gend leiſtete?“ „Wie verſtehe ich das?“ fragte der Prinz frap⸗ pirt.„Der Name hat einen guten Klang!“ „So nehmen Sie ihn als Garantie für den be⸗ ſtrittenen Werth dieſer Frau Bendler.“ „Ei der Tauſend! Ich ſenke die Waffen vor die⸗ ſer Garantie. Drollig, daß ich nie von dieſer Freund⸗ ſchaft gehört habe!“ „Ganz natürlich, Durchlaucht— es war zu einer Zeit, wo ſie ſich nicht für dergleichen Dinge intereſſir⸗ ten!“ ſprach Maltmann, bedeutungsvoll lächelnd. „Und die Geſchichte mit dem Vater Ihrer Tugend⸗ heldin, wie war die?“ fragte der Prinz eilig. 3 „Was ich davon weiß, gehört mehr dem on dit an, als meiner eigenen Erfahrung, gnädiger Herr. Von den Feſten, die die Gräfin Lichtenau in ihrem Palais gegeben hat, habe ich nur gehört. Ich bin niemals da⸗ bei geweſen und bedauere dies auch keineswegs, obwohl dieſe Soireen zu den brillanteſten und geiſtvollſten Zir⸗ keln Berlins gehört haben ſollen.“ 154; „Theilweiſe, lieber Mörs, theilweiſe! Es war ein Miſchmaſch von albernen und klugen, von kriechenden und aufgeblaſenen Leuten, eine Melange von Juden und Chriſten, Künſtlern, Beamten und Gelehrten, die ihr sort zu machen ſuchten. Was an königlichen Gäſten nebſt Gefolge da war, wurde nur durch den väterlichen Befehl dazu gebracht. Wahrhaftig, es kann keine ab⸗ ſcheulichere Wirthſchaft gedacht werden, als die unſeres damaligen Hofes. Man denke ſich nur unſern edlen König mit ſeiner herrlichen Louiſe inmitten der Gäſte einer Perſon, die ſich ſchamlos und frech ihrer Erhebung aus der niedrigſten Volksſchichte rühmte und mit ihrer verbrecheriſchen Liebe zum dicken König Prunk trieb. Es grauſt Einem, wenn man der Demüthigungen gedenkt, die des Königs Befehl über ſeine eigenen rechtmäßigen Kinder verhängte!“ „Bei einem derartigen Feſte war es, wo Frau von Bendler die Verſammlung durch ihren Geſang ſowohl, als durch ihre Schönheit entzückte“, fuhr Maltmann fort.„Ihr Söhnchen, ein kleines Genie von Geburt, begabt von der Natur wie ſelten ein Kind, muſikaliſch, bildſam— genug, eines jener Wunderkinder, die dazu⸗ mal Mode wurden, hatte die Rolle eines kleinen Amor ſingen und ſpielen müſſen. Sein Erſcheinen war jubelnd begrüßt worden, und nachdem er ſeine Aufgabe wahrhaft 15⁵ genial gelöſt hatte, war der Jubel bis zum Paroxismus geſtiegen. Man verlangte ſtürmiſch den fünfjährigen Knaben, der nur nothdürftig mit Tricots verſehen wor⸗ den war, um die elaſſiſche Schönheit ſeiner ju gendlichen Glieder nicht zu verhüllen, in ſeinem Amorscoſtüme in der Geſellſchaft zu ſehen. Zuerſt ſoll ſich Frau von Bendler dieſem Verlangen widerſetzt haben, dann aber mag die Eitelkeit der Mutter die Scrupeln ihres Gewiſ⸗ ſens beſeitigt haben, genug— Amor erſchien an der Hand einer jungen Jüdin, ſeiner gelegentlichen Lehr⸗ meiſterin, im Salon, und ließ ſich von allen ſchönen Frauen und Möädchen küſſen. Die junge Rahel, von dem Weihrauche, der für ſie abſiel, ganz berauſcht, ſoll end⸗ lich den Knaben zurückgeführt haben und dadurch un⸗ beachtete Zeugin eines ergreifenden Auftrittes hinter den Couliſſen geworden ſein.“ „Richtig— richtig— mir taucht eine Erinnerung auf—“ fiel der Prinz ein.„Das wäre alſo die Bend⸗ ler gewefen, die ihrem Vater logiſch bewieſen haben ſoll, daß jeder Lebensgenuß erlaubt ſei, ſo lange er ſich in den Grenzen der Tugend bewege? Erzählen Sie weiter, lieber Mörs!“ „Mademoiſelle Rahel“, ſo ſagt man, habe ſich der Thür des Garderobenzimmers genähert, ſei aber plötz⸗ lich aus Scheu ſtehen geblieben, als ſie eine laute Män⸗ 156 nerſtimme von dort her klingen gehört. Dieſe Stimme ſoll ſich in ſehr deutlicher Manier gegen die Art und Weiſe ausgeſprochen haben, wie man in dem Sodom und Gomorrah, das man Berlin benenne, ſeine Amüſe⸗ ments wähle. Die Stimme ſoll ferner ſehr kräftig eine augenblickliche Entfernung aus dem Hauſe der könig⸗ lichen Geliebten, die Gottes Zorn ſchon vernichten werde, verlangt und als eine Bedingung ſeiner väterlichen Ver⸗ zeihung den Schwur gefordert haben, ſich nie wieder als Comödiantin brauchen zu laſſen, weder von könig⸗ lichen Maitreſſen, noch ſelbſt von fürſtlichen Perſonen.“ „Und dieſe kräftige Männerſtimme gehörte dem Vater der ſchönen Bendler? Drollig— er konnte ſich's doch an drei Fingern abzählen, daß eine Creatur der königlichen Geliebten zu ihren Trabanten gehöre und daß ſein Herr Schwiegerſohn, als Trabant, nach ihrer Pfeife tanzen müſſe.“ „Der geiſtliche Herr ſcheint von der Carriere ſei⸗ nes vornehm auftretenden Schwiegerſohnes gar keine Ahnung gehabt zu haben, denn er ſoll einen wahren Entſetzensſchrei ausgeſtoßen haben, als ſeine Tochter ihm wahrheitsgemäß erklärt hat, daß die Dankbarkeit ein Bindungsmittel zwiſchen der Lichtenau und ihr ab⸗ gebe. Darauf verlangte der Vater energiſch die Rück⸗ kehr ſeiner Tochter in's Vaterhaus, weil er ein Freund⸗ 1⁵7 ſchaftsbündniß mit der Gräfin Lichtenau nie dulden werde. Darauf hat Frau von Bendler denn geantwor⸗ tet, was Sie vorhin ganz richtig citirten, und ſie ſoll dabei allerdings mehr die Pflichten einer guten Gattin, als eines gehorſamen Kindes vertreten haben. Ihr Va⸗ ter, der das wahrſcheinlich ſchmerzlich empfunden hat, wurde dadurch veranlaßt, die Unterredung ohne Weiteres abzubrechen und er ſtand vor der horchenden Mademoi⸗ ſelle Rahel, bevor dieſe eine Idee davon haben konnte, daß er das Zimmer verlaſſen werde. Frau von Bend⸗ ler folgte ihm in großer Aufregung und mit bittendem Tone den Vaternamen flüſternd. Beim Anblicke ihres ſchönen Knaben, den der Großvater noch nie mit Augen geſehen, kam ihr der unſelige Einfall, durch den an⸗ erkannten Liebreiz ihres Kindes auf das ſtrenge Gemüth des Vaters wirken zu wollen. Sie trat haſtig näher, nahm den kleinen Amor beim Fittich und ſtellte ihn dem Geiſtlichen als Enkel vor. Aber, was ſie hätte voraus⸗ ſehen können, des zürnenden Vaters Stirn umwölkte ſich noch finſterer und er rief mit wahrem Poſaunen⸗ tone:„Wie? Das iſt Dein Sohn? Das iſt der Enkel eines chriſtlichen Geiſtlichen? Dieſer nackte, heidniſche Götterjunge iſt mein Enkel? Pfui der Schmach! Pfui der Schande, die Du mir damit zufügſt! Gott wird 8 158 Dich aber ſchon zu finden wiſſen, um Dich zu demüthi⸗ gen, wenn es Dir Noth thut.“. „Das alſo war die Bendler'ſche Tragödie, die damals den Rundweg durch alle Zirkel, ſelbſt durch die Hofzirkel machte“, ſiel der Prinz auf's Höchſte amüſirt ein.„Ja, ja! Ich kenne die Geſchichte! Die kleine, ſchwarze Rahel hatte ſie eine Zeit lang zu ihrem Paradepferde gemacht, und ritt ſie mit hinreichend theatraliſchem Aufputz überall vor.“ „Allerdings. Von ihr habe ich ſie auch gehört, kann alſo für die Wahrheit nicht bürgen.“ „Was that denn Ihre Heldin weiterhin? Spielte und ſang ſie fort?“ „Ja! Bendler ſelbſt ſoll über die moraliſchen Vorhaltungen ſeines Schwiegervaters ganz außer ſich geweſen ſein und ſeine Gattin in ihrem Trotze gegen des Vaters Willen beſtärkt haben. Leider währte es kaum ein Jahr und es traf ein, was ihr von dem⸗ ſelben verkündet worden war. Gott demüthigte ſie!“ „Wie endete ſie? Wirkte die Heimſuchung beſ⸗ ſernd auf ſie oder ging ſie unter?“ „So viel mir bekannt geworden iſt, holte ihr Vater ſie ſammt dem Knaben ab, als die Gräfin Lichtenau nach dem Tode ihres geliebten Königs ver⸗ haftet, und Bendler, als ihr Vertrauter und Helfers⸗ 159 helfer, ebenfalls in Unterſuchungen aller Art verwickelt wurde. Man vermuthete, und das gewiß nicht mit Unrecht, daß er darum wiſſen müſſe, wo die Gräfin die koſtbaren Juwelen gelaſſen und wo ſie die wich⸗ tigen Documente bewahrt hätte, die ſie ſich unrechtmä⸗ ßiger Weiſe angeeignet haben ſollte. Er erhielt ſtrengen Arreſt! „Dieſe Beſchuldigungen erwieſen ſich ja aber ſpä⸗ terhin als ziemlich grundlos, weßhalb caſſirte man denn den Finanzrath Bendler?“ „Wegen perſönlicher Veruntreuungen, Durchlaucht. Als man erſt dabei war, ſeine Briefſchaften zu revidi⸗ ren, da fanden ſich ſo haarſträubende Betrügereien, daß ihm Spandau gewiß wurde. Er zog es deßhalb vor, zu ſterben.“ „Was?“ rief der Prinz überraſcht.„Selbſt⸗ mord?“ Maltmann zuckte die Achſeln.„Man weiß es nicht! Er war eines Tages todt und man begrub ihn, ohne ſich bei der Unterſuchung aufzuhalten, woran er geſtorben ſein könne. Möglich, daß die veränderte Lebens⸗ weiſe den weichlichen Mann getödtet hat. Er foll von Anfang an über die Verändernng ſeiner Lage außer ſich geweſen ſein und ſichtlich abgenommen haben. Er zeigte ſtets viel Ehrgefühl— das Grab deckte ſeine Vergehun⸗ 160 gen am beſten und man vergaß ſie am ſicherſten, wenn ſie unenthüllt blieben. Seine Rolle auf der Weltbühne war ausgeſpielt und was an Lebensglück noch übrig blieb, das reizte ſeine Lebensluſt nicht. Darauf ſtützten wir damals unſere Vermuthungen des Selbſtmordes, wir können aber im Irrthume geweſen ſein.“ „Laſſen wir es dahin geſtellt ſein, lieber Mörs, wo Gras d'rüber gewachſen iſt, da hört menſchliche For⸗ ſchung auf. So viel bleibt gewiß, daß damals das gol⸗ dene Zeitalter für Parvenü's war, und daß es nie zwei ungleichere Monarchen gegeben hat, als den ſeligen und den jetzt regierenden König. Ueppigkeit und Verſchwen⸗ dungsſucht auf der einen, Einfachheit und Sparſamkeit auf der andern Seite. Das Volk ſollte es beſſer an⸗ erkennen, was es beim Wechſel der Thronfolger gewon⸗ nen hat.“ „Glauben Sie denn, daß das nicht anerkannt, daß unſer König nicht verehrt wird?“ fragte Maltmann eifrig. „Nun ja, im Allgemeinen ſieht man ein, was für einen gütigen und gerechten Landesvater man an ihm hat. Es wäre nur zu wünſchen, daß einzelne Männer vernünftig genug dächten, um ihm endlich Ruhe zu gönnen.“ 3 161 „Würde der König dieſe Ruhe und den Frieden mit ſich ſelbſt nicht gewinnen, wenn er ohne Rückhalt dem Lande die Verfaſſung gäbe, die er ihm verſpro⸗ chen hat?“ „Glauben Sie doch das nicht! Bellende Hunde ſin) nie zu ſtillen, ſie bellen aus Luſt am eigenen Ge⸗ kläffe!“ „Der Vergleich iſt gewagt, Durchlaucht“, warf Maltmann indignirt ein. „Sans comparaison, hätte ich ſagen ſollen“, entgegnete der Miniſter lächelnd, aber wahr bleibt, was ich ausgeſprochen habe. Gehen Sie nur einmal in eine Vorleſung, wie ſie der Turnkünſtler Jahn in Berlin hält, und Sie werden mir beipflichten, daß ſolche Anfor⸗ derungen an Freiheit im Denken und Handeln gar nicht geſtellt werden können. Der Mann muß beſeitigt wer⸗ den, das ſteht feſt.“ „Halten Sie denn Jahn für gefährlich?“ fragte Maltmann mit lächelndem Erſtaunen. „Freilich iſt er der Ordnung und Ruhe im Lande gefährlich!“ „Dieſe Anſicht überraſcht mich! Es müſſen in der Zeit meiner Abweſenheit ſonderbare Verwandlungen voorgegangen ſein, um einen Mann gefährlich zu machen, der mit der Jugend hüpft, ſpringt und klettert.“ Odalium. 1. 11 162 „Ja, und gelegentlich in Ideen über das deutſche Volksthum hinein voltigirt, womit er der Jugend das Gehirn verrückt. Statt ſeine Stellung, die ihm von Staatswegen geſichert iſt, zur körperlichen Veredlung des Volkes zu benutzen, wirft er ſich zum Agitator auf, predigt Narrheiten, wiegelt zur Demokratie auf und thut alles Mögliche, um die Landesregierung zu verdächtigen.“ „Jahn thut das— Jahn?“ rief Maltmann von Mörs.„Ehe ich das nicht mit eigenen Ohren höre, glaube ich's nicht!“ „Gut, gut! Hören Sie nur mit eigenen. Ohren — ſehen Sie nur mit eigenen Augen! Mir iſt ſehr da⸗ mit gedient, wenn Sie mich widerlegen können. Ich autoriſire Sie zum Hören und Sehen, lieber Mörs! Machen Sie ſich verdient um's Vaterland, wenden Sie Ihre Feder an, um dieſe Sache unparteiiſch zu beleuch⸗ ten, nachdem Sie ſich gehörig informirt haben. Geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie es thun wollen—“ Maltmann zögerte, in die dargebotene Hand des Miniſters zu ſchlagen. Im ſchwebte das Bild„eines ge⸗ mietheten Vertheidigers der fürſtlichen Willkür“ vor, der die Gunſt früherer Gönner durch veränderte Grundſätze wieder zu erlangen ſtrebt. Sein Blick prüfte das Ge⸗ ſicht des Prinzen ſorgfältig, aber er fand nichts, als eine gelaſſene Güte und ein gemüthliches Wohlwollen 163 darin ausgeprägt. Was wagte er auch mit dieſem Hand⸗ ſchlage? Gar nichts, denn er ſollte ſein Urtheil nach eigener Prüfung geben. „Es gilt, Durchlaucht!“ ſprach er, gemeſſen ſeine Rechte mit der Rechten des Miniſters vereinend.„Aber Sie haben nur ein unparteiiſches Urtheil zu erwarten, auf das weder Ihre Huld, noch ſonſtige Rückſichten in⸗ fluiren werden.“ „Wer möchte dergleichen wohl verlangen und wün⸗ ſchen bei einer ſo wichtigen Sache“, antwortete der Prinz ruhig.„Es kommt uns ja nur darauf an, zu wiſſen, ob dagegen eingeſchritten werden muß, oder ob man das Ding gehen laſſen kann, bis es ſich von ſelbſt erſtickt. Ich bin durch Privatdepeſchen des Kanzler Hardenberg nach Berlin zurückberufen“, ſetzte er plötzlich, wie in er⸗ wachender Vertraulichkeit hinzu:„Paſſen Sie auf, Mörs, es ſtehen wichtige Veränderungen bevor. Mehrere Miniſter ſind auf dem Punkte, ihren Abſchied zu neh⸗ men, ſeit der König erklärt hat,„nicht jede Zeit ſei geeignet, Veränderungen in der Landesverfaſſung einzu⸗ führen und Reformen in der Staatsregierung vorzuneh⸗ men, und er behalte ſich das Recht vor, darüber zu be⸗ ſtimmen nach ſeinem Gutdünken.“ Maltmann blickte ziemlich beſtürzt von der Seite zum Prinzen auf, ſagte aber nicht eine Silbe, um den 11* 164 Fluß der vertraulichen Eröffnungen durch nichts zu hemmen. „Der König nimmt jede Hindeutung auf die Ver⸗ zögerung der verheißenen Conſtitution mißfällig auf und bricht das Geſpräch ohne Weiteres verdrießlich ab, wenn ſich ein kühner Streiter dafür findet. Man thut unter ſolchen Umſtänden am beſten, ſich der königlichen Laune für den Augenblick zu fügen und nur die nöthigen Vor⸗ arbeiten zum Werke im Stillen zu machen. Unterziehen Sie ſich immerhin dieſer Arbeit, lieber Mörs. Die Hin⸗ derniſſe können ſchnell verfliegen. Wenn dann der poli⸗ tiſche Himmel frei iſt, ſo gehen wir muthig an's Werk und fördern mit Einem Schlage, was den Uneingewei⸗ heten eine Herkulesarbeit erſcheint.“ Maltmann konnte nicht umhin, den Zufall zu ſeg⸗ nen, der ihn an dieſem Tage dem vielvermögenden Mi⸗ niſter in den Weg geworfen zu haben ſchien, um ſein Glück zu begründen. Er war ganz Ohr, als dieſer fortfuhr: „Fürſt Hardenberg ſcheint endlich ſeine Schwäche zu fühlen— das heißt, ſeine körperliche Schwäche, mein Lieber.— Er ſchreibt mir, daß ein Mann, der nicht hören könne, das Staatsruder ferner nicht ohne Hülfe führen dürfe, und daß er, meines collegialiſchen Beiſtan⸗ des gewiß, mich zu einer wichtigen Beſprechung auffor⸗ 165 dere. Das ſage ich Ihnen im Vertrauen, lieber Mörs, im engſten Vertrauen, denn die Eingeſtändniſſe hoher Staatsbeamte von phyſiſchen Fehlern ſind Geheimniſſe, welche nie in's Volk dringen müſſen.“ Ein eigenthümliches Lächeln, welches beide Männer bei dieſen Worten tauſchten, zeigte an, daß ſie in ihrer Meinung über Fürſt Hardenberg's Schwächen einig waren. Sie überließen ſich von da an ziemlich ungenirt dem Austauſche ihrer Ideen über dieſes Staatsmannes Amtsthätigkeit, und da der Prinz in wachſender Zutrau⸗ lichkeit ſeinem Gefährten die Pläne mittheilte, die er ſelbſt für ſeine Zukunft hegte, die ihn aber dem Geſchäfts⸗ leben entführen ſollten, um ſich der königlichen Familie näher zu attachiren, ſo löſten ſich die Schranken der Zu⸗ rückhaltung in Maltmann's Weſen ganz von ſelbſt. Er verbündete ſich gleichſam durch dieſe Converſation mit einem Manne, dem er, ſeinen Principien zufolge, eigent⸗ lich entgegenſtand. Als er ſpäterhin deſſen inne wurde, da war es zu ſpät zu contrecorriren. „Was wage ich dabei?“ monologiſirte er auf ſei⸗ nem einſamen Zimmer, das er zur erſten Nachtruhe bezog.„Es kommt freilich darauf an, welche Partei ſiegen wird. Vorausſichtlich die Königspartei und dann entgehe ich durch mein Reiſeabentener der Verfolgung. Ob aber darauf zu rechnen iſt, Anerkennung mit dem zu finden, was ich übernommen habe, das bleibt fraglich. Auf alle Fälle iſt es jedoch ſtets gewagter ſich einem ſin⸗ kenden, als einem flotten Schiffe anzuvertrauen, alſo— vorwärts mit gutem Muthe!“ Als ein Sclave ſeines Ehrgeizes beſtieg er am nächſten Morgen die Caroſſe wieder und der Prinz hatte von nun an leichtes Spiel mit ihm. Es gelang ihm im Verfolg der Reiſe, ihn für das geheime Polizeikabinet zu engagiren. Als ein warmer Verehrer der conſtitutionellen Verfaſſung hatte er die Reſidenz verlaſſen, und als ein devoter Diener der abſoluten Monarchie fuhr er an der Seite des Polizeiminiſters wieder ein. So leicht ver⸗ ändern ſich die Ideen, wenn ſich das perſönliche Intereſſe hineinmiſcht! 1 3 1 Eilftes Capitel. Lehrſtunden. Berlin mit ſeinen glänzenden Paläſten, mit ſeinen ſchönen Plätzen, ſeinen prächtigen und ſeinen ſchmalen Straßen— Berlin mit ſeiner Pracht und mit ſeinem ſtillen Elend, das mit Anſtand getragen wird, liegt vor unſern Augen und wir ſehen im letzten Schimmer eines Maiabends die hohe, ſchlanke Geſtalt eines jungen Mannes die Taubenſtraße hinabſchreiten, um nach den Linden einzubiegen und dort in einem Hauſe zu ver⸗ ſchwinden, das von königlichen Gunſtbezeugungen zu palaſtähnlicher Pracht erhoben worden war. Eilig und gewandt, mit der Sicherheit eines Mau⸗ nes, der ſich heimiſch auf dem Parquetboden ſolcher Pa⸗ läſte weiß, ſtieg der junge Mann die breiten Treppen hinauf und warf ſeinen Mantelrock nachläſſig über die Treppenbaluſtrade. Ohne ſich aufzuhalten oder eine Meldung nöthig zu finden, trat er dann in ein Vorzimmer und wollte 168 ebeu ſo ungenirt die Thür eines Seitenzimmers öffnen, als ein lautes Geſpräch zu ſeinen Ohren drang, wodurch er ſich verſucht fühlte, erſt die Stimme der Sprechenden zu ſondiren, bevor er einträte. Er erkannte ſofort die Stimme der Gräfin Steinberg, die mit ſanfter Dring⸗ lichkeit auf die Beſitzerin dieſes Hotels, auf die Gräfin von Brandenburg einredete.. Einige Minuten ſtand der junge Mann nachdenklich vor der Thür, unentſchloſſen ob er ſich wieder entfernen oder ob er bleiben und im Muſikzimmer auf die Entfer⸗ nung der Dame warten ſolle. 3 Er entſchied ſich für das Letztere, öffnete behutſam die Thür und ſchlüpfte rechts in das Muſikzimmer der Gräfin, das nur durch eine Portière von dem erſten Zimmer geſchieden war. Die Damen ſaßen im Empfangſalon links von dem gewöhnlichen Wohnzimmer und waren augenſchein⸗ lich ſo vertieft in ihr Geſpräch, daß fie das Oeffnen der Thür nicht gehört hatten und deßhalb ungeſtört darin fortfuhren. Beide Damen lehnten im Divan, beleuchtet vom unſichern Tagesſchimmer und von dem ſanften Lichte einer großen Aſtrallampe, die auf einem Tiſche vor ihnen ſtand. Trotz dem, daß ſie Beide das Alter erreicht hatten, wo die erſte Jugend mit ihrem quellenden Reize 169 in feſtere und ſicherere Formen tritt, waren ſie dennoch die lieblichſten Geſtalten, voll Adel und Grazie, die man ſich denken kann. Sie zählten Beide dreiundzwanzig Jahre und die damalige Mode mit ihren koketten Löck⸗ chen auf der Stirn und im Nacken, mit ihren kurzen Rauſchärmelchen und ausgeſchnittenen Taillen konnte ſich gar keine würdigere Repräſentantinnen ausſuchen, als dieſe üppig gebauten Geſtalten mit den vollen, weißen Armen, die ganz unbedeckt waren. Die Gräfin Steinberg trug Trauer. Ihr Geſicht drückte aber durchaus keinen Trübſinn aus, ſondern ein verhaltener Muthwille, gepaart mit Schadenfreude, gab ihren Mienen einen dämoniſchen Reiz. Ganz dem entgegengeſetzt, zeigte ſich der Ausdruck im Geſichte der Gräfin Julie von Brandenburg. Sie hatte ſich, wie es ſchien, mit der Ruhe eines Philoſo⸗ phen gewaffnet und nur in ihren Augen, die ſie ſelten ganz erhob, brannte jenes Feuer, das dem Menſchen⸗ kenner Kunde von der leidenſchaftlichen Aufregung eines empörten Herzens gibt. „Ich bewundere Ihre Ruhe, Grüfin Julie,“ ſprach Gräſin Steinberg mit der leiſen Ueberhebung, die Frauen gegen ihre unverheiratete Bekannte annehmen. „Wie können Sie ſich darüber wundern, liebe 170 Gräſin?“ entgegnete Julie ſehr ſicher.„Mich über⸗ raſchte Ihre Nachricht nicht.“ „Wirklich nicht? Während alle Welt glaubte, in Ihnen die Erwählte des Prinzen Heinrich ſehen zu müſſen, während deſſen ahneten Sie, daß er Prinzeß Sophie Adelheid zur Braut erkieſen würde? Das iſt doch kaum denkbar!“ „Warum nicht? Wäre es nict möglich, daß mir der Prinz Heinrich bei dem vertraulichen Tone zwiſchen uns ſein Geheimniß mitgetheilt Hatte fragte Gräfin Julie ruhig. „A— h! Eine gute Erfindung, wenn uns nicht der Kampf bekannt geworden wäre, den Prinz Heinrich mit ſeinen bigotten, ſittenſtrengen Verwandten Ihretwegen gehabt hat.“ „Sie werden impertinent, liebe Freundin!“ erwi⸗ derte Julie lächelnd, aber ihr Blick hob ſich drohend zu der Steinberg empor. „Bewahre! Ich bedauere Sie, beſte Freundin! Es iſt eine Albernheit von dem Fürſten, eine Halbſchweſter des Königs von Preußen für ſein Duodezreich nicht würdig genug zu ſinden.“ „Ihr Bedauern iſt boshaft, Beatrix,“ erwiderte Gräſin Julie mit ercheuchelter Freundlichkeit.„Sie gönnen mir dieſes creve-coeur, weil ich mich nicht ent⸗ 171 ſchließen konnte, die Bewerbung Ihres Bruders anzu⸗ nehmen.“ Gräſin Beatrix ſah ihr keck in's Geſicht und lachte ebenſalls ſo ſorglos wie nur möglich. „Was thut das, weßhalb ich Sie bedauere und wie, meine Theuere! Schelten Sie mich in Ihrer bö⸗ ſen Laune ſo viel Sie wollen, ich liebe Sie dennoch und mein armer, abgewieſener Bruder iſt gleich mir empört über den Widerſtand, der Ihr Lebensglück zerſtörte.“ „Sparen Sie Ihr Bedauern, und erlaſſen Sie mir die Schilderung von Ihres Bruders Empörung. Es liegt Gift darin verborgen, und ich gebrauche zur Herſtellung meiner Seelenruhe dergleichen ätzende Mittel nicht. Sie reden ſich übrigens in Thaſachen hinein, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit entbehren, wenn Sie von Kämpfen ſpre⸗ chen, die Prinz Heinrich meinetwegen beſtanden hätte.“ „Erlauben Sie, Theure, ich kaun Ihnen einen Ge⸗ währsmann ſtellen. Baron Hohenſtein iſt zugegen ge⸗ weſen und hat als Freund und Rathgeber des Fürſten von Reuß in dieſem Congreſſe mitgewirkt. Er ſelbſt theilte mir mit, was ich Ihnen ſagte.“ „Wer iſt Baron Hohenſtein?“ fragte Gräfin Iulie, verächtlich lächelnd. in alter Ueberall und Nirgends, ein Freund aller Herrſcherhäuſer, ein Cröſus, ein Eiſenkopf, ein Diplo⸗ mat erſten Waſſers und der liebenswürdigſte alte Herr auf der ganzen Welt. Den kennen Sie nicht, theure Julie!“ „Nein!“ antwortete die Gräfin herb.„Ich ver⸗ zichte auch gern auf dieſe Ehre!“ „Weil Baron Hohenſtein mir Mittheilungen ge⸗ macht hat, die Ihnen unangenehm ſind? Das wäre Ihrer großen Seele nicht würdig. Wenn Sie erlauben, präſentire ich Ihnen den Baron beim nächſten Em⸗ pfangstage?“ „Ich wünſche den Kreis meiner Bekannten nicht zu vergrößern,“ unterbrach ſie die Gräfin, etwas zu ha⸗ ſtig für die philoſophiſche Ruhe, die ſie zur Schau trug. „Fürchten Sie keine Betiſen von ihm, Theure— der Baron iſt ein vollendeter Cavalier! Auch würde ſich ſein Beſuch nur auf die Präſentation beſchränken, da er beabſichtigt auf ſein Stammgut zu gehen, um Anord⸗ nungen in Familienangelegenheiten zu treffen, und ſich als Sieger in einem Kampfe mit einer halb ahaſinni gen Liebe ſeines Enkels Lorbeern ins weiße Haar zu flechten. Der alte Herr wollte ſeinen edlen Stammbaum nicht durch eine Heirat mit einem der Parvenü's des vori⸗ gen Jahrhunderts beſudeln laſſen—“ .„Deßhalb hat er zwei Herzen getrennt?“ fiel Julie ſcharf ein.„Er mag ſich vorſehen, daß ſich die Lorbeern 173 nicht in eine Dornenkrone verwandeln. So etwas iſt ſchon dageweſen!“ „Zumeiſt aber nur in den Iffland'ſchen Comödien,“ lachte Beatrix.„Er hat ſich übrigens vorgeſehen und iſt mit ſeinem Enkel Aegyd nicht eher in's vaterländiſche Gebiet zurückgekehrt, bis ſich Margot Wöllner verhei⸗ ratet und als Gräfin Toska nach Petersburg bege⸗ ben hat.“ „Ein würdiger Schluß von unglücklicher Liebe,“ meinte die Gräfin von Brandenburg kalt. „Wöllner?“ wiederholte ſie dann,„Margot Wöll⸗ ner? Aus der Familie unſers frühern Miniſters?“ „Nein. Es gibt zwei Wöllner's in Preußen, die bergan geſtiegen ſind. „Die Familie lebt doch nicht in Dresden?“ fragte Julie mit befremdlicher Haſt, indem ein helles Roth ihr feines Geſicht überſtürzte. „A— h! Comteſſe Julie ſcheint Intereſſe daran zu nehmen!“ ſpottete Beatrix mit Pathos.„Allerdings— die Damen ſollen in Dresden leben. Was gilt es— Sie kennen ſie. Sie trafen mit ihnen zuſammen! Die Fa⸗ milie hat auch Söhne, ſogar liebenswürdige Söhne— was gilt die Wette— dieſe Söhne haben Eindruck auf das Herz der Gräfin Brandenburg gemacht?“ Es lag etwas ſo Komiſches in der Gravität, womit 174 die Gräfin Steinberg in einer Anwandlung von eifer⸗ ſüchtiger Furcht redete, daß Julie ihren Groll gegen ſie vergaß und hellauf lachte. „Man ſollte glauben, Sie bewachten mich mit den Blicken der Eiferſucht,“ ſagte ſie. „Das thu' ich auch, denn ich hoffe noch immer, Sie als Schwägerin zu umarmen,“ antwortete Beatrix keck.„Da ich jetzt die allergegründeiſte Hoffnung habe, meine Jugendträume in Erfüllung gehen zu ſehen, ſo möchte ich meinem Bruder auch zum Glücke verhelfen.“ „Sie? Gegründete Hoffnung auf Glück mit dem Trauerflore um den Tod des Gatten?“ „Gerade der Trauerflor gründet mein Glück!“ „O, rufen Sie den Zorn des Geſchickes nicht her⸗ aus, Beatrix, Ihr Gatte war edel und gut. Schade, daß ſolche Männer ſo früh ſterben müſſen!“ „Ich widerſpreche dieſer Anſicht nicht, Theuerſte, allein wenn man vor der Ehe geliebt hat, und wenn ſich nach dem Tode des freundſchaftlich verehrten Gatten der Jugendgeliebte mit dem beſten Willen zur Gegen⸗ liebe nahet—“ „Aegyd?“ flüſterte die Comteſſe dazwiſchen. Beatrix neigte beiſtimmend ihr Haupt. „Es war der Plan unſerer Eltern. Von Jugend auf für einander beſtimmt, hing ſich mein kleines Herz 175 leidenſchaftlich an den ritterlichen Junker Aegyd, bis mir ſeine fürchterliche Paſſion für Margot Wöllner hinter⸗ bracht wurde. Natürlich ließ ich ihn fallen und erhörte meinen guten Steinberg, aber vergeſſen habe ich Aegyd nie! Nun habe ich Ihnen Alles geſagt, was Sie wiſſen ſollten, theure Julie! Der Zweck meines Beſuches iſt erreicht, und ich trage trotz Ihrer Kälte die Hoffnung heim, daß mein Bruder bei erneuerter Werbung nicht ganz ſo ſtolz abgewieſen werden würde.“ Sie ſprang leichtfüßig um den Tiſch herum und umarmte die Gräfin Brandenburg, welche ziemlich kühl den Kuß auf ihrer Wange duldete und ganz ruhig ſagte: 1— „Es wäre geſcheidt von Ihnen, Geliebteſte, keine Hoffnung in Bezug auf Ihren Bruder zu pflegen, und eben ſo geſcheidt wäre es, mir den Baron Hohenſtein nicht zu präſentiren. Leben Sie wohl, theure Beatrix!“ Zwölftes Capitel. Irm Glanze des Lebens. Die Gräfin Julie hatte ihren Gaſt mit etwas hoch⸗ müthiger Haltung aus dem Salon durch das Wohn⸗ zimmer bis zur Schwelle des Vorſaales geleitet, war dort artigkeitshalber ſo lange ſtehen geblieben, bis die Thüre des Vorſaales hinter der Gräfin Sternberg zuſiel, und kehrte dann langſam und ſinnend, die Stirne ziemlich demuthsvoll geneigt, wieder zurück⸗ Da ſie unverzüglich in den Salon eintrat, ſo hielt es der noch immer im Muſikzimmer verborgene junge Mann für gut, aus ſeinem Verſtecke hervor zu kommen, um ſich nun endlich bemerklich zu machen. Er durchſchritt mit derſelben Ungenirtheit, womit er vorhin eingetreten war, den Raum, der beide Zimmer trennte und wollte die unangenehme Stimmung, die ſich ſeiner beim Geſpräche der Damen bemächtigt hatte, unter einem heitern Gruße zu verbergen ſuchen, als ein tiefes, 177 gewaltſames und krampfhaftes Schluchzen aus dem Sa⸗ lon draug und ſeine Lippen verſchloß. Beſtürzt eilte er vorwärts. Da lag die ſtolze, ſchöne Königstochter, niederge⸗ worfen durch ein fieberhaftes Gefühl von Pein und Leid, vor einem gekreuzigten Jeſus, rang die Hände in wildem Schmerz und ſtützte die Stirne an dem Marmorpiedeſtal des Crucifixes. Einzelne Worte, die zwiſchen den beben⸗ den Lippen hervorquollen, gleichſam unbewußt und wie die Seufzer einer gequälten Bruſt, verriethen, was ihr Inneres ſo heftig aufgewühlt hatte. „O, dieſer Fluch— dieſer Fluch, der auf meiner Geburt ruhet— dieſer Matel, der mich neben die Kin⸗ der einer Lichtenau ſtellt— mein Gott, warum ließeſt Du dieſen Frevel zu, der mein Daſein hervorrief, der wie ein tödtlicher Strahl meine Seele durchziehet und ſich doch nicht dem Körper tödtlich erweiſt. Die ſtolze Stirne verbirgt nicht die Höllenpein, die in mir wüthet!— Es ſind Lügen, was die Steinberg vorbrachte— es ſind Lägen, denn dies Bündniß mit ſeiner Couſine war ſchon längſt beſtimmt— daß unſere Herzen ſich fanden — wer weiß denn das— es ſind Lügen— aber daß man ſolche Lügen ausſprechen darf— o, dieſer Fluch, der auf mir ruhet! Gibt es denn kein Mitteel, dieſe Qual zu enden— ich erliege— ich erliege!—“ Idalium. I. 12 178 Das Haupt der Gräfin ſenkte ſich in troſtloſer Trauer tiefer, da umfaßten ſie ein paar Arme und rich⸗ teten ſie empor. Mit einem Schrei fuhr ſie in die Höhe, ihr Auge begegnete dem Auge des jungen Mannes, der vor Ge⸗ müthsbewegung bleich geworden war, und ſie machte ſich mit einer ſtolzen, herriſchen Geberde frei. „Verräther—“ ſprach ſie eiſig kalt, aber ihrer Sinne noch nicht vollſtändig mächtig.„Verräther— wer erlaubt Ihnen— Sie haben mich belauſcht— verlaſſen Sie mich— ſoll es dahin kommen, daß ich in meinem Zimmer nicht mehr ſicher bin vor Spionen?“ „Julie—“ ſprach der junge Mann leiſe und be⸗ ſchwichtigend.„Gräfin— mir das?“ Die Gräfin deckte plötzlich beide Hände vor's Geſicht. „O, verzeihen Sie, lieber Dorſak.— Ich hätte 8 daran denken ſollen, daß Sie hier ſein konnten. Ich bin ſo aufgeregt— ich wollte Sie nicht beleidigen!“ bat ſie dann in ganz verändertem Tone. Sie reichte ihm die Hand, die er leicht küßte.„Mein Freund, mein einziger Freund, mein liebſter Freund, ſeien Sie nachſichtig mit Ihrer armen Julie!“ ſetzte ſie mit weichem Tone hinzu. „Verlaſſen Sie mich— entſchuldigen Sie meinen Zorn⸗ 179 ausbruch— vergeſſen Sie Alles, was Sie hier erlebt haben!“ „Das wäre Frevel, ſolche heilige Augenblicke zu vergeſſen, wo ſich das edelſte Gefühl Ihres Weſens mir enthüllte, Gräfin! Ich weiß jetzt den Wechſel Ihrer Stimmung beſſer als ſonſt zu würdigen und meine Ver⸗ ehrung für Sie iſt geſtiegen.“ Julie lächelte ſchwach, aber nicht allein gütig, ſon⸗ dern auch befriedigt. „Laſſen Sie mich jetzt allein, lieber Vincent, ſpäter⸗ hin ſprechen wir die Sache einmal durch. Singen kann ich heute nicht, auch nicht ſingen hören— es würde mich tödten— überdies— ſie legte die Hand an die Stirne und holte tief Athem—„überdies will der Köuig kom⸗ men— er hat mir ſagen laſſen, daß er Wichtiges mit mir zu reden habe— alſo entſchul digen Sie mich— gute Nacht, lieber Freund!“ Vincent nahm mit leichter Verbeugung aber mals ihre Hand, führte ſie an die Lippen und verabſchiedete ſich damit. Kaum hatte er die Schwelle des Salons über⸗ ſchritten, ſo rief die Gräſin ihm nach: „Vincent— bitte, eine einzige Frage beantworten Sie mir erſt!“ 12* 180 Dorſak trat ihr raſch wieder näher. Sie blickte ihn herzlich freundlich an. „Ich habe es Ihnen ſchon oft geſagt, daß ich Sie vom erſten Augenblicke unſerer Bekanntſchaft an ſo lieb gehabt habe wie meinen Bruder Wilhelm, und daß ich noch mehr Zutrauen zu Ihnen faſſen kann, als zu jenem. Nun entſprechen Sie einmal dem Vertrauen, das zwi⸗ ſchen uns herrſcht und ſagen Sie mir ehrlich und unum⸗ wunden Ihre Meinung über das, was mich oft unaus⸗ ſprechlich ängſtigt und quält.“ „Sprecheu Sie, Gräfin,“ beeilte ſich Dorſak zu ſagen.„Kann ich durch eine redliche Offenherzigkeit Ihre ſelbſtquäleriſchen Zweifel zerſtreuen, ſo wird es gewiß geſchehen. Das Band, welches die Kunſt um uns ge⸗ wunden hat, iſt heiligend. Es ſchließt alle andern irdi⸗ ſchen Beziehungen zwiſchen uns aus, und ſtellt uns rein ſeeliſch einander gegenüber. Sprechen Sie, Gräfin, ich werde offen antworten.“. „Glauben Sie, daß es eine ſchwere Sünde gegen Gott iſt, das Band der Ehe durch Untreue zu brechen?“ fragte die Gräfin haſtig,„und glauben Sie, daß jede Sünde der Eltern von Gott an den Kindern heim⸗ geſucht wird?“ Vincent, der eher des Himmels Einfall als ſolche Fragen erwartet hatte, blickte ſie mit weit geöffneten — 181 Augen an und vergaß über ſeinen erſten Schrecken eine Antwort zu ſuchen. Der Gräfin ſtumme, flehende Ge⸗ berde mahnte ihn daran. „Gräfin, welche Frage— wie kommen Sie dazu?“ ſtammelte er endlich. „Wie ich dazu komme, Vincent? Sollte dies zu ergründen ſo ſchwer ſein?“ warf Julie bittern Tones ein.„Meine Stellung zwiſchen Denen, welchen ich durch Verwandtſchaft angehöre, und zwar durch eine Art der Verwandtſchaft, die mich in mich ſelbſt ernie⸗ drigt—“ „Hören Sie auf,“ unterbrach der junge Mann ſie lebhaft.„Was kann das Kind Beſſeres thun, als durch edles Streben die Saat des Verderbens zu er⸗ ſticken ſuchen, die in ſeiner Herkunft und in ſeiner Geburt ruhet. Diejenigen, welchen ein Name makel⸗ los vererbt iſt, können nicht ahnen, welcher Scorpion uns im Buſen wüthet; aber Gott weiß es, und Gott kann nicht unverſöhnlich die Schuld den Kindern an⸗ rechnen, welche zu ſühnen trachten, was die Eltern verbrochen.“ „Vielleicht aber, daß Gott eine Sühne anderer Art verlangt—“ zitterte es von der Gräfin Lippen. „Unſer Gewiſſen iſt ſo leicht zu beſchwichtigen— wir wenden uns weichlich von den Entbehrungen, die 182 es bisweilen fordert zur Sühne ſchwerer Vergehungen, und die Dogmen unſerer Religion befördern die Feig⸗ herzigkeit und Trägheit unſerer Seele. O, ich will ja gern auf die heiligen, ſüßen Freuden der Erde, ich will ja gern auf Liebe und Ehe verzichten, um Gottes Zorn gerecht zu werden, aber würde ich damit der Menſchen Ungerechtigkeit entwaffnen, welche die Sünde der Eltern im Kinde verachtet?“ „Sie ſind zu ſtolz, Gräfin Julie“, antwortete Vin⸗ cent, offen in ihr Auge blickend. „Ihr königlicher Geiſt ſtrebt nach Herrſchaft, und Sie ringen kühn nach der Stellung, welche Ihres Va⸗ ters Blut Ihnen zu garantiren ſcheint. Sie ſehen nach den Sonnen, die über Ihnen ſtehen und möchten das Schickſal durch leidenſchaftliche Demuth mit Ihren hoch⸗ ſtrebenden Wünſchen zu verſöhnen ſuchen. Sie fühlen aber ſelbſt die Unwahrheit Ihrer Demuth— daher der Zwieſpalt in Ihnen— daher die Bußgedanken!“ „Was Sie mir da ſagen, Vincent“, entgegnete Gräfin Julie traurig,„das dürfte mir kein Anderer ſagen.“ „Das ſoll und darf auch kein Anderer, Julie!“ rief Vincent lebhaft.„Es iſt ein Vorzug der Freund⸗ ſchaft, der mich zu dieſer Offenheit antoriſirt. Gerade darin liegt die Göttlichkeit der Freundſchaftsbande, daß 183 ſie neben der glühenden Verehrung für die Tugenden und Vorzüge der Freundin auch ein offenes Auge für ihre Schwächen haben kann, ohne daß die warme Empfindung ſeines Herzens dadurch beeinträchtigt wird. Ich bin ihr Freund, Julie. Zwiſchen uns ſiel die Schranke des Standesunterſchiedes unter der Ausübung der Kunſt, und ich habe Ihnen ſchon oftmals geſagt, daß ſich unſere Seelen nothwendig in den früheſten Kinderjahren ſchon gleichmäßig geſtimmt haben müßten.“ „Wie ſollte aber dies möglich ſein, Vincent? habe ich Sie eben ſo oft gefragt!“ Dorſak ſenkte den Blick auf den Fußboden, Un⸗ ſchlüſſigkeit wechſelte mit der Luſt reden zu wollen, ſicht⸗ lich in ſeinem ſchönen, männlichen Geſichte. „Sie verhehlen mir etwas“, ſprach die Gräfin, empfindlich zurücktretend. „Weil das, was ich empfinde, nur wie Schatten⸗ bilder einer Laterna magica in mir wogt“, antwortete Vincent, hell und freundlich aufblickend.„Hören Sie aber, was mich bewegt. Bisweilen iſt es mir, als ſähe ich mich im Flügelkleide der Kindheit in dieſen Räumen, als wäre neben mir ein kleines, blondes, reizendes Kind, das ich Julie nannte, als verbände mich mit dieſer Julie ein Geſchwiſterband— als führe eine große, ſchöne Frauengeſtalt mit gewinnender Freundlichkeit uns Kin⸗ der zuſammen, aber dieſe Frauengeſtalt war nicht meine Mutter, ſondern ſie trat immer nur in mein Leben bei Glanz und Ueppigkeit, beim Saus und Braus der Schwelgerei, bei Gelegenheiten, wo ich nicht Vincent, ſondern ein anderes Weſen vorſtellte.“ „Vincent— Vincent, warum haben Sie mir dies nicht früher geſtanden?“ rief Gräfin Julie wie elektri⸗ ſirt von einem Gedanken.„Das waren die Soireen bei der Gräfin Lichtenau, der ich als Kind zur Erziehung übergeben wurde, weil meine arme Mama, in Ungnade gefallen, Berlin meiden mußte. Vincent!“ flüſterte ſie lebhaft bewegt, faßte ihn bei den Händen und ſah ihm feſt in die Augen,„Vincent, das Bild, welches Sie entrollten, iſt Wahrheit— ich erinnere mich des ſchönen Knaben, der mich führte, der mich leitete und beſchützte, der Name Vincent iſt mir nicht fremd,— eine Ahnung taucht in mir auf— wenn wir Geſchwiſter wären, Kin⸗ der eines Vaters.“— Sie brach erröthend ab und wen⸗ dete ihren Blick von dem jungen Manne, der ſehr traurig vor ſich niederſchaute. „Ich habe längſt an dieſe Möglichkeit gedacht,“ murmelte er,„aber ich verſcheuchte den Gedanken ge⸗ waltſam, weil er mir weh that. Ich habe eine Mutter, Gräfin, die mir Verehrung einflößt. Ihr Bild ſteht glänzend neben den Erinnerungen, die dieſe Räume weckten. Sie war die belebende Sonne, wie es mir jetzt erſcheint, und dieſe Mutter hat in wahrer Demuth die Strahlenkrone des Weltglanzes abgelegt, und hat ſich er⸗ niedrigt, um ihre Kinder ehrenhaft zu ernähren. Sie hat ſich, richtig geſagt, ſterben laſſen, um in einer Ein⸗ öde ein neues Leben zu beginnen!“ „O, wäre ich eine Tochter dieſer Mutter!“ flü⸗ ſterſe die Gräfin, inbrünſtig ihre Hände faltend.„Mein Leben wäre ein glücklicheres! Erzählen Sie doch weiter, was Sie wiſſen, lieber Freund, Sie müſſen ja ein Knabe von fünf bis ſechs Jahren geweſen ſein beim Tode— des Königs“, fügte ſie zögernd hinzu. Sie pflegte ſonſt im Kreiſe der Vertrauten„meines könig⸗ lichen Vaters“ zu ſagen, um ihrem ſtolzen Herzen, das die Ehe ihrer Mutter zur linken Hand vollgültig fand, genug zu thun. Aber ſie wagte es nicht, den traurigen, jungen Mann damit zu demüthigen. „Den Zuſammenhang finde ich nicht, trotz meines angeſtrengteſten Nachdenkens. Bald taucht das Bild eines Mannes von pomphaftem Aeußern in mir auf, den ich Papa nannte, bald verfließt dies in der Perſon eines großen, etwas bleichen Mannes, den ich Großvater nannte. Zum feſten Bewußtſein iſt mir nach manchem Sinnen erſt eine Scene von ergreifender Wirkung ge⸗ kommen. Es iſt der Tod meines Großvaters. Ich mußte 186 bei ſeinem Bette niederknieen und er legte ſeine Hand auf mein Haupt. Meine ganz kleine Schweſter wurde vor ihm auf's Kiſſen gelegt und er ſegnete auch ſie!“ „Sie haben eine Schweſter?“ fiel die Gräfin be⸗ gierig ein. „Allerdings, eine reizende, kleine Blondine, be⸗ gabt mit einer Stimme, die ihr Glück machen könnte, wenn ſie Gebrauch davon machen dürfte. Aber wir ſtehen unter dem unlösbaren Drucke eines Verſprechens, das meine Mutter ihrem ſterbenden Vater gegeben hat.“ „Ja, ja! Das weiß ich! Sie dürfen nicht Co⸗ mödie ſpielen! Und wo wohnt Ihre Mutter jetzt?“ „ In Jdalium, am Fuße des Schloſſes Hohenſtein, das dem alten Baron Hohenſtein gehört.“ „Hohenſtein? Ich höre zum zweiten Male an die⸗ ſem Abende den Namen.“ „Dem Baron gehörte der Meierhof, welchen meine Mutter jetzt beſitzt. Durch die Vermittlung der Herzogin von Hildburghauſen iſt ſie Eigenthümerin desſelben ge⸗ worden. Von dem Ertrage dieſes Grundſtückes beſtrei⸗ tet meine Mutter die Mittel zu unſerer Erziehung.“ Die Gräfin horchte auf ein Geräuſch von Außen.„Der König kommt, Vincent! Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilung, lieber Freund“, ſagte ſie dann eilig,„ſie hat mich mehr beruhigt und mehr belehrt als hundert 187 große Abhandlungen. Wir ſehen uns morgen Abend zur gewohnten Stunde— vielleicht kann ich Ihnen dann ſchon mittheilen, daß wir auf gleichem Boden ſtehen, denn es wird von dieſem Momente an mein Beſtreben ſein, Ihre Jugenderinnerungen in's rechte Licht zu brin⸗ gen.“ Dorſak verbeugte ſich und ging. Ob mit leich⸗ terem Herzen, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſeine Erinnerungen keine Träume waren, laſſen wir dahin⸗ geſtellt ſein. Als er die Treppe hinabſtieg, gewahrte er an dem eiligen Durcheinanderlaufen der Dienerſchaft, daß der König nahe ſei. Nicht im Geringſten davon incommo⸗ dirt, ſtieg er fürder hinab und traf mit dem Monarchen am Fuße der Treppe zuſammen. Huldreich, wie immmer, erwiderte der König ſeinen reſpectvollen Gruß und wollte an ihm vorüber gehen. Dann erſt mochte er ihn erkennen.„Guten Abend, lie⸗ ber Dorſak“, wiederholte er nochmals leutſelig.„Oben geſungen haben?“ fügte er heiter hinzu. „Nein, Majeſtät. Heute nicht. Gräfin Julie war nicht disponirt“, erwiderte der junge Mann, mit der gradſinnigen Ruhe ſeines Weſens dem Monarchen Rede ſtehend. Dieſem geſiel nichts mehr, als wenn man ohne alle Verlegenheit ſeiner Anrede begegnete. 188 „Gräfin nicht wohl ſein?“ fragte der hohe Herr, ſichtlich wohlwollend die ſch öne, jugendl liche Geſtalt Dor⸗ ſal's deſend Er kannte den jungen Maum und er erinnerte ſich ſehr wohl der Empfehlungen ſeiner Schwä⸗ gerin, der kunſfſinnigen Herzogin von Hildburghauſen, die ihn in den Hofcirkeln heimiſch gemacht hatten. „Vielleicht hinderte die Gräfin eher ein Seelen⸗ als ein Körperleiden am Singen, Majeſtät“, verſetzte Dor⸗ ſak freimüthig und ehrerbietig zugleich. „Wollen ſehen! Zu reizbar! Schon beruhigen! Adieu!“ Er winkte gnädig mit der Hand. Dorſak ver⸗ beugte ſich ehrfurchtsvoll, blieb aber ſeitwärts ſtehen, bis der König die Treppe hinauf war. Dieſer hielt plötz⸗ lich wieder an. „Apropos!“ rief er freundlich.„Die Catalani kommt! Sollten einen Wettkampf mit ihr wagen. Wen⸗ den Sie ſich an den Intendanten! Ihr Glück wäre ge⸗ macht!“ Gleich nach dieſen Worten verſchwand der Monarch in der T Thire des Entree's, ohne zu ahnen, welche Saat er mit der! liebenswürdigen Anerkennung von Vincent's Talenten in ſeine Bruſt geſäet, welchen Sturm er damit auſgewühlt hatte. Er begab ſich zu einem Weſen, das mit ſtolzen, hochfahrenden Wünſchen in Kampf und Streit lag, und 189 die nächſte Zeit ſchon verrieth es, daß er die richtigen Mittel zur Löſung des Zwieſpaltes, der in der Bruſt der Gräfin wüthete, gefunden habe. Was in den Räumen verhandelt wurde, wo noch eben die ſtürmiſchen Wallun⸗ gen einer ſchwankenden Seele von Dorſak männlich be⸗ ſchwichtigt worden waren, das weiß Niemand zu ſagen, aber ſo viel iſt gewiß, daß die Trauer der Gräfin ge⸗ ſtillt und die geiſtige Unruhe merkwürdig gebannt er⸗ ſchien. Ihre Wunden waren geheilt. Doch laſſen ge⸗ heilte Wunden leider Narben zurück, die ein Erinnerungs⸗ zeichen der überwundenen Schmerzeu bleiben und lebhaft auf die Zeit zurück leiten, wo man daran zu verbluten meinte. „ Dreizehntes Capitel. Am Scheidewege. Während im Palais der Gräfin Brandenburg eines Königs Huld ſich herabließ, die Aufregungen des Stol⸗ zes und der Ehrliebe zu beſchwichtigen, war in der ein⸗ ſamen Stube des Studenten Vincent Dorſak ein eben ſo tief bewegtes Gemüth auf ſich ſelbſt angewieſen mit ſeinen Kämpfen und wechſelnden Gefühlen. Die Nacht brach herein und noch immer ſaß der junge Mann ſinnend und grübelnd über den Entſchlie⸗ ßungen, die entſcheidend auf ſein ganzes Leben wirken mußten. Es war nicht das erſte Mal, daß der Gedanke in ihm angeregt wurde, ſeine eingeſchlagene Bahn zum ernſten, ſtillen Beamtenthunie mit derjenigen zum genialen, verlockenden Schmetterlingsleben eines Sängers zu ver⸗ tauſchen. Schon in ſeinen Knabenjahren hatte ſein Mu⸗ ſiklehrer, der ihn auf Veranlaſſung ſeiner Gönnerin, der Herzogin von Hildburghauſen, unentgeltlich unterrichtete, 191 darauf hingearbeitet, allein noch niemals war ihm der Gedanke daran ſo nahe getreten, wie in dem Monente, wo er ſich neben der berühmteſten Sängerin der Zeit aufgeſtellt und eine Garantie zur Unterſtützung ſeiner Pläne in den Worten des Königs ſah. Es gibt immer Stunden im Menſchenleben, wo die Dämone, die unſichtbar zwiſchen Himmel und Erde ſchweben, um Beſitz vom edlern Sinn des Menſchen zu nehmen, wenn die rechte Zeit kommt, eine Macht errin⸗ gen, die ſie zu Herrſchern der Phantaſie erhebt. Ehrgeiz und Eitelkeit überwältigen dann ſpielend den Verſtand, und die Vernunft und die ehrbare Philoſophie der Grundſätze verſchwindet in Sophismen. Aehnlich erging es dem Sohne der wackern Frau Dorſak, die ſtill und geräuſchlos ihr Lebensziel ver⸗ folgte und mit großer Sicherheit auf das Wort eines Jünglings bauete. Bis dahin hatte Vincent ihren Vor⸗ ausſetzungen allerdings entſprochen, allein ſelbſt ſtand er, entſchieden wankend, an einem Scheidewege, der auf der einen Seite verführeriſche Bilder eines glänzenden Glückes und auf der andern den trüben Ernſt eines arbeitsvollen Daſeins neben knapp zugemeſſenen Exi⸗ ſtenzmitteln bot. Er erblickte ſich, getragen von der Gunſt hochgeſtellter Perſonen, auf den bewegten Wellen des geſelligen Treibens, glänzende Triumphe winkten — 192 ihm, Glorien eines unvergänglichen Ruhmes umwoben ſein Haupt und ſein Name ſchwebte auf allen Lippen! War das nicht des Strebens werth? Mußte er nicht ſeinem Genius folgen, der ihn ohne Schwierig⸗ keiten emporzuheben verſprach? Aber das Bild ſeiner Mutter trat zwiſchen den Nimbus, den er ſeinem eitlen Ehrgeize verdankte. Die ernſten Augen dieſer Mutter mahnten ihn an ein Ver⸗ ſprechen, das er ihr im ſchmerzlichen Augenblicke des Scheidens gegeben hatte. 4 „Wandle furchtlos und ehrenhaft den Pfad der Sorge, Mühe und Noth— am Ziele wirſt Du voll heiterer Selbſtzufriedenheit auf Deine Selbſtüberwindun⸗ gen zurückblicken, aber ſchwöre mir zu, daß Du niemals im trügeriſchen Scheinleben Dein Gtück ſuchen, daß Du gegen die Verſuchungen ſtandhaft bleiben willſt, die ſich Dir als Triumphe und Siege des Genies darſtellen, Deines Großvaters Fluch würde ſonſt auf den Kindern des Mannes laſten, der ihm ſo unſäglich viel Herzleid gemacht hat!“ Mit dieſen Abſchiedsworten tauſchte er das Ver⸗ ſprechen„ein arbeitsvolles Vorwärtsſtreben zum Ziele ſeines Erdenlebens zu machen!“ Wurde er dieſem Gelöbniß nicht untreu, wenn er der gaukelnden Luſt eines Künſtlerdaſeins ſich überließ? 3 193 Gab er nicht die Ruhe ſeines Gewiſſens preis, wenn er ſein Verſprechen leichtfertig zu beſeitigen ſuchte? Indem ſich bei dieſen Folgerungen ſeine glänzenden Phantaſiebilder bis zu farbloſen Träumereien abblaßten, trat wieder der dunkle Schatten in ſein volles Recht, der ſich in ihm beim Andenken an ſeinen Vater feſtgeſtellt hatte. Wer war ſein Vater? Seine Mutter hatte ihm mit ſtrenger Miene Schweigen geboten, als er einſt in kindlicher Neugier um Beantwortung dieſer Frage ge⸗ beten. Daß ſein Großvater den Namen Dorſak geführt, wußte er ſich noch deutlich zu erinnern. Erſt in den Jahren, wo das Bewußtſein erwachte, wo bürgerliche Verhältniſſe ihr Recht geltend machten, erhielt dieſer Umſtand Bedeutung für ihn, und da war er ſchon getrennt von ſeiner Mutter. Er verſchloß die Trauer über ſeine demüthigend n Vermuthungen feſt in ſich, bis Mitgefühl an dieſem Abende ſeine Lippen öffnete..32² Seine Vermuthungen hatten ſich durch die Erinne⸗ rungen der Gräfin Julie faſt bis zur Gewißheit erhoben. Seine Mutter, ſchön, begabt, geiſtvoll und phantaſiereich, ſtand vor ihm als ein Opfer jener leichtfertigen Zeit, wo die Strahlen der Frivolität vom Throne ausgingen und Verderben über die Familien brachten, die ihrer Tugend allzu ſicher vertraueten, Sie hatte deßhalb keinen an⸗ Idalium I. 13 2 dern Namen, als den ihres Vaters für ihre Kinder und dieſes Vaters Fluch ſollte eine haltbare Grenze gegen die Eitelkeit des Geiſtes ſein, die in der Bewunderung des großen Haufens ſchwelgt. Offenbar tief erregt von ſeinen Grübeleien erhob ſich Vincent, um unruhigen Schrittes im Zimmer hin und her zu wandeln, Er, der bei ſeinen Freunden als ein Menſch galt, der immer genau wüßte, was er zu thun hätte, er ſchwankte von einem Vorſatze zum an⸗ dern, immer bereit, ſeine Neigungen zu opfern und doch eben ſo ſchnell zu neuen Wünſchen aufflammend. Bald geſtand er ſich zu, daß es ehrenvoller ſei durch geiſtige Kraft und angeſtrengte Arbeit ſich emporzuheben— bald fand er es weit vernünftiger durch Anwendung ſeiner ihm von Gott verliehenen Stimme eine Stellung zu erringen, die beneidenswerth war. Was er an An⸗ nehmlichkeit von der einen Seite einbüßte, das gewann er ebenfalls an Annehmlichkeit von der andern Seite, aber die Einnahme überwog zuletzt alle Bedenken. Die nächſte Zeit ſchon konnte ſich glänzend für ihn entwickeln, da er im Hofzirkel hinreichend bekannt und beliebt war, um den Intendanten zu willfähriger Berückſichtigung zu bringen. Wie lange mußte er aber in einer Staatscarriere thätig ſein und auf Protection 195 warten, ehe er ſich zu einer ſorgenloſen Lage heraufar⸗ beiten konnte. Energiſcher hob er ſein Haupt bei dieſem Gedanken. „Ich habe das Recht über meine Zukunft zu entſcheiden mit dem Verſprechen, das ich meiner Mutter leiſten mußte, nicht eingebüßt“, ſagte er, leuchtende Blicke nach dem nächtlichen Himmel hinaufwerfend. „Ich werde Schauſpieler! Morgen ſchon ſoll mein Entſchluß dem Intendanten kund gethan werden, und mein erſtes Debüt ſei ein Wettgeſang mit der Catalani in ihrem Conzerte!“ Eben wollte er ſich, ziemlich entzückt von dieſer Idee, in ſein Schlafzimmer zurückziehen, als ein leiſes Schwirren und Klirren an dem Fenſter ſeines Stüb⸗ chen's ihn veranlaßte, wieder umzukehren. Es wurde Sand an die Scheiben geworfen, wie er deutlich hörte, und dies war ein Zeichen, daß Einer ſeiner Freunde Einlaß begehre. Lachend nahm er ſeinen Hausſchlüſſel und machte ſich fertig, hinunter zu gehen, um dem ſpäten Beſucher die Thür zu öffnen.„Wer mag es ſein?“ dachte er. „Bielleicht Einer, der mein Sopha in Anſpruch zu nehmen gedenkt, weil er vom allzuſoliden Wirth ausge⸗ ſperrt wurde?“ Das Zeichen am Fenſter wiederholte 13*¾ 196 ſich.„Ich komme ſchon!“ rief er zum Fenſter hinaus und eilte die Stiege hinab. Kaum daß er Zeit hatte den Schlüſſel umzudrehen im Schloſſe, ſo wurde die Thür von außen ſanft, aber haſtig aufgedrückt, eine hohe, ſtattliche Männergeſtalt klemmte ſich durch die kleine Spalte, die er machte, herein und drückte die Thür eben ſo leiſe und haſtig wieder zu. Gleich darauf ging die kleine Studierlampe, die Vincent in der Hand hielt, aus, und er war eben ſo wenig im Stande zu erkennen, wen er eigentlich in's Haus gelaſſen hatte, als zu ſagen, ob die Lampe durch Zufall verlöſcht ſei.“ „Halt' mal!“ rief Dorſak, vorſichtig den Arm des Mannes feſthaltend, den er im Verdachte hatte, ſeine Lampe ausgeblaſen zu haben.„Wer iſt's? Nicht einen Schritt weiter, bis ich dies weiß!“. Der Mann lachte.„Schrei nur nicht ſo!“ mur⸗ melte er im tiefſten Baß.„Ein Räuber oder Mörder iſt's nicht. Fedor Wöllner“, fügte er noch undeutlicher hinzu, indem er Vincent vor ſich hinzuſchieben ſuchte, um die Treppe zu gewinnen. „Was bringt Dich denn zu mir ſo ſpüt in der Nacht?“ fragte Vincent ziemlich kühl und verwundert. Ohne eine Antwort abzuwarten, tappte er im Hauſe entlang und erreichte, den Herrn Fedor in's * 197 Schlepptau nehmend, glücklich die Treppe und bald darauf die Stube. Hier zündete er unverzüglich Licht an und ſah zu ſeinem Erſtaunen richtig ſeinen Studiengenoſſen Fedor von Wöllner, mit dem er faſt gar keinen Umgang hatte, vor ſich ſtehen. „Das war eine verteufelte Geſchichte“, ſprach die⸗ ſer junge Mann, gedämpft lachend.„Kann ich hier ſchlafen, Dorſak? fügte er kurz abbrechend, auf das Sopha deutend, hinzu.“ „O, warum nicht?“ meinte Dorſak gezogenen Tones und ſah etwas mißtrauiſch in das ſtark geröthete, ſonſt aber männlich ſchöne Geſicht Wöllner's. „Wie komme ich aber zu der Ehre?“ „Ich ſah Licht in Deinen Fenſtern“, erklärte Fedor kurz und ſchroff.„Da ich mich in ſehr großer Verlegen⸗ heit befand, ſo dachte ich, Du würdeſt ſo gut ſein und mir helfen!“ Dorſak ſchien ſich jetzt überzeugt zu haben, daß nicht ein Uebermaß von Wein die unnatürliche Röthe in Wöllner's Geſicht erzeugt hatte, und machte ſich, weit freundlicher, daran, ihm die nothwendige Gaſtfreundſchaft zu erweiſen. „Wovon wußteſt Du, daß ich hier wohne?“ fragte er beiläufig. F 198 „Ich habe Dich verſchiedene Male ſingen hören— aber— wenn Du erlaubſt— ich bin entſetzlich müde!“ antwortete Fedor und warf ſich der Länge nach auf das Sopha hin.„Ich habe die vorige Nacht im Poſt⸗ wagen zugebracht. Ich komme nämlich von Jena!“. Kopfſchüttelnd betrachtete Vincent den jungen Mann, deſſen Freundſchaft er ſich ſonſt nicht rühmen konnte, und da ein tiefes Athemholen desſelben ihn bald belehrte, daß er ſchlief, ſo blieb ihm nichts übrig, als auch zu Bette zu gehen. Die Nacht verging ohne alle Störung und er würde, da er den Herrn Fedor von Wöllner nicht mehr auf ſeinem Sopha vorfand, das Ganze für einen Traum gehalten haben, wenn nicht ſeine Wirthin mit ſehr vorwurfsvollen Worten ihm ſeinen Hausſchlüſſel überbracht hätte, den ſie inwendig im Schloſſe ſteckend gefunden. Abermals kopfſchüttelnd nahm Vincent, jede Ent⸗ ſchuldigung verſchmähend, den Schlüſſel hin. Er dachte wohl einige Minuten über dieſen wunderlichen, nächt⸗ lichen Beſuch nach, war jedoch im Grunde viel zu arglos, um ihn verdächtig zu finden. Er ſelbſt ſprach und han⸗ delte ſtets ſo offen, daß es ihm gar nicht einſiel, miß⸗ trauiſch zu ſein, wenn er nicht durch Erfahrungen da⸗ rauf hingewieſen wurde. Intriguen hielt er für unmög⸗ 199 lich. Er erklärte alſo im Stillen das Betragen des Herrn Fedor von Wöllner für eine ſeltſame Laune und glaubte nicht, daß ihm dieſer Beſuch je verhängnißvoll werden könne. Für jetzt beſchäftigte ihn der Gedanke an die Schritte, die er zufolge ſeines immer feſter gewordenen nenen Lebensplanes für nöthig hielt. Vor allen Dingen mußte er ſeinem alten Lehrer, dem Signor Giuliani, einen Beſuch machen, eines Theiles, um ihm ſeinen Entſchluß mitzutheilen, und andern Theiles, um eine Zuſammenkunft mit der großen Sängerin anzubahnen. Er wußte, daß der Signor, der ſich ſehr gern mit einer vornehmen Abkunft und mit einer ausgebreiteten Be⸗ kanntſchaft brüſtete, in Correſpondenz mit der Catalani ſtand, und daß er ſich einer Verwandtſchaft mit ihr rühmte. Es konnte ihm alſo nicht ſchwer werden, ein zufälliges Zuſammentreffen zu vermitteln, bevor ſie öf⸗ fentlich in Anſpruch genommen wurde. Vincent rüſtete ſich indeß mit einigem Herzklopfen zu dieſem Beſuche bei Giuliani. Er hatte ihn ſeit Jahr und Tag arg vernachläſſigt, und wenn dies auch gerade nicht aus Gleichgültigkeit geſchehen war, ſo mußte er doch bei des Italieners Empfindlichkeit eines Empfanges ge⸗ wärtig ſein, der alle ſauber zurecht gelegten Pläne zu Waſſer machte. 200 Leider war ihm der Signor noch nie nothwendiger geweſen, als bei dieſer Gelegenheit, deßhalb mußte ein Angriff auf ſeine Herzensgüte gewagt werden. Kein Menſch konnte ihn beſſer in die Geheimniſſe des Theater⸗ lebens einweihen, als der Signor. Kein Menſch war fähiger, ſeine Leiſtungen richtig zu beurtheilen, und kein Menſch war ehrlicher in ſeinem Lob und Tadel als der Signor. Vincent wußte, daß er ihm eine große Freude mit ſeinem Entſchluſſe bereiten würde. Darauf ſtützte er die Hoffnung, ihn zu verſöhnen, wenn er ihn böſer Launen voll finden ſollte, und ſein offenes, ehrliches Herz würde ſich ſelbſt bis zur Bitte um Theilnahme und Hülfe ver⸗ ſtanden haben, wenn es nöthig geworden wäre. Seine innere Unruhe trieb ihn ſchon um zehn Uhr Morgens aus dem Hauſe, obwohl ihm nicht unbekannt war, daß Signor Giuliani um dieſe Zeit erſt das Bett zu verlaſ⸗ ſen pflegte. Sein ganzes Weſen war in Aufruhr, als er langſam die Taubenſtraße hinabſchritt, um im ge⸗ mäßigſten Tempo den ziemlich weiten Weg bis zur Dorotheenſtraße zurückzulegen. Sein Gewiſſen erwachte ſchon jetzt, wo er in jedem ernſten Blicke, der ihn aus den Augen der Vorübergehenden zufällig traf, eine ver⸗ wunderungsvolle Frage zu leſen glaubte. Seine Wort⸗ brüchigkeit rächte ſich ſchon jetzt, wo er in dem unſchul⸗ 201 digſten Lächeln eine Verhöhnung wegen ſeines Vorſatzes zu ſehen ſich verſucht fühlte. Innerlich ein gänzlich zer⸗ fahrener Menſch, äußerlich ruhig und ſchön, wie man ihn immer zu ſehen gewohnt war, ging er dahin, um die erſten Schritte zu einem Berufe zu thun, welcher ihm verboten worden war. Der letzte Gedanke, womit er die Stufen betrat, die zu der Wohnung des Signor Giu⸗ liani führten, war:„Aber meine Mutter! Meine Mutter!“ Vierzehntes Capitel. Ein Veteran der Thalia. Signor Giuliani bewohnte die Bel⸗Etage eines alten, aber noblen und geräumigen Hauſes. Wovon der alte Herr eigentlich lebte, wußte Niemand. Die Unter⸗ richtsſtunden, die er bisweilen noch gab, ließ er ſich nie bezahlen, weil er ſie gewöhnlich Perſonen ertheilte, die ſie als eine Wohlthat anzunehmen kein Bedenken trugen. Er wohnte ganz allein in einem weiten, ſalonähnlichen Zimmer mit vier Fenſtern, das auf eine merkwürdige Art ausſtaffirt war, und auf den erſten Blick den Cha⸗ rakter eines Mannes verrieth, der zum phantaſtiſchen Luxus neigte und ſeiner Umgebung ein gewiſſes Lüſtre einzuprägen bemüht war. Die vorherrſchende Neigung zum Purpur, dieſer königlichen Farbe, hatte ihn verleitet, Alles mit Purpur zu behängen und zu bekleiden, was möglich war, und da der Sammt und Wollenſtoff ſeine Caſſe überſteigen 203 mochte, ſo begnügte er ſich mit Zitz, um die Pracht ſei⸗ nes Zimmers ſeinem Geſchmacke gemäß herzuſtellen. Inmitten dieſer purpurrothen Welt ſaß er an dem Morgen, wo Vincent ihm einen Beſuch zugedacht hatte, im wunderlichſten Morgenanzuge, der augenſcheinlich den Beweis lieferte, daß ſich Signor Giuliani in ſeinen vier Wänden als Sultan betrachtete. Weite Beinkleider über gelben Morgenſtiefeln bauſchig zuſammen gezogen, ein kaftanähnlicher Schlafrock und eine turbanähnliche Kopf⸗ bedeckung vervollſtändigten den Eindruck einer orientali⸗ ſchen Phantaſie, und der Anzug, welcher ſehr ſauber gehalten war, verrieth genugſam die theatraliſche Eitel⸗ keit eines Mannes, der eine Rolle zu ſpielen Luſt hatte, und durch Selbſtzufriedenheit den Mangel an ander⸗ weitigem Beifall ergänzte. Er hatte gefrühſtückt und war eben damit fertig ge⸗ worden, einen hübſchen gelben Mops mit dem Reſte von Milch, Semmel und Zucker zu erfreuen. Nachdem er dieſer Abfütterung noch einige zärtliche Worte und Lieb⸗ koſungen zugefügt hatte, ſtand er auf, nahm eine Gui⸗ tarre von dem Fortepiano, präludirte eine Weile mit Kunſtfertigkeit und begann dann die Rode'ſchen Violin⸗ variationen zu pfeifen, wobei er langſam und majeſtä⸗ tiſch in dem weiten Zimmer umherging. Sein Mops, der es vorzog, ſeine Verdauung im 204 ſüßen Schlafe zu erwarten, legte ſich nach einigen ver⸗ geblichen Verſuchen eine noch bequemere Lage zu erzie⸗ len, zurecht, und überließ ſich der Ruhe. Der Mops alſo ſchlief und Signor Giuliani pfiff, als Vincent das Haus erreichte und zögernd die Treppe erſtieg, um zum Quartiere ſeines früheren Lehrers zu gelangen. Der Mops, durch ſeine inſtinctmäßige Wachſam⸗ keit im Schlummer geſtört, ließ zuerſt ein leiſes Murren hören und brach beim Näherkommen des jungen Mannes in ein kurzes, gellendes Gekläff aus. „Tacete!“ rief der Signor phlegmatiſch, ſein Pfeifen einen Moment einſtellend. Da der Hund jedoch dieſem Befehle nicht Folge leiſtete, ſondern es ſeiner Ehre für würdig hielt, die An⸗ kunft eines Beſuches pflichtſchuldigſt zu annonciren, ſo unterbrach der Signor ſein muſikaliſches Divertiſſement abermals und ſprach: „Du ſollen das Maul halten, amico, wenn ich übe!“ Gleichzeitig mit dieſem verdeutſchten Befehle klopfte es an der Thür, und Vincent, der es für gut fand, das Herein ſeines Maeſtro nicht abzuwarten, erſchien auf der Schwelle. Der Italiener bewegte ſich langſam und 205 majeſtätiſch ihm entgegen, nahm die Miene eines Theater⸗ königs an, und ſprach mit ſchnarrender Stimme: „So— ſo? amico haben gerochen, daß Du kommen, Signor! So— ſo? amico haben begrüßt Dich als einen Fremden! Ein kluges Thier, dieſer amico! Du ſein ja fremd genug geworden in meinem Hauſe!“ Vincent unterbrach ihn haſtig, denn dieſer Em⸗ pfang ermunterte ihn, ſtatt ihn zu verſchüchtern. Er war auf leidenſchaftliche Vorwürfe gefaßt geweſen und fand nur eine tragiſche Zurechtweiſung. Das weckte ſeinen Muth. „So geht es immer in der Welt, Maeſtro“, ſprach er in gewinnender Freimüthigkeit,„wenn man einen Rathgeber braucht, dann findet man ſtets die richtige Thür.“. „So— ſo? Du wiſſen, Signor, daß der alte Maeſtro Giuliani ein Schlafmütz an Gutthat iſt!“ warf der Italiener ſarkaſtiſch ein. „Aber ein Adler an Scharfſinn“, ergänzte Vin⸗ cent, gutmüthig lachend und den Kopf des kleinen Hun⸗ des ſtreichelnd, der ſchnell die alte Freundſchaft mit ihm erneuert hatte.„Sehen Sie Ihren Hund, Maeſtro, und nehmen Sie ein Exempel daran. Er liebt mich noch!“ „So— ſo? Du haben meine Liebe verſchmäht“, 206 entgegnete Giuliani, indem er durch einige volltönende ſtarke Griffe in die Guitarreſaiten ſeinem Grolle Luft zu machen ſuchte. „Wenn das der Fall wäre, ſo würde ich nicht beim erſten Anlaſſe, wo ich Sie nöthig hätte, den Weg zu Ihnen gefunden haben“, rief Vincent bewegt.„Ich will mich nicht lange bei der Vorrede aufhalten, Maeſtro. Mein Herz drängte mich zu Ihnen, um Ihnen zu ſagen, daß ich entſchloſſen bin, mich der Bühne zu widmen, wenn Sie mich für fähig halten eine derartige Stellung rühmlich auszufüllen!“ Signor Giuliani legte ſeine Guitarre ſäuberlich auf das Fortepiano, drehte ſich gravitätiſch herum zu dem jungen Manne und ſah ihm ernſthaft in die Augen. „Was haben Du geſagt, Vincent? Du wollen zur Bühne gehen? Ob Du ſein fähig zu dieſer Lauf⸗ bahn? Gebenedeiet ſei Dein Wort und die Heiligen mögen Dich in Schutz nehmen. Dein Name werden groß ſein und der Name Deines Lehrers Giuliani werden zum Firmamente ſteigen!“ „Iſt das Ihr Ernſt, Signor?“ fragte Vincent freudig und ſeine Augen flammten in Begeiſterung. „Ich wollen nie ſelig werden, wenn ich einen Scherz daraus mache.“ „Und Sie wollen mich mit Ihrem Rathe unter⸗ 207 ſtützen, wollen meine Fortbildung übernehmen, wollen mich einweihen in die Myſterien des Bühnenlebens?“ „Ich wollen! Auf Cavalierparole— ich wollen!“ antwortete der Signor. Er reichte dem jungen Manne die Hand und es entſpann ſich nun ein heiteres und lebendiges Geſpräch über Alles das, was zu thun nothwendig wurde. Vincent erſtaunte über Manches, ſeiner ehrlichen Natur widerſtrebte Manches, er hielt Manches für über⸗ flüſſig und der männlichen Würde eines gediegenen Sängers nicht angemeſſen, allein Signor Giuliani, ein durch und durch erfahrener Mann, der ſein kurzes Künſtlerleben nicht ohne nützliche Schlauheit verbracht hatte, verſicherte ihm abermals auf Cavalierparole, daß das ſo ſein müſſe, um ſchnell zur Ruhmes⸗Höhe zu gelangen, und daß auf geradem und ehrlichen Wege die Bahn unendlich ſchwierig ſei. Nachdem dies Thema verhandelt war, ging Vin⸗ cent auf ſeinen Plan über, mit der Catalani zugleich aufzutreten. Der Italiener ſtutzte. Es war allerdings eine großartige Kühnheit von einem Anfänger, ſich neben die berühmteſte Sängerin zu ſtellen, allein das ſchien es nicht zu ſein, was ihn ſtutzig machte, und ihn nach eini⸗ gem Nachdenken zum Fentſchiedenen Widerſpruch an⸗ 208 ſpornte. Auch nannte er zuerſt die Zuverſicht, womit Vincent von der Protection des Königs ſprach,„eine knabenhafte Leichtgläubigkeit“, weil große Herren ihre Worte nie bedächten, allein plötzlich ſchien ihm ein Ge⸗ danke zu kommen, der eine vollſtändige Sinnesänderung bewirkte. Er nahm ein Notenheft hervor, ſetzte ſich an's Fortepiano und forderte Vincent auf, das zu ſingen. Der junge Mann ſah zu ſeiner grenzenloſen Ver⸗ wunderung, daß es eine Violinſtimme war, die er ſin⸗ gen ſollte. Er lachte hell auf und meinte, ſein Lehrer treibe Scherz mit ihm. Dieſer wiederholte aber ſeine Aufforderung mit der Erklärung, daß durch dieſe Violin⸗ Variationen die Glanzperiode im Leben der großen Künſtlerin angebrochen ſei, und es käme nur darauf an, ob er auch im Stande wäre, mit Genie die Schwierig⸗ keiten zu überwinden, welche ſich darin vorfänden. „Die Fertigkeit und Geläufigkeit haben Du“, ſetzte er lächelnd hinzu,„aber zu dieſer äußeren Ausbildung müſſen Du einen ſeelenvollen Ausdruck fügen, ſonſt bleibt es nur eine Kunſtfertigkeit ohne Leben. Verſuchen Du!“ befahl er. Vincent machte Einwendungen. Ihm erſchien es abſurd, der menſchlichen Stimme ein Violinſolo anzu⸗ paſſen. Dazu kamen Schwierigkeiten, die er, wie er als routinirter Sänger gleich beim erſten Blick einſah, kaum bewältigen konnte. Er ſchüttelte abweiſend ſein Haupt, widerſtand aber zuletzt dem Verlangen des Signor dennoch nicht, und begann die Lection. Es geſchah, was dem Virtuoſen ſo häufig geſchieht. Vincent fand Gefallen an dem Probiren dieſer Piece, weil er ſich ſelbſt übertraf und weſentlich mehr leiſtete, als er ſich zugetraut hatte. Er wurde nicht müde, unter der Anleitung ſeines Maeſtro zu üben, bis dieſer, zu⸗ friedengeſtellt, die Hände rieb und den Erfolg für ge⸗ ſichert erklärte. Darauf entwickelte er dem geſpannt hor⸗ chenden jungen Manne ſeinen Plan, der dahin ging, daß er die Catalani als Protectorin für ſeinen Schüler zu gewinnen ſuchen werde, ohne die gewaltigen Mittel zur Concurrenz, die demſelben zu Gebote ſtanden, ganz zu verrathen; daß Vincent ſich bei einer Prüfung nur auf einfache Sachen beſchränken ſolle, um den Neid und die Mißgunſt der Dame nicht zu wecken, und daß er erſt in einem letzten Concerte mit ſeiner ganzen Kunſt, mit ſeiner ganzen Genialität, die derjenigen der Catalani vollſtändig ebenbürtig ſei, hervortreten und das Publikum gleichſam erſchüttern ſolle. Der Plan gefiel Vincent nicht, aber Signor Giu⸗ liani ſuchte ihm zu beweiſen, daß die Klugheit es erfor⸗ Idalinm. 1. 1 3 14 210 dere, ſo zu handeln, wenn er in der Reſidenz ein plötz⸗ liches und glänzendes Engagement erzielen wolle. Vincent meinte, ob es nicht ehrenhafter ſei, die Catalani in's Geheimniß zu ziehen. Signor Giuliani lachte ihn aus und entgegnete, daß die Sängerin in ihrem Gatten, dem Herrn von Valabrégue, einen eben ſo ſchlauen als herrſchſüchtigen Geſchäftsführer beſäße, der keineswegs geſonnen ſei, den Ruhm und die Macht ſeiner Gemalin zu ſchmälern, da er die Einnahmen derſelben ſehr gut brauchen könne. Kunrz und gut— Vincent that den erſten Schritt zum Bühnenleben am Gängelbande einer Intrigue und verließ guten Muthes ſeinen Maeſtro, welcher die Sache in die Hand zu nehmen verſprach. Freier, friſcher und fröhlicher als er gekommen war, ſprang er nach einigen Stunden die Treppe hinab, unter dem Arme die Violinvariationen von Rode. Signor Giuliani blieb nicht weniger fröhlich in ſeinem rothdecorirten Zimmer zurück, das er mehrmals im vergnägteſten Geſchwindſchritt durchwandelte, ehe er ſich an dem Tiſchchen niederließ, worauf das Geſchirr ſeines Frühſtückes ſtand. Sein Blick ſtreiſte faſt verächt⸗ lich die ungeſäuberte Kaffeekanne und die Taſſen, woran noch verrätheriſche Broſamen eines groben Gebäckes zu erkennen waren. 211 Sein Mops, der nach wieder gewonnenem Appe⸗ tite die Zeitrechnungen eintheilte, erhob ſich langſam von ſeinem Lager und umkkreiſete wedelnd und ſchnup⸗ pernd den Platz, den ſein Herr nur einnahm, wenn er ſeine Tagesmahlzeiten abhielt. Als der Signor keine Anſtalten traf, ihn mit ſeinen Freßgelüſten zu beachten, hob er ſich empor, ſetzte ſich auf die Hinterpfoten und ließ ein winſelndes Geheul hören. Der Signor lachte und ſtrich liebkoſend über die breite, ſchwarze Mopsnaſe hinweg.„Du betteln, amico, Du betteln? Haben Du nur Geduld, wir wer⸗ den bald Biscuit eſſen und Xeres trinken können. Unſere Sonne gehen auf, amico! Die Tantièmen der armen Choriſtinnen, die uns genährt haben, ſeien von nun an ein Bettel für uns! Paſſen Du auf, mein Hündchen, paſſen Du auf, was für herrliche Tage nun aufgehen werden. Dieſer Fiſch, der heute in mein Netz gegangen, amicCo, iſt ein Goldfiſch, der des Lebens Herrlichkeit über uns ausbreiten ſoll. Haben ich es Dir nicht immer geſagt, mein Hündchen, daß Du ſollen Biscuit freſſen, wie das Bologneſerchen der Gräfin Julie— ſehen Du, nun halten ich Wort! Haben Du nur noch Geduld und ſparen Du Dein Appetit für's Biscuit, denn heute haben ich nichts weiter, als ein grob' Brötchen und Kaffeewaſ⸗ ſer zum Gaſtmahl! Sehen Du?“ Er zog ein Schub⸗ 212 käſtchen aus dem Tiſche und präſentirte mit Grazie dem aufmerkſam aufhorchenden Hunde ein Stück Brot, das dieſer von allen Seiten beroch. Dann gab er ſeine bet⸗ telnde Stellung auf und kroch, ſichtlich getäuſcht und verdrießlich, nach ſeinem Lager zurück. Der Italiener aber lachte ſpitzbübiſch, fuhr ſich mit beiden Händen durch ſein ſtruppiges, ſchwarzes, ſtark mit grau vermiſchtes Haar und rief: „Der deutſche Hund ſein doch ein dummes Vieh! Jetzt eſſen ich meinen Braten allein, und amico warten auf das Biscuit, das der große Sänger erſt verdienen ſoll. Merken der deutſche Hund nicht, daß ich Mas⸗ kerade ſpiele und der große Sänger merken nicht, daß er falſche Catalani vorſtellen ſoll. Man müſſen Alles ver⸗ ſuchen, wenn man Hunger haben, man ſollen den alten Giuliani ernähren, wenn man Sänger werden. Haben große Roſinen im Sack— denken Majeſtät ſollen helfen — o ja, wenn es Madame Lemmidre ſein, wenn Füß⸗ chen und Röckchen ſchlänkern, ſolfeggiren mit den Bein⸗ chen.—“ Er kicherte und rieb ſich ſchadenfroh die Hände, in⸗ dem er aufſtand und einige Tänzerinnen⸗Stellungen parodirte. „Majeſtät machen ſich den Teufel aus Monſieur Vincent Dorſak— Majeſtät haben aber dem Monſieur 213 Vincent Dorſak ein Floh in's Ohr geſetzen und das ſein gut! Monſieur Vincent haben ſchöne Stimme, haben viel gelernt, können Sänger werden— ſein der Liebha⸗ ber der Gräfin Julie— kommen durch Herzogin von Hildburghauſen in Carriere— ich ſein geborgen für meine alten Tage!“ Er tänzelte höchſt vergnügt durch's Zimmer, blieb vor einem Schranke ſtehen, nahm ein Näpfchen heraus, trug es nach dem Tiſche, worauf die Kaffeekanne ſtand, zündete hier das Lämpchen in ſeinem Kaffeekocher an und ſtellte das Näpfchen vorſichtig darauf. Es dauerte gar nicht lange, ſo verbreitete ſich ein angenehmer Braten⸗ duft im Zimmer und Signor Giuliani wendete ſich zur Thüre, ſie verriegelnd, um vor Ueberfall gedeckt zu ſein. Als er wieder zum Tiſche trat, fand er ſeinen Mops, der mittlerweile auf den Stuhl geſprungen war, be⸗ ſchäftigt, den Inhalt des Näpfchens mit der weit ausge⸗ ſtreckten Zunge zu prüfen. Ein fürchterlicher Grimm entſtellte das ſcharf gezeichnete Geſicht des Italieners. Er griff dem Thierchen in's Genick, ſchleuderte es voller Wuth an die Erde, und warf ſein Meſſer, das er ſchon in der Hand hielt, hinterdrein.„Maledetto!“ ſchrie er dabei, und nahm eine Serviette, um die Stelle, wo der Hund gekoſtet hatte, höchſt vorſichtig zu reinigen. 214 Der Mops kroch während deſſen, augenſcheinlich verletzt, wimmernd auf ſein Lager. „Ich wollen Dich lehren, mir auszufreſſen, was ich wollen genießen,“ ſprach Signor Giuliani zähneknir⸗ ſchend und ließ ſeine großen, braunen Augen wüthend über den Platz des Hundes hinwegrollen.„Das deutſche Vieh ſollen bald lernen, daß ich grauſam ſein, wenn mein Eſſen wegſchnappen! Haben Du Geduld, bis Du Biscuit bekommen!“ Er ſetzte ſich, überwand den Eckel, den die Hunde⸗ ſchnauze ihm erregt hatte, und ſpeiſete. Als er fertig war, ſchnitt er das grobe Brot in ganz kleine Stückchen, wiſchte die Bratenſauce aus dem Näpfchen, mengte Alles ſehr ſauber zuſammen und that es in das Gefäß, woraus der Hund zu freſſen pflegte. Dann ſchnalzte er mit der Zunge. Der Mops kam jedoch nicht. Signor Giuliani rief ihn. Der Mops rührte ſich nicht. „Wollen Du trotzen, amico?“ ſagte der Italiener lachend und ſtand auf, um den Hund herbeizuholen. Er trat an ſein Lager und bückte ſich, um ihn zu ſtreicheln. Der Mops war todt. Steif ausgeſtreckt lag er da, und die Blutstropfen, die über ſein goldgeſticktes Halsband gelaufen waren, verriethen, daß er ſeinen Tod durch das ihm nachgeſchleuderte Meſſer gefunden hatte. — 215 Gleichgültig hob der Italiener den Hund auf, löſte das ſchöne Halsband, und warf ihn ohne Weiters vor die Thüre hinaus. Ein häßliches Lächeln lief über ſein Geſicht. „Nun können die Fürſtin Sontikof ihren geliebten Mops wieder kriegen!“ ſagte er ſpöttiſch.„Ich wollen mir den Bologneſer der Gräfin Julie ſtehlen, ein ſchönes Hündchen! Gräfin werden zwar auch ein Heidenlärm machen, wenn Bologneſerchen fort iſt, aber helfen nichts, müſſen Bologneſer haben. Dummes Thier, der Mops. Gleich ſterben!“ Unter dieſem Selbſtgeſpräche ſetzte er die Kaffee⸗ kanne mit Waſſer auf die Spiritusflamme, ſpülte ſie aus, nachdem das Waſſer lauwarm geworden war, trocknete ſie mit einer Serviette rein ab und füllte ſie abermals mit Waſſer. Darauf öffnete er eine Schachtel, nahm einige Löffel voll gemahlenen Kaffee, legte Löſchpapier anf ein Theeſieb, ſtellte dies auf eine große Taſſe und ſchüttete den Kaffee darauf. Mit der größten Accurateſſe filtrirte er auf dieſe Weiſe eine volle Taſſe Kaffee und wollte eben, gewohnter⸗ maßen, einen Nachguß fur amico präpariren, als er ſich erinnerte, daß dies arme Thierchen des Kaffeewaſſers nicht mehr benöthigt war. „Ja ſo,“ murmelte er, das Sieb auf die Kanne 216 ſtützend,„ja ſo— der Hund ſein todt! Ein dummes Vieh, ſo ein deutſcher Hund, ein extra dummes Vieh! Zu ſterben, weil er haben genaſchen! Ich müſſen doch gleich einmal ausgehen, um zu ſehen, ob Bologneſerchen nicht abzufangen ſein!“ Er trank ſtehend ſeinen Kaffee aus, warf dabei ſeinen Kaftan und ſeine Pluderhoſen ab, zog andere Stiefel an, legte ein Chemiſett mit breitem, zierlich ge⸗ knifftem Jabot vor, und holte Rock, Hut und Stock aus dem Schranke. 4 In dieſem Anzuge glich er dem feinſten Cavaliere, und die würdige Manier, womit er ſich bewegte, ver⸗ ſteckte jede Spur von dem phantaſtiſchen, herunter⸗ gekommenen Comödianten, der in ſeinem Zimmer über⸗ all durchblickte. Das war alſo der Mann, in deſſen Hände Vincent Dorſak ſein Geſchick gelegt hatte. Wenn nicht Gottes Engel über den verirrten Jüngling wachen, ſo iſt ſein Untergang gewiß, denn Lug und Trug, Habſucht und Genußſucht, neben allen Ausbrüchen eines ungezähmten Naturells, werden daran arbeiten, ihn zu Grunde zu richten. Fünfzehntes Capitel. Sonnenſtrahlen. Die Eröffnungen, welche Frau Dorſak ihrer Tochter über ihre Vergangenheit gemacht hatte, waren im Ganzen für Joſepha ſehr unbefriedigend geweſen, allein da ihre Mutter, durch die Abreiſe des Herrn Maltmann von Mörs beruhigt, wieder in ihr gewöhnliches Arbeitsgleis zurückgekehrt war, ſo wagte ſie es nicht, auf nähere Er⸗ klärungen zu dringen, noch dazu, da ihre Mutter ſie auf die Ankunft ihres Bruders, die ſie zu veranlaſſen verſprach, verwieſen hatte.. Joſepha mußte ſich mit dieſer Ausſicht begnügen, und ſie benutzte die Zeit, welche dazwiſchen lag, zu mancherlei Combinationen. So viel ſtand feſt, daß ihre Mutter in glänzenden Verhältniſſen gelebt und daß ſie in Berlin gewohnt habe. Welch' ein Feld für einen phantaſtiſch belebten Mädchenkopf, um darauf anzubauen. Sie hob ihre Stirn übrigens ein klein wenig ſtolzer unter ihren Grü⸗ 17 218. beleien und dachte weit geringſchätzender und proſaiſcher an jene Schlöſſer auf den Höhen, die ſie ſo majeſtätiſch bevölkert hatte.— Aber hinauf ging ſie deſſen ungeachtet nicht wieder. Ihr Umgang mit Emmy erlitt dadurch einige Einſchrän⸗ kungen. Dies junge Mädchen, welches in ſeiner Jugend⸗ kraft die Stütze einer ſchwächlichen Mutter abgeben mußte, war oft durch häusliche Beſchäftigung behindert, den Weg zum Meierhofe hinabzuſteigen. Außerdem gab es jetzt etwas in der Welt, was Emmy nicht wiſſen ſollte, dadurch richtete ſich eine kleine Schranke zwiſchen ihnen auf. Wenn das Herz junger, fröhlicher Geſpielen von einem dunklen Geheimniſſe bedrückt iſt, dann tritt es nicht mehr ſo auf die Zunge, wie ſonſt— Emmy merkte das und zog ſich ein klein wenig in ſich ſelbſt zü⸗ rück, ohne jedoch das Geringſte von ihrer Liebe zu Joſe⸗ phen einzubüßen. Auf dieſe Weiſe vergingen einige Wochen. Lothar von Wöllner hatte das Schloß wieder ver⸗ laſſen, als er mehrere Tage vergeblich auf die Ankunft ſeiner Schweſter Margot gewartet. Er war ſehr ver⸗ drießlich geweſen beim Abſchiede von ſeiner alten Bonne und halb im Zorne von ihr geſchieden, weil ſie ſeiner Aufforderung„nach dem Schloſſe zu überſiedeln“ mit ganz entſchiedener Weigerung entgegen getreten war, 219 Seinem Verſprechen nach wollte er ſehr bald wiederkom⸗ men, aber Tag an Tag verging, ohne ihn oder ſeine Schweſter zu bringen. Mittlerweile war der Frühling mit ſeiner ganzen Pracht in's Land gekommen. Prangend im köſtlichſten Schmuck, mit ſeinen Blüthen und Blumen, mit ſeinen Roſen und Lilien, entfaltete er einen berauſchenden Zauber, der namentlich Joſephen's Herz vollſtändig erfüllte. Sie glaubte noch nie ſolchen Balſam eingeathmet, noch nie eine ſolche Blumenpracht erblickt zu haben. Die Roſenſtöcke an der Veranda ſtrotzten von Blumen, und die Lilien im Blumengarten bildeten ſich zu rieſigen Bouquetten. Wenn ſie ſich des Morgens vom Lager erhoben hatte, eilte ſie hinaus, um zu ſehen, wie viel Knospen ſich entfaltet hatten, und ſie küßte die zartgefärbten Kelche der weißen Roſen und flüſterte einen Gruß hinein. Einen Gruß? An wen denn einen Gruß? Ach, ſie wußte es ſelbſt nicht an wen! Ihr Herz war nur ſo freudig und voll Erwartung. Was ſchadete es denn, wenn ſie in holder Beklemmung der Roſe einen guten Morgen zu⸗ flüſterte? Der Morgenhauch nahm ja den Gruß im Fluge von der Roſe und trug ihn himmelan, wo doch Niemand wohnte, wie die Engel, 220 Joſepha eilte auch bisweilen ſtürmiſch wie früher zur Höhe hinauf, die zwiſchen dem See und der Hohen⸗ ſteinklippe lag. Dort lagerte ſie in anmuthiger Trägheit und ſchauete ohne Gewiſſensbiſſe hinab auf den Meier⸗ hof, wo ihre Mutter ſo fleißig für die Lebensbedürfniſſe ihrer Kinder ſorgte. Dort hob auch zuweilen, aber nur in mißmuthiger Neugier, der Wunſch ihre Bruſt, zu wiſſen, wie ſie eigentlich heiße. Eines Tages verſpätete ſie ſich, weil ihre Phantaſie gar zu geſchäftig war. Die Sonne verließ das Thal. Sie achtete deſſen nicht, obwohl ſie ihrer Mutter ver⸗ ſprochen hatte, den ſchädlichen Abendthau zu meiden. Die Sonne verließ endlich auch die niedrigen Höhen und ſtrahlte nur noch ihr Licht auf die Hohenſteinklippe herab. Da klang es ſüß und ſchaurig durch die ſtille, unbewegte Abendluſt.„Se— fi!“ Wild fuhr Joſepha auf und drückte die Hände feſt auf das pochende Herz. Sie glaubte ein Traum täuſche ſie. Wieder tönte es:„Se— fi!“ Kaum athmend, wendete das junge Mädchen ſich dem Schalle nach. War es eine Viſion? Dort oben auf der Klippe ſtand eine weiße Geſtalt. Die Sonnenſtrahlen umwoben ſie mit einem Verklärungs⸗ ſchimmer.„Se— fi!“ erſchallte es zum dritten Male 221 und die Geſtalt hob einen weißen Schleier, ließ ihn durch die Lüfte wehen und winkte. Im Fluge durcheilte nun Joſepha, aller Wege kundig, die ſchmalen Felſenpfade, die nach den Klippen hinaufführten, im Fluge überſchritt ſie die gefährliche Felſenkante, die die zerklüfteten Gebirgsmaſſen noth⸗ dürftig verband. Sie war auf der Klippe, ehe die weiße Geſtalt es erwarten konnte, ſie war da und ſank mit dem Jauchzen der kindlichen Luſt vor der Dame nieder, die ſie in ihren Armen auffing.„Margot— Margot!“ „Meine Sefi—“ flüſterte Margot mit unendlicher Liebe und Wehmuth.„Du kennſt mich noch, meine liebe Kleine? Du erinnerſt Dich meiner?“ Joſepha hob ihr Lockenköpfchen raſch empor und entgegnete freimüthig:„Nein, o nein! Ihr Bild war in mir bis zur traumhaften Unkenntlichkeit abgeblaßt, aber Emmy hat es in mir geweckt, als ſie mir von Ihrer Verheiratung erzählte!“ Ein Schleier zog über die ſonnenhellen Augen der Dame bei der Erwähnung ihrer Heirat. „Laß das ruhen“, ſagte ſie unheimlich leiſe, indem ſie raſch nach allen Seiten blickte. „Nenne mich Du, meine Sefi!“ fügte ſie ſchnell hinzu, indem ſie ihre Lippen auf des Mädchens Stirn preßte. 222 „Ich, die arme Sefi, ſoll die Gräfin Toska Du nennen?“ fragte Joſepha im Tone naiver Verwunde⸗ rung.„Ich bin ja nur der Fran Dorſak Tochter!“ „O mir biſt Du das liebſte Andenken an meine ſchöne Jugend“, rief Margot leidenſchaft d,„mir biſt Du das einzige Weſen, das mich noch lieben kann und darf, mir biſt Du die geliebte Zeugin meiner ſeligſten Stunden! Weigerſt Du Dich noch, mich Du zu nennen, Sefi?“ Das junge Mdhen lehnte verſchämt ihre Stirn auf Margot's weiße Schulter, die, wie von einem innern Schluchzen erſchüttert, bebte. „Ich gehe fort aus dem Vaterlande“, begann Margot nach einer Pauſe, während deren ſie nach Faſſung gerungen hatte, auf's Neue, aber viel kälter und ruhiger.„Weißt Du, daß ich nach Rußland muß?“ Als Joſepha nickte, fuhr ſie fort. 3c mußte noch ein einzig' Mal hier ſtehen, um Abſchin vom Heimatlande zu nehmen, un als ich hier ſtand, da wallte mein ganzes Herz in traurig ſüßer Prirnerdeg auf, denn Du lagſt dort auf dem znsgen Abhange, ganz wie vor langer, langer Zeit und doch wieder anders wie damals, o ſo ganz anders.“ Sie hob Joſephen'’s Geſicht am Kinn empor und ſah ihr liebreich in's Auge. Auch Joſepha ſchauete ſie ernſt und ſinnend an. 223 Wie ſchön war Margot, welch' ein Ebenmaß in allen Formen, welch' ein Hauch vom innern, tiefglühenden Leben in den prachtvollen Augen, wie zart gefärbt das Geſicht, welches von dunkeln Locken umwallt war. Ein einfaches weißes Gewand umſchloß die edle Geſtalt und ein breites blaues Atlasband fiel von der Taille bis zur Kante des geſtickten Kleides herab. Den Hut trug ſie am Arme. Auch dieſer war reichlich mit blauem Bande verziert. „Auch Du biſt ganz wie damals“, ſprach Joſepha lächelnd nach der Muſterung ihres Auzuges.„Noch im⸗ mer weiß mit blauen Bändern, wie ich vor Zeiten meine Margot geſehen.“ Ein glühendes Erröthen flog über Margot's Wangen und ſie ſenkte das Auge. Ob es wohl nicht Abſicht war, noch ein einzig' Mal im weißen Kleide mit blauen Schleifen vom entſchwundenen Liebesglücke zu phanta⸗ ſiren? Sie hatte nicht Zeit darüber Antwort zu geben, denn von der Seite, wo Kleineck lag und die Landſtraße vorbei führte, tönte ganz fern ein Poſthornſignal, das die Aufmerkſamkeit Beider für den Augenblick feſſelte. Joſepha lauſchte mit klopfendem Herzen danach ob es näher kam— Margot aber ſprach gleichgültig:„Es wird mein Bruder Lothar ſein!“ Das Signal kam nicht näher, ſondern entfernte ſich. Schon nach wenigen Minuten hallte es kaum hör⸗ bar noch durch die Luft, und Joſepha, wie erſchreckend aus ihren Gedanken auffahrend, ſagte: „Es wird dunkel im Thale, ich muß hinab! Wann wirſt Du Kleineck verlaſſen, theure Margot?“ Margot umſchloß das Mödchen. „Morgen— morgen! O, gedenke meiner, wenn Du künftig hier weileſt— gedenke meiner, Seſi! Und—“ ſie ſtockte und blickte in lieblicher Verlegenheit auf Joſe⸗ phen nieder, die ſich leidenſchaftlich bewegt an fie ſchmiegte. Ihre Blicke ſanken in einander— ſie wurden wortlos Vertraute. 3 „Und wenn Du ihn ſieheſt— er wird nun wieder hieher kommen dürfen— bringe ihm mein Bild in's Herz zurück, wie Du mich geſehen, damit er mir nicht fluche. Sage ihm, es gäbe noch ein Glück für uns, die himmliſche Vereinigung einer zarten Seelenliebe. Er ſolle ſeinem Großvater gehorſam ſein und ſich der Gattin vermälen, die Jener ihm beſtimmt habe. Dann, nach Jahren vielleicht erſt, wenn wir ruhig genug ſind, dann wollen wir hier zuſammentreffen und den Bund der Freundſchaft ſtiften!“ Ihr Auge glänzte in ſchwärmeriſcher Begeiſterung, indem ſie wie ſegnend die Hände über die Gegend aus⸗ 1 225 breitete und jedes Plätzchen, wo ſie mit Aegyd geweilt, noch einmal begrüßte. Joſepha fühlte die Heiligkeit ihrer Gedanken. Leiſe, um fie in ihrer Exaltation nicht zu ſtören, ſchlich ſie von ihrer Seite und wendete ſich dem Felſenpfade zu, der gleich einer Brücke den Eingang zur Klippe bildete. Warum blieb ſie dort ſtehen, ſtarr und wie ge⸗ bannt? Sollte ſie einen Weg zu betreten fürchten, den ſie ſo oft mit der Behendigkeit einer Gazelle über⸗ ſchritten hatte? Nein, o nein! Dort drüben am Wege, vom Schatten der eintretenden Dämmerung umhüllt, dort ſtand eine hohe, ſchlanke Männergeſtalt, eben im Be⸗ griffe den Pfad zu betreten, der nur Raum für einen Menſchen bot. Wer war dieſer Mann? Ihr Herz ſagte es ihr mit lauten Schlägen. Aegyd war es! Ja, das war Aegyd in ſeiner ernſten Majeſtät, mit den mäch⸗ tigen, dunklen Augen, von der Stirn bis zum Fuße eine göttergleiche, gebietende Geſtalt! Scheu wich das junge Mädchen zurück. Sie gab ihm willig Raum, als er be⸗ flügelten Schrittes über den Pfad eilte, und ſie ſtand wie bezaubert, als er, Margot in ihrer betenden Stellung er⸗ blickend, ſeinen Schritt plötzlich hemmte, und nur mit unendlicher Trauer und Liebe ihren Namen ausſprach. Margot fuhr auf aus ihrer Andacht. Dieſe Stimme Idalium. I. 15 226 hätte ſie von den Todten erweckt— wo aber kam dieſe Stimme, die ſie nicht hören durfte, her. Ihr Blick fiel auf Aegyd, wie er daſtand, die Hände krampfhaft gefaltet und zu ihr erhoben. „Du hier? Du hier?“ rang es ſich von ihren Lippen.„O, bleibe fern! Bleibe fern, Aegyd! Ich be⸗ ſchwöre Dich— bleibe fern!“ „Margot, um dieſes Wiederſehens willen liege ich nun ſchon wochenlang verſteckt im Hohenſteiner Schloß— Margot, willſt Du mir verſagen, was ich endlich errungen zu haben glaube?“ bat der junge Mann, demüthig flehend.„Ein Abſchied für's ganze Leben, Margot—“⸗ Bezwungen von dieſer ungewohnten Demuth, ſenkte Margot den herriſch emporgehobenen Arm und ließ ſich machtlos auf die Steinbank nieder. Im Nu lag Aegyd zu ihren Füßen. Der ſtolze Mann neigte ſeine Stirne in ihre Hände.— Weiter ſah Joſepha nichts, denn ſie floh, von na⸗ menloſen Gefühlen erfaßt, wild den Berg hinab. Ende des erſten Theiles. Druck von F. Fridrich. * 8 M'ſnnnanſnnſnmnVmnnTnſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſnfiſſſiſſſſſſſfniſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17