„—--—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet ] wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——j——— —auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. u7„ uI— nI 9—„ 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ¹ 3 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 6 1 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt z der Leſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſe ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. NX —— ——— —— Album. Zibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Fünfzehnter Band. Gertrud. IV. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Gertrud. Roman von Ernſt Fritze. Vierter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpizil. — ,— Inhalt. Eres Waritel........... 9 Bweites Canitel.......... 33 Drittes Canitel............ 53 Viertes Ganitel.......... 60 Fünftes Gapitel.........70 Sechstes Capitel............. 91 Siebentes Capitel........... 104 Achtes Gapitel........... 141 Neuntes Gapitel............ 172 Belntes Capitel....... 190 Gertrud. — Vierter Theil. Erstes Cagitel. Während die Ereigniſſe der Zeit die Herzen des Volkes in einer gelinden Bewegung erhielten, wechſelte im Innern Margareth's Hoffnung und Muthloſigkeit auf eine weit gewaltſamere Weiſe. Von einer Unruhe getrieben, die ſich durch die Ver⸗ tagung der Entſcheidung bis zur Spannung erhoben hatte, ſah ſie dem Tage mit fieberhafter Aufregung ent⸗ gegen, wo ſie im Stande ſein würde, dem Grafen Levin die nothwendige Erklärung über ſeine ungerechte Ver⸗ urtheilung zu geben. Ihr Gemüth neigte ſich jetzt, je näher die Zeit einer Entſcheidung rückte, zu einer tragiſchen Auf⸗ faſſung ihrer Verhältniſſe, und ſie hatte den feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt, den erſten Anlaß zu benutzen, der ſich ihr darbot, um mit Ueberwindung jeder Schüchternheit feſt und entſchieden dem Manne entgegen zu treten, an den ſie leider nicht mehr durch Bande der Zuneigung, aber 1860. XV. Gertrud. IV. 1 —— 10 durch die ſtete Beſorgniß, Verachtung dagegen eingetauſcht zu haben, geknüpft wurde. Sie hatte feſte Entſchlüſſe gefaßt. Eine Erklärung mußte der Graf annehmen. Er konnte ihr nicht das ver⸗ weigern, was bloße Menſchenpflicht von ihm forderte. Daß er ſich jemals wieder zur Wiederherſtellung ihres Bündniſſes verleiten laſſen werde, hoffte ſie keinesweges, aber ſie wollte Ruhe vor dem Gedanken haben, von ihm verkannt und verachtet zu ſein. Sie wollte den Hohn aus ſeiner Seele löſchen, der mit giftigen Widerhaken ſein beſſeres Selbſt untergrub. Ihre Entſchlüſſe wurzelten in dem Edelmuthe ihrer unvergänglichen Neigung zu ihm, ſie zeigten die Selbſtloſigkeit der Liebe. Nur wenige Tage verſtrichen nach der Einnahme von Dresden, als es um Wilsberg wieder von Huſaren zu wimmeln begann. Ziethen war mit ſeinen Schwadronen zurückgekom⸗ men, und die übermüthig gewordenen Krieger tummelten ſich in der Gegend umher, als hätten ſie ein Recht er⸗ worben, Sachſen für ihre Heimath zu halten. Im Herrenhauſe richtete ſich der Generalſtab wie⸗ — 3 8 der ein, und an der Spitze eines Pikets rückte eines Ta⸗ ges ein ernſter Offizier in der Probſtei ein, der weder die Nonchalance des Oberſtwachtmeiſter von Hottorp zeigte, noch ſeine Gemüthlichkeit beſaß. Er befaßte ſich 11 mit keinem Menſchen im Hauſe, ſprach nur die allernoth⸗ wendigſten Worte, konnte alſo in keiner Hinſicht als ein vermittelndes Princip zwiſchen den ſtreitenden Mächten betrachtet werden. Im Grunde fühlte ſich namentlich Gertrud erleich⸗ tert, daß der geſchwätzige Herr von Hottorp nicht wieder Quartier in der Probſtei geſucht hatte. Sie fürchtete nichts ſo ſehr, als eine Erinnerung an den„Pagenſtreich“, wie Frau von Pröhl ihr unberufenes Rettungswerk für den Landesverräther genannt hatte, und ſie fühlte ſich durch ihr mißlungenes Debüt in Staatsaffairen ſo tief ge⸗ demüthigt, daß ſie ſich ſogar ſorgfältig vor den Blicken derjenigen hütete, die davon Kenntniß haben konnten. Margareth hörte, daß der General Ziethen angekom⸗ men ſei, und ihre Spannung wuchs. Sie rüſtete ſich förmlich zu einer Begegnung mit dem Grafen Levin, und ſie war längſt mit ſich einig, daß ſie es nicht mehr dem Zufalle überlaſſen wolle, ihre Seelenruhe wieder herzuſtellen. Hatte ſie nicht ein Recht, den Zweifel im Grafen zu zerſtören, der einen ungerechten Verdacht auf ſie warf? Das Geſchick ſchien ſich der proſaiſchen Perſon der dicken Suſe bedienen zu wollen, um das Herz Marga⸗ reth's mit leiſen, ſchmeichelnden Hoffnungen zu erfüllen. Dieſe gute treue Seele kam eilig vom Garten herein und berichtete, daß ein ſchöner Huſarenoffizier oberhalb der 1* Kloſterruinen angehalten habe, um unverwandt auf die Probſtei niederzuſchauen. Erſt als er ſie gewahr gewor⸗ den, ſei er langſam weitergeritten. Gertrud ſchaute hell in Margareth's Geſicht.„Le⸗ vin!“ flüſterte ſie ſchelmiſch, und Margareth eilte ſich mit den aufflammenden Regungen ihres ſtillgewordenen Her⸗ zens dieſer neckenden Laune zu entziehen. Sie ging in den Garten. War es denn möglich, daß ein Wort, ein unbewachter Blick die Träume wieder erwecken könnte, die ſie mit Gewalt verſcheucht hatte, um unverzagt an dem Werke ihrer Ehrenrettung arbeiten zu können? Wo waren die ruhigen Vorſätze geblieben? Wo die Worte, die ſie ſich eingeprägt hatte, um vollſtändig ge⸗ waffnet zu ſein? Ihr Herz pochte hörbar, als ſie in den abendlich duftigen Garten eilte, als ſie von der Möglichkeit ſeiner unverlöſchten Liebe gewaltig getroffen mit einer Art Glückſeligkeit daran dachte, daß er ſeine Blicke nicht ohne Sehnſucht auf ihre Wohnung gerichtet haben könne. Ihre Phantaſie füllte ſich um ſo mehr mit lieblichen Träumen, je ernſtlicher ſie danach getrachtet hatte, mit Ruhe und Kälte den Zuſtand ihres Innern zu verhärten. In dem ſtillen Frieden des Abends lagen für ſie Auf⸗ forderungen zurück zu blicken in die Vergangenheit, wo 13 ſie an der Seite des Grafen ganz unbewußt einer himm⸗ liſchen Zukunft entgegen gelebt hatte. Sie erinnerte ſich des Tages, wo er ſie mit Bitten beſtürmt hatte, den Tag ihrer Verbindung zu beſchleunigen. Damals wie jetzt ſtand tief und glühend die Sonne am Horizonte und ſtreute helle Lichter in die grünen, ſanft rauſchenden Bäume und Sträucher; damals wie jetzt wehten laue Herbſtlüftchen um ihre heißen Wangen und kühlten die Gluth ihrer Augen. Sie wollte dieſen Erinnerungen entfliehen. Raſch eilte ſie die dunkeln Laubgänge hinauf, die ſich bis zum Tdrümmerhaufen der Abtei hinzogen, von der einen Seite beſchränkt durch die Mauer, von der andern Seite oft⸗ mals mit Seitenpfaden in Verbindung, die einen Ueber⸗ blick der ſchönen, waldbewachſenen Hügel geſtatteten, auf denen das warme Colorit des Abendglanzes lag. Roſige Wölkchen ſchwammen am klaren Abendhimmel und der ſüße Duft der Reſeda erfüllte den tiefer liegenden Gar⸗ ten, der vom Sonnenſcheine noch ganz durchleuchtet war. Von den Kloſterruinen herab tönte das Läuten der wei⸗ denden Heerden und ganz in der Ferne erklangen die Trompeten der Krieger, die friedliche Märſche blieſen. Margareth durchrieſelte eine Fluth von Sehnſucht nach dem unerreichbaren Glücke, das der Hohn des Geſchickes in dem Momente von ihrem Herzen entfernt hatte, als ſie es vollſtändig zu begreifen begann. Ihr Nachdenken regte ſie auf. Von den Wellen des Zufalls hin und her geſchleudert, hatte es ihrer angeborenen Cha⸗ rakterſtärke bedurft, um ſich über einer moraliſchen Ver⸗ nichtung emporzuhalten. Sie fühlte, daß ſie gerettet war. Aber würde ſie im Stande ſein eine gänzliche Hoffnungs⸗ loſigkeit zu ertragen? Sie bezweifelte es! Die Aufregung dieſes Augen⸗ blickes belehrte ſie, wie wenig dazu gehörte, die ſtoiſche Ruhe zu erſchüttern, mit der ſie ſich verſehen hatte, und ſie hob flehend ihr Auge zu dem empor, der ein Lenker aller Schickſale iſt. Dann fragte ſie ſich, woran ihre Hoffnungen auf Wiedervereinigung eigentlich ſcheitern könnten. Lag ein Vergehen von ihrer Seite vor? Eine Schuld, die ſie von dem Geliebten zu trennen vermochte? Lag Zwieſpalt in der gewaltſamen Löſung ihres Bundes? Nein! Aber die furchtbaren Feinde ihrer Hoffnung ſtanden klar vor ihren traurigen Blicken. Es waren die Erbfehler des Brettow'ſchen Geſchlechtes! Was half es, wenn ſie Irrthümer aufklärte, was half es? Der Stolz und die Unverſöhnlichkeit der Brettow's bildeten eine Scheidewand von unzerſtörbarer Kraft. Margareth ſchritt langſam vorwärts. Ihre Unruhe wuchs, und je ſehnſüchtiger ſie nach Troſt verlangte, deſto 1 ☛ muthloſer wurde ihr Gang. Alles, was ſeit einem Jahre in ihr geſchlummert hatte, was von ihr mit feſter Selbſt⸗ beherrſchung eingelullt worden war, das wachte in dieſer Minute auf. Es trat der Jahrestag vor ſie hin, wo ſie den wilden Reiter zum erſtenmale geſehen hatte. War es nicht auch ein Septembertag geweſen, wie der, wel⸗ cher eben zur Ruhe ſich rüſtete? Die Natur gab alſo ſolche Tage zurück! Warum ſollten ihr allein die Freu⸗ den verſagt bleiben, nach denen ſie ſich ſo unbeſchreiblich, ſo bange und wehmüthig ſehnte? Wozu dieſe harte Schule einer fortdauernden Prüfung? Eine tiefe, ſchmerzliche Trauer überfiel ſie bei dieſen Fragen, die ſie nicht mit vermeſſenem Uebermuthe, ſon⸗ dern in der Demuth einer wahrhaften Weiblichkeit aus⸗ ſprach. Unter ihren tumultuariſchen Gedanken war ſie hin⸗ auf gegangen bis zum äußerſten Bogengange, der an der Mauer des Gartens abſchnitt, und ſie wendete nun um. Ein leichtes Geräuſch wurde zwar von ihr vernommen, aber nicht weiter beachtet. Es drang aus einem Seiten⸗ pfade, der nach der Pforte führte und den ſie noch nie betreten hatte. Verſunken ſchlich ſie weiter, bis ſie zu dem ſchmalen Fußwege gelangte. Das Rauſchen der Blätter machte ſie ſtutzen. Es war, als wenn Jemand durch das verwachſene Gebüſch ſchreite. Sie ſtand ſtill. Schrecken lähmte ihre Bewegungen. Sie erinnerte ſich plötzlich, daß dieſe Pforte nie verſchloſſen wurde. Sie war ſo fern vom Hauſe, daß man einen Hilferuf von ihr gar nicht zu hören vermochte. Aber wer beſchreibt ihr Gefühl, als das Gebüſch ſich theilte und der Graf Levin vor ihr erſchien. Die Zu⸗ veerrſſicht der Liebe, der Muth des Vertrauens kam über ſie. Mit dem Lächeln eines Engels trat ſie ihm näher, und ihre Augen ſtrahlten, während die tiefen Schatten des Unmuthes ſich auf Levin's Stirn zu lagern began⸗ nen, und er tauſendmal ſeinen Einfall verwünſchte, der ihn mächtig zu dem ſtillen Aſyle getrieben hatte, wo ſie gewandelt, von dem er ſie jedoch weit entfernt glaubte. Finſter ruhte ſein Auge auf der Geſtalt, der er um Alles in der Welt nicht zu begegnen gewünſcht hatte, als ſie auf ihn zueilte und hingeriſſen in die Worte ausbrach: „Levin! Gott hat es gefügt! Gott hat meine Schritte gelenkt! Sie müſſen mich hören, und um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen müſſen Sie mich hören!“ Graf Levin ſtand und ſah ſie kalt an. Ihre Au⸗ gen hoben ſich zu ſeinen kalten Blicken empor, ein Glanz von Zärtlichkeit webte in dieſen ſonſt ſo ſtillen blauen Augen— er blieb kalt. „Wozu ſoll ich Sie hören, mein gnädiges Fräu⸗ lein?“ fragte er ſo ſeelenlos, wie möglich. 17 Wozu? Ja wozu? Die Frage rüttelte ſie aus ihrer Verwirrung auf, die Levin als eine Verwirrung der Schuld betrachtete, während ſie in der Träumerei der Liebe motivirte. Margareth legte beſinnend die Hand an die Stirn. Eine unſägliche Angſt überſtürzte ſie, wenn ſie daran dachte, daß der Graf ſie jetzt wieder verlaſſen werde, ohne ſie gehört zu haben. Was ſollte ſie aber ſagen? Wie beginnen? Wo waren die Worte in ihrem Ge⸗ dächtniſſe geblieben, die ſie ſo unzählige Male wiederholt hatte? „Wozu?“ wiederholte ſie mechaniſch,„wozu?“ Ihr flehender, leidenſchaftlich flehender Blick bannte den har⸗ ten Mann an ſeinem Platze, ſonſt hätte er ſie verlaſſen und wäre wohl auf immer aus ihren Augen entſchwun⸗ den. Plötzlich wurde es hell in ihr. Ihre Faſſung kehrte zurück. Sie lächelte lieblich, wie ein unſchuldiges, eben erwachendes Kind. „Sie ſind grauſam mit mir umgegangen,“ ſprach ſie bebend, aber mit ſchwärmeriſcher Herzlichkeit. „Doch nicht grauſamer, als Sie mit mir,“ unter⸗ brach er ſie ſchnell und gleichgiltig. „Vielleicht doch,“ meinte ſie ganz leiſe.„Aber ich will mich demüthigen, gern demüthigen, wenn Sie nur den fürchterlichen Bann der Verachtung von mir nehmen wollen. Ich verdiene ihn nicht, Graf Levin, wahrhaftig, ich verdiene ihn nicht! Ich wußte nicht, was ich that und ſprach, als der Wortſtrom aus dem Munde meiner Tante mich verwirrt hatte.“ „Laſſen Sie doch das ruhen,“ unterbrach der Graf ſie gelaſſen.„Die Geſchichte iſt mir wirklich gleichgiltig geworden. Sind Sie dabei einer Uebereilung ſchuldig ge⸗ weſen und beruhigt es Sie, ſo will ich Ihnen ſehr gern die Erklärung geben, daß ich Sie deswegen nicht verachte. Sind Sie nun zufriedengeſtellt, mein gnädiges Fräulein?“ fügte er mit ſanfter Stimme hinzu. „Nein!“ rief Margareth energiſch.„Sie heucheln mir gegenüber, Sie ſtellen eine Gleichgiltigkeit zur Schau, die ich nicht ertragen kann, weil Sie davon entwürdigt werden. Es iſt nicht wahr, daß Sie gleichgiltig gegen die Erinnerungen ſind, die uns vereinigen. Ihre Liebe müßte einen unedlen Urſprung gehabt haben, wenn dies möglich wäre.“ Graf Levin antwortete nicht gleich auf dieſen Ein⸗ wurf. Ein leichter Hauch von Ungeduld flog über ſeine Mienen. Dann aber erwiderte er mit Reſignation: „Nun gut, ich geſtehe ein, daß ich nicht ganz ſo gleichgiltig bin, wie ich mir das Anſehen gebe, allein unſere Vereinigung gehört einer Zeit an, die vergeſſen iſt. Die Stunden dieſes Lebens ſind begraben. Warum woll⸗ — N 7 19 ten wir nutzlos die Vergangenheit heraufbeſchwören und verſchüttete Gräber öffnen?“ „Warum wir dies wollen, Levin?“ fragte Mar⸗ gareth mit leuchtenden Augen.„Damit wir Beide Ruhe finden können! Wäre es nutzlos, ſo würde ich nicht ein Wort darüber verlieren, aber Sie würden bis an's Ende Ihres Lebens den Schmerz nicht überwinden, ein Mäd⸗ chen mit Ihrer Liebe beglückt zu haben, welches dieſe Liebe nicht verdiente, und ich könnte den Gedanken nicht ertragen, von Ihnen falſch beurtheilt worden zu ſein. Sie müſſen mich alſo eines Tages hören. Sie müſſen mein Denken, mein Fühlen, mein Irren kennen lernen. Es iſt Ihre Pflicht, Herr Graf,“ fügte ſie lebhafter hinzu, als ſie einem Zug in ſeinem Geſichte begegnete, der ein tiefes Mißbehagen verrieth. „Meine Pflicht beſchränkt ſich für jetzt darauf, das zu vergeſſen, was Sie Ihr„Denken, Fühlen und Irren“ zu nennen geruhen, gnädiges Fräulein,“ entgegnete der Graf ganz unerſchütterlich ruhig.„Gottlob, ich bin auf dem Wege Alles zu vergeſſen, und dann wird das Ver⸗ geben ſehr leicht!“ „Es iſt nicht wahr, Herr Graf,“ beharrte Marga⸗ reth und ſah mit Engelsmilde zu ihm auf.„Sie ver⸗ geſſen niemals— niemals! Eben ſo wenig, wie ich ver⸗ geſſen kann. Das wollen wir auch nicht. Es ſollen die Lichtblicke unſeres Daſeins werden, was wir mitſammen gelebt haben. Und deshalb müſſen Sie mich hören!“ „Sie meinen doch nicht, mein gnädiges Fräulein,“ war ſeine ſtolze Antwort,„daß ich Sie noch lieben könnte?“ „Ja! Ich glaube es! Ich bin davon überzeugt!“ „Eine ſtarke Einbildung, Fräulein von Rittberg! Eine ſehr ſtarke Einbildung! Und hoffen Sie etwas von dieſer Einbildung?“ „Nein! Ich fordere nur, daß Sie mich richtig be⸗ urtheilen ſollen. Schon dieſer Gedanke iſt hinreichend mich zu tröſten. Sie lieben mich und achten mich nicht! Darin liegt eine Wunde, die nie heilen kann. Ich biete Ihnen den Balſam, der Sie heilen wird. Lernen Sie mich wieder achten, ſo verſchwindet Ihre Bitterkeit, und Sie ſind für Ihr übriges Leben gerettet.“ „Aber Sie irren ſich, ich liebe Sie wirklich nicht mehr! Könnte ich ſo ruhig Ihnen gegenüber bleiben, wenn ich nur noch eine Spur der raſenden, zauberhaften Leidenſchaft für Sie hätte, die vor Jahresfriſt mein Glück ausmachte?“ fragte er bitter. Margareth ſenkte ihr Auge. O, mit welchen Schmerzen hatte ſie dieſe unnatürliche Ruhe erfüllt? „Thun Sie was Sie wollen, ſagen Sie was Sie wollen, handeln Sie wie Sie wollen— den Glauben an 21 Sie verliere ich dennoch nicht!“ erwiderte Margareth ſanft und traurig. Graf Levin war erſchüttert von dieſer einfachen Ehrenerklärung, aber erweicht war er nicht. „Wollen Sie meine Erklärungen hören?“ ſetzte ſie hinzu, und ihre zunehmende Bläſſe ließ ahnen, wie furchtbar ergreifend die ganze Scene ihr geweſen ſein müſſe.„Nicht heute, aber bald?“ „Wenn es für Sie durchaus nöthig iſt, Ihre Her⸗ zensirrthümer zur Kenntniß Anderer zu bringen,“ rief Levin durch Ungeduld erbittert aus,„ſo befehlen Sie über mich, gnädiges Fräulein. Sie könnten füglich die Laſt ſogleich von ſich werfen, dann wären wir fertig mit ein⸗ ander.“ Margareth hob ihr geſenktes Geſicht plötzlich mit einem Ausdrucke empor, der den jungen Mann verwirrte. Was in einer Gebärde nur an ächter, weiblicher Würde liegen konnte, das drückte ſich in ihrem ganzen Weſen überraſchend und überzeugend aus. „Doch, wie Sie wollen,“ fügte der Graf betroffen von der Hoheit, die von ihrer Stirn ſtrahlte, hinzu. „Morgen Nachmittag um drei Uhr ſtehe ich zu Ihren Dienſten.“ Margareth neigte ſtumm das Haupt. Sie fühlte die Unmöglichkeit noch irgend ein Wort hervorbringen zu — können. Ihre Seelenkräfte waren erſchöpft. Schon längſt war es ihr geweſen, als weheten eiſige Nebel um ſie, die ihr warmes Herz ſtarr zu machen droheten. Jetzt war ſie zu Ende, und ſie hatte mit ihrem harten Kampfe endlich die Gewißheit errungen, daß der Graf ſie hören wolle. Was ihr daraus für Troſt erwachſen könne, das wußte ſie freilich nicht, aber er wollte ſie hören, wenn ſie ihr Inneres erſchließen würde— und ſie wollte reden, ſie wollte ſich ſeinem Urtheile ſtellen! Wozu aber— wozu 2 Langſam bewegte ſie ſich fort, als ſie mit dieſer ſtummen Neigung des Hauptes Abſchied von ihm genom⸗ men, langſam und in troſtloſer Müdigkeit ſchritt ſie hin⸗ weg von ihm, um nun in der Einſamkeit ihres Zimmers zu dem Bewußtſein ihres ewigen Abſchiedes zu kommen. Graf Levin aber lehnte ſich an den Stamm eines Baumes, ſchlug feſt die Arme über dem Herzen zuſammen und ſchaute ihr nach. Licht und Schatten wechſelten auf ſeinem Antlitze. Er hatte ſtolz das Feld behauptet. Freute er ſich aber ſeines Triumphes? Erſt als die Ge⸗ ſtalt, die ſich nur mühſam fortbewegte, ſeinen Blicken ganz entzogen war, erſt da fuhr er wie in einem furchtbaren Schrecken zuſammen, raffte ſich auf, verließ unverzüglich den Garten, warf ſich auf ſein Pferd und galoppirte davon. Abends aber, im ſtillen lichten Scheine der erſten Mond⸗ —— 23 ſichel ſah Suſe abermals den Huſarenoffizier oben in den Ruinen ſtehen und unverwandt auf die Probſtei hinab⸗ ſchauen. Sie ging eilend es dem Fräulein Gertrud zu ſagen, wie ſie es dieſer verſprochen hatte, und gleich darauf verließen zwei weibliche Geſtalten den Hof der Probſtei und ſtiegen hinauf zu den Trümmern. Margareth ſaß bleich und ſtill in ihrem Zimmer. Sie ordnete die Bilder der Vergangenheit in ihrem Gei⸗ ſte. Briefe lagen vor ihr, die ſie ſorgſam durchlas und mit Anmerkungen verſah. Sie hatte im Gefühle ihrer Schwäche, die ſie ſoeben hinlänglich erprobte, beſchloſſen, dieſe Briefe für die Irrthümer ſprechen zu laſſen, denen ſie als Opfer gefallen war. Seitdem ſie die Verwirrung bezwungen, in die Graf Levin's unvermutheter Anblick ſie geſtürzt, hatte ſie ihre Rechnung mit dem Glücke ab⸗ geſchloſſen, und war nur darauf bedacht, der Anwalt ihrer Ehre zu ſein. Sie fühlte keinen Zweifel mehr, ſie hatte Gewißheit über ihre Zukunft erlangt, und mit der Si⸗ cherheit, welche ſie in allen Lagen ihres Lebens geleitet hatte, ſeitdem ſie zum Bewußtſein erweckt worden war, entwarf ſie ihre Lebenspläne für die nächſte Zeit. Jetzt, in der Einſamkeit ihres Zimmers, tauchte die Frage des Grafen:„ob ſie glaube, daß er ſie noch liebe?“ mit der Gewalt der Vernichtung in ihr auf. Sie glaubte nichts mehr! Sie ſchloß ab mit ihrer Vergangenheit und be⸗ 24 trachtete ihre Ehrenrettung als das Teſtament, womit ſie von einem Schauplatze abtrat, der ihre Jugend getödtet hatte. Zuletzt nahm ſie einen Brief zur Hand, den letzten Brief ihrer Tante Wallbott, den ſie erſt vor wenigen Tagen empfangen hatte. Bevor ſie ihn entfaltete, ſtellte ſie ihre Schreibmaterialien zurecht und legte einen Brief⸗ bogen auf ihre Schreibmappe. Sie wollte antworten. Was ſie bis dahin abgehalten hatte, ihre feſten Beſtim⸗ mungen zu treffen, das war erledigt, und mit dem näch⸗ ſten Tage ſtand es ihr frei, Vergeſſenheit in der Entfer⸗ nung zu ſuchen. „Nach Deinem letzten Briefe, mein theures Kind,“ ſchrieb Frau von Wallbott,„iſt meine Bruſt wieder voll Frieden und Glück. Ich ſehne mich Dich zu küſſen und den Glanz Deiner Augen zu prüfen, um mich zu überzeu⸗ gen, daß der Sturm, den ich heraufbeſchworen, Dich nicht geknickt hat. Sieh, ich ſteige von der Höhe des phantaſti⸗ ſchen Idealismus, dem ich mich mit gläubigem Herzen ge⸗ weiht, nach und nach hernieder in die Regionen des Erdenlebens, und ich fühle mich mit Entzücken in den klei⸗ nen menſchlichen Freuden heimiſch, nachdem ich die Ein⸗ ſamkeit und Kälte der Geiſtesſphären durchkoſtet habe. „Aber nicht allein dies Geſtändniß bin ich Dir ſchuldig, theures Kind, ſondern auch eine Erwiderung 25 „Als ich Deine Verlobung mit dem Grafen Levin erfuhr, durchlief ein Schauer der Ahnung meine Seele, daß dieſer Graf Levin derjenige ſein könne, den man den Vertrauten, den Helfershelfer des knabenhaft übermüthi⸗ gen Prinzen Erich nannte. Ich war nicht im Stande, ohne bemerkbares Aufſehen Erkundigungen darüber einzuziehen, und erſt am Tage vor meiner Abreiſe nach Leipzig, von wo aus ich zu Deiner Hochzeit wollte, beſtätigten ſich meine Befürchtungen. Gleich darauf traf ganz unerwar⸗ tet mein Pflegeſohn Alexander ein, unter ſeinen Geſtänd⸗ niſſen befeſtigte ſich der Vorſatz, Dich aus den Händen deſſen zu retten, den die allgemeine Stimme mit dem wüſten Prinzen in einem Athem nannte. Meine eigenen Erfahrungen flüſterten mir Muth ein, als ich ſorgenvoll des Wagniſſes gedachte, das ich zu unternehmen beſchloß, und ich hob entſchloſſen die Stirn, um der Welt zu tro⸗ tzen, indem ich Dich rettete. „Es iſt jetzt meine Pflicht, den Schleier von der Epiſode meines Lebens zu ziehen, in der ich den Grund⸗ 1860. XV. Gertrud. IV. 2 26 ſtoff zu meinem ſpätern Streben einſog, und ich beginne ſie mit dem Bekenntniſſe, meine Margareth, daß ich, wie jener Weltweiſe gebeut,„das Fleiſch in mir tödtete, um den Geiſt zu retten“! „Ich habe einſtmals geliebt, grenzenlos, bis zur Raſerei geliebt, und— dann den Mann meiner Liebe verachten gelernt! Ich möchte den Ausdruck Deines Ge⸗ ſichtes belauſchen, wenn ich Dir jetzt geſtehe, daß der Günſtling unſeres Jahrhunderts, der Graf von Gotter, der Liebling aller Fürſten, der Anbeter aller Fürſtinnen, der Gegenſtand meiner heißen Zärtlichkeit geweſen iſt. Graf Gotter, ein Mann aus dem Volke, emporgeſtiegen aus niedern Sphären, mit einer Ikarusverwegenheit ſeine Wachsflügel der Sonne nahebringend— gefeiert, ehe er es verdiente— verwöhnt von allen Menſchen und endlich auf eine Höhe geführt, die er mit Grazie behauptet, und von der er Herrſchergewohnt jetzt hinabſchauet mit dem vollen Bewußtſein, nichts weiter gethan zu haben, als liebenswürdig geweſen zu ſein. Selbſt dem Könige, den ich höher ſtelle als alle Sterbliche der Welt, hat er ſpie⸗ lend ſein Wohlwollen abgerungen, ſelbſt dieſem weiſen Friedrich von Preußen iſt er unentbehrlich geworden. „Graf Gotter's Bekanntſchaft fiel in eine Zeit, wo die Trauer um meinen verſtorbenen Gatten wich, wo ich mich mit einem Gefühle im weiten Weltenraume allein 27 fand. Schon ſein erſter Anblick rief eine dunkle Sehn⸗ ſucht in mir wach. Seine Grundſätze waren bekannt, er verhehlte ſie nicht, aber Niemand tadelte ſie, man ver⸗ zieh ſie ihm ſeiner verführeriſchen Liebenswürdigkeit we⸗ gen. Unſer Hof ſtand unter ſeinem magiſchen Einfluße, und auch ich wurde bezaubert, auch ich wurde willenlos hinabgezogen zu ſeinen Principien, auch ich fand mich endlich mit unſäglichem Entzücken von ihm beachtet und endlich von ihm ausgezeichnet. Er liebte mich. Ich glaube es noch heute, daß er mich mehr als viele Andere liebte, die er mit huldigenden Spielereien überſchüttete. Unſer Verhältniß wurde ernſt, und ich mußte jeden Tag er⸗ warten, daß er mich zur Gattin begehren würde. Da weckte mich der ſpöttiſche Humor eines jungen, blaſſen, ſanften Dichters aus dem wüſten Daſein dieſes Liebes⸗ traumes. In dieſer Zeitperiode lernte ich Gellert kennen, teuerlichen Emporkömmling geöffnet hatte. .„Was ſoll ich Dir von dem Kampfe des Edlen in mir mit dem Sinnenreize ſagen? Ich ſiegte. Zum grenzenloſen Erſtaunen aller Verehrer des ſchönen, lie⸗ benswürdigen Grafen erwartet an demſelben Tage von der Herzogin Mutter, wo der Graf das erſte W 2*½ 28 mir gegen den Herzog geäußert hatte*). Ich verließ Gotha. Der Lärm ſoll groß geweſen ſein, aber das ſpätere Leben des Grafen hat meinen Schritt gerecht⸗ fertigt. „Mein Sieg hatte mich übermüthig gemacht. Ich bauete auf dieſe Erfolge ein Syſtem, worin ich der weib⸗ lichen Geiſtesherrſchaft Unmögliches zumuthete. „Daß auch Du ein Opfer meines eiſenfeſten Wil⸗ lens geworden biſt, würde ich noch tiefer betrauern, wenn ich nicht in dem ſchonungsloſen Beharren des Grafen Levin eine ſtrafbare Sünde gegen das Gefühl, das er Liebe genannt hat, ſähe. „Du haſt Zeit gehabt Dich zu faſſen, mein theures Kind, jetzt kommt der Augenblick, wo Du Dich erman⸗ nen, wo Du ſeine ungerechte Entrüſtung mit Verachtung beſtrafen mußt! „Wir werden uns bald ſehen! Auge in Auge wollen wir uns richten— Auge in Auge wollen wir abwägen, ob wegen eines verzeihlichen Irrthumes Dein ganzes, ſchönes Leben vergeudet werden darf. Die Macht der Liebe muß im Herzen der Frau gebrochen werden, wenn der Mann, aller Vernunft zuwider, bei einem ungerechten Irrthume verharrt. Ich glaube auch nicht, daß ein vollkommen un⸗ geſtörtes Glück in einer Vereinigung erzielt werden kann, wenn die Colliſion ſo ernſter Art geweſen iſt und ſo hart⸗ Der eigene Geiſt will bisw ſich ſelbſt zu ſtützen. „Wirſt Du zögern, mein theures Kind, wenn ich Dich nun auffordere, mit mir zu gehen, um in einer weiten Ferne das Leid eines Jahres zu vergeſſen? „Meine Prinzeſſin wird ſich mit ihren Kindern nach den Ufern der Oſtſee wenden. Ich werde ſie natürlich begleiten, und ich fordere Dich auf, Dich uns anzuſchlie⸗ 30 ßen. Prinzeſſin Anna wünſcht es— ſie hat Dich zu lieb gewonnen, um nicht von Deiner Geſellſchaft eine Erhö⸗ hung ihrer ſehr beſchränkten, ſtillen Freuden erwarten zu können. „Reinhard, der glückliche junge Vater, hat mir einen ſchönen liebevollen Brief geſchrieben. Er wünſcht, daß ich Dich von Rittbergen abholen ſoll. Das will ich aber nicht. Ich mag nicht nach Rittbergen, und Du wirſt das neue Bluten der Wunden auch vermeiden wollen. Warum uns an menſchliche Schwächen erinnern, wenn wir nichts damit beſſern können! Unſere Abreiſe von Ha⸗ nau wird in den nächſten Tagen erfolgen. In Gotha halten wir uns vierzehn Tage auf. Mein Vorſchlag geht dahin, daß Du entweder direct nach Gotha kommſt oder daß Dein Bruder Dich abholt und nach Merſeburg ge⸗ leitet, wo ich mehrere Freunde zu treffen beabſichtige. „Ich erwarte Deinen Beſchluß durch die Hände Deines Bruders. Steuere muthig hinaus in's Leben, meine Margareth, nur im geiſtigen Regen und Bewe⸗ gen findeſt Du Heilung!“—— „Es ſei!“ ſprach Margareth mit einem geduldigen Blicke den Brief zuſammenfaltend und ſich ſchnell zum Schreiben fertig machend. Als ſie den kurzen Brief vollendet hatte, ſiegelte ſie ihn und legte ihn mit den Pa⸗ pieren zuſammen, die ihr am nächſten Tage zur Recht⸗ ———u ⁸β u — N d—. 31 fertigung dienen ſollten. Der feſte Entſchluß leuchtete da⸗ bei aus ihrem ganzen Weſen hervor. Sie wollte ſich dem Willen ihrer Tante jetzt unterwerfen, aber mit dem vol⸗ len Bewußtſein ihrer ſelbſt. Das Schwerſte hatte ſie überſtanden. Das Jahr, welches unter dem Schmerze der Entſagung verfloſſen war, ſchloß ſich jetzt, und ſie glaubte hinlänglich geſtählt zu ſein, fernern Schmerzen zu trotzen. Wie viel Kraft ihr bei den verfloſſenen Käm⸗ pfen die Hoffnung gegeben hatte, das wußte ſie frei⸗ lich nicht zu beurtheilen. So ruhig, als wäre nichts vorgefallen, ging ſie dann hinab zum Domherrn, deſſen ſüße ſanfte Melodien ſchon lange tröſtlich ihre Seele ſpielte jene beruhigenden Kirchengeſänge von Graun, welche, mild wie aus jenen Regionen, wo Engel weilen, . Margareth gab Es wurde ruhiger merte unter dieſen weichen längen ein. Gertrud ſtörte ſie endlich in ihrer heiligen Ruhe. Sie trat aufgeſchreckt, eilig und mit hochgerötheten Wan⸗ gen ein. Ihr Auge blitzte ſonnenhell, aber es lag etwas Unſtätes darin, wenn Margareth ſie liebevoll anſah. argareth beachtete dies weniger als der Dom⸗ herr, der ſeine muſikaliſchen Uebungen ſoeben ſchloß. Er 32 ſah das junge Mädchen befremdet an und fragte nach dem Grunde ihrer ungewöhnlichen Aufregung. „Ich habe mich für das Wohl meiner Nebenmen⸗ ſchen aufgeopfert!“ entgegnete Gertrud mit ſchelmiſchem Pathos. Der Domherr drohete ihr lächelnd mit dem Finger. „Bedenke, mein Töchterchen, daß das Wohl Deiner Nebenmenſchen ſtets am beſten bewahrt iſt, wenn Du Dein Stumpfnäschen davon läßt.“ „Wenn Du morgen daſſelbe Urtheil gibſt, Onkel Domherr,“ rief Gertrud,„ſo will ich mich nie wieder als Sachwalter der Menſchheit aufwerfen!“ Zweites Capitel. Mit demſelben Glanze, wie der Abend zur Ruhe gegangen war, erhob ſich der Morgen. Als der Oſten vom Sonnenſchimmer erglühte, Licht und Leben verbrei⸗ tend, Hoffnung, Verheißung, Vernichtung und Trauer zu⸗ ſammen im Schooße tragend, da erwachte Margareth aus unruhigen Träumen zum Bewußtſein der Wirklich⸗ keit. Ihre erſten Empfindungen waren noch verwirrt von den nächtlichen Gebilden, die ſie gequält hatten. Erſt der Anblick ihrer wohlgeordneten Briefe rief ihr das Vorha⸗ ben des Tages in's Gedächtniß zurück. Was auch die ſanfte Ruhe der Nacht Erquickendes gehabt haben mochte die Bläſſe ihrer Wangen, die matte Färbung der Lippen und die ſtarre Gleichförmigkeit ihrer Mienen verriethen, daß ſie die Schwere des Kummers nicht würde allein tra⸗ gen können. Sie ſelbſt fühlte ſich entſchloſſen und kräf⸗ tig— jeder Andere würde ihr aber geſagt haben, daß ——2 ——— 34 ſie muthlos und matt ausſähe. Sie erwartete den Schmerz der ewigen Trennung mit Gewißheit, aber ſie hing ſich mit brennenden Wünſchen an den Augenblick feſt, wo er ihr zum letztenmale in's Auge ſehen, wo er vielleicht noch ein einzigesmal ihre Hand drücken würde. Dann war ſie fertig mit all' ihren Wünſchen für's ganze lange Leben, und ſie wollte geduldig auf den Moment warten, wo ſein Bildd in ihr verbleichen und vergehen würde. Der Morgen rückte langſam vor. Bis Nachmittag um drei Uhr mußten noch viele Stunden vergehen. Frau von Pröhl, ſeit dem Verſchwinden ihres tapfern Gatten ſtill, nachdenklich und traurig, fand Margareth krank ausſehend, als ſie im Wohnzimmer zuſammentrafen. Sie ermunterte ſie, die freie friſche Herbſtluft im Garten auf⸗ zuſuchen.„Das beſte Medicament für nervenſchwache Damen,“ meinte ſie ſchwach lächelnd. Das Geſtändniß ihres Leidens drängte ſich mit voller Gewalt auf des jungen Fräuleins Lippen, als ſie dieſem ſanft traurigen Lächeln der ſonſt ſo lebensfriſchen Frau begegnete, allein— ſie ſchwieg und kämpfte ſich den Entſchluß ab, „nicht eher zu beichten, bis Alles vorüber ſei.“ Sie ordnete ihre Toilette. Der Vorſchlag der Frau von Pröhl hatte ihre ſtillen Sehnſuchtsträume heftig angeregt, dort zu gehen, dort im Sonnenglühen des Morgens das zu überdenken, was Levin am Abende ge⸗ 3⁵ ſprochen hatte, dort die Wunden bluten zu laſſen, die er ihr mit ſeiner harten Ruhe und Gelaſſenheit geſchlagen, dort zu Gott um Beiſtand zu flehen, damit ſie würdig und edel aus der Verſuchung hervorgehe, die ihr einen Platz zu den Füßen des ſtrengen Mannes als ihr höch⸗ ſtes Glück vorſpiegeln wollte. Sie ordnete ihre Toilette ſo einfach, ſo ſchlicht, wie es eine Witwe nur thun konnte, die alles Glück und alle Seligkeit ſchon begraben hat. Leiſe verließ ſie das Haus. Sie wollte allein ſein. Sie mußte allein ſein und hätte Gertrud's fröhliche Augen, ihr helles ſchönes Lachen gar nicht ertragen können. Die dicke Suſe ſtand im Hofe, als ſie über demſelben hinwegſchlüpfte. Ganz erſchrocken blickte ſie ihr nach. „Herr Gott, mein gnädiges Frölen,“ ſtammelte ſie, au⸗ genſcheinlich unſicher, was ſie ſagen ſollte. Margareth nickte blos mit dem Kopfe und ging raſch vorüber. „Wenn ſie ſich nur nicht erſchrickt,“ murmelte das treue Mädchen.„Ich ſollte ſie nicht gehen laſſen!“ Es war, als wolle ſie ihr nach, um ſie zurückzuhalten. Margareth ging aber und kam äußerſt raſch durch die glatt geſchorenen Hecken bis zu den Blumenbeeten, die im Morgenthau glitzerten, als habe ein Engel Dia⸗ ſ . g. — —y——————— — —y· 36 mantfunken auf ſie geworfen. Leiſe und kokett bewegten die bunten Aſtern ihre Köpfe vom Zephir geſchaukelt, der flüchtig über ſie hinhuſchte, gleichſam ſie neckend und küſſend mit loſer Leichtfertigkeit. Margareth blickte mit frommer Freude zu ihnen hinüber, athmete tief in der duftigen Friſche auf und ſprach ganz leiſe:„Ja, ja! Hier wird mir beſſer!“ Raſch ſchritt ſie in die Wölbun⸗ gen der Buchenalleen ein, die ſich unmittelbar an die ſchon erwähnte dicht bewachſene Lyciumlaube anſchloſſen. Der Laut einer Menſchenſtimme drang in dieſem Augenblicke zu ihr, ohne daß ſie wußte, woher er gekom⸗ men ſein könne.„Es war Gertrud,“ flüſterte ſie vor ſich hin und ſendete ihre Blicke etwas unmuthig umher. Dort, ja dort ſchimmerte ein helles Frauengewand! Sie ſah es durch das Grün der Büſche. Mit wem ſprach ſie? Es kam ihr keine Ahnung der Wahrheit, aber ſie blieb nachdenkend ſtehen und überlegte, was ſie thun wollte. Es war Gertrud's Paſſion nicht, ſchon um dieſe Zeit in voller Toilette den Garten zu beſuchen. Und im gewählten Putze war ſie, das ſah Margareth an der brennendrothen Farbe des Seidenkleides, welches ſie als Contuſche übergeworfen. Sie kamen näher. Gertrud's Stimme war heller, als die ihres Begleiters, den das Dickicht ganz verſteckte. 37 Schüchtern wich Margareth zurück und barg ſich in den Schatten der Laube, wo ſie Niemand ſehen konnte. Sie dachte dies, aber das Auge des Grafen Levin, der an Gertrud's Seite den Gang hinabſchritt, hatte ſie doch geſehen, und er lenkte gefliſſentlich, von einem Im⸗ pulſe getrieben, der nur von der augenblicklichen Aufre⸗ gung erzeugt worden war, ſeine Schritte dorthin, wo ſie verborgen ſaß, damit ſie hören ſolle, was er ſprach. Was er damit beabſichtigte, wußte er ſelbſt nicht. Es war vielleicht der Zorn und Trotz des Männerherzens, der ſich für die ſtehenden Qualen rächen wollte, die er in der letzten ſchlafloſen Nacht erduldet hatte. Das Bild argareth's war ihm eine Dornenkrone geweſen, und ihre Behauptung,„daß er ſie noch liebe,“ hatte ſeine Träume vergiftet. Gertrud ging ſorglos neben ihm. Graf Levin war ein Charakter, den ſie gewiß am wenigſten begreifen konnte. Daher kam es, daß ſie ſich ihrem gewöhnlichen Redeſtrome überließ und ihm in vollſtändiger Planloſig⸗ keit Beweiſe von Margareth's Unſchuld vorlegte, die er mit ironiſchem Lächeln anhörte. Gertrud ſprach aber auch nicht warm für dieſe Unſchuld und gab ziemlich gemäßigt ihre Verſicherungen von Margareth's fortdauernder Liebe ab. Es rang etwas in ihrem Innern mit dem großartigen Plane der Ver⸗ 38 ſöhnung zwiſchen dieſen beiden Menſchen. Es ſtemmte ſich ein ſonderbares Gefühl gegen ihre Kraft, das zu verſuchen. In ihr begann etwas zu glühen, was ſie gleichgiltig bleiben ließ, ob der Graf Margareth verzei⸗ hen wolle oder nicht. Levin hatte ſie am Abend zuvor, wo ſie unter der Eskorte der dicken Suſe, mit dem wahr⸗ haften Verlangen„endlich eine Unterredung zu Gunſten Margareth's zu erzwingen,“ nach der Kapelle hinauf⸗ geſtiegen war, überraſcht und ſehr gnädig empfangen. Er hatte ſie mit ritterlicher Artigkeit bis zum Fuße des Hü⸗ gels hinabgeleitet, hatte höchſt huldvoll ihrer Bitte um eine Unterredung im Probſteigarten ſogleich Gewährung verſprochen, und hatte ſie jetzt eben an der Pforte, wohin ſie ihm entgegen gegangen, mit einem Blicke begrüßt, den ſie ſich nicht anders, denn als eine leidenſchaftliche Hul⸗ digung auslegen konnte. Sie vergaß zwar nicht, weswegen ſie eigentlich her⸗ gekommen war, aber ſie hielt es nicht für unrecht, ihr eige⸗ nes Bild dem Schatten zu entziehen, worin es gegen Margareth's Weſen gänzlich verfiel. Sie ahnte nichts von Levin's eigentlichen Gefühlen. Sie wußte nicht, daß ſie ungeſtraft der todten Aſche in dem Herzen zu nahe kommen durfte, das einſtmals in unermeßlich heißen Flammen gelodert hatte. Sie dachte einer mühſam unter⸗ drückten Gluth zu begegnen und hütete ſich ein klein 39 wenig, ſie zu haſtig und zu ſcharf zu entzünden. Gertrud's geringe Menſchenkenntniß konnte einen Charakter, wie Levin, nicht beurtheilen, und ſie ging ahnungslos in die Falle, die ſie ſich ſelbſt ſtellte. Es wäre ihrer Eitelkeit ein Triumph geweſen, das engelſchöne Weſen, welches durch ihre Liebenswürdigkeit bezaubernd war, auf kurze Momente aus der Seele dieſes Mannes zu verdrängen. Nur auf kurze Momente— wahrhaftig ſie leiſtete ſich ſelbſt ernſthaft den Schwur:„Nur auf kurze Momente!“ Was ſie bis dahin geſprochen hatten, war oberfläch⸗ lich geſagt, oberflächlich beantwortet. Sie näherten ſich aber der Laube, in derem myſteriöſen Dunkel ein armes, liebendes Herz pochte. Gertrud wußte durchaus nichts von haltung ihn ausdauernd zu beglücken— hätte ſie dies geahnt, ſo würde ſie ſich beſſer bewahrt und nicht in ihrer rauſchähnlichen Beſtürzung allen Halt verloren haben. argareth hörte ſie endlich reden und verſtand, 40 was ſie ſprachen. So wie ſie den Grafen an Gertrud's Seite erkannt hatte, dachte ſie mit leichtem Unmuthe an den Ausſpruch des Domherrn und ſprach zu ſich ſelbſt: „Sie übernimmt die Rolle meines Schutzgeiſtes, und wird Alles verderben!“ Graf Levin blieb dicht an der Laube ſtehen und ſagte ſonderbar bewegt: „Was Sie mir bis jetzt geſagt haben, mein gnädi⸗ ges Fräulein, ſind froſtige Entſchuldigungen und kahle Ausflüchte, welche die Gründe meines Handelns gar nicht zu entkräften vermögen. Daß ich bereit bin, wenig⸗ ſtens Erklärungen zu hören, die im Stande ſind das Bild des Fräuleins von Rittberg von den Flecken ſtraf⸗ barer Wankelmüthigkeit zu befreien, leuchtet ſchon daraus hervor, daß ich dieſer Dame verſprochen habe ſie an⸗ zuhören.“ Gertrud hob verwundert ihr Köpfchen in die Höhe und ließ einen Laut der Ueberraſchung über ihre Lippen gleiten. „Wiſſen Sie das nicht?“ fragte der Graf ironiſch. „Nach Ihren Betheuerungen ſind Sie doch die Vertraute ihrer Gedanken?“ 3 Gertrud wiederholte faſt mechaniſch nur die Worte: „Margareth anhören— Sie haben Margareth geſpro⸗ chen?“ Ihr böſer Engel regte die Flügel und ſtreckte ſich — 41 hoch und breit empor, um alle guten Gedanken zu er⸗ ſticken. Was glich wohl jemals in ihrem ganzen Leben dem Verdruße, ſich außerhalb der Grenze von Marga⸗ reth's Vertrauen zu finden? Es war eine Thatſache, die Beleidigung enthielt und Nache forderte. Ihr brennen⸗ der, ſtrahlender Blick richtete ſich kampfbegierig, ſieges⸗ luſtig und herausfordernd auf Levin's leidenſchaftlich glü⸗ hendes Augenpaar, das er auf ſie geheftet hielt, vielleicht ohne mit ſeinem Geiſte bei ihr zu ſein. „Sie ſind alſo ſchon bereit, Margareth Alles zu verzeihen?“ fragte Gertrud unter ihren dämoniſchen Blicken. „Der Sieger verzeiht nach geſchloſſenem Kampfe ſehr leicht,“ antwortete der Graf kalt. „Aber Ihr Herz, Herr Graf?“ fügte das Fräu⸗ lein feſt hinzu. „Ein Menſchenherz ſoll ja auch bald zu tröſten ſein,“ antwortete er mit eigenthümlichem Tone.„Sehe ich in Ihre Augen, mein gnädiges Fräulein, ſehe ich den köſtlich leidenſchaftlichen Geiſt aus denſelben hervorglü⸗ hen, ſo kann ich hoffen, daß ich das Glück, welches ich vergebens geſucht habe, dennoch eines Tages finden werde.“ Die Bedeutſamkeit dieſer Worte verfehlte ihre Wir⸗ kung nicht. Das bleiche ſtille Geſicht Margareth's wurde 1860. XV. Gertrud. IV. 3 42 von tiefer Trauer beſchattet, und Gertrud's verführeri⸗ ſcher Blick flammte heller auf. Ihre Seele zeigte ſich von jener Erregbarkeit entflammt, die in ihrem Naturell lag, ſonſt hätte ſie den Triumph gedämpft, den ſie empfand. Alle die kleinen Demüthigungen, welche ihrer Eitelkeit von Margareth's effektmachender Schönheit bereitet wor⸗ den waren, erwachten in ihrer Erinnerung und befe⸗ ſtigten den gewagten Entſchluß, nur auf„einige kurze Momente“ das Bild Margareth's überſtrahlen zu wollen. Sie ſtürzte ſich muthwillig in eine Gefahr, deren Abgrund ſie ſpielend betrachtete, und ſie rechtfertigte vor ſich ſelbſt die Schritte, indem ſie Margareth einer Treu⸗ loſigkeit in der Freundſchaft zieh. Während ihre Anſich⸗ ten und Meinungen etwas wirr und ungereimt blieben, ſprach der Graf mit gewaltſam unterdrückter Aufregung: „Ich erachte die Macht der Liebe für die einzige Herrſchaft, der ein Mann ſich beugen kann, ohne ſich ſei⸗ ner angebornen Männerkraft zu begeben, und ich erkläre die Demuth der Liebe für das einzige Joch, welches der ſtarke Mann tragen darf, ohne davon entwürdigt zu wer⸗ den; aber, mein Fräulein, dagegen muß denn doch die Frau ihr heißeſtes Gefühl einſetzen, wenn ein Gleich⸗ gewicht hergeſtellt werden ſoll. Die Frauen prüfen aber, wo ſie in Hingebung der Zärtlichkeit der Männer ver⸗ 43 trauen ſollten,“ ſchloß er mit Erbitterung und wendete das Auge auf das Verſteck, wo Margareth weilte. „Sagen Sie aber nicht: alle Frauen prüfen,“ rief Gertrud begeiſtert. Sie hatte den beſten Willen ihn zu überzeugen, daß ſie nicht zu denen gehören würde, die Margareth ſaß da wie ein Bild ſtummer Ver⸗ zweiflung. Sie rührte kein Glied und hielt faſt den Graf Levin nicht antwortete, ſondern über einen Gedan⸗ ken brütend, ſtarr vor ſich nieder ſah. griff„Liebe“ profanirt. Urtheilen Sie, ob ich je im Stande ſein würde, den Verrath an meiner überwältigen⸗ den Empfindung zu vergeſſen!“ rief er dann mit Feuer und Haſt. 3 Margareth's Ohr hing ſich mit Zittern an ſeine Rede. Sie fühlte und begriff jetzt nach und nach, weshalb er, der Tags zuvor für ſie nur kalte, ablehnende Phra⸗ ſen gehabt hatte, an Gertrud ſo berauſchende Worte ver⸗ ſchwendete. Des jungen Mädchens Macht über Männer⸗ 3* herzen war ihr genugſam bekannt. Mittheilungen hatten ſie darüber belehrt, wenn auch ihr Gemüth nicht recht deutliche Begriffe ſolcher merkwürdigen Sinnengewalt hatte. Durch dieſen Eingang auf eine entſetzliche Prüfung vorbereitet, lauſchte ſie, krankhafter Pein voll, auf des Grafen folgende Worte: „Ich hatte eine Großmutter, mein gnädiges Fräu⸗ lein, die mir das Ideal der Weiblichkeit war.“ Gertrud neigte ihren Kopf bei dem Tone gefähr⸗ licher Leidenſchaftlichkeit, womit Levin jetzt ſprach. Ihr Herz begann hörbar zu klopfen.„Ich weiß es!“ flüſterte ſie weich und leiſe. „Auf der Höhe geboren, vom Strahlenglanze fürſt⸗ licher Iſolirtheit in einen Kreis gebannt, der die tiefen Erregungen menſchlicher Naturen fern hält, ſah ſie mei⸗ nen Großvater, und bald liebte ſie ihn in der Reinheit einer paradieſiſchen Unſchuld. Die heilige Wahrheit in ihrer heißen Liebe machte es bald Allen kund, die neben ihr lebten, was ſie für den Junker Brettow, dem einfa⸗ chen Lehnsvaſall ihres fürſtlichen Vaters empfand, und man trennte ſie von dem Geliebten. Was iſt aber der wahren Liebe unmöglich! Sie ſahen ſich— ſie fanden es unmöglich ſich zu trennen! Mein Fräulein— ſie folgte ihm in ſein ſtilles, einſames Schloß und ſie vertraute ſei⸗ nem Ehrenworte,„daß er ſie hoch und heilig halten wolle 45 gleich einer Schweſter, bis ihr fürſtlicher Vater ihre Ver⸗ bindung ſegne. Einem Heiligen gleich ſchützte er die un⸗ endlich Geliebte vor den Regungen unerlaubter Wünſche, und bald krönte die Einwilligung des Fürſten ſeinen Sieg!— Auf dieſe Thatſachen baue ich meine Anſprüche an ein weibliches Herz. Unbedingte Liebe und unbeding⸗ tes Vertrauen fordere ich! Welche von den ſchöngeiſtigen Damen unſerer Zeit verſteht dies zu geben?“ Gertrud war mit einigen ſprechenden Zeichen von Entſetzen etwas zurückgewichen. Ihr Auge verrieth wohl noch genug Herzenswärme, aber eine ſichtliche Erſchüt⸗ terung zeichnete wechſelnd Röthe und Bläſſe auf ihre Wangen, die noch ſchärfer hervortrat, als er plötzlich heftig fragte: „Würden Sie, dem Ehrenworte eines Geliebten trauend, ihm folgen in N oth und Tod?“ Gertrud's Blick ſenkte und hob ſich. Was ſie in ſich aufkeimen fühlte, war ihr neu. Sie fürchtete ſich vor dem rafen. Er erſchien ihr als ein ſtrenger Richter ihrer kindiſchen Aufregungen, als ein Rächer ihrer kindiſchen Thaten. Sie ſchwieg und begann zu zittern. „Nun, mein reizendes Kind,“ ſagte Levin ſchmei⸗ chelnd, wie die Spötter zu ſchmeicheln pflegen,„Sie ver⸗ ſtummen? Haben Ihre Augen voll ſtrahlender Gluth eben ſo dreiſt gelogen, wie die tiefblauen, ſchüchtern auflebenden Sterne einer Dame, die ich in fürchterlicher Verblendung anbetete? Täuſchen die brennenden, glanzvollen Blicke mit derſelben Manier, wie die zarte ſüße Innigkeit eines blauen Augenpaares, das einen entſetzlichen Zauber über mich ausübte?“ „Herr Graf,“ bebte es von Gertrud's Lippen.„Sie thun Margareth Unrecht.“ „Schweigen Sie!“ herrſchte der wild entflammte Mann ſie an.„Sie ſollen ihre Vertheidigung nicht über⸗ nehmen! Von Ihren Lippen will ich nichts hören! Wehe— wehe euch Frauen, die ihr die göttlichen Träume von eurer reinen, lieblichen Unſchuld in unſerer Bruſt ertödtet— wehe euch! Ihr tauſcht nur Verachtung dagegen ein!“ Gertrud wendete ſich faſſungslos von ihm ab. Mar⸗ gareth fühlte ihre Sinne ſchwinden. Sie faßte den Her⸗ gang dieſes Auftrittes nicht, weil ſie keine Idee davon hatte, daß der Graf ſie geſehen haben könne. Es wurde dunkel in ihr. Sie fürchtete ohnmächtig zu werden. Ein Fieberfroſt ſchüttelte ihre zarten Glieder. Sie mußte fort, um jeden Preis wollte ſie fort, denn ſie konnte es nicht mehr ertragen, das zu hören, was nun kommen mußte. Leiſe erhob ſie ſich und ſchlich nach dem Eingange der Laube. Leiſe verließ ſie ihr Verſteck und ſchlich an den Blumenrabatten dahin, mit allen übrig gebliebenen Kräften dahin ſtrebend, den Garten zu verlaſſen. 47 Gertrud hatte nichts bemerkt, nichts geſehen und nichts gehört. Aber der Graf ſah ſie, und kaum nach zehn Schritten, die ſie vorwärts gethan, ſtand er vor ihr und fragte in ungebändigter Heftigkeit:„Wohin wollen Sie? Was treibt Sie hinweg? Sind Sie es müde, ſich quälen zu laſſen?“ Margareth blickte auf. Sie antwortete nicht, aber ihr ganzes Weſen verrieth ihre innere Vernichtung. Sie wollte neben ihm fortgehen. Er vertrat ihr den Weg und ſein glühender Blick wurzelte auf dem todtbleichen Geſichte. „Glauben Sie noch, mein gnädiges Fräulein, daß ich Sie liebe?“ fragte er langſam und kaum hörbar. Gertrud ſtand wie eine Bildſäule und ſchaute ſie an. Margareth neigte traurig ihre Stirn und ſchüttelte ſanft den Kopf. Levin faßte ihre Hände.„Nicht?“ rief er mit un⸗ ausſprechlichem Ausdrucke.„Wie? Wiſſen Sie es nun, daß ich Sie nicht mehr liebe?“ Margareth zog ihre Hände zurück und verſuchte mit beflügelten Schritten den Garten zu verlaſſen, aber ſie wankte— ſie griff krampfhaft in die Zweige eines Strau⸗ ches, und Gertrud flog mit einem durchdringenden Schrei herzu, um ſie in ihren Armen aufzufangen. 48 Der Graf kam ihr zuvor. Er umſchloß ſie und blickte mit einer Art zu Gertrud empor, als wundere er ſich, daß noch Jemand außer ihm und Margareth auf der Welt lebe. „Gehen Sie! Was wollen Sie mit ihr!“ rief er mit dem Accente großer Entrüſtung. Furchtſam wich die junge Dame zurück und ſah nur noch, daß er Margareth ſanft und ruhig zur Gar⸗ tenbank zurückführte, daß er ſie dort niederließ, vor ihr niederkniete und ſeine Stirn ſchweigend auf ihre Kniee legte. Als ſie dies beobachtet hatte, eilte ſie hinweg, um Frau von Pröhl zu erzählen, was geſchehen war. Sie hoffte, daß dieſe Einleitung genügend ſei, wichtige Re⸗ ſultate zu erwarten. Empfindung, willenlos der Eingebung ihres erſchütterten Herzens folgend, legte ſie wie ſe 49 ſeinen Kopf. Was an Zweifel ihre Bruſt bewegt hatte, war verſchwunden, ſpurlos vergangen, ſeit ſie ihn zu ihren Füßen wußte, und der reuige Mann fühlte in dem leiſen innigen Drucke, womit ihre Rechte ſeinen Scheitel be⸗ rührte, daß ſie wortlos die Verſicherung des vorigen Ta⸗ ges wiederholte:„Thun Sie was Sie wollen, ſagen Sie was Sie wollen, handeln Sie wie Sie wollen— den Glauben an Sie verliere ich dennoch nicht!“ Er blickte empor zu ihr. Sie lächelte ihn traurig an. „Liebe ich Dich nicht mehr, Margareth?“ fragte er ſehr leiſe, und der Widerſchein ihres traurigen Lächelns flog über ſein männliches Geſicht. 1 Sie neigte ſich zärtlich zu ihm nieder. Zu ſprechen vermochte ſie noch nicht. „O— leider, leider liebe ich Dich noch!“ rief er mit ausbrechender Leidenſchaftlichkeit.„Leider habe ich Tag und Nacht vergebens gerungen, Dich aus meinem Herzen zu reißen! Möge mich doch Gott entweder begnadigen oder mich erretten aus dieſem Zauber, der meine Kräfte überſteigt!“ Margareth nahm ſeine Hände und legte ihre Lippen darauf. Was dabei aus ihren ſanften blauen Augen an Wonne hervorſtrahlte, das beſchwichtigte ſeine Zweifel. Ungläubig hingen ſich ſeine Blicke an den Ausdruck einer Zärtlichkeit, die er in dieſen Augen noch nie geſehen. „Margareth,“ bat er,„ſprich zu mir— ſprich zu mir, damit ich aus dieſem ſeligen Traume erwache!“ „O Levin, Levin, wenn es nur Traum iſt, ſo laß uns fortträumen, bis der Tod uns zuſammen fortnimmt von der Erde!“ flüſterte ſie haſtig. „Und Du liebſt mich?“ fragte er ſchüchtern.„Nur mich, nur mich mit aller weiblichen Zärtlichkeit und Hin⸗ gebung? Nur mich allein in der weiten Erdenrunde?“ „Nur Dich, mein Levin,“ entgegnete ſie einfach, aber aus ihrem Stimmentone ſprach ein Engel Gottes, der ſein unruhiges, zweifelſüchtiges Herz heilend berührte. „Aber kann ich Vertrauen zu Deinem Herzen haben, da es einmal zweifelhaft war?“ „Es iſt nie zweifelhaft geweſen!“ ſagte ſie eben ſo einfach. „Biſt Du ganz ſicher?“ fügte er tonlos hinzu.„Ein zweites Mal ertrage ich den Kampf und die Qual nicht. Meine Kraft iſt gebrochen.“ Margareth umfaßte in feuriger Zärtlichkeit ſeinen Kopf und neigte ihre Augen nahe zu den ſeinigen. „In Noth und Tod!“ ſprach ſie, als beantworte ſie die Frage, die er, ſie wußte warum, an Gertrud ge⸗ richtet hatte. 51 Ein Gedanke durchflog Levin's Seele.„Willſt Du fort mit mir, meine heilig Geliebte? Gleich— dorthin, vor der Einwirkung der Weltdame geſichert, die Dich mir raubte— dorthin, wo meine Großmutter des Geliebten harrte?“ Es war ein phantaſtiſcher Einfall, der Schwär⸗ merei des Wiederſehens vielleicht angemeſſen, aber ein ſchönes Lächeln umſpielte des Mannes Lippen, als er fort⸗ fuhr:„Geborgen in heimlicher Stille, als mein ſicheres Kleinod, als ein Juwel, das meine ſüßeſte Vergeltung ſein wird? Du willſt?“ fragte er in Extaſe.„Du willigſt ein, meine weiße Taube— Du willſt Dich heimführen laſſen von mir, Du willſt meiner warten Tag für Tag, bis ich heimkehre, bis ich Momente erhaſche, um den Lohn mir gehören, den Strahl Deines Auges Allen, Allen ent⸗ ziehen, die Dich lieb haben und Dich tröſten können, wenn Margareth blieb in ihrer Stellung, ſah ihn immer⸗ fort unverwandt in die glückſtrahlenden Augen und winkte „Halte Dich bereit, Margareth,“ fügte er hinzu, indem er ihre Hände wechſelweis an ſeinen Mund preßte. „Halte Dich bereit, ich komme! Mit dem Sinken der Sonne bin ich da— harre meiner, Du ſüße, weiße Tau⸗ be— ich komme!“ Ohne ſich die kleinſte Liebkoſung zu ge⸗ ſtatten, erhob er ſich und verließ ſie. Drittes Copitel. An demſelben Morgen um eine Stunde ſpäter ritt ein Herr auf einem wohlgenährten Pferde langſam und bedächtig die Dresdner Landſtraße hinab, gerade auf Wils⸗ berg zu. Sein ganzes Erſcheinen verrieth eine gewiſſe Verſtimmung, die ſich in jedem Blicke ausſprach und ſo⸗ gar in gelegentlichen Kernflüchen Luft machte. Es war der Oberſt von Pröhl, der aus ſeinem beabſichtigten Feldzuge 9„eine neue Uniform an⸗ der Stirn und Wange, ritt er im wahren Schlendrian den hübſchen glatten ſchattigen Fußweg neben den Fahr⸗ geleiſen und hing ſehr ungemüthlichen Gedanken nach, als er plötzlich von dem raſenden Galopp eines Pferdes, das auf dem Fahrwege neben ihm wegflog, wie ein geſpen⸗ ſtiſcher Nachtgraus, aus ſeinem Sinnen geweckt wurde. „Hollah!“ ſprach er halblaut, erſchreckt den Kopf wendend, um dem Huſarenoffizier nachzuſchauen, der dieſen Ritt auf Leben und Tod unternommen zu haben ſchien. „Wer kann das ſein? Gewiß wieder ein verdammter Kourier des Ziethen, des Schwerenöthers, der auf Biska's Herrenhauſe den Befehlshaber ſpielt. Eine Donnerwetter⸗ geſchichte, dieſer Krieg und Musje Brühl's Regierungs⸗ manier. Preußen fix und immer fertig— Sachſen langſam und immer zaudernd. Es geſchieht Sachſen ſchon recht, Kreuzbataillon noch einmal! Halb und halb denke ich ſchon preußiſch, und es ſoll mir nun egal ſein, ob der König Auguſt zum Teufel, oder vielmehr nach Polen geht. Läßt er ſein Land im Stich— Himmel⸗Element, ſo laſſen wir ihn auch im Stich! Das ſchöne Dresden mit ſeiner Elbe und ſeinem Plauengrunde mag freilich dem Preußen ge⸗ fallen, der nichts als Sandflächen präſentiren kann.“ Während der Oberſt in ſeinen Selbſtgeſprächen da⸗ hin ritt und ſich dem Anſcheine nach faſt widerwillig ſeiner Heimath näherte, ſaß Fräulein Gertrud auf einem Fußſchemel vor Frau von Pröhl und beichtete unter Er⸗ blaſſen und Erröthen ihren„letzten dummen Streich“. Das Geſicht der Dame drückte Mißmuth aus. Sie ta⸗ delte mit ziemlicher Härte die Verirrung ihrer Pflege⸗ tochter, die ſich von ihren Koketterien zu Handlungen hatte hinreißen laſſen, die über kindiſche Thorheiten hin⸗ ausgingen. 5⁵ „Und wenn der Graf nun wirklich jenes Wohlge⸗ fallen, das er in einer gewiſſen Geiſtesabweſenheit in ſeine Augen gelegt, als er Dich zum erſtenmale an der Garten⸗ pforte fand, für Dich empfunden hätte?“ fragte Frau von Pröhl mit ſtark gerunzelter Stirn. Gertrud ſchüttelte ſich vor Unbehagen.„Mama Pröhl, halte mir um Gotteswillen keine Strafpredigten, 6 bat ſie beklommen.„Graf Levin hat mich für immer ku⸗ rirt. Gott behüte jedes Mädchen vor ſolchem Manne, der ſeine eigenen Triebe vergöttert. Nein, Ruhe und Ver⸗ nunft muß der Menſch bei aller Liebe behalten.“ „Du gingſt alſo nicht allein Margareth's wegen zur Kapelle hinauf, als Dir Suſe von dem Huſaren er⸗ zählte, in welchem Du voreiligerweiſe gleich den Grafen vermutheteſt?“ „O ja,“ verſicherte das Fräulein ehrlich in das Ge⸗ ſicht der Frau von Pröhl ſchauend.„O ja, nur einzig hiſtoriſch in mir, als ich einer ſichtlichen Weichheit in ihm begegnete und dieſelbe, thöricht genug, einem Wohl⸗ ten noch nicht vorgekommen,“ lautete die Antwort, die Gertrud von Spärkan ſchweigend hinnahm, weil ſie den Ausſpruch gerecht fand. „Jetzt iſt mir der Ideengang des Grafen Levin freilich erklärlich,“ beichtete ſie weiter.„Er war ſchon aufgeregt von dem Wiederſehen Margareth's, dazu kam, daß die dicke gute Suſe einmal ihre Nachtigallenſtimme erhob und ziemlich kauderwälſch eine Hiſtorie von der „weißen Taube“ auftiſchte, worüber ich ſehr ungehalten wurde und ihr den Mund verbot, was natürlich aber zur Folge hatte, daß die dicke Perſon nun erſt recht lebendig war. Ich erinnere mich, daß der Graf ſogleich nach die⸗ ſer Epiſode unſeres Kapellenabenteuers verſprach, am nächſten Morgen zu kommen.“ Sie ſeufzte tief vor Ver⸗ druß.„Mama Pröhl, in meinem Leben bekümmere ich mich nicht wieder um das Wohlergehen meiner Neben⸗ menſchen!“ ſchwor ſie mit pathetiſchem Tone. „Wenn Du Deinen Schwur hältſt, ma fillette, ſo wirſt Du Deinen armen Nebenmenſchen einen großen Vortheil ſtiften,“ entſchied die Dame lächelnd.„Geſpro⸗ chen haſt Du alſo keine Dummheiten?“ inquirirte ſie weiter, denn es lag ihr daran, klar zu ſehen, um ſchlimm⸗ ſten Falles energiſch den Folgen der koketten Spielerei zu ſteuern. „Nicht ein einziges dummes Wort,“ betheuerte 57 Gertrud.„Levin ließ mich ja gar nicht zu Worte kom⸗ men. Er benutzte mich ja nur, wie ich jetzt recht gut ein⸗ ſehe, als ein Subject, während der richtige Gegenſtand hinter der Laubwand ſaß.“ Sie lachte hell auf bei ihrem Vergleiche. Frau von Pröhl konnte ihren Zorn gegen ſie nie behaupten, alſo lachte ſie mit. „Was nur geſchehen ſein mag?“ fragte ſie dann wieder ängſtlich.„Margareth iſt ſogleich in ihr Zimmer gegangen. Ich bin nicht bei ihr eingelaſſen, als ich vor⸗ geblich nur nach ihrem Befinden fragte.“ „Böſes iſt nicht geſchehen, Mama Pröhl!“ be⸗ hauptete Gertrud zuverſichtlich.„Laſſen wir noch eine kleine Weile vergehen und dann verſuche ich ein Bom⸗ bardement!“ „Nimmermehr, ma fillette. Du haſt ihr Zutrauen verwirkt! Bevor Margareth nicht nach Dir verlangt, wirſt Du es meiden, ihren Weg zu durchkreuzen. Wir wiſſen nicht, was in ihrem Innern gährt, wir wiſſen nicht, wie die Verſtändigung zwiſchen dem Grafen und ihr abgelaufen iſt. Jede Gemüthsbewegung ſoll ihr er⸗ ſpart werden— danach richteſt Du Dich, Du thörichtes, unbeſonnenes Frauenzimmer.“ Gertrud nickte mit einer Miene, die dieſer Bejahung bedeutend widerſprach, und es wäre vielleicht zu einigen 1860. XV. Gertrud. IV. 4 capriciöſen Gegenreden gekommen, wenn nicht in dieſem Augenblicke eine Stimme voll Donnerkraft das Wort: „Suſe!“ geſchrieen hätte. „Onkel Pröhl!“ ſagte Gertrud erſchrocken. „Mein Mann— gottlob, mein guter Mann,“ jauchzte die Dame des Hauſes, und Beide flogen die Treppe hinab nach dem Hofe, wo eben der Oberſt unter Hilfeleiſtung eines der einquartierten Huſaren ſeinen dicken Braunen verlaſſen und der herbeigeeilten Magd den Mantelſack zugewieſen hatte.— Unter ſchäkernden und liebkoſenden Worten aller Art führten beide Damen den Heimgekehrten hinauf, nachdem er ſeinem Bruder erſt unten einen kurzen An⸗ trittsbeſuch gemacht und ihm die Hand geſchüttelt hatte. Später, als Gertrud unter den poſſierlichſten Nach⸗ fragen und Frau von Pröhl unter lebhaften Forſchun⸗ gen über ſein Wohlſein eine geraume Zeit verbracht hatten, begann der Oberſt zu erzählen. Was er ärger⸗ lich und mit Verwünſchungen geſpickt darlegte von den Ereigniſſen der Welt, das fand einen ſonderbaren An⸗ klang in Gertrud und Frau von Pröhl. „Mit Sachſen iſt's vorbei!“ rief der Oberſt, als er ſich gehörig reſtaurirt und behaglich im Lehnſtuhl placirt hatte.„Der Feldmarſchall hat Lunte gerochen und ſeinen Abſchied verlangt. Er geht auf ſein Gut und läßt 59 ſich Forellen braten. Keine Energie, Kriegerſinn im Könige— nur Nobleſſ keine Haltung, kein e und Paſſion für Pinſelkram. Es i*ſt rein vorbei! Unſ⸗ nſere Truppen ſind vom General Schwerin zuſammengekoppelt, wie feige Jagdhunde und als Kriegsgefangene behandelt. Das Heer geworden ſind und unſere ſchläfri gegeben haben! Die Oeſterreicher rücken zwar zur Hilfe heran und die Franzoſen machen Anſtalt zu hilft es? Friedrich von Preußen ſitzt in Dresden und decretirt am Schreib⸗ tiſche Sr. Hochgräflichen Excellenz mit andern, als mit Brühl'ſchen Federn.“ Biertes Capitel. Graf Levin baute auf das Wohlwollen ſeines Ge⸗ nerals, als er ſich auf ſein Pferd warf, um ihn in Dres⸗ den aufzuſuchen und durch ſeine Vermittlung den glühend⸗ ſten Wunſch ſeiner Seele erfüllt zu ſehen. Es war wiederum ein Ritt auf Leben und Tod, den er in der Aufregung ſeiner Gefühle unternahm, aber un⸗ ter völlig veränderten Umſtänden, wie vor Jahresfriſt. Er wußte, daß der General Ziethen mit dem Könige arbeite, und da er das Glück hatte, von Ziethen geliebt zu werden, ſo wagte er es, ſich bei ihm melden zu laſſen, obwohl er einſah, daß dies an ſubordinationswidrige Kühnheit grenzte. Der General befand ſich mit dem Monarchen in demſelben Gemache, wo Gertrud von Spärkan die große Lehre empfangen hatte. Er ſtand ſogleich auf, als der Ordonanzoffizier des Grafen Namen nannte, und trat ihm bis zum Eingange entgegen. 61 Levin ſah bleich und verſtört aus. Ziethen blickte ſeinem Günſtlinge ſcharf in's Geſicht. „Was iſt geſchehen?“ fragte er flüſternd.„Wie ſehen Sie aus?* „Mein General, es handelt ſich um mein Glück!“ entgegnete der Graf leiſe. „Alſo eine Privatangelegenheit? Eilte das ſo ſehr?“ murmelte der General etwas verdrießlich.„Was wünſchen Sie?“ 1 „Einen Heirathsconſens!“ ſprach der Graf kurz. Ziethen trat zurück, lachte und maß ſeinen Adjutan⸗ ten von Kopf zu Füßen. „Erinnern Sie ſich des ſchönen Mädchens beim Tauffeſte des Major von Biska?“ fragte der Graf mit Ruhe, aber ſehr beeilt. „Ei gewiß! Fräulein von Rittberg?“ „Ich erklärte Ihnen, das Bündniß ſei gebrochen.“ „Nun? Und jetzt?“ „Jetzt zeigt es ſich, daß Mißverſtändniſſe unſer Leben getrübt hatten. Unſer Hochzeitstag war beſtimmt, als ich in raſender Verblendung meine Braut verließ. Mein General, ich bitte um die Vergünſtigung, ſie noch heute zum Altar führen zu dürfen!“ Der General Ziethen machte ein ſtummes Zeichen der Ablehnung und zeigte mit bedeutſamem Kopfſchütteln nach dem Hintergrunde des weiten Gemaches, wo der König an einem Schreibtiſche ſaß. Seine Gebärden be⸗ deuteten den jungen Offizier, daß er ſich einem Zorn⸗ anfalle des Monarchen ausſetzen würde, wollte er ihn mit dergleichen Bitten behelligen. Der Graf wußte auch recht gut, daß es den Principien ſeines Königs zuwider lief, die Verheirathungen der Offiziere zu billigen. Er wußte, daß er eine Specialordre erlaſſen hatte, worin er dieſe Verheirathungen ſogar ſtreng verbot und mit ſchimpf⸗ licher Caſſation drohte, wenn man ſich dadurch zu heim⸗ lichen Verehelichungen hinreißen und verleiten laſſen würde. Er kannte alſo die Gefahr, worin er ſich ſtürzte, als er trotz ſeines Generals Abmahnungen mit Feſtigkeit erklärte: den König ſelbſt um die Gnade der Gewäh⸗ rung angehen zu wollen. Ziethen zog ſich bedenklich von ihm zurück, nachdem er ihm flüſternd noch den guten Rath ertheilt:„zu war⸗ ten, bis ſich des Königs Laune, die ſehr ſchlecht ſei, etwas gebeſſert habe, und lieber eine gelegenere Zeit zu wählen.“ Aber Graf Levin hatte keine Zeit zu warten! In ihm ſtürmte es zu gewaltſam, um geduldig zu ſein. In peinlicher Bewegung ließ er einige Minuten verfließen, ohne ſich entſchließen zu können, das Zimmer zu verlaſſen, wo der König weilte, denn er hoffte von ihm bemerkt und befragt zu werden. Bisweilen flog auch der Blick 63 des Königs blitzſchnell von der Seite hin zu ihm, aber es verging beinahe eine Viertelſtunde, bevor er endlich ſagte:„Sein Adjutant, Ziethen?“ „Zu Befehl, Majeſtät,“ antwortete der General reſpectvoll.„Der Rittmeiſter von Brettow.“ „Was bringt er?“ „Er bringt nichts, ſondern wünſcht Ew. Majeſtät eine Bitte vorzutragen.“ Der Monarch richtete ſich ſchnell auf und ſah nicht unfreundlich zum Grafen hin. Dieſer trat näher. Ziethen nahm das Wort und trug das Geſuch um einen Hei⸗ rathsconſens mit ernſten, dürren Worten vor. Eine Donnerwolke trat auf des Königs Stirn und in ſeinen blitzenden Augen war die herbe Antwort ſchon im Voraus zu leſen. „Er will heirathen?“ fragte er mit entſetzlich iro⸗ niſchem Lächeln. „Ja, Majeſtät!“ antwortete der Graf, ſeine kühnen Augen voll und groß auf ihn heftend. „Sonderbares Gelüſt mitten im Kriege!“ ſpottete der König. „Umſtände eigenthümlicher Art geben mir den Muth zu meiner Bitte!“ entgegnete der Graf.„Es iſt ein heiliges Gefühl, was mich dazu leitet!“ 64 Der Accent, womit der junge Offizier ſprach, mußte dem Könige auffallen. Er war nie ganz unempfindlich „Die Heirathen verweichlichen— nichts Rittmeiſter, es geht nicht!“ „Majeſtät, ich bin ein Brettow!“ rief der Graf. „Der Erſte im Kampfe— der LOetzte auf dem Kampf⸗ platze! Sie erweiſen Ihre Huld einem Würdigen— ich bitte Ew. Majeſtät mir die Erlaubniß zu gewähren!“ Der König ſah freundlich zu Ziethen auf.„Nun, was ſagt Er dazu?“ „Majeſtät, die Brettow's ſind meine Vettern, und ſein eigen Blut kann man nicht loben. Aber dieſer da hat es ſchon bei Keſſelsdorf gezeigt, daß er Muth hat,“ ſprach der General mit bittendem Tone. Er ſah durch die Ruhe und Faſſung des jungen Offiziers hindurch, wie tief ergriffen und bewegt er war. Der König ſchien nachgeben zu wollen. Unſchlüſſig ſah er vor ſich nieder. Plötzlich wurde er wieder andern Sinnes, ſeine Mienen zogen ſich grämlich zuſammen und er ſtieß die Worte hervor:„Nichts! Nichts! Kinder⸗ ſpiel und ſüße Minne! Nichts da!“ 65 Graf Levin trat leidenſchaftlich einen Schritt näher. „Majeſtät, es handelt ſich um eines Lebens Ruhe und Glück; nicht Kinderſpiel, nicht ſüße Minne verleiten mich.“ „Es geht nicht! Ein Narr macht mehrere!“ fuhr der König ärgerlich auf. Graf Levin ſenkte ſich ritterlich auf's Knie.„Maje⸗ ſtät, es iſt des Lebens Höchſtes, was ich gewinne. Ich flehe Sie an, gnädig zu ſein.“ Der König ſchaute frappirt in ſein flamm endes Auge und wendete ſich dann voller Verwunderung zum General Ziethen. „Majeſtät, ſo habe ich ihn noch nie geſehen,“ bat dieſer leiſe.„Ueben Sie Gnade.“ Der König blickte unverwandt auf den jungen Offi⸗ zier. Sein ſcharfer ſtechender Blick hatte ſich mit jenem innig flammenden wunderbar gekreuzt. Er lächelte weh⸗ müthig. „Es iſt doch etwas Eigenes um die Liebe,“ ſagte er leiſe und langſam, winkte dem Grafen aufzuſtehen und trat an ſeinen Schreibtiſch*). Einige Momente ſpäter hielt Levin den Conſens — *) Nach Familientraditionen. vom Könige und den Urlaub auf achtundvierzig Stun⸗ den vom General Ziethen in der Hand. Das letzte Sonnenglühen lag auf der Flur, als der Graf auf ſchweißbedecktem Pferde am Eingange der Probſtei hielt und gleich darauf mit Margareth am Arme den Hügel zur Kapelle wieder hinaufſchritt. Margareth hatte ſeiner geharrt. Sie ließ ſich willig von ihm dahin führen, ohne zu ahnen, daß ſich die Pforten ihres Glückes eröffnet hatten. Feſt und ent⸗ ſchieden folgte ſie ihm, denn ſie hatte erkannt, daß des Mannes wahre Kraft und Stärke, daß des Mannes reine Liebe in dieſem Herzen ruhte. Sie fühlte das Opfer gar nicht, das ſie ihm durch die unbedingte Hingebung in ſeinen Willen brachte. Ohne ein Wort mit einander zu wechſeln, ſchritten ſie dahin. Was ſie innerlich bewegte, das fand keinen Ausdruck in der Sprache, und mit dem unbeſchreiblichen, ſeligen Gefühle einer Erlöſten verließ das junge Mäd⸗ chen die Probſtei, die ihr ein Aſyl in ihrem brennenden Schmerze geworden war. Alles, was ſie in dieſen Räumen durchlebt, was ſie darin durchdacht und empfunden hatte, löſete ſich wie ein Bann von ihrer Seele, als ſie in Le⸗ vin's Schutz die Schwelle verließ. Sie gingen Beide dahin unter dem Zittern, daß ein Traum ſie betäube und daß ihr Glück wieder zer⸗ 67 ſchellen werde, ſo wie die Wirklichkeit ihre Rechte einſetze. Der erſte Strahl dieſer Wirklichkeit aber weckte in Mar⸗ gareth's Seele eine Fluth von Segnungen über das Haupt ihres Geliebten, als er ſie ſchweigend, aber mit einem tief bedeutſamen Blicke zur kleinen Kapelle geleitete, als ſie dort eine Equipage halten ſah, als ihr aus dem In⸗ nern derſelben die leiſen feierlichen Klänge der Orgel entgegentönten und als ihr der Feldprediger in ſeinem Ornate vom Altare entgegenſchritt. Einen Myrthenkranz ergreifend, den ihm ein Diener darreichte, bat der Graf das bebende Fräulein, ſie mit dem Symbol jungfräulicher Unſchuld ſchmücken zu dürfen. Sie warf ſich leidenſchaft⸗ lich vor ihm nieder und beugte ihr Haupt, bis ſie von ſeinen zitternden Händen gekrönt war. Dann erhob ſie ſich ſtolz und ihre Augen ſuchten den Geliebten, um ihm mit unausſprechlicher Zärtlichkeit einen Schwur für die Ewigkeit abzulegen. Levin führte ſie zum Altare. Allein, von Allem losgeriſſen, was Prunk, Glanz und Luxus der Welt heißt, ſtanden Beide vor dem Geweihten Gottes, der im Namen eines höhern Weſens endlich die Hände ſegnend auf einen Bund legte, welcher ſchon längſt durch die Prüfungen eines Erdenlebens geheiligt war. Nicht die irdiſchen Beſtandtheile einer menſchlichen Liebe— nein, die Göttlichkeit dieſes Gefühles ſtrahlte aus den Augen Bei⸗ 68 der, als ſie endlich, auf ewig verbunden, einander anſahen, als ihre Arme einander umſchlangen, als ſie unter keu⸗ ſchem ſüßen Kuße ihre Seelen ebenfalls auf ewig ver⸗ mählten. Es ſchien ein Gefühl der Angſt Beide gleichzeitig zu verlaſſen, indem ſie dann aufſchauten und ſich der Heiligkeit des Ortes bewußt wurden, wo ſie ſich befan⸗ den. Ein Lächeln, dem Lächeln eines erwachenden un⸗ ſchuldigen Kindes gleich, ſtahl ſich über ihre Mienen und ſie zweifelten Beide an dem wirklichen Daſein eines Jahres voll unſäglicher Trauer, voll nutzloſer Kämpfe und bit⸗ terer Entſagungen. Alles, was ſie gelitten, verſank vor der Gewißheit, ſich nun anzugehören— Alles, was ſie bethört, verſchwand vor der Wahrheit ihrer Empfindungen— Alles, was ſie gekränkt hatte, vor der Fülle von Glück, das ſich vor ihnen ausbreitete. Ein kindlicheres Vertrauen hatte noch nie eines Mannes Bruſt geſchwellt, als das war, womit jetzt der Graf in die ſanften, ſüßen, blauen Augen Margareth's blickte, und eine größere Hingebung nie das Herz einer Jungfrau durchbebt, als diejenige, womit das junge, ſchöne, zarte Mädchen ſich in die Arme Levin's ſchmiegte.. Von dieſen Armen umſchlungen, mehr getragen, als geführt, erreichte ſie endlich den Wagen, der vor der Kapelle hielt. Levin hob ſein junges Weib hinein, der 69. Wagen wurde geſchloſſen, und fort ging es wie im Sturme, in die einbrechende Nacht hinaus, von ſechs muthigen Pferden pfeilgeſchwind einem andern Aſyle zugeführt, das weder bittere Erinnerungen, noch bekämpfte Leiden aufweiſen konnte. Fort ging es wie auf Sturmesflügeln in eine Heimath, wo der Liebe Segnungen alle Spuren vertilgte, die das Prüfungsjahr hinterlaſſen wollte. Fünktes Capitel. Unbeachtet von dem Paare hatte Gertrud das Weg⸗ gehen deſſelben beobachtet und die Richtung ihres Weges bemerkt. Es lag in der Natur der Sache, daß ſich ihre Neugier regte, wohin Graf Levin mit Margareth gehen werde, allein ſie fühlte nicht den Muth, ihren Weg mit Fragen zu durchkreuzen oder mit verſtellter Gleichgiltig⸗ keit zu folgen. Nicht von fern kam es ihr in den Sinn, daß die jahrelange Trauer ein ſo eclatantes Ende nehmen und Margareth mit derſelben Eilfertigkeit jetzt zum Altare geführt werden würde, mit der ſie vor Jahresfriſt von Levin verlaſſen worden war. Da ſie gar nichts zur Be⸗ friedigung ihrer Neugier thun konnte, ſo ergab ſie ſich in Geduld und wartete mit ſtiller Sehnſucht der Rückkehr der ſonderbaren Spaziergänger. Sie wartete natürlich vergebens. Eine Stunde verrann. Die Sonne verſchwand vom Horizonte und der Mond begann ſein unſicheres Licht zu verbreiten. 71 Gertrud wurde nach und nach von ſonderbaren Ahnungen bewegt. Die excentriſche Gemüthsbeſchaffenheit des Grafen hatte überhaupt einen tiefen Eindruck auf ihr leicht bewegliches Herz gemacht und ſie zu mancherlei ſinnigen Träumereien verführt, worin ſie ſich an die Stelle Margareth's zu ſetzen beliebte, aber das Bild des feurigen Grafen von dem vernünftigen Wolf vertreten ließ. In ihrem phantaſtiſchen Kopfe ſtiegen Wünſche auf. Sie meinte es werth zu ſein, mit derſelben leiden⸗ ſchaftlichen Gluth geliebt zu werden, als Margareth, und ſie hatte nicht übel Luſt, ihre zahlloſen Verirrungen ganz gemüthlich auf des Junker Wolf Schultern zu laden, weil er verſäumt hatte, ſie im Sturm der Gefühle zu ſeinem Eigenthume zu machen. Während ſie bilderreichen Phantaſieen nachhing, em⸗ pfing Frau von Pröhl auf die allerproſaiſchſte Weiſe Nachrichten über ein Ereigniß, das im Stande war, die leiſen und ſchwankenden Bewegungen in Gertrud's See⸗ lenleben bedeutend zu heben und ſie endlich von Stufe zu Stufe auf den richtigen Weg der Selbſterkenntniß zu führen. 3 Es war der dicken Suſe vorbehalten, den letzten Act aus dem Liebesleben ihres hochbewunderten Fräuleins zur Kenntniß zu bringen. Die treue Magd hatte von fern geſehen, daß aus der Kapelle ein Brautpaar getreten, 72 daß dies Brautpaar in einen ſchönen Wagen geſtiegen und von ſechs luſtig wiehernden Pferden im Galopp da⸗ vongeführt worden war. Es koſtete nur wenig Beihilfe der Phantaſie, um jetzt die Lage der Sache zu errathen, und als Frau von Pröhl, athemlos vor Eile, dem Fräu⸗ lein Gertrud dieſe Nachricht mittheilte, flog ein helles Freudeglänzen über das roſige Geſicht und ſie flüſterte in nie empfundener Rührung:„Gott ſegne ſie!“ Am nächſten Morgen lagen dieſe Erlebniſſe gleich einem Traume auf Gertrud's Seele. Es erſchien ihr Alles leer und öde und eine Sehnſucht, von der ſie ſich bis dahin keine Ideen hätte machen können, überfiel drückend ihr ganzes Weſen. Gedanken, wie ſie nie gehabt, ſpannen ſie vollkommen ein und hemmten die Flüchtigkeit ihrer Phantaſie. Ihr Geiſt erging ſich in Rückerinnerungen, wovon die Hälfte wenigſtens beſchämende Thatſachen auf⸗ wies. Es half ihr nichts, daß ſie es verſuchte ſich ſelbſt zu entſchuldigen. Mit ſchwerem Gewicht legte ſich ſtets das Tadelnswerthe in die Wagſchale, wenn ſie verſuchen wollte, ſich mit gutem Willen zu beſchönigen. Sie mußte es ſich eingeſtehen, daß ſie Momente gehabt, wo ſich ihr Stolz kräftig gegen eine Verbindung mit einem rang⸗ und mittelloſen Manne aufgelehnt hatte— ſie mußte zu⸗ geben, daß ſie ſehr rückſichtslos ihren Eingebungen gefolgt ſei, wenn ihre Eitelkeit angenehm angeregt war. Sie er⸗ 73 kannte ohne Schwierigkeit die Gründe ihrer Handlungen und gab gern zu, bei allen ihren Erfahrungen nur das Opfer ihrer eigenen Selbſtüberſchätzungen geweſen zu ſein. Dazwiſchen ſtellte ſich dann ein Bild, das ſie mit Begeiſterung begrüßte— ein Ideal männlicher Selbſt⸗ beherrſchung— und ſie beſchloß ſeiner würdig zu werden. Während das Fräulein ſyſtematiſch gegen ſich ſelbſt zu Felde zog, war der Gegenſtand ihrer ſehnſüchtigen Träumereien, der Adjutant Wolf von Brettow, am frühen Morgen mit dem erſten roſigen Scheine der Herbſtſonne von Freiberg, wo ſein Regiment ſtand, aufgebrochen, um als Ordonanzoffizier eine Depeſche wichtigen Inhaltes an den General von Ziethen zu überbringen. Ihm blieben natürlich die Begebenheiten ein Geheimniß, welche ſo be⸗ glückend in das Daſein ſeines Vetters eingetreten waren. Von ſeinem Dienſte ſehr in Anſpruch genommen und durch die Stellung ſeines Generales Winterfeld vielfach um⸗ hergehetzt, hatte er noch nie ſo viel Zeit gewonnen, um bei gelegentlichen Geſchäftsſendungen einen Abſtecher nach der Probſtei machen zu können. Sein Herz verlangte ſehnlich nach einem Wiederſehen, nachdem der letzte Ab⸗ ſchied von Gertrud faſt mit Geſtändniſſen begleitet worden war. Aber er war nicht leichtſinnig genug zu Abwei⸗ chungen vom vorgeſchriebenen Dienſte und er zog mehr⸗ mals, mit wehmüthigen Blicken das alte Ruinenwerk be⸗ 1860. XV. Gertrud. IV. 5 teachtend, hinter dem die Probſtei wohl geborgen lag, auf dem Hügel entlang, ohne ſich die Erlaubniß zu ge⸗ ſtatten, hinab zu reiten. Der Morgen war friſch und kühl. Leichte Nebel deckten die Fluren, ehe die Sonne ſiegend hervortrat. Wolf ritt raſch vorwärts, ſeine beiden Ordonanzen konnten ihm kaum folgen. Ungefähr auf der Mitte ſeiner Tour, in der Nähe eines hübſch gelegenen Städtchens, traf er auf ein Piket Huſaren, die recognoscirend die Gegend zu durchſtreifen ſchienen. An ihrer Spitze ritt ein großer, ſtarkgliedriger Oberſtwachtmeiſter, deſſen Augen ſogleich frageluſtig den drei Reitern entgegen ſtrahlten, als er ſie zu Geſicht bekam. Geſchwind trennte er ſich von ſeinen Leuten und ſprengte feldeinwärts gerade auf den Küraſſieroffizier zu, der— das ſah er ihm an der Naſe an— Depeſchen aus einer Gegend brachte, wohin ſich ſeit einigen Tagen die Blicke der ganzen Reiterei ſehr erwartungsvoll wendeten. Es war der Oberſtwachtmeiſter von Hottorp, bekanntlich ein Krieger im guten und böſen Sinne des Wortes, wie er ſein muß. Ganz ſeiner Natur gemäß, ſchrie er sans fagon den Depeſchenüberbringer an und fragte, was ſein Ritt bedeute, ob es los ginge, ob ſie aufbrechen ſollten, ob 75 Winterfeld es endlich ſatt hätte, auf den öſterreichiſchen General Brown zu warten. Wolf hielt reſpectvoll ſein Pferd an und erklärte, daß er bedauere, über nichts Auskunft geben zu können. „Wohin wollen Sie denn?“ herrſchte der Oberſt⸗ wachtmeiſter ihn an.„Sie ſind doch von Ordonanzen be⸗ gleitet, werden alſo hoffentlich kein Spion ſein?“ „Nein, Herr Oberſtwachtmeiſter,“ entgegnete der junge Offizier und öffnete ſein Koller, um die bekannte Depeſchentaſche blicken zu laſſen.„Ich bin auf dem Wege zum General von Ziethen!“ Der Oberſtwachtmeiſter ſah ihn grämlich an und hatte Luſt grob zu werden, weil er annahm, daß der junge Krieger wohl Kenntniß von dem Inhalte ſeiner Depeſche haben könne. Schon wollte er ſeiner Laune die Zügel ſchießen laſſen, da fiel ſein Blick auf den treuherzig ehrer⸗ bietigen Ausdruck im Mienenſpiele des Offiziers und er wendete ſeinen Aerger nur dazu an, ihn recht barſch nach ſeinem Namen zu fragen. Wolf nannte ſich. „Brettow,“ wiederholte der Oberſtwachtmeiſter und ſetzte ſich im Sattel zurecht, um neben dem Küraſſier zu reiten.„Brettow— Graf Brettow?“ „Nein, der Grafenſtand wurde nur einer Linie unſers Hauſes verliehen!“ entgegnete Wolf artig. „Ah, ich weiß! Wegen der Heirath mit der Prin⸗ 5* 76 zeſſin! Sie kommen grade recht zur Hochzeit Ihres Vetters, des Grafen,“ fügte er lachend hinzu.„Ein kurioſes Ge⸗ ſchlecht, das der Grafen Brettow's. Hat den Conſens faſt mit Gewalt vom Könige erlangt.“ „Sprechen Sie vom Grafen Levin?“ fragte Wolf etwas befremdet, aber durchaus nicht aufmerkſam, weil er glaubte, die letzte Aeußerung bezöge ſich auf frühere Thatſachen. „Ja freilich! Vom Grafen Levin und dem hübſchen Fräulein Spärkan aus der Wilsberger Probſtei!“ ſchrie der Offizier, überlaut lachend. Wolf von Brettow fühlte eine Eiskälte über ſein Herz laufen.„Das beruht wohl auf einem Irrthum,“ wendete er reſpectvoll ein. „Irrthum? Herr Lieutenant, mein Ehrenwort zum Pfande!“ erklärte der alte Offizier. „Graf Levin von Brettow, Rittmeiſter von Bret⸗ tow und Fräulein Spärkan?“ rang es ſich von Wolf's Lippen. „Ja, ja! Ich ſelbſt bin dabei geweſen, als ſie, die ſchöne Chlowis, Daphne oder Amaris, die erſte Attaque mit ihren ſchönen Augen vollführte. Der Graf fing ſofort Feuer. Er konnte nicht vom Flecke und ſah ſich wohl hundert Male nach ihr um. Nachher ſoll er Wache ge⸗ ſtanden haben in den Ruinen, wie ein girrender Schäfer, 77 bis ſie ihn endlich eines Abends in Begleitung einer dicken Magd, die Suſe genannt, aus ſeiner ſtarren Verzauberung gelöſt hat. „Fräulein Gertrud von Spärkan?“ fragte wieder⸗ holend der junge Küraſſieroffizier, dem die Welt in ihren Angeln ſtill zu ſtehen ſchien. „Ja, ja! Es iſt ſo, wie ich es Ihnen ſage. Ich kenne dies Fräulein ſehr gut— pſt— wir wollen nicht erörtern, zu welchen Dummheiten ſie mich eines Tages in Dresden verführt hat. Gottlob, bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen, weil Majeſtät auf Pirna brannte und die Blokade gleich darauf losging.“ „Graf Levin und Gertrud von Spärkan,“ mur⸗ melte Wolf tiefſinnig vor ſich hin.„Seltſames Spiel des Schickſales, wenn es wahr wäre!“ „Es iſt wahr, ſo wahr ich Hottorp heiße,“ betheuerte der Offizier mit ärgerlicher Wichtigkeit.„Der Rittmeiſter hat ſich einen Conſens verſchafft, Ziethen hat geholfen! Sie werden zur rechten Zeit kommen. Geſtern in der alten Kebalſ ſoll etwas los geweſen ſein, erzählte man mir eben.“ Wolf war gänzlich betäubt. Er ſah ein, daß er es nicht wagen durfte, den eifrigen und heftigen Offizier durch Einwendungen zu reizen, aber das Gehirn brannte ihm und düſtere Gedanken nahmen ſeine Beurtheilungs⸗ 78 kraft gänzlich gefangen. Sollte der Oberſtwachtmeiſter ſich vielleicht im Namen irren— er beſchloß wenigſtens eine leiſe Nachforſchung zu halten. „Ich würde viel eher geglaubt haben, das andere Fräulein in der Probſtei, Fräulein von Rittberg wäre der Gegenſtand von meines Vetters Huldigungen,“ warf er beiläufig hin, aber ſeine Stimme zitterte bei dieſem Ver⸗ ſuche der Aufklärung und es flirrte ihm vor den Augen. „Das Fräulein Rittberg iſt gar nicht mehr in der Probſtei— war ſchon nicht mehr da, als ich mich dort ein⸗ quartirt hatte,“ rief der Oberſtwachtmeiſter rechthaberiſch. „Ah, Herr Oberſtwachtmeiſter haben alſo dort ge⸗ wohnt?“ forſchte der junge Mann weiter, ſeine Troſt⸗ loſigkeit nahm aber bedeutend zu. „Ja, habe da gewohnt, kenne die Laube, kenne die dicke Suſe, kenne den Domherrn, kenne Fräulein Spär⸗ kan. Iſt es Ihnen nun genug, um mir Glauben zu ſchen⸗ ken?“ Er machte eine flüchtige Bewegung mit der Hand zum Abſchiede und ſetzte ſeinem Pferde wieder die Spo⸗ ren ein. Wolf ſah ihm nach und holte tief, tief Athem.„Ich muß nach der Probſtei!“ murmelte er;„dieſe Nachricht erdrückt mich!“ Wie er den Reſt des Weges zurückgelegt hat, davon hat er nie Rechenſchaft geben können. Mechaniſch voll⸗ 79 führte er ſeine Geſchäfte, und während ihm von ſeinem Gönner und Verwandten, dem General Ziethen, eine Friſt zur Erquickung und Ruhe geſtattet worden war, ſtürzte er in wilder Eile die Allee hinab, die das Herren⸗ haus mit der Abtei verband. Er kam gerade zur rechten Zeit. Gertrud malte ſich Bilder der Zukunft mit brennenden Farben, als der Held ihrer Träume in Perſon erſchien und alle Ver⸗ wirrung, die jemals in ihrem muthigen Herzen geſchlum⸗ mert hatte, zu Tage förderte. Aufgeregt von den Qualen, die er hatte erdulden müſſen, verlor der junge Edelmann vollſtändig alle Faſſung, als er nun vor dem Mädchen ſtand, das ihm ſchöner als je, verklärt von einem innern Glücke, in reizender Scham, ängſtlich, befangen gemacht von den verführeriſchen Bildern, die ſie ſtundenlang um⸗ gaukelt hatten, zitternd vor Freude und Furcht entgegen trat. Der Ausdruck ihres ganzen Weſens überzeugte ihn mehr von der Wahrheit ihres Glückes, als alle Verſiche⸗ rungen des Oberſtwachtmeiſters. Was wollte er eigentlich hier? Es war vorbei, Alles vorbei! Doch nein! Margareth! Der Name hallte wie ein dumpfer Ton der Sterbeglocken in ihm wieder. „Wo iſt Margareth?“ fragte er tonlos, als er ſich ſtumm verneigt hatte. Gertrud ſah ihn ſehr verwundert an. Ihr böſer 80 Geiſt wollte ſich emporbäumen. Aber nein— nein! Sie dachte an ihre Vorſätze! Sie mußte ſich beſſern, um ſich ihr Lebensglück zu verdienen. Sie mußte ſich bekämpfen lernen. „Margareth?“ wiederholte ſie ſchelmiſch, aber tief erröthend.„Doch wahrſcheinlich dort, wo ſie jetzt ſein muß!“ „In Rittbergen?“ fragte Wolf haſtig.„Seit wann?“ „In Brettowroda, ſeit geſtern Nacht!“ antwortete ſie ſehr lakoniſch. Wolf ſchlug betend ſeine Hände zuſammen, blickte eine volle Minute mit tiefer, frommer Inbrunſt zum Him⸗ mel auf und ließ ſich dann matt in einen Seſſel nieder. Gertrud war außer ſich vor Erſtaunen. Ihre Augen öffneten ſich weit, als müſſe ſie etwas Gefährliches, etwas Furchtbares, Entſetzliches erwarten. Sie ſprach kein Wort, rührte ſich nicht vom Flecke und dachte nur mit leicht er⸗ klärlichem Mißtrauen:„Iſt dies Schreck oder iſt dies Freude?“ Wolf ſah ſehr bleich und erſchüttert aus. „Ich Thor! O, ich raſender Thor, daß ich es anders erwarten konnte!“ flüſterte er laut genug, um von ihr verſtanden zu werden. Gertrud zitterte. Ihr Trotz wollte ihr durchaus nicht beiſtehen. Der Schmerz hüllte ſie willenlos ein, als ſie 81 ſich thörichterweiſe mit Vermuthungen aller Art heimzu⸗ ſuchen begann. Wolf lächelte ſie an.„Denken Sie,“ ſprach er matt, „mir hatte der Oberſtwachtmeiſter von Hottorp auf Ehre geſchworen, das Fräulein Gertrud von Spärkan ſei geſtern mit meinem Vetter Levin in der Kapelle ge⸗ traut!“ Gertrud trat leuchtenden Auges ein klein weni näher zu Wolf heran.„Und Sie haben dies Märchen geglaubt?“ fragte ſie ganz leiſe, ganz ſchüchtern. „Es hat mir beinah' das Herz gebrochen!“ entgeg⸗ nete er eben ſo matten Tones. „Margareth's wegen?“ fragte ſie doppelſinnig, aber kaum hörbar. „Meinetwegen!“ antwortete er und ſah klar in ihr Auge.„Laſſen Sie mich endlich einmal Alles von der Bruſt herunterſprechen, was mich ſeit Jahresfriſt gepei⸗ nigt hat. Die Vorſehung hat mir die Lection ertheilen wollen, daß man nicht Alles bezwingen kann, was man zu bezwingen gedenkt. Lachen Sie über meinen knabenhaf⸗ ten Uebermuth, der thurmhohe Luftſchlöſſer auf den Flug⸗ ſand der Wirklichkeit baute.“ Gertrud war immer näher zu ihm herangekommen, hatte jetzt ihm gegenüber an einem ſchmalen Tiſchchen Platz genommen, die Arme aufgeſtützt und das roſige Geſicht, das noch tiefer erglühte, in die beiden Hände gelegt, immer bereit es hinter denſelben zu verſtecken. „Daß ich ſo vermeſſen bin, Sie zu lieben, wiſſen Sie.“ Gertrud's Geſicht verſchwand auf eine kurze Se⸗ kunde, tauchte aber gleich wieder empor. Ihre Augen glühten in einem ſeltſamen Feuer, als ſie erwiderte: „Ahnung iſt nie Gewißheit!“ „Sie mögen mich verdammen, aber es gab einige Momente in meinem Leben, wo ich wünſchte, Sie nie, nie geſehen zu haben.“ „Das habe ich mir auch gewünſcht!“ fiel Gertrud prompt ein. „Wann meine Liebe begann, ich weiß es nicht.“ „Beim Myrthenbaume in Schloß Rittbergen.“ Er ſah ſie an— flugs verſteckte ſie ihre flammend⸗ rothen Wangen hinter den weißen Händchen. „Gertrud,“ bat er, hingeriſſen von ſeinen Empfin⸗ dungen und ſtreckte ihr die Hand entgegen. 1 „Nein, nein!“ wehrte ſie ſchnell ab.„Bleiben Sie ſitzen, Wolf. Meine„unklaren und unedlen Gefühle“ befinden ſich ſoeben in einer Retorte, um geläutert zu werden. Ich habe ſeit einiger Zeit eben ſo ſtreng der Al⸗ chemie obgelegen, um meinen Stolz, meinen Muth und 85 meine Liebe zu klären, als Sie vormals. Ich habe Zeit dazu gehabt, bevor Sie den Weg zur Probſtei fanden.“ Ihre Stimme ſenkte ſich zur Thränenweichheit hinab. Wolf war aufgeſprungen und hatte ſie leidenſchaft⸗ lich umſchlungen. Sein Herz ſiegte. Er preßte das rei⸗ zende Mädchen feſt an ſich und küßte ſie. Durch Thränen lächelnd ſchaute ſie ihn an.„Haben wir nicht thöricht gehandelt, daß wir uns das Leben ver⸗ bitterten? Konnten wir nicht längſt, längſt glücklich ſein?“ „Nein, Gertrud! Nein! Wir mußten verſuchen, ob wir den Verhältniſſen, die uns trennten, zu weichen ver⸗ mochten.“ „Jetzt wiſſen wir, daß—“ Sie brach ab und wiegte bedeutſam den Kopf. „Daß unſere Liebe ſtärker iſt, als unſere Vernunft! O, mein ſüßes, liebes Liebchen, was für ſchwere Stun⸗ den hat mir meine unbezwingliche Leidenſchaft ſchon bereitet!“ Sie ſchmiegte ſich in ſeine Arme und horchte mit Entzücken ſeinen Geſtändniſſen.„Sieh, es iſt mir leicht geworden den ſchönſten Damen gegenüber den Kavalier zu ſpielen, ohne mir mein Herz zu verbrennen; wie konnte ich ahnen, daß in dieſen braunen Augen der Talisman ruhet, der mich in Zauberbanden hält. Margareth hat 84 nie mein Herz in Wallung gebracht, als ich mir vornahm ſie nicht zu lieben, um nicht treulos gegen meinen edlen Freund Rittberg zu handeln.“ „Ich weiß aber, daß Rittberg Deine Verheirathung mit ihr gewünſcht hat,“ warf Gertrud ein. „Da hielteſt Du Wacht vor meinem Herzen! Seit⸗ dem ich Dich geſehen, gehörte jeder Gedanke Dir. Ich kämpfte männlich, ich kämpfte trotzig, ich kämpfte demü⸗ thig! Was half es mir?“ „Und jetzt?“ flüſterte Gertrud unter ſeinem heißen Kuße. „Jetzt werde ich löwenhaft muthig kämpfen, um Dich zu erringen, Du Kleinod meines Lebens!“ „Wie?“ fragte ſie erſchreckt.„Heißt das, Du willſt Dein Leben im Kriegskampfe wagen?“ „Ja! Du biſt nun eines Kriegsmannes Braut, und ſeine Tapferkeit muß Dein Stolz ſein. Frankreich ſen⸗ det ſeine Hilfstruppen, Oeſterreich ſteht ſchon dicht vor uns— „Und Du willſt wirklich Dein Leben auf's Spiel ſetzen?“ wiederholte Gertrud ängſtlich. „Um Dich beſitzen zu können!“ „Strafbarer Uebermuth,“ ſchalt das Fräulein. „Dem tapfern Feinde kann ich ja viel weniger ange⸗ hören!“ 8⁵ „Beruhige Dich, Preußen hat Sachſen für jetzt ganz in der Hand, und Sachſen wird unter preußiſcher Herrſchaft glücklicher ſein, als unter einem Könige von Polen!“ Gertrud ſchien eben nicht erbaut von dieſer Ver⸗ kündigung, aber ihr Herz begann ſchon jetzt bedeutend un⸗ patriotiſch zu werden. Sie ſchwieg. „Und Levin? Und Margareth?“ fragte Wolf plötz⸗ lich darauf zurückkommend, was jetzt für ihn ein Grund heiterſter Freude wurde.„Wie hat ſich das ſo ſchnell und glücklich entwickelt.“ „Ja, mein holder Freund, das weiß Niemand! Ich will Dir offenherzig beichten, was geſchehen iſt.“ Sie erzählte von der Gartenpfortenſcene an jedes Wort und jede Begebenheit. Ihre treue Darſtellung ſtellte ſie dem horchenden Wolf mit aller fehlerhaften Holdſeligkeit vor Augen. Er wurde aber nicht irre an ihr, ſondern er⸗ kannte nur, daß ihr ein treuer, liebender Gatte weit nöthiger ſei, als jedem andern weiblichen Weſen. Die Liebe konnte ſie vor fernern Thorheiten bewahren— die Treue war der Hort, der ſie ſchützte. Dicht von ſeinem Arme umſchlungen, berichtete ſie unter Kindeslächeln, wie ſie eifrig bemüht geweſen ſei, den Grafen über Margareth aufzuklären, wie ihre Phan⸗ taſie ſich dabei durch Trugſchlüſſe verwirrt habe, wie 86 die Zuſammenkunft im Garten ſie zu albernen Bemü⸗ hungen gereizt, ſich mit ihrer„Erbärmlichkeit“ geltend zu machen, wie Levin bemüht geweſen ſei, die unſichtbare Geliebte zu kränken, und wie ſeine ganze fürchterliche Liebe hervorgebrochen und ihn zu Margareth's Füßen gewor⸗ fen habe. „Was nachher geſchehen iſt, weiß ich nicht,“ ſchloß ſie mit einem Lächeln, das von ihrem glückerfüllten Her⸗ zen Zeugniß gab.„Auf mich hatte dieſer Auftritt die Wirkung eines belebenden Sonnenſtrahles. Ich ſehnte mich nach Dir, ich ſeufzte nach Dir; es ſchmerzte mich, daß Du beharrlich fern von mir bliebſt; ich erkannte deut⸗ licher, als jemals, daß ich ohne Dich nicht glücklich werden würde, daß ich nur Einen in der Welt lieb haben könnte mit der ganzen Hingebung einer Liebe, wie Margareth und Levin ſie zeigten— genug, Du kamſt, und ich bin nun Deine Herrſcherin, Deine Königin, Deine Geliebte, Deine Braut!“ Wolf ſchüttelte lächelnd und ſeufzend den Kopf. „Uebermüthiges Verlangen, mein ſüßes Lieb. Ich habe einem mächtigen Herrſcher mein Daſein gelobt, ich muß die Geliebte eilig verlaſſen, um meinem Eide, dem Könige geleiſtet, treu zu bleiben, und neben dieſem Könige kann keine Königin walten. Ich muß fort!“ Gertrud fühlte ſchon jetzt die Pein, in die ſie ſich 87 als Braut eines Kriegers geſtürzt, allein ſie begrenzte demüthig ihre Wünſche und entließ den Geliebten nach tauſend ſüßen Ermahnungen und Verſprechungen. Wie auf Flügeln der Seligkeit eilte er den Weg zurück, den er unter dem furchtbaren Druck der Ungewiß⸗ heit gekommen war. Wie wenige Minuten hatten hinge⸗ reicht, ſeine Züge von dem Ausdrucke herber Entſchloſſen⸗ heit bis zur ſtolzen Begeiſterung emporzuheben. Vorhin ganz Verzweiflung, ganz Trauer— jetzt ganz Hoffnung und ganz Freudigkeit. Er fühlte ſich ferner nicht mehr außerhalb der Grenze, die Gertrud's heiteres und üppi⸗ ges Daſein umzog. Triumphirend in ſeiner Neigung waren die Schranken gebrochen und er hatte nicht bloß in einer Hinſicht geſiegt. Die Schickſalsproben waren erfolgreich geweſen. Was an unklaren Empfindungen in dem Mädchen vorwaltete, welches er heiß und hingebend liebte, das war vertilgt. Was an unſichern Gefühlen in ihr geruht, das zeigte ſich gefeſtigt. Er konnte ſich ohne Rückhalt jetzt als Liebender zeigen, nachdem er bewieſen, daß er nie an eine Hoffnung geglaubt hatte, und er konnte ſich mit Vertrauen ſeiner Neigung überlaſſen, da der Grundſtein ihrer gegenſeitigen Liebe in einer Selbſt⸗ erkenntniß und Achtung lag. Gertrud dachte nicht ſo viel über dies endlich be⸗ feſtigte Bündniß nach, als der junge Offizier, der im Hochgefühle dahin ſprengte, um ſeiner Pflicht zu genügen. Sie flog mit nur mühſam zurückgehaltenem Jubel hinauf in's Laboratorium, wo ſie den Onkel Domherrn zu fin⸗ den hoffte, um dieſem das Geheimniß anzuvertrauen, welches ſie vor dem Oberſten aus politiſchen Gründen zu verbergen wünſchte. Sacht trat ſie in das alte Gebäude der ehemaligen Kloſterküche und ſendete vorſichtig ihre Blicke rundum, ehe ſie ſich weiter hineinwagte. In einem räuchrigen Winkel, vor dem Herde, wo früherhin die delikaten Leckerbiſſen für die Herren Paters bereitet worden waren, ſaß der Domherr ſteif und ehrbar eine Pfanne mit lan⸗ gem Stiele haltend, worin eine glänzende Maſſe auf einem ganz kleinen Feuer allmälig zerſchmolz. Er ſah ernſthaft darauf nieder und rührte mit einem Holzſtäbchen gelinde darin umher. Gertrud rief ihm frohlockend zu. Er wendete ſich ein wenig und ſah ſie an. „Weißt Du, Onkel Domherr, wie eine Braut aus⸗ ſieht, die recht glücklich iſt?“ fragte ſie, neben ihm nie⸗ derknieend. „Gerade wie Du!“ antwortete er ſchnell. „Nicht wahr?“ jauchzte ſie.„Und er hat es mir endlich geſagt, daß er mich lieb hat, viel lieber, als irgend eine Dame, viel lieber, als Margareth, obwohl ſie ſo 89 ſchön iſt. Und ich ſage es Dir wieder, aber ſonſt keinem Menſchen, weil ſie Alle darüber ſchelten würden, daß er mich zur Frau haben will. Sie ſollen aber nicht über ihn ſchelten, dabei thut mir mein Herz weh. Ich will ſtill mein Glück genießen, bis es Zeit iſt zu ſprechen, und Du ſollſt mir helfen und rathen! Du verſtehſt mich am beſten. Du ſchweigſt am beſten. Mama Pröhl macht Lärm davon, weil ſie ſich darüber freut, und Papa Pröhl predigt darüber, weil Er ein Preuße iſt. Du aber expe⸗ rimentirſt und ſchweigſt.“ „So?“ fragte endlich der Domherr, als ihr ſchnel⸗ ler Redefluß ihm geſtattete, ein Wort einzuſchalten. In ſeinem vielfach gefürchten Geſichte lagerte ein kaum ſicht⸗ bares Lächeln.„Du fürchteſt Dich vor dem Wider⸗ ſpruch?“ Gertrud richtete ſich kühn auf.„Ich fürchte mich nie, Onkel Domherr. Aber ich will glücklich ſein, will ſelig an ihn denken, will ruhig träumen und ungeſtört phantaſiren! Die Liebe iſt mir eine Gottesgabe und als ſolche werde ich ſie vor jeder Entweihung bewahren!“ „Und was ſoll aus der Liebe werden?“ fragte der Domherr kaltblütig.„Bei Deiner Heirath hat der Feld⸗ marſchall als Vormund ein Wort mitzuſprechen und der preußiſche König ebenfalls. Kind, ich fürchte, Deine ge⸗ weihte und geheiligte Liebe wird Dich bald gereuen!“ 1860. XV. Gertrud. IV: 6 Gertrud ſenkte ihre Stirn und ein ſchwerer Seuf⸗ zer hob ihre eben noch ſo freudig geſchwellte Bruſt. „Ach, kannſt Du denn gar nichts erſinnen, was mir Troſt und Hilfe verſpricht?“ fragte ſie traurig. „Nein, ma filette,“ entgegnete der alte Herr ſehr feſt und beſtimmt. Eine kleine Pauſe folgte. Gut,“ ſprach das junge Mädchen ſich plötzlich erhebend und ihr Auge blickte hell und wieder fröhlich. „Ich liebe ihn, ich bleibe ihm treu und warte!“ Der Domherr ſah ſie ganz verwundert an.„Wie lange kann dieſer erbärmliche Krieg währen?“ fuhr ſie ſcherzend fort.„Ein Jahr höchſtens! Der König von Preußen bleibt entweder Sieger, oder er wird von uns und unſern Verbündeten wieder aus dem Lande getrieben. In zwölf Monaten kann viel geſchehen, Onkel Domherr, und im ſchlimmſten Falle bin ich bereit zwölf Jahre auf Wolf zu warten. Haſt Du etwas dagegen einzu⸗ wenden?“ Der Domherr ſchüttelte ruhig ſein weiſes Haupt und Gertrud tanzte in den Garten hinaus, um den Wol⸗ ken Grüße an den Geliebten aufzutragen und den Hänf⸗ lingen und Rothkehlchen von ihrem Glücke zu erzählen. Hechstes Capitel. Der nächſte Tag begann mit großer Unruhe. Das Detaſchement Huſaren, welches in den weiten Wirth⸗ ſchaftsräumen der Probſtei Unterkommen gefunden hatte, brach frühzeitig auf. Von fern hörte man die Signale vorüberziehender Truppen und auf den Landſtraßen ent⸗ wickelte ſich ein Gewühl von Menſchen und Pferden, das in ſeinen geregelten Maſſen einen beängſtigenden Ein⸗ druck hervorrief. Die myſteriöſe Stille, in der ſich die ein⸗ zelnen Heereshaufen dahin bewegten, nicht links, nicht rechts abſchweifend, wie jugendlicher Muthwille es ſo gerne thut, verriethen den bedeutungsvollen Ernſt dieſer Wanderung. Menſch wie Pferd war einer Macht unter⸗ worfen, welche Subordination forderte und die Herrſcher⸗ kraft eines Einzelnen bewegte dieſe ganze Korporation durch einen einzigen Laut ſeines Willens. Wohin ſich die Kriegstruppen zogen, konnte man 6* nicht genau erfahren. Sie nahmen den Weg nach Frei⸗ berg, und man flüſterte ſich von einem Angriffe der Oeſter⸗ reicher bei Teplitz in die Ohren. Telegraphendrähte fehlten damals, und die Offiziere hielten es für beſſer, von ihren Angriffsplänen erſt nach der gewonnenen Schlacht zu ſprechen. Was ſich für Gerüchte auch im Volke umtreiben mochten, in die Zeitungen kam davon nichts. Daher log man im Jahre 1756 bei weitem mehr mündlich, als ſchriftlich, und die Lügen wurden nicht ſo gut bezahlt, wie im Jahre 1860. Den ganzen lieben langen Tag zogen die Truppen zu Fuß und zu Pferd heran. Kanonen rollten des Weges daher, Pulverwagen in der geheimnißvollen Langſamkeit kamen und verſchwanden. Gertrud beobachtete in wunderbarer, tiefer Bewe⸗ gung dies kriegeriſche Leben und Treiben. Ihr Inneres war getheilt zwiſchen Beſorgniß und Verdruß. Es konnte ihr, dem Sachſenkinde, keineswegs gleichgiltig bleiben, die Zerſtörungswerke dahin geſendet zu ſehen, wo ſie den Un⸗ tergang ihres Vaterlandes herbeiführen ſollten. Es war ſchon ſchmählich erlegen, ohne dieſe furchtbare Waffenmacht. Wohin mußte es nun kommen? Das tiefe Intereſſe, welches ſie mit dem preußiſchen Kriegsglücke verknüpfte, entzweiete ihre Empfindungen und machte ſie reizbar. Gegen ihre Landsleute richteten 93 ſich dieſe Feuerſchlünde. Aber wer regierte ſie dorthin? Wer hob das Schwert zur Vernichtung? Wer war bereit, ſeinem Könige zu folgen, wenn er mit der Stimme der Gewalt zur Schlacht aufrief? Der Ernſt des Lebens trat dem jungen Mädchen ſehr nahe, und es wurde ihr Bedürfniß, ſich mit ihren beiden Oheimen über die Zukunft ihres Vaterlandes zu unterreden, ſich vertraut mit den Hoffnungen zu machen, die Sachſens Herrſcher pflegen konnte. Was ſie hörte, beruhigte ſie inſofern, als ſie ver⸗ nahm, daß Sachſen in ſeiner Unterwerfung an den nächſten Kriegsereigniſſen unbetheiligt bleiben müſſe und nicht un⸗ mittelbar gegen Preußen fechten könne. Der König von Preußen hatte die Kriegsgefangenen zur preußiſchen Fahne ſchwören laſſen. Der Tag ſollte reich an Ereigniſſen ſein. Er neigte ſich eben zu Ende, als plötzlich der Graf Levin in der Probſtei erſchien. Mit der eleganten Ritterlichkeit ſeines Weſens führte er ſich in der Familie ein und verlöſchte durch ſein Erſcheinen jeden Zweifel an ſich, der noch hätte aufkommen können. Frau von Pröhl, etwas unmuthig über die Art und Weiſe, wie Margarrth ihr Haus verlaſſen, erlag ſehr bald der Einwirkung dieſer männlichen Liebenswür⸗ digkeit, die an die Romantik des alten Ritterthums er⸗ 94 innerte. Sie nahm ſeine Bitten um Verzeihung weit gü⸗ tiger auf, als ſie ſich bei ſeinem erſten Worte vorgenom⸗ men hatte, und ihr ganzes Herz öffnete ſich bei der Wärme, mit der Levin von Margareth und ſeinem ſchwer errun⸗ genen Glücke ſprach. Daß er ſich vollſtändig beſiegt und überzeugt erklärte, daß er treuherzig die ganze Schuld des Mißverſtändniſſes auf ſich lud und mit vollem Entzücken den Werth des Weſens anerkannte, welches ſo ſchwer durch ſeine Härte geprüft worden war, dies machte Ger⸗ trud zu ſeiner Freundin. Sie ſaß ſtill in ſich geſchmiegt da, während der Domherr, der Oberſt und Frau von Pröhl ſorgfältig nach Allem forſchten, was ihnen aus der letzten Vergan⸗ genheit Levin's intereſſant war und offen von dieſem dar⸗ gelegt wurde. Ihr Ohr lauſchte achtſam auf ſeine Worte und ihr Auge verfolgte mit Antheil den Ausdruck ſeines Mienenſpieles. Es wurde ihr immer gewiſſer, daß des Grafen Natur der des Prinzen Erich ähnlich war, daß ſie aber in ihrer Veredlung von Grund aus fortgeſchritten, die Fehler dieſes wilden Temperamentes zu Tugenden umgewandelt hatte. Die Strahlen der Liebe mochten mä⸗ ßigend und die Laſten des Kummers beruhigend gewirkt haben, denn die Miſchung von Kraft und Wildheit, welche Margareth unſicher in ihrem Urtheile über den Mann ihrer Liebe gemacht, erſchien wohlthuend gemildert. Und⸗ 95 wenn ſein innerlich reiches Leben auch immerfort überzu⸗ ſprudeln bereit war, ſo wurden doch dieſe Strömungen, jetzt bei der unermeßlichen Glückſeligkeit, die er errungen, mehr zu einem Gefühle ſanfterer Art, leidenſchaftlich genug, aber gedämpft von einem leichten Anfluge von Wehmuth. Graf Levin ſprach mit großer Ruhe von der noth⸗ wendigen Trennung, die nahende Kriegsereigniſſe herbei⸗ zuführen verſprachen.„Es können Monate vergehen, ehe ich meine geliebte Frau wiederſehe,“ meinte er zu Frau von Pröhl gewendet.„Allein was entbehre ich, da Mar⸗ gareth's Seele mich immer umſchweben, da ihr Bild in ſeiner fleckenloſen Reinheit, wie ein Muttergottesbild auf mich hernieder blicken wird? Das iſt die Schwärmerei in meiner Liebe,“ fügte er mit dem ſchönen Lächeln hinzu, welches ihn hinreißend machte,„daß ich mich niemals, auch nicht einen Moment von dem Bilde Margareth's trenne. Sie iſt neben mir— ich fühle ihren Einfluß.“ „Und als ſie dies Bild verwarfen?“ fragte Frau von Pröhl ſanft bewegt einfallend. „Da war ich dem Untergange nahe!“ flüſterte er düſter vor ſich niederblickend. Gleich aber hob er heiter das glänzende Auge wieder empor. „Wir haben die Prüfung durchgekämpft!“ rief er mit Siegeslächeln.„Wir ſind in unſerer Lebensweisheit vor⸗ geſchritten und ſtehen jetzt vereint auf einem Boden, der ſeiner vulkaniſchen Kräfte ledig geworden iſt. Jetzt ge⸗ ſtaltet ſich unſere Vereinigung anders. Jetzt läßt ſich nichts in uns mehr trennen, ſelbſt der Tod würde dies vergeb⸗ lich verſuchen! Denn unſere Sehnſucht nach einander würde bald eine unſichtbare Brücke werden, die unſere Seelen wieder zuſammenführte!“ Err ſchied mit dieſen Worten und der Eindruck derſelben war ſelbſt auf die Männer von nachhaltiger Wirkung. Gertrud zeigte ſich ſchweigſam, wie noch nie. In ſich gekehrt ſtand ſie oft ſtundenlang am Fenſter und nahm ſich nicht die Mühe, ihre trübe Stimmung zu verbeſſern oder zu verbergen. Ihr Gemüth hatte eine wohlthätige Erſchütterung erlitten, und wenn dieſelbe auch nicht im Stande war, ihren flatterhaften Muthwillen gänzlich zu erſticken, ſo war ſie doch durch den Zuſammenſchluß der letzten Ereigniſſe zu Entſchließungen vorbereitet, die das Schickſal ihres Lebens vollſtändig beſtimmten. Ihre gute Laune kehrte erſt nach und nach zurück, als die Gegend von feindlichen Truppen befreit und damit die Erinnerung an den Conflict ihrer Herzens⸗ und Va⸗ terlandsangelegenheiten verlöſcht war. Zweimal ſah ſie auf kurze Augenblicke den Geliebten, bewacht und begleitet vom alten, guten Domherrn, der 97 ſeinen Schmelztiegel verließ, um als treuer Ritter ſeiner Nichte zu agiren. Die ſtürmiſche Freude, womit Wolf ſie jedesmal begrüßte, war ein ſüßer Lohn, aber ihr ver⸗ langendes Herz trug dennoch mit bitterer Klage die Ent⸗ behrungen, welche ihr auferlegt waren. Seit einer Woche hatte Gertrud vergeblich nach dem Geliebten ausgeſchaut. Beſorgt forſchte der Dom⸗ herr, dem Gerüchte von einem ernſthaften Zuſammenſtoß der Oeſterreicher und Preußen zu Ohren gekommen waren, nach der Wahrheit dieſer Berichte. Es war ſchwer etwas Gewiſſes zu erfahren. Die Landleute zeigten ſich feige. Sie vermieden ſchon aus Gehäſſigkeit die Gegenden, wo die Preußen ihr Lager aufgeſchlagen hatten. Man rieth ängſtlich hin und her, verglich die einlaufenden Nach⸗ richten, und kam endlich zu der Ueberzeugung, daß aller⸗ dings eine Schlacht in der Nähe von Lowoſitz geſchlagen und daß die Oeſterreicher nach einem tapfern Widerſtande vom Preußenkönige zurückgedrängt ſeien. Jetzt kamen auch endlich die Verwundeten vorüber, die ſich in die Heimath ſchaffen ließen, wenn ſie nicht allzuweit von Sachſens Grenze zu Hauſe waren. Gertrud's Herz zitterte vor Bangigkeit bei jedem Wagen, der langſam, bald von trägen Ochſen, bald von müden Pferden gezogen, die Straße daherkam. Sie fragte und forſchte nach Wolf, und ſie war außer ſich vor Freude, als ſie endlich hörte,„die Seidlitz'ſchen Küraſſiere wären erſt zur Schlacht gekommen, als der Feind ſchon ermattet geweſen ſei, aber ſie hätten dieſelbe zur Entſcheidung ge⸗ bracht, der König verdanke ihnen den Sieg.“ Danach hatte ſie alſo eine ſchwere Verwundung oder ſogar den Tod des tapfern Geliebten nicht zu fürchten. Mit neuem Muthe und mit geſteigertem Erbarmen half ſie jetzt den armen Kriegern Erquickungen bereiten, wenn Frau von Pröhl ihren Landsleuten beizuſtehen trach⸗ tete, und ſie ſtand eben in der Pforte neben dieſer Dame, beſchäftigt eine Reihe von Bleſſirten, die noch fähig waren ſich zu Fuß fortzuſchleppen, mit Speiſe und Trank zu ver⸗ ſehen, als abermals ein kleiner Leiterwagen, mit Ochſen beſpannt, von oben herab kam und dicht an der Probſtei vorüberfahren wollte. Man ſah es auf den erſten Blick, daß der Verwundete, welcher in dieſen Federkiſſen ver⸗ packt lag, ſchwer verletzt ſein mußte. Von ihm ſelbſt war nichts ſichtbar, als eine bleiche Stirn und ſeine Augen, die er aus Erſchöpfung geſchloſſen zu haben ſchien. Der Führer des Wagens, der nebenher ſchritt, blieb einen Augenblick bei den Soldaten ſtehen, die ſich hier gelagert hatten, um zu ruhen, und flüſterte mit dem Peit⸗ ſchenſtiele nach dem Wagen deutend, der langſam von den Ochſen fortbewegt wurde: — —— 99 „Mit dem da iſ's aus, ich bringe ihn wahrhaftig nur als Leiche nach Mühlberg, wohin er durchaus will!“ „Wer iſt's denn?“ fragte Frau von Pröhl antheil⸗ voll näher tretend. Der Burſche zuckte die Achſeln, aber der Verwundete ſelbſt gab ſogleich Kunde von ſich. „Ah! Gnädige Frau!“ rief eine Stimme, die ſie ſogleich als die des Oberſtwachtmeiſter von Hottorp erkannte.„Letzen Sie mich auch mit einem Trunke!“ Der Wagen wurde angehalten. Vom Mitleid getrieben ſprang Gertrud eilig über den Weg und neigte ſich mit ihrem lieblichſten Lächeln über den Offizier. „Mein Gott, Sie ſind verwundet?“ fragte ſie. „Arg verwundet, lieber Oberſt? Leiden Sie Schmerzen? Können wir etwas zu Ihrer Linderung thun?“ „Was der Tauſend?“ entgegnete der Krieger ver⸗ wundert.„Sie ſind hier? Der Gemahl denkt Sie in Brettowroda zu finden!“ „Ich bin nicht die Gemahlin des Grafen Levin,“ entgegnete Gertrud über ſeinen fortgeſetzten Irrthum lächelnd. „J der Tauſend,“ flüſterte er matt.„Nicht? Um ſo beſſer! Bin zerſchoſſen, ſchöne Chloe, wie ein Rebhuhn, eingebündelt, wie ein Wickelkind vom Feldſcheer, will per 100 Schneckenpoſt nach Mühlberg zu meiner Schweſter.— O— einen Tropfen Waſſer!“ Mit Thränen im Auge winkte Gertrud die dicke Suſe heran, die einen Krug voll labenden Getränkes in der Hand, eben aus der Pforte trat. Sie ſelbſt kletterte behende auf die Rückſeite des Wagens, um von dort aus den Kopf des Kranken etwas zu heben. Err ſah ſie mild an und winkte ihr mit den Augen ſeinen Dank zu. Während Frau von Pröhl von der rech⸗ ten und Suſe von der linken Seite Anſtalt traf, um ihm eine Labung einzuflößen, fragte er abermals:„Alſo nicht Graf Levin's Frau? Wäre auch Schade um das kurze Glück.— Er und ich! Wir werden wohl genug haben für dieſes Leben!“ Er ſog mit tiefem Athemzuge den Trank ein, der ihm an die vertrockneten Lippen geſetzt wurde.„Sie ſind meine Wohlthäterin.— Wie? Eine Kökeritz, nicht wahr? Gut Blut das! Ja, Graf Brettow und ich—“ Er ſchwieg erſchöpft und Gertrud blickte mit erwachender Angſt ihre Pflegemutter an. „Was will er damit ſagen, Mama?“ fragte ſie leiſe. Dieſe legte die Fingerſpitze an die Stirn, um an⸗ zudeuten, daß das Wundfieber ihn irre reden laſſe. Der Verwundete ſah die Pantomime.„Sie denken, ich phantaſire?“ fragte er mit belebter Stimme.„Nicht . 101 doch! Tapfere Krieger, dieſe Oeſterreicher— Sachſen— feige Ueberläufer!— Wir Huſaren voran— Graf Bret⸗ tow und ich!“ Gertrud athmete beruhigt auf. Jetzt glaubte ſie ihn zu verſtehen. Der junge Burſche, dem die Zeit lang wurde, traf jetzt Anſtalt ſeine Ochſen wieder in Bewe⸗ gung zu bringen, und Gertrud, im Begriffe ſich von dem Oberſten zu verabſchieden, neigte nochmals ihr Geſicht tief zu ihm nieder und fragte, ob er nicht noch einmal trinken wolle. „Ja!“ rief der Oberſtwachtmeiſter mit ſeltſamer Haſt.„Ja— gebt mir zu trinken— gebt mir Wein— ei⸗ nen Schluck Wein!“ Rathlos ſah Frau von Pröhl zu Gertrud auf. „Geben Sie ihm nur Wein,“ ſprach der Burſche gut⸗ müthig;„der Feldſcheer hat's geſagt, daß er ihn trinken könne!“ Raſch ſprang die Magd in's Haus und kam ſogleich mit Wein zurück. Der Verwundete machte eine Bewegung, als wolle er ſich ſelbſt aufrichten, natürlich ohne Erfolg. Er verzog ſein Geſicht im grimmigen Schmerze, und Gertrud, hin⸗ geriſſen von ihrem Herzen, ſtreichelte ſanft die Stirn und Augen des Armen. „Alſo nicht Graf Brettow's Frau?“ begann dieſer 10² wieder in ganz erſchöpftem leiſen Tone.„Nicht ſeine Frau? Gut das! Sollte mir leid thun. Er und ich— zerſchoſſen, wie die Rebhühner. Er nach Brettowroda— ich nach Mühlberg.“ „Um Gotteswillen!“ rief in neuer Angſt das junge Mädchen.„Was ſprechen Sie da? Iſt denn Graf Bret⸗ tow auch verwundet?“ „Er, wie ich!“ flüſterte der Oberſtwachtmeiſter. „Beſinnen Sie ſich, beſter, liebſter Oberſt,“ bat ſie mit brechender Stimme.„Graf Brettow iſt ver⸗ wundet?“ „Auf Ehre— Graf Brettow und—“ Suſe war hinaufgeſtiegen, das Weinglas in der Hand, welches ſie ſeinen Lippen näherte. „Er ſtirbt!“ ſchrie ſie auf und ließ voller Entſetzen das Glas fallen. Alle ſprangen herzu. Gertrud ſank ohnmächtig zur Erde. Mit dem Schwure„Graf Brettow und ich“ auf den Lippen war er hinüber in die Ewigkeit gegangen. Er hätte wohl niemals geglaubt, daß das Ziel ſeines Er⸗ denlebens an der Pforte der Probſtei ſein würde. Als Gertrud wieder zu ſich kam, fand ſie ſich in den Armen ihres Onkels. Der Domherr war in dem Mo⸗ mente über den Hofraum geſchritten, wo die kleine, trau⸗ 103 rige Scene vor der Pforte mit dem jähen Tode des Herrn von Hottorp ihr Ende erreicht hatte. Mit wilden Blicken fuhr das Fräulein empor. „Iſt es wahr? Graf Levin nach Brettowroda? Margareth, meine Margareth!“ ſchrie ſie in einem An⸗ falle von Verzweiflung. Der Domherr ſuchte ſie zu beſchwichtigen. Er wollte ſogleich einen reitenden Boten hinüber ſenden. Gertrud ſah ihn mit flammenden Augen an. „Einen Boten? O was ſollte mir das helfen, mein guter Onkel! Nicht wahr, wir fahren hin, wir müſſen hin! Wir müſſen zu Margareth! Ich werde keine Ruhe finden, bis ich Margareth geſehen habe! Die unheilvollen Worte„Graf Brettow und ich“ würden mich Tag und Nacht foltern.— Bitte, mein Onkel, wir müſſen zu Mar⸗ gareth, wir müſſen zu ihr!“ Siebentes Capitel. Es war ein unerquicklicher Herbſtmorgen, als Frau von Wallbott in Begleitung des älteſten Prinzen und ſeines Erziehers in den Wagen ſtieg, um zeitig genug in Merſeburg einzutreffen, wo ſie den Herrn von Rittberg nebſt ſeiner Schweſter erwarten konnte. Ihr Herz ſchlug in freudiger Wallung, als ſie ſich nach jahrelanger Ent⸗ behrung der Stunde nahe ſah, in der ſie Margareth, die ſie weit mehr, als ſie es ſelbſt geglaubt, liebte, wieder an ihre Bruſt ſchließen ſollte. Wenn dieſe Dame auch vormals im Stande gewe⸗ ſen war, mit ihrem herrſchſüchtigen Temperamente ſtörend in Verhältniſſe einzugreifen, die ihr nicht genehm waren, ſo hatte ſie im Laufe des Jahres durch vielfache Erfah⸗ rungen, die ſich ſogar mit kleinen Demüthigungen ver⸗ knüpften, einen Theil ihrer disharmoniſchen Gefühle ein⸗ gebüßt. Sie zeigte durch die feſte, ſelbſtbewußte Haltung, 10⁵ womit ſie ihre Eingeſtändniſſe darüber machte, daß ſich ihr Stolz darin wohlgefiel, zu bereuen und gut zu machen. In dieſem Sinne trat ſie ohne Zaudern wieder in ihr Verhältniß als Oberhofmeiſterin der dereinſtigen Land⸗ gräfin von Heſſen zurück, obwohl ſie die Ungnade ihrer Prinzeſſin einſtmals bitter empfunden hatte. Und in glei⸗ chem Sinne bot ſie Margareth die Hand zum Frieden, ungeachtet dieſe ſie einſtmals verſtoßen hatte. Aber die Kämpfe mit ihrem Innern beruhten nicht bloß auf beſtimmte, gutklingende Floskeln, auf ein Schau⸗ gepränge von Gefühl und Tugend, das fälſchlich benutzt und leichtfertig als Wahrheit aufgeſtellt wird. Ihr Aeu⸗ ßeres bewies, daß es wirklich Kämpfe geweſen und nur ihr feſter, lebhafter Geiſt den Willen beſeelte, der ſie Anderer Meinungen unterthan gemacht. Sie war bleich geworden und alt. Ihre Stirn er⸗ ſchien bewölkt und um ihre Lippen lag ein Lächeln, das ſarkaſtiſch geweſen ſein mochte, jetzt aber von innerer Wehmuth überſpielt wurde. Wenn man ihre Verhältniſſe zu ihrer hohen Dame berückſichtigte, ſo war dieſe Ver⸗ änderung natürlich zu finden. Sie war und blieb bei ihrer Abneigung gegen die Scheidung des erbprinzlichen Ehepaares, und wenn ſie auch darüber jetzt zu ſchweigen für nothwendig hielt, da es zu ſpät war, ſo konnte ſie doch ihre Sinne nicht dagegen verſchließen, wie tief ein⸗ 1860. XV. Gertrud. IV. 7 106* greifend auf die ohnedies ſchlüpfrigen Sitten am Hofe zu Caſſel ſchon jetzt die Löſung der Ehebande wirkte. Ihre hohe Dame hatte ihrer religiöſen Indignation genügt, als ſie den katholiſch gewordenen Gatten verläug⸗ nete, aber ſie hatte nicht bedacht, was dem Gatten danach verſagt und welche Hilfsmittel er ergreifen würde, wenn er frei von allen Verpflichtungen der Treue daſtand. Die Tänzerinnen aus aller Herren Länder florirten ſchon längſt in den wüſten Gelagen, die der Erbprinz liebte. Jetzt trat er auch ohne Scheu mit den Damen hervor, die ſein Herz und ſeinen Beutel beanſpruchten. Der Landgraf hatte, ohnedies gedrückt von der Zwietracht mit ſeinem eigenen Sohne, ſehr gern die Er⸗ laubniß gegeben, daß die Kinder dieſer getrennten Ehe fern vom Einfluße des Vaters erzogen würden, und da die Prinzeſſin mit krankhafter Furcht den Intriguen des Jeſuitismus zu entgehen wünſchte, ſo beſchloß ſie die Knaben nach Schweden zu ſenden. Sie ſelbſt wollte mit der Frau von Wallbott und einem ganz kleinen Hofſtaate diesſeit der Oſtſee bleiben, nahe genug, um die fürſtlichen Kinder bisweilen, wenn auch nur in Jahresfriſten ſehen zu können. Für den Augenblick hatte ſie eine Einladung des Herzogs von Meklenburg, der ſoeben die Regierung angetreten, angenommen und wollte ſich in Schwerin erſt 107 entſcheiden, ob ſie dort bleiben oder nach Wismar gehen würde. Frau von Wallbott ſtimmte für das Letztere. Sie hatte Wismar aus einer Periode ihres Lebens lieben gelernt, wo ſie die Heilkräfte eines Aufenthaltes am Meere erproben mußte, und ſie verſprach ſich ſehr viel Gutes für Margareth, deren letzte glückliche Abenteuer ihr gänzlich fremd geblieben waren. Die Briefe, welche ſie davon unterrichten ſollten, waren in dem ſchnellen Wechſel ihrer Ortsveränderungen ihr nicht zu Händen gekommen. Sie hatte im Auftrage ihrer Dame einen Geiſtlichen als Erzieher des Prinzen Wilhelm engagiren müſſen, und war der Sicherheit wegen ſelbſt nach Leipzig zum Profeſſor Gellert gereiſt, um mit ihm darüber Rück⸗ ſprache zu nehmen. Der Brief Rittberg's hatte ſie ver⸗ fehlt, war ihr unter ſicherer Adreſſe nachgeſendet, und kam natürlich nicht zu rechter Zeit an, um ihre projectirte Fahrt nach Merſeburg zu verhindern. Eben ſo mußte es einem Briefe Margareth's ergangen ſein. Die Verabredungen zwiſchen ihrer Prinzeſſin und dem Herzog von Meklenburg ließen ihr hinlänglich Zeit zu einer langſamen, gemüthlichen Reiſe, und da ſie es liebte, ſich überall Belehrungen zu verſchaffen, ſo wurde es ihr nicht ſchwer, den Erzieher des Prinzen dergeſtalt für dieſe Tour zu intereſſiren, daß er den Wunſch ausſprach, 7* 108 mit ſeinem erlauchten Zöglinge die Reiſe mitmachen zu dürfen. Was wäre wohl der Frau von Wallbott nicht ge⸗ lungen, wenn ſie es ernſtlich wünſchte? An dem kühlen, regnichten Herbſtmorgen, wo ſie fröſtelnd und etwas miß⸗ gelaunt in ihren Wagen ſtieg, folgte ihr richtig der kleine hübſche Prinz und ſein Magiſter mit bedeutend guter Laune und placirten ſich wohlgemuth in der Karoſſe, die hinlänglich Schutz vor jeglichem Unwetter bot. Die Reiſe verſprach ganz ausgezeichnet gut zu wer⸗ den. Die Laune der Dame kehrte wieder, und ſie fand jetzt im engen Wagenraume, daß der Profeſſor Gellert ihr in dem Magiſter Kramer nicht allein einen tüchtigen Gelehrten, ſondern auch einen ſchönwiſſenſchaftlich ge⸗ bildeten Mann empfohlen hatte. Der Magiſter wußte, daß er ihr ſeine Stellung am Hofe zu danken hatte, und er fühlte ſich veranlaßt, durch ein zartſinniges, heiteres Benehmen ſeinen tiefgefühlteſten Dank darzuthun. Der junge Mann war Prediger in einem Dörfchen geweſen, hatte das Unglück gehabt eine junge Frau im Kindbett zu verlieren, und fühlte ſich nach dieſem Verluſte ſo elend in ſeiner Abgeſchiedenheit, daß ihm eine Befreiung aus dieſem Schmerzenszuſtande ohnehin als ein Segen erſchie⸗ nen ſein würde, wenn auch nicht mit ſo glänzenden Aus⸗ ſichten verknüpft, wie ſein jetziger Beruf. 109 Nachdem das erſte Eis zwiſchen dieſen beiden, gleich enthuſiaſtiſch für Literatur geſtimmten Seelen gebrochen war, verlief der Tag mit ſeinen äußern Unannehmlich⸗ keiten ſo außerordentlich ſchnell, daß Beide ganz verwun⸗ dert das Dämmerlicht des Abends betrachteten. Sie hatten den Wagen ſeit Mittag, wo ſie in einem Städt⸗ chen ein frugales Mahl eingenommen, nicht verlaſſen. Wenn der Kutſcher eine leichte Fütterung der Pferde für nöthig hielt, ſo hatten ſie ſich begnügt aus der wohlver⸗ ſehenen Fouragetaſche der Dame, von den Leckerbiſſen zu naſchen, welche das Kammermüädchen ſtets mit zierlicher Fertigkeit ſervirte. Dadurch war ihnen allerdings entgan⸗ gen, daß ein dichter, undurchdringlicher Nebel auf die Fluren niederſank und mit dem abwärtsneigenden Tage den Weg vollſtändig unſicher machte. Als die raſch einbrechende Dunkelheit es endlich bemerklich machte, da tröſtete Frau von Wallbott ihren Reiſegefährten damit, daß ſie dicht vor Merſeburg ſein müßten. Aber deſſenungeachtet wollte das Geſpräch nicht wieder in Fluß kommen, und bald ſah die Dame links, bald der Magiſter rechts aus dem Wagenfenſter, um zu erforſchen, wo man eigentlich ſich befinde. Eine halbe Stunde verſtrich unter dieſem Manövre, ohne daß Frau von Wallbott irgend etwas gewahrte, was die Beſorgniß rege machte, daß ſie wohl nicht auf richti⸗ 110 gem Wege ſeien. Plötzlich fuhr ſie aber erſchrocken auf, deutete auf einen begrenzenden Gegenſtand hin, der matt grau aus dem weißen Nebeltuche hervorſchimmerte, und fragte: „Was iſt das, Herr Magiſter? Doch hoffentlich kein Bergrücken? Dann ſind wir irre gefahren!“ Der Magiſter neigte ſich ſchnell hinaus.„Allerdings, gnädigſte Frau,“ rief er.„Bergrücken von beiden Seiten, wir befinden uns in einer Schlucht!“ „Laſſen Sie halten!“ befahl Frau von Wallbott entſchloſſen.. Der Wagen hielt und ſie öffnete den Schlag, um beſſer ſehen zu können. Es war nichts zu erkennen. Ein hübſch in Stand gehaltener Fahrweg führte zwiſchen zwei mäßig hohen, bewaldeten Höhen langſam bergan. Der Nebel hüllte aber jeden Gegenſtand dermaßen ein, daß es rein unmög⸗ lich war, drei Schritt weit etwas zu unterſcheiden. Was war zu thun? Sollte man vorwärts fahren, oder ſollte man umkehren? Der Magiſter ſtimmte für's Erſtere. Der Kutſcher ſchwor Stein und Bein, dieſer Weg führe gerades Weges nach Merſeburg hinein. Frau von Wallbott beſtritt dies. Merſeburg lag flach. Bergrücken gab es in meilenweitem Umkreiſe nicht. Doch hatte ſie zuletzt nichts dawider, vorwärts zu fahren, 111 ſo lange der Weg ſich als vollkommen gut und fahrbar erwies. Sie ermahnte den Kutſcher zur Vorſicht und ließ den Wagen wieder ſchließen. Es verging eine peinliche halbe Stunde, ohne daß etwas Anderes geſprochen wurde, als die Frage:„Wo mögen wir hinkommen?“ Endlich hörte man Hundegebell. Man athmete ordentlich froh auf. Wo Hunde bellen, da ſind Menſchen. Bald darauf drang ein Abendgeläute durch die Stille. Es war acht Uhr. Nun konnten ſie nicht mehr lange in Ungewißheit bleiben. Und dennoch verging abermals eine Viertelſtunde. Das Hundegebell verhalte und das Glockengeläute hörte auf. Frau von Wallbott wollte eben befehlen, daß der Kutſcher abſteigen und zu Fuß auf Nachforſchungen aus⸗ gehen ſollte, damit ſie ſich nicht aus der Nähe von be⸗ wohnten Gegenden entfernten, ohne Hoffnung ſie wieder erreichen zu können, da traten die erſten Pferde des Poſtzuges auf einen dumpfhallenden Gegenſtand, auf eine Brücke. Gleich darauf ertönte eine Stimme, ein Laternenlicht wurde ſichtbar, und ein Jäger trat mit der Frage:„Sind Sie es, Herr Doctor? Ach, Gottlob, daß Sie da ſind! Iſt das ein Nebel,“ ſchnell an den Wagen. 112 Er gewahrte ſogleich ſeinen Irrthum, als ſich ein Damenkopf ihm entgegen neigte, und entſchuldigte ſich mit dem Anſtande eines ſehr gut eingeübten Dieners höhern Ranges. „Wir ſind wahrſcheinlich irre gefahren,“ ſprach Frau von Wallbott mit Herablaſſung.„Wir wollten nach Merſeburg.“ „Nach Merſeburg?“ fragte der Jäger faſt lachend. „Nach Merſeburg? Da hat der Nebel Ew. Gnaden allerdings einen argen Poſſen geſpielt. Sie ſind ungefähr vier Stunden von Merſeburg entfernt, eher weiter noch als näher!“ „Mein Gott, wo ſind wir denn?“ rief Frau von Wallbott beklommen. „Auf Schloß Brettowroda!“ lautete die Antwort. Als hätte ein Blitzſtrahl ſie berührt, ſo fuhr die Dame zurück und lehnte ſich zitternd vor Schreck in den Wagen. Aber ſie hätte keine fürſtliche Oberhofmeiſterin ſein müſſen, um nicht unverzüglich ihre verlorene Faſſung wieder zu gewinnen. „Können wir nicht einen Führer bekommen, der uns nach Merſeburg geleitet?“ fragte ſie mit ihrer ganzen Kälte und Würde. „Ich kann Ihnen keinen ſichern Führer verſprechen, gnädigſte Frau,“ erwiderte der Jäger beſcheiden.„Der —— 8 ———;— 113 Weg von hier nach Merſeburg iſt wenig befahren, die Unſtrut mit ihren ungleichen Ufern verhindert die Ueber⸗ fahrt in der nächſten Nähe, Sie müßten alſo den ganzen Weg zurück bis nach Bergroda, wo Ihr Kutſcher ſtatt gerade aus, rechts ab gefahren iſt. Viel zweckmäßiger aber würden Ew. Gnaden thun, hier im Schloſſe zu bleiben. Unſer Herr Graf iſt zwar krank an einer Wunde, die er im Gefecht bei Lowoſitz empfangen, allein die gnädige Frau Gräfin würde mit Freuden die Gelegenheit ergrei⸗ fen, Ew. Gnaden dienen zu können.“ Frau von Wallbott glaubte von einem böſen Traume befangen zu ſein.„Die gnädige Frau Gräfin?“ Ein rollender Donner hätte ſie nicht ärger betäuben können, als dieſe Worte. „Graf Levin?“ fragte ſie ganz willenlos. „Allerdings,“ berichtete der Jäger ſich tief verbeu⸗ gend.„Graf Levin von Brettowroda iſt Beſitzer dieſes Schloſſes.“ 4 „Verheirathet?“ ſtieß ſie hervor. „Seit kurzer Zeit!“ war die reſpectvolle Antwort. Sie lehnte ſich tief athmend zurück. Das war der letzte bittere Tropfen, den das Schickſal in ihren Lebens⸗ becher träufeln ließ, um ſie demüthig zu machen. Sie hier als Bittende vor den Schloßmauern des Man⸗ nes, der ſie haſſen mußte, und zu einer Stunde, wo er 114 im Glücke einer neuen Liebe ſchwelgte. Ihr Stolz rang mächtig mit der Verpflichtung, die ſie für die Sicherheit des ihr anvertrauten Prinzen verantwortlich machte. „Iſt kein Wirthshaus im Dorfe?“ fragte ſie haſtig. „Ein ſehr ſchlechtes, gnädigſte Frau,“ erwiderte der Jäger mit gekränkter Miene ein klein wenig zurücktretend. Er fühlte im Namen ſeines Herrn die Beleidigung, die darin lag, daß ſeine Gaſtfreundſchaft abgelehnt wurde. „Der Graf iſt krank, ſagt Ihr, wir wollen nicht ſtören,“ entſchuldigte ſich Frau von Wallbott, die dies bemerkte. „Der Herr Graf würde von Ew. Gnaden Anweſen⸗ heit gar nichts erfahxen, da er leider noch ſehr ſtark im Wundfieber liegt und ganz beſinnungslos iſt.“ „So ſehr gefährlich iſt ſein Zuſtand?“ fragte die Dame bedauernd. „Todesgefährlich geweſen, ſeit geſtern aber auf dem Wege zur Beſſerung,“ ſprach der treue Mann mit tiefem Gefühle. Frau von Wallbott blickte rathlos zu dem Magiſter hinüber, der bis dahin beſcheiden geſchwiegen hatte, jetzt aber mit vieler Beſtimmtheit ſeine Meinung dahin abgab, daß es rathſam ſei, die Gaſtfreundſchaft des gräflichen Hauſes in Anſpruch zu nehmen. Er machte die Dame ſchonend auf den zarten Geſundsheitszuſtand des Prinzen aufmerkſam, der durch eine weitere, nächtliche Strapatze gefährdet erſcheine. Dieſe Einwendung wirkte. „Gut,“ ſprach ſie ſtolz und kühl zum ehrerbietig daſtehenden Jäger gewendet, der aus der Benennung des Magiſters„Sr. Liebden“, womit er den jungen Prinzen bezeichnete, ohne großen Scharfſinn den fürſtlichen Stand dieſer vom Nebel verſchlagenen Geſellſchaft herauscom⸗ binirte.„Gut, wenn wir nicht zu fürchten haben, daß wir beläſtigen, ſo nehmen wir Eure, im Namen Eurer Herrſchaft gemachten Vorſchläge an und bitten um ein Nachtlager. Wenn es thunlich iſt, ſo behelligt Eure Grä⸗ fin nicht mit der Meldung der fremden Gäſte.“ „Wie Ew. Gnaden befehlen,“ entgegnete der Jäger und leuchtete nun dem Kutſcher bis zur gewölbten Ein⸗ fahrt vor, woſelbſt er dann Befehle ertheilte, die Pferde unterzubringen, während er, als die rechte Hand des Grafen, das Unterkommen der Herrſchaft zu vermitteln ſich bemühte. Dabei vergaß er nicht einen Burſchen mit der La⸗ terne wieder nach der Brücke zu ſenden, damit der Doc⸗ tor, der jede Nacht im Schloſſe verbrachte, ſeitdem das Delirium des verwundeten Grafen ſo furchtbar ge⸗ worden war, die ſchmale Ueberfahrt im Nebel nicht verfehle. 116 Aus dieſer wichtig ertheilten Anordnung erſah Frau von Wallbott, welcher Gefahr ſie ſchon jetzt entgangen und welche ihnen noch gedroht haben würden, wenn ſie nicht glücklich geborgen wären. Sie flüſterte dem Magiſter ge⸗ dämpft zu,„ſie nicht zu nennen, da ſie Gründe habe, die ſie ihm gelegentlich mittheilen werde, ſich hier nicht zu erkennen zu geben.“ Gleich darauf erſchien der Jäger wieder mit dem Wirthſchaftsinſpector, und beide Männer geleiteten voll reſpectvoller Artigkeit die fremden Gäſte die ſteinerne Wendeltreppe hinauf zu einem reich ausgeſtatteten Zim⸗ mer, neben dem ſich noch mehrere kleinere und größere Gemächer zur Aufnahme von Gäſten befanden. „Wir ſtören hier doch keinen Falls die Ruhe des kranken Grafen?“ fragte Frau von Wallbott, mehr wohl aus Intereſſe, ob ſie auch in keine Berührung mit irgend einem Hausgenoſſen kommen könnte, als aus wirklicher Theilnahme. Der Jäger beruhigte ſie mit der Verſicherung, daß der Kranke am entgegengeſetzten Ende des Schloſſes und zwar im untern Stockwerk, den die Familie bewohne, ſei. „Hier oben wohnt nur ein alter Herr, ein Ver⸗ wandter der gnädigen Frau Gräfin, mit ſeinem Fräulein Nichte,“ fügte er hinzu.„Beide ſind ſeit vorgeſtern hier eingetroffen, und zwar von der gottlob falſchen Nachricht 117 hergeſprengt, der Herr Graf ſei todt. Es war ein ergrei⸗ fendes Wiederſehen zwiſchen den beiden jungen Damen, und ich werde es nie in meinem Leben vergeſſen, mit welcher heiligen Inbrunſt das junge gnädige Fräulein Gott dem Allmächtigen dankte, als ich ihr verkündete, daß Graf Levin lebe!“ Frau von Wallbott hörte aufmerkſam zu. Sie hätte für's Leben gern nach dem Namen dieſes Fräuleins ge⸗ fragt, um darnach zu beurtheilen, aus welchem Hauſe die junge Frau Gräfin ſtamme. Aber da ſie ſich nicht nennen wollte, ſo hatte ſie auch kein Recht mit Fragen in die Familiengeſchichte ihres Gaſtfreundes einzudringen. Sie wendete ſich ſcheinbar gleichgiltig zu dem jungen Prinzen, der übermüde ſich auf's Kanape geworfen hatte, war aber dem Magiſter ſehr dankbar, daß er be⸗ ſcheiden das Geſpräch mit dem Jäger fortführte, und dadurch eine Art Beſchreibung des außerordentlich inni⸗ gen und glücklichen Verhältniſſes zwiſchen den beiden Ehe⸗ gatten und dieſem fremden Fräulein hervorrief. Dann entfernte ſich der Jäger, im Stillen überzeugt, daß dieſe ſtolze und kalte Dame ſeinen Herrn ganz gewiß kenne. Er war zu vertraut mit dem Weſen der Ariſtokratie, um nicht aus Mienen und Gebärden eine Zurückhaltung zu leſen, die aus Gründen beobachtet wurde, und die Ver⸗ läugnung ihres Namens hatte etwas Verdachterregen⸗ des. Natürlich war er nun um ſo begieriger, das zu er⸗ fahren, was man ihm zu verheimlichen ſtrebte, und er wendete dazu das einfachſte Mittel an,„er fragte das Kammermädchen nach ihrer Herrſchaft“. Was er erfuhr, reizte ſeine Neugier nicht weiter. Der Name war ihm unbekannt. Daß der junge kleine Herr ein Prinz von Heſſen ſei, intereſſirte ihn nicht be⸗ deutend. Genug, er glaubte ſich doch geirrt zu haben, als er in dem Benehmen der Dame Beziehungen zu ſei⸗ nem Herrn zu erkennen glaubte, und er würde die Sache wirklich weder gegen die anderweitig in Anſpruch genom⸗ mene Gräfin Margareth, noch gegen Fräulein Gertrud erwähnt haben, wenn nicht die letztere Geräuſch im obern Geſchoß vernommen und darauf gefragt hätte, was dort oben ſei. Man denke ſich nun aber Gertrud's maßloſes Er⸗ ſtaunen, als ſie ganz zufällig erfuhr, wer ſeit einer Stunde mit ihnen unter einem Dache hauſe. Aufgeregt eilte ſie zur Margareth, die dicht neben dem Lager ihres Levin ſaß und ſeine Stirn mit ihrer Hand kühlte. Eine Ampel verbreitete ein hinreichendes Licht, um die eingeſunkenen Züge des Grafen, aber auch ſeine in voller Glückſeligkeit ſtrahlenden Augen zu er⸗ hellen, die er fortgeſetzt auf die holde, ſchöne Geſtalt geheftet hielt, welche ſein Troſt, ſeine Beſchwichtigung und 119 ſein Rettungsengel ſchien. Alles, was die Liebe nur Süßes und Liebevolles in Auge und Stimme legen kann, Alles das wendete Margareth an, um dem leidenden Ge⸗ liebten ſeine Schmerzen zu erleichtern. Und er ſah glück⸗ lich aus, trotz ſeiner Schmerzen. Von tagelangem Fie⸗ ber kraftlos darniedergeworfen, von der ſchmerzhaften Operation, die Kugel aus der Bruſtwunde zu ziehen, er⸗ ſchöpft, lag er ſtill und bewegungslos da; nur ſein Auge lebte im alten, gewohnten Glanze, und aus dieſem Auge leuchtete der ſchönſte zärtlichſte Dank, wenn Margareth mit Liebesflüſtern ſeine trockenen Lippen netzte und die Angſtſchweißtropfen von ſeiner Stirn nahm. Zehn Tage der furchtbarſten Angſt hatte ſie an ſeinem Lager verlebt, und in dieſen hunderten von Stunden war nur ihre ein⸗ zige Bitte an Gottes Barmherzigkeit gerichtet geweſen, „ſie zuſammen ſterben zu laſſen“, da ſein Rathſchluß ihr irdiſches Zuſammenleben zu verhindern ſtrebe. Endlich war die Kugel glücklich herausgebracht, und ſeitdem zeigte ſich die kräftige und unverdorbene Natur des Grafen bereit, den Todesengel ſiegreich zu über⸗ winden. Gertrud's Eintreffen war mit dem Wendepunkt der Gefahr zuſammengefallen, und ſo gern der Domherr, welcher als treuer Ritter ſeine Nichte begleitet hatte, auch wieder in ſeine alte liebe Probſtei zurück wollte, ſo gab er doch den Wünſchen der jungen Gräfin nach, die auf be⸗ ſondere Veranlaſſung des Grafen darum bat, die Gene⸗ ſung Levin's abzuwarten. Gertrud ſuchte ſich, ihren Prin⸗ cipien gemäß, als Erheiterung und Zerſtreuung für Mar⸗ gareth nützlich zu machen. Der Domherr aber fand ein ſchönes Clavecin im Schloſſe vor, das ihm hinreichend Beſchäftigung darbot. Gertrud ſtand in dem Zimmer der Prinzeſſin Groß⸗ mutter, neben welchem der Graf gebettet lag, und lugte durch die Portière hindurch, um einen paſſenden Mo⸗ ment zu erſpähen, in dem ſie ihre große Neuigkeit an⸗ bringen konnte. Es gelang ihr nicht. Margareth war unausgeſetzt beſchäftigt dem Kranken zu dienen, und es würde auch Gertrud unmöglich geworden ſein, die Freude des Armen grauſam zu ſtören, ſo lange er nicht ſchlief. Mit welcher Innigkeit folgten ſeine Blicke der ſchönen jungen Frau, wenn ſie leiſe im Zimmer dahin ſchwebte, um ihm ſein Glas neu zu füllen. Mit welcher reinen Zärtlichkeit hingen ſie an ihrem Geſichte, wenn ſie die Wange, die ſich ſeit den letzten Tagen wieder friſcher zeigte, an ſeine Hand ſchmiegte und liebkoſend von der Hoffnung ſprach, die ſie von ſeiner baldigen Wieder⸗ herſtellung hegte. Gertrud konnte ſich nicht entſchließen dieſe reizende, trauliche Stille durch ihre lärmende Mittheilung zu ſtö⸗ 121 ren. Sie lauſchte noch ein Weilchen, ob der Schlaf nicht dieſe verlangenden, zärtlichen Augen beruhigen würde, und als ſie gewahrte, daß ſie darauf nicht hoffen konnte, da beſchloß ſie die Dame, die ſich„durchaus nicht nen⸗ nen und melden laſſen wollte“, in Augenſchein zu nehmen. Es war ja denkbar, daß nicht der Nebel und der Zufall, wie der Jäger ihr erzählt hatte, ſondern reine Abſicht ſie herführte und die Schonung für Margareth ſie ver⸗ anlaßte, ſich für den Abend verläugnen zu wollen. Kaum war dieſer Gedanke in Gertrud aufgetaucht, ſo wurzelte er ſich auch in aller der Uebereilung, die ein Grundelement ihres Weſens war, in ihr feſt und trieb ſie zum Handeln. Ermuthigt von ihrer Idee und im Glauben, daß es ihr mit Recht zuſtehe, im Namen der Hausfrau Gäſte zu begrüßen, die aus Rückſicht für den kranken Hausherrn ſchonend verfuhren, beſchloß ſie ſich hinauf zu verfügen, um ſich erſt durch den Augen⸗ ſchein zu überzeugen, daß es wirklich Frau von Wallbott ſei, die hierher verſchlagen ſein wollte. Dieſe ehrenwerthe Dame ſaß mit dem Magiſter Kramer beim Thee und ſuchte dem jungen Manne durch einen Vortrag über dies Getränk, das ſie als eine Hei⸗ mathserinnerung ihrer Prinzeſſin lieben gelernt hatte, dieſelbe Begeiſterung dafür einzuflößen, die ſie fühlte, wozu ſich aber wenig Ausſicht zeigte, da er mit bürger⸗ 1860. XV. Gertrud. IV. 8 lichem Geſchmacke eine Bierſuppe mit kräftigen Brod⸗ ſtücken der matten Flüſſigkeit bei weitem vorzog. Es hatte ſich ein heiterer Austauſch über die verſchiedenartigen Ge⸗ ſchmacksrichtungen zwiſchen den beiden geiſtreichen Men⸗ ſchen erhoben, und das ſonore, edle Organ der Frau von Wallbott drang ſo deutlich und erkennbar aus der Tiefe des Gemaches hervor, daß Gertrud keinen Augen⸗ blick zweifelhaft über deren Identität war, ſondern hurtig die Thür öffnete und alle böſen Erinnerungen begrabend mit ausgelaſſener Freude hineilte, immerfort rufend: „Wahrhaftig, die gnädige Tante Wallbott, wahr⸗ haftig, ſie iſt's!“ Frau von Wallbott erhob ſich majeſtätiſch und ſchaute überraſcht zu ihr hin. Sie ſah nicht ſehr ſcharf, hatte überdies kein feſtes Bild von dem jungen Mädchen in der Phantaſie behalten, konnte auch gar nicht daran denken, im Schloſſe Brettowroda einer Dame zu be⸗ gegnen, die ein Recht zu der vertrauten Benennung „Tante“ hatte— genug, ſie ſuchte ſchnell die gehörige Poſition zu erlangen, um ſich die Achtung zu ſichern, die ſie vermöge ihres Amtes fordern konnte. Gertrud flog aber auf ſie zu, faßte ihre Hände, preßte abwechſelnd ihre vor Freude bebenden, heißen Lip⸗ pen darauf, und ſah ihr dann ſchelmiſch lächelnd von un⸗ ten auf in's Geſicht. Eine Erinnerung durchzuckte die Dame. Ein Licht⸗ ſtrahl brach aus dem Gewölk der Vergangenheit. Deut⸗ lich aber wurde ihr erſt Alles, als Gertrud übermü⸗ thig fragte: „Zürnt die gnädige Frau Tante der armen Ger⸗ trud noch immer?“ „Gertrud? Die kleine Spärkan?“ fragte ſie be⸗ bend. „a freilich, Gertrud von Spärkan— wer ſonſt?“ ſchäkerte das Mädchen in alter gewohnter Kindlichkeit. „Was wird Margareth ſagen?“ 4 „Margareth— Gertrud— mein Gott, mein Gott— hier in Brettowroda— Gertrud?“ ſtammelte die ſtolze Dame ganz machtlos, und ihre Augen hingen ſtarr, weit⸗ geöffnet, verlangend, fragend, flehend an den Blicken des jungen Fräuleins. „Aber, gnädigſte Tante, wiſſen Sie denn nicht, daß Margareth ſeit drei Wochen Gräfin Brettow iſt?“ fragte Gertrud etwas geängſtigt von dieſem Blicke. . Frau von Wallbott ſank in ihren Seſſel zurück. Eine Sekunde lang ſchien ſie halb bewußtlos die gehörte Nachricht zu überdenken, dann hob ſie mit Leidenſchaft ihre Hände feſtgefaltet hoch auf zum Himmel, preßte ſie an ihre wallende Bruſt und rief:„Es gibt doch einen Gott dort oben, der unſer Schickſal lenkt! O, mein Gott, 8* wie danke ich Dir! Gelobt ſeiſt Du— gelobt ſei Deine Gnade!“ Gertrud ſank ſchluchzend vor ihr nieder. Ergriffen ſchaute der Magiſter auf die Gruppe, die ſich vor ſeinen Augen bildete. Die Dame umſchlang das junge Mädchen mit ihren Armen, und ohne die Thränen zu trocknen, die langſam über ihre Wangen rollten, ſprach ſie:„Und Du, mein liebes Kind, Du mußt der Bote des Friedens, der Bote des Glückes ſein— Du, mein ſüßes Mädchen, Du? Sind wir nicht als Feinde geſchieden? Haben wir uns nicht Worte des Haſſes zugerufen? Wie iſt mir denn?“ „Ach, gnädige Frau,“ flüſterte Gertrud mit Engels⸗ lächeln,„mein Mund iſt immer böswilliger als mein Herz. Ich habe Sie von Anfang an ſehr lieb gehabt, aber ich war verdrießlich, daß Sie ſo ungeheuer klug—“ Sie hielt inne und neigte ſich purpurroth über die Hand der Frau von Wallbott. „Sein wollten,“ ſchloß dieſe lächelnd.„Du Kind! Du trotziges Kind— aber Du hatteſt Recht mit Deinem Verdruße.“ Gertrud richtete ſchnell den Kopf auf.„O nein! Gottes Finger lag in Ihren Handlungen. Gott hat es gut, gemacht— Margareth Kägſt fene mir geſtern, daß ſie Gott für die Prüfung danke.“ „Wohl mag ſie das, aber nun erzähle mir, wie Alles gekommen iſt! Erzähle ohne Scheu, denn dieſer Herr iſt ein Freund unſeres Gellert.“ „Gehört alſo mit dazu!“ rief Gertrud treuherzig ihre Hand darbietend. Sie erzählte lebhaft und wahrheitsgemäß. Dabei enthüllte ſie auch ihr Verhältniß zum Junker Wolf, das ſie jetzt bisweilen mit angſthafter Trauer erfüllte, wenn ſie bedachte, daß auch er eines Tages verwundet darnie⸗ der liegen könne und dann ihre Pflege entbehren müſſe. Sie beſchrieb das Krankenzimmer Levin's, Margareth's zärtliche Pflege, ihr wonnevolles Lächeln, als der Arzt erklärt habe, Levin's Leben werde gerettet werden, aber ſein linker Arm gelähmt bleiben; ihre ſtill innige Freude darüber, daß er immer ihrer Hilfe bedürfe und den Sol⸗ datendienſt quittiren müſſe. Gertrud wurde nicht müde zu erzählen und Frau von Wallbott nicht müde zu hören. Der Magiſter ſaß als theilnehmender Zuhörer dabei, und ſein Inneres er⸗ glühete für den Kreis der Menſchen, die das Geſchick ihm plötzlich ſo merkwürdig nahe gebracht. Viel beſſer, als Margareth's eigene Darſtellung, ließ Gertrud's Mit⸗ theilung den eigenthümlichen Gang der Vorſehung er⸗ W kennen, den ein höher eſen für nothwendig hielt, um die Seelen zweier Menſchen reif für das höchſte Erden⸗ glück zu machen. Dazwiſchen brachte Gertrud's allerliebſt naive Schilderung ihrer eigenen Liebesgeſchichte und na⸗ mentlich die„Schmelztiegelpartie“, wie ſie es nannte, eine heitere Abwechslung hervor. Gertrud erinnerte ſich nun, daß ſie ihren würdigen Ritter, den Domherrn, in Kenntniß von dem unerhörten Zufall ſetzen und ihn holen müſſe, um ihn der gnädigen Frau Tante zu präſentiren. Sie ſprang ſogleich auf, um ihren Einfall in's Werk zu ſetzen. „Sehen Sie,“ plauderte ſie dabei,„Onkel Dom⸗ herr iſt mein einziger Troſt! Er hat mir gelobt, mir Wolf zum Gatten zu geben; alle andern Menſchen ſind dagegen, die irgend etwas zu befehlen haben. Onkel Feldmarſchall will es nicht— Onkel Pröhl will es nicht— der König von Polen will es nicht— der König von Preußen will es nicht. Iſt das nicht zum Verzwei⸗ feln? Machen mir die Herren Potentaten aber den Kopf warm, ſo gehe ich mit meinem Wolf durch!“ Sie warf den Kopf trotzig auf und lief hinaus. Frau von Wallbott ſah ihr lächelnd nach, wude aber bald nachdenklich und ſprach bedeutſam:„Es wäre ſchade um dies Mädchen, wenn ſie durch ungünſtige Verhältniſſe in ihrer ſtürmiſchen Leichtfertigkeit unter⸗ 8 127 ginge. Wolf von Brettow iſt der einzige Mann, der ſie mit ſeiner Charakterſtärke zu halten vermöchte.“ „Und ſie liebt ihn auf die richtigſte Weiſe,“ fiel der Magiſter ein. „Ja wohl! Er hat ſich ein Fundament in ihrem Herzen gebaut, und zwar dadurch, daß er ſeiner Liebe Widerſtand gebot. Es wäre Beiden zu helfen,“ lächelte ſie und blickte einen Moment auf ihren Begleiter, der ſie wahrſcheinlich aber nicht verſtand. Erſt ſpäter fiel ihm ein, was ſeine Gönnerin meinen könnte, und von da an überlegte und bedachte er ſich reiflich einen Schritt, der ihn in einige Verantwortung bringen konnte. Bald trat der Domherr am Arme ſeiner Nichte ein, und Frau von Wallbott begrüßte ihn ſogleich mit den Worten, daß er nach Gertrud's Beſchreibung berechtigt ſein würde, ſie als das Geſpenſt der Familie Rittberg zu betrachten. Der Domherr richtete ſeine ernſten, klugen Augen eine gute Weile feſt auf das regelmäßig ſchöne Angeſicht der Dame Wallbott, und antwortete dann ruhig, daß die kurzſichtigen Sterblichen oftmals durch Selbſtſucht ver⸗ führt würden, ihren guten Engel für ein Geſpenſt anzu⸗ ſehen. Nach dieſer Erklärung waren die beiden würdigen Menſchen die beſten Freunde geworden und der Abend wich längſt der Nacht, als ſie ſich trennten. Nachdem Alles zur Ruhe war, rüſtete ſich Frau 128 von Wallbott zu einem Gange in das Krankenzimmer, wohin ihr Herz ſie mit leidenſchaftlichem Verlangen zog. Gertrud hatte es übernommen, Margareth von ihrer Anweſenheit im Schloſſe in Kenntniß zu ſetzen. Ihr Wie⸗ derſehen ſollte aber keine Zeugen haben. Graf Levin ſchlief. Sein Lächeln bezeugte die Fried⸗ lichkeit ſeiner Träume. Der Doctor hatte ihn ſo gut ge⸗ funden, daß er ſich auch zur Ruhe begeben hatte. Im Vorzimmer ſaß der treue Jäger, ein Spielgefährte, ein Jugendgenoſſe Levin's. Er bewachte jede Bewegung im Krankenzimmer, worin Margareth als liebender Hort waltete. Neben dem Krankenzimmer lag das ſchon erwähnte Gemach, worin Levin's Großmutter gewohnt hatte, und neben dieſem das Zimmer, worin der Graf ſonſt zu wohnen pflegte, und wo er damals den Junker Wolf empfing. Durch dieſes Zimmer, das ebenfalls einen Ausgang nach dem Vorzimmer hatte, ſchritt Frau von Wallbott mit hochklopfendem Herzen, als Mitternacht vorüber und die Stille der Nacht herniedergeſunken war. Sie hatte nicht geſagt, daß ſie in der Nacht kommen und Margareth ſehen wollte, aber ſie wußte, daß Margareth ſie dennoch erwarte. Der Jäger ſah ſie, vom halben Schlummer auf⸗ fahrend, das Zimmer durchſchreiten.„Ah— alſo doch,“ dachte er und lehnte ſich träumeriſch wieder zurück in ſei⸗ 129 nen Ruheſitz. Er wußte, daß es Dinge gab, die kein Jäger ſehen muß. Hätte er geahnt, daß dieſer Dame ſein armer Herr den gräßlichen Kampf des ganzen Jahres verdanke, vielleicht hätte er die Augen nicht ſo willig und freundlich geſchloſſen. Im erſten Zimmer blieb Frau von Wallbott einige Minuten ſtehen, um Athem zu ſchöpfen und das wilde Herzklopfen zu ſtillen, das ihre Bruſt beklemmte. Sie kannte aus Gertrud's Erzählungen Alles, was Bezug auf Levin's Gemüthsentwickelung hatte. Mit Intereſſe betrachtete ſie deshalb die Gegenſtände, die in dieſem geheiligten Gemache eine ſo ernſte Bedeutung gewannen, wenn man bedachte, mit welchen Gefühlen der junge Beſitzer ſie wiedergeſehen haben mußte, nachdem ſein leidenſchaftlich erſtrebtes Glück geſcheitert war. Frau von Wallbott erlag einer tiefen, ſchmerzlichen Rührung bei dieſer Betrachtung. Endlich ermannte ſie ſich und ſchlug die Portière zurück. Ihr Blick fiel ſogleich auf Levin, der bleich, aber ſehr ruhig, in tiefem Schlafe lag. Die wilde Raſerei des Fiebers war endlich gewichen und er ſchlief von der Si⸗ cherheit ſeines Glückes in mildere Träume gewiegt der eneſung entgegen. Das Licht der Ampel milderte die Zerſtörung ſeiner Züge. Die Hand der Liebe hatte das reiche, leichtgelockte 130 Haar von der ſchönen, gewölbten Stirn geſtrichen. Er gab ein ſchönes Bild der ruhigen Ermattung. Margareth lehnte auf einem Divan, der dicht an Levin's Lager gerückt war. Ihr Auge war zwar geſchloſ⸗ ſen, aber ihre Sinne blieben dennoch wach. Als Frau von Wallbott eintrat, öffnete ſie die Au⸗ gen und ſah ſie mit rührender Freundlichkeit an. Im nächſten Augenblicke aber lag ſie am Herzen ihrer Tante, feſt von deren Armen umſchlungen, und ſie hauchte mit dem Ausdrucke der höchſten Seligkeit ihr zu:„Er wird leben!“ In dieſen Worten lag das Geſtändniß ihrer unver⸗ tilgbaren Liebe. Ohne Erklärungen, nur unter den Thränen tief empfundener Freude, feierten ſie das Wiederſehen nach einem trauervollen Jahre, das Wiederfinden nach einem ſchmerzlichen Zwieſpalte. Die Kluft war im Nu aus⸗ gefüllt durch die Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Das Vertrauen kehrte wieder mit dem Blicke voll Verſtändniß und Ver⸗ zeihung. Nachdem ſie gefaßt genug waren, traten Beide Hand in Hand vor Levin hin. „Des Himmels Segen wird Dir vergüten, was Du gelitten haſt,“ flüſterte die Tante in tiefer, ſchmerz⸗ licher Bewegung.„Wird er mir aber verzeihen?“ 131 „O, ſein edles Herz kennt nur Güte und Hin⸗ gebung,“ entgegnete Margareth begeiſtert.„Mit dem Momente, wo die Liebe ihr Siegespanier entfaltete, wo er wieder mein wurde mit Leib und Seele, mit dieſem Momente erloſch für ihn die Vergangenheit und er glaubte und vertraute ohne zu fragen. Er weiß, daß Du hier biſt— er will Dich ſehen— er will Dir wahrſcheinlich ſein Herz öffnen. Er läßt Dich bitten, nicht eher abzurei⸗ ſen, bis er Dich ſprechen kann. Gewähre ihm ſeine Bitte, theure Tante!“ Frau von Wallbott hatte Bedenken. So warm ihr Gefühl war, die Pflichten ihres Berufes hätte ſie um Alles in der Welt nicht verletzt, aber ſie erklärte ſich bereit am nächſten Tage einen Kourier nach Gotha zu ſenden, ihre Gebieterin von dem wunderbaren Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen, und es von deren Erlaubniß abhän⸗ gig zu machen, ob ſie in Brettowroda ſo lange zögern dürfe, bis der Graf geneſen ſei. Sie führte dieſen Vorſatz aus, und hielt Tags dar⸗ auf eine ausgedehnte Vollmacht ihrer erlauchten Freun⸗ din in Händen, wonach es ihr frei ſtand ihre Reiſe nach ihrem Gefallen anzuordnen. Der Zuſtand des Grafen verbeſſerte ſich von Tag zu Tage. Seine Kraft half die Hinfälligkeit der Glieder beſeitigen, ſo wie die furchtbare Macht der Fieberhitze . 13² gebrochen war. Er folgte ſehr bald nicht mehr den ängſt⸗ lichen Vorſchriften des Arztes, ſondern den Eingebungen ſeiner Ungeduld, die ihn aus den Banden der Krankheit emporhob. Bald ſaß er gehegt und gepflegt von der Liebe, ermuntert von den Scherzen Gertrud's, behütet von der mütterlichen Sorge der Tante Wallbott und erfreut von der treuherzigen Freundſchaft des Domherrn, als ſtatt⸗ licher Hausherr im weichgepolſterten Seſſel und über⸗ ſchaute mit Freudigkeit die Veränderung ſeines Haus⸗ haltes. Allein trotz aller Pflege heilten die Wunden ſehr langſam und der Arm zeigte ſich ſteif und unbrauchbar. Eines Tages geſchah es, daß Margareth und ihre Tante allein bei ihm ſaßen, aufmerkſam ſeinen Wünſchen begegnend und immer bereit ſie zu errathen. Levin ſaß ſtill und befriedigt da. Seine Gedanken gingen in die Zeit zurück, wo er hoffnungslos und mit dem Himmel unzufrieden geweſen war. Das Lächeln der Wehmuth umſpielte auf einen flüchtigen Moment ſeine Lippen und er zog ſeine Gattin ſanft zu ſich hernieder, um ihre Lippen zu küſſen. „Ich muß einen drückenden Gedanken von meiner Seele los ſein, meine ſüße Margareth,“ flüſterte er mit dieſem Lächeln der Wehmuth, und bot der Tante die 133 geſunde Hand, als wolle er ſie damit zum Bunde heranziehen. „Das Geheimniß, welches auf meinem Herzen laſtet, kann nur von der treueſten Hingebung und Liebe beurtheilt werden— es iſt ein Verbrechen, das nur die Liebe zu ſühnen vermag.“ Frau von Wallbott fühlte ſich ſeltſam beängſtigt von dieſer Einleitung, Margareth aber heftete ihren Blick mit ſeelenvoller Innigkeit auf den geliebten Mann. „Es gab eine Zeit in meinem Leben,“ fuhr der Graf fort und wendete ſich zur Erſten,„wo ich mit Gott haderte und die eiſerne Kraft meines Körpers ver⸗ wünſchte, weil ich ſie vergeblich durch Strapatzen aller Arten zu jener Ermüdung herabzudrücken verſuchte, in der man doch momentan Ruhe und Vergeſſenheit findet. In ſolchen ſchweren Augenblicken beneidete ich die Kranken; ich beneidete einen Krüppel, der von ſeinem kräftigen Weibe geſtützt und halb getragen, ſein kärgliches Brod durch Muſiciren auf der Straße erwarb. Ich beneidete ihn um die Liebe, welche aus den treuherzigen Augen ſeiner Frau leuchtete, ich beneidete ihn um die Sorgfalt, womit ſie ihn umgab. In einem wilden Anfalle meiner Verzweiflung rief ich den Himmel an, mich elend wie ihn werden zu laſſen, mir aber von meiner innern Qual das zu nehmen, was nicht weichen wollte. Der Himmel hat ielleicht mein Gebet erhört. Margareth, ich muß von Nehun Lippen hören, daß Du dem Sünder, der ſein eſchick auf ſich herabbeſchwor, nicht zürnſt, daß der fre⸗ velhafte Leichtſinn, womit ich damals Alles zu opfern verhieß, was mir gering gegen die Pein erſchien, die ich innerlich litt, Deine Gefühle für mich nicht beeinträchtigt. Die Kraft meines Körpers iſt jetzt gebrochen, ich bin für immer ein ſiecher Menſch, dem die Hilfe der Liebe nie mangeln darf— wirſt Du mir verzeihen, wirſt Du, mein höchſtes Kleinod, die göttliche Strafe durch Deine Huld und Liebe mildern wollen?“ Ob Margareth Worte fand zu beruhigenden Ver⸗ ſicherungen? Es gibt für ſolche Seelenzuſtände eine Sprache ohne Worte, die weit wirkſamer iſt, als tauſendfache Schwüre, und die Zeit iſt das Siegel, welches die Wahrheit dieſer Sprache bekräftigt. Frau von Wallbott mußte ſich mit allen ihren Skrupeln über den Geiſteszuſtand des Grafen Levin für gründlich beſiegt erklären, und ſie that es mit der edlen Offenheit, die einen Charakterzug ihres Weſens bildete. Zwiſchen ihr und dem Grafen lagen Schranken, die nur vom hochſinnigſten Wohlwollen ſeinerſeits und von einer gewiſſen Demuth ihrerſeits eingeſtürzt werden konnten, und Beide ſtanden nicht an, die Eigenthühmlichkeit ihres Temperamentes dergeſtalt zu beherrſchen, daß eine feſte Einigung möglich wurde. 4. Margareth ſtand auf dem Gipfel ihres Glückes, von den heiterſten Bildern der Zukunft umwoben und von der ſüßeſten Zufriedenheit über die kleinen Plagen des Lebens emporgehoben, als Junker Wolf von Bret⸗ tow eines Tages eintraf, um ſich von dem Leben und der Hoffnung auf Geneſung des Grafen zu überzeugen. Er wußte, daß Gertrud in Brettowroda weilte, und dieſer Umſtand mochte ſeine Begierde dorthin zu eilen bedeutend geſteigert haben. Aber er wußte nicht, daß Frau von Wallbott dort war, und die Nachricht, welche er im er⸗ ſten Kuße auf Gertrud's blühende Lippen empfing, er⸗ ſchreckte ihn. Seine Beobachtung zeigte ihm bald die Grund⸗ loſigkeit dieſes Schreckens. Mild und ruhig, wie Himmelsbewohner verkehrten die ſtreitenden Mächte zuſammen, und in dem Schloſſe, das ſo lange öde geſtanden, herrſchte ein heiteres, gemüth⸗ liches Leben. 1 Das Verhältniß zwiſchen Wolf und Gertrud wurde hier nicht geheim gehalten. Des Fräuleins natürliche Anmuth hatte längſt in Levin die Erinnerung an ihre unkluge Koketterie verlöſcht, aber er trat der Meinung der Frau von Wallbott bei, als dieſe nach tagelanger ſtiller Beobachtung davon ſprach, daß Gertrud's naive Flatterhaftigkeit unter ein ſtrenges Geſetz gebracht und ihr ſorgloſer Leichtſinn durch ernſte Pflichten gebunden werden müßte, wenn beides nicht ausarten ſolle. Der Domherr verrieth durch ein bedenkliches Mie⸗ nenſpiel eine gleiche Meinung. Er ſtand nicht an einzu⸗ räumen, daß er von ſeiner Nichte noch manchen Schwa⸗ benſtreich erwarte, bevor ſie in die richtige Seelenſtim⸗ mung kommen werde, die ſie vor Uebereilungen ſchützen könne. „Die Liebe zu Wolf iſt die größte Weisheit, welche ſie bis dahin zu Tage förderte,“ ſchloß er lächelnd; „aber wer ſteht uns dafür, daß ſie dieſer Weisheit nicht müde wird?“ 3 „Für ihre Treue möchte ich eher Bürgſchaft lei⸗ ſten,“ erwiderte Frau von Wallbott mit zufriedenem Lächeln, an die Epiſode dieſes Liebeslebens zurückdenkend, wo das bloße Erſcheinen des jungen Mannes hingereicht hatte, die Ketten des eitlen Spieles zu löſen, die ſie mit Alexander verbanden.„Aber frage ich dagegen: wer ſteht uns dafür, daß ſie nicht in unſchuldiger Uebereilung ihr Lebensglück auf's Spiel ſetzt, daß ſie nicht dem bra⸗ ven Wolf eine bittere Entſagung auferlegt, die ſie nach⸗ — 137 her theilen muß, ohne die moraliſche Kraft zu haben, die zu ſolchen Kämpfen nothwendig iſt.“. Der Domherr neigte abermals beiſtimmend ſeir Haupt. Frau von Wallbott fuhr lebhaft angeregt fort: „Das einzige Mittel, das wirklich unausſprechlich liebenswürdige Mädchen zu retten, wäre ihre Heirath mit Wolf.“ „Derſelben Anſicht bin ich auch,“ ſiel der Domherr ein.„Allein dieſer Heirath ſtellen ſich für jetzt unüber⸗ windliche Hinderniſſe entgegen.“ Graf Levin faßte Margareth's Hand und führte ſie an ſeine Lippen, bevor er ſagte:„Der König gibt ſeinen jungen Offizieren den Heirathsconſens nicht.“ „Und der Feldmarſchall von Spärkan erlaubt ſei⸗ nem Mündel niemals einen Preußen zu heirathen,“ fiel der Domherr ſehr ernſt ein. „Wenn ich nun Mittel und Wege fände, dieſen Hinderniſſen zu begegnen?“ fragte Frau von Wallbott lächelnd. Eine tiefe Stille folgte dieſen Worten. Jeder über⸗ dachte die Verantwortlichkeit ſeiner Stellung, bevor er zu antworten wagte, und jeder zögerte, ſeine Zuſtimmung laut werden zu laſſen, bevor er wußte, wie und auf welche Weiſe die Dame dies Vorhaben bewerkſtelligen wollte. 1860. XV. Gertrud. IV. 9 138 Dieſe fuhr, muthig für ihre Anſichten in die Schranken tretend, fort: „Ich ſchlage eine heimliche Ehe vor!“ Graf Levin hob abwehrend ſeinen geſunden Arm in die Höhe, während der Domherr billigend lächelte und Margareth freudig bewegt ſchien. „Dieſem Vorſchlag muß ich meine Billigung ver⸗ ſagen!“ rief der Graf.„Wäre Wolf ein freier Edelmann, ſo würde ich nichts dagegen haben, wenn die leidige Formalität, die einem Vormunde eine naturwidrige Macht verleiht, verletzt werden ſollte; allein— Wolf iſt Diener ſeines Königs und ſeinem ſcharfen Geſſetze ver⸗ fallen, wenn er es wagt, demſelben Trotz zu bieten. Seine Ehre als Edelmann fordert ihn zur Unterwerfung auf. Verſuchen wir lieber gelegentlich die Güte des Königs! Nur auf dieſe Art kann ich mich an dem Vorhaben unſerer Tante betheiligen.“ Nach einigen Hin⸗ und Herreden ließ man den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung fallen. Ob aber Frau von Wallbot in ihrem unbeſieglichen Willen dadurch gehemmt wurde, ließ ſich nicht ganz ſicher beſtimmen. Ihr Ver⸗ hältniß zu Gertrud nahm täglich, ja ſtündlich zu an In⸗ nigkeit, und als die Zeit heran nahte, wo Wolf's Urlaub zu Ende ging, da zeigte ſich eine merkliche Veränderung im Weſen Gertrud's. Die Munterkeit floh aus ihren Re⸗ 139 den, die Fröhlichkeit wich von ihren Lippen, und ein ern⸗ ſter Zug des Nachdenkens lagerte auf ihrer Stirn. Auch Wolf ſah oft nachdenkend aus. Sein Blick hing an ſei⸗ ner reizenden Geliebten mit dem Ausdrucke eines harten, innerlichen Kampfes, und die zärtliche Trauer, womit er ſie umfing und an ſein heftig pochendes Herz preßte, fragte in ſtummer Beredſamkeit:„Iſt Dir denn meine Liebe kein hinreichendes Palladium?“ Endlich aber wurde es wieder hell, friſch und fröh⸗ lich zwiſchen ihnen. Gertrud war übermüthig und Wolf tief beglückt. Der Domherr machte ein ſonderbar von Lächeln und Bedenklichkeit gezeichnetes Geſicht, und Frau von Wallbott trat mit der Hoheit eines Siegers, der alle Verantwortung auf ſich nimmt, in dem kleinen Kreiſe auf. Was geſchehen war, um dieſe ſeltſamen Veränderun⸗ gen hervorzubringen, das erfuhr Niemand. Sehr bezeich⸗ nend war indeß der Abſchied, womit Wolf endlich Schloß Brettowroda verließ. Er übergab Gertrud mit wahrhaft feierlichem Ernſte dem Schutze des Domherrn und forderte ſeinen ritterlichen Handſchlag, daß er ſie nie verlaſſen wolle. Dann küßte er mit dankbarer Rührung die Hände der Frau von Wallbott und umarmte mit leuchtenden Blicken den Magiſter Kramer. Gertrud, von einer merkwürdigen Kraft und Ruhe beſeelt, flüſterte mit 9* 140 dem holdeſten Lächeln verheißende Worte, als er den letz⸗ ten Kuß auf ihre Lippen drückte, und die anmuthige Ver⸗ legenheit, welche ſich danach in ihrem ganzen Weſen widerſpiegelte, ließ die Eingeweiheten ahnen, daß es eine Verheißung auf baldiges Wiederſehen war, was dem Scheiden den Stachel des Schmerzes raubte. Bald nach Wolf's Abreiſe verließen ſie Alle nach einander das Schloß, und als es ruhig in ſeinen Hallen wurde, da niſtete ſich das friedlichſte und ſüßeſte Glück daſelbſt ein. 4 Achtes Capitel. Ein ganzes Jahr war vorübergerauſcht, ein Jahr voller Ereigniſſe, voller Trauer, voller Freude, voller Siege und Niederlagen. Der Krieg war in vollem Gange. Schlachten zwi⸗ ſchen den Oeſterreichern und Preußen hatten Sachſen von der bedrückenden Macht des Königs Friedrich nicht be⸗ freien können, und Schlachten zwiſchen den inzwiſchen zur Hilfe herbeigeeilten Franzoſen, unter dem Befehle des Marſchalls von Soubiſe, hatten den Oeſterreichern nichts genützt. Die berühmte Retirade aus Gotha, wo den ein⸗ rückenden Seydlitz'ſchen Küraſſieren das Gaſtmahl, wel⸗ ches für den Prinzen von Soubiſe zubereitet war, zu Gute kam, und die noch berühmtere Retirade deſſelben franzöſiſchen Generals aus dem Lager von Roßbach machten eine bedeutende Senſation. Man verfertigte Spottgedichte auf die franzöſiſchen Helden, und ſammelte 142 die Ueberbleibſel von Toilettengegenſtänden, die bei der Flucht zurückgeblieben waren, um ſie als Zeugniſſe einer Verweichlichung aufzuſtellen, welche keineswegs auf glän⸗ zende Erfolge zu hoffen berechtigte. Das Jahr war alſo dem allgemeinen Völkerwohle ganz ohne Nutzen vorübergegangen, allein dem Einzelnen nicht. Auf Schloß Brettowroda waltete das Glück und der Friede, obwohl die Geſundheit des Grafen Levin noch nicht ganz wieder hergeſtellt erſchien. Durch ſeine Verwundung aus der militairiſchen Karriere geriſſen, hatte er ſich nach und nach darauf vorbereitet, dem Staate auf eine anderweite Weiſe nützlich werden zu können, und es hing nur von ſeiner vollſtändigen Gene⸗ ſung ab, um beſtimmte Schritte darin zu thun. Der Kö⸗ nig von Preußen war geneigt, ihn im militairiſchen Ver⸗ waltungsrathe ſeinem Range gemäß zu placiren. Margareth blühte in voller Pracht. Levin's über⸗ ſchwengliche Liebe fand täglich neue Nahrung bei der Entfaltung ihrer Thätigkeit in rein weiblichen Sphären. Die Zukunft dieſes Paares war alſo, gleich derjenigen des Herrn Reinhard Bünau von Rittberg und ſeiner Gattin Elvire, geſichert und vor irdiſchen Liebesſtürmen in einen Hafen gerettet, wo ſie geborgen lag. Ganz anders verhielt es ſich mit Gertrud von 143 Spärkan. Nach ihrer Abreiſe von Brettowroda kehrte ſie für eine kurze Zeit nach der Probſtei zurück. Allein es ſtellte ſich bald heraus, daß ſie keineswegs geſonnen war, daſelbſt ruhig und ehrbar, wie es einer Jungfrau ſo zar⸗ ten Alters geziemte, zu leben, ſondern ſie unternahm, theils mit, theils ohne den würdigen Domherrn, der ihr blind ergeben ſchien, extravagante Ausflüge, wozu ſie ſich niemals die Erlaubniß des Pflegeelternpaares erbat. Der Oberſt, zu ſeiner gemüthlichen Laune zurück⸗ gekehrt, worin er ſich am liebſten um nichts bekümmerte, bemerkte die Veränderung Gertrud's, ihr ſicheres, befehl⸗ haberiſches Auftreten und ihre Nachläſſigkeit gegen das Urtheil der Hausgenoſſen nicht, aber Frau von Pröhl fühlte ſich nicht allein unangenehm davon berührt, ſon⸗ dern auch tief gekränkt. Seitdem die franzöſiſchen Heere zurückgetrieben und die Küraſſiere ſich in der Gegend von Gotha feſtgeſetzt hatten, ſteigerte ſich die Unruhe Gertrud's. Sie wurde völlig unſtät, fuhr eines Tages ohne Weiteres in Onkel Domherrs Kaleſche nach dem Gute, wo der alte Feld⸗ marſchall von Spärkan, zurückgezogen vom Dienſte, ſei⸗ nem Grolle gegen Preußen und ſeinem Podagra lebte, und kehrte aufgeregt an demſelben Tage, ſpät in der Nacht zurück. Was ſie mit dieſer Reiſe bezweckt hatte, war augen⸗ 144 ſcheinlich fehlgeſchlagen, und die Rathloſigkeit zwang ſie endlich, Frau von Pröhl zur Vertrauten ihrer letzten Uebereilungen, die freilich unter dem Vorſitze der Wall⸗ bott'ſchen Weisheit vollführt worden waren, zu machen, um ihre ſehnſüchtigen Wünſche und einigermaßen eine Nothwendigkeit erfüllen zu können. Es war Jahresfriſt, daß Margareth die Probſtei verlaſſen hatte, um der Macht ihres Gefühles das un⸗ beſchränkte Regiment zu geſtatten. Gertrud dachte deſſen ſehr wohl, und ging mit großer Verzagtheit daran, ihrer Mama Pröhl Geſtändniſſe zu machen, die dieſe im Rück⸗ blicke auf ihre andern Pflegetöchter endlich zum Zorn rei⸗ zen konnten. Sie wählte wie damals in Schloß Ritt⸗ bergen das Erwachen der Dame nach ihrem Mittags⸗ ſchläfchen, um, allerdings etwas ungeſtüm, endlich den Schleier von ihrem letzten Aufenthalte bei Margareth zu ziehen. Frau von Pröhl, von Morpheus Armen noch et⸗ was umfangen, glaubte zuerſt zu träumen, als Gertrud von ihrer Liebe zu Wolf wie von einer Sache ſprach, die ſich von ſelbſt verſtände. Aber ihr Mienenſpiel zeigte merkwürdigerweiſe gar keine Spur von Aerger und Ver⸗ druß, während das Fräulein, ſchamglühend, in heißen, beflügelten Worten alle Zärtlichkeit aufdeckte, die ſie für dieſen Offizier des Preußenkönigs empfand. Sie ver⸗ 145 ſuchte zwar klugerweiſe einige Mißbilligung in Worten zu äußern, gab aber bald ihr Beginnen auf, um in ein ſo berzliches Gelächter des Triumphes auszubrechen, daß Gertrud nichts Beſſeres thun konnte, als mitzulachen. „Es iſt wahrhaftig großartig, ma fillette,“ ſprach ſie dann,„wie vortrefflich dieſee Dame Wallbott mir diesmal mein Spiel, das ich gemiſcht und geordnet hatte, zum Gewinne brachte.“ „Ja, ganz vortrefflich,“ ſchmollte das Fräulein mit allerliebſter Verlegenheit in die lachenden Augen der Mama Pröhl ſehend.„Aber die Brücken ſind abgebro⸗ chen, und ich armes Kind muß nun ausbaden, was ihr Beide gemiſcht, geordnet und vollendet habt. Ich fand meinen Vormund durchaus antipreußiſch, und ich fand in dem Teſtamente meines lieben, ſeligen Vaters, der wohl gewußt hat, daß ſein Töchterchen ein Strudelkopf iſt, die ganz ſpeciell vermerkte Anordnung, daß„Gertrud von Spärkan nur nach erlangter Genehmigung ihres Vor⸗ mundes, Sr. Excellenz des Feldmarſchalls von Spärkan, Bewerbungen begünſtigen und Heirathen ſchließen darf“. Erſt nach meinem zurückgelegten vierundzwanzigſten Le⸗ bensjahre ſteht es mir frei zu heirathen, wen ich will. as mache ich nun, Mama Pröhl? Meine Einnahmen werden vom Vormunde beſchränkt und meine Ausgaben mehren ſich. Was thue ich?⸗ 146 „Du erwarteſt ſtill bis zu dieſer oder einer wenig⸗ ſtens günſtigern Zeit, ohne mit Deinem Geheimniſſe her⸗ vorzutreten,“ entgegnete Frau von Pröhl ſorglos. „Das iſt bald geſagt,“ flüſterte Gertrud mit anmu⸗ thiger Verſchämtheit. „Auch leicht gethan, ma fllette. Vier bis fünf Jahre vergehen bald.“ „Ach, ſie will mich nicht verſtehen!“ murmelte das Fräulein betrübt vor ſich hin.„Deutlicher kann ich mich nicht machen— ſo muß ich denn allein handeln.“ „Im Grunde hat mir Frau von Wallbott einen Dienſt geleiſtet, den ich ihr nie zu vergelten vermag,“ begann ſie aber dennoch nach einer Pauſe, während der ſie ihre Schüchternheit nochmals muthig niederkämpfte, von Neuem.„Sie hat meine Gefühle conzentrit, hat meinem Schwanken einen Halt gegeben und hat das Aprilwetter in meiner Seele total vertrieben; aber ſie überwies mich auch durch ihre Fürſorge dem Wellen⸗ ſchlage der Verläumdung, Mama Pröhl! Sorge, Noth, Kummer und Angſt können meine Jugendfreudigkeit bald unterjochen, wenn Mama Pröhl nicht klug genug iſt mir beizuſtehen,“ ſchloß ſie mit einem höchſt ungeduldigen Seufzer, der aber einen bedeutenden Vorrath von Schel⸗ merei in ſich ſchloß. Frau von Pröhl blieb leider noch immer ſorglos 147 und lachte. Gertrud rührte gelinde ihren kleinen Fuß zu einem ſanftmüthigen Stampfen bei dieſer„Dummheit“, wie ſie es in ſich ſelbſt nannte.„Ich muß wahrhaftig allein handeln,“ murmelte ſie halb luſtig, halb ärgerlich vor ſich hin. „Frau von Wallbott glaubte wahrſcheinlich, daß Deine Liebe zum Zunker zu viel proſaiſchen Stoff in ſich berge, und ſie hat, von Beſorgniſſen über die Wärme derſelben getrieben, berechnet, daß eine pikante Heimlich⸗ keit Schwärmerei und Romantik in Dir wecken ſollte?“ „Das iſt unbedingt eingetroffen!“ bekräftigte Fräu⸗ lein Gertrud mit ſpöttiſch ungeduldigem Tone.„Phanta⸗ ſtiſch durch Margareth's Schickſal geworden, hat unſere edle Tante Wallbott die romantiſche Schwärmerei einer leidenſchaftlichen Hingebung nun zum Cultus in der Liebe erhoben. Sie ſtieß mich armes Weſen in ein Netz von Lügen und Verſtellungen, machte mich ſo zu ſagen hei⸗ mathlos und überantwortet mich jetzt bei dieſem Contre- temps einem ſehr mißlichen Schickſale.“ „Bei dieſem Contre-temps?“ wiederholte Frau von Pröhl aufmerkſam.„Darf ich wiſſen, was für un⸗ gelegene Zwiſchenfälle Du meinſt?“ fragte ſie mit einer unbeſtimmten Unbehaglichkeit. Gertrud's Auge lachte ſie in innigſter Seelenfreu⸗ digkeit an. Sie lehnte ſich aber mit dem äußerlichen An⸗ —— 148 ſcheine von Zorn in ihren Seſſel zurück. Ihre Hände irrten wie in einer unbewußten Nervenaufregung raſtlos auf dem Tiſche vor ihr hin und her, und ihre Lippen ſchloßen ſich feſter als gewöhnlich zu einem beharrlichen Schweigen. Frau von Pröhl verſtand ſie jetzt ohne Erklärung. Haſtig erhob ſie ſich. Eine fliegende Röthe bedeckte ihr Geſicht und eine mitleidsloſe Kälte verdunkelte die Müt⸗ terlichkeit ihres Mienenſpieles. „Damit will ich nichts zu thun haben!“ rief ſie hart, und wendete ſich ſo zum Fenſter, daß ſie Gertrud vollſtändig den Rücken zudrehete.„Wie iſt das mög⸗ lich?“ examinirte ſie in dieſer Verachtung ausdrücken⸗ den Stellung.„Haſt Du Wolf während dieſes Zeitrau⸗ mes geſehen?“ „So oft ich konnte!“ referirte Gertrud ſarkaſtiſch lächelnd.„Das Haupterforderniß einer Marketenderin iſt doch gewiß, für die Verpflegung des ihr angehörigen Mannes zu ſorgen. Onkel Domherr's Kaleſche wurde von mir und vom Onkel oft genug auf dem Amthofe mei⸗ ner Beſitzungen, die gottlob nicht weit vom Lager waren, bis zum Rande mit Victualien aller Arten gefüllt, um meinem armen Wolf zugeführt zu werden. Ich ließ dieſe Contributionen auf mein Conto ſchreiben, und werde 149 dermaleinſt meinen Amtmann fürſtlich dafür belohnen, wenn ich zur Regierung komme.“ Frau von Pröhl wendete ſich nicht um, ſprach aber laut und ärgerlich:„Und bei dieſen dummen Streichen half Dir der Domherr?“ „Ja, Mama Pröhl, redlich hat er geholfen! Was ich nicht bedachte, das machte er ausfindig. Er fand den Weinkeller meines ſeligen Papa vollgepfropft voll vor⸗ trefflichen Weines; wir haben gut aufgeräumt!“ „Unerhört! Und das Alles unter des Domherrn Beiſtand?“ „Unter ſeiner Aegide!“ beſtätigte Gertrud innerlich beluſtigt. „Und Du ſaheſt— Du bliebſt bei Wolf?“ wieder⸗ holte Frau von Pröhl, immer ihre abgewendete Stellung behauptend, noch feierlicher als zuerſt. „Ich wohnte mehrmals wochenlang in ſeiner Nähe!“ „Welche Betiſen! Abſcheulich!— Ich habe Dir er⸗ klärt und bleibe dabei: ich will durchaus von dieſer Ge⸗ ſchichte nichts wiſſen— ich will nichts damit zu thun haben!“ „Das fürchtete ich immer und ich kann Dir nicht Unrecht geben. Tante Wallbott iſt diejenige, welche jetzt 150 für die Sicherung meiner Ehre Sorge tragen muß,“ ſprach Gertrud kaltblütig. „Ja wohl. An dieſe Dame wende Dich!“ rief Frau von Pröhl mit ſpöttiſcher Haſt. „Ich würde Dich auch gar nicht mit meinen Ge⸗ ſtändniſſen behelligt haben,“ fuhr das Fräulein fort, gallein meine Liebe zu Dir iſt größer, als zur Tante Wallbott, und bei dergleichen Contre-temps fühlt man ſich merkwürdiger Weiſe immer zu einem mütterlichen Herzen mehr hingezogen, als zu einem verehrungswürdi⸗ gen Geiſte.“ Ganz unmerklich wendete Frau von Pröhl ihren Kopf, den ſie horizontal auf dem Halſe hatte ruhen laſſen, ein wenig rechts. Gertrud that, als bemerke ſie nichts der⸗ gleichen. „Jetzt habe ich meinem innerlichen Gefühle genügt, bin damit ab und zur Ruhe verwieſen, und gehe nun den Weg der Pflicht zu der Sicherſtellung meiner Ehre!“ Der Kopf der Dame zeigte ſich ſchon im Proofil. „Du kannſt mir nun niemals den Vorwurf machen, nicht rechtzeitig Vertrauen zu Dir gehabt zu haben, und es wird mir unter Beihilfe meines treuen Paladins, deſſen ehrwürdig grauer Kopf ſchon eine Ehrenerklärung für mich abgibt, gelingen, irgend ein Aſyl ausfindig zu machen.“ Der Kopf der Dame Pröhl flog ſehr eilig rechts, ſo daß nun der volle Ausdruck ihres bleich gewordenen Geſichtes ſichtbar wurde. Gertrud handelte nach Ueber⸗ legung, als ſie fortfuhr, ohne ihren Satz zu beenden: „Es iſt in der Weltgeſchichte vielleicht noch nicht dageweſen, daß der unüberlegte Eigenwille eines Vaters das eigene Kind zwingt, ſich mit dem ſeligſten Glücke ſei⸗ nes Herzens zu verſtecken gleich einer Sünderin, und daß ein pflegemütterlicher Zorn über geſchehene Dinge, die gar nicht mehr zu ändern ſind, ihrer fillette den noth⸗ wendigen Beiſtand entzieht.“ „Kind,“ flüſterte Frau von Pröhl und ſtreckte die Hand nach ihr aus. „Meine goldene Mama,“ flüſterte dagegen Ger⸗ trud und hing an ihrem Halſe.„Siehſt Du, ſeitdem Du mir geſtattet haſt, Dich mit dem ſchweſterlichen Du an⸗ zureden, ſeitdem habe ich das Recht, Dir die Wahrheit zu ſagen. Du biſt ein ebenſo arger Trotzkopf, wie ich! Verſtanden, Mama?“ Frau von Pröhl drückte ſie feſt an ſich. „Und nun höre!“ ſprach Gertrud weiter.„Für jetzt verlange ich nur Deine dicke Suſe von Dir. Die wird eingeweiht. Ich beziehe ein allerliebſtes Hüttchen mit Weinreben behangen und von zwei großen, alten Eſchen⸗ bäumen beſchattet, die mit ihrem Laube ein Portal aus 152 der kleinen Hausthür geſchaffen haben, dort habe ich meinen Wolf in der Nähe. Onkel Domherr zieht na⸗ türlich mit mir— er will nur ſein Klavier mitnehmen, ſonſt nichts— und wenn es Zeit wird, dann kommſt Du— ja?“ Frau von Pröhl küßte Stirn, Mund und Augen ihres Pflegetöchterchens unter nie gefühlter Rührung und Liebe. Sie gelobte ſich zu Noth und Tod, mit dem noth⸗ wendigen Vorbehalte des Schweigens gegen ihren eigenen Gatten, zu Gertrud's Verbündete, und nach einer Con⸗ ferenz mit dem Domherrn zogen dann eines Tages im hellen Novemberſonnenſcheine die dicke Suſe und das Klavier, der Domherr und Fräulein Gertrud heimlich und geräuſchlos aus der Probſtei ab, während der Zeit, daß der Oberſt Haſen und Feldhühner ſchoß. Was dieſer wackere Herr für ein Geſicht machte, als er von dieſer fluchtähnlichen Abreiſe hörte? Was er ſchließlich dazu ſagte? Er begnügte ſich mit dem feſten Vorſatze, dem Dinge gelegentlich nachzuſpüren, und ſchickte vorbereitend einige hundert Donnerwetter in die klare Luft. Da aber ein Donnerwetter ohne Blitzen nichts zu bedeuten hat, ſo kam die kleine Carawane am Mittage des vierten Tages wohlbehalten in die Gegend, wo Gertrud ſchon einmal im Laufe des Jahres eine kurze ſelige Zeit verlebt hatte. 153 Von dieſem Augenblicke an zeigte ſich eine auffal⸗ lende Bewegtheit in Gertrud's Weſen. Ihre Gedanken wanderten zurück in die Ferne, indem ſie an den langen, breiten Wieſenflächen entlang fuhren. Warme Zärtlich⸗ keit ſprühte aus ihren Blicken, als ſie darüber hinweg⸗ ſchaute und die halbentblätterten, waldigen Hügel be⸗ trachtete, die ſie paſſiren mußten, um in die neue, ſelbſt⸗ gewählte Heimath zu kommen. Die heitere friſche Landſchaft im Herbſtſonnen⸗ golde weckte ihre frohe Stimmung wieder und ſteigerte ſie bis zur Begeiſterung, wenn ſie bedachte, daß ſie nun bald dem nahe ſein würde, der alle ihre Gedanken be⸗ herrſchte, der den Inbegriff ihrer ſehnſüchtigſten Wünſche bildete. Die Erinnerung an kleine, himmliſch ſchöne Freu⸗ den kam ſchmeichelnd, und zeigte ihr hier und da ein Plätzchen, wo ſie mit Wolf geweilt, wo ſie ihn erwar⸗ tet, wo ſie ihn zufällig getroffen hatte. „Iſt es nicht, Onkel,“ ſprach ſie muthig ihre Weh⸗ muth bekämpfend, die bisweilen verdunkelnd aufſteigen wollte,„iſt es nicht, als wäre der alte Herbſt heute ein neuer Frühling geworden, weil ich zum geliebten Manne eile?“ Der alte würdige Domherr ermahnte ſie ruhig zu ſein, denn ihre Stimme zitterte voll zärtlicher Freude, als ſie ſprach. 3 1860. XV. Gertrud. IV. 10 154 „O, Ihr, die Ihr Schnee auf den Häuptern habt,“ lachte ſie unter hervorquellenden Thränen,„Ihr wißt es nicht, was es ſagen will, Jemand lieb zu haben wie das eigene Leben!“ „Würde ich die Bequemlichkeit meiner alten Stube und das Amüſement meiner Hexenküche aufgeben, Du undankbares Kind, wenn ich das nicht wüßte?“ fragte der Domherr. „Ja, ja! Du weißt es! Und Du kommſt dafür ganz ſicher in den Himmel, daß Du gut gegen mich biſt,“ frohlockte Gertrud.„Aber warte nur, es wird ja ein Tag kommen, wo ich es hinausſchreien darf in die Welt, daß er mir gehört, und dann ſoll es offen⸗ bart werden.“ „O—o—“ unterbrach der Domherr ihre Rede mit würdevollem Lächeln.„Hebe den Schleier nie von den Schwächen, die ich mir Dir zu Liebe zu Schulden kommen ließ.“ „Es wird ja ein Tag kommen,“ wiederholte ſtatt einer Antwort das Fräulein, und ein ſchmerzvolles Seh⸗ nen drückte ſich in ihren Mienen aus.„Was thut es!“ rief ſie dann ſchnell getröſtet.„Ich werde ihn ja ſehen. Ich werde an ſeinem Herzen ausruhen von der Sehn⸗ ſucht nach ihm— was thut es, daß Könige und Feld⸗ marſchälle mich zur Heimlichkeit zwingen? Er gehört mir! 15⁵ Seine Gedanken begegnen immerfort meinen Gedanken. Sein Herz ſehnt ſich gleich dem meinen! Er gehört mir!“ Der Weg bog ſich jetzt aufwärts und verlor ſich einige Minuten im waldigen Dunkel, um plötzlich vor einem reizend gelegenen, großen Dorfe zu enden. „Da ſind wir!“ jauchzte Gertrud und ſendete begie⸗ rig ihre Blicke nach dem Hauſe, das ſie aufnehmen und für einige Monate beherbergen ſollte. Sie wußte, daß Wolf nicht da ſtehen und ſie erwarten konnte, aber ſie ſchaute dennoch voller Sehnſucht und Erwartung nach den Ebreſchen, die ſich zu ihrem Empfange mit purpur⸗ farbigen Kränzen geſchmückt zu haben ſchienen. „Was thut es,“ rief ſie wiederum getröſtet,„wenn er nicht da iſt, ſo wird er doch kommen, bald, ſchnell kommen, um meine Stirn an ſeine Bruſt zu legen.“ Eine einzige, helle Thräne lief eilig über ihre Wange bei die⸗ ſem Troſte. Ja er kam bald. Er kam ſchnell. Er küßte in leiden⸗ ſchaftlicher Freude ſeine Gertrud. Er hielt ſie ſtunden⸗ lang in ſeinen Armen, und hatte durchaus keine Zeit, auf die Fragen des Domherrn nach Krieg und Frieden, nach Kämpfen und Niederlagen zu antworten. Er kam ſo oft er konnte. Der König war im Lager. Der Dienſt wurde ſtrenger als ſonſt im Winterquartiere gehandhabt. 10s , — — 156 Lange konnte der Offizier nie bleiben. Er ſtahl die Stun⸗ den ſeines Glückes. Das Wetter änderte ſich bald. Der Sonnenſchein verging und die Herbſtnebel begannen. Gertrud richtete ſich mit Hilfe der dicken Suſe, die ſie mit Ehrerbietung„gnädige Frau“ nannte, behaglich ein. Sie hatten zwei große, ſchöne Zimmer neben einan⸗ der, zwar mit ſchmalen Fenſtern und niedrigen Balken, aber außerdem doch anſtändig und ziemlich geſchmackvoll möblirt. Gertrud ließ von ihrem Schloſſe ohne Erlaubniß des geſtrengen Vormunds einige Betten, Divan, Spiegel und Lehnſeſſel herbeiſchaffen, bevor ſie ſelbſt eingetroffen war. Es ſollte Niemand erfahren, daß ſich hier die Liebe ein warmes Neſt gebaut. Ein Vorwand für ihre getrof⸗ fenen Maßregeln hatte ſich leicht gefunden und der Re⸗ ſpect ihres Amtmannes zügelte die Neugier ſeiner Unter⸗ gebenen. Im erſten Zimmer ſtand das Klavier des Dom⸗ herrn. Schon dieſer Umſtand verkündigte, daß er hier ungeſtört ſeiner Paſſion zur Muſik leben wollte. Das zweite Zimmer zeigte jene behagliche Bequem⸗ lichkeit, wodurch ſich zur damaligen Zeit die eigentlichen Wohngemächer auszeichneten. Gepolſterte Stühle, weiche Kiſſen auf dem Divan, warme Fußteppiche und Wetter⸗ läden an den Fenſtern, um dem Winterſturm Trotz bieten 157 zu können. Sonſt aber außer den Spiegeln kahle Wände und außer den Gardinen nichts von Zierrath, was den Reichthum der Bewohnerin nur im mindeſten hätte ver⸗ rathen können. Hier lebte Gertrud. Hier empfing ſie den Gelieb⸗ ten. Hier zählte ſie in Sehnſucht und Freude die Stun⸗ den bis zu ſeinem Beſuche, und ihr Entzücken blieb immer gleich groß, wenn ſie ihn endlich umfangen und in ſeine treuen, ſchönen Augen blicken konnte. Ein Jahr war erſt verfloſſen, ſeit ſie ihm gehörte, aber dies Jahr war für ſie nicht ohne Nutzen vorüber gegangen. Die Anlagen zur Gefallſucht, freilich bis dahin nur in unſchuldiger Eitelkeit, mehr einem Spiele der Laune gleichend, hervorgetreten, hatten ſich bis zu einem warmherzigen Beſtreben moderirt, ihrem Geliebten eine ſtets heitere und anmuthige Erſcheinung zu bleiben. Der Leichtfertigkeit war die verletzende Spitze abgebrochen und an ihrer Stelle eine immer gleiche, heitere Zärtlichkeit emporgewachſen. Gertrud war die lieblichſte aller Frauen in der Demuth, womit ſie ihr Herzensglück genoß, und in dem Muthe, womit ſie dem Urtheile der Welt trotzte. Wolf von Brettow nannte ſie mit Recht die Gottheit ſeines Lebens. Vereint prieſen ſie die Vorſorge der Frau von Wallbott, welche nicht geruht hatte, die ſtolzen Grund⸗ ſätze des jungen Offiziers zu bearbeiten und ſein Pflicht⸗ —— —- gefühl dem ausgeſprochenen Willen ſeines Königs gegen⸗ über zu überwältigen. Auge in Auge ſegneten ſie die Stunde, welche den Schleier des Geheimniſſes über ihre Herzen gezogen hatte. Was nun folgen konnte, das traf ſie vereint! Aber ſie behüteten ihr Geheimniß, um allen ſchlimmen Folgen vorzubeugen. Hier in dem ablegenen Dorfe, wo Niemand ſie kannte, wo Niemand aus ihren bekannten Kreiſen ſich⸗ hinverirrte, wo Jeder des preußiſchen Offiziers Braut, Schweſter oder Frau reſpectirte, wo das ehrwürdige Ausſehen des Domherrn und ſeine prompte Bezahlung aller Bedürfniſſe ihre Ehre vollſtändig bewahrte, hier hatte ſie nichts von Verrath zu fürchten. Sorglos empfing und entließ ſie den geliebten Mann. Sorglos vermied ſie das Fenſter nicht, das dem Lauſcherauge unverhüllt blieb, denn es lauſchte ja Niemand. Aber der Feind ſchläft nicht immer! Wolken hingen am Himmel und jagten ſich ohne Regen über das Himmelszelt hinweg. Der November ging zu Ende. Die Luft war kalt und rauh. Das Häus⸗ chen hatte ſeine Weinbehänge eingebüßt und die Ebre⸗ ſchen bildeten nun ein höchſt beſenartiges Portal. Innen aber wehete warme Luft und die heitere Atmoſphäre des ſonnigen Scherzes. Gertrud ſaß auf den Knien ihres Ge⸗ liebten, ihren Kopf an ſeiner Schulter und von ſeinem 159 rechten Arme feſt umſchlungen. In ihrer Stellung ſprach ſich die ruhige und geheiligte Vertraulichkeit aus, die dem rechtmäßigen Beſitze eigen iſt. „Weißt Du, mein Liebchen, wer heute im Lager erſchienen iſt, um den Tod der Königin von Polen officiell zu melden und eine vertrauliche Botſchaft der hohen Ver⸗ ſtorbenen an den König von Preußen zu überbringen?“ fragte Wolf plötzlich, indem er ſchäkernd den Kopf Ger⸗ trud's emporhob und einige Dutzend Küſſe auf ihre fri⸗ ſchen Lippen drückte. „Gewiß der Baron Lottum,“ antwortete ſie ſchnell und richtig combinirend. „Richtig. Ich habe ihn auch ſchon geſprochen. Er hat mich eindringlich nach Margareth's Glück befragt. Beiläufig erwähnte er auch Deiner, und theilte mir mit Bekümmerniß Gerüchte mit, die über Deinen Lebens⸗ wandel ſich zu verbreiten begönnen.“ Wolf hielt inne und ſah der Geliebten mit unaus⸗ ſprechlicher Milde in das reizende, leicht erröthende Ge⸗ ſicht.„Der Marſchall von Spärkan ſoll ſehr zornig über Dich ſein und mit Maßregeln gedroht haben, Dei⸗ ner Leichtfertigkeit ein Ende zu machen!“ ſchloß er unter zärtlichen Liebkoſungen.. Gertrud hob muthig die Stirn und flüſterte:„Es wird ja ein Tag kommen—“ n — — — ——— — — 160 „Weißt Du,“ begann der junge Offizier lächelnd wieder,„wer ſeit geſtern zum Rittmeiſter avancirt iſt?“ „Du? Du?“ rief Gertrud jubelnd. Sie ſprang auf und riß die Thür zum Nebenzimmer auf, wo der Domherr Klavier ſpielte und mit aller Andacht ſeine Seele auf den Melodien himmelan tragen ließ. „Der Herr Rittmeiſter von Brettow wünſcht Dir die Aufwartung zu machen!“ rief ſie übermüthig.„Es iſt der erſte Schritt zum Generalfeldmarſchall!“ Der Domherr nickte vergnügt und begann im Im⸗ pulſe der Ueberraſchung ein heiteres, ſehr melodiöſes Marſchthema zu ſpielen. Während er ſpielte und das Stückchen mit allerlei Variationen durchphantaſirte, fuhr der neue Rittmeiſter fort Bericht zu erſtatten. Er erzählte, daß Winterfeld an ſeinen Wunden geſtorben und Seydlitz zum General er⸗ nannt ſei, daß man beabſichtige, das Generalcommando nach dem Dorfe und zwar nur wenige Häuſer von Ger⸗ trud's Wohnung entfernt zu verlegen, daß alſo bei eini⸗ ger Vorſicht der Winter von ihnen in traulicher Einigkeit verbracht werden könne. An Wolf geſchmiegt und von ſeinem Arme um⸗ ſchlungen, ſtand Gertrud da und horchte auf ſeine Worte, aber ihr Geiſt ſchweifte weit ab und flog von einem Bilde zum andern, wie ſie ſich regellos vor ihrer Phantaſie auf⸗ 161 ſtellten. Sie erblickte ſich in einer unerträglichen Ab⸗ hängigkeit, gedemüthigt vom falſchen Scheine, herabgeſetzt in den Augen derer, die ihr Achtung zu zollen ſchuldig waren— dann aber flog es wie ein Traumſchleier von ihren erwachenden Augen und ſie ſah ſich lächelnd und in holdeſter Fröhlichkeit rund um. Sie war ja zu Hauſe! Sie, die Erbin ihres Vaters, in einem Schloſſe geboren, für die Ueppigkeit eines Schloßlebens erzogen, ſie lebte in einem freiwillig gewählten Exile, fern von der Heimath, fern von allen Lieben, in bürgerlicher Einfachheit— einſam, des Geliebten harrend und in ſeinem Anblicke Erſatz für allen aufgegebenen Glanz findend. In hin⸗ gebender Zärtlichkeit von der Macht der Liebe überwältigt und unterjocht, hatte ſie Alles verlaſſen und lebte hier, frohen Muthes in die Zukunft ſchauend. Nicht ein Fun⸗ ken von Reue ſtörte die Zufriedenheit ihrer Bruſt! Wenn vorhin auf einen kurzen, flüchtigen Moment das Roth der Scham über ihre Wangen flog, als ſie Baron Lottum's Verurtheilung von Wolf's Lippen vernahm, ſo war der Eindruck einem Windeshauche zu verglei⸗ chen, der ſchadlos über die Blüthen ſtreift, die von der leichten Luftſchwingung nur erzittern. Sorglos und ſelbſtvergeſſen lehnte ſie in den Armen deſſen, der ihre Sonne war, ſorglos und ſelbſtvergeſſen achteten ſie Beide auf nichts, was außerhalb der engen —— 162 Welt lag, die ihre vier Wände umſchloß. Sie ſahen nicht, daß zwei Reiter langſam an den Fenſtern vorüberzogen, daß ſie die Augen hineinſendeten in das ſtille Reich ihrer Liebe, daß ſie das Ohr ſchärften bei den Klängen der Muſik, die undeutlich bis zu ihnen hinausdrangen. Sie ſahen ſelbſt noch nichts, als der eine der Reiter ſein Pferd anhielt, als er kopfnickend dem Marſche im Tacte folgte, als er lachend mit einer Frage ſeinem devoten Begleiter, einem finſterblickenden, alten, ſonnengebräunten Offizier, heranwinkte und mit der Reitpeitſche ein Zeichen gab, welches den ehrerbietig folgenden Stallmeiſter im Nu an ſeine Seite brachte. Jetzt aber ſchreckte Wolf beim Geräuſche des galoppirenden Pferdes auf— jetzt riß er ſich faſſungslos aus den umſchlingenden Armen Ger⸗ trud's und enteilte mit dem Ausrufe:„Der König!“ in’s Nebenzimmer, um ſeinen Anzug ſchnell vorſchriftsmäßig zu vervollſtändigen. Er trat auch wirklich rechtzeitig ge⸗ rade wieder ein, um dem Könige auf der Schwelle des Hauſes die Honneurs zu machen. Der hohe Herr war abgeſtiegen und ſchritt mit der wohlwollendſten Miene ohne Weiteres in das Zimmer, wo der Domherr unan⸗ gefochten von ſeinem Eintritte fort muſicirte, und eben den ganzen Mechanismus ſeines ſchönen Inſtrumentes entfaltete, um mit aller Vehemenz und ſo vollſtändig wie nur möglich ſeinen Marſch zu beſchließen. Als die letzten Aecorde verhallten, rief der König, der ganz leiſe hinter den Domherrn getreten war:„Bravo! Bravo!“ und ſchlug ihn fanft dabei auf die Schulter. Der alte Herr fuhr etwas erſchreckt in die Höhe und ſah ſich den unerwünſchten Kritiker mit bedeutend mißliebigen Blicken an. Er kannte den König von Preu⸗ ßen nicht, und da er gewohnt war, mit den höchſten Wür⸗ denträgern des ſächſiſchen Hofes auf cordialem Fuße zu ſtehen, ſo fiel es ihm nicht ein, ſich durch den Eintritt ei⸗ nes Stabsoffiziers geniren zu laſſen. Er erhob ſich, mit ſteifer Grandezza grüßend, ein klein wenig von ſeinem Sitze, ließ aber nachträglich mit der ganzen Virtuoſität, die ſein Spiel auszeichnete, ſeine Finger auf dem Klaviere in Cadenzen auf und ab laufen. „Bravo, bravo, alter Herr!“ rief der König außer⸗ ordentlich freundlich.„Wo hat Er denn ſein Klavierſpie⸗ len gelernt? Er hat wohl Bach's Briefe gefunden?“*) Der Domherr ließ ſeinen Blick fragend an dem Könige entlang gleiten, klimperte aber leiſe fort auf den Taſten und beeilte ſich durchaus nicht, die unbehagliche Pauſe, die jetzt entſtand, auszufüllen. *) Bezieht ſich auf ein Werk des Karl Philipp Emanuel Bach, der in Berlin lebte, welches unter dem Titel:„Verſu über die wahre Art, Klavier zu ſpielen,“ damals Aufſehen erregte. 164 Der König, einer gewiſſen Unbehilflichkeit und Schüchternheit dies Verſtummen zuſchreibend, fuhr leut⸗ ſelig fort:„Er iſt wohl der Kantor im Dorfe oder der Küſter— was? Er ſchüttelt ja verdammt gravitätiſch den Kopf! Nun, weiß Er was, ſpiele er den Marſch noch 'mal!“ Jetzt erhob ſich der Domherr im Gefühle ſeiner Würde, um ſeinen Platz am Klavier zu verlaſſen, ohne dieſem Befehle Folge zu leiſten. „Ich bin der Domherr von Pröhl,“ erklärte er ruhig und ohne eine Miene zu verziehen.„Das Stück aber, welches ich geſpielt, war eine Phantaſie von mir, die ich nicht zum zweitenmale ſpielen kann.“ Der König lachte hell auf. Die Geſchichte fing an ihn zu amüſiren. Er merkte ſehr wohl, daß Alle im Zim⸗ mer ihn kannten, nur dieſer alte Herr nicht. „Das Stück, das Er geſpielt hat, habe ich com⸗ ponirt,“ begann er wieder. Der Domherr horchte hoch auf. Ein Componiſt war in ſeinen Augen ein von Gott be⸗ gnadigter Menſch.„Freilich nicht für Sein Klavier, ſondern für meine Huſaren, denen Er's wohl abgehört haben wird.“ Der Domherr ſah ihn mit leuchtenden Augen an. „Von Ihnen ſelbſt componirt?“ wiederholte er faſt ſchüchtern. — „Ja, und daß Er es weiß, ich bin der König von Preußen.“ „Majeſtät,“ ſtammelte der alte Herr beſtürzt und riß ſein Sammtkäppchen vom kahlen Scheitel.„ Majeſtät componiren? Sie componiren ſelbſt, und dieſen prächti⸗ gen Marſch haben Majeſtät componirt?“ Der Monarch klopfte ihm gemüthlich die Achſeln. Er nahm inſtinktmäßig wahr, daß dieſer gute Mann mehr Reſpekt vor ſeiner Compoſition als vor ſeinem Königstitel hatte. „Nun, laſſe Er es gut ſein und ſpiele Er mir Sein Stückchen noch einmal, ſo gut es mit einer Phantaſie ge⸗ hen will!“ ſprach er.„Wo hat denn der Domherr von Pröhl das ausgezeichnete Inſtrument gekauft?“ fügte er hinzu, während ſich der alte Herr ſehr bereitwillig zurecht ſetzte, um dieſem Verlangen zu willfahren. „In Dresden,“ erwiderte er.„Es hat eine neu erfundene Mechanik.“ „Das höre ich!“ antwortete der König, den Seſſel einnehmend, den Wolf ſehr dienſteifrig herbeigeſchoben hatte. Er ließ ſich dicht am Inſtrumente nieder, ſtützte den Ellenbogen auf's Knie und legte ſein Kinn hinein. Der Domherr begann ſein Spiel von Neuem. Begeiſtert von der Idee, den Erfinder, den Schöpfer dieſer harmo⸗ 166 niſchen Töne neben ſich zu haben, erhob er ſich in ſeiner Virtuoſität bis auf den Gipfel ſeiner mechaniſchen Fer⸗ tigkeit und riß den muſikverſtändigen Monarchen zum Entzücken hin. Ein geiſtiges Wohlbehagen glättete ſeine Stirn und die Geiſter des Sarkasmus flohen aus den Winkeln ſeines Mundes. Der Domherr ſpielte meiſterhaft. Als er endigte, brach der König in Lobeserhebungen aus, denen der fröh⸗ lich zufriedene Ausdruck ſeiner Stimme eine doppelte Be⸗ deutſamkeit beilegte. „Ja, alter Herr,“ rief er dabei mit Humor,„wenn Er nicht der Domherr von Pröhl wäre, ſo würde Er es werth ſein, Kantor von Sansſouci zu werden*). Ein würdiger Cumpan meines alten Quanz und ein tüchtiger Rival des Bach. Kennt Er denn das Bach'ſche Buch, worin dieſer von der wahren Art Klavier zu ſpielen ſpricht?“ „Nein, Majeſtät, ich leſe nichts Gedrucktes, was ich mir ſelbſt ſagen kann,“ entgegnete der Domherr mit Pathos. Der König ſah ihn groß an.„Er ſcheint mir ein Original zu ſein,“ meinte er dann wohlwollend, indem er Anſtalt traf, ſich wieder zu entfernen. Dabei fiel ſein *) Durch Familientradition verbürgt. Blick auf Gertrud, die durchaus ohne alle Verlegenheit im Hintergrunde des Gertrud trat einen Schritt näher. Furchtlos und wie von einer höhern Macht gezwungen, neigte ſie ſich ſittig vor dem Monarchen und erwiderte: „Verzeihen Sie, Majeſtät, der Rittmeiſter von Brettow iſt mein Gatte!“ Wolf wurde bleich vor Schrecken, der Domherr aber richtete ſich ſtolz, zum Schutze ſeiner Nichte bereit, in die Höhe. in militairiſcher Poſition dieſem Blicke muthig begegnete, obwohl er troſtlos die Folgen dieſer Erklärung über⸗ dachte. „Ah— ich erinnere mich— Brettow— Rittmeiſter Brettow,“ wiederholte der Monarch mit merkwürdiger Gedächtnißkraft.„Ziethen iſt Sein Vetter.— Ja, da 168 ſehe ich wieder, daß ich zu gutmüthig geweſen bin. Ma⸗ dame darf hier nicht bleiben. Haben Sie kein anderes Un⸗ terkommen?“ „Zwei Schlöſſer, das Eigenthum meiner Vorfah⸗ ren,“ entgegnete Gertrud ſtolz, aber mit jenem lieblichen Lächeln, das nie ſeinen Zweck verfehlte.„Mein Gemahl hat ſich mit meinem Herzen zugleich ein Stückchen Sach⸗ ſenland erobert!“ „Verwandt mit dem Domherrn?“ examinirte der König. „Seine Nichte, Majeſtät!“ „Gehen Sie auf Ihre Schlöſſer, Madame!“ ſprach jetzt der König lächelnd.„Hier können wir unſere Frauen nicht gebrauchen.“ Er wendete ſich zum Domherrn. „Wenn ich erſt wieder Sommerquartier in Sansſouci mache, dann muß mich der Domherr von Pröhl beſu⸗ chen. Adieun! Habe Er Dank für Seine Muſik.“ Er verließ das Zimmer, gefolgt von dem Rittmei⸗ ſter. Draußen erwartete ihn der graubärtige Stabs⸗ offizier, der unter ſeinen buſchigen Augenbraunen Blitze des Verdrußes hervorſchleuderte. Der König trat eilig zu ſeinem Pferde. Indem er den Fuß in den Steigbügel ſetzte, wendete er ſich, von einer Erinnerung getroffen, ſchnell zu Wolf, der voller Ehrerbietung neben ihm verweilte. „Wie iſt mir denn, Rittmeiſter Brettow— war Er nicht Huſar?“ Ehe Wolf nur ein Wort hervorzubringen vermochte, brummte der alte Offizier:„Das war der Graf Bret⸗ tow, Majeſtät!“ Jetzt ſchien dem Könige ein Licht aufzugehen. Er prüfte das Geſicht des jungen Offiziers mit Kopfſchüt⸗ teln.„Und Er hat eine Frau?“ Wieder ergriff der alte Oberſt das Wort für ihn. „Das iſt eine alte Geſchichte, Majeſtät,“ rief er hämiſch lachend.„Als wir in Dresden eingezogen wa⸗ ren, übte er ſchon„ Ritterpflichten“ gegen dieſe Dame!“ Wolf ſah ihn erſtaunt an. Der König ſchien nicht zufriedengeſtellt, ſchwang ſich unwillig raſch auf's Pferd und ritt davon. Nachdem ſie ſeinen Augen entſchwunden waren, fiel dem jungen Manne erſt ein, daß dieſer graubärtige Oberſt ihn damals zur Rede geſetzt hatte, als Gertrud, für den Landesverräther Menzel bittend, ſo ſchmählich abgewieſen worden war. „Es iſt Alles verloren!“ ſprach er ſeufzend, und zog ſein junges Weib, das ihm froh entgegeneilte, feſt in ſeine Arme. „Es iſt nichts verloren, ſondern Alles gewonnen!“ rief ſie dagegen.„Der König hält Dich für Levin.“ 1860. XV. Gertrud. IV. 11 170 „Jetzt nicht mehr,“ erklärte Wolf.„Oberſt Sottau hat es eben übernommen, ſeinen Irrthum zu berichtigen. Oberſt Sottau weiß auch, daß Fräulein von Spärkan vor Jahresfriſt eine Fürbitte eingelegt— Oberſt Sottau wird alſo unſern böſen Engel ſpielen und unſer Glück zerſtören.“ Gertrud ließ betroffen ihre? hatte ſchon ſo ſchön vom Ende il träumt, ſie hatte ihr Glück im vblle geſehen. v „Sei ruhig, mein Lieb,“ tröſtete Wolf die junge Fraus Entſpinnt ſich eine Prüfung für uns aus dieſem wunderbaren Zuſammentreffen, ſo gehen wir mit dem Bewußtſein daraus hervor, unſere Liebe retten zu können. Ich habe Dich zum Erſatze, wenn der Zorn des Königs mich ſtraft— Du aber gewinnſt den Schutz, der einer Frau nöthig iſt, wenn Mutterpflichten ihrer harren!“ „Seid unverzagt,“ ließ ſich der Domherr verneh⸗ men, und ein unternehmendes Lächeln thronte auf ſeinem ernſten Geſichte.„Wenn Alles ſcheitert, ſo weiß jetzt der Domherr von Pröhl, der werth iſt„Kantor von Sans⸗ ſouci“ zu ſein, ein probates Mittel der Beſchwichtigung. Ich ſchlage vor, angeſichts dieſes königlichen Befehles unſere Wohnung im Schloß Spärkan zu nehmen. Mor⸗ gen ſchon verfüge ich mich als Specialbevollmächtigter niederſinken. Sie eer Geheimniſſe ge⸗ ſtrahlenden Glanze zum Feldmarſchall, offenbare ihm unſere Geheimniſſe, ſtütze mich auf die Sanction, die in des Königs Befehl an Madame de Brettow liegt,„ihre Schlößer zu bewoh⸗ nen,“ und nöthige ihn Frieden zu ſchließen. Die Vor⸗ ſehung bereitet immer das vor, was ſie für die armen Menſchenkinder als zut und heilſam erkennt, ſagt meine Schwägerin, die würdige Mama Pröhl. Mir ſcheint dieſe Vorbereitung hier vorzuliegen! Seid alſo guten Muthes! Es iſt nichts Zufall in der Welt!“ Neuntes Capitel. Wie ein Lauffeuer durchflog das Gericht vom Zu⸗ ſammentreffen des Königs mit dem Rittmeiſter Brettow bei einer ſchönen jungen Dame, das Lager. Kein Menſch wußte etwas Näheres, und gerade dadurch mehrte ſich die Bedeutſamkeit des kleinen Rencontres. Was man erfuhr, das hatte im Gehirne des höchſt miſantropiſchen Oberſt Sottau ſeinen Urſprung, und wurde von der Manier dieſes unfreundlichen Offiziers erſt gehörig durcharbeitet, ſo daß das Verhältniß des jungen Ehepaares in ein ver⸗ zweifelt ſchiefes Licht geſtellt erſchien. An eine Verheirathung Beider dachte der alte Krie⸗ ger gar nicht. Dem Ausrufe des königlichen Herrn:„Und Er hat eine Frau?“ legte er kein Gewicht bei, hatte ihn vielleicht auch gar nicht recht verſtanden— genug, wie er die Sache erzählte, ſo mußte man glauben,„der ſchöne Brettow habe ſich zu ſeinem Zeitvertreibe ein hübſches ſächſiſches Fräulein in's Winterquartier kommen laſſen.“ Man hatte ſchon von dieſer Liebesaffaire gemunkelt, war aber niemals auf den Grund des Gerüchtes gelangt, da Wolf mit ſeinem feſten, unerſchütterlichen Weſen ſtrenge Wacht über ſein Geheimniß hielt. Den Namen der fraglichen Schönen hatte man nie erfahren— eben ſo wenig den Aufenthalt derſelben, weil ſich die Gatten nie⸗ mals zuſammen hatten ertappen laſſen. Man fand es natürlich ergötzlich, daß der König, durch ſeinen eigenen Marſch hereingelockt, das Pärchen überraſcht hatte, und war über alle Maßen neugierig, was der hohe Herr, der nicht eine Silbe weiter über die Geſchichte gefragt, nun thun werde. Sottau wußte auch den Namen des ſächſiſchen Fräuleins. Durch ſeine Mittheilungen flog er bald von Mund zu Mund und erreichte dann glücklich am nächſten Morgen das Ohr des ſächſiſchen Attaché, Baron Alexan⸗ der Lottum. Zuerſt zweifelte der Baron an der Wahrheit der histoire medisante, nannte ſie fabuleuse, ſchüttelte aber endlich in luſtiger Beſtürzung ſein weiſes Haupt und fand ſie ſehr plaisante! Baron Lottum war ſchon jetzt eine wichtige Perſon 174 im ſächſiſchen Verwaltungsrathe geworden. Das Jahr war nicht ohne Nutzen für ſeine Stellung, aber auch nicht ohne Schaden an ſeiner Seele vorübergegangen. Nicht die Nachricht vom Tode der Königin allein hatte ihn zu einer Reiſe in's preußiſche Lager veranlaßt, ſon⸗ dern er verband mit dieſer Miſſion ſeines Hofes perſön⸗ liche Intereſſen. Seine Laufbahn, die er durch ſonderbare Umſtände gedrängt, faſt willenlos betreten hatte, wurde jetzt von ihm mit der geſchärften Aufmerkſamkeit eines Diplomaten beachtet, und er verfehlte keine Gelegenheit, um ſich ſeinen Wünſchen gemäß placirt zu ſehen. Bei den vorwaltenden Verhältniſſen konnte es ihm nur wün⸗ ſchenswerth ſein, mit dem Könige von Preußen, der für den Augenblick das Kurfürſtenthum Sachſen unter ſeinem Scepter hielt, in Berührung zu kommen. Sein Monarch lebte fern in Polen's Hauptſtadt und ließ ſich dort, wie vormals in Dresden, von Brühl's Maximen leiten, len⸗ ken und führen. Wie weit ſich des Preußenkönigs Macht ausdehnen, ob Sachſen jemals wieder ſelbſtändig und ſeinem recht⸗ mäßigen Fürſten zurückgegeben würde, blieb ſehr fraglich. Sein Kriegsruhm hatte ihm einen gefürchteten Namen gemacht, und man mußte auf Alles gefaßt ſein, nachdem er ohne Weiteres von den ſchleſiſchen Provinzen Beſitz genommen hatte. Baron Lottum war gewiß nicht der Letzte, der dies bedachte. Er übernahm willig die Bot⸗ ſchaft vom Ableben der Königin und verknüpfte damit ſehr ſpeculativ ſeine ſtillen vermeſſenen Wünſche, die ihn bis zur Nähe der Thronſtufen führten. Stundenlange Conferenzen mit dem geiſtvollen König verriethen genug⸗ ſam, daß er ſeine Angelegenheiten nicht ungeſchickt in das Meer des politiſchen Treibens hineinlavirt hatte, und der König hatte ihn ſehr gnädig entlaſſen. Baron Lottum erſchien nach dieſer Audienz der königlichen Suite als eine emporblühende Größe, und man verſäumte nicht ſich derſelben frühzeitig genug zu beugen. Die Geheimniſſe ſolcher Laufbahnen, wie der Baron ſie begonnen hatte, ſind leider nie zu ergründen. Sie liegen meiſtentheils nicht ſo überfein verſteckt und tief, wie man ſie zu ſuchen ſich gedrungen fühlt, aber ſie beruhen in ſo kleinlichen Umſtänden, daß man dieſe nicht als Gründe dazu betrachtet. Gelegenheit, Zufall, etwas Intrigue— dazu Scharfblick zu rechter Zeit und Dreiſtigkeit jedes Mittel zum Zwecke zu wagen, Alles dies zuſammengerüttelt und geſchüttelt hat ſchon manchem Staatsmanne zum Ruder verholfen. Neben dieſen Ingre⸗ dienzien einer richtigen Diplomatie muß freilich ſehr oft der Einfluß hochgeſtellter Damen in Anſpruch genommen werden, da dieſe in allen Fällen, ob auf der Weltbühne 176 oder hinter den Couliſſen, bei weitem mehr agiren, als man glaubt. Baron Lottum hatte ſich auch in dieſer Hinſicht als gelehrig bewährt. Er ſtand feſt und ſicher auf dem Platze, den er bis dahin ſchon errungen, zeigte ſich ver⸗ traut mit der Frivolität der geſelligen Atmoſphäre des achtzehnten Jahrhunderts und übte mit Liebenswürdig⸗ keit alle die großartigen Künſte, womit ſich ein Kavalier empor zu ſchwingen trachtete. Er verſtand es ſeinem Auge zur richtigen Zeit einen verführeriſchen Glanz und ſeiner natürlichen Beredſamkeit eine leidenſchaftliche Fär⸗ bung zu geben. Er gefiel ſich in Eroberungen weiblicher Herzen, wenn es ſeinem Zwecke diente, und man räumte ein, daß er unwiderſtehlich ſei. Einem ſolchen Kavalier mußte die histoire medi- sante allerdings höchſt plaisante erſcheinen, welche das reizende Fräulein Gertrud von Spärkan, das ihn ſo ſchmählich behandelt hatte, in ſonderbare Conflicte mit den Convenienzverhältniſſen darſtellte. Er fand ſie er⸗ reichbar für eine kleine Liaiſon, die ihm Spaß machen und zugleich eine Satisfaction für erlittene Unbill geben konnte. Ja, ja! Er mußte dieſe kleine Gertrud wieder ſehen, die ſo muthig und leichtſinnig geweſen war, dem ———— — — ₰½ — B — 7. —. S — — — — 8 in dem Sinne der tugendhaften Vereinigung, die einer Ehe vorangeht— allein ſchloß dies das Vergnügen aus, welches ihm winkte wenn er ſich den koketten Leichtſinn dieſes reizenden Mädchens vergegenwärtigte? Wozu er cheln mehrte ſich unter ſeinen Meditationen. Hatte er doch ſeine Kräfte erprobt und recht gut eingeſehen, daß die ſchönſten und gefühlvollſten Männer vergeſſen worden waren, wenn er mit ſeinen Waffen zu Felde zog, die ehr⸗ liebende und ernſte Männer verſchmähen. Wie oft war es ihm ſchon gelungen, daß er die Heiligkeit der ehelichen Liebe in leichtfertig ſinnliche Spielerei auflöſte? Und er fühlte ein brennendes Verlangen nach einem Kampfe, worin ſein Sieg unfehlbar war. Gertrud ſaß allein in ihrem Zimmer. Der Dom⸗ herr hatte unverzüglich am Morgen ſeine Reiſe nach dem Feldmarſchall angetreten, um ſo eilig als möglich eine 178 Verantwortung von ſeinen Schultern los zu werden, die ihn längſt peinigte. Gertrud ſaß allein. Holde Träume umflogen ſie. Ihre Prüfung erreichte ein Ende. Der Tag war da, den ſie heiß erſehnt hatte, der Tag, wo ſie voller Stolz und Jubel verkünden konnte, daß Er, der geliebte, ſchöne Mann längſt ihr eigen geweſen ſei. Gertrud ſaß allein, als ſich urplötzlich die Thür öffnete und der Baron Lot⸗ tum zu ihr eintrat. Es war ihr zu Muthe, als ob ſie es gar nicht anders erwartet hatte. Hold und gut blickte ſie ihm entgegen, und eine warme Empfindung durch⸗ ſtrömte ſie, als er eilig näher trat, als er ihre Hände ergriff und ſie feurig an ſeine Lippen preßte. Baron Lottum war ihr niemals ganz gleichgiltig geweſen und ſein zorniger Abſchied hatte ſie bisweilen zu einer ſanften Traurigkeit verleitet. Es war dem jungen Manne günſtig, daß ſie, in der Freude ihn ſo verſöhnt und liebevoll zu erblicken, die Klarheit ihres reinen Sin⸗ nes einbüßte und ſich auf kurze Momente, ſeltſam befangen, ſeiner leidenſchaftlichen Begrüßung überließ. Im Stil⸗ len ſeines Triumphes ſicher gab er ſeiner Freude Worte, wie ſie immer von den Lippen eilen, wenn Herzenswal⸗ lung die heißen Wellen überſtrömen läßt, und er erlaubte ſeinen Blicken eine Sprache, die Gertrud fremd war, ihr Blut in die Wangen trieb. Einige g ſie einer Verwirrung ihrer Sinne, dann legte ſich ihre Aufregung. Sie entzog ihm ihre Hände, die er noch immer feurig mit Küſſen überdeckte, und blickte ihm mit dem keuſchen Lächeln großer Verwunderung gerade und voll in's Antlitz. Was wollte der junge Mann mit dieſem Betragen ſagen? Sie hatte angenommen, daß die Leidenſchaft in ihm längſt erloſchen ſei. Ihre Betroffenheit wuchs unter ſeinen fortgeſetzten Beſtrebungen eines jener bedeutſamen Geſpräche anzuknüpfen, womit man das unruhige Men⸗ ſchenherz in eine leiſe fibrirende Bewegung ſetzt, die von bloßer Eitelkeit zu mächtigen Gefühlen heranzuwachſen im Stande iſt. Gertrud, vom erſten ſtürmiſchen Angriffe geneſen, erhielt merkwürdig ſchnell ihre ganze Faſſung ——— 180 zurück. Hätte ſie noch in den Banden der frühern Fehler gelegen, ſo würde ſie nicht ſo leicht Herr ihrer Sinne geworden ſein. Aber ihr Herz war unter der Obhut ihres hochſinnigen, zärtlichen Gatten lauter und rein geworden und die Keuſchheit hatte ihren Sitz in dieſem flatterhaften Herzen aufgeſchlagen. Gertrud lächelte leiſe und mitleidig bei den glühen⸗ den Lobeserhebungen, in denen der Baron die Vergan⸗ genheit heraufbeſchwor. Der geſchickte Weltmann wurde von ihr mit bedenklicher Aufmerkſamkeit beobachtet, und ſie ſah eher, als es gut für ſeine Pläne war, daß er eine Leidenſchaft zur Schau trug, die ihren geheiligten Banden durchaus nicht anpaßte. „Sollte er nicht wiſſen, daß ich Wolf's Frau bin?“ fragte ſich die junge Frau heimlich und gab ihrem Weſen eine Haltung, die dem Baron komiſch vorkam. Es fiel ihm nicht ein, daß er mit ſeinem erſten Angriffe ſchon ſtecken geblieben ſein könnte, aber es war ihm unbequem, einem ſolchen Aufwande von Würde zu begegnen. Nach ſeiner Meinung war dies eine unnöthige Koketterie. Er nahm ſich vor, dieſe Würde mit Spott zu verjagen. Während er dieſen Plan faßte, beſchloß Gertrud ihre Verhältniſſe aufzuklären, um ſeinem Benehmen die nothwendige Richtung zu geben. Mit ihren Vorſätzen beſchäftigt, vergaßen ſie die Selbſtbeherrſchung, welche das erſte Erforderniß der Ge⸗ ſelligkeit iſt, und überließen ſich Beide einem tiefen Still⸗ ſchweigen. Er hatte die junge einer Liaiſon zweideutiger Art z machte ſie ihn jetzt zum Gegenſtande ihrer ausbrechenden ſie im kleinen. Sie fühlten dies und dachten zum erſten⸗ male daran zurück, unter welchen Charakterſchwächen ſie ihre Bekanntſchaft begonnen hatten. Für Gertrud lag eine freudige Aufregung in dieſem Rückblicke. Sie konnte mit ſich zufrieden ſein. Ganz anders betrachtete Baron Lottum dieſe ver⸗ gangene Zeitperiode ſeines Lebens. Er hätte ſie hinweg er jetzt aufſchaute, als er aus ſeinem Sinnen emporfah⸗ rend inne wurde, daß er aus ſeiner Rolle gefallen, daß der Ueberfluß von Zärtlichkeitsphraſen erſchöpft war, ohne ihn zum Ziele gebracht zu haben. Da ſaß er, demſelben Lächeln ausgeſetzt, wie vor langer lieber Zeit, und der 182 muthwillige Blick der jungen Dame fragte:„Was willſt Du eigentlich von mir?“ „Wiſſen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ fuhr er heftig und innerlich zornglühend heraus,„was man in der Welt von Ihnen erzählt?“ Er beugte ſich vor, um mit Schadenfreude die Beſtürzung in den Mienen Ger⸗ trud's zu belauſchen. „A— er weiß nicht, daß ich verheirathet bin!“ dachte dieſe, antwortete aber, weder beſtürzt noch ver⸗ legen: „Gewiß weiß ich das, wenigſtens kann ich es mir lebhaft vorſtellen!“ „Man weiß, daß Sie von Ihrem Herzen ver⸗ lockt—“ „Einem ſehr würdigen Manne blind ergeben bin,“ fiel Gertrud mit ſcherzhaftem Pathos ein. „Daß dieſer würdige Mann Sie i in den Augen der Welt compromittirt—“ „Oder ich ihn, indem ich ihm folge mit der Treue und Anhänglichkeit eines Hundes!“ unterbrach ſie ihn abermals muthwillig. „Hätten Sie einen Bruder, ſo würde dieſer Re⸗ chenſchaft von dem Rittmeiſter Wolf von Brettow für ſeine—“ f „ 3 — Q8n8—ſ ———. d 183 „Liebe fordern?“ fragte ſie. Liebe iſt das einzig freie Gefühl, d zu trotzen berechtigt iſt!“ „Sie trotzen der Welt, wie es ſcheint?“ „ Gründlich!“ war ihre Antwort, von einem ſtolzen Blicke begleitet.„Ich trotze nicht allein der Welt, ſondern auch meinem Vormunde!“ „Wohin ſoll das führen, mein gnädiges Fräulein?“ fragte er mit einem Tone, der zwiſchen der Zärtlich⸗ keit eines Freundes und eines Liebhabers ſchwankte. „Zu meinem Glücke!“ antwortete ſie. „Ihr Vormund hat mir erklärt—“ „Daß er nie ſeine Einwilligung zu meiner Heirath mit Wolf von Brettow geben wird,“ fiel ſie wieder da⸗ zwiſchen.„Ich bin davon unterrichtet.“ „Um ſo unbegreiflicher iſt Ihr Schritt gegen das Herkommen.“ „Die Liebe iſt mein Schutzmantel!“ warf Gertrud lächelnd ein, griff aber verſtohlen nach einem Käſtchen, das ſie von nun an ſpielend auf und zu ſchlug. Der Baron lachte leichtfertig.„ Freilich, unſer Zeit⸗ alter iſt ſtark in Neuerungen,“ ſprach er.„Im franzöſi⸗ ſchen Lager wimmelte es von Damen, als die tapfern Krieger ohne Abſchied von Roßbach entwichen. Allein hier zu Lande iſt's noch gegen das Herkommen.“ Gertrud wurde roth vor Zorn, denn die Damen im franzöſiſchen Lager waren von zweideutigem Rufe geweſen. „Man würde mich nie im Lager finden, wenn die Preußen aus demſelben vertrieben, das Weite ſuchen müßten,“ antwortete ſie ohne die geringſte Bewegung in ihren Mienen;„aber der Paß, den ich mir von Gott habe ausſtellen laſſen, würde mich in jedes Schlachtfeld führen, wenn die Tayferreit Brettow's eine Gefahr für ſein Leben herauf beſchworen hätte.“ Der Baron ſah ſie frappirt an. Das war wieder eine jener abſpringenden Redensarten, die nach ſeinen frühern Erfahrungen jedenfalls einen tiefern Sinn ver⸗ bargen. Leider verfiel er nicht auf die richtige Aus⸗ legung, ſondern verblieb in ſeinem leichtfertig ſpöttiſchen Tone, der, unpaſſend dem geheiligten Bündniſſe Gertrud's, ſie hätte verletzen müſſen, wenn ihr wohlberechneter Muthwille ſich nicht mit ſeiner ſchmählichen Niederlage getröſtet hätte. Nachdem ſich ihr Geſpräch von den ſen⸗ timentalen Bewillkommnungsphraſen einmal abgewendet hatte, näherten ſie ſich unbemerkt in ihrem Converſations⸗ tone jener Sucht, die damals florirte, ſich in Raillerien 185 zu vertiefen, welche auf gegenſeitiges faire d'esprit gründeten. argliſtiger Leichtſinn für Pläne auf ihre Eigenthüm⸗ lichkeiten gebaut. Sie ſtieß jedoch ohne Beſchwerde mit reizender Schelmerei ſeine Meinungen um und er⸗ öffnete dann einen Kampf mit denſelben. Sie hatte die Macht in der Hand, dieſen Krieg zu ihren Gunſten zu beſchließen, deshalb ſpielte ſie mit gewagten Waffen ge⸗ gen ihn. Im Baron regte ihr überlegenes Lächeln ein Ge⸗ fühl an, das nahe an Haß ſtreifte. Seine theilweis er⸗ heuchelte Herzenswärme ſchlug nach und nach in Bitter⸗ keit um. Was er vor längerer Zeit gefühlt, das war längſt verlodert und zu todter Aſche geworden. Wäre ſie ſeinen Beſtrebungen, dieſen abgeſtorbenen Regungen Ge⸗ wicht beizulegen, entgegen gekommen, ſo würde dieſe Wiederſehensſcene vielleicht anders geendet haben, ſo aber näherte ſich von Minute zu Minute der verhängnißvolle Augenblick raſcher, wo demüthigende Erklärungen auf ewig trennend zwiſchen dieſe beiden Mächte treten muß⸗ ten. Gertrud ſah das voraus. Der Baron aber bewegte ſich blind am Rande einer Unannehmlichkeit, die er ſpä⸗ 1860. XV. Gertrud. IV. 12 terhin gern mit bedeutenden Opfern ungeſchehen gemacht hätte. „Durch welche Mittel haben Sie den würdigen Domherrn für Ihre romantiſche Irrfahrten gewonnen?“ fragte der Baron, von Gertrud's Ruhe auf's höchſte ge⸗ reizt, mit malitiöſem Lächeln endlich. „Das hat ihre Tante Wallbott beſorgt!“ ent⸗ gegnete Gertrud laut auflachend. Eine größere Verwunderung hatte ſich gewiß noch niemals auf des Barons Geſicht ausgeprägt, als nach dieſer Erklärung, die er für eine heilloſe Verläumdung zu halten ſehr bereit war. Seine Tante? Die tugendreichſte Hofdame der da⸗ maligen Zeit? Lächerlich. Dieſe Gedanken ungefähr drück⸗ ten ſich auf's bereitwilligſte in ſeinen Mienen aus. Gertrud hätte blind ſein müſſen, um das nicht zu ſehen. Sie ſtellte ihr heiteres Gelächter keineswegs ein, ſondern bekräftigte ihre Ausſage noch. „Ja! Ja! Ihre Tante Wallbott, das Muſter für Ehrbarkeit und Tugend, hat es vor Gott und aller Welt zu verantworten, wenn ich meinen guten Namen ſo ſchmählich auf's Spiel ſetze!“ Der Baron maß ſie auf hochfahrende Weiſe.„Sie haben es von jeher geliebt, mein gnädiges Fräulein, mich mit gewiſſen Espieglerien an's Narrenſeil zu ſpannen, allein in Folge dieſer Beſchuldigung muß ich mir denn endlich eine ausreichende Erklärung ausbitten.“ „Wenn Sie dies fordern, bin ich bereit!“ entgeg⸗ nete die junge Dame fröhlich, und faßte mit ihren zar⸗ ten Fingerſpitzen ein Blatt Papier im Käſtchen, das ſie dann mit ſchelmiſcher Grazie, ohne ein Wort weiter hin⸗ zuzufügen, dem Baron entfaltet vor die Augen hielt. Es war ihr Trauſchein. Als Zeugin ihrer Trauung ſtand höchſt leſerlich obenan der Name der Frau von Wall⸗ bott. Die Beſchämung machte den Baron ſprachlos. Verheirathet? Verheirathet? Verheirathet? Alſo pflicht⸗ gemäß und nicht abenteuerluſtig die Geſellſchaft des Ritt⸗ meiſter Brettow ſuchend? „Warum dieſe Heirath, die Ihnen viel Gefahr und viel unnöthige Sorge bereiten kann?“ ſprach er dann mit der Haſt, die oft Zeugniß einer gewaltſamen Faſ⸗ ſung gibt. „Danach müſſen Sie Ihre Tante Wallbott fra⸗ gen!“ referirte Gertrud mit derſelben Laune, wie vorhin. Er warf den Trauſchein ärgerlich auf den Tiſch. 12* „Eine heimliche Ehe— romantiſcher Unſinn! Und der ſollte von meiner platoniſch exaltirten Tante ausgehen?“ „Des Menſchen Sinn iſt wandelbar!“ ſprach die junge Frau ſehr pathetiſch.„Fragen Sie nach, ob ich nicht die Wahrheit geredet habe.“ „Und was ſoll aus dieſer lächerlichen Geſchichte werden?“ „Eine ernſthafte Novelle!“ war die Antwort. „Seit geſtern weiß der König, daß ich des Rittmeiſters Frau bin.“ Der Baron horchte hoch auf. „Und heute wird es mein Herr Vormund erfahren!“ „Damit haben Sie jedoch wenig gewonnen, gnä⸗ digſte Frau,“ unterbrach der Baron ſie mit ſpöttiſcher Verneigung.„So viel ich weiß, ſind Ihnen die Salons der ſächſiſchen Ariſtokratie mit dieſem letzten Uebermuths⸗ ſtreich verſchloſſen!“ „Wirklich?“ fragte Gertrud, und ein Lächeln voller Uebermuth blitzte deſſen ungeachtet über ihr Geſicht. „Glauben Sie nicht, daß ich ſcherze!“ warnte der Baron. „Es fällt mir gar nicht ein, dies zu glauben,“ rief die junge Dame. „Und Sie lachen darüber?“ „Mit Zuverſicht, mein Herr Baron!“ fiel ſie ihm in die Rede und neigte ſich m nit dem Anſtande einer Kö⸗ nigin, die einen Vaſallen zu entlaſſen im B Sehntes Capitel. Der Domherr kehrte in den nächſten Tagen zurück mit allen gewünſchten Vollmachten verſehen. Er hatte es verſtanden, den Generalfeldmarſchall von Spärkan zu verſöhnen und ihn zu bewegen, der Ehre Gertrud's das Opfer zu bringen, ihren Einzug in das Beſitzthum ihrer Väter mit ſeiner Gegenwart zu verherrlichen. Von den Teſtamentsbedingungen abſtrahirend, machte er nur die Forderung geltend, daß der preußiſche Rittmeiſter von Brettow künftighin den Namen ſeiner Gattin mit dem ſeinigen vereint tragen und ſich Brettow von Spärkan nennen müſſe. Nach einigem Widerſtreben gab Wolf die⸗ ſem Verlangen nach. Was den Feldmarſchall bewogen hatte, ſich den Bemühungen des Domherrn, der die Ge⸗ ſchichte ſo raſch wie möglich zu aplaniren wünſchte, nicht widerſpenſtig zu zeigen, lag klar zu Tage. Das Verhält⸗ niß des preußiſchen Herrſchers zu Sachſen geſtaltete ſich 191 mit jeder Woche mehr zu deſſen Gun ſten, und obgleich 4 dieſer Monarch von allen Seiten mit Krieg bedroht 6 ſchien, ſo bemächtigte ſich doch aller Gemüther die Furcht . 3 daß er überall als Sieger aus den Die Furcht, daß der König von P lich hinter die Contravention ſeines Küraſſierrittmeiſters kommen und ſeinen gerechten Zorn über ihn ausgießen könnte, verlor ſich ganz, als wichtige Depeſchen aus Schleſien denſelben veranlaßten, ſich unverzüglich dorthin zu begeben, um dem Verluſte ſeiner ſchleſiſchen Provinzen vorzubeugen, der bei den fehlerhaften Dispoſitionen des Herzog von Bevern zu fürchten war. Unter dem Schlachtgewühl verga Preußen eine kleine Epiſode i reußen gelegent⸗ ß der König von n ſeinem bewegten Leben, on unangenehmen Folgen für das junge, glückliche Ehepaar hätte werden können. 1 voll vom General von Seydlitz beur 4 192 Kouriere mit der Nachricht ihrer heimlich gehaltenen Ver⸗ heirathung in die Welt hinaus. Das Siegel des drücken⸗ den Geheimniſſes war gelöſt, und ſie jubelte es ihren Freunden zu, wie glücklich, wie begnadigt von Gott ſie ſei. Alle, die ſie liebten, ſollten kommen und ſehen! Und in kurzer Zeit hallte das Schloß, das ſo lange öde ge⸗ ſtanden, von Luſt und Heiterkeit wieder. Sie kamen wirk⸗ lich von Rittbergen, Brettowroda und der Probſtei eiligſt herbei, um zu ſchelten, zu lachen und ſchließlich die junge Hausfrau zu umarmen. Frau von Pröhl nahm von dieſer Zeit an mit ihrem Gemahle Wohnung bei Gertrud. Der Domherr aber kehrte in ſeine alte Probſtei zurück, wo er ferner mit noch größerem Eifer und vermehrten Mitteln ſeinen alchymi⸗ ſtiſchen Künſten oblag. Gertrud bewahrte ihm bis an ſein Lebensende ein dankerfülltes Herz und das war ſeinem Beutel ſehr zuträglich. Sein Klavier ging erb⸗ und eigen⸗ thümlich auf ſie über, als er das Zeitliche ſegnete. Es ſteht noch jetzt wohlverwahrt in einem kleinen Gemache des geräumigen Schloſſes, worin die Nachkommen Ger⸗ trud's hauſen, und die Bedeutung des altmodigen Muſik⸗ kaſtens lebt im Munde dieſer Nachkommen. Die Menſchen, welche wir durch die ſcharfen Strö⸗ mungen ihres Jugendlebens begleitet haben, waren und blieben glücklich. Die Familien mehrten ſich und ſie 1 194 unangenehm waren. Es gereichte auch dem heraufge⸗ ſtiegenen Staatsmanne keinesweges zum Vergnügen, wenn ſich dieſe Dame mit liebenswürdigem Humor in Erzählungen vertiefte, worin er eine Rolle ſpielte. Das letzte Zuſammentreffen mit ihr hatte ihn von aller Luſt kurirt, ſeine Eroberungskünſte bei ihr zu verſuchen, und als ſie eines Tages wagte, ihn um ſeine Fürſprache für den unglückſeligen Kabinetsſecretair Menzel zu bitten, da aus ſeiner Hand der Pfeil geflogen, der das Lebensglück dieſes Mannes auf Bahnen gelenkt, wo es ſcheitern mußte, da ſchwor er mit ſtillem Ingrimme ihre Nähe zu meiden, um nicht von ihren läſtigen Plaudereien incom⸗ modirt zu werden. Er vermählte ſich in ſpätern Jahren aus ehrgeizigen Beweggründen mit der alternden, geiſtreichen Tochter eines kleinen Fürſtenhauſes. Dieſe Ehe mag ſo ziemlich auf den Grundſätzen baſirt geweſen ſein, die er in der Zeit ſeiner idealen Weltanſchauungen gepflegt hatte. Er ſtarb kinderlos, vom Lande beklagt und betrauert, denn die Einwohner des Landes glaubten ihm Dank zu ſchulden. Gertrud's Erzählungen, die ſie mit unverminderter Luſt bis zu ihrem Greiſenalter wiederholte, legten ſich im Gedächtniſſe ihrer Angehörigen nieder und gingen traditionell von Mund zu Mund. Aus dieſen Quellen ſtammen die Rudimente des vorliegenden Romanes, dem bei dem ausreichend phantaſievollen Material wenig hin⸗ zugefügt werden brauchte. Gellert's Ausſpruch erhielt prophetiſche Bedeutung, denn Gertrud lebte: „Geliebt, wahrhafti dert von F von Gott!“ g erkannt und ſtets bewun⸗ reunden, bis zum ſpäteſten Alter, geſegnet Ende des vierten und letzten Bandes. — 2—, ff 4 13 16 17 mmſtn. ſſſſnffſſiſiſiſ 7 8 9 10 11 12 13 1 1 4 8 8 5 1 8 N 7— X 1