Leihbibliothek Schloßgaſſe Seih- und 1. Offensein der Bibliothen ¹ 2. Lesepreis. Bei Rückgab — den angenommen. hinterlegen, welche bei deſſen wird. 4. Abonnement. Daſſelbe beträgt: pfe angnahme und Rückgabe der Bücher jede 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, ¹ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en Lit. A. Nr. 256. Jeſebedingungen. k. Die Bibli e eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ muß othek ſteht n Tag von Morgens „ ſ. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 bei Entgegennahme tſprchende Zurückgabe von mir zurückerſtattet voraus bezahlt werden und zur Em⸗ Summe Eduard Ottmann in Gießen, b d für wöchentlich auf 4 Monat: 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. her(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit- Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf nufmerkſam gemacht, daß das Weiterv erleihen l. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir getbehen auch dafür zu ſtehen haben 1 Mr. gf 1 Mk. 50 Ff. 2 Nr.— Pf. d „ 2 5. dauswärtlge Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zuri ückſen b 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Büch 1 Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Vierzehnter Band. 1 Gertrud. III. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) — Ernſt Fritze. Dritter Band. Prag, 1860. * Kober& Markgraf. 1(Früher: J. L. Kober.) 8— ——õ—ÿõ — — — = — — .2 ₰½ —₰ S 92 1 1 =— — & 8 g Erſtes Capitel Bweites Capitel. Drittes Capitel Viertes Capitel Fünftes Cnpitel. Sechstes Capitel. Siebentes Capitel Achtes Capitel — ₰ — — ‿ O Dritter Theil. Erstes Cagitel. Am nächſten Tage herrſchte ſehr ſchlechte Laune im Spärkan'ſchen Hotel. Excellenz zur Tafel beim Könige zu laſſen, und verfügte ſich bis dahin, daß dieſer erſchien, in ſein gewöhnliches Geſchäfts⸗ b Gertrud, in ihrer oft erwähnten Furcht vor ver⸗ drießlichen Männern, ging ihm ſtets conſequent aus dem ege, wenn ſie Gewitter im Anzuge ſah. Da ſie aber heute nicht Luſt hatte, ihre Fenſterobſervationen, die ſie noch immer in der Hoffnung fortſetzte, den Junker auf huldigenden Fenſterparaden zu ertappen, deshalb ein⸗ zuſtellen, ſo zog ſie mit ſchnellem Entſchluſſe die ſchweren 1 1860. XIV. Gertrud. III. 4 10 ſeidenen Vorhänge vor, und ſaß nun vollſtändig verborgen, als unſichtbare Theilnehmerin der nächſten Scenen da. Das Geſchäftszimmer des Feldmarſchalls befand ſich unmittelbar neben dem großen Empfangsſalon, und theilung des geheimen Kabinetsſecretair Menzel wurde. Auch diesmal war ſie ganz unabſichtlich Zuhörerin einer ſehr heftigen Unterredung zwiſchen dem Feldmarſchall und ſeinem Adjutanten. fel— Dieſer verdammte—— Der Teufel ſelbſt kann Endlich ſtand der alte Herr ſtill und holte Athem. „ Wiſſen Sie, daß der König von Preußen Nach⸗ richt von unſern Plänen haben muß?“ fragte er kurz 41 „Nein, Excellenz,“ war die Antwort, obwohl es der Oberſtwachtmeiſter eigentlich wußte. „Wiſſen Sie, daß der König von Preußen jählings aufgebrochen iſt, um mit dem General von Ziethen, den er ſeither ungnädig behandelt hat, eine freundſchaftliche Conferenz— reſpective ſolenne Verſöhnung zu halten?“ „Nein, Excellenz,“ war die Antwort, und diesmal mit ſichtlicher Ueberraſchung und wahrheitsgemäß ge⸗ gegeben. „Wiſſen Sie, daß dies das allerſicherſte Zeichen iſt, daß der König von Preußen nicht ſo lange warten wird, bis wir ihn angreifen?“ „Ja, Excellenz, das weiß ich!“ bekräftigte der Adjutant. „Wiſſen Sie, daß das Geſchichten ſind, um aus der Haut zu fahren?“ „Nein, darum noch nicht!“ antwortete der Offizier kaltblütig.„Wenn wir fixer ſind als er, ſo ſpielen wir ihm das Prävenire!“ „Dummheit, womit denn?“ fuhr der Feldmarſchall wüthend auf.„Mit dem Haufen Lauſitzer Schlafmützen, die wir in Reſerve haben? Himmel und Hölle!“ Der Adjutant hob ſeine Hand mechaniſch, um ſich vielſagend hinter die Ohren zu kratzen, aber er unterließ es aus Reſpect und ſtand ſäulenartig ſtill. 1* 12 „Was will der König mit Ziethen?“ ſchrie Excel⸗ lenz weiter.„Nichts weiter als den Mann, den er im Frieden chicanirt hat, jetzt wieder ſchlagfertig machen. Tod und Teufel! Ein verdammtes Zeichen von guten Willen gegen uns, die wir noch Zeit zu haben glaubten.“ „Excellenz geruhen zu erlauben,“ fiel der Adjutant mit tiefſter Devotion ein,„es ſind vielleicht nur Präli⸗ minarien.“ 3 „Was?“ fuhr der alte Herr auf.„ Freilich Präli⸗ minarien, die Hand in Hand mit dem Beſchluße gehen! Denken Sie, daß ein König Friedrich nach ungnädiger „Freilich,“ erwiderte der Offizier bewegt. „Aber der Teufel ſoll dieſe verdammten Preußen holen, die jetzt ihren Kopf recken und ſtrecken, wie die der Majeſtät wegen ſeiner Schönheit aufgefallen iſt. en machen wir ohne Prozeß einen Kopf kürzer, und 13 wenn er ſich unter ſeines Geſandten Schlafrockszipfel*) ſtecken ſollte. Vigiliren Sie— innerhalb einer Stunde muß er hier vor mir ſtehen; bereiten Sie Alles vor, da⸗ mit die Execution ſofort vor ſich gehen kann, wenn ich den kleinſten Verdacht beſtätigt finde. Iſt der Kerl ge⸗ weſener Soldat, wird er todtgeſchoſſen, iſt er das nicht, aufgeknüpft wie ein Hund!“ „Excellenz, es iſt ein Edelmann aus Preußens be⸗ ſten Familien!“ wendete der Offizier ein. „Pah, ein Spion iſt kein Edelmann mehr. Fort! Ich gebe Ihnen nicht mehr Zeit, als ſechzig Minuten. Der ſoll den Anfang machen— Tod und Teufel!“ Der Adjutant verließ das Zimmer, und Gertrud betrat es in demſelben Momente, denn ſie hatte beim erſten Erwähnen des Junkers ihren Platz verlaſſen und hatte ſich dicht an die Thür zum Nebenzimmer geſtellt. Sie trat furchtlos vor den Feldmarſchall, obwohl er ei⸗ 1 nigermaßen wüthend war, und ſagte laut und deutlich: „Excellenz, Sie werden den ſogenannten ſchönen Preußen weder todtſchießen, noch aufknüpfen laſſen, denn er befindet ſich weder als Spion, noch ſonſt aus politi⸗ ſchen Rückſichten hier in Dresden!“ *) Selbſt Verbrecher entgingen augenblicklich der Verfol⸗ gung, wenn ſie in fremdem Lande das Haus ihres heimathlichen Geſandten erreichen konnten. 14 Der Marſchall drehte ſich um und ſah die dreiſte ſeine Hände gegen ſie aus, nahm ſie etwas unſanft in eine gewiſſe Umfaſſung und ſchob ſie ſo zur Thür hinaus. Aber Gertrud merkte frühzeitig ſein Vorhaben und ſtemmte ſich mit jugendlicher Kraft gegen dies Verfah⸗ ren. Sie rang ſich zeitig genug los, ehe ihr Vormund die Thür ſchließen konnte, ſprang bis mitten in's Zim⸗ Sie meinen Worten nicht folgen, ſo gehe ich zum Mini⸗ ſter, ſo gehe ich zum Könige— ich fürchte mich nicht vor „Himmel und Hölle! In Dir gährt auch wohl Preußenblut!“ ſchrie der alte Herr, ſchien aber doch ſeine Freude an ihrer Courage zu haben. „Der ſchönſte Preuße iſt ein Herr von Brettow,“ fuhr das Fräulein unverändert laut und kräftig redend fort,„er befindet ſich lediglich meinetwegen hier. Wir kennen uns, wir lieben uns— aber wir ſind vernünfti⸗ Er iſt meinetwegen in Dresden— um mich zu ſehen, durchſchleicht er die Straßen.“ „Narrenspoſſen! Ein Edelmann ſucht ſeine Dame auf und begrüßt ſie ſtandesgemäß!“ rief der alte Herr erbittert.„Wo hat er Dich geſprochen?“ „Er hat mich gar nicht geſprochen! Er iſt zu ſtolz, um mich bei einem Verwandten aufzuſuchen, der notoriſch ein Preußenfeind iſt!“ antwortete das Fräulein keck. „Wenn er das weiß, hat er in Dresden nichts zu ſuchen!“ wetterte der Feldmarſchall. „Das geht keinen Menſchen etwas an, daß er hier in Dresden ſich aufhält,“ rief Gertrud.„Es ſind Tau⸗ ſende von Preußen in Dresden, aber man weiß es nicht, weil ſie ausſehen, wie gewöhnliche Menſchen. Was kann der Junker Wolf von Brettow dafür, daß er ſchön iſt, wie ein Götterſohn, daß Aller Blicke auf ihm haften, daß er auffällt, und wenn er in ſeinem miſerablen Reiter⸗ mantel gehüllt einhergeht. Ich verlange, Onkel Excel⸗ lenz, daß Sie meinen Freund ſchützen vor jeder Unbill, daß Sie jeden Gedanken einer Verfolgung von vorn⸗ herein aufgeben!“ „Das werde ich wohl bleiben laſſen!“ antwortete Excellenz mit einiger Lungenanſtrengung. „Excellenz, ich laſſe meinem Freunde kein Haar krümmen!“ drohete Gertrud. 1 Der Feldmarſchall lachte erbittert und antwortete nicht. 17 Arme von hinten ſchmeichelnd um den Hals des alten, nachdenklich daſitzenden Herrn und flüſterte in ſein Ohr: „Er iſt ja das Geſpenſt, liebe Excellenz, das mich aus den Garnen der Eitelkeit befreit hat. O, bitte— bitte!“ Sie war langſam herumgetreten und warf ſich nun flehend vor ihren Vormund hin. „Die verfluchten Preußen!“ murrte dieſer.„Bei wem iſt er denn in Wilsberg?“ „Beim Onkel Pröhl, wo denn ſonſt?“ fragte Ger⸗ trud fröhlich und hoffnungsvoller als vorhin.„Marga⸗ reth von Rittberg iſt ja eigentlich ſeines Vetters, des Grafen Levin Braut.“ „Ob das derſelbe Graf Levin von Brettow iſt, der bei Keſſelsdorf unſere Verwundeten beſchützt, verpflegt und verbunden hat?“ fragte der Marſchall aufmerkſam. „Gewiß derſelbe. Er iſt nicht ſo ſchön, wie Wolf Brettow, aber eine impoſante Figur, ſtolz wie ein Adler und heftig wie ein— Feldmarſchall des Königs von Po⸗ len,“ lachte ſie, ſchelmiſch die Runzeln des alten Herrn mit der Fingerſpitze betippend. „Er war Cornet im Huſarenregimente des Ziethen,“ murmelte dieſer während deſſen ſehr bedenklich. „Ja wohl, denn Ziethen iſt Junker Wolf's leibli⸗ cher Onkel,“ referirte das Fräulein ganz wohlgemuth ihren Hoffnungen vertrauend, daß nun ihr Freund nichts 18 mehr zu fürchten haben werde.„Wenn der Oberſtwacht⸗ meiſter den armen Junker nur nicht verhaftet,“ fügte ſie aber doch plötzlich beklommen hinzu. „Das wird er, das muß er!“ antwortete der Mar⸗ ſchall wieder ärgerlich. „Und dann, wenn er ihn angeſchleppt bringt?“ fragte Gertrud ebenfalls aufſtützig. aus Politik und bekümmert ſich nicht um Krieg oder Frieden!“ „Und iſt doch ein Neffe Ziethen's?“ ſpottete der alte Herr nachdrücklich mit der Hand auf den Tiſch ſchla⸗ gend. Jetzt erſchrak das junge Mädchen. Sie hatte in ihrer ſorgloſen Hoffnung die Sache vielleicht eher ver⸗ ſchlimmert als verbeſſert. Die Geſchwätzigkeit der Freude bei der glücklichen Wendung der Sache hatte ſie zu thörichten Eröffnungen ren ſein möchte. Allein ihr Vormund ließ ihr keine Zeit zu neuen Schwätzereien. Er verwies ſie eben nicht höflich aus ſeinem Geſchäftszimmer und —— —— 49 Bangen Herzens lauſchte nun das Fräulein auf die Rückkehr des Oberſtwachtmeiſters. Vier Stunden waren nöthig bei ſcharfem Ritte, um hin und zurück nach Wils⸗ berg zu kommen— vier Stunden! Sie dehnten ſich zu Ewigkeiten aus. Der Abend kam heran und die Nacht ſenkte die Flügel— Gertrud hatte ſich furchtbar aufgeregt in ihr Zimmer zurückgezogen. Bald hob ſie hoffnungs⸗ voll ihre Gedanken an dem Vertrauen empor, daß der Oberſt von Pröhl gewiß ſein ganzes Anſehen einſetzen würde, um den Junker vor einer ſchimpflichen Verhaf⸗ tung zu bewahren; bald ſank ihre Zuverſicht darauf machtlos zuſammen, denn ſie hatte eine Ahnung davon, daß man in dieſem Falle höchſt rigoroſe zu Werke ge⸗ hen und ſich an Bürgſchaften des Oberſten nicht kehren werde. Endlich regte ſich etwas auf der ſchon ſtill gewor⸗ denen Straße. Sie eilte an's Fenſter. In der Ferne galoppirten Pferde— ſie kamen näher. Flugs verfügte ſich das Fräulein in ihre Fenſterniſche, wo ſie beſſer hö⸗ ren konnte als irgendwo. Der Oberſtwachtmeiſter tappte mit ſeinen ſchweren Reiterſtiefeln langſam die Treppe herauf, einen zweiten Schritt hörte aber Gertrud nicht. Sollte man den Jun⸗ ker unten gelaſſen haben— ſie warf ängſtlich prüfend den Blick hinab, konnte aber nichts deutlich unterſcheiden. Deſto deutlicher drang aber zu ihrem grenzenloſen Ent⸗ 20 zücken der ärgerliche Ton ihres Vormunds Stimme zu ihr. Er ſchrie:. „Nicht dort in Wilsberg? Haben Sie die Probſtei durchſucht? Iſt ein altes Neſt voller Verſtecke und Winkel!“ „Ich habe Alles durchſucht, muß aber bekennen, daß die erſtaunten Mienen der Damen vom Hauſe und das bewunderungswürdige Fluchen des Oberſten ſchon hinlängliche Garantie gab, den Herrn von Brettow nicht zu finden. Dieſer Herr iſt ſeit länger als acht Tagen abgereiſt, nach ſeinen Erklärungen zu ſchließen aber zu Hauſe geeilt, um ſeinem Freunde dem Freiherrn Rein⸗ ſein ſeiner Schweſter zu überbringen. Seitdem haben ſie ihn in der Probſtei weder geſehen noch gehört.“ „Der iſt uns entwiſcht!“ unterbrach der Marſchall weg über Dresden!— Muß ſeine Urſachen gehabt haben!“ —— 21 unſern Freundſchaftscontract, wir ſind geſchiedene Leute! Reiten Sie, wohin Sie wollen— ich liebe Sie wahr⸗ haftig nicht mehr, nicht im geringſten! Reiten Sie nur— reiten Sie nur— Fräulein Gertrud von Spärkan iſt nun todt für Sie— mauſetodt! Und wenn Sie nicht ſonſt ein ſo prächtiger Menſch wären, ſo würde ich Sie, gelinde geſagt,„haſſen und verachten“!“ Sie legte ſich bei dieſen Worten in ihr Bett, zog aus Geſpenſterfurcht die Decke über die Ohren und ſchloß ihr Selbſtgeſpräch mit dem Seufzer:„Wenn ich ihn doch wenigſtens nur ein einziges Mal geſehen hätte! Alle Welt hat ihn geſehen, den ſchönen Preußen— nur ich nicht! Trauriger Zufall!“ Sweites Capitel. In der Probſtei zu Wilsberg hatte die Hausſuchung nach dem Junker Wolf die größte Senſation erregt und den Domherrn, welcher mit der Inbrunſt eines Rari⸗ tätenkrämers an den ſchönen Mann zurückdachte, ver⸗ anlaßt, ſogleich am nächſten Morgen nach Dresden auf⸗ zubrechen, um Erkundigungen über das Sachverhältniß einzuziehen. Er verband zwei Zwecke mit dieſer Reiſe. Sein Feuerwerk war fertig und der Baron Biska wollte die Taufe ſeines Stammerben nicht länger verſchieben. Dazu aber war der getroffenen Verabredung gemäß, Fräulein Gertrud's Zurückkunft von Dresden nöthig, und der Domherr hielt es für ſeine Pflicht, ſie herbeizuholen. Das Wetter begünſtigte ſeine Reiſe außerordentlich. Eine klare, ſonnenhelle Winterluft, die ſchon einen Hauch von Frühlingsweſen in ſich trug, hatte die Wege ge⸗ 23 trocknet und die Communication wieder erleichtert, die in den letzten Wochen durch Schneegeſtöber unangenehm erſchwert worden war. Die alte Chaiſe des Domherrn bewegte ſich in ſtandesgemäßer Langſamkeit auf dem ziemlich guten Fahrgeleiſe fort, und er hielt mit unzer⸗ brochenen Rädern glücklich ſeinen Einzug in Dresden gerade zur rechten Zeit, um noch mit dem Feldmarſchall zu Tiſche gehen zu können. Gertrud empfing ihn mit überwallender Freude. Sie wurde gar nicht müde nach Margareth zu fragen, machte aber plötzlich ein ſehr ernſthaftes, ja einigermaßen verdrießliches Geſicht, als der Domherr voller Unſchuld und in größter Extaſe von ſeinen Plänen erzählte,„die beiden ſchönen Menſchen verheirathen zu wollen“. „Wen? Beſter Onkel, Du träumſt wohl!“ rief das Fräulein verrätheriſch haſtig.„Was haſt Du für Ein⸗ fälle! Margareth und den Junker Wolf?“ „Iſt denn der Junker wirklich ſo verzweifelt hübſch?“ fragte Excellenz gnädiger gegen ihn geſtimmt, ſeitdem ihm der Domherr bewieſen hatte, daß der Junker gar nicht in Dresden geweſen ſein könne, daß alſo die Nachſuchung in der Probſtei eine himmelſchreiende und tyranniſche Ueber⸗ eilung von Sr. Excellenz geweſen ſei. „Das ſchönſte männliche Individuum, werther Herr Vetter, das ich je geſehen habe,“ antwortete der Domherr enthuſiaſtiſch. 24 „Aber hier geweſen iſt er denn doch,“ behauptete der Marſchall.„Man ſagte mir, daß ſich ein Mann, der ſchöne Preuße genannt, überall zeige und von aller Welt angeſtaunt werde.“ Der Domherr ſtutzte und ſah Gertrud an. Dieſe r konnte ihren Verdruß über den Heirathsplan des Oheims nicht verwinden. Sie hätte mit einem Worte die Unge⸗ wißheit löſen können, allein ſie unterließ es und ſtellte es dem Erinnerungsvermögen Sr. Excellenz anheim, ſich ihrer Erklärungen darüber zu entſinnen. Ihre Eiferſucht loderte jähe empor bei dem Plane des Domherrn. Es war ihr, als hätte ſie ſich ſchon einmal in ihrem Leben bei einem ähnlichen Gedanken ertappt, als hätte ſchon einmal die Möglichkeit eines ſol⸗ chen Bündniſſes ihre Bruſt mit leiſem Unbehagen erfüllt. Richtig— ſie dachte daran, wie ſie mit Elvire das ſchöne Paar in der Halle belauſcht hatte. Damals und jetzt! Lag denn ein Unterſchied darin? Ja, antwortete eine eigenſinnige Stimme in ihrem Innern. Damals gehörte er mir noch nicht, jetzt iſt ſein Leben mein Eigenthum, und Margareth würde einen Verrath an meiner Freundſchaft begehen, wollte ſie den Junker für ſich gewinnen.“ Während ſie ſich unhaltbaren Träumen auf Rechte hingab, die ſie gar nicht hatte, beredeten die beiden alten Herren neben ihr politiſche Gegenſtände, und der Dom⸗ 25 herr hörte zu ſeinem Erſtaunen, daß wieder Krieg in Ausſicht ſtände. Bei ſeiner Iſolirung war ihm noch nichts von der⸗ gleichen Nachrichten zu Ohren gekommen, aber es be⸗ durfte nur dieſer leiſen Anregung, um dem klugen Gelehr⸗ ten eine Folgenreihe von wohlüberlegten Plänen vor Augen zu bringen. Das Benehmen des Baron Biska hatte ihn in letzter Zeit mehrmals ſonderbar überraſcht, und ſeine Eilfertigkeit, womit er die Anſtalten zur Taufe betrieb, war von eigenthümlicher Bedeutung geweſen. Der Baron Biska ſtellte es niemals in Abrede, daß er nicht zum Landjunker, ſondern zum Soldaten geboren ſei, allein er war früherhin doch ſo klug geweſen, ſeinen Vaterlands⸗ enthuſiasmus ein wenig zu verbergen und ſich gut ſäch⸗ ſiſch zu benehmen. Seit einigen Wochen hatte er aber den Schleier von ſeinen wahren Empfindungen gelüftet und dem alten Domherrn inmitten ihrer Feuerwerksthätigkeit eines Tages rund heraus erklärt, daß er wieder unter das preußiſche Banner treten werde, ſo wie es ſich kriegeriſch entfalten ſollte. Dabei waren ihm Aeußerungen entfallen, die den Tauftag ſeines Kindes als entſcheidend be⸗ zeichneten. Es drängte den alten Domherrn ſeinen Verdacht laut werden zu laſſen, und doch kam es ihm verrätheriſch vor, einen Feſttag ſeines Nachbarn dadurch zu ſtören, daß 1860. XIV. Gertrud. III. 2 26 er die Aufmerkſamteit der Behörden darauf lenkte. Er fühlte die erſten Conflicte einer nachbarlichen Union, die, von der Ausgleichung eines langjährigen Friedens her⸗ beigeführt, zwar nicht durch Verträge geſchloſſen, wohl aber durch gewiſſe Rechte der Menſchlichkeit geheiligt worden war. Bedächtig erwog er deshalb ſeine Worte, ehe er ſie von ſeinen Lippen ſchlüpfen ließ, und ſchwieg dann in der feſten Ueberzeugung recht zu handeln. Gertrud erleichterte ihm ſeinen Vorſatz, indem ſie ſich theilnehmend nach der Familie des Baron Biska erkundigte und ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gab, mit dem Domherrn zurückzukehren, um dem Tauffeſte bei⸗ zuwohnen. Der Feldmarſchall verſagte aber ganz entſchieden ſeine Erlaubniß zur Abreiſe ſeines Mündels, ohne ſich herabzulaſſen, die Gründe dafür anzugeben. Zuerſt wen⸗ dete das Fräulein alle Waffen der Beredſamkeit und Bitten an, um dieſe Weigerung umzuſtoßen, dann aber ſchien eine gewiſſe Zufriedenheit in ſie einzukehren und ſie zeigte ſich bereit den Befehlen Sr. Excellenz zu folgen. Am Morgen des nächſten Tages zog die alte Chaiſe auf demſelben Wege wieder heimwärts. Unverrichteter Sache kehrte der Domherr nach Wilsberg zurück, aber ein leichter Mißmuth ſchattete ſeine Mienen, wenn er an ſeine Vorbereitungen zu dem Tauffeſte eines Mannes 27 dachte, der plötzlich außerhalb der Grenze ſeiner vater⸗ ländiſchen Intereſſen ſtand. In Folge dieſer veränderten Stimmung beſchloß er ſich bei dem ganzen„Scandal“, wie er es jetzt zu be⸗ nennen beliebte, gar nicht zu betheiligen, ſondern dem Baron und ſeinen Dienern das Abbrennen des großen Feuerwerkes zu überlaſſen. Frau von Pröhl empfing ihren Schwager mit Be⸗ fremden. Ihr entging es nicht, daß etwas vorgefallen ſein mußie, was die ſonſt ſtereotip gute Laune des alten Mannes getrübt hatte, aber ſie unterließ grundſätzlich alle Fragen, um ihn nicht noch verdrießlicher zu machen. Margareth fand bald das rechte Mittel, ſeinen Gemüthszuſtand wieder in befriedigende Ruhe zurück⸗ zuführen. Sie bat ihn zu muſiciren, und bald beherbergte das einſame große und düſtere Erdſchoßgemach ein paar ſelig entzückte Menſchen, die ſich auf dem Strome der Harmonien in Gefilde hinübertragen ließen, wo weder Nationalhaß, noch Liebeskummer herrſcht. Als der Abend hereinbrach, hatte der Domherr ſeine Grillen vergeſſen, aber ſeinen Beſchluß, ſich zurückgezogen zu halten, wollte er durchführen. Der Tag der großartigen Taufe des Biska'ſchen Stammhalters brach an. 2* 28 Laue Frühlingslüfte weckten die Hoffnungen auf neues Leben und neue Blüthen in der Natur. Auch das Menſchenherz athmet an ſolchen Tagen der Frühlings⸗ ahnung wieder auf und blickt fromm vertrauend zum Himmelsſchöpfer empor, der die Wolken mit Sonnen⸗ ſtrahlen verjagen kann. Margareth war vom Baron Biska gebeten, als Stellvertreterin Gertrud's beim Tauffeſte zu erſcheinen, und ſie ſchmückte ſich mit aller der Pracht, die damals zu einem Gevatterſtande nothwendig war. Aber ſchöner, als die glänzenden Gewänder, kleidete der jungen ſtolzen Dame das Lächeln der Güte, welches auf ihrer Stirne thronte, und die holde Demuth, womit ſie den Sieg überſah, den ihre Schönheit errang. Margareth war ſich des Eindruckes ganz bewußt, den ſie in der Geſellſchaft zu machen pflegte. Sie fühlte ſich glücklich in den Vorzügen, die ihr von der Natur verliehen worden waren, und zeigte ſich durchaus nicht geneigt dieſelben gering zu ſchätzen. Aber die Bildung ihres Geiſtes bewahrte ſie vor jeder lächerlichen Selbſt⸗ überhebung und ſetzte ſie in den Stand, genau die Gren⸗ zen einer liebenswürdigen Beſcheidenheit zu beobachten. Ihr Weſen war weit entfernt von jener Coquetterie, wodurch ſich Gertrud intereſſant und geltend zu machen wußte. Sie trat nie hervor, weil ſie des günſtigen Erfol⸗ 29 ges ſicher war, ſo wie man ſie bemerkte, und das wartete ſie ſtets geduldig ab. Als ſie in Begleitung des Oberſten und ſeiner Gemahlin die Salons des Baron Biska betrat, brachte ihre Erſcheinung eine Art Aufruhr hervor, der ſich aber bald von der Höhe einer gewiſſen Ehrfurcht zu den liebe⸗ vollſten Beweiſen erwachender Neigung herabließ. Man umringte förmlich die ſchöne fremde Dame und hatte nicht übel Luſt ihr die ausſchweifendſten Huldigungen zu Theil werden zu laſſen. Es war eine große und glänzende Verſammlung, die der Baron an dieſem Tage um ſich geſchaart hatte. Alles, was zum hohen Adel im meilenweiten Umkreiſe gehörte, fand ſich in den reichgeſchmückten Sälen vor. Auch Waffenbrüder aus jenem Kriege, den der Friede in Dresden geſchloſſen hatte, waren aus der Ferne herbei⸗ geeilt, und der Domherr, der wirklich conſequent zu Hauſe geblieben war, hätte vielleicht manchen Gedanken richtig befunden, den er ſeit ſeiner Reiſe in ſich gehegt. Es war eine große und glänzende Verſammlung, die ſich endlich nach einigem peinlichen Zögern um den Taufſtein zu gruppiren begann, der die Mitte des Famillienſaales ein⸗ nahm. Der Hausherr hatte gezögert. Er hatte erklärt, noch einen Mann erwarten zu können, der weither kom⸗ men wolle, um ſeinen Erſtgebornen aus der Taufe zu 30 heben. Natürlich war er mit Fragen beſtürmt, wen er erwartete? Aber er gab nur ausweichende Antworten und rieb ſich in innerlichem Frohlocken ſtets die Hände, wenn er behauptete, daß er gewiß ſei, dieſen Mann ankommen zu ſehen. . Frau von Pröhl zeigte eine beſondere Neugier bei der Erwartung, und ſie flüſterte Margareth bedeutſam zu, daß wohl nicht bloß Taufe im Hauſe des Baron Biska gefeiert werden ſolle. Ihrem ſcharfen Frauenblicke entgingen die merk⸗ würdigen Zufälligkeiten nicht, die hier eine Menge alter Huſarenoffiziere zuſammenführte, während das ehemalig ſächſiſche Militär kaum einen oder den andern Repräſen⸗ tanten aufwies. Es ſchien freilich nur Zufall zu ſein, aber Frau von Pröhl öffnete ihre Augen mit der Begierde mehr zu ſehen, als Andere. Wie geſagt, es war eine große und glänzende Ver⸗ ſammlung, die jetzt ſteif und ehrbar, unter zahlloſen Knixen und tiefen Komplimenten Anſtalt traf, einen weiten Kreis um den improviſirten Taufſtein zu ziehen und die Pathen nebſt dem Täufling und dem Paſtor zu umſchlie⸗ ßen, als plötzlich ein Poſtillonſignal ertönte und gleich darauf eine Poſtkaleſche anfuhr, der zwei in Galauniform gekleidete Offiziere entſtiegen. — „Er kommt!“ rief der Hausherr jubelnd.„Ich wußte es, daß man ſich auf den General von Ziethen verlaſſen kann!“ Ein Murmeln durchlief die Geſellſchaft. Man fand es nicht auffallend, daß dieſer preußiſche General hier erſchien, um einem Kriegskameraden den Sohn aus der Taufe zu heben. Vielleicht hätte der Feldmarſchall von Spärkan anders darüber geurtheilt und vielleicht hätte der Domherr ſeine vorgefaßten Meinungen beſtätigt ge⸗ funden. Der Sorgloſe nimmt gewöhnlich Alles zu leicht und der Mißtrauiſche Alles zu ſchwer. „Wer iſt des Generals Begleiter?“ fragte man ſich untereinander. „Wahrſcheinlich ſein Adjutant,“ hieß es. Bald darauf erſchien der General auf der Thürſchwelle und bat um Entſchuldigung, daß er habe warten laſſen. Aller Augen hingen an dem ritterlichen Herrn, der ſchon damals ein Liebling des Preußenvolkes war. Nur Margareth ſchenkte ihm keinen Blick, denn hinter demſel⸗ ben ſtand der Mann, deſſen Anblick allein im Stande war ihre Herzensfibern in Bewegung zu bringen. Zie⸗ then’'s Begleiter war der Graf Levin von Brettow. Es ahnte Niemand den Sturm, welcher in dieſem Momente durch die ſtille ſchöne Geſtalt brauſete, die ruhig an der hohen Lehne eines Seſſels die nöthige Stütze 3²2 ſuchte und fand; es ahnte Niemand etwas von den wil⸗ den Herzensſchlägen, womit Margareth ſtumm den be⸗ grüßte, welchen ihre Gedanken unaufhörlich umſchwebten. Sie hatte die Macht ſich ſelbſt zu beherrſchen, ſie hatte die Kraft vorzutreten, als ſich die Pathen näher aneinander ſchloſſen— ſie hatte aber weder die Macht noch die Kraft, ihr Augenpaar zu dem zu erheben, deſſen Nähe ſie ſo unendlich ſelig machte. Der Taufact begann. Und jetzt erſt ſah und erkannte Graf Levin die Dame, die er mit Gewalt zu vergeſſen trachtete. Während tauſend Freudenglöckchen in Margareth's Bruſt erklangen, flüſterte Graf Levin ergrimmt etwas von„Schickſals Tücke!“ Aber er hatte Muße ſeine Ge⸗ danken zu ordnen, und er that es redlich unter der Zeit, wo der Prediger ſeine erbauliche Taufrede hielt. Graf Levin wußte nichts von dem, was zwiſchen dem Momente ſeines Abſchieds von Margareth lag, als, „daß auf Schloß Rittbergen Hochzeit gefeiert worden war.“ Der Zufall hatte ihm dieſe Nachricht auf ſeiner ruheloſen Wanderung zugeführt. Wer aber Hochzeit ge⸗ macht hatte, das fragte er nicht, weil er annahm, daß es nur Margareth und der bewußte, erwähnte„Alexan⸗ der“ ſein könne. Er glaubte alſo dieſe Dame verheirathet, und er fand in ſich Muth genug, die wenigen Stunden einer 33 Geſelligkeit in ihrer Nähe verleben zu können, ohne ſie zu beachten. Sein trotziger Sinn unterſtützte dieſen Ent⸗ ſchluß. Er beſchwor zornig Erinnerungen herauf, um den Zauber zu bannen, der ſchon in ihrer Erſcheinung für ihn lag. Es durchblitzte ihn der dämoniſche Gedanke, ſie durch Verachtung zu demüthigen. Und dennoch hingen ſeine Augen wie gebannt an ihr und er ſah Niemanden als ſie. Wie fromm jungfräulich ſenkte ſie den Blick— wie lieblich röthete ſich momentan ihr Geſicht unter ir⸗ gend einem jähen Gedanken! Hatte ſie ihn ſchon ge⸗ ſehen? Er hätte es für's Leben gern gewußt! Dann fiel ſeine Erinnerung auf den Gatten Mar⸗ gareth's zurück. Er ſah ſich forſchend um. Welcher von den Männern mochte es ſein? Der mit dem bleichen, ver⸗ lebten Geſichte, welchem die Diplomatie aus den Augen⸗ winkeln leuchtete? O Bedauernswerthe! Nein— jener mit dem wild leidenſchaftlichen Geſichte vielleicht? Oder der hohe, ſtrenge, ſtolze Mann, der weiſe ſeine Stirn neigte? Er muſterte alle Cavaliere. Seine Spannung wuchs mit jeder Minute. Wer war der Glückliche, der Alexan⸗ der hieß und jetzt das Recht hatte, das Kleinod ſeines Lebens an's Herz zu preſſen. Welcher war es! welcher! 34 Ha! Da ſtand hinten in der Fenſterwölbung ein hoher, ſchlanker Herr mit geiſtreichen Zügen und gedan⸗ kenvollen ſanften Augen— der mußte es ſein! Eine glühende Eiferſucht, der er freilich einen andern Namen gab, feſſelte ſeine Blicke an dies intelligente Geſicht, und er ſtand Höllenqualen bei dem Gedanken aus, daß dieſer Mann ſein Bild allerdings aus Margareth's Her⸗ zen vertreiben und ihre Seele an ſich locken konnte. Wie denkend, wie ruhig und mild ſtand er da— ſtolz und edel! glücklich! O, wer wäre auch nicht glück⸗ lich geworden durch ihren Beſitz! Die Frage nach ſeinem Namen ſchwebte auf Graf Levin's Zunge, aber er hielt ſie tapfer zurück. Er wußte ja nicht einmal, wie der Mann hieß, den die Frau von Wallbott„Alexander“ nannte. Er kannte die Familien⸗ verhältniſſe Margareth's zu wenig und von dem„Ale⸗ xander“ hatte ſie ihm niemals erzählt. Wie hieß ſie jetzt? Er brannte vor Neugier das zu erfahren! Seine Ungeduld ſtieg. Warum ſollte er gen in! gebot er ſich ſelbſt und lehnte ſich kaltblütig eFenſterbrüſtung, wo er Poſto gefaßt hatte. njetzt anſah, der mußte ihn für gefühllos halten. Nargareth hob ſchüchtern die Wimper. Ein kur⸗ zer, ſeelenvoller Blick traf genau die Stelle, wo er ſtand. 3 —— 3⁵ Dann ſprach der Prediger„Amen“, und nun entſtand jenes regelloſe Wirren, wo man unter der Maske for⸗ meller Geſelligkeit ſeine liebſten Gedanken verſtecken kann Margareth zog ſich in den Hintergrund zurück. Ob ſie erwartete, daß Levin ſie aufſuchen würde? Sie er⸗ wartete nichts, als eine Gnade Gottes! Graf Levin ſtand an dem Platze ſtill, wo er bisher verweilt hatte. Ihn gelüſtete es nicht, ſich der Gefahr einer Begegnung auszuſetzen. Aber ihn verlangte zu er⸗ forſchen, ob der von ihm beobachtete Herr der Gemahl Margareth's ſei. Eine lange Zeit verſtrich. Levin blieb in ſeiner Un⸗ gewißheit. Es geſchah nichts, das ihn aufzuklären ver⸗ mochte. Die eigenſinnige Geduld, womit er wartete, war eine Selbſtquälerei. Endlich näherte ſich der Baron Biska ſeinem Platze, und mit ihm zugleich der General von Ziethen, der eilig von der entgegengeſetzten Seite des Saales herüberkam, um mit nüen Zeichen wahrhaften Intereſſts 33 jener Ei zu verſtecken ſuche. Lächelnd folgte der Baron ſeinem Blicke.„Darf ich mir erlauben, ſie vorzuſtell General?“ fragte er verbindlich.„Es iſt Fräu n Mar⸗ gareth von Rittberg!“ 36 Der General ſtreifte mit ſtark verwunderungsvol⸗ len Mienen das Geſicht ſeines Adjutanten, dem der Himmel bei dieſen Worten aufging, und wiederholte: „Fräulein Margareth von Rittberg, und— Sie ſtehen hier, wie ein Kavallerie⸗Unteroffizier? Graf, wie iſt mir denn? Hatten Sie ſich nicht verlobt oder wollten Sie ſich nicht mit einer Rittberg verloben? Ich dächte, mein Neffe Wolf hätte mir davon geſchrieben.“ „Es iſt nichts daraus geworden, wie Sie ſehen!“ entgegnete Graf Levin kalt. „Ah ſo. Fatale Sache, daß ihr euch dann hier trefft!“ murmelte der General. „Warum? Mich genirt es nicht! Reden wir nicht weiter davon, wenn es Ihnen beliebt,“ verſetzte Graf Levin lachend. Der General ſchüttelte den Kopf.„Ein ſchönes Mädchen! Wagen Sie doch eine Attaque!“ „Gott ſoll mich behüten!“ rief der Graf mit ſo en oerilln daß der General davon ab⸗ blieb wieder ſeinen Grübeleien überlaſſen. n der ſtrahlende Lichtglanz in ſeinem In⸗ nern, ſich wieder und immer wieder den Namen vorfläſterte, den ſie heute noch wie damals trug— Mar⸗ gareth von Rittberg! verließ. — 37 Warum klenkte ſich denn ſein Auge einen kurzen Moment hinauf zu jenen Höhen, wo ein allmächtiges Weſen herrſcht und unſer Schickſal lenkt. Frömmigkeit war ſonſt nicht ſeine Tugend und Gottvertrauen nicht die Kraft, worauf er ſich ſtützte; aber er verhehlte ſich auch den warmen Seelenblick, womit er dem Vater dort oben ſein Geſchick empfohlen hatte; er verhehlte ſich ſeine ganze unſelige Hilfsbedürftigkeit: er wollte nämlich dem Ungemache trotzen, das über ihn verhängt war. Von der Leidenſchaft zu wahnſinnigen Illuſionen verleitet, wollte er jetzt mit der Herrſchaft der Vernunft die Keime der Leidenſchaft in ſich tödten, und er glaubte ſich dabei eines Rechtes zu bedienen, wenn er eine trotzige Verachtung gegen beruhigende Erklärungen in ſich nährte. Bisweilen überfiel ihn der Gedanke an die Möglichkeit eines Irrthumes, der mit wenigen Worten zu beſeitigen ſein könne— bisweilen durchzuckte ihn der glühende Wunſch zu Margareth zu gehen und ſie Angeſichts der ganzen Verſammlung zu fragen: warum haſt Du mich ſo tief unglücklich gemacht? Dann aber blickte er wieder zurück in die nächſte Vergangenheit, die ſo unſäglich ſchwer auf ihm geruht hatte, daß ſeiner Jugend die Flügel geknickt waren, und ſprach heimlich zu ſich:„Was nützt uns das Klagelied— unſere Wege ſind und bleiben getrennt!“ 38 Das Diner verfloß unter der gewöhnlichen Lang⸗ weiligkeit großer Feſteſſen. Margareth hatte ſo fern von Levin geſeſſen, daß weder ein Wort noch ein Blick ſich treffen konnte. Frau von Pröhl blieb vollkommen im Dunkel über das ſonderbare Zuſammentreffen, und der Oberſt erfuhr erſt das wichtige Ereigniß bei der Tafel, wo er dem Grafen gegenüber ſaß und nach ihm fragte. In dieſer Verfaſſung ſtanden die Sachen, als nach aufgehobener Tafel das Feuerwerk begann, das eigens zu dieſem Feſte angefertigt war. Ein großer Theil der Geſellſchaft hatte im Leben noch kein Feuerwerk geſehen, deshalb war es natürlich, daß man hinaustrat auf die Terraſſe, die das Herren⸗ haus von einer Seite über die Fläche des Gartens et⸗ was erhob. Margareth beobachtete jetzt den Grafen ſcharf, denn ſie hatte während der Mittagsmahlzeit den feſten Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſich ihm zu nähern, um eine ernſte Aus⸗ einanderſetzung ihrer Verhältniſſe zu wagen. Sie verband damit keine Abſichten auf Verſöhnung. Nachdem ſie ſtundenlang mit ihm in einem Zimmer ſich befunden hatte, ohne daß das kleinſte Merkmal jener Er⸗ ſchütterung ſichtbar geworden wäre, welches damals im Waldſchloſſe bei ihrem unerwarteten Anblicke beſeligende — 39 Hoffnungen in ihr aufkeimen ließ, mußte ſie eine Verän⸗ derung ſeiner Geſinnung als gewiß annehmen. Ihr Wille ſtählte ſich bei dieſer Wahrnehmung. Hatte er ſeine Leidenſchaft für ſie bewältigt, ſo mußte er eine Haupt⸗ unterſtützung in der Verachtung gefunden haben, und ſie verdiente nicht verachtet zu werden. Es lagen Irr⸗ thümer vor. Dieſe aufzuklären wollte ſie verſuchen. Mit ſchnellem Entſchluße warf ſie ihre Pelz⸗ enveloppe um und folgte dem Grafen faſt auf dem Fuße, als er ſich ebenfalls, aber ganz mechaniſch nach der Ter⸗ raſſe verfügte. Befreit vom langen Zwange der Etiquette über⸗ ließen ſich die Gäſte hier draußen ihrer muntern Laune. Eine lebendige Gemüthlichkeit hatte die ſteifen Formen endlich beſeitigt, und man gab ſich ungehindert dem be⸗ lebenden Reize hin, den die Neuheit des dargebotenen Amüſements erweckte. Es bildeten ſich im Dämmerlichte des ſternenhellen Abends kleine Gruppen, die von dem Schauſpiele angelockt den Garten hinabwandelten nach der Gegend zu, wo die Feuerräder ſprühten und die Feuergarben mächtig emporſchoſſen. Gelächter und Ge⸗ ſchrei ertönte, wenn ein Experiment unerwartet ſtark knallte. Margareth von Rittberg ſtand allein im Ge⸗ wühle und ſtrengte ihr Auge an, um den aus der Menge 40 herauszufinden, dem ſie eine ſtrenge Mahnung an ſeine Gerechtigkeitsliebe zuzuflüſtern gedachte. Sie ſpähete lange vergebens nach ihm. Endlich entdeckte ſie ihn unter dem verklärenden Schimmer einer prachtvollen Leuchtkugel, die wie ein Stern über ſeinem Haupte prangte. Er ſtand im Eingange eines ſchmalen hochgewölbten Laubganges, deſſen ſteinerne Götterbilder geſpenſterhaft hervortraten, wenn die praſſelnden Feuerſtreifen gegen den Himmel emporſchoſſen. Im Hintergrunde die blätterloſe Wölbung in ihrer winterlichen Unbeweglichkeit, während der Vordergrund von dem Schwarme der ſteifgeputzten Damen und Herren belebt wurde, und rechts die ſtrahlend erleuchteten Fenſterreihen des ſtattlichen Herrenhauſes, während links dämoniſche Kräfte Triumphe zu feiern ſchienen. Es war ein wunderbarer Anblick, wohl geeignet den Blick zu feſſeln und den Schritt auf einen Moment zu hemmen. Dann aber gewann die junge Dame Muth, ſich dem einſamen Manne, der im myſteriöſen Glanze der ziſchen⸗ den Raketen ſichtbar wurde, verſtohlen zu nähern. Die Aufmerkſamkeit der Menge hatte ſie nicht zu fürchten, die Blicke waren geſpannt auf die Gegend geheftet, wo ſich immer neue und ſchöne Lichtgebilde entfalteten. Margareth überſchritt muthig den Weg, der ſie vom Grafen trennte— da krachte es fürchterlich von der — c 41 linken Seite her und unter donnerndem Gepolter, unter Ziſchen, Praſſeln, Knacken raſete ein Feuerſtrom über den Grasplatz gerade auf den Laubgang zu, wo Graf Levin unbeweglich, wie taub und blind gegen die feu⸗ rigen Ungethüme, die ſich gegen ihn heranrollten, an der Götterſtatue lehnte. Es war ein furchtbar ſchönes Bild einer heilloſen Verwirrung, das mit kühlem Blute betrachtet werden konnte, weil es ſich durch ſeine eigene Macht verzehrte; allein der Eindruck, den es machte, verſtärkte den Schrecken des Augenblickes und beraubte ſelbſt entſchloſſene Män⸗ ner momentan ihres natürlichen Muthes. Von einem Gefühle getrieben, von dem ſie ſich in ihrem ganzen übrigen Leben keine Rechenſchaft zu geben vermochte, wendete ſich Margareth plötzlich der rieſelnden, ſchleichenden und hüpfenden Feuermaſſe, die auf dem Grasboden daherſchoß, entgegen, und ſtellte ſich vor den Eingang des Laubganges, um ſie von dem abzuhalten, der ſorglos ihrer nicht achtete. Es lag der Heroismus der Liebe in dieſer unbewußten Handlung. Wenn man ſich auch ſagen mußte, daß eigentlich keine Gefahr für den Grafen aus dieſer Exploſion der Schwärmer und Fröſche erwachſen konnte, ſo hatte doch Margareth gewiß die feſte Ueberzeugung, daß eine Gefahr vorhanden war. Sie rettete ihm das Leben nicht, weil es niht gefährdet 1860. XIV. Gertrud. III. 42 war, allein ſie hatte es gedacht und gewollt, indem ſie mit ihrem zarten Körper dem gräulichen Spuke einen Widerſtand bot. Kaum aber ſtand ſie muthig dem Feuerſtrome ent⸗ gegen, ſo fühlte ſie ſich von einem paar Armen umſchlun⸗ gen, ſtark emporgehoben und fortgetragen. Wie von einem Traume umfangen, blickte ſie rück⸗ wärts und fand ſich Aug' in Auge mit Levin, der ſie feſt und immer feſter an ſich preßte. Willenlos in der mäch⸗ tigen Bewegung ihres hochaufjauchzenden Herzens ſchlang ſie den Arm um ſeinen Nacken und ſchmiegte ſich voller Entzücken an ſeine Bruſt. Sie ſuchte nach dem Worte, das ſie zu ihm ſprechen wollte— ſie lebte wie in einem Zauber, wo die Sinne gefeſſelt, wo die Seele ſchrankenlos frei und der Geiſt hoch über alles Irdiſche hinaus ſchwebt. Sie ſuchte ein Wort, das vermittelnd und ver⸗ ſöhnend zwiſchen ihnen walte— ohne alle Berechnung, nur der ſeligſten Zufriedenheit hingegeben, ohne Bera⸗ thung mit dem Verſtande flüſterte ſie mit mächtiger Be⸗ wegung:„Vergieb— vergieb!“ Seine Arme ſanken herab— das Wort brachte ihn zu ſich. Er hatte ihr alſo etwas zu vergeben? Unſelige Bitte, unſelige Demuth eines armen Weiberherzen! „Verrätherin!“ ſchrie er auf und war im Dunkel verſchwunden. 43 O hätte ſie geſagt„Höre mich!“ er hätte ſie gehört! Margareth erkannte ihren Fehlgriff, als es zu ſpät war. Frau von Pröhl kam ihr ängſtlich entgegen. Das Geſchrei der Erſchreckten hatte das Unglück beim Feuer⸗ werke übertrieben. Es waren voreilig einige Fröſche zer⸗ knallt und dadurch hatte ſich die andere Maſſe entzündet. Weiter war nichts geſchehen, und der Lärm hatte ein Ende gefunden, bevor die Schreckenskunde in den Saal ge⸗ drungen war. Größer war das Elend, welches Margareth jetzt voller Vertrauen in ihre Bruſt niederlegte. Frau von Pröhl hatte ſo eben von ihrem Gemahl vernommen, welch' ſeltſames Zuſammentreffen Margareth's Glück zu vermitteln ſcheine, und nun war es ſchon wieder weit aus dem Hafen der Ruhe hinweggeſchleudert. Was ließ ſich jetzt thun? Frau von Pröhl beſchloß eine Unter⸗ redung mit Levin zu ſuchen, um kalt und beſonnen, eben weil ſie unbetheiligt war, die nothwendigen Erörterungen herbeizuführen. Sie geleitete, voll der beſten Vorſätze und des Erfolges ſicher, das Fräulein in den Geſellſchaftskreis zurück und ſchauete nach dem Grafen Levin aus. Bald entdeckte ſie ihn, wie er kaltſinnig im Kreiſe ſeiner Freunde und Kriegsgenoſſen ſaß, der Freude hin⸗ gegeben, als ſei nichts vorgefallen. — 3*½ 5 Aber ſie beobachtete ihn ſcharf und gewann danach den Muth, ihn durch ihren Gatten um eine Unterredung bitten zu laſſen. Willfährig erhob er ſich und folgte dem Oberſten gelaſſen in das Nebenzimmer, wo Frau von Pröhl in banger Erwartung ſaß. Sie hatte geſehen, was Niemand bemerkte. Sie verglich den ſtolzen Mann mit einem ver⸗ wundeten Löwen, und ſie glaubte den Balſam zu ſeinen Wunden in den Händen zu haben. Aber die Dame vergriff ſich von vorn herein in ihren Mitteln, indem ſie annahm, der ſtolze Graf wiſſe die Umſtände, unter welchen Margareth ihrer Pflege an⸗ vertraut worden war. Der Graf wußte gar nichts. Er kannte die Beziehung des Pröhl'ſchen Hauſes zu Rittbergs kaum, und wenn er auch eines Tages davon gehört haben konnte, ſo lag eine viel zu ſchwere Gemüthsverſtimmung zwiſchen dieſer Zeit, als daß er noch Gedächtniß dafür haben ſollte. Jetzt ſtand plötzlich eine Dame vor ihm und ſagte mit leicht bewegter Stimme: „Herr Graf, ich halte Sie für einen Mann von ehrenhafter Discretion, ſonſt würde ich den Schritt nicht wagen, den ich vorhabe!“ Was ſollte der Graf von dieſer ſonderbaren Anrede denken? Was ſollte er daraus machen? Er ſah ohne —„-— 45 klares Bewußtſein in das Geſicht der aufgeregten Frau und es fiel ihm gar nicht ein, ein ermunterndes Wort zu erwidern. Frau von Pröhl ſah ſich gezwungen den Faden wieder aufzunehmen, und ſie that es entſchloſſen. „Margareth von Rittberg iſt meiner Pflege, meiner Obhut anvertraut, Herr Graf, und in der Eigenſchaft einer mütterlichen Freundin wage ich es in den Kreis Ihrer innern Empfindungen zu dringen.“ Graf Levin ſah ſie von oben herab ſehr ſpöttiſch an und fragte:„Was haben meine innern Empfindungen wohl mit dem Wohle einer Dame zu thun, die Sie als eine Pflegetochter von ſich bezeichnen?“ Frau von Pröhl blickte ruhig und vorwurfsvoll auf. „Warum wollen Sie eine Liebe abläugnen, die mit Ihrem Sein eben ſo tief verwachſen iſt, als mit dem Le⸗ ben der armen Margareth?“ „Das ſind abſurde Behauptungen, meine Gnädige,“ erwiderte Levin kurz. „Wagen Sie das auch zu ſagen, wenn ich Sie auf die Beweiſe zurückführe, die Sie Beide vor wenigen Mi⸗ nuten gegeben haben?“ fragte Frau von Pröhl gereizt. Der Graf lächelte ſpöttiſch, aber ein flüchtiger Strahl von leidenſchaftlicher Aufregung flog trotzdem über ſein Geſicht.„Knabenhafte Aufwallungen, meine 46 Gnädigſte!“ ſprach er haſtig.„Warum quälen Sie mich eigentlich mit Reminiszenzen, die zu Nichts führen! Ich vergebe nie eine Untreue! Ich vergebe nie einen Gedanken der Untreuel Hören Sie, meine Gnä⸗ digſte— ich verachte nichts ſo ſehr, als das Schwanken eines menſchlichen Herzens! Treue der Geliebten— Treue dem Freunde— Treue dem Könige! Das iſt der Wahl⸗ ſpruch der Brettow, und Gott ſei Dank, ich ſchlage nicht aus der Art!“ Frau von Pröhl ſenkte tief erſchüttert das Auge, als er mit Begeiſterung fortfuhr:„Was nützt mir der Geiſteskram, wenn er mit der Sophiſterei unzertrennbar Hand in Hand geht, wenn er der Heuchelei Thor und Thür öffnet und der Falſchheit Spielraum bietet? Die Geſchlechter werden an der falſchen Geiſtescultur zu Grunde gehen, meine Gnädige. Geben Sie Acht, was uns unſer fortſtrebendes Jahrhundert noch bringen wird, und dann denken Sie daran, daß die erſte Saat des Böſen in jeglicher Untreue beruhet. Die Kraft des Blickes muß die Herzen ſo gut und heilig verbinden, wie die Kraft eines ausgeſprochenen Wortes. Wer ſolchen gegebenen Schwur bricht, iſt meiner Verachtung verfallen! Suchen Sie hierin die Gründe, welche mich auf ewig von Fräu⸗ lein Margareth trennen.“ „Herr Graf, Sie ſind im Irrthum,“ unterbrach 4 * 47 ihn Frau von Pröhl mit einer bittenden Gebärde, denn er wendete ſich zum Fortgehen. „Im Irrthume?“ fragte er bitter grollend.„Und doch die Bitte um Vergebung? Ich vergebe niemals einen Treubruch! Haben Sie den Namen„Alexander“ ver⸗ geſſen?“ „Wie könnte ich den vergeſſen?“ ſeufzte Frau von Pröhl aufrichtig betrübt.„Erlauben Sie mir aber ein⸗ mal eine einfache Darſtellung des Sachverhältniſſes— 4 „Nein!“ rief Graf Levin entſchieden,„denn dieſe Darſtellung ändert nichts. Soll ich mich von Ihren Phraſen verwirren laſſen? Herr Alexander hat die großen Dichter mit Margareth geleſen, er hat ſie gelehrt den Mond anbeten und bei den Sternen ſchwören— ich aber habe ſie, lächerlich genug, nur einfach geliebt—“ „Zu Margareth's Seligkeit nur geliebt,“ fiel die Dame haſtig ein. Er ſchüttelte ungläubig den Kopf und machte eine verachtungsvolle Gebärde. „Margareth hängt mit ganzer Seele an Ihnen.“ „Ich will aber ihre Seele nicht,“ fuhr der Graf auf, und ſein heißes Temperament brach heraus, indem er jede Maske der geduldigen Höflichkeit abwarf.„Ich wollte ihr Herz, ihr Leben— ich wollte Margareth, die ſüße Blume, die mich bezauberte, der meine ganze Mannes⸗ kraft ſich beugte. Was nützt dem heißliebenden Manne die fade Feinheit der Seele, die den Anſtand abwägt bei ihren Liebesträumen? Das iſt der Fluch der hohen Stän⸗ de, das iſt der Grund unſerer Unmoralität! Die Töchter des Volkes lieben mit dem leicht entflammten Herzen, ſie geben das Beſte, was ſie haben, unverkürzt dem Ge⸗ liebten—“ „Und ſehen dann, wie bald der berauſchende Schaum von der Leidenſchaft verfliegt,“ ſiel Frau von Pröhl ſanft tadelnd ein. Der Graf ſtutzte und ſann nach. „Nicht immer, Gnädige,“ ſagte er dann ruhiger. „Aber ſind Sie denn der Sinne Ihres Alexander'’s ſiche⸗ rer, wenn der Tag kommen ſollte, wo er aus ſeinen Weisheitsträumen erwacht?“ Frau von Pröhl wiederholte mit Ahnung:„Ihres Alexander's, mein Herr Graf? Ich kann mir nicht denken, daß Sie mich für Frau von Wallbott halten, deren Pfle⸗ geſohn der Baron Alexander von Lottum iſt?“ Graf Levin ſtarrte verlegen auf ſie hin, während ſie fortfuhr:„Margareth weigerte ſich, ihrer Tante in jene Welt zurück zu folgen, wo ſie mit ihrer heißen Zärt⸗ lichkeit ein Gegenſtand des Schreckens geweſen wäre, ſie bat mich mein Haus zum Zufluchtsorte wählen zu dürfen, und ich bin ſtolz darauf, dies engelgute Herz tröſten zu können!“ „ 49 „Sie ſind nicht die Oberſthofmeiſterin der Landgräfin von Heſſen?“ fragte Levin nochmals ſichtlich beſchämt. „Sie ſind nicht Frau von Wallbott— nicht die Zerſtö⸗ rerin meines Lebensfriedens?“ „Nein, mein beſter Graf,“ rief die Dame herzlich. „Ich treibe keinen Götzendienſt mit den großen Geiſtern der Literatur, ich bin des Oberſt Pröhl einfache Hausfrau und die Pflegerin trauriger und fröhlicher Mädchen, die auf der Erde kein Mutterherz mehr haben, ihr Leid und ihre Freude darin niederzulegen!“ Graf Levin ſtrich ſich mehrmals ſinnend über die Stirn, während ſie ihn mit ihren guten mildherzigen Au⸗ gen feſt anſah und darauf wartete, was er nun erwidern würde. Wie beſtürzt war ſie aber, als er ſich raſch ſehr tief verbeugte und nach den Worten:„Verzeihen Sie!“ ungeſäumt das Zimmer verließ. Da ſtand ſie mitten in ihrem guten Werke unter⸗ brochen, nicht wiſſend, ob ſie nur das Mindeſte genützt hatte. Es ging ihr beinah, wie es dem Feuerwerke des guten Domherrn ergangen war. Durch eine Exploſion von Irrthümern gezeitigt, war die Geſchichte mit einem Knalleffecte zu Grunde gegangen. Betrübt ſchlich ſie zur Geſellſchaft zurück, und ſie hatte nichts dagegen, als ihr Gatte ſowohl als ihre Pfle⸗ getochter Luſt bezeigten, nach Haus zu gehen. Ganz ſtill und ohne Aufſehen entfernten ſie ſich aus dem Tumulte und ſchlugen den Weg zur Allee ein, um die kurze Strecke, von der dicken Suſe vorgeleuchtet, zu Fuße zurückzulegen. Ob denn Frau von Pröhl wirklich ganz vergeblich geredet hatte? Es ſah dies Niemand, als die dicke Suſe, daß ihnen in einiger Entfernung eine große Männergeſtalt im Doll⸗ mann Schritt auf Schritt folgte und daß dieſer Huſar in ſeinem Dollmann eine lange, lange Zeit oberhalb des Hügels bei den Ruinen ſtand, um auf das ſtille düſtere Haus, worin„ſeine weiße Taube“ Zuflucht gefunden, zu ſchauen und davon zu träumen, wie viel anders Alles ge⸗ kommen ſein würde, wenn Frau von Pröhl damals die Macht gehabt hätte, wie jetzt. Aber der Dämon in einer ſtolzen und übermüthigen Männerbruſt ſchläft nicht ſo bald ein, als man ſich ein⸗ bilden will. Graf Levin fuhr endlich auf aus ſeinen Träu⸗ men.. „Fahr wohl!“ flüſterte er ſtark und muthvoll. „Meiner Liebe biſt Du unwerth geworden, Du ſchönes ſüßes Weſen! Mit dem zauberiſchen Einfluße Deiner Reize wirſt Du noch oft mein Leben vergiften, aber es muß vorbei ſein, denn ich traue Dir nicht mehr! Ich könnte mich rächen für Deine Untreue, wenn ich mit dem Bewußtſein meiner vergangenen Liebe, mit der Ueber⸗ zeugung meiner ertödteten Neigung Deine Zärtlichkeit in Anſpruch nähme, aber es wäre meiner unwürdig Dich zu verderben! Fahr wohl! Fahr wohl! Wir wollen zu ver⸗ geſſen ſuchen, was uns nicht zum Heile gereichen kann!“ Trotzdem er ſo kräftig Abſchied nahm und ſo will⸗ fährig ſein Angeſicht von der Stätte wendete, wo das Ideal ſeines Herzens ruhte, wanderte er dennoch mit einem Herzen heim zu Baron Biska's geſchmückten Sälen, das ſich in allen den Bildern wohlgefiel, wo ihr holdes Weſen eine Stelle einnahm. Eben ſo wie Margareth in ihrer Einſamkeit auf der Probſtei überlegte er es ſich, ob nicht eine wunderbare Fügung Gottes in dem erſten Zuſammentreffen auf dem Jagdſchloſſe, das ihn ſo furcht⸗ bar erſchüttert hatte, ſowohl, als auch an dieſem Tage zu finden ſei. Der Zufall hatte ihn damals mit dem Prinzen Erich den Weg durch den Wald einſchlagen laſſen— der Zufall hatte ihn jetzt wieder zum General von Ziethen geführt, gerade als dieſer im Begriffe war unter dem Vorwande eines Taufactes eine verabredete Zuſammenkunft mit einer Elite der tüchtigſten Offiziere ſeines Regimentes von frühern Jahren her zu halten. Der Zufall hatte ihn einer eingebildeten Gefahr ausgeſetzt, um ihm die Ueberzeugung einer unverminderten Liebe zu gewähren. O, er wußte ohne Erklärung, daß Margareth 52² nur ſeinetwegen den Feuerfunken getrotzt hatte. O, er fühlte ohne Worte, mit welcher Seligkeit ſie in ſeinen Armen geruht! Und dennoch, dennoch verwarf er ſie! Der Dämon in ſeiner Bruſt, den er Mannesſtolz nannte, gefiel ſich darin, die Erinnerung an die traurige Kataſtrophe ſeines Liebesglückes aufzufriſchen und ihm darzuthun, daß eine Rechtfertigung unmöglich ſei. Der fürchterliche Moment ſeines Erwachens aus der Sicher⸗ heit feſt begründeter Glücksträume ſtand ſtets mit Rich⸗ terkraft vor ſeiner Seele, wenn er aufathmend in die Zu⸗ kunft blicken wollte. Brittes Capitel. Unterdeß war der Baron Lottum mit dem Grafen Alois von Schloß⸗Pforten wieder heimgekehrt, und ſein erſter Gang war nach dem Hotel des Generalfeldmar⸗ ſchall Spärkan, wo ſich in den wenigen Tagen Vieles begeben hatte, was ihm nicht günſtig war. Auf ſeine Frage nach dem Hausherrn wurde ihm der Beſcheid, daß Se. Exeellenz nicht zu Hauſe, aber Fräulein Gertrud im Empfangzimmer ſei. Eine erwünſchtere Botſchaft konnte ihn gar nicht treffen. Er trat ſogleich ein und befand ſich der jungen Dame, die ihn ſo ſchmählich launiſch entlaſſen hatte, eigentlich in zitternder Erwartung gegenüber. Sie ſchien keine Ahnung von ſeinem Seelenzuſtande zu haben, denn ſie winkte ihm mit allerliebſter Zutraulichkeit und deutete auf den Armſeſſel, der ihr ziemlich nahe gegenüber ſtand. Wenn ſie das auch im Augenblicke fühlen mochte, wo der 54 Baron ſich niederließ, ſo trotzte ſie, in Erwägung der Dinge, die ſie zur Sprache bringen wollte und die kein lautes Reden erlaubten, doch der kleinen Verwirrung, die ſie darüber beſchlich. Baron Alexander gab ſich hingegen entzäckt der ungeeigneten Wallung hin, die ihm dieſe Nähe der Plätze erzeugte. Er hatte ſich während ſeiner Reiſe vorgenom⸗ men, eine ernſte Rechenſchaft über die unnachſichtige Härte bei ſeiner letzten Trennung zu fordern, er hatte ſich auch vorgenommen die reizende Koketterie der jungen Dame mit weiſer Miene zu ignoriren— und jetzt? Nun, jetzt ſa er ihr gegenüber, ſonnte ſich in ihren ſchönen, lachenden Augen, und vergaß ganz gründlich Alles, was er ſich vor⸗ genommen hatte. Er fühlte nur das Verlangen ſie lieben zu dürfen. Wenn das Herz ſo übervoll von Empfindun⸗ gen iſt, ſo muß es ſich öffnen. Alexander's erſtes Wort an Gertrud zeigte die Wahrheit dieſer Behauptung, aber das Fräulein wehrte mit ernſtem Scherze jedem weitern Sprechen. „Still, Baron, ſtill!“ flüſterte ſie etwas ſchüchtern, aber unendlich gut in ſeine Augen ſehend.„Der Weisheit erſte Regel iſt, die Vernunft regieren zu laſſen! Ich weiß zwar nicht, ob Plato das ſagt, allein vertrauen Sie mir einmal eben ſo viel, wie dieſem großen Weltweiſen einer traditionellen Vergangenheit. Nehmen Sie von mir die Lehre an, daß man ſtets verbergen muß, was man träumt! Die nüchternen Leute lachen über Menſchenträume.“ „Und Sie gehören zu dieſen Leuten?“ fiel Alexan⸗ der, ſehr ſchmerzlich aufgeregt, ein. Gertrud faßte im Impulſe ihres leichtbewegten Herzens mit beiden Händen ſeine Rechte. „Nein, lieber Alexander!“ rief ſie treuherzig,„nein, meinetwegen könnten Sie ſagen, was Sie wollen, aber Ihretwegen nicht, Ihretwegen!“ Der Baron biß ſich auf die Lippen. „Ha, meinetwegen?— Die beſte Form einer Ab⸗ weiſung!“ ſprach er ganz, ganz leiſe. Aber ſein Auge hing dabei an Gertrud's Mienenſpiel und er vermochte dem Mädchen nicht zu zürnen, das wahrhaft ſchweſterlich zärtlich zu ihm aufblickte, ohne den ſchimmernden Tropfen zu verbergen, der in ihrem Auge blinkte. „Hören Sie mich an, Alexander, Sie müſſen mich hören, damit Sie nicht allzu überraſcht von dem ſind, was mein geſtrenger Vormund Ihnen ſagen will. Er kommt bald, alſo hören Sie ſtill und aufmerkſam zu. Es iſt trübes Wetter für Sie— Wolken des Mißtrauens, etwas Kabalen, um des allgewaltigen Miniſter Brühl's Günſt⸗ ling zu ſtürzen! Ich kann Ihnen nichts Gewiſſes darüber aus Dresden! Geben Sie ſagen, aber gehen Sie fort Ihre Stellung hier ohne Weiteres auf.“ „Das kann ich nicht,“ fiel der Baron ſchnell ein. „Sie müſſen! Ihre Ehre erfordert es! Wiſſen Sie denn, was man von Ihnen erwartet? Wiſſen Sie denn, daß man es in der Hand hat, Sie für edlen Widerſtand zu ſtrafen? Reiſen Sie ab. Gehen Sie in Ihre Heimath, von dort aus ſchicken Sie Ihre Diplome zurück!“ Der Baron ſah erſtaunt in Gertrud's Geſicht, das ſich im Eifer des Geſpräches röthete. „Hat man Intriguen gegen mich geſchmiedet?“ fragte er mitleidig lächelnd. „Nein, nein! Der Zufall hat ſeltſame Dinge zu⸗ ſammengewürfelt,“ flüſterte das Fräulein und deutete nach dem Nebenzimmer, wo der Marſchall, wie es ſchien, eben eingetreten war. Man hörte die Stimme des Kammerdieners Fran⸗ gois abwechſelnd mit der des alten Herrn, ohne jedoch das Mindeſte verſtehen zu können. „Machen Sie ſich auf eine Quinteſſenz böſer Laune gefaßt,“ flüſterte ſie weiter.„Ich kann Ihnen nur ſagen, daß mein geſtrenger Vormund Sie ſehn⸗ lichſt erwartet, und das iſt ein ſehr ſchlimmes Zeichen!“ 57 Sie erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen. Der Baron, aus allen ſeinen erträumten Himmeln geriſſen, fühlte ſich mehr gekränkt durch Gertrud's Benehmen, welches ihm als eine Fortſetzung ihrer launiſchen Huld⸗ beweiſe erſchien, als daß er ſich fürchtete. Er erhob ſich ſtumm, als die junge Dame ſich erhob, und zeigte Luſt mit geringſchätzender Kälte auf die freundlich gemeinten War⸗ nungen derſelben herabzuſehen. Sie winkte ihm einen Gruß zu und wollte ſich eilig eentfernen, damit ſie nicht Augenzeugin eines Auftrittes zwiſchen dem Baron und dem Feldmarſchall würde, der peinliche Situationen mit ſich zu führen verſprach. Schon im Begriffe die Thür, welche zu ihrem Zim⸗ mer führte, zu öffnen, blieb ſie plötzlich ſtehen und ſah zurück nach Alexander, der ihr mit bitterm Lächeln nach⸗ ſah. Im Nu kehrte ſie wieder um, als ſie ſeinem vor⸗ wurfsvollen Blicke begegnete, und ſtand vor ihm, ehe er ſich recht zu beſinnen vermochte. „Baron,“ flüſterte ſie weich und bittend,„ich kann nicht ſcheiden, wenn Sie ſo häſſige Empfindungen gegen mich hegen! Wir ſehen uns gewiß lange nicht wieder, vielleicht niemals im langen Leben! Zürnen Sie mir nicht, bitte, bannen Sie Ihren Zorn, obgleich er ſehr gerechtfertigt iſt! Ich bekenne mein Unrecht gegen Sie. Iſt es Ihnen eine Genugthuung, ſo will ich Ihnen ein⸗ 1860. XIV. Gertrud. III. 4 geſtehen, daß Sie mich vom erſten Augenblicke an inter⸗ eſſirt haben, daß ich vielleicht in unerlaubter Spielerei meine Macht über Sie verſuchte, aber wahrſcheinlich in dem Kampfe erlegen wäre, wenn—o lieber Alexander— nicht dieſen verächtlichen Blick.“ „Nun? Wenn?“ fragte der junge Mann vollkom⸗ men ſeine innere Wallung beherrſchend mit ſtrengem, wegwerfenden Tone. „Wenn nicht ein Geſpenſt erſchienen wäre!“ ſetzte Gertrud aufrichtig hinzu. Baron Lottum wendete ſich zornig von ihr ab. Er mußte dieſe Erklärung für eine jener ſchalkiſch ſpöttiſchen Eingebungen halten, womit ſich das Fräulein immer aus der Klemme zu ziehen ſuchte. „O, gewiß, ganz gewiß!“ betheuerte Gertrud ganz ängſtlich. Die ſichtliche Verachtung des jungen Edelman⸗ nes goß Schauer von Beklemmungen über ihre Seele, wie ſie noch nie gefühlt. „Seien Sie nicht hart, ſeien Sie nicht böſe!“ bat ſie näher an ihn herantretend und ſehr bereitwillig einige Thränen der Buße zu vergießen.„Es würde mich unſäg⸗ lich betrüben, wenn Sie mit dieſen Zeichen Ihrer ſpre⸗ chenden Verachtung von mir ſcheiden wollten. Ich reiſe in wenigen Tagen zu meinen Pflegeeltern zurück, der Dom⸗ 59 herr von Pröhl war ſchon einmal hier mich abzuholen. Gehen Sie auch fort von hier, kommen Sie meinen Vor⸗ ſtellungen nach und meiden Sie Dresden! Eine innere Stimme weiſſagt mir Ihr Unglück!“ Sie ſtand, als erwarte ſie ein Wort. Als er, viel⸗ leicht betäubt und unſchlüſſig, damit zögerte, ergriff ſie ſchnell entſchloſſen mit ihren beiden Händen ſeine Rechte, neigte ihre Stirn und ihre feuchten Augen darauf und— war fort. Jetzt erwachte der Baron aus ſeinem finſtern Brü⸗ ten. Er machte eine Bewegung, als wolle er ihr folgen. Es war ihm, als ſei eine ſchützende, belebende und be⸗ glückende Macht aus ſeinem Leben geſchieden. Aber er trotzte dieſer Eingebung und ſagte in der ſichern Ueber⸗ zeugung, daß Gertrud ihn hören würde, mit ruhiger Ge⸗ laſſenheit: „Wir ſind auf ewig von einander geſchieden, mein Fräulein! Sie wandeln auf Wegen, die nahe an Abgrün⸗ den vorübergehen, ſehen Sie zu, daß Sie nicht eines Tages mit Entſetzen Ihren Sturz in dieſelben beklagen müſſen!“ Dann werndete er ſich und wollte, ohne den Feld⸗ marſchall begrüßt zu haben, die Wohnung deſſelben verlaſſen. So wie er vorwärts ſchritt, wurde die Seitenthür 4* aufgeriſſen und der Kammerdiener François bat ihn ziemlich beeilt und verſtört„zur Excellenz zu kommen!“ Der Baron ſtrich über ſeine Stirn, bevor er der Aufforderung Folge leiſtete. Was hatte er bei Excellenz zu thun? Gar nichts! Schon wollte er verwegen die Ein⸗ ladung ignoriren und unter erborgter Ruhe einen Ein⸗ wand gegen dieſelbe erheben, als er bedachte, daß ihm das als Feigheit von Gertrud ausgelegt werden könnte, denn ſie hatte ihm ein Ungewitter in der Laune des alten Herrn prophezeit. Willig folgte er dem Diener, der ihn ſeitwärts mit Blicken betrachtete, die Mitleid ausdrückten. Der Feldmarſchall ſtand in voller Uniform mitten in ſeinem Büreauzimmer und empfing mit ſteifer Würde den Gruß des jungen Mannes. Hätte dieſer gewußt, daß bei beſondern Strafpredigten und Strafgerichten ſtets die Galauniform eine Rolle mitſpielte und der vorgenom⸗ menen Verhandlung eine beſondere Wichtigkeit verleihen mußte, ſo würde er ſich vielleicht etwas erſchrocken haben. Allein er wußte dies nicht und fand in der ganzen Atti⸗ tüde des alten Herrn etwas unbeſchreiblich Lächerliches. Ohne den Baron zum Niederſetzen zu bitten, be⸗ gann der Marſchall ſogleich und zwar in augenſchein⸗ lich feindſeliger Stimmung: 61 „Man ſagt mir, daß Sie ein geborener Preuße ſind?“ Der Baron ſah ihn verwundert an, antwortete aber nicht auf der Stelle, ſondern warf ſein Auge auf den Kammerdiener, der wie eine Schildwacht an der Ausgangsthür poſtirt ſtand, als ſolle er einen Zeugen der Scene abgeben. „Francois ſteht auf meinen Befehl dort!“ entgeg⸗ nete Excellenz auf dieſe ſtumme Frage. „Wenn Sie im Sinne haben, Exeellenz,“ ſprach der Baron mit ausgezeichnet würdiger Ruhe und Hal⸗ tung,„mich als Menſch in den Augen Ihres Dieners herabzuwürdigen, ſo beanſpruche ich meine Rechte als Edelmann, und werde Ihnen nicht eine Silbe auf das entgegnen, was Sie zu fragen beliebten!“ Francois nickte unmerklich und zufrieden lächelnd mit dem Kopfe, als der Marſchall ihm einen Wink gab zu verſchwinden. Er kannte ſolche Scenen und hatte gleich eingeſehen, daß Baron Lottum nicht der Mann war, ſich ohne Weiteres einſchüchtern zu laſſen. „Wenn man Ihnen geſagt hat, Excellenz,“ fuhr er nach Frangois' eilig bewirktem Abtreten fort,„daß ich ein geborener Preuße ſei, ſo hat man in des Wortes engſter Bedeutung Recht. Ich bin aus der Mark gebür⸗ tig, bin dort getauft und dann von meiner Tante Wall⸗ nach Kaſſel mitgenommen.“ „Warum verhehlten Sie Ihr Vaterland?“ inqui⸗ rirte Excellenz durchaus nicht befriedigt von dieſer Er⸗ klärung. „Verhehlen? Ich wüßte nicht,“ ſagte der Baron nachſinnend. „Sie haben es verhehlt, als ich Sie danach be⸗ fragte!“ fuhr der alte Herr auf. „Vielleicht keine Erklärungen darüber abgegeben, 4 meinte Lottum,„aber gefliſſentlich verhehlt habe ich es niemals, daß die Wiege meiner Kindheit in Preußen ge⸗ ſtanden hat.“ „Man ſagt mir, daß Sie bei Ihrer Ankunft in Dresden beim preußiſchen Geſandten abgeſtiegen ſeien?“ „Natürlich, Excellenz!“ rief der Baron ſehr be⸗ fremdet.„Ich bin eigens nach Dresden gekommen, um Herrn von Maltzahn zu beſuchen!“ „Man ſagt mir, daß Sie zum Scheine das Ge⸗ ſandtenhotel jetzt gar nicht mehr beſuchen?“ „Nicht zum Scheine, ſondern weil ich mit meinem 1 Vetter Maltzahn wegen meiner Anſtellung hierſelbſt in geſpannten Verhältniſſen lebe.“ „Man ſagt mir, daß Sie aus naheliegenden Grün den eine Anſtellung hierſelbſt geſucht hätten?“ bott, der Oberſthofmeiſterin der Prinzeß Anna von Heſſen, — Der Baron fuhr heftig auf:„Ich habe gar nichts geſucht, Excellenz. Ich habe mich um nichts beworben! Ich bin nur dem Zuge eines günſtigen Geſchickes gefolgt, welches mich ſogleich auf eine Höhe hob, die dem Neide allerdings von allen Seiten preisgegeben iſt. 4 „Man ſagt mir,“ ſprach Excellenz ſteif und ſtolz, wie ein Holzbild, weiter,„daß Sie im Intereſſe Ihres Vaterlandes feſten Fuß in Dresden zu faſſen geſucht hätten?“ „Excellenz!“ rief der Baron drohend, denn jetzt be⸗ griff er die Komödie. „Man ſagt mir, daß Sie Ihren Ruhm in der nie⸗ drigen Carrière eines preußiſchen Geſchäftsträgers, der den Namen—“ „Halt!“ befahl der Baron mit donnerndem Tone. „Nicht einen Buchſtaben des ſchändenden Wortes über Ihre Lippen, alter Mann! Wer gibt Ihnen das Recht, einen ehrlichen Edelmann zu beſchimpfen? Haben Sie in der Uebereilung gehandelt, ſo mag Ihnen vergeben ſein, was Sie thun wollten— haben Sie voller Ueberlegung die Abſicht gehabt, mich zu beſchimpfen, ſo muß ich Sie verachten! Schmach über das Haus, welches die Flügel der Gaſtfreiheit zum Deckmantel einer ungezügelten Herrſchſucht macht— Schmach über das Haus, welches die Rechte der Gaſtfreiheit auf eine Weiſe ausdehnt, die eine blutige Satisfaction fordert! Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie einen Schatten auf meine Ehre werfen wollen?“ feſt,„daß es Ihnen gelungen wäre, unſere Allianzen zu erforſchen, und daß in Folge deſſen der König von Preu⸗ ßen ſeine Kriegsrüſtungen begonnen habe!“ Baron Alexander richtete ſich kerzengerade vor dem ſteinernen Marſchall auf, der mit ſeinem ſtereotypen „Man ſagt mir“ die Galle eines Menſchen auf's äußer⸗ ſte in Aufruhr zu bringen vermochte. „Alles, was man Ihnen von mir geſagt hat, iſt, bis auf den Umſtand, daß ich das Licht der Welt allerdings in Preußen erblickt habe, eine fürchterliche Lüge!“ Einen Augenblick herrſchte die peinlichſte Stille nach dieſer feſten Erklärung, dann fragte der Baron entſchloſ⸗ ſen:„Haben Sie noch etwas zu erinnern, Excellenz?“ Der Feldmarſchall blickte ihn ſtreng, aber nicht fin⸗ ſter an.„Eine fürchterliche Lüge,“ wiederholte er be⸗ dächtig.„Das ſollte mir lieb ſein!“ Alexander athmete ordentlich froh auf bei dieſer er⸗ ſten Regung menſchlicher Geſinnung. „Die Zeit kann Sie darüber belehren, Excellenz! Wenn es meine Ehre erlaubte, ſo würde ich freilich jetzt am liebſten Dresden auf immer verlaſſen, allein ich bleibe „Man ſagt mir,“ ſprach der Feldmarſchall eiſen⸗ — —— und behaupte meine Stellung hierſelbſt! Lauern Gefahren auf mich, die von Kabalen geſchaffen wurden, um mich zu verderben, um ſo beſſer, wenn ich daran zu Grunde gehe. Man wird dem Märtyrer glauben, was man dem tadel⸗ loſen Lebenswandel nicht glauben wollte! Ich bleibe und trotze dem Urtheile der Welt. Aber wehe dem, der es wagt einen Schimpf auf meinen Namen zu werfen!“ Er verbeugte ſich ſtolz und ſchritt zur Thür hinaus. Der Feldmarſchall, zum erſtenmale mit einer gut angelegten Ueberführung geſcheitert, ſah gedankenvoll vor ſich nieder. Schuldig war dieſer Mann nicht! Oder ſollte er ein vollendeter Schurke ſein? So ruhig und gefaßt aber Baron Alexander den alten Herrn verlaſſen hatte, ſo wild und ungeſtüm tobte es in ihm, als er ſich erſt in ſeinem Zimmer allein ſah. Was hatte er erleben müſſen! Er war ſehr geneigt einige Male zu wünſchen, daß er geträumt haben möchte. Leider ging dieſer Wunſch wie ſo mancher andere nicht in Erfüllung. Er mußte eine jämmerliche Epiſode der Wirklichkeit durchkämpfen, nachdem er ſich jahrelang über irdiſches Ungemach erhaben erhalten hatte. Noch war er zweifelhaft, ob er ſeinem jungen Freun⸗ de, dem Grafen Alois das Rencontre mit dem Feldmar⸗ ſchall mittheilen ſollte. Er befürchtete eine allgemeine Bekanntwerdung, da man es ſich zum Geſetz machte, Anecdoten über die höhern Kreiſe der Geſellſchaft in Um⸗ lauf zu bringen, um ſich daran zu ergötzen. Und wenn er auch nicht die Niederlage erlitten hatte, die ihm vom alten Haudegen zugedacht worden war, ſo konnte mit ei⸗ niger Nachhilfe der Phantaſie doch ein ganz ergötzliches Couplet entſtehen, das die Lacher und Spötter anregte. Er beſchloß zu ſchweigen und die Geſchichte als eine Bagatelle zu behandeln, die unfähig geweſen war ſeine Seelenruhe nur im geringſten zu erſchüttern. Mit dieſem Vorſatze ſetzte er ſich freilich der Nothwendigkeit aus, dem Fräulein Gertrud nach wie vor ſeine Huldigungen darbringen zu müſſen, im Falle er mit ihr zuſammentraf, aber auch darüber glaubte er mit Stoicismus fortkommen zu können. Während der Baron ſich auf dieſe Weiſe zum Kampfe mit den geſelligen Conflicten präparirte und ſchwer ſeufzend die erſten Dornen zwiſchen den Roſen⸗ blüthen entdeckte, die ſeine Carrière mit ſich führte, über⸗ legte auch Gertrud unter ſtillem Trauern, was ihr nach den gemachten Erfahrungen zu thun obliegen würde. Dres⸗ den war ihr verleidet. Sie ahnte dunkel, daß ſich von ihren erſten Triumphen über Alexander's platoniſche Weisheit ein Faden durch ihre nächſte Zukunft ziehen könnte, wohl geeignet ihr ganzes Lebensglück auf unſichere Bahnen zu werfen.. 4 67 Sie hatte natürlicherweiſe die Worte des Barons, die ihr gleich einer Verwünſchung nachtönten, vernommen und war, nachdem ſie ihren erſten Verdruß darüber beſei⸗ tigt hatte, tief betrübt. Sie ſagte es ſich hundertmal zur Beſchwichtigung, daß ſie es ſo böſe nicht gemeint habe, als ſie dem jungen Weltweiſen ermunternd entgegen ge⸗ treten ſei, ſie geſtand es ſich ſogar zu, nicht ganz gleich⸗ giltig bei ſeiner heißen, ſchnell erwachten Neigung ge⸗ blieben zu ſein, alſo auch nicht durchaus berechnend und kalt gehandelt zu haben; allein was half es ihr gegen ihr mahnendes Gewiſſen, das die Wahrheit ſeiner Worte mit aller Gewalt anerkannte. Ganz niedergeſchlagen, ganz demüthig und zerknirſcht ſchloß ſie endlich ihr Reiſeneceſſaire auf und nahm das Abſchiedsgedicht Gellert's hervor, um ſich daran aus ihrer bußfertigen Stimmung zu erheben. Auch das Mittel wollte nicht anſchlagen— im Ge⸗ gentheil, ſchärfer noch als vorher trat der harte Tadel des erzürnten Barons als eine unumſtößliche Wahrheit hervor und vollendete ihre Traurigkeit. Indem ſie ſinnend den Ausbruch der Frau von Wallbott, den ſie getreulich dem ſchmeichelnden Lobe Gel⸗ lert's beigefügt hatte, mit den Worten des Barons ver⸗ glich und eine Art Uebereinſtimmung darin fand, öffnete ſich leiſe die Thür, und Frangois, der Kammerdiener, ſchaute vorſichtig zu ihr hinein in's Zimmer. Als er ſie allein ſah, ſchlüpfte er raſch zu ihr heran, legte mit der Vertraulichkeit eines alten bewährten Hausdieners die Hand auf ihren Arm und flüſterte: „Nur Muth, gnädiges Fräulein, nur Muth! Der Herr Baron ſind mächtig aufgetreten gegen Excellenz— Seiner Gnaden ſind abgeblitzt mit Höchſtihrem Verdachte, heftig abgeblitzt!“ Gertrud verſtand nicht, was er mit ſeiner Ermuthi⸗ gung eigentlich ſagen wollte. Sie wußte nicht, daß man im Hauſe, ſo wie in der Geſellſchaft, den Baron für einen begünſtigten Bewerber hielt. Als ſie den Diener deshalb etwas verwundert anblickte, ſagte er treuherzig fortſchwa⸗ tzend: „Habe ich's doch dem gnädigen Herrn gleich geſagt, daß der Herr Baron nicht wie ein preußiſcher Horcher und Spion ausſähe!“ „Nun, Francois, das wird Excellenz doch hoffent⸗ lich auch nicht geglaubt haben?“ fragte Fräulein Ger⸗ trud ungläubig lächelnd. „Freilich haben Excellenz das geglaubt, freilich! Und haben es dem Herrn Baron in's Geſicht geſagt.“ „Das iſt ſtark!“ rief Gertrud empört dazwiſchen. „Aber der Herr Baron haben Excellenz den Schimpf nicht ausſprechen laſſen. Brr— wenn ſich das ein An⸗ — 69 derer erlaubt hätte, was ſich der gnädige junge Herr ge⸗ gen Excellenz erlaubt haben! Brr— mir läuft ein Schau⸗ der über die Haut, wenn ich daran denke! Aber es wirkte, gnädiges Fräulein, es wirkte! Excellenz waren lammfromm, ſahen ein, daß der Herr Baron nicht ſchul⸗ dig waren.“ „Alſo Baron Lottum ſchlug die Anklage tapfer zu Boden?“ fragte das Fräulein mit ſtrahlendem Geſichte. „Mehr noch! Nicht zu Boden allein— nein, in Grund und Boden hinein!— Sagte ich's nicht immer, daß die Ketzer mit Teufels Hilfe Alles möglich machen?“ fügte er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen wei⸗ ſen Tones hinzu.„Der, den die Schildwachen am preu⸗ ßiſchen Geſandtenhotel immer blitzähnlich kommen und verſchwinden ſehen, das iſt kein Menſch— bewahre, das iſt der Teufel in Perſon!“ „Dummheiten,“ ſtammelte das Fräulein von ihrer Geſpenſterfurcht ergriffen. „Nein, nein!“ betheuerte Frangois.„Hat man nicht ſchon hundert Beiſpiele, daß die Ketzer ihre ohnehin dem Fegefeuer verfallenen Seelen dem Gottſeibeiuns ver⸗ ſchrieben haben, wenn er ihnen helfen ſoll ein Werk voll⸗ bringen? Ketzer ſind ſo oder ſo verloren.“ „Aber, Francois, ich ſelbſt bin ja proteſtantiſch!“ rief Gertrud entrüſtet. 70 „Thut nichts, gnädiges Fräulein, es gibt immer Ausnahmen, und Ew. Gnaden ſind ein Engel.“ „Hat man denn nie verſucht, den zu packen, der als Teufel in's Geſandtenhotel kommt und verſ chwindet?“ fragte das Fräulein neugierig, denn ſie wußte von dieſem Paſſus noch ſehr wenig. „Zu packen geſucht!“ wiederholte der Diener im Tone höchſten Entſetzens.„Gnädiges Fräulein wiſſen doch wohl, daß ſich Geiſter, ſeien es gute oder böſe, nie „packen“ laſſen!“ „ Ach, Narrenspoſſen mit Euren Geiſtern und Teu⸗ feln,“ flüſterte das muthige Fräulein ſich ſcheu nach allen Seiten umſehend.„Erzählt mir doch einmal, was eigent⸗ lich die Schildwache geſehen hat. Aber erzählt es ordent⸗ lich und vernünftig!“ „Zu Befehl!“ erklärte Frangois und räuſperte ſich ſehr bedeutſam.„Sehen, Ew. Gnaden, die Schildwache am Geſandtenhotel, woſelbſt jetzt der Herr von Malt⸗ zahn Excellenz hauſen, hat vor einigen Wochen ruhig am Schilderhäuſel geſtanden und hat in's Blaue gekuckt! Da iſt es ihr, als fahre ein Blitz durch die Dunkelheit—“ „Was war es denn, Tag oder Nacht, Abend oder Morgen?“ warf Gertrud ein. „Abends um neun ein halb Uhr,“ referirte Fran⸗ cois mit Pathos. 71 „Nun, mein Himmel, das iſt ja keine Geiſter⸗ ſtunde?“ lachte die junge Dame. „Thut nichts! Die Geiſter machen Ausnahmen von der Regel!“ „Alſo weiter, der Blitz fuhr durch die Dunkel⸗ heit— im Winter pflegt es ſonſt auch nicht zu blitzen!“ „Thut nichts, gnädiges Fräulein, es paſſiren Aus⸗ nahmen von der Regel! Die Schildwache hat es be⸗ theuert, daß es wie ein Blitz an ihr vorübergefahren und in dem Portale des Hotels verſchwunden ſei. Ganz verwundert ſieht die Wache hinter den blitzſtrahlenden Gegenſtand her und denkt:„Was mag das geweſen ſein?“ Kaum hat die Schildwache das gedacht, da blitzt es wieder an ihr vorüber und iſt verſchwunden. Aber diesmal hat die Schildwache geſehen, daß es eine feine Männergeſtalt, in einem langen dunkeln neumodigen Roquelaure gewickelt, geweſen iſt.“ Gertrud lachte fröhlich auf.„Und weil der arme Baron, wie alle Kavaliere von Ton jetzt einen Roque⸗ laure trägt, ſo denkt mein geſtrenger Vormund doch nicht, daß der Baron wie ein Blitz in's Geſandtenhotel ver⸗ ſchwunden und wieder herausgefahren iſt?“ „Stark denken Sr. Gnaden das, und noch viele hochgeſtellte Perſonen denken das ebenfalls,“ bekräftigte der Kammerdiener. „Aber warum denn? Was ſollte den Baron Lottum veranlaſſen da hineinzufahren, wo er ſtraff und öffentlich hineingehen darf?“ Francois zuckte die Achſeln.„Man ſuchte nun eben einen Verräther und fand, daß die Geſchichte auf den Baron Lottum paßte. Aber, gnädiges Fräulein, mein Bericht iſt noch nicht zu Ende. Die Schildwache machte Anzeige von dieſem Vorfalle, und von da an erhielt jede Wache beſondere Inſtructionen„aufzupaſſen“. Richtig! Zwei Abende ſpäter blitzt es wieder an dem Schilderhäu⸗ ſel vorbei, und der Mann, der Wache ſteht, riecht Schwe⸗ fel! Aber der Kerl hatte Courage. Er hinterher! Im Flure des Hotels iſt's ſtockfinſter. Dennoch er hinterher! Er ſieht auch ein Etwas unter den Säulen der Vor⸗ halle, aber als er vorwärts dringt, ſtürzt er hin— er ſchwört über einen Pferdefuß geſtolpert zu ſein. Gleich aber richtet er ſich wieder auf und ſtellt ſich breitbeinig in die Hausthür. Ja, proſit! er hört und ſieht nichts wei⸗ ter.— Dann iſt's nochmals paſſirt. Der Mann, der das Etwas wieder hinein ſchlüpfen ſah, war vernünftig ge⸗ nug, ſich hinter die Thür zu ſtellen, um es beim Hinaus⸗ gehen betrachten zu können. Dieſer Mann hat nun eben den Verdacht gegen den Baron Lottum vollſtändig auf's Tapet gebracht. Er ſagt ausdrücklich, daß es ein fein ge⸗ kleideter Kavalier mit krauſen Handmanſchetten, von vor⸗ —— ——y— 73 nehmem Anſtande und nobler Haltung geweſen ſei. Er habe deutlich gehört, daß er mit Goldſtücken geklirrt hätte, und indem er den Mantel um ſich geſchlagen, ſei ihm die weiße Hand mit den gekrausten Spitzenman⸗ ſchetten dicht bei der Naſe vorbeigekommen. Aber der Kavalier habe außerordentlich ſchön und keineswegs nach Schwefel gerochen!“ Das Fräulein amüſirte ſich köſtlich über dieſe Be⸗ richterſtattungen, konnte aber immer noch keinen Zuſam⸗ menhang zwiſchen dieſem blitzähnlich kommenden Kavalier und dem Verdacht einer Verrätherei finden. François half ihr mit weiſer Beredſamkeit den Schlüſſel darin ſuchen, daß man im Publikum annehme, der Baron Lottum, ſonſt ein intimer Freund des preu⸗ ßiſchen Geſandten, beſuche jetzt denſelben gar nicht mehr öffentlich, um ſich nicht bloßzuſtellen, rapportire jedoch verſtohlen Alles, was er durch den jungen Grafen Brühl über die Maßregeln gegen Preußen erfahren könne, an ihn. Gertrud ſchüttelte den Kopf. Möglich war es aller⸗ dings, allein ſie glaubte den müßigen Schwätzereien nicht. Erwog man ernſtlich das Dafür und das Dawider, ſo ſtellte ſich das Wagniß ſolcher Zweizüngigkeit erſchreckend heraus. Nur die größten Vortheile konnten einen Mann von dem Stande des Barons zu ſolchen gewagten Schrit⸗ 1860. XIV. Gertrud. III. 74 ten verleiten, und Baron Lottum hatte es in keiner Hin⸗ ſicht nöthig, der äußern Stellung wegen zu nicht ganz ehrenwerthen Mitteln Zuflucht nehmen zu müſſen. Gertrud ſprach ihn unbedingt von ſolchem Verdachte frei, und ſie nahm ſich vor, mit Eifer die Gelegenheiten zu benutzen, wo ſie ihm hilfreich beiſtehen könne. Aber dieſe Gelegenheiten fanden ſich nicht. Der Feldmarſchall erkrankte in den nächſten Tagen, mußte ſtreng das Zimmer hüten, und feſſelte dadurch auch ſein Mündel an's Haus. Gertrud entwickelte jetzt ihre lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften. Sie war dem armen Poda⸗ griſten eine erheiternde Geſellſchafterin, und ſie vergaß über ihren Bemühungen beinahe die Glanzrolle, die ſie in Dresden zu ſpielen begonnen hatte. Sie ſchrieb an Frau von Pröhl, machte ihr An⸗ zeige, daß ſie ihren alten Verwandten nicht zu verlaſſen gedenke, und empfing dagegen von dieſer einen Brief, worin das Erlebniß Margareth's ziemlich umſtändlich er⸗ zählt war. Mit Erſtaunen las Gertrud, was geſchehen war, und ſie zeigte ſich eingebildet genug, es zu bedauern, daß ſie nicht an Margareth's Seite geweſen, weil ſie ganz gewiß eine glücklichere Wendung der Verhältniſſe herbei⸗ geführt haben würde. Frau von Pröhl meldete ihr, daß eine weſentliche —,— 7⁵ Verbeſſerung der Gemüthsſtimmung, als Folge dieſes Rencontres, in Margareth zu bewundern ſei, und Ger⸗ trud fand es ebenfalls bewunderungswürdig, da ſich die Trennung jetzt eher als unheilbar erwies, wie früher, wo man von einem perſönlichen Zuſammentreffen Ab⸗ hilfe erwartet hatte. Gertrud aber ſowohl als Frau von Pröhl kannten die tiefe ſchmerzliche Hoffnungsloſigkeit nicht, die Mar⸗ gareth belaſtet hatte. Wenn die glückliche Löſung ihrer Angſt,„den Grafen als todt betrachten zu müſſen“, ſchon im Stande geweſen war, ihre Seele von dem Banne der Verzweiflung zu befreien, ſo konnte die religiöſe Inbrunſt, womit ſie ihr erſtes Zuſammentreffen im Jagdſchloſſe als eine Fügung der Vorſehung anſah, gewiß nicht befrem⸗ den und die heitere Seelenſtimmung nach dem zweiten Wiederſehen, das ihr ſogar Beweiſe ſeiner Zärtlichkeit gegeben hatte, nur natürlich erſcheinen. Ihr war dies einfache Bewußtſein genug, um das Andenken an die Trübſale und die Gewißheit einer verlängerten Trennung faſt zu vernichten. Sie blieb im Beſitze eines Kleinods, deſſen Werth mit jedem Momente ſtieg. Ob ſie jemals wieder in die Rechte der Liebe eingeſetzt und von dem Geliebten für würdig erachtet werden konnte, an ſeiner Seite zu leben, das blieb allerdings fraglich, aber da ſie zu dem aufrichtigſten Bekenntniſſe ihrer Irrthümer bereit 5* 76 war, ſo übergab ſie ſich mit einem reinen Gottvertrauen der Hoffnung, nach der Feuerprobe ihrer Liebe ein ſchö⸗ neres Glück zu erlangen, als das wilde berauſchende Lie⸗ besleben ihrer Brautzeit ihr verheißen hatte. Geläutert und befeſtigt mußten ſie ſich einſt, ob hier oder in jener Welt wieder angehören, denn ihr Daſein hatte ſich un⸗ auflöslich vereinigt. —29 85 alten Familientraditionen zufolge iſt ein Brettow weder zu bekehren, noch zu belehren! Ich kann nur die Beſchuldigungen des Mädchens nicht anhö⸗ ren, ohne zu verſuchen, Dir eine richtige Meinung über die unglückſeligen Vorgänge zu verſchaffen, die Euer Glück zerſtörten.“ Junker Wolf verſtand mit dem Grafen umzugehen. Er vermied Alles, was die Leidenſchaftlichkeit deſſelben reizen konnte, und überließ ihn ſeiner eigenen Vernunft. Auseinanderſetzungen hätten jetzt nichts gefruchtet und Vorſtellungen nichts geholfen. Er ſtreute alſo nur den Samen in ſein empfänglich gewordenes Gemüth und übergab das Aufgehen deſſelben den ſonnenhellen Launen glücklicher Stunden. Die Ruhe, womit Graf Levin Vieles aus der traurigen Vergangenheit berührte, frappirte ihn einigermaßen. Er wußte ſie ſich nicht zu erklären, bis endlich nach vielen andern Reden der Graf faſt träu⸗ rig ſagte: „Stürme, die über Herzensträume gehen, zerſtören die Wahrheit der Liebe. Was hülfe es, daß ich mich auf Minuten beſeligen ließe, meine eigentliche Empfindung für Margareth iſt todt!“ Junker Wolf lächelte mitleidig und voller Unglau⸗ ben.„Verſuche es erſt, ſie wieder zu ſehen!“ — „Ich habe ſie wieder geſehen, ich habe ſie einen kurzen Moment an meinem Herzen gehabt und—“ „Levin!“ rief Wolf erſchreckt.„Du träumſt wohl! Du hätteſt Margareth umarmt? Geſehen haſt Du ſie im Jagdſchloſſe.“ „Umarmt habe ich ſie im Garten des Baron Biska,“ vollendete Levin ganz ruhig. „Wo? Wann?“ „Vor acht Tagen, als ich mit dem General Ziethen dort war!“ Der Junker fühlte einen tiefen Schatten auf ſeine hoffnungsreichen Bilder der Zukunft hinabgleiten. „Und doch dieſe Ruhe?“ fragte er ſich.„Dann iſt Alles vorbei!“ „Erzähle mir das Begegniß,“ bat er bewegt. Der Graf zeigte die größte Bereitwilligkeit und berichtete ge⸗ treulich Alles, was geſchehen war. Wolf neigte ſtumm und trüb den Blick. Er mußte ſich eingeſtehen, daß dieſe ſonderbare Wandlung eines heißblütigen, leidenſchaftlichen Charakters wenig Ausſicht auf glückliche Reſultate ver⸗ ſprach, ſelbſt wenn genügende Aufklärungen erfolgen ſoll⸗ ten. Es war ihm eine Erleichterung, als der Graf plötz⸗ lich abſpringend fragte: „Laſſen wir nun den Gegenſtand ruhen, Wolf! Nicht wahr, Du biſt lediglich gekommen, um mit mir nach Berlin zu gehen?“ 87 „Mit Dir? Nach Berlin?“ wiederholte Wolf ver⸗ wundert.„Wie ſollte ich zu dieſem Gedanken gekommen ſein? Was ſoll ich in Berlin?“ „Mein Gott, weißt Du denn noch nicht, daß wir uns zum Kriege rüſten?“ „Gott bewahre! Im Ernſt? So preiſe ich den Zufall doppelt und dreifach, der mich heute zu Dir führte.“ „Der Zufall? Der Zufall?“ flüſterte Graf Levin mit jenem ſchönen, ſchwärmeriſchen Lächeln, das ſein ſtol⸗ zes Geſicht unwiderſtehlich anziehend machte. Er liebte ſeit Kurzem das Wort, ohne ſich klar darüber zu ſein warum. Dann ſagte er eilig:„ „Der König rüſtet. Ziethen hat das Kommando wieder übernommen. Er hat ſein Möglichſtes gethan, um ſeine tüchtigſten Offiziere von Anno 45 wieder zu erhal⸗ ten. Es iſt ihm merkwürdig gut geglückt. Baron Biska tritt auch ein. Er überſiedelt jetzt erſt mit ſeiner Familie nach Berlin, um den Kopf frei zu haben.“ „Seine Gattin iſt eine ſächſiſche Gutsbeſitzerin?“ fragte Junker Wolf dazwiſchen. „ Ja wohl. Sie hat aber eine ſo große Vorliebe für unſern weiberfeindlichen König, daß ſie nichts dagegen haben will, wenn ihr Gemahl mit dem Dollmann der preußiſchen Huſaren u or ihr erſcheint. Es machte ſich 88 Alles blank und glatt auf dem Tauffeſte, wo die Elite unſers Offiziercorps erſchienen war. Mir iſt das Herz ſeitdem wieder leicht geworden und die Bruſt frei! Fort zum Kampfe, fort zum Siege, und wenn es ſein muß— fort zum Tode! Ich weiß es jetzt, Wolf, ſie weint um mich! Das iſt des Lebens freilich nicht werth, aber des Sterbens!“ „Aber ſage mir nur,“ begann er wieder nach einer Pauſe, die unter ſtillem Nachdenken verfloſſen war,„wo haſt Du denn gelebt, daß Du von den Bewegungen i im Lande gar keine Ahnung zu haben ſcheinſt?“ Junker Wolf erklärte mancherlei vernommen, aber nichts davon geglaubt zu haben. Er fühlte ſich beſchämt bei den Rückerinnerungen an dieſe letzte Zeitperiode ſei⸗ nes Lebens, wo er unter dem idylliſchen Frieden des Schloſſes Rittberg, welches die Genien ehelicher Zärtlich⸗ keit beherbergte, in einen träumeriſchen Zuſtand verfallen war, der ihn ſogar zu der Inconſequenz verführt hatte, Gertrud von Spärkan wiederſehen zu wollen. „Wie konnte ich denken, daß unſer König, der, wie uns in Rittberg mitgetheilt wurde, ſeit der Trennun von Voltaire mehr als jemals Flötenduette mit ſeinat Quanz ſpiele, kriegeriſche Geſinnungen hege!“ ſchloß er ſcherzend. „Du glaubteſt alſo unſer en Fritz fähig, die 89 Kriegstrompete für immer aus der Hand zu legen, um ſüßen Flötentönen zu huldigen? Du irrſt. Er vereint Eines mit dem Andern! Schon ſeit dem Herbſt iſt Ge⸗ neral Winterfeldt unermüdlich in den Vorbereitungen zu einem coup de mains geweſen. Ich hatte mich in einem Anfalle grimmiger Verzweiflung dem Prinzen Erich zu einer Tour durch Deutſchland angeſchloſſen.“ „Leider, leider!“ murmelte Junker Wolf dazwiſchen. Der Graf lächelte ſchwach und fuhr fort:„Wir trafen Winterfeldt unterwegs, und ohne daß er das Sie⸗ gel des Geheimniſſes von ſeinen Lippen nahm, ließ er mich eines Abends ahnen, daß die Plilſchen Conſtell⸗ 1 tionen ihn zu einer Forſchungsreiſe veranlaßt hätten. hat, wie wir jetzt wiſſen, durch eigene Prüfung die Militaireinrichtungen der betreffenden Allianzſtaaten ken⸗ nen zu lernen geſucht und das Terrain des vorherzube⸗ ſtimmenden Kriegsſchauplatzes gehörig recognoscirt. Da⸗ mals ſchon theilte er mir mit, daß der tolle Seydlitz vom Könige zum Oberſten ernannt ſei, und dies veranlaßte mich ſofort umzukehren und mich bei dem Regiment zu melden. Mein General hat mich zu ſeinem Adjutanten erwählt und der König verlieh mir die Charge eines Rittmeiſters. Der General fragte nach Dir und beauf⸗ tragte mich Dich anzuwerben. Ich überlegte ſchon ſeit mehreren Tagen, wie ich Dich ſprechen könnte— urtheile 1860. XIV. Gertrud. III. 6 3 86 90 alſo, ob Du mir nicht erwünſcht und erſehnt warſt, mein Herzensfreund. Nun aber wollen wir erſt eine kleine Collation, die mein alter Daniel hergerichtet hat, ein⸗ nehmen und dann weiter conferiren.“ Sie ſetzten ſich zu einem Gerichte Rebhühner, das ihnen köſtlich entgegenduftete, nieder, und Graf Levin ließ es ſich angelegen ſein, dem durchfrorenen Reiſenden einige Wärme durch den geeigneten Tokaier einzuflößen. Das Geſpräch hielt ſich dabei feſt bei dem einmal angeregten Thema über die nächſte entſcheidende Entſchließung ihres Königs, und Junker Wolf erkannte jetzt freilich, daß die /* Ereigniſſe ſtark auf eine kriegeriſche Wendung hindeuteten. F der keinen Augenblick darüber in Zweifel, dieſen ſchwung der Zeitverhältniſſe zu ſeiner Zufriedenheit auszubeuten und ſo dem Zuſtande innerlicher Zahmheit und Flauheit für immer zu entgehen. Das Ziel ſeiner Beſtrebungen verrückte ſich mit einem Schlage. Es war nun nicht mehr die Rede davon, ſich ſeinen ärmlichen Ver⸗ hältniſſen demüthig unterzuordnen, ſondern er ſtand gegen dieſelben auf und wollte ſie zu bekämpfen ſuchen. Seine Intereſſen erweiterten ſich mit jedem Augen⸗ blicke unter den Berichten ſeines wohlunterrichteten Vet⸗ ters, und er zürnte ernſtlich mit ſich ſelbſt, bis dahin ſo wenig eigentlichen Drang für die Berufsthätigkeit gezeigt zu haben, worauf er von der Natur und von den Ver⸗ hältniſſen angewieſen war. — 91 „Aber Levin, glaubt Ihr denn ganz unbeachtet von den Nachbarſtaaten Eure Rüſtungen betreiben zu kön⸗ nen?“ fragte er plötzlich, als der Graf mit der Sicher⸗ heit eines Propheten die Feldzüge und ihre Reſultate entwarf. „Und wenn wir beobachtet werden?“ ſprach Levin geringſchätzend.„Der König von Polen iſt in den Händen ſeines Miniſters, und Brühl iſt ein zu großer Genuß⸗ menſch, um ſich eher aus ſeinem verſchwenderiſchen Leben aufzuraffen, bis die Noth ihn dazu treibt. Uebrigens kön⸗ nen ſie in Dresden nicht ahnen, daß wir von ihren ver⸗ rätheriſchen Complotten mit Oeſterreich unterrichtet ſind. Wie der König Friedrich zur Kenntniß derſelben gekom⸗ men iſt, weiß ich nicht. Er mag die Berichte der geſchärf⸗ ten Aufmerkſamkeit unſeres Geſandten verdanken. Brühl’s Kreaturen beherrſchen den Ton in Dresden, und nach meiner Anſicht geht Sachſen in allen Fällen ſeinem Un⸗ tergange entgegen, ſei es durch die verderbliche Einwir⸗ kung dieſer Polenherrſchaft oder durch den drohenden Krieg, der als Strafe für ihre Uebertretung der Dres⸗ dener Friedensbeſchlüſſe ſie treffen wird.“ „Daß die Kaiſerin ſich nur ſchwer von den Ländern trennen kann, die ihr, ehrlich geſagt, durch unſern König entriſſen worden ſind, finde ich natürlich, und auch, daß 6* H ½ 92 ſie alle Macht aufwendet, um den Verſuch zu wagen, ſie wieder zu erlangen,“ meinte Junker Wolf nachdenklich. „Sie handelt aber thöricht, durch Kaunitz ſich zu Schritten bewegen zu laſſen, die ihrer unwürdig ſind,“ entgegnete der Graf lebhaft.„Wie kann eine Kaiſerin von ſo erhabenen Tugenden, geſchmückt mit der edelſten, reinſten, hingebendſten Weiblichkeit, ſich hinreißen laſſen, ihres Vortheiles wegen an eine Pompadour zu ſchreiben, um ihre Vermittlung in Anſpruch zu nehmen!“ „O, iſt das auch wahr?“ warf Wolf ſchmerzlich betroffen ein. „Ich habe es von Jemand, der eine Abſchrift des ſchmeichelhaften Briefes geſehen haben will, und die Re⸗ ſultate ſprechen auch für die Wahrheit des Gerüchtes. Frankreich, der bitterſte und natürlichſte Feind Oeſter⸗ reichs, hat ſich für die Allianz erklärt und der Kardinal Bernis iſt in Folge ſeiner feſten Oppoſition gegen den Krieg in Ungnade gefallen.“ „Unbegreiflich,“ murrte der Junker vor ſich hin, dann hob er lebhaft ſeinen Blick:„Es zerſtört dieſer Schritt der Kaiſerin einen Theil meiner Verehrung und Theilnahme für ſie.“. „Sie geht durch ihres Miniſters unwürdige Rath⸗ ſchläge eben ſo ſicher ihrem Verderben entgegen, wie 93 Sachſens Churfürſt unter Brühl's unſinniger Ueppigkeit und Verſchwendung.“ „Und ihr Gemahl? Hat er denn gar keinen Einfluß auf ſie? Sie liebt ihn doch ſo zärtlich?“ „Das iſt ein Schatten auf dem Bilde der hochbe⸗ gabten ſchönen Frau,“ antwortete Graf Levin leiſe.„Die Demuth der wahren Liebe iſt ihr fremd geblieben, ob⸗ wohl ihr die Herzensreinheit und Treue Lebensathem geworden iſt. Wie ſelten aber findet man auch Schönheit ohne Eitelkeit und Herrſchbegierde in einem weiblichen Weſen vereint!“ „Ich kenne Eine, die dieſem Ideale entſpricht,“ ſagte Wolf ganz ruhig, und fügte gleich hinzu:„Was meinſt Du, ich hätte Luſt unter Seydlitz's Küraſſiere zu treten?“ „Vortrefflich! Der Gedanke iſt gut! Ihr werdet Rivalen werden. Seddlitz iſt eine prächtige Erſcheinung, bezaubert durch ſeine Schönheit alle Weiberherzen und verwundet ſie in ſeiner Wildheit. Deine Beſonnen⸗ heit kann ihm dienlich ſein. Er muß Dich zu ſeinem Adjutanten machen. Laß ſehen, was wir da thun können! Das Beſte wird ſein, daß Du Dich dem Prinzen Hein⸗ rich vorſtellen läßeſt, denn er ſteht mit dem Oberſt von. Seydlitz außerordentlich freundſchaftlich. Du, der Prinz und Seydlitz— ein herrliches Trifolium!“ Junker Wolf lachte über die Lobeserhebung, dachte jedoch im Stillen daran, wie wenig Freude ihm bis dahin ſeine körperlichen Vorzüge gebracht hatten.— Beide junge Männer fühlten ſich wunderbar Einer in dem Andern getröſtet, und als die Nacht mit ihrem myſteriöſen Einfluße die Träume durch ihre Seelen führte, da waren es keine finſtere Geſtalten mit Trauerſchleiern mehr, ſondern Lichtgebilde voller Leben! Ruhm, Glanz und Ehre ſpannen Glorien um ihren Lebenshimmel, und wenn das Glück auch nicht auf ihre gequälten Herzen herniederrauſchte, ſo war es doch ſchon ein Vorgeſchmack friedlichen Behagens, das ihnen ſehr wohlthat. Am Morgen brach Wolf von Brettow frühzeitig auf, um Rittbergen vor dem Abende erreichen zu können. Der Schnee ſchmolz vor der warmen Märzſonne, da⸗ durch beſſerte ſich der Weg keinesweges. Aber der Him⸗ mel war blau, die Luft weich und duftig. Der Wind, aprilmäßig von Nord nach Süden ſpringend, umfächelte ſeine heiße Stirn, als er baldige Wiederkehr verheißend, ſich auf ſein treues Pferd ſchwang und heiter durch die Tannen dahinflog, die nicht mehr grauſig ſeufzten und ächzend die grünen Häupter ſchüttelten. „Heute und geſtern?“ dachte der junge Mann le⸗ bensfroh um ſich ſchauend.„Wie thöricht iſt der Menſch, der verzweifeln will. Vierundzwanzig Stunden heben 95 den Alp von der Bruſt und laſſen den Hauch des Frie⸗ dens einziehen. Wie heißt's doch in dem ſchönen Kirchen⸗ liede von Profeſſor Gellert?“ Er ſann einen Augenblick nach.„Ja, ja! Wie groß iſt des Allmächt'gen Güte! Der Herr hat mein noch nie vergeſſen, vergiß mein Herz auch ſeiner nicht! O Gott, laß Deine Vatergüte mir immerfort vor Augen ſein! Sie ſtärk in mir die guten Triebe, mein ganzes Leben Dir zu weih'n. Sie tröſte mich zur Zeit der Schmerzen, ſie leite mich zur Zeit des Glücks, und ſie beſieg' im bangen Herzen die Furcht des letzten Augenblicks!“ Der junge Mann ſah ſchweigend und mit wahrhaft frommer Gläubigkeit hinauf zu dem azurblauen Himmel, der nur leichte, weiße Wölkchen aufwies, die ſich muth⸗ willig wie Schäfchen auf der Weide jagten. Er dachte an das Ziel, das ſeinem muthigen Streben zu Theil werden konnte. Der Tod erſchien ihm aber nicht grauſig bei dem Gottvertrauen, das ſeine Bruſt erfüllte. Ob er mit der⸗ ſelben Zuverſicht darauf rechnen konnte, von den beiden ſtrahlenden ſchönen Augen beweint zu werden, die eine kurze Zeit ſeines Lebens Sonne geweſen waren, wie ſein Vetter Levin es von Margareth ſich verſprach? Er bewegte zweifelnd ſeinen Kopf. Ihm ſchien es gewiſſer, daß Glanz und Ueppigkeit mit dem Hochmuthe und der Gefallſucht Hand in Hand ſehr bald die reizende 96 Blume vergiften werde, die er mit heißer Zärtlichkeit eine kurze Spanne Zeit geliebt hatte. Dann wendete er ſeine Gedanken auf Levin und Margareth. Sechs Mo⸗ nate hatten alſo hingereicht, um die leidenſchaftliche Liebe des Grafen abzukühlen! Denn abgekühlt bis zur Gleich⸗ giltigkeit war Levin. Nur noch die Funken einſtiger Gluth ſtiegen momentan empor, nur noch leichte Flam⸗ men, unter der Aſche fortglimmend, aufregend wohl, aber nicht belebend— auflodernd, aber nicht beglückend! Hatte die verzehrende Macht des Schmerzes dies bewerk⸗ ſtelligt? Hatte der Grimm des Grames ſein Herz ge⸗ ſtählt und gegen den unausſprechlichen Reiz des ſchönen Mädchens hart gemacht? Eine Trauer überfloh ſein Inneres bei dieſen Fra⸗ gen. Die Vergänglichkeit dieſer gluthvollen Leidenſchaft that ihm leid. Er verfiel nicht darauf, ſie auf eine andere Art zu deuten. Er konnte es nicht ahnen, daß Levin ihm keinen Einblick mehr in ſein Inneres geſtatten wollte, nachdem die Verheerungen des Kummers es verödet und weit weniger ſelbſtſüchtig gemacht hatten. Der Stolz ſchloß die Pforten des Vertrauens ſo eng wie möglich. Nur was die Freundſchaft in der erſten Erſchütterung errathen hatte, ſollte ihm genügen. Alles Andere mußte erſt die Zeit mit ihrer heilenden Zerſtreuung überdecken, ehe er es dem Auge ſeines Vertrauten zur Sondirung 97 übergab. Sein Liebesglück hatte der Graf, nach ſeiner unmaßgeblichen eigenen Einſicht für immer begraben, und die ſanften Schwingungen der Trauer, unter denen ſein Herz bisweilen erbebte, ſchienen ihm nur noch das Ge⸗ läute der Glocken, womit man das Irdiſche im Leben zur Ruhe beſtattet. Seitdem er Margareth wieder geſe⸗ hen hatte, war es merkwürdig ruhig in ihm geworden. Ihm ſelbſt blieb dieſe Seelenbeſchwichtigung ein Räthſel, wie vielmehr mußte ſie dem Junker Wolf unerklärbar er⸗ ſcheinen. Der Läuterungsprozeß im Menſchen, der ſich eben ſo mechaniſch, wie in allen Productionen der Natur entwickelt, mußte ihrem ungeübten Auge fremdartig vor⸗ kommen, ſo lange ſie Beide nicht im Stande waren, die Abklärung aller Gefühle zu prüfen. Der berauſchende, krankhaft ſprudelnde Schaum im Leben der Empfindun⸗ gen lag nach der Gährung des Innern verkruſtet und kalt oben auf, was darunter ſich regen wollte und mochte, das mußte die Zeit erſt wieder zur Sicht bringen. Mit einem herzlich frohen Gefühle ritt Junker Wolf endlich, nach wochenlanger Abweſenheit wieder in Rittbergen ein. Der Huftritt ſeines Pferdes auf der Zugbrücke lockte ſogar die liebliche Hausfrau des Schloſſes in's Portal, und der Junker ſah ſich mit einer Freude bewillkommt, die ſein Blut raſcher durch die Adern trieb und das Waſſer in ſein Auge lockte. Reinhard von Ritt⸗ berg ſchloß ihn brüderlich innig an ſein Herz und machte ihm herzhafte Vorwürfe, daß er es ſo lange fern von ihnen hätte aushalten können, und Elvire bot ihm mit ſchweſterlicher Keuſchheit die Lippen zum Kuße. Sein Muth wurde gewaltig auf die Probe geſtellt, als er endlich nach dieſem Empfange davon zu reden be⸗ ginnen ſollte, daß er bald, ſehr bald die ſichern, gaſtli⸗ chen Mauern des Schloſſes Rittbergen auf immer ver⸗ laſſen werde. Seine Stirn bezog ſich mit Wolken und um ſeine Lippen lagerte ſich die Wehmuth. Mit tiefem Athemzuge ſchloß er ſeine Berichterſtattungen über Mar⸗ gareth's Befinden, das er als ausgezeichnet pries, und ging dann zu der Erzählung ſeines letzten Abenteuers über, wobei er natürlich die Reiſe nach Dresden nur obenhin berührte und von den ſyſtematiſchen Beobachtun⸗ gen des Fräuleins von Spärkan nicht eine Silbe er⸗ wähnte. Wort für Wort referirte er aber, was er in Bret⸗ towroda gefunden, wie er Levin beurtheile, und daß er feſt überzeugt ſei, dieſer leidenſchaftlich wilde Charakter ſei nur gerade durch den Umſtand zu retten geweſen, daß ein Krieg in Ausſicht ſtehe, der ſeine urſprüngliche Na⸗ tur hinlänglich zu beſchäftigen im Stande ſei. „Er hat Margareth nicht vergeſſen,“ ſchloß er frei⸗ müthig,„aber Margareth iſt aus dem Kreiſe ſeiner 99 Wünſche getreten. Er verurtheilt ſie noch immer wegen einer Wankelmüthigkeit ihres Herzens, aber ſpeciell ge⸗ nommen ſchmerzt ihn die Wankelmüthigkeit nicht ſo, wie ich glaubte. Sie irritirt mehr ſein Urtheil über die Frauen im Allgemeinen. Eindringen konnte und mochte ich nicht in das Grab ſeiner Vergangenheit. Es mußte mir genug ſein zu ſehen, daß der edle Kern in ihm nicht angetaſtet, daß er nicht geneigt ſchien, in einem wilden Leben ſeine Kämpfe zu vergeſſen. Gewinnt Margareth jemals wieder Macht über ihn,“ fügte er hinzu,„ſo hat ſie unendliche Vortheile von der traurigen Niederlage die⸗ ſes leidenſchaftlichen Mannes, allein ich gebe jetzt der Furcht Raum, daß das Verhältniß zwiſchen unſern Freun⸗ den auf immer getrennt iſt.“ Rittberg ſah ernſt und nachdenklich vor ſich nieder. Elvire hingegen hob ihr Auge hell zu Wolf auf und ſagte:„Wahre Liebe findet ihre Wege und Gott leitet ſie gewiß zum Ziele.“ Um die getrübte Stimmung etwas anzuregen und dann einen paſſenden Uebergang zur Erklärung ſeines Vorhabens zu finden, erzählte jetzt Wolf von dem Dom⸗ herrn von Pröhl und erwähnte mit heiterm Scherze der kühnen Idee dieſes Verehrers ſchöner Menſchen„ihn mit Margareth zu verheirathen“. Frau Elvire lächelte fein und bedeutungsvoll. Sie 100 ſchien dieſe Idee beifällig aufzunehmen, und wenn nicht Alles täuſchte, ſogar die Eigenthümlichkeit ihres Onkels zur Erreichung eines Zweckes voraus berechnet zu haben. Junker Wolf ſah ſie ahnungsvoll an, als ſie etwas ver⸗ wirrt fragte:„Und was ſagte Margareth dazu 2„ „Margareth?“ wiederholte Wolf erſtaunt.„Das weiß ich nicht! Ich hatte ſo entſchieden meinen Wider⸗ ſtand erklärt, daß der alte Herr hoffentlich das zarte Gemüth des Fräuleins unbeläſtigt gelaſſen haben wird.“ „Alſo der Verſuch war vergebens,“ ſprach jetzt ernſt und entſchloſſen der Schloßherr. Junker Wolf ſah ihn beſtürzt an. „Ja, mein Freund, ſieh mich nur an,“ ſetzte er ru⸗ hig hinzu.„Wir verbanden eine Abſicht mit dieſer Reiſe. Schon früherhin war es mein heißeſter Wunſch, Dich mit Margareth zu verheirathen. Ich nahm ſie deshalb mit hierher nach Rittbergen. Meine Hoffnung auf Eure gegenſeitige Liebe wurde durch ſtürmiſche Werbung des Grafen Levin zerſtört, allein da ich bemerkte, daß auch Dein Herz unberührt geblieben war—“ „Nicht immer, mein guter Reinhard,“ warf Wolf ſehr leiſe ein. „So ergab ich mich gern der waltenden Vorſehung, die meine Wünſche durchkreuzt hatte. Nachdem ſich jetzt Alles anders geordnet hatte, wie wir glaubten und er⸗ 101 warteten, nachdem der beharrliche Zorn Levin's uns die Ausſicht raubte, Margareth jemals an ſeiner Seite glück⸗ lich zu ſehen, tauchte mein früherer Wunſch wieder auf, und wenn ich auf die ſanfte Neigung meiner Schweſter für Dich rechnete, die Euer Wiederſehen beleben und aufregen konnte, ſo bauete mein holdes Weibchen auf die Manie ihres wunderlichen Oheims, der niemals geru⸗ het hat, bis er die Verbindung zwiſchen zwei ſchönen Menſchen zu Wege brachte. Wir ſind mit unſern Plänen geſcheitert, und ich vertraue Dir nun lieber in aller Offen⸗ herzigkeit meinen Wunſch, daß Du Dich um Margareth bewerben möchteſt. Es kann nicht fehlſchlagen, lieber Wolf. Margareth iſt Dir ſehr gewogen. Aus dieſer ſanftern Neigung wird ihr Glück ſicherer emporwachſen, als aus der leidenſchaftlichen Gluth, womit ſie, vielleicht nur momentan, Deinem Vetter Levin anhing. Ich habe niemals zwei Menſchen geſehen, die einander mehr wür⸗ dig waren, als Dich und meine Schweſter, und ich hege die Ueberzeugung, daß ihre Wohlfahrt, ihr zeitliches Wohl und ihre richtige Anerkennung in den beſten Hän⸗ den ruht, wenn Du ſie zur Gattin wählſt, wenn Du mir Dein brüderliches Wort gibſt, ſie zu lieben!“ Er hielt dem Junker die Hand hin, die dieſer zit⸗ ternd vor Aufregung ergriff, aber ſogleich wieder fallen ließ, um, zum erſtenmale in ſeinem ganzen Leben, voll⸗ 10² ſtändig faſſungslos aufzuſpringen, damit ſeine Bruſt un⸗ ter der Einwirkung ſeiner Gemüthsbewegung nicht er⸗ drückt werde. Welche Fluth von Gefühlen überſtürzte ihn, den armen, mittelloſen Edelmann bei dieſem Antrage! Pfeil⸗ ſchnell gingen ſeine Erinnerungen zurück zu der Zeit, wo er mit ſeinem Freunde Reinhard und dieſer ſchönen an⸗ muthigen Geſtalt einſam auf Rittbergen gewaltet, wo des Abends das lodernde Feuer ſie im Wohnzimmer ver⸗ eint und harmloſer Scherz ihre Herzen verbunden hatte. O, warum legte er damals den eiſenfeſten Vorſatz auf ſein heißpochendes Herz, daß dieſe ſüße Herrin ihn nicht zum Verrath an ſeinen Freund verführen ſolle. Er hätte ſie alſo lieben dürfen ohne Vorwurf? Er hatte ſich rit⸗ terlich und feſt bei dieſer Prüfung bewährt— und jetzt, wo es zu ſpät war, kam es zu ſeiner Kenntniß, daß er hätte glücklich werden können! Das war Schickſals Tücke und wohl geeignet eines Mannes Seelenruhe zu ſtören. Und dann? Nun dann trat der Kobold ſeines Lebens, die kleine, coquette, reizende Gertrud von Spärkan in ſeine Phantaſie, füllte ſie bis zu den kleinſten Winkeln aus und beherrſchte ſie dergeſtalt, daß er für alles Andere blind war. Während Rittberg ihn aus ganz andern Gründen veranlaßte, einen Beſuch bei Pröhl's zu machen, hatte 103 er nur das verlockende Bild dieſes Mädchens im Herzen, ſah er nur ihre ſtrahlendſchöne Augen und fühlte nur mit Innigkeit die Freude des Wiederſehens voraus. Daß er aber vermied ihren Namen zu nennen und daß er mit zärtlicher Freude von Margareth ſprach und dabei nur an Gertrud dachte, das veranlaßte auch die erfahrene und ſcharfſichtige Elvire zu Vorausſetzungen, die mit Rittberg's Wünſchen harmonirten. Sie erblickte in der detaillirten Erzählung des jungen Mannes, die er in Be⸗ zug auf Levin für nöthig hielt, nur einen Ausfluß ſeiner Biederkeit und glaubte ihn durch den zweideutigen Aus⸗ ſpruch„Wahre Liebe findet immer ihre Wege und Gott leitet ſie zum Ziele“ ermuthigen zu müſſen, an ſich ſelbſt zu denken. Ach, hätte ſie gewußt, daß Gertrud viel mehr Theil an der ſichtlichen Aufregung hatte, als Marga⸗ reth— die ſchöne, engelgute, gebildete, ſanfte und liebens⸗ würdige Margareth! Der Junker faßte ſich nach und nach. Er trat dicht vor ſeinen Freund und ſah ihn mit ſeinen großen blauen Augen zärtlich an. „Ich verſpreche nichts, mein theurer Reinhard,“ ſprach er in unverkennbarer Bewegung,„ich verſpreche nichts! Du kennſt die Deviſe der Brettow's: Treue der Geliebten— Treue dem Freunde— Treue dem Könige! In dieſen Worten liegt mein Schwur, wenn ſich Alles 104 ſo entwickeln ſollte, wie Du es wünſchteſt. Aber ich verhehle Dir nicht, daß— Vieles ſich anders geſtalten muß, bevor wir Alle ruhig genug zu dem Glücke ſein werden, das ſich eben feenhaft vor meinen Geiſtesblicken aufrollte.“ „Recht ſo, mein wackerer Freund!“ fiel Rittberg freudig ein.„Uebereilen wir nichts und laſſen wir der Zeit die Hauptbeſtandtheile der Ausgleichung. Ich habe mein Herz erleichtert, und Du weißt nun, daß Schloß Rittbergen nach meiner Anſicht Raum genug hat, zwei glückliche Ehepaare in ſich aufzunehmen.“ Ein Händedruck ſchloß dies Geſpräch, dem Wolf ſogleich die Worte anhing: „Wie undankbar erſcheint nach dieſer Erklärung mein Entſchluß, Schloß Rittbergen ſchon im Laufe der nächſten Woche auf immer zu verlaſſen! Aber bedenke wohl, daß dieſer Vorſatz reifte, bevor ich Deine brüder⸗ liche Sorge für mein Glück ahnen konnte.“ „Nun?“ fragte Rittberg geſpannt. Sein Mienen⸗ ſpiel zeigte eine ſeltſame Betroffenheit, die ſich aber ſo⸗ gleich löſte, als Wolf hinzufügte:— „Ich habe meinen Vetter Levin beauftragt, mich dem Generaladjutanten unſers Königs, Herrn von Winterfeldt zur Dispoſition zu ſtellen, und werde mit Levin nach 105 Berlin reiſen, um meine Aufnahme als Küraſſieroffizier zu betreiben.“ „Dachte ich es doch!“ rief Elvire ganz beſtürzt. „Lag es doch immer ahnungsſchwer auf mir, ſo lange Sie von Ihres Vetters Eintritt in die Armee ſprachen. O, Wolf, gedenken Sie Ihrer Lieben, gehen Sie nicht zum Militair— der Krieg iſt ja faſt gewiß, bedenken Sie die Gefahren!“ „Daß der Krieg ſo gut wie gewiß iſt, hat eben meinen Entſchluß herbeigeführt,“ rief Wolf lebhaft. „Offizier in Friedenszeit? Niemals hätte ich dazu ge⸗ paßt, allein im Kampfe entwickelt ſich das Edlere dieſes Berufes.“ „Wo iſt und bleibt das Edle, wenn eine ungerechte Sache durchgefochten wird. Was hatte unſer armes Sachſenland Ihrem kriegeriſchen, despotiſchen Könige ge⸗ than, daß er es vor zehn bis eilf Jahren ſo jämmerlich elend machte? Gehen Sie mir doch mit Ihrem politi⸗ ſchen Manöver und mit dem, was man Staatsmaxime nennt. Der König folgt nur ſeinem eigenen Gelüſt, das ihm eine Vergrößerung ſeines Reiches vorſpiegelt. Und um ſo unedler Zwecke willen möchten Sie Ihre Charak⸗ tergüte opfern?“ „Jetzt ſpricht die beleidigte Sachſin aus meinem lieben Weibchen!“ ſcherzte Rittberg, den Mund der eifri⸗ 1860, XIV. Gertrud. III. 7 106 gen Dame mit Küſſen ſchließend.„Ich tadle Deinen Vorſatz durchaus nicht, beſter Wolf. Er verleiht Dir eine ſelbſtändige Situation in der Welt und beſchäftigt Dich am beſten. Elvire wird ſich darin finden müſſen, einen Sachſenbeſieger in ihrem Hauſe aufzunehmen, wenn es eines Tages dahin kommt, daß das arme Sachſen⸗ land unter der unſinnigen Handlungsweiſe ſeiner Herr⸗ ſcher, denn ich rechne Brühl als Herrſcherkraft mit, zu⸗ ſammenſtürzt. Wer weiß, ob wir es nicht erleben, daß Sachſen noch gut preußiſch wird. Glücklicher möchte es unter eines Friedrich's Scepter wohl ſein, wie unter der Polenkrone der Auguſt's.“ „Unſere arme Königin,“ flüſterte Elvire ſehr betrübt.„Ach und unſer Prinz, der kleine reizende Enkel des Königs. Mag Gott dem nur wenigſtens ſein Sach⸗ ſenland bewahren, wenn euer König mit Feuer und Schwerdt über mein Vaterland herzieht. Der König Auguſt iſt ja alt, warum wartet denn Friedrich nicht, bis der die Augen zuthut?“ „Dann möchte es für König Friedrich zu ſpät ſein!“ ſcherzte Rittberg.„Gib Dich zufrieden, unſer König iſt kein Uſurpator, obwohl er die Macht der Kaiſerin etwas beſchnitten hat. Er iſt gerecht und edel, wenn er auch gleich nach kriegeriſchen Grundſätzen die Mittel vom Zwecke heiligen läßt.“ 107 „Es iſt uns Allen gut, wenn ich bei meinem Be⸗ ſchluße beharre,“ wendete Junker Wolf jetzt bittend ein, indem er die Hand Elviren's an ſeine Lippen drückte. „Mein Leben hat eine beſtimmte Richtung als Soldat. Verſagen Sie mir Ihre Billigung nicht.“ „Nein!“ ſprach die junge Frau plötzlich nachgebend. „Aber Sie verſprechen mir, die unſchuldigen Sachſen ſo viel zu ſchonen, wie möglich!“ Rittberg lächelte zu dem ritterlichen Handſchlage, den der junge Mann ganz ernſtlich gab, aber Elvire betrachtete die Sache feierlich und nahm ihn an. „Wir haben Briefe von der Tante Wallbott,“ begann der Hausherr, um die Scene zu ändern.„Sie iſt äußerſt unzufrieden mit ihrem Alexander und ſehr trau⸗ rig über Margareth's kühle Geſinnung. Außerdem ent⸗ hält der Brief viel Intereſſantes. Willſt Du ihn leſen, Wolf?“ „Gern, ſehr gern, wenn es mir geſtattet wird,“ erwiderte der junge Mann lebhaft ſeine Hand danach ausſtreckend. „Nimm ihn mit hinüber,“ meinte Rittberg, den Brief überreichend.„Die Lectüre erfordert eine gewiſſe Gemüthsſtille, wenn man die Eigenthümlichkeit deſſelben recht begreifen will. Tante Wallbott hat doch viel Gro⸗ ßes in ſich— viel Vortreffliches!“ 7* 108 „Es fehlt ihr nichts als Gottglauben, Gotterkennen und Gottvertrauen, um dieſe Dame zur größten Zierde ihres Geſchlechtes zu erheben,“ ſprach Wolf gedan⸗ kenvoll. Elvire ſah ihn eine ganze Minute voller Ueber⸗ raſchung an.„Sie haben Recht, Wolf,“ rief ſie dann. „Ich konnte nicht darüber klar werden, was mir bei der wirklichen Bewunderung eines ſo eminenten Geiſtes eine Art Schrecken einflößte. Es iſt der Mangel an Religion, der überall durchblickt. Sie bildet in ihrem Ich einen Gott, dem ſie Rechenſchaft ablegt—“ „Und verliert damit die Demuth des Menſchenkin⸗ des, das ewig zu einem Vater aufſehen muß, wenn es nicht in geiſtigen Uebermuth verfallen ſoll,“ ſchloß Wolf haſtig und entfernte ſich. In der Stille ſeines Zimmers brachen die Nach⸗ wehen der eben durchlebten Auftritte erſt recht nachdrück⸗ lich hervor. Es entbrannte nochmals ein ſtiller Kampf in ſeinem Innern. Margareth's Bild ſtellte ſich wahrhaft verlockend vor ſeiner Phantaſie auf. Es erregte ihm ein leichtes Herzpochen, wenn er ſie ſich dachte als ſeine Braut, als ſeine Gattin, als die Gefährtin eines ſtillen ge⸗ nußvollen Lebens. Freilich, die heißen überwältigenden Schauer, welche ihn ſo oft beim Anblicke der übermüthi⸗ gen Gertrud überfluthet hatten, die blieben das alleinige 109 Vorrecht dieſes Mädchens, das merkwürdigerweiſe den Schlüſſel zu ſeinem Herzen gefunden, ungeachtet er gleich beim erſten Zuſammenſein ihre Natur richtig erkannt hatte. Hier Gertrud— dort Margareth? Sein Herz gab der Erſten den Vorzug, ſeine Seele der Zweiten. Wäre er in früherer Zeit ſeinen Wallungen willenlos gefolgt, ſo würde nur Margareth das Ideal ſeiner Träume ge⸗ worden ſein. Der harte Kampf gegen ihren ſanft verfüh⸗ reriſchen Einfluß hatte ſeine Neigung auf brüderliche Zärtlichkeit herabgeſtimmt. Warum hatte Rittberg nicht früher geſprochen? Warum nicht gleich, als Graf Levin ſo ſtürmiſch in ihre ſtille Welt hereinbrach? Selbſt damals wäre es noch Zeit geweſen. Ein tiefes ſchmerzliches Bedauern über dies ver⸗ lorene Glück ſtimmte den Junker weich und wehmüthig. Allerdings, ganz verloren war noch nicht Alles. Ange⸗ nommen, ſein Vetter Levin verharrte in dem kalten Ele⸗ mente, worin er ſich jetzt wohlgefiel; angenommen, Mar⸗ gareth ermüdete in dem Grame um ein Liebesglück, das ihr unrettbar verloren gegangen— nun, ſo ſtand ſeiner Werbung nichts entgegen und ſie befanden ſich Beide auf dem Standpunkte vernunftgemäßer Entſchließungen, die noch unendlich viel Seligkeit in ſich verbergen konnten. Getröſtet und feſt nahm er dann den Brief der Frau 110 von Wallbott zur Hand. Er las, und je länger er las, deſto höher ſtieg ſein Intereſſe für die Schreiberin.*) „Wundere Dich, mein beſter Neffe, daß Du einen Brief aus Kaſſel von mir erhältſt, während Du glauben mußteſt, mich in der Schweiz aufzufinden. „Ich habe reiflich überlegt, was mir zu thun ob⸗ liege, und bin reſignirt in meine alten, früherhin drücken⸗ den Verhältniſſe zurückgekehrt. Der erſte und vielleicht auch einzige Grund liegt darin, daß ich von meiner Prinzeſſin die Nachricht erhielt,„ihre Ehe mit dem Prin⸗ zen Friedrich ſei endlich rechtskräftig getrennt, und ſie werde von nun an mit ihren Kindern bei ihrem Schwie⸗ gervater, dem Landgrafen, Wohnung nehmen. Späterhin hätte ſie ihre Reſidenz in Hanau, und es würde von den drohenden Kriegsunruhen abhängen, ob ſie nicht ihre Kinder nach Norden, vielleicht ſogar nach Schweden flüchte, um ſie vor den Chikanen der Katholiken, die im Gewirre des Krieges ihre Hand ungeſtraft ausſtrecken könnten, zu bewahren“. Dieſer Brief mahnte mich an meine Pflicht, und ich verließ ſogleich meine Reiſeroute, die mich meinem Freunde Voltaire und ſeiner liebens⸗ würdigen Nichte nachführen ſollte. „Um Dir die Eheſcheidung meiner theuren Prin⸗ *) Nach einem Briefe. 111 zeſſin erklärlich zu machen, muß ich auf das Gerücht zu⸗ rückkommen, das ſchon ſeit Jahren mit ſtillem Schrecken die Herzen auseinander zog, die im Grunde niemals zu einander gepaßt haben. Prinz Friedrich, ein genialer, leicht erregter, lebhaft ſinnlicher Herr, war im Verdachte zur katholiſchen Religion übergetreten zu ſein, und der Abſcheu ſeiner feſt reformirt geſinnten, ascetiſch lebenden Gemahlin ging ſo weit, daß ſie ſich gegen meine drin⸗ genden Vorſtellungen doch von ihm zurückzog und dann beim alten Landgrafen von Heſſen, der ebenfalls über ſeines Sohnes Abtrünnigkeit empört war, auf Scheidung ihrer Ehe drang, als Prinz Friedrich ſeinen Religions⸗ übertritt endlich öffentlich zugab. „Jetzt am Ruhepunkte ihres Strebens angelangt, fühlt meine Prinzeſſin, daß ich Recht gehabt, als ich es nicht gut hieß, einen Gatten bloßer Religionsanſichten wegen zu verdammen und von ſich zu weiſen. Die kühne Idee, als Streiterin des Herrn der Welt, den wir Gott und Chriſtus nennen, auftreten zu wollen, hatte meine hohe Dame blind für das gemacht, was ſo nahe lag. Sie verwarf den Gatten im Zorn um des Glaubens willen, und lieferte ihn dadurch den böſen Geiſtern ſeiner Inner⸗ lichkeit aus. Ob katholiſch, ob reformirt? Iſt es denn nicht gleich, wenn wir unſerer Pflicht leben, ſtets bereit mit uns ſelbſt zu Gericht zu ſitzen, und achtſam be⸗ 112 müht, die Größe des menſchlichen Geiſtes bis zu einem Höhenpunkte, der Göttlichkeit gleich, zu bringen? Meine Dame entließ mich damals ſtrafend auf unbeſtimmte Zeit, und jetzt fühlt ſie, daß ich ihr nöthig werde. Ich eilte zu ihr, und ihr Empfang hat die Kluft, welche Religions⸗ ſchwärmerei von ihrer Seite und philoſophiſche Klarheit im Glauben von meiner Seite geriſſen hatte, wieder aus⸗ gefüllt. Die Erziehung ihrer Kinder iſt in ihre Hände gelegt, und ſie hat mich mit der Oberaufſicht darüber be⸗ traut, um ſie ſicher vor katholiſchen Eingriffen zu wiſſen. Was hat ſie nun gewonnen mit einer Eheſcheidung, die ihr Glaubensſyſtem beantragte? Höchſtens das Anſehen einer Glaubensheldin in der Meinung timider und klein⸗ licher Seelen. Einem klaren Verſtande iſt eine ſolche Hin⸗ gebung an eine Religion nur lächerlich. Mir ſteht die Frau am höchſten, die ihres Geiſtes Fähigkeit anwendet, um einen Gatten, den ſie vor Irrthümern nicht zu be⸗ wahren wußte, wenigſtens vor moraliſcher Geſunkenheit zu retten. Meine hohe Dame hat in blinder Religions⸗ wuth den liebenswürdigen, begabten, wenn auch leicht⸗ ſinnigen Gemahl einem wüſten Leben überantwortet, da dem katholiſch Gewordenen alles Andere freiſteht, nur nicht— wieder zu heirathen. „Und ſolchen Religionsausartungen ſollen wir Ach⸗ tung zollen? 113 „Ich habe ſogleich meinem Pflegeſohn Alexander die Veränderung meiner Lebensſtellung gemeldet und ihm auf Befehl meiner hohen Dame den Antrag ge⸗ macht, als Kammerherr in ihren neu zu begründenden Hofſtaat in Hanau einzutreten. Auch ihm ſollte ein Theil der Erziehung der Prinzen anheim fallen. Allein Alexan⸗ der, bethört wie ein Nachtfalter, der das Laternenlicht für eine Sonne hält, ſcheint von Banden eigener Art in Dresden gefeſſelt zu ſein. Er weiſet entſchieden den klei⸗ nen, angenehmen Dienſt wegen hochſtrebender Projecte, die wahrſcheinlich in der Luft zerſtäuben werden, zurück. Seine glänzenden Siegesbahnen unter einem Brühl ma⸗ chen mir ſeine Seelenreinheit ſehr verdächtig. Die Er⸗ preſſungen, womit der hochgräfliche Miniſter ſeinen Luxus beſtreitet, ſind empörend, und es gereicht mir wahrhaft zum Entſetzen, daß ich meinen Pflegeſohn als Bundes⸗ genoſſen einer ſolchen Societät betrachten muß. Welche von den Dresdner Schönen als eine himmliſche Macht aufgetreten iſt, um die Binde der Weisheit von ſeinem Herzen zu lockern, womit er ſich bis dahin gezügelt hatte, möchte ich wohl wiſſen. Dieſe Dame hat die Werkzeuge der Knechtſchaft mit graziöſer Feinheit angelegt, um ihm eine ſchmähliche Niederlage zu bereiten. Er hat in wohl⸗ verdienter Ernte, ſtatt einer Siegespalme, einen dornig durchflochtenen Korb heimtragen müſſen. Dem Mädchen meinen Reſpect, wenn ſie aus Klugheit gehandelt hat.“ 114 Hier hielt Junker Wolf mit Leſen inne und blickte wie begeiſtert in die Ferne hinaus. Er wußte, wer dieſe Dame war, und daß ſie, vielleicht in Folge ſeiner Er⸗ ſcheinung, das allbekannte Verhältniß mit dem Baron Alexander ſogleich und für immer gelöſt hatte, das mußte ihn entzücken. Begierig las er weiter: „Alexander's Indignation über die unerhörte Ab⸗ weiſung hat ihn bewogen, mir vertrauliche Mittheilungen über ſeinen Herzenszuſtand im Allgemeinen zu machen, woraus ich denn erſehe, daß er längſt von dem Mißver⸗ ſtändniſſe zurückgekommen iſt, Margareth als das Weſen zu lieben, das ihm eine Gattin werden ſolle. Er geſteht ein, Gefühlen von ungleich höherer Bedeutſamkeit in ſich auf die Spur gekommen zu ſein, die ihn befähigten, das Seelenverhältniß zu einer Frau für eine Abſurdität, für eine Chimäre überbildeter Geiſter zu erklären. Wir ſehen an dieſer Ermittlung einer temporellen Aufregung, wie wenig mein lieber Pflegeſohn den Sonnenglanz des Glückes mit Weisheit ertragen und mit Edelſinn gebrau⸗ chen kann. Ich gebe mit dieſem Rückzuge meine bishe⸗ rigen Anſprüche an Margareth auf, und bekenne, daß das Verhängniß diesmal beſſer für den ſanften Liebling meines Herzens geſorgt hat, als ich. „Da ich einmal dabei bin, meine Irrthümer an's Tageslicht zu bringen, ſo will ich Dir auch eingeſtehen, 115 daß ich Gelegenheit gehabt habe, den Grafen Levin von Brettow im vollen Glanze einer Humanität zu ſehen, die ihm Ehre macht. Wir trafen natürlich unbekannter⸗ weiſe in Baireuth zuſammen. Er mit einem Prinzen Erich, der voll übermüthiger Anmaßung ein muthwilliges Spiel mit Allem trieb, was ihm in den Weg kam. Hand aufs Herz— ich bereue! Nun höre! Prinz Erich ſtand am offenen Fenſter und lachte über das unharmo⸗ niſche Geigenſpiel eines Krüppels, dem die Beine fehlten. Graf Levin bat ihn mehrmals um Schonung. Ich lehnte dicht neben an im Fenſter des Hotels und hörte Alles. „Endlich griff der tolle, ausgelaſſene Prinz in ſeine Taſche und warf mit Fleiß ſehr ungeſchickt eine Handvoll Kupfermünzen nieder, ſo daß ſie weit umher zerſtreut wurden. Im Nu verſammelten ſich die Gaſſenbuben— und der Krüppel ging nicht allein leer aus, ſondern wurde vom Prinzen noch verhöhnt. Es lag eine entſetzliche Herz⸗ loſigkeit in der Art, womit er ihn anſpornte, doch ſein Geld den Buben abzunehmen. Der arme Menſch ſenkte ſeinen Kopf und ergab ſich gefaßt dem Spotte ſeines un⸗ bändigen Wohlthäters. Er konnte ſeinen Platz nicht eher verlaſſen, bis ſeine Frau, die ſammeln ging, wieder zurück⸗ kehrte und ihn weiter ſchleppte. Was aber Prinz Erich, nicht aus Bosheit, ſondern nur mit der frevelnden Hand des Uebermuthes verbrochen hatte, das heilte die erhabene 116 Gutmüthigkeit des Grafen. Er erſchien im Nu vor dem Gaſthofe, jagte mit einem einzigen herriſchen Worte die jubelnde Gaſſenjugend fort, und erkundigte ſich mit ruhi⸗ gen, faſt kalten Worten nach ſeinem Zuſtande. Der Krüppel antwortete eben ſo ruhig und kühl, daß er in der Schlacht bei Kunersdorf beide Beine verloren habe, alſo auf die Güte der Menſchen angewieſen ſei, da auch der rechte Arm lahm geblieben. Der Graf ſah bleich, ernſt und verkümmert aus. Bei dieſer Antwort blitzte aber ein Zug ſchwärmeriſch lächelnder Rührung über ſeine Mienen hin und er ſagte:„Ei, ei! Da haben wir ja an einem und demſelben Tage tüchtig gearbeitet, nur ich bin beſſer weggekommen, als Er. Vielleicht waltet heute ein Zufall und will mir Gelegenheit geben, das zu vergüten, was ich verſchuldet. Denn es iſt wohl denkbar, daß ich das mörderiſche Blei in Seine armen Beine hineincommandirt habe.— Nehme er vorlieb, alter Kriegskamerad—.“ Er grüßte ihn millitairiſch und verſchwand. Der Krüppel aber hob ſegnend ſeinen linken Arm auf und bat Gott das Füllhorn ſeiner Gnade über ihn auszuſchütten. Des Grafen Gabe mußte ſehr groß geweſen ſein, die Freude aber, die der ehemalige Soldat über die Ehrenbezeugung hatte, war noch größer. Mögen jene mythiſchen Weſen, die nach meinem Dafürhalten ihr Spiel auf Erden unter einer höhern Leitung treiben, den Grafen leiten und füh⸗ ren zu ſeinem Glücke!— 117 „Daß Margareth mir ſo anhaltend zürnen kann, begreife ich wohl, allein da Unverſöhnlichkeit nie ihr Feh⸗ ler geweſen iſt, ſo liegt eine Art Verachtung für mich in dem Mißtrauen, womit ſie mir ihr Herz verſchließt.— Die Nemeſis ſchreitet mit rachedrohender Hand jetzt neben mir. Auch mein Freund Voltaire tadelt mich ſtreng in Bezug auf die Schritte, welche Margareth aus ihrer ſtillen Bahn heben. Er ſagt mir in dürren Worten, daß es kein lieblicheres Glück gäbe, als das ſüße Liebesgirren der Jugend, und er verheißt mir mit ſcharfem Spotte ein härenes Bußgewand, um den Liebesgott wieder verſöhnen zu können, den ich in Margareth und Levin beleidigt habe. Gut, mein beſter Reinhard, legen wir dies Bußgewand ungeſäumt an und wallfahrten wir im Geiſte zu denen, die Abſolution geben ſollen. Ich autoriſire Dich hiermit, meine Reue über den Despotismus, welcher, in vereinter Macht mit Mißverſtändniſſen, zerſtörend auf ein Liebes⸗ leben wirkte, in allen Formen zu verbreiten. Stelle her, was herzuſtellen iſt. Unterrichte Margareth von meiner Sinnesänderung. Leider wird ſelbſt die größte Selbſtde⸗ müthigung das Verhältniß zwiſchen ihr und dem Grafen nicht reſtauriren können. Der Riß iſt zu gewaltſam ge⸗ weſen. Das Weſen des Grafen zeigt eine Männlichkeit, die ſich nie zur Verzeihung bequemt, wenn ſie nicht von eigenen Gefühlen hingeriſſen wird. Darin läßt ſich alſo ——ä⁰⁶½éͤͤaa- 118 gar nichts ändern, aber Margareth iſt jung und ſchön, ſanft und lenkſam. Ihr Glück wird auf andern Wegen zu erzielen ſein, wenn ſie dieſen Sturm überwunden hat. Laß dann Deine Bruderliebe unbehindert walten, mein lieber Neffe, mein Segen ſoll ihr für immer bleiben, wen ſie auch jemals wählen mag. Du erkennſt in meinen un⸗ bedingten Gewährleiſtungen gewiß die leiſe Zerknirſchung meines Weſens, die, ein Reſultat meiner Erfahrungen, allmälig die Winkelzüge meiner ſtolzen Philoſophie auf⸗ gedeckt hat. Was mein Geiſtesſtolz verbrach, ſoll meine Herzensdemuth ſühnen. Gerade das, was mit meinen ſonſtigen Anforderungen an Ruhe und Seelenreinheit im weiblichen Herzensleben analog war, gerade das hat mich bekehrt. Hätte meine theure Prinzeſſin we⸗ niger Vergeiſtigung in der Nachbildung ihres höhern Le⸗ bens gezeigt, ſo würde die magiſche Verſchmelzung der menſchlichen Naturen das Band ihrer Ehe, trotz des ta⸗ delnswerthen Religionswechſels, zum Nutz und Frommen ihres Gemahls feſtgehalten haben. Leider iſt es aber noch zweifelhaft, ob nur die ethiſche Begeiſterung ſie zu dem Schritte der Trennung getrieben, ob ſie dem großen Philoſophen von Sansſouci, der die Heiligkeit der Ehe von ſeiner Neigung abhängig macht, nachzuwandeln fähig iſt, und ob ſie nicht unſägliches Unheil über ihr Land ver⸗ hängt, wenn ſie denen das Feld räumt, die mit monſtreu⸗ ſem Egoismus die Schwächen ſinnlicher Männer auszu⸗ 119 beuten verſtehen. Seit der Eheſcheidung meiner hohen Dame, deren großen Tugenden ich meine Verehrung zolle, habe ich mein Glaubensſyſtem über die Erforderniſſe ei⸗ nes Ehebündniſſes, welches der Zeit und der Ewigkeit trotzen muß, weſentlich moderirt, und ich halte jetzt die vollſtändige liebende Gemeinſchaft zweier Eheleute für ein haltbareres Bindungsmittel, als die Gleichſtimmung der Seelen, da durch ſittliche Entrüſtung von der einen oder der andern Seite die Harmonie des Daſeins ſo leicht vernichtet werden kann. Die Zärtlichkeit der Liebe muß vermitteln, was der Irrthum der Menſchlichkeit verbrach.“ Junker Wolf hielt abermals inne mit Leſen und ſah nachdenklich über den Brief hinweg. „Hätte Frau von Wallbot damals gedacht, wie heute, ſo wäre Alles anders gekommen,“ murmelte er. „Herrſcht in dieſem Zufalle aber dennoch vielleicht eine Vorſehung?“ 3 Er las weiter: „Mein Freund Voltaire hat mir intereſſante Mit⸗ theilungen über die Gründe ſeiner Streitigkeit mit dem Preußenkönige gemacht. Er lebt jetzt noch in Frankreich, wird aber etwas mißliebig betrachtet, da er in dem Werke „Pucelle d'Orleans“ ſeiner Satyre ſo freien Lauf gelaſſen, daß man„für nothwendig findet“, ſchreibt er mir, ihm Abſcheu zu zeigen. Er wird wahrſcheinlich wieder 120 nach der Schweiz zurückkehren, die er jetzt nur flüchtig durchſtreift hat, und ſich in der Nähe von Genf ankaufen. Mit liebenswürdiger Selbſtanklage berührt der große Mann ſeinen Bruch mit dem Könige von Preußen und ſchreibt ihn, als ein chef-d'oeuvre de jalousie, dem Herrn Marquis de Maupertuis zu. Was er darüber ſagt, klingt wahrſcheinlich. Die Zeit wird lehren, inwiefern Herr von Voltaire Recht hat, wenn er mir gegenüber behauptet:„Der König von Preußen habe ihn gewiß nie ſo geliebt, als jetzt, wo er ihn entbehren müße, und er ſähe ſich im Geiſte ſchon mit den höchſten Ehrenbezeugun⸗ gen nach Berlin zurückberufen. Er begründe ſein Urtheil darüber nach ſeiner eigenen Sehnſucht, und er fühle im tiefſten Herzen, daß eine Seelenharmonie wie die zwiſchen ihnen wohl zeitweiſe beeinträchtigt, aber niemals ganz ge⸗ ſtört werden könne.“ „Voltaire und Maupertuis— die ſich ſeit früher Zeit kannten, die Beide faſt zugleich von dem Könige nach Berlin berufen waren, obwohl Voltaire verſichert die Veranlaſſung zu der Berufung ſeines Freundes gegeben zu haben— entzweieten ſich über eine literariſche Kleinig⸗ keit, und Voltaire wetzte wie gewöhnlich ſein Meſſer, um durch beißende Kritiken nicht allein die Werke, ſondern auch die Perſon ſeines Gegners, voll feinſter Jronie und Laune, lächerlich zu machen, was ihm um ſo eher gelang, 121 da Herr von Maupertuis, von einer unnatürlichen Ruhm⸗ ſucht angetrieben, bisweilen ſonderbare Ideen in ſeinen Plänen zur Verbeſſerung und Hebung der Weltverhält⸗ niſſe entwickelte. So hatte er einſt das großartige Projekt gehabt, eine Stadt anzulegen, wo nur lateiniſch geſprochen werden ſollte; dann hatte er den Grundſatz in Anregung gebracht, zur Wahrung des Lebens die Aerzte nur dann zu bezahlen, wenn ſie die Kranken geſund gemacht hätten. Auch ging von ihm der Vorſchlag aus, ein Loch bis zum Mittelpunkte der Erde zu bohren, um zu ſehen, wie ſie ſich im Kerne ſcheide. Schon dieſe wenigen Thatſachen bildeten für einen Voltaire hinlängliche Themata zu Witzpfeilen, die er denn auch ſchonungslos ſeinem frühern Freunde in's Geſicht ſchleuderte. Die öffentliche Meinung ſtellte ſich aber unerwartet auf die Seite des geachteten Direktor der Akademie, und man tadelte die Ausfälle Voltaire's, da ſie augenſcheinlich nur eine Demüthigung deſſelben herbeiführen ſollten. Der König miſchte ſich hinein und verrieth in einem Wortwechſel mit ſeinem Lieblinge, daß er freilich recht gut wiſſe, wie wenig heilig ihm die Ehre irgend eines Mannes ſei, und daß er ſchon Beweiſe habe, ſelbſt in ſeiner königlichen Perſon nicht von ihm geſchont zu werden. Voltaire verſichert mir, daß ihn nichts im Leben ſo tief geſchmerzt habe, als dieſe un⸗ gerechte Beſchuldigung— allein ich habe mein Bedenken 1860. XIV. Gertrud. III. 8 12² bei dieſem Schwur, denn unſer„großer Philoſoph“ iſt und bleibt ein Filou! Natürlich ſchob er die Schuld dieſer Anklage auf den Herrn von Maupertuis und wohl nicht mit Unrecht. Es verbeſſerte ſich das feindſelige Verhältniß nicht, trotzdem der König ſich ſpäter nochmals allen Ernſtes die Satyren auf ſeinen Akademie⸗Direktor verbat. Vol⸗ taire hätte aber wohl eher ſeine Seligkeit auf's Spiel geſetzt, als geſchwiegen. Er vergaß ſich ſo weit, eine Perſiflage von Maupertuis zu veröffentlichen, worin er ihn als einen alten Rittmeiſter darſtellt, der ſich ſelbſt zum Philoſophen créäirt und zerſtreut in der Welt umherfährt, ohne mit ſeinen rollenden runden Augen zu ſehen, ohne mit ſeiner gen Himmel gekehrten Stutznaſe zu riechen und mit ſeinen rothen Klappohren zu hören, was die Welt von ihm urtheilt, wenn er mit ſchiefer Perrücke und mit einem ungewaſchenen Maule ſeine philoſophiſchen Aufklä⸗ rungen verbreiten will. Das iſt allerdings knabenhaft ſtark, nicht wahr, lieber Reinhard?— „Die Folge davon war eine Herausforderung vom Herrn Maupertuis, die aber mit„poſſenhaftem Spott“, wie er es ſelbſt nennt, von Voltaire zurückgewieſen wurde. „Nach ſolchen Vorgängen konnte freilich unſer„große Geiſt“ nicht nach Berlin zurückkehren, als er Gotha ver⸗ ließ, und ich finde es jetzt ſehr in der Ordnung, daß der — 123 König den Haftbefehl nach Frankfurt ausfertigen ließ, um ſich zu verſichern, daß dieſer Spottvogel nicht Documente von des Königs Händen zur Kurzweil ſämmtlicher euro⸗ päiſcher Fürſten veröffentlichen konnte. Voltaire ſchreibt aber nur den Rathſchlägen ſeines perſönlichen Wider⸗ ſachers die„affreuse despotie“ zu, und hat vielleicht auch darin nicht Unrecht. Uebrigens hat er mir ſeine Büſte geſendet, in Holz modellirt, frappant ähnlich mit dem Satyr im Geſichte, der daſſelbe bedeutend macht.*) Auf der Bruſt iſt ein Blättchen Pergament eingefügt, worauf die letzten Stanzen ſeiner„Poëtes epiques“ ſtehen. Sie lauten:„Après Milton, après Tasse— parler de moi seroit trop fort— et j'attendrai que je sois mort— pour apprendre quelle est ma place. Vous en qui tant d'esprit abonde— tant de grace et tant de douceur— si ma place est dans votre coeur— elle est la première du monde!“ „Sieh, mein lieber Reinhard, ſo lieb und herzig kann dann wieder ein Mann ſprechen, den man ſeiner Herzloſigkeit wegen gern verdammen möchte.“ Junker Wolf legte mit ſeltſam gemiſchten Empfin⸗ » Dieſe Büſte iſt noch vorhanden und wird als ein Fami⸗ lienkleinod betrachtet. 8* 124 dungen den Brief aus der Hand. Welche wunderbare Veränderungen waren in der Geſinnung dieſer Dame vorgekommen! Welch' ein reumüthiges Bedauern über die Macht ihres Egoismus— welch' ein ſchönes Be⸗ kenntniß dieſer Fehltritte! War es nur Politik von Frau von Wallbott, daß ſie ſich demüthigte, als ſie einſah, wie ſchwer ihre Anmaßungen in die Wagſchale fielen? Nein! In ihren klaren ſtolzen Worten lag eine wirkliche Erklärung ihrer Erkenntniß. Es ſprach ſich darin das Bedürfniß aus, nach ihren geſcheiterten Hoffnungen Ver⸗ gebung für ihre Irrthümer zu erhalten. Es waren die Funken der lange beherrſchten Weiblichkeit, die heraus⸗ ſprüheten, um eine Flamme zu entzünden, die ihr zur wohlthuenden Wärme an einem häuslichen Heerde ver⸗ helfen ſollte. Ganz ſichtlich war ſie des Treibens müde und ſehnte ſich nach Verſöhnung mit dem Weſen, das ihr nach dem erlittenen Schiffbruche mit hochgeſpannten Ideen einzig und allein verblieb. Margareth's Miß⸗ trauen, womit ſie ihr Herz gegen ſie verſchloß, that ihr augenſcheinlich viel weher, als der geiſtige Abfall des Ba⸗ ron Lottum. Ueber dieſen ſprach ſie— das Erſtere deutete ſie nur an. Darin ſah der feine Beobachter die beſten Beweiſe ihres ſehnlichen Verlangens wieder in den Be⸗ reich eines Gemüthslebens zu kommen, worin ſie unum⸗ ſchränkt geherrſcht hatte. 7* 125 „Die Zärtlichkeit der Liebe muß vermitteln, was der Irrthum der Menſchlichkeit verbrach!“ las Junker Wolf nochmals laut und deutlich, indem er den Brief wieder entfaltete.„Ja, das iſt die richtigſte Deviſe aller Menſchenverbindungen! Die Zärtlichkeit der Vater⸗, der Mutterliebe vermittelt die Irrthümer des Kindes— die Zärtlichkeit der Familienliebe vermittelt die Irrthümer der Geſchwiſter— die Zärtlichkeit der Gattenliebe ver⸗ mittelt die Irrthümer des Mannes und des Weibes!— Ich hätte nie geglaubt, aus der Seele einer Dame, welche die Geiſtesherrſchaft oben an ſtellte, ſolche milde Lebensweis⸗ heit dringen zu ſehen! Ihr muß geholfen werden, die Zärtlichkeit der Liebe ſoll die Vermittlung zwiſchen ihr und meinem Vetter übernehmen.“ Er legte den Brief vorſichtig in ſeine Brieftaſche mit dem feſten Entſchluße, ihn an den Grafen Levin ab⸗ zugeben. Der Erlaubniß ſeines Freundes ſicher, ließ er die Sache unerörtert und beantwortete nur am nächſten Mor⸗ gen eine Frage der jungen Frau mit den Worten: „Es zieht das Herz eines Mannes nichts ſo feſt 3 bindend an, als die Demuth einer echten Weiblich⸗ keit.“ Eloire verſtand ihn und nickte ſeufzend mit dem Kopfe:„Zu ſpät! Wolf, zu ſpät!“ 126 „Wer weiß das?“ fragte der junge Mann ſtrahlen⸗ den Auges.„Haben Sie überſehen, was Frau von Wallbott ausſpricht: Die Zärtlichkeit der Liebe muß ver⸗ mitteln, was der Irrthum der Menſchlichkeit verbrach?“ „O, das iſt eben nur eine Wallbott'ſche Phraſe, lieber Freund!“ meinte Elvire etwas ſpöttiſch.„Zu Vermittlungen gehört Opferbereitwilligkeit. Zerſtören Sie ſich nicht die Ausſicht auf eigenes Glück, lieber Wolf, indem ſie die Zärtlichkeit ihrer Liebe an Phantas⸗ magorien verſchwenden. Es iſt mein Lieblingsgedanke, Sie mit Margareth zu vereinen, und dieſer Gedanke ent⸗ ſtand in einem Augenblicke, wo ich unſere Schweſter Margareth hilfeflehend Ihrer Stärke vertrauen ſah.“ Sie erzählte, was ſie damals mit Gertrud belauſcht hatte. Wolf hörte ruhig zu, während ſein Inneres von getheilten Empfindungen durchfluthet wurde. „War auch Fräulein von Spärkan der Anſicht, daß es beſſer ſei, wenn ich an Levin's Stelle treten könne?“ fragte er ſo unerwartet, daß Elvire, wie von einem Blitzſtrahle berührt, ihn groß anſah. „Wolf,“ flüſterte ſie haſtig,„Vertrauen um Ver⸗ trauen— Sie lieben das leichtſinnige Mädchen? Sie lieben Gertrud?“ „Ich habe ſie geliebt,“ antwortete er ganz ruhig. 127 „Sollte mir im Laufe der Zeit eine Palme ewigen Sie⸗ ges winken, ſo mögen Sie ihr ſagen, daß ich mit tiefen Schmerzen, einſam im Gewühle der Menge, fern von der Sphäre, in der ſie als ein Stern erſter Größe prangte, meine heiße, unverſtändige Liebe begraben habe.“ Elvire blickte ihm erſchüttert in's Geſicht.„Wie kurzſichtig bin ich geweſen! Wolf, geben Sie nicht die Hoffnung ganz auf! Gertrud iſt leichtſinnig, ſie hängt an augenblicklichen Eindrücken, aber trotz dieſer reizbaren Organiſation hat ſie Gefühl.“ „Davon bin ich überzeugt, aber mein Wort gehört jetzt meinem Freunde Rittberg.“ „Mein Gott, wie thöricht von mir, Ihre wahre Liebe Margareth zugewendet zu denken, während ich wiſſen konnte, daß ein anderes, verführeriſches, liebenswürdiges Kind Ihre Phantaſie beherrſchte. O möchte doch die hei⸗ lige Vorſehung den Grafen Levin leiten, damit ſich Alles in Harmonie auflöſe.“ Fünftes Capitel. Der Baron Lottum fühlte ſich von einer drückenden Laſt befreit, als er hörte, daß der Feldmarſchall durch Podagra verhindert ſein werde, ſein reizendes Mündel noch ferner in die Welt zu führen. Das letzte Begegniß mit ihr hatte erfreuliche Folgen gehabt. Sein Herz fand die Ruhe der Selbſtſucht weit angenehmer, als die wo⸗ genden Gefühle eines Elementes, deſſen er nicht Herr werden konnte. Er gab jeden Gedanken an eine fernere Bewerbung um Gertrud's Gunſt auf und ſchrieb in dieſem froh auftauchenden Siegesbeſchluße an ſeine Tante. Was Frau von Wallbott über dieſe Epiſode aus ſeinem Leben dachte, hat ihr Brief hinlänglich verrathen, und das, was ſie ihm darauf antwortete, war auch nicht ge⸗ eignet es für ein Lobgedicht zu halten. Baron Alexander hatte jedoch ſeine Selbſtzufrieden⸗ heit ſchon dergeſtalt wieder gefunden, daß ihm der Tadel 129 ſeiner Tante ziemlich gleichgiltig blieb. Der Unwille über die Beſchuldigungen des Feldmarſchalls ſowohl, als eine gewiſſe Scham über ſein knabenhaftes Selbſtver⸗ geſſen in der Neigung zu dem Fräulein von Spärkan hatte ihn vermocht, ſich eifriger in den Strudel der Ge⸗ ſelligkeit zu ſtürzen, welche ſich um den Hof gruppirte. Er ſtellte ſich mehr, als je, aber ohne Gefliſſentlichkeit, zur Dispoſition, und hatte bald das Vergnügen von allen Seiten als unentbehrlich betrachtet zu werden. Gewarnt von dem Auftritte im Spärkan'ſchen Hauſe, ging er vor allen Dingen darauf aus, ſich voll⸗ ſtändig ſattelfeſt zu machen, und dies gelang ihm ſo gut, daß er gleich dem beſten Hofſchranzen überall au fait war. Zuerſt erfüllte ihn eine Art Schrecken, als er be⸗ merkte, wie leicht es ihm geworden, alle die hohen Häup⸗ ter der Zeit am Gängelbande zu haben, dann aber führte er mit heimlicher Schadenfreude ſein Spiel fort, ohne aber zu gewahren, daß er ſein beſſeres Selbſt dabei auf's Spiel ſetzte. Mit einem Worte,„er ließ ſich gebrauchen, und glaubte mit freier Willenskraft zu handeln“. Se. hochgräfliche Gnaden beehrte ihn mit Gnaden⸗ bezeugungen aller Arten, ſeitdem er ihm mit einem klugen Vorſchlage zu Hilfe gekommen war, Geld auf eine Weiſe — 130 aus einem Zweige des Finanzweſens zu ziehen, woran dieſer merkwürdigerweiſe noch nicht gedacht hatte. Ihre Majeſtät die Königin beehrte ihn mit ihrem Vertrauen, ſeitdem ſie einmal gehört, daß er freimüthig ſeine Meinung über die mangelhafte Staatsverwaltung ausgeſprochen und unverholen dem Könige ſeine Beſorg⸗ niß mitgetheilt hatte, dieſelbe werde den Wohlſtand des Landes untergraben. Se. Majeſtät der König beehrte ihn mit ſeiner Auszeichnung, ſeitdem er ſeine Gemäldeſammlungen als etwas geprieſen hatte, das ihm in den Annalen der Welt⸗ geſchichte zum ewigen Ruhme gereichen werde. Die Damen, die zum Hofzirkel gehörten, und die Herren, die es ſich zur Ehre ſchätzten, ihre Devotion in den glänzenden Aſſembleen der Hofnobleſſe zur Schau zu tragen, beehrten den neuen Günſtling mit ihrer Gunſt und Aufmerkſamkeit, weil er Mode war. Genug, Frau von Wallbott hatte Recht, wenn ſie den verblendeten Pflegeſohn mit einem Nachtfalter ver⸗ glich, der ein Laternenlicht für die Sonne hält. Man ſah den Baron oft in den Gemächern der Königin. Die edle Frau klammerte ſich an den Gedanken an, den jungen geſcheidten und rechtlich geſinnten Edel⸗ mann für ihre Zwecke zu benutzen, um ihrem Gemahle die Augen über Dinge zu öffnen, die den Ruin des Lan⸗ 131 des beſchleunigten. Wer weiß, was auch geſchehen wäre, wenn der Baron tiefer hätte eindringen können. Aber Se. hochgräfliche Gnaden der Staatsminiſter von Brühl hatte gute Augen und feine Ohren. Er ließ ſeinen Landſchaftsdirector, den Baron Alexander von Lot⸗ tum, eines Tages in aller Eile zu ſich entbieten, und machte ihm kurz und bündig bekannt, daß er nach Warſchau rei⸗ ſen müſſen, um den Funktionen ſeines Amtes in vollſter Ausdehnung zu genügen. Der Baron verbarg geſchickt und klug ſeine Beſtürzung bei dieſer unerwarteten Er⸗ öffnung, die ſeinen betretenen Weg arg durchkreuzte. Wenn er ſich auch hatte ſagen müſſen, daß er ſich keinesweges in der Ausübung von Pflichten bewegte, die mit ſeinem er⸗ haltenen Titel in Einklang ſtanden, ſo hatte er ſich doch in einer gewiſſen Nützlichkeit ſo wohl befunden, daß er nicht daran dachte, dieſe Stellung mit einer beſchwerlichen Reiſe in die Wildniß des Polenreiches hinein zu vertau⸗ ſchen. Es erging ihm, wie dem Könige von Polen, dem er ſich unentbehrlich zu machen verſuchte. Er liebte den Titel und Glanz der Weltſtellung, ohne aber die Ver⸗ pflichtung ſeines Amtes dann angenehm zu finden, wenn ſie ihn zu einer Veränderung ſeines genußreichen Lebens aufforderte. Se. Majeſtät der König blieb auch am lieb⸗ ſten in ſeinem ſchönen Dresden, lebte als König in ſeinem ererbten Churfürſtenthume, und ließ die Polen, ſo weit es 13² ihn nicht incommodirte, machen, berathen, beſchließen und bekämpfen, was ſie wollten. Jetzt ſollte der Baron aber fort aus dem paradie⸗ ſiſchen Leben, worin er ſich mit dem Behagen der Eitel⸗ keit getummelt hatte. Er ſollte den Weg, der ihn ſicher in die prächtigen Hallen des königlichen Schloſſes, ſo wie in alle die glänzenden Salons der höchſten Würdenträ⸗ ger des Reiches führte, verlaſſen, um als eine Vogel⸗ ſcheuche, als ein Schreckbild in jenes Reich zu gehen, wo man froh war, wenn ſich die Machthaber der Regierung nicht blicken ließen! Bis vor kurzer Zeit war er gegen die Titel und Chrenſtellen des Lebens ſehr gleichgiltig. Er hätte nicht ein Wort darüber verloren, den nichtigen Kindertand auf ſeine Perſon zu laden, jetzt aber überkam es ihn ſchon als eine Beleidigung, daß er, bei ſeinen Verdienſten, ſich mit einer eingeſchobenen Bedienſtung zufrieden geben ſollte; daß er abhängig von einem einzel⸗ nen Herrn und Gebieter, dem Befehle deſſelben gehorchen und reiſen mußte, wenn dieſer wollte. Seine Selbſtgefäl⸗ ligkeit überſah den Anfangspunkt ſeiner Carrière, glück⸗ licherweiſe regelte aber die Convenienz ſein Benehmen dem Staatsminiſter gegenüber, und er ſchiffte ſich glück⸗ lich aus der Zuſammenkunft hinaus, die eigentlich darauf angelegt war, ihn aus dem Sattel zu heben, weil man eingeſehen hatte, daß er in den Coterien eine Rückſichts⸗ nahme gefunden, die ihn gefährlich machte. 133 Der Baron entfernte ſich aus der Audienz bei ſei⸗ nem Gönner und Beſchützer unter einem ſtillen Grimme, gebunden zu ſein, wenn er ſonſt nicht vorziehe, als ein jählings gefallenes Geſtirn Dresden zu verlaſſen, und er rüſtete ſich ſcheinbar eifrig der erhaltenen Weiſung zu Folge, um an einem der nächſten Tage ſeine Laufbahn wirklich zu beginnen. Was er an heitern Lebensfreuden dabei einbüßte, das wußte er im Voraus. Aber was ſeiner, immerhin edeln Natur für eine erniedrigende Praxis aufgebürdet werden ſollte, das ahnte er noch nicht. Davon unterrichteten ihn erſt die geheimen Inſtructionen, die er in dem Augenblicke ſeiner Abreiſe empfing und bei ſeinem Eintreffen am Orte ſeiner Be⸗ ſtimmung zu eröffnen befugt war. Blind ging er alſo an die Vorbereitungen zu ſeiner Miſſion, zuverſichtlich der Löſung ſeiner erſten Berufsthätigkeit ein baldiges Ende prophezeiend, um dann anſpruchsvoll ſeine Laufbahn in andere Richtungen zu lenken. Er machte ſeine Abſchieds⸗ beſuche. Das Bedauern der Königin that ihm wohl, und er leiſtete ſich das Verſprechen, ihrem Dienſte künftighin mehr zu leben, als dem des allmächtigen Miniſters, dem ſie ſichtlich nicht gewogen war. Nachdem er ſich bei der hohen Dame beurlaubt hatte, begann er ſeine Rundtour, überall Ueberraſchung mit ſeinem Abſchiede verbreitend. Manches Lächeln hätte 134 ihn klug über den Grund ſeiner ſchnellen, unnöthigen Sendung machen können, allein ſeine Selbſtzufriedenheit ließ keinen Zweifel zu, und wenn er lächelnd überall eine fabelhaft ſchnelle Wiederkehr verhieß, wenn er das Ge⸗ burtsfeſt des Grafen Alois als den Zeitpunkt bezeichnete, wo er wieder in Dresden einkehren werde, ſo war dies den ſchlauer gewordenen Höflingen nur ein Zeichen ſeines knabenhaften Zutrauens. Man kannte den Kabinetsmini⸗ ſter beſſer, als der Baron, und machte ſchon ohne Scheu Randgloſſen über ihn, wenn er kaum den Rücken gewen⸗ det hatte. Seine Unerfahrenheit diente zum Geſpött und ſeine Eitelkeit zum Gelächter. Man tauſchte dreiſt die ver⸗ ſchiedenen Meinungen über die Gründe ſeiner ſchnellen Entfernung aus, und das ſchon beſeitigte Gerücht einer Staatsverrätherei tauchte auch wieder auf. Natürlich fand man in Rückſicht hierauf die Maßregeln Brühl's viel zu ſubtil und wendete ſich ſogleich kopfſchüttelnd davon ab. Der Grund mußte tiefer, perſönlicher dem Miniſter nahe liegen. Der Baron hatte entweder zu tief in ſeine Kar⸗ ten geſchaut oder zu viel Ehrlichkeit verrathen. Man lachte über die kurze Glanzperiode eines Mannes, der, vom Zufall hergeweht, von der Despotie vernichtet wurde. Beim Feldmarſchall hatte der Baron ſeine Höflich⸗ keit darauf beſchränkt, durch ſeinen Diener eine artige Abſchiedsfloskel hinauf ſagen zu laſſen. Er wollte gefliſſent⸗ lich ein Zuſammentreffen mit Gertrud vermeiden und er wollte ſich einem Manne nicht wieder nähern, der ihn mit ſeinem ſchmählichen Verdachte ſo tief gekränkt hatte. Als der Abend hereinbrach, war er fertig mit ſeinen Abſchiedsbeſuchen, und er ſchickte ſich an, nun noch zum Geſandten zu gehen, um unter einigen nothwendigen Er⸗ klärungen auch dort Adieu zu ſagen. Der April hatte mit ſeiner launenartigen Wetter⸗ wendung ſtatt der prachtvollen Frühlingsmilde ſchon gegen Abend ſein winterliches Kleid wieder hervorgeholt, und es jagten ſich die Hagelkörner und Regentropfen in ſchaurigem Durcheinander durch die wildbewegte Luft, als der Baron ſpät Abends ſeinen Roquelaure um ſich warf, um den kurzen Weg von ſeiner Wohnung in der Pirnaerſtraße nach dem Geſandtenhotel zurückzulegen. Der Wind ſauſete um ihn, die Hagelkörner raſchelten ge⸗ ſpenſtiſch an den Fenſtern entlang, um dann ſogleich in den Regenpfützen eine ſchnelle Vergangenheit zu finden. Wohlgemuth und heiter geſtimmt, denn man hatte ihm ja durch viele Worte bewieſen, wie bedauerlich ſeine Abreiſe für die Zirkel ſei, ſchritt er in das Hotel hinein, und ſtieg, ſehr entſchloſſen gegen Maltzahn's Widerreden, die er fürchten mußte, die breiten Treppen hinauf. Eine Todtenſtille herrſchte im Hauſe. Kein Bedienter erſchien. 136 Kein Lichtſchimmer leuchtete ihm. Die Thüren zeigten ſich verſchloſſen. Vertraut mit der Localität, verſuchte er Alles, um irgend Jemand aufzutreiben, der ihm Auskunft über dieſe ungewöhnliche Stille zu geben vermochte. Als er fand, daß ſeine Bemühungen vergebens waren, daß irgend ein Ereigniß die ſämmtliche Dienerſchaft entfernt haben müſſe, traf er in großer Gemüthsruhe Anſtalt, wieder hinab zu ſteigen, um auf anderm Wege Erkundigungen über den Verbleib der Hausbewohner einzuziehen. Langſam und bedächtig ging er die Treppen hinab. Ein ungewiſſes Licht von außen erhellte nothdürftig ſeinen Weg. Der Raum des großen Hausflures zeigte ſich düſterer, aber das an Dunkelheit gewöhnte Auge des Barons entdeckte dennoch einen Gegenſtand in dieſem Raume, der ſich ſchleichend nach der rechten Seite der Halle wendete, wo ſich in ei⸗ ner niſchenförmigen, von hohen Säulen begrenzten Wöl⸗ bung ein Steinſitz befand, der von der Bedienung des Hotels zum Ruheſitze bei der Ausübung beſonderer Be⸗ rufsthätigkeit benutzt wurde. Der Baron glaubte alſo einen Bedienten vor ſich zu haben, als er prüfend ſein Auge ſchärfte, um ihn zu verfolgen; aber er mußte ſeinen Irrthum ſogleich ein⸗ ſehen, denn der ſchleichende Gegenſtand hielt ſich nur eine kurze flüchtige Secunde bei dem Steinſitze auf, und ver⸗ 137 ſchwand dann mit ſo geſpenſterhafter Eile, daß der Ba⸗ ron ungewiß war, ob er wirklich etwas geſehen habe. In demſelben Momente hörte er den ängſtlichen Ruf einer Männerſtimme:„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ Was war das? Was ſollte das bedeuten? Er kannte nichts von den abergläubiſchen Erzählungen, wel⸗ che ſich das Volk über das Geſandtenhotel des Herrn von Maltzahn zuflüſterte, und mußte alſo glauben, es ſei ein Unglück paſſirt. Schnell eilte er die letzten Stufen hinab und ſtand im Nu vor der zitternden Schildwache, die nochmals in ihre Geiſterbeſchwörung ausbrach und mit bebenden Händen einer Geſtalt nachwies, die ſich pfeilgeſchwind auf der Straße fortbewegte. Baron Lottum erkannte auf der Stelle den Geheim⸗ ſecretair Menzel in dem ſtutzerhaft geſchniegelten Manne, der jetzt unter dem Schutze eines herniederrauſchenden Hagelſchauers ſeinen Augen entſchwand. Die Schildwache trat, mächtig mit Geiſterfurcht kämpfend, an ihn heran, augenſcheinlich froh ein menſch⸗ liches Weſen in ihrer Nähe zu ſehen. „Ach, gelobt ſei Jeſu Chriſt, daß Ew. Gnaden da ſind!“ ſtammelte der Mann, der zum Schutz des Lan⸗ 1860. XIV. Gertrud. III. 4 9 138 des und der Sicherheit gekleidet und bewaffnet erſchien. „Haben Ew. Gnaden geſehen? Huh— den Pferdefuß und die Hörner! Huh!“— Er ſchüttelte ſich unzweideutig voller Entſetzen. „Was denn, guter Freund?“ fragte der Baron ver⸗ wundert.„Wo ſind Hörner? Wo iſt der Pferdefuß? Iſt Er betrunken? Laß Er das keinen Menſchen gewahr werden!“ „Ich— betrunken?“ ſtotterte der Soldat und ſchul⸗ terte ſein Gewehr.„Erſchrocken bin ich, Ew. Gnaden! Da bleibe aber auch ein Chriſt bei Sinnen, wenn der Teufel ſo nahe bei Einem durchläuft.“ „Der Teufel? Meint Er, der Herr dort ſei der Teufel geweſen?“ fragte der Baron lachend. Der Soldat bejahete ernſthaft die Frage, und er⸗ zählte in aller Geſchwindigkeit ganz daſſelbe, was der Kammerdiener des Feldmarſchalls dem Fräulein Gertrud erzählt hatte. „Seit mehreren Wochen hat ſich das Geſpenſt nicht blicken laſſen, Ew. Gnaden, aber heute iſt's wieder da geweſen— ach Gott, ich dachte es gleich, als ich mit dem gräßlichen Schloſſenwetter auf Wache zog. Das Wetter iſt Teufelswetter— ſolch' Wetter liebt der Gottſeibeiuns.“ Er bekreuzte ſich als guter Katholik mit Eifer und Andacht. Der Baron aber wurde von einem jähen Gedanken 139 betroffen. Menzel in der Wohnung des preußiſchen Ge⸗ ſandten? Menzel geiſterhaft kommend und verſchwin⸗ dend? Menzel mit Goldſtücken klirrend? Menzel einen Aufwand gleich den erſten Edelleuten des Landes ma⸗ chend? Menzel berüchtigt als Spieler, als Gourmand, und Menzel, der einzige Menſch, der im Beſitze von Ge⸗ heimniſſen ſein konnte, die dem preußiſchen Geſandten dienten? Nun, der logiſche Schluß lag nahe genug. Dazu kam die plötzliche Erinnerung an Schloß Rittbergen, wo Gertrud geplaudert hatte, an ſeinen Aufenthalt bei Malt⸗ zahn, wo er plauderte. Wirbelnd, wie draußen Hagel, Schnee und Regen, fuhren die Gedanken in ihm herum und riefen einen ſchnellen Entſchluß wach. Er fragte mit unterdrückter Ge⸗ müthsbewegung nach den Bewohnern des Geſandten⸗ hotels. Der Soldat berichtete, ſo viel er wiſſe, ſei die Familie auf einige Tage verreiſt. Die Dienerſchaft möge ſich das zu Nutze gemacht haben. Jetzt ſicher, daß er keine Störung zu fürchten habe, trat der Baron raſch ſeinen Rückweg an, verſah ſich in ſeiner Behauſung mit den nöthigen Lichtmaterialien, und befand ſich kaum eine halbe Stunde ſpäter wiederum in dem Veſtibül des Hotels, das er eben ſo unbemerkt wie Menzel betreten hatte, weil die Schildwache es vorzog, das Hagelwetter im „Schilderhäuſel“ abzuwarten. 9* 140 Der Baron zündete Licht an und unterſuchte den ſteinernen Sitz von allen Seiten. Es war zweifellos, daß dort etwas für den Geſandten niedergelegt worden war. Bisweilen überflog eine unangenehme Bedenklichkeit die Seele des jungen Edelmannes, wenn er überlegte, daß er verrätheriſch an ſeinem Vetter Maltzahn zu handeln beabſichtige, allein die Selbſtſucht beſchwichtigte dieſe Wallungen. Seine eigene Ehre erforderte eine Nach⸗ ſuchung, und wenn er etwas fand, was den Geſandten compromittiren konnte, ſo ſtand es ihm immer noch frei, keinen Gebrauch von ſeiner Entdeckung zu machen. Er ſuchte übrigens ziemlich lange vergeblich. Der Steinſitz war glatt und feſt zuſammengefugt. Die Lehne zwar geſchnörkelt, bot aber kein paſſendes Verſteck dar. Höhlungen und Ritzen waren nicht vorhanden, wo etwas verborgen werden konnte, und doch hatte ſich der Ge⸗ genſtand, der ſich nachher als der Geheimſecretair Men⸗ zel erwies, dort etwas zu ſchaffen gemacht. Schon er⸗ mattete der Baron in ſeinen Forſchungen und wollte ſie aufgeben, weil ſeine eigene Lage durch die Entdeckung, daß er hier etwas ſuche, mißlich zu werden drohte, als er einen Lichtſchimmer ſeiner Blendlaterne auf die Wand⸗ bekleidung fallen ließ und hier ſehr hübſche Zwiſchen⸗ räume zwiſchen den Säulen und der Mauer bemerkte. Schnell trat er näher, beleuchtete die Ritzen und Win⸗ * — — 141 kel vorſichtig, und hielt denn auch richtig bald darauf ein fein zuſammengefaltetes Blättchen ohne Siegel und ohne Ueberſchrift in der Hand. Ein nervöſes Zittern durchlief den jungen Mann. Noch einmal regte ſich das Bewußtſein, daß er beſſer thun werde, ſich um nichts zu bekümmern, was ihn in ein falſches Licht bringen mußte, dann aber überwand ein gewiſſer ärgerlicher Trotz und die liebe Neugier ſeine Ge⸗ wiſſensregungen. Er entfaltete das Blatt. Es ſtanden nur einige Worte darauf. Sie lauteten:„Dringende Bitte um fünfundzwanzig Louisdor.“ Da ſtand er. Unverfänglicher konnte doch gewiß kein Brief ſein, und wenn er noch ſo tief verſteckt und heimlich abgegeben wäre. Oder doch? Lag etwas Ankla⸗ gendes darin? Der Baron wenigſtens lachte triumphi⸗ rend und murmelte, ſeine Blendlaterne auslöſchend: „Beſſer konnte es mir nicht paſſen! Jetzt mögen die Herren ſelbſt ihre Ohren ſpitzen, ihre Naſen verfei⸗ nern und ihre Augen ſchärfen! Gut, ſehr gut!“ Er wickelte ſich in ſeinen Mantel und entſchlüpfte, ungeſehen von der Schildwache im Schilderhauſe, aus dem Hotel, um ſofort den Weg nach der Wohnung des Feldmarſchall von Spärkan einzuſchlagen. Es ſchlug neun Uhr, als er dort anlangte— eine Stunde, wo man in damaliger Zeit noch weniger als jetzt 142 es ſich erlauben durfte, Viſite zu machen. Der Baron riskirte deſſen ungeachtet die Glocke zu ziehen und dem erſchrocken herbeieilenden Kammerdiener ziemlich beſtimmt ſeine Meldung bei Excellenz zu befehlen. Der Kammerdiener wagte Einwendungen zu erheben. Se. Excellenz ſchwitzten auf Verordnung des Doctors— es ginge durchaus nicht, daß er Beſuch annehme. „Aber das gnädige Fräulein,“ meinte er ſchlau lä⸗ chelnd.„Fräulein Gertrud ſind noch auf und leſen— ſoll ich dort melden?“ „Gut!“ rief der Baron mit einem wahrhaft dämo⸗ niſchen Lachen.„Mag ihre zarte Hand den Faden weiter⸗ ſpinnen, den ſie einſtmals angeknüpft hat,“ flüſterte er vor ſich hin. Francois ging, und bald darauf ſtand Gertrud im einfachen Hauskleide, hold und freundlich wie immer, vor dem Baron, der ſich trotz ſeiner guten Vorſätze abermals von ſeinen Empfindungen für ſie überwallt fühlte. Mit einer ſanften Gebärde lud das reizende Mäd⸗ chen den ſpäten Gaſt ein, in das Beſuchzimmer zu treten, das alsbald von einer hinreichenden Anzahl Kerzen er⸗ hellt wurde. Francois verließ das Zimmer. Die beiden jungen Leutchen blieben allein. Der Baron faßte nach dem ſchickſalsſchweren Pa⸗ — & 143 piere, um es Gertrud zu übergeben. Nochmals durchfuhr ihn die Wichtigkeit des Schrittes, womit er ein Men⸗ ſchenleben der Vernichtung überantwortete und ein armes, junges Mädchen mit der Verantwortung dafür belaſtete. Seine Finger zuckten, als Gertrud ihn lächelnd anſah, und er war im Begriff das Blatt zu zerknittern und ſein Ge⸗ heimniß auf die Gefahr hin„lächerlich zu erſcheinen“ wieder mit hinfort zu nehmen, aber die böſen Geiſter ſiegten. Er trat mit einer abermaligen tiefen Verneigung der jungen Dame näher, überreichte ihr das Blatt und ſagte mit bedeutungsvollem Ernſte:„Mein Beſuch galt Sr. Excellenz, dem Herrn Generalfeldmarſchall. Da mein Geſchäft mit ihm keinen Aufſchub zugibt, ich ohne⸗ dies morgen früh Dresden verlaſſe, ſo lege ich in Ihre Hände ein Geheimniß nieder, das meine Ehre in den Augen Ihres gnädigen Herrn Onkel wieder herzuſtellen vermag. Mögen die Folgen dieſer Geſchäftsübertragung Sie nie betrüben!“ „Was iſt's, Herr Baron?“ fragte das Fräulein mit heiterm Freimuthe zu ihm aufſchauend, nachdem ſie das zuſammengelegte Blatt von allen Seiten beſehen hatte. „Ein Geheimniß, mein gnädiges Fräulein,“ entge⸗ gnete er gezwungen ſcherzend.„Ein Räthſel, das die heilige Juſtiz löſen wird. Ich wollte meinem Vetter, dem preußiſchen Geſandten Adieu ſagen, fand ihn verreiſt, ſah 144 eine ſeltſame Figur im dunkeln Hausflure ſich bewegen, hörte die Schildwache Stoßſeufzer gen Himmel ſchicken, und fand dann dies Papier— an einer Säule liegen,“ ſchloß er nicht ganz wortgetreu wahr. „So wäre es dennoch wahr?“ rief Gertrud lebhaft. „Es ſollen längſt dunkle, geiſterhafte Geſtalten im Ge⸗ ſandtenhotel beobachtet worden ſein. Man hatte ſogar die für Sie wenig ſchmeichelhafte Entdeckung gemacht, daß das eine der Geſpenſter Ihnen gleiche.“ Der Baron ſah ſie frappirt an. Ihr unſchuldiges Lachen zeigte ihm, daß ſie nie einen Verdacht gehegt hatte, aber doch verdroß ihn dieſe Offenherzigkeit und er erwi⸗ derte hart: „Um ſo lieber iſt es mir, daß Sie das betreffende Publikum jetzt von der Unwahrheit dieſer allerdings nicht angenehmen Vergleichung überzeugen können. Geben Sie das Blatt Ihrem Herrn Vormund und ſagen Sie ihm, die Handſchrift würde ihn belehren, daß der Mann, der dies geſchrieben, ſich ganz gewiß der Verdächtigung werth zeige.“ Er verneigte ſich und wollte gehen, Gertrud legte ſchnell ihre Hand auf ſeinen Arm. „Herr Baron!“ rief ſie bittend.„Sie reiſen mor⸗ gen? Ja, und mit all' dem bittern Grolle im Herzen? Unſere Wege ſcheiden ſich. O gehen Sie nicht zu hart mit mir zu Gericht!“ ——— Inwendig erzitterte er von dem weichen, bittenden Klange ihrer Stimme, äußerlich war er feſt und ruhig. „Unſere Wege ſcheiden ſich,“ wiederholte er.„Sie haben ſich ſtets nur feindlich durchkreuzt, mein gnädigſtes Fräulein, und deshalb iſt es gut, wenn wir von jetzt an in verſchiedenen Polgegenden unſer Haupt niederlegen. Ich ſcheide nicht in Groll von Ihnen— da ſei Gott für! Grüßen Sie Margareth. Gedenken Sie meiner als eines Mannes, der die Erkenntniß wahrer Empfindungen mit der Wärme ſeines Herzens bezahlte, der aber die Kühle des Innern unendlich hoch ſchätzt.“ Er verbeugte ſich und ging. Gertrud drückte die kleine Thräne, die ſich in ihrem Auge geſammelt hatte, unmuthig zurück und flüſterte: „Beſſer konnte ich nicht bitten. Will er zürnen und herz⸗ los ſein— ich kann es nicht ändern!“ Aber ſie erkaltete deſſen ungeachtet nicht in ihrem Eifer ihm zu dienen. Flugs eilte ſie in's Schlafzimmer ihres geſtrengen Oheims und erzählte ihm mit liebens⸗ würdiger Lebhaftigkeit, was ihr mitgetheilt worden war. Sie erntete keinen Beifall damit. Es lag zu wenig vor, um irgend eine beſtimmte Perſönlichkeit in's Auge zu faſſen, da der Baron gefliſſentlich ſeine Auslaſſungen darüber beſchränkt hatte. Dem Feldmarſchall kam die Handſchrift bekannt vor, allein viel zu verdrießlich, um 146 Luſt zu haben Probleme zu löſen, warf er die ganze Ge⸗ ſchichte auf einige Zeit bei Seite, und nahm ſie dann erſt wieder vor, als ſein Geſundheitszuſtand ſich gebeſſert hatte. Da währte es aber nicht lange, ſo war er ſeiner Sache gewiß und traf ganz in aller Stille ſeine Maß⸗ regeln danach. Während der Zeit hatte der Baron Dresden ver⸗ laſſen, war vermöge ſeiner vorgeſchriebenen Reiſeroute und der dabei feſtgeſetzten Kourierpferde ziemlich ſchnell in Kaliſch angelangt, und ſchritt eines Tages beim Leuch⸗ ten der mildeſten Maiſonne dazu, das Siegel von ſeinen erhaltenen Inſtructionen zu löſen. Was er an Verordnungen darin fand, empörte ihn und verleidete ihm ſeine Carrière als polniſch⸗ſächſiſcher Beamter auf immer. Aber er fühlte ſich in den Garnen ſeiner eigenen ehrgeizigen Träume zu arg verſtrickt, um dem erſten Anfalle der Empörung ſogleich Folge zu leiſten. Vor ſechs Monaten hätte er die Weiſung,„ſpionartig die Volksbewegungen in einem Lande zu überwachen und Berichte über den Finanzzuſtand der Provinzen zu liefern, die er aus ſeiner eigenen Phantaſie zu ſchöpfen, förmlich autoriſirt wurde“, mit Ekel und Entrüſtung zurückge⸗ wieſen. Jetzt überlegte er ſich die Sache ſchon und dachte daran, wie er ſich in ſeiner Stellung erhalten und dennoch auf der ſchmalen Grenze des Rechtes und Unrechtes ſich 147 fortbewegen könne bis— zu gelegener Zeit, wo es ihm frei ſtand, Abrechnung zu halten. Ob das Lächeln einiger Höflinge nicht verfehlt hatte einen Eindruck zu hinter⸗ laſſen, der ſeine Entſchlüße auf dieſe Weiſe regelte, muß unerklärt bleiben. So viel war gewiß, daß ſeine Kampf⸗ luſt gegen Intriguen wie mit einem Schlage erwachte und ihm einen hinreichenden Fond von ſelbſtſüchtigen Mit⸗ teln in ſich aufdeckte, um mit einer ganzen Legion von Widerſachern anzubinden, wenn es nöthig werden ſollte. Der Baron Lottum verfiel, wie alle Staatsbeamte, in den ruheloſen Ehrgeiz, ſich ſelbſt in die Höhe zu bringen, und er hielt von jetzt an alle Mittel dazu für erlaubt. Mit dieſen kräftigen Vorſätzen ausgeſtattet begann er eine Laufbahn, zu der ihn weder ſein Naturell, noch ſeine Erziehung beſtimmt hatte. Als eine Kreatur des prunkſüchtigen, rückſichtsloſen Kabinetsminiſters betrachtet, nahm man ihn in Warſchau mit großem Mißtrauen auf und erwartete ganz beſondere Maßregeln in Rückſicht auf die Finanzreformen, da man annahm, daß die Geldnoth Brühl's den Grund zu ſeiner Stellung abgab. Das Auftreten des Barons bekämpfte ohne Worte dieſe Vorausſetzung. Er ſpielte mit ſeinen Inſtructionen ein gewagtes Spiel, indem er den zweideutigen Ausdruck: „das Geſammtwohl der Bevölkerung ſtets vor Augen zu behalten,“ wörtlich nahm. Er befand ſich weit genug vom 148 Schauplatze der Brühl'ſchen Macht, um ihn mit gewiſſen Stichwörtern hinhalten und dabei ſeiner eigenen ehrgei⸗ zigen Selbſtſucht Vorſchub leiſten zu können. Sein Ein⸗ fluß wurde dadurch natürlich von allen Seiten überſchätzt. Er, der eine Null in den Regionen des Staatslebens war, lenkte mit einer Kälte und Beſonnenheit ſeine An⸗ gelegenheiten in den Strom deſſelben ein, daß er am Ruder zu ſtehen ſchien, während er durch ein Wort des Miniſters als ein Nichts aufflog. Aber es kam bald ſeine Zeit, viel eher, als er ſelbſt geglaubt hatte. Von einer Rückkehr nach Dresden konnte ſelbſtverſtändlich keine Rede mehr ſein, und der Baron imponirte ſeinen dortigen Beſchützern mit der Erklärung darüber. Alles das, was er in ſeinen philoſophiſchen Studien an Sophiſterie in ſich aufgeſpeichert hatte, kam ihm im Laufe der nächſten Monate zu Gute, und man fing ſchon an, ihn als ein Wunder diplomatiſcher Weis⸗ heit, als einen Gewinn für das Gemeinwohl, worunter man natürlich etwas Anderes verſtand als Bürgerwohl, als einen Candidaten der höchſten Staatsſtellen zu be⸗ trachten, obwohl er noch gar nichts gethan hatte, ir⸗ gend eine Berückſichtigung zu verdienen. Wäre er noch der junge, nach idealen Weltanſich⸗ ten jagende Mann geweſen, der er damals war, als er Margareth's Glück zerſtörte, ſo würde ihn eine Verach⸗ —,— 149 tung aller Weltverhältniſſe angewandelt haben. So aber fand er die Sache plauſibel und rüſtete ſich mit voller Gemüthlichkeit die Thorheit der Menſchen für ſich aus⸗ zubeuten. Daß er ſich dabei uneigennützig zeigte, daß er mit edler Gelaſſenheit dem verrätheriſchen Meere einer Hof⸗ gunſt ſich anvertraute, daß er die Mißlichkeiten ſeiner Stellung gewandt beſeitigte und in anſcheinender Sy⸗ ſtemloſigkeit ſeinen Weg ging, das gewann ihm die Ach⸗ tung der Rechtſchaffenen, während es die Unedlen in Reſpect hielt. Er blendete die niedere Geiſtesſtärke durch den Gebrauch ſeiner Bildung und ſeiner Worte, und die höhere Geiſteskraft durch ſeine philoſophiſche Ruhe. Es iſt zu natürlich, daß bei ſolchen fortgeſetzten Spielen der in der Rolle Verſtrickte zuletzt ſich ſelbſt verkennt und die Beweggründe ſeines Auftretens nach den Urtheilen der Menge regelt. Viele Staatsmänner ſind erſt wohl⸗ thätig für das Allgemeinwohl geworden, nachdem das Publikum ſie als die Wohlthäter des Landes verſchrieen hatte. Viele Staatsmänner ſind mechaniſch, von per⸗ ſönlichen Irrthümern fortgeſchoben, auf eine Höhe ge⸗ langt, wo ſie vermöge ihrer Eigenthümlichkeit etwas er⸗ wirkt haben, was Beſſergeſinnten nicht möglich gewor⸗ den wäre. 8 Hechstes Capitel.— Mit dem Blühen der Bäume zugleich erwachte in Gertrud eine mächtige Sehnſucht nach dem ſtillen Leben in Wilsberg, und ſie ſchrieb an Margareth, daß ſich der Domherr nochmals in ſeine alte Kaleſche ſetzen ſolle, um ſie nun in aller Form vom Feldmarſchall zurück zu for⸗ dern, da er wieder geneſen ſei. Nach dieſem Briefe rückte denn eines Morgens der würdige Prälat ein und wurde von Gertrud mit Jubel begrüßt. Der Feldmarſchall wendete nichts gegen die Abreiſe ſeines Mündels ein, vertagte aber den Abſchied bis zum andern Morgen, und gab ſich, ſeit ſeiner Krankheit menſchlicher geſtimmt, mit allem Behagen einer freund⸗ ſchaftlichen Plauderei mit dem Domherrn hin, der in vielen Stücken mit ihm harmonirte. Im Laufe des Geſpräches verfielen ſie natürlicher⸗ 151 weiſe auf das altgewohnte Thema über Krieg und Frie⸗ den, und obwohl ſich der Domherr hütete, ſpecielle Mit⸗ theilungen über das ſeltſame Tauffeſt beim Baron Biska zu machen, ſo deutete er doch an, daß die Ueberſiedlung der Biska'ſchen Familie nach Potsdam zu mancherlei Gloſſen Veranlaſſung geben könne. „Es iſt himmelſchreiend, was für Machinationen ſich der König von Preußen erlaubt,“ fuhr faſt willenlos die alte Excellenz barſch heraus.„Denkt Euch, Freund⸗ chen, daß wir einer ſcheußlichen Verrätherei auf der Spur ſind. Der Geheimſecretair Menzel hat wahrſcheinlich un⸗ ſere Correſpondenzen mit Oeſterreich verrathen.“ Fräulein Gertrud, bis dahin mit ihren Gedanken beſchäftigt, horchte hoch auf. Ihres Vormunds Blick fiel auf die geſpannten Mienen ihres Geſichtes, und er be⸗ gann einzuſehen, daß er ſich voreilige Erklärungen er⸗ laubt hatte. Aber ſo gern er das Geſpräch nun auch ab⸗ gebrochen hätte, der Domherr, einmal neugierig gewor⸗ den, fragte, und er mußte antworten. Er that es zurück⸗ haltend, konnte jedoch nicht verhindern, daß Gertrud recht gut merkte, wie man nur in Folge eines aufgefun⸗ denen, ganz unverdächtig ſcheinenden Zettels auf die Idee verfallen ſei, der Geheimſecretair ſtecke mit den Preußen unter einer Decke. Ueberführt war er noch nicht, allein daß man ſchon im Sinne hatte, harte Maßregeln zu er⸗ greifen, davon wurde das Fräulein im Verfolg der Un⸗ terhaltung überzeugt. Centnerſchwer legte ſich jetzt die Bedeutung der harmlos betrachteten Höflichkeitsphraſe auf ihre Bruſt.„Mögen die Folgen dieſer Geſchäfts⸗ übertragung Sie nie betrüben! Heiliger Gott!“ ſeufzte ſie innerlich und ſchärfte ihr Ohr, um nicht ein Wort davon zu verlieren, was ihr Vormund als Vermuthung aufſtellte. „Ein junger Ausländer, jetzt Chargé d'affaires Sr. Excellenz von Brühl, hat die Sache angeregt,“ ſprach der Feldmarſchall.„Er muß aber jedenfalls un⸗ terrichteter geweſen ſein, oder den Geheimſecretair per⸗ ſönlich erkannt haben, als dieſer den ominöſen Zettel verloren oder verſteckt hat, ſonſt iſt es ganz unmöglich auf ſolche unverfängliche Worte einen Verdachtsgrund zu bauen. Ich vermuthe, daß dieſer junge Mann, ein Baron Lottum, aus anderer Quelle Beſcheid gewußt und glück⸗ lich combinirt hat, ſonſt iſt's nicht erklärlich.“ „Ach, leider— leider!“ ſeufzte das Fräulein aber⸗ mals innerlich. Sie dachte mit Schrecken daran, was ſie vor ſechs Monaten in Rittbergen geplaudert hatte. „Wer weiß, ob nicht Irrungen dabei vorwalten,“ meinte der Domherr.„Ich finde dieſe Verrätherei zu ge⸗ wagt, als daß ich ſie unbedingt einem ſonſt ehrliebenden Beamten zutrauen möchte. Aus welchem Grunde ſollte 153 ein Mann, der im Dienſte ſeines Herrſchers geehrt wird, ſolcher folgereichen Veruntreuungen ſich ſchuldig machen?“ „Geld— Geld— Geld!“ ſchrie der Marſchall leb⸗ haft geſtikulirend.„Geld iſt der Hebel aller, aller Dinge! Für Geld iſt man tugendhaft, für Geld iſt man laſter⸗ haft. Liegt es denn nicht im Geiſte der Zeit, in der Be⸗ lehrung von oben herab, daß Genuß Leben iſt, und Ent⸗ ſagung des Genußes ſchlimmer als der Tod? Seht doch unſern Hof! Seht doch unſere Bildernarrheit— durch Ränke und Schwänke ſucht man den Glanz und die Ueppigkeit herzuſtellen, und durch Fineſſen aller Art der Leidenſchaft des Herrſchers zu genügen, um ihn am Gän⸗ gelbande zu halten.“ „Ah, lieber Herr Vetter,“ fiel der Domherr ernſt beſchwichtigend ein,„Ihr ſchüttet das Kind mit dem Bade aus. Ihr werdet doch den Kunſtſinn unſers liebens⸗ würdigen Churfürſten nicht tadeln wollen?“ „Das werde ich ſtark wollen,“ rief der Marſchall, dämpfte aber doch reſpectvoll ſeine Stimme ein wenig. „Jſt es recht, ſeinen Paſſionen auf Koſten des Gemein⸗ wohles zu fröhnen? Aber der König iſt nicht zu tadeln, er weiß es nicht, was und wie geopfert wird. Jetzt iſt Geld nöthig zur Mobilmachung, zu hunderttauſend andern Dingen, die uns bevorſtehen— pah— der Staatsſchatz iſt erſchöpft. Laßt das Land, laßt den Bür⸗ 1860. XIV. Gertrud. III. 10 ger tragen, was der Staatsfond nicht kann— iſt das recht, Domherrchen?“— „Warum erfuhr der König nicht zur rechten Zeit, was er wiſſen mußte?“ fragte der alte Domherr. „Wer ſoll es ihm denn ſagen, wenn Graf Brühl es ihn nicht wiſſen laſſen will? Graf Brühl ſtopft ihm die Augen und Ohren mit Bildwerken zu und nimmt ſeine ganze Aufmerkſamkeit damit gefangen. Und wie die Alten ſangen, ſo zwitſcherten die Jungen. Macht da neu⸗ lich der junge Graf ein Lärmen um eine Geſchichte, macht da des Königs Privatſchreiber, der von Heineke, ein ver⸗ klärtes Muttergottesgeſicht— und warum? Ja, Dom⸗ herrchen, warum? Ihr denkt gewiß über irgend eine Heldenthat?“ „Nun?“ lächelte der Domherr dem eifrigen Frager iws Geſicht. „Bewahre, nur darüber, weil der ungeduldige Kö⸗ nig ſeinem eigenen Thronſeſſel einen tüchtigen Stoß gab, damit ein altes verblichenes Bild dadurch Raum ge⸗ wann, und dabei ſagte:„Platz, Platz für den Meiſter Raphael!“ Gertrud erhob jetzt ihre Stimme und ſagte:„Ich finde das aber auch ſehr hübſch von dem Könige, Ex⸗ cellenz. Es gibt immerhin ein Zeugniß von ſeiner wirk⸗ 155 lichen Vorliebe für Maler und Künſtler und bezeichnet deutlich die Wahrheit ſeiner Paſſion.“ „O ja doch, ja doch! Die Wahrheit dieſer Paſſion wird auch durch eine erkleckliche Menge Quittungen über bemalte Leiwand und durch die Leere des Staatsſchatzes bezeichnet,“ brummte der Marſchall ärgerlich. „Es iſt nun einmal ſeine Freude,“ wendete der Domherr ein.„Fährt er doch immer ſelbſt nach Hubertus⸗ burg, um die Bilder dort nach ſeinem Geſchmacke zu ordnen und dem richtigen Lichteffecte auszuſetzen. Jeder Menſch hat ſeine Puppe und jedem Herrſcher ſteht es wohl an, wenn edle Paſſionen ihn zu Ausgaben veran⸗ laſſen. Glaubt mir, Marſchall, was jetzt der König von Polen hier in Dresden ſäet, davon kann einſt der nächſte Churfürſt von Sachſen ernten.“ „So? Der arme Churprinz ſoll wohl Schacher mit den Pinſeleien treiben?“ „Nein, er ſoll ſtolz darauf ſein, Beſitzer einer ſol⸗ chen Gemäldeſammlung zu heißen.“ „Ja, wenn er's Land noch ſein nennt!“ rief Ex⸗ cellenz hart und ſpöttiſch. Er huſtete über ſeine Hand weg.„Bezahlt'mal Soldaten und Hilfstruppen und Pferde und— und— und— und Hunderttauſend„Und“ gibt es zu bezahlen, während das ſchöne Geld à Lappen zu zwei, drei, viertauſend Dukaten hingewandert iſt nach 10 Italien. Herr Gott, es iſt eine Sünde und Schande! Die Haare gehen einem alten Krieger zu Berge, wenn man die Rechnungen lieſt. Paßt auf, Domherr, das Unheil ſchreitet langſam, aber ſicher an uns heran. Wir haben uns eine Grube gegraben, während wir ſie für den Kö⸗ nig von Preußen beſtimmten, und die Sorgloſigkeit, wo⸗ mit unſer Staatsminiſter die Sache anſieht, wird unſer Verderben.— Die Königin thut mir leid,“ fügte er nach einem langen Stillſchweigen, das unter ärgerlichem Be⸗ denken verfloß, hinzu.„Sie ahnet, was das Land treffen kann, aber ſie weiß weniger als wir von der ganzen Ge⸗ ſchichte. Die Sorge drückt ihr Gemüth— noch geſtern ſagte ſie zu mir mit einem ſchmerzlichen Lächeln, daß es immer einſamer um ſie würde, ſelbſt Männer, denen ſie Vertrauen geſchenkt, weil ſie hochſinnig jede Selbſtſucht aus ihren Beſtrebungen verbannt hätten, wären nicht im Stande ſich den Lockungen zu entziehen, die Brühl's Macht über ſie verhänge.“ „Damit meint ſie gewiß den Baron Lottum,“ fiel Gertrud vorſchnell ein. „Freilich. Ich hörte gleich darauf, daß dieſer Brühl⸗ ſche Chargé d'affaires eine Liſte eingeſendet, die unſern Churfürſten entzückt hat, nämlich eine Liſte von Bildern, welche er in einem Palaſte des Staroſten von Rutoffski entdeckte, die deſſen Erben um einige tauſend Louis dors 157 loszuſchlagen wünſchen. Alſo auch dieſer ſtolze Edelmann, der uns um Gotteswillen zu dienen ſchien, ſchlägt in einen Heuchler und Schmeichler um.“ „Voreilig geurtheilt, beſter Marſchall,“ entgegnete der Domherr.„Bin ich zum Exempel tadelnswerth, wenn ich einem Kunſtfreunde ein werthvolles Bild anpreiſe? Kann ich wiſſen, daß die Kaſſe dieſes Kunſtfreundes nicht in dem Zuſtande iſt, daſſelbe zu erwerben.“ „O, wenn keine Nebenzwecke ſolche Freundſchafts⸗ dienſte leiten,“ rief Excellenz,„aber daß hier wieder der Ehrgeiz mitſpielt, darauf ſchwöre ich. Ein Höfling kennt die Wege zur Königsgunſt, und der Baron Lottum wird wohl ein Ziel vor Augen haben, das ziemlich hoch oben iſt.“ Nachdem der Feldmarſchall ſeinen Unmuth über die Geldklemme im Lande gehörig ausgeſprochen hatte, zog er ſich in ſein Zimmer zurück, um noch Rapporte durch⸗ zuſehen. Seine Lage war in vielen Stücken unangenehm genug, um ihn zur Verdrießlichkeit zu ſtimmen. Die Ver⸗ antwortlichkeit derſelben ſtand nicht im Einklange mit der Macht, die ihm verliehen war. Er blieb abhängig vom Willen des allmächtigen Kabinetsminiſters, weil durch die⸗ ſen erſt Alles ſo zu des Herrſchers Ohr kam, wie er es zu modelliren für gut fand. Die gemüthliche Laune des Königs zeigte hinlänglich, wie wenig precair er ſeine Stellung zwiſchen Oeſterreich und Preußen fand. Auf die bloße Notiz des Baron Lottum, daß alte, treffliche Bilder von großen Meiſtern in Warſchau zu erhandeln wären, beſchloß er ſogleich eine Reiſe dahin, und natür⸗ lich eine Reiſe, glänzend, mit Gefolge, die nahezu ſo viel koſten konnte, als die Verproviantirung der halben Ar⸗ mee. Grund genug, um einen Feldmarſchall in gelinde Wuth zu verſetzen, der ein Bild von Raphael für einen bemalten Lappen erklärte. Die Klemme, worin ſich die meiſten höhern Staatsbeamten befanden, weil ihnen die Hände gebunden waren, brachte endlich die Grundſätze zur Reife, wodurch Sachſen der Preußenherrſchaft ver⸗ fallen mußte. Man ließ Alles gehen, wie es gerade ging, ſchloß ſeine Augen vor den herannahenden Gefahren und verſteckte ſich gefliſſentlich hinter Rodomontaden, worin man die innere Staatsmacht überſchätzte. Hörte man die Bravaden, mit denen ſich die Hof⸗ kavaliere, in Gold und Treſſen, brüſteten, ſo erhielt man eine kleinliche Meinung von den Welthändeln, die ſich im Schooße der Zeit vorbereiteten. Man ſtolzirte an der Hand Frankreichs, Rußlands und Oeſterreichs, und ſah von der kleinen Weltbühne Dresdens verlangend dem Tage entgegen, wo der Held des Dresdner Tractats von 1745 Abbitte leiſten müſſe. Die kühnen Vorausſetzungen der glücklichen Reſultate wuchſen unter der eigenen Groß⸗ 159 thuerei, und bedenkliche Mienen, wie ſie der Feldmar⸗ ſchall von Spärkan mit mehrern andern weitſichtigern Beamten zog, wurden verhöhnt. Am Nachmittage ſpazierte der Domherr in Beglei⸗ tung ſeiner Nichte nach den Brühl ſchen Terraſſen, die er als eine Schöpfung des Miniſters für äußerſt zweckmäßig und angenehm erklärte. Die milde Maiſonne entfaltete das Laub der Bäume, ſchuf Blüthen und ſenkte frohen Lebensmuth in die Menſchenherzen. Gertrud aber blieb ernſt und ſchweigſam, trotz der beſchwichtigenden Ein⸗ wirkung der balſamiſchen Luft. Sie hielt Selbſtſchau, und bei dieſer Prüfung kamen aus allen Winkeln längſt ver⸗ jährte Irrthümer heraus, um ſie in der Erinnerung zu quälen. Der Domherr bemerkte ihren Seelenzuſtand, hielt es aber nach ſeinen gemachten Erfahrungen nicht der Mühe werth, ſie zu zerſtreuen. Ihr leichter Sinn beſorgte das am beſten ſelbſt. Langſam wandelten ſie auf der Terraſſe entlang, und der Domherr ließ ſeinen Blick ſtets von neuem bewun⸗ dernd über die Flur ſchweifen, die ſo wunderbar reich mit Schönheit ausgeſtattet vor ihm lag. Dabei erzählte er von der Probſtei, von Margareth, von ſeinem Labora⸗ torium, von dem geplatzten Feuerwerk, und bemerkte in ſeiner Gemüthlichkeit nicht, daß Gertrud ſeit einigen Mi⸗ 160 nuten mit geſchärfter Aufmerkſamkeit eine Gruppe von Herren beobachtete, die heiter plaudernd, ebenfalls des ſchönen Wetters ſich zu freuen ſchienen. Ihr Blick faßte mehrmals den einen Herrn, als wolle ſie ſich verſichern, daß ſie ſich nicht täuſche. Sie wurde ihrer Sache immer gewiſſer, und als endlich der Trupp ſich trennte und dieſer von ihr beobachtete Herr mit raſchern Schritten, in einer ſchwankenden Gemüthsbewegung, bald düſter vor ſich niederſchauend, bald emporblickend ſeinen Weg allein ver⸗ folgte, da athmete ſie wie von einer Laſt befreit auf. Sie hatte ſogleich den Geheimſecretair Menzel erkannt, obwohl eine Reihe von Monaten wohl hingereicht hätten, ſein Bild in ihr zu verwiſchen. Als ſie gewiß war, ſich nicht zu irren, da überkam ſie eine jener Inſpirationen, wovon ſie leider ſo vielfach heimgeſucht wurde, ihr ſelbſt zum Scha⸗ den und Andern nicht zum Vortheil. Schnell bereit zum Handeln erwog ſie den Plan, wie dieſer Mann wohl zu warnen ſein möchte. Sein düſterer Blick verrieth Sorge und die unſtäte Laune, die ſein Mienenſpiel deutlich bezeichnete, eine vorbereitende Verwirrung ſeines Innern. Bald ſtand er ſtill und ließ ſein Auge ſtumpf und ſeelenlos in die Ferne ſchweifen, und dabei bohrte er mit ſeinem ſpaniſchen Rohre in den Erdboden, als wolle er dort Hilfe herausholen. Gertrud beobachtete ihn ſcharf. 161 Sie bemerkte, daß ſeine Sinneswerkzeuge vollſtändig un⸗ thätig blieben, daß er weder ſah, noch hörte. Es war ein günſtiger Moment und ſie konnte ihrem innern Drange nicht widerſtehen. Raſch fertig mit ihren Entſchlüſſen faßte ſie den Arm ihres verſunkenen Beglei⸗ ters und ſagte befehlend und mit größter Kaltblütigkeit: „Onkel Pröhl, Du mußt mir einen Gefallen thun! Gehe hin zu dem Herrn, der dort ſteht, und ſag' ihm langſam und deutlich die Worte in's Ohr:„Ihr Spiel iſt entdeckt— fliehen Sie!“ Der Domherr, zerſtreut und gänzlich unfähig, ſich in den Einfall ſeiner Nichte zurecht zu finden, weigerte ſich, durch eine Pantomime dies andeutend. „So gehe ich ſelbſt,“ entſchied das junge Mädchen. „Sage mir erſt, wer der Herr iſt,“ lenkte der Domherr ein. „Das iſt unnöthig! Es hat Jemand mit einer ge⸗ wiſſen Bosheit das Schickſal dieſes Herrn von mir ab⸗ hängig gemacht, und es würde mich ewig peinigen, wollte ich die Gelegenheit, die ſich mir ganz unerwartet bietet, unbenutzt vorüber gehen laſſen. Willſt Du mir den Ge⸗ fallen nicht thun, ſo handle ich ſelbſt, obwohl es mich einigermaßen bloßſtellt.“ „Nun, nun! Kleiner Trotzkopf! Wie waren die Worte?“ fragte der Domherr mild in ihr flammendes Auge ſehend. 162 „Laß uns mit einander nahe an ihm vorübergehen,“ ſprach das Fräulein ſchnell, denn der Geheimſecretair machte Anſtalt umzuwenden, um denſelben Weg, den er gekommen war, wieder zurückzugehen.„Wenn wir dicht bei ihm ſind, ſprich, ohne ſtillzuſtehen, die Worte:„Ihr Spiel iſt entdeckt— fliehen Sie!“ Sieh ihn dabei an. So wird es am beſten ſein.“ „Ich ſollte es nicht thun, ohne zu wiſſen, zu wem ich dergleichen inhaltſchwere Worte ſpreche,“ meinte der Domherr bedenklich.„Was haſt Du mit ihm vorgehabt? Ging es auf eine Freierei hinaus?“ Es fiel dem alten Herrn nicht von fern ein, daß der Mann jener verräthe⸗ riſche Kabinetsſecretair ſein könne. „Ja, wenigſtens auf eine Liebesgeſchichte,“ warf Gertrud innerlich beluſtigt hin. Von dieſer Erklärung etwas beruhigt, ſchritt der alte Herr rüſtig auf den bezeichneten Mann zu und that, ſteif vorübergehend, ganz wie ihm Gertrud geheißen hatte. Die Wirkung war auffallend. Der Mann ſchrak heftig zuſammen und ſein Auge ſtarrte glanzlos auf das ſeltſame Paar, das an ihm vorbeiging, als wäre nichts geſchehen. Und dennoch war er keinen Augenblick darüber zweifelhaft, daß ihm die Warnung gegolten hatte. Ge⸗ rade daß ſie mit dem Anſcheine ſo großer Gleichgiltig⸗ keit gegeben, verbürgte eine drohende Gefahr. Daher war 163 es natürlich, daß er„ſie hören, ſie begreifen und ver⸗ ſchwinden“ das Werk eines Augenblickes wurde. Mit Erſtaunen blickte der Domherr nach dieſer zauberhaften Wirkung auf ſeine Nichte, die nur mit einem Seitenblicke die beſchleunigte Entfernung des Mannes beobachtete.„Mich ſoll's doch wundern, ob ich hier nicht einen verzweifelt dummen Streich gemacht habe,“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Was thut's, mein Onkelchen,“ ſchmeichelte die Nichte mit holdem Lächeln.„Die dummen Streiche, die man geheim hält, bringen uns keinen Nachtheil. Du haſt eine ſchwere Laſt von meinem Herzen gehoben und geſchadet haſt Du Niemanden. Damit tröſte Dich!“ Der Domherr hielt es für gut, der Weiſung Ger⸗ trud's zu folgen. Das kleine Abenteuer wurde von ihm vergeſſen. Erſt als er einige Wochen ſpäter durch einen Zufall davon hörte, daß der Geheimſecretair Menzel, kurz vor ſeiner Verhaftung, wahrſcheinlich gewarnt, nach Prag entflohen ſei, erſt da dämmerte eine Ahnung in ihm auf, wen er eigentlich gewarnt habe. Seinen Grund⸗ ſätzen gemäß, ſich über nichts graue Haare wachſen zu laſſen, was er nicht ändern könne, ließ er auch jetzt die Geſchichte unerörtert, und nur eine beiläufige Bemerkung verrieth der lachenden Gertrud, daß ihre Schlauheit von dem alten Herrn entdeckt ſei. Sie ließ ſich aber nicht fangen. Mit Meiſterſchaft die Rolle der Unbefangenen fortſpielend, bewahrte ſie ihr Geheimniß, das ihrem Vormunde eher Unannehmlich⸗ keiten bereiten konnte, als ihr. Niemand vermochte ihr zu beweiſen, daß ſie den Geheimſecretair kenne, und es ſchien nicht denkbar, daß er noch jemals ihren Weg durchkreuzen werde. Was geſchehen war, konnte nicht mehr geändert werden, und ſie freuete ſich im Stillen, daß der Baron Lottum eines Tages erfahren würde, „der Mann, welchen er ihr zur Anklage überantwortet hatte, ſei entſchlüpft!“ Hiebentes Capitel. Was bei den Blüthen des Frühlings ahnungsſchwer in der Seele manches Biedermannes aufgetaucht war, das brachte der Sommer zur Reife. Es genügten nur wenige Monate, um den König Friedrich von Preußen, getrieben von einem tiefen Unwillen, ſchlagfertig zu ma⸗ chen und ihn mit einem wohlorganiſirten Heere an die Grenzen Sachſens zu bringen. Da es aber nicht die Aufgabe eines Romans ſein kann, ſich mit hiſtoriſchen Entwickelungen zu befaſſen, die nicht dazu gehören, ſo fin⸗ det man es gewiß zweckmäßig, wenn die verſchiedenen Evolutionen der Kriegsheere ignorirt und erſt dann näher ins Auge gefaßt werden, ſo wie ſie auf Ereigniſſe ein⸗ wirken, die mit den Schickſalen der Familien in Verbin⸗ dung ſtehen, welche der Phantaſie des Leſers vorgeführt wurden. Wer von der Weltgeſchichte unterrichtet iſt, weiß, daß mit dem Jahre 1756 ein unheilvoller Krieg aus⸗ brach. Diejenigen, die es nicht wiſſen, thun beſſer, ihre Kenntniſſe in wirklichen Geſchichtsbüchern zu bereichern, als ſie aus ſogenannten hiſtoriſchen Romanen vervoll⸗ kommnen zu laſſen. Der volle Sommerſonnenſchein lag auf den Fluren, als zwei Huſarenoffiziere auf einem ſchmalen Waldwege entlang ritten, der wenig bergan laufend, doch endlich auf einer Höhe zu enden verſprach. Der jüngere der Offi⸗ ziere war Graf Levin von Brettow. Sein Ausſehen hatte ſich wenig verändert, nur das Auge verrieth eine helle, ruhige Freudigkeit, ſonſt aber zeigten ſich ſeine Mienen trotzig verſchloſſen und wie gewaffnet gegen jedes feindli⸗ che Element, das ſich in ſeinen Lebensweg drängen konnte. Schwermuth und Schwärmerei ſchienen auf ewig aus dieſem Angeſichte verbannt zu ſein, und wie er dahin ritt, die linke Hand leicht auf die Hüfte geſtützt, mit der rech⸗ ten ſein ſchönes, muthiges Roß zügelnd, ſo gab er ein prächtiges Bild kalter, feſter Männlichkeit ab, wie ſich ein Feldherr ſeine Krieger nur wünſchen kann. Sein Begleiter, ein ältlicher Oberſtwachtmeiſter mit friſchem, rothen Geſichte, überließ ſich mit fröhlich fun⸗ kelnden Augen ſeinen Erinnerungen an frühere Kriegs⸗ abenteuer. Er erzählte von Schlachten, von Siegen und von Niederlagen in kurzweiliger Manier, bis endlich die Frage ſeinen Redefluß hemmte: [O— 167 „Was meinen Sie, Graf? Ob wir lagern werden?“ „Gewiß nicht, Herr Oberſtwachtmeiſter,“ entgegnete Graf Levin.„So viel ich hörte, iſt ein Parlamentair nach Dresden beordert, der den König von Polen zur Allianz mit uns auffordern ſoll, widrigenfalls wir ſofort auf Dresden einmarſchiren werden.“ „Dann lagern wir nicht, Freund,“ entſchied der Andere,„denn König Auguſt darf ſich nicht mit uns alliiren. Brühl leidet es nicht!“ Der Graf lächelte zu dem treuherzigen Ausſpruche, und der alte Offizier fuhr eben ſo naiv fort zu fragen: „Ob es wahr iſt, Graf, daß unſer König durch Verrath alle Kopien der Staatscorreſpondenzen erhalten hat? Wenn es wahr iſt, ſo müſſen wir in Dresden ſofort das Archiv plündern, um uns zu decken. Meinen Sie nicht, Graf?“ 3 Dieſer lächelte abermals, fand aber die Idee ganz vortrefflich. Die Fehde war in Verfolg dieſer Verrätherei begonnen. Konnte man jedoch die Gründe dazu mit ver⸗ rätheriſchen Kopien belegen? Der Oberſtwachtmeiſter bu Recht. Man mußte die Originalbriefe zu erlangen uchen. „Ob wir den Vortrab bilden werden?“ fragte der Oberſtwachtmeiſter von Neuem.„Es iſt fatal, das nicht zu wiſſen, Graf.“ 168 Er wußte nämlich ſehr gut, daß der Rittmeiſter beſſer unterrichtet war, als er, daß er aber zu denen ge⸗ hörte, die ſich nicht damit groß thun. Als der alte wackere Krieger einſah, daß ſeine vielen Fragen ihn doch nicht klüger machen würden, begann er wieder Kriegsgeſchichten zu erzählen. Graf Levin hörte zu und ermunterte ihn durch Beifallsbezeugungen. Er konnte das Fragen nicht leiden, deshalb war ihm das Erzählen lieber. Indeſſen waren ſie immer ſacht bergan geritten, ohne eigentlich genau zu wiſſen, wo der Weg aus⸗ laufen und wieder in eine gewöhnliche Heerſtraße ein⸗ münden werde. Bei einer plötzlichen Beugung des Waldpfades ſahen ſie ſich am Saume des Waldes, und zwar dicht vor einem Trümmerhaufen am Bergabhange, dem ſich von unten herauf eine Gartenmauer, überwuchert von allen mögli⸗ chen Schlinggewächſen, anſchoß. Graf Levin erkannte ſo⸗ gleich die Probſtei mit dem zerſtörten Kloſter und der ſchönen kleinen Kapelle auf dem Gipfel des Hügels. Neu⸗ gierig blickte er auf die maleriſche Unordnung, in der ſich die zerſtörten Kloſtergebäude bis zum Thale hinabzogen, und ſpornte, auf einen kurzen Moment unruhiger wer⸗ dend, ſein Pferd zu einem ſchnellern Ritte, um eher als ſein Gefährte bei der Gartenmauer anzukommen, die ihm, 169 aus der Ferne betrachtet, einen Einblick in den Garten der Probſtei geſtatten zu wollen ſchien. Er irrte aber. Die Mauer zeigte ſich hoch genug, um ſelbſt einem Reiter das Ueberblicken zu verſchränken. Langſam ritt er nun auf dem Fußſteige dahin, bis ſein Begleiter ihn wieder eingeholt hatte. „Dort iſt Biska's Gut,“ ſagte er mit ſo gleichgil⸗ tiger Stimme, daß der Oberſtwachtmeiſter gewiß nicht die kleinſte Färbung einer Gemüthsregung herausleſen konnte. „Eine prächtige Schanze!“ rief der Oberſtwacht⸗ meiſter, indem er auf die Kloſterruine deutete. In dieſem Momente drang ein furchtbarer Qualm aus einem Schornſteine, der von einem kleinen Gebäude nahe am Garten, etwas höher als ſonſt, hervorragte. „Himmel Element— Feuer!“ ſchrie der alte Offizier. „Nicht doch!“ begütigte ihn der Graf lächelnd. „Der alte Domherr, der die Probſtei bewohnt, iſt ein Alchymiſt.“ „Ah, er jagt das Gold zum Schornſteine hinaus!“ lachte der Oberſtwachtmeiſter.„Ja, da iſt der Qualm erklärlich. Wenn Gold in Rauch aufgeht, muß der Teufel den Schwefel dazu liefern, ſagte mein ſeliger Vater ſprichwortsweiſe.“ 1860. XIV. Gertrud. III. 11 170 „Figürlich genommen, ſehr richtig,“ meinte der Graf zerſtreut über die Probſtei hinblickend, der ſie im⸗ mer näher kamen.„Ob ſie noch dort iſt?“ fragte eine innere Stimme ſehr leiſe und ſehr ſchüchtern in ihm, denn er hatte ſeine eigenen Gedanken und Phantaſien unter ſcharfer Controlle. „Iſt das derſelbe Domherr, der damals im März das geplatzte Feuerwerk fabrizirt hatte?“ Graf Levin fuhr wie aus einem Traume empor. Was wußte der alte ewige Frager von dem damalig ver⸗ unglückten Feuerwerke? Er ſah ihn ſcharf von der Seite an. „Biska erzählte mir davon,“ erläuterte der Oberſt⸗ wachtmeiſter auf den fragenden Blick. „Ich weiß nichts davon,“ flüſterte der junge Mann dumpf, aber er fühlte es wie einen Feuerregen über ſich hinrieſeln, als er daran zurückdachte. „Hören Sie,“ fuhr der Offizier neben ihm nach langem Stillſchweigen fort.„Hören Sie, Graf, hinter der Mauer ſingt Jemand.— Eine Frauenſtimme! Hal⸗ ten wir einen Augenblick!— Sehen Sie dort die Pforte?“ Gehorſam hielt Graf Levin ſein Pferd an. Was er dachte, was er wünſchte, hoffte, erſehnte?— Nichts, wie es ſchien, denn ſein Auge hing ſtumpf am Sattelknopfe, als erſt von fernher, dann nach und nach ganz nahebei 171 ein reizendes Wiegenlied geſungen wurde.„Schlafe mein Kindchen, es ruhn— Wälder und Vögelchen nun— Garten und Wieſen verſtummt,— und nicht ein Bienchen mehr ſummt;— Luna mit ſilbernem Schein— lugt nun zum Fenſter hinein.— Schlafe mein Engel, ſchlaf' ein!“ Graf Levin hatte Margareth niemals ſingen hören. Er wußte gar nicht, ob ſie dieſe Gabe der Natur beſaß. Die Stimme, welche zu ihnen herüber drang, hatte einen friſchen, muthwilligen Klang, der ſchneidend in ſeine ſtill⸗ gewordene Bruſt eindrang und eine brennende Neugier erweckte, ob Margareth's Stimmung ſich dergeſtalt ver⸗ ändert haben könnte, um ſo friſch, ſo hell, naiv und mun⸗ ter an's Tageslicht zu treten. „Warum nicht?“ dachte er ſehr ruhig aufſchauend, als jetzt der Riegel an der Pforte raſſelte und der Oberſtwachtmeiſter mit einem„Bſcht“ langſam ſein Pferd wieder in Bewegung ſetzte, um in d nächſten Nähe der Pforte zu ſein, wenn ſie ſich öffnete. Sie flog richtig un⸗ ter dem muthwillig kräftigen Angriffe der Sängerin auf, und im Nu ſtand Gertrud von Spärkan in der anmuthig⸗ ſten Gemüthsverfaſſung, ſchwankend zwiſchen einer leich⸗ ten Verwirrung und übermüthiger Laune dicht vor den beiden Reitern. Ein Lichtſtrahl ſchien das Geſicht des Grafen Levin zu verklären, und ſein Blick hing freund⸗ 114 . „ 172 lich an den reizenden Geſichtszügen der jungen Dame, die er natürlich nicht kannte. Der Oberſtwachtmeiſter gefiel ſich während deſſen in Ausbrüchen einer ſüßlichen Artigkeit, begrüßte das Fräulein mit dem damals modernen Pathos der Schäfer⸗ idylle:„Holde Chloe oder Daphne, wohin des Weges?“ und erregte damit ihr heiteres Gelächter. Sie hatte nicht übel Luſt mit den irrenden Rittern anzubinden und ſich in ein neckiſches Wortgefecht zu ver⸗ flechten, allein der Blick des jüngern Offiziers verhin⸗ derte ſie daran. Er verwirrte ſie immer mehr und mehr, und es war ein Glück für ihren Muth, daß ſie endlich daran dachte, ihren großen grünen Fächer, den ſie zum Schutz gegen die Sonnenſtrahlen in der Hand hielt, auch zum Schutze gegen die durchdringenden Blicke des jungen Reiters anzuwenden. Sie ſchlug ihn haſtig auf und ver⸗ ſteckte ihr erröthendes Geſicht dahinter. Die Herren ritten langſam weiter und Gertrud ſah ihnen nach. Was war es, was den Grafen bewog, ſich nach einigen hundert Schritten nochmals raſch im Sattel zu wenden und ſeinen Blick prüfend nach der Pforte zu⸗ rückzuſenden, wo die junge Dame noch ſtand. Lenkte das Intereſſe der Gegenwart ſein Auge zurück? Oder über⸗ wältigte der Zauber der Vergangenheit einmal wieder —C—C—C———QCQCQC—O—C—CQ—O——— 173 ſeine guten Vorſätze, indem er ſich die Frage wiederholte: „Ob ſie noch dort iſt?“ Gertrud aber verſchwand nach dieſem unerklärlichen Zeichen einer Neugier und ſchlug heftig die ſchwerfällige Pforte wieder zu. Dann ſchritt ſie, ſtiller als vorhin, wieder in den hochgewölbten, dichtbelaubten Buchengang zurück, und vergaß auf einige Momente, daß in Rittbergen ein klei⸗ ner Stammerbe geboren war, dem ſie aus weiter Ferne das Wiegenlied geſungen hatte. Ein Weilchen irrten ihre Gedanken wie in einer Wildniß umher, ohne daß ſie ſelbſt bemerkte, wie tief ſie beſchäftigt war, ſich das Bild des eben geſehenen Huſarenoffiziers zu vergegenwärtigen. Endlich aber fuhr ein ganzer Sturm voll Erinnerungen auf ſie ein und ſie rief faſt überlaut:„Levin! Ja, Levin war es!“ Sie ſtand ſtill und ſtreckte die hübſchen weißen Arme nach der Gegend hin, wo er verſchwunden war. „O hätte ich ihn doch erkannt! Hätte ich ihn doch meiner Margareth wieder zuführen können! Er iſt hier? Ich muß ihn zu finden und zu überreden ſuchen! Margareth!“ rief ſie eilig die Buchenallee hinablaufend,„Margareth!“ rief ſie nach Kinderweiſe ſo lange, bis ſie endlich die Freundin erreichte, die in einer dicht überwachſenen Ly⸗ ciumlaube ſaß und an einem Taufkleide für den Erſt⸗ gebornen des Hauſes Rittberg ſtickte. 174 Margareth, die eine Schelmerei Gertrud's erwar⸗ tete, ſah gefliſſentlich nicht von ihrer Arbeit auf, un⸗ geachtet ein ſehr liebliches Lächeln ihr Wohlbehagen an Gertrud's Schelmereien bekundete. Singend wie eine Nachtigall war ſie von der Arbeit weggelaufen— ſchrei⸗ end wie ein Staarmatz kam ſie wieder. Was konnte anders die Veranlaſſung dazu geben, als purer Ueber⸗ muth? Unter dieſen Gedanken ließ ſie ihre junge Freundin herankommen. Dieſe warf ſich athemlos vor ihr nieder, ſah in ihr Geſicht, das gütig zu ihr niedergebeugt war, und flüſterte:„Ich habe Levin geſehen!“ Zu ihrem grenzenloſen Erſtaunen ſank Margareth nicht vor Freude in Ohnmacht, erzitterte auch nicht im Entzücken der Ueberraſchung, ſondern faltete nur leicht ihre Hände in einander und flüſterte:„Wirklich? Mein Traum wird alſo Wahrheit? Seit heute früh, wo ich am Rande der Kloſterruinen einen preußiſchen Huſaren ſtehen ſah, beſchäftigte ſich meine Phantaſie lebhaft mit der Möglichkeit ihn wiederzuſehen.“. Gertrud ſah ſie groß an und ſtand ſchnell von der Erde auf. „Du ſaheſt einen preußiſchen Huſaren?“ rief ſie pikirt,„und das ſagteſt Du mir nicht?“ „Dir, mein Trudchen, Dir, der Feindin aller 175 preußiſchen Huſaren ſollte ich das mittheilen? Dir, der ächten Sachſin?“ fragte Margareth lächelnd. „Ja— aber!“ trotzte das Fräulein und ſetzte ſich abgewendet von ihr nieder, ſcheinbar ſehr bemüht, die Goldfäden auf den weißen Atlas des Taufkleides feſt⸗ zunähen. „Erzähle mir, mein Liebchen,“ begann Margareth nach einer Weile, als ſie gewahr wurde, daß Gertrud be⸗ fragt ſein wolle.„Erzähle mir, wie Levin ausſieht. Er⸗ zähle mir, wo Du ihn ſaheſt, was er that.“ „O, er ſieht gut, ſehr gut aus!“ rief das Fräulein mit hellem Erröthen.„Ich ſtand in der Pforte und ſah nach der dicken Suſe aus, die in die Stadt geſchickt iſt. Levin blickte mich unverwandt und mit einer Art Wohl⸗ gefallen an, worin viel Wohlwollen lag. Dann ſpäter, ungefähr an der erſten Ecke der Abtei, wendete er ſich nochmals um und ſah ſcharf zu mir hin— vielleicht, daß er mir mit dieſem Blicke einen Gruß an Dich auftragen wollte,“ ſetzte ſie leichtfertig hinzu. Margareth ſah ernſt zu ihr auf.„Das ſetzt wohl Deine Liebe zu mir hinzu,“ ſprach ſie wehmüthig und entwaffnete damit ſogleich die junge Freundin. „Vielleicht, ſage ich,“ meinte ſie zaghaft näher an Margareth heran rückend.„Er ſah aber wirklich gut aus, ruhig und gut. Er kam mir weit hübſcher vor, als 176 in den beiden Momenten, wo ich ihn früher geſehen habe. Aber, Margareth, er hatte einen kurioſen Begleiter bei ſich, einen dicken, rothen Major, der mich als„Chloe oder Daphne“ begrüßte. Dem habe ich gerade in's Ge⸗ ſicht lachen müſſen. Ein poſſierlicher Huſar!— Sage mir, iſt Junker Wolf auch Huſar geworden?“ fragte ſie ſehr raſch ſprechend. „Nein! Er hat ſich bei Seydlitz's Küraſſieren an⸗ werben laſſen,“ erwiderte Margareth, ſchwieg aber ſo⸗ gleich und horchte nach der Gegend des Wohnhauſes hin, von wo die Stimme des Oberſten von Pröhl ſehr hör⸗ bar herüber drang. „Was iſt das?“ fragte ſie und erhob ſich ſchnell voon ihrem Sitze. Der Oberſt erſchien jetzt im Garten und rief nach ſeiner Frau. Die beiden jungen Mädchen eilten ihm entgegen, beſorgt nach ſeinem Begehr forſchend. Auch der Dom⸗ herr, in ſeinem Experimentiren geſtört, kam haſtig aus ſeiner Hexenküche hervor, um zu hören, was ſich be⸗ geben habe. „Himmel⸗Kreuz⸗Element— da behalte ein Anderer ſeine Faſſung,“ polterte der Oberſt hervor.„Wächſt nicht das Huſarenvolk wie aus der Erde? Hier ein Huſar— Blitz⸗Hagelwetter— dort ein Huſar— heiliges Kreuz⸗ 177 Donnerwetter— noch Einer! Ich denke, mich rührt der Schlag, Kinder!“ „Ja, Papachen, was läßt ſich da machen?“ er⸗ widerte Gertrud altklug die Achſeln zuckend.„Sie ſind da!“ „Bomben und Granaten, und ich bin auch noch da! Ich alter Schwächling laſſe mich hier im Neſte finden und abfangen, während ich ſchlagfertig dort drüben bei Pirna ſtehen ſollte! Schwerenoth— ich ſchäme mich mei⸗ ner Feigheit.— Herunter mit dem Civilrocke— her meine Uniform! Herunter mit dem Pflaſter vom Geſichte, da⸗ mit die preußiſchen Huſaren merken, daß ſie einen Mann vor ſich haben, der den Küraſſierſäbeln das Geſicht und nicht den Rücken zugedreht hat. Kreuzbattaillon— marſch mit dem alten Weichling!“ Er drehte um und marſchirte im Tact nach dem Wohnhauſe zu. Alle folgten ihm, der Domherr mit bedächtigem Kopfſchütteln, Gertrud lachend und mit ihm Schritt hal⸗ tend. Nur Margareth ſchien ängſtlich einer Kataſtrophe entgegen zu ſehen, die ihren Aufenthalt in dieſem Hauſe peinlich machen konnte. Frau von Pröhl kam ihnen auf der Treppe ent⸗ gegen. Sie hatte ihr Schlummerſtündchen gehalten und war von dem mörderlichen Fluchen ihres aufgeregten Gatten erweckt worden. Ahnungslos lachte ſie der kleinen 178 ſeltſamen Karawane entgegen, zeigte aber gleich eine ernſte Miene, als der Oberſt befahl: „Meine Uniform, Lieschen! Her damit! Ich will fort, ehe die ganze Suite hier eintrifft. Ziethen iſt einge⸗ rückt! Sakerment— er ſoll mich nicht hier finden!“ „Aber Pröhl, lieber Pröhl,“ wendete die Dame begütigend ein. „Was? Heiliges Kreuz⸗Donnerwetter! Soll ich mit den Leuten, die meine Landsleute unterdrücken, an einem Tiſche eſſen? Her meine Uniform!“ Gertrud ſprang lachend fort und erſchien gleich darauf wieder, gefolgt von der dicken Suſe, die einen ganzen Arm voll Uniformſtücke trug. „Excuſez, meine Damen!“ ſprach der Oberſt eifrig und zog ſeinen Rock ab, um verſuchsweiſe einen Gala⸗ rock mit Stickereien anzuziehen. Es ging nicht! Der gute Oberſt war eine ganze Elle dicker geworden, ſeitdem er den Uniformrock ausgezogen hatte. Fluchend verſuchte er einen zweiten. Es ging durchaus nicht! „Siehſt Du, Alterchen,“ ſprach Frau von Pröhl. „Gib Dich zufrieden. Du haſt das Deinige früher red⸗ lich genug gethan. Du biſt der Uniform entwachſen.“ „Himmel⸗Element, laß mir meinen Willen! Ich gehe nach Dresden, ich melde mich beim Feldmarſchall zum Dienſt! Ich laſſe mir eine neue Uniform anmeſſen!“ 3 179 Der Domherr gab ſeiner Schwägerin einen Wink, daß ſie abſtehen ſolle von Ueberredungen. „Dein Brauner iſt nun auch dick geworden,“ ſagte er mit ernſter, ruhiger Stimme das Wort ergreifend. „Mein Brauner und ich werden unſere Schuldig⸗ keit thun!“ antwortete der Oberſt barſch. „Du willſt wirklich fort?“ fragte Frau von Pröhl bekümmert. „Sapperment— augenblicklich!“ herrſchte der kriegsluſtige Oberſt ſie an.„Laß Suſen ſatteln, ſie ver⸗ ſteht es. Packe mir einen Fourageſack. Zuerſt nach Dres⸗ den— der Feldmarſchall ſoll nicht denken, daß ich um⸗ geſattelt habe meiner Frau zu Liebe. Ich bin ein Sachſe! Ich bleibe ein Sachſe! Und wenn ich hundert preußiſche Frauen hätte, ſo würde ich ſtets ein Sachſe bleiben! Rücken die Preußen hier ein, muß ich ausrücken mit meinem zerhauenen Geſichte, das Satisfaction fordert. Kreuzſapperlot, Lieschen, das wirſt Du doch einſehen.“ „Freilich ſehe ich das ein,“ verſetzte Frau von Pröhl ganz muthlos.„Aber ich denke nur darüber nach, wer Dich pflegen, wer Dich erheitern wird, wenn die alten Wunden brennen. Ich kann doch nicht mitziehen in den Krieg.“ 4 „Laß Dich das nicht kümmern, Lieschen. Es geht einmal nicht anders. Nur eilig geſattelt, damit ich fort bin, ehe die Preußen in Kolonnen einziehen!“ 180 Nicht eine Stunde ſpäter ſaß wirklich der gute Oberſt, zum ſtillen Ergötzen Gertrud's unbepflaſtert, hoch zu Roß und trappte auf ſeinem dicken Braunen, der ſeit Jahren nur die Kaleſche des Domherrn und gelegentlich den Pflug gezogen hatte, die Straße nach Dresden dahin. Ob ihm ſeine Courage nicht ſchon nach der erſten Vier⸗ telmeile leid geworden iſt, kann Niemand wiſſen. Er mußte aber ſeiner Pflicht genügen, wie er meinte, und als er am ſpäten Abend beim Generalfeldmarſchall von Spärkan anlangte, da hatte er wenigſtens die Genug⸗ thuung, von ihm auf das allerfreundlichſte aufgenommen zu werden. Seine Hausgenoſſen gingen aber umher, wie von einem Traume umfangen. Der Paroxismus des Oberſten war zu jähe eingetreten, um ſie nicht gewiſſermaßen ins⸗ geſammt zu verblüffen. Frau von Pröhl machte ſich Vorwürfe, nicht feſter gegen einen Entſchluß aufgetreten zu ſein, der jedenfalls übereilt war. Gertrud tröſtete ſie und verſprach nach einigen Ta⸗ gen in die Reſidenz zu fahren, um den Flüchtling wieder heim zu holen.„Onkel Domherr,“ ſchäkerte ſie,„nicht wahr, wir ſetzen uns in unſere Kaleſche— uns thut kein Huſar etwas.“ 8 4 „Und wer ſoll die Kaleſche ziehen?“ fragte der alte Herr betrübt.„Der Braune iſt ja fort und für den Fuchs allein iſt das Fuhrwerk zu ſchwer.“ 1 181 Gertrud lachte hell auf.„Da wird nichts übrig bleiben, als wir ſpannen den Ziegenbock mit ein! Eine reizende Equipage!“ Margareth verfolgte mit Antheil das Geſpräch. In ihrer Seele regten ſich allerlei Befürchtungen. Sie hatte ſich nie ſo beklommen gefühlt, wie in der Erwar⸗ tung, daß Frau von Pröhl es jetzt nöthig finden werde, nach Dresden zu überſiedeln, und daß ſie dann nach Ritt⸗ bergen zurückkehren müſſe, gerade in dem Momente, wo eine neue Schickſalsfügung den Grafen in ihre Nähe ge⸗ bracht hatte. Die Zeit ihres früher feſtgeſetzten Aufenthal⸗ tes in der Probſtei lief in Kurzem ab. Um ſo weniger konnte dies alſo ein Hinderniß ſein, dergleichen Beſchlüße zu faſſen. Sie raffte endlich ihren Muth zuſammen und that ſelbſt den Vorſchlag. „Wollen Sie nicht mit Gertrud hin zu Ihrem Gemahl?“ fragte ſie ſchüchtern.„Ich würde dann zu mei⸗ nem Bruder zurückkehren.“ Gertrud ſah ſie ſtarr an.„Jetzt, Margareth! jetzt, wo Graf Levin ſo zu ſagen vor der Thür ſteht, wo jeder Augenblick Dir die langerſehnte Löſung aller Mißver⸗ ſtändniſſe bringen kann? Es iſt Dein Ernſt nicht!“ Frau von Pröhl erfuhr durch die Antwort erſt, daß Graf Levin von Gertrud geſehen worden war, und ſie 182 erkannte beſſer als Gertrud das Opfer, welches Mar⸗ gareth zu bringen bereit war. Aber nicht allein die Rück⸗ ſicht auf dieſe, ſondern auch der mühſam in Feſſeln gehaltene Nationaltrotz verboten ihr dem Gatten nach⸗ zueilen, als er es für nöthig hielt gegen ihre Landsleute zu Felde zu ziehen. Sie erklärte unter dem Schutze ihres Schwagers, des würdigen Domherrn, ruhig abwarten zu wollen, was aus der ganzen Geſchichte werde. Zufrieden geſtellt nickte der alte Herr ſeine Beiſtim⸗ mung und meinte, indem er Anſtalt traf, wieder in ſein Laboratorium zurückzugehen: Es ſei gut, ſich bei dieſer ungeahnten Wendung aller gehäſſigen Geſinnungen zu enthalten. Conflicte zwiſchen den Herrſchern müßten nie bis in die Familien dringen. „So,“ rief Gertrud ſehr weiſen Tones,„und wenn die Conflicte zwiſchen den Herrſchern den Onkel Pröhl zwingen, einen Mann, den wir lieben, todtzuſchießen?“ „Das wäre freilich eine unerfreuliche Thatſache!“ ſprach der Domherr bedenklich und ſchloß die Thür ſchnell u, um weiteren„wenn's“ zu entfliehen. Aber Gertrud hatte nicht Luſt ihn ſo leichten Kaufes mit ſeinen philan⸗ tropiſchen Floskeln fortkommen zu laſſen. Sie öffnete die Thür wieder, verrannte ihm den Weg, indem ſie ſich vor den Treppenſtufen poſtirte, und fragte ſehr laut und deutlich: 183 „Und wenn Onkel Pröhl dem ſchönen Junker Wolf das Geſicht zerhiebe, wie man es ihm vor zehn Jahren kreuz und quer gehauen hatte?“ „Das wäre allerdings ein Unglück—“ „Für mich, für mich!“ unterbrach ſie ihn leiden⸗ ſchaftlich. „O, für Dich wär' das ein Glück,“ fügte der alte Herr lakoniſch und lächelnd hinzu. Sie ſah ihn frappirt an.„So wie er jetzt ausſieht, iſt er viel zu ſchön für Dich!“ ſchloß er und ging nun ungehindert die Treppe hinab. Gertrud warf ärgerlich den Kopf auf.„Bin ich denn häßlich?“ dachte ſie betroffen nachſinnend.„Mein Gott, bin ich denn ſo ſehr viel häßlicher, als Marga⸗ reth?“ Es war, als wenn ein böſer Engel ſich in ihr erhöbe und die friſche, unſchuldige Fröhlichkeit ihres In⸗ nern mit einem garſtigen Lächeln zerdrückte. Still und verdroſſen ging ſie in's Zimmer zurück, und es war ſehr gut, daß ſich Margareth während deſſen in ihr Kabinet zurückgezogen hatte, ſonſt würde ſie das haben ausbaden müſſen, was der Domherr mit ſeinem Spotte angezettelt. Die nächſte Viertelſtunde reichte indeſſen hin, ihre innerli⸗ chen, oberflächlichen Zerwürfniſſe zu entkräften. Ihre böſe Laune wich der guten, und mit dem Sinken der Sonne ereignete ſich etwas, was Stoff und Nahrung für die letztere brachte. Die Abenddämmerung legte ſich eben ſo mild, wie ſie an ſchönen Auguſttagen zu kommen pflegt, auf Wald und Flur, als es lebendig im Städtchen wurde. Unter Trompetenſchall zogen die Huſaren hindurch, von den neugierigen, aber ſehr ärgerlichen Bewohnern nur hinter den verhangenen Fenſtern beobachtet. Die Probſtei lag eigentlich nicht in der Stadt und es führte der gewöhnlich Dieſem Umſtande verdankte es der Oberſtwachtmeiſter, der als Vorhut mit ſeinem Rittmeiſter ſchon Nachmit⸗ tags eingetroffen war, daß man in der Probſtei keine Ahnung davon hatte, die Huſaren ſchon an dieſem Tage ein⸗ und durchpaſſiren zu ſehen. Erſt als er an der Spiitzze ſeiner Schwadron eine kleine Gaſſe durchritt, die gerade auf die Probſtei zulief, und ſich ganz gemüthlich ſogleich mit einem Trupp Huſaren Bahn bis auf den großen Vorhof derſelben brach, erſt da ſah Gertrud, was ſich ereignete, und lief zu Frau von Pröhl, ihr die un⸗ gebetenen Gäſte anzumelden. Ihr ſcharfes Auge muſterte die Schaar auf dem Hofe, die ſich ſehr ungenirt bewegte und es ſich bequem zu machen ſuchte, bevor man ſie willkommen geheißen, um zu ſehen, ob Graf Levin unter ihnen ſei. Sie ſah ihn nicht, aber der Oberſtwachtmeiſter bemerkte ſie bei dieſer Gelegenheit und bemühte ſich, durch eine höchſt cordiale Begrüßung ihre alte Bekannt⸗ ſchaft von der Gartenpforte her zu erneuern. — 185 „Ei, wohnen Sie hier, ſchöne Phillis? Das iſt ja ganz vortrefflich!“ ſchrie er zu ihr hinauf und bewirkte, daß ſie ſogleich vom Fenſter verſchwand. Bald darauf ließ er ſich bei der Herrſchaft des Hauſes als Oberſtwachtmeiſter von Hottorp melden und um Vergünſtigung bitten, den Damen ſeine Aufwartung zu machen. Margareth zog ſich ſchnell wieder in ihr Zim⸗ mer zurück, das ſie mit furchtbarem Herzklopfen verlaſſen hatte, um Erkundigungen einzuziehen. Gertrud aber blieb da, ziemlich entſchloſſen, dem dicken, rothwangigen Oberſt⸗ wachtmeiſter zu imponiren. Das ging aber doch nicht ſo, wie ſie es ſich vorgeſtellt hatte. Sie kannte den Kriegs⸗ gebrauch nicht, der ſich weder an Gerngeſehen, noch an Höflichkeit kehrt. Zu ihrem Erſtaunen trat der Kriegsmann mit einer Zuverſicht bei Frau von Pröhl ein, die ſie vollſtändig in Zorn verſetzte, als er ſich ſogleich in einen der ſchönen Lehnſtühle warf und ſeine Beine ſo lang vor ſich hin⸗ ſtreckte, wie ſie reichen wollten. „Ah, meine Gnädige,“ rief er dabei, vernehmlich gähnend,„Sie müſſen mir verzeihen, wenn ich mich nolens volens bequem ſetze. Das war ein verteufelter Ritt— ſeit früh Morgens auf dem Pferde— es iſt ungewohnte Arbeit geworden! Wird aber bald wieder in Gang kommen. Haben Sie die Güte, laſſen Sie für meine 1860. XIV. Gertrud. III. 12 Leute und für meine Pferde ſorgen. Um Vergebung— wen habe ich die Ehre—?“ „Frau von Pröhl, geborene von Kökeritz,“ entgeg⸗ nete die Dame würdevoll. Der Oberſtwachtmeiſter fuhr ordentlich reſpectvoll auf.„Was? J, der Tauſend, eine Altmärkerin? J, wie kommen Sie denn nach Sachſen? Und die ſchöne Chloe? Ihr Töchterchen doch nicht— nein?“ „Damit Sie mich endlich bei meinem rechten Na⸗ men nennen,“ ſprach das Fräulein kokett vor ihn hin⸗ tretend,„ich heiße Gertrud von Spärkan, bin Beſitzerin der Dörfer Spärkan und Triskau in Sachſen, und habe die Ehre Nichte und Mündel des churfürſtlich⸗ſächſiſchen Feldmarſchall von Spärkan zu ſein!“ „J, der Tauſend,“ rief der Oberſtwachtmeiſter mit einem ſpöttiſchen Erſtaunen, das mehr Klugheit verrieth, als Gertrud ihm zugetraut hatte.„Da ſind das gnädige Fräulein ja eine weit wichtigere Perſonage, als ich ge⸗ dacht habe. J— das iſt ja ein glücklicher Zufall, der uns gleich eine Dame in die Hände ſpielt, die wir vor⸗ kommenden Falles als Geißel gebrauchen können!“ Gertrud fühlte ſich aus allen Himmeln geſtürzt. Sie hatte dem rothwangigen Offizier imponiren wollen— und nun? Ein Schander überfiel ſie bei dem ominöſen Worte „Geißel“. Sie zog ſich etwas zurück und blickte ihre Tante Pröhl fragend an. Dieſe gönnte ihr einen kleinen Schreck.„Ja, mein Trudchen, das ſind Gerechtſame des Krieges,“ antwortete ſie lächelnd. „Sonderbar,“ meinte das Fräulein, dadurch er⸗ muthigt.„Der Krieg ſcheint alle Geſetze der Geſelligkeit zu löſen. Die Artigkeit, Höflichkeit und Ritterlichkeit der Männer verſchwindet wie eine Maske, der man müde geworden iſt. Wenn der Krieg dieſelbe Einwirkung auf das Frauengeſchlecht hat, ſo möge Gott den Männern gnädig ſein!“ Der Oberſtwachtmeiſter fühlte den Stich und zog ganz unwillkürlich ſeine dicken langen Beine etwas an ſich. Außerdem aber lachte er herzhaft über ihre Erwi⸗ derung und nannte ſie friſchweg wieder„ſchöne Daphne, ſchöne Phillis“ u. ſ. w. Daß er es darauf anlegte, ſich mit Gertrud in ein gutes Vernehmen zu ſtellen, war ſichtlich, und das Fräulein fand es ebenfalls gerathen, ute Miene zum böſen Spiele zu machen. Sie wort⸗ wechſelten rechtſchaffen mit einander. Gertrud blieb ihm keine Antwort ſchuldig, und er ſchenkte ihr nichts, wenn ſie mit kleinen Koquetterien zu Felde zog. Dabei hieb er wacker in Braten, Kartoffeln, Brod und Butter ein, und 12* ließ ſich den Landwein aus des Oberſten Keller vortreff⸗ lich munden. 1— Es konnte nicht ausbleiben, daß von dem Haus⸗ herrn die Rede kam. Frau von Pröhl geſtand dem Oberſt⸗ wachtmeiſter aufrichtig, wo er ſich befände. Einen Augenblick ſtutzte dieſer und runzelte die Stirn. Dann aber kehrte ſeine Gemüthlichkeit zurück und er ſagte: „Geben Sie mir nur ein genaues Signalement von Ihrem Gemahle, dann wollen wir ihm Eins verſetzen, damit er heimkehren muß. Haben Sie auch einen Ver⸗ ehrer, ſchöne Chloe, den ich Ihnen gezeichnet wieder her⸗ liefern ſoll?“ Er faßte mit einiger Unverſchämtheit die junge Dame unter das Kinn und hob ihr Geſichtchen zu ſich empor. Gertrud trat entrüſtet zurück.„Iſt das auch Kriegs⸗ gebrauch, mein Herr Oberſtwachtmeiſter?“ rief ſie heftig. „Nehmen Sie ſich in Acht, daß mein Verehrer ſich nicht plötzlich neben Ihnen befindet und Satisfaction für Ihre Betiſen fordert.“ „Haben Sie es wohl bemerkt?“ lachte der Offizier verſchmitzt.„Ja, ja, Graf Brettow war ganz Feuer und Flamme, als er Sie an der Gartenpforte ſtehen ſah. Warten Sie, ich muß noch hinaus nach Biska's Gut. 189 Dort iſt der Stab. Ich werde Ihnen den Grafen Bret⸗ tow mitbringen! Ja! Ja!“ Der Domherr unterbrach zu ſehr ungelegener Zeit dieſen Discours. Mit dem Eintreten des alten, ernſten Herrn veränderte ſich der Charakter der Converſation we⸗ ſentlich. Der Offizier ſprach zurückhaltender. Er begann ſein beliebtes Frageſyſtem, und wenn der Domherr auch nicht Luſt hatte, auf ſ eine Fragen immer wahrheitsgetreu zu antworten, ſo klügelte ſich der pfiffige Soldat doch im⸗ mer das heraus, was er wiſſen wollte. 1 Nachdem er ſich hinlänglich mit Speiſe und Trank verſehen hatte, befahl er ſein Pferd vorzuführen und ritt, von einer Ordonanz begleitet, hinauf nach dem Herren⸗ hauſe, woſelbſt die Generalität Quartier genommen hatte. „Soll ich ihn grüßen?“ fragte er neckiſch zum Fenſter hinauf, als er fortſprengen wollte. Ja!“ antwortete Gertrud laut und deutlich. Achtes Capitel. Der nächſte Tag war ein Tag banger Erwartung. Gewitterſchwül lag es auf vielen Gemüthern, allein die Urſachen waren verſchiedener Art. Der Oberſtwachtmeiſter war ſpät in der Nacht heimgekommen und hatte ſich nur ein paar Stunden an⸗ ſ gekleidet auf's Bett geworfen. Mit dem Aufgang der Sonne hatte er ſich wieder erhoben und war fortgeritten. Margareth erwartete eigentlich nichts, aber dennoch hob ſich ihr Auge wohl hundertmal in einer Viertelſtunde nach dem Wege hinauf, den ſie von ihrem Kabinette aus ſehen konnte. Gertrud wartete aber beſtimmt auf den Grafen Levin. In ihrer kindhaften Weltanſchauung betrachtete ſie einen Krieg als kein Hinderniß, ſeinem eigenen Herzen folgen zu können, wenn man nur ſonſt wollte, und ſie nahm als ganz gewiß an, daß der Oberſtwachtmeiſter dort oben — 191 im Herrenhauſe auch nichts weiter zu thun und zu denken hatte, als unten in der Probſtei. Sie hielt ſein Ver⸗ ſprechen„den Grafen mitzubringen“ für bindend, und heftete deshalb geſpannt den Blick auf den Weg, den ſie paſſiren mußten. Im Herrenhauſe jedoch warteten ſie auf ganz an⸗ dere Dinge. Vorwärts oder rückwärts? So hieß die Frage, und je länger ſich die Antwort verzögerte, deſto ſchärfer prägte ſich die Neugier in den Mienen der hohen Stabsoffiziere aus, die Beſitz vom Herrenhauſe genom⸗ men hatten. Der Oberſtwachtmeiſter kam nicht zu Tiſche. Der Domherr fand dies ſehr bedenklich, während Fräulein Gertrud es als eine Ungezogenheit des Kriegsgebrauches verſchrie. Nachmittags ſattelten die Huſaren ſtillſchwei⸗ gend ihre Pferde, nahmen ſich, ohne um Erlaubniß zu fragen, die Freiheit, ihre Futterſäcke vollzupfropfen und verſchwanden ohne Abſchied vom Hofe der Probſtei. Gertrud raiſonnirte abermals über die Sittenver⸗ derbniß des Krieges, verbeſſerte aber mit ihrer moraliſchen Abhandlung nichts, denn die Todtenſtille auf dem Hofe gab das Zeugniß ab, daß Niemand davon Gebrauch ma⸗ chen konnte. „Es iſt etwas im Werke!“ flüſterte der Domherr. „Sie ſind direct nach Dresden gegangen!“ ver⸗ 192 ſicherte Frau von Pröhl aus tief beklommener Bruſt ſeufzend. 3 „Paßt auf! Paßt auf!“ ging es von Mund zu Mund in der ganzen Nachbarſchaft, als die Huſaren wie von der Erde verſchlungen ſchienen.„Paßt auf, ſie ſind nach Dresden— der Churfürſt ſoll Dresden ver⸗ laſſen haben und hinüber nach Pirna gegangen ſein— paßt auf! Der Preußenkönig nimmt unſerm Churfürſten jetzt ſein Land, wie er Schleſien der Kaiſerin genommen hat— paßt auf, wir werden preußiſch, ehe wir es uns da verſehen!“ Im Allgemeinen hatten die Leute recht. König Frie⸗ drich machte wenig Umſtände, als er ſah, daß der König von Polen nicht geneigt war auf ſeine Vorſchläge zur Allianz einzugehen, ſondern ausfluchtsweiſe verſprach„ſich neutral“ zu halten, wenn die Kaiſerin wider Preußen zu Felde ziehen wolle. Damit war ihm nicht gedient, alſo rückte er vor und zog in Dresden ein, ehe man ſich dort recht beſinnen konnte. Während ſich der Heereszug mit fabelhafter Eile dorthin verbreitete und aus den Grenzſtädten verſchwin⸗ dend allerlei bedenkliche Redensarten hervorrief, war Alles ſchon fertig entworfen und bedurfte nur weniger Tage, um die vorbereitete Kriſis herbeizuführen. Mit derſelben Ungenirtheit, wie ſich der Oberſt⸗ wachtmeiſter in der Probſtei einquartiert hatte, nahm er auch in Dresden Beſitz von einem Galazimmer irgend einer hochgeſtellten Dame, und fragte wenig danach, ob er gern geſehen ſein möchte. Dieſer Offizier war ein sansfaçon erſter Größe, und daß er darin exaltirte, wußte die ganze Suite des Königs. Man ſah ihm viel nach. Selbſt der König hatte ſchon Gelegenheit gehabt in perſönliche Berührungen mit. ihm zu gerathen und ſeine Nachſicht gegen ihn zu üben. Das curirte aber den guten Oberſtwachtmeiſter durchaus nicht. Er betrachtete es als ein ihm zukommendes Recht, dreiſt und unverſchämt zu ſein, und fühlte ſich geſattelt genug, vorkommende Zurechtweiſungen gründlich abzu⸗ führen. In dieſem Sinne von der Nachſicht ſeiner Lands⸗ leute verwöhnt, fand er es in Feindesland gar nicht ge⸗ rathen, anders aufzutreten. Er nahm Beſitz, wo er ſich wohl fühlte, und gebrauchte das Recht der Uſurpation im vollen Maße unverſchämt, aber nie unredlich. Kaum hatte er ſich in Dresdens Mauern ein Plätz⸗ chen ausgeſucht, wo es ſich für die wenigen Tage der Nuhe behaglich ruhen ließ, ſo fiel ihm Gertrud von Spärkan mit ihrer hochmüthigen Vorſtellung ein und er beſchloß dem„ausgeriſſenen Oberſt von Pröhl“ eine Vi⸗ ſite zu machen. Im Begriffe den abſurden Gedanken auszuführen, wurde er von dem Grafen Levin geſtört, den eine Dienſtangelegenheit zu ihm brachte.. „Apropos, Graf, erinnern Sie ſich denn noch des ſchönen Mädchens, die wir damals, vor acht Tagen an der Gartenpforte fanden?“ Der Graf erinnerte ſich keines ſchönen Mädchens, bis ſein Oberſtwachtmeiſter die Probſtei nannte. Der Wirwar der verfloſſenen Tage hatte ſeine Gedanken dergeſtalt in Anſpruch genommen, daß allerdings erſt be⸗ ſondere Merkzeichen nöthig waren, um ſie auf uninter⸗ eſſante Gegenſtände zurückzubringen. Mit der Probſtei verband ſich ein unauslöſchliches Bild und eine unerörtert gebliebene Frage. Was damit zuſammenhing, das blieb unvergeſſen. „Von dem ſchönen Fräulein, einer Sachſin, habe ich Ihnen noch Grüße zu bringen,“ ſprach der alte Offi⸗ zier fauniſch lächelnd. Der Graf machte eine abwehrende Bewegung, wurde aber flüchtig roth und ſah zerſtreut zum Fenſter hinaus. Seine Seele hing wieder in der Frage feſt:„ob ſie noch da iſt?“ und dennoch konnte er ſich nicht entſchließen, ein Wort der Nachforſchung fallen zu laſſen. „Na, geben Sie mir ein gut Wort, Graf, und ich freiwerbe für Sie!“ lachte der Oberſtwachtmeiſter vor⸗ eilig. „Verſchonen Sie mich mit Scherzen, für die ich nicht günſtig geſtimmt bin,“ entgegnete der Graf unter einer ernſten Verbeugung. „Ein kapitales Frauenzimmerchen,“ ſcherzte deſſen⸗ ungeachtet der Offizier weiter. Zwei Güter im Sach⸗ ſenlande— bildniedlich— koloſſal ſchöne Augen— ein Mäulchen, wie geſchmiert mit Wermuth und Honig— dabei hochmüthig, wie der Teufel! Ich wäre gern noch dort geblieben, Graf. Und ſollten wir wieder ausrücken nach Wilsberg, ſo quartiere ich mich, ſtraf mich Gott, wieder dort ein.“ „Wer bewohnt die Probſtei?“ fragte der Graf Gleichgiltigkeit heuchelnd. „Domherr von Pröhl nebſt Schwägerin und Fräu⸗ lein Spärkan.“ „Niemand weiter?“ „Nein! Seitdem der Gemahl der Dame Pröhl, einer Kökeritz, ausgeriſſen iſt vor uns, Niemand weiter, als der Domherr mit den beſagten Damen.“ Der Graf wußte nun genug. Alles Andere, was der Oberſtwachtmeiſter noch erzählte, überhörte er und machte dann Anſtalt, wieder fortzugehen. Der Oberſtwachtmeiſter theilte ihm mit, was er beabſichtigte. Graf Levin hieß dies Vorhaben nicht gut. Es lag die allbekannte Aufdringlichkeit des alten Hau⸗ degens darin, die ganz beſonders in dem Verhältniſſe, wie die Preußen jetzt zu den Eingebornen Sachſens ſtanden, unpaſſend erſchien. Da Graf Levin übrigens wußte, daß ſein Abreden doch vergeblich war, ſo verſchwendete er nicht viel Worte daran. Nachdem er ernſt die Mißlichkeit einer ſolchen Viſite angedeutet hatte, überließ er ihn ſeiner eigenen Ueberlegung und entfernte ſich. Was kümmerte ſich aber der Oberſtwachtmeiſter von Hottorp um Verhältniſſe delikater Art. Unter ſeiner genialen Handhabung der guten Lebensart ſchrumpften Bewegung und kam nach einigen nothwendigen Nachfra⸗ gen richtig an das Haus, wo der Feldmarſchall von Spär⸗ kan wohnen ſollte. Aber— er war nicht zu Haus. Der Oberſt von Pröhl ebenfalls nicht. Da ſtand der gute Huſarenoffizier und wollte eben„rechts ſchwenkt“ com⸗ mandiren, als er aus einem Zimmer eine Frauenſtimme herausdringen hörte, die ihn ſehr an die Probſtei erinnerte. „Hören Sie,“ fragte er nachdrücklich befehlshabe⸗ riſch,„wer ſpricht da?“ „Fräulein Gertrud,“ antwortete der Diener ver⸗ wundert zu ihm aufſehend.. .„J, das iſt ja ganz vortrefflich! Da will ich doch meine Abſchiedsrede nachholen. Wo in aller Welt kom⸗ men Sie denn her, ſchöne Chloe?“ ſchrie er Gertrud entgegen, als dieſe jetzt zufällig die Thür öffnete und auf den Vorſaal trat. „Sie ſchickt Gott her!“ rief ebenfalls ſehr laut das Fräulein, und zog ihn an der Hand in's Zimmer hinein, das der Bediente kopfſchüttelnd hinter ihnen ſchloß. „Sie ſind mir wohl nachmarſchirt, ſchönſte Phillis?“ fragte der Oberſtwachtmeiſter ungeheuer lachend.„Ent⸗ weder mir oder meinem hübſchen Rittmeiſter?“ Gertrud hörte gar nicht auf ihn, ſondern ſagte auf⸗ geregt:„Ich muß den König ſprechen, Herr Oberſt⸗ wachtmeiſter!“ Er ſah ihr vollkommen erſtarrt in's Geſicht. „Welchen König?“ fragte er dann.„Doch nicht meinen König?“ „Ja wohl, Ihren König, und dazu ſollen Sie mir verhelfen!“ „J, da ſoll mich Gott davor bewahren! Einmal im Leben habe ich ſo was riskirt— nie wieder, denn die Blitze Jupiters haben mich beinah' in die Erde hinein geſchlagen. Was wollen Sie nur in aller Welt von un⸗ ſerm König?“ „Ich will ihm in's Gewiſſen reden,“ ſagte Gertrud leidenſchaftlich. daß die Wände er⸗ Der Oberſtwachtmeiſter lachte, bebten. „Was das für Einfälle ſind!“ rief er.„Riskiren Sie'mal ein Wort gegen den! Brrrr!“ „Ich riskire Alles,“ verſetzte das Fräulein ſehr muthig mit dem Fuße auftretend.„Ihr König muß mich hören! Ich habe den Muth, Ihrem Könige eine Ver⸗ pflichtung an’s Herz zu legen!“ „Ihre Courage iſt Recrutencourage, ſchöne Chloe,“ rief der Offizier lachend.„Die fürchten das Pulver auch erſt, wenn ſie es gerochen haben. Sagen Sie mir nur erſt, ſind Sie bloß deshalb von der Probſtei echappirt, um unſerm Könige die Viſite zu machen?“ „Ich bin mit meinem Oheim, dem Domherrn, in Familienangelegenheiten hier,“ erwiderte die junge Da⸗ me würdevoll.„Das gehört aber nicht hierher, mein Herr Oberſt. Ich habe durch einen eben empfangenen Brief Veranlaſſung zu wünſchen, daß ich Ihren König ſelbſt ſpreche.“ Der Oberſtwachtmeiſter ſpitzte ſeine Ohren. „J, der Tauſend, handelt es ſich denn um eine Staatsaffaire?“ fragte er neugierig. „Ja. Es handelt ſich um Preußens Ehre!“ ſagte Gertrud pathetiſch. „Uebertragen Sie mir doch die Affaire.“ 199 „Nein. Ich ſelbſt will der Anwalt des Unglück⸗ lichen ſein.“ „Ein Unglücklicher? Und eine Staatsaffaire? Na, daraus mache mir Einer einen Vers! Sie verwechſeln die Begriffe, ſchönſte Phillis!“ 44 Gertrud hatte von Natur nicht viel Geduld. Hier wurde ſie in einer Art auf die Probe geſtellt, die auch einen Sanftmüthigen in Zorn gebracht hätte, aber ſie er⸗ kannte nur allzugut, daß der alte Offizier, trotz ſeiner brüsken Manieren, doch am Ende der Einzige ſei, der ihr helfen könne, deshalb waffnete ſie ſich mit Langmuth und begann, von Neuem Athem ſchöpfend: „Herr Oberſt, ich halte Sie für einen Ehrenmann!“ Er hob ſeinen ſchweren Körper ein wenig aus der liegenden Stellung empor und verneigte ſich, geſchmeichelt von der Erklärung der jungen Dame, mit lächelndem Antlitze. „Hier leſen Sie, was ich ſoeben empfangen habe. Ich vertraue Ihnen! Mein Onkel iſt auf einige Stunden abweſend— mir fehlt alſo ein Rathgeber— da will ich denn annehmen, daß Gott Sie mir geſendet hat zu Rath und That!“ „Sehr gütig vom lieben Gott,“ rief der Oberſt⸗ wachtmeiſter mit ſcherzhaftem Pathos.„Aber ſchönſte Phillis, Chloe oder Daphne— haben Sie gefälligſt die 200 Güte mir vorzuleſen, was da d'rauf gekritzelt iſt; denn ich kann, ſtraf mich Gott, das Zeug nicht leſen!“ Er lachte wieder, daß die Wände dröhnten, und Gertrud merkte wohl, daß ſeine Gelehrſamkeit ſehr na⸗ turwüchſig ſein mußte, da er nicht einmal leſen konnte. Sie nahm das Blatt zurück und las: 1 „In der Verzweiflung meines Herzens wende ich mich an den Engel, der ſchon einmal mich der Gefahr 1 entriß. Ich entfloh damals auf den Rath, den Sie mir durch den Mund Ihres Oheims zurufen ließen, und 4 glaubte mich in Prag geſichert. Leider täuſchte ich mich. an lieferte mich aus, und ich habe durch Freundeshand die ſchriftliche Nachricht erhalten, daß ich nach Brünn ab⸗ geführt werden ſoll. Dieſelbe Hand meldet mir heute, daß die Preußen in Dresden eingerückt ſind, und ich hoffte bis jetzt vergeblich in ihnen meine Befreier zu finden. „Der Preis ihres Sieges iſt mein Unglück, wenn nicht Jemand auftritt, dieſe Sieger an den Schutz zu erinnern, der mir verſprochen wurde, und meine Gedan⸗ ken hefteten ſich ſogleich an den rettenden Engel, der ſchon früher mein Leben behütet hat. Von Ihren Lippen floh der erſte Funken, der die Feuersbrunſt anfachte, die mein Daſein jetzt zu zerſtören droht; ich mache Ihnen damit keinen Vorwurf, aber ich fordere von Ihnen Hilfe, 201 ich flehe Sie an, meine gerechten Anſprüche zu vertreten. Noch bin ich im Bereiche der preußiſchen Macht— ein Befehl des Königs von Preußen kann mich befreien. Bin ich erſt in Brünn, ſo iſt das unmöglich. Ich flehe zu Ihnen um Rettung.“ 3 „J, der Tauſend, wer iſt denn das, der dieſen Bi tef ſchrieb?“ fragte der Oberſtwachtmeiſter, o Gertrud ziemlich bewegt endete und den Zettel wieder in ihre Ta⸗ ſche ſteckte. „Ein Mann, dem die Preußen verdanken, daß ſie hier ſind!“ „Alle Wetter!“ Er lachte fürchterlich. Gertrund wurde purpurroth vor Zorn.„Das iſt ja funkelnagel⸗ neu! Er heißt?“ „Menzel!“ ſprach Gertrud laut und gewichtig.„Er verkaufte unſere Geheimniſſe an Preußen.“ „Ah— ſo! Jetzt begreife ich's!“ unterbrach der Offizier ſie haſtig.„Ja, ſchönſte Phillis, in der Sache iſt nichts zu machen! Ich habe ſofort nach unſerm Einrücken im Archive aufgeräumt, und wir haben's auf richtigem Wege, ſchwarz auf weiß, was die Sachſen für—— für Schelme ſind,“ ſchloß er, den Schimpfnamen ver⸗ ſchluckend, der auf ſeinen Lippen geſchwebt hatte. „Die Preußen ſtehen den Sachſen nie nach,“ warf Gertrud lakoniſch ein. 1860. XIV. Gertrud. III. 13 202 *„Laſſen Sie den Kerl ſitzen, ſo viel er will. Ver⸗ brennen Sie ſich die niedlichen Händchen nicht, um ihm zu helfen. Was geht Sie das an?“. „Wollen Sie mir nicht beiſtehen, ſo kann ich Sie ingen,“ antwortete das Fräulein lebhaft;„aber ich gel ten mein heiliges Wort, daß ich der Sach⸗ walter d glücklichen Menzel werde, und wenn es mich auf ewig mit meinem Vormund, dem Feldmarſchall, ent⸗ zweien ſollte.“ „ a freilich, der wird es auch nimmermehr gut Mnn Sie einem Landesverräther das Wort reden Wollen.“ 3 „ Eben darum will ich auch die Abweſenheit meines Onkels, des Domherrn, benutzen. Sie verſagen mir alſo jeden Beiſtand, Herr Oberſt?“ Der Oberſtwachtmeiſter fuhr mit beiden Händen unter den Haarbeutel. „Na, was verlangen Sie denn eigentlich von mir, ſchöne Chloe?“ fragte er nach einer Weile. „Gar nichts weiter, als daß Sie mich durch die Wachen bringen und mich zum König geleiten, nachdem ich ihn um eine Audienz habe erſuchen laſſen.“ Der Offizier ſchaute ſie ſprachlos vor Erſtaunen an.„Das iſt alſo gar nichts? J, der Tauſend, das wagen Sie? Haben Sie denn keine Furcht vor Kö⸗ nigen?“ 203 „Nein,“ erwiderte das Fräulein mit ſtolzem Lä⸗ cheln.„Ich fürchte mich vor Niemandem!“ „Daß Dich! Es iſt, weiß Gott, reine Recruten⸗ courage! Ich wette, ſchöne Phillis, zum zweitenmale ver⸗ langen Sie keine Audienz von unſerm Fritz! Alſo Sie riskiren es? Gut! Durch die Wachen bringe ich Sie. Um Audienz will ich auch noch nachſuchen, aber dann, ſtraf mich Gott, dann überlaſſe ich Sie Ihrem Schickſale. Sie können ſehen, wie Sie wieder nach Hauſe kommen. Weiß Gott, Ihren Ritter ſpiele ich nicht, wenn Sie ungeſegnet aus dem Palaſte entlaſſen werden.“ Er belachte ſch ſelbſt in ſeiner beliebten Manier. „Wo finden wir den König von Preußen?“ forſchte Fräulein Gertrud und ſah ſehr zuverſichtlich dabei aus. „Im churfürſtlichen Palaſte?“ „Nein, im Brühl'ſchen Palais. Er wollte nicht mit der Königin zuſammentreffen. Brühl iſt Knall und Fall ausgerückt, wird wohl ſchon auf dem Wege nach War⸗ ſchau ſein!“ „Um ſo beſſer. Ich weiß dort Beſcheid und brauche nicht zu fürchten, mit Jemandem aus dem Hofſtaate zu⸗ ſammen zu treffen.“ „Jetzt thut ſie wieder groß,“ murmelte der Offizier. „Sie frühſtücken, mein lieber Herr Oberſt,“ ſchloß 13* 204 das Fräulein,„und während der Zeit werfe ich mich in Gala, ſo viel ich kann.“ „Iſt nicht nöthig, ſchöne Daphne. Der König ver⸗ ſteht davon nicht einen Pfifferling. Dem ſind Sie in Gala ſo gleichgiltig, wie in der Hauscontouſche. Er macht ſich nichts aus Frauenröcken!“ Gertrud ſtand ſchon auf der Schwelle. Lächelnd wendete ſie ſich um:„Iſt der König ſchon alt?“ fragte ſie muthwillig. „Nun— ſo— ſo. Nicht ſo alt, wie ich.“ A„Häßlich?“ „Eben nicht häßlicher, als Ihr Anbeter, der Graf Brettow!“ Gertrud wurde roth und eilte hinaus, während der Oberſtwachtmeiſter wieder lachte, daß die Fenſter klirrten. Die junge Dame folgte mit dem Eigenwillen, der ſie charakteriſirte, ihrer Eingebung, ohne die Wirkungen ihrer Entſchloſſenheit gehörig zu prüfen. Sie wurde ſtets erſt durch Schaden klug gemacht, und wenn ſie in ihrer gegenwärtigen Lage mit einer Art Gewiſſenhaftig⸗ keit zu Werke zu gehen ſich einbildete, ſo hielt ſie dies doch nicht ab, der Einwirkung ihrer äußern Erſcheinung ſehr viel Gewicht beizulegen. Sie erkannte es für eine Pflicht, den Bitten des 20⁵ Geheimſecretairs Menzel Genüge zu leiſten, weil ſie im innerſten Herzen fühlte, daß er Recht hatte, ihr unbedacht⸗ ſames Wort für den Funken zu erklären, der eine Feuers⸗ brunſt über ihn hereinbrechen ließ. Wovon er dies erfah⸗ ren haben konnte, danach fragte ſie nicht. Ihr ganzes Weſen flammte in dem Wunſche auf, ihm helfen zu können, und ſie glaubte zuverſichtlich, es bedürfe nur einer rich⸗ tigen Erinnerung, um den König von Preußen willfährig zu Allem zu machen. Daß ſie ſich, als Sachſin, berufen fühlte, eine Fürſprecherin des Landesverräthers abzugeben, mußte ja, nach ihren kindhaften Begriffen, bedeutend in die Wagſchale fallen und den Erfolg ſichern. Unter dieſen hoffnungsreichen, mit allerhand koketten Ausſchmückungen verſehenen Gedanken warf ſie ſich in Staat, während der Oberſtwachtmeiſter ſich am Früh⸗ ſtücke ganz gehörig gütlich that, im Stillen den Einfall des Fräuleins verwünſchend, der ihn in Regionen brachte, die er ſeit einigen fatalen Conflicten zu vermei⸗ den ſuchte. Er hielt das für einen tollkühnen Streich, was Gertrud in einer Art Ueberſpanntheit für Pflicht erkannte, und nach ſeiner Meinung war es der Höhepunkt aller Selbſtüberſchätzungen, daß ſich ein junges Dämchen für fähig hielt, auf den Willen eines Königs zu influiren. Vielleicht hätte er ſich ihrem Vorhaben ernſter widerſetzt, 206 wenn ihn nicht eine geheime Schadenfreude angetrieben, „das Mündel des Feldmarſchall von Spärkan, Beſitzerin zweier Güter in Sachſen,“ ihrem Schickſale zu überant⸗ worten, welches eine tüchtige Demüthigung für ſie bereit halten konnte. Er ging alſo muthig ſeinen Weg voraus, um die Audienz beim Könige einzuleiten. Als Gertrud in ihrer reichverzierten, mit Wappen aller Art gekrönten Sänfte am Palais anlangte, empfing er ſie mit triumphirendem Geſichte und der Manier eines Mannes, der große Maßregeln ausgeführt hat. Sein Mienenſpiel verrieth in jedem Zuge eine Freudigkeit ſon⸗ derbarer Art, die im Stande geweſen wäre, einem weniger ſorgloſen Herzen Bedenken einzuflößen. „Majeſtät erwartet Sie, ſchöne Phillis!“ flüſterte er vertraulich in ihr Ohr, indem er ſie die Stufen hin⸗ aufleitete.„Sie finden ihn im Salon rechts, kehren Sie ſich nicht an die Gaffer im Vorzimmer. Sie müſſen aber kurz und bündig reden, denn Majeſtät hat mir antworten laſſen:„Wenn's durchaus wichtig wäre und nicht lange dauere, ſo könnten Sie eintreten!“ Alſo fir an's Werk. Ich verziehe mich aber. Es wird ſich ſchon eine mitleidige Seele unter denen, die im Vorzimmer ſind, finden, welche Sie an Ihre„feldmarſchalliche“ Sänfte führt.“ Er ſtand ſtill, deutete auf die Thür, die ein Ordo⸗ nanzoffizier öffnete, und ſchlüpfte ſo ſchnell, als ſeine ſchweren Reiterbeine es ihm erlaubten, den Corridor wie⸗ der hinab. Gertrud fühlte eine mächtige Angſt, als ſie vor⸗ wärts ſchritt und unter dem Vortritt eines zweiten Ordonanzoffiziers durch die dichtgedrängten Gruppen von Offizieren jeden Ranges und jeden Alters bis zur Ein⸗ gangsthür des Salons gelangte. Sie hörte es um ſich flüſtern, ſie hörte verwunderte Worte, ſie hörte leiſes Lachen und bedenkliches Räuspern, aber ſie ſchlug die Augen nicht eher auf, bis ſie in das Zimmer des Königs gelangt war und die Thür hinter ſich ſchließen ſah. Jetzt hob ſie die tief geſenkten Wimpern und ließ ihr ſchönes ſtrahlendes Augenpaar unter neuerwachtem Muthe auf denen ruhen, die in ehrfurchtsvoller Stille den Kö⸗ nig umgaben, welcher an einem Schreibſchranke ſaß, die Stirn tief niedergebückt und emſig die Feder regierend. Die Offiziere verneigten ſich leicht, als Gertrud ihren zierlichen Knix machte. Einer der Generäle, der dicht neben dem Könige ſtand, ſichtlich betheiligt bei dem Schrei⸗ ben, das der König vor ſich hatte, winkte ihr mit leut⸗ ſeligem Lächeln zu, ein klein wenig zu warten und dort an der Thür ſtehen zu bleiben. Gertrud's Augen ſprühten Flammen des Zornes. Wie? Sie ſollte an der Thür ſtehen bleiben, wie eine 208 Bittende, wie eine Bettelnde? Sie, die Verwandte des churfürſtlich⸗ſächſiſchen Feldmarſchalls? Ihr Blut em⸗ pörte ſich und ſie blickte kühn und ſtrafend die Offiziere an, die ſich nicht regten, um das ſächſiſche Fräulein zu einem Seſſel zu geleiten. Das waren aber Männer, die beſſer mit einem Könige von Preußen umzugehen wußten, als das Fräulein von Spärkan. Da ſtand der Oberſt von Seydlitz, mild lächelnd, und blickte ſie mahnend an, als ſie einige Schritte vorwärts machte. Er ſchüttelte vielſagend ſein ſchönes männliches Haupt und hob war⸗ nend die Fläche der Hand gegen ſie auf. Auch der Gene⸗ ral von Winterfeld, der achtſam neben dem Herrſcher verweilte, wendete ſich nochmals und ermahnte panto⸗ miniſch zur Geduld, bis der König im Stande ſei, für ihr Anliegen Ohr zu haben. Jetzt bereute Gertrud ſchon ihren Einfall, ſich für fremde Sünden zu opfern, aber es war leider zu ſpät. Sie mußte nun, gleich einer armen Sünderin, aus⸗ harren. Eine peinliche Viertelſtunde verrann— für die war⸗ tenden Generäle und Oberſten eine Zeit der Langeweile, für Gertrud Minuten voll Höllenqualen. Endlich hob der König ein ganz klein wenig den Kopf, ließ einen Seitenblick auf die harrende junge Dame ſtreifen und fragte unter allen Zeichen einer grämlichen Laune:„Was will die Mademoiſell?“ 209 Gertrud gab keine Antwort. Die Beſtürzung über eine ſolche entwürdigende Behandlung raubte ihr zuerſt alle Beſinnung, um ihr aber dann mit dem hellauflodern⸗ den Aerger zugleich auch Muth einzuflößen. 3 Als kein Wort über ihre Lippen ging, ſprach der König im haſtigen Tone:„Mache Er die Sache ab, Win⸗ terfeld,“ und ſchrieb weiter. Leutſelig und freundlich trat nun der General auf das Fräulein zu und fragte ziemlich artig,„wer ſie ſei und was ſie vom Könige wolle?“ Zornſprühend nannte ſich die junge Dame und bat in einer ſo beſtimmten, ſtolzen Art um gnädiges Gehör, daß ſich die Offiziere im Zimmer ein wenig aus der reſpectvoll ſteifen Haltung, wozu ſie die Anweſenheit des Königs zwang, aufrüttelten und mit Intereſſe der kühnen jungen Dame Blicke zuwarfen. „Mademoiſell mag ſprechen,“ erwiderte der König auf ihre Antwort.„Ich höre ſchon!“ Gertrud trat furchtlos näher.„Majeſtät, ich ſtehe hier im Namen eines unglücklichen Landsmannes,“ begann ſie geſammelter, als man ihr hätte zutrauen können. „Ueben Sie einen Act der Gerechtigkeit und befreien Sie den Mann, welchem Sie die Correſpondenzen der alliirten Staaten verdanken, aus dem Kerker, in den er durch ſeine Landesverrätherei geſtürzt iſt.“ Ein leiſes Murmeln im Kreiſe der Offiziere wurde 210 hörbar.„Um Gotteswillen! Welche Kühnheit! Gott gnade ihr!“ Der König hob ſein Geſicht, das ſich bedeutend verfinſterte, ſchnell zu dem Fräulein auf und blickte ſie mit ſeinen notoriſch erſchreckend ſcharfen Augen eine Weile ſtarr an. Wäre er nicht zu verdrießlich geweſen, ſo würde er wahrſcheinlich über dieſe merkwürdige, poſſierliche Nai⸗ vität gelacht haben. Aber ſo zog er nur ſeine Stirn in tauſend kleine Falten und verwiſchte augenblicklich das Erſtaunen Gertrud's wieder, das ſich ihrer wie ein Schreck bemächtigt hatte, als ſie das feine, noch jugend⸗ lich ſchöne Geſicht des Königs plötzlich vor ſich ſah. Er war mit dieſen entſtellenden Falten ſogleich wieder ein alter Mann. „Was meint die Mademoiſell?“ fragte er kurz und barſch. „Ich flehe um Schutz für den Geheimſecretair Menzel!“ entgegnete Gertrud feſt. Winterfeld hob warnend die Hand, die Uebrigen zogen ſich wie erſchrocken etwas zurück. „Was geht mich der Mann an? Ich bin ſein Rich⸗ ter nicht! Gehe die Mademoiſell zu ſeinen Richtern!“ „Majeſtät,“ rief Gertrud belebt,„die Verſuchung kam von Preußen, den Vortheil wird Preußen haben— Preußen muß ihm Schutz gewähren. Ich flehe um Gnade für ihn, ſo lange es noch in den Händen Ew. Majeſtät liegt, ihn befreien zu laſſen.“ „Kann nicht dienen, Mademoiſell!“ entgegnete der König kurz. „Majeſtät,“ rief Gertrud flehend.„Ein Befehl von Ew. Majeſtät genügt, um den Unglücklichen aus dem Kerker führen zu laſſen. Sein Leben iſt verwirkt, ſein Blut wird die Schuld bezahlen, die er gegen mein Vater⸗ land auf ſich geladen. Er erwartet als Dank für ſeine Dienſte den Schutz Eurer Majeſtät!“ Der König ſtampfte herriſch mit dem Fuße auf, ließ eine volle Minute ſein Auge niederſchmetternd auf dem Fräulein ruhen und rief dann laut: „Bringe Er die Mademoiſell zur Ruhe, Winter⸗ feld! Fort mit ihr!“ Der General Winterfeld machte eine bedauernde Miene gegen die junge unvorſichtige Dame, öffnete aber mit einer leichten Verneigung die Thür und deutete damit an, daß ſie ſich ohne Weiteres zu entfernen habe. Wer malt Gertrud's Empfindungen bei dieſem unerwarteten Ausgange ihrer menſchenfreundlichen Miſ⸗ ſion? Mechaniſch trugen ihre Füße ſie über die Schwelle. Die Thür wurde eilig hinter ihr geſchloſſen. Dann aber ſtand ſie wankend, muthlos, darnieder geſchmettert mit ihren hoch⸗ und übermüthigen Hoffnungen in dem Vor⸗ zimmer, nicht fähig einen Fuß zu bewegen, um durch die⸗ 212 ſen Menſchenknäuel zu kommen, der ſich dicht um ſie ſchaarte. Halb bewußtlos und ganz rathlos ſtand ſie da. Plötzlich theilte ſich die Menge. Ein ſchönes Geſicht ragte über die Köpfe der Neugierigen hinweg, die ihr faſt den Weg vertraten, eine ernſte Stimme bat um Platz, und ehe ſie noch vollends zum Bewußtſein ihrer entſetzlich demüthigenden Lage kam, ſah ſie Junker Wolf von Brettow vor ſich ſtehen, der ihr mit feiner ritterlicher Artigkeit den Arm bot, um ſie, trotz des mißbilligenden Murrens, durch das Gedränge hindurch zu geleiten. Sie klammerte ſich feſt an den Arm an, der ſich ihr zur Stütze bot. Aber ihr Gefühl glich dem einer Seligen, als ſie endlich im Corridore angelangt, ihre Augen zu ihrem Ritter erhob und ſie ſeine Blicke mit wahrhaft glü⸗ hender Zärtläphkeit auf ſich geheftet fand. „Arme, theure Gertrud, wohin brachte Sie die Güte Ihres Herzens!“ flüſterte er weich. „O Wolf, das iſt eine harte Lehre,“ ſprach ſie mit gebrochener Stimme, indem ſie ſchaudernd zurückblickte. „Welch' ein fürchterlicher Mann iſt Ihr König!“ „Nein, theure Gertrud, ſagen Sie das nicht!“ flüſterte er eilig.„Man braucht Verräther, leider, man hält ſich aber mit den Verräthern nie im Verbande, wenn ſie unnöthig geworden ſind. Das iſt der Welten Lauf! Verurtheilen Sie meinen König nicht. Es wäre unklug, 213 wollte er ſich eines Mannes annehmen, den er viel⸗ leicht benutzt hat.“ „Aber er kann ihn doch unter der Hand befreien laſſen,“ ſprach Gertrud traurig. „Still! Man kommt! Man ruft nach mir.“ „Sehe ich Sie nicht wieder? Soll ich Ihnen meinen Dank nicht ausſprechen dürfen? Bitte, wenn Sie kön⸗ nen,“ ſprach ſie hinreißend freundlich und legte ihre Hände feſt um ſeine Rechte. „Vielleicht— vielleicht,“ entgegnete er ſtürmiſch bewegt.„Ich muß fort! Haben Sie eine Sänfte? Gott⸗ lob! Ich bin zum Gefolge des General von Winterfeld commandirt, der nach Pirna zum König von Polen geht. Vielleicht ſehe ich Sie bald wieder!“ Er eilte wie auf Sturmesflügeln zurück nach dem Vorzimmer, aus wel⸗ chem abermals ſein Name drang. „Ich will nicht hoffen,“ ſchnarrte ihm ein alter graubärtiger Stabsoffizier entgegen, als er ſich ſteif, aber athemlos wieder an der Wand poſtirte,„daß das eine Amour von dem Junker von Brettow iſt und daß er das Frauenzimmer beim König eingeſchmuggelt hat?“ „Nein!“ antwortete der Junker furchtlos in das wettergebräunte Geſicht ſchauend. „Was hat ſich der Lieutnant von Brettow dann um die Perſon zu bekümmern?“ 214 „Die junge Dame war hilflos! Ich erfüllte nur eine Ritterpflicht.“ „Wer ſich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ ſprach der Offizier höhniſch. Junker Wolf ſtand wie eine Säule. Zu ſeinem Gllücke trat der Oberſt von Seydlitz aus des Königs Zimmer und winkte ihm. Gleich darauf ſprengte der General von Winterfeld unter einer Escorte von Küraſſieren die Pirnaergaſſe hinab. Während der Zeit war Gertrud wohlbehalten wieder im Spärkawſchen Hauſe angelangt und hatte ihre Sänfte verlaſſen, um in der Einſamkeit ihres Zimmers über den Verlauf ihrer eben beſtandenen Abenteuer nachzudenken. Den erſten Gebrauch, den ſie von ihrer zurückgekehr⸗ ten Vernunft machte, war der, ſich ſelbſt auf das aller⸗ bitterſte zu tadeln, daß ſie in heilloſer Uebereilung eine Rolle übernommen, von deren Wichtigkeit ſie allerdings vorher keine Idee gehabt hatte. Sie geſtand es ſich ein, daß dieſer Fall all' ihren Unbeſonnenheiten die Krone aufſetzte, und ſie empfand ein Grauen, wenn ſie daran zurück dachte. Die Heilmittel, welche ihr das Geſchick zu verſchrei⸗ ben die Güte hatte, waren bitter, und dieſe letzte Doſis allenfalls ſtark genug, um ſie auf immer kuriren zu können und ihr auf Lebenszeit die Luſt an dergleichen übermü⸗ thige Improviſationen zu benehmen. Sie hatte es gut gemeint, ja, mit Stolz blickte ſie 215 auf den Grund ihrer Seele, wo noch jetzt unvermindert das Mitleid mit jenem bedauernswerthen Manne ruhete, der ſich ſo ſchwer vergangen hatte. Sie war in der ſichern Ueberzeugung an's Werk gegangen, mit ihren Vorſtellun⸗ gen und Bitten durchzudringen. Aber— hatte ſie nicht in unverzeihlicher Ueberſchätzung gehandelt, als ſie es wagte, einem Könige Dinge in's Gedächtniß zurückzurufen, die wohl Niemand aufzurühren berechtigt war, wenn er es ſelbſt nicht that? Ihre Unklugheit trat immer heller an's Licht, je mehr ſie darüber nachdachte, und ſie wurde immer demüthiger und für die Folgen beſorgter. In wahrer Herzensangſt erwartete ſie den Dom⸗ herrn zurück, um ihn zu bitten, die Reſidenz ſo bald als möglich mit ihr zu verlaſſen. Aber der Abend dämmerte bereits, als endlich der alte Herr verſtört, eilfertig und höchſt verdrießlich zurück⸗ kehrte. Er kam direkt von Pirna, hatte aber weder den Marſchall noch ſeinen Bruder ſprechen können, weil die geſchärften kriegeriſchen Maßregeln es unmöglich mach⸗ ten, hinein zu kommen. „Wir wollen fort, Gertrud,“ ſprach er mißmuthig. „Hat mein Bruder nun einmal die Idee ausgeführt, ſich wieder in Reih' und Glied zu ſtellen, ſo hilft uns unſer Hierbleiben nichts. Ein Herr, der ſich mir eben im Por⸗ tale als Baron Lottum vorſtellte—“ 216 Gertrud fuhr erſchrocken auf.„Wie? Iſt der Ba⸗ ron wieder hier?“ „Muß doch wohl hier ſein, da er eben mit mir ge⸗ ſprochen hat,“ meinte der Domherr.„Wo war er denn ſonſt?“ „A—h! Der iſt zu rechter Zeit hier angelangt!“ rief das Fräulein.„Jetzt weiß ich auch, wem ich das anonime Brieſchen vom unglücklichen Menzel verdanke.“ „Der Baron ſcheint unſere Abſicht„den Oberſt heimzuholen“ zu kennen, denn er ſprach davon, daß„nach dem Zerſchlagen der Hoffnung“ es beſſer für uns ſei, ſogleich die Reſidenz zu verlaſſen, weil wir weder Schutz von Sachſen, noch Berückſichtigung von Preußen zu er⸗ warten hätten. Er ſchien uns deshalb einen Beſuch zu⸗ gedacht zu haben.“ „Nein, mein guter Onkel, das hängt anders zuſam⸗ men,“ rief Gertrud entſchloſſen, und erzählte mit erſchö⸗ pfender Offenherzigkeit die Scenen, welche während der Abweſenheit des Domherrn abgeſpielt worden waren. „Aber Kind, Kind, welche Betiſe!“ rief der alte Herr beſtürzt.„Ja, da hat der Baron Lottum Recht, wenn er uns räth das Weite zu ſuchen. Wahrhaftig, etwas Abſurderes hätteſt Du doch gar nicht erdenken können, als dem Könige von Preußen Vorhaltungen zu machen! Allgütiger, wo hatteſt Du denn Dein bischen Verſtand gelaſſen?“ Gertrud ſchmiegte ſich kindlich an den alten zürnen⸗ den Mann.„Sei nicht böſe,“ bat ſie zaghaft.„Ich habe ja nur gebeten, den armen Menzel frei zu machen, und das konnte die preußiſche Majeſtät ſehr gut, wenn ſie nur gewollt hätte.“ „Nein, mein gutes Kind, das kann der König nicht, ohne einen häßlichen Flecken auf ſich zu werfen. Er hat die betreffenden Papiere ſogleich in ſeinen Beſitz gebracht und damit ſo zu ſagen den Geheimſecretair zu exculpiren geſucht. Nun muß er aber der Gerechtigkeit freien Lauf laſſen. Menzel hat gegen ſein Vaterland geſündigt, alſo muß ſein Vaterland Richter ſeiner Handlungen bleiben!“ „Ach, wäreſt Du doch zu Haus geblieben,“ ſeufzte das Fräulein,„ſo würde mir eine große Demüthigung erſpart ſein!“ Es trat eine lange Pauſe ein, die der Domherr damit ausfüllte, daß er ärgerlich mit den Fingern ſchnippte. „Mache Dich fertig,“ ſprach er dann mit mürri⸗ ſchem Tone.„Wir wollen fort!“ Gertrud ſah ihm in's ernſt gefaltete Geſicht und ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken. „Iſt denn meine Dummheit gar zu entſetzlich gewe⸗ ſen?“ fragte ſie und ihre Augen ſtanden voll Thränen. „Ja, entſetzlich groß, mein Kind!“ verſicherte der Dom⸗ herr grollend.„Denke, was der Feldmarſchall ſagen wird?“ 1860. XIV. Gertrud. III. 14 218 „O, was der ſagt, iſt mir egal!“ meinte Gertrud. „Aber Du ſollſt mir nicht böſe ſein!“ Der Domherr lächelte ein klein wenig.„Schmeich⸗ lerin! Du findeſt immer Deinen Weg zum Herzen der Menſchen wieder, auch wenn man Dich ſchelten will. Es i*ſt einmal geſchehen und nicht zu ändern, alſo laß die Sache ſchlafen gehen.“ „Weißt Du, Einer hat mich getadelt!“ flüſterte ſie ſchnell getröſtet in ſein Ohr. „Nun und der wäre?“ fragte der alte Herr geſpannt. Gertrud antwortete nicht, ſondern horchte nach dem Ausgange, wo ein Geräuſch von klirrenden Säbeln hör⸗ bar wurde. Ein Todesſchrecken machte ſie bleich. Sie ſah ſich verhaftet und nach Kriegsgebrauch fortgeſchleppt. Convulſiviſch umklammerte ſie ihren alten Onkel— be⸗ bend am ganzen Leibe richtete ſie ihr Auge ſtarr auf die Thür, die ſich jetzt öffnete, um den Diener des Marſchalls ſichtbar werden zu laſſen. Gleichzeitig aber ſah Gertrud die hohe ſchöne Geſtalt eines Küraſſieroffiziers und ſprang mit dem Freudenrufe:„Dieſer, dieſer tadelte mich nicht, beſter Onkel— dieſer ſah mich verſöhnlich und mild an!“ dem eintretenden Wolf bis zum Eingange entgegen. Mit einer lieblichen Zärtlichkeit in Blick und Ge⸗ bärde führte ſie den jungen Mann bis dicht vor den Dom⸗ herrn hin.„Danke ihm, lieber Ohm, danke ihm, denn -— 219 er trotzte der allgemeinen Mißachtung, womit man mich zu behandeln drohte, und führte mich durch das Chor der Leviten und Sadducäer. Sieh', kleidet ihn die Uniform nicht wunderſchön?“ Sie ſah mit der Zutraulichkeit eines Kindes zu dem auf, der im Stillen alle ihre Gedanken beherrſcht hatte, und dadurch innerlich ihr viel näher gerückt war, als er eigentlich im Leben zu ihr ſtand. Er gehörte nach ihrer unmaßgeblichen Meinung ihr, und ſie glaubte es ſich er⸗ lauben zu dürfen, jetzt von ſeinem Herzen Beſitz zu nehmen, wo er ſie beſchützt hatte. Scherzend zog ſie den jungen Offizier zu den Lehn⸗ ſeſſeln in der Fenſterwölbung, wo ſie während des Win⸗ ters von ihm geträumt und auf ihn geharrt hatte. „Hier beichten Sie mir, Wolf,“ plauderte ſie, ganz geneſen von Schreck, Furcht und Angſt.„Warum haben Sie mich im Winter ſo fürchterlich gequält. Tag und Nacht ſaß ich hier und ſchaute nach Ihnen aus. Nun? Beichten Sie, Abſolution ſoll Ihnen werden, wenn nicht Ihre Gründe ein Verrath an— Ihrer Freundſchaft ſind.“ „Warum?“ wiederholte Wolf ruhig lächelnd und ſah den Domherrn mit dem Blicke des Verſtändniſſes an. „Um die Verwandlung unklarer und unedler Gefühle in edlere vorzunehmen.“ „Wendeten doch alle Menſchen die Kunſt der Chemie 14* 220 zu ſolchen Zwecken an,“ lächelte der alte Domherr und reichte ihm ſeine Hand bewillkommend dar. „Bah, ſeid keine Kinder, Ihr großen Männer,“ ſcherzte Gertrud.„Dieſe Kunſt hat auch ihre ſchwärme⸗ riſchen Nebel und führt auf gewaltige Irrwege. Bereuen Sie denn jetzt Ihre alchymiſtiſchen Künſte?“ fügte ſie mit einem ſprechend verrätheriſchen Blicke hinzu. „Nein, ich bereue nichts, denn was ich errang, entſprach meinem Zwecke!“ antwortete Wolf ſehr feſt und beſtimmt. „Und was haben Sie errungen, Sie Theophraſtus Paracelſus Bombaſtus,“ ſcherzte Gertrud weiter, aber ihre Bruſt hob ſich unter einem bangen Gefühle. „Ich tauſchte Stolz gegen Hochmuth, Muth gegen Uebermuth und Freundſchaft gegen Liebe ein!“ „Das ſind täuſchende, betrügeriſche Bemühungen und Hoffnungen,“ ſprach das Fräulein noch haſtiger, als vorhin, aber nicht mehr ſcherzhaft, ſondern gereizt.„Die Alchymiſten pflegen immer zu hoffen, Zinn und Blei in Gold verwandeln zu können, bis ſie den Niederſchlag als eine vergebliche Bemühung anſehen müſſen. Die Alchymi⸗ ſten pflegen auch hochmüthig die Ingredienzen zu ihren Experimenten in den Kauf zu geben, um nur Gold zu er⸗ zielen; aber was ſie dabei an gutem Metall verſchwenden, das doch immerhin auf gute menſchliche Weiſe anderswo verbraucht werden könnte, das beachten ſie nicht. Sind Sie denn gewiß, Herr Wolf von Brettow, daß Ihre aufgege⸗ 221 bene Liebe nicht das Gold des Lebens, der Stern Ihrer Zukunft geweſen iſt? Haben Sie nicht, wie alle ein⸗ gefleiſchten Alchymiſten, einen Stein der Weiſen geſucht und dabei Ihr menſchliches Daſein in den Kauf gegeben?“ Brettow ſah das Fräulein unverwandt an. Es ging ihm ein Schauer durch die Seele, als ihm dieſe Worte eine Seelentiefe des jungen Weſens enthüllten, dem er allerdings mehr Vertrauen ſchenken mußte, als er gethan hatte. Er war von einem Schmetterlinge bezaubert gewe⸗ ſen, und hatte ihn den ſonnigen Elementen überantwortet, um ihm ſeine trivialen Lebensfreuden zu gönnen, und jetzt fand er, daß der Schmetterling eine Pſyche war. „Wiſſen Sie, mein Herr von Brettow, was ich glaube? Wiſſen Sie, wovon ich feſt überzeugt bin?“ be⸗ gann Gertrud wieder, aber ihre Geſtalt hob ſich und ihre Stirn ſtrahlte von der Macht ihres innern Weſens.„ Sie haben das Gold Ihres Stolzes in den Schmelztiegel geworfen und haben Hochmuth herausgeſotten— Sie haben Ihren Muth verſchwendet, um auf die Erbärm⸗ lichkeit der Menſchennatur zurückzukommen, die nach ſolchen Experimenten als Bodenſatz zurückbleibt und dann dazu dient, den Egoismus als Seelenruhe zu betrachten. Ihre Freundſchaft iſt ein jämmerlicher Erſatz! Wehe dem, der ſich damit zufrieden geben ſoll, wenn er Sie je geliebt hat.“ Sie legte ihre Hand über die Augen. Wolf warf ſich leidenſchaftlich zu ihren Füßen nieder. Er war nicht 222 im Stande ein Wort hervorzubringen, das ſie zu beſänf⸗ tigen vermocht hätte. Der Domherr ſtand gänzlich ver⸗ ſtummt neben ihnen. Solche Scenen gehörten zu den Ex⸗ perimenten, die in ſeinem Laboratorium durchaus nicht Mode waren. Er hatte Gertrud immer ſehr lieb gehabt. Ihr friſches, fröhliches Leben gefiel ihm, und wenn er auch mit keinem Menſchen öfter haderte, als mit ihr, ſo wußte er dennoch, daß ein guter Kern in ihr war und daß ſie geſcheidter war, als ſie ſich das Anſehen gab. Aber die Reife des Gemüthes, die ſie jetzt und zwar in Aus⸗ drücken ſeiner geliebten Chemie entwickelte, die hatte er ihr nicht zugetraut. Sie flößte ihm Reſpect ein. Worte durften dieſen Auftritt nicht entheiligen, das fühlte er. Sie hätten daſſelbe Unglück anrichten können, wie ein Tropfen kaltes Waſſer in eine Retorte glühenden Metal⸗ les. Er ſchwieg alſo und blieb regungslos neben den beiden regungsloſen jungen Menſchen, in denen eine wohlthätige Reaction arbeitete. Nach einer langen, langen Pauſe erhob Wolf ſein geſenktes Haupt. „Gertrud, Ich bereue!“ ſprach er männlich feſt. „Gönnen Sie mir einen Blick zum Abſchiede!“ fügte er weich hinzu. 4 Schnell ließ ſie die Hand von den Augen ſinken. „Thörichter Menſch!“ flüſterte ſie durch ihre Thränen lächelnd und ſah ihm treuherzig in die Augen. 223 „Sie müſſen fort,“ ſprach Wolf ſich erhebend, ohne ihre Hand loszulaſſen, die er erfaßt hatte.„Noch einige Stunden— und die Allarmſignale werden ertönen. König Auguſt hat unſere Allianzanträge verworfen, wir werden ihn alſo zwingen müſſen zu dem, was er nicht gutwillig als ſein Beſtes anerkennen will. Sie müſſen Dresden verlaſſen, bevor die Unruhe ausbricht. Ich muß fort, mein Oberſt wartet auf mich, mein Regiment ſteht nicht ſo in der Nähe, daß ich Ihnen meinen Schutz verheißen könnte, wenn es zur Attaque kommt. Fahren Sie ſogleich, damit Sie beim Einbruche der Nacht ſchon in der Nähe von Wilsberg ſind.“ Er faltete ſeine beiden Hände um ihre kleine, weiche Rechte, ſah ihr feſt in die ſtrahlenden Au⸗ gen, die ihm insgeheim einen Schwur leiſteten, und rief: „Gott beſchütze Sie!“ Als Gertrud ſich beſann, war ſie mit ihrem Onkel allein und fühlte ſich von ſeinen Armen umſchlungen. Ganz verwundert gewahrte ſie ihr Geſicht von rinnenden Thränen überſtrömt. „Er iſt fort!“ flüſterte ſie vor ſich hin. Dann lehnte ſie ſich feſter an den Domherrn und ſprach:„Nicht wahr, mein lieber Ohm, Du gibſt mich ihm zur Frau; Du haſt nichts dagegen, wenn er auch gegen unſer Vaterland ſtrei⸗ tet? Nicht wahr, Du wirſt mein Beſchützer, wenn unſere beiden Kriegeshelden, die jetzt in Pirna ſitzen, ſich auf⸗ lehnen ſollten gegen mein Herzensbündniß? Nicht wahr, 224 Du verheiratheſt ihn mit mir und nicht mit der ſchönen Margareth?“ Ihre Fragen, ſo ernſt ſie ſein ſollten, trugen doch in der Art, wie ſie geſprochen wurden, ſo durchaus den Charakter ſchelmiſcher Kindlichkeit, daß der Domherr un⸗ willkürlich lächelte, als er antwortete: „Ja, was ſoll ich machen, wenn unſer Trotzkopf ihn einmal für ſich haben will. Ich kann nur nicht be⸗ greifen, wie ſich eine echt griechiſche Naſe zu einer Kal⸗ mückennaſe hingezogen fühlen kann. Gott gebe nur, daß Eure Kinder nach dem Vater arten.“ Gertrud wendete ſich ſchnell zur Seite, um ihre glühende Röthe zu verbergen, aber ſie wiederholte mit heftig pochendem Herzen und im Tone der Begeiſterung: „Ja, ja, das gebe Gott!“ Es währte nicht eine halbe Stunde, ſo ſaßen die Beiden in der alten Kaleſche, die aber nicht mit dem be⸗ ſagten Ziegenbocke, ſondern mit zwei ſtattlichen Pferden beſpannt war, und fuhren ganz ſeelenvergnügt der Hei⸗ math zu. Gertrud trug neben der erlittenen Demüthi⸗ gung ein großes Gefühl mit heim, das ihren Lebenshori⸗ zont erweiterte und erhellte, obwohl ſie noch kein Ge⸗ ſtändniß von den Lippen vernommen hatte, die von einem feſten Siegel des Entſchluſſes verſchloſſen waren. Ende des dritten Bandes. Fſſſſnſnnnſſnfſffſſtſſſſiſgſii9–iitffiſſitffiſiſnſiniſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 1