„ —* dreer: 4₰ 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „3„ 3,„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſenduug der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erstes Capitel. Während auf dem ſüdlichen Thurmzimmer Weis⸗ heit und Gelehrſamkeit ſich einniſtete, waren die beiden jungen Bewohnerinnen des nördlich belegenen Thurmes ſehr geneigt, einige irdiſche Komödien aufzuführen. Ju⸗ belnd in ihrer Herzensfreude über die gelungene Erlaub⸗ niß der Mama Pröhl, waren ſie auf ihr Zimmer ge⸗ eilt, und dort hatte ſelbſt Elvire, das ernſthaft verſtändige Mädchen, ſich hinreißen laſſen, dem tollen Muthwillen Gertrud's zu willfahren und einen minutenlangen ehr⸗ baren Dreitritt*) zu riskiren. Dann hatte ſich freilich die junge glückliche Braut ſtill hingeſetzt, um eifrig ihre Pflichten als Braut und baldige Hausfrau zu überdenken, aber Gertrud trieb ihr luſtiges Weſen fort, kehrte ſich *) Ein Volkstanz dortiger Gegend, ähnlich dem Walzer, nur mit ganz beſonders wiegender Bewegung und ſehr enger Ver⸗ ſchlingung der Arme. 1860. XIII. Gertrud. II. 1 nicht an Ermahnungen und Zurechtweiſungen, ſondern fand die langweiligen Redensarten ganz ungebührlich. Sie lachte, ſie jubelte, ſchlug Schnippchen und forderte ihre Pflegeſchweſter zu tauſend ausgelaſſenen Streichen auf. Site konnte die Zeit gar nicht erwarten, wo das Luſt⸗ und Trauerſpiel mit der Frau von Wallbott losgehen ſollte, ſchimpfte dabei gelegentlich auf den Profeſſor,„haßte und verachtete ihn“ wie gewöhnlich gründlich, und entwarf für den Fall, daß ſie ihn bald wiederſehen ſollte, eine wundervolle Strafpredigt für„den Ausreißer“. Sie rühmte ſich wieder eines großartigen Muthes, wenn ſie jemals den Gehaßten und Verachteten zu Geſicht bekom⸗ men ſollte, und ſchwor der lächelnden Elvire mit heiligen Eiden, daß er gewiß„zu Kreuze kriechen und pater pec- cavi“ ſagen würde. Während ſie bei dieſen ſoldatiſchen Tiraden gravi⸗ tätiſch im Zimmer hin und her ſchritt, ſich mit dem Reif⸗ rocke etwas gewagt ſchwenkte und ſehr verächtliche Mie⸗ nen zog, die ihr ganz wunderhübſch kleideten, fiel ihr Blick auf den etwas hoch hängenden venetianiſchen Rund⸗ ſpiegel, und ſie entdeckte ein fein gefaltetes Papier ſorg⸗ ſam und ſauber an dem Goldrahmen des Spiegels be⸗ feſtigt. Hurtig holte ſie einen Stuhl herbei und machte An⸗ ſtalt das Papier dort fortzunehmen. Elvire aus ihren ſeligen Träumereien auffahrend, fragte verwundert: was ſie machen wolle. „Sieh doch nur, Elvire,“ plauderte ſie eifrig und hob graziös die Jopa, um auf den Stuhl klettern zu kön⸗ nen,„da ſteckt ein Brief!“ „Thorheit, Kleine! Es wird ein alter vergeſſener Zettel vom vorigen Inhaber dieſes Logirzimmers ſein. Laß ihn ſtecken!“ „Nein, Elvire. Ich habe ihn früher nicht ſtecken ſe⸗ hen,“ trotzte das Fräulein.„Ich muß ſehen, was er enthält.“ Sie griff danach und ſtreckte das Papier jauch⸗ zend ihrer Freundin entgegen.„Es iſt ein Brief! Ein Brief mit Aufſchrift und Siegel!“ Elvire, etwas neugieriger geworden, trat näher und reckte den Hals empor, um die Adreſſe leſen zu können. „An das gnädige Fräulein Gertrud von Spärkan!“ laſen beide Mädchen gleichzeitig. Gertrud wurde purpur⸗ roth vor Ueberraſchung und ſtarrte mit liebenswürdiger Dummheit in Elvirens Geſicht. „Das bin ich, Elvire,“ flüſterte ſie kleinlaut. „Gewiß biſt Du die fragliche Gertrud von Spär⸗ kan,“ lachte dieſe herzhaft.„Brich doch auf den Zettel!“ befahl ſie komiſch. Gertrud ſtieg bedächtig vom Stuhle, den Brief an 1 ½ dem äußerſten Zipfel zwiſchen den Fingern haltend, als fürchte ſie ſich daran zu verbrennen.— „Elvire, mir klopft das Herz fürchterlich!“ ſprach ſie immer noch flüſternd.„Von wem mag der Brief ſein? Weißt Du es nicht?“ „Nein! Oeffne doch das Siegel und ſieh nach der Unterſchrift!“ antwortete die junge Dame ungeduldig. „Elvire, mir zittert es vor den Augen— ich fürchte mich!“ ſprach Gertrud beklommen. „Ach ſo!“ ſpottete Elvire.„Ich denke, Du fürchteſt Dich nur vor„verdrießlichen Männern und vor Geſpen⸗ ſtern“? Alſo vor zugeſiegelten Briefen fürchteſt Du Dich auch?“ „Wenn es nur kein Liebesbrief iſt?“ wendete das Fräulein ſchüchtern ein. Sie ließ den Spott Elvirens in ihrer Herzensangſt ganz unbeachtet. „Thorheit! Unſinn! Wo ſoll ein Liebesbrief her⸗ kommen,“ ſchalt Elvire und griff nach dem Briefe. Aber Gertrud brachte ihn ſchnell in Sicherheit. „Bitte, Kleine, öffne den Brief,“ fügte ſie hinzu, als ihr Angriff abgeſchlagen war.„Aengſtige Dich nicht ohne Noth. Wer ſollte Dir einen Liebesbrief ſchreiben? Junker Wolf etwa? Nun, der könnte es bequemer haben, wenn er Willens wäre Dir ſein Herz zu Füßen zu legen!“ 3 13 Gertrud ſah ſie einigermaßen verächtlich an und warf den Kopf ſehr ſtolz in die Höhe, wobei ſie vernehm⸗ lich flüſterte:„Junker Wolf? Du lieber Gott!“ . Sie nahm den Brief wieder hervor, betrachtete nochmals nachdenklich die Adreſſe, und löſete dann lang⸗ ſam das Siegel, das einen Januskopf vorſtellte. Elvire trat dicht neben ſie und las mit ihr zugleich folgende Worte: „Leb' wohl! Und nimm meinen Dank für die Beweiſe der Freundſchaft, Die Du mit ſüß weiblicher Haſt mir gewährt! Noch lang gedenk' ich des Glück's, wo in den fröhlichen Stunden Dein Herz ſchön menſchlich ſich mir offenbart! Du biſt vom Himmel beſtimmt uns nur zur Freude zu leben, Erfülle ja Deinen Beruf auch ganz! Geliebt— wahrhaftig erkannt— und ſtets bewundert von Freunden Leb' bis zum Alter— geſegnet von Gott! Des gnädigen Fräuleins ergebener Freund Chriſtian Fürchtegott Gellert.“*) *) Aus den Familenpapieren der ſchon erwähnten Edeldame⸗ Eine heilige Stille herrſchte mehrere Minuten lang, nachdem die Mädchen dies laut geleſen hatten. Elvire fühlte, daß ein fieberhaftes Zittern durch Gertrud's Kör⸗ per lief, und ſie ſah, daß ihre Bruſt ſich hob, als wolle ſie mit einem tiefen Athemzuge das ſtürmiſche Klopfen ihres jungen Herzens dämpfen. Leiſe legte ſie ihren Arm um ſie, hob den leicht geſenkten Kopf zu ſich auf und fragte ſchelmiſch:„Nun? Wie ſteht es jetzt mit dem Haſſe und der Verachtung?“ Gertrud wendete ſich zu ihr, das große glänzende Auge gefüllt von Thränen, die roſigen Lippen in glück⸗ ſeligem Lächeln halb geöffnet. Sie antwortete nichts auf Elvirens Neckerei, weil ihre innere Bewegung zu gewal⸗ tig war. Dieſe fühlte ſich beinahe beängſtigt von der auf⸗ fallenden Gemüthsaufregung. Sie wollte, ſie mußte den erſchütternden Eindruck brechen, ſtrich deshalb neckiſch über Gertrud's Geſicht und rief: „Es iſt ein Glück, daß Gellert nicht zugegen iſt, Kleine! Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Du Dich in der Verfaſſung befindeſt, ihm abermals drei Küße zu appliciren!“ Jetzt brach der Muthwille des Fräuleins wieder hervor.„Drei?“ fragte ſie verächtlich mit der Hand ab⸗ wehrend.„Hundert Küße hat er verdient für ſeine engel⸗ 15 hafte Güte, hundert Küße und— ich werde ſie ihm auf⸗ heben, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Guter Gott, der arme, arme Profeſſor!“ klagte Elvire verzweiflungsvoll.„Von dieſem entſetzlichen Glücke werde ich ihn doch avertiren, damit er ſich darauf prä⸗ parirt!“ „Pah! Du beneideſt mich nur!“ rief Gertrud und drückte ihren Mund heftig auf die Stelle, wo„Chriſtian Fürchtegott Gellert“ ſtand.„Dies ſei mein Schwur, daß ich meinen Beruf ganz erfüllen will!“ ſprach ſie ſchwär⸗ meriſch.„Ach, Elvire, wenn ich alle, alle Menſchen glück⸗ lich machen könnte! Wenn ich Allen helfen könnte! Allen Freude bereiten könnte! Ich möchte es! Mein Herz treibt mich beſtändig dazu! Ob ich wohl Gellert's Wunſch zu erfüllen vermöchte, Elvire? Sage es mir aufrichtig!“ „O ja, warum nicht!“ entgegnete dieſe trocken, „wenn Dein Trotz Dich nicht hindert?“ „Mein Trotz, Elvire?“ erwiderte das Fräulein oordentlich erſchrocken. „Ja wohl, wie neulich, wo Du Dich ſehr wider⸗ ſpenſtig weigerteſt, der beklagenswerthen Frau beizu⸗ ſtehen!“ „Der Frau, die ſo erbärmlich ſchrie und heulte?“ fragte Gertrud plötzlich eiſigkalt, und als Elvire ſchwei⸗ gend nickte, fuhr ſie fort:„Du meinſt doch dieſelbe, die mich immer„gnädiger Engel“ nannte und für mich zu beten verſprach, damit ich in jenen ſeligen Räumen dicht neben Gottes Thron zu ſitzen käme— meinſt Du dieſe Frau? Ja! Nun, für ſolche Leute habe ich kein Gefühl! Pfui, die Armuth, welche kriecht, welche bettelt und Cro⸗ kodillsthränen weint, die verachte ich, aber die Armuth, die mit unterdrückten Thränen arbeitet, die ehre ich. Der zu helfen, dazu treibt mich mein Herz!“ „Du haſt im Allgemeinen Recht,“ entgegnete Elvire gelaſſen,„allein wenn ſich eine arme, ſehr hilfsbedürftige Frau in den Mitteln vergreift, ein adeliges Fräulein für ihr Elend zu intereſſiren, ſo hat dies adelige Fräulein dadurch doch noch keineswegs das Recht gewonnen, trotzig mit dem Fuße aufzutreten und in voller Bosheit zu ſchreien:„Schert Euch aus dem Hauſe, ich will Euer niederträchtiges Gewinſel nicht mehr mit anhören. Geht! Geht! Sonſt hetze ich den Hund auf Euch!“ Gertrud, wenn der Profeſſor das erfahren hätte, ſo würde er Dir nimmermehr ein ſo liebreiches Lebewohl geſagt haben!“ Fräulein Gertrud ſah gar nicht traurig aus und ihre Stimme klang nichts weniger als beklommen bei der Frage:„Meinſt Du— meinſt Du? Es kommt dar⸗ auf an, wie es ihm erzählt worden wäre!“ „Ja, das glaube ich wohl,“ ſprach Elvire etwas ſtrenger.„Mit lieblichem Lächeln läßt ſich Manches be⸗ ſchönigen.“ 17 „Soll das eine Strafpredigt ſein?“ warf Gertrud ein und neigte ſich ſchelmiſch tief nieder, um von unten auf in Elvirens Augen zu ſehen, die dieſe feſt nieder⸗ geſchlagen hielt. „Du kennſt Deine Macht,“ fuhr Elvire trotz des kindlich reizenden Manövers fort.„Aber ich will den letzten paſſenden Augenblick benutzen, um Dir zu beken⸗ nen, daß mich bisweilen ein fürchtendes Bangen über⸗ ſchleicht, wenn ich den Ausbrüchen Deines zornigen Trotzes zuſehen muß!“ „Es iſt ja ſo ſchlimm nicht,“ ſprach Fräulein Ger⸗ trud mit weichem, bittenden Tone. Elbvire zog die Lippen feſter zuſammen und wendete die Augen noch mehr von ihr ab, um zu verbergen, daß ſie von dieſem Accente ſchon gänzlich bezwungen war. „Es iſt vielleicht jetzt noch nicht ſchlimm, aber es wird ſchlimm werden und Dich einſt unglücklich machen!“ rief ſie dabei eifrigen Tones. „Mich ſoll es im Leben nicht unglücklich machen,“ brach das Dämchen muthwillig aus.„Und Andere macht es gewiß auch nicht elend! Goldenes Elvirchen, es iſt ja Dein Ernſt nicht; bekenne es doch nur, Du liebſt mich mit allem meinem Trotze, goldenes, reizendes Elvirchen, Du liebſt mich ja dennoch!“ Sie warf ſich, wie ſie immer bei Bitten und Verſöhnungsverſuchen zu thun pflegte, ſtraff vor ihr auf die Knieen nieder, faltete die kleinen weißen Hände zuſammen und blickte unverwandt mit ihren ſtrah⸗ lenden Augen in die Elvirens hinein. Die junge Dame kämpfte tapfer mit ihrem Lachen, das wie ein warmer Verſöhnungsquell in ihr aufſtieg, und ſagte mühſam ernſthaft bleibend: „Jetzt biſt Du nicht beſſer, als jene bettelnde Ar⸗ muth, die übertrieben ſchmeichelt, um zu ihrem Zwecke zu kommen. Du machſt es akkurat wie jene Frau!“ „Nun gut, ſo thu' mir's nach!“ „So? Ich ſoll Dich auch mit Drohungen von mir ſcheuchen?“ „Ja, und mir dabei Dein Liebſtes zuſtecken, was Du gerade haſt!“ „Mein Liebſtes— Dir zuſtecken?“ fragte Elvire aufmerkſam. „Ja wohl. So hab' ich's gemacht!“ neckte Gertrud, ſchlug aber verſchämt die Augen nieder. Eine Ahnung flog durch die Seele ihrer Pflege⸗ ſchweſter.„Doch nicht den nagelneuen Reichsthaler mit König Friedrich's Bildniß, den Du Dir von Mama Pröhl eingetauſcht hatteſt und der nachher durchaus nicht wieder zum Vorſchein kommen wollte?“ forſchte ſie. „Gerade den!“ verſetzte das Mädchen keck, aber leiſe. 5 19 „Alſo deshalb drehte ſich die arme Frau im Thor⸗ wege nochmals um und warf Dir eine Kußhand zu!“ ſprach Elvire tiefathmend. Gertrud nickte und blieb ſtumm. Elvire zog mit ausbrechender Rührung den Kopf des Mädchens an ihre Bruſt und legte ihre Lippen feſt auf ihren Scheitel. „Meine liebe, kleine Muhme,“ flüſterte ſie nach einem langen, feierlichen Stillſchweigen,„ich werde mich in meinem Glücke nach nichts ſo heftig ſehnen, als nach Dir, ich werde nichts ſo ſehr vermiſſen, als Dich!“ „Siehſt Du, daß Du mich liebſt!“ entgegnete Ger⸗ trud eben ſo leiſe. „Ja, mein Trotzkopf! Ja, Du kleiner Flattergeiſt,“ ſchäkerte Elvire.„Ich liebe Dich mehr, als Du eigentlich verdienſt, und ich unterſchreibe des Profeſſors Ausſpruch: „Du biſt vom Himmel beſtimmt uns nur zur Freude zu leben“, aber Du machſt Dir nicht immer das Vergnügen, uns zur Freude zu leben.“ „Doch! Elvire, doch!“ betheuerte das Fräulein, gravitätiſch ſie unterbrechend. Es entſtand eine kleine Pauſe, die Gertrud damit ausfüllte, aufzuſtehen und ihren Anzug wieder in Ord⸗ nung zu bringen. Dann begann Elvire das Geſpräch wieder mit den Worten: „Ich gönne meiner armen Schwägerin Margareth den Einfluß Deines heitern Temperamentes, meine kleine Gertrud. Deine friſche, urkräftige Natur wird das Eis der Kunſt löſen, womit man mit der ſorgfältigſten Bil⸗ dung zugleich ihr ſanftes Gemüth überzogen hat. Sie wird aber eine ſchwere Schmerzenszeit an Deiner Seite durchmachen, bevor die Lichtblicke Deiner Fröhlichkeit Eingang finden. Aber iſt dieſe Qual erſt durchlebt und überſtanden, dann eröffnet ſich das Feld Deiner Wirk⸗ ſamkeit, mein kleines Mühmchen!“ „Du ſiehſt die Geſchichte mit falſchen Augen an, Elvire,“ fiel Gertrud kopfſchüttelnd ein. „Ach ſo! Deine Klugheit und Dein Talent zur Diplomatie will ſich wahrſcheinlich anders und weit glän⸗ zender entfalten?“ „Das verſteht ſich! Graf Levin muß von dem wah⸗ ren Verlauf der Sache unterrichtet werden.“ „Wie willſt Du das anfangen?“ „Das weiß ich in dieſer Secunde noch nicht, aber es wird geſchehen.“ „Und dann?“ „Nun dann fällt er natürlicher Weiſe unſerer Mar⸗ gareth erſt zu Füßen und ſchließt ſie ſehr entzückt von Neuem in die Arme!“ rief Gertrud ganz verwunde⸗ rungsvoll. „Täuſche Dich nicht mit Kinderträumen und mache — — 21 keine dummen Streiche!“ warnte Elvire.„Nach ſolchen Ereigniſſen in einem Liebesverhältniſſe iſt es gefährlich, die Bande von Neuem knüpfen zu wollen! Weißt Du denn ganz gewiß, ob Margareth dem Grafen jemals ſeine unbeſonnene Löſung ihres Verhältniſſes verzeihen wird?“ „Sie muß ihm verzeihen!“ trotzte Gertrud und trat mit dem Hacken ihres rechten Fußes auf. „Ob ſie ihn darnach noch lieben kann?“ „Sie muß ihn lieben— ſie muß, ſonſt—“ „Haſſe und verachte ich ſie,“ ſchloß Elvire kaltblü⸗ tig den Satz, weil Gertrud zögerte es zu thun.„Einmal wieder„Haß und Verachtung“, mein Trudchen. Du biſt unverbeſſerlich!“ Gertrud winkte abwehrend mit der Hand, horchte aber dabei ängſtlich und aufmerkſam nach dem Corridor hin.„Still, Elvire, das war Junker Wolf's Stimme! Wahrhaftig! Er iſt's! Er iſt zurück! Was wird er für Nachricht bringen! Ach, Elvire! Komm, wir wollen horchen!“ Eilig, gleichmäßig von Befürchtungen wie von Hoffnungen beſeelt, öffneten die jungen Mädchen die Thür und horchten. Gertrud hatte ſich nicht getäuſcht. Durch das zufällige Offenſtehen eines Fenſters im Corri⸗ dore war es wirklich möglich geworden, den Befehl des Junkers zu hören, den er, vom Pferde ſpringend, einem Bedienten ertheilte.„So geh' hinab in die Pfarre,“ hörte man ganz deutlich,„und ſage dem gnädigen Herrn, daß ich zurück bin!“ Rittberg hatte nämlich die Zwiſchenzeit benutzt, um mit ſeinem Ortsgeiſtlichen nähere Verabredungen über die Veränderungen der Vermählungsfeierlichkeiten zu treffen. Gertrud ſah Elvire fragend an.„Wollen wir nicht hinabeilen und den Junker fragen?“ ſprach ſie und fügte ſogleich nach den bedenklichen Blicken ihrer Pflege⸗ ſchweſter hinzu:„Guter Gott, was wäre dabei zu riski⸗ ren? Ich zittere vor Ungeduld— komm! Ich wage es! Es kann ja Zufall ſein, daß wir hinab kommen!“ Sie drängte vorwärts und zog Elvire mit fort, die eigentlich willenlos, aber ebenfalls gänzlich von Neugier und Sorge beherrſcht, folgte. Wie ein paar ſcheue Rehe ſchlüpften die Damen durch den Corridor und betraten eben das Balüſtre, als ſie Sporen klirren hörten und gleich darauf den Junker in der Halle erſcheinen ſahen, im Begriffe ſie quer zu durchſchreiten, um in ſein Zimmer zu gelangen, das an der entgegengeſetzen Seite lag. Sein ganzes Weſen zeigte jene Erſchöpfung, die tiefer liegt, als daß Schlaf und Trank und Speiſe ſie heben könnte. In dieſem Momente durchdrang zitternd, aus athemloſer Bruſt, kaum hörbar und doch den ganzen 23 innern Jammer eines Mädchenherzens verrathend der Ruf die Halle:„Wolf, lieber Wolf, einen Augenblick— eine Frage nur!“ Margareth erſchien im Eingange und flog mit der Haſt der Verzweiflung durch die Säulenreihe bis zu dem Junker hin, der ſogleich ehrerbietig ſtill ſtand und ſich bei ihrer Annäherung mit einer ungekünſtelt zierlichen Huldigung einen Moment auf's Knie niederließ, um die zitternde, eiskalte Hand der jungen Dame zu küſſen. Elvire wollte zartſinnig das Balüſtre verlaſſen, von wo aus ihnen der freie Ueberblick über die ganze Halle geſtat⸗ tet war, allein Gertrud hielt ſie feſt und bedeutete ſie durch Winke, daß bei der kleinſten Bewegung das Rau⸗ ſchen ihrer Gewänder ſie verrathen müßte. Die Lauſche⸗ rinnen ſchmiegten ſich alſo dicht an die Säulen, die ſie den unten Stehenden verbargen, und waren unbeachtete Zeugen der ergreifenden Scene, die ſich unten in der Halle entwickelte. „Haben Sie den Grafen geſprochen?“ fragte Mar⸗ gareth mit gebrochener, verwirrter Stimme, und lehnte ſich an die Säule, welche ihr zunächſt ſtand. „Nein!“ entgegnete Junker Wolf, und heftete ſeinen Blick voll Schwermuth auf das bleiche, verſtörte Geſicht des Fräuleins. Sie blickte, beſtürzter noch, zu ihm auf. Er ſchwieg eine Weile, ihre weitern Fragen erwartend. Endlich fügte er hinzu:„Levin iſt nicht heimgekommen, nur ſein Pferd, ſein treuer Philidor!“ Dann ſchwieg er wieder, weil er ſich nicht entſchließen konnte, die ganze traurige Wahrheit unvorbereitet von ihren Augen auf⸗ zurollen. 3 Margareth ſtarrte düſter vor ſich nieder und über⸗ legte die wenigen Worte, die ſie vom Junker gehört hatte. Der eigenthümliche Ausdruck ſeiner Züge erzählte ihr, ohne daß eine Silbe ſeinen Lippen entfuhr, von ſehr traurigen Umſtänden, und mit der furchtbaren Angſt der Ungewißheit zugleich entwickelte ſich plötzlich die tief und verſteckt in ihr ruhende Feſtigkeit und Entſchloſſenheit. Sie hob ihr Auge zu dem Junker auf, ſah ihn eine volle Minute mit einer Faſſung an, die übernatürlich war, und ſagte feſt und langſam: „Berichten Sie mir Alles ohne Schonung, lieber Wolf! Ich flehe Sie an, mir nicht den kleinſten Umſtand zu verhehlen, mir nicht ein einziges Wort vorzuenthalten. Ich will Alles, Alles wiſſen— bitte, mein guter Wolf, beeilen Sie ſich, meine Hoffnungen mit einem Schlage zu tödten!— Iſt Levin todt? Reden Sie— ſprechen Sie das gräßliche Wort aus: Levin iſt todt! Geſtürzt mit dem Pferde!“ „Nein, liebe theure Margareth,“ verſetzte der Junker einigermaßen erſchrocken über die Befürchtungen, die er 3— 25 durch ſein Zaudern in des Fräuleins Herzen erregt hatte. „Nein, aller Wahrſcheinlichkeit nach lebt Levin, nur ſein Pferd iſt den furchtbaren Anſtrengungen des Rittes, des gewiß wahnſinnigen Rittes erlegen. Als ich auf Brettow⸗ roda anlangte, hatte es eben zu leben aufgehört.“ Margareth horchte mit weit aufgeriſſenen Augen, die in eine weite leere Ferne zu ſchauen ſchienen.„Wei⸗ ter— weiter!“ drängte ſie.„Wort für Wort, Schritt für Schritt— weiter!“ „Die Dienerſchaft war beſchäftigt geweſen das Schloß und den Parkweg zum Schloſſe hinauf mit Feſtons zu ſchmücken,“ erzählte Junker Wolf monoton und mechaniſch weiter,„da war kurz vor dem Frühſtücke das Pferd am Stalle angekommen, hatte matt den Kopf geſenkt und ſich ſogleich auf die weiche Streu nieder⸗ geworfen, die man ihm bereitete. Eine Stunde ſpäter iſt ein Bauerburſche aus einem fernen Dorfe auf den Schloß⸗ hof getreten, hat nach dem Wirthſchaftsinſpector gefragt und dieſem mit lakoniſcher Kürze den Befehl des Grafen Levin gebracht:„Alle Kränze herunterzureißen und zu verbrennen, ſeinem Jäger zu befehlen, nicht nach Ritt⸗ bergen zu fahren, das Pferd ſo gut zu verpflegen, wie es nur möglich wäre, und ſämmtliche Zimmer im Schloſſe feſt und ſicher zu verſchließen!“ Der Inſpector hat ver⸗ geblich verſucht, etwas Näheres über dieſen ſonderbaren 1860. XIII. Gertrud. II. 2 5 8 5 1 Befehl zu erfahren. Der Burſche iſt beſtändig bei ſeiner Beſtellung geblieben, die ihm, wie er ſagte, ein vor⸗ nehmer Mann auf einem Schimmel reitend, aufgetragen habe. Auf des Inſpectors Frage, wohin der vornehme Mann geritten ſei, hat er ziemlich dumm geantwortet: „Gerade aus!“ Junker Wolf ſchwieg und trocknete ſich einen Tropfen Schweiß oder eine Thräne von der Wange. Margareth aber ſtarrte immerfort und ganz thränenlos in die Weite. Sie fühlte eine Beklemmung, als nahe ihr der Tod, und ſie fürchtete ſich nicht vor dem Sterben. Was ſie ſeit dem Momente empfunden hatte, wo der Mann ſie verachtungsvoll aufgab, dem ſie ſich, von ſchönen und ſüßen Gefühlen berauſcht, verlobt hatte, das war im Stande geweſen ihr das Tageslicht ohne ſeine Liebe verhaßt zu machen. Wie ſollte ſie leben können, beladen mit ſeiner Ver⸗ achtung, die ſie ja theilweiſe verdiente? An eine Verſöh⸗ nung mit dem Grafen hatte ſie wirklich, wie Elvire richtig gerathen hatte, noch gar nicht gedacht. Nur eine wahr⸗ heitsgetreue Darſtellung des unglückſeligen Vorganges im Thurmzimmer hatte Junker Wolf ihrerſeits an dem Grafen zu überbringen unternommen. Nur gereinigt von dem abſcheulichen Flecken, daß ſie fähig geweſen ſei, mit dem Bilde eines Andern im Herzen ſeine Braut gewor⸗ 27 den zu ſein, entſchloſſen den Betrug bis zu den Stufen des Altares fortzuſetzen, nur von dieſem entſetzlichen Flecken wünſchte ſie gereinigt zu werden. Die Hoffnung war vergeblich geweſen.„Alſo Phi⸗ lidor iſt todt?“ fragte ſie in dem dumpf apathiſchen Zu⸗ ſune nochmals.„Gott erbarme ſich meiner und ſchütze evin!“ Sie reichte dem Junker wieder die Hand, welche jener, von dem nervöſen Zittern derſelben beängſtigt, nicht losließ, ſondern ſie feſt umſchloß und durch ſeinen Arm zog. „Ich werde Sie in Ihr Zimmer geleiten,“ ſagte er ruhig. „Ja,“ entgegnete ſie klanglos.„Ja, aber erſt geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie mir nichts vorent⸗ halten haben.“ Sie ſah ihm feſt und forſchend in die Augen.„Levin lebt und das Pferd iſt geſtorben?“ ſagte ſie dabei.„Auf Ihr Ehrenwort, Wolf?“ „Gott möge mich ſtrafen, wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit geſagt habe,“ rief der junge Mann feierlich. Das Fräulein holte tief und mühſam Athem und ließ ſich geduldig fortführen. So wie ſie verſchwunden war, entfernten ſich die Lauſcherinnen ebenfalls, eilten geräuſchlos in ihr Zimmer 2* und riegelten haſtig die Thür zu, als wären ſie einer Verfolgung entgangen. „Es iſt gut, daß wir Zeuginnen dieſes Auftrittes geweſen ſind,“ ſprach Elvire, und man hörte dem Tone ihrer Stimme die ſchmerzliche Herzensbewegung an. „Es wird uns leichter werden, Margareth in ihrem M Kummer zu unterſtützen, und ich bin jetzt Deiner Anſicht, mein kluges Trudchen, daß man Alles aufbieten muß, um den Grafen über den Zuſtand ihres Herzens auf⸗ zuklären.“ Gertrud ſaß ſprachlos da, mit tiefem Herzeleid an das zurückdenkend, was ſie belauſcht hatten. Sie fand gar nichts in ſich vor, was ihr Troſt und Ermuthigung hätte bieten können. Die Elaſticität ihrer Gedanken ſchien 1. gelähmt von dem Anblicke Margareth's, die ſie noch nie 9 ſo geſehen hatte, wie ſoeben. Bis jetzt war noch immer der Hauch eines Lächelns auf deren bleichen Wangen geweſen, bis jetzt hatte noch immer ein Anflug vom war⸗ men Leben in deren Augen gethront— nein, vor der Margareth, die ſie jetzt geſehen, da graute ihr, wie vor einer Leiche, die noch auf Erden umherwandelte. Das junge Mädchen kannte noch nicht die Macht der Selbſtbeherrſchung, wo der Schmerz ſich mit dem Lächeln ſchmückt und das zertretene Herz den lebendigen Geiſt herbeiruft, um die Wunden mit Schleiern zu bedecken. 3 — 29 Das junge Mädchen wußte noch nicht, daß der bitterſte Kummer keine Thränen hat und die entſetzlichſte Angſt keine Worte. Sie bekam einen Begriff davon, als ſie Margareth neben dem Junker Wolf ſtehen ſah, und es ſchauderte ihr vor einem Leben, das ſolche Qualen bieten konnte. Sie lachte nicht mehr— ſie ſang, ſie jubelte nicht mehr. Sie ſaß mehrere Stunden ernſt und traurig neben Elvire, und brachte endlich, als das Reſultat ihres un⸗ erquicklichen Nachdenkens, die unerhört weiſen Worte hervor: „Elvire, wozu mag uns der große Schöpfer aller Dinge wohl das Leben geſchenkt haben! Bloß deshalb, um uns erſt fröhlich, dann traurig zu ſehen? Das kann ich mir nicht denken und mit ſeiner Allgüte nicht zuſammen⸗ reimen. Margareth hat doch gewiß niemals ſo arg geſün⸗ digt, um ſo hart geſtraft zu werden, wozu ſendet der Gott im Himmel, den wir Vater nennen ſollen, ihr ſo tiefe Seelenſchmerzen?“ „Vielleicht um ſie ſpäterhin deſto glücklicher zu machen, liebe Kleine!“ entgegnete Elvire. Gertrud ſchaute hell auf und rief gleich getröſtet: „Ja ſo— da haſt Du Recht! Wenn es tüchtig ge⸗ ſtürmt hat, dann liebt man die laue Luft und einen Funken Sonnenlicht mehr, als eine ganze Woche voll Sonnenſchein hinter einander. Gott wird wohl klüger ſein, als ich, und ſeine Allgüte vernünftiger, als ich es jetzt begreifen kann. Aber— ich habe mir vorgenommen, niemals ſo unglücklich durch eigene Schuld zu werden, wie Margareth!“ ſchloß ſie muthig lächelnd. „Das iſt ein weiſer Entſchluß, mein Kind,“ ſprach Elvire ſeufzend.„Vielleicht hätteſt Du es nöthig in wich⸗ tigen Lebensangelegenheiten daran zurückzudenken, aber ich fürchte, daß dies nicht geſchehen wird.“ Gertrud ſprang mit beiden Füßen zugleich von der Fenſtereſtrade hinab, wo ſie Platz genommen hatte, und rief entrüſtet:„Du haſt eine erbärmliche Anſicht von meiner Klugheit! Wenn Du unter den erwähnten„wich⸗ tigen Angelegenheiten“ etwa meine Verheirathung ver⸗ ſtehſt, ſo wirſt Du einſt erſtaunen müſſen, mit welcher Umſicht ich dieſe Angelegenheit von allen Seiten be⸗ leuchte, ehe ich mich verlobe und vermähle. Ich werde mich ganz gewiß nicht ſo kopfüber in eine Leidenſchaft ſtürzen, daß ich, ſeliger Freude voll, in eine Heirath willige, wenn mein Bräutigam ſie befiehlt!— Ja, lache nur! Ich meine Deine Heirath, die ganz unverantwort⸗ lich leichtſinnig iſt. Wie lange kennſt Du denn den Mann, dem Du für's ganze Leben angehören willſt? Antworte nur gar nicht, denn Du willſt mir eben vorlügen, daß Du ſchon ſeit Jahresfriſt in brennender Liebe nach ihm — N —y einen Liebhaber fand ſie ihn beleidigend.„Geduldig war⸗ 31 ſchmachteteſt. Es iſt nicht war! Ein Mädchen kann gar keinen Mann eher lieben, als bis er ihr geſagt hat, daß er ſie lieben will! Es iſt Unſinn, baarer Unſinn, wenn Ihr behauptet, einen Mann zu lieben, der mit Euch ſpricht, der mit Euch lacht, mit Euch tanzt, und dabei ganz gemüthlich kommt und geht, monatelang, wie Herr Reinhard Bünau von Rittberg gethan hat. Wenn nun Dein heißgeliebter Reinhard nicht endlich gekommen wäre und hätte geſagt, daß er Dich heirathen möchte: was hätteſt Du mit Deiner jahrelangen Liebe für ihn an⸗ gefangen? Jetzt antworte mir einmal deutlich und ver⸗ ſtändlich!“ ſchloß ſie ganz athemlos von ihrem eifrigen Spreechen, und ſtellte ſich herausfordernd vor ihrer Pflege⸗ ſchweſter auf. „Ich würde geduldig der Zeit gewartet haben, bis mein geliebter Freund ſeiner Liebe Worte zu geben für nöthig fand!“ Das junge Mädchen war ſprachlos vor Erſtaunen. Der Begriff„geduldig warten“ war überhaupt in ihrem Wörterbuche gar nicht verzeichnet, aber in Bezug auf ten auf eine Liebeserklärung? Stillſchweigend einem Manne das Recht auf den Beſitz ihrer Perſon einräu⸗ men, bevor er Luſt bezeigt hatte von dieſem Rechte Ge⸗ brauch zu machen? Nun, da hört doch Alles auf!“ 32 „Elvire, das iſt Dein Ernſt nicht!“ rief ſie end⸗ lich, empört von dieſem Gedanken, laut aus. „Mein heiligſter Ernſt!“ betheuerte die junge Braut mit zärtlicher Schwärmerei in ihren ſchönen Augen. „Und wenn Herr Reinhard niemals wieder gekom⸗ men wäre? Wenn er nur mit Deiner Neigung ruchloſes Spiel getrieben hätte?“ forſchte Gertrud. „Dann würde ich die Gefühle, welche er mir ein⸗ geflößt hatte, als mein heiligſtes Glück ſtill in mir ver⸗ ſchloſſen, und würde abermals ganz geduldig der Zeit geharret haben, bis ſie von allen ſchmerzlichen Erinnerun⸗ gen befreit geweſen wären!“ „Du hätteſt nie einen andern Mann geliebt?“ fragte Gertrud ſtürmiſch. „Das weiß ich nicht!“ erklärte Elvire ſanft errö⸗ thend und legte ihre Hand auf ihr etwas bange ſchlagen⸗ des Herz.„Hier lebte nur ſeit dem erſten Blicke auf Reinhard ein Wunſch und eine Sehnſucht! Wer kann nach beglückender Löſung einer Zukunftsfrage von Ver⸗ änderungen dieſes Wunſches und dieſer Sehnſucht Re⸗ chenſchaft geben!“ „Aber Du meinteſt doch, Margareth ſolle einen an⸗ dern Mann lieben lernen?“ warf Gertrud ſchnell ein. „Margareth's Gefühle ſind anderer Natur, als die meinen!“ 8½ 2— 33 „Pah— wieder Unſinn, baarer Unſinn! Liebe iſt Liebe!“ rief das junge Fräulein. „Auch Leidenſchaft iſt Liebe!“ flüſterte Elvire ſehr ſanft.„Aber die Liebe braucht nicht immer Leidenſchaft zu ſein.“ Gertrud ſchaute ſie wie verblüfft an. Dann über⸗ flog ein flammendes Roth ihr Geſicht, ein ſeltſames Po⸗ chen ihrer Adern machte ſie beſtürzt und ließ es wie war⸗ men Schwindel über ſie hinrieſeln. „Margareth's und Levin's Liebe iſt Leidenſchaft?“ fragte ſie mit kurzem Athem. „Ja! Und eben deshalb eine unbewußte Macht für Margareth und eben deshalb vergänglich!“ „Und Deine Liebe?“ „Iſt die hingebendſte Zärtlichkeit, mit vollem Be⸗ wußtſein, für den Mann, welchen ich liebe!“ Gertrud ſchlug die Augen nieder, als ſie leiſe ſagte: „Ich möchte an Margareth's Stelle ſein! Dies vulka⸗ niſche Gefühl, dieſe zauberhafte Ueberwältigung, dieſer willenloſe Wahnſinn—“ Elvire faßte erſchrocken ihren Arm. Wie kam das Kind zu ſolchen Ausdrücken? Das Mädchen ſchrak zu⸗ ſammen bei der harten Berührung, ſah in die Höhe und fuhr ohne Unterbrechung fort:„Es iſt etwas Unirdiſches in Margareth's und Levin's Liebe, trotzdem Du ſie Lei⸗ denſchaft nennſt— die Feſſeln, welche ſie umwinden, ſind Gluth—“ „Gertrud, komm' doch zu Dir,“ bat Elvire ängſt⸗ lich über dieſe Stimmung, die ſie unbedachtſam hervor⸗ gerufen hatte Das junge Mädchen hörte nicht auf ſie, ſondern ſprach weiter:„Ihre Gedanken müſſen ſich ſtets begeg⸗ nen, ihre Seelen müſſen zuſammen fühlen; jeder Blick von Levin gehört ihr, jeder Pulsſchlag, jeder Athemzug iſt mit ihrem Ramen erfüllt; das iſt ein Gift für Beide, aber ein ſüßes Gift— das iſt ein Glück, welches ver⸗ gänglicher ſein ſoll, aber welch' ein himmelvolles Glück! Margareth hat jetzt Leiden zu ertragen, aber wenn ſie zurückdenkt, muß ſie ſelig ſein! Elvire, den Beiden muß geholfen werden!“ ſchloß ſie mit energiſchem Tone. Elvire ſchüttelte traurig den Kopf:„Und wenn dies ſüße Gift ſchon verflogen iſt, wenn dies himmelvolle Glück ſchon keinen Reiz der Erinnerung mehr bietet?“ fragte ſie. „Ja dann— ja dann!“ entgegnete Gertrud mit Reſignation ihre Hände faltend. Zmeites Capitel. Der Abend hatte ſich während der Zeit langſam auf die Fluren geſchlichen, und die Stunde nahte heran, wo die Familienconferenz vorläufig von Rittberg anberaumt war. Der Schloßherr war von der Pfarre zurückgekommen, hatte eine Unterredung mit dem Junker Wolf gehabt, und ſendete dann den Kammerdiener mit der Meldung zu ſeinen Gäſten:„Punkt ſieben Uhr im Ahnenſaale zu er⸗ ſcheinen.“ Dieſer Ahnenſaal war keineswegs ein großes, pracht⸗ volles Gemach, ſondern ein ſchmales, langes und hohes Zimmer von unerquicklichem Ausſehen. Er ſchloß ſich un⸗ mittelbar an die Halle und bildete ſo zu ſagen den Hin⸗ tergrund derſelben. Einige ellenbreite und dabei fünf Fuß hohe Fenſtern in dicken Mauern verbreiteten ſo wenig Tageslicht in dieſem Zimmer, daß ſelbſt am hellen Tage die Kronleuchter angezündet wurden, wenn bei ſeierli⸗ cher Gelegenheit dort Zuſammenkünfte gehalten werden ſollten. Dieſe Kronleuchter waren das Einzige, was die moderne Zeit in den uralten Saal eingeſchmuggelt hatte, ſonſt zeigte ſich der ganze Raum noch in derſelben Ver⸗ faſſung, wie ihn die Voreltern des Herrn Reinhard von Rittberg hinterlaſſen hatten. Braungetäfelte Wände mit zahlloſen Ahnenbildern bedeckt, die durch ihre Trachten Zeugniß von lange vergeſſenen Jahrhunderten gaben, hochlehnige, mit Goldzierrathen geſchmückte Seſſel um einen ſchmalen, aber koloſſalen Tiſch und zwei Kamine an der nördlichen und ſüdlichen Seite des Saales, mit Ra⸗ ritäten aus alten Zeiten und aus aller Herren Länder be⸗ ſetzt, ſo ungefähr war der Ahnenſaal beſchaffen, und man mußte zugeben, daß er mit einem Gerichtslokale die größte Aehnlichkeit hatte. An dem Abende, wo Fräulein von Uslar mit Fräu⸗ lein Gertrud von Spärkan unter der auszeichnenden Geleitſchaft des ehrwürdigen Kammerdieners den Weg zu dieſem Ahnenſaale antraten, hatte er durch eine zahlloſe Menge von Wachskerzen ein etwas weniger unangenehmes Anſehen erhalten, ohne aber von ſeiner Feierlichkeit ein⸗ gebüßt zu haben. Der erſte Blick in denſelben entlockte der heldenmüthigen Gertrud einen leichten Schreckensruf, während er Elvirens Herz mit frommer Ehrfurcht erfüllte. Die jungen Damen fanden den Oberſt mit ſeiner Gattin, den Ortspfarrer und den Junker Wolf ſchon vor, 37 und nachdem ſie unter ceremoniellen Begrüßungen einen Platz am untern Tafelende angewieſen erhalten hatten, öffnete ſich abermals die hohe Flügelthüre, und man ſah gleichzeitig Frau von Wallbott am Arme ihres Neffen und Fräulein Margareth dicht hinter ihnen, vom Kammer⸗ diener gefolgt, erſcheinen. Der Letztere ſchloß die Thür und blieb als Ehren⸗ wache davor ſtehen. Herr Reinhard Bünau von Rittberg führte Frau von Wallbott geraden Weges zu dem Mittelplatze der Tafel, bat ſie zwiſchen dem Paſtor und dem Oberſten Platz zu nehmen, ergriff dann die Hand ſeiner Braut und geleitete ſie zu der Stelle ihnen gegenüber, wo er ſich mit ihr niederließ. Junker Wolf ſetzte ſich neben Frau von Pröhl, und die beiden Fräulein Margareth und Ger⸗ trud bildeten oben und unten die Spitzen. Es lag auf allen Geſichtern der Widerſchein einer leiſen Trauer und nur Frau von Wallbott's Mienen zeig⸗ ten eine große Spannung. Gertrud, nachdem ſie den erſten Graus überwunden und das Mitleiden für Margareth etwas bekämpft hatte, fühlte ſich von der gravitätiſchen Scene zur Lachluſt gereizt, und ſie ließ bisweilen ganz furchtlos ein kleines Lächeln um ihre Mundwinkeln ſpielen, wenn ſie daran dachte, wie viel ſie zu derſelben beigetragen hatte. Margareth's Geſicht war wiederum mit der Maske ſtrenger Selbſtverläugnung bedeckt, und wenn man nicht Gelegenheit gehabt hatte, dahinter zu ſchauen, ſo konnte man ſich verſucht fühlen, ihre Apathie für Wahrheit des Gefühles zu halten. Elvire ſaß mit ſo ſtark pochendem Herzen an der Seite ihres künftigen Gatten, daß ſie fürch⸗ tete, ihr Gegenüber möchte dieſe gewaltſame Bewegung ihres Lebensnerves ſehen können. Der Frau von Pröhl bangte ein klein wenig vor der Entwicklung des vorbereiteten Auftrittes, da ſie aber mit Frau von Wallbott nicht Aug' in Aug' ſaß, ſo fand ſie in ſich nach und nach die Requiſiten zu ihrer Rolle. Der Oberſt wußte zu wenig von dem Vorhaben der betheiligten Perſonen, als daß er ſich hätte aus der gewöhnlichen harm⸗ loſen Laune bringen laſſen können, und hätte er Alles ge⸗ wußt, ſo war die Geſchichte nicht darnach angethan, um ihm Kummer zu bereiten. Von ihm war weder Wider⸗ ſpruch noch Eigenwillen zu erwarten, ſein Urtheil ſteckte in dem feſt ausgeſprochenen Willen ſeiner Frau Gemahlin, und da er bis dahin glücklich in dieſem Gemüths⸗ und Seelenzuſtande gelebt hatte, ſo war gar kein Einſpruch von ihm zu fürchten. Junker Wolf und der Paſtor waren eingeweiht und ſtanden als Hilfstruppen bereit, wenn ſich ein Kampf der Anſichten entſpinnen ſollte. Frrau von Wallbott ahnte durchaus nichts von der — 39 Intrigue, womit man ihr die Macht über Margareth entreißen wollte. Sie ſaß erhaben da und der Abglanz ihres Briefes an Voltaire thronte noch auf ihren Zügen. Ihre Haltung zeigte die Luſt, mit gebieteriſcher Majeſtät das geltend zu machen, was ſie als Aelteſte des Hauſes Rittberg beanſpruchen konnte, aber ihr Blick ſtreifte mit vollkommener Huld und Herablaſſung die Geſichter ſämmt⸗ licher Anweſendeu, indem ſie ſich heimlich zu einem Vor⸗ trage präparirte. Ihr Neffe ſtörte ſie in dieſer Vorbereitung, indem er nochmals aufſtand, ſich gegen die Verſammelten leicht verneigte und um die Erlaubniß bat, ihre Aufmerkſamkeit auf einige Minuten in Anſpruch zu nehmen. Ueber das Geſicht der Frau von Wallbott flammte ein leichtes Roth. Es war in den Annalen dieſes Hauſes ein unerhörter Fall, daß der junge Neffe vor einer anweſenden Tante, der Schweſter eines Stammherrn, das Wort nehmen wollte. Der erſte flammende Schein ihrer Mißbilligung ſollte ſich aber im Laufe der Verhandlung gewaltig ſteigern. Reinhard von Rittberg begann dann mit klarer, feſter Stimme: „Die Ereigniſſe der letzten vier und zwanzig Stun⸗ den, welche dieſe Conferenz nöthig machten, gingen bereits durch vertrauliche Mittheilungen in unſerm Kreiſe von Mund zu Mund, ſo daß eine ſpecielle Darlegung der⸗ ——— ſelben nicht nothwendig erſcheint. Dieſe Ereigniſſe haben mich beſtimmt, meine theuere Braut Elvire von Uslar zu bitten, den Tag unſerer Verbindung zu beſchleunigen und unſerm glücklichen Bunde an demſelben Tage den Segen der Kirche verleihen zu laſſen, der zu einem andern Zwecke vorbereitet war. Meine geliebte Braut hat meinen Bitten Gehör gegeben, mich aber natürlich mit denſelben an ihre Pflegeeltern verwieſen, denen eine weitere Beſtim⸗ mung zukommt. Nachdem ich nun vorausſichtlich mit mei⸗ nem würdigen Seelſorger Rückſprache genommen, ſeine Billigung meines Vorhabens eingeholt habe und von ihm dahin beſchieden bin, daß er die Verantwortung der nö⸗ thigen kirchlichen Schritte übernehmen wolle, ſo richte ich nun im Beiſein der jetzt im Schloſſe verweilenden Anver⸗ wandten vertrauensvoll meine Bitte an den Herrn Oberſt von Pröhl und ſeine Frau Gemahlin um ihren Segen zu unſerm Vorhaben. Die Verhältniſſe geſtatten freilich keine Ueberlegung, aber ſollten ſich Scrupel in dem Herzen meiner verehrten Verwandten regen, ſo wird eine ruhige Beſprechung hinreichen, eine freundliche Uebereinſtimmung herbeizuführen. Ich frage alſo Sie, die geliebte Pflege⸗ mutter meiner Elvire, werden Sie anſtehen, mir Ihre Erlaubniß zu der beabſichtigten Trauung zu geben?“ Man hätte ein Sandkorn niederfallen hören können, ſo ſtill war es nach dieſer directen Frage. Frau von Wall⸗ 41 bott hatte ihre Augen halb geſchloſſen, aber ihre Ohren gewiß um ſo ſchärfer geöffnet. Es war wahrhaftig un⸗ erhört, daß ihr Neffe Entſchlüße gefaßt hatte, ohne ſie zu Rathe zu ziehen. Ihr Blut drang heftiger zu ihren Wangen hinauf und färbte ſie ſtärker. Frau von Pröhl ließ klugerweiſe eine geraume Zeit verſtreichen, ehe ſie gefaßt und mit ruhiger Würde ent⸗ gegnete: daß ſie einſehe, wie bei den vorliegenden Ver⸗ hältniſſen die gewöhnlichen Convenienzgeſetze nicht be⸗ rückſichtigt werden dürften, daß ſie aber wohl das Recht haben würde, Bedingungen bei einer Erlaubniß zu ſtel⸗ len, die ſie in den Augen der Uslar'ſchen Familie verant⸗ wortlich für den Ruf ihrer Pflegetochter machte. Es ſei aber vor allen andern Dingen nothwendig, ihren Gatten, den Oberſt von Pröhl zu befragen, da er als Blutsver⸗ wandter des Fräuleins die erſte Stimme habe. Als Frau von Pröhl ſchwieg, richteten ſich begreif⸗ licherweiſe Aller Blicke auf den Oberſten, der in der un⸗ glücklichſten Lage ſeines Lebens ſich befand, wenn er An⸗ geſichts gelehrter Damen eine Rede halten ſollte. Fräulein Gertrud, ſehr vertraut mit ſeinen Eigenthümlichkeiten, bückte ſich, innerlich beluſtigt, ſo weit wie möglich vor, um ihm ſchelmiſch in's Auge zu ſehen. Dabei begegnete ihr der verrätheriſch finſtere Blick der Dame Wallbott, und ſie zog ſich erſchreckt zurück. . 1860. XIII. Gertrud. II. 3 42 Während dieſer ganz kurzen ſtummen Scene hatte ſich der Oberſt erſt verzweiflungsvoll hinter das rechte Ohr gegriffen, nahm dann daſſelbe Manöver mit dem linken Ohre vor, und rief ſehr laut, um ſich ſelbſt Reſpect einzuflößen:„Himmel⸗Kreuz⸗Millionen⸗Mord⸗Element— was ſollte ich wohl gegen dieſe Trauung einzuwenden ha⸗ ben, wenn Elvire will, wenn der Bräutigam will und wenn meine gute Frau will!“ „Gut geſprochen, Papa Pröhl,“ dachte Gertrud, ihren kleinen Fächer in lebhafteſter Freude immer auf und znuklappernd und der ſich nun entwickelnden Komödie mit ungetheilter Luſt und Schadenfreude folgend. „Durch dieſen Ausſpruch meines Mannes fällt alſo mir ganz allein die Entſcheidung, aber auch die Verant⸗ wortung eines Schrittes zu, der ungewöhnlich und gewagt iſt,“ erwiderte Frau von Pröhl mit ausgezeichneter Ruhe und Gelaſſenheit.„Erwägen wir die Nachreden, die meiner Entſchließung folgen können, ſo muß ich dafür ſorgen, daß der Kreis meiner Bekannten ohne große Klugheit und ohne indiscrete Nachforſchung ſogleich auf den rich⸗ tigen Grund derſelben verfällt. Dazu iſt nöthig, daß Mar⸗ gareth für eine längere Zeit ihren Aufenthalt in meinem Hauſe nimmt, und dies iſt die einzige Bedingung, wovon ich meinen Entſchluß abhängig mache.“ Als hätte ein Scorpion ſie geſtochen, ſo fuhr Frau 43* von Wallbott bei der völlig unerwarteten Wendung auf, und als hätte ein Sonnenſtrahl göttlicher Gnade ſie be⸗ rührt, ſo verklärte ſich das Antlitz des ſchönen bleichen Fräuleins von Rittberg. Beide aber ſaßen wie ein Paar Bildſäulen, nachdem die erſte Ueberraſchung bekämpft war. „Ich erkenne hier wieder, wie immer, die echt weib⸗ liche Umſicht meiner Freundin,“ entgegnete Rittberg mit freudig erhobener Stimme,„und ich gebe für meine Per⸗ ſon dieſem Vorſchlage meine unbedingteſte Billigung. Margareth kann eine Veränderung ihres Aufenthaltsortes nur wünſchen, und ſie wird in Ihrem Hauſe die rich Gemüthstemperatur finden, um daſſelbe als ein Aſyl Friedens betrachten zu lernen.“ „Mein Herr Neffe erlaubt mir jetzt auch wohl ein Wort,“ unterbrach ihn Frau von Wallbott, mit Groß⸗ artigkeit ihren zornſprühenden Blick rundum ſendend.„Es iſt Deine Sache, über die Schritte zu entſcheiden, die Dich in eine Fehde mit den Sitten der Wohlanſtändigkeit verwickeln werden; es iſt die Sache der Frau von Pröhl, den Bitten ihrer Pflegetochter zu willfahren: es iſt aber meine Sache, das Recht der Schweſter Deines Vaters, den künftigen Aufenthalt meiner unmündigen Nichte zu beſtimmen. Ich fordere deshalb hiermit meine Nichte auf, ſich von dieſem Momente an als unter dem Schutze ihrer leiblichen Tante ſtehend zu betrachten und 3* — heißungsvoll anſchaute, vernichtete jeden andern Gedan⸗ der Frau von Pröhl einfach zu erklären, daß ſie nicht ge⸗ willigt ſei, ihr in das Haus des Obexſt von Pröhl zu folgen, ſondern ſich der Ordnung gemäß, der Dispoſition ihrer leiblichen Tante zu geſtellen./.. Athemloſes Schweigen folgte der klug angelegten Einſprache. Junker Wolf wechſelte ſtark die Farbe und ſein ſprechendes Auge hing ſich mit beſchwörender Gewalt an Margareth's Blick. Gertrud wechſelte ebenfalls ſtark die Farbe, ballte unter dem Tiſche beide Hände zuſam⸗ Margareth war ſich ganz ſelbſt überlaſſen! Sie ſah f ihre Tante, und ein Todesſchatten deckte den Glanz ihres Auges. Sie ſah auf den Oberſt, und die gutmüthige Zuverſicht im Ausdrucke ſeiner Züge kräftigte ſie einiger⸗ maßen. Sie ſah auf den Paſtor, und ſein heller lichät der Blick gab ihr die nöthige Faſſung. Sie ſah auf Frau und ſtarrte zitternd vor Angſt vor ſich nieder. von Pröhl, und die feſte Entſchiedenheit in ihren Mienen lockte einen Entſchluß hervor. Sie ſah auf Elviren und ihren Bruder, und die Spannung, welche deren Wangen bleich erſcheinen ließ, erhob ihren Muth. Sie ſah auf den Junker, und die Macht ſeines Auges zauberte ver⸗ lockende Bilder hervor. Sie ſah auf Gertrud, die in dieſem Augenblicke emporblickte, und der Ausdruck der himmliſchen Fröhlichkeit, womit das Mädchen ſie ver⸗ 45 4 ken. Ihre Stimme ertönte klar und glockenhell, beſtimmt, von innerer Kraft beſeelt und ſehr energiſch, als ſie lang⸗ ſam antwortete:. „Frau von Pröhl hat mir in ihrer Entſcheidung den Weg vorgezeichnet, den ich einzuſchlagen habe. Ich füge mich der Nothwendigkeit und beſtimme das nächſt⸗ folgende Jahr, von heute an gerechnet bis zum ſelben Tage im Jahre 1756 zu meinem Aufenthalte, ohne irgend eine Abänderung, ſei es eine nöthige oder ſelbſt eine erwünſchte für mich, in der Familie des Oberſt Pröhl. Von dem Tage an, wo dieſe Verpflichtung end ſtehe ich den Befehlen meiner hochverehrten Tante z Gebote!“ Ein lauter Freudenſchrei aus Gertrud's wildbeweg⸗ ter Bruſt ſchloß ſich unmittelbar an ihre Rede an, und darauf folgte einer jener verwirrten Momente, wo ſich die Spannung der Sinne löſet und ſich die Freude in tu⸗ multuariſchen Bewegungen zeigt. Dabei blieb Alles in der gehörigen Haltung, nur Gertrud breitete ihre Hände einen Augenblick nach Margareth aus, küßte ihre eigenen Fingerſpitzen, warf ihr dieſe Küße zu und legte dann ihre Hände feſt gefaltet auf ihr übermüthig ſchlagen⸗ des Herz. Gleich darauf war Alles wieder mäuschenſtill und Rittberg ſprach mit tiefbewegtem Tone: — „Du haſt das Rechte erwählt, meine Margareth! Gehe hin in Frieden, und wenn Dein Herz nach Jahres⸗ friſt ruhig genug geworden iſt, um hier in den Räumen, die Dir ſchmerzliche Erinnerungen bieten, leben zu kön⸗ nen, ſo weißt Du, daß Deine richtige Heimath am Her⸗ zen Deines Bruders iſt!“ Er ſtand auf und erklärte hiermit die Familien⸗ ſitzung für unwiderruflich geſchloſſen und aufgehoben. Frau von Wallbott ſaß regungslos. Das war die laubte zu träumen, daß ſie das hatte erleben müſſen. ie war klug genug, um einzuſehen, daß ſie ſich gar nicht beleidigt fühlen konnte, weil man ihr weder in ihren Plänen entgegengetreten war, noch ſich den Anord⸗ nungen entgegengeſtellt hatte, die ſie heimlich entworfen hatte. Es wußte ja Niemand, was ſie beabſichtigte! Daß ſich Margareth einer Nothwendigkeit fügte, konnte ſie doch nicht beleidigen? Daß Margareth es als eine Noth⸗ wendigkeit erachtete, ihren Aufenthalt bei Pröhl's zu neh⸗ men, nachdem ihr klar dargethan war, wie nöthig dieſe Maßregel für den Ruf Elvirens wurde, das konnte ſie eben ſo wenig beleidigen. Sie ſaß alſo regungslos und begrub alle Hoffnungen für die nächſte Zeit. Dabei aber erbleichte der flammende Schein des aufgeregten Blutes keineswegs auf ihrer Wange, aber zwei kriſtallhelle (uan Niederlage, die ſie jemals erlitten, und ſie — 47 Tropfen löſeten ſich von ihren geſenkten Wimpern und ſchlichen leiſe und langſam über das ſtark gefärbte, zor⸗ nige Gluth verrathende Geſicht. Es ſah wohl Niemand dieſe Thränen eines ſeltſam bewegten Herzens? Doch! doch! Gertrud ſah ſie! Ihr triumphirender Blick ſuchte ja natürlich die gedemüthigte ſtolze Feindin. Ihr trium⸗ phirender Blick veränderte ſich und wurde ernſt. Dann wurde er beſtürzt, dann mitleidig, dann zärtlich! Als ſich Alles erhoben hatte und achtlos gegen die Dame, welche man im Grunde liebte und achtete, zuſammen trat, um Allerlei zu beſprechen, da ſchlich ſich das Fräulein den hochlehnigen ſchweren Seſſeln entlang, da näherte ſie ſich dem Stuhle der Frau von Wallbott, die ganz allein ſitzen geblieben war, da ſenkte ſie ſich neben ihrem Seſſel auf ihr Knie und ſah mit zärtlicher Demuth in ihre Au⸗ gen. Frau von Wallbott lächelte ganz wenig und ſtrich über ihr Geſicht.. „Was willſt Du, Kleine?“ fragte ſie ruhig. „Sie um Vergebung bitten!“ flüſterte Gertrud ziemlich unbeſonnen. „Du? Um Vergebung?“ wiederholte die Dame tief Athem ſchöpfend.„Du haſt mich gewiß am wenig⸗ ſten beleidigt, wenn wirklich eine Kränkung meiner Rechte hier vorgefallen ſein ſollte!“ Gertrud kam durch dieſe Worte zur Beſinnung. Sie —½-1= 48 war im Begriff geweſen das ganze Gebäude wieder ein⸗ zureißen, was mit ihrer Hilfe gebaut worden war. Sie ſtotterte einige unzuſammenhängende Worte, die von Frau von Wallbott gütig ignorirt wurden. Darauf wurde ſie aber wieder muthiger und ſagte: „Meine Freude über Margareth's Entſchluß ent⸗ hielt ja eine Beleidigung für Sie, gnädige Frau, und ich werde nicht eher beruhigt aufſtehen, als bis Sie mir ſagen, daß Sie mir Alles vergeben.“ „ Ja, Alles, Du närriſches Kind!“ lächelte huld⸗ voll die Dame.„Sollte man doch meinen, Du trägeſt die ganze Schuld.“ „Wer weiß, gnädige Frau! Vergeben Sie mir immerhin dieſe Schuld, wenn Sie es auch lächerlich fin⸗ den,“ ſcherzte das Mädchen gewagt, als die Dame wirk⸗ lich lachte. „Es ſei Dir Alles verziehen,“ meinte ſie dabei ſorglos.„Du wirſt alſo für jetzt Margareth's Pflege⸗ ſchweſter?“ Gerrtrud machte eine ernſthafte Miene.„Mein Schützling wird Margareth, gnädige Frau!“ „Bewahre nur Deinen„Schützling“, damit nicht neue Leiden das arme Mädchen heimſuchen,“ warf Frau von Wallbott hin. 1 49 „Ja, ich werde ſie vor dem Baron Alexander be⸗ wahren!“ erklärte das Fräulein ruhig. Frau von Wallbott ſtutzte. „Meinſt Du, der Baron beeinträchtige Marga⸗ reth's Frieden?“ forſchte ſie, Gleichgültigkeit heuchelnd, aber mit mehr Aufmerkſamkeit, als früher, das Mienen⸗ ſpiel der jungen Dame beachtend. „Für jetzt gewiß! Nachher nicht mehr!“ antwortete Gertrud ausweichend. „Baron Alexander wird aber unglücklich werden, wenn Du Dich bei ganz wahrſcheinlichen Begegnungen, da er in Dresden verweilt, ſeinen Beſtrebungen ent⸗ gegenſtellſt?“ 3„Der— unglücklich?“ „Ganz gewiß, mein liebes Kind.“ „Glauben Sie es nicht, gnädige Frau,“ betheuerte Gertrud naiv.„Den Baron wollte ich bald tröſtenl!! Frau von Wallbott lächelte.„Du ſcheinſt gewaltig viel Selbſtvertrauen zu haben!“ „Jedes Mädchen muß viel Selbſtvertrauen hab ſonſt macht ſie ſich unglücklich!“ „Wenn die gehörige Bildung des Geiſtes dabet obwaltet, gebe ich Dir Recht!“ „Bildung des Geiſtes thut gar nichts zur Sache, liebe gnädige Frau. Das Herz auf dem rechten Flecke, den Kopf auf dem rechten Flecke, dazu Selbſtvertrauen und guter Wille— da— da haben Sie einen Menſchen, wie er ſein muß!“ Frau von Wallbott, ganz froh ſich von ihren un⸗ angenehmen Gedanken abgezogen zu finden, fragte be⸗ luſtigt:„Du hälſt Dich doch ganz gewiß für ein Men⸗ ſchenkind, wie es ſein muß?“ „Noch nicht ganz,“ rief das Fräulein zu ihr empor⸗ ſehend.„Mir fehlt nämlich der gute Wille gerade dann, wenn ich ihn am nöthigſten gebrauche.“ „Sonſt aber biſt Du zufrieden mit Dir?“ „Sehr zufrieden! Ganz außerordentlich zufrieden!“ rief Gertrud mit ſchalkhaft blitzenden Augen.„Und ich habe das Recht zufrieden mit mir zu ſein, denn der Profeſſor hat mir einen Conduitenzettel ausgeſtellt— darauf kann ich in dem Himmel Einlaß begehren!“ Die Dame ſah ſinnend auf ſie nieder. Ihr Urtheil über Gertrud erlitt eine weſentliche Abänderung. Sie hatte geglaubt, ein vorlautes, etwas kindiſches Dämchen vor ſich zu ſehen, und ſie fand einen bedeutenden Vorrath von Schlauheit vor, die ſich hinter dem Schirme von Naivität verborgen hielt. Sie erhob ſich langſam und zog Gertrud aus ihrer knieenden Stellung empor, indem ſie bedeutungsvoll ſagte: „Ich will Dir zwar die Freude und den Stolz über Gel⸗ 51 lert's Conduitenzettel nicht verderben, meine gute Ger⸗ trud, allein thu' mir den Gefallen und ſchreibe unter demſelben die Worte, welche ich als mein Urtheil über Dich geben will.“ Gertrud fühlte ſich durchſchaut mit ihren kleinen Coquetterien, ihr Auge ſenkte ſich vor dem ernſten Auge der Frau von Wallbott und ein banges Sorgen lähmte ihren Scherz. Was würde ſie hören müſſen von der klugen Frau? „In Dir ſchlummern alle Fehler und alle Tugen⸗ den des weiblichen Geſchlechtes, und es iſt ſehr fraglich, ob Du hinlängliche Kraft haben wirſt, die Tugenden zur Uebermacht zu bringen!“ Sie wendete ſich ab und überließ das Mädchen ihren Gedanken, die nicht ganz freundlich waren. Von dieſer 4 Minute an bekümmerte ſich Frau von Wallbott nicht mehr um Gertrud von Spärkan, ſie ſchenkte ihr weder— ein Wort, noch einen Blick. Ob ſie errathen hatte, was für Anlage zur Intrigue das Fräüulein in ſich trug, ob von ihr erkundſchaftet worden war, welche Rolle der Profeſſor und Gertrud zuſammengeſpielt?— So viel war gewiß, daß ſie das junge Mädchen nicht liebte. Gertrud von Spärkan war aber nicht die Perſon, die ſich ungerecht verurtheilen ließ. Was ſie als recht erkannte, das nähm ſie ſich ſchweigend ad notam, aber 52 das verächtliche Ueberſehen der Frau von Wallbott ver⸗ diente ſie nach ihrer Meinung nicht. Zwiſchen dieſen beiden Mächten entſpann ſich deshalb ein ſonderbarer Kampf, der nicht immer zu des jungen Mädchens Befrie⸗ digung ausfiel. Sie hätte ſich bisweilen gern mit heißen Thränen vor der Dame niedergeworfen und alle böſen Gefühle abgeſchworen, aber dahin konnte ſie bei ihr nie wieder kommen. Mächtige Schranken ſchieden ſie. Bitte⸗ rer Groll von der einen Seite und böſes Gewiſſen von der andern. Den größten Vortheil davon hatte Marga⸗ reth, die von ihrer Tante mit keinem Worte behelligt wurde. Von der Vergangenheit kam nicht die kleinſte Andeutung vor, und der Zukunft gedachte man mit der abgeſchloſſenen Ruhe, die feſte Verträge mit ſich führen. — Die Hochzeit ging vorüber. Nahe und ferne Gäſte waren dazu gekommen, hatten mit Verwunderung ein an⸗ deres Brautpaar vorgefunden, als den Grafen Levin und Fräulein Margareth, waren aber discret genug, ſich mit den Erklärungen, die ihnen insgeheim gemacht wurden, zufrieden zu geben. Es war eine ruhige, ceremonielle Hochzeit, wo es unendlich viel zu eſſen und noch unend⸗ lich mehr zu trinken gab. Der Bräutigam ſah überglück⸗ lich aus und die Braut außerordentlich hübſch. Daß Fräulein Margareth ſehr bleich war, fand man den Ver⸗ hältniſſen angemeſſen, und daß Junker Wolf nicht heiter 53 war, ebenfalls. Beides hinderte aber Niemanden ſich in Speiſe und Trank gütlich zu thun, deshalb verließen die meiſten Gäſte das Schloß ſehr vergnügt und meinten, daß es ihnen gleich ſein könne, ob der Schloßherr oder ſeine Schweſter Hochzeit gehalten hätte. Nach acht Tagen war die ganze ehrenwerthe Sippſchaft des Hauſes Ritt⸗ berg wieder abgezogen. Elvire ſchaltete als Hausfrau und Margareth rüſtete ſich zur Abreiſe. Frau von Wallbott zeigte ſich weder mürriſch, noch einſilbig. Sie war der Nerv der Geſellſchaft, und der Oberſt Pröhl holte in der Stille ſeine ſchönſten Kernflüche hervor, wenn er ſeiner Gattin betheuerte, daß Frau von Wallbott, trotz ihres öftern Lispelns die ausgezeichnetſte Dame ihres Jahrhunderts ſei. Endlich machte auch ſie Anſtalt zur Abreiſe, und dabei geſchah es, daß ſie ihrer Nichte mit warnendem Tone „Vorſicht gegen Gertrud empfahl, damit ſie nicht eine Schlange im Buſen ernähre!“ Margareth war ſo leichtſinnig, über die Warnung ihrer weiſen Tante zu lächeln, und dieſe nahm nur den einzigen Troſt mit ſich auf die Reiſe:„daß ein Jahr auch zu Ende gehen müſſe, wie Alles in der Welt.“ p Drittes Canitel. Bevor Margareth ihre Heimath verließ, machte ſich der Junker Wolf eines Tages wiederum auf den Weg nach Brettowroda, um perſönlich Nachrichten über den Aufenthalt ſeines Vetters einzuziehen. Bis dahin waren alle Nachforſchungen vergeblich geweſen. Graf Levin war und blieb verſchwunden. Außer dem Zeugniß des nicht allzuklugen Bauerburſchen, der ihn wollte auf einem Schimmel haben reiten ſehen, fehlte jeder Beweis ſeines Lebens. Von einer innern, raſtloſen Unruhe getrieben wagte Margareth es dennoch nicht, den Junker zu dem beſchwerlichen Ritte nach Brettowroda zu veranlaſſen, zumal der ſchöne Herbſtſonnenſchein verſchwunden war und einem ſtürmiſchen Regenwetter Platz gemacht hatte. Um ſo freudiger begrüßte ſie den Entſchluß des jungen theilnehmenden Mannes, den er ihr aus freien Stücken kund gab. 5⁵ Der Wind heulte und ſchnob in den weiten Kami⸗ nen mit wahrhaft raſender Gewalt, als Junker Wolf Anſtalt traf ſein Pferd zu beſteigen, und Gertrud von Spärkan kam vielleicht nicht von ungefähr auf den muthi⸗ gen Gedanken, in das Portal zu treten, als der Reit⸗ knecht mit dem Pferde auf dem Schloßhofe erſchien. Sie muſterte gedankenvoll den Himmel, an welchem die Wolken ſich jagten, verfolgte die ſchwarzen fliehenden Wolkenberge mit ihren Augen, und trat endlich ſchauernd vor Froſt eben zurück, als der Junker wohl eingehüllt und mit ziemlich wenig Zierlichkeit gekleidet durch die Halle geſchritten kam. „Sie ſehen aus wie ein Weihnachtsmann in Ihrem großen Regenmantel,“ ſcherzte ſie vor ihm ſtehen bleibend, und richtete die hellen Augen mit ſo beſonderm Ausdrucke auf ihn, daß dem armen Junker ganz warm um's Herz wurde. Er nahm ihre Hand und führte ſie eilig an ſeine Lippen, obwohl er ſchon Abſchied genommen, alſo dies keinesweges nöthig hatte. Hurtig zog das Mädchen die Hand zurück und floh in die Halle hinein. Dort wandte ſie den Kopf ein klein wenig, damit der Junker das helle Roth nicht ſehen ſollte, das ihre Wangen gleichſam überſtürzt hatte, und rief neckiſch:* „Kommen Sie nur gefälligſt nicht um in dem ſchlechten Wetter! Hüten Sie ſich, daß Sie nicht vom Winde in die Höhe gehoben werden, um auf einem Kirch⸗ thurme zu paradiren.“ 7 „Wer weiß, ob's nicht am Beſten wäre!“ ſeufzte Junker Wolf und knüpfte den Mantel dicht um ſich herum zu. Gertrud drehte ſich bei ſeinem kläglichen Tone ſchnell wieder um.„Nun, Junker Wolf, warum denn das?“ „Dann wäre ich erhaben über alle Erdenwünſche!“ rief er mit komiſchem Pathos, aber ſeine Bruſt hob ſich ein wenig höher, als ſonſt bei ſeinem Athemzuge. „Narrenspoſſen!“ perorirte das Fräulein wieder ein wenig näher tretend.„Erdenwünſche ſind ein präch⸗ tiges Mittel gegen die Langeweile!“ „Und doch gerade dazu geſchaffen, um den geduldig⸗ ſten Menſchen ungeduldig zu machen!“ „Gehören Sie zu dieſen Geduldigen?“ „Bis jetzt habe ich dazu gezählt!“ „Welche Wünſche machen Sie denn ungeduldig?“ fragte ſie nicht ganz ohne Koketterie zu ihm hin ſehend, aber ſich in gehöriger Entfernung von ihm haltend. Sie hatte aber nichts zu fürchten und ſie fühlte ſich ſehr ent⸗ täuſcht, als er antwortete: „Mein einziger Wunſch iſt der, die Stunde aus dem Weltenlaufe vertilgen zu können, wo heute vor vier 57 Wochen mein Vetter Levin auf den unglücklichen Gedan⸗ ken kam, Margareth überraſchen zu wollen!— Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein!“ Er ſalutirte ſchlau lächelnd mit der Reitgerte und ſchwang ſich ohne Zaudern in den Sattel. Gertrud preßte die Lippen zuſammen, nickte ſtumm und eilte in Margareth's Zimmer, mit der ſie jetzt dort zuſammen wohnte. Das Wetter tobte fort. Schneegeſtöber geſellte ſich zu den Regenſchauern und der Wind ſteigerte ſich bis bejaht wurde, lachte ſie übermüthig und wünſchte ſeh⸗ ſchadenfroh: es könne ihm nicht ſchaden, wenn er auch noch ein wenig vom Winde zerzauſet würde. Dann drückte ſie den Kopf feſt in die Kiſſen und ſchlief vortrefflich. Am andern Morgen war das Wetter wo möglich noch ſchlechter. Wenn auch der furchtbare Sturm etwas nachgelaſſen hatte, ſo machte ſich doch der Himmel das 1860. XIII. Gertrud. II. 4 4 58 Vergnügen und ſendete mit beharrlicher Entſchloſſenheit den ſchönſten Regen herab. Wiederum fragte Fräulein Gertrud: ob Marga⸗ reth erwarte, daß der Junker in dieſem Wetter zurück⸗ kommen werde. Margareth bejahte abermals die Frage. Darauf witzelte das Fräulein über die unerwünſchte Wäſche des Junkers, meinte aber, ihm könne ein gründliches Abſpü⸗ len von großem Vortheil ſein. Man beachtete ihre Ausfälle nicht, ging aber um deſto bereitwilliger auf ihre Vorſchläge ein, als ſie davon ſprach, des jungen Herrn Zimmer gehörig in Stand zu halten, damit er ſich trocknen könne. Von dem fortwährenden Regen veranlaßt brachte der Oberſt wieder ein Project zur Sprache, das durch die plötzlich eingetretene Verheirathung Elvirens erledigt worden war. Man hatte früher den Plan gehabt, auf der Rückreiſe einen Oheim dieſer jungen Dame, der eine Oberforſtmeiſterſtelle bekleidete, zu beſuchen. Natürlich fiel der Grund dieſes Beſuches jetzt fort, und man hatte ſich begnügt, dem Oberforſtmeiſter von Uslar die erfolgte Verbindung anzuzeigen, ohne weiter auf den Gegenſtand einzugehen. Jetzt kam der Oberſt auf die ſtattgehabte Verabre⸗ dung zurück und meinte: es ſei für die Damen ein Ruhe⸗ und ſchlechtem Wege hatten keinen Erfolg. Man erwähnte punkt. Ihre Reiſe zur Heimath werde durch die ſchlecht gewordenen Wege erſchwert, und man müſſe fürchten, Nachtquartiere in ſchlecht eingerichteten Gaſthöfen zu ma⸗ chen. Dagegen wäre das beſte Mittel, den kleinen Um⸗ weg, der ſie auf beſſer befahrenen Wegen immer von Stadt zu Stadt gelangen ließe, nicht zu ſcheuen. Frau von Pröhl machte keine Einwendungen. Die Reiſeroute wurde danach feſtgeſtellt und ein Reitknecht mit der Anmeldung ihres Beſuches nach dem Jagdſchloſſe geſendet, wo der Oberforſtmeiſter reſidirte. Während der Zeit war es Abend geworden. Eine finſtere, unerquickliche Nachtruhe lag auf den Fluren. Der Regen rauſchte gleichförmig hernieder, und Fräulein Ger⸗ trud lief alle Augenblicke zum Fenſter, um zu ſehen, ob es denn wirklich nicht aufhören wollte. Man konnte glau⸗ ben, daß dies vollſtändig abſichtslos geſchah. Aber in der Folge wurden ihre ungeduldigen Aeußerungen von einer gewiſſen Bedenklichkeit durchleuchtet. Sie ſtellte Vermuthungen auf, daß man bei ſolcher Finſterniß un⸗ möglich fahren oder reiten könne, und ſie fuhr bald darauf ſchreckhaft zuſammen, als ein ſcheuer Nachtvogel mit einigem Geräuſche die hellerleuchteten Fenſter mit ſeinen Flügeln ſtreifte. Alle ihre Reden von Finſterniß, ſchlechtem Wetter 4* 60 den Zunker Wolf gar nicht, der doch mit dieſen Unan⸗ nehmlichkeiten zu kämpfen hatte. Margareth war ſo herzlos, ganz in aller Seelenruhe mit dem Oberſt eine Partie Triktrak zu ſpielen, ohne an die Fatiguen zu den⸗ ken, denen der arme Junker ausgeſetzt war. Gertrud begann ſich über Margareth zu ärgern. Für wen hatte ſich denn Junker Wolf zu dieſer unangenehmen Reiſe entſchloſſen? Nur für Margareth! Um die letzten Mittel zu verſuchen, ſie zu beruhigen. Und Fräulein Margareth ſaß ſtill und lächelnd vor dem Tiſche, beobachtete aufmerkſam die Chancen des Spie⸗ les, und verrieth noch nicht einmal durch das Zucken einer Wimper eine Theilnahme für den, welcher ſich ihretwegen dem nächtlichen Graus und einer Lebens⸗ gefahr ausſetzte.— Gertrud raiſonnirte innerlich eben ganz gewaltig, als ein dumpfes Poltern über die Zugbrücke ihren Gedan⸗ kenflug ſtörte und ihr die Ueberzeugung verſchaffte, daß es Leute gab, die ſtill, ſanft lächelnd, aufmerkſam ſpielend und theilnahmlos ſcheinend eine Hölle voller Qual im Buſen verbergen konnten. Margareth fuhr mit der Hand nach dem Herzen, erbleichte wie eine Todte, ſchwankte und ſank mit dem einzigen Laute:„Endlich!“ wie ſterbend in ihrem Seſſel zuſammen. Gleich darauf ſtand ſie aber 61 raſch auf und ſchritt hinaus, um die Erſte zu ſein, die den Junker Wolf begrüßte. Man ſah ihr ernſt und ſchweigend nach. Elvire faltete mit feuchten Augen ihre Hände und lehnte ſich an ihren Gatten an, der ſie heftig umfing, als wolle er wenigſtens ſeines Glückes gewiß ſein. Margareth kam nicht wieder, wohl aber hatte ſich der Junker in kürzeſter Zeit ſeiner durchnäßten Kleider entledigt und trat bald wohlbehalten in's Zimmer. Sein Bericht klang troſtlos. Der Graf Levin war und blieb verſchwunden. Kein Lebenszeichen von ihm!— Man mußte nun auf das Aergſte gefaßt ſein!— Mit größerer Zärtlichkeit und mit glühender Hin⸗ gebung, als von dieſem Abende an, hat wohl niemals ein Menſch ſeinen Nebenmenſchen bewachen können, wie Gertrud von Spärkan die arme Margareth. Sie war ihr eine Abbitte ſchuldig, die ſie aber nicht laut werden laſſen durfte. Sie war ihr eine Huldigung ſchuldig, der ſie keine Worte geben durfte. Was war natürlicher, als daß ſich das junge Mädchen nun ſtill demüthig vor der weib⸗ lichen Seelengröße beugte, die im Stande war, klagelos ſich der Macht des Geſchickes zu unterwerfen. Was keine Belehrung bewirkt hätte, das gelang der ſtummen Bered⸗ ſamkeit eines echt weiblichen Betragens. Gertrud ſenkte 62 einen ſcheuen Blick in ihr Inneres und ſie ſchrieb an dieſem Abende mit etwas bebender Hand das Urtheil der Frau von Wallbott unter die Abſchiedsworte ihres ergebenen Freundes Chriſtian Fürchtegott Gellert. Dabei kam ſie zur Erkenntniß, daß Beider Urtheile eines Tages gleichſtimmig lauten könnten, wenn ſie ſtark genug ſei, dem Beiſpiele Margareth's nachzuahmen und die ſchlum⸗ mernden Knospen zartſinniger Weiblichkeit zu behüten und zu pflegen. Wie viel Mühe es ihr aber machen würde, ihren Soldatenmuth und ihre naive Koketterie zu bewäl⸗ tigen, das erkannte ſie damals noch nicht. Drei Tage ſpäter ſtand der Reiſewagen gepackt vor dem Portale, und Margareth lag, erſchöpft von ihren ewigen Erinnerungsſchmerzen Abſchied nehmend, am Her⸗ zen ihres Bruders. „Du wirſt ſchneller geneſen können in heiterer, fremder Umgebung, meine Schweſter,“ flüſterte er leiden⸗ ſchaftlich aufgeregt in ihr Ohr,„ſonſt ließe ich Dich nicht von mir!“ „Ich hoffe es!“ entgegnete ſie mit zitternden Lippen und hob ihr Auge flehend zum Himmel auf. Gertrud hatte dem Junker Wolf die Hand zum Abſchiede gereicht und ließ ſich ſo von ihm zum Wagen geleiten. Die Wolken am Himmel hatten ſich endlich 63 an dieſem Morgen zertheilt und einige ſcharfe Sonnen⸗ blicke, die blitähnlich kamen und verſchwanden, erweckten die Hoffnung auf verändertes Wetter. „Warum muß heute die Sonne ſcheinen,“ ſagte Gertrud kurz;„ſie konnte ſich dies Vergnügen vor einigen Tagen machen, wo ein gewiſſer unglücklicher Ritter die Fluren durchzog.“ Unwillkürlich umſchloß der Junker ihre weiche Hand etwas feſter, antwortete aber gar nichts, ſondern ver⸗ beugte ſich nochmals Abſchied nehmend. „Leben Sie wohl!“ flüſterte das Fräulein, entzog ihm die Hand jedoch nicht. 3 „Gott behüte Sie!“ erwiderte er mit einer Stim⸗ me, die keineswegs Gleichgiltigkeit verrieth.„Es iſt viel⸗ leicht ein Abſchied für's Leben, mein gnädiges Fräulein!“ Sie hob ſchnell den Blick zu ihm auf.„Warum ſollten wir uns nicht wiederſehen können?“ „Unſere Lebenswege ſcheiden ſich zu auffallend, um dies wahrſcheinlich zu machen!“ „Sprechen Sie doch vernünftig, Junker Wolf!“ fuhr Gertrud auf.„Sie werden doch Margareth be⸗ „Würden Sie dies wünſchen, mein gnädigſtes Fräulein?“ fragte Wolf bedeutſam. 64 Ihr ganzes Geſicht wurde von einem hellen Roth überflammt. Sie fühlte dies und gerieth in eine gelinde Verzweiflung, der ſie nur durch Geiſtesgegenwart zu ent⸗ fliehen hoffen konnte.„O freilich! freilich!“ rief ſie übermüthig und keck.„Aber eine Bedingung muß ich ſtel⸗ len: daß Sie es nie wieder verſuchen, wie in der er⸗ ſten Stunde unſerer Bekanntſchaft, mich mit Myrthen⸗ zweigen krönen zu wollen!“ „Dies Verſprechen leiſte ich, mein Fräulein!“ ſagte er ſehr ernſt.„Mein Ehrenwort darauf, daß ich nach dieſer Ehre nücht trachten werde!“ „Nur nicht allzufeierlich!“ ſcherzte Gertrud etwas befangen.„Sollten meine eigenen Wünſche nie dieſen Eid brechen können?“ „Nein! Ganz gewiß nicht, ſo lange Sie das reiche Fräulein Spärkan und ich der bedeutungsloſe Junker Wolf von Brettow bin. Ein Junker von Brettow kann arm ſein und es frohmüthig ertragen, er kann es wohl wagen mit Myrthenreiſern zu ſpielen, kann es auch wa⸗ gen ſein Herz auf's Spiel zu ſetzen, kann es auch wa⸗ gen ſein Herz zu jeder Entſagung zu zwingen, ohne zu ſterben— aber er kann ſeinen Stolz nicht bezwingen!“ „Das Alles kann Gertrud von Spärkan auch, wenn ſie ſonſt will, mein gnädigſter Herr!“ rief Ger⸗ trud mit funkelnden Augen und trat einen Schritt zu⸗ 65⁵5 rück, um ihn mit feſten Blicken zu muſtern.„Es iſt Schade, daß wir uns trennen müſſen! Ich glaube, wir paßten außerordentlich gut zuſammen, und es gäbe zwi⸗ ſchen uns eine echte und recht tüchtige Freundſchaft, wenn wir nahe beieinander blieben.“ Nach dieſen muth⸗ vollen Worten umflorte ſich ihr Blick, Thränen füllten ihr Auge, und ſie ſenkte es einen Moment, um ſich auf etwas zu beſinnen, womit ſie dieſe ganz ungehörig her⸗ vorquellenden Waſſertropfen beſchönigen konnte. „Könnten wir doch hoffen, Margareth und Graf Levin mit ähnlichen Kräften ausgeſtattet zu ſehen, nach⸗ dem ihr Lebensglück nun doch unwiederbringlich geſchei⸗ tert zu ſein ſcheint,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe, die Junker Wolf mit einem planloſen Anſtarren des wunderhübſch ausſehenden Mädchens verbracht hatte. „Das iſt nicht zu erwarten,“ entgegnete Wolf dumpf.„Dies Verhältniß iſt auch mit der leichten ober⸗ flächlichen Bekanntſchaft zwiſchen uns nicht zu ver⸗ gleichen!“ „Was denken Sie darüber?“ fragte das Fräulein haſtig, denn der Oberſt kam laut ſprechend durch die Halle und näherte ſich dem Portale.„Was hoffen Sie?“ „Entweder ſie finden ſich wieder, oder ſie ſind Beide verloren! Margareth erträgt dieſe Gemüthsſtimmung nicht lange ohne Schaden für ihre Geſundheit, und Levin 66 geht unter, wenn ſeine eiſenfeſte Natur nicht auch dar⸗ unter zuſammenbricht. Gott mag ſich ihrer erbarmen!“ Gertrud hob ihren Blick zum erſtenmale in ihrem Leben unter dem Einfluße einer wahrhaftigen Gottes⸗ verehrung zum Himmel empor und ſprach die Worte des jungen Mannes leiſe nach. Dann tauchte ihr ela⸗ ſtiſches Gemüth ſich wieder in das Element ihrer Natur und ſie rief faſt fröhlich:„Hoffen wir auf Gottes Güte und thun wir das Unſrige, um hier ein Glück zu retten. Alſo, Herr Junker, wir ſehen uns wieder! Hier— geben Sie mir Ihre Hand darauf— Sie kommen bald, recht bald,“ fügte ſie mit unbewußt zärtlichem Ausdrucke hinzu,„nach Wilsberg zum Papa Pröhl und ſehen zu, wie wir heimgekommen ſind!“ Junker Wolf küßte ihre Hand öfter, als eigentlich nöthig war, und ſie ſprang muthwillig, aber dennoch weinend in den Wagen, um dem traurigen Scheiden endlich aus dem Wege zu gehen. Der Wagen rollte fort. Rittberg hatte ſeine junge Gattin zärtlich in den Armen und tröſtete ſie, und Junker Wolf ſchlich ganz leiſe durch die Halle nach ſeinem Zimmer. „Wiederſehen,“ murmelte er hier ſich niederlaſſend mit einer muthloſen Schlaffheit, wie man ſie dem ſtraffen jungen Manne nie zugetraut haben würde.„Wiederſehen! Darauf können Sie warten, gnädiges Fräulein von Spär⸗ —— 67 kan. Ich werde nicht ſo unvernünftig ſein und mich die⸗ ſem feinen Feuer verführeriſcher Blicke ohne Noth aus⸗ ſetzen. Das reiche Fräulein Spärkan und der arme Jun⸗ ker Wolf paſſen keineswegs zuſammen, weder in Freund⸗ ſchaft, noch in Liebe. Der Junker Wolf iſt ein Maul⸗ wurf, der ſich kaum auf die Oberfläche der Erde wagt, und Fräulein Gertrud iſt ein goldglänzendes Vögelchen, das muthig zur Sonne aufſtrebt und ſehr dreiſt mit den Sonnenſtrahlen ſpielt, weil es ſich unverbrennbar glaubt. Ich komme ganz gewiß nicht„recht bald“ nach Wilsberg, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Wozu ſoll ſich ein Menſch Laſten auf die Bruſt laden, die er nicht tra⸗ gen kann, ohne ſeine Schwäche zu fühlen? Nein, Ger⸗ trud, Wolf von Brettow ſieht Dich mit ſeinem Willen nicht eher wieder, bis er das ſüße Gift des Lebens mit ſtoiſcher Verachtung zu betrachten im Stande iſt.— Ob das reizende Kind wohl ungeſtraft ſeine Pfeile verſendet hat?“ fragte er nach einer Weile höchſt unangenehmen Nachdenkens.„War Alles, was ſie that, nur kindiſche Spielerei, nur Einfall der Laune? Gewiß nichts Ande⸗ res,“ entſchied er mit aufquellender Bitterkeit,„und da ich ihr widerſtanden habe, ſo nahm ſie mich zuletzt noch mit dem ganz ausgeſpannten Netze ihrer koketten Huld gefangen. Fort mit uns auf die Jagd!“ rief er aufſprin⸗ gend.„Pfui! Was bedeutendern Weibern, was ſchönen, 68 reizenden Mädchen voll ſittſamer Grazie und ſanfter Miene nicht gelungen iſt, das ſoll dieſem jungen, über⸗ müthigen, leichtfertigen Fräulein Gertrud gelingen? Junker Wolſ's Herz iſt doch ſonſt vernünftig und kern⸗ geſund?“ Er hing die Jagdtaſche über, nahm die Büchſe von der Wand und pfiff leiſe und vorſichtig ſeinem Hunde, der auch ſogleich ſehr bereitwillig herbei ſprang.—„Ich mag mich jetzt nicht vor Rittberg ſehen laſſen,“ murmelte der junge Mann, als er horchend auf ſeiner Thürſchwelle ſtehen blieb.„Freund Reinhard ſah ſich ſeinen kreuzfide⸗ len Premierminiſter geſtern Abend ganz verteufelt ſchlau lächelnd an, und er könnte jetzt mehr noch als geſtern Abend in meinem Geſichte etwas entdecken, was an den Handkuß erinnerte, womit ich der kleinen Dame eigent⸗ lich mein ganzes übriges Leben geweiht habe. Wer braucht das aber zu wiſſen. Sie ſelbſt hat das nicht em⸗ pfunden und nicht eingeſehen, ſie wird jetzt prächtig la⸗ chen und reizende Geſichter machen.— Wozu ſoll ſich der Junker Wolf vor den Blicken anderer Menſchen beſchämt zurückziehen? Ein einzig Quentchen friſche Luft hilft alle ſchönen Kobolde vertreiben!“— Er ging eilig, als fürchte er verfolgt zu werden, durch die Halle, bog dicht am Hofe in einen ſchmalen Gang, der zu den Ställen führte, ein, und verlor ſich ſogleich in den Park, um von dort den 69 Wald gewinnen zu können. Beim erſten Schritte in das wüſte, meiſtentheils ſchon blätterloſe Dickicht blieb er ſte⸗ hen, füllte ſich die Bruſt voll reiner kühler Waldluft und ſah um ſich wie ein Träumender. Ob das Mittel gehol⸗ fen hatte? Es blieb zweifelhaft, denn nach einigen weni⸗ gen Minuten ſtillen Dahinwanderns flüſterte er innig vor ſich hin:„Warum muß heute die Sonne ſcheinen, frag⸗ teſt Du, liebes Kind? Deinetwegen! Deinetwegen! Fahr' wohl!“ Biertes Capitel. Junker Wolf irrte ſich jedoch in der Vorausſetzung, daß Gertrud ſogleich wieder prächtig lachen und reizende Geſichter machen könne. Sie ſaß ſtill und etwas blaß, der eben ſo ſtillen bleichen Margareth gegenüber, und hörte nur mit halbem Ohre auf die hübſchen Erzählungen des Oberſten, der ein ganz vortrefflicher Reiſegeſellſchafter war. In Gottes freier Natur, unbeengt von den unbe⸗ haglichen Feſſeln der hergebrachten Lebensart, ſeinem ei⸗ gentlichen Elemente wieder gegeben, wo er ſprechen durfte, wie ihm der Schnabel gewachſen war, wo er fluchen konnte, was ihm gerade paſſend erſchien, da entfaltete ſein Genius die Flügel und ſchuf ihn zu einem intereſſanten Erzähler und Berichterſtatter um. Der gute Mann kannte Alles, was man von Hörenſagen nur ken⸗ nen kann, aber nichts von dem, was jemals gedruckt er⸗ ſchienen war. Sein äußerſt treues Gedächtniß entfaltete 71 ſich, wie ein ſauber und verſtändlich geſchriebenes Buch, ſo wie er der„Hofluft“ entronnen, keine Urſache mehr hatte, ſich vor gelehrten Leuten zu fürchten. Die einzige Ausnahme machte er mit Gellert, dem er perſönlich zu⸗ gethan war, und der auch ganz das Weſen hatte, ſolche treuherzige Naturen an ſich zu feſſeln. Vor Gellert hatte er mehrfach ſein Erzählungstalent entwickelt und dafür von ihm den ſcherzhaften Titel„die lebendige Welt⸗ geſchichte“ erhalten. Das Wetter begünſtigte die Reiſe der Familie Pröhl ganz augenſcheinlich. Ein friſcher Wind trocknete die hochgelegenen Wege, ſo daß ſie weit ſchneller, als ſie gedacht hatten, über den Gebirgswaldweg hinwegfuhren und ſchon den erſten Tag bis Naumburg kommen konnten, wo ſie Nachtquartier machten. Am nächſten Abende woll⸗ ten ſie in Waldheim ſein, und da ſie nach allen Berech⸗ nungen Zeit genug haben würden, Waldheim und die dicht daran ſtoßende Oberforſtmeiſterei zu erreichen, ſo ſchlug der Oberſt einen Beſuch des Weißenfelſer Schloſſes und des Schlachtfeldes bei Lützen vor, wo der König Gu⸗ ſtav Adolph von Schweden ſo ſchmählich um's Leben gekommen ſei. Dem letztern Vorſchlage traten die Damen, welche keine große Verehrerinnen von Schlachtfeldern waren, nur zögernd und bedingungsweiſe bei, allein in Weißen⸗ 72 fels zu raſten und das ſchöne neue Schloß zu beſuchen, das ſo viele Erinnerungen eines raſch zerſtörten Fa⸗ milienglückes darbot, darauf gingen ſie alle Drei ſo⸗ gleich ein. Margareth's Blicke zeigten einen Strahl rührender Freude bei dieſer Entſchließung, und ſie fühlte ſich ſchon ſo heimiſch in dem Vertrauen zu Gertrud, daß ſie dieſer bald darauf zuflüſterte, welche ſchmerzlich liebe Reminis⸗ zenz ihr Weißenfels bieten würde. „Graf Levin's Großmutter ſtammt aus dem her⸗ zoglichen Hauſe und liegt in der dortigen Familiengruft begraben,“ ſprach ſie verſchämt zu dem jungen Mädchen. „Willſt Du mit mir zu dem Sarge derjenigen wallfahr⸗ ten, die— die—o mein Gott, Gertrud, habe Geduld mit mir!“ ſchluchzte ſie und umfaßte mit der Verzweif⸗ lung der Hilfsbedürftigkeit des Mädchens Hals. Nachdem ſie ſich wieder geſammelt hatte, brach ſie endlich das tiefe traurige Schweigen, und erzählte Einiges aus den Tagen, wo ſie an Levin's Seite einer glücklichen Zukunft ent⸗ gegen geſehen, allein ohne ihre und ſeine Gefühle nur im mindeſten dabei zu beleuchten. Es war aber ſchon viel gewonnen, daß ſie über eine Vergangenheit zu ſprechen vermochte, die in einem ſtumm gebliebenen Schmerze hinreichende Gründe zur innerlichen 73 Verſtörung trug. Gertrud hob ſtolzer als ſonſt ihr Köpf⸗ chen bei der Rolle, die ihr damit zuertheilt wurde. Sie horchte faſt athemlos auf jedes Wort, was Margareth zu ihr ſprach, und ſie freute ſich wie ein Kind auf den Weg in die Gruft, wo Graf Levin's Großmutter ruhte. Freilich in der Nacht, wo ſie einmal jähe erwachte und ſogleich an dieſe verſprochene Wallfahrt dachte, da wollte ihr das Herz vor Furcht zerberſten, und ſie meinte der Freundſchaft ein ungeheures Opfer zu bringen, wenn ſie Wort hielte. Am Morgen wurde früh aufgebrochen, um zeitig in Weißenfels zu ſein. Man rechnete zu dieſer Tour, die jetzt in einer halben Stunde mit der Eiſenbahn zu machen iſt, vier volle Stunden, und kam glücklich noch eine halbe Stunde ſpäter dort an, als man gerechnet hatte. Kaum hatten ſich die jungen Mädchen an einer einfachen Mittagsmahlzeit etwas erquickt, ſo trafen ſie Anſtalt zum Schloſſe hinaufzuſteigen. Frau von Pröhl wollte inzwiſchen ihre gewohnte Mittagsruhe halten und der Oberſt ſollte ſeine Gattin ſpäter hinauf be⸗ gleiten. Während der Zeit alſo mußte das große Vorhaben, „zu den Todten hinabzuſteigen,“ in's Werk geſetzt werden. Muthig, denn die Herbſtſonne ſtand klar und hell am un⸗ bewölkten Himmel, ſchritten die jungen Damen Hand in 1860. XIII. Gertrud. II. 5 .——— ———— 74 Hand den bequemen Weg, der in breiten Treppenabſätzen beſtand, zum Schloſſe hinauf, und befanden ſich ſehr bald oben auf dem geräumigen Schloßplatze, der im Vorder⸗ grunde von ſchattigen Baumpartieen verdunkelt wurde, weiter hin aber nur graſige, mit Blumenrabatten umge⸗ ben geweſene Flächen zeigte. Im Hintergrunde erhob ſich die Fagade des ſchönen neuen Schloſſes mit einem hoch⸗ gewölbten Portale, durch welches man in den von den Seitenflügeln eingehegten Schloßhof gelangte. Etwas außer Athem von dem beeilten Treppenſtei⸗ gen blieben ſie eine Weile an der Bruſtwehr, die einen Eingang zum Plateau bildete, ſtehen, und blickten faſt ſcheu in das Dunkel der ſeitwärts gelegenen Baumgrup⸗ pen, gleichſam erwartend, daß von dort aus der Würge⸗ engel, der ſeit den letzten zwanzig Jahren hier ſo erbar⸗ mungslos gehauſet hatte, erſcheinen und ſie bedrohen würde. Es erſchien aber nichts Geſpenſtiſches. Oede und verlaſſen lag das prächtige Gebäude vor ihnen. Erſt nach dem dreißigjährigen Kriege aus ſeinen Trümmern erſtanden und von einem abgezweigten neuen Stamm⸗ herrn, dem jüngern Sohne des Churfürſten Johann Georg von Sachſen, erbaut und zu ſeinem Reſidenz⸗ ſchloſſe erwählt, hatte es kaum neunzig Jahre der neuen Herzoglich⸗Weißenfels'ſchen Fürſtenfamilie zum Wohnſitze gedient, als der Stamm dieſes Hauſes erloſch. Als wenn — 75 1 ein Fluch die aufblühenden Knospen der neuen Regenten⸗ 7 linie berührte, ſo raſch waren in kürzeſter Friſt die letzten Kinder des Herzogs Johann Adolph in die Ewigkeit ge⸗ gangen. Die herzogliche Mutter, erſchreckt und beängſtigt, hatte nach der Geburt des letzten Töchterchens die ſtolzen Mauern des Schloſſes verlaſſen und war mit derſelben nach Dahme geflohen. Aber das Herzleid hatte doch kein Ende gehabt. Die Tochter war ihr geblieben, allein der Herzog wurde einige Jahre darauf zur Gruft gebracht und ſomit war ihr der Stern des Lebens entriſſen. Sie kehrte nicht nach ihrem Reſidenzſchloſſe zurück und es herrſchte fortan nur Todesruhe daſelbſt. 1 Dies traurige Schickſal war den beiden jungen Da⸗ men hinlänglich genug bekannt, um ſie zu einer nachdenk⸗ lichen Stimmung aufzufordern, auch wenn ſie nicht ein ſo ernſtes Unternehmen beſchloſſen gehabt hätten. Langſam, von Seiten Gertrud's faſt widerwillig, ſchritten ſie auf dem gebahnten Wege vorwärts zum Portale hin, das ungaſtlich geſchloſſen vor ihnen lag. Sie ſahen einen ält⸗ lichen Mann unthätig in der Wölbung ſitzen, und woll⸗ ten dieſen um Auskunft bitten, auf welche Weiſe ihnen ihr Wunſch gewährt werden könnte. Es ſchien ein Schloßwärter zu ſein, vielleicht ein ehemaliger Portier, der jetzt ſeine Zeit damit verbrachte, an die vergangenen Tage des freudigen Verkehres hier 5* oben zu denken, wo die herzoglichen Vettern von allen Seiten herangeſprengt und die hohen Prinzeſſinnen der nächſtgelegenen Fürſtenthümer ehrbar in Kutſchen oder auch in Sänften angelangt waren, um die Gaſtfreund⸗ ſchaft des liebenswürdigen Herzogs in Anſpruch zu nehmen und in heiterer, ſchöner Geſelligkeit einige Tage zu verleben. Als die jungen, vornehm gekleideten Damen ſich ihm näherten, ſtand er in wohlgeſchulter Ehrerbietung auf, um ſie nach ihrem Begehr zu fragen. Sie ſprachen ihm ihren Wunſch aus, die herzog⸗ liche Gruft zu beſuchen. Ein wehmüthiges Lächeln umſpielte ſeinen Mund, als er von dieſem Verlangen hörte. Es ſah gerade aus, als wolle er ſagen:„Weiter gibt es auch hier leider nichts mehr zu beſuchen!“ Aber er ſchien ſehr willfährig zu ſein, bat ſie, ihm durch das Portal zu folgen und im Schloß⸗ hofe zu warten, bis er die Kapellenſchlüſſeln geholt habe. Da ſtanden nun die beiden muthigen Mädchen, ſeelenallein in einem weiten, langhingeſtreckten Quarree, umſchloſſen von prächtigen, aber öden Seitenflügeln. Hin und wieder ſchien ein Fenſterpaar bewohnt zu ſein, Blu⸗ men ſtanden hinter den Scheiben und weiße Vorhänge ſchützten vor neugierigen Blicken. Im Allgemeinen jedoch lag der Graus der Verlaſſenheit auf dem ganzen 77 Platze und kein menſchlicher Laut ſtörte die tiefe, feier⸗ liche Stille. Gertrudens Herzhaftigkeit erhielt ſchon hier einen harten Stoß. Eine leichte Beklemmung legte ſich auf ihre Bruſt und machte, daß ſich ihr Athem ſehr mühſam hob und ſenkte. Bald erſchien der Mann wieder und ging ihnen nun voran, den ganzen, langen Schloßhof hinunter, bis er links bei einer Thür ſtehen blieb und ſie öffnete. Der kalte Hauch der lange eingeſchloſſenen Kir⸗ chenluft drang auf eine erſchreckende Art heraus. Gertrud war nicht gewilligt ſich in dieſe Atmoſphäre hineinzuwa⸗ gen, die ihrer Phantaſie allerlei Schreckniſſe vorſpiegelte. Sie blieb nachdenklich ſtehen und ſah Margareth äußerſt beklommen an. Dieſe ſchien jedoch von einer überirdiſchen Empfin⸗ dung beſeelt, gar kein Grauen, ſondern nur das heißeſte Verlangen zu empfinden, ſich in religiös ſchwärmeriſche Exaltation hineinzuſtürzen, die ihr ein Gebet am Sarge derjenigen, welche im Zuſammenhange mit ihren Schmer⸗ zen ſtand, als eine Erleichterung, als ein ſüßes Labſal vorſtellte. Ihr Mitleiden mit Gertrud brachte ſie zu dem Vorſchlage, daß dieſe hier ſtehen bleiben und ſie erwar⸗ ten ſolle. 78 Neuer Schrecken für das furchtſame Fräulein, dem „verdrießliche Männer und Geſpenſter“ Todesangſt ein⸗ zufloßen vermochten. Dort im Gewölbe mußte ſie freilich auf Geſpenſter gefaßt ſein, aber hier auf dem grauenhaft ſtillen und öden Schloßhofe war ſie vielleicht einer Begeg⸗ nung mit höchſt verdrießlichen Männern ausgeſetzt. Nein, ſie hatte einmal ihr Verſprechen gegeben, Margareth zu begleiten, und ſie durfte ſie jetzt unter keiner Bedingung in Stich laſſen. Muthiger durch ihren neuen Entſchluß, faßte ſie den Arm ihrer Freundin und betrat die Kirche. Der Schloß⸗ wärter war ſchon vorausgeſchritten und hatte die Fall⸗ thür zu dem Grabgewölbe inzwiſchen geöffnet. Mit fieberhafter Eile ging Margareth darauf zu, während ſich Gertrud mit immer trübſeligern Mienen nur eigentlich mit fortſchleppen ließ. Sie ſtanden bald an den bequemen Stufen, die abwärts führten, und ein Blick da hinunter überzeugte die arme Gertrud, daß wirklich ſehr viele, ſchöne und große Metallſärge wohlgeordnet daſtanden, die ihre Phantaſie in der Erinnerung geſchäf⸗ tig genug aufregen konnten. Sie bedauerte aus vollſter Seele, ſich in ein ſo gewagtes Unternehmen eingelaſſen zu haben. Sie umklammerte krampfhaft den Arm ihrer Be⸗ gleiterin und ſtieg halb ohnmächtig vor Angſt die Stufen mit hinab. Hier aber blieb ſie ſtehen und ſchloß feſt die Augen zu. Weiter mit zu gehen und die ſchrecklichen Särge in der Nähe ſehen zu müſſen, das überſtieg wahrhaftig ihre Kräfte. Dieſe Reihen todter Menſchen, die unbegra⸗ ben, jeden Augenblick ihr unwillkommenes Bett verlaſſen und ſich das unausſprechlich grauſige Vergnügen machen konnten, ihre Bekanntſchaft zu ſuchen— nein, das ganze Entſetzen ihrer fürchterlichen Kinderträume erwachte und ſtellte ſich als Gegenwehr ihres freundſchaftlichen Ent⸗ ſchlußes in ihr auf. Margareth bemerkte ſehr wohl ihr Zittern und Beben. Es wäre ihr ganz lieb geweſen, allein zu dem Sarge der Dame zu wallfahrten, zu welchem ihr heißes Herz ſie zog, aber ſie fürchtete denſelben nicht zu finden, wenn der Schloßwärter ihr nicht den Weg zeige. Un⸗ ſchlüßig betrachtete ſie die geiſterbleiche Gertrud, welche beharrlich die Augen ſchloß. Sie ſchlug dem Führer vor, allein nach der Stelle zu gehen, wo der Sarcophag der Prinzeſſin Anna, Gemahlin des Grafen Brettow ſtehe, und dann zurückzukommen, um der jungen Dame zum Schutze nahe zu ſein. Sie wolle ſich die Stelle merken, und bei dem Dämmerlichte, das durch die gewölbten Oeffnungen falle, würde es ihr leicht ſein, ihn dann zu finden. In dem Eifer ihrer Rede entging es Margareth, daß der Mann ein ſehr verwundertes Geſicht zeigte, als ſie den Namen der Gräfin nannte. 80 Während der Schloßwärter dem Befehle der jungen Dame folgte und ſich ziemlich tief in eine der Wölbungen hineinverlor, nahm Margareth, deren weiches Herz vor Selbſtvorwürfen zitterte, als ſie den Zuſtand Gertrud's gewahr wurde, dieſe in den Arm und flüſterte ihr Muth ein. Dabei achtete ſie genau darauf, wohin der Mann ſich wendete, und machte ſich ſogleich bereit zu ihrer ein⸗ ſamen Wallfahrt, als er zurückgekehrt war. Sie empfahl ihm dringend, die junge Dame nicht eine Secunde zu ver⸗ laſſen, ſondern ganz dicht bei ihr ſtehen zu bleiben. Schnell wie ein Lichtſtrahl ſchwebte ſie furchtlos durch die Reihen der Särge. Der Blick des Schloßwär⸗ ters folgte ihr antheilvoll. Er ſah, daß ſie ſich in tiefem, leidenſchaftlichen Schmerze bei dem Sarge niederwarf, ihre Hände gefaltet zu demſelben emporhob und ihre Stirn daran lehnte. Es währte nur einige Minuten, dann erſchien ſie wieder im Hintergrunde, und ihr weißes zartes Geſicht leuchtete wie ein Stern durch die Dämme⸗ rung zu ihm hin. . Sie kam eilfertig auf Gertrud zu, umſchlang ſie feſt und zärtlich, und drängte ſie, liebevoll ihren qualvollen Zuſtand beendend, die Treppen hinauf, durch die Kirche hindurch, den ganzen langen Schloßhof entlang bis zum Portale. Erſt als ſie wieder im hellen Tagesglanze, auf dem — —— ₰ — — 81 Raſenplatze des Plateaus ſtanden, wich die ſchweigſame Ehrfurcht, die ſich in jedem Menſchen aus dem Grauen vor der Vergänglichkeit erzeugt, womit der Schloßwär⸗ ter ſie zurück begleitet hatte, und er ſagte: „Kurios, Ew. Gnaden! Gerade vor vier Wochen war auch ein großer, vornehm, aber finſter ausſehender Herr hier, der eben wie Ew. Gnaden am Sarge der Prinzeſſin Anna betete, tief ſchmerzlich ſeufzte, ſtöhnte, und danach fortging, ohne ſich umzuſehen!“ Margareth hielt ihre Augen verklärt und weitgeöff⸗ net auf ihn geheftet, ſagte jedoch nicht ein Wort, lohnte ihm ſeine Dienſte mit fürſtlicher Großmuth und zog Gertrud nach einem ſtillen Gruße ſtürmiſch mit ſich fort, bis ſie die Brüſtung der Treppenmauer erreicht hatten, wo der Blick des Mannes ſie nicht mehr erreichen konnte. Hier hielt ſie an und preßte beide Hände gewaltſam auf ihr pochendes Herz. „Gertrud! Er lebt!“ ſtammelte ſie mit gebrochener Stimme.„Er lebt! O, mein gnadenreicher Gott, der Du mein Gebet endlich erhört haſt— er lebt— er lebt! Nur Er iſt es, der ſtolze, finſtere Herr geweſen, der ſeine erlittenen Leiden hier am Sarge der Frau niedergelegt hat, die ihm auf der ganzen, weiten Welt am liebſten geweſen iſt. Nur Er iſt es geweſen, den ſeine innere Qual hierher getrieben! Gertrud, er lebt! Begreifſt, fühlſt und ⸗ 82 theilſt Du denn wohl mein Entzücken, Du armes ſüßes Kind, das ſich opferbereit einer Marter unterworfen hat, der Du nicht gewachſen warſt. O, wenn die Seelen der Verſtorbenen wirklich die Stätten umſchweben, wo ſie geathmet haben, wo ſie ausruhen von den Leiden und Freuden der Welt, ſo hat die edle Pflegerin Levin's mein inbrünſtiges Gebet eilig zu Gottes Thron hinauf⸗ getragen und mir Linderung meiner Qual erweckt! Mag ſein Herz auch Ruhe finden, wenn wir denn einmal nach Gottes Rathſchluß auf immer getrennt worden ſind!“ Sie ſank ganz erſchöpft von ihrer Gemüthsbewegung auf die Steintreppen nieder und lehnte den Kopf an die kalten Steinmauern. Gertrud, noch ſchwindelnd von dem ganzen Abenteuer, kniete aber neben ihr nieder und nahm den Kopf an ihre Bruſt, ſanfte, tröſtliche Worte auf den Lippen und heißes Mitgefühl in den beredten Augen. 4 Es fielen nur abgebrochene Reden zwiſchen ihnen. Margareth, wie eine Träumende, enthüllte mehr als ſie wollte von ihrem Herzeleid. Sie ſprach von der Prin⸗ zeſſin Anna, der Mutter ſeines Vaters, wie von einem Schutzgeiſte, der den vater⸗ und mutterloſen Knaben mit einer glühenden Mutterliebe gehegt hatte. Sie reci⸗ tirte ſeine Mittheilungen darüber. Er hatte ihren Tod den einzigen Schmerz ſeines Lebens genannt. Er hatte Margareth's Erſcheinung als eine Einwirkung ihrer fort⸗ dauernden Liebe dargeſtellt. Sein Lebensglück mußte von ihr ausgehen, er ſtand unter ihrer unmittelbaren Obhut im Himmel wie auf Erden.— Seine excentriſchen Träu⸗ mereien waren ätzend in Margareth's Seele gedrungen und dort auf ewig und in undertilgbaren Lettern ein⸗ geprägt. Gertrud horchte mit furchtſamer Spannung den begeiſterten Reden. Sie blickte oftmals ängſtlich zurück nach dem Schloßplatze, um zu ſehen, ob es der ſeligen Prinzeſſin Anna auch nicht einfalle, in ihrer über⸗ ſchwenglichen Liebe und Gnade aus dem blanken Sarge zu ſteigen, um Margareth's ſchöne Stirn perſönlich zu küßen und das holde Geſchöpf zu ſegnen, das ihr ſo furchtlos einen Beſuch gemacht. Gertrud hatte ihre ganz eigenen Gedanken bei den bilderreichen Phantaſien, die ſich von den Lippen ihrer Begleiterin drängten. Sie fühlte nichts weniger als Behagen bei den Lobpreiſungen einer Todten, die unbedeckt von feſter Erde, ganz leicht ihr bis⸗ chen übriggebliebenes Körperliches zuſammenraffen und als Scelett, mit klappernden Gebeinen und gähnendem Todtenkopfe, gehüllt in die halbvermoderten Leinentücher, durch die Lüfte zu ihnen heranraſſeln konnte. Es war ihr ordentlich eine Erleichterung, als ſie endlich, endlich einen irdiſchen, handfeſten Kernfluch von Papa Pröhl’s 84 Stentorſtimme ausgeſtoßen ertönen hörte und auf Er⸗ löſung aus ihrem ſelbſtgeſchaffenen Fegefeuer hoffen konnte. Als die hübſchen, deutſchen„Donnerwetter“ und „Mordelements“ immer näher kamen und ſich in deut⸗ liche Fragen an Himmel und Hölle verwandelten,„ob denn die Treppen noch kein Ende nähmen“, da erhoben ſich die Damen und gingen ihren Pflegeeltern mit Freund⸗ lichkeit entgegen. Aber dem ſcharfen Blicke der Frau von Pröhl entgingen die Nachwirkungen der ſtattgefundenen Gemüthsbewegung nicht, wenn auch der gutmüthige Oberſt geneigt geweſen wäre, den ängſtlichen Blick Ger⸗ trud's als eine gewöhnliche Abweichung von ihrer gerühm⸗ ten Tapferkeit zu betrachten. Sie ſtiegen zuſammen wieder bis zum Plateau hinauf. Frau von Pröhl brauchte nur in dem veränder⸗ ten Ausdrucke von Margareth's Mienenſpiel zu forſchen, um zu wiſſen, daß ein neues Leben in ihr angebrochen ſei. Sie fragte aber grundſätzlich nach nichts, was ihr nicht mit kindlichem Vertrauen offenbart wurde, und ſie hatte bis jetzt nie lange darauf zu warten gehabt. Der Oberſt befand ſich ganz in ſeinem Elemente. Er gerieth in Feuer, als er ſeinen Damen vollſtändig klar zu machen ſuchte, wie dieſer Platz,„den die Frau von Wallbott klaſſiſchen Boden nennen würde,“ fügte er 85 ſarkaſtiſch lächelnd hinzu, vor mehr als hundert Jahren ausgeſehen habe, wie die alte Burg im dreißigjährigen Kriege zerſtört und der Herzog Auguſtus nichts Eiligeres zu thun gehabt, als das neue, ſchöne Schloß für ſich und ſein Geſchlecht zu bauen. Zu Gertrud's Beruhigung hatte ſich der Schloß⸗ wärter von ſeinem Sitze unter dem Portale entfernt, und ſie glaubte damit einer augenblicklichen Erinnerung an ihre überſtandenen Irrfahrten überhoben zu ſein. Aber durch eine Wendung ſeiner Gedanken verfiel jetzt der Oberſt mit ſeinem unerſchöpflichen Geſchichtsgedächtniſſ e auf verſchiedene Ereigniſſe aus dem Privatleben dieſes erlo⸗ ſchenen Fürſtenhauſes, und ohne zu ahnen, wie nahe er den unterdrückten Gemüthsbewegungen ſeiner jugendlichen Zuhörerinnen trat, hob er plötzlich aus den Annalen der Vergangenheit die Liebesgeſchichte einer Prinzeſſinn Anna mit einem jungen Edelmanne hervor, die damals die ganze Welt in Erſtaunen geſetzt habe. Während Margareth mit ſinniger Freude den Lobes⸗ erhebungen lauſchte, welche den Lippen des Oberſten ent⸗ ſtrömten, während ſie mit ihren Blicken ſchwärmeriſch den leichten weißen Wölkchen folgte, die wie Luftgeſtalten über dem öden Schloſſe ſich ſammelten, um dann pfeil⸗ ſchnell zu zerſtäuben und im großen Himmelsraume zu 86 verfliegen, während der Zeit fühlte Gertrud Schauer von Angſt und Furcht durch ihre aufgeregte Seele ſtürmen. Frau von Pröhl betrachtete lächelnd die beiden Mädchen. „Margareth ſcheint Engel zu belauſchen und zu be⸗ grüßen,“ unterbrach ſie die Erzählungen ihres Gatten, „aber Gertrud ſieht Geſpenſter; erklärt mir doch dies Spiel Eurer Einbildungskraft?“ Und Margareth trat aus dem dichten, verhüllenden Schleier der Zurückhaltung hervor. Sie öffnete mit feſter Hand die Siegel ihrer Vergangenheit, nannte zum erſten⸗ male den Namen ihres Verlobten und machte Pröhl’s damit bekannt, daß ſie im Uebermaße ihrer tiefen Trauer Troſt am Sarge dieſer Prinzeſſin Anna geſucht und gefunden habe. Mit edler Einfachheit weihte ſie dann diejenigen, welche zu ihrem Troſte bereit waren, in die Geſchichte ihres kurzen Liebeslebens ein, wobei ſie natürlich der innigen, ſchwärmeriſchen Seelenharmonie zwiſchen Levin und ſeiner Großmutter gedenken mußte. Es bewies die Geſundheit ihres Geiſtes, daß ſie ſich mit dieſer Offen⸗ herzigkeit gleichſam den Tröſtungen ihrer Freunde übergab und den Druck des Grames ſogleich von ihrer Seele warf, als ihr Herz vom erſten Strahle der Beruhigung berührt wurde. Sie ſtieg bedeutend in der Achtung des —— —— — — 87 Oberſten, der ein Feind aller lamentabeln Zärtlichkeit war. Von ihrem auffallend zarten Aeußern verleitet, war man gewohnt ſie für eine Verkörperung alles Idealen zu halten, und dennoch war wohl niemals ein weibliches Weſen mit mehr Anlagen zu einer praktiſchen Hausfrau geboren, als gerade Margareth von Rittberg, das äthe⸗ riſch ſchöne Mädchen. Sie bewies ihren praktiſchen Sinn für's Leben, nachdem das Schickſal es für gut befunden hatte, den Schleier künſtlicher Ueberbildung vor ihren Au⸗ gen zu zerreißen, ob aber dieſer Gewaltſtreich nicht nöthig geweſen war, ihr überhaupt die Augen zu öffnen und ſie von dem Standpunkte zu entfernen, den ſie unter Mit⸗ wirkung ihrer geiſtvollen Tante eingenommen hatte, das bleibt fraglich. Der Oberſt horchte mit großem Intereſſe auf ihre Erzählung, als ſie, zuerſt etwas verlegen und mit ſchmerz⸗ lich bewegter Stimme die Vergangenheit vor ſeinen Au⸗ gen aufrollte, natürlich nur ſo weit, wie es ſeine Vorliebe für welthiſtoriſche Begebenheiten heiſchte. Er wußte nichts von den ſpätern Erlebniſſen der Fürſtentochter, die aus Liebe die Hallen des väterlichen Schloſſes mit denen eines Edelmannes vertauſcht hatte. Daß ſie ſo nahe mit dem Grafen Brettow in Verbindung ſtand, ſteigerte ſeine Auf⸗ merkſamkeit für dieſen Mann, den er theilweiſe als ein Opfer der Wallbott'ſchen Klugheit betrachtete. 88 „Ein tüchtiges Geſchlecht, das der Brettow— ein tüchtiges Geſchlecht, ſeit Jahrhunderten bewährt in Treue, Beſtändigkeit und Chrenhaftigkeit,“ ſprach er,„aber ein Geſchlecht voller Erbfehler, welche die Stammtugenden faſt überwältigen. Verwegen, trotzig, jähzornig und un⸗ verſöhnlich.“ „Doch aber wohl„gerecht und edel“?“ fiel Marga⸗ reth fragend ein. „Nicht immer nach den Traditionen,“ meinte der Oberſt bedeuklich.„Der energiſche Charakter zeigt immer im Grunde viel Eigenſinn—“ „Und Selbſtſucht,“ fügte Frau von Pröhl hinzu, indem ſie ihren Blick bedauernd über Margareth hinſtrei⸗ fen ließ. „Dann macht Junker Wolf eine reſpectable Aus⸗ nahme von allen Brettow's,“ ließ ſich Gertrud vernehmen, die Worte mit einem bedeutſamen Erröthen begleitend. „Das gebe ich zu,“ rief der Oberſt,„aber Junker Wolf iſt vom Geſchick unter einen Druck genommen, der wohl Edelſteine zu ſchleifen vermag. Der Trotz eines Stammes wird nie ſicherer vernichtet, als wenn der Hun⸗ ger zur Demuth zwingt, und die Heftigkeit, welche bis zum Jähzorne ſteigen kann, erliſcht nie raſcher, als wenn ſie von der Hilfloſigkeit beherrſcht wird.“ 3 „Durch dies Urtheil beeinträchtigen Sie Wolſ's 8———— 8*— — — 4 Charakter,“ unterbrach ihn Margareth ſehr eifrig.„Wolf bedurfte ſolcher Erziehungsmittel nicht. Er iſt von Grund aus der beſte, edelſte Menſch—“ „Und der ſchönſte Mann,“ ließ Gertrud willenlos dazwiſchen fallen. „Aber er ſteht dennoch in Gefahr, unter ſeinen Ver⸗ hältniſſen den Stolz, welcher ihn ſelbſtändig macht, in Hochmuth ausarten zu laſſen,“ rief Frau von Pröhl, „und zwar in denjenigen Hochmuth, der ſich des äußern Scheines wegen ſelbſt opfert!“ „Ihr ſcheint nicht einverſtanden mit meinem Aus⸗ ſpruche und möchtet dieſen Stolz gern anders benennen,“ begann die Dame wieder, als ſie einem vorwurfsvollen Blicke Gertrud's begegnete und in dem leuchtenden Blicke Margareth's auch einen Widerſpruch ſah;„allein ich halte es für weiſe, die innerlichen Regungen im Menſchen ohne Scheu mit dem rechten Namen zu bezeichnen, um die Erhabenheit davon zu ſtreifen. Geſetzt den Fall, Wolf wäre im Stande, durch ſeinen feſten Willen, den er Stolz nennt, das Glück eines Mädchens zu gefährden, ſo wür⸗ det Ihr nicht anſtehen mein Urtheil zu unterſchreiben!“ Die jungen Mädchen ſahen ſich, wie von einer plötz⸗ lichen Eingebung hingeriſſen, feſt in die Augen, und ließen ihre Blicke dann wie muthlos und überwunden vor ſich niederſinken. Der Oberſt hingegen reichte ſeiner Gattin 1860. XIII. Gertrud. II. 6 89 4 zufrieden lächelnd die Hand, um ſie hinabzuführen, und meinte: „Es wäre dieſer feſte Wille eben eine kleine Ader der Brettow'ſchen Erbfehler!“ Margareth ließ ſcheidend ihre Blicke nochmals über den weiten Raum hinwegſchweifen, der ſich vor ihr aus⸗ breitete. Sie fühlte ſich getröſtet in der beſeligenden Hoff⸗ nung, daß Levin lebte, daß er trotz ſeines Zornes mit dem Schmerze zu kämpfen habe, und daß es in ihrer Hand liege, dieſen Kampf durch ihre Erklärung zu be⸗ enden. Einen Segensſpruch auf den Lippen, einen Gruß in den Augen, ein Gebet im tief bewegten Herzen ſtieg ſie endlich vom Schloßberge hinab, neu belebt und Gott preiſend, der ihren Schritt ſicher gelenkt hatte. Und wenn auch Gertrud mit ihrem leichtfertigen Kinderherzen unter einigem Erſtaunen die leiſe Beweg⸗ lichkeit in Margareth's Gemüthsleben betrachtete und den Troſt nicht ganz zu begreifen vermochte, den ſie von dem Beſuche des Weißenfelſer Schloſſes mit heimbrachte, ſo verſtand doch Frau von Pröhl die Wendung ihrer Trauer und beurtheilte ihren Seelenzuſtand, als ein Aufathmen aus ihrem dumpfen Kummer, ganz richtig. 90 1 Fünftes Cagitel. Das Jagdſchloß, welches der Oberforſtmeiſter von Uslar bewohnte, war ein einſtöckiges, breites Gebäude, das nur in der Mitte einen viereckig geformten, thurm⸗ hohen Ausbau hatte, der in der erſten und zweiten Etage hübſche Fremdenzimmer in ſich faßte und dann in einem von allen Seiten offenen Glockendache endete. Die darin hängende Glocke wurde nur benutzt, wenn förſtliche Jag⸗ den angeordnet waren, eines Theiles um die zerſtreu⸗ ten Jäger von der Mittagszeit in Kenntniß zu ſetzen, andern Theils um die frohnpflichtigen Treiber heran⸗ zuholen. Den Schlüſſel zu der Glockenſtube hatte der Oberforſtmeiſter. Aber es befand ſich auch ein an⸗ derer im Beſitz der herzoglichen Bedienung, die zum Jagdperſonale gehörte, um bei vorkommenden Fällen von dieſem Frohnglöckchen Gebrauch machen zu können. Bei dem erſten Laute der weithin ſchallenden Glocke hatten die Ortsſchulzen von Ober⸗ und Niederwand⸗ heim die Verpflichtung, darauf zu ſehen, daß diejeni⸗ 6* 92 gen Einwohner der beiden Dörfer, welche am Frohndienſte waren, ſich aufmachten und dem Oberjägermeiſter ſich zur Dispoſition ſtellten. Das Geſchoß zu ebener Erde wurde vom Oberforſt⸗ und Jägermeiſter von Uslar bewohnt. Es waren eine Reihe der ſchönſten Zimmer, etwas ver⸗ dunkelt vom Waldesgrün, aber dadurch zu einem anmu⸗ thigen Sommeraufenthalte gemacht. Der Eingang war unter den ſogenannten Fremdenzimmern in der Mitte. Zehn breite Stufen führten auf einen Balkon mit Stein⸗ einfaſſungen und dann unmittelbar in einen weiten Flur, der ringsum mit Bänken beſetzt war. Ein prächtig kühler Ruheort für erhitzte Jäger. Von beiden Seiten reiheten ſich an dieſem Flure Zimmer. Das Erſte rechts galt als allgemeines Wohnzimmer. Dann folgten Schlafzimmer, Kabinette und Wirthſchaftsräumlichkeiten. Links lagen die Prachtzimmer mit übermäßiger Eleganz ausgeſtattet, aber ſteif und veraltet. Eine ungemüthliche Luft lag in dieſen Prachtgemächern und die ſonnigſte Herzensatmoſphäre vermochte dieſen Eindruck nicht zu bannen. Herr von Uslar und ſeine Gemahlin hatten das Wehe durchmachen müſſen, das arme und reiche, niedere und hochgeſtellte Eltern gleichmäßig treffen kann. Ihnen waren zwei prächtige Kinder vom Himmel beſcheert ge⸗ weſen, hatten durch ihr kurzes Leben eine unbeſchreibliche Freude bereitet und waren dann geſtorben. Darauf blie⸗ 93 ben die verwaiſeten Eltern allein und auf ſich angewieſen, und bildeten ſich nach und nach zu dem aus, was ſie jetzt waren, nämlich zu einem Paare herzensguter Men⸗ ſchen von der beſondern Sorte, für die der ſchöne Begriff „quängelich“ erfunden zu ſein ſcheint. Beide ſchienen in der Verfaſſung, wie ſie ſich jetzt befanden, weder geſchaffen Gutes zu wirken, noch Böſes zu vollbringen. Das Hauptprincip ihres Daſeins war „Alles zu beſchönigen“ und die Diminutive„Herzchen, Engelchen, Püppchen, Liebchen, Alterchen“ und ſo weiter, lagen nicht bloß ſtets auf ihrer Zunge, ſondern ſie kamen vollgültig aus dem wohlwollendſten Herzen herauf. Er, der Herr und Gebieter des kleinen Reiches hier mitten im Walde, war ein langer, dürrer Mann mit grünem, reichbetreßten Rocke, den er mit einem leichten Anfluge von Servilismus gegen ſeinen Herzog ſtets ſehr geltend zu machen wußte. Sie, die Dame des Hauſes, immer ihrem Range gemäß gekleidet und jeden Augenblick eines hohen Beſu⸗ ches gewärtig, da die Herzogin Eliſa nebſt ihren luſtigen Kindern gar zu gern in Waldheim ſaure Milch ſpeiſeten, erfreuete ſich eines kleibbaren Embonpoint, dem ein ſtark gepuderter Kopf und ein handfeſtes Unterkinn ſehr viel Würdiges beimiſchte. Man ſah übrigens noch im vor⸗ gerückten Alter, daß es keine Unwahrheit geweſen ſein wmmochte, wenn man ſie einſtmals„die Roſe des Waldes“ genannt. Beide hatten übrigens ihre bedeutenden Verſchie⸗ denheiten innerlich, ſo ſehr ſie ſich in ihren Worten und in ihren Werken äußerlich auch zu gleichen ſchienen. Er ſchwatzte zum Beiſpiel, wie ein Rabe, dabei nicht immer ſtreng bei der Wahrheit bleibend; ſie aber war beſonnen, zuverläſſig und verſchwiegen, wie das Grab, wenn es darauf ankam. Mit einer ſtillen unmerklichen Aufmerkſamkeit bewachte ſie die Folgen von ihres Gatten Schwatzhaftigkeit, redreſſirte, wo es nöthig war, verſteckte aber ihre Bemühungen dafür dermaßen, daß er nie etwas davon merkte. Herr von Uslar hatte die Schwäche ſich für ſehr klug zu halten, ließ freilich dem Verſtande ſeiner Frau Gemahlin auch Gerechtigkeit widerfahren, ſah es jedoch ſehr ungern, wenn ſie auch eine Meinung hatte, und konnte ſehr kurz abbrechen bei irgend einer Beſtrebung von ihrer Seite ihn zu überzeugen. Sie war geſcheidt genug immer an der rechten Stelle zu ſchweigen. Dafür bildete ſich nun Herr von Uslar ein, daß Sanftmuth ſeine größte Tugend ſei, und Frau von Uslar ließ ſich nie dabei ertappen, daß ſie über die viel gerühmte Sanftmuth beſcheidene Zweifel hege. Herr von Uslar rühmte ſich ſtets, das Schmollen und Maulen im Hauſe nicht leiden zu können, weil er ſelbſt nie ſchmolle, ſondern höchſtens eine ernſte Miene mache und etwas ſchweigſam ſei, wenn man ihm wider⸗ ſprochen oder ihn ſonſt geärgert habe. Frau von Uslar lächelte ihm Beifall bei ſeinen Selbſtlobhymnen, und um ihm Gelegenheit zu geben, ſie rechtmäßig anſtimmen zu können, wendete ſie nach jeder gelegentlichen Verſtimmung die freundlichſten Mienen und Worte an, dieſe grämlichen Mienen zu verſcheuchen. Genug, die Leutchen kamen vortrefflich mit einander aus und verdienten wahrhaftig eben ſo verherrlicht zu werden, wie weiland Philemon und Baucis, das anbe⸗ tungswürdige Ehepaar desjenigen Alterthums, wo Gott Jupiter noch Reiſen auf die Erde unternahm. Man kannte die Schwächen des Uslar'ſchen Ehepaa⸗ res ſehr gut, denn ſie trugen ſie hinreichend deutlich zur Schau, man lächelte auch hin und wieder darüber, liebte aber deſſenungeachtet Beide von ganzem Herzen, und das verdienten ſie auch. Zu allen dieſen Eigenthümlichkeiten kam noch ein merkwürdig ſchlechtes Namensgedächtniß des Herrn von Uslar und die ſonderbare Angewohnheit, in einem An⸗ falle von Ungeduld und Superklugheit jeden Erzähler mitten in der Rede mit den Worten zu unterbrechen: „Weiß Alles! Alles!“ wodurch es natürlich dahin kam, 96 daß er nie etwas ordentlich erfuhr und ſeine eigenen Er⸗ findungen zu Hilfe nehmen mußte. Auf dieſe letztere Gewohnheit fußte Frau von Pröhl, als ſie es wagte, die ſchöne Margareth von Rittberg mit ihrem zarten und ſchmerzlichen Geheimniſſe in ſeinen Be⸗ reich zu führen. Erklärungen und Erzählungen waren nicht zu umgehen, da ſeine eigene Nichte Elvire durch ein abſonderliches Ereigniß einige Monate früher Frau von Rittberg geworden war, als man beſtimmt hatte. Aber ſicher und gewiß war es auch, daß die ganze Umge⸗ gend von dieſem abſonderlichen Ereigniſſe Kenntniß er⸗ halten hätte, und dies mußte vermieden werden. Frau von Pröhl zog ſogleich die Oberforſtmeiſterin in’s Geheimniß, und beit amen bearbeiteten danach ſofort am erſten Abende einen Vortrag, der dann richtig auch mit dem beliebten Ausrufe:„Weiß Alles! Alles!“ unterbrochen und verabredetermaßen nachdem weder zu Ende gebracht, noch wieder erwähnt wurde. Somit war Margareth mit ihren geheimen Schmer⸗ zen im Jagdſchloſſe eingeſchmuggelt, und der Oberforſt⸗ meiſter dachte nicht daran, das ſchöne Mädchen jemals mit Fragen zu beunruhigen, da er„Alles“ und doch nicht das Geringſte wußte.“ Es waren ſchöne gemüthliche Tage verfloſſen, ſie 97 hatten ſich zu Wochen gereihet, und man dachte nun ernſt⸗ lich an die Abreiſe, denn der Winter machte ſich geltend. „ Noch einen Tag, mein Engelchen!“ bat die Dame des Hauſes, als der Oberſt anfing zu treiben. Das„En⸗ gelchen“ gab nach und gewährte zwei Tage. Dann aber begann Frau von Pröhl von der Noth⸗ wendigkeit der Abreiſe zu ſprechen. Frau von Uslar kam dazu und blickte ſie beſtürzt an.„Nur noch einen Tag, mein Herzchen,“ bat ſie mit rührender Trauer. Das „Herzchen“ zuckte die Achſeln, überlegte es ſich mitleidig und gewährte abermals zwei Tage. Nun aber wurde Ernſt gemacht, obgleich der Ober⸗ forſtmeiſter zum Secours herbeigeholt wurde und mit ſeinen„Liebchen, Püppchen und Kleinchen“ gar nicht ſpar⸗ ſam war. Es half Alles nichts, der Winter war dicht vor der Thür. Nachtfröſte hatten das Laub ſchon von den Bäumen gefegt, die Wege wurden ſpäter immer ſchlechter, immer grundloſer, kurzum, man hatte gerechte Gründe ſich zu beeilen, und der erſte December ſollte denn wirklich die längſt beſchloſſene Abreiſe zur Ausführung bringen. Der Tag war kalt und ſonnig geweſen. Die Wege des Waldes, vom Froſte getrocknet, ließen eine gute Fahrt hoffen, und man reihete ſich in der ſichern Erwartung eines verabredeten baldigen Wiederſehens ganz wohlgemuth um den Familientiſch, um das Souper einzunehmen, als 3 4 4 1 plötzlich in wahrhaft erſchreckender Weiſe die Glocke auf dem Thürmchen an zu läuten fing und gar nicht wieder aufhören zu wollen ſchien. Zum Tode erſchrocken, denn ihre Geſpenſterfurcht wachte bei abſonderlichen Gele⸗ genheiten immer wieder auf, ſtarrte Gertrud in das lä⸗ chelnde Geſicht der Frau von Uslar, während Margareth nur leicht zuſammenfahrend, ihren Nachbar, den Ober⸗ forſtmeiſter fragte:„was das zu bedeuten habe?“ „Es wird der tolle Erich ſein,“ antwortete dieſer ſchmunzelnd vor Vergnügen über dieſen Witz,„unſers Herzogs Jüngſter und ſein verwöhnter Liebling.“ Gertrud ſchien ziemlich ärgerlich zu ſein.„Mein Gott, wo kommt der Bube denn her?“ fragte ſie heftig und in der Meinung, des Herzogs Jüngſter ſei noch ein Knabe.„Ich habe ihn doch bei Tage hier nie und auch heute nicht geſehen?“ „Halt' an, mein Krönchen!“ ſchalt der Oberforſt⸗ meiſter.„Prinz Erich iſt ein ſtattlicher Herr und kein Bube. Er iſt vor ſechs Wochen mit einem Freunde, dem— dem— Herzchen, wie hieß er doch?“ wendete er ſich an ſeine Gattin. „Ja, mein Alterchen, was weiß ich's! Du hatteſt ja den Namen gar nicht mehr gewußt, als Du vom Hofe nach Hauſe kamſt,“ antwortete dieſe. „ ſt auch egal— genug, mein Püppchen, Prinz 99 Erich iſt mit einem Freunde in die Welt gereiſt, und hat mir gleich geſagt, wenn er wieder käme, wollte er mit allen Glocken läuten laſſen. Es iſt ein Wildfang, dieſes Durch⸗ lauchtchen, aber doch ein Engelchen!“ Jetzt hörte endlich das Läuten über ihnen auf, und man machte ſich auf den Eintritt des Prinzen Erich oder auf ſonſt noch einen witzig ſein ſollenden Scherz gefaßt. Aller Blicke richteten ſich erwartungsvoll nach der dunkeln Flügelthür, der Margareth gerade gegenüber ſaß, als wirklich ſtarke, männliche Schritte im Flure hörbar wur⸗ den und eine Hand auf den Griff der Thür faßte. Sie öffnete ſich langſam und eine Männergeſtalt trat ein. Nur einen Blick warf dieſe Geſtalt auf die Menſchen, die ihr Alle entgegen ſtarrten, und dieſer eine Blick traf Margareth, die mit ihren Augen ſeinen Blick auffing. Feſt, unverwandt, als wolle Seele in Seele tau⸗ chen, mit einer feierlichen Frage, mit einem lautloſen Be⸗ kenntniß grenzenloſer Innigkeit hingen dieſe beiden Augen⸗ paare minutenlang an einander, ohne ſich zu ſenken, aus Furcht, das beſeligende Phantom möchte verſchwinden— aus Angſt, der Augenblick des Wiederſehens könnte verrau⸗ ſchen— roſige Wolken bildeten ſich um die glückſeligen Träumer— der Himmel öffnete ſich, um ſie aufzuneh⸗ men— ſie wollten, ſie konnten, ſie durften ſich ja nicht wieder trennen, um nicht für alle Ewigkeit unglücklich zm⸗ 1 ſein— Blitze aus ihren Herzen zündeten neue und noch nie verlöſchte Flammen an— der Athem ſtockte und das Bewußtſein drohete in der namenloſen Glückſeligkeit unter⸗ zugehen:— da wendete ſich die Männergeſtalt und ver⸗ ſchwand im Dunkel des Hausflures. „Was war das?“ fragte Frau von Pröhl ahnungs⸗ ſchwer das Auge auf die todesbleiche Margareth werfend, welche ſich geräuſchlos erhob und noch wie im Traume befangen, leiſe und ſchnell der Thür zueilte, wo die Män⸗ nergeſtalt geweilt hatte. „Graf Levin,“ flüſterte gleichzeitig Gertrud und erhob ſich gleichfalls von ihrem Sitze. „Ja— wird Graf Levinchen ſein,“ erklärte der Oberforſtmeiſter, ſich froh die Hände reibend.„Richtig Graf Levin von— von— von—“ „Brettow,“ half Frau von Pröhl haſtig ein. „Richtig Graf Brettow, der Reiſegefährte des Prinzen Erich. Ein kapitaler Mann!“ Gertrud hatte einen Augenblick angeſtanden, Mar⸗ gareth zu folgen. Sie wußte nicht ganz gewiß, ob es räthlich ſei. Inſtinktmäßig trat ſie in die offengebliebene Thüre und ſchauete in den ſpärlich erhellten Flur hinaus. Sie ſah, daß Margareth nach dem Balkon hinaus ging. Sie hörte, daß ſie mit einer Stimme ſo bittend, ſo ſüß und lieblich, daß ſie einen Felſen hätte erweichen können, 101 den Namen des Grafen ausſprach— aber ſie ſah auch, daß Niemand da war, dieſen Liebesruf zu vernehmen. Levin war längſt im Dunkel der Nacht verſchwunden!:— Statt ſeiner erſchien eine andere Männergeſtalt auf den Treppenſtufen, lachend und in einer Weiſe ſeinem Uebermuthe Luft machend, wie es ſich nur eines Herzogs Jüngſter erlauben konnte, ohne fürchten zu müſſen, daß ihm ein bezeichnendes Prädikat zu Theil werden würde. Schnell, wie ein Blitz war er da und ſtand neben dem zitternden Fräulein Rittberg, bevor dieſe von ihrem Platze zu entweichen vermochte. Gertrud eilte kühn vorwärts und umfing Margareth mit beiden Armen. Das flackernde Licht einer Pechfackel, die ein Jägerburſche, dem Prinzen vorleuchtend, in der Hand trug, erhellte dieſe ganze Gruppe nothdürftig, als gerade zur rechten Zeit die übrige Geſell⸗ ſchaft den Flur betrat, um nach den jungen Damen zu ſehen. „Teufel, Alterchen!“ ſchrie Prinz Erich mit dem unverſtellten Tone ſehr großer Verwunderung und ſchlug den Oberforſtmeiſter derb auf die Achſel.„Was habt Ihr denn da für ein Paar prächtige Vögelchen in Eurem alten Waldneſte? Laßt doch ſehen?“— Er trat in eine ge⸗ wagte Nähe zu den Mädchen und betrachtete ſie mit Kennermienen, wobei ſein Blick ſich ſengend und brennend auf Gertrud's ſehr muthig erhobene Augen hing.„Wer iſt die Kleine? Herr Gottchen—“ parodirte er die be⸗ * kannte Redeweiſe des Herrn von Uslar,„wo haben Sie dies hübſche kleine Kind her?“ MNNoch ehe irgend Jemand dieſe Frage beantworten konnte, warf Gertrud die Lippen hohnvoll auf und rief: „Wenn Sie mich mit der Bezeichnung„Kind“ beeh⸗ ren, mein Prinz, ſo erlaube ich mir Ihnen bemerklich zu machen, daß ich ſiebzehn Jahr alt bin!“ Prinz Erich lachte laut auf.„Ja, vierzehn Jahr und ſieben Wochen!— Kennſt Du Gellert's heirathsluſtiges Mägdlein nicht, kleines hübſches Mädchen?“ „Durchlauchtchen,“ bat Frau von Uslar vortretend. „Ich habe die Ehre Ihnen unſere Nichte Gertrud von Spärkan vorzuſtellen.— Bitte, näher zu treten! Bitte, mein Prinzchen.“ Aber das Prinzchen hatte gar nicht die Luſt, auf dieſe devoten Bitten zu achten. Die ſtrahlenden, zornſprü⸗ henden Augen Gertrud's feſſelten ihn mächtig und verlock⸗ ten ihn zu dem übermüthigen Wunſche, das Mädchen um⸗ armen zu dürfen. Er war keinesweges gewohnt ſeine Wün⸗ ſche zu unterdrücken, deshalb legte er ohne Weiteres ſeinen Arm um die Taille Gertrud's und neigte ſein trotziges hübſches Geſicht ſehr verrätheriſch zu ihren Lippen nieder. Das Mädchen rührte ſich nicht, aber ſie ſagte mit einer Stimme voll erhabenen Zornes:„Wagen Sie einmal die frivole Gewaltthätigkeit, mein Prinz! Wagen Sie es!“ 103³ Er wagte es wirklich nicht, allein gewiß weniger aus Scheu und von der geheimnißvollen Kraft echter, keuſcher Unſchuld zurückgehalten, als weil es nicht den geringſten Spaß verſprach, wenn er die Lippen dieſes reſoluten Fräuleins berührte. Es kam ihm gar nicht darauf an, ſeinen Mund mit dem Munde eines Frauen⸗ zimmers in Rapport zu bringen ohne den Zweck einer muthwilligen Neckerei, und die war erſichtlich hier nicht am rechten Orte. „Durchlaucht ſcherzen nur,“ flüſterte der Oberforſt⸗ meiſter in tiefſter Submiß ſein Haupt neigend, um eine gewiſſe ärgerliche Aengſtlichkeit zu verbergen. Er kannte den wilden Sinn Erich's am beſten und wußte, was man von ſeinem zügelloſen Muthwillen erwarten konnte. „Wollen Durchlaucht nicht eintreten?“ Er ſchritt durch den Flur und blieb an den ſofort geöffneten Prunkgemä⸗ chern ſtehen. „Nicht doch, Alterchen,“ ſcherzte der Prinz und ſah, Gertrud freigebend, mit geſpanntem Blicke dem Fräulein von Rittberg nach, welches ſich faſt unhörbar aus dem Kreiſe zurückzog und in dem Wohnzimmer verſchwand. „Wenn ich nicht ſtöre, ſo trete ich hier ein! Habt Ihr gleich gemerkt, was das Läuten bedeutete! Wo iſt Graf Levin? Er war etwas wüthend auf mich, als ich den Be⸗ fehl ertheilte zu„bimmeln aus Leibeskräften“! Ein gran⸗ dioſer Spaß, Forſtmeiſterchen! Werden die im Ober⸗ und Niederwaldheim ſpringen und rennen und in der dunkeln Nacht herſtolpern! Ein kapitaler Witz. Was dachten die Damen, als es anfing zu läuten?“ Der luſtige junge Herr wendete ſich zwar eine Se⸗ cunde lang wieder um zu der ziemlich verſtört daſtehenden Gruppe, die von der Frau von Pröhl, Frau von Uslar und Gertrud gebildet wurde, wartete aber gar keine Ant⸗ wort ab, ſondern referirte, immerfort lachend und dabei zur Stube vorſchreitend, weiter: „Iſt denn Graf Levin nicht herein gekommen? Er wollte ja Maßregeln ergreifen, um die armen Fröhner nicht vergeblich herkommen zu laſſen. Wo iſt er denn? Wieder fort? Was Teufel— ſollte er in eigener Perſon nach Waldheim gelaufen ſein, um die Kerle zu benachrich⸗ tigen, daß ſie„nicht befohlen würden“? Es ſähe ſeiner Philantropie ſchon ähnlich!“ Mittlerweile hatte er mit ſeinen langſam nachfol⸗ genden Zuhörern das Zimmer erreicht und warf ſich sans kagon auf den Platz nieder, der ihm zunächſt in die Au⸗ gen ſiel. „Sie wollen ſoupiren? Schön! Ich helfe! Keine Umſtände, Uslarchen— keine Umſtände!“ „Zuvörderſt erlauben, prinzliche Gnaden,“ bat der Oberforſtmeiſter und zeigte auf den Oberſt, der innerlich 10⁵ kopfſchüttelnd, aber äußerlich ſteif wie ein ſchulternder Gardiſt Schritt vor Schritt gefolgt war.„Der churfürſt⸗ lich⸗ſächſiſche Oberſt von Pröhl nebſt Gemahlin und meine Nichte.“ „Weiß Alles— Alles!“ parodirte der Prinz lachend. „Ohne Umſtände, meine Damen! Ich bin hier herein⸗ gebrochen und nur geduldet— habe aber ſchmählichen Appetit auf den blaugeſottenen Karpfen!“ Er langte zu und blieb ſo lange ſtill, wie er an einer Gräte zu erſticken fürchten mußte. Gertrud betrachtete ihn voller Verwunderung. Man hatte ſich unter dem Zwange eines gewiſſen Ceremoniell abermals um den Tiſch gereihet, ohne es zu verſuchen, Margareth wieder herbeizuholen, die in's dunkle Neben⸗ zimmer geflüchtet war und einen Platz am Fenſter genom⸗ men hatte, wo ſie mit fieberhafter Aufmerkſamkeit den Aufgang zum Schloſſe hütete. Sie hoffte Levin wieder kommen zu ſehen. Sie hoffte ihn geneigt zu finden, ihre Erklärungen anzuhören. Sie hoffte auf Erhörung ihrer Bitten. Sie hoffte Alles, Alles von dieſem unerwarteten und unvorbereiteten Zuſammentreffen, weil ſie ſich nicht denken konnte, daß die Wahrheit ihrer Empfindung von dem Grafen verkannt werden würde. Sie ſaß zitternd im dunkeln Zimmer und wartete auf ſeine Erſcheinung, wie auf eine Erlöſung von allen irdiſchen Qualen. Dabei ent⸗ 1860. XIII. Gertrud. II. 7 ——— — 8 106 ging ihr nicht ein Wort von den Erzählungen des Prin⸗ zen Erich, der vom Herrn von Uslar nach ſeiner Reiſe und nach dem Grunde ſeiner bedeutend beſchleunigten Rückkunft befragt wurde. Sie hörte, daß er dem Grafen Levin die Schuld beimaß, der ruhelos geworden wäre, als ihnen auf der Reiſe mancherlei Andeutungen über zu erwartende Ereigniſſe am politiſchen Himmel zu Ohren gekommen ſeien. „Wo der Graf nur ſtecken mag?“ fragte er nochmals und wies einen Bedienten an, nach ihm aus⸗ zuſehen. Der Bediente ging natürlich nicht weiter, als bis zum Wagen des Prinzen, der wartend im Hofe hielt. Dann kam er wieder und rapportirte, daß der Graf nicht da ſei. „Es wäre doch wahrhaftig ein zu jungfräu⸗ licher Streich, wenn der gute Graf zu Fuße nach Wald⸗ heim gerannt wäre, um den Leuten zu vertrauen, daß ſie nicht zum Frohn kommen ſollten!“ rief Prinz Erich laut lachend. Die Meiſten der Anweſenden wußten beſſer, wes⸗ halb der Graf verſchwunden war, aber es hütete Jeder ſeine Zunge und ſeinen Blick, um nicht den kleinſten Arg⸗ wohn zu erregen. Die Indiscretion des Prinzen hätte mit einem Gewaltſtreiche die zarten Hoffnungen zerſtört, die in den Herzen der mitfühlenden Damen erwacht 107 waren. Man gab ſich der Zuverſicht hin, daß der Graf nur ſeines Reiſegeſellſchafters wegen für jetzt das Jagd⸗ ſchloß meide und daß er ſchon erſcheinen werde, wenn dieſer abgereiſt ſei. Wie wenig kannten ſie den Grafen Levin von Brettow! Gertrud machte ein ſonderbares Geſicht zu der gan⸗ zen Affaire. In ihr regte ſich etwas wie Kampfluſt, ge⸗ miſcht mit den Regungen weiblicher Koketterie, als ſie die grenzenloſe Gleichgiltigkeit des Prinzen beobachtete, nach⸗ dem er doch im erſten Momente ihrer Bekanntſchaft ſehr viel zärtliches Intereſſe zur Schau getragen hatte. War dies Verfahren eine Methode von ihm, die Aufmerkſam⸗ keit lebendig zu erhalten, ſo erwies ſie ſich höchſt wirkſam, denn Gertrud ſtudirte mit lebhafter Spannung die kalt⸗ herzigen Blicke, die über ihr reizendes Geſicht hinflogen, ohne nur einen flüchtigen Augenblick von innerlicher Wärme angehaucht zu werden. Hatte er ihr feſtes Auf⸗ treten übel genommen? Es verlangte ihr beinahe dies zu wiſſen. Die Kälte ſeines Blickes kränkte ſie. Sie fühlte ſich zu den kleinen Künſten verſucht, die auf leicht ent⸗ flammte Männerherzen nie ohne Eindruck bleiben. Während ſolche Revolutionen in ihrem Innern ſich Bahn brachen, erzählte der Prinz luſtige Streiche, berich⸗ tete von wagehälſigen Unternehmungen, rühmte ſich koſt⸗ 7* ——’—— 1 108 barer Abenteuer, und hatte an ſeiner ganzen Reiſe gar nichts weiter auszuſetzen, als daß der Graf Levin viel zu jungfräulich und philantropiſch ſei, um für ihn ein ausrei⸗ chender Reiſemarſchall zu werden. Plötzlich unterbrach er ſich ſelbſt und horchte auf. „Jetzt kommt das Volk!“ rief er muthwillig aufſpringend und leicht mit der Hand grüßend.„Halloh— Uslarchen, ſchafft Fackeln an— die Kerle ſollen nicht vergeblich ge⸗ kommen ſein!“ Ein regelmäßiges Trappen auf dem hartgefrornen Wege bekundete, daß der Prinz recht habe. Die armen Bauern kamen pflichtgemäß angetrottet, um ſich zum Frohn⸗ dienſt zu geſtellen, da die Frohnglocke geläutet hatte. So wie der Trupp an dem Schloſſe anlangte, befahl der Prinz, auf die Steinplatten heraustretend, Fackeln anzuzünden. „Hört, Ihr Leute, ich brauche Euch nicht!“ rief er zu ihnen herab, als ſie ſich an der Treppe ſammelten. „Es war Spaß von mir, daß ich läutete. Schadet das was?“ „Nein, Durchlaucht!“ ſchrie der ganze Chor wie aus einem Munde. „Das iſt Euer Glück, daß Ihr das ſagt. Hättet Ihr gemurrt, hätte ich Jedem zehn Hiebe aufzählen laſ⸗ ſen zur Belohnung. So aber will ich gnädig ſein und 109 Euch mein ganzes übrig gebliebenes Reiſegeld ſchenken. Hier, ſeht her!“ Er zog einen langen ledernen Geld⸗ beutel aus der Taſche und ſchüttelte ihn kräftig hin und her. Es klimperte ſehr verdächtig und entmuthigend. Ein dumpfes Gelächter durchlief die Reihen der Fröhner. Prinz Erich zuckte komiſch die Achſeln und hielt die offene Hand gegen den Oberforſtmeiſter von Uslar aus⸗ geſtreckt. „Forſtmeiſterchen, greift mir unter die Arme. Mein gnädiger Herr Vater hat mich eben nicht ſplendid aus⸗ geſtattet!“ ſprach er mit gewaltſam verbiſſenem Lachen. „Schließt auf die Schatulle— für Jeden ein Doppel⸗ geſpann*), damit die armen hergejagten Burſchen mit Bequemlichkeit nach Hauſe reiten können!— Wie viel ſeid Ihr?“ fragte er zu den Fröhnern umgewendet, die ſich mit allen Zeichen luſtiger Befriedigung immer näher an die Brüſtung der Steinplatten drängten. „Acht und dreißig mit den Treiberjungen!“ ant⸗ wortete prompt eine Stimme aus ihrer Mitte. „Alle gelten heute für voll!“ entſchied der Prinz, ſich an dem Aerger Uslar's weidend, der das Bad aus⸗ .) Hat Bezug auf die damals neugeprägten Zweigroſchen⸗ ſtücke mit einem galoppirenden Pferde. 110 tragen ſollte.„Alſo Uslarchen, mein Herzchen, mein Püppchen, mein Engelchen, öffnet Euer Beutelchen und zahlt Jedem„zwei Pferdchen“.“ 3 „Durchlaucht ſcherzen gewogentlichſt,“ entgegnete der alte Herr mit der nothwendigen Submiſſion.„Wie ſollt' ich ſo viel„Pferdchen“ in meinem Beſitze haben, um die Leute zu Haus reiten laſſen zu können?“ „Pferdchen“ alſo nicht, Forſtmeiſterchen,“ neckte ihn der Prinz zum Ergötzen der Fröhner,„aber„Füch⸗ ſe“? Gut, holt die Füchſe!— Ihr vertragt Euch doch, Kerls?“ Wie die Brüder!“ ertönte dieſelbe Stimme aus —‿ dem Haufen. „Holt alſo her die Füchſe. Zwei Dukaten werden eben genug ſein! Mein Gottchen im Himmelchen, zau⸗ dert doch nicht ſo. Ich habe Eile fortzukommen! Hätte ich Euch nicht feſt verſprochen, bei meiner Zurückreiſe ei⸗ nen Beſuch zu machen, ſo würde ich längſt in der Re⸗ ſidenz ſein!“ Der Oberforſtmeiſter mußte wohl oder übel gehor⸗ chen. Mit dem bitterſten Verdruße im Innern, denn er war ſeinen Fröhnern ein Tyrann, entfernte er ſich, um das Geld zu holen, während der Prinz ſich über die Ein⸗ faſſung des Balkons hinwegbeugte und zu dem Sprecher voon vorhin ſagte: 111 „Haſt Du keinen Herrn auf dem Wege zu Euch ge⸗ troffen? Nein? Was Teufel, wo mag denn Graf Levin geblieben ſein? Stellt Euch mal dicht zuſammen, Ihr Burſchen! So— nun paßt auf, was ich Euch ſage. Ihr ruft mit der ganzen Kraft Eurer Stimmen:„Graf Le⸗ vin“ ungefähr nach dieſem Tacte.“ Er ſagte den Namen in einem gewiſſen Tempo und ſchlug den Tact dazu auf der Mauer. Es war ein wunderbar lächerliches Schauſpiel, den Prinzen in ſeiner ſtattlichen Größe, beleuchtet von dem röthlichen Lichte der qualmenden Kienfackeln vor dem horchenden Menſchenhaufen ſtehen zu ſehen, ſchulmeiſter⸗ lich bemüht, den aufmerkſam zu ihm emporgerichteten Ge⸗ ſichtern dies zu demonſtriren. Mit dem tactmäßigen Nicken ihres Kopfes bewieſen ſie endlich, daß ſie es voll⸗ ſtändig begriffen hatten. „Gut! Ich zähle drei, dann ruft Ihr. Ich zähle abermals drei, und Ihr ruft zum zweitenmale. Ich zähle zum drittenmale drei— wenn der Graf nach dieſen drei Beſchwörungen nicht erſcheint, ſo hat ihn aller Wahr⸗ ſcheinlicheit nach der Teufel in höchſt eigener Perſon zur Hölle geholt, um ihn dort zu braten. Alſo— Eins— Zwei— Drei!“ „Graf— Le— vin!“ brauſte es gräulich durch die ſtille dunkle Abendluft. 11² Eine erwartungsvolle Stille folgte. Nichts rührte ſich. Alles ſah ernſthaft umher, nach den Wirkungen des erſchrecklichen Brüllens ſpähend. „Eins— Zwei— Drei!“ commandirte feierlich der Prinz, während Gertrud vor Lachen zu erſticken drohte und Margareth in ihrem dunkeln Zufluchtsorte ihre Sinne ſchärfte, der Erſcheinung des Grafen gewärtig. „Graf— Le— vin!“ donnerte es noch mächtiger zu den ſtarren Wipfeln der entlaubten Bäume empor. Die Krähen und Raben, ſchon vom erſten Schrei aus ihrer Nachtruhe erwacht, ſtreckten erſchrocken die Flügel aus und ließen ein ſchlaftrunkenes Krächzen hören. Sonſt regte ſich nichts und der Graf erſchien auch nach dieſer Beſchwörungsformel nicht. „Eins— Zwei— Drei!“ ſchrie der Prinz aus Lei⸗ beskräften, und Fortefortiſſimo ſetzten die Männer ein: „Graf— Le— vin!“ Heilige Stille umher, aber die Nachtvögel ſtreiften wie Höllengeiſter hoch oben über den Köpfen der Leute in weiten Bogen umher, gleichſam bereit, ſich die Opfer auszuerſehen, die ſie ebenfalls in jene Räume zu entfüh⸗ ren gedachten, wohin nach des Prinzen Ausſpruch der Graf geſchleppt worden war. Ganz unrecht mochte der Vergleich nicht ſein, denn es war anzunehmen, daß Levin nach einem Wiederſehen, 1 113 welches ſichtlich bis in die Tiefe ſeines Herzens gedrun⸗ gen und es gewaltſam aufgeſtört hatte, ſich einigen Qua⸗ len und Martern überantwortet fühlte, die einem Fege⸗ feuer nichts nachgaben. „Betet für ſeine Seele!“ rief der Prinz übermü⸗ thig;„er iſt verſchwunden und wird nimmer wieder auf Erden geſehen werden.“ Der Oberforſtmeiſter legte eine wohl abgezählte Summe Geldes in ſeine Hand, die er unter dieſen lächer⸗ lich pathetiſchen Worten gegen ihn ausſtreckte: „Es ſind Viergroſchenſtücke!“ flüſterte er devot ſich verneigend. „Bon! Heran, Ihr Burſchen! Ordnung gehalten! Die ihr Geld haben, treten rechts hinüber.“ Alles drängte ſich näher. Die Fackeln wurden ab⸗ geſtoßen und flammten heller auf. Mit eigener Hand zahlte der Prinz jedem Fröhner ſein Viergroſchenſtück und gab ihm dabei immer noch ei⸗ nen Witz mit in den Kauf. Margareth hatte ſich, muthlos geworden, etwas vom Fenſter zurückgezogen, Gertrud aber war kühn wie⸗ der hinausgeſchritten und hatte dicht neben dem Prinzen Platz genommen, um kein Wort von ſeinen Einfällen zu verlieren. So wie das letzte Viergroſchenſtück aus ſeiner Hand 114 geglitten war, ſchlug er ein brauſendes Gelächter auf und rief:„Bedankt Euch, Ihr Männer, bedankt Euch beim Oberforſtmeiſter. Dreimal Hurrah dem Herrn von Uslar! Hurrah!“* Das Volk ſtimmte lachend mit ein. Der Prinz legte ſeine beiden Hände auf die Schultern des alten Herrn und ſagte gutmüthig: „Durch Aergern können wir nichts ausrichten, alſo lachen wir! An dieſen kapitalen Witz will ich denken, ſo lange ich lebe, und Ihr, mein Uslarchen, bekommt dafür ein Ordenskreuz. Jetzt Fackeln herbei— Ihr ſollt mich heimleuchten!“ befahl er.„Wo ſind die Jägerburſchen? Her mit Euren Hörnern! Des alten Deſſauer's Marſch! Voran— dann die Fackelträger— dann mein Wagen!“ In einer fabelhaften Geſchwindigkeit ordnete ſich der Zug. Prinz Erich winkte den Damen zu, ſprang in den Wagen, der unterdeß vorgefahren war, und warf ſeinen Geldbeutel den gaffenden Dienſtboten und Jägerburſchen zu.„Das theilt Euch! Gebt den Muſikanten davon ab!“ Als einer der Bedienten den Geldſchlauch neugierig öffnete, blitzten ihm zwei Louisdors entgegen. Geſchwind verbarg er die unverhoffte Beute vor den Blicken des Oberforſtmeiſters, und dieſer hat ſchwerlich jemals er⸗ fahren, daß des Herzogs Jüngſter noch dermaßen bei Kaſſe geweſen war, um ohne ſeine Hilfe Zahlung leiſten — 1 ———— 115 zu können. Die Muſik begann und der Wagen des Prin⸗ zen ſetzte ſich langſam in Bewegung. So lange man ihn ſehen konnte, blieb Alles auf dem Platze, gefeſſelt von dem ſchaurig ſchönen Schauſpiele, das der ganze Aufzug darbot. Dann verhallte die Muſik, eine Wendung des Weges entzog den Blicken ſelbſt den blutrothen Fackelſchein und es kehrte wieder Ruhe ein. Nur in den Seelen, die tiefer berührt waren, leuchteten wie unter Zauberblitzen noch länger die wirkungsvollen Begebenheiten nach. Der Verdruß des Oberforſtmeiſters ſchien mit dem tollen Spuk zugleich verſchwunden zu ſein. Nachdem er erſt noch das Nachmurmeln ſeines Zornes in dem ſanften Tadel ausgedrückt hatte, der in den Worten lag:„Er verdirbt mir das Volk— er verringert den nothwendigen Reſpect— er tödtet die Furcht in den Männern“— da glättete ſich ſeine Stirn, da ergoß ſich ſeine Zunge in den freundlichſten Lobeserhebungen des prächtigen, luſtigen, muthwilligen und dennoch liebenswürdigen Prinzchen. Man hörte ihm zu, beſchäftigte ſich aber im All⸗ gemeinen viel mehr mit dem gänzlichen Verſchwinden des Grafen, der entweder noch in der Nähe verweilen oder ſeine Entfernung zu Fuße bewerkſtelligt haben mußte. Man wurde einig darüber, den Witz auf Koſten des Herrn von Uslar höchſt amüſant zu finden, aber bedau⸗ ——— 116 erte es durchſchnittlich keineswegs, daß ſich Graf Levin nur gezwungen und bis zum letzten Momente widerſtre⸗ bend daran betheiligt hatte. Spät in der Nacht kamen die Jägerburſchen mu⸗ ſicirend durch den Wald zurück. Im Schloſſe hatte ſich Alles ſchon dem Schlafe übergeben, nur Margareth und Gertrud waren noch wach. Der Hörnerklang drang zu ihnen, und gleichzeitig eilten ſie zum Fenſter, um weit hinausgelehnt den ſchwellenden Tönen zu lauſchen. Es war gleichſam das Finale ihrer erlebten, märchenhaften Abenteuer. Das Haus, wo die Jäger wohnten, lag ſeitwärts und ſie konnten nicht erwarten, daß ſich die Muſikanten dem Jagdſchloſſe nähern würden. Flüſternd, ſich mit den Armen feſt umſchlingend, gaben ſie ſich un⸗ geſtört dem Eindrucke hin, den die Muſik auf ſie machte, und ſie überſahen dabei, daß dieſelbe immer näher kam. Dann ſchwieg ſie einige Minuten, um mit einem ſchönen, melodiöſen Adagio dicht vor ihnen wieder zu beginnen. Es war augenſcheinlich nach höherm Befehle ein Ständchen für die jungen Damen, die nichts weniger als von dem leichtherzigen Prinzen überſehen wurden, obwohl er mit vollendeter Gleichgiltigkeit in ihrer Nähe verharrt hatte. Beſchämt zogen ſie ſich vom Fenſter zurück, und mit 117 klopfendem Herzen horchte Gertrud der ſüßen, ſentimen⸗ talen Melodie, die ihr ganzes Innere bewegte. Margareth ließ die Bilder des Abends an ihrer Erinnerung vorübergehen, während ſie ihr Ohr den rei⸗ zenden Tönen zuwendete. Sie bannte alle düſtere, geſpen⸗ ſtiſche Träume und faßte das Begegniß mit klarer Be⸗ urtheilungskraft auf. Jetzt, geneſen von der augenblick⸗ lichen Ueberwältigung ihrer heißen Phantaſie, geſtand ſie ſich zu, daß ſie die Grenze ihrer bisherigen Wünſche weit überſchritten hatte, indem ſie ſich ſchönen Hoffnungsbildern überließ. Sie hatte in Weißenfels dem Himmel gedankt, daß ſie ſich der Gewißheit von ſeinem Leben überlaſſen durfte. Sie gab ſich jetzt einem noch tief gefühlterem Danke hin, denn dies Wiederſehen hatte ſie überzeugt, daß ſein Herz noch nicht erkaltet gegen ihr Andenken war. Frei⸗ lich die roſigen Wolken, womit ihr Daſein für einige wenige Momente durchleuchtet erſchienen war, ver⸗ blaßten, und die Himmelsklänge, die jetzt ſchmeichelnd ihr Herz umzogen, verhallten, aber ſie hatte einen ge⸗ wiſſen Muth aus Allem geſogen, was in ihr Leben ge⸗ treten war. Gertrud trat tief athmend zu ihr heran, als die Muſik ſchwieg, und drückte die Stirn feſt gegen ihre Schulter, indem ſie ihren Nacken umſchlang. 118 Eine gefährliche Aufregung hatte ſich des jungen Miüdchens bemächtigt. Sie dachte während der Muſik weit mehr an den Prinzen Erich, als zweckmäßig und vortheilhaft für ſie war, und ſie war jetzt geneigt ſich der verführeriſchen Eitelkeit hinzugeben, dieſen wilden Mann dereinſt zu ihren Füßen liegend zu wiſſen. Was ſollte ihn vermocht haben, die Muſik vor ihren Fenſtern ertönen zu laſſen, wenn nicht eine Herzensregung ihr Bild wieder vor ſein Gedächtniß zurück geführt hätte? An eine wüſte, gedankenloſe Manie immer nur das thun, was in's Bereich muthwilliger Neckerei fiel, dachte ſie natürlicherweiſe nicht. Sie nahm in aller Unſchuld jede Courtoiſie für den Ausdruck einer Herzenswallung und überſetzte ſich die ſchönen klagenden Harmonien des Ton⸗ ſtückes, das ſie angehört hatte, als eine förmliche Liebes⸗ erklärung. Dabei regte ſich aber glücklicherweiſe ihr Ver⸗ druß über ſeine Kälte und miſchte etwas Bitterkeit in die Freude über die harmoniſchen Liebesklagen. Sie wurde unzufrieden mit dem Verlauf des Abenteuers. Ihre Sehnſucht, einen Mann, wie den Prinzen Erich zähmen zu können, erwachte ſtärker und gab ihr vermeſſene Pläne ein. Wohin ſie eigentlich damit wollte, wußte ſie nicht, denn ſie war in ihrer unfertigen Charakterbildung weit entfernt, ſich von den räthſelhaften Miſchungen ihrer Gefühle Rechenſchaft geben zu können. Wäre Elvire, die 119 erfahrene Pflegeſchweſter, an ihrer Seite geweſen, ſo würde dieſe, mit ihrer Individualität vertraut, ſie durch⸗ ſchaut und mit einigen Spottreden wieder zur Beſinnung gebracht haben. So aber war ſie mit all' den ungehörigen Gedanken und Wünſchen ſich ſelbſt überlaſſen, und Mar⸗ gareth's für den Augenblick geſteigerte Sentimentalität that noch ein Uebriges, den Keim ſchlummernder Fehler recht gedeihlich zu befruchten, ſo daß dieſer Abend eine Wendung in ihrem Charakter⸗ und Gemüthsleben zu bewerkſtelligen verſprach, keinesweges ihr zum Heile. Die Mädchen begannen ein Flüſtergeſpräch, worin ſich Margareth's Erinnerungsvermögen öffnete. Gertrud, in ſchwärmeriſcher Ueberſchätzung, verglich den Prinzen und den Grafen. Obwohl dies Margareth nicht gut heißen konnte, ſo widerſprach ſie doch nicht, ſondern ver⸗ ſenkte ſich in das erſte Begegnen mit Levin, wo er eben⸗ falls im Uebermaße guter Laune zu Thorheiten ſich hatte hinreißen laſſen. „Er kam über die Zugbrücke geſprengt,“ erzählte ſie im Verklärungsſchimmer holder Verſchämtheit,„und ich war im Begriffe das Portal zu verlaſſen, um in den Park zu gehen. Ohne mich zu beachten, denn ſein Beſuch galt dem Junker Wolf—“ Gertrud zuckte merklich zuſammen bei der Erwäh⸗ 120 nung eines Namens, der ganz vom Prinzen Erich ver⸗ drängt worden war. „Sprang er mitten im raſenden Galopp von ſeinem wohldreſſirten Pferde, dem Philidor, und ich glaubte, daß er geſtürzt ſei. Als ich mich von meinem jähen Schrecken erholte und aufblickte, da lag er zu meinen Füßen. Von dieſem Momente an folgte Sturm auf Sturm. Wenn ich zu mir ſelber kam, fand ich mich in einer Atmoſphäre ſo fremder Art, daß mir bange wurde. Seit Jahren gewohnt nur der größten Selbſtbeherrſchung gegenüber zu ſtehen, erfaßte mich bisweilen mitten im Entzücken meiner Liebe ein furchtbares Ahnen, daß ich nicht auf dem Wege wandle, der mir zuſtehe. Seit Jah⸗ ren überfüttert von einer Lectüre, die ich eigentlich nie begriffen, ſondern nur oberflächlich erfaßt hatte, um ſie meinem Gedächtniſſe einzuprägen, ſchauderte ich zuweilen vor der Offenbarung einer Leidenſchaft zurück, die ich nach dieſen eingeſogenen Grundſätzen verdammen mußte. Rathlos griff ich aber immer nach den ſüßen Beſchwich⸗ tigungsmitteln meiner Unruhe und ſtillte meine Zweifel mit meiner Liebe zu Levin. Wäre meine Tante Wallbott nicht auf den Gedanken gekommen, gegen meinen Wunſch und gegen meine Erwartung ihren Aufenthalt in Gotha abzukürzen, ſo würde mein Gemüth nie der extravaganten Furcht erlegen ſein, die mein Elend herbeiführte. Der 121 Gedanke, meinen Verlobten der kritiſirenden Weisheit zweier Menſchen, die ich über jeden Vergleich erhaben anſah, ausgeſetzt zu ſehen, machte mich faſſungslos!“ „Stellſt Du den Baron noch immer ſo hoch?“ fragte Gertrud, ſie unterbrechend, voller Spannung. „Nein!“ entgegnete Margareth energiſch.„Baron Lottum lebt nach Syſtemen, Graf Levin nach den natür⸗ lichen Eingebungen ſeines Naturells. Was dem Erſtern eingeimpft iſt, das iſt dem Andern angeboren. Syſteme können aber leicht geſtürzt werden, während die Kraft der Natur unbeſiegbar iſt, und mir erſcheint die Urſprünglich⸗ keit eines Weſens jetzt erhabener, als eine ſyſtematiſche Selbſtbeherrſchung, die eines Tages ſchmählich unter⸗ gehen könnte.“ Gertrud lächelte ſchlau und ſchadenfroh.„Es könnte den Himmelſtürmern nicht ſchaden, wenn Baron Lottum einmal Herzensbanquerott würde. Denke Dir das Ge⸗ ſicht Deiner Tante bei ſolchem Vorfalle.“ „Alexander iſt kalt, klug und aufmerkſam. Er würde jedem Feuer aus dem Wege gehen!“ „Meinſt Du?“ fragte Gertrud und warf bedenklich den Kopf in die Höhe.„Polirte Stahlherzen brechen leichter, als rohe Eiſenherzen. Prinz Erich möchte ſchwe⸗ rer zu beſiegen ſein, als Baron Alexander.“ 1860. XIII. Gertrud. II. 8 122 Das Geſpräch brach ab, denn Mitternacht war nahe. Als der Tag begann, rüſtete man ſich zur Abreiſe. Herr und Frau von Uslar packten die Engelchen, Herzchen, Liebchen und Kleinchen mit tauſend Liebkoſun⸗ gen in den Wagen und thaten ſehr untröſtlich bei dem Abſchiednehmen. „Wir kommen mit der erſten Lerche wieder!“ ver⸗ ſprach Gertrud an dieſem Morgen zum drittenmale. „Wir kommen auf Beſuch, Margareth und ich, ver⸗ laſſen Sie ſich feſt darauf! Im März ſind wir wieder hier!“ So ſchieden ſie. Frau von Pröhl hatte nur zu den Verſicherungen eines ſehr plötzlich erwachten und befeſtig⸗ ten Entſchlußes gelächelt, und mit demſelben Lächeln fragte ſie nach der erſten Viertelmeile, die ſie in dem öden Walde mit ſeinem raſchelnden Herbſtlaube, das geſpenſtiſch unter den Rädern ſeufzte, zurückgelegt hatten: „War es Dein Ernſt, Gertrud, daß Du zum Be⸗ ſuche nach Uslar's willſt, wenn die Lerchen ſchwirren?“ Gertrud hob trotzig die Augen und keck den Kopf. „Ja wohl!“ „Still, mein Kind, laß dies keinen Menſchen hören!“ erwiderte die Dame haſtig.„Was könnte Dich wohl veranlaſſen dieſe alten langweiligen Leute und ihr noch 123 langweiligeres Waldſchloß zu beſuchen, wenn es nicht der Prinz Erich wäre, der in ſeiner liebenswürdigen Toll⸗ heit Dich dorthin verlockte,“ fügte ſie mit herber Aufrich⸗ tigkeit hinzu. Ein Blick voller Verwirrung war des jungen Fräu⸗ leins Antwort. Weiter verlangte auch Frau von Pröhl nichts. Sie kurirte mit ihrer paſſenden Offenherzigkeit ſicherer und gründlicher die vulkaniſchen, romantiſchen Träumereien, als mit ganzen Kapiteln einer glänzenden Vorleſung. Der rechte Name und der aufgeklärte Begriff einer Handlung zerſtreute die noch namenloſen Illuſionen in Gertrud's jugendlichem Gehirne und brachten ſie zu einem beſchämenden Nachdenken. Weiter war nichts nöthig. Die guten Elemente in ihr bewältigen ſogleich jede wuchernde Verſuchung. Die Ereigniſſe des letzten Abends im Waldſchloſſe traten aus der phantaſtiſchen Kraft und verloren bald ihre Einwirkung. Es bedurfte nur der zwei Tage, die ſie noch unterwegs waren, um das Gleichgewicht ihrer Seele wieder ganz herzuſtellen und ſie dann zu veranlaſſen, im dunkeln Gefühle einer Sehn⸗ ſucht nach dem Junker Wolf, einen langen Brief an El⸗ vire zu ſchreiben, worin ſie mit Humor die ganze Reiſe beſchrieb und mit Gefühl die intereſſanten Mittheilungen über den Grafen machte, die den Junker Wolf zu weitern Nachforſchungen auffordern ſollten. 8* 124 Der Brief hatte den Erfolg, daß Junker Wolf von Rittbergen aufbrach und ſich ungeſäumt nach der Reſidenz begab, wo Prinz Erich, gemüthlich den wüſteſten Exceſſen ſich hingebend, von den Strapatzen ſeiner Welt⸗ tour ausruhte, ohne ſich im geringſten von dem Anden⸗ ken an Gertrud von Spärkan irritiren zu laſſen. Er empfing den Junker ſehr freundlich, bedauerte jedoch vom Grafen Levin zur Zeit noch nichts erfahren zu haben. Hechstes Capitel. Unter dem erſten Schneegeſtöber zogen die Reiſen⸗ den in heiterer Gemächlichkeit in der Wohnung des Oberſten von Pröhl ein. Man denke ſich aber nun kein großartiges und prächtiges Gebäude voll Reichthum und Eleganz, wenn erzählt wird, daß dieſer vormalige Krieger mit ſeinem weit ältern Bruder, einem Domherrn von Pröhl, die Domprobſtei eines aufgelöſten Stiftes inne hatte. Das Haus war uralt, die Localitäten ſchlecht vertheilt und die Einrichtung nach altem beliebten Style durchaus unbequem, als Frau von Pröhl an der Seite ihres Gatten Beſitz davon nahm. Seitdem hatte ſich Manches darin verändert, aber bis zur Eleganz war man noch nicht gediehen, und es ſchien auch nicht möglich zu ſein, bis dahin vorzuſchreiten. 126 Was aber daran fehlte, das erſetzte Frau von Pröhl durch practiſche, das Gemüthliche befördernde Ver⸗ beſſerungen und durch eine beiſpielloſe Ordnung und Reinlichkeit. Da war kein Fleckchen in dem weißen Eſtrich der Fußböden, und man hätte es einer Spinne nicht rathen mögen, ihre langen Beine nur verſuchsweiſe in irgend einen Winkel zu ſetzen, ihr Tod wäre ihr gewiß geweſen. Die Deviſe dieſes Hausweſens hieß:„Weder Flecke noch Staub!“ Frau Eliſabeth von Pröhl war keinesweges eine reiche Erbin geweſen. Ihr ganzes Hab und Gut hatte in einer gediegenen Ausſtattung beſtanden, dem ein Erb⸗ theil von ſechshundert baaren preußiſchen Reichsthalern nachgefolgt war, als ihre Mama das Zeitliche geſegnet hatte. Koffer, Kiſten und Schränke voll ſelbſtgeſponnenem Leinen, aus ſelbſt gewonnenem Flachſe ſah man in allen Räumen vertheilt, aber von Familienkleinodien keine Spur, obwohl die Dame aus dem alten Geſchlechte der „Kökeritze“ ſtammte, die einige Jahrhunderte früher mit dem privilegirten Raubſyſteme ihres Standes den Reich⸗ thum des Bürgers an ſich zu bringen geſucht hatten. Der Oberſt mit ſeiner traditionellen Weltgeſchichte kannte natürlich auch die Litanei der armen, ſtets bedroh⸗ ten Märker nnd citirte mit einigem Geſchicke das betref⸗ 127 fende Gebet„Vor den Kökeritzen, Itzenblitzen, Kraft und Lüderitzen bewahre uns o lieber Herrgott“ in den tra⸗ giſchen Momenten, wo die Geſchäftigkeit und Reinlich⸗ keit der gnädigen Frau von Pröhl bis zur Unliebens⸗ würdigkeit heranſtieg. Es war der einzige Umſtand in ihrem Leben, wo ſie von ihrer wahrhaft hinreißenden Gemüthlichkeit abwich und in der Praxis bewies, daß Tugenden auch ihr Ziel 4 haben müſſen, wenn ſie nicht in Gefahr kommen wollen, zu Untugenden herabzuſinken. Ihre Einnahme hatte ſie, vom Beginne ihrer Ehe an, unter den nothwendigen Zwang geſtellt, ſelbſthandelnd und ſelbſtwirkend als Haus⸗ frau zu walten, und man konnte, der einſtimmigen Mei⸗ nung zufolge, ſeinen Platz in der Welt nicht beſſer aus⸗ füllen, als Frau von Pröhl. Die noble Accurateſſe ihres Haushaltes leuchtete aus Allem hervor, was ſie umgab, und nachdem ſie durch das Koſtgeld ihrer Pflegetöchter in den Stand geſetzt worden war, etwas zu verbeſſernden Bauten verwenden zu können, ſtellte ſie manche häßliche Aeußerlichkeiten ihrer Wohnung ab, legte durch hellere, größere Fenſter den Grund zu einer richtig vertheilten Erleuchtung düſterer Räume, und verbannte ſomit zugleich die Möglichkeit, daß ſich„Flecke und Staub“ verſtecken 1 konnten. Die Domprobſtei lehnte ſich mit ſeinen Hinter⸗ 4 128 gebäuden an einige verfallene Gebäude des ehemaligen Kloſters, das im dreißigjährigen Kriege zerſtört und danach verlaſſen worden war, und die Trümmer dieſer wüſten Hallen und Kapellen zogen ſich etwas bergauf bis zu einem Parke, der das Gut eines Baron Biska dicht umſchloß. Von dem ganzen Trümmerhaufen war nichts mehr brauchbar zu machen geweſen, als eine kleine Kapelle, die den wenigen Katholiken der Umgegend zum Gottesdienſt diente, und ein Laboratorium, nahe der Probſtei, das vom Domherrn von Pröhl zu ſeinen chemiſchen und phy⸗ ſikaliſchen Experimenten, denen er leidenſchaftlich oblag, benutzt wurde. Der Domherr war ein ernſter, verſchloſſener Mann, ganz ſeinem Bruder, dem Oberſten, entgegengeſetzt. Er hatte das Recht, als letztes Mitglied eines unlängſt auf⸗ gehobenen Stiftes die Probſtei zu bewohnen, und war ſehr bereitwillig geweſen, dies Haus mit ſeinem Bruder zu theilen, als dieſer von ſeinen Wunden zum Austritt aus der Armee gezwungen wurde. Er räumte dem Ehe⸗ paare die obere Etage ein, und hauſete in dem Stock⸗ werke zu ebener Erde. Die Mittagstafel führte ſie täg⸗ lich zuſammen in dem Speiſezimmer des Oberſten, ſonſt aber ſahen ſie ſich ſelten, weil der alte Herr, in einem langen, braunen Ueberwurfe, ganz einer Mönchskutte 129 ähnlich, von früh bis ſpät, der herrſchenden Mode ge⸗ mäß, im Laboratorium Silberthaler ſchmorte, um Gold⸗ ſtücke daraus entſtehen zu ſehen. Zur Zeit, als Margareth von Rittberg in dieſe Probſtei eintrat, waren ſeine Silberthaler glücklich ſo weit verbraucht, um ihn zu andern Experimenten zu zwingen. Er ging zur Kunſt der Feuerwerker über und fabrizirte allerliebſte Raketen, Schwärmer, Fröſche, Leucht⸗ kugeln und Feuerräder. Dabei hatte er noch eine Leidenſchaft, die gewiß ſehr heterogen von der eben beſchriebenen war. Er ſpielte das Clavier mit einer damals ſeltenen Vollendung, und betrachtete jeden Menſchen, der etwas componiren konnte, als einen Gott. Mit einer wahrhaft kindlichen Demuth bemühte er ſich um die Freundſchaft der ausübenden und producirenden Künſtler, und es war oft vorgekommen, daß er meilenweit fuhr, wenn er hörte, daß ein bekannter Muſiker irgend wo weile. Hingegen für Dichter und Schriftſteller hatte er nicht allein keine Sympathie, ſon⸗ dern eher eine Antipathie. Er zieh ſie unvernünftiger Ei⸗ telkeit, nannte Alles„dummes Zeug“, was große Gei⸗ ſter hervorbrachten, und ſchimpfte gelegentlich auf die Thorheit, das zu drucken, was jeder Menſch ſich denken könne. Nur die Harmonien ſeien göttlichen Urſprungs, 130 und wer ſie in ſich trage, ſei eigens von Gott begabt, behauptete er, alles Andere laſſe ſich erlernen. Einen wunderbaren Eindruck machte die Schönheit auf ihn. Von dem Ausdrucke eines Menſchenantlitzes, von der Bildung einer Menſchenhand konnte er entzückt werden und ſie ſtundenlang mit ſtillem Sinnen be⸗ wundern. Der Anblick Margareth's ſetzte ihn natürlich in Erſtaunen, und er verbrachte die erſten Tage nach ihrer Ankunft im eigentlichſten Sinne des Wortes damit, ſie zu betrachten und zu bewundern. Margareth war ſchön, nach allen Ueberlieferungen unbeſtritten das ſchönſte Mädchen der damaligen Zeit, und ihr unvollkommenes Conterfei bezeugt es, daß man kaum ein vollſtändig und harmoniſch ſchöneres Frauen⸗ gebild ſich denken konnte. Der Domherr hielt es für eine Gnade des Himmels, daß ſeinen alten, ſechzigjährigen Augen die Freude gewährt wurde, ſie zu ſehen. Er ver⸗ gaß darüber beinahe ſeine geliebten Feuerwerke und blieb ſtundenlang im Refectorium, wie er das Speiſe⸗ zimmer ſeines Bruders, dem alten Kloſtergebrauche ge⸗ mäß zu nennen beliebte, um das ſchöne Fräulein an⸗ zuſtaunen. Wie es um den Geiſt Margareth's beſchaffen war, blieb ihm ganz gleichgiltig, aber daß ſie Intereſſe für 131 ſein ausdrucksvolles Clavierſpiel zeigte, das machte ſie zu ſeinem erklärten Lieblinge. Es vergingen keine vier Wochen, ſo waren dieſe beiden Menſchen unzertrennlich. Das Fräulein verließ oftmals früh Morgens ſchon ihr Zimmer, ſchlich hinunter in die dunkle Stube des alten Herrn und ſetzte ſich ge⸗ räuſchlos in einen der gepolſterten, aber dennoch ſtein⸗ harten Seſſel zurecht, um zuzuhören, wenn der Domherr ſpielte. Und er richtete von Zeit zu Zeit glückſelig freund⸗ lich ſeinen Blick auf das Geſicht, das ihn entzückte, ſtrei⸗ chelte väterlich die feine, kleine Hand, verlor aber da⸗ bei kein Wort. Wenn er in's Laboratorium ging, ſtieg Margareth ſchweigend und ſtill lächelnd wieder die Trep⸗ pen aufwärts. Sie genirten ſich Beide niemals, weil ſie eben wie ein Paar ſtille Geiſter um einander herum gingen. Aber der ſtumme Verkehr beſchwichtigte merkwürdig gut die nervöſen Aufregungen in Margareth. Sie kam ganz allmählig zu ſich ſelbſt, erwachte aus dem Schein⸗ leben, worin ſie durch künſtliche Mittel heimiſch gemacht worden war, und erkannte ihre ganze Lage. Von ihrer geiſtig ruheloſen Tante zu einer geiſtigen Lebendigkeit hinaufgeſchroben, wo ſie keinen feſten Fuß zu faſſen ver⸗ mochte, wurde ſie durch die herbeigeführten Begebenhei⸗ ten in ein Chaos geſtürzt, das ohne eine zur Contempla⸗ 132² tion auffordernde Atmoſphäre jedenfalls ein Verſinken ihrer Empfindungen in unverſtandene Ideen zur Folge haben mußte. Jetzt erkannte ſie die Gefahr, worin ſie geſchwebt hatte, jetzt fühlte ſie die Macht, die ſie zu einer Puppe des Zeitalters hatte heranbilden wollen. Ihre Verſtandeskräfte kamen jetzt in's Gleichgewicht mit ihren Seelen⸗ und Gemüthsbewegungen. Sie pries ſich glücklich in der monotonen Stille eines Lebens, wel⸗ ches ihr Zeit und Gelegenheit zu ernſthaften Betrachtun⸗ gen gab. Der Reiz, der eine Zeitlang für ſie darin ge⸗ legen hatte, der Gegenſtand geiſtreicher Huldigungen zu ſein, ſtumpfte ſich in der einfachen Geſelligkeit ab. Ihre Bildung wurde gar nicht in Betracht gezogen, wenn man ſie liebenswürdig fand. Ob ſie wußte, daß Plato, Cato, Ovid und Cicero jemals gelebt hatten, um ihre Weis⸗ heit zum Nutzen ſpäterer Jahrhunderte in Lettern zu ver⸗ zeichnen, danach fragte Niemand. Daß ſie ſchön, daß ſie lieblich, daß ſie freundlich und gütig war, das entzückte Jedermann. Der Nimbus eingebildeter Geiſtestriumphe fiel ab und räumte den Platz für Glorien eines andern Ehrgeizes. Damit Fräulein Margareth nicht ganz zur Träu⸗ merin werde, fiel Frau von Pröhl alsbald mit ihrer praktiſchen Methode dazwiſchen, ſo wie ſie den geeigneten Zeitpunkt eintreten ſah. Der Haushalt der beiden Ge⸗ 133 brüder von Pröhl war grundſetzlich vereinfacht. Man ſah weder herumlungernde Bedienten, noch naſeweiſe, horchende Zofen im Hauſe. Eine derbe Magd von altem, guten Schrot und Korn, Suſanne getauft, aber die „dicke Suſe“ genannt, war mit dem ſchwierigern und un⸗ ſauberern Theil der Hausgeſchäfte betraut, und ein nobles Stubenmädchen verſah die andern Arbeiten. Der Küche ſtand Frau von Pröhl in eigener hoher Perſon vor. Sie war ſtolz auf ihre bewährte Kochkunſt, und ſie ſah es gern, wenn ihre Pflegetöchter Intereſſe dafür zeigten. Im Anfange fiel es Margareth gar nicht ein, auf die Andeutungen etwas zu geben, die ſich die Dame des Hauſes dieſerhalb erlaubte. Sie, die einzige Herrin ei⸗ nes luxuriöſen Hausweſens, von unſichtbaren Händen be⸗ dient, wie ein Feenkind, ſie ſollte ſich in eine dumpfe, mit Waſſerdünſten überfüllte Küche begeben, um in einen Kochtopf zu ſehen? Nein, ſo weit verſtieg ſich ihre Phan⸗ taſie nicht. Frau von Pröhl wartete klug und geduldig ihre Zeit ab. Zuerſt weckte das Lob des ſehr verwöhnten Domherrn ihr Intereſſe für das Geheimniß der Koch⸗ recepte, dann that die eintretende Langeweile das ihrige— genug, eines Tages, als ſie nach ihrem Muſikgenuße wie gewöhnlich den Domherrn verließ, ging ſie direct in die V 3 Küche, um zum erſtenmale in ihrem Leben einen Koch⸗ löffel zur Hand zu nehmen. Bis jetzt dazu erzogen, die Regungen der menſch⸗ lichen Bruſt unter den Feſſeln der ſteifen Etiquette und der ſtrengen Selbſtbeherrſchung zu bergen, der Liebe und der Freundſchaft nur gehaltvolle Worte zu leihen und die kleinlichen Intereſſen des Lebens zu verachten, ſchüttelte ſie plötzlich im Verkehre mit rein irdiſchen Dingen allen Zwang ab und gab ihrer Empfindung einen gemüthlichen Ausdruck. Sie konnte mit jubelnder Fröhlichkeit ein Gericht Fiſche, wie der Oberſt ſie gern aß, als ſelbſt bereitet auf den Tiſch bringen, und ſie konnte mit wahrhaft bezau⸗ bernder Anmuth die kleinen Pflichten einer Hausfrau verrichten. „Was würde Tante Wallbott ſagen, wenn ſie Dich den Tiſch ſerviren ſähe?“ fragte Gertrud oftmals.„Ein Anathema über Deine Herabwürdigung ſprechen und mit ſtolzem Naſerümpfen Deine Beſtrebungen für's Alltags⸗ daſein tadeln!“ Margareth dachte, daß es wohl ſo ſein würde, aber ſie wurde dadurch nicht irre. Sie blühete friſch auf in der veränderten Atmoſphäre, und der Reiz ihrer Erſchei⸗ nung hob ſich bei der natürlichen Lebensart. Sie war der Liebling des Hauſes, weil nie eine Laune zum Vorſchein 13⁵ kam, der man etwas zu vergeben hatte. Das breite, roth⸗ wangige Geſicht der dicken Suſe glänzte vor Vergnügen, wenn Fräulein Margareth in die ſauber gehaltene Küche trat und ſich ſo geſchickt darin bewegte, als ſei ſie es von Kindesgebeinen an gewohnt darin zu leben. Ihr innerliches Wohlbehagen trieb dieſe gute dicke Suſe einſt an, ſich in dem poetiſchen Vergleiche zu ver⸗ lieren,„daß es ihr immer erſcheine, als fliege eine weiße Taube durch ein Eulenneſt, wenn Fräulein Margareth in die Küche trete.“ Aber ſie erſtarrte gleichzeitig vor Schreck, als ſie die Wangen des Fräuleins erbleichen und ein heftiges Zittern durch ihren zarten Körper fliegen ſah. Es war wieder eine Erinnerung an die ſeligſten Stunden ihres Lebens, wo Levin ſie mit huldigender Zärtlichkeit „meine weiße Taube“ genannt hatte. Die treuherzige Magd ſtand mit dem dummſten und zugleich unglücklichſten Geſichte von der Welt vor ihr und konnte nicht begreifen, was in ihren Worten für Veran⸗ laſſung zu der Gemüthsbewegung gelegen haben könnte. Ihre Thränen brachen hervor und überſtrömten in Maſſe die blanken rothen Wangen. Margareth ermannte ſich ſchnell. Sie trat zu ihr heran und legte ihre weißen Finger in die derben, rein gewaſchenen Hände der dicken Suſanne. „Sei ruhig, Suſe,“ beſchwichtigte ſie das Mädchen, 136 „ſei ruhig und weine nicht! Du konnteſt ja nicht wiſſen, daß mich Jemand, der mich einſtmals ſeine weiße Taube genannt, verlaſſen hat. Nenne mich aber nie wieder ſo— hörſt Du— niemals!“ Das war ein halbes Vertrauen zu dem armen, niedrig gebornen Mädchen, und es machte die dicke Suſe ſehr ſtolz. Margareth wußte ſelbſt nicht, wie ſie dazu gekom⸗ men war, von der Höhe ihrer iſolirten Stellung in die Sphäre hinab zu ſteigen, die ſie früherhin als ganz ge⸗ trennt von ſich betrachtet hatte. Aber ſie konnte es ſich beim beſten Willen dazu nicht abläugnen, daß ihr die Thränen des Mitgefühles aus Suſens Augen wohl⸗ gethan hatten. Von da an ſchlang ſich ein Band eigener Art um dieſe beiden, in allen Stücken himmelweit auseinander ſtehenden Frauenzimmer. Suſe hätte ſich mit dem treu⸗ herzigſten Vergnügen etwas Hände und Beine abhacken laſſen, wenn es zum Beſten ihres Fräuleins gedient hätte, und Margareth fühlte ſich wunderbar behaglich in der Anerkennung dieſer ſtillen, ehrerbietig treuen Anhäng⸗ lichkeit. Der einzige Umgang des Oberſten von Pröhl be⸗ ſtand in einigen alten Kriegskameraden und ihren Fami⸗ lien, die theils ganz nahe bei, theils etwas ferner, aber 137 doch nicht über eine Meile von ihm entfernt wohnten. Der nächſte Nachbar war der Baron Biska, ein preußi⸗ ſcher Major, der unter dem General Ziethen ſich bei Keſſelsdorf, das nicht weit entfernt lag, ſeine Lorbeern verdient und nach beendetem Kriege in derſelben Gegend ſich eine Frau erworben hatte, die Eigenthümerin des netten Gutes war, welches ſich dicht an die Probſtei mit ihren Kloſtertrümmern anſchloß. Baron Biska war ein ſeltſamer, unruhiger Mann, der ſich in die Friedenszeiten gar nicht zu ſchicken wußte und Pulver nebſt Blei für das geeignetſte Spielwerk eines Mannes hielt. In Ermangelung anderer Beſchäf⸗ tigung ſchoß er zeitweiſe alle Haſen todt, die ihm in den Weg liefen, und wenn er dies ſatt hatte, dann kam er hinüber in's Laboratorium des ehrbaren und ernſthaften Domherrn, um Feuerräder, Raketen, Schwärmer, Fröſche und Zinzelmännerchen fabriciren zu helfen. Sie verpufften Beide manches Loth Pulver und ka⸗ men oftmals in Gefahr, ſammt ihrem ganzen Vorrathe von Fröſchen in die Luft zu fliegen, allein das kühlte die Leidenſchaft der Sonderlinge durchaus nicht ab. In der letzten Zeit war der Domherr träger als ſonſt in ſeiner Beſchäftigung geweſen, und es bedurfte irklich bisweilen der beſondern Aufforderung des Baron iska, um ihn bei ſeinen Experimenten zu feſſeln. 860. XIII. Gertrud. II. 9 138 1 Dieſer kam denn eines Tages, im Monat Januar, mit freudeſtrahlendem Geſichte in die Probſtei, um den Damen zu verkünden, daß ihm endlich ein Sohn geboren ſei, nachdem ihn ſeine Frau ſchon zweimal mit Mäd⸗ chen angeführt habe. Er ſtellte zugleich eine prachtvolle, ſolenne Tauffeierlichkeit in Ausſicht und beſchwor den Domherrn, zu derſelben ſeine ganze Kunſtfertigkeit auf⸗ zubieten, um ein Feuerwerk zu liefern, wie es noch nie dageweſen ſei. Gertrud fand die Idee vortrefflich, bedang es ſich aber gleich aus, bei dem kleinen Stammhalter Gevatter ſtehen zu müſſen. Das Verſprechen wurde geleiſtet und ein ganz ausgezeichneter Gevatter in Ausſicht geſtellt. Dann entfernte ſich der Baron, um ſeine freudige Nach⸗ richt ſelbſt weiter zu tragen. Kaum hatte der Baron die Probſtei verlaſſen, ſo rollte eine ſchwere, prachtvolle Karoſſe die Straße hinab und hielt vor der Thür. 88 Gertrud, noch ganz beglückt von der Ausſicht auf eine glorreiche Pathenrolle, ſtand ſprachlos vor Schreck und ſtarrte auf den Lakaien hinab, der ſich ſchwerfällig : vom Bocke herniederließ und dann auf die Thür zuſchrith „Meines Vormunds Wagen!“ flüſterte ſie betrüb „Ach, Margareth, ich muß Dich verlaſſen!“ 139 Margareth, unbekannt mit den Familienverhält⸗ niſſen des Fräuleins, ſah ſie gedankenvoll fragend an. „Der Feldmarſchall von Spärkan, mein Vetter und Vormund, nimmt ſich je zuweilen die Freiheit, mich ohne Weiteres„zu befehlen“,“ erläuterte Gertrud mit Ver⸗ druß.„Ich darf mich nicht widerſetzen.“ „Wie lange bleibſt Du?“ fragte Margareth, eine kleine Aufregung niederkämpfend. „Gewöhnlich zehn bis vierzehn Tage! Ich bin aber gebunden, weil Onkel Excellenz den Befehl über ſeine Equipage hat. Wie gut, daß ich dem Baron Biska eine Pathenrolle verſprochen habe!“ rief ſie plötzlich auf⸗ geheitert. Sie wurden unterbrochen, denn der breitſchultrige Lakai in ſeiner Galalivree hatte währenddeß die Treppe erſtiegen und brachte mit ſchuldiger Devotion die Einla⸗ dung des Herrn Feldmarſchall Exellenz(die einem Be⸗ fehle aber ſehr ähnlich ſah) an das gnädige Fräulein von Spärkan, ſich Angeſichts dieſes in den Wagen zu ſetzen, um nach Dresden zu kommen. Verdrießlicher noch als ſonſt, warf Fräulein Gertrud ihr Köpfchen hintenüber, als ſie fragte:„Was gibt es denn beim Onkel, François, daß ich mitten im Winter befohlen werde?“ 9* 9 140 „Bälle gibt es, gnädiges Fräulein!“ erwiderte der Kammerdiener ſchlau lächelnd. „Bälle— beim Onkel? Bälle— im Hauſe des Feldmarſchalls? Mache mir doch nichts weiß, Fran⸗ gois— Bälle?“ „Bälle in Hülle und Fülle, Ew. Gnaden; wenn auch nicht immer bei uns im Hauſe, ſo doch bisweilen. Graf Brühl übertrifft ſich in Glanz, und die Andern thun es dem Herrn Grafen nach, um den Preußen die Augen zu verblenden!“ antwortete der Diener mit der Zutrau⸗ lichkeit eines bevorzugten Dienſtboten. Gertrud war augenſcheinlich ſehr angenehm erheitert von der Ausſicht auf Vergnügungen, die ſie vorzugsweiſe liebte. Frangois fuhr geſchwätzig fort: „Wir hatten eine Aſſemblee neulich, bunt wie eine Freundſchaftsdecke. Aus aller Herren Länder waren ſie da! Ruſſen, Polen, Oeſterreicher, Baiern, Franzoſen, Preu⸗ ßen, Ungarn, und dann aus alb' den kleinen Staaten, wo das Land„Proſit“ ſagen kann, wenn der Herzog mal nieſet. Genug, Ew. Gnaden, es war rein weg wie ein Thurmbau zu Babel.“ Gertrud lachte amüſirt. Die Traurigkeit wich mehr und mehr in den Hintergrund, und ſie dachte ſchon mit Entzücken an die Rolle, die ſie als Verwandte des ſteifen, 141 ernſthaften Generalfeldmarſchalls von Spärkan in ſolchem glänzend gemiſchten Zirkel ſpielen würde. Francois entfernte ſich mit devoter Verbeugung und bat um Beſchleunigung der Abreiſe, damit ſie noch vor dem Abend in Dresden ankommen könnten. „Margareth, wenn Du mich begleiten dürfteſt!“ rief Gertrud.„Ach, wie prächtig wird diesmal mein Aufenthalt ſein— aber— ich komme doch zur Taufe,“ fügte ſie entſchloſſen hinzu.„Du ſ chreibſt mir, nicht wahr?“ Frau von Pröhl hatte in weit kürzerer Zeit, als ſonſt Damen zu packen pflegen, den Reiſekoffer Gertrud's in Ordnung gebracht, und bald darauf ſah Margareth mit leichtem Bedauern das heitere, hübſche Mädchen in ihrer Karoſſe davon rollen. Zwei Tage ſpäter ſtörte der Galopp eines Pferdes die guten Einwohner von Wilsberg in ihrem Mittags⸗ ſchläfchen, und auch in der Probſtei wendeten ſich die weiblichen Köpfe neugierig zum Fenſter, als der Galopp gehemmt wurde und der Reiter mit vortrefflichem An⸗ ſtande vom Pferde ſprang. „Junker Wolf!“ rief Margareth halb erfreut, halb beſtürzt, und eilte ihm bis zur Treppe entgegen. Ueber⸗ raſcht begrüßte der junge Mann ſie. Eine geknickte Lilie hatte ihn verlaſſen, eine zarte Roſe trat ihm hier wieder entgegen. 142 „Was bringen Sie?“ fragte das Fräulein beklom⸗ men.„Nachrichten von Haus? Nachrichten von Levin?“ „Gute Nachrichten von Haus,“ rief er fröhlich ihre Hand küßend,„aber von Levin kann ich nichts erfahren!“ fügte er ernſter hinzu.. „Ich warte auf Gottes Huld 1“ erwiderte das Fräu⸗ lein frei und offen zu ihm aufblickend. Dann traten ſie zuſammen in das Refectorium, wo der Oberſt mit dem Domherrn eine Partie Triktrak ſpielten. Junker Wolf, ſchon bedeutend zerſtreut dadurch, daß Gertrud nicht neben Margareth erſchienen war, richtete ſein Auge jetzt ſuchend umher. Ihm entging dadurch das entzückte Erſtaunen des Domherrn, womit er ihm immer näher rückte, um ihm zuletzt mit allen Anzeichen liebevoller Bewunderung in's Geſicht zu ſchauen. Junker Wolf bewies ſich aber ſehr undankbar für die unverſtellten Ausdrücke dieſer Huldigung ſeiner per⸗ ſönlichen Vorzüge. Er war bei Weitem aufmerkſamer auf die Berichterſtattung des Oberſten, der ihm, inſtinetmäßig dazu getrieben, von Gertrud's Reiſe nach Dresden erzählte. So gern ſich der Junker auch bis dahin ſelbſt be⸗ logen hatte, als er ſeines Freundes Rittberg brüderliche Beſorgniſſe für den Impuls ſeiner Reiſe nach Wilsberg gelten ließ, ſo gern er ſich mit ſeiner Pflicht entſchuldigt hatte, ſelbſt von Margareth's Wohlſein ſich überzeugen ———-y—-— ————— ———ʒ——— ——— — 143 . zu müſſen, bei dieſer Vereitlung ſeiner Träume wurde ihm der Zuſtand ſeines Herzens denn doch zu klar, als daß er noch länger Verſteckens mit ſich ſelbſt zu ſpielen ver⸗ mochte. Er zürnte ſich ſelbſt aufrichtig wegen einer Liebe zu dem reichen Fräulein von Spärkan, konnte aber trotz⸗ dem ſeiner trübſeligen Sehnſucht nach einem Wiederſehen nicht ſo leicht Herr werden, wie er dachte und ſich auch vorgenommen hatte. Dagegen erheiterte ſich ſein Blick ſichtlich bei Mar⸗ gareth's Schalten und Walten, bei der Anmuth ihrer Wirthlichkeit, womit ſie für ſeine Erquickung ſorgte, und bei der Liebenswürdigkeit ihres natürlichen Benehmens. Er fand ſie ſchöner als je. Seine Blicke folgten ihr mit einer frommen Freude, als er ſich lebhaft vorſtellte, daß ſein Vetter Levin unter der Einwirkung dieſes neuen Zaubers ihr einen Mord vergeben würde. Ihre ernſte Förmlichkeit war einer weichen Weib⸗ lichkeit gewichen und die Hoheit des Gedankens thronte nicht mehr allzu ſichtbar auf der weißen Stirn. Dagegen lag der Schimmer eines ſüßen Lächelns als Zeugniß innerlicher Heiterkeit auf den Lippen und die Augen blitz⸗ ten bisweilen in jäher Hoffnung froh auf. Junker Wolf betrachtete Margareth mit Entzücken, dachte aber dabei mehr an Gertrud's weniger ebenmäßige, 144 aber noch heiterere Stirn, an den Strahl ihrer köſtlich übermüthigen Augen und an die kecke Frohſinnigkeit ihres lauten Gelächters. Seine Gedanken konnten jedoch natürlich nicht er⸗ rathen werden, und der alte, ehrwürdige Domherr, hinge⸗ riſſen von der Schönheit zweier Menſchen, begann auf die unzweideutig huldigenden Blicke des Junker Wolf Pläne zu bauen. Der erſte Tag verging unter den Erzählungen des jungen Mannes von dem ſtillen, reinen Glücke Rittbergs und Elvirens. Frau von Pröhl wurde nicht müde zu fragen, und Junker Wolf ermüdete nicht in immer neuen Zügen die Beweiſe zu häufen, daß es nicht möglich ſei, ein ſeligeres Leben zu denken, als dieſe Beiden führten. Der Domherr hatte Elvire lieb gehabt. Schon deshalb horchte er mit Befriedigung den Schilderungen eines ehelichen Glückes, welches ihm Intereſſe einflößte. Aber noch andere Gründe hielten ihn an dieſem Tage ab, ſein gewöhnliches Penſum im Laboratorium abzuarbeiten. Er ſaß ſtumm und mit ineinander gelegten Händen da, ließ ſeine Augen von Wolſ's ſchönem männ⸗ lichen Geſichte zu Margareth's ſchönem weiblichen Ge⸗ ſichte ſchweifen, und berechnete ſyſtematiſch und kunſt⸗ gerecht, was für ein überraſchendes Reſultat die Vereini⸗ gung dieſer Schönheitslinien dereinſt hervorbringen wür⸗ 145 de, wenn dieſe beiden Schönheitsexemplare ſich verhei⸗ rathen wollten. Und ſie mußten ſich mit einander verhei⸗ rathen, das ſtand feſt in dem alten Herrn, der plötzlich ein unbeſiegbares Verlangen in ſich verſpürte, in Gottes Schöpfung hinein zu experimentiren. Sie mußten ſich mit einander verheirathen! Warum denn auch nicht? War nicht die Freundlichkeit, womit ſie ſich Beide dem langentbehrten Plaudern über Heimathsgegenſtände über⸗ ließen, ein Zeugniß gegenſeitigen Wohlwollens? Was brauchte es weiter, um die freigewordene Hand Marga⸗ reth's in Wolf's dargebotene Rechte zu legen? Es lag außer allem Zweifel, daß ſie ſich gut waren, daß ſie ſich ſchätzten—übergenug zur Gründung einer Ehe zwiſchen zwei Menſchen, die an Schönheit ihres Gleichen ſuchten. Der Domherr beſchloß es als eine Miſſion zu betrachten, dieſe beiden Herzen über ſich ſelbſt aufzuklären und einen Ehebund zwiſchen ihnen zu ſtiften. Armer, alter, guter Domherr! Er glaubte mit dem⸗ ſelben Glücke wie die Ingredienzien zu einem tüchtig leuchtendem Schwärmer und zu einem hinlänglich knat⸗ terndem Zinzelmännchen auch die Eigenſchaften zu einer zweckmäßig guten Ehe beurtheilen und miſchen zu können. Um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, unterzog er ſich am zweiten Tage der Pflicht, mit einer ganz ungewöhn⸗ lichen lächerlichen Beredſamkeit den jungen Herrn Wolf . 146 von Brettow auf die ungeheure Schönheit Margareth's aufmerkſam zu machen. Sie waren Beide allein in dem Zimmer des Dom⸗ herrn, wohin er den Junker unter einem Vorwand ge⸗ lockt hatte. Wolf von Brettow, weit entfernt den abenteuerli⸗ chen Zweck dieſes Lobes zu ahnen, ging bereitwillig auf das Thema ihres Geſpräches ein, und gab enthuſiaſtiſch zu, daß man nicht leicht ſchöner ſein könne, als Marga⸗ reth von Rittberg. Ob er aber nicht wieder mit derſelben Herzensandacht, wie Tags zuvor, an Gertrud's unregel⸗ mäßige Naſe und an das unklaſſiſche Profil mit den unäſthetiſchen Grübchen in Kinn und Wange bei dieſer Lobpreiſung dachte, muß unerörtert bleiben. Auf's höchſte überraſcht war er jedoch, als der ehr⸗ würdige Domherr mit einer plötzlichen Wendung des Geſpräches ihn um aller Heiligen willen beſchwor,„Mar⸗ gareth von Rittberg zu heirathen!“ Zuerſt, als er die wirklich begeiſterte Stimmung des alten Herrn in's Auge faßte, glaubte er ihn wahnſinnig, dann aber entdeckte er den wahren Grund zu dieſer Idee und begann ſich zu amüſiren. Hatte der Domherr nicht ganz Recht? Mit demſelben Rechte, wie Frau von Wall⸗ bott Geiſt dem Geiſte vermählen wollte, mit demſelben Rechte, wie der Reiche Geld mit dem Gelde vermählen 147 will, konnte auch dieſer Bewunderer menſchlicher Schön⸗ heit, die Schönheit der Schönheit zu vermählen trachten. Iſt es nicht gleich komiſch, eine Harmonie der Seelen auf die Gleichheit der Glücksgüter bauen zu wollen? Niemand lacht aber darüber, weil eine tauſendjährige Gewohnheit dieſe Maxime geheiligt hat. Trotz dieſer innerlichen Philoſophie wendete der Junker Alles auf, um den Domherrn von der Unzuläß⸗ lichkeit ſeiner Pläne zu überzeugen. Der alte Herr blieb hartnäckig auf ſeiner Idee ſtehen und bekräftigte ſie mit tauſend Gründen. Er verſchwendete ſeine Ueberredungs⸗ künſte natürlich vergebens, allein ſelbſt der Gedanke daran ſollte und mußte nach Wolf's Anſicht durchaus in ihm getödtet werden, um nicht unangenehme Conflicte hervor⸗ zurufen. Der Junker trat deshalb entſchiedener gegen ihn auf und ließ nicht undeutlich merken, daß ſein Herz von einem andern Gegenſtande viel zu ſehr erfüllt ſei, um, ſelbſt im günſtigſten Falle, noch Intereſſe für ein ſchönes Mädchen fühlen zu können. Er legte ihm ſein Glaubensbekenntniß rückſichtlich der Liebe und Ehe vor, welches ſich darauf beſchränkte: daß der Funken, der die Seele des Mannes mit der Seele des Weibes eint, der die Herzen gleichzeitig pulſiren läßt, der den Stolz beugt und die Jungfräulichkeit beſiegt, der ein Weſen dem an⸗ dern unterthan macht, daß dieſer glühende Funken von 148 Gott eingeſetzt ſei, um die Menſchheit in ihren Inſtineten zu veredeln. Er rief ein Wehe über diejenigen Bündniſſe, die auf andern Zwecken baſirten, und ſtellte ſie als un⸗ vereinbar mit wahrem Menſchenwerthe auf. Der Domherr, zwar nicht überzeugt, aber doch ziemlich erſchüttert von dem edlen Ernſte des jungen Mannes, ſchloß ſeine Verhandlung und erklärte ſich ſtill⸗ ſchweigend für überwunden. Er begab ſich grollend in ſein Laboratorium, um nach ſeinen fehlgeſchlagenen Hoff⸗ nungen„Fröſche“ zu machen. Und vielleicht in dem ſtil⸗ len Grimme ſeines Gemüthes miſchte er ſeinen Fröſchen mehr Exploſionskräfte bei, als ihnen dienlich waren. Sie brachten wenigſtens ſpäter eine Wirkung hervor, die ſei⸗ nen Wünſchen ſehr entgegengeſetzt war. X „ Hiebentes Cagitel. Der Baron Alexander von Lottum hatte nach der gemüthlichen Reiſe mit dem Profeſſor Gellert Dresden in günſtigſter Laune erreicht, und hier erſt Zeit gefunden, von ſeinen Erlebniſſen in Rittberg ein Reſümé zu machen. Er fühlte ſich keineswegs befriedigt. Die ſchöngeiſtige Empfindſamkeit, welche ihn gleichſam zum Sklaven ſeiner Tante Wallbott gemacht hatte, war in der Brandung, die er ſo eben durchſchifft, etwas verkühlt. Seine Männer⸗ eitelkeit fand es unbequem, dem Bilde eines Mannes, wie der Graf Levin, nachſtehen zu müſſen, und er be⸗ ſchloß vor der Hand die ganze Sache ad acta zu ſchreiben. War es ſpätern Ereigniſſen vorbehalten, die ſchöne Margareth ſeinem Lebenskreiſe wieder nahe zu führen, ſo hatte er im Sinne ihren Beſitz als ein Glück anzuſehen. Die ſchwärmeriſche Anhänglichkeit für Frau von Wall⸗ 150 bott ſchloß zwar jeden Wunſch aus, ſich ganz aus der zauberiſchen Atmoſphäre zu entfernen, die von Marga⸗ reth's hinreißend ſchönem Bilde durchdrungen erſchien, aber ſie verhinderte doch nicht, daß er ſich etwas von der Abhängigkeit emancipirte, welche läſtig auf ſein Leben ein⸗ wirken konnte. Er wohnte im Hauſe des Herrn von Maltzahn, dem zeitigen Geſchäftsträger des preußiſchen Hofes, und wurde dadurch mehr als ſonſt den frivolern Vergnügun⸗ gen des damaligen Zeitalters zugeführt. Die glänzenden Zirkel im Schloſſe des Kabinetsminiſters Grafen von Brühl mehrten ſich um dieſe Zeit. Es verging kaum ein Tag, wo nicht die auserleſenſten Tractamente mit Schau⸗ ſpielaufführungen, Concerten und Bällen abwechſelten. Die Macht dieſes Mannes hatte ſeinen Gipfel erreicht. Das Staatsruder ruhte in ſeiner Hand, und wenn auch die Regentin mit entſchiedener Abſicht mehrmals ſeinen Einfluß auf den König zu brechen verſuchte, ſo ſcheiterte ſie immer mit ihren Plänen an des Miniſters Klugheit. In Dresden konnte man mehr, als irgend anders⸗ wo ſehr gut bemerken, wie ſchwül es am Horizonte des politiſchen Himmels lagerte. Sachſen hatte insgeheim ſeine Verträge mit Preußen durch widerrechtlich ge⸗ ſchloſſene Bündniſſe mit Preußens Erbfeinden gebrochen. Das mußte den mißtrauiſchen Blicken der Geſchäftsträ⸗ —— ger dieſes betrogenen Landes verdeckt werden, und dazu half, nach der Meinung des weiſen Grafen Brühl, nichts beſſer, als eine geſteigerte Achtungsbezeugung. Niemals war der Geſandte Maltzahn ſo unentbehr⸗ lich in den Zirkeln geweſen, die ſich unter den geiſtrei⸗ chen Anordnungen des jungen Grafen Alois von Brühl in den Salons ſeines Herrn Vaters bildeten, als in der Zeit, wo Baron Alexander von Lottum dort eintraf, und niemals hatte der Miniſter ſeine Freundſchaft für ihn ſo offenkundig gemacht, als bei den Geſellſchaften, die mehr oder minder zahlreich von Preußen beſucht waren. Wenn ſich aber Jeder täuſchen ließ, ſo konnte man dies von dem ſcharfſichtigen Herrn Geſandten nicht ſagen. Seine Stirn faltete ſich gedankenvoller unter den Freund⸗ ſchaftsverſicherungen und ſein Blick wurde mißtrauiſcher. Er ſpannte ſeine Aufmerkſamkeit, denn er fühlte, daß man hinter ſeinem Rücken intriguire. Er ſchärfte ſein Ohr. Es war vergebens. Buntes, fröhliches Leben, heil⸗ loſe Verſchwendungsſucht, prahleriſches Großthun mit Macht und Anſehen, ſchwelgeriſches in den Tag Hinein⸗ wirthſchaften— weiter entdeckte er nichts! Baron Alexander ſah die Wolken auf der Stirn ſeines Verwandten entſtehen und wachſen. Natürlich fragte er danach und erhielt bedeutungsvolle Andeutun⸗ gen über den Wirwar der Zeit, die heilloſe Folgen im Schooße trage. Wie ein Blitz tauchte das Bild der hübſchen Ger⸗ trud in Alexander's Seele auf, und ihr kindiſcher Aus⸗ ſpruch über Krieg und Frieden gewann Leben. Er nahm geſprächsweiſe die Befürchtungen des Herrn von Malt⸗ zahn auf, und machte ihn damit bekannt, daß allerdings ſonderbare Gerüchte ſchon im Umlauf wären. „Das weiß ich längſt,“ entgegnete der Geſandte kühl und verdrießlich.„Wenn Sie mir nur zu ſagen ver⸗ möchten, auf welche Weiſe ich zu überführenden That⸗ ſachen gelangen könnte. Mein König iſt unzufrieden. Er hört von Rüſtungen Oeſterreichs, die er auf ſich bezieht. Er hört von Bündniſſen, die ihm Schaden bringen und mit Gefahr bedrohen. Wo aber könnte ich Gewißheit er⸗ langen, die mein König nach meinen aufgeſtellten Be⸗ fürchtungen heiſcht. Richtig iſt die Sache nicht. Man geht darauf aus, uns zu betrügen. Woher wiſſen Sie Ihre Nachrichten, Vetter Alexander?“ fragte er nach ei⸗ nem kurzen Nachdenken.„Liegt vielleicht eine Möglichkeit vor, aus derſelben Quelle mehr und Triftigeres zu er⸗ fahren?“ Baron Lottum mußte dies leider verneinen, unter⸗ richtete ihn jedoch unbedenklich über die Art, wie er das Kriegsgericht erfahren, und verlor ſich dabei in ganz ſpecielle Aufführung. „Spärkan?“ wiederholte der Geſandte ſinnend. „Ja, das glaub' ich wohl, daß der Feldmarſchall davon mehr weiß, als ich. Da wäre nichts zu machen. Fräulein Gertrud wird auch nichts weiter wiſſen, als was ihre Zunge ſchon in die Welt hineingeſchleudert hat. Sie will es erlauſcht haben?— Wie unvorſichtig wäre der Feldmarſchall, wenn das wahr ſein ſollte! Es iſt nicht denkbar! Der Name Menzel iſt mir freilich eine Art Bürgſchaft für die Wahrheit— er arbeitet im geheimen Kabinet!“ Er ließ das Geſpräch fallen, dachte aber in der Einſamkeit gewiß um ſo eifriger daran zurück. Der Zufall— nein, man muß es die Vorſehung nennen, die ſo ſichtlich im Leben Friedrich des Großen die Hand im Spiele hatte, um die Erhebung des Preu⸗ ßenlandes und des Königs eigenen Ruhm zu befördern— alſo die Vorſehung führte den Herrn von Maltzahn noch an demſelben Tage in das Haus eines Mannes, der ein Preuße von Geburt, in Dresden eine jener Schenkwirth⸗ ſchaften eingerichtet hatte, wo unter unſchuldiger Maske die Hölle ihren Sitz hielt. Es war hier der Sammelplatz aller Roué's und Abenteurer, die mit Hazardſpiel ihr 1860. XIII. Gertrud. II. 10 154 Glück verſuchten und ihr Unglück mit dem ſchlechten Champagner des Wirthes zu tödten meinten. Ernſt und mißbilligend ſtand der Geſandte im Ein⸗ gange des ſchlecht erleuchteten Saales ſtill und beobachtete die Geſichter der Spieler, die verſunken in ihrer Leiden⸗ ſchaft, für nichts Sinn zeigten, als für ihre Karten. Das Laſter kennzeichnete ſich auf den bleichen ver⸗ fallenen Wangen und ſtarrte aus den eingeſunkenen Au⸗ genhöhlen. Hie und da tauchte noch eine edlere Phyſio⸗ gnomie hervor, aber wer wußte, wie bald auch die vom Hauche der bösartigen Spielwuth bis zur Unkenntlichkeit verzerrt erſcheinen würde. Herr von Maltzahn kannte Viele des anſehnlichen Kreiſes, der den grünen Tiſch umlagerte, obwohl ſie hier im Werkeltagsanzuge des gemeinen Laſters erſchienen, während ſie in jenen feinen ariſtokratiſchen Salons, wo ſich die Prachtliebe des Königs von Polen ſo wohlgefiel, ſich im Lüſtre ihrer Ahnentafel, vielleicht mit erborgtem Glanze, entfalteten. Nachläſſig im Weſen und nachläſſig im Anzuge zeigte ſich hier der Adel des Churfürſtenthums Sachſen nur als ein todter, lebloſer Abklatſch des prah⸗ leriſchen Königthumes, das ihr Herrſcher mit eitler Werth⸗ ſchätzung höher anſchlug, als das Glück ſeiner eigenen Unterthanen. Der Verfall des Landesadels ging Hand in —ᷣ—ᷣ—)ꝓ 15⁵ Hand mit dem Verfall des Landes ſelbſt und mit der De⸗ moraliſation des Volkes. Tief nachdenklich betrachtete Herr von Maltzahn unter dieſen Gedanken das Spiel in ſeinem Verfolge. Ein Mann fiel ihm dann auf, den er nicht kannte. Von Furcht beherrſcht ließ dieſer mehr als alle Andern blicken, daß er nicht viel zu verlieren hatte, daß er zu gewinnen wünſchte. Sein Weſen war verſchieden von dem Weſen Derer, mit denen er hazardirte. Sein Anzug war verſchie⸗ den von dem Anzuge der Edelleute, die er neben ſich hatte. Die geſuchte Eleganz ſtach faſt unangenehm hervor, weil ſie ein Zeugniß ſeiner Eitelkeit abgab, mehr ſcheinen zu wollen, als er war. Er pointirte leidenſchaftlich, aber ängſtlich und zag⸗ haft berechnend, weil er vielleicht kein adeliges Ehrenwort einzuſetzen hatte, wenn ſein Geld fort war. „Wer iſt der Mann?“ fragte Herr von Maltzahn endlich den Wirth neugierig. „Der Kabinetsſecretair Menzel, ein lieber Mann und wohlgelitten im Kreiſe,“ war des Wirthes leiſe Ant⸗ wort.„Der einzige Bürgerliche unter dieſen Edelleuten!“ „Menzel!“ Wie Glockentöne ſchlug es im Kopfe des Geſandten an.„In einer ſolchen Kalamität— der Leidenſchaft nicht mehr Herr und im Beſitze von Geheim⸗ niſſen, die mir unſchätzbar ſind?“ dachte er triumphirend. 10* 156 „Der iſt käuflich, wenn er ruinirt iſt! Warten wir den glücklichen Moment ab!“ Zum Erſtaunen des Wirthes ließ ſich Herr von Maltzahn herab, eine Flaſche Wein zu befehlen und un⸗ weit des grünen Tiſches Platz zu nehmen. Nicht eine Miene verrieth, daß er am Spiele Intereſſe nahm. Aber er zeigte auch eben ſo wenig Wohlgefallen an dem Weine, denn der blieb faſt unberührt ſtehen. Still wie ein lauerndes Unglück, ſtolz wie ein König der Geiſter, wachſam wie Mephiſtopheles, wenn er eine Seele zur Hölle reif werden ſieht, und geduldig wie ein Engel ſaß er da, während die Minuten zu Stun⸗ den anwuchſen. Der Mann, auf den er wartete, gewann und verlor. Die Nacht brach darüber herein. Herr von Maltzahn, diplomatiſch berechnend, daß ihm die Gelegenheit nie wie⸗ der günſtiger werden könnte, begann andere Maßregeln zu erdenken. Er überſah den Inhalt ſeiner Börſe und wollte eben, ſeinen Grundſätzen zuwider, mit pointiren, um der lauernden Neugier des Wirthes zu entgehen, als— die Bank von einem Edelmanne geſprengt wurde. Bleiche Geſichter miſchten ſich jetzt mit nicht⸗ achtendem Lächeln, mitleidigen Mienen und erzwungenem Ehrenworte. Auch dem Kabinetsſecretair wurde ein Ver⸗ ſprechen auf Ehre abgefordert. Die Summe war nicht 157 ganz klein und der Zeitraum ſehr kurz, wo er ſie zahlen ſollte. Seine Stimme klang etwas dumpf, als er darauf einging ſeine Schuld zu berichtigen, und das Lächeln, welches ſorglos ſein ſollte, glich dem Zucken eines Ver⸗ zweiflungsſtrahles. 1 Die Spieler hatten ſich erhoben und Herr von Maltzahn war alſobald verſchwunden. Es lag nichts Auf⸗ fallendes darin, daß er am Nebentiſche ſeinen Wein getrunken hatte, und es fragte Niemand, wo er ſo ſchnell hingekommen ſein könnte. Das Wetter hatte ſich mit dem Hereinbrechen des Abends verändert. Der Sturm heulte durch die Straßen und trieb die Wolken maſſenhaft am Himmel umher. Bisweilen räumte ſich der Wolkenberg von dem Voll⸗ monde, der am öſtlichen Horizonte ſtand, um ein bleiches Licht über die dunklen Dächer ergießen zu laſſen, welches aber gewiſſermaßen die engeingeſchloſſenen Gaſſen eher dunkler erſcheinen ließ, als heller. Dabei platſchte mit⸗ unter ein Streifregen herab, der von dem Sturme über⸗ müthig an den Häuſern entlang geſchleudert wurde, als hätten ſie das Waſchen ſ ehr nöthig. Trotzdem verließ der Kabinetsſecretair Menzel mit einigen geeigneten, zierlichen Redensarten ſogleich das Lokal und ſtürzte ſich muthig in das Gewirr der Ele⸗ mente hinaus. Ein leichter Roquelaure ſchützte ſeine 158 elegante Kleidung vor der Näſſe, ſonſt aber übergab er ſich ſchutzlos dem herabſtürmenden Regen, der ſeine Stirn kühlte und ſeine heißen Augen erfriſchte. Er ging, wie es ſchien, planlos durch die Straßen hin, durchirrte ein Viertel der Altſtadt nach dem andern, und bemerkte durchaus nicht, daß ihm beharrlich eine dunkle Geſtalt, ebenfalls in einen Roquelaure gewickelt, in beſtimmter Entfernung folgte. Menzel ſtand nicht ſtill, überlegte ſeinen Weg nicht, kehrte ſich weder an Re⸗ gen, noch an Sturm, ſondern ſpazierte wild in die Welt hinein, ohne des Gehens müde zu werden. Die Geſtalt hinter ihm that daſſelbe, nur aus ganz anderm Grunde, als der unſelige Spieler, der ſein letztes Geld verloren und ſeine Ehre verpfändet hatte. Plötzlich bog er nach dem Schloßplatze zu. Sein Verfolger behielt ihn ſcharf im Auge, als er ſah, daß er am Opernhauſe vorüber nach der Brücke eilte. Dort blieb er ſtehen. Die Geſtalt war dicht bei ihm und hielt die rechte Hand ausgeſtreckt, im Falle wilde Entſchlüſſe ſeine Handlungen regeln ſollten, allein noch ſchien er nur zu überlegen. Er lehnte ſich feſt auf die Brüſtung und ſchaute unverwandt in die rauſchenden Wellen der Elbe hinab. Es war gewiß, daß er an die ewige Ruhe dachte, die er auf dem Grunde dieſes Waſ⸗ ſers haben würde; es war ganz ſicher, daß er ſein Grab 159 dort unten als ein Hilfsmittel betrachtete, wenn Alles fehl ſchlug. Aber beſchloſſen hatte er noch nichts! Er ſchaute hinab und überlegte. Die Geſtalt hinter ihm ſtand auch und überſah noch einmal die Pläne, welche unter der Zeit ſeiner geduldigen Erwartung ſich befeſtigt hatten. Es war mehr ein Vertheidigungszuſtand, der zu der an⸗ zuknüpfenden Intrigue drängte. Man hatte durch Liſt, Schlauheit und Kabale die gleichen Waffen herausgefor⸗ dert. Daß eines Mannes Bedrängniß, ſeine troſtloſe Lage und die Verwirrung eines Augenblickes benutzt wur⸗ den, um einen Zweck zu erreichen, das beunruhigte das diplomatiſche Gewiſſen nicht. Nur der Gedanke an eine mögliche Ehrenhaftigkeit dieſes leichtſinnigen Spielers ließ den Geſandten zaudern, das erſte Wort, das ihn compromittiren konnte, zu ſprechen. Wie ein Verſucher blieb er ſtehen und lauſchte auf den fliegenden Athem ſei⸗ nes Opfers, der ſich aus ſchwer beklemmter Bruſt her⸗ vorhob.. Endlich trat er ganz nahe an ihn heran, neigte ſeine Lippen dicht an ſein Ohr und flüſterte geſpenſtich leiſe: „Was Dir fehlt, ſoll Dir werden! Verkaufe mir Dein Geheimniß!“ Dabei legte er ihm aber die Fauſt kräftig in's Genick, damit er ſich nicht nach ihm umſehen und ihn erkennen könnte. Der Kabinetsſecretair Menzel zuckte heftig zuſam⸗ 160 men, krümmte ſich aber, wie in einem Anfalle von Furcht, unter der Hand ſeines Verſuchers. „Was verlangt man von mir?“ fragte er haſtig. „Nur die Copien von den Correſpondenzen, die Sachſen mit Oeſterreich, Frankreich und Rußland führt!“ flüſterte der Verſucher eben ſo leiſe, ohne die gewichtige Hand zu lockern.„Für jede Copie ſo viel, als Du heute ſchuldig geblieben biſt!—Wenn Du darauf eingehen willſt, ſo finde Dich morgen um 12 Uhr mit dem erſten Beweis Deines guten Willens im Moseinskiſchen Garten ein!“ Bevor Menzel nur ſich beſinnen und eine Antwort ertheilen konnte, lockerten ſich plötzlich die Finger an ſei⸗ nem Nacken, und als er ſich raſch umblickte, fand er ſich ſeelenallein am Brückengeländer über dem ſanft rauſchen⸗ den Strome. Aber der Berliner Dialekt hatte ihm ver⸗ rathen, daß er es mit dem preußiſchen Geſandten ſelbſt zu thun gehabt. Er war nicht lange ungewiß, was er thun ſolle. Freilich wagte er ſein Leben. Der Tod war dem Verräther von Staatsgeheim⸗ niſſen unausbleiblich ſicher. Doch, wenn er das Geſchäft ohne Zwiſchenträger, nur perſönlich mit dem Geſandten ſelbſt abmachen konnte, ſo lief er wenig Gefahr, da die Ehre dieſes Herrn ihn ſicher vor Verrätherei ſtellte. Menzel ging von der Elbbrücke aus geraden Weges 161 nach Hauſe, am frühen Morgen ſehr zeitig auf die Kanz⸗ lei, arbeitete unermüdlicher als ſonſt, und erſchien pünkt⸗ lich um zwölf Uhr im Moscinskiſchen Garten, wo er ganz zufällig den preußiſchen Geſandten gemüthlich ſpazie⸗ rend fand, obwohl das Wetter dazu nichts weniger als einladend war. Was zwiſchen dieſen beiden Herren dann verhandelt wurde, kann man ſich denken, wenn man er⸗ fährt, daß der Kabinetsſecretair ſeinem Ehrenworte wegen der Spielſchuld auf's pünktlichſte nachkam und ſeitdem mit weit weniger Aengſtlichkeit pointirte, als früherhin. Er zeigte ſich nobler noch als ſonſt und lebte luxuriöſer, als ſeine adeligen Freunde. Aber den Herrn von Malt⸗ zahn ſah man nie wieder im Spiellokale, und wenn er dem Kabinetsſecretair Menzel auf der Straße begegnete, ſo kannten ſie ſich nicht. Baron Alexander erfuhr natür⸗ licherweiſe nichts von dieſem Ereigniſſe, das für den Preu⸗ ßenkönig von weſentlichem Nutzen war. Er ſah nur ſehr bald die Stirn ſeines Verwandten von Wolken frei wer⸗ den und er entdeckte zuweilen bei dem freundſchaftlichen Händedrücken des hochvermögenden Staatsminiſters Gra⸗ fen von Brühl ein blitzähnliches Frohlocken in den Augen Maltzahn's. Mit Schleiern bedeckt rückte die Zeit vorwärts. Man verhüllte ſorgſam die Gegenwart, um die Zukunft mit ihren blutgefärbten Schreckniſſen nicht ahnen zu laſ⸗ 162 ſen. Man genoß die Gegenwart, weil die Zukunft dro⸗ hend ihren Finger erhob. Der Graf Alois von Brühl machte Schauſpiele und ließ ſie von den ſchönen Damen der Ariſtokratie in ſeines Vaters Palaſt aufführen. Er erntete das Lob beſcheiden ein, denn, ſo geiſtreich und fähig er war, ſo flüſterte man doch davon, daß die ſchönen Schauſpiele immer erſt vollkommen wären, wenn ſie aus dem Pulte des Pro⸗ feſſor Gellert in Leipzig zurück kämen. Graf Alois läugnete dieſe Thatſache nie ab. Er beanſpruchte nur den Ruhm der Erfindung und Ausfüh⸗ rung des Sujet, und ſtand gar nicht an, die Verbeſſerun⸗ gen, die Gellert hinein corrigirt hatte, öffentlich anzuer⸗ kennen. Dieſer junge Mann wurde jetzt die Zierde des väterlichen Salons. Seine Schönheit erhielt durch die männliche Reife einen Zuwachs, der, trotz ſeiner achtzehn Jahre, den Herzen der jungen Damen gefährlich wurde. Er tanzte leidenſchaftlich gern und außerordentlich ſchön. War es dem Staatsminiſter, der geheime Verſchwörun⸗ gen zu verbergen hatte und ſie in den Schooß von Luſt⸗ barkeiten begraben wollte, wohl zu verargen, wenn er ſeinem älteſten Sohne Bälle gab und Schauſpiele zu arrangiren erlaubte, worin das ganze diplomatiſche Corps Rollen übernahm und über dem Einſtudiren Hören und Sehen vergaß? 163 Graf Brühl der Vater war ſehr ſicher und ſehr zufrieden mit dem Stand der Dinge. Wenn der König von Preußen in bitterböſer Laune anfragte:„was die Rüſtungen in Sachſen zu bedeuten hätten?“ ſo konnte er ja mit aufrichtig gemeinter Verwunderung antworten: „daß er nur von Zurüſtungen zu Schauſpielaufführungen und Bällen wiſſe und ſich ſehr ungern in dieſem Vergnü⸗ gen ſtören laſſen werde.“ Ja, der Graf Brühl Excellenz war ſicher und zufrieden. Der König von Preußen ſchien ſich auch zu⸗ frieden zu geben. Er fragte nicht mehr nach den ver⸗ dächtigen Bündniſſen und nach den verdächtigen Kriegs⸗ rüſtungen— vielleicht weil er es nun wußte, was ſie zu bedeuten hatten. Es war im Januar, als im Brühl'ſchen Palais ein unerhört glänzendes Feſt vorbereitet wurde, denn Graf Alois war ungeachtet ſeiner Jugend vom Könige von Polen zum Generalfeldzeugmeiſter ernannt. Dieſe Würde ſollte mit einem Mittagsmahle für die höchſten Würden⸗ träger des Staates, mit einem darauf folgenden Schau⸗ ſpiele für die Frauen dieſer Staatshäupter und mit ei⸗ nem brillanten Balle für die Jugend der höchſten Ariſto⸗ kratie gefeiert werden. Es entſpann ſich ein intereſſantes Vorſpiel zu der Feſtlichkeit in den Läden und Putzwerk⸗ ſtätten Dresdens. Tauſende von Händen müheten ſich ab, es den Pariſer Modells gleich zu thun, die ſchon da⸗ 164 mals die Mode beſtimmten, und ſelbſt weiſe Männer, wie der Baron Alexander von Lottum, richtete ein wenig mehr Aufmerkſamkeit als ſonſt wohl auf die Bekleidungs⸗ kunſt, um dem herrſchenden Luxus gemäß zu erſcheinen. Baron Lottum wohnte nicht mehr als Gaſtfreund im Hauſe des Geſandten. Er hatte ſich förmlich in Dres⸗ den niedergelaſſen und galt als ein Freund des jungen Grafen Alois, trotzdem er zehn Jahr älter war, als dieſer. Ihre geiſtigen Beſtrebungen hatten ſie einander näher ge⸗ bracht und die wirkliche Liebenswürdigkeit des Grafen hatte den Baron gefeſſelt. Obwohl in ſeiner philoſophi⸗ ſchen Ruhe weit davon entfernt, ſich ehrgeizigen Plänen für die Zukunft hinzugeben, fühlte ſich der Baron doch jetzt bisweilen von der Idee angeſprochen, im ſächſiſchen oder polniſchen Gebiete eine Carriere zu beginnen, die ihn, unter des Miniſters Flügeln, ſogleich zu einer ge⸗ wiſſen Höhe zu tragen verſprach. Der Ehrgeiz gehörte bis dahin nicht unter die Ei⸗ genſchaften, die in Alexander gepflegt worden waren, und es war erſtaunenswerth die friedliche Philoſophie Fuß für Fuß ſchwinden und einer Aufregung Platz machen zu ſehen, als der Ehrgeiz erſt ſpannenbreit in ihn einge⸗ drungen war. Die früher eingeſogenen Vorurtheile gegen eine Laufbahn, die ihm mit läſtigen Arbeiten zu mühſelig erſchien, verſchwanden, als er die Ziele eines männlichen 165 Strebens mit Leichtigkeit zu erreichen hoffen konnte. Es gehörte damals nicht zu den Seltenheiten, daß bedeutende Männer aus fremden Staaten, durch Gunſt bevorzugt, eine Stellung in der Staatsverwaltung erhielten, zu der ſie weder befähigt waren, noch gerechten Anſpruch darauf hatten. Fürſtenſöhne kleiner Länder ſtiegen ohne Weiteres als Generäle zu Pferde, wenn ſie Luſt hatten, in den Armeen größerer Staaten zu dienen, und Grafen⸗ ſöhne ſetzten ſich auf die Präſidenten⸗ und Miniſterſtühle, ohne eigentlich zu wiſſen, was Verwaltung und Geſetz war. Um ſo mehr hatte Baron Lottum, bei ſeinen gedie⸗ genen Kenntniſſen, Hoffnung auf glänzende Erfolge, als er ſich zur rechten Hand des jungen Grafen Brühl machte und dabei zugleich dem Miniſter Brühl ſeine Brauchbar⸗ keit für manches andere Feld bewies. Ein Titel wird bald erdacht und gegeben, wenn man Jemand zu gebrauchen gedachte, und es hatte den Anſchein, als könnte man einen Mann, wie den Baron Alexander, der mit höfiſcher Feinheit, den Ernſt und die Gediegenheit eines Gelehrten verband, ſehr wohl gebrauchen. An dem Tage des Feſtes zur Verherrlichung des gräflichen Sohnes ſiel das Auge ſeiner Excellenz mit ganz beſonders aufmerkſamem Wohlwollen auf den Baron Lottum, und er dachte darüber nach, daß zur Aufſicht über gewiſſe Diſtricte, ſowohl in Polen, wohin er ſeine Macht 166 nicht unbegrenzt ausdehnen konnte, als auch an der Grenze nach Schleſien zu, ein bewährter, ſcharfſinniger und klu⸗ ger Mann, der die Augen und die Ohren auf dem rechten Flecke habe, nicht zu verwerfen ſein möchte. Baron Lottum, von Geburt ein Preuße, erzogen in einem der kleinen Fürſtenthümer, gebildet auf der Univerſität zu Leipzig und ſeitdem auf Reiſen, war eigentlich heimathlos und ganz geeignet ihm blinde Ergebenheit zu weihen, wenn er ihm ein glänzendes Sort bereitete. Der junge Mann be⸗ wegte ſich mit vollkommener Sicherheit. Seine Haltung zeigte Charakter, ſein Weſen Geiſt, ſein Benehmen Fein⸗ heit der Sitten. Sein Name gehörte alten Geſchlechtern an. Was brauchte es mehr, um ihn reif zu der Stellung zu machen, die er für ihn ausgeſucht hatte. Genug, der Tag mit ſeinen Luſtbarkeiten war noch nicht zu Ende gegangen, ſo hatte der Baron ohne ſein Bemühen das Verſprechen, als Landſchaftsdirector in pol⸗ niſch⸗ſächſiſchen Dienſten angeſtellt zu werden. Seine In⸗ ſtructionen zeigten, daß er nur von Weſten nach Oſten zu reiſen hatte, daß er ganz anſehnliche Einnahmen dafür erhielt und daß er nur gelegentlich einen Bericht über den Zuſtand der inſpicirten Provinzen einzureichen habe. Sei⸗ ne Excellenz der Miniſter ſuchte dem freudig überraſchten Barong in einer Privataudienz plauſibel zu machen, daß eine geiſtreiche Darſtellung in dieſen Berichten einer 5 —— — len äußern Glanzes un wahrheitsgemäßen bei Weitem vorzuziehen ſei, und daß das Schickſal ihn beſonders zu einem Wirkungskreiſe auf⸗ gehoben zu haben ſcheine, der einem kleinlich ſtrengen und von Pflichtgefühlen überfüllten Geiſte bedeutende Schwie⸗ rigkeiten darbieten würde. Baron Lottum fühlte inſtinctmäßig die verſchleier⸗ ten Sophismen in dieſer herablaſſenden Anrede, nahm ſich zwar im Stillen vor, keine Charakterſchwächen zu zeigen, huldigte aber von dieſem Tage an eben ſo devot der Laune des Momentes, als alle andere Staatsdiener des Jahres 1756.— Der preußiſche Geſandte war nicht ganz zufrieden mit dem ſchnellen Abfalle ſeines Herrn Vetters, und der Baron mußte fürchten auch in Frau von Wallbott eine offenherzige Widerſacherin zu finden. Er verſchob deshalb den Bericht über die Veränderung ſeines Schickſales ſo lange, wie nur 8 ſtürzte ſich blindlings und kopfüber in t verhältniſſe mit den Im engen Verba den Löwen des Tages, . le Nimbus des Ruhmes umleuchtet, vollſtändig b dund rungswürdig daſtand. Da man ihn als einen Günſtling des allmächtigen Miniſters, vals dnun ßcknus ſeines ſchönen und geiſtreichen Sohnes, 4 168 als das Original der feinſten Hofturnüre und als das Conterfei des weiſen Plato anſah, ſo durfte er natürli⸗ cherweiſe in keinem Zirkel fehlen, der Anſpruch auf No⸗ bleſſe machte. Der Baron kam alſo zu ſich ſelbſt und verlor in wenigen Wochen die Fähigkeit„über ſich ſelbſt und über ſeine beſtehenden Verhältniſſe“ ein Urtheil zu geben. Als er ſeine veränderte Lebensſtellung endlich der Frau von Wallbott meldete, da war es zu ſpät, um noch das Geringſte daran zu ändern. Er lebte in einem Ele⸗ mente, dem dieſe Dame ſehr abhold war, und wurde von dem ungeſtümen Wellenſchlag deſſelben unwillkürlich mit fortgeriſſen. Ihr Brief, den ſie als Antwort auf ſeinen Bericht ſchrieb, kann das beſte Bild ihres Innern geben, deshalb folgt er hier ganz unverändert:*) „Daß menſchliche Berechnungen an Individualitäten ſcheitern, paſſirt tauſendmal un W at und ich kann mich nicht darüber beklagen, wem kötzlich erkenne, wie blind ich geträumt habe, als ich mit treuem Mut⸗ terherzen die Erziehung meines Ne auf einen gewiſſen Punkt hinzuleiten bemüht war. erſte Verſuchung, die in das Leben Beider trat, hat ihr *) Copie. ) Cop* Keffen und meiner Nichte 2 169. Weg von meinem Wege abgelenkt, und wenn Beide nicht geneigt ſein ſollten umzukehren, ſo möchten wir zu⸗ ſammen jetzt wohl auf der Grenze ſtehen, wo unſere Wege ſich auf immer ſcheiden. „Die Briefe Margareth's geben mir keine Hoff⸗ nung, daß ſich die Kluft zwiſchen uns wieder auszufüllen vermöge. Was Du mir von Deinen Perſpectiven ent⸗ hüllſt, das iſt auch dazu angethan, mir wenig Troſt zu bieten, alſo reſignire ich. Hätte ich nicht in einem jener ſchwachen Augenblicke, wo uns das Wohlwollen eines einzelnen Mannes von unſchätzbarem Werthe erſcheint,*) nachgegeben, ſo würde ich aus den erſten Trümmern mei⸗ nes mühſamen Baues das errettet haben, was Dir zur Rettung dienen konnte. Klagen wir aber nicht um Leiden des Lebens, die dazu geſchaffen ſind, die Schlacken des Menſchthums zu läutern!— „Du erklärſt mir, unabhängig von Sr. hochgräfli⸗ chen Excellenz, das Gute zu wollen und ſtets der Wahrheit und Redlichkeit zu huldigen! Wirſt Du die nöthige Kraft dazu haben? Wer von der Laune eines hochgeſtellten Mannes unverdient auf einen Standpunkt gehoben iſt, der beugt auch ſein Knie vor dem goldenen Kalbe, das *) Jedenfalls eing Anſpielung auf ihre Verſprechen, die ſie Gellert gab. 1860. XIII. Gertrud. II. 11 170 jener anbetet. Wäreſt Du ohne geſellige Feinheit, ſo hätte Dein denkender Kopf Dir bei einem Manne, wie Graf Brühl, nichts geholfen. Die kleinen, feinen Grenz⸗ linien, welche die Ariſtokratie ſelbſt in ihren geweihten Zirkeln aufrecht erhält, ſind im Stande blutige Streifen über unſer Herz zu ziehen, wenn wir nicht ganz conform mit dem Haupte der Societät bleiben, und es iſt unge⸗ heuer ſchwer auf einem Platze, den Du einnimmſt, ſeinen Wirkungskreis ohne Demüthigungen zu behaupten. „Hätte Se. hochgräfliche Excellenz Deine Stellung von ſeinem Könige confirmiren laſſen, ſo würden die Klip⸗ pen, die ich Dir oberflächlich zeige, Deine männliche Selbſtändigkeit weniger beeinträchtigen, obgleich Du bei dem Stande der Dinge doch nur als Kreatur des Mini⸗ ſters zu betrachten wäreſt; da er aber für gut befunden hat, Dir einen Wirkungskreis anzuweiſen, den er heute oder morgen als unnöthig erklären kann, ſo biſt Du nur als ein Auge, als ein Ohr, als ein Finger des mächtigen Mannes anzuſehen. Wahrſcheinlich gebrauchte der hohe Herr jetzt nicht die Ausdrücke der Livreen, ſondern fand es nothwendiger, die Wahrheit eines Fremdlings brüſtend zur Schau zu tragen. Es liegen aber noch andere Möglichkeiten vor, die Deine Anſtellung beſtimmten. Vielleicht biſt du von ihm auserſehen, die Schritte der vortrefflichen Königin, deren edles Herz unter dem Kummer über den Sitten⸗ verfall ihres geliebten Sachſenlandes faſt bricht, zu über⸗ wachen. Es kann ihm nicht entgangen ſein, daß ſie den in Brühl's Netzen gänzlich verſtrickten König warnt und daß ſie in der Stille Beweiſe ſammelt, welche dem Kö⸗ nige über die unverzeihliche Staatsverwaltung ſeines Mi⸗ niſters die Augen öffnen ſollen. Vielleicht creirt der Graf einen Landſchaftsdirektor und ſendet ihn in die Gemächer derjenigen Frau, die er mehr zu fürchten hat, als die Unzufriedenheit der Diſtricte!— Es iſt ein Unglück für Sachſens Wohlſtand und Gedeihen, daß ſeine Herrſcher Könige in Polen geworden ſind. Schon mit dem noth⸗ wendigen Uebertritt zur katholiſchen Religion trennen ſich die heiligſten Intereſſen. Zwiſchen den lutheriſchen Mehr⸗ theil des Volkes und ſeinen angeborenen Herrſcher errich⸗ tet ſich eine Scheidewand. Daß die Königswürde, um die derſelbe buhlt, einen Religionswechſel nothwendig macht, verdrießt den gemeinen Mann und weckt ſeinen Spott. Taufe und Abendmahl ſymboliſiren und ſtärken den Ge⸗ meinſinn und das Gemeinweſen— der König aber ver⸗ ſchmäht dieſe feierliche Genoſſenſchaft von dem Momente an, wo er ſeine Hand zu der Krone aufhebt! Hier liegt 3 der erſte Markſtein zur Volksunzufriedenheit, und wenn — ſich, wie jetzt unter dem König Auguſt, der Hang zum Luxus und zur raffinirten Verſchwendung bis zur Grenze der Immoralität verſteigt, ſo muß ſich innerlich Alles zu 11* einer Empörung vorbereiten, die dem Fürſten endlich die Täuſchung benimmt, daß er das Recht beſitze, zu handeln, wie er wolle. Die Richtung unſeres Zeitgeiſtes begünſtigt die Nationalbildung, und die daraus hervorgehende Kraft wird bald alle Monarchen der Erde zwingen, jedem Despotismus zu entſagen und ihre Regierung durch Humanismus zu verherrlichen. Je einfacher und edler die Weisheit eines Fürſten iſt, deſto ſicherer ſteht ſein Thron, und der König von Polen folgt dieſem Principe nicht!— „Doch zu etwas Anderm.— Als ich nach Frankfurt kam, fand ich Voltaire ſchon abgereiſt. Er hat im tiefſten Unmuthe Deutſchland auf immer verlaſſen und ſein Zorn ſchien mir anfangs gerecht. Allein bei näherer Beleuch⸗ tung muß ich zugeben, daß der König Friedrich nur klug handelte, als er einem Bevollmächtigten den Befehl ertheilte, ſtrenge Viſitation in den Sachen Voltaire's zu halten, um ihn zu verhindern, Aufſätze von des Königs Hand mit hinüber nach Frankreich zu nehmen. Voltaire’s Hang zur Satyre gab ihm hinreichend Anlaß zu glau⸗ ben, daß er Mißbrauch davon machen werde. Frankreich ſteht, in Verbindung mit Oeſterreich, dem preußiſchen Könige feindlich entgegen. Iſt es nicht anzunehmen, daß Voltaire Alles benutzen würde, um die Lacher auf ſeine Seite zu ziehen, da er als eine gefallene Größe von Preußen zurückkehrte? Die Zerwürfniſſe zwiſchen dieſen 173 beiden geiſtreichſten Männern unſers Zeitalters haben ihren Urſprung in einer Ueberhebung Voltaire’s und in einer Empfindlichkeit des Königs. Der Letztere hatte eine verſöhnliche Empfindung gezeigt, indem er ſeine Gunſt⸗ beweiſe wieder an Voltaire zurückſendete, als dieſer im erſten Impulſe zorniger Aufwallung den Kammerherrn⸗ ſchlüſſel und das Ordenskreuz an ihn hatte übergeben laſſen. Wäre Voltaire nach dieſem Zeichen freundſchaft⸗ licher Huld wieder in das Gleis zurückgekehrt, welches ihm des Königs aufrichtige Anerkennung erlaubte, ſo würde bald Alles in Vergeſſenheit gekommen ſein. So aber ſchmollte Voltaire mit ſeinem königlichen Freunde, entfernte ſich von Berlin und zeigte keine Neigung, die ausgezeichnete Stellung bei dieſem wieder zu acquiriren. „Die Folge davon war, daß König Friedrich in Zorn gerieth und es den Feinden des geiſtvollen Fran⸗ zoſen leicht machte, einen vollſtändigen Bruch herbeizu⸗ führen. „Der König verfuhr hart mit ihm. Es liegt in ſei⸗ nem Charakter hart zu ſein, wenn er übler Laune iſt. Voltaire wurde wie ein Staatsverräther durchſucht, ſei⸗ ner neu geſchenkten Gnadenbeweiſe beraubt, die Penſions⸗ verſicherung vor ſeinen Augen vernichtet und ihm an⸗ gedeutet, ſich nie wieder in Preußen blicken zu laſſen. Natürlich ſchäumte der mißhandelte Franzoſe vor Wuth, 174 und er hatte wohl Urſache dazu. Allein auch der König hat Recht. 3. „Es thut mir weh, dieſe beiden Männer in Feind⸗ ſchaft zu wiſſen, aber es iſt gar nichts weiter zu thun, als es zu beklagen. Voltaire iſt direkt nach Paris ge⸗ gangen, hat aber dort, wie er mir ſchreibt, entſchiedenes Unglück gehabt. Jetzt macht er Anſtalt ſich in der Schweiz niederzulaſſen. Er beabſichtigt das Schloß Ferney zu kaufen und gleich dem Philoſophen von Sansſouci als Philoſoph von Ferney ſtill, geräuſchlos und den Wiſſen⸗ ſchaften zu leben. Auf den Ruhepolſtern einer ſolchen Trägheit gedeiht die Weisheit, und es iſt zu erwarten, daß wir prächtige Sachen gedruckt ſehen werden. Die goldenen Aepfel aus den Gärten der Heſperiden finden im Boden gemeinen Weltgetriebes kein Gedeihen. Ihr Daſein iſt ein Dichtertraum, der die geiſtige Thätigkeit belohnt. Voltaire wird in der Einſamkeit ſeines Lebens weit mehr Schätze zu Tage fördern, als bisher, denn das Alleinſein in der Natur iſt die richtige Geburtsſtätte ei⸗ nes ſchaffenden Geiſtes. „Meine Rückkehr nach Rittbergen dependirt von Margareth's Willen. Es wäre engherziger Egoismus von mir, wollte ich wünſchen, daß ſie mich bald, recht bald nöthig hätte, aber mir ſcheint es beinahe, als trenne ſie abſichtlich die Fäden des Gewebes auseinander, das 175 uns verbindet. Worin ihre Beruhigung begründet, ver⸗ traut ſie mir nicht. Iſt es eine Eigenliebe im Purpur⸗ ſcheine gewöhnlicher Eitelkeit, die ihren belebenden Odem durch ihre bedrückte Seele geleitet hat? Oder hat ſie Hoffnung, die eigenſinnigen Träume von einer Glück⸗ ſeligkeit in niederer Spähre zu realiſiren? Die diagnoſti⸗ ſchen Merkmale zeigen Wechſel in der Art ihres Leidens, und dadurch eben documentirt ſich der Verfall unſeres Verhältniſſes. Die höhern Tendenzen, die meinem Leben zur Baſis dienen, werden mich befähigen, Alles zu er⸗ tragen, was einem weiblichen Daſein als Prüfſtein auf⸗ erlegt iſt, aber ſie werden mich auch ſtark genug machen, die Fahnen nicht zu verlaſſen, zu denen ich mit vollſter Uebereinſtimmung geſchworen habe. Enden meine Erzie⸗ hungsreſultate mit einer tragikomiſchen Scene, ſo ſeid Beide meiner Verzeihung gewiß. Ich ſelbſt bin jedoch für Euch geſtorben.“ Die Ruhe und Kälte des Briefes verfehlte ihren Zweck nicht. Baron Alexander ſah ein, wie leicht ſeine Manneswürde und Edelmannsehre in Conflicte mit den unlautern Mitteln der Brühl'ſchen Staatskunſt kommen konnte. Er nahm ſich vorläufig vor, bei der erſten Ver⸗ anlaſſung der gräflichen Macht unerſchrocken zu begeg⸗ nen, und er glaubte Geiſtesſtärke genug zu beſitzen, um * 8 —y’ — 176 ſolchen„Möglichkeiten, wie Frau von Wallbott andeu⸗ tete“, mit entſchiedener Verachtung ſeinen Beiſtand zu verſagen. In ſeinem Innern ſchon ſo weit vertraut mit der Lebensweiſe eines beachteten Weltmannes, fühlte er ſich von der Behauptung der Frau von Wallbott„als ein Auge, ein Ohr und ein Finger des Miniſters betrachtet werden zu können“, nicht im mindeſten verletzt— im Ge⸗ gentheile, die Zuverſicht auf ſeine glänzenden Ausſichten ſtieg. Hatte Se. hochgräfliche Excellenz im Sinne ge⸗ habt ihn zu ſeinen Zwecken zu engagiren, ſo mußte er es ſich auch gefallen laſſen, daß man umgekehrt ihn wieder zur Erreichung ehrgeiziger Pläne benutzte. Bis dahin war es ein heiteres Ehrenamt geblieben, womit man ihn betraut hatte, und er wünſchte keine Veränderung deſſel⸗ ben, ungeachtet man in den Kreiſen, die ſeine Welt bildeten, von einem Poſten flüſterte, der ſeinen ſchmieg⸗ ſamen Grundſätzen ebenfalls zugeſagt hätte. Nach dem Empfange des Briefes, der ſeiner gerin⸗ gen Weltkenntniß ſehr zu Hilfe kam, ahnte er, daß eine gewiſſe Partei am Hofe ihn mit mißtrauiſchen Blicken zu betrachten Urſache zu haben glaubte, und es machte ihm Spaß, ſich von nun an ſo zu placiren, daß er mit den Waffen zu ſpielen ſchien, die ihm von der Staats⸗ klugheit in die Hand gegeben waren. Er begann bei jeder 177 Gelegenheit der Gräfin Thereſe von Sulkowsky, der er⸗ klärten Favorite der Königin, Huldigungen darzubrin⸗ gen, und da dieſe weder ſchön noch jung, aber deſto ge⸗ müthsreicher und klüger war, ſo konnte es nicht fehlen, daß er von der Partei der Königin aufmerkſam be⸗ obachtet wurde. „ Wite weit er mit ſeinen Berechnungen und wohl⸗ gepflegten Erwartungen endlich gekommen ſein würde, kann man nicht wiſſen, aber das Geſchick hielt eine an⸗ dere Prüfung ſeines Stoicismus für ihn bereit und lenkte ſeine fruchtbar gewordene Phantaſie auf andere Felder. Achtes Capitel. Es war Aſſemblee im Hotel des Grafen Sulkowsky. In blendender Erleuchtung ſtrahlten die prachtvollen Zimmer, in denen ſich Alles vereinigte, was Anſpruch auf Jugend, Schönheit, Rang und Reichthum machen konnte. Bei der vorherrſchenden Mode in allen Societäten der Nobleſſe jetzt zu tanzen, da Graf Alois, der junge Generalfeldzeugmeiſter des polniſchen Reiches, den Tanz allen andern Salonvergnügungen vorzuziehen beliebte, entfaltete ſich der Luxus der Einrichtung mehr in den Kabinetten und Zimmern, um dem Tanzſaale den Raum nicht ſtreitig zu machen. Der Tanz hatte ſchon begonnen. Man erwartete den Hof nicht, weil die Königin leidend war. Die Verſamm⸗ lung war glänzend und vollzählig, nur der Baron Lot⸗ tum wurde noch vermißt und von manchem ſchönen Auge ſeufzend geſucht. 8* „ 179 Ein leiſes Murmeln durchlief endlich die Gruppen. Jetzt war er da, und er weilte nur im erſten Zimmer, um die Dehors gegen Se. Exellenz den Grafen Brühl nicht aus den Augen zu ſetzen. Der Baron Lottum war ſchon ſo weit in der Bahn eines Mannes comme il faut vorgeſchritten, um ſich, ſeines Air's wegen, kleiner geckenhafter Kniffe zu bedie⸗ nen. Er kam ſpät und erſchien dann mit nachläſſigem Ernſte, Gleichgiltigkeit affectirend und ſich dem ernſten Geſpräche hingebend. Je länger er zögerte dem Kreiſe ſich zu nähern, wo ſeine Erſcheinung erſehnt wurde, deſto mehr Verlangen erwachte nach ihm. Natürlich berührte ihn dies in ſeiner Weisheit nicht. Sein Geiſt war ja mit abſtracten Dingen beſchäftigt und er ließ ſich nur gezwun⸗ gen herab die irdiſchen Wohlthaten einer Aſſemblee zu koſten und zu genießen. Man ſieht, er ſpielte vortrefflich Komödie mit ſeiner Weltweisheit, und daß es ihm gelingen mußte, diejenigen zu täuſchen, welche ihn als einen Heroen des Tages ver⸗ götterten, lag auf der Hand. Er betrat den Tanzſaal in der ſichern Erwartung eines glänzenden Triumphes, und die erſte Dame, welche ihm in die Augen fiel, war Fräulein Gertrud von Spär⸗ kan, welche ihr hübſches, friſches Geſicht in einer Weiſe zu ihm emporhob, worin deutlich die ſpöttiſche Frage —— ———ͤ— 180 zu leſen war:„Iſt es denn wirklich der hochbelobte, weisheitsvolle Baron Alexander von Lottum, der ſich hier zum Helden des Tages und der Mode aufgeſchwun⸗ gen hat?“ 1 Alexander's Blick haftete aber mit einem ſeltſamen Ergriffenſein auf dieſem Geſichte. Es lag ein Gruß aus heiterer Ferne, eine Erinnerung an beſſere Freuden, ein Ruf, eine Beſchwörung in demſelben. Mit gedankenvollen Blicken und ſtark geſtörter Seelenruhe betrachtete er das Mädchen, welches in der kurzen Zeit von fünf Monaten zu einer unglaublich reizenden Jungfrau herangewach⸗ ſen war. Obwohl keineswegs die Schönſte im Kreiſe der jungen Fräulein, hing ſich ſein Blick immer wieder an dies kecke friſche Geſicht mit dem mediſanten Lächeln, und er begann nachzudenken, durch welche Operation es ihm am leichteſten gelingen werde, zu ihr zu gelangen. Das hielt aber ſchwerer, als er dachte. Da waren eine Menge Da⸗ men, die auf ſeine Begrüßung warteten, und er mußte eine Maſſe von Worten verſchwenden, bevor er nur auf dem directen Wege zu derjenigen war, die ihn für den Mo⸗ ment am meiſten intereſſirte. Er fühlte ſich, wie damals in Schloß Rittbergen, von ihr ſpottlächelnd beobachtet, und wenn er ſein Auge zu ihr hinrichtete, ſo traf ihn jedesmal dieſelbe herausfordernde Frage, womit ſie ihn empfangen hatte. 181 Es regte ſich ein gelinder Haß in ſeiner Bruſt bei dieſer Wahrnehmung. Was wollte ſie von ihm? Schon beim erſten Zuſammentreffen hatte ſie Ränke gegen ihn geſponnen, er wußte das aus den Briefen ſeiner Tante, die freilich mehr ahnte, als verbürgen konnte— was hatte Fräulein Gertrud gegen ihn, daß der Spott ihre Lippe kräuſelte und der Hohn den Strahl ihrer ſchönen Augen verdunkelte? Der Tanz begann wieder, der eine kleine Weile ausgeſetzt war. Es entſtanden Lücken im Gewühle, die Gruppen löſeten ſich, und Baron Lottum ſtand im Nu, ohne daß er ſich Rechenſchaft zu geben vermochte, wie es gekommen war, vor Fräulein Gertrud von Spärkan und bat ſie um den beginnenden Tanz. Und ſiehe da! Ihr Geſicht verklärte ſich und der Spott flog fort von den Lippen und verzog ſich aus den Strahlen ihrer Augen. Eine allgemeine Bewegung entſtand, als ſie an ſeiner Hand den Saal durchſchritt und ſich einem Ehren⸗ platze unter den tanzenden Paaren nahete. Der Vorzug, den ſie plötzlich genoß, machte ſie ſtolz, und der Sieg des Barons war vollkommen, als ſie ſich dem vornehmſten und gewandteſten Tänzer, dem Grafen Alois Brühl gegenüber wieder fand. Der Neid, welcher aus vielen ſchönen Augen brach, konnte ſie am beſten über die Aus⸗ zeichnung belehren, die ſie damit genoß. Gertrud war 182²2 aber nicht die Dame, die davon aus der Faſſung und Haltung gebracht werden konnte. Sie hatte Muth, denn hier gab es keine Geſpenſter und keine verdrießliche Män⸗ ner, und ſie zeigte, daß ſie auf dem glatten Boden der Weltbühne fortzukommen verſtehe. „Erinnern Sie ſich, mein gnädiges Fräulein,“ ſprach jetzt endlich der Baron, indem er ſeine ruhigen Augen kaltblütig in die ihrigen verſenkte,„erinnern Sie ſich, daß Sie mir prophetiſch zuriefen:„es ſei gut, daß ich nach Dresden ginge“? Sie ſehen, daß es zu meinem Glücke gedient hat.“ „Das frägt ſich!“ ließ ſich Fräulein Gertrud ganz eben ſo kaltblütig, aber mit blitzenden Augen vernehmen. Die Tour begann. Der Tanz unterbrach die Ein⸗ leitung ihres Geſpräches. Gertrud führte ihre Menuetpas vortrefflich aus, und fühlte durchaus kein Unbehagen, als ſie bemerken mußte, daß Aller Blicke auf ſie gerichtet waren. Gertrud hatte Muth, dieſen Blicken zu trotzen. „So viel iſt mindeſtens gewiß,“ ſprach der Baron im Verlaufe des Tanzes, als ihm einige Worte erlaubt waren,„ſo viel iſt gewiß, daß ich Ihrem Urtheile bei⸗ pflichte und Dresden der Hauptſtadt Preußens bei weitem vorziehe!“. 1 „Natürlich,“ meinte die junge Dame ſchlau lä⸗ chelnd.„Sie ſehen Dresden noch dazu durch die Brille des Glückes.“ 183 Der Graf Alois bekomplimentirte ſie in demſelben Augenblicke den Regeln des Tanzes gemäß mit einem graziöſen Entrechat, den ſie mit dem zierlichſten Knix erwiderte und dann an ſeiner Hand den Platz ſeiner Tänzerin einnahm, während der Baron des Grafen Tänzerin herbeiführte. Jetzt blieben ſie eine kleine Weile einander gegenüber ſtehen, und Alexander war Zeuge, mit welch' reizend muth⸗ willigem Lächeln das junge Fräulein die geflüſterten Artigkeitsfloskeln des ſchönen Grafen von Brühl anhörte und beantwortete. Ein heißes Gefühl überwallte ihn. Ob es Aerger, ob es Scham, ob es Verlangen war, die ſpöttiſche Kühle ihres Weſens gegen ſich zu beſiegen? Als er ihre Hand wieder in der ſeinigen fühlte, umſchloß er ſie wärmer, und als die nächſte Tour es ihm geſtattete ſeinen Arm um ihre Taille zu legen, da zog er die weiche Mädchengeſtalt unmerklich näher an ſich. In demſelben Augenblick fragte Gertrud koboldartig, ſeine heiße Wallung abkühlend: „Warum fragen Sie mich nicht nach Margareth?“ Margareth! Ah— jetzt erklärte ſich die dämoniſche Kälte und Gelaſſenheit ihres Benehmens. Margareth? Er hatte noch nicht an Margareth gedacht! Und Gertrud mußte glauben, daß er Margareth liebe! „Sie iſt ſehr wohl!“ referirte das Fräulein ſcha⸗ 184 denfroh in der nächſten Pauſe.„Wer ſie jetzt ſieht, muß ſie lieben. Ich liebe, ich verehre, ich bete Marga⸗ reth an!“ Abermals ſtörte ein malitiöſes Entrechat das begon⸗ nene Geſpräch und der Graf Alois führte die boshafte junge Dame davon. Aber ſie ſah von drüben herüber einen mächtigen Schatten über des Barons Stirn ziehen, und ſie folgerte aus dem jähe aufleuchtenden Blicke, daß es in ihm unruhig geworden war. Ob für Margareth— ob gegen ſie? Als ſie dem Baron ihre Hand wieder darreichte, blickte ſie mit coquettem Lächeln in ſein Auge, und der Strahl, der aus demſelben bis in ihr Herz hineinfuhr, machte ihren Blick ſenken. Der Tanz endigte. Gertrud, von Erwartung belebt, von Hoffnung getragen, von Erfolgen begeiſtert, wurde nun durch ihr inneres Leben ſo reizend, daß ſie als Köni⸗ gin des Abends anzuſehen war. Sie ließ ihrem natürli⸗ chen Liebreize freien Spielraum. Die Schalkhaftigkeit verſchönte ihre Züge. Die Fröhlichkeit ihres Herzens machte ſie beredt, und in der Dankbarkeit ihres Herzens vergütete ſie dem Baron Lottum den Verdruß, den ſie ihm bösartig bereitet hatte, durch eine Freundlichkeit, die nahezu an Zärtlichkeit ſtreifte. Sie fühlte, daß ſie nur durch die Auszeichnung dieſes Tageshelden eine allgemeine 185⁵5 Bewunderung erlangt hatte, und ſie war viel zu wenig Engel, als daß ſie ſich ihres erlangten Triumphes nicht hätte freuen ſollen. Fräulein Gertrud von Spärkan war keinesweges die Schönſte des Balles, aber ſie hatte die glanzvollſten Augen und das ungenirteſte Lächeln. Man umdrängte ſie mit Bitten um einen Tanz, nachdem der Graf von Brühl ſie dicht hinter dem Baron zum Tanze geholt hatte. Ihr Herz pochte vor Vergnügen, während das Herz Alexander's von andern Wallungen bewegt wurde. Ihr Auge lachte vor Luſt und fand in Alexander's Blicken eine gleiche Gemüthſtimmung. Es ſchien ihr auch gar nicht gleichgültig zu ſein, immer von dieſen Blicken be⸗ obachtet zu werden und in ihnen das Intereſſe aufzufinden, welches ſie ausſtrömten. Die Stunden verflogen wie Minuten. Der Tanz führte ſie zuſammen und auseinander. Endlich ſchloß die Nacht die Pforten des Vergnügens. Gertrud ließ ihre weiche kleine Hand unbekümmert von den heißen Lippen Alexander's berühren, als er ſie zur Sänfte geleitete. Sie verſenkte ihr Haupt in die wei⸗ chen Kiſſen, nachdem ſie übermüde, von der Kammerzofe entkleidet war, und indem ſie ſich anſchickte ihre heutigen Triumphe in ihre Träume zu verpflanzen, flüſterte ſie mit dem letzten Schimmer des Bewußtſeins lachend in 1860. XIII. Gertrud. II. 12 186 ſich hinein:„Der? Der? O, wenn doch die Tante Wall⸗ bott das erlebt hätte!“ Am nächſten Morgen erwachte ſie friſch und froh, wie eine Lerche, weder mit Schmerzen im Kopfe, noch mit Schmerzen im Herzen. Was unter dem Kerzenſchim⸗ mer geglüht hatte, das war auch mit ihm verlöſcht. Aber nicht alle Menſchen dachten, wie ſie. Ihr Vormund, der alte würdige Feldmarſchall, hatte von fern ſehr gut be⸗ merkt, daß der Baron Lottum, ein neues Geſtirn am Himmel der Societät, ſeiner kleinen Verwandtin mehr Aufmerkſamkeit zollte, als man für gewöhnlich gut heißt. Er hielt es für nöthig, ein ſcharfes Examen darüber an⸗ zuſtellen, weil ſich Alexander die Erlaubniß erbeten hatte, ihm am Morgen die Aufwartung machen zu dürfen. Der alte Herr war Witwer, führte aber unter der Aufſicht einer reſpectabeln Witwe ſein Hausweſen ſolenn fort, und ſah es im Grunde gern, wenn einiges Leben um ihn herum war. Der Beſuch Alexander's kam ihm alſo ge⸗ legen, nicht allein des allgemeinen Aufſehens wegen, das dieſer machte, ſondern auch ſpeciell, weil er ihm gefiel. Nach der geſelligen Form des Spärkan'ſchen Hauſes hat⸗ ten diejenigen, welche der Feldmarſchall nach dem erſten Beſuche zum Mittagseſſen einlud, ein Recht ganz sans gone vorzuſprechen und ſich ſogar zu Tiſch einzufinden. Es war das gaſtfreieſte Haus in ganz Dresden, aber 187 Excellenz hatte ſeine beſondern Gerechtſame bei dieſer Gaſtfreiheit. Wer zu ihm kam, der ſtellte ſich damit zu⸗ gleich unter eine gewiſſe Botmäßigkeit und mußte ſich väterliche oder freundſchaftliche Rügen gefallen laſſen. Gewöhnlich begannen dieſe mit der drohenden Einleitung „Man ſagt mir“. Und wehe dem, von dem man etwas geſagt hatte, was dem Rufe nachtheilig geweſen wäre oder die Unbeſcholtenheit eines Namens angetaſtet hätte. Der Feldmarſchall hieb mit unerſchütterlicher Strenge die Bande durch, welche ihn mit dem verknüpften, der nicht mehr makellos vor ihm ſtand. Ernſtlich und faſt übertrieben beſorgt war er um die Heirath Gertrud's, die er von manchen Bedingun⸗ gen abhängig machte, ſo lange ſie nämlich ſo jung war und unter ſeiner Vormundſchaft ſtand. Vor allen Dingen ſollte und durfte es kein Preuße ſein, der ſich um ſie be⸗ werben wollte. Er haßte die Preußen, er haßte den Kö⸗ nig der Preußen, er haßte Alles, was nur in Verbin⸗ dung mit Preußen ſtand. Deshalb durfte ihm Frau von Pröhl niemals unter die Augen kommen, und deshalb vermied er ſogar ſeinen alten Freund und Vetter, den Oberſt von Pröhl. Wäre nicht eine teſtamentariſche Be⸗ ſtimmung’nach dem Tode von Gertrud's Eltern vor⸗ gefunden, wonach das Fräulein ohne Einſchränkung dem Bruder ihrer Mutter übergeben werden ſollte, ſo hätte 12* 188 ſie nicht einen Fuß in die Probſtei ſetzen dürfen. Der einzige Menſch in dieſer Familie, den er bisweilen bei ſich ſah, war der alte Domherr, ſonſt beſchränkte ſich ſein Verkehr mit ihnen darauf, daß er ſeine Karoſſe vor's Haus ſendete und ſeine junge Verwandte auffordern ließ, zu ihm zu kommen. Der Oberſt hatte nicht nöthig ſeine Einwilligung zu ſolchen Reiſen zu geben, er that es aber um des Friedens willen. Fräulein Gertrud hatte ſich noch nie ſo gut amü⸗ ſirt in Dresden, wie diesmal, und der Ball beim Gra⸗ fen Sulkowsky ſetzte ihrem Entzücken die Krone auf. Heimlich lachend vergegenwärtigte ſie ſich ihre klei⸗ nen Rencontres mit Alexander, und ſie wartete ordent⸗ lich mit Sehnſucht auf ſeinen Beſuch, um zu ſehen, wie ernüchtert er von ſeiner abſonderlichen Huldigung erſchei⸗ nen würde. Sie hatte mit ihm geſpielt, ſie hatte mit ihm ko⸗ kettirt! Ja, ſie war ehrlich genug, ſich dies einzugeſtehen. Darum eben war ſie neugierig, wie ſeine Weisheit heute am friſchen kalten Morgen dazu blicken würde. Er kam. Der Diener meldete ihn und ſie war plötzlich zu ihrem Aerger wie mit Purpur übergoſſen. Ein Zittern durchrieſelte ſie, und ſie hielt, wie eine Ver⸗ brecherin, die Augen auf ihre Arbeit geheftet. Er kam, grüßte ehrerbietig den alten Herrn, wech⸗ 189 ſelte mit ihm die üblichen Worte, und ſchritt dann heftig bewegt auf ſie zu. Ihre Hand bebte, als er ſie küßte, und ihre Lippen ſchloſſen ſich nach dem erſten verunglückten Verſuche, Scherzworte hervorzubringen. Nein, das war doch kaum zu ertragen! Was ſollte dieſer eitle Mann davon denken, daß ihr die Worte ver⸗ ſagten?— Fräulein Gertrud bot ihre Lebensgeiſter auf, um aus der traumhaften Aufregung herauszukommen. Es war ihr gerade zu Muthe, als hätte ſie ein Verbrechen begangen! Und in einer ähnlichen Gemüthsverfaſſung be⸗ fand ſich ganz augenſcheinlich der Baron Lottum, ein er⸗ fahrener Weltmann, ein vollendeter Meiſter in der Kunſt der Unterhaltung. Nach und nach legte ſich der Sturm in Beiden, allein die Geneſung von ihrer Herzensverwir⸗ rung hinterließ verſchiedenartige Folgen. Der Baron blieb ſanft und gefühlvoll, das Fräulein zeigte ſich keck und kalt! 3 1 So ſchieden ſie, um ſich am Abend in einer Soiree wieder zu ſehen. Hier erneuerte ſich das Spiel des vorigen Abends. Gertrud war heiter und hingebend warm für ſeine Huldi⸗ gungen. Man begann zu flüſtern, als ſich der Baron faſt faſſungslos in ſeinem neuen Gefühle für die rei⸗ — 190 zende junge Dame verlor. Seine Gemüthsbewegung er⸗ regte ungeheures Aufſehen. Am nächſten Mittag ſollte er beim Feldmarſchall ſpeiſen. Der zärtliche Ton, womit er dem jungen Mädchen ſeine Freude an dieſer Einladung verrieth, wurde mit einem blitzartigen Blicke von ihr beantwortet, dann aber ſagte ſie kurz und kühl: „Zu Haus iſt nicht hier— freuen Sie ſich lieber, daß Sie hier mit mir zuſammen ſind!“ Alexander ſtutzte und ſah ſie an. Es erging ihm wie in Rittbergen, wo er gerade in den kürzeſten Redens⸗ arten immer die ſinnvollſten Worte zu entdecken glaubte. Was meinte ſie mit der wunderlichen Antwort? Aber ſeine Beſonnenheit reichte nicht aus, um ihm das klar zu machen, was ſo nahe lag. Er ſtürzte ſich mit einer wahnſinnig wilden Heftigkeit in eine Leiden⸗ ſchaft, von der er ſehr mattherzige Meinungen gehegt hatte, und in dem Wogen des eigenen Herzens überſah er, daß er im Begriffe war, ſich in einer glänzenden Knechtſchaft zu verlieren. Die Friſche ſeines neuen Le⸗ bens erhob ihn über Alles, was er bis dahin weiſe auf⸗ geſtellt hatte, und er würde es nicht geglaubt haben, wenn man ihm ſeine eigenen Anſichten vorgelegt hätte, die er in Schloß Rittbergen ſo wacker vertheidigte. Er beſaß 191 ſchon jetzt nicht mehr die Macht, die ſtreitenden Elemente in ſich zu bewältigen, und der Augenblick war voraus zu berechnen, wo er der Dame, die er ſeit vierundzwanzig Stunden anbetete, das Bekenntniß ſeiner Liebe zu Füßen legen würde. Als er Gertrud abermals an ihre Sänfte geleitete und die warme Hand wiederum ungebürlich zärtlich an ſeinen Mund zu preſſen Miene machte, da fühlte er ein heftiges Zuſammenzucken, und im Nu war ihm die Hand entzogen. Gertrud bog ſich ſchnell zurück und lehnte ſich zitternd in einen Winkel der Sänfte. Sie hatte Geſpenſter geſe⸗ hen! Eine hohe Geſtalt ſtand feſt aufgerichtet unweit des Portales, wo die Sänften aufgeſtellt waren, und beobach⸗ tete unbeweglich bleibend die verrätheriſch zärtliche Ab⸗ ſchiedsſcene zwiſchen ihr und dem Baron. Sie erkannte auf der Stelle den Junker Wolf, und ein furchtbarer Schmerz durchflog ihr ſchuldbeladenes Herz, als ſie ſich den Ernſt ſeiner Mienen vergegenwärtigte. Zerſtört kam ſie nach Haus. Alle Erinnerungen an die Triumphe der Eitelkeit waren verlöſcht. Sie dachte gar nicht daran. Ihre Kammerzofe wurde fortgeſchickt. Sie wollte ſich allein entkleiden. Als ſie allein war, eilte ſie zum Fenſter, riß es auf und ſtarrte in die Dunkelheit hinaus. Sie wußte, er war da und ſah nach ihr. Aber —— er hielt ſich verborgen und blickte nur verlangend dort⸗ hin, wo ſie im Scheine des erleuchteten Fenſters ſichtbar wurde. Er war aufgebrochen von Wilsberg ſchon nach wenigen Tagen, denn er konnte ſeiner Sehnſucht nicht mehr Herr werden. Margareth glaubte ihn nach ihrer Heimath abgereiſt, aber er ritt nach Dresden, um Gertrud nur einmal zu ſehen und dann ſtill reſignirt in ſeine Berge zurückzukehren. Er ſah ſie mit Schrecken neben dem, den er als ſeines Vetters Verderben betrachten mußte. Jetzt lag ſie im Fenſter und ſchauete ſehnſüchtig umher. Ob nach ihm oder nach Alexander?— Wolf hielt ſich ſtill verborgen, bis das Licht erloſch, dann ſchlich er heim in ſein Gaſthaus. Und Gertrud weinte in ihren weichen Kiſſen. Frau von Wallbott's Bild ſtand abermals vor ihrer aufgeregten Seele, aber Gertrud flüſterte nicht lachend, ſondern tief betrübt:„Sie würde mich verachten, wenn ſie Alles wüßte!“ Am andern Morgen ſtand ſie auf mit Schmerzen im Kopfe und mit Schmerzen im Herzen. Nicht friſch und froh, ſondern mit nachdenklichen Mienen nahm 19 den Platz am Fenſter ein, von wo aus ſie die ganze Schloß⸗ ſtraße überſchauen konnte. Sie war feſt überzeugt, daß Wolf ihr an dieſem Morgen einen Beſuch machen würde, und ſie wollte ihn allein empfangen, wollte ihm treuherzig ihre Abenteuer auf den Bällen und ihre Verbindung — 193 mit dem Baron Lottum vorlegen. Auch ihre augenblick⸗ lichen Zärtlichkeiten für dieſen Mann? Ein ſchnelles, heißes Erröthen überflog ihr Geſicht bei dieſer ſich ſelbſt aufgeworfenen Frage und ſie ſenkte tief beſchämt ihre Stirne auf die Hände nieder.— Liebte ſie denn den Ba⸗ ron? fragte es in ihr weiter. „Nein,“ ſprach ſie ganz laut und hob froh die Stirn wieder auf.„Ich fühlte mich geehrt von ſeiner Auszeichnung, ich fühlte mich erwärmt von ſeinen heißen Blicken, ich fühlte mich hingeriſſen von ſeiner Huldigung, aber ich kann das Alles entbehren, ich kann es ohne Schmerz, ohne Bedauern entbehren.— Was gilt mir ſein Lob, was gilt mir ſeine Verehrung, was gilt mir ſeine Neigung außerhalb des Ballſaales? Gar nichts gilt ſie mir, gar nichts. Sie beläſtigt und beſchämt mich— und armer Junker Wolf! Er wird es nicht glauben, wenn ich ihm dergleichen betheuern will, er wird denken ich belüge ihn!“ „Aber laß ihn doch, wenn er mir nicht glaubt,“ raiſonnirte ſie in ſtiller Betrachtung weiter, und ſetzte ſich in Poſitur, als wolle ſie einen tüchtigen Zank mit der ganzen Welt beginnen.„Was habe ich denn ſo fürchter⸗ lich Böſes gethan? Habe ich dem Baron Liebe gezeigt, Liebe verſprochen? Nein, ich habe nur geduldet, weil— weil ſie mir Vortheil brachte.“ ——— 194 Sie ſenkte ihr Köpfchen beſchämt auf die rechte Seite und ging bußfertig ſchärfer mit ſich zu Gericht. Ihre Erinnerungen ſtellten ihr den Abend im Jagdſchloſſe vor, poo ſie den Prinzen Erich zum Abgott ihrer Träumereien machen wollte. Dann betrachtete ſie, immer bereitwilliger zu ihrer Selbſtverurtheilung, die zweite Verirrung ihrer Phantaſie, die vielleicht eine ganz andere Wendung ge⸗ nommen hätte, wenn Junker Wolf nicht plötzlich wie ein Geſpenſt dazwiſchen getreten wäre. Ein tiefer Athemzug hob ihre Bruſt, aber es blitzte ſchon wieder wie Sonnen⸗ licht durch Wolken, als ſie ihren Gedankenmonolog fort⸗ ſetzte:„Was grämt ſich denn Gertrud von Spärkan um etwas, das ſich nicht ändern läßt? Gertrud iſt doch nicht ſo thöricht, wie Margareth, und hält das für Liebe, was keinesweges Liebe iſt. Im Walde, an dem Abende, wo die Romantik mir ſo nahe getreten war, wo die Erſchei⸗ nung des Prinzen wie ein Märchenſchauſpiel auf mich einwirkte, nun da hätte ich mich wohl gefreut, wenn ich die Gleichgiltigkeit des wilden Herrn hätte in Demuth und Liebe verkehren können; aber der Gedanke, daß ich ihm eine Liebkoſung weihen ſolle, blieb mir doch ſehr fatal, trotz der Luſt ihn zu meinen Füßen zu ſehen. Im Ballſaal, wo mir des Barons Huldigung und Zärtlichkeit Throne bauete, nun da öffnete ſich unter dem Schutze der Dank⸗ barkeit mein Herz ſo weit, daß ich demſelben meine Hand mit ſüßem Behagen zum Kuße überließ, natürlich ohne die geringſte Luſt ihm jemals Liebkoſungen zu ſpenden. Minutenlang hatte ich beide Männer wohl gern— ja, ich geſtehe dies ein. Aber im Hauſe, im Heiligthume ihres Lebens, wo Gertrud von Spärkan ſinnt und ſpinnt, wo ſie iſt, wie der Profeſſor Gellert ſie haben will, da— da hat ſie nur Einen lieb, ach ſo lieb, ſo lieb, daß ſie vor ihm hinknieen, daß ſie für ihn arbeiten, daß ſie ſeinen Hals umſchlingen, ſeine Wangen, ſeine Lippen küßen und Stirn an Stirn ſo lange in ſeine Augen ſehen möchte, bis— ſie ſtürbe!“ Als ſie in leidenſchaftlicher Haſt dieſe Worte her⸗ vorgeſtoßen hatte, ſchien es wie ein Schrecken ihre Seele zu überfluthen. Sie riß ihre Augen weit auf und ſah in die Ferne. „Oho—“ flüſterte ſie langſam.„Ich will dieſen Einen aber nicht lieb haben, ich will nicht! Junker Wolf ſoll mein Freund ſein, aber nicht mein Geliebter, und wenn er heute früh nicht kommt, um mich zu ſehen, ſo kündige ich ihm auch meine Freundſchaft. Die Ruhe meines Ge⸗ müthes iſt mir zu lieb, als daß ich ſie an Chimären ver⸗ ſcherzen ſollte.“ Jetzt war alle Sentimentalität aus ihren Erinne⸗ rungen weggelöſcht, jetzt war ſie wieder das trotzige Fräulein. Der Mittag rückte mittlerweile heran, wo der Ba⸗ ron Alexander zur Tafel erſcheinen ſollte, aber der Junker kam nicht und ging auch nicht vor den Fenſtern Gertrud's vorüber. Beides wurde mit philoſophiſcher Ruhe von dieſer betrachtet. Dem Erſten konnte ſie füglich nicht ent⸗ gehen und das Letztere nicht erzwingen., Sie zeigte ſich bei der Begrüßung des eintretenden Barons beſſer gelaunt, als Tags zuvor, wodurch ſie befähigt wurde einer ſichtbaren Verwirrung deſſelben abzuhelfen. Es traten bald darauf noch einige Herren und Da⸗ men ein. Man verfügte ſich ganz familiär zu Tiſche, wo Gertrud mit allerliebſter Gravität die Wirthin machte. Se. Excellenz hatte einen guten Tag, und wenn er den hatte, ſo konnte nicht leicht ein Menſch angenehmer ſein, als er. Der Baron ſpielte die Rolle eines ſanften, ruhigen und aufmerkſamen Geſellſchafters, nachdem er bei ſeinem Empfange von der geſelligen und formenvollen Haltung des Fräuleins beſchämt worden war. Gertrud überließ ſich wie ſonſt einem augenblicklichen Muthwillen, hielt ſich aber mehr zu den ältern Damen, um gegen ver⸗ rätheriſche Blicke geſchützt zu ſein, die ſie ſtrafend zu rügen nicht das Recht hatte. Der Baron ertrug ihre veränderte Stimmung wie ein großer Geiſt. Er fühlte einen lebhaften Schmerz, veerbarg ihn jedoch ſo gewiſſenhaft, daß noch nicht einmal 197 eine Miene davon Kunde gab. Zufällig hatte er ſchon früher dem jungen Grafen Brühl verſprochen, ihn auf ei⸗ ner kleinen Reiſe nach Pförten zu begleiten, und dies kam ihm jetzt erwünſcht, um die Qual zu verkürzen, in die er ſich geſtürzt ſah. So konnte, ſo durfte es zwiſchen ihm und dem Fräulein nicht bleiben, wenn er nicht ſein beſſe⸗ res Selbſt verlieren ſollte. Er beſchloß mit ihr zu reden, bevor er das Haus verließ. „Haben Sie noch nicht davon gehört,“ fragte der Feldmarſchall ihn über den Tiſch hinweg, als er einige Minuten ſorgenvoll geſchwiegen, aber ruhig und gleich⸗ müthig dabei vor ſich niedergeſehen hatte,„daß die Preu⸗ ßen rüſten ſollen, Baron?“ „Nein, Excellenz,“ antwortete er gelaſſen.„Gegen wen rüſten ſie?“ „Ja, das iſt's, was ich wiſſen möchte,“ meinte ein Oberſtwachtmeiſter mit lauerndem Blicke nach dem Baron hinüber.„Was ſagt Ihr Vetter, der Herr von Maltzahn dazu?“ „Ich habe Maltzahn ſeit mehreren Wochen nicht geſprochen,“ entſchuldigte ſich der Baron.„Er würde mir aber auch unter den Verhältniſſen, wie ich jetzt zu ihm ſtehe, keine vertrauliche Eröffnungen machen. Außer⸗ dem intereſſire ich mich nicht für Preußen!“ „Sind aber doch ein Preuße?“ forſchte der Feld⸗ 198 marſchall, mürriſch die Augen zuſammen ziehend.„Man ſagt mir's eben.“ „Nein, Onkel,“ rief Gertrud.„Beruhigen Sie ſich, der Baron Alexander hat mich einſt gründlich auf den Sand geſetzt, als ich ihn„gut preußiſch“ glaubte und unſer Dresden gegen Berlin ſtellte.“ Die Stirn des alten Herrn entrunzelte ſich ſchnell wieder, und er ſah ſeine Nachbarin, die ihm die unange⸗ nehme Mittheilung ganz harmlos gemacht hatte, etwas erzürnt an. Der Baron hielt es nicht für nothwendig, auf nähere Erörterungen ſeiner Heimathsanſprüche einzugehen, und ließ deshalb Gertrud's Erklärung gelten. Ihm war des Feldmarſchalls Preußenhaß noch nicht bekannt, aber ein inſtinktähnliches Gefühl verrieth ihm, daß ein alter Kriegs⸗ held nur mit ſehr gedemüthigtem Herzen an ſeine Beſieger denken könnte, und daß es ſeinen Abſichten nicht förderlich ſein würde, wenn er einer Nation entſtamme, die ſich zum Aerger ihrer Nachbarländer hervorthat nicht allein im Handel und in der Wiſſenſchaft, ſondern auch in allerlei Tugenden, die den Menſchen veredeln und aus dem Wir⸗ bel des Genußes hervorheben können. Das Beiſpiel der Herrſcher wirkte auf Preußen, wie auf Sachſen, natürlich in erſterm Lande gut, im zweiten ſchlecht. „Es ſoll von dem König Fritz alles Mögliche ge⸗ 201 wenn er wirklich politiſcher Angelegenheiten wegen in Dresden verweilen ſollte. Weshalb aber hätte er denn zwiſchen den Bedienten und Sänften auf ſie gewartet? Das Fräulein hatte ſich in einen Vorbau des alten ſchönen Hauſes poſtirt, wie man ſie jetzt nur noch ſelten zu bewundern Gelegenheit findet. Zwei große Fenſter, gerade die Mitte der Fagade bildend, mit ſchweren ſeide⸗ nen Vorhängen von dem übrigen Zimmerraume abge⸗ trennt, mit ihren ungeheuer tiefen Niſchen gleichſam einem winzigen Kabinette gleichend, gaben ſo viel Raum her, um zwei koloſſalen Armſeſſeln von damalig weichſter Be⸗ ſchaffenheit und ein Tiſchchen zu beherbergen. In einem dieſer Armſeſſel vergraben ruhete Gertrud wie ein verſtecktes Vögelchen und ſtrengte ihre Augen ſo ſehr an, daß nach und nach die Strahlen derſelben ver⸗ glommen. 3 Es hatte ſich ſonſt in dieſem lauſchigen Winkel ſo ſchön träumen laſſen, und plötzlich waren die einladenden Eigenſchaften des Armſeſſels in die Wirkungen eines Höllenaufenthaltes verwandelt. Es war nur zu verwun⸗ dern, daß ſich ſo wenig Trotz und Verdruß bei den Be⸗ mühungen ihrer Erwartung entwickelte. Unverdroſſen ſchauete ſie in die Dunkelheit hinaus, und ihre Stimme wurde immer ſanfter, je länger ſie vergeblich auf Junker Wolſ's erſehnten Anblick wartete. 1860. XIII. Gertrud. II. 13 Se. Excellenz ſtörte ſie endlich in ihrer troſtloſen Beſchäftigung. Er brachte ihr die Nachricht, daß der junge Graf Alois von Brühl die Aufmerkſamkeit gehabt habe, ihnen die Loge ſeines hochgräflichen Herrn Vaters anzubieten, da ſeine Familie keinen Gebrauch davon zu machen gedenke. „Der junge Graf zeigt ſich ſehr bemüht,“ fügte der alte Herr mit einem bedeutſamen Lächeln hinzu;„er ſorgt ſogar in ſeiner Abweſenheit für Dich, mein Kind.“ „Wenn nicht der Baron dahinter ſteckt,“ meinte Gertrud gleichgiltig. Ihr war der Graf Alois, trotz ſei⸗ ner Charge als Generalfeldzeugmeiſter Sr. Majeſtät des Königs von Polen und Churfürſten von Sachſen, doch noch eine gar zu unmännliche Perſönlichkeit. „Das iſt auch möglich,“ entgegnete Se. Excellenz ſehr eilig, denn nach dieſer Gegend wollte er verſuchs⸗ weiſe ſteuern, war aber für dergleichen gewagte Fahrten ein etwas ungeſchickter Pilot, da er des Elementes nicht recht Herr zu werden vermochte. Gertrud merkte etwas. Sie drückte ſich feſter in ihren Thronſ eſſel und faßte Vorſätze. „Der junge Graf liebt den Baron und geſtattet ihm bedeutenden Einfluß,“ begann er wieder. „Ja, ſo lange er ihn braucht,“ antwortete Gertrud lakoniſch. „Möglich! Wenn der Baron klug iſt, ſo ſetzt er ſich in den Stand, den Grafen mit ſeinem Einfluße ent⸗ behren zu können, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Das ſind politiſche Intriguen der gegenſeitigen Nothwen⸗ digkeit, mein Kind! Dem Baron traue ich Verſtand genug zu, dies einzuſehen.“ „Nicht ganz richtig geurtheilt, Excellenz“, rief Ger⸗ trud ſcherzhaft.„Der Baron iſt zu weiſe, um verſtändig zu ſein.“ „Das iſt paradox, mein Kind! Aber vertiefen wir uns nicht in Auseinanderſetzungen. Ich frage Dich bloß ganz naturgemäß, wie gefällt Dir der Baron Lottum und was gedenkſt Du zu antworten, wenn er Dir ſeine Hand bietet?“ „O, Excellenz!“ rief Gertrud von dem Angriff faſt beſtürzt, aber mit einem Lächeln und Erröthen, worin ſich jungfräuliche Eitelkeit widerſpiegelte. „Es wird dahin kommen, verlaß Dich darauf,“ be⸗ hauptete der Feldmarſchall behaglich lachend, und rückte ſich etwas näher an Gertrud, um ihr Geſicht ſehen zu können bei dem, was er nun zu ſagen hatte.„Ich bin nicht abgeneigt, Deinem Herzen freien Spielraum zu gönnen.“ „Onkel, Sie mögen von meinem Herzen wohl wenig genug wiſſen,“ ſcherzte das Fräulein gewaltſam dazwiſchen. „Aber ich habe meine Bedingungen zu a n hen ron Lottum muß ſich entſchließen ſeinen Namen aufzugeben 13* und Deinen Namen anzunehmen. Unſer alter, verwelkter Stammbaum muß friſch oculirt werden. Deine Kinder ſollen die neuen Blüthen deſſelben abgeben!“ „Aber, was reden Sie da— vor meinen Kinder⸗ ohren— von meinen Kindern,“ zürnte das Fräulein la⸗ chend.„Mich verlangt weder nach der Ehre Alexander Lottum's Gattin zu heißen, noch—“ Sie ſchwieg in einem natürlichen Abſcheu, ohne den Satz zu vollenden. „Dich verlangt nicht?“ wiederholte der alte Herr etwas pikirt.„Deine Anſichten ſcheinen wandelbar?“ 3„Die Eigenthümlichkeit theile ich mit allen Men⸗ ſchen!“ rief Gertrud übermüthig. „Ich habe mit väterlichem Intereſſe beobachtet, daß die Triumphe, die Du feierteſt, Dich nicht dergeſtalt verblendeten, um den Mann nur einen Augenblick zu überſehen, dem Du ſie eigentlich verdankteſt.“ „Das waren politiſche Intriguen der gegenſeitigen Nothwendigkeit,“ flüſterte das Mädchen ſchalkhaft. „Das ſoll heißen?“ fragte Excellenz aufſtehend mit Unmuth. „Daß ich den Baron wohl zum Tänzer, aber nicht zum Gatten haben möchte!“ erklärte Gertrud entſchie⸗ den und ſah gänzlich furchtlos in ſein Geſicht.„Wenn u emn in ſeiner Weisheit ſo unverſtändig iſt, die Gunſt eines Augenblickes als eine Garantie für feſt⸗ ſtehendes Glück zu nehmen, ſo wird er auf ſeiner 205 Laufbahn eben ſo ſicher ſcheitern, wie bei ſeiner Bewer⸗ bung um meine Hand. Sagen Sie ihm das, Excellenz, wenn er ſich mit einem Antrage an Sie wendet!— Nun aber wollen wir berathen über die Anerbietungen, die uns Graf Alois macht. Wollen wir in's Theater gehen??“? Sie wünſchte es ſeit einigen Augenblicken ſehnlichſt, weil ſich ihr darin die Ausſicht eröffnet hatte, im Gewühl den Junker Wolf treffen zu können. „Kurz geladen und ſcharf abgeſchoſſen, mein Kind,“ entgegnete Excellenz, aber ruhig die letzten Worte Ger⸗ trud's überſpringend.„Man findet jedoch in jetziger Zeit⸗ periode nicht den ehrenwerthen und fein gebildeten Kava⸗ lier auf der Straße, und weiſet ihn auch nicht trotzig ab, nachdem man erſt die Seidenfäden der zärtlichen Gunſt über ihn hingeworfen hat, mein Kind. Dein Ruf und Dein Triumph geht Hand in Hand, und ich muß für den erſtern einſtehen, wenn ich Dir den letztern erlaubt habe.“ „Sind Sie doch ein Streiter von Königs Gnaden,“ ſcherzte Gertrud allerliebſt freundlich in ſein böſes Ge⸗ ſicht ſchauend und die bewölkte Stirn immerfort mit den weichen Fingern glatt ſtreichend.„Iſt es doch Ihr Beruf, zu ſtreiten, ohne fragen zu dürfen nach Recht und Unrecht! Streiten Sie alſo für mich und ſchützen Sie meinen Ruf durch Ihr ritterliches Schwert. Hilft das nicht, ſo ſchicken Sie mich zu Haus. Ich muß überhaupt — bald heim— ich muß, denn ich habe dort ein krankes Herz zu heilen und Gewatter zu ſtehen!“ „Deine Praxis ſcheint„verwunden“ und„heilen“,“ brummte Excellenz. „Was ich verwundoe, heilt von ſelbſt.“ „Das heißt: ich bin beordert hier den Feldſcheer zu ſpielen.“. „Bewahre! Der Balſam liegt in Baron Lottum's eigener Seele. Seine Herzenswunde heilt von innen heraus!“ lachte das Mädchen und ſprang auf.„Bitte, gehen wir in's Theater!“ „Wirbt Baron Lottum um Dich,“ fuhr der Feld⸗ marſchall hartnäckig dazwiſchen,„ſo wird eine abſchläg⸗ liche Antwort böſes Blut zwiſchen mir und ſeinem Pro⸗ tector machen. Se. hochgräfliche Gnaden verlangen Berückſichtigung auch in ſeinen Günſtlingen.“ Gertrud ſah ihn zuverſichtlich an.„Er wird nicht um mich werben!“ tröſtete ſie. „Alle Welt ſagt anders!“ rief Excellenz böſe. „Weil„alle Welt“ nicht weiß, welch' ein magi⸗ ſches Siegel ſeine Lippen bis auf Weiteres ſchließen wird,“ ſprach Gertrud, der Querelen müde, allein noch nicht geſonnen das Geheimniß Margareth's hier laut werden zu laſſen. Der alte Herr wurde aufmerkſam.„Sag' mir mehr, damit ich ruhig ſein kann!“ 207 Gertrud tätſchelte mit Kindermanier die welken, runzlichten Wangen des Mannes, der als ein Bär ohne Gleichen galt.„Excellenz kann wohl vor Neugier ſonſt nicht ſchlafen?“ fragte ſie mit unwiderſtehlicher Lieb⸗ lichkeit.„Nun— es ſei! Baron Lottum muß warten, bis ihm eine Dame erklärt hat, ob ſie ihn heirathen will oder nicht!“ „Narrenspoſſen!“ ſchalt der Feldmarſchall. „Wahrheit!“ parodirte Gertrud, und ſtellte ſich in Poſition, als wolle ſie exerziren. „Erfunden!“ „Hiſtoriſch!“ 1„Märchen, einem albernen Kinde aufgebunden!“ „Erfahrungen, ganz dazu angethan, das Kind ſehr weiſe zu machen!“ Excellenz ſah ſich dies Kind ernſt und nachdenklich an. Gertrud wartete gelaſſen ſeiner Antwort. „Du lügſt nicht?“ fragte er. „Buchſtäblich ſagte ich die Wahrheit!“ betheuerte ſie. „Komm, wir wollen in's Theater,“ entſchied Ex⸗ cellenz erleichtert.„Alſo die Sicherheit ließ Dich ſo ver⸗ dammt zärtlich gegen ihn werden?“ fragte er lächelnd nochmals auf ſein Thema zurückkommend.. „Nein, Exeellenz, die Eitelkeit,“ beichtete das Fräu⸗ lein freimüthig.„Als ich aber einmal in den Schlingen der Eitelkeit lag, da war ich nicht mehr Herrin meiner Sinne— gottlob, ich bin gerettet!“ „Wodurch, meine Kleine?“ fragte der alte Herr gütig. „Durch ein Geſpenſt!“ erwiderte Gertrud pathe⸗ tiſch. Und ſie ſchritten lachend hinab, um die wartenden Sänften zu beſteigen. Am Eingange des Opernhauſes war großes Ge⸗ wühl. Das Gerücht von einem Wunderkinde, welches, nach dem Ausſpruche des Hofkapellmeiſters Haſſe, die Welt in Erſtaunen ſetzen würde mit ſeiner Stimme, hatte alle die vielen Bewohner Dresdens, die der Kunſt mit Enthuſias⸗ mus anhingen, in's Theater gelockt. Das Wunderkind, Gertrud Eliſabeth Schmehling*), von ihrem Vater in reizender Corruption„Trudlischen“ genannt, ſollte an dieſem Abende in Haſſe’s Piramo e Tisbe die Partie der Tisbe ſingen— eine Rolle, die der geniale Komponiſt für ſeine ſchöne Gattin, der vergötterten Fauſtine Haſſe, eigens geſchrieben hatte. Das Publikum war ſehr geneigt dies Wageſtück lächerlich anmaßend zu finden, da der Vergleich mit der allbeliebten Darſtellerin der Tisbe jedenfalls dem Wunderkinde zum Nachtheile gereichen mußte. Man war neugierig auf den Erfolg, man ver⸗ ſprach ſich vielleicht weniger Genuß, als amüſanten Skan⸗ dal— genug, das Gedränge zeigte, daß es damals, wie ²) Die berühmt gewordene Mara. 209 jetzt, nicht immer als ein Kunſttrieb zu betrachten iſt, wenn die Räume des Opernhauſes überfüllt werden. Der Jäger des Generalfeldmarſchalls von Spärkan verſtand es meiſterhaft ſeinen Sänften, denen er martia⸗ liſch vorausſchritt, Reſpect und Berückſichtigung zu ver⸗ ſchaffen. Mit gezogenem Hirſchfänger durchbrach er die Volksmaſſen bis zum Portale, und als der alte Herr erſt mühſam aus dem eleganten Kaſten geklettert war, da wurde ihm ohne martialiſche Bemühungen von dem Pu⸗ blikum ſo viel Ehrerbietung erwieſen, daß er ſeiner jungen Verwandtin Angeſichts der ganzen Menge ritterliche Artigkeit erweiſen konnte. Dicht hinter ihnen ſchloß ſich das Gewühl wieder, und Gertrud ſendete vergeblich ſehr verlangende Blicke aus ihren ſtrahlenden Augen umher, um den zu entdecken, der alle ihre Gedanken beherrſchte. wie ein Sünder, ſeinen vermeſſenen Herzenswünſchen als Strafe zudictirt hatte. Er folgte dem Paare, das von der Volksehrerbietung gleichſam geheiligt, gemeſſen und feierlich, der ausgezeichneten Stellung Sr. Exellenz ge⸗ mäß, in die Muſenhalle ſchritt und ſich in die brillant ausgeſtattete Loge der hochgräflichen Excellenz, des Mini⸗ ſters von Brühl verlor. Er war da, aber er poſtirte ſich im Parterreraume, unter der ſtrengen, bußfertigen Beſchei⸗ denheit, womit er ſich ſelbſt kaſteiete. Von dort aus wollte 210 er den Glanz und die Pracht, womit das Fräulein von Spärkan, das er zu lieben gewagt hatte, in der Welt auftrat, ſo lange bewundern, bis ſein Herz der Kämpfe müde würde. Gertrud erſchien in der Loge ſogleich an der Brü⸗ ſtung und lehnte ſich ſelbſtvergeſſen weit darüber hinaus, um nach ihm zu ſehen. Sie wußte, daß er da war. Ihr inneres Gefühl, magiſch von ſeinem Blicke berührt, ver⸗ rieth es ihr. Aber ſie fand ihn nicht aus der fluthenden Menge heraus. Freilich, dorthin, wo er einſam im Win⸗ kel geborgen ſtand, dorthin flog ihr Blick nicht, dort weilte nur der Mann des Volkes, der ſeinem Beutel die bedeutende Ausgabe für Kunſtgenüße nicht zumuthen durfte. Es war vielleicht vom Junker Wolf von Bret⸗ tow auch eine Zugabe zur auferlegten Buße, daß er ſich ſtreng in den Winkel bannte, der vorzugsweiſe von der Armuth uſurpirt wurde. Seinen ascetiſchen Grundſätzen zufolge konnte man bei Herzensrevolutionen und über⸗ müthigen Herzensträumereien gar nicht ſtreng genug zu Werke gehen. Die Oper begann. Man horchte geſpannt und erwartungsvoll. Fauſtine Haſſe erſchien in einer Proſce⸗ niumsloge, Blicke froher Hoffnung und herzlichen Ein⸗ verſtändniſſes mit ihrem Gatten wechſelnd, der ernſt am Dirigentenpulte ſaß. Das Publikum ſah in dieſer Hand⸗ lung ihres Lieblings Fauſtine eine göttergleiche Beſchei⸗ 211 denheit und war geneigt in exaltirten Huldigungen die allgemeine Meinung darzuthun. Ein aufſtrebendes Licht ſollte ihnen die Sonne ihres Kunſtlebens nicht verdrän⸗ gen. Aber die hohe Künſtlerin beherrſchte mit einem ein⸗ zigen mißbilligenden Blicke die erſten Laute, die ihrem Ruhme galten, und deutete ernſt auf die Bühne, deren Vorhang ſich jetzt hob. Man achtete den Wink und ſtörte die Vorſtellung nicht, bis„Trudlischen Schmehling“ erſchien. Da lief ein leiſes Lachen durch die weiten Räume.„Das Kind! das Kind!“ Aller Blicke richteten ſich wieder auf ihre Prima Donna, die in majeſtätiſcher Haltung und trotz ihrer längſt verblichenen Iugendblüthe doch ſchön und erhaben da ſaß, bereit den Platz zu räumen, den aufblühende Talente einzunehmen trachteten. Fauſtine Haſſe aber rief leiſe und dennoch hörbar durch die Hallen bis in den fernſten Winkel:„Ruhe!“ Keine Lippe regte ſich mehr und Trudlischen ſetzte ihren erſten Ton ein. Nicht ein Athemzug wurde aber hörbar, als das Kind mit einer bewunderungswürdigen Leichtigkeit, mit einer erſtaunenswerthen Kraft und Fülle die erſte Cadenz nach den Worten„0 Piramo— mio caro“ einſetzte und gleichmäßig ſtark eine chromatiſche Tonleiter vom geſtrichenen A bis zum dreigeſtrichenen E hören ließ. 212 Jetzt war es nicht mehr nöthig, daß Fauſtine Haſſe Ruhe gebot. Wie bezaubert hingen Aller Ohren an dem Ge⸗ ſange, und hingeriſſen von Bewunderung brach der Bei⸗ fall wie ein Jubel aus, als ſie endete. Die kleine Sän⸗ gerin ſtand aber lächelnd und ſorglos unter dem Brauſen der Acclamation. Ihr ahnte in dieſem Momente viel⸗ leicht, daß ſie einer herrlichen Zukunft voll Ruhm ent⸗ gegen gehe. Als ſie ihre Kinderaugen dankend über die Menge fortgleiten ließ, flog ein feines Lorbeerkränzehen, glücklich gezielt, gerade auf ihren Kopf. Es kam von der liebens⸗ würdigen Prima Donna des Theaters, Fauſtine Haſſe hatte den erſten Tribut des beginnenden Ruhmes auf ihre jugendliche Stirn gelegt. Ein Vivat krönte dieſe That.*) Von dieſem Tumulte waren gewiß alle Anweſenden ergriffen, nur zwei Menſchen nicht. Was galt der Unge⸗ duld und Sehnſucht des Fräuleins von Spärkan der Er⸗ folg einer kleinen Sängerin? Was für Intereſſe bot der Triumph der Kunſt einem entſagungsbereiten Herzen, wie Junker Wolf in ſeinem Winkel verbarg? Beide ſtanden unberührt, kaltſinnig, zerſtreut zwi⸗ ſchen den luſtigtobenden, enthuſiasmirten Menſchen. Beide fühlten nicht die geringſte Sympathie für ein Kunſtſtre⸗ ben, das ihrem Seelenzuſtande fremd bleiben mußte, weil *) Nach einem Briefe. —— 213 ſie traumhaft fern davon ſtanden. Junker Wolf ſah aus ſeinem Verſtecke nur auf Gertrud— während des toſenden Lärmens dachte Gertrud nur an ihn. Junker Wolf bemerkte aber auch mit ſonderbar pochendem Herzen den trüben Flor, der über ihren köſtlichen Augen ruhte, als ſie wie⸗ der ſuchend den ganzen Raum durchſpähete. Die Vorſtellung ging glänzend zu Ende. Piramo e Tisbe hatten kläglich ihr Leben eingebüßt und mit der letzten Cadenz der Liebesklage die Augen der Zuhörer unter Waſſer geſetzt. Die kleine ſieggekrönte Künſtlerin ging triumphirend aus ihrem Debüt hervor und das Publikum hatte für einige Tage Stoff zur Unterhaltung. Fräulein Gertrud erklärte ihrem Vormunde, daß ſie ſich außerordentlich amüſirt habe, daß ſie glaube, Trud⸗ lischen Schmehling werde die Welt in Erſtaunen ſetzen, wenn ſie erſt erwachſen ſei, und daß ſie ganz entzückt von Frau Fauſtine Haſſens Liebenswürdigkeit wäre. Im Grunde aber hätte Fräulein Gertrud weinen und ganz gelinde mit dem Füßchen ſtampfen mögen— ein Manöver, das ſie ſich ſeit der Rittberger Hochzeitsreiſe etwas ab⸗ gewöhnt hatte. Und ſie hatte Urſache zum Weinen, denn Junker Wolf verließ unter dem troſtreichen Selbſt⸗ bewußtſein,„das Ende ſeiner Selbſtquälereien erreicht zu haben“, ſeinen Winkel und ſchlich in die Herberge zurück, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte. Der frühe Morgen fand ihn auf dem Heimwege 214 nach Rittbergen. Er hatte mit äußerſter Klugheit die Anwendung jener Lebensphiloſophie bethätigt, die in ſeinen Verhältniſſen nothwendig erſchien, wenn er ſeinen Mannesſinn nicht einbüßen wollte. Er ſuchte die tief eingedrungenen Wurzeln ſeiner Neigung zu dem reizenden, aber leider ſehr reichen und ſehr hochmüthigen Fräulein von Spärkan durch die Ueberzeugung ſeiner Thorheit bis zur Hoffnungsloſigkeit hinab zu tödten, indem er den Abſtand zwiſchen ſich und ihr ſyſtematiſch, trotz aller Martern, in ſich aufnahm. Er ſuchte durch die Wahrheit die Weisheit zu erlangen und mit der Weisheit die Wahrheit zu ertragen. Seine Selbſtdemüthigung hatte das Gute, daß er dabei zur Selbſterkenntniß kam und ſeine moraliſche Kraft erprobte. 2 Das lebendig mit Ernſt und Eifer betriebene Werk des Selbſtſtudiums kann nie ohne Einfluß auf die Zu⸗ kunft eines Menſchen ſein, indem er ſeine Geſinnungen aus einem Chaos von dunklen Gedanken ſondert. Nach dem Beſtreben, etwas aufgeben zu wollen, was man als unerreichbar für ſich erkennt, folgt immer wieder das Be⸗ ſtreben, nach der Höhe zu ringen. Nachdem Junker Wolf tropfenweis ſeine bittere Medicin, die er ſich ſelbſt verordnet, eingeſogen und ſich als vollkommen curirt von allen eitlen Träumereien erkannt hatte, zog er verſtändig ſein Roß aus dem Stalle 8 8 215 und ritt, den Blick vorwärts gerichtet, geduldig in die Heimath zurück, wo er ruhmlos, in untergeordneten, aber ſehr freundlichen Verhältniſſen ſein Brod erwarb. Wollte man ſagen, daß ſein Herz nicht noch verlangend hinter ſich ſchaute, daß er nicht mit leiſer Klage den Ort verließ, wo das Mädchen weilte, das mit ihren verführeriſchen Augen ſein armes Herz umſponnen hielt, daß er ſeine Gedanken gewaltſam von ihr zu entfernen ſuchte, nachdem er gewaltſam ſeine Hoffnungen geknickt hatte, ſo würde man zu viel behaupten. Es kam ihm keinesweges darauf an, noch ein paar Tage recht ſchwermüthig die frohe Stimmung, mit der er von Rittbergen nach Wilsberg geritten war, gegen ſeine Laune zu halten, womit er nun heimging. Er ſah ein, daß es ſehr gut vom Geſchicke eingerichtet war, ihn das Fräulein nicht in der Probſtei finden zu laſſen, wo er in den einfachen, häuslichen Ver⸗ hältniſſen des Oberſten keine Schranken erblickt haben würde, die ſeine Neigung in Zügel zu halten vermocht. Er war nicht ohne ſanguiniſche Pläne der hübſchen Ger⸗ trud nach Dresden gefolgt, und hatte nun in der Glorie, worin er ſie als ein Tagesgeſtirn fand, den Wegweiſer geſehen, der ſeiner Liebe Stillſtand gebot. Ohne Groll, denn Gertrud verſchuldete nichts, begrub er das Andenken an einige ſüße Augenblicke mit frommer Selbſtloſigkeit. Sein Aufenthalt in Dresden hatte ihn geheilt und ſchützte ihn vor jeder Verſuchung, 216 welche die Romantik einem heißen Männerherzen wohl vorzuſpiegeln fähig war. Junker Wolf war nicht geneigt zur Romantik. Er zeigte ſich größtmöglichſt practiſch bei den Bemühungen Nutzen aus ſeinen Erfahrungen zu ziehen, und hatte unbeſtreitbar die richtigen Mittel ergrif⸗ fen, um ſich aus ſ einer Herzenskalamität herauszuarbeiten. In der Einſamkeit ſeiner Rückreiſe verfiel er auf die Erinnerung an die Abſurdität des alten Domherrn, der Schönheit mit Schönheit amalgamiren wollte, um eine äußerliche Menſchenveredlung zu bewirken. Ein Lächeln überzog ſeine ernſten Mienen bei dieſer Reminiszenz, und doch ſprach er leiſe ſeufzend für ſich:„Hätte mein Herz geſprochen beim Anblicke der lieblichen Margareth, ſo würde ich eine glückliche Lebensſtellung errungen haben. Margareth iſt nicht ſo reich, wie das ſtolze übermüthige Fräulein Spärkan, und ſie iſt nicht ſo hoffärtig. Ihr Bruder würde ſie mir mit Freuden anvertraut haben— ſo aber ſind wir Alle elend durch den Eigenſinn unſerer Herzen!“ Ende des zweiten Bandes. ſſſRnüfffſſſſſſſſinſſinnſinſſinſſf ſſſſſſſſſſſſſiſſſſſſnünnſtſnnhm 5 1 7 8 9 10 11 12 13 14 1 6 17 1