von Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — „ Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur M 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ — den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. * 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —;———— Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 r„„„— II anten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 5 een Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 zeſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Geines größeren Werkes, ſo iſt arp flichtet. 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen . Diejenigen, welche die⸗ hen haben. —— 55 Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. erausgegeben geg von J. L. Kober. 3 Fünfzehnter Jahrgang. Zwölfter Band. Gertrud. J. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) von Ernſt Fritze. * Erſter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. 4(Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. Erſtes Eupitel............. 9 Zweites Cnpitel............. 13 Drittes Cnpitel........... 869 Nierfe⸗ Enpitel.............81 Fünftes Capitel.............. 98 Sechstes Capitel........... 115 Sirbentes Capitel..... 1328 Achtes Enpitel.......... 1 59 Neuntes Capitel....... 2202 — V —— —————— ———— Gertrud. Erſter Theil. Der Landſtrich vom Elbſtrome bei heſſen zieht, iſt ſtets adeligen Familien b ſo viele Barone, Gr das geiſtigere Leben — begann. Erstes Capitel. im mittleren Deutſchland, welcher ſich Dresden, weſtlich hinüber nach Kur⸗ vorzugsweiſe von den bedeutendſten ewohnt geweſen. Nirgends fand man afen und Herzöge, wie dort, und auch ſchien ſich in dieſe Landesdiſtricte ge⸗ flüchtet zu haben, als Deutſchlands Genius ſich zu regen Ohne auf einen wild romantiſchen Charakter An⸗ ſpruch zu machen, ziehen ſich die Ebenen voll fruchtbarer Ueppigkeit, durchſchnitten von einer Menge kleiner Flüße und oftmals von Höhen unterbrochen, die theils mit uralten Waldungen gekrönt, theils mit Wein bebaut ſind, von dem Elbeſtrand bis zu den Ufern der Werra und ſdurchſchneidet in faſt bis ſi ergießt. 1860. XII. Gertrud. I. Fulda hin, und die Saale mit ihren anmuthigen Ufern lächerlichen Krümmungen das Land, e ſich einige Meilen vor Magdeburg in die Elbe 1 10 In den anmuthigen Thälern ſowohl, als auf den waldumkränzten Hügeln lagen zerſtreut die Wohnungen reicher und armer Edelleute, die in frühern Jahrhunder⸗ ten bei weitem weniger als jetzt geneigt waren, die patri⸗ archaliſche Würde gegen ein Hofamt oder gar gegen Militair⸗ und Civilcarrieren zu vertauſchen. Sie thronten, 1 bevorzugt und mit Privilegien aller Art ausgerüſtet, als Herren auf ihren Edelſitzen und glaubten ſich Könige. Was Manchem an Reichthum abging, das hatte er dafür an Ahnen aufzuweiſen, und die Zahl derſelben, in unent⸗ weihter Reihenfolge, war wohl im Stande einen leeren Beutel und ein zerfallendes Schloßgebäude mit dem Glanze irdiſcher Hoheit zu verklären. Aber auch reiche Edelleute von untadelhaftem Stammbaume gab es in den Gauen des kleinen Landſtrichs, den wir bezeichnet haben, und unter dieſen zeichnete ſich das Geſchlecht Bünau von Rittbergen*) als ein von Gott reich geſegnetes und auch reich begabtes aus. Von allen Standesgenoſſen geachtet und von allen Untergebe⸗ nen geliebt, lebte der Stammherr Reinhard Bünau von Rittbergen ſeit Jahresfriſt mit ſeiner jungen, wunder⸗ *) Es wird von vorn herein darauf aufmerkſam gemacht, e daß bei dem Thatſächlichen des Romans die Namen und Oerter theilweiſe verſtellt werden mußten. 11 ſchönen Schweſter Margareth auf dem väterlichen Schloſſe, das von alter Bauart, umgeben von den Trümmern einer ſtolzen und mächtigen Vergangenheit, dennoch nicht ohne Anſprüche auf Pracht war. Der Charakter der Landſchaft, die Ueppigkeit des Waldgrünes und der Wieſen, von ei⸗ nem kleinen, raſch rieſelnden Gewäſſer verſchönt, milderten das Rauhe und Altritterliche des Rittberg'ſchen Ahnenſitzes, und die Ueberbleibſel einſtiger Barbarei waren von der Hand der Zeit ſowohl, als von der Mildherzigkeit der Mutter Natur ſo hinlänglich und entſprechend vorbereitet geweſen, daß es dem jungen Schloßherrn nur wenig Mühe und Geld gekoſtet hatte, um der„Burg ſeiner Väter“ zu einem bewunderungswürdigen Ausſehen zu verhelfen. Das antike, mit Seitenthürmen verſehene Schloß lag gleichſam auf einem Vorſprunge des Gebirgszuges, der ſich dicht hinter demſelben, aber abgetrennt, in kühnen und hohen Bergrücken, ſchön bewaldet am weſtlichen Horizonte entlang zog, während der Oſten eine freie Ebene mit Baumgruppen, Wieſengrün und Kornfeldern darbot. Der Lärm der Arbeit und das rüſtige Leben der Thätigkeit entwickelte ſich in ergötzlicher Nähe vor den ſpiegelhellen Fenſtern der Schloßbewohner, ohne doch die würdige Ruhe in demſelben Maße zu be⸗ einträchtigen, und es konnte gewiß kein friedvolleres Glück geben, als Abends von den hohen Bogenfenſtern 1* 12 hinab auf die lichtgrünen Wieſen zu ſchauen, wenn die Heerden mit ihren weithin ſchallenden Glocken am Ufer des ſilberhellen Flußes hinzogen. Die etwas ſentimentale Schwärmerei für ſolche Naturſchönheiten hinderte zur Zeit, als Margareth von Rittbergen mit ihrem ſtolzen und zugleich liebevollen Bruder im väterlichen Schloſſe hauſete, die junge Dame nicht, ſich ihr mit ganzer Seele hinzugeben und das tägliche Schauſpiel als das reizendſte zu preiſen, was ihr geboten werden könne. Nach ſolchen Betheuerungen zu ſchließen, gehörte Fräulein Margareth A ſchon damals dem Kreiſe jener überſchwenglichen Frauen 2 an, wie ſie um einige Jahrzehente ſpäter das ganze liebe Deutſchland dergeſtalt überflutheten, daß man nach einer vernünftigen Frauenſeele und nach einem nüchternen Frauenverſtande vergeblich ſuchte. Es war dies der erſte Anlauf einer weiblichen Geiſteskultur, die ſich in entſetz⸗ licher Uebertreibung als ſchäfermäßige Süßlichkeit und hochtrabendes Phraſenthum Bahn zu brechen ſtrebte. Man konnte es vielleicht dem Umſtande zuſchreiben, daß den deutſchen Frauen ſeit lange wieder von der Literatur gehuldigt ward. Es war dies das erſte Stadium der weib⸗ lichen Bildung, wo man ſich in ſüßer Schwermuth den Dichtern des Vaterlandes zuneigte und ſich in ihrer Werth⸗ ſchätzung bis zu einer rührenden Anbetung verſtieg. Dem geſunden Kerne der Vernunft konnte die krankhafte Ueber⸗ 2 ———, — — 4 ſpannung ſolcher weiblichen Seelen nicht lange widerſtehen, aber dem weichen, nach Ueberſinnlichkeit ſchmachtenden Herzen war der ganz falſch beurtheilte Bildungsgrad der damaligen Zeit oftmals ein Gift, das ſeinen eigenen Untergang herbeiführte. Die duftige, herzerweiternde Friſche eines Herbſt⸗ morgens lag auf der Flur, welche ſich vor dem Schloſſe Rittbergen ausbreitete, als eine Equipage mit der be⸗ zeichnenden Bedächtigkeit des achtzehnten Jahrhunderts durch die abgemäheten Kornfelder fuhr und bald darauf ſeine Inſaſſen vor der gothiſch gewölbten Hausthür ab⸗ lieferte. Ein fröhliches Willkommen tönte ihnen entgegen, und man ſah alsbald den jungen Schloßherrn mit ganz beſonderm Eifer eine junge hübſche Dame vom Wagen⸗ tritte hinabheben und voll ehrerbietiger Zärtlichkeit von dem Geſindeperſonale begrüßen. Nach dieſer Dame, die Elvire von Uslar hieß und ſeit wenigen Wochen Herrn Reinhard Bünau's Braut war, entſtieg ein kriegeriſch ausſehender Herr mit einem ſchmalen ſchwarzen Pflaſter über der linken Wange bis zum Kopfe hinauf, der Karoſſe, und wendete ſich ſogleich hilfreich, um ſeiner lebhaft ſprechenden und laut lachen⸗ den Frau und einem noch ſehr jungen Fräulein, Gertrud von Spärkan, gleichfalls ritterliche Dienſte zu weihen. Während Rittbergen ſeine Braut unter leiſen zärt⸗ 14 lichen Worten in die Vorhalle geleitete und ſich in dem glücklichen Lächeln des Mädchens ſonnte, begrüßte Fräu⸗ lein Margareth unter Erröthen die Vorläufer der großen Feſtlichkeit, die in wenigen Tagen auf Schloß Rittbergen ſtattfinden ſollte, und empfing mit Herzklopfen die Glück⸗ wünſche zu ihrer bevorſtehenden Vermählung von den Ankommenden. Ja, es ſollte Hochzeit auf Schloß Rittbergen ſein— Margareth wollte das Vaterhaus und ihren Bruder ver⸗ laſſen, um nach einer ſehr kurzen, ſtürmiſchen Werbung die Gattin des Grafen Levin von Brettow auf Brettow⸗ rode zu werden. an erwartete viele Gäſte zu dieſer Hochzeitsfeier. Man erwartete ſie von nah und fern. Der militäriſch ausſehende Herr mit dem ſchwarzen Pflaſter kam weit her. Es war der Oberſt von Pröhl aus dem Sachſen⸗ lande, der im letzten Kriege ſein Herz an eine allerliebſte Preußin verloren und ihre Hand endlich nach verſchie⸗ denen Kapitulationen unter der Bedingung erworben hatte: als Ehegatte ſeiner luſtigen Eliſabeth nur franzö⸗ ſiſch zu fluchen! Im Anfange hatte ſich die anmuthige Frau von Pröhl wirklich das Anſehen gegeben, als wolle ſie ernſt⸗ lich dem„Donnerwettern“ ihres ehrenwerthen Gemahls ein Ziel ſetzen, allein mit der Zeit war ihre Oppoſition gegen die kriegeriſche Coquetterie des guten Oberſten, der da glaubte, im Fluche ſtecke die Grundidee einer richtigen Courage, eingeſchlafen und wurde jetzt nur noch als Neckerei von ihr benutzt. Zu ihrer Freude hatte der leidige Streit zwiſchen Preußen, Sachſen und Oeſterreich gleich nach ihrer Vermählung mit einem Frieden ihres Vaterlandes aufgehört.— Die Siege ihres Königs, denen ſie mit dem angeborenen Patriotismus einer ächten Preu⸗ ßin enthuſiaſtiſchen Beifall zollte, machten endlich dieſem Kriege ein Ende, und beruhigten mit dem Friedens⸗ abſchluß des Jahres 1745 ihr Gemüth ſo weit, daß ſie wohlgemuth von Preußen nach dem Snchſangonde über⸗ ſiedelte. In der Schlacht bei Keſſelsdorf hatte ver Oberſt aber einen ſo entſtellenden Hieb über das Geſicht er⸗ halten, daß die junge Frau es nöthig fand, ihm ein für alle Mal jeden künftigen Kriegsdienſt zu unterſagen und anzuordnen, daß er zur Verbergung der abſcheulichen ro⸗ then Narbe einen ſchmalen, höchſt kleidbaren ſchwarzen Pflaſterſtreif trug. Alle Demonſtrationen des würdigen Kriegsmannes, der ſich ſchön mit ſeinem blutrothen Mahl⸗ zeichen der perſönlichen Tapferkeit fand, halfen ihm nichts, und wenn ſie auch endlich bisweilen zugab, daß er im Hauſe, alſo ſo zu ſagen im Negligee, unbepflaſtert erſchien, ſo gehörte doch zum Gallaanzuge und den ge⸗ ſellſchaftlichen Dehors das Pflaſter ganz unvermeidlich, 16 und wurde zuletzt dem Oberſten ſo nothwendig, wie ei⸗ nem Kahlkopfe die verſchönernde Perrücke. Das Pröhl'ſche Ehepaar blieb kinderlos. Um dieſem Uebelſtande, aber mehr der entſtehenden Langeweile, als dem ſehnſüchtigen Bedürfniſſe abzuhelfen, warf ſich Frau Eliſabeth zur Beſchützerin und Erzieherin zweier jungen Damen auf, die ihrer Eltern beraubt, durch geſchwiſter⸗ liche Verwandtſchaftsbande zu der Familie ihres Mannes gehörten. Elvire von Aslar war die ältere ihrer Pfleg⸗ befohlenen, ſeit acht Jahren unter ihrer Obhut und ganz ohne Zweifel der Stolz ihrer noch jugendlichen Pflege⸗ mutter. Gertrud von Spärkan befand ſich erſt ſeit eini⸗ gen Jahlen bei ihr, und wurde ihr immer zeitweiſe ent⸗ zogen, wenn der Vormund des holden Kindes, der groß⸗ mächtige, ſtolze und oft mißlaunige Feldmarſchall von Spärkan in Dresden ſich des jungen Mädchens einmal erinnerte und ſie„zu ſich befahl“. Im Stillen ärgerte ſich Frau von Pröhl entſetzlich über die Sultanlaunen des gnädigen Herrn Vormund, und hatte oft nicht übel Luſt, durch Vorſpiegelung von Krank⸗ heit ihre kleine hübſche Gertrud dem ſteifen Zwange des vormundſchaftlichen Befehles zu entziehen, allein hier er⸗ öffnete ſich ein Feld, wo ſie mit all' ihren Herrſcherkün⸗ ſten nichts gegen ihren Gemahl auszurichten vermochte. In einer Anwandlung von Reſpect und ſchuldiger Subordination ſtemmte ſich der Oberſt ſtets gegen ſolche Machinationen und forderte unbedingten Gehorſam, wenn die Karoſſe des allgewaltigen Feldmarſchalls vom nahen Dresden vorfuhr, um das Fräulein Gertrud von Spärkan in die Arme ihres gnädigen Herrn Vetters und Vormunds zu holen. Die kecke, ſchelmiſche und dabei höchſt entſchloſſene Miene der Frau von Pröhl bei ſolchen Gelegenheiten zeigte, daß ſie ſich mit Plänen trug, die den beſorglichen Anordnungen des Feldmarſchalls geradezu entgegen liefen. Er, das wußte ſie, wollte die kleine Gertrud, die Erbin großer Reichthümer, vor der zu in⸗ timen Verbindung mit der preußiſch gebliebenen Frau von Pröhl bewahren, obwohl er dem Aufenthalte derſelben bei ihr nichts anhaben konnte, weil das Fräulein näher mit Pröhl, als mit ihm verwandt war, deſſen Namen ſie zwar trug, allein ohne anders, als durch weithergeholte Abſtammung, zu ſeiner Familie zu zählen. Und Frau von Pröhl? Nun, das lag klar zu Tage, ſie hatte gar nichts dagegen, wenn ſich eines Tages ein hübſcher preu⸗ ßiſcher Vetter in das hübſche reiche Sachſenkind verliebte und daſſelbe trotz aller Feldmarſchall⸗Tactik auf das Schloß ſeiner Ahnen entführte. Es herrſchten alſo zwi⸗ ſchen den Preußen⸗ und Sachſenplänen immer noch die feindſeligen Elemente vor, trotzdem der König von Preu⸗ ßen im guten Glauben lebte,„Frieden geſchloſſen“ zu 18 haben. Es waren nur Kriege anderer Art, als ſie der tapfere Friedrich zu führen pflegte. Für den Augenblick war es der Frau von Pröhl gelungen, hinter dem Rücken des Feldmarſchalls das Fräulein zu entführen, um ſie theilhaft der großen, glän⸗ zenden Hochzeitsfeierlichkeiten werden zu laſſen, die im Schloſſe Rittbergen vorbereitet wurden. Graf Levin Brettow gehörte zu den hervorragenden Perſönlichkeiten ſeines Vaterlandes, und es ließ ſich bei dieſem Stande des Bräutigams und der glänzenden Le⸗ bensſtellung der ſchönen Braut etwas Grandioſes erwar⸗ ten. Hierin ſowohl, als in dem bräutlichen Verhältniſſe ihrer Pflegetochter Elvire von Uslar zu Herrn Reinhard Bünau von Rittbergen, lagen die Entſchuldigungsgründe einer Hochzeitsreiſe, zu der allerdings der Feldmarſchall gewiß niemals ſeine Einwilligung gegeben haben würde, wenn man ihn ſonſt befragt hätte. Frau von Pröhl kümmerte ſich nicht um das Un⸗ gewitter, das ſie mit ihren ſehr geheim gehaltenen Plänen zu dieſer Hochzeitsreiſe angerichtet hatte. Sie war auf Schloß Rittbergen angelangt, hatte lachend und voll muthwilliger Einfälle der ſchönen Margareth ihre diplo⸗ matiſchen Kunſtſtücke gebeichtet und ihre frommen, ſehn⸗ lichen Wünſche ausgeſprochen, daß ſich ebenfalls ein ſo „ſtürmiſcher Bewerber“, als der Bräutigam Graf Levin, — 6 finden möchte, der ihre kleine Gertrud im Sturm ſeiner Gefühle ohne weiteres auf preußiſchen Grund und Bo⸗ den zu verpflanzen Luſt bezeige. Was nun noch im Schooße der Zukunft lag, das überantworte ſie der Vorſehung, die wie ſie in ihrem Glaubensbekenntniſſe ausſprach,„ſtets das vorbereite, was dem Menſchen von Gott als ſein Schickſal beſtimmt ſei.“ Unter dieſen freundſchaftlichen Mittheilungen, denen Fräulein Margareth mit merklicher Zerſtreutheit lauſchte, hatte Frau von Pröhl ihre Reiſetoillette mit eigenen Händen etwas verbeſſert und ſchickte ſich nun an, in Margareth's Geſellſchaft das Zimmer zu verlaſſen, wo ſie während der Zeit ihres Aufenthaltes mit ihrem Gatten wohnen ſollte, während den beiden Pflegetöchtern ein Kabinet im nördlichen Thurme angewieſen worden war, von wo man weit hinaus in's Land ſchauen konnte. Sie hatte, ganz eingenommen von ihrem gelunge⸗ nen Staatsſtreiche, überſehen, welch' ein reizendes, aber ſichtlich verlegenes Lächeln über Margareth's Antlitz flog, als ſie„die ſtürmiſche Bewerbung“ des Grafen Levin hervorhob, und es fiel ihr bei ihrem leichten Sinne nicht ein, daß das Fräulein einen Vorwurf der Uebereilung aus ihren Worten interpretiren könne. Harm⸗ los, weil eine ſchnell entſtandene ſtürmiſche Liebe ganz ihren Beifall hatte, nahm ſie die kleine Verwirrung der jungen Dame, die ſie ſpäterhin zu bemerken noch Gele⸗ genheit fand, für bräutliche Scham, welche unter den vorliegenden Verhältniſſen noch natürlicher und verzeih⸗ licher als ſonſt wohl war. Margareth kannte ihren Ver⸗ lobten kaum zehn Wochen, war ſeit acht Wochen ſeine Braut und ſollte in einigen Tagen ſeine Frau werden. Allerdings mußte Jeder zugeben, daß man kaum ſchneller die nöthigen Schritte und Stadien vor einer lebensläng⸗ lichen Vereinigung, wie die Ehe, abſolviren konnte, und es mußte Jeder glauben, daß nur mächtige und leiden⸗ ſchaftliche Gefühle von beiden Seiten das Brautpaar zu der Abkürzung aller üblichen Formalitäten veranlaßt hatten. Frau von Pröhl war auch einige Minuten lang ſehr verwundert geweſen, daß die zarte blonde Marga⸗ reth, mit dem ſanften ſüßen Geſichtchen, das ſo durch⸗ ſichtig weiß wie Alabaſter war, ſo ſtark leidenſchaftlich für ihren Levin entbrannt erſchien, um alle Prüderie des jungfräulichen Sinnes zu überwältigen; allein die Her⸗ zensfreude über die damit eingeſtandene Wahrhaftigkeit ihrer Liebe half ſogleich der momentanen Verwunderung ohne weiteres ab und brachte ſie auf immer zur Ruhe. Liebe mußte der Beweggrund dieſer Eile ſein— Liebe von Seiten des Verlobten, der in der erſten ſtürmiſchen Herzenswallung darnach dürſtete, ſein errungenes Kleinod ſicher in Beſitz zu nehmen, Liebe aber auch von Seiten 4 4 der Braut, die mit vollkommener Willensfreiheit dieſen lebhaften Forderungen des Bräutigams Folge geleiſtet hatte. Und wo die Liebe ſiegend ihr Panier ſchwang, da war nach Frau von Pröhl's Glaubensbekenntniß:„nichts zu fürchten!“ Vertraulich, Arm in Arm, verließ die Dame, in ihren weiſen Lebensregeln ſicher, mit Margareth das Gaſtzimmer, um ſich zum Frühſtück zu begeben, das ihrer wartete. Sie traten unmittelbar von dem Zimmer in die Halle, welche im Mittelpunkte des untern Geſchoßes lag, und ſtiegen langſam die mit pomphafter Bequemlichkeit angelegte breite Treppe hinauf, welche ſich ganz dicht an dieſen nördlichen Flügel des Schloſſes anlehnte, während vom ſüdlichen Flügel eine gleiche Treppenflucht aufwärts lief, um ſich mit jener unweit der zweiten Etage in einem Baluſtre zu vereinen. Schon auf dem Wege vernahmen beide Damen ein lebhaftes Geſpräch, mit Beifall und jugendlichem Frohſinn geführt, und Frau von Pröhl wandte ihren Blick fragend auf die Schloßdame, da die hervortönende Männerſtimme weder ihrem Gemahle noch dem Hausherrn angehörte. „Iſt das Graf Levin?“ fragte ſie endlich, als ſie das Baluſtre erreicht hatten und von dort in den Corri⸗ dor zu treten Anſtalt machten. Margareth ſchüttelte den Kopf.„Es iſt Levin's Vetter, Junker Wolf! Er iſt unſer Hausgenoſſe ſeit längerer Zeit und wird auch das Schloß ſo bald nicht verlaſſen.“ „Junker Wolf?“ fragte Frau von Pröhl, indem ſie das Wort„Junker“ ſtark betonte. „Levin's Großvater wurde in den Grafenſtand erho⸗ ben, als er ſich mit einer fürſtlichen Dame vermählte. Die andern Linien der Brettow's ſind Freiherren,“ erklärte Margareth. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür des Salons, wo das Frühſtück eingenommen werden ſollte, und Fräulein Gertrud flog, wie ein Schmetterling, der gehaſcht zu werden fürchtet, heraus, gerade der Treppe zu. Ein Kavalier von auffallend ſchönem Aeußern folgte ihr, einen Myrthenzweig in der Rechten, den er augen⸗ ſcheinlich zu leichtſinnigen Zwecken hoch emporhielt. „Nur eine Minute— nur eine Secunde, Fräulein Gertrud!“ rief er dabei ſchmeichelnd. „Nein, nicht eine halbe Secunde,“ entſchied das junge Mädchen fliehend. „Ich möchte nur ſehen, wie Ihnen ein Myrthen⸗ kranz kleiden würde, gnädiges Fräulein,“ bat er weiter, und wurde nun erſt der Damen anſichtig, die voller Erſtaunen die kleine Scene belauſchten. Sogleich beſonnen, wenn auch noch das verklärende Lachen jugendlichen Uebermuthes in den ſchönen Geſichts⸗ zügen, trat der Junker auf Frau von Pröhl zu und drückte ſein Bedauern aus, daß er nur einige Minuten zu ſpät von der Jagd zurückgekommen ſei, um die Herr⸗ ſchaften empfangen zu können, und ſtellte ſich ſelbſt als den Premierminiſter des Herrn Reinhard Bünau von Rittbergen auf Rittbergen vor. Eine anmuthige Gebärde der Frau von Pröhl zeigte ihre Geneigtheit, auf den ſcherz⸗ haften Ton dieſer Präſentation einzugehen, und ſie nahm ſeinen Arm an, den er ihr voll ritterlicher Galanterie darreichte, um ſie in den Salon zu führen. Gertrud und Margareth folgten. Die Erſtere erzählte die Veranlaſſung ihrer Flucht vor dem Junker. Sie hatten zuſammen vor den koloſſalen Myrthenbäumen, welche eine Zierde des großen Familienſaales abgaben und mit der Vergangen⸗ heit des Rittberg'ſchen Stammes verknüpft waren, geſtanden. Scherze, wie die leicht vertrauliche Jugend gern zu machen pflegt, flogen von den Lippen der jungen Damen, und plötzlich bog Herr von Rittbergen einen Zweig des Baumes mit vielſagendem Lächeln zu der Stirn ſeiner erröthenden Braut nieder, um zu ſehen, wie ihr das dunkle Grün zu Geſichte ſtände. Junker Wolf fühlte ein unbezwingliches Verlangen zu einer glei⸗ chen Probe. Da aber Gertrud nicht ſo nahe zum Baume ſtand, ſo brach er mit räuberiſcher Hand einen Zweig 24 und verfolgte das fliehende Mädchen. Das war die große Geſchichte des erſten Krieges zwiſchen dieſen beiden Leut⸗ chen, die in allen andern Punkten ſehr gut zu einander paßten, nur in Hinſicht der Geldverhältniſſe nicht. Junker Wolf von Brettov war der dritte Sohn ſeines Vaters, welcher nur ein Gut zu vererben hatte und zwar ein Lehngut. Allodialvermögen beſaß dieſer Zweig der Familie gar nicht. Der älteſte Junker präparirte ſich alſo zum Schloßherrn, der zweite Junker ſtudirte und ging als Attaché in die weite Welt, um ſich ein sort zu machen, und der dritte Junker lebte bald hier, bald da, wo er ſich mit ſeinen Kräften nützlich machen konnte. Am liebſten wäre er Offizier geworden. Aber da das ganze heilige deutſche Reich jetzt in einem ewigen Frieden verſunken zu ſein ſchien, ſo ſagte es ihm nicht zu, ſich in die Reihen derer zu ſtellen, die beim leidigen Kamaſchen⸗ dienſt Zeit genug behielten, ſich von der fürchterlichſten Langeweile geplagt zu fühlen. Er lebte ſeit einigen Jahren auf Rittbergen, hatte während der kürzlich erſt beendigten Reiſen des jungen Schloßherrn das ganze Hausweſen adminiſtrirt, und konnte ſich alſo mit Fug und Recht als den Premier⸗ miniſter des Herrn Reinhard Bünau präſentiren. Durch und durch ehrlich und brav, ziemlich unterrichtet, geſcheidt und praktiſch, ſo zu ſagen das Ideal eines tüchtigen und 2 2 ——————————— 25 ehrenwerthen Landjunkers, dabei heiter, für Schönheit und Anmuth empfänglich, allein ohne beſondere Anlage zum ſogenannten„Verlieben“, und ſchließlich viel zu ehrlich, um ſich aus Eigennutz zu pouſſiren— das waren ungefähr die Grundelemente ſeines Weſens. Im Hinter⸗ halte ſchlummerten freilich noch die Stammeigenthümlich⸗ keiten„Ungeduld und aufbrauſende Hitze“, da jedoch ſeine ganze Erziehung darauf hingewieſen hatte, ſich unter der Herrſchaft bevorzugter Edelleute zu beugen, ſo war Junker Wolf zu einer weit größeren Selbſtbeherrſchung gelangt, als irgend ein Brettow vor ihm. Er hatte, vielfach ſchon, Proben ſeiner ungeſtörten Seelenruhe ab⸗ gelegt, und er war zu dem Selbſtvertrauen gekommen, ſelbſt„die Kämpfe mit einem rebelliſchen Herzen als Narrenspoſſen zu betrachten und die Macht der Liebe zu bezweifeln, wenn der Mann nur richtig mit ſich fertig werden wollte.“ Freilich hatte er die Erfahrung für ſich. Er war der ſchönſte Mann ſeiner Zeit, und die Jungfrauen ſeines Standes nicht allein, ſondern die reizendſten Mädchen in allen Schichten der Bevölkerung waren bereit ſich von ihm lieben zu laſſen. Da der ſchöne Junker Wolf nun eben kein Weiberfeind war und den warmen Blicken ein waches Herz entgegentrug, ſo kam er oft in Gefahr, einem reichen Vater oder einer hochmüthigen Mutter Todes⸗ 1860. XII. Gertrud. I. 2 angſt einzuflößen. Man fürchtete eine Liaiſon, die den allgemein geachteten und beliebten jungen Edelmann zu einer gerechten Anfrage verhelfen konnte, und wenn man damals, noch weniger als jetzt, auch nicht geneigt war, ſich der thränenreichen Liebe eines Töchterchen zu fügen, ſo ſcheute man doch die Conflicte mit dem angeſehenen Stamme Brettow, der es bis zum Grafenthume gebracht hatte. Junker Wolf zog ſich aber aus allen dieſen Affai⸗ ren ſtets ehrenhaft und mit unverletztem Herzen zurück, weil er, wie er ſagte,„recht gut wiſſe, daß er den Eltern ſchöner, liebenswürdiger Mädchen ein geeigneter Kava⸗ lier ſei, aber keineswegs ein geeigneter Schwiegerſohn.“ Durch Junker Wolf war ſein Vetter, der Graf Levin Brettow, auf Rittbergen eingeführt. Er hatte im Sturme das ſtille, ſanfte Herz der ſchönen Margareth genommen, ohne ihr eigentlich Zeit zur Prüfung zu geſtat⸗ ten. Graf Levin war keineswegs ſo ſchön, wie ſein Vetter, und ihm mangelte vor allen Dingen die heitere Selbſt⸗ verläugnung, die dem armen Junker zum Schmuck ge⸗ reichte. Wild, ungeſtüm, verwogen bis zur Tollkühnheit, ein Feind aller Verfeinerung, aller Schwärmerei und aller Geiſteserhabenheit, aber dabei ein edler, hochſinniger Mann im wahren Sinn des Wortes, dem die Coquette⸗ rien des Weibes ein Gräuel waren, der Wahrheit und Recht liebte und die Lüge verabſcheute— ſo war der Graf 27 Levin beſchaffen. Ob er in dieſer Eigenthümlichkeit fähig war, das ſenſible Gemüth und das zartfühlende Herz Margareth's zu beglücken, blieb fraglich. Margareth's Ausbildung war von einer Tante beſorgt, die nicht hinter dem Zeitfortſchritt zurück zu bleiben Luſt hatte; ſie gehörte alſo zu den ſchwärmeriſchen Seelen, die in der Verzü⸗ ckung über erhabene Gemüthsregungen vergeſſen, daß Steine auf dem Lebenswege liegen, worüber man fallen kann, wenn man zu viel himmelwärts ſchaut. Margareth war von der Poeſie der Liebe für den Augenblick be⸗ rauſcht, ſie verwechſelte vielleicht die Herzensgluth des Grafen Levin mit Geiſtesflammen, weil die Beredſam⸗ keit wie ein friſcher, belebter Quell aus ſeinem jähe erweichten Innern hervorbrach und ſeine Worte färbte. Sie erkannte vielleicht zu ſpät ihren Irrthum, um den Mißgriff wieder gut zu machen, der ſie nahe an den Rand des Verderbens bringen konnte. Ihre jungfräulich zarten Begriffe von Erdenglück fanden für jetzt Befriedigung in dem überſchwenglichen Reichthume ſeiner Empfindun⸗ gen, aber was wurde daraus, wenn eines Tages der Schleier von ihren Augen fiel und ſie ſich mit all' ihren Lieblingsträumereien an einem jenſeitigen Ufer fand, getrennt durch brandende Lebenswellen von dem, den ſie zärtlich zu lieben meinte? Ihr Himmel, den ſie azurblau für Ewigkeiten glaubte, hatte Wolken von drohendem 8 2* Inhalte am Horizonte lagern, und ein einziger Windſtoß vermochte ſie zu ihrem Entſetzen hinaufzutreiben. Ihr Bruder Reinhard wäre vielleicht im Stande geweſen die Mißlichkeit ihrer eingegangenen Liebesver⸗ hältniſſe richtig zu beurtheilen, da er die genügende Welt⸗ kenntniß erlangt hatte, um die heterogenen Charakter⸗ bildungen des Brautpaares zu durchſchauen, allein ſein eigenes Herz war für den Augenblick zu tief beſchäftigt und die Ueberzeugung von dem Werthe des Grafen ſtillte die auftauchenden Zweifel, die ſich ſeiner bisweilen blitz⸗ ähnlich bemächtigten. Er hielt überdies eine edle und zärtliche Liebe für mächtig genug, um jede Verſchieden⸗ artigkeit der Naturen auszugleichen, und er wußte, wie recht weiblich hingebend ſeine ſchöne Schweſter zu ſein vermochte. Was ſich in geiſtiger Beziehung Abweichendes vorfand, das berückſichtigte er gar nicht. Die Zeitperioden lagen auch zu nahe, wo es dem Edelmanne nur nöthig ſchien, ſich äußerlich als Ritter zu zeigen und außerdem dem wilden und ungezügelten Leben eines Jägers obzulie⸗ gen, ohne daran zu denken, daß Leſen, Schreiben und Rechnen edle Wiſſenſchaften ſeien, die einſtmals jedes Kind im Volke begreifen könne. Herr von Rittbergen hatte ſich befleißigt eine höhere Stufe der Bildung zu erlangen. Er war in den Jahren ſeiner Studien mit Männern zuſammengetroffen, die, ſpäterhin zu geiſtigen —— —j444——e 29 Größen ſeines deutſchen Vaterlandes emporgewachſen, ſchon in ihrer jugendlichen Strebſamkeit auf ihre Comi⸗ litonen eingewirkt hatten; aber er ſchlug ſolche Ver⸗ ſtandesbeſchäftigungen nicht ſo hoch an, um davon ein Erdenglück abhängig zu machen. Graf Levin verſtand vortrefflich zu rechnen, las und ſchrieb hinlänglich gut, um ſeinem Stande gemäß überall auftreten zu können. Daß er zu abſtract dachte, um ſich für Klopſtock's „Meſſiade“ begeiſtert zu fühlen oder des jungen ſchwär⸗ meriſchen Wieland's„Platoniſche Betrachtungen über den Menſchen“ zu ſtudiren, dies gereichte ihm in den Augen Rittberg's nicht zum Schaden, obwohl er für dieſe Geiſtesproductionen ſchwärmte und mit allen Dichtern und Schriftgelehrten ſeiner Zeit im engſten Verbande ſtand. Der geſunde Verſtand des Grafen Levin glich den Abſtand einer Univerſitätsausbildung mit ſeinem untergeordneten Wiſſen durch anderweit hervorragende Geſchicklichkeiten aus, und er bewies durch die Vor⸗ liebe, die er für die Gellert'ſchen Dichtungen zeigte, daß er keineswegs unempfindlich für den Aufſchwung der deutſchen Literatur war. Nach ſeiner Meinung mußte man aber verſtehen, was man las. Die„Fabeln“ von Gellert mit ihrer unausbleiblichen Moral verſtand er und ergötzte ſich daran, weil er den Nutzen der Satyre darin erkannte. Weniger ſagten ihm die damals in Um⸗ lauf geſetzten„Satyriſchen Briefe“ Rabener's zu, ob⸗ wohl er ſie ebenfalls begriff und vorzugsweiſe auch mit Andacht durchſtudirte. Gellert blieb ſein Ideal, und er ruhte nicht, bis er die perfönliche Bekanntſchaft dieſes Lieblingsdichters gemacht hatte. In dieſem kleinen Charakterzuge fand Rittberg eine Art Garantie für die Wärme ſeiner Geiſtesempfänglich⸗ keit, und glaubte es ruhig der Gemeinſchaft mit ſeiner excentriſch poetiſch erzogenen Schweſter überlaſſen zu kön⸗ nen, die nöthigen Berührungspunkte zwiſchen ihren un⸗ gleich cultivirten Seelen herauszufinden. Genug, er machte ſich wenig Sorge wegen der Verſtandesverfaſſung des Brautpaares, nachdem er einige ſchlagende Beweiſe für die Sympathie ihrer Herzen erhalten hatte. Die Eile, womit Graf Levin ſeine Verheirathung betrieb, war ihm im Grunde ſehr lieb, weil ſeine eigene Vermählung auch dadurch beſchleunigt wurde. Er hatte in einer romantiſchen Laune ſeinem Vater das Verſpre⸗ chen geleiſtet, nicht eher eine Gattin auf Schloß Rittber⸗ gen einzuführen, als bis ſeine junge ſchöne Schweſter es als glückliche Frau verlaſſen hätte. Wenn ihn auch kein Schwur an dieſe Verheißung band, ſo ſtand er doch zu ſehr unter der Einwirkung einer phantaſtiſchen Schwär⸗ merei, die ihn zu einem ritterlichen Beſchützer der ver⸗ waiſten Schweſter ſtempelte, als daß er ſich ſophiſtiſch 31 ſeinem Gelübde entziehen ſollte. Er hatte Fräulein Elvire von Uslar ſchon früher kennen gelernt, aber ſeine directe Bewerbung um ihre Hand verſchoben, bis Margareth Braut geworden war. Die Hochzeit der Schweſter ſollte jetzt die Veranlaſſung geben, das Verlöbniß mit ihr zu veröffentlichen und zugleich die Zeit zu verkürzen, die Frau von Pröhl mit der ganzen Gravität einer Pflege⸗ mutter zum Brautſtande ihres Pflegetöchterchens feſt⸗ geſetzt hatte. Frau von Pröhl betrat unter bedeutenden Anwand⸗ lungen von Neugier das Beſitzthum der Familie Ritt⸗ berg, von welchem fabelhafte Beſchreibungen im Umlaufe waren. Man pries das Schloß als eines der romantiſch gelegenſten und luxuriös ausgeſtatteſten, und ſchon die er⸗ ſten Wahrnehmungen der ſcharf und heimlich um ſich blickenden Dame beſtätigten dieſe Erzählungen. Wie fürſt⸗ lich ſchön waren die Hallen und die Corridore des Schloſ⸗ ſes, nachdem man durch antike Mauerwerke und über eine Zugbrücke hinweg in den engen Schloßhof bis vor die ganz alterthümliche gothiſch gewölbte Hausthür gedrun⸗ gen war. Gleich beim erſten Eintritte überfiel ſie eine Empfindung, die an Erſtaunen und Ehrfurcht grenzte, als ſie die koloſſalen Hallen betrachtete, die einſt den Vor⸗ fahren Rittberg's zum Verſammlungsorte gedient hatten, jetzt aber nur noch als eine Verbindung der beiden neuern len, von denen man nicht ſagen konnte, ob ſie zur Zierde der Halle ſelbſt dienen ſollten, oder ob ſie zur Stütze der oberhalb liegenden Räume nöthig waren, zogen ſich bis zu den Treppen hin, wo ſie in einem ſchönen Halbbogen mit Baluſtraden verſehen, als Treppeneinfaſſung paradirten. Frau von Pröhl ließ ihre Blicke mit unverkennba⸗ rer Bewunderung nochmals nach dem prächtig verzierten Treppenbalkon, der auf einem Trupp eben ſolcher Säu⸗ len ruhte, zurückſchweifen, bevor ſie am Arme des Junker Wolf den rechts liegenden Corridor entlang ging, und ihr erſtes Wort an Rittberg war ein lebhaftes Lob des impoſanten Aufganges zum zweiten Stockwerk. „Tod und Hölle,“ brach der Oberſt laut lachend heraus,„mein Lischen betrachtet ſich alſo ganz gemüthlich die architectoniſchen Wunder des Schloſſes Rittbergen, während wir hier mit dem Frühſtück warten und beinahe verhungert ſind. Es iſt Zeitgeiſt, daß unſere Frauen mehr betrachten, als handeln. Lieber Rittberg, gewöhnen Sie Ihre Braut früh genug daran, daß ſie mehr an Ihr Frühſtück denkt, als an den Thurmbau zu Babel. Him⸗ melſapperment—“ Frau Lischen ſah ihn ſchelmiſch an und hob drohend den Finger auf—„Mille tonnerres“ verbeſſerte er ſich in komiſcher Verzweiflung,„ich ſitze nun Flügel benutzt wurden.— Eine Reihe korinthiſcher Säu⸗ eine volle Stunde vor dem beſetzten Frühſtückstiſche und 33 labe mich am Dufte des gekochten Schinkens. Himmel⸗ element— wenn ich nur ſatt davon würde!“ Die Damen hatten Erbarmen mit dem hungrigen Oberſt und verſchoben die Bewunderung der prachtvollen Myrthenbäume bis zu einer gelegenern Zeit. Während er ſeinem Appetite folgte und dem Geſchäfte des Sättigens mit allem Eifer oblag, plauderten die Da⸗ men mit Junker Wolf und dem Schloßherrn von den bevorſtehenden Feſtlichkeiten, und Elvire bemerkte ſchlau lächelnd:„Sie erwarte etwas ganz Beſonderes von Poeſie, denn der Profeſſor Gellert habe ſie ausführlich über alle Umſtände der Verlobung und über den Charakter des Bräutigams befragt.“ „Er hat unſern Vetter Levin vor zwei Jahren kennen gelernt,“ fiel Junker Wolf ein,„und ihn damals etwas urwüchslich gefunden. Vielleicht liegt hierin das Motiv ſeiner wißbegierigen Forſchungen, mein gnädiges Fräulein, und Sie irren ſich in Ihrer Vorausſetzung, als habe er die Notizen zu einem Hochzeitscarmen geſammelt. Mein Vetter Levin verehrt den Profeſſor als Menſchenkenner und als Dichter, allein ich muß befürchten, die Verehrung iſt nicht gegenſeitig.“ Margareth hob ihre ſanften blauen Augen unwillig zu dem Junker auf:„Gellert würde ſeinem Ruhme als Menſchenkenner keine Ehre machen, wenn er meinen Ver⸗. 34 lobten nicht als einen Edelſtein anerkennen wollte,“ ſprach ſie raſch einfallend. „Nun, nun, Margareth,“ ſcherzte der Junker,„kommt einmal eine Fabel von einem ungeſchliffenen Edelſteine an’s Tageslicht, ſo weiß ich, wer damit gemeint iſt.“ Rittberg lächelte zu dieſem Einfalle und nickte zu⸗ ſtimmend mit dem Kopfe. Eine Feuergluth überſtrömte das ſchöne, weiße Ge⸗ ſicht der jungen Braut, als ſie dem Beifallsblicke ihres Bruders begegnete, und ſie wendete ſich in großer Bewe⸗ gung zu Frau von Pröhl, indem ſie eine ganz abweichende Frage an ſie richtete. Dieſe beobachtete ſie ſcharf.„Woher die Aufregung?“ fragte ſie ſich heimlich.„Iſt Graf Levin ein roher Landjunker? Hat ſie Urſache ſich ihrer Wahl zu ſchämen? Was hat ſie, die Ueberfluß an Be⸗ werbern erwarten mußte, dazu vermocht, ſich einem Manne zu verloben, der ihr an Bildung nachſteht? Nun, wir werden ihn ja ſehen und werden ſelbſt beurtheilen können, wie ſich die Fäden des Netzes um dies ſchöne Mädchen geſchürzt haben. Gott gebe nur, daß er ihrer würdig iſt, denn jetzt iſt Alles zu ſpät!“ „Wir erwarten heute auch noch unſere Tante Wall⸗ bott von Gotha,“ unterbrach Rittberg die ſchwermüthige Gedankenfluth, welche Frau von Pröhl zu überſchwemmen drohte. 3⁵ Der Oberſt ließ mit gut geſpielter Verzweiflung Meſſer und Gabel fallen und ſchrie kläglich: „Was Teufel! Donnerwetter— diable— wollt' ich ſagen! Heute ſchon? Bringt ſie den Leibaffen des Kö⸗ nigs von Preußen, der ſich zu ihrem und zu Aller Entzü⸗ cken jetzt in Gotha aufhält, mit?“ „Sie meinen Voltaire?“ fragte Junker Wolf. „Voltaire iſt ſchon abgereiſt,“ berichtete Rittberg unangenehm berührt. „Schon abgereiſt?“ fragte der Oberſt verwundert. „Himmelelement, Lischen, wollte nicht Profeſſor Gellert ſeinetwegen nach Gotha?“ „Allerdings,“ antwortete Frau von Pröhl.„Ich werde ihn ſogleich davon zu benachrichtigen ſuchen, damit er den Weg nicht vergeblich macht. Geht Voltaire nach Berlin zurück?“ fügte ſie zu Rittberg gewendet hinzu.“ „Schwerlich! Der König wünſcht es nicht, ſagte mir der Präſident von Maupertuis.“ „Er wünſcht es nicht!“ wiederholte der Oberſt im Tone übermäßiger Verwunderung.„Hölle und Teufel, das muß einen verwünſcht tüchtigen Haken haben!“ „Was wird es weiter für Gründe haben,“ meinte Frau von Pröhl.„Wahrſcheinlich haben ſich die„großen Geiſter“ gezankt, und da der König nicht fortgehen kann, ſo ſchickt er ſeinen guten Freund fort.“ 8 36 „Vielleicht ärgert ſich der König von Preußen nur über Frankreich, weil es ſich von dem ſchlauen Diplomaten Kaunitz für Oeſterreich intereſſiren läßt, und der arme Unterthan Frankreichs muß für die böſe königliche Laune büßen,“ warf Junker Wolf ein. „Mir wäre es ganz gelegen, wenn unſer König ſich überhaupt dermaßen ärgerte, daß er alle Friedensbeſchlüße über den Haufen würfe. Oeſterreich hält doch keine Ruhe bis es Schleſien wieder hat; es verlautet, daß Kaunitz ſeine ganze Macht aufbietet, um Maria Thereſia zur Allianz mit Frankreich zu bewegen.“ „Es iſt möglich, daß Voltaire's Ungnade mit dieſen politiſchen Ereigniſſen theilweiſe zuſammenhängt,“ unter⸗ brach ihn Rittberg,„allein im Grunde iſt das Zerwürf⸗ niß zwiſchen dem Könige und Voltaire rein perſönlicher Natur. Er ſoll bei einer Gelegenheit, wo es ſehr unpaſ⸗ ſend war und den König ganz beſonders compromittirte, geſagt haben:„Man ſolle es nur mit den Verordnungen des hohen Herrn machen, wie er es mit ſeinen franzö⸗ ſiſchen Aufſätzen zu machen pflege, in welchen er das Gute ungeheuer hervorſtreiche und das Schlechte ſtill durchſtreiche.“ Der König erfuhr den Ausfall ſo⸗ gleich wieder, und da ihm mehrfach Dinge vorgekommen waren, die ihm ſeinen Günſtling widerwärtig machten, ſo ſendete er ihm ſeine Entlaſſung. Wie geſagt, es iſt f 4 37 um Voltaire los zu werden, weil er ſich über die franzö⸗ ſiſche Wetterwendigkeit ärgerte.“ „Was ſagt aber Frau von Wallbott zu der extra⸗ vaganten Ungnade des Preußenkönigs?“ fragte der Oberſt. „Mich wundert nur, daß die Dame, deren Mund Frank⸗ reichs Sprache redet, als ſei ſie nicht im lieben Deutſch⸗ land geboren, zur Hochzeit nach Rittbergen kommen will, ſtatt daß ſie ihren angebeteten Philoſophen, der durch ſeine Geiſteskraft der ganzen franzöſiſchen Nation ein Uebergewicht über alle andere civiliſirten Völker Europas verliehen hat, nach Frankreich begleiten ſollte.“ 3 Frau von Pröhl brach in ein heiteres Lachen aus. 4„Das mußt Du auswendig gelernt haben, lieber Pröhl!“ rief ſie und wiederholte den ganzen Satz ſehr pathetiſch. „Der Aerger hat es mir eingeprägt, Lischen,“ er⸗ widerte der Oberſt.„Ich weiß es noch wie heute— Kreuzbataillon, wenn ich daran denke, ſchwillt mir der Kamm.— Es war Soiree bei Lischen's Bruder, und der ganze gelehrte Kram that ſich dabei auf. Herr von Vol⸗ taire kam ſpät und ſchlich wie eine Meerkatze, buckelnd, wenn er mit einer Durchlaucht oder einer Excellenz ſprach, und naſeweis gegen denjenigen, welcher mit ihm gleichen 4 Standes war, im Saale umher. Nachdem er eine Menge Sottiſen geſprochen, die nur halb verſtanden wurden, f aber möglich, daß unſer König die Veranlaſſung benutzte, * — 38 entfernte er ſich wieder, weil der König nach ihm ver⸗ langte. War es doch gerade, als wären wir alle miteinan⸗ der dumme Jungens gegen dieſen Kerl mit ſeinem fran⸗ zöſiſchen großen Geiſte. Die Damen, wie immer bei ſolchem Geiſtesfirlefanz thaten ganz verrückt, und da war es, wo Ihre gnädige Tante von Wallbott den erhabenen Ausſpruch that.“ „Meine Tante mag aber nicht Unrecht haben, lieber Oberſt,“ entgegnete Rittberg von dem Zeloteneifer des Herrn von Pröhl ergötzt.„Die Zeit wird es lehren, daß Voltaire von bedeutendem Einfluße auf die menſchliche Geiſtesbildung geweſen iſt. Er gehört doch unbeſtritten zu den ſcharfſinnigſten Männern der ganzen, weiten Welt, und Frankreich wird dereinſt ſtolz darauf ſein, die Wiege dieſes großen Geiſtes—“ „Donner und Blitz, Rittberg,“ unterbrach der Oberſt ſeine Rede,„mögen die Franzoſen den Kerl wiegen bis zur Ewigkeit, ich habe nichts, gar nichts dagegen und bin froh, wenn ich nicht dabei ſitzen muß, um alle die Wie⸗ genlieder für ihn mit anzuhören. Dereinſt?— Dereinſt?— Warten wir es ab, ob es ein„Dereinſt“ für ihn gibt. Die Franzoſen haben kein„Dereinſt“. Sie müſſen ſich mit avoir und être begnügen.“ Ein helles Gelächter belohnte ihn für dieſen guten Einfall, und man erhob ſich gutgelaunt von der Früh⸗ ſtückstafel, um ſich in einzelne Gruppen zuſammenzuſtellen. Das allgemeine Geſpräch hörte dadurch natürlich auf und man wählte zwanglos die Thema nach den verſchie⸗ denartigen Gemüthszuſtänden. Frau von Pröhl verſuchte jetzt mit einigen feinen Wendungen die Gefühle Marga⸗ reth's zu ſondiren, allein ihre Bemühungen zerſchlugen an dem gefliſſentlichen Ausweichen der jungen Dame, ſo daß ſie zuletzt davon abſtand, und das Nutzloſe ſolcher Einmiſchungen einſehend, ihre Wißbegierde beſchränkte. Man trennte ſich bald, theils um von der Morgen⸗ fahrt auszuruhen, theils um die Sehenswürdigkeiten des Schloſſes in Augenſchein zu nehmen. Der Oberſt wollte ein Schläfchen verſuchen, wie er ſagte. Ehe er aus dem Kreiſe ſchied, wendete er ſich mit neckiſcher Geheimniß⸗ krämerei an den Schloßherrn und fragte: „Ein Wort im Vertrauen, lieber Rittberg! Muß ich denn lispeln“— er ſprach das Wort aus, als fehle ihm wenigſtens die ganze Zungenſpitze—„wenn Frau Tante von Wallbott hier iſt?“ „Nein! nein!“ erklärte Rittberg lächelnd.„Tante Wallbott gehört nicht zur Union der Sprachverbeſſerer.“ „Doch, lieber Rittberg, doch! Sie iſt die ſchlimmſte gelehrte Dame, die ich kenne, und am Hofe zu Gotha ſoll ſchon ſtark„gelispelt“ werden, auch in Weimar und in Kaſſel!“ 40 „Natürlich,“ fiel Junker Wolf ein.„An allen klei⸗ nen Höfen, wo nicht viel Platz für die Füße iſt, recken ſie um ſo mehr den Kopf in die Höhe, dem Himmel und ihrem eigenen Ruhme entgegen.“ „Ich ſage es Ihnen, Frau von Wallbott in ihrer Geiſtesmajeſtät iſt eine gefährliche Dame, lieber Rittberg, gefährlicher, als jede Intriguantin, und ich wette darauf, daß ſie jetzt lispelt.“ „Sie ſcheinen den Begriff des Lispelns mit dem der modernen Bildung zu paralleliſiren,“ rief Junker Wolf ihm nach, als der Oberſt nach dieſen Worten eilig den Saal verließ. „Wir werden doch keinen Scandal vom Oberſten zu erwarten haben?“ fragte der Schloßherr beſorgt. „Tragen Sie keine Sorge,“ beruhigte ihn Frau von Pröhl.„Er wird bei der Anweſenheit Ihrer Tante für nichts Augen haben, als für dieſe gefährliche gelehrte und ſchlimme Dame, denn es gehört, wie die leidige An⸗ gewohnheit des Fluchens zu ſeinen ſeltſamen Eigenthüm⸗ lichkeiten, eine unbedingte und reſpectvolle Verehrung für geiſtig bevorzugte Damen zu haben. Natürlich iſt ihm, wie jedem Manne, die Subordination ſeines geiſtigen Weſens fatal und er ſucht ſich durch tadelnde Worte zu rächen, allein immer nur hinter den Rücken der gelehrten Damen. Fürchten Sie keine Betiſen von ihm. Er wird der eifrigſte Kavalier für Frau von Wallbott ſein.“ Frau von Pröhl ſchickte ſich nun an, dem Profeſſor Gellert eine ſchleunige Benachrichtigung über die erfolgte Abreiſe des Herrn von Voltaire zukommen zu laſſen, um wo möglich dem kränklichen Manne die Strapatzen einer Reiſe zu erſparen. Sie Uabte den ſanften, geiſtvollen Mann mit der Hingebung einer würtlichen Schweſter, und ſie verfehlte bei ihren gelegentlicher Beſuchen der Stadt Leipzig niemals ihn aufzuſuchen. Ihre zarmloſe Heiter⸗ keit ſagte dem hypochondriſchen Dichter ſey zu, und es ge ang ihr jedesmal ſeine Stimmung auf einige Zeit zu verbeſſern. Zweimal hatte ſie ihn auch ſchon überndet, inen kurzen Aufenthalt in ihrer angenehmen Häuslich keit zu verſuchen und ſich durch ihre zartſinnigen Bemü⸗ hungen zerſtreuen zu laſſen, allein für die Dauer halfen alle Zerſtreuungen nichts. Seine Geſundheit war ſchwach und das Uebel, das ihn folterte, trotzte allen ärztlichen Mitteln. Es war wohl ſelten ein Mann in dem hohen Frade, wie Profeſſor Gellert, der Gegenſtand einer all⸗ gemeinen Liebe und Verehrung, und er verdankte dieſe Auszeichnung nicht allein den hohen Eigenſchaften ſeines Geiſtes, ſondern auch dem reinen Wohlwollen ſeiner Ge⸗ ſinnungen und der Liebenswürdigkeit ſeines beſcheidenen Benehmens. 1860. XII. Gertrud. I. 3 42 Frau von Pröhl hielt es für angemeſſen, einen Eis boten mit ihrem Briefe abzuſenden, und dieſen genau über den Weg zu inſtruiren, den er zu nehmen hatte, um, im Falle Gellert ſchon von Leipzig aufgebrochen war, ihn noch unterwegs über die Nutzloſigkeit ſeiner Reiſe zu unterrichten. Sie beſchvicb dem Boten Gellert's Perſönlichkeit mit der Uwſicht eines Polizeiagenten, und ſie überließ ſich Zanz unbedingt dem Vertrauen, daß ihre beeilten Maßregeln einen günſtigen Erfolg haben würden.. L Freilich in unſerem Zeitalter der Geſchwindreiſen und Dampffahrten möchte ein ſolches Vertrauen an's Lä⸗ chereche grenzen, allein damals drängten ſich die Reiſen⸗ oen nicht maſſenhaft in die Gaſthofsräume, nahmen nicht in fliegender Eile ein Mittagseſſen an der table d'hôte ein und befanden ſich ſchon wieder unterwegs, wenn es dem Wirthe einfallen wollte, irgend Jemanden näher in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Damals reiſte man gemüthlich von ei⸗ nem Gaſthofe zum andern, wie es die Kutſcher und die Pferde gewohnt waren, und es war Tauſend gegen Eine“ zu wetten, daß ſich der Profeſſor Gellert, wenn er um zehn Uhr Morgens von Leipzig weggefahren war, ſich punkt zwölf Uhr in irgend einem„weißen Löwen“ oder „wilden Bären“ der nächſten Landſtadt befinden würde . 5 ſeelenruhig ein Süppchen mit dem Wirthe verzehren 3 en ä⸗ n⸗ ht in 43 Auf dieſe feſtſtehende Lohnkutſcherpraxis baute Frau von Pröhl die Gründe ihrer Hoffnung, und es war an⸗ zunehmen, daß ſie richtig calculirt hatte. Sweites Capitel. Einige Stunden ſpäter ſaßen die beiden Pflegetöch⸗ ter der Frau von Pröhl, etwas ermüdet vom vielen Schauen, neben einander in der weichen Ottomane ihres Thurmzimmers und plauderten nach Mädchenart über das Geſehene und Geſchehene. Wie Alles im ganzen Schloſſe, ſo war auch dies runde Kabinet mit geſchmackvoller Bequemlichkeit ein⸗ gerichtet und geſtattete ſelbſt von der Ottomane aus einen ergreifenden Ueberblick in die Weite. Gertrud, ganz erfüllt von dem bezaubernd ſchönen Schloſſe, achtete nicht auf das Schauſpiel, das ſich vor ihren Blicken entfaltete, ſondern ſchwelgte in der Rück⸗ erinnerung der prächtigen Dinge, die ſie beſichtigt hatte, „ während Elvire, träumeriſch verſunken, aber mit wohl⸗ azufriedenem Lächeln zuhörte und dabei das ſchöne Pano⸗ rama vor ſich betrachtete. Ein duftiger Hauch hüllte die 1 3* Ferne in ein unbeſtimmtes Licht und zog ſelbſt um die näher gelegenen Gegenſtände einen leichten Schleier. Der Fluß, von Baumgruppen bald verſteckt, bald aber in ſil⸗ berhellem Glanze zwiſchen grünen Wieſen ſich dahin ſchlängelnd, war von kleinen Kähnen belebt, und eine Fähre durchſchritt ſchwerbeladen mit Holzwagen in träger Langſamkeit das ſeichte und ſumpfige Gewäſſer. Ihr Blick durchflog die weite Landſchaft, und ihr Herz klopfte ſtärker bei dem Gedanken, daß dies ihre künftige Hei⸗ math ſei. Zur Eintracht und zur vertraulichen Schweſterliebe erzogen, legte ſie endlich die Arme um Gertrud's Nacken und flüſterte ihr etwas von ihren glückſeligen Empfindun⸗ gen zu. Es war eine Ehre für dies junge, eben auf⸗ geblühte Mädchen, daß ſie in die Gefühle einer Braut eingeweiht wurde, und ſie richtete auch ganz ſtolz ihr Köpfchen in die Höhe und legte ihre Stirn an Elvirens Stirn, ſchelmiſch in deren Augen ſchauend. Es waren ein paar hübſche Mädchen, aber nicht ariſtokratiſch bleich und fein, ſondern mit ächt bürgerlich blühenden Geſich⸗ tern, lebhaftem Mienenſpiel und ſehr feurigen Augen. Es waltete zwiſchen ihnen eine gewiſſe Aehnlichkeit vor, ſo daß man ſie dreiſt für Schweſtern hätte halten können, obwohl ſie nur von mütterlicher Seite Geſchwiſterkinder waren. Elvire war etwas größer und ſchlanker und der Ausdruck ihrer Augen weniger keck, ſonſt aber von der⸗ ſelben lebhaften Zärtlichkeit, wie die ihrer Pflegeſchweſter. „Du kannſt lachen!“ rief Gertrud halb ſchmollend. „Den ſchönſten, reichſten, beſten und klügſten Mann auf der ganzen Welt haſt Du erobert! Wäreſt Du es nicht Elvire, ich könnte Dich beneiden!“ „Ahme mir doch nach,“ ſcherzte Elvire, indem ſie die langen Nackenlocken des jungen Mädchens um den Finger drehte und ſie wieder am Chignon befeſtigte.„Es hat Dich ja heute ein noch ſchönerer Mann ſchon mit der Myrthe krönen wollen.“ Gertrude ſchlug mit kindiſchem Trotze nach Elvi⸗ rens Hand und richtete hochmüthig ihre Stirn auf. „Der Junker?“ rief ſie bei dieſem, entſchiedene Ab⸗ neigung ausdrückenden Manöver.„Wie? Iſt das Dein Ernſt? Was würde wohl Onkel Excellenz zu dieſem Junker Habenichts aus Preußen ſagen!“ Elvire ſah frappirt von der Seite zu ihr auf.„Du haſt ja Vermögen,“ warf ſie ein. „Ach ſo, und da meinſt Du, der Junker Wolf könne ſich auf meine Güter niederlaſſen, da er ſelbſt keinen Platz auf der Erde hat, den er ſein nennen kann. Nein, Elvire, daraus wird nichts. Ich habe im Sinne, zu einem Ehegemahle hinaufzuſteigen, wie Du, aber nicht hinab. Während Du als Freifrau Bünau von Rittberg in der — — Welt paradiren willſt, ſoll ich Frau Junker Wolf Bret⸗ tow von Habenichts vorſtellen? O bewahre! Den Ge⸗ danken ſchick' ſchlafen.“ Im Grunde war Elvire mit dieſer Antwort ſehr zufrieden. Sie hatte ſchon gefürchtet, das junge Herz ihrer Couſine in Gefühlen verſtrickt zu ſehen, die ihr für ſpä⸗ terhin ſchwere Kämpfe hätten bereiten können, da ihr Vormund noch für lange Jahre eine Stimme bei ihrer Verheirathung abzugeben hatte. Aber mit dem Inſtinct des Weibes erlaubte ſie ſich weder einen Widerſpruch, noch eine Billigung der hochfahrenden Ausſprüche Ger⸗ trud's, ſondern begnügte ſich, ſie neckend mit einigen zärt⸗ lichen Scheltworten abzufertigen. Gertrud fuhr aufgeregt und ſehr lebhaft ſprechend fort: „Nein, Elvirchen, darauf mache Dich nur gefaßt, daß Du mich einſt noch auf irgend einem Herzogen⸗ oder doch mindeſtens auf einem Erbgrafenſitz zu beſuchen haſt. Ich thue es nicht anders, und Onkel Excellenz hat mir neulich auch geſagt, er wüßte in Schleſien einen Prinzen oder Grafen— ich weiß nicht mehr genau— der mein Gemahl zu werden verdiente. Aber erſt müſſe Schleſten dem gar⸗ ſtigen Preußenkönig wieder abgenommen werden, wozu auch alle Ausſicht vorhanden ſei.“ „Schilt mir den Preußenkönig nicht, Du Kobold,“ wandte Elvire lachend ein.„Ich bin in kurzer Zeit ſeine Unterthanin und werde kühn für ihn in die Schranken treten!“ „Du? Ach, mach' mich nicht bange!“ ſpottete Ger⸗ trud kindiſch.„Du wirſt mein Lebtag keine Preußen⸗ freundin und der garſtige Fritz wird nimmermehr Dein Ideal der Ritterlichkeit. Pfui— er ſchnupft Tabak!—. Ueberdies, ſagt Onkel Excellenz, hat er ſich benommen wie ein Räuber, indem er der armen öſterreichiſchen Kaiſerin ihre ſchönen ſchleſiſchen Fürſtenthümer abgeliſtet hat. Aber, ſagt Onkel Excellenz, ſie ſind jetzt dabei, ihm ein tüchtiges Schnippchen zu ſchlagen. Unſer Churfürſt hat ſich ſchon bereit finden laſſen für Oeſterreich, und Maria Thereſia will mit Hilfe Frankreichs die ſchleſi⸗ ſchen Fürſtenthümer wieder erobern. Iſt das nicht ſchön ausgedacht, Elvirchen?“ fügte ſie altklug hinzu und lachte herzlich, als ob es ſich hier um Wiedererlangung eines Butterbrodes handle. „Es mag ſchön ausgedacht ſein,“ erwiderte Elvire mit eigener Achtloſigkeit, aber doch im richtigen Verſtänd⸗ niß des Gehörten.„Aber recht iſt es von Maria There⸗ ſia nicht, daß ſie hinterrücks ihre Friedensverträge mit dem Preußenkönig verletzt, da ſie ihm doch eigentlich dankbar dafür ſein muß, daß er ihr geholfen hat, ihren Lothringer Herzog Franz zum deutſchen Kaiſer zu erheben.“ 48 „ So— dankbar ſoll die Kaiſerin noch dazu ſein, obgleich ſie dieſe Gefälligkeit theuer hat bezahlen müſſen? Geh', Elvire, Du fängſt an preußiſch zu werden!“ „Nein, Gertrud, das iſt nicht preußiſch, das iſt nur menſchlich gedacht,“ entgegnete Elvire ernſthaft.„Denk' Dir'mal, Du hätteſt mir ein Stück von Deinem Gärt⸗ chen unter der Bedingung überlaſſen, daß ich Dir dafür irgend etwas erzeigte, was Dir recht angenehm wäre—“ „Ja— ich denk mir das ſchon,“ fiel Gertrud keck die runden Arme über der Bruſt kreuzend mit herausfor⸗ dernder Gebärde ein. „Denk Dir, daß ich mein Wort gehalten hätte, und daß Du trotzdem ohne mein Wiſſen zur Mama Pröhl ſchlicheſt und ſie bäteſt, Dir doch Dein Gärtchen wieder zu verſchaffen, da es Dir leid ſei, daß Du ein Stück davon weggegeben hätteſt. Nun, wäre das ſchön von Dir gehandelt?“ „So! Was gab Dir denn aber ein Recht an mein Gärtchen?“ fragte das kleine Fräulein ſtörriſch.„Wie kamſt Du denn darauf, ein Stück davon zu verlangen? Und warum benutzteſt Du denn den Zeitpunkt, wo Du wußteſt, daß ich zur Erreichung eines andern Wunſches gern bereit ſein würde, für den Augenblick mein Gärtchen zu verkleinern?“ Elvire ſah die junge Politikerin mit großen Augen an, dann lachte ſie hell auf. 49 „Höre, Trudchen, Du haſt bei Deinem letzten Be⸗ ſuche in Dresden ungeheuer viel gelernt!“ rief ſie aus; „Onkel Excellenz hat mit ſeiner Diplomatie eine feurige und empfängliche Schülerin in Dir gefunden!“ „O, irre Dich nicht! Onkel Excellenz weiß gar nicht, daß ich im Nebenzimmer Alles gehört habe, was er mit dem Geheimſecretär Menzel geſprochen hat. Aber ich fand, daß er ganz Recht hatte, als er ſagte: Preußens König verdiene es nicht anders, als daß ihm mit Liſt das wieder entriſſen werde, was er ſich durch Schlauheit und Gewalt genommen habe. Wenn ich alſo, um bei Deinem Vergleiche zu bleiben, zu Mama Pröhl ginge und ihr heimlich vorſtellte, wie ſehr im Vortheile Du wäreſt und wie unrecht es von Dir ſei, Dir mein liebes Gärt⸗ chen räuberiſch zugeeignet zu haben, ſo bin ich ganz in meinem Rechte. Und wenn Mama Pröhl mir dann wieder zu meinem Eigenthum verhälfe, ob durch Liſt oder durch Gewalt, bleibt ſich gleich, ſo verdiente ſie eine Krone!“ „Schöne Grundſätze!“ meinte Elvire heiter.„Und wenn Mama Pröhl, um bei meinem Gleichniſſe zu blei⸗ ben, zur Erreichung ihres Zweckes zu tadelnswerthen Mitteln ihre Zuflucht nimmt, zum Exempel zur Ver⸗ ſöhnung mit einer alten Feindin, die nichts taugt und anmaßend iſt—“ 50 „Zum Exempel mit Frau von Wallbott,“ unter⸗ brach Gertrud ſie. „O, nicht gerade dieſe, denn die gleicht meinem Bilde nicht.“ „Ich aber denke ſie mir böſe und anmaßend,“ be⸗ harrte das kleine Fräulin. „Das darf ich nicht zugeben,“ eiferte Elvire.„Es iſt die Tante meines Bräutigams— laſſen wir alſo das Gleichniß lieber fallen.“ „Nein!“ trotzte das hübſche Kind.„Ich will Frau „von Wallbott als ein böſes Princip aufgeſtellt wiſſen. Alſo wenn Mama Pröhl die alte, häßliche, anmaßende, gelehrte, unausſtehliche Tante Wallbott zu Hilfe ruft, um mir mein Gärtchen wieder zu verſchaffen, ſo iſt mir dies ganz recht, obwohl ich dieſe Dame von Grund meiner Seele haſſe und verachte. Wenn ich mein Gärtchen wie⸗ der erobert habe, dann weiſe ich ihr die Wege und ſage: Bleib' mir aus den Augen, ſo lang ich Dich nicht brauche!“ Elvire lachte diesmal nicht, ſondern wandte ſich mit den Worten zum Fenſter:„Du biſt kindiſch und albern, liebe Gertrud!“ „So! Weil ich nicht preußiſch denke, etwa?“ „Nein! Weil Du eine Frau verunglimpfſt, die Deine Ehrebittung zu fordern berechtigt iſt.“ „O, ich werde ihr den allertiefſten Knix machen,“ ſpottete das Fräulein.„Ich werde ihr die Hand kü Ich werde ihr die hochzeitliche Schleppe nachtragen! Ich werde ihr zu gefallen„bon jour“ und„bon soire ſagen! Ich werde„lispeln“! Ich werde mit Enthuſias⸗ mus vom Leibaffen Voltaire parliren! Ich werde von Cato, Plato und Sokrates ſprechen, obwohl ich nicht 'mal weiß, wo und wann dieſe Männer gelebt haben—“ „Da würdeſt Du ſehr ſchlecht ankommen, denn Frau von Wallbott würde Dich mit einer einzigen Frage demüthigen,“ fiel Elvire ein. „Mich demüthigen? Mit einer Frage? Elvire, Du dauerſt mich! Gertrud von Spärkan iſt die Verwandte eines ſächſiſchen Feldmarſchalls! Was iſt denn Frau von Wallbott?“ „Eine ſehr kluge, gebildete und herrſchſüchtige Dame!“ antwortete Elvire. „Pah! Klug bin ich auch! Gebildet? Nun, das kann ich noch werden, wenn ich ſonſt Luſt habe— und herrſch⸗ ſüchtig?“ Sie ſtemmte lachend die Arme in die Seiten. „Ich habe Courage für einige fünfzig kluge und gebildete Damen, die„lispeln“! Aber, apropos— kennſt Du denn Frau von Wallbott? Ich dächte nicht!“ „Doch! Sie beſuchte mit ihrer Nichte Margareth Dresden vor ungefähr drei Jahren, und da ſah ich ſie auf einem Feſte beim Grafen von Brühl. Ich erinnere mich noch, mit wolcher Ehrfurcht ſelbſt die Herrſchaften ihr huldigten.“ „Narrenspoſſen, wenn ſie keine Durchlaucht oder Excellenz iſt. Ich verlache ſolche Huldigungen, die man der bloßen Klugheit zollt. Was iſt Klugheit? Was iſt Bildung? Was iſt Gelehrtheit?“ Sie puſtete verächtlich über die Flächen ihrer klei⸗ nen, weichen Kinderhände und hob ſich dann majeſtätiſch auf die Fußſpitzen. „Aber was iſt Reichthum? Was iſt Geburt? Was iſt Rang und Stand? Das ſind Güter des Lebens, die uns hoch ſtellen, das ſind Vorzüge, die nicht jeder Hand⸗ werker erreichen kann, das ſind die Süßigkeiten der Erde, wonach ſelbſt die ſogenannten„großen Geiſter“ ſtreben.“ „Nicht immer, Gertrud,“ wendete Elvire mit ſtil⸗ lem Erſtaunen zuhörend ein. „O, haſt Du nicht gehört, was Papa Oberſt vom großen Voltaire erzählte: er buhlt auch um die Gunſt und Bekanntſchaft der Excellenzen und Durchlauchten? Ah, Elvire, ich— ich möchte eine Königin ſein— eine Kaiſerin, wie Maria Thereſia!“ Elvire ſah ſie ſtarr und erſchrocken an.„Kind— es rappelt!“ ſprach ſie dann ruhig und legte ſich zum Fen⸗ ſter hinaus, um die friſche Luft mit tiefen Athemzügen einzuſaugen. „Verſtelle Dich nicht, Elvire,“ plauderte das Fräu⸗ lein ungeſtört weiter.„Auch Du möchteſt herrſchen—“ „O ja,“ entgegnete Elvire zurückſchauend, aber im Fenſter liegen bleibend.„Ich möchte ewig im Herzen meines Reinhard herrſchen.“ „Narrenspoſſen! Herrſchen im Herzen des Man⸗ nes? Egal! Iſt nicht der Mühe werth! Du verſtellſt Dich auch nur. Du möchteſt eben ſo gern einen Thron beſteigen.“ „Hier im Hauſe als Hausfrau— o, ja!“ „Möchteſt Völker beglücken.“ „Es müßte mir vom Schickſale ein Völkchen Kinder beſchieden ſein— dann ganz gern!“ „Kinder? Pfui, Du redeſt als Braut ſchon von Kindern? Elvire, wir paſſen nicht zuſammen!“ „Das merke ich auch, nachdem Du mir entwickelt haſt, wie ein Schmetterling aus ſeiner Puppe kriecht.“ „Meinſt Du mich mit dem Schmetterlinge?“ fragte das Fräulein indignirt.„Dein Gleichniß hinkt. Ich fühle Adlerskräfte und meine Adlersfittige werden mich zu einer Höhe tragen! Verlaß Dich darauf!“ „Ei— mit dieſer ſchön gelungenen Phraſe kannſt Du immerhin vor Frau von Wallbott erſcheinen,“ ſpöt⸗ telte Elvire und bog ſich ſchnell weiter hinaus.„Ich ſehe einen Wagen daherrollen— vierſpännig— ſie wird es 1 t dem Ausrufe: ch mu en!“ zur Thür hinaus. Mittlerweile rollte d ein, paſſirte die Zugbrücke er Wagen in den einige der vornehmern Hau verehrten Verwandtin des hatten. Die Be Portale an, als ſich der S 5⁵ Wer malt ſein Erſtaunen, als ſich ihm aus dem Wagenfenſter ein liebes, wohlbekanntes Geſicht entgegen⸗ ſtreckte und eine Stimme voll liebenswürdiger Heiterkeit ihm zurief: „Eheu! Carissime! Wen glaubt Ihr hier zu ſehen? Der ungebet'ne Gaſt muß an der Thüre ſtehen!“ „Gellert!“ ſchrie Rittberg im Entzücken ganz un⸗ gebürlich laut und ſprang allen Dehors zuwider mit einem Satze an den Wagenſchlag. 1 „Gellert!“ tönte es wie im Echo von Junker Wolf's Lippen, und„Gellert! Gellert! Gellert!“ ging es wie ein Lauffeuer bis in die Gemächer der Damen, daß ſie alle herbeiſtürzten, um den geliebten, hochverehrten Mann gleich zu begrüßen. Auch Gertrud eilte herbei und drängte ſich heran, bis ſie ſeine Hand faſſen und küßen konnte. Mit rührender Freundlichkeit empfing der Profeſſor die Huldigungen der reinſten Freundſchaft, welche ſchärfer als ſonſt in der Ueberraſchung hervortraten, und Frau von Wallbott weidete ſich ſichtlich bewegt an der anmuthigen Froͤhlichkeit, die ſich in Gellert's Worten und Bewegun⸗ gen kund gab. Sie trat willig und gern in dieſem heitern Tumulte zurück und wartete lächelnd des Momentes, wo man ſie auch eines Willkommens werth halten möchte. Das geſchah endlich, als der Profeſſor von allen Händen geſtreichelt und geliebkoſt aus dem Wagen ge⸗ 56 ſtiegen war, und ſie auch Anſtalt traf, denſelben zu ver⸗ laſſen. „JIn's Teufels Namen, Gnädigſte,“ mit devotem Ha ſchrie der Oberſt ndkuß,„wo haben Sie denn dieſen ſelte⸗ nen Vogel flügge gemacht?“ „In Lei um Kuße. wie eine Klo ſternovize legte 3 Lippen auf dieſe a prächtig weiße H :„Gertrud von Spärk an!“ „Ah— ſo! Ihre Schwe Eine entlaſſende Mie ſtertochter, Herr Oberſt! referirte dann in kurz ne beendete die kurze Scene und ſi er, prägnanter Weiſe, wie ſie nach 57 Leipzig gemußt habe und dort ihrem guten Gellert begeg⸗ net ſei, ceiſefertig um zu ihr nach Gotha zu fahren. s lag in der Natur der Sache, daß ich die Ge⸗ legenheit nicht vorübergehen laſſen wollte, um von der einmal rege gewordenen Reiſeluſt unſers Freundes, ſo⸗ wohl für mich ſelbſt, als auch für Euch Alle Vortheil zu ziehen,“ ſchloß die Dame ſehr gut gelaunt.„Hier habt Ihr ihn! Nun mögen die Grazien“— ihr Auge ſtreifte flüchtig über die drei ſchönen Mädchen hin, die dicht bei Gellert Poſto gefaßt hatten—„ihr Amt antreten und die Penaten richtig unterweiſen, damit es unſerm Freunde Sie grüßte mit graziöſem Kopfneigen jeden Einzel⸗ nen des Kreiſes und ſtieg in königlicher Haltung am Arme ihres Neffen die ſüdlich gelegene Treppe hinauf, um ihr ren die ſeltſam betonten Worte vernommen worden:„Wa⸗ rum haſt Du mir das gethan, Margareth?“ Jetzt traf die junge Dame, augenſ cheinlich beängſtigt, Anſtalt, ihre Tante zu ihrem Zimmer hinauf zu begleiten. Aber ein bedeutungsvoller Blick aus den dunkeln Augen derſelben bannte ſie erſchrocken auf ihrem Platze, und ſie ſenkte wie eine arme Sünderin auf einen Moment die 1860. XII. Gertrud. I. 4 3 58 Stirn, um ſie dann aber wieder mit allem Ausdrucke feſter Entſchloſſenheit empor zu richten. In dieſem verhängnißvollen Augenblicke wendete ſich Frau von Wallbott und betrachtete verwundert die blitz⸗ artige Verwandlung des ſchönen Geſichtes. „In einer Stunde erwarte ich Dich, mein liebes Kind,“ ſprach ſie mit milder Freundlichkeit.„Für jetzt muß ich ruhen— den Abend hoffe ich im Kreiſe meiner Lieben heiter verleben zu können!“ Sie verſchwand. Gertrud ſchlich ſich leiſe zu Margareth heran, die innerlich von der Einladung ihrer Erzieherin eben nicht erbaut ſchien, obgleich ſie ſich bemühete, eine heitere Miene zu zeigen. „Margareth,“ flüſterte Gertrud,„Margareth— liebt Dich Deine Tante Wallbott?“ Margareth wendete ſich raſch zu ihr um. „Ja, Gertrud! Sie liebt mich eben ſo— nein, mehr noch, als eine Mutter mich hätte lieben können,“ entge⸗ gnete ſie mächtig von Erinnerungen bewegt. „Dann bedauere ich Dich!“ ſprach Gertrud mit weiſer Miene. „Warum?“ fragte Margareth befremdet. „Weil es mir vorkommt, als wäre man beſſer daran, wenn man von Frau von Wallbott gehaßt würde,“ ant⸗ wortete das junge Mädchen voller Würde. 59 Der Profeſſor Gellert ſah ſie überraſcht an und neigte gedankenvoll mehrmals ſein Haupt, bevor er zu er ſeine Muthmaßung ſtütze, denn Rittberg kam zurück haft immer aufſtellte, zu erfreuen. Beſonders war es hier Bemerkungen die Fabeln des Dichters recitirte und dur ihre komiſchen Nutzanwendungen die Geſellſchaft zum La⸗ chen und den Profeſſor zum Lächeln brachte. Frau von Pröhl, nach Mentorart, glaubte end⸗ lich dem übermüthigen Treiben ihrer Pflegetochter ein Ziel ſetzen zu müſſen. Gellert bemerkte den Wink, der dazu dienen ſollte. 4* 60 „Mißgönnen Sie dem armen Autor das Vergnü⸗ gen, ſeine Dichtungen ſelbſt vom Kindesſinne richtig ver⸗ ſtanden zu ſehen, meine Gnädige?“ fragte er mit ſanfter Stimme. Als Frau von Pröhl ihn ſchweigend, aber deutlich fragend anblickte, fuhr er fort: „Sie meinen, des Kindes Freude an meinen Wer⸗ ken könne mir nicht genügen? O, wie irren Sie ſich in den Gefühlen des wahren Dichters. Der Beifall iſt unſer ſchönſtes Glück! Schon die zufriedene Miene eines Leſers wird uns eine Belohnung, und unſer ſtolzeſtes Verlangen erfüllt ſich, wenn wir mit unſern Ideen das Gemüth er⸗ weichen und erwecken. Sehen Sie das ſtrahlende Auge meiner kleinen Freundin— glänzt es nicht von dem Be⸗ wußtſein ſo hell, daß es ihr gelungen iſt, mir ihren Bei⸗ fall kund zu thun? Dieſer belebte und glänzende Blick iſt mir das ſchönſte Applaudiſſement. Sie lächeln über die Eitelkeit des Dichters. Lachen Sie immerhin, meine Theure. In der Einſamkeit meiner Schmerzensſtunden wird mir das Licht dieſes Auges ein Balſam werden und meine ſinkende, umhüllte Seele erleuchten. Gott ſegne dies Kind!“*)— *) Wörtlich einem Briefe von Gellert an eine Edeldame entlehnt, deren Familie in der hier geſchilderten Beziehung zu dem Dichter ſtand. — 61 Frau von Pröhl horchte gerührt auf ihres Freundes Erklärung. Seine ſprichwörtlich gewordene Beſcheiden⸗ heit machte es faſt unmöglich, ihm irgend eine Verherr⸗ lichung angedeihen zu laſſen; um ſo lieber mußte es ihr ſein, daß er dieſe Befriedigung bei ſo geringer Anerken⸗ nung zeigte. „Warum aber, mein hochverehrter Freund, entzie⸗ hen Sie ſich ſo beharrlich jeder öffentlichen Auszeichnung, wenn es Ihnen doch Vergnügen bereitet, ſich anerkannt zu ſehen?“ fragte ſie herzlich. „Weil die Auszeichnung ſehr oft mit kaltem Herzen vorbereitet wird, und derjenige, der ſie in Anregung brachte, mehr ſein liebes Ich d ei in's Licht des Ruh⸗ mes ſetzen will, als den, welſhui er auf das Piedeſtal der Oeffentlichkeit zu ſtellen M te macht.“ „Es mag ſein, daß Sie Recht haben,“ meinte ſie nachdenkend,„aber von den meiſten Menſchen wird Ihre Beſcheidenheit als eine Nichtbeachtung beurtheilt.“). „Als eine Nichbeachtung?⸗ wiederholte Gellt mit ſchwerer Betonung, und legte ſeine ſchmalen, weißen FHände gefaltet in den Schooß.„Nein, gnädige Frau, wir Dichter lieben unſere Bewunderer, denn ſie geben unſerm Geiſte den Honig, welcher die Gedanken in unſs verſüßt und ſie in der Zuſammenſtellung der Dichtung 62 flüßig und geſchmeidig macht. Wenn wir dichten wollten, ohne uns im Geiſte mit denen zu beſchäftigen, die uns unſerer Production wegen geneigt werden ſollen, ſo würde ein harter und ungenießbarer Teig aus unſerm Gemüthe hervorgehen. Nein, meine Gnädige, die ſtolze Demuth, womit wir ein Geiſteswerk in die Welt ſenden, das wir unter den furchtſamen Bemühungen, es für Lobſpruch und Beifall reif zu machen, aus den widerſtrebenden Händen geben, dieſe ſtolze Demuth zwingt uns, unſere Perſönlich⸗ keit aus dem Bereiche jeder Kritik zu ziehen, auch wenn ſie günſtig iſt. Dem Kreiſe liebenswürdiger Freunde aber leihe ich mich mit froher Unbefangenheit, wenn er mich lobpreiſend umgibt!“* Gertrud ſtörte dies Geſpräch. Mit dem ihr eigenen Ungeſtüm trat ſie auf Beide zu, zeigte rückwärts mit der Hand und flüſterte:„Mama— ſehen Sie Margareth!“ Frau von Pröhl folgte ihrer Weiſung, und erblickte das ſchöne Mädchen in einer tiefen Verſunkenheit, todten⸗ bleich von innerlich nervöſen Aufregungen unweit der Thür ſtehen, bereit das Zimmer zu verlaſſen und von innerm Widerſtreben zurückgehalten. „Sie fürchtet ſich,“ flüſterte Gertrud, und Frau von *) Desgleichen dem vorerwähnten Briefe Gellert's entlehnt. 63 Pröhl mußte ſich zugeſtehen, daß ihre Stellung gar nicht anders gedeutet werden konnte. „Sie fürchtet ſich,“ wiederholte das junge Fräulein mitleidig nochmals.„Könnte ich für ſie hinauf gehen zu der königlich⸗kaiſerlich ſtolzen Dame, ich würde ihr beſſer gegenüber ſtehen!“ „Meinen Sie, liebes Kind?“ fragte Gellert freund⸗ lich.„Ihr Muth würde ſpäter ſinken, aber er ſänke ge⸗ wiß vor der Geiſtesmacht dieſer Dame!“ „O Herr Profeſſor!“ ſchmollte die Kleine.„Ich habe Courage! Wie ſollte Frau von Wallbott es wohl anfangen, mich zur Furcht zu bringen, da ich ihre Liebe nicht wünſche und nicht beſitze. Margareth's Furcht liegt in der Liebe, das iſt ſicher!“ Gellert tauſchte einen Blick mit Frau von Pröhl, der von Lächeln und Verwunderung gemiſcht war.„Mir wird ſelbſt ganz bange,“ flüſterte die Letztere und der Profeſſor holte tief Athem. Wußte er, was dem armen ſchönen Mädchen für Kämpfe bevorſtanden? „Sie geht!“ riefen ſie alle drei, als Margareth plötzlich die Thür öffnete und verſchwand. Rittberg, der mit ſeiner Braut koſete, und Junker Wolf, der mit dem Oberſten über die Bodenkultur ſprach, ſahen ſich um und blickten ſich dann ſcharf und bedeu⸗ tungsvoll in die Augen. Beide waren von dieſem Mo⸗ mente an zerſtreut. Gertrud aber preßte ihre Hände gegen die Bruſt und ſtöhnte ganz pathetiſch: „Ach, Mama Pröhl— wie mir mein Herz klopft! Mama, ſie wird Margareth doch nichts zu Leide thun?“ „Sein Sie unbeſorgt, mein kleines muthvolles Fräulein,“ ſcherzte Gellert. „Herr Profeſſor, Ihre Hand darauf, daß Sie der lieben Margareth ein treuer Beiſtand ſind, wenn die ma⸗ jeſtätiſche Dame ihr Herzleid zufügen ſollte.— Sie müſſen Margareth's Ritter werden!“ befahl ſie komiſch ernſthaft. Gellert reichte ihr die Rechte.„Hier meine Hand zum Pfande, kleine Freundin!“ „Ich werde Sie an dies Wort mahnen!“ ſprach ſie mit Pathos und ging zu Eloire. Frau von Pröhl ſchwieg eine lange Zeit unter ver⸗ ſchiedenartigen Gefühlen. Sie begriff nicht, wie Gertrud zu der ſichtlichen Abneigung gegen Frau von Wallbott kam, da in ihrem Familienzirkel von dieſer ausgezeichne⸗ ten Frau nur mit Achtung geſprochen worden war, bis am Morgen dieſes Tages ſich ihr Gemahl den ſcherz⸗ haften Ausfall auf ſie erlaubte. Frau von Wallbott war eine entſchieden geiſtig imponirende Dame von einer merk⸗ würdigen Anziehungskraft. Sie war noch immer eine — — 65 ſchöne Frau, groß, ſtolz und von kleidbarer Fülle. Sie liebte es freilich, ſich als erhaben über irdiſche Verhält⸗ niſſe und irdiſche Urtheile zu betrachten, aber davon wußte doch die kleine Gertrud nichts! Sie coquettirte auch ſtark mit ihrer Geiſtesmacht, allein auch das konnte ihre Pflegetochter nicht wiſſen. Worauf ſtützte dies junge Mädchen alſo ihre Furcht? Leitete ſie ein Inſtinct oder eine höhere Eingebung? Sie rüttelte ſich gewaltſam aus ihrem Grübeln auf und fragte den Profeſſor, der auch tief verſunken gewe⸗ ſen war: „Woher ſchreibt ſich Ihre Bekanntſchaft mit Frau von Wallbott, lieber Profeſſor?“ „ Dieſe Bekanntſchaft iſt ſchon vor vielen Jahren geſchloſſen, und ſpäterhin durch den Umſtand befeſtigt, daß ich ſie in Frankfurt einer großen Verlegenheit aus⸗ geſetzt fand und daß ich im Stande war ihr zu helfen. Sie begleitete ihren Neffen— nicht den Herrn von Ritt⸗ berg, ſondern den Baron Alexander von Lottum auf ſei⸗ nen erſten Reiſen. Er war noch ſehr jung, und ſie hatte nicht ohne Grund Furcht, ihn allein reiſen zu laſſen, weil er von ihr mit jener ächt weiblichen Sorgſamkeit erzogen war, die einen jungen Kavalier bei aller feinen Erziehung für alle Weltverhältniſſe unbehilflich macht. Sie hatte dieſe Reiſe eben erſt begonnen, als ſie an einem Leiden 66 erkrankte, das ihr jede weitere Reiſe unmöglich machte. Der Zufall oder Gottes Fügung brachte mich mit ihr zu⸗ ſammen. Ich hatte damals die Begleitung der beiden Barone von Einſiedel übernommen und wollte ziemlich dieſelbe Tour machen, wie Frau von Wallbott. Natürlich erbot ich mich, den Baron Alexander als Reiſegefährten mitzunehmen, und ſeitdem nun ſtehe ich in Verbindung mit dieſer Dame.“ „Aufrichtig, Herr Profeſſor,“ entgegnete Frau von Pröhl mit nachdrücklichem Weſen,„Sie verehren Frau von Wallbott?“ „Ja! Ich erkenne, wie überwiegend das Edle in ihr iſt. Sie zeigt Schwächen— wer hätte die aber nicht, meine Gnädige?“ „Dann bin ich zufrieden!“ ſprach Frau von Pröhl mit erleichteter Bruſt.„Sie iſt früh verwitwet? Hat nie Kinder gehabt?“ forſchte ſie leiſer ſprechend. „Nein, ihr Gatte hinterließ ihr ein ziemlich bedeu⸗ tendes Vermögen, aber keine Kinder. Da erſchien es ihr als eine Himmelsfügung, daß eine Schweſter ihres ver⸗ ſtorbenen Gemahls ſechs Knaben geboren hatte, wovon ſie den jüngſten an Kindesſtatt annahm. Sie hat dieſen Knaben Alexander ihren Prinzipien gemäß erzogen, und er ſoll jetzt, nach ihrer Meinung und den Urtheilen aller 67 jetzt lebenden Schöngeiſter zufolge, das Ideal einer weib⸗ lichen Muſtererziehung ſein.“ Frau von Pröhl verkannte den leiſen Spott nicht, der aus den letzten Worten hervorleuchtete. Gellert ſchlug lächelnd vor ihrem fragenden Blicke das Auge nieder. „Seine Grundſätze waren ſchon damals, wo ich ihn mit unter meine Fittige nahm, ganz vortrefflich,“ fuhr er fort,„und ſeine Selbſtbeherrſchung bewunderungs⸗ würdig! Das feurige Blut der Jugend war durch die Kunſt der Erziehung zu einer Quelle voll Ordnung und Pracht geworden. Was es dadurch an Kühle gewonnen, das erſetzt die Hitze des Geiſtes. Jetzt lebt er nur in höhern Sphären und glaubt an keine irdiſche Frivolität mehr!“ ſchloß er mit ſarkaſtiſchem Lächeln. „Er iſt alſo zu gut für dieſe Welt,“ ſcherzte mit Anſpielung Frau von Pröhl. Gellert nickte. „Haben Sie ſchon von dem jungen Wieland ge⸗ hört?“ fragte er plötzlich.— „Nein! Von Wieland?“ „Von Geiſt ein Edelmann, doch von Geburt wohl nicht!“ antwortete Gellert prompt.„Kaum zwei und zwanzig Jahre alt, und doch an Kenntniſſen unerreichbar groß, verſpricht dieſer junge Menſch die höchſte Kultur⸗ ſtufe zu erreichen, die hier im deutſchen Reiche wohl jemals erreicht werden kann, und dabei durchdringt der 1 1 68 reinſte Enthuſiasmus für Wahrheit und Tugend ſein ganzes Weſen. Dieſer Wieland iſt unſers Baron Alexan⸗ der Intimus. Mit ihm hat er jetzt die Schweiz nach allen Richtungen durchſtreift, denn Wieland lebt zeit⸗ weiſe in Zürich.“ „Das iſt denn auch wohl der Grund, weshalb er ſeine Tante nicht begleitet hat zu dieſem Hochzeitsfeſte 2* Gellert wiegte bedenklich ſein Haupt.„Hier ſcheint mir die Gewitterwolke zu drohen, worin der Blitzſtrahl für die ſchöne Margareth noch verborgen ſchlummert,“ ſagte er dann ſehr leiſe. „Mein Gott, ſo hätte Gertrud ja prophetiſchen Sinn?“ antwortete Frau von Pröhl eben ſo leiſe. „Das Kind hat inſtinktmäßig die Natur der Frau von Wallbott erkannt.“ „Natürlich, liebſter Herr, weil dieſe Natur der ihren gleicht.“ „Es bleibt dennoch bewunderungswürdig und muß mehr auf Zufall beruhen, denn der Dämon des Trotzes in Frau von Wallbott hat ſich in wunderſam ſchöne Ge⸗ wänder gekleidet. Weniger würde es mich Wunder neh⸗ men, wenn die Dame des jungen Fräuleins Naivität auf der Stelle durchſchaut hätte, als daß es umgekehrt der Fall iſt.“ „Ein Dämon des Trotzes in Frau von Wallbott? ——— ——— 69 Unglaublich!“ murmelte Frau von Pröhl und ſetzte lachend hinzu:„Ich möchte, die kluge, hochgebildete Frau wüßte um Ihren Vergleich und ſähe dann meine Gertrud in jenem Paroxismus des Eigenwillens, wo ſie mit dem Fuße ſtampft!“ „Still— wecken Sie die Geiſter der Vergangenheit nicht,“ warnte Gellert ebenfalls lächelnd,„denn ich bin überzeugt, daß Frau von Wallbott zeitweiſe noch ſehr gern mit dem Fuße ſtampft, allein für jetzt nur innerlich!“ Ein Geräuſch von außen richtete plötzlich die Auf⸗ merkſamkeit Aller nach dem Eingange, allein als Niemand erſchien, übergaben ſich Alle der Unterhaltung wieder, die feſſelnd für ſie geworden war, nur Gertrud ſchlüpfte bald darauf hinaus und kam nicht wieder. — Brittes Capitel. Der Abend brach herein. Die Sonne ſtand golden am nebligen Horizonte und färbte die Gegend mit ihrem Gluthlichte. In dieſem goldenen Abendlichte ſprengte ein Reiter wild und unbändig durch die Felder und Wieſen, die 6 1 1 70 ſich vor dem Schloſſe Rittberg in maleriſcher Abwechs⸗ lung ausbreiteten. Sein Geſicht glühte, aber nicht von dem Lichte, das außer ihm lag, ſondern von den Gefüh⸗ len, die wie Sonnenglanz ſeine Bruſt durchzogen. Der Reiter war Graf Levin von Brettow, und ſein feuriges Roß hatte ihn im Fluge von der fernen Heimath her⸗ getragen, um die Geliebte noch am Abend zu über⸗ raſchen. Graf Levin war nicht ſchön, nicht fein, aber eben⸗ mäßig geformt. Die Flammen der Jugend leuchteten aus den prächtigen dunklen Augen, lagen auf der hohen, kühn gewölbten Stirn, und verliehen ſeinem ganzen Weſen den Charakter einer gewaltigen Kraft. Seine Erſcheinung war impoſant und würde an ſeine ächt germaniſche Abkunft erinnert haben, wenn nicht das Haar und die Augen einen ſüdlichen Typus aufgewieſen hätten. Von zauber⸗ hafter Wirkung war ſein Lächeln, wenn es blitzartig über die ſtreng männlichen Züge flog. Bald lag das Schloß, das ſeine Margareth in ſich barg, im vollen Abendglanze vor ihm, und die weit geöffneten Fenſter der Beſuchzimmer redeten ihm von dem Feſte vor, das man dort vorbereitete. Ein los⸗ gelöſter Vorhang hatte ſich vom Winde herauslocken laſſen und wehte wie eine Willkommenfahne hin und her, als winke er ihm zu eilen. Glückſelig nickte der Graf mit 71 dem Haupte und ſchaute ringsum, als wolle er die Flu⸗ ren, wo ſeine Geliebte gewandelt hatte, im Uebermaße des Glückes an ſeine breite Bruſt ziehen, um ihnen zu danken, daß ſie Segen und Freude geſpendet hatten ihr zur Luſt. Verwegen ſetzte er mit ſeinem muthigen Pferde mitten durch den moraſtigen Fluß an einer Stelle, wo weder eine Furth, noch ein Wahrzeichen zu ſehen war. Das treue Thier trug ihn ſchnaufend hindurch und brachte ihn im Galopp auf den Schloßhof, wo ſeiner endlich Ruhe als Belohnung warten ſollte. Graf Levin ſprang haſtig ab, und nahm ſich kaum die Zeit, ſeinen Lieblingsrenner der Sorgfalt des Stall⸗ dieners zu empfehlen, denn er hatte oben im Fenſter ein helles Gewand geſehen, und ſein Herz ſagte ihm: daß es ſeine Braut geweſen ſei! Wie auf Sturmesflügeln erreichte er das Balüſtre, zähmte aber dann ſeine Haſt, um ſein Mädchen nicht zu erſchrecken. Er trat leiſer auf— ſeine Sporen klirrten kaum— und er ſchaute ſpähend den Corridor nach Süden und nach Norden entlang, um ſie nicht zu verfehlen. Es rührte ſich nichts! Die feierliche Stille einer Kirche waltete in dem obern Raume. Schon wollte er wieder hinab, um ſie in ihrem Zimmer, das im ſüdlichen Flügel lag, zu ſuchen, als ihm beifiel, daß ſie im Salon oder im 72 Thurmkabinet weilen könne. Er trat ein. Der feſtliche Schmuck des ſchönen Saales beklemmte ſeine Bruſt mit ſüßen Schauern, weil er ſich bewußt war, weswegen die Räume von Blumen dufteten und eine ungewöhnliche Eleganz aufzeigten. Die Bedeutung des wichtigen Tages, der ſeine Wünſche zu krönen verhieß, trat ihm näher, als ſein Blick auf die Gruppe der Myrthenbäume fiel, unter deren grünem Blätterdache ſchon mehrere Generationen des Hauſes Rittberg den Segen der Kirche zu ihrem ehelichen Bündniſſe empfangen hatten. Gerührt hing er ſeinen Gedanken darüber nach und legte ſchon jetzt im Stillen das Gelübde einer ewig unveränderten Liebe für ſein theures Mädchen ab. Plötzlich endeckte ſein ſcharfes Auge, daß hinter der Myrthenwand die Thür des Kabinettes zum ſüdlichen Thurme geöffnet war, und daß ſich in dem venetianiſchen Spiegel, der den Hintergrund dieſes präch⸗ tig ausgeſtatteten Kabinettes zierte, zwei weibliche Geſtal⸗ ten widerſpiegelten, die, ihm nicht ſichtbar, unweit der Tapetenthür und zwar hinter derſelben Platz genommen zu haben ſchienen. Er blickte ſchärfer hin, um etwas zu erkennen. Richtig. Es war Margareth und eine ſtolz⸗ blickende Dame, die ſich eben mütterlich neigte, um in das Auge des Fräuleins zu blicken. „Es iſt die erwartete Tante!“ dachte Graf Levin. „Ja, ja, dies Thurmkabinet iſt ihr feſt beſtimmtes Quar⸗ 1 73 tier für immer— es iſt Frau von Wallbott! Was ſie reden mögen? Natürlich, von unſerer ſchnell entſtandenen Liebe! Ich möchte hören, was mein liebes, zartſinniges Mädchen ſagt— daß ſie mich liebt, das weiß ich— ja ich weiß es— ich fühle es in ihrem Anſchmiegen, in ihrer lieblichen Schüchternheit, womit ſie meinen Augen ausweicht, aber wie ſie mich liebt! Wie dieſe Liebe in ihr erwacht iſt? Wird ſie dies nicht ihrer Erzieherin, ihrer Vertrauten, ihrer mütterlichen Freundin beichten? Gewiß! Sie ſpricht von Dir, Du glücklicher Menſch, und Du willſt hier ſtehen kalt, wie eine Bildſäule, während die Seligkeit Dir winkt?“ Er that einige Schritte vorwärts, blieb aber wieder ſtehen und beſchloß, den Weg durch den Corridor zu wählen. Der Graf kannte die Localität doch nicht ſo genau, wie er gedacht hatte, deshalb befand er ſich endlich nach einigen Verſuchen, die rechte Thür zu finden, in der Ver⸗ legenheit nicht mehr zu wiſſen, wo er eigentlich war. Leiſe ſchlich er vorwärts, ungeduldig auf s äußerſte und doch immer in Furcht ein indiskretes Eintreten riskiren zu müſſen. Unhörbar durchſchritt er zuletzt ein ſchmales Zimmer. Seine Sporen nur klangen leiſe und melodiſch auf dem getäfelten Fußboden. Er blieb vor einer Por⸗ tiere ſtehen, die eine halbgeöffnete Thür verdeckte. Er war 1860. XII. Gertrud. I. 5 am Ziele. Die Stimmen der beiden Damen drangen klar und deutlich zu ihm heraus. Lächelnd, mit der Zuverſicht eines glückſeligen Her⸗ zens blieb er ſtehen und hörte, wie Frau von Wallbott mit gütigem Tone ſagte: „Warum haſt Du mir aber nicht gleich nach der erſten Bewegung geſchrieben, meine liebe Margareth?“ „Was ſollte ich denn ſchreiben, beſte Tante?“ er⸗ widerte Margareth mit ihrem klingenden ſilberhellen Tone, der immer die Herzensfibern des Grafen auf⸗ regte. „Was Du mir ſo eben geſtanden haſt, daß Du uneinig mit Dir ſelbſt ſeieſt!“ „Hätte mir mein Schreiben etwa geholfen?“ fragte Margareth leiſe klagend. „Allerdings, mein theures Kind! Es würde eine einzige Erinnerung an jene ſelig reine, ſchöne Zeit, wo wir unſers jungen hochbegabten Wieland's„Plato⸗ niſche Betrachtungen über den Menſchen“ laſen, genügt haben, um die irdiſche Beimiſchung Deines Weſens wieder zu entfernen und Dich in Deinen Gefüh⸗ len zu läutern!“ „Nein, liebe Tante— ſo müſſen wir meinen See⸗ lenzuſtand nicht betrachten—“ flüſterte Margareth klein⸗ ———— laut und kaum hörbar.„Du irrſt, wenn Du glaubſt— Du irrſt!“ Frau von Wallbott hörte gar nicht auf dieſe Worte, ſondern fuhr fort: „Weißt Du wohl, daß dieſe ſeligſchöne Zeit Dir eine Verantwortung auferlegt hat? Glaubſt Du nicht, daß Alexander Rechte auf Dein Herz hat?“ Margareth hob raſch den Kopf auf und ſah ihre Tante beſorgt an. „Ich ſehe, Du verſtehſt mich, und ich habe ſomit Dir nicht zu erklären, daß die tiefgewurzelte Neigung zu Alexander den Hauptgrund zu Deinem innern Zwie⸗ ſpalte gegeben hat. Die veredelte Männlichkeit dieſes jungen Mannes, ſein Zartgefühl, ſeine Selbſtbeherr⸗ ſchung, die er in Folge ſeiner Beſtrebungen errungen, hat Dir vorgeſchwebt und Dich zu Vergleichungen bewogen, die jedenfalls dem rohen Sitten⸗ und Wiſſenszuſtande des kühnen, voreiligen Bewerbers ungünſtig ſein mußten. Seine wilde Leidenſchaft mußte Dich verletzen— ſeine heiße Liebe Dir zuwider ſein.“ Margareth machte während dieſer Rede mehrmals eine abwehrende Gebärde, die natürlich von dem entſetzt lauſchenden Grafen nicht geſehen werden konnte. Jetzt erhob ſie ſich zu dem Muthe, ihre Tante zu unterbrechen. 32 76 „Bitte, beſte Tante, höre auf mich zu quälen!“ flüſterte ſie mit ganz klangloſer Stimme. „Nein,“ erwiderte Frau von Wallbott mit harter Unerbittlichkeit gehobenen Tones fort,„nein, Du mußt hören, ehe es zu ſpät iſt, wie unverzeihlich Du gegen mich und gegen den Mann, den ich für Dich erzogen und beſtimmt hatte, gehandelt haſt. Nicht Dein Glück allein haſt Du geſtört—“ „O Tante— Tante!“ unterbrach Margareth ſie ſchüchtern.„Mein Glück—“ „Schweige, mein theures Mädchen— betheuere nicht, daß Du glücklich ſeieſt in Deinem bräutlichen Verhältniſſe. Es iſt nicht wahr! Keine Braut, die mit vollem befriedigten Herzen ihrer Ehe entgegengeht, zieht ſo verzagt und verſchüchtert die Gefühle in ſich zurück, als ſchäme ſie ſich der Liebe, die ſie fühlt. Liebe macht ſtolz und Liebe macht ſelbſtändig! Du hingegen zitterſt vor der Beurtheilung Deiner Gefühle, und das allein belehrt mich über die Natur derſelben.“ „Was wird ſie ſagen,“ dachte der Graf voller Entſetzen, und ein Grimm ohne Gleichen erfaß te ſein tief gekränktes Herz, als er die Beſchaffenheit von Mar⸗ gareth's Zurückhaltung dergeſtalt zerlegt ſah, daß ihm kein Zweifel mehr bleiben konnte. Leider ſagte das Fräu⸗ lein, im Bewußtſein ihrer geiſtigen Hilfloſigkeit, dieſer — 77 wetterdrohenden Verſuchung gegenüber nichts, ſondern ſchlug beide Hände vor das ſchöne, todtenhaft bleich⸗ werdende Geſicht. Daß ihr ganzer Körper unter der innerlichen Empörung und Aufregung erzitterte, be⸗ ſchwichtigte ihre Peinigerin nicht, denn ſie fuhr fort: „ und nicht Dein Glück allein haſt Du geſtört, liebes, theures Kind— nein, auch Alexander iſt vernichtet vor Schmerz über dieſen unvermutheten Verluſt. Er behauptet, Du gehöreſt ihm mit allen Faſern Deines Seins! Er hielt ſich Deiner verſichert ohne Erklärung. Zwiſchen Euch ſeien keine Liebesbetheuerungen nöthig— Ture Seelen ſeien verſchmolzen— Eure Herzen einig.“ Graf Levin ſtand erſtarrt. Sein Auge ſprühte Flammen, ſeine Fauſt ballte ſich und ſein Fuß ſtampfte den Boden, ſo daß die Sporen hart erklangen. Die Damen waren zu vertieft. Sie hörten es nicht. „Nun ermeſſe aber die Seelenſtärke dieſes ſchmäh⸗ lich von Dir betrogenen Mannes,“ fügte Frau von Wallbott mit tief bewegtem Tone hinzu.„Alexander wird morgen früh eintreffen.“ „Allmächtiger Gott!“ ſchrie Margareth auf. „Er hat ſeine Rückkehr aus der Schweiz beſchleu⸗ nigt, um Dich, die Blume ſeines Daſeins, zum Altare führen zu ſehen!“ „Um Gottes Willen, Tante, verhindere ſeine An⸗ kunft! Ich ertrage ſeinen forſchenden Blick nicht!“ flehte das Mädchen, in der Exaltation der unverſtandenen Herzensqual ihre Worten nicht bedenkend, nicht über⸗ legend. „Er wird— er muß kommen!“ erklärte die Dame mit der vollen Kraft des geiſtigen Uebergewichtes.„Er wird morgen kommen, um Zeit zu haben, Dein Inneres zu ſondiren—“ „Das bricht mir das Herz!“ ſtieß Margareth, machtlos ihrer Verwirrung hingegeben, in herzzerreißen⸗ dem Tone hervor. Ein Geräuſch lenkte im gleichen Momente ihre Blicke auf die Thür— dort ſtand der Graf, hoch auf⸗ gerichtet und mit niederſchmetternder Hoheit ſeine flam⸗ menden Augen zu ihr niederſenkend. „Beruhigen Sie ſich, mein gnädiges Fräulein,“ ſprach er ſchnell einige Schritte vortretend mit harter, feſter und lauter Stimme.„Beruhigen Sie ſich, Ihr Herz ſoll nicht gebrochen werden. Hier iſt Ihr Ring! Geben Sie ihn dem Glücklichen, der ſich Alexander nennt! Es wird dann ein Leichtes ſein, die Pläne auszuführen, die dieſe Dame zu beabſichtigen ſcheint!“ Margareth ſtand ſtarr und erſchrocken da, und blickte in das von Schmerz, Wuth und Leidenſchaft verzerrte ——— — ——— 79 Geſicht des jungen Mannes. Ihre Hand ſtreckte ſich me⸗ chaniſch nach dem Ringe aus, den er ihr entgegen hielt, aber ſie faßte mit dem Ringe zugleich ſeine Hand und hielt ſie in furchtbarer Kraft feſt. Graf Levin wollte ſich losringen.„Die Heiraths⸗ documente ſind bereit,“ ſprach er fort,„ob ich, oder ob der Mann, der Alexander heißt, ſie unterſchreibt, wird ſich gleich bleiben!“ „Levin!“ rief Margareth kaum ihrer Sinne mächtig. „Levin, hören Sie mich!“ „Pardon! Ich habe genug gehört, gnädigſtes Fräu⸗ lein, genug für mein ganzes Leben! Werden Sie glück⸗ lich!“ „Levin, Du mußt mich hören!“ flehete ſie ihn noch immer feſthaltend. „Ich will nichts hören!“ rief der junge Mann wild und entriß ſeine Hand mit Gewalt ihren zarten Händen, die ſie umklammert hielten.„Ich will nichts hören! Wer kann mich zwingen, das noch einmal zu vernehmen, was mein Herzblut ſtocken gemacht hat!“ Er ſtürzte hinaus und ließ Margareth vernichtet zurück. Als der Graf, ſchwankend, wie ein Halbberauſchter den Ausweg aus dem Labyrinthe der Zimmer und Kabi⸗ nette wieder gewonnen und endlich das Balüſtre erreicht hatte, ſtieg der Schloßherr, von unbeſtimmten Ahnungen aus der Unterhaltung mit ſeiner Braut aufgeſcheucht und zu dem Thurmkabinette hinaufgetrieben, gerade die nörd⸗ liche Treppe hinauf, und ſah, wie der Graf ſich auf die Baluſtrade ſtützte, um nicht umzuſinken. In derſelben Minute ſtand Rittberg aber auch neben ihm und ſah ihm beſorgt in das entſetzlich verſtörte Geſicht. „Wohin wollen Sie, Levin? Was iſt Ihnen?“ fragte er haſtig ſeine Hand faſſend. „Wohin ich will?“ wiederholte der junge Edelmann im dumpfen Bewußtſein ſeines ewigen Unglückes. Er ſchien nachzudenken.„Am liebſten aus der Welt— am liebſten in ein kühles, ſtilles Grab,“ ſetzte er dann ein⸗ tönig, aber ſehr feſt hinzu.„Doch ſeien Sie unbeſorgt, Rittberg, ich will jetzt nur zu Haus!“ „Was ſoll dies bedeuten, Graf? Was iſt vorge⸗ fallen? Wilder, leidenſchaftlicher Mann— faſſen Sie ſich! Es muß ſich ja zwiſchen uns ein Weg der Verſtän⸗ digung finden laſſen!“ „Verſtändigung?“ fragte Graf Levin ganz gefaßt und kalt.„Ich habe hinreichend gut Alles verſtanden und begriffen! Leben Sie wohl!“ „Ich kann, ich darf Sie nicht gehen laſſen, Graf,“ erklärte Rittberg aufgeregt.„Meine Ehre— meiner Schweſter Ehre ſteht auf dem Spiele!“ „Fragen Sie nur die, welche ich noch vor wenigen — 8 81 Minuten„meine weiße Taube“ genannt, welche ich un⸗ ſäglich geliebt, welche ich wie Gott ſelbſt angebetet habe. Fragen Sie Margareth!“ Er wendete ſich, eilte die Treppe hinab und warf ſich, zum Schrecken des Stalldieners, auf ſein erſchöpftes Pferd. Wie weit er auf dieſem treuen Thiere gekommen iſt, weiß Keiner. Es fand ſich am andern Tage, faſt zu Tode gehetzt, an ſeiner Stallthür ein. Vom Grafen Levin aber wußte Niemand, wo er geblieben ſei. Biertes Capitel. Von Befürchtungen gefoltert, ſchritt Rittberg merk⸗ lich beeilt den Corridor entlang auf das Thurmzimmer ſeiner Tante zu. Er kannte nur allzuwohl die dämoniſche Einwirkungskraft der nach den höchſten Bildungsſtufen ringenden Frau, um nicht alles Schreckliche erwarten zu müſſen, und ſeine Einbildung malte ihm einen Auftritt, der ſich auf dieſes Feld ihrer Herrſcherlaune bezog. Daß die Beleidigung ſeines Schwagers weit tiefer in's Herz ſchneidend ſein könne, dachte er trotz der ſichtlichen Ver⸗ ſtörtheit des Grafen doch nicht. — ———— 82 Indem er im Begriffe war die Thüre des Kabinetts zu öffnen, hörte er ſich rufen, und zurückſchauend bemerkte er den Junker Wolf, der, ebenfalls von einer Unruhe ſeltſamer Art befallen, den Eßſaal verlaſſen hatte und auf den Hof getreten war, als der Graf jagend das Schloß verließ. Rittberg ging ihm entgegen.„Um Gotteswillen!“ rief der Junker beſtürzt,„was iſt vorgefallen? Mein Vetter hat in einem Zornanfalle ſeine Braut verlaſſen! Was iſt geſchehen?“ „Ich weiß es nicht!“ berichtete Rittberg.„Eilen Sie Ihrem Vetter nach— halten Sie ihn irgendwo auf— benachrichtigen Sie mich— nehmen Sie meinen treuen Johann mit— die ſchnellſten Pferde— nur ſchnell— ſchnell, damit Sie ihn einholen, Wolf!“ Der Junker verbeugte ſich und ſprang die Treppen wieder hinab.„Ich fürchte, hier hilft keine Eile,“ mur⸗ melte er unterwegs;„mir ſcheint bei dem Brettow'ſchen heißen Blute Alles verloren. Arme Margareth!“ Rittberg trat unverzüglich in das Kabinet. Er fand ſeine Tante ruhig im Kanapé ſitzend, das Lächeln inner⸗ licher Befriedigung auf dem ſtolzen, noch immer ſchönen Antlitze, während Margareth mit krampfhaft verſchlun⸗ genen Händen am Fenſter ſtand und unverwandt in’'s Thal hinabſchaute. 83 Die Sonne war nun ganz hinabgeſunken und nur ein rother Streifen am Horizonte bezeugte noch ihr Ver⸗ ſchwinden. Der Nebel breitete ſeine grauen Flügel über die Erde hinweg, eine heilige Stille begann einzukehren und eine erquickliche Ruhe waltete bald überall. Herr von Rittberg legte im Impulſe ſeiner brüder⸗ licher Würde den Arm um Margareth und ſah ſeine Tante mit einem ziemlich ſtrengen und herausfordernden Blicke an. Margareth blickte wie eine Träumende in die Weite, wo eben ein Roß mit einem Reiter im Nebellichte des dämmernden Abends verſchwand. Ihr Finger deutete dorthin, als ſie ſich hilfsbedürftig an die Bruſt des Bru⸗ ders lehnte und leiſe flüſternd zu ihm ſprach: „Verloren! Alles verloren!“ Frau von Wallbott kam ſeiner Frage nach der ſchweren Bedeutung dieſer Worte zuvor, und ſetzte ihren Neffen mit kurzen, beflügelten Worten von dem Vor⸗ gefallenen in Kenntniß. „Keine Klagen und keine Scenen, mein beſter Reinhard,“ ſchloß ſie befehlend.„Ich wünſche, daß ſich Margareth von jetzt an bis zur Ankunft Alexander'’s überlaſſen bleibt, damit ſich ihre Seele erſt wieder zurecht findet, damit ſich ihr Gemüth beruhigt.“ „Und mein Herz?“ fragte das junge Mädchen bitter. „Dein Herz wird unter den Beſchwichtigungen der wieder hergeſtellten Seelenruhe bald wieder vernünftig pulſiren,“ entſchied Frau von Wallbott kurz.„Uebernimm meine Entſchuldigung bei Deinen Gäſten, lieber Neffe, und ſchweige, ſelbſt gegen Elvire, von dem, was hier ge⸗ ſchehen iſt. Morgen wird ſich das Weitere finden. Mar⸗ gareth kann bei mir bleiben.“ Ob Margareth bei ihr zu bleiben Luſt hatte, danach fragte ſie gar nicht. Aber Rittberg kam ſeiner Schweſter zu Hilfe. „Wenn Margareth ungeſtört ihre Seelenruhe wie⸗ der zu erlangen ſuchen ſoll, ſo muß ſie allein bleiben, und nicht unter den Rathſchlägen einer Tante, die ihr Em⸗ pfindungsſyſtem lenken und leiten kann,“ ſprach er ernſt⸗ haft.„Ich werde meine Schweſter in ihr Zimmer gelei⸗ ten und bei unſern Gäſten ihre Abweſenheit durch Kopf⸗ weh entſchuldigen.“ „Das iſt mir auch genehm, denn ich liebe es, meine Gedanken auszuruhen, nachdem ich etwas erlebt habe, was mich tief zu beſchäftigen vermag. In einer einſamen Stunde gelingt mir dies beſſer und außer für Margareth würde ich mein Zimmer für Jedermann ver⸗ ſchloſſen gehalten haben,“ entgegnete die Dame etwas pikirt von dem Ernſte ihres Neffen, der ſich anſchickte mit Margareth das Zimmer zu verlaſſen. 8⁵ „Noch eine Frage, liebe Tante, bevor ich Sie ver⸗ laſſe,“ ſagte er dicht an der Thür ſteben bleibend.„Ver⸗ binden Sie eine Abſicht mit dem für mich unerwarteten Eintreffen des Herrn Alexander von Lottum?“ „Ja, mein hochgeſchätzter Neffe,“ antwortete ſie hochfahrend. „Sie können doch nicht wollen, daß ſich Marga⸗ reth ſo leichtſinnig beweiſen ſollte, ſtatt des Grafen Le⸗ vin, jetzt den Herrn Alexander von Lottum zu heirathen?“ „Wäre dies leichtſinniger, als eine Heirath mit einem ungebildeten, roh leidenſchaftlichen Manne, den Margareth erſt ſeit Wochen kennt, während ſie mit Ale⸗ rander's Individualität ſeit Jahren vertraut iſt?“ fragte die Dame mit einer ſo abweiſenden Härte, daß man an Herzloſigkeit dabei denken konnte.„Uebrigens habe ie nicht Luſt, mich in Antworten zu verſtricken, die für ein Verhältniß, das ich nicht beſtimmen, ſondern nur wün⸗ ſchen kann, ganz unweſentlich ſind. Ich enthalte mich aller Einwirkungen auf Margareth's Gemüth und fordere von Dir daſſelbe. Was dann kommt, iſt Gottes Beſtimmung!“ Sie reichte dem jungen, ſtill nachſinnenden Mädchen die Hand, küßte ſie auf die Stirn und ſagte mit ganz ver⸗ ändertem Tone:„Du weißt, ich liebe Dich, mein Kind— ſchlafe ruhig und ſüß!“ „Was dann kommt, iſt Gottes Beſtimmung!“ 86 murrte der junge Schloßherr, als er ſeine Schweſter ſchweigend in ihr Zimmer gebracht und den beſtimmten Befehl ertheilt hatte,„ſie nicht zu ſtören und Niemanden, wer es auch ſei, zu ihr zu laſſen.“ „Mir ſcheint hier eine Gottesbeſtimmung von Menſchenworten zertrümmert zu ſein! Hätte ich nur den Grafen nicht fortgelaſſen! Meine Beſtürzung hat mir einen üblen Streich geſpielt. Warten wir ab, was Jun⸗ ker Wolf ausrichtet!“ Mit dieſem Selbſtgeſpräche ſchloß er für den Au⸗ genblick jeden Gedanken an die fatale Unterbrechung ſeines Seelenfriedens und bemühte ſich, ſeine Gemüthsſtimmung vor ſeinen Gäſten zu verbergen. Es gelang ihm ganz gut. Profeſſor Gellert war ehr guter Laune und der Oberſt von Pröhl ſchwelgte hentlich in der Freiheit, an dieſem Abende noch unge⸗ ſtört„donnerwettern und ſakriren“ zu können. Man trennte ſich früh, weil man ermüdet war, und als der Schloßthurm die zehnte Stunde verkündete, herrſchte ſchon der lautloſe Frieden einer gewünſchten Nachtruhe in allen Räumen des Schloſſes. Ob aber Alles ſchlief, was ſtill war? Im nördlichen Thurme ſeufzte ein junges, zartes DStimnuchen ganz vernehmlich, als es zehn Uhr ſchlug, —ᷣꝓꝓ —— 87 und daſſelbe Stimmchen fragte ſchüchtern:„Schläfſt Du, Elvire?“ „Nein, noch nicht, mein Trudel—“ entgegnete Elvire ſchmeichelnd.„Ich betrachte mir nur ſtill die Bilder, welche der Mond auf meinem Bettvorhang malt.“ Gertrud richtete ſich furchtſam in die Höhe.„Ach! Elvire— mir iſt mein Herz ſo ſchwer, ſo übervoll! Ich habe ein Geheimniß! Ich möchte es Dir vertrauen! Ich kann nicht davor ſchlafen.“ „Nun, ſo beichte los, Du närriſches Kind,“ rief Elvire ermunternd.„Warum haſt Du Dein übervolles Herzchen denn nicht ſchon früher geöffnet?“ „Ach, Elvire— es iſt etwas Erſchreckliches, was ich Dir zu ſagen habe— die Wände dürfen es nicht hören. Erlaubſt Du, daß ich zu Dir hinüberkomme?“ fragte das Mädchen kindlich. Elvire lachte.„Darauf läuft es mal wieder hinaus, das Kind fürchtet ſich!“ „Nein, gewiß nicht!“ betheuerte Gertrud eifrig, verließ aber deſſenungeachtet ſchleunig ihr großes, mit Vorhängen geſpenſtiſch drappirtes Bett, und nahm eilig von dem Plätzchen Beſitz, das Elvire ihr bereitwillig ein⸗ räumte. Es fiel dieſer jungen Dame gar nicht ein, daß ſich wirklich in dem kindiſchen Herzen der Pflegeſchweſter ein Geheimniß befinden könne, ſie hielt dies Vorgeben nur für einen Kunſtgriff, das Alleinſchlafen in dem breiten fremden Bette zu umgehen, und war um ſo mehr er⸗ ſtaunt, als Gertrud heimlich flüſternd begann: „Haſt Du denn nicht bemerkt, daß ich den Speiſe⸗ ſaal gleich nach Margareth verlaſſen habe? Ach, die arme, arme Margareth!“ Elvire ſtutzte und fragte weiter. Ihr war der leichte Schatten der Verſtörung, der das Schloß zu durchdrin⸗ gen ſchien, nicht ganz entgangen, allein ſie ſchob den Grund dazu auf die Ankunft der Frau von Wallbott, die als höchſt anſpruchsvoll geſchildert wurde. „Denke Dir, ich war hinaufgegangen in den Sa⸗ lon, um mir mein Klöppelzeug zu holen, das ich auf dem Tiſche unter den Myrthenbäumen liegen gelaſſen hatte. Aber, ich will Dir's geſtehen, ich war auch etwas beſorgt und neugierig, was Frau von Wallbott zu Margareth ſagen würde.“ „Das kann ich mir denken!“ ſchaltete Elvire ein. „Als ich mich eben hinter der Myrthenwand, wo der Altar ſtehen ſoll, niederlaſſen wollte, da ſah ich einen Reiter durch den Fluß ſprengen. Ich ſage Dir, Elvire, mit einer Haſt und Kühnheit, als gälte es ſein Leben zu retten, und in demſelben Augenblicke öffnete auch Frau von Wallbott eine Tapetenthür dicht neben mir, von 89 deren Daſein ich gar keine Ahnung gehabt hatte. Was ſie bis dahin aiſeo hen haben, das hatte ich nicht ver⸗ ſtehen können, aber was ſie jetzt ſprachen, das verſtand ich, ohne es zu begreifen. Darauf kommt aber gar nichts an, liebſte Elvire. Das Schlimmſte war, daß ich ſtill hinter der Fenſterdraperie ſitzen bleiben mußte und daß ich plötzlich den Reiter in den Salon treten ſah. Es war alſo der Graf Levin geweſen.“ „Kind, Kind, Du träumteſt wohl?“ fragte Elvire, ſich aufrichtend und dem jungen Mädchen in's Auge ſchauend. Gertrud ſchüttelte aber traurig lächelnd den Kopf und verſicherte auf's Gewiſſen, wach geweſen zu ſein. Sie erzählte nun die ganze Scene, wie ſie ſich zu⸗ azund mie ſie geendet hatte, wobei ſie nicht unter⸗ zig zu erörtern, daß ſie zuletzt ſo kühn ge⸗ edurch die Ritze der Thüre zu blicken. „O, Elvire, und Du hätteſt den Grafen ſehen ſollen,“ ſchloß ſie begeiſtert ihre Hände zuſammenpreſ⸗ ſend.„Er ſah ſo prächtig aus, wie ein Gott, als er muthig den Ring in Margareth's Hand legte, als er ſagte, daß er genug gehört hätte für ſein ganzes Leben! Aber Elvire— der Graf Levin that Margareth Unrecht! Glaube mir, ſie liebt ihn viel, viel mehr als den häßli⸗ cchen, abſcheulichen Alexander, den ihre Tante zu ihrem Gatten beſtimmt hat.“ 1860. XII. Gertrud. I. 6 90 „Kennſt Du denn Herrn Alexander von Lottum?“ fragte Elvire frappirt von den Dejehungin, die das junge Mädchen gebrauchte.„Häßlich und abſcheulich iſt er?“ 6 „Das weiß ich nicht, ſondern ich denke mir's bloß,“ eiferte das junge Fräulein.„Hätteſt Du den Grafen nur geſehen, wie er vor Margareth ſtand und ſeine Augen lauter Flammen und Blitze waren. Wenn er nur wüßte, daß nur die weiſe Dame Wallbott die ganze Verwirrung angerichtet hätte. Margareth konnte ja gar nicht zu ſich kommen. Ihre Tante redete immer zu und ſolche hoch⸗ trabende Dinge, daß Margareth gewiß erſt erkannt hat, wen ſie mehr liebt, als es zu ſpät war.“ „Ja wohl— zu ſpät!“ entgegnete voll, tadelte jedoch im Innern die Zag Braut, die nicht gewagt hatte mit einem Worte voll Energie den Werth des Mannes zu vertheidigen, den ſie ſich zum Gatten erwählt hatte. „Siehſt Du, Elvirchen, das iſt mein Geheimniß, weshalb ich nicht ſchlafen konnte, aber auch meiner Ent⸗ ſchlüſſe wegen mußte ich Dich noch ſprechen, bevor ich einſchlief. Margareth muß der Frau von Wallbott zum Trotze den Grafen heirathen und muß ihr zum Aerger unausſprechlich glücklich mit ihm leben!“ ———— 91 „Zu der Verwirklichung dieſer Träume iſt aber blutwenig Ausſicht, Kleine!“ „Oho, höre nur meine Entſchlüſſe!“ fiel das Mädchen pathetiſch ein.„Ich wähle mir einen Vertrau⸗ ten. Entweder den Junker Wolf oder den Profeſſor Gellert. Denen ſage ich, daß Margareth keineswegs den Alexander von Lottum lieb hat.“ „Wodurch willſt Du denn dieſe Behauptung beweiſen?“ „Dadurch, daß ich es behaupte, Elvire!“ trotzte Fräulein Gertrud. „Ach ſo! Ja, ob jedoch Graf Levin Deinem Worte Gewicht beilegen wird?“ „Elvire, beleidige mich nicht!“ fuhr das Fräu⸗ lein heftig auf.„Der Graf wird und muß mir glauben, wenn ich es ſage.“ „Ja freilich, der Verwandtin des Feldmarſchall Excellenz glaubt er es ſicher!“ ſpottete Elvire.„Und wenn er es nun auch glaubt, was nützt ihm das bei der Ausſicht, Margareth in nächſter Zeit als Frau von Lottum begrüßen zu müſſen?“ „Eben, Elvire, um dies zu verhindern, muß ich mich ſchnell einem Vertrauten entdecken und dieſen Vertrauten an den Grafen abſenden. „Zu ſolchen Miſſionen möchte ſich der Profeſſor 6* —— — 92 Gellert ſchwer bereitwillig finden laſſen, kleine Heldin,“ meinte Elvire;„denn da der Graf auf den Flügeln der Abendröthe fortgeflogen iſt, ſo möchten wohl die Flü⸗ gel der Morgenröthe nöthig ſein, um ihn einzuholen.“ „Du haſt Recht! Es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als den Junker in's Vertrauen zu ziehen!“ „Haſt Du dazu Muth?“. „Warum denn nicht?“ fragte Gertrud unbefangen. „Onkel Excellenz würde tüchtig lachen, wenn ich einem Junker gegenüber keinen Muth hätte.“ „Still, ſtill! Dem Onkel Excellenz dürfteſt Du mit dieſer Geſchichte wohl kaum unter die Augen treten, ohne einen Verweis befürchten zu müſſen.“ Gertrud ſchwieg und dachte nach.„Was fange ich nur an, um Margareth mit dem Grafen verheirathet zu ſehen. Sie müſſen ſich durchaus heirathen! Ich ruhe nicht eher!“ „Vor allen Dingen würde dazu nöthig ſein, daß ſich Margareth nicht überreden läßt, ein neues Bündniß zu ſchließen,“ meinte Elvire.„Das Weitere würde der Zukunft anheim fallen müſſen.“ „ Ja, Elvire! Du haſt das Rechte getroffen!“ rief Gertrud lebhaft angeregt.„Ueberredungskünſte der weiſen Tante Wallbott müſſen außer Kraft geſetzt werden, und dazu kann der Profeſſor uns verhelfen. Ich werde ihm in —— — früheſter Frühe einen Beſuch auf ſeinem Zimmer machen, ihm meine Erlebniſſe mittheilen—“ „Ganz ſpeciell?“ fragte Elvire dazwiſchen.“ „Ja, ganz ſpeciell und ohne Rückhalt. Nicht ein Wort werde ich ihm verhehlen. Ganz ehrlich, wenn ich mich auch meines Horchens ſchämen muß, will ich ihm die Wahrheit ſagen und es ihm überlaſſen, auf welche Weiſe er helfen will. Er muß Margareth's Ritter wer⸗ den, denn er hat es mir gelobt!“ ſchloß Gertrud mit Begeiſterung und ſchmiegte ihren Kopf ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt in die weichen Kiſſen. „Biſt Du fertig mit Deiner Beichte, Kleine?“ fragte Elvire, die ihre Anſtalten zum Schlafen ſehr gut zu deuten wußte. 4„Ja, Elvirchen, ja! Nun bin ich müde!“ antwor⸗ tete ſie ſchon ſchlaftrunken. „Dann wirſt Du gut thun, erſt wieder Dein Bett aufzuſuchen!“ „Ach— laß mich hier ſchlafen— wir haben Platz— bitte, ſchönſte Elvire!“ Elvire lachte, ertheilte der Schmeichlerin einige Klapſe auf die Hände, welche ſie um ihren Hals zu ſchlin⸗ gen ſuchte, und ſpottete: 1 „Du rühmſt Dich beſtändig Deines Muthes, und fürchteſt Dich allein zu ſchlafen?“ 94 „Ja, das iſt auch ganz etwas Anderes,“ ſeufzte das Fräulein und legte ihr K öpfchen dicht an ihre Pflege⸗ ſchweſter heran. Noch eine Minute— und ihr tiefes Ath⸗ men zeigte, daß Elvire b der Schlummergott ſie herzhaft geküßt hatte. etrachtete mit ſtiller Freude das friſche, roſige Geſicht neb tung des Mondes en ſich, das ſelbſt in der halben Beleuch⸗ nichts von ſeinem lebensvollen Reize einbüßte. Eine Fluth von Gedanken überſtürzte ſie dabei und ihr Herz bebte im Mitgefühle, wenn ſie der Troſt⸗ loſigkeit Margareth's gedachte, die durch eigene und fremde Schuld in eine Lage verſetzt worden war, welche keinen erfreulichen Ausweg zeigte. „Ob Margareth wohl ſchläft?“ fragte ſie ſich ge⸗ dankenſchwer, und der Wunſ trauen ihrer zukünftigen Schwägerin gewinnen zu können, um ihr mit Rath und That zu helfen. Als der erſte Morgenſonnenſtrahl vom nordöſt⸗ lichen Horizonte ſich durch das Fenſter ſtahl, über das Bett hinflog und das Geſicht der beiden holden Schläferinnen ſtreifte, da ſchlug Gertrud verwundert die Augen auf, und fand ſich zu ihrem Erſtaunen ne⸗ ben Elviren. Schnell ſchlüpfte ſie in ihr eigenes Bett zurück und kroch ſogleich lachend unter die Bettdecke, als Elvire ihr ſpottend nachrief:„Was würde wohl der ſächſiſche Feldmarſchall zu der Tapferkeit ſeiner ch ſtieg in ihr auf, das Ver⸗ —,— Muhme Gertrud von Spärkan ſagen, wenn er dies nächtliche Abenteuer erführe!“— Um dieſelbe Zeit, wo Fräulein Gertrud mit erleich⸗ tertem Herzen den Armen des Schlummers ſich übergab, ſaß Margareth von Rittberg noch immer bewegungslos in ihrem Zimmer und grübelte über die Tagesereigniſſe nach. In der nächtlichen Stille ſammelten ſich die Geiſter der Erinnerung und beſtürmten ihr Herz mit tauſend ſüßen Verheißungen. Die Schwerkraft des Kummers läuterte ihre Zweifel und erleuchtete die dunkeln Stellen ihres Innern, die ihre Entzweiung mit ſich ſelbſt ver⸗ anlaßt hatten. Ihr Charakter bildete ſich in dieſer nächtlichen Selbſtſchau ſchneller und ſicherer aus, als durch jahrelanges Stillleben. Was ſie dabei litt, wurde ihr durch Hoffnungen verſüßt, und ſelbſt für den Fall, daß ſie die Vereinigung mit demjenigen, welchen ſie liebte, noch auf unbeſtimmte Zeit vertagt ſah, fühlte ſie in der Gewißheit ſeiner leidenſchaftlichen Zärtlichkeit einen Bal⸗ ſam, der ihr genügſam wünſchendes Herz befriedigte. Aber es thürmten ſich Berge von Widerwärtigkeiten vor ihr auf, wenn ſie die nothwendige Sichtung ihrer Ver⸗ hältniſſe überblickte, und die eben gemachten Erfahrungen hatten ſie belehrt, welch' ein ſchwaches Rohr ſie im Sturme des Conflictes abgab. Was dunkel als Wunſch den ganzen Abend über in ihr geſchlummert hatte, das 96 wachte in der heimlichen Ruhe der Nacht zu einem lei⸗ denſchaftlichen Verlangen auf. Sie mußte ihren Bruder ſprechen! Sie mußte an ſeinem treuen, liebevollen Her⸗ zen Schutz ſuchen und ihr Herz mit allen Falten vor ſeinen Augen entſchleiern. Daß er nicht zu ihr gekommen und ſie mit zarter Sorge befragt und beruhigt hatte, das lag in dem Verſprechen, welches er ſeiner Tante gelei⸗ ſtet; aber was band ſie denn, den Platz zu ſuchen, wo die reinſte Zuneigung ihr eine Stätte bereit hielt. Was hinderte ſie, jetzt in der ungeſtörten Einſamkeit der Nacht ihn aufzuſuchen zu ihrem Troſte? Lauſchend trat ſie an die Thür. Kein Laut drang zu ihren Ohren. Das Geſinde hatte die Räume des Schloſſes längſt verlaſſen. Todtenſtille lagerte in den weiten Hallen. Raſch entſchloſſen nahm ſie eine Kerze vom Tiſche und ging durch die Vorhalle hindurch nach dem andern Flügel, wo ihr Bruder wohnte. Sie klopfte leiſe an ſeine Thür— er öffnete ſogleich, und ſein freudig aufglänzender Blick bewies, daß er denſelben Gedanken gehegt hatte, wie ſie. Einnige Fragen und einige Antworten genügten, um zwiſchen den Geſchwiſtern Alles klar zu machen, und wenn Graf Levin jetzt Ohrenzeuge bei dieſem Geſpräche hätte ſein können, ſo würde er zufriedener geweſen ſein. Die Mitternachtsſtunde war längſt vorüber, als 97 Rittberg ſeine Schweſter ſorgſam wieder zu ihrem Zim⸗ mer begleitete. Margareth hatte geweint, heftig, anhal⸗ tend und bitter geweint, aber ihre Thränen waren gefloſ⸗ ſen, als ſie von eines Bruders Armen umſchlungen an einem theilnehmenden Herzen geruht hatte. „Bete zu Gott, dem ſtarken und mächtigen Vater aller Weſen, um Gnade, meine theure Margareth,“ flüſterte er beim Abſchiede.„ Er allein kann die Wirrniſſe eines unſeligen Augenblickes zum Guten wenden. Dein Unglück kann ich verhindern, allein das verſcherzte Glück zurückrufen kann, darf und werde ich nicht! Wir wollen tragen, was das Schickſal für uns bereit hält, und Dein friſcher Jugendmuth wird vielleicht die Wunde leichter heilen, als wir jetzt hoffen. Deine Wünſche, die Du jetzt in meine Bruſt niedergelegt haſt, werde ich treulich erfül⸗ len! Ruhe ſanft aus von dem erſten ſchweren Lebenstage, der mit einem ſchwarzen Kreuze gezeichnet iſt!“ Er küßte ſie innig und ließ ſie in großer Bewegung aus ſeiner brüderlichen Umarmung. 98 Fünftes Capitel. Der neue Tag war angebrochen— ein Tag voll wol⸗ kenloſer Heiterkeit. Blitzend fuhren die Sonnenſtrahlen in dem Fluß entlang, wenn ein friſcher Windhauch das Waſſer bewegte, und ellenlange Sonnenfäden zogen Netze vor dem Thurmfenſter, an welchem Elvire ſtand und ihr reiches braunes Haar flocht. Gertrud lag noch ſchläfrig und unluſtig zum Auf⸗ ſtehen in ihrem großen Gardinenbette, das ſie jetzt im Sonnenſcheine ganz ausgezeichnet fand. Sie definirte eben ihrer Pflegeſchweſter höchſt weiſe den Begriff„furchtſam“ und ſtellte ihn als weit edler auf, wie„feige“, was El⸗ vire widerſtritt und Beides gleichbedeutend fand, als es ziemlich bemerkbar an ihre Thür pochte und der würdige alte Kammerdiener des Hauſes von außen„ein Kompli⸗ ment von ſeinem gnädigen jungen Herrn an Fräulein Elvire von Uslar beſtellte, und ſein gnädiger Herr ließe das gnädige Fräulein um einen Morgenſpaziergang er⸗ ſuchen!“ „Alter Herr,“ ſchrie Gertrud mit Aufbietung aller Lungenkraft.„Alter Herr, und das gnädige Fräulein 8 Gertrud ſoll nicht mit ſpazieren gehen?“ — 99 „Nein,“ entgegnete der Kammerdiener ſehr be⸗ ſtimmt,„der gnädige Herr hat mir ausdrücklich befohlen: „nur Fräulein Elvire von Uslar!“ Aergerlich warf ſich das Fräulein in ihr Bett zu⸗ rück und ſchmollte:„Gut, ſo ſtehe ich gar nicht auf, ſchlafe den ganzen Tag und bekümmere mich nie wieder um Dich! Rittberg iſt unerträglich langweilig— ich be⸗ greife nicht, wie Du den lieb haben kannſt. Ich kann ihn durchaus nicht leiden! Ich haſſe— ich verachte ihn!“ „Das freut mich!“ erklärte Fräulein von Uslar lakoniſch. „Das freut Dich?“ wiederholte Fräulein von Spär⸗ kan ärgerlich und richtete ſich von ihren Kiſſen ſtraff in die Höhe. „Ja wohl, denn mir war bange, weil ich den „ſchönſten“ Mann mein nennen ſollte—“ „Den ſchönſten,“ ſchrie Fräulein Trudchen, ganz vergeſſend, was ſie Tags zuvor erklärt hatte.„Bilde Dir doch nichts ein. Junker Wolf iſt hundertmillionen Mal hübſcher, als Rittberg.“ „Oder den klügſten?“ „Unſinn! Unſinn! Junker Wolf iſt weit geiſtrei⸗ cher und klüger.“ „Oder den reichſten?“ „Narrenspoſſen! Wenn Junker Wolf mich hei⸗ rathet, iſt er eben ſo reich!“ „Oder den beſten Mann,“ ſchloß Elvire mit merk⸗ licher Innigkeit ihre Recapitulation. „So? Wer iſt denn hinter dem Grafen Levin her⸗ geritten wie eine Windsbraut,“ höhnte Fräulein Gertrud, „der armen Margareth zu Liebe? Kein Anderer, als der reizende, vortreffliche Junker Wolf, während Herr Rein⸗ hard Bünau von Rittberg kaltherzig zu Haus blieb und heute Morgen mit Fräulein von Uslar ganz gemüthlich ſpazieren gehen will!“ 1 „Hierin kann ich Dir nicht widerſprechen, kleine Rechthaberin,“ lachte Elvire,„allein da Du Dich deſſel⸗ ben Egoismus ſchuldig zu machen gedenkſt, ſo haſt Du alle Veranlaſſung meinem Verlobten Verzeihung zu ge⸗ währen.“ „Ich ſoll mich des Egoismus ſchuldig zeigen, Elvire?“ fragte Gertrud entrüſtet.„Wie ſo denn? Er⸗ kläre mir doch, was Du meinſt?“ „Mit wenigen Worten! Rittberg geht ſpazieren, ſtatt ſich für das Unglück ſeiner Schweſter zu intereſſiren, und Du beſchließeſt zu ſchlafen, ſtatt die Hilfe des Pro⸗ feſſors für Deine arme Margareth in Anſpruch zu nehmen!“ Mit einem zierlichen, aber für die Decenz etwas 101 gewagtem Sprunge war das junge Mädchen aus dem Bette und zog ſich in fliegender Eile an. Elvire ſah ihr ganz erſtaunt zu. „Ach, das hatte ich ja ganz verſchlafen, Elvire!“ ſtöhnte ſie kläglich.„Ja, ich muß ſogleich hin zum Pro⸗ feſſor, ehe es zum Frühſtück läutet! Ach, hilf mir doch!“ „Laß doch die Kammerjungfer kommen!“ meinte Elvire kaltblütig. „Die Kammerjungfer? Wie dumm Du biſt! Wenn die mich anputzt und dann ſieht, daß ich ſpornſtreichs zum Profeſſor laufe, ſo macht ſie doch gewiß ihre Randgloſſen, und eine Kammerjungfer behält ihre Randgloſſen nie für ſich. In einer halben Viertelſtunde wüßte Frau von Wallbott's Zofe von meinem Beſuche, und die ganze Ge⸗ ſchichte käme eher der ſuperfeinen, überklugen Dame zu Ohren, als Gellert handeln könnte.“ Fräulein von Uslar mußte zugeben, daß ihre Pflege⸗ ſchweſter weit mehr Anlage zur Diplomatie habe, als ſie. Stillſchweigend unterzog ſie ſich jeder Hilfe, die Ger⸗ trud nothwendig war, ordnete ihr zierliches Negligee, legte ihr das Haar in friſche Flechten und entließ ſie endlich mit einem ermunternden Kuße, als die Kleine ſagte:„Weißt Du, Elvire, jetzt beginne ich Herzklopfen zu fühlen. Wenn der Profeſſor nur nicht verdrießlich aufgeſtanden iſt.“ „O, Du biſt ja doch ſonſt die tapfere Verwandte eines ſächſiſchen Feldmarſchalls,“ wendete Elvire ein, und klopfte ihr die etwas ſtark gerötheten Wangen. „Ja, Elvirchen— aber vor verdießlichen Männern und vor Geſpenſtern fürchte ich mich!“ Sie eilte aber dennoch an die Thür, horchte ein Weilchen nach dem Corridor hinaus und flog wie ein ſchüchternes Vögelchen blitzſchnell durch die verſchlun⸗ genen Gänge des Schloſſes nach dem Zimmer zu, das ihr Tags zuvor als das von Gellert bezeichnet wor⸗ den war. Während Gertrud ihrer Miſſion ſich entledigte, kleidete ſich Elvire auf das ſorgfältigſte an. Ganz den Regeln der gewöhnlichen Negligeetoilette zuwider ſchlug ſie ſelbſt die langen Paradelocken, die von beiden Seiten dicht über den Ohren von oben aus dem Chignon fallen mußten, um die Finger, und ließ ſie ſelbſtgefällig im Sonnengolde ſich ſchaukeln. Ein zärtliches Verlangen, ihrem Verlobten, der eine ſo ſchöne Schweſter beſaß, ge⸗ fallen zu wollen, machte ſie wähleriſch und vorſichtiger in ihrem Anzuge, und da ſich ihr guter Geſchmack nicht ver⸗ griffen hatte, ſo war ſie nach kurzer Zeit, verklärt von der Erwartung der Liebe, eine der hübſcheſten Bräute, die jemals zu einem Morgenſpaziergange ſich gerüſtet ha⸗ ben mögen. 3 103 Sie war fertig und bereit, wagte aber noch immer nicht die Klingel ertönen zu laſſen, die dem Kammerdiener das Zeichen geben ſollte, ſeinen Herrn zu benachrichtigen, weil ſie Gertrudens Zurückkunft für nöthig hielt, bevor ſie ihr Zimmer verließ. Unruhig ging ſie hin und her, nur zuweilen von der Chocolade nippend, die ein Bedien⸗ ter auf einer mit kochendem Waſſer gefüllten Präſentir⸗ wanne während ihres Ankleidens im Vorzimmer ſervirt hatte. Endlich, endlich kam Gertrud zurück— hochroth vor innerer An regung und ganz außer ſich vor Freude. „Ah, das iſt gut!“ rief ſie entzückt an den Chocola⸗ dentiſch tretend.„Ich bin fürchterlich hungrig, Elvire. Der Profeſſor hat mich ſehr, ſehr gelobt,“ fügte ſie hinzu. „Er hat mir die Hand geküßt, Elvire, und mir gedankt. Aber ich— ich? Nun, was ſiehſt Du mich ſo bänglich an? Du denkſt gewiß, ich habe wieder einen dummen Streich gemacht! O nein, die Zeiten ſind vorbei, El⸗ virchen! Der Profeſſor hat mich eine kluge, beſonnene Dame genannt, die den einmal begangenen Fehler— das Horchen nämlich— zum Beſten gekehrt hätte. Paß' mal auf— der Profeſſor macht nächſtens ein Gedicht auf mich!“ „Vielleicht eine Fabel mit ſehr ſchönen moraliſchen Nutzanwendungen,“ fiel Elvire mit affectirtem Ernſte ein. „O, das erlaube ich ihm auch!“ rief Gertrud mit einem ſchönen, ehrlich glänzenden Blicke.„Wenn er durch — 104 mein Beiſpiel Nutzen ſtiftet, ſo hab' ich nicht umſonſt dumme Streiche gemacht.“ „Und was wird der Profeſſor nun thun?“ „Ja, das hat er mir nicht geſagt,“ antwortete Ger⸗ trud gezogen.„Er hat mir bloß die Hand geküßt, und ich? Nun— ich?“ „Nur heraus mit der Sprache!“ rief Elvire la⸗ chend.„Nun Du? Du biſt gewiß wieder ſo kindiſch und ſo albern geweſen, wie nur möglich!“ „O nein, Elvire!“ betheuerte das Fräulein, wurde aber plötzlich noch röther.„Ich bin ihm nur um den Hals gefallen und habe ihn geküßt!“*) „Was?“ rief Fräulein von Uslar mit lachendem Entſetzen.„Du haſt Gellert geküßt? Auf die Wange oder auf die Stirn?“. Gertrud ſchüttelte verſchämt das Köpfchen und neigte ſich tief über den Frühſtückstiſch:„Auf den Mund, Elvire, dreimal recht tüchtig!“ Elvire wollte ſich ein ernſthaftes Anſehen geben. Es gelang ihr ſchlecht.„Auf die Lippen haſt Du ihn ge⸗ küßt, auf die Lippen? Nein, es iſt unmöglich, Kleine!“ „Doch, doch, es iſt wahr,“ betheuerte Gertrud. „Ich weiß nicht, wie es kam, Elvire. Ich hätte ihn auf⸗ *) Eine durch Familientradition verbürgte Thatſache. 10⁵ eſſen können vor Liebe, als er mich lobte. Laß Dich nur erſt einmal von dem Profeſſor loben— ja, ja, lache nur, aber ein Lob von Gellert iſt ſüßer als Chocolade und berauſchender als Wein!“ „Aber, beſtes Kind, wie konnteſt Du es wagen, einen Mann zu küßen, der Deinen Kuß gar nicht ver⸗ langt, ja nach meiner Meinung eher verabſcheut hat?“ „Nein, o nein, Elvire,“ rief das Fräulein begei⸗ ſtert,„der Profeſſor hat ſich darüber gefreut, wahrhaftig gefreut!“ Elvire ſchüttelte mißtrauiſch ihr weiſes Haupt.„Ich weiß es ja aus ſeinem eigenen Munde, daß ihm Lieb⸗ koſungen von Franen zuwider ſind!“ „Ja, von Frauen,“ rief Gertrud ſehr naiv,„und vielleicht noch dazu von ſolchen Damen, wie Frau von Wallbott, das will ich Dir gern zugeben! Aber über meine drei rechtſchaffenen Küße hat er ſich nicht geär⸗ gert, ſo viel weiß ich ganz gewiß, denn er ſah mich lieb und freundlich an, und ſeine ſchönen traurigen Augen leuchteten wie Sterne.“ Fräulein Elvire hielt es nun für angemeſſen, ihren Morgenſpaziergang anzutreten, deshalb ließ ſie die Klin⸗ gel hell ertönen und ſchloß ihr Geſpräch mit der Er⸗ mahnung: 1860. XII. Gertrud. I. 7 106 „Nur nicht fortzufahren den Tag über, wie Ger⸗ trud angefangen habe.“ 3 „Ich erlebe es,“ ſprach ſie ihren Fächer in den Händen auf und zuklappend,„daß Du dem Junker Wolf auch um den Hals fällſt, wenn er mit guten Nachrichten vom Grafen Levin eintrifft. Um Gottes⸗ willen, das laß wenigſtens bleiben!“ Gertrud machte ein verdrießliches Geſicht und ſah ihre Pflegeſchweſter mit hochgezogener Lippe von der Seite an. „Gerade nun thu' ich's!“ trotzte ſie.„Ich weiß nicht, was Du gegen den Junker Wolf einzuwenden haſt. Er iſt ſchön, wie Apollo, und daß er nichts hat, iſt mir gerade ſehr recht; denn es iſt ein weit edleres und inni⸗ geres Gefühl, einem Manne Alles— Alles zu geben, was uns gehört, als mit hochgehobener Naſe auf eine Stufe zu ſteigen, wo der Mann ſchon ſteht.“ „Ach ſo! Deine Anſichten ſind heute„grün“, wäh⸗ rend ſie geſtern„blau“ waren“, lachte Elvire, ſchon in der Thür ſtehend.„Morgen werden ſie„roth“ ſein! Guten Morgen, Kleine! Lerne ein paar Gellert'ſche Fa⸗ beln auswendig— da liegt das Buch!“ Sie verſchwand und Gertrud ſtampfte ganz niedlich mit dem Fuße vor Aerger über dieſen letzten Spott⸗ ausfall. ———— — — 107 Vor der Thür wartete der alte, würdige Kammer⸗ 1 diener auf Fräulein Elvire von Uslar, und geleitete ſie ehrerbietig den Corridor entlang bis zum Balüſtre, wo der junge Herr Reinhard Bünau von Rittberg ihrer harrte. Mit ceremoniöſer Verbeugung trat er ſeiner Braut entgegen, legte ſeine Lippen zum Morgengruß auf die Fingerſpitzen der jungen Dame, die aus den Negli⸗ geehandſchuhen von ſchwarzen Filet herausſahen, und bot ihr den Arm, um ſie die Treppe hinabzuführen. Nur wenige höflich artige Redensarten wechſelnd durchſchritt das Brautpaar die Halle und wendete ſich draußen vom Portale ſogleich dem Schloßgarten zu, gefolgt von dem trippelnden Kammerdiener, der des Fräuleins blaues Damaſtmantelet mit Purpurcachemir ge⸗ füttert, elegant auf ſeinem Arme in Falten gelegt, ihr nachtrug. Allein nur ſo lange die neugierigen Blicke des Schloßdienſtperſonales zu fürchten waren, unterwarf ſich Rittberg dieſem ſteifen Zwange. Kaum waren ſie in die dichten Laubgänge eingetreten, die ſich langſam bergan bis zu einem Felsvorſprunge hinzogen, ſo nahm er die warme Hülle für ſeine Braut ſelbſt über den Arm, zog die Hand des Fräuleins zärtlich dichter an ſeine Bruſt und winkte dem treuen Diener bedeutſam zu. Dieſer wußte, daß es jetzt ſein Amt war zu warten, bis die jun⸗ 7* 108 gen Verlobten wieder hier vorbeikamen, deshalb verfügte er ſich ganz gemächlich in ein kleines Luſthaus und ſetzte ſich ruhig nieder. Unter beſeligenden Empfindungen ſchritt das junge Paar zuerſt ſchweigend vorwärts, nur ihren Blicken eine Unterhaltung geſtattend, die beſſer als alle Worte den Einklang ihrer Seelen verriethen. Dann aber begann Rittberg eine genaue und detaillirte Erzählung der Er⸗ eigniſſe, die ſich, nach ſeiner Meinung, hinter dem Rücken ſeiner Gäſte Tags zuvor abgewickelt hatten. Elvire war fein genug, mit keiner Silbe ihre Bekanntſchaft mit die⸗ ſer Begebenheit zu verrathen. Sie hörte achtſam zu, warf nur bisweilen einige Beileidsworte ein, und war ſchließlich ganz einer Meinung mit Rittberg, der die feſte Entſcheidung der Angelegenheit ganz unbedingt allein ſeiner Schweſter zu überlaſſen wünſchte. Mittlerweile hatten ſie die Höhe erſtiegen und tra⸗ ten nun aus den herbſtlich bunten Laubgängen hinaus auf ein kleines, ganz frei liegendes Plateau, das gleich einer Kanzel über der Felſenwand hervorragte. Ein zwar ſchwacher, aber doch immer kühler Morgenwind hob die ſchönen Paradelocken Elvirens empor und legte ſie ſchel⸗ miſch über Stirn und Augen, als ſie, von Rittberg mit dem Mantelet umhüllt, unter ſeiner leiſen innigen Um⸗ ſchließung holderröthend da ſtand. Der junge Bräutigam 109 wagte es, ſeinen Arm um des Mädchens Geſtalt zu legen, und ſie lehnte ſich zutraulich zärtlich an ſeine Bruſt. Auf dieſem Felsvorſprunge eröffnete ſich eine weite Ausſicht in's Land hinein, und ſchon der Vater des jetzi⸗ gen Beſitzers hatte in dem Felſen eine Grotte anlegen laſſen, die hinlänglich Schutz vor Wind und Wetter ge⸗ ben konnte. Jetzt war dieſe Grotte auf alle Weiſe ver⸗ vollſtändigt. Bunte weiche Matten von geflochtenem Stroh bedeckten die rauhen Steinbänke und der rohe Tiſch, aus Felsſtücken zuſammengeſetzt, war mit einer koſt⸗ baren Marmorplatte verſehen worden.. Hier ließ ſich das Paar nieder und ſendete in träu⸗ meriſcher Seligkeit die Blicke hinaus auf die Höhen und in die Thäler, zu den fernen Bergkuppen voll Waldes⸗ grün und zu den Thürmen der Städte und Dörfer, welche in friedlicher Ruhe weit unter ihnen lagen. Vom Glücke dieſer einſam ſchönen Stunde verklärt, ſchaute Elvire hinüber nach dieſem oder jenem Orte, den der Geliebte ihr nannte, horchte auf einzelne Erörterun⸗ gen, die er ihr zu machen für nothwendig hielt, war aber eigentlich in ihrer eigenen Glückſeligkeit ſo vertieft, daß ſie Glockentöne voller Freudenklänge und Jubelhymnen aus dem Himmel herab zu hören meinte, während er von den untergegangenen Geſchlechtern ſprach und ihr die nachbarlichen Beziehungen klar zu machen ſuchte. 110 Auch ihn übermannte zuletzt die ſtille Heiligkeit der ſchönen Morgenſtunde; auch ſein Auge hob ſich mit ſeinen Gedanken empor zu dem azurblauen Gewölbe, das man Himmel nennt, und dann ſank es auf das wunderhübſche, blühende Geſicht ſeiner Braut hinab. Er betrachtete ſie liebevoll und zärtlich, aber ſehr, ſehr ernſt, und die Frage ſchwebte in ſeinem Auge: ob ſie es wohl beſſer wiſſe, wie ſeine Schweſter Margareth, daß ſie ihn liebe. Eine mächtige Unruhe trieb ihn auf bei dieſem Gedanken, ſeine Hand zitterte ein wenig, als er abermals ihre ſchlanke Geſtalt umfaßte und ſie aus dem Gewölbe der Grotte hinauszog an's Sonnenlicht, damit er es hell und ſchnell ſehe, was ſie denke, wenn er jetzt fragte und Ant⸗ wort haben wollte über etwas, wovon ſein Glück abhing. 3 Elvire ſah ſeine plötzliche Unruhe, die bis zur leidenſchaft⸗ lichen Aufregung heranſchwoll, indem er ſie vor Gottes Angeſicht führte, der ein Zeuge ſeiner Bitte und ein Zeuge ihrer Antwort ſein ſollte. Sie ſchmiegte ſich an ihn. Ihr ganzes Weſen bat wortlos um Vertrauen. Er verſtand ihre zartſinnige Erklärung und bewältigte ſei⸗ nen Zweifel. 8 Er nahm die Geſchichte des vorigen Tages noch⸗ mals auf, nachdem er eine Weile ſchweigend in die Weite geſtarrt hatte, und ſprach faſt kalt, wenn man eine ge⸗ dämpfte Beklemmung jemals ſo nennen kann, von der ——ööööö,, 111 aufgehobenen Hochzeit in Schloß Rittberg, die ihn dop⸗ pelt, der nöthigen Erklärungen wegen, peinige. Er legte der ahnungslos mitleidigen Braut ſeine Befürchtungen vor, machte ſie mit ſeinen Hoffnungen in Betreff des jähe abgebrochenen Verhältniſſes vertraut, und weihte ſie ſo⸗ mit in Alles ein, was Böſes und Gutes von der nächſten Zukunft zu hoffen war. Es warteten bittere Stunden auf ihn und höchſt unangenehme Verwickelungen mußten von ſeiner Hand gelöſt werden. „Aber,“ ſprach er mit tiefer ruhiger Stimme,„es gibt ein Mittel, Alles in Freude für mich zu verkehren und das Ungemach einiger Stunden in Paradieſesruhe zu verwandeln, meine theure Elvire, und in Ihren Hän⸗ den ruht der Talismann, der Alles auszugleichen im Stande iſt.“ Das Fräulein erröthete und hob ihr Auge verwirrt zu ihm auf. „Elvire, mein theures Mädchen,“ fügte er leiſer hinzu, als wage er nicht den vermeſſenen Wunſch laut werden zu laſſen.„Willſt Du, an Margareth's Stelle, die Braut werden, die in drei Tagen durch den Segen der Kirche an meine Seite gefeſſelt, als mein ſüßeſtes Eigenthum mir verliehen werden kann. Ich frage Dich, Elvire, willſt Du in drei Tagen mein Weib ſein?“ 112 Ihr Auge blitzte in feuriger Gluth, als ſie es zu ihm wendete und feſt auf ihn heftete. „Ja, mein Reinhard!“ antwortete ſie ſchnell und einfach. „Du willſt— Du willſt, Elvire? Mit frohem Herzen?“ „Mit frohem Herzen!“ „Mit vollem Vertrauen?“ „Mit vollem Vertrauen, mein Geliebter!“ In ſtürmiſcher Freude zog er das Mädchen an ſein Herz.„Gott ſieht uns und Gott wird uns ſegnen!“ rief er tief bewegt.„O, mit welcher Zaghaftigkeit begrüßte ich den erſten Gedanken an dieſe beſeligende Hoffnung, die alle Pein und Qual von mir zu nehmen verſprach. In der Stille der Nacht, als Margareth in bitterer Er⸗ kenntniß ihres Innern an meiner Bruſt lag und weinte, dachte ich an Dich und fragte mich traurig, ob nicht die Frauen oftmals in unverſtandenen Empfindungen Bünd⸗ niſſe ſchlößen und dann auf ewig gefeſſelt, ein Daſein er⸗ tragen, das verfehlt und ſchwankend, allerlei böſe Eigen⸗ ſchaften auftauchen und gedeihen läßt. Ich zweifelte, daß Du klar über Deine Gefühle warſt! Ich beſchloß Deine Prüfung, Elvire! In mir lebte die Ueberzeugung, daß wahre, reine und heiße Liebe gar nicht zaudern könne, den Wünſchen des Verlobten zu folgen, trotz der leidigen —4 113 Convenienz und der herrſchenden Etiquette, welche ſich bleiſchwer auf unſere beſten Gefühle legen will. Es wird mir leicht werden die Angelegenheit zu ordnen, und un⸗ ſerer Trauung ſteht nichts im Wege, als die Einwilligung Deiner Pflegeeltern. Den Oberſt zu beſtimmen über⸗ nehme ich— willſt Du Frau von Pröhl zu beſchwichtigen ſuchen, wenn ſie vor dem Aufſehen zurückbebt, was un⸗ ſere beſchleunigte Vermählung machen wird?“ Elvire hatte bis dahin wohl kaum daran gedacht, daß ſich Hinderniſſe gegen ihren Entſchluß aufthürmen könnten, da ſie ganz allein in der Welt ſtand; aber ſie fühlte ſogleich, daß Frau von Pröhl ſich hartnäckig die⸗ ſem Plane widerſetzen werde, der ſich mit den Pflichten nicht vertrug, die ſie übernommen und heilig geübt hatte. Eine leichte Trauer beſchattete ihre Stirn, als ſie darüber nachdachte. In Rittberg's Augen mehrte dieſe Trauer den Zauber, welcher um ſie gebreitet lag, als hätten Engel ihre Seele berührt. War dies nicht das Zeichen der richtigſten Hingebung eines Weiberherzens? Plötzlich überflammte ein Lächeln die düſtern Mie⸗ nen des Fräuleins. „Ich werde meiner Pflegeſchweſter Gertrud dieſen ſchwierigen Theil unſerer Wünſche zur glücklichen Löſung übergeben,“ ſagte ſie freudig, und fügte bei dem mehr als verwunderten Blicke ihres Verlobten hinzu:„In Ger⸗ 114 trud ſchlummern merkwürdig diplomatiſche Talente; über⸗ laſſen wir ihr getroſt die Beſchwichtigung meiner Pflege⸗ mutter. Trotz ihrer Jugend und Unüberlegtheit findet ſie gewiß den rechten Weg zum Herzen der Mama Pröhl.“ Nachdem ſie über dieſen Punkt einig geworden wa⸗ ren, erhoben ſie ſich und wandelten den Weg mit ſehr er⸗ leichterten, frohen Herzen zurück, den ſie unter Ahnun⸗ gen einer ſchönen Zukunft betreten hatten. Die Gewiß⸗ heit füllte ihre Phantaſie mit andern Lebensanſchauungen und in der Ruhe ihres Innern hob ſich ihr Muth. Am Eingange des Parkes erwartete ſie der Kam⸗ merdiener, nahm den Mantel der jungen Dame wieder über den Arm und folgte ihnen in der angemeſſenen Entfernung. So wie das junge Paar die Halle betrat, kam ein Bedienter ihnen entgegen. Rittberg ſchien dies erwartet zu haben.„Nun?“ fragte er, ſtehen bleibend. „Der Bote von geſtern iſt zurück,“ rapportirte der Bediente, und ein ganz wenig ſichtbares Lächeln umzuckte ſeinen Mund, als er hinzu fügte:„Er kann den Herrn Profeſſor Gellert nicht auffinden!“ „Gut! Weiter!“ befahl der Schloßherr ganz ernſt⸗ haft, während Elvire ungenirt lachte. „Der Herr Profeſſor Gellert hat ſich bei Frau von Wallbott melden laſſen. Er befindet ſich jetzt bei ihr! ———— * 115 Der Baron von Lottum iſt ſo eben eingetroffen und wünſcht den gnädigen Herrn zu ſprechen!“ Er verbeugte ſich und trat zurück. Fräulein Elvire begab ſich der vorgeſchriebenen Etiquette gemäß nach ihrem Zimmer zurück, verabſchiedete ſich cer emoniös auf dem Balüſtre vom Schloßherrn und wurde erſt an ihrer Thür vom alten würdigen Kammerdiener verlaſſen. Sechstes Capitel. Im ſonnig durchſtrahlten, ſüdlich belegenen Thurm⸗ kabinet ſaß während dieſer Zeit der Profeſſor Gellert im Bogenfenſter der Frau von Wallbott gegenüber. Ihr ſchneller Athem und die fliegenden Schatten über den ſtolz drohenden Augen verriethen, daß das Geſpräch zwi⸗ ſchen ihnen eine Wendung genommen hatte, die im Stande geweſen war, die Ruhe ihres Gemüthes zu beeinträch⸗ tigen. Sie griff mehrmals nach dem Riechfläſchchen, das mit Eſſigäther gefüllt, an einem Kettchen um ihren Hals hing, und zog den erfriſchenden Duft ein. Gellert bemerkte ihre Aufregung ſehr wohl, waffnete ſich aber der vorlie⸗ genden Sache zu Liebe mit bedeutenden Quantitäten ſtoiſcher Kälte, die ſonſt ſeinem weichen Sinne fremd war. 4 ——— 116 „Sie tadeln mich alſo, lieber Profeſſor,“ ſprach nach geraumer Stille die Dame mit wiedergewonnener Haltung und Faſſung, und ein ironiſches Zucken des Mundes verkündete, daß ſie ſich auch gegen den Einfluß der ſanften Weisheit ihres Freundes bewaffnet hatte. „Von Ihnen hätte ich dies am allerwenigſten erwartet!“ „Warum nicht von mir? Oder meinen Sie, liebe Gnädige, die Freundſchaft für Sie ſolle mich blind für das Unglück machen, das Sie über ein gutes, zärtliches Mädchenherz verhängt haben?“ erwiderte der Profeſſor gelaſſen. „Unglück?“ wiederholte Frau von Wallbott frappirt und ſchlug ihre Herrſcherblicke zu Gellert auf. Sie konnte es ſich gar nicht vorſtellen, daß irgend ein Menſch in Zwei⸗ fel darüber ſein könne, wie nur ein furchtbarer Irrthum Margareth's ſie zu der Verlobung mit dem Grafen Levin verleitet habe.„Unglück? Ich habe Margareth vor einem unabſehbaren Elende bewahrt!“ fügte ſie mit dem ſtolzen Klange ihrer ausdrucksvollen Stimme hinzu, die jeden Widerſpruch im Keime zu erdrücken pflegte. „Kurzſichtige Sterbliche! Sie wollen aus der Zukunft leſen? Sie glauben nicht zu irren?“ recitirte Gellert etwas emphatiſch, um den leiſen Tadel zu verſtecken. Frau von Wallbott machte eine abwehrende Bewe⸗ gung und rief: „Margareth wird zur Einſicht kommen! Ich garan⸗ tire es Ihnen!“ „Zur Einſicht kommen,“ wiederholte Gellert bedenk⸗ lich.„Die Einſicht iſt das Werk des Verſtandes, der die Aenderungen und Verbeſſerungen unſerer Lebenspoeſie übernimmt; aber leidet nicht oft das unſchuldige Glück der Jugend, wenn wir den natürlichen Schmuck des Her⸗ zens der Politur geſcheidter Einfälle unterwerfen*)? Margareth liebt doch wahrſcheinlich den Grafen Levin, ſonſt hätte ſie ſich ihm nicht verlobt.“ „Liebt? Liebt? Sie könnte einen Mann ohne Werth lieben?“ wendete Frau von Wallbott geringſchätzend ein. „Was thut der Werth der Bildung bei der Liebe zur Sache?“ warf Gellert ernſthaft ein. „Das ſagen Sie— der feine Denker, der mora⸗ liſirende Philoſoph? Das ſagt derſelbe Gellert, welcher ſeine Zuhörer durch die Rede von dem Einfluße der ſchö⸗ nen Wiſſenſchaften auf das Herz, auf das Gemüth und auf die Sitten zum Entzücken hingeriſſen hat?“ *) Wörtlich nach einem ſpätern Briefe Gellert's an jene frü⸗ her ſchon notificirte Edeldame, die ſich mit harter Conſequenz Ein⸗ griffe in das Glück ihrer Familie erlaubt hatte. —— — ÿ—— — „Schließt dieſe Rede denn die Einwirkung der Liebe auf den Geiſt aus?“ fragte Gellert mit leichtem Lächeln. „Nennen Sie die rohe Zärtlichkeit der Jugend Liebe?“ fragte die Dame hoheitsvoll. „Ja! ja!“ rief mit ungewöhnlicher Kraft und Energie der weiſe Mann.„Ja, verehrte Freundin, die Zärtlichkeit der Leidenſchaft iſt Liebe, und veredelt ſich dieſe Zärtlichkeit im geheiligten Bündniſſe, ſo weihet ſie die Erde zum Himmel!“ „Profeſſor, Sie dauern mich mit Ihrer Schul⸗ weisheit! Meine Erfahrungen in der Liebe und Ehe haben mich anders belehrt!“ ſprach Frau von Wallbott mit Pathos. Gellert ſchwieg mit jenem leichten gedul⸗ digen Lächeln, womit er immer die Anmaßungen dieſer Dame ertrug.„Margareth iſt gerettet aus den Händen niedriger Leidenſchaft. Sie wird glücklich werden, ſobald ſie ſich in den Sphären erſt wieder zurecht findet, aus denen ſie ſich momentan, durch Irrthümer verleitet, ent⸗ fernt hatte. Sie wird glücklich werden,“ wiederholte die Dame im erhobenen Tone der Selbſigefällgkei,„und ſie wird es in ſpäterer und ruhigerer Zeit lernen, mich zu preiſen!“ „Sie dauern mich, Gnädige,“ replicirte Gellert mit ſanftem Spotte ihre eigenen Worte. 119 Frau von Wallbott ſah ihn mit gereizter, gallicht bitterer Miene an. Dies war ſo ein Moment, den Gel⸗ lert„ihr innerliches Stampfen mit dem Fuße“ nannte. Sie ertrug auf die Länge von Niemandem Widerſpruch, und eine Entgegnung, wie ſie ſich Gellert jetzt erlaubte, geſtattete ſie nur ihm. Gellert nickte ihr ganz gemüth⸗ lich zu und wiederholte: „Ja, ja! Sie dauern mich, daß Ihre langgepflegte Weisheit Sie ſchließlich ſo irre führt, um die kühle Zärt⸗ lichkeit der Freundſchaft für eben ſo beglückend zu halten, wie die Liebe.“ „Und wenn ich wirklich in dieſen Irrthum verfallen wäre, wenn ich Alepander's edle und enthaltſame Liebe als eine laue Empfindung der Freundſchaft gelten laſſen wollte, ſo würde ich dennoch behaupten: Margareth wird glücklicher mit ihm, als mit dem Grafen Levin, deſſen rauh natürliche und begierdenvolle Leidenſchaft abſchre⸗ ckend häßlich erſcheint.“ „Erſchien ſie wirklich dem jungen Fräulein Mar⸗ gareth auch abſchreckend häßlich?“ fiel Gellert gutmüthig und ironiſch zugleich ein. „Margareth war ſich ſelbſt nicht klar! Sie iſt nun erwacht und wird zum Bewußtſein ihrer innern Entwür⸗ digung kommen.“ „Wird ſie das wirklich? Gnädige— Sie dau⸗ ern mich!“ —— G ¹ 120 Frau von Wallbott warf ihm einen zornigen Blick zu und ſprach ungewöhnlich eifrig: „Weichen wir denn plötzlich ſo ſehr weit von unſern Meinungen ab? Ich denke nicht! Ich will und bean⸗ ſpruche nur eine unbegrenzte Selbſtbeherrſchung in der Leidenſchaft, die man gewöhnlich Liebe nennt, und ich ver⸗ lange eine Veredlung der menſchlichen Naturgefühle, um das Band der Ehe auf eine geiſtige Höhe zu verpflanzen, wie ſie mir als Standpunkt eines wahrhaften Glückes vorſchwebt.“ „Ja, Ihnen! Die Liebe iſt das ſubjectiveſte aller Gefühle, meine Freundin. Ihnen— aber nicht Ihrer Nichte Margareth!“ Er betonte die letzten fünf Worte merklich bedeutungsvoll. „Wie?“ fuhr die Dame betroffen auf.„Profeſſor, ſind Sie raſend! Margareth im Dunſte niederer Her⸗ zensſphären— bezwungen von der Gluth des Blutes— geneigt in toller Hingebung dem Manne, der es wagte, dies zu fordern, ihr edleres Selbſt zu opfern?— Nein! Ich ſage es tauſendmal in einem Athem: Nein! nein! Margareth, mein ſanftes, ſüßes Mädchenherz voll heißer Scham beim dreiſten Männerblick? Es wäre Verläum⸗ dung, wolltet Ihr es behaupten, und es wäre Beleidigung, wollte ich es von ihr glauben!“ Sie ſtand, bezwungen von ihren zornigen Empfin⸗ 121 dungen, auf und ſchritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann ſtellte ſie ſich dicht vor Gellert, ſchaute ihm feſt in das feine blaſſe Geſicht und in die treuherzig gefühlvollen Augen, und begann gemäßigter: „Was quälen Sie mich mit Ihren grundloſen Vorausſetzungen, mein würdiger Freund? Margareth, das wohlgelungene Abbild eines idealen Weibes, kann nie ſo weit der Natur zum Opfer fallen, um ohne Rück⸗ ſicht auf ebenbürtige Bildung des Geiſtes und der Seele ihrem Herzen eine Gluth zu geſtatten, die ſie willenlos der Liebe eines Mannes unterwirft!“ „Wir Sterbliche können irren!“ behauptete Gellert eben ſo bedeutungsvoll, wie vorhin. „Es ſoll nicht ſein!“ rief nun Frau von Wallbott entflammt.„Es darf nicht ſein! Ich irre nicht! Ich darf nicht irren! Wer wagt es zu ſagen, daß ich irre!“ „Sie ſtampft heute ganz beſonders ſtark und trotzig mit ihren innern Füßen,“ dachte Gellert etwas ängſtlich werdend, und betrachtete ihr ſtark geröthetes Geſicht von der Seite mit ſcheuen Blicken.„Es wird ihr wohl nicht ſchaden, wenn ich es verſuche, ſie zur Erkenntniß zu bringen.“ „Die Zeit iſt immer unſere beſte Lehrmeiſterin, theure Gnädige,“ begann er laut und ſehr bedächtig. „Ueberlaſſen wir deshalb unſere divergirenden Anſichten 1860. XII. Gertrud. I. 8 der hiſtoriſchen Entwicklung und faſſen dafür das ſchon Geſchehene als Factum kritiſch in's Auge. Haben Sie erwartet, daß ſich noch jetzt, ſo dicht vor der Vermäh⸗ lung unſers jungen Paares das Verhältniß dergeſtalt löſen werde, um— Sie erlauben— Ihre frühern Pläne realiſiren zu können?“ Die Dame ſtutzte und zögerte mit der Antwort, die etwas ſchwer zu formen war. So gern ſie ſich nach dieſer eingetretenen Löſung auch das Anſehen gegeben, als wäre ihre Geiſtesmacht der Hebel geweſen, der das Verlöbniß, das ihr zuwider geweſen war, ganz unmittel⸗ bar aus den Fugen geriſſen hätte, ſo fehlte ihr doch der Muth das zu behaupten, da ſie nicht wußte, wie viel von der ganzen traurigen Scene bekannt geworden ſein möchte. Außerdem lag in Gellert's Frage eine indirecte Anklage, die ſie dem Vorwurfe einer Indiscretion un⸗ terwarf. Sie war nahe daran, ihren hochmüthigen Ein⸗ gebungen zu folgen und eine abweiſende Antwort zu er⸗ theilen, aber ihr guter Geiſt ſiegte. Sie hob frei und offen den Blick zu dem Profeſſor auf und antwortete: „Meinem Geywiſſensrathe bin ich eine ehrliche Beichte ſchuldig, und ſie ſei hiermit abgelegt, mein ver⸗ ehrter Freund. Ja, ich bekenne mich ſchuldig und erkläre, daß ich den böſen Willen hegte, Margareth auf jede nur mögliche Weiſe zu beſtürmen, um ſie dazu zu bewegen, — — 123 ſich wieder aus den Banden zu befreien, die ſie thörichter Weiſe und höchſt unüberlegt um ſich geſchlungen hatte. Ich war auf einen kleinen Kampf vorbereitet, weniger aus Gründen, die das Herz dietirte, als vielmehr des allgemeinen Aufſehens wegen. Daß mein Plan den Zu⸗ fälligkeiten eine ſchnellere und eclatantere Erledigung zu danken haben ſollte, kann mir eigentlich lieb ſein, ob⸗ gleich es meinem ſtolzen Sinne nicht ganz recht iſt, daß Graf Levin in ſeinem Rechte zu handeln ſchien, als er Margareth frei gab. Es mag aber hingehen, wie es gekommen iſt. Hatte ich früher den Muth, mit Kühnheit einen freien Entſchluß meiner Nichte zu vertreten und dem Urtheile unſerer Standesgenoſſen zu trotzen, ſo wird mir auch nicht die Entſchloſſenheit fehlen, jetzt mit kräf⸗ tiger Hand das Geſchick Margareth's zu vollenden.“ „So— ſo! Ganz, wie ich es dachte,“ murmelte der Profeſſor.„Alſo nun, da der Graf Levin Ihnen das Prävenire geſpielt hat?“ fragte er lauter. „Ja, nun bin ich ſehr zufrieden, daß ich mich als paſſiv in dieſer Schickſalsentwickelung meiner Nichte auf⸗ ſtellen kann, um mit dem reinen Glanze meines Namens ihr ſpäteres Glück zu ſichern!“ Ein leiſes Spottlächeln umflog die Lippen Gellert's, während er einige Minuten ſinnend vor ſich nieder ſah. Dann richtete er ſeine hellen ſprechenden Augen auf die 8* 124 Dame, der ſatyriſche Zug verſchwand und er recitirte mit einer ergreifenden Wärme: „O Stolz— was eiferſt Du und nennſt den Eifer „Pflicht“! Und iſt Dein Eifer ſelbſt nicht„Stolz“, der aus Dir ſpricht? Dein Wirken iſt oft nur geheimer Trotz der Seelen, der übermüthig ſpricht:„es wird und darf nicht fehlen!“ Oft iſt auch unſer Muth nur Stolz im Glanz der Seide und reinſter Uebermuth in einem an⸗ dern Kleide!— O, Menſch! Vertreibe ja den Glanz des falſchen Licht's! Warum verbirgſt Du Dir mit ſo viel Kunſt Dein Nichts? Was iſt des Menſchen Ruhm, des Klugen wahre Größe? Die Kenntniß ſeiner ſelbſt— die Kenntniß ſeiner Blöße!“*) Frau von Wallbott hatte ruhig, ja man möchte ſa⸗ gen„andächtig“ den Worten gelauſcht, die ihre Verur⸗ theilung in aller Form Rechtens enthielten. Ihr Blut wallte und ſiedete noch immer von den Gemüthaffectionen, denen ſie in dieſem Geſpräche mit ihrem Freunde unter⸗ worfen geweſen war, allein ſie trug jetzt ſchon das Be⸗ wußtſein ihrer Schuld in der Bruſt, und bei ſolchem Bewußtſein hört jede Empfindlichkeit im edlen Menſchen auf. Nachdenklich ſaß ſie da, den Blick in die Weite ge⸗ richtet, ohne zu ſehen. Die Sonne lag prächtig hell auf *) Wie vorhin geſagt: Nach einem Briefe. 125 der Herbſtflur und dem klaren Flüßchen, dem ſie ſilberne Funken entlockte, wenn er ſeine leichten Wellen kräuſelnd dem graſigen Ufer zuſpielte. Nachdenklich ſaß ſie da, und Gellert ſtörte ihr Nachdenken mit keinem Worte, ja ſelbſt durch keinen Blick. Er wußte, daß ſie hart mit ſich zu kämpfen hatte, aber er vertraute ihrer Natur den Sieg an. Einmal ſchlug ſie in bitterer Noth das Auge zum Himmel auf, als wolle ſie ihn anflehen, Mitleid mit ihr zu haben und ihrer Demüthigung ein Ende zu machen. Der Himmel ſiel jedoch nicht ein und Gellert ſprach kein Wort, um ſie aus einem Seelenzuſtande zu befreien, der einer Buße gleich kam. Nach langem Zögern athmete ſie tief auf: „Was verlangen Sie von mir, mein Freund?“ fragte ſie ſehr leiſe und mit ſchwer bedrückter Stimme. „Ich bin zu Allem bereit, um mir Ihre Achtung und Liebe wieder zu gewinnen!“ Gellert zog tief bewegt ihre Hand an ſeine Lippen. „Der ſchönſte Sieg, den je ein Menſch feiern kann, iſt der über ſich ſelbſt, meine theure gnädige Frau,“ ſprach er freudig.„Ich verlange nichts— nein, ich bitte nur meine Freundin, ich bitte im Namen der Menſchlichkeit: beherrſchen Sie Ihre Wünſche, die Sie zum Lebensglücke Ihrer Nichte entworfen haben— be⸗ herrſchen Sie jedes Wort, das eine Ueberredung für 126 Margareth enthalten könnte— beherrſchen Sie Ihren Einfluß auf diejenigen Menſchen, welche unter Ihrer Gei⸗ ſtesmacht ſich wohl fühlen!“ Frau von Wallbott ſah ihn heiter an.„Weiter nichts? Das wäre ein kleines Sühnopfer.“ „Glauben Sie das nicht, Gnädige. Wenn Sie ſich⸗ nicht geneigt fühlen, mir ein Gelübde darüber abzulegen, ſo beſchränke ich Sie auf den Willen Gottes!“ „Den fürchte ich nicht!“ „Uebergebe Sie der Pein eines ruhigen Zuſehens!“ „Um ſo beſſer für meine Trägheit!“ „Ueberlaſſe Margareth der Natur ihrer Gefühle!“ „Gottlob, darüber kann ich ruhig ſein!“ „Ueberhebe Sie aber auch jeder Verantwortlich⸗ keit!“ „Hier haben Sie meine Hand! Ich ſchweige zu Allem, was ſich ereignet, und ich lege meinem Munde ſo lange ein Siegel auf, bis die Entwicklung der Zeit es von ſelbſt löſet. Wie ſich die Dinge auch geſtalten mögen, unſern Freundſchaftsbund ſoll nichts ſtören! Ich weiß, vaß meine Anſichten ſiegen, ganz ohne mein Zuthun ſie⸗ gen, denn es wäre eine Schmach für uns Frauen, ſollte das Edle der Weiblichkeit dem Sinnenreize unterliegen. Mein Neffe Alexander iſt angekommen—“ „Schon angekommen?“ fiel Gellert verwundert ein. „Wann?“ 127 „In dem Momente, als Sie zu mir eintraten. Er hat mit ſeinem Sinne erkannt, daß er, bevor er mit irgend Jemand im Schloſſe zuſammentreffe, Margareth ſprechen müſſe, und er ſitzt jetzt in ihrem Boudoir,“ ſchloß ſie triumphirend. Der Profeſſor zog ein ſehr bedenkliches Geſicht. So nahe hatte er die Prüfung Margareth's nicht ge⸗ glaubt, und ein fürchtendes Bangen ſchlich durch ſein wackeres Herz. Würde ſie ſtarkſinnig genug ſein, um die Verwirrung ihrer Gefühle richtig zu ſondiren? Wenn ſie der Beſtürzung des Augenblickes unterlag, ſo war die bitterſte Reue ihr Lohn, und ein Wort der Warnung hätte ſie vielleicht retten können. „Margareth wußte, daß Alexander kommen würde?“ forſchte er weiter. „Sie erfuhr es vor der fürchterlichen Kataſtrophe, die ihr die Freiheit wiedergab.“ Der Profeſſor athmete froh auf. Das junge Mäd⸗ chen hatte alſo eine ganze Nacht Zeit gehabt darüber nachzudenken. Er verabſchiedete ſich mit Herzlichkeit von Frau von Wallbott und eilte ſeiner kleinen Freundin her trud zuzuflüſtern,„daß er ſein Verſprechen gehalten habe und als Ritter Margareth's aufgetreten ſei!“ — Frau von Wallbott ſah aber der ächſten Stunde mit voller Sicherheit und Zuverſicht entgegen. 128 Siebentes Capitel. Rittberg zögerte nicht einen Augenblick, ſich zu einem Gaſte zu begeben, den er keinesweges erwartet hatte. Er war begierig den Mann wieder zu ſehen und unter das Brennglas ſeiner Prüfung zu ſtellen, der ihm jetzt von doppelter Bedeutung war. Alexander von Lottum, oder wie er im Allgemeinen, ob mit Recht oder Unrecht, bleibt zweifelhaft, immer genannt wurde, der Baron Lottum war ihm früherhin ſtets als ein Mann von ſchmiegſa⸗ men Grundſätzen erſchienen. Seine entſchloſſene Ruhe, womit er jetzt den letzten Zeitpunkt wahrnahm, der ihm ein Gut zurückgeben konnte, das er in übertriebener Sorg⸗ 4 loſigkeit als ſein Eigenthum angeſehen und für ſich reſer⸗ 4 virt gedacht hatte, mißfiel ihm nicht. Sie ſtand in Wider⸗ 3 ſpruch mit der weichlichen Nachgiebigkeit, die er den Welt⸗. anforderungen gegenüber bis dahin gezeigt und nament⸗ 8 lich in unbedingter Hingebung für die Frauen bewieſen hatte. Beinahe ein Jahr konnte dieſer Mann mit Seelen⸗ ruhe fern aee die er doch jetzt als theures Kleinod in Anſpruch nehmen wollte, leben, ohne ſie in dem Bereich ſeiner nächſten Verbindungen zu wiſſen. War das feſter Glaube an eine unerſchütterliche Liebe ohne Traugelübde, 129 ſo zeigte es eine ehrenhaft ritterliche Geſinnung, der Ritt⸗ berg ſeine Achtung und Theilnahme nicht verſagen wollte. War es aber eine Behaglichkeit der Selbſtzufriedenheit, die mit Kühnheit der vermeſſenen Hoffnung gelebt hatte, daß nichts in der Welt ſein Bild aus dem Herzen Mar⸗ gareth's zu verdrängen im Stande ſein würde, ſo fühlte er den Beruf in ſich, dem Baron Lottum die Vorzüge ſeiner Schweſter dergeſtalt klar zu machen, daß er zur Erkenntniß ſeiner Selbſtüberſchätzung kommen mußte. Alexander von Lottum gehörte nicht zu den gewöhn⸗ lichen Männern, das hatte Rittberg immer anerkannt. Seine Klugheit berechtigte ihn zu Plänen auf eine glänzende Stellung in dem Kreiſe der Bureaukratie, und es war zu bedauern, daß er ſeine Fähigkeiten nicht dazu verwendete, die Erwartungen zu erfüllen, die man von ihm hegte. Man ſchob die Abneigung des jungen Mannes, ſich in das Joch eines Amtes ſpannen zu laſſen, auf die Flatterhaf⸗ tigkeit der Genialität, allein wer ihn näher kannte, der wußte, daß ihn die Furcht abhielt, dort mit ſeiner Ar⸗ beitstüchtigkeit nicht ſo glänzen zu können, als man nach ſeinen theoretiſchen Kenntniſſen zu erwarten Urſache hatte. Er trieb ſich am liebſten im Lande umher, ſuchte den Umgang mit den ausgezeichneten Männern der damaligen Gegenwart und bildete ſich nach ihren Muſtern männ⸗ licher Vollkommenheit. Daß bei ſolchen Beſtrebungen die menſchliche Eitelkeit ganz aus dem Spiele bleiben ſollte, war gar nicht anzunehmen. Rittberg ſuchte ihn aber nicht unter dergleichen vor⸗ gefaßten Meinungen auf. Seine Gedanken klammerten ſich mehr an eine Entzifferung der Gründe, warum er ſo lange von ſeiner Liebe, die Frau von Wallbott in ein großartiges Licht zu ſetzen bemühet geweſen war, geſchwie⸗ gen hatte, da ſie ihn doch jetzt zu ſo verzweifelt gewagten Geſtändniſſen gebracht. Ohne Vorurtheile, obgleich er in ihm die Veran⸗ laſſung der jetzt waltenden peinlichen Situation erkennen mußte, beeilte er ſich ihn zu begrüßen. Herr Alexander lag im Sopha, als er eintrat, und die Ruhe, womit er ſich erhob, um die dargebotene Hand des Mannes anzunehmen, der einigermaßen Rechenſchaft über Manches, was tief eingreifend in Seele und Ge⸗ müth war, fordern konnte, frappirte Rittberg und machte ſeinen Begrüßungston ſo abgemeſſen kühl, daß nicht die mindeſte Freude darin zu erkennen war. Baron Alexander ſchien dies nicht zu vermiſſen. Mit der Gebärde großen Selbſtbewußtſeins, wie es nur überwiegend berühmten ecAauten nachgeſehen wird, nahm er mit Rittberg Platz und ſprach ſogleich ſeine Freude über die glückverheißen⸗ den Veränderungen aus, die eine entſetzliche Ehe zur rechten Zeit vernichtet hätten. 131 Rittberg ignorirte dieſe pathetiſche Anrede und fragte: „ob er ſeine Tante ſchon geſprochen habe?“ Der Baron bejahete es, ſetzte aber hinzu:„Nur einige Minuten, weil der Profeſſor Gellert erſchienen ſei und ſeinen beſchleunigten Rückzug bewirkt habe.“ Niitttberg ſetzte ihm männlich beſonnen auseinander, daß ſich die Verhältniſſe ſeltſam geſtaltet hätten und nur durch eine„rückſichtsloſe Offenherzigkeit“ zu applaniren ſeien. „Danach ermeſſen Sie meine Frage: was hoffen Sie und worauf ſtützen ſich Ihre Hoffnungen?“ ſchloß er ziemlich gleichgültig. „SIch hoffe ſehr viel,“ entgegnete Lottum ſehr ſchnell und pikirt,„und meine Hoffnungen gründen ſich auf den hohen, geiſtigen Werth Ihrer Schweſter! Wann darf ich Margareth ſprechen?“ „Der Weg zu meiner Schweſter ſteht Ihnen ganz frei, Alexander,“ begütigte ihn Rittberg, der ſeine Schroff⸗ heit bereuete.„Nicht deshalb that ich dieſe Frage an Sie, ſondern um einen Faden in dem Labyrinthe zu erfaſſen, der mich aus der ganzen Verwirrung, die hier herrſcht, herausleiten könnte. Sie geſtatten mir eine andere, ver⸗ ſtändlichere Frage: Hat Margareth ſich jemals Verſpre⸗ chungen, Geſtändniſſe oder nur unbewußte Herzensver⸗ 132 räthereien erlaubt, die Ihnen ein Recht zu Ihrer Werbung geben?“ Alexander hob ſehr verſtändlich nichtachtend ſein Haupt empor, indem er erwiderte:„Sie ſind verlobt, Reinhard— haben Sie es für nöthig gehalten, ihr Herz anders, als durch die innigſte Seelenharmonie ſprechen zu laſſen?“ „Seelenharmonie, Alexander?“ wiederholte Ritt⸗ berg ganz erſchrocken.„Das wäre ja eine ſonderbare Art ſich zu verloben, wenn man nicht einfach und herzlich das Mädchen ſeiner Wahl fragen wollte: willſt Du mir Dein Herz geben, denn mein Herz glüht für Dich!“ Alexander unterbrach ihn:„Wir befinden uns, trotz Ihrer tüchtigen Verſtandesbildung, nicht auf derſelben Stufe der Geiſtescultur, welche das Weſen des Menſchen hebt und vergeiſtigt und zu jener ſüßen Begeiſterung emporträgt, wo Worte als ſinnliche Wahrzeichen un⸗ nöthig werden!“ „So— ſo! Sie meinen, daß eine Erklärung zwi⸗ ſchen Ihnen und Margareth nie ſtattgefunden hat?“ fragte Rittberg feſt und beſtimmt, um„den Schwärmer für Seelenharmonien“ wieder auf die Erde zurückzuführen. „Zwiſchen Margareth und mir herrſchte ſeit Jahren die innige heilige Seelenverbindung, welche wir Sympa⸗ thie nennen. Hierauf ſtütze ich meine Hoffnung, daß das 133 holde, ſchöne Mädchen niemals aus freien Beweggründen eine andere Wahl hat treffen können!“ „Margareth war durch nichts gehemmt und durch nichts beſtimmt, als durch ihr Herz, indem ſie dem Gra⸗ fen Levin ſich verlobte, Alexander. Schon dieſer Umſtand muß Sie belehren, daß Sympathien oft mehr Freund⸗ ſchaftsſtoffe enthalten, als man denkt. Liebesglück verlangt weniger Uebereinſtimmung des Geſchmackes, als Herzens⸗ wärme, weniger gleiche Meinungen, als gleiches Pulſiren des Blutes und eine Anziehungskraft, der wir keinen Namen zu geben wiſſen.“ 6 Alexander von Lottum legte ſich bequem in die Ecke des Divans und lächelte fein. „Ich wollte, mein Freund Wieland wäre hier, um Sie handgreiflich zu belehren!“ „Nach meiner Meinung wäre ich weit eher im Stande, Ihren Freund Wieland zu belehren, als er mich!“ ſprach Rittberg ſehr entſchieden.„Das Verhält⸗ niß Wieland's zur Sophie von Guttermann, welches ſich auf Seelenverkehr beſchränkt hat, erſcheint mir fade gegen den Bund, der mich mit meinem wackern Mädchen ver⸗ bindet! Elvire von Üslar liebt mich mit der vollſtändigen Hingebung, die den Mann zum glücklichſten Sterblichen zu machen verheißt. Ich verlange nicht danach, das Ver⸗ hältniß von Liebesleuten zu copiren, die ſchmachtend zu⸗ ——;—·— 4 — 134 ſammen leſen, muſiciren, den Mond anbellen und die Sterne zählen!“ „Sie nehmen alſo die Liebe materiell?“ warf Ale⸗ xander geringſchätzend ein. „Ich nehme ſie vernünftig, als eine Gabe des Him⸗ mels, um uns ſo glücklich zu machen, wie möglich.“ „Unter den Ständen, wozu wir uns zählen, ſollte eine ſolche Herabwürdigung edler, hoher und reiner Ge⸗ fühle gar nicht ſtattfinden!“ fiel Alexander wieder ein. „Wehe den Ständen, wozu wir uns rechnen, wenn ſie jemals dazu kommen ſollten, eine eheliche Verbindung von dieſem Geſichtspunkte aus zu betrachten,“ ſagte Ritt⸗ berg ſehr ernſt.„Ich wäre im Stande eine Braut zu verachten, die mit ätheriſcher Kühle im Herzen mein Weib würde.“ „Wenn aber zwei Menſchen in der Seelenerkenntniß geläutert, mit einander gleich geſtimmt, durch's Leben gehen wollen— ſind dieſe zwei Menſchen Ihnen auch verächtlich?“ „Nein! Ich bedauere ſie beide!“ entgegnete Ritt⸗ berg ſehr raſch.„Gelingt es Ihnen meine Schweſter auf dieſen Weg zu verlocken, ſo habe ich die Ueberzeugung, daß Sie ein reiches, gefühlvolles und weiches Herz tödten, indem ſie demſelben langſam alle Blutwärme entziehen. Margareth würde mir als eine Märtyrerin der ſteigenden Cultur erſcheinen und in ihrer veſtaliſchen Reinheit nicht ſo ehrenwerth vorkommen, als in einem Kreiſe blühender Kinder von dem Dunſtkreis irdiſcher Elemente umfangen.“ „Wir werden uns nie einigen, beſter Freund,“ wendete der Baron ein.„Was mir ein Entſetzen einflößt, iſt Ihnen des Himmels Segen. Ich bitte Sie nur in⸗ ſtändig, nicht auf Margareth's Entſchluß zu influiren.“ „Sorgen Sie nicht! Es würde heißen, die zarte Seele einer Jungfrau beflecken, wollte ein Mann, und ſei er ein Bruder, den Schleier heben, der das Mädchenherz umhüllt und idealiſirt. Verſuchen Sie mit Ihrem Enthu⸗ ſiasmus für ein ſchwärmeriſches Idealleben meine Schwe⸗ ſter— ich zweifle ſo lange an günſtige Reſultate, bis ich glänzend überführt werden kann.“ „Darf ich bitten, mich Margareth melden zu laſ⸗ ſen?“ fragte Alexander zuverſichtlich. Rittberg verbeugte ſich und ging. Einige Minuten ſaß Alexander ſtill und überdachte, was geſprochen worden war. Es lag durchaus nichts darin, was ihn, nach ſeiner Beurtheilung, entmuthigen konnte, und doch ſchlich ein ahnungsvoller Schauer durch ſein Inneres, wenn er an die Feſtigkeit dachte, womit Rittberg ſeine Anſichten verwarf. Sollte dies ein Vor⸗ ſpiel der kommenden Scene werden? Etwas bedenklicher, als nach dem günſtigen Referate 136 ſeiner Tante, begann er ſeine Toilette zu ordnen und ſich einen förmlichen Belagerungsplan zu entwerfen. Zuerſt ſo ſicher in ſeinen Erwartungen, daß er Rittberg mit der Ruhe eines begünſtigten Bewerbers empfangen hatte, bemächtigte ſich jetzt ſeiner ein Unbehagen, welches ihn zu Reflexionen führte. Ein Jahr war verſtrichen, ſeit er Margareth im Hauſe ſeiner Tante verlaſſen hatte. Bald darauf hatte ſie ebenfalls in Begleitung ihres Bruders Kaſſel, wo ſie in einem Confluxus äſthetiſcher Kreiſe ge⸗ lebt und geathmet, verlaſſen und war nach Schloß Ritt⸗ berg, alſo immer unter unmittelbarer Einwirkung der brüderlichen Anſichten, überſiedelt. War es nicht denkbar, daß ſie ihre hoch geſpannten und fein veredelten Begriffe von Menſch und Erde etwas vom unreinen Elemente der Gemeinheit hatte verwiſchen laſſen? 4 Womit man umgeht, zu dem neigt man ſich. Herr Alexander von Lottum kannte die Unſelbſtändigkeit des Frauengemüthes gerade genug, um jetzt mit Sorge an ein Wiederſehen zu denken, von dem er ſich Himmels⸗ genuß geträumt hatte. Es iſt immer nicht gut, mehr zu träumen, als nöthig iſt, meinte er endlich entſchloſſen, und folgte dem Diener, der ihn hinab zu dem Flügel führen ſollte, wo Margareth wohnte. Margareth hatte ſich nicht entſchließen können, ihren Jugendfreund in dem Zimmer zu empfangen, wo ſie trotz 137 der unklaren Erkenntniß ihres Glückes ſo ſelig geweſen war. Es war jedenfalls ein ungünſtiges Zeichen für die⸗ ſen, und er nahm es auch dafür, daß er mit aller Förm⸗ lichkeit in das gewöhnliche Beſuchszimmer geführt wurde, wo Margareth in einer nervöſen Aufgeregtheit ſchon auf ihn wartete. Gewitzigt durch das eben abgehaltene Geſpräch mit Rittberg ſah er mit der Aufrechthaltung der gewöhnlichen Convenienzregeln ganz klar den Stand⸗ punkt, auf welchen man ſeine verſpätete und ſeltſam ge⸗ wagte Bewerbung zu ſtellen beliebte, und indem man die ſonſtige Traulichkeit ſeiner Beziehungen zu Margareth beſchränkte und in die weiten Grenzen bloßer Beſuchs⸗ berechtigung verlegte, erklärte man deutlich die geringe Neigung, den eben leer gewordenen Platz eines Verlobten ſchleunig wieder zu beſetzen. Im Grunde hatte er dies auch in vollſter Ausdehnung nicht erwartet, aber er hatte gehofft, von den ſehend gewordenen Augen eines verblen⸗ det gerseſenen Mädchens als ein Meſſias begrüßt und in heimlicher Stille ihres Gemaches als ſolcher anerkannt zu werden. Mit dem dunkeln Bewußtſein, daß nach der Hitze in Graf Levin's Empfindungen ſeine zu große Lau⸗ heit vielleicht nachtheiligen Vergleichen erliegen könnte, trat er auf das Fräulein zu und ergriff mit einer ge⸗ wiſſen Wahrheit von Erſchütterung ſchnell die Hand, die Margareth ihm entgegenſtreckte. 1860. XII. Gertrud. I. 9 138 Dann aber verbeugte er ſich vor ihr, tiefer und cere⸗ moniöſer, als es die Stellung erheiſchte, in welcher er ſeit ihren Kinderjahren zu ihr ſtand, und fragte mit zärt⸗ lichem Tone: „Margareth, warum haben Sie mir das gethan?“ Die Worte waren unglücklich gewählt. Sie wieder⸗ holten den Vorwurf, den ſich Tags zuvor ihre Tante erlaubt hatte, und gaben ihr mehr als alles Andere Licht über das planmäßige Verfahren, womit man in ihrer ganzen Erziehung ihr geiſtiges Weſen mit dem Willen geleitet hatte, dem Herrn von Lottum eine Frau zu ſchaffen, wie er ſie ſich wünſchte. Der Nebel ſank vor ihren Augen und ſie betrachtete den verächtlichen Tadel, womit Frau von Wallbott ihre Verlobung beehrt hatte, plötzlich aus anderm Geſichtspunkte. Ihr ſanftes, weiches Temperament verhinderte ſie nun zwar, den neugewonne⸗ nen Anſichten Worte zu geben, allein ſie wirkten weſent⸗ lich auf die Ruhe ihres Gewiſſens ein, das ſich wirklich als etwas ſchuldig erkannt hatte. Sie beantwortete die erſte Anrede Alexander's nur mit einem ſanften, traurigen Lächeln, und dies ermuthigte ihn zu der leidenſchaftlichen Vertraulichkeit, ihre Händ wechſelweis an ſeine Lippen zu drücken. Margareth, unſicher in ihren Gefühlen, ſo lange ſie nicht im Stande war, Liebe und Freundſchaft in ſich zu trennen, trat ſchnell zurück und bewältigte nur mühſam 139 eine Aufregung des Unmuthes, die ſich blitzartig bei die⸗ ſer Zärtlichkeitsbezeugung durch ihr Inneres verbreitete. Sie war kalt und beſonnen, als ſie mit einer Handbewe⸗ gung dem Jugendfreunde einen Platz anwies und ſich ſelbſt, vielleicht noch nicht feſt entſchloſſen, aber doch ſehr bereitwillig, ſich von ſeinem fernern Betragen zu ei⸗ nem unabänderlichen Entſchluße leiten zu laſſen, in dem Divan niederließ. Alexander begann ſogleich: „Margareth, mich führt eine Hoffnung her, die vermeſſen genannt werden könnte, wenn ſie nicht in un⸗ ſerm ſchönen Beiſammenleben unter dem Schutze meiner Tante wurzelte. Darf ich reden, Margareth?“ „Von Ihren Hoffnungen nicht, Alexander,“ ſagte das Fräulein merkwürdig gefaßt, nachdem das Geſpräch erſt begonnen hatte. Die Verlegenheit, die ſie ihrer Tante gegenüber gezeigt hatte, ſchien verſchwunden, nachdem ſie jetzt eingeſehen, daß Alexander ihr in keiner Weiſe das geweſen war, was ſie beim jähen Verluſte des Grafen Levin ſo tief betrübt betrauerte.„In der trübſeligen Si⸗ tuation einer mit vollem Rechte verlaſſenen und verach⸗ teten Braut wäre es unzart von mir, die Worte eines Mannes anzuhören, die eine Hoffnung auf meine jetzige Lage ausſprechen.“ „Allerdings, wenn dieſer Mann nicht mit dem Rechte ſprechen könnte, den ein lange beſtandenes Seelen⸗ 9* 1 140 bündniß geben muß!“ entgegnete Alexander ernſt und traurig. Er fand erſt jetzt die nöthige Ruhe, um das Mädchen näher zu betrachten, das eigentlich, ſo lange er zu denken vermochte, ſeine Einbildungskraft beherrſcht hatte. Der Ausdruck ihres Weſens war unbeſtreitbar ein verſchiedener, als der, welchen er von ihr in der Ferne gehegt. Schon ihre äußere Erſcheinung zeigte dies. Früherhin machtlos dem Willen ihrer Tante ergeben und der eigenen Willenskraft nicht vertrauend, bewies ſchon die ſchüchterne Sanftmuth ihres Blickes, daß ſie zu den weiblichen Naturen zählte, die innerlich nicht leicht unab⸗ hängig werden, ſondern des Rathes und der Stütze be⸗ dürfen. Jetzt ſtand ſie verändert vor ihm. Die einzige bittere Erfahrung, wodurch ſie ein beglückendes Verhält⸗ niß geſtört ſah, weil ſie ſich dem ſtärkern Weſen ihrer Tante nicht mit der Freimüthigkeit entgegengeſtellt, die ſie hätte retten können, dieſe einzige bittere Erfahrung hatte ſie gegen ſchwache Unterwerfung geſtählt. Ob damit aber auch ihre Energie dergeſtalt geweckt worden war, daß ſie ihre ſchwer bezahlte Unabhängigkeit behaupten und das tief gewurzelte Bedürfniß, ſich einem ſtärkern Geiſte un⸗ terzuordnen, bezwingen konnte, darüber mußte die Zu⸗ kunft entſcheiden. Für jetzt erſchien ſie dem prüfenden Blicke des Baron Lottum gereifter und ſelbſtändiger, als jemals, und ihre Haltung verrieth weder Unterwerfung, noch den 141 guten Willen, ſich von den Erklärungen ſeiner Huldigun⸗ gen geſchmeichelt zu fühlen. Wäre er ſelbſt freier von den Feſſeln einer Geiſtes⸗ richtung geweſen, die ſeine Beurtheilungskraft in die Schranken idealer Lebensanſchauungen bannte, ſo würde er geſehen haben, daß die Sprache der Natur in der Bruſt Margareth's den künſtlichen Bau der eingelernten Lebensphiloſophie merklich untergraben und erſchüttert hatte. So aber ſah er die Veränderung, die dem Fräulein einen neuen, ungewohnten Reiz mittheilte, und verſtand ſie nicht zu zergliedern. Er horchte geſpannt und ſehr ver⸗ wundert hoch auf, als Margareth ganz ohne Schüch⸗ ternheit antwortete: „Dies Seelenbündniß hat ſeine Rechte und ſeine Gültigkeit eingebüßt, beſter Alexander. Mit dem Mo⸗ mente, wo ich dem Grafen Levin die Rechte eines Ver⸗ lobten eingeräumt hatte, ſchloß ich die Thore der Ver⸗ gangenheit, und mit dem Abſchiedsblicke meines Verlobten hat ſich für mich die freie Benutzung der Gegenwart ab⸗ geſchloſſen. Was Sie alſo beanſpruchen können, ſind die Wirkungen der Zukunft, und ich vertraue es Ihrer eigenen Discretion an, darüber nichts zu hoffen, nichts zu bitten und nichts zu beſchließen.“ Der Baron blickte mit ſonderbar gemiſchten Ge⸗ fühlen auf das Mädchen. Die Ueberlegung ihres Beſchei⸗ 142 des imponirte ihm, aber der Inhalt deſſelben weckte Be⸗ ſtürzung in ihm. Mit dieſer Beſtürzung kämpfte die beleidigte Eitelkeit. „Betrachten Sie ſich noch nicht als ganz frei?“ fragte er gereizt. „Der äußerlichen Verpflichtung nach— ja!“ ant⸗ wortete ſie gelaſſen. „So dächte ich, daß der Herſtellung unſerer frühern Bande nichts entgegen ſtände?“ „Der Herſtellung früherer Bande gar nichts, mein lieber Freund,“ meinte ſie, ſtill traurig ihre Blicke erhe⸗ bend.„Ja, ich bekenne ſogar, daß für mich ein Troſt darin liegen würde, die trübſelige nächſte Zeit unter der Bemühung, mich ſelbſt wieder zu finden, zu verleben, allein Sie fordern andere Gefühle von mir, als ich geben kann—“ „Nein! Margareth, ich will nichts, als den Ver⸗ kehr unſerer Seelen, wie damals, wo ich zwiſchen Ihnen und meiner Tante lebte!“ rief der junge Mann mit Erhebung. Margareth ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe mich einmal in dem unſeligen Zwie⸗ ſpalte befunden, den eine Verkennung von Gefühlen zu Wege bringt, und ich bin entſchloſſen die Freundſchaft der Männer zu vermeiden.“ * 4 * 4 143 „Damit würden Sie einen großen Theil meines Geſchlechtes berauben,“ ſprach Alexander tadelnd. „Aber einen Einzigen um ſo mehr beglücken!“ er⸗ gänzte das Mädchen mit ſtrahlenden Augen. Sie ſah wunderſchön in dieſer Begeiſterung aus, und es mochte ſich wohl der Wunſch in dem jungen Herrn regen, dieſer„Einzige“ ſein zu können, trotzdem entgegnete er: „Das ſind Lehren, die der Egoismus einer Leiden⸗ ſchaft erfunden hat!“ „Und die ſchönſte Eigenſchaft dieſer Leidenſchaft iſt der Egoismus!“ fiel Margareth ein. Gleich darauf erröthete ſie, wie ein Mairöschen, und fügte hinzu:„Die meiſten Menſchen leben verſtrickt in dem Egoismus der Eigenliebe und ſcheuen die Opfer, welche eine Hingabe für das Glück eines Einziggeliebten fordert, aber, ſo tief ich auch durch meine verfehlte Erziehung in den Banden dieſes Egoismus lag, der widrige Mißklang, der ſich jetzt durch mein Daſein zieht und mein Leben auf lange Zeit durchtönen wird, hat mich radikal geheilt.“ „Was Sie ſagen, bekundet eine gänzliche Verken⸗ nung Ihrer Natur und Ihrer jetzigen Verhältniſſe,“ er⸗ widerte Alexander ſanft.„Der Vorwurf, den Sie mei⸗ ner Tante, die nach ihren Grundſätzen Ihre Erziehung angeordnet hatte, damit machen, fällt ſofort in ein Nichts 144 zuſammen, wenn man Sie kennen zu lernen ſucht. Die Stufe der Bildung, die Sie dadurch erreicht haben, erhebt Sie weit über die meiſten Frauen der Ge⸗ genwart.“ „Ohne mich aber zu befähigen, gleich der einfachſten Bäuerin, den Mann meiner Wahl zu beglücken.“ „Würden Sie das wünſchen?“ „Ja! Mir fehlt aber die Natürlichkeit und Einfach⸗ heit des Sinnes dazu. Ich habe Beides eingebüßt unter den Sophismen, die das Weiberherz kriſtalliſiren.“ „Welche böſe Macht hat Ihnen denn dieſe Anſich⸗. ten beigebracht?“ „Der Hauch wahrer, natürlicher Liebe!“ Der Baron biß ſich auf die Lippen. Sein feines blaſſes, ächt ariſtokratiſches Geſicht färbte ſich, und eine ſchlecht verhehlte Empfindlichkeit machte, daß er ſtumm vor ſich nieder ſah. In dieſem Ausſpruche lag die Er⸗ klärung, daß Fräulein Margareth die Liebe des Grafen höher werth hielt, als alle die ſubtilen Beziehungen, die jemals zwiſchen ihnen gewaltet hatten. Der direkte Tadel ihrer Erziehung war ein unerhörter Angriff auf die Weisheit eines vorwärtsſtrebenden Menſchengeſchlechtes und auf den Enthuſiasmus für Seelenſchönheit und Her⸗ zenskeuſchheit. Sie verletzten den jungen Mann um ſo tiefer, als er im Begriffe geweſen war, dem Vorbilde ſei⸗ nes jüngern, weit höher begabten und feiner organiſirten Freundes Wieland zu folgen, der die Welt durch den Briefwechſel mit ſeiner Seelengeliebten entzückte. Marga⸗ reth von Rittberg vereinte unbeſtritten noch bedeutendere Elemente in ſich, um ſie der allgemeinen Vergötterung würdig zu machen, als die Dame, welcher Wieland mit graziöſem Entzücken Huldigungen ſtreute. In der thörich⸗ ten Eitelkeit:„berühmt zu werden, ohne ſich allzubedeutend anſtrengen zu müſſen,“ hatte der Baron ſich der Ueber⸗ zeugung hingegeben, daß es nur eines Wortes bedürfe, um Margareth für ſeine Sache zu entflammen. So ſonderbar es klingen mag, wenn man eine Herzensan⸗ gelegenheit eine„Sache“ nennt, ſo war für den Mo⸗ ment wenigſtens kein anderer Ausdruck dafür zu finden, da es ſich keinesweges darum handelte, eine Gattin zu erwerben, ſondern nur eine ſchöne und liebenswürdige Vertreterin einer Mode, mit der man damals zu coquetti⸗ ren pflegte. Freundin eines bedeutenden Geiſtes zu ſein, gehörte zu den Errungenſchaften eines emporblühenden Zeitalters, und die berühmt werdenden Männer gefielen ſich in dem Verfahren, an eine begabte Frau die ſublimen Gedanken zu adreſſiren, wofür der rohere Weltbürger noch kein Intereſſe zeigte. Daß ſich Margareth, die bis zu ſeiner Abreiſe nach der Schweiz in den Sphären der Erhabenheit ge⸗ 146 ſchwebt hatte, in der Rolle einer einfachen Hausfrau beſſer gefallen könnte, als in dem epochemachenden Ver⸗ klärungsſchimmer einer geiſtreichen Dame, gab ſeiner idealen Liebe zu ihr einen derben Stoß und machte ihn 3 ſehr verdrießlich. Während er ſeinen Gedanken nachhing, ſagte Margareth ganz mit der ſchweſterlichen Zärtlichkeit, die ſie unrichtig für ein innigeres Gefühl zu halten am Tage zuvor von ihrer Tante faſt gezwungen worden war: „Glauben Sie mir, Alexander, Sie befinden ſich in demſelben Irrthume, wie ich, wenn Sie annehmen, daß unſere gegenſeitige Anerkennung ausreichend und bindend für alle Lebensverhältniſſe ſein könnte.“ Der Baron fuhr heftig auf:„Wenn ſolche Bin⸗ 4 dungsmittel nicht ausreichend wären, wo gäbe es dann 1 ein Mittel, um ein menſchliches Glück feſtzuſtellen? Etwa durch den Schaum der Leidenſchaft, die man durch den Namen Liebe profanirt? Und wenn dieſes Gift verraucht iſt, Margareth? Wenn das ſinnlich getrübte Auge wieder klar wird und hellſehend genug um die menſchliche Ge⸗ meinheit zu erkennen und zu begreifen? Margareth, auf welchen Abwegen wandeln Sie? Gott hat ſich Ihrer zur rechten Zeit erbarmt, um Sie für größere und edlere Lebenszwecke zu erhalten!“ 0 V 4 „Ihre Anſicht befremdet mich nicht,“ entgegnete —: —,— — 147 das Fräulein mit herzlicher Freundlichkeit,„weil darin die Gedanken enthalten ſind, die mich ſeit meiner Ver⸗ lobung mit dem Grafen Levin gefoltert und verfolgt haben. Aber die ſtumme Beredſamkeit der Leidenſchaft, die ſich in Levin's Zorn ausprägte, als er mir das Sym⸗ bol meiner Treue zurückgab, hat meine Bedenklichkeiten und Zweifel gehoben.“ Alexander ſchüttelte mit der Gebärde großer Ver⸗ wunderung den Kopf. „Gerade das, was meine Meinung beſtätigt, das hebt Ihre Zweifel auf?“ „Meine Behauptung wird Ihnen verſtändlicher ſein, wenn ich Ihnen erkläre, daß ſein Zorn aus dem Schmerze entſprang, meine Neigung nicht ſo ungetheilt zu beſitzen, wie er ſie mir weihete! Nur dem, der ſelbſt liebt, iſt die⸗ ſer Schmerz erklärlich!“ „Sie verſtehen ihn zu würdigen?“ fragte Alexan⸗ der mit Ironie. „Im tiefſten Mitgefühle und in einer entſetzlichen Sorge um ſein Wohlergehen!“ ſprach Margareth leiſe und gefühlvoll. „Dieſe Sorge macht Sie kalt gegen meine bewährte und geduldigere Zuneigung?“ „Vielleicht! Der Menſch kennt ſich ſelbſt zu wenig, 148 und wenn er ſich erkennt, iſt es zu ſpät,“ verſetzte ſie ausweichend. „Das Glück meiner Zukunft iſt Ihnen weniger wichtig?“ „Es erſcheint mir weniger gefährdet!“ ſagte ſie wehmüthig. „Das frägt ſich! Nachdem ich durch die Großmuth des Schickſals zu neuen Hoffnungen ermuthigt wurde, verſchränken Sie mir mit Härte jede Ausſicht auf ein Glück, das ich jetzt erſt, nach dem drohenden Verluſte zu ſchätzen weiß.“ „Haben Sie Geduld, Alexander!“ bat Margareth ſanft.„Sie kennen Ihre Empfindungen auch nicht genug, uunm ſich nicht durch jede Auseinanderſetzung zu übereilten Schlüßen verleiten zu laſſen. Würden Sie es lieber ſehen, wenn ich jetzt leichtſinnig handelte?“ „Jetzt— jetzt leichtſinnig?“ erwiderte der Baron mit Ueberhebung.„Der Fall iſt geweſen! Jetzt würden Sie nur Ihrer würdig handeln, wenn Sie ohne Be⸗ ſchränkung und mit vollem Vertrauen Ihre Hand in die meine legten!“ Margareth lächelte ganz wenig.„Auch wenn ich jetzt, geſchreckt durch die Verwirrung meiner Empfindungen, belehrt durch meine tiefe und ſchmerzhafte Betrübniß, ganz bedeutende Zweifel in die nothwendige Wärme 149 meines Gefühles für Sie zu ſetzen verſucht wäre?“ fragte ſie. Er faßte ſchmeichelnd ihre Hand.„Die Wärme, welche ich beanſpruche, leuchtet mir aus Ihren geiſt⸗ vollen Augen heute, wie damals entgegen, wo Sie von mir auf den Thron meines Herzens erhoben wur⸗ den!“ rief er ſchwärmeriſch.„Sie verkennen die Poeſie der Liebe, theure Margareth, und verwechſeln in der reinen Unſchuld ihres Herzens eine leichte Wallung, die vergänglich iſt, wie der Duft einer Blüthe, mit dem erhebenden, himmelanſtrebenden Ernſte einer heiligen Begeiſterung, die allein das Erdenglück der Menſchen zu ſchaffen vermag. Zu der Höhe ſich emporzuſchwingen, wo die Gluth des Herzens bis zur unvergänglichen Wär⸗ me gemildert und die Seele, als Hüterin alles irdiſchen Stoffes, unſere Läuterung beginnt, das iſt unſere Pflicht. Sie trägt den Lohn ſchon hier auf Erden in ſich, aber ſie verheißt uns höhere Seligkeit in dem Jenſeits, wozu wir uns hier nur muthvoll vorbereiten!“ „Die Macht dieſer Pflicht muß aber durch die Wärme und Poeſie der Liebe unterſtützt werden, wenn ſie nicht die Heiterkeit unſers irdiſchen Daſeins gänzlich ver⸗ dunkeln ſoll,“ fiel Margareth lebhaft ein.„Und ich halte es der Würde einer Jungfrau für unangemeſſen, mit der Weisheit des Verſtandes ein Bündniß zu ſchließen, das nur unter der Einwirkung gegenſeitiger Herzensflammen —————— 150 die richtige Weihe enthält!“ Ihre frommen ſtillen Augen richteten ſich bei dieſen Worten in die Ferne, als müſſe ſie dort den ſuchen, welchen ſie an ihrer Seite zum Le⸗ bensgefährten wünſchte. Alexander beobachtete ſie ſcharf. „Sie erwarten„von der Weisheit des Verſtandes“ kein genügendes Glück?“ fuhr er kurz und empfindlich gemacht durch ihren Widerſpruch, auf. „Nein,“ antwortete ſie einfach und ruhig. „Würden Sie mir dieſelbe Antwort vor Jahres⸗ friſt gegeben haben?“ „Nein!“ ſagte ſie eben ſo beſonnen und kurz. Alexander bemerkte, daß ſie ſich mit Ueberlegung je⸗ der geiſtreichen Verſtrickung entzog und ihren Seelen⸗ zuſtand ſtreng in den Grenzen klaren Verſtändniſſes er⸗ hielt. Sonſt eine Freundin enthuſiaſtiſcher Phraſen, hatte ſie bis jetzt ihre Ausdrucksweiſe beſchränkt und ſich auf der Bahn ſtiller Bedächtigkeit bewegt. Die Wendung des Geſpräches ſchien ein ungünſtiges Ende für ihn zu ver⸗ ſprechen, und dahin durfte er es nicht kommen laſſen. Die Zukunft mußte ihm offen bleiben. Was ihm dann nicht gelungen war, mußte der gewichtigern Ueberredung ſeiner Tante überantwortet werden. Seine Entſagung wäre ihm nach dieſem Wiederſehen bei weitem ſchwerer geworden, als früher, und er ſah nicht ein, weshalb er den Be⸗ 151 ſitz eines Mädchens wegen einer kleinen Herzensverſtim⸗ mung aufgeben ſollte, das ihm ſeit Jahren als ein Lohn ſeiner Beſtrebungen vorgeſchwebt hatte. „Sie haben mich alſo früher Ihrer Liebe werth be⸗ funden?“ fragte er theilweiſe bewegt von dem Gedanken etwas eingebüßt zu haben, was er in dieſem Augenblicke hoch anſchlug.„Sollte jeder Funken dieſer Neigung er⸗ loſchen ſein?“ Margareth heftete klar und groß ihr Auge auf ihn, ließ aber die direkte Frage unbeantwortet und warf nur aufgeregt die Worte hin:„Es gab eine Zeit, wo mir die Erklärung Ihrer Neigung ein Glück verheißen hätte, aber ich bin der Ueberzeugung, daß ich es Ihnen danken muß, frei und ungefeſſelt geblieben zu ſein. Ehren Sie die Stürme in meiner Bruſt, Alexander, und laſſen Sie der Zukunft ihr Recht. Was die Zeit ausgleicht, muß dem Kampfe entzogen werden, denn die Zerſtörungen des Kampfes heilen ſelten mit der Zeit. Ich gehöre durchaus nicht zu den weiblichen Naturen, die kampfbereit in's Le⸗ ben ſtürzen, die opferfähig ihr eigenes Herz auf den Altar der Selbſtverläugnung legen und in der kühlen Ver⸗ herrlichung eines imaginairen Ruhmes ſich ſelig fühlen. In mir ſchlafen Wünſche, die mich anders leiten, als Sie denken. Der Zügel, den mir meine Geiſtesbeſchäftigun⸗ gen angelegt haben, iſt— zerriſſen! Wie ich mein Glück 15² erreichen werde, das meine Träume füllt, ob ich es je⸗ mals erreiche— das ſind troſtloſe Fragen, welche die dicht verſchleierte Zukunft enthüllen wird.“ Ihr Blick flog leidenſchaftlich in die Ferne. Das Feuer und der Glanz, welcher darin glühte, verrieth beſſer noch als ihre Rede die wahre Beſchaffenheit ihres Innern. Erſchrocken ſprach der junge Mann, mehr für ſich, als für das Fräulein: „Sie— die weiße Taube— es iſt entſetzlich!“ Ein Schrei, leiſe aber verrätheriſch dem Herzen ent⸗ ſpringend, das in glühender Erinnerung aufzuckte, drang zu ihm und wendete ſeine Aufmerkſamkeit wieder zu Mar⸗ gareth. Sie ſaß todtenbleich, die Hände gegen die Bruſt gepreßt da. Ein Geiſterlächeln wehte über ihre Lippen. In den ſüßeſten Stunden traulicher Liebe hatte der Graf ſie ſo genannt.„Meine weiße Taube!“ Ein entſetzliches Weh durchrieſelte ſie und raubte ihr die mühſam behaup⸗ tete Faſſung. Alexander ſprang auf, um ihr hilfreich zur Seite zu ſein. Sie wies ihn zurück und bat ihn mit abgewen⸗ detem Geſichte„ſie nun zu verlaſſen“. Zögernd willfahrte er ihr. Er beobachtete mit Schrecken die leidenſchaftlichen Bewegungen, mit welchen das junge, ſanfte Mädchen ihre Stirn gegen die Polſter des Divans preßte, um ihre Aufregung zu bemeiſtern. 153 Mit ſolchen heftigen Gemüthswallungen nicht vertraut, ſtand er betrübt da und überdachte den Schluß dieſes Rendezvous, von dem er ganz andere Reſultate erwar⸗ tet hatte. Eine mächtigere Kraft, als die graziöſen Spiele⸗ reien der Schöngeiſtigkeit ſchien hier zu walten und mit unbeſiegbaren Waffen ſeine oberflächlichen Anſprüche zurückzuweiſen. Er glaubte in dem einzigen leiſen, herz⸗ erſchütternden Schrei, womit ſie, ihm unverſtändlich, ihre Unterredung geſchloſſen hatte, das Grabgeläute ſeiner ſyſtematiſch aufgeſtellten Hoffnungen ertönen zu hören. Unverzüglich begab er ſich zu ſeiner Tante, der Ver⸗ bündeten, die ihm einen Sieg, einen leichten Sieg ſogar verſprochen hatte, und er beeilte ſich ihr mit dem einzigen Worte„Verloren“ ſeine Niederlage zu verkünden. Ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen, ließ ſich Frau von Wallbott„die ganze Geſchichte“, wie ſie nach⸗ läſſig meinte, erzählen. Als Alexander mit der unerwar⸗ teten Aufregung, die nach ſeiner Meinung eine geheim⸗ nißvoll ſelige Ueberſchwenglichkeit der Gefühle errathen hatte, ſchloß, ſprach die kluge Dame ganz gemüthlich: „Ich ſehe noch gar nichts verloren, wenn der erſte Angriff zurückgeſchlagen wird. Ein erſter Erfolg iſt nie ein Beweis von ſtrategiſcher Klugheit, mein lieber Ale⸗ xander, aber wenn es dem Angreifer gelingt, einen gut 1860. XII. Gertrud. I. 10 154 verſchanzten Feind zum gänzlichen Rückzug zu bringen, dann gebührt ihm der Lorbeerkranz.“ „Nun— ich bin auch nicht Willens, es bei meinen erſten Bemühungen bewenden zu laſſen, ma chère tante,“ entgegnete der junge Mann etwas hochmüthig.„Nur für den Augenblick iſt nichts zu hoffen!“ „Das gebe ich nicht unbedingt zu!“ rief die Dame pikirt.„Hätteſt Du Deine Angriffswaffen beſſer geſtellt, ſo würde Margareth, trotz ihres ſtürmiſchen Schmerzes, den Du geſehen zu haben meinſt, Deine Neigung belohnt und Dir Verſprechungen geleiſtet haben. Wie ſchwach ſie gegen feurige Worte iſt, hat ſie bei Graf Levin's Wer⸗ bung bewieſen.“ „Ich habe meiner Liebe hinlänglich Worte gege⸗ ben,“ fiel Baron Alexander reſpectvoll ein,„aber ich mußte für jetzt kapituliren, da Margareth die Begriffe „Liebe und Freundſchaft“ gründlich zu unterſuchen ſich vorgenommen hat! Meine Stellung hier, meine gnädige Tante, wird mir durch den Ausgang meiner Conferenz mit Margareth drückend. Als Bewerber kann ich, nach ihrem Beſcheide, nicht füglich auftreten und als Verwand⸗ ter würde ich überall mißliebig ſein. Deshalb iſt es rath⸗ ſam, aufzubrechen. Ich habe eine Einladung von meinem Vetter Maltzahn, dem preußiſchen Geſandten in Dresden erhalten, und ich bin Willens derſelben Folge zu leiſten.“ 15⁵ „Der Einfall iſt gut!“ entſchied Frau von Wall⸗ bott.„Laſſen wir Margareth Zeit ſich von den Erinne⸗ 9 rungen der letzten, fatalen Ereigniſſe zu erholen. Die Leiden ſolcher Stunden gleichen ſich nach alter Erfahrung durch Entbehrung am beſten aus. Kehrt erſt die ſchöne elegiſche Stimmung in Margareth zurück, ſo tritt Dein Bild in volle Kraft, und wir werden bereit ſein, durch Eindrücke neuer Art der menſchlichen Schwäche abzuhel⸗ fen, die ſie für diesmal überwältigt hat.“ Sie erhob ſich mit ſtandesmäßiger Grazie, zog die Enveloppe feſter um ihre Schultern und machte ſich bereit zur Mittagstafel hinab zu gehen. „Es weiß Niemand, daß Du Margareth geſprochen haſt?“ fragte ſie während dieſer kleinen Vorbereitungen. „Niemand als Rittberg und der Diener, der mich meldete,“ entgegnete Alexander, hofmäßig artig ihr den Fächer aus dem Etui darbietend. „Ich habe einen Plan, allein dieſer würde erſt von einer gewiſſen Nothwendigkeit gereift werden müſſen.“ „Es iſt alſo, ſo zu ſagen, der gnädigen Tante letzte Retirade,“ fiel Alexander ein. „Nicht gerade das! Es liegt nur in meinem reſer⸗ virten Verhältniſſe zu meiner Prinzeſſin, daß ich nicht 4 unbedingt mit meiner Zeit ſchalten darf, und mein Plan hängt mit einer Reiſe nach Paris zuſammen.“ 4 10* „Ah— ich verſtehe! Sehr intereſſant!“ rief Baron Alexander lebhaft.„Einem on dit zufolge iſt Voltaire brouillirt mit dem Könige von Preußen, ſeinem Special⸗ freunde, und will nach Frankreich zurückkehren?“ „Seine Abſicht geht dahin, jedoch iſt anzunehmen, daß der König Alles aufbieten wird, den geiſtvollen Freund wieder zu verſöhnen. Voltaire kann den erſten Schritt nicht gut thun, aber er muß beredet werden, ohne Spott und Satyre einer Annäherung des Monar⸗ chen entgegen zu kommen.“ „Es gibt Lagen des Lebens, wo die Satyre ſchwei⸗ gen muß!“ warf Alexander ernſthaft ein, indem er die Thür weit öffnete, um dem Reifrocke ſeiner Tante Raum zu ſchaffen. „Der Meinung bin ich auch! Voltaire will nach Paris und hat als Vorwand eine Einladung d'Alem⸗ bert's benutzt, der ſchon ſeit Jahren ſeine Neugier durch die enthuſiaſtiſchen Beſchreibungen einer jungen ſchönen Freundin, Julie'Eſpinaſſe, geweckt hat. Dieſe junge Dame iſt jetzt die Geſellſchafterin der Marquiſe Du Deffant, einer durch liebenswürdige und glänzende Eigen⸗ ſchaften ausgezeichneten Frau, die das Unglück gehabt hat, blind zu werden. Voltaire rechnet die Marquiſe zu den ſeltenen Erſcheinungen in der Frauenwelt, die in der Jugend durch Schönheit bezaubert haben und im ——— 157 Alter durch ihren Geiſt entzücken. Der Zirkel, welcher die Marquiſe und Fräulein l'Eſpinaſſe umgibt, iſt von den bedeutendſten Männern Frankreichs gebildet, und zwiſchen ihnen glänzen die beiden Damen wie ſtrahlende Meteore. Dorthin möchte ich mit Margareth, um ſie für die ſub⸗ tilen Genüße eines ſchöngeiſtigen Lebens zu begeiſtern— dorthin würde ich ſie führen, um ihr die bodenloſen Irr⸗ thümer ihrer Sinne, die einen Mann von zweifelhafter Bildung als Gatten zu betrachten geneigt waren, vor Augen zu bringen.“ „Die Kur iſt gewagt, gnädige Tante,“ erwiderte der Baron mit affectirter Beſcheidenheit.„Der Liebens⸗ würdigkeit eines Herzogs von Choiſeul wage ich nicht zur Seite zu ſtehen!“* Frau von Wallbott ſah ihn lächelnd von der Seite an.„Wenn er mehr Muth und Begeiſterung bei ſeiner Liebe zeigte, als Du, ſo möchte er zu fürchten ſein, ſonſt nicht!“ Alexander küßte ihr geſchmeichelt die Hand. „Wir kennen die Liebenswürdigkeit des Grafen Brettow nicht, und dies erſchwert meine Stellung,“ ent⸗ gegnete er leiſer, weil ſie langſam fortſchreitend, jetzt dem Corridor ſich näherten. „Graf Brettow gehört zu den wüſten Jägern und rohen Landjunkern, die nach dem Dresdner Friedens⸗ 158 beſchluße die Armee verlaſſen haben, um auf ihren Land⸗ ſitzen ein luſtiges Leben voll wilder Gelage zu führen. Fürchteſt Du den Vergleich mit ſolchem Manne?“ „Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, muß es uns ja ſehr gelegen ſein, daß der Graf, blind vor Zorn, ſein Glück ſelbſt zertrümmert hat,“ meinte der Baron 4 zufriedengeſtellt. „Von der aufgehobenen Verlobung iſt indeß ſchon mehr laut geworden, als ich dachte,“ flüſterte die Dame noch leiſer.„Retten wir uns hinter den Schein der größ⸗ ten Unbefangenheit!“ Der Baron verneigte ſich beiſtim⸗ mend.„Die Geſellſchaft, die wir finden, läßt ſich leicht düpiren. Da iſt ein junges, keckes Fräulein Spärkan aus Sachſen— die vertraue ich Dir an. Führe ſie zur Ta⸗ fel und fülle ihren kleinen, kindiſchen Kopf mit Erzäh⸗ lungen von Deinen Reiſen. Den Oberſt von Pröhl mit ſeinen Kernflüchen will ich ſchon beſänftigen. Frau von Pröhl beſitzt ein ſchätzenswerthes Beobachtungstalent, iſt aber zu ſehr Stockpreußin, um nicht von einigen Flatte⸗ rien, die man dem Könige Friedrich zollt, betäubt zu wer⸗ den. Margareth mag unſerm guten larmoyanten Gellert zu Theil werden. Nach der Mittagstafel beſchleunigſt Du Deine Abreiſe— das Uebrige ordne ich in den nächſten Tagen, bevor die übrigen Gäſte eintreffen. Margareth 159 wird gern und muß ſogar nach dieſem Eclat die Gegend verlaſſen, und es iſt natürlich, daß ſie es unter meiner Obhut thut, und ich werde ſie nach Paris entführen!“ Achtes Capitel. Die erſte Perſon, welche dem Baron Alexander Lottum nach ſeiner ceremoniellen Präſentation im Eß⸗ ſaale auffiel, war Fräulein Gertrud von Spärkan, die ihr friſches, hübſches Geſicht in einer Weiſe zu ihm em⸗ porhob, worin deutlich die ſehr moquante Bemerkung zu leſen war, daß ſie ſich unter dem Baron Alexander eine imponirende Perſönlichkeit vorgeſtellt habe. Allein ihr Urtheil war nicht vorurtheilsfrei. Ale⸗ xander von Lottum gehörte zu den jungen Männern, die ſich überall leicht Anerkennung verſchaffen, und Ger⸗ trud hatte Unrecht, wenn ſie ſeine perſönliche Erſcheinung nicht in Einklang mit ſeinen Anſprüchen bringen konnte. Alexander war, trotz einiger Charakterſchwächen, ein be⸗ achtungswerther, junger Kavalier, der mit den ausgezeich⸗ netſten Manieren eines vollendeten Weltmannes viele tüchtige Kenntniſſe und einen ſtrebſamen Geiſt verband. 160 Seine Unterhaltungsgabe war berühmt, und ſie be⸗ wegte ſich immer in den Grenzen der Faſſungskraft der⸗ jenigen Perſonen, mit denen er verkehrte. Dieſer Unterhaltungsgabe verdankte es der junge Baron, daß ſich die feindſeligen Oppoſitionsgefühle des Fräuleins Gertrud in ganz unglaublich kurzer Zeit ver⸗ wandelten, daß ſich ihr Geſichtsausdruck nach und nach verbeſſerte, daß ihr Lächeln immer verklärter wurde und daß ſie zuletzt in voller, angeborner Liebenswürdigkeit glänzte. Es liegt in jeder Frauennatur die Luſt ſich wichtig zu machen, aber niemals war dieſe Sucht wohl auf einen höhern Grad geſtiegen, als in Gertrud. In ihrer kindiſchen Selbſtgefälligkeit hatte ſie ſich nach gerade innerlich bis zu dem Punkte emporgearbei⸗ tet, wo ſich der Menſch mit ſeinen weiſen Rathſchlägen für unentbehrlich hält und wo er ſich berufen glaubt, Predigten und Lehren als eine göttliche Inſpiration laut werden zu laſſen. Gertrud ſtand mehrmals im Begriffe, wenn ihr Blick auf Margareth fiel, die ſehr bleich und ſtill neben dem Profeſſor ſaß, ſich in bittere und gehäſſige Zurecht⸗ weiſungen zu verirren, und hätte ihr Baron Alexander mehr Zeit zu dergleichen großartigen Vorträgen gelaſſen, ſo würde ſie wahrſcheinlich die ganze Geſchichte auf eine — 4 3 1 4 — ——õ— — „ 161 Weiſe zur Sprache gebracht haben, die zum vollſten Eclat führen mußte. So aber hielt die Eloquenz ihres geiſtreichen Nach⸗ barn ſie in Schach und feſſelte den Fluß ihrer Rede in die gehörigen Schranken. Ueberhaupt befand ſich das junge Mädchen noch in dem Stadium der Weltbildung, wo das Siegel einer gewiſſen Blödigkeit die eigentlichen Charak⸗ terentwickelungen ſo lange unterdrückt, bis die Zutraulich⸗ keit mit der längern Bekanntſchaft zugleich wächſt. Zuerſt gab alſo Gertrud nur eine liebenswürdige Zuhörerin ab, verwandelte ſich aber nach und nach in eine Erzählerin, der Alexander anfangs mit der kühlen Gelaſſenheit ſeines Weſens zuhörte. Allein er fand bald, daß die junge Dame mit einer merkwürdigen Gabe von Beredſamkeit ausgeſtattet war, und daß ſie bedeutende Geiſteskräfte in ſich barg, wenn ſie es auch liebte, ſich häufig abgebrochen, kurz und kindiſch auszudrücken. Er reizte ſie, wunderbar angeregt und amüſirt, durch allerlei Widerſprüche, und ergötzte ſich an der kecken Anmuth, wo⸗ mit ſie den geſelligen Ton handhabte. Mitten in ihren heitern Plaudereien ſtutzte er aber, als die junge Dame plötzlich, mit eigenthümlicher Beto⸗ nung auf ſeine Mittheilung,„daß er ſogleich nach auf⸗ gehobener Tafel nach Dresden abreiſen werde“, ausrief: „Das iſt gut! Das iſt ſehr gut!“ . Unter Neckereien verlangte er eine Erklärung über dieſen Ausruf. Sie gab ſie ſchnell gefaßt mit den Worten, daß die Preußen Dresden ſehen müßten, um Berlin„ab⸗ ſcheulich“ zu finden. Der Baron lächelte. Er merkte eine Abſicht, verfiel einen einzigen Moment in Nachdenken darüber und erwiderte dann ſcherzend: „Ich bin aber gar kein Preuße, mein gnädiges Fräulein.“ Seine klugen Augen hafteten dabei ſo forſchend auf ihrem Geſichte, als wolle er bis auf den Grund ihrer Seele ſehen. Keck hob jedoch die junge Dame ihr feuri⸗ ges Augenpaar und wiederholte feſter und gewichtiger nochmals die Worte:„Dennoch iſt's gut, ſehr gut, daß Sie nach Dresden wollen!“ Es gelang ihm, trotz ſeiner diplomatiſchen Feinheit nicht, dahinter zu kommen, ob reiner kindiſcher Ueber⸗ muth aus Gertrud ſprach, oder ob es mit einem gewiſſen Plane in Zuſammenhang zu bringen ſei, daß ſie ſeine Abreiſe gut heiße. Sie warf mit affectirter Kindlichkeit alle darauf bezüglichen Forſchungen zurück und ließ ihre friſche, geiſtige Natürlichkeit ſo lebhaft hervortreten, daß der junge Mann endlich davon zurückkam, ſie mit dem trüben Geheimniſſe der verunglückten Hochzeit vertraut u denken. 163 Da ſich Gertrud in der Verwandtſchaft mit ihrem Vetter, dem Feldmarſchall von Spärkan, ſo überaus wohl gefiel, ſo war es natürlich, daß ſie derſelben Erwähnung that und von ihrem letzten Aufenthalte in ſeinem Hauſe zu plaudern begann. Sie erwähnte dabei eines Gerüchtes über Kriegspläne und ließ ſich endlich durch ihre vorherr⸗ ſchende Sucht,„ſich wichtig zu machen,“ verleiten, mit vollſtändiger Sorgloſigkeit zu erzählen, daß ſie Ohren⸗ zeugin einer Conferenz zwiſchen dem Geheimſecretair Menzel und ihrem Herrn Vetter geweſen ſei, wodurch in ihr die feſte Ueberzeugung von einem bevorſtehenden Kriege erweckt wäre. Die wichtige Miene, mit der die junge Dame ſich in dieſe politiſchen Materien vertiefte, reizte den Baron zum Lachen. Er wiederholte aber den Namen„Menzel“ und fragte, ob dieſer Herr derſelbe ſei, welcher ſich in der ſchönwiſſenſchaftlichen Literatur ausgezeichnet habe. Mit dieſer Frage ſetzte er das arme Fräulein aber in die gründlichſte Verlegenheit, denn die ſchönwiſſen⸗ ſchaftliche Literatur war ein Feld, wo ihr Wiſſen un⸗ glaublich beſchränkt erſchien. Der Profeſſor Gellert nahm ſich ihrer an. Er be⸗ jahte des Barons Frage und fügte hinzu:„Menzel iſt ein tüchtiger Geiſt, aber ein ſchwankender Charakter! Da⸗ bei iſt Freund Menzel ein Gourmand und Lebemann er⸗ 164 ſter Größe, nobel, wie ein Kavalier vom reinſten Adel, verſchwenderiſch und dem Spiel ergeben. Ich traf ihn kürzlich bei Rabener, den er bisweilen mit Aufſätzen für ſeine Zeitſchrift„Beluſtigungen des Verſtandes und Wi⸗ tzes“ unterſtützt.“ „Was hat er herausgegeben?“ fragte Frau von Wallbott, jetzt intereſſirt, dazwiſchen. „Einen neuen Krieg zwiſchen der Kaiſerin Maria Thereſia und dem Könige von Preußen,“ ſcherzte der Baron zu ihr gewendet. „Was?“" fuhr der Oberſt auf und richtete ſich mar⸗ tialiſch in die Höhe, als hätte er Luſt, ſogleich mit⸗ zufechten. 1 Gertrud lachte laut auf.„Beruhige Dich, Onkel Pröhl!“ rief ſie ihm zu.„Ich habe dem Baron nur er⸗ zählt, daß der Kabinetsſecretair Menzel von Abſichten geſprochen hat, die auf Krieg ſchließen laſſen.“ „Der König von Preußen ſcheint nicht viel Luſt zum Kriege zu haben,“ ſpöttelte Frau von Wallbott.„Er ſoll unendlich viel Flöte blaſen—“ „Sagt Voltaire,“ ſchloß Herr von Rittberg mit einem Seitenblicke auf ſeine Tante.„Aber unſer Monarch vergißt über ſeine Amüſements ſeine Pflichten nie. Es be⸗ ruht ſicher auf einem Irrthume, daß er ſeine Kraft in einem neuen Kriege zu zerſplittern gedenkt.“ ——— ——— —— 165 „Was er gedenkt,“ fiel Gertrud keck ein,„das weiß ich freilich nicht. Allein von dem, was die Kaiſerin be⸗ ſchloſſen hat, iſt mir mancherlei zu Ohr gekommen.“ „Blitz Element, Gertrud, Du kommſt wohl direct aus dem Staatsrathe!“ ſpöttelte der Oberſt. „Wenigſtens aus dem Kabinette dicht daneben!“ antwortete das junge Mädchen prompt. „Streiten wir nicht vorher,“ lächelte der Baron. „Nach meiner Meinung ſitzt der König von Preußen ſeit dem Dresdner Frieden ſicher genug.“ „Ja, ja!“ lachte der Oberſt.„Heiliges Kreuz⸗ battaillon— der hat gezeigt, daß er addiren, ſubtrahiren und multipliciren kann. Das Dividiren überließ er der armen Kaiſerin.“ „Es bleibt allerdings ein tadelnswerther Staats⸗ ſtreich von dem Preußenkönige,“ ſprach Frau von Wall⸗ bott gelaſſen,„daß er ſich ohne Weiteres durch den Be⸗ ſitz der ſchönen Provinzen Schleſiens bereicherte. Ich bin zwar eine geborene Preußin, allein ſelbſt wenn ich mei⸗ nem Vaterlande nicht durch jahrelange Entfernungen ent⸗ fremdet wäre, ſo würde ich dennoch nach meinem Ge⸗ wiſſen den König als einen Uſurpator betrachten und ihm Unheil aus ſeinem räuberiſchen Verfahren prophezeien.“ „Dazu iſt wenig Ausſicht, meine Gnädige!“ rief der Oberſt.„Die Schleſier wiſſen freilich nicht, was ſie 166 wollen, ſie möchten weder unter der katholiſchen Maria Thereſia ſtehen, noch unter den preußiſchen Adlern ſitzen, aber trotz ihres ewigen Raiſonnirens mucken ſie doch nicht auf, Gnädige. Der König Friedrich kehrt ſich auch nicht daran. Kreuzſapperlot— die Könige hätten auch viel zu thun, auf alle Redensarten zu hören, die das Volk fallen läßt. Füſilliren, hauen und einſperren— das ſind drei prächtige Recepte für Scandalmacher.“ „Ihre Frau Gemahlin ſcheint Sie ſehr gut preu⸗ ßiſch erzogen zu haben!“ lächelte Frau von Wallbott fein. „Ich— gut preußiſch?“ ſprach mit verſtärkter Stimme der ehemalige Oberſt.„Heiliges Kreuzdonner⸗ wetter, Gnädige—“ er hielt inne, denn ein Blitz des Unmuthes traf ihn aus den Augen ſeiner Gattin, weil er anfing ſich in Fluchen zu überbieten—„wollt' ich ſagen,“ fuhr er gedämpft fort,„mille tonnèrres, meine Gnädige, das dürfte mir kein Mann ſagen, ohne daß ich die Klinge blank zöge. Ich haſſe die Preußen— ich verachte die Preußen— ich—“ Er hielt wieder inne, weil Gertrud zu lachen anfing. Es waren ihre beliebten Redensarten, die er ſich in ſeinem Eifer aneignete. Frau von Pröhl erbarmte ſich ſeiner Verlegenheit und ſchloß die begonnene Rodomontade unter herzlichem Gelächter: „Das muß ich beſtätigen, Frau von Wallbott! Mein ehrenhafter Gemahl iſt ein richtiger Preußenfreſſer 167 geweſen, und hat eine Zeitlang ſogar angeſtanden, mich leben zu laſſen. Jetzt hat er ſich etwas eingebürgert in Preußen und ſtellenweis eine Art Würdigung meiner Landsleute eintreten laſſen. Freilich bei einem Kriegs⸗ ausbruche, wie er in Gertrud's Kopfe ſpukt, wäre ich nicht ſicher, daß er„Mordelement“ riefe— aber deſſen ungeachtet doch heim bliebe und ganz gemüthlich bei ſei⸗ nen neuen preußiſchen Vettern dinirte und ſoupirte.“ „Ganz dem Laufe der Welt gemäß,“ ſchaltete Gel⸗ lert, der ſich in ſtiller Unterhaltung mit Margareth wohl⸗ gefallen hatte, ein;„immer viel Geſchrei, viel Worte, viel Muth und beſonnen in Thaten! Der geſcheidte Mann zeigt ſich bei dieſer Gelegenheit im hellſten Lichte. Er wägt ſeine Worte nicht, weil Worte flatternde Ge⸗ nien ſind, bunte Libellen, die unſere Geſelligkeit verſchö⸗ nen; aber für die That iſt und fühlt der ehrenhafte Mann ſich verantwortlich, und ſchreckt zurück, wenn ſeine Worte verkörpert werden ſollen.“ Der Oberſt drohte ihm lachend mit der Fauſt. „Gellertchen— Gellertchen, Sie ſind ein feiner Geſell und verſtehen ſich vortrefflich auf„flatternde Genien und bunte Libellen“, aber eine Moral ſteckt immer dahinter.“ „Das ſind meine einzigen Thaten, die ich wage!“ lächelte der Profeſſor. „Sind aber verfluchte, ſpitze, blankgeſchliffene Waf⸗ fen, Ihre Worte, woraus Sie Thaten machen. Sacker⸗ lot— wollt' ich ſagen— maledetto, wenn die ganze Gelehrtenwelt ſo fechten wollte, dann müßten wir armen Kriegsleute einpacken und hinter den Ofen kriechen, weil wir dieſen Waffen nicht gewachſen wären.“ „Ich ſtimme aber für dieſe Art Kriegführung,“ warf Frau von Pröhl hin;„ſie koſtet kein Menſchenleben, keine Arme und keine Beine!“ „Aber deſto mehr Kopf erfordert ſie!“ rief Fräulein Gertrud vergnügt. „Du dächteſt wohl mitfechten zu können?“ fragte ihr Pflegevater ſpöttiſch. Die junge Dame warf ſich in's Weſen und ent⸗ gegnete kühn:„Ich fühle Muth zu allen Kriegführun⸗ gen, Papa Pröhl, denn ich gehöre zu der Verwandtſchaft eines ſächſiſchen Feldmarſchalls. Stellen Sie mich auf die Probe, ob ich nicht Muth habe!“— Ihr Auge blitzte verwegen über die Geſtalt der Frau von Wallbott hin und traf dann im Einverſtändniß mit Elvirens Blicken zuſammen. Es lag wiederum ein Verrath ihrer Geheim⸗ niſſe in dem wortloſen Angriffe, der ſelbſt hell und leuch⸗ tend in Frau von Wallbott einzudringen ſchien. Sie wandte forſchend ihr Auge auf beide Pflegetöchter der Familie Pröhl, wurde aber von Elvirens ſchneller Faſ⸗ ſung beſchwichtigt. — 169 „Ja, wenn Du von mir eine Beſtätigung Deines Muthes verlangſt,“ ſprach Fräulein Elvire, erſchrocken die Wirkung von Gertrud's Blicken überdenkend,„ſo muß ich ſagen, Gertrud, daß es allerdings nur zwei Dinge in der Welt gibt, vor denen Dein junges Herz ſich fürchtet. Das ſind: verdrießliche Männer und Geſpenſter.“ Ein allgemeines Gelächter erhob ſich und ſtörte den Ernſt des Nachdenkens in Frau von Wallbott. Allein ſie fragte ſich ſpäterhin auch, wie ihr Neffe Alexander: „Sollte man etwas gegen mich im Schilde führen, was meine Wünſche durchkreuzen könnte?“ Das Geſpräch lenkte ſich nach dieſer kleinen Ab⸗ weichung bald wieder zurück auf politiſche Gegenſtände, die man mit Urtheilen über Literatur⸗Erſcheinungen ver⸗ zweigte. Die Kunſtrichtungen hängen mehr oder weniger von dem Geſchmacke eines Herrſchers ab, ſomit war es wohl natürlich, daß man ſich bei den Schwingungen bele⸗ bender Geiſter der Beſchützer erinnerte, welche ſich bei der ſteigenden Beweglichkeit eines geiſtigen Lebens betheilig⸗ ten, und die Furcht blicken ließ, daß ausbrechende Krieges⸗ unruhen nachtheilig auf die Beſtrebungen wirken würden, die eine gewiſſe Blüthe in der deutſchen Literatur bezweck⸗ ten. Frau von Wallbott warf ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit in die Galauniform der Schöngeiſterei. Sie war 1860. XII. Gertrud. I. 11 —* beleſen, wie ſelten eine Dame vor und nach der Zeit, wo ſie lebte, und ſie hatte ihre Urtheilskraft dergeſtellt ge⸗ ſchärft, daß ſelbſt Gellert ihr ſeine Hochachtung in dieſem Punkte nicht verſagte. Durch ihre Vertrautheit mit den meiſten regierenden kleinern Fürſten nahm ſie einen beachtungswerthen Platz in den Reihen der Protectoren ein, die das geiſtige Leben der Nation zu heben wünſch⸗ ten. So wenig Sympathie ſie für König Friedrich's kriegeriſche Unternehmungen hatte, eben ſo hoch war ihre Werthſchätzung ſeiner geiſtigen Kraft. Es gereichte ihr zum ſtillen Verdruße, daß es ihr niemals hatte gelingen wollen, die Aufmerkſamkeit des geiſtreichen Königs von Preußen auf ſich zu lenken, und daß ſelbſt Voltaire's Bemühungen, ſeines hohen Freundes Intereſſe für die begabte, gründlich durchbildete Dame(nach ſeinem Ur⸗ theile die klügſte Deutſche) zu wecken, an der ſtörriſchen Nichtachtung kluger Frauenzimmer geſcheitert war. Ihr Unmuth verhinderte ſie jedoch keineswegs den Auf⸗ ſchwung der Kultur namentlich dem geiſtvollen Könige zuzuſchreiben, der ſelbſt ein Stern erſter Größe am Him⸗ mel der Verſtandesbildung, alles Mögliche that, um ſein Volk für den Fortſchritt zu begeiſtern. Daß der König Friedrich ſich von dem feineren Weſen der franzöſiſchen Bildung angezogen fand und die Entwickelung deutſcher Geiſteszuſtände davon beeinflußen ließ, machte ſie ihm — 171 nicht zum Vorwurfe, eben ſo wenig, wie irgend ein Zeit⸗ genoſſe des Königs dies wagte. Jeder, der damals lebte und athmete, mußte die überwiegende Eleganz der Aus⸗ drucksweiſe in den franzöſiſchen Geiſtesprodukten aner⸗ kennen und ſich hingeriſſen fühlen, dieſelben zum Muſter aufzuſtellen, wenn ein Vergleich ſtattfinden ſollte. Warum hätte man bei ſo durchgreifend allgemeinem Urtheile dem Könige Friedrich von Preußen verdenken können, daß er in Voltaire's Geſellſchaft bisweilen vergaß„deutſch“ zu denken. Ungefähr dieſes Inhaltes war die Unterhaltung, die ſich an der Mittagstafel fortführte und dem Fräulein Gertrud Reſpect vor der gewaltigen Gelehrſamkeit der Frau von Wallbott einflößte, weil ſie mit großer Ge⸗ wandheit den Faden in der Hand hielt und ihn zu ihren Zwecken bald hier⸗, bald dorthin leitete. Mit dieſem Re⸗ ſpecte zugleich erwachte aber, fort und fort anwachſend, auch ihr Trotz, der mächtig klugen Dame entgegen zu wirken, und ſie fühlte in dem ſtolzen Bewußtſein, daß von ihr die erſte Anregung zu dem lebhaften Geſpräche ausgegangen war, eine Kraft ſich weiter zu verſuchen. Durchſieht man die Ereigniſſe der Weltgeſchichte, ſo ſtößt man auf hundert Fälle, wo kleine geringfügige Handlun⸗ gen, wenige, oft ganz bedeutungslos, oft aber auch über⸗ eilt geſprochene Worte im Stande geweſen ſind, erſchüt⸗ 11* ternd große Weltereigniſſe heraufzubeſchwören. Hier lockte der Ausruf„das iſt gut!“ der übereilt den Lippen eines jungen Mädchens entſchlüpfte, ihre Kraft hervor, durch müßige Plauderei von Krieg und Frieden eine Verlegen⸗ heit zu bemänteln. Ihre Worte verflogen, wie es ſchien, ſchadlos, um bedeutungsvolleren Geſprächen zu weichen, und dennoch knüpften ſich daran die Schickſale ganzer Staaten. Ihre Lippen hatten einen Namen genannt, welchem auf ihre Veranlaſſung, freilich ganz indirekt, die Entwickelung hiſtoriſcher Ereigniſſe beigelegt wurde. Harmlos floh der Name des Geheimſecretärs Menzel von ihrem Munde— harmlos legte er ſich im Gedächtniſſe des Baron Lottum nieder, und als er eines Tages wieder aus dem Erinnerungsvermögen dieſes Herrn erſtand, da gewann er eine Bedeutſamkeit, wovon ſich das unſchul⸗ dige Gemüth Gertrudens nichts träumen ließ. Sie glich dem Vögelchen, das mit dem Schnabel in einen Schnee⸗ haufen pickt, um zu ſpielen, und aus dem Schneehaufen löſet ſich darauf das Körnchen, eine einzelne Flocke, die bergab rollt, immer größer wird und zuletzt verheerend als Lavine herniederſtürzt. Während Frau von Wallbott im Rauſche ihres geiſtigen Uebergewichtes ſchwelgte, rüſtete ſich ein gedan⸗ kenloſes Kind zu einer Fehde mit ihren ſicher gepflegten Hoffnungen, und während die ganze Geſellſchaft von ſicht⸗ . — —,,— 173 barer Bewunderung den verſtändlichen und dabei geiſt⸗ vollen Eingebungen einer Dame lauſchte, die mit Man⸗ neskraft ihre Umgebungen beherrſchte, ſchlug ein über⸗ müthiges junges Mädchen herausfordernd ihre Augen auf ſie und gelobte ſich heimlich einen Kampf mit dieſer angeſtaunten Größe. Der Profeſſor Gellert beobachtete mit ſteigendem Kopfſchütteln die Entwickelung von Herrſcherkräften, denen er ein Ziel zu ſetzen gedacht hatte. Sein Lächeln des Mitleids verrieth, daß er die Abſichten ſeiner klugen Freundin beſſer durchſchaute, als Alle. Sie mußte, um jeden Widerſtand im Keime zu vernichten, ihre Herrſcher⸗ talente entwickeln, bevor man ſich mit Widerſprüchen an ſie wagte, und er ſpottete heimlich der kühnen Widerſetzlich⸗ keit in Gertrud's Augen, die ihn von den Plänen dieſes trotzigen Naturkindes in Kenntniß ſetzten. Sein Forſcher⸗ blick ſuchte Margareth. Auch ſie ſchien ſich troſtlos unter dem Drucke dieſer Geiſtesdespotin beugen zu wollen, die ſchon jetzt die leiſeſte Erinnerung an den Namen des Grafen Levin aus der Gedächtnißkraft der Verſammlung ätzend hinwegwiſchen zu wollen ſchien. Alles, was be⸗ ſprochen und erläutert wurde, hallte in Margareth's Herzen wider und wurde zu einer Verſpottung der Liebe, die ihre geiſtvolle Tante eine Verblendung und Verirrung der Sinne nannte. Die Elemente ihres Geſpräches ſchlo⸗ —— 174 ßen abſichtlich einen Kreis, in welchem eine Perſönlichkeit von Levin's Individualität nicht zur Anerkennung kom⸗ men konnte, wohl aber diejenige des Baron Alexander Lottum. Es war das erſte, rechtmäßig gebildete Bombar⸗ dement auf Margareth's verſchloſſen gefundenes Herz, welches ſich Frau von Wallbott dadurch erlaubte, daß ſie ihre eigene Geiſtesrichtung zu einem erdrückenden Glanze erhob und ihren Neffen mit auf die Höhe zog, wo die blendenden Wirkungen rühmlicher Auszeichnungen begin⸗ nen. Margareth neigte ſich demüthig vor dieſer Größe, aber wenn die Furcht vor ſpätern Belagerungen und An⸗ griffen ſie auch zu beherrſchen begann, unterjocht fühlte ſie ſich noch nicht, und merkwürdigerweiſe viel weniger, als Elvire und Frau von Pröhl. Dieſe ſahen ſchon mit ſtaunender Ehrfurcht zu der Dame auf, welche es ver⸗ ſtand mit feſſelnder Liebenswürdigkeit das Scepter der Kultur zu ſchwingen und den Geſetzen einer ſteigenden Intelligenz Eingang zu verſchaffen. Mit der Freundlich⸗ keit ihrer Mienen vernichtete Frau von Wallbott die hem⸗ menden Schranken, welche bei ſolchen Anerkennungen das Vertrauen zurückhalten, und mit der huldvollen Beſtre⸗ bung die Gegenrede aus dem Munde derjenigen zu locken, die ſie ihres Intereſſes für würdig hielt, ergoß ſie einen Widerſchein ihrer Klugheit über ſie, unter welchem die Schärfe jeder Kritik und die Feſtigkeit jeder Auflehnung — — 175 erloſch. Dabei gewann aber auch noch ihr Aeußeres einen beſtrickenden Zauber durch die eigenthümlich fieberhafte Lebhaftigkeit, womit ſie ſich der Unterhaltung hingab. Ihr ſchmales, vornehm gleichgültiges Geſicht färbte ſich und ihre ariſtokratiſch ſtrengen Augen leuchteten. Der näſelnd, lispelnd gezogene Ton, welchen die Hofmode vorſchrieb, verlor ſich im Verlaufe ihrer fortgeſetzten Rede und ließ ihr klangvolles weiches Organ zur vollen Geltung kom⸗ men. Es war faſt unmöglich ſich ihrem Einfluße zu ent⸗ ziehen, ſelbſt wenn man mit vorgefaßten Meinungen ihr gegenüber ſtand, aber ganz unausbleiblich wurde die Unterwerfung, auch wenn man ſich als ächter Philoſoph dagegen ſträubte, im Falle ſie es zweckmäßig fand, ſich Bewunderer zu verſchaffen. Für den Augenblick war ihr der Plan gelungen, mit dem ſie ſich zur Tafel verfügt hatte. Jeder fühlte im Herzen ihre Macht. Sie ſelbſt war überzeugt worden, daß die aufgehobene Verlobung ihrer Nichte ein öffentliches Geheimniß genannt werden konnte, deſſen Beſprechung nur von der rückſichtsvollſten Theil⸗ nahme für Margareth verhindert war, und ſie hatte es ihren Plänen genehm gefunden, für dieſe kurze Spanne Zeit die Rückſichten gelten zu laſſen. Nach der Abreiſe ihres betheiligten Neffen wollte ſie anders handeln. Es war nöthig mit exemplariſcher Strenge ein Verhältniß in allen ſeinen Beſtandtheilen zu durchleuchten, das nachwir⸗ 176 kend auf die Empfindungen ihrer Nichte zu ſein Miene machte. Sie war jetzt überzeugt, in den anweſenden Da⸗ men,„außer Gertrud“, dachte ſie mit geringſchätzendem Blicke zu ihr hinüber, Verbündete zu finden, wenn die Verhandlungen über einen Vorfall beginnen würden, der ganz ſchrankenlos offen von ihr der Beurtheilung der an⸗ weſenden Familie vorgelegt werden ſollte. Die Zeit drängte. Darum beſchleunigte ſie Alexander's Abreiſe. Es war anzunehmen, daß im Laufe des nächſten Tages die Geſelligkeit complicirter im Schloſſe wurde, wodurch ihr eine umfaſſende Autokratie bedeutend erſchwert wer⸗ den mußte. Sie hatte für jetzt erreicht, was ſie bezweckte, und hob nun mit dem Anſtande einer Fürſtin die Tafel auf. Aber ſie wollte die Proſa des gewöhnlichen Plauderns nicht über die poetiſchere Stimmung, welche ſie angeregt hatte, mächtig werden laſſen, deshalb verließ ſie den Eß⸗ ſaal nicht ſogleich nach dem Aufheben der Tafel, ſondern machte mit liebenswürdiger Gelaſſenheit den Vorſchlag „zuſammen zu bleiben“. Man willfahrte ihr. Nur Frau von Pröhl bat um eine kleine halbe Stunde Beurlaubung, um, wie ſie lä⸗ chelnd behauptete,„ihre Gedanken ſammeln zu können“, im Grunde aber un, trotz ihrer vierunddreißig Jahre und ihrer unangetaſteten Geſundheit, ein Mittagsſchläf⸗ 177 chen zu machen, das ihr nach gerade durch Gewohnheit nothwendig geworden war. Man kannte dieſe Schwäche und ließ ſie unter allerlei Scherzreden verſchwinden. Die jungen Damen reiheten ſich im Empfangszim⸗ mer, das freilich für Alexander eine Art Folterkammer wurde, um Frau von Wallbott und nahmen ihr Filet⸗ zeug zur Hand. Frau von Wallbott winkte dem Profeſſor Gellert, ſich ihnen zuzugeſellen, und überließ die übrigen drei Herren ihrem Geſpräche ſo lange, bis Alexander's Wagen zur Abreiſe bereit gemacht ſein würde. Die Zau⸗ bermacht der klugen Frau begann mit dieſem Momente. Dem klugen Profeſſor entging es nicht, was für Rollen ſie ganz ex tempore ſpielte und mit welcher Vir⸗ tuoſität ſie dieſelben ausführte. Hatte ſie bei Tiſche eine königlich herablaſſende und dabei doch dominirende Lie⸗ benswürdigkeit gezeigt und den weiſen Freund Gellert, den witzigen Philoſophen ſo zu ſagen als Folie benutzt, ſo wollte ſie ſich jetzt den jungen Mädchen zu Gefallen kindlich liebenswürdig machen und die ſanfte Heiterkeit ihres geiſtvollen Freundes als vermittelndes Princip ge⸗ brauchen. Aber Dame Wallbott hatte ſich in Gellert's Geduld verrechnet. Das Unbehagen, welches ihn ſchon ſeit der erſten Morgenſcene mit Gertrud peinigte, wuchs mit jeder Mi⸗ nute, wo er ſich unter den Geiſtescoquetterien dieſer Frau 178 gebeugt ſah. Damengeſellſchaft war überhaupt Gellert's Paſſion nicht. Er floh ſie, wo er nur konnte, und machte ſelbſt oft die poſſierlichſten Scherze über ſeine Weiberfurcht. Ermaß er nun die fortgeſetzte Qual, ſich im Centrum des Vertrauens zu befinden, von allen Seiten mit Hilf⸗ anſprüchen bedrohet, und dachte er dann an den Muth des Fräuleins Gertrud, ſeine Ritterpflichten auf jede Weiſe in Anſpruch zu nehmen, ſo überflog ein miſantropiſcher Schauder ſeine Seele, und er hätte ſich in's höchſte Thurm⸗ zimmer einquartieren mögen, um nur etwas weniger er⸗ reichbar für die hilfeſuchenden Damen zu ſein. Die bei der Tafel angekündigte Abreiſe des Baron Alexander hatte einen großen Gedanken in ſeiner muthlos werdenden Phantaſie aufkeimen laſſen, der nach und nach Wurzel faßte und unter den letzten Mühewaltungen, die ihm von der Dame Wallbott auferlegt waren, zur Blüthe und Reife kam. Er wollte fliehen! Aber um den Beſtürmungen und Bitten, denen er ſich in ſeiner Herzens⸗ güte nicht gewachſen fühlte, zu entgehen, wollte er heimlich fliehen! Ein köſtlich ſatyriſches Lächeln bildete ſich bei die⸗ ſem Vorſatze um die feinen Lippen und er lieh gefälliger noch als ſonſt ſein Ohr den Anforderungen der klugen Dame, die er hinter's Licht zu führen gedachte. Voller Laune, ſprudelnd von ſchlagenden Einfällen und ſatyriſch gemüthlichen Bemerkungen, ſchläferte er die 179 Wachſamkeit ſeiner Gönnerin und Freundin dergeſtalt ein, daß ſie eher des Himmels Einfall, als eine bösartige Hinterliſt in der Artigkeit geſucht hätte, womit er ſich, plötzlich aufſtehend,„der fernern Gunſt ſeiner liebens⸗ würdigen Freundinnen empfahl und um Erlaubniß bat ſich entfernen zu dürfen!“ Ganz recht kam es Frau von Wallbott nicht, daß er ſie mit jungen Mädchen allein laſſen wollte, aber ſie wagte bei ſeinen bekannten Leiden nicht darauf zu beſtehen, daß er bliebe, um die Uebel nicht zu verſchimmern, die er heimlich und ohne Klage ertrug. Sie verabſchiedete ihn alſo, wie ſie feſt glaubte, auf einige Stunden, um ihn dann erkräftigt und friſch als Reſerve zu benutzen, wenn die Oppoſition der Familie zu ſtark hervortreten ſollte. Nachdem ſie ſich von der Unmöglichkeit überzeugt hatte, Margareth ſogleich für eine Bewerbung Alexander's günſtig zu ſtimmen, ſuchte ſie wenigſtens den Weg zu ebnen, der dahin zu führen vermochte. Es konnte nicht leicht Jemand empfänglicher für Selbſttröſtungen ſein, als Frau von Wallbott, und da ſie bis jetzt noch ſelten von ihrem Selbſtvertrauen getäuſcht worden war, ſo fühlte ſie ſich von der vortrefflichen Anlage ihrer kleinen In⸗ trigue vollſtändig entzückt. Ein Diener trat endlich ein und meldete den Wagen des Herrn Baron Alexander von Lottum. Der junge Mann beurlaubte ſich von den Damen, drückte ſein Be⸗ dauern aus, nicht länger in ihrer Geſellſchaft bleiben zu können, und reichte den Herren mit biederer Herzlichkeit die Hand. Er lehnte Rittberg's Begleitung zum Wagen auf das entſchiedenſte ab, weil er noch in ſeinem Zimmer kleine Reiſevorbereitungen zu treffen habe, und erleichterte durch dieſen Umſtand die Abſichten des Profeſſors auf das prächtigſte. Eilig, als ſei er einer Gefangenſchaft entlaſſen, ſuchte der Baron zuerſt ſein Zimmer zu erreichen. Kaum hatte er ſich hier mit dem Ausdrucke tief verhaltenen Verdrußes bemüht ſeine Gedanken etwas zu regeln und zu ſondiren, „ob er ſich glücklich oder unglücklich bei den eingetretenen Verhältniſſen fühlte,“ als ſich leiſe und vorſichtig die Thür öffnete. Aufgebracht, weil er glaubte einer Domeſtiken⸗ Ungeſchicktheit zu begegnen, rief er dem unſichtbaren Oeffner zu und fragte„was er wolle?“ Danach that ſich die Thür ganz unhörbar noch etwas weiter auf, und ein Kopf wurde ſichtbar, welcher ſeine Augen forſchend ſchnell rundum ſendete, um zu erſpähen, wer noch außer dem Barone im Zimmer ſei. Kaum ver⸗ ſicherte das Augenpaar ſich, daß der Baron allein ſei, ſo ſchob ſich behende die ganze Figur nach, und der Pro⸗ feſſor Gellert, zur Reiſe fix und fertig gekleidet und einen kleinen Mantelſack unter dem Arme, ſtand lächelnden Ant: 181 litzes vor dem erſtaunten jungen Manne, der auch ohne Anrede gewußt hätte, was er bitten wollte. Mit ſanftmüthigen Worten erklärte Gellert, daß er ganz beſtimmt auf die Willfährigkeit ſeines jungen Freun⸗ des gerechnet habe, ihn bis Leipzig mitzunehmen, und daß er ſich deshalb gleich zur Reiſe bereit gemacht hätte. „Mit Vergnügen, beſter Profeſſor!“ rief Alexander ſichtlich erfreut, der Einſamkeit ſeiner Fahrt überhoben zu ſein.„Aber Ihr Entſchluß überraſcht mich, da ich gar nichts davon vernommen habe.“ „Ei, das wundert mich,“ entgegnete der Profeſſor ſchalkhaft lächelnd.„Ich habe mich doch in solennis den Damen empfohlen und den Herren dankbar die Hand geſchüttelt?“ „Mein Gott, mir ſchien das ein Abſchied auf Stun⸗ den zu ſein!“ rief Alexander kopfſchüttelnd. „Nein! nein! Ich habe richtig Abſchied genommen und fahre mit Ihnen, wenn Sie nichts dagegen haben!“ „Im Gegentheil, es kommt mir ſehr erwünſcht!“ ſprach Alexander ſein Felleiſen ſchließend und dem war⸗ tenden Diener zurufend, daſſelbe nebſt dem Mantelſacke des Profeſſors im Wagen ſorgfältig zu verwahren.„Ich begreife Ihre Abreiſe nicht, beſter Herr! Sie ſahen ſo glücklich aus im Kreiſe der ſchönen Mädchen— beſon⸗ ders die muntere Gertrud ſcheint ihr Herz gewonnen zu haben!“ „Pſt!“ flüſterte der Profeſſor geheimnißvoll. „Ja, ja! Glücklich der Mann, welcher ein ſolcher Liebling der Frauen iſt, wie Sie!“ fuhr Alexander fort. „Lernt doch, daß die am mindeſten glücklich ſind, die Euch am neiſten glücklich ſcheinen!“ recitirte Gellert lächelnd.„Laſſen Sie uns eilen, bevor man mein Vorha⸗ ben wittert!“ Jetzt begriff der junge Mann, warum es ſich handelte, und ein Funken von Jugendübermuth brach aus der ſtreng und ernſtlich unter Druck gehaltenen Seele deſſelben. Die großen Lehren aller Weltweiſen waren für einen Augen⸗ blick unterjocht, und wie man nach ſchwerer, ſchwüler Luft den erſten Windhauch mit Luſt einſaugt und dann ſchnell und immer ſchneller, als könne man nicht Erfriſchung ge⸗ nug einathmen, die Lungen in Bewegung ſetzt, ſo lächelte Alexander, erſt innerlich beluſtigt, ein klein wenig über den Einfall des Profeſſors, um dann ſpäterhin, als die Flucht gelungen war, aus voller Seele und aus Leibeskräften zu lachen. Vielleicht rettete dies natürlich kräftige Geläch⸗ ter ſein Gemüth aus den eiſigen Banden, die er in übel⸗ verſtandenen Hochgefühlen darum gelegt hatte, mindeſtens ſchrieb ſich von dieſer Reiſe eine weſentliche Veränderung ſeiner Grundſätze her. * 183 Gellert erreichte glücklich, ganz unbemerkt den Wa⸗ gen, ſetzte ſich eilfertig hinein, und war an der Seite ſeines jungen Mitſchuldigen ſchon eine halbe Meile We⸗ ges gefahren, als man im Schloſſe Rittbergen die Ent⸗ deckung machte, daß er fort ſei. Unter den Zeichen einer übermäßigen Verwunderung hörte beſonders Fräulein Gertrud von dieſer fluchtähnli⸗ chen Abreiſe, und wenn auch Frau von Wallbott ziemlich eben ſo verwundert und eben ſo ärgerlich war, als das kleine Fräulein, ſo beſaß ſie doch mehr Selbſtbeherrſchung als dieſes und ſtampfte nicht offenkundig mit dem Fuße auf den Boden. „Mäßige den Ausbruch Deines Verdrußes, mein Liebchen!“ ſagte die Dame in gütig erhabener Weiſe. Gertrud drehte pfeilſchnell ihr zorngeröthetes An⸗ geſicht zu ihr herum und maß ſie, noch ſtärker von dieſer Mahnung entflammt, mit hochfahrendem Weſen von Kopf zu Fuß. „Du biſt ein wildes, heißblütiges Naturkind,“ pre⸗ digte die Dame weiter, vielleicht um ihre Zorneswellen dadurch zu beſänftigen. „Ja ſo,“ antwortete das Fräulein, barſch alle Re⸗ geln der Artigkeit überſchreitend.„Sie lieben die Kunſt⸗ kinder, die Automaten, denen man einen Herzſchlag geben wie man will! Wir paſſen nicht zuſammen, gnä⸗ ige Frau!“ 184 „Wildes Mädchen— Trotzkopf!“ ſchalt Frau von Wallbott mitleidig lächelnd.„Du willſt mir wohl Reſpect vor Dir einfloͤßen?“ „Nein! nein— aber Furcht! Hören Sie wohl, gnä⸗ dige Frau, Furcht!“ preßte das Fräulein erbittert hervor. Bevor noch irgend ein Wort geſprochen werden konnte, flog ſie aus dem Zimmer, geraden Weges zu der Frau von Pröhl, die noch immer damit umging,„ihre Gedanken zu ſammeln!“ Die Dame lag in ſüßeſter Seelenruhe auf den ſchwellenden Polſtern ihres Divans hingeſtreckt und ließ es ſich begreiflicherweiſe nicht träumen, daß die geſelligen Verhältniſſe im Schloſſe Anſtalt machten in Trümmern zu gehen. Sie ſchlummerte wirklich zu feſt, um von dem leiſen Eintritt Gertrud's erweckt zu werden, aber ihr Schlummer wich dem magnetiſchen Einfluße, als ſich das junge Mäd⸗ chen ſtill auf ihre Knieen ſenkte, ihren Kopf auf die Polſter⸗ lehne legte und unverwandt in das Antlitz der Frau von Pröhl blickte. Dieſe öffnete ihre Augen und lächelte mild in das hübſch blühende Geſicht ihrer Pflegetochter hinein. „Du willſt etwas Beſonderes von mir,“ ſprach ſie dann, ohne ſich zu erheben, und Gertrud ließ ihren Kopf, Stirn an Stirn mit ihrer Mama, auch ruhig liegen. „Ja, Mama Pröhl!“ antwortete ſie lakoniſch und beſtimmt. 1 185⁵ „Nun?“ fragte die Dame und ſtrich liebkoſend mit der Hand über die ſammetweichen Wangen des Fräuleins, aber nicht ohne zuletzt ihre zärtliche Liebkoſung in einen ganz gelinden Backenſtreich zu verwandeln. „Mama, Sie müſſen Margareth retten!“ entge⸗ gnete ſie mit energiſchem Tone. Frau von Pröhl lachte laut auf.„Dachte ich es doch, daß es wieder in Deinem Köpfchen ſpukte!“ Sie erhob ſich ein wenig aus ihrer liegenden Stellung und begann ihren etwas derangirten Kopfputz mit allen Anzeichen großer Gemüthsruhe zu ordnen. Gertrud blieb auf den Knieen liegen und überdachte jetzt erſt, was ſie ſagen wollte. Sie hatte in jener Eingebung des Augenblickes, woran ihr Leben ſehr reich war, die Errettung Margareth's zuerſt auf die Lippen ge⸗ bracht, obwohl ihr Herz von andern übernommenen Verpflichtungen übervoll war, und ſiehe da, als ſie nach⸗ dachte, da fand ſie dieſen Eingang des Geſpräches ſehr zweckmäßig. Elvirens Angelegenheit konnte ſich gar nicht beſſer einleiten laſſen, und da ſie nach Gellert's Flucht auf ihre eigene Klugheit beſchränkt war, ſo miſchte ſie keck die ihr zu Gebote ſtehenden Verſtandeskräfte mit dem Elemente ihres Naturells, mit dem Trotze. Allerdings atte ſie ſich außerordentlich auf die liebevolle Güte des 1 rofeſſors, die er ihr am Morgen bewieſen, verlaſſen, 860. XII. Gertrud. I. 12 186 als ſie zuverſichtlich ihren Beiſtand zuſagte und Elvirens Hochzeit mit Rittberg als etwas zu betrachten begann, was ſein müßte; allerdings wollte ſie den Kampf gegen die weiblichen Vorurtheile ihrer Mama keineswegs ganz ſolo beginnen, ſondern unterſtützt von der weisheits⸗ vollen Beredſamkeit ihres angeworbenen Ritters für Recht und Wahrheit. Sie hatte nur den Zeitpunkt ab⸗ warten wollen, wo Frau von Wallbott es müde werden würde, die Geſellſchaft mit ihrer geiſtreichen Gegenwart zu tyranniſiren, um dann mit aller Macht den Profeſſor zu bearbeiten, auch in dieſer fraglichen Angelegenheit Beiſtand zu leiſten. Die Angſt des weiſen Mannes ver⸗ eitelte ihr Vorhaben und entkräftete ihre Mittel zur Hälfte ganz bedeutend. Darüber dachte ſie aber erſt nach, als ſie die Geſchichte ſchon in Angriff genommen und das Bombardement mit„Margareth“ eröffnet hatte. „Es muß nun durchgefochten werden,“ erklärte ſie ſich insgeheim, und legte trotzig das Kinn auf, obgleich ſie demüthig am Boden kniete. „Was iſt's mit Margareth?“ fragte nach ziemlich langer Pauſe Mama Pröhl, als ſie vergeblich auf wei⸗ tere Erklärungen des jungen Fräuleins gewartet hatte und aus dem Mienenſpiele deſſelben eine bedeutend feſte Belagerung heraus las. „ Sie iſt unglücklich!“ ſprach Gertrud kurz u bündig. „Ja, mein beſtes Kind,“ rief Frau von Pröhl mit⸗ leidig,„Margareth's Glück iſt aber von einer Seite be⸗ einträchtigt, wo ich ihr nicht helfen kann. Warten wir ab, was Junker Wolf für Nachrichten bringt.“ „Da ſteckt der Knoten nicht, Mama!“ ſprach Fräu⸗ lein Gertrud eben ſo kurz, wie vorher.„Kennen Sie denn die Geſchichte, die paſſirt iſt, in ihrem ganzen Um⸗ fange?“ „Hoffentlich doch näher, als Du, mein Herzchen,“ meinte Frau von Pröhl nachläſſig. „Das frägt ſich, Mama. Was denken Sie von dem Benehmen des Grafen Levin? Was urtheilen Sie dar⸗ über?“ Frau von Pröhl ließ ſich herab, ihr Pflegetöchter⸗ chen lachend von der Seite zu betrachten, aber bequemte ſich nicht,„dem Kinde“ darauf zu antworten. Gertrud, gereizt und die Wichtigkeit ihrer Rolle bei dieſem Familienereigniſſe hoch anſchlagend, fuhr fort: „Sie wiſſen den Hergang aus Rittberg's Munde? Na⸗ türlich! Und dieſer hat nur flüchtig von der Unannehm⸗ lichkeit erzählt, die der Graf Levin durch unzeitige Eifer⸗ ſucht über Margareth verhängt hat? Sehen Sie, daß ich es gerathen habe!“ rief ſie triumphirend. „Und iſt etwas anders vorgefallen?“ fragte Frau von Pröhl ein klein wenig aufmerkſamer. 12*½ 188 „Nein! Vorgefallen iſt nichts weiter, aber aus der Hochzeit wird nichts!“ „Kleine Thörin! Wer hat Dir das weiß gemacht?“ rief die Dame ſpottlächelnd. „Ich bin Zeugin des Auftrittes geweſen!“ rief Gertrud mit erhabener Würde und ſtand auf. Sie er⸗ zählte gewandt und mit Beſchränkung auf das Nothwen⸗ digſte Alles, was geſchehen war und was man von Frau von Wallbott zu fürchten habe. 4 Frau von Pröhl hörte nachdenkend zu. Der Aus⸗ druck ihres Geſichtes verrieth Theilnahme und Mißbilli⸗ gung, dem ſich ein deutlich ausgeprägtes Mißbehagen beimiſchte. „Es iſt ein Scandal, der Margareth auf ewig blamiren wird,“ ſagte ſie mehr für ſich, als zu ihrer Pflegetochter, die aber begierig lauſchte.„Und Du meinſt, der Zorn des Grafen ſei unauslöſchlich?“ forſchte ſie noch immer vorſichtig mit ihren Worten gegen ein We⸗ ſen, das ſie noch als Kind zu betrachten gewohnt war. „Der Zorn?“ wiederholte Gertrud leidenſchaftlich bewegt.„Mama, von Zorn kann man gar nicht reden. Graf Levin's Zuſtand glich der Verzweiflung eines Men⸗ ſchen, dem ſein Himmel verdunkelt— nein, eingeſtürzt iſt, der ſich danach ſehnt von Blitzſtrahlen getroffen zu wer⸗ den, der vernichtet iſt und doch leben muß!— Mama, Sie müſſen Margareth für ihn retten!“ „Kleine! Kleine!“ rief Frau von Pröhl erſchrocken und ſchlug ihre Arme um den Nacken des aufgeregten Mädchens.„Für ihn retten, wenn er ſie gänzlich auf⸗ gegeben hat? Wie wäre das zu machen?“ „Er kann ſie nicht aufgeben, oder er wird und muß ſterben!— Margareth liebt ihn ebenfalls, aber wenn ſie mit Frau von Wallbott reiſen muß, was ich als ganz feſt beſtimmt annehme, ohne daß es mir Jemand geſagt hat— ſo geht ſie unſäglichen Qualen entgegen und opfert zuletzt ihre Neigung den eingepfropften Ueberzeu⸗ gungen dieſer Tante Wallbott. Sie muß aber für den 3 Grafen Levin gerettet werden. Er muß eines Tages ein⸗ ſehen, daß ihr Herz nicht muthig genug geweſen iſt, ſich zu decouvriren, daß es aber nur für ihn ſchlägt.“ 3 Mit einem Lächeln, worin aber etwas wie Achtung lag, tätſchelte die Dame ihr Pflegekind und entgegnete neckend:„Was Du eifrig biſt, Kind! Aber— blinder Eifer ſchadet nur,“ recitirte ſie, ſehr zur unrechten Zeit an den treuloſen Gellert erinnernd. Es malte ſich auch ſogleich ein Abſcheu ohne Glei⸗ chen auf dem ganzen Antlitze des Fräuleins, und ſie rief: „O— der! der! Ich liebe und achte ihn nicht mehr! 190 Ich haſſe ihn! Ich verachte ihn! Er kann ſchöne Verſe machen voll herrlicher Lehre, aber Redensarten! Mama, Redensarten! ch werde ihn nie wieder eines Blickes würdigen! Solche Männer müſſen mit Verachtung ge⸗ ſtraft werden! Sein ganzes Daſein iſt nichts als Re⸗ densarten, die er Moral und Weisheit nennt!“ Frau von Pröhl glaubte, ihr Pflegling habe den Verſtand verloren.„Meinſt Du denn unſern Profeſſor Gellert? Gilt ihm Deine Philippica?“ fragte ſie. „Ja, ja! Ihm, deſſen Namen i gar nicht mehr denken kann ohne Schauder! Statt daß er mir beiſtehen ſoll, macht er ſich feige aus dem Staube! Du weißt es noch gar nicht? Er iſt abgereiſt— heimlich, wie ein armer Sünder, wie ein feiger Krieger, der ſich hinter die Kanonen zieht, wenn das erſte Pulver von der Pfanne blitzt!“ Frau von Pröhl griff ſich prüfend über die Stirn und ſah nach der Pündale, die über dem Kamine hing. „Träume ich noch oder hab' ich ein Jahrhundert geſchlafen, daß ſich die Welt unterdeß aus ihren An⸗ geln heben konnte?“ fragte ſie halb ernſt, halb ſcher⸗ zend.„Gellert iſt abgereiſt? Lügſt Du auch nicht, ma fillette?“ „Fragen Sie doch nach, Mama! Fragen Sie doch!“ ſchmollte die junge Dame.„Er iſt fort— iſt mit dem Baron Alexander abgefahren, hat dem Bedienten ein Briefchen an Rittberg dagelaſſen, aber mit dem Befehle „es erſt nach einer halben Stunde abzuliefern“. Fort fliegt er und denkt nicht an ſein Verſprechen, mir in Allem beizuſtehen, was—“ „A—h!“ unterbrach die Dame ſie ſchnell,„Du haſt ihn mit Deinen Angelegenheiten behelligt, haſt ihn vielleicht gebeten, Rückſprache mit mir zu nehmen? Das erklärt ſeine Flucht. Frauenzimmergeſchäfte ſind ihm ein Gräuel. Er behauptet mit Damen niemals fertig werden zu können, ſie wüßten nie, was ſie wollten, verlangten Rath, und thäten nicht danach.“ „Rath habe ich gar nicht verlangt, im Gegentheil ich habe ihm einen guten Rath gegeben,“ eiferte Fräu⸗ lein Gertrud. „Um ſo ſchlimmer!“ antwortete Frau von Pröhl trocken.„Das verträgt er gar nicht!“ „O, er hat ſogar danach gehandelt!“ ſteifte ſich das kleine Dämchen ſtolz auf, aber machte keine Anſtalt die Morgenſcene mit den ſchließlichen drei Küſſen auf den Gellert'ſchen Mund zu erzählen. Dagegen behauptete ſie keck, nur die majeſtätiſche Klugheit und Gelehrſamkeit der Frau von Wallbott habe ihn fortgetrieben, und nun ſei es nöthig, daß ſie Beide, nämlich Frau von Pröhl und Fräulein Gertrud von Spärkan, ſich alliirten, um Marga⸗ reth zu retten. Jetzt war ſie wieder auf dem Punkte angelangt, von wo ſie ausgegangen war, und ſie ſtellte ſich mit vielem Muthe den lachenden Augen ihrer Pflegemutter gegen⸗ über, als dieſe endlich ſagte:„Nun, wenn Du dem Pro⸗ feſſor ſo gute Rathſchläge haſt ertheilen können, ſo bitte ich auch um die Gnade, damit wir einig werden, wie Margareth zu retten ſein möchte.“ „Kleinigkeit!“ entgegnete Gertrud mit ſchelmiſchem Augenblinzeln.„Sie laſſen Elvire hier und nehmen Margareth mit!“ „Du biſt wohl toll, ma fllette! Elviren hier laſſen?“ „Ja! Sie macht, ſtatt Margareth, Hochzeit.“ „Das geht nicht!“ erklärte Frau von Pröhl ſtark und entſchieden. „Doch es geht! Rittberg wünſcht es leidenſchaft⸗ lich; Elvire iſt überſelig bei dem Gedanken, Frau von Nittberg zu heißen, und ich werde in dem Falle, daß Margareth Elvirens Stelle einnimmt, nichts dagegen haben. Jetzt ſind nur noch zwei Einwilligungen nö⸗ thig, und da Papa Pröhl niemals„Nein“ zu dem„Ja“ ſeiner Frau Gemahlin ſagt, ſo hängt die Sache von Ihnen ab.“— 4 193 „Richtig! Und da ich gottlob eine Perſon bin, die nicht leichtfertig dem Urtheile der Welt Trotz bietet, ſo wird aus dem Projecte nichts!“ „Auch nicht, Mama Pröhl, wenn es der einzige Weg iſt, um mit Anſtand die Pläne der Herrſchſucht zu durchkreuzen?“ fragte das Fräulein mit ungewöhnlichem Ernſte. „Es muß noch andere Wege geben, oder—“ Sie zögerte weiter zu rechen. „Oder wir Küberlaſſen die arme Margareth ihrem Schickſale,“ ergänzte das Fräulein die unterbrochene Rede.„Mir könnte es gleich ſein! Margareth iſt älter als ich, klüger als ich, ſchöner als ich, hat alſo Mittel in der Hand, auf alle Weiſe ſich ſelbſt zu ſituiren, allein ich habe Elviren verſprochen, meinen Einfluß zu verwenden, um dieſe Familienconflicte glücklich zu löſen.“ Frau von Pröhl unterbrach ſie mit heiterem, lauten Gelächter. .„Lachen Sie nur, Mama, lachen Sie nur! Bei näherer Beſichtigung werden Sie doch einſehen und ein⸗ geſtehen müſſen, daß nur nach dem Reglement Ihres Töchterchens eine Löſung ohne Feindſeligkeit möglich iſt. Geben Sie Ihre Einwilligung zu Elvirens beſchleunigter Heirath, die unter den vorliegenden Umſtänden gar Nie⸗ 8*“* befremdlich ſein wird, mit der Bedingung: Mar⸗ 194 gareth, als verlaſſene, trübſinnige Braut, dafür mit heim nehmen zu dürfen— ſo ſpielen Sie der Frau von Wall⸗ bott ganz freundſchaftlich das Prävenire.“ Frau von Pröhl blickte verwundert in die glän⸗ zenden Kinderaugen ihres Pflegetöchterchens, ſagte jedoch kein Wort. „Hat dieſe Dame erſt Margareth gefordert, ſo gibt es einen Kampf! Sehen Sie dies ein?— Weiter, Mama! So wie Margareth ſtatt Elvire in unſerer Heimath erſcheint, hört jede Mediſance in Bezng auf Ihre Pflege⸗ tochter auf, man ahnt den Zuſammenhang, welchen man durch ein gelegentliches Wort etwas aufhellen kann, um die ſtrengſte Diskretion für unſere Margareth in An⸗ ſpruch zu nehmen. Habe ich Recht?— Weiter, Mama! Ge⸗ ben Sie Ihre Einwilligung nicht, ſo hat Elvire gar nicht nöthig auf Ihre Erlaubniß zur Heirath zu warten. Sie iſt ſeit dem Tode ihres Vormundes im Frühling mün⸗ dig geſprochen, und zwar auf Betrieb ihres eigenen On⸗ kels Pröhl, und kann thun, was ſie will. Natürlich müſſen Sie dann Knall und Fall aufpacken, um als tyranniſche Pflegemutter den Reſpect der Welt nicht auf's Spiel zu ſetzen, müſſen das Hochzeitsfeſt meiden, müſſen die Belei⸗ digte, Gekränkte und mit Undank Behandelte ſpielen— Alles der Welt wegen— müſſen auch die arme flllette mitſchleppen, müſſen den Papa Pröhl um die Freuden 14 195 5 brillanten Hochzeitfeſtes bringen und müſſen meinem 6 Onkel Feldmarſchall eingeſtehen, daß Sie ſein Mündel Gertrud vergeblich heimlich entführt haben. Iſt das nicht Alles wahr?“ fragte ſie mit weichem Tone, als ſie ſah, 6 daß Frau von Pröhl die Farbe wechſelte, bald roth, bald blaß wurde, und ſichtlich danach trachtete, einer bedeutenden 6 Empfindlichkeit Herrin zu werden. Als ſie nicht antwortete und auch nicht hell und fröhlich lachte, ließ ſich das junge Mädchen raſch auf ihre Knie nieder und umſchlang den Leib ihrer Mama. „Hat Elvire Dir dieſe Inſtructionen ertheilt?“ fragte die Dame, als es ihr gelungen war, ihre innerliche Regung zu bemeiſtern. „Nein! nein!“ betheuerte Gertrud und hob ihr Auge ehrlich empor zu ihr.„Elvire iſt viel zu zartſinnig. Sie wagte Ihnen noch nicht einmal ihren Wunſch vor⸗ zulegen, und würde mir zürnen, wenn ſie wüßte, daß ich Sie in meinem Eifer, ihr zu dienen, gekränkt habe. Aber, liebe, engelgute Mama Pröhl, ich gehöre ja in's Geſchlecht der Feldmarſchälle, die gewohnt ſind d'reinzuhauen und d'reinzuſchlagen, wenn ſie etwas erobern wollen. Wäre mir der Profeſſor nicht abtrünnig geworden und davon gelaufen, ſo hätte er die Geſchichte in einen ſchicklichen Vers gebracht und hätte meinem Eifer Zaum und Zügel So aber rannte ich blind darauf los ohne Ueber⸗ 196 legung und ohne Schonung. Ich ſtreiche die Segel, Mama, und will meine Ueberzeugungen für mich be⸗ halten, will ſie Niemanden aufdrängen, ſondern nur bitten, flehentlich bitten, knieend bitten, bis Sie mich erhören!“ Die Dame, ganz verſöhnt und ſichtlich von der ſel⸗ tenen Unterwerfung des Mädchens gerührt, ſtrich lieb⸗ koſend über ihren lockigen Scheitel.„Bedenke aber, Kind, bedenke die Randgloſſen der Frau von Wallbott! Sie fand ſchon den Brautſtand Margareth's unverantwortlich kurz, fand die Hochzeit dieſes Paares unanſtändig beeilt, und Elvire iſt kaum fünf Wochen Braut.“ „Mam⸗a, liebenswürdigſte Mama, heben nicht die ſchönen Empfindungen, mit welchen wir das Glück eines Menſchen beeilen, alle irdiſchen Bedenklichkeiten auf? Die gnädige Frau von Wallbott hat nur Sitz und Stimme, wo der Verſtand und der Geiſt ſeine Herrſcherflügel ausbreiten kann, auf dem Felde, wo Ihre Wirkſamkeit beginnt, hat ſie gar keine Autorität! Gerade, daß ſie ihre großen blauen Augen zornig öffnen wird, gerade dies lockt mich zu conſpiriren. Sie ſoll gewahr werden, daß man auch nicht dumm iſt, obwohl man keinen Plato ge⸗ leſen hat!“ Das junge Mädchen wußte ihre Pflegemutter zu behandeln. Der Sieg war ihr jetzt ſicherer, als vor dem 197 Angriffe, der einige Kränkung in ſich ſchloß. Sie kannte die Schwäche, die Güte, aber auch die Eigenthümlichkeit der Frau von Pröhl, und handelte ganz überlegt, als ſie ihr erſt mit harter, kindiſcher Hand Wunden ſchlug, um ſie durch Zärtlichkeit zu heilen. So lange dieſe Dame nicht aus ihrem ſorgloſen Eigenwillen herausgeſchüttelt war, ließ ſich nie etwas mit ihr anfangen. Sie gehörte zu den Frauen, die ſpielend ihren Willen durchſetzen, und ſich deſſen ungeachtet einbilden, gar keinen Eigenwillen zu beſitzen. Sie hielt ſich gern für unentbehrlich zum Glücke ihrer Familie, konnte aber zeitweiſe ihre Familie tüchtig quälen, und zwar durch ein gewiſſes neutrales Weſen, das ſchlimmer zu bekämpfen iſt, wie die ärgſte Oppoſition. Sie lachte ſehr gern, weil ſie dabei ihre wunderbar ſchö⸗ nen Zähne zeigen konnte, verſteckte aber auch gern hinter einem heitern Gelächter verſchiedene andere Dinge, zum Beiſpiel„ihrem Willen durch Worte keine feſte Geſtal⸗ tung geben zu wollen, oder auch die Unluſt, mit Müh⸗ ſeligkeit eine kluge Antwort zu erſinnen.“ Genug ſie lachte gern, viel und mit Abſicht. Wer ſich durch ihr helles, fröhliches Lachen blenden ließ und daſſelbe als eine Nachgiebigkeit für Anderer Abſichten nahm, der irrte gewaltig. Sie that nachher, was ſie wollte und ließ ihr Lachen nichts gelten. Gertrud hatte dies Lachen erſtickt. war von ihr richtig berechnet, daß ihre Vorſchläge 198 nicht von banalen Phraſen beantwortet werden durften, wie ſie ſich Dame Pröhl im Wohlbehagen ihrer mütter⸗ lichen Errungenſchaften ſehr häufig erlaubte, um nur allen Redereien und Bitten ein Ende zu machen. Es war auch diplomatiſch fein von Gertrud, daß ſie dreiſt auf die Machtloſigkeit hinwies, etwas zu hindern, was Elvire wünſchte. Frau von Pröhl fühlte ſich auf einige Momente entthront und nahm gleich darauf um ſo bereitwilliger die angefochtene Stellung wieder ein. Die kleine Lehre brachte den beabſichtigten Nutzen. Sie überlegte gewiſſenhafter und geneigter, was zu thun ſein möchte. Nicht Gertrud's Bitten feierten einen Sieg, als ſie ſich innerlich dem Wunſche Rittberg's zu bequemen begann, ſondern ihre trotzigen Auseinanderſetzungen, welche ſie zu bereuen vor⸗ gab, aber nicht im mindeſten bereute. „Weißt Du, wie Rittberg die Sache einzuleiten gedenkt?“ fragte die Dame nach längerem Stillſchweigen weit ernſthafter als ſonſt. „ Ganz einfach, Mama! So wie ich Elviren Nach⸗ richt gebe, daß Sie geneigt ſind, ihn hier zu empfangen, ſo iſt dies ein Zeichen von Bereitwilligkeit Ihrerſeits. Was Sie dann beſchließen wollen, hängt von Ihnen ab. Ich gebe mich der Hoffnung hin, Sie allzuſammen in füßeſter Eintracht zum Souper erſcheinen zu ſehen, ganz — 199 bereit, der geiſtreichen Dame von Wallbott ihr Frikaſſe, oder was es ſonſt geben mag, gründlich zu verſalzen.“ „Schadenfrohes Mädchen!“ ſchalt Frau von Pröhl. „Reize nur Frau von Wallbott nicht durch Dein kindi⸗ ſches Siegeslächeln!“ „Nein, goldene Mama!“ rief Gertrud entzückt und triumphirend, denn dieſe Ermahnung zeigte von großer Willfährigkeit, ſich den Wünſchen des Brautpaares zu fügen.„Nein, himmliſche Mama! Ich werde ſehr dezent in den Ausdrücken meiner Freude ſein und nur ein ganz, ganz kleines bischen blicken laſſen, daß ich Bevollmächtig⸗ ter der Staaten geweſen bin!“ Sie küßte die Hände der Pflegemutter und flog zum Zimmer hinaus. Nachdem Gertrud das Zimmer verlaſſen hatte, legte ſich Frau von Pröhl die ganze Geſchichte erſt zurecht. Es war ihr Vieles unerwartet gekommen, vor allen Dingen aber die Bitte, ihrer Pflegetochter Elvire ohne Weiteres zu geſtatten, daß ſie Hochzeit machen dürfe. Sie fand im Grunde dieſen Wunſch kaum ausführbar, ohne ſich mit dreiſter Stirn dem allgemeinen Gerede auszuſetzen, und doch flog ein kleines Lächeln über ihre Mienen, wenn ſie an den Triumph dachte, den Marga⸗ reth dadurch feiere. Daß die Trennung Margareth's und Levin's ſo unheilbar ſein würde, hatte ſie allerdings auch nicht gedacht. Sie glaubte, eine Saat der Frau von Wall⸗ 200 bott ſei auf unrechtes Land gefallen und werde noch im Keime zu erſticken ſein, wenn Junker Wolf es richtig an⸗ zufaſſen wiſſe. Gertrud's Erzählung löſchte dieſe Hoff⸗ nung. Sie ſah ein Verhältniß, das Glück verſprach, gänzlich zerſtört, und zwar mehr durch das Schwanken und eine gewiſſe Feigheit Margareth's, als durch directe Schuld der Frau von Wallbott. Daß aber Gertrud ganz richtig gerathen habe, wenn ſie behauptete, dieſe Dame werde nun ihren ganzen Einfluß von früherer Zeit an⸗ wenden, um Margareth wieder zu den Ideen zurückzufüh⸗ ren, die himmelan gingen und den irdiſchen Beſtandtheil des Menſchen verachteten, davon war ſie überzeugt. Da nun in jedem Menſchen, insbeſondere aber in dem ſchwachen Geſchlechte eine eigenthümliche Schaden⸗ freude erwacht, wenn ein geiſtiger Hochmuth gedemüthigt werden kann, ſo fühlte Frau von Pröhl große Luſt, ſich dies Vergnügen, ganz den Rathſchlägen ihres Pflege⸗ töchterchens gemäß, zu verſchaffen und zugleich das fer⸗ nere Gedeihen von Margareth's Lebensglück unter ihre Obhut zu nehmen. Es war jedenfalls daſelbſt ſicherer aufgehoben, als unter dem eiſenhaltigen Schutze der Frau Tante Wallbott, in deren Lichtkreis der Baron Alexander als Trabant glänzte. Je mehr Frau von Pröhl nachdachte, deſto größern Spielraum gewannen die hübſchen Bilder, die ihr einen —— 201 verlockenden Erfolg vorſpiegelten, und als nach ſelbſtän⸗ diger Träumerei leiſe an die Thür gepocht wurde, da öffnete ſie mit vollſtändig überlegtem Entſchluße und ließ das Brautpaar eintreten. Mit dem Ungeſtüm ſeliger Freude flog Elvire an ihre Bruſt, und Rittberg verbarg den köſtlichen Tropfen freudiger Rührung nicht, der in ſeinem Auge zitterte. Wahrlich, ſie hätte ſich eine himmliſch⸗ſchöne Minute ge⸗ raubt, wäre ſie eigenwillig den Wünſchen dieſer beiden Menſchen entgegen getreten. Die Pläne wurden nun ſchnell entworfen. Rittberg hatte vorläufig ſchon mit dem Prediger des Ortes con⸗ ferirt und denſelben geneigt gefunden, alle Hinderniſſe aus dem Wege zu räumen, die in kirchlicher Rückſicht ihrem Vorhaben entgegen ſtehen könnten. Der Brautanzug konnte durch Margareth's Garderobe vervollſtändigt wer⸗ den. Es blieben ihnen noch drei volle Tage Zeit, das zu ordnen, was den Frauen das Nothwendigſte ſcheint. In⸗ nerlich war Elvire vollſtändig zu dem Schritte gerüſtet, und über das Aeußere machte ſie ſich weniger Sorge, als Frau von Pröhl. Mit der öffentlichen, unerbittlich ſtreng abgefaßten Erklärung der Beſchlüſſe wollte man warten, bis Junker Wolf zurück ſei. Rittberg meinte ihn ſehr bald erwarten zu können. Aber auch Margareth ſollte nicht eher von 1860. XII. Gertrud. I. 13 202 den Bedingungen in Kenntniß geſetzt werden, unter wel⸗ chen Frau von Pröhl ihre Einwilligung gegeben hatte, damit das Ganze den ernſtheiligen Charakter einer pflichtgemäßen Verhandlung und nicht den gehäſſigen Ausdruck einer Intrigue erhielte. Sie ſollte eben ſo über⸗ raſcht daſtehen, wie diejenige, welcher ſie durch den Wil⸗ len ihres Bruders entzogen wurde. Neuntes Capitel. Frau von Wallbott hatte ſich unmittelbar nach der erlangten Kenntniß von der Flucht des Profeſſors in ihr Thurmzimmer begeben, um noch einen Brief zu ſchreiben. In ihren Augen ſtrahlte der Glanz eines faſt ju⸗ gendlichen Uebermuthes, als ſie die Feder ergriff, ihre Spitze probirte, ein Meſſerchen nahm, um ſie abzuſpitzen, und dann einen Briefbogen aus ihrer Schreibmappe hervorholte. Sie wollte an Voltaire ſchreiben, um ihm ihre baldige Ankunft in Frankfurt zu melden und ihn zu bitten, ſeinen Aufenthalt dort um einige Wochen zu ver⸗ längern. Nachdem ſie dies in kurzer, prägnanter Ge⸗ ſchäftsweiſe abgemacht hatte, ſchrieb ſie weiter:*) *) Der Brief liegt uns vor, da er Voltaire nicht mehr in Frankfurt eintraf und deshalb an die Adreſſantin zurückgeſendet war. Er iſt in franzöſiſcher Sprache verfaßt. Wir haben es vor⸗ gezogen, ihn in's Deutſche überſetzt, zu copiren. 13* „Die Verbindung, von der ich Ihnen, mein theurer Freund, in Gotha mit großem Leidweſen erzählte, hat ſich unter mittelbarer Einwirkung von mir glücklich gelöſt. Sie war das Product eines blinden Inſtinktes und ſinn⸗ licher Triebe, würde alsbald mit dem geiſtigen Weſen meines Zöglings in Colliſion gekommen ſein und die moraliſche Vernichtung des zarten, ſchönen Geſchöpfes herbeigeführt haben. Soll die Verbindung zweier Men⸗ ſchen verſchiedenen Geſchlechtes der Menſchheit zum Se⸗ gen gereichen, ſo muß ſie unter thätiger Mitwirkung der höhern Seelenkräfte als Frucht des Geiſtes empfan⸗ gen und geboren werden, mit dem Gepräge der Ver⸗ nunftmäßigkeit auf der Stirn erſcheinen und die Billigung der geſetzgebenden Vernunft davon tragen. Die Intelli⸗ genz in uns, vom Urheber unſers Daſeins, den wir Gott zu nennen belieben, für den Etat unſerer Natur in der Würde eines Gerichtshofes aufgeſtellt, ſieht ſich zur Ver⸗ waltung ihres Amtes mit dem Vernunftvermögen aus⸗ geſtattet, nach deſſen Ausſprüchen ſie billigt, verwirft, losſpricht und verurtheilt, und ſich dabei nichts aufdrängen läßt, was nicht durch Gründe und Principien gerechtfer⸗ tigt wird. Wie im Reiche der Natur muß der erwärmende Sonnenſtrahl der wahren Liebe von der Höhe des Geiſtes herab in die Tiefen des Herzens dringen, um eine für's Leben ausreichende Kraft hervorzuzaubern. Die Liebe, —— —ͤͤͤſſſſ-— 205 welche auf dem vergänglichem Boden rein irdiſcher Beſtandtheile emporwächſt, gleicht einer Blume, welche durch ihr prächtiges Colorit das Auge blendet, indeſſen ſie bei näherer Betrachtung durch ihren widerlichen Geruch zurückſtößt. Dieſe Liebe muß durch unſere innere Kraft vernichtet werden. Sie iſt nichts, als eine maskirte Sinnlichkeit, die mit ſcheinheiliger Andacht dem Herzen Altäre baut und in ihrer glühenden Anbetung die Mora⸗ lität im Menſchen verſchlingt. „Das Herz zuckt freilich krampfhaft und ſchmerzlich zuſammen, wenn ſeinem unheiligen Pochen Stillſtand geboten wird, wenn es die Süßigkeit ſeiner Freuden verläugnen ſoll, wenn es das betrügliche Glück gegen ſichere und reinere Seligkeit eintauſchen muß; aber es wird, es ſoll, es muß ſein, und das ſchwache Weib hat die Verpflichtung, ſich zuerſt geiſtig zu verklären, um den ſtarken Mann zur Anbetung zu beugen. Je mehr das Herz in uns regiert, deſto ſicherer erſchlaffen wir in unſerer Pflicht und verfallen dem täuſchenden Phantom von Glück, das hier auf Erden den Menſchen zu äffen ſucht. Wir werden uns zwar häufig genöthigt ſehen den mora⸗ liſchen Purismus, zumal in unſerm eben ſo luxuriöſen als gewitterreichen Jahrhundert, aus unſerm ſublu⸗ nariſchen Dunſtkreis in das eigentliche Himmelreich zu verweiſen, wo die Herrſchergewalt der Seele an der 206 Tagesordnung iſt, allein deſſenungeachtet wollen wir nicht erlahmen, ſondern dem mächtigen Unterſchiede einer Seelenzärtlichkeit und einer Leidenſchaft voll phy⸗ ſiſcher Stoffe ſo lange mit Wort und That zur Seite ſtehen, bis ein allgemeiner Durchbruch unſerer An⸗ ſichten erfolgt iſt. Gehen wir aber nun zu andern Ge⸗ genſtänden über. „Sie gaben mir Ihren Widerwillen, zum Könige von Preußen zurückzukehren, in Gotha deutlich zu erken⸗ nen, und ich wandte vergeblich meine Beredſamkeit auf, um Sie milder für einen Mann zu ſtimmen, der ſich das Verdienſt erworben hatte, unſer deutſches Vaterland mit Ihrem Aufenthalte daſelbſt zu beglücken. Ich kann mir nicht recht denken, daß es wirklich zwiſchen zwei Männern, wie Sie und der König Friedrich, die ich Beide einander für würdig halte, zu einem unheilbaren Bruche kommen könnte, obwohl Sie mir alle Gründe dafür mit geiſtreichen Selbſtverſpottungen darthaten. Schon die Weiſe, wie Ihnen der König die Inſignien ſeiner Gunſt, die Sie ihm allerdings zu voreilig zurückgegeben hatten, wieder zuſchickte, läßt mich hoffen, daß er Ihren Verluſt nicht gleichgiltig ertragen wird. Seine Bemühungen, den kleinen Zwieſpalt durch Gunſtbezeugungen zu heilen, werden von Ihnen nicht immer mit gleicher Satyre zurückgewieſen werden, ſo haben Sie mir verſprochen, und 207 deshalb ſehe ich zum Heile unſers deutſchen Vaterlandes die Keime der neu erweckten Freundſchaft zwiſchen Ihnen und dem Könige wahrſcheinlich bald Wurzel ſchlagen und neue Blüthen treiben. Sie erinnern ſich doch meines Glaubensbekenntniſſes, worin ich Ihrem Einfluße auf den Preußenkönig, deſſen von Natur edle und feine Ge⸗ fühle ſowohl eine nothwendige Stärkung, als eine zweck⸗ mäßige Richtung bedurften, Alles das zuſchrieb, was an poetiſchen Ideen, philoſophiſcher Weisheit und großartiger Tugend in dieſem Herrſcher lebt, und ihm nicht allein zur Zierde gereicht, ſondern auch ein Segensquell für das Gemeinwohl der Zeit iſt? Welch' ein Beiſpiel gibt dieſer Monarch, den ich noch immer meinen König nenne, obwohl ich mich aus den Gauen ſeines Reiches hinaus⸗ geheirathet habe, welch' ein Beiſpiel edler Enthaltſamkeit und Genügſamkeit gibt er uns, indem er in der Philoſo⸗ phie die kräftigſten Nahrungsſtoffe ſeiner Vernunft auf⸗ ſuchend, jeder verführeriſchen Lockung der Sinne lächelnd Verachtung zeigt! Mein theurer Freund, geben Sie der Wahrheit die Ehre und geſtehen Sie ein, daß dieſer Monarch Ihrer Freundſchaft werth iſt! Verlaſſen Sie ihn nicht auf ſeiner klippenreichen Laufbahn! Im ſchö⸗ nern Lichte könnte ſchwerlich jemals eine That der un⸗ eigennützigen Ergebenheit erſcheinen, als wenn Sie, der vollendete König der Cultur, dem erhaben denken⸗ den Könige der Erde ſich beugten; wenn Sie, durch Ihren Geiſt auf einen Thron erhoben, der nicht von Volksgunſt dependirt, Ihm, den die Geburt auf irdi⸗ ſche Höhen geſetzt, mit Schonung und Selbſtverläug⸗ nung den Anflug böſer Laune verziehen, der er Sie ge⸗ opfert hat. „Man ſpricht von einer Allianz zwiſchen Maria Thereſia und Ihrem franzöſiſchen Hofe. Wiſſen Sie, daß ich darin den Grund ſeiner Mißſtimmung ſuche, welche einen Gegenſtand in Ihnen fand, den Verdruß über Frankreich überhaupt auszulaſſen. Man kann ohne den Scharfſinn eines Oedipus wohl begreifen, daß ein ſolcher Staatsſtreich vernichtend in ſeine Pläne fahren und nach⸗ theilig auf ſeine begonnenen Werke der Culturhebung wirken müßte. Mit geräuſchloſer, unermüdeter Thätigkeit arbeitete er im Schooße des Friedens an der Beglückung ſeines Volkes, dem er, durch ſorgfältige Beſeitigung deſſen, was ſeinen Intereſſen entgegenſtand und ſie beeinträch⸗ tigte, mit kräftigerer Hand half, als man ſonſt von Köni⸗ gen gewohnt iſt. Und wenn der Erfolg in zehn Jahren ſo eclatant war, was verſprachen die Auſpicien des Frie⸗ dens nicht für ergiebige Quellen wachſenden Wohlſeins? Das ändert ſich freilich bei der Verwirklichung einer Alli⸗ anz, die Graf Kaunitz, der ſchlaue Rathgeber der Kaiſe⸗ rin, für alle Fälle bevorworten wird. Ein kleines, unbe⸗ 209 deutendes, nicht allzukluges Fräulein von Spärkan, aus Sachſens Hauptſtadt Dresden herſtammend, verbürgte ſich heute Mittag mit ihrem Ehrenworte für einen nahe bevor⸗ ſtehenden Krieg. Es iſt möglich, daß dieſe kleine dumme Gertrud recht gehört hat, es iſt aber auch möglich, daß ſie mit ihrem Kinderverſtande Glocken läuten hörte, ohne zu wiſſen, wo ſie hangen. So viel aber iſt einleuchtend, daß eine Friedensperiode für die ſegensvolle Wirkſamkeit eines Königs, wie der kluge Friedrich, ungleich günſtiger i*ſt, als die des Krieges. Wir konnten aber vorausſehen, daß der Genius des Friedens nicht lange unſere vater⸗ ländiſchen Gefilde zu anmuthigen Blumenfluren erheben würde. Wir mußten eine Exploſion des verhaltenen Un⸗ muthes erwarten, womit Maria Thereſia den räuberi⸗ ſchen Eingriff ihres Todfeindes betrachtete, und wir ſahen bangen Herzens ſchon längſt eine ſchwere düſtere Gewit⸗ terwolke am Himmel ſtehen, die uns mit Beklemmung, die Staaten aber mit ſtiller Wallung und Bewegung erfüllte. Die frohen Hoffnungen, zu welchen wir uns be⸗ rechtigt glaubten, als wir das edle Culturwerk unter ſo begünſtigendem Verkehre des Geiſtes und des Herzens emporblühen ſahen, werden bald geknickt erſcheinen, wenn der Preußenkönig erſt wieder vom rohen Thatendurſte erfaßt, auf unrechtmäßige Eroberungen ausgeht. Er wird aber mit ſtrafender Hand züchtigen, weil die Kaiſerin 210 hinterliſtig ihre Contracte bricht, und dann„Wehe ihr“, wenn ſie nicht rachebegierig„Wehe Dir, Du Räu⸗ ber!“ rufen kann. Maria Thereſia ſpielt vermeſſen mit dem Glücke und Wohlergehen ihres Volkes bei einem erneueten Kriege. Hat ſie nicht genug der Ver⸗ wüſtung und des Gräuels gehabt? Geht Friedrich's Stern unter, ſo iſt ihm freilich Recht geſchehen, aber ob er nicht glänzender durch den Kriegesgraus hervor⸗ leuchtet, als jemals, ſteht doch in Frage. Das Schick⸗ ſal weiß oft nichts von Wiedererſtattung, wenn es größere Zwecke erreichen will, und mir ahnet etwas von einer intenſiven Kraft des geſammten Volkes, das unter dem Preußenkönige ſteht! Die Zeit wird uns darüber belehren. „Bevor ich meinen Brief an Sie ſchließe, mein theurer Freund, ſchweife ich nochmals zu meiner Nichte Margareth zurück, um Sie darauf vorzubereiten, daß Sie in ihr das ſchönſte Mädchen im deutſchen Typus kennen lernen werden. Der Eindruck, den ſie macht, iſt wunderbar. Man fühlt ſich zu einer Huldigung hin⸗ geriſſen, weil man in ihr die Verkörperung der höchſten Reinheit, Jungfräulichkeit und Zartheit bewundern muß. Sie gleicht in ihrer ſüßen Schüchternheit der weißen Taube, vor derem fleckenloſen Gefieder jede unreine Hand zurückbebt, und die tiefe, wunderſchöne Bläue 211 ihres Auges mahnt an die Seligkeit eines ewig wol⸗ kenloſen Himmels. Mit ihrer unnennbar ſchönen äußern Erſcheinung harmonirt ihre innere Begabung, mein Freund. Können Sie mir es verdenken, daß ich dies Ideal eines weiblichen Weſens den gierigen Klauen männlicher Leidenſchaft entzogen habe? Sie werden, trotz ihres ſechs⸗ zigſten Geburtstages, wie Sie immer mit abwehrendem Scherze ausrufen, Ihre huldigende Aufmerkſamkeit auf mein theures Mädchen richten, und das iſt's, was ich wünſche. Margareth's Seele muß überfüllt werden von der Macht des Geiſtes, damit ſie aus dem Rauſche erwacht, der ſie umfangen hält. Margareth muß gerettet werden, und nur Ihnen wird es möglich werden, ſie zu retten! „Ich freue mich unſers baldigen Wiederſehens und grüße Sie herzlich.“— Mit vollkommener Selbſtzufriedenheit überblickte Frau von Wallbott ihr fertig gewordenes Schreiben und wiederholte nochmals in leidenſchaftlichem Tone: „Margareth muß gerettet werden, und Voltaire wird ſie retten!“ Hiütte ſie geahnt, was zur ſelben Zeit„die kleine, dumme Gertrud“ zur Frau von Pröhl ſagte, ſo würde ſie etwas hohnvoll gelächelt haben. Hätte ſie aber gewußt, 212 was für Conſpirationen gegen ſie im Zimmer der Frau von Pröhl geſchmiedet wurden, ſo würde ſie mit der gan⸗ zen Kraft ihrer muthigen Natur den Plänen vorgegriffen und Margareth durch feſte Gelöbniſſe ſich unterthänig gemacht haben. Ein dunkler Gedanke an mögliche Fälle fuhr durch ihr Gehirn, und ſie warf trotzig das ſtolze Haupt zurück, als ſie dabei ihrer Verſprechungen gegen den Profeſſor gedachte. Sie war in dieſen möglichen Fäl⸗ len entſchloſſen, ſie nicht zu halten, ſondern die Macht ihrer Beredſamkeit im ganzen Umfange walten zu laſſen. Sie hatte auf Gellert's milden Einfluß gerechnet. Er hatte ſich ihren Anforderungen entzogen. Gut, ſo war ſie auch nicht verpflichtet, ihr Wort zu halten, das nur durch eine augenblickliche Beſchämung hervorgerufen war. Ja, ſie kam ſogar plötzlich zu der Einſicht, Gellert's Flucht für ein günſtiges Ereigniß zu halten, welches die Feſſeln lockerte, die er ihr angelegt hattte. Sie fragte ſich jetzt in der Einſamkeit ihres Zim⸗ mers ernſtlich über die Abſichten ihrer nächſten Schritte, und ſie mußte ſich eingeſtehen, daß ſie ſich, einigermaßen überraſcht von der energiſchen Entſagung des Grafen Levin, etwas willenlos dem Strome kommender Ereig⸗ niſſe ausgeſetzt fand. Sie hatte beabſichtigt, mit Hintanſetzung der gewöhnlichen Anſtandsregeln, Hinderniſſe aufzuthürmen, 7 213 wodurch die Hochzeit ihrer Nichte zuerſt aufgeſchoben werden ſollte, um ſpäter die Löſung ihres Verhältniſſes herbeiführen zu können. Sie hatte beabſichtigt, unter dem Schutze ihres weit und breit hochgeachteten Namens eine Vermählungsfeierlichkeit aufzuheben, aber es war ihr nie⸗ mals eingefallen, daran zu denken, daß ſie mit ihren Plä⸗ nen ſcheitern und durch die Uebereilung des leidenſchaft⸗ lichen Bräutigams in einen Zuſtand der Paſſivität ver⸗ ſetzt werden könne. Sie läugnete es ſich in der Einſamkeit ihres Zim⸗ mers nicht ab, daß dieſer Wechſel ihr unangenehmer war, als ſie zeigte, daß es einer dreiſtern Stirn bedurfte, mit Margareth, der verlaſſenen Braut, in den Kreiſen zu erſcheinen, wo ſie zu leben gewohnt war, als mit einer geretteten, von unwürdigen Banden befreiten. An Graf Levin's Schmerz dachte ſie gar nicht. In der kühlen Atmoſphäre, worin ſie ſich wohl gefiel, han⸗ delte es ſich mehr um den Ruhm eines glänzenden Ver⸗ ſtandes, als um die Glorien menſchlicher Güte. Sie war nicht herzlos, aber ſie war total verblendet. Aus dem Zir⸗ kel in Gotha, wohin ſie ſich, ſeit einem Zerwürfniſſe mit der Churprinzeſſin von Heſſen, deren Ehrendame ſie war, zurückgezogen hatte, in die nüchterne Proſa eines Land⸗ aufenthaltes verſetzt, glaubte ſie ſpielend das erreichen zu 214 he einer Geiſteskraft plötzlich ihr Pflegeſohn, von ſeiner Reiſe aus hrnd, einem Unmuthe über Marga⸗ jetzt, wo Alexander aufgeregt und exaltirt von ſte ſprach, wo er, mehr von außen, als inner⸗ Mit ihrem Entſchluße zugleich ſtiegen erſt die Gründe zu demſelben vor ihr auf. Sie läu „ während ſie, wie es oftmals in der Welt geſchieht, von der Eingebung eine an den Platz geſtellt war, den ſie jetzt einnahm. Was von Allen als das Reſultat lang gehegter Wünſche betrach⸗ tet wurde, das war nur der blitzartig entſtandene Vorſatz eines herrſchſüchtigen Herzens, den ſie mit kluger Mi⸗ ſchung von Geiſt und Gefühl rückſichtslos zu verfolgen ſich anſchickte. Ende des erſten Bandes. innnmmſſnnim 14 15 16 17 Fſſſſſſſſſſſſnſ ſn 7 8 9 10 11 12 13