othek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Ptt. 50 Pf. 2 wer.— Pf. „ 3„ 7 5„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines groößeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Veiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. k e—. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. Eilfter Band. Neunzehnter Jahrgang. Die Herren von Ettershaiden. II. Wien. Herm. Markgraf. 1864. V ——;’—’———ͤͤͤ——— Die Herren von Ettershaiden. Roman von E. Fritze. II. Theil. —— Wien. Herm. Markgraf. 1864. * 5 F 5 8 8 5 2 5 2α H 8 5 5 6 Inhalt. I. Capitel. Ein alter Bekannter.......... II. Capitel. Der Brief des Bruders........ III. Capitel. Zum letzten Male.......... IV. Capitel. Einkehr und Umkehr......... V. Capitel. Der Stolz im Staube......... VI. Capitel. Voreilige Feldzüge.......... VII. Capitel. Vom Grabe zur Wiege VIII. Capitel. Ein Tagebuch........... Schlußcapitel. Zwei Märztage.......... —— 23——— Die Herren von Ittershaiden. I. Capitel. Sin alter Bekannter. Oswald von Wangera war während des verfloſſe⸗ nen Zeitraumes mit ſich rinig geworden, daß er ohne Aufſehen ſeine Heimacch verlaſſen und es Gott anheim ſtellen wolle, wie er ſein Haus und ſeinen Hof der⸗ maleinſt wiedecfinden würde. Trotz ſeiner geheimen Bemühungenn, einen Käufer oder auch nur einen Pächt zu finden,, zeigte ſich noch nicht die mindeſte Ausſicht dazr.. Laut werden durfte ſein Vorſatz nicht, ſonſt lenkte uch der ſpähende Blick böswilliger Menſchen auf ſein Thun und Treiben und vereitelte ſeine Pläne, die er mit ruheloſem Geiſte pflegte. Um deswillen verließ er auch ſein Haus ſeltener und vermied jeden öffentlichen Verkehr, der ihn verdächtigen konnte. Aber in der geſi⸗ cherten Einſamkeit ſeines Zimmers traf er alle nothwen⸗ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 1 digen Vorbereitungen, um beim erſten günſtigen Zufalle aufbrechen zu können. Sein letzter Beſuch in Ettershaiden hatte eine ſon⸗ derbare, unruhige Seelenſtimmung in ihm erzeugt. Me⸗ litta's Ernſt erſchien ihm wie eine Warnung vor anüber⸗ legten Schritten. Daß ſie ſich nicht, wie ſonſt, liebevoll ausſprach, ſondern ſich wortkarg zurückzog, beurtheilte er falſch, weil in ſeinem Herzen das Licht der Erkenntniß noch nicht entzündet war. Er hielt ſich für berechtigt zu Ver⸗ traulichkeiten inniger Art und hatte ſich dergeſtalt in das Familienleben Ettershaidens hineingelebt, daß der leiſe Uebergang in Melitta's Neigung ganz unbemerkt von ihm geblieben war. Eben ſo wenig empfand er die Veränderung ſeines Gefühles. Daß es ihm Bedürfniß ar, nach Ettershaiden zu reiten, lag nach ſeiner Mei⸗ ag in der Sympathie, die ihn mit dem alten Herrn nüpfte. Sein Geiſt war ſo vollkommen beſchäftigt, ß er die Schläge ſeines Herzens zu beachten vergaß ad gänzlich darüber im Unklaren blieb, daß die Freund⸗ ſchaft der Kindheit zur Liebe gereift war. Erſt in der Einſamkeit ſeines Zimmers traf die leiſe Mahnung an einen ernſten Abſchied ſein Herz. Das Bild Melitta's erſtand vor ſeiner Phantaſie. In ruhiger Anmuth erſchien ſie ihm, die Augen voll ſtiller Zärt⸗ lichkeit, lieblich erröthend bei dem Kuß, den er der 3 Sitte gemäß beim Abſchiede auf ihre Hand druckte. Warum erſtand gerade dies Bild vor ſeiner Phantaſie? Warum dachte er dabei an den ungleich ſchwereren Ab⸗ ſchied, der ihm, zufolge ſeiner politiſchen Entwürfe, nahe bevorſtand? Ein unbeſchreibliches Weh durchzuckte ihn. Die friedlichen Träume ſeiner Jugend dämmerten wieder auf, wo er es als ausgemacht angeſehen hatte, daß Melitta Herrin in ſeinem hübſchen, einfachen Haushalte werden müſſe. Längſt, längſt waren dieſe Träume im Elende ſeines Vaterlandes untergegangen, warum tauchten ſie gerade jetzt wieder auf, wo ſich Alles ihrer Erfüllung und Verwirklichung entgegenſetzte? Oswald warf energiſch alle entmuthigenden Ge⸗ danken aus ſeiner Seele und verſenkte ſich in die npro⸗ ſaiſchen Notizen, die er über ſein Hab und Gut gemacht, um ſie als einen Ueberblick benutzen zu können. Er whr nicht der Mann, welcher ſich durch das Klopfen ſeines Herzens von Entſchlüſſen abbringen ließ. Geduldignahm er zu ſeinen andern Qualen auch die Erkenntniß noch hinzu, daß ihm die Trennung von Melitta wahrſchein⸗ lich bei weitem mehr Schmerz verurſachen würde, als er bis jetzt geahnt. Zu derſelben Zeit, wo Oswald mit Mannesmuth auch dieſem Schmerze zu begegnen ſich vornahm, ritt ein Mann im gemäßigten Schritte langſam an dem 1* 4 See vorüber und ſah ſchon von fern mit ſichtlichem Behagen nach dem wohlerhaltenen, aber ganz ſchmuck⸗ loſen Herrenhauſe, das mit ſeinem offenen Gatterthore förmlich einladend erſchien. Schnurſtracks ritt er darauf zu. Oswald, aus ſei⸗ nen Beſchäftigungen durch den Hufſchlag des Pferdes geweckt, ging zum Fenſter und ſah noch eben die Ge⸗ ſtalt jenes Fremden, den er vor mehreren Wochen auf der Landſtraße getroffen, aus dem Sattel gleiten. Gleich darauf erſchien ſein Diener und meldete„den neuen Beſ ſitzer von der Ettershaider Burg!“ „Wie?“ fragte Oswald haf ſtig.„Der Marquis d'Etérais?“ „Nein,“ entgegnete der Diener ſehr beſcheiden, „der Herr ſagte ausdrücklich: Meldet Eurem Herrn den neuen Befiler der Ettershaider Burg!“ DOLwald winkte, ihn herein zu führen. In ihm ſtürmte es aber.„Dieſer Fremde— der Marquis?“ Er konnte ſich kaum ſo weit faſſen, um ihm ruhig und höflich entgegen zu treten. Der Marquis ließ ihm nicht lange Zeit ſein Be⸗ nehmen zu regeln. Raſch überſchritt er die Schwelle, reichte dem jungen Hausherrn bieder ſeine Rechte und machte mit einigen Worten zwar nur, aber mit vielem Humor ſeine Bekanntſchaft auf der Landſtraße geltend. Oswald, gedankenvoll ihn betrachtend, ernniederke ſeine Be⸗ 5 grüßung artig und bald ſaßen die jungen Männer neben einander, äußerlich ruhig, aber innerlich von ſehr verſchiedenartigen Empfindungen aufgeregt. „Sie ſehen, Herr von Wangera,“ ſprach der Mar⸗ quis im Verfolg des Geſpräches, das ſich bis dahin auf der Oberfläche gewöhnlicher Redensarten gehalten hatte,„Sie ſehen, daß ich nicht verfehle Ihnen meinen ſchuldigen Nachbarbeſuch zu machen, wie ich's Ihnen ſchon damals verheißen hatte. Ich knüpfe hieran ſogleich die Frage, ob Sie wirklich mit dem Gedanken umge⸗ hen, Wangeroda zu verkaufen?“ Er ſah Oswald bei dieſer Frage ſcharf und prü⸗ fend an. Dieſer fand eine Herausforderung in dem Blicke und erwiederte denſelben mit vollem Mannesmuthe. „Ja, Herr Marquis!“ ſagte er mit einer Stimme, die wie tönendes Erz klang. „Gut! ſo bitte ich Sie, mich als einen Käufer deſſelben zu betrachten. Doch möchte ich eine Bedin⸗ ung vorausſchicken, ehe wir näher auf das Geſchäft eingehen.“ Oswald neigte etwas ſteif ſein Haupt, verweigerte aber dem Marquis die Hand nicht, die er zu faſſen Miene machte. „Ich würde die Bedingung aufſtellen müſſen, daß der Kauf ganz unter uns bliebe!“ Oswald öffnete ſein Auge ſehr weit und ſchauete 6 mit ſtolzem Ernſte in das Auge des Marquis. Wollte er ihn fangen mit dieſer Bedingung? Ein geringſchä⸗ tzendes Lächeln glitt über ſein Geſicht und er ſagte ziemlich ſchroff: „Ihre Gründe für dieſe Bedingung, wenn ich bit⸗ ten darf, Herr Marquis!“ „Meine Gründe dafür würde nur der begreifen kön⸗ nen, der, gleich mir, gezwungen iſt, ſich ohne Aufſehen eine bleibende Stätte— eine Heimath— zu ſchaffen, mein Herr,“ antwortete der Marquis mit etwas geho⸗ benem Tone.„Es iſt der Trotz mit im Spiele, ſich dort zu placiren, wo man einſt verachtet wurde.“ Oswald horchte ſcharf auf. Sollte er einem jener Parvenu's gegenüberſitzen, wie ihn die Drangſale des Vaterlandes ſo häufig geſchaffen hatten? Sollte der Marquis eine Carriere en galop gemacht haben, viel⸗ leicht vom Schreiber eines deutſchen Amtes bis zum Ge⸗ heimſecretair Sr. Majeſtät von Weſtphalen? Unmöglich war dies nicht! „Ich zahle baar, was Sie verlangen,“ fuhr der Marquis gemüthlich fort.“ Lieb würde es mir ſein, könnte ich das ganze Gut mit Allem, was dazu gehört, über⸗ nehmen.“ „Das könnte mir nur gelegen ſein, denn es über⸗ höbe mich der leidigen Auction, wo nichts dabei heraus⸗ kommt,“ ſagte Oswald. — 7 „Seien wir alſo aufrichtig gegen einander!“ rief der Marquis heiter werdend. Oswald blickte feſt und kühn auf.„Sie haben beſondere Gründe das Gut zu verkaufen und ich habe„beſondere Gründe“ das Gut zu kaufen. Sie möchten ſich ohne Aufſehen Ihres Beſitzthumes ent⸗ äußern und ich habe das innigſte Verlangen mich ohne Aufſehen zum Beſitzer dieſes Gutes zu machen. Geſte⸗ hen Sie die Wahrheit meiner Bemerkung zu, Herr Oswald von Wangera?“ „So weit dieſe Bemerkung mich betrifft, geſtehe ich ſie unbedingt zu!“ ſprach Oswald mit Freimuth. „In Rückſicht auf Sie begreife ich Sie nicht, da es bekannt geworden iſt, daß Ihnen der König von Weſt⸗ phalen ſtatt der alten Burg das Luſtſchloß Schönthal mit ſeinen herrlichen Parkanlagen zum Geſchenke hat machen wollen.“ „Pah—“ ſagte der Marquis verächtlich.„Der König von Weſtphalen hatte nicht das Recht, Schön⸗ thal zu verſchenken, da es Privateigenthum der Prinzeß Wilhelmine iſt.“ Oswald blickte frappirt auf zu ihm.„War es eigentlich mit der Burg Ettershaiden anders?“ fragte er ruhig. „Ganz anders! Dort handelte es ſich um eine prächtig eingerichtete Beſitzung, hier um ein verfallendes 8 gänzlich mißachtetes Gebäude ohne liegende Gründe. Außerdem iſt das Geſchlecht Ettershaiden dem Erlö⸗ ſchen nahe und das alte Haus würde Niemand genutzt haben.“ „Geſtatten Sie mir eine Einrede, mein Herr Mar⸗ quis. Es iſt bekannt geworden, daß ein Sohn des preußiſchen Oberſten von Ettershaiden noch lebt!“ „Iſt der erbberechtigt?“ fragte der Marquis ſelt⸗ ſam lächelnd.„Arnulf von Ettershaiden iſt das Kind einer Mesalliance!“ Uebrigens habe ich allen Formen genügt und ſogar die Einwilligung des alten adelſtolzen Herrn auf Ettershaiden nachgeſucht, bevor ich durch die weſtphäliſche Regierung bei der preußiſchen Regie⸗ rung Schritte thun ließ. Durch königliche Unterſchrift bin ich von Rechtswegen Beſitzer der alten Burg und denke mein Recht jetzt gegen jeden Anſpruch der Familie Ettershaiden geſichert zu haben. Meinen Sie nicht?“ „Ettershaiden iſt Lehn von Preußen— hat alſo der Preußenkönig als Lehnsherr in die Abtrennung der Stammburg gewilligt, ſo iſt die Sache erledigt,“ ſagte Oswald kurz. „Um alle ſpäteren Einwürfe zu beſeitigen, habe ich auch an Arnulf geſchrieben und hoffe ihn in wenigen Wochen bei mir zu empfangen,“ ſprach der Marquis mit demſelben ſeltſamen Lächeln. Oswald ſchien freu⸗ dig von dieſer Nachricht berührt zu werden. Der Mar⸗ ooo 9 quis ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen, ſondern fuhr raſch ſprechend fort: „Um ſo lieber wäre mir's, könnte ich Wangeroda bis dahin in Beſitz nehmen. In der Burg wird mäch⸗ tig gearbeitet. Aeußerlich iſt ſchon Alles gethan, um ihr Anſehen wieder herzuſtellen und was in der Eile geſchehen konnte, um ſie auch innen wohnlich und zier⸗ lich zu machen, iſt bereits geſchehen. Ich wohne ſeit heute dort und habe die Glückſeligkeit eines Einſiedler⸗ lebens in vollen Zügen genoſſen.“ „Wie verſtehe ich das?“ fragte Oswald im höch⸗ ſten Grade erſtaunt.„Nur wer ſeines Lebens müde iſt, kann nach meiner Meinung daran denken, ſich einem Einſiedlerleben auf der alten Burg hinzugeben!“ „Es könnte auch noch einen andern Grund geben, den aber ein Mann, welcher nie ſein Brot mit dem Grimme verletzten Stolzes aß und nie Veranlaſſung hatte, den Hund beneiden zu müſſen, der eine privile⸗ girte Stellung in ſeiner Hundehütte einnahm, nicht be⸗ greifen kann,“ antwortete der Marquis in größter See⸗ lenruhe und ohne alle Bitterkeit. Oswald fühlte ſich deſſen ungeachtet tief erſchüttert, von dieſen Worten. Ihm ſchienen vergangene Schmer⸗ zen aus dem philoſophiſchen Gleichmuth hervorzuleuch⸗ ten, womit ſie geſprochen wurden und er gedachte plötz⸗ 10 lich ſeines Entſchluſſes, ſich einer ſchützenden Heimath zu berauben, mit einem widerſtrebenden Gefühle. „Vielleicht in kurzer Zeit ſchon lerne ich dies Ge⸗ fühl kennen, mein Herr Marquis,“ antwortete er haſtig. „Mit dem Verkaufe meines Eigenthumes verliere auch ich eine Heimath.—“ „Aber nicht die Anſprüche Ihrer Geburt,“ fiel der Marquis lebhaft ein.„Und darin liegt ein ganz ab⸗ ſonderlicher Troſt, den derjenige erſt zu ſchätzen weiß, welcher dieſe Vorzüge verloren gehen ſah. Es giebt nach meiner Erfahrung nichts Entſetzlicheres, als ſich in Krei⸗ ſen bewegen zu müſſen, die uns nur dulden.“ „Ich dächte, dergleichen Erfahrungen wären in Ihrer Stellung nicht möglich.“ „Und wenn mich dieſe Erfahrungen in meine jetzige Stellung getrieben hätten?“ „Dann freilich wäre mir Ihre Sehnſucht nach einem Einſiedlerleben in einer ſichern Heimath erklärlich!“ ſprach Oswald mit Wärme.„Sie liehen Ihr beſſeres Selbſt nothwendigen Uebeln und ziehen es, nach erreichten Zwecken wieder zurück. Aber es würde an Wunder grän⸗ zen, ſollten Sie unverletzt an Leib und Seele aus den Wellen zurückkehren, denen Sie ſich anvertrauen mußten.“ „Sehe ich aus wie ein Schiffbrüchiger, Oswald?“ fragte der Marquis mit ſanfter, weicher Stimme. Os⸗ wald fuhr überraſcht in die Höhe. — 11 „Mein Herr, enden Sie endlich meine Spannung!“ rief er erregt.„Schon auf der Landſtraße damals lie⸗ ßen Sie Andeutungen fallen, als ſei ich ein alter Be⸗ Ihres Namens gekannt.“ 1 4 „Wiſſen Sie denn meinen Namen ſchon?“ kannter von Ihnen. Ich habe aber niemals 98 44 2 r gte der Marquis mit Scherz, um ſeine ſteigende Bewegung zu verbergen. „Man nennt Sie in Kaſſel den Marquis d'Eté⸗ rais!“ „Eine Corruption meines Namens, die ſich der Kaiſer Napoleon erlaubte!“ Oswald wurde bleich vor Rührung, denn jetzt end⸗ lich dämmerte eine Ahnung in ihm auf. Du biſt Thilo von Ettershaiden!“ ſagte er zitternd. „Allmächtiger Gott, daß ich nicht gleich darauf verfallen bin! Thilo— o, was wird Couſine Bianca ſagen, wenn ſie Dein Schickſal erfährt! Thilo von Ettershai⸗ den ſteckte alſo in dem Marquis d'Etérais, der wie ein Stern am dunſtigen, gewitterſchweren Himmel vom Königreiche Weſtphalen glänzte?— Willkommen da⸗ heim, mein alter Freund Thilo!“ Er reichte ihm beide Hände dar und küßte ihn herzlich auf Mund und Wange. Dieſen Empfang mochte Thilo nicht erwartet ha⸗ beu. Seit langer Zeit dem innigen Verkehr mit Men⸗ 12 ſchen fremd geworden, einſam ſeine Wege wandelnd, die ein Ziel verfolgten, welches, trotz ſeiner edeln Ten⸗ denz, dennoch im Triumphe der Selbſtſucht grün⸗ dete, mußte ihm ein Wohlwollen ſo reiner und aufrich⸗ tigenzalrt die Seele bis zur Qual erſchüttern. Er ſchlug beide Hände vor's Geſicht und weinte! Dann ſprang er auf und rief außer ſich: „Und Du fragſt nicht nach meiner letzten Vergan⸗ genheit, Oswald? Du fürchteſt nicht einem Vaterlands⸗ verräther in dem zu begegnen, der ſeinen Lebensunter⸗ halt bei den Unterjochern ſeines Vaterlandes ſuchen mußte? Du traueſt mir, Oswald, trotz des böſen Schei⸗ nes, der auf meinem geheimnißvollen Auftreten ruhet?“ „Ja, ich traue Dir, denn ich weiß, Du biſt ein Ettershaiden, der nach der Deviſe ſeines Wapppens nimmer wankt in der Treue für König und Vaterland!“ „Gott lohne es Dir!“ ſprach Thilo mit wieder⸗ kehrender Faſſung.„Wäre es anders mit mir, ſo ſtände ich nicht vor Dir! Halte feſt an dem Worte der Erklä⸗ rung, das ich Dir hiermit gebe: nur für perſönliche Intereſſ genug waren, um zu den Depeſchen noch mündliche Er⸗ örterungen hinzufügen zu müſſen, nur um Parteiungen im Kreiſe ſeiner nächſten Ungehörigen zu ſchlichten, nur für Befehle, für Warnungen, für Rathſchläge, für zor⸗ nige Zurechtweiſungen in ſeinem weitverzweigten Fami⸗ en, nur in Familienangelegenheiten, die wichtig 8 13 lienkreiſe diente ich dem Kaiſer Napoleon als Ge⸗ heim⸗Botſchafter. Nie habe ich mich mit politiſchen Sen⸗ dungen befaßt, ſelbſt nicht mit ſolchen, die meinem Va⸗ terlande fern blieben und in der feſten Redlichkeit mei⸗ nes Weſens lag der Grund zu dem unerſchütterlichen Vertrauen des Kaiſers.“. „Wunderbar, daß er dem Deutſchen mehr Ver⸗ trauen ſchenkte, als einem Franzoſen!“ warf Oswald ein. „Er hat mich wohl erſt vielen Prüfungen unter⸗ worfen und gerade in meiner Iſolirtheit und Selbſtän⸗ digkeit eine Garantie für die Bewahrung ſeiner Ge⸗ heimniſſe gefunden. Von ſeiner Familie ahnt Niemand, daß ich ein Deutſcher bin!“ .„Du haſt Dich, darnach zu ſchließen, alſo als ein welt⸗ und ſeelenkundiger Mann bewährt, deſſen Weis⸗ heit und Klugheit ſeine Jahre weit überragt!— Laß Dich doch betrachten, Thilo, ob ich wirklich bei einigem Nachdenken aus Deinen Zügen nicht hätte errathen können, wer mich mit ſo köſtlichem Humor nur als lang⸗ beinigen und langarmigen, blaſſen Junker kennen wollte.“ Er nahm den jungen Mann bei den Schultern und drehte ihn dem Lichte zu.„Ja, ſieh!“ begann er ſo⸗ gleich wieder,„jetzt iſt mir freilich ein Wiedererkennen nicht ſchwer! Deine Augen, ſchon früherhin ein Gegen⸗ ſtand meiner Bewunderung, hätte ich unter allen Um⸗ ſtänden erkennen müſſen, wenn ich nicht ein träumeri⸗ 14 ſcher Geſell geworden wäre. Deine glatte Lippe iſt allerdings jetzt ſtark mit Bart beſetzt und das wech⸗ ſelnde Spiel Deiner Mienen hat ſich zu einer gewiſſen Unbeweglichkeit ernüchtert; Dein ſchalkhaftes Lächeln iſt vom Ernſte der äußern Haltung geregelt und auf der hellen Stirn ſind Merkzeichen vom wechſelvollen Leben mit dem Ausdrucke ſtiller Entſchloſſenheit gepaart, zu finden. Aber Eines haſt Du bewahrt und daran eben erkannte ich Dich. Der weiche bittende Ausdruck Deiner Stimme, wenn Dein Herz ſich regt— das iſt Dir von Deiner verſchwundenen Jugend geblieben!“ Thilo nickte lebhaft.„Damit habe ich auch oft⸗ mals Löwen bezähmen müſſen, wenn ſie blutdürſtig wa⸗ ren,“ ſagte er leiſe und geheimnißvoll.„O, wenn ich einen Tag früher zurückkam, ſo wäre der unglückliche Palm nicht erſchoſſen!“ „Wirſt Du Dich aber Deiner Einſiedelei lange erfreuen können?“ fragte Oswald nach einer kleinen Pauſe, die dem Andenken an manche Märtyrer des Patriotis⸗ mus geweiht wurde, theilnahmvoll. „Ich habe mein Verhältniß zu Napoleon gänzlich gelöſet!“ gab Thilo ruhig zur Antwort. „Sein fürchterlicher Plan zur Weltunterjochung er⸗ weckte mir Grauen. Sein Rüſten gegen Rußland er⸗ ſcheint mir als eine Herausforderung Gottes. Ich habe gewagt, ihm dies ehrlich zu ſagen, als ich von Schwe⸗ 15 den zurückkam, wo ich durch den neuen Kronprinzen von Schweden, dem ehemaligen franzöſiſchen General Ber⸗ nadotte, eine volle Einſicht in die koloſſalen Entwürfe des Kaiſers gewann. Er gedenkt mit ſeinen ehernen Flügeln Alles zu unterdrücken, was Europäer heißt— mir grauete vor dieſem unerſättlichen Ehrgeiz und ich zog mich empört aus dem Kreislaufe ſeiner entſetzlichen Herrſchſucht zurück!“ „Wird er Dich nicht mit Spähern umringen laſ⸗ ſen?“ fragte Oswald ſehr ſchnell. „Bei ſeinem Hange zum Mißtrauen muß ich, an⸗ fangs wenigſtens, das erwarten, aber ich habe keine Urſache es zu fürchten, da ich ehrenhalber jede Berüh⸗ rung mit feindlichen Elementen vermeiden werde. Spä⸗ terhin wird man mich vergeſſen im neuen Kriegsgetüm⸗ mel, das verheerend bis in's Herz Rußlands zu dringen ſchon vorbereitet wird.“ Oswald ſchritt langſam von ſeinem Jugendfreunde hinweg und durchmaß zwei Mal, ſichtlich mit einem Entſchluſſe ringend, das Zimmer. Dann blieb er vor Thilo ſtehen und ſagte ſehr ernſt, faſt feierlich: „So mußt Du mich meiden, Thilo, um Deines Wohles willen, um Deiner Ehre willen, denn ich ge⸗ höre zu den erbittertſten Gegnern des großen Welter⸗ oberers!“ „Das habe ich gar nicht anders erwarten können, 16 Oswald, alſo ſagſt Du mir nichts Neues,“ antwortete Thilo mit herzlichem Tone.„Es iſt etwas Eigenes um Jugendfreundſchaft, mein Lieber! Unſere Jugendthorheiten, die wir zuſammen getrieben, befähigen uns, die Regun⸗ gen in des Mannes Bruſt Wort, welches mir über Deine Abſicht, Wangeroda zu verkaufen, zu Ohr kam, enthüllte mir zugleich Deine Opferbereitwilligkeit für's Vaterland. Ich wußte ſogleich, daß Du beſchließen würdeſt, nach Rußland zu gehen, um Dein Blut dem hohen Zwecke zu bieten, Gegen⸗ wehr zu leiſten nach Möglichkeit. Wäre ich frei, ſo würde mich dieſelbe Begeiſterung forttreiben! Da ich durch Ehrenpflichten gebunden bin, ſo will ich wenig⸗ ſtens dem helfen, der mir ohne Betheuerung, ja ohne Erklärung Vertrauen bewieſen hat. Ich übernehme käuf⸗ lich Dein Gut, Oswald— kommſt Du entmuthigt, in t zu errathen. Das erſte Deinen heiligſten Gefühlen vernichtet, zurück, ſo weißt Du, wo Du Dein Haupt niederlegen kannſt, um aus⸗ zuruhen! Willſt Du meinen Vorſchlag annehmen?“ fragte er mit jenem unwiderſtehlichen Tone, der ſchon— ſo oft Löwen gezähmt haben ſollte. Oswald ſchlug in die dargebotene Hand ein. Zu ſprechen vermochte er nicht. „Die Zeit drängt,“ ſprach Thilo weiter. Meine letzte Miſſion iſt leider zum Tagesgeſpräch geworden durch die Indiscretion der Generale, welche gerade um g 17 Bernadotte, dieſem erwählten Kronprätend enten, verſam⸗ melt waren, daher ſtehe ich nicht an, ſie Dir mitzuthei⸗ len. Der Kaiſer Napoleon ließ ſeinem ehemaligen Ge⸗ neral geradezu verbieten, ſich mit dem Kaiſer von Ruß⸗ land einzulaſſen und um ſeine Zuſammenkunft mit ihm zu verhindern, wurde ich ſchleunig nach Schweden be⸗ ordert. Was ich beobachtet habe, bringt mich auf die Vermuthung, daß Bernadotte zwei Karten zugleich aus⸗ ſpielt. Während er dem einen Kaiſer Zugeſtändniſſe macht, unterläßt er es doch nicht, dem andern Compli⸗ mente und Ergebenheitsadreſſen zukommen zu laſſen. Napoleon merkt das ſehr gut und iſt zornig darüber. Um ſo raſcher wird er ſeine Entſchlüſſe in's Werk ſetzen. Willſt Du alſo fort, ſo eile!“ „Ich bin bereit!“ ſprach Oswald feſt und ent⸗ ſchieden. „Eine Anzahlung für das Gut habe ich bei mir!“ entgegnete Thilo eben ſo kurz und entſchieden. „Dein Edelmuth würde mich beſchämen, wenn ich nicht den Geiſt Deiner Ahnen darin leuchten ſähe,“ ſprach Oswald, während Thilo eine Taſche von ſeinem Leibe los⸗ gürtete und ſie ihm übergab.„Wie viel iſt es, Thilo?“ fragte er gerührt. „Noch lange nicht die Hälfte des Preiſes, den Du Augen.„Und r lange Zeit. 2 fordern darfſt!“ rief Thilo mit glänzenden nun, mein Freund, raſch ein Lebewohl fü E. Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. II. 7 Wenn wir uns ſpäterhin wiederſehen, ſo kennen wir uns! Folge meinem letzten Rathe, den ich Dir auf den Weg geben will. Gehe direct in's Lager des Prinzen Eugen von Württemberg. Bitte ihn um eine Audienz. Nenne den Namen Thilo von Ettershaiden. Sein Empfang wird Dir zeigen, daß er mich noch nicht vergeſſen hat. Wir haben zuſammen in Erlangen ſtudirt und treu an einander gehalten. Obwohl der Prinz noch ſehr jung war, verrieth er doch einen merkwürdigen Scharfblick bei der Beurtheilung eines menſchlichen Charakters. Mich nannte er den Diplomaten! Du magſt ihm er⸗ zählen, wozu ich meine Anlage zur Diplomatie verwen⸗ det habe.“ „Thilo— mir iſt wie im Traume!“ ſprach Os⸗ wald, ſeine haſtige Rede unterbrechend. „Dies Geld?— Darf ich ohne Gewiſſensſcrupe! Dein Schuldner werden?— Mir ſchwindelt— es über⸗ ſtürzt mich.—“ „Meinſt Du, es klebe eine einzige niedrige That an dem Gelde?“ fragte Thilo traurig. „Nein— bei Gott! Das glaube ich nicht!“ be⸗ theuerte Oswald.„Aber Du entbehrſt es!“ „Du kannſt auch darüber ruhig ſein. Ich habe gelebt, wie ein Cyniker. Ich habe den Groſchen zum Groſchen, den Thaler zum Thaler und ſchließlich das Gold⸗ ſtück zum Goldſtück gelegt, um wohlhabend zu werden. 19 Ich habe Papiere gekauft und Nutzen. Meine Einnahmen waren unregelmäßig— meine Ausgaben regelte ich bis zum Pfennig! Das iſt das Geheimniß meines Gelderwerbes.“ „Und ich ſoll die Früchte dieſer Entbehrungen ge⸗ nießen?“ „Bewahre! Ich kaufe Dir Dein Gut damit ab! Das heißt, ich lebe vom Ertrag deſſelben!“ „„Welche Sicherheit gebe ich Dir? Rathe mir, denn ich bin betäubt“ „Nichts leichter, als das! Du paſſirſt Berlin. In Berlin erklärſt Du mich für den Käufer Deines Gutes. Dorthin ſende ich Dir dann nöthigenfalls auch Geld!“ Er lachte und ſchüttelte ſeinem Freunde herzhaft die Hand. „Sieh, ich lebe unterdeß herrlich und in Freuden, alten Burg, bald hier in Wangeroda. Mein ruder Arnulf wird gewiß meine Einladung annehmen und zu mir kommen. Mehr verlange ich nicht! Alles Andere ſpäter!“ Wirſt Du dem Oberhofjägermeiſter von Ettershai⸗ den nicht Deinen wahren Namen entdecken?“ „Vorderhand bleibt Alles beim Alten! Mit dem alten Vetter Ettersh verkauft zu meinem giden habe ich überhaupt nichts mehr zu ſchaffen. Er gehörte ſtets zu meinen ärgſten Wider⸗ ſachern und ließ es ſich ſogar noch bei meiner Anſtellung 2* 20 als überzähliger Kammerjunker am preußiſchen Hofe einfallen, dem feſten Willen der ſeligen Königin Luiſe, die mir wohl wollte, Widerſtand zu leiſten, weil mein Vater ſich durch eine Mesalliance ſeiner hohen Ver⸗ wandten unwürdig gemacht hatte. Ich will vom alten Vetter nichts, alſo habe ich nicht nöthig, mich Ihm vorzuſtellen.“ „Du warſt aber bei ihm?“ fragte Oswald ver⸗ wundert. „Als Marquis d'Etéraigh“ antwortete Thilo la⸗ chend.„Ich hielt es für ratzſam, die Schenkung des weſtphäliſchen Königs auf preußiſche Manier ſicher zu ſtellen.“ „Und er erkannte Dich nicht?) „Wir kannten uns überhaupt nicht! Wir ſind uns, gleichmüthig ſtolz, ſtets aus dem Wege gegangen! Den formell angemeldeten Marquis d'Etérais empfing der alte, ſteife Hofcavalier mit möglichſter Gala— dem aus einer Mesalliance entſprungenen Thilo von Ettershai⸗ den würde er die Thür verſchloſſen haben.“ „Du verkennſt den alten. Herrn!“ rief Oswald eifrig. „Darüber wollen wir nicht ſtreiten! Was ich von ſeinen Geſinnungen weiß, erfuhr ich durch Deine Cou⸗ ſine Bianca. Lebt ſie noch?“ ſetzte er mit Heiter⸗ keit hinzu. 21 „Sie lebt und ſucht noch immer, die Freundſchaft berühmter Männer wortete Oswald, ebenfalls einem A erliegend.„Es iſt die merkwürd geboren werden kann.“ „Ihr Enthuſiasmus ſchob mich in die Bahn, welche ich ſeitdem verfolgt habe! Ich gewann des Eroberers Wohlwollen durch die Gewandtheit, mit der ich mich als Cicerone in der Garniſonkirche bewährte und meine Hülfloſigkeit nöthigte mich gleichſam, ſeine Anerbietun⸗ gen anzunehmen. Ich diente ihm und den damaligen Prinzen Jerome als Dollmetſcher im Vaterlande.“— Ein bitteres Gefühl mochte ſich dem jungen Manne in der Rückerinnerung an die erſte Zeit dieſes Verkeh⸗ res mit dem Vaterlandsfeinde aufdrängen, denn er hielt plötzlich inne und biß krampfhaft die Lippen auf ein⸗ ander.—„Armer Thilo,“ ſprach Oswald theilnehmend. „Es iſt kein Roſenlager geweſen, worauf ich mich ſelbſt gebettet,“ fuhr Thilo, ihn unterbrechend, fort,„und wenn meine Noth nicht durch die Flucht des preußiſchen Königs⸗ paares ſo groß geworden wäre, daß ich Deine Couſine Bianca um zeitweilige Subſiſtenzmittel hätte bitten müſ⸗ ſen, ſo würde ich, trotz der glänzenden Anerbietungen „ 7* 1 7 Napoleon's nie dahin gekommen ſein.“ wie vormals, zu gewinnen,“ ant⸗ ufluge von Frohſinn igſte Enthuſiaſtin, die „Warum haſt Du Dich nicht an mich gewendet, Thilo!“ rief Oswald vorwurfsvoll. 22 „Es war mein Wille, hieher zu gehen und die ge⸗ ſchiedene Frau des Oberlandjägermeiſters, die mir wohl⸗ wollte, um ihre Fürſprache bei ihren einflußreichen Ver⸗ wandten zu bitten. Couſine Bianca hatte ſchon an ſie geſchrieben. Bevor die Antwort eintraf, verſchwand ich ſpurlos im Weltgetümmel. Meine erſte Sendung ging nach Italien. Erſt nach der Errichtung eines Thrones für Jerome kam ich wieder in Deutſchland zur Ruhe. Da aber hatte die Gewohnheit mich ſchon für die Staatsumwälzungen unempfindlich gemacht.“ „Geſtehe es nur,“ bemerkte Oswald,„Dein Stolz erleichterte Dir Dein Alleinſtehen?“ „Ja. Ein Funke des Ettershaider Hochmuth brannte in meinem Hirne. Dieſer Hochmuth hielt mich ab, Amt und Würden von dem Uſurpator anzunehmen, deſ⸗ ſen Vater Advocat in Ajaccio geweſen war. Zuerſt hegte ich den hochromantiſchen Plan, eines Tages dem Auge Napoleons zu verſchwinden und in einem abgelegenen Win⸗ kel Preußens ſorgenfrei fort zu exiſtiren. Dieſe Idee verflog bei der Nachricht vom Tode der drei Junker von Ettershaiden. Der Platz, welcher durch ihren Tod frei wurde, gebührte nun meinem Hauſe. Damals tauchte der erſte Gedanke an die alte Burg, die den Stamm⸗ herd unſers Geſchlechtes bildet, auf.“ „Du haſt alſo die Schenkung derſelben herbeige⸗ führt?“. „Allerdings, aber erſt dann, als ich von der merk⸗ würdigen Gränzlinie Kunde erhielt, die die alte Bur dem neuen Königreiche von Weſtphalen einverleibte.“ „Biſt Du ſtets mit Arnulf in Verkehr geblieben?“ fragte Oswald. „Bewahre! Ich erfuhr erſt aus dem Munde des Oberhofjägermeiſters, daß er noch lebe.“ „Couſine Bianca hatte uns davon benachrichtigt, daß er ſein Amt ſeit dem ſchickſalsſchweren Tage nie⸗ dergelegt, wo er dem Könige von Weſtphalen den Eid der Treue hatte ſchwören ſollen.“ Thilo zuckte leicht die Achſeln.„Der alte Herr ſagte mir davon und dieſer Paſſus macht es mir ungewiß, ob er ſich mit einem Bruder, der aus Noth laxere Grundſätze entwickelte, wird einlaſſen wollen. Ich habe ihm offenherzig Alles das geſchrieben, was ich Dir im Laufe des Geſpräches enthüllte und muß nun abwarten, was er beſchließt.“ „Der alte Herr hat ihm auch eine Einladung zu⸗ kommen laſſen—“ erklärte Oswald, raſch einfallend, Thilo ſah ihn erſtaunt an. „Der alte Herr hat auch ſchon Schritte gethan, um die Clauſel in den Erbrechtsgeſetzen Eures Stam⸗ mes zu moderiren. Arnulf iſt vielleicht ſchon jetzt in der Erbfolge beſtätigt.“ Thilo verſchränkte die Arme über der Bruſt und ſah düſter vor ſich nieder. * 24 „Gut!“ rief er, nach einer Weile ſich aufraffend! „Dann braucht er mich nicht! Will er aber bis zum Ableben des jetzigen Beſitzers in meinem Hauſe wohnen, fo wird es mich freuen, daß ich Alles zu ſeinem Empfange vorbereitet habe. Faſt ſcheint es mir ſelbſt ein Traum, daß in wenigen Wochen aus einem düſtern, ſchmutzigen und unheimlichen Gebäude ein hübſches, einladendes Aſyl geſchaffen worden iſt. Sogar ein Gartenvergnügen habe ich dadurch gewonnen, daß eine alte, längſt ver⸗ mauerte Pforte entdeckt wurde, die unmittelbar in den ſchönen Garten des Förſters führt.“ „Ei, dieſer Garten iſt der ehemalige Burggarten, mein Lieber und der Förſter iſt Dir leibeigen nach al⸗ tem Rechte, denn er iſt ein Erbgeborner der Burg und als ſolcher zum Frohndienſte der Burgbewohner verpflich⸗ tet,“ erwiederte Oswald eifrig belehrend. Thilo ſchien erfreut darüber, rief aber plötzlich von dieſem Gegen⸗ ſtande abſpringend:„Apropos! Wer iſt das ſchöne wilde Mädchen, welches dem alten Förſter täglich die Viſite zu machen pflegt? Ein wunderbares Intereſſe bindet mich an die Kleine; ſie ſcheint in ſonderbaren Beziehungen zum Hausperſonal zu ſtehen.“ Oswald ſah ihn befremdet an. „Meinſt Du die kleine Tyrnau?“ fragte er un⸗ ſicher.„Ja? Nun, die iſt gar nicht zum Hausperſonal * 3 25 zu rechnen. Sie iſt eine Waiſe und als Mündel des Oberhofjägermeiſters in ſeine Familie aufgenommen.“ „Und doch hörte ich ſie Mademoiſelle nennen?“ „Sie iſt eine Bürgerliche. Sonderbare Familien⸗ verhältniſſe ſcheinen ihre Mutter gezwungen zu haben, das Kind unter den Schutz eines angeſehenen Mannes zu ſtellen.“ „Und der ſtolze Ettershaiden gab ſich dazu her, eine Bürgerliche zu beſchützen?“ fragte Thilo, höchlichſt amüſirt von der Inconſequenz ſeines Vetters. „Du verkennſt meinen lieben, alten Herrn!“ ant⸗ wortete Oswald.„Ich wette, es vergeht kein Monat, wenn Du ſonſt nicht halsſtarrig biſt, und Du liebſt ihn gleich einem Vater.“ Thilo machte eine abwehrende Bewegung. „Ich habe ſeine erſte Gattin geliebt, wie eine Mutter— daß er dieſe Frau von ſich lafſen konnte, vergebe ich ihm nie!“ „Doch! Und am ſicherſten, wenn Du ſelbſt die furchtbare Macht der Leidenſchaft kennen lernen ſollteſt. Seine erſte Ehe war eine Convenienzheirath. Wäre meine Couſine Bella ihm nicht in den Weg getreten, ſo würde er ſich, ſeinem edlen Sinne gemäß, damit be⸗ gnügt haben, daß er an der Seite einer Frau lebte, die älter war, als er,“ 26 „Hat er das nicht von Anfang an gewußt?“ fragte Thilo mit ſpöttiſcher Betonung. „Ja, aber damals ſchlief ſein Herz!“ „Hätte er es vor dem Erwachen gehütet, ſo blieb er achtungswerth!“— „Man hat ihm ſeiner Eheſcheidung wegen die Ach⸗ tung nicht entzogen. Er hat dabei als ehrlicher Mann, offen und ohne Rückhalt gehandelt.“ „Ja, wie Napoleon, als er ſeine Joſephine ver⸗ ſtieß,“ ſagte Thilo mit trüben Blicken.„Ich habe dieſe Joſephine eines Tages in dem Jammer belauſcht, den ihr undankbarer Gemahl über ſie verhängt hatte. Dieſe armen, verblühten Frauen!“ „Tröſte Dein entrüſtetes Herz!— Mein alter Freund empfängt ſchon auf Erden ſeine Strafe für die ſpäte Leidenſchaft.“ „Ich weiß es! Seine Gemahlin iſt eine Kokette und möchte unter Jerome's Frauen glänzen. Man lacht in Kaſſel darüber. Beſonders giebt ſich die Gräfin Ancelot alle erſinnliche Mühe, wunderbare Geſchichten über ſie zu verbreiten.“ „Wer iſt das, die Gräfin Ancelot?“ fragte Os⸗ wald, ſehr unangenehm berührt. Thilo zuckte wieder leicht die Achſeln.„Man 27 weiß nicht, von wannen ſie gekommen iſt, mein Lieber! Sie iſt ſchön, leichtfinnig und bezaubernd! Dem recht⸗ ſchaffenen Manne aber nicht gefährlich, weil ſie ſcham⸗ los iſt. Sie rühmt ſich der Freundſchaft der Frau von Ettershaiden und hat ihr kürzlich Beſuch gemacht.“ „Um Gotteswillen!“ rief Oswald entſetzt. „Warne alſo Deine Couſine Bella!“ ſagte Thilo kurz. Während er ſprach, hatle er allmählig ſeinen Reit⸗ rock feſt zugeknöpft und die Reitpeitſche ergriffen.„In dieſem einen Punkte werden wir nie einig werden,“ fügte er dann mit milderm Tone hinzu, indem er Os⸗ wald's Hand faßte und innig drückte.„Ich verzeihe dem Manne keineswegs die Schmerzen, welche er einem ſchwachen Weibe zufügt, die auf ſeinen Treuſchwur ge⸗ bauet und wenn er auch ſchon auf Erden Höllenqualen dafür leiden muß! Von der Freundſchaft, ſo wie von der Liebe habe ich ideale Anſichten. Ein Blick ſchon bindet darin für die Ewigkeit! Der Handſchlag zwiſchen zwei Freunden iſt ein wortloſer Schwur,— der erſte innige Liebeskuß eine heiligende Vereinigung für's ganze Erdenleben! Du ſiehſt mich an, als erſtaunteſt Du über Anſchauungen, die ſo wenig mit meinen frühern Umgebungen harmoniren, als glaubteſt Du, nur fern vom Weltgetriebe könnten ſolche Grundſätze gedeihen. Nein, Oswald! der wahrhafte Mann wird ſtärker und 28 feſter unter den Leichtfertigkeiten des Weltlebens. Nur der Schwächling erliegt denſelben!“ Er drückte noch⸗ mals die Hand, welche er noch hielt.„Bevor Du reiſeſt, ſehen wir uns noch ein Mal!“ II. Capitel. Der Brief des Brnders. Die Sonne lag mit ihrem letzten Glühen auf dem Walde und den Wieſen, welche die alte Burg umga⸗ ben, als Thilo von Ettershaiden am Gartengehege des Forſthauſes vorüber ritt und ſich auf dem Fuß⸗ pfade am Bache dem Eingange zuwendete. Der Purpurſchein des Abendlichtes hatte die ſchlum⸗ mernde Flur mit jenem heiligen Glanze überwoben, welcher der irdiſchen Vergänglichkeit den Zauber göttli⸗ chen Friedens verleiht. In Thilo's Bruſt fand das lieb⸗ liche Gemälde dieſer ruhenden Natur einen Widerſchein. Eine gleiche, faſt überirdiſche Ruhe hatte Raum in ihm gewonnen, ſeit er ſich von Oswald, dem Freunde ſeiner Jugend, erkannt und geachtet ſah. Im Ernſte eines frommen Nachdenkens ritt er langſam ſeiner ſtillen, ein⸗ 30 ſamen Wohnung zu und ſein Gefühl ſteigerte ſich bis zur Andacht, als er Angeſichts derſelben der Gnade eines höhern Weſens gedachte, das ihn auf allen ſeinen ſchwierigen Wegen behütet hatte. Er war am Ziele aller ſeiner Wünſche für dies Erdenleben. Sein Fuß wandelte auf der Scholle Erde, wo er ſein müdes Haupt einſtmals in Frieden ſenken konnte. Was ſeiner auch noch warten mochte, er hatte in ſich einen Schutz gegen jede Bekümmerniß, denn er war auf ſeinem ein⸗ ſamen Wege zum feſten Glauben an einen gütigen Len⸗ ker aller Schickſale gereift. Indem er vom Gartengehege des Forſthauſes nach der Mauer zulenkte, fiel ſein Blick in den wohlgepfleg⸗ ten Garten hinein, deſſen Blumen einen himmliſch ſchö⸗ nen Duft verbreiteten. Der Gedanke, von Oswald an⸗ geregt, daß dies kleine Eldorado zu ſeiner Beſitzung ge⸗ höre, bemächtigte ſich ſeiner und goß eine gewiſſe Freude in ſein Herz. Er hatte nicht daran gedacht, daß es ſo ſein könne und indem er ſich jedes Wunſches dieſerhalb entſchlug, hatte er den Garten als einen Schatz betrach⸗ ten gelernt, deſſen Beſitz ſein Wohlbehagen weſentlich erhöhen könne. 3 Er beſchloß mit dem nächſten Tage ſeine Bemü⸗ hungen zu beginnen, um die angeregte Möglichkeit bis zur Ueberzeugung zu heben. Ohne der Familienbe⸗ ſitzung Schaden zufügen zu wollen, hielt er es doch für erlaubt, ſich deſſen zu bemächtigen, was zu ſeinem Ei⸗ genthume gehören ſollte. Die vorgefundene Pforte in dem Wohngebäude der Burg beſtärkte ihn in ſeinem Glauben an ein beſtehendes Recht. Um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen mußte er zuerſt den alten För⸗ ſter hören. Deſſen Erinnerungsvermögen ſollte ihm einen Anknüpfungspunkt bieten, den er dann mit diplo⸗ matiſcher Feinheit bis zu der Rechtmäßigkeit ſeines An⸗ ſpruches zu führen gedachte.— Unter dieſen Entwürfen hatte er den Hof erreicht und ſtieg, von einem flinken Stallbuben empfangen, vom Pferde. Es war vielleicht wieder einer jener wohlberechneten Zufälle des Schickſales, der den Blick des jungen Mannes zu den Bäumen emporlenkte, welche in ihrer naturwüchſigen Verwilderung den eng einge⸗ ſchloſſenen Hofraum verdüſtert hatten, die aber jetzt, bis zur Höhe der Mauer aller Zweige beraubt, einen Schmuck deſſelben bildeten und namentlich in dieſem verhängniß⸗ vollen Momente mit ihren vom Sonnenglühen durch⸗ leuchteten Kronen eine überraſchende Wirkung hervor⸗ brachten. Der Eindruck, den Thilo davon erhielt, er⸗ innerte ihn plötzlich an jenen Tag, wo er die beiden jungen Mädchen hier eingeführt und die Worte des Tadels über dieſe Bäume vernommen hatte. Ein Lächeln ſchöner Selbſtzufriedenheit verjagte den Ernſt ſeiner Mienen, als er deſſen gedachte.„Was 32 würde die ſchöne Kleine jetzt urtheilen,“ dachte er, dem Hauſe zuſchreitend. In ſeinem Zimmer angelangt warf er ſich auf einen der Seſſel, die in der Fenſterniſche ſtanden und blickte gedankenvoll nach Wangeroda hinab, das er ſo eben verlaſſen hatte. Wieder tauchte das Bild des jungen Mädchens in ihm auf und nahm ihn mit ſeinen Erinnerungen gefangen. Er ſah ſie in der gan⸗ zen Holdſeligkeit ihres muthwilligen Weſens am Thore ſeiner Burg ſtehen und durch die Spalte lugen. Er ſah ſie unter den düſtern Bäumen ſtehen— er ſah ſie hier, verſchüchtert von ſeiner Erzählung, hinter dem Seſſel ihrer Begleiterin, ihre Augen träumeriſch weit geöffnet— und dann, ja dann ſah er ſie am Garten⸗ gehege und ſeitdem wußte er, daß ſie das ſchlafende Kind in der Potsdamer Garniſonkirche geweſen war. Nur ſie konnte den lieblichen Gruß des Kindes wiſſen, der von keinem menſchlichen Auge weiter erblickt war! Und daß ſie gerade dieſe anmuthige Pantomime zur Erklärung gewählt hatte, das berührte ſeine Phantaſie ſo merkwürdig heiß und entflammend, wie nichts in der Welt es vermocht haben würde. Die kurzen Bemer⸗ kungen über ſie, die von Oswald ſonderbarerweiſe mit ihrem Namen„Tyrnau“ bezeichnet wurde, genügten ihm noocch nicht. Es drängte ihn gewaltſam zu einer Ent⸗ hüllung aller ihrer Verhältniſſe. Ihre Erſcheinung hatte 33 ſchon damals eine Empfindung in ihm geweckt, wie er ſie noch nie empfunden. Er verglich ſie mit dem Er⸗ barmen und der Zärtlichkeit eines Vaterherzens. Jetzt nannte er dieſe Empfindung nicht mehr ſo. Ihm war es ſeit jenem Tage, wo er ſie erkannt hatte, als eine Schickſalsbeſtimmung erſchienen, dieſem engelſchönen Weſen angehören zu müſſen und ſein blinder Glaube an Gottes unerforſchlichen Rathſchluß ließ ihn auch gar nicht zweifeln, daß in ihr der Lohn ſeiner Mühen er⸗ ſtehen werde, wenn ſie einſt, gereift an Jahren, ihres Verſtandes höher, ſeine Liebe zu begreifen vermochte. Jetzt ſie mit thörichten Bewerbungen zu behelligen, wäre ſeiner Manneskraft unwürdig geweſen. Das romanhafte Wiederſehen ſollte erſt in der Ein⸗ bildungskraft des holden Kindes verlöſchen, ehe er wie⸗ der ihren Weg durchkreuzte, damit nicht das ſtürmiſche Wallen des Blutes, ſondern eine tiefe heilige Liebe den Bund ſchließe, der von Gott ſelbſt beſtimmt und ange⸗ ordnet erſchien. Die Nacht ſenkte ſich allgemach hernieder, als ein hartes Pochen am Thore den Bewohnern der Burg verkündete, daß ein Fremder Eingang begehre. Thilo erhob ſich ſchnell von ſeinem Sitze und ſchauete geſpannt dem entgegen, was ſich ereignen werde. Er wußte, daß es der Bote war, den er an ſeinen Bruder Arnulf geſendet hatte und die Erwartung ſeiner 3 E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden, I. 34 Entſcheidung, nun ſie ihm nahe war, erſchütterte ſeine Mannhaftigkeit. Was Arnulf antworten, was er über ſein Handeln im Drange der Noth urtheilen würde, das erhob ſich vor ſeiner Einbildungskraft mit drohen⸗ der Sicherheit. Er ſah einer bittern Demüthigung entgegen, denn er fürchtete von ihm verächtlich zurück⸗ gewieſen zu werden. Kannte er doch Arnulf's unbeug⸗ ſamen Stolz, ſein barbariſches Rechtsgefühl und ſeine rückſichtsloſe Härte, wenn es galt ſeine Anſicht geltend zu machen. Bis dahin von den Wogen ſeiner brüder⸗ lichen Zärtlichkeit emporgehalten, die ihm eine gleiche Freude im Herzen des Bruders vorſpiegelte, ſank er jetzt, niedergedrückt von der Furcht, willenlos zuſammen und machte ſich auf eine harte und grauſame Rüge, auf eine ewig trennende Verurtheilung gefaßt. Noch einige ſchwere Minuten und er hielt den Brief ſeines Bruders in der Hand. Er wagte ihn nicht zu öffnen. Ruhig legte er ihn vor ſich nieder zwiſchen den Armleuchtern, die er entzündet hatte und betrachtete mit überſtrömender Liebe die Schriftzüge, die ihm ein Zeugniß gaben, daß Arnulf wirklich noch unter den Lebenden weile. Einmal neigte er ſeine Lippen und küßte die Stelle, wo ſeines einzigen Bruders Hand ge⸗ ruht hatte— dann aber ſchämte er ſich der Weichlich⸗ keit ſeines Gefühles und lehnte ſich, kalt reflectirend, im Seſſel zurück. Er überlegte, ob er irgend einer Härte 35 ſchuldig ſei. Sein Verſtand verneinte die Frage. Er hatte ſich den Einwirkungen des Zeitgeiſtes nicht entzo⸗ gen und war ſeines Vortheils gewärtig geweſen, als Gottes Hand die furchtbare Willkür eines fremden Herrſchers nicht hinderte. Sein Gewiſſen gab ihm Zeugniß, daß er recht und redlich gewandelt hatte, trotz ſeiner ſtillen und geheimen Verbindung mit dem gewal⸗ tigen Eroberer. Niemals hatte er durch ſchwache Nach⸗ giebigkeit ſeine Ehre entheiligt. Mann dem Manne gegenüber war er ſeinen Verbindlichkeiten nachgekommen und hatte jede Auszeichnung verſchmäht, die ihm eine Rückſicht auf den Herrſcher des Tages auferlegen konnte. Von vorn herein ehrlich und ritterlich feſt hatte er die⸗ ſem Manne imponirt. Jetzt waren ſie von einander gegangen in derſelben Weiſe, wie ſie zu einander ge⸗ kommen waren. Ehrlich und ritterlich feſt hatte Thilo erklärt, daß er bei dem zu fürchtenden, allgemeinen Kriege zurücktrete, um nicht den Schein auf ſich, zu la⸗ en, als ſeien ſeine Localkenntniſſe benutzt worden. Der rieg mit Rußland machte verderbliche Durchmärſche durch ſein Vaterland nöthig— es hätte ſein Inneres Lupbhen müſſen, Zeuge dieſer abſcheulich willkürlichen Bedrückungen zu ſein, welche die franzöſiſchen Befehls⸗ haber ſich erlauben konnten. Hoch auf richtete Thilo ſich. Es exiſtirte nichts hre gereichte. 3* in ſeiner Laufbahn, was ihm zur Une Wollte ſein Bruder deſſen ungeachtet allen Verkehr mit ihm brechen, ſo mußte er es als Mann ertragen. Os⸗ wald's Bild erſtand wie zum Tooſte in ſeiner Erinne⸗ rung. Von ihm, dem muthigen Streiter, der Hab' und Gut opfern wollte um ſeiner Vaterlandsliebe willen, von dieſem war er freigeſprochen, von dieſem war er in ſeiner Ehrenhaftigkeit anerkannt! Geſtählt von die⸗ ſem freudigen Gedanken trotzte er der Aechtung ſeines Bruders und öffnete den Brief. „„Mein Bruder, mein lieber unvergeſſener Thilo,““ ſchrieb Arnulf,„„Dein Schreiben an mich war ein Troſt aus Himmelshöhen!““* Thilo ſenkte, zitternd vor freudiger Rührung, ſeine Stirn auf das Papier. O, wie eine Gottesbotſchaft erklangen ihm dieſe Worte. Was Arnulf nun auch an Tadel ausſprechen mochte, der Strahl brüderlicher Liebe, der von dieſen Anfangsworten ausging, mußte beſchwich⸗ tigend jedes harte Urtheil durchſtrömen. Ruhiger ge⸗ worden las er weiter:—* „„Du lebſt? Schon in dieſer Gewißheit lag eine ſolche Beruhigung für mich, daß ich fromm und erge⸗ ben dem Schöpfer und Vernichter aller Dinge das Wei⸗ tere meines Schickſals anheim gab. Was ſprichſt Du doch von trennenden Schranken, die Vorurtheile errich⸗ tet haben könnten— was bitteſt Du doch um eine gerechtfertigte Nachſicht— was ſtellſt Du doch in mei⸗ 37 nem unbeugſamen Rechtsgefühle ein Uebel auf, das fähig ſei unſer Glück des Wiederfindens zu vernichten? Nein, Thilo! Du mußt Dich darauf gefaßt machen, in mir einen vom Sturm gebrochenen Baum wieder zu ſehen. Meinem Briefe folge ich alsbald. Und meine beiden Kinder empfehle ich ſchon im Voraus Deiner Liebe. Vor zwei Monaten begrub ich meine Gattin. Sie erlag wohl den ungewohnten Entbehrungen und der Angſt vor der Zukunft. Arme Dulderin! Hätte ſie doch Deinen Brief erlebt, ſo wäre ſie getröſtet heim⸗ gegangen! O Thilo— je näher wir unſerm Heim⸗ gange zu Gott kommen, deſto mehr klärt ſich unſer Blick, und unſere Schwächen und Fehler, die wir ſtolz als Tugenden betrachteten, erſcheinen uns troſtlos erbärm⸗ lich! Was meinen wir, die wir unſern Stammbaum bis zu den erſten Anfängen chriſtlicher Vervollkommnung zurückzuführen vermögen, vor allen andern Menſchen Neid. Was wir erſtrebten, das verhöhnt die Mißgunſt, während der einfache Mann des Volkes gewürdigt wird in 38 dem zu fürchten, was früherhin von Conſequenz zur Härte führte. Dein Anblick wird ein Balſam für viele Wunden ſein, die mir das Geſchick geſchlagen. Meine Kinder fühlen inſtinectmäßig, wie ich, daß ihnen in dem Bruder ihres Vaters ein Hort erſtanden iſt, denn ſie fügen, ohne Auf⸗ forderung ihrem Abendgebete hinzu: Und lieber Gott gieb, daß wir zu unſerm guten Onkel kommen. O, Thilo! Thilo! Ob ich wohl ganz ſchuldlos an dem Elende bin, wovon die zarte Jugend dieſer beiden Engelskinder heimgeſucht worden iſt? Deine Verborgenheit in der Stammburg unſerer Vorfahren iſt beneidenswerth. Ich komme ſie zu thei⸗ len und bleibe bei Dir, ſo lange Gott will! Wunderſt Du Dich, daß ich ſo ganz und gar dem Drange des Ehrgeizes zu widerſtehen fähig bin? Sieh mich nur erſt, guter Thilo— ſieh mich erſt, dann fragſt Du mich nimmer„warum?“ Wenn wir auf der Bahn unſers Schickſals immer rückwärts getrieben worden ſind, ſo ſehnen wir uns nach dem Anhaltspunkte des Lebens, den das Grab bildet! Auf der letzten Station des Weges dahin wird es in uns ſtiller und ruhiger. Zu bereuen habe ich manches, mein lieber Bruder, aber nichts, was Deine Mißachtung hervorrufen könnte. Ich verzichtete vor langer Zeit auf ein Glück, das mich in den Augen Anderer erniedrigte. Damals war ich ſtolz auf meine Selbſtbeherrſchung— ich floh in den nördlichſten 39 Winkel Preu verbergen. Jetzt peinigen mich bisweilen Zweifel, ob ich recht gethan. Gut zu machen iſt dabei nichts, aber ich will Dir dennoch ſpäterhin an's Herz legen, Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen, die meine ſelbſtgeſchaffene Pein heben können. Die Frau, welche ich im vollen Stolze meiner Conſequenz verließ, iſt längſt todt. Dies nur vorläufig, um, wie Du ganz richtig in Deinem Briefe bemerkſt, unſere Fremd⸗ heit beim Wiederſehen zu erleichtern. Du haſt, nach Deinen Bekenntniſſen, gehandelt, wie ein Menſch, der lieber ein ſchlammiges Waſſer durch⸗ watet, ehe er ſich dem verzweiflungsvollen Untergange in klarer Fluth weihete— ich hingegen handelte, als ſei ich fähig ein Halbgott zu ſein. Du haſt Dich gerettet aus dem Schmutze der Welt— ich ſtehe, vom eigenen Willen zerſchmettert, in der ganzen Erbärmlichkeit der menſchlichen Natur da und erkenne zu ſpät, daß ich aus emſelben irdiſchen Stoffe bin, wie alle Weſen der Welt. Eine bittere Lehre für diejenigen, welche ſich Bens, um mich mit meinem Schmerze zu / 7 ſelbſt genügen wollen und dabei nach dem Beifalle der fall mit In der Gegen⸗ ichte des Alter⸗ ſem Briefe auf vertrauen. Meine Menge geizen. Man erntet nicht Lob und Bei dem, was uns ſelbſtzufrieden macht. wart beſpöttelt man, was in der Geſch thums groß erſcheint. Ich folge die dem Fuße, um mich Deiner Sorge anzu 40 beiden Kleinen grüßen den Bruder ihres Vaters, der Dich ſegnet als einen Tröſter und Retter.““ Längſt mit einer Bewegung kämpfend, die eine überwältigende Macht hatte, ſaß Thilo nach der Been⸗ digung des Briefleſens, ſtarr vor ſich niederſchauend. Es wehete ihn der Ton des Schreibens unheimlich an. Nicht allein von einem zerriſſenen, martervollen Geiſte zeugte er, ſondern auch von Noth und Sorge, von To⸗ deskämpfen und ſchmerzhaften Niederlagen. Der Brief glich dem Bilde ſeines Bruders, wie er es in ſich hegte, gar nicht. Wo war der Trotz geblieben, mit dem er die Ueberhebungen ſeines Stammes verſpottete, der ihm die Abkunft von einer bürgerlichen Mutter anrechnete? Wo die kühne Zuverſicht auf eigene Kraft? Was hatte die Grundlage ſeiner Lebensphiloſophie dermaßen erſchüt⸗ tert, daß er zu Boden gedorfen wurde?— Noch kurz vor der langen Trennung, die erſt jetzt, nach vollen achtzehn Jahren ihr Ende erreichen ſollte, hatte Arnulf dem viel jüngern Bruder Thilo den Grundſatz einge⸗ prägt, ſich niemals von ſeinen Leidenſchaften beherr⸗ ſchen zu laſſen, ſondern dahin zu ſtreben, ſtets Herr derſelben zu bleiben. Thilo hatte die Wichtigkeit dieſer Lehre damals verlacht und dennoch ſpäterhin danach ge⸗ handelt. Sollte Arnulf weniger klug und weiſe gewe⸗ ſen ſein? Thilo raffte ſich mit Gewalt aus dem Trübſinne —— „.— 41 auf, der ihn gefangen hielt und wendete ſich dem erfreu⸗ lichern Theile des Briefes zu. Arnulf hatte Kinder! An die Möglichkeit dieſes Falles hatte Thilo noch gar nicht gedacht. Um ſo mehr erfreuete ihn dieſer Zu⸗ fall. Er liebte Kinder. Sie erſchienen ihm als eine nothwendige Staffage eines Familienbildes. Wenn er bis dahin mit einer gewiſſen Befriedigung an ein Ein⸗ ſiedlerleben mit ſeinem Bruder gedacht hatte, ſo gewann ſein Geiſt eine weit größere Regſamkeit, als er ſi den Genuß vergegenwärtigte, zwei gutartige kleine Weſen um ſich zu haben, denen er Vater und Freund ſein mußte.— . Von dieſen Dingen in Anſpruch genommen, hatte Thilo ſeinen Vorſatz, zum Förſter zu gehen, um Erkun⸗ digung über die Eigenthumsverhältniffe zwiſchen der Burg und dem Garten einzuziehen, faſt vergeſſen. Als⸗ er endlich daran dachte, erſchien es ihm, in Rückſicht auf die zu erwartenden Kinder, wichtiger als je, ſeinem 42 Rechte auf den Garten nachzuſpüren. Raſch beſchloß er ans Werk zu gehen und verließ in großer Eile die Burg. Es war ein ſchöner Morgen. Ein ſtarker Thau lag auf den Gräſern und die Sonne ſtrahlte in voller Glorie über der ſchönen Ebene. Thilo hatte es vorgezogen, nicht durch die neu aufgebrochene Pforte zu gehen. Er kam, wie er lächelnd bemerkte, officiell zum alten Förſter Lukas, und dabei mußten Hinterpforten vermieden werden. Der alte Mann, ſtets mehr Gärtner als Jägers⸗ mann geweſen, ſtand vor einem Moosroſenſtocke und ſäu⸗ berte ihn von den häßlichen grünen Blattläuſen, die ſich ſo gern im Mooſe einniſten. Freundlich grüßend— denn er liebte den Herrn Marquis, wie Thilo natürlich noch hier hieß— machte er ihn ſogleich aufmerkſam auf die prächtige Entfaltung der Moosroſen, dabei bemerkend, daß Mademoiſelle Fides ſich alle Tage einen Zweig hole, um ihn im Waſſerglaſe abblühen zu laſſen. „Fides iſt ſelbſt eine der wundervollſten Moosro⸗ ſen,“ entgegnete Thilo ſcherzend.„Man thäte gut, ſich dies Moosröschen nach der Burg zu holen, um es aufblü⸗ hen zu ſehen.“ 3 Ueberraſcht blickte der Förſter den jungen Mann an. Das ſeelenvolle Mienenſpiel deſſelben ſchien ihm zu ge⸗ fallen. Er nickte drei Mal langfam und gewichtig mit dem weißhaarigen Kopfe, antwortete jedoch nicht eine Silbe. „Davon ſpäter!“ fuhr Thilo fort.„Jetzt ſagt mir erſt —— 43 vor allen Dingen, mein Alterchen, wie komme ich wohl am beſten zum Beſitz dieſes Gartens?“ Der Förſter ließ vor Schreck ſein Meſſer fallen und ſah Thilo beweglich in's heitere Geſicht. Dieſer hatte erreicht, was er durch die ſchlaue Ueberſtürzung erreichen wollte. Die Ueberraſchung hatte das Geheimniß an's Tageslicht gezogen. Was er geahnt, erwies ſich als richtig. Der Förſter wußte recht gut, daß ſein Recht am Garten von dem Tage an auf⸗ hörte, wo die Burg wieder bewohnt wurde, aber er war liſtig genug geweſen, dem Marquis nichts davon merken zu laſſen. Daß ſich der Oberhofjägermeiſter von Etters⸗ haiden wenig darum kümmern werde, wer ſich des Gartens bemächtige, wußte er im voraus. Nun brach das Eis ſo plötzlich unter ſeinen Füßen, daß er mit allen ſeinen Gar⸗ tenfreuden rettungslos unterzugehen drohete, wenn die wahre Beſchaffenheit der Verhältniſſe aufgedeckt wurde. „Herr Marquis—“ ſtotterte er verlegen.„Zum Beſitz des Gartens? Herr Marquis— der Garten ge⸗ hört ja zur Burg! Wiſſen Sie denn das nicht?“ Thilo ſchlug ihm ſanft auf die Schulter.„Nur nicht ängſtlich, Alterchen! Ich erfuhr es geſtern von Oswald von Wangera und ich wollte Euch heute nur ſagen, daß Ihr keinerlei Beſchwerde von mir haben ſollt, nun ich den Beſitz beanſpruche. Ihr hättet mir das Sachverhältniß gleich mittheilen ſollen.“ „O, Herr Marquis—“ ſtammelte der alte Lukas. 4½ „Ich dachte, Sie würden des Spaßes bald überdrüſſig werden hier zu wohnen.“ „Nein, alter Lukas. Ihr werdet mich nicht wieder los. Ich werde im Geiſte der alten Ritter von Etters⸗ haiden hier hauſen und das Land brandſchatzen. Aber Euch ſoll das nicht beeinträchtigen. Ihr bleibt in Euren Vorrechten, die ihr Euch, durch Zeit und Gelegenheit begünſtigt, genommen habt. Nur bin ich von jetzt ab Herr des Gartens und kann ihn benutzen, ſo viel ich will! Verſteht Ihr?“ 4 „Ei ja wohl, gnädiger Herr!“ ſagte der Förſter zufriedengeſtellt.„Es wird mir ja eine große Ehre ſein, unter dero Herrſchaft zu dienen—“ „Pah— nicht dienen. Ihr wohnt hier als freier Mann und erweiſt als ſolcher mir die Gefälligkeit, mei⸗ nen Garten unter Aufſicht zu behalten. Daß von nun an die Pforte von der Burg ſtets offen bleibt, verſteht ſich von ſelbſt. Nun iſt's abgemacht! Gebt mir einen Roſenzweig— ich will mir beim Anblicke deſſelben ein liebes Bild vergegenwärtigen!“ Bei dieſen Worten wendete er ſich, vielleicht von einem leichten Geräuſch aufmerkſam gemacht und ſah nur noch den letzten Zipfel eines wehenden Florſhawls hinter einem Bosket verſchwinden. Trotzdem wußte er, daß Fides, die eingetreten war, ihn floh. Eine wilde, glühende Jugendluſt ſchlug ihre ſchweren Fittiche um 45 das Haupt des jungen Mannes, ſo daß er der Geſtalt folgte, die vor ſeinem unerwarteten Anblicke geflohen war. Mit der Tactik eines gewandten Feldherrn winkte er dem lächelnden Förſter„ſchweigen zu ſollen“ und ſtrich leiſe zwiſchen dem Geſträuche dahin, wohin Fides ſich retten wollte. Ein leichter Schrei verrieth, daß ſein Manöver gelungen war. Hochroth, mit pochendem Herzen ſtand Fides vor Thilo, der hell auflachte, ihre bei⸗ den Hände ergriff und leidenſchaftlich bewegt ſagte: „Glaubſt Du, Du wildes ſüßes Kind, daß Du mir wieder entfliehen willſt, wie in der Kirche zu Potsdam? Ha! Jetzt halte ich Dich feſt und wehe mir und Dir, wenn wir uns trennen laſſen!“ Schüchtern ſah Fides zu ihm auf.„Und Sie ver⸗ achten mich nicht?“ fragte ſie ſchelmiſch. „Verachten? Warum ſoll ich Dich verachten?“ „Weil ich mich ſo kokett zu erkennen gab!“ „Kokett? Liebe Kleine, wer hat ſich die Blasphemie erlaubt, Dich kokett zu nennen.“ „Nun?“ meinte Fides zögernd, aber ziemlich von ihrem Schreck kurirt,„ich hätte es Ihnen ganz ehrbar enthüllen ſollen, daß nicht Melitta, ſondern ich die Schlä⸗ ferin in der Kirche geweſen war, Herr Marquis!“ „O, Du holde, liebe Schläferin! flüſterte Thilo von ſeiner Erinnerung an dieſe Scene ganz übermannt.„Iſt es nicht Gottes Fügung, daß ich Dich wiederfinden mußte? 46 Findeſt Du es nicht wunderbar, meine Kleine? Nach ſechs wechſelvollen Jahren— im erſten Momente langerſehnter Ruhe— mit dem vollen Bewußtſein glückſeligen Friedens! Welch' ein Verhängniß, daß ſich mir der Name Melitta eingeprägt hatte, daß mit dem fremdartigen Namen meine Denkkraft erwachte und daß ich, von einer unerklärlichen Macht getrieben, Euch hier aufſuchte.“ „Sie ſuchten aber nicht mich, ſondern Melitta, Herr Marquis,“ flüſterte Fides mit ſchäkerndem Uebermuth. „Ich ſuchte Dich— ich ſuchte Dich, Du theures Kind. Was nennſt Du mich Marquis? Wie? Weißt Du nicht, daß ich Thilo von Ettershaiden bin?— Nein? Du wußteſt es nicht? Nein! Du ſollſt es jedoch zuerſt erfahren. Du ſollſt mich Thilo nennen.— u Fides war leichenblaß vor Ueberraſchung geworden, allein das Blut kehrte um ſo gewaltſamer zu ihren Wan⸗ gen zurück und färbte ſie mit dem glühendſten Roth. Sie ſchlug ihre Hände zuſammen und ſtarrte den jungen Mann mit komiſchem Entſetzen an. „O, mein Gott— Thilo von Ettershaiden ſteckt in dem Marquis d'Etérais!“ rief ſie jauchzend vor Muthwil⸗ len.„Das muß ich dem Vormund ſogleich verkündigen!“ „Still, Du Kobold!“ ſagte Thilo lachend und um⸗ faßte ſie mit beiden Armen.„Schweigſt Du nicht ſo lange, 35 ich Dir zu ſprechen erlaul e, ſo ſperre ich Dich in meine urg!“ 3 „O, ich fürchte mich nicht!“ rief Fides keck.„Das wiſſen Sie gewiß noch von damals, daß ich des feſten Glaubens bin: Gott iſt bei uns, wenn wir artig ſind!“ „Wenn wir artig ſind—“ wiederholte Thilo ſanft und ließ das junge Mädchen frei.„Fides— ich will gut ſein— nicht ſo ſtürmiſch, wie jetzt— Fides entziehe mir Deinen Anblick nicht! Komm zuweilen hieher— ich muß Dich ſehen, wenn ich nicht traurig werden ſoll— und dort⸗ hin nach dem Schloſſe, dorthin kann und will ich nicht gehen!“ 3 „Warum nicht?“ fragte Fides ganz ſanft, ganz ernſthaft.. „Frage mich nicht! Heute wenigſtens nicht! Später will ich es Dir ſagen. Willſt Du zuweilen hieher kommen, meine ſüße Kleine?“ Thilo mochte wohl mit dem Ausdrucke geſprochen haben, womit er Löwen bezähmt, denn Fides reichte ihm die Hand und ſagte:„Ich komme!“ „Nicht wahr, Du gehörſt mir?“ fragte er weich. Sie ſah ihn groß an. „Ich habe Dich ja gefunden, Fides!“ „O, das Gefundene muß ehrlich zurückgegeben wer⸗ den,“ antwortete ſie wichtig. „Ich habe Dich aus einer Gefahr errettet?“ „O, ich wäre nicht darin umgekommen!“ meinte ſie höchſt weiſe. 7 48 „Ich habe Dich aber gleich ſo lieb gehabt, ſo ſehr lieb!“ „Das iſt ſchon ſechs Jahr her,“ erklärte ſie altklug. „Alſo Du willſt mir nicht gehören?“ „Nein! Nicht eher bis es Melitta erlaubt!“ ſprach ſie mit komiſchem Ernſte. 4 Jetzt fingen ſie Beide, wie ein paar glückliche Kinder, laut zu lachen an. „Ich muß fort!“ ſprach dann Fides.„Ich komme morgen wieder und bringe Melitta mit, nicht wahr, Thilo?“— Thilo ſah ihr ernſt in's ſchelmiſche Geſicht.„Bring) Melitta nur mit! Ich muß noch warten, bis die liebliche Blume erblühet iſt und des Lebens Luſt und Liebe begrei⸗ fen kann. Vergiß meine Thorheit, Fides! Ich war ſo über Alles glücklich, daß ich nicht recht weiß, was ich ge⸗ 3 ſprochen habe. Geh' mein liebes Mädchen— geh’! Ver⸗ laß den thörichten Mann!“ „Sind Sie böſe, Herr Marquis?“ fragte Fides, mit unbeſchreiblicher Anmuth ihr Geſicht zu ihm aufhebend. Ihr Auge traf mit dem ſeinigen zuſammen, das in der verhaltenen innern Gluth doppelt gefährlich leuchtete. Das junge unverſuchte Herz erlag dieſer wortloſen Beſtür⸗ mung. Fides neigte ſich näher zu ihm. Er umfaßte leiſe ihre Geſtalt. Er hätte ſie küſſen mögen für dies zärtliche, kindliche Anſchmiegen, das weit mehr Innigkeit verrieth, 49 als ihre lebhaften Angen ahnen ließen. Gewaltſam ſeine Bewegung bekämpfend ſagte er:—„Gott bewahre mich vor dem Unrecht, eine Feſſel über Dein Kinderherz zu wer⸗ fen, ehe Du verſtehſt, was eine ſolche Feſſel bedeutet! Laſ⸗ ſen wir der Zeit ihr Recht—. Ich will warten, bis meine . Roſe ſich entfaltet hat!“— Fides hatte ihn unverwandt angeſehen, während er ſprach, ſie war auch unverändert in ihrer Stellung verblieben, trotzdem er ſeinen Arm zurück zog und ſie dadurch frei gab. Sie konnte gehen. Thilo hielt ſie nicht zurück. Aber ſie ging nicht. Sie zögerte, als müſſe ſie ihr Leben aufgeben, wenn ſie den Mann ver⸗ ließe, der ſeit jenem Tage bedenklich ihr Herz beſchäftigt hatte. Der Feuerſtrahl, der ſie aus ſeinem Auge getroffen, war für ſie die Feſſel geworden, welche Thilo verwarf ihrer Jugend wegen. Wäre er der ſtürmiſche, wilde, 4 unbeſonnene Mann geblieben, ſo würde ſie das rechte Wort für ihn gefunden haben. Jetzt fehlte ihr jeder Gedanke und ihr Uebermuth erſtarb in der Furcht, daß die Seligkeit ihres Herzens vorbei ſein werde, wenn ſie von ihm gehe. Thilo war Menſchenkenner, aber die zarten Regun⸗ gen einer ſo kindlich reinen Mädchenſeele verſtand er doch nicht zu ergründen. Von ſeiner Gluth geneſen, hatte er ſich wieder zum Herrſcher ſeiner Phantaſie aufgeſchwungen und das Unpaſſende ſeiner leidenſchaftlichen Werbung eingeſehen. Um ſich vor ſeinen innern Vorwürfen zu ret⸗ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 50 ten, trat er in die Rolle eines gewandten Mannes zurück, ohne zu ahnen, daß er dadurch das Urtheil des jungen Mädchens unſicher machte. Schmerzlich betroffen ſenkte endlich Fides ihr Auge und trat aus ſeiner Nähe hinweg.. Thilo nahm ihre Hand und drückte leicht ſeine Lippen darauf. Sie wendete ſich und ſchritt ſehr langſam den Weg hinauf, der zu den Roſenbüſchen führte. Was ſie fühlte, glich eher einer zornigen Verlegenheit, als einer Herzenswallung und doch pochte ihr Herz fürchterlich! Thilo folgte ihr nicht. Nur ſeinem Auge geſtattete er dies. O, hätte das arme, junge Weſen nur ein Ver⸗ ſtändniß für die Geiſteskraft gehabt, womit Thilo ſeine Sinne zu zügeln wußte, aber, während er mit voller, tie⸗ fer Sehnſucht ihr nachſchauete, beugte Fides ihre Stirn unter dem Bewußtſein, wieder nicht recht gehandelt zu haben. Mglitta's ſpöttiſcher Ernſt ſtand drohend vor ihrer Einbildungskraft und dennoch eilte ſie ohne Verzug, um am Herzen ihrer Freundin das Leid auszuklagen, was ihr, nach ihrer demüthigen Selbſtverurtheilung, verdien⸗ termaßen angethan ſei. Thilo verließ erſt lange nach ihr den Garten. Ihm that es wohl, auf der Stelle zu weilen, wo er von Gefüh⸗ len beherrſcht worden war, die er noch nicht hatte kennen lernen. Sein unſtätes Leben hielt ihn von der Geſellſchaft bedeutender Frauen fern. —,,— — 51 Er hatte das weibliche Geſchlecht bei gelegentlichen Beobachtungen nicht achten gelernt. Um ſo überraſchender war ihm ſelbſt ſeine plötzliche, glühende Hingebung an ein Weſen, das ihm noch nicht einmal zum Lieben gereift ge⸗ nug erſchien. „Es iſt und bleibt eine Gottesfügung,“ ſagte er mit glückſeligem Lächeln, als er ſeiner Burg wieder zu⸗ ſchritt und in die Ferne ſpähete, um Fides nochmals zu erblicken. Sie war aber längſt verſchwunden! Statt ihrer kam ſein kleiner Stallbube ihm entgegengeſprungen mit der Nachricht:„Es ſei ein Wagen voll Reiſender angelangt — ein Herr— zwei Kinder!—“ Weiter hörte Thilo nichts, denn er eilte vorwärts und kam athemlos beim Thore der Burg an. Hier ſtand er ſtill. Eine tiefe Bangigkeit ergriff ihn. So lange hatte ſeine Beſchäftigung die böſen Ahnungen eingeſchläfert. Jetzt erwachten ſie wieder und zwar vermiſcht mit der leb⸗ hafteſten Beſorgniß. Eine volle Minute blieb er am Ein⸗ gange ſtehen und ſchauete über die ſchönen, üppig grünen Fluren hinweg, die ſich vor ſeinen Blicken ausbreiteten. Seine Knabenjahre mit ihren Illuſionen ſtanden lebendig vor ſeiner Seele, nun der ihm nahe war, der ſeine ſchuldloſen Freuden damals mit ihm getheilt hatte. Schmerzend hell erkannte er in dieſem kurzen Ueber⸗ blicke die ganze Trübſeligkeit ſeines Daſeins, in wel⸗ 4* chem er einſam einem materiellen Ziele zugeſtrebt hatte. Aber, er athmete frendig auf, denn ſein Bruder war da, das errungene Wohlleben mit ihm zu theilen. Stür⸗ miſche Freude im Herzen trat er nun näher. „Möge Gott ſeinen Eingang ſegnen, mir zur Freude — ihm zum Glücke!“ flüſterte er vor ſich hin. Ein leiſes Rauſchen, wie Geiſterwehen, lief durch die hohen Wipfel der Pappeln, als er den Hofraum betrat. Sein erſter Blick traf auf einen Knaben, der auf der Freitreppe ſtand und in Betrachtungen ſeines neuen Wohnortes vertieft ſchien. Thilo rief ihm mit der Leutſeligkeit und heitern Be⸗ weglichkeit ſeines Temperamentes, das ſich von jedem ange⸗ nehmen Eindruck hinreißen ließ, ein liebkoſendes Wort zu. Schnell ſprang der Knabe ihm entgegen und blickte zutraulich an dem Bruder des Vaters in die Höhe. „Ei, ei! Biſt Du da, mein Junge?“ fragte Thilo und küßte den Neffen zärtlich auf Mnd und Wange. „Wie heißt Du? Wo iſt der Papa?“ Der Knabe ſah ihn verwundert darauf an, daß er nicht einmal ſeinen Namen wußte. „Ich heiße Ottmar!“ erwiederte er bereitwillig und frreundlich.„Mein Papa iſt im Zimmer!“ „So komm Ottmar!“ ſprach Thilo, erbebend vor dem nächſten Augenblicke, der ihm eine wichtige Erklä⸗ rung der Vergangenheit verſprach. 53 Noch einige Momente und Thilo ſtand vor Ar⸗ nulf, der ſtill und matt im Divan ruhete... „O mein Gott!“ murmelte der arme junge Mann, „kann dieſer bleiche Mann mein lebenskräftiger Bru⸗ der ſein?“ Arnulf erhob ſich ſtumm und langſam. Stumm ergriff er die beiden Hände Thilo's und blickte ihm lange in's Geſicht. Es lag eine feierliche Beredſamkeit in dieſem ſchweigenden Anſchauen— es lag ein kum⸗ mervoller Gruß darin, der ſich mit der Freude eines Wiederſehens nach ſo langer Zeit nicht vertrug. Faſt ſchien es, als wage keiner von ihnen das erſte Wort zu ſprechen, welches ihren Bruderbund von Neuem weihen ſollte. „Mein armer Arnulf!“ rief Thilo endlich, indem er ihn umfaßte und ſein Geſicht liebkoſend an die todten⸗ bleiche Wange des Bruders drückte. „Gott ſei lobt, daß ich da bin!“ antwortete Ar⸗ nulf mit geiſterhaft leiſem Tone.„Nun kann ich ruhig ſterben, denn Du, mein geliebter Bruder, Du wirſt meine Kinder nicht ohne Schutz laſſen!“ „O, ſei getroſt, Arnulf— Du wirſt nicht ſterben!“ rief Thilo mit liebevollem Eifer.„Meine Pflege und Sorgfalt ſoll Dich dem Leben wiedergeben!“ „Täuſchen wir uns nicht, Thilo! Mit jedem Puls⸗ ſchlage trete ich näher an das Ende meines Lebens. ich habe Dir viel zu ſagen, mein treuer Bruder!“ „Sage mir nur, ſeit wann Du krank biſt,“ bat Thilo bewegt. 8 „Seit Jahr und Tag—“ erläuterte Arnulf, indem er leicht huſtete und gleich darauf Blut auswarf. Thilo betrachtete ihn mit zunehmender Beſorgniß und ließ ihn wieder in ſeine bequeme Lage zurückſinken. „Ich bin Dir noch manche Mittheilungen ſchul⸗ dig—“ flüſterte der Kranke—„ich habe Bitten an Dich. Wir wollen bald zu alle dem ſchreiten, denn mein Lebensfaden könnte jähe zerreißen!“ „Fürchte das nicht! die Anſtrengungen der Reiſe haben Dich erſchöpft! Du biſt übermäßig ſchnell gereiſt, in einer Tour eine ſolche Entfernung iſt ſelbſt für den geſunden Menſchen zu viel. Gönne Dir nur jetzt Ruhe, dann wird ſich Deine Kraft wieder hehen!““ Arnulf lächelte und ſein Auge blickte friedlicher Ruhe voll zu dem Bruder auf.„Ja, ich mußte eilen. Sehnſucht nach Dir und die Sorge um meine Kleinen trieben mich zur Haſt. Was ich noch beſaß an Hab und Gut, überließ ich meinem Wirthe, um damit meine Verpflichtungen gegen ihn zu löſen. Er beſorgte mir noch willfährig einen Wagen— Du ſiehſt hieraus, daß der Gipfel aller Erdennoth erreicht war!“ Thilo begann nun die fürchterliche Qual dieſes Laß uns deshalb ſparſam mit der Zeit umgehen, denn —9 3 5⁵ armen Vaterherzens einzuſehen. Er neigte ſich zu ſeinem Bruder nieder und küßte ſeine trockenen Lippen. „Sei getroſt! Sei getroſt!“ flüſterte er bittend. „Sieh nur erſt meine Kleinen,“ bat Arnulf.„Ott⸗ mar heißt der Knabe, er iſt ſechs Jahr alt— Irm⸗ gart ließ ich die Kleine taufen— Du ſiehſt, daß der ſtolze Ettershaiden damals noch in mir lebte. Ich wählte die Namen unſerer Stammeltern für die Kinder! Es war eine Herausforderung des Schickſales, Thilo.“ „Vielleicht nicht, denn zur ſelben Zeit wurde das Lehn für Dich frei!“ „Meinſt Du wirklich, daß es Dir glücken werde, meinen Ottmar zum Beſitze der Güter zu bringen?“ fragte Arnulf faſt feierlich ernſt. „Gewiß! Der alte Oberhofjägermeiſter hat ſich dafür ausgeſprochen!“ Arnulf faltete ſeine magern, todtenhaft weißen Hände.„Vor der Pforte des Glückes und dennoch dem Verhungern nahe!“ ſagte er tonlos. „Sei getroſt, mein lieber Arnulf!“ bat Thilo noch⸗ mals.„Wo iſt Deine Irmgart?“ Arnulf zeigte auf einen der tiefen Seſſel, die in der Fenſterniſche ſtanden.„Dort! Sie ſchläft. So lange hat die Freude an der Fahrt, die Blume am Wege, das Zwitſchern der Vögel und die Erwartung, ſie wach gehalten, aber nun Alles erreicht iſt, nun ſchläft ſie!“ Thilo, von einer ſeltſamen Neugier getrieben, ſchlich leiſe zu dem Seſſel und hob die leichte Hülle, welche Arnulf in Vaterſorge über ſie gebreitet hatte. Vorſichtig hob er das Tuch und bog ſich zu der ſchlafenden Kleinen nieder. Gleich darauf fuhr er er⸗ ſchrocken zurück und ſtrich mehrmals über ſeine Stirn. Mein Gott! Berückte denn ein Traum ſeine Sinne? Wiederholte ſich denn das Schauſpiel, welches vor ſechs Jahren ſeine Einbildungskraft aufgeregt und ſein Ge⸗ fühl geweckt hatte? Da lag die Tochter ſeines Bru⸗ ders, ein getreuer Abdruck jener lieblichen Schläferin in der Garniſonkirche— da lag ſie und ſchlummerte ſo tief und ſüß, als würde ſie von Engeln gewiegt. Gleich jener Kleinen umgaben hellblonde Löckchen die hochgewölbte, klare Stirn— der Mund leicht geöffnet, ließ hinter den roſigen Lippen die kleinen weißen Zähne ſehen. Die vollen, runden Aermchen hielt ſie über der Bruſt gekreuzt und ihre Geſtalt hatte ſie eben ſo be⸗ quem in die Polſter geſchmiegt, wie jene Schläferin, die er jetzt mit der ganzen Gluth ſeines unentweihe⸗ ten Herzens liebte. Thilo ſtand ſprachlos vor Irmgart. Immer tiefer neigte er ſich zu dem reizenden Kinde nieder und drückte endlich, von ſeiner ſteigenden Bewegung getrieben, einen Kuß auf die weiße Stirn deſſelbeu. Im Nu erwachte Irmgart und richtete ſich mit hellen, groß geöffneten 57 Augen elaſtiſch in die Höhe. Ein ſüßes Lächeln auf den roſigen Lippen ſtarrte ſie ihn eine Secunde lang an und fragte dann kindlich ſanft und ſeelenvoll: „Biſt Du des Vaters Bruder?“ Ueberwältigt ſenkte Thilo ſich auf's Knie nieder vor dem holden kleinen Weſen, das ihm jene himmliſch ſanfte Regung zurückrief, welche er beim erſten Erblicken von Fides empfunden hatte. Unaufgefordert ſchlang Irm⸗ gart ihre Aermchen um ſeinen Hals und küßte ihn wie⸗ derholt, als er ſprach:„Ja, ich bin Deines Vaters Bruder— ich bin Dein Vater, Dein Beſchützer für's ganze Leben und Du ſollſt mein Kind heißen, mein lie⸗ bes, liebes Kind—“ „Ottmar aber auch!“ fiel Irmgart mit Wichtig⸗ keit ein. Thilo lachte unter Thränen. Es war ihm zu Muthe, als höre er Fides ſprechen mit der altklugen Weiſe, die ihren fünfzehn Jahren ſo allerliebſt ſtand. „Ja wohl! Ottmar auch!“ rief er.„Komm her, mein Knabe— komm zu uns— wir wollen einen Bund ſtiften für's Leben!“ Ottmar, der bis dahin ernſt und ſinnend beim Vater geſtanden, kam eilig näher. Er war zwei Jahr älter als Irmgart und ein ſehr verſtändiger, aufmerk⸗ ſamer Knabe, der ſich ſofort in Alles ſchickte, was noth that. „Ihr ſeid alſo meine Kinder!“ fuhr Thilo fort, indem er Beide mit ſeinen Armen umſchloß, und ich bin Euer zweiter Papa, den Ihr aber Onkel nennt— wollt Ihr mich aber auch lieb haben, gleich einem Vater?“ „Ja! Ja!“ riefen die Kinder fröhlich. Irmgart fügte aber ſogleich hinzu:„Aber nicht ganz ſo lieb, wie unſern erſten Papa!“ „Das muß ich mir gefallen laſſen,“ entgegnete Thilo, heiter zu ſeinem Bruder hinblickend, der ſich wie⸗ der aufgerafft hatte und faſt aufrecht ſitzend die Scene ſcharf beobachtete, als wolle er darin des fremdgewor⸗ denen Bruders Inneres prüfen. „Wo haſt Du aber unſere zweite Mama?“ fragte Jrmgart plötzlich.„Wo haſt Du Deine Mama?“ Thilo ſchauerte ſeltſam zuſammen. Es war wieder derſelbe Ton, womit Fides damals gefragt hatte:„Wo haſt Du Deine Königin?“. Ein glühendes Roth überſtürzte dann ſein Geſicht, als er daran dachte, daß dies junge reizende Mädchen Mutterwürde bei den Kindern ſeines Bruders zu vertre⸗ ten haben werde. Ein Kind zwiſchen Kindern, dachte er beluſtigt. „Ich habe keine Mama,“ ſagte er dann beſchwichti⸗ gend,„aber ich will Euch eine Bonne geben, die Euch pflegt und Euch bedient, wie eine Mama!“ Irmgart wendete getäuſcht ihr Köpfchen zur Seite. e 59 Wahrſcheinlich hatte ſie die Mutter ſchmerzlich entbehrt und konnte ſich keine Glückſeligkeit auf Erden ohne Mutter denken. Thilo ſah die Wolke auf ihrer Stirn und küßte ſie voller Erbarmen. „Nun aber wollen wir frühſtücken,“ rief er heiter, „und dann holt Ihr die eingebüßte Nachtruhe nach. Wenn Ihr ausgeſchlafen habt, führe ich Euch in den Gar⸗ ten und in den nahen Wald und dort könnt Ihr Rehe laufen ſehen und Vögel ſingen hören!“ O, wie leicht iſt ein Kinderherz beſchwichtigt! Irm⸗ gart jauchzte vor Luſt und hatte die Sehnſucht nach einer Mutter eben ſo ſchnell vergeſſen, wie die Anſtrengung ihrer Reiſe.. Thilo aber dachte mit geſteigerter Liebe an Fides „und an die Erfüllung ſeiner Wünſche. Was hatte er zu fürchten, wenn er ſie in das friſche, belebende Element ſeines neuen Lebens verpflanzte? Er ſah ſie walten, gleich einem erheiternden Sonnenſtrahle, ſeinem Bruder zur Pflege, den Kindern zur Geſellſchaft und ihm? Nun ihm zur Luſt! Sein Auge hob ſich dankbar zum Lenker ſeines Geſchickes. Wie glücklich war er geworden! Wie glücklich in der Liebe und Sorge um die Menſchen, die ihm angehörten! III. Capitel. Zum letzten Male! Während dieſer Ereigniſſe in der Burg und ihren Umgebungen wurde über Melitta, die ſchon längſt mit ſich im Streite lag, ein harter Kampf verhängt. Oswald war unvermuthet im Schloſſe eingetroffen und hatte ſich unverzüglich zu ſeinem würdigen, alten 1 Freunde, der in ſeinem Zimmer weilte, verfügt.— Mit hochklopfendem Herzen wartete Melitta auf das Ende dieſer geheimen Unterredung. Ihre Bruſt, von traurigen Ahnungen geſchwellt, drohete zu zerſpringen, als endlich die beiden Herren in's Beſuchzimmer traten und der alte Herr mit feſtem, gefühlvollem Tone ſagte: „Nun, Gott geleite Dich, mein braver Oswald! Es iſt zwar nur ein Tropfen Waſſer im Meere—“— „Das wäre es,“ fiel der junge Mann ſchnell in * 61 ſeine Rede,„wenn ich eine perſönliche Tapferkeit ent⸗ wickeln wollte; allein was ich beabſichtige, ſoll nicht in einer Einzelthat beſtehen, ſondern bedächtig überlegte Ideen geltend machen.“ Herr von Ettershaiden wiegte bedenklich ſein ſchnee⸗ weißes Haupt.„Gegen die koloſſalen Ideen eines Macht⸗ habers wie Napoleon läßt ſich eigentlich nichts Erfind⸗ bares ſtellen.“. Oswald antwortete nicht, ſondern ſchritt haſtig auf Melitta zu, die ſich ſchwankend erhoben hatte und nur mühſam ihre Faſſung beibehielt. „Er will fort, Melitta!“ ſagte Herr von Etters⸗ haiden leiſe. „Laß uns hinaus gehen in den Park!“ bat Os⸗ wald, die zitternden Hände des Mädchens ergreifend. „Dort, unter dem grünenden Dache, wo wir in ruhiger Seligkeit geträumt haben, dort will ich zum letzten Male zu Dir reden, meine Melitta!“ „Zum letzten Male!“ wiederholte das junge Mäd⸗ chen und ein leichtes Lächeln des Hohnes ſchlich ſich über ihr ſanftes, liebes Geſicht. Aber ſie folgte mechaniſch, als Oswald ſie mit dem Arme umfaßte und ſtürmiſch nach dem Garten zog. Der alte Herr blickte ihnen traurig nach.„Durch ſeinen Entſchluß geht mir ein ſchöner Traum verloren,“ murmelte er vor ſich hin.„Sie ſollte ſeine Gattin 62 werden— was ich erſparen konnte, ſollte ihnen zu Gute kommen, um ſeine Lage zu beſſern— der Plan geht unter in dieſem Abſchiede. Wie ſollte er, Angeſichts eines ſolchen Krieges mit dem Leben davonkommen! Selbſt ſeine Ideen können ihm einen ſchmählichen Unter⸗ gang bereiten. Gott geleite ihn!“ Oswald wartete nur ſo lange, bis ſie unter dem ſchützenden Laubdache angekommen waren, dann ſprach er mit ſehr bewegter Stimme: „Wie ganz anders geſtaltet ſich doch das menſch⸗ liche Leben, wenn man zum Bewußtſein ſeiner Men⸗ ſchenpflichten gelangt!“ Melitta hatte ſich während des kurzen Zeitraumes wieder geſammelt und entgegnete kühl, aber ſanft: „Oft aber verwechſelt der Menſch auch das, was ſein unruhiges Herz ihm vorſchreibt, mit dem, was er ſeine Pflicht nennt.“ Oswald blickte auf. Von ihren Worten betroffen, prüfte er den Ausdruck ihrer Mienen und fand nicht die geringſte Spur von Sympathie mit ſeiner Begei⸗ ſterung, die ihn beinahe überfüllte. Ihm fiel nicht ein, daß Melitta nicht in ſeine Pläne eingeweihet war. Haſtig und mit den flammenden Blicken innerer Entrüſtung machte er ſich frei von ihr und vertrat ihr den Weg. 63 „Du theilſt meine Opferfreudigkeit nicht, Melitta?“ fragte er mit bedrückter Stimme. „Deine Opferfreudigkeit?“ wiederholte ſie kalt⸗ ſinnig.„Ich weiß nicht, wie ſich eine Opferfreudigkeit mit einer beſtimmten Dankbarkeit gegen Gott vertragen kann, wenn wir das aufgeben, was ſeine Güte für uns bereit gehalten hat.“ „Soll darin ein Tadel meiner Handlungsweiſe liegen?“ fragte Oswald ſehr ernſt. „Zum Tadeln habe ich kein Recht, Oswald,“ fiel Melitta etwas belebter ein.„Meine Worte ſollen nur meine Anſicht darthun, daß ich es für einen größern Be⸗ weis von Dankbarkeit gegen Gottes Güte halte, wenn wir ſeine Gaben werth halten, als wenn wir ſie verſchleudern um einer Idee willen!“ „Und wenn dieſe Idee nicht anders in's Leben treten kann, wie durch eine Opferwilligkeit?“ „Dann müßte man den Nutzen des Opfers immer erſt reiflich in Erwägung ziehen,“ ſprach ſie froſtig, indem ſie vorwärts ſchritt.„Ich ehre und erkenne den Edelſinn einer Königstreue, Oswald,“ fuhr ſie ruhig fort,„aber wenn der Einzelne ſeinen Trotz gegen das Schickſal, das ihn unter eine Fremdherrſchaft brachte, ſo weit treibt, daß er einen Güterbeſitz aufgiebt, um derſelben zu ent⸗ fliehen—“ „Sprich nicht weiter, liebes Mädchen,“ unterbrach 64 Oswald ſie lebhaft.„Es iſt meine Schuld, daß Du in dieſen Irrthum verfieleſt, der in Hinſicht auf meine wahren Beweggründe kleinlich erſcheint. Nein Melitta, die innere Stimme, die mich treibt, hat mit dieſen Weltverhältniſſen nichts zu thun. Ohne daß ich Dich einweihen kann in meine Ideen, ſollſt Du doch wenigſtens einen Ueberblick darüber erhalten, was mich unaufhaltſam forttreibt.“— Melitta erröthete unter dieſen Worten und die läſſige Nichtachtung verlor ſich allmählig aus ihren Mienen, als Oswald nach einer Paufe fortfuhr: „Die Lage Deutſchland's wird mit jedem Jahre drückender und wir gehen jetzt einer vollſtändigen Vernich⸗ tung entgegen, wenn die großartigen Pläne Napoleons gelingen.“ „Ich glaube, ſo hat es ſchon oft geheißen,“ warf ſie flüchtig ein,„und dennoch fand ſich immer wieder eine Brücke, welche der Verzweiflung einen Uebergang zur Geduld bot.“ „Diesmal möchte ſich ſchwerlich eine bloße Gedulds⸗ probe für uns herausſtellen, wenn der Plan des Kai⸗ ſers glückt!“ rief Oswald ſehr ernſt.„Er rüſtet mit Macht gegen Rußland. Es ſind Verträge dieſerhalb mit Preußen und Oeſtreich zum Abſchluß gekommen, die das letzte Mark aus unſerm Vaterlande ſaugen und uns ſogar zwingen, als Feinde gegen unſere natürlichen Verbündeten zu ziehen. Auch ich müßte dem allgemei⸗ 65 nen Aufgebote meine Kräfte weihen, als weſtphäliſcher Unterthan! Darin liegt der erſte Grund, mich von der Pflicht gegen die Fremdherrſchaft zu befreien.“ „Aber Oswald— Du, als Edelmann?“ fragte Melitta ungläubig. „Napoleon kennt Mittel und Wege, um eine Ehrenſache aus ſeinen Anforderungen zu machen! Die Kriegsheere in Frankreich ſetzen ſich bereits in Bewe⸗ gung. In Preußen, Oeſtreich und Weſtphalen geht man ſtark an's Werk. Am Rheine ſollen die franzö⸗ ſiſchen Truppen mit Feindesübermuth hauſen, trotzdem die Herrſcher aller Lande als Freunde in Dresden con⸗ feriren. Napoleon ſoll mit entſetzlichem Ingrimm die Zurüſtungen zu dieſem Feldzuge gegen Rußland betrei⸗ ben, weil er den edlen, ſtolzen Kaiſer Alexander für den Spott zu demüthigen gedenkt, womit dieſer ſeine Anmaßungen zurückgewieſen.“ „Warum verbindet ſich Preußen und Oeſtreich nicht mit Rußland?“ fragte Melitta mit erwachendem Intereſſe.„Warum werfen dieſe Herrſcher nicht das Joch der Unterwerfung ab?“ „Warum?“ fragte Oswald ſchmerzlich.„Weil ſie in blinder Demuth an die Unfehlbarkeit Napoleons glauben! O, es iſt ſchrecklich, an der Kette liegen zu müſſen, die von der Schwäche eines Herrſchers geſchmie⸗ det iſt! Ehe der Winter hereinbricht, ſoll die Expedi⸗ 5 E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. tion nach Rußland fertig ſein. Napoleon gedenkt Win⸗ terquartier daſelbſt zu nehmen und in dem letzten, un⸗ angetaſteten Reſte Preußens, in Weſt⸗ und Oſtpreußen, eine Truppennachhut zur Sicherheit und Deckung can⸗ tonniren zu laſſen. Die Verzweiflung der dortigen Ein⸗ wohner iſt groß. Dieſe Kriegsſteuer ruinirt das Land vollends.“ Melitta war ſtehen geblieben. Ihr Auge hing feſt an Oswald, während er ſprach, aber nicht ein Laut ent⸗ rang ſich ihren Lippen. Der junge Mann fuhr fort: „Die Idee eines allgemeinen Aufſtandes tauchte auf! Lieber Gott, wenn die Herrſcher geneigt ſind, unſern Freiheitsdrang als Verbrechen anzuſehen, ſo iſt ein Auf⸗ ſtand wirkungslos! Wir ſahen dies ein und beſprachen andere Auswege zur Abhülfe. Es blieb beim Sprechen, wie häufig in der Welt, wo die Männer das Wort führen, die ſehr weiſe, aber nicht klug ſind. Nur Einige unter uns fühlten beim Herannahen der Gefahr den Muth, durch Energie, durch Forſchen und Grübeln nach einem Hülfsmittel weiter vorzuarbeiten. Wir ſind nur Wenige, aber wir ſind ausgerüſtet mit zureichenden Kenntniſſen über Charaktere und Verhältniſſe, um dem Werke eines Widerſtandes zu dienen. Dazu war es jedoch nöthig, ſelbſtſtändig auftreten zu können, Jeder für ſich zum Ziele zu ſchreiten und ſeine Subſiſtenzmittel mit ſich zu führen. Ich beſchloß das Opfer nicht zu ſcheuen! Ich verkaufte mein Gut!“ Melitta legte die Hand auf ſeinen Arm. Der Aus⸗ druck einer wahrhaften Hochachtung hatte alle böſen Schatten in dem ſanften, lieblichen Geſichte verdrängt. „Dein Entſchluß iſt edel, Oswald— verzeihe mir!“ bat fie mit erſtickter Stimme. „Ich kannte ja meine Melitta—“ erwiederte Os⸗ wald herzlich. „Aber wenn Dein Opfer vergeblich iſt?“ „Dann habe ich es mit meinem Glücke bezahlt, das weiß ich!“ ſprach er wärmer. Melitta legte ihre Hände flach zuſammen und hob ſie ſo gegen ihn auf.„Oswald— willſt Du mir geſtat⸗ ten, daß ich Dich bitte, Dich nicht in ſo vergebliche Ge⸗ fahren zu ſtürzen?“. „Meine Selbſtachtung fordert, daß ich nicht in mei⸗ nem Entſchluſſe wanke! Beklage mich nicht, ſelbſt wenn der Tod mein Loos ſein ſollte!“ ſprach er in frommer Begeiſterung. Melitta ſchauerte ſichtlich zuſammen. Der Tod ſein Loos! Ihr war es, als wenn eine kla⸗ gende Stimme aus den Wolken tönt und ihr verkündige, daß dies das Ende aller der Träume ſein werde, die ſie,— das fühlte ſie jetzt mit ſtummer Verzweiflung— allein geträumt hatte! 5 4 5 4 68 Trotzdem wehrte ſie ihrem Blicke die tiefe, innige Theilnahme nicht, als ſie jetzt ſchmerzlich ergriffen zu Os⸗ wald emporſchauete. Ihre Blicke tauchten in einander. Ein ſüßes Gefühl, zu rein für leidenſchaftliche Liebe und dennoch zu heiß und zärtlich für ruhige Freundſchaft, durch⸗ ſchlich die Bruſt Beider. Melitta fühlte plötzlich den Schmerz in ſich weichen und Oswald ſchauete im Geiſte über die herben Prüfungen einer edlen Pflichterfüllung hinweg und ſah ſich wieder in friedlichen Beſitze Wange⸗ rodens, neben dieſem Mädchen, das ihm ein Lohn für ſchwere Leiden werden konnte. Traulich neigten ſie ſich zu einander. Oswald umfing ſie wieder mit ſeinem Arme, während ihres Weiterſchrei⸗ tens und Melitta ſchmiegte ſich mit ihrer frühern Innig⸗ keit feſt an ſeine Bruſt. Was trennend zwiſchen ihnen geſtanden hatte, war verſchwunden. Ein einziger Blick hatte hingereicht zur Verſtändigung. Sie gehörten einan⸗ der an. Ob im Leben, ob erſt nach dem Tode— das gaben ſie Gott anheim. Eines Gelöbniſſes bedurften ſie nicht. Die Liebe von Jugend auf verbürgte die Treue und nachdem das Vertrauen wieder zwiſchen ihnen wal⸗ tete, ſahen ſie faſt heiter auf die Nothwendigkeit ihrer Trennung hin, die ihre Seelenvereinigung nicht zu ſtören vermochte. Melitta, beſchämt ihrer Launenhaftigkeit gedenkend, womit ſie dem Handeln Oswald's entgegengetreten war, 69 warf in dieſem ſchönen Momente der Selbſterkenntniß allen Egoismus aus ihrer Seele und ließ das Verlangen nach einem ſchönen Liebesleben an Oswald's Seite, womit ſie ihre dämmernden Träume von Glück ausgefüllt hatte, in jener reinen Seelenliebe aufgehen, die in frommer Demuth nur das Leben des Geliebten von Gott erbit⸗ tet und gern ſeinem Beſitze entſagen will. Je feſter ſich ihr Herz in dieſer letzten Unterredung den phanta⸗ ſtiſchen Gebilden ihrer Liebe verſchloß, deſto reifer wurde ihr Geiſt, die Geiſtesgröße deſſen zu erkennen, welcher das Einzige, was er dem Vaterlande opfern konnte, bereitwillig auf den Altar der Vaterlandsliebe legte. Schweigend zuerſt gingen die beiden jungen Men⸗ ſchen in dem duftigen, ſchattigen Wege dahin. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, wußten ſie, daß ihre Gedanken gleichmäßig beſchäftigt waren und Melitta verſtand den Ausruf ihres Freundes, als er mehr zu ſich ſelbſt als zu ihr ſagte: „Wenn die Gebote Gottes uns zur Verleugnung unſers Selbſt's auffordern, ſo kann es keine Sünde ſein, unſer Wohlſein großen Plänen zu opfern!“ „Nein, Oswald! Nur die Begierde nach Ruhm und eitler Ehre würde ſolche Opfer entheiligen können,“ antwortete Melitta, mit himmliſcher Freudigkeit in ſein umflortes Auge blickend.“ Und Dein Beſtreben hat 70 ſich einen ſtillen und unbeachteten Weg zum Kampfe erwählt! Warum haſt Du mich nicht für würdig gehal⸗ ten, die Vertraute Deiner Gedanken zu werden?“ „Wer kann gährende Gedanken mittheilen, ohne ſich dem Anſcheine einer Geiſtesverwirrung auszuſetzen, Melitta!“ rief der junge Mann belebt.“ Die Ent⸗ ſchlüſſe reifen gewöhnlich erſt an den Ereigniſſen und dieſe überſtürzten ſich im Laufe der letzten Tage. Ohne die Hülfe eines Mannes, den Du unter dem Namen eines Marquis d'Etérais kennſt, hätten mir die Mittel gefehlt, meine Pläne in's Werk ſetzen zu können.“ Melitta fuhr erſchüttert zuſammen bei dem Namen, der ſich in ihrer Phantaſie mit der Macht des Kaiſers Na⸗ poleon vereinte. „Der Marquis!“ rief ſie ängſtlich.“ Biſt Du ſicher, hier nicht einem Verrathe zu erliegen?“ „So ſicher, wie mein Geheimniß bei Dir ruhet, ſo ſicher liegt es in der Bruſt dieſes Mannes,“ entgegnete Oswald mit Lächeln. „Dann theile mir zu meiner Beruhigung mit, was Du damit ſchon halb und halb verrathen haſt, daß Du ſagteſt,„den Du unter den Namen eines Marquis d'Eté⸗ rais kennſt“— bat das Mädchen.„Wer iſt der Mann, der ſich die Achtung der Menſchen, trotz ſeiner Beziehun⸗ gen zu dem Eroberer zu erhalten wußte?“ Oswald zögerte einen Augenblick, dann blickte er, 71 mit heller Freude im ganzen Geſichte, Melitta an und flüſterte:„Es iſt Thilo von Ettershaiden, ein Spiel⸗ gefährte der armen Junker, welche eine Beute des Todes wurden. Dadurch war er in der Burg einge⸗ bürgert, als Deines Onkels erſte Gemahlin hier lebte. Er iſt ein edler, guter, braver Mann geblieben!“ Sprachlos vor Erſtaunen hörte Melitta dieſer Erläu⸗ terung zu. Thilo von Ettershaiden! Der Mann, wel⸗ cher das Thema zu Couſine Bianca's excentriſchen Klagen bildete. Daß bis jetzt niemand auf dieſe Mög⸗ lichkeit verfallen war, fand ſie unbegreiflich! „Und er half Dir— gegen den, welcher ſein Wohlthäter iſt?“ fragte ſie noch immer ungläubig. „Er half mir dadurch, daß er Wangerode kaufte und durch eine bedeutende Anzahlung meine Abreiſe mög⸗ lich machte, ehe ſie zu ſpät wurde. Seine Verbindung mit dem Kaiſer beruhete auf gegenſeitiges Vertrauen. Thilo hat ſich ohne Weiteres zurückziehen können, weil er nie ein bindendes Amt bekleidete. Die jetzigen Pläne des Kaiſers empören ihn, weil ſie zum Ruin ſeines Vaterlandes mitwirken. Er ſieht bangend der Zukunft entgegen und benutzt die Gelegenheit, ſich als Privat⸗ mann in Beſitz zu bringen.“ „Biſt Du ſeiner Treue ganz ſicher? Hat er nicht ſeine Gabe der Beredſamkeit, die ihm eigen iſt, ange⸗ wendet um ſeines Vortheiles willen?“ 72 „Melitta, Du haſt ihn kennen gelernt und kannſt ſolche Zweifel aufſtellen?“ fragte Oswald vorwurfsvoll. „O, wenn das Herz um Jemand bangt, den man lieb hat, ſo erwacht das Mißtrauen,“ klagte Melitta. „Gegen Thilo von Ettershaiden— Mißtrauen!“ rief Oswald mit einem Tone, der dem jungen Mäd⸗ chen durch Mark und Bein drang. Sie ſchmiegte ſich feſter an ihn und legte beſchwichtigend ihre Wange an ſeine Schulter.„Gottlob, Verrath und Tücke iſt nicht das, was im Geſchlechte dieſes Stammes niſtet,“ fuhr Oswald feierlich fort.„Wohl aber Härte, Feſtigkeit und ſpröder Wille!“ „Ich fürchtete für Dich, Oswald,“ betheuerte Me⸗ litta,„nur darin ſuche mein Mißtrauen. Auch kann ich mich dem Gedanken noch nicht mit voller Freudigkeit hingeben, in dem Marquis einen Ettershaiden ſehen zu müſſen. Er iſt dem König Jerome zu nahe, als daß er nicht von ihm beeinflußt werden könnte.“ „Jerome iſt nicht der Schlechteſte im Buonapartiſchen Kreiſe,“ ſagte Oswald beruhigend.„Gerade in ſeinen Fehlern beruht ſein Gutes für ſeine Unterthanen. Schädlich wird er nur, wenn er ſchlechte Rathgeber findet. Erſpielt wie eine Motte um das Licht, das ihm angezündet iſt. Im Grunde iſt er dem ganzen Reiche eine Null. Das Schöpfungs⸗ fieber ſeines gewaltigen Bruders hat ihm ein Königreich — 73 conſtruirt und ihn, als Puppe mit dem Hermelinman⸗ tel, hineingeſetzt. Die Elemente, worin er ſich wohlge⸗ fällt, ſind die Lehren des Epikur, dem Wohlſein das höchſte Glück iſt. Daß er dabei keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen dem ſinnlichen Wohlſein des Menſchen und des Thieres macht, liegt gleichfalls in der Philoſophie die⸗ ſes Weiſen von Griechenland.“ Aber iſt nicht der genußſüchtige Menſch gerade derjenige, welcher viel Unheil ſtiften kann? Iſt er nicht gefährlicher, als irgend ein anderer? fragte Melitta ſchüchtern. „In der Einzelheit vielleicht, aber nicht in allge⸗ meiner Verbreitung. Da ſind die Begierden des Geiſtes mehr zu fürchten, als die Begierden der Sinne. Um Napoleon's Gelüſten zu genügen, gehen ganze Völker zu Grunde— Jerome kann höchſtens ſtörend in das Glück einzelner, ſchwacher Familien eingreifen.“ Melitta mußte dies einräumen. Ihre Gedanken wurden dabei auf das Glück ihres Onkels zurückgeführt, das von der Eitelkeit ihrer Tante gefährdet war. „Weiß unſer alter Herr ſchon, daß er in dem Mar⸗ quis den verſchollenen Thilo ſuchen muß?“ fragte ſie abſpringend. „Nein und ich wollte Dich bitten, dergleichen Er⸗ klärungen ihm ſelbſt zu überlaffen!“ Melitta nickte bei⸗ 74 ſtimmend.„Haſt Du Thilo ganz in Deine Pläne ein⸗ geweiht?“ forſchte ſie weiter. „Nein. Er ahnt ſie aber in der Sympathie un⸗ ſeres Gemüthes.“ „Wohin richteſt Du Dein Augenmerk?“ „Nach Rußland! Thilo hat mir ein Formal mit⸗ gegeben, das mich dem Prinzen Eugen von Würtemberg empfehlen wird. Der Prinz iſt ſein Studiengenoſſe in Erlangen geweſen. Jetzt iſt dieſer junge Prinz ein Held, worauf ſich viele Hoffnungen ſtützen. Ihm will ich mich mit vollem Vertrauen nahen und ihm meine Dienſte anbieten.“ Melitta ſenkte tief betrübt die Augen.„Nach Ruß⸗ land!“ wiederholte ſie mit einem innerlichen Schauder. „Oswald, muß es denn ſein, daß Du gehſt?“ „Ja mein Mädchen! Ich muß gehen!“ „Wäre es nicht rathſamer, Napoleon's Pläne erſt abzuwarten?“ „Damit es, wie im Jahre 1806 zu ſpät würde mit allen guten Rathſchlägen?“ „Was im Schooße der Zeit liegt, muß doch erſt reifen, ehe es vom Menſchenverſtande begriffen und be⸗ urtheilt werden kann,“ wendete ſie ein.„Will Gott den Triumph der jetzt mächtigen Nation über uns Deutſche nicht zulaſſen, ſo wird er ſchon ein Mittel finden, die Siegesbahnen Napoleons vernichtend zu durchkreuzen.“ 88— 75 „Du entwickelſt eine bequeme Vaterlandsliebe, Me⸗ litta,“ rief Oswald heiter.„Dieſe Anſichten würden uns zu faden Träumereien oder höchſtens zu der theolo⸗ giſchen Schwärmerei führen, täglich Gott zu bitten, bis er die Feinde verjagt.“ „Ich meine nur, alle die Opfer, die von edlen, kühnen Männern bis jetzt gebracht worden ſind, haben ſo gut wie gar nichts genützt. Die Maſſe muß es thun, wenn der Widerſtand von Erfolg ſein ſoll und die Maſſe weicht feige den Aufforderungen kühner Ein⸗ zelhelden aus.“ „Und wenn die Zeit dennoch käme, wo die Maſſen, durch eine tiefe und gründliche Erbitterung entzündet, endlich im Eifer der Vaterlandsliebe aufſtänden, Me⸗ litta? Wenn dann Alles vorbereitet wäre, wenn Ein⸗ verſtändniſſe angebahnt und Führer der erbitterten Schaar vorgebildet ſein könnten? Napoleons jetzige Beſchlüſſe, ſeine gewagten Maßregeln führen ihn einer Kataſtrophe entgegen. Das Geſchick wird ihn um ſo ſicherer ereilen, je rückſichtsloſer er jetzt ſeinem entſetzlichen Ehrgeize fröhnt. Seine ſchlaue Politik hat bis dahin Berge von Schwierigkeiten überwunden, ſehen wir nun danach, daß er vom Gipfelpunkte ſeiner Macht bergab⸗ und in ſeinen eigenen großartigen Ideen untergehe. Einem gedemüthigten Feldherrn wendet das Volk eher den Rücken, 76 als einem ſiegreichen Helden, auch wenn er des Volkes Feind iſt.“ Melitta's Auge hing verklärt an dem Antlitze des Jugendfreundes. In ihr erhoben ſich mächtige Stimmen für ſeine Begeiſterung, die nicht in Phantomen Nah⸗ rung empfing, ſondern aus der Ueberlegung des Vor⸗ ſtandes entſprang. „Gehe mit Gott, lieber Oswald,“ ſagte ſie in un⸗ beſchreiblicher Seelenerregung.„Gehe mit Gott an das Werk— der Allerbarmer wird mit Dir und mit denen ſein, die im heiligen Eifer der Sache zu dienen bereit ſind. Ge⸗ denke meiner, wenn Du Hilfe und Pflege brauchſt! Es ſoll mich nichts abhalten, zu Dir zu eilen mit Schweſterliebe und Schweſtertreue, wenn des Krieges furchtbare Grauſam⸗ keit Dein Leben gefährdete.“ Oswald nahm ihre Hand und führte ſie an ſeine Lippen. Worte des Dankes fand er nicht, auch keine Worte für die Empfindung, welche ſein Herz durchzuckte. Worte würden auch das himmliſch reine Gefühl enthei⸗ ligt haben, welches ihn beſeligte. Aber trotz des Schwei⸗ gens verketteten ſich ihre Seelen, zum erſten Male von Flammen berührt, die einer verwandtſchaftlichen Liebe uicht eigen ſind, feſter und unauflöslicher, als durch Schwüre. Sie gehörten einander an. Scheidend reichte das Mäd⸗ chen dem Manne beide Hände und bekämpfte helden⸗ 77 müthig die Erſchütterung, welche ihr ganzes Weſen in Aufruhr brachte. Ihr Blick zum Himmel hinauf ſagte ihm, auf weſſen Beiſtand ſie hoffe— dann noch ein Blick, Aug' in Auge, und Oswald ſchritt feſt dem Schloſſe zu, während ſie bleich und zitternd durch den Laubgang ſchwankte, der ſie zum Kaſtanienbaum führte. Hier ſank ſie erſchöpft nieder und betete! Was war es, daß nach dem heißen Ringen mit ihrem Schmerze ihre Stirn mit einer göttlichen Hei⸗ terkeit umzog? Die Gewißheit, von dem geliebt zu ſein, der ihr ganzes Sein erfüllte, dieſe Gewißheit er⸗ hob ſie und überſchleierte den Trennungsſchmerz, der von ihr würdig getragen werden mußte, wenn ſie ſich der Liebe eines ſolchen Mannes werth halten ſollte. Sie erkannte an, daß ſie nicht mehr allein ſein eigen, ſon⸗ dern daß auch er mit allen Faſern ſeines edlen Her⸗ zens ihr angehörig war. Darin lag ein Troſt, der ihr tragen half, was ſie tragen mußte! IV. Capitel. Linkehr und Amkehr. Oswald war geſchieden! In dumpfer Betäubung ſaß Frau von Ettershaiden nach ſeinem Abſchiede da. Er hatte mit kurzen, herben Worten Abſchied von ihr genommen und jedes Wort, das der junge Verwandte geſprochen, war wie mit Widerhaken in ihr Inneres gefahren. 3 „Wenn in den Annalen der Weltgeſchichte mein Name mit unverlöſchbarem Griffel eingezeichnet werden ſollte, ſo mag Gott es nur verhüten, daß nicht auch anderweit derſelbe Name mit bezeichnendem Spotte ge⸗ nannt werden darf!“ So lautete ſein Abſchiedswort, das ſich in ſie eingrub, wie ein Gottesurtheil. Es war im Laufe der letzten Wochen eine bedeut⸗ ſame Veränderung mit Frau von Ettershaiden vorge⸗ 79 gangen, die ſich in verſchiedenen Phafen bemerklich machte und ganz zweifellos als eine Umkehr zu betrachten war. Die erſten Zeichen einer Sinnesänderung datirten vom Tage des Gegenbeſuches, den die Gräfin Ancelot in ihrem eigenen Intereſſe für nothwendig gehalten hatte. Die ſchmerzhafte Demüthigung, womit dieſer Be⸗ ſuch endete, veranlaßte ſie zu einem Nachdenken ernſterer Art, als ſie bis dahin für nöthig befunden. Das Re⸗ ſultat davon war eine kurze und entſchiedene Ablehnung jeder Betheiligung an einem Feſtin, wozu man Jugend und Schönheit zu requiriren für nöthig fand, um daſſelbe für den König von Weſtphalen piquant zu machen. Ihre Ablehnung hatte die Gräfin ſtark aufgeregt und der⸗ maßen zum Zorne gereizt, daß ſie das Abſagebillet dem Ettershaider Diener, der es überbracht, vor die Füße geworfen hatte. Eine ſehr belehrende Erfahrung!— Auf dem Wege zur Umkehr begriffen bereitete ihr das ausdrucksvolle Clavierſpiel ihrer jungen Pflegetochter Fides eine zweite, ſehr dienliche Erſchütterung. Von Na⸗ tur mit einem beſonderen Kunſtſinn begabt, wurde ſie dermaßen hingeriſſen, daß ſie dem Zuge ihres bewegten Gemüthes folgte und Len Salon, ganz ihrer Gewohn⸗ heit zuwider, betrat. Die kleinen Momente, wo ſich ihres Gatten unveränderliche Liebe und Güte zeigte, wirkten in ihrer ſelbſtgewählten Einſamkeit nach und be⸗ ſchleunigten ihre gänzliche Umkehr, die jetzt nach dem 80 ganz unvorgeſehenen Abſchiede Oswalds eintrat. Wenn ſie im erſten Stadium ihrer Bußfertigkeit von dem quä⸗ lenden Gedanken heimgeſucht wurde, daß es dahin kom⸗ men könne, von ihrem Gemahle verſtoßen zu werden, ſo ſchreckte ſie vor jedem entſcheidenden Schritte, der ſeine Drohung wahr machen konnte, zurück. Sie wollte nicht von ihm verſtoßen ſein! Bei dieſem Ausſpruche war ihr Herz nicht bethei⸗ ligt! Sie entſchied ſich meiſtentheils aus oberflächlichen Gründen dafür, daß ſie die Stellung als Gattin eines Ettershaiden nicht unbedingt aufgeben wolle. In der zweiten Phaſe ihrer Sinnesänderung ſpielte ihr Gefühl ſchon eine beſſere Rolle. Sie fand ſich ent⸗ behrlich zum Wohlſein des Gatten und ſie wollte ihm nicht ganz entbehrlich ſein. Sie fand, daß ſie ſeine herzliche Güte, ſeine Liebe mit ihren Pflegetöchtern theilte und wollte ſeine Neigung nicht getheilt wiſſen. Was ſie entbehrte, gewann an Reiz und was ihr ent⸗ zogen wurde, ſtieg im Werthe. Aus dieſem ſchwankenden Gemüthszuſtande ſchreckten die mahnenden Worte Oswald's ſie auf und wieſen ſie auf eine andere Bahn, wie diejenige, die ihr Eitelkeit und Glanzſucht verlockend bezeichnet hatten. Sie erhob ſich mit dem Vorſatze, ſogleich die erſten Schritte zu einer friedlichen Vereinigung mit denen zu thun, die ihrem Gatten jetzt näher ſtanden, als ſie. 81 Unruhig ſchritt ſie im Zimmer auf und ab, mit dem letzten Reſte von Hochmuth und Eigenwillen ringend, der ſie ſeit ihrer früheſten Jugend beherrſcht hatte. Die Oede ihres Lebens in der letzten Zeit war eindringlich genug ge⸗ weſen, um ſie einer Familienfröhlichkeit zugänglich zu ma⸗ chen. Ihre Nerven, ſo oft lügenhaft zum Schreckbilde des ganzen Hauſes gemacht, hatten ſich wirklich auf eine Weiſe verſchlechtert, daß ſie krankhaft gereizt waren. Die Dame, ſonſt nur krank, um einen Vorwand zu eigenſinnigen Ein⸗ fällen zu haben, war wirklich kränker, als ſie wußte. Ihr Herz war krank. Es ſehnte ſich nach Theilnahme, nach Mitleiden, nach Güte, nach freundlichen Worten! Immer wieder durchmaß ſie ihr Zimmer, ohne den Entſchluß auszuführen, den ſie gefaßt hatte. Endlich trat ſie zum Fenſter und blickte in den Garten hinaus. Da kam Fides gegangen. Sie ſah verſtört aus und ſchien Melitta zu ſuchen, die noch unter dem Kaſtanien⸗ baume ſaß und mit ihrem Schmerze kämpfte. Raſch durchſchritt das junge Mädchen die Garten⸗ anlagen und eilte durch die nächſten Bosket's, die Ruhe⸗ plätze verbargen. Ihr ganzes Weſen zeigte eine große, innere Bewegung. Daß ſie im Förſterhauſe geweſen war, bewies der Moosroſenzweig, welchen ſie noch in der Hand hielt. O, wie beneidete die ſtolze Frau das flüchtig dahin⸗ ſchwebende Mädchen um die Kindlichkeit ihres Sinnes, E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 6 82² der ſie feſt in den Gränzen feſthielt, welche ihre Verhält⸗ niſſe um ſie gezogen. Darüber hinaus gab es nichts Rei⸗ zendes für ſie. Jetzt ſuchte ſie Melitta mit einer Begier und Haſt, als hinge des Staates Wohl daran, ſie zu ſprechen. Und was hatte ſie ihr ſchließlich Wichtiges zu erzäh⸗ len?— Ein Lächeln, ſelten genug auf dieſem ſchneeweißen, ſteinernen Geſichte, zuckte über die Mienen der Dame. „Sie iſt glücklich!“ flüſterte ſie vor ſich hin.„Worin aber gründet ihr Glück? In der Zufriedenheit ihres Gemüthes! Sie kann ſich über das Sonnenlicht, das über das wallende Korn ſchweift, eben ſo herzlich freuen, wie ſich die kokette und gefallſüchtige Dame über einen Diamantſchmuck freuet, der ihre Schönheit erhöhen ſoll. Sie iſt glücklich, weil ſie ſich des lebensvollen Daſeins in der Natur freuet.“ Seufzend begann Frau von Ettershaiden ihren einſamen und troſtloſen Weg durchs Zimmer auf's Neue. „Was hilft mir alles Grübeln— des Lebens Mai blüht ein Mal und nicht wieder— mein Mai iſt längſt verblüht und die Früchte des Sommers haben ihren Reiz eingebüßt! Vergebliches Bemühen, Geſchmack an Freuden finden zu wollen, die nie nach unſerm Sinne geweſen ſind.—“ Sie ſtand ſtill und horchte. Der * 83 Schritt ihres Gatten wurde hörbar— mit plötzlichem Entſchluſſe öffnete ſie die Thür. Herr von Ettershaiden war ſchon vorübergeſchrit⸗ ten. Er blickte jedoch zurück und kehrte artig wieder um, als ſie ihn mit einer Handbewegung einlud, näher zu treten. Da ſtanden ſie wieder vor einander, ohne Zorn und Widerwillen, wie einſt in guten Tagen. „Bella!“— rief der alte Herr beſtürzt, als er Thränen in den Augen derjenigen ſah, die ſelten weinte.— „Ich bin wohl krank, Ottmar,“ ſagte ſie weh⸗ müthig.„Oswald's Abſchied hat mir weh gethan— ich war ſo allein mit meiner Trauer, als wäre Alles todt um mich herum, nur ich nicht!“ Waren dies Beweiſe eines Erwachens aus den Träumen der Selbſtſucht? Herr von Ettershaiden nahm es dafür.„Ich will bei Dir bleiben,“ ſagte er leiſe.„Ich will Dir vor⸗ leſen! Komm, lege Dich nieder— ich will Dein Ge⸗ ſellſchafter ſein, ſo lange Du es wünſcheſt.“ Sie nahm haſtig ſeine Hand.„Ja, ja! Bleibe hier! Aber nicht vorleſen, mein Freund— wir wollen zuſammen plaudern von Freude und Leid, von guten und böſen Tagen.“ Herr von Ettershaiden blickte ſeine Gattin ſtau⸗ nend an. Solche Worte hatte er nicht erwartet! Er . 6* 84 trauete ſeinem Ohr nicht und waffnete ſorgfältig ſein leichtgläubig Herz, damit es ſich nicht wieder täuſchen laſſe. Er hatte aber nichts zu fürchten! Sie hatte entbehrt und wollte ferner nicht mehr entbehren. Sie wollte verſuchen, ihre Freuden in dem beſchränkten Familienkreiſe, der nur durch wenige gleich⸗ geſtimmte Freude vermehrt werden konnte, zu ſuchen. Wenn ſich junge Herzen, wie die ihrer Pflegetöchter heimiſch im idylliſchen Frieden fanden, nun, warum ſollte ſie, die ſchon den Zenith ihres Lebens überſchrit⸗ ten hatte, nicht verſuchen im ſtillen Daheim ihre Freu⸗ den zu finden. Es mußte doch etwas Befriedigendes, etwas Beglückendes darin liegen und ſie war noch dazu hinreichend begabt von der Natur, um die Zeit edel ausfüllen zu können! Es war eine Umkehr zur rechten Zeit, wozu ihr beſſeres Selbſt ſie angetrieben! Mit dem traulichen Du hatte ſie ſtets das Herz Ettershaidens zu öffnen gewußt, aber in der Härte ihrer Selbſtſucht war ſie dann auch ſtets wieder zu der alten Hofſitte übergegangen, die das fremdthuende Sie an⸗ ſtändig fand, wenn ſie ſah, daß ſie ihren Willen nicht durchzuſetzen vermochte. Seit langer Zeit zum erſten Male blieb ſie an dieſem Tage der traulichen Benen⸗ nung getreu, welche ganz unvermerkt auch zur freund⸗ ſchaftlicheren Hingebung führte. Herr von Ettershaiden, durch ſeine letzten Erfah⸗ 8⁵ rungen belehrt, hielt eine weiſe Beſchränkung dieſer erſten Friedensſcene für zweckdienlich. Nachdem er eine Zeit lang ſich mit wahrem Genuß der gemüthlichen Unterhaltung mit ſeiner Gattin hingegeben hatte, brach er auf, indem er ihr erklärte, daß er einen Brief vom hochwürdigen Biſchof Dameke empfangen habe, den er noch heute zu beantworteten bedenke. „Betrifft der Brief unſere Fides?“ fragte Frau von Ettershaiden aufmerkſam. „Allerdings! Ich habe um Aufklärungen über ihre Herkunft gebeten und die will der hochwürdige Herr nur bedingungsweiſe geben. Er verlangt die Gründe zu wiſſen, weshalb dieſe Aufklärung gewünſcht wird und läßt durchblicken, daß er das Verlangen von Fides unbegreiflich finde, da ihre Erinnerungen unmöglich ſo weit reichen könnten, um aus freien Stücken einen Zwei⸗ fel an ihre bürgerliche und ehrenwerthe Abkunft aufzu⸗ ſtellen. Ich gedenke dem hochwürdigen Herrn zu ant⸗ worten, daß ein aufgetauchtes Gerücht ſie als eine Toch⸗ ter des Prinzen Louis bezeichnet und ihre Entrüſtung erweckt hätte.“ Frau von Ettershaiden erhob ſich ſchnell.„Nein, Ottmar,“ ſagte ſie mit einem Aufluge von Würde, „nein, ſchreibe dem Hochwürdigen die Wahrheit, ver⸗ hehle ihm den Antheil nicht, den ich daran habe, aber,“ ſſetzte ſie mit gehobener Stimme hinzu,„erkläre ihm in 86 meinem Namen, daß ich es für gut gehalten habe, eine Prüfung mit dem lieben Mädchen anzuſtellen, um ſeines edlen Kernes ſicher zu ſein. Die Creaturen des Königs von Weſtphalen haben dies ſchöne Weſen gut genug gefunden, ſeine Sinne zu beſchäftigen.— „Bella!“ rief Ettershaiden aufflammend.„Und man wagte—“ „Ruhig, mein Theurer! Man wagte mich bloß für thöricht und einfältig genug zu halten, um mir Schlin⸗ gen zu legen, worin mein ſchönes Pflegekind mitgefan⸗ gen werden ſollte,“ fiel Frau von Ettershaiden be⸗ ſchwichtigend ein. „Der Beſuch der Gräfin Ancelot—“ „Zielte darauf hin—“ Ich habe darauf jede Be⸗ ziehung zum Kaſſeler Hofe gelöſt, ich habe gebrochen mit der, die mich vor mir ſelbſt erniedrigte.“ „Bella, ich danke Dir für dies Vertrauen,“ ſagte der alte Herr, warm ihre Hand faſſend.„Ich danke Dir für dieſe Garantie einer beſſern, heiteren Zeit. Denn das Licht der Erkenntniß kann nur läuternd auf Dich 3 wirken und dieſe Läuterung verbürgt mir unſern Frie⸗ den. Vielleicht tagt noch ein Morgen für uns nach der ſchweren, dunkeln Nacht, die uns trennte.“ Frau von Ettershaiden nahm ſeine Hand, die er ihr darbot, ſanft lächelnd zwiſchen ihre beiden Hände und behielt ſie ſo während der Zeit, daß er noch bei ihr war.. 87 „Es muß ein beſonderes Geheimniß ſein, mein Lieber,“ begann ſie nach einer kurzen Pauſe,„es müſ⸗ ſen beſondere Gründe obwalten, daß ſich ein katholi⸗ ſcher Geiſtlicher mit ſolcher Toleranz einer Sache wid⸗ met, die ſeiner Kirche ein Beichtkind entzieht.“ „Ich glaube nicht, meine Gute,“ ſagte der alte Herr freundlich.„Mir iſt erinnerlich, daß der hochwür⸗ dige Herr als Grund anführte, der Vater von Fides habe zur Bedingung gemacht, ſeine Kinder müßten in ſeiner Religion erzogen werden.“ „Nun, wenn nicht ganz beſondere Gründe zur Be⸗ dingung aufforderten, ſo möchte es wohl erſprießlich gefunden ſein, nach dem Tode des Vaters davon ab⸗ zugehen!“ „Dieſer Einwand läßt ſich hören! Ich habe über⸗ dies feſt beſchloſſen, auf eine Erklärung zu dringen, ſelbſt wenn mich dies Verfahren der Geſellſchaft des lieben Mädchens berauben ſollte. In dem Briefe des hochwürdigen Herrn ſind vielerlei Andeutungen, die mich ſtutzig gemacht haben. Zum Beiſpiel fragt er darnach, ob eine beſtimmte Perſon auf Fides Spur gekom⸗ men ſei.“ „Dann lebt alſo noch Jemand, der ein gerechtfer⸗ tigtes Intereſſe an Fides nehmen kann?“ „Unbedingt! Er bittet mich dringend, ganz ehr⸗ lich zu ſein und ihm zu ſagen, wie dem Kinde nachge⸗ 88 forſ ſcht ſei und wer den erſten Anlaß dazu gegeben habe. Ich werde ihm natürlich den Argwohn benehmen, daß andere Rückſichten, als gerade Fides Wünſche mich zu der Aufforderung gebracht hätten und werde ihm erklären, daß ferneres Geheimhalten den Ruf der El⸗ tern nicht allein gefährden, ſondern auch Fides in eine ſchiefe Stellung bringen Mnne. Ich werde die Ausliefe⸗ rung jenes Käſtchens, deſſen ſich Fides noch mit der größten Geanisteit erinnert, beautragen und ihm zu beweiſen ſuchen, daß ich eine offene Darlegung aller Verhältniſſe jetzt verlangen müſſe.“ 1 „Ich pflichte Dir vollkommen be Ottmar!“ ſagte Frau von Ettershaiden lebhaft.„So lange Fides ſelbſt im Dunkeln geweſen, waren dergleichen Maaaßrfgelt nicht nothwendig. Jetzt, wo ihr der unbeſtimmte Arg⸗ wohn Thor und Thür geöffnet, iſt's Schuldigkeit, ſie zu belehren, ehe ſich ein bitteres Gefühl in ihr ausbil⸗ det. Fides iſt lebhaft bis zum Exceß! Sie iſt ſchön genug, um allgemeine Senſation zu erregen. Sollen wir ruhig zu ſchauen, wie ſich in dieſer herrlichen Blüthe, die ſich ganz unbeachtet zwiſchen uns entfaltete, ein Wurm einniſtet, der die kindliche Harmonie ihres We⸗ ſens ſtört?“ „Du biſt Fides alſo wirklich geneigt? Du erkennſt ihre Vorzüge an?“ rog der alte Herr im Sturme 3 freudiger Ueberraſchung. 89 Die Dame lächelte ſchwach, ſagte aber mit eigen⸗ thümlicher Offenheit ſchnell, als müſſe ſie eilen, damit ihr das ſchwere Zugeſtändniß nicht leid werde:„Das Mädchen hat mir imponirt! Naturen, wie Melitta, ſind mir nicht fremd geblieben. Solche Charakterbildungen finden ſich häufig unter uns Frauen. Sanftmuth mit Feſtigkeit gepaart erleichtern die Siege über alle Ver⸗ ſuchungen! Aber, daß dies friſch naturwüchſige, ſpru⸗ delnde Weſen, welches eine hinreichende Portion Eitel⸗ keit mit Weltſinn vermiſcht, in ſich trägt, über dem Wellenſchlage der Weltlichkeit ſich zu halten verſtand, das frappirte mich und gab mir einen Maßſtab ihres innern Gehaltes. Seitdem liebe ich das Mädchen!“ Ettershaiden entfernte ſich mit freudepochendem Herzen. Seine Zukunft hatte ſich weſentlich gelichtet unter dieſen kurzen Unterhaltung, aber ſein Gewiſſen regte ſich leiſe und im Rückblicke auf ſeine Vergangen⸗ heit fragte er ſich:„Habe ich ein friedliches Alter ver⸗ dient? Nein! Aber ich will Alles thun, um deſſelben werth zu ſein.“— Und ſeine Gattin ſprach zu ſich ſelbſt:„Sollte es wirklich wahr ſein, daß uns Frauen tauſend Wege zum freudenvollen Daſein offen ſtehen, wenn wir mit vernünftiger Reſignation aus den Blüthentagen der Ju⸗ gend in's reifere Alter treten? Mir iſt zu Muthe, als 90 werde mir ein ſchönes Glück aus den trüben Tagen der Selbſtquälerei erblühen!“ Sie trat wieder an's Fenſter und ſchauete hinaus. Wie leicht war ihr um's Herz, nun fie den erſten Schritt zur Umkehr gethan und aus ihrer an Unempfindlichkeit gränzenden Gemüthsſtimmung herausgetreten war. Ur⸗ ſprünglich für das Hofleben beſtimmt, hatte man ſie frühzeitig angehalten, die Regungen des Herzens dann zu beſiegen, wenn ſie die Gränzen der Selbſtbeherr⸗ ſchung bedrohen könnten. Dadurch beeinträchtigte ſich die Wärme ihrer Empfindungen zwar nicht, aber ſie hielt ſich ſo lange ſtreng im Zaume, bis ihr Mitgefühl vom Eishauche der Convenienz kryſtalliſirte und die geringſte Aufthauung ihr unbequem wurde. Jetzt war der Zeit⸗ punkt bei ihr eingetreten, daß ſie von innen heraus aufzuthauen begann und das wonnige Gefühl der Selbſt⸗ zufriedenheit über ihr Herz ſchlich, als ſie ſich zum erſten Male zu einem Bekenntniſſe herabließ, welches ihre Trauer beim Alleinſtehen in einem Schmerze ihr er⸗ preßte. Sie bereuete das, was ſie früherhin als eine un⸗ würdige Schwäche belächelt haben würde, durchaus nicht, ſondern gelobte ſich, auf dem jetzt betretenen Wege ver⸗ ſuchsweiſe fort zu gehen. Ihr Blick, erweitert durch die eingetretene Wärme des Herzens, traf in dieſem Momente auf Fides und 91 Melitta, die eng verſchlungen aus dem Bosket traten und dem Schloſſe zuſchritten. Sie ſah auf der Stelle, daß es in dem Buſen dieſer beiden lieblichen Mädchen ſtark gewogt haben mußte. Noch jetzt hoben ſich die Augen thränenſchwer und ein Zucken um die feinen Lippen erinnerte bedeutſam an ein ſchwer bekämpftes Leiden. Aufmerkſam prüfte Frau von Ettershaiden die Geſichtszüge Melitta's, die ſchwerer noch vom Wetter⸗ ſtrahle des Kummers getroffen erſchienen. Sie verrieth, daß der Abſchied Oswald's hier ein armes ſchlummern⸗ des Herz geweckt habe. Sie errieth, daß dieſe Thrä⸗ nen dem herben Schmerze einer ewigen Trennung gal⸗ ten und ein unendliches Erbarmen durchzog ihr weich gewordenes Gemüth.„Wie wird Melitta dieſe ſchwere Prüfung ertragen?“ fragte ſie ſich.. Da wendeten ſich die jungen Mädchen und gingen wieder zurück in die Gebüſche, wo die mannigfachen Blüthen des Gartens ihren würzigen Duft, gleich einem Balſam über ſie ausſchütteten. Sinnend blieb Frau von Ettershaiden ſtehen, erwartungsvoll ihrem Anblicke entgegenſehend. Aber ſie kamen nicht wieder zum Vorſchein. Sie wählten ein anmuthiges Verſteck zwiſchen dem Geſträuch, wo nicht einmal das Blau des Himmels und der Glanz der Sonne auf ihre trübſinnigen Geſichter ſcheinen konnte. 92 Hier ließen ſie ſich nieder. Melitta legte den Arm um ihre Freundin und zog ſie feſt an ihr Herz. „Du weißt nun, meine Fides, wie traurig es iſt, jemand ſo feſt und treu zu lieben, daß der ganze Him⸗ mel um uns einzuſtürzen droht, wenn der ſcheidet, dem wir uns auf ewig geweihet haben. Hüte Dich, meine Kleine, hüte Dich vor dieſer Liebe, ſie zerſtört unſern Frieden und überliefert uns traurigen Kämpfen!“ „O, es würde beſſer ſein,“ erwiederte Fides muthig, „wenn Ihr Euch für den Fall einer glücklichen Heim⸗ kehr verlobt hättet.“ Ein lichtes Roth überflog Melitta's Geſicht. Sie warf einen ſchwärmeriſchen Blick auf Fides und flüſterte: „Ob ausgeſprochen oder nicht— ich bin ihm verlobt und er gab mir ſcheidend den Schwur zum ewigen Bunde.“ „Ohne zu ſprechen?“ fragte Fides altklug.„Darin kann kein Troſt liegen. Ich meine eine Verlobung mit Kuß und Wort, worin die Seligkeit der tröſtlichen Hoffnung ruhen kann. Mit ſolchem Troſte im Herzen lebt es ſich in der Erinnerung ſowohl, als in der Er⸗ wartung himmliſch leicht.“ Melitta ſah ſie erſtaunt an. Fides legte ſchelmiſch ihren Finger auf ihr klopfendes Herz und ſagte ſehr leiſe:„Ich rede aus Erfahrung!“ „Du?“ fragte Melitta, auf der Stelle von ihrem bittern Grame abgezogen.„Du? Aus Erfahrung. 93 Zufolge der franzöſiſchen Lectüre oder muß ich glauben, daß der Marquis verſucht hat, Dein kleines Herz zu erobern?“ „Ja! Es folgt wirklich eine Fortſetzung, Melitta!“ ſagte Fides gravitätiſch. „Ich bin neugierig auf dieſe Fortſetzung,“ ſchaltete Melitta etwas ſchroff ein. „Höre nur! Zuerſt ändert der Held ſeinen Namen in meiner Liebesgeſchichte und tritt unter einem wunder⸗ hübſchen, wunderlieben Namen auf. Er nennt ſich plötz⸗ lich Thilo von Ettershaiden!“ Melitta fuhr nicht vor Ueberraſchung in die Höhe und fiel auch nicht in Ohnmacht vor Schreck. Beides hatte Fides erwartet und es verdroß ſie, daß nichts dergleichen geſchah. Getäuſcht ſah ſie Melitta an und fragte:„Nun, was ſagſt Du zu dieſer Metamorphoſe?“ „Nicht viell Erſt war der Mann ein deutſcher Franzoſe, jetzt iſt er ein franzöſiſcher Deutſcher! Ich kannte dieſe Fortſetzung ſchon durch Oswald!“ ſprach Melitta ernſt.„Er iſt ein Jugendgeſpiele Oswald's geweſen und hat ſich ihm vor dem Abſchiede entdeckt, aber wovon weißt Du das, was noch Geheimuiß blei⸗ ben ſoll?“. „Thilo hat mir's auch entdeckt,“ antwortete Fides eben ſo ernſt und ſichtlich verſtimmt durch Melitta's un⸗ theilnehmenden Ton. 94 „Hat er Dir noch mehrere Entdeckungen gemacht?“ fragte Melitta. „Ja. Er hat mir geſagt, daß ich ihm angehöre, weil er mich aus einer Gefahr errettet habe. Darauf habe ich kurzweg erklärt, daß ich ohne Deine Erlaubniß ihm kein Recht auf mich geben würde und daß Du von jetzt an mich ſtets begleiten ſollteſt, wenn ich ihn im Förſtergarten zu beſuchen käme. Aber dann, Melitta, dann hat er mich ſo kühl und vornehm entlaſſen, als ob ich's mir zur Ehre rechnen müſſe, daß er ſo gut und lieb gegen mich geweſen. Ich gehe nie wieder nach dem Forſthauſe, darauf gebe ich Dir meine— —“ Sie ſtockte und blickte vor ſich hin.„Nein meine Hand will ich Dir doch nicht darauf geben,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„denn wenn mein Herz ſo ſchwer werden ſollte, wie Deines, dann laufe ich hinab nach dem För⸗ ſter und warte geduldig, bis Thilo kommt— und dann ſage ich ihm, daß ich ihm angehören wolle ohne Deine Erlaubniß! Den Schluß kannſt Du Dir denken! Ich werde Thilo's Frau!“ Melitta betrachtete die eifrige Erzählerin mit mit⸗ g 3 leidigen Blicken.„Kleine Thörin,“ erwiederte ſie.„Dein Roman entwickelt ſich zu ſchnell, um für ein ganzes langes Leben Stich zu halten. Ich werde Dich nie wieder allein gehen laſſen!“ „Still!—“ flüſterte Fides und ſchauete beklommen 9⁵ in's Dickicht hinein, das ſich regte, als ſchritte Jemand zwiſchen demſelben näher. Es war die Zofe der Frau von Ettershaiden, die ſich reſpectvoll vor den jungen Mädchen verneigte und ſie im Namen ihrer Herrin um einen Beſuch im Zimmer derſelben bat. Melitta und Fides blickten ſich bedeutſam an, als die Zofe nach ihrer Zuſage das Bosket wieder eilig verließ. „Bringt's Leid oder Freud'?“ fragte Fides.„Was will Deine Frau Tante von uns?“ „Was es auch ſei— wir verrathen uns nicht!“ antwortete Melitta, mit Gewalt ihre Mienen erhellend. „Merkwürdig—“ meinte Fides aus einem leich⸗ ten Sinnen auffahrend.„Seit Deine Tante mir die weiße, kalte Hand auf die Stirn gelegt und ihre Lippen dieſe Stirn dann berührt haben, iſt es mir, als ſei ich geweihet! Ich glaube, daß ich dieſe Frau ſchwärmeriſch lieben könnte, wenn ſie es mir erlauben wollte!“ Melitta zog ſich haſtig ein wenig von Fides zu⸗ rück.„Du ſcheinſt ein großes, weites Herz zu haben, denn Du liebſt Viele!“ ſagte ſie ſcharf. „Gönne mir dieſe unausſprechliche Wonne, Euch Alle zu lieben!“ rief Fides feurig.„Ich verlange ja keine Gegenliebe!“ 3 Von dieſem Ausrufe bezwungen, wendete ſich Me⸗ litta ihr wieder herzlich freundlich zu und ſie traten 96 einig ihren Weg zu dem Zimmer der Frau von Etters⸗ haiden an. Der Empfang dieſer Dame entſprach ihren Erwartungen, die, wie Fides ganz bezeichnend geſagt hatte, zwiſchen Leid und Freud' ſchwebten, nicht. Sie wurden ruhig und kühl, wie immer, von ihr aufge⸗ nommen. Die Schritte, womit ſie gewaltſam den Con⸗ fliet zwiſchen ſich und ihrem Gemahle, geendet hatte, waren hier nicht nöthig. Sie glaubte ein Verſtänd⸗ niß langſamer entwickeln laſſen zu können und begnügte ſich damit, für's erſte den Abſchied Oswalds und die Beſitznahme der Burg zum Gegenſtand eines leichten vertraulichen Geſpräches zu machen. Fides, in der Lebhaftigkeit ihres Temperamentes, gab ſich Blößen. Sie verrieth in einzelnen unbedacht⸗ ſamen Außerungen, daß ſie Kenntniß von der Umwan⸗ delung der Burg und von der Perſönlichkeit des jetzigen Beſitzers erhalten habe. Ihr Intereſſe an denſelben brach aus jedem Worte hervor und hätte nicht ein wirkungsvoller Wink Melitta's ſie getroffen, ſo wäre die Enthüllung, daß der Marquis d'Etérais kein ande⸗ rer, als der verſchollene Thilo von Ettershaiden ſei, unausbleiblich geweſen. Melitta, erfahrener in der Kunſt, Offenheit mit Zurückhaltung paaren zu können, hielt ſich tapfer bis zu dem Momente, wo ihre Tante mit unverkennbarer Aufrichtigkeit die jähe Abreiſe Oswald’s 97 beklagte und ſich ſelbſt die Schuld beimaß, daß er ſeine Pläne darüber ſtreng geheim gehalten hatte. „Er iſt fort,“ ſagte ſie mit einer Stimme, ſo leiſe und gütig, wie man ſie nicht von ihr zu hören gewohnt war.„Er iſt fort und indem er ſich entſchlof⸗ ſen hat, dem vorausſichtlich heißen Kampf der Ruſſen gegen Napoleon ſeine Fähigkeiten zu widmen, geht er dem Tode entgegen. Wohl dem, der ihn ohne Reue beweinen kann— mir iſt dies Glück nicht vergönnt, denn ich habe ihn durch Verkennung gekränkt!“ Da brach Melitta's mühſam behauptete Faſſung zuſammen und ſie ſank mit einem leichten Schrei, über⸗ ſtrömt von Thränen in ihren Seſſel zurück. Frau von Ettershaiden ſtand auf und drückte den Kopf ihrer Nichte leiſe an ſich.„Auch ich, liebe Tante— auch ich habe Oswald gekränkt durch Egoismus,“ flüſterte ſie kaum hörbar. „Ich dachte es wohl,“ ſagte dieſe.„Und Dein ſchmerzdurchkrampftes Geſicht verrieth mir, daß Du den Troſt einer erfahrenen Frau gebrauchteſt. Vertraue mir, Melitta— ich bin bereit Alles zu thun, was zu Dei⸗ ner Erleichterung, was zu Deinem Troſte geſchehen kann!“ Melitta trocknete raſch ihre Thränen. „Nichts kann geſchehen! Es iſt Gottlob keine Ver⸗ ſtändigung nöthig, denn Oswalds Edelmuth hat mir meine Launenhaftigkeit verziehen!“ ſagte ſie wieder gefaßt. E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 7 98 „Wohl Dir,“ antwortete Frau von Ettershaiden. „Wenn die Lehren ſolcher Erfahrungen in ein jugend⸗ liches, weiches Gemüth fallen, ſo ſteht der Troſt der guten Vorſätze ſogleich zur Seite und erleichtert die Beſſerung. Aber ſchwer iſt es im Stolze des gereiften Verſtandes eine tadelnswerthe Uebereilung einzugeſtehen, weil die Beſchönigungen der guten Vorſätze da eine Lächerlichkeit ſind und die Rechtfertigungen ohne Demü⸗ thigungen unmöglich erſcheinen. In dem kleinen Miß⸗ verſtändniſſe zwiſchen Dir und Oswald liegt die Lehre, daß man niemals den, welchen man lieb hat, durch Wort und Blick kränken ſollte, da eine ewige Trennung die Reue darüber unauslöſchlich macht.“ V. Capitel. Der Stolz im Staube. Thilo von Ettershaiden betrachtete ſein jetziges Leben als einen Vorſchmack jener Seligkeit, die des Guten harren ſoll in himmliſchen Höhen. In der eige⸗ nen Genügſamkeit entfaltete ſich ſein Glück täglich ſchö⸗ ner und was ihm zur Vollkommenheit deſſelben noch fehlte, das erwartete er mit dem vollen Feuer der Zu⸗ verſicht von der Zeit. Arnulf's Zuſtand beunruhigte ihn zwar ſtark, aber die Ruhe der Erſchöpfung täuſchte ihn dennoch über die Nähe einer Lebensgefahr. Nachdem er ſich erſt an die verfallene Geſtalt, an das erloſchene Auge und an die Bläſſe ſeiner Wangen gewöhnt hatte, ſah er in der ſanften Freundlichkeit, womit der arme Kranke ſeine 7* 100 Sorgfalt zu belohnen ſtrebte, einen Fortſchritt der Ge⸗ neſung. Willig folgte Arnulf den Vorſchriften, die ein herbeigerufener Arzt ihm machte. Er weigerte ſich auch nicht, wenn Thilo den prächtigen Sonnenſchein im Gar⸗ ten als heilſam pries und ihn hinaus zu geleiten An⸗ ſtalt traf. Dort in der freien Gottesluft hob ſich dann ſein geſenktes Haupt zu einem freien Athemzuge und er ließ ſein Auge friſch belebt dem lebhaften Spiele ſeiner Kinder folgen, die, fern von aller Noth, hier aufblüheten gleich den Roſen des Gartens. Hier im Garten, umgeben von dem Hauche ſüßer Erinnerung, hier erfaßte Thilo oft ein tiefes, heiliges Sehnen nach dem Anblicke des jungen Weſens, das ſein Herz gewonnen hatte. Hier fühlte er die Ent⸗ behrung ſtärker, die Fides im Mißverſtehen ſeines Benehmens ihm ſtreng anferlegte. Hier wurde die Stimme lauter, die im Sorgen und Schaffen des häuslichen Verkehres gedämpft erſchien. Schon mehrmals hatte Arnulf angedeutet, daß er ſeinem Bruder ein klares Bild ſeiner Vergangenheit ſchulde. Thilo war jedoch bemüht geweſen, ſeine Eröff⸗ nungen zu verhindern. „Du mußt mich endlich hören, Thilo,“ ſagte Ar⸗ nulf eines Morgens, wo ſie allein im Zimmer waren. Thilo blickte ihn an mit dem Lächeln unſäglichen Ver⸗ trauens. 101 „Was wirſt Du mir ſagen können, was ich nicht ſchon errathen habe,“ erwiederte er. „Du irrſt! Es ſtehen mir peinliche Geſtändniſſe bevor. Im Rückblicke auf die Vergangenheit belaſtet noch manches mein Herz, was Du wiſſen mußt. Meine eigene Ehre fordert mich auf Dir zu enthüllen, was aus anderm Munde Dein Urtheil über mich verändern, ja ungerecht machen könnte. Es iſt ſogar möglich, daß bei den guten Ausſichten meines Söhnchens auf die Erbfolge eine ſchwere Verantwortung auf mich fiele, alſo laß mich reden, auch wenn es. mich entkräften ſollte.“ „Wenn Du fürchteſt, daß der alte Oberhofjäger⸗ meiſter Einwendungen gegen Deinen Sohn machen wird, ſo irrſt Du. Betreffen daher Deine aufregenden Mit⸗ theilungen die Abſtammung ſeiner Mutter, ſo überlaß dem Zufall dieſe Enthüllungen.“ „Meiner Kinder Mutter war eine Gräfin Warr⸗ leben, lieber Thilo,“ ſagte Arnulf verwundert.„Habe ich Dir das nicht gleich geſchrieben? Nein? O, ſo ver⸗ zeihe mir die Nachläſſigkeit! In dieſen Verhältniſſen liegt kein Geheimniß, nur eine erdrückende Reminiscenz. Zuerſt das reinſte, ſchönſte Glück! Dann die fürchter⸗ lichſte Noth! Ich ließ mein theures Weib aus dem Erlös unſerer Trauringe begraben! So ſehr ich ſie geliebt habe, Thilo, der Gedanke an ſie iſt’s nicht, der 102 mich beſtändig aufregt und bis zur Qual martert. Deine Liebe verſüßte dieſer Gattin die letzten Augen⸗ blieke— mein frohes Lächeln, das die Qual meines Innern vortrefflich verdeckte, half ihr die Todesqual überwinden, aber— Gott ſei mir gnädig— wie iſt meine erſte Gattin geſtorben? Hat ſie mir geflucht mit dem letzten Hauche ihres Mundes? Hat ſie in Verzweiflung nach mir gerufen, den ſie liebte, wirklich liebte?“ „Arnulf—“ unterbrach ihn Thilo erſchrocken,„Du phantaſirſt wohl! Du ſprichſt von einer erſten Gattin?— Du eröffneſt mir, daß Deiner Kinder Mutter eine gebo⸗ rene Gräfin Warrleben geweſen ſei und doch erinnere ich mich, daß unſer würdiger Lehensvetter dort im Schloſſe Ettershaiden von einer ſeltſamen Heirath geredet hat, die aus Rückſicht auf Reichthum von Dir geſchloſſen ſein ſollte? In Rückſicht hierauf glaubte ich, mit eini⸗ ger Beſorgniß, Eröffnungen hören zu müſſen.“ „Siehſt Du, daß meine Geſtändniſſe nöthig ſind,“ rief der Kranke lebhaft. „Im Angeſichte des Todes ſieht man des Lebens Vorzüge mit Mitleiden an,“ fügte er leiſe hinzu.„Ich war ſtolzer, als der Stolzeſten Einer, weil man meinen Stolz verletzt hatte von Jugend auf. Doch nun höre, mein Bruder.“— Er athmete einigemale recht tief und ſchmerzlich beklommen, ehe er fortfuhr:„Du erin⸗ 103 nerſt Dich, daß ich nach einem Winkel Schleſiens ge⸗ ſchickt wurde. Der Landesdiſtriet, wo ich als Dirigent eines kleinen Landgerichtes wirken ſollte, lag zwiſchen Mähren, Böhmen Polen und Ungarn eingekeilt, und ich hatte mit allen Nationallaſtern dieſer Völkerſchaften zu kämpfen, weil ſie auf meine Kreiseingeſeſſenen in⸗ fluirten. Der dortige Landedelmann war in der Cultur weit zurück, er fröhnte denſelben Laſtern, wie der ge⸗ meine Mann, nur in andern Kreiſen und unter glän⸗ zenderen Verhältniſſen. Schmuggeln gehörte zur Tages⸗ ordnung. Mord und Todtſchlag bei Zänkereien wurde als ein Beweis von Muth betrachtet. Trunkſucht über⸗ all und falſches Spiel! Wer ſich darin auszeichnete, war der Matador der Zeit. Gleich nach meiner An⸗ kunft bezeichnete man mir einen Herrn von Uklanki als denjenigen, welcher mit der größten Frechheit ſchmug⸗ geln ließe und mindeſtens mit eigener Hand ſchon vier Gränzjäger zur Ewigkeit befördert habe. Ich ließ dar⸗ auf eine Drohung fallen: er möge ſich vor mir hüten, wenn ſeine Ehre ihm lieb ſei, denn ich würde ohne Anſehen der Perſon die Pflichten meines Berufes wal⸗ ten laſſen nach Ausübung eines Verbrechens. Ob ihm dieſe drohende Aeußerung zu Ohr gekom⸗ men, wußte ich anfangs nicht. Ich ſollte in einem fürchterlich ſchweren Augenblicke zur Gewißheit kommen, 10 ¼ daß ich mit dieſer Drohung mein Schickſal heraufbeſchwo⸗ ren habe. Im Allgemeinen lebte ich zurückgezogen, vermied aber die Geſelligkeit nicht gleich einem Miſanthropen. Auf einem Balle ſah ich ein Mädchen von unbeſchreiblichem Liebreiz. Fortgeriſſen von einer Gluth und Leidenſchaft, wie ich ſie mir ſelbſt nie zugetrauet hatte, näherte ich mich ihr und ſchon am erſten Abende fühlte ich, daß ihre Nei⸗ gung der meinen gleich. Sie war eine Waiſe. Ihr Groß⸗ vater lebte als reicher Staroſt auf ſeinen Gütern nahe an der Gränze von Ungarn. Sie ſelbſt hielt ſich zum Beſuch bei einer Freundin ihrer verſtorbenen Mutter auf. Erlaß mir die Details dieſer Lebensperiode, Thilo. Ich lebte wie in einem Rauſche. Drei Wochen nach mei⸗ ner erſten Bekanntſchaft war Mirra von Polenz mit Be⸗ willigung ihres Großvaters meine Braut und noch drei Wochen ſpäter meine Frau. Jetzt erſt erſah ich aus der glänzenden Einrichtung meines Hausweſens, daß ich eine reiche Erbin gewählt hatte. Das aber glaubte mir niemand. Meine Dienſtwohnung befand ſich in dem linken, wohlerhaltenen Flügel eines alten ehemalig fürſtlichen Schloſſes. Das Gerichtslocal war im rechten Flügel. Im Mittelgebäude, das weit älter, als die Flügel war, lagen öde unbenutzte Räume und die Gefängniſſe derjeni⸗ gen Verbrecher, die ſich noch in Unterſuchung befanden. 105 Eines Tages, vielleicht fünf Monate nach meiner Verhei⸗ rathung, die mir im unſäglichen Glücke verflogen waren, fuhr eine glänzende Equipage, beſpannt mit ſechs Schim⸗ meln, vor, und einige reich gekleidete Cavaliere verließen den Wagen und begaben ſich ohne Weiteres in meine Wohnung. Ich beobachtete dies von meinem Arbeitszim⸗ mer und fühlte ſchon ein gelindes Grauen beim Anblicke der wüſten Geſichter, die aus der Eleganz ihrer Coſtüme hervorſahen, wie ein Spott auf Geburt und Bildung. Ich mußte annehmen, daß es Verwandte meiner Gattin waren, die ich bis dahin noch nicht hatte kennen lernen, obwohl unſer Hochzeitsfeſt eine Verſammlung derſelben herbeigeführt hatte. Nicht eine Minute ſpäter ſtand mein Diener vor mir und bat mich im Namen meiner Frau, hinüber zu kommen. Ich willfahrte ihr und ſtand in Kurzem den drei reich gekleideten, verdächtigen Geſtalten gegenüber, die mit überdreiſter Miene in dem Zimmer Mirra's Platz genom⸗ men hatten. Der Empfang, der mir von ihnen wurde, empörte mich und nur die verſtörten Geſichtszüge meiner Frau bewirkten, daß ich mich gewaltſam faßte und artig bei dem wiehernden Gelächter blieb, womit ſie mich be⸗ grüßten.— Der Aeltere der Herren trat mir nahe, faßte mich frech an's Kinn und ſchrie dann, abermals lachend:„Der ——— 106 Junge hat noch nicht'mal einen Bart und will Uktanki drohen!“ Du wirſt errathen, daß ich die Matadore der Gegend vor mir hatte, die mir in wenigen Worten enthüll⸗ ten: Mirra von Polenz ſei ihre leibliche Conſine und Uklanki ſei mit ihnen verſchwägert.“ Der Kranke hielt erſchöpft inne. Es trat eine lange, trübe Pauſe ein. Thilo unterbrach ſie mit kei⸗ nem Worte. Verſchiedenartige Ahnungen belaſteten be⸗ reits ſein Herz und der erregte Zuſtand ſeines Bruders vermehrte die Qual ſeiner Erwartung. „Jetzt war es mit dem Frieden meines Hauſes vor⸗ bei,“ begann Arnulf von Neuem und ſeine Stimme klang dumpf und matt, wie die eines Sterbenden.„Ich kämpfte eine Zeitlang gegen die feindlichen Gewalten, die uns bedrohten, aber bald ermattete mein Widerſtand bei den erfolgloſen Kämpfen, als ich bemerken mußte, daß das Weſen, welches ich abgöttlich liebte, nicht die Kraft hatte, ſich der Uebermacht ihrer männlichen Verwandten zu entziehen. Durch Erziehung und Gewohnheit dem wüſten Leben derſelben mehr vertraut, ließ ſie mich fühlen, daß ſie mir unrecht gäbe, wenn ich mich ſtolz und kräftig in meiner Geiſtesbildung über ihre Couſins er⸗ höbe und im Eifer des Geſpräches verrieth ſie mir „ endlich, daß wir denſelben unſere Vereinigung verdankten, denn eine Wette habe ihren Großvater veranlaßt, ſie mir 107 in den Weg zu bringen und durch eine Verheirathung mit ihr meine Niederlage anzubahnen. Ein Blitzſtrahl aus blauem wolkenloſen Himmel hätte nicht die Wirkung haben können, wie dieſe Erklärung, die mir einen Schau⸗ der erregte. Aber mein Stolz erwachte. Was war mir ein Glück, welches untergraben werden und meinen Sturz vollenden konnte. Mit der Kraft meiner Seele bezwang ich die Wallungen des Herzens und blickte nun, wie von einem Rauſche erwachend, in die Zukunft. Sie war düſter. Sie drohete aber noch düſterer zu werden, denn Herr von Uklanki begann ein ſo freches Ueberſchreiten aller geſetzlichen Verordnungen, daß ſelbſt ſeine wilden Genoſſen ſtutzig wurden. Ich entſchloß mich raſch. Mit kurzen Worten berichtete ich dem Miniſterium meine Stellung zwiſchen der Familie meiner Frau und bat um eine beſchleunigte Verſetzung, ſo fern wie möglich vom Schauplatze dieſer Thaten. Zwei Wochen ſpäter traf meine Ernennung zum Director des Gerichtes in Inſterburg ein. Offen und ehrlich geſtand ich meiner Gattin die Maßregeln ein, welche ich zur Abhülfe mei⸗ ner Drangſale ergriffen hatte. Meine deutſche Ehrlichkeit trug mir ſchlechte Früchte— ich geſtehe es Dir, mein Herz erkaltete unter den Vorwürfen, die Mirra mir machte, und als ſie mir heftig erklärte, lieber zu ihrem Groß⸗ vater zurückkehren zu wollen, als mit mir in die Fremde— zu ziehen, da ſtellte ich ihr dies frei. Aber ſier * 108 liebte mich! Sie wollte mich nicht verlieren, deshalb erneuerte ſie täglich mehrmals Scenen, worin Thränen, Bitten und Verwünſchungen wechſelten. Ich blieb feſt und traf Anſtalten zur Abreiſe. Mich widerten die leidenſchaftlichen Auftritie an. Mein Herz war kalt ge⸗ worden. Selbſt als Mirra die Vermuthung aufſtellte, daß ſie Mutter zu werden hoffen konnte, ſelbſt da hielt mich mein tief gekränkter Stolz ab, ihr irgend ein Wort der Liebe und des Troſtes zu bieten. Ich ſtellte es ihr anheim, ob ſie mir nach Inſterburg folgen wolle oder nicht. Mirra entſchloß ſich zu ihrem Großvater zu rei⸗ ſen, um deſſen Rath zu hören. Ich habe ſie aber nie wiedergeſehen! Meine Conſequenz erlaubte mir keine wei⸗ tere Annäherung und ſie ſelbſt hat niemals verſucht, ſich mir wieder in Erinnerung zu bringen. Es kamen Leute vom Gute ihres Großvaters und räumten mit roher Haſt und Willkür meine Wohnung aus. Kaum daß man mir meine Kleidung und Wäſche ließ. Ruhig fügte ich mich dieſer Brutalität. Aber mit welchem Gefühle ich dann in den öden, leeren Räu⸗ men umherging, das zu beſchreiben überſteigt jetzt meine Kräfte. Erlaß mir alſo die Schilderung meines dama⸗ ligen Seelenzuſtandes. Ich war ein Opfer grober Intriguen geweſen und als ich ſtolz meine Manneskraft bewies, da zogen die Andeutungen meiner Freunde den Schleier von meinen Augen. Indem ſie mit dem Lä⸗ 109 cheln des Unglaubens meine ruhige Erklärung aufnah⸗ men, daß ich bei einiger Kenntniß von Mirra's Familien⸗ verhältniſſen nie an eine Verbindung mit ihr gedacht haben würde, zeigten ſie mir, daß mich eine einzige Frage davon unterrichtet hätte. Ich verließ meinen Wirkungskreis mit leichtem Herzen. Dem Gram bot ich eine eiſenfeſte Stirn. Ich hoffte von der Zeit Ruhe. Aber ſo leichten Kaufes ſollte ich nicht davon kom⸗ men. Das Gerücht ſchlich mir nach und verwandelte mit der Lügenbereitwilligkeit der Menſchen mein Unglück in eine Schmach! Ich floh abermals und dies Mal in eine Einöde dicht au Rußlands Gauen. Dort lebte ich wie ein Einſiedler. Ich ſprach mit Niemand, um nur nichts hören zu müſſen, was mich kränken konnte. Nach vieljährigen Opfer verließ ich mein ſelbſt gewähltes Exil und nahm wieder eine günſtigere Stellung ein. Ich konnte hoffen, daß das Hohnlachen meiner Standes⸗ und Berufs⸗ genoſſen aufgehört hatte. Meine Geſundheit hatte gelit⸗ en. Ich war vor der Zeit alt geworden. Im ſtillen Hader in der Welt hatte ich die Auforderungen derſelben gering⸗ ſchätzen gelernt und die äußere Eleganz meiner Perſönlich⸗ keit bis zur ärmlichen Einfachheit heruntergedrückt. Kaum in dem Orte angelangt, wo ich verſuchen wollte, der Cul⸗ tur wieder näher zu kommen, begegnete mir auf einem Be⸗ rufswege derſelbe Geiſtliche, welcher meine Ehe mit Mirra eingeſegnet hatte. Meine Faſſung drohete zu ſchwinden, 110 deshalb verließ ich das Local, wo ich einer Begrüßung nicht ausweichen konnte. Er war feinfühlend genug, meinen Weg nie wieder zu durchkreuzen. Aber als mir kurz darauf durch die Poſt eine ſehr bedeutende Geldſumme zuging, da wußte ich, daß ich ſie ihm zurückzuſenden hatte. Meine Erſcheinung mochte ihn zu dem Glauben großer Armuth verführt haben. Nie habe ich wieder von ihm gehört. Aber ich irre gewiß nicht, wenn ich behaupte, daß mir auf ſeine Veranlaſſung vor acht Jahren der Todtenſchein mei⸗ ner Frau überſendet wurde.“ „Deine erſte Gattin iſt alſo todt!“ rief Thilo ſicht⸗ lich erleichtert. „Ja. Lebte ſie noch, ſo hätte ich nicht heirathen kön⸗ rathen können. Ich würde nie an eine Scheidung gedacht haben. Mirra's Bild war in mir gänzlich verlöſcht. Ihr Tod berührte mich nichts weniger, als ſchmerzlich. Im Gegentheil, ich empfand ihn als eine Erleichterung. Erſt jetzt, nach dem Tode des ſanften, zärtlichen Weibes, das mir Gott, wie zur Vergeltung aller ſchwerer Leiden, gegeben hatte, erſt jetzt tritt dies Bild oft in erſchreckender Klarheit vor mich hin und mahnt mich an eine Pflicht. „Eine Pflicht?“ fragte Thilo verwundert.„Welche Pflicht könnteſt Du verſäumt haben? „Die Pflicht eines redlichen Vaters, Thilo!“ ant⸗ wortete Arnulf mit feierlichem Ernſte.„Ich habe nie danach geforſcht, ob Mirra einem geſunden Kinde das —— —— Leben gegeben— nie iſt es mir eingefallen, daß dies Kind leben könne, berechtigt zu dem Vatersnamen, be⸗ rechtigt zu den Anſprüchen an meine Vaterliebe. Jetzt, wo die Hoffnung winkt, daß meine Kinder mit den ein⸗ träglichen Gütern des Stammes belehnt werden können, jetzt erwacht der Gedanke an meine Pflicht, das Kind Mirra’s, wenn es ein Knabe iſt, als den rechten Er⸗ ben eintreten zu laſſen. Jetzt erwacht auch bisweilen mächtig die Sehnſucht, das Kind Mirra's zu ſehen— mein Herz macht mir Vorwürfe, daß ich meine Kinder ſo über Alles liebe und nicht eine Faſer meines Herzens dem erſten Kinde geweiht habe, das doch unſchuldig an dem ſchweren, mir zugefügten Leide iſt.“ „Beunruhige Dich nicht mit ſolchen Scrupeln, mein lieber Bruder,“ tröſtete ihn Thilo.„Wäre das Kind am Leben, oder wäre Dir überhaupt ein Kind geboren, ſo hätte man es Dir eben ſo gut gemeldet, wie den Tod Dei⸗ ner Frau.“ „Du argumentirſt falſch. Das Kind iſt geboren und lebt, ſonſt hätte man mir's angezeigt!“ ſprach Arnulf mit Nachdruck.„Du weißt nun, was Du wiſſen mußteſt, um Gerechtigkeit üben zu können. Mirra's Sohn iſt mein Erbberechtigter! Mein lieber kleiner Ottmar muß ſich ſeines Lebens Unterhalt zu verdienen ſuchen.“ Thilo ſeufzte ſchwer. Er kannte die Trübſeligkeit eines ſolchen Lebens und das prächtige Bild der Zukunft erloſch nach dieſer Eröffnung. Er ſtand lebhaft bewegt auf und ſchritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb er ſtehen und blickte betrübt auf ſeinen Bruder hinab.„Arnulf, es geht nicht anders, das ſehe ich ein. Unſere Ehre verlangt es, daß wir dem Kinde nachforſchen und demſelben, wenn es ein Knabe ſein ſollte, das Erb⸗ recht, welches wir erſt ſelbſt ſchwer errungen haben, über⸗ laſſen. Es iſt mir jedoch ein entſetzlicher Gedanke mit dem Sprößlinge der jämmerlichen Creaturen, die Dein Daſein vergifteten, in nähere Gemeinſchaft zu treten. Was kann man von dem Abkömmling ſo entarteter Edel⸗ leute erwarten? Mein lieber Arnulf, höre meinen Rath— mißdeute ihn nicht— laß uns lieber jeden Anſpruch an Ettershaiden und den dazu gehörigen Vorwerken auf⸗ geben— laß die Güter an den Fiscus fallen, damit wir nur die Berührung mit denen vermeiden, die in gottloſer Verblendung ihre angeſtammten Rechte bis zum Verbre⸗ chen ausdehnen.— Arnulf richtete ſich feſt und ſtark in die Höhe und ſah ſeinen Bruder mit leuchtenden Augen an.„Ich habe von Tag zu Tag gezögert mit meinen Geſtänd⸗ niſſen, um ſie Dir heiliger zu machen. Nur am Rande des Grabes ſind wir ſicher, daß unſere Wünſche Be⸗ fehle für den Ueberlebenden ſind! Du wirſt thun, was ich von Dir verlangt habe!“ Thilo neigte ſich betroffen zu dem Kranken nieder. ———— 113 „Mit dieſem Opfer meines ganzen zukünftigen Eigenthumes an den Sohn Mirra's würde ich den klarſten Beweis liefern, daß nicht die Berechnungen der Habſucht und Armuth, wie man mir hämiſch nachſagte, ſondern Liebe und zwar innige, heiße und allzuſtürmi⸗ ſche Liebe den Bund geſchloſſen, der mich ſo fürchterlich elend gemacht. Mögen die, welche mich in den Staub traten, noch den letzten Hoffnungsanker der Familie Ettershaiden hinnehmen und im Ueberfluſſe ſchwelgen, während wir ſtolz im Schweiße unſeres Angeſichts unſer Brod eſſen. Es ſoll dies meine Genugthuung auf Erden ſein. Des Himmels Segen wird meine Kinder nicht verlaſſen!“ „Es ſoll geſchehen, wie Du willſt, lieber Bruder,“ rief Thilo laut und feierlich.„Der Druck der Armuth ſoll Deine Kinder nie treffen. In genügſamer Ruhe wollen wir zuſammen unſer Leben beginnen— Gott hilft weiter!“ Ein ſanftes Lächeln verklärte Arnulf's Angeſicht. Sein Stolz, den er für gebrochen gehalten hatte, erhob ſich ſiegreich und ſchwang ſich triumphirend empor, mit ſeinen ſchweren Fittichen die glücklichen Träume Thilo's berührend, die unter dem Gifthauche dieſes Stolzes zu welken begannen. Thilo, obgleich mit ſeinem Sinne für Ehre und Recht, verwarf im Grunde ſeines Her⸗ zens doch die geſpannten und übertriebenen Anforde⸗ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 8 114 rungen eines Stolzes, der eher hungert, als ſich beugt. Daß ſein Bruder in krankhafter Ueberſpannung das zeitliche Wohlbehagen ſeiner Kinder auf's Spiel ſetzte, um ſeinem gekränkten Stolze Genugthuung zu ſchaffen, konnte er freilich nicht tadeln, aber es betrübte ihn, weil er die Folgen dieſer großmüthigen Gerechtigkeits⸗ pflege bedachte. Um ihm die bewölkte Stirn nicht ſicht⸗ bar werden zu laſſen, ſtand er unter einem Vorwande auf, um ſich dann unbemerkt aus dem Zimmer zu ent⸗ fernen. Die Zeit eignete ſich nicht zum Widerſprechen und er hegte im Stillen die Hoffnung, daß gar kein Kind aus dieſer erſten Ehe vorhanden ſei. Noch ehe er aber die Thür erreicht hatte, ſagte Arnulf mit klarem, bedächtigen Tone:„Es giebt noch einen Ausweg für die Hoffnungen unſerer lieben Klei⸗ nen, Thilo. Du weißt, daß das Hausgeſetz der Etters⸗ haiden nur einem Proteſtanten das Erbrecht zuſpricht. Meine erſte Gattin Mirra war katholiſch. Ich habe derſelben zwar ausdrücklich im heiligen Momente unſe⸗ rer Trauung das Verſprechen abgenommen, die Kinder unſerer Ehe proteſtantiſch erziehen laſſen zu wollen, allein es iſt faſt als gewiß anzunehmen, daß Mirra dieſes Gelöbniſſes ſpäterhin gar nicht wieder gedacht hat. Findet ſich ein Sohn aus unſerer Ehe, der ka⸗ tholiſch iſt, ſo hebt dies unſere Verpflichtung gegen ihn auf.“ —— ——.— 115 „Du giebſt mir das Leben wieder!“ rief Thilo ordentlich frohlockend.„Wie würde der Beichtvater Deiner Frau wohl zugegeben haben, ſeiner Kirche ein Lamm entführen zu laſſen! Und eigentlich hätte er recht. Was ſollte ein proteſtantiſches Kind in einer durchweg katholiſchen Familie? Dieſer Umſtand wird uns retten vor Entſagungen.“ „Aber, Arnulf,“ begann er dann nach kurzem Nachſinnen wieder, nach alledem, was ich heute von Dir vernommen habe, wird es doch nothwendig ſein, den alten Lehnsvetter im Schloſſe von unſerm Hierſein zu unterrichten. Was meinſt Du— ob ich zu ihm gehe und das Incognito aufhebe, worunter ich mir die Beſitzergreifung der Burg zu erleichtern ſuchte?“ Als Arnulf ihn ſehr verwundert anſah, fügte er verlegen hinzu:„Ich führte den Namen d'Eterais, nach einer Corruption, die vom Kaiſer Napoleon ausging, und unter dieſem Namen habe ich Beſitz von der Burg genommen. Nur wenige Menſchen kennen mich unter meinem wahren Namen.“ „Dann bitte ich Dich, Deine Erklärung gegen den Oberhofjägermeiſter bis nach meinem Tode zu verſchie⸗ ben,“ antwortete Arnulf.„Ich wünſche ihn nicht wie⸗ der zu ſehen. Melde ihm bei meinem Ableben, wer geſtorben iſt. Sollte er meiner Leiche einen Platz in dem Familiengewölbe verſagen, ſo laß mich im Garten, 8* 116 dicht an der Grundmauer unſerer Stammburg begra⸗ ben. Dort ruhen zu können, iſt auch ein Glück, wel⸗ ches ich vor vier Wochen nicht hoffen konnte zu erlan⸗ gen. O, mir iſt wohl und leicht nach meinem Ge⸗ ſtändniſſe, das meinem Stolze ſehr ſchwer geworden iſt! Laß mich hinaus in den ſonnigen Garten! Ich möchte Gottes Himmel und Erde— ſeine Ewigkeit und ſeine nimmer raſtende Güte— bewundern. Laß mich hinaus! Mit meinen lieben Kleinen will ich fröhlich den Glanz der Sonne belauſchen und das üppige Grün der Pflan⸗ zen betrachten.“ Er erhob ſich in einem Anfalle merk⸗ würdiger Unruhe und wollte zur Thür ſchreiten. Thilo drückte ihn ſanft wieder in die Polſterkiſſen des Divans. Es hatte früh geregnet. Er ſollte noch einige Stunden zögern— dann wollten ſie Alle zu⸗ ſammen hinaus. „Noch einige Stunden!“ ſagte der kranke Mann, mit göttlicher Ruhe den Blick aufwärts hebend. Sein Haupt ſank dann müde hinab auf die Bruſt. „Ich muß hinab nach Wangeroda,“ ſprach Thilo, gemüthlich das Lager ſeines Bruders ordnend.„Schlaf unterdeſſen! das anhaltende Sprechen hat Dich ermat⸗ tet. In zwei Stunden bin ich zurück. Ruhe Dich aus, nachher wollen wir, allen Harm vergeſſend, im Schooße der Natur ſchwelgen!“ „Noch einige Stunden!“ wiederholte der Kranke —-—— ſanft und ergeben.„Wer acht Jahre auf die Beruhi⸗ gung eines furchtbaren Schmerzes gewartet, dem wer⸗ den einige Stunden der Erwartung nicht ſchwer. Und wer da hofft, bald im Sonnenglanze der Ewigkeit zu wandeln, der legt das müde Haupt gern zur Ruhe nieder.“ Er hob ſeine Hand, um ſie Thilo zu reichen. Sie fiel matt auf die Decke nieder, womit er umhüllt war. Thilo aber neigte ſich und küßte ihn zärtlich. Als er einige Minuten ſpäter nochmals zu ihm trat, athmete er tief und leicht. Ein ſanfter Schlummer umhüllte ſein Erinnerungsvermögen und goß Ruhe i ſeine gequälte Seele. VI. Capitel. Poreilige Feldzüge. „Was iſt das mit der Burg?“ ſprach Frau von Ettershaiden, lebhaft von einem Briefe aufblickend zu ihrem Gatten, der am Fenſter ſaß und Zeitungen las. Melitta und Fides ſchauten ſich erſchrocken an. So bereitwillig ſie auf das Entgegenkommen der Frau von Ettershaiden eingegangen waren, ihr volles Vertrauen hatten ſie ihr vorenthalten, weil ſie ſich nicht ſicher einer ſo plötzlichen Sinnesänderung hingeben zu können glaubten. Nach dem erſten Erguß einer wahrhaft müt⸗ terlichen Zärtlichkeit war Frau von Ettershaiden in die Gränzen eines gewöhnlichen, freundlichen Verkehrs zu⸗ rückgetreten und hatte es der Zeit anheimgegeben, für ein weiteres Einverſtändniß zu ſorgen. Ihre Milde verfehlte denn auch nicht, den gewünſchten Eindruck zu ——,— 119 machen. Die jungen Mädchen fühlten ſich angezogen und ſchloſſen ſich täglich enger an die Frau, welche⸗ gleichſam um ihre Liebe warb; aber in ihrem Herzen gab es doch kleine verborgene Falten, die ſie ihr zu verhehlen ſuchten. Dazu gehörte vor allen Dingen das Geheimniß der Burg. Weder der alte Herr, noch ſeine Gattin ahnete, daß der Marquis d'Etérais kein anderer ſei, als der oftmals beſprochene Thilo von Ettershaiden, und es war anzunehmen, daß ſie alle Beide nicht ſehr erfreut über dieſen Umſtand ſein würden; deshalb vermie⸗ den die Mädchen jede Bemerkung darüber und erſchracken nun nicht wenig, als Frau von Ettershaiden mit dieſer herausgeſtoßenen Frage, die ängſtlich und argwöhniſch zugleich klang, an dem ſchwer behaupteten Geheimniß rüt⸗ telte. Sie ſchwiegen jedoch wohlweislich und ſchärften nur ihre Aufmerkſamkeit.— Herr von Ettershaiden legte ſogleich ſeine Zeitung nieder und fragte gütig: „Was ſoll's ſein, Bella? Ich verſtehe Deine Frage nicht, meine Theure!“ „Hört doch nur um Gottes willen, was mir die Oberhofmeiſterin der Königin von Weſtphalen ſchreibt,“ rief Frau von Ettershaiden, die unterdeſſen den Brief, den ſie ſo eben erhalten, flüchtig überflogen hatte. „Meine liebe Freundin, nur einige Zeilen voller Un⸗ Pe Gott gebe, daß ſie nicht zu ſpät kommen, wenn Sie etwa mit der Geſchichte in der Burg in Verbin⸗ 120 dung ſtehen ſollten. Hier in Kaſſel herrſcht eine große Beſtürzung. Man iſt einer weit verzweigten Verſchwö⸗ rung gegen den guten König Jerome auf die Spur gekommen, worin Ihr Name genannt wird. Es iſt jetzt Allen ein Licht aufgegangen, weshalb der Marquis ſich ſtatt des ſchönſten Luſtſchloſſes im Reiche eine alte halb verfallene Burg ausgebeten hat. Die Majeſtät iſt auf's Aeußerſte erzürnt und will ein hartes und ſtren⸗ ges Strafgericht halten. Ich habe ſtandhaft für Ihre Unſchuld geſtritten, aber ich bin den Beweiſen der Grä⸗ Ancelot erlegen. Ich muß danach fürchten, daß Sie ſich an einer abſcheulichen Verſchwörung betheiligt haben und um das Leben und Treiben in der Burg Beſcheid wiſſen. Meine Liebe für Sie treibt mich zu dem guten Rath: Halten Sie ſich mindeſtens einige Tage entfernt von dem Aufenthalte des ſchrecklichen Verräthers, der gegen das Leben ſeines Freundes und Wohlthäters conſpirirt. Ueberlaſſen Sie ihn ſeinem Schickſale— er hat es verdient!“ „Verſtehſt Du das, mein Theurer?“ fragte Frau von Ettershaiden, als ſie den Brief geleſen hatte, mit dem Tone des höchſten Erſtaunens. „Es wird ein Cabalenſtückchen von der Gräfin Ancelot ſein,“ ſagte Ettershaiden ſehr gleichmüthig. „Man glaubt wahrſcheinlich, unſer Verkehr mit dem 121 Marquis ſei intim und da wir preußiſch ſind, ſo be⸗ trachtet man uns als feindlich geſinnt.“ „Sollte Oswald's Abreiſe und der Verkauf ſeines Gutes an den jetzigen Beſitzer der Burg nicht damit in Zuſammenhang zu bringen ſein?“ fragte Melitta beſcheiden. „Das iſt ſehr möglich— ja, das iſt ſogar wahr⸗ ſcheinlich, denn man ſpricht davon, daß plötzlich eine Geſellſchaft junger Männer, die einen Freundſchaftsbund geſchloſſen hatten, verſchwunden ſeien,“ erwiederte Etters⸗ haiden.„Oswald gehörte zu dieſem Club.“ „Aber der Marquis doch ſicherlich nicht!“ ſprach ſeine Gattin, indem ſie den Brief nochmals überlas. „Es iſt eine wunderliche Geſchichte, die mich ſtark auf⸗ regt, obwohl ich durchaus nicht dabei betheiligt bin.“ „Es iſt am beſten, wir nehmen gar keine Notiz davon. Uns kann von Seiten Weſtphalens nichts ge⸗ ſchehen. Eine Denunciation der Gräfin Ancelot ſchreckt mich nicht, auch wenn mein Name darin genannt iſt. Beruhige Dich alſo, Theure!“ „„Halten Sie ſich mindeſtens einige Tage entfernt von der Burg,““ ſchreibt die Oberhofmeiſterin,“ ſprach Frau von Ettershaiden ſehr gedankenvoll.„Was mögen die Leute gegen die Burg vorhaben?“ „Sicherlich nichts weiter, als eine Verhaftung des Marquis,“ meinte der alte Herr.„Er thut mir leid! 122 Ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß jemals ein Mann einen ſo guten Eindruck auf mich gemacht hätte, als dieſer junge Mann. Aber ihm iſt nicht zu helfen! Hat er ſich wirklich in Verſchwörungen eingelaſſen, ſo iſt dies nicht ganz ehrenwerth und kann nur aus Hab⸗ ſucht geſchehen ſein. Vielleicht, daß ſich ſeine ganze Schuld auf den Antauf der Güter beſ ſchränti⸗ die ihm politiſcher Zwecke wegen für einen Spottpreis ange⸗ boten ſind.“ „Nein, Herr Onkel,“ ſagte jetzt Melitta hochroth im Geſichte vor innerer Pein. Was mir Oswald dar⸗ über mitgetheilt hat, ſtellt den Mann als einen Ehren⸗ mann auf.“ Fides ſprach gar nicht. Ihr ganzer Körper zit⸗ terte von der Bewegung ihres Gemüthes, aber ſie hielt ſich tapfer, denn es galt einen Vorſatz auszuführen, der längſt in ihr gereift war. Sie mußte Thilo war⸗ nen. Und hätte es ihr Leben gekoſtet— ſie mußte ihn zu retten ſuchen. Sie gehörte ihm an! Was küm⸗ merte ſie jetzt alles Andere. Nur an ihn dachte ſie. Nur für ihn zitterte ſie. Sie wußte ſich den Brief beſſer zu erklären, als die Dame, an die er gerichtet war und ſie ſah die Schickſalsfügung darin, daß ſie Kenntniß davon erhielt, ehe es zu ſpät geworden war. MNelitta las in ihrer Seele. Ein unendliches Bangen ergriff ſie. Sollte ſie ſchweigen und das junge, 123 unerfahrene Kind einen Weg verfolgen laſſen, der ſie in’s Verderben ſtürzen konnte. Wie? Wenn Fides mit verhaftet wurde, weil ſie als Warnerin ihren Antheil bethätigte? Ein Schauder durchlief Melitta, denn ſie hatte Kenntniß von den Plänen der frivolen Gräfin Ancelot erhalten. Sie benutzte den Moment, wo Frau von Ettershaiden ſich entfernte, um den Boten, welcher den Brief gebracht, abfertigen zu laſſen und flüſterte Fides zu:„Keine Uebereilung— ich beſchwöre Dich!“ Fides ſchauete auf und in ihr Auge hinein. Was Me⸗ litta dabei in ihrem Blicke las, ſchlug alle Hoffnung auf ihren Einfluß nieder. Ehe ſie nur eines andern Gedankens fähig war, verſchwand Fides aus dem Zim⸗ mer. Melitta ſchlug betend ihre Hände zuſammen. Ihr Herz pochte fürchterlich— das Geheimniß Thilo's drängte ſich gewaltſam aus der Tiefe ihrer Bruſt her⸗ auf:„Onkel—“ ſchrie ſie mit dem Ausdrucke der höchſten Angſt,„es iſt Thilo, der in der Burg wohnt — Thilo von Ettershaiden!“ Der alte Herr ſprang auf. Frau von Ettershai⸗ den, die eben wieder eingetreten war, wankte und hielt ſich am Thürpfoſten feſt. „Dann iſt er verloren,“ ſagte ſie tonlos,„denu der Bote hat erzählt, daß ein ganzes Regiment Sol⸗ daten aufgeboten iſt die Burg zu beſetzen und ohne 124 Schonung mit denen zu verfahren, die man dort finden wird!“ „Thilo von Ettershaiden!“ wiederholte der alte Herr ganz betäubt.„Melitta, wovon weißt Du es?“ „Oswald hat mir's vertraut,“ geſtand das junge Mädchen.„Thilo hatte gebeten zu ſchweigen, bis er Ihnen ſelber eine Erklärung geben könne. Die Angſt um ihn entriß mir dies Geheimniß. Thilo iſt ſicherlich ſchuldlos— Oswald's Worte über ihn bürgen mir dafür.“ Ettershaiden ſah gedankenvoll in die Vergangen⸗ heit zurück. Die Wahrſcheinlichkeit einer Sache, wie ſie hier ſich enthüllte, trat immer lebendiger vor ihn hin. Er ſelbſt hatte die Abkömmlinge des Huſarenoberſten von Ettershaiden ſtets mißachtet und ihre Bekanntſchaft zu machen vermieden, aber Oswald konnte Thilo ken⸗ nen, denn Thilo war eine Zeitlang nach dem Tode ſeines Vaters von ſeiner geſchiedenen Gemahlin hier im Schloſſe aufgenommen geweſen. Auf der Stelle tauchte nun der Zuſammenhang der ganzen räthſelhaften Beſitznahme einer Burg, die zum Abbruch reif war, in ihm auf. Zwiſchen dem Staunen darüber ſtahl ſich eine Art Freude hervor. Sein Ahnenſtolz, der die Blutsverwandtſchaft mit den beiden Brüdern am liebſten verleugnet hätte, war durch den Umſturz vieler ſocialen und ſtaatlichen Verhältniſſe unterwühlt worden, die Erfah⸗ 12⁵ rungen der letzten Jahre hatten ſein Gemüth in den Grundfeſten erſchüttert und ſeinem feſten Charakter Bei⸗ miſchungen von Güte gegeben, die beſchwichtigend auf ſein Urtheil wirkten. Das Alter mit ſeiner Hülfsbedürftig⸗ keit kam dazu— genug dieſer Augenblick entſchied zu Gunſten Thilo's, den er von einer Seite hatte kennen lernen, die ihn anſprach. Aber helfen konnte er ihm deſſen ungeachtet nicht. Er weihete ihm ſein Mitleid, ſein Bedauern und ſeine Theilnahme bei dem Schlage, der das ganze mühſam erworbene Lebensglück, den Frieden und die Ruhe einer ſichern Stellung mit einem Male erdrückte, allein hülf⸗ reich einſchreiten durfte er nicht, ſo ſehr ihn auch ſein eige⸗ nes Gefühl und die bittenden Blicke Melitta's dazu auf⸗ forderten. Frau von Ettershaiden hoffte ſpäterhin ihren Ein⸗ fluß geltend machen zu können. Für den Augenblick etwas zu thun hielt ſie auch nicht für rathſam, da, nach dem Berichte des Boten, die commandirte Truppen⸗ abtheilung ſchon im Walde dicht hinter der Burg, des Oberbefehlshabers gewärtig ſtand, der mit jedem Au⸗ genblicke von Kaſſel eintreffen konnte. Melitta übergab troſtlos die Sache Gottes Barmherzigkeit und betete in ſtiller Verzweiflung um Schutz für Fides, die bis jetzt von Niemand vermißt worden war. Im Fluge war das junge Mädchen die Allee hinabgeeilt, nicht achtend 126 der blinkenden Bayonnette am Waldrande. Sie erreichte den Garten des Förſters in dem Momente, wo ſich mit drohender Stille die Mannſchaft aus dem Dickicht entwickelte und organiſirt zu einem vernichtungsvollen Angriff geräuſchlos den Mauern der Burg ſich näherte. Fides fragte athemlos den alten Förſter, welcher arglos längſt die Soldaten bemerkt und beobachtet hatte, ob er nicht den Marquis herbeirufen könne. „Ei wohl,“ antwortete der alte Mann freundlich. „Die Pforte iſt jetzt immer offen— Sie ſind lange nicht hier geweſen, Mademoiſelle Fides.— Sehen Sie, da kommen unſere Kleinen.“ Fides betrachtete ihn ſehr verwundert, wendete aber die Augen dann nach der Stelle, wohin er zeigte. Wahrhaftig! Da kamen zwei Kinder den Blumengang hinauf. „Es ſind des Herrn Bruderkinder,“ erläuterte der Förſter geheimnißvoll und wichtig.„Ein paar liebe, muntere Vögel, die gewiß lange eingeſperrt geſeſſen haben!“ ſcherzte er, den Kindern zunickend. Die beiden Kleinen“ traten unbefangen näher. Fides Augen wurzelten an ihnen. Ein mächtiges In⸗ tereſſe feſſelte ihre Aufmerkſamkeit dermaßen, daß ſie darüber den Zweck ihres Hereilens vergaß. Sie kniete zu ihnen nieder und ihr Auge glitt von einem zum andern, als wolle ſie mit der Gluth ihres ausdrucks⸗ vollen Blickes die Zärtlichkeit der Kinder wecken. Dann vot ſie ihnen die Lippen zum Kuſſe. Schmeichelnd hing ſich das kleine Mädchen an ihren Hals, aber der Knabe fragte gemeſſen: „Wer biſt Du denn, daß Du mich küſſen darfſt!“ Fides lachte. So lange hatte ſie ſtumm eine Bekanntſchaft gemacht, die ihrem Herzen nahe ſtand. Jetzt fing ſie an zu ſprechen. Schäkernd, tändelnd, und doch im Grunde ernſt gemeint, ſuchte ſie das Vertrauen des Knaben zu gewinnen. Es wollte ihr erſt nicht ge⸗ lingen. Der Knabe war in den Zeiten der Noth über ſein Alter hinaus bedächtig und bedenklich geworden und das angeborene Temperament der Ettershaiden mochte es ihr auch erſchweren, in dies kleine verſchloſſene Herz zu dringen. Erſt als ſie, ihrer Miſſion wieder einge⸗ denk, nach ſeinem Onkel Thilo fragte, und ihn bat, den Onkel zu rufen, erſt da verklärte ſich ſein kleines Geſicht und er ſagte freundlich: „Wenn Du meines Vaters Bruder kennſt, dann komm nur mit in's Haus! Der Onkel iſt ausgeritten, kommt aber bald zurück! Wällſt Du mit meinem Vater ſprechen?“ fragte er altklug und zog ſie an der Hand vorwärts. Fides blickte zögernd zum Förſter auf. Der winkte mit den Augen und verrieth durch einige ſpre⸗ chende Pantomimen, daß er im Geheimniß ſei und Fi⸗ des, als die künftige Erwählte des Herrn Thilo, mit zur Familie rechne. 128 „Gehen Sie immer mit, Mademoiſelle—“ ſagte er, unterbrach ſich jedoch und ſchattete die Augen mit der Hand, um nach dem Walde hin zu ſpähen. Fides folgte der Richtung ſeines Blickes und ein leichter Schrei entrang ſich ihrer Bruſt. Da waren die Soldaten ſchon, die zum Rächeramte ausgeſendet die Burg um⸗ zingeln ſollten. Sie hatte es von dem Boten aus Kaſſel auch erfahren, aber die Truppen nicht ſo nahe geglaubt. Alle Unſchlüffigkeiten hatten nun ein Ende. Sie mußte eilen, den Bruder Thilo's zu unterrichten, wenn er Veranlaſſung hatte vor den weſtphäliſchen Soldaten zu flüchten. Der Himmel ſchien es beſtimmt zu haben, daß ſie von den kleinen Händen dieſer Kinder zu dem Lager Arnulf's geführt werden ſolle. Von ihnen ge⸗ leitet ſtand ſie vor dem bleichen Manne, der eben aus ſeinem Schlummer erwacht, langſam die Augen auf⸗ ſchlug, als die kleine Irmgart mit ihrem lieblichen Stimmchen ſagte: 2 „Papa, wir bringen Dir eine ſchöne, ſchöne Dame, die Dich ſprechen will!“ Mit klarem Bewußtſein, wenn auch ſchwach und machtlos, wendete Arnulf das Geſicht zu Fides herum, die ſich erſchrocken, einem todtkranken Manne gegenüber zu ſtehen, leicht verneigte und mit Schüchternheit um Vergebung bat ihn geſtört zu haben. 129 Arnulf hielt das weit geöffnete Auge, das ſich mit einem geiſterhaften Feuer füllte, feſt auf das junge Mädchen geheftet.„Meine Phantaſie täuſcht mich—“ murmelte er,„ich ſehe immer ihre Geſtalt.“ „Rechnen Sie es mir nicht als Unbeſonnenheit an,“ flüſterte Fides eilig.„Soldaten umzingeln das Haus— man ſpürt einer Verſchwörung nach— ich wollte Thilo warnen, er iſt aber nicht da!“ Arnulf ſchien nichts von den Worten verſtanden und begriffen zu haben. „Man hat ſich ein furchtbares Unrecht mit uns erlaubt,“ ſagte er noch leiſer, aber Fides verſtand jedes Wort, weil ſie angſthaft lauſchte. Der Ausdruck ſeines Auges wurde träumeriſcher. Er griff mit der Hand nach dem Händchen Irmgart's. Die Kleine ſchmiegte den blonden Lockenkopf an des bleichen Vaters Bruſt. Ein friedliches Lächeln legte ſich um ſeine Lippen. „Wie liebte ich dies blonde Köpfchen!“ ſprach er mit halb geſchloſſenen Augen.„Um Deinetwillen— Um Deinetwillen! O die erſte Liebe iſt ſo ſüß!“ Fides hatte ſich, um ihn verſtehen zu können, immer tiefer zu ihm geneigt. Jetzt ſank ſie auf's Knie nieder und legte ſelbſtvergeſſen ihren Kopf dicht neben den des kleinen Mädchens. Ihr wurde ſo wohl und wehe um's Herz. Dieſe flüſternde Stimme, halb gebrochen, gleich wie von einem Schlafenden, der noch mit Träumen kämpft und E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 9 130 doch ſchon weiß, daß er nur träumt Dieſe weiche Liebe in den Worten, welche nicht für ſie beſtimmt, aber doch an ſie gerichtet waren! Der Knabe Ottmar ſtand ernſt⸗ haft betrachtend am Divan. Sein Blick verrieth Be⸗ ſorgniß, denn er allein ſah, daß ſein Vater bleicher wurde, er allein hörte, daß ſeine Athemzüge krampf⸗ haft ausſetzten. Der Knabe hatte ſeine Mutter vor einigen Monaten ſterben ſehen. Er wußte, daß ſein Vater auch ſterben werde. Für ihn war aber das Sterben nur ein Schlaf auf ewig, darum grauete es ihm nicht, ſondern ein Drang kindlicher Liebe erfaßte ihn, er richtete ſich an dem Vater in die Höhe und küßte furchtlos die ſchon kalt werdenden Lippen. Da regte ſich Arnulf noch ein Mal, da öffnete er ſeine Augen voll und groß und wie eine Stimme der Offen⸗ barung klang es geiſterhaft leiſe und deutlich durch's Zimmer: „Verzaget nicht! Dort oben ſehen wir uns wie⸗ der! Mein Segen wird auf Euch ruhen! Verzaget nicht!—“ Darauf wurde es heilig ſtill im Zimmer. Es war Fides zu Muthe, als ſeien alle übrigen leben⸗ den Weſen durch einen Zauber von der Erde vertilgt und nur ſie mit den kleinen Kindern allein zurückgelaſ⸗ ſen, auf daß ſie, mit mächtiger Gewalt an einander gekettet, in unlösbarer Vereinigung den Weg durch's 131 Leben antreten ſollten bis zu jenem Ziel, wo Alles ſich wieder ſehen ſollte, nach Gottes heiligem Beſchluß. Ein furchtbarer Lärm, der ſich außerhalb des Zim⸗ mers erhob, machte dieſe Illuſion erlöſchen. Entſetzt fuhr Fides aus ihrer knienden Stellung auf und warf einen Blick auf den Kranken. Er ſchlief! Sie erhob ſich vollends. Die Kinder ſchmiegten ſich furchtſam an ſie. Der Lärm dauerte fort. Fides erkannte an dem Aufſtampfen der Gewehre, daß die Soldaten eingerückt waren und ihre Eroberung der Burg mit Spott und Gelächter feierten. Dann wurde es ſtill da draußen. Eine feſte wohl⸗ tönende Stimme ertheilte Befehle in franzöſiſcher Sprache. Fides nahm unwillkürlich eine feſtere Haltung an und ſtellte ſich muthig neben dem Divan auf. Schritte näherten ſich. Die Thür wurde aufgeriſſen und ein Offi⸗ cier höhern Ranges erſchien auf der Schwelle mit den Worten: „Im Namen des Königs von Weſtphalen gebiete ich, daß ſich Niemand von der Stelle rühre, ſonſt hat er die ſchlimmen Folgen ſich ſelbſt zuzuſchreiben!“ Erſt nach dieſen Worten trat er weiter vor und erblickte mit ſichtlicher Ueberraſchung nichts weiter, als einen bleichen, ſchlafenden Mann und drei Kinder, wo⸗ von die beiden Kleinſten ängſtlich, Fides hingegen ru⸗ hig und gleichmüthig ihm entgegenſahen. 9* 132 Raſch ſchritt der Officier ganz nahe heran an die Gruppe. Fides deutete mit der Hand auf Arnulf und ſagte bittend:„Er ſchläft!“ Rathlos ſtand der Offieier, der das Zimmer voll Verräther zu finden geglaubt hatte. Da tönte eine helle, bekannte Stimme von drau⸗ ßen herein. Es war Thilo, der auf den Flügeln der Liebe zurückkam, um mit ſeinem Bruder in den Armen der Natur zu ſchwelgen. Nur zwei Stunden war er fort geweſen und während dieſer kurzen Zeit hatte ſich Alles auf's Entſetzlichſte verändert. „Was iſt hier geſchehen?“ fragte er gebieteriſch. „Was ſoll das heißen? Wer hat Euch hieher com⸗ mandirt? Wo iſt Euer Commandeur?“ Gleich darauf ſtand er mitten im Zimmer vor dem Officier, der noch immer in ſtarrem Schweigen verharrte. „Was haben Sie vor, Colonel Mericourt?“ fragte Thilo mit flammenden Blicken. „Es thut mir leid, Marquis— Sie ſind mein Gefangener!“ ſprach der Colonel mitleidig und theil⸗ nehmend. „Und weswegen? Und auf weſſen Befehl?“ fragte Thilo kalt und ruhig geworden.— „Auf Befehl des Königs von Weſtphalen— we⸗ gen Verrätherei!“ antwortete der Offieier leiſe, indem 133 er einen Blick auf den ſchlafenden Kranken warf, der ganz unberührt von dem Zwieſprach weiter ſchlief. Thilo folgte ſeinem Blicke. Eine furchtbare Ahnung durchzuckte ſein Herz. Er eilte an Arnulf's Lager: „Er iſt todt!“ ſchrie er im Entſetzen des erſten Schmerzes laut auf. Die Kinder begannen zu weinen — Fides wankte und ſank machtlos zur Erde. Jetzt erſt bemerkte Thilo das junge Mädchen. Er hob ſie auf und trug ſie zu dem Seſſel in der Fen⸗ ſterniſche. Dort beruhigte er ſie mit liebkoſenden Wor⸗ ten, berief die Kleinen zu ihr und kehrte erſt, als Fi⸗ des mit raſch wiedergewonnener Befinnung die ganze ſchwere Bedeutung dieſer Scene begreifen konnte, zu dem Officier zurück. „Wir haben dergleichen vorausgeſehen, mein lieber Colonel,“ begann er beſonnen und kaltblütig,„und wir haben uns dagegen zu ſichern geſucht!“ Er ſchritt an einen Schreibſchrank, ſchloß ihn auf und nahm ein groß⸗ gefaltetes Papier heraus. „Werden Sie dies reſpectiren, mein Herr?“ Der Officier warf nur einen einzigen Blick darauf und machte ſogleich die militairiſchen Honneurs. Thilo fuhr mit gehobener Stimme fort: „Ich denke, das felſenfeſte Vertrauen des Kaiſers Napoleon wird eine hinreichende Bürgſchaft für meine Ehre ſein. Dieſer Schutzbrief verleiht mir die Macht, 134 mich nur Aug' gegen Aug' rechtfertigen zu brauchen. Ihnen rechne ich dieſen Ueberfall nicht an! Ich werde mich dem Könige ſtellen, ſo wie die heilige Pflicht gegen dieſen Todten erfüllt ſein wird. Gehen Sie hin und verkündigen Sie es laut, daß dieſer Feldzug gegen eine Leiche und gegen zwei unmündige Kinder gerichtet ge⸗ weſen iſt! Der Todte iſt mein einziger Bruder Arnulf von Ettershaiden, welcher gekommen war, um ſein müdes Haupt hier zur Ruhe zu legen!“ Was nun weiter geſchah, kümmerte Thilo nicht. Betäubt von dem raſchen Wechſel der Ereigniſſe warf er ſich in denſelben Seſſel vor dem Lager ſeines Bru⸗ ders, wo er vor zwei Stunden begierig ſeiner Erzählung gelauſcht. Jetzt war er todt! Verſtummt auf immer! O welch' ein Jammer lag für ihn in dem Bewußtſein, den einzigen Menſchen, mit dem ihn die Bande der Natur geheimnißvoll verkettet, verloren zu haben! Er verfiel machtlos in eine Träumerei, die dem Stumpf⸗ ſinn nahe war, wo Welten hätten einſtürzen können, ohne ihn aus ſeiner Unempfindlichkeit aufzurütteln. Er beachtete es gar nicht, daß ſich noch drei We⸗ ſen in einer traurigen Verfaſſung, mit dem unklaren Gefühle eines tiefen Wehe, vermiſcht mit dem Schauder, welchen ein ungeahnter Tod in das weiche und unge⸗ ſtählte Herz der Jugend drückt, im Zimmer befanden, 13⁵ des Augenblickes ſchmerzlich harrend, der ihnen das tröſt⸗ liche Wort Thilo's bringen ſollte. Ohne Vorahnung dieſes Unglückes war Fides mit hineingeriſſen. Sie hielt ſtandhaft darin aus, eine Stütze der armen kleinen Waiſen, die ſich inſtinctmäßig an ſie ſchmiegten. Still und geſammelt erhob ſich Thilo nach langer Zeit. Seine Betäubung wich und ſein Auge öffnete ſich endlich für die qualvolle Lage der jungen Weſen, die alle drei in einem Seſſel, dicht am Fenſter, erge⸗ bungsvoll der Erlöſung warteten. Thilo ging langſam dieſem Fenſter zu. Sinnend, wie das Alles ſo eigenthümlich gekommen ſein möchte, was Fides hieher geführt, nachdem ſie mehrere Wochen ihn ſtreng vermieden hatte. Alle Gedanken auf dieſe Fragen richtend, bemerkte er nicht, daß ſeit einer Mi⸗ nute ein anderer Gaſt, befremdender als das junge Mädchen, im Zimmer erſchienen war, der mit Beſtür⸗ zung die Stille daſelbſt wahrnahm, dem ſich nach einem raſchen Blicke der Tod des ruhenden Arnuff feſtſtellte und der dann die bange, traurige Ruhe begriff, die hier herrſchte. „Allmächtiger Gott, was iſt hier vorgegangen?“ fragte dieſer unbemerkte Gaſt mit ſchmerzlich bewegtem Tone. Thilo wendete ſich und ſtand vor dem alten⸗ 136 Herrn von Ettershaiden, der ihm beide Hände entgegen⸗ ſtreckte. „Es iſt Arnulf!“ ſagte Thilo, mit der Hand nach dem Todten deutend, ganz accentlos.„Ich glaubte ihn dem Leben erhalten zu können— aber die Noth hatte ihn innerlich zernagt.— Das ſind ſeine Kinder!“ ſchloß er, als Fides ſich eilig mit den Kleinen näherte und ihr Antlitz, das bleich vor Erſchütterung war, zu dem Vormund erhob. „O, mein Gott! Mein Gott!“ ſprach Etters⸗ haiden mit leiſem, erſchütternden Tone. Sein Haupt ſenkte ſich auf ſeine gefalteten Hände— er betete zu dem Gotte, den er anrief, um Vergebung ſeiner Sün⸗ den. Thilo wußte, daß er dies that. „Sage mir Thilo, was kann ich thun, um Dir dieſe fürchterliche Stunde zu erleichtern?“ fragte der alte Herr traurig.„Ich habe keine Ahnung davon ge⸗ habt, daß zwei Ettershaiden mir ſo nahe waren. Die Nachricht von der drohenden Gefahr für Dich öffnete Melitta's Lippen— wir vermißten Fides— wir ſa⸗ hen die Soldaten aus dem Walde kommen und eben ſo ſchnell zurückweichen— die Sorge um Dich und um Fides trieb mich hieher, wohin ich niemals wieder zu kommen gedachte. Sprich! Was kann ich zu Dei⸗ ner Erleichterung thun!“ „Nichts! Gar nichts! Was hier in meinem Her⸗ 137 zen wühlt und brennt, muß die Zeit lindern, was mir der Tod Arnulf's, der ſo furchtbar unerwartet ein⸗ trat, für Pflichten auferlegt, muß ich ſelbſt durchkämpfen — es iſt nicht das Schwerſte, was mir vom Leben auferlegt wurde! Ich danke Ihnen, Herr Oberhofjäger⸗ meiſter!“ „Du richteſt mich ſtrenger, als mich Gott richten wird,“ entgegnete der alte Herr würdevoll.„Ich biete Dir in Reue die Hand zum Frieden, ſtoße ſie nicht hinweg!“ „Nein,“ ſprach Thilo.„Ich werde dieſe Hand nicht verſchmähen— nur jetzt, Angeſichts dieſes bleichen Todten, der unverſöhnt geſtorben iſt, kann ich ſie nicht annehmen.“ Traurig wendete der alte Herr ſein Auge von ihm.„So komm', meine Fides,“ ſagte er mild, komm', damit die Herzen, die in Kümmerniß um Dich ſind, beruhigt werden! Alſo die Maßregeln gegen den Herrn dieſer Burg waren übereilt, man fand ſtatt einer Ver⸗ ſchwörung gegen den Staat nur zwei Brüder vom Stamme Ettershaiden! Das ſind die Werke der franzöſi⸗ ſchen Intriguantinnen!“ Thilo verrieth durch eine Ge⸗ berde, daß ihm ein Licht über die ganze Tragödie auf⸗ ging, die hier geſpielt werden ſollte. Die Gräfin An⸗ celot? Er hatte ſie mit ihrem ganzen Anhange ver⸗ achtet und verſchmähet. Freilich, dafür mußte ſie Rache 138 nehmen. Der König, obwohl nicht mehr in ihren Ban⸗ den, war ſchwach genug geweſen, ihren Einflüſterungen Glauben zu ſchenken. Ein ſpöttiſches Lächeln glitt über Thilo's blaſſes Geſicht, indem er dem alten Herrn ver⸗ ſtändnißvoll zunickte. Dann fiel ſein Blick auf Fides und die Kinder, welche ſich krampfhaft an das junge Mädchen ſchloſſen. „Werden Sie meinem Bruder eine Stätte in der Fami⸗ liengruft gewähren?“ fragte er ſchnell, des Wunſches geden⸗ kend, den Arnulf ausgeſprochen hatte. „Unbedingt!“ ſagte der Oberhofjägermeiſter ſehr be⸗ reitwillig.„Ich werde die üblichen Anordnungen zum Be⸗ gräbniſſe treffen, wie ſie dem prädeſtinirten Erbherrn ge⸗ bühren.“ Thilo neigte befriedigt ſein Haupt und ſagte weich und verſöhnlich geſtimmt durch dieſe Worte:„Laſſen Sie Fides die Kleinen mit ſich nehmen, Herr Vetter! Was ſollen die armen Waiſen hier im Trauerhauſe, wo ſie ihre Verlaſſen⸗ heit ſchmerzlich fühlen würden. Es iſt das ſicherſte Mittel, meinem Herzen zu gebieten, den Stolz zu überwinden, der Mauern zwiſchen dieſe Burg und dem Schloſſe dort ziehen möchte. Die Liebe, welche Sie den Kindern erweiſen, ge⸗ währen Sie dem Todten und dieſe Liebe wird, wie eine Sühne, die Erinnerung an die Vergangenheit löſchen und das Werkzeug zu einer ſchönen Zukunft werden.“ Der alte Herr beugte ſich gerührt zu dem Knaben 139 Ottmar, der mit ſeinem ernſten Blicke furchtlos zu ihm aufſchaute und fragte:„Willſt Du mit mir gehen und mich ehren, als ſei ich Deines Vaters Vater, berechtigt Ehrfurcht, Liebe und Gehorſam zu fordern?“ „Ja ich will!“ antwortete der Knabe.„Aber meine Schweſter muß bei mir bleiben, denn ich habe meiner Mut⸗ ter, ehe ſie ſtarb, gelobt, Irmgart nicht zu verlaſſen und wenn man mir wer weiß was böte.“ „Du biſt ein Ettershaiden!“ rief der alte Herr, wie begeiſtert ſeine Hand auf den Kopf des Knaben legend. „Wie heißt Du? Da Du Dein Schweſterchen Irmgart nennſt, ſo kann ich nichts Anderes erwarten, als daß Du Ottmar getauft biſt.“ „Er heißt Ottmar,“ antwortete Thilo, von dem Be⸗ nehmen des alten Herrn ergriffen.„Möge er der Gründer eines neuen Geſchlechtes— möge er der Schöpfer einer neuen Aera im Stamme und Hauſe der Ettershaiden werden!“ „Amen!“ ſagte der alte Herr feierlich.„Kommt! Nehmt Abſchied von Eurem Vater!— Iſt er als ein Opfer ſeines Stolzes, des Erbtheils der Familie, gefallen, ſo ſoll es mein Beſtreben ſein, Dich in Gottesfurcht und Menſchenliebe heranzubilden zum Wohle Deiner Familie und Deiner Mitmenſchen! Nimm meinen Schwur, Du Ver⸗ klärter,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Rechte auf die Stirn 140 Arnulfs legte,„nimm meinen Schwur, daß ich Deinen Sohn von heute ab als einen Sohn meines Sohnes be⸗ trachten will!“ Und es war Allen, als glitte ein Friedenslächeln, gleich einem Verklärungsſchimmer über des Todten ſtarres bleiches Antlitz! Thilo geleitete ſie hinaus bis zur Einfahrt der Burg. Von dort ſchauete er ihnen nach, bis ſie das Schloß erreicht hatten und durch die grüne Umhegung desſelben ſeinen Blicken entzogen wurden. Sein Geiſt erhob ſich an dem Bilde der Hoffnung, welche ſich hiermit eröffnete. Das Schickſal wurde den Kindern gerecht, nachdem es den Vater hart und unerbittlich verfolgt hatte. Und trotzig wendete ſich ſein Blick nach Oſten, wo ihm ein Nachkomme aus jener unſeligen erſten Ehe dro⸗ hete.„Ich will meine Macht und meinen Einfluß anwenden, um dieſe Brut von der heiligen Schwelle unſers Stamm⸗ hauſes fern zu halten. Noch wehen die Banner Napoleons! Unter ihrem Schutze will ich einen Feldzug gegen die Uklan⸗ ky's und Conſorten beginnen, der dem Stolze meines Bru⸗ ders Genüge leiſten ſoll, ohne ſeine Lieblinge ihres Eigenthu⸗ mes zu berauben!“ Mit der Zuverſicht eines Sterblichen ſprach er die⸗ ſen Schwur. O, daß er hätte in die Zukunft ſchauen können! VII. Capitel. Vom Grabe zur Wiege! Der Morgen brach hell und ſchön an. Die leich⸗ ten Thauſchleier der Nacht wichen der Macht des Ta⸗ ges und zogen ſich in die waldigen Höhenzüge zurück, die das breite Thal umgaben. Langſam glitt der Trauerzug, welcher die Ueber⸗ reſte Arnulfs von Ettershaiden nach der Familiengruft geleitete, unter den Bäumen entlang. Ein leiſer Wind ſchüttelte die Kronen der hohen Pappeln, daß ſie rauſch⸗ ten wie lindes, trauriges Klagen um den Todten, der in der Blüthe der Jahre dahinging, wo nur das Alter, fortgerafft von den unausbleiblichen Schwächen, ſich betten ſollte. Eine würzige Luft durchwogte die Flu⸗ ren, und der Schmuck des Sarges, wozu Fides und Melitta Hunderte von Roſen verwendet hatten, verbrei⸗ tete einen Frühlingsduft über die Begleitung desſelben. 142 Es lag ein gewiſſer Pomp in den Begräbniß⸗ feierlichkeiten, womit dieſer arme, hart vom Schickſal mitgenommene Erdenbürger nun endlich zur Ruhe ge⸗ bracht wurde— ein Pomp, der dem Geiſte Arnulfs vielleicht als eine irdiſche Genugthuung erſchienen ſein würde, während Thilo mehr als je die Erbärmlichkeit der menſchlichen Natur darin erkannte und dieſe Förm⸗ lichkeit als einen Spott auf ihr bisheriges Leben hinnahm. Der ganze umwohnende Adel betheiligte ſich auf den Wunſch des alten Herrn von Ettershaiden an die⸗ ſem Begräbniſſe und die Dorfbewohner der Ettershaider Beſitzung waren aufgeboten, in üblicher Trauertracht zu erſcheinen, um die Leiche Desjenigen, der einſt ihr Herr geworden wäre, von der Burg bis zur Familiengruft zu begleiten. Dazu läuteten die Kirchglocken des Dor⸗ fes in ihrer monotonen Feierlichkeit und eine Reihe glänzender Caroſſen, mit Trauerflören behangen, folg⸗ ten im Trauerſchritt dem zahlreichen Gefolge. Auch der König Jerome hatte eine Trauerdepu⸗ tation geſendet mit einem Handſchreiben ſehr reumüthi⸗ ger Art, worin er Thilo ſeine unwandelbare Anhäng⸗ lichkeit betheuerte und ihm eine glänzende Satisfaction dadurch zu bereiten hoffte, daß er die Gräfin Ancelot in Ungnaden von Kaſſel entfernt hatte. Thilo belächelte dieſe Maßregel. In ſeinem tiefen 143 Schmerze erſchien ihm die Erde mit ihren Nichtigkeiten nicht der Rede werth. Was nützte ihm das Wort⸗ gepränge nach den Thatſachen, die ſeine Ehrenhaftig⸗ keit bezweifelt hatten. Was nützte ihm auch das Weltgepränge, womit ſeine Standesgenoſſen ſeinem Bruder eine letzte Ehre erzeig⸗ ten, nachdem ſie ihnen Beiden, als den Söhnen eines braven Mannes die Ebenbürtigkeit beſtritten, weil ihr Vater ein armes, ſchönes Mädchen franzöſiſcher Her⸗ kunft und dem Bürgerſtande entſproſſen, als Gattin heimgeführt. Die Weltanſichten hatten ſich freilich ge⸗ ändert, ſeitdem in der nächſten Nähe eines franzöſiſchen Reiches, deſſen Herrſcher eines corſiſchen Advocaten Sohn, der Adel in hofmäßiger Etikette ſich bücken mußte, wenn dieſer Herrſcher in ihrer Mitte erſchien. Napoleon hatte, gleich einem Simſon, die Säulen des Hochmuthstempels, die aus Stammbäumen gebildet waren, eingeſtürzt. Das Ungerechtfertigte der Geburts⸗ vorzüge war niemals heller an's Tageslicht getreten, als in der letzten Zeitperiode, wo gerade Männer aus den älteſten Adelsfamilien in feiger Furcht vor einem niedrig Geborenen, der die Welt in Staunen verſetzt, die Waffen früher geſtreckt, als nöthig geweſen wäre.— Unter dem Trauergelänte zog der Leichenzug Schritt vor Schritt Arnulfs letzter Behauſung entgegen. Thilo, geleitet von dem alten Herrn und dem Geiſtlichen des 144 Ortes, ging dicht hinter dem Sarge, tief verſenkt in traurige Reflexionen, die nirgends ein feſtes Ziel fanden, ſondern wie im Kreislaufe immer auf denſelben Gedanken zurückkamen, daß er hiermit das letzte Weſen verloren habe, welches durch die Bande des Blutes ein angebornes Recht auf ſeine Liebe gehabt hatte.“ Das Vorhandenſein der kleinen Kinder war ihm für den Augenblick kein Troſt. Die verwandte Seele war ihm genommen, und was ihm in Arnulf geraubt war, das konnten kleine Kinder mit aller Liebenswürdigkeit nicht erſetzen. Trauriger und immer trauriger ſtand die Oede vor ihm, welcher er nun in ſeinem Aſyle entgegenſehen mußte. Da hob der leichte, friſche Morgenhauch die Blüthenkelche der Roſen und die Blättchen löſeten ſich und wurden vom Lufthauche fortgetragen, daß ſie wie ein Blüthenregen auf Thilo niederfielen, ſich ſpielend, wie Frühlingsgeiſter, auf ſei⸗ nen Wangen und ſeiner Bruſt bettend. Ein lieblicher Gedanke erſtand augenblicklich in Thilo. War es nicht ein Gruß von Fides, der ihn mit dieſen Blüthenblättern aus dem Trübſinn weckte, um ihm frohere Bilder der Zukunft zuzuführen? War denn ſein Glück vernichtet? War ſeine Freude am Leben auf ewig verloren? Blieben ihm nicht Schätze zurück, die ihn tröſten konnten, wenn die Zeit ihr Amt geübt und Linderung dem erſten Schmerze gebracht hatte? 145 Der Leichenzug hatte die Ringmauern des Kirch⸗ hofes erreicht. Der Surg wurde vom Wagen geho⸗ ben und nach dem Altar getragen, wo der letzte Segen der Kirche ihn zur Ruheſtätte heiligen ſollte. Thilo ſah Melitta und Fides an den Stufen des Altares ſtehen. Melitta ſchauete voll tiefer Theilnahme dieſem letzten Acte des Erdenglaubens entgegen. Fides aber ſchien erſchüttert, als beweine ſie in dieſem Manne, der ihr fremd im Leben geweſen war, einen unerſetz⸗ baren Verluſt. Melitta ſchrieb dieſe leidenſchaftliche Trauer ihrem reizbaren Temperamente zu und verſuchte ſie durch lei⸗ ſen, gütigen Zuſpruch aufzurichten. Es gelang ihr nicht. Von einem Impuls getrieben, den ſie niemals hat er⸗ klären können, wankte ſie zum Sarge und warf ſich vor demſelben nieder, als die Träger den Deckel abgenom⸗ men hatten und Arnulf in der Erhabenheit des ewigen Friedens allen Anweſenden ſichtbar wurde. Hier blieb ſie kniend liegen, während des Segens, welchen der Geiſtliche ſprach, und als ſie ſich erhob, nahm ſie einen blühenden Myrthenzweig von ihrer Bruſt, küßte ihn unter heißen Thränen und legte ihn dann auf das Herz, welches unter Todesſchauern ſie ſo unendlich liebevoll angeredet hatte. Nachdem ſie dem Entſchlafenen dieſen Zoll dank⸗ barer Liebe für die wenigen Worte, die er ihr gewei⸗ E Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. II. 10 146 het, entrichtet hatte, ließ ſie ſich willig von Melitta hinwegführen. Eng verſchlungen gingen ſie Beide in das Schlafzimmer der Kleinen, denen der ſchaurige Eindruck des Begrabens erſpart werden ſollte. Gefaßt weckten ſie die ſchuldlos lächelnden Kinder, die den Vater gar nicht betrauerten, weil er nur ihrer Mutter gefolgt ſei, was er ſchon lange vorher den Kindern voraus⸗ geſagt hatte. Ernſt und bedächtig redete der kleine Ottmar von dieſer Reiſe in den Himmel, von der er ſchon eine leiſe Ahnung haben mochte. Heiter und froh aber fragte Irmgart des Tages wohl zehn Mal, wann der liebe Vater wohl im Himmel ankommen und ob er wohl gleich die liebe Mutter finden werde. Aus dieſem Grunde ſagte Fides, die das kleine Mädchen weit inniger liebte, als den gravitätiſchen Knaben, zu Irmgart: „Jetzt iſt Dein Vater im Himmel angekommen, meine Kleine und er hat gewiß Deine Mutter gleich wieder gefunden, denn er lächelte ſo ſelig, wie ein Glück⸗ licher!“ Die Kleine ſah ſie ernſt und erſtaunt an.„Haſt Du es geſehen, Fides, daß er meiner Mutter einen Kuß gegeben?“ fragte ſie. Fides drückte das Kind mit ausbrechender Wehmuth an ſich. „Ja, ich habe geſehen, daß er glücklich iſt. Ich habe ihm einen Kuß von Dir und Ottmar mitgegeben. Weißt 147 Du Irmgart— den Myrthenzweig, den Ihr Beide ge⸗ ſtern Abend küſſen mußtet? Die Kleine lächelte in voller Heiterkeit.„Ach wie iſt das gut!“ ſagte ſie herzlich.“„Nun weiß die Mutter, daß wir nicht verlaſſen ſind?“ Melitta hatte der Scene von fern gelauſcht. Sie liebte den Knaben Ottmar wegen ſeines feſten und ernſten Weſens mehr als das kleine wetterwendiſche Mädchen, das bald ſanft, bald luſtig, bald launiſch oder zärtlich war. „Sieh Fides,“ ſagte ſie etwas ſpöttiſch,„Irmgart ahmt Dein Lächeln nach. Es iſt ein kleines, närriſches Ding, aus dem man nicht recht klug werden kann!“ „Gerade wie bei mir, als ich ſo alt war!“ ſcherzte Fides, die Kleine zärtlich küſſend. Ich war ſtets am liebens⸗ würdigſten, wenn man mich mit Schmeicheleien und Lieb⸗ koſungen verzog. Drum will ich Irmgart auch ſo zärtlich lieben, wie mich ſelbſt!“ Frau von Ettershaiden war während der letzten Worte eingetreten. Lächelnd blieb ſie in der Nähe der Thür ſtehen, um dies Geſpräch zu belauſchen. Dieſe Dame er⸗ ſchien ſeit der Anweſenheit der Kinder im Schloſſe wie neu belebt und neu beſeelt. Auch ſie liebte den Knaben mehr, als Irmgart und dieſe Liebe ſchien wunderbarerweiſe ge⸗ genſeitig zu ſein. Schon in der erſten Stunde ihrer Be⸗ kanntſchaft hatte ſich der kleine Bube dicht vor Frau von Ettershaiden hingeſtellt und ſie unverwandt angeſehen. 10* 148 Sein Blick war ſo ſonderbar ausdrucksvoll geweſen, daß die Dame, ſeltſam davon berührt, ihn plötzlich liebevoll gefragt hatte:„Wirſt Du mich denn lieb haben, Ottmar?“ „Ich habe Dich ſchon lieb,“ war ſeine feſte, ruhige Antwort geweſen.„Ich habe Dich deswegen lieb, weil Du ſo blaß biſt, wie meine Mutter und eben ſolche Augen haſt, aber Deine Augen ſehen nicht ſo gut aus, ſie lachen nicht.—“ Seitdem glänzten die kalten Augen der Frau von Ettershaiden in Liebe und Güte und der Knabe wich nicht von ihrer Seite. Sie hatte ſchon vor dem erſten Trauergeläute ihr Lager verlaſſen, um zeitig bereit zu ſein, wenn die Kinder wach werden ſollten. Jetzt kam ſie, um nach ihnen zu ſehen. Ein Fall, der zu den unerhörten Ereigniſſen zu zählen geweſen ſein würde vor einigen Monaten, der aber, vor⸗ bereitet durch die Veränderung ihres Benehmens, jetzt nur eine frohe Begrüßung von Seiten der jungen Mädchen veranlaßte. „Du haſt Dir vorgenommen, Irmgart gründlich zu verziehen?“ fragte die Dame, indem ſie das Kind auf⸗ hob und einen Kuß auf ihre Stirn drückte. Fides küßte ihr die Hand zum Morgengruße, als ſie die Kleine wieder hingeſetzt hatte.„Es iſt ein ſo bimmliſches Glück, verzogen zu werden, liebe gnädige Tante,“ flüſterte ſie dabei und ſah ſo verführeriſch 149 bittend zu Frau von Ettershaiden auf, daß dieſe begriff, was ſie damit andeuten wollte. „Ja, ja— ich merk' es ſchon, daß ich wieder ein ſtrengeres Hausregiment einführen muß,“ ſprach ſie. „Was haſt Du wieder für Dinge in der Kirche gemacht, Fides? Thilo war noch jetzt außer ſich!“ „Thilo?“ wiederholte Fides ſchwärmeriſch.„Ta⸗ delte er, daß ich ſeinem Bruder des Verſprechen in jene Welt mit hinüber gab, für ſeine verlaſſenen Kinder Sorge tragen zu wollen, als wenn es meine Geſchwiſter wären?“ „Laß Dir's von ihm ſelbſt ſagen, ob er Dich ta⸗ delt, Fides,“ erwiederte die Dame ausweichend. Sie hatte mit feinem Frauenſinne beim erſten Blicke das beſtehende Verſtändniß dieſer beiden jungen Menſchen begriffen und es war ihr, zufolge eines Planes, den ſie mit ſich herum trug, ſehr genehm. „Thilo hat ſich dem allgemeinen Frühſtücke ent⸗ zogen und wartet unſerer in dem Pavillon,“ erläuterte die Dame, indem ſie dem Knaben Ottmar die Hand reichte und mit ihm das Zimmer verließ. Sie hatte mit dem Wechſel ihrer Geſinnungen auch zugleich einen neuen Schauplatz der Thätigkeit betreten und ließ es ſich ſehr angelegen ſein, bei den verſchiedenen Mahlzeiten des Tages als Wirthin zu präſidiren. Ein Vergnügen, welches durch das Behagen ihres Gatten täglich erneut 150 wurde. Sie war ſchon dahin gekommen, ſich einzugeſte⸗ hen, daß der Menſch ein Thor ſei, der ſich nicht durch Leutſeligkeit im geſelligen Leben unentbehrlich mache. Indeſſen trieben an dieſem Tage noch andere Beweg⸗ gründe ſie zur eiligen Rückkehr nach dem Pavillon, wo ſie Thilo wußte. Mit einer gewiſſen Staatsklugheit wollte ſie erſt dieſem jungen Manne das Auerbieten ma⸗ chen, die Kinder unter ihrer Obhut zu laſſen, auf un⸗ beſtimmte Zeit, um dann nach und nach Gelegenheit zu finden, ihren Wunſch, Ottmar ganz ausſchließlich als Pflegeſohn auzunehmen, hervortreten zu laſſen. Sie ahnete durchaus nicht, daß ihre Wünſche mit den Plä⸗ nen ihres Gatten Hand in Hand gingen, da er auf keine Weiſe eine Vorliebe für den Kleinen blicken ließ, die darauf hindeutete, daß er ihn als ſein Eigenthum erwerben mochte. Thilo hatte jedoch längſt durch Rückſprache mit dem Herrn von Ettershaiden den Entſchluß deſſelben kennen gelernt, durch eine förmliche Adoption Ottmars allen Weitläufigkeiten ein Ende zu machen und durch einen königlichen Machtſpruch dem Sohne Arnulf's ſchon jetzt das Erbrecht zu ſichern. Nach dieſen Beſchlüſſen hatten ſich die lieblichſten Bilder eines beſchleunigten Glückes vor Thilo's Seele gedrängt, die nur unter dem Drucke der Trauer gewichen, jetzt in vollem Ver⸗ klärungslichte wieder erſtanden und eine heiße Sehnſucht 151 4₰ nach dem holden Weſen in ihm erweckten, das ohne Schwierigkeit ſein eigen werden konnte. Vor allen Dingen fragte es ſich um die Erlaub⸗ niß des Vormundes zu der Verheirathung ſeines Mün⸗ dels, das eben das fünfzehnte Jahr angetreten hatte. Thilo zweifelte, weil er gar zu tief innig wünſchte! Fides ſein Weib— eine Wonne ohne Gleichen durchſchauerte ſein Herz, wenn er ſich dieſe Geſtalt als ſeine Gefährtin, als ſeine Sonne im Leben, als ſeine höchſte Erdenfreude neben ſich dachte, die himmliſchen Augen in ſtrahlender Heiterkeit ihm leuchtend, ihr lieb⸗ liches Lächeln als Lohn ſeiner unermüdlichen Thätigkeit — er, nunr für ſie— ſie nur für ihn in dem großen, großen Raume des Weltall's, das für ihn bis dahin keine feſte Heimath gehabt hatte. Nein! das Glück ſchien ihm zu groß! Er zweifelte, weil es eben zu groß und zu überwältigend vor ihm ſtand. Frau von Ettershaiden empfand inſtinctmäßig die⸗ ſen Druck des Zweifels. Sie wollte ihn ermuthigen zum freien Worte der Werbung, um ſich ſeiner Hülfe bei ihrem Vorhaben zu verſichern. Darum eilte ſie mit dem Knaben Ottmar zum Pa⸗ villon; ſie wollte die erſte Gelegenheit mit diplomatiſcher Feinheit benutzen, um die Anſichten Thilo's zu prüfen; die Rechtlichkeit ihrer Abſichten mußte die Eigennützigkeit ihrer Handlungsweiſe entſchuldigen. Sie hatte den Keim 1⁵² einer Liebe im Herzen, die veredelnd auf die weibliche Na⸗ tur zu wirken pflegt. Die Liebe der Mutter zum Kinde regte ſich, als ſie Ottmar's ernſte Augen ſo fragend und forſchend auf ſich gerichtet fand, die Liebe einer Mutter zum Kinde, das ſie zwar nicht ſelbſt geboren, das ſie aber ſich zu eigen machen wollte, machen mußte, wenn ſie ferner glücklich leben ſollte. Die Gluth dieſer erſten Mut⸗ terempfindung weckte alle guten Geiſter in ihrem Herzen, das zuerſt vernachläſſigt und verſchloſſen, jetzt aber ſchon für einen Wirkungskreis vorbereitet war, welcher mit den Pflichten für dieſen Knaben unendlich erweitert und er⸗ wärmt werden würde. Ihr Leben gewann einen nie ge⸗ ahnten Reiz, indem ſie ihrem Herzen freien Spielraum gab und die Neigung dieſes Knaben zu gewinnen ſtrebte! Thilo war dem Gewühl der Begräbnißgäſte ent⸗ flohen. Es litt ihn nicht unter den Männern, die ihn ohne wahre Theilnahme ihrer Freundſchaft verſicherten, im Grunde jedoch nur ihrer Neugierde fröhnten, wenn ſie nach ſeinem frühern Leben und nach den Schickſalen ſeines Bruders Arnulf fragten.. Thilo hatte zu lange, ganz auf ſich beſchränkt, ſeinen Lebensweg verfolgt, um ſolcher oberflächlichen Freund⸗ ſchaft zu bedürfen. Nur einem feſten, ſtarken und rei⸗ nen Gefühle öffnete ſich willig ſein Herz und das war die Achtung, welche ihm der alte Herr von Ettershai⸗ den einflößte. Schon bei dem erſten Zuſammentreffen 153 von dem wohlwollenden und ehrlichen Tone dieſes Mannes angezogen, den er haſſen zu müſſen meinte, verſtärkte ſich der gute Eindruck während dieſer letzten, ſchweren Tage, wo der alte Herr mit rüſtigem Weſen alle Anordnungen zur Leichenfeier übernahm und ver⸗ wandelte ſeine Abneigung in ein vollkommen kindliches Vertrauen. Die warme Güte ſeiner Natur und die unbeſtechliche Rechtlichkeit ſeiner Grundſätze, die aus allen ſeinen Handlungen hervorleuchtete, nahm ihn Wunder. Er hatte ſich von dieſem alten Hofcavalier ein anderes Bild gemacht und die Vorgänge in ſeinem Eheleben waren nicht geeignet geweſen, dies durchaus nicht fleckenloſe Bild zu beſſern. Allein er begriff jetzt Oswald's Urtheil über ihn und fand es natürlich, daß dieſer eingenommen von einem Manne war, deſſen leb⸗ haftes Temperament die Situationen der Zeit mehr zur Lehre genommen, als man hätte denken ſollen. Was ihm auch als Schwäche angehangen, ſeine feſte, würdige Haltung machte dies jetzt vergeſſen. Daß unter ſolchen Sinnesänderungen der junge Mann ſehr bereit war, nun den Stab über die Gattin dieſes Cavaliers zu brechen, und ihr den größten Theil der Schuld aufzubürden, die einen Schatten auf ſein Leben geworfen, lag nahe. Aber auch hier ſtieß er zu ſeinem eigenen Erſtaunen auf Entſchuldigungsgründe, die er aus vollem Herzen unterſchreiben mußte. Jeden⸗ 154 falls war der Herr von Ettershaiden bei der Wahl ſeiner erſten Gattin mehr den Eingebungen der Ver⸗ nunft gefolgt oder hatte ſich von einer jugendlichen Neigung irre führen laſſen, denn nach ſeinen Knaben⸗ erinnerungen war dieſe Dame ſo ſteril einfach, ſo matronenhaft und altverſtändig, daß ſie zu der geiſti⸗ gen Lebendigkeit des Hofcavaliers nicht gepaßt haben konnte und daß es ganz erklärlich wurde, wenn er dieſe wenig begabte und früh gealterte Frau ihrem Hange zur ländlichen Ruhe überließ und an der Seite einer jüngern Gefährtin die Glückſeligkeit des Erdenlebens nochmals durchkoſtete. Solche Dinge gehörten damals zur Tagesordnung und verloren ſich erſt, als der Nim⸗ bus einer reinen und glücklichen Häuslichkeit das junge Königspaar umzog und die Unterthanen, hoch und nie⸗ drig, zur Nachahmung reizte. Thilo fand ſich zu ſeinem Erſtaunen geneigt, auch dieſer noch immer ſchönen Frau von Ettershaiden ihr Unrecht nicht zu hoch anzurechnen, obwohl er ihr nicht die Achtung weihete, die ihr Gatte ihm abzwang. Freilich ſah er ſie in dem günſtigen Lichte ihrer Ge⸗ müthserweichung und hatte keine Idee von ihrer kürz⸗ lich erſt überwältigten Kälte des Egoismus, der mit ſeinem eiſigen Hauche das ganze Hausweſen bis zur Troſtloſigkeit durchweht hatte. Jetzt zierte nur eine plau⸗ volle Ruhe, ein zornloſer Ernſt und eine milde Strenge 15⁵ ihr Weſen. Somit hatte ſich das, was ihm früherhin ganz unvereinbar mit ſeinen Anſichten ſchien, allmählig einander genähert, hatte ſich in vielen Stücken ausge⸗ glichen und ſchritt nun der gänzlichen Löſung aller Fa⸗ milienconflicte mit ſtarken Schritten entgegen. Thilo erkannte in dem Gange des Geſchickes die Macht eines guten Gottes und er verſchloß nicht eigen⸗ ſinnig ſein Herz gegen das Walten der Naturkräfte, die nach dem Tode feines Bruders auf eine dauernde Ver⸗ einigung der Gemüther hinzuarbeiten Miene machten. Er ehrte das Band, welches heiligend die Fami⸗ lie an einander zu knüpfen pflegt und er wollte durch keine trüben Erinnerungen, an die Ungerechtigkeiten, an den Hochmuth früherer Zeit ſeine Handlungen regeln laſſen. Die Verbitterung, womit Arnulf's gekränkter Stolz ſein Lebelang gerungen, war ihm fremd geblie⸗ ben. Er nahm von vornherein das Leben leichter und war in ſeinem Urtheile über die menſchlichen Schwä⸗ chen toleranter. Sein Geiſt hatte im Weltverkehre etwas freiere Richtungen verfolgt und ſich bis zum kaufmänniſchen Scharfſinne verſtiegen, als er ſeine gele⸗ gentlichen glänzenden Einnahmen ſo anlegte, daß ſie ſich im Werthe verdoppeln und verdreifachen konnten. Die Geburt war ihm längſt kein Hemmſchuh mehr, obwohl er die ehrenhafte Abſtammung würdigte und hoch hielt. Er hielt es ſchon längſt für recht und bil⸗ 156 lig, alle Lebenserfahrungen ſo zu verwerthen, daß ſie Vortheil brachten und hierauf gründete ſich ſein Wille, unbedenklich in die Vorſchläge des alten Herrn einzuge⸗ hen, die das ſpätere Heil des kleinen Ottmar in ſich ſchloſſen. 1 Von dieſen Geſinnungen beherrſcht fand ihn Frau von Ettershaiden, als ſie mit dem Knaben in den Pa⸗ villon trat, der durch einen Laubengang mit dem Schloſſe verbunden, ſtets ein ausſchließliches Eigenthum der Dame geweſen war⸗ Zum erſten Male heute dem allgemeinen Ge⸗ brauche geöffnet, betrachtete Frau von Ettershaiden diejenigen, welche ſie darin empfing, ſpeciell als ihre Gäͤſte und übernahm von dieſem Geſichtspunkte betrach⸗ tet die Pflichten, die ihr dabei oblagen, mit einem ge⸗ wiſſen Eifer. Thilo wußte davon nichts, alſo glaubte er in der beſondern Zuvorkommenheit dieſer Frau eine freund⸗ ſchaftliche Annäherung finden zu müſſen. Er küßte ihr wärmer die Hand, als es ſonſt geſchehen wäre. Frau von Ettershaiden begann ihre Converſation mit der Beſonnenheit der Weltdame, die im Auge hat Zerwürfniſſe auszugleichen. Erſt nach und nach ging ſie auf beſondere Gegenſtände über, woran ſie dann die Frage über ſeine Abſichten betreff der beiden ver⸗ waiſeten Kinder knüpfte. Sie hatte Thilo's diploma⸗ 157 tiſche Faffungskraft unterſchätzt. Er verfolgte mit inne⸗ rer Beluſtigung den Faden ihrer Unterhaltung; nur wußte er nicht, wohin ſie damit wollte, ob dieſer Faden in ein Labyrinth hinein⸗ oder herausführen werde. Ge⸗ ſpannt wartete er des Schlagwortes, das Aufklärung darüber geben konnte. Wollte dieſe Dame dem Vor⸗ haben ihres Gatten intriguant entgegenarbeiten, oder wurde ſie von eigenen Wünſchen geleitet, ihn willfährig dafür zu machen. Eben war Frau von Ettershaiden auf die eigent⸗ liche Urſache ihrer Verhandlung gekommen, als ein Geräuſch an der Thür ſie ſtörte und gleich darauf ihr Gemahl mit allen Anzeichen einer großen Verwirrung im Pavillon erſchien. Seine ſeltſame Verſtörtheit wurde nur von Thilo bemerkt, da Frau von Ettershaiden mit einer ſichtli⸗ chen Bekümmerniß ihr Geſpräch gerade auf einem Punkte abgebrochen ſah, wo eine Anknüpfung nur mit Schwierigkeiten wieder zu bewerkſtelligen war. Sie wen⸗ dete ſich mit leichtem Unmuthe ab, ſah alſo nicht, daß der alte Herr ſich ganz außer aller Faſſung zu Thilo wendete, ihn bei der Hand nahm, zu ſprechen ver⸗ ſuchte und doch nichts weiter hervorbrachte, als die Worte:„O, mein Gott! Mein Gott!“ Thilo ſah ein, daß nur etwas ganz Außergewöhn⸗ liches den alten Herrn in dieſen Zuſtand verſetzt haben 158 könne. Er legte wohlwollend ſeine Arme um ihn, ge⸗ leitete ihn zu einem Seſſel und ſah der Erklärung über den Grund dieſer überwältigenden Bewegung mit jener apathiſchen Ruhe entgegen, die keine Betheiligung daran fürchtet. Frau von Ettershaiden war ahnungslos in die Fenſterniſche getreten und zeigte dem Knaben die ſchönen Pfauhähne, welche eben aus ihren Hütten hervorſtolzir⸗ ten und höchſt gravitätiſch den ſonnigen Raſenfleck be⸗ traten, um den prächtigen Schweif im Sonnenlichte zu präſentiren. 1 Gleichzeitig erſchienen im Laubgange, der zum Pa⸗ villon führte, die Geſtalten der Pflegetöchter, die Irmgart in der Mitte hatten. Ehe noch Herr von Ettershaiden ſeine Sinne voll⸗ ſtändig geſammelt hatte, ſtanden ſie alle drei in an⸗ muthiger Freundlichkeit vor ihm und boten ihm einen guten Morgen. Er erwiederte ihren Gruß nicht. Wie gelähmt blickte er vor ſich hin. Regungslos ſtarrte er auf einen Fleck. In der Hand hielt er einen Brief, den er ſo krampfhaft feſt umfaßte, daß er vollſtändig zuſammen⸗ geballt erſchien.. Melitta trat zuerſt heran zu ihm. Sie hielt ſeinen Zuſtand für eine Erſchöpfung, herbeigeführt von dem ergreifenden Begräbnißacte. 159 Fides, aufmerkſam dieſe ſtarren, mehr Ueberra⸗ ſchung als Kummer verrathenden Geſichtszüge betrach⸗ tend, legte ehrerbietig ihre weiche Hand auf ſeine Schul⸗ ter und ſuchte in ſeinen Augen nach der Veranlaſſung zu dieſem geſtörten Seelenfrieden zu forſchen. Erſt Frau von Ettershaiden war es vorbehalten, Aller Gedanken auf die richtige Spur zu bringen. Sie ſah ſich beim Eintritte der Mädchen um und ſchritt dann haſtig auf ihren Gatten zu, als ſie Fides' bedäch⸗ tiges Forſchen gewahrte. „Was iſt Ihnen, Ottmar?“ fragte ſie, Ruhe und Gelaſſenheit heuchelnd, denn ein Schauder durchflog ihre Seele, als ſie den alten, kräftigen Mann ſo hin⸗ fällig ſitzen ſah, als ſei ſeine Kraft plötzlich gebrochen. Herr von Ettershaiden blickte auf.„Mein Gott, wie kommt das Schlag auf Schlag!“ murmelte er. „Sollte dieſe Kette von Ereigniſſen vielleicht ſchon längſt im Rathe Gottes beſchloſſen ſein?“ „Schlag auf Schlag!“ wiederholte Melitta leiden⸗ ſchaftlich.„O, ſagen Sie es nur— ich bin darauf vorbereitet— man ſpricht von einer Schlacht bei Riga — Oswald iſt todt!“ „Beruhigen Sie ſich—“ fiel Thilo lebhaft ein. „Ich habe geſtern einen Brief vom Prinzen Eugen erhalten— Oswald lebt! Er iſt im Hauptquartiere der Ruſſen und wird ſich mit dem Generalſtabe vorerſt 160 zurückziehen,, wenn das Unglück die ruſſiſchen Armeen eben ſo verfolgen ſollte, wie die öſterreichiſchen und preußiſchen vormals. Prinz Eugen iſt entzückt von Os⸗ wald's Einſicht und Klugheit. Er verſpricht ſich unge⸗ heure Erfolge von den Plänen, die ſie zuſammen ent⸗ warfen. Ein ruſſiſcher Courier brachte mir geſtern ſpät in der Nacht dieſen kurzen lakoniſch gehaltenen Brief, der nichts ſpeciell berührt, aber in ſeiner ganzen Abfaſ⸗ ſung verräth, daß Oswald mit ganzem Herzen ſeiner Freunde gedenkt. Wir müſſen uns für jetzt, wo die Feindſeligkeiten zwiſchen Rußland und Frankreich begin⸗ nen, damit begnügen!“ Melitta hatte mit voller Spannung dieſen Wor⸗ ten gelauſcht und war dann hinter Fides zurückgewichen, beſchämt über ihre Uebereilung, womit ſie ihr Herz verrathen. Der alte Herr aber wartete nur das Ende von Thilo's Bericht ab, um ſogleich die Frage daran zu knüpfen: „Iſt Dir bekannt, Thilo, daß Dein Bruder ſchon früherhin verheirathet geweſen iſt?“ „Ja!“ antwortete der junge Mann beſtimmt, aber ſichtlich von der Frage überraſcht. Der alte Herr legte ſeine Hand in einer Wallung, wie man ſie beim Alter ſelten ſieht, auf Thilo’s Arm und fragte mit vibrirendem Tone: 161 „Weißt Du auch, daß ihm ein Kind aus dieſer Ehe lebt?“ „Nein!“ rief Thilo beſtürzt. Alle ſeine Hoffnun⸗ gen für den kleinen Ottmar ſtürzten bei dieſer unerwar⸗ teten Frage zuſammen und die Energie, womit er das Beſitzthum für ihn gegen jeden Angriff zu wahren ge⸗ lobt hatte, ſchmolz in der zagenden Erwartung dahin, was ſich aus dieſer Frage ferner entwickeln werde. Mehr um ſeine große Erſchütterung zu verbergen, als aus Intereſſe daran fügte er ſchnell hinzu:„Die erſte Nachricht einer ſonderbaren Verheirathung meines Bru⸗ ders gaben Sie mir ſelbſt, Herr Vetter, aber mir konnte nicht beifallen, daß ſchon längere Zeit über den Tod ſeiner Frau verfloſſen war— daß mein Bruder eine zweite Ehe geſchloſſen hatte. Darum überraſchte es mich merkwürdig, von Arnulf Geſtändniſſe darüber hören zu müſſen, die ſchmerzlich und erſchütternd waren. Eines Kindes erwähnte er nur, indem er es als eine Möglich⸗ keit andeutete. Was wiſſen Sie davon, Herr Vetter?“ Herr von Ettershaiden beantwortete die Frage nicht, ſondern ſagte nur vor ſich hin: 3 „Wie ein einziger Blick in die dunkeln Regionen eines Geheimniſſes Alles aufzuklären vermag! Was jah⸗ relang geruhet, ſteigt dann mit Macht empor und wir wundern uns, daß wir nicht früher ſehend gewor⸗ den ſind.“ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 11 Frau von Ettershaiden, im Ganzen unberührt von dieſer Sache, bat jetzt um aufklärende Mittheilungen. Ihrem ſcharfen Verſtande war die ſichtliche Betroffen⸗ heit Thilo's ein Leitſtern geworden und wenn ſie auch nicht den ganzen Umfang ſeiner Befürchtung errieth, ſo war doch das feſtere Umſchließen ihres kleinen Schütz⸗ lings ein Zeichen, daß ſie alle Luſt hatte, für deſſen Rechte eine Lanze einzuſetzen. Herr von Ettershaiden ermannte ſich. Seine Ver⸗ wirrung löſte ſich. Sein Unbehagen ſchwand. Mit einem Blicke voll inniger Zärtlichkeit auf den Kreis ſeiner Lieben, die ihn umringten, hob er das Schreiben, das er noch immer zuſammengeknüllt in der Hand hielt, em⸗ por, glättete es und legte es bedächtig auseinander. „Ich habe hier ein kurzes, aber inhaltvolles Schrei⸗ ben des hochwürdigen Biſchof Dameke zu verleſen, das geeignet iſt unſere Herzen gemeinſam zu erſchüttern.“ Fides drängte ſich unwillkürlich näher. Thilo warf einen ſehr erſtaunten Blick auf das junge Mädchen. Er ſchrieb es ihrer gewöhnlichen Exaltation zu als ſie ſich neben dem alten Herrn auf's Knie ſenkte und beide Arme auf ſeine Knie ſtützte. Ihr Auge ruhte auf dem Pa⸗ piere, als wolle ſie es mit ihren Blicken durchbohren und ſie bemerkte, daß auch ihr Vormund ſo bewegt, wie nie, einen Blick in ihr Auge ſenkte, der ſie auf eine wichtige Ueberraſchung vorbereiten zu ſollen ſchien. 163 „Der Brief des hochwürdigen Herrn iſt kurz. Er lautet:„Ihren dringenden Vorſtellungen weichend und außerdem einſehend, daß eine längere Geheimhaltung unnütz wäre, eröffne ich Ihnen hiermit, daß das junge Mädchen, welches unter dem Namen Fides Tyrnau Ihrer Erziehung überantwortet wurde, die eheliche Tochter der Frau Helena Mirra von Ettershaiden auf Tyrnau und des Herrn Ottmar Arnulf von Ettershaiden iſt. Wei⸗ teres beſagen die Papiere in dem beifolgenden Käſt⸗ chen, welches die edle Frau von Ettershaiden, geborene Freiin Helena Mirra von Polenz auf Tyrnau Ihrer Tochter Fides hiermit durch meine Hand überſenden läßt. Die edle Frau ruhet in Gott! Mit dem letzten Hauche ſegnete ſie ihren Gatten und ihr Kind und ver⸗ gab denen, die ſich ein ruchloſes Spiel mit ihrem un⸗ erfahrenen Herzen erlaubt hatten!“ Starr, bewegungslos, nicht begreifend und den auftauchenden Gedanken bezweifelnd, ſo war der Aus⸗ druck aller der Geſichter, die ſich auf den alten Herrn richteten, als er langſam den Brief ſinken ließ und mit un⸗ endlicher Liebe auf Fides niederſchauete. Kein Laut unter⸗ brach die Stille. Ja man möchte behaupten, jeder Athem⸗ zug ſtockte, bis Thilo, vom Sturme der Ueberraſchung ge⸗ neſend, unbeſchreiblich innig ausrief: „Fides— Fides— Du meines Bruders Kind?“ Das junge Mädchen ſah ihn an, zuerſt abweſenden 11* Geiſtes, dann vom Wetterſtrahle der vollen Erkenntniß getroffen. Sie ſprang auf. Sie rief mit einem Wehelaute, der Allen durch Mark und Bein ging: Mein Vater! Mein Vater!“ Und fort ſtürzte ſie, fort, als gälte es den Entſchlafenen einzuholen. Thilo folgte. Er wußte, wohin ſie ihre Schritte lenken würde. VIII. Capitel. Tin Tagebuch. Das Morgenlicht des neuen Tages fand Fides gefaßt, aber auch gleichzeitig erſchöpft von den Aufre⸗ gungen des verfloſſenen Tages. Sie ſaß allein in ihrem Zimmer. Frau von Etters⸗ haiden hatte mit weiſer Vorſicht angeordnet, daß ſie ganz ungeſtört die Enthüllungen ihrer Mutter in ſich wirken laſſen und ihre Entſchließungen durchkämpfen ſollte, damit ſie ſpäterhin unwandelbar mit ſich ſelbſt einig bleibe. Thilo hatte Tags zuvor das arme, bis in's Herz hinein erſchütterte Mädchen richtig am Grabgewölbe ge⸗ funden, deſſen Gitterthür ſie im wahnſinnigen Schmerze rüttelte. Durch ſeinen Zuſpruch geſänftigt war ſie mit ihm zurückgegangen, aber der ganze Tag verging unter leidenſchaftlichen Schmerzensäußerungen und der ſehr gerechten Klage, warum man ihr bis dahin verhehlt, daß ſie noch einen Vater auf Erden habe. Endlich war ſie jedoch inne geworden, daß ſie durch dieſe zu ſpäte Ent⸗ deckung auf alle Fälle bereichert ſei. Sie hatte ja nun Ge⸗ ſchwiſter! Darauf begann denn ein Koſen eigener Art mit den Kindern Arnulf's, welche erſt nach einigen Widerreden be⸗ greifen lernte, daß Fides Mutter zuerſt nach dem Him⸗ mel gereiſt ſei und daß ſie daſelbſt die zweite Mutter, und nun auch den Vater erwartet habe. Es war rührend zu beobachten, wie die beiden Klei⸗ nen zuerſt mißtrauiſch gegen dieſe Belehrungen, die ſie als Vorſpiegelungen betrachteten, jeden Einzelnen befragten, ob es auch wahr ſei, daß Fides ihre Schweſter bleibe, dann mit voller Seele dem Jubel reinſter Freude ſich hin⸗ aben und es tauſend Mal wiederholten, daß Fides von üihrer lieben Mutter geſendet ſei, damit ſie nicht verlaſſen wären. Die Glücklichen widmeten ſich an dieſem erſten Ent⸗ deckungstage ſo ausſchließlich ihrer neuen Schweſter, daß dieſe des inhaltreichen Käſtchens, welches ihr ſpäterhin mit einer gewiſſen Feierlichkeit von ihrem Vormunde übergeben wurde, kaum gedachte. In der Stunde, als die Kinder zur Ruhe gelegt wurden, öffnete ſie daſſelbe. Es enthielt einige Documente, einige beſchriebene 167 Blätter und einen prachtvollen Diamantſchmuck, dem ein einfacher Trauring beigefügt war. Sie hatte die Blätter geleſen und mit ihren Thränen bethauet. Jetzt ſaß ſie vor dem geöffneten Käſtchen und las dieſe Blätter mit wiedergewonnenem Lebensmuthe zum zweiten Male. Ihr angeborner Frohmuth hatte ſchon die finſtern Wolken der tiefen Herzenstrauer überwältigt und der Eindruck den die kurzen Aufzeichnungen ihrer Mutter auf ſie hervorbrachten, war heute ihrem Weſen mehr übereinſtimmend, als die thränenreiche Ueberwäl⸗ tigung des vorigen Tages. Ihr Geſicht war bleicher als ſonſt, ihre Augen ſahen müde aus, aber um ihre Lippen ſpielte ſchon das Glück der Zukunft und die liebevollen Worte, die ſie eben zu leſen begann, weckten nicht mehr die Trauer, ſondern angenehme Erinnerungen, welche ihr dumpfes Bewußtſein von der Vergangenheit mit hellen Licht⸗ ſtrahlen durchwoben. Die Blätter trugen die Aufſchrift: Für meine kleine Fides. „Ach Mama, Deine kleine Fides iſt unterdeß groß und recht artig geworden!“ flüſterte das junge Mädchen mit zärtlichem Lächeln.„Ich möchte Mama könnte mich jetzt ſehen!“ Sie las weiter:„Nach menſchlicher Vorausſicht 168 erhält meine kleine Fider dieſe Blätter erſt dann, wenn ſie begreifen kann, daß durch die Erziehung des Men⸗ ſchen ſeine Schwächen zu Fehlern und ſeine Meinungen zu Weltgeſetzen heranwachſen können. Daran allein ſcheiterte das Glück ihrer Eltern. Es iſt nöthig, daß meine Kleine dies erfährt, damit ſie die Verhältniſſe ihrer Familie richtig beurtheilen kann, wenn ſie eines Tages von den Schickſalen derſelben Rechenſchaft geben ſoll. Gelingt mein gut und feſt entworfener Plan, den ich mit Hülfe des treueſten und liebevollſten Freundes auszuführen gedenke, ſo biſt Du, meine kleine Fides, beim Leſen dieſer Blätter nicht verlaſſen, ſondern ge⸗ liebt und behütet von einem edlen Manne, der den Namen Deines Vaters trägt. Der Segen einer Mut⸗ ter wird vom Throne Gottes herab das Haus vor jeglichem Schaden bewahren helfen, worin ihr liebes Kindchen ſich des Wohlſeins und Gedeihens erfreuet.“ Fides legte das Blatt nieder, faltete die Hände und blickte beweglich in die klare Morgenſonne hinaus. „Ach, Mama,“ flüſterte ſie,„ohne Melitta wär's Dei⸗ ner kleinen Fides aber dennoch ſchlecht ergangen. Oder — ſollteſt Du mir„vom Throne Gottes aus,“ Me⸗ litta's Herz zugeneigt haben, daß ſie mich vor Schaden behütete?“ Es verging eine gute Weile, ehe das junge Mädchen wieder zum Leſen überging. Ihre Gedanken hatten die ganze Zeitperiode überflogen, wo ſie unver⸗ 169 antwortlich vernachläſſigt worden war. Zu diefer Zeit⸗ periode gehörte aber die Kirchenepiſode— und bei der Erinnerung überſtrahlte das anmuthigſte Lächeln ihr blaſſes Geſicht. Sie war ſehr geneigt, Thilo's erſte Bekanntſchaft dort als eine Veranſtaltung ihrer ſeligen Mutter„von Gottes Thron herab“ zu betrachten und ihr innig dafür zu danken. Dann las ſie eifrig weiter. „Jetzt red' ich zu Dir Fides, als ſeieſt Du er⸗ wachſen und ein verſtändig' Mädchen. Ich will zu den Erinnerungen und Gedanken meiner Jugend zurückkehren. Meine geſtillten Schmerzen fachen ſich dabei von Neuem an und meine erloſchene Liebe ſteht wieder in Flammen. Aber es iſt nur ein Uebergang, der mich von der Er⸗ denſeligkeit in die der Ewigkeit führen wird. Darum Geduld, meine Fides! Ich werde mich kurz faſſen! Belehrungen wirſt Du hoffentlich nicht nöthig haben, denn die Cultur Deines Geiſtes bewahrt Dich vor den Irrbahnen meiner naturwüchſigen Phantaſie. Mein Ju⸗ gendleben verfloß nicht im Kreiſe feingebildeter Menſchen. Ich ſah mich von luſtigen, heitern, aber rohen Männern umgeben. Mein Großvater, ein Freiherr von Killan, ſtand an der Spitze dieſer Verwandten. Seine zweite Tochter war meine Mutter geweſen und von Jugend auf erzählte man mir, daß mein Vater dieſe Tochter nur ihres Beſitzthumes wegen geheirathet und nach ihrem Tode nie wieder ſich habe blicken. laſſen. Als ich den⸗ 170 ken und begreifen lernte, war er ſchon todt. Mir fiel das Erbtheil meiner Mutter zu. Es war eine ergie⸗ bige Beſitzung. Das Dorf Tyrnau mit reichen Wal⸗ dungen gehörte dazu. Nach dem Tode meines Groß⸗ vaters habe ich dies Gut an einen Vetter verkauft. Der Caplan Dameke hat ſich auch hier als ein treuer, einſichtsvoller Freund bewährt. Er wird Deinem Ver⸗ lobten Rechenſchaft über Dein Vermögen geben, denn nicht eher, als bis Du Dich verheirathen willſt, ſollen Dir dieſe Papiere zu Geſicht kommen— es müßte denn ſein, daß Du es, aus beſondern Rückſichten, feſt verlangteſt, Aufklärungen über Deine Herkunft zu haben. In dieſem Falle ſoll der Caplan Dir das Käſtchen ausliefern!“ Fides hielt inne und ſeufzte beklommen.„O, hätte ich dies Käſtchen acht Tage früher gehabt!“ „Sieh, meine Fides, wir lebten auf unſerm Schloſſe wie in einer Wildniß. Ringsum Wald. Begränzt von Bergkuppen, über die wir nie hinaus verlangten. Schle⸗ ſien war an Preußen gefallen. Was kümmerten uns aber Könige und Kaiſer? Was ging uns Preußen an? Was fragten wir nach Oeſtreich? Wir lebten fort im alten Schlendrian und verlachten des Preußenkönigs Geſetze. Wir verſpotteten ſeine Beamten! Jeder Zwang war uns unerträglich und reizte unſern Trotz. Nach unſern Begriffen geſchah uns Unrecht. Ich denke 171 noch jetzt, nach der bitterſten Erfahrung meines Lebens, mit Entzücken an die Irrfahrten unſerer Vettern, die einen Beigeſchmack von wilder Romantik hatten. Bald brachten ſie Wagen voll Wild, das ſie geſchoſſen hatten, wo es ihnen gerade einfiel. Bald fuhren ganze Reihen Karren, beladen mit nützlichen und angenehmen Gegen⸗ ſtänden, die verſteuert werden ſollten, unverſteuert in unſern Schloßhof und wurden mit gränzenloſem Jubel begrüßt. Ohne Blutvergießen ging das freilich nicht ab. Aber das erhöhete nur die Siegesfreude. Jetzt, wo ich, fern von der Heimath, zu ſterben bereit bin, jetzt ſehe ich ein, wie wenig ritterlich dergleichen Auflehnungen gegen das Ge⸗ ſetz ſind. Die preußiſchen Beamten fühlten ſich ſehr unbe⸗ haglich in dieſem Landesdiſtricte. Beſonders aber klagten die Gränzbeamten. Faſt Alle ſtarben in der Ausführung ihrer Berufspflichten. Das heißt mit andern Worten, ſie wurden erſchoſſen, wenn ſie ſich einfallen ließen zu ſpioni⸗ ren und die Schmuggelei zu ſtören. Plötzlich hieß es, ein preußiſcher Edelmann aus alter Familie ſei in unſere Gegend geſchickt, um„ſcharf auszukehren!“ „Der muß unſer werden, ehe er die Augen auf⸗ thun kann!“ jubelten die Vettern. Mein Großvater war ſchon gelähmt, aber ſeine ganze Seele glühte noch im Jugendfeuer. Er betheiligte ſich mit Wort und Rath bei den ſchlimmen Händeln, die zur Tagesord⸗ nung gehörten, als er nicht mehr zur That ſchreiten konnte. Bei der Nachricht, die eben von allen anwe⸗ ſenden Vettern durchſprochen wurde, ſaß er ſtill zuſam⸗ mengekauert in ſeinem Rollſtuhle. Ich fühlte, daß ſein Blick auf mir ruhete. Die Bedeutung dieſes Blickes ſollte mir erſt ſpäter erklärt werden. „Er muß verheirathet werden!“ ſagte er ohne ſich zu regen. Mit tollem Jubel nahmen Alle dieſen Vorſchlag auf. Es wurden Wetten auf das Gelingen dieſes Pla⸗ nes eingegangen. Ich blieb gleichgültig bei dieſer Scene. Meine Vorſtellungen von preußiſchen Beamten gränzten an's Abenteuerliche. Ich ſah in jedem von ihnen einen alten bärbeißigen, griesgrämlichen Mann, der kein Herz im Buſen trug und wurde es dreiſt ge⸗ glaubt haben, wenn mir Jemand erzählt hätte, die preu⸗ ßiſchen Beamten trügen Hörner auf der Stirn. Kurze Zeit nach dem Geſpräche, das durch aller⸗ lei muthwillige Bemerkungen über die Armuth des alt⸗ adeligen Preußen gewürzt wurde, kam ich auf die Ein⸗ ladung einer uns bekannten, aber nicht verwandten Dame zum Ball nach einer großen Provinzſtadt. Dort haftete mein Auge ſogleich auf einen Mann, der die edelſte und ſchönſte Erſcheinung war, die ich jemals ge⸗ ſehen hatte. Auch er bemerkte mich. Ich vergaß jede geſell⸗ 173 ſchaftliche Regel, die mir Zurückhaltung vorgepredigt hätte. Großer Gott, war es denn eine Sünde, dieſen Mann zu lieben?“ Fides neigte ihre Stirn auf das Papier. Zwei große Thränen perlten darauf nieder, als ſie flüſternd diefe Frage ihrer Mutter wiederholte und dabei an Thilo dachte. Zögernd ergriff ſie nach einer Weile das Blatt. Ihr Herz pochte, denn ſie kannte ja das Ende dieſer tiefen heftigen Liebe ſchon. „Unſere Liebe war gegenſeitig nicht ſchüchtern, nicht verzagt, ſondern flammend und überwältigend. Ich vernahm kaum aus ſeinem Munde die verrätheri⸗ ſchen Worte voll Gluth, ſo gab ich ihm mein ganzes Herz zu eigen. Eine unausſprechliche Seligkeit folgte dem erſten Tage unſerer Bekanntſchaft— es war ein einzi⸗ ger wonnevoller Traum von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat— und dann erwachten wir Beide am Rande des ewigen Unglückes. Meine Vettern trafen zum Beſuch bei mir ein. Zuerſt erſchreckte mich ihr lärmendes Auftreten, denn ich war innerhalb der fünf Monate meiner Verheira⸗ thung merkwürdig veredelt und gezähmt. Jetzt erſt er⸗ fuhr ich, daß mein Arnulf jener preußiſche Beamte ſei, welcher dem tollen Treiben, ſo weit es geſetzliche Ueber⸗ ſchreitungen betraf, einen Hemmſchuh aulegen ſollte. Jetzt erſt begriff ich, daß er durch mich, durch eine Verheirathuug mit mir, in unſere Intereſſen verflochten werden ſollte. Zuerſt betäubten mich dieſe Eröffnungen. Dann nahm ich die Sache leicht. Meine Anſchauun⸗ gen von Recht und Geſetz erleichterten meinen Vettern den Sieg über die Serupeln, welche mein geſchärftes Ehrge⸗ fühl und meine ſtolze Liebe zu Arnulf erhoben. Die Verachtung, womit Arnulf meine Vettern behan⸗ delte, that mir weh. Laß mich kurz ſein, meine Tochter! Es iſt gar zu ſchwer, einer Tochter gegenüber die Thorheit des gereizten Gemüthszuſtandes einzuſtehen. Genug, Dein Vater faßte den Entſchluß, ſofort die Gegend, wo ſeine Ehre und ſeine Liebe bedrohet wurde, zu verlaſſen und man willfahrte un⸗ verzüglich ſeinen Bitten. Es war jedenfalls der beſte Ausweg, unſer eheliches Glück wieder herzuſtellen und zu ſichern. Ich wollte ihm aber nicht folgen! 1 Ich war bis dahin noch nie hart getadelt. Mir war niemals ernſt widerſprochen worden. Kein hartes Wort hatte mich getroffen, trotz der wilden Gemüthsart meiner Vettern. Der chevalereske Ton gegen die Frauen ihres Cirkels hatte mich verwöhnt. Daher kam es, daß mich jedes ſtolze und befehlende Wort aus dem Munde meines Gatten verletzte, tödtlich verletzte und bis zum Grimme reizte. 175 Die Abgötterei, die wir gegenſeitig mit einander ge⸗ trieben, endete im erſten bittern Wortwechſel. Meine Be⸗ geiſterung für Arnulf erloſch plötzlich— ich haßte ihn eben ſo raſch aufflammend, wie ich ihn geliebt hatte. Ich floh vor ſeinen anmaßenden Zurechtweiſungen und ging zu meinem Großvater zurück, im Stillen darauf bauend, daß ſeine Liebe die ſtolze Härte ſeines Charakters nach und nach ſchmelzen und ſchließlich unſere Vereinigung wieder herbeiführen werde. Dies geſchah nicht! Als Arnulf fortging, ohne auch nur den Verſuch zu machen, das heilige Band zwiſchen uns zur Geltung zu bringen, da entflammte ich in wildem Zorn. Dies gehäſſige Gefühl beſänftigte ſich erſt, als ich durch die Länge der Zeit und durch Gewohnheit eine ewige Trennung von ihm erträglich fand. Es mochte indeſſen die leiſe Hoffnung auf ein endliches Wiederſehen und Wie⸗ derfinden viel dazu beitragen, daß ich nicht ſo ſchmerzlich litt, wie ich es im Anfange gefürchtet hatte. Wenigſtens iſt es mir erinnerlich, daß ich, trotz alles Zornes, beſtändig darauf dachte, die Beziehungen zu mei⸗ ner Sippſchaft zu lockern und mich dergeſtalt von ihnen fern zu halten, daß meiner Entfernung aus der Gegend nichts in den Weg gelegt werden konnte. Ge⸗ ſchah dies auch unbewußt, ſo bin ich mir doch des feſten Willens ſehr bewußt geweſen, nur nach den Ge⸗ wohnheiten, nach dem Willen und den Meinungen mei⸗ nes Gatten zu leben. Ich zog mich nach meinem eige⸗ nen Beſitzthume zurück, verſchönerte das einfache, kleine Wohnhaus nach meinem Geſchmacke und verließ dies klöſterlich einſame Aſyl nur zeitweiſe, um meinen alten Großvater zu beſuchen. Fünf Monate nach der gewaltſamen Trennung von Deinem Vater wurdeſt Du mir geboren. Ich war damals noch zu ſehr in den Banden meines Trotzes gegen den harten Mann, als daß es mir eingefallen wäre der Verpflichtung zu gedenken, die mir Dein Da⸗ ſein auferlegte. Ich nahm Dich, meine kleine Fides, als ein Geſchenk des Himmels an und war ſelbſtſüch⸗ tig genug, dieſen Troſt für mich zu behalten, obwohl ich durch die Verheimlichung Deiner Geburt Deinem Vater eine Freude entzog und gegen Dich ſündigte. Auch hier handelte ich aber unbewußt und ohne klaren Willen zu böſer That. Dies zeigte ſich, als unſer Caplan kam das Kind zu taufen. Entſchieden wies ich ihn zurück und machte ihn auf den Schwur aufmerk⸗ ſam, den ich nach der Trauungsfeierlichkeit in ſeinem Beiſein und mit ſeiner Bewilligung meinem Gatten geleiſtet hatte. Arnulf war Proteſtant. Wir waren von Geiſtlichen beider Confeſſionen eingeſegnet, aber wenn ich auch nicht Willens war, meine Religion des geliebten Mannes wegen zu wechſeln, ſo hielt ich ſeine Forderung für gerechtfertigt, daß unſere Kinder in ſeiner 177 Religion auferzogen werden ſollten. Ich verſprach ihm feierlich Gewährung ſeines Wunſches und forderte jetzt, daß mein Töchterchen von einem benachbarten pro⸗ teſtantiſchen Geiſtlichen getauft werde. Im tiefſten Herzensgrunde ſchlummerte alſo bei mir immer noch die Hoffnung, meinem Gatten bewei⸗ ſen zu können, daß mir ſein Andenken heilig geblieben ſei. Unſer Caplan zürnte mir deshalb nicht. Sein weiches, gutes Herz fühlte Mitleid mit meiner Lage, in die mich der Uebermuth meiner nächſten Verwandten geſtürzt hatte. Er hegte dieſelben Hoffnungen, wie ich, und hielt den Tod meines Großvaters, der fünf Jahre ſpäter eintrat, für einen geeigneten Zeitpunkt, um einige Schritte zu meiner Erleichterung zu thun. Schon frü⸗ her hatte er zu erforſchen geſucht, wo Dein Vater lebe. Man hatte ihm einen Winkel, nahe der ruſſiſchen Gränze bezeichnet. Die weitern Nachrichten lauteten ſchrecklich — man hielt den jungen, kräftigen Mann für unrett⸗ bar verloren— ſeine Geſundheit erliege dem unge⸗ wohnten Klima, aber er weiſe alle Menſchen von ſich, er verſchmähe jede Hülfe, jeden Troſt, jede Theilnahme. Er begnüge ſich mit der kärglichen Einnahme, lebe in fürchterlicher Abgeſchiedenheit und verzehre ſich ſichtlich in einer vollkommen menſchenfeindlichen Stimmung. O Fides, Fides— wenn Du Deinen Vater nach der Aufklärung Deiner Herkunft aufſuchſt, ſo ſage ihm, E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 12 daß von dieſem Tage an die Reue in mir einkehrte, Mein Herz blutete. Ich eilte zu meinem Großvater und enthüllte ihm mit bittern Selbſtanklagen das Ge⸗ mälde des Jammers, das mich gewaltſam aus meinen felbſtfüchtigen Träumereien aufgeſchreckt hatte. Der alte Mann wurde zum erſten Male böſe auf mich, drohete mir mit ſeinem Fluche, wenn ich mir einfallen laſſen wollte, eine Annäherung an den Gatten zu be⸗ werkſtelligen, der mich beinah fünf Jahre vernachläſſigt hatte. Er nahm mir das feierliche Verſprechen ab, mich nie wieder mit Arnulf zu vereinigen. Fides hielt, wie von einer Erinnerung getroffen, inne mit Leſen und legte ſinnend die Hand an die Stirn.„Mein Gott, könnte das jene Scene geweſen ſein, deren ich mich lebhaft erinnere? Es lag etwas Ergreifendes in dieſem ganzen Auftritte, dem ich un⸗ beachtet beiwohnte, dadurch prägte er ſich meinem Ge⸗ dächtniſſe ſo ſcharf ein. Ja, ja! Ich weiß es ganz genau, daß meine Mutter um etwas bat— ich weiß, daß ich mich an ihre Knie ſchmiegte, daß ſie ſagte: „Es iſt ſein, wie mein Kind!“ Arme Mutter! Armer Vater! Und doch kann ich Euch Beide nicht freiſpre⸗ chen von Schuld. Die wirkliche, wahre Liebe mußte Euch wieder zuſammenführen— Ihr habt Euch nicht ſo wahr und heiß geliebt, wie ich den Mann lieben würde, der mich ſein eigen zu nennen berechtigt wäre!“ Dann las ſie weiter: „Als mein Großvater geſtorben war, bot ich Schloß Tyrnau, wie man bei uns zu Lande das kleine zus mit ſeinen Wirthſchaftsgebäuden zu nennen be⸗ te, zum Verkaufe aus. Der Caplan hatte eine Anſtellung angenommen. Ohne ihn mochte ich nicht in meiner Einſamkeit leben. Ohne ſeinen troſtreichen Um⸗ gang wäre ich in Elend verſunken. Ich begann zu kränkeln. Ein ſchleichendes Uebel, von einer ſtarken Erkältung zurückgeblieben, zehrte an mir. Ich dachte zum erſten Male an meinen Tod und an die hülfloſe Abhäͤngigkeit meines Kindchens von denen, die an mei⸗ nem Unglücke ſchuld waren. Meine kleine Fides ſoll nicht in ſolchen Verhältniſſen aufwachſen, daß ſich ihr Vater einſt zu ſchämen hätte, wenn er ſie als ſeine Tochter anerkennen muß. Dieſer Gedanke wurde zu einer fixen Idee bei mir. Der erſten fixen Idee geſellte ſich bald eine zweite zu. Ich verkaufte Tyrnau bald und gut. Meine innere Unruhe, ganz ſicher der Stachel zu ſpäter Reue, trieb mich zu einer Reiſe nach Berlin, wo der Caplan für kurze Zeit ſtationirt war. Dort in Berlin unter den Linden begegnete mir ein Herr in reicher Hoftracht. Mein Blick wurzelte an ihm. Die Bildung des Ge⸗ ſichtes, die Geſtalt und ein nicht zu beſchreibendes, nicht zu enträthſelndes Etwas brachte mir, wie durch Zauberei, 12* 180 das Bild meines Gatten vor Augen. Der Hofherr war alt. Aber ich wußte, daß Arnulf verwaiſt ſei, ſonſt hätte ich ſeinen Vater dahinter vermuthet. Zwei Tage ſpäter begegnete mir der Herr wieder. Dies Mal wa der Caplan bei mir und ich fragte ihn, ob er den He kenne. Er kannte ihn nicht. Um mir gefällig zu ſein, wendete er ſich zu einem Manne in Livree und erkundigte ſich nach demſelben. Ich war langſam mit Dir, meine Fides, fortgeſchritten. Als ich mich fragenden Blickes dem Caplan wieder zuwendete, da ſah ich an ſeinen bewegten Mienen, daß es wirklich ein Herr von Etters⸗ haiden ſei, wie ich ſchon vermuthet hatte. Jetzt geſellte ſich die zweite Idee zu der erſten. Dieſer Mann ſollte mein Kind beſchützen! Dieſer Mann ſollte es erziehen— er ſollte es den Anſprüchen ſeiner Familie gemäß zum Leben heranbilden. Aber das Verſprechen, das ich mei⸗ nem Großvater an Eidesſtatt gegeben, machte es nö⸗ thig, meinen Namen zu verbergen. Es war mir ſogar lieb, dazu gezwungen zu ſein. Ich glaubte übrigens noch lange Zeit zur Ueberlegung zu haben, allein das Geſchick fügte es anders. Mein Uebel griff raſend ſchnell um ſich. Ich konnte nicht wieder in die Heimath zurück, ohne Gefahr zu laufen, unterwegs zu ſterben. Der Caplan odnete meine Geſchäfte. Er nahm meine Angelegenheiten in die Hand. Ich bezog unter dem Na⸗ men Madame Tyrnau ein ſchön eingerichtetes Quartier. 4 181 Hier will ich nun meinen Tod ruhig erwarten. Um⸗ geben von treuen Menſchen, in Hoffnung auf Gottes Gnade und mit dem Bekenntniß, daß ich einſehe, Ar⸗ nulf von Ettershaiden konnte nicht anders handeln, wie gehandelt hat, wenn er ſeine Mannesehre und ſeine erufswürde aufrecht erhalten wollte, ſchließe ich dieſe Blätter, die ich nur für meine kleine, herzigliebe Fides ſchrieb. Mir zum Troſte und theilweiſe zur Entſchul⸗ digung und Beſchönigung füge ich hinzu, daß es zu keinem rechten Einklange zwiſchen uns Gatten gekommen wäre, nachdem der grelle Mißton die himmliſch ſchöne Harmonie unſerer Herzen geſtört hatte. Wir waren Beide erwacht! Wir hatten die Seligkeit des Lebens traumhaft durchlebt— ein ſolches Glück iſt nicht für die Kämpfe der Wirklichkeit— es unterliegt denſelben. Wandle getroſt Deinen Lebensweg, meine Fides, mein Segen wird auf Euch ruhen!“ Dieſe Schlußworte, ſo ähnlich den letzten Worten, die ihr Vater geflüſtert, übermannten abermals die Faſſung des jungen Mädchens. Sie verhüllte die Au⸗ gen und überließ ſich der Trauer über die Zerſtörung eines Lebensglückes, das Anſprüche auf eine Dauer bis zur Gränze der Ewigkeit gehabt, wenn die menſchliche Schwäche es nicht untergraben hätte. Von ihr unbemerkt hatte dieſer kurze, ſtille Gram einen theilnehmenden Beobachter. Thilo war ſchon längere Zeit im Nebengemache geweſen. Seine unru⸗ hige Liebe hatte ihn angetrieben leiſe einzutreten. Als Fides von ſchmerzlichen Gefühlen durchwogt, ihr Haupt ſenkte, da ſtand er hinter ihr und ließ ſeinen Blick flüchtig über die letzten Zeilen des mütterlichen Tagebu⸗ ches gleiten. Wunderbar beſänftigend wirkten ſie auf ſein aufgeregtes Gemüth. Dieſe wenigen und doch ſo viel⸗ ſagenden Worte„Wir waren erwacht— wir hatten die Seligkeit des Lebens traumhaft durchlebt— ein ſolches Glück iſt nicht für die Kämpfe der Wirklichkeit— es un⸗ terliegt denſelben!“—. Sanft umſchloß Thilo die geliebte Geſtalt.„Fides,“ flüſterte er leiſe und feierlich—„Fides, warum trauerſt Du? Dort, wo die Geiſter derer, welche der Tod auf Er⸗ den getrennt hat, ſich vereinen, dort hören die Kämpfe der Wirklichkeit, welche die Seligkeit des Lebens bedrohe⸗ ten, auf! Sie ſind glücklich, Fides! Deines Vaters Bruder kann Dir mit voller Ueberzeugung verkünden, daß ſein ir⸗ diſches Wallen Qualen eigener Art in ſich barg. Selbſt Deine Kindesliebe hätte ſie nicht zu bannen vermocht. Gönne ihm die Ruhe!“. „O, Thilo— Du weißt nur nicht, was Kindesliebe vermag!“ ſprach Fides mit bewegtem Tone. „Doch! Ich weiß, daß ſich Kindesliebe opfern kann und doch einen unheilbaren Schaden nur unſchädlich macht, 183 ohne die Macht dieſes Uebels zu entkräften,“ ſprach Thilo entſchloſſen. „Du würdeſt anders urtheilen, hätteſt Du die reiche Liebe geſehen, womit mein Vater, entweder von Viſionen oder von der Aehnlichkeit verleitet, zu mir, als zu meiner Mutter ſprach,“ fuhr Fides mit geſteigerter Lebhaftigkeit fort. „Und dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung!“ ſagte Thilo noch entſchloſſener.— Fides bewegte langſam, aber entſchieden ihren Kopf. Dabei hob ſie ihre Augen zu Thilo empor, unſchuldig und kindlich, aber ihre Augenlider ſenkten ſich ſchüchtern vor dem Blicke des jungen Mannes und ein tiefes Roth ſchlich lang⸗ ſam über ihre bleichen Wangen, Thilo's Herz begann lei⸗ denſchaftlich zu pochen. Er legte ſeinen Arm feſter um Fides und neigte ſeinen Kopf näher zu ihr nieder. In dieſer Stellung blieb er, als er ſprach:„Der Geiſt meines Bruders war furchtbar mächtig— ſein Charakter durch Jugenderfahrungen geſtählt. Der Nerv ſeines Daſeins war ein Stolz, wie man ihn ſelten findet! Daß Deine Mutter eine Anerkennung in dieſen letzten Zeilen ausſ pricht, iſt mir ein Beweis ihres innern Werthes, und daß mein Bruder es trotzdem über ſich vermochte, ſie auf immer zu verlaſſen, muß Dir den Beweis liefern, wie unheilbar der Schaden ſeiner Seele war. Als er Dich ſah, waren die Kräfte ſeines Geiſtes gebrochen, daher die Weiche ſeines Herzens, welches er, neu belebt und beſeelt, mit unge⸗ ſchwächter Macht tyranniſirt haben würde, ſeines Stolzes wegen. Wohl Dir, du Tochter meines Bruders, daß er Dir in ſchwindender Kraft begegnete, daß er im Traume ſeines Herzens mit dem letzten Lebenshauche Dich ſegnetel“ .„Meinſt Du, daß es nicht geſchehen wäre, wenn er bewußtvoll ſein Kind erkannt hätte 2ufragte Fides zitternd. „Nein!“ ſagte Thilo feierlich.„Sein letzter Auftrag für mich ging dahin, das fragliche Erbtheil der Ettershai⸗ den den Verwandten Deiner Mutter zuzuwenden, wenn das Kind Deiner Mutter ein Knabe ſein ſollte. Damit glaubte er ſeinem Stolze genug gethan zu haben, ſeinem Stolze, Fides, der ihn, gleich einem Stachel, immerfort reizte. Preiſe alſo Gott, daß er in ſeiner letzten Herzens⸗ wallung Dich geſegnet hat.“ Fides verhüllte ihr Geſicht. Thilo athmete tief auf. Das ſchwere, anklagende Geſtändniß, deſſen Wirkung ent⸗ ſcheidend für ſein Lebensglück war, hatte ſich von ſeiner Bruſt gewälzt und mußte nun erſt zerſtörend in der Seele des jungen Mädchens walten, bevor er Heilung ihrer Wun⸗ den erwarten konnte. Er fühlte mit Wonne, daß ſie ſich feſter an ihn lehnte, daß ſie in ihrer Hülfsbedürftigkeit zu ihm flüchtete, daß ſie, die Wahrheit der Wirklichkeit gegen die Verklärung der Phantaſie abwägend, mit unverkürztem Vertrauen eine Zuflucht an ſeinem Herzen ſuchte. 185 „Du tadelſt alſo die Strenge Deines Bruders?“ fragte ſie nach langem Schweigen ſehr leiſe und ſchüchtern. Aber trotzdem lag in ihrem Stimmenklange ein Glück, nur dem Ohr der Liebe verſtändlich. „Ja, ich tadle ſeine Conſequenz, die ihn von einem Lebensglücke trennte,“ antwortete Thilo mit Beſtimmtheit. „Ich würde jeden Mann tadeln, der das Weib ſeiner Liebe aus irdiſch nichtigen Gründen verlaſſen und aufgeben kann. Das Weſen, das durch den Kuß der Liebe unſer eigen ge⸗ worden iſt, das müſſen wir als geheiligt betrachten, das müſſen wir beſchützen, das müſſen wir an unſerm Herzen feſt zu halten ſuchen bis zum Rande der Ewigkeit. Es iſt ein Schwur der Ehre, es iſt ein Eid unſerer Religion, den wir brechen, wenn wir gleichgültig gegen das Wohl und Wehe dieſes Weſens werden, wenn wir nicht Alles verſu⸗ chen, dasſelbe auf den Weg zu leiten, der für ein ge⸗ genſeitiges Glück nothwendig iſt! Mein Bruder iſt ſich dieſer Pflicht nicht klar bewußt geworden, ſonſt hätte er die Feſſeln ſeines Stolzes gebrochen und einen andern Weg eingeſchlagen. Ihm waren die heiligen Bande der Liebe Blumen auf ſeiner Lebensbahn— mir ſind ſie die theuerſten und ſchönſten Pflichten.“ Seine Stimme ſank bis zum Flüſtern bei den letzten Worten. Fides fühlte, daß ſie tief aus ſeinem übervollen Herzen kamen! O wie wünſchte ſie ihm ſagen zu dürfen, daß ſie ſchon längſt ſein eigen ſeil Sie ſah, zwar ver⸗ 186 ſchämt, jedoch ſo ſüß verlangend und verlockend zu ihm auf daß ſein feſter Wille dazu gehörte, um nicht ſeine Liebe mit dem heiligenden Kuſſe zu beſiegeln. Aber es waren erſt noch nothwendige Auseinanderſetzungen noch zu heben, die früherhin keinen Einfluß auf ſein Verhältniß zu Fides Tyrnau hatten, jedoch weſentlich wichtiger wurden, als ſich Fides in eine Tochter ſeines Bruders verwandelte, aner⸗ kannt von dem Aelteſten der Familie Ettershaiden. Fides mußte ſeine letzte Vergangenheit durch ihr Urtheil ſanctio⸗ niren, bevor er es für gut fand, um ſie zu werben. Ihr Vater hatte ihn freigeſprochen von jeder Verſündigung am Vaterlande, denn er hatte erkannt, daß er nicht um Ehre und Anſehen gebuhlt, ſondern ſeinen Lebensunterhalt geſucht habe. Er war aber nicht ganz ſicher, wie der alte Herr darüber dachte und ob nicht das Gift der Verdächti⸗ gung im Stande ſein würde, ſein Liebesglück zu ſtören. „Dein liebes Auge verräth mir, daß Du die Wahr⸗ heit meiner Worte nicht bezweifelſt, Fides,“ ſagt er liebe⸗ voll, indem er gewaltſam ſeines Herzens Wallungen dämpfte. „Iſt niemals im Kreiſe meiner Verwandten ein Ur⸗ theil über mich laut geworden, welches Dir Mißtrauen ge⸗ gen mich einflößen konnte?“ „Niemals!“ ſagte Fides zuerſt mit jener Gelaſſen⸗ heit, womit man gleichgültige Fragen beantwortet. Dann aber erkannte ſie die Wichtigkeit dieſer Frage und ſprach 187 mit dem Ausdrucke der Betheuerung:„Niemals, Thilo ſelbſt damals nicht, als man Dich für den Marquis d'Eté⸗ rais hielt.“ „Auch ſpäterhin nicht? Auch jetzt nicht, wo man meine Stellung zu dem Manne kennt, der als ein Feind unſers Vaterlandes betrachtet werden muß?“ „Auch jetzt nicht!“ betheuerte Fides mit leuchtenden Augen.„Ich würde dies auch nicht geduldet haben! Der Name Thilo von Ettershaiden klingt mir noch aus meinen wilden Jugendjahren heraus. Ich hörte ſtets mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit den elegiſchen Klagen des Fräulein Bianca von Wangera zu, wenn ſie Deinen Tod bedauerte und ich weiß auch noch, daß ich ihre ſchwärmeriſche Sen⸗ timentalität einſtmals garſtig durch die naive Frage ſtörte, pob ſie denn Thilo von Ettershaiden hätte begraben ſehen.“ Thilo lächelte.„Bianca von Wangera!“ wieder⸗ holte er mit einem gewiſſen Pathos.„Merkwürdig, daß ſie jetzt wieder auftaucht, wie ein nothwendiger Geiſter⸗ ſpuk! Bianca hat an Deinen Vater geſchrieben. Der Brief traf erſt nach ſeinem Tode ein, weil man in Mag⸗ deburg nicht hatte erfahren können, wohin Herr Arnulf von Ettershaiden mit ſeinen Kindern gegangen war!“ „Was wollte Bianca von meinem Vater?“ fragte Fides geſpannt. „Ihm beiſtehen, Fides, ſie wollte ihm die Wirthſchaft 188 führen und ihm durch ihre kleine kärgliche Einnahme die Sorgen um ſeine Eriſtenz erleichtern. Das gute excentri⸗ ſche Mädchen ſitzt nun in Magdeburg, wohin ſie mit dem alten Fritſche, der dort Verwandte hat, gereiſet iſt. Ich will Bianca den Tod meines Bruders melden und ihr freiſtellen, ob ſie hieher zu mir kommen möchte. Ich be⸗ zweifle es, denn ſie liebt ihre Couſine Bella viel zu wenig, um ihr bewegtes Leben gegen ein ſtilles Landleben aufge⸗ ben zu mögen. Sie hat übrigens dort ſchon wieder ein Feld für ihre Begeiſterung gefunden. Sie pflegt einen alten Freund ihres Vaters.“ Fides lachte. Es war dem jungen Manne bei dieſem Lachen zu Muthe, als bräche der Sonnenſchein durch Ne⸗ belwolken. „Möge Dir Gott Deine Heiterkeit nur erſt wie⸗ dergeben, mein liebes Lieb,“ ſagte er innig. Sieh, wir wollen nun mit dem kurzen Abriß aus meinem Le⸗ ben dieſe Trauerzeit ſchließen und zu einem neuen Le⸗ bensabſchnitte übergehen. Du weißt alſo ſchon, daß ich, ſo zu ſagen, von der Erde verſchwunden war und Du haſt meine Auferſtehung von den Todten ſelbſt mit er⸗ lebt. Was dazwiſchen liegt, iſt zweifelhaft geblieben und ich muß Dein feſtes Vertrauen in Anſpruch neh⸗ men, wenn ich Dir verſichere, daß mich die Noth und nicht eine frivole und unlautere Abſicht verleitete, meine Fähigkeiten dem Welteroberer zu widmen.“ — — 189 „O, höre auf Thilo!“ rief Fides mit edler Ent⸗ rüſtung.„Du thuſt mir wehe mit ſolchen Betheuerun⸗ gen. Haſt Du ſchon die Erfahrung gemacht, daß die Liebe ohne Verehrung und ohne Vertrauen gedeihen kann? Bedarf der Mann eines Ablaßbriefes für ſein äuße⸗ res Lehen, wenn er mit dem Herzen voll Liebe in eine Einſamkeit flüchtet? Nein Thilo— thue mir nicht ſo wehe, daß Du mir Mißtrauen unterlegſt— ich könnte nie an dem zweifeln, den ich liebe!“ „Fides!“ rief Thilo, ſeiner Vorſätze vergeſſend, lei⸗ denſchaftlich. Sie kam jetzt erſt zum vollen Bewußtſein deſſen, was ſie geſprochen hatte. Beſchämt neigte ſie ihre Stirne an die Bruſt des Mannes, der ein Bruder ihres Va⸗ ters war.„Mein Glück ruht in Deinen Händen, Fides,“ fuhr dieſer fort.„Ich fordere es einſt von Dir. Du weißt das ja längſt, Du theures, liebes Kind. Aber es wird mir furchtbar ſchwer, Deinem lieblichen Weſen, das mich beſtändig reizt und lockt, zu widerſtehen. Ich muß Dir fern bleiben, wenn ich Dich nicht mit glühen⸗ der Liebe an mich reißen und das Wort der Treue von Dir heiſchen will. Du biſt ſo jung— ich will, ich muß ja warten.— Sie richtete ſich auf und umklammerte mit beiden Händen ſeinen Nacken. „Nein Thilo— nimm mich mit Dir!“ bat ſie 190 mit weicher klagender Stimme.„Mein Herz weilt ja doch ſtets bei Dir ſeit jenem Tage, wo ich Dich fand. Gieb mir meine Ruhe, meine Freudigkeit, meine Heiter⸗ keit wieder! Laß mich bei Dir ſein— bitte— laß mich bei Dir ſein!“ 8 Thilo wankte in ſeinen Entſchlüſſen. Er preßte ſie feurig an ſich. Er ſah in ihre ſtrahlenden Augen.„Als mein Weib, Fides?“ fragte er leiſe.„Als mein Weib?“ Eine namenloſe Wonne durchzitterte das glühende Mäd⸗ chen. Halb bewußtlos ſchaute ſie auf— er neigte ſich zu ihr und legte ſeine Lippen mit heißem Drucke auf ihre Lippen. „Nun biſt Du mein eigen!“ flüſterte er.„Was auch in der großen, weiten Welt geſchehen mag, wir tragen Alles zuſammen.“ „Und der Segen meiner Eltern beſchützt uns!“ fiel Fides begeiſtert ein.„Lies nun das Tagebuch der Mama! Thilo, ich will anders leben mit Dir, als meine Mutter mit Deinem Bruder! Nicht im Traume des ſe⸗ ligen Glückes, nein im vollen Bewußtſein unſerer Liebe, im vollen Bewußtſein unſerer gegenſeitigen Pflichten, im vollen Bewußtſein der Wahrheit und Wirklichkeit beginnen wir unſere Verbindung, und wenn ich glücklich den rechten Weg darin finde, ſo verdanke ich es Me⸗ litta, meinem Schutzengel, meiner Schweſter, meiner Freundin!“ Schlußcapitel. Zwei Aäͤrztage. Die beiden glücklichen Menſchen ſäumten nicht ihr Einverſtändniß der Familie bekannt zu machen. Es erregte weder Erſtaunen noch Mißbilligung. Der alte Herr verheimlichte gar nicht, daß er ſeine kleine Fides niemand lieber anvertraue, als dem jungen Vetter Thilo. Der gnädigen Frau Tante kam die ſchnelle Verlobung ſehr gelegen. Sie brachte damit ſogleich zur Sprache, daß ſie den Sohn Arnulf's am liebſten ſofort adoptirt ſähe und ſie traf zu ihrer Verwunderung auf keinen Widerſpruch. Man fand dieſe Vorſichtsmaßregel ganz in der Ordnung und ſchritt unverzüglich zur Ausführung. Melitta war längſt über den Herzenszuſtand ihrer Pflegeſchweſter im Klaren. Sie hatte von den Erſchüt⸗ terungen der Begebenheiten erwartet, was wirklich er⸗ folgt war. Nur überraſchte ſie die Beſchleunigung der Verheirathung, die unmittelbar nach Ablauf des Trauer⸗ vierteljahres in aller Stille vor ſich gehen ſollte. Fides als Hausfrau in der Burg ſich denken zu müſſen, war für ſie faſt peinlich und nur das unaus⸗ ſprechliche Glück in dem anmuthig verklärten Geſichte ihrer Freundin verſöhnte ſie nach und nach mit dieſem Gedanken. Das Leben im Schloſſe zu Ettershaiden gewann plötzlich eine andere Geſtalt. Die Regſamkeit Thilo's beeinflußte daſſelbe. Was ſich ſchon im Laufe der ver⸗ floſſenen Monate vorbereitet hatte, das brach wie eine Frühlingsſaat hervor und weckte ein geiſtiges Gedeihen, ein Blühen der Gemüthlichkeit, wie man es noch vor kurzer Zeit nicht für möglich gehalten. Jeder Einzelne that dazu, was er vermochte. Im Stillen erklärte man es für ein Wunder, daß eine ſolche Harmonie möglich geworden ſei, aber äußerlich gab ſich Jeder das Anſehen, als habe man dergleichen erwarten können. Der Grund⸗ ton in dieſem harmoniſchen Beiſammenleben lag in der Selbſtzufriedenheit jedes Einzelnen. Man fand ſich an ſeinem Platze und man fand ſeine Anſprüche nir⸗ gends beeinträchtigt. Die Tage verflogen beinahe ſpurlos, ſelten unter⸗ brochen von äußeren Begebenheiten. Nur einige Briefe von Oswald trafen auf geheimnißvolle Weiſe ein. Sie 193 lauteten erfreulich, ſo weit es ſeine perſönlichen Ange⸗ legenheiten betraf, aber ernſt und auf eine drohende Zu⸗ kunft deutend, in Rückficht auf die näher rückenden Kriegsereigniſſe. Das Intereſſe an dieſen Briefen wuchs aber erſt ſpäterhin, als der Herbſt mit ſeinen mächtigen Winterfröſten eintrat und manches zeitigte, was erſt vom Januar des ruſſiſchen Klima's geleiſtet werden ſollte. Unter dem Flügelſchlage der nächſten Zeit entwickelte ſich gleichzeitig das Glück Thilo's von Ettershaiden mit dem Geſchicke der Völkerſchaften. Während dieſer junge Mann ſein Geſchick kluger⸗ weiſe von dem labyrinthiſchen Wege Napoleon's ſonderte, als der Kaiſer auf den Fittichen des Ehrgeizes bis zur glänzendſten Höhe der Macht getragen war und in dem Uebermuthe ſeiner Macht mit der Unfehlbarkeit ſeiner Herrſchſucht das ganze Europa zu tyrannifiren ſuchte, während deſſen ſchlich verderbenſchwer die Nemeſis hin⸗ ter den neuen Plänen zur Demüthigung Rußlands her. Langſam wälzte ſich die furchtbare Heeresmacht durch die deutfchen Gauen dem ruſſiſchen Reiche zu. Muthlos ergab ſich Alles dem Befehle des Welt⸗ beherrſchers. Man ſah in dumpfer Verzweiflung dem Treiben eines Mannes zu, der von Gott begnadigt ſchien, Alles zu erreichen, was er erſtrebte. Bis zu den Glücklichen im Schloße Ettershaiden drangen dieſe ſchrecklichen Streifzüge nicht. Nur die E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden, II. 13 194 Nachrichten darüber beunruhigten ſie. Gleich einer Völ⸗ kerwanderung überflutheten die Heereszüge alle Provin⸗ zen, die ihnen wegſam lagen und gleich die erſten Schlachten erwieſen wiederum das ungeheure Kriegsglück Napoleons. Schon im September war er tief in Ruß⸗ land eingedrungen und ſeine Abſicht, bis Moskau zu ge⸗ hen, um dort Winterquartier zu machen, entwickelte ſich auf's deutlichſte. Was kümmerten dieſe Abſichten aber das glückliche Brautpaar, welches vor dem Altare einem Herzensbunde die Weihe geben ließ, der über alles Ir⸗ diſche hinaus zärtlich und edel zugleich war. Thilo und Fides reichten ſich mit vielſagendem Blicke an derſelben Stätte die Hände und wechſelten das Gelübde ewiger Liebe und Treue, wo der Sarg Arnulf's geſtanden, wo Fides im letzten Abſchied von dem Todten eine ſo wunderbare Erſchütterung gezeigt hatte. Sie war jetzt getröſtet. Ihr roſiges Geſicht leuch⸗ tete voll Heiterkeit. Früh gereift von den letzten Ereig⸗ niſſen hatte ihr Frohſinn dennoch nichts verloren und es ließ ſich, nach Melitta's weiſen Behauptungen, faſt mit Sicherheit erwarten, daß aus der Würde der Hausfrau das thörichte Kind noch oftmals hervorſprin⸗ gen werde. Als Thilo's Frau ging ſie inmitten ihrer Geſchwi⸗ ſter ehrbar der Burg zu, während Melitta mit wehmü⸗ thiger Freude ihre Schritte nur von fern verfolgte und 195 dann ſtill dem Kaſtanienbaume zuſchlich, der mit ſeinem dunklem Laube auch nicht mehr ſo fröhlich ausſah, wie im Frühlinge, wo Fides in ſeinem Schatten Kränze flocht. Melitta fühlte die Veränderungen in ihrem Le⸗ ben ſehr tief. Ihre Gedanken durchirrten die kurze Zeit⸗ periode vom Frühlinge bis zum Herbſte. Wie die Blu⸗ men des Frühlings waren ihren Hoffnungen auf ein ſtilles Glück gewelkt. Jetzt ſtand ſie nun einſam dem fernen Geſchick preisgegeben. Eine Thräne ſtahl ſich aus ihrem Auge. Bald darauf kamen die Kinder von der Burg wie⸗ der heim. Sie blieben für's Erſte im Garten bei der traurigen Melitta und an dieſem Tage war es, wo Irmgart an die Stelle von Fides trat und eine Ouelle des Troſtes für ſie wurde. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter ſuchte ſie die Aehnlichkeiten auf, die zwiſchen Fides und der Kleinen entſchieden obwalteten. Die friedliche Gemüthsſtille, nur auf Momente geſtört, kehrte wieder ein bei ihr und geduldiger noch als ſonſt ſah ſie ihrer Zukunft entgegen. Das Schickſal ſäumte nicht, ſie zu prüfen! Na⸗ poleons Geſchick wurde mit dem ihrigen verflochten, als Gott über dieſen Mann zu Gericht ſaß! Napoleon erlitt die fürchterlichſte Niederlage durch den Brand von Moskau. Noch erhob er zwar kühn und hoch ſein Haupt und ſchauete den kommenden Tagen getroſt in's Auge, . 13* 196 aber er vermochte ſich nicht in dem Lande zu halten, das er zu demüthigen und zu unterjochen gedrohet hatte. Seine Macht zerſchellte an der Macht eines höhern Richters! Der große Kaiſer floh gedemüthigt, entblößt von allen Bequemlichkeiten, gejagt von dämoniſchen Ge⸗ walten, zurück nach Paris, während ſeine große Armee, mit Kälte, Hunger und Durſt kämpfend, armſelig der Heimath ſich näher betteln mußte. Dem Kampfe mit feindlichen Elementen ſind auch die gewaltigſten Sieger nicht gewachſen, ihr Widerſtand gegen die Natur iſt ein vergeblicher. Als die Herbſtſtürme, welche ein gränzenloſes Elend über Tauſende von Menſchen heraufbeſchworen, die Blät⸗ ter von den Bäumen gefegt hatten, war es nirgends behaglicher und lieblicher, als in der alten Burg. Fides regierte dort mit allerliebſter Würde. Ihre Gemächer waren vom alten Förſter Lukas, dem die neue Herrſchaft über Alles lieb geworden, mit Topfgewächſen ausſtaffirt, ſo daß es, wie mitten im Sommer, dort blühete und duftete. Wie war es ſo prächtig bequem durch die Pforte in den Garten ſchlüpfen und einen kurzen Spaziergang durch die Taxusgänge machen zu können. Wie einladend winkte danach das warme Zimmer, wie wohlthätig wirkte dann der heiße, dampfende Thee. Wahrlich es ging nichts über die Burg, wo es ſo himmliſch friedlich war, 197 daß es die Herrſchaften vom Schloſſe tagtäglich mag⸗ netiſch dort hinzog. „Ich hätte nie geglaubt, daß es in dem alten Gebäude ſo hübſch werden könne!“ ſagte Frau von Ettershaiden, als ſie mit Pelz und Muff verſehen, dem erſten Froſte muthig Trotz geboten hatte, um den Thee bei Fides zu trinken. „Ja, das macht nur, weil ich darin hauſe,“ gab Fides mit drolliger Gravität zur Antwort.„Mir ſtehen die Geiſter der Burg zu Gebote! Habt Ihr nicht ge⸗ ſehen, daß unſere Pappeln Euch zu Ehren weiße Kro⸗ nen aufgeſetzt haben und daß der Wald hinter uns wie mit weißen Flittern überzogen iſt? Nun ſeht Ihr! Als geſtern die Nebelgeiſter ihr ſchauriges Tuch über Alles gebreitet hatten, da ſchalt ich ſie und ſie flohen, indem ſie mir ſchnell noch die Bäume mit Silber und Edel⸗ ſteinen bewarfen.“„Eine ſchnell ſchwindende Herrlich⸗ keit,“ ſpottete der alte Herr, indem er ſeine kalten Hände flach gegen die Kaminwände legte.„Ergreift man ſie, ſo iſt ſie verſchwunden.“„Wie alle Erdenfreuden,“ ant⸗ wortete Fides ſchelmiſch.„Will man ſie feſſeln, ſo ent⸗ fliehen ſie. Darum genieße ich meine jetzige Seligkeit, ohne ihre Dauer zu berechnen!“ Thilo faßte verſtohlen ihre Hand und küßte die weichen Finger derſelben. Fides deutete auf ihn, ein — ' 4 1 198 Lächeln zwiſchen Wehmuth und Scherz umzuckte ihren Mund. „Es überſchauerte ihn heute plötzlich die Furcht, unſer entzückendes Glück könne ein Ende nehmen!“ ſprach ſie.„Melitta, meinſt Du, daß der große Geiſt dort oben, den wir Gott nennen, ſo fürchterlich unbarmherzig ſein könnte, das zu trennen, was er durch ſeine weiſen Wege erſt vereinigt hat?“ Melitta verneinte die Frage. Sie allein kannte Fides ſo genau, um zu wiſſen, daß hinter dieſer Sorg⸗ loſigkeit ein banges Fürchten lauſchte. „Siehſt Du Thilo!“ rief die junge Frau mit auf⸗ loderndem Uebermuthe.„Nicht wahr, gnädige Frau Tante, ohne des Himmels Beſtimmung wäre ich nie Thilo's Frau geworden! Warum hätte mich ſonſt das Schickſal in das Haus meines lieben Vormundes, war⸗ um in die Garniſonkirche geführt! Warum wären wir hieher verſchlagen? Warum hätte Thilo die Burg ge⸗ ſchenkt erhalten? Warum wäre der Name Melitta wie ein Stern in ſeine dunkle Nacht gefallen— ſagt nur ſelbſt, warum alle dieſe Vorbereitungen, wenn nicht un⸗ ſer Glück ein dauerndes ſein und bleiben ſollte!“ ſchloß ſie eifrig. „Ich ſehe auch keinen triftigen Grund zu Befürch⸗ tungen,“ ſprach der alte Herr lächelnd, 199 „Der Grund zur Furcht liegt in dem zu großen Glücke,“ erwiederte Thilo ſchwärmeriſch. „Wenn man gelebt hat, wie ich, heimathlos, freud⸗ los, einſam im Weltall nur ſelbſtiſchen Zwecken huldi⸗ gend, ſo fragt man ſich mit Recht, ob eine ſolche Hei⸗ math, wie ich hier finde, ein verdientes Glück iſt.“ Frau von Ettershaiden reichte ihm die Hand. Ihr Ge⸗ wiſſen ſagte ihr, daß ſie weit unedleren Zwecken gelebt habe und dennoch wieder glücklich geworden ſei, als ſie des Lebens würdigere Bedeutung erkannt habe. „Wißt Ihr, was Schuld an Thilo's Aufregung iſt?“ fragte Fides mit komiſcher Feierlichkeit.„Ein großartiges Schreiben der Tante Bianca. Sie predigt Sonnenſchein und Sturm in dieſem Briefe. Ihr Geiſt ſcheint von den Steppen Rußland's eben heimgekehrt zu ſein, denn ſie verwünſcht die Schutzgeiſter Napo⸗ leons, die ihn auch diesmal bei ſeinen Unternehmungen zu geleiten ſchienen.“ „Ich denke, Bianca vergöttert Napoleon?“ fragte der alte Herr erſtaunt. „Jetzt haßt ſie ihn mit derſelben Exaltation, wo⸗ mit ſie eine Urſache wurde, daß ich in ſeine Bahn trat,“ ſprach Thilo.„Mich berührte dieſe wahnſinnige Exclamation unangenehm, weil ich in dem Wechſel ihrer Geſinnungen eine Verurtheilung meiner Hand⸗ lungsweiſe ſah. Obwohl ich die Verwünſchungen des 200 franzöſiſchen Kaiſers ganz naturgemäß finde, ſo empörte mich doch Bianca's Fluch, da es mir ſchien, als könne meine jetzige Exiſtenz darin begriffen ſein. Die Liebe und das Glück macht abergläubiſch.“ „Bianca hat Deiner gar nicht dabei gedacht,“ verſicherte der alte Herr heiter. „Dies ſeltſame Frauenzimmer ſpukt förmlich in unſerer Familie. Immer war ein beſonderes Ereigniß im Anzuge, wenn Bianca in den Vordergrund trat und ihr myſteriöſer Einfluß auf Familienbegebenheiten da⸗ tirt ſich von ihrer früheſten Kindheit. Als damals im Sommer ihr Brief mit der Nachricht kam, daß Arnulf noch lebe, da wußte ich ſchon im Voraus, daß ſich etwas Wichtiges ereignen würde.“ „Es iſt uns zum Glücke geworden,“ fiel Fides ein.„Mag es diesmal auch zum Guten ſein, daß ſie ſich uns nähert.“ Frau von Ettershaiden, welche wenig Theil am Geſpräche genommen, weil ſie, wie immer, faſt aus⸗ ſchließlich mit dem Knaben Ottmar beſchäftigt geweſen war, lachte jetzt hell auf. „Was ſeid Ihr thöricht!“ rief ſie.„Ihr legt Gewicht auf die Einwirkung einer unruhigen, abenteuer⸗ lichen, von ihren Einfällen hin und her getriebenen Perſon? Ihr habt Luſt, ſie als ein Werkzeug des Schickſals zu betrachten? Viel Ehre für meine über⸗ 201 ſpannte Couſine. Sie wird ſehr glücklich ſein, wenn ſie erfährt, was für eine Geiſterrolle ſie in Eurer Phan⸗ taſie ſpielt. Wo lebt ſie denn? Noch in Magdeburg?“ „Nein. Sie iſt bei einer Freundin, die an einen Gutspächter in der Nähe von Gommero verheirathet iſt,“ berichtete Thilo.„Das Gut muß dem Prinzen Louis gehört haben, denn ſie ſpricht mit Entzücken von den Erinnerungen, die ihr aus jedem Winkel entgegen⸗ treten und citirt den Geiſt des Prinzen, der noch auf der ganzen Einrichtung des Hauſes ruhe. Sie ſcheint für den Prinzen Louis auch begeiſtert geweſen zu ſein,“ ſchloß er ironiſch. „Bianca hat es ſich, wie viele Berlinerinnen, zur Lebensaufgabe gemacht, alle hervortretende Männer zu lieben und anzubeten,“ ſpottete der alte Herr.„Schade, daß die Männerwelt im Allgemeinen ſolche Abgötte⸗ reien mit Hohn betrachtet!“ „Ich denke mir, ſolche Damen beten ſich ſelbſt an und wollen nur Aufſehen erregen!“ rief Fides. „Was mir imponirt, das macht mich eher ſtumm und ſchüchtern, als beredt.“ „Weiſe geſprochen!“ ſagte Frau von Ettershai⸗ den, wohlgefällig die kleine Frau betrachtend.„Nun aber hoffe ich nichts mehr von Bianca zu hören, ſon⸗ dern Muſik. Du kennſt meine Lieblingsſtücke,„L'invo- cation“ von Duſſek und die„Phantaſie“ von Mozart!“ 20² Fides eilte zum Flügel und ſpielte. Das war einer jener Tage, wie ſie jetzt oft in der Burg vorkamen Wie verſchieden ſtellte ſich dies friedliche Leben gegen die äußere Zerrüttung des Lan⸗ des auf. In Kummer und Noth, in Angſt und Sorge ſchleppte ſich überall die Zeit hin. Das Ende des Jahres näherte ſich, ohne die geringſte Ausſicht auf Ab⸗ hülfe zu bringen. Von dem ſchon eingebrochenen Elende in Rußland wußte man nichts. Napoleons fluchtähnliche Rückreiſe nach Paris kam nur Wenigen zur Kenntniß. Dieſe Rückreiſe wurde beſchönigt, durch Lügen bemäntelt, von den Anhängern des Kaiſers oft gerade zu beſtritten und als Verleumdung behandelt. Im Neiche Weſt⸗ phalen herrſchte eine tiefe, aber ſtumme Beſtürzung, weiter ließ ſich nichts behaupten. Der erſte Schnee legte ſich weich und duftig auf die herbſtliche Flur und hüllte die Burg mit ihren In⸗ ſaſſen ein. Fides freuete ſich wie ein Kind auf eine Schlittenpartie nach Wangeroda und lud Melitta zur Begleitung ein. Es war der jungen Frau ſchon lange kein Ge⸗ heimniß mehr, daß der Verkauf dieſes Gutes nur zum Schein eingeleitet ſei und daß Thilo mit redlichem Eifer die Aufſicht darüber führe. Auch Melitta wußte dies ſchon. Sie hatte einen Troſt in dieſem Umſtande 203 gefunden und verfehlte niemals ſich Fides anzuſchließen, wenn dieſe ihren Thilo dahin begleitete. Eng aneinandergeſchmiegt ſaßen die beiden holden Weſen vor Thilo im Schlitten, den er ſicher von der Pritſche aus fuhr. O, war das eine Luſt auf der glatten Schneebahn dahin zu gleiten! Fides hätte laut aufjauchzen mögen vor Freude! Vielleicht hätte es ihr Thränen des Mitleids er⸗ preßt, hätte ſie in dieſem heitern Momente gewußt, daß unter der Wucht des Schnees zu derſelben Zeit ganze Reihen von ſtarken, kräftigen Männer erlagen, daß ſie ihr Haupt darauf betteten, um zu ſterben! Fröhlich kamen die Luſtfahrenden in Wangeroda an. Thilo war unruhiger, als bisher. Kaum daß er ſich Zeit gab, Fides und Melitta in ein ſchon durch⸗ wärmtes Zimmer zu geleiten. Böſe Gerüchte hatten ihn ereilt und er ſah der Minute, die ihn darüber ver⸗ ſichern konnte, mit Spannung entgegen. Raſch ſchritt er zum Fenſter eines kleinen Cabi⸗ nettes, das die Ecke des Herrenhauſes bildete. Er vergaß in ſeiner geſteigerten Aufregung die ſonſtige Vorſicht und beide Freundinnen ſahen durch die offen gebliebene Thür, daß er dicht unter dem Fenſterbrett einen Nagel auszog und dann ein dünnes, ſchmales Brettchen, darunter hervorhob. Er legte das Brettchen aus einander und nahm ein Blatt Papier hervor, 204 Mit Erſtaunen verfolgte Fides und Melitta jede ſeiner Bewegungen. Sie bemerkten die Aufregung ſei⸗ nes Innern, womit er las. 3 „Es betrifft Oswald!“ flüſterte Melitta hochauf⸗ gerichtet ihm entgegentretend. „Du haſt Geheimniſſe, Thilo?“ fragte Fides mit zärtlichem Vorwurfe. „Es drängte mich längſt Euch damit zu belaſten,“ ſprach Thilo ganz leiſe.„Aber der Frieden Eurer Jugend ſtand dabei auf dem Spiele. Mit ſolchen Ge⸗ heimniſſen iſt Angſt verknüpft, Ihr Lieben. Hört, was hier ſteht.— Gelungen! Fürchterliche Zerſtörung! Ent⸗ ſetzliche Niederlage! Aufgerieben durch Kälte und Hun⸗ ger, was dem Tode in den Kämpfen entgeht. Unauf⸗ haltſam zur Gränze zurück. Ehe die Jahreszahl wech⸗ ſelt, beginnt die Jagd. Glück auf!— Thilo ließ die Hand mit dem Blatte ſinken, ſeine Wange war bleich geworden, aber ſein Auge ſtrahlte wie in Siegesfreude.„O, daß ich nicht hinkann, Os⸗ wald in ſeinem Werke beizuſtehen,“ ſprach er traurig. „Aber wenn mich auch die Ehre zwingt, mein Schwert ruhen zu laſſen— was ich zur Befreiung meines armen bedrückten Vaterlandes thun kann, das ſoll, bei Gott, geſchehen!“ „Lebt Oswald?“ fragte Melitta ernſt. 205 „Es iſt ſeine Handſchrift!“ erklärte Thilo beſtimmt. Sie ergriff das Blatt.. „Ueberlafſe es mir,“ bat ſie mit erſtickter Stimme. Thilo erſchrack. „Melitta, es muß vernichtet werden! Bedenke die Gefahr!“ ſagte er warnend. „Die Gefahr träfe nur mich,“ antwortete ſie be⸗ geiſtert und ſchob zitternd vor Aufregung das Blatt unter ihres Kleides Gürtel, wo es von dem Pochen ihres Herzens berührt wurde. „Melitta— ich darf dies nicht zugeben,“ ſagte Thilo flüſternd.„Du weißt nicht, was für Folgen ſich daran knüpfen können. Tod und Verderben vieler un⸗ glücklicher Männer, die heimlich ihr ganzes Daſein einem Plane geweihet haben. Du kennſt die Feinheit der franzöſiſchen Spionage nicht. Ein einziger Buch⸗ ſtabe würde hinreichen, ganze Dörfer und Städte dem barbariſchen Spürſyſtem Napoleons auszuſetzen. Das war es, was mich von ihm trennte, das war es, was mich ſeine fernere Gemeinſchaft fliehen hieß, was den Werth dieſes Mannes in meinen Augen gleichſam ver⸗ nichtete. Die Furcht erweckte ſeine Grauſamkeit— er wurde Despot, als ſeine Sicherheit zu wanken ſchien. Melitta, vernichte dies Blatt um Deines Heiles willen und um der Sicherheit dieſes ganzen Landſtriches willen!“ 206 „Nein!“ ſagte das jnnge Mädchen mit jener Be⸗ harrlichkeit, die unter ihrer ſanften Miene verborgen lag.„Eine Ahnung ſagt mir, daß dieſes Despoten Macht mit Hülfe Gottes gebrochen iſt. Dies Blatt ſoll mir ein ewiges Zeugniß ſein, daß es Männer ge⸗ geben hat, die des Herdes friedliches Glück opferten, um geräuſchlos dem Tiger Fallen zu legen. Dies Blatt ſoll mich aber auch täglich an meine kalte Selbſtſucht erinnern und mir ein Sporn werden, edler denken und handeln zu lernen. Dies Blatt ſoll aber auch meines Lebens Troſt ſein— ich werde es bewahren gleich einer Reliquie.“)— Der junge Mann wendete ſich voller Unmuth ab. „Thilo— gieb nach!“ bat Fides, ihn umſchlin⸗ gend.„Sie liebt Oswald ſo tief und innig— gieb nach— laß ihr das Blatt, welches bei ihr wohl ſicher iſt.” „Du bitteſt um etwas, deſſen Verantwortung auf meine Ehre zurückfällt,“ ſprach Thilo. „Fürchte nichts!“ ſagte Melitta bewegt.„Deine Ehre iſt mir ſo theuer, wie Oswald's Leben. Ich kämpfe um den Beſitz dieſes Blattes und ſetze Dir mein eigenes Leben zum Pfande, daß nie eines Men⸗ *) Im Jahre 1837 exiſtirte es noch. 207 ſchen Auge es erblicken ſoll! Es iſt mir ein geheilig⸗ tes Document— Oswald's Hand hat darauf geruht.“ Thilo warf einen wilden, verzweiflungsvollen Blick auf das hartnäckige Mädchen.„Melitta— ich ver⸗ letze einen Schwur“— flüſterte er dumpf. „Die Folgen dieſer Schwurverletzung mögen auf mein Haupt zurückfallen!“ ſprach Melitta feierlich. „Gieb nach!“ bat Fides.„Heiliges Schweigen zwiſchen uns Drei ſichert uns!“ Thilo ſeufzte.„Möge es mir nicht angerechnet werden, wenn ich mich Euren Bitten ſchwach zeige. Der Jammer der erſten Verfolgung, die ich dadurch verſchulde, wird mir ein Todesruf ſein! Deſſen ſeid eingedenk!“ Das Wort klang ſchwer und gewichtig. Es klang von nun an täglich in dem Herzen Fides' wieder und ſtörte ſie, ſo wie Melitta, aus dem ruhigen Frieden und Gleichmuthe auf, womit ſie bis dahin die Welt⸗ ereigniſſe betrachtet hatten. Jetzt, wo ihr Intereſſe ge⸗ weckt war, wo es mit ihrem perſönlichen Wohlſein ſich verbunden hatte, jetzt achteten ſie mit Spannung auf jede Veränderung nah und fern. Ihre Seelenruhe wurde vielleicht dadurch beeinträchtigt, aber es entwickelte ſich eine Kraft in ihnen, die ſie bis dahin nicht gekannt hatten. Die Liebe zur Heimath verwandelte ſich in Liebe zum Vaterlande. Opferfreudigkeit wuchs aus 208 der Begeiſterung heraus, womit ſie die Kriegsthaten der Helden beleuchteten, die ſchon im Beginne des neuen Jahres einzeln, wie leuchtende Vorbilder, hervor⸗ traten. Immer ſicherer verbreiteten ſich die Kriegsnach⸗ richten aus Rußland durch's ganze Land. Aber die Erbitterung der deutſchen Bevölkerung war ſo groß, daß ſie kein Mitleid bei dem gränzenloſen Elende fühl⸗ ten, das ſich in Rußland entwickelte, ſondern dies Elend als ein Gottesgericht anſahen und es als eine Ver⸗ mittelung erkannten, das ſchauderhafte Joch abzuſchüt⸗ teln. Immer ſtärker wogte es in den Herzen der Preußen, die zunächſt dem Schauplatze dieſes Elendes waren. Der Frühling nahete. Schon war der Saft und die Kraft zum neuen Leben in der Natur ſichtbar. Aber auch die Hoffnung auf Erlöſung ſchwellte ſichtbar die Herzen der Menſchen! Schon löſete ſich das Eis von den Gewäſſern— aber auch das Eis der Furcht von der Seele der Menſchen! Da rief der König von Preußen, gedrängt von guten Rathgebern, ermuthigt von edeln Feldherren, ſein ganzes Volk zum Kampfe gegen den Bedrücker auf und verbündete ſich mit Alexander, Kaiſer von Rußland. Es war am 15. März des Jahres 1813, als die beiden Monarchen, die im November des Jahres 1805 209 einen heiligen Freundſchaftsbund geſchworen hatten, ſich Aug' im Auge gegenüberſtanden und mit übervollem Herzen der Nacht gedachten, wo ſie zum Schutz und Trutz gegen die gewaltige Macht Napoleons an der Gruft des großen Friedrich den Bruderkuß getauſcht. Was war ſeitdem nicht Alles geſchehen? Wirkungslos war dieſer Schwur geblieben. Gedemüthigt hatte der edle Preußenkönig ſeinen Thron wanken— ſchmerzer⸗ füllt hatte er ſeine ſchöne Gattin dem Grame endlich erliegen ſehen müſſen. Der verklärte Geiſt der Köni⸗ gin Luiſe trat in dieſem verhängnißvollen Momente der ſchmerzlichen Rückerinnerung zwiſchen die feſtentſchloſſe⸗ nen Monarchen und als hörten ſie die Stimme wieder, die ſchon damals ſprach: „Die göttliche Vorſehung leitet unverkennbar neue Weltzuſtände ein und es ſoll eine neue Ordnung der Dinge kommen, da die alte ſich überlebt hat und in ſich ſelbſt als abgeſtorben zuſammenſtürzt. Wir ſind eingeſchlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, der, als Herr eines neuen Zeitalters, eine neue Zeit ſchuf. Wir ſind mit derſelben nicht fortgeſchritten, des⸗ halb überflügelt ſie uns. Der franzöſiſche Kaiſer ſcheint dazu auserſehen, uns als Wegweiſer zu dienen. Von ihm können wir Vieles lernen und es wird nicht verloren ſein, was er jetzt ſchon gethan und ausgerichtet hat. Aber ich halte, E. Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. II. 14 210 es dennoch für eine Läſterung, zu ſagen: Gott ſei mit ihm! Er iſt nur ein Werkzeug in der Hand des All⸗ mächtigen, um das Alte, welches keine Stätte mehr hat, aber mit allen Einrichtungen verwachſen iſt, zu begra⸗ ben. Gewiß wird es einſt beſſer werden, das verbürgt mir der Glaube an das vollkommenſte Weſen. Da es aber nur gut in der Welt werden kann durch die Guten, ſo glaube ich nicht, daß der Kaiſer Napoleon feſt und ſicher auf ſeinem, jetzt freilich glänzenden Thron ſitzt. Feſt und ruhig iſt nur allein Wahrheit und Gerechtig⸗ keit und er iſt nur politiſch, das heißt klug, indem er ſich nicht nach ewigen Geſetzen, ſondern nach Umſtän⸗ den richtet, wie ſie ihm gerade vorkommen. Ich glaube aber zu feſt an Gott und alſo auch an eine ſittliche Weltordnung, um nicht auch an ein Ziel dieſer Zeitbewe⸗ gung zu glauben.“*) Die Stimme, die das geſprochen, war verhallt, war gebrochen im Todeskampfe, aber das geiſtige We⸗ hen dieſer Offenbarung traf mahnend die Herzen Alexanders und Friedrich Wilhelms. Sie gedachten des Segens, womit ſie damals den Freundſchaftsbund geheiligt hatte.„Gott ſei mit Euch!“ und ſprachen wie von Einem Gedanken beſeelt:„Gott ſei mit uns!“ *) Aus einem Briefe der Königin Louiſe. * 211 Die Zurüſtungen zum ernſten Kampfe begannen. Das Licht der neuen Hoffnung entflammte den Enthu⸗ ſiasmus der ganzen Nation. Der patriotiſche Eifer übertraf alle Erwartungen. Alles drängte ſich zu den Panieren, die ihnen Freiheit verſprachen. Es war die Blüthe, es war der Kern des Volkes, von jedem Alter, von jedem Stande, der ſich ſammelte, bereit, Gut und Blut, Leib und Leben zum Opfer darzubringen. Thilo durch ſein Ehrenwort von dieſem allgemei⸗ nen Kampfe ausgeſchloſſen, legte den größten Theil ſeines Vermögens, das er mühſam im Dienſte des Kai⸗ ſers geſammelt, auf den Altar des Vaterlandes und war nicht zu ſtolz, ſich von dem Vermögen ſeiner Fides erhal⸗ ten zu laſſen. Während dieſer gewaltig aufregenden Zeit waren die Nachrichten aus dem ruſſiſchen Lager auf dem my⸗ ſteriöſen Wege, den Melitta hatte kennen lernen, immer ſiegesfroher und beſtimmter geworden. Obwohl ihr nie wieder ein Blatt davon zu Geſicht kam, ſo betrachtete ſie Thilo's gelegentliche Aeußerungen doch immer als Orakelſprüche und zitterte nach jeder Schlacht, bis ſie eintrafen. Es waren dieſe Nachrichten gleichſam Beſchei⸗ nigungen über Oswald's Leben und Geſundheit. Die ſtete Unruhe und Spannung prägte das ſanfte und ſtillgeduldige Gefühl der Liebe weit unauslöſchlicher 14* 212 und leidenſchaftlicher in Melitta aus, als es jemals ein ruhiges Beieinanderleben vermocht hätte. Plötzlich hörten die Mittheilungen Oswald's auf. Man vernahm Gerüchte von einem Zuſammenſtoß der Verbündeten mit franzöſiſchen Truppen in der Gegend von Magdeburg. Man bezeichnete die öſtlich von dieſer Feſtung belegenen Städte Gommera, Möckern und Leitzkau als das Terrain eines harten Kampfes, der zum Vortheil der Verbündeten ausgeſchlagen ſein ſollte. Daß ruſſiſche Truppen dabei betheiligt geweſen, ſtellte ſich nach und nach feſt, aber da ſelbſt Thilo niemals erfahren hatte, unter welchem ruſſiſchen Feldherrn Os⸗ wald ſtand, ſo blieb es fraglich, ob er ſchon der Hei⸗ math ſo nahe ſei. Melitta zeigte ſich unruhiger, als je. Täglich bat ſie Thilo um Unterſuchung des wunderbaren, geheimen Briefkaſtens. Es war vergebens. Der Brettverſchluß blieb leer. Anfangs tröſtete Fides die Freundin damit, daß ja nicht Oswald, ſondern nur ſein Vermittler durch veränderte Verhältniſſe verhindert ſein könne, die Zu⸗ ſchriften zu befördern. Nach und nach neigte indeß ſelbſt dieſe leichtblütige Tröſterin ſich dem Glauben zu, daß Oswald irgendwo dem Schickſale eines Kriegers erlegen ſei. Eine nnntgeberle, ſchwüle Stille herrſchte ſeitdem in der Burg. Melitta ſuchte dort Troſt und Erheſtermg, fund — 2 213 Beides aber nicht. Draußen in der Welt wurde es täglich wüſter und wilder. Sieg und Niederlage wech⸗ ſelte. Eine Schlacht folgte der andern. Der Kampf zog ſich der Gegend immer näher. Man ſprach ernſtlich davon in Ettershaiden, ſich zu vereinigen und entweder im Schloſſe oder in der Burg eine gemeinſame Wirthſchaft einzurichten. Für die Burg ſtimmte Thilo, ſo lange nämlich des König Jerome's Herrſchaft in Kaſſel ungefährdet erſchien. Er ſtand als als ſein Unterthan ſicherer unter dem Schutze desſelben, und der Schutzbrief mit Napoleons Unterſchrift hatte Macht ihn gegen franzöſiſche Unbill zu ſchützen. Dagegen ſtellte der alte Herr von Ettershaiden Gründe auf, die bei der ſtets höher aufflammenden Hoffnung auf gänzliche Befreiung Gewicht erhielten. Die kaiſerlichen Diplome konnten ſehr bald in Miß⸗ credit kommen. Er rieth zur Vernichtung des Schutz⸗ briefes, den Thilo beſaß, und ſchlug ihm vor, auf preu⸗ ßiſchen Grund und Boden überzuſiedeln. Der Abend eines ſchönen Frühlinstages brach her⸗ ein, als die ganze Familie, in derartige Discuſſionen vertieft in der Burg beiſammenſaß, um zum letzten Male genau die Folgen jedes Entſchluſſes abzuwägen. Man mußte jeden Tag erwarten, daß ſich Streifzüge über dieſen Landesſtrich ergießen würden— die Noth drängte— ernſter als ſonſt ſchauete Thilo aus, wür⸗ 214 diger und feſter beharrte der alte Herr auf ſeinen Anſichten. Das Thor der Burg war, wie jetzt immer, geſchloſ⸗ ſen. Nur nach einem Zeichen mit dem ſchweren Meſſing⸗ klopfer an der Pforte wurde dieſe geöffnet. Mitten im Geſpräche hielt Thilo plötzlich den Athem an— dröhnend ſchallte das Zeichen durch den ſtillen Abend. Es begehrte Jemand Einlaß. Mit ſtiller Faſſung, durch Blicke ſich Muth zurufend, erwartete man das Reſultat dieſes Ereigniſſes. Thilo allein ſtand auf. Die Würde des Hausherrn erforderte es, daß er ſich zum Empfange unerwarteter Gäſte bereit hielt. Der Diener trat ein und meldete einen Boten, der nur dem Herrn von Ettershaiden allein ſeine Beſtellung ausrichten wolle. Alles athmete froh bei dieſer friedlichen Wendung auf. Thilo ging ſchnell in den Vorflur— Fides folgte ihm neugierig bis zur Schwelle. Geſpannt hingen die Blicke Aller an der Thür. Melitta war geiſterbleich und ſtützte ſich krampfhaft auf die Lehnen ihres Seſſels. Gleich darauf hörte man Thilo's Stimme, welche freudig und laut durch die Wölbung ertönte. „Fritſche— alter guter Leibhuſar— täuſcht mich denn wirklich mein Auge nicht— Fritſche— iſt Er es denn oder iſt'’s ein Geiſterſpuk?“ 8 — ——— 21⁵ „Fritſche ſelbſt und nicht ſein Geiſt, Junker Thilo,“ brummte der Alte aus ſeinem weißen Barte hervor und dasſelbe Lächeln, welches wie Wellenſchlag früherhin ſeine Runzeln in Bewegung brachte, glitt über das alte braun⸗ rothe Geſicht hin. Thilo zog ihn raſch in's Zimmer. Fröhlich, wie ein Knabe, ſtellte er den alten Mann hier als ſeinen aller⸗ älteſten Freund vor und wurde gar nicht müde ſich zu wundern und zu freuen über die Ankunft deſſelben, bis Fritſche endlich einen Brief aus ſeiner Bruſttaſche zog und dazu ſprach: „Dies ſendet Ihnen das gnädige Fräulein Bianca und was nicht d'rinnen ſtände, das ſollte ich erzählen!“ Thilo entfaltete eiligſt den Brief und vertiefte ſich in das feine Gekritzel Bianca's, während Fides den allerälteſten Freund ihres Gatten von allen Seiten beſah und ihn auf den nächſten Stuhl placirte, ohne ſich an den mißliebigen Blick der gnädigen Frau Tante zu kehren. Thilo las und ſein helles Antlitz umwölkte ſich mehr und mehr. Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte ihm— ein blitzſchneller Blick ſtreifte Melitta's Geſicht— dann rief er aber: „Gott ſei gedankt— die Gefahr iſt alſo vor⸗ über, Fritſche?“ „So weit wir armen Menſchenkinder in einen 216 Menſchen hineinzuſchauen vermögen, Herr Junker— ja, ſo weit iſt die Gefahr vorüber. Das gnädige Fräu⸗ lein hat es ſich mächtig viel Pflege koſten laſſen um den Herrn— Ein Wink Thilo's gebot ihm Einhalt. Es war zu ſpät. Melitta ſtand ſchon neben dem Alten und fragte feſt:„Oswald lebt alſo?“ „Er lebt und ißt und trinkt wieder. Aber die Kräfte ſind weg. In der Klemme, wo er ſich befindet, kann er fernerhin nicht gedeihen— er muß fort. Des⸗ halb bin ich hermarſchirt, um das zu beſprechen.“ „O, guter, guter Fritſche!“ rief Fides, zärtlich ſeine Wange ſtreichelnd.„Ja ſeht nur, ich bin ja Junker Thilo's Frau! fügte ſie ſtolz hinzu. Melitta hatte indeß mit bittender Geberde den Brief Bianca's ergriffen und war in's Fenſter getreten, um ihn zu leſen. Das letzte Sonnenglühen leuchtete ihr dazu. Was ſie las, machte ſie beben. Oswald war ge⸗ fährlich verwundet am Rande des Fichtenwaldes bei Gommera liegen geblieben. Dort hatte ihn Bianca, mit gränzenloſem Erſtaunen ihn erkennend, entdeckt, als ſie mit der vollen Begeiſterung einer barmherzigen Sama⸗ riterin nach dem Kampfe hinausgeeilt war, den Ver⸗ wundeten hülfreich beizuſtehen. Er war vorſichtig nach dem jetzigen Aufenthaltsorte Bianca's geſchafft und 217 dort in eines jener reizenden, verſteckten Cabinette untergebracht, die ſich oben im zweiten Geſchoß des hübſchen Amthauſes neben dem Saale befanden, wor⸗ in der geniale Prinz Louis ſeine bekannten Feſtins zu feiern pflegte. In dieſem Cabinette, das durch eine Tapete gänzlich unſichtbar von Außen war, hatte Os⸗ wald drei volle Wochen verſteckt gelegen, da der Ver⸗ rath wach und die Vermuthung ſeines Dortſeins ver⸗ derblich für die guten, treuen Amtleute war. Der Kampf⸗ platz hatte ſich zwar ſchon weiter nach der Saale hin⸗ gezogen, aber franzöſiſche Streifzüge, aus Magdeburg's Mauern geſendet, um zu plündern und zu brandſchatzen, machten die höchſte Vorſicht nöthig, wenn man Oswald nicht als Gefangenen fortſchleppen und ihn unter bru⸗ taler Behandlung ſeinen ſchweren Wunden erliegen ſehen wollte. Er war nothdürftig ſo weit geneſen, daß er vorſichtig fortgeſchafft werden konnte. Nun forderte Bi⸗ anca in ſeinem Namen Thilo's Rath, wie dies geſche⸗ hen ſolle und wohin er gehen müſſe, um ſicher ſeine Geneſung abwarten zu können. Melitta hatte den Brief geleſen und blickte gedankenſchwer über die Landſchaft hinweg, nach Wangeroda hinunter. In ihrer Seele rang der Schmerz und die Freude. Vielleicht nahete hier⸗ mit das Ende ihrer innern Qual. Vielleicht hinderte ihn ſeine Wunden, wieder einzutreten in die Reihen ſei⸗ ner Waffenbrüder? 218 Während ſie grübelte, hatte ſich Fides dem alten Fritſche als jenes ſchlafende Mädchen in der Garniſon⸗ kirche vorgeſtellt und ihn dadurch zum höchſten Stau⸗ nen gebracht. „Aber ich war nicht Melitta, alter Fritſche, ſon⸗ dern Fides,“ ſagte ſie neckiſch.„Und daß Ihr mich Melitta getauft, hat mich beinahe um den Mann ge⸗ bracht, den mir Gott von Anfang meines Lebens be⸗ ſtimmt hatte.“ „Melitta—“ wiederholte der alte Leibhuſar nach⸗ ſinnend.„Ja, Melitta— das muß wohl des Rittmei⸗ ſter von Wangera Liebſte ſein— er rief wenigſtens beſtändig dieſen Namen, ſo lange er im Fieber lag.“ Welch' ein ſüßer Troſt barg ſich für Melitta in der treuherzigen Eröffnung des Alten!. Geſchäftig, wie zwei Töchter, ſorgten die jungen Freundinnen für ſeine Erquickung und Bequemlichkeit. Dann aber wurde Familienrath gehalten. Durch dieſe unerwartete Begebenheit veränderte ſich der Standpunkt aller Verhältniſſe weſentlich. Os⸗ wald mußte nach Schloß Ettershaiden gebracht werden, um auf preußiſchen Schutz Anſpruch machen zu dürfen. Thilo dagegen nahm es auf ſich, ihn unter Napoleons Schutzbrief hieher zu bringen. „Es ſoll der letzte Dienſt ſein, den mir dies Pa⸗ pier leiſtet,“ ſagte Thilo am Schluſſe der Berathun⸗ 219 gen.„Iſt Oswald in Sicherheit, ſo übergebe ich es ſammt meiner ganzen Vergangenheit den Flammen!“ „So ſoll's ſein!“ ſprach der alte Herr von Et⸗ tershaiden. Thilo richtete Alles vortrefflich ein. Er verſchaffte ſich eine franzöſiſche Uniform, ließ ſich einen bequemen Reiſewagen direct aus Kaſſel kommen und fuhr unter dem Namen Marquis d'Etérais innerhalb der weſt⸗ phäliſchen Gränze ruhig bis vor Magdeburgs Thore, legitimirte ſich dort, fuhr unangefochten hindurch und befand ſich dann ſehr bald auf dem nächſten Wege nach Gommera, der theilweiſe durch Waldungen führte. Jetzt wechſelte er die Maske, denn er befand ſich auf preußiſchem Grund und Boden. Der alte Fritſche, der ihn auf dieſer Fahrt begleitete, führte von jetzt ab das Wort und verkehrte ſo zwanglos gut preußiſch mit einem kleinen Trupp Soldaten, daß man gegen den Herrn, welcher mit ihm im Fond des Wagens ſaß, durchaus keinen Argwohn faßte und ihn ohne Legiti⸗ mation weiter fahren ließ. Abends ſpät waren die beiden Reiſenden glücklich auf dem Amthofe in Pöthen angelangt und trotz der ſpäten Nachtſtunde trat Thilo ganz geräuſchlos in das geheime Cabinet, wo Oswald, unruhig wartend, ihm entgegenkam. Dies Wiederſehen war ergreifend. Thilo gab ſein Leben preis, um ihn zu retten. Das wußte Os⸗ 220 wald ſehr gut. Hätte Fides eine Ahnung von ſeiner Gefahr gehabt, ſo würde ſie den, welchen ſie mehr liebte, als ihr eigenes Leben, ſich nicht in dieſe Abenteuer haben ſtürzen laſſen. Stumm ſtanden ſich die jungen Männer eine Weile im Dämmerſcheine einer kleinen Lampe, gegenüber. Thilo betrachtete erſtaunt die Verwüſtungen, welche das Krie⸗ gerleben und das Wundfieber in dem Geſichte Oswald's angerichtet. Er erſchien um zehn Jahre gealtert. Seine ernſte Ruhe war einer leidenſchaftlichen Regſamkeit ge⸗ wichen. Sein Patriotismus ſchien bis zum Fanatismus geſteigert zu ſein. 8. Genug Oswald war unglaublich verändert. Die Krankheit hatte ſeine Kräfte erſchöpft, aber nicht die brennende Sehnſucht gelöſcht, kämpfen zu wollen für die heiligen Rechte ſeiner Brüder. Sein ganz farbloſes Geſicht verrieth, was er an Schmerzen des Körpers ge⸗ litten hatte, aber er achtete das gering gegen die Lei⸗ den ſeines ruheloſen Geiſtes, der vorwärts ſtrebte, um das glücklich begonnene Unternehmen zu enden. „Gott ſei geprieſen, Thilo, daß Du da biſt,“ ſprach er gedämpft, denn noch war nicht Alles zur Ruhe im Amthofe und ſie waren nicht ſicher vor Horchern und Schleichern, die gern die Verräther geſpielt hätten, wenn ſie die leiſeſte Ahnung eines Geheimniſſes gewittert. „Gott ſei geprieſen. Ich kann keine Ruhe finden— 221 ich muß fort— ich muß an meinen Platz, den Nie⸗ mand auszufüllen vermag! Ich muß fort! Hilf mir dazu! Ich habe nicht eher Ruhe, bis ich die Macht Napoleons vernichtet weiß, bis wir dieſe Fremdlinge in das Mark ihres Vaterlandes zurückgetrieben ſehen. Mach', daß ich fortkomme! Ich kann ſicherlich ſchon wieder zu Pferde ſitzen!“ „Ja,“ fiel Thilo gutmüthig ſpottend ein,„ja um herunter zu fallen und von Neuem in Fieberphantaſien dahin zu ſchwärmen bis zur Pforte des Todes. Halte Ruhe, mein Freund! Fortbringen will ich Dich, aber meine Inſtructionen von Fides und Melitta lauten„bis zum Schloß Ettershaiden!“ Oswald machte eine Gebärde des Unwillens und der Ungeduld. „Es hilft Dir nichts! Ein guter Ehemann lernt pariren!“ ſcherzte Thilo. 3 Oswald lächelte ſchwach.„Bianca ſagte mir's. Du biſt mit der kleinen Fides verheirathet? Sie iſt Deines Bruders Tochter erſter Ehe?“ „Ganz in aller Form verheirathet mit meiner eige⸗ nen Nichte!“ erklärte Thilo lachend. Er hatte die Ab⸗ ſicht der krankhaften Aufregung Oswald's entgegen zu arbeiten, um ihn für ſeine Vorſchläge vorzubereiten. „Du Glücklicher! Und Melitta?“ 222 „Wartet geduldig auf Dich, den tapfern, klugen und beſcheidenen Franzoſenvertilger!“ „O Thilo! Ich darf nichts lieben, ſo lange mein Vaterland meiner bedarf!“ „Melitta hat auch nichts dagegen. Sie begnügt ſich mit der zweiten Stelle in Deinem Herzen. Aber — ſie läßt Dich beſchwören, meinen Rathſchlägen unbe⸗ dingt Folge zu leiſten, ſonſt könnte es ſich ereignen, daß Du und wahrſcheinlich auch ich, eines ſchmählichen To⸗ des ſterben müßten. Man macht in der Wuth jetzt kur⸗ zen Proceß und ſpart Pulver und Blei. Der erſte, beſte Baum iſt brauchbar zum Galgen. Stricke hat jeder Franzoſe bei ſich.“ Oswald nickte. Er wußte das ſchon. Thilo fuhr fort. „Mein Vorſchlag geht dahin, daß Du in der Uniform eines franzöſiſchen Grenadierlieutenants—“ „Wie? Ich— in einer franzöſiſchen Uniform— es wäre eine ewige Schande für mich!“ unterbrach ihn Oswald wild auffahrend.„Das kann Dein Ernſt nicht ſein!“ „Es iſt mein Ernſt geweſen,“ erwiederte Thilo gelaſſen,„und mein ganzer Plan würde ſcheitern, woll⸗ teſt Du bei Deiner Weigerung beharren.“. „So laß mich hier!“ rief Oswald kurz und hef⸗ tig.„Eine Rettung vor Gefangenſchaft in der Uniform 223 des tief verhaßten Feindes läuft meiner Soldatenehre zuwider. Nur ein Diplomat, der jeden Schleichweg für erlaubt hält, kann ſo etwas erſinnen!“ Thilo legte gutmüthig die Hand auf ſeine ver⸗ wundete Achſel.„Ruhig, Freund! Ich zwinge Nie⸗ mand meine weiſen Rathſchläge auf, aber ich mache Dir bemerklich, daß es draußen böſe ausſieht und daß ich Dich nur auf weſtphäliſchen Wegen, als ein dem fürchterlichen Elend in Rußland Entkommener, retten kann. Alle andere Wege ſich unſicher. Dieſeits der Elbe ſchwärmen Preußen, Ruſſen, Franzoſen, Sachſen, Baiern u. ſ. w., wild durcheinander. Die Straße durch Anhalt bis Dresden iſt ſo gut, wie ein fortlau⸗ fendes Pelotonfeuer zu betrachten. Wir würden in Freundes Land weit mehr incommodirt werden und Ge⸗ fahr laufen, als in Feindes Land. In Feindes Land müßteſt Du aber, um ſicher zu ſein, die Rolle ſpielen, die ich Dir vorſchlug.“ So will ich meinen Weg allein antreten!“ ſagte Oswald entſchieden. „Das erſte Piket franzöſiſcher Plänkler wird Dich dann in die Kaſematten Magdeburg's liefern. Außer⸗ dem habe ich die Ehre Dir zu ſagen, daß jeder Edel⸗ mann gern ſeine Schwüre hält und ich habe Fides ſo⸗ wohl als Melitta auf Ehre verſichert, daß ich mit Dir eher untergehen würde, als Dich Deinem eigenen Ei⸗ 224 genfinne opfern. Melitta ſcheint Dich ſehr genau zu kennen— ihr ahnete dergleichen.“ „Thilo— die Uniform kann und werde ich nicht anziehen,“ ſprach Oswald hierauf. Thilo ſann nach.„Nun— ſo wagen wir es Dich als Todtkranken zu coſtümiren. Betten werden ohnehin ſehr nothwendige Uebel ſein, Du hältſt ſonſt das Fahren nicht aus. Eine alte Joppe wird ſich auf⸗ treiben laſſen. Den Kopf verbinden wir und Du ſchläfft, wenn ſich Jemand unſerm Wagen nähert. Blaß genug biſt Du, um als halbtodt gelten zu können.“ „Dieſem Vorſchlage will ich nicht widerſtreben,“ meinte Oswald ſeufzend,„obwohl es mir lieber wäre, Du böteſt mir eine Escorte meiner wackern Ruſſen an.“ „So weit reicht meine Macht nicht— ich bin weſtphäliſcher Unterthan, wie Du weißt.“ „Wann würden wir unſern Faſtnachtszug beginnen können?“ fragte Oswald mit bitterm Scherz. „Vor morgen Nachmittag nicht, denn meine Pferde ſind durch die eilige Reiſe hieher angeſtrengt und müſſen einen halben Tag ruhen. Die Rückreiſe machen wir Dei⸗ nes Zuſtandes wegen langſamer.“ „O nein! Nur vorwärts, nur vorwärts! Ich will ſchon Alles ertragen!“ rief Oswald.— „Warten wir ab, was Du morgen um dieſe Zeit empfindeſt. Eine Verſchlimmerung wird eintreten, davon 225 bin ich überzeugt. Nur noch eins, ehe Bianca kommt, die mir zugeflüſtert hat, daß ſie uns aufſuchen werde, ſobald das Geſinde zur Ruhe ſei. Ich habe ſtets die Erfahrung gemacht, daß jedes Geheimniß am ſicherſten bewahrt wird, wenn Niemand ein Geheimniß ahnet und daß jedes Wage⸗ ſtück am beſten gelingt, wenn Niemand eine Gefahr fürch⸗ tet. Selbſt dem treueſten und zuverläſſigſten Menſchen traue ich nicht. Darum erfuhr mein Kutſcher gar nichts von der Abſicht meiner Reiſe und darum bitt' ich Dich, weder gegen den ehrlichen Fritſche, noch gegen Bianca von unſern Befürchtungen zu ſprechen. Wir fahren einfach von hier ab, ohne Fritſche wieder mitzunehmen. Der alte Leib⸗ huſar paßt mir nicht auf Weſtphalens Grund und Boden, und Bianca's Stoßgebete würden mehr verrathen, als nützen. Mein Kutſcher iſt ein alter Bekannter, der mich nur unter dem Namen Marquis d'Eterais kennt. Ich habe ihn eigens aus Kaſſel zur Reiſe kommen laſſen mit dem Wagen zugleich. Er kennt Dich nicht— er kennt meine wahren Verhältniſſe nicht. Er weiß nichts vom Grunde meiner Reiſe und iſt ſorgloſer Natur. Alſo unſer Loſungs⸗ wort heißt: Keine Vorſichtsmaßregeln ſind die beſten Vor⸗ ſichtsmaßregeln.“ „, Ich füge mich— um mich vor Gefangenſchaft zu bewahren— Deiner diplomatiſchen Klugheit,“ murmelte Oswald und winkte Thilo zu ſchweigen, weil ein Geräuſch ſich nähere. E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 15 Gleich darauf trat Fräulein Bianca ziemlich aufge⸗ regt in das kleine Cabinettchen, das kaum Raum für ſo viel Gäſte bot. Sie reichte Thilo, den ſie erſt ſehr flüchtig begrüßt hatte, in einem Anfluge von Extaſe die Hand und ſprach mit Pathos:„Ich ſehe Dich wieder, Thilo— noch glaube ich es kaum! Hätte ich gewußt, wo Du zu ſuchen geweſen, ich würde das Land durchpilgert haben, um Dich von dem Despoten Napoleon zurückzufordern!“ „Laſſen Sie es gut ſein, Couſine Bianca,“ antwor⸗ tete Thilo herzlich lachend.„Wäre dieſer Despotenhaß damals ſchon ausgebildet geweſen, ſo hätte ich wahrſchein⸗ lich nie das Angeſicht Napoleons geſehen und mein Lebens⸗ weg würde ſich einer andern Richtung erfreuet haben. Aber ich bin jetzt zufrieden. Wir wollen die Vergangen⸗ heit ruhen laſſen.“ „Ja, ja!“ ſprach ſie eifrig.„Wir haben Wichtigeres zu ſprechen. Dies koſtbare Leben muß den Klauen der Franzoſen entriſſen werden,“ fügte ſie theatraliſch auf Oswald deutend, hinzu. „Laſſen Sie doch den armen Franzoſen Gerechtigkeit widerfahren,“ ſpottete Thilo, um ihre Aufmerkſamkeit von Oswald abzuziehen, der ſich unbehaglich zu fühlen ſchien, daß er ſeiner treuen Pflegerin nicht volles Vertrauen ſchen⸗ ken dürfe.„Wiſſen Sie nicht mehr, wie Sie die Zierlichkeit der franzöſiſchen Hände und Beine geprieſen haben? Den⸗ ken Sie an den Tambour!“ 227 „Ich habe dieſe Verblendung ſchwer gebüßt!“ ant⸗ wortete die Dame mit erhabener Würde.„Was habt Ihr über die Reiſe beſchloſſen?“ „Gar nichts, Couſine Bianca.“ „Wie wollt Ihr den Spürnaſen der Feinde entgehen?“ „Ach thörichte Einbildungen— wer wird ſich um zwei Reiſende bekümmern, wovon der eine, ‚ein ehrbarer weſtphäliſcher Unterthan’ und der andere ‚ein halbtodter Menſch“ iſt,“ antwortete Thilo leichthin.„Sie übertrei⸗ ben ſtets, Couſine, in der Furcht, wie in der Hoffnung— in dem Tadel, wie im Lob— im Abſcheu, wie in der Begeiſterung! Sorgen Sie nur für Betten, den armen Kranken einzupacken.“ Bianca ſah ihn verwundert zuerſt an, dann ließ ſie ihre lebhaften Augen über Oswald gleiten. Ihr Verſtand war klar, wenn ſie ſich nicht in Exaltationen verſtrickte. „Betten? Glaubt Ihr, daß es ſicherer ſei, ihn als Todt⸗ kranken reiſen zu laſſen?“ „Nicht doch! Die Betten ſind nöthig, um das Rütteln des Wagens erträglich zu machen!“ ſprach Thilo. Bianca ließ ſich ablenken vom richtigen Ürtheile und verſprach Betten zu beſorgen. Weiter verlangte Thilo nichts. Alles Andere beſorgte er allein. Am nächſten Nachmittag rüſtete er ſich zur Abreiſe. Er hatte ſich ganz harmlos auf dem Amthofe gezeigt und ſich hier als wohlwollender und leutſeliger deutſcher 15 228 Herr aufgeſtellt, um von vornherein jede Neugier beim Geſinde zu unterdrücken. Er kannte den Volksgeiſt auf dem Lande. Was nicht befremdet, wird ohne Argwohn betrachtet. Nachmittags ließ er den Wagen, dicht ver⸗ ſchloſſen, vor der Hausthür vorfahren. Die Betten lagen ſchon darin. Die Sache war bis jetzt vortrefflich gegangen. Kein Menſch glaubte, daß ſich im Hofe ein Verwundeter befinden könne. Die Minute rückte heran, wo Oswald im Haus⸗ rock des Amtmannes den Wagen beſteigen ſollte— da fiel ſein Blick auf ſeine eigene Uniform, auf ſeinen Säbel und Czako. Er beharrte darauf, dieſe Sachen mitnehmen zu müſſen. Thilo erſchrack über dieſe Zumuthung. Er ſuchte ihm den Gedanken auszureden— vergebens— Os⸗ wald erklärte nichts davon in Stich laſſen zu wollen — ſeine Ehre verlange es. „Wunderliche Begriffe von Standesehre, wenn man ſich dadurch in die Situation verſetzt, als ſtelle man ein Faß Pulver mit brennender Lunte neben ſich,“ ſagte Thilo verdrießlich.„Gut denn— auch dies ſei gewagt! Ich werde die Behauptungen des alten Leib⸗ huſaren Fritſche wahr machen müſſen, um aus dieſer ſchwierigen Lage als Sieger hervor zu gehen. Der alte Burſche meint, ich ſei ſchon als Knabe niemals um Ausflüchte verlegen geweſen, hoffen wir alſo, daß — — A mein Ingenium mich bei dieſer vorhabenden Heldenthat nicht in Stich läßt. Im Nothfalle habe ich den lettre de protection zur Hand, werde jedoch ſo wenig, wie möglich Gebrauch davon machen. Napoleon ſoll in Sachſen ſein. Es könnte ſich ereignen, daß er in ſei⸗ nem gewaltigen Grimm über Deutſchland's Undankbar⸗ keit ſeine eigene Unterſchrift nicht reſpectirt wiſſen wollte.“ Der Wagen fuhr ab. Der Argwohn folgte nicht ſeiner Spur. Nur theilnehmende Blicke und ſtille Sorgen geleiteten ihn. Thilo's Mienen verriethen die größte Sorgloſigkeit. Zuerſt ließ Thilo den Kutſcher ruhig die Straße verfolgen, die ſie Tags zuvor gekommen waren, dann gab er ihm Inſtruction, rechtsab einen Sandweg zu wählen, um dem Kranken das ſcharfe Rütteln zu er⸗ ſparen. Es wurde dieſem Befehle natürlich Gehorſam geleiſtet und man näherte ſich dadurch Magdeburg von einer ganz andern Seite, wie Tags zuvor. Je näher man Magdeburg kam, deſto ſtraffer richtete ſich Thilo auf. Entſchloſſen maß er die ſich verringernde Entfernung an den Domthürmen ab, die ſeine Straße zu verſchränken ſchienen. In dieſer ver⸗ hängnißvollen Stunde verwünſchte er ſeine Nachgiebig⸗ keit gegen Oswald, die ihn bewogen hatte ſich mit ſei⸗ ner verrätheriſchen Uniform zu beladen. Oswald ahnte ——— nichts von dem harten Seelenkampfe ſeines Freundes. Apathiſch in die Kiſſen zurückgelehnt, die ihm jetzt erſt als durchaus nothwendig erſchienen, überließ er ſich dem Behagen, ſeiner beklemmenden Lage im Amthauſe ent⸗ hoben zu ſein und ſchlummerte endlich ein. Erſt beim Anhalten des Wagens am Thore ſchreckte er aus die⸗ ſem leichten Schlafe auf und wollte ſich erheben. Thilo drückte ihn zurück in die Kiſſen. „Kein Laut von Deinen Lippen— ſchlafe fort!“ flüſterte er. Ein wachthabender Officier trat eilig näher und forderte Thilo's Legitimationspapiere, natürlich in franzöſiſcher Sprache. Ruhig reichte er ſie ihm. Der Officier verbeugte ſich leicht, blickte aber zu gleicher Zeit ſcharf in den Wagen auf die Betten, worin Os⸗ wald eingehüllt lag. „Aber der Kranke, Herr Marquis?“ fragte er mißtrauiſch und befremdet zugleich. „Iſt ebenfalls weſtphäliſcher Unterthan,“ antwor⸗ tete Thilo mit ſeiner gewinnenden Freundlichkeit. „Er heißt?“ fragte der Officier ſcharf. „Wangera—“ antwortete Thilo, den Namen ſo ſtreng franzöſiſch accentuirend, daß niemand Wangera darunter geſucht haben würde. „Kommt woher?“ fragte der Officier ungeduldig. Thilo zuckte mitleidig die Schultern.„Von Rußland! Aus Mitleiden nahm ich ihn mit in den Wagen! O, — . 231 mein Herr, wer könnte ſolchem Elende widerſtehen! Ich glaube deshalb keiner Unannehmlichkeit ausgeſetzt zu werden. Mein Reiſeziel iſt Kaſſel!“ Alles das redete Thilo mit der zuverſichtlichen Miene eines Franzoſen, der hier in ſeinem Rechte zu ſein glaubte. Der Officier trat zurück und verſchwand durch das Pförtchen im Thore, welches halb zuge⸗ lehnt war. Es verging eine qualvolle halbe Stunde. Thilo ſtand Höllenangſt aus. Er konnte erwarten, daß eine ſtrenge Viſitation des Wagens ſtattfinden werde. Wenn er nur die verwünſchte ruſſiſche Uniform fortgehabt hätte. Plötzlich zeigte ſich ein Sergeant am Thore. Lang⸗ ſam ſchlendernd umging er den Wagen und muſterte ihn, als wolle er ihn zum Modell nehmen. Beim Kutſcher, der gelangweilt im Bocke ſaß, blieb er ſtehen und fragte ihn auf franzöſiſch, woher k komme. Der Burſche lachte und ſchüttelte mit dem opfe. Dann folgte die Frage, wohin er wolle. Wieder⸗ um ein höchſt vergnügtes Geſicht als Antwort— nichts weiter. Der Sergeant fragte immer weiter. Der Kutſcher lachte immer ſorgloſer. Zuletzt rief er in der allerfröhlichſten Laune: „Parle nicht franzöſiſch, guter Mann— kann nichts weiter ſagen, als vive le roi Jérome!“ „Ahl bien, très bien!“ ſprach der Sergeant und ging durch's Thor zurück. Gleich darauf erſchien der junge Officier, über⸗ reichte Thilo'n die mitgenommenen Papiere und rief mit lauter Stimme:„Passez!“ Die Thore flogen auf— der Wagen rollte hinein in die Friedrichsſtadt. Nicht eine Regung der Wimpern hatte gezeigt, daß Thilo unter fürchterlicher Herzensangſt der Ent⸗ wicklung dieſer Thorſcene geharret hatte. Nicht eine verrätheriſche Bewegung hatte bewieſen, daß Oswald im Innern entſchloſſen geweſen war, lieber ſeinen Säbel ſich durch die Bruſt zu bohren, als ſich gefangen hier feſthalten zu laſſen. Unverändert ruhig fuhren die bei⸗ den jungen Männer über all' die Brücken, die ſie zu paſſiren hatten, durchſchnitten die Stadt bis zum Su⸗ denburger Thore und wurden nun abermals angehalten. Hier forderte man nur die Papiere Thilo's, wor⸗ auf der erſte Wachthabende die Begleitung des Kran⸗ ken vermerkt hatte und ließ den Wagen ſchneller paſſi⸗ ren. Noch immer herrſchte lautloſe Stille im Wagen. Nur ein Blick voll Dank ſtieg aus Oswald's Augen zu Thilo's ruhigem Geſichte empor. Sie beobachteten die größte Vorſicht, bis ſie end⸗ 6 6 f 4 *A lich auf offener Landſtraße waren, Oswald hob ſich hier aus ſeiner liegenden Lage auf, trocknete ſich den Schweiß von der Stirn und ſagte aufathmend:„Lie⸗ ber drei Stunden vor dem Feinde, als eine ſolche qualvolle halbe Stunde peinlicher Erwartung. Warum machteſt Du keinen Gebrauch von Deinen lettres de protection— ich hätte Dich ſo gern daran erinnert, fürchtete aber beobachtet zu werden.“ „Dieſe Furcht iſt ſehr begründet, mein Freund!“ ſprach Thilo ebenfalls erleichtert. „Wir Beide waren fortgeſetzt dem Brennſpiegel eines Fernglaſes ausgeſetzt und die leiſeſte Unvorſichtig⸗ keit hätte unſer Grab gegraben, darauf kannſt Du Dich verlaſſen! Meinen Schutzbrief hier anwenden hieß mein letztes Pulver verſchießen. Ich hätte ihn nie wieder zu ſehen bekommen und geholfen hätte er mir nicht. Aber — noch ſind wir nicht über alle Berge! Haſt Du be⸗ merkt, daß meine Tactik richtig war— die gränzenloſe Harmloſigkeit meines Kutſchers gab den Ausſchlag: Vive le roi Jérome!“ „Die ſchwierigſte Paſſage iſt überſtanden!“ meinte Oswald freudig. „Wer weiß!“ war Thilv's lakoniſche Antwort. Seine Ahnung war richtig. Bald darauf ſahen ſie ſich von einem Trupp Sol⸗ daten umringt, deſſen Anführer ein ſo wild verwegenes Ausſehen hatte, daß ſelbſt Thilo's Faſſung bei dem drohenden Blicke deſſelben erſchüttert wurde. „Wohin? Woher?“ fragte er deutſch, aber mit franzöſiſchem Accente. Thilo antwortete artig in ſeinem ſchönen geläufigen franzöſiſchen Jargon, der ſelbſt feingebildete Franzoſen zu dem Wahne verleitet hatte, in ihm ein Kind Frank⸗ reichs zu ſehen. Des Colonels Züge glätteten ſich auf der Stelle. Sein Blick wurde milder. Theilnehmend fragte er nach dem Kranken, der unbeweglich und mit feſtgeſchloſſenen Augen dalag. Thilo brachte wieder ſeine Vorſpiegelung von Rußland an und zeigte bedeu⸗ tungsvoll auf die Stirn Oswald's. „Ah— pauyre camérad,“ flüſterten die nächſt⸗ ſtehenden Soldaten. Sie gruͤßten achtungsvoll und ritten davon. Das war die letzte Prüfung, welcher Thilo's Gei⸗ ſtesgegenwart ausgeſetzt wurde. Von da an paſſirten ſie ohne Schrecken und ohne Aufenthalt alle Städte und alle Flecken Weſtphalens bis Kaſſel hinab. Aber andere Umſtände begannen Thilo zu ängſti⸗ gen, ſo daß er wünſchte, endlich ſeine Heldenfahrt, wie er dieſe Reiſe mit Recht nannte, beendet zu ſehen. Oswald's Befinden verſchlechterte ſich ſichtlich. Seine Wunden, ſchlecht und mangelhaft verbunden, öffneten — 5 235⁵ ſich wieder und als Thilo mit ihm in Ettershaiden an⸗ kam, mußte man ihn aus dem Wagen tragen. Es folgten jetzt ſchwere Tage voll Leiden und Be⸗ ſorgniß. Eine Woche lang ſchwebte der junge Krieger, der durch ſeine unzeitige Unruhe ſeinen Zuſtand ver⸗ ſchlimmerte, in Todesgefahr. Man gab ihn verloren, nur Fides ſprach täglich mit frohem Gottesglauben feſt und zuverſichtlich die Hoffnung aus, daß er nicht ſterben werde, und hob durch ihr kindhaftes Vertrauen den ſin⸗ kenden Muth Melitta's ſo weit, daß ſie ſich ſtandhaft der Pflicht der Pflege unterziehen konnte. Erſt als die Lebensgefahr vorüber war, wanderte Fides an Thilo's Arm wieder in ihre eigene Häuslich⸗ keit zurück. Sie hatte ſich trefflich bewährt in dieſer Zeit der Angſt und Noth, warf ſich aber freudeſtrah⸗ lend an Thilo's Bruſt, als ſie wieder im lieben Daheim ſaßen und flüſterte ihm zärtliche Worte und Betheurun⸗ den zu. „Glaub' mir, mein Thilo, ich bin in dieſer Zeit zur Erkenntniß meines Glückes gekommen und habe in dieſer Erkenntniß den Zweifel beſtätigt gefunden, daß meine ſelige Mama Deinen Bruder nicht wahrhaft ge⸗ liebt haben kann. Ich wäre nicht im Stande geweſen die Trennung von Dir länger zu ertragen— zu Fuß hätte ich eine Wallfahrt den Weg entlang, den Du kommen mußteſt, unternehmen mögen.— Thilo ſonnte ſich einen Augenblick in ihren zärtli⸗ chen Augen, ehe er antwortete:„So lieb das klingt, ſo muß ich Dir Deine Anſicht rückſichtlich Deiner Mama doch widerlegen. Deine Mutter wurzelte mit ihrem Ju⸗ gendleben in einer weit verbreiteten und doch eng ge⸗ ſchloſſenen Familie, deren Gewohnheiten ihr als Tugen⸗ den erſchienen. Sie war dort ſo feſt heimiſch, daß ſie erſchreckt wieder dahin zurückfloh, als ihr des Lebens Zwieſpalt näher trat; daß ſie Deinen Vater niemals vergeſſen hat, zeigt ihr übriges Leben und Handeln.“ „Weißt Du, daß in Deinen Worten eine Lebens⸗ lehre und Lebensregel ſteckt?“ fragte Fides lachend. „Danach werden die Männer am glücklichſten werden, die eine Frau finden, welche nicht aus den Banden ei⸗ ner großen Familie losgelöſ't werden muß. Dieſen Frauen wird der Mann Berather und Beſchützer, Vater, Freund und Geliebter ſein.“ Thilo küßte ihre Lippen und fiel mit heiterm Spotte ein: „Richtig! Aber leider können ſolche Frauen oft nicht ohne eine Melitta leben!“ „Doch— ich kann's!“ ſagte die junge Frau mit plötzlichem Ernſt.—„Aber ich weiß, daß Du mir er⸗ laubſt, ſie immer zu lieben, bis an meines Lebens Ende!“ Oswald's Geneſung verzögerte ſich bis zum Som⸗ mer. Er hatte ſeinem Commandeur unverzüglich Nach⸗ — 2——— richt über ſeine Verwundung und über ſeinen Aufenthalt ertheilen laſſen und dagegen vom Prinzen Eugen von Württemberg mehrmals kurze Berichte über ſein Kriegs⸗ leben erhalten. Kaum war der junge Mann bei ſol⸗ chen Nachrichten zu halten! Als aber die Kunde das Land durchlief, Napoleon rüſte ſich zu einem entſchei⸗ age gegen Berlin, da hielt es ihn nicht län⸗ drängte, fort zog es ihn, als könne man ſei⸗ ner nicht entbehren! Vorwärts mußten ſie, wenn nicht Alles, Alles wieder rückwärts gehen ſollte! „Achtzigtauſend ſolcher Männer, wie Oswald und Deutſchland würde frei!“ ſagte Thilo am Morgen des Tages, wo Oswald durch ſeine Hülfe heimlich den lei⸗ denſchaftlichen Bitten Melitta's entwichen war. Das Wort der Treue ließ er dem jungen Mädchen zurück, der Schwur ewiger Liebe war zwiſchen ihnen getauſcht, aber unter welchen Ausſichten, unter welchen Hoffnungen? Das Vaterland rief: Was galt ihm da die Lieb⸗ koſung der Geliebten. Man hörte nichts von ihm. Die blutigen Schlach⸗ ten gingen vorüber— der Graus des wildeſten Kam⸗ pfes, den Haß und Ehrſucht, Verzweiflung und Erobe⸗ rungswuth nur kämpfen kann, entwickelte ſich immer gräß⸗ licher, je mehr die Unterdrückten entflammten in vater⸗ ländiſcher Begeiſterung und die Unterdrücker vor Wuth entbrannten in ſtolzem Uebermuthe! 238 Man hörte nichts von Oswald. Der Winter kam in’s Land. Das Reich Weſtphalen verſchwand bei ſei⸗ nen erſten kalten Nächten, als ſei es im Nebel aufge⸗ löſet, wie es aus wüſten Wetterwolken entſtanden war. Immer weiter zurück zogen ſich die Männer, welche mit Wehr und Waffen ihre Heimath verlaſſen z ckung fremder Staaten. Kühn vorwärts drange der Verbündeten. Der Frühling kam. Ein Jahr, ein einziges Jahr hatte hingereicht, um Deutſchland aus dem Joch zu be⸗ freien und Napoleon's Siegesſtolz zu brechen. Wieder war es März, als die beiden Monarchen, die vor Jahresfriſt in Schleſiens Gauen hoffnungsvoll der Kraft der Völker vertrauten, Hand in Hand auf der Höhe von Chaumont ſtanden und mit gerechter Genugthuung auf Paris hinſchaueten, das ſich ſo eben der Großmuth der feindlichen Heere ergeben hatte. Während der Kaiſer Napoleon mit ſprachloſem Entſetzen die erſte Nachricht ſeiner Niederlage empfing, ſtanden dieſe beiden Herrſcher im Abendglanze auf der Höhe und gedachten mit Wehmuth der Opfer, die die⸗ ſer endliche Sieg gekoſtet hatte. Vor allen Dingen drängten ſich dem Könige von Preußen die Leidensjahre in's Gedächtniß, wo er ge⸗ beugt und gedemüthigt der Uebermacht hatte weichen müſſen, wo er an der Seite ſeiner Gemahlin hülflos — 239 der Zukunft entgegengelebt hatte. O, wenn ſie, die Verklärte, die ſeine Tröſterin geweſen im tiefſten Trüb⸗ ſale, wenn ſie dieſen Augenblick erlebt hätte! Ihr An⸗ denken ſchwebte heiligend über der Stätte und milderte Bitterkeit der Empfindungen, welche Vergeltung Der Frieden Gottes kam über die Herzen er und ſie vergaßen im Edelmuthe des Sie⸗ daß es in ihre Hand gelegt ſei, ohne Schonung und ohne Großmuth handeln zu dürfen. Freuidig be⸗ wegt ſtanden ſie und horchten den Klängen ferner Muſik, die zum Marſche einzelner Heerhaufen ertönte. Der Donner der Geſchütze ſchwieg und Friedensfahnen wehe⸗ ten von den Thürmen im letzten, goldenen Sonnen⸗ lichte! Wie ein Lauffeuer ging dieſe Nachricht durch Deutſchland, Paris genommen! Napoleon entthront! Der alte Herr von Ettershaiden faltete bewegt ſeine Hände und ſagte: „Nun mag mich der Tod heimholen in ſein Reich! Daß ich dies noch erlebt habe, iſt eine unverdiente Gnade des Himmels!“ Aber Alle mäßigten den Jubel ihres Herzens um Melitta's willen, die ſtill und gebeugt das Opfer trug, was ihr auferlegt ſchien. Thilo ſprach davon, daß er ſich nun an den Prinzen Eugen wenden und Nachricht über Oswald's Schickſal einziehen wolle. Noch waren 240 zwar die Kriegsunruhen nicht ganz vorbei, aber es kehrte doch eine gewiſſe Ordnung ein, die eine Ueberſicht der gefallenen Krieger möglich machte. Ehe Thilo zu ſeinem Vorhaben ſchreiten konnte, ſprengte eines Tages eine Stafette auf den Sch von Ettershaiden und hoch aufjauchzend hielt der alte Herr einen Brief den Seine mit dem Ausrufe:„Er lebt!“ Melitta wankte zwar ein klein wenig, fiel jedoch nicht in Ohnmacht, ſondern brach nur in Freudenthränen aus. Nun war ja Alles gut! Oswald ſchrieb: „Das Werk iſt vollbracht! Unſer Schwur iſt ge⸗ löfet! Welch' eine Satisfaction für uns, in Paris zu ſein und die vollſtändige Entthronung des Mannes feſt⸗ ſetzen zu ſehen, der ſo unſägliches Elend über unſer Vaterland gebracht, der den Tod von Hunderttauſenden auf der Seele hat! Meine Bruſt drohete vor Entzücken zu ſpringen, als wir, unſern heldenmüthigen Prinzen Eugen an der Spitze, in Paris einzogen. Sein Auge ſuchte meinen Blick— er konnte am beſten beurtheilen, wie ſtark es in mir wogte und wallte. Das geſchah am 30. März, meine Theuern! Am folgenden Tage ward uns die Ehre, die drei verbündeten Monarchen, Alexander, Friedrich Wilhelm und Franz in Paris em⸗ pfangen zu können. Dabei empfing ich meinen Lohn 241 für meine treue Ausdauer. Prinz Eugen ſprach mit dem Kaiſer Alexander einige Worte. Dieſer trat raſch auf mich zu, reichte mir beide Hände und ſprach laut und feierlich:„Wir wiſſen, was wir Ihnen danken, Major Wangera— wir werden nicht Ihr Schuldner Auch das Wort iſt mächtig— wir haben 8 gelernt! Jetzt aber denken Sie an Ihre Geſun die ſehr erſchüttert iſt! Kehren Sie in ath zurück— Unſere Achtung begleitet Sie!“ Ja, ich komme! Ich reiſe unmittelbar nach dem Courier ab, der dieſen Brief bringt. Ich komme, aber vielleicht komme ich nur, um bei Euch zu ſterben! Aber auch das iſt ſüß! In der Heimath, nach voll⸗ brachtem Werke, gehegt von der Liebe meiner ſüßen Braut, von der treuen, geliebten Melitta, die den flie⸗ henden Athem meiner erſchöpften Bruſt zurückhalten wird— endlich dann in ihren Armen einzuſchlummern mit dem Bewußtſein, nicht umſonſt gelebt, gedacht und gewirkt zu haben— ja auch das iſt ein Segen des Friedens, den ich mir erworben habe. Aber meine theuern Lieben— ich will mich in Wan⸗ gerode, das mir mein herrlicher Thilo erhalten hat als Ei⸗ genthum, zur Ruhe niederlaſſen. Melitta— bitte ich zu viel, wenn ich ſage: Erwarte mich dort im bräutlichen Kranze und laß den Prieſter bereit ſein uns zu ſegnen, da⸗ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. II. 16 mit Du ſtill bei mir bleiben kannſt, entweder mir zum Heile, daß ich geſunde oder bis ich eingeſchlummert ſein werde. O, wie ſehne ich mich nach Dir, Melitta! Wie ſehne ich mich nach den heitern, ſonnigen Zimmern meines länd⸗ lichen Hauſes! Wie ſehne ich mich, die reine klan h unſers Teiches zu ſehen, nicht von Menſchenblut ſondern, von der Gluth des Abendrothes, be vom Grün der Bäume, die ſilbernen Wellen im enden Raſen auslaufend! Ich komme! Dann wollen wir zuſam⸗ men Gott preiſen, der Alles ſo wunderbar und herrlich zu Ende geführt hat.“ Eine heilige Stille folgte dem Vorleſen dieſes Brie⸗ 8 fes. Die Blicke aller Anweſenden richteten ſich auf Melitta, die mit verklärtem Lächeln da ſaß und endlich mit ſanfter Stimme ſagte:— „Es war meines betrübten Herzens einziger Wunſch, ihm in Tode nur nahe ſein zu können— dieſer Wunſch wird mir erfüllt und ich bin glücklich darüber. Daß ich ſeine Bitte erfüllen werde, iſt natürlich. Schon morgen ziehe ich nach Wangerode, um ihn zu erwarten. Die Trau⸗ ung wird wohl keine Schwierigkeit finden, nicht wahr?“ „Das beſorge ich, Melitta,“ ſagte der alte Herr. „Gehe hin und thue, wie Du willſt, unſer Segen beglei⸗ tet Dich!“ 8 Fides ſtand längſt hinter der Freundin und küßte * —— 243 ſie. Thilo bemächtigte ſich ihrer Hand. Frau von Etters⸗ haiden aber ſagte im prophetiſchen Tone: „Gottes Gerechtigkeit wird Dein Glück in Obacht nehmen und es nicht kürzen um Oswald's willen, denn er hat ſein irdiſches Glück ſchwer verdient!“ Und ſie behielt recht! Oswald ſtarb nicht, obwohl er mehrere Jahre ſiech und elend blieb. Melitta's liebende 6 fte ihn dem Tode ab und er erfreuete ſich in Zeit einer ziemlich kräftigen Geſundheit. Thilo verließ die Burg nie wieder, aber er bauete ſie aus, er vergrößerte ſie durch einen Anbau und verſchö⸗ nerte ſie, daß ſie ein Schmuck der ganzen Umgegend wurde. Der alte Herr lebte noch viele Jahre. Er ſchien ſich in dem Aufblühen des neuen Stammes zu verjüngen und er erzählte den Kindern Melitta's und Fides' noch, daß einſt ein franzöſiſcher König in Deutſchland geherrſcht und die Burg an Thilo von Ettershaiden geſchenkt habe. Seine Gattin widmete ſich eifrig der Erziehung von Arnulf's Kindern und fand eine lohnende Vergel⸗ tung in der Verehrung, womit ſie nach des alten Herrn Tode im Schloſſe Ettershaiden als Herrin be⸗ trachtet und behandelt wurde bis an ihres Lebeus Ende. Bianca von Wangera war unmittelbar nach Be⸗ endigung des Kriegers nach Potsdam zurückgekehrt, wo ſie, durch Thilo's Hülfsleiſtung, von nun an ein ſehr 8 16* 2 behagliches Leben führte. Durch den kühnen Umſchwung ihrer Begeiſterung zur Putripen geworden, erzählte ſie ſehr gern von dem Zufalle, der ſie zur Retterin ihres Vetters Oswald gemacht hatte und es blieb für ſie der größte Triumph ihres Lebens, bei der Schickſalse lung Thilo's die Hand im Spiele gehabt 3 * I 7 ſnnnnſſnſfiſſſntiſnſnſfſen ſüli 1 4 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16