— Leihbibliot deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 8 den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 Mrr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. Anſi ein 4 „ 2 7 7 3,.„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 3* , —2 Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. 3—— 8 Neunzehnter Jahrgang.* Zehnter Band. Die Herren von Ettershaiden. 1 —————— Wien. Herm. Markgraf. 1864. 4 — Die Herren von Ettershaiden. Roman von E. Fritze. I. Theil. ——— — Wien Herm. Markgraf. 1864. Druck von Heinr. Merey in Prag. ,— Inhalt. Einleituug. Zwei Novembertage..... I. Capitel. Zeitveränderungen....... II. Capitel. Erloſchene Gluth....... III. Capitel. Auf offener Straße..... IV. Capitel. Der Marquis d'Etérais.... V. Capitel. Zwei Waiſen VII. Capitel. In der alten Burg.. VI. Capitel. Ein Gegenbeſuch...... VIII. Capitel. Begreifſt Du das?..... Seite .... 96 — Die Herren von Ittershaiden. Einleitung. Zwei Novembertage. Der Herbſt mit ſeinen wechſelnden Witterungs⸗ launen war eingekehrt. Kaum hatte der October im vollen Sonnenglanze Abſchied genommen, ſo trat Sturm und Regen mit verdoppelter Kraft auf, um die letzten Reſte der ſommerlichen Blätter⸗ und Blüthenpracht zu aerſtören. Drei Tage hatte es geſtürmt. Als aber der Abend des vierten November nahete, da gingen die Gei⸗ ſtter des Sturmes zur Ruhe und die grauen Wolken hoben ſich, zertheilten ſich und flatterten endlich, wie leichte weiße Schleier am blauen Himmelsgewölbe da⸗ hin, eine nach der andern verſchwindend, um den auf⸗ blitzenden Sternen dort oben Platz zu machen. Die 1 E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. I. 2 Sterne aber begannen ihren Lauf mit einem ſo fröh⸗ lichen Funkeln, als wollten ſie andeuten, daß ſich die lieben Engelein im Himmel der friſchen freien Ausſicht auf die Erde freueten und daß ſie die armen Sterb⸗ lichen da unten nimmer vergeſſen würden, wenn auch rauhes, dumpfiges Gewölk ſie umhülle und ſie ver⸗ ſchwunden ſchienen auf ewig. Etwas Aehnliches dachte ein junger, in eleganter Hoftracht gekleideter Mann, der eilfertig aus dem Por⸗ tale des Reſidenzſchloſſes zu Potsdam trat und prü⸗ fend ſeine Blicke zum Himmel ſendete, um zu ergrün⸗ den, was für Wetter er auf ſeinem kurzen Wege nach der Garniſonkirche zu erwarten habe. Zufriedengeſtellt durch ſeine Wetterbeobachtung ſprang er leichtfüßig die Stufen hinab, wickelte ſich in ſeinen kurzen vorſchriftsmäßig verzierten Mantel und ſchüttelte nur abwehrend mit dem Kopfe, als ein Lakai ihn fragte, ob er eine Sänfte befehle. Es war ein ſchlanker, hochgewachſener, aber blut⸗ junger Mann, der in gemüthlicher Eilfertigkeit ſeinen Weg verfolgte. Kaum die erſten Bartſpitzen mochten ihm Mund und Kinn zieren; ſie waren jedoch, der herrſchen⸗ den Mode gemäß, ſpurlos abraſirt und das glatte, weiche Geſicht zeigte noch wenig Charakter; man müßte denn die heitere aufgeweckte Miene, womit der junge 3 Herr in alle unverhangenen Fenſter blickte, als einen Grundzug ſeines Charakters gelten laſſen. Unweit der Garniſonkirche blieb er ſtehen, trat vorſichtig über einen breiten, waſſerreichen Rinnſtein und ſuchte etwas verdrießlich eine Stelle, die reinlich genug ſei, ihn zu einem kleinen unanſehnlichen Häuschen zu führen, das etwas abwärts von dem glatten, vom Regen abgewaſchenen Straßendamme lag. Es gelang ihm, dies kleine Haus mit ſeinen verwitterten Fenſtern zu erreichen, ohne ſeine feine Fußbekleidung zu beſchmu⸗ tzen. Er trat ganz dicht an das erſte Fenſter, blickte durch die kleinen mit Blez umrahmten Scheiben und klopfte dann leiſe dagegen. Sogleich raſſelte das Schiebfenſterchen. Von ſchnee⸗ weißen Haaren umgeben zeigte ſich ein altes, gebräun⸗ tes, runzelvolles Männergeſicht in der kleinen Oeffnung; düſter und unbeweglich blickten ein Paar tiefliegende dunkle Augen auf den jungen Hofherrn, der lächelnd nickte und„Guten Abend, Fritſche!“ ſagte. „Herr Gott im Himmel, ſind Sie es denn wirk⸗ lich, Junker Thilo?“ fragte der alte Mann mit dem Ausdrucke entſchiedener Mißbilligung die Geſtalt des Herrn muſternd. 1 „Alſo dahin iſt's nun gekommen? Kammerjunker? Was Ihr tapferer Herr Papa wohl ſagen würde, wenn er Sie in dieſem Coſtüme ſähe!“ Er lachte auf eigen⸗ 1* 4 thümliche Weiſe und verzog den Mund, daß ſich die Runzeln um denſelben in eine wellenförmige Bewegung ſetzten.„Seit wann ſind denn der Herr Junker Thilo von Ettershaiden Hofjunker?“ „Seitdem Junker Thilo einſah, daß es thöricht ſei, ſeine Talente und Wiſſenſchaften nicht auf jede Weiſe zu verwerthen;“ entgegnete der junge Herr leutſelig. „Mein tapferer Papa hinterließ mir zwar einen tüchtig be⸗ nutzten Degen, allein die Luſt den Degen zu führen erbte ich ſowohl, als mein Bruder, nicht mit demſelben. Aber das gehört jetzt nicht hieher, alter Leibhuſar! Ich bin nicht gekommen, um Ihm vorzudeclamiren, daß die Kinder Seines Oberſten froh ſein müſſen, wenn ſie Brod und Wohnung haben, ſondern ich bin vom Oberhof⸗ marſchall beauftragt, die Veranſtaltungen zu revidiren, die für den nächtlichen Beſuch der kaiſerlichen und kö⸗ niglichen Majeſtäten getroffen ſind.“ „Alles in Ordnung, Herr Junker,“ antwortete der alte Fritſche mit gedämpftem Tone. „Ganz gut und Sein Wort in Ehren, aber ich muß mich durch den Augenſchein belehren laſſen, daß Alles nach Vorſchrift geordnet iſt.“ „Sr. Gnaden der Oberhofmarſchall kann ſich doch wohl auf den alten Leibhuſaren verlaſſen?“ fragte der Alte verdrießlich.„Wozu eine Reviſion, die wieder Auf⸗ — 5 ſehen macht, was doch, ſtrenger Ordre zufolge, vermie⸗ den werden ſoll.“ „Mache Er kein Federleſens, alter Fritſche!“ ſchalt der Junker gutmüthig.„Schließe Er nur ſacht das Pfört⸗ chen auf, wozu Er den Schlüſſel hat. Allons! Je länger hier— je ſpäter dort. Es wird finſter— nehm Er nur eine Laterne mit!“ „Na— ich waſche meine Hände in Unſchuld, Junker Thilo. Meine Inſtructionen lauten jedes Auf⸗ ſehen zu vermeiden und über Alles zu ſchweigen, was geſchehen ſoll—“ murrte der Alte.„Ich red' ſchon lange kein Wort darüber. Wovon wüßten's denn die Leute, daß die Majeſtäten um Abendszeit meines gro⸗ ßen Königs Sarg ſehen wollen? Ich hab's nicht ver⸗ rathen. Vorhin koſtete es mir Mühe genug, die Weibs⸗ leute aus den Kirchſtühlen drüben zu verjagen.— Wenn ich nun mit Ihnen in die Kirche gehe, ſo haben wir nachher den ganzen Spectakel vor den Kirchthüren, wenn die Majeſtäten kommen. Und das ſoll doch nicht ſein. Laſſen Sie die Reviſion bleiben, Junker!“ „Nichts da! Auf den ausdrücklichen Befehl der Königin hat mir der Hofmarſchall den ausdrücklichen Befehl ertheilt zu revidiren und es wird revidirt! Beeile Er ſich, Er hat doch ſonſt Ordre parirt! Red' Er morgen mehr und komm' Er, ehe es vollends Nacht wird!“ 6 Der alte Mann gab jetzt jeden Widerſtand auf, brummte nur noch inwendig und nahm gehorſam ſeine Blendlaterne aus dem Schranke, der dicht am Fenſter ſtand. Während er ſie anzündete, ſchritt Junker Thilo von Ettershaiden wieder höchſt vorſichtig nach dem Stra⸗ ßendamm zurück undfolgte dann dem alten ehemaligen Leib⸗ huſaren Fritſche, der ein Kirchenamt untergeordneten Ranges bekleidete— für dies Mal aber ſpeeiell mit einem königlichen Auftrage betraut war— auf einem trockenen Seitenwege nach der Kirche. Leiſe ſchloß der Alte auf und winkte dem Junker, raſch einzutreten. So lange ſie auf der Straße waren, ſprach keiner von ihnen ein Wort. Kaum aber hatte der Alte die Thür wieder in's Schloß gedrückt und mit ſo wenigem Geräuſch, wie möglich, verſchloſſen, ſo fragt er murmelnd: „Wann kommen die Majeſtäten, Junker Thilo?“ „Vor Mitternacht nicht, alter Leibhuſar!“ „Kurioſer Einfall! daß es der Königin nicht graut, um Nitternacht einen Gang in's Gewölbe zu machen.“ „O die Königin hat in allen Stücken mehr Cou⸗ rage als der König,“ flüſterte Thilo gedämpft und mit ſprechender Gebärde.„Der König ſchläft friedlich— aber die Königin tobt und kämpft ſelbſt im Schlafe!“ „Ja, ja? So ſpricht man auch unter uns,“ mur⸗ melte der Veteran, indem er ſeine Blendlaterne öffnete 8 7 und einen Lichtſtrahl durch die Halle gleiten ließ, wo⸗ hin ſie ſich wendeten. Sie näherten ſich alsbald der Kanzel, unter welcher die Gruft ſich befand, wo Friedrich der Große neben ſeinem Vater ſeine Ruheſtätte gefunden hatte. Der alte Mann ſteckte den Schlüſſel in die Gitterthür, die zu dem niedrigen Gewölbe führte und der Junker betrachtete unterdeſſen zwei Figuren, die neben der Kanzel auf Po⸗ ſtamenten ſtanden und nur ſchwach vom letzten Tages⸗ ſchimmer erhellt wurden. „Wer hat denn dem Mars und der Minerva, ei⸗ nem heidniſchen Götterpaare, dieſen Platz neben der chriſtlichen Kanzel angewieſen?“ fragte er leiſe lachend. Der Leibhuſar ſah ihn unwirſch an, antwortete jedoch nicht.„Gewiß der König Friedrich ſelbſt, der nie einen Heiden von einem Chriſten unterſcheiden konnte.“ „Laſſen Sie das Witzeln, Junker Thilo,“ warnte der Alte.„Der alte Fritz könnt's hören und könnte Sie mit ſeinem Zorn verfolgen. Sie ſind überdies kein richtiges Preußenkind und haben nie viel von dem ge⸗ halten, was man Vaterland nennt. Ich weiß noch, wie der ſelige Herr Papa zeterte und wetterte, als Sie ihm mal antworteten— na— wie hieß doch das Sprichwort?“ „Cbi bene ibi patria!“ flüſterte Thilo fröhlich. 8 „Auf deutſch— Wo es mir wohl geht, da iſt mein Vaterland!“ „Richtig— ſo hieß es! Der ſelige Herr Papa konnte den Spruch nicht leiden! Aber Sie haben das leichte Blut von Ihrer Mama— aber nicht der Herr Bruder. Wo iſt denn der junge Herr Arnulf jetzt, Junker?“ „Ich weiß nichts von ihm, alter Fritſche! Vor zehn Jahren habe ich ihn zum letzten Male geſehen. Als ich kurz nach meines Vaters Tode auf die Ritter⸗ akademie gebracht wurde, weil ich mich entſchieden gegen die militairiſche Erziehung im Cadettenhauſe ſträubte, da trennten wir uns auf eine feierliche und rührende Weiſe. Nachher hat Arnulf noch einige Male an mich geſchrieben. Seit neun Jahren iſt er verſchollen. Nie⸗ mand weiß, wo und was er iſt!“ Unter den letzten Worten war er in die niedrig gewölbte Gruft getreten, wo es ſchon ganz dunkel war. Fritſche mußte auf ſein Geheiß die Wandleuchter, die eigens zu dem beabſichtigten Beſuch der Majeſtäten an⸗ gebracht und mit Wachskerzen beſteckt worden waren, anzünden. Als der Junker ſich überzeugt hatte, daß ſie hinlänglich viel Licht verbreiteten, löſchten ſie Beide die Lichter wieder und verließen das Gewölbe. Während Fritſche das Gitter ſchloß, trat der Junker zum Altare, 9 der zwiſchen der Kanzel und der königlichen Loge ſtand*) und prüfte die Aufſtellung der Kerzen, die dieſe geweihte Stelle erleuchten ſollten. Auf den Stufen des Altars ſtehend glitt ſein Blick über den weiten Raum hinweg und heftete ſich, vollkommen aufmerkſam, auf die Vor⸗ richtungen, die zur Erleuchtung der Kirchenhalle dienen ſollten. Es kam darauf an, daß die Lichteffecte richtig vertheilt wurden und da es keinesweges Abſicht war, das myſtiſche Dunkel der weiten Kirchenhallen zu bannen, ſo gehörte allerdings ein kunſtgerechtes Vertheilen der Lichtflammen dazu, um einen ergreifenden Totaleindruck zu erzielen. „Es wird wahrhaftig nöthig ſein, daß Er zur Probe die Kerzen insgeſammt anzündet,“ ſprach der junge Mann unſchlüſſig. Der alte Kirchendiener ſah ihn an, als hätte er ihn nicht verſtanden. „Sie meinen, Junker Thilo— nein— Sie können doch nicht meinen, daß ich die Erleuchtung probiren ſoll? Na, wahrhaftig, das wäre eine Lärmkanone, die ganz Pots⸗ dam auf die Beine und vor die Kirchenthüren brächte.“ „Freilich—“ warf der Junker heiter ein,„aber *) Der Altar ſtand früherhin dort, iſt jedoch jetzt auf eine andere Stelle gebracht. Auch die Statuen des Mars und der Minerda ſind als unpaſſende Verzierungen ei⸗ ner chriſtlichen Kirche entfernt worden. 10 was kann ich thun, wenn mir ausdrücklich befohlen wird,“ mich durch den Augenſchein zu überzeugen, daß der gehörige Lichteffect erzielt werde. „Ich waſche meine Hände in Unſchuld, gnädiger Herr,“ murrte der Alte verdroſſen.„Befehlen Sie, ſo ſtecke ich die Kerzen an.“ „Ein fataler Auftrag— alter Fritſche! Ordre pariren heißt’s und dabei laͤuft man doch Gefahr, nach⸗ her für die Folgen verantwortlich gemacht zu werden!“ „Sollte Ihnen denn jetzt eine diplomatiſche Aus⸗ rede ſo ſchwer werden, Junker Thilo,“ erwiederte der ehemalige Leibhuſar mit jenem unterdrückten Lachen, das ſeine Geſichtsmuskeln in eine zitterähnliche Bewe⸗ gung ſetzte.„Als Sie zehn Jahre alt waren, ging es Ihnen doch wie am Schnürchen vom Munde.“ Der Junker nickte zuſtimmend mehrmals mit dem Kopfe.„Er hat recht, Fritſche— eine diplomatiſche Ausrede rettet ſtets vor Gewiſſensbiſſen und iſt nie als eine Lüge zu betrachten. Es ſei! Ich habe mich durch den Augenſchein überzeugt, daß Alles vortrefflich iſt. Nun komm'’ Er— wir ſind fertig mit der Localreviſion.“ Sein Blick überflog nochmals die Halle, ſtreifte dabei die Stühle im Nebengange und blieb plötzlich an einem Gegenſtande hängen, der ihm höchſt befremdlich erſchien. Dadurch, daß er noch auf den Altarſtufen, alſo höher als zu ebener Erde ſtand, wurde es ihm möglich in ———— 11 die vergitterten Seitenlogen zu ſchauen und er erblickte in der zunächſt liegenden eine Geſtalt, von der er beim Dämmerlichte nicht zu unterſcheiden vermochte, ob es ein menſchliches, ruhig ſchlafendes Weſen oder ein Bild⸗ werk menſchlicher Kunſt ſei, was dort im rothen Lehn⸗ ſeſſel ruhend, von ihm bemerkt wurde. „Leuchte Er doch mal dorthin, Fritſche,“ ſprach er aufgeregt zu dem Veteranen, der zufriedengeſtellt ſeinen Rückweg anzutreten begann.„Was iſt das? Mein Gott im Himmel, ein ſchlafendes Kind!“ rief er, als ein Strahl der Laterne über den Platz hinweglief. Schnell wie ein Gedanke ſprang Thilo über die Bänke, die zwiſchen dem Gange lagen, hinweg und ſchwang ſich ge⸗ wandt durch die aufgehobenen Gitter der Loge. Lang⸗ ſam und brummend folgte der alte Fritſche. Athemlos vor Schreck und Staunen neigte ſich Thilo über den Seſſel, worauf ein reizendes Mädchen von ungefähr acht Jahren ſo himmliſch ruhig ſchlief, als läge es im Mutterarme. Hellblonde Löckchen umgaben die hochgewölbte, weiße Stirn— der Mund, leicht ge⸗ öffnet, ließ hinter den rothen Lippen die kleinen wei⸗ ßen Zähne ſehen. Die vollen, runden Aermchen hielt die kleine Schläferin über der Bruſt gekreuzt; ſie hatt ihre kleine üppige Geſtalt ſo bequem in die Polſter ge⸗ ſchmiegt, wie es nur irgend möglich war. „Da haben wir den Leichtſinn des Weibsvolkes 12 wieder!“ ſprach der Veteran, der während deſſen mit ſeiner Laterne näher gekommen war.„Aus dem Stuhl habe ich vorhin ein Mandel Frauenzimmer verjagt und nun vergeſſen ſie das arme kleine Ding mitzunehmen. Es iſt ne Sünde und Schande! Ach ſieh da— das iſt ja eins von den kleinen fremden Kindern, die hier in der Nachbarſchaft auf Beſuch ſind.— Ha— Du Wildfang— wie ruft man ſie doch gleich? Ja Melitta! — Du kleiner wilder Schelm— Malitta!—“ Thilo ſtand noch immer tief niedergebeugt vor dem reizenden Kinde, das beim erſten Ruf des alten Mannes eine Bewegung machte, widerwillig das Köpfchen wendete und fortſchlief. Nie in ſeinem ganzen Leben hatte Thilo eine Regung in ſich gefühlt, wie beim Betrachten dieſes engelhaft ſchönen Geſchöpfes, das nur der Obhut eines höhern Weſens anheimgegeben, hier einſam und verlaſſen ruhte. Er neigte ſich tiefer und drückte mit der zarten Schonung eines liebenden Vaters ſeine Lip⸗ pen auf die klare Stirn der Kleinen. Im Nu erwachte ſie und richtete ſich mit hellen großgeöffneten Augen elaſtiſch auf. Ein ſüßes Lächeln auf den roſigen Lippen ſtarrte ſie den Junker eine Secunde an und fragte dann haſtig: „Biſt Du der König? Wo haſt Du Deine Königin? Bitte, laß mich Deine Königin ſehen!“ Thilo umſchloß 8 1 13 ſie lachend mit den Armen, um ſie über die Brüſtung der Loge hinwegzuheben. „Komm nur mit, Du kleines Frauenzimmerchen— den König kannſt Du heute hier nicht erwarten— ſei froh, daß wir Dich gefunden haben— du biſt einge⸗ ſchlafen und wenn Du in der Nacht aufgewacht wäreſt und hätteſt Niemanden bei Dir gehabt, ſo würdeſt Du Dich todtgefürchtet haben. Komm— ſo— nun ſpring' auf die Erde!“ Die Kleine wendete ſich gegen ihn um und ſah ihn feſt an. Was ſagſt Du? Ich fürchte mich nicht?“ „Oho, prahle nur nicht mit Deiner Courage, mein Herzchen! Wenn Du aufgewacht wäreſt und Dich ganz allein in der großen, finſtern Kirche gefunden hätteſt, dann möchte Dir's doch wohl bang umss kleine Herz geworden ſein.“ „O nein— ich hätte nicht geweint,“ entgegnete das kleine Mädchen mit allerliebſtem Trotze.„Ich wäre ganz artig geweſen und wenn man artig iſt, dann iſt der liebe Gott bei uns, ſagt' Mama!“ „Deine Mama mag eine kluge und gute Mama ſein,“ fiel der Leibhuſar mürriſch ein,„aber daß ſie Dich hier ſchlafen läßt, ohne ſich um Dich zu beküm⸗ mern, das zeigt eben keine Vernunft.“ Das Kind, wel⸗ ches während der Zeit glücklich aus dem Gitterſtuhl her⸗ ausſpedirt war und mit einem leichten Froſtſchauern 14 die nackten Aermchen in die kleine Schürze, die ſie vor hatte, zu wickeln ſuchte, ſah ſehr nachdenklich zu dem Alten, den ſie zu kennen ſchien, auf. „Meine Mama ſchläft ja,“ ſagte ſie eigenthüm⸗ lich feſt, als wolle ſie den Mann belehren. „So, ſie ſchläft?“ fragte Fritſche ironiſch. „Ja, ſie ſchläft und ich hab' ſie mit Blumen zu⸗ gedeckt!“ fuhr ſie wichtig fort. „Dacht' ich's doch, daß Dir die Mutter fehlte,“ flüſterte der Junker weich,„wie kann man ein Kind im November mit ſo nacktem Hals und Armen in die Luft hinausſchicken! Komm, mein armes Würmchen— ſteck Dich unter meinen Mantel.— Wie heißt Du denn eigentlich?“ 5. Das Kind blieb die Antwort ſchuldig und trippelte raſch vor den beiden Männern her, als ſie ſich dem Aus⸗ gange der Kirche näherten. Erſt an der Pforte blieb ſie ſtehen und hob die großen, klugen Augen zu Thilo empor. „Ich dank Dir für Deinen Mantel, lieber Herr— mich friert aber nicht! Warum willſt Du es wiſſen, wie ich heiße? Du willſt mich wohl beim geſtrengen Herrn Vormund und bei der geſtrengen Frau Tante verklagen, daß ich doch in die Kirche, die ſo ſchön ſpielt, gelaufen bin, obgleich ſie mir's verboten hatten? O— ich ſag' Dir's aber nicht, wie ich heiße— ich ſag' Dir's nicht!“ Und — 15 ſchnell wie ein Pfeil ſchoß die kleine ſchlaue Dame aus der Thür, die Fritſche geöffnet hatte und war die Straße hinauf, ehe ſich ihre Begleiter beſinnen konnten. Beide lachten und folgten langſam nach. Beim Häuschen des Kirchendieners trennte ſich Thilo von dem ehemaligen Leib⸗ huſaren und ſchritt langſam in der Dämmerung zum Schlafe zurück. Plötzlich ſchlug es ſechs Uhr und das Glockenſpiel der Garniſonkirche begann ſeinen üblichen Choral. Ergriffen von wunderbaren Gefühlen blieb Thilo ſtehen. Unwillkührlich legte der junge Mann dem hellen Klange fromme Worte unter. Wie ein Troſt vom Himmel fiel es dem einſam in der Welt Daſtehenden in's Herz. Auf ſich ſelbſt angewieſen, entblößt von allen Mitteln, die ihm eine ſelbſtändige Exiſtenz geſtattet hätten, war er nur durch die beſondere, perſönliche Einwirkung der Königin dahin gelangt, wo er jetzt wirken ſollte. Ihm fehlte eigentlich die nöthige unverletzte Ahnenreihe, denn ſein Vater, einer der tapferen Schlachtgenoſſen des gro⸗ ßen Friedrich, hatte ſich durch ſeines Herzens Wallun⸗ gen hinreißen laſſen, die franzöſiſche Gouvernante ſeiner Schweſtern zu heirathen. Ohne zu bedenken, daß er dadurch ſeinen Kindern eine ſtandesmäßige Carriere verderben könne, hatte er die hübſche, etwas leichtfer⸗ tige Franzöſin zu ſeiner Gattin gemacht und war Vater vor vielen Kindern geworden, wovon jedoch nur der älteſte Sohn, Arnolf geheißen, und der jüngſte Sohn 16 Thilo am Leben geblieben waren. Zwiſchen beiden Söhnen lag ein Zeitraum von elf Jahren. Als daher die beiden Brüder Waiſen wurden, fiel nur Thilo als 8 zwölfjähriger Knabe der Wohlthätigkeit ſeines Königs. hauſes anheim, während ſein Bruder Arnolf ſchon längſt ſeine cameraliſtiſchen Studien vollendet hatte und ſo⸗ gleich durch beſondere königliche Gnade mit einem Amte an der äußerſten Gränze Schleſiens betraut wurde. Darüber waren nun zehn Jahre verfloſſen. Junker Thilo hatte ſeines Bruders wenig gedacht und nur die Frage des alten Fritſche, welcher unter ſeinem Vater gedient und vielfach im Hauſe deſſelben verkehrt hatte, leukte jetzt ſeine Gedanken auf ihn zurück. Das Glockenſpiel tönte aus. Da traf ein Ruf ſein Ohr, ein liebes, ſchmeichelndes Wort voller Wohl⸗ klang, wie es nur zarten Kinderherzen eigen iſt. Ueber⸗ raſcht ſchauete er ſich überall um. Das mußte die kleine Schläferin aus der Kirche ſein! Wo in aller Welt war ſie denn? Ein helles, kindliches Lachen ver⸗ rieth ihm, daß die Kleine recht gut merke, wie er ſie vergeblich ſuche. Jetzt aber ſah er ſie. Sie ſtand auf einer Freitreppe, die von eiſernen Geländern umgeben, eine Art Balkon bildete. Der letzte Tagesſchimmer fiel auf die kleine reizende Geſtalt, die dicht am Geländer lehnte und mit höchſt graziöſen Gebärden winkte und nickte. Plötzlich wendete ſie das Köpfchen, blickte hor⸗ ö“ — ͤ—ℳ§õ„ n 8 „Ge ed ea.— — 17 chend nach der Thür zurück, legte mit anmuthiger Schalkheit beide Hände gegen ihr kleines Mäulchen, warf dem Junker zwei, drei Mal grüßend Küßchen zu, knirte ganz allerliebſt und verſchwand in der Hausthür. Höchſt amüſirt von dieſer kleinen Scene ging auch nun der Junker Thilo ſeines Weges. Die Erinnerung an dies Abenteuer niſtete ſich während feines Ergötzens darüber weit feſter in ihm ein, als es ſonſt wohl geſchehen ſein möchte. Er nahm ſich vor, Erkundigun⸗ gen nach dem Kinde anzuſtellen, das eine ſo merkwür⸗ dige Anziehungskraft auf ihn ausgeübt hatte— er nahm ſich ſogar vor, dem geſtrengen Herrn Vormund und der geſtrengen Frau Tante Eröffnungen über die Nachläſſigkeit ihrer Dienſtboten zu machen, die ein ſo⸗ zartes Weſen leicht gekleidet der Kirchenluft ausſetzten und es ſchließlich ſogar vergaßen und dort einſchlafen ließen. Das Kind gehörte augenſcheinlich den höhern Ständen an. Sein Benehmen, ſeine Ausdrucksweiſe, ſeine Kleidung— Alles verrieth ſeine Herkunft. Dazu der Name„Melitta,“ welcher die Capricen der da⸗ maligen Sucht,„Taufnamen aller Arten zu erfinden,“ vollkommen repräſentirte. Kurzum, Junker Thilo von Ettershaiden fühlte die größte Luſt, die angeſponnene Bekanntſchaft mit dieſem lieblichen Kinde fortzuſetzen, vergaß jedoch über die nächſten Ereigniſſe ſchon Alles, was Bezug auf dasſelbe hatte und gedachte ſeiner erſt E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden, 1. 18 wieder, als es zu ſpät war Nachforſchungen darüber anzuſtellen. Die Stunden des Tages verrannen. Die Nacht kehrte raſch und plötzlich ein, wie es ſtets im Novem⸗ ber zu ſein pflegt. Immer öder, immer ſtiller wurde es in den Straßen Potsdam's— nur die harten Schritte der Wachen am königlichen Schloſſe, nur die polternden Tritte der Nachtwächter, die mit ihren Nacht⸗ hörnern die Ruhe der Schlafenden ſtörten, wurden noch gehört. Im Schloſſe ſelbſt waltete ein geheimnißvolles Leben, trotzdem Mitternacht nahe war. Der Beſuch des Kaiſers von Rußland— lange und ſchmerzlich er⸗ ſehnt von der Königin von Preußen, welche in einer Al⸗ lianz mit dieſem mächtigen Fürſten ein Schutz⸗ und Trutzbündniß gegen den Welteroberer Bonaparte ſah, — brachte allerdings ſchon an ſich etwas mehr Leben und Bewegung hervor, allein ſelbſt die nicht Eingeweih⸗ ten der Dienerſchaft begriffen aus den Vorkehrungen, daß etwas Beſonderes im Werke ſein müſſe. 3 Kurz nach zehn Uhr hatten ſich die hohen Herr⸗ ſchaften mit formeller Höflichkeit getrennt und hatten ſich in ihre Zimmer zurückgezogen. Trotzdem wurden die Kam⸗ merbedienungen nicht entlaſſen, ſondern angewieſen, ſich erſt ſpäterhin des Rufes gewärtig zu halten. Kopfſchüt⸗ telnd zogen ſich die Kammerdiener, ſonſt die Vertrauten aller ee 19 königlichen und kaiſerlichen Einfälle, bis auf Weiteres zurück und höchſt verwundert verließ Mademoiſelle Schadow das Schlafzimmer der Königin wieder, als ſie die Weiſung er⸗ hielt, in drei Stunden zum Dienſt da zu ſein. Die eingeweiheten Diener wurden mit feinen, mit klugen und mit ſtürmiſchen Fragen verſucht. Nicht ein Wort kam über ihre Lippen, denn die Sicherheit ihrer ſpä⸗ terer Stellung hing von ihrem Schweigen ab. Es waren nur wenige, die darum wußten, daß um Mitternacht die Gruft des großen Friedrich von den Herrſchern Rußlands und Preußens beſucht werden ſollte und von dieſen weni⸗ gen ahnete nur ein kleiner Theil die große politiſche Bedeu⸗ tung dieſes hochromantiſchen Beſuches. Er ſollte dort dem Bunde der Freundſchaft die Weihe gegeben werden, und die Königin, gleichſam als Zeuge des heiligen Vereines, wollte ihren Gemahl nach der Gruft begleiten. Zwölf Uhr ſchlug es auf allen Thürmen. Feier⸗ lich klang die Choralmelodie des Glockenſpieles durch die nächtliche Stille. Kaum war der letzte Ton verhallt, ſo bewegten ſich zwei hohe, ſtolze Männergeſtalten durch die Straßen und ſchritten, Arm in Arm, ſchweigend und ihrer inneren Bewegung ganz hingegeben dem Por⸗ tale der Garniſonkirche zu, das dem Waiſenhauſe ge⸗ genüber lag. Hier wartete ihrer der ehemalige Leibhußar im vollen, wohlerhaltenen Kriegerſchmuck ſeiner Dienſtjahre, 22. 20 Ein ſtummer Gruß— dann ſchloß er haſtig die Thür auf und die nächtlichen Beſucher traten ein in die Vor⸗ halle, wo ſie wartend ſtehen blieben, bis die Königin erſchien. Voll und mächtig war der Eindruck der erleuchte⸗ ten Kirche auf beide Herrſcher, als ſie, unbeirrt von neugierigen Blicken, neben einander durch den ſchmalen Gang von der Thurmhalle zwiſchen den breiten Pfei⸗ lern, der bis zur Gruft erleuchtet war, dahin gingen. Wie ein Lichtmeer erhob ſich die glänzend helle Gruft gegen die dunkle Kanzel und die zuckenden Lichtflam⸗ men brachten einen wunderbaren Effect hervor, wenn ſie aufflammend die Statuen des Mars und der Mi⸗ nerva grell hervortreten ließen. Ganz langſam ſchritten die Monarchen vor. Beide in der vollen Blüthe der Kraft, Jugend und Schönheit— Alexander glänzen⸗ der vielleicht in ſeiner ritterlichen Erſcheinung— Fried⸗ rich Wilhelm aber gewinnender in der Würde einer ru⸗ higen Majeſtät. In der Mitte des Ganges kehrten ſie um. Ein Geränſch am Eingange hatte ihnen verrathen, daß die Sänfte der Königin nahe. Die Königin erſchien in der ganzen Pracht ihrer Holdſeligkeit und Schönheit. Ein einfacher Oberrock von türkblauer Levantine, verziert mit ſchwarzem Sammet und weißer Chenille umſchloß die herrliche Geſtalt. 3 5 Ein Perlendiadem lag auf ihrem Scheitel und das 3 Großkreuz des ruſſiſchen Katharinen⸗Ordens ſchmückte ihre Bruſt. Eine leichte Bläſſe hatte die blühende Farbe der Geſundheit verdrängt, aber der Blick ihres Auges grüßte den Gemahl mit zärtlicher Hochherzigkeit und das ſüßeſte Lächeln ihres Mundes dankte dem ed⸗ len Freunde, der ſich, im Geiſte der Zeit, voll glühen⸗ der Begeiſterung dem feierlichen Pompe einer Freund⸗ ſchaftsverſicherung unterwarf. Im Leben ihrer gleichgeſtimmten Herzen finden romantiſche Menſchen ſtets eine Garantie für die Un⸗ veränderlichkeit ihrer Empfindungen und doch bedarf es nur eines Windhauches, um die Stimmung der Herzen zu verändern und zu erkälten. Geführt vom Gatten und vom Freunde betrat die Königin die Gruft. Worte hätten die Erhabenheit enthei⸗ ligt, die über der beiden Könige von Preußen zu haben ſchien. Sie hier vereint ſchlummerten, während ſie im Leben ſo ſchroff, wie nur je ein Vater dem Sohne gegen⸗ über geſtanden hatten. Alexander trat raſch dem Sarge des richs näher, neigte ſein ſtolzes, ſchönes Haupt und drückte mit wortloſem Schwure ſeine Lippen auf denſelben; dann faßte er die Rechte des Königs und die Rechte der Kö⸗ nigin, ſah Beiden in's Auge— o ſo innig, ſo treu, ſo verſöhnend— preßte die vereinten Hände an ſein tief und heilig bewegtes Herz und rief Gott, durch einen Blick großen Fried⸗ 22 gen Himmel, zum Zeugen ſeines Eides an, der ihn verpflichtete in Noth und Tod zu Preußen zu ſtehen! Segnend legte die Königin ihre Linke auf die verſchlun⸗ genen Hände— die Thränen, welche aus ihren Augen rollten und wie Weihewaſſer den neuen Bund feſtigen zu wollen ſchienen; dieſe Thränen nahmen den Druck ahnender Furcht von ihrem Herzen. Sie hoffte von der Freundſchaft des ſtarken, energiſchen Kaiſers viel, ſehr viel. Daraus läßt ſich die mächtige und überwäl⸗ tigende Rührung erklären, womit ſie den Bund ſegnete, der einen edeln, großherzigen Monarchen mit ihrem Gemahle verbrüderte. Der Adel ihres Geiſtes prägte ſich in ihrem ſchönen Geſichte aus, als ſie ihre thränenumflorten und doch freudig leuchtenden Augen auf beide Fürſten richtete und im Gefühle der Hoffnung und Begeiſterung ausrief:„Gott ſei mit uns!“ Arme Königin! Deine Hoffnung ſollte zu Schan⸗ den werden— Du ſollteſt den Kelch bis zur Hefe leeren und die Bitterkeit des Lebenswechſels gründlich kennen lernen!. Die Königin von Preußen hatte eine dunkle Ahnung davon, daß Napoleon, trotzdem ihm Preußen huldigend entgegengekommen war, es mit ſtolzem Uebermuth ver⸗ achtete und es keineswegs ſchonen würde, ſobald ſich die Gelegenheit darböte. Die Königin fühlte, daß Preußen —— ᷣ 5 23 durchaus nicht im Sinne der öffentlichen Meinung gehandelt hatte, als es ſich zum Bündniſſe mit dem ehrgeizigen und eroberungsſüchtigen Kaiſer der Franzoſen hergab. Die Königin trug ſich auch insgeheim mit der Furcht, daß es Preußen gehen könne, wie ſchon man⸗ chem Fürſten, der feſt auf ſeinem ererbten Throne zu ſitzen meinte und deshalb nicht auf die warnenden Stimmen ſeiner Räthe hatte hören wollen. War es nicht, als bediene ſich Gott dieſes Welteroberers als eines Werkzeuges, um ſtrafende Gerechtigkeit zu üben; Warum ſollte es ſonſt die Vorſehung zugeben, daß oft plötzlich die hartnäckigſten und ſtolzeſten Herrſcher als geſtürzte Größen daſtanden, gedemüthigt und in ihren Rechten gekränkt, die ſie„von Gottes Gnaden“ nannten. Wenn ſie nun auch erkannte, daß ihr König und Ge⸗ mahl nicht zu jenen Monarchen gehörte, die blind und toll ihrem Verderben entgegenrannten, wenn ſie auch einſah, daß er ſich zu den Zugeſtändniſſen gegen Frank⸗ reich duxch Gründe beſtimmen ließ, die ſeinem edlen Herzen Ehre machten und wenn ſie auch wußte, daß er ſich nur deswegen gegen alle kriegeriſchen Unterneh⸗ mungen ſträubte, weil er dadurch das Wohl ſeines Lan⸗ des und das Glück ſeiner Unterthanen gefährdet ſah, ſo erbangte ihr Herz doch unter der Befürchtung, daß auch über ihr Haus ein Strafgericht Gottes hereinbre⸗ chen könnte. Und wie vereinzelt, wie angefeindet und 24 getadelt von allen Seiten ſtand Preußen da? Sie er⸗ blickte alſo in dem Nachbarfürſten, in dem charakter⸗ vollen Kaiſer eines mächtigen Reiches ein Hülfsmittel, das ſie zu retten vermochte— erſt der Nachwelt war es vorbehalten einzuſehen, daß gerade die Zuverſicht auf Rußlands Hülfe den erſten Anlaß zum Unglücke Preußens gab. Man ſclief ruhig, weil man von Rußland Unterſtützung hoffen konnte und als endlich dieſe Unterſtützung noth that— da kam Alles zu ſpät!— 1 Es bedurfte wirklich nur eines einzigen Fehlgriffes von Seiten Preußens, um Napoleon dahin zu bringen, einen Angriff auf das Land deſſen zu bewerkſtelligen, der ihm zu gefallen ſich mit Hannover, Oeſterreich und England in ſchiefe Stellungen gebracht hatte— es bedurfte nur des Anſcheines, als ſei es Preußen endlich überdrüſſig, ſich Vorſchriften aller Arten von Frankreich machen zu laſſen und die lange gehegten Befürchtungen der Königin verwirklichten ſich auf eine ſchreckenerregende Weiſe. Im November des Jahres ein tauſend acht⸗ hundert und fünf gab das Bündniß der beiden Monar⸗ chen dem Geiſte der Königin neues Leben und im No⸗ vember des Jahres ein tauſend achthundert und ſechs flüchtete ſie mit tief gebeugter Seele nach Königsberg — Napoleon aber durchzog das Land als Sieger. Bevor der Jahrestag eines Bündniſſes herauftagte, von 25 dem die Königin ſo viel gehofft hatte, ſtand der Welt⸗ eroberer vor den Thoren Berlin's und wurde von der Bevölkerung der Hauptſtadt mit dem Jubelrufe„Vive l'empereur!“ empfangen. Wieder herrſchte der Herbſt mit ſeinen Launen. In Potsdam aber ſah es bunter aus, als vor Jahresfriſt. Franzöſiſche Regimenter waren in den ſchönen, großen Häuſern einquartiert, wo ſonſt nur das feinſte und nobelſte geſellige Leben heimiſch war und in den Straßen wogte es von Soldaten, die luſtig ihres Sieges ſich freueten. Unweit des Brandenburger Thores ſaßen zwei Perſonen verſchiedenen Geſchlechtes an dem Fenſter eines ſtattlichen Hauſes und blickten auf das Gewühl in den Straßen hinab. Augenſcheinlich ergötzt glitten die Augen der Dame beſtändig hin und her, während der Herr ſeinen Blick auf ein paar Hunde gerichtet hielt, die im gegenüberliegenden Hauſe im Fenſter ſaßen und mit ernſthaften Augen die Hin⸗ und Herlaufenden auf der Straße verfolgten. Es waren zwei echte Möpſe von gelblich grauer Farbe mit kohlſchwarzen Naſen. Beide Hunde ſchienen ſich über den Lärm zu wundern, den die fremden Truppen machten; beide Hunde ſchienen ſich über die Sprache der Vorübergehenden zu wundern, die ſie nicht verſtanden. Der junge Herr, welcher ſie beobachtete, legte ihnen mindeſtens dergleichen Gefühle unter und ſuchte dadurch den tiefen Ernſt ihrer Mei⸗ nen zu erklären. Er ſelbſt war viel zu gleichgültig ge⸗ gen eine Verwandlung in ſeinem Vaterlande, das ihm weder Heimath noch Exiſtenzmittel bot, als, daß er ſich um die fürchterliche Niederlage Preußens hätte grämen ſollen. Aber ſo weit erſtreckte ſich die Mattherzigkeit ſei⸗ ner Vaterlandsliebe doch nicht, daß er die Sieger zu bewundern Luſt bezeigte; deshalb zog er die Stirn in finſtere Falten, als die Dame, die mit ihm am Fenſter weilte, plötzlich rief: in Sſt „Nein, entzückend, ganz entzückend iſt doch die Grazie dieſer franzöſiſchen Soldaten, Thilo! Sieh nur Vetter, wie leicht ihr Gang, wie elaſtiſch ihr Schritt! Sie hüpfen zum Siege, daher ſind ſie unbeſieglich!“ „Hoffentlich wird ihnen dergeſtalt aufgeſpielt, daß ſie in ihr Vaterland zurücktanzen müſſen,“ ſpottete Herr Thilo von Ettershaiden.„Sehen Sie lieber des Hof⸗ fiscals Hunde an. Was dieſe über die fremden Ein⸗ dringlinge denken, ſcheint mir dem Momente angemeſſener, liebe Couſine.“ Statt aller Antwort klatſchte die Dame lebhaft in die Hände und lachte hell auf.„Sieh— o Thilo, ſieh den reizenden Jungen, den Tambour— ſieh, er neckt den Cameraden— o wie bezaubernd, wie anmuthig iſt ſein Geberdenſpiel— ſieh, ſieh der Camerad ſchlägt nach ihm— er weicht zurück— ja, ja, Du haſt Recht, tanzend iſt der Rückzug der Franzoſen und ſelbſt in 27 der Retirade ſind ſie noch hinreißend! Der allerliebſte Tambour muß belohnt werden!“ endete ſie ihre alberne Lobeserhebung. Sie griff in einen Korb, öffnete das Fenſter, rief zwei Mal mit ſilberheller Stimme:„Mon petit’ und warf ihm, als der Camerad den Knaben aufmerkſam gemacht hatte, zwei prächtige Aepfel hin⸗ unter. Mit komiſcher Verwunderung betrachtete der Knabe zuerſt die Aepfel, dann die Dame, grüßte höchſt un⸗ geſchickt militairiſch und ſagte in gutem echten Berliner Jargon:„J hätte ich des gewußt, det es in Potsdam Aeppel regnet, ſo wär' ich ſchon längſt'mal nüber gekommen!“ Thilo von Ettershaiden brach in ein helles Ge⸗ lächter aus und die Dame Couſine flüchtete tief be⸗ ſchämt in den Hintergrund des Gemaches. „Das war eine vortreffliche Medecin gegen Ihr Franzoſenfieber, Couſine Bianca!“ ſpottete der junge Mann.„Ja ſo geht's! Alles Fremde wird überſchätzt! Ich bin weit entfernt mich zu den Stillgrimmigen zu zählen, die ſich ſträuben die Größe Napoleon's anzuer⸗ kennen, allein Ihr Enthuſiasmus für dieſen Empereur und ſeine Truppen ſcheint mir ſündhaft.“ „O, was gilt die Wette, Thilo, nicht lange und Du trittſt auf meine Seite,“ ſprach die Dame ſehr ſchnell.„Es hilft uns auch nichts, wenn wir die Fran⸗ zoſen haſſen— wir müffen ſie auf alle Fälle ertragen lernen, weil ſie Luſt zu haben ſcheinen, ſich hier in Preußen häuslich nieder zu laſſen. Die Gerüſte Deiner Hoffnungen ſind Dir durch Napoleons Dazwiſchenkunft zertrünmert⸗ Auf die Protection der Königin Luiſe kannſt Du nicht mehr rechnen— wie wäre es, wenn Du es mit dem Eroberer verſuchteſt? Bei ihm gelten die Ah⸗ nenproben nichts!“ Thilo von Ettershaiden, innerhalb des verfloſſ e⸗ nen Jahres mächtig gereift, ſchüttelte mit leichter Miß⸗ billigung den Kopf.„Sie denken, ich ſoll es dem Ber⸗ liner Gamin nachthun und mich, wenn es nicht an⸗ ders iſt, als überzähliger Tambour anwerben laſſen? Nein Couſine, ſo tief bin ich noch nicht geſunken. Ich habe die Epauletten meines Vaterlandes verſchmäht und möchte um Alles in der Welt nicht die des Kaiſers der Franzoſen tragen, obwohl ich unter ſeiner Fahne eine Anwartſchaft auf einen Kaiſer⸗ oder Königsthron erhalte.“ „Du denkſt, weil er vom Lieutenant bis zum Throne geſtiegen iſt?“ fragte die Dame höchſt lebhaft. „Nein, ſo meinte ich es nicht! Du ſollteſt Dich ihm zu andern Aemtern präſentiren laſſen. Sieh, lieber Thilo — Vetter Graf Schulenburg ſteht ſich außerordentlich gut mit dem Kaiſer— ſoll ich Dir ein Empfehlungs⸗ ſchreiben an den Grafen geben— er thut mir ganz gewiß den Gefallen und placirt Dich ſo, daß der Kai⸗ 29 ſer auf Deine mehrfachen Kenntniſſe aufmerkſam wer⸗ den kann. Du haſt mich immer gedauert, lieber Thilo, was kannſt Du dafür, daß Dein ſeliger Vater eine Mesalliance geſchloſſen hat, die Dich von den Hofäm⸗ tern, wozu Du vortrefflich geſchult biſt, ausſchließt? Laß uns den Weg verfolgen, den ich eben entdeckt habe — Vetter Graf Schulenburg muß Dich in eine neue Carriere einführen— er thut es mir zu Liebe— ich bin ſeine Flamme geweſen— er hat mich gewiß noch nicht vergeſſen!“ Thilo ſchüttelte nur mit dem Kopfe, betrachtete aber nach den letzten Worten ſeine Verwandte mit ei⸗ nem Anfluge gränzenloſen Erſtaunens, denn er begriff nicht, wie dieſe Dame jemals die Flamme eines Män⸗ nerherzens hatte ſein können. Fräulein Bianca von Wangera war gewiß niemals ſchön geweſen, dazu war ihr Gefühl zu kurz und zu breit, aber außerdem hat⸗ ten die Blattern ein Uebriges gethan, um dies Geſicht ſo häßlich zu machen, wie nur möglich. Sie war ſchon ältlich, vielleicht ſechs und dreißig Jahre, obwohl ſie andeutete, daß ſie eben erſt eine Dreißigerin geworden ſei. Im Grunde that das nichts, da ihre übergroße Lebhaftigkeit viel eher für eine Zwanzigerin paßte. Sie pflegte ſo raſch zu ſprechen, daß man Mühe hatte ihrem Gedankenfluge zu folgen und ſie pflegte über Al⸗ les ſo exaltirt zu ſein, daß man Mühe hatte nicht an 30 5 ihrem Verſtande zu zweifeln. Dagegen hatte ſie aber ein ſo braves Herz, wie ſelten ein altes Fräulein und ſie theilte jetzt zum Beiſpiel willig ihre kärgliche Einnahme mit Thilo von Ettershaiden, der nur ein ganz weitläu⸗ figer Verwandter war, weil der arme Junker, wie ſie ſagte, noch weniger hatte, als ſie. Die Antwort auf ihren dringenden Vorſchlag wurde Thilo erſpart. Ein Pferdegetrappel lockte die neugie⸗ rige Dame wieder an's Fenſter und auch Thilo wen⸗ dete ſich demſelben wieder zu. Ein Trupp franzöſiſcher Stabsofficiere ritt langſam von dem Brandenburger Thore her. In ihrer Mitte ein unterſetzter Herr von imponi⸗ render Haltung, neben ihm ein junger Mann von ganz unbedeutendem Weſen. „Sollte das der Kaiſer ſein?“ fragte Thilo auf⸗ merkſam die Gruppe muſternd. „Wahrhaftig, er iſt's!“ ſchrie Fräulein Bianca voller Entzücken und wollte das Fenſter aufreißen. Thilo hielt ſie mit feſter Hand zurück. „Wie? Wollen auch Sie ihm ein, Vive Pempereur 1“ bringen? Geziemt es ſich einer Dame, die ein Jahr⸗ geld aus der Caſſe der vertriebenen Königin bezieht, dem Eroberer des Vaterlandes ein Vivat zu bringen?“ Bianca ließ beſchämt ihre Hand wieder ſinken. „Sehen Sie dies kalte Geſicht,“ fuhr Thilo, dem Manne, den er für den Kaiſer hielt, entgegenſehend,„ſehen Sie 31 das verächtliche Lächeln, das ſeine Lippen umſpielt. Wiſſen Sie, wem das Spottlächeln gilt? den Preußen gilt es — den Preußen, die ihm, dem Sieger, entgegenjubeln, während ſie traurig die Stirn neigen ſollten vor Gott dem Höchſten, der ſo Schweres über ſie und ihr König⸗ haus verhängt! Wiſſen Sie, was er von den Preußen geſagt hat, Couſine Bianca?“— Die Dame verneinte flüchtig. Ihre ganze Seele lag in dem von Begeiſterung flackernden Blicke, womit ſie den Kaiſer verfolgte, als er jetzt dicht nter ihrem Fenſter vorüberritt, aber das Auge nicht erhob, ſondern es finſter und kalt über die Menſchen ſtreifen ließ, die ſich um ihn zu ſammeln begannen. „O, hätte ich doch eiuen Blick aus ſeinem Auge er⸗ haſcht!“ rief Fräulein Bianca ſehr traurig.„Dieſer Blick würde mich beſeligt haben! Einen Blick aus dem Auge des größten Mannes, des berühmteſten Mannes!— Thilo, welch' eine Wonne liegt in dem Gedanken von dem berühmte⸗ ſten Mann ſeiner Zeit angeblickt worden zu ſein!“ ſchloß ſie mit vollem Pathos des Entzückens. Der junge Mann lachte ſehr ſpöttiſch. „Werfen Sie ſich dieſem Heros doch zu Füßen und betteln Sie um dieſen beneidenswerthen Vorzug, Fräulein Couſine. Sie würden dadurch ebenfalls eine claſſiſche Be⸗ rühmtheit erlangen,“ erwiederte er.„Sonderbar, daß ſich Ihr Geiſt, der ſonſt hell und klar iſt, von Ihren leicht auf⸗ geregten Nerveu ſtets zu Ertrgßlizen hinreißen läßt, die Ihr Gemüth in Zweifel ſetzen. Sie repräſentiren das leicht bewegliche Volk der Stadt Berlin, das heute ſeinem Kö⸗ nigspaare ausſchweifend huldigt und morgen dem Feinde dieſes Königspaares mit Enthuſiasmus Lorbeeren ſtreuet.“ „ ‚Ja, ich gebe zu, daß wir geiſtig Großen, Aprilmen⸗ ſchen ſind, die immer in Anbetung verfallen, wenn ſie be⸗ wundern müſſen,“ ſagte Bianca von Wangera mit verklärtem Weſen gen Himmel ſtarrend.„Aber ſag mir, mein Knabe, giebt es etwas Himmliſcheres, als geiſtig groß zu ſein?“ „O ja! Ich halte es für himmliſcher, das heißt Gott ähnlicher, vernünftig zu ſein!“ ſpottete Thilo.„Der Kaiſer Napoleon hat ganz recht, wenn er die jetzige Volksſtim⸗ mung hier eben ſo mißtrauiſch aufnimmt, wie die drohende Stille bei ſeinem Einzuge in Wien vor Jahresfriſt. Sein hämiſches Lächeln zeigt, wie wenig er auf die Sympathie des Preußenvolkes giebt. Ich habe ihn beobachtet, als er neulich die Berliner Deputation enpfing, die ſich devot und zitternd vor Furcht bis hieher nach Potsdam verfügt hatte, um ihm ſich zu Gnaden zu empfehlen. Ich habe geſehen, wie der Hohn durch ſein kaltes, ſteinernes Geſicht zuckte, als er ſagte: Ihr habt den Krieg mit mir gewollt— jetzt habt Ihr ihn!“ „O hätte ich dieſen großen Moment ſtatt Deiner er⸗ 4 lebt,“ fiel Fräulein Bianca fieberhaft lebhaft ein.„Komm Thilo— laß uns ihm nach— vielleicht iſt mir das Ge⸗ 3³ ſchick günſtig, vielleicht kann ich durch ein Ungefähr den Blick des Erhabenen auf mich lenken— unter dieſem Blicke ſterben! Ja ich begreife die Begeiſterung ſeiner Soldaten für ihn!“ Thilo ſtand ärgerlich auf und rief: „Schweigen Sie doch! Wenn Jemand dergleichen hörte, der Sie nicht kennt, was meinen Sie wohl, was er von Ihnen dächte?“ „Mag man denken, was man will!“ antwortete das Fräulein mit Pathos,„Er, der große Mann, den man Napoleon nennt, Er würde mich verſtehen und begreifen, denn das geiſtig Große erkennt ſich beim erſten Blicke! kommen Sie— begleiten Sie mich, Herr von Ettershaiden — Sie ſollen Zeuge des großen Augenblickes werden, wo meine Seele ſeiner Seele Geſtändniſſe macht, die ihn glück⸗ licher zu machen im Stande ſind, als alle Siege.“ Thilo wollte lachen, aber er war zu ärgerlich dazu. Er ſtieß einen kurzen, unverſtändlichen Ausruf aus, der gewiß wenig Schmeichelhaftes für Fräulein von Wangera enthielt und, ſagte mit derber Zurechtweifung im Tone:„Sie thäten gut, Ihrer geiſtigen Größe, die aus dem„platoniſchen Verein“ zu ſtammen ſcheint, etwas Patriotismus beizufügen. Wohin wollen Sie denn? fragte er erſtaunt, als die Dame ein Mantelet aus einem Wandſchranke nahm und es graziös um ſich drapirte. „Ihm nach!“ rief ſie begeiſtert.„Ihm nach!“ „Dann bleibt mir wahrhaftig nichts weiter übrig, als E. Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. I. 3 34 Ihnen zu folgen, um Sie von Thorheiten abzuhalten,“ murrte Thilo, indem er vor den Spiegel trat, um ſeinen nicht mehr neuen und ſehr einfachen Civilanzug einer Muſterung zu unterwerfen, bevor er ſich den Blicken ſeiner lieben Mitbürger auszuſetzen ging. Seit der Flucht des preußiſchen Königspaares fehlten ihm die Mittel ſtandes⸗ mäßig aufzutreten, deshalb zog er es vor, in bürgerlicher Kleidung zu erſcheinen und ſein Hofamt dadurch zu ver⸗ leugnen. Fräulein Bianca war ſchon hmausgeeilt, um die Spur des großen Kaiſers nicht zu verlieren und auf ihre Frage: wohin Napoleon geritten ſei? antworteten die Neu⸗ gierigen auf der Straße:„Nach der Garniſon⸗Kirche!“ Wie ein Schwertſtreich durchfuhr dieſe Nachricht die Seele des Herrn von Ettershaiden! Nach der Stätte des heiligen Friedens wollte der Eroberer— nach der Gruft deſſen, der mit mächtigem Willen das Staatsruder Preußens gelenkt, der Preußen ſtark und groß gemacht hatte! Und kaum war es Jahresfriſt, daß des Preußenlandes würdiger Fürſt an dieſer heiligen Stätte einen Bund geſchloſſen, der ihm ſein Land gegen die Uebermacht Napoleons ſichern helfen ſollte! Wie aus proſaiſchem Weltgewühle hineingeſchleudert in die myſtiſche Schönheit eines Traumbildes, ſah Thilo ſich in jenen Novembertag zurückverſetzt, wo die Gruft des großen Friedrich zum Empfange des hohen Gaſtes bereitet, wo im Schatten der Nacht ein Schwur der Freundſchaft auf Leben und Tod geleiſtet wurde. O, Du arme Königin, 35 Deine Zuverſicht betrog Dich! kaum zwölf Monde reichten hin, den Fuß deſſen, welchem Du mit kühnem Muthe zu trotzen gedachteſt, zu derſelben Stätte zu führen, wo du neubelebt mit Deinen Thränen den Freundſ chaftsbund geheiligt hatteſt. Unter ſolchen Gedanken folgte Thilo ſeiner Verwand⸗ tin, die in ihrer Geiſtesaufregung eine neue Sonne in Napoleon aufgehen ſah. Er folgte ihr bis zur Kirchthür, die von einer immer wachſenden Volksmenge belagert wurde. War Napoleon ſchon eingetreten oder war es ein blinder Lärm, der die Neugierigen hieher verlockt hatte. Man ſah keinen der Reiter, die den Kaiſer doch begleitet hatten. Fräulein Bianca bahnte ſich in ihrem glühenden Eifer einen Weg bis zur Kirchthür. Thilo mußte ihr folgen. Da raſſelte es innen ame Schloſſe. Jetzt nahete der große Augenblick— Bianea öffnete ihre Augen weit, ſehr weit, um den großen, berühmten Sieger zu empfangen. Aber leider nicht Er, ſondern das blaſſe verſtörte Geſicht des Hofküſters ſchob ſich zwiſchen der Thürſpalte hervor. „Lauf' Einer hinüber nach dem Herrn Hofprediger — der Kaiſer Napoleon ſei in der Gruft—.“ Sein ſchon Blick fiel auf Thilo. Er erkannte ihn. „ Sie ſchickt wohl Gott hieher,“ flüſterte er.„Kein Menſch kann ſich mit den Franzoſen verſtändigen— bitte Herr Hofjunker— treten Sie ein, helfen Sie uns . 3* 36 aus unſerer Noth!“ Er winkte ängſtlich. Thilo fühlte ſich nicht geneigt den Dollmetſcher zu machen. Er lehnte durch eine Geberde die ihm zugedachte Ehre ab. Das Geſicht des Hofküſters verſchwand wieder. „Es geziemt uns wahrlich nicht, hier ſtehen zu bleiben,“ flüſterte Thilo mit merklichem Mißvergnügen ſeiner Couſine in's Ohr.„Kommen Sie— ſeien Sie vernünftig!“ „Ich weiche nicht, bis ich ihn, den großen Allgewal⸗ tigen geſehen!“ erwiederte die Dame.„Sehen Sie um ſich, mein Knabe— wir ſind nicht die Einzigen vom Hof⸗ zirkel!“ „Leider!“ murmelte der junge Mann.„Und wenn unſer Königspaar wieder einzieht, ſo fehlen dieſe Geſichter auch nicht.“ „Wir huldigen nur dem Genie— wir bewundern den Flug des Genie's!“ „Gut. So mögen Sie ſich allein blamiren— ich gehe!“ ſprach Thilo ärgerlich. „Geh', mein Knabe geh!“ ſagte ſie mit geho⸗ benem Tone. Da raſſelte es abermals am Schloſſe der Thür und ſie wurde dies Mal von einem Officier ge⸗ öffnet, der mit raſcher Prüfung die Zunächſtſtehenden überblickte und dann mit ſehr artiger Manier franzöſiſch fragte, indem er ſich ſpeciell an Thilo wendete: „Sie ſprechen franzöſiſch, mein Herr?“ Thilo zögerte * 37 eine Minute mit der Antwort. Seine gerunzelte Stirn gab indeß die ſicherſte Auskunft, daß er die Frage ver⸗ ſtanden hatte. Der Officier glaubte keiner weiteren Er⸗ klärung zu bedürfen. „Der Kaiſer der Franzoſen läßt Sie um Ihre Ge⸗ ſellſchaft bitten— er wünſcht Mittheilungen über in⸗ tereſſante Gegenſtände und es iſt Niemand da, der ſie zu geben vermag!“ fügte er ſogleich hinzu.„Darf ich bitten mir zu folgen?* Was blieb dem jungen Manne übrig nach ſolcher befehlenden Bitte! Er warf einen bitterböſen Blick auf Fräulein Bianca, die nicht ganz verſtanden hatte, was der Officier von ihrem Vetter heiſchte. Erſt als Thilo ſich leicht verbeugte, begriff ſie die Ehre, die ihm widerfah⸗ ren war. „Du Glücklicher! Du dreimal geſegneter, glücklicher Vetter!“ ſprach ſie emphatiſch. Die Thür fiel hinter ihm zu. Sie ſah ihn nicht wieder! Aber ſie harrte auch vergeblich auf den Anblick des großen berühmten Eroberers. Napoleon verließ die Kirche eben ſo, wie er ſie betreten. Kein Menſch ſah ihn heraus⸗ kommen und er war längſt wieder in Sansſouci, als man noch immer wartete. Fräulein Bianca ſtarb beinahe vor Ungeduld. Thilo kam nicht. Der Abend ſenkte ſich nieder. Auf den Straßen wurde es ſtill. Thilo blieb 38 aus. Die Nacht verrann, und noch viele, viele Tage verfloſſen, ohne daß ihr Vetter von irgend Jemand ge⸗ ſehen wurde. In dem Eifer ihrer Beunruhigung forſchte Fräulein Bianca überall nach ihm. Vergeblich! Der Kaiſer hatte bald nachher Berlin verlaſſen. In ſeiner Begleitung war der Prinz Jerome geweſen und man meinte, dieſer habe ſich einen deutſchen Secretair angeſchafft, weil ihm die deutſche Sprache ſo überaus ſchwer geworden ſei. Etwas Gewiſſes konnte Fräulein Bianca von Wangera nicht erkundſchaften und ſie mußte es bei den unruhigen Zeiten Gott anheimgeben, das Verſchwinden des hoff⸗ nungsvollen jungen Cavaliers aufzuklären. Bisweilen überfiel ſie der ſtolze Gedanke, daß Thilo von Ettershaiden Glück machen werde und dann ſein Glück ihr verdanke, da ſie ihn an die Thür geführt, die ſich zu ſeinem Emporkommen geöffnet habe. Oefter aber, das muß man zu ihrer Ehre geſtehen, öfter aber dachte ſie mit bitterer Angſt daran, daß er als ein Opfer ſol⸗ datiſcher, feindlicher Roheit gefallen und ſchon längſt Todes verblichen ſein könne. Dann bedauerte ſie mit heißen Thränen, dies ſchöne junge Leben um einen Blick aus dem Auge des berühmten Eroberers geopfert zu haben.. I. Capitel. Zeitveränderungen. Das Königreich Weſtphalen war aus der mächti⸗ gen Hand des Kaiſers Napoleon Buonaparte hervor⸗ gegangen und ſeinem jüngſten Bruder Jerome verlie⸗ hen worden. Kaum hatte der König Jerome von Weſt⸗ phalen die Zügel der Regierung in Händen, ſo begann ein Leben in der Reſidenz Kaſſel, wie es in den deut⸗ ſchen Landen unerhört war. Frivolität, Leichtſinn, Ueppig⸗ keit und Zügelloſigkeit gingen, gleich dämoniſchen Gei⸗ ſtern, vom Hofe aus durch's ganze Land und untergruben die bürgerlichen und häuslichen Tugenden. Es iſt bekannt, daß ſelbſt des Kaiſers ſtarker Wille gegen den Leichtſinn und gegen den knabenhaften Ueber⸗ muth ſeines jüngſten Herrn Bruders vergeblich gekämpft hat. Als Jerome ſich auf einen Höhepunkt geſtellt ſah, 40 wo es nur von ihm abhing, ſeine Macht zu ſeinen Lebenszwecken zu verwenden, da folgte er ohne Bedenken allen Gelüſten eines eben ſo luxuriöſen, als ausſchweifen⸗ den Geſchmackes, der ihn zum immerwährenden Genuſſe anſpornte. König Jerome liebte bekanntlich ſchöne Frauen und galt im Allgemeinen für unwiderſtehlich, wenn es darauf ankam, ein Weiberherz zu bethören. Wir wollen nicht näher unterſuchen, wie viel von ſeinen Siegen auf dieſem Felde ſeiner königlichen Stellung und ſeinem glän⸗ zenden Auftreten zuzuſchreiben war. Einigen Nachrich⸗ ten zufolge fanden ihn die deutſchen Damen etwas fade und albern, trotz aller Ritterlichkeit und Courtoiſie, die man ihm nachzurühmen beliebte. Unſtreitbar gewiß iſt jedoch, daß König Jerome ein Schrecken für alle jungen Ehemänner war und daß es ihm wirklich ſehr oft ge⸗ lang, ſelbſt ſpröde Naturen zu beſiegen und edlere Herzen zu unterjochen. Wenn wir dieſe Erfolge nicht in dem fürch⸗ terlichen Erbfeinde des Frauengeſchlechtes, in der hoch⸗ müthigen Eitelkeit ſuchen wollen, ſo müſſen wir ſie als ein trauriges und unlösbares Räthſel betrachten. König Je⸗ rome richtete ſich natürlich ſeinen Hofſtaat aus den Elemen⸗ ten ein, die zu ihm paßten. Doch konnte er nicht umhin, ſeiner edlen Gemahlin wegen, die als eine Prinzeſſin von Württemberg ſtandesmäßig berückfichtigt werden mußte, dem äuße. Anſtande formell und genügend zu huldigen und neben ſeinem leichtfertigen Hofperſonal edle, treue 41 und gediegene Männer und würdige Frauen um ſich zu verſammeln. Vom alten kurfürſtlichen Regime behielt er nur das, was ihm entweder nicht nahe kam oder was ſich ohne Mur⸗ ren ſeinen Anordnungen fügte. Nach den allbekannten Napoleoniſchen Grundſätzen wurde Alles, was zum neuen Reglement nothwendig war, mit fabelhaſter Schnelligkeit in's Werk geſetzt und es ver⸗ gingen nur wenige Jahre, ſo fühlten ſich die berufenen franzöſiſchen Beamten ſo vollſtändig auf deutſchem Grund und Boden eingebürgert, daß ſie ſich als Eingeborene des Landes betrachteten und von oben herab mit uner⸗ träglichem Uebermuthe das arme deutſche Volk zügelten, regierten und verurtheilten. Nach und nach beugten ſich die Unterthanen des neuen weſtphäliſchen Königreiches willig unter das Joch, welches ihnen auferlegt worden war. Ihr Widerſtand hätte ihnen auch nichts geholfen. Ihr König war ein Schooßkind Frankreichs und ſomit wurde es für ſie eine Art Pflicht und Schuldigkeit, ſich den franzöſiſchen Sitten zu fügen und franzöſiſch ſprechen, franzöſiſch denken und franzöſiſch leben zu lernen. Alſo das Königreich Weſtphalen, das mit Kraft und Energie vom Kaiſer Napoleon für ſeine Bruder gegründet war, blühete im vollen Glanze, zeigte ſich ſtets in königlicher Pracht und übertünchte geſchickt die 42 inneren Schäden mit den Blendlichtern einer hochmüthi⸗ gen Sicherheit. Die Reichen und Angeſehenen des Rei⸗ ches fügten ſich am Erſten in ihr Schickſal. Ihr Vor⸗ theil erheiſchte es, gute Miene zum böſen Spiele zu machen. Ihre Stellung in der Geſellſchaft hing von der Freundſchaft des neugeſchaffenen Königs ab, deshalb bückten ſie ſich und ſchmeichelten dem neuen Sterne am politiſchen Horizonte, als er ſtrahlend ſeine Bahn zu verfolgen Anſtalt traf. Feſtins, den Feenmärchen ent⸗ nommen, wurden dem lebensluſtigen Jerome zu Ehren arrangirt. In den Paläſten der Würdenträger des Reiches begannen die glänzendſten Luſtbarkeiten und ver⸗ breiteten ſich von dort aus bis in die Salons der rei⸗ chen Bürger, überall durch ihre Ueppigkeit demoraliſirend und den einfachen deutſchen Sinn vergiftend. Jerome, der gefeierte König, nahm Alles dankbar⸗ lichſt an, fand dieſe brillanten Huldigungen ſeinem neuen Stande angemeſſen, flog von einem Feſte zum andern, lernte dabei aber nur mühſam ſo viel deutſch, um ſa⸗ gen zu können, was das Princip ſeines Schmetterlings⸗ lebens wurde:„Morgen wieder luſtig.“ Dieſe Herrlichkeit währte fünf volle Jahre, ohne daß ſich der Gedanke in dem Könige von Weſtphalen regte, ſie könne ein Ende mit Schrecken nehmen. Stand doch ſein Bruder, der Kaiſer der Franzoſen, im ſtrah⸗ lenden Lichte der Unfehlbarkeit als Hort ſeines Geſchicke — 43 vor ihm! Was ſich auch im Schooße der Zeit geregt hatte, um die Macht dieſes erhabenen Bruders in Zwei⸗ fel zu ſtellen, es war Alles ſpurlos an dem feſten Pie⸗ deſtal derſelben zerſchellt und hatte ſeine Stellung in Europa eher befeſtigt, als wankend gemacht. Mit über⸗ müthigem Hohne behauptete der Kaiſer Napoleon ſeinen Standpunkt, den er errungen hatte und mit ſorgloſer Nachläſſigkeit wiegte ſich ſein Bruder Jerome in Träume von unerſchütterlicher Größe. That er doch nach ſeiner Meinung Alles, um ſein Volk zu beglücken! Abzuleugnen iſt es allerdings nicht, daß er mit ſeltener Humanität guten Rathgebern geneigt blieb, ſelbſt wenn ſie ihm offen und redlich die inneren Schäden ſei⸗ ner Regierung aufdeckten, allein, was half dieſe Milde, die mit ſo großem Leichtſinne gepaart war, daß er über einem Paar ſchöner Frauenaugen alle Regierungsſorgen vergaß und daß ihm die Eleganz einer weiblichen Toilette wichtiger war, als die Sorge um ſeine Zukunft. Im Laufe der Zeit hatte er Gelegenheit genug gehabt, ſich auf eine Kataſtrophe gefaßt zu machen, die das Ver⸗ gnügen ſeines Lebens zu beinträchtigen im Sande war, und wenn auch die Berechnungen der Politik nicht den ganzen grauſamen Zerſtörungsproceß aller Napoleoni⸗ ſchen Schöpfungen vorausbeſtimmen konnten, ſo wäre es doch ſehr wohl zu erkennen geweſen, daß im Kerne des deutſchen Volkes ein bitterer Haß gegen die Fremd⸗ 44 herrſchaft aufquoll, der ſeine Königswürde ſehr un⸗ ſicher machte. Allein König Jerome ließ ſich durch nichts aus ſeiner guten Laune bringen. Er lebte nach wie vor:„Morgen wieder luſtig!“— Schill mit ſei⸗ ner romantiſchen Reiterſchaar war aufgetaucht— Dörn⸗ berg hatte in der nächſten Nähe der Reſidenz Kaſſel den jungen König Jerome zu beunruhigen verſucht und der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunſchweig war mit ſeinen ſchwarzen Reitern wie ein brauſender Wald⸗ ſtrom aus den Wäldern Böhmens durch Sachſen in Weſtphalen eingebrochen. Lauter Zeichen einer inneren Gährung! König Jerome lieh jedoch ſein Ohr den Einflüſterungen niedriger Schmeichler, welche die Un⸗ ternehmungen dieſer edlen Männer als eine Ausgeburt unruhiger Köpfe bezeichneten, die keineswegs der all⸗ gemeinen Volksſtimmung entſpräche, ſondern von den loyal geſinnten Unterthanen ſeines Reiches mit Miß⸗ billigung betrachtet und mit hartem Tadel verfolgt würden. Die liebenswürdige Majeſtät hielt es für räth⸗ lich, ſich den Kopf über dergleichen deutſche Thorheiten nicht zu zerbrechen, ſondern ſeine Stellung als eine von Gottes Gnade verliehene zu bezeichnen, die ihm der Pö⸗ bel nicht ſtreitig machen könne. Die liebenswürdige Ma⸗ jeſtät bauete auf Kaiſer Napoleons Macht, auf deſſen brüderliche Energie und zeigte nicht einmal die gehörige Achtſamkeit für die Befehle ſeines kaiſerlichen Beſchützers, 45 wenn ſie ſeine eigene Bequemlichkeit zu ſtören geeignet waren. Jerome handelte wahrlich oft wie ein verzo⸗ genes Kind und es bedurfte dann einer vollen Zor⸗ nesladung, um ihn zur Ordnung zurückzuführen. Durch ſeine Sorgloſigkeit begünſtigt, wuchſen die Verſchwörun⸗ gen zu ſeinen Sturze. Wie Schreckensgeſpenſter ſchlichen ſie ſich in Kreiſe ein, die den Hofzirkeln ſehr nahe ſtanden und vernichteten im Stillen das gegenſeitige Ver⸗ trauen. Als es zu ſpät war, wollte der König Jerome mit Strenge einſchreiten laſſen und dadurch verſchlim⸗ merte ſich die Sache. Treue Rathgeber warnten. Noch lachte der König im Hinblick auf den Gewalthaber im deutſchen Lande, der ſein Bruder war. Da trat der kri⸗ tiſche Zeitpunkt ein, daß Napoleon's Uebermuth die deut⸗ ſchen Gränzen überſchreiten und in Rußland als Sie⸗ ger glänzen wollte. Er befahl die Vergrößerung des weſtphäliſchen Heeres und verſetzte durch dieſen Befehl den armen König in eine wenig beneidenswerthe Lage. Wo das Geld hernehmen, um die Koſten zur Herſtel⸗ lung der befohlenen Armee zu beſtreiten? Natürlich wurde nun zu allen erlaubten und auch unerlaubten Mitteln ge⸗ griffen. Man verſchleuderte Staatsgüter, um nur Geld zu erhalten. Man verhandelte Paläſte, Landhäuſer und Luſtſchlöſſer, um der augenblicklichen Noth abzuhelfen. Unter dieſen Maaßregeln verloren ſelbſt die Ruhigeren und Gemäßigteren des Volkes die Geduld und eine ſchlaffe 46 Hoffnungsloſigkeit nahm von den Herzen derer Beſitz, die bis dahin im gewaltigen Umſchwunge der Zeit eine neue Aera erblickt hatten. „Morgen wieder luſtig!“ ſagte noch immer mit unge⸗ ſtörtem Gleichmuthe die weſtphäliſche Majeſtät, als ſchon der Racheengel die ſchweren Fittiche erhob, um den Kai⸗ ſer Alexander von Rußland an einen heiligen Schwur zu mahnen, den er am Sarge des großen Preußenkönigs geleiſtet hatte. Dieſer Schwur, von den Thränen einer edlen Königin beſiegelt, war von Gottes Engeln zu ſei⸗ nem Throne hinaufgetragen und als die rechte Zeit na⸗ hete, als das Maaß menſchlicher Ueberhebung voll war, da ſenkte der Allerbarmer die Erinnerung an jene be⸗ deutungsvolle Minute wie mit Widerhaken in die Seele des ruſſiſchen Machthabers, der allein noch unangetaſtet in ſeinen Rechten daſtand. Das Trauergeläute um die Königin Luiſe, die den Kelch der Demüthigung bis auf den Grund hatte leeren müſſen, war ſchon längſt ver⸗ hallt, aber ihr Bild war noch nicht verlöſcht und ihr Andenken noch nicht von den Schleiern der Zeit um⸗ woben. Der erſte Schritt zu dem mächtigen Vorha⸗ ben, auch in Rußland's Gauen den Scepter der Ge⸗ walt regieren zu laſſen, weckte die Erinnerung an den Treubund, der leider ohne Einwirkung auf die heillo⸗ ſen Kriegspläne Napoleons hatte bleiben müſſen. War denn dieſes Bündniß durch Verrath entheiligt? War es 47 vernichtet? Nein, es war allmählig ſeiner Erfüllung entgegengereift und das Gelöbniß treuen, brüder⸗ N„ lichen Beiſtandes war mit der Flammenſchrift roman⸗ 1 tiſcher Begeiſterung in die Bruſt deſſen gegraben, der mit ſeinen Lippen den Sarg des Preußenkönigs berührt hatte. Er wartete des Tages, wo er die Thränen der Königin Luiſe rächen konnte, wo er dem ermattet dahin lebenden Könige von Preußen mit der Treue ſeines Wortes neuen Lebensmuth einflößen durfte. II. Capitel. Srloſchene Gluth. In waldiger Ebene, mit der Fernſicht auf größere und kleinere Gebirgsketten, lag dicht an der Gränze des neuen Königreiches Weſtphalen das Dorf Etters⸗ haide. Die Demarcationslinie, von der Hand des Schöpfers dieſes Reiches mit Willkür gezogen, trennte merkwürdigerweiſe die Ruinen des alten Stammgutes derer von Ettershaiden von den Beſitzungen der Familie und ſtellte die halb verfallene Burg Ettershaide un⸗ ter die Banner des Königs Jerome, während das Dorf mit ſeinem einfachen Schlößchen und ſeinen rei⸗ chhen Feldmarken unter den Adlern Preußens verblieb. Die Burg Ettershaide lag keinesweges, wie ſonſt alte Burgen, auf einem Berge und ſchauete alſſo nicht ſtolz auf die Herrſchaft derer von Ettershaiden hinab, 4 1 3 k 49 ſondern ſie beſtand in einem alterthümlichen Gebäude, von alten, dicken, verfallende zeichnete ſich nur durch die ellenhohen Neſſeln aus, die ſie von allen Seiten umwucherten. Seit der alte Stammbaum erloſchen und die Seitenlinie in Beſitz der Güter gekommen war, ſtand die Burg verlaſſen und verödet und bot außer um im Dorfe Ettershaide einen wenig beneidenswerthen Thronſitz aufzuſchlagen. Daher kam es, daß die Burg immer weniger beachtet und zuletzt als ganz unbrauch⸗ bar angeſehen wurde. Hingegen das kleine, einfache Landſchloß mit ſeinem Parke und ſeinen prächtigen Gartenanlagen erfreute ſich der Gunſt der neuen Be⸗ ſiter und wurde oftmals von den Oberhofjägermeiſtern, Kammerherren und Kammerjunkern von Ettershaiden zum Aufenthalte erwählt, um der Jagd mit ihren Freu⸗ den obliegen zu können. Man erzählte ſich auch in der Umgegend ſeltſam ſchöne Geſchichten aus dem Regime des Preußenköniges, den man den Dicken nannte. Da⸗ mals ſollte eine Prinzefſin mit ihrem Geliebten im Land⸗ E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. I.. 4 50 ſchloſſe gehauſet haben. Was daran iſt, weiß Niemand zu ſagen. Aber gleich nach dem kurzen, flüchtigen Pa⸗ radieſesleben dieſes jungen Paares wurden dieſelben Räume das Aſyl einer verſtoßenen Gattin, die mit ihren drei Söhnen ſo lange in der Gegend lebte, bis ſie Alle vom Tode hinweggerafft wurden. Unter der Hand dieſer armen, traurigen Dame verſchönerte ſich das Schloß und der Garten. Selbſt auf der alten Burg ſah man ſie mit ihren Söhnen walten und es ging die Rede, daß ſie das alte Gebäude von Grund aus renoviren laſſen würde, um mit den beiden jüngeren Söhnen es bewoh⸗ nen zu können, wenn der älteſte als Stammerbe das Schloß in Beſitz nehmen werde. Dieſe Dame war die rechtmäßige Gattin des zeitigen Beſitzers geweſen. Man nannte ihren Namen mit Achtung und Ehrfurcht ſelbſt da noch, als ſchon der Tod das ſchwer gekränkte Herz zur Ruhe gebettet hatte. Grund genug, um an ihren Werth zu glauben, obwohl ſie von ihrem Gatten, dem Herrn Ottmar von Ettershaiden ſchmählich verſtoßen und in die Einſamkeit dieſes Landſitzes verwieſen worden war. Sie ſtarb am Typhus, der mit den franzöſiſchen Heeren zugleich das deutſche Land überzog. Ihre drei Söhne folgten ihr in unglaublich ſchneller Friſt. Ein Jahr ſpäter zog, ſeiner Hofcharge verluſtig gegangen, der Gatte dieſer Dame in das frei gewordene Aſyl und lebte in der Hoffnung auf beſſere Zeiten ruhig und einſam dahin. 51 Um ihn verſammelten ſich die Edelleute der Umgegend, die durch Willkür einem andern Staate einverleibt wa⸗ ren. So nahe ihm auch die Reſidenz des neuen Rei⸗ ches war, er vermied als guter Preuße und als treuer Anhänger des preußiſchen Hofes jede Berührung mit den Beamten der franzöſiſchen Regierung. Weit weniger ſerupulös bewies ſich ſeine Gemahlin, die viel jünger als er eine Rolle am Hofe zu Kaſſel der Einſamkeit in Ettershaide bei Weitem vorgezogen haben würde. Die Dame nahm keine Rückſicht auf patriotiſche Gefühle. Sie machte ihre Beſuche allein, wenn der Herr Gemahl bedenklich einen Conflict erwog, der daraus entſtehen konnte und ſie zeigte unverholen die größte Luſt, ſich an dem Hofe zu Kaſſel placiren zu laſſen. Herr Ottmar von Ettershaiden ließ dergleichen An⸗ deutungen ganz unbeachtet. Beide Gatten lebten jetzt mit würdiger Ruhe neben einander. Sie hatten jedoch zwei Jahrzehnde früher eine ſtürmiſche Leidenſchaft durchlebt, in der ſie Alles überwältigten, was ihrer Vereinigung im Wege ſtand. Mit der brauſenden, kühnen Gluth des rei⸗ fern Mannesalters hatte dieſer Mann die Schranken nie⸗ dergeriſſen, die ihn von einem Weſen trennten, das er ver⸗ göttern zu müſſen glaubte. Er war von den koketten Blik⸗ ken dieſes jungen Wefens zur Sünde verlockt und hatte ein gutes, treues Weib, hatte drei blühende Söhne verſto⸗ ßen, um dieſem Sterne huldigen zu können, der am Him⸗ 4* 52 mel der Feenfeſte glänzte, welche eine Schöpfung der be⸗ rüchtigten Gräfin Lichtenau waren. Ob die verführeriſche Dame ihn wirklich ebenfalls ſo heiß geliebt— wer kann das wiſſen! Für ſie war es eine Nothwendigkeit geweſen, ſich ſelbſtändig in der Salonwelt zu ſituiren. Die Stellung des Herrn von Ettershaiden ſagte ihr zu. Sein Geiſt dominirte in den Hofzirkeln. Sein ſchönes, ſtattliches Aeu⸗ ßeres genügte ihrem Schönheitsſinne und ließ ſie gern die dreißig Jahre überſehen, die er älter war, als ſie. Genug, ſie lockte ihn mit ihren feurigen Blicken aus dem Kreiſe ſeiner Familie, der er von Rechtswegen angehörte, ſie trieb ihn bis zum Wahnſinne der Leidenſchaft und brachte ihn dahin, ſeine Gattin und ſeine Kinder zu verlaſ⸗ ſen. Die gerichtliche Scheidung löſte ſeine Feſſeln und er verheirathete ſich mit der jungen Dame. Aber die Ge⸗ ſetze ſeines Stammes ſchützten ſeine Familie. Sein älteſter Sohn blieb der Erbe ſeiner Güter. Und ſollten auch noch ein Dutzend Kinder von der geliebteren Frau das Licht der Welt erblicken, keines hatte einen Anſpruch auf dieſen Be⸗ ſitz, bis die Kinder der erſten Ehe todt waren. Seine Ehe blieb aber kinderlos und die Söhne aus der erſten Ehe ſtarben. Sein Stamm erloſch alſo mit ihm. Als ſeine Gattin, als ſeine Kinder das Schloß ge⸗ räumt hatten, was ihm bei dem raſchen Umſchwunge aller Verhältniſſe eine Zufluchtſtätte bot, da zog er ohne Gewiſ⸗ ſensbiſſe in dieſelben Räume ein. Er ertrug ſein Schickſal 3 mit dem Anſtande eines vollendeten Hofmannes und mit dem Gleichmuthe eines Philoſophen. In ihm ſchien alles Leben zu todter Aſche verbrannt zu ſein und es traten ſo⸗ gar Stunden ein, wo er mit einem Lächeln voller Ironie der Gluth ſeines fünfzigjährigen Herzens gedachte, die ſich an den Augen einer Kokette entzündet hatte. Nachdem er jetzt eine lange Reihe von Jahren das Glück genoſſen hatte, Zeuge der eitlen Extravaganzen ſeiner ehemals ſo heißgeliebten Gemahlin geweſen zu ſein, begriff er die Lä⸗ cherlichkeit der Leidenſchaft eines Mannes, der drei Söhne beſeſſen hatte, von denen der älteſte ſchon im Stande ge⸗ weſen wäre, ihm den Rang bei der Bewerbung um das Herz einer ſolchen Dame ſtreitig zu machen.— Es war im Frühlinge des Jahres 1812, als der ehr⸗ würdige Herr von Ettershaiden auf Ettershaide einen Courier auf den Schloßhof traben ſah, der ſich gewandt vom Pferde ſchwang und mit reſpectvoller Artigkeit den Schloßherrn zu ſprechen verlangte. Würdig, aber mit ſtark gerunzelter Stirn befahl der alte Herr den Mann einzuführen. Er hatte ſofort einen Verdacht gefaßt, daß dieſer Courier nicht von ungefähr komme, ſondern durch den letzten Beſuch ſeiner Frau Gemahlin bei der Oberhof⸗ meiſterin der Königin von Weſtphalen veranlaßt ſei. Die Livree verrieth einen königlichen Jäger und die franzö⸗ ſiſche Artigkeit des Couriers den Inhalt ſeiner Depeſche. Nach dieſen Vorausſetzungen war Herr von Ettershaiden um ſo mehr überraſcht, als von einer Depeſche gar keine Rede war. Seiner Gemahlin wurde auch nicht erwähnt, ſondern der Courier meldete einfach den Beſuch des Mar⸗ quis d'Etérais. Zuerſt ſtutzte Herr von Ettershaiden. Der Name war ihm völlig unbekannt und er konnte nicht begreifen, was ein Hofherr vom Kaſſeler Hofe bei ihm zu ſuchen habe. Er wollte den Beſuch kalt ablehnen, beſann ſich jedoch eines Beſſern und erwiederte froſtig artig, daß es ihm angenehm ſein werde, den Herrn Marquis zu empfangen. Kopfſchüttelnd begab ſich der alte Herr nach der erhaltenen Botſchaft in den linken Flügel des Schloſſes, woſelbſt ſeine Gemahlin ihre Reſidenz aufgeſchlagen hatte. Er fand die Dame in ihrem Schlafzimmer auf einer prachtvollen Ottomane ausgeſtreckt liegen. Ein junges, bildſchönes Mädchen ſaß neben ihrem Ruhelager und las ihr aus einem Romane der Frau von Genlis vor. Es war kein heiteres, gemüthliches Zuſammenſein in dieſer Gruppe. Von übler Laune verzerrt zeigte das feine, kreideweiße Geſicht der gnädigen Frau mehr von den Gebrechen des Alters, als gut war, und das hüb⸗ ſche Mädchen hielt jedes Mal mit trotzigem Ernſte weit länger inne, als nöthig ſchien, wenn die Gnädige mit ſcharfer, ſchrillender Stimme ihre franzöſiſche Ausſprache corrigirte. Die Kleine hörte auch ſogleich reſpectvorll auf zu leſen, als die hohe, vornehme, ſteife Geſtalt des 5⁵ Herrn von Ettershaiden auf der Schwelle ſichtbar wurde. Sie erhob ſich, machte ihm die graziöſeſte Verbeugung, die die Schüler der Terpſychore erfunden haben mochten und nahm dann eine Stellung an, die etwas von Sub⸗ ordination an ſich trug. Der alte Herr winkte ihr leutſelig zu und deutete durch eine Handbewegung an, daß ſie für den Augen⸗ blick ihres Vorleſeramtes entlaſſen ſei. Das junge Mädchen verneigte ſich ſtumm und gemeſſen abermals und flog ziemlich raſch und ungeſtüm der Thür zu. Mit ungnädigen Mienen erhob ſich die Gnädige aus ihrer liegenden Stellung und blickte ihren Gemahl höchſt ver⸗ drießlich an. Sie ſah in dieſem Momente nicht ſchön aus. Ihr ſehr bleiches Geſicht, das vielleicht nie von ei⸗ nem Sonnenſtrahle berührt worden war, erſchien wie von feinen Runzeln durchwebt und ihre Augen, vor zwanzig Jahren voll zauberiſch bethörenden Glanzes, lagen ſtarr in den Höhlen ohne jedweden Ausdruck. Herr von Ettershaiden bemerkte zum erſten Male mit Erſtaunen, daß ſeine theure Gemahlin mächtig altere und daß ſie allerdings der verſchiedenen Toilettenkünſte bedürftig ſei, die er bisweilen anwenden ſah. Mit feinem Lächeln machte er eine beſchwichtigende Geberde und ſagte vollkommen hofmäßig:„Erſchrecken Sie nicht, Theuerſte— ich habe Ihnen nur einen ſon⸗ derbaren Beſuch anzumelden!“ 56 Frau von Ettershaiden griff eiligſt nach ihrem Fla⸗ con, athmete den belebenden Hirſchhorngeiſt ein, fächelte ſich affectirt mit einem parfümirten Taſchentuche Küh⸗ lung zu und flüſterte:„O, mein Theuerſter— ſpre⸗ chen Sie, ſprechen Sie! Sie ſpannen meine Nerven an — ich bin heute ſo nervös, daß mich der Athemzug eines fremden Menſchen tödten könnte!“ „Beruhigen Sie ſich, meine Allertheuerſte,“ unter⸗ brach ſie der alte Herr ſarcaſtiſch.„Der Marquis d Etérais hat durch ſeinen Leibjäger anfragen laſſen, ob er mir aufwarten dürfe.“— „Der Marquis d'Etérais!“ rief mit angenehmem Erſtaunen die Dame und ihr Auge bekam plützlich Licht und Leben. „Ja, der Marquis d'Eteérais,“ wiederholte Herr von Ettershaiden mit bemerkbarer Kühle.„Kennen Sie den Herrn?“ „Nein, nein,“ entgegnete ſie mit merkwürdiger Eil⸗ fertigkeit und nahm eine jugendlich⸗intereſſante Miene an.„Aber ich weiß, daß der Marquis großen Einfluß beim Kaſſeler Hofe hat, daß er die rechte Hand der liebenswürdigen Königin iſt!“ Herr von Ettershaiden blickte angenehm überraſcht auf.„Die rechte Hand der Königin?“ wiederholte er. „Das hebt ihn in meiner Achtung. Was kann er aber von mir wollen, Theuerſte?“ 57 Die Dame lächelte kokett und erhob ſich mit einer Beweglichkeit, als wolle ſie allen ihr übrig gebliebenen Liebreiz zuſammenraffen. Ihr Gatte betrachtete ſie zu⸗ erſt verwundert, dann mit ſichtlichem Hohne. „Uebereilen Sie ſich nicht, meine Allertheuerſte,“ fügte er trocken hinzu.„Ihnen ſcheint der Beſuch nicht zugedacht zu ſein.“ Die Dame liächelte unbeſchreiblich zuverſichtlich. „Sein Beſuch wird die Folge meines Beſuches in Kaſ⸗ ſel ſein. Die Oberhofmeiſterin beklagte, daß der Mar⸗ quis d'Eterais abweſend ſei und erzählte mir ſo viel Züge von Edelmuth und ritterlich deutſchem Sinne, daß ich nicht umhin konnte, das Verlangen laut werden zu laſſen, ihn kennen zu lernen. Es iſt äußerſt fein von ihm, daß er meinen Wünſchen ſo ſchnell nachkommt!“ Der alte Herr richtete ſich ein wenig ſtraffer auf und fragte ohne Rückſicht auf den gewöhnlichen Hof⸗ ton:„Was ſollte ihn denn wohl veranlaſſen, Dich ſo ſchnell aufzuſuchen, meine Liebe? Iſt der Mann jung, ſo hat eine deutſche Frau von beinahe vierzig Jahren keinen Reiz für ihn. Es müßte denn ſein, daß Du Deinen abſurden Plan, ‚„Hofdame bei der weſtphäliſchen Königin zu werden,“ wirklich durchzuführen gedenkſt und dazu ſeine Fürſprache in Anſpruch genommen haſt.“ „Allerdings, mein Herr Gemahl— Sie haben die Sache durchſchauet!“ antwortete die Dame mit Er⸗ 58 habenheit.„Der Beſuch des Marquis d'Etérais iſt mir ein Zeichen, daß die Langweiligkeit meines jetzigen Le⸗ bens ein Ende hat!“ „Jubeln Sie nicht zu früh, Allertheuerſte!“ rief Herr von Ettershaiden lebhaft.„Ich werde meine Er⸗ laubniß nicht dazu geben, Sie am Hofe eines Königs fungiren zu ſehen, der die Rechte meines Königshauſes beeinträchtigt hat.“ „Thörichte Kleinigkeitskrämerei!“ flüſterte die Dame verächtlich.„Ich habe es nie gelernt, mich den Vorſchrif⸗ ten und Rathſchlägen Anderer zu bequemen und werde mich der Ehre, die meiner wartet, um ſo weniger ent⸗ ziehen, da Ihr Alter einen baldigen Tod vorausſetzen läßt und das Witthum, das Sie mir zu geben berech⸗ tigt ſind, meinen Lebensbedürfniſſen nicht entſpricht.“ Der alte Herr fuhr entrüſtet zurück.„Wie? mit ſo kaltem Herzen kannſt Du an meinen Tod denken? Mit ſo grauſamer Kälte von meinem Tode ſprechen?“ Die Dame wendete ſich halb zu ihm um und ließ ihren Blick über ſeine hagere Geſtalt und über ſein ge⸗ furchtes Geſicht gleiten. Dann lehnte ſie ihr weißes Geſicht in die feine Hand und antwortete ſanft:„Zür⸗ nen Sie mir nicht darüber! Es liegt wohl in der Na⸗ tur der Sache, daß eine junge Frau an den Tod ihres weit älteren Mannes denkt und ſich ihre ungewiſſe Zu⸗ kunft dabei vergegenwärtigt. Sagen Sie mir, mein 59 Theuerer, ſoll ich deshalb den Reſt meines Lebens in trauriger Abſonderung zu verbringen verdammt ſein, weil ich die Blüthe meiner Jugend einem alten Manne gewidmet habe?“ „Nein! Sie mögen thun, was Sie wollen, Beſte!“ rief Ettershaiden ärgerlich.„Aber ſo lange der alte Mann lebt, der Ihnen mehr als die Blüthe ſeiner Ju⸗ gend, der Ihnen ſeine Selbſtachtung geopfert hat, ſo lange entſagen Sie Ihren Projecten, als Hofdame am Königsthrone eines Parvenn zu glänzen. Sie werden meine Wünſche dieſerhalb reſpectiren, damit ich nicht ſchärfere Waffen gegen Sie in Auwendung bringen muß. Sollte wirklich der Marquis d'Etérais in dieſer Ange⸗ legenheit einen Beſuch bei mir nöthig finden, ſo wiſſen Sie, was ich antworten werde.“ „Der anerkannt unwiderſtehlichen Liebenswürdig⸗ keit des Marquis wird es hoffentlich gelingen, Ihre ſtarren Anſichten zu ändern lu antwortete die Dame leicht lächelnd und ließ ſich im Vorgefühle ihrer Tri⸗ umphe ſchmachtend in die weichen Kiſſen ihrer Otto⸗ mane zurückſinken.„Geben Sie mir die Hand, Lie⸗ ber, und ſeien Sie gut! Sie ſind mir ſeit meinem neun⸗ zehnten Jahre immer eine liebe Stütze geweſen. Ich kann Ihre Freundlichkeit nicht gut entbehren. Geben Sie mir Ihre Hand und laſſen Sie uns Frieden ſchlie⸗ ben. Iſt es denn wirklich in Ihren Augen eine große 60 Sünde, daß ich hinausſchaue in die Welt und meine Geiſtesflügel rege, um für meine Zukunft zu ſorgen?“ „Dieſe Sorge iſt eine Frivolität, ſo lange ich lebe und als Gatte für Sie ſorge, Liebe!“ „ Wie ſtark ſie ſich heute ausdrücken, Theuerſter! Wie zornig Sie heute ſind! Was hätten Sie zu fürch⸗ ten, wenn ich mich zur Zierde der himmliſchen Feſte aufzuſchwingen vermöchte, die Jerome, der liebenswür⸗ digſte aller Schmetterlinge, arrangiren läßt? Bin ich Ihnen nicht immer eine treue Gattin geweſen?“ Der alte Herr wendete ſich mit flammenden Blicken zu der Dame herum.„Deſſen rühmen Sie ſich wohl, meine Theure? Denken Sie, daß ich ein ſchuldiges Weib an meiner Seite dulden würde?“ Die Gnädige fuhr etwas erſchreckt zurück.„Gott, wie wenig Rückſicht nehmen Sie heute auf meine Ner⸗ ven!“ klagte ſie mit weichem Tone.„Wie lächerlich, daß Sie in Ihrer Eiferſucht Geiſter heraufbeſchwören! Iſt es wohl verzeihlich, mir meine liebſten Wünſche zu verkümmern? Sie wiſſen recht gut, daß ich mich nie⸗ mals dem Willen Anderer unterordne, wenn ich nicht meine beſonderen Gründe habe.“ „Und Sie mögen hier erfahren, daß ich Ihnen nur ſo lange das Recht geſtatte, ſich meine Gattin nen⸗ nen zu dürfen, wie Sie die Ehre meines Namens ſchonen.—“ 61 Ein Geräuſch, wie der ſcharfe Trab eines Pfer⸗ des, unterbrach ſeine Rede. Raſch trat er dem Fenſter näher und ſah noch, daß ein junger Mann den Zügel des Pferdes einem herbeieilenden Stallknecht zuwarf. Frau von Ettershaiden war aus ihrer bequemen Lage aufgefahren und horchte mit ſtark gerunzelter Stirn auf das Geräuſch. „Beruhige Dich, es iſt Oswald! Der Marquis wird hoffentlich ſo lange zögern, bis Du die Baufälligkei⸗ ten Deiner Reize übertüncht haſt,“ bemerkte der alte Herr mit merklichem Hohne. „Gehen Sie meinem Vetter Oswald entgegen und ſagen Sie ihm, daß ich ihn nicht ſprechen wolle, daß ich Urſache hätte ihm zu zürnen!“ rief die Gnä⸗ dige überlaut. Oswald von Wangera hatte jedoch eiligſt den Flur des Hauſes durchſchritten und ſtand ſchon auf der Schwelle, als ſeine Verwandte den Bann gegen ihn ausſprach. Es war ein junger hochgewachſener, blonder Mann mit kühnem, feſten Blicke und einer Ruhe im Weſen, um die ihn der etwas jähzornige Herr von Ettershai⸗ den ſchon oft beneidet hatte. Auch jetzt bewahrte er ſeine Faſſung, trat feſten Fußes ein und fragte laut: „Darf ich nicht wiſſen, was meine gnädige Cou⸗ ſine gegen mich einzuwenden hat?“ 62 „Du fragſt noch, Du Thor?“ rief ihm die Dame mit außergewöhnlicher Entrüſtung zu. Iſt es nicht ein entſetzliches Verbrechen, ſich in Conſpirationen gegen einen Regenten einzulaſſen, dem wir unſere Verehrung nicht verſagen können und nicht verſagen dürfen?“ Oswald behielt auch jetzt ſeine Ruhe. Nur der Blick, den er ganz unwillkührlich auf den alten Herrn richtete, welcher mitten im Zimmer ſtand, die Arme auf dem Rücken verſchränkt und grüßend mit dem Kopfe nickend; nur dieſer Blick zeigte einen Schimmer von aufflackernder Unruhe.. „Was meint die gnädige Couſine?“ fragte er und ſein ſchönes, ſonores Organ zeigte nicht die ge⸗ ringſte Schwankung. „Deine Verſtellung hiift Dir nichts,“ eiferte die Gnädige.„Ich bin von den Plänen unterrichtet wor⸗ den, die Du zum Sturze des weſtphäliſchen Königs entworfen haſt!“ „Die gnädige Couſine befindet ſich in einem ſchwe⸗ ren Irrthum!“ war ſeine Antwort. „Leugne nur nicht! Die Sache iſt allerdings ei⸗ gentlich zu lächerlich, um ärgerlich zu ſein. Was woll⸗ teſt Du wohl gegen eine Macht beginnen, die unter Gottes Schutz ſteht!“ Oswald wollte antworten. Herr von Ettershaiden, ein ſtummer Beobachter dieſer Scene, mußte wohl et⸗— 63 was in ſeinem Weſen bemerken, was ihm Beſorgniß einflößte. Er liebte den jungen Edelmann, der durch ſeine nahe Verwandtſchaft mit ſeiner Gattin in ſeinem Familienkreiſe einen Platz gefunden hatte, welcher ihm Sohnesrechte verlieh. „Laß Dich nicht fangen, mein Sohn!“ rief er warnend.„Sie legt Dir Fallen!“ Oswald's Blick, ſchon ſtark umdüſtert, erheiterte ſich wieder. Er hatte ſchon gefürchtet in dem alten Herrn einen Bundesgenoſſen der zürnenden Dame zu ſehen. Dies hätte ihn geſchmerzt und ſeiner Stellung im Schloſſe einen Stoß gegeben. „Was hat man Dir denn von mir erzählt, Cou⸗ ſine Bella,“ ſprach er mit ganz verändertem Tone. „Nennt man vielleicht in Kaſſel meine Zurückhaltung gegen die Hofleute eine Conſpiration? Ich weiß, Du biſt dort g. weſen! Was iſt denn der langen Rede kur⸗ zer Sinn? Iſt's mißliebig bemerkt, daß ich die Bec⸗ caſſinenjagd in Schönthal nicht mitmachen wollte? Hat man beim letzten Carnevalsball etwa nicht Tänzer ge⸗ nug gehabt? Oder ſollte ich der Kaſſeler Majeſtät meine einfachen Salons öffnen und ihm ſybaritiſche Gaſt⸗ mähler offeriren? Irgend dergleichen muß es ſein, was Deinen Eifer geweckt hat.“ „Nein, dergleichen Lächerlichkeiten ſind es nicht, die mich in Zorn gebracht haben, ſondern die Nach⸗ 64 richt, daß Du Dein Beſitzthum verkaufen willſt, um nicht länger Unterthan des weſtphäliſchen Königs zu ſein!“ „Weißt Du vielleicht auch, wer mein armes, ver⸗ ſchuldetes Wangeroda kaufen will?“ fiel Oswald bit⸗ ter ſcherzend ein.„Und wo ſteckte da eine Conſpira⸗ tion gegen den verehrungswürdigen Jerome?“ „O doch! denn es ſollen mehrere Edelleute, die ihren Preußenkönig nicht vergeſſen können, mit ſolchen Plänen umgehen. Man will das Geld zu einem gro⸗ ßen Plane vereinigen— man hofft auf Rußland— man hat die Idee, ſich mit den Ruſſen zu verbünden, und man nannte Deinen Namen, den fleckenreinen Na⸗ men eines Wangera bei dieſer Conſpiration!“ eiferte die Gnädige. Oswald ſtand unbeweglich vor ſeiner Cou⸗ ſine, aber dem ſcharfen, geübten Blicke des alten Herrn von Ettershaiden konnte eine gewiſſe Betroffenheit nicht entgehen, als er mit demſelben Tone wie vorhin ſagte: „Unter den vielen Kunſtfertigkeiten, die der Geiſt der Franzoſen in's deutſche Land verpflanzt hat, iſt das Spionirweſen mir die verächtlichſte. Daß aus Worten Gift geſogen wird, gehört jetzt zur Tagesordnung. Daß aber eine Dame aus dem Hauſe Wangera, daß die Gattin des Oberhofjägermeiſters von Ettershaiden ſich als die Vertreterin eines Hofes aufwirft, deſſen König die Rechte unſers Vaterlandsherrſchers fürchterlich beein⸗ 65 ſchränkt, dieſe Erfahrung iſt mir neu und ſie empört mich.“ „Du verfällſt ebenfalls in die Prüderie meines Gatten, der aus Pflichttreue ſeinem frühern Souve⸗ rain Altäre bauet,“ ſprach die Dame merklich verſtimmt über die Zurechtweiſung des jungen Vetters.„Ich aber bin der deutſchen Prüderie, die ſich gegen die Genia⸗ lität des franzöſiſchen Volkes lächerlich überhebt, gründ⸗ lich ſatt und werde meinem Geiſte folgen, der ſich die⸗ ſer Genialität ebenbürtig fühlt.“ „Du ſprichſt, der Verblendung des Augenblickes, wie alle Wangeras, leicht hingegeben, übereilt, Couſine Bella. Ich würde es für keine Ehre halten wenn Du Dich einem Könige ebenbürtig fühlteſt, deſſen Wiege nicht neben der Wiege einer Wangera zu nen⸗ nen iſt;“ ſpottete Oswald, der nur mit Mühe ſeine Ge⸗ reiztheit meiſterte. Frau von Ettershaiden, mit ihren eigenen Waffen angegriffen, erhob ſich von der Otto⸗ mane und ſtellte ſich kampfbereit vor dem jungen anne auf. „Es thut mir leid, Oswald, das Dein ganzes Benehmen mir den Beweis giebt, in Dir wirklich einen jener Unzufriedenen zu ſehen, die danach ſtreben, einen Monarchen zu ſtürzen, welcher Alles thut, ſein Land zu beglücken,“ Osbald lachte erbittert hell auf.„Von ſolchen 5 E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. I. 66 Beſtrebungen des Königs von Weſtphalen iſt mir nichts bekannt, beſte Couſine.“ „Mir auch nicht!“ bekräftigte der Oberhofjäger⸗ meiſter, der ein aufmerkſamer, aber ſtummer Zuhörer bei dem Geſpräche geblieben war. „Weil Ihr, als echte Spießbürger und nicht im Sinne des Adels die Beſtrebungen Jerome's beurtheilt,“ rief die Gnädige erzürnt.„Hundertmal ſchon hat er es bewieſen, daß er ſeinen Grundſätzen gemäß den Glanz ſeiner Feſte ſteigert, um den Handwerkern zu nützen! Das Geld ſoll wieder zur Quelle zurückflie⸗ ßen, ſagt er.“ „Ein vortrefflicher Grundſatz!“ ſpöttelte Oswald. „Wovon ſchwelgt der erhabene Lüſtling? Vom Schweiße der Unterthanen, die unter ſeinem Scepter ſeufzen. Und wer hat den Nutzen von ſeinen Schwelgereien? die Handwerker, die aus Paris hieher verſchrieben ſind!“ „Warum zeigen ſich die deutſchen Handwerker ſo dumm und ungeſchickt? Selbſt die Königin hat eingeſe⸗ hen, daß ſich nichts mit ihnen anfangen läßt!“ „Wo bleibt dann aber die Wahrheit der Behaup⸗ tung, daß das Geld wieder zur Ouelle zurückfließe,“ meinte Oswald.„Es liegt im Syſtem der franzöſi⸗ ſchen Regierung, das Land auszuſaugen und es muß jedem vernünftigen Menſchen unerklärlich bleiben, daß ſich ein ſo ahnenſtolzer Geiſt, wie der Deinige, von den 67 Gaukeleien dieſes Hofes verführen läßt, der es ſich zum Grundſatz macht, die Ahnentafeln deutſcher Edelleute mit Schimpf zu beflecken. Wer nicht im Abſcheu des reinen Herzens einen Schild gegen die wachſende Frivo⸗ lität des Kaſſelers Hofes findet, der ſollte doch minde⸗ ſtens durch einen Rückblick auf ſeine Ahnen die Grund⸗ ſätze der Tugend zu befeſtigen ſuchen und ſich nicht zum Vertheidiger von Principien aufwerfen, die überall verderblich, hier aber, von Eindringlingen geltend ge⸗ macht, geradezu haſſenswerth ſind.“ „Spare Deine Worte und hehüte ſie vor frem⸗ den Ohren, damit ſie Dir nicht Dein Grab graben,“ antwortete die Gnädige mit Pathos.„Ich weiß, was ich meiner Ehre ſchuldig bin und wenn die Gnade der Königin von Weſtphalen mir die Stelle einer zweiten Oberhofmeiſterin verleihet, ſo werde ich, um meiner ukunft willen, mit Euch Allen brechen!“ Sie verließ das Zimmer und verfügte ſich in ihr Ankleidezimmer, um ſich zu dem Empfange des Marquis d'Etérais zu ſchmücken, der nach ihrer Meinung von der Königin geſendet wurde. Oswald ſah ſeiner Couſine in völli⸗ ger Erſtarrung nach. Als ſie verſchwunden war, wen⸗ dete er ſich zu Ettershaiden, der mit einem unſäglich bittern und zugleich traurigen Lächeln ſeinen fragenden Blick erwiederte. 5* 68 „Iſt das Ernſt, Herr Vetter oder augenblickliche Laune?“ fragte er ſcheu und leiſe. „Es iſt Ernſt, Oswald,“ entgegnete der alte Herr. „Ich betrachte es als die Strafe für meine Sünden und trage die Qual der täglichen Zwiſte mit Demuth als eine Buße. So lange die Huldigungen der Welt meine Gattin befriedigten, war ſie mir eine liebenswür⸗ dige Gefährtin, eine freundliche Theilnehmerin, eine gütige Pflegerin. Ich empfand ſelbſt den Tod meiner drei Söhne nicht ſo ſchwer, weil Bella mir tröſtend zur Seite ſtand. Aber im Laufe der letzten Jahre än⸗ derte ſich ihr Benehmen. Sie wurde kalt, ſie wurde hartherzig gegen den alten ſiebzigjährigen Mann. Ich bin ihr im Wege! Hüte Dich vor den Frauen, mein lieber, junger Freund, die den Muth haben, ſich ſelbſt eine Stellung in der Welt zu gründen. Glaube mir, es ſind die ſchlimmſten weiblichen Weſen. Sie ſchonen weder ihre Freunde, noch ihre Pflichten, um zum Ziele zu gelangen.“ „Es iſt mir ein trauriger Gedanke, daß Sie jetzt noch unter dieſer Erfahrung leiden müſſen, würdiger Vetter,“ unterbrach ihn Oswald theilnehmend.„Die vulkaniſchen Elemente im Herzen meiner Couſine, die eine echte Wangera, mit allen den Fehlern, Schwächen und Gebrechen unſers Stammes iſt, ſind Ihnen verderb⸗ lich geweſen in der Kraft Ihrer Mannesjahre; werden 69 Sie denn jetzt Standhaftigkeit genug beſitzen, um die⸗ ſer gefährlichen Einwirkung zu widerſtehen?“ „Ja!“ ſagte der alte Herr, ſich ſtraff aufrichtend. „Meine Liebe zu ihr iſt erloſchen!“ Oswald prüfte einen Augenblick den Ausdruck ſei⸗ nes Geſichtes und reichte ihm dann die Hand.„Laſ⸗ ſen Sie Bella ruhig ihren Weg verfolgen, Einwendun⸗ gen nützen bei einer Wangera nichts, alſo gewähren Sie bis zu einem gewiſſen Punkte, ihre Launen. Aber,“ ſein Auge flammte,„wenn Bella bei der Idee verharrt, am Hofe des Königs von Weſtphalen als Hofdame zu fungiren, ſo— zeigen Sie ſich Ihres Namens würdig. Es hieße ſich der niedrigſten Huldigung ſchuldig ma⸗ chen, wollten Sie, der ehemalige preußiſche Hofbeamte, Ihrer Gemahlin geſtatten, nach Kaſſel zu gehen!“ „Es iſt ſchon zu harten Worten zwiſchen uns ge⸗ kommen, Oswald. Bella ſcheint bei ihrer letzten An⸗ weſenheit in Kaſſel Vorbereitungen getroffen zu haben, die ihr Engagement außer allen Zweifel ſtellen. Ich erwarte jeden Augenblick den Marquis d'Etzrais, der wahrſcheinlich im Auftrage Ihrer Majeſtät der Köni⸗ gin kommt.“ „So nahe die Entſcheidung?“ fuhr Oswald hef⸗ tig auf.„Was werden Sie thun?“ „Ablehnen! bei fortgeſetzter Forderung eine gericht⸗ 4 70 liche Scheidung androhen!“ ſagte der alte Herr kurz und herbe. „Recht ſo! Die Frauen ſind gewohnt, der Aeußer⸗ lichkeit der Ehre einen großen Werth beizulegen und dieſe Drohung kann meine Couſine zu ihrer Pflicht zu⸗ rückführen.“ „Glaub' das nicht! Im Gegentheil! Sie wird die Projecte mit Energie durchſetzen, welche ihr ein erneue⸗ tes Lebensglück verſprechen! Es iſt traurig, ſo wenig Patriotismus bei den Frauen anzutreffen. Sie folgen der einmal erwachten Begier ohne Rückſicht auf ihre Pflichten fürs Vaterland. Unſere jetzige Zeitperiode liefert erſchreckende Beiſpiele und Bella wird die Galle⸗ rie genußſüchtiger deutſcher Frauen vervollſtändigen helfen.“ „Um ſo glänzender treten die edeln Frauen her⸗ vor, die ihr Vaterland lieben!“ antwortete Oswald, indem er Anſtalt traf, ſich wieder zu entfernen. Der alte Herr beachtete dies nicht. In ſeinen Augen ſpie⸗ gelte ſich eine leichte Wehmuth, als er nach einer klei⸗ nen Pauſe wieder begann: „Ich habe ſeit längerer Zeit auf friedliches Glück reſigniren gelernt. Wie die Sachen jetzt ſtehen, ſo muß ich die Wunden, die mir von Bella im letzten Reſte meines Lebens geſchlagen werden, ſo lange bluten laſ⸗ ſen, bis ſie von ſelbſt vernarben. Ich erkenne an, daß ich mein Schickſal ſelbſt heraufbeſchworen habe, indem ich 71 im ſpätern Mannesalter die ganze Poeſie der Liebesſe⸗ ligkeit für mich in Anſpruch nahm. Ich hätte die Regun⸗ gen, die der Jugend gehören, bekämpfen ſollen. Muß ich aber dem Willen Bella's jetzt weichen, ſo verlangt es meine Ehre als Preuße, daß ich dies Weſen, was mir theurer geweſen iſt, als Alles in der weiten Welt, fallen laſſe! Meine Antwort für den Marquis d'Etérais iſt unwider⸗ ruflich beſtimmt!“ „Ich billige ſie, mein theurer Vetter!“ entgegnete Oswald feſt und ruhig.„Nur warne ich Sie vor der Be⸗ redſamkeit des Marquis, die ſprichwörtlich geworden iſt.“ Der alte Herr lächelte kalt.„Ich bin der Schwätze⸗ rei kluger Diplomaten noch nicht ganz entwöhnt, Oswald. Wir Ettershaiden, die vom Pagen an mit der Liſt und Schlauheit eines Hofperſonales zu kämpfen hatten, verſte⸗ hen ſicherlich mit dem feinſten Intriguanten fertig zu wer⸗ den und wenn ſeine Weisheit mit der Bosheit Hand in Hand gehen ſollte.“ 3 „Kennen Sie den Marquis ſchon längere Zeit?“ fragte Oswald, ungeduldig einen Schritt zur Thür gehend. „Ich kenne ihn noch gar nicht, habe noch nie ſei⸗ nen Namen gehört, bis zu dem Augenblicke, wo ſein Jäger ihn anmeldete,“ erwiederte Herr von Ettershaiden haſtig.„Perſönlich bin ich ihm auch noch nicht nahe gekommen,“ antwortete Oswald eben ſo haſtig, denn es drängte ihn fortzureiten, um nicht mit dem Marquis zuſammen zu treffen.„Doch ſcheint dieſer Mann der Beſten Einer zu ſein, die gleichſam als Vermittler zwiſchen dem deutſchen und franzöſiſchen Volke ſtehen. Sein Name hat keinen ſchlechten Klang.“ „Ich hörte kürzlich ſagen,“ fuhr er nach einem kur⸗ zen Nachdenken fort,„daß d'Eterais ſich der beſon⸗ dern Gunſt Napoleon's erfreue. Man ſchreibt ihm man⸗ chen günſtigen Erfolg in den Privatverhältniſſen des Kaiſers zu und iſt ſehr geneigt, die Heirath Jerome's mit der Prinzeß von Württemberg und ſelbſt des Kai⸗ ſer Napoleons Vermählung mit der öſterreichiſchen Kai⸗ ſerstochter auf Rechnung des jungen, ſehr feingebildeten, umſichtigen und liebenswürdigen Mannes zu ſetzen.“ „Thorheit; daran werden ſich wohl andere Kräfte verſucht haben, als die ſeinigen, die ſich auf Privatver⸗ hältniſſe beſchränkten,“ murrte ungläubig der alte Herr. „Nun, ganz und gar ablehnen läßt ſich die Mög⸗ lichkeit dieſer Behauptung nicht. Der Marquis iſt noch jetzt die rechte Hand der Königin, ihr Rathgeber in allen unſichern Fällen und ihre Stütze bei den mannig⸗ fachen trüben Erfahrungen.“ „Was bekleidet der Marquis für ein Amt?“ fragte der alte Herr. „Gar keins. Er nimmt grundſätzlich kein Amt an und verſchmähet jeden Titel!“ „Wunderbar! Er iſt alſo eine Art dienſtbarer Geiſt? Ein Puck des Oberon, der ausführen muß, was ſein Herr und Meiſter befiehlt!“ ſpöttelte der Oberhof⸗ jägermeiſter.„Von der Königin geſendet, wird dieſer geniale Franzoſe ſeine Liebenswürdigkeit zum erſten Male vergeblich verſchwenden.“ Oswald war mittlerweile der Thüre noch näher getreten und hatte ſeine Hand auf den Drücker derſelben gelegt.„Wo willſt Du hin? Willſt Du die beiden Mädchen aufſuchen?“ fragte der alte Herr. „Thu das! Ich komme nach, ſo mich der Marquis nicht mit einem zu langen Beſuche beglückt; Du wirſt Melitta und Fides entweder im Pavillon oder unter der großen Kaſtanie finden. Die Kleine flog wie eine erlöſete Schwalbe zum Zimmer hinaus, als ich meiner Gemah⸗ lin den Beſuch des Marquis zu melden kam. Das arme kleine Mädchen trägt am ſchwerſten, wenn Madame ſchlechte Laune hat.“ „Aendern Sie doch die Stellung der Kleinen!“ ſagte Oswald zerſtreut.„Ich will jedoch nicht zu den Mädchen gehen, ſondern heimreiten. Die Bemerkungen meiner Couſine Bella geben mir mehr zu denken, als Sie meinen. Sie ſind mir ein ſicherer Beweis, daß unter uns ein Verräther ſein muß.“ „So wäre man wirklich wieder einer Conſpiration auf die Spur gekommen?“ flüſterte der alte Herr vertraulich. „Nein, ſo weit iſt der Plan noch nicht gediehen,“ erklärte Oswald eben ſo leiſe„aber, daß man in Kaſſel ſchon weiß, was wir noch kaum gedacht und nur flüchtig im Geſpräche ein Mal berührt haben, das iſt ein Zeugniß für Napoleoniſche Staatskunſtkniffe. Es iſt unter ſeines Bruders Regierung dahin gekommen, daß man ſeinem eigenen Bruder nicht mehr trauen darf. Die Wände ſichern kein Geheimniß mehr. Die Luft ſcheint den Gedanken ſelbſt wegzutragen.“ „Um ſo feſter müſſen die ehrenhaften Männer ſte⸗ hen!“ ſagte der alte Herr feierlich.„Später mehr, Herr Vetter,“ ſprach Oswald eilig.„Ich mag dem Mar⸗ quis nicht begegnen, alſo— auf Wiederſehen.“ Er ſchüt⸗ telte dem Herrn von Ettershaiden die Hand und ging von dieſem begleitet zum Hofe hinaus. Auf ſeinen Be⸗ fehl wurde ihm ſein Pferd wieder vorgeführt und er ſprengte mit dem ſtillen Seufzer zum Thore hinaus: „Alſo auch hier iſt man nicht mehr ſicher vor den Creaturen des Kaſſeler Hofſtaates!“ —.,— III. Capitel. Auf offener Straße. Oswald von Wangera ritt gedankenvoll die Pap⸗ pel⸗Allee hinab, die bis zur alten Burg führte und mit ihren erſten, friſchgrünen Blättchen umſchleiert, ei⸗ nen anmuthigen Anblick darbot. Der junge Mann ach⸗ tete an dieſem Tage nicht darauf. Ebenſowenig machte es Eindruck auf ihr, daß die Sonnenſtrahlen des Früh⸗ lings das alte Mauerwerk ſeltſam verſchönten und daß der Wald, der ſich links vom Hauſe ſo dicht anſchloß, als ſei die Burg in die dichte Baummaſſe hineingeſcho⸗ ben, in der prächtigen Beleuchtung zauberhaft ſchön erſchien. „Oswald von Wangera war ein Kind ſeiner Zeit im wahren Sinne des Wortes. Er repräſentirte die Schwächen ſeines Standes, aber er war ein tüchtiger und edler Mann, der ſich in ſchöner Begeiſterung bis zur Schwärmerei verſtieg, wenn er ſich in Pläne ver⸗ tiefte, die das Vaterland zu retten vermöchten. Seine äußere Ruhe verbarg die Lebhaftigkeit ſeiner Phantaſie und da er ganz offen eine gewiſſe Tugendbeharrlichkeit zur Schau trug, ſo war man geneigt dieſe äußere Ruhe mit dem zu bezeichnen, was man im gewöhnlichen Le⸗ ben Pedanterie zu nennen pflegt. Vor Allen war es aber ſeine Couſine Bella, die ihn der pedantiſchen Strenge zieh und ſeine Liebenswürdigkeit deshalb ſtark in Zweifel zog, weil er ihr ganz ungeſcheut Urtheile über ihr Thun und Treiben in's Geſicht ſagte. Dieſe einſeitige Beurtheilung that ihm weiter keinen Schaden. Man ſchätzte ihn ſeiner Bildung und ſeines Ernſtes wegen und da ſein Weſen noch durch eine edle Perſön⸗ lichkeit gehoben wurde, ſo gehörte er zu den beachtet⸗ ſten Männern der ganzen Umgegend. Er war mit Frau von Ettershaiden ziemlich nahe verwandt. Ihre Väter waren Brüder geweſen. Nicht ganz ſo nahe war die Verwandtſchaft mit einem jungen Mädchen, Melitta vo Wangera, das als Waiſe in dem Hauſe des Oberhofjägermeiſters von Ettershaiden eine Zuflucht gefunden hatte. Seit dem Unglücksjahre 1806, das den Königsthron von Preußen erſchütterte, ſeines Hofdienſtes quitt geworden, bewohnte dieſer alte Herr mit ſeiner ſchönen, noch ziemlich jungen Gemahlin zu⸗ 77 erſt ein Quartier in einem der verödeten Schlöſſer Ber⸗ lims, zog aber nach dem unerwarteten Tode ſeiner Söhne unverzüglich nach Ettershaiden, als dem Zufluchts⸗ orte, der ihm bei der Wandlung ſeines Geſchickes am meiſten zuſagte. Von da an knüpfte ſich das Band der Verwandt⸗ ſchaft, durch gegenſeitige Werthſchätzung befördert, von Tag zu Tag feſter zwiſchen Oswald und dem alten Herrn von Ettershaiden. Vater und Sohn konnten nicht traulicher zuſammen reden, als dieſe beiden Män⸗ ner, die ſich in einem mächtigen Intereſſe für Alles, was Preußen hieß, zuſammenfanden. Das Beſitzthum des jungen Herrn von Wangera lag zwei Stunden von Ettershaiden entfernt. Der Weg führte an der alten Burg vorüber, zog ſich dann etwas bergab und wurde durch einen breiten, hübſchen und klaren Bach begränzt, der erſt beim Herrenhauſe von Wangera abwich und ſich in einem Teiche verlor. Die⸗ ſer Bach war Urſache, daß Wangeroda eben ſo wie die Burg Ettershaiden weſtphäliſch wurde, während das Dorf Ettershaiden, das jenſeits des Baches lag, preußiſch blieb. Oswald kümmerte ſich nicht um ſeinen neuen Landesherrn. Er vermied, wie ſchon angedeutet iſt, be⸗ harrlich jeden Verkehr mit den Leuten, die mit dem König Jerome zu thun hatten und blieb im Herzen echt preußiſch geſinnt. 78 Bei ſeinen ſcharf ausgeprägten patriotiſchen Geſin⸗ nungen konnte es nicht fehlen, daß ſich im Laufe der Zeit der Grimm über die Herrſchaft einer Nation ent⸗ wickelte, die von Gottes und Rechtswegen aus einem Lande vertrieben werden mußte, wo ſie nichts als Leid und Trauer bereitete. Es kamen Stunden, in denen fin⸗ ſtere Schatten ſeine Stirn umdüſterten, wenn er be⸗ dachte, daß wenig Hoffnung vorhanden ſei, das Elend des deutſchen Vaterlandes geendet zu ſehen. Pläne wälzten ſich dann in ſeinem Kopfe, die bisweilen das Maaß der Vernünftigkeit überſtiegen, aber er theilte ſie Niemand mit, weil er einſt in einer heiligen Minute tie⸗ fen Jammers ſich gelobt hatte, im Nothfalle als ein Märtyrer für's Vaterland zu ſterben und mit dem Opfer des eigenen Lebens das Daſein des Mannes zu enden, in deſſen ſtarker Hand die Zügel des mächtigen Eroberungs⸗ werkes ruheten. Selten entſchlüpfte ein Laut des Mißfallens ſei⸗ nen Lippen. Er hielt ſeine Gedanken geheim, weil er die Freiheit ſeines Handelns für die Zukunft höher ſtellen wollte. Nur der Oberhofjägermeiſter von Etters⸗ haiden war zuweilen Zeuge eines aufblitzenden Zornes geweſen und in dem Verſtändniſſe über dieſen Gegen⸗ ſtand ruhete die tiefe Sympathie der beiden Männer. Gedankenvoll verfolgte Oswald ſeinen Weg, nach⸗ dem er gewißermaßen die Flucht vor einem Hofſchran⸗ * —,— —.,— 79 zen des Königs Jerome ergriffen hatte. Ihn beſchäf⸗ tigten die Vorwürfe Bella's weit mehr, als man nach ſeinem Verhalten hätte denken können. Nicht, daß er Furcht fühlte vor einer Entdeckung, die ihn blosſtellen konnte— nein, es war von ſeiner Seite noch nichts geſchehen, was gefährlich auf ſeine Pläne hätte zurück⸗ wirken können. Ihn beſchäftigte vor Allem der Gedanke, wie man zur Kenntniß eines Geſpräches gekommen war, das einige Tag vorher im engſten Kreiſe bewährter Freunde gepflogen wurde. Wo ſteckte der Verrath? Wer von dieſen Freunden zeigte ſich wohl am Erſten eines hinterliſtigen Benehmens fähig? Oswald wußte ſich dieſe Fragen nicht zu beant⸗ worten und ein Trübſinn eigener Art nahm nach und nach Beſitz von ſeiner Seele. Jedes Wort und jede Handlung wurde von jetzt an gefährlich für ſeinen Plan, den er ſchon längſt entworfen hatte. Allerdings war man dieſem Plane auf der Spur. Er wollte ſein klei⸗ nes Gut losſchlagen! Aber nicht um ſich aus dem Verhältniſſe zum weſtphäliſchen Reiche zu löſen, ſondern um die Mittel zu gewinnen ſich nach Rußland zu begeben und dort mit voller Geiſteskraft Alles das geltend zu machen, was er in langen, einſamen Tagen überlegt und über⸗ dacht hatte. Große, weltumfaſſende Ideen wogten in ſeinem Kopfe. Sie zeugten von ſeinem Feldherrntalente, 80 bevor er nur die kleinſten Beweiſe in der Praxis ge⸗ liefert. Das leidenſchaftliche Intereſſe, womit er die kriegeriſchen Ereigniſſe der Zeit verfolgt, der tiefe fürch⸗ terliche Grimm, womit er die ſteten Siege des Welt⸗ eroberers beobachtet hatte, weckten Anſichten in ihm, welche die Möglichkeit boten, in dem gewagten Feld⸗ zuge gegen Rußland, den Napoleon jetzt vorbereiten ließ, das Mittel zu ſeiner Vernichtung zu finden. Ge⸗ reift waren die Pläne dazu noch keineswegs. Dazu gehörte eine umfaſſendere Kenntniß der Strategie und Tactik. Nur wenn es dem jungen Enthuſiaſten gelang, durch ſeine Ideen einen Feldherrn zu begeiſtern, der die Macht der Ausführung in Händen hatte, nur dann konnte er ſich der Hoffnung auf glückliche Erfolge hingeben. Unter ſeinen wechſelnden Gedanken war er allmäh⸗ lig der alten Burg näher gekommen. Sein Blick glitt achtlos darüber hinweg und er würde im nächſten Mo⸗ mente den Seitenweg eingeſchlagen haben, der ihn zu einer ſchmalen, etwas baufälligen Brücke führte, die ihn vom preußiſchen in's weſtphäliſche Gebiet befördern mußte, wenn nicht ſeine Aufmerkſamkeit durch die Er⸗ ſcheinung eines Mannes gefeſſelt worden wäre, der vom Walde her kam und mit lebhaften Geberden Zeichen gab, daß er ihn zu ſprechen wünſche. Oswald hielt ſein Pferd an und wartete auf den Mann, der eilfertig über die breite Wieſenfläche daherſchritt, welche ſich ſeit⸗ 31 wärts der Burg bis zum Walde hin ausbreitete und in ihrem blumenreichen, üppigen Grün ein Schmuck der Landſchaft war. Der Fremde kam raſch näher. Er war ſauber, aber auffallend einfach gekleidet. Stulpenſtiefel, ein dunkler, bis zum Halſe zuge⸗ knöpfter Oberrock und eine Kopfbedeckung, wie ſie die Jäger in damaliger Zeit liebten, das war ſein ganzer Staat. Aber Oswald erkannte trotzdem den Mann von Diſtinction und erwiederte ſeinen Gruß mit ſchul⸗ diger Artigkeit, indem er ihm bis zum Fußſteige ent⸗ gegenritt. Der Fremde, ein ſchlanker, junger Mann von ge⸗ wöhnlicher Mannesgröße, mit lebhaft heiterm Mienen⸗ ſpiele und einem Augenpaare voll Gluth, Geiſt und Leben, trat dicht an das Pferd heran, legte ſeine Hand liebkoſend auf den Hals deſſelben und bat mit einigen freundlichen Worten um Entſchuldigung ihn aufgehalten zu haben. Die ſtolze Sicherheit, womit er ſprach und das Selbſtbewußtſein, welches dabei aus ſeinen dunklen Augen leuchtete, wurde außerordentlich durch das weiche, ſchöne Organ gemildert, das ſchmeichelnd wie Muſik bis in's Herz des Herrn von Wangera drang. Oswald antwortete einige verbindliche Worte und der Fremde fragte ohne weitere Einleitung mit zutrau⸗ E. Fritze; Die Herren v, Ettershaiden. I, 6 82 lichem Lächeln:„Iſt dies alte Mauerwerk etwa die Ettershaider Burg?“ „Allerdings,“ war die Antwort des jungen Edel⸗ mannes. Der Fremde lachte laut auf.„Da ſieht man, was Knabenphantaſien zu erſchaffen vermögen! Mir ſchwebte dieſe Burg in einem ſo poetiſch⸗roman⸗ tiſchen Lichte vor, daß die Enttäuſchung erſchreckend iſt.“ „Sie kannten alſo früher dieſe Burg?“ fragte Oswald, deſſen Neugier ſich zu regen begann. „Ein Mal habe ich Beſuch darin gemacht und dabei meine ſechsjährige Phantaſie mit Rittern und Geſpenſtern, mit Prinzeſſinnen und—“ er zögerte ei⸗ nen Augenblick, ſetzte aber dann mit keckem Lachen hin⸗ zu—„und mit verſtoßenen Gattinnen füllen laſſen!“ Oswald warf einen ſchnellen Seitenblick auf die ſchöne Männergeſtalt, gleichſam um zu prüfen, was er von dieſen ſonderbar offenherzigen Worten denken ſollte. Als er nicht antwortete, nahm der Fremde ſorglos wie⸗ der das Wort und fragte ſchnell:„Könnte ich nicht hinein in dies alte Neſt, worin nur Eulen zu niſten ſcheinen?“ „SD ja! dort drüben an der Mauer wohnt ein alter Förſter. Er hat den Schlüſſel zur Burg und zu⸗ gleich eine Art Aufſicht darüber. Sie werden innen das alte Haus weit wohnlicher finden, als Sie es er⸗ —ſr* 83 warten. Die Zimmer ſind von der letzten Bewohnerin einigermaßen in Stand geſetzt—“ „Die letzte Bewohnerin war eine verſtoßene Gattin des jetzigen Beſitzers?“ unterb ach ihn der Fremde. Oswald prüfte abermals mit einem Anfluge von Miß⸗ behagen die Züge des Mannes, um zu ſehen, ob ur müſſige Neugier oder eine Art Bosheit ihn zu den in⸗ disereten Fragen und Andeutungen verleitete. Offen und ehrlich, ohne Arg und Falſch war der Ausdruck der dunkeln, ſtrahlenden Augen, die den ſeini⸗ gen begegneten. „Ja,“ antwortete er nun ohne Verzug.„Die erſte, geſchiedene Gemahlin des§ berlandjägermeiſters von Ettershaiden wohnte dort oben im Schloſſe Etters⸗ haiden; ſie liebte jedoch die alte Burg und hielt ſich im ommer gern in den hohen gewölbten Gemächern derſel⸗ ben auf.“— Der Fremde nickte beiſtimmend, als wiſſe er ſich deſſen zu erinnern. „Die Dame iſt todt?“ forſchte er.„Auch die jungen, ſtarken, kräftigen Junker ſind todi? Ein wunderbarer Zufall, in dem man die Hand der Nemeſis erkennen möchte.“ Oswald machte eine ungeduldige Bewegung, die ſein Pferd zur Unruhe brachte. Der Fremde ſchien dadurch auf einen Gedauken zu verfallen, der ihn veranlaßte, ſein Auge feſter auf den 6*⅔ 84 Reiter zu richten. Er lächelte kaum bemerkbar und trat einen Schritt vom Pferde zurück. „Nennen Sie mich nicht unbeſcheiden, mein Herr!“ ſprach er mit Nachdruck.„Es verknüpft ſich ein tiefes Intereſſe mit dieſen Fragen.... Sie ſind aus der Gegend hier und ich mag mit meiner Bemerkung perſönliche Anſichten beſchränkt haben. Vielleicht habe ich das Ver⸗ gnügen einen Verwandten der Familie Ettershaiden vor mir zu ſehen, der geneigt iſt ein milderes Urtheil über Begebenheiten zu fällen, die einer edlen Frau ſchwere Kränkungen zufügten. Verzeihen Sie alſo mein unbe⸗ rufenes Urtheil.“ Oswald beguügte ſich durch eine verbindliche Nei⸗ gung des Kopfes zu antworten, aber er blickte mit ge⸗ ſteigerter Neugier auf den jungen Mann, deſſen Ma⸗ nieren errathen ließen, daß er ſich frei und ſicher in den Kreiſen zu bewegen wiſſe, die auf feine Bildung Anſpruch zu machen pflegen. „Sie erlauben mir nun noch eine einzige Frage,“ begann der Fremde von Neuem. „Fragen Sie nur,“ ſagte Oswald ermunternd. „Es wird mir eine Freude ſein, wenn ich die Frage eeben ſo unbeſchränkt und ehrlich beantworten kann, wie Sie Ihr Urtheil über Familienbegebenheiten gaben, die leider den Tadel der Welt verdienen.“ „Schön, daß Sie mir Recht geben!“ antwortete der 8⁵ Fremde freimüthig.„Meine Frage betrifft aber diesmal keine Familienereigniſſe, ſondern einfach die Erkundigung, wo Wangeroda liegt.“ Oswald ſah ihn höchſt über⸗ raſcht an. „Wangeroda 2 wiederholte er zögernd, als wolle er damit andeuten, daß er zuerſt wiſſen möchte, warum der Mann nach Wangeroda frage. „Es muß in der Nähe liegen,“ erläuterte der Fremde.„Meinen knabenhaften Begriffen zufolge ſogar ſehr in der Nähe von der alten Ettershaider Burg.“ „Dann trügen Sie Ihre knabenhaften Begriffe abermals,“ entgegnete Oswald in ſcherzendem Tone. „Wangeroda iſt beinahe zwei Stunden von der Burg entfernt für den Fußgänger, obwohl man es gemeinig⸗ lich nur eine Meile rechnet.“ „Ich bin den Weg gefahren,“ erklärte der Fremde ebenfalls mit treuherzigem Lachen.„Nicht wahr, der Weg geht am Bache entlang?“ fügte er, mit der Hand auf das kleine Gewäſſer deutend, hinzu.„Mein Ge⸗ dächtniß iſt ziemlich treu, wenn nicht die Phantaſie ihre Farbentöpfe dazu liefert. Haben Sie vielleicht da⸗ von gehört, daß der Beſitzer von Wangeroda damit umgeht ſein Gut zu verkaufen?“ Oswald zuckte unmerklich zuſammen und ſah dem Fragenden mit ſtarrer Verwunderung feſt in's Auge. 68 „Wer hat Ihnen das mitgetheilt, mein Herr,“ ſprach er daun mit eiſig ruhigem Tone. „Ich hörte es in einer Geſellſchaft gerüchtsweiſe,“ entgegnete der Fremde,„und da Jemand ſich hier in der Gegend anzukaufen wünſcht, ſo übernahm ich es, mich perſönlich nach der Wahrheit dieſes Gerüchtes zu erkundigen. Oswald blickte ironiſch lächelnd auf den Mann nieder.„Sie wiſſen doch wahrſcheinlich nicht, mit wem Sie reden,“ ſagte er in der feſten, ſchnell aufgetauchten Meinung, einen Spion der weſtphäliſchen Regierung vor ſich zu haben, der ihn in der Zuverſicht auf ſeine Macht einer Inquiſition zu unterwerfen gedachte. „Nein,“ antwortete der Fremde raſch.„Dürfte ich um Ihren Namen bitten? Aber nur unter der Bedin⸗ gung, daß Sie mir damit nicht die Verpflichtung auf⸗ erlegen, mich zu nennen, bitte ich um Ihren Namen!“ Oswald wurde wieder wankend in ſeiner Meinung. Es lag durchaus nichts Verſtecktes, nichts Heuchleriſches in dem Weſen des Mannes. Was wagte er denn auch, wenn er ſeinen Namen nannte? Und dann?„Es wünſcht ſich Jemand in der Gegend anzukaufen!“ War denn dies nicht möglich und lag nicht in dieſem Zufalle etwas, was wie eine Schickung Gottes zu betrachten war? die Span⸗ nung, womit der Fremde ihn nach ſeiner ausgeſprochenen à à ſſͤſͤͤ 87 Bitte um Nennung ſeines Namens betrachtete, bewies hinlänglich, daß er ihn nicht wußte. „Ich bin der Eigenthümer von Wangeroda, mein Herr! Sie werden jetzt mein Erſtaunen begreiflich finden, daß mir auf offener Landſtraße die Nachricht von einem Vorhaben mitgetheilt wird, an das ich ernſtlich noch incht gedacht habe.“ Ein heller Freudenſtrahl war ſogleich nach den erſten Worten aus des Fremden Augen gebrochen und er war⸗ tete kaum das Ende dieſer Rede ab, um mit lebhaft be⸗ wegter Stimme mehrmals zu wiederholen:„Oswald von Wangera— mein Gott, er ſelbſt— Oswald Wangera! Wie freut mich das!“ Dabei ergriff er die Hand des jungen Edelmannes und drückte ſie herzlich zwiſchen den ſeinigen. Eine eigene Rührung überſchlich Oswalds Herz, als er ſich von dem jungen, intereſſanten Fremden ſo über⸗ raſchend herzlich begrüßt ſah und noch ſonderbarer wurde ihm zu Muthe, als dieſer heiter fortfuhr: „Mein Gedächtniß iſt doch nicht ſo treu und zuver⸗ läſſig, wie ich mir einbildete, ſonſt hätte ich Sie erkennen müſſen. Zwar liegen viele, viele Jahre dazwiſchen, wo ich Sie ſah, aber, geſtehe ich's offen, darin liegt der Grund nicht, ſondern in dem Umſtande, daß Sie mir damals ſo erbärmlich blaß und ſchmächtig vorkamen, daß ich in die⸗ ſem großen, ſtattlich kräftigen Manne niemals den Jun⸗ ker Oswald vermuthet hätte. So gehts,“ meinte er, la⸗ chend auf die alten Mauern der Burg deutend,„ſo geht's im Leben! Was uns in unſerer Jugend überragt, was uns Reſpect und Grauen einflößt, das bewundern wir und bekleiden es mit den Zicrrathen der Einbildung. Daher dann die Verwunderung, wenn unſer Verſtand zu kritiſiren fähig iſt. Im entgegengeſetzten Falle können wir uns nie eine Idee von der Verwandlung kindlicher Schwäche in Kraft, Stärke und Schönheit machen. Ob⸗ wohl wir ſelbſt zunehmen an Weisheit und Verſtand, an Alter und Vollkommenheit der äußern Geſtalt, ſo berech⸗ nen wir doch ſelten richtig die Macht der Entwicklung an Anderen und erſtaunen dann über die Gebühr, wenn wir Gelegenheit haben zu bemerken, daß unſere Jugendbe⸗ kannten mit uns Schritt gehalten haben.“ „Sie zählen mich zu ſolchen Jugendbekannten?“ un⸗ terbrach ihn Oswald mit ruhiger Höflichkeit. „Allerdings! Ich hätte mich bei einem Beſuche auf Wangeroda wahrſcheinlich nach jenem blaſſen, langarmi⸗ gen und langbeinigen Junker umgeſehen, den man Os⸗ wald nannte.“ Er lachte ſo unwiderſtehlich heiter und von ganzem Herzen, daß Oswald, hingeriſſen von ſeinem Beiſpiele, ebenfalls nicht Beſſeres thun konnte, als in ein herzhaftes Gelächter auszubrechen. Im Stillen aber nahm er ſich vor, * 89 die Scene auf der offenen Landſtraße zu enden, die ihn nicht klüger zu machen verſprach. 1 „Nach dieſen Worten darf ich ſchließen, Sie in Wan⸗ geroda zu ſehen?“ begann er wieder. 12 „Gewiß, ganz gewiß! Ich hoffe mit Ihnen über den Kauf Ihres Gutes einig zu werden, im Falle Sie ge⸗ willigt ſein ſollten, es wirklich zu verkaufen. Doch da⸗ von ſpäter!“ „Für jetzt habe ich den Vorſatz noch nicht gefaßt, Wangeroda zu verkaufen,“ fiel Oswald mit ſcharfer Be⸗ tonung ein.„Hier iſt der Ort nicht, davon weiter zu reden, noch dazu da mein Gedächtniß bei Weitem unzu⸗ verläſſiger iſt, als das Ihrige, und ich trotz alles Nach⸗ denkens nicht zu enträthſeln vermag, mit wem ich die Ehre habe zu reden.“ „Davon ſpäter! Davon ſpäter! Ich werde kom⸗ men, ehe Sie es denken! Alſo auf Wiederſehen!“ rief der Fremde, grüßte mit Anſtand und Herzlichkeit und ſchritt eben ſo eilfertig auf dem ſchmalen Fußpfade dem im Hintergrunde liegenden Förſterhauſe zu, wie er vor⸗ her dem jungen Edelmanne von dem Walde her entgegen⸗ geſchritten war. Oswald ſetzte ſehr langſam ſein Pferd in Bewegung und ließ ſein Auge aufmerkſam dem Fremden nacheilen. Vergeblich ſann er darüber nach, wo er mit ihm zuſam⸗ mengetroffen ſein könne. Vergeblich vergegenwärtigte er 90 ſich ſein Bild mit peinlicher Sorgfalt. Nirgends traf er auf eine Erſcheinung in ſeinen frühern Jahren, die an die⸗ ſen jungen Mann erinnerte, der ganz unſtreitbar jene leichten, feinen Manieren hatte, die der ſtete Verkehr in Cirkeln, wo Geiſt mit Sitte vereint das Scepter führen, dem gebildeten Menſchen einprägt. Weit zweifelhafter war es ihm, ob er einen Edelmann in ihm ſuchen ſollte. Seine Ungebundenheit, die Nichtachtung des Herkömmli⸗ chen ſtellte dies in Frage. Es lag mehr eine Genialität in Rückſicht auf das geſellſchaftliche Formenweſen vor, wie ſie der fein gebildete Bürger geltend macht. Dieſe Unter⸗ redung auf offener Straße! War ſie nicht ein ſchlagender Beweis von Sorgloſigkeit und Sicherheit, wie man ſie kaum noch von Knaben gewohnt war? Oswald entſchlug ſich endlich ſeinen vagen Vermuthungen und ritt etwas ſchneller ſeiner Straße. Seine Gedanken flogen zurück auf die Pläne, die ihn unaufhörlich beſchäftigten und er fing an zu überlegen, ob er nicht eine Fügung Got⸗ tes in dem verbreiteten Gerüchte vom Verkaufe ſeines Beſitzthumes ſehen könne. Nach ſeiner Meinung ſtand das Schickſal Europa's jetzt auf einem Wendepunkte. Entweder befeſtigte ſich die Herrſchaft Napoleon's durch den beabſichtigten Feldzug gegen Rußland auf eine furchtbare Weiſe oder dieſer Held der Zeit ſtürzte in ſeiner Macht erſchüttert von der Höhe herab, auf der er felbſtbewußt und zuverſichtlich thronte. Nach ſeiner —,— —,— 91 Meinung war jetzt der Zeitpunkt, wo ſich die Kraft der eroberten Provinzen, die unter dem Drucke der Fremd⸗ herrſchaft ſeufzten, concentriren und einen letzten Ver⸗ ſuch wagen mußten, das Joch abzuſchütteln. Während Napoleon ſich gegen Rußland rüſtete, mußte man ſich insgeheim in Deutſchland gegen ihn rüſten! O wie das Blut des jungen Mannes hoch aufwallte! Wie es ihn drängte mit dem Schrei der Verzweiflung die matten Herzen ſeiner Landsleute aus dem Schlummer zu wecken und zum letzten Kampfe zu entflammen! Doch was nutzte ſein Jammer, was nutzte ſeine Begeiſterung! Sollte er eine jener Verſchwörungen ſtif⸗ ten helfen, die wie Pulver ohne Blei verpufften, weil ihnen die Macht des Uebergewichtes fehlte? Was hatten die Opfer der edlen Kämpfer zu Wege gebracht, die ihr Blut den kleinen Angriffen weiheten, welche ſtets, nach kurzen Beunruhigungen des jungen König Jerome, ohne Nach⸗ wirkung beſeitigt werden waren. Der Gedanke an ſolche Thaten wurde ihm ſchon hier auf ſeinem eigenen Vater⸗ erbe als Verbrechen angerechnet, da er die Treue gegen ſeinen neuen Landesherrn verletzte. Stillſitzen und dem nächſten Kampfe müſſig zuſchauen konnte er nicht mehr. Darin ſtand ſein Entſchluß feſt. Er ſetzte ſein Hab und Gut auf's Spiel und verſuchte ſein Heil in der Armee der Ruſſen. Ihm hatte nur der Impuls gefehlt— jetzt aber, wo das Gerücht ihn ſchon zu den 92 Unruhigen und Mißvergnügten des Landes zu zählen begann, jetzt ſchien ihm der richtige Augenblick gekom⸗ men zu ſein. Fand er in dem intereſſanten Fremden einen redlichen und verſchwiegenen Käufer, ſo ſollte ihn nichts abhalten, in der allernächſten Zeit ſeine Reiſe nach der ruſſiſchen Gränze anzutreten. Mit dieſem Entſchluſſe im Herzen, der eine himm⸗ liſche Freudigkeit auf ſein edles, ernſtes Geſicht zauberte, ritt er auf Wangeroda zu, das ſich ſo eben in maleriſcher Schönheit vor ſeinen Blicken ausbreitete. Bald erreichte er den ſpiegelhellen kleinen Teich, der von Pappeln umpflanzt war und von den ſämmtlichen Gänſen und Enten des Dorfes zum Tummelplatz ihrer Frühlingsfreuden benutzt wurde. Oswald hielt ſein Pferd an und ſchauete über den Teich hinweg. Warum mochte ihm plötzlich ſo weh um's Herz werden? Warum ergriff ihn die himm⸗ liſche Friedlichkeit, die über der einfach ländlichen Scene lag, dergeſtalt, daß er ſeinen Athem ſtocken fühlte, daß er mit einer Rührung rang, wie er ſie bis dahin gar nicht gekannt hatte? Es war, als wenn der Geiſt Got⸗ tes über ihn kam und ſeinem Geiſte einen Blick in die Zukunft eröffnen wollte! Mit einem Schauer ahnen⸗ den Entſetzens ſah er blutige Schlachtfelder vor ſich auf⸗ m —.,— 93 rollen*), Leiche auf Leiche ſich thürmen im ſtill wogenden Waſſer, ſo daß ſeine Wellen hoch aufſpritzten und über den kferrand hinaus traten! Es war ihm, als höre er den Angſtſchrei von den Tauſenden, die im Waſſer den Tod finden ſollten, als rufe man um Erbarmen, als ver⸗ fluche man den Allgewaltigen, der mit der Allmacht eines göttlichen Weſens ſeine irdiſche Laufbahn zu verfolgen be⸗ fliſſen war. Nur einen Moment dauerte der traumhafte Zuſtand des jungen Mannes, aber der Angſtſchweiß deckte in gro⸗ ßen Tropfen ſeine Stirn, als er daraus emporfuhr und ſich, freudig aufathmend, am heimathlichen Waſſer, umweht vom ſüßen Frühlingshauche wiederfand. Tiefſinnig lenkte er ſein Pferd wieder hinauf nach der Fahrſtraße und eilte dann ſein Haus zu erreichen. Das Wangeroder Herrenhaus lag ziemlich am Ende des kleinen Dorfes. Es war im einfachſten Style erbauet, aber innerlich ſehr freundlich und ländlich be⸗ quem eingerichtet. Man ſah es dem Hauſe ſogleich an, daß es nur den Bedürfniſſen eines nicht reichen Guts⸗ herrn entſprechend eingerichtet war. Die Front war —— *.) Als er ſechs Monate ſpäter den furchtbaren Jammer beim llebergange über die Bereſina mit anzuſehen ge⸗ zwungen war, da gedachte er in tiefſter Erſchütterung ſeiner Viſion am Wangeroder Teiche. 6 94 der Straße zu gerichtet, der Eingang aber auf dem Hofe, welcher durch hohe Stakete von allen Seiten eingehegt war. Ein Thorweg von Latten ſchloß dies Staket von der Dorfgaſſe ab, da es aber für gewöhn⸗ lich am Tage weit offen ſtand, ſo hatte Alles, was Beine hatte und laufen konnte, freien Zutritt auf die⸗ ſen Hof. Oswald ritt in gemeſſenem Trabe ſogleich durch den offenen Thorweg bis mitten in den Hof hinein, ſprang dort vom Pferde und überließ es dem klugen Thiere, ſich ſeinen Stall ſelbſt zu ſuchen. Es war ſehr ſtill im Gehöfte. Nur ein halber⸗ wachſener Burſche ſchlurfte träge herbei, um dem Pferde den Sattel abzunehmen. Alles, was arbeiten konnte, war auf's Feld hinaus. Die Wirthſchafterin des Gu⸗ tes ſah mit einem Erſtaunen, dem ſich Verdruß bei⸗ miſchte, ihren jungen gnädigen Herrn wiederkommen, nachdem ſie feſt darauf gerechnet hatte, daß er bis ſpät in der Nacht ausbleiben werde. Neugierig trat ſie ihm entgegen und fragte nach der Urſache ſeiner ungewöhnlich ſchnellen Rückkehr von Ettershaiden. Sie mußte ſich mit der ausweichenden Antwort ihres Herrn begnügen und eilte zurück in die Küche, um ſchnell ein ſpätes Mittagsbrot vorzubereiten. Oswald ſuchte nicht ſein kleines, düſteres Arbeits⸗ cabinet auf, ſondern tiat ſogleich in das Wohn⸗ 95⁵ zimmer, dem ſich eine Reiſe ſonnig durchſtrahlter Zimmer anſchloſſen. Hier warf er ſich auf ein Sopha, um einſam zu träumen und einſam Abrechnung zu hal⸗ ten mit dem, was der Jugend an Lebensfreuden geſtattet wird. Daß in ſolchen Augenblicken der Werth alles deſſen ſteigt, was man beſitzt, erfuhr er ſchon beim Eintritte in dies einfach, aber geſchmackvoll eingerichtete Zimmer. Nie war ihm daſſelbe ſo behaglich, ſo einladend, ſo voll fröhlicher Erinnerungen erſchienen, als jetzt, wo er im Begriffe ſtand, dieſe ſtille friedliche Häuslichkeit aufzugeben und ſich in den Kampf mit traurigen Welt⸗ verhältniſſen zu verſtricken. Heimathlos von dem Mo⸗ mente an, wo dies kleine Eigenthum in fremde Hände überging, ſah er ſich auch getrennt von allen lieben Gewohnheiten und von ſeinen Freunden! Der Ruhe und Unabhängigkeit ging er verluſtig! Er opferte ſein eigenes Selbſt, ſeine Ueberzeugungen, ſeine Ideen, ſei⸗ nen Willen dem Willen und Befehlen Anderer! Bei⸗ nahe wollte ihm das Opfer zu groß erſcheinen, welches er, der einzelne Menſch, dem großen und allgemeinen Elende zu bringen entſchloſſen war. Aber dieſe ſelbſt⸗ ſüchtige Regung verflog ſo raſch, wie ſie gekommen war. Hell auf leuchtete wieder ſeine Begeiſterung und todesmuthig hob er die edle Stirn dem kommenden, unzweifelhaften Ungemache entgegen! IV. Capitel. Der Marquis d'cEterais. Mittlerweile waren im Schloſſe Ettershaiden in aller Eile Vorkehrungen zum ſolennen Empfange des Mannes getroffen, der ſich formell von einem Courier hatte anmelden laſſen. Die Dame des Schloſſes hatte es für nöthig ge⸗ halten, ihrer Toilette einige Verbeſſerungen angedeihen zu laſſen, welche ans Kokette ſtreiften. Sie wollte den Eindruck ihrer Reize verſtärken und wählte dazu die Mittel, welche dem franzöſiſchen Erfindungsgeiſte Ehre machten. Ihr Gemahl bewunderte mit bitterem Lächeln die Eitelkeitskämpfe, und wendete ſich ziemlich entrüſtet ab, als ſie endlich in den Empfangsſalon trat, die viere zigjährigen Schultern und Arme bis zur Unanſtändigkeit 4 —, 97 entblößt und das weiße, wachsbleiche Geſicht mit rofiger Schminke verſchönt. Niemals war dem alten Herrn die Gefallſucht ſei⸗ ner ſchönen Gemahlin ſo widerwärtig erſchienen, wie in dieſem Momente, wo ſie darauf ausging, in eitler Selbſt⸗ ſucht die Bande zu lockern, welche ſie mit ihm verknüpf⸗ ten. Auf der Ruheſtätte von den Mühen und Freuden eines ſtark bewegten Lebens angelangt, erſchien ihm ihr Beginnen als eine Entweihung der Vergangenheit, die ſie in ſchuldiger Liebe vereinigt hatte. Was damals ge⸗ ſchehen war, konnte nur durch eine heilige, gegenſeitige Treue geſühnt werden, durch jene Treue, die bis zur Reinheit des Gedankens geht. Ihre Entwürfe, den en⸗ gen Kreis ihrer Pflicht mit dem trügeriſchen Glanze eines Hoflebens zu vertauſchen, welches im innerſten Kern Leichtſinnigkeit bis zum Verbrechen barg, wurden für ihn eine Aufklärung— in ihnen ſtrahlte der Spie⸗ gel ihrer Gedanken, die ganze Beſchäftigung ihrer Phan⸗ taſie zurück. Er empfing ſie mit froſtiger Artigkeit und machte ihr bemerklich, daß der Beſuch des Marquis Etérais ein rein geſchäftlicher ſein könne, weshalb es zweckmäßig erſcheine, daß er ihn allein erwarte, und ihn erſt auf Erforderniß ihr zuführe. Frau von Ettershaiden konnte nicht umhin, ihrem Gemahl recht zu geben. Obwohl ſie gern Einwendun⸗ gen gegen ein Verfahren erhoben hätte, das ſie von E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden, I. 7 98 vornherein in die Gefahr brachte, von den Verhandlun⸗ gen über ihr eigenes Schickſal ausgeſchloſſen zu werden, ſo zog ſie es dennoch vor, ſich in ihr Bondoir zurück⸗ zuziehen, welches an Glanz und Ueppigkeit der Aus⸗ ſtattung das alterthümliche Empfangszimmer bei Weitem übertraf. Kaum hatte ſie dieſen Rückzug vollführt, ſo rollte der Wagen des Erwarteten in den Schloßhof. Von ihrem Fenſter aus bewunderte die Dame mit hochklopfendem Herzen die Pracht und Eleganz dieſer Equipage, die Alles verdunkelte, was ſie je geſehen. Die Caroſſe ſtrahlte von Silberbeſchlägen und das Geſchirr der vier prächtigen Schimmel war als ein Kunſtwerk zu betrachten. Ein Jäger mit wallendem Federbuſch war mit der Gewandtheit eines Equilibriſten vom Bocke geſprungen und dennoch kam er zu ſpät, um ſeinem Herrn aus dem Wagen zu helfen, da dieſer denſelben mit einem raſchen Sprung ſchon verlaſſen hatte, ſo wie er hielt. Frau von Ettershaiden hatte nicht ſo viel Zeit ge⸗ habt, die Perſönlichkeit des Mannes näher in's Auge zu faſſen, der einen Einfluß auf ihr ferneres Schickſal ge⸗ winnen ſollte. Nur ſo viel ſtand feſt, daß er in ſeiner einfachen Kleidung und in der Nichtbeachtung der ſteifen Form, womit er den Wagen verließ, durchaus dem Bilde nicht entſprach, das ſich die Gnädige von dem feingebildeten Franzoſen gemacht hatte, 99 Während ihrer mißliebigen Kritik darüber war der Marquis leichten, flüchtigen Fußes durch den Vor⸗ flur des Schloſſes geſchritten und unter Beobachtung aller Etikettenregeln vom Kammerdiener des ehemaligen Oberhofjägermeiſter von Ettershaiden empfangen. Der alte Diener, ein Werthſtück früheren Glanzes, der nur noch bei beſondern Veranlaſſungen im Coſtüme der Vergangenheit auftrat, ging dann in kerzengerader Haltung voran, ſtellte ſich neben der Flügelthür, auf, die zum Empfangsſalon führte, riß die Thür auf und rief mit theatraliſchem Pathos:„Marquis d'Etérais!“ Ein Spottlächeln eigener Art umzuckte die Lippen des Marquis, als er darauf gewürdigt wurde zum Herrn von Ettershaiden eintreten zu dürfen, der ihm bis zur Mitte des Zimmers entgegenſchritt. Jetzt ſtanden ſich die Herren gegenüber. Der alte Herr, größer und von ſtattlich⸗würdiger Haltung, re⸗ präſentirte den Hofmann eines alten Regime's— der arquis aber ſah einem Hofmanne gar nicht gleich. Herr von Ettershaiden, augenſcheinlich ſehr verwundert über die Prunkloſigkeit und Einfachheit eines Mannes, der aus der Sphäre des prachtliebenden Jerome kam, wartete mit einiger Spannung auf die Eröffnung des Geſpräches, nachdem die erſte ſtumme Begrüßung mit der Einladung, Platz zu nehmen, voruͤber war. Der Marquis begann ſogleich mit feſtem, gleichgültigen Tone: 1 7 100 „Ich darf mich doch der Hoffnung hingeben, Sie mit meinem Beſuche nicht zu beläſtigen, Herr Oberhof⸗ jägermeiſter.“ Der alte Herr betrachtete ihn einen Augenblick mit ſtummem Erſtaunen. Er hatte nicht erwartet, daß ſich ein Höfling der weſtphäliſchen Monarchie herablaſſen werde deutſch zu reden, und zwar ein ſo reines und richtiges Deutſch, als hätte er von Jugend auf nichts anderes geſprochen.„Es kann mir nur eine Ehre ſein, den Herrn Marquis empfangen zu dürfen,“ erwiederte er mit Würde, aber weit günſtiger für den Beſu⸗ cher geſtimmt, der nicht anmaßend genug war, um in einem deutſchen Schloſſe mit der Sprache des fremd⸗ ländiſchen Herrſchers aufzutreten. „Mich führt eine ganz abſonderliche Angelegenheit zu Ihnen, Herr von Ettershaiden,“ ſprach der Marquis in demſelben Tone weiter, nachdem er, mit einiger Cere⸗ monie, einen Platz im Lehnſeſſel gewählt und den alten Herrn gleichſam gezwungen hatte, ſich auf den Divan zu ſetzen. Herr von Ettershaiden neigte, leicht lächelnd, ſein ehrwürdig Haupt. „Um dieſe Angelegenheit richtig einleiten zu können, muß ich Ihnen eine Frage vorlegen, die in's politiſche Gebiet überzuſchweifen ſcheint, in Wahrheit aber weder 101 Ihr politiſches Bekenntniß, noch eine politiſche Meinung im Allgemeinen hervorrufen ſoll.“ Herr von Ettershaiden machte große Augen. Was hatte das Engagement ſeiner Gemahlin mit der Politik zu thun? Er ſah dem Ambaſſadeur, den er ſich, bei⸗ läufig geſagt, nicht ſo jung gedacht hatte, erwartungsvoll in's Geſicht. „Meine Frage betrifft die Ettershaider Burg,“ fuhr der Marquis ſchneller ſprechend fort.„Ich wünſche eine ehrliche und durchaus offenherzige Antwort darüber, in⸗ dem ich Sie frage, ob Sie ſich mit der willkürlichen Trennung des alten Stammſitzes vom Dorfe, die durch Unkenntniß des Terrains entſtanden iſt, einverſtanden er⸗ klären und ſich Ihrer Rechte daran, zu Gunſten des Königs von Weſtphalen, vollſtändig begeben haben!“ Herr von Ettershaiden zuckte die Achſeln, wiegte bedächtig ſein ſchneeweißes Haupt und ſagte mit großer Gelaſſenheit: „Ich begreife nicht recht, warum ich über einen Umſtand ſprechen ſoll, den ich mit aller Offenherzigkeit meiner Meinung nicht ändern kann. Es liegt in der Macht der Ufurpation, Beſitzthümer feſtzuhalten, nachdem man ſich das Recht der Verfügung dazu erobert hat. Ob ich mich meiner Rechte auf dieſe alte Burg ent⸗ ſchlagen wolle, danach fragte Niemand, als man im Be⸗ griffe war, ſie mir ſtreitig zu machen. Damals hätte ich wahrſcheinlich Einſpruch gethan— jetzt würde dies lächerlich erſcheinen, denn ſie iſt das Eigenthum des Kö⸗ nigs von Weſtphalen in eben dem Maaße geworden, wie ſein ganzes Reich ſein Eigenthum genannt wer⸗ den kann.“ „Sie meinen damit, bis auf den Punkt, wo dies Reich eben ſo raſch in Trümmern zerfallen kann, wie es vor fünf Jahren entſtanden iſt,“ fügte der Marquis ſehr kaltſinnig ein.. „Solche Ereigniſſe vorher zu beſprechen wäre, wenn nicht unbeſonnen, ſo doch unpolitiſch!“— „Bei dieſer Zurückhaltung würde ich jedoch nicht zum Zwecke meines Beſuches kommen, Herr von Etters⸗ haiden. Sie erlauben mir alſo, daß ich die Politeſſe und die Politik bei Seite ſetze und gerad heraus frage unter welchen Bedingungen würden Sie ſich bereit er⸗ klären, eine Beſitzergreifung der Burg zu ſanctioniren und für alle Fälle, ſelbſt wenn die Königsmacht Jerome's in Trümmern zuſammenſtürzte, zu reſpectiren?“ Herr von Ettershaiden ſtrich mit einer Miene über ſeine Stirn, als wolle er damit andeuten, daß er dieſe Frage ganz undegreiflich fände. „Es thut mir leid, Ihnen antworten zu müſſen, daß ich darüber gar nicht entſcheiden kann,“ erwiederte er ernſter und gemeſſener noch, als bisher.„Es ſteht mir nicht zu, ein Haus und ſei es noch ſo alt und ver⸗ 103 wittert, durch meine Handlungsweiſe zu veräußern, wenn dies Haus zu einer Lehnbeſitzung gehört. Nehmen kann mir eine größere Macht dies Haus, aber bewilligen darf ich dieſe Beſitznahme nicht, denn es beeinträchtigt ent⸗ weder meine Lehnsvettern oder, wenn dieſe nicht mehr vorhanden ſind, wie leider im Ettershaider Geſchlechte, den Staat, dem das Lehn nach dem Ausſterben des Stammes zufällt.“ Ein Schatten flog bei dieſen Worten über das Geſicht des Marquis, ein Schatten ſtolzer Verachtung, und ſeine Stimme, ſo klangreich und weich ſonſt, hatte einen Ausdruck unbarmherzigen Hohnes, als er ſagte: „Ah ſo—! Seit Ihre Söhne todt ſind, ſtehen Sie als der Letzte des Stammes Ettershaiden auf der Welt?“ „Sagen Sie, als der letzte Lehnberechtigte des Stammes Ettershaiden,“ ſprach der alte Herr würde⸗ voll.„Es leben noch Mehrere des Namens, die ihre Abſtammung leicht nachweiſen könnten— es leben ſo⸗ gar noch diejenigen, welche als Descendenten den be⸗ gründetſten Anſpruch hätten, wenn dieſe Zweige des Stammes nicht den beſtehenden Familiengeſetzen getrotzt und durch Mesalliancen ihr Recht auf das Lehn verlo⸗ ren hätten.“ „Veralteter Kram, mein lieber Herr von Etters⸗ haiden,“ warf der Marquis ſpöttiſch hin. „Möglich, daß man die ehrwürdigen Familienge⸗ ſetze der Vorzeit ſo nennen kann, allein ſo lange ſie gültig ſind, haben wir kein Recht dagegen zu handeln.“ „Freiere Weltanſchauungen müßten ſie von ſelbſt auslöſchen!“ entgegnete der Marquis. „Was mit dem Siegel des Lehnsherrn geheiligt iſt, darf nicht durch die Willkür des Belehnten vernichtet werden.“ 4 „Nun ſo laſſen Sie es ſtehen bis in die Ewigkeit hinein!“ rief der Marquis leichtfertig.„Sie erlauben mir, daß ich Ihnen jetzt den Grund meiner Anfrage deutlich mache.“ „Ich glaube ihn ſchon erkannt zu haben!“ „Um ſo beſſer! Ein Scherz, eine Laune voll Huld und Uebermuth gab dem Könige von Weſtphalen Veranlaſſung mir die Burg Ettershaiden, die Se. Ma⸗ jeſtät mit dem Ehrentitel:„Ein altes deutſches Eulen⸗ neſt“ bezeichnete, zu ſchenken. Aber ich habe feſt be⸗ ſchloſſen, mich nicht eher als Beſitzer dieſes alten Ge⸗ bäudes zu betrachten, bis mir der fernere Beſitz garan⸗ tirt wird. Was für Schritte muß ich thun, um dies zu erreichen? Ich will rechtmäßig Eigenthümer der Etters⸗ haider Burg werden, damit man nicht mir, oder meinen Nachkommen,“ ſchaltete er lachend ein, nachſagen kann: ich hätte das Recht des Beſitzes erſchlichen. Durch Do⸗ cumente ſoll dieſe Burg mir überantwortet werden und nicht auf das leichte Scherzwort eines Königs hin, der . 105 ſein Recht daran nur dem Zufalle verdankt. Sie ſtehen an der Gränze des Lebens, Herr von Ettershaiden, Ihnen kann es bei den vorwaltenden Familienverhält⸗ niſſen ganz gleich ſein, ob die alte Burg an den Staat fällt, dem ſie zu nichts nützen kann oder ob ſie mir überantwortet wird. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nichts gegen die Unterhandlungen einzuwenden, die ich unter dem Schutze des Königs von Weſtphalen mit der preußiſchen Regierung anzuknüpfen gedenke, ſo wird es mir ſicherlich gelingen, meine Wünſche dieſerhalb zu ver⸗ wirklichen.“ Herr von Ettershaiden ſah dem lebhaft erregten jungen Manne feſt in's Auge. Die Frage, welche in dieſem prüfenden Blicke lag, mißdeutend, ſetzte der Mar⸗ quis ſogleich hinzu: „Was Sie auch denken mögen, mein Herr, ſo viel werden Sie doch begreifen, daß mich Habſucht und Eigennutz nicht bei meinem Verlangen leitet. Bei der Geldnoth, die jetzt im Lande Weſtphalen herrſcht und die täglich wachſen wird, je näher der Zeitpunkt rückt, wo die dringend befohlene Vergrößerung des Heeres alle Mittel in Anſpruch nimmt, würde es doch ein Leichtes ſein, eines der ſchönen Staatsgüter zu erſtehen, die jetzt verſchleudert werden. Aber es ſei ferne von mir, aus ſolchen Calamitäten Voriheil zu ziehen— es würde mein Gewiſſen beſchweren, durch dergleichen Speculatio⸗ 106. nen meine Weltſtellung zu verbeſſern.“— Er brach ab und ſtand haſtig auf. Der alte Herr folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele. Er hatte mit Erſtaunen dem Erguß dieſer See⸗ lenſtimmung gelauſcht. „Sie ſind kein Kind Frankreichs!“ ſagte er leiſe und gütig. „Davon ſpäter!“ war die herbe, kurze Antwort des Marquis. „Wollen Sie mir Ihr Vertrauen nicht ganz ſchen⸗ ken, nachdem Sie mir ſo viel verrathen haben?“ fuhr Ettershaiden in demſelben gütigen Tone fort. „Was ich verrathen habe, iſt zu wenig, um die Meinung zu rechtfertigen, daß ich kein Kind Frankreichs bin. Sie werden früh genug aus den von mir ge⸗ wünſchten Unterhandlungen erfahren, wer ich bin und woher ich ſtamme. Nach Erfahrungen meiner Jugend ſind dieſe Aufklärungen nicht geeignet, die Liebe ge⸗ wiſſer Menſchen zu wecken, welche alte Satzungen über die Humanität zu ſtellen gewohnt ſind. Wollen Sie mir eine unverdiente Güte erweiſen, ſo arbeiten Sie mei⸗ nem Plane nicht entgegen, ſondern unterſtützen Sie denſelben.“ „Ich verſpreche dies, aber nicht unbedingt, Herr Marquis,“ antwortete Herr von Ettershaiden, mit wie⸗ derkehrender Zurückhaltung.„Nach einem Briefe des Fränlein Bianca von Wangera, einer Verwandtin mei⸗ 107 ner Frau, ſoll der älteſte Sohn des Oberſten von Etters⸗ haiden, Arnulf, plötzlich aus dem Dunkel der Vergeſſen⸗ heit aufgetaucht ſein und ſich nach der Wahrheit des Gerüchtes erkundigt haben, ob durch den Tod wirklich die Sprößlinge meines Stammes vernichtet ſeien. Die⸗ ſer Arnulf von Ettershaiden iſt Juriſt und es iſt anzu⸗ nehmen, daß ſeine Nachfrage nicht ohne Grund geſche⸗ hen iſt, noch dazu, da er ſich in ſehr bedenklichen Ver⸗ mögensverhältniſſen befinden ſoll.“ Der alte Herr hatte ſo eifrig geſprochen und ſich mit ſo ausſchließlicher Aufmerkſamkeit dem Gegenſtande ſeines Geſpräches hingegeben, daß ihm entgangen war, welchen Eindruck dieſe letzte Mittheilung auf den Mar⸗ quis gemacht hatte. Ihm fiel nicht ein, die zitternde Unruhe, welche er nun in dem ganzen Weſen des Mar⸗ quis gewahrte, als eine Wirkung derſelben zu betrachten und er beobachtete mit einigem Erſtaunen den ſchnellen Farbenwechſel desſelben, ſo wie das ganz veränderte Mienenſpiel. „Beunruhigen Sie ſich deshalb nicht allzuſehr,“ ſprach er beſchwichtigend,„ſo viel mir vom Charakter dieſes Arnulf von Ettershaiden bekannt geworden iſt, ſo haben Sie keinen Rivalen in ihm zu fürchten, denn er iſt nie ein Freund von Ruinen und Eulenneſtern, wohl aber ein Freund von Glanz, Pracht und Ueppigkeit ge⸗ weſen. Dieſe Neigungen ſollen ihn ſogar zu einer Hei⸗ rath höchſt ſonderbarer Art verleitet haben, welche aber durch den Tod der Frau glücklicherweiſe in ihren Folgen vernichtet worden iſt.“ Bis dahin hatte der Marquis, wie in halber Gei⸗ ſtesabweſenheit, dageſtanden und zugehört. Nach und nach kehrte ſeine Faſſung zurück und er fragte, ſo ruhig er konnte:„Wo lebt Arnulf von Ettershaiden?“ „In Magdeburg ſoll er leben, aber er hat den Juſtizdienſt quittirt, weil es ſeinem ſtolzen Geiſte fürch⸗ terlich war, unter franzöſiſch⸗ weſtphäliſcher Herrſchaft Recht zu ſprechen!“ Ein bitteres, hohnvolles Lächeln entſtellte momentan die ſchönen Züge des Marquis d'Etérais und er ant⸗ wortete mit ſcharfer Betonung.„Er weiß wohl nicht, was Hunger iſt! Wenn dem Hungernden ein Stück Brod gereicht wird, ſo verliert er ſeine Zeit nicht damit, die Hand, die ſich ihm wohlthätig entgegenſtreckt, zu prüfen, ob ſie wohl rein genug iſt.“ Der alte Herr bereuete ſich vergeſſen zu haben. Dieſe Worte goſſen ein neues Licht über den Charakter des Marquis, der jedenfalls im Geſichte des Patriotis⸗ mus eine Verletzung der ſchuldigen Ehrfurcht gegen Na⸗ poleon darin gefunden hatte. Es that ihm leid ihn ge⸗ reizt zu haben, deshalb entgegnete er gütig: „Ich werde Veranlaſſung nehmen, an Arnulf zu ſchreiben und ihn auf Ihre Wünſche aufmerkſam machen, —,—. 109 im Falle er darauf ausgehen ſollte, einen Anſpruch auf Ettershaiden zu erheben.“ „Thun Sie das nicht!“ rief der Marquis.„Mag Jeder ſeinen Weg verfolgen und es dem Schickſal anheim⸗ geben, wer an's Ziel gelangt.“ „Was ich thun kann, Ihr Vertrauen zu rechtferti⸗ gen, ſoll geſchehen!“ ſprach Herr von Ettershaiden ver⸗ bindlich. „Die Sache nimmt einen ganz anderen Charakter an nach den Mittheilungen, die Sie mir über das Vor⸗ handenſein eines Ettershaiden machten, der, nach der Vernichtung einer veralteten Clauſel, gegründete Anſprüche auf dies Schloß und ſeine Umgebungen hat. Ich wünſche aber keine Privatverhandlungen mit dieſem Manne und auch keine Privatmittheilungen. Was er davon wiſſen muß, mag er aus den notariellen Anträgen erfahren. Meine Wünſche kennen Sie. Was an Entſchädigung für die Burg liquidirt werden ſollte, bezahle ich ohne Wei⸗ gerung. Ich hoffe in kürzeſter Friſt als Beſitzer in der zhurg hauſen zu können— alles Andere ſpäter!“ Er neigte ſich kurz und kühl, aber dennoch mit einer unverkennbaren Achtung vor dem alten Herrn, der mit Theilnahme auf den jungen Fremdling blickte und ihm herz⸗ lich die Hand entgegenſtreckte, als er ſagte: „Sie wollen doch damit nicht andeuten, daß Sie, der Günſtling des zur Zeit mächtigſten Mannes, aus dem vol⸗ len Glanze ſeiner Gunſt zurücktreten wollen, um hier, als Philoſoph, die Einſamkeit eines alten deutſchen Eulenneſtes zu verſuchen?“ „Sie wiſſen nicht, Sie können es nicht wiſſen, weil Sie nie ein Leben voll Selbſtopferung geführt haben, was für ein verlockender Gedanke es iſt, in weiſer Ruhe ſich ſelbſt leben zu können,“ ſcherzte der Marquis. „Warum aber in der alten Burg? Was für eine Bedeutung hat dieſe alte Burg für Sie?“ Der Marquis lächelte, aber es lag Wehmuth in die ſem Lächeln, womit er ſprach:„Davon ſpäter!“ Er drückte flüchtig die Hand Ettershaidens und verließ das Zimmer ſo raſch, daß dieſer ihm nicht zu folgen vermochte. Sinnend blieb der alte Herr ſtehen und horchte dem Geräuſche des fortrollenden Wagens. Was ſeine Seele beſchäftigte, wußte er eigentlich nicht, aber es war ein Ge⸗ miſch von Gefühlen in ihm, wie er ſie lange entbehrt hatte. Wie ein Sonnenſtrahl, durch die kleinſten Fugen eines düſtern Raumes dringend, dieſen erhellen und ihm die pein⸗ liche Düſternheit nehmen kann, ſo hatte der Beſuch eines Mannes auf ihn gewirkt, der in gar keiner Beziehung zu ſeinem umdüſterten Leben ſtand. Er begriff dies nicht, da weder Worte freundlicher Anerkennung, noch Beweiſe von Wohlwollen angewendet waren, um ſeine Gunſt zu wecken. Was feſſelte alſo ſeine Gedanken an den Mar⸗ quis? Was erregte ein ſo lebhaftes Wohlwollen in ihm, —— 111 daß er darüber nachſann, wie ſeinen Wünſchen zu will⸗ fahren ſein möchte? Der geräuſchvolle Eintritt der Frau von Etters⸗ haiden weckte ihn aus dem angenehmen Sinnen und Träumen. Sie rauſchte wie ein Pfau an ihn heran und fragte herriſch und heftig:„Der Marquis fährt fort—? Wie ſoll ich das deuten, mein Theuerſter?“ Der alte Herr ſah ſie zerſtreut und froſtig lächelnd an. „Sie haben alſo, gleich einem Barbaren, ohne Rückſicht auf meine Wünſche die fragliche Sache ent⸗ ſchieden?“ „So weit mir das Recht zuſtand, zu entſcheiden, habe ich allerdings entſchieden,“ entgegnete Ettershaiden, langſam das Zimmer durchſchreitend, eine Gewohnheit, der er beſonders nachgab, wenn ſtürmiſche Auftritte zu fürchten waren. „Sie haben gar keine Rechte in dieſer Angelegenheit zu vertreten!“ rief die Dame heftig. Ettershaiden ge⸗ dachte jetzt erſt wieder der ſchmeichelhaften Vermuthun⸗ gen, die ſeine Gattin in Bezug auf den Beſuch des Mar⸗ auis gehegt hatte. Beluſtigt von den falſchen Voraus⸗ ſetzungen derſelben ließ er ſeinem Hange zur Satyre den Zügel ſchießen und antwortete:„Sie werden ſich nach einem anderen Vertreter Ihrer Wünſche umſehen müſſen, meine Theuere, denn der Marquis ſcheint eher ein Ver⸗ ehrer alter Burgen als alter Frauen zu ſein. Für heute 112 wenigſtens hatte er für nichts Anderes Sinn, als für die Burg Ettershaiden, die ihm vom Könige Jerome geſchenkt iſt! Ein ſonderbares Qui pro quo— Sie oder die alte Burg!“ Er lachte vor ſich hin und ſchritt weiter, ohne die Zorneswellen zu beachten, die ſeine getäuſchte Gemahlin ihrer Faſſung beraubten. Endlich, nach einem langen, peinlichen Stillſchwei⸗ gen, in welchem ſie vergeblich mit ihrem Zorne gekämpft hatte, ſchritt ſie lebhafter, als es die Regeln der Grazie eigentlich erlaubten, ihrem Gemahle nach, zwang ihn durch das Ergreifen ſeiner Hand ſtill zu ſtehen und ſagte mit einem Ausdrucke, als hinge ihr eigenes Glück an dem Beſitze dieſes alten Gemäuers:„Sie ſind doch nicht etwa Willens, dieſen Anſprüchen zu weichen und die Burg für immer von dem Gute Ettershaiden trennen zu laſſen?“ „Was kann ich dagegen thun, Theuerſte?“ antwor⸗ tete Ettershaiden ganz gemüthlich. „Warum haben Sie nicht längſt Ihre Rechte daran durch die preußiſche Regierung geltend gemacht?“ eiferte ſie. „Weil mir nichts an dem düſtern, unheimlichen Hauſe lag und weil ich im Grunde meines Herzens die Ueberzeugung hege, daß Gott der Allmächtige dieſes Reich Weſtphalen wieder vernichten werde, wodurch natürlich dergleichen Gränzſtreitigkeiten wegfallen.“ „Sie hegen ſonderbare Hoffnungen,“ ſchaltete die Dame mißvergnügt ein. —— —— —,— „O, die Sterne der Hoffnung ſind unſere einzigen Tröſter, wenn die Wolken des Elends unſeren Lebenshori⸗ zont umlagern, meine Theuere! Je düſter die Nebel zu⸗ ſammenziehen, deſto verlangender ſchauen wir nach ſol⸗ chen Sternen aus.“ „Die Vorſehung, die Sie Gott nennen, wird Ihre Hoffnungen ſtürzen,“ meinte ſie verächtlich.— „Es ſitzen die Götter der Vorſehung oft lange zu Gericht, ehe ſie zur Vernichtung ſchreiten!“— „Sie gefallen ſich in Hyperbeln! Ich halte eine ſolche gefahrdrohende Gerechtigkeit Gottes durchaus nicht für nöthig. Oswald ſcheint Sie anzuſtecken mit ſeinen patriotiſchen Klageliedern. Wer ſich mit trotziger Bitterkeit gegen die Vorzüge einer Weltumwälzung verſchließt, dem iſt nicht zu rathen und zu helfen.“ 1 „Wo ſuchen Sie denn dieſe gerühmten Vorzüge, Theuerſte?“ fragte der alte Herr, plötzlich vor ſeiner Gattin ſtehen bleibend. Ein halb verlegenes, halb geringſchätzen⸗ des Lachen war zuerſt ihre Antwort, dann ſprach ſie mit ſpöttiſcher Feierlichkeit: „Sie erlauben, daß ich Sie auf den Auſpruch der ſeligen Königin Luiſe verweiſe, die nach dem Einzuge der Franzoſen in ihr eigenes Reich ſagte: man müſſe den Fingerzeig Gottes in den Erfolgen Napoleons anerkennen; die alte Ordnung habe ſich überlebt und müſſe durch eine E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. I. 8 114 gewaltige Kraft geſtürzt werden, um neuen, freieren Zu⸗ ſtänden Platz zu machen.“ „Ganz richtig!“ fiel Ettershaiden mit edlem Eifer ein und die Erinnerung an die Monarchin, die das Un⸗ glück ihres Landes mit ihrem Leben bezahlt hatte, färbte ſein altes Geſicht mit dem Zauber der Begeiſterung:„Ganz richtig, die Königin beurtheilte mit ſeltener Einſicht und Klugheit die Gebrechen der Zeit und die Fehler der Staatsverwaltung, aber ihr frommer Sinn uahm nur geduldig die Lehren hin, die das Geſchick ihr durch die Perſon Napoleons ertheilen ließ. Sie war weit davon entfernt, Vorzüge zu verkennen, die ſich auf die Herr⸗ ſchaft Napoleons bezogen, ſie hielt ihn nur für das Werk⸗ zeug in der Hand Gottes, erklärte aber, ſtreng unter⸗ ſcheidend, für eine Läſterung, wenn man behaupten wolle, Gott ſei mit ihm.“ „Es wird dem großen Napoleon ziemlich gleich ſein, ob er unter Gottes Beiſtand ſeine Siege erfochten hat,“ antwortete die Dame ſpöttelnd.„Er hat ſie erfoch⸗ ten und er wird die Herrſchaft der Gewalt ohne Gottes Schutz befeſtigen.“ „Freveln Sie nicht!“ rief Herr von Ettershaiden em⸗ pört.„Es wird eine Zeit kommen, die Ihnen die Ueber⸗ zeugung beibringt, daß nur Wahrheit und Gerechtigkeit des Höchſten Schutz beanſpruchen darf und der Kaiſer der Franzoſen weder von Wahrheit, noch Gerechtigkeit etwas —.,— 115 weiß. Er handelt nach den Eingebungen eines ungemeſfe⸗ nen Ehrgeizes, iſt von ſeinem Glücke verblendet, verliert die Kraft, Maß und Ziel zu halten und ſtürzt dadurch das ein, was er, mit dem Uebermuthe des Siegers, als uner⸗ ſchütterlich feſt anſieht.“ „Dazu iſt der große Mann zu ſchlau, zu vorſichtig und zu politiſch erfahren!“ wendete Frau von Ettershaiden nachläſſig ein.„Eine Weltherrſchaft ſchaffen zu können, iſt ſchwerer, als ſie zu halten und ſollten ſich auch Tau⸗ ſende von kleinen Geiſtern, wie Oswald, daran verſuchen, die Macht Napoleons zu brechen, ſo wird er es lachend zu vereiteln wiſſen.“ „Und ich erwiedere Ihnen, eine Weltherrſchaft ha l⸗ ten zu können, dazu gehört der Beiſtand eines höheren Weſens, um nach ſeinen Geſetzen den Geiſt zum großen Werke läutern und die Neigungen und Begierden zügeln zu helfen, welche die Sicherheit der Herrſchaft bedrohen.“ „Wir werden ja ſehen, daß ſich Alles der neuen Welt⸗ ordnung fügen lernt,“ entgegnete die Dame.„Was uns Annehmlichkeiten verſpricht, lernen wir bald lieben!“ „Iſt das eine Erfahrung aus Deinem Leben, Bella?“ fragte Ettershaiden zum Tone der Vertraulichkeit überge⸗ hend. Sie erröthete unter der Schminke und ſprach leichthin: 1 „Vielleicht! Wagen Sie es mit mir, Ottomar, ver⸗ ſuchen Sie die Freuden des Kaffeler Hofes und ich wette, — 8* 116 Sie ſind in kurzer Zeit mit Allem ausgeſöhnt, was Sie jetzt widerwillig betrachteten.“ „Sie irren ſich Bella! Mir ſteht nichts zur Seite, was mich mit dem dortigen Leben ausſöhnen könnte. Sie haben im Sinne, im Glanze des etwas fremdartigen Welt⸗ lebens dort, die Macht Ihres Ich's zu erproben und ich? Nun mich verlangt nach Frieden! Mein Herz iſt müde und verlangt eine ruhige Behaglichkeit, wie ſie in einer Häus⸗ lichkeit zu finden iſt, welche nicht vom Sturme böſer Laune heimgeſucht wird. Ich hätte früher bedenken ſollen, daß ſich unſere Wege einſt ganz naturgemäß ſcheiden wür⸗ den. Sie ſtanden im Frühlingsſchmucke der erſten Blüthe, als ich, an der Gränze des Herbſtes angekom⸗ men, mit dem Wahnſinne ungezügelter Leidenſchaft um Ihre Liebe warb.“ Er war verſtummt, von dem Rück⸗ blicke in jene zauberiſch ſchöne Zeit tief ergriffen auf einige Momente und ſchritt lebhaft durch's Zimmer. Frau von Ettershaiden lehnte ſich, ein klein wenig gelangweilt, auf die Rücklehne eines hohen Seſſels. „Ich will nicht behaupten, daß es mich reuet, Dir mein Herz ſo ganz ausſchließlich geweihet zu haben,“ be⸗ gann Ettershaiden wieder, und ſeine feſte, klangvolle Stimme wankte noch unter den Schwingungen der Ge⸗ müthsregung.„Nein Bella— ich bereue nichts davon, denn ich war glücklich in meiner Liebe, glücklich in der Hingebung, die Du mir weiheteſt. Aber ich trage, trotz⸗ -—— -—— 117 dem ich nichts bereue, meine jetzigen Erfahrungen, als eine ſchwere Buße, aber klage mehr mich, als Dich an.“ „Im Grunde ſind dieſe Anklagen ganz unnütz,“ fiel die Dame ein.„Ein wenig Biegſamkeit des Cha⸗ rakters würde Alles ausgleichen können!“ „In ſolchen Fällen iſt Biegſamkeit des Charakters nichts Anderes, als Schwäche!“ „Schwäche harmonirt beſſer mit dem Alter, als Starrſinn!“ „Schwäche, welche die Ehrenhaftigkeit beeinträch⸗ tigt, iſt verächtlich!“ „Nun, dann mögen Sie die Schwäche ‚Gefällig⸗ keit“ nennen!“ „Und wenn mein König und Herr vor mir ſtände und mich fragte: Ettershaiden, wie konnteſt Du Dich durch ‚Schwäche“(oder wie Du meinſt) durch Ge⸗ fälligkeit gegen Deine Frau’ zu einem Schritte verlei⸗ ten laſſen, der mir den Schmerz bereitet, der Treueſten Einen vom Hofe Preußens an das Hoflager deſſen über⸗ gehen zu ſehen, welcher mich gedemüthigt und beraubt hat? Nun Bella? Was könnte ich meinem Könige und Herrn darauf antworten?“ „A bah! Sie verirren ſich ſtets in patriotiſche Je⸗ remiaden, wenn man mit Ihnen vernünftig reden will,“ ſprach die Dame ausweichend. Ettershaiden, der mit vollem Herzen geſprochen und eine ſolche Antwort nicht erwartet hatte, verließ, ohne weiter ein Wort zu ſagen, den Empfangsſalon und verfügte ſich in den Garten, als müſſe er Gottes freie Luft athmen, um nicht an der Frivolität ſeiner Gattin zu erſticken. Einigermaßen beſchämt zog die Dame ſich in ihr Boudoir zurück und wenn ſie nicht noch allzu⸗ feſt in den Feſſeln ihrer Selbſtſucht geſchmiedet gewe⸗ ſen wäre, ſo hätte dieſe erſte Regung ihres Gemüthes gute Folgen haben können. Schnell durchſchritt während deſſen der alte Herr die Boskets und bog in den anmuthigen Laubgang ein, der zu dem Parke führte. Hier erſt mäßigte er ſeinen Schritt und ging langſamer unter den rauſchenden Bäu⸗ men fort, die ihm Frühlingsahnungen zuzuflüſtern ſchienen. Die heilige Einſamkeit um ihn her regte ihn auf, ſtatt ihn zu beſchwichtigen. Es war ein Hauch der Ewig⸗ keit in dem Murmeln und Lispeln, das aus dem Laube hervordrang— es war ein Geiſterweſen, das die Blätter der Bäume und Sträucher leicht bewegte. Wie eine Mahnung traf der Geſang der Vögel ſein Herz. Hier hatte er ſeinen Söhnen, als ſie noch kleine Knaben waren, gelehrt, die kleinen gefiederten Sänger am Tone zu unterſcheiden. Ein leiſes Weh, der Sehnſucht gleith, durchrie⸗ ſelte ihn. Seine Söhne waren ihm vorangegangen in 119 die Ewigkeit— ob er ſie wiederſehen würde? Ob Gott in ſeiner Weisheit eine Wiedervereinigung nach dem Tode angeordnet hatte? Bis jetzt hatte Ettershaiden wenig über die Leh⸗ ren des Chriſtenthumes nachgedacht und im Grunde nie an die göttlichen Hoffnungen geglaubt, zu denen ſich der Chriſt bekennt. Ihn befriedigte der Glaube, daß der Menſch im Grabe vergehe und nur ſein Andenken auf der Erde das Unſterbliche an ihm ſei. Zum erſten Male ergriff ihn der Gedanke an dies ſpurloſe Ver⸗ ſchwinden eines Weſens, das eine Spanne Zeit auf der Erde gewirkt hatte, mit tiefem, ſchauderndem Unbe⸗ hagen. Im Grabe ruhend, aller Erdenherrlichkeit ent⸗ kleidet— wer würde ſeiner freundlich gedenken, da er⸗ Niemand in der großen weiten Welt mit inniger Theil⸗ nahme umſchloſſen hatte? Das Weſen, das er feurig geliebt, wendete ſchon jetzt den Blick kaltſinnig von ihm, wenig geneigt, mit ſanftem Mitgefühl und zartem Er⸗ barmen die Gebrechlichkeiten zu ehren, die ſein Alter mit ſich brachte. Von ihr, von ſeiner Gattin, von der Gefährtin ſeines irdiſchen Daſeins konnte er nicht hoffen in frommer Andacht gefeiert zu werden, wenn ſein Auge Zur ewigen Ruhe ſich ſchloß. Im Verkehre der großen Welt ſchließen ſich die Bande der Freundſchaft nicht feſt. Man iſt mit Allen denen gut Freund, die nicht gerade in Oppoſition zum 120 gefelligen Cirkel ſtehen. Ettershaiden hatte niemals das Verlangen gefühlt einen Freund zu haben, dem er in feſter Liebe das an's Herz legen könne, was ihn be⸗ trübte. Aber in der Einſamkeit dieſer Stunde, unter den unruhigen Betrachtungen über die Vergänglichkeit des Lebens regte ſich der Wunſch, in treuer Freundſchaft Troſt ſuchen zu können. Er ſah ſich im Geiſte um nach einer verwandten Seele— troſtlos ſank ſein Blick! Er wußte Niemand in der großen, weiten Welt, der ſich ihm mit Herzlichkeit gewidmet hätte. Gebeugt unter der Laſt des Bekenntniſſes, daß er ſchon auf der Erde aus aller Gemeinſchaft mit den Lebendigen getreten ſei, daß ſein Tod von keinem Men⸗ ſchen betrauert, daß er ſpurlos und unbeklagt vergehen werden würde, daß er aber ſein Schickſal verdient habe, weil er kühl, ſchroff und abgeſchloſſen ſeinen Weg durch's Erdenleben gewandert ſei, gebeugt unter der Laſt dieſes Bekenntniſſes, welches ſeine ſtolze Selbſtgenügſamkeit zu Boden warf, erſchien ihm ſein Daſein ſo werthlos, ſo völlig unnütz und freudlos, daß er ſich mit bitterer Empfindung einem wandelnden Geſpenſte verglich, mehr zur Furcht, als zur Freude der Menſchheit erſchaffen. Aus dieſen Träumen, die wahrlich nicht beneidens⸗ werth waren, weckte ihn ein liebliches Lachen, ein heiteres Sprechen. Er blieb ſtehen. Wie ein Erwachender ſah er um ſich. Mein Gott, er lebte ja noch! In rüſtiger 121 Geiſtes⸗ und Körperkraft ſchritt er noch dahin— ſollte es denn unmöglich ſein, die Schleier des Mißmuthes zu heben und in neuer Thatkraft eine neue Bahn zu einem ſtillen, befriedigenden Leben zu finden? Wieder ertönten die lieblichen Stimmen. Er wußte, daß es ſeine Pflegetöch⸗ ter waren, die da lachten und ſchäkerten, die mit ihrem Frohſinne den Park belebten, aber dennoch nahm er dieſe Menſchenſtimmen für die der Engel aus Himmelshöhen, die ihn zu belehren kamen, daß er noch viel zu ſäen und viel zu ernten habe auf Erden, wenn er es nur richtig anfangen wolle. Eine ſeltſame Beſchwichtigung floß über ſein verwundetes Herz. Sein Pfad war nicht ſo einſam, wie er im ſchweren Traume angenommen hatte. Zwei junge Seelen waren ſeiner Pflege anvertraut, zwei Blüthen, aus verſchiedenem Boden, aber beide darnach, das Entzücken ſeines Herzens zu werden, wenn er ſie in Seelengüte an ſich zog und ihre Freu⸗ den mit den ſeinigen miſchte. Noch eben dem wirklichen Leben weit entrückt und im Geiſte elend, einſam und jeder Lebensluſt bar, umfing ihn jetzt, mit der Erkenntniß ſeiner Vaterpflicht für die verlaſſenen Waiſen, ein Zauber, welcher tiefe Quellen des Troſtes in ſich barg. Dieſer ſüße, geheim⸗ nißvolle Zauber war über ihn gekommen beim bloßen Klange holder Menſchenſtimmen. So mußte das Ge⸗ fühl der Mutter ſein, die beim erſten Laute ihres neu⸗ 12² geborenen Kindes die vielen grauſamen Schmerzen ge⸗ ring anſchlägt, die ſie bis dahin getragen. Ettershai⸗ den dachte dergleichen und lächelte. Dies Lächeln blieb auf ſeinem Geſichte ſtehen, wie ein Widerſchein von innern Sonnenſtrahlen. Was er Alles im langen Le⸗ ben eingebüßt hatte, erſchien auch ihm gering, als er ſich in Betrachtungen verſenkte, die ſeine Fähigkeit er⸗ wogen„glücklich machen und glücklich werden zu kön⸗ nen.“ Alles wurde von dem Lichte des Gedankens über⸗ ſtrahlt, daß er noch ſchaffen, wirken, handeln und ath⸗ men könne ſich und Andern zum Nutzen und zur Freude. Und war dann ſein Sterben ſo traurig, ſo öde, ſo verkümmert von der Gleichgültigkeit derer, die an ſeinem Sterbelager ſtehen mußten der Welt und ihrer Pflichten halber? O, ſein Blick hob ſich und ſeine Bruſt erweiterte ſich unter mächtigen Athemzügen, denn eine innere Stimme antwortete laut und feierlich auf die ſtumme Frage und ſie verhieß ihm die Liebe der kindlichen Mädchenherzen, wenn er mit Vaterliebe ſeine Arme öffnen und die Schranken der Würde und des ſtreng ge⸗ forderten Reſpectes niederreißen wolle. Ein ſchönes, reiches Feld zur Thätigkeit eröffnete ſich vor den Blicken des Mannes, welcher im Hofleben das reine Wnhlwollen für die Geſchöpfe Gottes verlernt hatte, um es im ſpäten Alter als einen Rettungsanker zu ergreifen, als er im Wirbel des Trübſinnes zu verſin⸗ 123 ken drohete. Die Erſchütterungen ſeines Gemüthes wa⸗ ren ihm zur Wohlthat geworden. Sie hatten das Be⸗ wußtſein in ihm geweckt, daß das Leben des Menſchen zu beklagen ſei, deſſen Tod nicht beklagt und beweint werde. V. Capitel. Zwei Waiſen. Flüchtig wie ein Reh war das junge Mädchen, welches der Frau von Ettershaiden als Vorleſerin ge⸗ dient hatte, nach dem Garten hinausgeeilt und war alsbald in dem Laubgange verſchwunden, der zum Parke mit ſeinen Schlangenwindungen führte. Sie erreichte ſehr bald einen Raſenplatz, in deſſen Mitte ein Kaſta⸗ nienbaum ſeine Aeſte ſo breit ausſtreckte, um einem hübſchen Ruheſitze hinreichenden Schatten zu gewähren. Unter dieſer Kaſtanie ſaß ein zweites junges Mäd⸗ chen, das ſich überraſcht von ihrem Sitze erhob, als die Vorleſerin mit einem heitern Zuruf aus dem ſchma⸗ len Buſchgange daherſtürmte und ſogleich ihre Arme um den Hals ihrer Freundin ſchlang. Liebreich umfing 125 dieſe das athemloſe Mädchen und fragte mit ſanfter, höchſt wohllautender Stimme:„Schon fertig, Fides?“ „Nicht fertig, Melitta— nicht fertig, aber in Gna⸗ den entlaſſen vom geſtrengen Herrn Vormund, weil ein Beſuch angemeldet iſt!“ „Wer kommt denn?“ forſchte Melitta ohne beſon⸗ dere Neugier. „Das weiß ich nicht! Ich hörte nur beiläufig, daß ein Courier dageweſen ſei! Wenn nur immer Beſuch kommen wollte, dann brauchte ich doch nicht zu leſen, rief das junge Mädchen mit komiſchem Eifer. Melitta lachte und ſtrich ſchmeichelnd über ihr heißes Geſicht. „Die Tante meint's gut, daß ſie Dich franzöſiſch leſen läßt,“ ſprach ſie beſchwichtigend. „Meinſt Du?“ fragte Fides ſchelmiſch. „Freilich! Es iſt ja möglich, daß Du franzöſiſch ſprechen mußt, wenn Du älter wirſt und in ſpätern Jahren lernt es ſich ſchwer!“ „Wie weiſe!“ antwortete Fides neckiſch, die Arme über einander kreuzend. Melitta ſah ſie an und war im Begriff, etwas Ernſtes zu erwiedern, kam aber nicht dazu, ſondern brach in ein helles Gelächter aus, als ſie gewahrte, daß das übermüthige Mädchen ein Geſicht machte, wie ſie es ihrem geſtrengen Herrn Vormund ab gelauſcht haben mochte. „Du lachſt!“ ſprach die kleine Schauſpielerin und hob gravitätiſch ihr Köpfchen.„Mir iſt ſehr ernſt zu Muthe, denn ich weiß, daß ich nur franzöſiſch leſen muß, wenn die gnädige Frau von Ettershaiden böſer Laune iſt und leider iſt ſie dies ſehr oft in letzter Zeit, alſo muß ich leider auch oft franzöſiſch leſen. Gott beſſere es ler Melitta mußte wohl einſehen, daß dieſe Behauptung wahr ſei. Sie antwortete zwar nicht, ſchaute aber mit be⸗ ſonders mitleidigem Blicke ihrer Gefährtin in’s Auge und lächelte recht troſtvoll. Fides veränderte augenblicklich ihr Mienenſpiel. Hell, fröhlich, keck und zuverſichtlich leuchtete es in ihrem Blicke auf, als ſie jetzt rundum ſah und aus⸗ rief:„Wenn ich erſt immer wieder bei Dir bin, dann weiß ich nichts mehr von den böſen Launen Deiner gnädigen Tante! Komm Melitta— laß uns Dotterblumen pflücken und Kränze winden! Sieh nur, wie blitzvoll der Raſen ſteht— auch roſenrothe Gänſeblümchen und Kukuksblu⸗ men giebt's in Menge! Komm'!“ Sie ſprang auf, riß Melitta, die ſich ehrbar etwas ſträubte, auf das Gras nieder und begann Blumen zu ſuchen, die ſie ihr in den Schooß warf. Wie die beiden Mädchen im Graſe ſaßen, gaben ſie eine allerliebſte Gruppe ab. Beide, vom Morgenrothe der Jugend überglühet, ſonſt aber ſo verſchieden, wie nur zwei Mädchengeſtalten es jemals ſein können. Fides, etwas kleiner und einige Jahre jünger, als Melitta, war blond und blühend— Melitta brünet und blaß. Aus dem 127 Antlitze der Erſtern ſtrahlte eine kecke, friſche Lebenskraft, während auf Melitta's bleicher Stirn Ruhe, Sanftmuth und Feſtigkeit theonte. Der erſte Blick auf Fides belehrte den ſeelenkundigen Beobachter, daß ſich in ihrem Innern gute und böſe Wallungen beſtändig jagten, daß ſie in die⸗ ſem Augenblicke zu den größten Opfern bereit ſein könne und ſie im nächſten Momente bitter bereue. Weniger ſicher war man über Melitta's inneres Le⸗ ben. Ihr Auge zeigte ſich ruhig, aber ausdrucksvoll, ohne in den Fehler zu verfallen, der Fides Augen charakteriſirte. Ein ſtilles Feuer blitzte freilich in unbewachten Augen⸗ blicken darin auf, doch niemals verrieth ſich ihr Zorn oder ihr Entzücken in ſolchem Grade, wie bei ihrer Freundin. Me⸗ litta verſtand es ſchon, die Bewegung ihrer Seele zu dämpfen und die Stürme in ihrem Herzen zu überdecken. Zwei Jahre zählte ſie nur mehr, als Fides, aber ihre größere, etwas feſtere und vollere Geſtalt, ſo wie der ge⸗ haltvolle Ernſt ihres Weſens ließen ſie um ſechs Jahre äl⸗ ter erſchienen. Ihre Bildung war gediegener, ihr Verſtand gereifter, als man von einem achtzehnjährigen Mädchen er⸗ warten konnte. Sie fügte ſich aus Klugheit in die Eigen⸗ thümlichkeiten der Verwandten, die ſie in einem Anfalle von Gnade und Wohlwollen in ihr Haus aufgenommen hatten und da ſie nie ein Wort des Mißfallens, nie ein Wort der Klage hören ließ, ſo glaubte ihre Umgebung, daß ſie ſich ſehr glücklich in ihren Verhältniſſen fühle. Ob ſich 128 nicht tief im Junerſten ihres Herzens ein Troſt vorfand, der ihr eine baldige Erlöſung aus der unerquicklichen Atmo⸗ ſphäre verhieß, worin ſie mehr vegetirte, als lebte, darüber konnte natürlich, bei ihrem verſchloſſenen Weſen, Niemand urtheilen. Fides hingegen war nicht immer im Stande, den feindlichen Elementen, die ihren Jugendfreuden entgegen⸗ wirkten, gehorſam und duldend zu begegnen. Sie trotzte ſehr häufig den herzloſen Zurechtweiſungen der Frau von Ettershaiden und fand in dem ſtrengen Reglement aller Familienverhältniſſe einen unerträglichen Despotismus des Herrn Vormund. Aber mitten in ihrem Zorne konnte ſie lächeln, wie ein glückliches Kind, wenn dieſer geſchmähte. Herr Vormund ſeine Hand auf ihren Kopf legte und ihr zornrothes Geſichtchen mit der andern Hand zu ſich empor⸗ hob. Die Eigenartigkeit ihres ganzen Charakters ſprach ſich in dieſem ſchnellen Wechſel aus. Es war eine gewiſſe heiße Liebesbedürftigkeit in ihrem jungen Herzen, die ſich überall, nur nicht bei Melitta, unbeachtet fand. Darüber empört, von dem nicht richtig begriffen zu werden, dem ſie im Grunde mit der ganzen Innigkeit eines Kinderherzens an⸗ hing, ſchmolz demnoch dieſe Empörung im Nu vor der kleinſten Freundlichkeit, welche ihr vom geſtrengen Herrn Vormund erzeigt wurde. Melitta, mit feinem Sinn be⸗ gabt, bemerkte ſehr bald, daß Herr von Ettershaiden einen Unterſchied zwiſchen ſeinen Pflegetöchtern machte und wenn 129 Fides im brauſenden Unwillen behauptete, daß ſich Me⸗ litta der beſondern Gunſt der Hausherrin erfreue, ſo bewies ihr dieſe, in bündiger Weiſe, die Vorliebe des Hausherra für ſie. Fides war ſpäter in die Familie des Herrn von Etters⸗ haiden gekommen, als Melitta, die, als die verwaiſete Toch⸗ ter des Legationsrathes von Wangera, einen gewiſſen An⸗ ſpruch auf den Schutz des alten Herrn hatte. Ganz anders war es mit Fides. Man kannte weder die Eltern, noch die nähern Verhältniſſe dieſer kleinen Waiſe. Sie war eines Tages vom Oberhofjägermeiſter ſeiner Gattin als Fides Tyrnau vorgeſtellt und trotz allen Sträubens der gnädigen Frau, die gegen die kleine Bürgerliche einen ſtarken Wider⸗ willen empfand, der andern Pflegetochter zugeſellt. Nach dem vergeblichen Kampfe gegen ihre Aufnahme in die Fa⸗ milie blieb der ſtolzen Dame kein anderes Hilfsmittel, ſich der Geſellſchaft des hübſchen, trotzigen Bürgerkindes zu ent⸗ ziehen, als daſſelbe in die Domeſtikenſtube zu verweiſen. Ihre Nerven mußten den Grund dazu herleihen.„Die Lebhaftig⸗ keit der Kleinen mache es ihr unmöglich, ſie um ſich zu dul⸗ den,“ ſo lautete ihre tägliche Klage, bis Melitta ſich mit frühreifer Energie in's Mittel warf und dem Herrn Onkel die Augen über die Maßregeln ſeiner Frau öffnete, womit ſie ſich der ihr aufgedrungenen Pflicht, für die Kleine zu ſorgen, entledigt hatte. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr Me⸗ litta von ihrem entrüſteten Oheime, daß ihm Fides von E, Fritze: Die Herren v. Ettershaiden, I. 9 130 einer Dame au's Herz gelegt ſei, die mit reichen Mitteln ausgeſtattet, die Aufnahme ihrer Kindes in ſeine Familie bevorwortet habe, als ſie ihn zum Verwalter des bedeuten⸗ den Vermögens ernannt und ihm Vaterrechte und Vater⸗ pflichten eingeräumt hätte. Mit edler Zuverſicht habe die ſterbende Mutter der kleinen Fides Tyrnau ſein Ehrenwort entgegengenommen, ſorgfältig über das Kind und über das Vermögen des Kindes zu wachen und er wolle mit Hintenanſetzung jeder Rückſicht dafür Sorge tragen, daß die Kleine gleich ſeiner andern Pflegetochter gehalten werde. Nach dieſer Erklärung warf ſich Melitta zur Be⸗ ſchützerin ihrer Pflegeſchweſter auf und duldete nicht, daß ſie ihr im Geringſten nachgeſetzt wurde. Mit eiſerner Be⸗ harriichkeit verwaltete ſie dies übernommene Amt und ſie entwaffnete dadurch ſehr bald die Gehäſſigkeit der abſicht⸗ lichen Trenaung, welche Frau von Ettershaiden angeord⸗ net hatte. Dre beiden Waiſen erhielten eine gleiche Erzie⸗ hung, ſie erhierten gleichmäßig vertheilte Rechte und ſie liebten ſich ſeit der errungenen Gleichſtellung weit inni⸗ ger, als zuvor. 3„,. Im Laufe der Jahre hatte ſich im Gerücht über Fides Herkunft verbreitet, von dem Niemand wußte, wie es ent⸗ ſtanden ſei. Man theilte ſich in vertraulichem Zuſammen⸗ ſein mit, daß ein Geheimniß über dieſer hübſchen Kleinen ſchwebe, das ſich erſt bei ihrer Verheirathung löſen werde. ligg den Blick zu dem Blätterdache der ſchönen Kaſtanie 8 9* Wurde der alte Herr von Ettershaiden in günſtigen Mo⸗ menten nach der Wahrheit dieſes Gerüchtes befragt, ſo er⸗ klärte er mit Freimuth, nichts weiter zu wiſſen, als daß ein ge⸗ richtliches Document über Fides Tyrnau, ihre Abſtammung und ihre Anſprüche an das Vermögen betreffend, in dem Archive eines Kloſters aufbewahrt werde. Ein einziges Mal hatte er ſich von einem gewiſſen Eifer hinreißen laſſen, hinzuzufügen, daß ihm vom Beichtvater der ſterbenden Mutter die heilige Verſicherung gegeben wäre: nur ein Schwur halte die Dame ab, ihm volles Vertrauen zu ſchenken. Von dieſen Geheimniſſen wußte Fides aber nichts. Sie hatte nur ſchwankende Erinnerungen aus ihren Kin⸗ derjahren. Im ſiebenten Jahre war ſie ihrem Vormunde übergeben. Wo ſie gewohnt hatte vor dieſer Zeit, wußte ſie nicht. Einen Vater hatte ſie nie geſehen. Einer Mut⸗ ter, die ſich ſehr viel mit ihr beſchäftigt, und ſie recht zärt⸗ lich geliebt habe, erinnerte ſie ſich bisweilen lebhaft. Aber ganz beſonders hatte ſich ihrem Gedächtniſſe der Tod und das Begräbniß derſelben eingeprägt. Es reichten häufig nur ganz geringe Dinge hin, dieſe Erinnerung in ihr auf⸗ zufriſchen und dann entrollte ſie in glühender Beredſamkeit das ganze, traurige Gemälde aus ihrer Jugendzeit. „Siehſt Du, Melitta,“ ſprach ſie auch in dem Mo⸗ mente, wo ſie Blumen im Graſe pflückte und dabei zufäl⸗ 132 emporrichtete, die ſich in ihrer vollſten Blüthenpracht be⸗ fand. Siehſt Du, Melitta, es muß doch im Frühlinge geweſen ſein, als meine liebe Mama begraben wurde, denn ich erinnere mich, daß ich von meiner Bonne verlangte, ſie ſolle meiner Mama ſolche Lichtkronen um ihr ſchwarzes Bett ſtecken, damit es nicht ſo traurig ausſehe. Grad' vor unſerm Fenſter blühete ein ſolcher Kaſtanienbaum und wenn die Sonne auf ſeine Blumen ſchien, dann war mir's immer, als ſei das ein großer mächtiger Weihnachtsbaum mit tau⸗ ſend Lichtern beſteckt. Ach, nimmer werde ich das Entzücken vergeſſen, womit ich im erſten Frühlinge, den wir hier ver⸗ lebten, den Kaſtanienbaum begrüßte, der plötzlich mit ſei⸗ nen aufgegangenen Lichtkronen vor mir ſtand, als ich mich eines Tages allein hieher wagte!“ „Arme Kleine!“ flüſterte Melitta und ſtrich liebko⸗ ſend über das Geſicht ihrer Gefährtin. „O, in dem ſchönen Momente war ich gar nicht arm zu nennen,“ entgegnete Fides mit flammenden Au⸗ gen.„Ich hatte niemals einen blühenden Kaſtanien⸗ baum anderwärts erblickt und glaubte nun feſt an eine Erſcheinung meiner ſeligen Mama, die mit dieſem Baume zuſammenhängen mußte. Still ſetzte ich mich dort drü⸗ ben in's Gras und wartete, ob Mama kommen würde.“ „Sie kam nicht, Fides, aber ich kam und holte Dich! Weißt Du das auch noch?“ „Ganz genau! Du trateſt durch jenen Gang dort auf den Raſenplatz!“ Melitta lächelte ſchwach und neigte den Kopf zur Beſtätigung. „Sieh, Du haſt doch wenigſtens eine ſchwache Idee von Deiner Mutter,“ ſagte ſie dann ſchwermüthig,„aber ich habe meine Mutter gar nicht gekannt! Mein Vater ſagte mir oftmals in meiner Kinderzeit, daß ich ſehr gut, ſehr fromm und edel leben müſſe mein Lebelang, denn als ich das Licht der Welt erblickt habe, ſei ein Engel zum Himmel aufgeſtiegen. Früher verſtand ich dieſe Worte nicht ganz, aber jetzt weiß ich, daß meine Mutter bei meiner Geburt geſtorben iſt.“ Fides erhob ſich aus ihrer halb liegenden Stellung, legte die Arme auf Melitta's Knieen, faltete ihre Hände und ſah der Freundin beweglich in's Auge. „Warum uns Gott wohl unſerer Mütter beraubt haben mag?“ fragte ſie leiſe und traurig.„Wir könn⸗ ten doch eben ſo gut eine Mutter haben, wie andere Mädchen? „Laßt uns nur unſer Schickſal geduldig ertragen,“ antwortete Melitta ſanft.„Da wir keine Mutter haben ſollten, ſo iſt es doch ſehr gut vom Vater im Himmel, daß er uns zuſammengeführt hat.“ „Gewiß, das iſt ſehr, ſehr gut vom lieben Gott!“ ſprach Fides feierlich.„Aber wir müſſen uns nun auch 134 nie von einander trennen, Melitta! Du mußt bei mir bleiben— mußt niemand lieben, außer mir— Du lachſt?“ Melitta erröthete ſtark, aber lachte wirklich mehr, als ſich mit der feierlichen Stimmung vertrug, in die ſie Beide verſunken geweſen waren. Sie umfaßte Fides, die ſich ſchmollend wegge⸗ wendet hatte.„Kleine Thörin!“ flüſterte ſie, ihr Ge⸗ ſicht auf den Scheitel derſelben legend. „Nein Melitta, damit beſänftigſt Du mich dies Mal nicht,“ erwiederte Fides feſt.„Ich habe mir längſt vorgenommen, mit Dir in einen feſten Freund⸗ ſchaftsbund zu treten und dieſen Bund feierlich zu be⸗ ſchwören!“ Jetzt lachte Melitta recht herzhaft und blickte ihrer Pflegeſchweſter ſchäkernd in's Geſicht.„Iſt es aber nicht furchtbar lächerlich, Kleine, wenn zwei Mädchen ſich Treue ſchwören wollen?“ fragte ſie. Fides öffnete ihre ſtrahlenden Augen ſehr weit und erwiederte mit allen Anzeichen einer ausbrechenden innern Empörung:„Du ſpotteſt über meine heilige Bitte, Melitta?“ „Nenne es nicht Spott, liebe Fides!“ bat Melitta heiter ihrem Blicke begegnend. „Ich kann mir denken, weshalb Dir mein Vor⸗ ſchlag lächerlich erſcheint,“ fuhr Fides aufgebracht fort. 13⁵ „Aber giebt es denn nicht einen Seelenbund, der mit dem Herzen, welches wir dem Geliebten aufbewahren müſſen, gar nichts zu ſchaffen hat.“ Melitta war unter ihren Worten noch ſtärker er⸗ röthet.„Was weißt Du denn ſchon vom Herzen und vom Geliebten, Fides?“ fragte ſie abgebrochen, indem ſie ſich verlegen abwendete und von der Raſenbank aufſtand.” „O, ich weiß ſehr viel davon,“ belehrte ſie das junge Mädchen keck. Ihre böſe Laune war ſchon wie⸗ der im Abnehmen begriffen.„In dem Buche der Frau von Genlis wird ſehr viel davon geſprochen. Aber es wird auch darin behauptet, daß die Seelenliebe weit er⸗ habener ſei, als die Herzensliebe und ich habe mir des⸗ halb vorgenommen, nie mein Herz einem Manne zu weihen. In der Herzensliebe wehe ein unheiliger Trug; aber die Seelenliebe dauere ewig und ſei unwandelbar. Meine Seele habe ich Dir geweiht, Melitta, und Du ſollſt mir Deine Seele geloben— Du ſollſt mir ewig und unwandelbar zugethan bleiben— das ſchwöre mir!“ Sie hatte immer lebhafter, immer erregter und dabei feſter geredet, nun, als ſie fertig war, ſprang ſie auf und ſtellte ſich mit einem Anfluge von finſterm Trotze vor Melitta hin. Dieſe blickte mit Thränen im Auge zu ihr auf und antwortete:„Es wäre doch am Ende beſſer, die Tante ließe Dich ferner nicht mehr aus dieſen 136 franzöſiſchen Büchern vorleſen. Die Lectüre verwirrt Deine Phantaſie und zerſtört die Geſundheit Deiner Ver⸗ nunft. Der Unſinn ſolcher ſchwärmeriſcher Ueberſchwäng⸗ lichkeit paßt gar nicht für Dich. Wir wollen dahin wirken, daß die Tante ihre franzöſiſchen Lectionen aufgiebt, die nur ſchädlich auf Dein armes, kleines, deutſches Herz wir⸗ ken können. Wir müſſen ſonſt wahrhaftig erwarten, daß Du der Couſine Bianca gleich wirſt, die mit allen berühm⸗ ten Menſchen einen Seelenbund ſchließen will.“ Sie bot Fides, die ziemlich beſtürzt dieſer weiſen Zurechtweiſung horchte, die Hand dar. Fides zögerte, ſie zu ergreifen. 4 „Schlag ein, kleine Tyrnau,“ ſagte Melitta herz⸗ lich,„ich bin Deine Schweſter und will Dich lieben, wie eine Schweſter immer und ewig. Aber zu einem Schwure brauchen wir deshalb nicht zu greifen. Nun — ſchlag' ein!“ 5 Fides muſterte ſie mit einigem Stolze.„Du meinſt mir mit Deiner Weisheit zu imponiren? Ich muß lernen Dich zu entbehren, Melitta, alſo ſchlage ich nicht ein! Dein Herz wird ſich geneigter zeigen mit Oswald einen Seelenbund zu ſchließen,“ fügte ſie mit keckem Spotte hinzu. Melitta ſenkte unwillkürlich ihre Augen. „Vielleicht wäre Dir ſogar ein Herzensbund mit ihm noch lieber,“ fuhr Fides unbarmherzig fort,„aber 137 Oswald kann Dein Herz leider eben ſo wenig annehmen, wie Du meine Seele. Oswald geht fort in die weite Welt, weil er hier nicht länger ansdanern kann. Er will ſein Gut verkaufen!“ „Wie?“ rief Melitta erſtaunt.„Dawahd will ſein Gut verkaufen? Fides, iſt dies nicht eine boshafte Erfindung von Dir?“ „O, nein! Oswald will ſein Gut verkaufen— frage nur Deine Tante darnach— ſie hat es mir im Aerger verrathen.„Er will fort! Ihn empört die weſtphäliſche Königswirthſchaft— wahrhaftig, er will fort!“ ſchloß ſie eifrig. „Oswald will fort!“ wiederholte Melitta lang⸗ ſam, aber feſt und deutlich.„Sein Gut, die feſte und ſichere Stellung im Leben will er aufgeben?“ Ihre Wange wurde wieder bleich, aber ihr Auge glühete in einem ſeltſamen Feuer. Hochauf richtete ſie ihre feine Geſtalt, ſo daß ſie größer, als ſonſt erſchien. „Hat er darum von der Wichtigkeit geſprochen, das Schwanken im Geiſte zu beſiegen? Hat er des⸗ wegen es eine Wahrheit genannt, daß der heilige Zweck auch die Mittel heilige?“ Sie ſtand und ſchauete ru⸗ hig über die Gegenwart hinaus und in die Unſicherheit der Zukunft hinein. Fides betrachtete ſie mit ſtark klopfendem Herzen. Die Reue regte ſich in ihr. 138 „Meine Mittheilung hat Dir weh gethan?“ fragie ſie ſehr kleinlaut. Melitta bewegte verneinend ihr Haupt und die vorige Röthe kehrte jähe wieder in ihr blaſſes Geſicht zurück. „Deine Mittheilung hat mich nur überraſcht, Fides!“ ſagte ſie ruhig. „Oswald würde gewiß von ſeinem Vorſatze abgehen, wenn Du ihm Deine Anſichten darüber mittheilen wollteſt.“ Melitta hob ſtolz ihre Augen und ſah wieder in die Ferne. „Die Hochherzigkeit ſeines Vorſatzes iſt ſo wenig zu beſtreiten, daß jedes Wort dagegen eine Sünde wäre,“ ſprach ſie nach einer kurzen Pauſe. „Du träumſt wohl, Melitta?“ fragte das junge Mädchen erſtaunt.„Worin findeſt Du denn eine Hoch⸗ herzigkeit?“ Melitta lächelte bitter.„Aus Patriotismus einen Herd aufgeben, der durch Zufall einem fremden Herr⸗ ſcher unterworfen iſt, findeſt Du dies nicht bewunderns⸗ würdig?“ „Nein, Melitta!“ antwortete Fides, den wahren Sinn der Frage nicht begreifend, in voller Treuher⸗ zigkeit. „Nun, ſo mache Dich mit Deinen unpatriotiſchen Geſinnungen nur gefaßt auf eine begeiſterungsvolle Rüge aus Oswald's Munde!“ ſpottete Melitta in einiger Aufregung. Fides fing an zu begreifen, daß Melitta im höchſten Grade erzürnt war über Oswald's Entſchluß. In ſolcher Stimmung hatte ſie Melitta noch nie geſehen, deshalb blickte ſie verſchüchtert zu ihr auf und ſagte treu⸗ herzig: „Wir wollen doch Oswald erſt fragen, ob es auch wahr iſt, was Deine Tante wieder in Kaſſel über ihn gehört hat.“ „Wir werden Oswald nicht darüber befragen, Fi⸗ des,“ ſprach Melitta herben Tones.„Wer ſein Glück gering achtet und ſich dem Elende einer ungewiſſen Lebens⸗ ſtellung preis geben will, der mag dies mit ſich ſelbſt ausmachen.“ Sie legte ihre Hand auf den Kopf ihrer Pfle⸗ geſchweſter. Dieſe Hand war kalt und zitterte.„Nicht wahr, meine liebe Fides, Du thuſt mir den Gefallen und ſprichſt nicht ein Wort über dieſe Angelegenheit, die uns im Grunde nichts angeht. Oswald kann als Mann thun und beſchließen, was er will. Uns aber geziemt es nicht ſein Vertrauen zu erzwingen. Bevor Oswald es alſo nicht der Mühe werth hält, uns von ſei⸗ nem Beſchlüſſen in Kenntniß zu ſetzen, reden wir nicht davon. Willſt Du mir verſprechen meinen Wunſch zu erfüllen?“ ſchloß ſie mit weicher, bittender Stimme. Fi⸗ des ſchlug raſch in die dargebotene Hand ein und blickte 140 feierlich zu ihrer Pflegeſchweſter auf. Eine geiſtige Erhe⸗ bung ſtrahlte aus ihren begeiſterten Augen und malte ſich in dem raſchen Farbenwechſel ihres jugendlich friſchen Geſichtes. Mit dieſer Erhebung vereinigte ſich der Ausdruck einer weichen Hingebung, welcher die tiefe Zärt⸗ lichkeit ahnen ließ, deren dies Mädchenherz fähig ſei. In Melitta's Geſicht hingegen zeigte ſich nur jene Ruhe und Feſtigkeit, die ſie nach kurzen Kämpfen im⸗ mer bewies. Sie ſchauete mit dem Lächeln unerſchüt⸗ terlicher Sanftmuth in das Auge ihrer Freundin, das unſtät und forſchend auf ihr ruhete. Eine Ahnung der Wahrheit hatte Fides elektriſch berührt, deshalb prüfte ſie das Mienenſpiel Melitta's, um zu erkennen, ob ſie ſich nicht getäuſcht habe. Es war ihr zu Muthe, als ſei jetzt, trotz der früheren Zurechtweiſung ihrer weiſen Freundin, dennoch ein ganz neuer Bund zwiſchen ihnen geknüpft, der ein ſtilles, tief verborgenes Geheimniß hei⸗ lige und weihe. Die Sanftmuth und Ruhe in Melit⸗ ta's Geſicht machte ſie aber irre. Ihr unverſuchtes Herz kannte den Stolz verletzter Liebe noch nicht, der ſich trotzig auf den Trümmern aller zerſtörten Hoffnungen erhält und jeden Schmerz abzuleugnen verſucht. Fides kannte die Stahlkraft des Gemüthes noch nicht, die mit ruhiger Lüge eine blutende Wunde in Abrede ſtellt, um ſich nicht ſchwach zu zeigen. „Ich verſpreche Dir weder mit Oswald, noch mit — 141 irgend Jemand über das zu reden, was ich jetzt eben mit Dir verhandelt habe,“ antwortete ſie nach kurzem Beſinnen.„Und, wenn ich auch eingeſtehen wollte, daß es mir leid thut, Dich in einer Anwandlung von Ue⸗ bermuth von den Redereien über Oswald in Kennt⸗ niß geſetzt zu haben, ſo kann ich doch nicht leugnen, daß es mir in anderer Rückſicht ganz lieb iſt.“ „Warum?“ fragte Melitta in ſtolzer Heuchelei die Stirn emporhebend. Fides umſchlang raſch den Hals der Freundin und ſchmiegte wortlos die Wange an die ihrige. „Meinſt Du noch immer, ich ſolle ſeinen Ent⸗ ſchluß zu bekämpfen ſuchen?“ fuhr Melitta fort. „O nein!“ rief Fides naiv,„ich denke nur, es iſt gut, das ſchon zu wiſſen, was uns ſchmerzlich über⸗ raſchen kann.“ Melitta fühlte, daß Fides in ihrem Innern gele⸗ ſen hatte und auf dem Wege war ſie zu durchſchauen. Schnell nahm ſie eine heitere Miene an. „Du magſt recht haben, kleine Tyrnau,“ erwie⸗ derte ſie mit erzwungenem Scherze.„Mir iſt nichts verdrießlicher, als einem halben Vertrauen zu begegnen. Wäre mir Oswald's Einfall, im Lande lieber herum zu vagabundiren, als ſich der unvermeidlichen Nothwendig⸗ keit zu fügen, einem fremden Herrſcher huldigen zu müſ⸗ ſen, von der Tante mitgetheilt worden, ſo hätte ich mich 142 vielleicht vom Zorne über ſolche Pläne hinreißen laſ⸗ ſen, bittere Urtheile zu fällen, die mir nachher leid gethan.“ „Es kann aber ſein, daß Oswald Dir ſelbſt ſei⸗ nen Entſchluß heute mittheilen will,“ ſagte Fides ſorg⸗ los in den veränderten Ton Melitta's eingehend. „Möglich, ſehr möglich!“ rief Melitta.„Er ver⸗ ſprach ja, ausnahmsweiſe heute wieder zu kommen. Nun, er findet mich durch Deine Plauderei vorbereitet auf einen Vortrag über die Heiligung der Mittel zu erha⸗ benen Zwecken!“ ſpottete ſie.„Ich freue mich auf dies Probeſtück glühender Beredſamkeit!“ „Und ich freue mich darauf, daß er Dich mit we⸗ nigen Worten zu ſeiner Meinung bekehren wird!“ un⸗ terbrach Fides ſie lachend. Melitta ſchüttelte den Kopf zum Zeichen, daß ſie dagegen gewaffnet ſei. „Wenn Oswald's geiſtvolle Augen zu leuchten be⸗ ginnen, biſt Du ſchon bekehrt!“ neckte Fides weiter. „Das Herz verſteht die Sprache der Augen und der Blick zum Blicke ſchwebt wie eine Taube mit dem Oel⸗ blatte des Friedens in die bewegten Herzen.“ Ein Lächeln flog über Melitta's Antlitz und tilgte, wie plötzlicher Sonnenſchein, alle Wolken des Ernſtes und der Kümmerniß aus ihren Mienen. „Das haſt Du wohl wieder aus den franzöſiſchen Büchern der Tante gelernt?“ rief ſie in wahrhafter Hei⸗ 143 terkeit.„Du wirſt mir zu klug, kleine Tyrnau.— Ich werde ernſtlich mit der Tante ſprechen, daß ſie die fran⸗ zöſiſchen Vorleſungen einſtellt.“ „Thu das, Melitta,“ antwortete Fides.„Gelingt es Dir, mich von dieſer Marter zu befreien, ſo bete ich Dich an. Leider zweifle ich an einen günſtigen Erfolg Deiner Bemühungen.“ „Verlaß' Dich auf mein Wont, Fides, dieſe fran⸗ zöſiſchen Marterſtunden ſollen ein Ende nehmen,“ ſagte Melitta gütig, indem ſie unter das Laubdach der Ka⸗ ſtanie zurücktrat und ihre Stickerei wieder zur Hand nahm. 4 „Du überſchätzeſt Deine Macht— die gnädige Frau Tante läßt nicht ab, mich für die Leiden der gro⸗ ßen Welt auszubilden,“ entgegnete Fides altklug. Sie kam allgemach in ihre ſorgloſe Laune zurück, die von der ſeltſamen Gemüthsbewegung Melitta's unterbrochen geweſen war. Ihre Blumen zuſammenraffend, bat ſie Melitta um einige Faden Garn zum Kranzbinden und ſetzte ſich dann ſo kindlich vergnügt, als ſei gar nichts vorgefallen, ihrer Freundin gegenüber. Eine lange Zeit blieben beide Mädchen ſtumm. Fides, die noch keinen klaren Begriff über die Zwecke des menſchlichen Da⸗ ſeins hatte, überließ ſich ihren Betrachtungen über die Schönheit der einfachen Feldblumen, die ſie zu einem Kranze zuſammen zu fügen befliſſen war. Dabei dachte 144 ſie gelegentlich an die Erfahrungen, welche ſie ſo eben gemacht hatte und fand ihren Ideenkreis weſentlich da⸗ durch erweitert. Melitta aber träumte mehr, als ſie dachte. Sie lehnte ihren Kopf an den Stamm des Baumes und blickte mit dem Ausdrucke rührender Klage in das dichte rüne Laubgewölbe, das durch einige Sonnenflecken wie mit Lichtfunken durchwoben erſchien. Das junge Mäd⸗ chen ſchien dem leiſen Geſange der Vögel zu lauſchen, aber im Grunde hörte und ſah ſie nichts. Ihre Phan⸗ taſie ſchweifte in die Ferne und richtete Fragen an das Schickſal. Sie war ſich ſchon klar bewußt, daß es ein füßeres Glück auf Erden gäbe, als Blumen zu flechten und allein in der Welt zu träumen. Ihr Herz kannte ſchon die Unruhe der Liebe und in dem Schmerze, den ſie eben muthig bekämpft hatte, war ſie ſich deſſen voll⸗ kommen bewußt geworden. Von dem Standpuntkte aus betrachtet, den ſie in ih⸗ ren Mädchenbegriffen einnahm, mußte ſie allerdings eine Opferfreudigkeit, wie Oswald empfand, für eine zügelloſe Schwärmerei erklären. Was kümmerte ſie des Vaterlandes Streit, wenn nur Frieden in ihr und um ſie herum war, wenn ſich die Keime des Glückes ihren Hoffnungen gemäß entwickeln konnten. Ihr Mädchenherz, das in der Liebe ſein Heil ſuchte und zu finden berechtigt war, entflammte ſich nicht für das tragiſche Schickſal eines Gemeinwohles, 145 1 dem ſie ſtets fern geſtanden hatte, und ſie beurtheilte da⸗ nach ohne Schonung die Ruheloſigkeit ihres Vetters Os⸗ wald, die ihn in Bahnen trieb, welche ſeinen völligen Un⸗ tergang zu beſchleunigen drohten. Er vertauſchte ein harmloſes Daſein mit der Aufregung unſicherer und trü⸗ geriſcher Hoffnungen. Bedurfte es wirklich zur Ueberwin⸗ dung der politiſchen Mißverhältniſſe eines Opfers, wie dieſer junge Mann zu bringen entſchloſſen war? Konnte der Conflict ſeiner perſönlichen und politiſchen Angelegen⸗ heiten auf keinem andern Wege geſchlichtet werden? Mußte er ſein Vatererbe verlaſſen, mußte er es verkaufen, ver⸗ ſchleudern und dadurch ganz heimathlos werden? Sollte nicht dieſer plötzliche Entſchluß aus andern Quellen ent⸗ ſtanden ſein? Vielleicht um dem einförmigen Leben eines Landjunkers zu entgehen? Vielleicht, weil er die Kette einer einfachen, prunkloſen Häuslichkeit fürchtete? Viel⸗ leicht, daß er ſich geiſtig zu groß für dergleichen fand? Melitta warf ſehr hochmüthig ihren Kopf bei dieſem letzten Gedanken zurück, und wer ſie jetzt betrachtet hätte, der würde ſich überzeugt haben, daß hinter dieſem ruhigen und ſanftmüthigen Mienenſpiele auch Wallungen böſer Art verborgen ſein konnten. „Gehen wir heute zum alten Förſter Lukas?“ fragte in demſelben Augenblicke Fides, vergnügt ihren fertigen Kranz bewundernd. Melitta ſtutzte. Warum bejahete ſie denn dieſe Frage E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. I. 10 146 nicht gleich, da ein Spaziergang nach dem Forſthauſe ſie am ſicherſten einer unerwünſchten Begegnung mit Oswald überhob. Fides warf ihr einen ſchelmiſchen Seitenblick zu und ſprach weiter: „Er hat mir ſagen laſſen, daß ſeine Aurikeln pracht⸗ voll blüheten. Ich dächte, wir gingen hin, Melitta!“ .„Heute nicht!“ preßte Melitta haſtig hervor. Sie beugte ſich dabei tief auf ihre Arbeit nieder. „Weil Oswald kommen will?“ warf Fides lächelnd und fragend hin.„Nun, dann Morgen!“ „Ja morgen früh, ehe die Sonne den Thau von den Aurikeln getrocknet hat!“ erwiederte Melitta gelaſſen. Ihre Faſſung behauptete ſich wie immer. Aber Fides hatte Erfahrungen gemacht, die ihren Ideenkreis weſent⸗ lich erweitert hatten! „Wie fein Du immer das Rechte triffſt,“ rief ſie ſchä⸗ kernd.„Ja, wir gehen morgen früh zum Förſter und ſeinen Aurikeln, damit wir die Thauperlen mit den Auri⸗ keln zugleich bewundern können. Ich habe noch niemals Thautropfen auf Aurikeln geſehen, Melitta 1 Melitta erwiederte dieſe gutmüthige Neckerei nicht. Dies ermuthigte Fides fortzufahren: .„Wenn Oswald aber heute nicht kommt, ſo wird er ſich morgen herbemühen. Gehen wir dann vielleicht erſt übermorgen nach den Aurikeln?“ „Ouälgeiſt!“ ſchalt Melitta, erröthend, aber durch⸗ 147 aus nicht unfreundlich.„Du biſt ein boshafter Schelm, kleine Tyrnau! Wenn Du fortfährſt mich zu necken, ſo entziehe ich Dir meine Huld. Dann magſt Du ſehen, wie Du mit den Launen der gnädigen Frau Tante fer⸗ tig wirſt!“ Fides klatſchte mit unſchuldiger Fröhlichkeit in die Hände, ſprang auf den Tiſch; der zwiſchen ihr und Melitta ſtand und kniete dicht vor dieſer nieder, den fertigen Kranz hoch emporhaltend.„Sie zürnt! Sie zürnt— o Ihr Götter, meine ſüße Königin zürnt,“ jubelte das übermüthige Mädchen, und drückte ſchnell, ehe ſie es hindern konnte, den Kranz auf Melitta's Haupt.„Ha, wie ſchön! Wie ſchön! Du gleichſt einer Feenkönigin, die im Dunkel der Nacht dem Bekümmer⸗ ten Troſt und Hoffnung in's verzagende Herz ſtrahlt! Du gleichſt einer Heiligen im Glorienſcheine!“ „O ſtill nur! Deine Schmeicheleien bethören mich nicht!“ ſprach Melitta abwehrend, mit der lieblichen Sanftmuth, welche ihr eigen war. Fides griff während deſſen nach dem andern Kranze und ſetzte ihn auf ihren Lockenkopf. „Sieh mich an, Melitta,“ ſagte ſie mit komiſcher Verſchämtheit.„Sehe ich nicht neben Dir aus, wie ein armes verlaufenes Waiſenkind, das vom Strahlenkranze Deiner Herrlichkeit profitiren möchte?“ Sie wendete zufällig den Blick und ſah Herrn von Ettershaiden, der unterdeſſen den Raſenplatz im Parke 10 148 erreicht hatte, im Eingange des Laubganges ſtehen. Sein Lächeln gab ihr Muth. Raſch ſprang ſie vom Tiſche und eilte ihm entgegen. Wir bekommen Beſuch, Melitta!“ rief ſie frohlockend. Melitta zuckte heftig zuſammen und richtete ihr Auge ſcheu und unſtät nach der Stelle, wohin Fides lief. „Ah— der geſtrenge Herr Onkel!“ ſprach ſie aufath⸗ mend und erhob ſich in reſpectvoller Artigkeit. Fides hatte ihren Vormund kaum erreicht, ſo fiel ihr ein, daß ihr Empfang die Regeln des vorgeſchrie⸗ benen Anſtandes überſchritt und ſie blickte mit reizendem Trotze zu dem alten Herrn auf, um ſein Mienenſpiel zu prüfen. Er nickte ihr ſo freundlich ermunternd zu, daß ſie froh wurde bis in's Herz hinein. Schnell ergriff ſie ſeine Hand und ſchmiegte ſich zutraulich an ſeine Schulter. Ihre Augen blitzten vor Zärtlichkeit. Sie geſtanden ihm ohne Worte, daß ſie ihn lieb habe, trotz ſeiner ſchulmeiſterlichen Strenge und ſeiner hofmäßigen Etikette. Eine Freude, gleich dem Entzücken eines frei⸗ geſprochenen und begnadigten Verbrechers, floß durch des alten Herrn Bruſt. Wie von Irrlichtern der Träume umgaukelt hatte er ſchon eine Weile dageſtanden und die beiden hübſchen Mädchen beobachtet, die Gott ſeiner Fürſorge anvertraut hatte. Jetzt wallte der freudige Gedanke in ihm auf, daß ihm dieſe beiden Weſen in ſei⸗ nen Lebensweg geſendet ſein könnten, um ihm die trübe 149 Einſamkeit des Alters zu beleben. Er feierte in dieſem frohen Momente den Frühlingsanfang des Greiſenthums, das ſich in den unſchuldigen Freuden der Jugend zu ver⸗ jüngen ſucht. Er neigte ſein ehrwürdig Haupt und drückte ſeine Lippen auf die bekränzte Stirn des lieblichen Mäd⸗ chens, das mit Kindeszärtlichkeit einen Sturm auf die Schranken der Convenienz gewagt hatte. „Wir bekommen Beſuch, Melitta!“ rief abermals das junge Mädchen ihrer Freundin zu.„Sieh nur, der geſtrenge Herr Vormund hat ſeine Galauniform angezo⸗ gen, um uns Beſuch zu machen!“ Ueberraſcht hatte Melitta der kleinen Scene zuge⸗ ſchaut. Dieſe Weihe des Augenblickes war ihrem zarten Sinne weit bedeutungsvoller erſchienen, als dem Kinder⸗ ſinne Fides', welche die ungewohnte Liebkoſung als einen flüchtigen Ausdruck von Güte nahm. Schüchtern ſuchte Melitta's⸗Blick das Auge des Oheim's. Sie war zweifel⸗ haft, ob auch ſie in den Kreis einer geſteigerten Freundlich⸗ keit treten dürfe. Sie wußte ja längſt, daß Fides ſich der beſondern ſtillen Zuneigung des alten Herrn erfreute. Der gütige Blick, welcher ſie traf, verſcheuchte ihre Zweifel und ſie wagte es nun ebenfalls mit liebevoller Zu⸗ traulichkeit ſich zu nähern. Herr von Ettershaiden empfand ſchon jetzt, welcher Lohn ihm werden würde, wenn er den Zwang ſeiner cere⸗ monibſen Reglements aufheben und ſich einem freiern und 150 natürlichern Verkehr im Hauſe hingeben würde. Eine in⸗ nige Zufriedenheit leuchtete aus ſeinem Antlitz, eine neue Lebensluſt durchſtrömte ihn und vollendete die Revolution in ihm, die raſch und entſcheidend alle guten Eigenſchaften in ihm ſtählte. Das naturgemäße Wohlwollen für die Jugend bahnte auch ſchnell den Weg zum Verſtändniſſe ihrer Anſprüche und öffnete zugleich die Schleußen gegen⸗ ſeitigen Vertrauens. Dieſer Augenblick vereinigte ihn mit ſeinen Pflege⸗ töchtern und riß eine weite Kluft zwiſchen ihn und ſeine Gattin, welche herzlos ſeines Lebens Ende eher berückſich⸗ tigt hatte, als es Noth that. „Sie haben Beſuch gehabt, Herr Onkel?“ fragte Melitta, auf ſeinen Gallaanzug deutend. Verwundert ſenkte er ſein Auge darauf nieder. Er hatte den Beſuch des Marquis ganz vergeſſen. „Ja wohl!“ antwortete er heiter.„Der Marquis d'Eterais war bei mir. Ein ſehr liebenswürdiger Mann!“ „Natürlich! Ein Franzoſe iſt immer liebenswürdig,“ ſprach Fides ungewöhnlich vorlaut. Ettershaiden ſah ſinnend vor ſich hin.„Nein— kleine Tyrnau,“ antwortete er dann,„der junge Mann iſt ſicherlich kein Franzoſe. Sein ganzes Weſen verräth den Deutſchen.“ „ Wie? Er iſt doch ein Günſtling Jerome s!“ meinte Melitta zweifelnd. — —.— 151 „Das ſagte mir Oswald auch, allein trotzdem halte ich den Marquis für einen Deutſchen.“ „Oswald?“ wiederholte Fides, ihren Blick über Me⸗ litta's Geſicht ſendend, das eine bedeutſame Spannung verrieth.„War denn Oswald hier? Heute? Wo iſt er denn? Bei der gnädigen Frau etwa?“ fragte ſie ſo haſtig, daß ſich ihre Fragen gleichſam überſtürzten. „Oswald iſt nach Hauſe geritten. Er fürchtete mit dem Marquis zuſammenzutreffen und wollte dies vermei⸗ den,“ autwortete der alte Herr freundlich. „Melitta— dann können wir zum Förſter Lukas ge⸗ hen und ſeine Aurikeln bewundern!“ platzte Fides über⸗ müthig lachend heraus. Melitta's Geſicht war im Nu wie mit Feuergluth überdeckt. Aengſtlich blickte ſie erſt Fides, dann ihren Oheim an. Dieſer verſtand den Blick falſch. Er glaubte einer Sorge zu begegnen, daß Fides in ihrem Muthwillen ſich vergeſſen könne. „Laß ſie nur ſchwatzen, Melitta,“ ſprach er beſchwich⸗ tigend.„Es amüſirt mich!“ Im höchſten Grade von dieſem Ausbruche humaner Duldung überraſcht, ſah ihn Melitta groß an und wieder⸗ holte innerlich:„Es amüſirt ihn!“ „Es amüſirt ihn!“ dachte, ebenfalls erſtaunt, Fides. Die Mädchen wechſelten ſchnell einen Blick und wie ein 15² friſcher Lebenshauch flog es über ihre jugendlichen Ge⸗ ſichter. Melitta hatte die Kraft, ihre freudige Bewunderung zu verbergen. Fides nicht. Wie eine Offenbarung vom Himmel klang es, dies einfache Wort:„Es amüfirt mich!“ Und ſie ſollte nicht jubeln? Sie ſollte dem Licht⸗ ſtrahl nicht zujauchzen, der in ihre umnachtete Jugend drang. 8. Melitta— nun werden wir glücklich!“ rief ſie mit holder Natürlichkeit, die Hand des alten Herrn an ihre Lippen drückend.. „Ja, ja,“ erwiederte er mit bewegter Stimme,„ja mein Kind, wir wollen uns bemühen glücklich zu leben, ſo lange Gott uns Kraft und Geſundheit ſchenkt!“ Die Schranken waren gefallen. Die Gemüthsbewe⸗ gung des Herrn von Ettershaiden wurde von beiden Pflege⸗ böchtern desſelben richtig aufgefaßt. Was die Veranlaſſung zu dieſer Seelenſtimmung gegeben hatte, blieb ihnen frei⸗ lich noch ein Räthſel, aber eine Ahnung ſagte ihnen, daß die böſen Launen der gnädigen Frau Tante ſicherlich einen wichtigen Grund gehabt hätten und daß ihr Sieg das ver⸗ einſamte Herz zu denen geführt, welche ihm durch die Bande der Dankbarkeit angehörten. Die Schranken wären jedoch nicht ſo ſchnell zuſammengeſtürzt, wenn nicht der Zauber der natürlichen und kindlichen Anhänglichkeit ſich geltend gemacht hätte in dem ſchickſalsſchweren Augen⸗ 153 blicke, wo der Groll über den Abfall eines Herzens, das er für unentbehrlich zu ſeinem Glücke gehalten hatte, in einen Kampf mit ſeinem edlern Selbſt trat. Er erwachte aus der Stumpfheit einer kalten Ruhe, womit er im alten Schlendrian fortgelebt hatte; er erwachte und ſah, daß es anders um ihn her geworden war und daß er, um nicht vorzeitig als lebendig todt beſeitigt zu werden, ein neues Leben beginnen müſſe. Mit würdevoller Klugheit ſuchte er alsbald einen Uebergang dazu. Was ihm am mei⸗ ſten im Wege ſtand, war die Affectation in ſeinem bis⸗ herigen Leben, das Feſthalten an gewiſſe geſellige For⸗ men, die, als ein Abglanz der alten Hoffitte, ihn zum Könige in ſeinem Hauſe erhob und ihn auf dieſem Throne vereinzelte. Er glich in ſeinem von Etiketten lächerlich verſchanzten Zuſtande gerade den Herrſchern des alten Regime's, die ihrer Macht etwas zu verge⸗ ben fürchteten, wenn ſie lächelten, wie andere Menſchen lächeln und wenn ſie ohne Perrücke und Hermelin dem Volke ſihh zeigten. Die Ereigniſſe im lieben, deutſchen Vaterlande hätten dieſen alten ſteifen Ariſtokraten längſt überzeugen müſſen, daß die Gährung des Zeitgeiſtes be⸗ gonnen habe und nach vollendeter Abklärung im Stande ſei, viele Dinge lächerlich zu machen, die früherhin Re⸗ ſpect erzeugten.— Dieſe Ereigniſſe hätten ihm längſt beweiſen müſſen, daß Vieles eingeriſſen ſei, was auf Vorurtheile und Aberglauben gebauet war, aber er ſchloß 154 die Augen dagegen und maßte ſich an, dem Zeitgeiſte, als einem böſen Dämon, Trotz bieten zu können. Was ſein Verſtand anzuerkennen ſich weigerte, das vermittelte jetzt ſein Gemüth. Und darin glich er gu⸗ ten und rechtſchaffenen Herrſchern, die lieber Perrücke und Hermelin fallen laſſen, um den Wünſchen ihrer Unterthanen entgegen zu kommen, als ſich auf einſamer Höhe zu halten, umgeben von denen, welche Gründe haben, ihnen zu ſchmeicheln.— Nachdem Herr von Ettershaiden erſt zur Einſicht ſeines verfehlten Standpunktes im Leben gekommen war, hielt er ſich nicht lange bei bloßen philoſophiſchen Betrachtungen auf, ſondern er ſetzte in's Werk, was er durch eigene Erfahrungen gelernt hatte. Seine Reformen im Hausreglement erregten na⸗ türlich ein ungeheures Aufſehen unter der Dienerſchaft, aber er hatte ſehr bald Gelegenheit zu bemerken, daß er für den Abſolutismus ſeiner Herrſchaft ein moraliſches Uebergewicht eintauſchte, dem ſich ſelbſt ſeine Gattin nicht zu entziehen vermochte, nachdem ſie eine Weile vergeblich dagegen angekämpft hatte. Aber der alte Herr blieb bei dieſen Hausreformen nicht ſtehen. Sein Blick ſchärfte ſich unter den günſti⸗ gen Erfolgen, die er durch die Löſung alter, verfährter Vorſchriften und Geſetze errang und er richtete dieſen Blick weiter. Ohne von Staats wegen veranlaßt zu ſein, lö⸗ 155 ſete er auch die drückenden Bande der Dorfeingeſeſſenen, welche nicht blind für manche Verbeſſerungen geblieben waren, die ſich mit dem franzöſiſchen Verwaltungsſyſteme des neuen Nachbarſtaates verknüpften. Er verminderte, fürs erſte nur proviſoriſch, da ihm als Beſitzer von Lehn⸗ gütern das volle Recht einer Veränderung nicht zukam, die Frohndienſtbelaſtungen und gab durch Humanitäts⸗ vorſchriften Freiheiten, die ihm die Liebe ſeiner Dorf⸗ bewohner reichlich vergalt, wenn er dabei etwas an Einnahme einbüßte. Das Alles entwickelte ſich über⸗ raſchend ſchnell in den nächſten Wochen; es wurde ge⸗ räuſchlos manches in's Werk geſetzt, was erſt mit gro⸗ ßen Schwierigkeiten verknüpft ſchien und einige Federſtriche genügten oft, barbariſche Hausgeſetze des Stammes Ettershaiden dergeſtalt zu modificiren, daß ſie den feind⸗ ſeligen Charakter einer Belaſtung ganz und gar verloren, trotzdem ſie fortbeſtehen mußten. Mitten in dieſer Aufregung einer edlen Thätigkeit erfriſchte und verjüngte ſich Herr von Ettershaiden ganz merkwürdig. Was an Altersgebrechen auf ihm geruht, das vergaß er in ſeinem neuen Wirkungskreiſe. Ueberall war er ſelbſt, um Augenzeuge zu ſein, ob man nach ſeiner Vorſchrift verfahre und indem er ſeine Bequemlichkeit ei⸗ nem neuen Leben opferte, gewann er als Erſatz eine befe⸗ ſtigte Geſundheit und eine wahre Lebensfreudigkeit. VI. Capitel. Lin Gegenbeſuch. Frau von Ettershaiden beobachtete anfangs mit Erſtaunen, dann mit ſteigender Erbitterung den Eifer, womit ſich ihr Gatte ſeinem neuen Wirkungskreiſe wid⸗ mete. Die Dame gehörte nicht zu den großherzigen Frauen der damaligen Zeitperiode, wo der Funke der Begeiſte⸗ rung ſelbſt im Buſen derer ſchlummerte, die unter dem Banne der Weltlichkeit lebten. Sie gehörte zu der Claſſe vornehmer Damen, die gegen Alles eine gewiſſe Gleich⸗ gültigkeit hegen, was nicht unmittelbar auf ſie Bezug hatte. Sie war ehrgeizig, ſtolz, eitel und herzlos, aber dennoch nicht ränkevoll und muthig genug, um ſich dem Urtheile der Welt bloß zu ſtellen. vn Ihre ſchlimmen Eigenſchaften beruheten eben nur im ausgedehnteſten Egoismus und in einer maaßloſen 157 Eitelkeit. Von früheſter Jugend darauf angewieſen, ihr liebes Ich allein zur Geltung zu bringen, hatte ſie auch weder Mittel noch Wege geſcheuet, dies zu bewerrſtelli⸗ gen und ſie beſchränkte ſich, nach errungenem Siege, dar⸗ auf, ihre Schönheit, dies gefährliche Geſchenk der Na⸗ tur, durch die Künſte der Mode und des Geſchmackes in's rechte Licht zu ſetzen. Da ſie im Stande war, ihrem Auf⸗ treten am Berliner Hofe durch ihre Geiſtesbefähigung eine gewiſſe Grundlage zu geben, ſo gelang es ihr, dort eine Rolle zu ſpielen, die ſie vollkommen befriedigte. Der Wechſel aller Verhältniſſe warf ſie jedoch in eine Lage, wo ſie, zur Einſamkeit verdammt, langſam zu ermatten und zu verblühen begann. Sie zehrte von den Erinnerungen an die Glanzpe⸗ riode ihres Lebens, paradirte mit einer zarten Geſund⸗ heit und Nervenſchwäche, quälte ihre Hausgenoſſen mit böſer Laune, gewann aber der patriachaliſchen Ruhe ihrer Lebensſtellung nach und nach ſchon Geſchmack ab, als ihr böſer Genius ſie mit einer Favoritin des Kaſſeler Ho⸗ fes zuſammenführte, welche ihre Phantaſie von Neuem erhitzte und durch Erzählungen aus dem frivolen, glänzen⸗ den Hofleben Jerome's reizte. Von da an trachtete ſie darnach, dort eine hervorra⸗ gende Stellung einzunehmen. Der Geiſt der Eitelkeit ſpie⸗ gelte ihr vor, daß ſie noch keinesweges verblüht ſei und Frau von Ettershaiden, obwohl mit klarem Verſtande 158 ausgerüſtet, war ſchwach genug, an ihre Unfehlbarkeit zu glauben, wenn es ihr erſt gelungen ſein würde, am Hofe des weſtphäliſchen Herrſchers feſten Fuß zu faſſen. Es er⸗ ging ihr, wie den großen Schauſpielerinnen, die, nach dem Beifalle der Menge dürſtend, als Matronen die Bühnen wieder aufſuchen, wo ſie in der Jugendblüthe ge⸗ wirkt haben. Auch dieſe glauben nicht daran, daß die neuen Lorbeeren, die ſie ernten, mit den ſpitzigen Dornen des Spottes gemiſcht werden können. Frau von Ettershaiden entwarf ihre Pläne zur Verwirklichung ihrer Wünſche mit aller Zuverſicht, die ihr ein Rückblick auf den blendenden Glanz ihrer frühern Erfolge zu geben vermochte. Aus dieſen vorausgegangenen Triumphen zog ſie die Hoffnung auf neue Verherrlichun⸗ gen, ohne einen richtigen Maßſtab für die ſinnliche Natur der Luſtbarkeiten zu haben, denen ſie ſich entgegen⸗ ſehnte. Der Widerſtand ihres greiſen Gatten brachte ſie außer ſich und reizte ſie dermaßen, daß ſie blind gegen die Vorzüge ihrer jetzigen Stellung wurde und mit hochmüthiger Gleichgültigkeit den Schmerz desſelben erſt überſah und dann die letzte Unwandlung ſeines We⸗ ſens mit bitterm Spotte verfolgte. Sie nannte ſich ſeitdem ein Opfer ſeiner Barbarei und fühlte ſich befugt, ihm in jedem Blicke zu zeigen, daß ſie dieſer Willkühr überdrüſſig ſei. Hätte dieſe Dame eine richtige Vorſtellung von 159 den Freuden gehabt, in denen der Monarch von Weſt⸗ phalen zu ſchwelgen beliebte, ſo würde ſie Bedenken ge⸗ tragen haben, unbedingt ihre Vorliebe für ſeine Feſte zu zeigen. Ihr Herz war zu kalt, um den Sinnen eine Macht einzuräumen. Sie belächelte die Hingebung der Liebe als eine vergängliche Thorheit, die nicht des klein⸗ ſten Opfers werth ſei. Ideale Träume von häuslichem Glücke an der Seite eines geliebten Mannes verſpottete ſie und ſchätzte die Pracht des Lebens weit höher, als ein ſtilles Glück. Da ſie ſelbſt einer leidenſchaftlichen Neigung gar nicht fähig war, ſo begriff ſie den Schmerz Ettershaidens nicht, der erſt fern von den Zerſtreuun⸗ gen der Welt erkannte, wie überflüſſig ihr ſeine tief ge⸗ wurzelte Liebe erſchienen war, nachdem ſie dieſelbe zu ihren Zwecken ausgebeutet hatte. Der neuen Hausordnung, die einen ganz freien Verkehr ohne den Zwang alberner Etikette geſtattete, widerſetzte ſich Frau von Ettershaiden mit aller Macht, die ihr zu Gebote ſtand, aber ſie erzwang weiter nichts, als daß ſie die Verfügung über ihre eigenen Zimmer und Einrichtungen behielt, während ſich das Zuſammen⸗ leben der andern Hausgenoſſen höchſt geſellig und ver⸗ traulich entwickelte. Dadurch iſolirte ſie ſich vollſtändig und machte ihre Stellung drückend. Selten kam ſie zur Mittagstafel, noch ſeltener zum Abendeſſen, das zwang⸗ los im Freien eingenommen wurde, wenn das Wetter 160 günſtig war. Vom Vorleſen war gar keine Rede mehr. Fides hatte ihrem Vormunde erklärt, daß dieſe franzöſi⸗ ſchen Vorleſungen eine Qual für ſie wären. Dafür ritten die beiden Mädchen täglich mit dem alten Herrn aus und muſicirten ſo viel ſie wollten. Es war eine Luſt das liebenswürdige Walten zwiſchen dieſen drei Perſonen zu ſehen, die in Liebe und Eintracht die reinen, ſtillen Freuden der Natur genoſſen und dabei an Leib und Seele gediehen. Die Empfindungen der Frau von Ettershaiden, zu⸗ erſt bis zur Höhe des Grimmes hinaufgetrieben, wech⸗ ſelten allgemach, als ſie bemerkte, daß ſie zum Glücke ihres Gatten durchaus nicht mehr nöthig war. Es wurde für ſie zuweilen ein ergreifender Gedanke, ver⸗ ſtoßen zu ſein. Schwankungen traten in ihre Anſich⸗ ten, wenn ſie daran die Möglichkeit reihete, nach einem entſchiedenen Schritte von ihrer Seite einer gleichen feſten Entſcheidung entgegenſehen zu müſſen. Sie wußte aus Erfahrung, wie unerſchütterlich Ettershaiden ſein konnte. Im Kampfe mit dergleichen Erwägungen lag ſie an einem kalten, unfreundlichen Maitage auf ihrer Ot⸗ tomane, der Einſamkeit überantwortet und von der Langeweile geplagt, als das Rollen eines Wagens einen Beſuch ankündigte und gleich darauf die Meldung ge⸗ macht wurde,„Gräfin Ancelot wünſche aufzuwarten!“ 161 Ein finſterer Blick war die erſte Antwort der Frau von Ettershaiden. Die Gräfin Ancelot war eine Dame, der ſie im Eifer ihrer Verblendung bei ihrer letzten Anweſenheit in Kaſſel einen Beſuch gemacht, weil ſie glaubte dadurch der Erfüllung ihrer Wünſche näher zu kommen. Jetzt ſchämte ſie ſich einigermaßen dieſer Ueber⸗ eilung, denn die Gräfin Ancelot konnte ſich leider keiner tadelloſen Vergangenheit rühmen. Man erzählte ſich ganz unverholen in Kaſſel, daß der Vater dieſer Gräfin mit Uhren gehandelt und daß ſie ſelbſt eine bedeutende Kunſtfertigkeit im Putzmachen gehabt habe. Wodurch es ihr gelungen war, den Rang einer Gräfin zu erobern, war klar. Sie gehörte zu den ſchönſten Frauen Kaſſels und wußte durch ihre Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit ſelbſt die kälteſten Männer in Gluth zu bringen, obgleich ſie die erſte Jugendblüthe ſchon eingebüßt hatte.— Einer ſolchen Dame hatte alſo Frau von Ettershaiden das Heiligthum ihres Hauſes erſchloſſen, um durch ihre Ver⸗ mittelung das Ziel ihrer frivolen Wünſche zu erreichen. Sie zögerte jetzt ihren Gegenbeſuch anzunehmen. Ein kalter Schauder überlief ſie bei dem Gedanken, daß ihr Gatte Kenntniß davon erhalten könne. Zum erſten Male zitterte ſie vor der Verantwortung ihrer Handlungsweiſe und war ſchon im Begriffe die Dame unter einem Vorwande abweiſen zu laſſen, als ihr bö⸗ E. Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. 1. 11 162 ſer Geiſt ſich plötzlich regte und ſie zur kecken Verfol⸗ gung ihres Planes bewog. „Sehr angenehm!“ ſprach ſie mit leutſeligem Tone und erhob ſich, um der Gräfin bis zur Thürſchwelle entgegen zu gehen.⸗ Nach einigen Minuten erſchien dieſelbe mit dem Anſtande einer gebornen Fürſtin. Sie ſchien durchaus vergeſſen zu haben, daß ſie nur durch verſchiedenartige Avancements bis zu dem Range einer Gräfin gelangt war, denn ſie verneigte ſich ſo ſtolz, als ehre ſie die Schwelle des Hauſes, das ſie betrete. Frau von Ettershaiden belächelte dieſe Anmaßung. In ihren Augen nutzte weder Rang noch Stand, wenn das Vorrecht der Geburt fehlte. Mit Grazie ſich gegenſeitig begrüßend und jene lügenhaften Artigkeiten wechſelnd, die nothwendig zur Höflichkeit ſind, ließen ſich die Damen endlich neben ein⸗ ander auf der Otiomane nieder und begannen diploma⸗ tiſch fein und zurückhaltend ein Geſpräch, welches als Einleitung der eigentlichen Zwecke zu betrachten war, die ſie gegenſeitig zu einander führt n. Sie ſprachen franzö⸗ ſiſch, da die Gräfin es nicht der Mühe werth hielt die deutſche Sprache zu erlernen. Frau von Ettershaiden ging um ſo lieber darauf ein, die Sprache des neuen Rei⸗ „ 163 ches zu ihrer Converſation zu wählen, weil ſie ſich bewußt war, derſelben vollkommen mächtig zu ſein. Nach den üblichen Redensarten der Begrüßung, die von beiden Seiten durch Spannung und Neugier ge⸗ kürzt wurden, war die Gräfin die erſte, welche dem An⸗ ſcheine nach ganz ſ ſelbſtverge ſſen ausrief:„Wie leben Sie hier, Madame? Gewiß in vollem Frieden, während wir in Kaſſel mit allem möglichen Ungemach zu kämpfen ha⸗ ben. Unſer gnädigſter Herr und König iſt verdrießlich— Napoleon plagt ihn mit Forderungen, die ihn zwingen, ſeine geliebten Landeskinder von Neuem zu beſteuern.— O mein Gott, es gehört ſicherlich eine große Langmuth dazu, um dem großen Napoleon in Allem zu genügen. Seine tyranniſchen Befehle werden den armen Jerome rui⸗ niren— es iſt eine böſe, böſe Zeit in Kaſſel, Madame, und wir müſſen ernſtlich daran denken den König zu zer⸗ ſtreuen, damit ſeine Melancholie nicht einen gefährlichen Charakter annimmt.“ „ Sollte Ihnen das ſchwer fallen?“ fragte Frau von Ettershaiden mit etwas froſtigem Tone.„Nach meiner Einſicht iſt der König Jerome ſehr leicht zu erheitern.“ „Ganz recht, Frau Baronin,“ entgegnete die Gräfin ſehr lebhaft,„nur dann nicht, wenn ſo mächtige Gewal⸗ ten, wie Napoleon, die Königin und der Marquis d'Et⸗ rais volle Wirkung haben.“ 3 11* 164 Frau von Ettershaiden ſah ſie forſchend, mit einem Anfluge ſpöttiſchen Zweifels an. „Sie glauben mir nicht, Madame!“ rief die Gräfin mit koketter Verſchämtheit.„Vor dieſen Mächten muß ich die Waffen ſtrecken. Der Marquis iſt mein ſchlimmſter Widerſacher. Er iſt ein treuer Verbündeter der Königin und der Spion Napoleons— wahrhaftig Madame!“ „Der Marquis d'Eterais ſcheint mir überhaupt eine diaboliſche Rolle auf der Weltbühne übernommen zu ha⸗ ben,“ entgegnete Frau von Ettershaiden ſpöttiſch. „Laſſen Sie das nicht laut werden, wenn Ihnen mit der Freundſchaft der Königin gedient iſt,“ ſprach die Gräfin wichtig.„Er iſt in den Augen Ihrer Majeſtät ein Cherub.“ „Hüten Sie ſich nur vor dieſem Cherub!“ erwiederte Frau von Ettershaiden eilig.„Sie kennen doch die Hel⸗ denthaten des Engel Cherub und wiſſen, daß er ganz wun⸗ derbaren göttlichen Geboten gehorchte, als er mit flam⸗ mendem Schwerte die Menſchen aus dem Paradieſe ver⸗ jagte. Warnen Sie den König Jerome vor dieſem Che⸗ rub, der doppelzüngig zu ſein ſcheint.“ Die Gräfin lachte und warf graziös den ſchönen 3 Kopf auf.„Was fürchten Sie, Frau Baronin? Es wäre zu lächerlich, wenn Sie glauben könnten, daß es dem Marquis einfallen ſollte gegen die Macht eines Napo⸗ leon zu conſpiriren! O, mein Gott! Die Deutſchen haben — OQ⏑Q⏑Q—:—:—·:„ 4.2 2 2———— 165 Zeit gehabt zu lernen, daß ein Kaiſer Napoleon unbe⸗ ſiegbar iſt! Indeſſen iſt Ihr Argwohn völlig unbegrün⸗ det. Der Marquis iſt der Königin zu treu ergeben, als daß er am Sturze ihres Reiches arbeiten ſollte. Nein, nein, Madame, einem Mann, den Napoleon ſechs Jahre lang zu vertraulichen Miſſionen benutzt hat, darf man ſchon trauen!“ „Es ſei fern von mir dies Vertrauen erſchüttern zu wollen,“ ſagte Frau von Ettershaiden ſcharf und herbe.„Mir iſt es nur ſonderbar erſchienen, daß dieſer Herr ſich mit großer Eilfertigkeit in der alten Burg Ettershaiden einzubürgern gedenkt. Was für Gründe könnte ein feiner Cavalier, ein Stern am geſelligen Himmel Kaſſels, dem ſtark gehuldigt werden ſoll, wohl haben, ſich einen Schlupfwinkel dieſer Art zu wählen, wenn nicht Verhältniſſe obwalteten, die ihm die großen Räumlichkeiten eines alten, winkeligen Gebäudes wün⸗ ſchenswerth erſcheinen ließen.“ „Nein, nein!“ rief die Gräfin eifrig.„Das iſt eine ſeiner Sonderbarkeiten! Der Marquis iſt durch und durch ein Sonderling, Madame. Ein Weltweiſer, trotz ſeiner Jugend! Ein Mann ohne Blut und Herz! Ein Verächter der Frauen! Er möchte den armen liebens⸗ würdigen Jerome auch in Stein und Eiſen verwandeln. Wie ein kalter Waſſerſtrahl wirkt ſeine Nähe auf jeden belebten Pulsſchlag und ſein ſpöttiſch tadelnder Blick 166 vereiſ't jeden Blutstropfen. Ich habe meine ganze Kunſt aufgeboten ihn zu feſſeln, aber ich habe eine ſchmähliche Niederlage erlitten,“ ſchloß ſie mit der leicht⸗ fertigen Heiterkeit einer echten Franzöſin. „Und dennoch ſpielen Sie eine ſo eifrige Verthei⸗ digerin?“ fragte Frau von Ettershaiden mit ſpöttiſcher Schadenfreude.„Der Marquis muß wunderbare An⸗ ziehungskräfte in ſich haben, daß Sie ihm dies verzeihen?“ „Was läßt ſich da thun? Man reſignirt! Liebte er eine Andere, ſo würde ich es als eine Beleidigung betrachten und ihn mit Haß verfolgen! Da er uns Alle, gleich Kunſtbildern, von fern bewundert, ſo tröſten wir uns mit der Hoffnung, daß er eines Tages zum Leben erwachen und uns dann beglücken wird!“ rief die junge Dame lachend. „Er ſoll ein Deutſcher ſein“— warf Frau von Ettershaiden ein. „Ein Deutſcher?“ wiederholte die Gräfin Ancelot. „Daran zweifle ich! Er ſpricht gut deutſch, aber das beweiſt nichts. Er ſpricht auch gut engliſch und ſogar ruſſiſch. Ich halte ihn für einen Franzoſen, liebe Ba⸗ ronin. Schon um deswillen, weil er in geheimen Be⸗ ziehungen zu Napoleon ſteht. Man bewundert ſeine Sprachfertigkeit allgemein, ſie befähigt ihn zu den Dien⸗ ſten und Miſſionen, womit er betrauet wird. DJetzt iſt er unliebenswürdiger, als je. Seit ſeiner Rückkehr von 167 Paris ſieht man ihn in keinem Cirkel, aber deſto eifriger conferirt er mit dem Könige. Er hat ganz gewiß etwas Beſonderes vor. Jerome iſt ſchon ganz philoſophiſch ge⸗ worden— wir müſſen ihn den Händen des Marquis und der ehrbaren Liebe der Königin zu entreißen ſuchen und dazu ſollen Sie uns helfen, Madame!“ ſchloß ſie, ſiegesgewiß ihre leuchtenden Augen auf Frau von Etters⸗ haiden heftend. Mit gemiſchten Empfindungen hörte dieſe Dame zu. Ein behagliches Staunen rang ſich bei den letzten Wor⸗ ten der Franzöſin aus dem Gewirr ihrer Gefühle her⸗ vor. Sollte ſie ſo bald ihre Wünſche gekrönt ſehen? Man berief ſie nach Kaſſel, um ihren Einfluß auf den jungen König zu erproben? Man trauete ihr Geiſt ge⸗ nug zu, um ihn zu erheitern? „Ich verſtehe Sie nicht, meine junge Dame!“ ſprach ſie nach kurzer Ueberlegung ſehr gelaſſen, indem ſie die eitle Wallung ihres Innern niederkämpfte und würdig den Kopf etwas höher hob. Die Gräfin bewegte ihren Fächer mit graziöſer Schalkhaftigkeit und benutzte ihn, um beiläufig den Geſichtsausdruck der deutſchen, ſtolzen Edeldame zu mu⸗ ſtern. Sie mußte wohl einſehen, daß ſie zu plötzlich vorge⸗ ſchritten ſei, denn ſie affectirte eine kleine Zerſtreutheit und antwortete ſehr gleichgültig: „Es müßte Sie natürlich nicht beläſtigen, Frau Baronin!“ 168 „Was wünſchen Sie, was ich thun ſoll?“ fragte Frau von Ettershaiden etwas freundlicher. Sie erlag der größe⸗ ren Schlauheit der intriguanten, jungen Franzöſin, die ſie durch dieſen ſcheinbaren Rückzug zu reizen ſuchte. „O, wir haben nur eine große Bitte an Sie,“ plau⸗ derte die Gräfin, zum vertraulichen Tone übergehend.„Es muß etwas Pikantes erfunden werden, etwas Fremdartiges, etwas deutſch Feenhaftes— Sie ſind allbekannt die geiſt⸗ reichſte Dame im ganzen deutſchen Lande— Deutſchland ſoll reizende Sagen haben von Waſſernixen, von Bergkö⸗ nigen und Waldfeen.— Da wollten wir Sie bitten, uns eine Allegorie zuſammenzuſtellen, worin Sie aber eine Haupt⸗ rolle einnehmen müſſen, Ihren perſönlichen und geiſtigen Vorzügen angemeſſen.“ Ein höchſt angenehmes Lächeln verdrängte bei die⸗ ſer Bedingung den Ausdruck geduldiger Artigkeit, der bis dahin das ganz farbloſe Angeſicht der Frau von Ettershai⸗ den charakteriſirt hatte. „Verſtehen Sie nun meinen Wunſch, Madame?“ fragte die Gräfin, ihre Augen in koketter Gluth auf ſie heftend. „Vollkommen, liebe Gräfin, und ich fühle mich von der Idee ſo ſehr angeſprochen, daß ich geneigt bin auf Ihre Wünſche einzugehen!“ Die Gräfin ergriff ihre Hand und küßte ſie.„Es wird etwas Neues für den König ſein,“ ſagte ſie ſchmeichelnd. 169 „Wir müſſen die ganze Ausſtattung überraſchend und feſ⸗ ſelnd machen. Ein ſchönes, blondes Mädchen muß als die Göttin Freya— ſo heißt ſie ja wohl— figuriren.— Der König ſchwärmt jetzt für blonde Mädchen!“ fügte ſie leicht hinzu.„Wir müſſen Conferenzen halten, Madame— ah— wie freue ich mich auf dieſe Gemäldeſtellung, die. großartig werden wird!“ Frau von Ettershaiden ſtand auf und ging zu ihrem Schreibtiſche, um ſich Papier und Bleiſtift zu ho⸗ len. Die Gräfin ſah ihr mit einem verſteckten Lächeln nach. „Sie wollen mir gleich eine Zeichnung machen?“ fragte ſie.„Wie lieb Sie ſind, theure Baronin! Aber, ehe wir uns vertiefen in unſern Plan, bitte ich Sie, mir Ihre Kinder vorzuſtellen— wollen Sie?“ Frau von Ettershaiden kam lächelnd zurück mit einem großen Neceſſaire und Geräthſchaften zum Zeichnen bewaffnet, die ſie geſchäftig vor ſich ausbreitete. Ein Beweis, daß ſie nicht unbewandert in der Kunſtfertigkeit war, die man von ihr verlangte. „Meine Kinder ſoll ich Ihnen vorſtellen?“ wieder⸗ holte ſie zerſtreut.„Es thut mir leid Ihnen antworten zu müſſen, daß Gott mir das Glück verſagt hat Kin⸗ der zu beſitzen.“ Die Gräfin richtete ſich überraſcht ſehr ſchnell auf. „Ich hörte doch—“ ſagte ſie vorſichtig. „Ja, zwei Pflegetöchter ſind in unſere Obhut ge⸗ 170 kommen. Eine Nichte von mir und eine kleine Bürger⸗ liche räthfelhaften Herkommens, die mein Gemahl be⸗ vormundet.“ „Räthſelhaften Herkommens,“ wiederholte die Grä⸗ fin bezeichnend.„Mir flößen dergleichen Räthſel Inter⸗ eſſe ein.“ Frau von Ettershaiden, beſchäftigt mit ihrem Plane zu der verlangten Allegorie, machte eine abwehrende Be⸗ wegung.„Hier liegt nichts Romantiſches vor!“ ſprach ſie kurz.„Eine Madame Tyrnau, Wittwe und ſehr reich, dazu als Katholikin ſehr iſolirt in Berlin, hatte ihrem Beichtvater aufgetragen, das kleine trotzige Mädchen unter Ettershaidens Schutz zu ſtellen. Weiter nichts! Bisweilen iſt mir freilich der Gedanke gekommen, daß ein gewiſſer Zuſammenhang in dieſer zufälligen Vor⸗ mundſchaft liegen könne— die Prinzen unſers könig⸗ lichen Hauſes, vornämlich aber Prinz Louis, liebten die Liaiſons mit Bürgermädchen— allein es iſt im Laufe der Zeit nichts vorgekommen, was meine Idee hätte beſtätigen können. Das ganze Weſen dieſes Kindes be⸗ weiſet eine plebejiſche Abkunft!“ Ein eigenthümliches Lächeln der Gräſin verrieth, daß ſie eine ſehr abweichende Schilderung dieſes Kindes vernommen hatte. Der Courier, welcher den Marquis d'Etérais angemeldet hatte, gehörte zu den vertrauten Dienern des Königs. Sein Kennerblick war auf Fides 171 gefallen, als ſie, ihrer franzöſiſchen Leſeſtunde überho⸗ ben, in wilder Haſt die Freiheit geſucht hatte. Um den König Jerome der ernſten Einwirkung ſeiner Gemahlin zu entziehen, mußten neue Erſcheinungen in der Geſel⸗ ligkeit auftauchen, die ihn zu feſſeln vermochten und die Gräfin Ancelot hatte es übernommen, die Fähigkeiten des ſchönen, wilden Mädchens zu prüfen, welches ihr als ein Wunderwerk deutſcher Reize geprieſen worden war. Ein Gegenbeſuch bei Frau von Ettershaiden war ganz in der Ordnung. Nur kam es darauf an, daß dieſem Beſuche gleich von vorn herein eine Bedeutung untergelegt wurde, um die prüden Bedenken der deut⸗ ſchen Edeldame zu erſticken. Triumphirend blickte die ſchlaue Franzöſin auf Frau von Ettershaiden nieder, die ihrer Argliſt unterlegen war. Sie ſah ſich ſchon im Be⸗ ſitze eines Mittels, ihren Einfluß auf den König wieder zu befeſtigen, der flatterhafter, als ein Schmetterling, nur noch durch pikante Schönheiten zu feſſeln war. In⸗ dem ſie der Eitelkeit der deutſchen Edeldame Tribut zollte, glaubte ſie ohne Schwierigkeit ſich der Mitwir⸗ kung des ſchönen Mädchens zu verſichern und ſteuerte nun mit vollen Segeln auf den Hauptzweck ihres Be⸗ ſuches los. „Die Abkunft des Mädchens thut nichts zur Sache!“ erwiederte ſie leichtfertig und vertraulich.„Eine Haupt⸗ ſache iſt ihre Schönheit, Madame.“ 172 Frau von Ettershaiden horchte ſcharf auf, ließ aber nicht das geringſte Zeichen einer geſteigerten Aufmerk⸗ ſamkeit ſehen. „Sie iſt ſchön, nicht wahr, Madame?“ fragte die Gräfin, nachläſſig mit ihrem Fächer ſpielend. „Sprechen Sie von Fides Tyrnau?“ wendete Frau von Ettershaiden ausdruckslos ein und zeichnete weiter. „Wohl— ich ſpreche von der Pflegetochter, die blond und ſchön iſt, wie eine Tochter der Freya! Sie ſoll eine Rolle in unſerm Gemälde übernehmen!“ Frau von Ettershaiden wußte jetzt, woran ſie war. Es koſtete ihr Mühe, ihre Aufwallung zu unterdrücken, aber ſie wurde ihrer Meiſter. „Man ſagte mir, ſie ſei Ihre Tochter! Man pries mir ihre auffallende Schönheit! Darf ich dies Mädchen nicht ſehen? Mir fehlt es in Kaſſel an blonden Damen.“ „Und der König ſchwärmt jetzt für Blondinen,“ warf Frau von Cterghalden ruhig ein.— „Wohl— für blonde Mädchen mit feurigen Au⸗ gen und wallendem Blute. Nur nicht für jene ſanften Blondinen mit aſchfarbigem Haar und Madonnenau⸗ gen!“ Ihre Pflegetochter ſoll in Wahrheit ein Ideal deutſcher Schönheit ſein— bſlen Sie mir die Freude machen, ſie bewundern zu dürfen?“ „Fides iſt nicht zu Haus. Sie iſt mit meiner Nichte Melitta und mit meinem Gemahle zum Beſuche in der 173 Nachbarſchaft,“ antwortete Frau von Ettershaiden ganz gleichgültig, indem ſie ihren Crayon vervollſtändigte und mit einer haſtigen Bewegung vor die Gräfin ſchob. „Sehen Sie hier, Frau Gräfin.— Dieſe Grup⸗ pirung haben wir zu jener ſchönen Zeit, als unſere Kö⸗ nigin Luiſe mit feinem Geiſte lebende Bilder ordnete, erprobt. Es ſind nur die Coſtüme zu wählen, um jedes mythologiſche Gemälde hervorzubringen.“ „Ach— vortrefflich!“ rief die Gräfin exaltirt, konnte aber ihren Verdruß über Fides' Abweſenheit nicht verbergen, ſondern verrieth ihn durch den Zuſatz:„Was hilft mir das, wenn ich das ſchöne, blonde Mädchen, dem Alles dies zur Folie dienen ſoll, nicht ſehen kann!“ „Ich muß dies eben ſo lebhaft bedauern, wie Sie,“ entgegnete Frau von Ettershaiden kalt und feier⸗ lich, während ſie ihr Neceſſaire wieder ordnete und dann mit der Manier einer Dame aufſtand, welche einen Be⸗ ſuch zu beenden wünſcht. Ddie Gräfin drückte ſich aber feſter in die Kiſſen der Ottomane und ſagte:„Ich muß ſie ſehen! Sagen Sie mir, wann Fides zurückkommt! Sagen Sie mir, wohin ſie iſt!“ Frau von Ettershaiden wechſelte die Farbe. Sie überlegte raſch das dafür und das dawider. Wenn ihr Gatte dieſe Dame in ſeinem Hauſe be⸗ 174 grüßen mußte, ſo war der Bruch vollſtändig. Sie wollte aber nicht mit ihm brechen! Die Erfahrungen der letzten Stunde hatten etwas in ihr wach geſchrieen, was dem fernern Verkehr mit dieſer Gräfin Ancelot ſehr ungün⸗ ſtig war. Der Stolz auf ihre Geburt und der Hoch⸗ muth ihrer Seele verband ſich mit einem tiefen Ab⸗ ſcheu vor jeder Gemeinheit. Zwar hatte der Durſt nach geſelliger Auszeichnung ihren Verſtand oft ſchon zu um⸗ ſchleiern gewußt und ſie, ſo zu ſagen, zu unedlen Kün⸗ ſten erniedrigt, aber ihr Stolz hob noch immer die Klugheit zur rechten Zeit aus der Verdüſterung empor und brachte ihre Vernunft zur Herrſchaft. Eingedenk der Voreiligkeit, womit ſie dieſen Gegenbeſuch herbeigeführt hatte, beſchloß ſie einen klugen, ganz unbemerkten Rück⸗ zug vorzubereiten und antwortete deshalb ziemlich ver⸗ bindlich und halb ſcherzhaft: „Wie leid thut mir's, Ihre Fragen nicht beant⸗ worten zu können, liebe Gräfin! Fides iſt der erklärte Liebling meines Gemahles und erfreuet ſich ſeines be⸗ ſondern Schutzes. Ich bin ſeit einiger Zeit mit der jun⸗ gen Perſon zerfallen, weil ſie ſich trotzig geweigert mir franzöſiſch vorleſen zu wollen. Man ignorirt mich jetzt im Schloſſe! Ich huldige der franzöſiſchen Politik, ich bekenne mich zu denſelben Principien, wie der Welter⸗ oberer Napoleon, der die Gunſt des Zufalles als eine Vorſehung Gottes betrachtet und ſeine perſönlichen Be⸗ 175 gierden damit verknüpft. Zufolge dieſer Meinungsver⸗ ſchiedenheit meidet man mich!“ „Aber mein Gott, wie kann man jetzt noch ande⸗ rer Meinung ſein, als der Mann, der in kurzem die ganze Welt unter ſeinem Scepter haben wird!“ unter⸗ brach die Gräfin ſie mit naivem Patriotismus. Frau von Ettershaiden zuckte mitleidig die Schul⸗ tern.„Der Deutſche iſt ſchwerfällig und pedantiſch!“ ſagte ſie. „Giebt's denn noch viele Deutſche im Lande?“ fragte die Gräfin mit liebenswürdiger Anmaßung und Unwiſſenheit. „Nun—“ antwortete Frau von Ettershaiden be⸗ deutungsvoll,„in Kaſſel mögen die Leute denken, daß es nicht viel Deutſche giebt, die ſich gegen den fran⸗ zöſiſchen Scepter erheben möchten, aber Sie befinden ſich hier auf preußiſchem Grund und Boden, wo man den Haß ſo weit treibt, daß man die franzöſiſche Sprache ſogar verpönt hat.“ Dieſe Liſt ſchlug an. Die Gräfin, wie von Furcht emporgeſchnellt, erhob ſich eiligſt. „Sie ſind preußiſch?!“ ſchrie ſie entſetzt und trat einen Schritt von ihr zurück. „Ich nicht, aber mein Gemahl iſt ſehr preußiſch geſinnt!“ war die ruhige Antwort der Frau von Etters⸗ haiden.„Er zürnt jetzt ernſtlich mit mir und hält ſeine 176 Pflegetöchter gefliſſentlich fern von mir. Doch wudd ſicp das ändern und dann ſteht unſern Wünſchen nichts im Wege. Fides iſt durch Schmeicheleien zu gewinnen— alles Andere findet ſich!“ „Aber das iſt ja entſetzlich, daß uns Preußen ſo nahe liegt!“ rief die Gräfin im vollſten Unmuthe.„War⸗ um duldet Napoleon das, da er doch die Preußen ſo glühend haßt und ſie ſo fürchterlich verachtet? Warum verjagt Jerome, der den Preußen auch abhold iſt, die Preußen nicht von ſeinen Gränzen? Es iſt empörend, ſeinen erbitterten Feinden ſo nahe zu ſein, daß man ihnen auf der Landſtraße begegnen kann!“ 4 „Das iſt allerdings empörend,“ antwortete Frau von Ettershaiden mit klaren, feſten Blicken und mit einer merklichen Beimiſchung von Spott.„Nur liegt in die⸗ ſem Falle die Schuld nicht an dem Preußen, ſondern am Franzoſen, Frau Gräfin, denn ich glaube behaupten zu können, daß den Preußen die Nähe eines franzöſi⸗ ſchen Reiches eben ſo zuwider iſt, wie Ihnen meine Landsleute. Doch— das findet ſich!“ „Wohl! Das wird und muß ſich ändern, Ma⸗ dame!“ rief die Gräfin prahleriſch.„Ich werde Jerome von der Gefahr unterrichten, der ich mich, ſeinetwegen, ausgeſetzt habe.“ „Thun Sie das! Vielleicht verändert Se. Maje⸗ 177 ſtät die Gränzlinie um Ihretwillen,“ antwortete Frau von Ettershaiden mit leichtem Lachen. „Cher werde ich Sie nicht wieder beſuchen, Ma⸗ dame!“ ſprach die Gräfin anmaßend.„Ich erwarte Sie bald in Kaſſel zu ſehen, doch nicht ohne Ihre reizende Pflegetochter! Ich will die Kleine kennen lernen— ver⸗ geſſen Sie das nicht!“ Frau von Ettershaiden neigte ſich ſtumm. Als ſie ſich endlich allein ſah, warf ſie ſich in einem Anfalle tiefer, leidenſchaftlicher Bewegung auf die Ottomane nieder und verhüllte das Geſicht mit beiden Händen. hete, mit den Strahlen göttlicher Liebe ihr irrendes Herz zu läutern, damit ſie veredelt aus dieſer Demüthi⸗ Nein! Es waren nur dunkle, verworrene Vorſtel⸗ lungen, die ihre Seele bedrückten und ihren Geiſt äng⸗ ſtigten. Die Macht ſich aufzuraffen und den richtigen Weg zur Ausgleichung aller eingeriſſenen Mißverhält⸗ niſſe aufzuſuchen, fehlte ihr noch. Sie hatte durch eine lange Reihe von Jahren nur den Vorſtellungen ihrer 178 fühlte ſich zur Buße verdammt, ohne die Reue zu ken⸗ nen. Sie fühlte ſich gedemüthigt, ohne ihre Schuld zu begreifen. Der Urſprung ihrer Fehler lag in der früheſten Jugendzeit. Dieſe Fehler waren durch falſche Begriffe genährt und durch den Stolz des Selbſtbewußtſeins gehärtet. Die Liebe, das heißt, eine echte, wahre, zärtliche Liebe, hätte dieſe Fehler zerſtören können, aber ſie opferte bereitwillig die Seligkeit des Herzens ihrer Eitel⸗ keit und rang um den Beſitz eines Mannes, der ihr einen Platz in der Geſellſchaft anbieten konnte. Dachte ſie nicht in dieſem ſchweren Momente einer peinlichen Selbſterkenntniß an jene arme Gattin, die zu früh verblüht und geiſtig dem Gatten nicht eben⸗ bürtig, ihrer Eitelkeit weichen mußte? Nein! Sie erkannte kein Unrecht in dem Streite um den Beſitz eines Mannes. Die laxen Grundſätze der Zeit wurden von oben herab dem Volke eingeimpft. Man verlachte die Heiligkeit der Ehe, ſeitdem Preußens Herrſcher außer einer rechtmäßigen Gattin noch eine Frau an linker Hand und eine öffentlich anerkannte Ge⸗ liebte, aus dem gemeinen Volke ſtammend, hatte. Wie ſollte dieſe Dame, die in der Hofluft groß geworden war, eine Sünde darin ſehen, daß ein kräftiger, ſchöner Mann ſich von ſeiner Gattin losſagte und ſie, die blü⸗ 179 hende, ſchöne Jungfrau, mit heißer Leidenſchaft in die Rechte einer zu alt und unanſehnlich gewordenen Frau einſetzte? Sie fand das ganz in der Ordnung und würde erſtaunt geweſen ſein, wenn man ſie deshalb hätte ta⸗ deln wollen. Allein ſo wenig bußfertig Frau von Ettershaiden auch war, das Licht der Erkenntniß, welches ihr den faulen Fleck im Hofleben des Königs von Weſtphalen erhellt hatte, wirkte mächtig in ihrem, von Selbſtſucht umdunkelten Daſein. Sie durchſchauete den fluchwürdigen Eifer, womit man die Sinne des ſchwachen, gutmüthi⸗ gen Königs beſchäftigte, um freies Spiel zu haben und das Elend der Zukunft trat dadurch in feſten Umriſſen vor ihre Seele. 12* VII. Capitel. In der alten Burg. 3 Den erſten warmen, frühlingsfriſchen Maitagen wa⸗ ren trübe regneriſche Wochen gefolgt, worin Alles vernichtet worden war, was geblühet hatte. Aber die ſchöpferiſche Kraft der Natur regte ſich mächtiger noch als zuvor nach dieſen Regentagen und ehe der menſchliche Unmuth über die ewigen Regenwolken verflogen war, duftete, grünte und blühete es im Wald, Garten und Flur, zur Freude aller irdiſchen Geſchöpfe. Melitta und Fides, nie zum Stubenſitzen geneigt, flogen wie zwei Waldtauben an dem erſten heitern Mor⸗ gen hinaus und eilten die Pappelallee entlang, dem Hauſe des Förſter Lukas zu, der ſtets die ſchönſten Blumen hatte. Die Aurikeln waren freilich längſt verblühet, aber dafür gab es Schneebälle, Pfingſtroſen, Stiefmütterchen 181 und Violen in Menge und die beiden flüchtigen Mädchen wollten einen Strauß haben für die Blumenvaſen des lieben Herrn Onkels. O, wie hatte ſich Alles verändert in ſo wenigen Wo⸗ chen. Fides pries es wenigſtens mit voller, ungeſchmäler⸗ ter Freude, doch Melitta ſah ernſter aus, als ſonſt, wenn ſie auch innerlich des freieren Lebens ſich freute. Melitta hatte Grund zu klagen. Seit jenem Tage, wo der Beſuch des Marquis d'Eterais Oswald von Wan⸗ gera verjagt hatte, war er noch nicht wieder in Ettershai⸗ den geweſen. Die Entbehrung klärte ſie über den Zuſtand ihres Herzens auf, weckte aber zugleich den feſten Willen in ihr, allen Hoffnungen zu entſagen, die ſie unbewußt in ſich genährt hatte. Sie gab ſich keine Mühe ihn zu ver⸗ geſſen— das zu bewerkſtelligen überließ ſie der Zeit— aber ſie gab ſich Mühe ihre ſtille Sehnſucht und die bittere Täuſchung ihres Herzens zu verſtecken. Selbſt Fides wurde von ihrer Ruhe getäuſcht und überſah die ſtille Wehmuth, welche in Melitta's ſanften Augen niſtete. Fröhlich plaudernd näherten ſie ſich der alten Burg und wollten eben in den Fußpfad einbiegen, der nach der Brücke des Baches führte, welchen ſie paſſiren mußten, ehe ſie zum Förſterhauſe gelangten, als Fides ſtehen blieb und überraſcht das ganze Terrain um die Burg überſchaute. „Sieh doch, Melitta!“ ſagte ſie, rundum deutend, „iſt es nicht, als hätten die Waldgeiſter hier gehauſet 182 und Ordnung gemacht? Wo ſind die mächtigen abſcheuli⸗ chen Neſſeln hingekommen? Wer hat das Gras ſo ſchön geſchoren? Wer ordnete die wilden Sträucher ſo geſchmack⸗ voll, daß ſie ausſehen, wie Ziergewächſe?“ Melitta folgte den Andeutungen, die Fides gab, und mußte zugeſtehen, daß die Veränderung allerdings zau⸗ berhaft ſei. „Die alten Mauern ſind vom Regen rein gewaſchen,“ fuhr Fides mit gleichem Eifer fort. Ob es vielleicht wahr iſt, daß der feine Hofcavalier hieher flüchten will, um phi⸗ loſophiſche Betrachtungen über den Wechſel des Lebeus anzuſtellen?“. „Du meinſt den Marquis d'Etérais?“ fragte Me⸗ litta.„Allerdings, der will hieher flüchten, wie Du es nennſt. Meine Tante ſprach davon, daß dem Könige von Weſtpha⸗ len das Recht von der preußiſchen Regierung zuerkannt iſt, über die Burg frei und unbeſchränkt verfügen zu können. Der König Jerome hat ſie darauf in aller Form dem Marquis geſchenkt.“ Während dieſes Geſpräches wenn ſie der Burg ganz nahe gekommen und ſchritten an der Mauer entlang, die das Gebäude umgab. Sie mußten an dem Thorwege vorüber. Zu ihrem Erſtaunen führte eine friſche Wagen⸗ ſpur in dieſen längſt geſchloſſenen Eingang, die ſich ſo ſcharf in dem vom Regen aufgeweichten Boden abzeich⸗ d 183 nete, daß man ſie bis zum Walde verfolgen konnte. Von dort mußte alſo der Wagen gekommen ſein. Melitta ſetzte ihren Weg nach einer kurzen Betrach⸗ tung fort, Fides blieb jedoch ſtehen und unterſuchte ſchüchtern die Thorflügel, die nachläſſig angelehnt ſchienen. Richtig, das Thor war nicht wieder geſchloſſen und öffnete ſich bereitwillig unter der leiſen Berührung des jungen, neugierigen Mädchens. „Melitta!“ rief ſie erfreut.„Melitta die Burg iſt offen! Bitte, laß uns hinein gehen. Ich brenne vor Neugier, das Innere derſelben kennen zu lernen.“ Melitta wendete ſich zu ihr herum und deutete mit leichtem Kopfſchütteln an, daß ſie nicht Luſt habe, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten. „O, Melitta— nur hineinſehen wollen wir! Nur den Hof betrachten, der durch die hohen Pappeln, die über der Mauer hervorragen, reizend ſein muß.“ „Nein! Nein! Komm! Unſer unbefugtes Eintreten könnte uns in Unannehmlichkeiten ſtürzen. Komm, Fides!“ Sie ſchritt eiliger weiter, in der Vorausſetzung, daß Fides nun unverweilt folgen werde. Dieſe beharrte indeſſen eigenwillig auf ihren Vorſatz und ſchob mit kräftigerem Drucke die ſchweren Thore zurück, nochmals den Namen ihrer Freundin rufend. Als ſie den Eingang weit genug geöffnet hatte, um hineinblicken zu können, fand ſie ſich zu ihrem Schrecken plötzlich Aug' im Auge 184 mit einem Manne, der lächelnd zu ihr niederblickte und mit artiger Bereitwilligkeit den Thorflügel ganz zurück warf. Es war der Marquis d'Etérais, der im Hofe geſtanden hatte, als die Neugier der jungen Damen ſie zu Aeußerungen verleitete, die ſeine Aufmerkſamkeit weckten. Erſchrocken, als ſähe ſie einen Geiſt der Vorzeit, . ſtarrte Fides den jungen Mann eine Secunde lang an, dann wählte ſie den kürzeſten und ſicherſten Weg ſich aus dieſer Verlegenheit zu retten. Sie lief eiligſt ihrer Freundin nach und erzählte mit muthwilligem Flüſtern, was geſchehen ſei. Der Marquis blickte den jungen Damen ſinnend nach.„Melitta!“ flüſterte er vor ſich hin.„Melitta? Wo habe ich dieſen Namen ſchon gehört. Melitta? Ein lieblicher Name! Wie ein Klang aus fernem Lande und doch ſo heimathlich bekannt!“ Sein Auge verfolgte die beiden jugendlichen Ge⸗ ſtalten, bis ſie in dem Hauſe des Förſters verſchwanden, das kaum tauſend Schritte von der Burgmauer entfernt lag. Wie ein Zauber lag es auf dem Marquis, der in die leere Luft hineinſtarrte, als ſähe er Lichtgeſtal⸗ ten aus dem Dunkel vergangener Zeiten auftauchen. Mit dem Namen Melitta ſchien ſeine Seele von einem Traume erlöſt zu ſein. Gleich einem Verhängniſſe trat dieſer Name wieder vor ſeine Phantaſie, als ſie müde 185 des wirren Weltlebens, ſich in einer Einſamkeit ausruhen und erfriſchen wollte. Er durfte dieſer Mahnung ſeines Geſchickes nicht widerſtreben. Es zog ihn den Mädchengeſtalten nach mit einer Wallung, wie er ſie noch nicht gekannt hatte. Zur Neugier war dieſe innere Regung zu überwältigend und doch nannte er ſie nur Neugier, die ihn trieb dem Weſen nachzuforſchen, das Melitta hieß! Raſch wendete er ſich in den Hof zurück, wo ein hübſcher Reiſewagen angeſpannt ſtand und der Diener, ſeines Einſteigens gewärtig, den Schlag geöffnet hielt. „Gieb mir die Schlüſſel, Gerhard,“ ſagte er zu dem Diener und nahm ſie ihm aus der Hand.„Fahrt lang⸗ ſam nach jener Gartenhecke hinauf— ich will dem Förſter die Schlüſſel ſelbſt bringen und ihn von meinen weitern Anordnungen in Kenntniß ſetzen!“„Das Thor kann offen bleiben,“ fügte er zurückblickend hinzu und ging ſehr langſam und gedankenvoll denſelben Fußpfad entlang, den die beiden jungen Damen kurz vor ihm durchſchritten hatten. Noch rang ſein Geiſt mit den unbeſtimmten Bildern, die ſich ſchwankend vor demſelben hin und her bewegten. Aber ehe er die Schwelle des kleinen, hübſchen Förſterhauſes erreichte, klärte ſich die Nebelhülle und wie ein Blitz durchſpaltete eine Erinne⸗ rung die dichten Wolken, die ihn umwogten. Melitta und Fides waren unterdeſſen ſchon nach 186 dem Garten des Förſters geeilt, der ſich bis zur Burg⸗ mauer heranzog. Sie fanden den alten Mann be⸗ ſchäftigt Roſenſtöcke anzubinden und wurden von ihm mit lauter, herzlicher Freude begrüßt. Beſonders Fides ſchien ihm eine liebe und vertraute Beſucherin, denn er führte ſie ſogleich zu einem Blumenbeete, während Me⸗ litta ſich auf der Bank einer ſchattigen Laube niederließ und ſchwermüthig über den niedrigen Gartenzaun in die Pappelallee hineinſchauete, die nach Wangerode hin⸗ abging.. Bald geſellte ſich Fides ihr wieder zu und erzählte lebhaft, daß ſie ſo eben vom Förſter erfahren habe, der Marquis ſei in der Burg. „Ob er das war?“ fragte ſie begierig, ohne zu bedenken, daß Melitta dies eben ſo wenig wiſſen könne, wie ſie.„Der Förſter ſagt, es ſei ein ſeltſames Ding mit dieſem Marquis,“ ſprach ſie raſch weiter.„Der Förſter meint, dieſer Marquis ſei ſchon früher in der alten Burg geweſen, denn er kenne jeden Winkel darin. Nicht wahr, alter Lukas?“ fragte ſie den Näherkommen⸗ den, der ſich Mühe gab, ein recht ſchönes Bouquet Blu⸗ men zuſammen zu ſuchen. Er blieb vor der Laube ſte⸗ hen und antwortete augenblicklich: „Ja wohl, Mademoiſelle Fides!“ „Woraus ſchließt Ihr denn, daß der Marquis jeden Winkel kennt?“ fragte Melitta lächelnd, denn ſie kannte 187 des alten Förſters Manier den Geheimnißvollen zu ſpielen. „Ei, wer ohne Weiteres auf die verborgene Thür des ſogenannten Prinzeßzimmers losgeht und auf die Feder drückt, ohne fehl zu greifen, der muß wohl dieſe Thür mit dem ſonderbaren Schloſſe ſchon oft geöffnet haben. Ich ſelbſt, der ich jahrelang als Diener in der Burg gelebt habe, muß immer erſt nach dem Knopfe ſuchen, der eben ſo ausſieht, wie die andern Goldnägel der Thür.“ „Ich möchte die Burg doch gar zu gern einmal beſehen,“ ſagte Fides. „Das wäre leicht zu machen, Mademoiſelle Fides,“ antwortete der Förſter ſchnell. Fides faßte vertraulich ſeine Hand und ſah ihn ſchmeichelnd an.„Der Marquis wird ſehr bald wieder fortfahren. Sein Diener ſagte mir, er wolle nur einige Anordnungen treffen. Wenn er die Burg verlaſſen hat, führe ich mit gnädigſter Erlaubniß die Damen hinüber. Es ſieht ſchon ganz hübſch d'rinnen aus. Seit mehreren Tagen iſt drinnen gearbeitet. Geſtern ſind die Mau⸗ rer fertig geworden. „Ah ſo! Siehſt Du, Melitta— deshalb ſah die alte Mauer auch aus, als wäre ſie gewaſchen. Sie iſt reparirt, nicht wahr?“ Ein Geräuſch im Hauſe lenkte des Förſters Auf⸗ merkſamkeit dorthin. Sein Hund ſchlug an. Gleich 188 darauf knarrte die Pforte und eine Männergeſtalt wurde zwiſchen den Bäumen ſichtbar. „Der Marquis!“ flüſterte der Förſter und ging ihm ehrerbietig entgegen. Die beiden jungen Mädchen er⸗ rötheten und wechſelten einen Blick, der von der einen Seite vorwurfsvoll, von der andern aber höchſt ſchel⸗ miſch ausfiel. In Fides regte ſich zum erſten Male das Wohlgefallen an der Huldigung des Mannes, denn ſie nahm fälſchlich an, daß der Marquis von ihrer Erſchei⸗ nung überraſcht, ihr gefolgt ſei. Melitta vergaß jedoch nicht einen Moment, was ſie ihrer Geburt ſchuldig war und ſie erblickte in dem hübſchen jungen Manne nur den leichtfertigen Franzoſen, welcher die Gelegenheit wahr⸗ zunehmen trachtete, zwei unbekannte Damen mit ſeiner Liebenswürdigkeit zu behelligen. Nach dieſen Reflexionen fielen die Begrüßungen aus. Melitta neigte ſich anſtands⸗ voll, wie eine Dame bei der Hofcour— Fides nickte leicht mit dem Kopfe und zog ſich verlegen ein wenig hinter Melitta zurück. Der Marquis aber entſprach keineswegs den vorgefaßten Meinungen, womit er em⸗ pfangen wurde. Mit dem ruhigſten Anſtande näherte er ſich den jungen Mädchen und ſagte raſch: „Ich habe ſicherlich die Ehre, in Ihnen die Ver⸗ wandten des Herrn Oberhofjägermeiſter von Ettershai⸗ den zu begrüßen und da ich von Einer der Damen den Wunſch ausſprechen hörte, die Burg beſichtigen zu kön⸗ 189 nen, ſo erlaube ich mir, mich zu Ihrem Führer anzu⸗ bieten. Ich kenne vielleicht beſſer, als irgend Jemand — dieſen würdigen Förſter ausgenommen— die inter⸗ eſſanten Localitäten. Ziehen Sie es aber vor, meine Geſellſchaft abzulehnen, ſo biete ich Ihnen hiermit die betreffenden Schlüſſel zu meinem neuen Eigenthume,“ ſetzte er ernſter hinzu, als er einem ſtolzen und kalten Lächeln Melitta's begegnete. „O, Melitta—“ flüſterte Fides bittend und ſchlang ihre Arme um den Nacken der Freundin. Die junge Dame, voller Standesvorurtheile, wie ihre Tante, wenn es eine äußerliche Stellung zu behaupten galt, dachte einen Augenblick nach. Fides bat— wie hätte ſie widerſtehen können und ſchlimmſten Falles übernahm ſie mit ihrer Nachgiebigkeit nur eine Verantwortung gegen ihren Onkel, der ſich in ſeinen Geſprächen ſtets wohlwollend über dieſen Fremdling geäußert hatte. Der Marquis war durch die Beſitznahme der alten Burg in eine gewiſſe Beziehung zur Familie Ettershaiden ge⸗ treten und wenn ſie des Anſtandes halber den Förſter zur Begleitung mit nahm, ſo waren alle Regeln beob⸗ achtet, die zu beobachten ihre ſtrenge und förmliche Erziehung ſie gelehrt hatte. 4 Mellita winkte dem Förſter und ſtand bereitwillig auf, um der Einladung des Marquis ohne große Com⸗ plimente zu folgen. Fides triumphirte, mäßigte jedoch 190 ihre Freudenbezeigungen und ſchritt ſchweigend neben Melitta her, die ſich mit dem Mrnis in ein Geſpräch einließ. Sie erreichten bald die Burg. Unter den Schauern einer kleinen Herzensbeklommenheit betrat Fi⸗ des den Hof, der ſich dunkel wie ein Grabgewölbe er⸗ wies, weil die Pappeln, von keiner Menſchenhand be⸗ ſchränkt, ſich nach allen Seiten, von der Wurzel bis zum Wipfel, belaubt hatten. Ein grüner Moorſchleim über⸗ zog den mit Flieſen gepflaſterten Hof, von dem erſt jetzt das Laub entfernt war, welches ſeit einem Jahr⸗ zehnt hier gemodert hatte. „O die Bäume ſind ſchreckl ich,“ flüſterte Fides ihrer Freundin zu,„und von außen geſehen bilden ſie einen Schmuck des Gebäudes!“ „ So iſt es oft im Leben, mein Fräulein,“ ſagte der Marquis.„Was äußerlich als ein Vorzug erſcheint, iſt die Qual des Menſchen! Die Bäume ſollen mir als Beiſpiel dienen, mein inneres Sein ſo zu modeln, daß es in Harmonie mit allen Aeußerlichkeiten ſteht. Wenn Sie eines Tages dieſe hohen, ſchlanken Pappeln als einen Schmuck des Hofes betrachten müſſen, ſo den⸗ ken Sie an meine Worte.“ Fides lächelte etwas ſchüchtern. Sie glaubte der Tadel habe den Marquis verletzt. Der Hof der Burg bildete ein unregelmäßiges Viereck. Von drei Seiten war er mit Gebäuden be⸗ ſetzt, die vierte Seite bildete die dicke Mauer, welche 191 dem Walde zugewendet lag. Hier zeigten ſich Spuren vom Verſuche eine Pforte einzubrechen. Man hatte aber von dem Vorſatze abſtehen müſſen, weil das Ge⸗ ſtein zuſammen zu ſtürzen drohte. „ Ich wollte mir einen directen Weg zum Walde erzwingen,“ ſagte der Marquis, leicht lächelnd auf dieſe Stelle deutend.„Aber es geht nicht Alles, was man will.“ „Benutzen Sie doch die zugemauerte Pforte in des Förſters Garten,“ rief Fides vorſchnell. Der Mar⸗ quis, eben im Begriff die ſteinerne Freitreppe zum Wohngebäude empor zu ſteigen, ſtand betroffen ſtill. „Eine Pforte—? Wocſ iſt die zu finden? Ha— ich erinnere mich! Neben dem großen Eßzimmer iſt ein ſchmaler dunkler Gang— ich habe nicht begreifen kön⸗ nen, wozu dieſer Gang gedient haben könne— er führt jedenfalls zur Pforte, die man der Sicherheit wegen vermauert hat.“ „Allerdings, gnädiger Herr,“ berichtigte der För⸗ ſter,„Mademoiſelle Fides fand neulich, als ſie Epheu pflückte, die Spuren der friſcheren Mauer und meinte, dort ſeien wohl die Ritterfräulein eingemauert!“ Der Marquis lachte über die Phantaſiegemälde des jungen Mädchens, blickte aber fragend und ver⸗ wundert zum Förſter auf, weil ihm auffiel, daß er die Dame als„Mademoiſelle“ aufführte. Ich freue mich, 192 durch dieſen Zufall zur Entdeckung eines Ausganges gekommen zu ſein, der meine Bequemlichkeit weſentlich erhöht, ſagte er artig, aber merklich ceremoniöſer, als bisher, denn er mußte annehmen, Fides bekleide eine untergeordnete Stelle im Hauſe des ehemaligen Ober⸗ kandjägermeiſters. Er ging dann raſch voraus und öffnete die ſchwere Eiſenthür, welche den gewölbten Eingang zum Hauſe verſchloß. Ein hoher, unregel⸗ mäßiger Vorflur, der nur ein ſpärliches Licht durch einige kleine Fenſter empfing, breitete ſich vor ihren Augen aus. Trotz der unſichern Beleuchtung machte dieſer Flur einen freundlichen Eindruck. Die weißen Eſtrichwände, die gleich dem Eſtrichfußboden, ſchon geſäubert und neu geſtrichen waren, warfen den matten Lichtſchimmer zurück und hoben ihn gleichſam bis zu einem gedämpften Glanze. Die dunkeln, reichgeſchmück⸗ ten Thüren und Treppengeländer traten grell hervor gegen die weißen Wölbungen und gaben denſelben ein würdig vornehmes Anſehen. — Der Marquis warf eine der Flügelthüren auf. „Dies iſt das beſterhaltene Zimmer“, ſagte er lebhaft, „ich zeige es Ihnen zuerſt, um Sie für mein Beſitz⸗ thum einzunehmen.“ Melitta und Fides waren ſicht⸗ lich überraſcht.„Ich begreife nicht, warum man die⸗ ſes Gebäude unbenutzt gelaſſen hat!“ rief die Erſtere in ihrer Ueberraſchung aus und eilte den großen Bo⸗ 193 genfenſtern zu, die zwei ſchöne, gothiſch gewölbte Ni⸗ ſchen bildeten. Das ganze Zimmer war leer. Nur hier ſtanden Seſſel, welche eigens zu den Fenſter⸗ wölbungen gemacht ſchienen. Runde Niſchen mit Mar⸗ morplatten vollendeten dies Ameublement. Melitta trat an's Fenſter. Der Marquis folgte ihr. Fides blieb ein wenig zurück und betrachtete die reichen Tapeten, welche zwar etwas verſtaubt, aber ſonſt noch gut erhalten waren. „Sehen Sie die prächtige Ausſicht, mein gnädi⸗ ges Fräulein,“ ſprach der Marquis, indem er auf das wirklich reiche und abwechſelnde Panorama deutete. „Mein Gott, Fides,“ antwortete Melitta, ſeine Rede mit dieſem Ausrufe von ſich ablenkend.„Iſt das nicht Wangeroda? Wie kommt Wangeroda hieher? Wie iſt es möglich, daß man Wangeroda hier ſehen kann? Sieh doch, Fides, der Teich mit ſeinen Pap⸗ peln— ſieh' doch! Irre ich mich oder iſt's Wange⸗ roda?“ „Es iſt Wangeroda,“ verſetzte der Marquis.„Ich unterlag durch dies Spiel der Natur der Täuſchung, Wangeroda müſſe der Burg ſehr nahe ſein. Aber bei einiger Aufmerkſamkeit findet man, daß die wellenför⸗ mige Landſchaft hier gerade einen bogenförmigen Ein⸗ ſchnitt erhalten hat, welcher vielleicht urſprünglich ganz mit Waſſer ausgefüllt geweſen iſt. Der Erbauer der E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. 1. 13 194 Burg hat einen guten Geſchmack bewieſen, die Front derſelben dieſem Einſchnitte zuzuwenden. Es macht einen überraſchenden Eindruck, plötzlich ſo weit in's Land hineinſehen zu können.“ „Die Anlage der Burg wird einem Raubritter zu⸗ geſchrieben,“ erklärte Melitta lächelnd.„Vielleicht ſcheitert hieran Ihre gute Meinung vom romantiſchen Geſchmacke der Ettershaiden.“ „Gefällt es Ihnen daran zu zweifeln, ſo folge ich Ihrem Beiſpiele ſehr willig,“ entgegnete der Mar⸗ quis ſcherzend, indem er dem hübſchen Mädchen aus⸗ drucksvoll in's Auge blickte. Sie erwiederte nichts auf ſeinen Scherz und ſenkte ihren Blick mit einer Ruhe, die ein Zeugniß ihres unbewegten Innern gab. Aber befremdet war ſie von dieſem forſchenden Blicke, der nichts von fader Huldigung verrieth, ſondern einem tiefen, vergleichenden Schauen ähnlich ſah. Ehe ſie mit ſich einig wurde, was ſie darüber denken ſolle, be⸗ gann der Marquis ſehr beeilt und rückhaltslos:„Sie erlauben mir eine unbeſcheidene Frage, mein gnädiges Fräulein. Sind Sie jemals in Potsdam geweſen? Das heißt, vor längerer Zeit, vielleicht vor ſieben Jah⸗ ren? Haben Sie vielleicht dort ſich aufgehalten?“ Melitta blickte ſinnend vor ſich hin. Fides ſchlich ihr unbemerkt näher und betrachtete den fremden Mann, der ſich durch dieſe Frage in ihren Ideenkreis einbür⸗ 19⁵ gerte, mit größerer Aufmerkſamkeit als bisher. Er gefiel ihr außerordentlich. Sein dunkles, ſtrahlendes Augenpaar mit einem Ausdrucke auf Melitta geheftet, woraus das tiefſte Intereſſe leuchtete, ein ſanftes, ge⸗ winnendes Lächeln um den Mund, ſein ganzes Aus⸗ ſehen denkend, klug und doch ſo unendlich gütig,— wahrlich, Fides geſtand es ſich willig ein, ſie hatte noch nie einen Mann geſehen, der ihr ſo überaus wohl gefallen hatte, wie dieſer franzöſiſche Marquis, der ſo vortrefflich deutſch ſprach. Aufmerkſam geworden, lauſchte ſie nun auf jedes Wort, das er ſprach, ohne im An⸗ fange die Wichtigkeit dieſes Geſpräches zu erkennen. Melitta hatte lange nachgeſonnen, ehe ſie ant⸗ wortete:„Ich weiß es nicht genau zu ſagen, ob ich mich dort längere Zeit verweilt habe, mein Herr, aber durchgereiſt bin ich mehrmals und wahrſcheinlich auch zu jener Zeit, die Sie andeuten.“ „Es wäre ein wunderbarer, fabelhafter Zufall, wenn ich das Vergnügen hätte, in Ihnen eine frühere Bekannte begrüßen zu können— zwar eine Bekannte von nur wenigen Minuten, aber immerhin eine ſo in⸗ tereſſante Erinnerung, daß ich es mir nicht verſagen konnte, Sie deshalb im Förſterhauſe aufzuſuchen!“ Fides, im Nu von dem Wahne curirt, der ſchöne Fremde ſei ihr nachgefolgt, blickte mit komiſchem Zorne in ſein lebhaft bewegtes Antlitz und warf trotzig die 13* 196 roſigen Lippen auf. Melitta jedoch lächelte huldvoll und ſchaute geſpannt zu ihm auf. „Sie erlauben mir eine zweite Frage, die mich näher zum Ziele führen kann. Sind Sie in der Gar⸗ niſonkirche geweſen zur Zeit, als der Kaiſer von Ruß⸗ land zum Beſuche derſelben nach Potsdam gekommen war?“ „Nein!“ erklärte Melitta feſt.„Ich bin niemals in dieſer Kirche geweſen—.“ Fides öffnete die Augen groß und weit, als wolle ſie eines dunkeln Gegenſtandes anſichtig werden. „Es iſt doch die Kirche, welche das großartige Glockenſpiel hat?“ ſetzte Melitta fragend hinzu. „Ganz dieſelbe, mein gnädiges Fräulein,“ ant⸗ wortete der Marquis mit dem Anfluge eines leichten Mißbehagens.„Die Gruft Friedrich des Großen lockt viele Menſchen zum Beſuche— ſollten Sie nicht da⸗ mals, als der ruſſiſche Kaiſer einen Treubund mit dem Könige von Preußen am Sarge des großen Friedrich beſchwor— ſollten Sie nicht bei dieſer Gelegenheit in die Kirche gegangen ſein?“ „Nein!“ ſagte Melitta unverändert ſanft und ru⸗ hig, während es in dem Geſichte der jungen Fides ſeitſam zuckte und ein ſchneller Farbenwechſel ihre innere Aufregung nur allzudeutlich kund gab. Es achtete ihrer nur Niemand. Sie zog ſich leiſe und unbemerkt wie⸗ —— —— 197 der von dem Stuhle Melitta's zurück, lehnte ſich ſeit⸗ wärts an einen andern Seſſel, ſchattete die Augen mit der Hand und blickte träumeriſch befangen den Mar⸗ quis unverwandt an. „Darf ich mir nun die Frage geſtatten, was Sie zu dieſer Forſchung veranlaßt, Herr Marquis?“ ſprach Melitta nach kurzem Schweigen. „Ihr Name— der Name ‚Melitta, erwiederte der junge Mann etwas erzwungen heiter. „O, es giebt ja der ‚Melitta’ wohl mehrere,“ ſcherzte Melitta, der es nicht entging, daß der Mar⸗ quis durch ſeine falſche Vorausſetzung verleitet, eine Annäherung an ſie verſucht hatte, die ihn jetzt drückte. „Aber freilich der Name iſt ſelten genug, um an⸗ zunehmen, daß ich die Melitta geweſen ſein könne, die Sie damals kennen gelernt haben. Ich zählte aber vor ſieben Jahren ſchon eilf Jahre, mithin befand ich mich in einem Alter, wo die Eindrücke ſchon feſter haf⸗ ten, und ich kann deshalb mit Beſtimmtheit verſichern, daß ich niemals die Garniſonkirche in Potsdam be⸗ treten habe. Sie hätte an dieſe Erklärung ſehr gern eine wei⸗ tere Forſchung geknüpft, wozu ſie eine brennende Neu⸗ gier trieb, allein ſie geſtattete ſich keine Frage, ſondern wartete, bis der Marquis unaufgefordert von Neuem begann: 198 „Es war ein kleines, reizendes Abenteuer— einer jener Zufälle im Leben, die man ſpäterhin für einen Traum zu halten geneigt iſt.— Ich fand eine kleine Melitta ſchlafend in der Kirche, kurz vor dem Einbruche der Nacht— allerdings ſtimmt das Alter dieſer Klei⸗ nen nicht mit dem überein, was Sie mir angaben— dies Kind war höchſtens acht Jahr, vielleicht noch we⸗ niger, denn es war überaus zart und klein von Kör⸗ per.—“ Fides hatte bis dahin unbeweglich geſeſſen und, auf's Aeußerſte geſpannt, der Erzählung gehorcht. Jetzt erzitterte ſie, als würde ſie vom Fieber geſchüttelt, denn der junge Mann ſagte lachend:„Aber ſie zeigte Muth, die kleine Dame— ſie wollte die Königin und den König ſehen— es war ein reizendes Begegniß— ich hatte es längſt vergeſſen— nur Ihr Name, der Name Melitta weckte die begrabene Erinnerung wieder auf und das Kind ſteht in erſchreckender Klarheit vor meinem Geiſte!“ Ein Strahl der Erkenntniß fuhr durch das Herz der armen, kleinen Fides, die ganz unbeachtet neben ihrer Pflegeſchweſter ſaß, als dieſe mit ſtolzem Lächeln die Möglichkeit einer ſolchen Begebenheit weit von ſich wies, da ſie in ihrer Jugend nie einen Schritt ohne ihre Bonne oder einen Bedienten des Hauſes habe ge⸗ hen dürfen. — — 199 Das Geſpräch war hiermit zum Schluß gekommen und man brach auf, um noch flüchtig alle ſehenswerthen Räume zu durchſchreiten. Dann verabſchiedete ſich der Marquis. Die jungen Damen verfügten ſich wieder nach dem Hauſe des Förſters. Bei dem flüchtigen, leichtſinnigen Weſen, welches Fides von ihren Kinderjahren übrig behalten hatte, konnte es Melitta nicht auffallen, daß ſie ihr pfeilſchnell vorauflief und in den Garten hinein ſtürmte. Es war ihre Manier, Alles übereilt haſtig zu thun, wenn es auch mit Gelaſſenheit und Ruhe eben ſo ſchnell zu be⸗ werkſtelligen geweſen wäre. Melitta konnte alſo nicht ahnen, daß Fides von einem Entſchluſſe vorwärts getrieben wurde, wie ihn die Aufregung eingiebt; von einem Entſchluſſe, den ſie bei ſorgfältiger Ueberlegung verworfen hätte. Gleich einem Vogel durchflog ſie den Garten und ſtürmte der Laube zu, wo ſie vorhin geſeſſen. Dort war die Einhegung des Gartens von dem kunſtſinnigen Förſter zu einem Bogen gezogen. Dort konnte man den Wald überblicken und die Landſtraße, welche in den Wald hineinführte, ging dicht an dem Laubgewölbe vorüber. Es währte auch nicht eine Minute, ſo brauſte die Equipage des Marquis heran. Der junge Mann lehnte nachdenklich im Fond des Wagens. Er hatte ſich einen kurzen Moment von romantiſchen Einfällen re⸗ gieren laſſen, die er jetzt ſchon zu belächeln begann. Stürmiſchen Empfindungen von jeher abhold, ſuchte er, trotz aller Verſuchungen, ſeines Lebens Heil nicht im Umgange mit Frauen. Im Gegentheil, er mied ſie, weil er ſich conſequent in ſeinem Lebenswege erhalten wollte, was unter der Einwirkung weiblichen Einfluſſes nach ſeiner Meinung gar nicht möglich war. Zudem hatte er in der Sphäre, worin er lebte, die Frauen verachten gelernt. Ihr edler Beruf ging dort in dem niedrigen Treiben einer Genußſucht verloren, wie ſie nur die Entartung der Seele hervorrufen kann. Seine Ver⸗ nunft, als Wächterin aller ſeiner Handlungen, hatte die Wallungen des Herzens faſt unmöglich gemacht, indem ſie ihm eine Bahn vorgezeichnet, die ihn den Kreiſen, wo edle weibliche Anmuth zur Geltung kam, vollſtän⸗ 1 dig entfremdete. Wie ein Strahl aus fernen Höhen war ihm da⸗ her ein längſt verklungener Name erſchienen und wil⸗ lenlos hatte eer der Macht ſeiner aufgeſchreckten Phan⸗ taſie Gehorſam geleiſtet, als ſie ſich zum erſten Male als Herrſchergewalt beweiſen wollte. Das Bild erloſch aber eben ſo ſchnell, wie es in ihm erſtanden war, als er ſich eines Irrthumes bewußt wurde. Sein Geiſt ſchon wieder ernüchtert, verlor ſich in pro⸗ ſaiſchen Zuſammenſtellungen politiſcher Gegenſtände, wäh⸗ 201 rend er noch im Bereiche der liebenswürdigen Weſen war, die ihn einige Augenblicke ſeinen weltlichen Beſchäf⸗ tigungen entzogen hatten. Nachläſſig nur ſtrich ſein Blick über den Raum, wo er phantaſtiſchen Einbildungen nachgeforſcht hatte. Da geſchehe etwas, was ihn aufrüttelte aus der Lethargie des Vernunftlebens! War es eine Viſion— ein Spuk ſeiner Phantaſie, was ſein Auge erblickte, als er an dem Gartengehege des Förſterhauſes vorüberfuhr? War es ein Luftbild, dem ſein Geiſt nur Leben verlieh? Dort, im Rahmen der grünen Blätter, dort ſtand das Gebild, das ihn beſchäftigt, das ſeine Phantaſie zum Erwachen gebracht hatte— dort, dort— mit denſelben anmuthigen Geberden ihm winkend— eine Geſtalt voll Reiz und dennoch das Kind mit den beſeelten Augen— voller Grazie ſich neigend und mit beiden Händen die roſigen Lippen berührend, um ihm einen Herzensgruß nachzu⸗ ſenden. Er fuhr empor und wollte hin, dies reizende Bild feſtzuhalten. Elektriſch berührt traf ſein Auge mit ihrem Auge zuſammen— ein Gefühl tiefen unausſprechlichen Entzückens folgte dieſem Blicke— dann war Alles vor⸗ über, Alles verſchwunden! Mit dem Lächeln der Selig⸗ keit lehnte er ſich wieder zurück. Er wußte nun, daß ſein Forſchen nicht vergeblich geweſen war. Was er jetzt geſehen hatte, war ein Abbild jener lieblichen Ab⸗ ſchiedsſcene, die Niemand kannte, als er und das holde, anmuthvolle Kind, das, von ihrem dankbaren Her⸗ zen getrieben, ihn ſcheidend grüßte. Ob er dies Kind Melitta, ob er es Fides nennen mußte? Was änderte ein Name an der Thatſache. Sein Leben ſtand ſeit Kurzem auf einem Wende⸗ punkte. Was er gewollt, das hatte er erreicht. Von den fürchterlichen, politiſchen Kriſen der Weltereigniſſe be⸗ günſtigt, ſchiffte er muthig und umſichtig hinaus in die Wogen des Lebens und jetzt näherte er ſich den Ge⸗ ſtaden, die ihm Ruhe und Lebensgenuß verhießen. Wollte Gott ſein Herz endlich beleben, damit er nicht in Selbſtſucht erſtarre, nachdem er durch eigene Kraft der Schöpfer eines Wohlſtandes geworden war, der ihn ganz ehrenvoll ſelbſtändig machte? Es bedurfte allerdings eines Funkens, um die todten⸗ hafte Ruhe ſeines Innern, das unter der ſteten Selbſt⸗ beherrſchaft verglaſt war, zu ſtören, um Licht in ſeines Herzens Dunkelheit zu bringen und Gluth in die kalten Geſetze der Vernunft. Es bedurfte ſogar einer Erſchütte⸗ rung, um dieſe Ruhe dergeſtalt zu durchkreuzen, daß ſie völlig aus ihrer gewohnten Bahn kam. Er hatte ein wunderbares Leben geführt, von Grund⸗ ſätzen geregelt, von Entſchlüſſen beſtimmt und eingeengt. Nicht Amt und Lohn band ihn an die Perſon des gro⸗ ßen Welteroberers. Nicht Ehrgeiz entflammte ſeine Thä⸗ —— —y——— ——— 203 tigkeit. Frei diente er, kalt und beſonnen, ſeinen Jahren nach unbegreiflich feſt verfolgte er ſeinen Weg. Er gehörte keinem diplomatiſchen Corps an, blieb ernſt in den Gränzen der Ehrlichkeit und wies ränkevolle An⸗ träge mit einer Art ſcherzhafter Artigkeit zurück, ſo daß man ihm nicht feind wurde. Vor allen Dingen war er nur ein Organ der Verſtändigung zwiſchen dem Kaiſer Napoleon und dem Könige Jerome. Oft hatte er ſchon den Zorn Napoleons über ſeines Bruders Schwäche durch liebenswürdige Beredſamkeit entwaffnet und noch öfter war es ihm gelungen, den flatterhaften Sinn Je⸗ rome’s auf Momente zur Thatkraft zu entflammen. Jetzt aber ſchienen ſeine Bemühungen von beiden Sei⸗ ten ungnädig betrachtet zu werden.— Napoleon hatte ein offenes Wort von ihm mit Mißbilligung aufge⸗ nommen und Jerome fand einen unbehaglichen Druck in dem Ernſte ſeiner Meinungen. Deshalb bereitete er mit Eifer ſeine Ueberſiedelung nach der alten Burg vor. Die fürſtlichen Belohnungen ſeiner Dienſte reichten hin, ſeine künftige Exiſtenz ſor⸗ genfrei zu machen. VIII. Capitel. Begreifſt Du das? Es war ein ſchwüler, dunkler Tag geweſen, der ſich zu Ende neigte und in jene leichte angenehme Däm⸗ merung überging, welche Frühlingsabenden eigen iſt. Im ſogenannten Empfangsſalon des Schloſſes Ettershaiden weilte Melitta und Fides. Die Fenſter des ſchönen, großen Zimmers, ſonſt hermetiſch jedem Luftzuge, der Staub einführen konnte, verſchloſſen, ſtanden offen, und der Duft des Jasmins erfüllte das ganze Gemach, welches in ſeiner Pracht alle andern im Schloſſe überſtrahlte. Es gehörte zu den neuen Hausordnungen, daß die⸗ ſer Salon nicht mehr dem allgemeinen Gebrauch ver⸗ ſchloſſen und nur dann ſchleunigſt aller Decken und Be⸗ hänge entkleidet wurde, wenn Beſuch zu erwarten war. —— 205 Herr von Ettershaiden hatte ihn zu einem Familien⸗ verſammlungsorte beſtimmt und damit die Erlaubniß gegeben, daß die jungen Pflegetöchter den dortſtehenden ſchönen Wiener Flügel benutzen durften. Bis dahin auf ein altes Clavier beſchränkt, das aus einer Polter⸗ kammer in ihr gemeinſchaftliches Zimmer gebracht wor⸗ den war, erfüllte ſie dieſe Freiheit mit Entzücken. Be⸗ ſonders glücklich war Fides, die muſikaliſch begabt, mit Leidenſchaft die Gelegenheit wahrnahm, ihre ſchönen Mozart'ſchen Sonaten und Phantaſien auf dem neuen Flügel hören zu laſſen. An dieſem Abende ſaß ſie je⸗ doch zerſtreut vor dem Inſtrumente und tändelte mehr darauf herum, als daß ſie ordentlich zuſammenhängend zu ſpielen verſuchte. Melitta ſaß am äußerſten Fenſter und hielt ein Buch in der Hand. Sie las aber nicht in demſelben. Ein ſeltſames Zuſammentreffen. Melitta las nicht und Fides ſpielte nicht und doch war nichts Beſonders geſche⸗ hen, was ſie in ihren liebſten Neigungen geſtört haben könnte. Nachmittags war Oswald eine kurze Zeit im Schloſſe geweſen. Es war ſein erſter Beſuch ſeit je⸗ nem Tage, wo ihn der Beſuch des Marquis d'Etérais verjagt hatte. Vertrauensvoll hatte der junge Edel⸗ mann auf einen liebreichen Empfang, wie ſonſt, gerech⸗ net, da er eine ausreichende Entſchuldigung für den ver⸗ 206 zögerten Beſuch anzugeben vermochte. Aber er fand Alles anders, wie er es damals verlaſſen hatte. Seine Couſine, die gnädige Frau von Ettershai⸗ den ließ ihn gar nicht vor. Der alte Herr hatte wenig Zeit für ihn, weil er zu einer Conferenz in's Amthaus gehen wollte. Fides war zerſtreut und ernſter, als man von ihr gewohnt war. Sie hatte Luſt— große Luſt— nach dem Forſthauſe zu gehen, fürchtete jedoch eine Begeg⸗ nung mit dem Marquis. Melitta aber zeigte ſich ent⸗ ſchieden wortkarg und zurückhaltend gegen ihren Jugend⸗ freund. Ihre Sanftmuth verbarg freilich die Wunde, welche ihr durch den Vorſatz Oswald's,„ſeine Heimath⸗ zu verlaſſen,“ geſchlagen worden war, aber der feſte Wille, dieſe Wunde heilen zu laſſen, ohne daß eines Menſchen Blick ſie je bemerkt habe, verlieh ihrem We⸗ ſen eine fremdartige Kälte, die geeignet war Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen. Oswald fühlte ſich fremd und verlaſſen in dem Schloſſe, wo er ſonſt die Vorrechte eines nahen Ver⸗ wandten genoſſen hatte und da der Zeitpunkt noch nicht erſchienen war, wo er mit den beſten Plänen für eine geregelte Zukunft hervortreten konnte, ſo verließ er das Schloß ſehr bald, ohne es verſucht zu haben, Melitta's kalte Sanftmuth zu erſchüttern. Sie litt jetzt mehr, als vorher! Ihr Gewiſſen 207 regte ſich und legte ihr die Frage vor, ob es edelſinnig ſei, einen Jugendfreund durch Schweigen zu kränken, während ein Wort der Erklärung den Uebergang zur Freundſchaft ſanft vermittelt hätte. Genug— Melitta las nicht und Fides muſicirte nicht! Draußen in der Flur wurde es ſtiller und duf⸗ tiger. Alle andern Vögel gingen zur Ruhe, nur einige Nachtigallen begannen einen reizenden Wechſelgeſang. Melitta legte das Buch, das ſie träumeriſch in der Hand hielt, nieder. Sie preßte ihre Rechte auf das Herz und lauſchte dem Wettgeſange der Nachtigallen. Fides ſchauete hin zu ihr. Der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes weckte plötzlich die Theilnahme an ihrem Schickſale. Fides erkannte darin Schmerz, Verlangen, Trauer und Entzücken und ſie fühlte ſich bereit die Wolken ihrer Stirn zu zerſtreuen. Ihr Frohſinn entfaltete die etwas matt ge⸗ wordenen Flügel. Sie begann mit kräftigem Anſchlag eine lebhafte, vollſtimmige Introduction. „Melitta?“ fragte ſie dann,„warum iſt Oswald ſo ſchnell wieder fortgeritten?“ Melitta erhob ſich und ſchritt langſam dem Inſtru⸗ mente zu, wo Fides mit Energie ein Melodrama eigner Art zu beginnen Miene machte. „Bevor ich Dir dieſe Frage beantworte,“ entgegnete Melitta leiſe,„muß ich wiſſen, was Dich neulich im Gar⸗ ten des Förſters zu einer Exaltation brachte, die mich für Deinen Verſtand fürchten ließ!“ Fides bückte ſich neckiſch und ſchlug einige Accorde in Es dur an, ging aber ſogleich in Cmoll über und ließ ihre Hände auf einem kläglichen. Moll⸗Accord ruhen. „O, die Geſchichte iſt auch angethan, den Ver⸗ ſtand zu verlieren!“ ſprach ſie lachend. „Nun? Ich bin begierig auf dieſe Geſchichte!“ Fides fuhr wild über die Taſten in gebrochenen Accorden, ſchloß mit dem Septimenaccord und antwortete: „Es iſt lange her, daß ich ein kleines, verlaſſenes, jämmerliches Geſchöpf war, um das ſich Niemand küm⸗ merte. Meine Mutter war mir geſtorben. Ich hatte an ihrem Sarge, den ich ein ſchwarzes Bett nannte, ſo lange geſeſſen, bis man dies ſchwarze Bett zunagelte und wegtrug.“ „Arme Kleine— ſchon wieder dieſe Erinnerung!“ ſprach Melitta, mitleidig ihre Hand auf Fides' Kopf legend. Das junge Mädchen zog dieſe weiche, zarte Hand herab und küßte ſie. 1 „Es war alſo vor der Zeit, ehe Du meine Be⸗ ſchützerin wurdeſt!“ flüſterte ſie. „Das iſt freilich lange her, kleine Tyrnau!“ ſcherzte Melitta. Fides ſpielte eine ſanfte Melodie, traurig und weich, wie eine Klage. Melitta, welche ihre Art kannte, lehnte ſich auf ihren Seſſel und neigte ihre Wange auf 209 Fides' Scheitel. Sie wußte, daß ſie am ſicherſten war, alle Geheimniſſe dieſes jungen Herzens zu erfahren, wenn ſie ihrer Eigenthümlichkeit nachgab. „Aus der Obhut einer langſam ſterbenden Mutter kam ich in meines Vormund's Haus, wo man mich den Dienſtboten unterordnete. O, wie oft ballte ich trotzig meine Hände und rief meine Mutter an, die rohen Menſchen zu ſtrafen, die mich brutal behandelten. „Arme, arme Kleine!“ „Ich wurde ſchlimm, ſehr ſchlimm, Melitta! Ich wurde boshaft, ich lernte lügen— natürlich— wenn man wegen der Aufrichtigkeit beſtraft wird, ſo greift man zur Heuchelei!“ „Du übertreibſt Deine Fehler, Fides,“ wendete Melitta ſanft und traurig ein. „Nein, Melitta! Ich war ſchlau, wie eine Katze — ich lernte mich verſtellen und mich verſtecken; dabei hatte ich Muth, es mit allen Domeſtiken unſers Haus⸗ weſens aufzunehmen und wenn ſie droheten mich einzu⸗ ſperren in ein dunkles Loch, ſo verlachte ich ſie höhniſch und ſagte ihnen, meine ſelige Mama würde dann bei mir ſein und mich tröſten!“ „Ich weiß, daß dieſer Muth Dir eine gewiſſe Achtung erzwungen hatte,“ ſprach Melitta. Fides ſchwieg, in Erinnerungen verloren. Ihre Hände irrten dabei auf dem Inſtrumente umher und E. Fritze: Die Herren v. Ettershaiden. 1. 14 entlockten ihm leiſe, harmoniſche Klänge. Dazwiſchen ſprach ſie abgeriſſen, gleichſam phantaſirend: „Aber eines Tages ſtieg ein Engel zu mir hernie⸗ der und rettete mich! Ich wurde mit Dir zuſammen gebettet. Wir wohnten von da an in Einem Zimmer und Deine Bonne mußte mich ankleiden und unter⸗ richten.“ „Und niemals zeigteſt Du die Fehler, deren Du Dich eben angeklagt.“ „O, Deine Nähe beſeligte und heiligte mich!“ ſagte Fides ſchwärmeriſch.„Böſe Augenblicke gab es noch genug. Ich hatte nur einen heiligen Reſpect vor dem geſtrengen Herrn Onkel und der geſtrengen Frau Tante, wie Du damals Deine Verwandten immer gegen mich nannteſt. Aber heimlich übte ich viel dumme Streiche, das weiß ich ganz genau: Wenn ich entwiſchen konnte, ſo that ich's.“ Melitta lachte.„Das muß ich beſtätigen!“ „Nun ja— erinnerſt Du Dich wohl, daß ich 8 eines Tages nirgends zu finden geweſen bin? Erinnerſt 4 Du Dich, Melitta?“ fragte ſie mit dem Aufblitzen eines eigenthümlichen Muthwillens. „Es iſt öfter vorgekommen, Fides! Eines be⸗ ſtimmten Falles erinnere ich mich wahrlich nicht! „Auch deſſen erinnerſt Du Dich nicht, daß ich, nach langem Suchen, in meinem Bette aufgefunden wurde, 211 ſauber und niedlich, als hätte eine Fee mich zur Nacht gekleidet und zur Ruhe gebracht?“ fragte Fides mit ausbrechendem Uebermuthe ſich umwendend und beide Arme um Melitta ſchlingend, die noch immer dicht hinter ihr ſtand. „Ja, ja, deſſen erinnere ich mich!“ rief Melitta erheitert.„Du erwachteſt bei unſerm Jubel und warſt entſetzlich hungrig!“ Fides nickte und ſchmiegte ihre Lippen an Melitta's Ohr, als wage ſie das nun fol⸗ gende Bekenntniß nicht anders, als ganz leiſe flüſternd mitzutheilen. „Siehſt Du, wie ſchlau und verſtockt, wie lügne⸗ riſch und heuchleriſch ich geweſen bin, Melitta. Ich habe damals mit keiner Silbe verrathen, wo ich geſteckt hatte. Ich wußte es eigentlich wohl ſelbſt nicht ganz genau und dann fürchtete ich die Strafe. Neulich habe ich's erfahren, neulich iſt mir ein Licht über die ganze Be⸗ gebenheit aufgegangen.“— „Neulich?“ fragte Melitta geſpannt.„Neulich— Fides, Du phantaſirſt doch nicht wieder?“ „Nein, nein! Als Er davon ſprach, als er— o Melitta, Melitta!“ Sie barg ſich verſchämt an Melitta's Hals. Ihre Pulſe ſchlugen und ihr Herz zuckte, als wolle es im Uebermaße des Gefühles ſtehen bleiben. Melitta ſchloß ſie erſchreckt feſter an ſich.„Wie? Fides?“ ſagte ſie ahnend.„Der Marquis—“. 14 „Ja, ja!“ flüſterte Fides haſtig, als dränge es ſie, eine Bürde los zu werden.„Ich bin es geweſen, die der Marquis ſchlafend gefunden hat.“ „In der Kirche? Wie biſt Du in die Kirche gekom⸗ men? Fides, Deine lebhafte Einbildungskraft ſpiegelt es Dir nur vor! Er ſprach ja von einer Melitta, Kleine.“ Fides warf ſchelmiſch ihren Blick zu ihr auf.„Wer weiß denn, ob ich mich nicht ſo genannt habe, um mich vor Verrath zu ſchützen. O ich war gar zu ſchlau, gar zu heuchleriſch geworden.— Genau kann ich nichts weiter behaupten, als daß ich zuerſt nur von dem Glockenſpiele der Garniſonkirche angezogen wurde, daß ich geduldig ſtehen blieb, um zu erwarten, bis die Mu⸗ ſik wieder tönte. Dann kamen Leute, die davon ſprachen, daß der König und die Königin in die Kirche gehen wollten. Wahrſcheinlich bin ich mit hineingegangen und bin eingeſchlafen.“ „Du alſo— Du biſt's wirklich geweſen?“ warf Melitta voller Erſtaunen ein.„Wie haſt Du aber zu Haus gefunden? Wir waren ja nur immer auf ein paar Tage in Potsdam!“ „O— ich war nicht gewohnt, nur mit einem Be⸗ dienten hinter mir auszugehen,“ antwortete Fides ſchel⸗ miſch.„Wer auf der Straße herumläuft, findet ſich ſchon zurecht.“ Ich fand ſogleich unſer Haus, ſchlüpfte in unſer Schlafzimmer, zog mich raſch und geſchickt aus und 213 legte mich in's Bett, um jedem Verhöre und der darauf folgenden Strafpredigt zu entgehen!“ „Wenn es nur keine Phantaſien ſind,“ ſprach Melitta herzlich lachend.„Warum ſagteſt Du dem Marguis nicht, daß Du die kleine Schläferin geweſen wäreſt?“ „Warum ich's nicht ſagte? Warum?“ fragte Fi⸗ des ſinnend.„Warum?“ „Es würde ihn gewiß erfreuet haben.“ „Ich glaube nicht! Er hatte nur Augen für Dich — es würde ihm ſehr gleichgültig geweſen ſein. Meine proſaiſche Erklärung hätte vielleicht keinen Glauben ge⸗ funden— außerdem entrollte ſich der ganze Zuſammen⸗ hang der Geſchichte erſt nach und nach vor meinem Gedächtniſſe. Jetzt glaubt er mir's gewiß und ich zittere, wenn ich daran denke, daß er uns wieder beim Förſter treffen könnte.“ „Jetzt weiß der Marquis Dein Abenteuer? Jetzt weiß er es und glaubt Dir? Fides, wie verſtehe ich das?“ Das junge Mädchen lächelte triumphirend, erröthete aber wieder und zitterte heftig. „Ich habe ihn gegrüßt, wie damals,“ ſtammelte ſie ſehr verlegen.„Und in ſeinem Auge las ich, daß er mich daran erkannte, daß er in mir jene Melitta wiederfand!“ Melitta runzelte leicht die Stirn.„Wie theatraliſch, Kleine! Im Garten hatteſt Du dies Theaterkunſtſtückchen ausgeführt, nicht wahr? Darum alſo fand ich Dich mit Thränen im Auge, darum übermüthig und ſentimental zugleich? Deine Neigung zu phantaſtiſchen Streichen hat Dich wiederum in ein Wirrſal geſtürzt. Wie willſt Du jetzt dieſem fremden Manne entgegen treten, kleine Tyrnau?“ „O, ich mag ihn gar nicht wieder ſehen, gar nicht!“ rief Fides mit verrätheriſcher Haſt. „Das wirſt Du nicht vermeiden können! Er wird nach Dir fragen! „O bitte, Melitta— beſchütze mich!“ bat Fides kindlich.„Ich wäre nicht im Stande, ihn jemals wie⸗ der anzuſehen! Nein— ich mag ihn nie wiederſehen!“ Melitta, vom eigenen Herzen ſchon belehrt, daß Furcht und Liebe in ſehr naher Beziehung ſtehen, ſenkte forſchend ihr Auge zu Fides nieder. Der Ton und der Blick, welche dieſe Worte begleiteten, klärten ſie über die Regungen des jungen Weſens auf. „Du biſt doch ſonſt eine tapfere Heldin, Fides,“ ſprach ſie.„Was entmuthigt Dich plötzlich?“ Das junge Mädchen neigte die Stirn und flüſterte: „Melitta— ich fürchte mich vor der Glückſeligkeit, die ich empfinden würde, wenn er neben mir weilte!“ „Alſo eine Warnung vor der Liebe, die Deine Un⸗ ſchuld Dir zuflüſtert,“ ſagte Melitta ernſt und feier⸗ 215 lich.„Dein heißes Herz wird ſich aber nicht zügeln laſ⸗ ſen. Schade, daß ein Fremdling die erſte, ſüße Regung Deiner Bruſt erweckt. Eine glückliche Entwicklung dieſer Neigung würde uns trennen, meine Fides. Mein Onkel duldet keine Franzoſenbraut!“ „Du glaubſt noch immer, der Marquis ſei ein Kind Frankreichs?“ fragte Fides mit überlegenem Tone, dem eine kleine Spöttelei anhing.„Ich dächte, ſein Be⸗ nehmen in der alten Burg hätte Dir, der klugen Me⸗ litta, verrathen müſſen, daß ſeine liebſten Erinnerungen in deutſchem Boden wurzeln. Und dann? Wie ſollte er als Franzoſe vor ſieben Jahren in die Garniſonkirche Potsdam's kommen?“ „Warum nicht! Stand doch ein Jahr ſpäter der Kaiſer Napoleon als Sieger in dieſer Kirche und ſuchte die Stätte auf, wo ein großer, preußiſcher Monarch ruhete.“ Fides, zurückgeſchlagen mit ihrem ſpöttiſchen Aus⸗ fall, machte ein böſes Geſicht und ſpielte blind d'rauf los, als wolle ſie ſich gegen Melitta's Einwendung be⸗ täuben. Melitta wartete geduldig, bis ſie des Spielens wieder müde ſein würde. Ihr Mienenſpiel zeigte, daß ſie Erbarmen mit der Herzensaufregung ihrer Freun⸗ din hatte. Fides ſchien große Luſt zu haben, das Geſpräch mit Melitta's Entgegnung zu ſchließen. Sie begann 216 ein Phantaſieſtück von Mozart und führte es mit einer Virtuoſität und mit einem Ausdrucke aus, der Melitta zur Bewunderung hinriß. Plötzlich brach ſie mitten im Stücke ab, ſchloß es durch einige ſtarke, rauſchende Paſ⸗ ſagen und Accorde und ſtand dann feſt und entſchloſſen vom Flügel auf. Es war mittlerweile die matte Abend⸗ beleuchtung in ein tieferes Dunkel übergegangen. Mit einer raſchen Wendung geleitete ſie Melitta zum Fenſter und ſah ihr ruhig in's ſanfte Antlitz, während ſie ſprach: „Sage mir ehrlich und aufrichtig, Melitta, was kann der Marquis von mir denken nach dem albernen Act, womit ich mich ihm zu erkennen gab?“ „Es kommt auf ſeinen Charakter und auf ſeine Lebensanſichten an, wie er Dich beurtheilen wird,“ er⸗ wiederte Melitta gütig.„Entweder betrachtet er es als den Muthwillen eines Kindes oder er nimmt es als eine Herausforderung der Koketterie.“ Fides ſtand unbeweglich und ſchauete in die Däm⸗ merung hinaus. Eine leichte Bläſſe hatte ihre Wan⸗ gen überzogen und zwei große Thränen zitterten in den weit geöffneten Augen. Wenn es eine Wahrheit iſt, daß ein einziger Augenblick oft hinreicht, um die Erzie⸗ hung eines weiblichen Weſens zu vollenden und daß ein ſchonungsloſes Urtheil im richtigen Momente den Charakter deſſelben befeſtigen kann, ſo geſchah dieſes 217 Wunder unter dem ſtrengen Ausſpruche Melitta's. Die Veränderung im Geſichte des lieblichen Mädchens be⸗ kundete einen kurzen, aber ſchweren Kampf. Ihre innere Empörung verleitete ſie zu einem flüchtigen Trotze gegen Melitta, zu einem gehäſſigen Widerſtre⸗ ben, welches ſich gegen das treue und freimüthige Wort auflehnte— aber die Spannung ihrer Züge beſeitigte ſich eben ſo ſchnell, wie ſie entſtanden war und im nämlichen Augenblicke, wo die Thränen ſich langſam aus ihren Augen löſeten, um als cryſtallhelle Thau⸗ tropfen der Liebe, auf ihren Wangen zu verfliegen, drückte ſie ihre Lippen auf die Lippen der Freundin und flüſterte: „Ich will dieſen Mann vermeiden um meiner Ehre und um meines Friedens willen, Melitta! Hilf mir dieſe erſte Verſuchung beſiegen!“ „Du haſt ſchon geſiegt, Fides!“ erwiederte Me⸗ litta.„Im Geheimniß nur wächſt die Qual derjeni⸗ gen Liebe, welche unſern Frieden gefährdet. Sichere mir Dein Vertrauen, ſo ſicherſt Du auch Deine Ehre und Deinen Frieden! Willſt Du das? Wirſt Du es können?“ „Nur das erſte Wort des bekenntnißvollen Ver⸗ trauens iſt ſchwer,“ ſprach Fides treuherzig. Nun Du den Anfang weißt, ſollſt Du auch ehrlich jede Fort⸗ ſetzung erfahren!“ Sie legte ihre Stirn auf Melitta's Schulter und fragte mit gedämpftem Tone:„Willſt Du mir jetzt ſagen, warum Oswald ſo ſchnell wieder fortgeritten iſt?“ „Weil er kein Herz hier fand, dem an ſeinen Sorgen gelegen war, Fides,“ antwortete Melitta ſehr leiſe.„Wer in thörichter Verblendung ſeinen Muth immer nur durch die Hoffnung ſtützt, der iſt gewöhn⸗ lich ſo ſtark egoiſtiſch, zu verlangen, daß Andere dieſe Hoffnung erfüllen. Du wirſt mich beſſer verſtehen, wenn ich Dir einfach bekenne, daß ich unſere gegen⸗ ſeitige Neigung für ſtark genug hielt, um Oswald zu einer Verbindung mit mir zu veranlaſſen. Es war eine Täuſchung!“— „Glaub' das nicht! Er liebt Dich— aber er weiß es ſelbſt nicht, wie zärtlich er Dir ergeben iſt,“ fiel Fides ein. Melitta bewegte ſanft abwehrend ihren Kopf. Sie zweifelte ſtark an der Wahrheit dieſer Behauptung. „Unſer verwandtſchaftliches Verhältniß führte ihn zu jenen kleinen Vertraulichkeiten, die Dich zu dieſer Anſicht beſtimmen!“ ſagte ſie kühl. „Wäre er dann heute ſo eilig davon geritten, wenn ihn Dein Ernſt nicht tief verletzt hätte?“ fragte Fides naiv. 4 Ein geringſchätzendes Lächeln war Melitta's Ant⸗ wort. Es trat eine kleine Pauſe ein, die Melitta — — 219 mit der bittern Bemerkung endete:„Ein feiger Mann flieht aus Furcht vor einer Erklärung, die ihn in ſei⸗ nem Egoismus zeigt. Oswald verkauft ſein Beſitz⸗ ſitzthum, worauf er ſonſt die Hoffnungen irdiſcher Glück⸗ ſeligkeit bauete, womit will er dieſen Wankelmuth be⸗ ſchönigen? Er geht deshalb den Erörterungen darüber aus dem Wege. Ich tadle ihn eigentlich nicht, daß er Wangeroda verkauft, ſondern ich tadle ihn, daß er mir ein Geheimniß daraus macht.“ Fides wollte antworten und ihre Bereitwilligkeit zu erkennen geben, durch eine directe Frage den jungen Mann zur Auseinanderſetzung ſeiner Gründe zu ver⸗ anlaſſen, allein ſie kam nicht dazu. Ein heller Licht⸗ ſchein fiel plötzlich auf Melitta's Geſicht. Dies trieb ſie an, ſich ſchnell zur Thür zu wenden und ein leichter Schreckensruf war die Folge davon.„O Melitta!“ flüſterte ſie— Deine Frau Tante in vollem Glanze ihrer Würde! Begreifſt Du das?“ 3 Meellita ſchritt der Frau von Ettershaiden haſtig entgegen. Der Diener ordnete ſchnell eine geſchmack⸗ volle Erleuchtung des Salons und ſtellte ſich dann ſteif an der Thür auf, weiterer Befehle gewärtig. Frau von Ettershaiden winkte ihm huldvoll, daß er gehen könne.„Ich betrachte mich für heute Abend als einen Beſuch in Eurer neuen, republikaniſchen 220 Wirthſchaft und will ſehen, wie mir die Zwangloſig⸗ keit darin behagt,“ ſprach ſie lächelnd. Fides traute ihrem Ohr nicht. Solche Herab⸗ laſſung war unerhört: Ihr Blick ſchweifte verſtohlen zu Melitta hin und fragte in vollſter Verwunderung zum zweiten Male:„Begreifſt Du das?“ Frau von Ettershaiden nahm Platz in einem Lehnſeſſel. Sie ſah ruhig und gut aus. Ihr wei⸗ ßes, farbloſes Geſicht erſchien vergeiſtigt. Der kalte, ſtrenge Ausdruck ihres Blickes milderte ſich bei dem leichten Lächeln, welches über ihre Mienen flog, als ſie zu Fides gewendet ſprach: „Du ſpielteſt vorhin ſehr gut, kleine Tyrnau. Deine Fähigkeiten ſcheinen ſich in den republikaniſchen Elementen des Hausregimentes glänzend zu entwickeln! Wie iſt's denn? Muß ich, nach Euren Geſetzen, Dich bitten, mir das Phantaſieſtück von Mozart nochmals vorzuſpielen, oder würde es hinreichen, wenn ich den Wunſch zu erkennen gäbe, es zu hören?“ Fides knirte höchſt reſpectvoll und ging raſch zum Flügel, allein im Vorübergehen ließ ſie ihr Auge einen Moment auf Melitta's Augen haften und darin lag wiederum die Frage:„Begreifſt Du das?“ Fides ſpielte. Zuerſt befangener als vorhin. Dann aber in einem Anfluge von muthwilliger Begeiſterung ſo ſchön, wie ſie je geſpielt hatte. Gehoben durch den 221 Genius der Kunſt, vergaß ſie die Demüthigungen, womit Frau von Ettershaiden ihre ſtolze Seele gepeinigt hatte. Sie wußte, daß ſie mit ihrem Muſiktalente dieſe Dame überflügelte und ſie glaubte den einzigen Weg, ſich ihrer Beurtheilung überheben zu können, nicht unbenutzt laſſen zu dürfen. Frau von Ettershaiden hörte befriedigt zu. Die Ruhe ihres Gemüthes kleidete ihr vortrefflich. Melitta betrachtete ſie mit ſteigender Bewunderung. Was war es, was die eiſige Kälte des Hochmuthes von dieſem ſchneeweißen Geſichte gethauet hatte?— Fides ſpielte noch, als der alte Herr von Etters⸗ haiden in den Salon trat. Sein Auge traf auf ſeine Gattin. Dann ſuchte ſein Auge dem Blicke Melitta's zu begegnen. Noch lagerte eine Art ſtarren Erſtau⸗ nens in ſeinen Zügen, als Fides ihren gelungenen glän⸗ zenden Vortrag endete. Frau von Ettershaiden gab ihrem Beifall freundliche Worte und rief Fides zu ſich heran. „Du haſt entſchiodenes Talent zur Muſik, kleine Tyrnau— komm, daß ich Dir meinen Dank aus⸗ drücke,“ ſprach ſie mit einem ſo gütigen Tone, daß der alte Herr wie träumend die Hand an die Stirn legte. Während deſſen war Fides zu der Dame herangetreten und hatte in halber Betäubung gefühlt, daß ihre Stirn geküßt wurde. Ein wunderbares Gefühl überrieſelte —— 1 222 das junge Mädchen bei der Berührung dieſer Lippen, die ſtets nur kalte und wegwerfende Worte für ſie ge⸗ habt hatten. Scheu trat ſie zurück und ſetzte ſich fern von der Dame nieder. Eine Verlegenheit verrathende Stille trat ein. Herr von Ettershaiden fühlte ſich ge⸗ neigt, in edelmüthiger Schonung die Anweſenheit ſeiner Gemahlin als eine Annäherung gelten zu laſſen, allein ſie ſelbſt mußte die ſtarke Gränzlinie, welche ſie im Uebermaße der Eigenliebe und Herrſchſucht zwiſchen ſich und den übrigen Hausgenoſſen gezogen hatte, durch nachgiebige Worte vernichten, bevor er darauf eingehen konnte, dieſe Anweſenheit nicht bloß als einen Zufall oder höchſtens als eine gute Laune gelten zu laſſen. Es war ein Ehrenpunkt für ihn geworden, ſeinen Wil⸗ len aufrecht zu halten, nachdem er eine freiere Verfaſ⸗ ſung im Hauſe eingeführt hatte, und ſo ſehr ſein Herz, in der Schwäche früherer Gefühle, ihn drängte, gleich bei den erſten Schritten ſeiner Gattin ihrer Vorrechte zu gedenken, er blieb gehalten und gleichmüthig auf dem Standpunkte, den er ſich im Momente einer gro⸗ ßen Gemüthsbewegung errungen hatte. Die geſellige Gewandtheit der Frau von Ettershai⸗ den kürzte die verlegene Stille. Sie wendete ſich zu ihrem Gemahle und ſagte: „Muſik iſt doch wahrlich der einzig reine Quell, 223 aus dem Begeiſterung und Ruhe zugleich in unſer In⸗ neres ſtrömt, mein Lieber!“ „Fügen Sie auch noch hinzu,„Erheiterung, meine Beſte,“ antwortete Herr von Ettershaiden ſo gemeſſen, als ſtände er im Courſale eines Königspalaſtes. Die Dame neigte beiſtimmend ihr Haupt und fuhr fort:„Die reinen Freuden des Gemüthes werden wohl immer auch Erheiterung mit ſich bringen, denk' ich! Wie hat ſich aber das Muſiktalent unſerer kleinen Tyrnau ſo raſch und glänzend entfalten können, mein Theurer? Daß Fides muſikaliſcher begabt war, als man im gewöhnlichen Leben findet, wußte ich längſt,“ ſetzte ſie leiſer und mit einem feinen Lächeln hinzu.„Ich hegte dieſerhalb ſchon früherhin Vermuthungen über ihre Abſtammung, die Sie aber als ſonderbar verwar⸗ fen— vielleicht irrte ich dennoch nicht!“ „Dieſe Vermuthungen ſind falſch, Theuerſte,“ ant⸗ wortete Herr von Ettershaiden kalt und förmlich.„Fides iſt ehrlicher Leute Kind. Ich habe die Verſicherung eines hochgeſtellten Geiſtlichen dafür. Muß denn jedes Geheimniß mit dem Prinzen Louis und ſeinen Liebſchaf⸗ ten zuſammenhängen? Und worauf gründen Sie dieſe Vermuthungen? Nur auf den Zufall, daß mein liebes Mündel der Muſik ſtets leidenſchaftlich ergeben war! Als wenn nicht auch andere Menſchen, wie Prinz Louis muſikaliſch ſein könnten!“ 224 „Es würde mir aber ſehr gelegen ſein, nähere Aus⸗ kunft über Fides' Herkunft erhalten zu können,“ erwie⸗ derte Frau von Ettershaiden ſehr freundlich. „Ich kann ſie Ihnen mit dem beſten Willen dazu nicht geben!“ erklärte der alte Herr mit einem ſehr wohl⸗ wollenden Blicke auf das junge Mädchen, das längſt ihren Winkel verlaſſen und mit langſamen, ſtolzen Schrit⸗ ten bis zu den Sprechenden vorgeſchritten war. Jetzt trat ſie muthig ganz dicht vor Frau von Ettershaiden hin. Bis dahin hatte ſie nie davon gehört, daß man ganz im Dunkeln über ihre Abkunft geblieben war und außer dem Abſtande zwiſchen einer adeligen und bürger⸗ lichen Geburt hatte ſie noch nichts von weltlichen Unter⸗ ſcheidungen der Art vernommen. Dennoch verſtand ſie die Wendungen des Geſprä⸗ ches, und ihre Ehrliebe trieb ſie an, das zu enthüllen, was ſie von ihren Familienverhältniſſen kindiſcherweiſe aufgefaßt und im Gedächtniſſe treu bewahrt hatte. „Gnädige Frau irren,“ ſagte ſie eilig und inner⸗ lich ſtark aufgeregt.„Gnädige Frau irren ſogar ſehr ſtark, wenn Sie meine Muſikvorliebe einem Prinzen Louis zu ſchreiben. Ich habe dieſe Vorliebe von meiner ſeligen Mama geerbt. Meine ſelige Mutter lebte und athmete nur in der Muſik. Sie iſt ſogar darin geſtor⸗ ben, denn ihre Finger erſtarrten im Tode, als ſie ihrer großen, ſchönen Harfe noch eben himmliſche Töne ent⸗ 225 lockt hatte. Meiner Mutter iſt die Muſik vielleicht auch eine Quelle geweſen, aus der ſie Troſt und Frieden ge⸗ ſchöpft hat!“ „Deine Mutter hat alſo Leiden zu ertragen ge⸗ habt?“ fragte Frau von Ettershaiden ſo gütig, daß Fi⸗ des ſich zu ihr gezogen fühlte. „Ich weiß,“ ſagte ſie nachdenklich,„daß ſie eines Tages verzweiflungsvoll weinte, ſonſt habe ich ſie ſtets nur kränklich und ruhig geſehen.“ „Und Deinen Vater haſt Du nie gekannt?“ Fides ſchüttelte den Kopf. „Einen alten Herrn im Sammetpelz nannte ich Großpapa,“ antwortete ſie ſinnend den Blick emporrich⸗ tend.„Er wohnte in einem alten Hauſe— ähnlich der Burg,“ fügte ſie mit plötzlicher Erinnerung hinzu. „Eine Menge Diener waren ſtets um ihn beſchäftigt — er war krank— lahm vielleicht— denn er ſaß in einem Rollſeſſel. Ein Caplan war beſtändig bei ihm. Dieſer Caplan unterrichtete mich auf dem Claviere. Dann kam ich nach Berlin und dort ſtarb meine Mutter.“ Frau von Ettershaiden warf ihrem Gemahle einen etwas triumphirenden Blick zu.„Immer genug Ro⸗ mantik in den ſchwachen Erinnerungen, um meine Ver⸗ muthungen aufrecht erhalten zu können!“ „Sie irren, gnädige Frau,“ nahm Fides das Wort und trat ſtolz noch einen Schritt näher.„Meine Mut⸗ E. Fritze; Die Herren v. Ettershaiden. I. 15 226 ter zeigte mir eines Tages einen ganz einfachen Ring und ſagte mir, dies ſei ihr Trauring. Sie legte den⸗ ſelben in ein ſchwarzes Käſtchen, das ſehr reich mit Gold, Perlmutter und Perlen verziert war, nahm einige Pa⸗ piere und legte dieſe dazu. Als ſie das Käſtchen ver⸗ ſchloß, ſagte ſie mir, darin ſei mein Reichthum und meine Ehre enthalten. Auf meine Fragen erklärte ſie ſich dahin, daß ihre Trauſcheine und mein Taufſchein, ſo wie das Teſtament meines Großpapa's und ein kur⸗ zes Tagebuch in dem Käſtchen verſchloſſen ſeien.“ „Wo iſt dies Käſtchen?“ fragte Frau von Etters⸗ haiden begierig. „Der Caplan des Großpapa's hat es mitge⸗ nommen!“ „Um es bis zur Verheirathung meines Mündels in dem Archiv des Kloſters zu Herford zu verwahren,“ vervollſtändigte der alte Herr lächelnd.„Das iſt's, was ich weiß und da mir das Ehrenwort einer ſterben⸗ den Dame genügte, ſo trat ich das Ehrenamt eines Vormundes mit der Ueberzeugung an, die letzten Stun⸗ den derſelben erleichtert zu haben. Laſſen wir uns doch daran genügen bis zu dem Tage, wo Fides von einem ehrenwerthen Manne zur Gattin erwählt wird. Dann tritt ſie das Recht an, die Papiere ihrer Familie for⸗ dern zu dürfen.“. „Eines Auftrittes erinnere ich mich übrigens,“ fiel 227 Fides ſehr haſtig ein.„Mein Großpapa ſprach heftig. Meine Mutter blieb ruhig, aber ſie bat um etwas. Da ſprach der alte Großvater:„Nein, Du ſollſt nicht! Denk' an Deinen Schwur! Laßt ihn untergehen in dem Hochmuthe ſeiner Seele! Und wenn er knieend Dir Ab⸗ bitte leiſtet—“ Ich glaube, dieſe Worte galten mei⸗ nem Vaker, denn meine Mutter deutete mit der Hand auf mich und ſagte: es iſt ja ſein Kind ſo gut, wie meines!“ „Die Sache wird immer romantiſcher,“ rief Frau von Ettershaiden lebhaft. „Nehmen Sie dieſelbe als ein Räthſel, deſſen Lö⸗ ſung Ihre Erwartungen täuſchen kann, meine Theuerſte,“ meinte der alte Herr.„Alle dieſe Kindererinnerungen hätten Sie früher hören können, wenn Sie ſich hätten herablaſſen wollen, Fides freundlich und theilnehmend darnach zu befragen.“ „Betrachten Sie dieſe Fragen nicht als ein Ergeb⸗ niß müſſiger Neugier, mein Theurer,“ fiel Frau von Ettershaiden ſehr beeilt ein.„Es kommen Momente im Leben jedes Menſchen vor, wo ſich Scheidewege öffnen. Wenn dann eine einzige Handlung, eine rich⸗ tige und herzliche Theilnahme im Stande iſt, das Glück dieſes Menſchen begründen zu helfen, ſo ſind natürlich Prüfungen nöthig, ob die Verhältniſſe deſſelben dem Zwecke hindernd oder fördernd ſein mögen. Wie nun, 15* 228 wenn das Talent der kleinen Tyrnau im Stande wäre, ſie in die erſten Reihen bewunderter Virtuoſinnen zu ſtellen und wenn die Bewunderung der Menge die Mängel ihrer Geburt verlöſchen und ſie auf eine glän⸗ zende Höhe führen könnte!“ Frau von Ettershaiden ſprach dies ſo ruhig, ſo ohne alle Affectation, daß ihr Gatte ſie fixirte und nicht zu ergründen vermochte, was dahinter ſtecke, Scherz oder Ernſt. „Ihr hübſches Aeußere würde ihr behüflich ſein, ihr Anſehen weſentlich zu heben,“ fügte die Dame ſehr bei⸗ läufig hinzu. „Aha— Sie haben Vorſchläge für mein bürger⸗ liches Mündel, dasſelbe in eine Gräfin verwandeln zu können?“ fragte Herr von Ettershaiden mit großer Bitterkeit.„Tragen Sie vor, was man der Kleinen für ihre Ehre—“ „Mein Herr—!“ unterbrach ſeine Gattin ihn hef⸗ tig.„Bedenken Sie, was Sie ſagen wollen! Wann hätte ich Ihnen wohl Veranlaſſung gegeben, meine Tu⸗ gend in Zweifel zu ziehen? Was ich jetzt im Sinne hatte, ſollte nur eine Prüfung für Fides ſein. Sie wiſſen ja nicht, was für Anſichten das junge Mädchen über eine glänzende und durch geiſtige Befähigung aus⸗ gezeichnete Weltſtellung hat! Laſſen Sie doch Fides ſich erklären, ob es nicht einen mächtigen Reiz für ſie 229 haben könnte, durch ihre Talente, durch ihre Schönheit und durch günſtige Umſtände gehoben, einen Gipfelpunkt von Triumphen im Nu zu erreichen!“ „Nun Fides,“ antwortete Herr von Ettershaiden zu dem jungen Mädchen gewendet, das mit Purpurröthe auf den Wangen da ſtand und athemlos vor Ueberra⸗ ſchung dem Geſpräche horchte,„Du haſt gehört, was Dir geboten wird— Glanz und Ueppigkeit in Fülle — vielleicht ein Fürſtentitel vom Welten unterjochenden Napoleon Bonaparte; ihm ſtehen ja viele Mittel zu Gebote, Schönheit mit Talent gepaart, gut zu ſituiren — ſprich mein liebes Mündel, damit ich Deine Wünſche kennen lerne!“ Die Stimme des alten Herrn, erſt von innerer Bewegung gedrückt, war nach und nach in jenen Klang von Humor übergegangen, der ihm ſo überaus gut ſtand bei ſeiner ernſten Haltung und Würde. „Ich weiß nicht ganz genau, was die gnädige Frau von mir wiſſen will,“ erwiederte Fides, indem ſie ihre leuchtenden Augen feſt auf Frau von Ettershaiden heftete.„Kommt es bloß auf meine Meinung oder kommt es auf einen Entſchluß an?“ „Gut gefragt, meine kleine Tyrnau,“ ſagte die Dame lächelnd.„Du reifſt ſichtlich unter dem gedeihli⸗ chen, republikaniſchen Leben. Zuerſt ſage mir nur Deine Meinung über die Freuden eines glänzenden Welt⸗ lebens.“ 230 Fides blickte zu Melitta hin, die ganz ruhig zur Seite ſtand.„Begreifſt Du das?“ fragte dieſer kurze flüchtige Blick. „Ich verachte den Glanz des Lebens mit dem Zwange „zu ſprechen,“„zu lächeln,“„ſich zu verbeugen,“„zu ge⸗ hen,“„zu eſſen,“„zu trinken,“„zu ſtehen“ und„zu den⸗ ken“ nach den Vorſchriften und Regeln der Convenienz!“ ſprach ſie freimüthig und laut. „Und läge nicht in der allgemeinen Bewunderung, die Du ernten könnteſt, eine Vergütigung dieſes Zwan⸗ ges?“ fragte Frau von Ettershaiden leutſelig. „Nein,“ entgegnete das junge Mädchen, indem es mit dem reizenden Muthwillen ihrer kindlichen Koketterie auf Herrn von Ettershaiden zuflog und ihn mit beiden Armen feſt umſchlang.„Mir iſt ein gütiger Blick vom lieben Vormund tauſendmal lieber, als alle Bewunde⸗ rung. Wenn ich das Glück, von ihm geliebt zu werden, ſo leichten Herzens verſchleudern wollte, ſo hätte ich nie verdient von ihm geliebt zu ſein!“ Eine athemloſe Stille folgte dieſen lauten Woiten. Frau von Ettershaiden erhob ſich. Ihr Auge begegnete dem Auge ihres Gatten. Sie ſenkte es nicht ſchuldbe⸗ wußt, ſondern ließ es zerſtreut, ſinnend und unſicher auf ihm ruhen. Die Schwankungen ihrer Seele verrie⸗ then ſich in dieſem Blicke, ſie gab ihnen aber keine Worte, ſondern ſprach, mit Gleichmuth über das ganze — Geſpräch hinweggehend, das ſie eben noch mit ſo gro⸗ ßem Intereſſe verfolgt hatte:„Wenn Du Luſt haſt, das ſchöne Muſikſtück von Duſſek„L'invocation“ zu ſpie⸗ len, kleine Tyrnau, ſo ſuche Dir es aus meinen Noten hervor. Ich habe es von dem Componiſten ſelbſt vor⸗ tragen hören und werde Dir einige Anleitungen geben, ſobald Du die erſten Schwierigkeiten des Einſpielens überwunden haben wirſt.“ Sie wollte nach dieſen Worten den Salon ver⸗ laſſen, wurde jedoch von ihrem Gatten daran verhindert. Er ergriff ihre Hand.„Bella—“ bat er herzlich— „kannſt Du Dein ſtolzes Herz nicht überwinden? Dieſe ungewohnte Güte— Bella, bleibe heute Abend bei uns!“ Ein flüchtiges Roth überzog ihre Wangen.„Heute nicht, Ottomar,“ flüſterte ſie leiſe,„heute nicht— viel⸗ leicht wird ſpäter noch Alles gut. Laß mir Zeit! Sie nickte ſtolz mit dem Kopfe und ſchritt langſam, gleich⸗ ſam zögernd, aus dem Zimmer. Herr von Ettershai⸗ den begann raſch im Zimmer hin und her zu gehen. Eine Falte des Unmuthes bildete ſich auf ſeiner Stirn. Ihm war es peinlich, in Gegenwart von Zeugen eine Herzensregung verrathen zu haben, deren er leider noch immer nicht Herr zu werden vermochte. Der Gedanke an ſeine edle Uebereilung machte ihm nicht allein Verdruß; noch eine andere Empfindung ſchlich ſich bei ihm ein, ſo daß es ein ſorgenvoller Verdruß war, der ihn zu der Frage drängte:„Wird ſie ſich an dieſem Verſuche genügen laſſen? Wird ſie nicht ihren ganzen Einfluß auf Fides, ihre volle Ueberredungskunſt aufbieten, um das zu erreichen, was ſie ſich vorgeſetzt hat?“ Bei dieſem Gedanken blieb er vor den beiden jungen Mädchen ſtehen, die eng an einander geſchmiegt, halb verlegen, aber im innerſten Herzen theilnahmsvoll der letzten Scene zwiſchen Ettershaiden und ſeiner Gattin gelauſcht hatten. Er blickte forſchend auf Fides nieder, die ernſt und gedankenvoll vor ſich hin ſah und mit einem Entſchluſſe zu ringen ſchien. „Wolken auf der Stirn, meine Kleine?“ ſagte er gütig. ‚Iſt Dir Dein Ausſpruch von vorhin vielleicht leid geworden?“ „Nein, Herr Vormund,“ antwortete Fides, ſich ent⸗ ſchloſſen aufrichtend und mit frei erhobenem Kopfe dicht an ihn herantretend.„Aber ein ſchwerer, drückender Zweifel iſt in mein ſorgloſes Herz gefallen. Wer wa⸗ ren meine Eltern, Herr Vormund?“ „Ich weiß nichts weiter von Ihnen, als das, was Du ſo eben gehört haſt.“ „Ich will aber wiſſen, wer Sie waren,“ ſprach ſie kühn.„Ich habe das Recht es zu fordern, damit ich die Ehre derſelben vertreten kann!“ „Das überlaſſe mir, meine Kleine! Noch hat es —— — ,— — 233 Niemand gewagt, dem Mündel, welches ein Ettershaiden in ſeinem Hauſe eine Freiſtatt geboten hat, eine ehren⸗ werthe, wenn auch bürgerliche Abkunft abzuſprechen.“ „Können Sie aber den Leuten die Gedanken ver⸗ bieten, Herr Vormund?“ fragte Fides mit einem Ernſte, den ihr kein Menſch zugetraut hätte.„Ich will auch nicht mit einem einzigen Gedanken meine Eltern belei⸗ digt wiſſen. Was ich in Andeutungen aus dem Munde der gnädigen Frau vernommen habe, öffnet mir das Verſtändniß mancher Verhältniſſe. So lange ich mich als die Tochter eines ehrlichen und reichen Bürgers ff betrachtete, hatte ich eine Stütze an dem Glauben die⸗ ſer Ehrenhaftigkeit, Herr Vormund. Jetzt iſt mir die⸗ ſer Halt genommen und ich finde nirgends Grund und 1 Boden, mich dem Spottlächeln der Leute widerſetzen 3 zu können. Ich glaube, daß ich im Namen meiner Mutter eine Aufklärung meiner Familienverhältniſſe for⸗ dern muß!“ „ In Hinſicht auf Deine perſönlichen Gefühle gebe ich Dir recht, meine Kleine,“ erwiederte Herr von Et⸗ tershaiden ruhig.„Wenn ein Kind die Achtung für ſeine Eltern angetaſtet ſieht, ſo iſt es naturgemäß, daß 5 es die Ehre derſelben feſtzuſtellen ſucht. Der Caplan Deines Großvaters lebt noch und ſteht in hohen Eh⸗ ren. Ich werde mich mit der Bitte um Aufklärung an ihn wenden— ſage Dir aber im Voraus, daß dieſer 234 Schritt eine Entfernung aus meinem Hauſe nach ſich führen kann.“ Erſchrocken ſchaute Fides zu ihm auf.„Um Dir dieſen Ausſpruch verſtändlich zu machen, muß ich Dich zu jener Zeit zurückführen; wo Du mir übergeben wurdeſt.“ Fides nickte freudig beiſtimmend. Auch Melitta zeigte eine lebhafte und einigermaßen freudige Span⸗ nung. Sie hätte ſchon längſt gern gewußt, in welchen Zuſammenhang ihre junge Freundin mit der Familie Ettershaiden zu bringen ſein könne. Herr von Ettershaiden ſetzte ſich in ſeinen Lehn⸗ ſeſſel. Melitta nahm ihm gegenüber Platz und Fides ſtellte ſich ſo nahe wie möglich, um keine Miene von ihrem Vormunde zu verlieren. „Ihr hofft auf eine große und weitläufige Erzäh⸗ lung, Kinder,“ ſprach Ettershaiden launig von einer zur andern blickend,„darauf ſpannt Euch nicht. Es ſind kurze, unzulängliche Berichte, die ihre Wichtigkeit erſt in der Zukunft entwickeln können. Ich wurde eines Morgens von einem Geiſtlichen beſucht und um eine ganz geheime, ungeſtörte Audienz gebeten. Es war dieſer Geiſtliche derſelbe Caplan, den Du erwähnt haſt — Dein erſter Lehrer in der Muſik, der Freund und Tröſter Deiner ſeligen Mutter. Als ich ihm verſichert hatte, daß er keinerlei Stö⸗ V . rung zu beſorgen habe, ſagte er mir ganz einfach:„Die Troſtbedürftigkeit einer Sterbenden führe ihn zu mir.“ Ich mochte ihn mit gerechtem Erſtaunen betrachten, denn er beeilte ſich fortzufahren, ehe ich ihn unterbre⸗ chen konnte und ſetzte mir entſchieden auseinander, daß nur ich im Stande ſei, das Ende einer ehrenwerthen Dame leicht zu machen. Auf meine höflich kalte Frage, worauf es ankomme, erfuhr ich weiter nichts, als daß ein übereilter Schwur den Willen dieſer Dame binde, daß ſie aber Willens ſei, meiner Ehre die Löſung eines Knotens anzuvertrauen. Wolle Gott nicht, daß ihr heißeſter Wunſch in Erfüllung gehe, ſo müſſe ſie ſich fügen, aber es laſſe ihr keine Ruhe, wenigſtens den Verſuch zu einem verſöhnlichen Ende aller Conflicte zu machen.“ Ettershaiden machte eine kleine Pauſe, die von Fides nicht unterbrochen wurde, obwohl ihr Herz darnach brannte, durch Fragen mehr hervorzulocken, als ihr Vor⸗ mund ihr gab. „dDer Geiſtliche war mir nicht bekannt!“ fuhr Et⸗ tershaiden fort.„Es giebt in Berlin nur eine geringe Anzahl Katholiken, und ich war deshalb ſehr überraſcht, als er mir plötzlich bemerklich machte, daß er katholi⸗ ſcher Pfarrer ſei und auch die Dame ſich zur katholi⸗ ſchen Confeſſion bekenne. Noch höher ſtieg meine Ueber⸗ raſchung, als er mir vertraute, daß die Tochter der 236 Dame, die ich beſchützen ſolle, in der proteſtantiſchen Religion aufgenommen ſei und auch darin verbleiben müffe, da es die Religion des Vaters wäre, deſſen Wil⸗ len man dadurch zu ehren gedenke.“ „Ah— jetzt begreife ich einen Auftritt, der am Sterbebette meiner Mutter ſtattfand,“ fiel Fides mit erſtickter Stimme ein.„Ich wurde mit Gewalt fortge⸗ führt, als einige Männer mit Gefäßen, Leuchtern und einem Jeſuskreuze kamen.“ „Ganz recht, meine Kleine! Deine Mutter war mit den Sterbeſacramenten verſehen, als ich zu ihr ein⸗ trat. Obwohl ich vorausſah, daß es mir einigen Kampf koſten würde, wenn ich ein wildfremdes bürgerliches Kind in meinem Hauſe aufnehmen wollte, ſo hatte ich dennoch, gerührt von dem Vertrauen, das Deine Mutter in mich zu ſetzen ſchien, ohne mich perſönlich zu kennen, ſogleich beſchloſſen, Dein Beſchützer zu werden.“— „Sie haben alſo meine ſelige Mama beſucht?“ fragte Fides mit weicher Stimme. „Ein einziges Mal! Als ich zum zweiten Male zu Euch kam, war ſie ſchon geſtorben und begraben. Ich holte Dich ab und empfing vom Pater Dameke alle nöthigen Papiere, ſo weit ſie mein Vormundſchafts⸗ amt betrafen. Das Vertrauen Deiner Mutter dehnte die Rechte eines Vormundes bis zu den Rechten eines Vaters aus. Sie hatte mich teſtamentariſch zum Ver⸗ —— 237 walter Deines Vermögens eingeſetzt, mit dem Vormerk, daß mir volle Freiheit darüber geſtattet werde, ohne Rechenſchaft. Nur die Bedingung war feſtgeſetzt, daß Du in meiner Familie bleiben müßteſt bis zu Deiner Verheirathung. Ich hatte Deiner ſterbenden Mutter meine Hand zum Pfande gereicht. Unſer Vertrag war damit geſchloſſen! Aber der Caplan Dameke handelte nach ihren Inſtructionen, als er mir mittheilte, daß ſon⸗ derbare Familienconflicte es nöthig machten, ſo wenig wie möglich von Dir zu ſprechen. Es lebten Perſonen, die Anſprüche an Dich machen könnten. Um dies zu vermeiden, habe man eine hochgeſtellte, einflußreiche Per⸗ ſon, wie mich, zum Beſchützer des Kindes Fides Tyrnau gewählt. Eines Tages würde es keine Gefahr mehr haben, Dich hervortreten und in den Beſitz Deines Ver⸗ mögens kommen zu laſſen— ſo lange aber von ſeiner Seite keine beſtimmte Nachrichten darüber einliefen, müſſe Fides Tyrnau im ſicheren Schutze verbleiben.“ „Das ſind aber ſonderbare, fabelhafte Geſchichten,“ rief Fides gereizt.„Ich mag nicht länger als unwiſ⸗ ſendes, unzurechnungsfähiges Kind betrachtet werden!“ „Du haſt vernommen, daß ich bereit bin, an den hochwürdigen Biſchof Dameke zu ſchreiben und ihn in Deinem Namen um Aufklärung zu bitten,“ erwiederte Herr von Ettershaiden. Nun fragt es ſich, ob wir ge⸗ nügende Auskunft erhalten, da der hochwürdige Herr da⸗ mals zu mir ſagte:„Sorgen Sie, daß nicht die Neugier wach wird, ſonſt könnte der Fall eintreten, daß ich ſelbſt das Kind in Obhut nehmen müßte, um es vor Zudringlich⸗ keiten unſerer eigenen Kirche zu retten, der eine Seele und ein reiches Erbe in dem Mädchen verloren geht!“ Fides ſtarrte wiederum ſehr erſchrocken in ihres Vor⸗ munds Geſicht. „Und Sie haben wirklich nicht eine Ahnung davon, warum man meine Perſon in ſolche Geheimniſſe wickelt?“ fragte ſie kleinlaut. „Nicht die kleinſte Ahnung!“ betheuerte der alte Herr.„Ich halte feſt an dem Worte des Mannes, der damals als Vermittler zwiſchen mir und Deiner Mutter aufgetreten war. Er hat mir auf die Hoſtie verſichert, daß nicht das mindeſte von Unlauterkeit in allen Verhält⸗ niſſen obwalte, ſondern daß nur ein übereilter Schwur Deiner Mutter, den er mit dem beſten Willen nicht zu ver⸗ nichten im Stande ſei, die Conflicte herbeigeführt hätten, die ſie jetzt rathlos machten. Weiter zu forſchen erlaubte mir meine Ehre und meine Würde nicht. Ich erſah aus der unbedingten Vertrauensaetion, daß man meinen Cha⸗ rakter richtig erkannt habe und ich glaubte demgemäß han⸗ deln zu müſſen. Nun gieb mir Rühe, Kleinel Was Du wünſcheſt, ſoll geſchehen, damit Dein kleines, ſtolzes Herz, welches die Unbeſcholtenheit höher ſtellt, als ein gebrand⸗ marktes, glänzendes Daſein, wieder zufrieden wird. Gute Nacht, Ihr Kinder! Träumt von Glück ſo lange Ihr jung ſeid und überlaßt dem Alter die Sorgen.“— Er winkte ihnen freundlich zu und verließ das Zimmer. Fides und Melitta ſahen ſich bewegt in die Au⸗ gen.„Sage mir, Melitta, ſage mir, begreifſt Du das, was wir heute Abend Alles erlebt haben?“ fragte Fi⸗ des leiſe und heimlich. „Nein, meine Fides!“ antwortete Melitta mit hol⸗ dem Troſtlächeln.„Aber hoffe nur, es wird ein Tag kommen, der alle Schleier lichtet und dann wirſt Du vielleicht ſehr glücklich ſein!“ ———— — fNeeeh, ſſſſſſſſfffnſnffffſfſfff 9 10 11 12 13 14 15 17 18 16