Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: anf t Monat: 1 Mr. pf 1 Nk. 50 Pf. 2 Nk.—Ff. s Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und bdefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. b V 8 Album. Zibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Dritter Band. Die Erben von Wollun. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1864. Die Erben nan Wollun. 8 Novelle von ’1 Ernſt Fritze. Wien und Prag. Kober& Markgraf. 1861. ——— Prag, Druck von Jarosl. Poſpizil. Inhalt. Erſtes Capitel. Eine Erzählung. Bweites Capitel. Die Erben. Drittes Capitel. Wollun. Viertes Capitel. Eliſabeth Fünftes Capitel. Das Pfingſtfeſt Sechstes Capitel. Der Advokat. Siebentes Capitel. Der Obriſtwachtmeiſter Achtes Capitel. Hilmar..... Neuntes Capitel. Irrthümer.. ZBehntes Capitel. Mutter und Tochter. Elftes Capitel. Kämpfe Zwülftes Capitel. Ein Fatum Schlußcapitel... Die Erben von Wollun. Erstes Capitel. Eine Erzählung. Guttſtadt iſt ein Städtchen an der Welt Ende. Dort wohnte zur Zeit als Napoleon Alles, alſo auch Rußland erobern wollte, eine Regiſtratorswitwe, die ſich mit ihrer Tochter Johanna anſtändig, aber doch nur vermöge ihres angeſtrengten Fleißes durchbrachte. Es war eine fürchterliche Zeit, dieſe Zeit des Krieges. Wer ſie mit durchlebt hat, gedenkt ihrer, wie eines böſen Trau⸗ mes, wer bloß davon erzählen hört, zweifelt an der Wahrheit deſſen, was ihm als Thatſache dargeſtellt wird. Napoleon wollte alſo den ruſſiſchen Kaiſer eben⸗ falls aus ſeinem Reiche vertreiben, wie er die meiſten Fürſten ſchon aus ihren Ländern vertrieben hatte. Um nach Rußland zu gelangen, mußte er aber das ruſſiſche Heer, das an der Grenze von Oſtpreußen lagerte, zu⸗ rückzutreiben ſuchen. Er drang deshalb mit ſrinsr ganzen 1861. III. Die Erben von Wollun. Heeresmacht, die durch deutſche und namentlich auch preu⸗ ßiſche Truppen verſtärkt worden war, vor und überzog das kleine, ſtille Fleckchen Erde, welches an der Welt Ende lag, mit dem fürchterlichen Wirrwarr dieſes Feld⸗ uges. Guttſtadt hatte ſo gut, wie alle andern Städte und Dörfer ſein Unheil tragen müſſen. An dem Tage des Monats Auguſt, wo die Regiſtratorin Franke zum erſten⸗ male wieder ruhig und gemüthlich in ihrem Stübchen am Spinnrade ſaß und Johanna Franke, einen Korb mit Mützenſtrichen neben ſich, die ſie fein und ſauber ein⸗ zukniffen verſtand, es wagte ſich dicht am Fenſter zu placiren, an dieſem Tage waren die Durchmärſche end⸗ lich vorüber, und man erzählte ſich von glänzenden Sie⸗ gen, welche die franzöſiſche Armee über die Ruſſen er⸗ langt hätte. Man hatte ſich allmälig daran gewöhnt, den Kaiſer Napoleon als den von Gott begnadigten Alleinherrſcher zu betrachten, und hatte ſich dem Ueber⸗ muthe deſſelben beugen gelernt. Niemand wunderte ſich über ſeine Siege. Beſonders fanden die armen Oſtpreu⸗ ßen, welche durch die Durchzüge der Truppen an eine Völkerwanderung erinnert worden waren, es ganz un⸗ zweifelhaft, daß ſolche ungeheure Menſchenmaſſen ſiegen müßten. Schwieriger erſchien ihnen die Aufgabe, dieſelbe in Rußland ernährt zu ſehen. Und darüber ſprachen eben 11 die beiden fleißigen Frauenzimmer in dem hübſchen rein⸗ lichen Häuschen, als die tiefe Stille auf der Straße plötzlich von dem Raſſeln eines Wagens geſtört wurde. „Sieh doch'mal hinaus, Hannchen,“ ſprach die Regiſtratorin beklommen.„Ach Du himmliſcher Herr⸗ gott— nur keine Soldaten wieder.“ Johanna ſtand ſogleich willfährig auf, öffnete das Fenſter und ſah dem langſam fahrenden Wagen ent⸗ gegen. „Es werden Verwundete ſein,“ berichtete ſie auf einen Moment zurückſchauend. „Ich bitte Dich um Gotteswillen, mach' das Fen⸗ ſter zu!“ ſchrie die Frau.„Das fehlte mir noch, daß ſie mir das Haus voll Bleſſirte brächten. Mach' zu! Mach' zu! Der Befehl kam zu ſpät. Schon ſetzte ein bejahrter Offizier, der den Wagen zu escortiren ſchien, ſein Pferd in Galopp und hielt im Nu vor dem geöffneten Fenſter, bevor Johanna ſich ſo weit gefaßt hatte, um es ſchließen zu können. Es war ein Deutſcher. Seine erſten Worte reichten hin, das heftig erſchreckte Mädchen zu beruhigen. Er bat um geneigtes Gehör und erklärte, mit einiger Bewegung, daß er in der allergrößten und peinlichſten Verlegenheit es wage, ſie um Hilfe zu bitten. * Die Regiſtratorin, von Neugier herbeigelockt, ver⸗ ließ jetzt auch ihr Spinnrad und trat mit dem feſten Vor⸗ ſatze,„keine Hilfleiſtungen zu gewähren, die in Form einer Bitte ausgeſprochen werden ſollten,“ zu ihrer Tochter aws offene Fenſter. „Madam,“ rief der Offizier, ſogleich die richtige Erlaubnißbehörde in der alten Frau erkennend und ehrend,„Madam— helfen Sie mir! Es ſoll bei Gott Ihr Schade nicht ſein!“ „Was ſteht dem Herrn zu Dienſt?“ fragte Madam ſehr ungnädigen Tones.„Bleſſirte nehme ich nicht auf— durchaus nicht!“ „O, wenn es nur das wäre!“ meinte der Offi⸗ zier etwas ſpöttiſch.„Da würden wir kein Federleſens machen! Nein, ich bitte um Quartier für meine Tochter und für meinen kleinen Enkel.“ „Recht gern!“ ſprach Johanna, ſichtlich froh, daß es ſich nicht um Verwundete handele. „Was Du ſagſt?“ fragte die Regiſtratorin haſtig und ziemlich höhniſch.„Recht gern? Ei, dazu hätte ich doch auch ein Wort hinzuzufügen. Recht gern? Nein, gar nicht gern— ich will keine Einquartierung!“ „Mutterchen,“ meinte Johanna begütigend und zeigte mit dem Finger nach dem Fuhrwerke, das unter⸗ deſſen herangeraſſelt war und ſich als eine alte, ſteife Halbchaiſe erwies, aus deren Verdecke ein zartes, bleiches Frauengeſicht dicht neben einem Blondkopfe von ungefähr ſechs Jahren hervorſchauete. „Liebe Madam— ſeien Sie kein Unmenſch!“ ſchrie der alte Offizier etwas zornig, indem er ſich aus dem Sattel ſchwang, den Zügel des Pferdes an eine Eiſen⸗ krampe hing und ohne Weiteres in das Haus und in das Stübchen eilte. „Ich muß mit Ihnen reden, Madam,“ ſprach er hier ſanft und mit gebrochener Stimme.„Das Unglück hat mich ſchwer gebeugt! Die glücklichſten Familienbande ſind zerſtört— meine älteſte Tochter iſt geſtorben. Ihr kleiner Sohn Cäſar ſitzt dort in dem Wagen, vater⸗ und mutterlos, denn ſein Vater blieb bei Stralſund. Meine zweite Tochter, ſeit Jahresfriſt an einen Arzt verhei⸗ rathet, wurde ihres Mannes beraubt. Der keaiſerliche Befehl zwang ihn ſich dem Heere nach Rußland an⸗ zuſchließen. Ich marſchirte glücklicherweiſe durch ihren Wohnort, fand ſie in Verzweiflung und eben im Begriffe in der Begleitung dieſes Knaben, der bei ihr lebte, nach dem Elternhauſe, hieher nach der Welt Ende, zu flüchten, weil ſie hier Ruhe und Troſt bei meiner Frau zu finden hoffte.“ Er hielt einige Secunden inne, um ſich zu dem Nachfolgenden zu ſammeln. „Ich nahm ſie mit dem Knaben in's Schlepptau 14 und brachte ſie glücklich bis hieher. Da aber erfahre ich, vaß meine Beſitzung zerſtört, von Feindes oder Freun⸗ deshand in Brand geſteckt, und daß meine gute Frau, die mit ſeltenem Muthe allen Widerwärtigkeiten getrotzt hatte, getödtet ſei. Was ſoll ich nun beginnen? Ich muß innerhalb einer Stunde bei meinem Regimente ſein, ſonſt bin ich verloren, werde für infam erklärt.— Da ſteht der Wagen mit dem einzigen Ueberbleibſel von Glück, was ich heute noch mein nennen kann! Madam, ich flehe Sie um Gottes Barmherzigkeit willen an, mir dieß Glück zu bewahren. Bei Gott, ich will es Ihnen der⸗ einſt reich vergelten.“ „Das Verſprechen läßt ſich leicht geben,“ fiel die Regiſtratorin grämlich ein,„wenn man den Kanonen entgegen marſchirt. Wo liegt denn Ihr Gut, das von Freundes⸗ oder Feindeshand zerſtört iſt?“ Der Offizier erhob lebhaft den Arm und zeigte nach Nordoſten.„Dort oben hinauf, Madam, am kuriſchen Haff, nicht weit von Memel und nicht weit von Königs⸗ berg dort liegt es, ein kleines Eden, aus welchem mich nur der leidige Krieg vertreiben konnte. Es heißt Wol⸗ lun, Madam. Wollun! Ich bin der Hauptmann Kor⸗ dall, Madam. Meine Tochter da draußen im Wagen iſt die Doctorin Burbach, und der kleine Burſche, der ſo ſeelenvergnügt und ſorglos in die Welt hinausſchaut, heißt Cäſar Bodenwell.“ „Das iſt Alles ganz ſchön, mein Herr Hauptmann Kordall,“ erwiederte die Regiſtratorin gemächlich die Arme übereinander ſchlagend.„Ich will Ihnen ganz gern Alles glauben—“ „Mutterchen,“ bat Johanna und der Offizier brau⸗ ſete in Zorn auf und rief heftig: „Iſt das oſtpreußiſch, daß man klügelt, ehe man Barmherzigkeit und Gaſtfreundſchaft übt? Pfui Madam, der Franzoſenkrieg hat Gift in Ihr preußiſch Herz ge⸗ impft.“ Betroffen blickte die alte Dame den zornigen Mann an. Hatte er nicht Recht? War das die Geſinnung, die der ganzen Bevölkerung dieſes Landſtriches zum Ruhme nachgeſagt wurde? Etwas gemildert entgegnete ſie: „Was wir haben beſtehen müſſen, war auch danach Gift und Galle in unſer Herz zu träufeln. Wir haben hungern und dürſten müſſen, um die Feinde, die ver⸗ fluchten Franzoſen ſatt zu machen. Wir ſind arm ge⸗ worden!“ „O, meine Tochter hat etwas Geld bei ſich, Ma⸗ dam— wir verlangen Ihre Barmherzigkeit nicht um⸗ ſa lnd ſpäterhin ſollen Sie reichen Lohn dafür aben!“ Beſchämt trat die alte Dame jetzt zurück, als ihre Tochter Johanna aufgeregt rief: „Verkennen Sie meine Mutter nicht, Herr Haupt⸗ mann! Verurtheilen Sie uns nicht, wenn auch Ihr em⸗ pörtes Gemüth Grund dazu findet. Wir haben aller⸗ dings viel gelitten, und der Hunger iſt ein Uebel, welches alle Menſchlichkeit tödtet.“ Der Offizier nickte zuſtimmend. Er hatte die Er⸗ fahrung ebenfalls ſchon gemacht. „Ihre Tochter mag ausſteigen,“ ſprach die Regi⸗ ſtratorin gedämpft.„Sie mag oben in unſerm Putz⸗ ſtübchen wohnen, mag ſich mit uns einrichten, wie es gerade geht—“ „Der Himmel lohne Ihnen!“ unterbrach der Hauptmann ihre Rede. Er ergriff ihre Hand und führte ſie mehrmals dankbar an ſeinen Mund.„Sie werden der Armen hilfreich beiſtehen? Sie werden ſie pflegen? Nicht wahr, mein Vaterherz darf ruhig ſein in der Vor⸗ ausſetzung, daß der Geiſt einer liebevollen Mutter Sie beſeelen wird?“ Ganz gerührt verſprach die alte Dame Alles zu thun, was ſie vermöge, blickte aber zornig und erſchrocken in das Angeſicht des Kriegers, als er hinzufügte: „Ich habe Todesangſt ausgeſtanden ſeit zwei Stun⸗ 17 den— ich habe gefürchtet, die Arme auf freiem Felde niederkommen zu ſehen.“ „Was?“ ſchrie die Regiſtratorin.„So etwas iſt zu erwarten? Ei, ſo ſollte mich doch—“ „Ruhig, Mütterchen,“ fiel Johanna feſt und be⸗ ſtimmt ein.„Du haſt Dein Wort gegeben, und unter die⸗ ſen Umſtänden iſt es Chriſtenpflicht, die arme Dame auf⸗ zunehmen!“ Ohne die Erwiederung ihrer Mutter abzuwarten, eilte ſie hinaus an den Wagen, öffnete den Wagenſchlag und ſagte mit herzgewinnender, tröſtender Stimme: „Steigen Sie aus, liebe Dame— ſteigen Sie lang⸗ ſam und vorſichtig aus— ich bringe Sie ſogleich in ein ſtilles hübſches Kämmerchen, wo Sie weiche Betten und Ruhe finden!“ Die junge Frau richtete ihr Auge hilfeflehend auf Johanna, reichte ihr beide Hände entgegen und flüſterte: „Ich kann nicht— ich kann nicht!“ Bis jetzt hatte ſie klagelos ihre Schmerzen ertragen. Beim Anblicke der Theilnahme in Johannens Augen ent⸗ rollten große Thränen ihren Augen, die der blonde Knabe neben ihr mit ſeinem Taſchentuche trocknete, während Johanna eilig zu einer Nachbarin ſprang, die neugierig in die Thür getreten war, und ihr Etwas zuflüſterte. Eben ſo ſchnell war ſie wieder zurück und rief den g. Und Alles das mit Hauptmann herbei zur Unterſtützun einer lautloſen, durchaus nicht unangenehmen Haſt. Der Hauptmann kam. Er hob ſeine Tochter mit ſtarken Armen heraus und trug ſie, zärtliche Worte und Beſchwichtigun⸗ gen flüſternd, in ein Kämmerchen zu ebener Erde, das dem Wohnſtübchen gerade gegenüber lag. Hier Dort legte er ſie nieder, küßte ſie wiederholt und ſagte: „Ich muß fort, mein Julchen, ich muß fort! Aber Gott ſchützt Dich und ſeine Engel breiten ihre Flügel über Dich, Du armes, ſchwer geprüftes Kind! Ich ver⸗ traue Dich mit Zuverſicht dem guten lieben Mädchen an, das neben Dir ſteht und Deine Hände hält— ich muß fort, mein theures Kind!“ Eine Weile übermannte den ſtarken Mann ſein Vatergefühl, er preßte ſtumm ſein Geſicht in die Hand und flüſterte dumpf:„Es iſt beinah zu viel für eine Menſchenbruſt!“ „Grüße meinen Mann, wenn der Zufall Dich mit ihm zuſammenführt,“ lispelte ganz leiſe die Tochter. „Grüße ihn hundert⸗tauſendmal von ſeiner Julie. Sage ihm, daß ich feſt geblieben bin— ſage ihm, daß i immerfort an das Glück denke, welches wir in dieſem Jahre durchlebt haben. Grüße ihn, o mein Vater, grüße ihn!“ Sie ſank von Schmerzen übermannt zurück, und 19 der Knabe Cäſar, welcher wieder neben ihr Platz ge⸗ nommen hatte, legte ſeine Hand auf ihre Stirn und küßte dieſe Stirn, die voll kalter Schweißtropfen ſtand. Zu ihm wendete ſich nun der Offizier.„Cäſar, mein Junge, Du bleibſt zum Schutze Deiner Tante bei ihr, Du verläſſeſt ſie nicht, Du verſprichſt mir, das Kind, das Deine Tante bald haben wird, als Dein Geſchwiſter zu lieben und zu pflegen. Gib mir die Hand darauf, Cäſar, daß Du vernünftig und klug, wie ein Mann handeln, daß Du dieſem jungen Mädchen, welches Euch aufgenommen hat, Gehorſam und Ehrfurcht zollen willſt.“ Cäſar hob ſein Geſicht zu dem Großvater empor und ſchlug in die Hand ein, die dieſer ihm entgegen⸗ 1. 1 hiel „Für dieſen Knaben ſtehe ich ein!“ ſprach der Offizier zu Johanna gewendet.„Er iſt im Trübſal ge⸗ boren und im Lebensernſt emporgewachſen. Sein Ver⸗ ſtand iſt reifer, als ſonſt wohl Kinderverſtand zu ſein kiesr Er wird Ihnen mehr eine Hilfe, als eine Laſt ein.“ Noocch einmal preßte der Offizier ſeine Tochter, noch einmal ſeinen Enkel an ſich, dann währte es aber nicht eine Minute, ſo war er verſchwunden und der Hufſchlag ſeines Pferdes verhallte. Kaum hatte er ſich entfernt, ſo verſank die fremde Dame in eine ſchlummerähnliche Betäubung. Cäſar, der mannhafte Knabe, wurde aus dem Kämmerchen verbannt und der mildthätigen Hand Jo⸗ hannens überwieſen, die für ſeine Speiſung ſorgte. Dann ordnete Johanna mit ſeiner Hilfe die mit⸗ gebrachten Koffer, die einſtweilen im ſchmalen Hausflure niedergeſetzt worden waren, und dann ſchlief der ermüdete Knabe ein, um nicht eher zu erwachen, als bis am näch⸗ ſten Morgen die ſanfte Hand Johannens über ſein blon⸗ des Lockenhaar ſtrich. Befremdet, verſtört, im höchſten Grade betroffen ſah ſich der Knabe nach allen Seiten um. Er hatte vergeſſen, in den Armen des tiefſten, traum⸗ loſeſten Schlafes gänzlich vergeſſen, daß er in einem fremden Hauſe Aufnahme gefunden. Er hatte aber auch eine traurige Kataſtrophe mit dieſem feſten Schlafe ver⸗ ſchlafen. Johanna ſchien betrübt, ſie ſchien geweint zu haben. Sie ſetzte ſich auf den Bettrand nieder, faßte die Hände des kleinen Burſchen, der ſo verſtändig in die Welt hineinblickte, und ſagte leiſe: „Mein armer Cüäſar, haſt Du gut geſchlafen? Biſt Du recht munter und erquickt?“ Cäſar ſchmiegte ſich mit dem Vertrauen der Jugend an ſeine neue Bekannte an. 21 „Ja? Du biſt alſo bereit aufzuſtehen? Nun, ſo komm— ich will Dir helfen!“ Cäſar lehnte ſtolz die Hilfe ab. Er konnte ſich allein anziehen. „Iſt Tante Julchen ſchon aufgeſtanden?“ fragte er plötzlich haſtig. Johanna antwortete nicht. Einige längſt bereite Thränen rollten langſam über ihre Wangen. „Iſt die Tante krank?“ fragte Cäſar mit ſchnell erwachendem Argwohn. „Es iſt ein kleines Mädchen in der Nacht an⸗ gekommen, das ſollſt Du beſuchen—“ entgegnete Jo⸗ hanna ausweichend. Cäſar klatſchte hocherfreut in die Händchen und tanzte, noch unbeſtiefelt, auf einem Beine herum. „Hat's der Großpapa nicht immer geſagt!“ jauchzte er.„Ein kleines Schweſterchen— ein Schweſterchen!“ Seine kindiſche Natur brach nun hervor, der Ernſt ver⸗ ſchwand von ſeinem Geſichtchen, die Lippen lachten und plauderten— der Graus des zuletzt erlebten Trübſales verlor ſeine Macht. Er wurde ein Kind, nachdem er einige Tage den vernünftigen Menſchen geſpielt hatte. Johanna ſah erſtaunt dieſer Veränderung zu. Sie lachte zuletzt über die Purzelbäume, die der Knabe in ſeiner Freude ſchlug, und ergötzte ſich an ſeinen Einfällen. hr ſichtlich in dieſer Ungebunden⸗ tätiſchen Miene, Der Knabe gefiel i heit bei weitem beſſer, als mit der gravi die er Tags zuvor angenommen. Endlich aber blickte ſie mi zurück, was ihr noch zu verkünden übrig geblieben war. „Nun komm,“ ſagte ſie, als er fix und fertig an⸗ gezogen war.„Nun wollen wir zum Schweſterchen gehen—“ „Und zur Tante,“ fiel Cäſar verſtändig ein. Nein, mein lieber Junge,“ erwiederte Johanna Zur Tante nicht. Deine Tante iſt hat Dir ihr kleines Mäd⸗ t einem Seufzer auf das 1 ſchnell entſchloſſen.„ in den Himmel gegangen und chen dafür hier gelaſſen.“ Cäſar ſtand wie angedonnert. Seine großen Kinder⸗ augen füllten ſich unbewußt mit Thränen.„Meinſt Du damit, daß Tante Julie auch geſtorben i*ſt, wie Groß⸗ mama Kordall?“ ſtammelte er. „Ja, mein Kleiner! Deine Tante iſt geſtorben!“ „Hat ein Feind, ein Franzoſe ſie todtgemacht?“ fragte er furchtſam umherſehend. Johanna zog ihn liebevoll an ſich und küßte ihm die Thränen von den Augen. „Nein, mein Kleiner!“ ſprach ſie beſchwichtigend. „Sei ruhig, Du biſt bei Freunden! Die Feinde, welche Deine Tante getödtet haben, heißen„Schmerz, Kummer, Angſt und Sorge“. Doch das verſtehſt Du noch nicht! Komm! Du ſollſt das kleine Mädchen ſehen, das Deine liebe Tannte Dir geſchenkt hat. Komm!“ Der Knabe weigerte ſich aber mitzugehen. Er ging au's Fenſter, legte ſeine Stirn auf das Fenſterbrett und weinte ſtill, aber ſehr heftig. Johanna kniete, ergriffen von ſeinem Schmerz, neben ihm nieder und weinte mit ihm. „Nun bin ich ganz allein auf der Welt!“ ſprach der Knabe vor ſich hin. Man hatte wahrſcheinlich im Laufe der Reiſe oftmals dergleichen geredet und dadurch ſein Nachdenken rege gemacht. „O, Du haſt ja Dein Schweſterchen, Cäſar,“ ent⸗ gegnete Johanna ſanft. „Ja, aber was ſoll ich mit dem Schweſterchen machen?“ fragte der Knabe altklug. „Du ſollſt es lieb haben, ſollſt mit ihm ſpielen, ſollſt es laufen und ſprechen lehren—“ Cäſar trocknete ſeine Thränen und rief ſchnell ge⸗ tröſtet: „Ja, das will ich thun! das will ich thun! Und Du erlaubſt, daß wir bei Dir bleiben, bis Großpapa Kordall aus dem Krieg kommt?“ „Ja, Du bleibſt hier und das kleine Mädchen ¹“ verſprach Johanna. 24 „Heißt das kleine Mädchen nicht Lisbeth?“ fragte Cäſar plötzlich abſpringend. „Wir können es ſo nennen,“ meinte Johanna. „Warum denkſt Du, daß es ſo heißt?“ „Tante Julie hat es geſagt! Meine Mutter hat Lisbeth geheißen,“ fügte er in einem jener Anfälle hinzu, die ihn viel älter und verſtändiger erſcheinen ließen, als er wirklich war.„Tante Julie ſagte zum Onkel Burbach, ehe er in den Krieg mußte, daß ſie ihm eine kleine Lis⸗ beth oder einen kleinen Karl ſchenken wolle.“ „Ja wohl,“ ſeufzte Johanna.„Ein Geſchenk, wel⸗ ches ſie mit ihrem jungen Leben bezahlt hat. Nun komm, mein Kleiner. Wir wollen die kleine Lisbeth beſuchen.“— —— Die Tochter des Hauptmanns Kordall wurde ſtill begraben. Ihr Töchterchen, das ſie in der Nacht geboren, wo ſie ſtarb, gedieh unter der Pflege Johannens. Cäſar ſtand ihr dabei getreulich zur Seite. Die Kleine erhielt in der Taufe und wurde nach dem Wunſche Cäſar's Lisbeth gerufen. Während über dieſe Ereigniſſe Wochen vergingen und ſich endlich zu Monaten reiheten, entwickelten ſich draußen auf dem Kriegsſchauplatze die entſetzlichen Fol⸗ gen des gewagten Feldzuges gegen Rußland. die Namen Zulie Eliſabeth .—,—— 8 G—O—= ,2—. 25 Napoleon machte zum erſtenmale in ſeinem fabel⸗ haften Leben die Erfahrung, daß es eine Macht gäbe, die ihn mit allen ſeinen übermüthigen Ideen zermalmen könne. Rußland wurde für den Welteroberer ein Gedenk⸗ ſtein, woran mit unverlöſchbaren Buchſtaben ſtand:„Bis hieher und nicht weiter!“ In wilder Eile verließ er ſelbſt den Schauplatz ſeiner Thaten, als er erkannte, daß es„rückwärts“ ging. Von den fürchterlichen Rückzügen der großen Armee, von der fluchtähnlichen Reiſe des Kaiſers Napoleon über Warſchau, Glogau und Dresden erfuhren die guten Leute in dem Städtchen, wo die Regiſtratorin Franke wohnte, nur durch Hörenſagen. Des Kaiſers Weg ging bergab. Was ſich aus dem Feldzuge gerettet hatte, eilte geraden Weges davon, um fern von der ruſſiſchen Grenze, die plötzlich eine entſetzenerregende Schranke wurde, die ge⸗ retteten Gliedmaßen heilen und pflegen zu laſſen. Nur dumpfe Gerüchte drangen in das Häuschen, wo Cüſar ſeine kleine Lisbeth hegte, und nur die Hoffnung, daß jetzt der Großpapa Kordall kommen und ſeine beiden Enkel abholen werde, belebte den Muth Johannens, die von der mürriſchen Laune ihrer Mutter viel zu leiden hatte. Wie geſagt, die traurigen Ueberreſte der großen Heeresmacht, noch geleitet und geführt von ihren Ge⸗ nerälen, berührten das Städtchen Guttſtadt nicht, allein 1861. III. Die Erben von Wollun. 2 4 die Nachzügler der zerſtörten Waffenmacht, bleiche, halb verhungerte, halb verfrorene Männergeſtalten ſtreiften als Bettler bis nach dem Städtchen hinüber. An dieſe wendete ſich Johanna mit Fragen nach dem Hauptmann Kordall. „Todt!“ war die ſeelenlos apathiſche Antwort. Na⸗ türlich. Was nicht mehr da war, was fehlte, was ver⸗ geblich erwartet wurde— das war todt, nach den Begrif⸗ fen derer, die im halben Wahnſinne der fürchterlichen Leiden gedachten, welche ſie in Rußlands Steppen erdul⸗ det hatten. Cäſar glaubte nicht an ſeines Großvaters Tod. Er war unermüdlich in ſeinen Nachfragen. Täglich ſtand er vor der Thür des kleinen Hauſes, ein Stückchen Brod in der Hand, das er ſich abgeſpart hatte, und wenn er einen Offizier daherſchleichen und mit hungrigen Blicken das Stückchen Brod betrachten ſah, ſo bot er es ihm dreiſt an. Er wußte ſehr wohl, daß die Offiziere eben ſo hilflos und verhungert aus dieſer Niederlage entkom⸗ men waren, wie die Gemeinen, daß ſie ſich aber zu bet⸗ teln ſchämten. Als Lohn für ſeine Gutthat forſchte er dann nach ſeinem Großvater. Es hatte ihn Niemand ge⸗ kannt, aber dennoch wiederholten Alle mechaniſch daas niederſchlagende Wort: Todt! Unmittelbar nach dem ruſſiſchen Feldzuge entwickelte 27 ſich die vorbereitende Stimmung zur Erhebung des gan⸗ zen preußiſchen Volkes. Ein neues Regen und Bewegen zeigte ſich. Es ſchien Jedem einzuleuchten, daß die Nie⸗ derlage des Kaiſers Napoleon günſtig für die Pläne ſei, ſich der Laſt des abſcheulichen Fremdjoches zu entledigen. Die heimlichen Rüſtungen begannen. Rußland bot ſich zeigten ſich die erſten Ruſſen und Koſaken in dem Städt⸗ chen und wurden von den Einwohnern mit ſtürmiſcher Freude als Erretter begrüßt. Auch hier bei dieſen rohen, aber gutmüthigen Na⸗ turmenſchen ſetzte Cäſar ſeine Erkundigungen nach ſeinem Großvater Kordall fort. Allein, als es auch hier ganz vergeblich war, als ihm auch hier das finſtere Wort: „Todt!“ entgegentönte, da gab er ſowohl, als die beiden Frauen jede Hoffnung auf. Jetzt begann für Johanna eine ſchwere Zeit. Von den Vorwürfen ihrer Mutter verfolgt, von Sorgen ge⸗ quält, von Mühen für das kleine zarte Kind geplagt, fand ſie Tag und Nacht keine Ruhe. Es wäre gewiß nicht zu verwundern geweſen, wenn ſie ihr Mitleid gegen i gebürdet hatte, bereuet hätte. Es mögen auch Minuten gekommen ſein, wo ſie gewünſcht hat, nicht vom Schickſale zur Pflegerin des armen verwaiſeten Kindes auserſehen zu ſein, aber ihr Benehmen gegen beide Kinder verrieth nichts von dieſen gelegentlichen Stoßſeufzern. Geduldig trug ſie ihre Laſten, heiter zerſtreuete ſie die grämliche Laune der Mutter, unermüdet arbeitete ſie, um für die fremden Kinder Brod zu ſchaffen. Die kleine Baarſchaft, welche ſich in dem Nachlaſſe der verſtorbenen Frau vor⸗ gefunden hatte, war längſt ausgegeben. Von den Kleino⸗ dien, die ſich im Koffer verpackt zeigten, waren viele ſchon veräußert. Was an Kleidungsſtücken da geweſen war, wurde für die Kinder verarbeitet und verwendet. Die Zeit rückte ſichtlich jeden Tag näher, wo die Noth in dies friedliche Haus einkehren und die letzten Lebenstage der Regiſtratorin verbittern werde. Aber Johanna verzagte dennoch nicht. Sie hielt den Knaben Cäſar an, ſich durch kleine Gefälligkeiten und Dienſte bei den Leuten beliebt zu machen, um dadurch ſeinen Lebensunterhalt ſelbſt zu verdienen, und ſie ſelbſt arbeitete wie die geringſte Magd, wuſch für die Vorneh⸗ men des ruſſiſchen Heeres, das ganz in der Nähe ſtand, kochte für eine Anzahl luſtiger Koſakenanführer Mittags⸗ brod, wobei für ihre Mutter immer ein leckerer Biſſen wenrente, welche als die einzige ſichere Einnahme die überſah ſogleich, was ihr zu thun obliege. Sie begann mit Cäſar's Hilfe den Garten zu kultiviren und umzu⸗ graben. Der kleine Burſche mußte wacker heran, er that es aber gern. Man grub, man harkte, man legte Erbſen, Boh⸗ nen, Kartoffeln in die Erde. Als der Mai in's Land kam, wuchs Alles luſtig in die Höhe und zeigte ſich ſpäter ſo ergiebig, daß Johanne noch verkaufen konnte. Gottes Segen lag auf Allem, was ihre Hand be⸗ rührte. Auch Lisbeth gedieh. Das zarte Kind wurde ein volles, rundes, prächtiges Mädchen, das an ihrem Ge⸗ burtstage ſchon laufen und drollige Worte hervorſtam⸗ meln konnte. Mama Franke wurde immer freundlicher mit den beiden fremden Kindern. Sie ſah ja, daß Gott jede Noth von ihnen fern hielt, vielleicht der Kinder wegen, die ihrer Barmherzigkeit zugefallen waren. Und die Kinder liebten die alte Dame, die ſie„Mama“ nann⸗ ten, und die Kinder dienten ihr nach Johannens Anleitung mit kindlicher Ehrfurcht bis an ihres Lebens Ende, das im zweiten Jahre ihres Zuſammenlebens ganz plötzlich und unerwartet erfolgte. Der Tod der Regiſtratorin machte Johannens Lage weſentlich drückender. Sie verlor damit die kleine Wit⸗ Grundlage gebildet hatte, wonach ſie ihre Ausgaben rich⸗ 31 ten konnte. Jetzt hatte ſie gar keinen Fond, und es kamen Zeiten, wo ſie wochenlang nicht einen Groſchen im Hauſe hatte. Von den Verhältniſſen bedrängt, ſtellte ſie abermals Nachforſchungen nach dem Leben und dem Verbleiben des Mannes an, der ihr die Kinder aufgebürdet hatte. Ihre Verſuche ſcheiterten aber an dem Umſtande, daß ſie in der Verwirrung des Augenblickes, damals ſchon nicht genau darauf gemerkt, wo das Gut des Hauptmanns Kordall belegen war. Auch der Name deſſelben war ihr halb ent⸗ fallen, und ſie ließ ſich beim ſpätern Nachdenken darüber von ihrer Einbildungskraft verleiten, das Wort„Wol⸗ lun“ mit„Wollin“ zu verwechſeln. Natürlich wendete ſie ihre Forſchungen nach„Wollin im kleinen Hoff“, und ſie erhielt von dorther die Nachricht, daß ein Hauptmann Kordall niemals ein Beſitzthum auf der Inſel Wollin gehabt habe, auch dort nicht bekannt ſei. Das Examen, welches ſie nach dieſen geſcheiterten Verſuchen mit dem Knaben Cäſar anſtellte, führte auch zu keinem Reſultate, das beſonders günſtig geweſen wäre. Cäſar wußte nichts weiter von ſeiner Vergangenheit, als daß er mit ſeiner Mutter in Stettin gewohnt habe, daß ſeine Mutter krank geworden ſei, daß eine ältere Dame, die er Großmama genannt, angekommen und ihn eines Tages, als ſeine Mutter begraben worden wäre, zu einer andern Dame gebracht, die„Tante Julie“ geheißen und ihn ſehr lieb gehabt hätte. Die alte Dame, die er Großmama genannt, war dann abgereiſt, weil„ihre Gegenwart auf ihrem Gute nothwendig ſei“, wie ſie ſehr oft geſagt habe. Tante Julie habe mit ihm ſo viel geſcherzt, ſo viel gelacht, ſo viel geſungen und geplaudert, daß er ſeine Mutter, die immer ſtill und traurig geweſen ſei, bald vergeſſen habe. Tante Julie habe einen Mann gehabt, den man Herr Doctor genannt— ein großer, ſchlanker, vornehm ausſehender Mann— der die Tante Julie ſehr viel geküßt und ſehr zärtlich behandelt habe. Genau wußte Cäſar nicht, ob die Stadt Danzig geheißen. Er war nur ganz kurze Zeit, vielleicht acht Wochen dort geweſen. Dann hatte Tante Julie auf ein⸗ mal viel geweint und der Onkel Burbach war ſehr unru⸗ hig geworden und plötzlich mit den Soldaten ausmar⸗ ſchirt. Jetzt wäre er, der Knabe von ſechs und ein halb Jahr, der einzige Troſt und die einzige Stütze der Tante geweſen, bis plötzlich der alte Offizier bei ihnen an⸗ gelangt ſei, den Tante Julie unter ſtrömenden Thränen als Vater begrüßt habe. Der Knabe erinnerte ſich ganz deutlich von dieſem, ſeinem Großvater gehört zu haben: „Es iſt am beſten, mein liebes Julchen, daß Du zu 3 Deiner Mutter geheſt. Unſer Marſch führt dorthin— ich 22 35 werde Sorge tragen, daß Du unter meinem Schutze die Reiſe mit dem Regimente zugleich antreten kannſt.“ Wie dieſe Reiſe abgelaufen war, wußte Johanna nur allzu gut. Sie war um nichts klüger geworden durch dieſe kindiſchen Referate, die nichts enthielten, woran ſie ſich halten konnte. Nach Danzig zu ſchreiben, um ſich nach dem Doctor Burbach zu erkundigen, hielt ſie rein für überflüßig, da dieſer Doctor Burbach wahrſcheinlich ein Regimentsarzt geweſen und dem Publikum dort kaum bekannt geworden war. Johanna ſah ein, daß ſie, um in ihrer höchſt ärmlichen Lage nicht unnütze Geldausgaben herbeizuführen, ſich in Geduld faſſen und abwarten müſſe, bis wieder eine gewiſſe Ordnung im Vaterlande herrſche, wozu ſeit Kurzem alle Hoffnung vorhanden war. Die Zeit ſchien nicht mehr fern, wo die Erniedrigung Preu⸗ ßens ein Ende finden würde. Napoleon's Macht war ſeit dem ruſſiſchen Feldzuge zerſplittert, und das Waffen⸗ glück wendete ſich mehr und mehr auf die Seite der Ver⸗ bündeten, die ihn ſchon aus Schleſien vertrieben und nach der Grenze Frankreichs zurückgedrängt hatten. Ein ein⸗ ziges Jahr voll muthiger, begeiſterungsvoller Anſtren⸗ gungen hatte hingereicht, das Joch der Fremdherrſchaft zu brechen, und als dies Jahr zum Schluße neigte, da ſteigerte ſich das Vertrauen der bedrückten Deutſchen auf das Glück ihrer Waffen. Man beſchloß, durch die Zu⸗ verſicht auf Gottes ſchirmende Hand geleitet, den völli⸗ gen Sturz Napoleon's, ſeine Entfernung, um einen ſichern Frieden herſtellen zu können. Die Siegesnachrichten durchliefen mit reißender Schnelligkeit die Länder, welche fern von dem Schau⸗ platze der fürchterlichen Schlachten lagen. Man betete für das Heil der Waffen, man dankte für das Gelingen jeder Unternehmung dem höchſten Lenker aller Schickſale in allen Kirchen. Ein gemeinſames Entzücken hob die Herzen, nachdem ein gräuliches, gemeinſames Elend ſie jahrelang gedrückt hatte. Daß ſich die bürgerlichen Ver⸗ hFältniſſe ſowohl, als die Noth während der ereignißvollen Periode dieſer Befreiungsbegeiſterung nicht heben ließen, war einzuſehen. Der einzelne Menſch litt nach wie vor ſeinen Mangel, aber er trug ihn geduldiger in der Vor⸗ ausſicht einer möglichen Abhilfe. Johanne kämpfte wacker für ihre übernommenen Pflichten. Sie nährte ihre fremden Zöglinge, ſie kleidete, ſie erzog ſie. Eine Ziege gab ihr hinreichend viel Milch für ihren Bedarf. Der Garten lieferte Gemüſe und Kar⸗ toffeln. Fleiſch konnten ſie entbehren. Eier legten die drei Hühner, die ſie beſaß, die ſich aber ihre Nahrung ſehr oft ſelbſt ſuchen mußten. Kaffee, Zucker und Kuchen gab es nicht. Brod buck ſie ſelbſt und reichte es ihren Pfleglingen ohne Butter, Schmalz und Salz, wie ſie es ihre Abgaben für das Häuschen, das ſie ſich nothwendig ſelbſt verzehrte. Dabei lehrte ſie den Knaben Leſen, Schreiben und Rechnen, und hielt das kleine, dicke Mäd⸗ chen ſo ſauber und nett wie eine Puppe. Segen, Segen über ſie für alle Gutthaten, die ſie dieſen armen Kinder erwies! Endlich war das große Werk der Befreiung ganz gelungen. Paris war in den Händen der verbündeten Heere und die Sieger zeigten ſich edler, als die Fran⸗ zoſen es um die deutſchen Länder und um die deutſchen Herrſcher verdient hatten. Jubel tönte durch das ganze Land. Cäſar ſtimmte friſch ein in dieſen Jubel, als hätte er ebenfalls ein neues Anrecht auf Glück gewonnen. Stürmiſch umſchlang er ſeine Johanne und verkündete jauchzend:„Nun iſt Friede, nun kommt mein Großvater Kordall!“ „Sprächeſt Du doch wahr, mein Junge!“ ſeufzte Johanne. Es verging aber noch eine lange Zeit nach dieſem Freudenrauſche, ohne daß ſich der Großpapa Kordall meldete. Cäſar wurde acht Jahr, Lisbeth war zwei. Mama Franke ſchlief ſchon zehn Monate auf dem Fried⸗ hofe, und Johanne hatte ſich faſt krank gearbeitet, um ſo lange zu erhalten ſuchen mußte, wie ſie die fremden Kinder bei ſich hatte, zu erſchwingen. Da geſchah es eines Tages, daß ein Reiter, wohl eingehüllt in einen Mantel, um ſich gegen die rauhe No⸗ vemberluft zu ſchützen, in die Straßen von Guttſtadt einbog und langſam vorwärts ritt. Sein Geſicht zeigte ſich mürriſch und vergrämt, und der Kriegerſchmuck ſeiner Wangen, ein dichter Bart, der ſich über der Oberlippe hinwegzog, war eisgrau. Sonſt aber verrieth nichts den Soldaten. Seine Kleidung war bürgerlich bis auf die rothen Streifen an den Beinkleidern. Der Mann lenkte in die Straße ein, wo Johanne Franke mit den Kindern in ihrem unverändert hübſchen, einfachen Häuschen wohnte. Sein Blick ſtreifte vorſichtig prüfend an allen Häuſern hin, und wendete ſich kopf⸗ ſchüttelnd immer wieder ab, augenſcheinlich nicht befrie⸗ digt von ſeinem ſchlechten Gedächtniſſe, das ihn in Stich ließ. Er hatte im Laufe der drangvollen Zeit vergeſſen, was ihm jetzt zur Befriedigung einer Herzenspflicht un⸗ umgänglich nöthig war. Weder der Name, noch irgend ein Merkzeichen wollte ſeinem getrübten Sinne einfallen, wo er damals ſeine Tochter und ſeinen Enkel gelaſſen hatte. Den Na⸗ men der Stadt hatte er behalten. Alles Uebrige war durch den Eindruck der Zeitereigniſſe und durch ein lan⸗ 37 ges Krankenlager in Folge gefährlicher Verwundungen verwiſcht. Der alte Herr Kordall, zum Major avancirt, ritt gedankenſchwer ſeines Weges. Was ſollte er noch auf der Welt? Warum hatte der Himmel ihn wohlerhalten aus den Gefahren des Krieges heimkehren laſſen, wäh⸗ rend ſo Viele, die jung und hoffnungsreich in die Zu⸗ kunft blicken konnten, umgekommen waren. Alle ſeine Lieben waren todt. Seine prächtige Frau ermordet von den Bajonetten wüthender Franzoſen. Ein Schauder überlief ſeine Seele, indem er daran dachte.— Seine Tochter Julie, die er durch ſeine Vaterſorge zu erretten gehofft, war todt. Er hatte von Königsberg aus einen Kourier nach Guttſtadt geſendet mit dem Auftrage der Dame, bei welcher die Frau Doctorin Burbach ein Unterkommen gefunden, fünf hundert Thaler zu über⸗ bringen. Der Kourier hatte nach ſeiner lügenhaften An⸗ gabe das Geld übergeben und dafür die Nachricht ein⸗ getauſcht, daß die Frau Doctorin Burbach und der Knabe äſar am Lazarethfieber verſtorben ſeien. Jetzt wollte er nichts weiter in Guttſtadt, als ſich nach den Umſtänden dieſer Todesfälle erkundigen. Sein Weg nach dem kuriſchen Haff führte ihn nahe bei dem Städtchen vorüber, und da er nicht Willens war, ſeine Beſitzung, worauf er mit ſeiner Gattin und mit ſeinen beiden Töchtern ſo überaus glücklich gelebt hatte, jemals wieder zu verlaſſen, ſo benutzte er dieſe Gelegenheit, Kunde von den letzten Lebensaugenblicken ſeiner theuren Angehörigen einzuziehen. Er hatte ſeinen Abſchied genommen. Seine Wun⸗ den verhinderten ihn ſich ferner im Dienſte des Vater⸗ landes nützlich zu machen. Ein bitteres Gefühl überrie⸗ ſelte ihn, wenn er an ſeine einſame Stellung in der Welt dachte. Was half ihm jetzt ſein Geld und Gut, da er weder Weib, noch Kind, weder Schweſter noch Bruder neben ſich wußte. Fremde Menſchen würden den Vortheil genießen, wenn er ſich thätig wieder in ſein arbeitsvolles Leben verſenkte. Unter dieſen ganz unwillkürlichen Gedanken war er bis an Johannens Wohnung gekommen. Sein Auge hob ſich nicht, um nach dem Fenſter zu ſchauen, woraus ihm damals Hilfe in der Noth geboten war. Er erkannte das Haus nicht wieder. Aber an dem verhängnißvollen Fenſter ſtanden zwei Kinder, der Knabe Cäſar und die kleine blondlockige Lisbeth. Cäſar hielt die Kleine mit ſeinen Armen umſchlungen auf dem Stuhle feſt, auf wel⸗ chem ſie ſtand. Er ſah den Reiter langſam und trübſin⸗ nig nahe kommen und vorüberziehen. Wie hätte er aber in dieſem Manne, von Körper⸗ und Seelenlenleiden zer⸗ rüttet, ſeinen Großpapa wieder erkennen können, da er ihn ſich hoch und ſtolz zu Roß, mit vollem Kriegeranzuge und ſtattlichem Weſen träumte? Aber ein guter Geiſt gab ihm den Einfall ein, an's Fenſter zu pochen und ihm zuzuwinken, als der Reiter ſich raſch zu ihm wendete. Starr, als ſähe er einen Geiſt, blickte der Major ihn an. Der Knabe öffnete das Fenſter ein wenig und rief keck hinaus:„Weißt Du nicht, ob die Soldaten von Pa⸗ ris kommen? Weißt Du nicht, ob mein Großpapa Kor⸗ dall noch lebt?“ Wie ein Jüngling ſchwang ſich der Major vom Pferde. An derſelben Eiſenkrampe, wie vor zwei Jahren, hing er den Zügel des Pferdes und ſtand im Nu freude⸗ zitternd mitten in der Stube. „Junge? Cäſar? Biſt Du es denn?“ ſchrie er beinahe weinend. Cäſar ließ ſeine kleine Pflegbefohlene erſt vorſichtig auf die Erde, wo ſie nett und zierlich wie ein Püppchen ſtehen blieb, und lief dann an den Major heran. Eine Erinnerung tauchte in ihm auf. Sollte das wirklich der Offizier ſein, den er Großpapa genannt? Er hob ſein Auge empor und ſagte hell und freudig: „Freilich bin ich Cäſar Bodenwell— biſt Du denn der Großpapa Kordall?“ ——— ————— „Ja, ja! Ich bin Dein Großvater, mein braver Burſche. Gott ſei gelobt, daß ich Dich wenigſtens wieder finde, oder— Cäſar— Deine Tante Julie?“ fügte er abgebrochen hinzu. „Die iſt todt!“ berichtete Cäſar traurig ſein Ge⸗ ſicht an des Großvaters Hand ſchmiegend.„Tante Julie iſt gleich den Tag geſtorben— aber ſieh doch, Großpapa, das iſt ja unſere Lisbeth, Tante Julchen's Tochter— ſieh doch!“ Die Kleine ſtand noch immer ſtockſteif auf derſelben Stelle, wo Cäſar ſie hingeſtellt. Cäſar nahm ſie an der Hand und führte ſie dem Major zu, der ſie ſogleich heftig bewegt in die Höhe nahm, um ſie zu küßen und zu be⸗ trachten. In dieſem Augenblicke trat Johanne, die im Gar⸗ ten geweſen, herein. Ihr Erſtaunen war grenzenlos, ihre Freude aber auch nicht gering. Es währte nicht lange, ſo hatten ſich dieſe Beiden über Alles verſtändigt, was in der Zwiſchenzeit vorgefal⸗ len war. Der Major ſah ein, daß er von ſeinem eigenen Kourier betrogen und belogen ſein mußte, und er ſah auch ein, daß nur ein engelhaftes Gemüth, wie Johannens, der ſchweren Pflicht, die er ihr aufgebürdet, ſo genügen konnte. 41 „Du fromme und getreue Seele,“ ſprach er mit tiefer Rührung,„Du biſt über dieſes ſo getreu gewe⸗ ſen— ich werde Dich fortan über Viel ſetzen!“ —- Sweites Canitel. Die Erben. Bis dahin hatte ein junger, ſehr gut ausſehender Mann ruhig erzählt, und eine junge, ſchöne Dame hatte ihm geduldig zugehört. Jetzt aber ſchien ihre Geduld zu Ende zu ſein. Sie erhob ſich haſtig von dem Sitze, den ſie, nachläſſig hin⸗ gelehnt, behauptet hatte, und rief: „Richtig! Was nun folgte, weiß ich. Du biſt der Cäſar in Deiner Geſchichte, und ich bin die kleine Lisbeth. Großpapa Kordall machte ſich das Vergnügen und hei⸗ rathete dieſe Johanne Franke. Mein Vater kam und holte mich ab. Als ich aber ganz gottvergeſſen ſchrie und nicht von Dir laſſen wollte, da fand es Großpapa Kordall, der ſich erſt ſo unmenſchlich über Dein Lebenbleiben ge⸗ freut hatte, ganz zweckmäßig, Dich mit uns ziehen zu 3 3 1861. III. Die Erben von Wollun. —jy— laſſen und meinem Vater ein Erziehungsgeld für Dich zu zahlen.“ „Sollte ich dort oben an der Welt Ende verbauern, Lisbeth?“ fragte der junge Mann vorwurfsvoll.„Ich hatte viel nachzuholen.“ „Ja, ja!“ unterbrach Lisbeth ihn ungeduldig.„Ich bin ganz einverſtanden mit Deiner Anſicht. Nur begreife ich nicht, wie der Großpapa Kordall dazu kommt, trotz ſeiner auffallend großen Zärtlichkeit für uns beide Enkel⸗ kinder, das Vermögen unſerer Großmutter, Eliſabeth von Wollun auf Wollun, einer Perſon zu vermachen, die, wie Du eben ganz rührend erzählteſt, notoriſch nichts ge⸗ habt hat.“ Cäſar zuckte die Achſeln.„Du haſt nicht ganz Un⸗ recht, Lisbeth, wenn Du dies etwas außer aller Ordnung findeſt. Er hätte uns mindeſtens gerechter behandeln können, wenn ihn die Dankbarkeit auch aufforderte, ſeiner letzten Gattin und der aus dieſer Ehe ſtammenden Tochter eine ſorgenfreie Zukunft zu gründen.“ „Dankbarkeit, Cäſar?“ fragte Lisbeth ſichtlich ge⸗ ringſchätzend.„Dankbarkeit? Wofür? Dafür, daß dieſe Perſon uns zwei Jahre lang kümmerlich ernährt hat, dächte ich, wäre ihre ſpätere Ehe und ein Leben voll lUeberfluß zwanzig volle Jahre hindurch hinlängliche Ver⸗ G eltung Mochte Großpapa Kordall ihr, ſeiner Witwe, das Jahrgeld nun auszahlen laſſen, was Du ſeit Deiner Kindheit und ich ſeit dem Tode meines guten Vaters be⸗ zogen haben. Es wäre genug für eine Perſon geweſen, die einfach erzogen und an ein einfaches Leben gewöhnt war.“ Cäſar zeigte ein gewiſſes Mißbehagen in ſeinen Mienen, indem er antwortete:„Nun, Johanne hat des Großvaters letzte Lebenstage hell, freundlich und ſchön gemacht, ſie hat ihm eine Tochter geboren, die er leiden⸗ ſchaftlich liebte, wie er offen eingeſtanden hat—“ „Und um dieſer Tochter willen hätte er ein Recht uns unſers rechtmäßigen Erbtheiles zu berauben?“ fiel Lisbeth heftig und mit ſeltſam geſteigerter Reizbarkeit ein.„Was können wir Beide dafür, daß er uns plötzlich zu ſeinem Glücke höchſt überflüßig fand, als er ſich un⸗ geachtet ſeiner ſechsundfünfzig Jahre in die hübſche Jo⸗ hanne Franke verliebte?“ Cäſar lächelte mitleidig.„Wie Du Dich an Trug⸗ bildern Deiner Phantaſie erhitzeſt! Johanne war eher häßlich als ſchön. Sie hatte die Blattern gehabt, dadurch mochte ihre Geſichtsfarbe jene fahle graue Bläſſe behalten haben, die einem jungen Geſichte den Schein des Alters überwirft. Außerdem war ſie von der Stirn bis zum Kinn blitzvoll Narben, die ſie im höchſten Grade entſtellten. „Fi donc! flüſterte die junge Dame vor ſich hin. * „Aber ihre Tochter muß ſchön ſein, da der gefühlvolle Großpapa ſie ſo leidenſchaftlich geliebt hat,“ fügte ſie in ihrer nachläſſigen Manier hinzu, der man das Gefliſſent⸗ liche anſah. Cäſar blickte gleichgültig auf und richtete den Blick durch das Fenſter in die Weite.„Möglich,“ antwortete er,„vielleicht iſt ſie aber nur eben ſo liebenswürdig und gut, wie ihre Mutter.“ Lisbeth lächelte ſpöttiſch und griff nach den Briefen, die entfaltet auf dem Tiſche vor ihr lagen und augen⸗ ſcheinlich die Veranlaſſung zu dem Geſpräche und zu der Erzählung des vorigen Kapitels gegeben hatten. Es war eine gerichtliche Abſchrift des Kordall'ſchen Teſtamentes und ein Brief der Witwe des Majors Kordall, worin ſie den Kindern ſeiner Töchter erſter Ehe den Tod ihres Gatten anzeigte. Lisbeth überflog dieſen letztern Brief mit jenem nach⸗ läſſig ſpöttiſchen Blicke, den ſie ſich ſchon längſt zu eigen gemacht hatte, und murmelte bitter: „Sehr freundlich von der Frau Majorin Kordall, daß ſie uns jetzt inſtändig einladet, den Sommer auf ei⸗ nem Beſitzthume zuzubringen, welches ſie uns entriſſen mhat.“ 4 Als Cäſar dieſen Ausfall nicht beantwortete, ſon⸗ dern ziemlich kalt und tadelnd ſein Auge auf ihrem ſchönen Antlitze ruhen ließ, nahm ſie befangen das Teſtament zur Hand und fragte: „Haſt Du eine Ahnung davon, was der myſteriöſe Zuſatz des Teſtamentes ſagen und bedeuten ſoll?“ Ein Lächeln war ſeine ganze Antwort. Sie richtete jedoch ihr Auge voll und groß auf ihn, eine reizende Un⸗ ruhe glitt über ihre Mienen, und ihre Stimme bebte leicht, als ſie ihre Frage etwas verändert nochmals wie⸗ derholte. „Iſt der Zuſatz wirklich ſo ſchwer zu verſtehen?“ fragte Cäſar unbefangen und mit einem Anfluge von Schelmerei. „ Das Verſtändniß liegt vielleicht in Deiner Be⸗ reitwilligkeit, den geheimen Wünſchen des Großvaters unbedingt nachzukommen,“ entgegnete Lisbeth barſch und warf das Papier auf den Tiſch.„Dieſe geheimen Wünſche ſcheinen ſich auf eine Verheirathung ſeines Lieblings mit Dir zu beziehen.“ „So verſtehe ich dieſen Zuſatz auch,“ meinte Cäſar trocken.„Allein unbedingt, wie Du meinſt, werde ich ſolchen Zumuthungen nicht nachkommen. Der Groß⸗ vater ſelbſt hat eine unbedingte Einwilligung nicht ver⸗ langt, denn hier ſteht wörtlich—“ Er nahm das Teſta⸗ ment und las: „Schlagen meine Wünſche fehl, ſo hat meine Ehe⸗ 46 frau, Johanne geborene Franke, in einem ihr anvertrauten Briefe meine fernern Beſtimmungen, die ſie mit freiem Entſchluſſe nach ihrem eigenen Ermeſſen ausführen kann, auf welche Art und Weiſe ſie will.“ „Es iſt außerordentlich gütig vom Großvater, uns vollſtändig abhängig von dieſer Perſon zu machen 1“ rief Lisbeth in ſo ſtark gereiztem Tone, daß Cäſar ſie tadelnd unterbrach: „Beurtheile doch nicht voreilig, Lisbeth! Wir wollen prüfen und dann handeln.“ Lisbeth wendete ſich ſchnell ab.„Du willſt alſo nach Wollun reiſen?“ fragte ſie tief athmend. „Ja, und ich wünſche, daß Du mich begleiteſt!“ ent⸗ gegnete der junge Mann beſtimmt. „Nimmermehr!“ rief Lisbeth entrüſtet.„Du wirſt alſo Eliſabeth Kordall ohne Weiteres heirathen?“ „Ohne Weiteres, ſobald ich mein Herz für ſie er⸗ wärmt fühle, ſonſt nicht!“ „So habe ich die Ehre, Dich als den Herrn auf Wollun begrüßen zu können—“ „Noch nicht! Mein Vorſatz kann an der Abneigung Elsbeths ſcheitern.“ 2„O, wenn Männer einen Zweck erreichen wollen, ſo können ſie ſehr liebenswürdig ſein.“ „Dieſer weiſe Ausſpruch wird meinen Muth heben,“ lächelte Cäſar. „Du biſt weit ſelbſtſüchtiger als ich dachte,“ rief Lisbeth heftig aus. „Und Du, meine Lisbeth, weit habſüchtiger und weit ungerechter, als ich mir je träumen ließ.“ Das junge Mädchen wendete ſich ſchnell zu ihm herum. Eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge. „Du fühlſt nicht, was mir durch dieſe ungerechte Enterbung, durch dies Teſtament mit ſeinen geheimen Klauſeln verloren geht. Sei es d'rum! Das Leben endet ja einſt. Warum ſoll ich es beſſer haben, als tauſend an⸗ dere Mädchen, denen der Vater geſtorben und jede Hoff⸗ nung damit geknickt iſt. Es muß ſo Mancher gegen ſeine Natur und im Mißklange ſeines Temperamentes das Le⸗ ben ſtill durchwandern, warum ich nicht?“ Ihr ſchönes, blühendes Geſicht erſchien in dieſem Momente ſo ſchmerzlich bewegt, daß Cäſar ſeinen Tadel vergaß und von tiefer Theilnahme erfaßt wurde. Er er⸗ griff ihre Hand und legte brüderlich zärtlich ſeinen Arm um ihre ſchlanke Taille. „Bin ich nicht der Schutz und Troſt Deines Lebens geweſen von Jugend auf, Klein⸗Lisbeth?“ fragte er weiich.„Bin ich nicht Dein Freund, Dein Bruder?“ „Was niützt das ferner, da Du mich aufgibſt wegen 8 48 des Mädchens, welches vom Geſchicke in unſern Lebens⸗ weg geſchleudert iſt?“ erwiederte ſie mit klangloſem Tone. „Wird mein Haus nicht auch das Deine ſein? Meinſt Du, daß ich ruhig in den Armen des Wohl⸗ lebens athmen könnte, ohne Dich im ſichern Glücke zu wiſſen?“ „Arme Verwandte werden bald als eine Landplage betrachtet,“ ſprach Lisbeth eben ſo monoton.„Ehe ich mich dort, wo ich Rechte aufgeben mußte, demüthige, lieber will ich hier bei meiner Stiefmutter das Gnadenbrod eſſen.“. Cäſar zog ſeine Hand von ihrer Taille und trat zurück. Er fühlte ſich verletzt. „Verkenne mich nicht,“ bat Lisbeth und lehnte ihre Wange zutraulich an ſeine Schulter. Der warme Hauch ihres Athems traf ſeine Wangen und der zärtliche Blick ihres Auges glitt zu ſeinen Augen hinauf. Der junge Mann blieb ruhig. Nicht die Spur jener zauberhaften Aufregung, die das Herz zum Herzen leitet, zeigte ſich in ſeinem Weſen. Er war, man ſah es, der Bruder und Freund des ſchönen Mädchens, das ſich an ihn ſchmiegte. „Lerne erſt die Frau kennen, die Du in Deiner bittern Wallung ſo hart verdammſt,“ ſprach Cäſar nach einer Pauſe, die unter widerſtreitenden Empfindungen u— 49 verfloſſen war.„Sie hat die Ruhe ihrer Nächte einſtmals für Dich geopfert.“ „Vielleicht wäre es beſſer geweſen, ſie hätte mich umkommen laſſen—“ flüſterte Lisbeth dumpf.„Ich ſcheine dazu beſtimmt zu ſein, als ein Spielball der Schick⸗ ſalslaunen umhergeworfen zu werden, und dagegen empört ſich meine Seele.“ „Welch' ein Geiſt iſt über Dich gekommen, Lis⸗ beth!“ entgegnete Cäſar kopfſchüttelnd.„Was iſt geſche⸗ hen? Was hat Dich ſo verändert? Kann dies Teſtament dergeſtalt auf Dich einwirken, daß ſich Dein Charakter verläugnet? Haſt Du etwa ganz beſtimmt auf andere Dispoſitionen des Großvaters gerechnet?“ „Ja!“ antwortete Lisbeth, hob kühn und freimüthig den Blick zu ihm empor, indem ſie ihm gegenüber trat, und fügte auf den verwunderten Ausdruck in Cäſar's Mienen hinzu:„Ich konnte erwarten, und zwar, nach meines ſeligen Vaters Eröffnungen über die ſtattfinden⸗ den Umſtände, ganz beſtimmt erwarten, daß der Groß⸗ vater Kordall anders disponiren werde.“ „Hat Dein Vater über die Vermögungsverhältniſſe des Großvaters mit Dir geſprochen?“ warf Cäſar über⸗ raſcht ein.. 4 „Allerdings. Auf dieſen Mittheilungen beruhete meine Hoffnung, mich eines Tages im Beſitze eines an⸗ ſehnlichen Vermögens zu ſehen.“ „Ich glaube, daß der Großvater reich iſt—“ „Reich genug, um uns Beide ganz ſicher zu ſtellen, aber erſt reich geworden durch ſeine Heirath mit unſerer Großmutter Eliſabeth von Wollun—“ „Es müſſen Verhältniſſe obwalten, die ihn zu den Schritten berechtigen, die er für nöthig gehalten,“ unter⸗ brach der junge Mann ſie eilig, um nicht wieder auf ein Thema zu gerathen, das ihn, im Gefühle der Pietät für die barmherzige Pflegerin ſeiner Kindheit, ſchmerzhaft be⸗ rührte. „Ja wohl, ſonſt grenzte es an Wahnſinn, ſeine zweite Frau mit dem Beſitzthume der erſten zu bereichern, obgleich Nachkommen dieſer erſten Beſitzerin da ſind.“ „Ich habe nie geglaubt, daß Du Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf dieſe Erbſchaft hegen könn⸗ teſt,“ ſagte Cäſar nachdrücklich. Die junge Dame er⸗ röthete und warf ſtolz den Kopf auf. „Dazu brachte mich meine jetzige Lage. So lange mein Vater in ſeiner glänzenden Stellung als General arzt lebte, ſo lange war ich ſeine älteſte Tochter und trat mit derſelben Befugniß in's geſellige Leben, wie meines Vaters zweite Gattin. Die zwei Jahre, welche ich nach ſeinem Tode im Hauſe meiner Stiefmutter zugebracht 51 habe, ſind mir ein ſicherer Beweis geweſen, daß ich nur des Generalarztes Burbach Tochter bin, während meine Stiefgeſchwiſter zu der reichen und angeſehenen Familie Webhan gehören. Dieſe Leute mit ihrem aus Lumpen, Zwirn und Band fabricirten Reichthume, mit ihrem durch verbrannte Knochen erzielten Ueberfluß und mit ihrem aus Kaffeeſäcken und Heringstonnen gewonnenen Glanze ſehen in mir nur die Tochter des Doctors Burbach, der im Rauſche der Freiheitsfieber begnadigt worden iſt, eine „Webhan“ heimführen zu dürfen, der es aber nachher verſtanden hat, ſich in Reſpect zu ſetzen. Nun er todt iſt, lächeln ſie Alle mitleidig über die Mesalliance und geben ſeiner Tochter erſter Ehe ein Gnadenplätzchen im reich⸗ geſchmückten Salon, wenn ſie ſich einander lächerlich feierlich und pomphaft fetiren.“ Cäſar lächelte und nickte zuſtimmend.„Für den Fremden haben dieſe Familienföten allerdings un⸗ geheuer viel Lächerliches!“ ſprach er.„Aber Deine Stief⸗ mutter—“. „Iſt gut, herzensgut, lieber Cäſar,“ fiel Lisbeth ſchnell ein.„Auch meine Schweſtern ſind ſeelengut und reden mir ernſthaft das Wort. Daß ich mir aber das Wort gegen die hohen Häupter der Familie reden laſſen muß, das empört mich und macht mir das Leben zwiſchen ihnen zur Hölle! Du hätteſt nur heute hören ſollen, wie 52 die alte Frau Webhan mit ihrer huldvollen Langſamkeit nach meinem Erbantheile fragte. Und jetzt muß ich dieſen Leuten das Recht einräumen, über mich zu lachen, wenn ich eingeſtehe„mit einer Rente von dreihundert Thalern jährlich“ abgeſpeiſet zu ſein.“ „Du entwaffneſt die Lacher, wenn Du ihnen das Teſtament vorlegſt,“ erwiederte Cäſar begütigend. Ihm that Lisbeth jetzt mehr leid, als vorhin, weil er nun den Grund ihrer Verſtimmung erkannte, obwohl er die ſichern und entſcheidenden Zeichen ihres ſtillen Hochmuthes dabei nicht überſah. „Kann mich das befriedigen?“ fragte Lisbeth im Tone der höchſten Aufregung.„Werden dadurch meine Träume verwirklicht, die ich im Stillen hegte?“ „Träume? Was träumteſt Du?“ Lisbeth blieb die Antwort ſchuldig. Sie kämpfte mit ihrer Bewegung. Als es ihr gelungen war, Herr derſelben zu werden, ſprach ſie faſt kalt und gleich⸗ gültig: „Ich haſſe die Heuchelei der Frauen, die von ein⸗ fachen Freuden zu träumen vorgeben. Ich haſſe dieſe Heuchelei, Cäſar, und geſtehe lieber ein, daß mein Stre⸗ ben zu den ſonnigen Höhen des glänzenden Glückes hinan⸗ geht. Wenn ich mich auch zuweilen des Spottes über die Macht des Reichthumes nicht enthalten kann, ſo fühle —— 53 ich doch im Innerſten meiner Seele den brennenden Wunſch, mit denſelben Anſprüchen in die Schranken treten zu können.“ „Aus Uebermuth wahrſcheinlich,“ entgegnete Cä⸗ ſar lachend,„um den ſtillen Reſpect zu ſtören, der von dieſer Herrſchermacht über Alles verbreitet wird, was ſich nicht ebenbürtig erweiſt.“ „Nein, Cäſar! Nicht aus Uebermuth, ſondern in ſtiller Erkenntniß, daß ich dort in jenen ſtrahlenden Zir⸗ keln mein Glück finden würde.“ „ Das begreife ich nicht! Mir machen dieſe glän⸗ zenden Geſellſchaften Langeweile.“ „Erprobe nur erſt die Macht, eine Größe in der⸗ ſelben zu ſein, der Alles huldigt.“ „Ich halte dieſe Größe für eine eingebildete Macht und dieſe Macht für eine eingebildete Größe.“ „Was thut das? Iſt nicht Alles Phantom in der Welt, ſogar die Liebe—!“ Cäſar richtete ziemlich verwundert ſein Auge auf die leidenſchaftliche Sprecherin und lächelte ungläubig. „Du zweifelſt an meiner Behauptung,“ fuhr dieſe fort. „Was weißt Du denn von der Macht und Herr⸗ ſchaft der Liebe, Klein⸗Lisbeth?“ fragte der junge Mann ſcherzhaft, und ergriff ihre Hand, die ſie trotzig zurück⸗ zuziehen ſtrebte. „Glaube aber nicht, daß mich Leichtfertigkeit zu dem Tadel eines Teſtamentes bringt, welches meine ganze Exiſtenz auf einen andern Standpunkt verſetzt. Glaube auch nicht, daß nur der Hang meine Vergnügungsſucht zu befriedigen mir eine Erbſchaft wünſchenswerth macht— nein, die Hauptſache iſt und bleibt, daß das Zehren vom Ueberfluſſe Anderer entwürdigend für mich wird. Wäre meine Stiefmutter arm, und ich könnte ihr nützlich ſein, ſo würde ich meine kleine Einnahme mit ihr und meinen Stiefgeſchwiſtern theilen. So aber treibt mich der Hohn des Schickſals aus meiner Gemüthsſtille hinaus und über⸗ gibt mich den unſichern Launen eigener Entſchließungen.“ „Was haſt Du für Projecte?“ tragte Cäſar auf⸗ merkſam werdend.. „Für jetzt gar keine!“ entgegnete Lisbeth abweiſend. „Ich überlaſſe mich mit meinen dunklen Ideen der Zeit, welche unſere Vorſätze zu bilden pflegt. Die Verbindung der Ereigniſſe wird eine Trennung zwiſchen uns herbei⸗ führen—“. G „Du beharrſt wirklich auf Deiner Weigerung, der Einladung der Majorin Kordall Folge zu leiſten?“ fragte der junge Mann im ärgerlich haſtigen Tone. Lisbeth prüfte einige Secunden lang ſein Miene ſpiel, ehe ſie antwortete. Es war ein Kunſtgriff ihrer weiblichen Politik, der ſie antrieb, dieſen bewährten Mann nicht ganz fallen zu laſſen, wenn auch ihr Herz Anſtalt traf, ſeinen Schutz etwas gering zu ſchätzen. „Ich beharre allerdings darauf,“ war dann ihre Antwort.„Handle, wie Du willſt. Ich werde mir nie⸗ mals erlauben Dich zu tadeln. Es bricht ein Kampf der Verhältniſſe aus. Gut, ich kämpfe! Man kämpft um ſein Glück, wie um ſein Leben, denn Leben ohne Glück iſt er⸗ bärmlich. Du findeſt Glück im ſtillen Vegetiren, in der poetiſchen Alltäglichkeit eines Landlebens, wo auf jeder lume und auf jedem Grashalm die Langeweile niſtet; ich ſuche Glück in dem Wechſel des Lebens, im proſaiſchen Glanze weltlicher Herrlichkeit.“ „Dein Urtheil ſteht auf der Spitze, Lisbeth, und laborirt an Uebertreibung,“ ſprach Cäſar geduldig lä⸗ chelnd. „Mag ſein. Es enthält aber Wahrheiten. Jetzt, wo es nichts mehr ſchaden oder nützen kann, will ich Dir offen bekennen, daß ich bisweilen geglaubt habe, unſer ge⸗ ſcwiſerdig vertrautes Leben könne ſich noch enger ſchlie⸗ en.“ Cäſar blickte ſie offen und ehrlich an, zuerſt höchſt betroffen, dann ſchelmiſch. „Wir Beide— Mann und Frau?“ „Nein, nein! Ich weiß, daß Deine Seele nie da⸗ ran gedacht hat,“ fiel das junge Mädchen ſehr gelaſſen ein, aber ihr Farbenwechſel bewies, daß nicht dieſelbe Ruhe in ihr wohnte,„und ich opfere auch nichts, wenn ich dieſe flüchtige Idee verfliegen laſſe.“ „Gewiß koſtet Dir dies kein Opfer,“ warf Cäſar treuherzig lachend ein. Lisbeth fuhr fort: „Du haſt Deinen Willen in Bezug auf Eliſabeth Kordall ausgeſprochen und damit den Weg bezeichnet, den Du zu gehen gedenkſt. Ich billige Deinen Vorſatz und wünſche Dir Erfolg. Was mich betrifft, ſo erkläre ich mich bereit, die rechtmäßigen Anſprüche der Witwe meines Großvaters vollſtändig zu reſpectiren.“ „Jetzt höre, was ich Dir als meine Meinung zu ſagen habe,“ unterbrach Cäſar ihre etwas ſtolze und kalte Erklärung.„Nach Lage der Sache muß die Witwe unſeres Großvaters das Necht beſitzen, unſere fernere Wohlfahrt begründen zu können.“ „Deshalb willſt Du zu ihr und ihr huldigen?“ fragte Lisbeth ſpitz. „Nein! Ich will mich von dieſem Rechte über⸗ zeugen, will die Gründe prüfen, weshalb unſer Groß⸗ vater die rechtmäßigen Erben zurückſetzte, will den Um⸗ fang des Vermögens kennen lernen, will unterſuchen, wodurch die vormalige Johanne Franke die Bevor⸗ 57 zugung verdient hat, und will hören, in wie weit die per⸗ ſönlichen Wünſche unſers Großvaters, die er in die ver⸗ ſchwiegene Bruſt ſeiner letzten Gattin niedergelegt hat, mit unſern Anſichten übereinſtimmen.“ „Ich dächte, darüber wären wir ſchon einig?“ fragte Lisbeth ſpöttiſch dazwiſchen.„Wenn die Beſitz⸗ nahme von Wollun durch eine Verheirathung mit Groß⸗ vater Kordall's jüngſter Tochter Eliſabeth erzielt werden kann, ſo biſt Du, nach Deiner vorhin abgegebenen Er⸗ klärung, entſchloſſen, ſie zu heirathen.“ Cäſar flammte endlich zornig auf. Seine Ruhe und Geduld war erſchöpft. Sein Gemüth wurde reizbar. Er richtete ſich zu einer ſtolzen, feſten Haltung empor und heftete ſein Auge mit finſterm, durchdringendem Ernſte auf das junge, ſpottluſtige Mädchen. Lisbeth wich erſchrocken zurück. Solche Blicke war ſie von ihm nicht gewohnt. Sie ſchauete bang und ſchüch⸗ tern zu ihm auf, während er ſprach: „Du gehſt darauf aus, mich zu kränken! Immer⸗ hin, Lisbeth! Das ſoll mich nicht abhalten, Dir dennoch mit kurzen, dürren Worten eine Schlußerklärung zu ge⸗ ben. Hätteſt Du dieſen Schluß abgewartet, ſo würde Dir Deine Einwendung ſelbſt überflüſſig erſchienen ſein. Für alle Fälle, meine liebe Lisbeth, merke wohl, was ich ſage, für alle Fälle kannſt Du darauf rechnen, daß ich meinem 1861. III. Die Erben von Wollun. 4 58 Erbantheile feſt und beſtimmt entſagen werde zu Deinen Gunſten.“ 4 „Cäſar!“ rief das Mädchen mit abwehrender Geberde. Er hörte und achtete nicht darauf, ſondern „Ich habe vom Großvater ſeit meinem neunten Jahre eine Unterſtützung von dreihundert Thalern jähr⸗ lich erhalten. Es iſt nicht mehr, als billig, daß ich dieſe Bevorzugung anrechne und ſie Dir zukommen laſſe. Ich beziehe jetzt ein Gehalt als Beamter und entbehre bei meinen einfachen Gewohnheiten die Rente, welche der Großvater fortlaufen laſſen will, durchaus nicht. Da in dem Teſtamente ſpeciell ausgeſprochen iſt,„daß wir nicht befugt ſein ſollen, das Kapital, welches der Rente ent⸗ ſpräche, von der Witwe unſers Großvater fordern zu dürfen, ſondern daß uns erſt nach dem Tode derſelben frei ſtände, die Auszahlung der feſtgeſetzten Summe zu beanſpruchen,“ ſo bin ich freilich nicht im Stande andere Anordnungen herbeizuführen. Allein ich verſpreche Dir hiermit als ehrlicher Mann, als Dein Freund, als Dein Bruder und Beſchützer, daß, wenn ich durch eine Ver⸗ heirathung mit der Haupterbin zum Beſitze des ganzen Vermögens gelange, ich auf Heller und Pfennig mit Dir theilen werde! Daß ich aber, im entgegengeſetzten Falle, ebenfalls meinen ganzen Einfluß auf diejenige, der 59 die Macht der Beſtimmung darüber in die Hände gegeben iſt, benutzen will, um Deine gerechtfertigten Klagen über Beeinträchtigung zu vertreten und die begünſtigten Erben zu einer Abtretung zu bewegen!“ Schon während der junge Mann noch ſprach, hatte ſich Lisbeth in eine gewiſſe Poſition geworfen. So wie er ſchwieg, öffnete ſie ihre in Verachtung glühenden Au⸗ gen ſo weit ſie nur konnte und ſprach mit mühſam ver⸗ haltenem Zorne: „Und ich, ich ſchwöre Dir hiermit, daß ich nichts annehmen werde, nichts, gar nichts, weder von Dir, noch von denen in Wollun, was mir nicht von Gottes⸗ und Rechtswegen zukömmt und auf dem Wege Rechtens zu⸗ erkannt werden wird! Lieber verhungern, als dieſer Per⸗ ſon, die es verſtanden hat ihre Stellung auszubeuten, einen Dank ſchuldig ſein. Deine Verachtung und die Verſpottung der ganzen Welt mag mich treffen, wenn ich dieſen Schwur breche! Dir aber, lieber Cäſar,“ fügte ſie ſchnell mit weicherer Stimme hinzu, denn ſie gewahrte, daß er nicht Luſt hatte, den unerquicklichen Discours weiter fortzuſetzen, ſondern mit verrätheriſcher Haſt nach ſeinem Hute griff,„Dir danke ich für Deine liebevollen Vorſätze, mit denen ich, vermöge meines innern Wider⸗ ſtrebens, nicht einverſtanden ſein kann. Bewahre mir einen Theil von Neigung, vergiß mich nicht ganz, aber * laß mich meinen Weg wandern, wie ich will. Cäſar,“ bat ſie, als ſeine Stirn ſich nicht entwölkte und ſein Blick finſter blieb—„Cäſar, verzeihe mir— Cäſar, Du kennſt mich ja und weißt, wie raſch mein Zorn auflodert und erliſcht.“ „Ja, erwiederte er mit einer leichten Nichtachtung in Ton und Geberde,„ja, ich weiß es freilich ſchon ſeit Jahren, daß die Reizbarkeit Deines Temperamentes Dich ſehr liebenswürdig, aber auch ſehr, ſehr unliebenswürdig machen kann. Von dem Letztern lieferteſt Du mir eben einen ſo ſtarken Beweis, daß ich zweifelhaft an Deiner Herzensgüte werden könnte. Ich wünſche dies Geſpräch nie wieder aufzunehmen. Haſt Du alſo noch irgend etwas hinzuzufügen, etwas zu ändern an dem, was bei Dir Abſicht und Beſchluß zu ſein ſcheint, ſo ſprich es jetzt aus.“— Er hielt inne und ſah ſie augenſcheinlich er⸗ wartungsvoll an. Als ſie langſam und bedeutſam nur mit dem Kopfe ſchüttelte, dabei aber ſeine Hand er⸗ griff und ſie herzlich zwiſchen den ihren hielt, da ſprach er kalt: „Wie Du willſt. Wir haben uns verſtändigt. Ich reiſe in kürzeſter Friſt nach Wollun und werde Dir von dort ſchreiben, wie die Sachen ſtehen.“ Er ging zur Thür. Lisbeth blieb ſtehen und ſah ihm traurig nach.„Vielleicht zum letztenmale!“ ſprach ſie 61 halblaut. Der Laut berührte ſein Herz, das liebevoll uns brüderlich für das Mädchen ſchlug, mächtig. Wäre er dieſem allzuguten Herzen gefolgt, ſo wäre er umgekehrt. Für diesmal gewann jedoch ſein Verſtand die Ober⸗ herrſchaft, und der litt es nicht, daß er ſich weich und nachgiebig zeigte. Die Thür ſchloß ſich und Lisbeth blieb allein. Sie überblickte die Scenen im Geiſte nochmals, die ſich eben geendet hatten. Von beiden Seiten waren unangenehme Empfindungen geweckt. Das junge Mäd⸗ chen war ehrlich genug, ſich ſelbſt den größten Theil der Schuld beizumeſſen. Lisbeth war im Grunde gut. Sie war geſcheut, denkend und geiſtreich. Dabei war ſie ſehr hübſch, ſehr lebhaft und von tadelloſem Benehmen im ge⸗ ſelligen Verkehre. Ob es aber Liebe war, was ſie für Cäſar fühlte, das wußte ſie trotz ihres gebildeten Geiſtes, trotz ihres hellen Verſtandes nicht. Cäſar war der bedeutendſte Mann in ihrer Um⸗ gebung. Sie fühlte ſich beneidet wegen der vertraulichen eziehung, worin ſie zu ihm ſtand, und da ſie ſeine Schweſter nicht war, ſo glaubte ſie Anſpruch darauf machen zu können, ſeine Frau zu werden. Die eben durch⸗ lebten Auftritte klärten ſie über dieſe Meinung auf. Sie atte aus Cäſar's Erklärungen und aus ſeinem kalten, ruhigen Geſichte die ganze Hoffnungsloſigkeit ihrer 62 läne herausgeleſen. Die blinde Zuverſicht, womit ſie der Idee einer Ehe zwiſchen ſich und Cäſar nachgehangen, hatte eine Täuſchung möglich gemacht. Dieſe hörte plötz⸗ lich auf. Damit ſtillte ſich ein Theil ihrer innern Auf⸗ regung und ihre Unruhe ging in Nachdenken über. Cäſar's Bild trat aus dem täuſchenden Ideenkreis beraus. Sie beleuchtete es nun von andern Seiten, überlegte und ſuchte ſich den Eindruck ſeines letzten Auftretens klar zu machen. 1— üſar hatte ihr ohne alle Vorbereitung den In⸗ halt des Teſtamentes vorgeleſen. Natürlich mußte ſie ihre ſonſt wohl behütete Faſſung verlieren, als ſie ſtatt eines Erbantheiles von dreißigtauſend Thalern, die ſie füglich beanſpruchen konnte, mit einer Rente von dreihundert Thalern abgeſpeiſt wurde. Um ſie zu begütigen und mit den Verhältniſſen einigermaßen vertraut zu machen, hatte Cäſar die ſonderbare Verkettung ihres Schickſales mit dem der Witwe ihres Großvaters dargelegt. Vergebens! Lisbeth hatte keine Beruhigungspunkte darin finden kön⸗ nen und ſie hatte verſucht Cäſar zu ihren Meinungen zu bekehren. Was war aber der Erfolg geweſen? Sinnend durchdachte ſie jedes Wort. Es war ihr kein einziges davon leid. Sie mußte die Stimmung ihres Herzens ent⸗ 3 hüllen, um nicht zur Heuchelei gezwungen zu ſein. Darüber grübelte ſie auch nicht weiter. Was ſie ſo 4 63 anhaltend beſchäftigte, das lag in dem Benehmen Cä⸗ ſar's. Dieſer Freund und Beſchützer ihres jungen Lebens hatte bis dahin nur gütige Worte für ſie gehabt. Er hatte durch ſeine ſanfte Nachſicht, durch ſeine weiche Nachgiebigkeit den Eigenthümlichkeiten der jungen Dame bedeutend Vorſchub geleiſtet und eine Art Herrſchſucht in ihr ausgebildet. Mußte es ſie nicht verdrießen, daß er plötzlich gar nicht daran dachte, ſich an ihre Meinung zu kehren, daß er ungeachtet ihrer Einwendungen auf ſeinem Willen beſtand? Die letzte Scene trat nochmals in gehäſſigem Lichte vor ihre Seele. Seine Erklärungen, die günſtige Be⸗ urtheilung der Kordall'ſchen Witwe, ſeine Willfährigkeit der Aufforderung nachzukommen, die ſie Beide nach Wol⸗ lun beſchied, Alles reizte, Alles ärgerte ſie. Es imponirte ihr, daß Cäſar gleichgültig bei ihrem Zorne war und dennoch bei ſeinem Entſchluſſe blieb. Sie geſtand es ſich ein, ihn nie ſo intereſſant gefunden zu haben, wie bei dieſer männlich ernſten Erklärung, aber gleichzeitig be⸗ fremdete und erbitterte es ſie, weil ſie von dem Gedanken erfaßt wurde, daß ſie im Vergleiche mit der Frau, deren liebenswerthe Tugenden noch jetzt bei ihm im friſchen Andenken ſtanden, in ſeinen Augen verloren haben könne. Sie haßte dieſe Frau, wie nichts in der Welt. Von ihr ſchien Alles Unheil zu kommen, das ihr Leben verküm⸗ merte. „Ich werde mein Recht verfolgen!“ flüſterte ſie am Schluße ihrer lebhaften Selbſtſchau.„Wozu ſoll ich ſie ſchonen, da ſie ohne Erbarmen ſich das anmaßte, was, wie ſie wiſſen muß, ihr nicht zukommt. Bin ich ihr Dank⸗ barkeit und Rückſicht dafür ſchuldig, daß ſie mein erbärm⸗ liches Daſein beim Beginne deſſelben gefriſtet hat, um es ſpäter zu berauben? Ich werde mein Recht ſuchen! Mag Cäſar ſich beugen vor ihr, mag er aus ihrer Hand das Glück nehmen, welches ſie durch ihre gleißneriſchen Ex⸗ perimente erzielte— ich will kämpfen und ſiegen, oder ich will in Armuth untergehen!“ Nachdem Lisbeth dem wilden Haſſe dergeſtalt Worte geliehen hatte, ebnete ſich der bösartige Wellen⸗ ſchlag ihres Gemüthes und es trat Vernunft und Ueber⸗ legung ein. Sie verſchloß das Teſtament nebſt dem Brief der Majorin Kordall, und nahm ſich vor, nicht eher darüber zu ſprechen, bis ſie einen Advokaten zu Rathe ge⸗ zogen haben würde. Dies ſollte unmittelbar nach der Abreiſe Cäſar's geſchehen. Bis dahin mußte ſie die Maske der Verſtellung tragen und die Ankunft der Teſtaments⸗ abſchrift verheimlichen. Die Reiſe des jungen Mannes koſtete einige Vor⸗ bereitungen. Es war ein längerer Urlaub nöthig, um eine 65 Tour nach der Grenze von Oſtpreußen, wohin man frei⸗ lich jetzt in kurzer Zeit gelangen kann, zu unternehmen. Vor allen Dingen hielt er es für nöthig, den Brief der Majorin zu beantworten und ihr ſeinen Beſuch an⸗ zumelden. Er beſtimmte die Zeit des Pfingsfeſtes dazu. Wenn dieſer Brief auch eine gewiſſe Förmlichkeit, ge⸗ miſcht mit Verwunderung über die ſeltſamen Teſtaments⸗ clauſeln, verrieth, ſo leuchtete doch auch aus manchen Worten die alte Anhänglichkeit, welche er trotz der langen Trennung für Johanne Franke bewahrt hatte, ſichtlich genug hervor, um Lisbeth, welcher der junge Mann dieſe Antwort vorlegte, zum Naſerümpfen zu bringen. Sie verſteckte jedoch jede Bemerkung darüber unter einem ernſten Lächeln, um das gute Vernehmen zwiſchen ſich und Cäſar, das äußerlich wieder hergeſtellt ſchien, nicht vom Neuen zu gefährden. Cäſar zeigte die gewohnte Güte und Offenherzig⸗ keit gegen Lisbeth, und ſein Wort und Blick ließ an de Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnung keinen Zweifel auf⸗ ommen. Weniger zuverläſſig erſchien der Gemüthszuſtand der jungen Dame, deren freundliche Gefügigkeit zu ſehr zur Schau getragen wurde, um nicht den Verdacht einer diplomatiſchen Klugheit zu erwecken. Sie wußte, daß äſar als tüchtig, verſtändig und edelſinnig anerkannt 5. war, daß er, ohne ein Fant zu ſein, durch ſeine liebens⸗ würdige Haltung der Damenwelt gegenüber, allgemein beliebt war— durfte ſie es in dem kritiſchen Momente, wo ihrer Exiſtenz eine entſcheidende Wendung bevor⸗ ſtand, mit dieſem Manne verderben? Ddie Ruhe, mit der ſie dergleichen Reflexionen machte, bewies, daß ihr Herz nicht mehr in's Spiel kam, wenn ſie Lebenspläne entwarf, die eine vo 6 nung von dem Jugendfreunde zur F Sie erkannte ihren Irrthum, leidenſchaftliches Gefühl gehegt hatte, und ſah ein, daß nur gereizte Eitelkeit und ein Anflug ſchweſterlicher Eifer⸗ ſüchtelei ſie angetrieben hatte, gegen eine Verheirathung mit Eliſabeth Kordall aufzutreten. Nachdem die erſte Ueberraſchung darüber verflogen war, mußte ſie zu ihrem Erſtaunen gewahr werden, daß ihr dieſe Heirath ſehr gleichgültig wurde. Grund genug, um ein Urtheil über die Tiefe ihres rein geſchwiſterlichen Gefühles für Cäſar zu befeſtigen. Sie wünſchte zur Erreichung ihrer Pläne nichts ſehnlicher, als die Abreiſe des jungen Mannes. So lange war, konnte ſie nichts unter⸗ er in der Stadt anweſend ie ſi hun Willens war, nehmen, da die Schritte, die ſie zu th 3 durch den collegialiſchen Verband, worin er als Gerichts beamter mit ihrem Conſulenten ſtand, ihm ſogleich 31 — — —— 67 Ohr gebracht worden wären und natürlich neue Veran⸗ laſſungen zum Zwieſpalte gegeben hätten. Fräulein Lisbeth benutzte aber die Zeit des lang⸗ weiligen Wartens, um ſich aus den Papieren ihres Vaters für ihre Zwecke zu informiren. Leider fand ſie wenig Material, das ſie nutzen konnte, allein die kleinen Notizen, welche hin und wieder verſtreut waren, gaben ihr doch die Gewißheit, daß ihre Anſprüche an das Ver⸗ mögen ihrer verſtorbenen Großmutter gerecht wären. Der Trauſchein ihrer Eltern beſagte zum Beiſpiele, „daß ihre verſtorbene Mutter Julie als die eheliche Tochter der Gutsbeſitzerin und Herrin von Wollun, Fräulein Eliſabeth von Wollun, verehelichte Kordall, aufgeführt worden war.“— Ihrem ſanguiniſchen Her⸗ zen ſchien dies Document von großem juriſtiſchen Werthe, weil es die nothwendig auzuerkennende Erklärung enthielt, daß der Beſitz unſtreitig von ihrer Großmutter ungerech⸗ terweiſe an ihren Großvater übergegangen ſein müſſe. Sie entdeckte bei ihren Nachforſchungen aber auch, daß zwiſchen dem Major Kordall und ihrem Vater eine Correſpondenz ſtattgefunden hatte, die zum Schluße mit gegenſeitiger Erbitterung geführt ſein mußte. Die vor⸗ liegenden Briefe ihres Großvaters ließen nicht erra⸗ then, worüber ſich die beiden Männer entzweiet hat⸗ ten, daß ſie aber ſeit mehr als fünfzehn Jahren in 68 ihrer Feindſeligkeit verharrt und unverſöhnt geſtorben ſein mußten, das wurde Lisbeth jetzt plötzlich klar. Es begann in ihr zu tagen. Sie war das Opfer dieſer Entzweiung. Daher alſo ſtammte die Ungerechtigkeit des Kordall'ſchen Teſtamentes, daher die ſonderbare Ent⸗ fremdung zwiſchen dem Großvater und ſeinen Enkeln! Lisbeth's Gefühle wurden keinesweges ſanfter und milder, als ſie die drei vorliegenden Briefe ihres Groß⸗ vaters geleſen hatte. Der erſte Brief vom Mai des Jahres 1817 datirt lautete: „Was Du, mein guter Schwiegerſohn, in Deinem letzten Briefe ſagſt, um die Schuld von Dir auf die Schultern Anderer zu wälzen, iſt nicht ehrenwerth, denn es liegt eine Lüge in Deinen Worten. Was ſollte wohl ein Anderer für ein Intereſſe haben, dergleichen Anfragen an mich zu richten. Ich bin der Feder nicht gewachſen, wie Dein guter Freund, habe alſo auch keine Luſt die Fineſſen deſſelben zu beantworten. Was ich ihm ein⸗ geſiegelt und geſendet habe, wird ſeine Neugier befrie⸗ digen. Willſt Du ein Weiteres von mir, ſo komm nach Wollun. Ich werde fortan auf ſolche Briefe gar nicht mehr antworten— weder Dir, noch Deinem guten Freunde. Dein wohlaffectionnirter Schwiegervater Cäſar Kordall.“ — Der zweite Brie res 1818. „Ich gratulire Dir zu Deiner Verlobung mit der Mademoiſelle Marie Webhan. Wenn Du ſagſt, daß mein ſpätes Glück Dir Muth gemacht habe, nochmals eine Ehe zu ſchließen, ſo nehme ich das ohne Spott. Ja, ich bin glücklich— ich bin ſehr glücklich! Meine kleine Elſe iſt ein Engel des Troſtes für mich geworden. Das Mädchen i*ſt ſchön, wie meine Töchter erſter Ehe, und hat die Sanftmuth meiner zweit weilen iſt mir zu Muth mir eingekehrt und verſpreche dem alten Vater bei ihm zu bleiben. Uebrigens mache ſich der Herr Schwiegerſohn keine Sorge um mich— der Gedanke an meine ſelige Eliſabeth beläſtigt mich Von meiner Frau auch Dein Schwiegervater Cäſar Kordall.“ Der dritte Brief lautete: „Wollun den 3. September 1818. Daß der Herr Schwiegerſohn mein Anerbieten ablehnt und mir die Anweiſung auf dreihundert Thaler Erziehungsgeld für ſeine Lisbeth zurückſchickt, iſt mir lieb, denn es zeigt, daß geblieben iſt. Nun ſind Wort wieder. Baſta. „. 69 f war vom Januar des Jah⸗ en Frau. Das ſagt genug. Bis⸗ als ſei Deine Julie wieder bei keinesweges. Nichts für ungut. eine Gratulation zur neuen Ehe.* er wenigſtens ein guter Vater wir fertig mit einander. Kein Der Major a D. Cäſar Kordall.“ Mit wahrem Grimm ſchlug Lisbeth die Briefe wieder zuſammen und warf ſie in den Kaſten, worin ſie aufbewahrt geweſen waren.— „Denn es zeigt,“ wiederholte ſie dabei mit einem unbeſchreiblichen Blicke,„daß er wenigſtens ein guter Vater geblieben iſt.“ Sie faltete die Hände in ein⸗ ander und hob ſchwärmeriſch die ſchönen Augen zum Ihre Stimme veränderte ſich. Lieb⸗lieb⸗ ich, wie ein glückliches Kind flüſterte ſie: ein lieber Vater, welch' ein lieber, herzlich⸗ uter Vater iſt er mir geweſen! O mein Gott, mein Gott!“ Sie lehnte die Stirn auf ihre gefaltenen Hände zu der ſeligen Zeit zurück, wo ſie aus manchen verrätheriſchen Momenten die Ahnung geſogen, tt ſeiner verſtorbenen Gattin ein anderes, ſchöneres Glück gefunden habe, als mit der guten Tochter des reichen Ha n Sie gedachte der Klugheit des feinen Weltmannes, der ſeiner Tochter erſter Ehe nie einen Vorzug vor ſei⸗ nen Kindern. ie erinnerte ſich auch, wie ganz ah, wenn er ſie bisweilen im Wagen bei ſich hatte. Eine himmliſche Heiterkeit lag deln Geſichte, ein Strahl gött⸗ te dann auf ſeinem feinen, e licher Verklärung überſpielte dann ſeine Stirn. Er lauſch 8 ihren Scherzen, er lachte— er nannte ſie oft ſelbſtver⸗ geſſen„Julie“. O, wie mußte er ſeine erſte Gattin ge⸗ liebt haben! Lisbeth's Bruſt hob ſich ſtärker bei dieſem Ge⸗ danken. Sie erinnerte ſich auch, daß er bisweilen innig freundlich und behaglich im Wagen ſich zurecht gerückt und dabei geſagt hatte:„Jetzt ſind wir Beide allein in der Welt!“— Ein andermal war er mitten in einem heitern Wechſelgeſpräch in die Worte ausgebrochen:„Ich möchte mit Dir allein wohl eine weite Reiſe machen, aber das geht nicht. Was würde die hochachtbare Familie Webhan für Geſichter ziehen!“ Ungeachtet dieſer ſichtlich tiefen, leidenſchaftlichen Zärtlichkeit für das Pfand eines zerſtörten Eheglückes war aber der Doctor Burbach durchaus nicht unglücklich in ſeinen übrigen Verhältniſſen geweſen. Er hatte ſich mild und ernſt in ſeinem Familienzirkel, freundlich und gütig gegen ſeine Gattin gezeigt, und es hatte Niemand eine Ahnung davon gehabt, daß er ſeiner verlorenen Gattin noch ſo ſehnſüchtig gedenken konnte. Lisbeth ſelbſt hatte es nie gewagt mit ihm über ſein Gefühl zu reden. Sie erlauſchte es nur aus ſeinen Blicken, wenn er ge⸗ legentlich von der Aehnlichkeit zwiſchen ihr und ihrer Mutter ſprach. Daß dieſe Aehnlichkeit ſein Herz electriſch berührte, war zu ſichtlich, um eine Frage nöthig zu machen. Der Tadel, der ſich in den drei Briefen ihres Großvaters bemerklich machte, mußte unter dieſen Um⸗ ſtänden eine neue Quelle des Verdruſſes für Lisbeth wer⸗ den. Sie überlieferte ſich mit ihren großartigen Rache⸗ plänen um ſo ungehinderter ihrem Verhängniſſe, das ſie in eine feindliche Poſition gegen die Familie dieſes kalt⸗ herzigen Großvaters ſtellte. Ihre Anordnungen waren getroffen, und wenn ſie den Angriff auch einſtweilen noch verzögern mußte, ſo betrachtete ſie ſich ſtörriſchen Sinnes, ganz ruhig als die erklärte Feindin Alles deſſen, was ſich mit der Familie Kordall zu verbinden geneigt zeigte. Prittes Capitel. Wollun. Aus der Erzählung des erſten Capitels iſt uns bekannt geworden, daß die Zerſtörungswuth der Franzoſen das Beſitzthum des Majors Kordall eingeäſchert hatte. Von dem Graus, Elend, Kummer und Schmerz, ſo wie von dem darauf folgenden Frieden, von dem Glücke und 73 der Zufriedenheit wollen wir nicht weiter reden. Ge⸗ nug, Wollun war aus ſeiner Aſche erſtanden und prangte an dem Tage, wo wir es mit unſerer Phan⸗ taſie aufzuſuchen gezwungen ſind, im vollſten Glanze des Frühlingsſonnenſcheines.— Das Herrenhaus war einfach, geräumig und hell. Es zeigte in ſeiner ganzen Bauart, daß ein practiſcher Kopf den Entwurf gemacht hatte. Von alterthümlicher Architectur war nichts zu ſehen. Weder Säulen, noch Bogen nach korinthiſchem und gothiſchem Geſchmacke verzierten den Eingang und die Fenſtern, ſondern glatt und gerade gingen die Wände des großen zweiſtöckigen Gebäudes in die Höhe bis zu einem flachen, mit Zink belegten Dache, das in der Mitte einen thurmähnlichen Ausbau hatte, welcher für gewöhnlich mit feſten Wet⸗ terläden verſchloſſen war. Eben ſo ſchlicht und einfach, wie im Aeußern, war auch die innere Einrichtung des Hauſes. Große, helle Zimmer mit bequemen, ſoliden Möbeln lagen links vom Hausflur und dienten als Wohn⸗ und Schlafzimmer der Familie, während rechts die Geſindeſtuben, Küchen⸗ und Vorrathsräume zu finden waren. Die Beletage, eben ſo einfach und vollſtändig meublirt wie das Parterre, ließ errathen, daß man in Wollun auf Beſuch rechne und dazu eingerichtet ſei, die 1861. III. Die Erben von Wollun. 5 Gäſte dutzendweis zu beherbergen. Außer einem kleinen, dreifenſtrigen Speiſeſalon fand man eine Menge freund⸗ deren Einrichtung Zeugniß von gaſt⸗ freien Geſinnungen gab. Luft und Licht waren die Elemente, in denen der alte Major Kordall von Jugend auf ſich wohl gefühlt hatte. Dieſe Vorliebe zeigte ſich deutlich in allen Räu⸗ men des großen, weitläufigen Gebäudes. Luft und Licht— Reinlichkeit und Einfachheit, aber nirgends Luxus. Das Haus war etwas von der Dorfſtraße zurückgerückt und durch eine zwei Fuß hohe Mauer mit Eiſengeländern von dem freien Eintritt abgeſchloſſen. thür, gerade der Hausthür gegenüber, gang zu dem Herrſchaftsgebäude, während ein zweiter Thorweg zwiſchen den Stallgebäuden rechts für den Wirthſchaftsverkehr eingerichtet war. Drei Monate waren ſeit dem Tode des alten Ma⸗ jors Kordall verſtrichen, und die Zeit mit ihrem unaus⸗ bleiblichen Linderungsmittel hatte das Ihrige gethan, um den leergewordenen Platz des alten Herrn weniger pein⸗ lich für das Herz der Hinterbliebenen erſcheinen zu laſſen. Der Frühling war erwacht. Blüthenduft und Maiengrün erfreuten und erheiterten den Sinn. Was ſchwer und drückend auf den Gemüthern lag, das wurde vom friſchen Sonnenglanze durchleuchtet und durchwoben. Die Hoff⸗ nung kehrte ein, und aus dem Chaos der umwölkten Zu⸗ kunftsbildern blitzten Lichtpunkte hervor, die wohl die Luſt zum Leben wieder zu erwecken vermochten. Ungefähr mit ſolchen Gedanken lehnte die Majorin Kordall an einem Maiabende, drei Tage vor dem erſehn⸗ ten Pfingſtfeſte am offenen Fenſter und ließ die Blicke mit träumeriſchem Wohlbehagen über die üppig grünen⸗ den Sträucher ſchweifen, die den kleinen Vorhof bis zur Mauer füllten und eben von einem tüchtigen Gewitter⸗ regen erfriſcht waren. Einzelne Jasminknospen hatten ſich vorzeitig unter dem warmen Regenguße geöffnet und ſtrömten ihren ganzen Wohlgeruch aus. Die Dame ſog den Duft tiefathmend ein und ließ ſich willenlos von ihren Träumereien in die ferne Ver⸗ gangenheit tragen, um dann eiligſt und hoffnungsreich wieder zu den Bildern der Zukunft überzuſchweifen, die holde, ſüße Erwartungen im Schooße trug.. „Oder auch Schmerz!“ ſprach ſie plötzlich mit fe⸗ ſtem Tone, und richtete ſich nun bewußtvoll und ſchnell aus ihrer läſſigen Stellung empor. Frau Kordall glich aber dem Phantaſiebilde, das Cäſar Bodenwell von ihr entworfen hatte, keineswegs. Sie war, als ſie, entſchloſſen einer unnützen Träumerei entſagend, ſich erhob, eine ſehr hübſche und ſogar impo⸗ nirende Erſcheinung. Ein kleidbares Enbonpoint hatte 76 dem langen, ſchmalen Geſichte der Johanne Franke, die in Armuth gelebt, eine ſchöne Rundung gegeben, und die ſanfte Färbung der Wangen verſteckte den falben Teint mit den feinen Hautnarben. Ihr Auge blickte klar, ſelbſt: bewußt und klug um ſich. Das ſanfte Lächeln der De⸗ 4 muth war anmuthiger geworden, und der Geiſt hatte ſeine veredelnden Linien über die Stirn gezeichnet. Still verſunken, die weißen runden Finger leicht verſchlungen, blieb ſie aber dennoch wieder ſtehen, als ſie ſich kaum durch ihren eigenen Ausſpruch zur Er⸗ mannung aufgerufen hatte. Sie träumte jedoch nicht mehr, ſondern ſie überlegte, ſondirte, prüfte, klügelte, und wurde doch nicht klüger dadurch. Ihre Stimmung verrieth ſich deutlich in dem wech⸗ ſelnden Spiele von Licht und Schatten, als eine ſanft⸗ bewegte, aber als ſie plötzlich einen Kaſten ihres Näh⸗ tiſches aufzog, den Brief Cäſar's, den ſie ſchon unzäh⸗ ligemal geleſen hatte, herausnahm und ſich von Neuem in der Prüfung deſſelben vertiefte, da zogen Wellen⸗ ſchwingungen von Verdruß und Trauer über ihr Geſicht. „Sie verkennen mich!“ ſeufzte ſie beklommen.„Es leuchtet zwiſchen jeder Zeile hervor, daß Cäſar mit Vor urtheilen zu kämpfen hat— und Lisbeth? O, ich habe nicht vergeſſen, daß dieſer Trotzkopf nur durch Lie beugen iſt. Und lieben kann ſie mich nicht mehr! E 3 ommt nicht— gut, dann ſuche ich ſie, wenn es ſein 77 eine Kluft zwiſchen mir und dieſen Kindern, die eigentlich der Grundſtein meines Glückes ſind, welche nur durch Liebe ausgefüllt werden kann.“ Sie verſank wiederum in ein ſtilles Brüten, wobei ihre von Wehmuth umſchleierten Augen feſt an dem Briefe hingen, der in ihrer Hand ruhete. „Es iſt erſichtlich, daß die beiden jungen Menſchen, nach meiner Elſe mir die Liebſten auf der Welt, mich verkennen,“ flüſterte ſie noch beklommener als vorhin. „Und es iſt natürlich, daß ſie mir zürnen,“ fügte ſie hin⸗ zu, indem ſie den Brief ſorgfältig zuſammenfaltete und wieder fortlegte,„aber—“ ihr Blick hob ſich zu dem Abendglanze des Horizontes empor und ein ſtrahlendes Siegeslächeln verklärte ihre Mienen,„aber die Liebe ſoll und muß die Kluft zwiſchen uns Allen, die wir die Nachgelaſſenen des redlichen Kordall ſind, wieder aus⸗ füllen. Die Liebe opfert gern— die Liebe duldet gern— die Liebe verzeiht und gleicht aus. Meine Liebe wird wachſam ſein, um vermitteln zu können. Meine Elſe ſoll demüthig ihre Liebe zu denen beweiſen, die ich von ihrer früheſten Kindheit als Ideale vor ihrer Phantaſie auf⸗ geſtellt habe.— Mein guter Kordall hat ſchwere Pflichten auf meine Schultern gelegt— mag nur ſein Segen die Saat fördern, die er dadurch ausgeſtreuet hat. Lisbeth 78 muß! Und wenn Alles zuſammenbricht, was wir in un⸗ ſern Plänen aufgebauet haben? Nun dann, dann— 2 Sie ſah ſich im Zimmer um, und ihr Blick blieb über⸗ raſcht an den beiden Oelbildern haften, die den Major Kordall und ſeine erſte Gattin in ihrer vollſten Jugend⸗ blüthe darſtellten. Wie zu einer Offenbarung ihrer er⸗ langten Ruhe und Seligkeit vom Abendlichte glorienhaft umkränzt, blickten die beiden ſchönen Geſichter lächelnd zu ihr nieder. Ein Schauer durchrieſelte die Bruſt der ſonſt muthigen Dame. Sie glaubte eine Ahnung vor ſich zu ſehen, einer jener Seelenverſchmelzungen zu begegnen, die dem menſchlichen Sinne nicht zu jeder Zeit ſichtlich wird. Wie oft hatte ſie dieſe Bilder, welche durch einen wunderbaren Zufall der Vernichtung beim Brande ent⸗ gangen waren, ſchon betrachtet und ſich an der Schön⸗ heit der erſten Gattin Kordall's ergötzt, aber noch nie⸗ mals zeigte ſich ihrem Blicke dieſe ſüße liebliche Ruhe in den Mienen des jungen, damals eben vermählten Paares. Beſtürzt trat ſie nahe heran, einzelne Thränen ſanken von ihren Augen, deren Urſprung mehr dem ſchaurigen Gefühle der Verwunderung angehörten, als der Weh⸗ muth. „Iſt das ein Gruß aus jenem Raume, wo Ihr Beide jetzt ſelig vereint ſeid?“ flüſterte ſie tief bewegt, und ſah unverwandt in die Augen der Eliſabeth von 79 Wollun.„Wie gütig ſtrahlt Dein Blick, Du ſchönes, ſchönes Frauenbild— willſt Du mir Deinen Segen da⸗ mit zuführen, Deinen Segen einem Vorſatze, welcher eben meine Bruſt erfüllte? Ja, lächle nur, Du Mutter des Geſchlechtes, das ich entzweiet, das ich beraubt habe, lächle nur aus jener Höhe herab! Du weißt es beſſer, als Dein Enkel, wie ſchmerzlich ich gegen den Haß Dei⸗ nes Gatten gerungen habe, als er ungerecht den Unſchul⸗ digen mit dem Schuldigen verdammte und trotzig das Geſchenk Deiner Liebe, den höchſten Beweis Deines Ver⸗ trauens mißbrauchen wollte. Ich ſchwöre es Dir, Du holdes, reizendes Bild, ich ſchwöre es Dir, mein Leben, meine Wohlfahrt, mein Glück Deinen Enkeln zu opfern, wenn es ſein muß!“ Ein Geräuſch von außen ſtörte die Dame in ihrer ſeltſamen, enſgeregten Betrachtung, und ſie hatte nicht Zeit ihren Platz vor den Bildern zu verlaſſen, ſo öffnete ſich die Thür. Es trat ein Kavallerieoffizier ein, der mit der Miene des Erſtaunens zuerſt die Majorin eine Se⸗ cunde lang muſterte, um dann ſogleich unter vertraulicher Anrede ſich zu ihr zu geſellen. 3 Die Majorin, beſchämt bei ihrem ſchwärmeriſchen Zwieſprach mit Bildern betroffen zu werden und unver⸗ züglich der Wirklichkeit zurückgegeben, trat etwas zurück und rief mit erzwungener Ruhe und Gleichmüthigkeit: „Sehen Sie die wunderbare Beleuchtung der Bil⸗ der, Herr von Wollun! Iſt es nicht, als ob das Abend⸗ licht Leben in dieſe gemalten Züge gebracht hätte?“ Der Offizier nahm die Hand der Majorin und führte ſie an ſeine Lippen. „Merkwürdig!“ ſprach er dabei und ſchüttelte ſich, als wolle er ein Unbehagen von ſich entfernen. Frau Kordall verſtand ſeine Bewegung ſogleich. „Nicht wahr, ein ſeltſames Grauen überläuft Ihre Seele?— Mir ging es eben ſo!“ „Ja wohl!“ entgegnete er zerſtreut.„Aber das iſt— es nicht, was mich bewegt, meine Gnädige!“ „Nun, Herr Obriſtwachtmeiſter, was ſonſt?“ fragte ſie aufmerkſam ſein Geſicht prüfend. Der Offizier wendete ſich ab und ſchritt dem Fen⸗ ſter zu, um auch den zweiten Flügel zu öffnen und die balſamiſche Luft in vollen Zügen einzuathmen. Frau Kordall folgte ihm beſorgt mit ihren Blicken. Dieſer Beſuch machte ihr das Herz ſehr ſchwer, weil das Be⸗ nehmen des Mannes ein anderes als ſonſt war. Der Obriſtwachtmeiſter Erich von Wollun war ein ungewöhnlich ſchöner Mann von beinahe vierzig Jahren. Seine edle, hohe Geſtalt, ſeine feſte, ritterliche Haltung und die Anmuth in ſeinem ganzen Weſen diente dazu, die klaſſiſche Schönheit ſeines Geſichtes noch bedeutender 81 zu machen. Phantaſiereich, wie die Zeit des Freiheits⸗ krieges die Söhne des Mars damals geſchaffen hatte, dabei offen, ehrlich und wahrhaft, verbarg er hinter der Maske der Ruhe ein vulkaniſches Element ſeines Innern, das ein Erbtheil aller Wollun's war. Frau Kordall wußte das ganz genau, und ſie hatte längſt bemerkt, daß hinter dem unſchuldigen Abſchieds⸗ beſuche, den Herr Erich von Wolluu vorgab, ein bedeu⸗ tungsvoller Ernſt ſteckte. Mittag war er in Begleitung eines Jünglings, den die Welt Hilmar Wulfen nannte, auf den Hof geſprengt und hatte ſich ſeitdem raſtlos von einem Orte zum andern und zuletzt, gleich nach dem Gewitter, ſogar in den Thurm oben auf dem Dache begeben, um, wie er ſagte, das Meer, welches man von dort aus ſehen konnte, zu beobachten, wenn es vom Gewitterſturm erregt, ſeine Wellen höbe. Jetzt war er wieder da im Zimmer der Majorin und ſeine Stimmung zeigte ſich um nichts gebeſſert und verändert. Er faßte im offenen Fenſter Poſto, lehnte mit dem Rücken dagegen und begann nach minutenlangem Schwei⸗ gen mit erkünſteltem Humor: „Ich muß beinah' glauben, daß ich als Kind meine Couſine Eliſabeth geliebt habe, meine Gnädige.“ Die Majorin lächelte.„Warum nicht? Sie wären der erſte Knabe nicht, der von den Reizen einer ältern Frau bis zur Leidenſchaft eingenommen worden wäre, und die Gattin Kordall's muß eine prächtige, außer⸗ gewöhnlich ſchöne Dame geweſen ſein.“ „So— Sie meinen alſo,“ ſpöttelte Herr Erich von Wollun weiter,„daß es möglich ſei, ſeine nächtlichen Träume von ſeltſamen Gebilden heimgeſucht zu ſehen, die das Bild einer Dame, die ſeit zweiundzwanzig Jah⸗ ren todt iſt und nach menſchlicher Berechnung jetzt ſieben⸗ zig Jahre zählen müßte, in jeder möglich quälenden Si⸗ tuation aufſtellen?“ Frau Kordall blickte ungläubig zu ihm hin. „So geht es mir, meine Gnädige. Couſine Eliſa⸗ beth ſpukt in mir! Sie martert mein Herz.— Ich träu⸗ me jede Nacht von ihr. Deshalb mein Schreck vor dem Bilde!“ Frau Kordall ſenkte erſchrocken den Blick und dachte tief betrübt an die Fortſetzung dieſes Geſpräches, das ſie in Folge ihrer furchtſamen Beobachtungen mit ihrer Tochter in Verbindung brachte. Elſe ſah ſeltſamerweiſe der erſten Gattin Kordall's ähnlicher, als ihrer eigenen Mutter. Sollten die Bemerkungen über die Nachtgebilde nicht eine Einleitung zu Geſtändniſſen ſein, die ſie in peinliche Verlegenheit bringen mußten? 83 Während ſie ahnungsvoll darüber nachdachte, ſprach Erich weiter: „Es gibt Spiele in der Natur, die uns auf unſer Geſchick vorbereiten, das ſieht man in Ihrem Lebens⸗ wege am allerdeutlichſten, Gnädigſte.“ Ein anmuthiges Lächeln flog über das Geſicht der Majorin.„Ja, die Liebe zum Enkel bereitete mein Herz für den wackern Großvater vor,“ ſcherzte ſie. „Vielleicht kehrt ſich die Sache auch um,“ mur⸗ melte der Obriſtwachtmeiſter, und begann durch das Zim⸗ mer zu ſchreiten. „Wohl möglich,“ entgegnete die Majorin ſehr zag⸗ haft, und verfolgte den Mann mit ihren Beſorgniß ver⸗ rathenden Blicken. Sein Weſen beunruhigte ſie immer ſtärker. Es war, als fehle ihm plötzlich die nöthige Luft zum Athmen, als quäle ihn eine ungewöhnliche Wärme bis zur Beängſtigung. Er lüftete die Halsbinde und öff⸗ nete das Koller. Nachdem er das Zimmer hinlänglich oft durchmeſſen und durchſchritten hatte, blieb er dicht vor der Majorin ſtehen, nahm ihre beiden Hände feſt und zutraulich in die ſeinen und ſagte gutmüthig bittend: AErleichtern Sie mir doch meine Geſtändniſſe, meine liebe Gnädige. Sie ſind ſonſt die Güte und Barm⸗ herzigkeit ſelbſt, und heute laſſen Sie mich faſt unter⸗ gehen vor Qual. Fragen Sie mich doch, was mir fehlt. Sie können eine arme, in die Klemme gerathene Krie⸗ gerſeele ermuthigen, und Sie thun es nicht. Ihr Blick hat es mir verrathen, daß Sie mich durchſchauen, warum fragen Sie mich nicht, wie ſonſt?“ „Weil ich die Antwort fürchte, beſter Erich,“ er⸗ wiederte Frau Kordall mütterlich lächelnd. „Sie wiſſen alſo ſchon, was ich will?“ Ein tiefer Athemzug der Dame war ihre Antwort. „Ja, ja! Mein Anliegen iſt eigener Art. Wenn ich wüßte, daß dergleichen Projecte Glück bringen könnten? Ich zweifle aber daran.“ „So geben Sie dieſe Projecte auf!“ rief Frau Kordall neu belebt. Ihre Furcht, daß ſtille Liebe hier im Spiele ſei, hob ſich bei dem Worte„Projecte“. „Mein alter Vater beſteht eigenſinnig darauf, daß ich mit Ihnen ſprechen ſoll, meine Gnädigſte. Ich ſelbſt habe in Bezug auf meine Verheirathung weder Math noch Wünſche. Ich bin gnadenlos dem Tadel der Welt anheim gegeben, und ſpreche mir ſelbſt das Urtheil, die⸗ ſen Tadel theilweis zu verdienen.“ „In meinen Augen ſtehen Sie nicht allein entſchul⸗ digt, ſondern ſogar edelſinnig da,“ unterbrach Frau Kordall leidenſchaftlich bewegt ſeine Rede.„Was haben Sie denn gethan, um den Tadel der Welt zu verdienen?“ 8⁵ „Nun— ich liebe den Jungen, der meinen Namen nicht tragen darf und ſoll!“ rief der Obriſtwachtmeiſter bitter und zornig zugleich aus.„Und ich verhehle es nicht, daß ich ihn liebe. Ich mag mich nicht von ihm trennen— er iſt meine ganze Freude, mein einziges Glück. Wer mich neben ſich dulden will, muß meinen Hilmar mit in den Kauf nehmen. Es iſt die einzige An⸗ erkennung, die einzige Genugthuung, die ich ihm zu ge⸗ ben vermag, weil ich meinem alten Vater geſchworen habe, ihn nicht zu adoptiren.“ „Wer vermöchte Sie wohl deshalb zu tadeln, lieber Herr?“ fragte die Majorin gerührt.„Es iſt das natür⸗ lichſte Gefühl, das Sie bei dieſer Handlungsweiſe leitet.“ „Es wird mir aber in dieſem vorliegenden Falle zur Sünde angerechnet, während es anderweit zur Tu⸗ gend gezählt wird. Sie haben mir, wie immer, wohl⸗ gethan, meine Gnädige. Hören Sie nun die Projecte meines alten Papa—“ Er betonte die letzten Worte auffallend. „Sie wiſſen, Wollun gehörte früherhin unſerer Linie. Es kam durch das Verſchulden meines Urgroß⸗ vaters in die Hände von Eliſabeth's Vater und wurde nach deſſen Tode ihr Eigenthum. Jetzt gehört Wollun Ihrer Tochter Elſe. Mein Papa glaubt den Zeitpunkt günſtig, wo wir durch eine Heirath mit der laut Teſta⸗ 86 ment ernannten Erbin wieder zum Beſitz des Stamm⸗ gutes gelangen könnten. Er dringt in mich, meine Be⸗ werbung um Elſen's Hand zu betreiben, obwohl ich ihm vorſtellte, daß Elſe für mich nicht paſſe. Was ſagen Sie dazu? Finden Sie mich nicht anmaßend, lächerlich, nie⸗ drig denkend, habſüchtig, verächtlich—“ „Still! Nichts weiter, beſter Erich! Was Sie eben als Plan Ihres Vaters dargelegt haben, das ſtimmt wörtlich mit dem frühern Teſtamente meines verſtorbenen Gatten überein.“ „Iſt's möglich?“ rief der Offizier, aber es lag keine Freude, ſondern nur Erſtaunen in dem Ausdruck ſeiner Stimme.„Dann gibt es ein Verhängniß, dem ich mich fügen werde⸗“ „Halt, mein Herr!“ fiel Frau Kordall feſt ein. „Ohne die geringſte Liebe für meine Tochter zu fühlen?“ Der Obriſtwachtmeiſter ſtutzte und blickte einige Minuten auf die Dame nieder. „Das kann ich nicht ſagen, Gnädige!“ erklärte er dann zögernd.„Elſens liebliches Weſen, die ſchüchterne Liebenswürdigkeit, womit ſie ſtets dem jungen Freunde und Kriegskameraden ihres alten Vaters entgegen kam, hat mir das Mädchen lieb gemacht. Aber ich würde mich im Anfange etwas zwingen müſſen, die Rolle eines Lieb⸗ habers zu ſpielen.“ 1 87 Frau Kordall lächelte und trat zuverſichtlicher ganz nahe an ihn heran. „Ich ſehe, was ich ſehen wollte,“ erwiederte ſie wohlwollend.„Sie lieben Elſen nicht. Da ich Ihnen alſo keinen Schmerz mit meinen Eröffnungen bereiten werde, ſo eile ich, Sie mit den Teſtamentsklauſeln meines ſeligen Mannes bekannt zu machen.“ „Was? Hat er ſpäter anders beſtimmt? Was hatte er an mir auszuſetzen?“ „An Ihnen gewiß gar nichts! Aber ſein Gewiſſen erwachte.“ „Sein Gewiſſen waren Sie—“ ſpottete der Herr von Wollun gutmüthig.. „Mag ſein!“ war ihre Antwort. Ihre Stimme bebte leicht, als ſie fortfuhrt: „Es leben zwei Kinder von den Töchtern der Dame, die den Namen Wollun getragen hatte und Be⸗ ſitzerin des ſchönen einträglichen Gutes geweſen war.“ „Mit denen hat ſich mein alter Freund Kordall aber auseinander geſetzt!“ 3 „Darf er das, mein Herr? Durfte er denen ein Jahrgehalt geben, das in keinem Verhältniſſe zu dem Ertrag des Gutes, welches von Rechtswegen ihnen zu⸗ fallen mußte, ſtand?“ „Kordall legte die Teſtamentsklauſel in Ihre Hände? Wollen Sie mir verrathen, ob ich in irgend einem Falle darin aufgenommen bin?“ „Ihr Name iſt nicht wieder genannt, nachdem er andern Sinnes geworden. Er beſtimmt die Hand unſerer Tochter ſeinem Enkel Cäſar Bodenwell—“ „Was? Dem Federfuchſer? Dem Feigling, welcher ſich weigerte Soldat zu werden, ſo ſtreng und ernſt der alte Herr auch darauf beſtand? Dieſem Papierhelden be⸗ ſtimmt er ſeine Elſe? Das iſt rein Ihr Werk, Gnä⸗ dige!“ „Allerdings! Nur ſo konnte ich die Feſſeln löſen, worin ſich mein braver Mann ſelbſt verſtrickt hatte.“ „So viel ich weiß, iſt Kordall mit dem andern Schwiegerſohn, einem Doctor, in bittern Hader ver⸗ fallen.“ „Davon habe ich erſt Kenntniß erhalten, als mein Mann begraben war und ich ſeine Papiere ordnete. Es thut mir weh ſagen zu müſſen, daß mein Mann Unrecht gehabt hat.“ „Wie? Der Doctor ſoll ſich ſchmählich betragen haben.“ 1„Durchaus nicht.“ „ Seine Habſucht ſoll die gemeinſten Wege nicht verſchmähet haben.“ „Hat Ihnen Kordall das mitgetheilt?“ fragte die ——— 89 Majorin wehmüthig.„Ja? Nun, ſo habe ich den Beweis in Händen, daß auch der beſte, gütigſte Menſch von vor⸗ gefaßten Ideen irre geleitet werden kann. Kordall hat entſchieden Unrecht gehandelt. Gott helfe mir dies Unrecht wieder auszugleichen.“ Es entſtand eine kleine Pauſe, die der Obriſtwacht⸗ meiſter damit ausfüllte, ſein Koller ſeelenruhig wieder zu⸗ zuknöpfen. „Die Projecte meines alten Papa ſind alſo geſchei⸗ tert,“ warf er dann beiläufig hin.„Was wird aber, wenn der Federheld Cäſar Bodenwell das Fräulein Elſe nicht liebt?“ „Dann gehört ihm Wollun!“ lautete die feſte, ſchnelle Antwort. Herr von Wollun wendete ſich raſch um und ſah der Dame erſtaunt iw's Geſicht. „Und Sie? Und Elſe? Wollen Sie ſo thöricht handeln und ſich auf Gnade oder Ungnade dem Edel⸗ muthe dieſes Juriſten Cäſar anvertrauen?“ „Ja!“ rief Frau Kordall lebhaft.„Ich kenne dieſen jungen Mann, den Sie ſchmähen wollen. Ich kenne ihn und baue auf ihn!“ „Ich warne Sie, meine Gnädige! Sehen Sie ſich vor! Juriſten ſind Rechtsverdreher!“ „Beruhigen Sie ſich, Erich. Sie kennen meinen 1861. III. Die Erbeu von Wollun. 6 geſprochen hat drehungen zu Wollun, es iſt Dein Und das hätte flicte zu heben vermö Ihnen. habe ich nicht einge 4 ſchmerzt!“ „Schmerzt?“ man Intereſſe uns darüber zu fürchten, wenn ich einfach ſage: Kind lieb, um ſo beſſer. der Offizier kopfſchüttelnd. „Nein! Beſtimmt hat er nur, r kennen lernen ſchen Beiden chte. Das „Nein! Verſichern Sie mir nur, „Gleichgültig iſt es mir nicht man ſich mit einem lane beſchäftigt hat, ſo daran, Verdruß beim Scheitern de beruhigen, Gnädigſte. Sie wiſſen, d Lichte, wor⸗ ihn in dem falſchen Mann ſeine hat, als der junge den Offizierſtand offenherzig aus⸗ für Rechtsver⸗ „Hier iſt Gewinnt er mein ſoll, um zu verſuchen, die vorliegenden Con⸗ Uebrige überließ er mei⸗ Gnädigſte. Gott helfe aber Ihre Achtung üßt?“ daß es Sie nicht den Kopf. ſein. Wenn gewinnt Intereſſe wird zum Zei Er ſchüttelte ſinnend icht, abgewieſen zu und dieſes s Planes. Wir haben 91 ich zu einem Garniſonswechſel gezwungen bin. Wir werden tief in die Provinz hineingeſchickt und für's Erſte in einer Fabriksſtadt ſtationirt werden. Dadurch müſſen ſich die Wiederholungen meiner Beſuche im Vaterhauſe etwas beſchränken. Es iſt nicht ſo leicht achtzig Meilen zu machen, wie fünfzehn.“ „Wie heißt der Ort?“ fragte Frau Kordall gleich⸗ gültig. Es war ihr faſt lieb, daß der ſonſt ſo gern ge⸗ ſehene Kriegsgefährte ihres Gatten die Gegend verlaſſen mußte. „Wenneberg!“ entgegnete Herr von Wollun. Die Dame ſuhr heftig auf. ¹„Wenneberg— hörte ich Recht? Dort leben ja Aie Enkel meines Mannes! Dort weilt ja meine Lisbeth, ſiie ich ſo innig geliebt habe. O Erich, ſuchen Sie fisbeth auf! Bewegen Sie Lisbeth zu mir zu kom⸗ nen!— Wann reiſen Sie? Ich gebe Ihnen einen Brief ſan Lisbeth mit.— Wollen Sie mein Ambaſſadeur wer⸗ den?“ Herr von Wollun runzelte die Stirn und machte eine ablehnende Geberde. t„Ich will nichts mit dieſen Leuten zu thun haben,“ n murrte er. it„Aber Erich— es ſind ja leibliche Verwandte von ß hnen!“ wendete Frau Kordall bittend ein, wagte jedoch *½ 92² Wolluns, ab⸗ ch dieſe Lisbeth—“ fügte ſie nach einer Weile zaghaft hinzu. „So? das heißt? Der ächte Wollun iſt jähzornig, nicht weiter in ihn zu dringen.„Aechte ſonderli 7 rachgierig, ſtarrköpfig, heißblütig und leidenſchaftlich! Wir arten aber ſchon aus, meine Gnädige!“ Er lachte und ließ das Geſpräch fallen, nachdem er der Majorin gezeigt hatte, wie wenig bereitwillig er war mit den recht⸗ mäßigen Erben von Wollun in Verkehr zu treten. Frau Kordall entfernte ſich, um das Abendbrod für ihren Gaſt anzuordnen, und der Herr von Wollun be⸗ ſchloß ſich nach ſeinem Begleiter umzuſehen, den er ſeit einer Stunde gänzlich aus den Augen verloren hatte. Er verließ das Zimmer ebenfalls, durchſchritt den Hausflun und begab ſich durch die Hinterthür in den Garten, weld cher ſich unmittelbar an das Herrenhaus anſchloß. 8 Der Abend war wunderſchön. Leichte Wolken deck⸗ ten die Abendſonne und milderten den Glanz ihrer Strahlen zu einer brennenden Gluth, die der ganzen Luft einen Verklärungsſchimmer verlieh. Gedankenvoll ver⸗ folgte Erich von Wollun ſeinen Weg, der ihn durch Bo⸗ Fketanlagen zu einer 1 deren Eingange eine kleine Eremitage lag. Er war ruhig geworden. Die quälende Raſtloſigkeit hatte ſich gelegt Aber ein ſchlummernder Groll hielt ſich verborgen in ¹ 93 ſeinem Innern und wartete auf ſeine Zeit, um auszubre⸗ chen. Er fühlte ſich nicht beleidigt von den Erklärungen der Majorin Kordall, bewahre! Im Gegentheil, es lebte etwas in ihm auf, was der Meinung derſelben huldigte. Aber er war abgewieſen, und zwar durch die klugen Maßregeln dieſer Dame aus den Grenzen eines Rech⸗ tes verdrängt, welches die Macht ſeines alten Waffen⸗ gefährten ihm verliehen hatte. Still und nachdenklich ſchritt er dahin, den Vor⸗ theil des umgeſtoßenen Teſtamentes erwägend. Er konnte Herr dieſes Gutes ſein, wenn Elſens Mutter es nicht verhindert hätte. Der ſchlummernde Groll regte ein klein wenig ſeine Flügel. In dieſem Momente hörte er heitere, jugendliche Stimmen lachen und ſprechen. Er folgte dem Schalle und war plötzlich ein unbemerkter Zeuge der reizendſten Scene, wie ſie nur der jugendliche Muthwillen erfinden kann. Da ſaß Elſe, die ſchöne, liebliche Elſe, des alten Kordall Spielwerk und Glück, im Eingange der Eremi⸗ tage, umkränzt von einem langen dichten Laubgewinde, das von den Händen Hilmar's geſchickt und geſchmackvoll um die zarte, faſt noch kindliche Geſtalt geſchlungen wurde, ſo ſtark und lebhaft ſie ſich auch dagegen wehrte. Neben ihr ſah man ihren treuen Spielgefährten, den großen Neufondländer, mit dem Ausdrucke weiſen Nach⸗ denkens die ſeltſame Bekränzung betrachtend. Das kluge Thier ſchien zu überlegen, ob es mit ſeiner Hilfe ein⸗ ſchreiten müſſe. Seine Augen wanderten bedächtig von dem lachenden Geſichte des hochgewachſenen Jünglings, der mit lauter Luſt ſein Werk vollführte, zu dem lachen⸗ den Geſichte ſeiner Herrin, die ſich in komiſcher Ver⸗ zweiflung dagegen wehrte. Der Hund war aber endlich ſo weiſe, einzuſehen, daß es kein Ernſt war, deshalb be⸗ gnügte er ſich ein ſtummer, aufmerkſamer Zuſchauer zu bleiben, wie der Obriſtwachtmeiſter, der ſtill vergnügt das Ende dieſer Scene abzuwarten ſchien. Als Hilmar glühend vor Vergnügen, ſtrahlend vor Entzücken, in einer Aufregung, wo trotz allen Muth⸗ willens das Herz mitſpielt, ſich endlich vor ſeinem be⸗ kränzten Götterbilde anbetend auf's Knie warf und die feinen, ſchmalen Hände Elſens wiederholt an ſeine Lippen preßte, Huldigungen der unſchuldigſten, aber zugleich auch ſüßeſten Art flüſternd, da rieb ſich der Obriſtwachtmeiſter ſchadenfroh die Hände und murmelte: „Der Junge verſteht es beſſer, als ſein Vater, um Wollun zu werben li Frau Majorin mag ſich vorſehen, daß mein Hilmar ihren Cäſar nicht ſpielend aus dem Sattel hebt. Daß die Dame in dieſem Falle Wollun nicht verſchenkt, dafür wollen wir ſchon Sorge tragen. — — 9⁵ Für's Erſte mag Hilmar hier bleiben und ſein Glück ver⸗ ſuchen. Er iſt eben ſo alt, wie Elſe.— Gelingt es ihm die Erbin zu erobern, ſo wird es mir auch gelingen, mei⸗ nen alten Papa zur Adoption zu bewegen. Beſſer, daß Hilmar liebt und freiet, als ich, ſein vierzigjähriger Vater. Richten wir unſere Sache klug ein.“ Er ging geraden Weges wieder in's Haus zurück. Sein ſchlummernder Groll hatte ſich jetzt erhoben und verwirrte mit ſeinem Flügelſchlag das gute und ehrliche Herz des wackern Kriegshelden dergeſtalt, daß es ſich zu einem Intriguenſpiele hergab. Bald darauf kam auch Elſe, der Hund und Hilmar den Garten entlang geſchrit⸗ ten. Das junge Mädchen hochroth und mit einer Wolke des ſtillen Verdrußes im ſchönen Geſichte, Hilmar da⸗ gegen lebhaft bis zum Uebermuthe. Man konnte nicht deutlich erkennen, wie die kleine Huldigungsſcene geendet hatte. Hilmar ſchien befriedigt. Weniger glücklich ſah Elſe aus, und der mißtrauiſche Blick des Hundes, den er zuweilen ſehr haſtig auf den muthwilligen Jüngling warf, wenn er ſich Elſen näherte, verrieth, daß er un⸗ zufrieden mit ſeiner Anbetung geworden war. Der Obriſtwachtmeiſter fragte während der Abend⸗ mahlzeit ohne alle Vorrede, ob die Majorin ſeinem Hil⸗ mar erlauben würde, einige Tage auf Wollun zu bleiben. Elſe hob überraſcht den Kopf und heftete ihre großen, * ſtrahlenden Augen feſt auf den Obriſtwachtmeiſter, als wolle ſie den Grund dieſer Bitte aus ſeinem Innerſten herausleſen. Die Majorin, in dieſer Bitte einen Beweis ſeiner unverkürzten Freundſchaft ſehend, bewilligte mit Freuden die Erlaubniß. „Ich erwarte am Tage vor Pfingſten den Enkel meines ſeligen Mannes,“ ſagte ſie freundlich,„und ich glaube, daß es für dieſen ſehr angenehm ſein wird, einen kundigen Führer zu haben, wenn er kleine Ausflüge unter⸗ nehmen will.“ „Das trifft ſich ja wunderbar gut,“ meinte der Obriſtwachtmeiſter lächelnd.„Da dieſer Enkel Cäſar aus derſelben Stadt iſt, wohin wir zeitweilig commandirt ſind, ſo kann Hilmar mit ihm vereint den Rückweg an⸗ treten. Allein er ſoll nicht ſo lange auf Wollun bleiben, ſondern nach dem Pfingſtfeſte zu meinem Papa zurück⸗ reiten. Gelegentliche Beſuche hier verwehre ich Dir aber nicht, mein Junge, wenn die gnädige Frau nichts da⸗ gegen einzuwenden hat.“ Das gutmüthige, ſorgloſe Lächeln der Majorin wälzte plötzlich einen Stein auf ſein Herz. Er fühlte einen Kampf gegen jene böſe Abſicht in ſich aufſteigen. Mit widerſtreitenden Empfindungen erfüllt ſah er eine Zeitlang unſchlüßig vor ſich nieder, als überdenke er die Folgen ſeines Vorhabens. Bis zu dieſem Augenblicke er⸗ 97 freuet über ſeinen Entſchluß, der auf die wirkſamſte Art die Eingriffe der Majorin in ſein Schickſal zu rächen vermochte, überfiel ihn plötzlich ein Bangen ſonderbarer Natur. Eine kurze Zeit war er bereit, ſeine Pläne dieſem vorwurfsvollen Gefühle zu opfern, dann aber warf er muthig, wie der Soldat ſein Kanonenfieber von ſich weiſet, alle Furcht aus ſeiner Seele und lehnte die Ver⸗ antwortung über das Thun und Treiben Hilmar's weit von ſich. „Warnen will ich die Dame,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er ſich zum Abſchiede rüſtete, und er flüſterte ihr mit ſpöttiſchem Ernſte zu, indem er ihre Hand zum Munde führte: „ ott ſei dafür, daß ich Ihnen ein Kuckucksei in's Neſtchen gelegt habe.“ Die Majorin ſchüttelte lächelnd ihr Haupt und ſagte dagegen: „Eine Liebe iſt der andern werth. Nicht wahr, Sie gehen zu Lisbeth Burbach und ſuchen ſie zu der Reiſe nach Wollun zu bereden?“ „Ja, Gnädigſte!“ rief er in der Aufwallung ſeines redlichen, nur mühſam unterdrückten Gefühles.„Ja! Ich gehe zu Lisbeth Burbach und mache ihr begreiflich, wie gut Sie ſind!“ Biertes Capitel. Eliſabeth. Zu derſelben Zeit, wo der Obriſtwachtmeiſter Herr Erich von Wollun unter verderblichen Anſchlägen das Haus der Majorin Kordall verließ, wanderte Cäſar Bodenwell, der Prätendent von Wollun, in das nächſt⸗ liegende Städtchen ein. Der junge Mann hatte dieſe nothwendig gewordene Reiſe benutzt, um ſich in hiſtoriſche Erinnerungen zu ver⸗ tiefen. Schon in Graudenz war er, der Poſtfahrt müde, ſeiner Reiſeroute untreu geworden und hatte Wege, kreuz und quer, nach allen den Oertern, wo bedeutſame Schlachten gewüthet, eingeſchlagen. Sein Intereſſe für das Land, dem er ſeit zweiundzwanzig Jahren gänzlich entfremdet worden war, erwachte mit jedem Tage ſtärker. Es machte den Wunſch in ihm rege, nach der günſtigen Beſeitigung aller Familienconflicte, um Verſetzung in eine Provinz einkommen zu wollen, die er als ſeine Hei⸗ math zu betrachten berechtigt war. Bis dahin war er dem Meere noch nicht ſo nahe gekommen, um einen Ueber⸗ blick über daſſelbe zu gewinnen, der von Bedeutung ſein konnte. Man hatte ihm gerathen, ſich erſt oberhalb des 99 friſchen Haffs der Küſte zu nähern, und man hatte ihm dies kleine Städtchen, das er eben, als einfacher Wan⸗ dersmann, mit dem Ränzel auf dem Rücken, betrat, zum Ruhepunkt anempfohlen. Ermüdet von den kleinen Tagemärſchen, ſuchte er ſchon früh die Ruhe, um am nächſten Morgen zuerſt ſeine Wanderung an's Meer und dann ſeinen Marſch nach Wollun, das noch einige Meilen entfernt lag, zu voll⸗ führen. Aber ſo müde er auch war, der Schlaf floh ſeine Augen. Das Ende ſeiner Wallfahrt lag jetzt vor ihm und damit auch der Schluß aller Phantaſieträume. Die Wirklichkeit machte ihr Recht geltend. Cäſar war eine rein practiſche Natur, voll Gemüth und Hingebung an das, was er ſeinem Herzen nahe ge⸗ bracht ſah, aber eben ſo feſt und unerſchütterlich jedem Unrecht entgegen. Er trug ſeine innere Selbſtändigkeit nie zur Schau. Dadurch wurden ſeine Bekannten oftmals zu der Annahme bewogen, daß er als Mann zu ſanft⸗ müthig und nachgiebig ſei, und ſie fühlten ein gelindes Erſtaunen, wenn ſich in Cäſar's Weſen eine plötzliche Schranke zeigte, die ihren Willen hemmte. Cäſar war keinesweges ſchön, wie Herr Erich von Wollun. Seine ſchlanke, hohe Geſtalt zeichnete ihn zwar vor manchen Männern aus, und die vollkommen gute 100 Haltung, womit er ſich in jeder Lage des Lebens ſicher bewegte, begründete das erſte Urtheil über ihn, welches ſeine Erſcheinung als edel und ſtolz bezeichnete. Seine Augen waren wunderſchön, ſonſt aber hatte er nichts ausgezeichnet hübſches oder häßliches im Geſicht, wenn man nicht das leiſe Lächeln, das ſeine Lippen faſt immer umſpielte, bezaubernd nennen wollte. Cäſar Bodenwell, von Jugend auf angewieſen auf ſich ſelbſt, zeigte ſich beſonnen in jeder Lebenslage. Er gehörte nicht zu der Klaſſe der Ideologen, ſondern be⸗ trachtete das Leben von dem Standpunkte aus, wo er ſich befand, mit ſichern Blicken und dem unumgänglich noth⸗ wendigen Tacte eines Weltmannes. Die Nacht, die letzte Nacht vor dem Tage, an wel⸗ chem ſein ganzes Daſein einer Reform unterworfen wer⸗ den ſollte, dieſe Nacht brachte ihn etwas aus dem ge⸗ wöhnlichen Geleiſe und erſchütterte die Ruhe ſeiner Seele. Die Richtſchnur ſeiner Gedanken in dieſer Nacht ging von dem Bilde des jungen Mädchens aus, das, den Andeutungen im Teſtamente zufolge, ſeine Gattin werden ſollte. Wie würde er dies Mädchen finden? Was für Eigenſchaften gehörten dazu, um ihm eine Beſtimmung über ſein Herz und ſeine Hand nicht unerträglich zu machen? Die Fragen waren natürlich. Er hätte ſie für's 101 Leben gern beantwortet geſehen, bevor er Wollun er⸗ reicht hatte. Um ſich zu beruhigen, ſtellte er ſich das Bild der Johanne Franke, die er als Knabe ſo innig geliebt, vor die Seele. Warum wirkte dies Bild nun nicht be⸗ ruhigend? Johanne war häßlich geweſen. Johanne war wenig unterrichtet geweſen. Johanne war die einfachſte Perſon auf ſeinem Lebenspfade geweſen, der er begegnet war, und ihr Wirken und Schaffen verlor ſich in dem Dunſtkreiſe niedriger Beſchäftigung. Cäſar ſeufzte tief auf, als er daran dachte, daß Eliſabeth Kordall die Tochter dieſer Johanne Franke war, deren Bild ein Ab⸗ druck der Alltäglichkeit genannt werden konnte. Sein Troſt beſtand darin, daß ihm freie Hand blieb, Eliſabeth Kordall nicht zur Gattin zu wählen. Unter dieſem Gedanken ſchlief er endlich ein, und erwachte weit ſpäter, als er ſich vorgenommen hatte. Schnell machte er ſich reiſefertig, packte ſeinen Torniſter, warf ihn über die Schultern und zog friedlich geſtimmt ſeine Straße. Ein junger Burſch ſollte ihm als Führer dienen, um den nähern und anmuthigern Weg nach der Küſte nicht zu verfehlen, aber der Burſche war über Nacht erkrankt und ſtatt ſeiner meldete ſich der Großvater deſſelben, ein alter Krieger, der das Gnadenbrod des Staates aß. Zuerſt verſtimmte dieſer Umſtand den jun⸗ 102 gen Herrn. Er pflegte rüſtig auszuſchreiten und liebte es ein junges, friſch fröhliches Gemüth auf der Heerſtraße neben ſich zu haben. Die Abänderung ſollte ihm jedoch weſentlichen Vortheil ſtiften, denn ſchon nach der erſten halben Stunde zeigte es ſich, daß der alte Veteran nicht allein jeden Baum, jeden Strauch, jeden Knaben und jede alte Frau der Umgebung, ſondern ſogar die Special⸗ geſchichte aller Familien im weiteſten Kreiſe kannte. Cäſar trat ſeinen Weg unter drohenden Himmels⸗ erſcheinungen an. Eine Maſſe dunkler Wolken, die Nach⸗ wehen des Gewitters, das Abends zuvor ſich entladen hatte, zogen ſchwerfällig am Himmel auf. Kaum aber hatte er einige tauſend Schritte durch die friſch grünen Fluren gethan, ſo zertheilten ſich dieſe Wolken und ſegel⸗ ten in leichten, flockigen Formen höchſt eilig über den Himmel hin. Die Sonne ſtahl ſich zuweilen hervor und nach kurzem Kampfe mit dem Gewölk, das ſie zu ver⸗ hüllen ſtrebte, ſtand ſie als Siegerin am Himmelszelte, Alles mit ihrem goldigen Glanze durchleuchtend und ver⸗ ſchönernd. Cäſar folgte ſeinem alten Führer bereitwillig und geduldig, obwohl ihm die Zeit lang wurde und er ſich nach dem Anblicke des Meeres ſehnte, deſſen Getöſe in leichtem donnernden Rollen und Ziſchen ſchon öfters zu ihm gedrungen war. Endlich näherte ſich dies Ge⸗ räuſch, es blieb ihm zur Seite, als ſie eine ſchattige 103 hübſche Dorfſtraße durchwanderten, die allmälig bergan lief, der Weg bog ſich links ab und das Meer lag ploͤtz⸗ lich vor den Augen des überraſchten jungen Mannes aus⸗ gebreitet da. Machtlos warf er ſich auf den raſigen Abhang nieder, der ſich unter den Bäumen dahin zog. Da lag das Meer in ſeiner ganzen, grauenhaften Herrlichkeit, in einer wilden Aufregung, mit ſchaumgekrönten Wellen, toſend, rauſchend jagte ſich Welle auf Welle, raſtlos hochaufſpritzend mit tiefem, ſonderbaren Schalle die Küſte ſtreifend, um hier ſogleich in hohen Schaumfluthen empor zu ſteigen und als Sprühwolken weithin auf den Strand geſchleudert, nieder zu ſtürzen. Cäſar's Geiſt beugte ſich willenlos in Demuth vor der Allgewalt dieſes furchtbaren Kampfes, den Luft und Meer mit einander führten. Er ſaß geſchützt und geborgen vor dem ſcharfen Winde, der ſich mit den Wellen und Wogen jagte, nur ſtrichweiſe fuhr ſein Wehen, das ſchon bedeutend nachgelaſſen, über ihn hin, fegte den Sand des Strandes auf, wühlte ſich in den weichen Flugſand der Dünen ein und ließ dann die gewaltigen Schwingen ruhen. Cäſar, hingeriſſen von dem Schauſpiele, vergaß Alles um ſich her. Sein Auge flog über die raſtloſen Schwankungen des Meeres hin und ſeine Gedanken ſenk⸗ ten ſich in die Unergründlichkeit der Schöpfungen Gottes. 8* 104 Was war Wald und Wieſe in ihrer üppigſten Pracht gegen dieſe grauſige Unermeßlichkeit? Was war die Ruhe und Feſtigkeit der Erde gegen dieſe ſchreckliche Bewegung, gegen dies Zorneswüthen eines unergründlichen Ele⸗ mentes? Fieberhaft bewegt flogen ſeine Träume über die rauſchende Fläche hin, um dann in einer anbetenden Furcht unterzugehen. Der alte Krieger, der ſich neben ihm gelagert und ſeine ſichtliche Aufregnng durch ehrfurchtsvolles Schwei⸗ gen geehrt hatte, fragte jetzt beſcheiden, wohin der junge Herr nun wolle, ob er zurück nach dem Städtchen wan⸗ dern werde? „Nein, mein Alterchen,“ entgegnete Cäſar mit dem gewinnenden Lächeln ſeines Mundes.„Ich will nach Wollun. Wie weit habe ich bis dahin?“ „Nach Wollun?“ wiederholte der Veteran mit allen Zeichen freudiger Verwunderung.„Ei, ei! Nach Wollun? Nun, es ſind auf der Heerſtraße wohl gut drei Stunden, allein ich führe ſie auf Schifferſtegen in andert⸗ halb hinüber. Nach Wollun? Wenn ich fragen darf, zu wem wollen Sie denn nach Wollun? In's Pfarramt? Oder in's Herrenhaus?“ „Ja,“ unterbrach Cäſar ſeine Fragen.„In's Her⸗ renhaus. Kennt Ihr die Leute im Herrenhauſe 54 5 105 „Wie ſollt' ich nicht, mein junger Herr!“ rief der Soldat enthuſiaſtiſch ſeine Kappe hebend, als wolle er Jemand ein Hurrah bringen.„Habe ich doch noch unter dem alten ſeligen Herrn von Wollun als Stallbube ge⸗ dient und nachher fünfzehn Jahr als Reiter unter ſeinem Schwiegerſohn dem Major Kordall geſtanden. Wie ſollt' ich die nicht kennen! Ueber die könnte ich eine ganze Ge⸗ ſchichte ſchreiben, wenn ich ſonſt zu ſchreiben verſtände.“ „Was war der alte Herr von Wollun für ein Mann?“ forſchte Cäſar, ſehr erfreut die Gelegenheit ergreifend, um ſich von den Charaktereigenthümlichkeiten eines Mannes unterrichten zu laſſen, den er als ſeinen Urgroßvater zu verehren gezwungen war.. „Der alte Herr von Wollun?“ wiederholte der Veteran lachend.„Nun, das war gerade ein Mann, wie alle Wollun's. Handfeſt und ehrlich wie ein Bauer. Da⸗ bei genereuſe wie ein Kaiſer, und toll und wild wie ein Stier, wenn er gereizt wurde. Na, der hätte erleben ſollen, daß der Napoleon hier den Herrſcher geſpielt! Auf mein Wort, junger Herr, er hätte ihn nieder⸗ geſchoſſen, wie einen tollen Hund, und es wäre dem fran⸗ zöſiſchen Kerl auch Recht geſchehen.“ Cäſar horchte aufmerkſam zu. Er unterbrach den alten Soldaten mit keinem Worte, als dieſer ſogleich fortfuhr: 1861. III. Die Erben von Wonnn. 7 106 „Ja, es iſt ein tüchtiger Schlag Edelleute, die Wollun's, redlich und wahrhaftig, allein heißblütig und jähzornig. Seit Jahrhunderten haben die Wollun's im⸗ mer gerade das gethan, was ihnen in den Kopf kam, ſogar die Frauen. Sehen Sie. Der alte Wollun hatte ein einzig Töchterchen, bildſchön und eine ächte Wollun. Der alte Herr ſtarb, ehe ſie mündig war, und man ſetzte ihr einen Vormund, der in Königsberg lebte. Bei dieſem lernte ſie den Lieutenant Kordall kennen, und ſie ließ ſich ohne Weiteres mit ihm kopuliren, bevor nur irgend Je⸗ mand aus ihrer Umgebung eine Ahnung davon hatte, daß ſie in ihn verliebt war. Natürlich, die Vetterſchaft war gewaltig böſe, denn das Gut iſt ſchön und ſehr einträg⸗ lich. Es hat damals manchen Scandal geſetzt, aber Frau Eliſabeth Kordall benahm ſich wie eine Königin.“ „Hat ſie glücklich mit Kordall gelebt?“ fragte Cä⸗ ſar mit bedrücktem Tone. 3 „Glücklich? das wäre wenig— nein,„ſelig“ hat ſie gelebt. Unſer Hauptmann war ein liebreicher, gütiger Mann, gerecht und weiſe—“— Cäſar ſeufzte unmerklich. Er hegte einigen Zweifel an dieſen benannten Eigenſchaften, ſeitdem er erfahren, daß er ſeinen erheiratheten Reichthum ſehr unrechtmäßig vertheilt hatte. „Sie haben Beide, wie die Engel im Himmel ge⸗ lebt, mein beſter Herr. Gegen ihren Mann war Frau Eliſabeth von Wollun, wie ſie hier immer genannt wurde, ein Engel der Sanftmuth, obgleich ſie immer noch eine ächte Wollun geblieben war und auch als ſolche ge⸗ ſtorben iſt.“ „„Wie ſo?“ fragte Cäſar die Erzählungsluſt des Alten anfeuernd. „Ja, lieber Herr, die Sache iſt etwas dunkel ge⸗ blieben, weil die Augenzeugen der Geſchichte ſämmtlich von den Franzoſen niedergemetzelt ſind. Frau Eliſabeth ſcheint ſich muthig gegen unbillige Forderungen geſträubt zu haben und iſt ein Opfer ihres Muthes geworden. Sie ſoll ſechs Bajonettſtiche und zwei Kugeln in der Bruſt gehabt haben. Die arme, ſchöne Dame!“ Es entſtand eine kleine, vielſagende Pauſe. „Was wiſſen Sie von den Kindern dieſer Dame?“ fragte Cäſar beklommen weiter. „Kordall's haben nur zwei Töchter gehabt. Die Fräuleins waren ſo ſchön, wie die Mutter und, eben ſo halsſtarrig, als ſie ihre Herzen verſchenkten. Die älteſte, auch Eliſabeth geheißen, gewöhnlich Lisbeth genannt, ver⸗ liebte ſich in einen Huſarenoffizier, und als ſie ihrer Mutter erklärte, daß ſie den Rittmeiſter Bodenwell mehr * 108 als ihr Leben liebe, da ließ dieſe die Liebesleutchen gleich trauen, denn der Rittmeiſter mußte in's Gefecht. Die junge Frau folgte ihrem Gatten überall hin und ſchien ſehr glücklich, bis die Schlacht bei Stralſund dieſem Glücke ein Ende machte. Sie hatte einen Sohn— wo der geblieben ſein mag, weiß ich nicht. Vielleicht iſt er ſeiner Mutter, die nach dem Tode ihres Mannes ſchwermüthig geworden und bald nach ihm geſtorben ſein ſoll, auch gefolgt. Wenigſtens muß man das daraus ſchließen, daß der alte Kordall jetzt ſeiner Tochter zweiter Ehe das Gut vermacht hat, was er nicht gekonnt hätte, wenn noch irgend ein Abkomme der ſeligen Frau Eliſabeth von Wollun am Leben geweſen wäre.“ Cäſar lächelte ſchmerzlich. Sogar der einfache Mann des Volkes ſah das alſo ein? „Die zweite Tochter, Julchen genannt, hatte einen Kampf um ihre Liebe zu beſtehen. Das war eine Jugend⸗ liebſchaft mit dem Neffen des Paſtors Burbach, der im Dorfe wohnte. Unſer Hauptmann konnte den jungen Burbach nicht leiden, weil er ein„Pflaſterkaſten“ werden wollte und nicht Offizier. Julie Kordall, ein herzig Ding voll Muthwillen, luſtig wie ein Eichhörnchen, ſchelmiſch und neckiſch— ach, lieber Herr, ſie hat mir oft genug einen Schabernak geſpielt— alſo Julchen ſetzte ihre Sache doch durch, aber ſie iſt im erſten Wochenbett geſtorben.“ 8 109 „Aber ſie hat glücklich gelebt mit ihrem Doctor?“ „Das weiß ich nicht. Ich denke aber, denn Bur⸗ bach war ein ſtiller, ernſter, guter Menſch. Nun iſt Alles vorbei! Der alte Major Kordall iſt ſeit dem Fe⸗ bruar auch heimgegangen. Er hatte ſich eine Frau ge⸗ heirathet, die gewiß nicht aus vornehmen Stande war. Dieſe Frau verſtand es ihn zu nehmen und ſeine trüb⸗ ſinnige Laune in Freundlichkeit zu verkehren. Sie haben noch ein Töchterchen bekommen. Die ganze Gegend lachte, als das kund wurde, denn der Major war ſechzig und ſeine Frau gewiß über dreißig hinaus. Unſerm Major war das aber ganz egal. Er hatte ſein kleines Mädchen lieb, wie ein Narr, und verzog es auf alle Weiſe.“ „Und was iſt endlich aus dieſem verzogenen Kinde geworden?“ fragte Cäſar höchſt beklommen, als der Alte zögerte weiter zu ſprechen. „Ach ein prächtiges, luſtiges, gutes Mädchen, lieber Herr,“ erwiderte der alte Soldat lachend.„Es iſt eine Wollun, trotzdem ihre Mutter anderweit abſtammt. Es iſt eine ganze Wollun, und die Sorte läßt ſich gar nicht verziehen und verderben. Wenn der Verſtand kommt, iſt gleich auch die Güte da und hilft, wo es fehlt. Sie nennen das Fräulein„Elſe“, und jedes Kind und jeder Hund kennt Fräulein Elſen, die mitunter ganz allein, 110 nur von ihrem großen Hunde begleitet, bis zum Strande ſpazieren geht.“ .„Iſt Wollun nahe am Meere?“ fragte Cäſar haſtig. 1 „Nicht ganz nahe. Einige Stunden davon. Aber Fräulein Elſe liebt das Meer über Alles. Ihr alter Vater hat in ſeiner närriſchen Liebe auf ſeinem neuen Hauſe einen Glaspa—“ „ Pavillon,“ half Cäſar lächelnd ein. „Richtig, einen Glaspavillon bauen laſſen, von welchem man das Meer weithin überſieht. Dort ſitzt Fräulein Elſe, wenn das Wetter ſtürmiſch und ſchlecht iſt und ſie nicht umherſtreifen kann. Es ſollte mich ſehr wundern, junger Herr, wenn wir ihr nicht auf unſerm Vege begegneten. Wenn ſie weiß, daß die See Wellen wirft, dann fehlt ſie nie an der Küſte.“ Cäſar ſprang auf und ſchauete mit einem Anfluge von ſtiller, tiefer Sehnſucht über die rauſchenden Wogen hinweg. Des alten Soldaten Schilderung hatte alle Fibern ſeines Herzens in Bewegung geſetzt und ihn glückſelig befriedigt. Er dachte freudiger an ſeine Ankunft in Wollun, als am Abend zuvor, ſein Herz klopfte ſchneller, ſein Athem hob ſich ſtärker. „Nun kommt, mein Alterchen,“ rief er fröhlich, 111 „nun kommt nach dem Dorfe zurück, das wir hier hinter uns haben. Wir werden doch wohl ein tüchtiges Mittag⸗ brod dort bekommen können. Ja? Nun ſo kommt und laßt uns eſſen, denn hungrig ſind wir gewiß alle Beide. Nachher halten wir ein wenig Mittagsruhe und dann machen wir uns auf den Weg nach Wollun!“ Wie geſagt, ſo gethan. Im Wirthshauſe des Dor⸗ fes wollten ſich die Leute eben um den Tiſch reihen, der mit dampfendem Hirſebrei und gebratenen Fiſchen reichlich beſetzt war. Es wurde Platz für die Ankommenden ge⸗ macht und Cäſar glaubte nie mit ſolchem Appetite ein Mittagsmahl gehalten zu haben. Als ſie hinlänglich geſättigt und ausgeruhet waren, ſchlenderten die beiden Wanderer im gemüthlichſten Schritte die, meiſtentheils ſehr ſchmalen Stege zwiſchen Buſch und Wieſe entlang und befanden ſich bald An⸗ geſichts des neuen Herrenhauſes in Wollun. Der alte Krieger blieb an der eiſernen Eingangs⸗ pforte ſtehen, ſalutirte ſcherzhaft und ſagte:„Hier, mein junger Herr, geht Ihr Weg hinein— der Herr ſegne Ihren Eingang in dieſes Friedenshaus. Ich ſchwenke rechts und gehe durch den Thorweg in die Geſindeſtube, wo ich ein für allemal ein gern geſehener Gaſt bin. Wol⸗ len Sie mich ferner gebrauchen, ſo ſtehe ich zu Befehl!“ Cäſar reichte ihm lächelnd einen Thaler und er⸗ 112 wiederte, daß er für's Erſte hier raſten werde. Der Ve⸗ teran ſchwenkte rechts um und marſchirte ab. Da ſtand nun Cäſar vor der Pforte des Glückes und blickte mit bedenklichen Mienen eine lange Zeit durch die Eiſenverzierungen, ohne Luſt zu verſpüren, dies Gitter zu öffnen, das die einzige Schranke bildete, welche ihn von ſeinem erwarteten Glücke trennte. Sein Auge überflog das ſtattliche Gebäude, und der Vergleich zwiſchen ſeinen gerechten Anſprüchen an daſſelbe mit dem geringen Jahrgelde, das als Erbantheil auf ihn und Lisbeth gefallen war, trat grell genug hervor, um ungünſtige Urtheile in ihm aufkommen zu laſſen. Die Bitterkeit, die ihn dabei überſchlich, entſühnte Lisbeth in ſeinen Augen und ſtimmte ihn ſehr nachgiebig für die ſchroffausgeſprochenen Forderungen derſelben. Dieſen Forderungen mußte er gerecht werden! Was er aus dem Munde des Veteranen vernommen hatte, war hinreichend, um die rechtmäßigen Erben des Gutes zum Kampfe gegen ein ungerechtes Teſtament zu rüſten. Unter dieſen Gedanken öffnete er die Pforte, durch⸗ ſchritt langſam den mit Flieſen belegten Weg bis zur Hausthür, die halb offen ſtand, und blieb hier, wie von einem ahnungsvollen Schauer berührt, abermals zögernd ſtehen.. Menſchenſtimmen drangen vom Hausflure aus zu 113 ihm. Raſch trat er hinter dem Flügel der Thür, der an⸗ gelehnt war, um— nun nicht gerade um zu horchen, ſon⸗ dern um ſich erſt in eine beſſer geeignete Stimmung zu bringen. Die Stimme, die er jetzt ſehr deutlich hörte, drang bis zu ſeinem Herzen und bewegte es zur Freude. Silber⸗ hell, wie er es bis dahin nur bei Lisbeth gefunden hatte, klang das Organ der Sprecherin, die natürlich keine Andere, wie Elſe, das fröhliche, liebliche Kind des alten Kordall war, als ſie ſchelmiſch ſchalt: „RNuff, ſei ein artiger Hund! Du kannſt nicht überall ſein, wo Elſe iſt!“ Gleich an dieſe Worte ſchloß ſie einen allerliebſten Geſang:„Maienglocken in den Locken—“ und unter⸗ brach ſich wieder: „Ruff— willſt Du wohl vernünftig ſein und die Bank nicht rütteln— Du Ungethüm!“— „Maienglocken in den Locken, Friede in der Bruſt,“ ſang ſie abermals ſchäckernd, wurde aber durch die win⸗ ſelnden Töne des Hundes, der zu ihr hinaufklettern wollte, wieder unterbrochen. „Ruff, ſtoßeſt Du die Bank um, ſo wirſt Du ab⸗ geſchafft— merk Dir's!“ ſchalt ſie und ſang dann: „ Sing ich wieder meine Lieder—“ 114 „Hund, biſt Du denn toll geworden! Du nimmſt Dir wahrhaftig zu viel Freiheit—“ „Sing ich wieder meine Lieder voller Frühlings⸗ luſt,“ ſchloß ſie und ſetzte ſehr pathetiſch hinzu: „Kuſch! Kuſch! Du dummes Thier. Warte nur, ich habe noch ein Wörtchen mit Dir zu koſen.— Ich will Dich lehren, Leute anzufallen, die mir die Hände küſſen— geſchieht das noch einmal, ſo wirſt Du abgeſchafft!“ Cäſar, der ungebetene Zuhörer dieſes lächerlichen Zwiegeſpräches mit einem Hunde, fühlte ſich wunderbar bewegt und zugleich zum Lachen gereizt. Es lag eine ſo allerliebſte Komik darin und dabei etwas, was ſeine Seele wie ſchon etwas Dageweſenes berührte, daß er wohl noch lange gefeſſelt an ſeinem Platze, der ihn verſteckte, geſtanden hätte, wenn nicht der zurecht gewieſene große Hund plöͤtzlich Witterung von ihm erhalten und mit einem wüthenden Gebell gegen die Thür geſtürzt wäre. Cäſar trat raſch hervor— Elſe ſprang eben ſo ſchnell von der Bank, von wo aus ſie die Laubgewinde, zur Feier des Pfingſtfeſtes angefertigt, über der Thür zu befeſtigen bemüht geweſen war. „Oho—“ rief der junge Mann lachend und hielt dem Hunde abwehrend ſeinen Wanderſtab entgegen,„oho, mein Hund, wenn Du Leute beißen willſt, die Deine 115 Herrin zu beſuchen kommen, ſo wirſt Du ohne Zweifel auch abgeſchafft!“ Elſe ſtand da, ein Bild der höchſten Ueberraſchung, in reizender Verlegenheit, halb beluſtigt von dieſen Wor⸗ ten, die eine Fortſetzung ihrer Rede waren, und halb er⸗ ſchrocken die großen braunen Augen fragend auf Cäſar gerichtet, der mit ſichtbarer Spannung feſt in ihr Geſicht ſchaute, als wolle er ſeine Zukunft darin leſen. Nur einige Momente dauerte dies gegenſeitige An⸗ ſtarren, dann verklärte ein wunderbares Lächeln Elſens Züge, ſie eilte vorwärts, beide Hände zum Willkommen ausgeſtreckt, und rief: „ Schon heute! Schon heute, Cäſar! Wir erwarteten Dich erſt morgen!“ Der junge Mann nahm die dargebotenen Hände in die ſeinen. War denn das nicht Lisbeth, ſeine kleine Lisbeth, die er ſo brüderlich gehegt und gepflegt hatte? Nein, nicht ganz! Kleiner und zarter, lächelnder, zutrau⸗ licher, ſchelmiſcher, als er Lisbeth je geſehen, war dies Mädchen. Aber über ihn, den ernſten, jungen Mann, kam der neckiſche Geiſt, und er erwiederte mit verſtellter Ver⸗ wunderung: „Bin ich denn Cäſar? Woher wiſſen Sie denn, daß ich Cäſar bin, mein Fräulein?“ Elſe erröthete glühend, 35 die Hände zurück und 116 ſah ihm forſchend in die Augen. Was aus dieſen Augen jetzt hervorſtrahlte, das verwirrte ſie und machte, daß ſie ſchnell die Blicke ſenkte. „O, ich weiß es,“ ſtammelte ſie aus ihrer verwand⸗ ſchaftlichen Sicherheit aufgeſchreckt.„Ich weiß es, daß Sie Cäſar Bodenwell ſind. Ich weiß es— geſtehen Sie die Wahrheit!“ Cäſar bereuete ſeinen Scherz, der die Vertraulichkeit von ihren Lippen verſcheucht hatte. Er bemühte ſich ihr Zutrauen wieder herbei zu locken, indem er treuherzig lächelte und heiter erwiederte: „Nun, wenn ich Cäſar bin, ſo mußt Du wohl Eli⸗ ſabeth Kordall ſein!“ Sie nickte verſchämt, bediente ſich aber des trau⸗ lichen Du nicht wieder, ſo daß Cäſar ebenfalls die förm⸗ lichere Anrede annehmen mußte. „Kommen Sie herein, Cäſar!“ bat ſie ungeduldig. „Was wird meine Mutter ſagen! Treten Sie ein!“ Sie öffnete die ſchon fertigbekränzte Thür. Cäſar, der die Be⸗ deutung eines Pfingſtfeſtes auf dem Lande nicht kannte, ſah verwundert das Laubgewinde an. Elſe lächelte ſchel⸗ miſch. OO, wenn man einen noch nie geſehenen Neffen er⸗ wartet, ſo bauet man Ehrenpforten!“ neckte ſie.„Zu⸗ fällig iſt aber Pfingſten und das iſt das Feſt der freu⸗ 117 digen Auferſtehung! Mutter— komm!“ rief ſie beim Eintreten.„Komm! Cäſar iſt da!“ Bevor der junge Mann noch irgend Anſtalt treffen konnte, ſich ſeines Torniſters und ſeines Stockes zu ent⸗ ledigen, kam die Majorin eiligſt aus dem Nebenzimmer und ging ſo raſch, wie nur möglich, auf ihn zu, Freuden⸗ thränen im Auge, Liebesworte auf den Lippen. f Wie angewurzelt blieb ſie jedoch mitten im Zimmer ehen. War das Cäſar, der Blondkopf mit den friedlich ſchönen blauen Augen? Dieſer Mann mit der richterlichen Strenge im Blicke, mit der ſtillen, ruhigen Erwartung in Haltung und Geberde? War das wirklich ihr Liebling aus jener alten guten Zeit, wo ſie für ihn arbeiten mußte? Eine heimliche Furcht durchſchlich das Herz der Dame, eine Ahnung künftiger Kämpfe tauchte in ihr auf und ließ die Warmherzigkeit ihrer Begrüßung erſtarren. Ddiiſer Mann kam als Werkzeug der Gerechtigkeit n forderte Rechenſchaft! Sie ſah es auf dem erſten icke. Welche bittere Ironie von ihm, dem rechtmäßigen Erben des Wollun'ſchen Gutes, daß er, gleich einem armen Wanderburſchen, mit beſtäubten Stiefeln und dem Ränzel auf dem Nacken, auf der Schwelle ſeines Beſitz⸗ 118 thums erſchien, während ſie und ihre Tochter ſich eines Poſtzuges von vier prächtigen Apfelſchimmeln zu ihren Ausflügen bedienten. Die Abſicht ſie zu kränken war un⸗ verkennbar! Sie ſah es im Impulſe ihres bedrückten nicht zu ſo freudigem Willkommen, wie Elſens. Dem geübten Juriſten entging die ſichtliche Befan⸗ genheit nicht, die plötzlich das ganze Weſen der Dame überfluthete. Nachdem er die ehemalige Johanne Franke in ihrer, vom Wohlleben zu üppiger Fülle entwickelten Geſtaltung geſehen hatte, fand er es erklärlich, daß ſie die Macht und Pracht ihres Daſeins um jeden Preis zu erhalten wünſchte. Er zürnte ihr aber darüber nicht, ſondern ergriff gutmüthig lächelnd und mit ſarkaſtiſchem Blicke die volle blühende Frau muſternd, ihre Hand, um ſie herzlich zu drücken und zu ſchütteln. „Sie haben ſich mächtig verändert, gnädige Frau!“ ſprach er, den Regeln der Etikette freien Spielraum ge⸗ bend, um die kleine Spannung, die ſich in ihren beider⸗ ſeitigen Blicken kund gab, zu verſtecken. Frrau Kordall ging ſogleich auf dieſen Ton ein, legte ihre weichen, fleiſchigen Hände auf ſeine Schultern und erwiederte eifrig einige freundliche Convenienzphraſen. Fräulein Elſe ſah etwas verwundert aus. Ihr ſchien 119 das keine paſſende Begrüßung zwiſchen zwei Menſchen, die ſich ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen hatten. Sie wußte nichts von den Teſtamentserklärungen ihres Vaters und es fiel ihr nicht im Entfernteſten ein, daß ſie als das Kind ihres Vaters kein Recht haben ſolle in ſeinem Hauſe zu wohnen und von dem Ertrage ſeiner Ländereien zu zehren. Schuldlos, ſorglos und unbefangen, wie ſie war, glaubte ſie einer Paſſion für Fußreiſen zu begegnen, als ſie den jungen Staatsbeamten, den ſie ſich königlich verſorgt dachte, mit dem Knotenſtocke zu ſich eintreten ſah. Ihr Gewiſſen verwirrte ſie nicht, darum traf ſie das Rechte, während ihre Mutter von ängſtlichen Zweifeln bewegt, ſich ſogleich in Irrthümern verlor, die ſich von Stunde zu Stunde ſteigerten. Hätte die gute Dame in der erſten Begrüßung, im Sturm der Ueberraſchung, die frühere, herzliche Zutraulichkeit vorwalten laſſen, ſo wmürde die Verſtändigung von ſelbſt gekommen ſein. So aber glaubte ſie Mißtrauen, Tadel und Kaltſinnigkeit in Cäſar's Weſen zu finden, und ließ die günſtige Minute ungenützt vorüberfliegen. Cäſar hingegen gebrauchte wirklich erſt einige Zeit, um die Majorin Kordall in ihrer Geſundheitsfülle mit der hagern und bleichen Johanne Franke identificiren zu können. Nach und nach tauchten zwar die Züge ſeiner Kindererinnerungen aus dem vortheilhaft veränderten 120 Aeußern der Dame auf, allein die Veränderung war im Allgemeinen zu groß und hatte für ihn zu viel Entfrem⸗ dendes, als daß er ſich mit derſelben Innigkeit zu ihr hätte hingezogen fühlen können, wie in ſeiner Knabenzeit. Er mußte ſich förmlich an die ſe Frau erſt gewöhnen, während ihm Elſe wie ein lieblicher Traum aus ver⸗ gangenen Tagen erſchien und ſein Herz in weit kürzerer Zeit erſchloß, als ihre Mutter. Das junge Mädchen bewegte ſich aber auch ſogleich mit der unbefangenſten Vertraulichkeit, übte ihren Witz an ihm, neckte ihn, ſchalt ihn, und würde ihn in ihrer Freudigkeit gewiß ſchweſterlich umarmt haben, wenn der eigenthümliche Blick aus ſeinen Augen, deſſen Einfluß nachhaltig in ihrer Phantaſie wirkte, ſie nicht von dieſem kecken Vorhaben zurückgehalten hätte. Cäſar verwendete kein Auge von ihr. Sie mochte thun, was ſie wollte, ſo entfaltete ſich in ihren Bewegun⸗ gen Anmu th und Grazie. In ihren Blicken leuchtete Schalkhaftigkeit und ihr Lachen klang ſo hell und heiter, daß es bezaubernd auf den jungen Mann wirkte. Elſe war nicht ſo ſchön, wie Lisbeth, das geſtand er ſich ſchon nach der erſten Viertelſtunde, die er neben ihr zugebracht hatte, offenherzig ein, aber ſie in ihrem Weſen, die ſie weit reiftere Fräulein Burbach hin zeigte Eigenthümlichkeiten über das ältere und ge⸗ weghoben und ſie dazu be⸗ 121 fähigten, eine tiefe und zärtliche Liebe einzuflößen, und zwar eine Liebe voll Nachſicht, Geduld und leidenſchaft⸗ licher Hingebung. Unter den wechſelſeitigen Beſtrebungen, die wahre Stimmung des Gemüthes für den erſten Augenblick zu verbergen, würde, trotz der natürlichen Liebenswürdigkeit Elſens, das Zuſammenſein peinlich geworden ſein, wenn nicht der Eintritt des jungen Hilmar Wulfen die ernſte Aufmerkſamkeit der Majorin etwas zerſtreut hätte. Elſe nahm ſofort eine höchſt gravitätiſche Miene an, führte ihn zu Cäſar und ſagte: „Mein lieber Hilmar, Du erlaubſt, daß ich Dir meinen Neffen, den Oberlandesgerichtsaſſeſſor Cäſar Bo⸗ denwell vorſtelle!“ Der Scherz fand Beifall. Hilmar machte zwar ein ſonderbares Geſicht, als er die ſchnell entwickelte Ver⸗ traulichkeit zwiſchen dem hübſchen Neffen und der reizen⸗ den Tante zu beobachten Gelegenheit fand, allein er ſtörte mit keinem mißliebigen Worte oder Blicke die lebhafte Converſation, die ſich entſpann und um die ſonderbare Art der Verwandſchaft drehte. Hilmar Wulfen war in gleichem Alter mit Elſe. Durch ihre Kinderſpieljahre ge⸗ ſchwiſterlich nahe gebracht, beſtand zwiſchen ihnen ein Verhältniß ſo freundſchaftlicher Art, daß es nur eines Schrittes bedurfte, um in Liebe überzugehen. 1861. III. Die Erben von Wollun. 3 12² Von Elſens Seite war in dieſer Rückſicht nichts zu beſorgen. Eine Natur, wie die ihre, mußte den fürchten und achten, den ſie liebte, und Hilmar's Entwicklung in geiſtiger Hinſicht hätte vielleicht noch beſcheidenern An⸗ ſprüchen nicht genügt, als Fräulein Elſe an den Mann zu machen entſchloſſen war, den ſie lieben wollte. Aber auch körperlich konnte Hilmar einem acht⸗ zehnjährigen Mädchen nicht imponiren. Er war zwar mit allen Anlagen zur männlichen Schönheit ausgeſtattet, allein die Disharmonien ſeiner Körperlängen und Breiten traten noch ſo mächtig und bedeutend hervor, daß ſelbſt der humanſte Menſch nur mit Lächeln dieſe langen und dünnen Beine ſich in Bewegung ſetzen und das Zimmer durchſchreiten ſehen konnte. Sein Geſicht war ſchön. Er ähnelte ſeinem Vater. Die Augen zeigten ſich übernatürlich lebhaft und leiden⸗ ſchaftlich. Seine Stirn umwölkte ſich leicht und dann ſehr drohend, allein man hatte noch nie ein unbeſonnen heftiges Wort von den Lippen dieſes Jünglings gehört. Seine Stellung in der Welt hatte ihn frühzeitig zur Selbſtbeherrſchung angeleitet und ihn zur Verſchloſſenheit ewöhnt. Er neigte zur Heiterkeit und konnte dann aus⸗ gelaſſen luſtig werden. Aus Grundſatz gab er ſich dieſer Neigung jedoch ſelten hin und war im Allgemeinen ſtumm und ſtill. Seinen Vater, den Obriſtwachtmeiſter von 123 Wollun liebte er über Alles, obwohl ihm nicht unbekannt war, daß er ſein Daſein in der Welt einem leichtſinnig geſchloſſenen Liebesbündniſſe verdankte und daß er nie darauf rechnen könne, öffentlich von ihm als Sohn an⸗ erkannt zu werden. Es war ein öffentliches Geheimniß, daß Hilmar Wulfen der nachgelaſſene Sohn einer ſchönen Kantorstochter und des ehemaligen Lieutenant von Wollun war, aber der Obriſtwachtmeiſter ſelbſt gab es nur gegen ſeine vertrauteſten Verwandte zu, alſo durfte es Nie⸗ mand wagen ihn zu Hilmar's Vater zu erklären, wenn er ſich nur als Pflegevater aufſtellte. Wollun hatte ihn ſtets bei ſich, und er mochte nicht Unrecht haben, wenn er bis⸗ weilen behauptete,„dieſer große Junge ſei ein Stein des Anſtoßes für alle heirathsluſtige Damen, denen er wohl gefallen würde, wenn er nur wollte.“ Im Herrenhauſe zu Wollun war Hilmar's zweite Heimath. Der alte Kordall mochte ihn leiden und er gab ihm die Freiheit ſich bei ihm zu bewegen, als ſei er zu Hauſe. Das einzige Weſen hier, was ihm nicht günſtig geſtimmt zu ſein ſchien, war der große Neufondländer Ruff. Worin es lag, daß der Hund ſtets mit mißtraui⸗ ſchen Blicken und einem leichten Fletſchen die Bewegun⸗ gen des Jünglings hütete, gelegentlich auch durch ein ſehr hörbares Knurren ſein Mißfallen zu erkennen gab, wenn Hilmar mit ſeinen langen Beinen das Zimmer * 124 ſchaftlicher Gereiztheit ſeine feurigen, drohend auf die funkelnden Augen de folg zeigte ſich mer eine Art Reſpect vor Hilmar, aber Herrin. ken. In ihr concentrirte ſich Alles, würdig fand— ſi ſchlummerte erkannte un ſpät war. Der Obriſtwachtmeiſter hatte und höchſt unüberlegten Entſchluß, Aber er wußte nicht, daß ſie das war! wie Funken unter der Aſche, und Niemand d fürchtete eher etwas davon, bis es zu durchmaß, das lonnte Niemand errathen. Es iſt möglich, daß ihm nur die wilde, haſtige Beweglichkeit in Hilmar's Weſen nicht zuſagte, genug ſein Freund war er nicht. Nachdem Ruff ihm mehrmals deutliche Beweiſ Abneigung gegeben hatte, da erwachte der Zorn in Hil⸗ mar und er wendete in einer Anwandlung von leiden⸗ e ſeiner flammenden Augen s Hundes. Der Er⸗ kwürdig und augenblicklich. Der Hund zog den Schwanz ein und kroch mit allen Zeichen der Furcht hinter ſeine junge Gebieterin. Seitdem hatte er Liebe fühlte er nicht für ihn. Deſto wärmer glühete jedoch Hilmar für ſeine Elſe war das Idol ſeines jungen Herzens, der Sonnenſtrahl ſeines Lebens, der Balſam für alle Schmer⸗ zen, die einzige Freude, die ſüßeſte Freude ſeiner Gedan⸗ was er anbetungs⸗ ewar ſein Taggedanke und ſein Traum! Seine Leidenſchaft durch den voreiligen Hilmar in Wollun 125 einzuquartieren, ihn ſeinem Schickſale in die Arme gewor⸗ fen. Wäre die Majorin nicht mit ſich ſelbſt beſchäftigt und über die hereinbrechenden Conflicte zwiſchen ſich und den erbberechtigten Enkelkindern ihres Gatten zu tief be⸗ trübt geweſen, ſo würden ihr ſchon an dieſem Abende die Augen über das vulkaniſche Element aufgegangen ſein, das ſich in Hilmar's Bruſt vorbereitete. Sein Auge flog unſtät von einem Gegenſtande zum andern, ſeine Wangen brannten ohne irgend eine Veranlaſſung. Fühlte er ſich in ſeinen Rechten beeinträchtigt, daß Elſe dem Beſuche eine größere Aufmerkſamkeit widmete, als ihm? Oder regten die Blicke Cäſar's, die unverholen be⸗ wundernd dem jungen lieblichen Mädchen folgten, ſein Blut auf? Kein Menſch kann das errathen, denn von ſeinen Lippen iſt nie ein Wort der Klage, der Unruhe oder des Schmerzes gedrungen. Seine innere Aufregung ſchien ihn endlich zu über⸗ wältigen. Der Abend dämmerte herein, die letzten lichten Wolken am weſtlichen Horizonte umſchleierten ſich eben mit leichten Nebeln, als er aufſtand und ſeinen Entſchluß zu erkennen gab,„nach Hauſe zu reiten, um nachzuſehen, ob der Obriſtwachtmeiſter ſchon aufgebrochen ſei.“ Elſe wendete ſich ſehr eilig zu ihm und ſah ihn lachend an. 126 „Das iſt gegen die Abrede, Hilmar!“ rief ſie und fügte mit leichter Koketterie und höchſt anmuthiger Schel⸗ merei hinzu:„Wer ſoll mir denn einen Maienbaum pflanzen, wenn Du mich in Stich läſſeſt?“ Augenſcheinlich beglückt durch dieſe Antwort, ver⸗ ſprach Hilmar, am nächſten Morgen wieder da zu ſein, und verließ mit einer unſchicklichen Haſt das Zimmer. Kaum hatte er die Thür geſchloſſen, ſo fuhr der große Hund, der unzertrennliche Gefährte des ſchönen Mädchens, mit einem wahren Wuthgeheul hinter ihm her und faßte in Ermanglung des Gegenſtandes, den er zu zerreißen Luſt hatte, den Griff der Thür, um dieſe dadurch wo möglich aus ihren Angeln zu heben. Elſe lachte laut auf und ſchalt ihn aus. Die Ma⸗ jorin ſah frappirt aus und Cäſar ſchüttelte bedenklich den Kopf. Ruff aber kehrte mit Siegesblicken zu ſeinem Platze neben Elſe zurück. „Was hat der Hund 2 fragte die Majorin. Cäſar blickte Elſe feſt und ſcharf an. „Herr Ruff iſt etwas irrſinnig ſeit geſtern!“ gab Elſe zur Antwort, erröthete aber plötzlich, als ſie von der Scene erzählen wollte, die Tags zuvor in der Eremitage aufgeführt worden war und mit einem ähnlichen Zorn⸗ ausbruche des Thieres geendet hatte. 127 „Hat Hilmar ihm Leides gethan?“ fragte die Ma⸗ jorin weiter. Cäſar's Blick wurde geſpannt und ſtreng. Elſe ſchüttelte ſtatt der Antwort nur mit dem Kopfe. Sie hätte um Alles in der Welt nichts von den knabenhaften Huldigungen Hilmar's, die ihr jetzt un⸗ paſſend feurig erſchienen, erzählen können. Sie erwachte urplötzlich aus den Kindheitsträumereien und ſah hell und klar in die Zukunft. Was unverſtanden von ihr be⸗ lacht und geduldet war, das gewann Bedeutung. Hilmar's Bild trat zurück. Es ſank in Nebel gehüllt tief in den Hintergrund, um vor den forſchenden Blicken eines Man⸗ nes, der bis in ihr Herz, bis auf den Grund ihrer Seele zu ſchauen ſchien, endlich ganz zu verbleichen. Elſe wußte ohne Worte, daß Cäſar den ganzen Zuſammenhang errathe. Sie fühlte, daß ſie der ſtummen Frage eine ſtumme Erklärung geben müſſe. Seelenvoll hob ſie das unſchuldige Auge zu ihm empor und ſah ihm ehrlich in's Geſicht. Cäſar lächelte.„Der Hund iſt eiferſüchtig!“ ſprach er mit einem Anfluge ſpöttiſcher Neckerei.„Er muß ab⸗ geſchafft werden.“ Elſe ſenkte die Stirn in holder Scham. Vor einer Viertelſtunde hätte ihr gewiß eine paſſende Antwort zu Gebote geſtanden, jetzt aber fiel ihr nichts ein. „Eiferſüchtig?“ wiederholte ſie ſehr leiſe. 128 „Freilich! Er hat ja Ohrenzeuge ſein müſſen, daß ſeine Gebieterin ſich einen Maienbaum bei dem jungen Herrn beſtellt hat, und Ruff wird wohl wiſſen, daß dies ein Vorzug iſt, den nur ein begünſtigter Verehrer er⸗ hält.“ Elſe hob ſchnell ihr Auge, um zu ſehen, wie weit dieſe Rüge ihrer kleinen Koketterie ernſtlich gemeint ſei. Als ſie dem ſarkaſtiſchen Lächeln Cäſar’s begegnete, ſank ihr aller Muth. Sie ſah ſich zum erſtenmale mit ihren liebenswürdigen Schwächen getadelt, gleichzeitig erkannte ſie aber auch, daß es dem jungen Manne nicht gleich⸗ gültig war, dergleichen Auswüchſe in ihrer unſchuldigen Naivetät zu entdecken. Eine Thräne trat in ihr Auge und ein Schatten, von Selbſtvorwürfen heraufbeſchworen, legte ſich über ihre Stirn. Cäfar konnte über dieſe Zeichen ihrer innern Reue gar nicht ungewiß bleiben. Seine natürliche Güte den Frauen gegenüber gewann ſogleich die Oberhand und er ergriff Elſens Hand, um ſie an ſeine Lippen zu führen. „Nehmen Sie ſich in Acht!“ flüſterte ſie ſeltſam be⸗ wegt.„Der Hund—“ „Ich denke, Ruff wird Verſtand genug beſitzen, um die rechtmäßigen Ausbrüche einer Achtungsbezeugung u erlauben!“ ſcherzte der junge Mann. Und wirklich, Ruff machte nicht die geringſte Be⸗ 129 wegung, die auf Unwillen von ſeiner Seite ſchließen ließ. Im Gegentheil. Er erhob ſich nach einigen Secunden ſchwerfällig von ſeinem Platze, bewegte ſich gravitä⸗ tiſch auf Cäſar zu und legte den großen dicken Kopf gutmüthig auf deſſen Knie. „Auf Sie iſt er nicht eiferſüchtig!“ ſcherzte mit neugewonnener Faſſung das junge Mädchen, floh aber vor dem bedeutungsſchweren Blicke des jungen Mannes unverzüglich aus dem Zimmer. „Vielleicht hält der Hund es für gut, mich zu Ihrem Schutze aufzufordern!“ rief er ihr nach, und wen⸗ dete ſich zu der Majorin, die zerſtreut dem kurzen Zwi⸗ ſchenſpiele gehorcht hatte, aber viel zu ſehr andern Be⸗ trachtungen hingegeben war, um eine Bedeutung darin zu finden. Sie kämpfte mit ſich ſelbſt einen ſchweren Kampf. Ihr Zartgefühl trieb ſie an, dem jungen Manne ohne Beſchränkung Alles zu übergeben, was er als recht⸗ mäßiges Eigenthum beanſpruchen konnte, und doch band ſie ein Verſprechen heiliger Art an die ihr vorgeſchrie⸗ benen Maßregeln. Cäſar war ihrem Herzen geiſtig nie fremd geworden. Er war als Knabe der Troſt ihrer hilfloſen Einſamkeit und ſpäterhin das Ideal männlicher Güte für ſie geweſen. Glich er denn aber dieſem Ideale? Nein! Ihr Herz hatte ſich verrechnet, als ſie nur ein Wiederſehen für nöthig hielt, um glücklich die Klippe um⸗ 130 ſchiffen zu können, die vor ihr lag. Sie hatte ſich mit Selbſttäuſchungen in eine behagliche Stimmung gewiegt, die ſchon durch das Antwortſchreiben Cäſar's bedeutend geſtört worden war und beim Eintreffen des jungen Mannes einen gänzlichen Umſturz erlitt. Cäſar war ein Fremder für ſie geworden. Seine Erſcheinung, ſein Auftreten entſprach dem Ideale nicht, das ſie ſich von dem Manne entworfen, welchen ſie als Knabe faſt abgöttiſch geliebt hatte. Cäſar ſtellte ſich ihrer aufgeſchreckten Phantaſie in der Eigenſchaft eines Rich⸗ ters vor, der mit ſchlangengleicher Geräuſchloſigkeit ſein Ziel zu verfolgen Miene machte, und alle die Urtheile des alten Kordall, der ſeine Schwiegerſöhne nie geliebt hatte, erwachten in ihrem Gedächtniſſe, um die guten Meinungen zu vergiften, die ſie bis dahin feſt gehalten. „Es iſt weder Kordall'ſches noch Wollun'ſches Blut in den Kindern meiner Töchter!“ pflegte der Major ſtets zu ſagen, ſeitdem Cäſar mit beſcheidener Beſtimmt⸗ heit ſeine Abneigung gegen den Soldatenſtand und ſeine Vorliebe für das Studium der Jurisprudenz erklärt hatte.„Keine Kordall ſche Ehrlichkeit und keine Wollun'⸗ ſche Hochherzigkeit iſt in ihnen. Schleichende Habſucht, ein Burbach'ſches Erbtheil und liſtige Heuchelei, ein Bodenwell'ſches Vermächtniß, das ſind die Grundele⸗ 131 mente in den Charakteren meiner Enkel. Gott bewahre mich vor ihrer Bekanntſchaft!“ Dieſe Ausſprüche wurden damals von der Majorin wacker bekämpft, und zwar durch die einfache Entgeg⸗ nung, daß ihr Gatte die beiden Kinder doch erſt prüfen müſſe, um ſolche harte Beſchuldigungen ausſprechen zu dürfen. Der Erfolg dieſer Kämpfe zeigte ſich in der Abän⸗ derung ſeines Teſtamentes, die zu Gunſten Cäſar's ent⸗ worfen war. Und als die Majorin nach dem ſehr unvorbereite⸗ ten Tode ihres Gatten in ſeinen nachgelaſſenen Papieren ſogar Briefe fand, die von unverzeihlicher Ungerechtigkeit gegen die zwei Enkel ſeiner erſten Gattin Kunde gaben, da hätte ſie ihr Herzblut hingeben mögen, um das Un⸗ recht Kordall's gut zu machen. In dieſer Stimmung wagte ſie es an dieſe Enkel zu ſchreiben und ſie um ihren Beſuch zu bitten. Jetzt verwünſchte ſie ihre voreilige Gutmüthigkeit. Sie fühlte ſich eiſig angeweht, als ſie wahrzunehmen glaubte, daß man das als Recht beanſpruchen würde, was ſie in ihrer Herzensgüte zu geben geneigt geweſen war. Das glatte, undurchdringliche Weſen des Welt⸗ mannes verſchleierte der unerfahrenen Dame den richti⸗ gen Kern einer durch und durch edlen Männlichkeit, und 132 ihr ſehr unweiſes Töchterchen erkannte viel früher als ſie, was an Cäſar verehrungswerth war. Wiährend die Majorin ihre Einmiſchung in die Te⸗ ſtamentsbeſtimmungen bereuete, während ſie der Einſicht ihres verſtorbenen Gatten die unbedingteſte Anerkennung zollte und das Bild des wackern, ſchönen Erich von Wollun, als Herr und Gemahl ihrer Tochter, vor ihrer ſehr bewegten Phantaſie aufſtellte, während derſelben Zeit erhob Elſe, das unkluge Kind, die ſprechenden Au⸗ gen Cäſar's zu den Leitſternen ihres Lebens und ließ ſich willenlos unter die Geſetzgebung ſeines gereiften, männ⸗ lichen Verſtandes beugen. In der ſpäten Nachtſtunde, trotz aller Körpermüdig⸗ keit dennoch ſchlaflos, warf ſich Cäſar ernſt die Frage vor 3 „Welcher Weg iſt nun einzuſchlagen? Ein Kampf ſteht bevor. Mit Johanne Franke wäre ich in einer Mi⸗ nute auf's Reine— mit dieſer Majorin Kordall wird es ſchwerer halten, denn ihr Gemüth iſt im Wohlleben zur Selbſtſucht gekommen! Wäre Lisbeth meine Bundes⸗ genoſſin, ſo übertrüge ich ihr den diplomatiſchen Theil meines Angriffes— der weibliche Scharfblick findet die ſchwache Seite weit eher, als der klügelnde Männerver⸗ ſtand. Es gibt auch im Verkehre der Frauen mehr ge⸗ müthliche Berührungspunkte— Lisbeth muß kommen! 4 133 Lisbeth wird Elſen liebgewinnen— Lisbeth mit ihrem Herrſcherſinne, mit ihrer rückhaltloſen Offenheit wird dieſer Frau Reſpect einflößen!“ Er lächelte vor ſich hin, als er der Erzählung gedachte, womit er die Witwe ſei⸗ nes Großvaters der Großmuth Lisbeth's zu empfehlen für nöthig gehalten. Welche Veränderung war hier vor⸗ gegangen! 3 Fünftes Capitel. Das Pfingſtfeſt. Pfingſten iſt zu allen Zeiten das poeſiereichſte und lieblichſte Feſt geweſen. Es ſteht im Einklange mit dem menſchlichen Gemüthe, das vom langen Winter bedrückt, beim Erwachen der Natur froh aufathmet und ſich gern hhnaun läßt in die friſche milde Frühlingsluft. Es iſt etwas Neues, im Waldesgrün lagern zu können, wo Ströme von Duft die Luft durchziehen, wo die Vögel in Frühlings⸗ und in Liebesluſt zwitſchern. Voll von kräf⸗ tigem Leben entfaltet ſich die Natur, im endloſen Raume ein Blüthenmeer und ein prachtvoll glänzendes Grün. Der Blick des Menſchen ſchweift trunken über die neu bekleidete Flur, und in ſeiner Bruſt quellen die 134 Knospen des Edeln, des Großen und Schönen neben den ſüßen Hoffnungen auf Glück und neue Lebensfreuden. Jahrhunderte hindurch ſind die Blüthen des Früh⸗ lings am Pfingſtfeſte gekommen und gefallen, und die Feſtfreuden der Natur erneuerten ſich mit ihrem Erſchei⸗ nen. Aber die Kultur hat manche harmloſe Feier von den Geſetzen der Etikette beſchränken und vernichten laſſen. d Wer pflanzt in den Städten noch jetzt unter dem Jauchzen der Luſt den Maienbaum auf, wer kränzt noch jetzt die Fenſter mit den jungen friſchen Zweigen der Birke? Höchſtens verſteigt ſich der Bürgersmann, der mit den Faſern ſeines Innern noch an den Gebräuchen der Vorzeit hängt, dazu. In den Haͤhnſern der Reichen und Vornehmen ſieht man nichts von dem feſtlichen Schmucke, der von der Natur entliehen iſt, um den Empfang des Sommers zu feiern. Der feine Mann verſchmähet dieſen Naturluxus und die feine Dame hat keinen Geſchmack daran. Aber in den Dörfern wohnt noch der Sinn dafür. Dort miſcht ſich das erwachende Herz mit hinein. Der Burſche ſtrebt danach, ſeiner Angebeteten eine grüne Blätterkrone vor das Fenſter zu bringen, damit ſie beim loſen Spiel der jungen Blätter an ihn denken ſoll. Der warme Blick des Mädchens, das ihn in ſeiner Huldigung errathen hat, iſt ihm hinreichender Lohn für ſeine Mühe, und wenn er am Pfingſtfeſte im raſchen Walzer mit ihr ſich gedrehet, ſo findet ſich wohl ein lauſchiges Plätzchen, wo ihre Lippen ihm noch ſüßern Dank ſpenden. Hilmar war am Tage vor Pfingſten wieder gekom⸗ men und hatte Elſen einen mächtigen Maienbaum geſetzt. Geſprochen wurde darüber nichts wieder, aber Cä⸗ ſar ſah, daß ſeine Beurtheilung nicht ohne günſtige Fol⸗ gen geweſen war. Er gewahrte die Wolke auf Hilmar's Stirn. Der Jüngling that ihm leid, und er glaubte ihn nicht wirk⸗ ſamer zerſtreuen zu können, als wenn er ihn aufforderte, einige Streifereien mit ihm zu unternehmen. Hilmar ging willig darauf ein. Erſt ſpät am Abend kamen ſie zurück vom Meere, das Cäſar nun auch in der Majeſtät heiliger Ruhe geſehen hatte. Beeide Männer trugen einen Arm voll der ſchönſten Maien, die ſie auf dem Heimwege im Wäldchen geſchnit⸗ ten. Hilmar ſchmückte die Hausthüren und den Flur da⸗ mit— Cäſar aber nahm ſeine Büſche ſelbſtſüchtig mit hinauf in ſein Zimmer. Er erntete ſpitzige Worte und ſchalkhafte Ermahnungen dafür ein, und mußte ſich Hil⸗ mar, den uneigennützigen Wohlthäter, als Muſter auf⸗ ſtellen laſſen. Das junge Mädchen war bezaubernd in 136 ihrer Geſchäftigkeit, und es koſtete Cäſar wahrlich einige Anſtrengung, um ſtandhaft bei der Verweigerung ſeiner Beiſteuer zu bleiben. Der Morgen des Pfingſtfeſtes dämmerte endlich herauf. Wolkenlos und klar wie Kriſtall ſpannte ſich das blaue Himmelsgewölbe über der Erde aus. Heilige Stille überall, ſüße Ruhe in Flur und Hain. Elſe war ſchon wach, als der Dämmerſchein des Morgens noch Schleier über die Erde hing. Geräuſchlos erhob ſie ſich, um die Mutter nicht zu wecken, die mit ihr in einem Zimmer ſchlief. Sie ordnete eilig ihre Morgentollette, ſchob die Fülle ihres Haares, das widerſpenſtig die Freiheit ſuchte, unter das Morgenhäubchen mit dem verhüllenden Spi⸗ tzengekräuſel, band die blauen Schleifen zierlich unter dem Kinn feſt, hing einen Shawl über und ſchlüpfte die Treppen hinauf, nach dem Glaspavillon, der ihr die Ausſicht auf die ganze Gegend geſtattete. Es drängte ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt, den Aufgang der Sonne an dem heilig ſchönen Pfingſttage dort oben zu belauſchen. Alles ruhete noch in den Armen des Schlafes, als Elſe mit flüchtig leiſem Schritte aufwärts ſtieg. Nur in den Geſindezimmern war es ſchon lebendig und die Kaffeemühlen knarrten in den Küchen. Lächelnd ſtreifte Elſen's Blick die Thüren, wohinter Cäſar und Hilmar 137 noch der trägen Ruhe pflegten und den Sonnenaufgang verträumten. 38 Der Glaspavillon, ein thurmähnlicher Ausbau, der von allen Seiten Fenſter und vom Corridor einen be⸗ ſondern Aufgang hatte, war gewöhnlich verſchloſſen, aber der Schlüſſel hing zu Jedermanns Gebrauch dicht neben der ſchmalen Thür, die zu der Wendeltreppe führte. Elſe ſchloß auf, lehnte die Thür leicht an und eilte die Stufen hinauf, welche unmittelbar im Pavillon ausmün⸗ deten. Ein heller Schimmer, der ihr auf der ſonſt ſehr dunklen Treppe entgegenleuchtete, machte ſie ſtutzen. Einer der Wetterläden mußte geöffnet ſein. Wer hatte das ge⸗ than? Sie betrat vorſichtiger die letzten Stufen, denn ſie bemerkte zu ihrem Befremden, daß alle Läden offen ſtanden. Welche Ueberraſchung! Maien ringsum hinter allen Fenſtern! Maien, die ſich im Morgenwinde ſchaukelten, die zu flüſtern und zu lachen ſchienen, die ſich anmuthig an die bunten Fenſterſcheiben ſchmiegten, als wollten ſie hinein zu dem reizenden Mädchen, dem ſie eine Ueber⸗ raſchung ſein ſollten. Von einer Freude überſtrömt, die ſie ſelbſt in ihren Grundelementen nicht gleich erkannte, ſtand Elſe einen, Moment ſprachlos da. Ihre Gedanken flogen einen Au⸗ 1861. III. Die Erben von Wollun. 9 138 genblick in der Irre umher, als ſie ſich fragte:„Wer— wer hat dies gethan?“ Dann hingen ſie ſich an Cäſar feſt, und ein glühen⸗ des Erröthen, eine ſeltſame Bewegung überflog ſie vom Wirbel bis zur Zehe. Raſch trat ſie vor, öffnete den brei⸗ ten Fenſterflügel und neigte ihr Geſicht mit lieblichem Gruße in die Zweige, auf denen das erſte Tageslicht zitterte. Still ſetzte ſie ſich darnach nieder, den Blick gen Oſten gerichtet, wo goldig lichte Wölkchen das Nahen der Sonne verkündeten. Mit tiefen Athemzügen lauſchte ſie dem Erwachen des Tages, unbewußt falteten ſich ihre Hände und eine heilige Stimmung ſenkte ſich wie ein Gottesſegen auf ſie herab. Was ſie heute in ſich wogen und wallen fühlte, das überſtieg alle Schmerzen und alle Luſt, die ihr jemals das Herz berührt. Willenlos gab ſie ſich ihrer Aufregung und ihrer Andacht, die ſich bis zu quellenden Thränen ſteigerte, hin. Willenlos ſank ſie nieder vor dem An⸗ geſichte Gottes, der ſich ihr in der Pracht und Herrlich⸗ keit der Natur offenbarte. Das Auge weit geöffnet, dem keimenden Sonnenglühen zugewendet, die Hände gefal⸗ tet, das Herz im heftigſten Pulſiren— ſo lag ſie un⸗ ſchuldig und rein vor dem höchſten Weſen da, nicht ahnend, daß ein Herz dicht hinter ihr eben ſo heilig 139 und ſüß durchſtrömt, poche und daß ein Auge voller Entzücken die kindlich fromme Regung ihrer Bruſt be⸗ lauſche. Cäſar war ihr leiſe nachgeſchlichen, als er ihren leichten Tritt auf der Treppe vernahm. Er war ſchon lange beſchäftigt geweſen, um das kleine Werk der Ueberraſchung zu vervollſtändigen, und eben erſt damit fertig geworden, als Elſe erſchien. Vorſichtig zog der junge Mann ſich zurück, ließ das Mädchen hinaufſteigen, und konnte ſich dann die Freude nicht länger verſagen, ihr zu folgen. Wie er ſie fand, das überſtieg ſeine Erwartung. Es regte ſein Herz zur leidenſchaftlichſten Zärtlichkeit auf. Was bis dahin ſanft und ruhig an Gefühlen in ihm entkeimt war, das belebte ſich zu feuriger Gluth unter der Macht des bezaubernden Strahles, der, mit dem erſten Sonnenleuchten zugleich, die liebliche Geſtalt gleichſam verklärte. Elſe hörte das leichte Geräuſch hin⸗ ter ſich. Sie wendete ſich ohne zu erſchrecken um. „Cäſar— Sie?“ fragte ſie zitternd vor Bewegung und deutete auf die Maien. „Bewegt Dich das zu Thränen, Du liebliches Kind?“ flüſterte er, erſchrocken in ihr feuchtglänzendes Auge ſchauend. * 140 „Für mich, Cäſar?“ fragte ſie weiter.„Nur für mich?“ 1 „Nur für Dich! Warum zweifelſt Du? Mir ahnte, daß Du den erſten Lichtſtrahl des Pfingſttages hier oben feiern würdeſt.“ „Alſo Du verzeiheſt mir die kecken Worte, womit ich die Huldigungen des armen Hilmar herausforderte 2* fragte ſie kindlich wehmüthig. Cäſar legte ſeinen Arm um die ſchlanke Geſtalt. „Hat Dir mein Tadel ſo weh gethan?“ forſchte er. „Sehr wehl ſehr weh!“ ſprach ſie ganz leiſe und lehnte ihre Stirn an ſeine Bruſt. „Was wirſt Du aber ſagen, Elſe, wenn ich Dir bekenne, daß ich es dennoch nicht bereue, Dich getadelt zu haben?“ erwiederte Cäſar zögernd. 1 Das junge Mädchen richtete ſich ſehr ſchnell auf und ſah ihn mit flammenden Blicken an. „Du ſollſt es auch nicht bereuen!“ rief ſie entſchie⸗ den.„In der Reue läge ja ein Eingeſtändniß des Unrech⸗ tes.— Du aber hatteſt Recht!“ Wäre Cäſar ſeiner Aufregung gefolgt, ſo hätte er ſchon in dieſem Momente mit den Geſtändniſſen glühen⸗ der Liebe das Mädchen in ſeine Arme geſchloſſen. Er ſchwieg jedoch und ließ die Empfindungen in ſich aus⸗ 141 zittern, ehe er wieder zu ſprechen begann. Mittlerweile hatte ſich das Tagesgeſtirn eine Linie höher gehoben und war wie ein blitzender Stern durch die Schleier der Morgennebel gedrungen, die ganze weite Flur mit Pur⸗ purſchein erfüllend. Ruhig wallte das Meer unter dieſem Gluthſchimmer, der ſich in ſeinen Wogen reflectirte. Ein endloſer Spiegel der Himmelspracht zog es ſich im Hinter⸗ grunde dahin, während näher die prächtigſten Baum⸗ gruppen voller Blüthen, reizende Wieſenflächen, die an den Strandflächen von hellfarbigem Sande abgrenzten, Dörfer von Blüthenbäumen umhegt nach und nach aus dem Schleier der Nacht auftauchten. Von dieſem Anblicke gefeſſelt, gedankenvoll und ſchweigend, ſtanden die beiden jungen Menſchen im An⸗ ſchauen verloren da. Auf den goldigen Schwingen des Morgens zogen ſelige Gedanken von Glück in ihre Her⸗ zen, ohne daß ſie es wußten. Die Verklärung in der ge⸗ genſeitigen Anziehungskraft, ließ ſie aber keinesweges in jene ſentimentale Weichlichkeit übergehen, die von ſchmach⸗ tenden Blicken zehrt und die Luft mit ſchweren Seuf⸗ zern füllt. Als die Sonne ſiegreich durch die roſigen Wolken⸗ ſchichten in die Höhe geſtiegen war und die Fluren mit ihrem Glanze überſchüttete, da verließen ſie den Ort, 142 welcher von nun an Erinnerungen in ſich faßte, die nie verlöſcht werden konnten. Aber in wunderbarer Uebereinſtimmung erwähnten ſie weder beim gemeinſchaftlichen Frühſtücke, noch ſpäter⸗ hin ihres Zuſammentreffens im Pavillon. Sie ſchienen Beide ihr Begegniß wie einen Traum, wie ein Vorſpiel künftiger Seligkeit zu betrachten, das feſt in der verſchwiegenen Bruſt bewahrt bleiben müſſe zum Heile der ſpätern Zeit. Allein ſie ſuchten, ebenfalls in merkwürdiger Uebereinſtimmung, keinesweges ein zwei⸗ tes zufälliges Begegnen dort oben zu bewerkſtelligen. El⸗ ſens zarter Sinn würde ſich mächtig dagegen aufgelehnt haben, hätte ihr ſehnſüchtiges Herz dergleichen Einfälle gehabt, und Cäſar wollte aus Grundſatz die Empfindun⸗ gen Elſens durch nichts gewaltſam zu der Liebe ſtei⸗ gern, die er für ſich in Anſpruch nahm. Sein Ver⸗ hältniß zu der Erbin des Hauſes ſollte ſich naturgemäß entwickeln. Wenn er auch mitunter ſchon alle Geiſtes⸗ kraft nöthig hatte, um die verrätheriſchen Zeichen einer ſchnell emporlodernden Neigung zu beherrſchen, ſo ging er doch bis dahin ſtets als Sieger aus der Verſuchung hervor. Nicht ganz ſo taktfeſt war Elſe. Es kamen Mo⸗ mente, wo die glühendſte Hingebung aus Wort und Blick hervorbrach, wo es ſich unwillkürlich verrieth, daß ihr 143 ganzes Denken und Fühlen in dem Beſtreben aufging, Cäſar's werth zu ſein. Was ſagte aber die Majorin Kordall zu dieſer ge⸗ wünſchten Entwirrung aller Familienverhältniſſe? Die Majorin hörte, ſah und bemerkte zufälliger⸗ weiſe gar nichts von den innerlichen Revolutionen, die ihren Wünſchen günſtig waren. Dieſe gute Frau gehörte zu den ſtillen, ächt weiblichen Naturen, denen der Friede mit ſich ſelbſt ſo nöthig, wie die Luft zum Athmen iſt. Fehlt ihnen der Friede mit ſich ſelbſt, ſo weicht auch der Verſtand und die Beurtheilungskraft. Solche ächt weib⸗ liche Naturen wollen immer das Beſte, vergreifen ſich je⸗ doch regelmäßig in den Mitteln und machen dumme Streiche. Gerade ſo geſchah es im Herrenhauſe von Wollun. Frau Kordall hatte mehrere Tage hart mit ſich im Kampfe gelegen, hatte ſich die Sache von allen Seiten überlegt, und war dann zu dem Entſchluſſe gekommen, ſich hartnäckig jeder Frage und jeder liſtigen Andeutung des ſchlauen jungen Mannes zu entziehen, ihm freiwillig keine Aufklärung zu geben und es auf einen Angriff an⸗ kommen zu laſſen. Sie wußte ſich ſicher genug in ihrem Beſitze, um Alles abwarten zu können. Dabei bedachte ſie aber nicht, daß Cäſar gar nichts weiter wußte, als was die höchſt oberflächlichen Teſtamentsbeſtim⸗ 144 mungen beſagten, und daß er berechtigt war von ihr die vertraulichen Eröffnungen über weitere Verfügungen zu verlangen. Da die Majorin Tag an Tag verſtreichen ließ, ohne ihn ihres Vertrauens zu würdigen, ſo mußte er zu dem Glauben kommen, daß er für's Erſte einer ſtillen Prü⸗ fung unterworfen werden ſollte, bevor man ihm das Klei⸗ nod des Hauſes zu übergeben gedenke. Glücklicherweiſe fand er Elſen bereit ihm auf Leben und Tod anzugehö⸗ ren, und dieſe beſeligende Ueberzeugung ließ ihn demüthig des Tages harren, wo das Herz ihrer Mutter ſo weit befriedigt ſein würde, um zu einer Erörterung über Dinge ſchreiten zu können, die eine wahrſcheinlich ſehr ſchnelle Umwandlung aller Verhältniſſe zur Folge haben würde. Er für ſeine Perſon war bereit, Eliſabeth Kordall ohne Wollun und ohne einen Heller Mitgift und Erb⸗ theil in ſeinen Armen durch das Leben zu führen und ſie heilig zu halten, zu lieben und zu ehren bis an ſei⸗ nes Lebens Ende. 3 Er war auch bereit, dieſe Erklärung auf das erſte Wort des Vertrauens von Frau Kordall's Lippen folgen zu laſſen. Sein feſter Entſchluß machte ihn unbeſorgt, allein ruhig war er nicht mehr, nachdem eine Reihe von Tagen vergangen waren, ohne daß ſich in dem Beneh⸗ men dieſer Dame eine weſentliche Veränderung gezeigt 3 145 hätte. Seine Briefe an Lisbeth verriethen deutlich eine gereizte und geſpannte Laune und den ſtehenden Refrain: „Wäreſt Du mit mir gereiſt, ſo wäre Alles anders ge⸗ kommen! Aendert ſich das Benehmen der Majorin nicht bald, ſo komme ich unverrichteter Sache wieder.“ Sechstes Capitel. Der Advokat. Während Cäſar in Wollun Glück und Leid erlebte, dabei aber höchſt ſorgenlos den Tagen entgegenſah, die ihm die Seligkeit eines Erdenlebens verhießen, war Lis⸗ beth auf andere Weiſe geſchäftig geweſen, ihr Glück ſicher zu ſtellen. Unverzüglich nach Cäſar's Abreiſe ſetzte ſie ihr langbeſchloſſenes Rachewerk in Bewegung, und verfügte ſich ohne Aufſchub in höchſt eigener Perſon zu dem be⸗ rühmteſter Advokaten der Stadt, der in früherer Zeit mit ihrem verſtorbenen Vater bekannt geweſen war. Seit Wochen mit dem Plane vertraut, der ihr nach Allem, was ſie darüber gedacht und gegrübelt hatte, zu einer finſtern Nothwendigkeit geworden war, fühlte 146 ſie dennoch bei dem erſten Schritte die Regungen der natürlichen Güte des weiblichen Charakters, die ſie von ihrem Vorhaben zurückzuſcheuchen ſuchten. Sie zögerte das Zimmer zu verlaſſen. Eine wilde Unruhe trieb ſie vorwärts und eine unſichtbare Feſſel hielt ſie zurück. Sie machte endlich ihrem Kampfe ſchnell ein Ende und ging. Durch die tägliche Beſchäftigung mit einem und demſelben Gegenſtande war ihr das Gehäſſige eines ge⸗ richtlichen Anſpruches, der zugleich das Teſtament eines Verſtorbenen angriff, verdeckt worden. Sie räumte ſich in glücklicher Selbſtverblendung nicht einmal mehr den ge⸗ heimen Einfluß ihrer eitlen Wünſche ein, ſondern ſchob den ſyſtematiſchen Verfolg ihres Handelns dem Verhäng⸗ niß zu, das ſie in dieſe Lage gebracht habe. Die lange geübte Täuſchung, die ſie gegen Cäſar erkältet hatte, trug dazu bei, ſie verſtockt gegen die Einwendungen ihres ei⸗ genen Zartgefühles zu machen. Sie hatte Alles auf⸗ gegeben dieſes Erbtheiles wegen, jetzt wollte ſie ihren Ruf wagen, um entweder zu ſiegen oder unterzugehen. Sie trotzte dem Urtheile der Welt, wie ſie Cäſar's Ur⸗ theile getrotzt hatte. Ihr guter Geiſt ſchien gewichen und ſie ſchien dem Weltverderben eiligſt in die Arme zu laufen. Noch einmal, bevor ſie das Haus des Advokaten Burghauſen betrat, noch einmal hielt ſie an und über⸗ 147 dachte, was ſie zu thun beabſichtigte. Sie fühlte, daß ſie ſich durch dieſen Schritt der allgemeinen Beurtheilung übergab, und ſie wußte aus Erfahrung, wie ſehr geneigt die Menſchen zum Tadel waren. Dennoch lockte ſie der zweifelhafte Triumph der Sache— ſie ſchritt muthig in das Haus hinein. Trotzdem ihr Vater vor langen Jahren mit dem Advokaten in freundſchaftlichen Beziehungen geſtanden hatte, war ſie doch völlig unbekannt mit ihm ſelbſt und mit ſeiner Wohnung. Der Herr war alt und grämlich, Junggeſell und in ſo hohem Grade kurzſichtig, daß er ſeine eigenen Schreiber nicht erkannte, wenn ſie unvor⸗ bereitet in ſein Privatzimmer traten. Fräulein Lisbeth hatte auf dieſe Umſtände einen Plan gebaut. Sie wollte ihren Prozeß anonym vortragen und zuerſt nur die Meinung des klugen Advokaten hören. Dazu war nöthig, daß ſie unangemeldet in ſein Arbeits⸗ zimmer zu gelangen ſuchen mußte.. Muthig ſchritt ſie die Treppe hinauf, nachdem ſie von einem Schilde im Flure belehrt worden war, daß der Advokat Burghauſen oben wohne. Eine Glasthür ſchloß den Vorſaal vom Treppen⸗ flure ab, und vom Vorſaal führte abermals eine Glas⸗ thür zu einem weiten, ſehr hellen Zimmer, worin ſechs junge Männer an Schreibtiſchen ſaßen. 4 148 3 So wie die ſilberhelle Klingel der erſten Glasthür, die Fräulein Lisbeth ohne Zaudern geöffnet hatte, er⸗ ſchallte, blickte einer der Schreiber ſchnell auf und mu⸗ ſterte durch die ſpiegelhellen Glasſcheiben der zweiten Thür die Eintretende. Er mochte durch irgend eine Bemerkung ſeine Col⸗ legen in Allarm geſetzt haben, denn ſämmtliche Schreiber reckten die Köpfe und blickten ſo gut ſie konnten nach der Glasthür, wo Lisbeth zu ſehen war. Dieſe, welche mit ſteigendem Unbehagen merkte, daß ſie Parade ſtand, pochte feſt an die Thür und trat ohne das übliche„Herein“ abzuwarten mit zorngerötheten Wangen ein, ſogleich nach dem Advokaten fragend, den ſie zu ſprechen wünſche. Der blaſſe junge Mann, der ſie zuerſt erblickt hatte und die Rolle eines maitre d'honneur zu ſpielen ſchien, ſtand mit leichter Verbeugung auf, deu⸗ tete auf eine Thür im Hintergrunde des Zimmers und ſetzte ſich wieder nieder. Fräulein Lisbeth kam ohne Verzug dieſer ſtummen Weiſung nach und verfügte ſich nach der Thür, welche den Eingang zu des Advokaten Arbeitszimmer bildete. Da ſie erſehen hatte, daß man hier dem ceremoni⸗ ellen Verkehre eben nicht hold war, ſo öffnete ſie dieſe Thür und überſchritt ohne Weiteres die Schwelle derſel⸗ 149 ben, die Thür feſt und ſicher wieder in's Schloß wer⸗ fend. Das Geräuſch weckte den Advokaten aus ſeiner Thätigkeit und er ſah von ſeiner Schreiberei flüchtig in die Höhe. Er ſtand an einem Arbeitspulte, hatte ſeine Brille in das wirre graue Haar hinaufgeſchoben und ſchien in der allerverdrießlichſten Laune zu ſein. Wie geſagt, Lisbeth kannte ihn wenig, aber ſie wußte genug von ſeinen unliebenswürdigen Eigenthüm⸗ lichkeiten, um ihren Muth bei dieſem Anblicke ſinken zu fühlen. Was ihr daher nun an Muth gebrach, das er⸗ ſetzte ſie durch einen gewiſſen Trotz, und trat alſo aus⸗ gerüſtet ganz nahe an den Herrn heran, ihn mit Ge⸗ meſſenheit begrüßend. Der Advokat ſtarrte ſie mit dem ſtüpiden Weſen eines halb Blinden einige Secunden an, ihre Begrüßung durch eine ſteife Beugung ſeines magern Körpers er⸗ wiedernd, ſchob dann ſeine Brille auf die Naſe und fragte in möglichſter Eile: „Was ſteht zu Befehl?“ Lisbeth, äußerſt erfreuet, daß ſie nicht nach ihrem Namen befragt wurde, entgegnete eben ſo eilfertig: „Ich wünſche Ihre Meinung und Ihren Rath in einer Erbſchaftsangelegenheit, mein beſter Herr Burg⸗ hauſen.“ 150 Der Advokat deutete ſchweigend auf ein Sopha und rückte unverweilt einen Stuhl heran, um ſich der Dame gegenüber placiren zu können. Lisbeth lehnte den Sitz ab und blieb ſtehen, wo ſie ſtand, als der Advokat mit allermöglichſter Schnelligkeit rief:„Zur Sache!“ „Wollen Sie das ganze Sachverhältniß hören, mein Herr?“ fragte Lisbeth trotzig zu ihm aufblickend. Er wehrte mit der Hand ab. „Keine langen Geſchichten! Kurz und bündig, was wollen Sie wiſſen?“ „Ich will wiſſen, ob ein Mann das Vermögen ſei⸗ ner erſten Frau dem Kinde aus zweiter Ehe vermachen kann, wenn Erben der erſten Frau da ſind?“ ſprach Lisbeth. „Nein! Das Teſtament kann mit Gründen des Rechtes angegriffen und muß von Rechtswegen um⸗ geſtoßen werden!“ erwiederte der Advokat prompt, wendete ſich aber gleichzeitig mit ſehr verrätheriſcher Geberde zu ſeinem Schreibpulte und ſchien die Audienz als beendet zu betrachten. „Erlauben Sie, Herr Burghauſen,“ rief Lisbeth eilig.„Das war Ihre Meinung über die Sache. Jetzt wünſche ich auch Ihren Rath zu hören.“ „Teſtament angreifen und umſtoßen laſſen!“ ent⸗ 151 gegnete der Advokat.„Das iſt Meinung und Rath zu⸗ ſammen gefaßt.“ „Würden Sie denn die Rechtsvertretung für mich nicht übernehmen wollen?“ fragte das Fräulein neu be⸗ ſeelt und neu ermuthigt. „Ja ſo! Das iſt etwas anders! Sie wünſchen mich als Rechtsbeiſtand zu engagiren?“ „Allerdings. Ich wünſche Ihnen die Sache in aller Form zu übertragen!“ „Dann muß ich den Zuſammenhang wiſſen,“ ent⸗ gegnete der Advokat, war jedoch ſichtlich zerſtreut und mit ſeinen Gedanken längſt wieder bei der verlaſſenen Arbeit.„Sie müſſen mir das Teſtament überantworten, die Gründe zur Enterbung vorlegen—“ „Enterbt ſind wir nicht, mein Herr, ſondern unſer Erbanſpruch iſt uns nur verkürzt—“ „Muß nachgewieſen werden! Gerichtlich feſtgeſtellt werden, wie hoch ſich das hinterlaſſene Vermögen beläuft, um den Betrug conſtatiren zu können.“ „Betrug?“ wiederholte Lisbeth beſtürzt. „Nun oder die Beeinträchtigung! Das bleibt ſich gleich. Es iſt Betrug und heißt nicht ſo.— Wer iſt der Erblaſſer? Ihr Vater?“ „Nein. Mein Großvater. Er heirathete eine reiche 152 Gutsbeſitzerin, die ihm zwei Töchter gebar. Von dieſen Töchtern ſtammen wir ab. In ſpätern Jahren, erſt nach⸗ dem wir ſchon geboren waren, heirathete der alte Herr ein armes Mädchen, bekam noch eine Tochter und ver⸗ machte dieſer das Gut nebſt allen Einkünften, während er für ſeine beiden Enkel eine Rente von dreihundert Tha⸗ lern à Perſon ausſetzte.“ „Vor allen Dingen weiſen Sie mir erſt nach, daß das Gut ihrer Großmutter erb⸗ und eigenthümlich ge⸗ hört hat.“ „Das wäre vielleicht durch den Trauſchein meiner Eltern zu beweiſen, den ich bei mir habe,“ ſagte Lisbeth freudig. „Zeigen Sie. In einem Trauſcheine ſteht das ſonſt nicht.“ „Leſen Sie, mein Herr! Meine Mutter iſt als die Tochter der Beſitzerin von Wollun aufgeführt.“ Der Advokat rückte die Brille in die Höhe und las. „Sonderbar— aber richtig,“ murmelte er.„Nun käme es darauf an, den Werth des Gutes zu taxiren.“ Lisbeth blickte verlegen zu ihm auf. Dafür wußte ſie keinen Rath. „Das muß gerichtlich feſtgeſtellt werden. Wo liegt das Gut?“ fragte er und hielt den mit blaſſer Tinte ge⸗ ſchriebenen Schein dicht an die blöden Augen. 153 „In Oſtpreußen!“ „Langweilige Requiſition! Es währt ewig, ehe man von dort Auskunft erhält. Sie müſſen mir eine Vollmacht ausſtellen. Sie ſind doch mündig?“ „Mündig?“ wiederholte Lisbeth, die ſich ſehr mün⸗ dig fühlte, aber durchaus nicht ſagen konnte, ob ſie es war. „Nun— vier und zwanzig Jahr,“ brummte der Advokat mit einem Blicke in das ſchöne Geſicht des jun⸗ gen Mädchens. „Nein. Ich bin erſt zwei und zwanzig Jahr!“ Der Advokat warf den Trauſchein, den er noch in der Hand gehalten, ärgerlich auf den Tiſch. „Thorheit! Sie wollen einen Prozeß anfangen, und ſind nicht mündig? Sie können gar nichts thun ohne Ihren Vormund. Schicken Sie mir den her. Laſſen Sie ihn das Teſtament des Großvaters mitbringen. Ich will ſehen, ob ſich etwas dagegen thun läßt.“ „Das Teſtament habe ich bei mir,“ verſetzte Lis⸗ beth, die ſich bedeutend eingeſchüchtert fühlte und nicht die mindeſte Luſt verſpürte ihren Vormund, einen Herrn Fritz Webhan, zum Vertrauten ihrer Angelegenheit zu machen. „Zeigen Sie!“ ſprach der Advokat, mit verdrieß⸗ 1861. III. Die Erben von Wollun. 10 154 licher Haſt das Papier ergreifend, das ihm Lisbeth hin⸗ hielt..„ Er las flüchtig, nur ganz überſichtlich, bis ſein Auge auf die Namen„Cäſar Bodenwell und Eliſabeth Burbach“ fiel. Frappirt ſchauete er auf.„Was? Sind Sie des Generalſtabsarzt Burbach's Tochter?“ rief er augen⸗ ſcheinlich freundlicher. Als Lisbeth bejahete, fuhr er fort zu fragen:„ „Und der. Erblaſſer iſt Ihr Großvater Kordall? Ja? Nun, da kann ich Ihnen ſagen, daß gegen dies Teſtament nicht zu remonſtriren iſt. Warten Sie. Ich habe in meinen Privatacten eine Correſpondenz, die Sie aufklären wird. Setzen Sie ſich! Einen Augenblick Ge⸗ duld!“ 8 Fräulein Lisbeth ließ ſich eilig auf den vorhin ver⸗ ſchmähten Platz nieder, denn ſie zitterte vor Spannung und Aufregung. Was würde ſie hören, was erfahren müſſen? Ihr ahnte, daß ſie jetzt eine Aufklärung über den Inhalt der vorgefundenen Briefe Kordall's erhalten würde; ihr ahnte der Zuſammenhang dieſer Briefe mit den Privatacten eines Mannes, der früherhin ein Be⸗ kannter ihres Vaters geweſen war⸗ „Da ha en wir's!“ rief eeber Advokat und zog ein Paketchen mit dem Buchſtaben B bezeichnet aus dem⸗ 155 Schubfache.„Hier, Fräulein Burbach.— In Sachen Burbach contra Kordall.“— Er ſchlug ein Blatt auf, ſetzte ſich ſchnell eine andere Brille auf und las: 9.. „„Auf Ihre höchſt indiskrete und unzuläſſige An⸗ frage nach dem hinterlaſſenen Vermögen meiner ſeit ſieben Jahren verſtorbenen Ehefrau Eliſabeth geborene von Wollugg ſende ich Ihnen beiliegende Abſchrift eines Te⸗ ſaman, woraus Sie erſehen werden, daß meine brave Ehegattin mir ihr ganzes Vermögen bis auf Heller und Pfennig vermacht hat, ohne mich irgendwie im Beſitze deſſelben zu beſchränken. Danach iſt es eine Güte von mir, wenn ich dem Jungen des verſtorbenen Rittmeiſters Bodenwell eine jährliche Unterſtützung von dreihundert Thalern zufließen laſſe, und die Tochter des Doctors Bur⸗ bach hat gar keine Anſprüche an mich, ſo lange ihr Vater lebt. Biſea.“ Todtenbleich ſaß Lisbeth, während der Advokat die⸗ ſen Brief vorlas. Ihre Entrüſtuug über dieſe herzloſen Worte wich einer tiefen Betrübniß, als ſie dabei ihres guten Vaters gedachte. Was mochte er auf dieſen Brief geantwortet haben? Sie wagte die Frage nicht an den alten Advokaten zu ri ten, ſondern ſchickte ſich ſchweigend an, der weitern Verleſüng des Teſtamentes ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu widmen. * 156 Der Advokat ſchlug ein zweites Blatt auf und las weiter: „Dies iſt das Teſtament meiner verſtorbenen Ehe⸗ gattin von mir ſelbſt copirt und von dem Gerichte be⸗ glaubigt. Ich, Eliſabeth von Wollun auf Wollun, verehelicht ſeit dem Jahre 1782 mit dem Lieutenant Cäſar Kordall, im ſchwediſchen Regimente Törnſon ſtehend, erkläre hiermit heute, am achten Januar des Jahres 1799, daß ich dieſen meinen theuren Ehegatten als alleinigen Be⸗ ſitzer meines Gutes Wollun anſehe und ihn nach meinem Tode in unbeſchränktem Beſitze wiſſen will. Niemand auf der Welt ſoll ein Recht haben, ihn aus dieſem Erbe zu verdrängen, und Niemand ſoll ein Recht haben, Rechen⸗ ſchaft über ſeine Verfügungen zu fordern. Alles, was da iſt an Geld und Gut, an Vorräthen und ausſtehenden Forderungen, gehört ihm, und ich gebe ihm kraft dieſes Teſtamentes Freiheit, damit zu ſchalten und zu walten nach ſeinem Ermeſſen, denn ich weiß mich ſeiner Ge⸗ rechtigkeit und Herzensgüte ſicher.“ Selbſt der Advokat Burghauſen ſchien einen Augen⸗ blick erſchüttert von dieſem Ausſpruche einer längſt ge⸗ ſtorbenen Frau, der mit den Handlungen des kürzlich verblichenen Mannes nicht im Einklange ſtand. Es trat eine lange Pauſe ein, die von Lisbeth im vergeblichen 157 Kampfe mit ihren hervorquellenden Thränen zugebracht wurde. „Sie ſehen, mein Fräulein, hier iſt nichts zu ma⸗ chen. Beſtimmter konnte ein letzter Wille gar nicht ge⸗ geben werden, das ſah auch Ihr Vater ein,“ begann der Advokat wieder, indem er Anſtalt traf ſeine Acten wie⸗ der in's Repoſitum zu packen. „Erlauben Sie,“ bat Lisbeth haſtig aufſtehend und legte die Hand auf das Paket.„Darf ich dieſe Papiere nicht leſen?“ Verwundert ſah ihr Burghauſen in's Geſicht. „Weshalb wollten Sie das?“ entgegnete er. „Um die Gründe kennen zu lernen, weswegen mein Vater—“. Sie vollendete nicht. Ihre innere Bewegung erſtickte ihre Stimme. Hatte ihr Vater wirklich die Ver⸗ achtung verdient, die ſich in den kurzen Briefen ihres Großvaters ſichtlich genug ausſprach? Leitete ihn Hab⸗ ſucht zu Schritten, welche den alten Kordall empört zu haben ſchienen? „Die Gründe, liebes Kind?“ antwortete der Advo⸗ kat, der von ihrem Zuſtande gerührt ſchien, ohne ihn ganz richtig aufzufaſſen.„Ihr Vater war Vormund des kleinen Cäſar Bodenwell, und hatte als Vormund nach der Geburt der Kordall'ſchen Tochter zweiter Ehe die Pflicht, ſich um die Nachlaſſenſchaft der Frau Rittmei⸗ 158 ſterin Bodenwell zu bekümmern. Er beſprach die Sache mit mir, und ich übernahm es, eine Anfrage an den Ma⸗ jor Kordall zu richten. Das Reſultat fiel meinem armen Burbach ſchwer auf's Herz und er hat, wie ich glaube, ſpäter Alles gethan, um den alten Mann zu verſöhnen. Es iſt ſchmählich gehandelt, Euch Beide mit einem ſo erbärmlichen Legate zu bedenken, aber ändern läßt es ſich nicht, Fräulein Burbach. Die alte Dame von Wollun würde ſich im Grabe umdrehen, wenn ſie die Folgen ihres unklugen Vertrauens ſehen könnte.“ Fräulein Lisbeth verabſchiedete ſich von dem Advo⸗ katen, der ihr theilnehmend die Hand ſchüttelte, und be⸗ gab ſich gedemüthigt in das Haus ihrer Stiefmutter zurück. „Aendern läßt ſich nichts,“ wiederholte ſie hier, in⸗ dem ſie wie in einem böſen Traume befangen ſtill ihr Zimmer aufſuchte und ſich einſchloß.„Aendern läßt ſich nichts! Mein Unternehmen ſcheiterte alſo beim erſten Angriffe.“ Es dämmerte eine Moglichkeit in ihr auf, die ſie noch tiefer demüthigte. „Sollte Johanne Franke in ihrer Gutherzigkeit den einzigen Weg haben einſchlagen wollen, durch den eine Vermittlung aller Intereſſen möglich wurde?“ ſeufzte ſie, 159 reuig der trotzigen und ſelbſtſüchtigen Weiſe gedenkend, womit ſie ſich von Cäſar getrennt hatte. Dieſe ſanfte Gemüthswallung erſtarb aber alsbald wieder und machte einer Erbitterung Platz, die den Todten die Grabesruhe mißgönnte. Die Quelle ihres Unmuthes änderte ihren Lauf. Sie geſtand es ſich ein, daß ihr Großvater Derjenige ſei, welcher den meiſten Tadel verdiente. Hatte er unter dem Einfluße ſeiner zweiten Frau gehandelt, ſo zeigte er eine nicht ehren⸗ werthe Schwäche. Der Schluß des Teſtamentes, welches ihn in den Beſitz des Wollun'ſchen Vermögens ſetzte, mußte ihn mahnen, den Enkeln der frühern Eigenthü⸗ merin gerecht zu werden. Statt deſſen wies er ihren An⸗ ſpruch mit brüskem Tone zurück und erklärte es für eine Güte ſeinerſeits, daß er dem Sohne ſeiner Tochter eine Unterſtützung zufließen laſſe. Nachdem Lisbeth ſich müde gedacht und müde ge⸗ ärgert hatte, legte ſich der Sturm in ihrer Bruſt und ging in eine dumpfe Reſignation über. Sie ruhete auf den Trümmern ihrer Wünſche und Hoffnungen. Das Scheitern ihrer Träume von Glanz und Reichthum ſchmerzte ſie nicht mehr, ſondern machte ſie nur ſehr miß⸗ launig und verdrießlich. Für ihren Charakter war von dem Einfluße dieſer Erfahrung wenig zu fürchten, da ihr angeborenes, em⸗ 160 pfängliches Temperament hinlänglich kräftig von edeln Eigenſchaften unterſtützt wurde, um fleckenlos aus der⸗ ſelben hervorzugehen. Viel eher war ihr Gemüth in Ge⸗ fahr von den Regungen ihrer Galle erkältet und ver⸗ härtet zu werden. Der erſte Brief Cäſar's, der am Tage vor Pfing⸗ ſten geſchrieben war, aber drei volle Tage gebraucht hatte, um in ihre Hände zu gelangen, zerſtörte die Kraft der böſen Laune. Der Brief befriedigte ſie. Der ſchwär⸗ meriſche Erguß ſeiner Gefühle für Elſe betrübte ſie nicht. Was er zu ihrem Lobe ſagte, das traf gleichſam ſie auch, weil er immerfort die Paralelle zwiſchen ihr und Elſe zog, um eine gewiſſe Charakterähnlichkeit dar⸗ zuthun. Die kindliche Sanftmuth und Fröhlichkeit dieſes weit jüngern Mädchens fand ſie natürlich. Dagegen ſchmeichelte es ihrem Geiſte, daß Cäſar kleinlaut zugab, eine ganz andere Dame gefunden zu ha⸗ ben, als die einfache Johanne Franke. Sie las es zwi⸗ ſchen den Zeilen, daß er von der Majorin Kordall nicht erbauet war. Die kleinen Seitenhiebe auf das unerwar⸗ tete Embonpoint der Dame ergötzten ſie. Aus dem gan⸗ zen Briefe ging ſichtlich hervor, daß Cäſar noch im völligſten Dunkel tappte, während ſie von allen Verhält⸗ niſſen klar unterrichtet war. Da ſie aber feſt beſchloſſen hatte, die Briefe Cä⸗ 161 ſar's nicht zu beantworten, ſo kam ſie nicht in Ver⸗ ſuchung ihre Wiſſenſchaft zu verrathen. Sie fühlte ſich nach dieſen Nachrichten wieder neu angeregt, und harrte mit großer Spannung auf den zweiten Brief. Während des Pfingſtfeſtes hatte die gewöhnliche Reihefolge der langweiligen Familien⸗Gaſtmähler in der Verwandtſchaft ihrer Stiefmutter ſtattgefunden, und einige Tage nach dem Feſte traf die verwitwete Doctorin Bur⸗ bach Anſtalt, in ihrem Hauſe auch ein derartiges Feſtin zu arrangiren. Die häusliche Einrichtung dieſer Tochter des Stam⸗ mes Webhan entſprach ihrem Vermögen, aber was an Behaglichkeit, Gemüthlichkeit und noblem Geſchmack darin vorherrſchend war, das verdankte ſie dem gebildeten, fei⸗ nen Sinne des verſtorbenen Doctors Burbach. Lisbeth's Stiefmutter gehörte zu jenen Frauen, denen man durchweg nachſagt, daß ſie„gut“ ſeien. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß hiermit der Begriff von großer Klugheit nicht verbunden iſt. Von der practiſchen Seite betrachtet ſind jedoch dieſe guten Frauen am glück⸗ lichſten in ihrer Pflichterfüllung. Ihr Horizont iſt eng. Die Sterne ihres Daſeins ſind den irdiſchen Elementen ſehr nahe und nach vollbrachtem Tagewerk ſchlafen ſie vortrefflich, weil ihr Geiſt nie beunruhigt und ihre Phan⸗ taſie nie aufgeregt iſt. 162 Die Familientugend des Stammes Webhan war eine pedantiſche Sanftmuth, welche ſich in Wort, Blick, Urtheil und Bewegung ausſprach. Man begrüßte, man beklagte, man bewunderte und freuete ſich im langſam⸗ ſten Tempo, lobte mit dem Buchſtaben„J—“ und tadelte mit dem Buchſtaben„O—“. Die Familie Webhan bildete in der Stadt einen Zirkel für ſich. Ob aus Grundſatz, weil ſie ſich für anders conſtruirt hielt, wie andere Menſchen, das läßt ſich nicht verrathen. So viel iſt gewiß, daß ſie ſich ge⸗ genſeitig ungeheuer bewunderten und für fremdes Ver⸗ dienſt nur einen ſanftmüthig⸗kalten Blick hatten. Was nicht Webhan hieß, intereſſirte ſie nicht. Dieſe guten Leute waren es alſo, die am Mittwoch nach Pfingſten in ihren glänzenden Karoſſen vor das Burbach'ſche Haus rollten und der Familienetikette ge⸗ mäß an der Hausthür von einem reichgallonirten Lohn⸗ diener in Empfang genommen und die Treppe hinauf⸗ geleitet wurden. Es war eine Mittagféte. Fräulein Lisbeth hatte ſich nach dem Tode ihres Vaters veranlaßt geſehen, ſich nicht mehr zu den Familienféten in andern Häuſern des Stammes Webhan zu verfügen. Im Hauſe ihrer Stief⸗ mutter nahm ſie aber den erſten Platz als Tochter des Hauſes in Anſpruch, während Hedwig Burbach, ein fröh⸗ 163 liches fünfzehnjähriges Mädchen, welches ihre Stief⸗ ſchweſter innig liebte, die zweite Stelle einnahm, aber von den Großhäuptern der Familie als Repräſentantin der Abkömmlinge von Marie Webhan verehelichte Bur⸗ bach betrachtet und behandelt wurde. Hedwig, die viel mehr Burbach'ſches, als Webhan'⸗ ſches Blut in ihren Adern hatte, wußte ſich jedoch jeder⸗ zeit prächtig aus dieſer Schlinge zu ziehen, die ihr ge⸗ legt wurde. Sie lehnte ſich ſogar feſt und entſchieden da⸗ gegen auf, wenn ſie bemerkte, daß etwas im Werke war, was ihre Stiefſchweſter zurückſetzen könne. 4 Hedwig meinte es gut mit Lisbeth, allein ſelbſt in ihrem Auftreten für ſie lag eine Demüthigung. An dieſem Mittage ſchien man es darauf angelegt zu haben, Fräulein Lisbeth mit der ſanftmüthigſten Malice nach ihrer reichen Erbſchaft zu fragen, und Lisbeth hatte den Muth, jeder Nachfrage mit der Erklärung zu begegnen, daß ihr eine Rente von dreihundert Thalern zugefal⸗ len ſei. Man fand dies ſo wenig überraſchend, daß dem Fräulein Lisbeth der Argwohn aufſtieg, die Familie ſei ſchon über ihr Mißgeſchick unterrichtet geweſen. Ihr Argwohn beſtätigte ſich, als ſich die Gäſte unter dem ſteifen Ceremoniell einer fürſtlichen Cour ge⸗ 164 reihet und ſie ihren Platz neben einem der jungen Web⸗ han's gefunden hatte. Der junge Herr führte den Namen Arthur, und da ſich bis dahin in der Familie nur die Namen„Fritz, Heinrich, Auguſt, Karl und Wilhelm“ zeigten, die immer von Neuem aufgelegt, einen Fritz senior und junior, einen Heinrich senior und junior etc. präſentirten, ſo konnte man bei dieſem einzigen Arthur wohl behaupten, daß er von ſeiner Taufe an aus der Art geſchlagen war im ſchlimmſter Bedeutung des Wortes. Herr Arthur Webhan war der klügſte Knabe in der ganzen Familie geweſen. Sein induſtriöſer Sinn hatte ihn verlockt, den Schreibſchrank ſeines Vaters ſchon im vierzehnten Jahre ſeines Lebens ohne den dazu ge⸗ hörigen Schlüſſel zeitweiſe zu öffnen, um ſein ohnehin reichliches Taſchengeld möglichſt zu vermehren. Die Ge⸗ ſchichte wurde entdeckt, als er eines Tages ſtatt einer Rolle Viergroſchenſtücke eine Rolle mit Goldſtücken er⸗ griffen hatte. Er geſtand ſeinem Vater ein, daß dies aus Verſehen geſchehen ſei, und es wurde ihm väterlich, men⸗ ſchenfreundlich, verziehen, weil er noch wenig davon ver⸗ braucht hatte. Danach erklärte Herr Arthur Webhan, welcher der Großmacht des Stammes Webhan angehörte, daß er nicht Luſt habe Kaufmann zu werden. Es ſchien ihm nach ſeinen jugendlichen Erfahrungen im Felde der 165 gewagten Induſtrie ein Schauder gegen jede Induſtrie eingeflößt zu ſein. Genug, Herr Arthur Webhan hatte Jura ſtudirt, in der löblichen Abſicht, Juſtizminiſter zu werden. Allein nachdem er durch acht Semeſter hindurch Student ge⸗ weſen und in dem Auskultatorexamen auf die Wahr⸗ heit geſtoßen war, daß„Aller Anfang ſchwer ſei“, ſo bebte er vor der Schwierigkeit ſeines Unternehmens zu⸗ rück, und zog es vor, im Hauſe ſeines Vaters das Genie zu ſpielen, wozu ihn vielleicht weniger ſein Geiſteszuſtand als ſeine Charakterfehler vollſtändig befähigten. Herr Arthur Webhan hatte ſich kaum an der Seite ſeiner Nachbarin Lisbeth zurecht gerückt und den erſten Teller Suppe aus der Hand des reichgollonirten Lohn⸗ dieners— dieſer unumgänglich nothwendigen Zugabe bei den Webhan'ſchen Familiendiners— erhalten, als er ſein Geſpräch mit dem Fräulein lebhaft einleitete, indem er ſehr laut ſprach: „Sie wollen das Teſtament ihres alten verrückten Großvaters umſtoßen, mein Fräulein, das iſt weiſe von Ihnen.“ Lisbeth ſah den jungen Mann groß an. Am lieb⸗ ſten hätte ſie ihm gar nicht geantwort, allein ihre Pflicht als Tochter des Hauſes erheiſchte dieſe Artigkeit. „Erlauben Sie, Herr Arthur—„ich wollte“, muß 166 es heißen, und da Sie gut unterichtet ſcheinen, ſo ſollten Sie auch dies wiſſen.“ „Sie wollten? Haben es alſo aufgegeben? Warum das?“ „Weil ich, ohne Jura ſtudirt zu haben, einſehe, daß ein Mann mit ſeinem ihm geſchenkten Vermögen machen kann, was er will.“ „Pah! Wenn Sie Jura ſtudirt hätten, ſo wür⸗ den Sie wiſſen, daß man dergleichen unvernünftige Ver⸗ mächtniſſe, wie das Ihrer ſeligen Großmutter, angrei⸗ fen kann.“ Eine freudige Regung durchglitt Lisbeth's Herz. Alſo noch nicht verloren, dachte ſie, während Herr Arthur fortfuhr: „Sie müſſen ſich nur an den rechten Mann wen⸗ den!“ „Ich habe den Advokaten Burghauſen conſultirt— ich dächte, das wäre wohl ein„rechter Mann“.“ „Pah! Ein Rechtsanwalt aus der alten Schule. Schwerfällig von Begriffen, pedantiſch ehrlich!“ Das Wort ſchlug wie ein Blitzſtrahl in den um⸗ nachteten Geiſt des Fräuleins ein und zertrümmerte die aufglimmende Hoffnung.„Pedantiſch ehrlich!“ wieder⸗ holte ſie in Gedanken, und lächelte ſpöttiſch, als ſie dar⸗ auf erwiederte: 167 „Was meinen Sie mit dieſer Beziehung?“ „Wie kann Advokat Burghauſen ſo dumm ſein, im Teſtamente Ihrer Großmutter einen Grund zur Ab⸗ lehnung eines Prozeſſes zu finden? Gerade ein Grund zum Angriffe liegt darin, mein Fräulein.“ „Ei, Sie machen mich neugierig!“ entgegnete Lis⸗ beth, von nun an immer mit einer leichten Beimiſchung von Sarkasmus ſprechend. „Hätten Sie den jungen Advokaten Schelling ge⸗ ſtern gehört—“ „Ueber meinen Prozeß?“ fragte Lisbeth erſchrocken. „Wovon weiß denn Schelling davon?“ Herr Arthur lächelte fein.„Ja, wovon weiß er?— Der blaſſe Büreauchef des Burghauſen wird es ihm ge⸗ ſagt haben. Er ſteht mit ihm in einem kleinen Con⸗ tracte—“ „A— ich verſtehe!“ unterbrach ihn Lisbeth.„Pro⸗ zeſſe, die der pedantiſch ehrliche Burghauſen nicht auf⸗ nimmt, die ſind dem neumodig gebildeten Advokaten Schelling genehm?“ „Nun? Was ſpötteln Sie denn darüber, mein Fräu⸗ lein? Wenn Ihr Prozeß zum Beiſpiel in Schelling's Hände käme und Sie gewännen ihn?“ Lisbeth wurde von Schaam und Verdruß über⸗ 168 fluthet. Sie dachte des Tages, wo Cäſar wieder ein⸗ treffen und von ihren Handlungen in Kenntniß geſetzt werden würde. Als ſie die Antwort ſchuldig blieb, fuhr Arthur fort: „Schelling behauptete, gerade in dem abſchriftlich vorhandenen Teſtamente der frühern Beſitzerin von Wol⸗ lun lägen die Angriffspunkte des Prozeſſes.“ „Ei, das wäre? Kennt denn Schelling die Abſchrift dieſes Teſtamentes?“ „Wort für Wort! Er ſagte, daß die Klauſel der Teſtatorin von der Gerechtigkeit und Gutherzigkeit des Majors Kordall gar nicht mit Geld zu bezahlen ſei.“ „Und weswegen?“ „Weil man durch Beweiſe von der Niederträchtig⸗ keit des alten Mannes, der ſich gegen ſeiner erſten Gat⸗ tin legitime Erben wie ein Räuber und Dieb benom⸗ men, das Teſtament von dieſer Seite angreifen und die ernannte Erbin Eliſabeth Kordall dergeſtalt einzuſchüch⸗ tern vermöchte, daß ſie ſich zu jedem Vergleiche beque⸗ men würde.“ „Daran muß freilich der alte Advokat Burghau⸗ ſen nicht gedacht haben.“ „Pah, der alte Burghauſen iſt hundert Schritte hinter ſeiner Zeit zurück. Was er zur Zeit ſeiner Ju⸗ 169 gend gelernt hat, das käuet er wieder, ohne ſich um die Fineſſen des Rechtes zu kümmern, die ungleich höher zu verwerthen ſind, als er ſie zu verwerthen verſteht. Soll ich Ihnen morgen den Advokaten Schelling herſchicken? Er brennt darauf, Ihnen zu dienen.“ „Ich danke für ſeinen Beiſtand!“ „Seien Sie doch nicht unvernünftig, Lisbeth. Schel⸗ ling ſagt, es ſolle nicht ein Vierteljahr darüber ver⸗ gehen, und er wolle die Frauen da oben in Oſtpreußen dergeſtalt in's Bockshorn gejagt haben, daß ſie über Hals und Kopf das Feld räumen würden.“ „Das ſind Rodomontaden Ihres guten Freundes Schelling!“ „Beileibe nicht, Lisbeth. Der Kerl hat famoſen Esprit! Dem glückt Alles, was er angreift. Der Schel⸗ ling verſteht es, aus Viergroſchenſtücken Louisdore zu machen.“ Lisbeth, in Erinnerung an Arthur's Jugendſtreich, konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken. Sie fühlte ſich vollſtändig erheitert von dem Eifer ihres Nachbarn, der erſt jetzt bemerkte, daß ſein Vergleich an eine odiöſe Vergangenheit erinnern könne. Er nahm ſein Glas und trank es, gleichſam zur Herzensſtärkung, bis auf den Grund aus. „Sie würden es alſo gut heißen, Arthur,“ ſprach 1861. III. Die Erben von Wollun. 11 170 Lisbeth, ſein etwas verlegenes Schweigen unterbrechend, „wenn wir die Ungerechtigkeiten meines Großvaters be⸗ nutzten, um ebenfalls Ungerechtigkeiten zu üben?“ „Kommen Sie mir nur nicht mit Ihren edelmü⸗ thigen Anſichten!“ rief Arthur etwas mehr aufgeregt als vorhin.„Wenn Sie Jura ſtudirt hätten, ſo würden Sie wiſſen, daß da, wo unſer Vortheil anfängt, unſer Edelmuth aufhört.“ „O, um das zu erlernen, würde ich nicht nöthig haben, vier Jahre auf einer Univerſität zu zubringen. Ich meine, ein Tag im Comptoire Ihres Vaters möchte hinreichen, die Wahrheit dieſes Prinzips zu verdeut⸗ lichen.“— „Scherz bei Seite. Soll ich Ihnen morgen den Advokaten Schelling ſchicken?“ „Nein! Ich ſehe den Erfolg der ſophiſtiſchen Rechts⸗ ſtudien nicht ein.“ 3„Hören Sie nur erſt, was Schelling über die Rechte Ihrer Anſprüche ſagt.“ „Nein! Ich will gegen die Erben meines Groß⸗ vaters keinen Prozeß einleiten. Daß ich den Rath eines Sachverſtändigen ſuchte, kann mir Niemand verdenken. Allein nach den erhaltenen Aufklärungen zur Wiederho⸗ lung eines Verſuches dieſer Art zu ſchreiten, wäre ent⸗ ehrend für mich!“ 171 ich dem Advokaten Schelling das ſage, ſo lacht er ſich krank!“ „Mag er ſterben am Lachkrampfe,“ fiel Lisbeth mit geſteigerter Erbitterung ein,„ich will ihn nicht retten vor dieſem Tode durch das Aufgeben meiner Selbſt⸗ achtung. Lieber hungern, als ungerecht ſchwelgen, heißt mein Wahlſpruch. Uebrigens rathen Sie dem Advokaten Schelling, ſich mit dem blaſſen Büreauchef des Burg⸗ lauſcht haben, um das Alles erfahren haben zu können, was er weiß. Die Erbſchaftsangelegenheit meines Groß⸗ vaters ruht in den Händen meines Vetters Cäſar Boden⸗ well, und deſſen Stellung im Gerichte iſt von der Art, daß er Rechenſchaft über unbefugtes Plaudern fordern kann.“ Ihr Geſpräch ſchloß ſich mit dieſen letzten Worten, denn Herr Arthur beliebte eine Gegenrede nicht zu ver⸗ ſchwenden, und wendete ſich von da an mit keinem Blicke und mit keinem Worte zu einer Dame, die viel zu niedrig, nach ſeinen Begriffen, in der Welt da ſtand, um fernerhin beachtet zu werden. „Drei hundert Thaler Renten!“ hörte ihn Lisbeth bisweilen murmeln, und ein beleidigendes Lächeln um⸗ ſpielte dann ſeine Lippen. * „Nun, das iſt neu, wahrlich, das iſt neu! Wenn hauſen in Acht zu nehmen; der Mann muß uns be⸗ 172 Dafür widmete Herr Arthur Webhan ſeine ehrende Aufmerkſamkeit nun der übrigen Unterhaltung, die ſich um Stadtneuigkeiten drehete. Er erzählte, daß am näch⸗ ſten Tage eine Escadron Kavallerie einrücken werde. Man wußte dies allerdings ſchon, allein da es vom „Genie“ des Hauſes Webhan mitgetheilt wurde, ſo ging ein allgemeines freudiges„J— J— J—“ ſchrillend wie Sperlingsgeſchrei durch die Reihen der ehrſamen Familienmitglieder, und ſchreckte Lisbeth aus ihrer ſtil⸗ len Gedankenwelt auf, wohin ſie ſich, der Erholung be⸗ dürfend, zurückgezogen hatte. Sie hörte zerſtreut zu, als Herr Arthur ſich mit ſeinen eingeholten Nachrichten über verſchiedene der Offiziere breit machte, und lächelte verächtlich, als das älteſte Oberhaupt des Zirkels ſeinen Widerwillen dagegen erklärte,„irgend einem dieſer Kavallerieoffiziere ſeine geſelligen Kreiſe eröffnen zu müſſen“. Herr Arthur, genial durch und durch, emancipirt von manchen altherkömmlichen Sitten und der Vormund ſeiner Eltern, wenn es darauf ankam, ſeinen Willen durchzuſetzen, gerieth über dieſe Erklärung des Ober⸗ hauptes in Zorn und gab kund,„daß ſein Vater den Offizieren freie Tafel und offenes Haus halten werde“. Einige ſanftgehauchte:„OO—!“ verhallten 173 ohne Wirkung, denn es ſchloſſen ſich ſogleich die jüngern Glieder des Stammes Webhan dem„Genie“ an und offerirten ihre Gaſtfreiheit im gleichen Maße. Triumphirend blickte Herr Arthur rund um. Seine Herrſcherkraft wuchs. Dem Genie iſt ja Alles möglich. Lächelnd fuhr er fort: „Der Chef dieſer Reiterei ſoll ein närriſcher Kautz ſein. Er hat einen großen Bengel bei ſich, der ihn Papa nennt, und man ſagt ſich's in die Ohren,„mit Recht Papa nennt“. Da dieſer Chef aber keine Frau hat, ſo i*ſt die Sache doch höchſt unſauber. Wir werden gut thun, dieſen Kerl mit Verachtung zu ſtrafen und ihn von un⸗ ſern Geſellſchaften auszuſchließen.“ Ein beifälliges Murmeln belohnte ſeine feinen Gefühle für Moralität. Lisbeth aber fragte ihn: „Wie heißt denn der unglückliche Sterbliche, über den Sie ohne weitere Nachforſchung den Bann aus⸗ ſprechen?“ Sie erhielt keine Antwort. Entweder wußte er den Namen des Obriſtwachtmeiſters noch nicht, oder es beliebte ihn gegen eine junge Dame, die nur dreihundert Thaler Renten zu verzehren hatte, den Nachläſſigen zu ſpielen. Es war des Schickſals Tücke, daß dem jungen Mädchen dieſer Name vorenthalten blieb. 174 Herr Arthur augenſcheinlich ſehr befriedigt von der allgemeinen Aufmerkſamkeit ſeiner Familie fuhr fort: „Wir müſſen dieſe Anordnungen treffen, um uns den Reiteroberſt vom Halſe zu halten, denn er ſoll die Unverſchämtheit haben, ſeinen Filius ungebeten mit zu bringen, wenn man ihn einladet. Dazu iſt er ein Wüthe⸗ rich, der die Piſtolen immer in der Hand hat, um dem⸗ jenigen eine Kugel in die Bruſt zu jagen, welcher ſich einen ſchiefen Blick gegen ſeinen großen Jungen, der einem Orang⸗utang gleichen ſoll, erlaubt. Zwei ſeiner Kameraden haben ſchon für dieſe Sache bluten müſſen.“ „O! O! O! O!“ flog es wie Geiſterhauch durch das Zimmer. Es ſchien Niemand ein entſprechenderes Wort für die Entrüſtung ſeiner Seele zu finden. Lisbeth lachte heimlich, Hedwig aber, der dies Stöh⸗ nen zu komiſch vorkam, lachte laut. „Da iſt gar nichts zu lachen, meine jungen Da⸗ men!“ fiel Arthur mit knabenhafter Empfindlichkeit ein. „Ich bitte mir aus, daß Sie bei meinen ernſthaft ge⸗ meinten Vorſtellungen ſich nicht einer ungehörigen Hei⸗ terkeit hingeben.“ Lisbeth hatte nur flüchtig ihren Mienen den Aus⸗ druck einer innerlichen Verſpottung geliehen und ſah des⸗ halb mit natürlichem Erſtaunen in das Geſicht des jun⸗ 175 gen Herrn, während Hedwig für ſie das Wort nahm⸗ um höchſt übermüthig zu fragen: „So? Mein Herr Couſin verlangt wohl, daß ich ſeine gnädige Erlaubniß abwarten ſoll, um zu lachen?“ „Es war ja nur Hedwig, unſer Kind, welche lachte,“ ſprach das Oberhaupt des Stammes Webhan. Mit dieſer Beſchwichtigung war die Sache abgethan, aber in Lisbeth's Bruſt grollte es um ſo nachhaltiger. Die Grenze zwiſchen ihr und der Familie ihrer Stief⸗ mutter erweiterte ſich mit jedem kleinen Vorfalle zu einer Kluft, und es war vorauszuſehen, daß der Tag kommen mußte, wo ihr der Aufenthalt in dem Hauſe derſelben unerträglich wurde. Was half es ihr, daß ihre Stief⸗ mutter ſelbſt die ſanftmüthigſte Miene zeigte und ihr nichts in den Weg legte? Was half und nützte es ihr, daß Hedwig mit keckem Frohſinn immer ritterlich für ſie geſinnt war? Ja, wenn ſie ſich unentbehrlich hätte ma⸗ chen können? Aber man hatte Geld genug, die Hände zu bezahlen, die für das Haus und die Kinder ſorgten, man brauchte Fräulein Lisbeth nicht und fütterte ſie nur um Gotteswillen mit der ſanftmüthigen Duldſamkeit, die ſchlimmer iſt als Unfrieden. Es vergingen einige Tage nach dieſem Familien⸗ diner. Lisbeth erhielt einen zweiten Brief von Cäſar, worin er faſt ängſtlich ſeiner Zukunft erwähnte, ſehr 176 offenherzig ſeine ſchnell emporlodernde Liebe für Elſe einräumte, aber in Rückſicht auf die Majorin Kordall Zweifel und herben Tadel ausſprach. Er geſtand es mit ſo liebenswürdiger Manier ein, daß ihm Lisbeth's Scharfblick überall fehle, daß das junge Mädchen zum erſtenmale von dem Gedanken„ihm nachzureiſen“ heimgeſucht wurde. Es beunruhigte ſie, daß Cäſar aus ſeiner gewöhnlichen Gemüthsſtimmung geriſſen zu ſein ſchien. Von Jugend auf daran gewöhnt, Freud und Leid mit ihm zu theilen, fühlte ſie einen Beruf in ſich erwachen, ſein Schickſal in glückverheißende Bahnen zu lenken. Der Tadel, den er, beiläufig nur, über Frau Kor⸗ dall ergehen ließ, machte ſie ſtutzen. Sollten nicht Miß⸗ verſtändniſſe zwiſchen dieſe zwei Menſchen getreten ſein, die doch allem Anſcheine nach bis dahin die alte Anhäng⸗ lichkeit bewahrt hatten? Sie kannte Cäſar gut genug, um zu wiſſen, daß er fähig ſei, mit einem gewiſſen ceremoni⸗ öſen Weſen den Anſtrich von Kälte anzunehmen, wäh⸗ rend ſein Inneres von warmen, lebhaften Gefühlen bei⸗ nah überfüllt war. Sie ſelbſt hatte ſonderbarerweiſe jetzt häufig Anwandlungen von Sehnſucht nach der Majorin und ſtellte ſich das Wiederſehen zwiſchen ihnen weit herz⸗ licher vor, als in der Zeit, wo es ihr frei geſtanden, daſſelbe herbeizuführen. Die Schwankungen in ihrem Weſen deuteten ganz ſicher darauf hin, daß der Trotz 177 in ihr zum Wanken gebracht war, und daß es nur einer geringfügigen Veranlaſſung bedürfe, um denſelben von der natürlichen Güte ihres Temperamentes bewältigt zu ſehen. Siebentes Capitel. Der Obriſtwachtmeiſter. Mittlerweile waren die ſtattlichen Kavalleriſten in der Stadt eingetroffen und hatten ſo ziemlich die ganze Bevölkerung in Allarm gebracht. Es war etwas Neues, Soldaten auf den Straßen zu ſehen, und die ritterliche Haltung der großen, ſtarken und gutgeſchulten Männer war wohl geeignet, den neugierigen Mädchenaugen zu gefallen. Vornehme und Geringe blickten verſtohlen den Reitern nach. Manches unverſuchte Herz pochte beim Anblicke der geharniſchten Männer, welche die Phantaſie in die Ritterzeiten zurückführten, die ſie aus Romanen aller Arten lieben gelernt hatte. Auch im Hauſe der Doctorin Burbach machte der Einzug der Reiter Epoche. Die Mägde ſendeten ihre feurigſten Blicke aus, um den„Einzigen“, der ihr Herz rühren könne, zu ſuchen; vͤͤͤͤͤͤſͤſſſſſ 178 die Kinder des Hauſes jauchzten beim Schalle der Trom⸗ peten, und Hedwig, das luſtige Töchterchen, blickte ziem⸗ lich herausfordernd aus den großen Spiegelfenſtern auf die fröhliche Reiterſchaar nieder. Hedwig war nicht hübſch, aber ſie war elegant ge⸗ kleidet, und das Burbach'ſche Haus zeigte ſich ſo ent⸗ ſchieden noble, daß die Blicke des Obriſtwachtmeiſters von Wollun zu ihr gelenkt wurden und er ſpäter Gelegenheit nahm, nach dieſem Fräulein zu fragen. „Fräulein Burbach 2“ wiederholte er, als die Ver⸗ muthung aufgeſtellt wurde, daß das Burbach'ſche Eta⸗ bliſſement ſeiner Schilderung entſpreche.„Fräulein Burbach? Wie iſt mir denn? Habe ich nicht der guten Majorin Kordall hinſichts dieſer Burbach ein Verſprechen geleiſtet? Ja wohl! Was war denn das? Himmel⸗ element, ich weiß nicht ein Wort mehr von dem Auf⸗ trage, den ſie mir gegeben, und hätte das Dämchen nicht neugierigerweiſe zum Fenſter herausgeſehen, ſo würde ich's wahrlich ganz vergeſſen haben. Ich war aber auch in einer ganz verwünſcht ärgerlichen Stimmung, als ich von Wollun fortritt. Gott gebe, daß ich keine thörichten Streiche gemacht habe, indem ich meinen Jungen dort einquartirte. Ich werde ihm ſchreiben, daß er un⸗ verzüglich aufbrechen und hieher kommen ſoll. Weiß der Himmel, was ich mir vorphantaſirt habe— jetzt wird mir 179 himmelangſt, wenn ich daran denke. Ja, ja— mein alter Papa hat Recht, wenn er behauptet,„ein Wollun ſei ein geborener Querkopf und ſterbe auch als ein ſolcher“. Selbſt das Schwabenalter, die leidigen vierzig Jahre, erretten uns nicht von unſerer Dummheit, ſonſt würde ich auf ſolche Dummheit nicht verfallen ſein, wie ich ausführte! Burbach? Burbach? Was mag es nur geweſen ſein? Was hat mir die Majorin doch an's Herz gelegt?“ Nachdem der wackere Kriegsheld ſich vergeblich be⸗ müht hatte, ſein ungetreues Gedächtniß auf den ſo nahe liegenden Auftrag der Majorin zu bringen, beſchloß er, beiläufig der jungen Dame, die durch ihre Großmutter mit ihm verwandt war, eine Viſite zu machen und ihr in Ermanglung anderer Gründe, Grüße von der Majo⸗ rin auszurichten. Er hatte dann ſein gegebenes Wort einigermaßen gelöſt und ſprach ſich, im Bewußtſein ſei⸗ nes guten Willens von allen andern Verpflichtungen frei. Danach geſchah es denn eines Morgens nach ab⸗ gehaltener Parade, daß ſich der Obriſtwachtmeiſter von Wollun im vollen Paradeſchmuck, geſchmückt mit den vielen Orden, die ein Zeugniß ſeiner enormen Tapfer⸗ keit als Jüngling waren, im Hauſe der Doctorin Bur⸗ bach einſtellte und die ganz verwirrt entzückte Haus⸗ jungfer um Meldung beim Fräulein Burbach bat. 180 Die Jungfer lief, in froher Beſtürzung über den ſchönen Offizier, pfeilgeſchwind in's Zimmer ihrer Da⸗ me, woſelbſt Hedwig einſam am Fenſter träumte, und entledigte ſich des ihr gewordenen Befehles. Zitternd er⸗ hob ſich das junge Mädchen von ihrem Sitze, und alle Ritterromane, die ſie jemals in ihrem jungen Leben ge⸗ hört und geträumt, liefen durch ihr aufgeregtes Gehirn, um die Verwirrung in ihr vollſtändig zu machen. Ihre Mutter war nicht zu Haus. Ihre Stiefſchwe⸗ ſter Lisbeth bewohnte ſeit dem Tode ihres Vaters ſein Zimmer, das im andern Flügel des Hauſes, ganz ab⸗ geſondert von den Familienzimmern lag. Die tröſtliche Anweſenheit derſelben war mithin nur auf auffallende Weiſe zu bewerkſtelligen. Daß der Reiteroffizier nicht ſie, ſondern gerade ihre Stiefſchweſter beſuchen und mit ſeiner Gegenwart beglücken wolle, fiel ihr unglücklicher⸗ weiſe gar nicht ein. Alſo Fräulein Hedwig erhob ſich und rüſtete ſich mit allem nur aufzutreibendem Muthe zu einer Zuſam⸗ menkunft mit dem, der in ihrer Phantaſie auf Flügeln der Liebe kam, um ſich der Dame ſeines Herzens ritter⸗ lich zu Füßen zu legen. Mädchenphantaſien können in einem Momente mehr Liebesgeſchichten denken und Liebesſcenen aufführen, als ein vernünftiger Menſch glaubt, und jedes ſechzehnjährige 181 Mädchen iſt von ihrer Unwiderſtehlichkeit überzeugt, ſo⸗ bald ſich das Bild eines Mannes in ihre jugendliche Aufregung einſchleicht. Alles zu beſchreiben, was Hedwig ſich in dem ganz kurzen Zwiſchenraume dachte, der die Anmeldung eines ihrer ritterlichen Ideale und ſeinen Eintritt trennte, würde an's Lächerliche grenzen, deshalb iſt es gerathener, ſie unter der Nachwirkung ihrer abſurden Gedanken ſo⸗ gleich dem Obriſtwachtmeiſter gegenüber zu ſtellen. Sie fand nicht ſo viel Kraft und Geſchick in ſich vor, um mit Anſtand die Mitte des Zimmers zu be⸗ haupten. Alle die guten Lehren, welche ſie über Anſtand und Sitte vernommen, verflogen in ihrem Geiſte, und ſie ſetzte den allerungeſchickteſten Knix, den man ſich den⸗ ken kann, zur ſtummen Empfangnahme ihres Ritters hin. Eben ſo ſtumm betrachtete ſich der Obriſtwacht⸗ meiſter das kleine Figürchen der Dame, die noch hart an der Grenze der Kindheit zu ſtehen ſchien. „Ein plebejiſches Geſicht,“ dachte er mit lächeln⸗ der Geringſchätzung zu ihr niederſehend.„Durchaus nichts Wollun'ſches! Schöne Augen, aber ſonſt höchſt plebejiſch! Gewiß geiſtig verkümmert!“ „Sie erlauben, mein Fräulein,“ ſprach er dann laut,„daß ich mich als Bevollmächtigter Ihrer Groß⸗ 182 mutter vorſtelle, um Ihnen die herzlichſten Grüße dieſer würdigen Dame zu überbringen.“ Schon beim erſten Worte hatte ſich Fräulein Hed⸗ wig bis zu einem Blicke in das bärtige Geſicht des Offi⸗ ziers ermuthigt, und nach dieſem einzigen Blicke war ihre Verwirrung ziemlich ſchnell in Verwunderung über⸗ gegangen. Sie fand dieſen Ritter zu alt und zu verſtän⸗ dig für ihre phantaſievollen Gedanken. Ihre Faſſung ſtellte ſich ſeltſamerweiſe ſehr raſch her, und mit derſelben kehrte ihr kecker Muthwille zurück. „Meine Großmutter?“ wiederholte ſie, noch ſchwan⸗ kend in ihren wogenden Empfindungen. „Ja, mein gnädiges Fräulein, Ihre Großmutter, in ſo fern die Dame, wie Sie wiſſen werden, Ihren Großvater geheirathet hat,“ erläuterte der Obriſtwacht⸗ meiſter launig. „Sie ſcherzen wohl mit mir, mein Herr,“ ſprach Hedwig, nun völlig Herrin ihrer Sinne, aber nicht im Stande ſich dieſe Geſchichte zu erklären. „Wie könnte ich mir einen Scherz mit einer Dame geſtatten, die ich zum erſtenmale zu ſprechen das Ver⸗ gnügen habe! Ich habe wirklich den Befehl von Ihrer Frau Großmutter erhalten, Sie aufzuſuchen, Sie zu grüßen und—“ 5 183 Er ſtockte, weil er nichts weiter wußte. Hedwig lachte ihm kindhaft dreiſt in's Geſicht. „Ich habe ja gar keine Großmutter mehr, mein Herr!“ ſprach ſie. Der Obriſtwachtmeiſter runzelte leicht die Stirn. „Mögen Sie es nehmen, wie Sie wollen, mein gnädiges Fräulein,“ entgegnete er froſtig.„Es iſt aller⸗ dings im eigentlichen Sinne des Wortes Ihre Groß⸗ mutter nicht, allein ich meine, die Geſinnungen möchten den mangelnden Grad der Verwandttſchaft erſetzen.“ Hedwig verſtand kein Wort von dem, was er ſagte. Sie ſchwieg und ſah ihn erwartungsvoll an. „Vielleicht, um die vorherrſchende Kälte Ihres Ge⸗ müthes zu mildern, hat ſie gewünſcht, daß ich Sie auf⸗ ſuchen ſolle. Ich habe mich auch ſehr gern dieſem Auf⸗ trage unterzogen, und bitte Sie inſtändigſt, ſich nicht gegen eine Dame zu erbittern, die ein Engelsgemüth be⸗ ſitzt.“ „Hier waltet ein Irrthum vor,“ dachte Hedwig, verfiel jedoch nicht im Entfernteſten darauf, daß dieſer Offizier, deſſen Name natürlich von der Hausjungfer weder verſtanden noch begriffen war, in Verbindung mit ihrer Stiefſchweſter zu bringen ſei. „Meine Großmutter iſt längſt todt,“ ſagte ſie nun, entſchloſſen den Irrthum aufklären zu helfen. 184 „Das weiß ich!“ erwiederte der Obriſtwachtmeiſter barſch. „Dann iſt es mir um ſo unerklärlicher, wie Sie von meiner Großmutter Grüße bringen wollen?“ fiel ſie keck und muthwillig ein. „Ein herzloſes Frauenzimmer!“ dachte der Offizier, und fügte laut hinzu: „Ihr Großvater hat aber wieder geheirathet!“ „Wann denn? Wann denn?“ rief Hedwig über⸗ müthig lachend. Herr von Wollun fühlte ſeine Galle ſteigen. Er hielt es unter ſeiner Würde, auf eine Wendung des Ge⸗ ſpräches einzugehen, die empörend leichtfertig war. Hedwig, durch ſein zorniges Geſicht erſchreckt, wurde wieder ernſt. „Aber, Herr Oberſt,“ bat ſie ängſtlich.„Verzeihen Sie mir! Mein Großvater iſt in dieſem Augenblicke hier geweſen und hat meine Mutter zur Spazierfahrt ab⸗ geholt— wenn mein Großvater wieder geheirathet hätte, ſo müßte ich's doch wiſſen.“ Höchſt überraſcht wendete ſich der Offizier wieder ganz zu dem jungen Mädchen um, das jetzt ganz aller⸗ liebſt ſchelmiſch zu ihm emporblickte. „Ihr Großvater— hier geweſen? Jetzt frage ich: 185 Sie ſcherzen wohl mit mir? Habe ich denn nicht die Ehre, Fräulein Burbach vor mir zu ſehen?“ Hedwig verneigte ſich und zwar weit anmuthiger, als vorhin. „Nun?“ fuhr Herr von Wollun fort.„Von wel⸗ chem Großvater ſprechen Sie denn?“ „Vom Großpapa Webhan!“ „Ah— dem Vater Ihrer Stiefmutter—“ Jetzt ging Hedwig ein Licht auf.„Mein Gott!“ rief ſie übermüthig auf dem Fuße ſich umſchwenkend, „Herr Oberſt, Sie wollten wohl meine Stiefſchweſter Lisbeth Burbach ſprechen? Ja?“ Dem Obriſtwachtmeiſter fiel ein Stein vom Her⸗ zen.„Freilich! Ich komme von Wollun.“ „O bitte, bitte— folgen Sie mir,“ ſchäckerte das frohſinnige Mädchen und winkte ihm zu folgen. Faſt willenlos, ganz mechaniſch, innerlich beluſtigt von dem kleinen Auftritte, ſchritt Herr von Wollun hinterher. Als Hedwig die Thür von Lisbeth's Zimmer er⸗ reicht hatte, öffnete ſie dieſelbe ganz leiſe und behutſam, ſchaute hinein und wendete den Kopf blitzſchnell wieder um zu ihrem Begleiter. „Sie iſt zu Hauſe,“ flüſterte ſie. 1861. III. Die Erben von Wollun. 186 „So melden Sie mich,“ entgegnete er lächelnd. „Ihren Namen?“ fragte Hedwig, allein ehe Wol⸗ lun antworten konnte, rief Lisbeth mit ſcherzhaftem Tone: „Nun, Du Schelm, was ſoll das Geflüſter? Komm herein!“ Flugs öffnete Hedwig die Thür ſo weit, wie es nur gehen wollte, ließ den Obriſtwachtmeiſter eintreten, und machte ſie wieder zu, ohne ihm zu folgen. „Laß ſie nur mit einander fertig werden!“ flüſterte ſie mit behaglichem Lachen und lief davon.— Lisbeth war ſogleich aufgeſtanden und dem eintre⸗ tenden Offizier bis zur Schwelle entgegengeſchritten. Das Zimmer war groß und hell. Das glänzende Tageslicht lag voll auf der ſchönen Geſtalt der jungen Dame und ihr reizendes Geſicht wurde höchſt vortheilhaft von den reflectirenden Sonnenſtrahlen beleuchtet. Eine leichte Ver⸗ wirrung diente dazu, ihre ſtolzen und entſchloſſenen Züge zu verſchönen. So ſtand ſie vor dem Obriſtwachtmei⸗ ſter, der ſie faſſungslos aber unverwandt anſtarrte. „Eliſabeth von Wollun,“ murmelte er dumpf und legte eine Secunde, wie träumend, ſeine Hand an die Stirn. Auch Lisbeth fühlte ſich eigenthümlich bewegt. Das ſonderbare der Situation von dem Uebermuthe ihrer Schweſter herbeigeführt, raubte ihr die gewöhnliche 187 Kühle, womit ſie neue Bekanntſchaften knüpfte. Scharf hatte ſie ihr ſprechendes Auge auf den Offizier gerich⸗ tet, ſo wie ſie zu ihm trat, aber ſie hatte es eben ſo ſchnell vor der ſprühenden Leidenſchaftlichkeit ſeines Blickes wie⸗ der geſenkt. Eine Gluth überſtrömte ihr Geſicht, die deut⸗ lich verrieth, wie heftig ihr Herzblut zum Wallen ge⸗ bracht war, und ſie ſchien es geduldig abwarten zu wol⸗ len, was ſich aus dieſer Scene voll überwältigender Be⸗ wegung entwickeln würde. „Ich heiße Wollun,“ ſtieß der Obriſtwachtmeiſter endlich, mit Gewalt ſich ſammelnd, heraus.„Ich komme von Wollun, um Sie zu grüßen von Ihres Großvaters Gattin.“ Ein lichter Strahl fuhr über Lisbeth's geſpannte Geſichtszüge. Sie hatte eben mit heimlicher Sehnſucht ihre Gedanken dorthin geſendet gehabt, wo die einzigen Menſchen weilten, die durch die Bande der Verwandt⸗ ſchaft mit ihr verknüpft waren. Sollte ſie es nicht als ein Mirakel erkennen, daß ein lebender Mund ihr Grüße von dorther ſpendete? „Haben Sie Cäſar geſprochen?“ fragte ſie unver⸗ weilt, indem ſie ſich in einem Fauteuil niederließ und dem Obriſtwachtmeiſter anheim gab, ein Gleiches zu thun. Man ſah ihrem Benehmen an, daß ſie die wunderbare 4* 4 188 Erſchütterung in ſich ſowohl als in dem Herrn von Wol⸗ lun in die Gleiſe des Herkömmlichen leiten wollte. Es glückte ihr nicht. Wollun ſtand und ſah ſie träumeriſch an. Die ſtrengen, ernſten Züge ſeines ſchönen Geſichtes wurden nach und nach von einer Milde um⸗ ſpielt, welche ein Zeugniß ſeiner innern Empfindungen abgab. Er beantwortete Lisbeth's Frage nicht. Wahrſchein⸗ lich hatte er ſie gar nicht gehört. 4 „Wie iſt es möglich, daß ſich Menſchen, die ein halbes Jahrhundert aus einander geboren ſind, ſo ähn⸗ lich ſein können!“ rief er tief bewegt.„Verzeihen Sie mir, mein Fräulein— ich vermag mich gar nicht zu faſ⸗ ſen. Sie ſollten das Bild Ihrer Großmutter Eliſabeth ſehen, dann würden Sie vielleicht mein Gefühl begreifen. Nein,“ fügte er leiſer hinzu,„nein, auch dann könnten Sie es noch nicht beurtheilen. Sie müßten alle die Träume kennen, die mich ſeit langen Jahren mit der Erinnerung an dieſe prächtige, köſtliche Frau unauflös⸗ lich verbanden.“ „Beruht Ihr jetziges Urtheil wohl nicht auf Ueber⸗ raſchung,“ fiel Lisbeth mild ein, um einen Auftritt zu beenden, der peinlich zu werden drohte. „Gehen Sie nach Wollun— ſehen Sie das Bild Ihrer Großmutter—“ 189 Jetzt trat die Erinnerung an Frau Kordall's letzte Worte beim Abſchiede vor ſeine Seele. Er ſollte Lisbeth beſchwören nach Wollun zu kommen! Richtig, das war es! „Lernen Sie ſich in dem Bilde der Eliſabeth von Wollun kennen! Man erwartet Sie dort mit Sehnſucht. Frau Kordall iſt betrübt. Sie wünſcht Sie zu ſehen, wünſcht ihre Sorgen in Ihr Herz zu legen, wünſcht von Ihnen geliebt zu werden—“ „Trug ſie Ihnen auf, mir das zu ſagen?“ fragte Lisbeth zitternd vor Freude. „Sie trug mir auf, Sie zu der Reiſe dorthin zu bereden. Ich dagegen verſprach ihr, Sie zu überzeugen, daß Frau Kordall die gütigſte und ſanfteſte Frau auf der ganzen Erde iſt.“ „Und deshalb ſind Sie zu mir gekommen?“ fragte Lisbeth mit einem leichten Anfluge von Neckerei. Sie mußte die Exaltation ſeines Weſens, die in Wort und Blick hervorbrach, zu dämpfen ſuchen. „Nur deshalb, mein Fräulein!“ entgegnete er zer⸗ ſtreut. Sein Geiſt weilte bei dem Geſpräche, das er im Herrenhauſe von Wollun mit der Majorin geführt hatte.„Der Menſch ſollte doch nie zweifeln an ſeinem 190 Fatum,“ ſprach er weiter, ohne zu beachten, daß er un⸗ verſtändlich für ſeine Zuhörerin wurde. „Haben Sie Gründe, an ein Fatum zu glau⸗ ben?“ fragte Lisbeth ſichtlich erfreut, dem Geſpräche eine andere Wendung geben zu können. Sie irrte, wenn ſie meinte, an dieſem Faden das Labyrinth ſeiner phan⸗ taſtiſchen Geiſtesaufregung verlaſſen zu können. Er ſah zwar hell und freudig auf, fügte aber eben ſo ſchwärme⸗ riſch hinzu: „Urtheilen Sie ſelbſt! Von meinem alten Papa zu einer Bewerbung um die Hand Elſens beſtimmt, theilte mir auf mein vertrautes Wort die Majorin mit, daß eine Heirath zwiſchen Elſe und mir von ihrem Vater urſprünglich beſtimmt ſei—“ „Sie und Elſe?“ rief Lisbeth auf's Höchſte über⸗ raſcht dazwiſchen.„Sie?“ „Aber die Majorin hatte nicht geruht, bis dieſer Plan vernichtet wurde. Das Teſtament nennt ſtatt deſſen Cäſar Bodenwell als den beſtimmten Bräutigam—“ „Was ſagt Ihr Herz zu dieſer Abänderung?“ fragte die junge Dame ſehr haſtig. „Mein Herz iſt nie dabei im Spiele geweſen.“ „Und wenn Elſe Sie und nicht Cäſar liebt?“ 191 „Sie liebt mich nicht!“ antwortete der Offizier zerſtreut und fuhr dann fort: „Die Majorin hat darauf hingewirkt, daß es ihr frei ſteht, durch ein Bündniß zwiſchen Bodenwell und Elſe die Ungerechtigkeiten auszugleichen, welche ſich nach ihrer Meinung der alte Kordall gegen ſeine Enkel erlaubt hat.“ Lisbeth horchte mit Aufmerkſamkeit, um kein Wort von dieſer Mittheilung zu verlieren, die ihr zwar nur in einem unklaren, an Ueberſpannung grenzenden Gemüths⸗ zuſtande gemacht wurde, aber deſſen ungeachtet helles Licht über alle Verhältniſſe verbreitete. „Vermittelt die Liebe zwiſchen den jungen Leutchen ihren Plan nicht, ſo übergibt ſie ſich auf Gnade und Ungnade Ihrer Güte.“ Lisbeth's Wangen färbten ſich purpurroth. Sie ver⸗ mochte nichts zu erwiedern. „Um dieſen Act der Nothwendigkeit ausführen zu können, wünſchte die Majorin Ihren Beſuch.— Sie ſen⸗ dete mich zu Ihnen!. Glauben Sie nun an ein Ver⸗ hängniß?“ Der Schlußſatz klang ſo verrätheriſch, daß Lisbeth eine ſchnelle Unterbrechung für heilſam erachtete. 192 „Was meinen Sie mit dem Ausdrucke„auf Gnade und Ungnade“? Was verſtehen Sie unter dem Act der Nothwendigkeit?“ fragte ſie ausweichend. „Einfach, daß die Majorin die Beſitzung in aller Form Ihnen und dem Enkel Kordall's überläßt.“ „Warum ſchrieb ſie das nicht? Weshalb verheim⸗ lichte ſie dieſe Abſicht?“ „Sie hat an Sie geſchrieben?“ „Ja. Cäſar iſt hin nach Wollun.“ Der Obriſt⸗ wachtmeiſter ſchien ſich zu beſinnen. „Ganz richtig! Weshalb ſind Sie nicht mit ihm gereiſt? Ich erinnere mich dunkel, daß die Majorin trau⸗ rig davon ſprach.“ Lisbeth ſah ihm offen und frei in's Geſicht. „Ich konnte meinen Zorn über die Ungerechtigkeit meines Großvaters nicht überwinden. Ich hatte im Sinne einen Prozeß gegen die unrechtmäßigen Erben einleiten zu laſſen. Der Obriſtwachtmeiſter hielt ſeinen Blick unver⸗ wandt auf das ſchöne Mädchen geheftet, das lebhaft und mit ſprühendem Eifer redete. *„Mein Großvater hatte harte Worte an meinen ſeligen Vater geſchrieben. Ich entdeckte die Briefe, als ich nach Beweiſen meines Rechtes ſuchte.“ — 193 „Kordall hätte Ihrem Vater ſchweres Unrecht zu⸗ gefügt, ſagte mir die Majorin,“ ſchaltete der Offizier ernſt ein. Lisbeth's Wangen färbten ſich noch dunkler und eine Thräne trat in ihr klares Auge. „Als ich aber bei dem Advokaten die Abſchrift eines Teſtamentes vorfand, wodurch meine Großmutter Eli⸗ ſabeth von Wollun ihren Gatten zum Beſitzer ihres Ver⸗ mögens machte, da gab ich es auf, die Majorin Kordall zu verfolgen, denn ſie war in ihrem Rechte!“ „Und was werden Sie nun thun, Fräulein Eli⸗ ſabeth Burbach?“ fragte der Obriſtwachtmeiſter mit fei⸗ erlichem Tone.. Ein holdes Lächeln flog über Lisbeth's Geſicht. „Was weiter, mein Herr Oberſt, als— daß ich mit nächſter Gelegenheit nach Wollun eile, mich der Dame von Wollun zu Füßen werfe und ſie um Verzeihung bitte!“ ſcherzte ſie.„Was denken Sie nun von mir?“ Sie prüfte mit verſteckter Aengſtlichkeit ſein Mienen⸗ ſpiel. „Wollte ich Sie tadeln, ſo ſpräche ich ein Urtheil über unſern ganzen Stamm aus,“ entgegnete er, mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm ihre Hände ergreifend und an ſeine Lippen führend.„Beurlauben Sie mich heute— ich bin meiner nicht Herr— meine Aufregung bricht immer — ꝗ——Q——— 194 von Neuem hervor, und das darf nicht ſein, theure Eli⸗ ſabeth. Beurlauben Sie mich und geſtatten Sie mir, daß ich wieder kommen darf.“ Lisbeth gab freudig ihre Einwilligung. Sie fühlte, daß ſeine Entfernung nöthig ſei. Als er aber die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, da hob ſie, überwältigt von der Macht ihrer Empfin⸗ dungen, die Arme hoch auf zum Himmel und rief mit glühender Inbrunſt:„Allmächtiger, verzeihe mir und ſei mir gnädig!“ Achtes Capitel. Hilmar. Der böſe Geiſt im Menſchen entweicht aber nicht gleich, wenn er auch bisweilen gebannt ſcheint. Des Schickſals geheimnißvolles Wirken hatte jetzt zwei Menſchen zuſammengeführt, die ganz gleichmäßig voller Tugenden und voller Fehler waren. Erich von Wollun fühlte ſich betäubt von dieſem Zuſammentreffen— Lisbeth Burbach fühlte ſich beglückt und wunderbar erleichtert. Was ſie von den Lippen die⸗ —— ꝗ—— 2 ———— 195 ſes Mannes gehört, das erſchien ihr wie Orakelſpruch. Sie erkannte mit leichter Mühe die ganze Reihenfolge von Beweggründen zu dem Benehmen der Majorin, das Cäſar ſo betrübend unverſtändlich war. Lisbeth ſowohl als der Obriſtwachtmeiſter hatten beide gleich bei ihrer Bekanntſchaft Gelegenheit gefunden, Einer in des Andern Geſinnungen ſich ſelbſt zu prüfen, und ſie fanden in dieſer gegenſeitigen Beurtheilung Ga⸗ rantien für die Zukunft, der ſie Beide ſeit dieſer Stunde ihrer Bekanntſchaft freudig entſchloſſen entgegen ſahen. Während Herr Erich von Wollun von der Romantik der eben durchlebten Scene ganz hingeriſſen war und das Walten einer höhern Fügung darin entdeckte, während er ſich feſt einbildete, daß Lisbeth für ihn vom Schickſale beſtimmt und ganz expreß für ihn aufgehoben ſei, wäh⸗ rend dieſer kurzen, flüchtigen Seligkeitsperiode vereinigten ſich Lisbeth's Gedanken merkwürdig gleichmäßig mit den ſeinen. Der Erinnerung an die verrätheriſche Aufregung des ſtarken Mannes hingegeben empfand ſie die volle Süßigkeit eines Glückes, welches ſie einigermaßen gering geachtet und dem Glanze der Welt hintenan geſtellt hatte. Ihre Seele läuterte ſich in dem ſchnellen und ge⸗ waltſamen Prozeſſe, worin ſie ſich von der Allgewalt lei⸗ denſchaftlicher Gefühle geſtürzt fand, ehe ſie nur ahnen 196 konnte, was ihr bevorſtand. Sie war überwältigt, bevor ſie eine Gefahr für ihr ziemlich ſtilles und vernünftiges Herz erkannte. Hedwig ſtörte ſie ein wenig aus ihren romanhaften Träumereien auf. Mit dem vollen Uebermuthe der Ju⸗ gend berichtete ſie ihr lächerliches Rencontre mit dem ſchönen Oberſt, und ſie machte gar kein Hehl aus den Luftſchlöſſern, womit ſie ihr abenteuerliches Herz aus⸗ gefüllt hatte, nachdem der Offizier gemeldet worden war. Die ſpöttiſche Proſa, welche für Lisbeth in der kin⸗ diſchen Poeſie Hedwig's lag, erkältete für den Augenblick ihre eigene Phantaſie dermaßen, daß ſie mit innigem Be⸗ fremden auf die Herzensbewegnng zurückblickte, der ſie noch ſoeben hingegeben war. Sie ging ein in Hedwig's heitere Plaudereien, und die tiefe Bedeutung ihres Zuſammentreffens mit Herrn von Wollun verlor ſich in den trivialen Scherzen, die von den Lippen ihrer Stiefſchweſter flogen. Sie miß⸗ trauete dem Urtheile ihrer eigenen Phantaſie, als ſie ſah, daß ein anderes weibliches Weſen den äußern Vorzügen eines Mannes, der einen blendenden Eindruck auf ſie ge⸗ macht hatte, nur eine ſehr bedingte Anerkennung zu Theil werden ließ. Als Erich von Wollun am nächſten Nachmittage wieder bei ihr eintrat, da fand er ſie bereit, ihn in der 197 nüchternſten Stimmung zu empfangen, obgleich ihr Herz auf das ſtürmiſchſte klopfte, indem ſie ihm die Thür ihres Zimmers zu öffnen ſich beeilte. Des Obriſtwachtmeiſters Herzenswallen hatte ſich trotz der feſten Vorſätze, die er gefaßt, wenig gelegt. Er glaubte ſein Schickſal beſiegelt, und er dachte nicht daran, ſeine Empfindungen zu ver⸗ ſtecken, als er die kleine, weiche Hand der jungen Dame, die kalt und zitternd in ſeinen beiden Händen ruhete, mit unverkennbarer Innigkeit an ſeine Lippen führte. Seine Selbſtbeherrſchung unterſtützte aber heute das Bemühen Lisbeth's, eine geordnete und conventionelle Unterhaltung zwiſchen ihnen aufrecht zu erhalten. Er ging bereitwillig auf das Thema ein, welches ſie anſchlug, um eine klare Einſicht über die Verhältniſſe und über das Familienleben ihres Großvater Kordall zu ge⸗ winnen. Seine Schilderungen berührten ſie wohlthuend. Ihr Gemüth erweichte ſich wieder. Was er von der unentwickelten Charakter⸗ und Körperbildung Elſens mittheilte, das beruhigte die kleinen Wallungen von Eiferſucht, welche ſeinen geſtrigen Ge⸗ ſtändniſſen zu Folge, bisweilen ſtürmiſch über ihre Seele jagten. 5 Sie wußte jedoch nicht, welcher Klippe, unter dem ruhigen Erörtern ihrer Hoffnungen, ſie ausgeſetzt wurde 198 indem ſie— Bezug auf Cäſar's Werbung nehmend— die Löſung aller Conflicte als ſicher hinſtellte. Der Obriſtwachtmeiſter dachte plötzlich an ſeinen Sohn, den er leichtſinnig einer Herzensunruhe übergeben, um eine kleine Revanche an der Majorin zu üben. Eine peinliche Beklemmung überfiel ihn. Das Da⸗ ſein Hilmar's war ihm niemals ſo unbequem gefallen, wie in dieſem Momente, wo er fühlte, daß ſich ſein zeit⸗ liches Glück ſicher gründen werde. Hilmar's Bild paßte nicht in die Zukunfsträume, denen er ſeit vier und zwan⸗ zig Stunden mit der glühenden Phantaſie eines Jüng⸗ lings nachhing. Hilmar's Bild verdunkelte plötzlich den klaren Himmel ſeiner Zukunft— Hilmar's Bild ſtörte den ſeligen Frieden ſeines Herzens. Und doch hatte er den Knaben bis dahin ſo aufrich⸗ tig und herzlich geliebt! Erich von Wollun war der Mann nicht, der mit ſich ſelbſt Verſtecken ſpielte. Er liebte es nicht, ſich von der Macht eines Gefühles, das mit dem Egoismus verwandt war, überwältigen und entmannen zu laſſen. Sobald er alſo klar erkannte, daß„ſein armer Junge“ ihm läſtig zu werden drohete, nahm er die geeigneten Maßregeln denſelben, durch willige Anerkennung, in ſeinen Rechten zu erhalten. 199 Die Gelegenheit zeigte ſich günſtig, als er von ſei⸗ nem Eintritte in's preußiſche Heer, unmittelbar nach des Königs Aufruf zu den Waffen, erzählte und daran die Erklärung knüpfte, daß er von ſeinem Vater an den da⸗ maligen Hauptmann Kordall empfohlen worden war. „Kordall empfing mich und hielt mich wie einen Sohn, mein gnädiges Fräulein,“ fuhr der Obriſtwacht⸗ meiſter nach einer kurzen, ſchweren Pauſe fort.„Unter ſeinem Schutze begann ich meine Carriere, unter ſeiner Leitung avancirte ich binnen zwei Monaten zum Fähn⸗ rich. Ich war ſiebzehn Jahr, ſtark, groß, wild und un⸗ gezügelt, wie ein ächter Wollun! Kordall wachte über mir. Seine Aufmerkſamkeit rettete mir zweimal das Leben, denn ich focht und ſchoß, raſend vor Haß gegen die Feinde, die unſer Vaterland ſo grenzenlos elend ge⸗ macht hatten, blind und toll vorwärts ſtürmend, immer darauf los ohne Rückſicht auf meine eigene Gefahr. Schon als Fähnrich verdiente ich mir dieſes Kreuz!“— Er hob lächelnd den Orden und ließ die Sonnenſtrahlen darüber hingleiten.„Es war in der wüſten Schlacht bei Königswartha, wo unſer Regiment faſt ganz auf⸗ gerieben wurde. In der denkwürdigen Schlacht bei Bau⸗ tzen agirte ich ſchon als Lieutenant.“ „Während Cäſar und die nachmalige Majorin Kordall, meine Pflegerin, ſich alſo vergeblich nach unſerm 200 Großvater erkundigten, ſchritt er muthig mit den Vater⸗ landsbefreiern an's Werk?“ fragte Lisbeth dazwiſchen. „Ich weiß aus Cäſar's Munde, daß Johanne Franke jede Hoffnung, ihn ausfindig zu machen, aufgegeben hatte.“ „Kordall hielt ſeine Angehörigen ebenfalls für todt, und in dieſer trüben Zeit des ſtillen Kummers ſchloß er ſich um ſo inniger mir an. Leider wurden wir getrennt. Ich wurde ſchwer verwundet und mußte in Frankfurt am Main zurückbleiben, während das Bundesheer ſiegesluſtig in Frankreich einrückte. Kordall erhielt ebenfalls in einer der letzten Marſchſchlachten, nicht fern vom Ende aller Pla⸗ gen, eine tödtliche Wunde, die ihn lange Zeit auf's Siech⸗ bett ſtreckte. Wir waren Beide nicht Zeugen des mäch⸗ tigen Triumphes, womit die Verbündeten ſich in Paris die Hand reichten und den gedemüthigten Kaiſer in's Exil ſendeten. Kordall zog kampfunfähig gemacht nach dem Friedensſchluſſe ſeiner einſam gewordenen Heimath zu, ich hingegen blieb bei der Armee und machte den ſpätern Feldzug gegen Napoleon mit, als er, ſeiner Verbannung überdrüßig, wieder Beſitz vom Kaiſerthrone Frankreichs nahm.“. Lisbeth hörte mit großer Aufmerkſamkeit zu. Ihr ahnete nicht, daß im Hintergrunde dieſer Kriegsreminis⸗ zenzen eine peinliche Erklärung ruhete. Sie ſah an dem 201 ſchweren Athemholen des Obriſtwachtmeiſters, daß ihn etwas tief bewegte. Um ihm das Gleis der heitern Mit⸗ theilung zu ebnen, fragte ſie ſcherzend: „Waren Sie das zweitemal wieder ſo unglücklich, bleſſirt zu ſein, während die Alliirten ihre Siegeseinzüge in Paris hielten?“ „Beinahe, mein gnädiges Fräulein— beinahe! Die Hallunken griffen uns, trotz der Waffenſtillſtandsunter⸗ handlungen, in Verſailles an. Ein mörderiſches Ge⸗ fecht!— Mann gegen Mann! Die Franzoſen, wuthent⸗ brannt, ſteckten in den Gehöften von Lechenay, einem Dorfe bei Verſailles— unſer Obriſt mußte ſein ſchönes tapferes Daſein dort enden— wir ſchlugen uns glücklich durch nach St. Germain, aber bleſſirte Arme und Beine erhielt ich. Glücklicherweiſe waren die Wunden nicht da⸗ nach, um mich abzuhalten mit nach Paris zu rücken, als es zwei Tage ſpäter übergeben wurde.“ Wollun hatte in Abſätzen geſprochen, zerſtreut, gleichſam nur mechaniſch, und die Wolken auf ſeiner Stirn hatten ſich gehäuft. „Was mag den ſtarken Mann ſo ſeltſam bewegen?“ dachte Lisbeth, ſeinem Mienenſpiele eine ſorgſame Be⸗ trachtung widmend. Ein leichter Argwohn bemächtigte ſich ihrer Seele. Unbehagen füllte ihre Bruſt, ſo wie er ge⸗ dämpften Tones wieder begann: 1861. III. Die Erben von Wollun. 13 20² „Wer in der Zeit dieſes Krieges nicht gelebt hat, vermag das Band, welches nach dem zweiten Feldzuge— der ſo unendlich viel blühende, ſchöne Männer aus allen Ständen hinwegraffte— die Herzen der Bürger und Soldaten verknüpfte, nicht zu beurtheilen. In jedem Hauſe gehörte man zur Familie. Als wir zurückkehrten, wurden wir gehegt und gepflegt von jung und alt. Das Kriegsleben hatte Kameradſchaften zwiſchen vornehm und gering geſchloſſen. Brachte man die letzten Grüße von Gefallenen in eine Familie, ſo betrachteten die armen be⸗ raubten Menſchen einen als ein Vermächtniß. Es war eine Verbrüderung, die man jetzt, mit nüchternen Sinnen, nicht begreifen kann. Aber der Rauſch und die Exaltation brachte manche Verirrung zu Wege—“ fügte er noch ge⸗ dämpfter hinzu.„Man erwachte unter Vorwürfen ſeines Gewiſſens! Ich hatte ein Vierteljahr im traulichſten Ver⸗ kehr mit einem Dorfſchulmeiſter gelebt, der ſeinen ein⸗ zigen Sohn zum Schlachtfelde von Waterloo geliefert hatte. Als ich endlich mit meiner Reiterſchaar anderswo hin beordert wurde, da war mir mein Herz ſehr ſchwer. Ich verließ treue gute Menſchen, den armen Schulmeiſter und ſein nettes Töchterchen Hilma. Beide weinten im bit⸗ tern Trennungsſchmerz— und ich?“ Lisbeth begann fieberhaft zu zittern. Ihr Argwohn ſtieg. Jedenfalls hatte Wollun rückſichtlich dieſer beiden 203 Perſonen etwas auf dem Gewiſſen. Der Name des „netten Töchterchens“ kam kaum hörbar über ſeine Lippen, und die Art, wie er vor ſich niederblickte, verrieth Merk⸗ male einer ganz ungewöhnlichen Befangenheit. Einige Minuten lang herrſchte die qualvollſte Stille im Zimmer. Lisbeth wagte kein Wort zu ſprechen, aber es lag kein Erbarnten in dem Blicke, womit ſie den Mann ſtreifte, welcher wahrſcheinlich als Sünder vor ihr ſaß. Zu ihrem Erſtaunen hob Erich von Wollun plötz⸗ lich das niedergeſenkte Auge, ſendete den Blick frei und muthig hinüber zu ihr und ſprach mit feſter Stimme: „Drei Jahre nach dieſer ſchweren Abſchiedsſtunde kam eines Tages der Schulmeiſter zu mir nach Warn⸗ ſtadt, wo wir kantonirten. Er hielt einen Knaben an der Hand.“— Lisbeth's Mienen wurden ſtarr vor Ent⸗ ſetzen.—„Der gute Mann brachte mir die letzten Grüße ſeiner Tochter Hilma und er brachte mir meinen Sohn.“ Lisbeth fühlte ſich wie von Todesſchauern überrie⸗ ſelt. Schmerz und Verachtung rangen in ihrem Innern mit einander— der böſe Geiſt gewann die Oberhand. „Weshalb erzählen Sie mir dieſe Tragödie?“ fragte ſie mit beleidigender Kälte. Der Obriſtwachtmeiſter, noch verſtrickt in den Ge⸗ müthsbewegungen, die er nur ſchwer bewältigt hatte, ge⸗ * 204 wahrte im erſten Augenblicke nichts von ihrer Gefühls⸗ erkältung. „Weil ich als ehrlicher Mann vor Ihnen daſtehen will!“ entgegnete er treuherzig.„Ohne Wahrheit und Vertrauen kann kein Bund beſtehen, deshalb iſt es rath⸗ ſam, die Vergangenheit mit allen Schuldbriefen zu öffnen, ehe es zu ſpät iſt.“ „Sie glauben alſo früh genug gehandelt zu haben,“ ſagte Lisbeth mit ſo entſchiedener Malice im Ausdruck, daß der Offizier aufmerkſam werden mußte. Er ſah feſt in des Mädchens Geſicht. Er gewahrte das verächtliche „fi done“, welches ſich ſo leicht über ihre Lippen ſtahl, in ihren Mundwinkeln niſten, und er erhob ſich ſchnell von ſeinem Sitze, als die junge Dame das Haupt mit unvergleichlicher Würde neigte und dabei ſprach: „Ich danke Ihnen für dieſe Vorſicht!“ „Sie danken?“ fuhr der Obriſtwachtmeiſter wild heraus.„Soll das heißen, Sie danken für die Gemein⸗ ſchaft mit dem, der ſich ſeines armen, verlaſſenen Sohnes ehrlich annimmt, der ſich nicht ſcheuet, ſeine Schuld offen einzuräumen, wozu die Gelegenheit und heißes Blut mehr mitgewirkt hat, als böſer Wille?“ „Nehmen Sie den Dank wie Sie wollen, mein Herr,“ flüſterte Lisbeth kaum verſtändlich. Sie glaubte 205 erſticken zu müſſen an jedem Worte. Ihr Blick ſtahl ſich muthlos und ſchüchtern zu Wollun empor, der mit einer raſchen Handbewegung nach ſeiner Mütze griff. Die Lei⸗ chenbläſſe ſeines ſchönen männlichen Geſichtes und ſeine krampfhaft verzerrten Mienen deuteten auf eine fürchter⸗ liche Gemüthsbewegung; aber der Stolz ſeines Herzens hielt ihn ab, noch irgend eine Entſchuldigung ſeines Ju⸗ gendfehlers hinzuzufügen. „Jetzt weiß ich, was die ſonderbaren Träume meiner Nächte bedeuten ſollten,“ murmelte er, mehr zu ſich, als zu Lisbeth ſprechend.„Sie werden Wahrheit, dieſe beäng⸗ ſtigenden Viſionen— das erſte entzückende Glück meines Lebens geht unter.— Gut, ſehr gut, daß ich raſch genug erwacht bin— noch wird es hoffentlich nicht zu ſpät ſein!“ Er neigte ſich ehrfurchtsvoll, ſtreng ſoldatiſch und ſchritt zur Thür hinaus. Lisbeth ſchaute ihm troſtlos nach.„Er, der Mann, an dem ſich der Spott und Hohn verſuchte? Er, der verlachte und verachtete Vater eines Sohnes, zu dem er keine Mutter nennen mochte?“ Eine unendliche Traurig⸗ keit bemächtigte ſich des jungen Mädchens, das ſo zu⸗ verſichtlich gebträumt hatte. Ihre Trauer blieb aber ſelbſt⸗ ſüchtig. Sie dachte nur an ihr Herzeleid und nicht an den Schmerz desjenigen, den ſie betrübt hatte. Die Laſt 206 ihrer peinlichen Gedanken beraubte ſie der Fähigkeit, ſich ſelbſt in ihrer Handlungsweiſe richtig beurtheilen zu kön⸗ neu. Nach ihrem Dafürhalten hatte ſie den richtigſten Weg eingeſchlagen, indem ſie den Eingebungen ihrer in⸗ nerlichen Empörung folgte und den aller Hoffnungen be⸗ raubte, der ſich ihrer Achtung durch eigenes Verſchulden verluſtig gemacht hatte. Wie konnte irgend ein Mann verlangen, daß ſie anders handeln ſollte? Mußte ſie mit ihrer Willenskraft die Anſprüche ihres Herzens bekämpfen, ſo mochten das andere Men⸗ ſchen auch verſuchen. Aber traurig, unſäglich traurig war ſie dennoch. Eine tiefe, ſchmerzliche Sehnſucht nach einem Herzen, an das ſie ſich lehnen durfte mit Kindesthränen, ergriff ſie. Sie dachte an die Majorin. Sie dachte mit andern Em⸗ pfindungen an dieſe Frau, ſeitdem der Obriſtwachtmei⸗ ſter die Schleier von ihrer Geſtalt gehoben und ihr ge⸗ zeigt hatte, welch' ein Gemüth in derſelben wohne. In der Hilfloſigkeit ihres jetzigen Schmerzes erhielt es eine ernſte Bedeutung für ſie, daß dieſe Dame Mutterpflichten übernommen hatte, als Gott ihre arme junge Mutter zu ſich gerufen.— War ſie denn nicht das einzige Weſen im großen Weltall, das ein Herz für ſie gehabt hatte? War ſie nicht opferwillig geweſen wie eine Mutter, die den 207 Schlaf ihrer Nächte für nichts rechnet, wenn es die Pflege des Kindes gilt? Der böſe Geiſt in Lisbeth wich ganz ſanft in den Hintergrund bei dieſen Fragen. Sie wehrte den Gedan⸗ ken nicht ab, der ſie auf den Weg ſtiller Selbſtbetrach⸗ tung zu führen Miene machte. Die Verblendung ihres Gemüthes wich langſam, bis jetzt zwar noch ohne eine richtige Selbſterkenntniß zu bringen, allein ſchon daß es hell vor ihrem Geiſte wurde, war ein Merkzeichen begin⸗ nender Reue. Die Buße ſollte ihr aber raſcher zu Theil werden, als ſie glaubte. Während Lisbeth den Abſchied Wollun's als einen ewigen betrachtete und ſich in den unwiderruflichen Aus⸗ ſpruch der Trennung zurecht zu finden ſuchte, während dieſer Zeit erhob ſich ein Sturm in der Familie Web⸗ han, der von Arthur Webhan angefacht und weiter⸗ geblaſen wurde. Nachdem Herr Arthur Webhan an jener denkwür⸗ digen Familientafel im Burbach'ſchen Hauſe den Obriſt⸗ wachtmeiſter von Wollun unter Verſchweigung ſeines Na⸗ mens in den Bann gethan hatte, war er eilig bemüht ge⸗ weſen, dieſe Heldenthat im Kreiſe ſeiner Genoſſen aus⸗ zupoſaunen. Man hatte den Einfall belächelt und ihn noch bedenklicher gefunden, als ſich in der Perſönlichkeit Erich's von Wollun ein ſo achtunggebietendes Weſen 208 kund gab, daß es als eine Ehre erſchien, von ihm des Umganges gewürdigt zu werden. Halbreife Männer finden aber im Feſthalten ab⸗ ſurder Einfälle ihre Geiſteskraft. Arthur Webhan hielt ſeine Idee, allen Beſtrebungen zuwider, aufrecht. Nun denke man ſich den Verdruß dieſes Webhan’ſchen Genies, als er hörte, daß der Obriſtwachtmeiſter von Wollun zwei Tage hintereinander das Haus der Doctorin Bur⸗ bach mit ſeinem Beſuche beehrt, und daß er nicht übel Luſt zu haben ſcheine, ſeine Huldigungen, reſpective Be⸗ werbungen, ſpeciell der Stieftochter der Doctorin Bur⸗ bach, gebornen Webhan, zu widmen. Dies hören, Entſchlüſſe faſſen und handeln, war Eins.. Wüthend gemacht durch das Spottgelächter ſeiner Kameraden im Weinhauſe, ſtürzte er ſogleich in's Haus der Doetorin und verfügte ſich unverzüglich an die Thür Lisbeth's, die er mit einem vernichtungsfähigen Anklopfen bedrohte. Das Fräulein fuhr erſchreckt aus ihren vorhin ge⸗ ſchilderten Meditationen auf und eilte dem ungeſtümen Klopfer die Thür zu öffnen. Zu ihrem grenzenloſen Erſtaunen fand ſie ſich 209 Aug in Auge mit Arthur Webhan, einem Manne, den ſie am wenigſten in der Welt zu begegnen wünſchte. Mit ſeiner gewöhnlichen erhabenen Selbſtachtung trat der junge Mann in's Zimmer, ſtellte ſich mit lä⸗ cherlicher Würde vor der jungen Dame auf und begann mit ſtark verächtlicher Geberde: „Es iſt leider nichts Neues, Fräulein Burbach, Sie in Oppoſition mit den Beſchlüſſen meiner Familie zu ſehen, darum wundere ich mich gar nicht mehr dar⸗ über, allein der letzte Fall iſt denn doch zu eclatant, als daß ich ihn mit Stillſchweigen übergehen könnte.“ Lisbeth betrachtete den jungen Mann während ſei⸗ ner Rede mit unzweideutigem Lächeln, und ſie benutzte die erſte Pauſe, die er eintreten ließ, um lakoniſch ein⸗ zuſchalten: „Ich bin bereit zu hören!“ „Was ſoll das ſagen, was ſoll das bedeuten, daß Sie, den ausgeſprochenen Befehlen meiner Familie zu⸗ wider, einen Mann von ſo zweifelhafter Moralität bei ſich ſehen?“— Ein dunkles Roth ſchoß über Lisbeth's ganzes Geſicht, ſie ſchwieg aber.—„Haben Sie nicht gehört, daß die Familie den Beſchluß gefaßt hat, dem Obriſtwachtmeiſter von Wollun jeden Eintritt in der Familie entſchieden zu verweigern? Wie? Sie ſchütteln 210 den Kopf? Sie wollen das nicht gehört, nicht gewußt haben? Nun da hört doch Alles auf!“ Lisbeth hielt es unter ihrer Würde, ſich zu verthei⸗ digen, obwohl die herbe Erfahrung, die ſie in Folge der Namensverſchweigung gemacht hatte, den brennenden Wunſch in ihr weckte, beſſer unterrichtet geweſen zu ſein. Herr Arthur fuhr lebhaft fort: „Man erzählt ſich in der Stadt, daß dieſer glor⸗ reiche Vater Ihnen zweimal Beſuche abgeſtattet hat. Im Namen meiner Familie verbiete ich Ihnen, dieſen Herrn ſerner zu empfangen—“ Lisbeth lachte laut auf und ſtörte damit den Zu⸗ ſammenhang ſeiner Gedanken. Es war ein gewaltſames Lachen, ein bitteres, gehäſſiges Lachen, dabei voll Gei⸗ ſtesübermuth, voll Spott über Menſchenerbärmlichkeit. „Sind Sie avancirt?“ fragte ſie dann.„Sind Sie Ambaſſadeur Ihrer Famillie geworden? Ich bitte Ihr Decret ſehen zu dürfen, um zu beurtheilen, wie weit Ihre Macht ſich erſtreckt.“ „Scherzen Sie nicht, Lisbeth!“ rief Arthur dro⸗ hend.„Sie ſollen mich von einer Seite kennen lernen, die Ihnen Reſpect einflößen wird.“ „O— ich habe den blindeſten Reſpect und die ſicht⸗ barſte Ehrfurcht vor dem Mitgliede der Familie Web⸗ han, das Jura ſtudirt hat!“ ſpottete das Fräulein.„Um 211 Sie aber für die Zukunft zu beruhigen, will ich Ihnen vertrauen, daß der Obriſtwachtmeiſter von Wollun eben⸗ falls nur als Ambaſſadeur bei mir geweſen iſt, um mich im Namen meiner Stiefgroßmutter Kordall zu der Reiſe nach Wollun zu bereden. Seine Bemühung iſt ihm ge⸗ lungen. Ich werde in den nächſten Tagen reiſen und ich empfehle mich hiermit Ihrer ferneren Gewogenheit!“ Mit dieſen Worten öffnete ſie die Thür und nö⸗ thigte den vollſtändig verblüfften Herrn ihr Zimmer ſchleunigſt zu räumen.„Es gibt eine Grenze, wo die Geduld aufhört,“ fügte ſie ihrer Handlung erklärend hin⸗ zu,„wo die Nachſicht, wo die Rückſicht eine Schwäche wäre! Leben Sie wohl!“ Was Herr Arthur ferner begonnen und wie er mit ſeinen Helden⸗ und Herrſcherthaten geprahlt hat, bleibt im Dunkeln für uns. Aber Lisbeth's Thaten eutwickelten ſich logiſch aus ihren kurz gefaßten Beſchlüſſen und ſie gab noch in derſelben Stunde ihrer Stiefmutter den Vor⸗ ſatz kund, ſich ſchleunigſt auf den Weg nach Wollun ma⸗ chen zu wollen, um die Bitten ihrer Großmutter Kordall zu erfüllen. Nachdem ſich hierdurch endlich die Feſſeln einer Einbildung brachen, die in Weltregionen wahre Größe ſuchte, wo ſie ſelten zu finden iſt, wurde es ihren ſchönen Naturanlagen leicht zum Durchbruch zu kommen. Sie 212 rang nach Klarheit, und ihr Gewiſſen deutete ihr den Weg an, den ſie einſchlagen müſſe, um Beruhigung zu erlangen, ſo weit dies möglich war. Die ruhige Güte ihrer Stiefmutter vermittelte die Unbehaglichkeit einer ſo langen einſamen Reiſe, wie ihr nun bevorſtand, dadurch, daß ſie ihr die leichte Reiſe⸗ chaiſe ihres verſtorbenen Vaters zur Dispoſition ſtellte und ſie in den Stand ſetzte, mit Extrapferden zu reiſen. Lisbeth, die ihrer Stiefmutter ſtets die freudigſte Aner⸗ kennung zu Theil werden ließ, nahm das Anerbieten an. Es brachte ihr den weſentlichen Nutzen, ſich von ihr nur als beurlaubt zu betrachten und die Rückreiſe ohne Wei⸗ teres antreten zu können, im Falle ſich die Verhältniſſe in Wollun nicht ſo zufriedenſtellend zeigen ſollten, wie ſie jetzt hoffte. Eine zweite Offerte ihrer Stiefmutter lehnte ſie aber entſchieden ab. Dieſe beſtand darin,„Hedwig als Geſellſchafterin mitzunehmen“. Dadurch wurde ihre Rück⸗ kehr in's Vaterhaus erzwungen, und Lisbeth hegte im Grunde ihres tief verletzten Innern die geheime Hoffnung, Wollun als ein Aſyl des Friedens betrachten zu können. Sie fühlte, daß es noch mancher ſchweren Stunde bedür⸗ fen würde, um das Bild des Obriſtwachtmeiſters in ihr zu verlöſchen, aber ſie hatte den feſten Willen, es nicht in ſich zu bewahren. 213 Von den freundlichſten Wünſchen ihrer Geſchwiſter geleitet, verließ ſie vierzehn Tage nach dem Pfingfeſte ihr Vaterhaus. Unter dem fröhlichen Schmettern des Poſtil⸗ lons jagte der Wagen die Straßen hinab, Lisbeth aber barg die Thränen hinter dem Schleier, den ſie ſorgſam über ihre traurigen Mienen zog, als ſie, wie ſie glaubte, auf ewig Abſchied von den wohlbekannten Plätzen, von den trauten Häuſern und Bäumen nahm. Auch an Erich von Wollun dachte ſie mit ſtark klopfendem Herzen. Ihre Lippen riefen ihm ein„Fahr wohl!“ Ihre Wege hatten ſich gekreuzt, um dann auf ewig auseinander zu gehen. Raſtlos, als würde ſie von den Stürmen böſer Er⸗ innerungen gejagt, eilte Lisbeth vorwärts. Je näher ſie der Gegend kam, wo ſie theilnehmende Herzen auf ſich war⸗ ten ſah, deſto heiterer wurde ſie. Die Wolken ſanken von ihrer Stirn und von ihrer Seele. Sie drang mit dem Ungeſtüm eines Kindes, das der Mutterarme nöthig hat, auf ihrer Bahn vor. Hinter ihr lagen die Feinde ihres Daſeins, die da„Selbſtſucht, Eigenſinn, Ueberhebung, Hochmuth und Weltſinn heißen! Alles Unglück lag hinter ihr, und vor ihr that ſich eine Pforte auf, worin ſie als ſichere Hüterin ihrer Zukunft,„die Liebe und Güte“ er⸗ blickte. Ihre Erxaltation wuchs mit ihrer Hilfsbedürftig⸗ keit, und wenn ſie auf die kaltſinnige Ueberlegung zurück⸗ 214 blickte, womit ſie ſich früher gegen das ihr dargebotene Familienglück aufgelehnt hatte, ſo glaubte ſie geträumt zu haben. . Lisbeth war aber viel zu ſcharfſinnig, um nicht dem urſprünglichen Grunde ihrer Umwandlung auf die Spur zu kommen. Erich von Wollun hatte den Keim zu ihrer jetzigen Stimmung gelegt.„Erich von Wollun“ hieß der Zündſtoff zu der Flamme des Läuterungsprozeſſes, der ihre Seele zu kuriren und ihr Gemüth zu erweichen ver⸗ ſprach. Erich von Wollun, den ſie fliehen, den ſie ver⸗ geſſen, den ſie verachten wollte, niſtete ſo feſt in dieſem eigenwilligen Herzen, daß er Tag für Tag und Stunde für Stunde ihr ſtiller Begleiter blieb, während ſie ſich Tag für Tag und Stunde für Stunde ferner von ihm glaubte.— Neuntes Capitel. Irrthümer. Der ſchönſte Junitag näherte ſich ſeinem Ende, als eine Extrapoſt raſch in die Allee einbog, welche zum Dorfe Wollun führte. Eine Extrapoſt war ein Ereigniß für die ſtillen Dorfbewohner der entlegenen Gegend, und 215 ſelbſt die Inſaſſen des Herrenhauſes horchten auf den Klang des ſelten hier gehörten Poſthornes, das näher und immer näher kam. Die Majorin fuhr aus einem trüben Sinnen em⸗ por, ſo wie der erſte fröhliche Schall des Hornes ihr Ohr berührte. Sie war allein und war der ernſten Stimmung, die ſie ſeit Cäſar's Ankunft vollſtändig un⸗ terjochte, ganz ungeſtört hingegeben. Elſe hatte in Gemeinſchaft mit Cäſar und Hilmar einen Ausflug unternommen, der ſie nördlich hinauf zu einer maleriſch ſchönen Bucht des Meeres führen ſollte. Schon früh am Tage waren ſie in der kleinen ruſſiſchen Droſchke aufgebrochen, und ſie hofften, vermöge ihrer kräftigen, muntern Litthauer, bei guter Zeit zurück ſein zu können. Elſe hatte keck die Zügel der muthigen Pferde ergriffen und den beiden jungen Männern befohlen, Platz im Wagen zu nehmen. So waren ſie abgefahren, heiter wie der Morgen, der herauf dämmerte.— Als das Poſthorn näher und immer näher erklang, erhob ſich die Majorin und ſah mit geſteigertem Intereſſe nach der Dorfſtraße hinaus. Noch eine Minute ſtillen Harrens und die Chaiſe hielt vor der Eiſengitterthür, die zum Wohnhauſe führte, aber nie von den Bekannten des Hauſes beim Abſteigen benutzt wurde. Es mußte alſo ein fremder Menſch ſein, der die Auffahrt zum Hauſe 216 nicht kannte.„Eine Dame? Eine Dame!“ dachte oder rief die Majorin mit einer unerklärlichen Inſpiration. „Eine Dame!“ Und vorwärts flog ſie! Zur Thür! Hin⸗ aus auf den Vorplatz des Hauſes! Durch die Pforte— an den Wagen! „Lisbeth— Lisbeth!“ „Großmama! O, meine liebe, liebe Großmama!“ Sie lagen ſich in den Armen. Herz an Herz. Mund an Mund. Ihre Thränen vermiſchten ſich. Halb be⸗ wußtlos fanden ſie ſich endlich im Zimmer wieder. Wie ſie hinein gekommen waren, das wußten ſie nicht. „Wo iſt Cäſar?“ fragte Lisbeth glühend vor Ver⸗ langen. Es war die ruhige, kalte Dame der Familie Webhan nicht mehr, die ſich aus den Armen der Majo⸗ rin erhob und leuchtend um ſich ſchaute. Ein leichter Schatten flog über die Augen der Majorin. „Fort ſind ſie,“ berichtete ſie zerſtreut und eilig. „Sechs Meilen weit, um die Kronenbucht zu beſuchen.“ Getäuſcht runzelte Lisbeth die Stirn.„Wie lange bleiben ſie?“ forſchte ſie haſtig.„Was wird Cäſar ſa⸗ gen, wenn er mich ſieht?“ „Sei ruhig. Sie können jeden Augenblick zurück ſein, ſüße Lisbeth. Weiß Cäſar nicht, daß Du kommſt?“ Lisbeth ſchüttelte lachend den Kopf. 217 „Dann danke ich es wohl dem wackern Erich, daß Du, liebes Kind, hier biſt?“. „Eigentlich ja. Aber Du dankſt es auch mir, Du dankſt es meiner Sehnſucht—“ Die Majorin ſtrich ſchmeichelnd über ihre roſige Wangen.„Was Du Deiner Großmutter gleichſt— ſieh einmal empor— eine wunderbare Aehnlichkeit!“ Lisbeth holte tief, tief Athem. Das hatte ein An⸗ derer, Einer, den ſie vergeſſen wollte, ebenfalls geſagt. Ihr Auge füllte ſich mit Thränen, als ſie emporblickte. Sie dachte ſchmerzlich bewegt an den einſamen Mann, den ſie verworfen hatte. Die Majorin verſtand ihre Bewegung falſch. „Weine nicht, liebes Kind! Ich ſtehe an ihrer ſtatt, und Euer Glück könnte der zärtlichſten Mutter nicht theurer ſein, als mir. Du biſt mein erſtes Kind geweſen, und der Schmerz um Dich nagte an meinem Leben, bis Elſe die Lücke ausfüllte, die durch die Trennung von Dir ent⸗ ſtanden war. Haſt Du denn wohl Vertrauen zu mir, geliebtes Kind?“ „Unbedingtes Vertrauen, Mama!“ rief Lisbeth mit kindlichem Lächeln.„Aber ich habe Dir über meinen Gemüthszuſtand traurige Geſtändniſſe zu machen.“ Das junge Mädchen ſchien Luſt zu haben, die Bürde 1861. III. Die Erben von Wollun. 14 218 ihres Schuldbewußtſeins ſogleich zu erleichtern. Sie wurde durch den Ausruf der Majorin daran ver⸗ hindert. „Da kommen die Landläufer, da kommen ſie!“ In demſelben Momente brauſte ein Fuhrwerk außen an dem Gitter vorüber und lenkte in die ſeitwärts be⸗ legene Auffahrt hinein. „Hier haſt Du gleich ein Pröbchen von Elſen oſt⸗ preußiſcher Erziehung!“ lachte die Majorin. „Elſe fuhr?“ fragte Lisbeth überraſcht.„Und wer war der andere Herr?“ „Hilmar Wulfen!“ entgegnete die Majorin. Lisbeth hörte es nicht mehr, denn Cäſar, von der verrätheriſchen Chaiſe des Onkels Burbach hinlänglich unterrichtet, ſtürmte in das Zimmer und umſchlang mit beiden Armen ſeine Lisbeth, die Vertraute aller Leiden und Freuden in ſeinem ganzen Leben. Hier, wo er ſich ohne Hehl ſeiner warmen, leb⸗ haften Empfindung überlaſſen durfte, hier erſchien er endlich den erſtaunten Blicken der Majorin als ihr ehe⸗ maliger liebenswürdiger Pflegling. Vor der tiefen Zärt⸗ lichkeit ſeiner Bruderliebe ſank die ſteife Maske des Welt⸗ manns, die ſtarre Ruhe des Juriſten, und er wurde le⸗ bendig unter dem belebenden Einfluſſe des Mädchens, das ſein Glück zu gründen gekommen war. 219 Eine kleine Weile nach Cäſar kam Elſe mit Hil⸗ mar. Befangen trat ſie ein— Hilmar jedoch blickte zit⸗ ternd vor Erwartung, Glut und Leben im Blick, auf Lisbeth. In den Herzen Beider waren Gedanken auf⸗ getaucht, dem Mädchen zum vernichtenden Schmerze, dem Jünglinge zur feurigſten Belebung, als Cäſar in leidenſchaftlicher Freude Lisbeth zu begrüßen eilte. Lisbeth umfing das junge Mädchen in holder Trau⸗ lichkeit, und drückte ihre Lippen ſo feſt und warm auf ihren Mund, daß ihr Inneres aufthaute und in Schwe⸗ ſterzärtlichkeit erglühte. Dann wendete ſich Lisbeth zu Hilmar. Feſt hing ſich ihr Auge an die wohlbekannten Züge. Es ahnte ihr, wen ſie vor ſich ſähe. Der Name Hilmar trat vor ihre Seele. Dieſer hieß Hilmar, und er war ein Abbild ſeines Vaters in unreifer Geſtalt. Son⸗ derbares Menſchenherz, das in Liebe, Trotz, Hoffnung, Trauer und Haß hin und her ſchwankt, unbeſtändig in ſeinen Regungen und gerade in ſeinem Wankelmuthe ei⸗ nen eigenthümlichen Reiz entfaltend. Lisbeth, von einem Impulſe geleitet, den ſie ſelb nicht klar erkannte, trat raſch auf den jungen Mann zu, bot ihm die Hand und ſprach mit ſtrahlendem Lächeln: „Sie ſind des Obriſtwachtmeiſters Sohn? Ich kann Ihnen ſagen, daß Ihr Vater wohl und munter iſt!“ 4 220 Beſtürzt, aber mit den Merkmalen eines innern Entzückens blickte Hilmar das ſchöne Fräulein an. „Sie wiſſen?“ ſtammelte er.„Wer hat es ge⸗ wagt?“ „Ihr Vater ſelbſt hat mir's vertraut! Ich begrüße Sie daher keck mit der Vertraulichkeit einer alten Be⸗ kannten!“ Ein kleines Wanken in ihrer Stimme konnte eben ſo gut der Einwirkung von Verlegenheit wie von Her⸗ zensbewegung zugeſchrieben werden, und es war vielleicht eine Miſchung von beiden. Ihr Herz hatte ſie angetrie⸗ ben, dem beleidigten Obriſtwachtmeiſter mit dieſer un⸗ geſuchten Anerkennung eine Satisfaction zu bieten. Das Gewagte dieſes Schrittes erkannte ſie erſt, als es zu ſpät war. Mittlerweile ſenkten ſich die Schatten des Abends allmälig nieder. Der Familientiſch wurde raſch gedeckt und unter dem Austauſche ihrer Erlebniſſe nahmen die hungrigen und durſtigen Menſchenkinder, die ſich den ganzen Tag in der friſchen Luft umhergetrieben, das Abendeſſen ein. Hierbei trat das gewandte, geſellige We⸗ ſen Lisbeth's, ihre vornehme Natur und die geiſtreiche Ausdrucksweiſe ihrer Sprache in ein ſo helles Licht, daß die Majorin ganz hingeriſſen und entzückt ihren Schilderungen lauſchte. 221 Cäſar lächelte ſtolz zu dem Triumphe, den Lisbeth's Liebenswürdigkeit feierte. Hilmar zeigte ebenfalls ein ſieggekröntes Lächeln. Sein Auge rollte leidenſchaftlich bewegt von Cäſar zu Lisbeth und von Lisbeth zu Cäſar. Was er dabei dachte, das verriethen nur ſeine heftigen, ungeſchickten Bewegun⸗ gen. Seine Lippen blieben ſtumm. Elſe aber, das liebliche, fröhliche, verwöhnte Kind des Hauſes ſaß mit weitgeöffneten Augen, in denen der Schmerz niſtete, und betrachtete mit ſcheuer Neugier die Dame, die wie ein zerſtörendes Meteor in ihr Para⸗ dies fiel. Lisbeth ſuchte endlich ihren Blick und fragte ſcher⸗ zend: „Weshalb ſiehſt Du mich denn ſo ernſthaft an, mein Elschen?“ „Du biſt ſo ſchön!“ entgegnete Elſe freimüthig, aber ſtill traurig. „Weißt Du nicht, daß Du Dir die ſchönſte Schmei⸗ chelei ſagſt!“ rief Lisbeth lachend.„Du ſollſt mir ſehr ähnlich ſein!“ Mit argwöhniſchen Blicken prüfte Elſe ihre ſchöne Verwandte. Als ſie aber nur freundliche Herzlichkeit in ihren Mienen fand, meinte ſie etwas zögernd: 222 „Es mag ſein, daß wir Blumen einer Art ſind— die Feldroſe iſt freilich auch eine Roſe!“ Bald darauf ſtand ſie auf und verließ das Zim⸗ mer, ohne daß man ſich weiter um ſie kümmerte. Ihr volles Herz trieb ſie hinaus. Der Zwang, wor⸗ in ſie ſich ſeit dem erſten Momente befand, wo ſie aus Cäſar's lebhafter Freude tropfenweis die Eiferſucht in ſich einſog, drohte ihre Haltung feindſelig gegen das ſchöne Mädchen zu machen. Deshalb floh ſie hinaus in die Dämmerung der Nacht, nach dem Garten, der ſeit dem Pfingſtfeſte ein bedeutungsvoller Aufenthalt für ſie ge⸗ worden war. Hoffte ſie vielleicht, daß Cäſar ihr nach⸗ eilen würde? Sie mußte die Erfahrung machen, daß Cä⸗ ſar keine Zeit für ſie hatte. Aufgeregt ſchritt das junge Weſen durch die dunkle Kaſtanienallee und erſtieg den Schneckenberg, eine künſt⸗ liche Erhöhung am Ende der Baumreihen, von wo aus man den Waſſerſpiegel des Meeres, wie einen glänzen⸗ den Streifen am Horizonte erblicken konnte. Hier ſtand ſie athemlos ſtill und ſuchte ſich den Grund ihres Herze⸗ leids klar zu machen. Vor wenigen Stunden war ſie ſo glücklich und zu⸗ frieden geweſen— was war denn geſchehen, daß ſie ſo unſäglich traurig um ſich blickte? 223 O, nichts war geſchehen, nichts, als daß ſie in we⸗ nigen Viertelſtunden gelernt hatte, beſcheiden auf die Pal⸗ me der Schönheit, Anmuth und Klugheit zu verzichten. Sie begriff vollkommen, daß ſie ſich mit der reizenden und geiſtvollen Lisbeth in keinen Wettſſtreit einlaſſen könne; ſie ſah ein, daß ein Mann, der mit Lisbeth ver⸗ traut war, einen Maßſtab an Körper⸗ und Geiſtesvor⸗ züge legen mußte, dem ſie nicht zu entſprechen ver⸗ mochte. Sie verzieh es dem jungen Manne, daß er ne⸗ ben Lisbeth ſie vergaß, aber der Schmerz einer auflo⸗ dernden Eiferſucht wurde unleidlich, als ſie hier allein ſtand, hier an demſelben Orte, wo Worte voll heiliger Bedeutung ein Band um ihr Herz gezogen, das nimmer vergehen konnte. 1 Die Dämmerung nahm zu. Duftiger Nebel legte ſich zwiſchen die friſchgrünen Geſträuche und ſtieg bis zu den Wipfeln der Kaſtanien heran, deren weiße Blüthen⸗ dolden wie Lichter auf einem Weihnachtsbaume durch das Dunkel leuchteten. Elſens Herz wurde ſchwerer. Die Pein ihrer Erin⸗ nerungen nahm noch zu, als ſie die Ueberzeugung ge⸗ wann, daß ſie wirklich über Lisbeth vergeſſen ſei. Wie oft war ſie heimlich hieher geflohen, wenn die Schatten der Dämmerung ſich ſenkten, um den letzten Tagesſchim⸗ mer auf jenem meilenweit entfernten Waſſerſpiegel ſich 224 wiegen zu ſehen, und jedesmal hatte Cäſar den Weg zu ihr gefunden. Zum erſtenmale vernachläſſigt wogte und brauſte es in dem jungen Herzen wie Zorn, wie Schmerz, wie Trotz und wie Trauer. Sie wußte ſich ihre Gefühle nicht recht zu deuten. Es war ihr zu Muthe, als ſei ſie in ihren Rechten gekränkt, und doch mußte ſie ſich augen⸗ blicklich wieder eingeſtehen, daß ſie gar kein Recht an Cä⸗ ſar habe. Demüthig gemacht durch dies Erkenntniß ihrer Vernunft, ſtand ſie troſtlos da und ſtarrte in die Weite. Noch einige kurze Wochen, und Cäſar entſchwand aus ihrem Geſichtskreiſe. „Für immer? Für immer?“ fragte ſich das junge Mädchen wild auffahrend.„Ein kurzes Glück, und dann ein langes Leben voll Trauer und Sehnſucht!“ Sie hob die Augen flehend zum Himmelszelte empor, wo einzelne Sterne mit der ewig unveränderten Ruhe und Klarheit auftauchten. Da hörte ſie Geräuſch. Fußtritte im kieſigen Wege der dunklen Kaſtanienallee— ein ſüßer Schauer durchzitterte ihre Bruſt, und ſie mußte ſich eiligſt nieder⸗ laſſen auf die Gartenbank, die hier ſtand. Die Schritte kamen näher. Stimmen wurden laut. Das weiche, ſeelenvolle Organ Lisbeth's wechſelte mit dem ſanften, ſonoren Tone Cäſar's. Sie ſprachen ſehr lebhaft. Sie gaben ſich mit inniger Traulichkeit dem lang 225 entbehrten Genuße hin, Leid und Freud vom Herzen herunter zu ſprechen. Sie hatten ſich ſo viel zu ſagen und zu klagen! Elſe hörte nicht, was ſie ſprachen, aber ſie ſah, mit welcher Innigkeit Cäſar das ſchöne Mädchen mit dem rechten Arme umſchloſſen hielt, als Beide das Ende der Allee erreicht hatten. Eine kleine Weile ſtanden ſie ſtill, als wären ſie ungewiß, ob ſie den Schneckenberg hinauf ſteigen wollten. Cäſar beſiegte den kleinen Widerſtand ſeiner Begleiterin. Er zog ſie mit ſich fort und ſprach laut: „O komm! komm, Klein⸗Lisbeth!— Vielleicht iſt ſie oben, und dann ſagen wir ihr gleich Alles!“ Elſe athmete furchtbar beklommen. Nein! Sie wollte nichts hören! Was konnte ſie aber thun? Vorſichtig wich ſie in die Gebüſche zurück, die die Kuppe des künſtlichen Hügels dicht umgaben. Behutſam verbarg ſie ſich hinter einen Taxusbaum, der als Pyramide gezogen, eine Zierde des Hügels abgab. Geheimnißvoll rauſchte es in dem Baume und geſpenſtiſch flüſterte es in den Zweigen ne⸗ ben ihr. Athemlos vor Bangen kreuzte ſie die Arme über dem Herzen, um ſein fürchterliches Pochen zu ver⸗ bergen. Während dieſer kurzen Zeit waren die beiden Leut⸗ chen leiſe plaudernd bergan geſtiegen, noch immer Eines 226 in des Andern Arm und ſo dicht zu einander geneigt, daß ſich ihre Wangen berühren mußten. Elſe ſah dies bei einer Wendung des Weges. Eine Empfindung, ſo tobend, ſchmerzhaft und überwältigend, wie ſie ihr junges Herz noch niemals beherbergt hatte, umflorte momentan ihre Beſinnungskraft. Sie traute ihren Augen nicht und ſtrengte alle ihre Sinne an, um ſich von der Wahrheit ihrer Beobachtung zu über⸗ zeugen. „Was iſt das? Was iſt das 2“ dachte ſie zitternd, und griff mit beiden Armen in die duftenden Sträucher, um nicht zu ſinken.„Sie iſt ſeine Braut! Wie könnte ſie ſonſt mit ſo freudiger Zuverſicht in ſeinen Armen bleiben!“ Langſam ſchritt das Paar näher. Ihr Geſpräch hielt ſich in den Grenzen des Flüſtern. Elſe hing erſtarrt in den Blüthenzweigen des Hollunderbuſches, der ſpielend ſeine Traubenblumen über ihre Stirn legte, gleichſam Troſt in ihre Seele hauchend. Jetzt hatten die Beiden die Kuppe erreicht und das letzte matte Abendlicht verklärte die eng an einander geſchmiegten Geſtalten. „Sie iſt nicht hier!“ rief Cäſar im verwunderten Tone.„Wie ſchade, o wie ſchade!“ „Eigentlich iſt es mir lieb, Elſe nicht zu finden,“ entgegnete Lisbeth.„Es liegt noch Manches vor, was erſt 227 zwiſchen uns Beiden gehörig gelichtet werden muß, ehe wir uns erklären.“ „O, Klein⸗Lisbeth,“ ſchmeichelte der junge Mann, „ſei barmherzig! Du weißt nicht, wie oft ich das Wort von meinen Lippen zurückdrängen mußte! Wozu zaudern, wenn das ſüßeſte Glück uns winkt!“ „Stürmiſcher Menſch!“ ſchalt Lisbeth lachend. „Eins kann und werde ich nie begreifen, Cäſar. Wie haſt Du die Majorin nur ſo falſch beurtheilen können?“ „Mein böſes Gewiſſen mag Schuld ſein—“ wen⸗ dete Cäſar ein.„Ich werde gründlich Abbitte leiſten, wenn erſt Alles in Ordnung iſt.“ „Weißt Du wohl, Du Sünder, daß dieſe gute Frau unſere Anſprüche auf jeden Fall reſpectirt haben würde?“ „Mein Gott— unſere Rollen wechſeln ja, Lis⸗ beth!“ rief Cäſar lachend. Früher verdammteſt Du—“ „Still! Ich habe mich bekehrt!“ unterbrach ihn die junge Dame.„Höre meine Bekenntniſſe. So wie Du Deine Reiſe angetreten hatteſt, ging ich zum Advokaten Burghauſen.“ „Lisbeth!“ rief Cäſar empört. „Meine Strafe war die Demüthigung, daß ich an⸗ erkennen mußte, Großvater Kordall ſei mindeſtens in ſei⸗ nem Rechte geweſen, als er uns ſtiefväterlich hinten an⸗ 228 ſetzte, um ſeinem Lieblinge ein Eigenthum zu hinterlaſſen, das einſt unſerer Großmutter erb⸗ und eigenthümlich an⸗ gehört hatte. Als ich mich von der Thatſache eines recht⸗ mäßigen Beſitzes überzeugte, da gab ich jeden weitern Anſpruch auf.“ „Es iſt alſo ein Teſtament unſerer Großmutter vorhanden?“ fragte Cäſar jetzt intereſſirt. „Allerdings. Eine Abſchrift davon ließ Großpapa Kordall, in einem Anfalle von Zorn gegen meinen armen Vater, vom Stapel laufen. Es iſt ein vollſtändiger Ver⸗ trauensact unſerer Großmutter.“ „Wie lautet das Teſtament?“ „Daß das ganze Beſitzthum, nebſt vorhandenem Gelde und Geldeswerthe, unbeſchränkt in Kordall's Beſitz übergehen ſolle. Unſer Großvater hat in einer Anwand⸗ lung von Mißmuth die Kinder ſeiner Töchter ſchlecht bedacht, aber Jehanne Franke hat dieſe armen Kinder gütig behüten wollen. Ich weiß, daß ſie feſt erklärt hat, uns als die rechtmäßigen Erben von Wollun zu betrach⸗ ten— es komme, wie es wolle!“ „Wer hat Dir das mitgetheilt?“ „Ein Mann, der durch unſere Anſprüche auch be⸗ raubt wurde! Ein Mann, der, nach dem urſprünglichen Vermächtniſſe des Großvaters, Elſen's Gatte werden ſollte.“ 229 „Spanne mich nicht auf die Folter, Mädchen! Wer iſt dieſer Mann?“ „Der Obriſtwachtmeiſter von Wollun!“ „Hilmar's Papa!“ rief Cäſar ſpöttiſch lachend.„Ein prächtiger Einfall von Dir!“ „Nicht von mir, ſondern vom Großvater,“ lautete Lisbeth's gleichmüthige Antwort. „Ich kenne Deine Art zu erfinden, wenn Du mich quälen willſt!“ entgegnete Cäſar haſtig. „Es iſt keine Erfindung. Erich von Wollun iſt ein ebenbürtiger Bewerber. Er gehört zu den ſchönſten Män⸗ nern, die ich je geſehen, und ſein Herz möchte an Gluth und Leben das Deine weit überſtrahlen.“ „Lisbeth— willſt Du mich eiferſüchtig machen? Sollte dieſer Plan die Majorin hindern, mir meine alten Rechte einzuräumen? Es liegt etwas zwiſchen uns—“ „Nein, nein! Die Majorin hat dahin gewirkt, daß dies Vermächtniß vernichtet wurde. Sie i*ſt gegen dieſe Heirath geweſen— ſie hat die Idee zu einer Verbindung zwiſchen Dir und Elſe angeregt.“ „Woher dann aber ihr berechnetes Benehmen?“ fiel Cäſar ein.„Ich traue ihr nicht unbedingt. Sie führt etwas im Schilde gegen mich. Gottlob— die Zeit der Ungewißheit und Befürchtung hat nun ein Ende. 230 Komm, laß uns hinab gehen— der Abendwind könnte der zarten Städterin ſchaden!“ Er legte ſeinen Arm wie⸗ der um ihre Taille und begann vorſichtig bergab zu gehen.„Welch' ein prächtiger Einfall von Dir, mir nach⸗ zukommen. Ich hatte keine Hoffnung mehr.“ „Ja, das iſt noch eine beſondere Geſchichte, Cäſar,“ unterbrach das Fräulein ihn halb ſcherzend und halb ängſtlich.„Ich fühlte mich ſehr elend ohne Dich, aber ich hätte doch die Zeit Deiner Rückkehr abgewartet, wenn nicht der böſe Geiſt in mir ſeine Herrſcherlaunen geltend gemacht hätte. Sieh, lieber Cäſar—“ Jetzt begann ſie ſo leiſe zu flüſtern, daß Cäſar genöthigt war ſein Ge⸗ ſicht tief zu ihr herabzubeugen. Elſe verſtand von nun an nichts mehr. Sie entfernten ſich unter dieſem leiſen Plaudern, und das junge Mädchen verließ, ſich mit Ge⸗ walt ermannend, ihr Verſteck, um ebenfalls heim zu gehen. Als ſie ſich aus dem Geſträuche emporrichtete, fielen die zarten Blüthenzweige geknickt zu Boden. Sie ſah mit un⸗ heimlichem Lächeln darauf hin.„In der Blüthe vernich⸗ tet!“ flüſterte ſie und ſtrich mit beiden Händen über ihre Stirn hinweg. Was hatte ſie nicht Alles gehört, wovon ihre unſchuldige, argloſe Seele bis dahin keine Ahnung gehabt. Ihr Leben war ein Blumenleben geweſen. Wie eine geſchloſſene Knospe, unberührt vom Welthauche hatte 231 ſie dem Momente entgegengelebt, der ihrem Daſein Farbe und Gluth verleihen ſollte. Mit welcher Macht in ſolchen Gemüthern die Liebe auftritt, iſt bekannt. Leider begriff Elſe, das liebliche Naturkind, erſt in dem ſchweren Momente die Größe ihrer Leidenſchaft, als ſie den Liebling ihres Herzens durch andere Bande ge⸗ feſſelt ſah. Vergebens rief ſie ſich ſeine Worte und ſeine Blicke in's Gedächtniß zurück— es blieben Kleinigkeiten gegen die Wahrnehmungen, die ſie eben gemacht, und dieſe fielen wie Leuchtkugeln in ihr Inneres. Sie wiederholte es ſich, was ſie vernommen hatte. War denn Alles wahr, was ſie geſagt? Ein Schauer von Furcht und Bangen flog durch ihr Gehirn. Unrecht⸗ mäßige Beſitzerin von Wollun wäre ſie trotz des väter⸗ lichen Teſtamentes? Sollte ihr Vater die Anſprüche auf Redlichkeit dergeſtalt aus den Augen geſetzt haben? Es war nicht möglich! Sie mußte Manches falſch verſtanden haben. Ihre Mutter ſollte ihr Auskunft geben. Ihre innere Unruhe trieb ſie fort. Sie flog leicht und gewandt die bekannten Pfade hinab, und wählte den ſchmalen Weg durch die Boskets, der hinter der Eremitage herumlief, um eher als das Paar zum Hauſe zu gelangen. Das Schickſal trieb ihr aber Hilmar in den Weg, der inſtinctmäßig hier nach ihr ſuchte, und in großen Sä⸗ tzen auf ſie zugeſprungen kam, als er ihrer anſichtig 232 wurde. Er machte ihr durch unzweideutige Pantominen deutlich, daß er dem Pärchen, das er unbedingt als Ver⸗ lobte betrachtete, drüben in der Kaſtanienallee begegnet ſei. „Was meinſt Du, Elſe?“ fragte der Jüngling, ſeine feurigen Augen blitzend auf ſie richtend.„Iſt ſie nicht ön?“ „Sehr ſchön!“ antwortete das arme Kind, und der Athem verſagte ihr beinah. „Hat er Dir je geſagt, daß Lisbeth ſeine Braut ſei?“ „Nein!“ antwortete Elſe noch leiſer. „Freueſt Du Dich?“ forſchte Hilmar. „Gewiß!“ war ihre feſte, kurze Antwort. Hilmar, vollſtändig befriedigt, trottete ganz ver⸗ gnügt neben Elſe her, und ſie kamen richtig im Familen⸗ zimmer an, als Cäſar und Lisbeth eben eingetreten waren. Es war der erſte Schritt zur Weltkultur, daß Elſe die Schmerzen ihrer Bruſt überwand und ſich aus der dumpfen Verzweiflung emporhob, die ihre Seele um⸗ nachtete. Ihre Willenskraft hielt ſie aufrecht, bis die Stunde ſchlug, wo die Menſchen mit ihren Sorgen, mit ihrem Kummer, mit ihrem Schmerz und mit ihrer Sehn⸗ ſucht gewohnheitsmäßig zur Ruhe ſich legen. Wohl dem, der im Schlummer eine kurze Vergeſſenheit ſeiner Erden⸗ leiden findet. 233 Lisbeth war die Erſte, die über Ermüdung klagte. Sie verließ unter der Begleitung der Majorin, die ihr Pflegekind nach langer lieber Zeit wieder zur Ruhe brin⸗ gen wollte, das Zimmer. Elſe benutzte die kleine Ver⸗ wirrung, die beim Gutenacht entſtand, um ebenfalls zu entweichen. Nachdem Cäſar endlich Zeit für ſie gewonnen zu haben ſchien, war ſie verſchwunden. Hilmar ſah ihn mit Siegeslächeln an.„Elſe iſt auch müde!“ ſprach er mit der Hand nach der Thür ihres Schlafkabinets deutend. Eine leichte Wolke zog über Cäſar's Stirn. „Nun dann bleibt uns nichts weiter übrig, als ebenfalls müde zu werden,“ entgegnete er haſtig und ver⸗ ließ mit einem kurzen„Gute Nacht“ das Zimmer. Nach einigem Zögern folgte der Jüngling ſeinem Beiſpiele, und die Majorin fand zu ihrem Erſtaunen das Zimmer leer, als ſie wieder kam. Gemüthlich geſtimmt, wie ſeit lange nicht, nahm ſie ihren Platz auf dem Sopha wieder ein, um noch ein wenig zu leſen. Das ging aber nicht. Ihre Gedanken ſchweiften immerfort zu Lisbeth zurück. Sie dachte daran, wie innig ſie dies Kind damals geliebt, als es hilflos ihr zur Laſt gefallen war. Sie erinnerte ſich des Entzückens, womit ſie des Kindes körperliches Gedeihen bemerkt hatte. Sie 1861. III. Die Erben von Wollun. 15 234 SAmn ſich auf die erſten Worte, die es geſtammelt, auf das zierliche Knixchen, das es gelernt, auf den liebens⸗ würdigen Trotzkopf, den es gezeigt hatte. Ihre Beſchäf⸗ tigung mit dieſem ſchönen jungen Mädchen war ſo tief und anhaltend, daß ſie anfing die Liebe zu ihrer eigenen Tochter zu beeinträchtigen. Sie dachte gar nicht an Elſe. Es fiel ihr gar nicht ein, es ſonderbar zu finden, daß Elſe ſo ſchnell die Ruhe geſucht hatte. „Wie ſchön dieſe Lisbeth iſt,“ flüſterte die gute Frau vor ſich hin.„Wie rund und weich und weiß ihre Glieder— wie allerliebſt der Nacken und die vollen Schultern— ach, und dieſe feurigen, ſchelmiſchen, trotzigen Augen—!“ „Mutter!“ ſagte eine Stimme dicht neben ihr, und der Ton dieſer Stimme verrieth eine ſehr ſchmerzliche Beklemmung. Die Majorin ſchreckte auf aus ihrer Extaſe und ſah verwirrt in das todtenblaſſe Geſicht ihrer Toch⸗ ter, die das Selbſtgeſpräch belauſcht hatte. Zehntes Capitel. Mutter und Tochter. Das erſte Gefühl der Majorin beim jähen Erſchei⸗ nen Elſens war Schreck. Danach trat eine Art Reue ein und dann folgte eine überſtrömende zärtliche Sorge. „Um Gotteswillen, was iſt Dir? Was fehlt Dir? Biſt Du krank, mein liebliches Kind?“ fragte ſie ihre Arme um das bleiche Mädchen ſchlingend und daſſelbe innig an ſich preſſend. Elſe lächelte ſchwach. O, ſie hatte eine fürchterliche Stunde verlebt, während ihre Mutter dem Mädchen die hingebendſte Zärtlichkeit bewies, das vom Verhängniſſe beſtimmt ſchien, ſie grenzenlos elend zu machen. Das tiefe Weh in ihr hatte Revolutionen in ihrem Gemüthe her⸗ vorgerufen. Verzweiflung wechſelte mit Haß und Liebe. Dann trat aber die Vernunft in's Mittel und milderte die Schuld derjenigen, die ſie haſſenswerth fand. Ihr angeborener Edelſinn ſchwang endlich ſiegreich das Oel⸗ blatt des Friedens und unter den großmüthigſten Vor⸗ ſätzen beſchloß ſie mit ihrer Mutter zu reden, um die Laſt ihrer Schmerzen durch Vertrauen leichter zu machen. „Ich bin weder krank, noch müde,“ ſprach ſie ganz 236 gelaſſen.„Ich muß mit Dir reden, Mutter, damit es klar voor meinen Augen werde.“ „Mein Elschen— Du haſt Dich doch nicht gekränkt gefühlt?“ fragte die Majorin mit innigen Mutterblicken in ihr Geſicht ſchauend.„Du haſt gehört—“ „Laß doch!“ unterbrach das Mädchen ſie ernſt. „Iſt es nicht ganz natürlich, ein ſchönes Mädchen zu lie⸗ ben? Nun alſo?“ Die Majorin ſah ihre Tochter groß an. „Vor allen Dingen, liebſte Mutter, muß ich wiſſen, ob ich, die Tochter meines Vaters, unrechtmäßigerweiſe im Beſitze des Gutes Wollun bin? Antworte mir ehr⸗ lich und ohne alle Umſchweife.“ „O meine Ahnung!“ preßte die Majorin hervor. „Cäſar— Cäſar!“ „Nichts von Cäſar, liebe Mutter. Bin ich unrecht⸗ mäßig die Erbin des Gutes?“ „Ja— ja, mein Kind! Ja, ja!“ Elſe zuckte leicht zuſammen und fragte weiter: „Wie konnte ſich mein guter ſeliger Papa ſolcher Ungerechtigkeit ſchuldig machen?? Die Majorin hob achſelzuckend die Augen auf zu dem jungen Mädchen, antwortete aber nichts auf dieſe Frage.— „Wußteſt Du, daß Wollun das eingebrachte Hei⸗ 237 rathsgut von Papa's erſter Frau war? Wußteſt Du, daß Papa's erſte Frau ihm ein Geſchenk mit ihrem Vermögen gemacht hatte?“— „O ja. Ich merkte es aus den Reden der Leute. Allein es blieb mir bis nach dem Tode Deines Vaters unbekannt, daß er ſelbſt nicht einen Pfennig Vermögen beſeſſen hatte.“ „Und mein Papa erlaubte es ſich, die Enkel der frühern Beſitzerin dieſes Eigenthumes zu berauben!“ rief Elſe, kaum ihre Entrüſtung bekämpfend. „Sieh, meine Elſe— die Sache iſt zu entſchul⸗ digen,“ entgegnete die Majorin gütig. „Zu entſchuldigen?“ warf das Mädchen bitter ein. „Erkläre mir das!“ „Dein Papa ſcheint ſeine Schwiegerſöhne nicht ge⸗ liebt zu haben—“ „Um ſo mehr mußte er Gerechtigkeit gegen die Kinder derſelben üben.“ „Freilich! Aber ſie wurden ſeinem Herzen entfrem⸗ det, während der alte Mann in Dir ſeine erſte Gattin zn ſeine beiden ſchönen Töchter zugleich zu lieben chien.“ „Willſt Du damit andeuten, daß mein Papa Dich nicht lieb gehabt hätte?“ Die Majorin ſenkte den Kopf ein klein wenig. Sie 238 zögerte zu antworten. Als aber Elſe ihre Frage wieder⸗ holte, ſagte ſie entſchloſſen: „Das Bündniß zwiſchen mir und dem Major Kor⸗ dall wurde auf eigenthümliche Weiſe geſchloſſen, meine liebe Elſe. Ich glaubte mir durch meine Einwilligung zu dieſer Heirath das Recht verſchaffen zu können, Cäſar und Lisbeth als meine Kinder betrachten zu dürfen. Ich irrte mich. Kaum war der Frieden in der Welt wieder hergeſtellt, ſo forderte Doctor Burbach ſeine Tochter von uns. Ich hatte Wollun noch nicht mit Augen geſehen, denn ich blieb mit den Kindern in Guttſtadt, ſo lange hier gebaut wurde, als ich meine Pflegekinder ſchon los war. Traurig zog ich in dies Haus ein. Wäre ich damals nicht ſchon des Majors Frau geweſen, ſo hätte ich es ge⸗ wiß vorgezogen, mit dem Doctor Burbach nach Wenne⸗ berg zu ziehen. Die tiefe ſchmerzliche Trauer dieſes Man⸗ nes um ſeine in meinen Armen geſtorbene Gattin webte ein Band der Sympathie zwiſchen uns.“ „Warſt Du nicht glücklich in Deiner Ehe mit mei⸗ nem Papa?“ fragte Elſe mit zornigem Eifer. „Gott behüte mich, dies in Abrede zu ſtellen, mein Kind. Ich war zufrieden! Ich war glücklicher, als ich zu ſein verdiente!“ „Aber Dein Herz trauerte um Deine Pflege⸗ kinder?“. 239 „Ja! Ja! Mein Herz trauerte, bis der Himmel wider alles Vermuthen uns Dich ſchenkte. Von da an vergaß ich meine Pfleglinge. Leider— leider vergaß ich ſie.“ „Sprach der Papa nie von ſeinen Verpflichtungen gegen dieſe armen Kinder?“ Die Majorin ſenkte wieder den Kopf ein klein we⸗ nig und zögerte mit der Antwort. Dann ſagte ſie ſchnell: „Ich war Deines Vaters Vertraute nicht! In den Wirthſchaftsangelegenheiten war ich ſeine rechte Hand, wo aber das Herz zu herrſchen begann, da hörte mein Reich auf und das Deine fing an. Erſt als er von Gott ſo plötzlich darnieder geworfen wurde, erſt da eröffnete er mir, daß—“ ſie zögerte wieder. „Daß ſein Kind den Erich von Wollun heirathen ſolle,“ ergänzte Elſe freimüthig einfallend. „Wovon weißt Du das5“ fragte die Mutter ſicht⸗ bar überraſcht. „Der Obriſtwachtmeiſter hat es Lisbeth mitgetheilt! Weiter, liebe Mutter, weiter!“ „Gut! Da Du dies erfahren haſt, ſo will ich es einräumen. Du ſollteſt Erbin des Gutes werden, und durch eine Heirath mit Erich ſollte Wollun wieder an den Stamm der Wollun's zurückfallen.“ Elſe ſtieß einen tiefen Seufzer aus. 240 „Und die Enkel der frühern Beſitzerin?“ warf ſie traurig ein. „Dieſelbe Frage richtete ich an Deinen Papa. Er wurde nachdenkend. Ich benutzte ſeine augenblickliche Er⸗ weichung. Er vernichtete ſein erſtes Teſtament.“ „Machte jedoch ſein zweites nicht beſſer?“ „Doch, mein Kind! Doch, meine liebe Elſe! Er beſtimmte Dich für Cäſar Bodenwell mit der Bedingung, daß es mir frei ſtehen ſolle, wenn dieſer Heirath etwas im Wege ſtände— Elſe, Du biſt krank!“ ſchrie die Da⸗ me plötzlich auf. Das junge Mädchen hielt die Augen weit geöffnet, wie in einer Anwandlung von Starrkrampf, auf die Ma⸗ jorin geheftet. „Ich bin nicht krank— weiter!“ drängte Elſe. „Daß es mir, als Vormünderin, frei ſtehen ſolle, Anordnungen zu treffen, die zufriedenſtellend für die Enkel der Eliſabeth von Wollun wären.“ „Er beſtimmte Cäſar für mich,“ murmelte ſelbſt⸗ vergeſſen das Mädchen.„Für mich? Für mich? Was denkſt Du zu thun, nun es Hinderniſſe gibt, die ſeinen Willen unausführbar machen?“ 5 „O, noch iſt ja nichts entſchieden, mein Kind,“ antwortete die Majorin ausweichend. 4 241 „Wie? Willſt Du abwarten, bis die rechten Erben von Wollun ihr Eigenthum fordern?“ „Dahin kann es nicht kommen. Das Recht iſt in meinen Händen!“ entgegnete die Majorin feſt. „Wirſt Du es vorziehen, Dich von Advokaten be⸗ drohen zu laſſen?“ fragte Elſe finſter. „Advokaten fürchte ich nicht! Hat Cäſar Dir ſeine Pläne verrathen?“ fügte ſie ernſt hinzu. „Laß Cäſar aus dem Spiele, Mutter!“ rief Elſe empört.„Lisbeth iſt Deine Widerſacherin. Was wirſt Du nun thun, Mutter? Was wirſt Du beſchließen, nun Cäſar und Lisbeth vereint ihre Rechte in Anſpruch nehmen?“ fragte ſie hartnäckig. „Cäſar und Lisbeth vereint?“ wiederholte die Da⸗ me mechaniſch. Es ging ihr ein Licht auf, aber dies Licht brachte ihr keine Freude, es gewährte ihr keine Beru⸗ higung. „Ich kann Dir die beſtimmte Antwort nicht erſpa⸗ ren, Mama, obwohl ich ſie ſchon weiß, und zwar aus Lisbeth's eigenem Munde. Was gedenkſt Du zu thun?“ „Cäſar und Lisbeth? O, der Gedanke lag ſo nahe, und ich verfiel dennoch nie darauf! Cäſar und Lis⸗ beth?“— Ein Strahl göttlicher Güte und Huld ver⸗ klärte das Antlitz der Majorin. Sie breitete ihre Arme der lieblichen Tochter entgegen. Dieſe ſtürzte ſich heftig 242 bewegt an die Bruſt der treuen Frau, während ſie er⸗ wiederte: „Was ich zu thun gedenke, meine Elſe? Ich werde Wollun mit dem verlaſſen, was mein iſt, was mir kein Advokat ſtreitig machen kann. Haſt Du Muth, theures Kind? Haſt Du Muth, ein ſtilles Leben voll Entbehrun⸗ gen an der Seite Deiner armen Mutter zu tragen?“ „Ja! O meine liebe, meine ſüße liebe Mama!— Gott ſei ewig gedankt, daß ich wenigſtens eine Mutter habe, die ich ehren und achten darf in reinſter Kindes⸗ liebe!“ flüſterte Elſe weinend, und ſie ſchmiegte ſich in⸗ nig, wie noch nie in ihrem Leben an das Mutterherz. „Verdamme Deinen Vater nicht, mein trautes Els⸗ chen!“ ermahnte die Majorin.„Komm! Du ſollſt die Papiere leſen, die er hinterlaſſen hat. Komm! Wir wol⸗ len vereint prüfen und vereint handeln! Wie bleich Du biſt, arme Kleine. Wie Du bebſt vor innerer Aufregung. Wollen wir die Durchſicht der Briefe bis morgen ver⸗ ſchieben?“ „Nein, nein!“ war Elſens haſtige Antwort.„Mor⸗ gen muß Alles klar ſein— morgen früh will ich Lisbeth unſere Entſchlüſſe mittheilen— morgen wollen wir Wol⸗ lun verlaſſen.“ 3 „Morgen? Warum ſo eilig und ſtürmiſch?“ meinte die argloſe Mutter, und ſah verwundert in die flammen⸗ 243 den, blitzenden, trotzigen Augen ihrer Tochter. Ganz un⸗ willkürlich drängte ſich ihr der Vergleich zwiſchen Lisbeth und Elſe auf. Wie ähnlich ſah die Tochter jetzt der Er⸗ bin von Wollun, wie ähnlich der Ahnfrau des Hauſes. „Warum ſo eilig? Begreifſt Du denn das nicht, Mama? Nur fort— fort! Vielleicht kann ich vergeſſen— vielleicht den Traum belächeln, wenn ich erſt ganz er⸗ wacht ſein werde. Ich habe ja eine Mutter, die ich ehren und achten kann!“— Die verſchwiegene Nacht deckte mit ihrem Schleier die Kämpfe, welche dieſe beiden edelmüthigen Herzen durchzumachen hatten, indem ſie ſich von den Charakter⸗ ſchwächen eines Mannes überzeugten, der ihnen bis da⸗ hin als einer der beſten Sterblichen erſchienen war. Es gewährte ihnen einen Troſt, aus Allem hervorleuchten zu ſehen, daß der Major rein irrthümlich und nie böswillig gehandelt hatte. Sein Gemüth hatte ſich zuerſt von den Kindern ſeiner Töchter abgewendet, nach und nach war eine gewiſſe Gleichgültigkeit eingetreten, die in Härte überging, als Lisbeth's Vater es für ſeine Schuldigkeit gehalten hatte, die Rechte ſeines Mündels Cäſar Boden⸗ well geltend machen zu laſſen. Er wußte ſich in ſeinem Rechte und hätte Bitten vielleicht gütig beantwortet. Der Forderung ſtellte er Bitterkeit und Trotz entgegen. Gegen Cäſar wurde er ſpeciell eingenommen, als der 244 Jüngling ſich weigerte Soldat zu werden, ſeiner entſchie⸗ denen Abneigung gegen den Militärſtand Worte lieh und ſich der Jurisprudenz widmete. Ganz vollendet wurde der Bruch zwiſchen ihm und ſeinen Enkeln durch die abgöttiſche Zärtlichkeit, die er ſeiner jüngſten Tochter zuwendete. Das lag klar zur Hand und wurde ſelbſt von Elſen richtig erkannt. Elftes Capitel. Kämpfe. Der Morgen des nächſten Tages zog mit derſelben Heiterkeit herauf, wie ſonſt Morgen von ſchönen Som⸗ mertagen heraufzuziehen pflegen. Elſe, das trauermüde Kind, konnte dies eigentlich nicht begreifen, da nach ihrer Meinung Gott und die ganze Natur Mitleid mit ihrem Schmerze haben mußte. Sie zürnte, daß die Sonnenſtrahlen mit fröhlichem Glanze auf den grünen Blättern umherflatterten; ſie zürnte, daß die Vögel in die friſche, duftige Luft hinein⸗ jauchzten; ſie zürnte, daß der Himmel blau und nicht 245 ſchwarz war, und ſie zürnte, daß ihre Mama ſo ruhig Kaffee trinken konnte. So lange war in ihren Erfahrungen das Tragiſche vorherrſchend geweſen und hatte das Thun und Treiben des unverſuchten Mädchens gleichſam geheiligt. Als ſie ſich aber zu ihrem beſprochenen Vorhaben rüſtete und ſich mit wirklicher Würde zu einer entſcheidenden Unterredun mit Lisbeth vorbereitete, da fing ſie an, ſich in komiſchen Uebertreibungen zu gefallen. Ausgerüſtet mit den nöthigen Papieren ſtieg ſie ſchwermüthig und ernſt die Treppe hinauf, um Lisbeth. ohne alle Ceremonie in ihrem Zimmer zu überfallen. Auf ihr leiſes, aber ſehr beſtimmtes Anpochen öff⸗ nete dieſe junge Dame, ſchon vollſtändig coſtümirt, die Thür und begrüßte ſie laut und herzlich. Elſe ſchloß die Thür ſogleich und ſchritt haſtig zum Fenſter, um ſich dort, eine Stütze ſuchend, mit dem Rücken gegen die Fenſtereinfaſſung zu lehnen. Es war der zweite Schritt in ihrer Weltkultur, daß ſie darauf ausging, ſich die Bewunderung ihrer feindſelig auftre⸗ tenden Verwandten verdienen zu wollen. Sie glaubte ihr Herz damit befriedigen zu können, wenn ſie auf Alles Verzicht leiſtete, was dem Glücke und der Zufriedenheit Cäſar's Eintrag that, und ſie hatte es für nöthig gefun⸗ den, ſich dazu mit großartiger Würde auszurüſten. 246 Ihr Vorhaben erlitt gleich beim Eintritt in's Zim⸗ mer einen Schiffbruch. Lisbeth war heiter wie die Vögel in der freien friſchen Luft erwacht, und begrüßte ſie mit dem ſtrahlendſten Lächeln und der neckiſchen Benennung „Tantchen!“ Sie gewahrte gar nichts von der Opfer⸗ willigkeit Elſens, weil ſie dieſe Opferwilligkeit nicht mehr nöthig fand. Um ſo mehr wurde ſie überraſcht, als Elſe mit bedeutend zitternder Stimme und wenig parlamenta⸗ riſcher Ruhe begann: „Ich komme zu Dir, um im Namen meiner Mut⸗ ter eine ernſte Angelegenheit zu beſprechen.“ Lisbeth fühlte ein unbeſtimmtes Unbehagen. Was ſollte das heißen? „Hat die„ernſte Angelegenheit“ nicht Zeit, lieb Elschen?“ fragte das ſchöne Mädchen ſcherzhaft, mit hinreißender Freundlichkeit in das bleiche Geſicht Elſens ſchauend.„Ich habe Cäſar verſprochen, mit ihm den Glaspavillon zu erklettern. Er will mir das Meer zeigen!“ Elſe konnte einen tiefen Athemzug bei Erwähnung 6 * dieſes Pavillons nicht ganz unterdrücken. Lisbeth blickte forſchender in dies bleiche Geſicht, und ſie ſah jetzt, daß die Mienen des jungen Weſens matt, muthlos, träume⸗ riſch und ſchmerzlich verzogen waren. Aber trotzdem leuchteten ihre ſchönen Augen und ihre innerlichen, lei⸗ 247 denſchaftlichen Entſchlüſſe färbten jetzt die bleichen Wan⸗ gen hochroth.. „Ich werde mich hinreichend beeilen,“ erwiederte ſie ſehr raſch, und entfaltete in zitternder Haſt die Papiere, die ſie in der Hand trug;„ich werde mich hinreichend beeilen, um dieſem verabredeten Morgenvergnügen kein Hinderniß in den Weg zu legen. Es ſind nur wenige Worte nöthig zur Erklärung. Zuerſt muß ich Dir ein⸗ geſtehen, daß ich geſtern Abend ganz willenlos Ohren⸗ zeuge eines Geſpräches zwiſchen Dir und Cäſar gewor⸗ den bin, welches mich über Familienverhältniſſe unter⸗ richtet hat, die mir bis dahin völlig unbekannt geblieben waren.“ Lisbeth hatte ſich während dieſer Einleitung etwas ſtraffer und ſtolzer aufgerichtet, behielt jedoch den necki⸗ ſchen, ſarkaſtiſchen Ton bei, weil ſie voraus ſah, daß die Demüthigungen, die ihr nach dieſer Erklärung bevorſtan⸗ den, am beſten ſcherzhaft zu überwinden ſeien. In die⸗ ſer Ueberzeugung entgegnete ſie mit verſtellter Demuth: „Ach— eine Strafpredigt! Eine Strafpredigt! Nur zu. Ich verdiene ſie!“ „Es kommt mir nicht zu, eine Strafpredigt den Perſonen gegenüber halten zu wollen, die ſchmählich in ihren Rechten gekränkt ſind und alle Urſache haben, mich und meine gute Mama für habſüchtig zu halten.“ 248 „Elſe, liebe beſte Elſe,“ bat Lisbeth lachend.„Leg' die ſchrecklich ernſte Miene ab— ich beſchwöre Dich darum. Wir ſind allzumal Sünder!— Ich bin die größte Sünderin, aber auch die reuigſte! Vergib! Ver⸗ giß! Was Du auch von meinen Lippen gehört haben kannſt— beurtheile mich milde. Cäſar wird mir bezeu⸗ gen, daß ich ſehr gut, aber auch ſehr ſchlecht ſein kann. Jetzt habe ich mir gründliche Beſſerung gelobt.“ Elſe ſtand eine Secunde ſprachlos da. Sie war aus dem Contexte gekommen. „Ich habe gar nichts zu verzeihen,“ ſagte ſie dann verwirrt. „O, doch, doch!“ fiel Lisbeth haſtig ein.„Mein obſtinates Temperament hat Alles verdreht und verkehrt gemacht. Warum kam ich nicht gleich offen und ehrlich mit Cäſar hieher und ſprach Alles das aus, was mich erbitterte.“ .„Freilich,“ ſeufzte Elſe und ſenkte mattherzig das Köpfchen.„Es wäre gewiß beſſer geweſen.“ „Aber es iſt ja noch nicht zu ſpät!“ eiferte Lisbeth. „Es iſt noch Alles zu retten.“ Elſe ermannte ſich wieder und entgegnete höchſt würdig: „Jal Meine Mutter hat mir Vollmacht gegeben, 8 4 249 Euch zu erklären, daß wir Wollun in den nächſten Tagen verlaſſen würden. Ihr tretet dann ungehindert in den Beſitz Eures rechtmäßigen Erbes.“. Jetzt verlor Lisbeth etwas von ihrer Heiterkeit. Sie ſtarrte das Mädchen ſchweigend an. „Das iſt die handgreiflichſte Kriegserklärung,“ murmelte ſie nach einer Weile,„und dabei diejenige, welche Eure Verachtung am deutlichſten ausdrückt.“ Es entſtand wieder eine Pauſe, die drückend zu werden drohte. Elſe hatte ihre Kugeln verſchoſſen, und ſie war nun nicht im Stande, ihren Angriff würdig fort⸗ zuführen.. Lisbeth hingegen konnte trotz allen Scharfſinnes keine rechte Veranlaſſung zu ſolchen demüthigenden Ent⸗ ſchlüſſen finden. Sie erhob kopfſchüttelnd ihr weiſes Geſicht. „Haſt Du nicht daran gedacht, was Cäſar zu dieſer etwas unſinnigen Entſchließung ſagen wird?“ fragte ſie, ſchon wieder in eine gewiſſe Schelmeri verfallend. ℳ„Cäſar's Urtheil kann auf unſere Handlungsweiſe gar nicht einwirken,“ entgegnete Elſe kühl und ho⸗ heitsvoll. Frappirt blickte Lisbeth ſie an. „So wenig gilt er Dir?“ fragte ſie geſpannt. Eine tiefe Röthe glitt langſam über Elſens Wan⸗ 1861. III. Die Erben von Wollun. 16 250 gen. Das Blut trat von ihrem Herzen in ihr Angeſicht, weil ſie ſich mit ihrer ſtillen Neigung verſpottet glaubte, „Sein Mißtrauen hat ihn uns entfremdet,“ ſagte ſie leiſe. „Mißtrauen in Deine Mama? Denn zu Dir hat er ein felſenfeſtes Vertrauen gehegt.“ „Weshalb hat er mir dann ſeine Verlobung mit Dir verhehlt?“ fragte Elſe ſchnell. „Seine Verlobung mit mir?“ rief Lisbeth auf's Höchſte überraſcht.„Wie kommſt Du auf dieſen Gedan⸗ ken, Elſe? Wer hat das erfunden? Von wem weißt Du das?“ „Der Augenſchein belehrte nicht mich allein, ſondern ſelbſt der träumiſche, einfältige Hilmar erkannte ſogleich die Bande, welche Dich mit Cäſar verknüpfen,“ erwiederte das junge Mädchen ziemlich tonlos. Lisbeth's Verſtand gebrauchte nun nicht einmal eine volle Minute, um den ganzen Zuſammenhang zwiſchen der trübſeligen Stimmung und der edelmüthigen Ab⸗ tretung des Erbes zu erkennen. Ihre gute Laune kehrte zurück und zwar glänzender und übermüthiger als zuvor. „Höre, lieb Elschen,“ ſprach ſie muntern Tones, aber ohne allen Sarkasmus.„Höre, was ich Dir ſage, und glaube gefälligſt, was ich Dir ſage! Zwiſchen Cä⸗ 1 251 ſar und mir waltet kein anderes Verhältniß ob, wie das der innigſten und wärmſten Geſchwiſterliebe, die ſo weit geht, daß wir gegenſeitig unſer Gewiſſen ſind. Dieſe Liebe würde mir Cäſar's Braut auch ferner geſtatten müſſen, denn wir Beide können ohne einander nicht be⸗ ſtehen. Aber von einer Liebe in einer andern Bedeutung iſt namentlich von Cäſar's Seite nie die Rede geweſen. Du ſowohl, als der träumeriſche Hilmar habt Euch ge⸗ waltig geirrt—“ Sie hielt inne, denn ein ſchneller Män⸗ nerſchritt ließ ſich außen auf dem Corridor hören. Lisbeth flog eiligſt zur Thür und öffnete ſie.„Das Uebrige mag Dir Cäſar ſelbſt ſagen!“ ſchloß ſie ihre Rede. Elſe, von einem Gefühle durchbebt, welches von wilder Freude und Schrecken gemiſcht, faſt zu ſtark für ihr Herz war, griff inſtinctmäßig nach einem Gegenſtande, um ſich aufrecht erhalten zu können. Cäſar gewahrte es mit dem erſten Blicke, den er beim Eintreten in's Zim⸗ mer auf ſie richtete. Er eilte auf ſie zu und umſchlang ſie mit beiden Armen. „Was haſt Du mit ihr gemacht, Lisbeth?“ rief er vorwurfsvoll.. „O, ſchilt mich nicht ſchuldig, mein hoher Herr!“ entgegnete Lisbeth heiter.„Das thörichte Kind hat Dich * 252 für meinen Bräutigam gehalten und in dieſem Irrthume hat es mir ganz Wollun vor die Füße geworfen!“ Elſe, unfähig den Sturm ihrer Empfindungen zu bewältigen, lehnte ihren Kopf hilflos an die Bruſt Cä⸗ ſar's. Eine heilige Stille trat ein. „Du haſt mich für Lisbeth's Verlobten gehalten?“ flüſterte Cäſar dann, dicht zu ihr geneigt.„Eliſabeth— ſollteſt Du denn nicht gefühlt haben, daß ich, an jenem heilig ſchönen Pfingſtmorgen, Dir meine ganze Seele gab?“ warf ſich mit kindlicher Grazie vor ihm nieder und legte ihre Stirn in ſeine Hände, die ſie mit den ihrigen um⸗ faßte. „Elſe, liebe Elſe—“ warnte Lisbeth von dieſem Zeichen reuiger Demuth tief ergriffen. „O, laß ſie nur!“ ſprach Cäſar mit gütig weichem Tone.„Sie muß ſich demüthigen vor mir! Sie iſt mir dieſe Abbitte ſchuldig. Wie konnte ſie an mir zweifeln, nachdem ich mein ganzes Innere Tag für Tag— Stunde für Stunde vor ihr enthüllt hatte!“ Er erhob das junge Mädchen und ſah ihr ernſt in's Auge. Ihre blaſſen, verſtörten Mienen bewegten ihn bis zum Schmerze. Welch' eine Nacht mußte dies arme Kind durchlebt haben.. Elſe machte ſich ſchnell aus ſeinen Armen frei, „Komm hinauf,“ ſagte er leiſe und führte ſie zur Thür.„Komm hinauf— dort oben ſollſt Du mir beichten, was Du Böſes gethan— komm hinauf!“ Lisbeth ſchloß aber wohlweislich die Thür hinter dem Paare und blieb unten. Aber es regte ſich bald darauf eine andere Thür ge⸗ genüber dem Zimmer Lisbeth's. Die Thür wurde vor⸗ ſichtig geöffnet. Hilmar trat heraus und blieb ſtehen, gleichſam ungewiß und ſchwankend in ſeinen Entſchlüſſen. Der junge Menſch ſah aufgeregt aus. Unſtät flog ſein überhaupt ſchon ſehr lebhafter Blick hin und her, und er haftete zuletzt mit ſteigendem Unbehagen an der Treppen⸗ thür des Pavillons. Er ſchlich vorſichtig heran. Er ſtreckte den Kopf lauſchend durch die Thürſpalte. Er öffnete leiſe die Thür und ging leiſe hinauf. An der letzten Wendung der Treppe blieb er ſtehen. Von dort aus konnte er Alles hören und Alles ſehen, was im Pavillon vorging. Hier höckte er ſich nieder, und ſeine Hände zitterten krampfhaft, als er ſchwermüthig ſein Kinn darin ſtützte. Als fürchte er ſich vor dem Anblicke, der ihn treffen könne, ſo beharrlich vermied er zuerſt die Augen dahin zu richten, wo Cäſar mit Elſe weilte. Endlich faßte er ſich ein Herz— als hätte ein Dolchſtich ihn getroffen, ſo ſtöhnte er aus tiefſter Bruſt, als er Elſe in Cäſar's Armen erblickte, von ihm geküßt, von ihm mit leiden⸗ ſchaftlichem Ausdrucke immer wieder betrachtet und innig geliebkoſt. Und Elſe? O, ihr Auge ſprühete Flammen und ihre weichen Lippen boten ſich hingebend den Küſſen dar, die Cäſar forderte und nahm. Man ſah deutlich, daß ſie jetzt den Unterſchied zwiſchen Liebesflüſtern und herzlichem Brudergeſpräch erkannt hatte. Man ſah, daß ſie nicht müde wurde dem Geliebten zuzuhören, wenn er immer dieſelben ſüßen, tändelnden Worte zu ihr redete; man ſah, daß ihr Geiſt, ihre Seele und ihr Herz vereint in Jubelhymnen ausbrach, daß ihr Glück unermeßlich groß war. „Ich wäre geſtorben, Cäſar,“ ſagte ſie plötzlich mit jenem Pathos, den nur die innere Ueberzeugung an⸗ nimmt.„Ich wäre geſtorben! O, dieſe Nacht, die ſchreck⸗ liche, verzweiflungsvolle Nacht— ich wäre wahrhaftig geſtorben!“ Cäſar zog das Mädchen feſter an ſich.„Großer Gott— bewahre mir mein Glück!“ flüſterte er tief be⸗ wegt. 3 Weiter wollte Hilmar nun nichts ſehen und hören. Er tappte unhörbar wieder hinab und riegelte ſeine Thür von innen zu, als er ſein Zimmer errreicht hatte. Hier ſtand er eine Weile ganz ruhig und ſah über das Dorf hinaus nach der Gegend hin, wo ſein Vater jetzt lebte. Dann ſchloß er das Schreibpult auf, nahm ein 255 Papier hervor und las es mit ſonderbarem Lächeln, mit den Mienen eines Menſchen, welcher einſieht, wie thöricht er geweſen iſt. Er nahm eine Feder und ſchrieb, langſam, feſt und ſicher. Als er fertig war, ſtützte er den Kopf auf die Hände und ſah nieder auf das Geſchriebene. Darüber verging eine Stunde. Während der Zeit war Cäſar mit Elſe hinabgeſtiegen zur Majorin. Während der Zeit hatten ſich alle Mißverſtändniſſe gelöſt. Wäh⸗ rend der Zeit ſchwamm das junge Paar in einem Meere von Glückſeligkeit, und die Majorin wußte gar nicht, wie ihr geſchehen war. Elſe war in einer grenzenloſen Auf⸗ regung. Jetzt verdroß es ſie, daß die Sonnenſtrahlen nicht glänzender leuchteten als ſonſt, daß die Vögel nicht fröhlicher ſangen und der Himmel nicht blauer war. Hundert und aber hundertmal hätte ſie Cäſar fra⸗ gen mögen, warum er gerade ſie und nicht die bei Wei⸗ tem ſchönere und klügere Lisbeth liebe. Lisbeth fragte ſie dagegen,„warum ſie nicht den weit ſchönern Erich von Wollun geliebt habe?“ Elſe lächelte ſchlau. Sie merkte, wie die Sachen ſtanden. Hilmar hatte mittlerweile den Brief geſiegelt, und war eben dabei, ihn mit einer Adreſſe zu verſehen, als Lisbeth's helle, klingende Stimme ſeinen Namen rief. 256 „Was treiben Sie denn, Hilmar?“ rief ſie an ſei⸗ ner Thür, die ſie geriegelt fand.„Kommen Sie. Wir wollen frühſtücken und wollen dann einen Spaziergang machen. Kommen Sie, Hilmar!“ „Gleich! gleich!“ antwortete er, ohne aufzuſtehen. „Ich habe nur an meinen Papa geſchrieben!“ Lisbeth zuckte zuſammen. Sie blieb ſtehen, als habe ſie die Abſicht, etwas zu ſagen. Es ſchien ihr jedoch leid zu werden, und ſie ſetzte ſich langſam in Bewegung, um wieder hinunter zu gehen. „Er hat an ſeinen Vater geſchrieben!“ flüſterte ſie vor ſich hin.„Gott ſegne ſeinen Vater— Gott leite die Gedanken dieſes Vaters zu meinem Heile!“ Kaum hatte ſie das Familienzimmer wieder er⸗ reicht, ſo ſprang Hilmar in großen Sätzen die Treppen hinab, übergab einem Stallknechte den Brief zur Beſor⸗ gung nach der nächſten Poſtſtation, und betrat vollkommen zufrieden ausſehend das Zimmer, wo die ganze Familie verſammelt war. Außer dem Umſtande, daß er ſich merk⸗ würdig gerade und feſt aufgerichtet hielt und dadurch um Vieles hübſcher ausſah, bemerkte man nichts von dem kleinen Kampfe, den er ſo eben ſiegreich beſtanden hatte. Cäſar fühlte ein dunkles Intereſſe, als er ſeine veränder⸗ ten Manieren beobachtete. Selbſt dem klugen Hunde Ruff ſchien dies aufzufallen. Er ſchlich mehrmals um Hilmar's 257 Stuhl herum, ſchnoberte ihn an und legte endlich ſeinen dicken, großen Kopf feſt auf ſeine Knie, ihn freundlich an⸗ blinzelnd. „Sieh, Cäſar,“ ſprach Elſe lächelnd.„Ruff will Hilmar das große Geheimniß erzählen.“ Sie ſtand haſtig auf, lehnte ſich über die Schulter des Jünglings und fügte ſchalkhaft hinzu:„Denk Dir, Hilmar, nicht Lisbeth, ſondern ich bin die Braut Cäſar's!“ „Ich weiß es ſchon,“ entgegnete Hilmar lakoniſch. „Freueſt Du Dich?“ fragte ſie ſchäckernd, ſeinen Ton vom vorigen Abend nachahmend. „Gewiß!“ war ſeine eben ſo ſeſte und entſchiedene Antwort. Nach dem Frühſtücke brach man auf, um einen klei⸗ nen Streifzug zu unternehmen. Mittags kam Cäſar, Elſe und Lisbeth zurück. Hil⸗ mar fehlte. Er war ihnen abhanden gekommen— wo, das wuß⸗ ten ſie gar nicht. Während der Mittagshitze blieben die Glücklichen im kühlen Zimmer der Majorin und ließen ſich von ihren Geiſtesſchwingungen bald in die Vergangenheit, bald in die Zukunft tragen. Ihre Seelenharmonie wuchs unter dieſen Plaudereien. Die Schatten des Mißtrauens flohen auf immer. Man belächelte die Irrthümer, welche ſich 258 eingeſchlichen hatten, und man vergab ſich gegenſeitig die Sünden, die man ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Nichts trübte die ſchöne Minute des Verſtändniſſes. Lisbeth's Gewandheit und Heiterkeit half Allen leicht über die Klippen hinweg, die im Grunde lagen. Man befand ſich durch ihre Einwirkung ſo ſchnell im Hafen der vollſtändigſten Zufriedenheit und Gemüthlichkeit, daß es Allen nur als Traum erſchien, was man zuvor erlebt hatte. Erſt, als der Abend ſich näherte, als die Schatten länger wurden und ein friſcher Hauch vom Meere her die Tageswärme kühlte, erſt da verließ Elſe am Arme Cäſar's das Haus, um einen Gang durch den Garten zu machen. Sie ſtiegen den Schneckenberg hinauf. Mit welchem Wonnegefühl ließ das junge Mädchen ihre Blicke jetzt über die weißen Vlüthenkronen der Kaſtanienbäume ſchweifen! Ihre Gedanken gingen zurück. Die düſtere Dämmerung des vorigen Abends harmonirte mit den Schmerzen ihrer furchtbeladenen Seele— jetzt aber war Alles hell und geordnet. Was in der Knospe ſchlummernd gelegen, das war unter dem Thau ihrer nächtlichen Thrä⸗ nen gewaltſam zur Blüthe getrieben. Sie fühlte, daß der höhere Schwung ihrer Gefühle, das glühendere Colorit ihrer Hoffnungen aus der Furcht, den Geliebten zu ver⸗ 259 lieren, entſtanden war. Jetzt, wo ſie das Bewußtſein er⸗ langt hatte, ihn unauflöslich an ſich gefeſſelt zu ſehen, jetzt pries ſie die kleine Heimſuchung, die ihr den Werth ihres Kleinodes erhöhet hatte. Hand in Hand ſaßen die Liebenden— Aug' in Auge, Vertrauen in Blick und Geberde. Des Abends lin⸗ des Wehen hob ihre Seelenſtimmung bis zur Fröhlich⸗ keit. Was fehlte ihnen denn auch zum Glücke? Im Egoismus der erſten Liebe geht das Intereſſe für An⸗ derer Leid und Freud gewöhnlich unter.— Plötzlich drang ein Knall durch die Luft. „Was war das?“ fragte Elſe, ſich aus Cäſar's Ar⸗ men aufrichtend. „Ein Schuß!“ meinte gleichmüthig der junge Mann.— „Hier im Garten?“ fragte ſie.„Das ſoll nicht ſein! Es iſt ſicherlich Hilmar geweſen. Er verſcheucht mir ja meine ſchönen Singvögel—“ Sie redete nicht aus, denn Ruff, der große Hund kam ſpornſtreichs daher geſchoſſen mit geſträubtem Haare und eingeklemmtem Schwanze. Er ſtürzte auf Elſe zu und kroch winſelnd hinter ihr Kleid. Elſe lachte.„Siehſt Du, daß ich Recht hatte! Es iſt Hilmar geweſen, der geſchoſſen hat. Wahrſcheinlich machte er ſich mit dem alten Ruff wieder einen Spaß. 260 Der Hund kann ihn nicht leiden, wie Du weißt, flieht aber wie ein Haſe vor ſeinen zornigen Augen. Still, Ruff—“ befahl ſie ernſtlich, als das Thier immerfort winſelte und zuletzt ſogar in ein kurzes Geheul aus⸗ brach. In demſelben Augenblicke kam Lisbeth luſtig die Allee herauf. Der Hund heulte ſtärker.„Geh, Du ab⸗ ſcheuliches Thier!“ befahl Elſe, und der Hund ſchlich ge⸗ horſam den Berg hinab gerades Weges auf Lisbeth zu. „Haben ſie Dich fortgejagt, mein altes Thier,“ ſcherzte die junge Dame anmuthig.„Ja— ſo geht es. Wenn die Liebe einkehrt, wird die Freundſchaft gering geachtet. Komm mit mir!“ Der Hund heulte und win⸗ ſelte abermals, trottete aber neben Lisbeth her, bis⸗ weilen ſich dicht, wie in einem Anfalle von Furcht, an ſie drängend. So gingen ſie fort, bis die Allee zu Ende war und ein dichtes Bosket begann. Hier blieb der Hund ſtehen und brach in ein jämmerliches Klagegeheul aus. Warum lief ein Schauer über Lisbeth's Herz? Warum begann ſie zu zittern? Warum athmete ſie be⸗ klommen, und war dennoch nicht im Stande umzukehren, um den Platz zu verlaſſen, der ihr entſetzlich ſchaurig erſchien? 261 Es gibt Ahnungen des Unglücks. Noch wenige Schritte, und Lisbeth ſtand vor Hilmar, der auf dem Raſen dahingeſtreckt, augenſcheinlich im Begriffe war, die letzten Athemzüge zu thun. Ohne Beſinnen— mit einem gellenden Schmer⸗ zensrufe ſtürzte das Fräulein zu ihm hin und hob ſeinen Kopf empor. Blut rings umher— Blut auf den ſtarren Händen und in der Wäſche über dem Herzen. Noch athmete er. Sein Auge öffnete ſich, er ſah ruhig in das von Angſt gebleichte Geſicht Lisbeth's.„Mein Vater!“ flüſterte er kaum hörbar. Lisbeth drückte ihre Wange hef⸗ tig gegen ſeine Stirn. Thränen tropften darauf nieder. O, wie ähnlich ſah der Jüngling in dieſem Momente ſeinem Vater! Aber Hilmar ſchloß das Auge— Hilmar ſeufzte tief und war todt. Lisbeth hielt ſeinen Kopf noch immer an ihrer Bruſt gebettet, als Cäſar mit Elſe von dem Schrei herbei⸗ gelockt bei der Gruppe eintraf. Da ſaß der Hund, furcht⸗ ſam nach der Leiche blickend und immerfort Klagetöne heulend, die ſich ſchaurig anhörten. Da kniete das ſchöne Mädchen, in ihren Armen ein blutiger Todter, auf den ſie mit zärtlicher Angſt hinab⸗ ſah, der von ihren Thränen überſtrömt wurde. „Um Gotteswillen, bringt Hilfe,“ bebte es von Lisbeth's Lippen. Sie glaubte ihn nur ohnmächtig. 262 „Was iſt hier vorgegangen?“ fragte Cäſar, wäh⸗ rend Elſe die kalten Wangen des Jünglings ſtreichelte und ihn flehentlich beim Namen rief. „Ich vermuthe einen Blutſturz!“ ſprach Lisbeth, die von dem Knall nichts gehört hatte. „Herr des Himmels— der Schuß!“ ſchrie Elſe und riß die Weſte Hilmar's auf. Da zeigte ſich die ſtrömende Quelle des Blutes. Jetzt war ſie verſiegt. Das Leben war entflohen. „Welch' ein Unglück!“ jammerte Lisbeth. Natürlich konnte es nur ein Unfall ſein. Es war ja kein Grund vorhanden zum Selbſtmorde. Das Dienſtperſonal ſtrömte herbei. Man klagte. Man bemitleidete. Man jammerte. Einer und der Andere erzählte auch. Hilmar war ſchon Vormittags zum Jäger gekommen und hatte ihn um eine Flinte gebeten, um „Möven zu ſchießen“. 1 Der ZJäger hatte über dieſen Einfall gelacht, ihm aber, wie ſchon oftmals, die Flinte verabreicht. Wahr⸗ ſcheinlich war alſo Hilmar dem Strande zu gewandert, daher ſein Ausbleiben. Einer der Stallknechte hatte Hilmar heiter im Bos⸗ ket mit dem großen Hunde ſpielen ſehen. Der Hund mußte über einen ſtockähnlichen Gegenſtand ſpringen. Was war natürlicher, als daß man annahm, es ſei 263 der Flintenlauf geweſen, und der unvorſichtige junge Menſch habe dadurch ſein Ende herbeigeführt. Man bedauerte den Tod des guten Jünglings, aber man dachte mit Schrecken an den Eindruck, den dieſer Verluſt auf den Obriſtwachtmeiſter machen würde. Und doch mußte der Tod gemeldet werden. Man überließ es dem alten Herrn von Wollun, dieſe Trauerbotſchaft abzufaſſen. Seine Ruheſtätte er⸗ hielt der arme Hilmar in der Familiengruft, dicht neben dem Major Kordall, und der Sarg wurde mit Kränzen von den Händen der beiden jungen Damen aus dem Herrenhauſe dergeſtalt umwunden, daß er einem Blu⸗ menkorbe glich. Zmülftes Capitel. Ein Fatum. Sechs Tage waren nach dieſem tragiſchen Ereig⸗ niſſe verfloſſen. Die Thränen, welche um den armen Hil⸗ mar geweint wurden, verloren nach und nach an Bitter⸗ keit. Manche ſtille Viertelſtunde verging wohl noch im Geſpräche über das ſeltſame Unglück, allein der Gedanke * 264 daran ſtörte nicht mehr die glückliche Stimmung des Brautpaares. Lisbeth zeigte ſich merkwürdigerweiſe tiefer ergrif⸗ fen, als die Majorin und Elſe. Sie war ſehr ſtill und ſehr nachdenklich geworden. Oftmals fragte ſie: „Weiß man nichts vom Obriſtwachtmeiſter? Wie mag er den Tod ſeines Sohnes ertragen?“ Die Majorin belehrte ſie, daß eine Antwort Erich's bei der Weite des Weges höchſtens in zwei bis drei Ta⸗ gen eintreffen könne, und ſie tröſtete Lisbeth mit der Verſicherung, daß der alte Papa Wollun gewiß den Brief ſeines Sohnes nach Wollun ſenden werde. Kurz nach dieſem Geſpräche ſaß die würdige Dame von Wollun, mit ſehr erfreulichen Plänen für die Zu⸗ kunft beſchäftigt, am Fenſter wie immer. Die jungen Leute hatten einen Spaziergang unter⸗ nommen. Der Urlaub Cäſar's lief ab. Er mußte bald von der Braut ſcheiden, hatte aber die Hoffnung, in kur⸗ zer Zeit auf immer wiederkehren zu können, da er um eine Verſetzung an das Gericht des Landesdiſtrictes ein⸗ gekommen war. Dieſer Verſetzung ſtand nicht das Ge⸗ ringſte entgegen, alſo bereitete Mama Kordall mit allem Eifer eine Ausſtattung vor und ergötzte ſich mit Plänen für eine brillante Hochzeit. Der raſende Galopp eines Pferdes wurde von ihr 265 überhört oder nicht beachtet. Der Reiter flog an dem Eiſengitter vorüber. Sie ſah ihn nicht. Einige Minuten ſpäter ſtand der Obriſtwachtmeiſter von Wollun, verſtört und todesmatt vor ihr. Die Majorin glaubte ein Ge⸗ ſpenſt zu ſehen. Sie ſchrie laut auf und ſtreckte dem Offi⸗ zier beide Hände entgegen. „Wo iſt Hilmar?“ fragte er haſtig.„Geſchwind, holen, rufen, bringen Sie mir meinen Jungen!— Ah— das war ein Ritt!— Nun? Wo iſt Hilmar? Wo iſt mein Junge?“ Die Majorin konnte ſich gar nicht faſſen. Sie zit⸗ terte und hielt mühſam ihre Thränen zurück.„Haben Sie den Brief Ihres Vaters noch nicht erhalten, beſter Erich?“ fragte ſie gedämpften Tones. Herr von Wollun blickte ſie geſpannt an.„Einen Brief von meinem Papa? Nein! Ich habe keinen Brief weiter erhalten, als von Hilmar, und der trieb mich her in ſolcher Eile, wie nur immer Gewiſſensbiſſe und Selbſt⸗ vorwürfe zur Eile ſpornen können.“ Die Dame brach in Thränen aus. „Um Gotteswillen— wo iſt Hilmar?“ ſchrie der Obriſtwachtmeiſter.„Reden Sie— er iſt todt! Er hat ſich erſchoſſen! O Du allbarmherziger Gott, Du ſtrafſt hart und gerecht!“ ſtöhnte der ſtarke Mann und brach machtlos zuſammen. 1861. III. Die Erben von Wollun. 17 266 Voller Entſetzen ſtand die Majorin neben ihm, rinnende Thränen auf den Wangen und beſchwichtigende Worte auf den Lippen. Was nützte hier aber das Mit⸗ leid und die Theilnahme! „O mein Gott!“ ſtöhnte Wollun die zuſammen⸗ gepreßten Hände empor hebend, um ſie aber gleich wieder ſinken zu laſſen und die Stirn darin zu verbergen. „Reue! Reue! Wozu Reue? Reue ſtammt aus der Hölle— Reue iſt geglühet im Fegefeuer und vom Teufel mit Widerhaken verſehen! Alle Reue gibt mir ihn nicht wieder!“ Die Majorin horchte mit Schrecken auf den phan⸗ taſtiſchen Ausbruch eines zu ſtark afficirten Gehirnes. „Nein,“ entgegnete ſie gütig, aber ſehr entſchieden,„nein, Reue iſt ein Gefühl geſendet vom Himmel, Reue führt zur Buße und vermittelt die Vergebung. Faſſen Sie ſich, Erich, Sie reden irre und werden durch Ihr excen⸗ triſches Weſen zu falſchen Anſichten verleitet. Weshalb ſollte Hilmar ſich erſchoſſen haben? Weshalb ſprechen Sie von Reue? Ermannen Sie ſich, Erich, ermannen Sie ſich!“ Wollun hob ſeine Stirn aus den Händen empor, Verzweiflung in allen Zügen, Verſtörtheit in den Blicken. „Weshalb? Leſen Sie dieſen Brief!“ Er drückte ſeine Hände wieder vor das Geſicht. 1 Seine kräftige Geſtalt erzitterte vor der Macht ſeiner in⸗ nerlichen Bewegung. Die Majorin entfaltete ahnungsſchwer den Brief Hilmar's. Es war mehr ein Tagebuch als ein Brief. Er lautete: „Wollun den 14ten. Mein Vater, mein lieber Va⸗ ter. Es iſt ſehr heiß, es iſt ſehr ſchwül um mich. Darf ich nicht zu Dir kommen? Du lehrteſt mich, daß ein Wollun ſein Leben mit ſeinem Willen beherrſchen müſſe. Ich halte dies im Ganzen für leicht und glaube, daß je⸗ der Mann dieſem Grundſatze huldigen muß. Aber Du ſagteſt auch einſt zu mir, ein ächter Wollun kann Alles bezwingen, nur ſein Herz nicht. Ob das wahr ſein mag?——— Den 15ten. Ich habe nie ſtärker gefühlt, daß ich Dein Sohn, alſo ein ächter Wollun bin, als in dieſen ſchweren Tagen der Prüfung, wo das Geſchick mich ei⸗ nes Herzens berauben will, das ich mein glaubte. Siegen oder ſterben! Das Wort hat mir ſtets gefallen. Siegen oder ſterben! Den 16ten. Sieg iſt nicht mehr möglich. Vielleicht könnte mich eine Flucht retten. Feiger Gedanke. Flie⸗ hen— fliehen vor der Gefahr? Den 17ten. Victoria! Es kann noch Alles gut wer⸗ den! Das ſchöne Mädchen iſt Cäſar's Braut. Wie an⸗ * 268 muthig ſie mich begrüßte! Sie ſah bewegt aus, indem ſie mir die Hand reichte— wie ſchön iſt ſie! Gott ſei geprie⸗ ſen, daß ſie da iſt, nun wird Alles gut! Nun wird Alles gut! O, wie will ich ſtreben, um ihrer würdig zu werden! Den 18ten. Lieber Vater— lebe wohl! Sie wäre geſtorben, ſagte ſie!— Ganz richtig— aber das heißt, wie Mädchen an der Liebe ſtreben, einen langweiligen Tod, dem Siechthum, bleiche Wangen und trauernde Blicke vorangehen. Da hat es der Mann beſſer. So lange es Pulver und Blei gibt, kommt es blos auf un⸗ ſern Muth an, und den, mein geliebter Vater, ſollſt Du nicht vergebens in das Herz Deines Sohnes geimpft haben. Gottes Segen für Deine Liebe, Du treues Va⸗ terherz— Gottes Segen über Dich! Du haſt mich treu geliebt. Du haſt mir die ſchönſten Freuden eines menſch⸗ lichen Daſeins geopfert, denn Du haſt meinetwegen keine Frau genommen. Gott ſegne Dich dafür. Dein Hilmar.“ Mit ſehr geſtörter Seelenruhe durchflog die Ma⸗ jorin dies Schreiben. Ihre Hand zitterte ganz bedeu⸗ tend, als ſie es zuſammenſchlug und unter ſchweren Athemzügen fragte: „Und wen hat Hilmar geliebt? Um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen— doch nicht mein Kind, meine Elſe?“ 269 „Wen ſonſt!“ fuhr Wollun mit leidenſchaftlicher Heftigkeit auf.„Und ich ſah es, daß er ihr huldigte— ich wollte Ihnen ein Leid bereiten— ich dachte Ihren Plänen zu trotzen— ich träumte von der Liebe dieſer Kinder, denen Wollun ein Eden werden konnte! Allmäch⸗ tiger, Du ſtrafſt hart, aber gerecht!“ „O, mein armes, unſchuldiges Kind!“ flüſterte die Majorin.„Das wird den Schlaf ihrer Nächte ſtören, ihrer Seele alle Ruhe rauben und das Glück ihres Her⸗ zens vernichten.“ Sie ſenkte den Kopf und weinte bitterlich. Vor ihr ſaß der ſtarke Mann von ſeinem Schmerze, der mit Selbſtvorwürfen gemiſcht war, vollſtändig darnieder⸗ geworfen. In ihrer Phantaſie erſtand das Bild ihres ſtill ſeligen Kindes, das ohne Ahnung einen Menſchen an den Rand des Verderbens geſtoßen hatte. War denn nichts zu retten— gar nichts? Ja. Das Glück ihrer Tochter war zu retten. Leiſe neigte ſich die Dame zu Wollun nieder. Sie umſchlang ſeinen Hals und hob ſeinen Kopf mit mütter⸗ licher Zärtlichkeit empor. „Erich,“ flehete ſie auf den unſeligen Brief deutend, „Erich, ſeien Sie barmherzig— vernichten Sie dies Zeugniß einer furchtbaren That— laſſen Sie uns ver⸗ ſchweigen, was der Brief uns enthüllt hat.“ 270 „Nein, nein!“ ſchrie Wollun in halbem Wahnſinn, den Sinn der Rede nicht gleich begreifend.„Nein, alle Welt ſoll es wiſſen, wie leichtſinnig ich meines Hilmar's Leben auf's Spiel ſetzte. Alle Menſchen mögen mit Fin⸗ gern auf mich weiſen und mich als warnendes Beiſpiel aufſtellen, wenn das Gift des Blutes ſich regen will! Nein und tauſendmal Nein! Ich will dies Zeugniß mei⸗ nes Leichtſinnes—“ „Erich!“ unterbrach ihn die Majorin, von dem wilden Ausdrucke ſeiner Augen erſchreckt.„Erich, hören Sie mich an!“ Sie ſtrich mit ihrer weichen Hand lieb⸗ koſend über ſein wettergebräuntes Geſicht und drückte ſeine Stirn mit wahrer Mutterliebe an ſich.„Wie kön⸗ nen Sie ſich ſo hartnäckig unter Selbſtqualen winden. Hören Sie mich, Erich— ich beſchwöre Sie. Laſſen Sie mich dieſen Brief vernichten, dieſen entſetzlichen Brief, der nur Unheil ſtiften kann. Meine Tochter iſt unſchuldig an Hilmar's That. Sie hat ihn nie beachtet— ſie hat Cäſar geliebt vom erſten Augenblicke an, da ſie ihn ge⸗ ſehen. Warum wollten Sie alſo Elſens Glück zer⸗ ſtören?“ „Mein Glück iſt auch zerſtört!“ flüſterte Wollun in unheimlichem Tone. „Elſens Vater liebte Sie— Elſens Vater hat Ih⸗ nen das Leben gerettet—“ 271 „Ich wollte, er hätte es nicht gethan. Was habe ich vom Leben gehabt?“ „Elſens Vater hat Hilmar geliebt.“— Wollun ſeufzte tief auf.—„Erich, begreifen Sie denn nicht, daß der unglückſelige junge Mann von dem Augenblicke an, wo Elſe ſeinen Selbſtmord und die Gründe dazu erfährt, als ein Geſpenſt zwiſchen ſie und Cäſar tritt?“ „Warun ſoll ich Elſens Glück fördern und behü⸗ ten? Mag ſie, mag die ganze Welt es wiſſen—“ Die Majorin unterbrach ihn heftig werdend: „Erich, ich erkenne Sie nicht mehr! Sehen Sie denn nicht ein, daß der Funken des Mißtrauens aus Hilmar's fürchterlicher That in Cäſar's Bruſt geſchleu⸗ dert wird? Und der Mund, welcher die Reinheit und Schuldloſigkeit meines Kindes verkündigen könnte, iſt auf ewig geſchloſſen! Hilmar's That verdächtigt mein Kind. Wer kann den Strom der böſen Nachrede aufhalten, wenn er einmal entfeſſelt iſt?“ Wollun antwortete nicht. War es die tiefe, herz⸗ innige und dabei kummervolle Bitte der Majorin, die ihm an’s Herz trat und ſeinen widerſtreitenden Empfin⸗ dungen Schweigen gebot, oder lag es in einer plötzlich eintretenden Apathie. Genug, er ſchwieg und er ließ es unbeachtet, daß die Majorin den Brief Hilmar's nicht in ſeine Hand legte, die er danach ausgeſtreckt hielt. Sie 272 nahm dieſen Moment wahr, um das Papier ſchnell in die Falten ihres Kleides zu ſtecken, feſt entſchloſſen, es nur nach dem härteſten Kampfe wieder herauszugeben. Wollun erregte ihr tiefſtes Mitleid, aber es empörte ſie gewiſſermaßen, daß er ſelbſt in ſeinem Schmerze die Hartnäckigkeit ſeines Temperamentes bewahrte. Eine kleine Weile verſtrich in dem unbehaglichen Schweigen, das eingetreten war. Die Majorin unterbrach die unheimliche Stille gefliſſentlich nicht. Sie wollte ihm Zeit laſſen, ſich zu beſinnen, dann mußte ſein beſſeres Selbſt erwachen und er mußte einſehen, wie gut es für alle Theile ſei, über Thatſachen zu ſchweigen, die bis jetzt ſicher vom Schleier des Geheimniſſes umhüllt waren. Sie irrte aber, wenn ſie den tiefgebeugten, ſchwer⸗ getroffenen Mann ſchon auf dem Wege der beſſern Er⸗ kenntniß glaubte. Er war nur der trübſeligſten Grübelei für eine kurze Spanne Zeit erlegen und ſchreckte mit der Haſt eines plötzlich Erwachenden auf. „Ja! Es iſt am beſten— was ſoll ich noch hier! Fort! Fort! Reden Sie mir nichts von Ruhe, von Reue, von Buße und Vergebung vor, auch vom Glücke An⸗ derer will ich nichts mehr hören— es iſt Alles, Alles vorbei, Gnädige! Wo ruht mein Junge? Ich will ihn beſuchen.“ „Neben Kordall im Gewölbe der Wollun's,“ ant⸗ 273 wortete die Majorin traurig ihre Stellung verlaſſend und weit von dem Obriſtwachtmeiſter zurücktretend, als wolle ſie ihm dadurch ihre Mißbilligung zu erkennen geben. Wollun erhob ſich mühſam. Er ſchwankte, als er ſtand. Dieſem Anblicke widerſtand das Gemüth der Ma⸗ jorin nicht. Sie eilte zurück zu ihm und legte ihre Hände zur Stütze auf ſeine Schultern. Wehmüthig ſah ſie in ſein finſteres Geſicht, das weder Erbarmen mit ſich ſelbſt, noch mit Andern verrieth. „Wildes Herz!“ flüſterte ſie weich und mit ge⸗ brochener Stimme.„Wildes Herz, iſt denn ſelbſt die furchtbare Lehre, die Du jetzt empfangen haſt, nicht im Stande den Sturm in Dir zu zügeln?“ „Laſſen Sie mich gehen! Ich will allein mit mei⸗ nem Sohne ſein!“ ſagte er ſcheinbar ruhiger, und die Majorin ließ ſich von dieſer Ruhe täuſchen. Er verließ das Zimmer. Sie ſchickte ihm ein inbrünſtiges Gebet nach. Dann aber riß ſie eiligſt den Brief hervor und be⸗ trachtete ihn einen Moment mit triumphirenden Blicken. Hatte ſie nicht dies Document gleichſam erorbert? Ge⸗ hörte ihr eine Schrift, welche das Glück ihres Kindes zertrümmern konnte, nicht rechtmäßig? Eine Stimme ihres Innern ſprach:„Nein!“ 274 Aber ſie trotzte heroiſch dieſer Gewiſſensmahnung. Noch eine ſchwere Minute ließ ſie verfließen. Sie be⸗ trachtete ſtarr das Papier, ſie durchlas nochmals den In⸗ halt, ihre Hand bewegte ſich mechaniſch nach dem Feuer⸗ zeuge— ein Druck ihres Fingers— ein Flämmchen flog auf— ſie hielt bebend, wie eine Verbrecherin, das Papier daran, und hoch auf, gleich einer Opferflamme, loderte der verhängnißvolle Brief, der Unruhe und Zwieſpalt ſäen konnte. Hoch auf loderte er! Bis auf das kleinſte Atom ließ die zitternde Frau die Blätter verkohlen und blies die ſchwarzen Flecken mit dem letzten Athemzuge ihrer Bruſt in die Luft. Dann aber umhüllte ein ohn⸗ machtähnliches Erſtarren ihre Sinne. Als ſie wieder zum vollen Bewußtſein erwacht war, da erkannte ſie erſt, was ſie gethon hatte. Allein ſie be⸗ reuete es nicht, obgleich ſie eine ſchwere Verantwortung zu fürchten hatte. Ruhig, wenn auch mit jener wechſeln⸗ den Geſichtsfärbung, wie nervöſe Aufregung ſie gibt, er⸗ wartete ſie das Zurückkommen Wollun's mit dem feſten Entſchluſſe, ſogleich ein Geſtändniß ihrer That abzulegen. Es ſollte anders kommen, wie ſie dachte. Sie ſollte die Erfahrung machen, daß es Minuten im Menſchen⸗ leben gibt, wo der heilloſeſte Schmerz ein von Gott vor⸗ bereitetes Heilmittel findet, welches die Qualen zu ſtillen und die Verzweiflung zu heben vermag. Der Obriſtwacht⸗ meiſter hatte das Zimmer verlaſſen und war langſam durch eine Strecke des Gartens geſchritten, bis er eine kleine Pforte erreichte, die auf's freie Feld und von da nach dem etwas höher gelegenen Kirchhofe führte. Seine düſtern Gedanken veränderten ſich nicht auf dieſem Wege und ſeine im Hintergrunde der Seele noch ſchlummernden Entſchlüſſe für die Zukunft erlitten ebenfalls keine weſent⸗ lichen Veränderungen. Still brütend ſchlich er hinauf zur Grabſtätte der Familie Wollun. Er verfolgte ſeinen Weg, ohne um ſich zu ſchauen. Als er jedoch oben an⸗ langte, da fiel es ihm auf, daß die Thür des Grabmals offen ſtand. Er ſchritt näher. Es war ihm, als ſähe er eine Ge⸗ ſtalt ſich bewegen. Da er keine Luſt hatte, mit irgend Je⸗ mand aus dem Dorfe, ſei es Küſter, oder Todtengräber zuſammenzutreffen, ſo umging er das Gewölbe und war⸗ tete im Ginſtergeſträuche verborgen, bis ſich derjenige ent⸗ fernt habe, der darin weilte. Es währte lange, und Niemand kam. Ungeduldig neigte endlich Wollun ſein Auge an das eiſerne Gitter, und er ſah eine weibliche Geſtalt beſchäftigt, friſche Kränze um den letzten Sarg zu legen. Das Werk war gerade vollbracht. Betend neigte die Geſtalt die Stirn, warf noch einen Blick auf den Sarg und floh, wie geängſtigt von einem Gefühle, aus dem ſchaurigen Raume. 276 „Lisbeth!“ murmelte Wollun, und ſeine Hände fal⸗ teten ſich wenige Secunden ſpäter auf derſelben Stelle, wo das muthige Mädchen, vielleicht mehr für die Ruhe des Vaters, als des Sohnes, gebetet hatte. Bleich, müde, aber geheilt von der wilden Ver⸗ zweiflung kam er zur Majorin zurück. Der Paroxismus ſeines Schmerzes war mit der Erſcheinung Lisbeth's ge⸗ brochen. „Geben Sie mir ein Pferd,“ bat er.„Laſſen Sie meinen Fuchs pflegen bis Morgen, dann werde ich ihn holen laſſen. Ich will zu meinem Vater hinüber.“ Die Majorin gewann Muth. Sie verſuchte ihn zu bereden, ſich erſt eine Erholung in Wollun zu gönnen. Er ſah ganz träumeriſch in das Geſicht der beweg⸗ ten Dame und fragte, ohne auf ihre Einladungen zu achten: „War Lisbeth Burbach das ſchöne Mädchen, wel⸗ ches meinen Hilmar ſo anmuthig begrüßt hatte? Ja? Und ſie wußte, daß Hilmar mein Sohn war? Wunder⸗ bar!“ Er ſah ſtill vor ſich nieder. Phantaſienvolle Herzen ſind überhaupt geneigt, des Himmels Fügungen als Wunder zu betrachten zu ihren Gunſten vom Gott an⸗ geordnet. Während er nachſam, fühlte die Majorin mit feinem weiblichen Inſtinkte heraus, welche Beſchwichtigungskraft ſich in ihm geltend machte. „Wußten Sie nicht, Erich,“ ſagte ſie,„daß Lisbeth hier war? Seit acht Tagen iſt ſie bei mir, und ſie will mich nicht wieder verlaſſen, ſondern den Aufenthalt bei ihrer Stiefmutter aufgeben. Ich glaubte dieſe Wendung in meinen Verhältniſſen Ihnen zu danken.“ „Das mag auch ſo ſein,“ verſetzte Wollun in einem etwas lebhaftern Tone.„Allein ich hatte nichts von der Abreiſe des Fräuleins erfahren, weil ich das Burbach'ſche Haus nicht wieder betreten wollte.“ Das Mienenſpiel der Majorin zeigte bedeutende Verwunderung. Es war jedoch nicht der richtige Zeit⸗ punkt ihre Neugier zu befriedigen, deshalb überging ſie dieſe Antwort und ſagte wehmüthig: „Lisbeth ſchien vom Geſchicke beſtimmt zu ſein, Ihrem Hilmar die letzten Dienſte zu leiſten. Sie erheiterte ihn ſichtlich— und er ſtarb in ihren Armen.“ Die gewaltige Erſchütterung, die dieſe Aeußerung hervorbrachte, mit ſeiner wieder gewonnenen Willenskraft bemeiſternd, wiederholte Wollun dumpf: „In Lisbeth's Armen? Mein Hilmar ſtarb in Lisbeth's Armen?“ „Ja, Erich! Vom alten Ruff zu dem Orte hin⸗ gelockt, wo Hilmar lag, kam ſie noch zu rechter Zeit, 278 um ſeinen letzten Blick und ſeine letzten Worte aufzu⸗ fangen.“ „Und Lisbeth hatte die Kraft, ſie hatte den Muth, den ſterbenden—“ Er hielt inne. „Ja! Lisbeth hob ihn empor und bettete ſeinen Kopf an ihrem Herzen. Hilmar flüſterte:„ Mein Vater“ und athmete nicht wieder. Da erſt kam Cäſar mit Elſe hinzu.“ Wollun faltete ſeine Hände, hob ſeinen Blick zu Gott empor und rief:„Es gibt doch ein Fatum!“ Die Majorin wußte nun, wo er Heilung ſeines Leids finden würde. „Hilmar's Brief—“ begann er dann ganz ſanft. „Sie haben ihn noch. Geben Sie mir den Brief. Er ent⸗ hält, wie ich jetzt erkenne, Troſt und Beruhigung für mich.“ „Den Brief—“ ſtammelte die Majorin. Ihr Ver⸗ fahren damit kam ihr jetzt faſt ſündhaft vor. „Ja, ja! Den Brief! Sie haben ihn—“ ſprach Wollun etwas aufgeregt in ſeine Bruſttaſche greifend. „Den Brief— o— Erich, Erich— den Brief?“ „Warum zittern Sie, Gnädige. Bin ich nicht ein Ehrenmann? Glauben Sie mir, nachdem mir meine Be⸗ ſinnung wieder gekommen iſt, ſehe ich ein, daß wir den Schleier über dieſer Begebenheit ungelüftet laſſen müſſen. * 279 Alſo Vertrauen, meine theure Frau. Das Glück Elſens ſoll geſichert bleiben. Nun aber bitte ich um meinen Brief. Es iſt das Vermächtniß meines armen Knaben— ſein Segen für mich!“ Der Majorin brachen faſt die Knie ein. Sie hielt ſich an der Lehne des Sophas, ſie hob ihre fanften müt⸗ terlichen Augen flehend zu Erich empor und ſtieß gewalt⸗ ſam die Worte hervor: 3„Den Brief— o, verzeihen Sie mir, Erich— im Wahnſinne der fürchtenden Mutterliebe— Erich— ich habe den Brief— verbrannt!“ „Verbrannt!“ ſchrie Wollun in zorniger Aufwal⸗ lung.„Meittes Hilmar's Brief verbrannt! Frau— Frau, wie konnten Sie das wagen? Es iſt nicht mög⸗ elich!“: „Ich habe es gewagt, Erich!“ erklärte die Majo⸗ rin mit ſchnell, wiedergewonnener Faſſung, ſo wie das ſchwere Bekenntniß von ihren Lippen geflohen war.„Ich ſah keine andere Rettung— das Papier mit ſeinen Er⸗ klärungen voll Unheil mußte vernichtet werden.“ „Und hätte Ihnen mein Ehrenwort nicht genügen können, wenn ich Geheimhaltung gelobte?“ „Nein! Seitdem ich die bittere Erfahrung gemacht habe, daß ſelbſt ein edler Mann, wie mein ſeliger Kor⸗ dall, menſchlich irren und menſchlich ungerecht handeln — — — —— 280 konnte, ſeitdem habe ich kein Vertrauen zu den Männern, die, ſanguiniſchen Temperamentes, ſich von den Ein⸗ gebungen ihres Mißmuthes leiten laſſen. Elſens Leben ſollte und durfte nicht vergiftet werden— das Blatt Pa⸗ pier enthielt für ſie Gift!“ „Und wenn ich ihr dennoch einen Gifttropfen in das ruhige Herz zu tröpfeln bereit ſein ſollte?“ fragte der Obriſtwachtmeiſter mit ſtarker Stimme und drohen⸗ dem Ernſt.. „Dann erkläre ich Sie für wahnſinnig!“ entgegnete ſie mit flammenden Blicken. Der Offizier ſah ſie ſtarr und unverwandt an. Das war ſtark. Hatte er es aber nicht verdient? „Leben Sie wohl, gnädige Frau!“ ſprach er plötz⸗ lich ruhig und gelaſſen.„Sie haben Recht, ich müßte wahnſinnig ſein, wollte ich knabenhaft thöricht ein Men⸗ ſchenglück vernichten. Leben Sie wohl! Es ſoll meine Buße ſein, daß ich das letzte Andenken an einen Todten, das jetzt für mein unruhig wünſchendes Herz ſo viel Balſam enthalten würde, entbehren lerne. Vielleicht bringt mir meine Buße eine Vergebung. Leben Sie recht wohl!“ Er verließ das Zimmer und ritt nach kurzer Zeit mit traurigen Blicken, aber mit ungebeugtem Geiſte, lang⸗ 285 hielt, es ihr überreichte und ſich dann ſchnell an den Früh⸗ ſtückstiſch zurückzog. Lisbeth hielt die kleine Depeſche, der ſie ganz unwill⸗ kürlich eine Wichtigkeit beilegte, ein Weilchen ſinnend in der Hand, bevor ſie das Siegel löſte. Ihre Wangen wurden dabei zuerſt bleicher, bis beim Leſen die Gluth einer innern Bewegung über ihr ganzes Geſicht ſich ver⸗ breitete. „Der Reitknecht wartet auf Antwort,“ flüſterte die Majorin. „Er ſoll ſie ſogleich erhalten!“ ſprach Lisbeth mit ſtrahlendem Lächeln. Alle Anweſenden ſahen ſie mit geſteigerter Span⸗ nung an. Sie nahm jedoch keine Notiz davon, ſondern ergriff ein Blatt Papier, das auf dem Schreibtiſche der Majorin lag, tauchte die Feder ein und ſchrieb. Die Andern tauſchten einen Blick freudiger Theil⸗ nahme. Lisbeth ſiegelte und verließ das Zimmer, um das Briefchen ſelbſt an den Reitknecht zu verabreichen. „Es iſt etwas zwiſchen Erich und Lisbeth!“ flü⸗ ſterte die Majorin ganz leiſe. „Still nur, bis ſie ſelbſt es uns ſagt!“ entgegnete Cäſar eben ſo leiſe, damit ſie es nicht hören ſolle, wenn ſie zufällig zurückkomme. Lisbeth kam aber nicht zurück, —— ¹* ſondern ſie flog den Garten hinab in das dichte, duftige 4 Gebüſch, um allein mit ſich, mit Gott und mit ihrem Ge⸗ heimniſſe zu ſein. Geſchützt vor jedem Blicke nahm ſie hier das Blatt, um es ſo lange wieder zu leſen, bis ſie es auswendig wußte. Helle Thränentropfen rieſelten dabei über ihre Wangen. Waren es Freudenthränen? Das Blatt enthielt nur ſechs Worte und einen Namen. =„Lisbeth— willſt Du mein Weib werden? Erich von Wollun.“= Das war das Ganze. Sie hatte ſieben Worte darauf geantwort et. =„ Ja, Erich! Ich will Dein Weib werden! Eliſabeth Burbach.“— Eine merkwürdigere Liebeserklärung iſt gewiß noch nicht da g geweſen. Zweimal im Leben hatten ſie ſich geſehen, aber die kurze, gewaltſame Trennung hatte deutlicher, als jede Ver⸗ ſtändigung den mächtigen Zauber enthüllt, der dieſe beiden Weſen verband. Beide Paare vermählten ſich an einem Tage. Der Obriſtwachtmeiſter führte ſeine junge Gattin auf eine kurze Zeit in ihre Heimath zurück. Späterhin rückte er mit ſei⸗ 9 nen Reitern wieder in das alte Standquartier ein und ktam dadurch Wollun wieder nahe.— Alljährlich um Pfingſten verſammeln ſich die Fami⸗ lien Wollun und Kordall in dem Herrenhauſe von Wol⸗ lun, wo die Majorin in prächtiger Gemüthlichkeit als Reichsverweſerin herrſcht. Von Jahr zu Jahr iſt der Kreis der Kinder erweitert. Eine blühende Schaar um⸗ ringt die Großmama Kordall, und fordert Rath und Troſt und Hilfe von ihr, die ſie zu ſpenden immer noch bereit iſt. Die Kinder ſind ihr alle gleich lieb. Sie weiß oft⸗ mals nicht, ob es ein Wollun oder ein Kordall iſt, dem ſie beiſteht mit Rath und That. Der arme Hilmar iſt ganz vergeſſen, aber ſein Se⸗ gen hat Früchte getragen. ſſinſſiiit. 18 19 ſiſſſſiſiſiſiſſiiiſiſiſſſſſfſſfüſſſſſſſſſfſſſſiſtinſſinſſnniſnnnninſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 —