h deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Igeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 Norgens 7 Uhr bis Abends 8 ihr offen.. 1 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: Eträgt:. 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— l Eügher: auf 1 Monat: 1 Mr.—Pf. 1 Nr. 50 Ff. 2 M. If 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Vur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 823—— 4 4 * 4 Tialter Scotts Tlerke. — Neuuͤberſezt. — Zehnter Band. Quentin Durward. Erſter Tbeil⸗ GS o 4 7 . Leipzig, bei Johann Friedrich Gleditſch 1824. Quentin Durward. Aus dem Engliſchen des Sir Walter Scott. Vollſtaͤndig uͤbertragen und mit Anmerkungen begleitet * von B. J. F. v. Halem. Mein Vaterland iſt Krieg, Der Harniſch iſt mein Haus. Mein Wahlſpruch iſt: hinaus Zum Kampf!— Tod oder Sieg! Erſter Theil. Leipzig, bei Johann Friedrich Gleditſch 1 824. —— 8 Einleitung. „— Und Einer der Verluſte gehabt hat;— geht!“ Viel Laͤrmens um Nichts. 1) Wenn der ehrliche Dogberry alle Anſpruͤche aufzaͤhlt, die er auf Achtung machen kann, und welche ihn, wie er meint, von der ehrenruͤhrigen, ihm von Herrn Conrad beigelegten Benennung befreit haben ſollten, ſo iſt es be⸗ merkenswerth, daß er auf ſeinen doppelten Anzug— eine Sache von einiger Bedeutung in einer gewiſſen ehe⸗ maligen Hauptſtadt die ich kenne,— oder darauf, daß er nein eben ſo huͤbſches Stuͤͦck Fleiſch iſt, als irgend einer in Meſſing,t ſo wie auch auf den beweiſenden Schlußſatz: daß er„ein ziemlich reicher Kauz“ und„ein Mann iſt, der Verluſte gehabt hat,“ nicht mehr Gewicht legt. In der That habe ich jederzeit bemerkt, daß Gluͤckskin⸗ der,— entweder um die Fuͤlle ihres Glanzes vor denen zu verbergen, die vom Schickſal haͤrter behandelt ſi ſind, oder weil ſie glauben, daß es ihnen eben ſo ehrenvoll iſt, trotz aller Widerwaͤrtigkeiten ihr Gluͤck gemacht, als einer Fe⸗ ſiung, eine Belagerung ausgehalten zu haben,— kurz, woher es auch kommen mag, ich habe bemerkt, daß ſolche Leute nie ermangeln, Euch von den Verluſten zu unter⸗ 3 halten, die ſie durch ſchlechte Zeiten erlitten haben. Sel⸗ ten ſpeiſet Ihr an einer wohlbeſetzten Tafel, ohne daß die Zwiſchenraͤume des Champagners, Burgunders und Rheinweins,— wenn der Wirth ein Kapitaliſt iſt,— mit Klagen uͤber den Fall des Zinsfußes, oder uͤber die Schwie⸗ rigkeit, baares Geld ſicher anlegen zu koͤnnen, und uͤber die daraus entſpringende Nothwendigkeit, es zinslos lie⸗ gen zu laſſen, oder— wenn Ihr die Gaͤſte eines Land⸗ beſitzers ſeyd,— mit Klagliedern uͤber ruͤckſtaͤndige und verminderte Pachtgelder gefuͤllt werden. Dieß thut ſeine Wirkung; die Gaͤſte ſeufzen und ſchuͤtteln die Koͤpfe im Einklange mit ihrem Wirthe, betrachten den mit Silber⸗ geſchirr beladenen Schenktiſch, ſchluͤrfen von neuem die koͤſtlichen, raſch die Tafel umkreiſenden Weine, und ge⸗ denken des aͤchten Wohlwollens, das, ſo beſchraͤnkt in ſei⸗ nen Mitteln, Alles was ihm noch bleibt, ſo gaſtfrei mit⸗ theilt;— ſie gedenken, was noch ſchmeichelhafter iſt, an den Reichthum, der, unerſchoͤpft durch dieſe Verluſte, im⸗ mer noch fortfaͤhrt, gleich dem unerſchoͤpflichen Schatze des großmuͤthigen Abulcaſem, ſolchen reichlichen Ausfluͤſſen ohne Verarmung zu genuͤgen. Dieſe klagende Laune hat jedoch ihre Grenzen, eben ſo wie die Litaneyen der Siechlinge, die ihnen, wie ſie ſehr wohl wiſſen, der angenehmſte Zeitvertreib ſind, ſo lange ſe ſ ſich uͤber nichts, als uͤber chroniſche Uebel beklagen. nie aber hoͤrte ich einen Mann, deſſen Credit ſich wirklich zum Falle hinneigt, uͤber die Abnahme ſeiner Fonds kla⸗ gen; und mein guͤtiger, einſichtsvoller Arzt verſichert mir, daß Kranke, die an einem derben Fieber, oder an irgend einer andern, ſchnell uͤberhand nehmenden Krankheit dar⸗ nieder liegen, — rF 4 „Die bald durch nahe Todesnoth Das Leben ſchnell zu enden droht.” ſehr ſelten ihr heftiges Krankheitsgefüͤhl zum Ge genſtand eines unterhaltenden Geſpraͤchs machen. Dieß Alles wohl erwogen, vermag ich nicht laͤnger mei⸗ nen Leſern zu verhehlen, daß es mir weder ſo ſehr an Gemeingeiſt oder an Vermogen mangelt, um dem Miß⸗ geſchick, welches gegenwaͤrtig die Kapitaliſten und Landbe⸗ ſitzer der brittiſchen Reiche triſſt, mein Mitgefuͤhl zu ent⸗ ziehen. Eure Autoren, die von Schoͤpſenfleiſch leben, moͤgen ſich freuen, daß der Preis deſſelben bis auf drei Pence das Pfund gefallen iſt, und wenn ſie Kinder haben, koͤn⸗ nen ſie ſich Gluͤck wuͤnſchen, daß ein Brod von vier Pfund fuͤr ſechs Pence zu haben iſt. Wir aber, die wir zu der, durch Frieden und Ueberfluß zu Grunde gerichteten Klaſſe gehoren,— die wir Laͤndereien und Hornvieh haben, und dasjenige verkaufen, was jene armen Nachleſer kaufen muͤſſen,— wir ſind durch die naͤmlichen Ereigniſſe zur Verzweifelung gebracht, wodurch alle Bewohner von Grub⸗ Street 2) wuͤrden veranlaßt werden, ihre Dachſtuben zu erleuchten, wenn ſie anders die dazu noͤthigen Lichtſtuͤmpfe eruͤbrigen koͤnnten. Mit Stolz mache ich daher meinen Anſpruch geltend, an dem Mißgeſchicke Theil zu nehmen, das nur die Wohlhabenden triſſt, und nenne mich mit Dogberry,„einen ziemlich reichen Kauz,“ doch aber zu⸗ gleich„Einen der Verluſte gehabt hat.“ Mit dem naͤmlichen großmuͤthigen Geiſte des Wettei⸗ fers habe ich neuerlich zu jenem Univerſalmittel gegen die Geldloſigkeit, woruͤber ich mich beklage, meine Zuflucht genommen,— naͤmlich einem ſuͤdlichen Klima, wodurch ch nicht nur manche La⸗ dung Steinkohlen geſpart, ſondern auch das Vergnuͤgen gehabt habe, allgemeines Mitgefuͤhl uͤber meine zerruͤtte⸗ ten Vermoͤgensumſtaͤnde bei Denen zu erregen, die, wenn ich fortwaͤhrend meine Einkuͤnfte in ihrer Mitte verzehrt haͤtte, ſich wenig d'rum gekuͤmmert haben wuͤrden, wenn ich gehangen waͤre. Waͤhrend ich alſo meinen vin or⸗ dinaire trinke, findet mein Brauer, daß der Abſatz ſei⸗ nes Halbbieres abnimmt,— waͤhrend ich meine Flaſche à cin francs leere, behaͤlt mein Weinhaͤndler meine maͤßige Quantitaͤt Portwein auf dem Lager,— waͤhrend meine cotelette a la Maintenon auf meiner Schuͤſſel dampft, haͤngt mein derbes Stuͤck Rindfleiſch an dem Fleiſchhaken meines blaugeſchuͤrzten Freundes auf dem Dorfe. Kurz, was ich in meinen jetzigem Aufent⸗ halte verzehre, mindert daheim den Gewinn; und die we⸗ nigen Sous die ich dem gargon peruquier zu ver⸗ dienen gebe,— ja ſelbſt die Brodrinde, die ich ſeinem kleinen, halbgeſchornen rothaͤugigen Pudel gebe, iſt au⸗ tant de perdu fuͤr meinen alten Freund den Barbier und fuͤr den treuen Truſty, den Bullenbeißer im Vorhofe, So habe ich das Gluͤck, jeden Augenblick zu wiſſen, daß meine Abweſenheit entbehrt und beklagt wird von denen, die ſich nur wenig darum kuͤmmern wuͤrden, wenn ich im Sarge laͤge, vorausgeſetzt, daß ſie der Kundſchaft meiner Teſtamentsvollſtrecker vergewiſſert waͤren. Von dieſem Vor⸗ wurfe der Selbſtſucht und Gleichguͤltigkeit nehme ich jedoch auf das Feierlichſte den Hofhund Truſty aus, deſſen Ar⸗ tigkeiten gegen mich, wie ich Urſache habe zu glauben, Vn kurzen Alufenthalte in 9 uneigennutziger waren, als die irgend eines Andern, der mir jemals behuͤlflich war, die Gaben des Publitums zu verzehren. 3) 3 Aber ach! nicht lange krann n man des Vortheits genieſe ſen, daheim eine ſo allgemeine Theilnahme zu erregen, ohne ſich bedeutenden perſoͤnlichen Unzutraͤglichkeiten aus⸗ zuſetzen.„Willſt Du, daß ich weinen ſoll, dann mußt Du ſelbſt erſt Thraͤnen vergießen,“ ſagt Horaz; und wahr⸗ lich! ich ſelbſt moͤchte manchmal weinen, bei dem Gedan⸗ ken, daß ich die haͤuslichen Lebensgenuͤſſe, die mir Ge⸗ wohnheit nothwendig gemacht hatte, gegen auslaͤndiſche, durch Laune und Veraͤnderlichkeit zur Mode gewordene Er⸗ ſatzmittel vertauſcht habe. Zu meiner Schande muß ich geſiehen, daß mein an heimathliche Koſt gewoͤhnter Ma⸗ gen, nach aͤchtem Beeſsteak auf Dolly's Weiſe bereitet, heiß wie er vom Roſt kommt, aufgetragen, von außen braun, und ſcharlachfarben, ſobald das Meſſer eingeſetzt wird, herzlich verlangt; denn alle auf Vory's 4) carte verzeichnete Leckerbiſſen mit ihren tauſend verſchiedenarti⸗ gen Rechtſchreibungen, von Biffslicks de Mou⸗ ton 5) koͤnnen jene Leere nicht ausfuͤllen. Ferner kann meiner Mutter Sohn keinen Geſchmack an ſchwachen Ge⸗ traͤnken finden; und ich bin uͤberzeugt, daß in dieſen Ta⸗ gen, wo man Malz fuͤr nichts haben kann, ein doppeltes Maß Gerſte jenes beſcheidene, heimiſche Erzeugniß, das Halbbier, in ein zwanzigmal kraͤftigeres Getraͤnk umge⸗ ſchaſſen haben wird, als jene ſaͤuerliche, kraftloſe Fluͤſſig⸗ keit, die man hier mit dem Namen Wein beehrt, obwohl ſie in ihren Beſtandtheilen und deren Eigenſchaften, dem Seinewaſſer ſehr aͤhnelt. Ihre ausgeſuchteren Weine ſind —— in I der xhat gut g genug;— wider ihren Chafeau- Ma r- got und Sillery iſt nichts einzuwenden; gleichwohl kann ich die herrlichen Eigenſchaften meines reinen, alten Portweins nicht vergeſſen. Ja, bis zum gargon und ſeinem Pudel herab, ob ſie gleich beide unterhaltende Ge⸗ ſchopfe ſind, und zehntauſend beluſtigende Aſſenſtreiche ma⸗ chen, ſo war doch mehr aͤchter Humor in dem Augenwink, womit der alte Packwood auf dem Dorfe jeden Morgen die Tagesneuigkeiten zu verkuͤnden pflegte, als Antoines ſaͤmmtliche Luftſpruͤnge in einer ganzen Woche haͤtten aus⸗ druͤcken koͤnnen, und wenn der alte Truſty mit dem Schwanz wedelte, ſo lag darin mehr menſchliche oder aͤcht huͤndiſche Sympathie, als wenn ſein Nebenbuhler Toutou ein ganzes Jahr lang auf den Hinterpfoten ſtaͤnde. Dieſe Zeichen der Reue kommen vielleicht etwas ſpaͤt, und ich bekenne,— denn meinem theuern Freunde, dem Publikum, bin ich Oſſenherzigkeit ſchuldig,— daß ſie et⸗ was beſchleunigt ſind durch die Verkehrung meiner Nichte Chriſtiane zum uralten papiſtiſchen Glauben,— das Werk eines verſchmitzten Prieſters in unſrer Nachbar⸗ ſchaft,— und durch die Verheirathung meiner Tante Do⸗ rothee mit einem auf halben Solde ſtehenden Cavallerie⸗ Capitain, einem ci devant Mitgliede der Ehrenlegion, der, wie er uns verſichert, jetzt Feldmarſchall ſeyn wuͤrde, wenn unſer alter Freund Bonaparte laͤnger gelebt und geſiegt haͤtte. Was Chriſtianchen betriſſt, ſo muß ich ge⸗ ſtehen, ſchon in Edinburg ward ihr, als ſie in einem Abend fuͤnf Aſſembleen nach einander beſuchte, ſo ſchwind⸗ lich, daß ich, obwohl ich in die Mittel und Wege ihrer Be⸗ kehrung einiges Mißtrauen ſetzte, dennoch froh war, als — 11 3 4 ſie nur irgend einen ernſten Gedanken faßte;— uͤberdieß war kein großer Verluſt kei der Sache; denn ein Kloſter befreite mich von ihr fuͤr ein ſehr maͤßiges Koſtgeld. Al⸗ lein die irdiſche Heirath meiner Tante Dorothee war ein ganz anderes Ding, als Chriſtianens Himmelsbrautſtand. In dem erſtern Falle gingen fuͤr meine Familie zweitau⸗ ſend Pfund Sterling, angelegt in den Drei⸗Procent⸗ Stocks, eben ſo gewiß verloren, als ob uͤber die Schiefer⸗ tafel der Nationalſchuld ein Schwamm gezogen waͤre;— denn wer, zum Henker! haͤtte gedacht, daß Tante Dortchen noch heirathen wuͤrde? Und vor allen Dingen, wer haͤtte geglaubt, daß eine erfahrne Funfzigerinn, ein franzöſiſches Skelet ehelichen wuͤrde, deſſen Arme und Beine von glei⸗ chem Umfange waren, und deſſen Geſtalt einem halbgedfſ⸗ neten, aufrechtſtehenden Zirkel glich, ſo daß der Knopf vollkommen hinreichte, den Köͤrper darzuſtellen. Alles uͤbrige beſtand aus Stutzbart, Pelz und Pantalons. Die Tante haͤtte im Jahre Eintauſend achthundert und funf⸗ zehn, wenn ſie die Haͤlfte des Vermoͤgens daran gewandt haͤtte, welches ſie jetzt dieſer militaͤriſchen Vogelſcheuche hingab, einen ganzen Pulk wirklicher Koſaken comman⸗ dieren koͤnnen. Es laͤßt ſich jedoch nichts weiter daruͤber ſagen, um ſo weniger, da es jetzt mit ihr dahin gekom⸗ men iſt, daß ſie Rouſſeaus ſentimentale Tiraden citirt;— und ſo laſſen wir's gut ſeyn. Nachdem ich nun meine Galle gegen ein Land ausge⸗ ſchuͤttet habe, das gleichwohl ein ſehr luſtiges Land iſt, und von mir nicht getadelt werden kann, weil es von mir, und ich nicht von ihm aufgeſucht ward, ſo komme ich nun auf den unmittelbaren Zweck dieſer Einleitung, welche, . wenu ich nicht zu fehr auf di Fortdauer Deiner Gunſt, werthes Publikum, rechne,— denn, die Wahrheit zu ſa⸗ gen, ſollten die Bewerber, um Deine Gunſt nicht zu feſt auf die Folgerichtigkeit und Gleichfoͤrmigkeit Deines Ge⸗ ſchmacks bauen,— vielleicht Vieles zur Erſetzung des Ver⸗ luſtes und Schadens beitragen kann, welchen ich dadurch erlitten habe, daß ich Tante Dortchen in das Land der Empfindelei, der dicken Waden, der niedlichen Fuͤßchen, der ſchwarzen Schnurrbaͤrte und koͤrperloſen Glieder ge⸗ fuͤhrt habe.— Denn beilaͤufig geſagt, der beſagte Menſch iſt wirklich dem Inhalte einer bloß mit Fluͤgeln und Keu⸗ len gefullten Paſtete zu vergleichen.— Haͤtte ſie einen auf halbem Solde ſiehenden hochlaͤndiſchen Schwaͤrmer, 6) oder einen großprahleriſchen Sohn Erins, 7) geheirathet; ſo wuͤrde ich der Sache gar nicht erwaͤhnt haben; aber ſo wie es gekommen iſt, kann ich unmoͤglich meinen Unwil⸗ len unterdruͤcken, daß ihre geſetzlichen Erben und Teſta⸗ mentsexecutoren ſo fuͤr nichts und wider nichts um den Genuß ihrer Rechte gebracht ſind. Aber fort mit dieſer duͤſtern Gemuͤthsſtimmung! Laden wir unſer theures Pu⸗ blikum auf ein Thema ein, welches uns angenehmer und fuͤr Andere anziehender iſt. So ſetze ich daſſelbe denn hiemit in Kenntniß, daß ich durch wiederholtes Trinken der obbemeldeten ſauren Fluͤſ⸗ ſigkeit und oͤfteres Cigarrenrauchen, worin ich ein Neu⸗ ling bin, mir trinkend und ſchmauchend einige Bekannt⸗ ſchaft mit einen Nomme comme il faut erwarb;— einem von den wenigen alten Proͤbchen des alten Adels, die man immer noch in Frankreich findet, und die, gleich verſtuͤm⸗ melten Bildſaͤulen von antiker, obſoleter Form noch jetzt — einen gewiſſen Grnd von Achtung und Eyrfurcht, ſelbſt denen gebieten, die ihnen keines von beiden freiwillig zol⸗ len wuͤrden. Als ich das Kaſſeehaus des Staͤdichens beſuchte, wo ich meinen einſtweiligen Aufenthalt genommen habe, war mir ſogleich das wuͤrdevolle, gravitaͤtiſche Benehmen dieſes Edelmannes,— dieſe beharrliche Anhaͤnglichkeit an Schuhe und Struͤmpfe, mit Hintanſetzung der Halbſtiefeln und Pantalons,— das Ludwigskreuz im Knopfloch, und die kleine weiße Kokarde an ſeinem altmodigen Armhut, aͤu⸗ ßerſt auffallend. Es war etwas Anziehendes in ſeinem ganzen Aeußern; und uͤberdieß ſchien ſeine Gravitaͤt mit⸗ ten unter der lebendigen, ihn umgebenden Gruppe, wie der Schatten eines Baumes mitten im Schimmer einer ſonnigen Landſchaft durch ſeine Seltenheit einen neuen Reiz zu gewinnen. Ich war, um Bekanntſchaft mit ihm zu machen, ſo zuvorkommend, als der Ort, die Umſtaͤnde, und die Landesſitte es zuließen;— das heißt, ich ruͤckte ihm naͤher, und waͤhrend ich meine Cigarre ruhig und langſam rauchte, und ihm diejenigen Fragen vorlegte, welche die gute Lebensart allenthalben, und insbeſondere in Frankreich dem Fremdling verſtatten, ohne den Vor⸗ wurf der Unverſchaͤmtheit auf ſich zu ziehen. Der Mar⸗ quis de Hautlieu,— denn dieß war ſein Name und Ti⸗ tel,— war ſo lakoniſch und abſprechend, als die franzd⸗ ſiſche Hoflichkeit es erlaubt; er beantwortete jede Frage, legte mir aber keine vor, und munterte mich zu keinen weiteren Erkundigungen auf. In der That war er nicht ſehr zuvorkommend gegen Fremde irgend einer Nation, und ſelbſt nicht einmal ge⸗ ——— 11 gen Landsleute, die ihm unbekannt waren; am zuruͤckhal⸗ tendſten aber gegen Englaͤnder. Ein Reſt des alten Na⸗ tionalvorurtheils mochte ihm dieß Gefuͤhl einfloͤßen; viel⸗ leicht mochte es auch aus ſeiner Idee entſpringen, die Britten waͤren ein hochmuͤthiges, geldſtolzes Volk, welches Rang, verbunden mit beſchraͤnkten Vermoͤgensumſtaͤnden nur verachtet und bemitleidet; oder endlich mochte er ſich auch als Franzoſe, ſelbſt durch die Erinnerung an gewiſſe neuere Erfolge, wodurch ſein Gebieter auf den Thjon, und er ſelbſt in den Beſitz ſeines verringerten Eigenthums und eines verfallnen Schloſſes wieder eingeſetzt war, gekraͤnkt fuͤhlen. Sein Unwille zeigte ſich jedoch nie auf andere Weiſe wirkſam, als durch die Abneigung gegen die Ge⸗ ſellſchaft der Englaͤnder. Wenn die Angelegenheiten irgend eines Fremden ſeine Verwendung heiſchten, gewaͤhrte er ſie jederzeit mit der Hoͤflichkeit eines gebildeten Franzo⸗ ſen, der ſehr wohl weiß, was er ſich ſelbſt und der Natio⸗ nal⸗Gaſtfreiheit ſchuldig iiſt.. Endlich machte der Marquis zufaͤllig die Entdeckung, daß der neue Beſucher ſeines Filials ein geborner Schott⸗ laͤnder ſey;— ein Umſtand, der maͤchtig zu meinen Gun⸗ ſten ſprach. Einige ſeiner Vorfahren waren, wie er mir erzaͤhlte, ſchottiſchen Urſprungs geweſen, und er glaubte ſogar, daß ſeine Familie noch jetzt einige Verwandte in einer ſchottiſchen Provinz habe, die er mit dem Namen Hanguisse zu belegen beliebte. Dieſe Familienverbin⸗ dung war im Anfange des letzten Jahrhunderts von beiden Seiten anerkannt worden, und waͤhrend ſeiner Verban⸗ nung,— denn man kann leicht denken, daß der Marquis unter Conde gedient, und alles Mißgeſchick der Auswan⸗ 15 derungen getheilt hatte,— war er einſtmals faſt entſchloſ⸗ ſen, die Bekanntſchaft und ſein Recht auf den Schutz ſeiner ſchottiſchen Angehdrigen geltend zu machen. Allein, Alles wohl erwogen, ſprach er, habe er nicht Luſt gehabt, ſich ihnen in Verhaͤltniſſen vorzuſtellen, die ihnen eben nicht viel Ehre bringen, ſondern ihnen vielleicht laͤſtig und un⸗ angenehm ſcheinen konnten; ſo daß er es fuͤr das beſte gehalten have, ſich auf die Vorſehung zu verlaſſen, und ſo gut er koͤnne, ſelbſt fuͤr ſein Fortkommen zu ſorgen. Wie er dieß angefangen, konnte ich nie erfahren; doch bin ich uͤberzeugt, der wackere Alte werde Nichts getrieben haben, was ihm Schande machen konnte; denn feſt hielt er an ſeinen Meinungen und an ſeiner Treue fuͤr den Koͤnig, in allen Stuͤrmen der Zeit, bis ſie ihn endlich hochbejahrt, duͤrftig und in niedergeſchlagener Gemuͤths⸗ ſtimmung einen Vaterlande wiedergaben, welches er in der Bluͤthe der Jugend und Geſundheit, und belebt vom Gefuͤhl ſchneller Rache gegen Diejenigen, die ihn daraus vertrieben, verlaſſen hatte. Ich haͤtte uͤber einige Cha⸗ rakterzuͤge des Marquis, insbeſondere uͤber ſeine Vorur⸗ theile in Beziehung auf adelige Geburt und auf Politik, lachen koͤnnen, haͤtte ich ihn in gluͤcklicheren Umſtaͤnden gekannt; allein in ſeiner Lage mußte man ihn, wenn auch jene Vorurtheile nicht ehrenvoll und uneigennuͤtzig geweſen waͤren, als den Bekenner und Maͤrtyrer einer Religion, die nicht ganz die unſrige iſt, achten. Allmaͤhlig wurden wir gute Freunde und tranken laͤn⸗ ger, als ſechs Wochen, ohne daß Einer von uns durch Be⸗ rufsgeſchaͤfte ſonderlich davon abgehalten wurde, zuſam⸗ inen unſern Kaffee, unſere bavaroise, und rauchten unſere Cigarre. Als ich mit einiger S it den Schluͤſſel zu ſeinen Forſchungen uͤber Schottland durch die gluͤckliche Muthmaßung gefunden hatte, daß die Provinz Hanguisse nichts Anderes ſeyn koͤnne, als unſere Grafſchaft Angus, ſo ward ich dadurch in den Stand geſetzt, ſeine meiſten Erkundigungen nach ſeinen dortigen Verwandten auf eine mehr oder minder befriedigende Weiſe zu beantworten, und wunderte mich, den Marquis weit beſſer, als ich er⸗ warten konnte, mit der Genealogie einiger der angeſehen⸗ ſten Familien in jener Grafſchaft bekannt zu finden. Unſer Umgang gefiel ihm ſo wohl, daß er ſich ſogar entſchloß, mich zum Mittagseſſen auf dem Schloſſe Hautlieu 8) einzuladen. Dieß Gebaͤude, welches ſeinen Namen mit Recht fuͤhrte, da es auf einer, die Umgegend beherrſchen⸗ den Anhoͤhe am Ufer der Loire lag, war etwa drei Meilen von dem Staͤdtchen entfernt, das ich zu meinen einſtweili⸗ gen Aufenthalt gewaͤhlt hatte; und als ich es zuerſt er⸗ blickte, verzieh ich dem Eigenthuͤmer leicht den Verdruß, den er an den Tag legte, einen Gaſt in dem Zufluchtsorte zu empfangen, den er ſich aus den Truͤmmern des Palaſtes ſeiner Ahnherrn gebildet hatte. Mit vieler Munterkeit, die jedoch ſichtlich ein tieferes Gefuͤhl verhehlte, bereitete er mich auf den Anblick des Wohnſitzes vor, den ich in Augenſchein zu nehmen im Begriff war; und hiezu hatte er volle Muße, wäͤhrend er mich in ſeinem Cabriolet, be⸗ ſpannt mit einem ſchweren normanniſchen Pferde, dem alterthuͤmlichen Gebaͤude zufuͤhrte. Seine Ueberbleibſel liegen an einen dieblichen Abhange hart am Ufer der Loire. Dieſer Abhang war vor Zei⸗ ten in mehrere, durch Treppen verbundene Abtheilungen 5— 7. geſondert, mit Statuen und andern Bildhauerarbeiten ver⸗ ziert, die von einer Terraſſe zur andern bis zum Fluſſe hinab ſich erſtreckten. Alle dieſe Bauverzierungen, umge⸗ ben von Blumenſtuͤcken und Gruppen auslaͤndiſcher Ge⸗ waͤchſe, hatten ſchon ſeit vielen Jahren den gewinnvolleren Scenen des Weinbaus Platz gemacht; doch waren diejeni⸗ gen Ueberbleibſel, die ſich wegen ihrer feſten Anlage nicht leicht vernichten ließen, immer noch ſichtbar, und zeigten durch ihre mannigfaltigen und kuͤnſtlichen Abhaͤnge und Flaͤchen auf der hohen Uferbank deutlich, wie vollſtaͤndig die Kunſt hier beſchaͤftigt geweſen war, die Natur zu ſchmuͤcken. Nur wenige dieſer Scenen ſind noch in ihrer Vollkom⸗ menheit zu ſehen; denn die Wandelbarkeit der Mode hat in England den naͤmlichen Wechſel vollendet, den in Frank⸗ reich Verheerung und Volkswuth in den Luſtgaͤrten her⸗ vorgebracht haben. Was mich betriſſt, ſo bin ich zufrie⸗ den, dem Urtheil des kompetenteſten Richters unſerer Zeit beizuſtimmen*), welcher der Meinung iſt, daß wir un⸗ ſern Geſchmack fuͤr Einfachheit aufs Aeußerſte getrieben haben, und daß die Nachbarſchaft eines ſtattlichen Wohn⸗ ſitzes zierlicherer Verſchoͤnerungen bedarf, als Raſen und Kießſand liefern koͤnnen. Eine ausgezeichnet romantiſche *) M. ſ. Price's Verſuchuͤber das Maleriſche, an mehrern Orten; und insbeſondre die ſchoͤne, dich⸗ teriſche Schilderung ſeiner Gefuͤhle, als er nach dem Rathe eines Verbeſſerers einen alterthuͤmlichen, ſchat⸗ tigen Garten mit Taxushecken, eiſernen Baluſtraden und abgeſchiedenen Dickigten zerſtoͤrte. Anm. d. Verf. 3 2 Lage kann vielleicht durch einen Verſuch, dergleichen kuͤnſt⸗ liche Verzierungen anzubringen, entwuͤrdigt werden; allein es giebt ſehr viele Lagen, wo es weit mehrerer architecto⸗ niſchen Ausſchmuͤckungen zu beduͤrfen ſcheint, als jetzt in der Mode ſind, um der nackten Einfoͤrmigkeit eines großen, mitten auf einem Raſenplatz erbauten Hauſes abzuhelfen, wo es ſich ſo unverbunden mit allen ſeinen Umgebungen zeigt, als waͤre es aus der Stadt gegangen, um der fri⸗ ſchen Luft zu genießen. 3 3 Wie der Geſchmack ſich ſo ploͤtzlich und ſo gaͤnzlich um⸗ gewandelt hat, iſt ein ſchwer zu erklaͤrender Umſtand, wo⸗ fern wir ihn nicht aus dem naͤmlichen Grundſatze ableiten wollen, nach welchem die drei Freunde des Vaters in Mo⸗ liere's Luſtſpiel als Heilmittel fuͤr die Schwermuth ſeiner Tochter empfehlen, daß ſie ihre Zimmer mit Gemaͤlden, Teppichen oder Porzellan ausſchmuͤcken ſolle, je nachdem Jeder der drei Rathgeber mit einem dieſer Artikel han⸗ delte. Pruͤfen wir die Sache auf dieſer Wagſchale, ſo werden wir vielleicht entdecken, daß in aͤlteren Zeiten der Baumeiſter die Terraſſen und Luſtgaͤrten in der Naͤhe des Wohnſitzes anlegte, und ſehr begreiflich dort ſeine Kunſt in Bildſaͤulen, Baſen, ſteinernen Terraſſen und mit Ba⸗ luſtraden verzierten Treppen zu zeigen bemuͤht war, waͤh⸗ rend der, an Rang untergeordnete Gaͤrtner ſich beſtrebte, das Pflanzenreich dem vorherrſchenden Geſchmacke anzu⸗ paſſen, und ſeine immer gruͤnenden Baͤume in Mauern mit Thuͤrmen und Zinnen, ſeine einzelnen Baͤume aber in Vildſaͤulen aͤhnliche Formen zu verſchneiden. Allein das Rad hat ſich ſeitdem gedreht, und den Landſchafts⸗ gaͤrtner, wie man ihn jetzt nennt, faſt auf gleiche Stufe 4 mit dem Baumeiſter geſtellt; daher koͤmmt der freigebige und etwas gewaltſame Gebrauch, den er vom Spaten und Art macht, indem er die ſtattlichen Arbeiten des Archi⸗ tecten in eine ferme ornée 9) umwandelt, die ſo wenig von der einfachen Natur, ſo wie man ſie in der Umge⸗ gend ſieht, abweicht, als die Bequemlichkeit und Zierlich⸗ keit des Wohnſitzes eines gebildeten, wohlhabenden Man⸗ nes moͤglicherweiſe zulaſſen kann. Doch ich komme von dieſer Abſchweifung zuruͤck. Sie hat dem Cabriolet des Marquis,— deſſen Fortſchritte durch die Schwerkraft eines Jean Kosbif ſehr verzoͤgert wurden, daher vermuthlich das normanniſche Pferd ihn eben ſo ſehr verwuͤnſchte, als deſſen Landsleute in der Vorzeit das Uebermaaß der Koͤrperfuͤlle eines„dummen ſaͤchſiſchen Sclaven“ verabſcheuten,— hinlaͤngliche Zeit gelaſſen, den Huͤgel auf einem krummen, ſehr verfallnen Steinwege hinangezogen zu werden. Endlich erblickten wir eine Reihe abgedeckter, mit dem weſtlichen, gaͤnzlich zertruͤm⸗ merten Ende des Schloſſes in Verbindung ſiehender Ge⸗ baͤude.„Ich ſollte,“ ſprach der Marquis,„bei Ihnen, als einem Englaͤnder, den Geſchmack meiner Vorfahren entſchuldigen, daß ſie dieſe Reihe von Staͤllen mit der Architectur des Schloſſes in Verbindung brachten. Ich weiß, daß man ſie in Ihrem Vaterlande in einiger Ent⸗ fernung vom Wohnſitze anlegt; meine Famllie aber hatte einen erblichen Stolz auf ihre Pferde, und fand eine Lieb⸗ haberei daran, ſie ofterer in Augenſchein zu nehmen, als es paßlich geweſen ſeyn wuͤrde, wenn ſie in weiterer Ent⸗ fernung waͤren aufgeſtellt geweſen. Vor der Revolution hatte ich dreißig ſchoͤne Pferde in jener nun perfallenen Reihe von Gebaͤuden.“ Dieſe Erinnerung an vergangene Herrlichkeit entſchluͤpfte ihm zufaͤllig; denn im Ganzen gedachte er ſelten ſeiner ehemaligen Wohlhabenheit. Er machte daher jene Be⸗ merkung, ohne auf ſeinen fruͤheren Reichthum Gewicht zu legen, oder Mitgefuͤhl fuͤr deſſen Verluſt zu erwarten. Sie erweckte jedoch unangenehme Betrachtungen, und wir ſchwiegen Beide, bis aus einem, zum Theil ausgebeſſerten Winkel der ehemaligen Thorſteher⸗Loge eine lebhafte fran⸗ zoͤſiſche Baͤuerinn mit kohlſchwarzen Augen, die wie Edel⸗ ſteine funkelten, laͤchelnd hervortrat, eine Reihe Perlenzaͤhne zeigte, um die eine Herzoginn ſie haͤtte beneiden moͤgen, und die Zuͤgel des Pferdes faßte. „Madelon muß heute den Stallknecht machen,“ ſprach der Marquis, nachdem er ihre tiefe Verneigung vor Mon⸗- seigneur mit einem gnaͤdigen Kopfnicken beantworter hatte,„denn ihr Mann iſt zu Markte gegangen; und was La Jeuneſſe betriſſt, den haben ſeine mannigfaltigen Be⸗ ſchaͤftigungen ganz verwirrt gemacht. Madelon,“ fuhr er fort, waͤhrend wir unter den, mit verſtuͤmmelten Wap⸗ pen der fruͤheren Gutsbeſitzer verzierten, jetzt mit Moos und Graslauch halbbewachſenen, gewoͤlbten Eingangsthore durchgingen,—„Madelon war die Pathinn meiner Frau, und ward erzogen, einſt Kammermaͤdchen bei meiner Toch⸗ ter zu ſeyn.“ Die hieraus im Vorbeigehen zu entnehmende Andeu⸗ tung, daß er Wittwer und ein kinderloſer Vater ſey, er⸗ hoͤhten meine Achtung fuͤr den ungluͤcklichen Mann, wel⸗ chem ohne Zweifel Alles, was auf ſeine jetzige Lage Bezug 3. 21.— hatte, Stoff zu ſchwermuͤthigen Betrachtungen darbot. Nach augenblicklicher Pauſe fuhr er in etwas muntererem Tone fort:„mein armer La Jeuneſſe wird Sie beluſtigen; er iſt, beilaͤufig geſagt, zehn Jahr aͤlter als ich;“— der Marquis iſt uͤber ſechzig;—„er erinnert mich an den Schau⸗ ſpieler im Roman conique, der einzig ein ganzes Stuͤck auffuͤhrte. Er laͤßt es ſich nicht nehmen, den Haus⸗ hofmeiſter, Kuͤchenmeiſter, Kammerdiener und eine ganze Dienerſchaft in ſeiner geringen Perſon zu vereinigen. Zu⸗ weilen erinnert er mich an einen Charakter, der in der Braut von Lammermore vorkommt. Sie haben ohne Zweifel das Buch geleſen; denn es iſt von einem Ihrer Literatoren geſchrieben, den man, glaub' ich, den Chevalier Scott nennt.“ „Vermuthlich meinen Sie Sir Walter?“ „Ja, den naͤmlichen,“ perſetzte der Marquis;„vergeß ich doch immer die Namen, welche mit jenem unausſprech⸗ baren Buchſtaben anfangen.“ Wir wurden nun von peinlicheren Erinnerungen abge⸗ lenkt; denn ich hatte meinen franzoͤſiſchen Freund in zwei Punkten zurecht zu weiſen, in dem erſten gelang es mir nur mit großer Schwierigkeit; denn obwohl der Marquis die Englaͤnder nicht liebte, ſo waͤhnte er dennoch, da er drei Monate in London zugebracht hatte, die ſchwerſten, in unſerer Sprache vorkommenden Stellen vollkommen zu verſtehen, und berief ſich auf alle Woͤrterbuͤcher von Floriy bis auf die neueſten herab, um mir zu beweiſen, daß das engliſche Wort bride(Braut, ausgeſpr. Breide) die naͤmliche Bedeutung habe, wie das franzoͤſiſche Wort bride (Jaum). Ja, er war in dieſer Hinſicht dieſes philologi⸗ ſchen Gegenſtandes ein ſo großer Zweifler, daß er, als ich es wagte, ihm bemerklich zu machen: es komme im gan⸗ zen Roman nichts von Pferdezaͤumen vor, den Fehler einzig auf den ungluͤcklichen Verfaſſer waͤlzte. Ich war hierauf ſo ungemein oſſenherzig, meinen Freund aus Gruͤnden, die Niemand ſo gut wiſſen konnte als ich, zu verſichern, mein ausgezeichneter literariſcher Landsmann, von dem ich allemal mit der Achtung rede, die ſeine Ta⸗ lente verdienen, ſey nicht verantwortlich fuͤr die geringen Werke, welche die Laune des Publikums mit zu vieler Großmuth und Uebereilung ihm zugeſchrieben habe. Ueber⸗ raſcht durch den Antrieb des Augenblicks, moͤchte ich viel⸗ leicht noch weiter gegangen ſeyn, und meine Ablaͤugnung durch einen unwiderleglichen Beweis bekraͤftigt haben,— durch die Erklaͤrung, daß Niemand anders als ich dieſe Werke möͤglicherweiſe koͤnne geſchrieben haben, weil ich ſelbſt der Verfaſſer ſey; waͤre ich nicht durch des Marquis Antwort abgehalten worden, mich ſo uͤbereilt gegen ihn blos zu geben.„Es ſey ihm lieb,“ verſetzte er,„zu ver⸗ nehmen, daß dergleichen Kleinigkeiten nicht von einer Standesperſon waͤren geſchrieben worden. Wir leſen ſie,“ ſetzte er hinzu,„ſo wie wir den Scherzreden eines Schau⸗ ſpielers oder unſere Vorfahren denen eines Luſtigmachers vom Handwerk zuhoͤrten, und großes Vergnuͤgen dabei fanden, welche wir jedoch ungern aus dem Munde eines Mannes herleiten moͤchten, der beſſere Anſpruͤche auf, die Zulaſſung in unſerer Geſellſchaft hat.“ 1 Durch dieſe Erklaͤrung ward ich vollkommen zu meiner gewoͤhnlichen Vorſicht zuruͤckgerufen, und fuͤrchtete ſo ſehr, mich zu verrathen, daß ich nicht einmal wagte, meinem — ariſtoeratiſchen Freun ne n, der von ihm nantpaff gemachte Mann verdanke, wie ich gehoͤrt haͤtte, ſeine Be⸗ foͤrderung einigen ſeiner Werke, die man ohne Beleidi⸗ gung mit gereimten Romanen vergleichen koͤnne. Die Wahrheit iſt, daß der Marquis unter andern be⸗ reits von mir angedeuteten Vorurtheilen ſich einen mit Verachtung gemiſchten Abſcheu gegen jede Autorſchaft angeeignet hatte, die nicht wenigſtens einen juriſtiſchen oder theologiſchen Folioband hervorbringt, und daß er den Verfaſſer eines Romans, einer Novelle, eines Gedichts von der leichteren Gattung, oder eines kritiſchen Auf⸗ ſatzes ſo betrachtete, wie ein giftiges kriechendes Thier, das heißt, mit Furcht und Widerwillen. Der Mißbrauch der Preſſe, behauptete er, habe beſonders in der leichteren Gattung literariſcher Arbeiten, die Sittlichkeit in ganz Europa vergiftet, und gewinne aufs Neue allmaͤhlig einen Einfluß, der im Kriegsgeraͤuſch zum Schweigen gebracht ſey. Alle Schriftſteller, ausgenommen die vom groͤßten und ſchwerſten Caliber, glaubte er, von Rouſſeau und Vol⸗ taire bis zu Pigault le Bruͤn und den Verfaſſer der Schot⸗ tiſchen Novellen herab, dieſer boͤſen Sache ergeben. Obwohl er geſtand, daß er ſie leſe, pour passer letems, 10⁰) ſo ging es ihm doch wie Piſtol mit ſeinem Lauch; 11)— er verſchlang die Erzaͤhlungen, waͤhrend er auf ihre mo⸗ raliſche Tendenz ſchimpfte. Die Wahrnehmung dieſer Sonderbarkeit brachte mich von dem ofſnen Bekenntniß, welches meine Eitelkeit beab⸗ ſichtigt hatte, ganz zuruͤck, ſo daß ich den Marquis auf neue Bemerkungen uͤber den Wohnſitz ſeiner Vorfahren lenkte.„Dort,“ ſagte er,„war das Privattheater, wo mein Vater auf einen, bei den hoͤheren Behoͤrden ausgewirk⸗ ten Befehl einige der Hauptſchauſpieler der comedie française auftreten ließ, wenn der Koͤnig und Mada⸗ ꝛne Pompadour ihn hier beſuchten, welches mehr als ein⸗ mal der Fall war;— dort, mehr im Mittelpunkte war die freiherrliche Halle, wo die Lehngerichtsbarkeit geuͤbt ward, wenn der Guthsherr oder ſein Gerichtshalter uͤber Verbrecher das Urtheil ſprach, denn wir hatten, wie Ihre alten Schottiſchen Edelleute, die hohe und niedere pein⸗ liche Gerichtsbarkeit, oder fossa cum furca, wie die Cri⸗ minaliſten es nennen.— Unter der Halle liegt die Folter⸗ kammer; und wahrlich, ich beklage, daß ein ſo leicht zu mißbrauchendes Recht irgend einem lebenden Geſchoͤpfe jemals anvertraut ward; aber,“ fuͤgte er mit einem Ge⸗ fuͤhl der Wuͤrde hinzu, welches ſelbſt durch die Erinnerung an die Grauſamkeiten erhoͤht ward, die ſeine Vorfahren hinter den bezeichneten Gitterfenſtern hatten ausuͤben laſ⸗ fen;„ſo groß iſt die Wirkung des Aberglaubens, daß bis auf dieſen Tag die Bauern ſich jenen Kerkern nicht zu nahen wagen, wo, wie man ſagt, meine Vorfahren ſich zu mehreren Grauſamkeiten verleiten ließen.“ Als wir uns dem Gitterfenſter naheten und ich einige Neigung zeigte, dieſe Wohnung des Schreckens in Augen⸗ ſchein zu nehmen, drang aus dieſem unterirdiſchen Ab⸗ grunde ein lautes gellendes Gelaͤchter hervor, welches, wie 4 wir bald entdeckten, eine Kindergruppe ausſtieß, die das verbdete Gewoͤlbe zum Schauplatz ihres luſtigen Blindekuh⸗ Spiels gemacht hatte. Der Marquis war etwas aus der Faſſung gebracht und 3 25 8 nahm ſeine Zuflucht zu der tabatiére; doch faßte er ſich ſogleich und bemerkte, es waͤren Madelons Kinder, die ſich mit den vermeintlichen Schrecken des unterirdiſchen Aufenthalts ſchon vertraut gemacht haͤtten.„Ueberdieß,“ fuhr er fort,„die Wahrheit zu ſagen, ſo ſind dieſe ar⸗ men Kinder nach dem Zeitpunkte der vorgeblichen Aufklaͤ⸗ rung geboren, die unſern Aberglauben zugleich mit unſerer Religion vertrieb. Doch dieß bringt mich auf den Gedan⸗ ken, Sie zu erinnern, daß wir heute Faſttag haben. Außer Ihnen iſt der Pfarrer der Gemeinde mein einziger Gaſt, und ich wollte ſeine Meinungen nicht gerne wiſſentlich ver⸗ letzen. Außerdem,“ ſetzte er mannhafter und zwangloſer hinzu,„hat das Mißgeſchick mich gelehrt, uͤber dieſe Ge⸗ genſtaͤnde anders zu denken, als im Wohlſtande, und Gott⸗ lob! ſchaͤme ich mich nicht, zu geſtehen, daß ich die Vor⸗ ſchriften meiner Kirche befolge.“ Ich eilte, ihm zu antworten, daß ich, ſo ſehr ſie auch von denen, meiner Kirche abweichen moͤchten, gleichwohl alle moͤgliche Achtung fuͤr die Religionsvorſchriften jeder chriſtlichen Gemeinde hegte, im Bewußtſeyn, daß wir die naͤmliche Gottheit nach dem naͤmlichen großen Grundſatze der Erloͤſung anbeten, wenn auch unter verſchiedenen For⸗ menz; denn haͤtte der Allmaͤchtige dieſe Verſchiedenheit der gottesdienſtlichen Formen nicht gewollt, ſo wuͤrde er ſie eben ſo genau vorgeſchrieben haben, als es im moſaiſchen Geſetze geſchah. Der Marquis pflegte Niemandem die Hand zu ſchuͤt⸗ teln; bei dieſer Gelegenheit aber faßte er meine Rechte und druͤckte ſie herzlich. Dies war vielleicht die einzige Art und Weiſe, wie ein eifriger Katholik meine Geſin⸗ nungen in einem ſolchen Falle billigen konnte oder durfte. Dieſe Eroͤrterungen und Bemerkungen nebſt andern, wel⸗ che die Ausſicht auf weitumfaſſende Truͤmmer veranlaßte, beſchaͤftigten uns, waͤhrend wir die lange Terraſſe einige⸗ mal auf⸗ und abgingen und etwa eine Viertelſtunde in einem gewoͤlbten, mit des Marquis Wappen geſchmuͤckten Pavillon von Quaderſteinen ſaßen, deſſen Dach noch feſt und wohl erhalten war, wenn gleich die Fugen der Sei⸗ tenboͤgen ſich etwas geloͤſt hatten.„Hier,“ ſprach er, den naͤmlichen Ton wieder annehmend, in welchem er im An⸗ fange dieſes Geſpraͤchs redete,„ſitze ich gern um Mittag, wenn mich die Woͤlbung vor der Hitze ſchuͤtzt, oder Abends, wenn die Sonnenſtrahlen auf der breiten Flaͤche der Loire hinſterben;— hier iſt es, wo ich gern zu ruhen pflege, um mit Ihrem großen Dichter zu reden,— den ich, ob⸗ wohl ein Franzoſe, genauer kenne als die meiſten Eng⸗ laͤnder.“, Shewing ihe dode of sweet and bitter fancy. 1 2) ¹ 4 Gegen dieſe Variaute einer bekannten Stelle im Shakeſpeare, unterließ ich abſichtlich, zu proteſtiren; weil ich fuͤrchtete, Shakeſpeare wuͤrde in der Meinung eines ſo zartfuͤhlenden Beurtheilers als der Marquis geſunken ſeyn, wenn ich ihm bewieſen haͤtte, die Lesart CGhewing the cud(widerkaͤuend) ſey nach allen andern Autoritaͤ⸗ ten die richtige. Ueberdieß hatte ich noch genug an un⸗ ſrer letzten Debatte, denn ſchon lange,— doch nicht eher als bis ich die Edinburger Hochſchule zehn Jahr verlaſſen hatte,— war ich uͤberzeugt, daß die Seele der Unterhal⸗ tung nicht darin beſteht, in unerheblichen Gegenſtaͤnden uͤberwiegende Kenntniſſe zu zeigen, ſondern vielmehr darin, 3 297)7) 8. daß man die Kenntniſſe, welche man beſitzt, durch Be⸗ nutzung derer, welche Andern eigen ſind, zu erweitern, zu verbeſſern und zu berichtigen ſucht. Ich ließ daher den Marquis nach Gefallen ſein Geſetzbuch zeigen (shew his co,de.) und ward dadurch belohnt, daß er in eine kenntnißreiche, wohlvorgetragene Eroͤrterung uͤber den im ſiebzehnten Jahrhundert in Frankreich eingefuͤhr⸗ ten bluͤhenden Styl der Baukunſt einging. Er aͤußerte ſich mit vielem Geſchmack uͤber ihre Vorzuͤge und Maͤn⸗ gel; beruͤhrte mehrere Gegenſtaͤnde, gleich denen, die mich oben zu einer Abſchweifung veranlaßten, und vertheidigte ſie aus Gruͤnden, die mit den durch ihren Anblick erzeug⸗ ten Ideen in Verbandung ſtanden.„Wer moͤchte,“ fragte er,„abſichtlich die Terraſſen des Schloſſes Suͤlly zerſtoͤ⸗ ren, die wir nicht betreten koͤnnen, ohne uns das Bild jenes Staatsmannes, eben ſo ausgezeichnet durch ſtrenge Rechtlichkeit, als durch untruͤglichen Scharfſinn, ins An⸗ denken zu rufen? Waͤren jene Tekraſſen auch nur um einen Zoll breit ſchmaͤler, oder um den Gehalt einer Tonne weniger maſſio, oder fehlte ihnen jene Foͤrmlichkeit in den kleinſten Kruͤmmungen, koͤnnten wir dann vermuthen, daß ſie der Schauplatz ſeines patriotiſchen Nachdenkens waren? Wuͤrde ein gewoͤhnliches Gewaͤchshaus eine geeig⸗ nete Scene ſeyn fuͤr den Herzog, ſitzend in einem Arm⸗ ſtuhle und die Herzoginn auf einem Seſſel ohne Lehne, ihre Sohne Muth und Treue, ihre Tochter Sittſamleit und Unterwuͤrligkeit.— und alle ihre ſaͤmmtliche Kin⸗ der die ſtrengſte Moral lehrend;— umgeben von einem Kreiſe aufmerkſam nund mit geſenktem Blicke zuhorender fungen Edelleute, die ohne den Befehl ihres fuͤrſtlichen 238 Verwandten, ſich weder zu ſetzen noch zu ſprechen wagen. Oder koͤnnen wir uns dieſen ausgezechneten Pair und Pa⸗ trioten, wandelnd in einem jardin à l'anglaise denken? Eben ſo wohl koͤnnte man ihn gekle idet in einen blauen Frack und weißer Weſte, anſtatt ſeines Rocks und Hutes à la Henri IV. darſtellen.— Denken Sie nur, wie er in ſeiner gewoͤhnlichen Begleitung von ſechs Schweizergardi⸗ ſten, die vor, und ſechs andern die hinter ihm hergingen, in den gekruͤmmten Windungen eineie ferme ornée ſich haͤtte hin und her bewegen koͤnnen. Denken Sie an ſeine Geſtalt,— ſeine haut de chausses à canon 1 3) die mit ſeinem Wamms durch zehntauſend Neſteln und Bandſchlei⸗ fen verbunden ſind, ſo koͤnnen ſie ſich ihn nicht als wan⸗ delnd in einem neumodigen Garten vorſtellen, ohne ſich unwillkuͤhrlich den Gedanken zu vergegenwaͤrtigen, es ſey die Skizze eines wahnwitzigen alten Nannes, der den thoͤ⸗ richten Einfall gehabt hat, ſich wie ſein Großvater zu klei⸗ den, und den ein Gendarmentrupp ins Irrenhaus fuͤhrt⸗ Aber ſehen ſie die lange praͤchtige Terraſſe, wenn ſie noch exiſtirt, wo der, ſeinem Koͤnige mit enthuſiaſtiſcher Treue ergebene Suͤlly ſeinen einſamen Spalziergang machte, ſin⸗ nend auf patriotiſche Plaͤne zum Ruhme Frankreichs, oder in dem ſpaͤteren kummervollen Zeit raume ſeines Lebens, bruͤtend uͤber dem Andenken ſeines gemordeten Gebieters und dem Schickſale ſeines ungluͤcklichen Vaterlandes. Ver⸗ theilen Sie in jenen edlen Hintergrund Arkaden, Va⸗ ſen, Urnen und Bildſaͤulen,— kurz Alles, was die Naͤhs eines herzoglichen Palaſtes verkuͤndigen kann, und die Landſchaft wird in allen ihren Theilen harmoniren. Die Gegenwart des Lehnsfuͤrſten wird bezeichnet durch die 29 Schildwachen mit ihren Doppelhaken an den Enden des langen ebenen Ganges, und noch deutlicher durch die Eh⸗ rengarden mit ihren Hellebarden, die mit martialiſcher Miene ſo ſtattlich einherſchreiten, als waͤren ſie einem Fein⸗ de gegen uͤber. Alle ſcheinen, von gleichem Sinne mit ih⸗ rem edlen Vorgeſetzten beſeelt, ihre Schritte nach den Seinigen zu meſſen; ſie gehen wenn er geht, weilen wenn er weilt; ſie beobachten ſelbſt jene kleinen Unregelmaͤßigkei⸗ ten ſeines Ganges, veranlaßt durch den Wechſel ſeiner Ge⸗ danken, und bewegen ſich mit militaͤriſcher Genauigkeit vor und hinter dem Manne, der der Mittelpunkt und das be⸗ lebende Prinzip ihrer bewaſſneten Reihen zu ſeyn ſcheint, ſo wie das Herz dem Koͤrper Leben und Thatkraft ver⸗ leiht. Nun, wenn Sie uͤber einen Spaziergang, zu un⸗ vereinbar mit den leichten, zwangloſeren Manieren der heutigen Welt lachen, ſo will ich Sie fragen, ob Sie ſich entſchließen koͤnnten, jene andere Terraſſe, einſt betreten von der bezaubernden Marquiſe von Sevigne, welcher ſich ſo manche mit ihren herrlichen Briefen in Verbindung ſtehende Ideen anſchließen, zu vernichten?“ Etwas ermuͤdet durch dieſe Abhandlung des Marquis, bei der er wahrſcheinlich darum ſo lange verweilte, um die naruͤrlichen Schoͤnheiten ſeiner eignen Terraſſe zu erheben, die ſelbſt in ihrem verfallenen Zuſtande keiner ſolchen Em⸗ pfehlung bedurfte, benachrichtigte ich: meinen Freund, daß ich ſo eben aus England das Tagebuch einer Reiſe ins fuͤdliche Frankreich erhalten haͤtte, deren Verfaſſer— einer meiner jungen Oxforder Freunde,— zugleich Dichter, Mah⸗ ler und klaſſiſcher Gelehrter ſey und eine ſo leshafte und anziehende Schilderung von dem Soloſſe Grignan, dem Wohnſitze der geliebten Tochter der Frau von Sevigne, und oſt auch ihrem eignen Aufenthalte, entwerfe, daß Niemard, der dieß Buch leſe und nicht weiter als vierzig Meilen vom Gegenſtande dieſer Schilderung entfernt waͤre, eine Wanderſchaft dahin unterlaſſen wuͤrde. Der Marquis laͤchelte, ſchien ſehr erfreut und fragte nach dem ausfuͤhr⸗ lichen Titel des beſagten Werks, den er ſich nach meiner Angabe aufſchrieb. 14) Er bemerkte dabei, daß er jetzt keine Buͤcher fuͤr ſein Schloß kaufen koͤnne, dem Buch⸗ haͤndler in der naͤchſten Stadt, bei dem er abonnirt ſey, jedoch die Anſchaſſung dieſes Werks einpfehlen wolle.„Und hier,“ ſprach er,„kommt der Pfarrer, um uns weitere Er⸗ oͤrterungen zu erſparen; auch ſehe ich La Jeuneſſe um den alten Saͤulengang auf der Terraſſe gehen, um die Tiſch⸗ glocke zu laͤuten;— eine hoͤchſt unndͤthige Ceremonie, um drei Perſonen zu verſammeln, aber es wuͤrde dem alten Manne das Herz brechen, wenn er es unterlaſſen muͤßte; denn die Pflichten der untergeordneten haͤuslichen Dienſte wuͤnſcht er incognito zu verrichten; wenn er aufgehoͤrt hat die Glocke zu laͤuten, dann wird er im vollen Glanze als Haushofmeiſter erſcheinen.“ Mitttlerweile hatten wir uns dem oͤſtlichen Ende des Schloſſes, dem einzigen noch bewohnbaren Theil des Ge⸗ baͤudes Psenahet. „Als die ſchwarze Bande,“ 15) ſprach der Mar⸗ quis,„die Ueberbleibſel des Hauſes verheerte, um ſich des Bleies, Holzes und anderer Materialien zu bemaͤchtigen, leiſtete ſie mir ohne es zu wollen, den Dieuſt, ehee fang des Gebaͤudes auf eine, den Vermoͤgensumſtaͤnden . 314 des Eigenthuͤmers gemaͤßere Weiſe zu verringern. Die Raupe hat noch Platz genug auf den Blaͤttern gefunden, ſich zu verpuppen und kuͤmmert ſich nicht darum, welche Inſecten den Reſt des Gebuͤſches verſchlungen haben. Bei dieſen Worten erreichten wir die Thuͤr. Hier er⸗ ſchien La Jeuneſſe in dienſteifrig ehrfurchtsvoller Hal⸗ tung;z, ſeine Geſichtszuͤge, obwoh gefurcht von tauſend Nunzeln, waren bereit, auf das erſte freundliche Wort ſeines Gebieters mit einem Laͤcheln zu antworten, wodurch er eine Reihe weißer, feſter Zaͤhne zeigte, welche Alter und Leiden verſchont hatten. Seine reinen, durch vieles Waſchen gelblich gewordenen ſeidenen Struͤmpfe,— ſein zierlich gewundener, mit einer Roſette geſchmuͤckter Zopf, die duͤnne graue Locke an jeder Seite ſeiner eingefallenen Wangen, der perlfarbene Rock ohne Kragen,— der Ring am Finger, der Buſenſtreif, die Manſchetten, und der Armhut,— dieß Alles verkuͤndigte, daß La Jeuneſſe die Ankunft eines Gaſtes auf dem Schloſſe als ein unge⸗ woͤhnliches Ereigniß betrachtete, welches die Schauſtellung ſeines vollen Glanzes heiſche. Als ich dieſen treuen, aber ſeltſamen Dienſtmann be⸗ trachtete, der ohne Zweifel nicht nur die abgelegten Klei⸗ der, ſondern auch die Vorurtheile ſeines Gebieters ererbt hatte, konnte ich mich nicht enthalten, bei mir elbſt die bereits von dem Marquis bemerklich gemachte Achhetr zwiſchen ihm und meinem Caleb, dem treuen Knappen des Herrn von Ravenswood, einzugeſtéhen. Aber ein Fran⸗ zoſe, der von Natur in allen Saͤtteln gerecht iſt, kann mit weit groͤßerer Leichtigkeit und Fuͤgſamkeit mancherlei Dienſte verrichten, und ihnen ſaͤmmtlich in eigner Perſon —— genuͤgen, als dieß der Foͤrmlichkeit und Langſamkeit eines Schotten moͤglich iſt. Gewandter, wenn gleich nicht dienſt⸗ eifriger als Caleb, ſchien La Jeuneſſe ſich, je nachdem die Gelegenheit es erforderte, zu vervielfachen, und entledigte ſich ſeiner verſchiedenartigen Geſchaͤfte ſo raſch und ange⸗ legentlich, daß andenpeitige Bedienung weder entbehrt noch gewuͤnſcht ward. Vor allen Dingen war das Mittagseſſen treſſlich. Ob⸗ wohl die Suppe mager 16) genannt wurde,— ein Aus⸗ druck, den die Englaͤnder ſpottweiſe gebrauchen,— hatte ſie einen koͤſtlichen Geſchmack, und die Matelote, 1 7) von Hechten und Aalen verſoͤhnte mich, ungeachtet ich ein Schotte bin, mit dem letztern Fiſche. Es ward ſogar fuͤr den Ketzer ein kleines Gericht gekochtes Fleiſch aufgetra⸗ gen, welches ſo ſchoͤn bereitet war, daß es ſeine ganze Kraft beibehalten hatte und dennoch eben ſo zart als wohl⸗ ſchmeckend war. Ein Paar andere kleine Gerichte waren eben ſo vorzuͤglich bereitet. Den hoͤchſten Werth aber legte der alte Haushofmeiſter auf eine gewaltige Schuͤſſel mit Spinat, die er mit ſelbſt gefaͤlligem Laͤcheln und im Voll⸗ genuß meines Erſtaunens auftrug. Denn der Spinat bil⸗ dete keine ebene Oberflaͤche, ſo wie unſere ungeweihten brittiſchen Koͤche ihn anrichten, ſondern er geſtaltete ſich in Huͤgel und Thaͤler und zeigte einen edeln Hirſch, ver⸗ folgt„ einer Koppel Hunde, und einem Trupp Jaͤger mit Hifthoͤrnern und aufrecht gehaltenen, den Schwerdtern gleich geſchwungenen Peitſchen;— dieß Alles war ſehr kuͤnſtlich aus geroͤſtetem Brodte geſchnitten. Genießend des Lobes, welches ich dieſem Meiſterwerke zu zollen nicht un⸗ terließ, geſtand der Alte, es habe ihn faſt zwei Tagr Arbeit — gekoſtet; und Ehre gebend dem ſie gebuͤhrte, ſetzte er hin⸗ zu: eine ſo glaͤnzende Idee gehore ihm nicht allein an, ſondern Monseigneur habe ſich ſelbſt bemuͤht, ihm einige unſchaͤtzbare Winke zu geben und ſich ſogar herabgelaſſen, ihm in der Ausfuͤhrung einiger Hauptfiguren behuͤlflich zu ſeyn. Leicht erroͤthend bei dieſer Eroͤffnung, die ihm vielleicht nicht ganz genehm war, geſtand der Marquis, daß er mich mit einer Scene aus einem Volksgedichte meines Vater⸗ landes, Mylady Lac 18) habe uͤberraſchen wollen. Ich erwiederte, daß ein ſo glaͤnzendes Gefolge mehr einer großen Jagd Ludwigs XIV. als der, eines armen Koͤnigs von Schottland, und die Landſchaft mehr der Umgegend von Fontainebleau, als den Wildniſſen von Callender gliche. Er erwiederte dieſe Artigkeit mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken und gab zu, daß das Andenken der Formen des alten franzoͤſiſchen Hofes, als er noch in ſeinem alten Glanze war, ſeine Einbildungskraft mißleitet haben koͤnne; worauf das Geſpraͤch auf andere Gegenſtaͤnde uͤberging. Unſer Nachtiſch war auserleſen; der Kaͤſe, die Fruͤchte, der Sallat, die Oliven, die Wallnuͤſſe und der koͤſtliche weiße Wein,— dieß Alles war jedes in ſeiner Art un⸗ bezahlbar; und der gute Marquis bemerkte mit ſehr zu⸗ friedener Miene, daß ſein Gaſt es ſich gut ſchmecken ließ. „Bei dem Allen,“ ſprach er,„muß ich Ihnen meine thdrichte Schwaͤche geſtehen, daß es mich freut, noch im Stande zu ſeyn, einem Fremden eine gaſtliche Aufnahme bereiten zu koͤnnen, die ihm zu gefallen ſcheint. Glauben Sie mir, nicht aus bloßem Stolze, leben wir armen re⸗ D. I. 3 venants 19) ſo zuruͤckgezogen und vermeiden die Aus⸗ uͤbung der Pflichten der Gaſtfreiheit. Es iſt wahr, daß zu Viele von uns, in den vaͤterlichen Hallen mehr den Geiſtern ihrer abgeſchiedenen Eigenthuͤmer, als lebenden, in ihre Beſitzungen wieder eingeſetzten Menſchen gleichen; gleichwohl under aſßn wir die Benutzung des Umgangs reiſender Auslaͤnder nicht ſowohl um unſrer eignen Ge⸗ fuͤhle zu ſchonen, als um ihrer ſelbſt willen. Wir haben die Idee, daß Ihre reiche Nation ſehr an Aufwand, einer guten Tafel, Bequemlichkeiten und Lebensgenuͤſſen aller Art haͤngt, und meiſtens ſind die uns uͤbrig gebliebenen Be⸗ wirthungsmittel ſo beſchraͤnkt, daß der dazu erforderliche Aufwand uns unmoglich faͤllt. Niemand will das Beſte, was ſein Haus vermag, anbieten, wenn er Grund hat, zu glauben, daß ſelbſt dieß kein Vergnuͤgen machen werde; und da viele unter Ihren Landsleuten ihre Reiſebeſchreibun⸗ gen im Druck herausgeben, ſo wuͤrde es dem franzͤſiſchen Marquis vermuthlich nicht ſehr angenehm ſeyn, das aͤrm⸗ liche Mittagseſſen, mit dem der engliſche Lord bei ihm vor⸗ lieb nehmen mußte, in einer Druckſchrift verewigt zu ſehen. Ich unterbrach den Marquis durch die Verſicherung, daß, wenn ich den Wunſch hegte, einen Bericht von mei⸗ ner heutigen Bewirthung öſſentlich bekannt zu machen, dieſer einzig den Zweck haben wuͤrde, das Andenken des beſten Mittagsmahls, das ich je in meinem Leben genoſ⸗ ſen, aufzubewahren. Er dankte mir mit einer Verbeu⸗ gung und aͤußerte die Muthmaßung, daß entweder mein Geſchmack von dem vaterlaͤndiſchen abweichen, oder Das⸗ jenige, was man daruͤber verbreite, ſehr uͤbertrieben ſeyn muͤſſe. Insbeſondere bezeigte er mir ſeine Erkenutlichkeit, daß ich ihn den Werth des ihm gebliebenen Beſitzthums haͤtte ſchaͤtzen lehren.„Das Nuͤtzliche,“ ſetzte er hinzu, „hat auf dem Schloſſe Hautlieu, ſo wie anderswo, das Prunkvolle überlebt. Grotten, Statuͤen, auslaͤndiſche Ge⸗ waͤchſe, Tempel und Thuͤrme ſind verſchwunden; aber Wein⸗ berge, Gemuͤſe⸗ und Obſtgaͤrten und Fiſchteiche ſind ge⸗ blieben; und ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, daß ihre vereinten Erzeugniſſe eine Mahlzeit liefern konnten, die ſelbſt einem Britten ertraͤglich ſchien; uͤberzeugen Sie mich nur,“ fuhr er fort,„daß Ihre Artigkeiten aufrichtig gemeint ſind, und laſſen Sie ſich die Bewirthung auf dem Schloſſe Haut⸗ lieu, waͤhrend Ihres Aufenthalts in der Umgegend, ſo foft ſie nicht ſonſtwo auf angenehmere Weiſe verſagt ſind, gefallen.“ Gern nahm ich die freundliche Ladung an, und ſchien meinen Wirth ſehr dadurch zu verbinden. Das Geſpraͤch fiel jetzt auf die Geſchichte des Schloſſes und ſeiner Umgebungen; und hier war der Marquis ganz in ſeinem Element, wenn er gleich eben ſo wenig ein großer Alterthumskenner, als ein gruͤndlicher Hiſtoriker war, ſobald von etwas Anderm gehandelt wurde. Der Pfarrer hingegen war in beiden wiſſentſchaftlichen Zwei⸗ gen bewandert; uͤberhaupt war er ein ſehr unterhaltender, angenehmer Mann, der ganz die zuvorkommende, mitthei⸗ „ lende Hoͤflichkeit beſaß, die den unterrichteten katholiſchen Geiſtlichen eigen zu ſeyn pflegt. Von ihm erfuhr ich, daß im Schloſſe Hautlieu noch Ueberbleibſel einer ſchoͤnen Buͤ⸗ cherſammlung vorhanden waͤren. Bei dieſer Mittheilung zuckte der Marquis die Achſeln, blickte bald nach der Ei⸗ nen, bald nach der andern Seite, und zeigte dieſelbe klein⸗ —u liche Verlegenheit, welche er ni t unterdruͤcken konnte, als La FJeuneſſe ſeine Theilnahme an den Kuͤcheneinrich⸗ tungen ausſchwatzte.„Es wuͤrde mi viel Vergnuͤgen ma⸗ chen, Ihnen die Buͤcher zu zeigen,“ ſprach er;„aber ſie ſind in ſolcher Unordnung und in ſo ſchlechtem Zuſtande, daß ich mich ſchaͤme, ſie irgend Jemanden ſehen zu laſſen.“ „Verzeihen Sie mir, lieber Herr,“ verſetzte der Pfar⸗ rer,„Sie erinnern ſich, daß Sie dem großen eugliſchen Buͤcherkenner, dem Doctor Dibdin den Gebrauch dieſer ſchaͤtzbaren Reliquien verſtatteten, und daß er ſie ſehr ruͤhmte.“. „Was ſollt' ich machen, mein theurer Freund,“ erwie⸗ derte der Marquis;„der gute Doctor hatte von dieſen Ueberbleibſeln einer ehemaligen Buͤcherſammlung uͤbertrie⸗ ven guͤnſtige Nachrichten vernommen und ſich im nahen Gaſthofe einquartiert, entſchloſſen, ſeinen Zweck zu errei⸗ chen, oder unter den Mauern des Schloſſes zu ſterben. Ich hoͤrte ſogar, er habe die Hoͤhe des Thuͤrmchens auf⸗ genommen, wo die Buͤcher aufgeſtellt ſind, um ihn mit Sturmleitern zu erſteigen. Nun konnte ich doch einen achtbaren Geiſtlichen, wenn gleich von einer andern Kirche, unmoͤglich in die Nothwendigkeit verſetzen, eine ſo ver⸗ zweiflungsvolle Handlung zu begehen. Das haͤtte ich vor meinem Gewiſſen nicht verantworten koͤnnen.“ erinnern ſich noch, Herr Marquis,“ fuhr der Pfar⸗ rer fort,„daß der Doctor Dibdin uͤber die Zerſtuͤckelung Ihrer Bibliothek ſo unwillig war, daß er nach ſeiner Aeuſ⸗ ſerung beklagte, die Bannſtrahlen unſerer Kirche nicht zu Gebote zu haben, um ſie auf die Häupler d der Schuldigen herabſchleudern zu knnen.“ . 37 „Ohne Zweifel,“ verſetzte unſer Wirth,„ward ſein Unwille durch die Phuſcha 9 ſeiner Erwartungen geſtei⸗ gert.“ „Nicht doch,“ ſpra ber Pfarrer;„denn er war ſo en⸗ thuſtaſtiſch eingenommen von dem Werthe Deſſen, was noch uͤbrig iſt, daß in dem Prachtwerke, wovon er uns ein Exemplar ſchickte, und welches ein dauerndes Denkmal ſeines Eifers und ſeiner Gelehrſamkeit bleiben wird, das Schloß Hautlieu wenigſtens zwanzig Seiten wuͤrde eingenommen haben, wenn er nicht durch Ihre ausdruͤckliche Bitte da⸗ von abgehalten waͤre.“ „Der Doctor Dibdin iſt aͤußerſt hoͤflich,“ ſagte der Marquis;„und wenn wir unſern Kaſſee eingenommen haben,+ doch ehen bringt man ihn,— wollen wir auf das Sfanche gehen; ich hoſſe, da dieſer Herr mein ge⸗ ringes Mahl nicht verſchmaͤht hat, wird er auch die Unord⸗ nung meiner Bibliothek verzeihen. Es wird mir Freude machen, wenn ich zu Ihrem Zeitvertreibe Etwas beitragen kann. Auf jeden Fall haben Sie, mein guter Vater, ganz uͤber Buͤcher zu verfuͤgen, die, ohne Ihre Dazwiſchen⸗ kunft nie wieder in den Beſitz ihres Eigenthuͤmers gekom⸗ men ſeyn wuͤrden.“ Obwohl dieſer letzte Zuwachs ſeiner Hoͤflichkeit ihm un⸗ verkennbar durch das Andringen ſeines Freundes, des Pfarrers entriſſen war und bei dem Marquis das Ver⸗ langen, die Veroͤdung ſeiner Beſitzung und den Umfang ſeiner Verluſte zu verhehlen, mit ſeiner Hinneigung, An⸗ dern gefaͤllig zu ſeyn, unaufhoͤrlich zu kaͤmpfen ſchien, ſo konnte ich mich dennoch nicht enthalten, ein Anerbieten 38. anzunehmen, das ich nach den ſtrengen Regeln der Hoͤf⸗ lichkeit vielleicht haͤtte ablehnen ſollen. Allein die Gelegen⸗ heit zur Anſicht der Reſte einer Buͤcherſammlung, die ſo ſehenswuͤrdig waren, daß ſie unſerm bibliomaniſchen Doc⸗ tor den Anſchlag eingegeben hatten, ſeine letzte Hoſſnung auf eine Erſtuͤrmung zu ſetzen, vorbeigehn zu laſſen,— dieß waͤre eine verzweiflungsvolle Handlung der Selbſt⸗ verleugnung geweſen. La Jeuneſſe brachte uns elnen Kaſſee, ſo wie wir ihn nur auf dem Feſtlande koſten,— auf einem mit einer Serviette bedeckten Praͤſentirteller, damit er fuͤr einen ſil⸗ bernen gelten koͤnne, und einen chasse-caffé 20) auf einem kleinen, wirklich ſilbernen Teller. Als ſo unſer Mittagsmahl ganz geendet war, fuͤhrte mich der Marquis auf einer Nebentreppe in einen ſehr großen, faſt hundert Fuß langen Saal, der aber ſo ver⸗ wuͤſtet und verfallen war, daß ich die Augen beſtaͤndig nie⸗ derſchlug, damit mein freundlicher Wirth ſich nicht veran⸗ laßt finden moͤchte, ſich wegen der zerlumpten Gemaͤlde und Tapeten, und was noch ſchlimmer war als Beides, wegen einiger durch die Gewalt des Windes ausgeweheten Fenſter zu entſchuldigen. „Wir haben den Thurm etwas bewohnbarer zu machen geſucht,“ ſagte der Marquis, indem er dieſen Sitz der Verwuͤſtung raſch durchging.„Dieß,“ fuhr er fort,„war ehemals die Gemaͤldegallerie, und in dem Zimmer am an⸗ dern Ende derſelben, wo wir jetzt unſere Buͤcher aufge⸗ ſtellt haben, hingen einige ſeltene Cabinetsſtuͤcke, damit man ſie wegen ihres geringen Umfanges in der Näͤhe ſe⸗ hen koͤnnte.“ 211 S. 39 Bei dieſen Worten zog er ein Stuͤck der eben erwaͤhn⸗ ten Tapeten zuruͤck, und wir betraten ein achteckiges Zim⸗ mer, uͤbereinſtimmend mit der aͤußeren Form des Thurms, deſſen Inneres es fuͤllte. An vier Seiten hatte es Git⸗ terfenſter, deren jedes eine herrliche Ausſicht auf die ma⸗ jeſtaͤtiſche Loire, und die ſchlaͤngelnd von ihr durchſtroͤmte Umgegend gewaͤhrte. Die Fenſter hatten gemalte Schei⸗ ben und die Strahlen der ſinkenden Sonne, die in allem ihrem Glanze durch zwei dieſer Fenſter ſchien, zeigten ei⸗ nen ſchimmernden Verein von religioͤſen Emblemen und von Wappenbildern, die man kaum, ohne ſich die Augen zu verblenden, betrachten konnte. Leichter ließen ſich die „Scheiben der beiden andern, den Sonnenſtrahlen nicht mehr ausgeſetzten Fenſter in der Naͤhe beaugenſcheinigen, und zeigten deutlich, daß die Scheiben urſpruͤnglich nicht fuͤr dieſen Ort beſtimmt waren, ſondern, wie ich in der Folge erfuhr, zu der entheiligten Schloßkapelle gehoͤrt hatten. Seit mehreren Monaten hatte der Marquis, mit Huͤlfe des Pfarrers und des, zu Allem faͤhigen La Jeuneſſe ſich die Zeit damit vertrieben, dieſe Ausbeſſerungen zu vollen⸗ den; und obwohl ſie nur Fragmente, und zwar oft ſehr kleine, zuſammengeſetzt hatten, ſo that doch das gefaͤrbte Glas, wenn es nicht ganz in der Naͤhe, oder von einem Kenner unterſucht ward, eine ſehr angenehme Wirkung. Diejenigen Seiten des Zimmers, welche keine Fenſter hatten, waren, mit Ausnahme des noͤthigen Raumes fuͤr die kleine Thuͤr, mit Buͤcherſchraͤnken von ſchoͤn ausge⸗ ſchnitztem, kaſtanienbraunen Nußbaumholz beſetzt. Einige Schraͤnke waren von gemeinem Holze und neu verfertigt, um die, durch Gewaltthat und Verheerung entſtandenen Lüͤcken zu ergaͤnzen. Hier ſtanden die Truͤmmer, oder viel⸗ mehr die koſtbaren Neliguien e einer ſehr glaͤnzenden Bi⸗ bliothek. Der Vater des Marquis war ein unterrichteter Mann, und ſein Großvater war ſelbſt an dem Hofe Ludwigs XIV., wo die Literatur gewiſſermaßen als Mode betrachtet ward, wegen des Umfanges ſeiner Kenntniſſe beruͤhmt geweſen. Dieſe beiden Beſitzer des Schloſſes, deren Vermoͤgen be⸗ traͤchtlich war, hatten ſich freigebig ihrem Geſchmacke uͤber⸗ laſſen und die merkwuͤrdige alte gothiſche Buͤcherſamm⸗ lung ihrer Vorfahren dergeſtalt vermehrt, daß wenige Sammlungen in Frankreich der Bibliothek zu Hautlien gleich kamen. Sie war im Jahr 1790 gaͤnzlich zerſtreut worden, weil der jetzt lebende Marquis unuͤberlegterweiſe verſucht hatte, ſein Schloß gegen einen revolutionaͤren Poͤ⸗ bel zu vertheidigen. Gluͤcklicherweiſe war es dem Pfarrer, der durch ſein mildes, gemaͤßigtes Benehmen und durch ſeine evangeliſchen Tugenden bedeutenden Einfluß auf die benachbarten Landleute hatte, gelungen, viele Buͤcher, und mitunter Werke, die große Summen gekoſtet hatten und die von den Pluͤnderern aus bloßem Muthwillen mitge⸗ nommen waren, fuͤr wenige Sous, oder gar fuͤr ein Glas Branntwein zuruͤck zu erhalten. Er ſelbſt hatte ebenfalls ſo viele Buͤcher zuruͤckgekauft, als ſein Geldvorrath irgend verſtattete; und ſeiner Fuͤrſorge war es zu verdanken, daß ſie in dem Thurm, wo ich ſie fand, ihre Stelle einnahmen. Kein Wunder, daß der gute Pfarrer ſie mit Stolz und Vergnuͤgen den Fremden zeigte. Trotz mangelnder Baͤnde, und anderer Unvollkommen⸗ heiten, die einem Buͤcherliebhaber bei der Anſicht einer 3 41 ſchlechtgehaltenen Bibliothek kraͤnkend ſind, gab es doch in der Buͤcherſammlung von Hautlieu noch viele Werke, ganz geeignet, wie Bayes ſagt, den Bibliomanen„zu erheben und zu uͤberraſchen.“ Es gab hier: „Viel ſeltne Baͤndchen, auf dem Schnitt vergoldet,“ wie Dr. Ferriar mit vielem Gefuͤhl ſingt,— ſehenswuͤr⸗ dige, reichgemalte Meßbuͤcher, Manuſcripte von 1380, 1320, und aus einem noch fruͤheren Zeitalter; auch Werke, in gothiſchen Schriftzeichen, gedruckt im funfzehnten und ſechzehnten Jahrhundert. Doch hievon gedenke ich, wenn der Marquis es erlaubt, eine ausfuͤhrlichere Beſchreibung mitzutheilen. Einſtweilen genuͤgt es, zu ſagen, daß ich, ſehr froh uͤber den Tag, den ich in Hautlieu verlebt hatte, meine Beſuche oft wiederholte, und daß der Schluͤſſel zu dem achteckigen Thurme jederzeit zu meiner Verfuͤgung war. In jenen Stunden gewann ich eine große Vorliebe fuͤr einen Theil der franzoͤſiſchen Geſchichte, den ich, ſo wich⸗ tig er auch fuͤr die Geſchichte von ganz Europa, und ſo trefſlich er auch von einem alten unnachahmlichen Hiſtori⸗ ker beſchrieben iſt, doch niemals hinreichend ſtudirt hatte. Um bei meinem treſſlichen Wirthe angenehme Gefuͤhle zu erwecken, beſchaͤftigte ich mich von Zeit zu Zeit mit einigen Familiendenkſchriften, welche gluͤcklicherweiſe aufbehalten waren und uͤber die Verbindung mit Schottland, wodurch ich zuerſt vor des Marquis Augen Gnade fand, manche wiſſenswerthe Nachrichten enthielten. 8 4— Ich erwog dieſe Dinge n ach W ich nach Großbritannien zu meinem Rindfleiſch und meinem Kohlenfeuer zuruͤckkehrte,— ein Aufenthaltswechſel, welcher ſtatt fand, ſobald ich dieſe galliſchen Erinnerungen nieder⸗ geſchrieben hatte. Endlich geſtalteten ſich die Ergebniſſe meines Nachſinnens, ſo wie meine Leſer, wenn ſie nicht durch dieſe Vorrede abgeſchreckt ſind, ſolche unverzuͤglich zu beurtheilen im Stande ſeyn werden. Sollte das Pu⸗ blikum ſie guͤnſtig aufnehmen, ſo werde ich meinen kurzen Aufenthalt im Auslande nicht bereuen. — * Quentin Durward. Erſtes Kapitel. Der Contraſ. „Seht dort auf jenes Conterfey, und dieß, Es ſind die treuen Bilder zweier Bruͤder.“ Hamlet. Der letzte Theil des funfzehnten Jahrhunderts bereitete eine Folgereihe von Ereigniſſen vor, die Frankreich end⸗ lich auf einen Standpunkt ſo furchtbarer Macht ſtellten, welche ſeitdem immer von Zeit zu Zeit ein Hauptgegen⸗ ſtand der Eiferſucht anderer europaͤiſcher Nationen geweſen p iſt. Vor dieſem Zeitpunkte mußte es ſelbſt um ſeine Exi⸗ ſtenz mit den Englaͤndern kaͤmpfen, die ſchon im Beſitz ſeiner ſchoͤnſten Provinzen waren, waͤhrend die aͤußerſten Anſtrengungen des Koͤnigs und die Tapferkeit ſeiner Ein⸗ wohner kaum vermochten, den uͤbrigen Theil vor einem fremden Joche zu ſchuͤtzen. Dieß war aber nicht die ein⸗ zige Gefahr. Die Fuͤrſten, welche die großen Lehne der Krone beſaßen, namentlich die Herzoge von Burgund und Bretagne, hatten ihre Lehnspflichten ſo leicht genommen, daß ſie kein Bedenken trugen, unter dem geringfuͤgigſten Vorwand die Fahne des Aufruhrs gegen ihren Lehnsherrn und Souverain, den König: von uu Frankteich, zu erheben. In Friedenszeiten regierten ſie als unumſchraͤnkte Fuͤrſten in ihren eigenen Provinzen, und das Haus Burgund, im Beſitz des ſo benannten Gebiets und des ſchoͤnſten und reichſten Theils von Flandern, war an ſich ſelbſt ſo reich und maͤchtig, daß es weder an Glanz noch an Macht im mindeſten der Krone nachſtand. Den großen Lehnsmaͤnnern nachahmend, maßten ſich die kleineren Vaſallen der Krone ſo viel Unabhaͤngigkeit an, als ihre Entfernung von der hoͤchſten Gewalt, der Umfang ihres Lehns, oder die Staͤrke ihres Wohnſitzes in Ausuͤbung zu bringen erlaubte, und dieſe winzigen Ty⸗ rannen, nicht laͤnger folgſam gegen die Ausuͤbung der Geſetze, uͤberließen ſich ungeſtraft den zuͤgelloſeſten Aus⸗ bruͤchen launenhafter Unterdruͤckung und Grauſamkeit. In Auvergne allein zaͤhlte man mehr als dreihundert dieſer unabhaͤngigen Edelleute, bei denen Blutſchande, Mord und Raub zu den alltaͤglichen und demdhitichen Handlun⸗ gen gehoͤrten. Außer dieſen Uebeln, war noch eine andere, aus den lange fortgeſetzten Kriegen zwiſchen den Englaͤndern und Franzoſen entſpringende Landplage, kein geringer Zuwachs von Elend fuͤr dieß zerruͤttete Koͤnigreich. Zahlreiche Trup⸗ penabtheilungen hatten ſich in verſchiedenen Gegenden Frank⸗ reichs von dem Auswurf aller anderen Nationen in Heer⸗ haufen gebildet, unter Anfuͤhrung von Officieren, die ſie unter den tapferſten und gluͤcklichſten Abenteurern ſelbſt gewaͤhlt hatten. Dieſe feilen Streiter verkauften ihr Schwerdt auf eine gewiſſe Zeit dem Meiſtbietenden, und fehlte es an ſolchen Auerbietungen, ſo fuͤhrten ſie fuͤr — ward, zu retten, beſtieg den wankenden Thron, Ludwig XI. 3 43 eigene Rechnung Krieg, bemaͤchtigten ſich der Sahloͤſſer und Thuͤrme, die ſie als Zufluchtsort gebrauchten,— mach⸗ ten Gefangene und nahmen Ldſegeld dafuͤr, erpreßten Tribut in den Doͤrfern und ihren Umgegenden,— und erlangten durch jede Art von Raub den paſſenden Bei⸗ namen der Scheerer und Schinder. 21) Mitten unter den Graͤueln und der Noth, welche der zerruͤttete Zuſtand der oſſentlichen Angelegenheiten herbeifuͤhrte, zeichneten ſich die Hoͤfe der geringeren Edelleute ſowohl, als die der groͤßeren Fuͤrſten durch einen ſorgloſen und verſchwenderi⸗ ſchen Aufwand aus, und ihre Vaſallen, ihnen nachahmend, verwandten auf eine rohe aber prachtvolle Weiſe den Reich⸗ thum, welchen ſie von dem Volke erpreßt hatten. Ein Ton romantiſcher und ritterlicher Galanterie, der jedoch oft durch eine ungebundene Zuͤgelloſigkeit geſchaͤndet ward, bezeichnete den Verkehr zwiſchen beiden Geſchlechtern. Die Sprache der fahrenden Ritterſchaft war noch gebraͤuchlich, und ihre Regeln wurden befolgt, wenn gleich der reine Geiſt ehrenvoller Liebe und wohlthaͤtiger Unternehmungen, den ſie einſchaͤrfen, aufgehoͤrt hatte, als Buͤßung fuͤr ihre Ausſchweifungen zu dienen. Die Wettkaͤmpfe und Tur⸗ niere, Gaſtmaͤhler und Luſtbarkeiten, womit jeder kleine Hof prunkte, lockten wandernde Abenteurer nach Frank⸗ reich, und ſelten fehlte es ihnen bei ihrer Ankunft an Gelegenheit, ihren unbeſonnenen Muth und tollkuͤhnen Unternehmungsgeiſt durch Thaten zu zeigen, wofuͤr ihr gluͤcklicheres Vaterland keinen freien Spielraum gewaͤhrte. In dieſem Zeitraume, und gleichſam um das ſchoͤne Reich von den mannigfachen Leiden, womit es bedroht Hinrichtungen fand, welche er gebot⸗ deſſen Charakter, ſo ſchlecht er an und für ſich ſelbſt war, dennoch dem Unheil der Zeit zu begegnen, es zu bekaͤm⸗ pfen, und in einem hohen Grade unwirkſamer zu machen wußte— ſo wie die Giftarten nach allen arzneiwiſſen⸗ ſchaftlichen Buͤchern, durch ihre verſchiedenartigen, ſich wi⸗ derſtrebenden Eigenſchaften, die Kraft haben ſollen, einan⸗ der entgegen zu wirken. Muthvoll genug fuͤr jeden nuͤtzlichen und politiſchen Zweck, hatte Ludwig auch nicht einen Funken jener ro⸗ mantiſchen Tapferkeit, oder von dem damit verbundenen oder daraus entſpringendem Stolz, welcher noch fuͤr den Punkt der Ehre focht, wenn der des Nutzens ſchon laͤngſt erreicht war. Ruhig, liſtig und hoͤchſt aufmerkſam auf ſeinen eigenen Vortheil, brachte er jedes Opfer des Stol⸗ chaft, welches dieſem Eintrag thun zes und der Leidenſe konnte. Sorgfaͤltig wußte er ſeine wahren Geſinnungen verbergen und be⸗ und Zwecke Allen, die ihm nahten, zu diente ſich oft des Ausdrucks,„daß der Koͤnig nicht zu regieren verſtehe, der ſich nicht verſtellen koͤnne, und was ihn ſelbſt betraͤfe, ſo wuͤrde er, wenn er glaubte, daß ſeine Muͤtze um ſeine Geheimniſſe wiſſe, dieſe ins Feuer werfen.“ Kein Mann ſeiner oder irgend einer andern Zeit verſtand beſſer als er, die Schwaͤchen Anderer zu benutzen, und den Feh⸗ ler zu vermeiden, irgend Jemandem durch eine unzeitige Nachſicht gegen ſeine eigenen, irgend einen Vortheib uͤber ſich einzuraͤumen. 4 nem ſolchen Grade rachfuͤchtig Er war von Natur in ei und grauſam, daß er ſogar Vergnuͤgen an den haͤufigen Allein ſo wie kein leid ihn je vermochte, zu ſchonen wenn 4 Gefuͤhl von Mit 47 er mit Sicherheit verdammen konnte, ſo ward er auch nie durch ein Gefuͤhl von Rache zu einer voreiligen Gewalt⸗ that angereizt. Er fuhr ſelten auf ſeine Beute los, bis ſie ganz in ſeinem Bereich und keine Rettung fuͤr ſie zu erwarten war, und ſo ſorgfaͤltig wußte er ſeine Bewegun⸗ gen zu verbergen, daß der Erfolg gewoͤhnlich erſt der Welt verkuͤndigte, welchen Gegenſtand er zu erreichen bemuͤht geweſen war. Auf gleiche Weiſe machte Ludwigs Geiz einer ſchein⸗ baren Verſchwendung Platz, wenn es nothwendig war, den Guͤnſtling oder Miniſter eines fuͤrſtlichen Nebenbuh⸗ lers zu beſtechen, um einen gegen ihn beabſichtigten An⸗ griff abzuwenden, oder ein gegen ihn geſchloſſenes Buͤndniß aufzuloͤſen. Er liebte Zuͤgelloſigkeit und Vergnuͤgungen; allein weder Schoͤnheit noch die Jagd vermochten je, ob⸗ gleich die Leidenſchaft fuͤr Beide herrſchend bei ihm war, ihn von der unausgeſetzteſten Aufmerkſamkeit auf die oͤſſentli⸗ chen Geſchaͤfte und von den Angelegenheiten ſeines Reichs abzulenken. Er beſaß eine tiefe Menſchenkenntniß, die er auf den geheimen Lebenswegen erlangt hatte, welche er oft ſelbſt betrat, und wenn gleich perſoͤnlich ſtolz und hoch⸗ muͤthig, ſtand er doch nicht an, ohne Ruͤckſicht auf will⸗ kuͤhrliche geſellſchaftliche Trennungen, Maͤnner aus den nie⸗ drigſten Staͤnden zu den wichtigſten Aemtern zu erheben, welches damals fuͤr etwas ganz Unnatuͤrliches gehalten ward, und wußte ſo geſchickt zu waͤhlen, daß er ſich ſelten In icht ihrer Eigenſchaften betrogen fand. llein es lagen Widerſpruͤche in dem Charakter dieſes liſtigen und geſchickten Monarchen, denn die Menſchheit iſt nie gleichförmig. Er, der falſcheſte und unaufrichtigſto . aller Menſchen, verſchuldete einige der groͤßten Irrthuͤmer ſeines Lebens durch ein zu ſchnelles Vertrauen in die Ehre und Rechtſchaſſenheit Anderer. Wenn dieſe Irrthuͤmer ſtatt. fanden, ſo ſcheinen ſie aus einem zu ſehr verfeinerten Sy⸗ ſtem der Politik entſprungen zu ſeyn, welches Ludwig be⸗ wog, ſich den Anſchein eines zuverſichtlichen Vertrauens in den Augen Derer zu geben, die er zu uͤberliſten trachtete; denn in ſeinem gewoͤhnlichen Benehmen war er ſo eifer⸗ ſuͤchtig und argwoͤhniſch, als irgend ein Tyrann der jemals lebte. Zwei andere Punkte muͤſſen noch bemerkt werden, um die Grundzuͤge dieſes furchtbaren Charakters zu vollenden, der ſich unter den rohen ritterlichen Herrſchern jener Zeit gleichſam zu dem Range eines Waͤrters wilder Thiere er⸗ bob, und durch uͤberlegene Weisheit und Politik, durch Austheilung von Nahrungsmitteln und einiger fuͤhlbaren Zuͤchtigungen, endlich dahin gelangte, diejenigen zu be⸗ berrſchen, welche, haͤtte er ſie nicht durch ſeine Kuͤnſte un⸗ terjocht, ihn mit ſtarker Macht in Stuͤcke zerriſſen haben wurden. Ddie erſte dieſer Eigenſchaften, war Ludwigs hoher Grad von Aberglauben, eine Plage, womit der Himmel oft Die⸗ jenigen heimſucht, welché den Vorſchriften der Religion kein Gehoͤr leihen. Die Gewiſſensbiſſe, welche ſeinen ſchlechten Handlungen folgten, ſuchte Ludwig nie durch eine Milderung ſeiner macchigvelliſtiſchen Raͤnke zu berus⸗ higen, ſondern bemuͤhte ſich vergeblich, dieſe peinlichen Ge⸗ fuͤhle durch aberglaͤubiſche Gebraͤuche, ſtrenge Buͤßun und verſchwenderiſche Geſchenke an die Geiſtlichkeit, zu ſaͤuftigen und zum Schweigen zu bringen. Di 3w” 3 3 49 Eigenſchaft, welche mit der erſten oft ſeltſam genug ver⸗ einigt iſt, war ein Hang zu niedrigen Vergnuͤgungen und geheimen Ausſchweifungen. Der weiſeſte, oder doch we⸗ nigſtens der verſchmitzteſte Herrſcher ſeiner Zeit, liebte eine gemeine Lebensweiſe, und, ſelbſt ein witziger Koͤpf, freute er ſich der Scherze und beißenden Antworten in geſelliger Unterhaltung mehr, als man nach anderen Charakterzuͤ⸗ gen von ihm haͤtte erwarten ſollen. Er miſchte ſich ſogar in die komiſchen Abenteuer niedriger Intriguen, mit einer Freiheit, welche kaum mit dem gewoͤhnlichen und ſteten Argwohn in ſeinem Charakter vereinbar war, und er liebte ſo ſehr dieſe Art gemeiner Galanterie, daß er eine Samm⸗ lung der luſtigſten und ſchluͤpfrigſten Anecdoten dieſer Art veranſtalten ließ, die den Buͤcherſammlern wohl bekannt iſt, in deren Augen,— und fuͤr keine andern iſt dieß Werk geeignet,— die aͤchte Ausgabe deſſelben von groſ⸗ ſem Werth iſt. Mittelſt des maͤchtigen, klugen, wenn gleich hoͤchſt un⸗ liebenswuͤrdigen Charakters dieſes Monarchen, gefiel es dem Himmel, der eben ſowohl durch Ungewitter, als durch ſanften Regen wirkt, der großen franzoͤſiſchen Na⸗ tion die Wohlthaten einer buͤrgerlichen Regierung wieder zu geben, welche ſie zur Zeit ſeiner Thronbeſteigung faſt gaͤnzlich verloren hatte. Bevor Ludwig zur Thronfolge gelangte, hatte er mehr Beweiſe ſeiner Laſter, als ſeiner Talente gegeben. Seine erſte Gemahlinn, Margarethe von Schottland, ward an ihres Gemahls Hofe,„durch verlaͤumderiſche Zungen ge⸗ toͤdtet,“ wo ohne ſeine Aufmunterung kein Wort gegen dieſe liebenswuͤrdige und beleidigte Fuͤrſtinn geaͤußert ſeyn O. 1.. 4 — wuͤrde. Er war ein undankbarer, rebelliſcher Sohn gewe⸗ ſen, der einmal eine Verſchwoͤrung angeſponnen hatte, um ſich der Perſon ſeines Vaters zu bemaͤchtigen, und ein anderesmal oſſenen Krieg gegen ihn erhob. Wegen der erſten Beleidigung ward er nach der Dauphine, ſeiner Ap⸗ panage verbannt, die er mit vielem Scharfſinn regierte,— wegen der zweiten ward er in eine gaͤnzliche Verbannung verwieſen, und gezwungen, ſich der Gnade und faſt der Barmherzigkeit des Herzogs von Burgund und ſeines Soh⸗ nes in die Arme zu werfen, wo er bis zu ſeines Vaters Tode, im Jahr 1461, eine Gaſtfreiheit genoß, die nach⸗ mals nur ſchlecht belohnt ward. 1 Im Anpbeginn ſeiner Regierung ward Ludwig durch ein, von den großen Vaſallen Frankreichs gegen ihn an⸗ geſponnenes Buͤndniß mit dem Herzog von Burgund, oder vielmehr ſeinem Sohne, dem Grafen von Charolois an der Spitze, faſt uͤberwaͤltigt. Sie bildeten ein maͤch⸗ tiges Heer, blokirten Paris, lieferten unter deſſen Mauern rine Schlacht von zweifelhaftem Erfolg, und brachten die franzoſiſche Monarchie an den Rand eines gaͤnzlichen Ver⸗ derbens. In ſolchen Faͤllen ereignet es ſich gewoͤhnlich, daß der ſcharfſinnigſte von beiden Feldherren den wahren Nutzen, obgleich vielleicht nicht den kriegeriſchen Ruhm⸗ des beſtrittenen Schlachtfeldes, gewinnt. Ludwig, welcher waͤh⸗ ren der Schlacht von Montlhery große perſoͤnliche Tapfer⸗ keit gezeigt hatte, war durch ſeine Klugheit im Stande, den unentſchiedenen Erfolg derſelben ſo zu benutzen, als ob es ein Sieg fuͤr ihn geweſen waͤre. Er zoͤgerte, bis der Feind die Belagerung aufgehoben hatte, und wußte mit ſo viel Geſchicklichkeit den Samen der Eiferſucht zwi 51 ſchen dieſen großen Maͤchten auszuſtrenen, daß ihre Ver⸗ buͤndung„fuͤr die allgemeine Wohlfahrt,“ wie ſie von ih⸗ nen benannt wurde, deren wahre Abſicht aber den Umſturz der franzoͤſiſchen Monarchie bezweckte, und ihr nur den Schein uͤbrig laſſen wollte, aufgeldſet und nie wieder auf eine ſo furchtbare Weiſe erneuert ward. Seit dieſem Zeit⸗ punkt war Ludwig, der nichts mehr von England zu fuͤrch⸗ ten hatte, mehrere Jahre lang durch die buͤrgerlichen Kriege der Haͤuſer von York und Lancaſter, beſchaͤftigt, gleich ei⸗ nem unempfindlichen aber geſchickten Arzt, die Wunden des Staatskoͤrpers zu heilen, oder vielmehr bald durch ſanfte Mittel, bald durch Feuer und Schwerdt, die Fort⸗ ſchritte des lebensgefaͤhrlichen Krebſes, wovon es ergriſſen war, zu hemmen. Er war bemuͤht, die Raͤubereien der Freicompagnien und die ungeſtraften Bedruͤckungen des Adels zu verringern, weil er ihnen nicht ganz Einhalt thun konnte, und durch unausgeſetzte Aufmerkſamkeit ge⸗ wann er einigen Zuwachs ſeiner koͤniglichen Gewgalt, oder bewirkte eine Verminderung derjenigen, welche ihr das Gleichgewicht hielt. Der Koͤnig von Frankreich war dennoch fortwaͤhrend von Schwierigkeiten und Gefahren umringt. Die Mit⸗ glieder des Buͤndniſſes„fuͤr das allgemeine Wohl,“ ob⸗ gleich nicht in Uebereinſtimmung, hatten nicht aufgehoͤrt zu exiſtiren, und die zertheilte Schlange konnte ſich wie⸗ der vereinigen und noch einmal gefaͤhrlich werden. Aber groͤßere Gefahr drohete die wachſende Macht des Herzogs von Burgund, damals einer der groͤßten Fuͤrſten Euro⸗ pe's, deſſen Rang durch die unſichere Abhaͤngigkeit ſeines — Herzogthums von der Krone Frankreich wenig gemindert ward⸗—— Earl, mit dem Beinamen, der Kuͤhne, oder vielmehr der Verwegene, denn ſein Muth graͤnzte an Unbeſonnen⸗ heit und Wahnſinn, war im Beſitz der herzoglichen Krone Burgund's, und brannte vor Begierde, ſie in eine unab⸗ haͤngige und königliche Krone zu verwandeln. Der Cha⸗ rakter dieſes Herzogs bildete in jeder Hinſicht einen voll⸗ kommenen Contraſt mit dem, Ludwig's XI. Der Letztere war ruhig, beſonnen und verſchlagen, nie eine verzweifelte Unternehmung verfolgend, und nie eine aufgebend, deren Erfolg wahrſcheinlich, wenn gleich noch ſo entfernt war⸗ Das Genie des Herzogs war ganz hie⸗ von verſchieden. Er ſtuͤrzte ſich in Gefahren, weil er ſie liebte, und in Schwierigkeiten, weil er ſie verachtete. Lud⸗ wig opferte nie ſeinen Vortheil ſeiner Leidenſchaft, Carl hingegen opferte nie ſeine Leidenſchaft, oder ſelbſt ſeine Laune, irgend einer andern Ruͤckſicht. Ungeachtet der na⸗ hen Verwandtſchaft, welche ſie mit einander verband, und der Unterſtüͤtzung, die der Herzog und ſein Vater ihm im Exer als Dauphin gewaͤhrt hatten, waren ſie dennoch von Haß und Verachtung gegen einander erfuͤllt. Der Herzog von Burgund verachtete die vorſichtige Politik des Konigs, und ſchrieb es der Schwoͤche ſeines Muthes zu, daß er durch Buͤndniſſe, Geld, und auf andere mittelbare Weiſe, diejenigen Vortheile zu erlangen ſuchte, deren er an ſeiner Stelle ſich mit bewaſſneter Hand verſichert ha⸗ ben wuͤrde, und er haßte ihn, nicht allein wegen Undankbarkeit, womit er ſeine fruͤhere Guͤte gege vergolten hatte, und wegen perſönlicher Beleidigunge 6 21 Vorwuͤrfe, welche die Geſandten Ludwigs ſich gegen ihn hatten zu ſchulden kommen laſſen, als ſein Vater noch am Leben war, ſondern insbeſondere, wegen der Unterſtuͤtzung, die er insgeheim den unzufriedenen Buͤrgern von Gent, Luͤttich und anderen großen Staͤdten Flanderns angedei⸗ hen ließ. Dieſe aufruͤhreriſchen Staͤdte, eiferſuͤchtig auf ihre Vorrechte und ſtolz auf ihren Reichthum, waren oft im Aufſtande gegen ihre Lehnsherren, die Herzoge von Bur⸗ gund, und verfehlten niemals, am Hofe Ludwigs unter der Hand Unterſtuͤtzung zu finden, der jede Gelegenheit benutzte, in dem Gebiet eines zu maͤchtig gewordenen Va⸗ ſallen Verwirrung anzufachen. Der Haß und die Verachtung des Herzogs wurden von Ludwig in gleichem Maße vergolten, wenn er gleich ſeine Geſinnungen in einen dichteren Schleier huͤllte. Es war unmoͤglich fuͤr einen Fuͤrſten von ſeinem tiefen Scharf⸗ blick, nicht die unbiegſame Hartnaͤckigkeit zu verachten, die nie ihren Vorſatz aufgiebt, ſo ungluͤcklich die Folgen auch ſeyn koͤnnten, und die tollkuͤhne Heftigkeit, die ihren Lauf beginnt, ohne die Hinderniſſe, welche ihn hemmen koͤnnten, auch nur einen Augenblick in Erwaͤgung zu zie⸗ hen. Der Koͤnig haßte Carln ſelbſt noch mehr, als er ihn verachtete, und dieſe beiden Empfindungen uͤbten eine um ſo groͤßere Kraft, da ſie mit Furcht gemiſcht waren; denn er wußte, daß der Angriff eines wuͤthenden Stiers, dem er den Herzog von Burgund verglich, immer furchtbar iſt, wenn das Thier ihn gleich mit geſchloſſenen Augen macht. Es war uicht allein der Reichthum der burgundiſchen Pro⸗ vinzen, die gute Mannszucht ſeiner kriegeriſchen Einwoh⸗ ner, und die Maſſo ihrer zahlreichen Bevoͤlkerung, die der 54 Koͤnig fuͤrchtete, ſondern in den perſoͤnlichen Eigenſchaften des Herzogs lag Manches, wodurch dieſe Furcht begruͤndet ward. Beſeelt von ungemeiner Tapferkeit, die er bis zur Unbeſonnenheit und ſelbſt noch weiter trieb— verſchwen⸗ deriſch in ſeinen Ausgaben— prachtvoll an ſeinem Hofe, in ſeiner Kleidung und ſeiner Umgebung, und in Allem den erblichen Glanz des Hauſes Burgund an den Tag le⸗ gend, zog Carl der Kuͤhne alle Feuerkoͤpfe ſeiner Zeit, deren Gemuͤthsart mit der ſeinigen uͤbereinſtimmte, in ſeinen Dienſt, und Ludwig ſah nur zu klar, was ein ſolcher Haufen verwegener und entſchloſſener Menſchen, unter der Anfuͤhrung eines Befehlshabers von einem eben ſo un⸗ lenkſamen Charakter, als ihr eigener, zu verſuchen und auszufuͤhren im Stande ſey. Noch ein anderer Grund ſteigerte den Groll Ludwigs gegen ſeinen zu maͤchtig gewordenen Vaſallen. Er ver⸗ dankte ihm naͤmlich Gefaͤlligkeiten, die er nie zu erwiedern die Abſicht hatte, und befand ſich oft in der Nothwendig⸗ keit, ihm nachgeben, und ſogar Ausbruͤche trotzigen, die königliche Wuͤrde beleidigenden Uebermuths ertragen zu muͤſſen, ohne ihn auders behandeln zu koͤnnen, als ſeinen„ſchoͤnen Better von Burgund.“ 1 Es war um das Jahr 1468, als ihre Fehden den hoͤch⸗ ſten Grad erreicht hatten, obgleich ein truͤgeriſcher und unſicherer Waſſenſtillſtand, wie oftmals der Fall war, da⸗ mals zwiſchen ihnen beſtand, wo die vorliegende Geſchichte beginnt⸗ 1 Man wird glauben, daß der Rang und Stand der Per⸗ ſon, welche wir zuerſt auf dem Schauplatz erſcheinen laſſen Faum einer ſolchen Erlaͤuterung durch eine Abhandlung 55⁵ uͤber die gegenſeitigen Verhaͤltniſſe zweier Fuͤrſten bedurft haͤtte; allein die Leidenſchaften der Großen, ihre Streitig⸗ keiten und ihre Ausſoͤhnungen, umfaſſen die Schickſale aller Derer, die ſich ihnen nahen, und man wird im Ver⸗ lauf unſerer Geſchichte finden, daß dieß einleitende Kapitel nothwendig war, um die Begegniſſe Desjenigen zu begrei⸗ fen, den wir zu ſchildern im Begriff ſind. Zweites Kapitel. Der Wanderer. „Vergleicht man einer Auſter doch das Leben;— Nun wohl! ſo will ich mit dem Schwerdt ſie oſſnen.“ Der alte Piſtol. Es war an einem lieblichen Sommermorgen, bevor die Sonne ihre brennenden Strahlen herabſenkte, und waͤh⸗ rend der Thau noch die Luft erfriſchte und mit Wohlge⸗ ruͤchen erfuͤllte, als ein Juͤngling, aus Nordoſten kommend, ſich der Fuhrt eines kleinen Fluſſes, oder vielmehr eines großen, unweit des koͤniglichen Schloſſes Pleſſis, in den Fluß Cher ſich ergießenden Baches naͤherte. Die dunklen. vielfachen Zinnen dieſer Veſte erhoben ſich im Hin⸗ tergrunde uͤber den weit ausgedehnten Wald, von welchem ſie umgeben waren. Dieſe Hoͤlzungen enthielten ein Jagd⸗ revier oder einen koͤniglichen Park, durch eine Einhegung geſchüͤtzt, die man in dem Latein des Mittelalters Plexi- tium nannte, 22) welches ſo vielen Doͤrfern in Frankreich 56 den Namen, Pleſſis gab. Das Schloß und Dorf wovon wir hier insbeſondere reden, fuͤhrte den Namen, Plessis- les Tours, um es von anderen gleiches Namens zu un⸗ terſcheiden, und war etwa zwei Meilen ſuͤdwaͤrts von der ſchoͤnen, ehen ſo benannten Stadt, der Hauptſtadt der alten Touraine erbaut, deren fruchtbare Ebene der Garten von Frankreich genannt wurde. An dem, der Seite, welcher ſich der Reiſende naͤherte, entgegengeſetzten Ufer des Baches erblickte man zwei Maͤnner, die in ernſtem Geſpraͤche begriffen zu ſeyn, und von Zeit zu Zeit ſeine Bewegungen zu beobachten ſchie⸗ nen; denn da ſie ſich auf einem weit hoͤheren Standpunkte als der ſeinige befanden, ſo konnten ſie ihn in betraͤcht⸗ licher Ferne wahrnehmen. Das Alter des jungen Reiſenden mochte etwa neunzehn bis zwanzig Jahr ſeyn. Seine einnehmenden Geſichtszuͤge und Geſtalt gehoͤrten jedoch nicht dem Lande an, in wel⸗ chem er ſich jetzt befand. Sein kurzer grauer Mantel und ſeine Beinkleider waren mehr nach flaͤmiſchem, als fran⸗ zoͤſiſchem Schnitt gemacht, waͤhrend die zierliche blaue Muͤtze, mit einem einzigen Zweig einer Stechpalme und einer Adlerfeder geſchmuͤckt, eine ſchottiſche Kopfbedeckung erkennen ließ. Seine Kleidung war ſehr ſauber, und mit der Sorgfalt eines jungen Mannes geordnet, der ſich eines angenehmen Aeußeren bewußt iſt. Auf dem Ruͤcken trug er ein Buͤndelchen, das einige wenige Beduͤrfniſſe zu ent⸗ halten ſchien; ſeine linke Hand war mit einem jeuer Hand⸗ ſhuhe bedeckt, womit man die Falken zu halten pflegte, obgleich er keinen Vogel trug, und in ſeiner Rechten h gtte er einen ſtarken Jagdſpieß. Ueber ſeine linke Schulter 3 8 37 hing eine geſtickte Schaͤrpe, die einen kleinen, ſcharlachroth ſammetnen Beutel hielt, ſo wie er damals fuͤr Falkeniere von Stande, um das Futter fuͤr ihre Falken, und andere, zu dieſer beliebten Jagd erforderlichen Dinge darin zu tra⸗ gen gebraͤuchlich war. Ueber dieſe Schaͤrpe kreuzte ſich ein Wehrgehenk, woran ein Jagdmeſſer hing. Anſtatt der damals uͤblichen Stiefeln, trug er kurze Stiefeln von halb zubereitetem Hirſchfell. Hatte gleich ſeine Geſtalt noch nicht ihre volle Kraft erlangt, ſo war er doch groß und wohl gewachſen, und ſein leichter Schritt zeigte, daß ſeine Sitte zu Fuße zu reiſen, ihm mehr Vergnuͤgen, als Beſchwerde verurſache. Man ſah, daß ſeine Geſichtsfarbe ſchoͤn war, obgleich ſie, entweder durch den Einfluß der Sonnenſtrahlen dieſes fremden Landes, oder vielleicht dadurch, daß er ſich in ſei⸗ nem Geburtslande immer der Luft ausgeſetzt hatte, etwas gebraͤunt war. Seine Geſichtszuͤge hatten, ohne ganz regelmaͤßig zu ſeyn, etwas oſſenes und angenehmes. Ein halbes Laͤcheln, welches aus einer Fuͤlle von Lebensluſt hervorzugehen ſchien, zeigte von Zeit zu Zeit, daß ſeine Zaͤhne ſchoͤn ge⸗ reihet und weiß wie Elfenbein waren; waͤhrend ſeine kla⸗ ren blauen Augen, von gleicher Froͤhlichkeit belebt, auf jeden Gegenſtand der ſich ihnen darbot, einen forſchenden Blick hefteten, der gute Laune, Frohſinn und feſte Ent⸗ ſchloſſenheit ausſprach. Er empfing und erwiederte den Gruß der wenigen Rei⸗ 5 ſenden, welche er in dieſer gefahrvollen Zeit auf der Land⸗ 4 raße antraf, auf die Weiſe, wie er einem Jeden gebuͤhrte. herumſtreifende Lanzknecht, halb Soldat, halb Raͤu⸗ ber, maß den Juͤngling mit den Augen, als ob er die Hoſſnung auf Beute, gegen die Möglichkeit verzweifelter Gegenwehr abwoͤge, und fand in den furchtloſen Blicken des Reiſenden ſo große Wahrſcheinlichkeit fuͤr den letzteren Fall, daß er ſeinen raͤuberiſchen Vorſatz in ein muͤrriſches: „guten Morgen, Kamerad,“ verwandelte, den der junge Schotte in einem eben ſo ſoldatiſchem, aber minder ver⸗ drießlichen Tone beantwortete. Der wandernde Pilger, oder der Bettelmoͤnch erwiederte ſeinen ehrerbietigen Gruß mit einem vaͤterlichen Segen, und das braunaͤugige Landmaͤdchen blickte noch manchmal zuruͤck, wenn ſie ein⸗ ander voruͤbergegangen waren, einen freundlichen guten Morgen mit ihm wechſelnd. Kurz, es war etwas Anzie⸗ hendes in ſeinem ganzen Aeußeren, das nicht leicht der Aufmerkſamkeit entging, und ſeinen Grund in furchtloſer Freimuͤthigkeit, guter Laune, verbunden mit einem leb⸗ haften Blick, einnehmenden Geſichtszuͤgen und ſchoͤner Ge⸗ ſtalt hatte. Auch ſchien Alles bei ihm einen Mann anzu⸗ kuͤndigen, der ins Leben eintrat, ohne die Uebel zu fuͤrch⸗ ten, womit es durchwebt iſt, und ohne Mittel alle Be⸗ ſchwerden deſſelben zu bekaͤmpfen, außer einem lebhaften Geiſt und natuͤrlichem Muth, und zu ſolchen Gemuͤthern wird die Jugend am ſchnellſten hingezogen, ſo wie Alter und Erfahrung eine innige Theilnahme fuͤr ſie fuͤhlen. Der Juͤngling den wir geſchildert haben, war lanuge von den beiden, an der entgegengeſetzten Seite des kleinen Fluſſes, der ihn von dem Park und Schloſſe trennte, wei⸗ tenden Perſonen geſehen worden; als er aber das ſchroſſe Ufer bis zum Rand des Waſſers, mit der Schnellfuͤßigkeit 2 eines Rehes das zur Quelle eilt, hinabgeſtiegen war, ſagte 3 ———; 59 der Juͤngere von den Beiden zu dem Andern:„es iſt unſer Mann— es iſt der Zigeuner! Wenn er verſucht, die Fuhrt zu durchwaten, ſo iſt er verloren,— das Waſſer iſt angeſchwollen, und die Fuhrt unwegſam.“ „Laß ihn die Entdeckung ſelbſt machen, Gevatter,“ er⸗ wiederte der aͤltere von Beiden;„es kann vielleicht einen Strick erſparen, und ein Sprichwort zu Schanden machen.“ „Ich ſchließe es aus ſeiner blauen Muͤtze“ ſprach der Erſtere,„denn ſein Geſicht kann ich nicht erblicken.— Hoͤrt,— er ruft, um zu erfahren, ob das Waſſer tief iſt.“ „Nichts in der Welt geht uͤber Erfahrung,“ entgegnete der Andere,—„mag er es verſuchen.“ „Als der junge Mann inzwiſchen keinen Wint erhielt, welcher das Gegentheil andeutete, und das Stillſchweigen Derjenigen an die er ſich wandte, fuͤr eine Aufmunterung nahm, weiter zu ſchreiten, ging er ohne laͤngeren Aufſchub, als noͤthig war, ſich ſeiner Halbſtiefeln zu entledigen, in den Strom. Der aͤlteſte von Beiden rief ihm in demſel⸗ ben Augenblick zu, auf ſeiner Hut zu ſeyn, dann ſprach er in einem leiſeren Tone zu ſeinem Gefaͤhrten,„Alle Hagel,— Gevatter,— Ihr habt Euch wieder geirrt,— dieß iſt nicht der ſchwatzhafte Zigeuner.“ Aber dieſe Warnung kam zu ſpaͤt fuͤr den Juͤngling. Entweder vernahm er ſie nicht, oder er konnte ſie nicht benutzen, weil er ſchon im tiefen Strome war. Fuͤr einen minder gewandten, und der Uebung im Schwimmen we⸗ niger kundigen Mann, waͤre der Tod unvermeidlich gewe⸗ ſen, denn der Bach war eben ſo reißend, als tief. „Bei der heiligen Anna!“ rief der Aeltere, es iſt ein ſcouer Juͤngling.— Lauft, Gevatter, und macht Euer Ver⸗ naͤchſten Gelegenheit einem Fremdling zu beweiſen habt.“ 60 ſehen dadurch wieder gut, daß Ihr ihm helft, wenn Ihr koͤnnt. Er gehoͤrt zu Euren Leuten, und wenn alte Sagen wahr reden, ſo wird er nicht im Waſſer das Le⸗ ben verlieren.“ Wirklich ſchwamm der junge Reiſende mit ſolcher Kraft, und theilte die Wellen ſo geſchickt, daß er ungeachtet der Staͤrke des Stroms, nur etwas von dem gewoͤhnlichen Lan⸗ dungsplatz abwaͤrts getrieben wurde. Inzwiſchen war der juͤngſte der beiden Unbekannten ans Ufer geeilt, um ihm Huͤlfe zu leiſten, waͤhrend der andere ihm mit langſameren Schritten folgte, zu ſich ſelbſt redend,„ich wußte, daß dieſer junge Menſch im Waſſer nicht umkommen wuͤrde.— Bei der heiligen Jungfrau, er iſt am Lande und ergreift ſeinen Spieß,— wenn ich nicht mehr eile, ſo wird er meinen Gevatter fuͤr die ein⸗ zige wohlthaͤtige Handlung, welche ich ihn je in ſeinem Leben verrichten ſah, noch ſchlagen.“ 3 Es war allrdings einiger Grund, ein ſolches Ende des Abenteuers zu fuͤrchten, denn der lebhafte Schotte hatte ſchon dem juͤngeren Samariter, der zu ſeiner Huͤlfe her⸗ beigeeilt war, mit den zornigen Worten angeredet:—„un⸗ höflicher Hund! warum habt Ihr nicht geantwortet, als ich rief, um zu erfahren, ob ich es wagen duͤrfe, durch die Fuhrt zu gehen? Der boͤſe Feind ſoll mich holen, wenn ich Euch nicht die ſchuldige Achtung lehre, die Ihr bei der Ddieſe Worte waren von derjenigen bedeutſamen Schwin⸗ gung ſeines Jagdſpießes begleitet, die man das Rad ſchlagen nennt, weil der Kuͤnſtler, ihn in der Mitte haltend, die beiden Enden, gleich den Segeln einer in Be⸗ ) 4 61 wegung befindlichen Windmuͤhle, nach allen Richtungen in Schwingung ſetzt. Sein Gegner, der ſich ſo bedroht ſab, legte die Hand an das Schwerdt, denn er gehoͤrte zu De⸗ nen, welche bei jeder Gelegenheit mehr zum Handeln als zum Reden bereit ſind; allein ſein bedaͤchtigerer Camerad, der eben zu ihnen kam, befahl ihm, ſich zu maͤßigen, und zu dem jungen Manne ſich wendend, verwieß er dieſem ebenfalls ſeine Voreiligkeit, ſich in die angeſchwollene Fuhrt zu wagen, und ſeine ungemaͤßigte Heftigkeit, mit einem Manne Haͤndel anzufangen, der zu ſeiner Huͤlfe herbei⸗ geeilt ſey. 4 Als der Juͤngling dieſe Vorwuͤrfe aus dem Munde eines Mannes von vorgeruͤckten Jahren und ehrwuͤrdigem Anſehen vernahm, ſenkte er ſeine Waſſe, und erwiederte, daß es ihm leid ſeyn wuͤrde, ungerecht gegen ſie geweſen zu ſeyn, es ihm aber in der That ſcheine, daß ſie durch Unterlaſſung zeitiger Warnung ſein Leben in Gefahr ge⸗ ſtuͤrzt haͤtten, welches weder guten Chriſten, und noch viel weniger achtbaren Buͤrgern gezieme, wie ſie zu ſeyn ſchienen. 1 „Lieber Sohn,“ ſprach der Aeltere von Beiden,„Eurer Ausſprache und Eurem Anſehen nach, ſcheint Ihr ein Fremder zu ſeyn, und Ihr ſolltet bedenken, daß Eure Mundart nicht ſo leicht von uns verſtanden wird, als Ihr ſie vielleicht reden koͤnnt.“* „Nun wohl, Vater,“ entgegnete der Juͤngling,„ich kuͤmmere mich wenig um das Bad, welches ich genommen bhabe, und will Euch gern vergeben, zum Theil ſchuld da⸗ ran geweſen zu ſeyn, vorausgeſetzt, daß Ihr mir einen Ort anzeigen koͤnnt, wo ich meine Kleider trocknen kann. denn es iſt mein einziger Anzug, und ich muß ihn daher einigermaßen anſtäͤndig zu erhalten ſuchen.“ „Wofuͤr haltet Ihr uns, guter Sohn?“ fragte der Aeltere der Unbekannten, ſeine Frage erwiedernd. „Fuͤr wohlhabende Buͤrger, unbezweifelt,“ verſetzte der oder halt,— Ihr, Herr, moͤgt ein Geldmaͤkler, Juͤngling, und Euer Begleiter ein Fleiſcher oder ein Kornhaͤndler, oder Viehmaͤſter ſeyn.““ „Ihr habt unſere Faͤhigkeiten trefſlich errathen,“ ſprach der Aeltere laͤchelnd.„Es iſt wahr, daß ich gern ſoviel Geldgeſchaͤfte treibe, als ich kann, ſo wie das Geſchaͤft meines Gevatters dem eines Fleiſchers aͤhnlich iſt. Was Eure Bequemlichkeit betrifſt, ſo werden wir ſuchen Euch dazu behuͤlflich zu ſeyn; aber zuerſt muß ich wiſſen, wer Ihr ſeyd, und wohin Ihr geht; denn in dieſen Zeiten ſind die Landſtraßen mit Reiſenden zu Fuß und zu Pferde an⸗ gefuͤllt, die Alles im Kopfe haben, nur keine Redlichkeit und Gottesfurcht.“ Der junge Mann warf aufs neue einen ſcharfen und durchdringenden Blick auf den Frager und ſeinen ſtummen Gefaͤhrten, als ſey er zweifelhaft, ob ſie das von ihm geforderte Vertrauen verdienten, und folgendes war das Ergebniß ſeiner Beobachtungen. Der aͤlteſte und bemerkenswertheſte der beiden Maͤnner ſowohl ſeiner Kl einem Handelsmanne oder Kraͤmer der damaligen Zeit. Sein Wamms, die Beinkleider und der Mantel waren von gleicher dunkler Farbe, aber ſo abgetragen, daß der ſchlaue junge Schotte ſchloß, Derjenige, welcher eine ſolche Kleidung trage, muͤſſe eidung, als dem Aeußeren nach, glich entweder ſehr reich oder ſehr arm. 63 und wahrſcheinlich das Erſtere ſeyn. Seine Kleidung war enge und kurz— ein Anzug, der damals fuͤr Leute von Stande, und ſelbſt fuͤr die hoͤhere Buͤrgerklaſſe nicht au⸗ ſtaͤndig gehalten wurde, welche gewoͤhnlich weite, bis uͤber die Mitte des Schenkels herabgehende Kleider trugen. Der Ausdruck ſeines Geſichts war zum Theil anziehend, zum Theil abſchreckend. Seine ſtarken Zuͤge, eingefallenen Wangen und hohlen Augen hatten nichts deſto weniger das Gepraͤge von Verſchmitztheit und Laune, welches dem Charakter des jungen Abenteurers zuſagte. Aber dieſe eingeſunkenen, von dicken ſchwarzen Brauen beſchatteten Augen, hatten zugleich etwas Widriges und Gebietendes. Vielleicht ward dieſe Wirkung noch durch eine, tief auf die Stirn gedruͤckte Pelzmuͤtze, welche die darunter hervor⸗ blickenden Augen noch ſtaͤrker beſchattete, vermehrt, aber ſoviel iſt gewiß, daß der junge Fremde nur mit Muͤhe dieſe Blicke mit ſeinem uͤbrigen ſchlechten Aeußeren verei⸗ cigen konnte. Seine Muͤtze insbeſondere, welche alle Per⸗ ſonen von einigem Stande mit Gold oder Silber ſchmuͤck⸗ ten, war nur mit einem ſchlechten Bilde der Jungfrau auf Blei geziert, ſo wie es die aͤrmere Klaſſe der Pil⸗ grimme von Loretto mit zuruͤckbringt. 4 Sein Gefaͤhrte war ein kraftvoller Mann von mittlerer Groͤße, und mehr als zehn Jahr juͤnger wie ſein Begleiter. Er hatte einen geſenkten Blick und ein ſehr bedeutungs⸗ volles Laͤcheln, wenn er dieſer Anregung folgte, welches nie der Fall war, ausgenommen als Antwort auf gewiſſe geheime Zeichen, die er mit dem aͤlteren Unbekannten zu wechſeln ſchien. Er war mit einem Schwerdt und Dolch bewaſſnet, und der Schotte bemerkte, daß er unter ſeinem ſchlichten Kleide, ein Jazeran, oder gegliedertes Panzer⸗ hemd barg, ſo wie es oft ſelbſt Perſonen zu tragen pfleg⸗ ten, die friedliche Gewerbe trieben, und in dieſer gefahr⸗ vollen Zeit durch ihren Beruf zu oͤfteren Reiſen gendthigt wurden, welches den Juͤngling in ſeiner Vermuthung be⸗ 3 ſtaͤtigte, daß er ſeines Handwerks ein Fleiſcher, Viehmaͤ⸗ ſter, oder etwas aͤhnliches der Art ſeyn muͤſſe. 5 Fuͤr den jungen Freinden bedurfte es nur eines Blicks, um aus ſeiner Beobachtung das zu folgern, deſſen Dar⸗ legung uns einige Zeit gekoſtet hat, und er erwiederte nnch einem augenblicklichen Schweigen mit einer leichten Ver⸗ beugung: nich weiß nicht mit wem ich die Ehre habe zu reden, aber es iſt mir gleichguͤltig wer es weiß, daß ich der nachgeborne Sohn eines ſchottiſchen Hauſes bin und komme, um, nach der Gewohnheit meiner Landsleute, ent⸗ weder in Frankreich oder anderswo mein Gluͤck zu ſuchen.“ „Und, Pasques dieu! es iſt eine ſchoͤne Gewohnheit,“ rief der aͤltere der beiden Unbekannten.„Ihr ſcheint ein artiger junger Menſch, und in dem rechten Alter, bei Maͤnnern oder Weibern Gluͤck zu machen. Was meint Ihr? Ich bin ein Kaufmann, und bedarf in meinen Han⸗ del eines jungen Mannes zu meiner Huͤlfe.— Aber ver⸗ muthlich ſeyd Ihr zu vornehm, um Euch mit ſolchen me⸗ chaniſchen Plackereien zu befaſſen?““ 25 „Guter Herr,“ entgegnete der Juͤngling,„wenn es Euch mit Eurem Anerbieten ein Ernſt iſt,— woran ich jedoch 8 zweifle— ſo bin ich Euch Dank ſchuldig, und ich ſage ih Euch dafuͤr; allein ich fuͤrchte, daß ich fuͤr Euren Di ganz unbrauchbar ſeyn wuͤrde.“ 4 3 65 „Nun, ich wette, daß Du beſſer den Bogen zu ſpan⸗ nen, als eine Waarenrechnung aufzuſetzen,— und daß Du beſſer mit dem Schwerdt, als mit der Feder umzugehen verſtehſt— wie?“ „Ich bin ein Bergbewohner,“ entgegnete der junge Schotte,„und folglich, wie wir ſagen, ein Bogenſchuͤtze. Auein ich bin in einem Kloſter geweſen, wo die guten Vaͤter mich leſen, ſchreiben und ſelbſt rechnen gelehrt ha⸗ ben.“ „Pasques dieu! das iſt gar zu ſchoͤn,“ ſprach der Han⸗ delsmann.„Bei unſerer lieben Frauen von Embrun, Du biſt ein Wunder, Freund!“ „Macht Euch uͤber mich luſtig ſo viel Ihr wollt, gu⸗ ter Herr,“ verſetzte der Juͤngling, dem der ſcherzhafte Ton ſeiner neuen Bekannten eben nicht ſehr gefiel,„ich meines Theils werde beſſer thun, zu gehen und mich zu trocknen, ſtatt hier triefend zu ſtehen und Fragen zu beantworten.“ Der Kaufmann lachte noch lauter waͤhrend er ſprach, 8 und rief,„Traun! das Sprichwort truͤgt niemals: ſtolz 5 wie ein Schotte— aber kommt, junger Mann, Ihr ſeyd aus einem Lande, das ich ſchäͤtze, da ich nach Schottland gehandelt habe.— Es ſind arme und ehrliche Menſchen. 8 Wenn Ihr uns nach dem Dorfe begleiten wollt, ſo werde ich Euch, zur Verguͤtung fuͤr Euer Bad, einen Becher ge⸗ gluͤhten Sekt und ein warmes Fruͤhſtuͤck vorſetzen.— Aber, zum Kukuk! warum tragt Ihr einen Jagdhandſchuh? Wißt Ihr nicht, daß in dem koͤniglichen Jagdgebiet keine Fal⸗ kenjagd erlaubt iſt?“ „Das hat mir ein ſchurkiſcher Foͤrſter des Herzogs von Burgund geſagt. Ich hatte nur den Falken, den ich von D. 1. 5 —— 66 Schottland mitbrachte und auf den ich rechnete, um mich in einigen Ruf zu bringen, nahe bei Peronne auf einen Reiher fliegen laſſen, und der Schuft toͤdtete neinen Vo⸗ gel mit einem Pfeil.“ „Und was thatet Ihr dann?“ fragte der Kaufmann. „Ich pruͤgelte ihn ſo derb ab,“ erwiederte der Juͤng⸗ ling, ſeinen Jagdſpieß ſchwingend,„als es nur einem Chriſtenmenſchen gegen den andern, ohne ihn zu toͤdten, erlaubt iſt; denn ſein Blut woltte ich nicht zu verantwor⸗ ten haben.“ 5 „Wißt Ihr, daß, wenn Ihr in die Haͤnde des Herzogs von Burgund gefallen waͤret, er Euch wie Kaſtanien am Baume haͤtte haͤngen laſſen?“ „Ja, man hat mir geſagt, daß er in ſolchen Dingen eben ſo raſch zu Werke geht, als der Koͤnig von Frank⸗ reich, da aber dieß in der Naͤhe von Peronne geſchah, ſo eilte ich uͤber die Grenze und lachte ins Faͤuſtchen. Waͤre er nicht ſo haſtig geweſen, ſo wuͤrde ich vielleicht Dienſte bei ihm genommen haben.“ „Ein ſolcher Paladin wie Ihr, wird ein ſchwerer Ver⸗ luſt fuͤr ihn ſeyn, wenn der Waſſenſtillſtand aufgehoben werden ſollte,“ verſetzte der Kraͤmer, ſeinem Gefaͤhrten einen Blick zuwerfend, den dieſer mit jenem duͤſteren Laͤ⸗ cheln beantwortete, welches ſein Geſicht uͤberflog und es, wie eine voruͤberziehende Lufterſcheinung den winterlichen Himmel, erheiterte. 4 Der junge Schotte ſtand ploͤtlich ſtill, drückte ſeine Muͤtze auf das rechte Auge, gleich einem Manne der nicht zum Geſpoͤtte dienen will, und ſprach mit feſtem Tone,„mein 67 Herren, und insbeſondere Ihr, der Ihr der Aelteſte ſeyd und der Kluͤgſte ſeyn ſolltet, Ihr werdet finden, wie ich vermuthe, daß es weder klug noch rathſam iſt, auf meine Koſten zu ſcherzen. Der Ton Eurer Unterhaltung gefaͤllt mir ganz und gar nicht. Ich verſtehe wohl Scherz mit einem Jeden, und nehme auch mit Dank Tadel von aͤlte⸗ ren Perſonen an, wenn ich ihn verdient habe; allein ich mag mich nicht als ein Kind behandeln laſſen, da ich, Gott ſey Dank, mich Mann genug fuͤhle, es mit Euch Beiden aufzunehmen, wenn Ihr mich auf's Aeußerſte treibt.“ Der Aeltere ſchien uͤber des Juͤnglings Benehmen vor Lachen erſticken zu wollen. Sein Gefaͤhrte wollte verſtoh⸗ len an's Schwerdt greifen; allein der Juͤngling, es ge⸗ wahrend, verſetzte ihm einen ſolchen Schlag uͤber das Hand⸗ gelenk, wodurch er unfaͤhig wurde, es zu erfaſſen, ein Vorfall, der die gute Laune ſeines Begleiters nur noch erhoͤhte.„Halt! Halt!“ rief er,„mannhafter Schotte, ſelbſt um Deines theuren Vaterlandes willen, und Ihr, Gevatter, weg mit dem drohenden Blick! Pasques dien! laßt uns gerechte Handelsleute ſeyn, und das Bad gegen den Schlag auf das Handgelenk rechnen, der mit ſolchem Anſtande und ſo vieler Gewandtheit gegeben wurde.— Und nun hoͤrt, Freund,“ ſprach er, ſich mit ſo feierlichem Ernſt zu dem jungen Manne wendend, daß er ihm da⸗ durch, trotz Allem was er haͤtte beginnen koͤnnen, Maͤßi⸗ gung und Scheu einfloͤßte,„keine Gewaltthaͤtigkeiten mehr. Ich bin kein geeigneter Gegenſtand dafuͤr, und mein Ge⸗ vatter hat, wie Ihr ſehen koͤnnt, ſie ſchon hinlaͤnglich er⸗ probt⸗ Laßt mich Euren Namen wiſſen. 68 —— „Eine hoͤfliche Frage weiß ich hoͤflich zu beantworten,“ erwiederte der Juͤngling,„und werde Eurem Alter die gebuͤhrende Achtung bezeigen, wenn Ihr nicht durch Spoͤt⸗ tereien meine Geduld auf die Probe ſtellt. Seit ich hier in Frankreich und in Flandern war, hat man den Einfall gehabt, mich den Knappen mit dem Sammetſaͤckchen zu nennen, wegen des Falkenbeutels, den ich an der Seite trage, aber mein wahrer Name in meinem Vaterlande, iſt Quentin Durward.“ „Durward!“ ſprach der Frager;„iſt es der Name ei⸗ nes Edelmannes?“ „Er iſt es ſeit funfzehn Menſchenaltern in unſerer Fa⸗ milie,“ erwiederte der junge Mann;„und das macht mich abgeneigt, irgend ein anderes Gewerbe zu ergreifen, als das der Waſſen.“ „Ein aͤchter Schotte! Ueberfluß an Blut, Ueberſtuß an Stolz und, wett' ich, großer Mangel an Ducaten.— dun, Geyatter,“ ſprach er zu ſeinem Gefaͤhrten,„geht voraus, und ſagt, daß man ein Fruͤhſtuͤck in jenem Maul⸗ bearwaͤldchen bereit halte; denn dieſer Juͤngling wird es ſich eben ſo wohl ſchmecken laſſen, als eine ausgehungerte Maus den Kaͤſe einer Hausfrau. Und was den 3igeuner betriſſt— ſo laß Dir etwas in's Ohr ſagen.“— Sein Kamerad antwortete durch ein duͤſteres Laͤcheln des Einverſtaͤndniſſes, und ging raſchen Schrittes vorwaͤrts, waͤhrend der Aeltere ſich auf's Neue mit den Worten an Durward wandte:—„nun wollen wir uns zuſammen aufmachen, und auf unſerem Wege durch den Wald koͤn⸗ nen wir in der Sanct Hubertus⸗Kapelle die Meſſe hoͤren; 69 denn es iſt nicht gut, vor unſeren geiſtigen Beduͤrfniſſen an die koͤrperlichen zu denken.“ Durward hatte, als ein guter Katholik, nichts gegen dieſen Vorſchlag einzuwenden, wenn er gleich wahrſchein⸗ lich gewuͤnſcht haͤtte, erſt ſeine Kleider zu trocknen und einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Inzwiſchen ver⸗ loren ſie bald ihren mit geſenktem Blick wandelnden Ge⸗ faͤhrten aus dem Geſichte; allein ſie nahmen denſelben Weg, den er genommen hatte, und gelangten in einen Wald von hohen Baͤumen, mit Geſtraͤuch und Dickicht un⸗ termiſcht und von langen Alleen durchſchnitten, welche kleine Heerden von Hirſchen erblicken ließen, die mit einer ſolchen Sicherheit umhertrabten, daß ſie ſich ihres Schutzes bewußt ſchienen. „Ihr fragtet mich, ob ich ein guter Bogenſchuͤtze ſey,“ ſprach der junge Schotte,—„gebt mir einen Bogen und ein Paar Pfeile, und Ihr ſollt ein Stuͤck Wild haben.“ „Pasques dieu! mein junger Freund, nehmt Euch in Acht,“ ſprach ſein Gefaͤhrte.„Mein Gevatter hat ein ſchar⸗ fes Auge auf die Hirſche; ſie ſtehen unter ſeiner Aufſicht, und er iſt ein ſtrenger Waͤchter.“ „Er hat mehr das Anſehen eines Fleiſchers, als eines luſtigen Forſtmannes,“ erwiederte Durward.„Ich kann nicht glauben, daß jener Galgenvogelblick Jemandem an⸗ gehoͤrt, der die Regeln der edlen Weidmannskunſt kennt.“ „Nun ja, mein junger Freund,“ entgegnete ſein Be⸗ gleiter,„mein Gevatter hat ein etwas widriges Aeußere beim erſten Anblick; allein Diejenigen, welche mit ihm bekannt geworden ſi ſind, hat man nie uͤber ihn klagen bö⸗ . ren. 8 4 Quentin Durward fand einen etwas ſeltſamen und un⸗ angenehmen Nachdruck in dem Tone, womit dieſe Worte geſprochen wurden; und als er ploͤtzlich den Sprecher au⸗ ſchaute, glaubte er in ſeinem Geſichte, in dem leichten Lacheln, welches ſeinen Mund umzog, und in dem beglei⸗ tenden Blick des ſcharfen, dunklen Auges etwas zu fin⸗ den, das ſeine unangenehme Ueberraſchung rechtfertigte⸗ „Ich habe von Raͤubern, verſchmitzten Betruͤgern und Meu⸗ chelmoͤrdern gehoͤrt,“ dachte er bei ſich ſelbſt—„wie, wenn jener Menſch ein Moͤrder iſt, und dieſer alte Schurke ſeine Kockente? Ich will auf meiner Hut ſeyn— ſie werden von mir wenig bekommen, als gute ſchottiſche Schlaͤge.“ Waͤhrend er hieruͤber nachdachte, kamen ſie an einen freien Platz, wo die großen Baͤume des Waldes weiter von einander entfernt ſtanden. Der Erdboden, von Strauch⸗ werk und Gebuͤſch gereinigt, war mit einem Teppich des weichſten und lieblichſten Gruͤn bedeckt, welches, gegen die vrennenden Strahlen der Sonne geſchuͤtzt, hier weit zar⸗ ter und ſchoͤner war, als man es gewoͤhnlich in Frankreich 2 erblickt. Die Baͤume, welche auf dieſem abgeſonderten Orte ſtanden, waren hauptſaͤchlich Buchen und Ulmen ven ungeheurer Groͤße, die ſich gleich großen Huͤgeln von Blaͤt⸗ tern in die Luft erhoben. Mitten unter dieſen prachtvol⸗ len Kindern der Erde, auf dem offenſten Fleck des Platzes, erblickte man eine niedrige Kapelle, in deren Naͤhe eit kleiner Bach rieſelte. Ihre Bauart war hoͤchſt roh und einfach, und daneben ein ſehr kleines Haͤuschen, zur Woh⸗ nung fuͤr einen Einſiedler oder Prieſter beſtimmt, dem der regelmaͤßige Altardienſt oblag. In einer kleinen Niſche uͤber dem gewoͤlbten Thorweg, ſtand ein ſteinernes Bild 4* 71 des heiligen Hubertus, mit einem Jaͤgerhorn um ſeinen Nacken, und einer Koppel Windhunde zu ſeinen Fuͤßen. Die Lage der Kapelle mitten in einem ſo reichlich mit Wild verſehenen Park oder Jagdrevier, eignete ſie ganz beſonders dazu, dem heiligen Jaͤger gewidmet zu werden. Nach dieſem kleinen gottesdienſtlichen Gebaͤude richtete der Greis, dem der junge Durward folgte, ſeine Schritte. Als ſie ſich demſelben naͤherten, erblickten ſie den Prieſter in ſeiner geiſtlichen Kleidung, der eben im Begriff war, ſich aus ſeiner Zelle in die Kapelle zu begeben, ohne Sweifel, um dort ſein heiliges Amt zu verwalten. Dur⸗ ward verbeugte ſich ehrerbietig vor dem Prieſter, ſo wie es die Achtung fuͤr ſeinen heiligen Beruf erforderte, waͤh⸗ rend ſein Gefaͤhrte mit einem Anſchein noch groͤßerer An⸗ dacht ſich auf ein Knie niederließ, um des heiligen Man⸗ nes Segen zu empfangen, und ihm dann mit Schritten und Gebehrden, welche die tiefſte Zerknirſchung und De⸗ muth ausdruͤckten, in die Kirche folgte. Das Innere der Kapelle war auf eine Weiſe geſchmuͤckt, die der Beſchaͤftigung ihres Schutzheiligen waͤhrend ſeines Erdenlebens gemaͤß war. Die ſchoͤnſten Felle von Thieren, welche man in verſchiedenen Laͤndern auf der Jagd ver⸗ folgt, vertraten die Stelle der Teppiche und Behaͤnge um den Altar und in der ganzen Kirche. An den Waͤnden rings herum erblickte man bezeichnende Sinnbilder, als Hifthoͤrner, Bogen, Koͤcher und andere Embleme der Jagd, gemiſcht mit Hirſch⸗ und Wolfskoͤpfen, und denen meh⸗ r rer jagdbaren Thiere. Kurz, alle Verzierungen trugen 4 einen weidmaͤnniſchen Charakter, und die Meſſe ſelbſt, wllche ſehr kurz war, gehoͤrte zu denen, die man eine 1 * K 72 Jagdmeſſe nennt, weil ſie bei den Adligen und Großen gebraͤuchlich iſt, die, wenn ſie dieſer Feierlichkeit bei⸗ wohnen, gewoͤhnlich ungeduldig ſind, ihren Lieblingszeit⸗ vertreib zu beginnen. Waͤhrend dieſer kurzen Ceremonie ſchien Durward's Be⸗ gleiter ihr die ſtrengſte und gewiſſenhafteſte Aufmerkſam⸗ keit zu widmen. Der junge Schotte, nicht ſo ſehr mit religidſen Gedanken beſchaͤftigt, konnte ſich nicht enthalten, ſich ſelbſt zu tadeln, gegen den Charakter eines ſo guten und demuͤthigen Mannes einen ſo beleidigenden Argwohn gehegt zu haben. Weit entfernt, ihn fuͤr einen Genoſſen und Mitſchuldigen von Raͤubern zu halten, hielt er ihn jetzt faſt fuͤr einen Heiligen. Als die Meſſe geendet war, entfernten ſie ſich Beide aus der Kapelle, und der Unbekannte ſprach zu ſeinem jungen Gefaͤhrten:„wir haben nur eine kurze Strecke bis zum Dorfe— nun koͤnnt Ihr mit gutem Gewiſſen fruͤh⸗ ſtuͤcken— folgt mir.“ . Dann wandte er ſich rechts, einen Pfad einſchlagend, der allmaͤhlig zu ſteigen ſchien, und bat ſeinen Gefaͤhrten, dieſen ja nicht zu verlaſſen, ſondern vielmehr ſo ſehr als moͤglich, die Mitte deſſelben zu halten. Durward konnte nicht umhin, nach der Urſache dieſer Vorſicht zu fragen. „Ihr ſeyd jetzt in der Naͤhe des Hofes, junger Mann,“ erwiederte ſein Fuͤhrer,„und, Pasques dieu! es iſt eini⸗ ger Unterſchied zwiſchen dieſen Regionen und Euren mit Haide bewachſenen Huͤgeln. Jede Ruthe Landes hier, aus; genommen den Pfad, auf dem wir uns befinden, iſt ge⸗ faͤhrlich und faſt ungangbar gemacht durch Schlingen und Fallen, die mit Senſenklingen verſehen ſind, welche dan 23 unbehutſamen Reiſenden die Glieder eben ſo rein abſchnei⸗ den, als ein Heckenmeſſer einen Weißdornzweig. Fußan⸗ geln wuͤrden Euch die Fuͤße durchbohren, und es giebt Fallgruben, tief genug, um Euch fuͤr immer zu begraben, denn Ihr ſeyd jetzt im Bezirk der koͤniglichen Domaine, und wir werden ſogleich die Vorderſeite des Schloſſes er⸗ blicken.“ „Waͤre ich der Koͤnig von Frankreich,“ ſprach der junge Mann,„ſo wuͤrde ich mir nicht ſo viel Muͤhe mit Fallen und Schlingen geben, ſondern wuͤrde ſtatt deſſen ſo gut zu regieren ſuchen, daß Niemand ſich meiner Wohnung in einer boͤſen Abſicht naͤhern duͤrfte; und was Diejenigen betriſſt, welche mit friedlichen und wohlwollenden Geſin⸗ nungen erſchienen, ſo wuͤrde ich mich, je groͤßer ihre An⸗ zahl waͤre, nur um deſtomehr freuen.“ Sein Begleiter warf aͤngſtliche Blicke umher, indem er zu ihm ſagte,„ſtill, ſtill, Herr Knappe mit dem Sam⸗ metſaͤckchen! denn ich vergaß Euch zu ſagen, was noch fuͤr eine große Gefahr in dieſem Bezirk droht, daß naͤmlich ſelbſt die Blaͤtter Ohren haben, und Allles was geſprochen wird, in des Koͤnigs Cabinet uͤbertragen.“ „Ich kuͤmmere mich wenig darum,“ entgegnete Quen⸗ tin Durward;„ich habe eine ſchottiſche Zunge, die kuͤhn genug iſt, dem Koͤnig Ludwig, Gott ſegne ihn, in's Ge⸗ ſicht zu ſagen, was ich denke, und was die Ohren betrifft, wovon ihr ſprecht, ſo wuͤrde ich, wenn ich ſie auf dem Kopf eines Menſchen wachſen ſaͤhe, ſie mit meinem Jagd⸗ meſſer abſtutzen.“ 74 — Drittes Kapitel. Das Schloß. „Und in der Mitte hob ein maͤchtiges Gebaͤude ſich, zu dem den Zugang ſchwere Fallgitter ſtreng verſperrten; es umſchloſſen Die Veſte ſtarke Mauern, und ein tiefer Und breiter Graben. Es umrollt ſie langſam Der truͤbe Strom.— In mittlern Luͤften ſchimmern Der Wachen hohe Thuͤrmchen.“— Von einem Ungenannten. Waͤhrend Durward und ſein neuer Bekannter ſo ſpra⸗ chen, zeitzte ſich ihnen die ganze Fronte des Schloſſes, Pleſſis⸗les⸗Tours, welches ſelbſt in jenen gefaͤhrlichen Zeiten, wo die Großen ſich genoͤthigt ſahen, ihren Wohn⸗ ſitz in befeſtigten Plaͤtzen zu nehmen, durch die außeror⸗ dentliche und argwoͤhniſche Sorgfalt, womit es befeſtigt und bewacht war, ſich auszeichnete. Von dem Saum des Waldes, wo der junge Durward mit ſeinem Begleiter Halt machte, um den koͤniglichen Wohnſitz zu betrachten, dehnte ſich eine oſſene Ebene aus oder erhob ſich vielmehr, wenn gleich nur ſanft aufſtei⸗ gend; und außer einer alten, coloſſalen, halb verwitterten Eiche, war kein Baum noch Strauch irgend einer Art darauf zu erblicken. Dieſe Strecke war, den Regeln der Befeſtigung aller Zeiten gemaͤß, oſſen gelaſſen, damit der Feind ſich nicht verdeckt und von den Zinnen des Schleſ⸗ ſes, das ſich hinter dem freien Platze erhob, unbemerkt, den Mauern naͤhern koͤnne. 3 umgeben. Die zweite ragte uͤber die erſtere hervor, und gewoͤhnlichen Tiefe. Der Rand, ſowohl des aͤußeren als der ſich gleich einem ſchwarzen ethiopiſchen Rieſen hoch in ſtern, außer den Schießſcharten, die, zur Vertheidigung un⸗ 3 75 Es war von drei, mit Zinnen und Thuͤrmchen in Zwi⸗ ſchenraͤumen und in jedem Winkel beſetzten Außenmauern war ſo erbaut, um, wenn es dem Feind gelaͤnge, ſich der erſteren zu bemaͤchtigen, dieſe beherrſchen zu koͤnnen, ſo wie die zweite auf gleiche Weiſe durch die dritte und in⸗ nere Mauer beherrſcht wurde. Um die aͤußere Mauer war, wie der Franzoſe ſeinem jungen Gefaͤhrten berichtete,— denn da ihr Standpunkt niedriger war, als der Grund der Mauer, ſo konnte er es nicht ſehen,— ein Graben von etwa zwanzig Fuß Tiefe gezogen, der vermittelſt einer Ablei⸗ tung aus dem Fluſſe Cher, oder vielmehr von einem ſei⸗ uer Arme, Waſſer erhielt. Vor der zweiten Mauer war, wie er ſagte, ein zweiter, und zwiſchen dieſer und der in⸗ nerſten, ein dritter Graben, beide von der naͤmlichen un⸗ inneren Umkreiſes dieſer dreifachen Graͤben, war ſtark mit eiſernen Palliſaden befeſtigt, die zu dem naͤmlichen Zweck dienten, als die ſogenannten ſpaniſchen Reiter nach der neueren Befeſtigungsweiſe, denn das obere Ende jedes Pfahls theilte ſich in einen Buͤſchel ſcharfer Spitzen, welche Jedem, der es wagen wuͤrde, ſie zu erſteigen, mit Selbſt⸗ vernichtung zu drohen ſchienen. In dem inneren Raum der dritten Mauer erhob ſich das Schloß, welches Gebaͤude aus verſchiedenen Zeitpunk⸗ ten enthielt, rund umher gedraͤngt, und verbunden mit,— dem aͤlteſten von allen, dem alten duͤſteren Schloßthurm, 5 die Luft erhob, waͤhrend der gaͤnzliche Mangel an Fen⸗ regelmaͤßig hin und wieder angebracht, dem Beſchauer daſ⸗ ſelbe peinliche Gefuͤhl einfloͤßt, welches der Anblick eines Blinden uns gewaͤhrt.. Die uͤbrigen Gebaͤude ſchienen eben ſo wenig dem Zweck der Behaglichkeit zu entſprechen, denn alle Fenſter gingen in einen inneren Hof, ſo daß die ganze Vorderſeite mehr einem Gefaͤngniß, als einem Pallaſt glich. Der regierende Koͤnig hatte dieſe Wirkung ſogar noch vermehrt; denn weil er, gleich vielen argwoͤhniſchen Menſchen, die nicht lieben, daß ihr Argwohn bemerkt wird, gewuͤnſcht hatte, daß die Befeſtigungen, welche er ſelbſt noch hinzufuͤgen ließ, ganz im Styl der alten urſpruͤnglichen Gebaͤude aufgefuͤhrt, und nicht leicht davon zu unterſcheiden ſeyn moͤchten, ſo hatte man die dunkelfarbigſten Ziegel⸗ und Quaderſteine benutzt, und Ruß mit dem Moͤrtel vermiſcht, um dem ganzen Schloſſe den gleichformigen Anſtrich eines großen und ro⸗ hen Alterthums zu geben. 3 Dieſe furchtbare Feſtung hatte nur einen Eingang, we⸗ nigſtens bemerkte Durward keinen in der ganzen geraͤu⸗ migen Fronte, ausgenommen da, wo in dem Mittelpunkt der erſten und aͤußeren Schranken ſich zwei ſtarke Thuͤrme, das gewoͤhnliche Vertheidigungsmittel eines Thorweges, erhoben. Auch erblickten ſie, was gemeiniglich damit ver⸗ bunden zu ſeyn pflegt, ein Fallgatter und eine Zugbruͤcke, wovon das erſtere herabgelaſſen, und die letztere aufgezogen war. Aehnliche Eingangsthuͤrme waren auf der zweiten und dritten Mauer ſichtbar; allein nicht in gleicher Linie mit denen auf dem aͤußeren Umkreis, denn der Weg fuͤhrte nicht in gerader Richtung durch alle drei Mauern, ſondern der Eintretende mußte zwiſchen der erſten und zweiten —,— —— beinahe dreißig Yards machen, und war, wenn er in feind⸗ licher Abſicht kam, dem Geſchoß von beiden Seiten aus⸗ geſetzt. Eben ſo mußte man, nachdem man durch die zweite Schranke gegangen war, von der geraden Linie ab⸗ weichen, um das Portal der dritten und innerſten zu er⸗ reichen, ſo daß man, um in den aͤußeren Hof zu gelangen, welcher ſich laͤngs der Vorderſeite der Gebaͤude ausdehnte, zwei gefaͤhrliche und enge Wege, unter einem Artillerie⸗ feuer von beiden Seiten zuruͤckzulegen hatte, und drei, auf die ſtaͤrkſte damals bekannte Weiſe vertheidigte Thore, mußten genommen werden. Aus einem Lande kommend, das eben ſo ſehr durch auswaͤrtigen Krieg, als innere Fehden verheert war,— einem Lande, deſſen unebene, bergigte Oberflaͤche, mit ſeinen Abgruͤnden und Stroͤmen, ſo viele feſte Plaͤtze dar⸗ bietet— kannte der junge Durward hinlaͤnglich alle die verſchiedenen Mittel, welche die Menſchen in jenem rohen Zeitalter anwandten, um ihre Wohnungen zu ſichern; al⸗ lein er geſtand ſeinem Begleiter oſſen, er habe nicht ge⸗ glaubt, daß die Kunſt im Stande ſey, ſoviel fuͤr die Ver⸗ theidigung zu thun, wo die Natur ſo wenig gethan habe; denn das Schloß lag, wie wir ſchon angedeutet haben, nur auf einem ſanft aufſteigenden Huͤgel, der ſich von dem Orte wo ſie ſtanden, allmaͤhlig erhob. Um ſein Erſtaunen noch zu vermehren, erzaͤhlte ihm ſein Gefaͤhrte, daß die Umgebungen des Schloſſes, den einzigen krummen Pfad, auf dem man ſich mit Sicherheit dem Portal naͤhern konnte ausgenommen, gleich dem Ge⸗ buͤſch, wodurch ſie ihr Weg gefuͤhrt, mit jeder Art von —— verborgenen Fallgruben, Schlingen und Fallſtricken umge⸗ ben waͤren, um den Ungluͤcklichen, der ſich ohne Fuͤhrer hieher wagen wuͤrde, zu fangen; ferner erzaͤhlte er, daß man auf den Mauern eine Art Wachthaͤuſer von Eiſen errichtet habe, Schwalbenneſter genannt, von wo aus die Schildwachen, welche regelmaͤßig dort auf ihren Po⸗ ſten ſtaͤnden, mit Bedacht auf einen Jeden, der verſuchen wuͤrde, ohne das beſtimmte Signal oder Loſungswort des Tages einzutreten, zielen koͤnnten, und daß die Bogen⸗ ſchuͤtzen der koͤniglichen Garde Tag und Nacht Dienſte haͤt⸗ ten, wofuͤr ſie hohen Sold, reiche Kleidung, viel Ehre und großen Gewinn aus den Haͤnden Koͤnig Ludwigs em⸗ pfingen.„Und nun ſagt mir, junger Mann,“ fuhr er fort,„ob Ihr jemals eine ſo ſtarke Feſtung geſehen habt, und ob Ihr glaubt, daß es Menſchen giebt, die kuͤhn ge⸗ nug ſeyn wuͤrden, ſie zu erſtuͤrmen?“ Der Juͤngling be⸗ trachtete ſie lange und aufmerkſam, und war von dem Anblick ſo hingeriſſen, daß er in dem Eifer jugendlicher Neugier ſeine durchnaͤßte Kleidung ganz vergeſſen hatte. Sein Auge glaͤnzte, und ſeine Wange faͤrbte ſich hoͤher, gleich der eines kuͤhnen Mannes, welcher auf eine ehren⸗ volle Handlung ſinnt, als er erwiederte,„es iſt ein feſtes Schloß, und ſtark bewacht; allein fuͤr tapfere Maͤnner giebt es keine Unmoͤglichkeit.“ „Giebt es deren in Eurem Vaterlande, die eine ſolche Heldenthat verrichten koͤnnten?“ fragte der Aeltere faſt ſpoͤttiſch. „Das will ich nicht behaupten,“ entgegnete der Juͤng⸗ ling;„allein es giebt Tauſende dort, die in einer guten Sache eine eben ſo kuͤhne That unternehmen wuͤrden.“ 29 „Hm!“ fuhr der Frager fart,„wielleicht ſeyd Ihr ſelbſt einer dieſer Tapferen?“ „Ich thaͤt unrecht, wollt' ich prahlen, wo keine Gefahr iſt,“ antwortete der junge Durward;„allein mein Vater hat eine eben ſo kuͤhne Handlung verrichtet, und ich ver⸗ traue darauf, daß ich kein Baſtard bin.“ „Nun wohl,“ entgegnete ſein Gefaͤhrte laͤchelnd,„Ihr koͤnnt bei dem Verſuch Euren Mann finden, und Eures Gleichen obendrein; denn die ſchottiſchen Bogenſchuͤtzen aus Koͤnig Ludwigs Leibgarde ſtehen auf jener Mauer Schildwache,— dreihundert Cavaliere aus den erſten Fa⸗ milien Eures Vaterlandes.“ 4 „Und waͤre ich Koͤnig Ludwig,“ erwiederte der Juͤng⸗ ling,„ſo wuͤrde ich mich dieſen dreihundert ſchottiſchen Cayalieren anvertrauen, meine Graͤnzmauern niederreißen laſſen, um die Graͤben damit auszufuͤllen, die Paladine und Großen meines Reichs um mich verſammeln, und ſo leben, wie es mir zuſtaͤnde, wechſelnd mit Lanzenbrechen bei ſtattlichen Turnieren, ſchmauſen am Tage mit Edel⸗ leuten, wuͤrde Abends mit Damen tanzen, und den Feind nicht mehr fuͤrchten, als eine Fliege.“ Sein Begleiter laͤchelte aufs neue, und, dem Schloſſe den Ruͤcken wendend, dem ſie ſich, wie er bemerkte, etwas zu ſehr genaͤhert hatten, ſchlug er wieder den Weg in den Wald ein, auf einem breiteren und gebahnteren Pfade, als ſie bis jetzt noch betreten hatten.„Dieſer Pfad,“ ſprach er,„fuͤhrt uns in das Dorf Pleſſis, wie es genannt wird, wo Ihr als ein Fremder auf eine anſtaͤndige und billige Weiſe Eure Bequemlichkeit finden werdet. Etwa wei Meilen weiter liegt die huͤbſche Stadt Tours, von 80 der dieſe reiche und ſchoͤne Grafſchaft den Namen erhalten hat. Allein im Dorfe Pleſſis, oder Pleſſis vom Park, wie es zuweilen wegen ſeiner Naͤhe des koͤniglichen Wohnſitzes und des ihn umgebenden Jagdreviers genannt wird, wer⸗ det ihr naͤhere und eben ſo gaſtliche Aufnahme finden.“ „Ich danke Euch, lieber Herr fuͤr Eure gegebene Kunde,“ ſprach der Schotte,„aber meines Bleibens wird ſo kurz hier ſeyn, daß, wenn es mir nur nicht an einem Biſſen Fleiſch und einem etwas beſſeren Trunk, als Waſ⸗ ſer mangelt, meine Beduͤrfniſſe in Pleſſis, mag es vom Park oder vom Pfuhl ſeinen Namen haben, vollkommen befriedigt ſeyn werden.“ „Ich glaubte,“ erwiederte ſein Gefaͤhrte,„Ihr wolltet einen Freund in der Gegend beſuchen.“— „So iſt es,“ entgegnete Durward;„meiner Mutter Bruder, und ein ſo herrlicher Mann, bevor er die Fluren von Angus verließ, als je einer die ſchottiſchen Haiden betrat.“ „Wie iſt ſein Name?“ fragte ſein Begleiter,„wir wollen uns ſtatt Eurer nach ihm erkundigen, denn es iſt fuͤr Euch nicht gerathen, nach dem Schloſſe zu gehen, weil man Euch dort fuͤr einen Spion halten koͤnnte.“ 1„Nun, bei meines Vaters Hand!“ ſprach der Juͤng⸗ ling,„iich fuͤr einen Spion angeſehen!— Beim Himmel⸗ wer mich mit einer ſolchen Beſchuldigung brandmarkt, dem werde ich ein kaltes Eiſen zu verſuchen geben!— Was meines Onkels Namen betriſſt, ſo mag ihn meinetwegen Jeder wiſſen,— er iſt Lesly.— gesly,— ein ehrlicher und adliger Name.“ ——'— 81 „Gewiß iſt er dieß, daran zweifle ich nicht,“ verſetzte der Alte; allein es giebt drei dieſes Namens in der ſchot⸗ tiſchen Garde.“ „Der Name meines Onkels iſt Ludwig Leslie,“ ant⸗ wortete der junge Mann. „Von den drei Leslies fuͤhren zwei den Namen Lud⸗ wig,“ erwiederte der Kaufmann. „Mein Verwandter wird Ludwig mit der Narbe ge⸗ naunt,“ ſprach Quentin.—„Unſere Familiennamen ſind gewoͤhnlich mehreren ſchottiſchen Haͤuſern gemein, ſo daß wir, wenn einer nicht nach einer Landbeſitzung genannt wird, immer einen Zunamen beifuͤgen.“ 5 „Einen Kriegsnamen meint Ihr, wie ich vermuthe,“ entgegnete ſein Gefaͤhrte,„und der Mann, von dem Ihr redet, wird hier glaub ich, wegen ſeiner Narbe im Ge⸗ ſichte, le Balafré„‚ genannt,— ein achtbarer Mann und ein guter Soldat. Ich wuͤnſchte Euch zu einer Zuſam⸗ menkunft mit ihm behuͤlflich ſeyn zu koͤnnen, denn er ge⸗ hoͤrt zu einer Claſſe von Edelleuten, welche ſtrenge Pflich⸗ ten haben, und die ſelten aus der Garniſon kommen, aus⸗ genommen in der unmittelbaren Begleitung des Koͤnigs.— Und nun, junger Mann, beantwortet mir eine Frage. Ich wette Ihr wuͤnſcht, ſo wie Euer Onkel, in der ſchot⸗ tiſchen Garde Dienſte zu nehmen.„Es iſt ein großes Un⸗ ternehmen, wenn Ihr anders dieſen Vorſatz habt; beſon⸗ ders da Ihr noch ſo jung ſeyd, und einige Jahre Erfah⸗ de hohen Dienſt wonach Ihr ſtrebt, nothwen⸗ elleicht mag ich an etwas Aehnliches gedacht ha⸗ 4 82 ben,“ ſprach Durward nachlaͤſſig hingeworfen;„allein wenn ich es that, ſo iſt der Einfall voruͤbergegangen.“ „Wie, junger Mann,“ erwiederte der Franzoſe in ei⸗ nem etwas ernſten Tone,—„ſprecht Ihr ſo von einem Dienſt, den zu erlangen Eure edelſten Landsleute mit einander wetteifern?“ „Ich wuͤnſche ihnen Gluͤck dazu,“ verſetzte Quentin gelaſſen.—„Um oſſen zu reden, ſo wuͤrde mir der Dienſt des Koͤnigs von Frankreich recht wohl gefallen haben; allein kleidet mich ſo ſchoͤn, und laßt mich ſo hoch leben, als Ihr wollt, ſo iſt mir doch die freie Luft lieber, als dort in einen Kaͤfig oder in ein Schwalbenneſt eingeſperrt zu ſeyn, wie Ihr dieſe gegitterten Pfeſſerbuͤchſen nennt. Uebrigens,“ fuͤgte er mit leiſerer Stimme hinzu,„um die Wahrheit zu reden, liebe ich das Schloß nicht, in deſſen Naͤhe der Eichbaum ſolche Eicheln träͤgt, wie ich dort ſehe.“ „Ich errathe was Ihr meint,“ erwiderte der Franzoſe; „aber ſprecht noch deutlicher.“ „Um alſo deutlicher zu reden„“ entgegnete der Juͤng⸗ ling,„dort, einige Bogenſchuͤſſe von dem Schloſſe, ſteht eine ſchoͤne Eiche,— und an dieſer Eiche haͤngt ein Mann in einem grauen Wamms wie das, welches ich anhabe.“ „Gewiß und wahrhaftig!“ ſprach der Franzoſe,— „Pasques-dieu! nun ſeht, was es heißt, junge Augen zu haben! Ich ſah allerdings etwas, hielt es aber nur fuͤr einen Raben zwiſchen den Zweigen. Aber dieſer Anblick iſt keinesweges neu, junger Mann; wenn der Sommer in den Herbſt uͤbergeht, die mondhellen Naͤchte lang ſind, und die Landſtraßen unſicher werden, koͤnnt Ihr Haufen von zehn ja zwanzig ſolcher Eicheln an jener alten Eiche —— haͤngen ſehen.— Aber was iſt es denn nun weiter?— es ſind eben ſo viele Fahnen, die man ausgehaͤngt hat, um Spitzbuben damit zu verſcheuchen, und fuͤr jeden Schurken der dort baumelt, kann ein ehrlicher Mann einen Dieb, einen Verraͤther, einen Straßenraͤuber, einen Pluͤnderer und Unterdruͤcker des Volks weniger in Frankreich rech⸗ nen. Dieß, junger Mann, ſind Beweiſe von unſeres Mo⸗ narchen Gerechtigkeit.“ „Waͤr' ich Koͤnig Ludwig, ſo wuͤrde ich ſie wenigſtens entfernt von meinem Pallaſte haben haͤngen laſſen,“ ver⸗ ſetzte der Juͤngling.—„In meinem Vaterlande haͤngt man todte Raben auf, wo lebendige Raben hauſen, aber nicht in unſeren Gaͤrten und Taubenhaͤuſern. Pfui! Ich roch das Aas ſchon in der Entfernung wo wir ſtanden.“ „Wenn Ihr es erlebt, ein redlicher und treuer Diener Eures Fuͤrſten zu werden, mein guter Juͤngling,“ erwie⸗ derte der Franzoſe,„ſo werdet Ihr finden, daß es keinen Wohlgeruch giebt, der dem Geruch eines todten Verraͤthers gleich kommt.“ „Nie werde ich wuͤnſchen zu leben, bis ich den Geruch und die Sehkraft verliere,“ ſprach der Schotte.—„Zeigt mir einen lebenden Verraͤther, und hier iſt meine Hand und meine Waſſe; allein wenn das Leben entſtohen iſt, ſollte auch der Haß nicht laͤnger leben.— Aber hier, denke ich, ſind wir bei dem Dorfe, wo ich Euch zu beweiſen hoſſe, daß weder das Bad, noch auch der Eckel, meinem Appetit zum Fruͤhſtuͤck geſchadet haben. Alſo, mein guter Freund, ſo ſchnell Ihr koͤnnt, in den Gaſthof.— D ich Eure Gaſtfreiheit annehme, laßt mich wiſſen, Euch nennen ſoll.“— 3 84 „Man nennt mich Maitre Pierre,“ entgegnete ſein Begleiter.—„Ich habe keine Titel, und bin meines Zei⸗ chens ein ſchlichter Mann, der von ſeinem eignen Vermo⸗ gen leben kann.“ „Nun wohl, Maitre Pierre,“ ſprach Quentin,„und ich bin froh, daß ein gluͤcklicher Zufall uns zuſammenge⸗ fuͤhrt hat; denn ich bedarf eines wohlmeinenden Raths, und werde dankbar dafuͤr ſeyn.“ Waͤhrend ſie ſo mit einander redeten, erhob ſich der Kirchthurm und ein hoͤlzernes Erueifix uͤber den Baͤumen, und zeigte ihnen, daß ſie ſich am Eingange des Dorfes r— befanden. Allein Maitre Pierre, etwas von dem Wege abwei⸗ chend, der ſich jetzt mit einer oſſenen großen Steinſtraße vereinigt hatte, berichtete ſeinem Gefaͤhrten, daß der Gaſt⸗— hof, wohin er ihn zu fuͤhren gedaͤchte, etwas abgeſondert ſey, und nur die beſſere Claſſe der Reiſenden aufnehme. „Wenn Ihr Diejenigen meint, welche mit beſſer ge⸗ fuͤllten Boͤrſen reiſen,“ erwiederte der Schotte,„ſo gehdre ich nicht zu dieſer Anzahl, und will es lieber darauf an⸗ kommen laſſen, Euren Schindern auf der großen Heer⸗ ſtraße, als denen in dem Gaſthofe in die Haͤnde zu fallen.“ „Pasques dieu!“ rief ſein Fuͤhrer⸗„wie vorſichtig Ihr Schottlaͤnder ſeyd! Ein Englaͤnder dagegen eilt blinde⸗ lings in ein Wirthshaus, ißt und trinkt aufs Beſte, und deukt nie eher an die Rechnung, bis ſein Magen gefuͤllt iſt. Aber Ihr vergeßt, Herr Quentin, weil doch Quentin Euer Name iſt, Ihr vergeßt, daß ich Euch ein Fruͤhſtuͦ ſchuldig bin, fuͤr das Bad, welches ich Euch durch mein Verſehen bereitet habe.— Es iſt die Buͤßung meiner Be⸗ leidigung gegen Euch.“ 42„Wahrlich,“ verſetzte der leichtherzige junge Mann, „ich hatte das Bad, die Beleidigung, Buͤßung und Alles vergeſſen. Meine Kleider ſind durch den Gang beinah trocken geworden, und ich will Euer guͤtiges Anerbieten nicht ausſchlagen, denn mein geſtriges Mittagseſſen war nur leicht, und Abendbrod habe ich gar nicht genoſſen. 3 Ihr ſcheint mir ein alter achtbarer Buͤrger, und ich ſehe f keinen Grund, weshalb ich Eure Artigkeit nicht anneh⸗ men ſollte.“ Der Franzoſe laͤchelte heimlich, denn er ſah deutlich, daß es dem Juͤngling, obgleich er wahrſcheinlich halb aus⸗ gehungert war, dennoch Muͤhe koſtete, ſich mit dem Ge⸗ danken vertraut zu machen, auf Koſten eines Fremden etwas zu genießen, und daß er ſich beſtrebte, ſeinen inne⸗ ren Stolz durch die Bemerkung zu unterdruͤcken, daß bei ſolchen kleinen Verbindlichkeiten, der Empfangende eine eben ſo gefaͤllige Rolle ſpiele, als Derjenige, welcher eine Artigkeit anbiete. Inzwiſchen gingen ſie einen engen, von hohen Ulmen beſchatteten Gang hinab, an deſſen Ende ſie in den Hof „ eines ungemein großen Gaſthofes traten, auf die Bequem⸗ lichkeit der Edelleute und Supplikanten berechnet, welche n dem benachbarten Schloſſe Geſchaͤfte hatten, wo Lud⸗ wig XI. ſehr ſelten, und nur wenn eine ſolche Gaſifrei⸗ beit unvermeidlich war, ſeinen Hofleuten Zimmer zu ha⸗ ben erlaubte. Ein Schild, welches eine Lilie fuͤhrte, hing aber der Hauptthuͤr des großen, unregelmaͤßigen Gebaͤu⸗ des allein auf dem Hofe und in den Wirthſchaftszimmer —2 r . 86 war wenig oder gar nichts von dem Thun und Treiben zu bemerken, welches in jenen Zeiten, wo ſowohl in oͤſſent⸗ lichen als Privathaͤuſern Bedienten gehalten wurden, be⸗ wies, daß es an guten Geſchaͤften und einer Fuͤlle von Kunden nicht fehle. Es ſchien, als ob das finſtere unge⸗ ſellige Anſehen des koͤniglichen Wohnſitzes in der Nachbar⸗ ſchaft, einen Theil ſeiner ernſten, furchtbaren Duͤſternheit ſelbſt einem Orte mitgetheilt hatte, der zum Tempel ge⸗ ſelliger Nachſicht, froͤhlicher Vereinigung und guter Bewir⸗ thung beſtimmt war. „Maitre Pierre, ohne irgend Jemand zu rufen, und ohne ſich dem Haupteingange zu naͤhern, hob den Druͤcker einer Seitenthuͤr, und ſchritt voran in ein großes Zimmer, wo ein Holzbund auf dem Heerde brannte, und Vorbereitungen zu einem nahrhaften Fruͤhſtuͤck getroffen waren. 4 „Mein Gevatter hat gehͤrig geſorgt,“ ſprach der Frau⸗ zoſe zu dem Schotten,—„Ihr muͤßt kalt feyn, deshalb habe ich ein Feuer befohlen; Ihr muͤßt hungrig ſeyn, und Ihr werdet ſogleich ein Fruͤhſtuͤck bekommen.“ Er pfiff, und der Wirth trat ein,— erwiederte ſeinen bon jour mit einem Buͤckling,— zeigte aber auch keine Spur jener geſchwaͤtzigen Laune, welche den franzdſiſchen Gaſtwirthen aller Zeiten eigen war. „Ich erwartete einen Herrn hier, der ein Fruͤhſtuͤck be⸗ ſtellen ſollte,“ ſprach Maitre Pierre,— hat er es gethan?“ Der Wirth antwortete nur durch eine Verbeugung; waͤhrend er fortfuhr, den Tiſch zu ordnen, und die ver⸗ ſchiedenen Theile eines erquickenden Mahles aufzutragen ohne es jedoch auch nur mit einem einzigen Worte anzu⸗ — 87 preiſen.— Und dennoch verdiente das Fruͤhſtuͤck eben ſo viel Lob, als die franzoͤſiſchen Gaſtwirthe gewoͤhnlich ihrer Bewirthung ertheilen, wie der Leſer in den folgenden Ka⸗ pitel ſehen wird. Viertes Kapitel. Das Fruͤhſtuͤck. „Guͤtiger Himmel! was fuͤr Eſſer! welche Fuͤlle von Brod!“ Yorick's Reiſen. Wir haben unſeren jungen Fremdling in Frankreich, in einer behaglicheren Lage verlaſſen, als irgend eine worin er ſich, ſeit er das Gebiet des alten Galliens betrat, be⸗ funden hatte. Das Fruͤhſtuͤck, wie wir ſchon am Schluſſe des letzten Kapitels andeuteten, war bewundernswuͤrdig. Da war eine Paſtete aus Perigord, bei der ein Gaſtronom gewuͤnſcht haben wuͤrde zu leben und zu ſterben, gleich Homers Lotoseſſern, Verwandte, Vaterland und alle ge⸗ ſelligen Verpflichtungen, wie ſie auch Namen haben moͤ⸗ gen, vergeſſend. Ihre treffliche Kruſte, ſchien ſich gleich einer weiten Mauer, wie das Bollwerk einer großen Haupt⸗ ſtadt zu erheben, ein Sinnbild des Reichthums, den es zu beſchüͤtzen beſtimmt iſt. Da war ein koͤſtliches Ragout, mit eben dem petit point de l'ail 2 3) zubereitet, den die Gascogner lieben, und die Schotten nicht haſſen; fer⸗ ner, ein herrlicher Schinken, der einſt einem edlen wilden — 88 Eber in dem benachbarten Walde von Montrichard ange⸗ hoͤrt hatte. Das Brod war ſehr weiß und ſchmackhaft, und in kleine runde Broͤdte geformt, boules genannt, wo⸗ von die Baͤcker den Namen houlangers angenommen ha⸗ ben; die Kruſte war ſo anreitzend, daß ſie ſelbſt mit Waſ⸗ ſer allein, eine Leckerei geweſen ſeyn wuͤrde. Allleein außer dem Waſſer ſtand auch noch eine lederne Flaſche da, bot⸗ trine genannt, die etwa ein Maß des trefſlichſten vin de Beaune enthielt. So viele einladende Dinge koͤnnten ſelbſt unter den Rippen eines Todten Eßluſt erweckt haben. Welch eine Wirkung mußten ſie daher nicht auf einen Juͤngling von kaum zwanzig Jahren hervorbringen, der, um die Wahr⸗ heit zu geſtehen, in den letzten zwei Tagen wenig genoſſen hatte, außer den kaum reifen Fruͤchten, die er zufaͤllig zu pfluͤcken Gelegenheit hatte, und einer ſehr maͤßigen Portion Gerſtenbrod. Er machte ſich zuerſt uͤber das Ragout her, und ſchnell war die Schuͤſſel geleert,— dann griff er die maͤchtige Paſtete an, drang tief in das Innere des Landes ein, und ſein ungeheures Mahl manchmal mit einem Becher Wein wuͤrzend, kehrte er immer von neuem zum Angriff zuruͤck, zum Erſtaunen des Wirths und zur Be⸗ luſtigung des Maitre Pierre. Der letztere, wahrſcheinlich weil er ſich uͤberzeugte, eine beſſere Handlung verrichtet zu haben, als er geglaubt hatte, ſchien uͤber die Eßluſt des jungen Schotten entzuͤckt, und als er endlich bemerkte, daß ſeine Thaͤtigkeit nachzu⸗ laſſen begann, bemuͤhte er ſich, ihn dadurch zu neuen An⸗ ſtrengungen anzureitzen, daß er Eingemachtes, Rahmtoͤrt⸗ chen und andere leichte Leckereien, die er geeignet hielt, — 80 8 3 —— um den Juͤugling zur Fortſetzung ſeiner Mahlzeit anzu⸗ locken, bringen ließ. Waͤhrend Maitre Pierre damit be⸗ ſchaͤftigt war, hatten ſeine Geſichtszuͤge das Gepraͤge guter Laune, die faſt in Wohlwollen uͤberging, und gaͤnzlich von ihrem gewoͤhnlichen harten, kauſtiſchen und ſirengen Aus⸗ druck abzuweichen ſchien. Bejahrte Perſonen nehmen faſt immer gern Theil an den Freuden der Jugend, und ihrem Thun und Treiben jeder Art, wenn das Gemuͤth des Zu⸗ ſchauers in ſeinem natuͤrlichen Gleichgewicht bleibt, und nicht durch inneren Neid, oder thorigte Nachahmungsſucht beunruhigt wird. Quentin Durward ſeinerſeits konnte nicht umhin, waͤh⸗ rend er ſo angenehm beſchaͤftigt war, die Bemerkung zu machen, daß die Geſichtszuͤge des Mannes, der ihn ſo gut bewirthete, welche er anfangs ſo wenig einnehmend ge⸗ funden hatte, unter dem Einfluß des vin de Beaune be⸗ trachtet, ſehr gewoͤnnen, und mit freundlichem Tone machte er dem Maitre Pierre Vorwuͤrfe, daß er ſich daran be⸗ 3 luſtige, ſeinen Appetit zu belachen, ohne auch nur das Ger ingſte ſelbſt zu genießen. 8 „Ich thue Buße,“ entgegnete Maitre Pierre, und darf dor Mittag nichts eſſen, ausgenommen etwas Eingemach⸗ tes und einen Trunk Waſſer dazu. Sagt jenem Frauen⸗ zimmer,“ ſprach er, zu dem Gaſtwirth ſich wendend,„daß ſie es mir hieher bringt.“ Der Wirth verließ das Zimmer, und Maitre Pierre fuhr fort,— nun, habe ich Wort gehalten, in Hinſicht des Fruͤhſtuͤcks das ich Euch verſprach?“ „Es iſt das beſte Mahl, welches ich genoſſen habe,“ erwiederte der Juͤngling,„ſeit ich Glen⸗Houlakin verließ.“⸗ 90 „Glen— wie?“ fragte Maitre Pierre;„wollt Ihr den Teufel beſchwoͤren, daß Ihr Euch ſolcher langſchlep⸗ penden Worte bedient?“ „Glen⸗ houlakin,“ mein lieber Herr,„oder mit ande⸗ ren Worten, das Muͤckenthal, iſt der Name unſeres alten Erbguts. Uebrigens habt Ihr das Recht erkauft, bei dem Klange deſſelben zu lachen, wenn es Euch gefaͤllt.“ „Ich habe nicht im Mindeſten die Abſicht, Euch zu be⸗ leidigen, mein junger Freund,“ ſprach der Alte,„ſondern ich wollte Euch nur ſagen, weil Ihr Euer jetziges Mahl ſo gut findet, daß die ſchottiſchen Bogenſchuͤtzen von der Garde ein eben ſo gutes und noch beſſeres jeden Tag eſſen.“ „Es iſt kein Wunder,“ entgegnete Durward,„denn wenn ſie die ganze Nacht in den Schwalbenneſtern einge⸗ ſperrt ſind, ſo muͤſſen ſie am Morgen allerdings einen der⸗ ben Appetit haben.“ „Und ſie haben eine Fuͤlle ihn zu befriedigen,“ verſetzte Maitre Pierre.„Sie brauchen nicht, wie die Burgunder, nackend zu gehen, um ſich den Leib fuͤllen zu koͤnnen,— ſie ſind wie Grafen gekleidet, und ſchmauſen wie Aebte.“ „Deſto beſſer fuͤr ſie,“ ſprach Durward. „Und weshalb wollt Ihr nicht Dienſte hier nehmen, junger Mann? Euer Oheim wuͤrde, das kann ich wohl behaupten, ſo bald nur eine Stelle im Corps oſſen waͤre, Euch angeſtellt haben. Und, laßt es Euch ins Ohr ſagen, ich ſelbſt bin nicht ohne Einfluß, und koͤnnte Euch von einigem Nutzen ſeyn. Ihr koͤnnt, wie ich vermuthe, eben ſo gut reiten, als den Bogen ſpannen?“ „Die Durwards ſind eben ſo gute Reiter, als je Einer —— 91.. einen beſchlagenen Schuh in einen ſtaͤhlernen Steigbuͤgel ſetzte, und ich weiß nicht, warum ich Euer guͤtiges Aner⸗ bieten nicht annehmen ſollte. Aber ſeht, Nahrung und Kleidung ſind zwar nothwendige Dinge; allein Maͤnner in meiner Lage denken an Ehre, Befoͤrderung und tapfere Waſſenthaten. Euer Koͤnig Ludwig,— Gott ſegne ihn,. denn er iſt ein Freund und Verbuͤndeter von Schott⸗ land,— aber er ſitzt hier in ſeinem Schloſſe, oder reitet nur von einer befeſtigten Stadt zur anderen, und gewiunt Staͤdte und Provinzen durch politiſche Geſandtſchaften, und nicht in offener Fehde. Was mich betriſſt, ſo bin ich der Meinung der Douglas, die immer im Felde waren, weil ſie lieber eine Lerche ſingen, als eine Maus pfeifen hoͤren.“ „Junger Mann,“ erwiederte Maitre Pierre,„urtheilt nicht ſo raſch uͤber die Handlungen der Herrſcher. Ludwig ſucht das Wüßt ſeiner Unterthanen zu ſchonen, und kuͤm⸗ mert ſich nicht um ſein eigenes. Er hat ſich als ein muth⸗ voller Mann bei Montlhery bewieſen.“ „Ja, aber das war vor einigen dutzend Jahren und noch mehr,“ entgegnete der Juͤngling.—„Ich moͤchte einen Herrn folgen, der ſeine Ehre eben ſo glaͤnzend hielte, als ſein Schild, und mich immer in das dichteſte Gedränge der Schlacht voran wagen.“ „Warum ſeyd Ihr dann nicht in Bruͤſſel bei dem Her⸗ zog von Burgund geblieben? Er wuͤrde Euch Gelegenheit gegeben haben, Euere Knochen jeden Tag zu brechen, und baͤtte dieß Geſchaͤft lieber ſelbſt uͤbernommen, als es fehl⸗ ſchlagen ſehen,— insbeſondere, wenn er vernaͤhme, daß Ihr ſeinen Forſter geſchlagen habt.“ — 92 „Sehr wahr,“ ſprach Quentin;„mein Unſtern hat mir dieſe Thuͤr verſchloſſen.“ „Nun, es giebt uͤberall eine Menge Heerfuͤhrer, die dem Teufel Trotz bieten wuͤrden, bei denen junge Feuer⸗ koͤpfe Dienſte finden koͤnnen,“ verſetzte ſein Rathgeber. „Was haltet Ihr, zum Beiſpiel, von Wilhelm von der Mark?“ „Wie!“ rief Durward,„dem mit dem Barte dienen— dem wilden Eber aus den Ardennen dienen— einem An⸗ fuͤhrer von Raͤubern und Moͤrdern, der einem Manne, um den Beſitz ſeines Reiſemantels, das Leben nehmen wuͤrde, der Prieſter und Pilgrimme toͤdtet, als ob es eben ſo viel Lanzknechte und bewaſſnete Maͤnner waͤren? Es wuͤrde ein unvertilgbarer Fleck auf meines Vaters Wappenſchild ſeyn.“ „Nun wohl, mein junger Hitzkopf,“ verſetzte Maitre Pierre,„wenn Ihr den Eber nicht gewiſſenhaft genug haltet, warum folgt Ihr dann nicht dem jungen Herzog von Geldern?“ „Eben ſo leicht wuͤrde ich dem boͤſen Feind folgen,“ erwiederte Quentin.„Laßt Euch in's Ohr ſagen— er iſt eine zu ſchwere Laſt fuͤr die Erde— die Hoͤlle oͤſſnet ſich chm. Man behauptet, daß er ſeinen Vater gefangen haͤlt, und daß er ihn ſogar geſchlagen habe— koͤnnt Ihr es glauben?“ Maitre Pierre ſchien durch die unbefangene Weiſe, wo⸗ mit der junge Schotte ſeinen Abſcheu gegen kindliche Un⸗ dankbarkeit ausdruͤckte, etwas verlegen, und verſetzte,„Ihr wißt nicht, junger Mann, wie locker die Bande des Bluts zwiſchen Perſonen hohen Ranges geknuͤpft ſind,“ und ſetzte ,— —,— —..———— 93 dann, den gefuͤhlvollen Ton, in dem er ſeine Rede begon⸗ nen hatte, in einen munteren verwandelnd, hinzu,„uͤbri⸗ gens, wenn der Herzog ſeinen Vater ſchlug, ſo ſtehe ich Euch dafuͤr, daß der Vater ihn ehemals geſchlagen hat, und ſo iſt es alſo bloß ein Abſchluß der Rechnung.“ „Ich wundere mich, Euch ſo reden zu hoͤren,“ ſprach der Schotte, vor Unwillen erroͤthend;„ein Mann mit grauem Kopfe wie Ihr, ſollte geeignetere Gegenſtaͤnde des Scherzes waͤhlen. Wenn der alte Herzog ſeinen Sohn in ſeiner Kindheit geſchlagen hat, ſo iſt dieß nicht genug ge⸗ ſchehn, denn es waͤre beſſer geweſen, er waͤre unter der Zuchtruthe geſtorben, als zu leben, um die ganze Chri⸗ ſtenheit erroͤthen zu machen, daß ein ſolches Ungeheuer je getauft wurde.“ „Nach der Art und Weiſe, wie Ihr die Charaktere je⸗ des Fuͤrſten und Anfuͤhrers abwaͤgt, ſo daͤchte ich, Ihr haͤttet beſſer gethan, ſelbſt ein Anfuͤhrer zu werden, denn wo wird ein ſo weiſer Mann ein Oberhaupt finden, das geeignet waͤre, ihm zu befehlen?“ „Ihr verlacht mich, Maitre Pierre,“ ſprach der Juͤng⸗ ling mit guter Laune,„und vielleicht habt Ihr Recht; allein Ihr habt mir Einen nicht genannt, der ein tapferer Anfuͤhrer iſt und hier eine gute Partei hat, einen Mann, unter dem man mit Ehren Dienſte nehmen koͤnnte.“ „Ich errathe nicht, wen Ihr meint.“ 4 „Ei, der, welcher gleich Mahomed's Sarg, verflucht moͤge er ſeyn, zwiſchen zwei Magneten haͤngt— er, den Keiner weder einen Franzoſen noch Burgunder nennen kann, der aber zwiſchen Beiden das Gleichgewicht zu bal⸗ 94 ten verſteht, der Beide noͤthigt, ihn zu fuͤrchten und ihm zu dienen, ſo maͤchtige Fuͤrſten ſie auch ſeyn moͤgen.“ „Ich kann nicht errathen, wen Ihr meint,“ erwiederte Maitre Pierre nachdenkend. „Nun, wenn koͤnnte ich meinen, als den edlen Ludwig von Luxemburg, Graf von Sanct Pol, den Großconne⸗ table von Frankreich? Er weiß dort ſeinen Platz mit ſei⸗ ner kleinen tapferen Armee gut zu behaupten, und traͤgt den Kopf eben ſo hoch, als Koͤnig Lundwig oder Herzog Carl, zwiſchen Beiden das Gleichgewicht haltend, gleich einem Knaben, der in der Mitte auf einem Bret ſteht, waͤhrend zwei andere es an den beiden Enden in Schwin⸗ gung ſetzen.“ „Er iſt in Gefahr, den ſchlimmſten Fall von allen dreien zu thun,“ erwiederte Maitre Pierre.„Und hoͤrt, mein junger Freund, Ihr, der Ihr das Pluͤndern fuͤr ein ſol⸗ ches Verbrechen haltet, wißt Ihr, daß Euer politiſcher Graf von Sanct Pol, der Erſte war, der das Beiſpiel der Verbrennung des Landes in Kriegszeiten gab? und daß vor der ſchaͤndlichen Verheerung, die er ſich zu Schul⸗ den kommen ließ, oſſene Staͤdte und Doͤrfer, welche keinen Widerſtand leiſteten, von Jedermann verſchont blieben?“ „Nun wahrlich,“ ſprach Durward,„wenn das der Fall iſt, ſo fange ich an zu glauben, daß keiner dieſer großen Herren viel beſſer, als der andere iſt, und daß eine Wahl zwiſchen ihnen, nicht viel beſſer iſt, als die des Baumes, woran man gehaͤngt werden ſoll. Aber dieſer Graf von Sanet Pol, dieſer Connetable hat ſich auf eine gute Art in den Beſitz der Stadt zu ſetzen gewußt, welche den Na⸗ men meines verehrten Schutzheiligen, Sanct Quentin — 9⁵ fuͤhrt,“— hier bekreuzte er ſich,—„und ich glaube daher, daß, wenn ich dort waͤre, mein heiliger Schutzpatron mich etwas unter ſeine Obhut nehmen wuͤrde— denn es fuͤh⸗ ren nicht ſo Viele ihren Namen nach ihm, als nach Euren beim Volke beliebteren Heiligen— und doch muß er den armen Quentin Durward, ſeinen Pathen, vergeſſen ha⸗ ben, weil er mich einen Tag ohne Nahrung laͤßt, und am folgenden Morgen dem Schutze Sanct Julian's und der zufaͤlligen Hoͤflichkeit eines Freiden uberlaͤßt, erkauft durch ein Bad in dem beruͤhmten Fluß Cher, oder einem ſeiner Arme.“ 3 „Laͤſtere nicht die Heiligen, mein junger Freund,“ ver⸗ ſetzte Maitre Pierre.„Sanct Julian iſt ein treuer Be⸗ ſchuͤtzer der Reiſenden, und der geſegnete Sanct Quentin hat durch Zufall mehr und beſſer fuͤr Dich geſorgt, als Du denkſt.“ Waͤhrend er ſprach, oͤſſnete ſich die Thuͤr, und ein Maͤd⸗ chen von etwa funfzehn bis ſechzehn Jahren trat ein, eine, mit einer damaſtenen Serviette bedeckte Schuͤſſel tragend, worauf ein kleines Naͤpfchen mit den getrockneten Pflau⸗ men, wofuͤr Tours immer beruͤhmt geweſen iſt, und ein Becher von der ſauberen emaillirten Arbeit ſtand, wodurch die Goldſchmiede jener Stadt ſich ehemals auszeichneten, und die ſie zu einem Grade der Feinheit und Kunſtfertig⸗ keit gebracht hatten, welche ſie vor den anderen Staͤdten Frankreichs auszeichnete, und ſelbſt die Geſchicklichkeit der Hauptſtadt uͤbertraf. Die Form des Bechers war ſo ele⸗ gant, daß Durward nicht daran dachte, naͤher zu unter⸗ ſuchen, ob er von Silber, oder einem geringeren Metall, gleich dem vor ihm hingeſtellten Becher ſey, der jedoch ſo ſchoͤn polirt war, daß er einem koſtbarerem Metalle glich. Aber der Anblick der jungen Perſon, welche die Auf⸗ wartung hatte, zog Durwards Aufmerkſamkeit weit mehr auf ſich, als die Einzelnheiten des Dienſtes, den ſie ver⸗ richtete. 3— Er machte ſchnell die Entdeckung, daß eine Fuͤlle lan⸗ ger ſchwarzer Flechten, welche nach der Maͤdchenſitte ſei⸗ nes Vaterlandes außer einem leicht gewundenen Kranz von Epheublaͤttern ganz ungeſchmuͤckt waren, und einen Schleier um ein Anrlitz bildeten, deſſen regelmaͤßige Zuͤge, dunkle Augen und denkende Miene dem, Melpomenens glichen,— daß ein leiſer Anflug von Roͤthe ihre Wangen faͤrbte, und daß der Ausdruck des Mundes und der Augen andeutete, Froͤhlichkeit ſey dieſen einnehmenden Zuͤgen nicht freind, wenn ſie gleich nicht gewoͤhnlich dieß Ge⸗ praͤge truͤgen. Quentin glaubte ſelbſt bemerken zu koͤn⸗ nen, daß druͤckende Umſtaͤnde die Urſache waͤren, welche einem ſo jungen und ſo lieblichem Geſichte einen ernſteren Anſtrich gaͤbe, als mit einer aufbluͤhenden Schoͤnheit ver⸗ einbar ſey; und da die romanhafte Einbildungskraft der Jugend immer bereit iſt, aus den geringſten Anzeichen Schluͤſſe zu ziehen, ſo gefiel es ihm, aus dem fol⸗ genden Geſpraͤche abzunehmen, daß das Schickſal dieſer reizenden Erſcheinung in Geheimniß und Schweigen ge⸗ huͤllt ſey. 3 „Was ſoll das, Jacqueline!“ rief Maitre Pierre, als ſie in das Zimmer trat.—„Weshalb geſchiehr dieß? Hatte ich nicht verlangt, daß Frau Perette bringen ſollte, was 97 . 4 ich bedurfte?— Pasques dieu!— Iſt ſie, oder Bätt ſie ſich zu gut, mir zu dienen?“ „Meine Mutter iſt unpaͤßlich,“ erwiederte Jacqueline, in einem haſtigen, aber demuͤthigen Tone,„ſie iſt unwohl, und huͤtet das Zimmer.“ „Und zwar allein, wie ich hoffe,“ ſprach Maitre Pierre mit einigem Nachdruck;„ich bin ein alter erfah⸗ rener Mann, und keiner von Denen, bei welchen erkuͤn⸗ ſtelte Unpaͤßlichkeiten als Entſchuldigungen gelten.“ Bei dieſen Worten des Maitre Pierre erbleichte I. Jacque⸗ line, und begann zu wanken; denn es iſt nicht zu laͤug⸗ nen, daß ſeine Stimme und Blicke, zwar immer rauh, cauſtiſch und unangenehm, widrig und Furcht erregend wurden, wenn er Zorn oder Argwohn ausdruͤckte. Das ritterliche Gefuͤhl des Bergbewohners Quentin Durward war ſogleich erwacht, und er eilte, ſich Jacqueli⸗ nen zu naͤhern und ſie von der Laſt die ſie trug, zu be⸗ freien, welches ſie ihm willig uͤberließ, waͤhrend ſie mit einem ſchuͤchternen und aͤngſtlichen Blick die Geſichtszuͤge des zornigen Buͤrgers beobachtete. Es lag nicht in der Natur der Dinge, ihren durchdringenden, um Mitleid ſle⸗ henden Blicken zu widerſtehen, und Maitre Pierre fuhr fort, zwar nicht ganz mit einer Miene verminderten Miß⸗ fallens; jedoch mit ſo viel Artigkeit, als er in ſeinem Ge⸗ ſicht und Benehmen auszudruͤcken vermochte,„ich tadle Dich nicht, Jacqueline, denn Du biſt zu jung, um ſchon jetzt zu ſeyn, was Du, wie man leider denken muß, einſt ſehn wirſt— ein falſches, treuloſes Geſchoͤpf, gleich Dei⸗ nem ganzen leichtſinnigen Geſchlecht. Niemand erreichte D. 1. 7 3 98. je das Mannesalter, ohne euch Alle kennen zu lernen. Hier iſt ein ſchottiſcher Cavalier, der Dir das Naͤmliche ſagen wird.“ Jacqueline ſchaute einen Augenblick auf den Fremden, als ob ſie nur Maitre Pierre gehorchen wolle; allein die⸗ ſer Blick, ſo fluͤchtig er auch war, ſchien Durward eine beredte Aufforderung zum Beiſtand und zur Theilnahme⸗ Mit der Schnelligkeit, welche das jugendliche Gefuͤhl und die romantiſche Ehrfurcht fuͤr das weibliche Geſchlecht,— eine Wirkung ſeiner Erziehung,— ihm einfloͤßte, erwiederte er haſtig,„daß er jedem Gegner von gleichem Range und Alter, den Handſchuh hinwerfen wuͤrde, der es wage, zu behaupten, daß ſolche Geſichtszuͤge, als er jetzt vor Augen habe, durch etwas Anderes, als das reinſte und aufrichtigſte Gemuͤth beſeelt werden koͤnnten. Das junge Maͤdchen ward leichenblaß, und warf einen furchtſamen Blick auf Maitre Pierre, bei dem die Groß⸗ prahlerei des jungen Helden ein mehr ſpottiſches, als bei⸗ faͤlliges Laͤcheln zu erregen ſchien. Quentin, bei welchem gewoͤhnlich der zweite Gedanke den erſten verbeſſerte, ob⸗ gleich manchmal erſt, wenn er ſchon mit Worten ausge⸗ druͤckt war, erroͤthete tief, in Gegenwart eines alten, ein friedliches Gewerbe treibenden Mannes, etwas geaͤußert zu haben, das als eine leere Prahlerei gedeutet werden konnte; und er beſchloß, als eine Art gerechter und geeig⸗ neter Buͤßung, ſich geduldig dem Spott zu unterwerfen, den er ſich zugezogen hatte. Er bot den Becher und das Naͤpfchen dem Maitre Pierre errothend und mit demuͤthi⸗ gen Blicken dar, die er unter einem verlegenen Laͤcheln zu verbergen ſuchte. — 99. „Ihr ſeyd ein junger Thor,“ ſprach Maitre Pierre, „und kennt die Weiber eben ſo wenig, als die Fuͤrſten,— deren Herzen,“ ſetzte er, ſich andaͤchtig bekreuzend hinzu, „Gott in ſeiner rechten Hand haͤlt.“ „Und wer haͤlt denn die der Weiber?“ fragte Quen⸗ tin, entſchloſſen, ſich, wenn er es verhindern koͤnnte, nicht durch das angemaßte Uebergewicht dieſes außerordentlichen alten Mannes uͤberwaͤltigen zu laſſen, deſſen ſtolzes und nachlaͤßiges Benehmen eine Gewalt uͤber ihn ausuͤbte, de⸗ ren er ſich ſchaͤmte. „Da werdet Ihr, fuͤrcht' ich, anderswo darnach fragen muͤſſen,“ erwiederte Maitre Pierre ruhig. Quentin war auf's Neue zuruͤckgewieſen, aber nicht ganz aus der Faſſung gebracht.„Sicherlich,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„habe ich dieſem Buͤrger von Tours nicht ſoviel Achtung wegen der Verbindlichkeit eines elenden Fruͤhſtuͤcks bewieſen, obgleich es ein recht gutes und nahr⸗ haftes Mahl war. Hunde und Falken gewinnt man durch Nahrung— Menſchen aber muͤſſen wohlwollend ſeyn, wenn man ſie durch Bande der Zuneigung und Dankbar⸗ reit feſſeln will. Aber er iſt ein merkwuͤrdiger Mann; und dieſe bezaubernde Erſcheinung, welche ſchon wieder ent⸗ ſchwinden will,— ſicher gehoͤrt ein ſo reizendes Weſen nicht dieſem geringen Orte, und eben ſo wenig dem gewinnſuͤch⸗ tigen Kaufmann an, obgleich er eine gewiſſe Herrſchaft uͤber ſie zu uͤben ſcheint, ſo wie dieß ohne Zweifel mit Allen, die der Zufall in ſeinen kleinen Kreis fuͤhrt, der Fall iſt. Es iſt zum Erſtaunen, welche Begriſſe von Wich⸗ tigkeit die Flamlaͤnder und Franzoſen mit dem Reichthum verbinden— unendlich mehr, als der Reichthum ver⸗ 3—— dient, daß ich vermuthe, dieſer alte Kaufmann ſchreibt die Hoflichkeit, welche ich ſeinem Alter beweiſe, auf Rechnung ſeines Mammons— ich, ein ſchottiſcher Edelmann von altem Geſchlecht und Wappen, und er ein Buͤrger von Tours!“ Dieß waren die Gedanken, welche ſchuell die Seele des jungen Durward durchkreuzten; waͤhrend Maitre Pierre laͤchelnd, und mit der Hand Jacquelinens lang herabhaͤn⸗ gende Flechten ſtreichend, zu dieſer ſagte:„dieſer junge Mann wird mich bedienen, Jacqueline,— Du kannſt Dich entfernen. Ich werde Deiner ſorgloſen Mutter ſagen, daß ſie uͤbel thut, Dich unndthigerweiſe fremden Blicken aus⸗ zuſetzen.“ „Es geſchah nur, um Euch zu bedienen„ entgegnete das Maͤdchen.„Ich hoſſe, Ihr werdet nicht unzufrieden ſeyn mit Eurer Verwandtinn, weil—“ „Pasques dien!“: rief der Kaufmann, ſie unterbre⸗ chend, doch nicht in rauhem Tone,„wollt Ihr Worte mit mir wechſeln, Ihr kleine Brut, oder bleibt Ihr hier, die⸗ ſen Juͤngling zu beaugeln?— Geht— er iſt ein Edel⸗ mann, und ſeine Bedienung reicht mir hin.“ Jacqueline entfernte ſich; und ſo ſehr war Quentin Dur⸗ ward mit ihrem ploͤtzliche Verſchwinden beſchaͤftigt, daß der angeſponnene Faden ſeiner Bemerkungen brach und er mechaniſch gehorchte, als Maitre Pierre, ſich nachlaͤbig in einen großen Lehnſtuhl werfend, im Ton eines an Ge⸗ horſam gewoͤhnten Mannes zu ihm ſprach,„ſtellt dieſe Schuͤſſel neben mich.““ Der Kaufmann ließ die dunklen Brauen uͤber ſen ſcharfblickenden Augen ſinken, ſo, daß ſie kaum ſichtbar 101 waren und nur zuweilen einen fluͤchtigen, durchdringenden Strahl hervor ſchoſſen, gleich der, hinter einer duͤſteren Wolke verborgenen Sonne, deren Strahlen nur von Zeit zu Zeit, aber einzeln und voruͤbergehend, die Dunkelheit Durchorechen. 1 „Iſt es nicht ein reizendes Geſchöpf,“ fragte Maitre Pierre endlich, indem er den Kopf erhob, und waͤhrend dieſer Frage einen feſten, unverwandten Blick auf Quen⸗ tin heftete,— ein zu liebenswuͤrdiges Weſen fuͤr eine Die⸗ nerinn in einem Gaſthofe?— Sie wuͤrde den Tiſch eines ehrſamen Buͤrgers zieren; aber ſie iſt von gemeiner Er⸗ ziehung und niedriger Herkunft.“ Es ereignet ſich manchmal, daß ein zufaͤlliger Schuß ein ſchoͤnes Luftſchloß zerſtoͤrt. In ſolchen Faͤllen weiß der Erbauer es Demjenigen, von welchem es ausging, wenig Dank, wenn gleich der Schaden ſeinerſeits ganz unabſicht⸗ lich angerichtet ward. Quentin war verlegen, und zum Unwillen gegen den Alten— er wußte ſelbſt nicht warum — geſtimmt, daß er ihm bekannt machte, dieß bezaubernde Geſchoͤpf ſey nichts mehr noch weniger, als ihre Beſchaͤf⸗ tigung andeutete— eine Dienerinn dieſes Gaſthofs— eine der erſten Dienerinnen zwar, und wahrſcheinlich eine Nichte des Wirths, oder ſo etwas Aehnliches; allein immer doch eite Dienerinn, und gendthigt, den Launen der Gaͤſte, und insbeſondere dem Maitre Pierre zu gehorchen, dem es wahrſcheinlich an Grillen nicht fehlte, und der reich ge⸗ nug war, ſich die Befriedigung derſelben zu ſichern. Der Gedanke, der nicht weichen wollte, kehrte anf's Neue dei ihm zuruͤck, daß er dem alten Herrn den Ur ter⸗ 102 ſchied ihres Standes begreiflich machen, und ihm bedeuten muſſe, daß, wie reich er auch immer ſeyn moͤge, ſein Reichthum ihn dennoch auf keine Weiſe mit einem Dur⸗ ward von Glen⸗Houlakin gleich ſtelle. Allein wenn er mit einem ſolchen Vorſatz in Maitre Pierre's Antlitz ſchaute, ſo war darin, ungeachtet des geſenkten Blicks, der einge⸗ fallenen Geſichtszuͤge, und ſeiner geringen, ſchlechten Klei⸗ dung, ein Etwas, welches den jungen Mann abhielt, das Uebergewicht uͤber den Kaufmann zu behaupten, welches er zu beſitzen glaubte. Im Gegentheil, je dfterer und auf⸗ merkſamer Quentin ihn anblickte, um ſo mehr ſtieg ſeine Neugier, zu wiſſen, wer, oder was dieſer Mann gegen⸗ waͤrtig war; und er hielt ſich im Inneren uͤberzeugt, daß er wenigſtens ein Syndicus, oder eine hohe obrigkeitliche Perſon von Tours, oder doch ein Mann ſeyn muͤſſe, der auf eine oder andere Weiſe gewohut ſey, Achtung zu for⸗ dern und zu erlangen. Inzwiſchen ſchien Maitre Pierre wieder in Gedanken verſunken, deren er ſich nur entſchlug, um andaͤchtig das Zeichen des Kreuzes zu machen, und einiges von den ge⸗ trockneten Fruͤchten mit Zwieback zu genießen. Dann gab er Quentin ein Zeichen, ihm den Becher darzureichen, wo⸗ bei er, als dieſer ſein Begehren erfuͤllte, hinzufuͤgte— „Ihr ſeyd ein Edelmann.“ „Gewiß bin ich das,“ erwiederte der Schotte,„wenn anders ſechzehn Ahnen mich dazu machen koͤnnen— ich ſagte Euch dieß ſchon zuvor. Allein laßt Euch das nicht hindern, Maitre Pierre,— man hat mich immer gelehrt, daß es die Pflicht der Jugend iſt, dem Alter zu dienen.“ „Ein trefflicher Grundſatz,“ ſprach der Kaufmann, den 403 Becher nehmend, welchen der Juͤngling ihm reichte, und ihn aus einer Gießkanne fuͤllend, die von demſelben Me⸗ tall wie das Trinkgeſchirr zu ſeyn ſchien, ohne irgend ein Bedenken in Hinſicht der Schicklichkeit zu zeigen, welches Quentin vielleicht erwartet hatte. „Der Henker hole die Ruhe und Vertraulichkeit dieſes alten Buͤrgers,“ ſprach Durward zu ſich ſelbſt;„er laͤßt ſich von einem ſchottiſchen Edelmann mit eben ſo wenig Ceremonie bedienen, als es bei mir mit einem Landmann von Gleu⸗isla der Fall ſeyn wuͤrde.“ Maitre Pierre, der immittelſt ſeinen Becher Waſſer geleert hatte, ſprach zu ſeinem Gefaͤhrten,„da Ihr ſo thaͤ⸗ tig bewieſen habt, daß Euch der vin de Beaune mundete, ſo vermuthe ich, Ihr wuͤrdet mir in dieſer einfachen Fluͤſ⸗ ſigkeit nicht gern Beſcheid thun. Aber ich habe ein Elixir bei mir, das ſelbſt Waſſer aus dem Felſenquell in den koͤſtlichſten Wein Frankreichs verwandeln kann.“ Waͤhrend er ſprach, zog er eine große Boͤrſe von Seeot⸗ terfell aus dem Buſen, und ließ einen Regen kleiner Sil⸗ berſtuͤcke in den nicht großen Becher ſtroͤmen, bis er mehr als halb gefuͤllt war. „Ihr habt Urſache, junger Mann,“ verſetzte Maitre Pierre,„ſowohl Eurem Schutzheiligen Sanct Quentin, als Sanct Julian dankbarer zu ſeyn, als Ihr bis jetzt zu ſeyn ſchienet, und ich rathe Euch, Almoſen in ihrem Namen auszutheilen. Bleibt in dieſem Gaſthof bis Ihr Euren Verwandten, den Mann mit der Schmarre ſeht, der die⸗ ſen Nachmittag von der Wache abgeloͤſet wird. Ich werde ihn benachrichtigen laſſen, daß er Euch hier finden kann, denn ich habe Geſchaͤfte im Schloſſe.“ 104 Quentin Durward wollte etwas ſagen, um die ver⸗ ſchwenderiſche Freigebigkeit ſeines neuen Freundes ab⸗ zulehnen; allein Maitre Pierre runzelte ſeine finſteren Augenbrauen, und ſeine gebuͤckte Geſtalt zu einer wuͤr⸗ devolleren Stellung erhebend, als er ihn bis jetzt noch hatte annehmen ſehn, ſprach er zu ihm im gebietenden Tone, „keine Antwort, junger Mann, und thut was Euch be⸗ fohlen wird.“ Bei dieſen Worten verließ er das Zimmer, Quentin durch ein Zeichen andeutend, daß er ihm nicht folgen ſolle. Der junge Schotte ſtand erſtaunt, und wußte nicht, was er von dem Allem denken ſolle. Sein erſter und natuͤr⸗ lichſter, wenn gleich nicht edelſter Antrieb war, einen Blick in den ſilbernen Becher zu werfen, der wirklich uͤber die Haͤlfte mit Silberſtuͤcken, bis zu einer Anzahl von meh⸗ reren Dutzend gefuͤllt war, deren Quentin vielleicht noch niemals in ſeinem ganzen Leben zwanzig ſein Eigenthum genannt hatte. Aber war es vereinbar mit ſeiner Wuͤrde als Edelmann, das Geld eines reichen Plebejer's anzuneh⸗ men?— dieß war eine kitzliche Frage; denn wenn er ſich gleich ein gutes Fruͤhſtuͤck geſichert hatte, ſo war ſein Geld⸗ vorrath doch nicht groß genug, um entweder nach Dijon zuruͤck, im Fall er es auf den Zorn des Herzogs von Bur⸗ gund wagen, und in deſſen Dienſte treten wollte, oder nach Sanct Quentin zu reiſen, wenn er ſich fuͤr die des Connetable von Sanct Pol beſtimmen wollte; denn einem von dieſen Beiden, wo nicht dem Koͤnig von Frankreich, war er entſchloſſen, ſeine Dienſte anzubieten. Er faßte vielleicht, den Umſtaͤnden nach, den weiſeſten Entſchluß, ſich durch den Rath ſeines Onkels leiten zu laſſen. Im⸗ mittelſt ſteckte er das Geld in ſeine ſammetne Jasdtaſche, und rief den Wirth des Hauſes, um ihm den ſilbernen Becher zuruͤck zu geben— und entſchloſſen, ihn zugleich uͤber dieſen freigebigen und gebieteriſchen Kaufmann zu befragen. Der Wirth erſchien ſogleich; und war, wenn auch nicht mittheilender, doch mindeſtens geſpraͤchiger, als er zuerſt ſchien. Er weigerte ſich beſtimmt, den Becher zuruͤck zu nehmen. Er gehoͤre nicht ihm, erklaͤrte er, ſondern Mai⸗ tre Pierre, der ihn ſeinem Gaſt geſchenkt habe. Er beſitze zwar wirklich vier ſilberne Humpen, die ihm ſeine Groß⸗ mutter, ſeligen Andenkens, hinterlaſſen habe; allein ſie hatten mit dieſem treſſlichen Kunſtwerk, welches ſich jetzt in ſeines Gaſtes Haͤnden befinde, nicht mehr Aehnlichkeit, als eine Ruͤbe mit einer Pfirſche.— Dieß ſey einer der beruͤhmten Becher von Tours, von Martin Dominigue gearbeitet, einem Kuͤnſtler, der es mit ganz Paris auf⸗ nehmen koͤnne. „Und nun ſagt mir doch, wer iſt dieſer Maitre Pierre, der Fremdlingen ſo koſtbare Geſchenke macht?“ fragte Durward, ihn unterbrechend. „Wer Maitre Pierre iſt?“ erwiederte der Wirth in⸗ dem er dieſe Worte ſeinen Lippen ſo langſam entfauen ließ, als ob er ſie deſtillirt haͤtte. „Nun,“ fragte Durward haſtig und gebieteriſch,„wer iſt dieſer Maitre Pierre, und warum wirft er ſo mit Ge⸗ ſchenken um ſich? Und wer iſt dieſer, einem Fleiſcher aͤhn⸗ liche Menſch⸗ den er voraus ſandte, das Fruͤhſtuͤck zu be⸗ 3 ſiellen? 2*4 „Ei, mein ſchoͤner Herr, was den Maitre Pierre be⸗ triſſt, ſo ſolltet Ihr die Frage ihm ſelbſt vorgelegt haben, und anlangend den Herrn, der das Fruͤhſtuͤck beſtellte, ſo moͤge uns Gott vor ſeiner näheren Bekanntſchaft bewah⸗ ren!“ „Es iſt etwas geheimnißvolles in dieſem Allen,“ ſprach der junge Schotte.„Dieſer Maitre Pierre ſagt mir, er ſey ein Kaufmann.“ 4 „Und wenn er Euch dieß geſagt hat,“ entgegnete der Gaſtwirth,„ſo iſt er auch gewiß ein Kaufmann.“ „Mit welchen Waaren handelt er?“ „O, mit vielen ſchoͤnen Artikeln,“ erwiederte der Wirth, „und insbeſondere hat er hier Seidenmanufakturen ange⸗ legt, die es mit den Ballen der reichſten Stofſe, welche die Venetianer aus Indien und Cathay bringen, auf⸗ nehmen. Ihr werdet bei Eurer Ankunft die Reihen von Maulbeerbaͤumen geſehen haben, die alle auf Maitre Pier⸗ re's Befehl gepflanzt ſind, um die Seidenwuͤrmer zu fuͤt⸗ tern.“ „Und wer iſt das junge Frauenzimmer, welches die Fruͤchte brachte, guter Freund?“ fragte der Gaſt. „Meine Hausgenoſſinn, Sir, mit ihrer Aufſeherinn, einer Baſe oder ſonſtigen Verwandtinn, wie ich glaube,“ verſetzte der Wirth. „Und gebraucht Ihr gewoͤhnlich Eure Gaͤſte dazu, einer den andern zu bedienen?“ fragte Durward;„denn ich bemerkte, daß Maitre Pierre weder aus Eurer, noch aus Eures Aufwaͤrters Hand irgend etwas nahm.“ „Reiche Leute haben ihre Grillen; denn ſie koͤnnen da⸗ fuͤr bezahlen,“ verſetzte der Wirth;„dieß iſt nicht das 107 Erſtemal, daß Maitre Pierre Mittel gefunden hat, ſich von Edelleuten bedienen zu laſſen.“ Der junge Schotte fuͤhlte ſich etwas beleidiget durch dieſe Bemerkung; doch verhehlte er ſeinen Verdruß und fragte, ob er auf einen Tag, oder vielleicht auf laͤngere Zeit, ein Zimmer in ſeinem Hauſe haben koͤnne, „Allerdings,“ verſetzte der Gaſtwirth,„ſo lange Ihr wollt.“ Dann fragte er weiter,„ob es ihm erlaubt ſey, den Damen, deren Hausgenoſſe er werden wuͤrde, ſeine Auf⸗ wartung zu machen?“ Dieſe Frage ſchien den Wirth etwas in Verlegenheit zu ſetzen.„Die Damen gingen nicht aus,“ ſagte er,„und naͤhmen keine Beſuche an.“ „Das heißt vermuthlich mit Ausnahme Maitre Pier⸗ re's?“ fragte Durward. „Ich habe keine Erlaubniß, irgend eine Ausnahme zu nennen,“ antwortete der Wirth in feſtem aber ehrerbie⸗ tigem Tone. Quentin, der von ſeiner Wichtigkeit hoͤhere Begriſſe hatte, als mit feinen Mitteln, ſie geltend zu machen, ver⸗ traͤglich ſchien, fand ſich durch die Antwort des Wirths etwas beleidigt und trug kein Bedenken, eine, in jenem Zeitalter ziemlich gewoͤhnliche Sitte zu benutzen.„Ueber⸗ bringt,“ ſprach er,„dieſen Damen eine Flaſche Vernat und ſagt, Quentin Durward aus dem Hauſe Glen⸗Hou⸗ lakin, ein ſchottiſcher Cavalier von Ehre und ihr jetziger Hausgenoſſe, bitte um die Erlaubniß, zhnen perſoͤnlich ſeine Huldigungen darzubringen.“ — 108 Der Abgeſandte ging und kehrte faſt augenblicklich mit der Antwort zuruͤck; die Damen ließen dem ſchottiſchen Cavalier danken, lehnten aber die dargebotene Erfriſchung ab und bedauerten, daß ſie bei ihrer eingezogenen Lebens⸗ weiſe ſeinen Beſuch nicht annehmen koͤnnten. Quentin biß ſich in die Lippen, trank einen Becher von dem verſchmaͤhten Vernat, den der Wirth auf den Tiſch geſetzt hatte, und ſagte bei ſich ſelbſt:„Bei der Meſſe! Dieß iſt ein ſeltſames Land! Kaufleute und Handwerker geben ſich Mienen und ſind ſo freigebig wie große Her⸗ ren; und reiſende Daͤmchen, die in einer Dorfſchenke hau⸗ ſen, geben ſich ein Anſehn, als waͤren ſie verkleidete Prin⸗ zeſſinnen! Gleichwohl will ich das ſchwarzaͤugige Maͤdel wiederſehen, und wenn es noch ſo ſchwer halten ſollte.“ Nach dieſem klugen Beſchluſſe verlangte er, daß man ihm ſein Zimmer anweiſen ſolle. Der Wirth fuͤhrte ihn eine Wendeltreppe hinan und hierauf eine Gallerie entlang, welche wie ein großer Gang zu mehreren Thuͤren fuͤhrte;— eine Aehnlichkeit, die un⸗ ſern jungen Helden, der ſich eines unerfreulichen Proͤb⸗ chens des langweiligen Kloſterlebens aus der Erfahrung erinnerte, keinesweges gefiel. Ganz am Ende der Gallerie blieb der Wirth ſtehen, ſuchte aus dem großen Schluͤſſel⸗ bunde in ſeinem Guͤrtel einen Schluͤſſel hervor, und fuͤhrte ſeinen Gaſt in das Innere eines Thurmkaͤmmerchens. Es war zwar klein, aber reinlich, einſam, und mit einem Feldbette und anderm Hausrath verſehen, ſo daß es im Ganzen genommen, ihm ein kleiner Pallaſt zu ſeyn ſchien. „Ich hoſſe, mein Herr, Ihr werdet Euer kleines Zim⸗ mer angenehm finden,“ ſprach der Wirth.—„Es iſt 7 109 meine Pflicht, alle Freunde des Maitre Pierre nach mei⸗ nen Kraͤften aufs Beſte zu bedienen.“. „O gluͤckliche Taufe!“ rief Quentin Durward, decken⸗ hoch ſpringend, ſobald er ſich allein ſah;„nie erſchien das Gluͤck in beſſerer und feuchterer Geſtalt. Es hat mich im buchſtäblichen Verſtande uͤberſtroͤmt.“ Bei dieſen Worten nahete er dem kleinen, ſein Zimmer erhellenden Fenſter, welches, da der Thurm viel weiter hervorſtand als die Fronte des Gebaͤudes, nicht nur auf einen ſehr huͤbſchen, ziemlich großen, zum Wirthshauſe gehoͤrenden Garten, ſondern auch jenſeits deſſelben auf eine ſchoͤne Maulbeerpflanzung,— die naͤtliche, welche Maitre Pierre zur Aufzucht der Seidenwuͤrmer angelegt hatte,— die Ausſicht gewaͤhrte. Als er die Augen pon dieſen fernen Gegenſtaͤnden abwandte, und die Vorderſeite des Hauptgebaͤudes entlang blickte, gewahrte er, daß ſeinem Thuͤrmchen gegen uͤber ein anderes ſtand, welches ein eben ſolches Fenſter hatte, aus dem man das ſeinige uͤberſehen konnte. Nun wuͤrde es einem Manne, der zwanzig Jahre aͤlter geweſen waͤre, als Durward damals zaͤhlte, ſchwer geweſen ſeyn zu ſagen, warum jene Oertlichkeit ihn mehr anzog, als der huͤbſche Garten und das Gehoͤlz von Maul⸗ beerbaͤumen, denn ach! Augen, die ſchon laͤnger als vier⸗ zig Jahre gedient haben, betrachten mit Gleichguͤltigkeit ein Thurmfenſterchen, wenn es auch halb geoͤſſnet iſt, um den Zugang der Luft zu geſtatten und die Fenſterlade hald 4 geſchloſſen iſt, um vor den Sonnenſtrahlen, oder vielleicht 4 vor neugierigen Augen zu ſchuͤtzen;— und zwar ſelbſt dann, wenn an der Fenſtereinfaſſung eine mit einem Schleier von ſeegrüner Seide halbbedeckte Laute haͤngt. Doch in Durwards gluͤcklichem Alter bieten ſolche Neben⸗ umſtaͤnde eine hinreichende Grundlage dar, um hundert luftige Erſcheinungen und geheimnißvolle Muthmaßungen darauf zu gruͤnden, bei deuen der gereifte Mann laͤchelnd ſeufzet, und ſeufzend laͤchelt. Da man vorausſetzen kann, daß unſer Freund Quentin etwas mehr von ſeiner ſchoͤnen Nachbarinn,— der Be⸗ ſitzerinn der Laute und des Schleiers,— zu wiſſen wuͤnſchte; da man ferner vorauſetzen kann, daß ihn zu erfahren ver⸗ langte, ob ſie nicht die naͤmliche ſey, die er den Maitre Pierre mit ſo großer Unterwuͤrfigkeit bedienen ſah, ſo muß man annehmen, daß er ſich nicht mit halbem Leibe, mit offnem Munde und weit aufgerißnen Augen zum Fenſter hinaus reckte. Nein, da verſtand ſich Durward beſſer auf den Vogelfang; er verbarg ſich ſorgfaͤltig an einer Seite des Fenſters, ſtreckte vorſichtig den Kopf hervor, und be⸗ gnuͤgte ſich, durch das Gitter zu ſchauen; dieſer Vorſicht verdankte er das Vergnuͤgen, einen weißen, runden, ſchoͤ⸗ nen Arm das Inſtrument herabnehmen zu ſehen und es gleich nachher mit großer Geſchicklichkeit ſpielen zu hoͤren. Die Jungfrau im Thuͤrmchen,— die Beſitzerinn des Schleiers und der Laute, ſang eine kleine Arie, wie ſie, der Sage nach, den Lippen der hochgebornen Damen aus den Zei⸗ ten des Ritterthums entſtroͤmten, wenn Ritter und Trou⸗ badours horchten und ſchmachteten. Die Worte enthielten weder ſo viel Gefuͤhl, Geiſt und Einbildungskraft, um die Aufmerkſamkeit von der Muſik abzulenken, noch war die Muſik ſo kunſtreich, daß ſie alles Gefuͤhl fuͤr die Schoͤn⸗ heiten der Worte erſtickte. Beides ſchien ganz fuͤr einander 11¹ zu paſſen; und waͤre das Lied ohne harmoniſchen Geſang vorgetragen oder die Melodie ohne Text geſpielt, ſo wuͤrde keins von beiden bemerkenswerth geweſen ſeyn. Es iſt daher kaum zu rechtfertigen, daß wir hier jene Strophen aufbehalten, die weder geſprochen noch geleſen, ſondern nur geſungen zu werden beſtimmt waren. Allein dergleichen Bruchſtuͤcke aus der alten Dichtkunſt hatten fuͤr mich jeder⸗ zeit einen eigenthuͤmlichen Reiz; und da die Melodie auf immer verloren iſt,— wenn unſer Bishop nicht zufaͤllig die Geſangweiſe wieder auffindet, oder eine Lerche unſern Stephens die Arie wirbeln lehrt,— ſo wollen wir unſeru ſchriftſtelleriſchen Ruf und den Geſchmack der Dame mit der Laute daran wagen, und die Strophen einfach und ungeſchmuͤckt wie ſie ſind, hier wiedergeben. 8 „Mein Guy, ſchon iſt die Stunde da, Die Sonne ſank ins Meer; Orangen duften fern und nah, Vom See weht Zephyr her. Die Lerche, die den ganzen Tag 1 8 Ihr Lied gewirbelt, ſchmiegt Ans Maͤnnchen ſich, und ruht gemach, Auf ſchlankem Zweig gewiegt. Ihr Luͤfte, Ihr Voͤglein, Ihr Blumen, Ihr wißt Die gluͤckliche Zeit, wo man liebet und kuͤßt; Doch ach! wo weilet mein Guy! Die Schaͤferinn durch das Gebuͤſch ſich ſchleicht, Zu hoͤren der Minne Wort; Das ſchuͤchterne Fraͤulein das Haͤndchen reicht Dem edlen Ritter dort. 4 112 Bei Hohen und Niedern weckt ſuͤße Triebe Der Alles leitende Stern der Liebe, Doch ach! wo weilet mein Guy! Was der Leſer auch immer von dieſem einfachen Liede denken mag, ſo machte es einen maͤchtigen Eindruck auf Quentin, als er es von einer lieblichen, ſchmelzenden Stimme ſingen hoͤrte, deren Laute ſich mit dem Zepyhr miſchten, oder ihm Wohlgeruͤche aus dem Garten zuwehte, waͤhrend die Geſtalt der Saͤngerinn in ein Halbdunkel ge⸗ huͤllt war, welches uͤber das Ganze einen geheimnißvollen Zauber verbreitete. Beim Schluß des Geſanges konnte der Zuhdrer nicht unterlaſſen, ſich kuͤhner zu zeigen, als er bis dahin gethan hatte, um den Verſuch zu machen, mehr als er vermocht hatte, von ihr zu entdecken. Sogleich ſchwieg die Muſik,— das Fenſter ſchloß ſich, und ein dunkler von Innen nieder⸗ gelaſſener Vorhang, hemmte alle weitere Beobachtungen von Seiten des Nachbars im naͤchſten Thuͤrmchen. 4 Durward fuͤhlte ſich gekraͤnkt und betroſſen uͤber die Folgen ſeiner Voreiligkeit, troͤſtete ſich aber mit der Hofſ⸗ nung, die Lautenſpielerinn werde nicht ſo leicht ein In⸗ ſtrument aufgeben, mit dem ſie ſo vertraut ſchien, und eben ſo wenig grauſam genug ſeyn, dem Genuſſe der freien Luft am oſſnen Fenſter, bloß um des neidiſchen Zweckes willen, zu entſagen, ihren eignen Ohren den ausſchließ⸗ lichen Genuß der Tone vorzubehalten, die ſie ihrer Laute entlockte. Vielleicht miſchte ſich etwas Eitelkeit in dieſe troͤſtenden Betrachtungen. Wenn, wie er vermuthete⸗ ir reitzendes, ſchwarzlockiges Maͤdchen die Bewohnerinn des „ 113 einen Thuͤrmchens war, ſo ſagte ihm ſein Selbſtgefuͤhl, daß ein huͤbſcher, junger, feuriger, blondlockiger Gluͤcksritter der Inhaber des andern ſey; und Romane, dieſe weiſen Rathgeber, hatten dieſen Juͤngling gelehrt, daß es den zu⸗ ruͤckhaltendſten und ſchuͤchternſten Maͤdchen weder an Theil⸗ nahme noch an Neugier fuͤr ihres Nachbarn Angelegen⸗ beiten mangle. Waͤhrend Quentin ſich mit dieſen weiſen Betrachtun⸗ gen beſchaͤftigte, meldete ihm ein Aufwaͤrter des Wirths⸗ hauſes, daß ein Cavalier unten ſey, der ihn zu ſprechen verlange. 6 Fuͤnftes Kapitel. Der Kriegsmann. „So baͤrtig, wie der Leopard,— ſtets fluchend, Die Seifenblaſe, Heldenruhm erſtrebend, Waͤr's auch in der Kanone Muͤndung.“—— Wie's Euch beliebt. 24) Der Cavalier, welcher Quentin Durwards in dem Zim⸗ mer harrte, wo dieſer gefruͤhſtuͤckt hatte, war einer von denen, wovon Ludwig NXI. laͤngſt ſchon geſagt hatte; ſie hielten Frankreichs Schickſal in ihren Haͤnden, da ihnen die unmittelbare Bewachung und Beſchuͤtzung ſeiner ko⸗ niglichen Perſon anvertraut ſey. 3 Earl VI. hatte dieſen beruͤhmten Heerhaufen,— die Bogenſchutzen der ſchortiſchen Leibgarde, wie ſie genannt D. J. 8 114 —— wurden,— aus vernuͤnfrigeren Grüͤnden gebildet, als man gewöoͤhnlich fuͤr die Errichtung einer Leibwache aus beſol⸗ deten Auslaͤndern zum Schutze des Thrones, anfuͤhren kann. Die Zwiſtigkeiten, die ihm mehr als die Haͤlfte ſeines Koͤnigreichs abwendig gemacht hatten, und die zwei⸗ felhafte, wankende Treue des ihm noch anhaͤngenden Adels machten es unpolitiſch und gefahrvoll, dieſem die Sorge fur ſeine perſoͤnliche Sicherheit anzuvertrauen. Die ſchot⸗ tiſche Nation war die erbliche Feindinn der engliſchen, dagegen aber die langjaͤhrige, und wie es ſchien, die natuͤr⸗ liche Bundesgenoſſinn Frankreichs. Die Schotten waren arm, muthvoll und treu. Unter allen Nationen Europens lieferte Schottlands uͤberzaͤhlige Bevoͤlkerung die groͤßte Anzahl kuhner Gluͤcksritter, und ließ ihre Reihen nie un⸗ vollzaͤhlig werden. Ihre Anſpruͤche an altadlige Abkunft gaben ihnen uͤberdieß ein gegruͤndeteres Recht, ſich der Perſon des Monarchen zu nahen, als andere Truppen gel⸗ tend machen konnten, und da ſie nur in geringer Anzahl angeſtellt wurden, ſo ward es hiedurch unmoͤglich, daß ſie Meutereien beginnen und Gebieter werden konnten, wo ſie zum Dienen beſtimmt waren. 3 Auf der andern Seite betrachteten es die franzoͤſiſchen Monarchen als eine politiſche Maßregel, ſich die Anhaͤng⸗ lichkeit dieſes auserleſenen Heerhaufens von Auslaͤndern, durch ehrenvolle Vorrechte und einen hohen Sold, den ſie auf aͤcht militaͤriſche Weiſe zur Aufrechthaltung ihres be⸗ haupteten Ranges verſchwendeten, zu ſichern. Jeder unter ihnen genoß des Ranges und der Ehren⸗ bezeugungen eines Edelmannes; und ihr Recht, der Per⸗ ſon des Koͤnigs zu nahen, verlieh ihnen, ſowohl in ihren — — die Rauheit ſeiner Geſichtszuͤge ward ſehr geſteigert durch 115 eignen Augen, als in denen der franzoͤſiſchen Nation ein wuͤrdevolles Anſehn. Sie waren koſtbar bewafſnet, geruͤ⸗ ſtet und beritten, und Jedem bewilligte man Sold und Unterhalt fuͤr einen Knappen, einen Pagen, einen Diener und zwei Trabanten, wovon der eine Coutelier ge⸗ nannt wurde,— eine Benennung, herruͤhrend von einem großen Meſſer, welches er trug, um diejenigen, die ſein Herr zu Boden geworfen hatte, zu toͤdten. Bei dieſem Gefolge und einer demſelben entſprechenden Ausruͤſtung war ein Bogenſchuͤtze von der ſchottiſchen Garde, ein wich⸗ tiger Mann von Stande; und da die erledigten Stellen, groͤßtentheils aus denen, die als Pagen und Knappen den Dienſt gelernt hatten, beſetzt wurden, ſo wurden oft nach⸗ geborne Soͤhne der angeſehenſten ſchottiſchen Familien heruͤber geſandt, um unter irgend einem Freunde oder Verwandten in jenen Eigenſchaften zu dienen, bis ſich eine Gelegenheit zur Befoͤrderung zeigte. Da der Coutelier und ſein Gefaͤhrte nicht adlig und mithin zur Befoͤrderung ungeeignet waren, ſo wurden ihre Stellen im Fall des Abganges aus Leuten niederer Staͤnde beſetzt; doch hatten ſie einen ſo hohen Sold, daß ihre Herren unter ihren wandernden Landsleuten, die ſtaͤrkſten und muthvollſten Maͤnner zur Vervoliſtaͤndigung jener Klaſſe ihres Gefolges auserleſen konnten. Ludwig Leslie, oder wie wir ihn haͤufiger nennen werden, der Benarbte,(le Balafré) oder der Mann mit der Schmarre,— ein Name unter dem er in Frankreich allgemein bekannt war,— war mehr als ſechs Fuß hoch, ſtaͤmmig und von ſtarkem Muskelbau, 116 eine ſchreckliche Narbe, die von der Stirn begann, dicht neben dem rechten Auge her uͤber den Backenknochen und faſt bis an das Ohrlaͤppchen hinabging; ſie bildete eine tiefe Furche, die manchmal ſcharlachfarben, bald purpur⸗ farbig, bald blau, mitunter faſt ſchwaͤrzlich, immer aber⸗ ſchrecklich zu ſchauen war; weil ſie jederzeit mit der Ge⸗ ſichtsfarbe, welche Wirkung Gemuͤthsbewegung oder Ruhe, auf ihre gewoͤhnliche dunkelbraune Abſchattung hervor⸗ bringen mochte, einen grellen Contraſt bildete. Sein Anzug und ſeine Waſſen waren glaͤnzend; er trug ſeine Nationalmuͤtze, mit einem Federbuſch und einem Geſchmeide von gediegenem Silber, darſtellend die Jung⸗ frau Maria. Dieß Geſchmeide war der ſchottiſchen Garde vom Koͤnige geſchenkt, als er in einem Anfall aberglaͤu⸗ biſcher Froͤmmigkeit die Schwerdter ſeiner Leibwache dem Dienſte der heiligen Jungfrau weihte und, wie einige Schriftſteller behaupten, ſo weit ging, die Mutter Gottes zum General⸗Capitain der Garde zu ernennen, ihr auch ein foͤrmliches Patent daruͤber ausfertigen ließ. Der Ring⸗ kragen, die Armſchienen und Panzerhandſchuh des Bogen⸗ ſchuͤtzen waren vom ſchoͤnſten, mit Silber kuͤnſtlich ausge⸗ legten Stahl, und ſein Panzerhemd glaͤnzte, wie der win⸗ terliche Morgenfroſt auf Kraͤutern und Geſtraͤuchen. Er erug ein weites Obergewand von reich geſticktem blauen Sammet, an den Seiten geöffnet wie der Rock eines He⸗ rolds, worauf vorn und hinten ein großes weißes Kreuz in Silber geſtickt war; auch ſeine Knie, Beine und Fuͤße waren duͤrch Stahl geſchuͤtzt; an ſeiner rechten Seite hing ein breiter Dolch, Gottes Gnade genannt; und uͤber die linke Schulter das Bandelier ſeines großen Schlacht —— — 117 ſchwerdtes; allein zu ſeiner Bequemlichkeit trug er jetzt dieſe gewaltige Waſſe, von der er ſich nach ſeinen Dienſt⸗ vorſchriften nie trennen durfte, in der Hand. 1 Obwohl Quentin Durward wie alle junge Schotten jener Zeit, ſchon in fruͤher Jugend an Waſſen und Krieg gewoͤhnt war, ſo duͤnkte ihm doch, nie habe er einen voll⸗ ſtaͤndiger geruͤſteten und bewaſſneten Kriegsmann von martialiſcheren Aeußeren geſehen, als den, welcher ihn jetzt in der Perſon des Bruders ſeiner Mutter, genannt Lud⸗ wig mit der Schmarre oder der Benarbte(le Balafré) begruͤßte; gleichwohl konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, vor dem rauhen Ausdruck ſeiner Geſichtszuͤge etwas zuruͤckzuſchrecken, als er mit ſeinem gewaltigen Stutzbart beide Wangen ſeines Neſſen buͤrſtete, ihn in Frankreich willkommen hieß, und faſt in einem Athem ihn fragte, was es Neues in Schottland gaͤbe. „Nicht viel Gutes, lieber Oheim,“ erwiederte der junge Durward;„aber ich freue mich, daß Iyr mich ſogleich kennt.“ „Ich haͤtte Dich, mein guter Junge, in den Steppen von Bordeaurx wieder erkannt, wenn ich Dich dort, wie ein Kranich auf Stelzen gehend angetroſſen haͤtte. Aber ſetz' Dich, ſetz' Dich; und giebt es traurige Nachrichten zu er⸗ zaͤhlen, dann ſoll der Wein uns Kraft geben, ſie anzuhoͤ⸗ ren.— He guter Wirth, alter Herr Kleinmaß, bring uns von Deinem beſten, und im Augenblick! 3 Die ſchottiſche Ausſprache war damals in den Schenken der Umgebungen von Pleſſis eben ſo gewoͤhnlich, als der ſchweizeriſch⸗ franzoſiſche Aecent in den jetzigen Ginguet⸗ ten von Paris; und wenn man ihn hoͤrte, ſo gehorchte — ch Furcht, in groͤßter Eile. Eine der Oheim der Neſſe hingegen aus Hoͤflichkeit mit der Bemerkung, daß er ſchon am Morgen Wein getrunken habe. man, angetrieben dur Flaſche Champagner ſtand ſogleich vor ihm; that einen derben Zug, nur einen ſehr maͤßigen, „Das waͤre im Munde Deiner Schweſter eine treſſliche Entſchuldigung geweſen lieber Neſſe,“ ſprach der Be⸗ narbte;„Du aber mußt Dich vor der Weinflaſche nicht zu ſehr fuͤrchten, wenn Du Haar ums Kinn haben und Dich einen Soldaten nennen willſt. Aber komm, krame Deine ſchottiſchen Neuigkeiten aus;— wie ſteht es in Glen⸗ Houlakin, wie gehts meiner Schweſter?“ „Sie iſt todt lieber Oheim,“ antwortete Quentin, kum⸗ mervoll. „Todt!“ wiederholte der Oheim, in einem Tone, der mehr Verwunderung als Mitgefuͤhl ausſprach;—„wie? ſie war ja fuͤnf Jahr juͤnger als ich, und nie in meinem Lgeben habe ich mich beſſer befunden. Todt! unmdoͤglich! nie hatte ich auch nur Kopfſchmerz, ausgenommen wenn ich zwei oder drei Tage mit luſtigen Bruͤdern gejubelt hatte; und meine arme Schweſter iſt todt! und Dein Va⸗ ter, lieber Neſſe, hat er ſich wieder verheirathet?“ Bevor der Juͤngling etwas erwiedern konnte, las er ſchon die Antwort in der Ueberraſchung, die ihm dieſe Frage verurſachte, und ſetzte hinzu:„wie, er iſt es nicht? ich haͤrte geſchworen, Allan Durward koͤnnte nicht ohne Frau leben. Er mochte ſein Haus gern in gute nung haben, und gern eine huͤbſche Frau anſehen; dabei hatte er etwas ſirenge Grundſaͤtze. Mit der Ehe ließ ſich dieß Alles vereinigen. Was mich betrifft, ſo kuͤmmere ich 119 — mich wenig um dieſe Lebensgenuͤſſe, und kann ein huͤb⸗ ſches Weib anſehen, ohne an das Sacrement der Ehe zu denken; ſchwerlich bin ich heilig genug dazu.“ „Ach! lieber Oheim, meine Mutter ward vor einem Jahr Wittwe, als Glen⸗Houlakin von den Ogilvies an⸗ gegriſſen wurde. Mein Vater, meine beiden Oheime, meine beiden aͤltern Bruͤder, ſieben von unſern Verwand⸗ ten, der Harfner, der Schloßvoigt und ſechs von unſern Leuten, wurden in der Vertheidigung des Schloſſes ge⸗ toͤdtet; in Glen⸗Houlakin iſt weder Feuer noch Heerd, 2 und kein Stein iſt auf den andern geblieben.“ „Beim Kreuz des heiligen Andreas!“ rief der Be⸗ narbte,„das nenne ich eine Verheerung! ja die Ogilvies waren immer boͤſe Nachbarn fuͤr Glen⸗Houlakin.— Das war ein trauriges Geſchick; aber ſo gehts im Kriege,— ſo gehts im Kriege!— Wann trug dieß Ungluͤck ſich zu, lieber Neſſe?“ Bei dieſen Worten that er einen derben Zug aus dem Becher, und ſchuͤttelte feierlich den Kopf, als der Neſſe erwiederte, es waͤre am Feſte Simon Judaͤ ein Jahr, als ſeine Familie umgekommen ſey. „Nun da ſeht Ihr's,“ ſprach der Benarbte;„ſagt' ich's nicht? Zufall des Krieges! an den nemlichen Tage er⸗ ſtuͤrmte ich mit zwanzig meiner Kameraden das Schloß Roche⸗Noire, dem Hauptmann eines Freicorps von Lan⸗ zenträgern, Amaury Bras⸗de⸗fer gehoͤrig, von dem Ihr ohne Zweifel gehoͤrt habt. Ich toͤdtete ihn auf ſeiner eige⸗ nen Thuͤrſchwelle und erbeutete ſo viel Gold, daß ich mir dieſe ſchoͤne Halskette davon konnte verfertigen laſſen, die fruͤher noch einmal ſo lang war als jetzt. Doch das erin⸗ 120 nert mich daran, daß ich einen Theil davon einer heiligen Beſtimmung widmen muß.— Hollg, André!“ André, ſein Trabant, trat herein, im Ganzen genom⸗ men gekleidet und geruͤſtet wie der Bogenſchuͤtze ſelbſt, ausgenommen, daß ſeine Glieder ohne Harniſch und der Kuͤras von groͤberer Arbeit, ſeine Muͤtze ohne Feder⸗* buſch, und ſein Oberkleid anſtatt geſtickten Sammets von Serge oder grobem Tuche war. Der Benarbte loͤſ'te ſeine Halskette, biß mit ſeinen ſtarken Zaͤhnen etwa vier Zoll lang vom Ende derſelben ab und ſprach zu ſeinem Tra⸗ banten:„Hier Andr es, trag' dieß zu meinem Gevatter, dem wackern Pater Bonifacius, dem Moͤnch im Sanct Martins Kloſter, gruͤß' ihn von meinetwegen, und ſag' meinem Gevatter: Mein Schwager, meine Schweſter und mehrere Andere meines Hauſes waͤren alle todt und hin⸗ uͤbergegangen, und ich baͤt' ihn, ſo viel Meſſen fuͤr ihre Seelen zu leſen, als der Werth dieſer Glieder aus meiner Kette betraͤgt, und wenn ſonſt noch etwas noͤthig ſey, um ſie aus dem Fegefeuer zu befreien, es auf Eredit hinzu⸗ zufuͤgen. Und hoͤre, ſag' ihm, es waͤren Leute und frei von aller Ketzerei geweſer leicht ſchon beinahe aus dem Fegefeuer her⸗ nicht viel dazu gehoͤre, ſie der Feſſeln zu entledigen; in hieſem Falle, ſollſt Du ſagen, verlange ich, daß er das uͤbrige Gold zu Verwuͤnſchungen gegen ein gewiſſes Ge⸗ ſchlecht, die Ogilvies, auf die beſtmoͤgliche Weiſe anwende, wie die Kirche ſie erreichen kann. Du verſtehſt doch Allea ees 3 Der Coutelier nickte bejahend. „Aber nimm Dich in Acht, daß keins von dieſen Glie⸗ dern den Weg ins Weinhaus nimmt, bevor ſie der N Annß — 2 in die Haͤnde bekommt; denn ſollte dieß ſich zutragen, ſo ſollſ Du das Gurtleder und den Steigriemen ſo lange ſchmecken, bis Du geſchunden biſt, wie Sanct Bartholo⸗ maͤus. Doch halt! Ich ſehe, daß Dein Auge begehrend auf die Weinflaſche gerichtet iſt; nun, Du ſollſt nicht von dannen gehn, ohne ihren Inhalt gekoſtet zu haben.“ Damit fuͤllte er ihm einen Becher bis an den Rand; der Meſſertraͤger leerte ihn und entferute ſich, um den Auftrag ſeines Herrn auszufuͤhren.„Und nun lieber Neſſe ſag' mir, was bei jenem Unfalle aus Dir ward?“ „Ich focht mit denen die aͤlter und ſtaͤrker waren, als ich, bis ſie alle zu Boden lagen,“ verſetzte Durward, nund twhielt eine ſchreckliche Wunde. 4 3 Nicht ſchrecklicher als die, welche mich vor zehn Jah⸗ ren traf,“ entgegnete der Benarbte.—„Sie hier, lieber keſſe,“ hiebei zeigte er auf die dunkelrothe Narbe in ſei⸗ nem Geſichte.—„Nie pfluͤgte eines Ogilvies Shwerdt eine ſo tiefe Furche.“ „Tief genug pfluͤgten ihre Schwerdter,“ antwortete Quentin, in ſchmerzlichem Tone;„doch endlich wurden ſie des Blutvergießens muͤde, und als man fand, daß ich noch athmete, ſchenkten ſie mir auf meiner Mutter Bitten das Leben. Sie verſtatteten einem gelehrten Moͤnch von Aberbrothok, der zufaͤllig in jenem verhaͤngnißvollen Zeit⸗ punkt unſer Gaſt war, und im Handgemenge beinahe mit umgekommen waͤre, meine Wunden zu verbinden, und mich an einen ſichern Ort zu bringen. Doch mußte er nebſt meiner Mutter verſprechen, daß ich Mönch werden ſolle. 44 üche rief der Oheim,„heiliger Andreas, ein n fot⸗ 12² her Vorſchlag iſt mir nie gemacht worden; Niemand hat ſeit meiner Kindheit nur davon getraͤumt, einen Moͤnch aus mir zu machen.— Und doch wundere ich mich, wenn ich daran denke, denn Ihr werdet mir zugeben, daß ich, abgerechnet das Leſen und Schreiben, welches ich nie haͤtte lernen koͤnnen, und das Pſalmenſingen, was ich nie leiden konnte, ihren Anzug, in welchem ſie ausſehen wie tolle Bettler, und,— die heilige Jungfrau vergebe mir,—“ ſetzte er, ſich bekreuzend, hinzu,„ihre Faſten, die meiner Eßluſt nicht zuſagen, alles was zum Moͤnche gehoͤrt, eben ſo gut haͤtte mitmachen wollen, als mein kleiner Gevatter dort im Sanct Martinskloſter. Aber ich weiß nicht warum,— Niemand hat mir jemals dieſen Stand vor⸗ geſchlagen. Alſo lieber Neſſe, Ihr ſolltet Moͤnch werden. Aber ſagt mir, ich bitte Euch, aus welcher Urſache?“ „Damit meines Vaters Haus entweder im Kloſter oder im Grabe erldſchen moͤchte,“ antwortete Quentin mit einem tiefen Seufzer. „Ei ich ſehe es ſchon,“ verſetzte der Oheim,„ich ver⸗ ſtehe; die liſtigen Schufte!— Aber ſie haͤtten doch hinters Licht gefuͤhrt werden koͤnnen; denn ſeht Ihr, lieber Neſſe, ich erinnere mich des Canonicus Roberſat, der ſein Ge⸗ liebte abgelegt hatte, in der Folge aber aus dem Kloſter floh, und Hauptmann eines Freicorps wurde. Er hatte eine Geliebte, das niedlichſte Geſchopf, das ich je ſah, und drei eben ſo huͤbſche Kinder. Den Moͤnchen iſt nicht zu trauen, lieber Neſſe,— es iſt ihnen nicht zu trauen;— eh man ſichs verſieht, werden ſie Krieger und Familien⸗ vaͤter. Aber weiter in Eurer Erzaͤhlung!“. „Es bleibt mir nur noch wenig zu erzaͤhlen,“ ſprach Durward,„ausgenommen, daß ich das Verſprechen meiner armen Mutter gewiſſermaßen als eine fuͤr mich geleiſtete Buͤrgſchaft betrachtete, die Novizentracht anlegte, mich den kloͤſterlichen Regeln fuͤgte, und ſogar leſen und ſchrei⸗ ben lernte.“ „Leſen und Schreiben,“ rief der Benarbte, der einer von den Leuten war, die alle Kenntniſſe, die uͤber ihren Horizont gehen, fuͤr wunderſam halten.—„Schreiben ſagſt Du und Leſen! Das kann ich nicht glauben;— denn nie hoͤrte ich, daß jemals ein Durward oder Leslie ſeinen namen ſchreiben konnte. Fuͤr einen von der letzten Fa⸗ milie kann ich mich wenigſtens verbuͤrgen.— Ich kann eben ſo wenig ſchreiben als fliegen. Aber in des heiligen Ludwigs Namen, wie fingen ſie es an, Dich das Alles zu lehren?“ „Es ward mir anfangs ſchwer,“ erwiederte Durward, „durch Gewohnheit aber leichter. Da ich von meinen Wunden und dem großen Blutverluſte noch ſehr ſchwach war, und meinem Retter, dem Vater Peter, mich gefaͤllig zu machen wuͤnſchte, ward es mir leicht, bei der Arbeit zu bleiben. Aber nach mehrmonatlichem Kraͤnkeln ſtarb meine gute liebe Mutter; und da meine Geſundheit vollkommen wieder hergeſtellt war, erdſſnete ich meinem Wohlthaͤter, der Sub⸗Prior des Kloſters war, meinen Widerwillen gegen die Ablegung der Geluͤbde, und da ich keinen Beruf 3 zum Kloſterleben hatte, verabredete er mit mir, daß ich in die Welt hinaus ſollte, mein Gluͤck zu ſuchen, und daß meine Abreiſe, um nicht dem Subprior den Unwillen der Ogilvies zuzuziehen, den Anſchein einer Flucht haben ſollte. 8 Um dieß wahrſcheinlicher zu machen, nahm ich den Falken 124 des Abts mit mir. Doch ward ich regelmaͤßig entlaſſen, wie ich mit der Handſchrift und dem Siegel des Abts bekunden kann.“ „Das iſt recht,— das iſt gut,“ ſprach der Oheim. „Unſer Koͤnig fragt nichts darnach, ob Du etwa einen Diebſtahl veruͤbt haſt; aber er hat einen Abſcheu gegen Alles, was der Verletzung der Heiligkeit eines Kloſters ahnlich ſieht. Aber ich wette, die Schaͤtze, die Du mit⸗ nahmſt werden Dich nicht ſehr belaͤſtigt haben?“ „Sie beſtanden nur aus einigen Silberſtuͤcken, denn gegen Euch lieber Oheim, muß ich aufrichtig ſeyn.“ „Ach!“ verſetzte der Benarbte,„das iſt hart! Nun, ich war niemals mit meinem Solde ſparſam, weil es in dieſen gefahrvollen Zeiten nicht rathſam iſt, große Schaͤtze bei ſich zu fuͤhren; doch habe ich immer irgend eine alte goldne Kette oder ein Armband, oder ein Halsgeſchmeide bei mir, womit ich mich ſchmuͤcken und zugleich durch Ab⸗ trennung einiger Glieder einem dringenden Beduͤrfniſſe ab⸗ helfen kann; und ich moͤchte Dir wohl rathen, meinem Beiſpiele zu folgen.“ „Aber Ihr koͤnntet mich fragen, lieber Neſſe, wie ich zu ſolchen Spielereien wie dieſe hier, gekommen bin.“ Bei dieſen Worten ſchuͤttelte er mit triumphirendem Wohl⸗ gefallen ſeine Halskette.„Sie haͤngen nicht an allen Buͤſchen, und wachſen nicht auf den Feldern, wie die dop⸗ pelten Narciſſen, aus deren Stengeln die Kinder ſich Ritterketten machen.— Nun wo denn?— Ihr koͤnnt dazu kommen, wie ich zu dieſer hier;— naͤmlich im Dienſte des guten Koͤnigs von Frankreich, wo allemal Reichthum zu finden iſt, wenn man den N eines bischen Lebens oder dergleich „Ich vernahm,“ verſetzte Quentin 3 vermeidend, wozu er ſich noch nicht hinreichen unterrichtet 3 glaubte,„daß der Herzog von Burgund eine ſtattlichere Hofhaltung fuͤhre, als der Koͤnig von Frankreich, und daß unter ſeinen Fahnen mehr Ehre zu gewinnen fey, dort derbe Schlaͤge ausgetheilt und große Waſſenthaten verrichtet werden, der allerchriſtlichſte Koͤnig aber ſeine Siege nur durch die Zungen ſeiner Geſandten erringe.“ „Du ſprichſt wie ein thoͤrigter Burſche, lieber Neſſe,“ erwiederte der Mann mit der Schmarre;„doch ich beſinne mich, daß ich faſt eben ſo einfaͤltig war, da ich hieher kam. Ich konnte mir einen Koͤnig nicht anders denken, als mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, ſitzend unter einem hohen Baldachin, gaſtirend und blano man- ger 25) eſſend, mit ſeinen Kronvaſallen und Paladins, oder, an der Spitze ihrer Truppen angreifend, wie Carl der Große in den Romanen und wie Robert Bruce, oder William Wallace in unſerer wahren vaterlaͤndiſchen Ge⸗ ſchichte. Aber im Vertrauen geſagt, lieber Junge, das iſt Alles wie Mondſchein im Waſſer; Politik,— Politik thut Alles. Unſer Koͤnig hat die Kunſt erfunden, mit anderer Leute Schwerdtern zu fechten, und ſeine Soldaten. aus anderer Leute Geldbeuteln zu beſolden. Ach, es iſt der weiſeſte Fuͤrſt, der jemals den Purpur trug. Uebrigens traͤgt er ihn ſehr ſelten.— Oft ſeh ich ihn einfacher ge⸗ kleidet, als ich es fuͤr mich ſelbſt ſchicklich finden wuͤrde.* Aber Ihr widerlegt uicht meine Einwendung, tieber 3 Dheim,“ verſetzte der junge Durward;„Da ich einmal im Auslande Dienſte nehmen muß, ſo moͤchte ich irgendwo dienen, wo eine glaͤnzende Waſſenthat, wenn ich das Gluͤck aͤtte, mich dadurch guszuzeichnen, mir einen Namen ma⸗ chen koͤnnte.“ 3 „Ich verſtehe Dich, lieber Neſſe,“ ſprach der koͤnigliche Kriegsmann.„Ich verſtehe, wo Du hinaus willſt; aber Du biſt noch nicht gereift fuͤr dergleichen Angelegenheiten. Der Herzog von Burgund iſt ein hitzkoͤpfiger, heftiger, raſt⸗ loſer, felſenherziger Waghals. An der Spitze ſeiner hei⸗ miſchen Edelleute und Ritter, ſeiner Vaſallen von Artois und Hennegau greift er an. Glaubſt Du, wenn Du dort waͤreſt, oder ich ſelbſt waͤre da, daß wir viel weiter vor⸗ waͤrts kommen koͤnnten als der Herzog, und alle ſeine tapfern heimiſchen Edelleute? Thaͤten wir es ihnen nicht gleich, ſo muͤßten wir erwarten, dem Generalprofos des⸗ halb in die Haͤnde zu fallen;— wenn wir mit ihnen Schritt hielten, ſo wuͤrde man ſagen, wir haͤtten unſere Schuldigkeit gethan und unſern Sold verdient. Angenom⸗ men, ich waͤre um eines Speeres Laͤnge voraus, welches in einem ſolchen Handgemenge, wo Jeder ſein Beſtes thut,/ leicht geſchehen kann; nun, dann wuͤrde der Herzog, wenn er einen guten Streich fallen ſaͤhe, in ſeiner flaͤmiſchen Sprache ſagen: Ha, gut getroffen! Oder: ein guter Lanzenſtoß,— ein braver Schotte!— Gebt ihm einen Gulden, um auf unſere Geſundheit zu trinken.— Aber weder Befoͤrderung, noch Geld hat ein Fremder in einem ſolchen Dienſte zu erwarten; dieß Alles wird den Landeskindern zu Theil.“ „Und wem, ums Himmels willen, lieber Oheim ſollte es eher zu Theil werden?“ fragte der junge Durward. 127 „Denen, welche die Landeskinder beſchuͤtzen,“ ſprach der Benarbte, in ſeiner ganzen gigantiſchen Laͤnge ſich in die Hoͤhe richtend.„Koͤnig Ludwig ſpricht ſo: Mein guter franzoͤſiſcher Bauer, mein ehrlicher Jacques Bonhomme. 3 Gartenmeſſer und Hacke; mein wackrer Schotte hier wird fuͤr Euch fechten, und Ihr ſollt bloß die Muͤhe haben, ihn zu bezahlen.— Und Ihr, durchlauchtiger Herzog, erlauch⸗ ter Graf, und hochgeborner Marquis, baͤndigt Euren ſtol⸗ vom rechten Wege abſtreifen und Eurem Beherrſcher nach⸗ theilig ſeyn. Hier ſind meine Ordonnanz⸗Compagnien, 2 5a) hier meine franzoͤſiſchen Garden, hier ſind vor allen Din⸗ gen meine ſchottiſchen Bogenſchuͤtzen und mein ehrlicher Ludwig mit der Schmarre, die eben ſo gut und beſſer fechten werden, als Ihr bei aller zuchtloſen Tapferkeit, wodurch zu Eurer Vaͤter Zeiten die Schlachten bei Crecy 26) und Azincourt 27) verloren gingen. Siehſt Du nun nicht, lieber Neſſe, in welchem von beiden Staaten ein Cavalier, der ſein Gluͤck machen will, den hoͤchſten Rang und die groͤßte Ehre erreichen kann?“ „Ich glaube Euch zu verſtehen, lieber Oheim,“ derte der Neſſe;„aber nach meiner Denkweiſe kann Ehre gewonnen werden, wo keine Gefahr iſt. Ich bi Euch um Verzeihung. Es iſt ein unverdienſtliches und unthaͤtiges Leben, in der Umgebung eines aͤltlichen M naͤchte auf jenen Zinnen zu verleben, und ſich di Zeit in eiſernen Kaͤfigen verſchließen zu laſſen, aus Geht an die Werkzeuge Eures Landbaues, Pflug, Egge, zen Muth, bis man ſeiner bedarf; denn er koͤnnte ſonſt 4 128 Iyhr mochtet Euren Poſten verlaſſen. Oheim, Oheim, das ommt mir vor wie ein Falke auf ſeiner Stange, den man mit auf die Jagd nimmt.“ „Nun, beim heiligen Martin von Tours, der Burſche hat etwas Muth!— Ein achter Leslie;— er hat Vieles von mir; ausgenommen, daß er etwas thoͤrichter iſt. Hoͤr zunger Menſch,— lange lebe der Koͤnig von Frankreich!— Faſt kein Tag vergeht, ohne daß es einen Auftrag giebt, wodurch Jemand von ſeinem Gefolge ſich Geld und Ruhm erwerben kann. Glaube nicht, daß die tapferſten und ge⸗ fahrvollſten Thaten beim Tageslicht vorfallen. Ich koͤnnte Dir einige Geſchichten von erſtuͤrmten Schloͤſſern, Gefan⸗ gennehmungen und dergleichen erzaͤhlen, wo ein Gewiſſer, den ich nicht nennen will, groͤßeren Gefahren Trotz gebo⸗ ten und mehr Gunſt erworben hat, als irgend ein Wage⸗ hals im Gefolge des verwegenen Carls von Burgund. Und wenn es Sr. Majeſtaͤt gefaͤllt, im Hintergrunde zu bleiben, waͤhrend ſolche Dinge vorgehen, ſo hat er um de⸗ ſtomehr Muße, die Abenteurer, deren Gefahren und Waf⸗ fenthaten er dann beſſer beurtheilen kann, als wenn er ſie perſoͤnlich getheilt haͤtte, zu belohnen und zu bewundern. O, es iſt ein ſcharfſichtiger und politiſcher Monarch! 44 Naach einer kurzen Pauſe ſagte der Neſſe mit gedaͤmpf⸗ ter, aber ausdrucksvoller Stimme:„Der gute Vater Peter pflegte mich zu lehren, Unternehmungen, die wenig Ruhm braͤchten, koͤnnten oft ſehr gefahrvoll ſeyn. Ich darf daher porausſetzen, lieber Oheim, daß dieſe geheimen Auftraͤge ebrenvoll ſind.“ „Wofuͤr haͤltſt Du mich, Neffe?“ fragte der Benarbte n etwas ſtrengem Tone;„zwar bin ich nicht im Kloſter erzogen, auch kann ich weder leſen noch ſchreiben, aber ich bin Deiner Mutter Bruder, und ein aͤchter Leslie. Denkſt Du, daß ich faͤhig bin, Dich zu etwas Unrechtli⸗ chem zu verleiten? Der beſte Ritter in Frankreich, Du Guesclin ſelbſt, wenn er noch lebte, wuͤrde ſtolz darauf ſeyn, meine Waſſenthaten den ſeinigen beizuzaͤhlen. „Ich zweifle keinesweges an der Zuverlaͤßigkeit Eurer Gewaͤhrleiſtung, lieber Onkel,“ ſprach der Juͤngling;„Ihr ſeyd der einzige Rathgeber, den mein Misgeſchick mir uͤbrig ließ. Aber iſt es wahr, daß der Koͤnig, wie das Geruͤcht ſagt, hier auf ſeinem Schloſſe Pleſſis eine ſehr kaͤrglich eingerichtete Hofhaltung fuͤhrt, keine Adlige oder Hofleu⸗ te,— keine von ſeinen großen Lehnstraͤgern, keine Groß⸗ wuͤrdentraͤger der Krone in ſeinem Gefolge hat?— Iiſt es wahr, daß er einige halb einſame Vergnuͤgungen bloß mit den Unterbeamten ſeines Hofes theilt,— daß er zu ſeinen Berathungen bloß niedrig geborne ungekannte Maͤn⸗ ner beruft,— daß Rang und Adel herabgewuͤrdigt, und Leute von geringer Geburt zur Gunſt des Koͤnigs erhoben werden?— Dieß Alles wuͤrde unregelmaͤßig, und keines⸗ weges dem Benehmen ſeines Vaters, des edeln Carls an⸗ gemeſſen ſeyn, welcher das mehr als halb eroberte Frank⸗ 3 reich den Klauen des engliſchen Loͤwen entriß.“ „Du ſprichſt wie ein leichtſinniges Kind,“ verſetzte der Benarbte,„und ſelbſt als Kind, bringſt Du nur die naͤm⸗ lichen Toͤne auf einer neuen Saite hervor. Siehſt Du, wenn der Koͤnig ſeinen Bartſcherer Oliver Dain zu Dingen gebraucht, die dieſer beſſer verſteht, als irgend einer vo heilen lernen; Leb wohl!“ . —— Wenn er ſeinem kraftvollen Generalprofos Triſtan gebeut, dieſen oder jenen aufruͤhreriſchen Buͤrger in Verhaft zu nehmen, oder ihn von dieſem oder jenem unruhigen Edel⸗ mann zu befreien, ſo iſt die Sache geſchehen und man denkt nicht weiter daran; gaͤbe er hingegen dieſen Auftrag einem Herzog oder einem Pair von Frankreich, ſo moͤchte dieſer vielleicht dem Koͤnige Trotz bieten, anſtatt ſeinen Auftrag auszufuͤhren. Oder gefaͤllt es dem Koͤnig, ſei⸗ nem ehrlichen Ludwig mit der Schmarre einen Auftrag zu geben, anſtatt ihn dem Großconnetable zu ertheilen, der vielleicht verraͤtheriſch gegen ihn handeln wuͤrde, zeigt dieß nicht Weisheit? Und vor allen Dingen iſt nicht ein Mo⸗ narch von ſolchen Grundſaͤtzen am beſten geeignet fuͤr Gluͤcks⸗ ritter, die dahin gehen muͤſſen, wo ihre Dienſte am hoͤch⸗ ſten geſchaͤtzt und am meiſten geſucht werden? Nein, nein, Kind, ich ſage Dir, Ludwig weiß ſeine Vertrauten zu waͤh⸗ len, er weiß, wozu er ſie brauchen kann und richtet, wie man zu ſagen pflegt⸗ die Laſt nach Jedermanns Schultern ein. Er macht es nicht wie der Köͤnig von Caſtilien, der vor Durſt verſchmachtete, weil ſein Ober⸗Mundſchenk nicht zur Hand war, um ihm den Becher zu reichen.— Aber ich hoͤre die Glocke von Sanct Martin; ich muß eilen, aufs Schloß zu kommen.— Leb wohl, vertreibe Dir die 3. Zeit ſo gut Du kannſt, zeige Dich morgen fruͤh um acht Uhr vor der Zugbruͤcke und frage die Schildwache nach mir. Wenn Du dem Portal naheſt, ſo huͤte Dich, vom ge⸗ raden, betretenen Pfade abzuweichen; es koͤnnte Dich ſonſt ein Glied koſten; was Du ungern entbehren wuͤrdeſt. Du ſollſt den Koͤnig ſehen und ihn aus eigner Anſicht beur⸗ Bei dieſen Worten entfernte ſich der Benarbte ſo eilig, daß er den Wein, den er gefordert hatte, unbezahlt neß, — eine Kuͤrze des Gedaͤchtniſſes, welche Leuten ſeiner Art eigen zu ſeyn pflegt, die aber ſein Wirth vielleicht aus Scheu vor dem wallenden Federbuſch und dem gewichtigen Schlachtſchwerdte, nicht zu verbeſſern wagte. Man haͤtte erwarten koͤnnen, daß Durward, als er ſich allein ſah, ſich wieder auf ſein Thuͤrmchen wuͤrde begeden haben, um der Wiederholung jener lieblichen Toͤne zu har⸗ ren, die ſeine Morgentraͤumereien verſuͤßt hatten. Aber das war ein Kapitel aus einem Roman, und die Unter⸗ haltung mit ſeinem Oheim hatte ihm ein Blatt aus der wahren Geſchichte des Lebens dargelegt. Es war kein an⸗ genehmes; und fuͤr jetzt waren die dadurch hervorgebrach⸗ ten Erinnerungen und Bemerkungen geeignet, alle andere Gedanken, und insbeſondere die leihkerei und gefaͤlligeren zu unterdruͤcken. 1 Quentin nahm daher ſeine Zuflucht zu einem einſa⸗ men Spaziergange an den Ufern des ſchnellſtroͤmenden Cher, nachdem er ſich zuvor bei ſeinem Wirth nach einem Pfade erkundigt hatte, auf dem er nicht Gefahr lief, durch Schlingen und Fallen unangenehm unterbrochen zu wer⸗ den. Hier ſtrebte er, ſeine zerſtreuten, umherſchweifen⸗ 8 den Gedanken zu ordnen und ſeine kuͤnftige Beſtimmung g woruͤber die Zuſammenkunft mit ſeinem Oheim einigen Zweifel verbreitet hatte, zu erwaͤgen. 132 — Sechstes Kapitel. Die Zigeuner. „Voll Jugendluſt huͤpft er umher, Giebt keiner Sorge Raum; Doch tanzend ſieht er ploͤtzlich ſich Gar unterm Galgenbaum.“ Aus einem alten Liede. Die Art und Weiſe wie Quentin Durward erzogen war, ſchien nicht geeignet zu ſeyn, dem Herzen ſanfte Ge⸗ fuͤhle einzufloͤßen und vielleicht eben ſo wenig, die mora⸗ liſchen Geſinnungen zu vervollkommnen. Sowohl ihn, als die uͤbrigen Mitglieder ſeiner Familie hatte man gelehrt, die Jagd als Zeitvertreib, und Krieg als ihre einzige ernſte Beſchaͤftigung zu betrachten;— Man hatte es ihnen als die Hauptobliegenheit ihres Lebens eingeſchaͤrft, Leiden be⸗ harrlich zu erdulden und die Angriſſe ihrer Feudalfeinde, (die das Geſchlecht der Durwards großentheils vernichteten) mit unerbittlicher Strenge zu vergelten. Gleichwohl miſchte ſich in dieſe Fehden ein Geiſt rohen Ritterthums und ſelbſt eine gewiſſe Hoͤflichkeit, wodurch oft ihre Strenge gemil⸗ dert ward; ſo daß Rache, ihre einzige Art, Gerechtigkeit zu uͤben, ſtets mit einiger Ruͤckſicht auf Menſchlichkeit und Edelmuth verfolgt ward. Die Lehren des wuͤrdigen alten Moͤnchs, denen der junge Durward im Mißgeſchick, waͤh⸗ rend ſeines langen Uebelbefindens, vielleicht mehr Gehoͤr gab, als im Zuſtande der Geſundheit und des Gluͤcks der Fall geweſen ſeyn wuͤrde, hatten ihn die Pflichten der Aeuihhtet gegen Andere beſſer kennen gelehrt; und im 133 Betracht der damals herrſchenden Unwiſſenheit und des allgemeinen Vorurtheils zu Gunſten des Kriegsſtandes, ſo wie der Art und Weiſe ſeiner Erziehung, war der Juͤng⸗ ling zu einem richtigeren Gefuͤhle der moraliſchen, ihm in ſeiner Lage obliegenden Pflichten, hingeleitet worden, als damals gewoͤhnlich war. Verlegen und unzufrieden, uͤberdachte er die Ergebni ſſe der Zuſammenkunft mit ſeinem Oheim. Er hatte von derſelben große Erwartungen gehegt; denn wenn gleich damals von keinem brieflichen Verkehr die Rede war, ſo hatte doch manchmal ein Wanderer, ein reiſender Handels⸗ mann oder ein verkruͤppelter Soldat, Leslies Namen in Glen⸗Houlakin erwaͤhnt, und Alle hatten ſich im Preiſe ſeines unerſchuͤtterlichen Muthes und ſeines Erfolges in vielen, ihm von ſeinem Gebieter aufgetragenen Unterneh⸗ mungen vereinigt. Quentins Einbildungskraft hatte dieſe Umriſſe auf ſeine eigne Weiſe ausgefuͤllt und die Thaten ſeines gluͤcklichen Oheims, welche wahrſcheinlich in der Er⸗ zaͤhlung nichts verloren, denen der Helden und irrenden Ritter, welche von Meiſterſaͤngern erhoben, durch Schwerdt und Lanze Koͤnigstoͤchter und Kronen gewannen, gleich geſtellt. Jetzt aber ſah er ſich genoͤthigt, ſeinen Verwand⸗ ten auf eine weit niedrigere Stufe des Ritterthums herab⸗ zuſetzen; obgleich er, verblendet durch die hohe Achtung vor ſeinem Verwandten und ſeines Gleichen,— geleitet durch fruͤhere, zu deſſen Gunſten eingeſogene Vorurtheile, — durch ſeine Unerfahrenheit und leidenſchaftliche Anhaͤng⸗ lichkeit fuür das Andenken ſeiner Mutter, in ihrem einzis gen Bruder nicht bloß den Mann ſah, der er wirklich war,— ein gewoͤhulicher Lohnſoldat, weder viel ſchlimmer, 134 noch viel beſſer, als die Menge der Leute ſeines Berufs, deren Aufenthalt in Frankreich den zerruͤtteten Zuſtand dieſes Landes nur noch ſteigerte. Ohne muthwilligerweiſe grauſam zu ſeyn, war der Be⸗ narbte aus Gewohnheit gleichguͤltig gegen Menſchenleben und menſchliche Leiden, im hoͤchſten Grade unwiſſend, be⸗ gierig nach Beute, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu ma⸗ chen, wie er ſie erlangte, und verſchwenderiſch mit dem Ergebniſſe, wenn er nur ſeine Leidenſchaften befriedigen konnte. Gewoͤhnt, nur mit ſeinen eignen Beduͤrfniſſen und Vortheilen ſich zu beſchaͤftigen, war er eins der ſelbſt⸗ ſuͤchtigſten Weſen auf der Welt geworden, ſo daß er, wie der Leſer bemerkt haben wird, ſelten im Stande war, ſich lange bei einem Gegenſtande aufzuhalten, ohne zu erwaͤ⸗ gen, wie ſolcher auf ihn ſelbſt anwendbar ſey, oder wie mnan zu ſagen pflegt, ohne ihn zu ſeiner eigenen Sache zu machen, obwohl er hiebei nicht durch die bekannte goldne Regel, ſondern durch einen ganz entgegengeſetzten Antrieb geleitet ward. Hiezu kam, daß der enge Kreis ſeiner Dienſtpflichten und ſeiner Vergnuͤgungen allmaͤhlig ſeine Gedanken, Hofſnungen und Wuͤnſche beſchraͤnkte, und groſ⸗ ſentheils das ungemeßne Streben nach Ehre, und das Verlangen nach Auszeichnung durch Waſſenthaten, welches ihn einſt beſeelte, erſtickt hatte. Kurz, Leslie war ein ge⸗ woandter Soldat, abgehaͤrtet, ſelbſtſuͤchtig und engherzig, baͤtig und kuͤhn in der Erfuͤllung ſeiner Dienſtpflichten; außerdem aber kannte er wenig Obliegenheiten, ausge⸗ nommen die formelle ſorgloſe Beobachtung der Religions⸗ ubungen, wofuͤr er ſich zu Zeiten durch Ausſchweifungen in Geſellſchaft des Bruder Bonifaz, ſeines Genoſſen und 135 Beichtvaters, ſchadlos hielt. Hätte er einen weit umfaſ⸗ ſenderen Verſtand beſeſſen, ſo wuͤrde er wahrſcheinlich zu einer wichtigen Anfuͤhrerſtelle vom Koͤnige befoͤrdert ſeyn, der jeden Soldaten ſeiner Leibgarde perſoͤnlich kannte, und großes Vertrauen in Leslies Muth und Treue ſetzte; uͤber⸗ dieß beſaß der Schotte Klugheit oder Liſt genug, um die Eigenheiten ſeines Monarchen vollkommen zu kennen und ihnen zu ſchmeicheln. Die Faͤhigkeiten des Benarbten wa⸗ ren jedoch zu beſchraͤnkt, als daß er zu einem hoͤheren Po⸗ ſten ſich haͤtte eignen koͤnnen; und wenn ihn gleich Lud⸗ wig oft durch ein Laͤcheln und andere Gunſtbezeigungen belohnte, ſo war und blieb er doch ein bloßer Leibgardiſt. Ohne den wahren Charakter ſeines Oheims ganz zu durch⸗ ſchauen, fand Quentin deſſen Gleichguͤltigkeit beim Em⸗ pfange der Nachricht von der ungluͤcklichen Vernichtung der Familie ſeines Schwagers aͤußerſt auffallend; auch be⸗ fremdete es ihn ſehr, daß ein ſo naher Verwandter ihm nicht eine Geldhuͤlfe angeboten hatte, die er, ohne die Großmuth des Maitre Pierre ſogleich von ihm zu erbitten wuͤrde gendthigt geweſen ſeyn. Darin aber that er ſeinem Oheim Unrecht, daß er dieſe Nichtachtung ſeiner vermuth⸗ lichen Beduͤrfniſſe wirklichem Geize zuſchrieb. Da Leslie ſelbſt in jenem Moment nicht geldbeduͤrftig war, ſo fiel es ihm auch nicht ein, daß ſein Neſſe in dieſem Falle ſeyn koͤnne; ſonſt hielt er einen nahen Verwandten ſo ganz fuͤr einen Theil ſeiner ſelbſt, daß er fuͤr das Wohl ſeines lebenden Neſſen auf die naͤmliche Art geſorgt haben wuͤrde, als er fuͤr das Seelenheil ſeiner verſtorbenen Schweſter und ihres Gemahls zu thun geſtrebt hatte. Was aber auch immer die Beweggruͤnde des Oheims geweſen 136 ſeyn mochten, ſo war doch der junge Durward ſehr unzu⸗ frieden uͤber dieſe Vernachlaͤßigung, und mehr als einmal wuͤnſchte er, beim Herzog von Burgund vor den Haͤndeln mnit deſſen Foͤrſter, Dienſte genommen zu haben,„Was dann auch immer aus mir geworden ſeyn moͤchte,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„ſo haͤtte mich doch der Gedanke getroͤ⸗ ſtet, daß mir im ſchlimmſten Falle in der Perſon meines Oheims ein ſicherer, zuverlaͤßiger Freund bliebe. Nun aber habe ich ihn geſehen, und zu ſeiner Schande mehr Huͤlfe bei einem fremden Buͤrgersmann, als bei meiner Mutter Bruder, einem Landsmann und Cavalier gefunden. Man ſollte glauben, daß der Hieb, der ſein Geſicht ſo arg ver⸗ ſtellte, ſeinem Koͤrper zugleich jeden Tropfen edlen Blutes abgezapft habe.“ Durward bedauerte nun, daß er keine Gelegenheit ge⸗ habt habe, des Maitre Pierre gegen den Benarbten zu erwaͤhnen, um vielleicht einige naͤhere Nachrichten uͤber dieſen Mann einzuziehen, aber ſeines Oheims Fragen waren zu raſch auf einander gefolgt, und die große Glocke vom St. Martin von Tours hatte ihr Geſpraͤch ploͤtzlich abgebrochen. Er erinnerte ſich, daß jener alte Mann in ſeinem aͤußeren Benehmen muͤrriſch und verdrießlich, und in ſeinen Reden beiſſend und ſathriſch, in ſeiner Hand⸗ lungsweiſe jedoch edelmuͤthig und freigebig geweſen war; und ein ſolcher Fremder, dachte er, wiegt einen gefuͤhl⸗ loſen Verwandten auf. Sagt doch unſer altes ſchottiſches Sprichwort:„Beſſer ein freundlicher Fremder, als ein fremder Befreundeter. 28) Ich will jenen Mann ausfin⸗ dig machen, welches, duͤnkt mich, keine ſchwere Aufgabe ſeyn kaun, wenn er ſo reich iſt, als mein Wirth verſichert. 137 Er wird mir wenigſtens guten Rath geben, und wenn er fremde Laͤnder bereiſet, wie dergleichen Leute haͤufig zu thun pflegen, ſo kann ich vielleicht in ſeinem Dienſte eben ſo viele gluͤckliche Abenteuer erleben, als unter Ludwigs Leibwache.“ Als Quentin dieſem Gedanken Raum gab, ſagte ihm ein Gefliſter aus jenem Winkel des Herzens, wo Dinge vorgehen, die man nicht weiß, daß vielleicht die Dame im Thuͤrmchen, die Eigenthuͤmerinn des Schleiers und der Laute, jene abenteuerliche Reiſe mitmachen wuͤrde. Als der junge Schotte dieſe Bemerkungen machte, begegnete er zwei ernſthaft ausſehenden Maͤnnern, anſcheinend Buͤrgern von Tours. Mit der gebuͤhrenden Achtung, die ein jun⸗ ger Menſch bejahrten Perſonen ſchuldig iſt, zog er die Muͤtze ab, und erſuchte ſie, ihm die Wohnung des Maitre Pierre anzuzeigen. 3 „Weſſen Haus, mein lieber Sohn,“ wiederholte einer von den beiden Voruͤbergehenden. „Das Haus des Maitre Pierre, des großen Seiden⸗ haͤndlers, der alle die Maulbeerbaͤume in den Park dort pflanzte,“ verſetzte Durward. „Junger Mann,“ ſprach der Andere, der ihm zunaͤchſt ging,„Ihr habt etwas 39 fruͤh ein thoͤrichtes Gewerbe begonnen.“ 3 „Und Ihr ſolltet Euch andere Leute ausgefucht haben, um Eure Narrheit bei ihnen Kazn ing⸗ 138 — Quentin war ſo betroſſen, daß dieſe beiden ſo anſtaͤndig ausſehenden Maͤnner ſich durch eine ſo einfache, mit der groͤßten Hoͤflichkeit ihnen vorgelegte Frage in ſolchem Grade beleidigt fanden, daß er vergaß, uͤber ihre unhoͤfliche Ant⸗ wort zu zuͤrnen und ihnen nachſchaute, als ſie mit verdop⸗ peltem Schritte von dannen gingen, und ſich oft nach ihm umſahen, als ob ihnen verlangte, bald moͤglichſt aus ſei⸗ nem Bereich zu kommen. Gleich nachher begegnete ihm ein Trupp Winzer, denen er die naͤmliche Frage vor⸗ legte; allein ſtatt der Antwort fragten ſie ihn ihrerſeits, ob er den Schulmeiſter, Maitre Pierre, den Tiſchler, Mai⸗ tre Pierre, oder den Buͤttel, Maitre Pierre, oder ein halb Dutzend andere Maitres Pierres meine. Als keiner von Allen mit der Schilderung der Perſon, nach der er fragte, uͤbereinkam, ſchalten die Bauern ihn einen unverſchaͤmten Menſchen, der ſie zum Beſten habe und drohten, ihn zum Lohne ſeiner Neckerei abzupruͤgeln. Doch vermochte ſie der Aelteſte unter ihnen, der einigen Einfluß auf die Andern zu haben ſchien, ſich aller Thaͤtlichkeiten zu enthalten. „Seine Sprache und ſeine Narrenkappe zeigt, daß er einer von den auslaͤndiſchen Charlatans iſt, die ins Land ge⸗ kommen ſind, und die von Einigen Zauberer und Wahr⸗ ſager, von Andern Taſchenſpieler genannt werden. Und man kann nicht wiſſen, welche Streiche ſie uns ſpielen wollen. Man hat mir geſagt, einer von ihnen habe einen Heller bezahlt, um in eines armen Mannes Weinberg ſich in Trauben ſatt zu eſſen und dann ſo viel zu ſich genom⸗ men, daß ein Karren zu ihrer Fortſchaſſung nicht hiuge⸗ reicht haben wuͤrde, und zwar ohne in ſeinem Wammſe einen Knopf ſpringen zu laſſen. Alſo laſſen wir ihn ruhig Baumes anſchauten. Selten ſind junge 139 ſeines Weges gehen; verfolgen wir den unſrigen. Und Ihr, Freund, wenn es Euch nicht ſchlimmer ergehen ſoll, ſo bitte ich Euch im Namen Gottes, unſrer lieben Frauen von Marmonthier 29) und von Sanct Martin de Tours, ruhig weiter zu gehen und uns nicht mehr mit Eurem Maitre Pierre zu belaͤſtigen, der, ſo viel wir davon wiſ⸗ ſen, eine andere Benennung des Teufels ſeyn kann.“ Der Schotte ſah, daß er der Uebermacht weichen mußte, und fand es daher am kluͤgſten, ohne Widerrede weiter zu gehen, allein die Bauern, die anfangs aus Schrecken vor ſeinen eingebildeten Zauberkuͤnſten und namentlich vor dem Talent, eine ungeheure Menge Weintrauben zu ver⸗ zehren, zuruͤckbebten, faßten wieder Muth, als ſie etwas von ihm entfernt waren, und begruͤßten ihn mit Geſchrei und Fluͤchen, denen ſie durch einen Steinhagel Nachdruck gaben, ohne jedoch dem Gegenſtande ihres Unwillens aus ſolcher Ferne Schaden thun zu koͤnnen. Im Weitergehen begann Quentin ſeinerſeits zu denken, daß er entweder bezaubert ſey, oder daß die Einwohner der Touraine die duͤmmſten, brutalſten und unwirthlichſten unter allen fran⸗ zoͤſiſchen Landleuten waͤren. Der naͤchſte Vorfall, der ihm hierauf begegnete, war nicht geeignet, dieſe Meinung zu ſchwaͤchen. Auf einer kleinen Anhoͤhe, die ſich uͤber das Ufer des ſchoͤnen, ſchnell ſtroͤmenden Cher erhob, bildeten zwei oder drei große Kaſtanienbaͤume eine auffallend ſchoͤne Gruppez; daneben ſtanden drei oder vier Bauern, die unbeweglich die Augen in die Hdhe richteten, und dem A 3 irgend einen Gegenſtand zwiſchen den Ae ————— 140 ſinnige Betrachtungen verloren, daß ſie nicht dem unbe⸗ deutendſten Antriebe der Neugier eben ſo leicht weichen, als der kleinſte, zufaͤllig der Hand entfallende Kieſel die Oberflaͤche eines klaren Baches truͤbt. Quentin beeilte ſei⸗ nen Schritt und erreichte leichtfuͤßig die Anhoͤhe,— zeitig genug, um Zeuge des graͤßlichen Schauſpiels zu ſeyn, welches die Aufmerkſamkeit jener Gaſſer anzog. Es war nichts Geringeres, als ein maͤnnlicher Koͤrper, der in den letzten Verzuckungen des Todeskampfes an einem Baum⸗ aſte hing. „Warum ſchneidet Ihr ihn nicht ab?“ fragte der junge Schotte, deſſen Hand eben ſo bereit war, Bedraͤngten bei⸗ zuſtehen, als ſeine Ehre zu behaupten, wenn er ſie ver⸗ letzt glaubte, Einer von den Bauern betrachtete ihn mit Augen, die keinen andern Ausdruck hatten, als den der Furcht, und mit geiſterbleichem Geſichte zeigte er auf ein in die Rinde des Baumes geſchnitztes Merkzeichen, welches eben ſo viel Aehnlichkeit mit einer Lilie hatte, als gewiſſe, unſern Zoll⸗ beamten wohlbekannte Kritzeleien mit einem breiten Pfeil. Da Quentin die Bedeutung dieſes Sinnbildes weder ver⸗ ſtand, noch ſich darum bekuͤmmerte, erkletterte er mit der Gewandtheit eines Pantherthieres 3°0) den Baum, zog aus der Taſche das dem Hochlaͤndiſchen Waldbewohner unent⸗ behrliche Werkzeug, ſein getreues skene dhu, und rief den Untenſtehenden zu, den Koͤrper mit ihren Haͤnden aufzufangen; noch war keine Minute verfloſſen, ſeit er die Dringlichkeit der Huͤlfe wahrgenommen hatte, als ſchon der Strick durchſchnitten war. 141 Aber feine Menſchlichkeit ward von den Umſtehenden ſchlecht unterſtuͤtzt. Weit entfernt, dem jungen Schotten behuͤlflich zu ſeyn, ſchienen ſie uͤber die Verwegenheit ſei⸗ ner That erſchrocken und nahmen auf einmal die Flucht, gleich als ob ſie fuͤrchteten, daß ſchon ihre Gegenwart ſie mit dem Verdachte der Theilnahme an ſeiner Kuͤhnheit belaſten wuͤrde. Da der Koͤrper unten durch Niemanden aufgefangen ward, ſo fiel er mit ſeiner ganzen Schwer⸗ kraft zu Boden, ſo daß Quentin, der unverzuͤglich vom Baume herabſprang, zu ſeiner Betruͤbniß gewahrte, auch der letzte Lebensfunken ſey erloſchen. Dennoch gab er ſein wohlthaͤtiges Vorhaben nicht auf, ohne neue Anſtrengun⸗ gen zu machen. Er loͤſete die verderbliche Schlinge vom Nacken des Ungluͤcklichen, oͤſfnete das Wamms, goß ihm Waſſer ins Geſicht und wandte alle gewoͤhnlichen Mittel an, die man zur Wiederbelebung des gehemmten Odems anzuwenden pflegt. Waͤhrend er ſo menſchenfreundlich beſchaͤftigt war, ver⸗ nmahm er um ſich her ein wildes Geſchrei in einer ihm un⸗ bekannten Sprache, und kaum hatte er Zeit zu bemerken, daß er von mehreren Maͤnnern und Weibern von ſeltſam fremdartigen Aeußeren umringt war, als er ſich heftig bei beiden Armen ergriffen fuͤhlte, waͤhrend ihm ein entbloͤß⸗ tes Meſſer an die Kehle gehalten ward. 3 „Blaſſer Sclave von Eblis!“ rief ein Mann in gebro⸗ chenem Franzoͤſiſch,„beraubſt Du Den, welchen Du er⸗ mordeteſt?— aber wir haben Dich, und Du ſonlſ dafür 1 buͤßen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als von enen Seiten entbloͤßte Meſſer blinkten und 5 genen Geſichter, gleich dem Rachen heißhungriger Woͤlfe ihn angrinſeten. Doch Muth und Geiſtesgegenwart zogen den jungen Schotten aus der Sache.„Was wollt Ihr, meine Her⸗ ren?“ fragte er;„Iſt dieß der Koͤrper eines Eurer Freun⸗ de, ſo bedenkt, daß ich ihn eben aus bloßer Menſchenliebe abgeſchnitten habe, und Ihr werdet beſſer thun, einen Verſuch zu machen, ihn wieder ins Leben zu rufen, als einen unſchuldigen Fremden zu mißhandeln, der ihn wo moͤglich retten wollte. Mittlerweile hatten die Weiber ſich der Leiche bemaͤch⸗ tigt, und ſetzten die Belebungsmittel fort, womit Durward begonnen hatte; allein ſie waren nicht gluͤcklicher als er, ſie entſagten ihren fruchtloſen Verſuchen, und uͤberließen ſich allen im Orient gebraͤuchlichen Ausdruͤcken des Kum⸗ mers; die Weiber erhoben ein klaͤgliches Jammergeſchrei und zerrauften ihr langes, ſchwarzes Haar; waͤhrend die Maͤnner ihre Kleider zu zerreißen ſchienen und ſich den Kopf mit Staub bedeckten. Allinaͤhlig beſchaͤftigten ſie ſich ſo eifrig mit dieſen Trauergebraͤuchen, daß ſie auf Dur⸗ ward nicht mehr achteten, von deſſen Unſchuld wahrſchein⸗ lich die Umſtaͤnde ſie uͤberzeugt hatten. Es waͤre in der That am kluͤgſten gehandelt geweſen, wenn er dieß wilde Voͤlkchen ſeinem Schickſal uͤberlaſſen haͤtte; allein er war an eine faſt unerſchuͤtterliche Verachtung aller Gefahren gewoͤhnt, und fuͤhlte ganz die Lebhaftigkeit jugendlicher Neugier.— Dieſe ſeltſame Miſchung von Maͤnnern und Weibern trug theils Turbans, theils Muͤtzen, die mit derjenigen, welche Quentin trug, mehr Aehnlichkeit hatten, als mit 143 denen, die in Frankreich allgemein uͤblich waren. Manche Maͤnner hatten lockige, ſchwarze Baͤrte, und faſt alle gli⸗ chen an Geſichtsfarbe beinahe den Afrikanern. Einer oder zwei, die ihre Anfuͤhrer zu ſeyn ſchienen, trugen einige buntſcheckige ſilberne Zierrathen um den Hals und in den Ohren, und buntfarbige gelbe, ſcharlachrothe oder hellgruͤne Schaͤrpen; Arme und Beine waren nackt und die ganze Truppe hatte ein aͤrmliches, ſchmutziges Aeußere. Durward ſah bei ihnen keine andere Waſſen, als die langen Meſſer, womit ſie ihn ſo eben bedroht hatten; doch trug ein jun⸗ ger, gewandter Mann einen kurzen gekruͤmmten Saͤbel, oder ein Mauriſches Schwerdt, an deſſen Griff er oft die Hand legte, waͤhrend er ſeine Gefaͤhrten in uͤbermaͤßigem Klaggeſchrei uͤbertraf, worin er den Ausdruck angedrohter Rache zu miſchen ſchien. Dieſe ordnungsloſe gellende Gruppe war in ihrem Aeuſ⸗ ſeren ſo ganz verſchieden von allen menſchlichen Weſen, die Quentin geſehen hatte, daß er geneigt war, ſie fuͤr einen Trupp Saracenen oder„heidniſcher Hunde“ zu hal⸗ ten, welche in allen Romanen, die er geleſen, oder von denen er gehoͤrt hatte, fuͤr die Widerſacher tapferer Ritter und chriſtlicher Monarchen galten. Er war daher im Be⸗ griff, ſich aus einer ſo gefaͤhrlichen Umgebung zu entfer⸗ nen, als Pferdegetrappel ſich vernehmen ließ, und die vermeintlichen Saracenen, die immittelſt die Leiche ihres. Gefaͤhrten auf die Schultern geladen hatten, ploͤtzlich von einem Trupp franzoͤſiſcher Soldalten angegriſſen wurden. —-1 und diejenigen, welche ſie umgaben, ſchluͤpften mit unge⸗ meiner Gewandtheit unter den Leibern der Pferde durch, und entkamen ſo den gegen ſie gerichteten Lanzen, waͤh⸗ rend der Ausruf erſcholl:„nieder mit den verfluchten heid⸗ niſchen Dieben, bindet ſie wie wilde Thiere, durchſtoßt ſie wie Woͤlfe!“ Dieſer Ruf war von thaͤtlichem Angriff begleitet; aber ſo gewandt waren die Fluͤchtlinge, und ſo unguͤnſtig war der Reiterei der durch Gebuͤſche und Dickigte bedeckte Grund, daß nur zwei zu Boden geſtreckt und in Verhaft genom⸗ men wurden, deren einer der junge Menſch mit dem Saͤbel war, der gegen ſeine Gefangennehmung einigen Widerſtand geleiſtet hatte. Quentin, den das Schickſal in dieſem Zeitpunkte ſich zur Zielſcheibe erwaͤhlt zu haben ſchien, ward von den Soldaten zu gleicher Zeit ergriſſen, und trotz ſeiner Gegenvorſtellungen wurden ihm die Arme gebunden, und zwar mit einer ſolchen Schnelligkeit und Gewandtheit, daß man ſah, diejenigen, die ſich damit be⸗ ſchaͤftigten, waͤren keine Neulinge in ſolchen polizeylichen Unternehmungen. Als Quentin auf den Anfuͤhrer der Reiter, von wel⸗ chem er ſeine Freilaſſung zu erlangen hofte, einen aͤngſt⸗ lichen Blick warf, wußte er nicht, ob er ſich freuen oder beunruhigen ſollte, als er in ihm den ſchweigſamen, in ſich gekehrten Begleiter des Maitre Pierre erkannte. In der That mußte dieſer Offizier, welches Verbrechens dieſe Fremdlinge auch immer angeklagt ſeyn mochten, ſich aus den Ereigniſſen des Morgens noch ſo viel erinnern, daß er, Durward, mit ihnen nicht in der mindeſten Verbin⸗ dung ſtand; allein zweifelhafter war es, ob dieſer muͤrriſche — 145 Mann ein ihm guͤnſtiger Richter und Zeuge ſeyn und ob er ſeine Lage verbeſſern wuͤrde, wenn er ſich unmittelbar an ihn wendete. Doch ließ man ihm wenig Muße, ſich zu bedenken. „Trois⸗Echelles, Petit⸗Andre,“ rief der Offizier mit finſtern Blicke zwei von ſeinen Begleitern zu,„dieſe Baͤume ſtehen hier an einem ſehr gelegenen Orte. Ich will dieſe unglaͤubigen diebiſchen Hexenmeiſter lehren, ſich in die Gerechtigkeitspflege des Koͤnigs zu miſchen, wenn ſie Jemanden von ihrem verdammten Geſchlechte heimgeſucht hat. Sitzt ab, Burſche und thut raſch was Eures Am⸗ tes iſtt⸗„ Augenblicklich waren Trois Echelles und Petit André auf den Beinen, und Quentin bemerkte, daß jeder am Knopf und Schwanzriemen ſeines Sattels, ein oder ein paar Strickgewinde befeſtigt hatte, die ſie eiligſt abloͤſ'ten und wovon jedes, wie ſich jetzt zeigte, eine verhaͤngnißvolle, zu Hinrichtungen in Bereitſchaft gehaltene Schlinge bil⸗ dete. Das Blut erſtarrte in Quentins Adern, als er ſah, daß drei Stricke ausgeſucht wurden und man einen davon fuͤr ſeinen eignen Hals beſtimmte. Laut rief er dem Of⸗ fizier zu, erinnerte ihn an ihr Zuſammentreſſen am Mor⸗ gen des naͤmlichen Tages, machte die Rechte eines freige⸗ vornen Schotten in einem befreundeten und verbuͤndeten Lande, geltend, und laͤugnete, daß er von den Perſonen, mit denen er in Verhaft genommen worden ſey, oder von ihren Vergehungen die mindeſte Kunde habe. Der ſo angeredete Offizier wuͤrdigte Durward, waͤhrend er ſprach, kaum eines Blickes, und nahm nicht die min⸗ deſte Kenntniß von den Anſpruͤchen, die jener auf ihr D. I. 10 ——— 146 ruͤhere Bekanntſ chaft gruͤndete. Er wandte ſich bloß an ein paar Bauern, die inzwiſchen herbei gekommen waren, um entweder unaufgefordert gegen die Gefangenen zu zeu⸗ gen, oder auch um ihre Neugierde zu befriedigen, und fragte ſie im rauhen Tone:„war dieſer junge Menſch in der Geſellſchaft jener Landſtreicher?“ „Ja das war er, Herr Generalprofos,“ antwortete ei⸗ ner von den Bauern,„und mit Ew. Geſtrengen Wohl⸗ nehmen, war er der Erſte, der ſo laͤſterlich den Schurken abſchnitt, den Sr. Majeſtaͤt Juſtiz wohlverdienter Weiſe aufgehangen hatte, wie wir Euer Geſtrengen ſchon geſagt haben.“ 1 „Ich kann bei Gott und dem heiligen Martin von Tours ſchwoͤren,“ ſetzte ein Anderer hinzu;„daß ich ihn bei der Bande geſehen habe, als ſie unſere Meierei pluͤn⸗ derte.“ „Aber, Vater,“ fiel ein Knabe ein,„jener Heide war ſchwarz, und dieſer junge Menſch iſt weiß; jener hatte krauſes, kurzes Haar, und dieſer hier hat lange blonde Locken.“ „Das iſt wahr mein Kind,“ ſprach der Bauer,„auch trug der Andere einen gruͤnen Rock, und dieſer traͤgt ein graues Wamms, aber der geſtrenge Herr Generalprofos weiß, daß dieſe Menſchen ihre Geſichtsfarbe eben ſo leicht, als ihre Waͤmmſer wechſeln koͤnnen, ſo daß es mir immer ſo vorkoͤmmt, als ſey es der N aͤmliche.“ „Es genuͤgt, daß Ihr geſehen habt, wie er durch den Verſuch, einen hingerichteten Verbrecher zu retten, den Lauf der koͤniglichen Juſtiz hemmte. Trois.⸗Echelles und Petit⸗André macht fort!“ dem Hufſchlag ſeines Pferdes die letzte SHoffaung auf Net „Haltet ein, Herr Offizier,“ rief der Juͤngling in To⸗ desangſt,„hoͤrt mich an, und laßt mich nicht ſchuldlos ſterben.— In dieſer Welt werden meine Landsleute und jenſeits wird der Himmel Euch fuͤr mein Blut verant⸗ wortlich machen.“ „Hier und dort werde ich meine Handlungen zu ver⸗ antworten wiſſen,“ ſprach der Generalprofos mit Kaͤlte, indem eer den Henkern mit der linken Hand winkte und dann mit einem Laͤcheln triumphirender Vosheit, mit dem Vorderfinger der linken Hand ſeinen rechten Arm beruͤhrte, den er in einer Schaͤrpe trug, vermuthlich weil er durch den von Durward am Morgen erhaltenen Schlag beſchaͤdigt war. „Elender, rachſuͤchtiger Boͤſewicht!“ erwiederte Quen⸗ tin, durch dieſe Hindeutung uͤberzeugt, daß Privatrache der einzige Beweggrund der Strenge dieſes Mannes, und keine Barmherzigkeit von ihm zu erwarten ſey. „Der arme Burſche raſet,“ ſprach der Beamte;„ſprich ein Wort des Troſtes mit ihm, Trois⸗Echelles, ehe er von hinnen ſcheidet. Du biſt ein troſtreicher Mann in ſolchen Faͤllen, wo kein Beichtvater bei der Hand iſt; gieb ihm eine Minute lang geiſtlichen Rath, und in der naͤchſten mach' ein Ende mit ihm. Ich muß meine Umreiſe fort⸗ ſetzen. Soldaten folgt mir!“ Der Generalprofos ritt weiter, ihm folgte die Wache mit Ausnahme von zwei oder drei Mann, die er zuruͤck ließ, um bei der Hinrichtung behuͤlflich zu ſeyn. Der un⸗ gluͤckliche Juͤngling warf auf den Scheidenden einen durch Verzweiflung faſt verdunkelten Blick und glaubte mit 448 tung verhallen zu hoͤren. In Todesangſt ſchaute er umher und war ſelbſt in dieſem Augenblick betroſſen, die ſtoiſche Gleichguͤltigkeit ſeiner Mitgefangenen wahrzunehmen. An⸗ fangs hatten ſie große Furcht geaͤußert und ſich aufs Aeuſ⸗ ſerſte angeſtrengt, zu entfliehen; nun aber, da man ſie feſt gebunden hatte und ihr Tod unvermeidlich ſchien, harrten ſie ſeiner mit gefuͤhlloſer Gleichguͤltigkeit. Die ihnen be⸗ vorſtehende verhaͤngnißvolle Scene gab vielleicht ihren dun⸗ kelbraunen Wangen einen gelblicheren Anſtrich; auf ihren Geſichtszuͤgen aber zeigte ſich keine Gemuͤthsbewegung, und beharrlicher Stolz belebte, wie zuvor ihre Augen. Sie glichen den Fuͤchſen, die, wenn alle ihre liſtigen Verſuche zur Flucht erſchoͤpft ſind, im Tode einen entſchloſſenen Muth zeigen, den weder Woͤlfe noch Baͤren, obwohl ſie ſich wuͤthender den Verfolgungen der Jaͤger widerſetzen, an den Tag legen. Ihre Standhaftigkeit ward durch das Benehmen ihrer Henker keinesweges erſchuͤttert. Dieſe ingen bedachtſamer ans Werk, als ihr Gebieter ihnen empfohlen hatte,— vermuthlich um des Vergnuͤgens, wel⸗ ches ihnen die Ausuͤbung des gewohnten ſchrecklichen Dien⸗ ſtes gewaͤhrte, deſto beſſer zu genießen. Wir weilen hier einen Augenblick, um ſie zu ſchildern, weil unter ei⸗ ner tyranniſchen, entweder deſpotiſchen oder populaͤren Re⸗ gierung der Henker eine wichtige Perſon iſt. Dieſe beiden Staatsdiener waren ſowohl im Aeußern als im Benehmen ſehr von einander verſchieden. Koͤnig Ludwig pflegte ſie Democritus und Heraclitus zu nennen, unnd ihr Vorgeſetzter, der Generalprofos nannte ſie Jean- 3 r pleure und Jean- qui- rit. Prois Echelles war ein langer hagerer, grundhaßlichet bb ſie den ernſten und pathetiſchen Trois⸗Echelles 149. Mann, mit ganz beſonders ernſten Geſichtszuͤgen, und trug einen großen Roſenkranz um den Hals, deſſen Gebrauch er andaͤchtig den Ungluͤcklichen anzubieten pflegte, an wel⸗ chen er ſein Amt verrichtete. Stets fuͤhrte er ein paar lateiniſche Brocken uͤber die Nichtigkeit und Eitelkeit des menſchlichen Lebens im Munde; und waͤre es in der Re⸗ gel geweſen, das Amt eines Beichtigers der Gefangenen mit dem des Nachrichters zu vereinigen, ſo haͤtte er beide zugleich uͤbernehmen koͤnnen. Petit⸗André war im Gegentheil ein kleines rundes, thaͤtiges Maͤnnchen mit froͤhlicher Miene, der ſein Amt auf eine ſolche Weiſe verrichtete; als waͤre es die luſtigſte Beſchaͤftigung auf der Welt. Er ſchien eine faſt zaͤrtliche Zuneigung fuͤr ſeine Schlachtopfer zu haben, und ſprach ſtets mit ihnen in freundſchaftlichen, Wohlwollen aus⸗ druͤckenden Worten. Er nannte ſie: Gevatter, ehrlicher Freund, guter Alter, huͤbſches Kind, je nachdem es zu ihrem Alter oder Geſchlecht paßte. Und ſo wie Trois⸗ Echelles ſich beſtrebte, ihnen philoſophiſche oder religidi⸗ Gedanken uͤber die Zukunft einzufloͤßen, ſo unterließ Petit⸗ Andre ſelten, ſie durch einige Spaͤße aufzumuntern und jhnen das Leben als etwas Laͤcherliches oder Beraͤchtliches, ernſter Beachtung Unwuͤrdiges darzuſtellen. Ich kann nicht ſagen, woher es kam, daß dieſe beiden achtbaren Maͤnner ungeachtet ihrer mannigfaltigen Talente und der Seltenheit ſolcher Maͤnner unter Leuten ihres Berufs weit bitterer gehaßt wurden, als jemals mit Per⸗ ſonen ihrer Art vor oder nachher der Fall geweſen ſeyn mag; und diejenigen, welche ſie kannten, zweifelten b ————— 150 den luſtigen, komiſchen, gewandten Perit⸗Andre am mei⸗ ſien fuͤrchteten oder haßten. Gewiß iſt's, daß ſie in bei⸗ der Hinſicht uͤber alle Henker in ganz Frankreich, ausge⸗ nommen ihren Vorgeſetzten, den berufenen Generalprofos Triſtan l' Hermite, oder deſſen Gebieter Ludwig XI., den Sieg davon trugen. Man darf nicht vorausſetzen, daß Quentin Durward dieſe Bemerkungen machte. Leben und Tod, Zeit und Ewigkeit,— dieß waren die Gedanken, die in dieſem Au⸗ genblick ſeinen ſchwimmenden Augen vorſchwebten.— Eine ſchreckliche, den Geiſt niederdruͤckende Ausſicht, vor welcher die ſchwache menſchliche Natur zuruͤckbebt, wenn auch der menſchliche Stolz ſie gern ſtandhaft ertruͤge. Er flehte zum Gott ſeiner Vaͤter; und waͤhrend er dieß that, bot die kleine zerſtoͤrte Kapelle ohne Dach, die nun faſt ſein ganzes Geſchlecht in ſich faßte, ſich ſeiner Erinnerung dar. „Unſere Feudalfeinde,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„be⸗ willigten uns Graͤber auf unſerm eignen Gebiete, ich aber muß wie ein geaͤchteter Verbrecher den Raben und Geiern eines fremden Landes zur Nahrung dienen.“ Hier ent⸗ ſtroͤmten unwillkuͤhrlich Thraͤnen ſeinen Augen. Trois⸗ Echelles klopfte ihn leiſe auf die Schulter und wuͤnſchte ihm mit großem Ernſte Gluͤck zu ſeiner himmliſchen Stim⸗ mung zum Tode.„Beati, qui in domino moriuntur!“ rief er pathetiſch aus, mit der Bemerkung: die Seele, ſey gluͤcklich zu preiſen, die den Koͤrper mit der Thraͤne im Auge verlaſſe.—„Muth gefaßt, mein lieber Sohn!“ rief Petit⸗André, ihn auf die aͤndere Schulter ſchlagend, da Ihr den Tanz beginnen muͤßt. ſo erdͤffnet froͤhlich den Ball; die Inſtrumente ſind geſtimat,“ dabei ſchuͤttelte —— 151 er den Strick, um ſeinen Scherz eindringlicher zu machen. Als der Juͤngling ſeine verzweiflungsvollen Blicke bald auf die eine, bald auf die andere Seite wandte, trieben ſie ihn, um ihre Meinung noch deutlicher zu erkennen zu geben, zu dem verhaͤngnißvollen Baume hin, und ermun⸗ terten ihn, Muth zu faſſen; denn Alles wuͤrde in einem Augenblick voruͤber ſeyn. In dieſer ſchrecklichen Lage warf der Juͤngling noch einmal einen verzweiflungsvollen Blick rund um ſich her. „Iſt hier irgend ein guter Chriſt, der mich hoͤrt,“ rief er, ſo ſage er dem ſchottiſchen Gardiſten Ludwig Leslie, ge⸗ meiniglich der Benarbte genannt, daß ſein Neſſe hier ſchaͤndlich gemordet wird.—“ Dieſe Worte waren eben zu rechter Zeit geſprochen, denn ein Bogenſchuͤtz von der ſchottiſchen Garde, herbei⸗ gezogen durch die Vorbereitungen zur Hinrichtung, ſtand mit ein paar andern zufaͤllig Voruͤbergehenden in der Naͤhe, um zu ſehen, was vorging. „Seht wohl zu, was Ihr thut,“ ſprach er zu den Hen⸗ kern;„ich werde nicht dulden, daß er unſchuldig ums Le⸗ be gebracht wird.“ „Dafuͤr behuͤte uns Gott, Herr Cavalier,“ entgegnete Trois⸗Echelles;„aber wir muͤſſen unſern Befehlen ge⸗ horchen,“ und damit zog er den jungen Durward bei einem Arme vorwaͤrts. 6 „Das kuͤrzeſte Spiel iſt immer das ſchoͤnſte,“ ſprach Petit⸗André, ihn beim andern Arme fortſchleppend. Aber Quentin hatte Troſtesworte vernommen, und alle ſeine Kraͤfte anſtrengend, ſtieß er beide Henker von ſich, Schottiſchen Bogenſchuͤtzen los.„Steht mir bei, Lands⸗ mann!“ rief er in ſeiner Mutterſprache;„um Schottlands und des heiligen Andreas 3 1) willen! Ich bin unſchuldig; ich bin Euer aͤchter Landsmann. Steht mir bei, wenn Ihr nicht an jenem Tage verantwortlich werden wollt!“ „Beim heiligen Andreas! Sie muͤſſen mich erſt nie⸗ derſtoßen, wenn ſie Euch zu nahe kommen wollen,“ erwie⸗ derte der Bogenſchuͤtze, den Saͤbel ziehend. „Loͤſt meine Bande, Landsmann!“ rief Quentin,„da⸗ mit ich ſelbſt etwas fuͤr mich thun kann. Dieß geſchah augenblicklich durch die Waſſe des Bogenſchuͤtzen, und der befreite Gefangene, raſch auf einen Prevotal⸗Gardiſten losſtuͤrzend, entriß dieſem ſeine Hellebarde,„und nun,“ rief er,„kommt heran, wenn Ihr es wagt.“ Jetzt fli⸗ ſterten die beiden Beamten mit einander. „Reite Du dem Generalprofos nach,“ ſagte Trois⸗ Echelles;„mittlerweile will ich ſie wo moͤglich hier auf⸗ halten.— Soldaten von der Prevotalwache, zu den Waſſen!“ Petit⸗André beſtieg ſein Roß und eilte davon, waͤhrend die Soldaten, gehorchend dem erhaltenen Befehl, ſich ſo eilig zuſammenzogen, daß die beiden andern Gefangenen in der Verwirrung entkamen. Vielleichr waren ſie nicht ſehr eifrig bemuͤht, ſie feſtzuhalten; denn ſeit einiger Zeit waren ſie von dem Blute ſolcher Elenden geſaͤttigt, und wie andere reißende Thiere nach langem Blutvergießen dieſes Genuſſes muͤde. Sie entſchuldigten ſich damit, daß ſte ſich auf der Stelle berufen geglaubt haͤtten, fuͤr Trois⸗ CEchelles Sicherheit Sorge zu tragen; denn es herrſchte zwiſchen den Schottiſchen Bogenſchuͤtzen und der Prepotal⸗ . —— 153 wache, welche unter den Befehlen des Generalprofos ſtand, eine Eiferſucht, die zu Zeiten in ofſene Haͤndel ausbrach. „Wir ſind ſtark genug, die ſtolzen Schotten zu uͤber⸗ mannen, wenn es Euer Wille iſt,“ verſetzte einer von den drei Prevotalgardiſten. Allein der umſichtige Trois⸗Echelles gab ihm ein Zei⸗ chen, ruhig zu bleiben, und redete den ſchottiſchen Bogen⸗ ſchuͤtzen mit großer Hoͤflichkeit an.„In der That Herr, es iſt eine große Beleidigung fuͤr den Generalprofos, in den Lauf der gebuͤhrenden geſetzlichen Juſtizverwaltung einzugreifen; auch iſt es eine Ungerechtigkeit gegen mich, der ich im legitimen Beſitze meines Gefangenen bin. Ue⸗ berdieß iſt es keine wohlverſtandene Dienſtleiſtung fuͤr den jungen Mann ſelbſt, da es funfzig Gelegenheiten geben kann, ihn zu haͤngen, ohne daß er ſich in einem ſolchen gluͤcklichen Zuſtande der Vorbereitung befindet, als derje⸗ nige worin er vor Eurer unuͤberdachten Dazwiſchen⸗ kunft war.“ „Wenn mein junger Landsmann,“ entgegnete der Schotte laͤchelnd,„der Meinung iſt, daß ich ihm Unrecht Zugefuͤgt habe, ſo will ich ihn ohne ein Wort weiter da⸗ gegen zu ſagen, Euren Haͤnden wieder uͤberliefern.“ „Nein, nein!— ums Himmelswillen nein!“— rief Quentin.„Lieber wollt ich, daß Ihr mir mit Eurem lan⸗ gen Schwerdte den Kopf runter hiebet;— dieß wuͤrde ſich fuͤr einen Mann von meiner Geburt beſſer geziemen, als von den Haͤnden eines ſo gemeinen Kerls zu ſterben.“ „Hoͤrt wie er laͤſtert!“ rief der Vollſtrecker der Geſetze, „ach! wie bald ſchwinden doch die beſten Entſchluͤſſe da⸗ hin,— noch ſo eben war er in einer ſo guͤnſtigen Sti ——— —— 154 mung zum ſeligen Hintritt, und in zwei Minuten iſt er ein Veraͤchter des obrigkeitlichen Anſehns geworden.“ „Sagt mir doch endlich einmal,“ fiel der Bogenſchuͤtze ein,„was hat der junge Mann gethan.“ „Er hat ſich unterſtanden,“ antwortete Trois⸗Echelles, „den Strick abzuſchneiden, woran ein Verbrecher aufgehan⸗ gen war; und doch war in dem Stamm des Baumes, an deſſen Aſte ich ihn mit eigner Hand aufgehangen hatte, die Lilie eingegraben.“ „Was ſoll das heißen, junger Mann?“ fragte der Bo⸗ genſchuͤtze,„wie kommt Ihr dazu, Euch ein ſolches Ver⸗ gehen zu Schulden kommen zu laſſen?“ „So gewiß als ich Euren Schutz begehre,“ antwortete Durward,„will ich Euch die Wahrheit ſagen, als waͤre ich ein Beichtſtuhl. Ich ſah einen mit dem Tode kaͤmpfen⸗ den Mann am Baume haͤngen, und ſchnitt ihn aus bloßer Menſchlichkeit ab, ohne weder an Lilien noch an Nelken zu denken; dabei war es eben ſo wenig meine Abſicht, den Koͤnig von Frankreich, als unſerm Vater den Pabſt zu beleidigen.“ „Was zum Henker hattet Ihr denn mit den todten Koͤrper zu thun? Ihr werdet dergleichen, wenn Ihr den Schritten dieſes wuͤrdigen Mannes folgt, gleich Weintrau⸗ ben an jedem Baume haͤngen ſehen. Es wird Euch in dieſem Lande nicht an Arbeit fehlen, wenn Ihr hinter dem Henker hergeht, um Nachleſe zu halten. Gleichwohl will ich meinen Landsmann nicht im Stiche laſſen, wenn ich ihm helfen kann.— Hoͤrt, Herr Profosdiener, Ihr ſeht, daß die Sache bloß auf einem Irrthum beruht, Ihr ſolltet ſo jungen Reiſenden Mitleid gehabt haben. 3 zu enthalten, und fragte den Benarbten, der ſich an di 155 In unſerm Vaterlande iſt er an ein ſo raſches Verfahren, als das Eurige, und das Eures Herrn nicht gewoͤhnt.—“ „Auch dort thaͤte es wohl Noth, Herr Bogenſchuͤtze,“ fiel Petit⸗André ein, der in dieſem Augenblick zuruͤck kam. „Halte Dich gut, Trois⸗Echelles, denn hier kommt der General⸗Profos; wir werden gleich ſehen, was er dazu ſagt, daß ihm das Werk unvollendet aus den Haͤnden ge⸗ riſſen iſt.“ „Und da kommen eben zu rechter Zeit einige von mei⸗ nen Kameraden,“ ſprach der Bogenſchuͤtze. Wirklich er⸗ ſchienen, als der Generalprofos Triſtan, ſeine Patrouille zur Seite, den kleinen Huͤgel,— den Schauplatz des Streites— hinanritt, vier oder fuͤnf Bogenſchuͤtzen, und der Benarbte an ihrer Spitze, ploͤtzlich von der andern Seite. In dieſer dringlichen Lage zeigte Leslie keinesweges jene Gleichguͤltigkeit gegen ſeinen Neſſen, deren ihn Quen⸗ tin im Herzen beſchuldiget hatte; denn kaum ſah er ſeinen Kameraden und Durward in vertheidigender Stellung, ſo rief er:„Cunningham ich danke Dir; meine Herren Ka⸗ meraden, ſteht mir bei!— Es iſt ein junger ſchottiſcher Edelmann, mein Neſſe.— Lindeſay, Guthrie, Tyrie zieht vom Leder und haut ein! Alles verkuͤndigte nun einen verzweiflungsvollen Kampf zwiſchen beiden Parteien, die an Zahl ſo wenig verſchieden waren, daß die ſchottiſchen Cavaliere vermoͤge ihrer ſtaͤrkern Arme, es vollkommen mit ihren Gegnern aufnehmen konnten. Allein der Ge⸗ neralprofos, entweder mißtrauend dem Ausgange des Ge⸗ fechts, oder uͤberzeugt, daß es dem Koͤnige unangenehm ſeyn wuͤrde, winkte ſeinen Leuten, ſich aller Thaͤtlichkeiten 15⁵6 Spitze der Gegenpartei geſtellt hatte, wie er,— ein Ca⸗ valier von der koͤniglichen Leibgarde,— dazu komme, ſich der Hinrichtung eines Verbrechers zu widerſetzen.“ „Ich leugne, daß ich das thue,“ antwortete der Be⸗ narbte,„Beim heiligen Martin! es iſt doch, denk' ich, einiger Unterſchied zwiſchen der Hinrichtung eines Ver⸗ brechers und der Ermordung meines eignen Neſſen.“ „Euer Neſſe kann eben ſowohl als ein Anderer, ein Verbrecher ſeyn,“ verſetzte der Generalprofos; und jeder Fremde iſt in Frankreich den Landesgeſetzen unterworfen.“ „Ja, aber wir haben Privilegien, wir ſchottiſchen Bo⸗ genſchuͤtzen,“ ſprach der Benarbte.„Haben wir nicht, Kameraden?“ „Ja, ja,“ riefen alle zuſammen, Privilegien, Privile⸗ gien, lange lebe Koͤnig Ludwig!— Lange lebe der kuͤhne Leslie!— Lange lebe die ſchottiſche Garde, und Tod allen denen, die unſre Privilegien verletzen wollen!“ „Laßt vernuͤnftig mit Euch reden, Ihr Herren Cavaliere,“ ſprach der Generalprofos,„und erwaͤgt meinen Auftrag.“ „Von Euch wollen wir keine Vernunft lernen,“ ver⸗ ſetzte Cunningham;„wir werden ſie aus dem Munde unſrer eignen Offiziere vernehmen. Wir wollen von des Koͤnigs Majeſtaͤt oder von unſerm eignen Capitain, in Abweſenheit des Großconnetable gerichtet werden.“ „Und es ſoll uns Niemand haͤngen,“ fiel Lindeſay ein, „als Sandie Wilſon, der alte Profos bei unſerm Corps.“ „Es hieße oſſenbar den alten Sandie betriegen, der ein ſo ehrlicher Mann iſt, als jemals einer eine Schlinge an einen Strick machte. Wenn wir zugaͤben, daß ſonſt Jemand peinlich gegen Uns verfuͤhre,“ fiel der Benarbte 1⁵⁷ ein.„Sollte ich ſelbſt gehangen werden, dann ſollte kein Anderer mir die Kehle zuſchnuͤren.“ „Aber hoͤrt,“ ſprach der Generalprofos,„dieſer junge Menſch gehoͤrt nicht zu Euch, und kann alſo an Euren ſogenannten Privilegien keinen Theil haben.“ „Unſere ſogenannten Privilegien? Jedermann ſoll ſte anerkennen,“ fiel Cunningham ein. „Wir wollen ſie von Niemand bezweifelt wiſſen,“ rie⸗ fen alle Bogenſchuͤtzen. „Ihr ſeyd wie wahnſinnig, meine Herren,“ verſetzte Triſtan;—„niemand beſtreitet Eure Privilegien; aber dieſer Juͤngling gehoͤrt nicht zu Euch.“ „Er iſt mein Neſſe,“ ſprach der Benarbte mit trium⸗ phirender Miene. „Aber er iſt ſoviel ich weiß, kein Bogenſchuͤtze von der Garde,“ erwiederte Triſtan. Die Bogenſchuͤtzen ſahen mit einiger Ungewißheit einander an. „Gebt nicht nach, Vetter,“ fliſterte Cunningham dem Benarbten ins Ohr;—„ſagt, er habe Dienſte unter uns genommen.“ „Beim heiligen Martin! Ihr habt Recht, lieber Vet⸗ ter,“ antwortete Leslie, und ſchwur dann, ſeine Stimme erhebend,„er habe dieſen Morgen ſeinen Vetter unter ſein Gefolge aufgenommen.“ Dieſe Erklaͤrung war ein entſcheidender Grund. 3 „Es iſt gut, meine Herren,“ verſetzte der Generalpro⸗ fos Triſtan, wohl wiſſend, daß der Koͤnig eine faſt an Schwaͤche grenzende Beſorgniß hegte, es moͤchte ſich unter ſeine Leibwache Unzufriedenheit einſchleichen.— Ihr kennt, wie Ihr ſagt, Eure Privilegien . 1⁵8 meine Pflicht, mit der koͤniglichen Garde keine Haͤndel zu haben, falls es zu vermeiden ſteht. Aber ich will die Sache an den Koͤnig zu ſeiner eignen Entſcheidung be⸗ richten, und mache Euch bemerklich, daß dieſe Verfah⸗ rungsart gelinder iſt, als es vielleicht meine Obliegenheit eigentlich geſtattet.“ Nach dieſen Worten ſetzte er ſeine Leute in Bewegung, waͤhrend die Bogenſchuͤtzen an Ort und Stelle zuruͤckblieben, und ſich in der Eile beriethen, was zunaͤchſt zu thun ſey. „Zuvoͤrderſt muͤſſen wir unſerm Hauptmann, den Lord Crawford, die Sache berichten, und den Namen des jun⸗ gen Menſchen in die Liſte unſeres Corps eintragen laſſen.“ „Aber, Ihr Herren,— meine wuͤrdigen Freunde und Retter,“ ſprach Quentin etwas ſtockend,„ich bin noch nicht entſchloſſen, ob ich unter Euch Dienſte nehmen will oder nicht.“ „Dann uͤberleg' es bei Dir ſelbſt,“ fiel ſein Oheim ein,„ob Du es thun, oder gehangen werden willſt; denn ich verſichere Dir, Neſſe, ich ſehe fuͤr Dich kein anderes Mittel, dem Galgen zu entgehen.“ Dieß war ein unwiderleglicher Beweisgrund, wodurch Quentin ſich bewogen fand, auf der Stelle einen Vor⸗ ſchlag anzunehmen, den er ſonſt vielleicht als unerfreulich betrachtet haben wuͤrde. Da er aber ſo eben erſt dem Strick entgangen war, den man ihm im buchſtaͤblichen Sinne ſchon um den Hals gelegt hatte, ſo wuͤrde er wahrcheinlich ſeinem noch weit unangenehmeren Antrage ſich gefuͤgt haben. „Er muß mit in unſere Caſerne gehen,“ ſagte Cun⸗ ningham,„denn ſo lange dieſe Menſchenjaͤger umherſtrei⸗ fen, iſt er außer unſerm Bereich nirgends ſicher.“ 159 „Kann ich denn dieſe Nacht nicht in dem Wirthshauſe zubringen, wo ich heute fruͤhſtuͤckte?“ fragte der Juͤng⸗ ling, der vielleicht wie mancher Neugeworbener dachte, daß ſelbſt eine einzige Nacht, in Freiheit genoſſen, immer Gewinn ſey. „Ja, das kannſt Du, lieber Neſſe,“ antwortete ſein Oheim ironiſch,„wenn Du uns das Vergnuͤgen machen willſt, Dich aus irgend einem Abzugskanal oder aus einem Teich, oder vielleicht aus einem Arm der Loire, in einen Sack eingenaͤht, um Dir das Schwimmen zu erleichtern, aufzufiſchen; denn das wuͤrde wahrſcheinlich das Ende vom Liede ſeyn.— Ich ſah den Generalprofos laͤcheln, als er von uns ſchied,“ ſetzte er, an Cunningham ſich wen⸗ dend, hinzu,„und dieß iſt ein Zeichen, daß er etwas Boͤ⸗ ſes im Sinne hat.“ „Ich kuͤmmere mich wenig um ſeine Anſchlaͤge,“ ver⸗ ſetzte Cunningham;„ſolches Wildpret wie wir, iſt außer dem Bereich ſeiner Pfeile. Aber ich wuͤnſchte, daß Du die ganze Sache dem verzweifelten Kerl, dem Oliver er⸗ zaͤhlteſt, der jederzeit ein Freund der ſchottiſchen Garde war, und den Vater Ludwig, den er morgen fruͤh barbirt, fruͤher ſehen wird, als der Generalprofos.“ „Aber hoͤre,“ ſprach der Benarbte,„es iſt nicht gut, mit leeren Haͤnden zu Olivern zu gehen, und ich bin ſo kahl, als eine Birke im December.“ „Das ſind wir alle,“ erwiederte Cunningham;„aber Oliver darf kein Bedenken tragen, dieß eine Mal unſer ſchottiſches Ehrenwort anzunehmen. Wir wollen am naͤch⸗ ſten Zahltage ein huͤbſches Geſchenk fuͤr ihn zuſammenle⸗ gen; und wenn er einen Antheil am Solde er n kan 8 der Meinung war, daß ſeine Geſchichtserzaͤhlung nur Mitleid 160 ird, wie ich Euch ſagen darf, der Zahltag um ſo frü⸗ her herankommen.“ „Und nun aufs Schloß!“ mahnte der Benarbte;„un⸗ terwegs ſoll uns mein Neſſe erzaͤhlen, wie ers angefangen hat, den Generalprofos gegen ſich auf die Beine zu brin⸗ gen, damit wir wiſſen, wie wir unſern Rapport an Eraw⸗ ford einrichten ſollen.“ Siebentes Kapitel. Der Eintritt in Kriegsdienſte. Der Friedensrichter:— Gebt die Statuten her— leſ't die Artikel!— Schwoͤrt, kuͤßt die Bibel,— unterſchreibt den Namen Und ſeyd ein Held!— Dagegen giebt der Staat Fuͤr kuͤnft'ge Kriegsthaten taͤglich Euch Sechs Pence, 32) Nahrung und ruͤckſtaͤndigen Sold. Der Werbeoffizier. 33) Quentin Durward, den man das Pferd des Dienſt⸗ mannes eines Bogenſchuͤtzen beſteigen ließ, ritt in Geſell⸗ ſchaft ſeiner kriegeriſchen Landsleute im ſtarken Schritt dem Schloſſe Pleſſis zu,— im Begriſſ, ſeinerſeits unfrei⸗ willig ein Bewohner jener duͤſtern Veſte zu werden, deren Aeußeres ihn am Morgen ſo unangenehm uͤberraſcht hatte. Mittlerweile gab er ſeinem Oheim auf deſſen wiederholtes Befragen einen genauen Bericht uͤber den Vorfall, der ihn Morgens in ſo große Gefahr geſtuͤrzt hatte. Obwohl er ſelbſt — erregen koͤnne, ſo fand er doch, daß ſeine Vegleitung ſie mit allgemeinem Gelaͤchter anhoͤrte. „Und doch war in der Sache nichts Spashaftes,“ ſprach ſein Oheim;„aber was Teufel! konnte denn den unbe⸗ ſonnenen jungen Menſchen verleiten, ſich mit dem Koͤrper eines verdammten Unglaͤubigen, Juden, Mauren oder Heiden abzugeben?“. „Haͤtte er ſich mit den Prevotal⸗ Gardiſten um ein huͤbſches Maͤdchen geſtritten, wie es Micheln von Moſſat ging, dann waͤre doch mehr Vernunft darin geweſen,“ fiel Eunningham ein. „Aber mich duͤnkt,“ bemerkte Lindeſay,„es iſt unſrer Ehre zu nahe, daß Triſtan und ſeine Leute ſich anmaßen, unſere ſchottiſchen Muͤtzen mit den Turbanen dieſer die⸗ biſchen Landſtreicher zu verwechſeln. Wenn ſie keine Au⸗ gen haben, den Unterſchied bemerken zu koͤnnen, ſo muß Ihnen die noͤthige Kunde eingeblaͤut werden. Ich halte aber dafuͤr, daß er ſich bloß ſo ſtellt, als mißkenne er den Unterſchied, damit er die wackern Schotten die heruͤber kommen, ihre Landsleute zu beſuchen, wegſchnappen kann.“ „Darf ich fragen, Oheim, was fuͤr Leute das ſind, von denen Ihr ſprecht,“ fiel Quentin ein. 3 „Wohl magſt Du fragen,“ erwiederte der Oheim,„aber ich kenne Niemand, lieber Neſſe, der Dir antworten kann. 3 Ich wenigſtens gewiß nicht, obwohl ich vielleicht eben ſo viel davon weiß, als Andere. Jene Leute ſind vor ein paar Jahren gerade wie ein Schwarm Heuſchrecken ins Land gekommen.“— 9 3 „Ja,“ ſprach Lindeſay,„und Jacques Bonhomme, — ſo nennen wir nach unſrer Art zu reden, die Ihr bald D. I.. 11 . 162 lernen muͤßt, die Bauern,— der ehrliche Jaeques, ſage ich, fraͤgt wenig darnach, welcher Wind ihm die Heuſchrek⸗ ken zugeweht hat, wenn er nur wuͤßte, daß irgend ein— Wind ſie wieder wegfuͤhrte.“ „Richten ſie denn ſo viel Unheil an,“ fragte Quentin Durward. „Ob ſie Unheil anrichten?“ entgegnete Cunningham, ſich bekreuzend.„Sie ſind ja Heiden oder Juden, oder wenigſtens Mohamedaner, und verehren weder die Mutter Gottes, noch die Heiligen; ſie ſtehlen was ihnen unter die Haͤnde kommt, und ſingen und weiſſagen.“ „Man ſagt, daß es einige ziemlich huͤbſche Weibſen unter ihnen giebt,“ bemerkte Guthrie;„doch CEunningham weiß das am beſten.“ „Wie Kamerad,“ rief Eunningham,„ich hoſſe doch nicht, daß Ihr mich beleidigen wollt?“ 3 „Das iſt mir nicht eingefallen,“ verſetzte Guthrie. „Ich nehme die ganze Geſellſchaft zu Richtern,“ ſprach Cunningham.—„Ihr wolltet ſo viel ſagen, daß ich, ein ſchottiſcher Edelmann, der im Schoße der heiligen Kirche lebt, unter dieſem Abſchaum des Heidenthums ein Lieb⸗ chen haͤtte.“ „Nun, nun,“ fiel der Benarbte ein,„er ſcherzte nur.— Keine Haͤndel unter Kameraden!“ „Und dann muͤſſen auch ſolche Spaͤße unterlaſſen werden,“ brummte Cunningham halb laut. „Giebt es ſolche Landſtreicher auch in andern Laͤndern als Frankreich?“ fragte Lindeſay. „Ei freilich; denn ich kenne mehrere ihrer Staͤmme, die ſich in Deutſchland, Spanien und England gezeigs —y 4 163. S haben,“ verſetzte der Venarbte.„Doch iſt Schottland, Dank dem heiligen Andreas! bis jetzt davon frei ge⸗ blieben.“ „Schottland,“ bemerkte Eunningham,„iſt ein zu kal⸗ tes Land fuͤr Heuſchrecken, und zu arm fuͤr Diebe.“ „Oder vielleicht duldet dort der Hochlaͤnder keine andern Diebe, weil er ſelbſt der einzige bleiben will,“ fiel Gu⸗ thrie ein. „Ihr ſollt Alle wiſſen,“ erklaͤrte der Benarbte,„daß die Anhoͤhen von Angus mein Geburtsland ſind, daß ich wackere hochlaͤndiſche Verwandte in Glen⸗Isla habe, und die Hochlaͤnder nicht ſchimpfen laſſe.“ „Ihr werdet doch nicht leugnen, daß ſie Viehheerden wegtreiben?“ fragte Guthrie. 1. „Vieheerden wegtreiben heißt nicht ſtehlen, das will ich gegen Jeden, wann und wie er wih, behaupten.“ „Schaͤmt Euch, Kamerad,“ ſagte Cunningham,„wer faͤngt denn nun Haͤndel an; der junge Mann ſollte von dergleichen Mißverſtändniſſen unter uns nicht Zeuge ſeyn. Nun hier ſind wir vor dem Schloſſe. Wenn Ihr in mei⸗ nem Quartier bei mir eſſen wollt, ſo will ich ein Faͤßchen Wein zum Beſten geben, damit wir auf gute Freundſchaft und auf das Wohl der Schotten ſowohl im Hoch⸗ als Niederland trinken koͤnnen.“— „Angenommen, angenommen!:“ rief der Benarbte, „und ich werde ein zweites Faͤßchen zum Beſten geben, um jede Unfreundlichkeit abzuſpulen, und auf das Wohl meines Neſſen, beim Eintritt in unſer Corps einen Becher zu leeren.“— Bei ihrer Annaͤherung ward das Nebenp chen geöffnet 164 und die Zugbruͤcke herab gelaſſen, ſo daß Einer nach dem andern hereinkommen konnte; als aber Quentin ſich zeig⸗ te, kreuzten die Schildwachen ihre Speere und befahlen ihm, Halt zu machen, waͤhrend von der Mauer herab ge⸗ ſpannte Bogen und Buͤchſen auf ihn angelegt wurden;— eine ſtrenge Wachſamkeit, die nicht unterblieb, obwohl der junge Fremdling in Geſellſchaft eines Theiles der Beſaz⸗ zung ankam, der obendrein zu der Abtheilung gehoͤrte, aus deren Mitte die auf dem Poſten ſtehenden Schildwachen gezogen waren. Leslie, der abſichtlich ſeinem Neſſen zur Seite geblieben war, ertheilte die noͤthige Auskunft, und nach manchem Zoͤgern und Bedenken, ward der junge Mann unter guter Bedeckung in Lord Crawfords Zimmer geleitet⸗ Dieſer ſchottiſche Lord gehoͤrte zu den Ueberbleibſeln jener tapfern Mitglieder des ſchottiſchen hohen Adels und Ritterſtandes, die dem Koͤnig Carl VII. in ſeinen bluti⸗ gen Kriegen, welche die Unabhaͤngigkeit der franzdſiſchen Krone und die Vertreibung der Englaͤnder entſchieden, ſo lange und ſo treu gedient hatten. Schon als Knabe hatte er an Douglas und Buchans Seite gefochten, unter den Fahnen der Jungfrau von Orleans gedient und war viel⸗ leicht einer von den letzten Genoſſen der ſchottiſchen Rit⸗ terſchaft, die ſo bereitwillig ihre Schwerdter fuͤr die Lilien gegen ihre alten Feinde gezogen hatten. Beraͤnderungen, welche in Schottland vorgefallen wa⸗ ren, und vielleicht ſeine Gewoͤhnung an Frankreichs Klima und Sitten, hatten den alten Freiherrn vermocht, jedem Gedanken an eine Ruͤckkehr in ſein Vaterland zu entſagen. Um ſo mehr, da der hohe Poſten, den er unter Ludwigs — 1 Haustruppen bekleidete, und ſein freimuͤthiger und loya⸗ ler Charakter, ihm großen Einfluß beim Koͤnige verſchaft hatte, der, ſo wenig er auch im Ganzen an menſchliche Tugend und Ehrliebe glaubte, dieſe Eigenſchaften gleich⸗ wohl dem Lord Crawford zuſchrieb und ihm um ſo mehr vertraute, da er ſich nie in irgend etwas miſchte, was nicht unmittelbar ſeines Aints war. Leslie und Cunningham folgten dem jungen Durward und der ihn begleitenden Wache in das Zimmer ihres Hauptmanus, deſſen wuͤrdevolles Aeußere, verbunden mit der Ehrfurcht, die ihm ſeine ſtolzen, ſonſt Niemanden, wie es ſchien achtenden Soldaten zollten, auf den jungen Mann einen tiefen, dauernden Eindruck machte. 3 Lord Crawford war lang gewachſen, und wenn gleich bei ſeinen vorgeruͤckten Jahren hager und ausgemergelt, hatte er noch die Kraft, wenn auch nicht die Gewandtheit der Jugend, und vermochte das Gewicht ſeiner Ruͤſtung auf einem Marſche eben ſo gut zu ertragen, als der juͤngſte ſeiner Krieger. Er hatte rauhe, benarbte und verwitterte Geſichtszuͤge. Ein Auge, welches in dreißig Feldſchlachten den Tod in der Naͤhe geſehen hatte, dennoch aber mehr gutmuͤthige Verachtung der Gefahr, als den wilden Muth eines Lohnſoldaten ausſprach. Seine hohe Geſtalt war in einen weiten Schlafrock gehuͤllt, der durch einen buͤſſelle⸗ dernen Guͤrtel, worin ein Dolch mit reich gearbeitetem Griff ſteckte, zuſammen gehalten ward. Um den Hals trug er die Kette und das Ehrenzeichen des Ordens von St. Michael, er ſaß auf einem hirſchledernen Kiſſen und las durch eine Brille,— damals eine neue Erfindung,— in einer dicken Handſchrift, betitelt, Ie Rosler do la Gnec- 166 re, 3 4)— ein Codey militaͤriſcher und buͤrgerlicher Politik, zuſammengetragen von Ludwig, zum Beſten ſeines Soh⸗ nes, des Dauphins, und woruͤber er die Meinung des er⸗ fahrnen ſchottiſchen Kriegers zu wiſſen wuͤnſchte. Beim Eintritt dieſes unerwarteten Beſuchs legte Lord Crawford ſein Buch etwas verdrießlich bei Seite, und fragte in der vollmuͤndigen Ausſprache ſeines Vaterlandes, „was ſie ins Teufels Namen nun von ihm wollten?“ Leslie berichtete ihm mit groͤßerer Ehrerbietung als er vielleicht ſelbſt dem Koͤnige gezeigt haben wuͤrde, ausfuͤhr⸗ lich die Verhaͤltniſſe, worin ſein Neſſe ſich befaͤnde und erbat fuͤr ihn den Schutz Sr. Lordſchaft. Crawford hoͤrte aufmerkſam zu; er konnte ſich des La⸗ chens nicht erwehren uͤber die Einfalt, die der junge Mann durch ſeine Einmiſchung in das Schickſal des gehangenen Verbrechers an den Tag gelegt hatte; er ſchuͤttelte den Kopf uͤber den Streit der Bogenſchuͤtzen und der Prevo⸗ talwache. „Wie oft,“ ſprach er,„werdet Ihr mir ſolche ſchlecht aufgewundene Gebinde abzuwickeln geben? Wie oft muß ich Euch ſagen, und insbeſondere Euch Ludwig Leslie und Euch Archie Cunningham, daß der fremde Soldat ſich be⸗ ſcheiden und anſtaͤndig gegen die Eingebornen betragen muß, wenn er nicht will, daß alle Hunde der Stadt hin⸗ ter ihm herbellen ſollen. Doch wenn Ihr einmal Haͤndel mit Jemanden haben muͤßt, ſo iſt es mir lieber, daß Ihr z mit dieſem ſchurkiſchen Profos anfangt, als mit irgend m Andern; auch tadle ich Euch weniger wegen dieſes riſſs, als wegen anderer Haͤndel die Ihr angefangen 167 habt, Ludwig, denn es war natuͤrlich, und den verwandt⸗ ſchaftlichen Pflichten gemaͤß, daß Ihr Eurem armen jun⸗ gen Neſſen zu Huͤlfe kamt; der unerfahrne junge Menſch darf nicht zu Schaden kommen. Drum gebt mir die Com⸗ pagnieliſte dort vom Geſims herunter, damit wir ſeinen Namen einſchreiben, ſo daß er der Previlegien des Corps theilhaftig wird.“ „Mit Eurer Lordſchaft Wohlnehmen—“ begann Dur⸗ ward— 4 „Hat der Burſche den Verſtand verloren?“ rief ſein Oheim,„nimmſt Du Dir heraus, Se. Lordſchaft anzure⸗ reden, ohne gefragt zu werden?“ „Ruhig Ludwig,“ verſetzte Lord Crawford,„laßt uns hoͤren, was der junge Menſch zu ſagen hat.“ „Weiter nichts, Mylord,“ erwiederte Quentin,„als daß ich anfangs meinem Oheim ſagte, ich waͤre zweifel⸗ haft, ob ich in dieſen Dienſt eintreten ſollte. Ich habe jetzt bloß anzuzeigen, daß dieſe Zweifel nun gaͤnzlich ge⸗ hoben ſind, ſeitdem ich den edlen, erfahrnen Befehlshaber geſehen habe, unter dem ich dienen ſoll; denn Euer Blick gebietet Achtung.“ „Wohl geſprochen, mein Kind,“ ſagte der alte Lord, nicht gefuͤhllos gegen dieſe Artigkeit;„wir haben einige Erfahrung gehabt, und mit Gottes Huͤlfe haben wir ſie ſowohl im Dienen, als im Befehlen benutzt. Nun Quen⸗ tin ſeyd Ihr in unſerm ehrenwerthen Corps der ſchotti⸗ ſchen Leibgarde als Knappe Eures Oheims, und unter ſeiner Lanze dienend, eingeſchrieben. Ich habe zu Euch das Vertrauen, daß Ihr Euch gut auffuͤhren und ein wak⸗ kerer Kriegsmann ſeyn werdet, wenn Alles gut iſt⸗ was 168 d aus guter Quelle komt. Und Ihr ſtammt aus einen hochachtbaren Geſchlechte.— Ludwig Ihr muͤßt Sorge tra⸗ gen, daß Euer Verwandter ſeine Waſſenuͤbungen fleißig treibt; denn wir werden in einigen Tagen Lanzen zu bre⸗ chen haben.“ „Bei meinem Schwerdtgriff! das freut mich, Mylord; — dieſer Friede macht uns Alle zu feigen Memmen. Mir ſelbſt kommt es vor, als ob mein Feuer abnimmt, ſeit ich in dieſen verwuͤnſchten Feſtungsthuͤrmen eingeſchloſſen bin.“ 3 „Nun wohl, ein Voͤgelchen hat mir ins Ohr gezwit⸗ ſchert,“ ſetzte Lord Erawford hinzu,„daß das alte Pa⸗ nier wieder im Felde wehen wird.“ „Auf dieß Lied will ich heute Abend einen Becher mehr trinken,“ verſetzte der Benarbte. „Du wirſt auf jedes Lied trinken,“ ſprach Lord Craw⸗ ford;„und ich fuͤrchte, Ludwig, Du wirſt eines Tages einen bittern Trank von Deiner eignen Brauerei trinken.“ Leslie erwiederte, etwas verlegen: daß er ſchon ſeit vie⸗ len Tagen nicht gezecht habe, daß aber Se. Lordſchaft die Sitte des Corps kenne, auf's Wohl eines neuen Kamera⸗ den, im frohen Kreiſe zu trinken. „Das iſt wahr,“ ſprach der alte Befehlshaber,„ich dachte nicht an dieſe Veranlaſſung. Ich will Euch einige Kruͤge Wein ſchicken, um das Meinige zu Eurem Zechge⸗ lage beizutragen; aber bei Sonnenuntergang muß alles vorbei ſeyn. Und, hoͤrt Ihr, laßt die wachthabenden Sol⸗ daten ſorgfaͤltig auf ihrer Hut ſeyn und ſorgt dafuͤr, daß keiner von ihnen, mehr oder weniger an Eurem Schmauſe Theil nehme.“ 3 1o0.. — „Wir wollen Eurer Lordſchaft Befehle gehörig befol⸗ gen,“ erwiederte Ludwig,„und gebuͤhrendermnaßen auf Eure Geſundheit trinken.“„ „Vielleicht,“ ſprach Lord Erawford,„werfe ich ſelbſt einen Blick auf Curen frohen Kreis,— waͤr' es auch nur um zu ſehen, ob Alles ordentlich zugeht.“ „Ew. Lordſchaft ſoll von Herzen willkommen ſeyn,“ verſetzte Ludwig; und die Anweſenden beurlaubten ſich fro⸗ hen Muthes, um die noͤthigen Anſtalten zu ihrem mili⸗ taͤriſchen Gaſtmal zu treſſen, wozu Leslie etwa zwanzig ſeiner Dienſtgenoſſen einlud, die gewoͤhnlich zuſammen zu eſſen pflegten. Die Einrichtungen zu einem Soldatenfeſte pflegen ge⸗ meiniglich aus dem Stegreife getroſſen zu werden, und die Gaͤſte ſind zufrieden, wenn nur Eſſen und Trinken in gehoͤriger Menge vorhanden iſt. Bei der jetzigen Gelegen⸗ heit aber war Leslie ſehr geſchaͤftig, fuͤr beſſern Wein zu ſorgen, als den gewoͤhnlichen, wobei er bemerkte, der alte Lord ſey derjenige Gaſt, worauf ſie am meiſten rechnen koͤnnten; zwar predige er ihnen Maͤßigkeit; wenn er aber an der koͤniglichen Tafel ſo viel Wein zu ſich genommen habe, als er ſchicklicher Weiſe thun koͤnne, ſo laſſe er nie eine paßliche Gelegenheit vorbeigehen, den Abend bei der Weinflaſche hinzubringen;„Ihr muͤßt Euch alſo bereit halten, Kameraden,“ ſetzte er hinzu,„die alten Geſchich⸗ ten von den Schlachten bei Verneuil und Beaujen noch einmal anzuhoͤren.“ 4 Das gothiſche Zimmer, wo ſie gemeiniglich zuſammen kamen, ward daher eiligſt aufgeputzt. Die Reitknechte wurden abgeſchickt, gruͤne Binſen herbei zu holen und auf 170 dem Fußboden auszubreiten, und die Fahnen, unter denen die ſchottiſche Garde zum Kampf ausgeruͤckt war, oder die ſie den Feinden abgenommen hatte, wurden uͤber der Ta⸗ fel und an den Waͤnden des Zimmers, anſtatt der Tape⸗ tenbehaͤnge entfaltet. Hiernaͤchſt beſchaͤftigte man ſich damit, den Neugewor⸗ benen ſo ſchnell als moͤglich mit der Kleidung und den Waſſen der Garde zu verſehen, damit er ſich in aller Hin⸗ ſicht als Theilhaber ihrer wichtigen Privilegien zeigen und unterſtuͤtzt von ſeinen Landsleuten, der Macht und dem Unwillen des Generalprofos,— obwohl die erſtere als furchtbar und der letztere als unverſoͤhnlich bekannt war, Trotz bieten koͤnnte. Das Banket war im hoͤchſten Grade froͤhlich; die Gaͤſte ließen ihrer Vorliebe fuͤr alles Vaterlaͤndiſche freien Lauf, indem ſie die Aufnahme eines Landsmannes in ihre Rei⸗ hen feierten. 3 5) Altſchottiſche Lieder wurden geſungen, die Thaten altſchottiſcher Helden erzaͤhlt und ihre Schau⸗ plaͤtze ins Andenken zuruͤck gerufen, ſo daß die fruchtbaren Ebenen der Touraine fuͤr den Augenblick in die rauhen gebirgigten Regionen Caledoniens umgewandelt zu ſeyn ſchienen. Als der Enthuſiasmus der Gaͤſte den hoͤchſten Grad erreicht hatte, und jeder ſich beſtrebte, irgend etwas zu den Erinnerungen an das geliebte Schottland beizu⸗ tragen, erhielt er einen neuen Antrieb, durch die Ankunft des Lord Crawford, der nach des Benarbten richtiger Pro⸗ phezeihung, an der koͤniglichen Tafel wie auf Nadeln ge⸗ ſeſſen hatte, bis ſich eine Gelegenheit zeigte, ſich in den Kreis ſeiner zechenden Landsleute wegzuſtehlen. Ein Prunk⸗ ſeſſel war am obern Ende des Tiſches fuͤr ihn bereit; denn 4 ₰ Koͤrperſchaft, die, wenn wir ſie gleich nach heutigem Ge⸗ erinnerte ſich gluͤcklicherweiſe in dem naͤmlichen Augenblicke, fehlshaber die Anweſenden in Kenntniß, daß er den Mei⸗ benachrichtiget habe,„und da der Bartabſchneider,“ ſetzte 171 nach der damaligen Sitte und der Verfaſſung jenes Corps, konnte der Befehlshaber deſſelben, obwohl außer dem Koͤ⸗ nige und dem Großconnetable Niemand uͤber ihm ſtand, ohne ſich etwas zu vergeben, mit den Mitgliedern dieſer brauch, als gemeine Soldaten bezeichnen wuͤrden, ſaͤmmt⸗ lich den Rang als geborne Edelleute hatten, fuͤglich zu Tiſche ſitzen und ſich bei ihren Feſtlichkeiten in ihre Rei⸗ hen miſchen. Jetzt aber lehnte Lord Crawford den ihm angebotenen Ehrenplatz ab, forderte ſie auf, luſtig und guter Dinge zu ſeyn und ſah ſtehend, mit einer, herzliche Theilnahme aus⸗ ſprechenden Miene ihren geſelligen Freuden zu. „Laßt ihm ſeinen Willen,“ fliſterte Cunningham ſei⸗ nem Kameraden Lindeſay ins Ohr, als dieſer ihrem edeln Hauptmann Wein darbot;„Laßt ihm ſeinen Willen, man muß Niemandem Zwang anthun. Er wird ſchon von ſelbſt nehmen.“ In der That begann der alte Lord, der anfangs laͤchelnd und kopfſchuͤttelnd den Wein ungekoſtet vor ſich hingeſetzt hatte, gleichſam in der Zerſtreuung daran zu nippen und daß es eine uͤble Vorbedeutung ſeyn wuͤrde, wenn er nicht auf das Wohl des wackern Juͤnglings traͤnke, der heute in ihre Reihen aufgenommen ſey. Der Trinkſpruch ward ausgebracht und, wie man denken kann, mit manchem froͤhlichen Lebehoch beanwortet. Hierauf ſetzte der alte Be⸗ ſter Oliver von den Vorgaͤngen des heutigen Morgens 172 — er hinzu,„eben kein Freund des Kehlenabſchneiders iſt, ſo vereinigte er ſich mit mir, um vom Koͤnige einen Be⸗ fehl an den Generalprofos zu erlangen, daß er alles wei⸗ tere Verfahren gegen Quentin Durward, unter welchem Vorwande es auch ſeyn moͤchte, einſtellen, und bei jeder Gelegenheit die Privilegien der ſchottiſchen Garde in Eh⸗ ren halten ſolle.“ Mit neuem Freudengeſchrei ward dieſe Mittheilung auf⸗ genommen, die Becher wurden bis an den Rand gefuͤllt, und man trank auf das Wohl des edlen Lord Crawford, des wackern Erhalters der Privilegien und Rechte ſeiner Landsleute; der gute alte Lord konnte aus Hoͤflichkeit nicht umhin, auch auf dieſen Toaſt Beſcheid zu thun, warf ſich in den Seſſel, als ob es gedankenlos geſchaͤhe und ließ Quentin an ſeine Seite treten. Hier uͤberhaͤufte er ihn mit einer ſolchen Menge Fragen uͤber den Zuſtand Schott⸗ lands und der dortigen vornehmen Familien, daß er ſie nicht alle zu beantworten vermochte. Waͤhrend der gute Lord im Lauf derſelben dann und wann den Weinbecher als Parentheſe gebrauchte, machte er die Bemerkung, daß Geſelligkeit einem ſchottiſchen Edelmanne wohl anſtehe, daß aber junge Leute wie Quentin, ſich ihrem Genuſſe mit Vorſicht hingeben muͤßten, damit ſie nicht in Ausſchwei⸗ fungen ausarte. Bei dieſer Gelegenheit ſagte er viele ſchoͤne Dinge, bis ſeine Zunge, beſchaͤftigt die Maͤßigkeit zu preiſen, etwas ſchwerer als gewoͤhnlich zu artikuliren begann. Jetz ſtieg der kriegeriſche Eifer der Geſellſchaft bei jeder geleerten Flaſche, und Cunningham lud ſie ein, auf die baldige Aufpflanzung der Oriflamme,— des koͤ⸗ niglichen Paniers von Frankreich,— zu trinken. 173 „Und auf einen guten Wind von Burgund her, um ſie zu entfalten:“ ſetzte Lindeſay hinzu. „Mit allem Feuer, das in dieſem abgelebten Koͤrper noch uͤbrig iſt, thue ich auf dieſen Trinkſpruch Beſcheid, meine Kinder,“ erwiederte Lord Erawford;„und ſo alt ich bin, hoſſe ich die Oriflamme noch wehen zu ſehen. Hoͤrt Kameraden,—“ denn der Wein hatte ihn etwas mittheilender gemacht,—„Ihr alle ſeyd treue Diener der franzoͤſiſchen Krone, warum ſollt' ich Euch alſo verhehlen, daß ein Abgeſandter des Herzogs Carl von Burgund mit einer, Unwillen verkuͤndigenden Botſchaft hier angekom⸗ men iſt,“ „Ich ſah in dem Gaſthof am Maulbeergehoͤlz des Gra⸗ fen von Crevecveur Wagen, Pferde und Gefolge,“ fiel ei⸗ ner von den Gaͤſten ein. Man ſagt, der Koͤnig will ihn nicht im Schloſſe zulaſſen.“ „Nun der Himmel gebe, daß er eine ungnaͤdige Ant⸗ wort erhaͤlt;“ ſagte Guthrie; aber woruͤber beſchwert er ſich? „Er fuͤhrt eine Unzahl von Beſchwerden, in Beziehung auf Grenzangelegenheiten,“ verſetzte Lord Crawford;„und endlich beklagt er ſich, daß der Koͤnig eine Dame aus ſei⸗ nem Lande, eine junge Graͤfinn, die unter des Herzogs Vormundſchaft ſteht, und die aus Dijon entfloh, weil er ſie zwingen wollte, ſeinen Guͤnſtling Campobaſſo zu hei⸗ rathen, in ſeinen Schutz genommen habe.“ „Und iſt ſie wirklich allein yergekommen, Mylord?“ fragte Lindeſay. 8 „Nicht ganz allein; ſondern mit einer alten Graͤfinn, ihrer Verwandtinn, die ſie auf ihr Verlangen begleitet.“ „Und will der Koͤnig,“ fragte Cunningham,„als des Herzogs Oberlehnsherr ſich zwiſchen ihm und ſeiner Pupil⸗ Rechte ausuͤbt, die, wenn er ſelbſt mit Tode abginge, dem Koͤnige uͤber die Erbin von Vurgund zuſtehen wuͤr⸗ den?“ 36). „Der Koͤnig wird ſich gewohntermaßen durch die Vor⸗ ſchriften der Politik leiten laſſen,“ erwiederte Crawford, „und Ihr wißt, daß er dieſe Dame nicht oͤffentlich aufge⸗ nommen, ſie auch weder dem Schutze ſeiner Tochter, der Frau von Beaujeu, 3 6a) noch auch dem der Prinzeſſinn Johanna anvpertraut hat, ſo daß er ohne Zweifel nach den Umſtaͤnden verfahren wird. Er iſt unſer Gebieter; aber es iſt kein Hochverrarh, zu ſagen, daß er es hierin mit jedem Fuͤrſten der Chriſtenheit aufnehmen kann.“ „Aber der Herzog von Burgund verſteht ſich nicht auf ſolche Kreuz⸗ und Querſpruͤnge,“ bemerkte Cunningham. „Nein,“ antwortete der alte Lord,„und deswegen iſt es wahrſcheinlich, daß es Haͤndel unter ihnen geben wird.“ „Wohl!— Der heilige Andreas foͤrdere den Kampf!“ ſiel der Benarbte ein.„Vor zehn oder zwanzig Jahren ward mir geweiſſagt, ich wuͤrde durch eine Heirath das Gluck meines Hauſes machen. Wer weiß, was ſich noch zutragen kann, wenn wir einſt fuͤr Ehre und Frauenliebe fechten, wie in den alten Romanen.“ „Du ſprichſt von Frauenliebe, mit einer ſolchen Schmar⸗ de im Geſichte!“ ſprach Guthrie. „Eben ſo gut iſts, Nichts zu lieben, als eine heidni⸗ ſche Zigeunerinn,“ antwortete der Benarbte. linn ins Mittel ſchlagen, uͤber welche Carl die naͤmlichen 4 —— —— 175 „Haltet ein, Kameraden„“ rief Lord Crawford;„kein Kampfſpiel mit ſcharfen Waſſen, kein Scherz mit ſpitzigen Reden!— Aues in Freundſchaft! Und was die Dame betriſſt, ſo iſt ſie zu reich, um einem armen ſchottiſchen LCord zu Theil werden zu koͤnnen, ſonſt wollte ich ſelbſt bei meinem faſt achtzigjaͤhrigen Alter noch meine Rechte geltend machen. Doch ſey dem wie ihm wolle, ich trinke auf ihr Wohl; denn man ſagt, ſie ſey eine Lampe der Schoͤnheit.“ 4. „Ich glaube, ſie geſehen zu haben,“ fiel ein anderer Krieger ein,„als ich dieſen Morgen an den inneren Schran⸗ ken die Wache hatte; aber ſie glich mehr einer dunklen Laterne, als einer Lampe; denn ſie und eine Andere wur⸗ den in verſchloſſenen Saͤnften aufs Schloß gefuͤhrt. „Pfui, Arnot,“ rief Lord Crawford,„ein Soldat auf dem Poſten muß von dem, was er ſieht, niemals ſprechen. Ueberdieß,“ fuͤgte er nach einer Pauſe, waͤhrend ſeine Neu⸗ gier uͤber die Schauſtellung ſeiner ſtrengen Grundſaͤtze der Kriegszucht, die er fuͤr Pflicht gehalten hatte, die Ober⸗ hand behielt, die Frage hinzu:„Warum mußte denn eben dieſe Graͤfinn Iſabella von Eroye in einer dieſer Saͤnften ſitzen?“ „Nun Mylord, ich weiß weiter nichts davon, als daß mein coutelier, als er meine Pferde auf dem Wege zum Dorfe ausritt, und den Maulthiertreiber Doguin ſprach, der die Saͤnften ins Wirthshaus zuruͤckfuͤhrte, deſſen In⸗ haber ſie zugehoͤrten, oguin meinen Saunders Steed, ſeinen Bekannten, zu einem Glas Wein einlud,— eine Einladung, die dieſer ohne Zweifel gerne annahm—- 8 7 „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ unterbrach ihn der alte Lord.„Es iſt ein Ding, das ich gerne unter Euch ab⸗ geaͤndert wiſſen moͤchte, daß alle Eure Reitknechte und Couteliers, oder Jack Thu'⸗Alles, wie wir ſie in Schottland nennen wuͤrden, nur gar zu bereit ſind, mit Jedermann einen Becher Wein zu leeren;— es iſt im Kriege ein gefahrvolles Ding und muß abgeſchaft werden. Aber Andres Arnot, Eure Geſchichte iſt ſehr lang und man muß ſie mit einem Trunk unterbrechen, oder wie der Hoch⸗ laͤnder es auf gut Gaäliſch ausdruͤckt, skeoch doch nan skial.— Nun aufs Wohl der Graͤfinn Iſabella von Croye, und moͤge ihr ein beſſerer Gemahl zu Theil werden, als der italieniſche Schurke Campo⸗Baſſo!— und nun An⸗ dres Arnot, was ſagte der Maulthiertreiber zu Eurem Diener?“ „Nun Mylord, er ſagte ihm insgeheim,“ fuhr Arnot fort,„daß die beiden Perſonen, die er ſo eben in ver⸗ ſchloßnen Saͤnften aufs Schloß gebracht habe, vornehme Damen waͤr, die ſeit einigen Tagen ſich in dem Hauſe ſeines Herrn in großer Zuruͤckgezogenheit aufgehalten haͤt⸗ ten, daß der Koͤnig ſie mehr als einmal heimlich beſucht und ihnen große Ehre erzeigt habe, und daß ſie, wie er glaube, aus Furcht vor dem Grafen Crevecoeur, dem Ge⸗ ſandten des Herzogs von Burgund, deſſen Annaͤherung durch einen vorausgeeilten Courier angekündiget worden ſey, aufs Schloß gefluͤchtet waͤren.“ „Ei Andres, pfeift der Wind aus dem Loche?“ fiel Guthrie ein;„dann will ich ſchwoͤren, daß es die Graͤfinn war, die ich zur Laute ſingen hoͤrte, als ich vorhin uͤber den innern Hof ging;— der Ton kam aus den Fenſtern . 22 —— des Dauphin ⸗Thurmes; und n ie hoͤrte man zuvor im Schloſſe Pleſſis eine ſolche Sangweiſe. Meiner Treu, ich glaubte die Fee Meluſine muſieiren zu hoͤren. Ich blieb ſtehen, obgleich ich wußte daß Euer Tiſch gedeckt war und Ihr Alle ungeduldig harrtet;— ich blieb ſtehen, wie—“ „Wie ein Eſel, John Guthrie,“ fiel ſein Befehlshaber ein;„weil Deine lange Naſe da tſchluß befaͤhigte, wel⸗ ziehen ſollteſt.— Ooch horcht! wird nicht auf der Cathedral⸗Kirche zur Veſper gelaͤutet?— Dazu kann es ja wohl noch nicht Zeit ſeyn; — der alte tolle Kuͤſter hat die Abendglocke eine Stunde „In der That, erwiederte Cunningham,„die Glocke iſt der Tageszeit nur zu getreu; denn dort geht die Sonne im Weſten der ſchoͤnen Ebne unter.“ 5 „Ei, iſt's ſchon ſo weit?“ ſagte Lord Crawford.— Nun, meine Kinder, wir muͤſſe n in unſern Schranken bleiben. Ein feſter und langſamer Schritt fuͤhrt weit;— bei langſamen Feuer bereitet man lich und weiſe! Das ſind vernuͤnfti einen Becher auf Alt⸗ Schottlands Jeder an ſeine Pflicht!“ Nach dem Abſchiedstrunke wur gutes Malz;— froͤh⸗ ge Sprichwoͤrter. Noch Wohl, und dann denke— den die Gaͤſte entlaſſen. Der ſtattliche alte Lord faßte den Arm des Benarbten, unter dem Vorwande, ihm noch Betreff ſeines Neſſen zu geben; einige Inſtructionen im in Wahrheit aber aus Furcht, ſein abgemeſſener Schritt koͤnne in den Augen des Publikums minder feſt zu ſeyn ſcheinen, als ſeinem 5. 1. 12 178 Range und ſeiner hohen Befehlshaberſtelle gebuͤhre. Mi feierlicher Miene durchſchritt er die beiden Hoͤfe, die ſeine Wohnung von der feſtlichen Halle trennten, und mit der formellen Gravitaͤt eines Mannes, der den Inhalt des Weinfaſſes nicht ungekoſtet gelaſſen hat, empfahl er beim Abſchiede dem Benarbten, auf ſeines Neſſen Benehmen, insbeſondere was Wein und Maͤdchen betreſſe, ein ſcharfes Auge zu haben. Immittelſt war kein Wort von Allem, was uͤber die reizende Graͤfinn Iſabelle geſprochen war, dem jungen Durward entgangen, der, geleitet in ein kleines Stuͤbchen, welches er mit dem Pagen ſeines Oheims theilen ſollte, ſeine neue beſcheidene Wohnung zum Schauplatze des tief⸗ ſten Nachſinnens machte. Der Leſer kann leicht denken, daß der junge Soldat einen ſchoͤnen Roman aus der Muth⸗ maßung herleitete, als ſey die Jungfrau auf dem Thuͤrm⸗ chen, deren Lied er mit ſo großer Theilnahme angehoͤrk . hatte, der ſchoͤne weibliche Mundſchenk Maitre Pierre's und die vornehme, reiche Graͤfinn, fliehend die Verfolgun⸗ gen eines verhaßten Liebhabers,— des Guͤnſtlings eines tyranniſchen, ſeine lehnsherrliche Gewalt mißbrauchenden Vormundes,— nur eine und die naͤmliche Perſon. Eilt Zwiſchenſpiel unter Quentins Erſcheinungen bildete Mai⸗ tre Pierre, der ſelbſt bei dem furchtbaren Beamten, deſſen Haͤnden Durward mit ſo großer Muͤhe entkommen war, in ſo hohem Anſehen ſtand. Endlich ward der Juͤngling in ſeinen Traͤumereien, worin ihn der kleine William Har⸗ per, ſein Stubengenoſſe, ungeſtoͤrt gelaſſen hatte, durch die Ruͤckkehr ſeines Oheims unterbrochen, der ihm bofahl, ſchlafen zu gehen, damit er am andern Morgen zeitig 3 —,—— uem neuen Stande 179 aufſtehen und ihn in Sr. Majeſtaͤt Vorzimmer begleiten koͤnnte, wohin ihn nebſt fuͤnf ſeiner Kameraden ſeine Dienſipflicht rief. Achtes Kapitel. Der Abgeſandte. „Erſcheine wie der Blitz vor Frankreichs Augen!— Eh. Du berichten kannſt, will ich ſchon dort ſeyn, Und des Geſchuͤtzes Donner ſoll erdroͤhnen.— Drum fort! Und ſey Du unſers Zorns Trompete!“ Koͤnig Johann. 37) Haͤtte auch Durward einen Hang zur Traͤgheit gehabt, ſo wuͤrde das Geraͤuſch, von welchem die Kaſerne der Garde beim erſten Laͤuten zu den Fruͤhmetten erſcholl, die Sirene von ſeinem Lager verſcheucht haben; allein die Disciplin des vaͤterlichen Schloſſes und des Kloſters zu Aberbrothok hatten ihn gelehrt, mit Tagesanbruch aufzuſtehen. Raſch kleidete er ſich unter dem Schall der Hoͤrner und dem Ge⸗ klirr der Waſſen, verkuͤndigend die Abloͤſung der wachſa⸗ men Poſten, deren einige nach ihrem naͤchtlichen Dienſte in die Kaſernen zuruͤck kehrten, waͤhrend andere auszogen, um am Morgen den Dienſt zu verſehen, und noch andere, unter denen ſein Oheim ſich befaßd, ſich bereiteten, un⸗ mittelbar in der Naͤhe des Koͤnths die Wache zu haben. Mit den, jungen Maͤnnern in ſolchen Verhaͤltniſſen ſo natüͤrlichen Gefuͤhlen, legte Quentin Durward die zu ſei⸗ mn gehorige Kleidung und Ruͤſtung an, 180 und ſein Oheim, der mit großer Sorgfalt und Genauig⸗ keit darauf achtete, daß er in jeder Hinſicht vollſtaͤndig gekleidet und geruͤſtet ward, konnte ſeine Zufriedenheit nicht verhehlen, als er bemerkte, daß ſeines Neffen Geſtalt— dadurch zu ſeinen Gunſten herausgehoben ward.„Wenn Du eben ſo treu und tapfer, als von der Natur beguͤn⸗ ſtiget biſt, ſo werde ich an Dir einen der huͤbſcheſten und beſten Knappen in der Garde haben, der unfehlbar der Familie ſeiner Mutter Ehre machen wird. Folge mir in den Audienzſaal und trag' Sorge, daß Du dicht hinter mir bleibſt.“ Bei dieſen Worten faßte er eine große, ſchwere, mit eingelegter Arbeit ſchoͤn verzierte Partiſane, hieß ſeinen Neſſen eine leichtere Waſſe dieſer Art ergrei⸗ fen, und ſo gingen ſie in den innern Hof des Pallaſtes, wo ihre Waſſenbruͤder, die vor den innern Gemaͤchern die Wache haben ſollten, ſchon aufmarſchirt waren und unter den Wafſen ſtanden, ſo daß jeder Knappe hinter ſeinem Herrn ſtand, und die Knappen eine zweite Linie bildeten. Auch ſah man hier viele Pikeniere mit praͤchtigen Pferden und ſchoͤnen Hunden, welche Quentin ſo aufmerkſam und mit ſolchem Vergnuͤgen betrachtete, daß ſein Oheim ge⸗ noͤthiget war ihn mehr als einmal zu erinnern, ſie waͤ⸗ ren nicht zu ſeinem, ſondern zu des Koͤnigs Zeitvertreibe dort... Wirklich hatte Ludwig eine große Leidenſchaft fuͤr die Jagd, eine der wenigen Liebhabereien, denen er ſich uͤber⸗ ließ, und die ſelbſt manchmal ſeinem Sinn fuͤr Politik den Rang abliefen. Auch war er ein ſo ſtrenger Beſchuͤtzer 7 des Wildes in den koͤniglichen Waldungen, daß man ge⸗ woͤhnlich zu ſagen pſtegte: man duͤrfe mit groͤßerer Aus⸗ 43 ſicht auf Strafloſigkeit einen Menſchen, als einen Hirſch toͤdten. Auf ein gegebenes Zeichen ſetzte ſich auf das Commando des Benarbten, der bei dieſer Gelegenheit Offizierdienſte verſah, die Garde in Bewegung und nach einigen unbe⸗ deutenden Commandoworten und Zeichen, welche bloß die Genauigkeit in der Erfuͤllung ihrer Dienſtpflichten zu Tage legen ſollten, marſchirte ſie in den Audienzſaal, wo man jeden Augenblick den Koͤnig erwartete.. So neu auch fuͤr Quentin glaͤnzende Scenen waren, ſo erfuͤllte doch die Wirkung derjenigen, die ihm jetzt vor Augen lag, nicht ganz die Erwartung, die er ſich von dem Glanze eines Hofes gemacht hatte. Zwar ſah' er hier reich gekleidete Hofbeamte, treſſlich bewaſſnete und geruͤ⸗ ſtete Leibwachen und eine Hofdienerſchaft von mancherlei Graden; aber er erblickte keine von den alten Raͤthen des Koͤnigreichs, keine Großwuͤrdentraͤger der Krone; er hoͤrte keinen jener Namen nennen, die in jenen Tagen Erinne⸗ rungen an Ritterthuͤmlichkeit ins Leben riefen; er ge⸗ wahrte keinen jener Feldherrn oder Anfuͤhrer, die in voller Kraft der Mannheit die Staͤrke Frankreichs ausmachten,— keinen jener jugendlichen, feurigen Edelleute, die, fruͤh ſchon nach Ruhm ſtrebend, der Stolz des Reiches waren. Das argwoͤhniſche, zuruͤckhaltende Benehmen,— die tief angelegte, hinterliſtige Politik des Koͤnigs, hatte dieſen glaͤnzenden Kreis vom Throne entfernt, und die Mitglie⸗ der deſſelben wurden nur bei gewiſſen, feſtlichen Gelegen⸗ beiten, wenn die Form ihre Gegenwart heiſchte, an Hof berufen, den ſie ungern beſuchten und mit Freuden wie⸗ der verließen, ſo wie die Thiere in der Fabel ſich der -4 Hohle des Loͤwen nahten, und ſich von derſelben eutfern⸗ ten. Die wenigen Perſonen, welche die Poſten koͤniglicher Raͤthe zu verſehen ſchienen, waren Leute von gemeinem Aeußern, deren Mienen manchmal Scharfſinn ausdruͤckten, deren Benehmen aber zeigte, daß ſie in eine Sphaͤre be⸗ rufen waren, wozu Erziehung und Gewohnheit ſie nicht ganz eigneten. 38) Zwei Maͤnner ſchienen ihm jedoch eine edlere Haltung und eine ausgezeichnetere Miene zu haben, als die uͤbrigen; und die Dienſtpflichten, welche ſeinem Oheim im Augenblick jener Bemerkung oblagen, waren nicht ſo ſtrenge, daß dieſer ihm nicht ihre Namen auf Befragen haͤtte mittheilen ſollen. Den Lord Crawford, der in ſeiner reichen Dienſtkleidung mit einem ſilbernen Commandoſtabe in der Hand erſchien, kannte Durward ſchon, ſo wie er auch dem Leſer bereits bekannt iſt. Unter Andern, die Maͤnner vom Stande zu ſeyn ſchienen, war der bemerkenswertheſte: Graf Dunois, der Sohn des be⸗ ruͤhmten Dunois, bekannt unter dem Namen des Baſtard von Orleans, der, fechtend unter dem Panier Johannens d⸗Arc in der Befreiung Frankreichs vom engliſchen Joche eine ſo ausgezeichnete Rolle ſpielte. Sein Sohn behaup⸗ tete vollkommen den hohen, aus ſo ehrenwerther Quelle auf ihn vererbten Ruhm, und ungeachtet ſeiner Verwandt⸗ ſchaft mit der koͤniglichen Familie und der erblichen Liebe, die er beim Adel und dem Volke genoß, hatte Dunois bei allen Gelegenheiten einen ſo ofſnen, freimuͤthigen und loyalen Charakter an den Tag gelegt, daß er allen Arg⸗ wohn des mißtrauiſchen Ludwigs, der ihn gern in ſeiner Nähe ſah, und ihn manchmal zu ſeinen geheimen Bera⸗ 183 thungen berief, entgangen war. Obwohl man ihn fuͤr ei⸗ nen, in allen ritterlichen Uebungen vollendeten Mann und fuͤr einen vollkommenen Cavalier hielt, ſo war doch der Graf keinesweges ein Muſter romanhafter Schoͤnheit; er war von weniger als mittlerer Groͤße, wiewohl ſehr ſtaͤm⸗ mig gebaut, und ſeine Beine waren etwas nach innen gebogen, ſo wie es zwar fuͤr einen Reiter bequem, fuͤr einen Fußgaͤnger aber keinesweges elegant iſt; er hatte breite Schultern, ſchwarzes Haar, eine dunkelbraune Ge⸗ ſichtsfarbe und nervige ungemein lange Arme. Seine Ge⸗ ſichtszuͤge waren unregelmaͤßig bis zur Haͤßlichkeit. Bei dem Allen aber umſchwebte den Grafen Dunois ein gewiſ⸗ ſes Anſehen des Bewußtſeyns hoher Wuͤrde und Geburt, welches ihn beim erſten Anblick fuͤr ein Mitglied des hoͤch⸗ ſten Adels und fuͤr einen unerſchrockenen Krieger erkennen ließ. Er trug den Kopf aufrecht, ſeine Miene war kuͤhn, ſein Schritt frei und mannhaft, und ſeine rauhen Ge⸗ ſichtszuͤge wurden gehoben durch einen Adlerblick und die gerunzelte Stirn eines Loͤwen. Sein Anzug beſtand in einem mehr koſtbaren als eleganten Jagdkleide; auch ver⸗ richtete er bei vielen Gelegenheiten die Dienſte eines Ober⸗ jaͤgermeiſters, obwohl wir nicht geneigt ſind, zu glauben, daß er wirklich dieſen Poſten bekleidete. Geſtuͤtzt, wie es ſchien, auf den Arm des Grafen Du⸗ nois, ſeines Verwandten, ſchritt langſam und ſchwermuͤ⸗ thig, Ludwig Herzog von Orleans herbei, welchem als erſtem Prinzen vom Gebluͤte die Garden und Hofbeamten in dieſer Eigenſchaft die gebuͤhrenden Ehrenbezeigungen darbrachten. Dieſer Prinz, der als muthmaßlicher Thron⸗ erbe im Fall des Abganges der Nachkommenſchaft des Kö⸗ 5 .. 5 nigs, von dieſem ſehr beargwohnt wurde, durfte ſich nicht vom Hofe entfernen; und wenn er gleich dieſem Verbote Folge leiſtete, ward ihm doch jede Anſtellung und aller Einfluß verſagt. Die Niedergeſchlagenheit, welche ſich bei dieſem herabwuͤrdigenden, einer Gefangenſchaft gleichkom⸗ menden Zuſtande ſehr begreiflich in der Haltung dieſes ungluͤcklichen Prinzen ausſprach, ward in jenem Augen⸗ blick ſehr geſteigert durch die Kunde, daß der Koͤnig eine der grauſamſten und ungerechteſten Handlungen, deren ein Tyrann ſich ſchuldig machen kann, gegen ihn im Sinne habe, indem er ihn noͤthigen wollte, der Prinzeſſinn Jo⸗ hanna von Frankreich, Ludwigs juͤngſter Tochter, mit der er noch in ſeiner Kindheit verlobt war, deren Mißgeſtalt aber die erzwungene Erfuͤllung einer ſolchen Vereinbarung zu einer verabſcheuungswuͤrdigen Haͤrte machte, die Hand zu geben. en uss Aart 1H Das Aeußere dieſes ungluͤcklichen Prinzen war in kei⸗ ner Hinſicht durch perſoͤnliche Vorzuͤge ausgezeichnetz uͤbris gens hatte er ein ſanftes, gutes und wohlwollendes Herz, welches ſelbſt unter dem Schleier dieſer Niedergeſchlagen⸗ heit, der ſeine natuͤrliche Stimmung fuͤr den Augenblick verdunkelte, unperkennbas war. Quentin bemerkte, daß er ſorgfaͤltig vermied, die koͤnigliche Garde anzublicken, und als er ihren Gruß erwiederte, den Blick ſenkte, als ob er fuͤrchte, des Koͤnigs Mißtrauen koͤnnte die gewoͤhn⸗ lichen Hoͤflichkeitsbeweiſe ſo auslegen, als wolle er ſich unter der Garde perſoͤnliche Anhaͤnger verſchaffen. Sehr verſchieden von dieſem Benehmen war das des ſtolzen Praͤlaten, des Cardinals Johann von B alue, des damals begünſtigten Miniſters Ludwigs XI. Seine —— —— Erhebung und ſein Charakter hatten ſo große Aehnlich⸗ keit mit denen des Cardinals Wolſey, als der Uunterſchied zwiſchen dem ſtaatsklugen und hinterliſtigen Ludwig und dem heftigen, unbeſonnenen und hartnaͤckigen Heinrich VIII. es zuließ. Der Erſtere hatte ſeinen Miniſter aus dem niedrigſten Stande zu der Wuͤrde, oder wenigſtens zum Genuß der Vortheile eines Großalmoſeniers von Frankreich erhoben, ihn mit Pfruͤnden uͤberladen, und den Cardinalshut fuͤr ihn erlangt. Obwohl er zu vorſichtig war, dem ehrſuͤchtigen Balue die unbegrenzte Macht und das Vertrauen zu bewilligen, welches Heinrich in Wolſey ſetzte, ſo geſtattete er ihm doch groͤßeren Einfluß, als ir⸗ gend Jemandem unter ſeinen anerkannten Rathgebern. Die Folge davon war, daß der Cardinal dem Irrthu⸗ me nicht entgangen war, welcher Denen, die aus einem niedern Stande ploͤtzlich zu Macht und Anſehn erhoben werden, gemein zu ſeyn pflegt. Er war naͤmlich,— ohne Zweifel verleitet durch dieſe ſeine ſchnelle Erhebung,— vollkommen uͤberzeugt, daß ſeine Talente ihn zu allen Ge⸗ ſchaͤftszweigen, ſo ſehr ſie auch ſeinem Berufe und ſeinen Studien fremd ſeyn mochten, in gleichem Grade befaͤhig⸗ ten. Bei einer hohen, aber unfoͤrmlichen Geſtalt erkuͤnſtelte er Galanterie und Vewunderung fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht, obgleich ſeine Manieren dieſe Anſpruͤche als abgeſchmackt, und ſein Beruf ſolche als unanſtaͤndig erſcheinen ließen. Einige Schmeichler oder Schmeichlerinnen hatten ihm un⸗ gluͤcklicherweiſe den Wahn eingefloͤßt, als haͤtten ſeine plumpen, unfoͤrmlichen Beine, die er von ſeinem Vater, einem Kaͤrner in Limoges geerbt hatte, die ſchoͤnſten Um⸗ riſſe;— eine Idee, welche ihn dermaßen bethort hatte, 186 daß er ſeinen Cardinalsmantel beſtaͤndig an einer Seite lüftete, damit ſein plumper Gliederbau der Wahrnehmung nicht entginge. Als er in ſeinem rotben koͤſtlichen Ge⸗ wande das ſtattliche Zimmer durchſchritt, weilte er mehrmals bei den wachthabenden Cavalieren der Garde, betrachtete ihre Waſſen und Kleidung, that ihnen im gebieteriſchen Tone mehrere Fragen und nahm ſich heraus, einige unter ihnen uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde, die er Unregelmaͤßig⸗ keiten in der Kriegszucht nannte, ſeinen Tadel zu erken⸗ nen zu geben, und zwar in Ausdruͤcken, wogegen dieſe erfahrnen Krieger nichts einzuwenden wagten, obwohl ſie ſolche ſichtlich mit Unwillen und Verachtung anhoͤrten. „Weiß der Koͤnig,“ fragte Dunois den Cardinal,„daß der Burgundiſche Geſandte unperzu⸗ glich eine Audienz verlangt?“ „Er weiß es,“ antwortete der Cardinal, uud: hier kommt, glaub' ich, der vielſeitige Oliver Dain, um uns 7 des Koͤnigs Willensmeinung kund zu thun.“ Bei dieſen Worten trat ein merkwuͤrdiger Mann, Hel⸗ cher damals Ludwigs Gunſt mit dem ſtolzen Cardinal theilte, aus dem innern Gemach hervor, ohne ſich jedoch das wichtige ſelbſtgenuͤgſame Anſehn zu geben, welches den von ſeiner Wuͤrde aufgeblaſenen Mann der Kirche auszeichnete. Er war im Gegentheil ein kleiner blaſſer, hagerer Mann, deſſen ſchwarzſeidenes Wamms und Bein⸗ kleider ohne Rock oder Mantel ſchlecht geeignet waren, ſeine hoͤchſt gemeine Geſtalt herauszuheben. In der Hand trug er ein ſilbernes Becken, und eine uͤber den Arm geworfene Serviette verkuͤndigte den ihm obliegenden haͤuslichen —— 187 7 wohl er die Augen beſtaͤndig zu Boden ſchlug, um jenen Ausdruck aus ſeinen Geſichtszuͤgen zu verbannen, als er mit dem ſchleichenden, ruhigen Schritte einer Katze durch das Zimmer mehr zu ſchluͤpfen als zu gehen ſchien. Doch wenn gleich Beſcheidenheit Verdienſte verſchleiern kann, ſo vermag ſie doch nicht, Hofgunſt zu verbergen; und alle Verſuche, ſich unbemerkt durch das Audienzzimmer zu ſchleichen, waren vergebens von Seiten eines Mannes, von dem es bekannt war, daß er in ſolchem Grade das Ohr des Koͤnigs hatte, als ſein beruͤhmter Bartkuͤnſtler und Kammerdiener, Oliver le Dain, ſonſt auch Oliver der Boͤſe, oder Oliver der Teufel genannt;— Beinamen, welche ihm die gewiſſenloſe Verſchlagenheit, womit er die Anſchlaͤge der heimtuͤckiſchen Politik ſeines Herrn ausfuͤh⸗ ren half, zugezogen hatte. Nach einem kurzen ernſten Geſpraͤch mit dem Grafen Dunois, der hierauf ſogleich das Zimmer verließ, ſchluͤpfte der Bartſcherer ruhig zuruͤck in das koͤnigliche Gemach, woraus er hervorgekommen war. Jedermann machte ihm Platz, eine Hoͤflichkeit, die er bloß durch eine tiefe Ver⸗ beugung erwiederte; doch ausnahmsweiſe fliſterte er zwei Perſonen, die dadurch der Gegenſtand des Neides aller andern Hofleute wurden, ein Woͤrtchen ins Ohr, wußte aber durch einige halblaute Worte uͤber ſeine Dienſtoblie⸗ genheiten, ſowohl ihren Antworten, als auch den dringen⸗ den Anliegen derer, die ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu 1 ziehen wuͤnſchten, zu entgehen. Ludwig Leslie hatte das Gluͤck, einer von den Beiden zu ſeyn, welche Oliver mit einem Woͤrtchen erfreute, und zwar, um ihm zu verſichern, daß ſeine Angetegenheit gluͤcklich beendet ſey. 188 Unmittelbar nachher hatte er einen andern Beweis von der Richtigkeit dieſer angenehmen Nachricht; denn Triſtan 1 Hermite, Generalprofos der koͤniglichen Hofhaltung, trat herein, und ging gerade auf die Stelle zu, wo der Benarbte ſeinen Poſten hatte. Die ſehr reiche Kleidung jenes furchtbaren Beamten hatte bloß die Wirkung, ſeine gemeine Haltung und Unheil verkuͤndende Miene nur noch auffallender zu machen, und ſeine Sprache, worin er einen verſoͤhnenden Ton zu legen waͤhnte, hatte die groͤßte Aehn⸗ lichkeit mit dem Brummen eines Baͤren. Der Inhalt der Worte, womit er den Benarbten anredete, war jedoch freundſchaftlicher, als der Ton, mit dem ſie vorgebracht wurden. Er bedauerte den Irrthum, der am geſtrigen Morgen zwiſchen ihnen ſtatt gefunden habe, und bemerkte: er ſey bloß dem Umſtande zuzuſchreiben, daß Herrn Leslies Neſſe weder die Uniform ſeines Corps getragen, noch auch zu erkennen gegeben habe, daß er demſelben angehoͤre. Er bitte daher wegen ſeines Mißgriſſs um Verzeihung. Ludwig Leslie antwortete mit der gebuͤhrenden Hoͤflich⸗ keit, und ſobald Triſtan den Ruͤcken gewandt hatte, machte er ſeinem Neſſen bemerklich, daß ſie von nun an der Ehre genoͤſſen, in der Perſon dieſes furchtbaren Beamten einen Todfeind zu haben.„Aber ein Soldat,“ ſetzte er hinzu, der ſeine Pflicht thut, kann uͤber den Generalprofos lachen.“ 4 Quentin konnte nicht umhin, ſeines Oheims Meinung zu ſeyn, denn als Triſtan von ihnen ſchied, hatte er il einen von jenen erbitterungsvollen argwoͤhniſchen Bl 6 zugeworfen, womit der Baͤr den Jaͤger, deſſen Lanze verwundet hat, anzuſehen pflegt. Triſtaus finſterer B 1 189 druͤckte ſelbſt dann, wenn er im Innern weniger aufgeregt war, eine Bosheit aus, die jeden, der ihn anſah, erzittern machte; und dem jungen Schotten floͤßte er um ſo tiefe⸗ ren Abſcheu ein, da er immer noch die moͤrderiſchen Haͤnde ſeiner beiden Tod bringenden Unterbedienten auf ſeinen Schultern zu fuͤhlen pflegte. „Inzwiſchen hatte Oliver auf die von uns geſchilderte, faſt verſtohlne Weiſe das ganze Zimmer durchſchlichen;— Alle, ſelbſt die vornehmſten Beamte hatten ihm Platz ge⸗ macht, und ihn mit ceremonioͤſen Aufmerkſamkeiten uͤber⸗ haͤuft, die er beſcheiden abzulehnen ſchien;— dann war er ins innere Gemach zuruͤckgekehrt.— Jetzt wurden die Fluͤgelthuͤren geöͤffnet, und Koͤnig Ludwig betrat das Au⸗ dienzzimmer. Gleich allen Uebrigen wandte Quentin ſeine Augen auf den Monarchen und fuhr ſo ploͤtzlich zuruͤck, daß er faſt ſeine Waſſe haͤtte fallen laſſen, als er in dem Koͤnig von Frankreich den Seidenhaͤndler Maitre Pierre, den Gefaͤhrten auf ſeinem Morgenſpaziergange, erkannte. Ein ſeltſamer Argwohn uͤber den wahren Stand dieſes Mannes hatte mehrmals ſeine Gedanken beſchaͤftigt; allein ſeine kuͤhnſten Muthmaßungen waren jederzeit von dem, was ſich jetzt als Wahrheit zeigte, weit entfernt geblieben. Ein ſtrenger Blick ſeines Oheims, welcher unzufrieden war, ihn von der Haltung abweichen zu ſehen, welche der Anſtand des Dienſtes erforderte, brachte ihn zur Beſin⸗ nung; aber nicht wenig war er betroſſen, als der Koͤnig, deſſen Scharfblick ihn ſogleich entdeckt hatte, gerade auf die Stelle zuging, wo er ſeinen Poſten hatte, ohne von ſonſt Jemandem Kenntniß zu nehmen.— 3 „Ei, junger Mann,“ ſo ſprach er,„ich hoͤre, daß Ihr gleich bei Eurer Ankunft in der Touraine Haͤndel angefangen habt; aber ich verzeih Euch, da hauptſaͤchlich der thoͤrichte alte Kaufmann daran Schuld war, der ſich einbildete, Euer caledoniſches Blut muͤſſe morgens mit vin de Beaune erwaͤrmt werden. Wenn ich ihn ausfindig machen kann, werde ich ein Exempel an ihm ſtatuiren, welches denen, die meine Garden zu Ausſchweifungen verleiten, zur Lehre dienen mag.— Leslie,“ fuhr er fort,„Euer Verwandter iſt ein huͤbſcher junger Mann, aber etwas lebhaft. Wir moͤgen Leute von ſolcher Gemuͤthsart wohl leiden, und haben die Abſicht, fuͤr die wackern Maͤnner, die uns um⸗ geben, mehr zu thun, als wir jemals thaten. Sorgt da⸗ fuͤr, daß Jahr, Tag, Stunde und Minute ſeiner Geburt aufgezeichnet und dem Oliver Dain zugeſtellt werde.“ Der Benarbte verbeugte ſich tief, und nahm dann ſeine aufrechte militaͤriſche Stellung wieder ein, als wolle er durch ſeine Haltung die Bereitwilligkeit an den Tag legen, womit er fuͤr den Koͤnig kaͤmpfen oder ihn vertheidigen wuͤrde. Immittelſt erforſchte Quentin, der ſich von ſeinem erſten Erſtaunen erholt hatte, aufmerkſamer das Aeußere des Koͤnigs, und war betroſſen, daß ihm ſeine Geſichts⸗ zuͤge ganz anders vorkamen, als er ſie an jenem Morgen 4 beurtheilt hatte. Gleichwohl war ſein Aeußeres nicht ſehr veraͤndert; denn Ludwig, jederzeit ein Veraͤchter aͤußeren Putzes, trug bei dieſer Gelegenheit ein altes dunkelblaues Jagdkleid, nicht viel beſſer als der buͤrgerliche Anzug, worin er ſich Tages zuvor ihm gezeigt hatte; um den Hals tr einen ungemein großen Roſenkranz von Ebenholz, de ihm 191 von keinem Geringeren als dem Großſultan geſchenkt war, mit der glaubhaften Beſcheinigung, daß ein coptiſcher Ere⸗ mit auf dem Berge Libanon, beruͤhmt wegen ſeiner großen Heiligkeit, ihn getragen habe. Anſtatt ſeiner Muͤtze mit einem einfachen Heiligenbilde 39) trug er einen Hut, umgeben mit einem DOutzend kleiner bleierner Heiligen⸗ bilder. Aber jene Augen, aus denen nach dem erſten Eindruck, den ſie auf Quentin machten, nur Gewinnſucht zu blicken ſchien, hatten jetzt, da er wußte, daß ſie einem maͤchtigen, talentvollen Monarchen angehoͤrten, einen durch⸗ dringenden, majeſtaͤtiſchen Glanz; und die Runzeln auf der Stirn, die er bloß dem Nachſinnen uͤber eine lange Folgereihe kleinlicher Handelsſpeculationen zuſchrieb, er⸗ ſchienen ihm nun als Furchen, eingepraͤgt durch ſcharfſin⸗ niges Nachdenken uͤber das Schickſal ganzer Nationen. Unmittelbar nach der Ankunft des Koͤnigs traten die Prinzeſſinnen von Frankreich mit den Damen ihres Ge⸗ folges ins Zimmer. Mit der aͤlteſten, in der Folge ver⸗ maͤhlt mit Peter von Bourbon, und in der franzöoͤſiſchen Geſchichte bekannt unter dem Namen Frau von Beaujeu, hat unſere Geſchichtserzaͤhlung nur wenig zu thun. Sie war von hohem Wuchſe und ziemlich huͤbſch,— beredt und talentvoll; auch hatte ſie Vieles von dem Scharfſinn ihres Vaters, der großes Vertrauen in ſie ſetzte, und ſie vielleicht ſo ſehr liebte, als er irgend Femand zu lieben faͤhig war. Ihre juͤngere Schweſter, die ungluͤckliche Johanna, ver⸗ lobt an den Herzog von Orleans, ging ſchuͤchtern ihrer Schweſter zur Seite, im Bewußtſeyn des gaͤnzlichen Man⸗ gels jener Eigenſchaften, deren wirklicher oder vermeinter 192 Beſitz ein Gegenſtand des ſehnſuchtsbollſten Verlangens aller Weiber iſt. Sie war blaß, hager, von kraͤnklichem Anſehn, und ſichtlich ſchief gewachſen; ihr Gang war ſo ſchwankend, daß ſie beinahe hinkte. Schoͤne Zaͤhne und Augen, aus denen Schwermuth, Ergebung und Sanft⸗ muth ſprachen, und eine Fuͤlle hellbrauner Locken waren die einzigen Punkte, welche ſelbſt die Schmeichelei gegen die Ungeſtalt ihrer ganzen Figur als Gegengewicht in die Wagſchaale legen konnte. Um die Schilderung zu ver⸗ vollſtaͤndigen, muß noch hinzugefuͤgt werden, daß die Prin⸗ zeſſinn durch Vernaͤchlaͤſſigung ihrer Kleidung und durch die Schuͤchternheit ihres Benehmens in ungewoͤhnlichem Grade das niederſchlagende Bewußtſeyn ihrer Reizloſigkeit an den Tag legte, und keinen Verſuch wagte, ihren na⸗ tuͤrlichen Maͤngeln durch Kunſt oder durch das Beſtreben, zu gefallen, abzuhelfen. Der Koͤnig, der nicht viel auf ſie hielt, ging bei ihrem Eintritt haſtig auf ſie zu.—„Nun, was iſt das, Tochter?“ ſprach er;„ſeyd Ihr noch immer eine Weltveraͤchterinn? Habt Ihr Euch heute Morgen zu einer Jagd oder zum Kloſter gekleidet? Sprecht! Antwortet!“ „3u Allem, was Euch gefaͤllt, gnaͤdigſter Herr;“ er⸗ wiederte die Prinzeſſinn ſo leiſe, daß es kaum zu hoͤ⸗ ren war. „Ja, ohne Zweifel moͤchtet Ihr mich gern uͤberreden, daß es Euer Verlangen iſt, den Hof zu verlaſſen, und auf die Welt und ihre Eitelkeiten zu verzichten,“ verſetzte der Koͤnig;„Ha, Maͤdchen! moͤchteſt Du, daß man von uns glaubte, wir, der erſtgeborne Sohn der heiligen Kirche koͤnnten unſere Tochter dem Himmel verweigern? Die ——— — ——— K 193 heilige Jungfrau und Sanct Martin moͤgen verhuͤten, daß wir uns weigerten, dieß Opfer darzubringen, wenn es des Allars wuͤrdig, und Dein Beruf dazu wahrhaft gegruͤndet waͤre.“ Bei dieſen Worten bekreuzte ſich der Koͤnig aufs an⸗ daͤchtigſte und zwar, wie es unſerm Durward vorkam, ungefaͤhr mit der Miene eines ſchlauen Vaſallen, der den Werth einer Sache die er fuͤr ſich zu behalten wüͤnſcht, herabſetzt, um ſich zu entſchuldigen, daß er ſie ſeinem Ober⸗ lehnsherrn oder Vorgeſetzten nicht darbietet. „Darf er es wagen, gegen den Himmel ſo den Heuch⸗ ler zu ſpielen?“ dachte Durward bei ſich ſelbſt,„und mit Gott und den Heiligen ſeinen Spott zu treiben, wie er es ungeſtraft mit Menſchen thun kann, die ſeine Geſin⸗ nungen nicht ſo genau zu erforſchen vermoͤgen?“ Nach einer augenblicklichen ſtillen Andacht fuhr Lud⸗ wig fort:„Nein, liebe Tochter; ich und ein Anderer ken⸗ nen Eure wahren Geſinnungeu beſſer; nicht wahr, lieber Vetter von Orleans? Nah't Euch, ſchoͤner Herr, und fuͤhrt dieſe Euch geweihte Veſtalin zu ihrem Roß.“ Der Herzog von Orleans fuhr bei dieſen Worten des Koͤnigs zuruͤck, und eilte, ihm zu gehorchen, aber in ſolcher Haſt und Verwirrung, daß Ludwig ausrief,„nun Vetter, zuͤgelt Eure Galanterie, und ſeht Euch vor! Wie ſind doch die Liebenden manchmal ſo haſtig!— Beinahe haͤttet Ihr Anna's Hand anſtatt der ihrer Schweſter gefaßt. Muß ich ſelbſt Euch Johannens Hand reichen, Vetter?“ Der ungluͤckliche Prinz ſchlug die Augen auf, und ſchau⸗ derte zuruͤck wie ein Kind, genoͤthigt, irgend etwas zu be⸗ rühren, wogegen es einen Inſtinktmaͤßigen Widerwillen hat. D. 1, 13 1 — 194 Dann machte er eine Anſtrengung und faßte die Hand der Prinzeſſinn, die ihm ſolche weder darbot noch verwei⸗ gerte. Wie ſie ſo da ſtanden, ihre mit kalten Schweiße be⸗ deckten Finger in ſeine zitternde Hand eingeſchloſſen, Beide mit geſenktem Blicke, da waͤre es ſchwer geweſen, zu ſagen, wer von dieſen beiden jungen Leuten ſich am elendeſten fuͤhlte,— der Herzog, der ſich an ein Weſen gefeſſelt fand, wogegen er die groͤßte Abneigung hatte, oder die ungluͤckliche junge Prinzeſſinn die nur zu deutlich ſah, ſie ſey ein Gegenſtand des Abſcheu's fuͤr Denjenigen, deſſen Zaͤrtlichkeit ſie gern mit ihrem Leben erkauft haͤtte. „Und nun zu Pferde, meine Herren und Damen.— Wir ſelbſt wollen unſre Tochter Beaujeu fuͤhren, und moͤge der Segen Gottes und des heiligen Hubertus uns heute Morgen eine gluͤckliche Jagd verleihen!“ „Ich bin, fuͤrcht' ich, vom Schickſal beſtimmt, gnaͤdig⸗ ſter Herr, ſie zu unterbrechen,“ ſprach der Graf Dunois. „Der burgundiſche Geſandte haͤlt vor dem Schloßthor, und verlangt eine Audienz.“ „Verlangt eine Audienz?“ verſetzte der Koͤnig; „antwortetet Ihr ihm nicht, wie wir Euch durch Oliver wiſſen ließen, daß wir heute keine Zeit haͤtten, ihn zu ſehen,— daß morgen das Sanct Martinsfeſt ſey, welches wir, ſo Gott will, durch keine irdiſchen Gedanken ſtoͤren wollen,— und daß wir am naͤchſtfolgenden Tage nach Amboiſe reiſen,— daß wir aber nicht ermangeln wollen, nach unſrer Ruͤckkehr ihm eine Audienz zu beſtimmen, ſo bald unſre dringenden Angelegenheiten es verſtatten.“ „Dieß Alles ſagte i, antwortete Dunois, naber noch, unzdigſter Herr.— bringen.“ -¹9⁰ „Pasques dien! Freundchen, was bleibt Dir ſo im Halſe ſtecken?“ fragte der Koͤnig.„Die Ausdruͤcke dieſes Mannes aus Burgund muͤſſen ſchwer zu verdauen ge⸗ weſen ſeyn.“ 3 „Haͤtten nicht meine Pflicht, Eurer Majeſtaͤt Befehle, und ſeine Eigenſchaft als Geſandter, mich zuruͤckgehalten,“ verſetzte Dunois,„ſo ſollte er ſelbſt den Verſuch gemacht haben, ſie zu verdauen; denn bei unſrer lieben Frau von Orleans! ich hatte mehr Luſt, ihn ſeine eignen Worte ver⸗ ſchlucken zu laſſen, als ſie Ew. Majeſtaͤt zu wiederholen.“ „Meiner Seel' Dunois,“ verſetzte der Koͤnig,„es iſt ſeltſam, daß Du, einer der ungeduldigſten Menſchen auf Erden, ſo wenig Mitgefuͤhl bei dem gleichen Fehler unſers auffahrenden, heftigen Vetters, Carl von Burgund an den Tag legſt.— Nun, Freund, ich frage nach dieſem Botſchafter eben ſo wenig, als die Thuͤrme dieſes Schloſſes ſich um das Pfeifen des Nordoſtwindes kuͤmmern, der ſo wie dieſer tobende Geſandte, aus Flandern kommt.⸗ „So wißt denn, gnaͤdigſter Herr,“ verſetzte Dunois, „daß der Graf Crevecoeur mit ſeinem Gefolge von Herol⸗ den und Trompetern unten haͤlt, und daß er erklaͤrt: Da Ew. Majeſtaͤt ihm die Audienz verweigere, die er nach den Befehlen ſeines Gebieters im Betreſſ wichtiger Ange⸗ legenheiten verlangen ſoll, ſo wolle er bis Mitternacht dort weilen, und Ew. Majeſtaͤt anreden, zu welcher Stunde es Euch auch gefallen moͤge, die Veſte entweder in Geſchaͤf⸗ ten oder der Bewegung halber, oder zu gottesdienſtlichen Zwecken zu verlaſſen; keine Ruͤckſicht, ausgenommen ofſne Gewalt ſoll ihn, ſagt' er, von dieſem Vorhaben ab⸗ „ 196 „Er iſt ein Thor,“ ſprach der König mit großer Faſ⸗ ſung.„Haͤlt etwa der hitzkoͤpfige Hennegauer dafuͤr, es ſey fuͤr einen vernuͤnftigen Mann eine Buͤßung, vier und zwanzig Stunden lang ruhig in den Mauern ſeines Schloſ⸗ ſes zu bleiben, wenn ihn die Angelegenheiten eines Koͤ⸗ nigreichs beſchaͤftigen? Dieſe raſtloſen Thoren glauben, daß alle Menſchen ſo wie ſie, ſich ungluͤcklich fuͤhlen, wenn ſie nicht im Sattel und Steigbuͤgel ſind. Laßt die Jagdhunde wieder wegfuͤhren und gut verſorgen, lieber Dunois.— Wir wollen heute eine Geheimerathsſitzung halten, anſtatt auf die Jagd zu gehen.“ „Ew. Majeſtaͤt wird ſich den Crepecoeur nicht ſo leicht vom Halſe ſchafſen,“ erwiederte Dunois,„denn ſein Herr hat ihn beauftragt, falls er die verlangte Audienz nicht erhaͤlt, ſeinen Handſchuh an die Palliſaden des Schloſſes zu nageln, zum Zeichen einer Ausforderung auf Leben und Tod von Seiten ſeines Herrn, und zu verkuͤndigen, daß der Herzog ſich vom Lehnsverbande mit Frankreich los⸗ ſagt, und hiemit Krieg erklaͤrt.“. „Ei! iſt die Sache dahin gekommen?“ rief Ludwig, ohne irgend eine bemerkbare Veraͤnderung ſeiner Stimme, jedoch mit zuſammen gezogenen Augenbrauen, die ſeine durchdringenden ſchwarzen Augen faſt ganz bedeckten;— „nimmt unſer alter Vaſall einen ſo gebietenden Ton an, und iſt unſer lieber Vetter ſo unfreundlich gegen uns?— Nun Dunois, dann muͤſſen wir die Oriflamme wehen laſ⸗ ſen, und rufen: Montjoye Saint Denislee „Dem ſey alſo, und Amen zur gluͤcklichen Stunde!“ rief der kriegeriſche Dunois; die dienſthabenden Garden in der Gbane⸗ unfaͤhig, gleichem Antrlebe zu widerſtehen, 197 machten jeder auf ſeinem Poſten eine Bewegung, woraus ein vernehmbares, wenn gleich kurzes Waſſengeklirr ent⸗ ſtand; der Koͤnig warf einen ſtolzen Blick rund umher, und auf einen Augenblick hegte er die naͤmlichen Geſin⸗ nungen und zeigte ſich wie ſein heldenmuͤthiger Vater. Alein der augenblickliche Enthuſiasmus wich bald einer Menge politiſcher Ruͤckſichten, die in den damaligen Zeit⸗ umſtaͤnden einen oſſnen Bruch mit Burgund als beſon⸗ ders gefahrvoll darſtellten. Eduard IV., ein tapferer, ſieg⸗ reicher Koͤnig, der perſoͤnlich in dreißig Schlachten gefochten hatte, ſaß damals auf Englands Throne. Er war der Bruder der Herzoginn von Burgund, und man durfte muthmaßen, daß er nur eines Bruchs zwiſchen ſeinem Schwager und Ludwig harrte, um durch das immer oſſne Thor von Calais jene Waſſen, die in den buͤrgerlichen Kriegen geſiegt hatten, in Frankreich einzufuͤhren, und die Erinnerung an innre Zwiſtigkeiten durch die beim engli⸗ ſchen Volke beliebteſte Beſchaͤftigung,— einen Einfall in Frankreich,— zu vertilgen. Hiezu kam der Umſtand, daß die Treue des Herzogs von Bretagne und andrer maͤchti⸗ ger Vaſallen fehr zweifelhaft war. Als daher Ludwig nach einigem Nachſinnen wieder das Wort nahm, ſagte er, zwar in dem vorigen Tone, doch in ſehr veraͤndertem Sinne: „aber Gott verhuͤte, daß irgend etwas Geringeres als Nothwendigkeit, uns, den Alerchriſtlichſten Köͤnig, vermo⸗ gen koͤnnte, die Vergießung chriſtlichen Blutes herbei zu fuͤhren, wenn wir ohne Unehre ſolche Truͤbſal abwenden koͤnnen. Die Wohlfahrt unſrer Unterthanen liegt uns naͤ⸗ her am Herzen, als die Beleidigung, welche die rauhen Woͤrte eines unhoflichen Geſandten, der vielleicht 8 198 Auftraͤge uͤberſchritten hat, unſrer Wuͤrde zufugen tann. Man laſſe den burgundiſchen Abgeſandten vor uns erſchei⸗ nen!“ „Beati pacifici,“ 40) rief der Cardinal Balue. „Sehr wahr,“ ſetzte der Koͤnig hinzu,„und Ew. Emi⸗ nenz weiß, daß, wer ſich ſeleſt erniedrigt, der ſoll erhoͤhet werden.“ „Amen,“ ſprach der Endinar, doch ſtimmten Wenige ihm bei; denn ſelbſt des Herzogs von Orleaus blaſſe Wan⸗ gen roͤtheten ſich vor Scham, und der Benarbte unter⸗ druͤckte ſo wenig ſeine Gefuͤhle, daß er mit ſeiner Partiſane hoͤrbar auf den Boden ſtieß;— eine Regung der Unge⸗ duld, die ihm der Cardinal heftig verwieß, indem er ihn belehrte, wie man in Gegenwart des Souverains die Waf⸗ fen handhaben muͤſſe. Der Koͤnig ſelbſt ſchien uͤber das rund um ihn her herrſchende Stillſchweigen in ungewohn⸗ ter Verlegenheit zu ſeyn.„Ihr ſeyd nachdenkend, Du⸗ nois,“ hob er endlich an,—„Ihr mißbilligt es, daß ich dieſem hitzkoͤpfigen Geſandten nachgebe.“ „Keinesweges,“ verſetzte Dunois;„ich miſche mich nicht in Dinge, die uͤber meine Sphaͤre gehen. Ich dachte nur daran, daß ich mir von Eurer Majeſtaͤt eine Gnade erbit⸗ ten wollte.“ „Eine Gnade Dunois? Worin beſteht ſie? Ihr ſeyd ein ſeltner Supplikant und koͤnnt auf unſer Wohlwollen rechnen.“ „Nun denn, ſo wuͤnſchte ich, daß Ew. Majeſtaͤt mich nach Evreux ſenden wollte, um die dortige Geiſtlichkeit zur Ordnung anzuweiſen,“ erwiederte Dunois mit mili⸗ cher Freimuͤthigkeit.. 8 ——— ——— 199 „Das waͤre in der That uͤber Deine Sphaͤre,“ erwie⸗ derte der Koͤnig laͤchelnd. „Ich kann eben ſowohl Prieſter in Ordnung halten,“ verſetzte der Graf,„als der Herr Biſchoff von Evreux oder der Herr Cardinal, wenn er dieſen Titel lieber hoͤrt, die Soldaten der Garde Ew. Majeſtaͤt uͤber die Handhabung ihrer Waſſen zu belehren im Stande iſt.“ Der Koͤnig laͤchelte aufs Neue, und fliſterte dem Gra⸗ fen Dunois ins Ohr:„die Zeit kann noch kommen, wo Ihr mir helfen ſollt, unter den Prieſtern eine beßre Ord⸗ nung einzufuͤhren;— aber einſtweilen iſt dieſer Biſchoſſ ein gutes Thier, ob er gleich ein bischen von ſich einge⸗ nommen iſt. Ach! Dunois, Rom, Rom buͤrdet uns dieſe und andere Laſten auf. Habe Geduld Vetter, miſchen wir die Karten, und harren bis wir ein beßres Spiel bekom⸗ men.“*) 3 Trompetenſchall, der ſich im Hofe vernehmen ließ, ver⸗ kuͤndigte die Ankunft des burgundiſchen Grafen. Alle im Audienzſaal Gegenwaͤrtige, nahmen eiligſt die ihnen nach *) Der Dr. Dryasduſt bemerkt hier, daß die Karten, welche unter einer der vorhergehenden Regierungen zum Zeitvertreibe Carls V. waͤhrend ſeiner Gemuͤths⸗ krankheit erfunden ſeyn ſollen, ſehr ſchnell unter den Hofleuten allgemein eingefuͤhrt ſeyn muͤſſen, da ſie ſchon Ludwig XI. zu einem Gleichniſſe dienen. Al⸗ lein die naͤmliche ſprichwoͤrtliche Redensart wird auch von Durandarte in der bezauberten Hoͤhle von Monteſinos gebraucht. 3 „ Anm. des Verfaſſers. — 200. ihrem Range gebuͤhrenden Plaͤtze ein; der Koͤnig und ſeine Toͤchter blieben im Mittelpunkt der Verſammlung. Der Graf von Crevecoeur, ein beruͤhmter, unerſchrok⸗ kener Krieger, betrat das Zimmer; und gegen den Ge⸗ brauch der Abgeſandten freundſchaftlich geſinnter Maͤchte, erſchien er in voller Ruͤſtung, doch mit entbloͤßtem Haupte. Er trug einen prachtvollen Harniſch von treſſlicher mai⸗ laͤndiſcher Arbeit in Stahl, mit phantaſtiſchen Arabesken in Gold ausgelegt. Um den Hals und uͤber ſeinen hell⸗ polirten Kuͤras hing ſeines Gebieters Orden vom goldnen Vlies,— einer der ehrenvollſten, damals in der Chriſten⸗ heit bekannten Ritterorden. Ein huͤbſcher Page folgte ihm mit ſeinem Helm; ein Herold ging ihm voran, der des Geſandten Beglaubigungsſchreiben trug und dem Koͤnige knieend uͤberreichte, waͤhrend der Abgeordnete ſelbſt in der Mitte des Saals weilte, als wollte er den Anweſenden Zeit laſſen, ſeine. hohe Miene, ſeine Achtung gebietende Geſtalt und kuͤhne Haltung zu bewundern. Sein uͤbriges Gefolge blieb theils im Vorzimmer, theils im Schloßhofe zuruͤck. in „Tretet naͤher, Herr Graf von Crevecoeur,“ ſprach Ludwig, nachdem er einen Blick in das Credentialſchreiben geworfen hatte; dieſes Beglaubigungsſchreibens bedurfte es weder um einen ſo wohlbekannten Krieger bei uns ein⸗ zufuͤhren, noch auch um uns des wohlverdienten Ver⸗ trauens, deſſen Ihr bei Eurem Gebieter genießt, zu ver⸗ ſichern. Wir hoſſen, daß Eure ſchoͤne Gemahlinn, in deren Adern etwas von dem Blute unſrer Ahnherrn fließt, ſich wohl befindet. Haͤttet Ihr, Herr Graf, ſie zu uns gefuͤhrt, ſo wuͤrden wir gedacht haben, Ihr waͤret nur darum ger 7 201 gen die bei ſolchen Gelegenheiten ungewohnte Sitte, in voller Ruͤſtung, um die Ueberlegenheit ihrer Reize gegen alle verliebte Ritter Frankreichs zu behaupten. So aber koͤnnen wir den Grund dieſer vollſtaͤndigen Bewaffnung nicht errathen.“ „Sire,“ erwiederte der Geſandte;„der Graf von Cre⸗ vecoeur muß ſein Mißgeſchick beklagen und Euch um Ver⸗ zeihung bitten, daß er bei dieſer Gelegenheit nicht mit ſo unterwuͤrfiger Ehrerbietung antworten kann, als die Ar⸗ tigkeiten, womit Eure Majeſtaͤt ihn beehrt hat, erfordern wuͤrden. Doch wenn es gleich nur die Stimme Philipp Crevecoeurs von Cordes iſt, welche ſich vernehmen laͤßt, ſo muß er ſich pflichtmaͤßig der Worte ſeines gnaͤdigſten Herrn und Souvergins, des Herzogs von Burgund be⸗ dienen.“ „Und was hat Crevecoeur in Burgunds Worten vor⸗ zutragen?“ fragte Ludwig mit gehoriger Wuͤrde.„Doch haltet ein!— erinnert Euch, daß an dieſem Orte Philipp Crepecoeur von Cordes zu Demjenigen ſpricht, welchen er den Souverain ſeines Souverains nennt.“ Crevecveur verbeugte ſich und hob mit lauter Stim⸗ me an: „Koͤnig von Frankreich! der maͤchtige Herzog von Vur⸗ gund ſendet Euch noch einmal eine Denkſchrift, enthaltend die Aufzaͤhlung der Beſchwerden und Bedruͤckungen, welche die Beſatzungen und Beamte Eurer Majeſtaͤt an ſeinen Grenzen verſchuldet haben; und es iſt der erſte Gegen⸗ ſtand meiner Erkundigungen, ob Ew. Majeſtaͤt Willens iſt, ihm fuͤr dieſe Beeintraͤchtigungen Genugthuntng zu geben?. 2⁰² Als der Koͤnig auf die ihm gleichfalls knieend von dem Herold uͤberreichte Denkſchrift einen fluͤchtigen Blick geworfen hatte, erwiederte er: „Dieſe Angelegenheiten ſind ſchon vor geraumer Zeit von unſerm geheimen Rathe eroͤrtert worden; unter den angefuͤhrten Beſchwerden ſind einige bloß Repreſſalien ge⸗ gen die meinen Unterthanen wiederfahrnen Beeintraͤchti⸗ gungen; andere ſind unerwieſen, und noch andere ſind durch das von des Herzogs Beſatzungen geuͤbte Vergel⸗ tungsrecht erloſchen. Sollten noch Gegenſtaͤnde uͤbrig ſeyn, die in keine dieſer Klaſſen gehoͤren, ſo ſind wir als ein chriſtlicher Fuͤrſt nicht abgeneigt, fuͤr alle Benachtheiligun⸗ gen, woruͤber unſer Nachbar ſich mit Grund zu beklagen 5 hat, wenn ſie gleich nicht nur ohne unſer Zuthun, ſondern ſogar gegen unſre ausdruͤcklichen Befehle vorgefallen ſind, volle Genugthuung zu geben.“ 5 „Ich werde Ew. Majeſtaͤt Antwort meinem gnaͤdigſten Gebieter uͤberbringen, erlaubt mir jedoch, zu bemerken, daß ſie in keinem Stuͤcke von den, bloß Ausfluͤchte ſuchen⸗ den Antworten abweicht, welche bereits fruͤher auf ſeine gerechten Beſchwerden ertheilt ſind, ſo daß ich nicht hoffen darf, ſie werden die Mittel darbieten, Frieden und Freund⸗ ſchaft zwiſchen Frankreich und Burgund wieder herzu⸗ ſtellen.“ „Sey dem wie Gott will!“ verſetzte der Koͤnig.„Nicht aus Furcht vor Eures Gebieters Waſſen, ſondern einzig um des Friedens Willen gebe ich eine ſo gemaͤßigte Ant⸗ woort auf ſeine beleidigenden Vorwuͤrfe. Doch fahrt fort, Euch Eurer Botſchaft zu entledigen!“ 3 203 „Hiernaͤchſt verlangt mein Herr,“ ſprach der Geſandte, „daß Ew. Majeſtaͤt ablaſſe von Euren geheimen Einver⸗ ſtaͤndniſſen mit ſeinen Staͤdten, Gent, Luͤttich und Me⸗ cheln. Er fordert, daß Ew. Majeſtaͤt die geheimen Un⸗ terhaͤndler zuruͤck berufe, durch deren Einwirkungen das Mißvergnuͤgen ſeiner guten Buͤrger in Flandern angefacht wird, und daß die landfluͤchtigen Verraͤther, die, geflohen von dem Schauplatze ihrer Umtriebe, nur zu bereite Zu⸗ fluchtsoͤrter in Paris, Orleans, Tours und andern fran⸗ zoͤſiſchen Staͤdten gefunden haben, aus Ew. Majeſtaͤt Ge⸗ biete verwieſen, oder vielmehr ihrem Oberlehnsherrn zur wohlverdienten Beſtrafung ausgeliefert werden.“ 41) „Sagt dem Herzog von Burgund,“ verſetzte der Koͤnig, „daß ich von ſolchen Umtrieben, woruͤber er ſo beleidi⸗ gende Beſchwerden fuͤhrt, nichts weiß, daß meine franzo⸗ ſiſchen Unterthanen mit den guten Staͤdten Flanderns einen haͤufigen, zum wechſelſeitigen Nutzen gereichenden Han⸗ delsverkehr unterhalten, deſſen Unterbrechung unſern bei⸗ derſeitigen Vortheil zuwider laufen wuͤrde;— und daß viele Flamlaͤnder in meinem Koͤnigreiche anſaͤßig ſind, wo ſie des Schutzes der Geſetze zu dem naͤmlichen Zwecke ge⸗ nießen, daß aber, ſoviel wir wiſſen, keiner unter ihnen des Verraths oder Aufruhrs gegen den Herzog ſchuldig iſt. Fahrt fort in Eurer Botſchaft!— Ihr habt meine Ant⸗ wort vernommen.“ „Mit Bedauern, Sire, wie zuvor,“ verſetzte der Graf Crevecoeur;„denn ſie iſt weder ſo beſtimmt, noch ſo aus⸗ fuͤhrlich, daß der Herzog, mein Herr, ſie als Genugthuung fuͤr eine lange Folgereihe geheimer Umtriebe annehmen wird, die um deswillen nicht minder gewiß ſind, weil — 204.. Ew. Majeſtaͤt ſie in Abrede ſtellt. Doch ich fahre in der Ausrichtung meiner Botſchaft fort. Der Herzog von Bur⸗ gund verlangt uͤberdieß vom Koͤnig von Frankreich, daß er die Graͤfinn Iſabella von Croye und ihre Verwandtinn und Vormuͤnderinn, die Graͤfinn Hameline, unverzuͤglich unter ſicherer Bedeckung in ſein Gebiet zuruͤck ſende, in Betracht, daß die beſagte Graͤfinn Iſabella, die nach den Geſetzen des Landes und dem Lehnsverbande ihrer Guͤter, unter der Obervormundſchaft des Herzogs von Burgund ſteht, aus ſeinem Lande entflohen iſt und ſich der Ober⸗ aufſicht, die er als ein ſorgſamer Fuͤrſt auf ſie zu erſtrek⸗ ken Willens war, entzogen hat, jetzt aber insgeheim vom Konig von Frankreich unterſtuͤtzt und in ihrer Widerſetz⸗ lichkeit gegen den Herzog, ihren angebornen Oberherrn und Obervormund, gegen alle goͤttliche und menſchliche, anter ſaͤmmtlichen civiliſirten Voͤlkern Europens anerkannte Geſetze beſtaͤrkt wird.— Hier halte ich nochmals ein, und harre der Antwort Ew. Majeſtaͤt.“ „Ihr habt wohlgethan, Graf,“ ſprach Ludwig mit ver⸗ achtungsvollem Spott,„bei guter fruͤher Tageszeit mit der Ausrichtung Eurer Botſchaft zu beginnen; denn wenn es Eure Abſicht iſt, mich wegen der Flucht jedes Vaſallen zur Rechenſchaft zu ziehen, den Eures Gebieters leiden⸗ ſchaftliches Verfahren aus ſeinem Lande vertreibt, ſo koͤnnte leicht die Sonne untergehen, bevor Ihr mit Eurem Ver⸗ zeichniß am Ende ſeyd. Wer kann behaupten, daß dieſe Damen ſich in meinem Lande aufhalten? Und wenn dem ſo waͤre, wer darf ſich unterſtehen, zu ſagen, daß ich ihre Flucht hieher befoͤrdert, oder ihnen meinen Schutz ange⸗ boten habe?“ 3 205 „Sire,“ erwiederte Crevecoeur,„mit Ew. Majeſtaͤt Wohlnehmen ſey es geſagt, ich hatte einen Zeugen die⸗ ſer Thatſache,— einen Zeugen, der dieſe fluͤchtigen Damen in dem Wirthshauſe zur Lilie, unfern dieſes Schloſſes ſah,— einen Zeugen, der Ew. Majeſtaͤt in ihrer Geſell⸗ ſchaft, wenn gleich unter der unwuͤrdigen Verkleidung ei⸗ ues Buͤrgers von Tours ſah,— einen Zeugen, der von ihnen in Eurem koͤniglichen Beiſeyn Botſchaften und Briefe an ihre Freunde in Flandern zu beſtellen uͤbernahm, wel⸗ che er ſaͤmmtlich den Haͤnden des Herzogs von Burgund uͤberlieferte und zugleich demſelben Alles, was er geſehen und gehoͤrt hatte, berichtete.“ „Stellt ihn mir,“ ſprach der Koͤnig;„ſtellt ihn mir vor Augen, den Mann, der dieſe oſſenbaren Unwahrheiten zu behaupten wagt.“ „Ihr nehmt einen triumphirenden Ton an, Sire; denn wohl wißt Ihr, daß dieſer Zeuge nicht mehr unter den Lebendigen iſt. Er nannte ſich im Leben Zamet Magrau⸗ bin und war von Geburt ein Zigeuner. Geſtern ward er, wie ich erfahren habe, von den Leuten Eures Generalpro⸗ fos hingerichtet, ohne Zweifel, um zu verhindern, daß er hier auftraͤte, zu bewahrheiten, was er dem Herzog von Burgund in meiner, Philipps Crevecoeur von Cordes, und ſeines geheimen Raths Beiſeyn oſſenbart hat.“ „Nun, bei unſrer lieben Frauen von Embrun!“ rief der Koͤnig.„So abgeſchmackt ſind dieſe Anklagen, und ſo weit entfernt bin ich vom Bewußtſeyn irgend einer da⸗ mit in Verbindung ſtehenden Thatſache, daß ich, bei mei⸗ ner koͤniglichen Ehre! geneigter bin, daruͤber zu lachen, als zu zuͤrnen. Meine Prevotalwache bringt pflichtmaͤßig — 06. Diebe und Landſtreicher vom Leben zum Tode; und meine Krone ſoll durch irgend eine Aeußerung, welche dieſe Diebe und Vagabunden ſich gegen unſern hitzkoͤpfigen Vetter von Burgund und ſeine weiſen Raͤthe haben entfallen laſſen, verunglimpft werden koͤnnen!— Ich erſuche Euch, mei⸗ nem lieben Vetter zu ſagen, daß, wenn er ſolche Geſell⸗ ſchafter liebt, er am beſten thaͤte, ſie in ſeinen Staaten zu behalten, denn hier wird ihnen nichts zu Theil, als eine kurze Beichte und ein derber Strick.“ „Mein Herr bedarf nicht ſolcher Unterthanen, Herr Koͤnig,“ antwortete der Graf in einem minder ehrfurchts⸗ vollem Tone, als derjenige, in welchem er bis dahin ge⸗ ſprochen hatte!„denn der edle Herzog laͤßt ſich nicht von Hexen, wandernden Zigeunern und Andern, die Be⸗ ſtimmung und das Schickſal ſeiner Nachbarn und Alliir⸗ ten weiſſagen.“ 42) „Wir haben genug, und vielleicht ſchon zu viel Geduld gehabt,“ unterbrach ihn der Koͤnig;„und da Deine Sen⸗ dung hieher keinen andern Zweck zu haben ſcheint, als Beleidigung, ſo wollen wir Jemanden in unſerm Namen an den Herzog von Burgund abſchicken; denn wir ſind uͤberzeugt, daß Du in Deinem Benehmen gegen uns die Grenzen Deiner Inſtructionen, wie ſie auch immer gelau⸗ tet haben moͤgen, überſchritten haſt.“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Crevecoeur,„ich habe mich meines Auftrages noch nicht ganz entledigt. Hoͤrt, Lud⸗ wig von Valois, Koͤnig von Frankreich,— hoͤrt, Ihr Edle und Herren, die Ihr etwa gegenwaͤrtig ſeyd,— hoͤrt Ihr Alle, gute und ehrenwerthe Maͤnner,— und Du, Herold — 207 verkuͤndige nach mir: Ich, Philipp Crevecoeur von Cor⸗ des, Reichsgraf und Ritter des ehrenwerthen fuͤrſtlichen Ordens vom goldnen Blies, im Namen des großmaͤchtigen Herrn und Fuͤrſten Carl, von Gottes Gnaden, Herzogs von Burgund, Lothringen, Brabant, Limburg, Luxemburg und Geldern, Grafen von Flandern und Artois, Pfalzgrafen von Hennegau, Holland, Seeland, Namour und Zuͤtphen; Markgrafen des heiligen roͤmiſchen Reichs, Herrn von Fries⸗ land und Mecheln thue Euch, Ludwig, Koͤnig von Frank⸗ reich, kund und zu wiſſen, daß, da Ihr Euch geweigert habt, die mancherlei Beſchwerden, Beeintraͤchtigungen und Beleidigungen abzuſtellen, die dem beſagten Herzog und ſeinen liebenden Unterthanen durch Euch, oder durch Eure Mitwirkung und Anreizung, oder auf Euer Anſtiften zu⸗ gefuͤgt worden ſind, er durch meinen Mund ſich von aller Lehnsverbindung mit Eurer Krone und Wuͤrde losſagt, Euch fuͤr falſch und treulos erklaͤrt, und Euch als Fuͤrſten und als Mann hiemit zum Kampf herausfordert.— Hier liegt mein Handſchuh zum Zeugniß deſſen, was ich ſagte.“ Bei dieſen Worten zog er den Handſchuh von ſeiner Rechten und warf ihn auf den Fußboden des Audienz⸗ ſaals. Bis zu dieſer hoͤchſten Stufe der Verwegenheit hatte tiefes Schweigen waͤhrend der ganzen außerordentlichen Scene in der Halle geherrſcht, kaum aber erſcholl das Ge⸗ klirr des hingeworfenen Handſchuhs, begleitet von dem Ausruf des Herolds:„Es lebe Burgund!“ als ein all⸗ gemeiner Tumult ſich erhob. Waͤhrend Dunois, Orleans, der alte Lord Erawford und ein paar Andere, die durch ihren Rang zu ſolcher Einmiſchung befugt waren, wettei⸗ * 208 ferten, wer unter ihnen den Handſchuh aufheben ſollte, riefen Andere:„Haut ihn nieder! Haut ihn nieder! Haut ihn in Stuͤcke! Kommt er hieher, den Koͤnig von Frank⸗ reich in ſeinem eignen Pallaſte zu ſchmaͤhen?“ Aber der Koͤnig beſaͤnftigte den Tumult, indem er mit einer, alle Andere uͤbertoͤnenden Donnerſtimme rief: „Ruhe, Ruhe, meine getreuen Unterthanen! Niemand lege die Hand an den Geſandten, und keinen Finger an den Handſchuh! Und Ihr, Herr Graf,— woraus beſteht Euer Leben, und wer hat es Euch verbuͤrgt, daß Ihr es auf einen ſo gefahrvollen Wurf ſetzt? Oder iſt Euer Her⸗ zog aus anderem Metall geformt, als andere Fuͤrſten, daß er ſeine anmaßlichen Anſpruͤche auf eine ſo ungewoͤhnliche Weiſe geltend macht?“ „Er iſt in der That aus anderem und edleren Metall geformt, als die uͤbrigen Fuͤrſten Europens,“ entgegnete der unerſchrockene Graf Crevecoeur;„denn als Keiner un⸗ ter ihnen es wagte, Euch,— Euch, Koͤnig Ludwig, ſag' ich, einen Zufluchtsort zu gewaͤhren,— als Ihr aus Frankreich verbannt und durch die Rache Eures erbitterten Vaters und die ganze Macht ſeines Reichs verfolgt waret, da wurdet Ihr als Bruder aufgenommen und beſchuͤtzt von meinem edlen Gebieter, dem Ihr ſeine Großmuth ſo ſchlecht vergolten habt.— Lebt wohl, Sire!— Meine Botſchaft iſt ausgerichtet.“ Seach dieſen Worten verließ Graf Erevecoeur, ohne weiter Abſchied zu nehmen, ploͤtzlich das Zimmer. „Ihm nach! ihm nach!— hebt den Handſchuh auf und gebt ihn ihm zuruͤck,“ rief der Koͤnig.„Euch mein⸗ ich nicht, Dunois, auch Euch nicht Mylord Crawford, 2⁰09 denn mich duͤnkt, Ihr ſeyd zu alt fuͤr ein ſo heftiges, hitziges Gefecht, und Ihr, Vetter Orleans ſeyd zu jung, um Euch d'rein zu miſchen.— Herr Cardinal, Herr Biſchoff von Evreux,— Eurem heiligen Amte gebuͤhrt es, unter Fuͤr⸗ ſten Frieden zu ſtiften, hebt Ihr den Handſchuh auf und ſtellt dem Grafen Erevecoeur ſein ſuͤndliches Beginnen vor, einen großen Monarchen an ſeinem eignen Hofe zu verhoͤhnen und ihn zu zwingen, die Drangſale des Krie⸗ ges uͤber ſein und ſeines Nachbarn Land zu bringen.“ Dieſe unmittelbare Berufung bewog den Cardinal, den Handſchuh aufzuheben, doch that er es mit der naͤmlichen Vorſicht, womit man eine Viper beruͤhrt;— ſo groß ſchien ſeine Abneigung gegen dieß Sinnbild des Krieges zu ſeyn. Inzwiſchen verließ er das koͤnigliche Gemach und eilte dem Herausfordernden nach. 4 Ludwig blickte im Kreiſe ſeiner Hofleute umher, die ſaͤmmtlich, jedoch mit der von uns bemerklich gemachten Ausnahme, von niedrer Geburt, und wegen anderer Ta⸗ lente als Muth oder Waſſenthaten, vom Koͤnige zu einem bohen Range an ſeinem Hofe erhoben, mit blaſſen Geſich⸗ tern einander anſahen, indem die eben jetzt vorgefallene Scene ſichtlich einen unerfreulichen Eindruck auf ſie ge⸗ macht hatte. Ludwig ſah ſie mit Verachtung an und ſprach mit lauter Stimme: „Obgleich der Graf von Crevecveur hochmuͤthig und anmaßend iſt, ſo muß man geſtehen, daß der Herzog von Burgund einen ſo kuͤhnen Diener hat, als jemals ein Fuͤrſt einen mit einer Botſchaft abſandte. Ich moͤchte wiſſen, wo ich einen ſo treuen Abgeſandten finden ſollte um meine Antwort zuruͤck zu bringen.“ D. I. 3 14 210 „Ihr thut Eurem franzoͤſiſchen Adel Unrecht,“ verſetzte Dunois;„kein Mitglied deſſelben wuͤrde Bedenken tra⸗ gen, auf der Spitze ſeines Schwerdtes eine Ausforderung nach Burgund zu bringen.“ „Und Sire,“ ſprach der alte Crawford,„auch den ſchottiſchen Edelleuten die Euch dienen, thut Ihr Unrecht. Weder ich, noch einer von meinen Untergebnen, die den erforderlichen Rang haben, wuͤrde auch nur einen Augen⸗ blick Anſtand nehmen, jenen ſtolzen Grafen zur Verant⸗ wortung zu ziehen. Mein eigner Arm iſt dazu noch ſtark genug, wenn Ew. Majeſtaͤt mir nur dazu die Erlaubniß ertheilt.“ „Aber Ew. Majeſtaͤt,“ ſete Dunois hinzu,„will uns zu keinem Dienſte gebrauchen, der Euch, uns ſelbſt, und Frankreich Ehre bringen kann.“ „Sagt vielmehr,“ erwiederte der Koͤnig,„daß ich die⸗ ſer verwegenen Heftigkeit nicht nachgeben und nicht ge⸗ ſtatten will, daß Ihr gleich irrenden Rittern, wegen eines unerheblichen Ehrenpunkts Euch ſelbſt, den Thron und ganz Frankreich in Gefahr bringen ſollt. Keinem un⸗ ter Euch iſt unbekannt, wie koſtbar jede Stunde des Frie⸗ dens in dieſem Zeitpunkte iſt, wo wir die Wunden des zerrüͤtteten Landes heilen muͤſſen; und dennoch iſt keiner unter Euch, der nicht bereit ſeyn wuͤrde, ſich wegen einer Erzaͤhlung eines wandernden Zigeuners und wegen einer herumirrenden Dame, deren Ruf es vielleicht nicht ver⸗ dient, in einen Krieg zu ſtuͤrzen; doch hier kommt der Cardinal hoſſentlich mit friedlicheren Nachrichten.— Nun Herr Cardinal, habt Ihr den Grafen Vernunft und Maͤßigung gelehrta 211 „Sire,“ antwortete Balue,„mein Geſchaͤft war ſchwer. Ich ſtellte den ſtolzen Grafen vor, wie er Ew. Majeſtaͤt den anmaßenden Vorwurf habe machen koͤnnen, womit ſeine Audienz endete;— ein Vorwurf, der nicht ſeinem Herrn, ſondern ſeiner eignen Verwegenheit beizumeſſen ſey; ſo daß er ſich dadurch in Ew. Majeſtaͤt Haͤnde gegeben und Euch befugt habe, ihn nach Gutfinden zu ſtrafen.“ „Da habt Ihr wohl geſprochen,“ verſetzte der Koͤnig, „und was antwortete er?“ „Der Graf hatte gerade den Fuß im Steigbuͤgel um aufzuſitzen; als er meine Gegenvorſtellung vernahm, wandte er den Kopf ohne ſeine Stellung zu veraͤndern. Waͤre ich funfzig Meilen weit entfernt geweſen, ſo ſprach er, und haͤtte vernommen, der Koͤnig von Frankreich habe eine fuͤr meinen Fuͤrſten beleidigende Frage gethan, ſo wuͤrde ich augenblicklich umgekehrt ſeyn, um mein Herz durch die, Eurem Koͤnige heut gegebene Antwort zu ent⸗ laſten.“ 3 „Wie ich Euch ſagte, meine Herren,“ verſetzte der Koͤnig, indem er ſich ohne irgend ein Zeichen von Unwillen umherſah;„unſer Vetter, der Herzog beſitzt an dem Gra⸗ fen Philipp von Crevecoeur einen ſo wuͤrdigen Diener, als jemals einer zur Rechten eines Fuͤrſten ritt.— Aber Ihr vermochtet ihn doch, zu weilen?“ „Vier und zwanzig Stunden zu weilen,“ antwortete der Cardinal;„und einſtweilen ſeinen Fehdehandſchuh zu⸗ ruͤckzunehmen. Er iſt im Gaſthofe zur Lilie abgeſtiegen.“ „Sorgt dafuͤr, daß er auf unſere Koſten anſtaͤndig be⸗ wirthet und mit allen Noͤthigem verſorgt werde,“ gebot der Koͤnig;„ſolch ein Diener iſt ein Kleinod in der Krone 212 eines Fuͤrſten.— Vier und zwanzig Stunden?“ fuͤgte er halb laut bei ſich ſelbſt ſprechend, hinzu, indem er die Augen ſo weit oͤſſnete, als ob er in der Zukunft leſen wolle;„vier und zwanzig Stunden ſind eine kurze Friſt! Gleichwohl koͤnnen vier und zwanzig Stunden, geſchickt angewandt, ſoviel werth ſeyn, als ein ganzes Jahr in den Haͤnden eines traͤgen und unfaͤhigen Unterhaͤndlers.— Wohlan denn! In den Wald, in den Wald! meine wak⸗ kern Freunde! Vetter Orleans, legt Eure Beſcheidenheit bei Seite, obwohl ſie Euch gut kleidet, und kuͤmmert Euch nicht um Johannens zuruͤckhaltendes Weſen. Eher wird die Loire aufhoͤren, ihre Gewaͤſſer mit denen des Cher zu miſchen, als ſie aufhoͤren koͤnnte, Eure Bewerbung guͤnſtig aufzunehmen, oder Ihr, ſie allen Andern vorzuziehen.“ Waͤhrend Ludwig ſo ſprach, folgte der ungluͤckliche Prinz mit langſamen Schritten ſeiner verlobten Braut. „Und nun, meine Herren, zu Euren Jagdſpießen! Mein Pickenier, Allegre hat einen Eber ausfindig gemacht, der Menſchen und Hunde auf die Probe ſtellen wird.— Dunois leiht mir Euren Jagdſpieß und nehmt dagegen dden meinigen, der fuͤr mich zu ſchwer iſt; aber wann hiel⸗ teet Ihr eine Lanze fuͤr Euch zu ſchwer?— Zu Roß, meine Herren!“ 3 3 Nach dieſen Worten ritt der ganze Hof auf die Jagd. 213 — Neuntes Kapitel. Die Eberjagd. „Mit der ſchuldloſen Jugend ſchwatz' ich gern; Auch wohl mit unverholnen Narren; aber Die argwoͤhniſch in meinen Augen leſen, 2 Die mag ich nicht!—— Koͤnig Richard. Alle Erfahrung, die der Cardinal uͤber die Gemuͤths⸗ ſtimmung ſeines Gebieters zu ſammeln im Stande gewe⸗ ſen war, hinderte ihn nicht, bei dieſer Gelegenheit in einen großen politiſchen Irrthum zu verfallen. Seine Eitelkeit verleitete ihn, zu glauben, daß es ihm beſſer gegluͤckt ſey, den Grafen von Crevecoeur zu vermoͤgen, in Tours zu weilen, als irgend ein anderer Vermittler, den der Koͤnig dazu haͤtte gebrauchen koͤnnen, wahrſcheinlich im Stande geweſen ſeyn wuͤrde. Und da er wußte, wie großen Werth Ludwig auf die Vermeidung des Krieges mit dem Herzog von Burgund legte, ſo konnte er nicht unterlaſſen, an den Tag zu legen, daß er dem Koͤnige einen angenehmen und wichtigen Dienſt geleiſtet zu haben glaube. Er draͤngte ſich daher naͤher als gewoͤhnlich an deſſen Perſon, und beſtrebte ſich, uͤber die Ereigniſſe des Morgens ein Geſpraͤch mit ihm anzuknuͤpfen. Dieß war in mehrerer Hinſicht unbedachtſam gehan⸗ delt; denn die Fuͤrſten moͤgen nicht, daß ihre Unterthanen ihnen mit dem ſichtlichen Bewußtſeyn nahen, Anerken⸗ nung und Belohnung geleiſteter Dienſte erwarten zu duͤr⸗ 214 fen; und Ludwig, der argwöhniſchſte unter allen damals lebenden Monarchen, war jedem, welcher Dienſtleiſtungen geltend zu machen, oder in ſeine Geheimniſſe eindringen zu wollen ſchien, ganz beſonders abgeneigt und unzu⸗ gaͤnglich. 4 Gleichwohl ritt der Cardinal, hingeriſſen durch augen⸗ blickliche Selbſtgenuͤgſamkeit, wie dieß ſelbſt den Vorſich⸗ tigſten manchmal wiederfaͤhrt, beſtaͤndig dem Koͤnige zur Rechten, und wandte ſo oft als moͤglich das Geſpraͤch auf Crevecoeur und ſeine Sendung;— ein Gegenſtand, der zwar in jenem Augenblick des Koͤnigs Gedanken vorzugs⸗ weiſe beſchaͤftigte, woruͤber er aber ſich zu unterhalten am wenigſten geneigt war. Endlich gab Ludwig, der ihm mir Aufmerkſamkeit zuhoͤrte, jedoch ohne ihm eine Antwort zu ertheilen, die zur Verlaͤngerung des Geſpraͤchs dienen konnte, dem Grafen Dunois, der nicht weit von ihm ritt, ein Zeichen, an die linke Seite ſeines Pferdes zu kommen. „Des Zeitvertreibes und der Bewegung halber ritten wir aus,“ ſagte er,„allein dieſer ehrwuͤrdige Vater moͤchte gern, daß wir hier einen Staatsrath hielten.“ „ch hoſſe, daß Ew. Majeſtaͤt mir deſſen Beiwohnung erlaſſen wird,“ verſetzte Dunois;„ich bin geboren, fuͤr Frankreich zu kaͤmpfen, und Herz und Hand widmete ich ſeinem Dienſte; aber mein Kopf iſt nicht geeignet, meinem Baterlande im Staatsrathe zu nuͤtzen.“ „Gerade zu dieſem Dienſtzweige hat der Herr Cardinat einen ausſchließlichen Hang,“ ſprach der Koͤnig.„Er hak den Grafen Crevecoeur vor dem Schloßthore beichten laſ⸗ ſen, und uns den ganzen Inhalt der Beichte berichtet,— Sagtet Ihr mir nicht das Ganze?“ fuhr er fort, indem 215 er einen gewiſſen Nachdruck auf das letzte Wort legte und dem Cardinal einen durchdringenden Blick zuwarf, der zwiſchen ſeinen langen Augenwimpern hervorblitzte wie ein Dolch, wenn er aus der Scheide gezogen wird. Der Cardinal zitterte, waͤhrend er, ſtrebend, den Scherz des Koͤnigs zu beantworten, erwiederte:„Obwohl ihm ſein Stand die Verbindlichkeit auferlege, die Geheimniſſe des Beichtſtuhls zu bewahren, ſo gebe es doch kein sigil- lum confessionis, welches nicht beim Hauche Sr. Maje⸗ ſtaͤt zerſchmelze.“ „Und da Se. Eminenz,“ entgegnete der König,„ſo bereitwillig iſt, uns die Geheimniſſe Anderer mitzutheilen, ſd erwartet er natuͤrlicherweiſe, daß wir eben ſo mitthei⸗ lend gegen ihn ſeyn werden; und um dieſe wechſelſeiti⸗ gen Leiſtungen in Gang zu bringen, iſt es von ſeiner Seite ein billiges Verlangen, daß er zu wiſſen wuͤnſcht, ob dieſe beiden Damen von Croye ſich wirklich in unſerm Gebiet aufhalten. Wir bedauern, daß wir ſeine Neugier nicht befriedigen koͤnnen, da wir ſelbſt nicht genau wiſſen, an welchen Orten irrende Daͤmchen, verkappte Prinzeſſin⸗ nen und bekuͤmmerte Graͤfinnen in unſern Staaten ver⸗ 85 ſtect ſeyn koͤnnen, die, Dank ſey Gott und unſerer lieben Frauen von Embruͤn! etwas zu ausgedehnt ſind, als daß wir Sr. Eminenz beſcheidene Erkundigungen ſo leicht be⸗ antworten koͤnnten.— Aber angenommen, ſie waͤren unter uns, vas wuͤrdet Ihr, Dunois, auf unſres Vetters gebie⸗ teriſches Verlangen erwiedern?“ „Ich werde Euch antworten, Sire, wenn Ihr mir auf⸗ richtig ſagt, ob Ihr Krieg oder Frieden wollt,“ erwiederte Dunois mit einer Freimuͤthigkeit, die, entſpringend aus 216 ſeiner angebornen Oſſenherzigkeit und Unerſchrockenheit, dem Koͤnige mitunter ſehr wohl gefiel; denn wie alle hin⸗ terliſtige Perſonen, war er eben ſo ſehr bemuͤht, die Her⸗ zen Anderer zu durchſchauen, als das, was in dem ſeini⸗ gen vorging, zu verbergen. „Bei Gott,“ verſetzte Ludwig, es wuͤrde mir eben ſo lieb ſeyn, als Dir, Dunois, Dir meinen Wunſch mitzu⸗ theilen, wenn ich mit mir ſelbſt daruͤber einig waͤre: Ge⸗ ſetzt aber, ich erklaͤrte mich fuͤr den Krieg, was ſollte ich mit dieſer ſchoͤnen, reichen jungen Erbinn, angenommen, ſie befaͤnde ſich wirklich in meinen Staaten, anfangen?“ „Vermaͤhlt ſie mit einem Eurer wackern Diener, der ein Herz hat, ſie zu lieben, und einen Arm, ſie zu he⸗ ſchuͤtzen,“ erwiederte Dunois. „Etwa mit Dir, Dunois!“ verſetzte der Koͤnig. Pas- ques dien! Du biſt bei aller deiner Oſſenherzigkeit, poli⸗ tiſcher als ich glaubte.“ „ Nein, Sire, ich bin nichts weniger als politiſch, bei unſrer lieben Frauen von Orleans! ich gehe gerade auf mein Ziel los, ſo wie im Ringelrennen auf den Ring⸗ Ew. Majeſtaͤt iſt dem Hauſe Orleans wenigſtens eine gluͤckliche Heirath ſchuldig.“ „Und ich will dieſe Schuld abbezahlen, Graf, Pasques dieu! ich will ſie abbezahlen!— Seht Ihr nicht das huͤb⸗ ſche Paar dort?“ Bei dieſen Worten deutete der Koͤnig auf den urgluͤck⸗ Uchen Herzog von Orleans und die Prinzeſſinn Johanna, die es nicht wagten, ſich weiter vom Koͤnige zu entfer⸗ nen, oder ſich ſo, daß er es ſehen konnte, von einander zu trennen, ſo daß ſie zwar neben einander ritten, jedoch mit 217 — einem Zwiſchenraum von acht bis neun Fuß, den Schuͤch⸗ ternheit auf der einen, und Abneigung von der andern Seite, nicht zu vermindern, und Furcht keinem von Bei⸗ den zu vergroͤßern, erlaubte.. Dunois folgte mit den Augen der Richtung, wohin der Konig zeigte; und da die Lage ſeines ungluͤcklichen Ver⸗ wandten und ſeiner beſtimmten Braut, ihm ſo vorkam als die, von zwei Jagdhunden, welche, gezwungenerweiſe zuſammengekoppelt, ſo weit von einander bleiben, als dis Läaͤnge der Leine es verſtattet, ſo konnte er nicht unterlaſ⸗ ſen, den Kopf zu ſchuͤtteln, wenn er gleich dem heuchle⸗ riſchen Tyrannen nicht auf andere Weiſe zu antworten wagte. Uebrigens ſchien Ludwig ſeine Gedanken zu er⸗ rathen. „Das wird eine ruhige, friedliche Ehe abgeben, und ich moͤchte vorherſagen, daß ſie eben nicht durch Kinder geſtoͤrt werden wird. Aber Kinder ſind nicht allemal eine Segnung.“. Vielleicht veranlaßte den Koͤnig die Erinnerung an ſeine Undankbarkeit gegen ſeinen Vater, daß er, als er die letzte Bemerkung machte, inne hielt, und daß ſich ſein boͤhniſches Laͤcheln in eine Miene verwandelte, worin ein Anflug von Reue bemerkbar zu ſeyn ſchien. Aber augen⸗ blicklich fuhr er in einem andern Tone fort. „Oſſen geſprochen, lieber Dunois, ſo ſehr ich auch das beilige Sacrament der Ehe in Ehren halte,“— hier be⸗ kreuzte er ſich,—„ich wollte lieber, daß das Haus Or⸗ 18 leans ſo wackre Krieger fuͤr mich in die Welt ſetzte, als Deinen Vater und Dich, die, aus Frankreichs koͤniglichem Blute entſproſſen ſind, ohne die Anſpruͤche deſſelben geltend 218 zu machen, als das Reich, ſo wie England, im Wetteifer legitimer Thronerben, durch innere Kriege zerruͤttet ſehen. Der Löͤwe ſollte niemals mehr als einen jungen Loͤwen erzeugen.“ Dunois ſeufzte und ſchwieg, uͤberzeugt, daß er durch Widerſpruch gegen ſeinen nur durch Eigenmacht geleiteten Monarchen, dem Intereſſe ſeines Verwandten nur ſcha⸗ den, nicht aber nuͤtzen koͤnne; doch konnte er ſich nicht ent⸗ halten, einen Augenblick ſpaͤter hinzuzufuͤgen:„Da Ew. Majeſtaͤt auf die Geburt meines Vaters hindeutet, ſo muß ich allerdings eingeſtehen, daß er, abgeſehen von der Schwachheit ſeiner Eltern, gluͤcklicher zu achten war, der Sohn ungeſetzlicher Liebe zu ſeyn, als wenn er der Spröͤß⸗ ling ehelichen Haſſes geweſen waͤre.“ „Du biſt ein Spottvogel, Dunois,“ ſprach der Koͤnig, „ſo von dem Sacrament der heiligen Ehe zu reden; aber zum Henker mit dieſem Geſpraͤch! denn der Eber iſt auf⸗ geſcheucht.— Laßt die Hunde los, im Namen des heiligen Hubertus!“— Nach dieſen Worten ließ der Koͤnig ſein Hifthorn durch die Waͤlder erſchallen, und ſprengte vor⸗ waͤrts; ihm folgten zwei oder drei ſeiner Gardiſten, unter denen ſich auch unſer Freund Quentin Durward befand. Es iſt zu bemerken, daß der Koͤnig, ſelbſt in der eifrigen Verfolgung ſeines Lieblingszeitvertreibes, Muße fand, ſeis nem Hange zu Spoͤttereien ein Genuͤge zu leiſten, und den Cardinal Balue zu necken. Es war, wie wir ſchon angedeutet haben, eine von den Schwaͤchen dieſes geſchickten Staatsmannes, daß er ſich ungeachtet ſeiner niedern Herkunft und mangelhaften Er⸗ ziehung geeignet glaubte, die Rolle eines Hofmannes und 219 galanten Herrn zu ſpielen. Zwar trat er nicht mit Becket in die Schranken, und ließ keine Soldaten ausheben wie Wolſey; allein die Galanterie, worinnen dieſe beiden Maͤn⸗ ner gleichfalls eingeweiht waren, war ſein Lieblingsfachz auch trug er eine große Liebhaberei fuͤr das edle Waidwerk zur Schau; obwohl er aber bei gewiſſen Damen, bei denen ſeine Macht, ſein Reichthum und ſein Einfluß als Staats⸗ mann den Mangel an Anſtand und Manieren erſetzen mochte, ſein Gluͤck machte; ſo hatten doch die Prachtroſſe, die er zu den hoͤchſten Preiſen kaufte, kein Gefuͤhl fuͤr die Ehre, einen Cardinal zu tragen, und bezeigten ihm keine groͤßere Ehrfurcht, als ſie fuͤr ſeinen Vater gehabt ⸗ haben wuͤrden, dem er in der Reitkunſt gleich kam. Dieß wußte der Koͤnig; und indem er ſein eignes Pferd bald antrieb, bald zuruͤck hielt, machte er das des Cardinals, der ihm nahe zur Seite ritt, ſo aufſaͤtzig gegen ſeinen Reiter, daß es klar ward, ſie muͤßten ſich bald trennen. Waͤhrend das Roß des Praͤlaten wieherte, hinten ausſchlug und ſich baͤumte, ihat der Koͤnig dem geiſtlichen Reiter einige Fragen uͤber wichtige Angelegenheiten, und ſtellte ſich, als wolle er ihm einige von jenen Staatsgeheimniſſen anvertrauen, nach deren Kunde der Cardinal kurz zuvor großes Verlangen an den Tag gelegt hatte. Kaum ließ ſich eine unangenehmere Lage denken, als die eines Staatsraths, der ſich genoͤthigt ſah, ſeinem Mo⸗ uarchen zuzuhoͤren und ihm zu antworten, waͤhrend jeder neue Sprung ſeines unlenkſamen Pferdes ihn in eine im⸗ mer ſchwankendere Lage brachte,— ſein veilchenfarbenes Gewand in allen Richtungen flatterte und nichts ihn vor einem augenblicklichen gefahrvollen Sturze ſicherte, als die 2 220 — Tiefe ſeines Sattels und die Hoͤhe der vorderen und hin⸗ teren Bauſchen. Dunois lachte unverholen, waͤhrend der Koͤnig, der ſeine eigne Weiſe hatte, ſich im Innern des Erfolges ſeiner Schalkheit zu freuen, dem Praͤlaten in freundſchaftlichem Tone ſeine Leidenſchaft fuͤr die Jagd vorwarf, die ihm nicht einmal verſtatte, einige Augenblicke Geſchaͤftsgegenſtaͤnden zu widmen.„Aber ich will Euch nicht laͤnger hinderlich ſeyn,“ fuhr er, zu dem erſchrockenen Cardinal ſich wendend, fort, ließ ſeinem eignen Pferde den Zuͤgel, und ſprengte vorwaͤrts. Bevor Balue ein Wort zu ſeiner Entſchuldigung vor⸗ bringen konnte, ſprengte ſein Pferd, das Gebiß mit den Zaͤhnen faſſend, in geſtrecktem Galopp unaufhaltſam vor⸗ waͤrts, und ließ bald den Koͤnig und Dunois hinter ſich, die nun in geregelterem Schritte weiter ritten, und ſich der Verlegenheit des Staatsmanns freuten. Wenn irgend einer von unſern Leſern zu ſeiner Zeit zufaͤllig in die Lage gekommen iſt, wie dieß mit uns der Fall war, ſo unwilluͤhrlich fortgeriſſen zu werden, dann wird er ſich das Unangenehme und Gefahrvolle einer ſol⸗ chen Stellung lebhaft denken koͤnnen. Die vier Beine des Roſſes, die weder der Reiter noch manchmal das Thier ſelbſt in ſeiner Gewalt hat, eilen ſo raſch davon, als ob die Hinterfuͤße die vordern uͤberholen wollten; und die Beine des Reiters, die man in ſolchem Falle ſo gern in Sicherheit auf den gruͤnen Raſen ſetzte, vermehren unſre Noth, indem wir ſie feſt an die Seiten des Pferdes druͤk⸗ ken, die Maͤhnen ſtatt des Zuͤgels ergreifen, den Koͤrper, anſtatt ihn im Centralpunkt der Schwerkraft, wie der alte Angelv zu empfehlen pflegte, oder iyn in der Stel⸗ 221 lung eines Jockey beim Pferderennen zu Newmarket zu halten, auf dem Halſe des Pferdes ruhen laͤßt wie einen gefuͤllten Kornſack. Dieß Alles vereinigt ſich zu einem hoͤchſt belachenswerthen Schauſpiel fuͤr die Zuſchauer, ſo ungemuͤthlich es auch fuͤr die handelnde Perſon iſt. Koͤmmt hiezu vollends irgend eine Sonderbarkeit in dem Anzuge oder im ganzen Aeußern des ungluͤcklichen Reiters,— eine Amtskleidung, eine glaͤnzende Uniform oder dergleichen, und iſt der Schauplatz etwa ein Wettrennen, eine Muſte⸗ rung, eine Prozeſſion, oder irgend ein anderer Ort, wo das Publikum zuſammenſtroͤmt, und will der arme Wicht es vermeiden, der Gegenſtand eines allgemeinen Gelaͤchters* zu werden, ſo muß er es ſo einrichten, entweder ein paar Knochen zu zerbrechen oder noch lieber auf der Stelle das Leben zu verlieren; denn um keinen geringeren Preis wird ſein Fall vom Pferde das mindeſte Mitleid erregen; Im vorliegenden Falle ward das Belachenswerthe dieſes Equitations⸗Schauſpiels bedeutend geſteigert durch den veilchenfarbenen Rock des Cardinals, deſſen er ſich als Reitkleid bediente,— denn er hatte ſein langes Gewand abgelegt, bevor er das Schloß verließ,— durch ſeine ſchar⸗ lachfarbenen Struͤmpfe und Kopfbedeckung mit langen Troddeln, und durch ſeine gaͤnzliche Huͤlfloſigkeit. Das Pferd hatte ſich ſeiner gaͤnzlich bemeiſtert, und galloppirte oder flog vielmehr einen langen gruͤnen Baumgang hinab, uͤberholte die den Eber verfolgenden Jagdhunde, warf einige Pikeniere und Hunde uͤber den Haufen, die nicht daran dachten, im Ruͤcken angegriſſen zu werden, und brachte Verwirrung in die ganze Jagd, ſo daß es, noch mehr angefeuert durch das Geſchrei und die Drohungen .22²2. der Jaͤger, den erſchrockenen Cardi Cardinal das furchtbare wilde Thier vorbeitrug, welches im ſtarken Trabe, wuͤthend, ſchaͤumend und ſeine Hauer zeigend, vorwaͤrts eilte. Als Balue die Naͤhe des Ebers gewahrte, ließ er einen jaͤm⸗ merlichen Nothruf erſchallen, der, verbunden mit der An⸗ ſicht des Ebers, eine ſolche Wirkung auf ſein Roß hervor⸗ brachte, daß es ſeinen raſchen Lauf ploͤtzlich durch einen Seidenſprung endete, und der Cardinal, der ſich nur durch die geradlinigte Richtung des Laufes bis dahin im Sattel erhalten hatte, mit ſeiner ganzen Schwerkraft zu Boden fiel. Dieſe Schlußkataſtrophe der Jagd des Praͤlaten, fand ſo ganz in der Naͤhe des Ebers ſtatt, daß, waͤre nicht das Thier in jenem Augenblicke zu ſehr mit ſeinen eignen Angelegenheiten beſchaͤftigt geweſen, dieſe Nachbarſchaft dem Eardinal eben ſo verderblich haͤtte werden koͤnnen, als dieß einſt mit dem Koͤnige der Viſigothen, Favila, in Spanien der Fall war. Er kam jedoch mit dem Schreck davon, kroch ſo ſchnell als er konnte, den Hunden und Jaͤgern aus dem Wege, und ſah die ganze Jagd bei ſich voruͤberziehen, ohne daß auch nur ein einziger ihm Bei⸗ ſtand anbot, denn in jenen Zeiten fuͤhlten die Jaͤger eben ſo wenig Mitleid bei ſolchen Ungluͤcksfaͤllen, als in den heutigen. Im Vorbeireiten ſagte der Koͤnig zu Dunois,„oda liegt ſeine Eminenz der Laͤnge nach auf der Erde. Er iſt kein großer Jaͤger; aber als Fiſcher kann er,— wenn es ein Geheimniß zu fiſchen giebt, es mit Sanct Petern ſelbſt aufnehmen. Dießmal aber hat er Jemanden getroſſen, der es mit ihm aufnehmen kann.“ Der Cardinal hoͤrte dieſe Worte nicht; aber der ver⸗ 223 achtungsvolle Blick mit dem ſie geſprochen wurden, ließ ihn den weſentlichen Sinn derſelben argwohnen. Der Teufel waͤhlt wie man ſagt, ſolche Gelegenheiten, aͤhnlich der, welche ihm Balue's bittrer Groll uͤber den Hohn des Koͤnigs darbot, um den Menſchen in Verſuchung zu fuͤh⸗ ren. Der augenblickliche Schreck war voruͤber, ſobald er ſich uͤberzeugt hatte, daß er unbeſchaͤdigt war, allein ſeine verletzte Eitelkeit, und ſein Unwille gegen den Monarchen wirkten dauernder auf ſeine Gefuͤhle ein. Als die ganze Jagd voruͤber gezogen war, kam ein Reiter, dem ein paar Diener folgten, und der nicht Theil⸗ nehmer, ſondern Zuſchauer der Jagd zu ſeyn ſchien, her⸗ angeritten, und aͤußerte ſeine Verwunderung, den Cardi⸗ nal zu Fuß, allein, ohne Pferd, und in einer Unordnung zu finden, welche den ihm zugeſtoßenen Unfall deutlich au den Tag legte. Augenblicklich ſaß er ab, bot dem Cardi⸗ nal ſeinen Beiſtand an, ließ einen ſeiner Diener abſteigen und uͤberließ ihm deſſen ruhigen Klepper zum Gebrauch, äußerte auch ſein Befremden, daß es am franzoͤſiſchen Hofe Sitte ſey, den weiſeſten unter ſeinen Staatsmaͤnnern den Gefahren der Jagd auszuſetzen und ihn in der Noth⸗ zu verlaſſen. Alle dieſe Huͤlfserbietungen und Troͤſtun⸗ gen wurden durch ein ſeltſames Zuſammentreſſen ganz natuͤrlich herbeigefuͤhrt; denn es war Crevecveur, der bur⸗ gundiſche Geſandte, der dem gefallenen Cardinal zu Huͤlfe kam. Er fand ihn zur gluͤcklichen Stunde, und in ſehr an⸗ gemeßner Stimmung um einen jener Anſchlaͤge gegen ſeine Treue zu verſuchen, wofuͤr des Cardinals ſirafbare Schwaͤche bekanntermaßen nicht unempfaͤnglich war. Schon am - 224 Morgen war, wie Ludwigs argwoͤhniſches Gemuͤth geah⸗ net hatte, mehr unter ihnen vorgefallen, als der Cardinal ſeinem Gebieter berichten durfte. Obgleich er aber ſchon damals mit unendlicher Selbſtzufriedenheit Alles anhoͤrte, was der Graf ihm von der hohen Achtung des Herzogs von Burgund gegen ſeine Perſon und Talente ſagte, und obwohl er nicht ganz unverſucht blieb bei den Winken, die der Graf uͤber die Freigebigkeit ſeines Herrn, und uͤber die reichen Pfruͤnden die er in Flandern zu vergeben hatte, fallen ließ, ſo reifte doch erſt nach ſeiner Aufreitzung durch den eben erzaͤhlten Vorfall, wodurch ſeine Eitelkeit ſo grauſam verletzt war, in einem verderblichen Augenblick ſein Entſchluß, zu zeigen, daß kein Feind ſo gefaͤhrlich ſeyn kann, als ein beleidigter Freund und Vertrauter. Er bat jedoch den Grafen aufs Dringendſte, ſich fuͤr jetzt von ihm zu trennen, damit ſie nicht zuſammen geſehen wuͤrden; doch beſtimmte er ihm auf den Abend nach der Veſper eine Zuſammenkunft in der Abtei von Sanct Martin zu Tours;— und zwar in einem Tone, der dem Grafen deutlich zu erkennen gab, ſein Gebieter habe einen Vortheil erlangt, den er ſchwerlich erwarten durfte. Mittlerweile hatte Ludwig, der, obwohl er unter allen regierenden Fuͤrſten ſeiner Zeit der groͤßte Politiker war, dennoch ſehr haͤufig ganz gegen die Regeln dieſer Kunſt ſeiner Leidenſchaften den Zuͤgel ſchießen ließ, ſehr eifrig die Eberjagd verfolgt, die jetzt den anziehendſten Punke erreichte. Zufaͤllig war ein junger zweijaͤhriger Eber quer uͤber die Faͤhrte des eigentlichen Gegenſtandes der Jagd gelaufen, und hatte alle Hunde, ausgenommen zwei oder drei paar alter, eingehetzter Doggen, nebſt den meiſten 225 Jaͤgern, von der Spur des erſtern abgelenkt. Der Koͤnig ſah mit inneren Behagen, daß Dunois mit Andern der falſchen Spur folgte, und genoß im Voraus des Ver⸗ gnuͤgens, uͤber jenen Ritter zu triumphiren, der in dem edeln Weidwerk, welches damals faſt eben ſo ruhmvoll geachtet wurde, als der Krieg, ſo erfahren war. Ludwig war wohl beritten, und folgte den Hunden auf dem Fuße; ſo daß der Eber, als er ſich in der Noth in eine ſumpfige Gegend wandte, Niemanden gegenuͤber hatte, als den Koͤnig ſelbſt. Ludwig zeigte ganz die Unerſchrockenheit und Erfah⸗ rung eines geuͤbten Jaͤgers; denn nicht achtend der Ge⸗ fahr, ritt er auf das furchtbare Thier los, welches ſich wuͤthend gegen die Hunde vertheidigte, und ſtach nach ihm mit ſeinem Jagdſpieß; da aber ſein Roß vor dem Eber ſcheu ward, war der Stoß nicht ſo wirkſam ihn zu toͤdten, oder ihn wehrlos zu machen. Keine Anſtrengung konnte das Pferd dahin bringen, zum zweitenmal auf den Eber loszugehen; ſo daß der Koͤnig abſtieg, und mit einem fener kurzen, ſcharfen und ſpitzen geraden Schwerdter, deſſen die Jaͤger ſich bei ſolchen Gelegenheiten zu bedienen pfle⸗ gen, zu Fuß auf das wuͤthende Thier eindrang. Der Eber verließ augenblicklich die Hunde, um auf ſeinen gefaͤhr⸗ licheren Feind loszuſtuͤrzen, waͤhrend der Koͤnig ſeine Stellung einnahm, und feſten Fußes dem Eber das Schwerdt entgegen hielt, um es ihm in die Kehle oder vielmehr ieben den Schluͤſſelbeine in die Bruſt zu ſtoßen, in wel⸗ em Falle das Gewicht des Thieres und die Heftigkeit 3 Anlaufs, ſeine Vernichtung nur befoͤrdert haben wuͤr⸗ z. Doch glitt des Koͤnigs Fuß, eben als dieß bedenk⸗ d. I. 15 1 226 8 liche und gefahrvolle Manduvre vollbracht werden mußte, auf dem feuchten, ſchluͤpfrigen Boden aus, und da die Spitze ſeines Schwerdtes auf den borſtigen Harniſch der Schulter des Thieres traf, glitt es ab, ohne einzudringen und Ludwig fiel zu Boden. Gleichwohl war dieſer Fall ein Gluͤck fuͤr den Monarchen, weil der Eber auch ſeiner⸗ ſeits dadurch ſeinen Streich verfehlte, und mit ſeinem Hauer bloß den Schooß ſeines Jagdkleides anſtatt des Schenkels zerriß. Einen Augenblick lief das Thier wuͤthend vorwaͤrts, kehrte aber bald zuruͤck, um ſeinen Angriff ge⸗ gen den Koͤnig gerade in dem Augenblick zu wiederholen, als er ſich von ſeinem Fall erhob. Jetzt war Ludwigs Le⸗ ben in drohender Gefahr, als Quentin Durward, der durch die Langſamkeit ſeines Pferdes zuruͤck geblieben, gluͤckli⸗ cherweiſe aber dem Hifthorn des Koͤnigs, deſſen Ton er von andern unterſchied, gefolgt war, herbeiſprengte und den Eber mit ſeinem Jagdſpeer durchbohrte. Der Koͤnig, der inzwiſchen wieder feſten Fuß gefaßt hatte, kam jetzt ſeinerſeits unſerm Durward zu Huͤlfe, und durchſtach dem Eber mit ſeinem Schwerdte die Kehle. Bevor er mit Quentin ein Wort ſprach, maß er das un⸗ geheure Thier nicht nur nach Schritten, ſondern auch Fuß⸗ weiſe, trocknete ſich dann den uͤber die Stirn fließenden Schweiß und das Blut, welches ſeine Haͤnde bedeckte, nahm ſeine Jagdmüͤtze ab, hing ſie an ein Geſtraͤuch, und betete dann andaͤchtig zu den kleinen bleiernen Heiligen⸗ bildern, mit denen ſie umgeben war. Dann warf er einen Blick auf Durward;„biſt Du es, mein junger Schotte?“ hob er an,„Du haſt Dein Weidwerk gut begonnen, nd Maitre Pierre iſt Dir eine eben ſo gute Mahlzeit ul⸗ — 227 —— dig, als er Dir im Gaſthofe zur Lilie vorſetzte.— Warum ſprichſt Du nicht? Du haſt, duͤnkt mich, Deine Dreiſtigkeit und Dein Feuer am Hofe verloren, wo andere Leute Bei⸗ des finden.“ Quentin, ein eben ſo ſchlauer Juͤngling, als irgend einer, dem jemals ein ſchottiſcher Wind Vorſicht zuwehete, war zu klug, um die gefahrvolle, ihm anſcheinend ertheilte Erlaubniß zur Vertraulichkeit zu benutzen. Er antwortete in wenigen wohlgewaͤhlten Worten: Wenn es ihm uͤberall verſtattet waͤre, Se. Majeſtaͤt anzureden, ſo wuͤrde er bloß Verzeihung fuͤr ſeine baͤuriſche Dreiſtigkeit erbitten, die er, in ſeinem Benehmen gegen ihn, als er ſeines hohen Ranges noch nicht kundig geweſen ſey, an den Tag gelegt habe. „Schweig davon, junger Freund,“ ſprach der Koͤnig; „ich verzeihe Dir Deine Dreiſtigkeit zu Gunſten Deiner Lebhaftigkeit und Schlauheit. Ich bewunderte Dich, daß Du dem Beruf meines Geyatters Triſtan in Deiner Hin⸗ deutung ſo nahe kamſt. Nachher häͤtte nicht viel gefehlt, ſo waͤre Dir ein Proͤbchen ſeines Handwerks zu Theil ge⸗ worden, wie ich vernommen habe. Ich rathe Dir, nimm Dich vor ihm in Acht; er iſt ein Kaufmann, der mit et⸗ was harten Armbaͤndern und feſt zugeſchnuͤrten Halsbaͤn⸗ dern handelt. Hilf mir zu Pferde:— Ich mag Dich lei⸗ den, und will Dir Gutes erzeigen. Baue auf Niemandes Gunſt;— ſelbſt nicht auf die Deines Oheims oder des Lord Erawford; und ſage nichts von dem zeitigen Bei⸗ ſtande, den Du mir gegen den Eber leiſteteſt; denn wer ſich ruͤhmt, einem Koͤnige in einem ſo dringenden Falle beigeſtanden zu haben, der muß die Befriedigung ſeiner großprahleriſchen Laune als Belohnung hinnehmen. 228 — Hierauf ſtieß der Koͤnig in ein Hifthorn, welches den Grafen Dunois und Mehrere ſeines Gefolges herbeirief, deren Gluͤckwuͤnſche uͤber die Erlegung eines ſo gewalti⸗ gen Thieres er ſich unbedenklich in einem weit hoͤheren Grade aneignete, als ſie ihm nach Verdienſt gebuͤhrten, denn er ſprach von Durwards Beiſtande ſo obenhin, als etwa der Jaͤger, wenn er ſich der Zahl des erlegten wil⸗ den Gefluͤgels ruͤhmt, welches er in ſeiner Jagdtaſche heim⸗ bringt, von dem ihn begleitenden Jagdaufſeher. Dann befahl er dem Grafen Dunois, den Eber den Moͤnchen des Kloſters St. Martin von Tours zuzuſchicken, um an einem Feſttage Wechſel in ihre Nahrung zu bringen und in ihren Privatandachten des Koͤnigs zu gedenken. „Doch wer hat Se. Eminenz, den Cardinal geſehen?“ fragte Ludwig.„Mich duͤnkt, es wuͤrde Mangel an Hoͤf⸗ lichkeit, und Geringſchaͤtzung gegen die heilige Kirche ſeyn, ihn zu Fuß hier im Walde zu laſſen.“ Als Alle ſchwiegen, erwiederte Durward:„mit Ew. Majeſtaͤt Wohlnehmen kann ich Euch ſagen: daß ich Se. Eminenz, den Cardinal zu Pferde den Wald verlaſſen ſah.“ „Der Himmel ſorgt fuͤr die Seinen,“ verſetzte der Koͤ⸗ nig.„Nun vorwaͤrts meine Herren; wir wollen heute Morgen nicht mehr jagen!— Ihr, Knappe,“ ſprach er zu Quentin,„reicht mir mein Weidmeſſer; ich ließ es dort neben dem Eber aus der Scheide fallen. Reitet nur weiter, Dunois,— ich folge Euch ſogleich.“. Ludwig, deſſen kleinſte Bewegungen oft gleich einer Kriegsliſt berechnet waren, gewann auf dieſe Weiſe Gele⸗ genheit, dem jungen Durward unter vier Augen eine * Frage vorzulegen.„Mein wackerer ich ſehe, ein ſcharfes Auge. dem Cardinal zu einem Kl. der muß es geweſen ſeyn; ohne anzuhalten, bei ihm voruͤberreit ſie ſich ſchwerlich zugedraͤn leiſten.“ „Ich ſah diejenigen, welche Sr. Eminenz Beiſtand lei⸗ ſteten, nur einen Augenblick,“ erwiederte Quentin;„denn ich war ungluͤcklicherweiſe zuruͤck geblieben und ritt ſchnell, um an meinen Poſten zu kommen, aber mich duͤnkt, es ⸗ war der burgundiſche Geſandte mit ſeinen Leuten.“. 3„Ha!“ rief Ludwig.—„Nun wohl! dem ſey alſo!— Frankreich wird ihm noch die Stange halten.“ Jetzt ging weiter nichts Bemerkenswerthes vor, und der Koͤnig kehrte mit ſeinem Gefolge aufs Schloß zuruͤck, Schotte, Du haſt, wie — Kannſt Du mir ſagen, wer ſepper verhalf?— Ein Frem⸗ denn da meine Hofleute mich en ſahen, ſo werden gt haben, ihm dieſen Dienſt zu Zehntes Kapitel. Die Schildwache. „Sind himmliſch dieſe Toͤne?— Sind ſie irdiſch?“ Der Sturm. 43) „Ich war ganz Ohr, und Harmonien, faͤhig, Die Todten zu erwecken, drangen lieblich Auf meine Sinne ein.——“„ Comus. 44) Kaum war Quentin in ſein Kaͤmmerlein zuruͤckgekehrt, um einige nothwendige Veraͤnderungen in ſeinem Anzuge 230 zu machen, als ſein wuͤrdiger Anverwandter ſich nach allen Einzelnheiten erkundigte, die ſich auf der Jagd mit ihm zugetragen haͤtten. Der Juͤngling, welcher nicht umhin konnte, ſeines Oheims Arm fuͤr ſtaͤrker zu halten, als ſeinen Verſtand, trug Sorge, in ſeiner Antwort den Koͤnig in vollem Be⸗ ſitz des Sieges zu laſſen, den er ſich ausſchließlich anzueig⸗ nen wuͤnſchte. Der Benarbte aͤußerte hierauf mit großer Ausfuͤhrlichkeit, daß, und wie er ſich in ſolchen Umſtaͤn⸗ den beſſer benommen haben wuͤrde, und miſchte zugleich einen gelinden Tadel der Traͤgheit ſeines Neſſen ein, der nicht zum Beiſtande des Koͤnigs herbeigeeilt ſey, da doch deſſen Leben in Gefahr ſeyn konnte. Allein der Juͤngling war klug genug, um ſich in ſeiner Antwort aller Recht⸗ fertigungen zu enthalten, ſondern bloß bemerklich zu ma⸗ chen, daß es nach den Regeln des Weidwerks unhoͤflich ſey, ein von einem Andern angegriſſenes Stuͤck Wild zu erlegen, wenn man nicht ausdruͤcklich dazu aufgefordert werde. Kaum war dieſe Eroͤrterung geendet, als Quentin Urſache hatte, ſich Gluͤck zu wuͤnſchen, daß er gegen ſeinen Oheim etwas zuruͤckhaltend geweſen war; ein leiſes Po⸗ chen an der Thuͤr verkuͤndigte einen Beſuch;— man oͤff⸗ nete, und Oliver Dain oder der Boͤſe, oder der Teufel,— denn unter allen dieſen Benennungen war er bekannt,— trat herein. Dieſer gewandte, aber gewiſſenloſe Mann iſt nach ſei⸗ nem Aeußern bereits von uns geſchildert. In ſeinen Be⸗ wegungen glich er am meiſten einer Hauskatze, die, wenn 231 ſie anſcheinend ſchlummert, oder mit langſamen, verſtohl⸗ nen und ſchuͤchternen Schritten durch das Zimmer ſchleicht, bald den Schlupfwinkel einer ungluͤcklichen Maus im Auge hat, bald ſich mit anſcheinender Vertraulichkeit und An⸗ haͤnglichkeit an denen reibt, von welchen ſie geliebkoſet zu werden wuͤnſcht, und gleich nachher auf ihre Beute los⸗ ſtuͤrzt, oder vielleicht ſelbſt denjenigen, welcher der Gegen⸗ ſtand ihrer Liebkoſungen war, kratzt. Er betrat das Zimmer mit gekruͤmmten Schultern und demuͤthigem, beſcheidenem Blicke und legte einen ſolchen Grad von Hoͤflichkeit in ſeine Anrede an den Benarbten, daß kein Zeuge dieſer Zuſammenkunft etwas Anderes haͤtte glauben koͤnnen, als daß er komme, den ſchottiſchen Bo⸗ genſchuͤtzen um eine Gefaͤlligkeit zu bitten. Er wuͤnſchte Herrn Leslie Gluͤck zu dem treſſlichen Benehmen ſeines jungen Verwandten auf der heutigen Jagd,— ein Be⸗ nehmen, das, wie er ſagte, die beſondere Aufmerkſamkeit des Koͤnigs auf ſich gezogen habe. Hier hielt er inne, um mit geſenktem Blicke eine Antwort zu erwarten; doch warf er ein paarmal verſtohlen die Augen auf Quentin; dann bemerkte der Benarbte: Se. Majeſtaͤt ſey ungluͤcklich ge⸗ weſen, nicht ihn ſtatt ſeines Neſſen zur Seite gehabt zu haben, denn ohne Zweifel wuͤrde er herbeigeeilt ſeyn und ſogleich den Eber mit der Lanze erlegt haben, welches Quentin, wie er hoͤre, Sr. Majeſtaͤt koͤniglichen Haͤnden uͤberlaſſen habe,„doch wird dieß,“ ſetzte er hinzu,„fuͤr Se. Mazeſtaͤt eine lebenslaͤngliche Lehre ſeyn, einem Manne voon meiner Groͤße ein beßres Pferd zu geben; denn wie koͤnnte mein ungeheures flaͤmiſches Zugpferd mit ſeiner Majeſtaͤt normanniſchem Renner Schritt halten, wenn ich 232 es gleich noch ſo ſehr anſpornte; das iſt nicht gut uͤber⸗ legt, Herr Oliver, und Ihr muͤßt es dem Koͤnige vor⸗ ſtellen.“ Oliver antwortete nicht auf dieſe Bemerkung, ſondern warf auf den kuͤhnen Sprecher bloß einen jener zweifel⸗ haften Blicke, die, begleitet von einer leichten Bewegung der Hand von der einen, und des Kopfes von der andern Seite, ſowohl fuͤr eine ſtumme Bejahung als fuͤr eine vorſichtige Ablehnung weiterer Fortſetzung des Geſpraͤchs gelten koͤnnen. Einen ſchaͤrferen, forſchenderen Blick wandte er auf den Juͤngling, indem er mit zweideutigem Laͤcheln fragte:„So, junger Mann, iſt es in Schottland der Ge⸗ brauch, Eure Fuͤrſten in Nothfaͤllen, wie der heutige, aus Mangel an Beiſtand zu gefaͤhrden?“ „Es iſt unſre Gewohnheit,“ antwortete Quentin, ent⸗ ſchloſſen, kein weiteres Licht auf die Sache zu werfen; nunſre Fuͤrſten in ehrenvollen Zeitvertreiben, wo ſie ſich ſelbſt helfen koͤnnen, nicht mit unſerm Beiſtande zu belaͤ⸗ ſtigen. Wir halten dafuͤr, daß ein Fuͤrſt auf der Jagd⸗ ſo gut wie ein Anderer ſich Gefahren ausſetzen muß, und daß er nur deswegen das Weidwerk treibt.— Was waͤre es ohne Beſchwerden und Gefahren?“ „Ihr hoͤrt den jungen thoͤrichten Menſchen,“ fiel ſein Oheim ein,„ſo macht er es allemal; immer hat er fuͤr Jeden eine Antwort oder einen Grund bereit. Ich weiß nicht, woher ihm dieß Talent geworden iſt; ich meinerſeits konnte nie fuͤr etwas einen Grund angeben, was ich je in meinem Leben that, ausgenommen, daß ich aß, wenn ich Hunger hatte, daß ich meine Leute muſterte und der⸗ gleichen andere Dienſtpflichten uͤbte.“ 233 „Aber ſagt mir, werther Herr, wenn ich bitten darf,“ fragte der koͤnigliche Bartſcherer mit einem aus halbgedfſ⸗ neten Augen auf ihn geworfenen Blicke,„was war denn die Urſache, weshalb Ihr Eure Leute muſtertet?“ „Der Befehl des Capitains,“ erwiederte der Benarbte, „beim heiligen Aegidius! ich kenne keinen andern Grund; haͤtte er meinen Kameraden Tyrie oder Cunningham den naͤmlichen Befehl ertheilt, ſo haͤtten ſie es thun muͤſ⸗ ſen.“ „Eine aͤcht militaͤriſche Endurſache!“ ſprach Oliver. „Aber Herr Leslie, es wird Euch ohne Zweifel Vergnuͤ⸗ gen machen zu erfahren, daß Se. Majeſtaͤt, weit entfernt, mit dem Benehmen Eures Neſſen unzufrieden zu ſeyn, ihn auserſehen hat, am heutigen Nachmittage eine Dienſt⸗ pflicht zu uͤbernehmen.“ „FIhn auserſehen hat?“ fragte der Benarbte ſehr be⸗ troſſen;— ohne Zweifel wollt Ihr ſagen, daß er mich auserſehen hat.“ .„Ich will genau dasjenige ſagen, was ich ſagte,“ ver⸗ ſetzte der Bartſcherer in einem milden aber entſchiedenem Tone;„der Koͤnig will Eurem Neſſen die Ausfuͤhrung eines Auftrages anvertrauen.“— „Wie? Warum? und aus welcher Urſache?“ fragte der Benarbte,„warum waͤhlt er den Burſchen und nicht mich?“— 5 „Ich kann Euch keinen andern Grund angeben, als die von Euch ſelbſt vorhin namhaft gemachte Endurſache, Herr Leslie; es iſt der Befehl Sr. Majeſtaͤt. Wenn ich mir aber eine Muthmaßung erlauben darf, ſo paßt ſich viel⸗ leicht jener Auftrag beſſer fuͤr einen jungen Menſchen, als 8 — 4. fuͤr einen erfahrnen Krieger; alſo, junger Mann, nehmt Eure Waſſen und folgt mir. Nehmt einen Doppelhaken; denn Ihr ſollt Schildwache ſtehen.“ „Schildwache?“ wiederholte der Oheim,—„wißt Ihr auch gewiß, daß Ihr Euch nicht irrt, Herr Oliver? Die Poſten im Innern des Pallaſtes ſind jederzeit nur Maͤn⸗ nern anvertraut worden, die, wie ich, wenigſtens zwoͤlf Jahre in unſerin ehrenwerthen Corps gedient haben.“ „Ich bin Sr. Majeſtaͤt Willensmeinung vollkommen gewiß,“ verſetzte Oliver,„und darf nicht laͤnger ſaͤumen, ſie auszufuͤhren.— Habt die Guͤte, Eurem Neſſen behuͤlf⸗ lich zu ſeyn, ſich zu ſeinem Dienſte zu ruͤſten.“ Der Benarbte, von Natur weder boͤsartig noch mißguͤn⸗ ſtig, beeilte ſich ſeinen Neſſen kleiden und ruͤſten zu hel⸗ fen, und gab ihm Anweiſungen, wie er ſich unter den Waſſen zu benehmen habe, konnte ſich aber nicht enthal⸗ ten, ſie mit einigen verwunderungsvollen Ausrufungen uͤber das Gluͤck, das einem jungen Mann ſchon ſo bald zugefallen ſey, zu vermiſchen. „Nie,“ ſagte er,„ſey dergleichen in der ſchottiſchen Garde erhoͤrt; nicht einmal ihm ſelbſt ſey ſo etwas gebo⸗ ten. Aber ohne Zweifel werde ſein Neſſe bei den Papa⸗ gayen und indianiſchen Pfauen, die der Venetianiſche Geſandte kuͤrzlich dem Koͤnige geſchenkt habe, Schildwache ſtehen ſollen.— Es koͤnne nichts Anderes ſeyn; und da dergleichen Dienſtleiſtungen ſich nur fuͤr unbaͤrtige Burſche paßten,— hier drehte er ſeinen fuͤrchterlichen Stutzbart,— ſo ſey er froh, daß dieß Loos ſeinem huͤbſchen Neſſen zu⸗ gefallen waͤre.“ — 235 ——¹ Der ſcharfſichtige, mit einer lebhaften Phantaſie be⸗ gabte Quentin legte einen weit groͤßeren Werth auf den ſo eben erhaltenen koͤniglichen Befehl, und hoch klopfte ſein Herz in der Vorahnung baldiger Befoͤrderung. Er beſchloß, das Benehmen und die Sprache ſeines Fuͤhrers genau zu beobachten; denn er argwohnte, daß man ſie wenigſtens in gewiſſen Faͤllen durch das Gegentheil des buchſtaͤblichen Sinnes auslegen muͤſſe, ſo wie die Traum⸗ deuter ihre Traͤume auf aͤhnliche Weiſe erklaͤren ſollen. Er, wuͤnſchte ſich Gluͤck, daß er uͤber die Vorgaͤnge auf der Jagd die ſtrengſte Geheimhaltung beobachtet hatte, und faßte einen Entſchluß, der fuͤr einen ſo jungen Mann ein Beweis großer Klugheit war, daß er, ſo lange er die Luft dieſes abgeſchiedenen, geheimnißvollen Hofes athmete, ſeine Gedanken feſt in der Bruſt verſchließen und ſeine Zunge auf's ſorgfäͤltigſte im Zaum halten wolle. .Sein Anzug war bald vollendet, und den Doppelhaken auf der Schulter,— denn obwohl die ſchottiſche Garde die Benennung Bogenſchuͤtzen beibehielt, ſo trat doch ſchon ſehr fruͤh das Feuergewehr an die Stelle der Armbruſt, in deren Gebrauch ihre Nation ſich niemals auszeichnete,— und er verließ mit Herrn Oliver die Caſerne. Lange ſah ihm ſein Oheim nach mit einer Miene, worin ſich Verwunderung und Neugier miſchten, und wenn gleich weder Neid noch andere boͤsartige Gefuͤhle, die er erzeugt, ſein ehrliches Gemuͤth erfuͤllten, ſo war doch ſein Selbſt⸗ gefuͤhl durch den guͤnſtigen Dienſtanfang ſeines Neſſen, ſo ſehr er ſich deſſen freute, etwas verletzt oder doch verrin⸗ gert. Mit gravitaͤtiſchem Kopfſchuͤtteln offnete er einen ver⸗ 236 ſchloßnen Schenktiſch, nahm eine große Flaſche alten, ſtar⸗ ken Weins heraus, ſchuͤttelte ſie, um zu unterſuchen, wie weit ihr Inhalt geſchmolzen war, fuͤllte und leerte einen vollen Becher; dann ſank er halb ſitzend, halb liegend in einen großen Armſeſſel von Eichenholz, ſchuͤttelte zum zwei⸗ tenmal das Haupt, gleich jenem Spielwerke, welches die Kinder einen Mandarin zu nennen pflegen, und dieſe ſchwingende Bewegung ſchien eine ſo wohlthaͤtige Wirkung auf ihn zu haben, daß er in einen Schlummer ſank, woraus er erſt durch das Signal zum Mittagseſſen erweckt ward. Als Quentin Durward ſeinen Oheim dieſen tiefſinni⸗ gen Meditationen uͤberlaſſen hatte, folgte er ſeinem Fuͤh⸗ rer, Herrn Oliver, der ohne uͤber einen der Hauptſchloß⸗ hoͤfe zu gehen, ihn zum Theil durch geheime, gewoͤlbte, oder der freien Luft ausgeſetzte Gaͤnge und Gallerien, die durch verborgene Thuͤren mit einander Gemeinſchaft hat⸗ ten, in eine geraͤumige, vergitterte Gallerie geleitete, die wegen ihrer Breite faſt den Namen einer Halle verdiente. Sie war mit einem, nicht ſowohl ſchoͤnen, als alterthuͤm⸗ lichen Tapetenbehange und einigen Gemaͤlden verziert, die in jener kalten, herben und abſchreckenden Manier der Malerei gearbeitet waren, welche dem, unmittelbar der Wiederbelebung der ſchoͤnen Kuͤnſte vorangehenden Zeit⸗ raume angehoͤrten. Dieſe Abbildungen ſollten die Pala⸗ dine Carls des Großen vorſtellen, die in der romantiſchen Geſchichte Frankreichs eine ſo ausgezeichnete Rolle ſpielen; und da die koloſſale Geſtalt des beruͤhmten Roland am meiſten unter dieſen Bildern hervorſtach, ſo trug das Ge⸗ mach von ihm den Namen der Rolandshalle oder der Rolandsgallerie. „Hier werdet Ihr Euren Poſten haben,“ ſprach Oliver mit leiſer Stimme, als ob die herben Umriſſe der ihn umgebenden Monarchen und Helden durch eine lautere Sprache beleidigt werden koͤngten, oder als ob er fuͤrchte, das in dem Schnitzwerk und den gothiſchen Bildhauerar⸗ beiten dieſes weiten, oͤden Saales allenthalben lauſchende Echo zu erwecken.. „Wie lautet das Paßwort und die Ordre meines Wach⸗ poſtens?“ fragte Quentin in dem naͤmlichen leiſen Tone. „Iſt Euer Doppelhaken geladen?“ verſetzte Oliver, ohne ſeine Frage zu beantworten. „Das iſt bald geſchehen,“ erwiederte Quentin; lud ſo⸗ gleich ſein Gewehr und zuͤndete die Lunte, deren man ſich beim Abfeuern bedienen mußte, an der gluͤhenden Aſche des Feuers an, welches in dem ungeheuren Kamin zu er⸗ loͤſchen im Begriff war;— einem Kamin, ſo groß, daß man ihn fuͤr ein zur Halle gehoͤriges gothiſches Cloſet, oder fuͤr eine Kapelle haͤtte halten koͤnnen. Als dieß geſchehen war, machte Oliver ihn auf eines der vorzuͤglichſten Privilegien ſeines Corps aufmerkſam, vermoͤge deſſen die Mitglieder deſſelben unmittelbar vom Koͤnige in Perſon, oder vom Großconnetable von Frank⸗ reich Befehle erhalten konnten, ohne daß ſie ihnen von ihren Offizieren ertheilt wurden.„Ihr ſeyd,“ fuhr er fort,„auf Sr. Majeſtaͤt unmittelbaren Befehl auf dieſen Poſten geſtellt, junger Mann, und bald werdet Ihr erfah⸗ ren, zu welchem Zwecke. Mittlerweile koͤnnt Ihr in dieſer Gallerie auf und abgehen, oder auch ſtehen bleiben, wie es Euch gefaͤllt; auf keinen Fall aber duͤrft Ihr Euch ſetzen, . 238 — oder Euer Gewehr ablegen; Ihr duͤrft weder pfeifen, noch laut ſingen; doch koͤnnt Ihr, wenn Ihr wollt, kirchliche Geſaͤnge und anſtaͤndige Lieder mit gedaͤmpfter Stimme ſingen. Lebt wohl, und haltet gute Wache!“ „Gute Wache!“ dachte der junge Soldat, als ſein Fuͤh⸗ rer mit dem ihm eigenthuͤmlichen, geraͤuſchloſen Schritte wegſchlich und durch eine Tapetenthuͤr verſchwand.—„Gute Wache! aber worauf, und gegen wen? denn ich ſehe hier nichts als etwa einige Fledermaͤuſe und Ratzen zu bekaͤm⸗ pfen; es muͤßten denn dieſe alten, grimmigen Repraͤſen⸗ tanten der Menſchheit ins Leben treten, um mich auf meinem Poſten zu beunruhigen, doch gleichviel drum! mei⸗ ne Pflicht, glaub' ich, heiſcht es, und ich muß ſie er⸗ fuͤllen.“ Mit dem kraͤftigen Vorſatze, ſeiner Dienſtobliegenheit nach aller Strenge zu genuͤgen, verſuchte er ſich mit eini⸗ gen andaͤchtigen Hymnen die Zeit zu vertreiben, die er im Kloſter, das ihm nach ſeines Vaters Tode Zuflucht ge⸗ waͤhrte, erlernt hatte und fand, daß, abgerechnet die Ver⸗ tauſchung ſeiner Novizenkleidung gegen den glaͤnzenden Soldatenrock, den er jetzt trug, ſein jetziger militaͤriſcher Spaziergang in der Gallerie des Koͤnigs von Frankreich, mit denen, die ihn im Kloſter Aberbrothok, gelangweilt hatten, große Aehnlichkeit habe. Um ſich zu uͤberzeugen, daß er jetzt nicht mehr einer Zelle, ſondern der Welt angehoͤre, ſang er, wiewohl nicht lauter als ihm verſtattet war, einige Balladen aus der Vorzeit, die er von dem alten Harfner ſeiner Familie ge⸗ lernt hatte. Die Niederlagen der Daͤnen zu Aberlemno und Forres, die Ermordung des Koͤnigs Duſſus zu For⸗ 239 4 far, und andere kraͤftige Sonnette und Lieder, die auf die Geſchichte ſeines fernen Vaterlandes, und insbeſondere ſeines heimathlichen Bezirks, Bezug hatten, dienten ihm eine Weile zum Zeitvertreibe; doch jetzt war ſeit laͤnger als zwei Stunden Mittag vorbei, und Quentin wurde durch ſeine Eßluſt erinnert, daß die guten Vaͤter von Aber⸗ brothok, ſo ſtrenge ſie auch auf ihre Andachtsuͤbungen hielten, nicht minder puͤnktlich waren, ihn zur beſtimmten Zeit ins Refectorium abzurufen; wogegen hier, im In⸗ nern eines koͤniglichen Pallaſtes, Niemand es fuͤr die na⸗ tuͤrliche Folge eines in ſtarker Leibesuͤbung hingebrachten Morgens, und ſeines auf dem Poſten verlebten Mittags zu halten ſchien, daß ihn ungeduldig nach ſeinem Mittags⸗ eſſen verlangen muͤſſe. 8 Es liegt jedoch in lieblichen Toͤnen ein Zauber, der ſelbſt die natuͤrlichen Gefuͤhle der Ungeduld, wovon jetzt Quentin heimgeſucht ward, in den Schlaf lullt. An den beiden entgegengeſetzten Endpunkten der langen Halle oder Gallerie waren zwei große, mit ſchwerfaͤlligen Architraven verzierte Thuͤren, die vermuthlich in verſchiedene Zimmer⸗ reihen fuͤhrten, welchen die Gallerie zum Verbindungsmit⸗ tel diente. Als die Schildwache zwiſchen dieſen beiden Zugaͤngen, welche die Grenze ihres Wachpoſtens bildeten, einſam hin und her wandelte, erſcholl in der Naͤhe einer dieſer Thuͤren eine Tonweiſe, die wenigſtens in Durwards Einbildungstraft der naͤmlichen Laute entlockt und von der⸗ ſelben Stimme begleitet ward, die ihn Tages zuvor be⸗ zaubert hatte. Alle Traͤume des geſtrigen Morgens, deren Andenken durch die Vorgaͤnge, welche ſeitdem ſein Gemuͤth ſo heftig aufgeregt hatten, geſchwaͤcht war, traten aufs A. „ 240 Neue ins Leben; und feſtgewurzelt an den Fleck, wo ſein Ohr am leichteſten ſich in jenen Lauten berauſchen konnte, blieb Quentin, den Doppelhaken auf der Schulter, mit halbgeoͤſſnetem Munde,— die Augen und Ohren, ſo wie die Seele ganz auf jenen Punkt gerichtet, ſtehen, ohne ir⸗ gend einen andern Gedanken, als den, wo moͤglich, jeden Ton dieſer lieblichen Melodie aufzufaſſen. 5 Doch nur in Zwiſchenraͤumen ließen ſich dieſe entzuͤk⸗ kenden Laute vernehmen.— Bald wurden ſie leiſer, lang⸗ ſamer und ſchwiegen dann gaͤnzlich, erneuerten ſich aber von Zeit zu Zeit nach ungleichen Pauſen. Doch ſo wie die Schoͤnheit, iſt auch die Muſik oft nur um ſo verfuͤhreri⸗ ſcher, oder wenigſtens um ſo anziehender fuͤr die Einbil⸗ dungskraft, wenn ſie ihren Zauber nur theilweiſe entfaltet und der Einbildungskraft uͤberlaͤßt, auszufuͤllen, was man in der Ferne nur unvollſtaͤndig wahrnehmen kann. So hatte auch Quentin Stoff genug, ſeine Traͤumereien in den Zwiſchenraͤumen ſeiner Bezauberung auszumalen. Nach den Geſchichtserzaͤhlungen der Gefaͤhrten ſeines Oheims und der am Morgen im Audienzſaal vorgegangenen Sce⸗ ne, konnte er nicht bezweifeln, daß die Sirene, die ſeine Ohren mit ſolchem Entzuͤcken erfuͤllte, keinesweges ſeiner entheiligenden Muthmaßung zufolge, die Tochter oder Ver⸗ wandtinn eines geringen Dorfwirths, ſondern die verkappte ungluͤckliche Graͤfinn ſey, fuͤr deren Sache Koͤnige und Fuͤrſten auf dem Punkte ſtanden, zu den Waſſen zu grei⸗ fen und drohend die Lanzen zu erheben. Hundert phan⸗ taſtiſche Traͤume, ſo wie die romantiſche, das Abenteuer⸗ liche liebende Jugend ſie ſo gerne naͤhrt, verſcheuchten aus ſeinen Augen die vor ihm liegende wirkliche Scene, und 241 ſetzten an ihre Stelle ihre eigenen blendenden Taͤuſchun⸗ gen, als ſie ploͤtzlich verſcheucht wurden durch eine Hand, die ſein Gewehr ergeiff und durch eine rauhe Stimme, die ihm laut ins Ohr rief:—„Pasques dieu! Herr Knappe, mich duͤnkt, Ihr ſteht ſchlafend auf dem Poſten!“ Die Stimme war die klangloſe, aber eindringliche Spra⸗ che des Maitre Pierre, und Quentin, ploͤtzlich zu ſich ſelbſt gerufen, ſah voll Scham, daß er, verſunken in ſeine Traͤu⸗ merei, den Koͤnig, der durch irgend eine verborgene Thuͤr hereingetreten und an der Wand entlang, oder hinter der Tapete fortgeſchlichen war, ſo nahe hatte heran kommen laſſen, daß er ſich ſeines Gewehrs beinahe bemeiſtert haͤtte. Im erſten Gefuͤhl ſeiner Ueberraſchung hatte er dem Antriebe nicht widerſtehen koͤnnen, ſeine Waſſe durch einen heftigen Stoß, der den Koͤnig um einige Schritte in die Halle zuruͤcktrieb, loszumachen. Sein naͤchſter Gedanke war der, daß er, folgend dem gewiſſermaßen animaliſchen Inſtinkt jedes muthvollen Mannes, einem Verſuche zu ſeiner Entwaſſnung Widerſtand zu leiſten, durch perſon⸗ liches Ringen mit dem Koͤnige deſſen Misfallen uͤber ſeine Dienſtnachlaͤßigkeit geſteigert haben koͤnnte. Voll von die⸗ ſer Beſorgniß nahm er, faſt ohne zu wiſſen was er that, ſein Gewehr zuruͤck, ſchulterte und ſtand unbeweglich vor dem Monarchen, deu er toͤbtlich beleidigt zu haben fuͤrch⸗ ten mußte. Ludwig, deſſen tyranniſche Gemuͤthsart weniger in na⸗ tuͤrlicher Grauſamkeit oder Wildheit, als in kaltbluͤtiger Politik und argwoͤhniſcher Eiferſucht gegruͤndet war, hatte gleichwohl einen ſtarken Anſtrich von kauſtiſcher Strenge, O. I. 16 242 die ihn zum Oeſpoten in der Unterhaltung gemacht haben wuͤrde, wenn er nur Privatmann geweſen waͤre, und alle⸗ mal ſchien er einen Genuß in Verlegenheiten zu finden, die er, wie die vorliegende, ſelbſt hervorbrachte. Doch trieb er ſeinen Triumph nicht weiter, und begnuͤgte ſich mit der Aeußerung:„der Dienſt, den Du uns heute Morgen ge⸗ leiſtet haſt, iſt mehr als hinreichend, fuͤr einen ſo jungen Soldaten eine kleine Nachlaͤßigkeit verzeihlich zu machen. Haſt Du zu Mittag gegeſſen?“ Quentin, der gefuͤrchtet hatte, zum Generalprofos ge⸗ ſchickt, nicht aber auf dieſe Weiſe begruͤßt zu werden, ant⸗ wortete demuͤthig verneinend. „Armer Burſche,“ ſprach Ludwig, im milderen Tone als gewoͤhnlich;„der Hunger hat Dich laͤßig gemacht.— Ich weiß, Deine Eßluſt iſt ein Wolf,“ fuhr er fort;„und ich will Dich von einem wilden Thiere erretten, wie Du mich von einem andern errettet haſt; Du biſt in dieſer Sache verſchwiegen geweſen und ich weiß es Dir Dank. Kannſt Du noch eine Stunde ohne Nahrung aushalten?“ „Vier und zwanzig Stunden, Sire,“ verſetzte Durward, „oder ich waͤre kein aͤchter Schotte.“ „ Aber dann moͤchte ich auch füͤr kein zweites Koͤnig⸗ reich die Paſtete ſeyn, die Dir nach einem ſolchen Faſten in die Haͤnde fiele,“ erwiederte der Koͤnig,„jetzt aber kommt es nicht auf Dein Mittagseſſen, ſondern auf das meinige an. Heute ſpeiſen an meiner Tafel im eng⸗ ſten Kreiſe der Cardinal Balue und jener burgundiſche Graf Crevecoeur; und es kann ſich etwas zutragen.— Der Teufel iſt am geſchaͤftigſten, wenn Feinde auf den Fuß eines Waſſenſtillſtandes zuſammen kommen.“ d Hier hielt er ein und ſchwieg mit tiefſinnigem, duͤſtern Blicke. Da der Koͤnig nicht geneigt ſchien, wieder das Wort zu nehmen, wagte es endlich Quentin ſich zu erkun⸗ digen, was unter dieſen Umſtaͤnden ſeine Dienſtpflicht ſey? „Beiin Schenktiſch mit geladenem Gewehr Schildwache zu ſtehen,“ verſetzte Ludwig,„und wenn es Verrath giebt, den Verraͤther zu erſchießen.“ 4 1 „Verrath, Sire! und in dieſem wohlbewachten Schloſ⸗ ſe?“ rief Durward aus. „Du haͤltſt es fuͤr unmoͤglich,“ ſprach der Koͤnig, ohne uͤber ſeine Freimuͤthigkeit unwillig zu ſcheinen;„aber un⸗ ſere Geſchichte hat gezeigt, daß Verrath ſich durch ein Bohrloch einen Weg bahnen kann.— Dem Verrath durch Wachen vorzubeugen!— junger Thor!— quis custodiat ipsos custodes?— wer ſichert mich vor dem Verrathe eben dieſer Waͤchter?“ „Ihre ſchottiſche Ehre, Sire;“ antwortete Durward mit Kuͤhnheit.. „Sehr wahr; Du haſt Recht,— Du gefaͤllſt mir,“ ſprach der Koͤnig freundlich;„die ſchottiſche Ehre hat ſich jederzeit bewaͤhrt, und deswegen vertraue ich ihr. Aber Verrath!“— hier verſank er wieder in ſeine vorige duͤ⸗ ſtre Stimmung und wandelte mit ungleichen Schritten im Zimmer hin und her.—„Verrath ſitzt an unſern Tafeln, perlt in unſern Bechern, traͤgt den Bart unſrer Rathge⸗ ber, laͤchelt aus unſern Hofleuten, und aus der boshaften Luſtigkeit unſerer Hofnarren;— vor allen Dingen aber liegt er unter der freundlichen Miene eines verſoͤhnten Feindes verborgen. Ludwig von Orleans vertraute dem Johann von Burgund;— er ward in der Straße Bar⸗ bette ermordet. 4 5) Johann von Burgund traute der Faction Orleans,— man ermordete ihn auf der Bruͤcke von Montereau. 46) Ich will Niemandem,— Nieman⸗ dem trauen. Hore, ich will jenen hochmuͤthigen Grafen ſcharf im Auge halten; ja,— auch den Mann der Kir⸗ che, dem ich ebenfalls nicht traue; wenn ich rufe: Ecos- se en avant! 47) dann erſchieß den Grafen Crevecveur auf der Stelle.“ „Es iſt meine Pflicht,“ verſetzte Quentin,„wenn Ew. Majeſtaͤt Leben in Gefahr iſt.“ „Allerdings,— anders mein⸗ ich es nicht,“ ſprach der König.—„Was gewoͤnne ich durch den Tod dieſes uͤber⸗ muͤthigen Soldaten?— Freilich, waͤr' es der Connetable von Sanct Pol,“ 48)— hier machte er auf's Neue eine Pauſe, als glaubte er ein Wort zu viel geſagt zu haben; dann hob er lachend wieder an:„Da iſt unſer Schwager Jacob von Schottland,— Euer Köoͤnig Quentin, er er⸗ dolchte den Douglas, als er ihn auf ſeinem koͤniglichen Schloſſe Skirling gaſtfrei bewirthete.“ 1 „Stirling,“ fiel Quentin ein, nund mit Ew. Ma⸗ jeſtaͤt Wohlnehmen ſey es geſagt,— es war eine That, woraus wenig Gutes hervorging.“ „Stirling nennt Ihr das Schloß,“, wiederholte der Koͤnig, den letztern Theil der Bemerkung Quentins uͤber⸗ gehend.„Nun mag es Stirling heißen, der Name thut nichts zur Sache. Aber ich habe nichts Unrechtes gegen dieſe Maͤnner im Sinne,— Nichts,— auch wuͤrde es mir nichts helfen; doch ſind vielleicht ihre Anſchlaͤge gegen 245 mich nicht ſo ſchuldlos.— Ich verlaſſe mich auf Dein Feuergewehr.“ 1 3 „Ich werde dem Loſungszeichen raſch Folge leiſten,“ ſprach Quentin; aber dennoch—“ „Du traͤgſt Bedenken,“ verſetzte der Koͤnig?„ſprich rein heraus!— Ich verſtatte es Dir; Leute wie Du, ge⸗ 1 ben manchmal nuͤtzliche Winke.“. „Ich wollte mich bloß unterfangen, zu ſagen,“ erwie⸗ derte Quentin:„Wenn Ew. Majeſtaͤt Urſache hat, dem Manne aus Burgund zu mißtrauen, ſo wandert es mich, daß Ihr ihn Eurer Perſon ſo nahe kommen laßt, und zwar in ſo engem Zirkel.“ 1 „O, ſeyd ruhig, Herr Knappe,“ ſagte der König.„Es giebt einige Gefahren, die, wenn man ihnen Trotz bietet, verſchwinden, und die dagegen unvermeidlich ſind, wenn man zeigt, daß man ſie fuͤrchte. Wenn ich dreiſt auf ei⸗ nen knurrenden Bullenbeißer losgehe und ihn liebkoſe, ſo ſind zehne gegen eins zu verwetten, daß ich ihn beſaͤnftige und in gute Laune verſetze; zeige ich, daß ich ihn furchte, dann ſpringt er auf mich los und beißt mich. Ich will offenherzig gegen Dich ſeyn, Quentin;— es liegt mir ſehr daran, daß dieſer Mann nicht in unwilliger Stim⸗ mung zu ſeinem hitzkoͤpfigen Gebieter zuruͤckkehrt, und des⸗ wegen ſetze ich mich einiger Gefahr aus. Nie ſcheute ich mich, fuͤr das Wohl meines Reiches mein Leben zu wa⸗ gen.— Folge mir!"⸗“ Ludwig fuͤhrte ſeinen jungen Leibgardiſten, fuͤr den er eime beſondere Zuneigung gefaßt zu haben ſchien, durch die Seitenthuͤr, die ihm ſelbſt zum Eingang gedient hatte, und bemerkte, auf ſie hindeutend,„wer amm Hofe fortkom⸗ 1 246 men will, muß die verborgenen Thuͤren und Treppen,— ja ſogar die Fallthuͤren und unterirdiſchen Schlupfwinkel des Pallaſtes eben ſo gut kennen, als die Haupteingaͤnge, Fluͤgelthuͤren uns Portale.“ Nach Zuruͤcklegung mehrerer Umwege und Durchgaͤnge, trat der Koͤnig in ein kleines, gewoͤlbtes Zimmer, wo eine gedeckte Tafel mit drei Couverts zum Mitagseſſen bereit ſtand. Der geſammte Hausrath und die Einrichtung des Zimmers war ſo einfach, daß er faſt ſchlecht genannt wer⸗ den konnte. Auf einem beweglichen Schenktiſch mit einem Aufſatz, der aus einander geſchlagen werden konnte, ſtand einiges Gold⸗ und Silbergeraͤth, die einzigen Gegenſtaͤn⸗ de, die auch nur im mindeſten andeuteten, daß dieß Zim⸗ mer einem doͤniglichen Pallaſte angehoͤre. Ludwig wieß unſerm jungen Schotten hinter dem ihn ganz verbergen⸗ den Aufſatze dieſes Schenktiſches ſeinen Poſten an; und nachdem er aus verſchiedenen Standpunkten des Zimmers ſich uͤberzeugt hatte, daß er von keinem Punkte aus geſe⸗ hen werden konnte, ertheilte er ihm die ſchließliche Au⸗ weiſung:„Gedenke der Worte, Ecosse en avant! und ſobald ich ſie ausſpreche, wirf den Aufſatz um, ſchone nicht die Schalen und Becher und feure mit ſicherer Hand auf Crevecoeur. Fehlt der Schuß, ſo faſſe ihn und bediene Dich Deines Dolches.— Oliyer und ich koͤnnen es mit dem Cardinal aufnehmen.“* Nach dieſen Worten ließ er ein lautes Pfeifen erſchal⸗ len, worauf Oliver erſchien, der zugleich Kammerdiener und Bartſcherer des Koͤnigs war, und uͤberhaupt alle per⸗ ſoͤnliche Dienſtleiſtungen bei dem Monarchen verſah. Ihm folgten zwel alte Maͤnner,— die einzigen Diener, welche 247 die Aufwartung bei der koͤniglichen Tafel uͤbernahmen. Sobald der Koͤnig ſeinen Platz eingenommen hatte, wur⸗ den die Gaͤſte zugelaſſen und Quentin konnte, obwohl un⸗ geſehen, alles was in der Geſellſchaft vorfiel, aufs Ge⸗ naueſte wahrnehmen.. Ludwig empfing ſeine Gaͤſte mit einer ſolchen Herzlich⸗ keit, daß Quentin die groͤßte Muͤhe hatte, ſie mit den ihm ertheilten Inſtructionen und mit dem Zwecke zu ver⸗ einbaren, zu deſſen Erreichung man ihn mit ſeiner toͤd⸗ tenden Waſſe hinter dem Schenktiſch ſeinen Poſten hatte einnehmen laſſen. Der Koͤnig ſchien nicht nur von aller Furcht frei zu ſeyn, ſondern man haͤtte glauben ſollen, er ſetze in jene Gaͤſte, denen er die hohe Ehre erzeigte, ſie an ſeiner Tafel zuzulaſſen, das unbeſchraͤnkteſte Vertrauen, und es ſey ſein angelegentlicher Wunſch, ihnen ſeine Ache tung zu beweiſen. Nichts konnte wuͤrdevoller und zugleich hoͤflicher ſeyn, als ſein Benehmen; ſeine ganze Umgebung, mit Inbegriff ſeiner Kleidung, zeigte einen weit geringern Aufwand, als der unbedeutendſte Prinz im Koͤnigreiche bei ſeinen Feſtmahlen an den Tag legte; ſeine Sprache und Manieren waren die eines maͤchtigen Monarchen in ſei⸗ ner herablaſſendſten Stimmung. Quentin war verſucht, 1 zu glauben, daß entweder ſein ganzes vorheriges Geſpraͤch mit Ludwig ein Traum geweſen ſey, oder daß das ehrer⸗ bietige Benehmen des Cardinals, oder die oſſenherzige, freimuͤthige und edle Haltung des burgundiſchen Edel⸗ manns, den Argwohn des Koͤnigs gaͤnzlich ausgerottet haͤtten. Waͤhrend aber die Gaͤſte, aufgefordert von ihrem ko⸗ niglichen Wirth, im Begriff waren, an der Tafel Platz zu 3. 248 nehinen, warf Se. Majeſtaͤt einen durchdringenden Blick auf Beide und richtete ihn dann ſogleich auf Quentins Poſten. Dieß war die Sache eines Augenblicks, aber in dieſem Blick lag ſo viel Haß und Argwohn gegen ſeine Gaͤſte, und fuͤr Quentin eine ſo dringende Einſchaͤrfung ſorgfaͤltiger Wachſamkeit und raſcher Voliſtreckung ſeines Willens, daß er nicht zweifeln konnte, Ludwigs Geſinnun⸗ igen waͤren noch die naͤmlichen und ſeine Beſorgniſſe un⸗ gemindert. Er war daher mehr als jemals erſtaunt uͤber den dichten Schleier, in welchen dieſer Monarch die Re⸗ gungen ſeines Mißtrauens zu verhuͤllen vermochte. Es ſchien, als habe er die von Crevecoeur im Ange⸗ 3 ſſichte ſeines Hofes gegen ihn gefuͤhrte Sprache gaͤnzlich vergeſſen; er ſprach mit ihm von alten Zeiten,— von Vorfaͤllen, die ſich waͤhrend ſeiner Verbannung im burgun⸗ diſchen Gebiete zugetragen hatten, und erkundigte ſi ich nach allen Adligen, mit denen er damals bekannt geweſen war, in einem ſolchen Tone, als waͤre jener Zeitraum der gluͤck⸗ lichſte ſeines Lebens geweſen, und als hielte er Alle, die dazu beigetragen hatten, die Unannehmlichkeit jener Ver⸗ bannungszeit zu lindern, im freundſchaftlichſten und dank⸗ barſten Andenken. „ Den Geſandten einer andern Nation,“ ſprach er, „wuͤrde ich etwas prunkvoller aufgenommen haben; allein einem alten Freunde, der im Schloſſe Genappes mein Siſchgenoſſe war, wollte ich mich ſo zeigen, wie ich am liebſten leben mag,— als der alte Ludwig von Valois,— ſo ſchlicht und einfach, als irgend einer von ſeinen Pariſer badands. Doch habe ich befohlen, um Euretwillen Herr Graf, die Tafel etwas heſſer als gewöhnlich zu beſetzen; — 249— denn ich kenne das burgundiſche Sprichwort: Mienx vault bon repas que bel habit, 49) deshalb ließ ich fuͤr eine gute Mahlzeit ſorgen. Was unſern Wein betriſſt, ſo wißt Ihr, daß dieſer der Gegenſtand eines alten Wetteifers zwiſchen Frankreich und Burgund iſt; aber wir wollen ihn jetzt beilegen; ich will Euch in Burgunderwein zutrinken und Ihr Herr Graf ſollt mir in Champagner Beſcheid thun. Oliver, gieb mir ein Glas Wein von Auxerre,“ dabei traͤllerte er munter den Anfaug eines alten damals wohlbekannten Liedes. „Auxerre est la boisson des Rois.“5 0)„Herr Graf, ich trinke auf das Wohl des edlen Herzogs von Burgund, unſeres freundlichen, geliebten Betters.— Oliver. fuͤlle jenen goldnen Becher mit Wein von Rheims und uͤber⸗ reiche ihm kniend dem Grafen; er iſt hier der Stellver⸗ treter unſeres lieben Bruders.— Euren Becher, Herr Cardinal, wollen wir ſelbſt fuͤllen.“ „Schon iſt's geſchehen, und zwar bis zum Uberfließen,“ verſetzte der Cardinal mit der demuͤthigen Miene eines Guͤnſtlings gegen einen nachſichtigen Gebieter. „Weil wir wiſſen, daß Ew. Eminenz ihn mit feſter Hand halten kann. Aber auf welche Seite neigt Ihr Euch in, in der großen Streitfrage,— Sillery oder Auxerre,— Frankreich oder Burgund?“ „Ich will neutral bleiben, Sire,“ entgegnete der Car⸗ dinal,„und meinen Becher mit Auvergner Wein wieder fuͤllen. 3 „Die Neutralitaͤt iſt immer eine gefaͤhrliche Rollle,“ ſprach der Koͤnig; als er aber bemerkte, daß der Eardinal etwas erroͤthete, ging er auf einen andern Gegenſtand 250 uͤber,„Ohne Zweifel zieht Ihr den Auvergner Wein vor, weil er ſo edel iſt, daß er kein Waſſer vertraͤgt.— Ihr, Herr Graf zoͤgert, Euren Becher zu fuͤllen? Ich hoſſe doch nicht, daß Ihr eine Nationalbitterkeit auf dem Boden deſ⸗ ſelben gefunden habt?“ „Ich wuͤnſchte, Sire,“ entgegnete der Graf Crevecveur, daß alle Nationalſtreitigkeiten ſo erfreulich endeten, als der Wettſtreit zwiſchen unſern Weinbergen.“ „Mit der Zeit, Herr Graf, mit der Zeit,“ ſprach der Koͤnig.„So viel Zeit, als Ihr noͤthig gehabt habt, die⸗ ſen Becher mit Champagner zu leeren.— Und nun, da er geleert iſt, habt die Guͤte den Becher in den Buſen zu ſtecken, und ihn als ein Zeichen unſrer Achtung zu behal⸗ ten. Nicht Jedem wuͤrde ich ihn hingeben. Einſt gehoͤrte er Heinrich V. von England, Frankreichs Schrecken. Er ward bei der Einnahme von Rouen genommen, als jene Inſulaner durch die vereinten Waſſen Frankreichs und Burgunds aus der Normandie vertrieben wurden. Er kann keinem Wuͤrdigern verehrt werden, als einem edlen und tapfern Burgundier, der wohl weiß, daß nur durch den Verein dieſer beiden Nationen das Feſtland vom Eng⸗ liſchen Joche frei bleiben kann. 3 Der Graf gab hierauf eine paſſende Antwort, und Ludwig ließ ſeiner muntern, ſatyriſchen Laune, die manch⸗ mal ſeine von Natur duͤſtere Stimmung belebte, freien Lauf. Da er, wie ſich verſteht, im Geſpraͤche den Ton angab, ſo machte er manche feine und cauſtiſche, oft wirk⸗ lcch witzige, aber ſelten gutartige Bemerkungen und die Anekdoten, womit er ſie erlaͤuterte, verriethen oft mehr gute Laune, als Zartgefuͤhl. Aber durch kein Wort,— keine Sylbe oder keinen Buchſtaben verrieth er den Ge⸗ muͤthszuſtand eines Mannes, der aus Furcht vor Ermor⸗ dung in ſeinen Zimmer eine bewaſſnete Schildwache mit geladenem Gewehr aufgeſtellt hat, um eine ſolche That zu hindern oder ihr zuvor zu kommen. Der Graf ſtimmte freimuͤthig in die gute Laune des Koͤnigs ein, waͤhrend der glattzuͤngige Mann der Kirche bei jedem Scherze lachte, und jede dem Koͤnig entſchluͤpfende Zweideutigkeit noch weiter ausmahlte, ohne ſich vor Ausdruͤcken zu ſchaͤ⸗ men, die ſelbſt dem jungen auf dem Lande gebornen Schot⸗ ten in ſeinem Verſteck eine Schamroͤthe ins Geſicht trie⸗ ben. Nach etwa anderthalb Stunden ward die Tafel auf⸗ gehoben; Ludwig nahm hoͤklich Abſchied von ſeinen Gaͤſten, und gab das Zeichen, daß er allein zu ſeyn wuͤnſche. Sobald alle, ſelbſt Oliver, ſich zuruͤckgezogen hatten, rief er Quentin aus ſeinem Verſteck hervor; aber mit ſo leiſer Stimme, daß der Juͤngling kaum glaubte, es ſey die naͤmliche, die ſo eben erſt die Froͤhlichkeit des Mahles durch Scherze und muntere Erzaͤhlungen belebt hatte. Eine eben ſo große Veraͤnderung bemerkte er, dem Koͤnige nahend, in ſeinen Geſichtszuͤgen. Das Feuer einer er⸗ zwungenen Lebhaftigkeit war aus ſeinen Augen,— das Loͤcheln von ſeinen Lppen gewichen, und er zeigte einen eben ſo hohen Grad der Ermattung, als irgend ein be⸗ ruͤhmter Schauſpieler, wenn er die erſchoͤpfende Darſtellung einer Lieblingsrolle vollendet hat. „Du biſt noch nicht von Deinem Poſten abgeldſ't,“ ſprach er zu Quentin.„Nimm einige Erfriſchungen zu Dir. Jener Nebentiſch beut Dir die Mittel.— Dann will ich Dich zu Deiner feruern Dienſtpflicht anweiſen. Einem hungrigen Magen iſt nicht gut predigen.“ 3 Damit warf er ſich in ſeinen Lehnſeſſel zuruͤck und legte ſchweigend die Hand an die Stirn. 1 Ende des erſten Theils. 2⁵² Anmerkungen des Ueberſetzers zum Erſten Theile des Quentin Durward. 1) Much Ado ahout Nothing. Luſtſpielvon Shakespeare. 2) Eine Straße in London, die in dem Rufe ſteht, der Handewohmert duͤrftiger Autoren oder Lohnſchriftſteller zu ſeyn. 6 4 3 3) Vin ordinaire; Tiſchwein.— 3 eing Frances; zu fuͤnf Franken(1 Thlr. 6 gr. Conv. Muͤnze).— Cotelétte à la Maintenon; Rippenſtuͤckchen, bereitet nach der Weiſe der Fr. von Maintenon, Ludwigs XIV. beruͤhmter Mai⸗ treſſe.— Gargçon peruquier; Haarkraͤußler⸗ Burſche.— Aukant de perdu; im vorliegendem Sinne ſoviel als reiner Verluſt. Ein ſeit vielen Jahren bekannter Pariſer Reſtaura⸗ teur erſter Klaſſe. 5) de Mouton— Der Verfaſſer giebt hier der beruͤhm⸗ tten Pariſer Kuͤche mit Grund einen Seitenhieb; denn ſelbſt die erſten Gaumenkuͤnſtler, wie Very, tragen kein Bedenken, in oftmaliger Ermangelung, des zur Bereitung untadelhafter Beefsteaks(buchſtaͤblich Rindsſchnitte), dieſes bekannten Nationalgerichts der Englaͤnder, erforderlichen trefflichen engliſchen Ochſenfleiſches, demſelben Hammel⸗ heiſch unterzuſchieben, und rechnend auf die Unkunde ihrer Landsleute in der engliſchen Sprache, auf ihrer carie mit groͤßter Dreiſtigkeit Bifisticks de Mouton(eine contradictio in adjecto) anzukuͤndigen. 6) Von der Dendenz der Hochlaͤnder oder wie ſie allge⸗ meiner bezeichnet werden, der Bergſchotten zur Schwaͤr⸗ anerei, kommen im Wavyerley haͤufige Schilderungen vor. 2 Die alten irlaͤndiſchen Chroniken behaupten, daß Volk, welches in den fruͤhſten Zeiten ſich in dieſem Lande anſiedelte, fey an Scythien ausgewandert, und habe ſei⸗ uem neuen Vaterlande, den Namen Erin, das heißt, nach ihrer urſpruͤnglichen Mutterſprache: das w eſtliche Land, gegeben. Der Hang der Irlaͤnder zur Prahlerei — war ſeit undenklichen Zeiten, und iſt noch jetzt ein Natio⸗ nalvorwurf, welchen ihnen die Englaͤnder machen. 3) Ein hoher Ort.— 9)„Ein geſchmuͤckter Pachthof.“ 10) Zum Zeitvertreib. 11) Anſpielung auf eine Stelle in Shakespeares Schan⸗ ſpiel: Heinrich IV. 12) Der Verfaſſer laͤßt den Marquis die beiden im⸗ Text unterſtrichenen Worte unrichtig, ſo wie ſie hier ge⸗ ſchrieben ſtehen, ausſprechen, ſo daß ſie buchſtaͤblich den Sinn oder vielmehr Unſinn ausdruͤcken:„zeigend das Ge⸗ ſetzbuch ſuͤßer und bitterer Phantaſien.“ Dagegen heißt es im Shakespeare woraus dieſe Stelle genommen iſt: „Chewing the cud of sweet and bitler fancy.“ Zu Deutſch heißt: iho chew the cud) wiederkaͤuen; alſo das Ganze: 3 „Wiederkaͤuend bittre und ſuͤße Ideen.“ 13) Ungemein weite Beinkleider, ſo wie man ſie in Nachbäldungen aus jenem Zeitalter haͤufig ſieht. 14) Itinerary of Provence and the Rhone, made during the Year 1819; by John Hughes. A. M. of Oriel College, Oxford. 15) La Bande noire, ſo hieß eine, waͤhrend der Revolution gebildete, und noch unter Napoleons Regierung beſtehende, weit ausgebreitete Geſellſchaft von Unterneh⸗ mern, welche ſaͤmmtliche noch unverkaufte Nationalguͤter, und insbeſondere die ehemaligen Beſitzungen des Adels, gewoͤhnlich ſpottwohlfeil ankaufte, ſo viel als nur immer moglich, herauszubringen ſuchte, 3. B. die Hoͤlzungen nie⸗. derhieb, die Gebaͤude zum Abbruch verkaufte, und die Laͤn⸗ dereien, in kleine Parcellen vertheilt, an geringere Abneh⸗ mer uͤberließ. Sehr begreiflich war dieſe Societaͤt, die uͤbrigens nicht ohne Verdienſt um die Vertheilung des Grundeigenthums in Frankreich geblieben iſt, den heim⸗ kehrenden Emigranten, die ihr jenen Namen beilegten, ein Abſcheu. Uebrigens gelang es Manchem unter ihnen, ſos wohl vor als nach der Ruͤckkehr des Koͤnigs, durch Unter⸗ handlungen mit der Societaͤt auch wohl durch hoͤheren Einfluß, oder durch Drohungen, ſich die geringen Reſte ihres ehemaligen Eigenthums wieder zu verſchaſſen. 4.. 2³54 16) Das franzöſiſche Epithet maigre, wird bekannt⸗ lich als Kunſtausdruck auf alle Faſtenſpeiſen, ſo wie auch auf Faſttage und Faſtenzeiten angewandt. 17) Matelote(in erſter Bedeutung ein Matroſenge⸗ richt), heißt im gemeinen Leben, eine in Frankreich ſehr be⸗ liebte Miſchung von mehrerlei Fiſchgattungen oder Gemuͤſen. 18) Das auch in Deutſchland ſo beliebte Fraͤulein vom See, deſſen Epithet, Lake(Landſee), der Verfaſſer bier den Marquis in einen Familiennamen verwandeln laͤßt. 19) Das vom Verfaſſer beibehaltene franzoͤſiſche Wort revenans laͤßt ſich mit einem Worte im Deutſchen nicht anders, als durch G eſpenſter wiedergeben. Ety⸗ mologiſch genau heißt es ein n ach dem Tode Wieder⸗ kehrender, und iſt alſo nur in dieſer Bedeutung auf die Emigranten treſſend anzuwenden. 20) Ein nach franzöſiſcher Sitte unmittelbar nach dem Kaſſee gereichter Liqueur. 21) Scheerer und Schinder. 22) M. ſ. Comines Th. 1. B. VI. E. 7. u. ff. 23) Lauch. 14 ½ 24) As Vou Like it, Schauſpiel von Shakespeare 25) Weißgallert von Zucker, Mandeln und andern Suͤ⸗ ßigkeiten. 25 a) Die Ordonanz⸗Compagnien wurden geſtiftet un⸗ ter Carl VII. um das Land vor raͤuberiſchem Kriegsvolk, welches nach den ewigen Fehden das Land pluͤnderte, zu ſchuͤtzen, und wurde die Grundlage der regulairen franzoͤ⸗ ſiſchen Armee. Ihre Zahl beſtand aus 9000 Cayalleriſten, worunter 1300 Mann ſchwere Reiterei; ſie waren außer den Leibgarden die erſte, in irgend einem Theile Europens, errichtete ſtehende National⸗Armee. 26) Schlacht bei Crech 1346. 22) Schlacht bei Azincourt 1415. 38) Buchſtaͤblich uͤberſetzt aus dem Schottiſchen: Betler Lind fremit, than fremil Kindred. Die Aſſonanz zwi⸗ ſchen kind und kindred hat der Ueberſetzer durch freund⸗ lich und Befreundeter, freilich unvollkommen nach⸗ zubilden geſucht.. 20) Soll vermuthlich Noirmon tier heißen. 30) Im Original heißt es lighiy as ihe ounce, d. h. 5 255 das kleine perſiſche Pantherthier, welches ſich durch Ge⸗ wandtheit auszeichnet; denn die haͤufigere große Gattung, die auch im Engliſchen panther heißt, wuͤrde hier ein ſehr ungeſchicktes Gleichniß abgeben.— 31) Der Schutzpatron Schottlands. 3 2) Ein engliſcher penny(Plur. pence) gilt im 20 fl. Fuß, den Ldr. à 5 Rthlr. 7 ½ Pfennig, im 24 fl. Fuß, den Ldr. à 9 Gulden 25 Kreuzer. 33) The Recruiting Officer. 34) Der Roſenſtock des Krieges. * 35) Der Ueberſetzer bemerkt hier mit Vergnuͤgen, daß der Verfaſſer an dieſer, ſo wie an mehrern Stellen des vorliegenden Romans, den erſt vor kurzem von Lord Byron geſchehenen, und in ſeinen neuſten Werken praktiſch in Ausuͤbung gebrachten Vorſchlag befolgt, das deutſche Wort Vaterland(engliſch faiher-landd in die engliſche Sprache zu verpflanzen. Denn mit Recht beweißt Lord Byron, daß das engliſche country zu vieldeutig iſt, um den Begriſſ des Vaterlandes genügend ausdruͤcken zu koͤnnen. Es ſcheint alſo, daß jeder engliſch ſchreibende Deutſche auf die Autoritaͤt eines Walter Scott, gegruͤndet auf den Vorſchlas des erſten jetzt lebenden engliſchen Dichters, ſich dieſe Sprachneuerung jetzt unbedenklich aneignen koͤnne. 3 36) Nach den Feudalgeſetzen hatte der Lehnsherr das Recht der Vormundſchaft uͤber ſeine minderjaͤhresen Vaſal⸗ len, und namentlich auch die Befugniß, ſeinen wei blichen Muͤndeln einen Ehemann zu geben, welchen ſie nicht ver⸗ werfen konnten, ohne eine Geldſumme zu verwirken, gleich⸗ kommend derjenigen Abgabe, die dem Vormunde von dem vorgeſchlagnen Ehebuͤndniſſe gebuͤhrt haben wuͤrde. Dieß Recht ward in der Folge auch auf maͤnnliche Muͤndel er⸗ ſtreckt, und ward eine ſehr gewinnvolle Quelle von Erpreſ⸗ ſungen, ſowohl fuͤr die Krone, als fuͤr die Afterlehnsherren. 36 a) Ludwigs XI. aͤlteſte Tochter Anna, Gemahlin Pe⸗ ters von Bourbon, Herrn von Beaujeu, welche in der Folge nach Ludwigs Tode die Regentſchaft waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des dreizehnjaͤhrigen Thronfolgers ſehr klug verwaltete. 37) King John. Schauſpiel von Shakespeare. 38) Die Kunſt, Maͤnner die ſich durch Talente und Ar⸗ 526 beitſamkeit auszeichneten, durch umſichtige Freigebigkeit, ohne Ruͤckſicht auf Stand und Geburt in ſeine Dienſte oder in ſein Intereſſe zu ziehen, wird von manchen Schrift⸗ ſtellern unter Ludwigs Tugenden gezaͤhlt. 30) Das bleierne Bild der Jungfrau an der Muͤtze des Koͤnigs, iſt eine geſchichtliche Thatſache; denn er trug es nebſt einem aͤußerſt groben Anzuge bei ſeiner Zuſammenkunft mit den Koͤnigen von Caſtilien und Arragonien, die ihn zum Mit⸗ telsmann in ihren Streitigkeiten erwaͤhlt hatten, und bei jener Zuſammenkunft in aller ihrer Pracht erſchienen, ihm auch ſeine aͤußerſt gemeine Kleidung als eine perſoͤnliche Geringſchaͤtzung ſehr uͤbel aufnahmen. 40) Selig ſind die Friedfertigen. 41) Das hier angefuͤhrte hinterliſtige Verfahren Lud⸗ wigs XI. iſt vollkommen in der Geſchichte gegruͤndet, und ging in der Folge ſo weit, daß er nach dem Tode des Her⸗ zogs Carl von Burgund, die Miniſter ſeiner Tochter Ma⸗ ria, welchen dieſe eine geheime Sendung anvertraut hatte, den Buͤrgern von Gent verrieth, von denen ſie in Gegen⸗ wart und unter den Thraͤnen und Fuͤrbitten ihrer Gebie⸗⸗ terinn, auf die Folter gelegt und ſodann hingerichtet wurden. 42) Phitipp von Comines,(den der Verfaſſer unver⸗ kennvar benutzt hat,) Ludwigs Zeitgenoſſe, und perſoͤnlicht mit ihm bekannt, fuͤhrt unter des Koͤnigs unzaͤhligen Schwaͤchen, namentlich auch dieſen Charakterzug an. 43) The T'empest. Schauſpiel von Shakespeare. 44) Von Milton. 45) Im Jahre 1407. 46) In dem naͤmlichen Jahre. Die Unruhen zwiſchen der burgundiſchen und orleanſchen Partei, welche letztere man auch Armagnacs zu nennen pflegte, reizten den jun⸗ gen Koͤnig Heinrich V. von England zur Erneuerung des Krieges mit Frankreich. 47)„Schottland vorwaͤrts.“. 48) Der Connetable von Sanct Pol, deſſen Namen der Verfaſſer durchgingis irrthuͤmlich Saint Paul ſchreibt, ſtarb in der Folge auf dem Schaſſot.— 40) Beſſer eine gute Mahlzeit als ein ſchoͤnes Kleid. 50) Der Wein von Auxerre iſt ein Koͤnigstrunk. Ankundigungen. Bei J. Fr. Gleditſch in Leipzig erſchienen: Allgemeine Encyclopaͤdie der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften in alphabetiſcher Folge von genannten Schriftſtellern bearbeitet und herausgegeben von J. S. Erſch und J. G. Gruber, gr. 42 mit vielen Kup⸗ fern und Landcharten. Mit jedem erſcheinenden Theile dieſes Wer⸗ 3 kes beurkundet ſich deſſen Werth immer aufs neue, und die Anſchuldigungen Einzelner, uͤber zu langſame Foͤrderung und vergroͤßerte Aus⸗ dehnung wird dadurch reichlich aufgewogen, daß die competenteſten Beurtheiler und Kenner oͤffent⸗ lich und privatim bezeugen, daß die große Aufgabe einer ſo allgemeinen alles um⸗ faſſenden Encyclopaͤdie weder uͤbereilt, noch in einem andern als ſolchen Maaßſtabe gegeben werden koͤnne, der ſich erſt unter der Hand der Herausgeber, und Mitarbeiter bil⸗ den muß, und daher nur ohngefaͤhr voraus zu beſtimmen war. Es iſt fuͤglich anzunehmen, daß durch den Beſitz dieſer Encyclopadie eine anſehnliche Bibliothek erſetzt wird, waͤhrend — wirklichen Bibliothekbeſitzern dieſelbe unentbehr⸗ lich ſeyn muß, denn weder unſere noch die Litera⸗ tur des Auslandes kann ſich ruͤhmen„ im Gan⸗ zen etwas beſſeres aufzuweiſen; den Beweis fuͤr dieſe Behauptung moͤgen die haͤufig verbreiteten Exemplare, vom Iſten bis zum Ioten Theile⸗ fuͤhren(Subſ. Preis 38 Thlr. 8 gr. fuͤr oirca 600 Bogen mit vielen Kupfern u. Land⸗ charten) und ſelbſt die ausgedehnteſte Anzeige aann die Anſicht nicht geben, welche bei Unter⸗ ſuchung des Werkes gewonnen wird. Bei Joh. Fr. Gleditſch in Leipzig erſcheint eine: Vollſſtaͤndige und aͤußerſt wohlfeile Ausgabe von Walter Scotts ſaͤmmtlichen Werken. Neu uͤberſetzt. kl. Z8 Bereits erſchienen oder unter der Preſſe ſind von dieſer ſauber gedruckten Handausgabe 1⸗ 2* Theil. Waverley, oder ſo war's vor 60 Jahren(nach der 84 Original Aufl. von B. J. F. von Halem. 3 4 Nigels Schick⸗ ſale. 5½ 6* 7* Peveril vom Gipfel von B. J. F. von Halem. 8* 9r Kenilworth. 10 II1* 12* der ſchwarze Zwerg und(Old iargeuey) 13 14f Quentin Durward r 16r der Alterthuͤmler u. ſ. w. Wel⸗ 5. Vorzuͤge dieſe neue Ausgabe vor vielen ſeit⸗ herigen Ueberſetzungen hat, welche oft von der Sprache vöͤllig Unkundigen mit der groͤßten Eil⸗ fertigkeit und verſtuͤmmelt gegeben wurden, die⸗ ſes wird man bei einer fluͤchtigen Vergleichung leicht finden. Der Preis eines Theiles einzeln iſt 1 Thlr.— Bei Praͤnumeration fuͤr den 1* bis 12 Theil iſt ſolcher nur 18 gr. oder fuͤr 12 Theile 9 Thlr. zahlbar bei Empfang, wofuͤr alle Vhhand⸗ lungen ſolches liefern. Bei Joh. Fr. Gleditſch in Leipzig n er⸗ ſchienen: Bibel, Abdruck aus dem 10 Theile der allgemeinen Encyclopaͤdie der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, der auf dieſes Wort be⸗ zug habenden Artickel(von Geſenius, H. A. Niemeyer und De Wetta) gr. 85 1 Thlr. Dem Wunſche Vieler nachzukommen, hat die Verlagshandlung dieſen ſehr wichtigen Artickel beſonders abgedruckt geliefert, und iſt hieraus abzunehmen, wie umfaſſend und reichhaltig das Hauptwerk iſt, aus dem der Abdruck geſchah. Bei Joh. Fr. Gleditſch in Leipzig iſt er⸗ ſchienen: Ausfeld J. C., Basis des Ganzen der Zeichenkunst. Ein praktisches Zeichenbuch zur Uebung des Ver- standes, Bildung des Geschmacks und Veredlung des Herzens, 1° Abthei- lung 23 Blatt. 2e Abtheilung 18 Blatt. gr. Folio Velinpapier. Preis 5 Thlr. Die erſte Abtheilung enthaͤlt Formfor- schung 23 Blatt. Die zweite Abtheilung den menſchlichen Koͤrper auf 18 Platten, welche ſaͤmmtlich mit der größten Sauberkeit geſtochen ſind. Mit 18 Folio Platten wird das Ganze be⸗ endigt ſeyn, und ein praktiſches Zeichenbuch lie⸗ fern, welches alles umfaſſen wird, was nach dem wohl gepruͤften Plane ein vollſtaͤndiges Zeichenbuch enthalten muß. . Bei Joh. Fr. 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Scharfenberg, vollſtaͤn⸗ dige Naturgeſchichte aller ſchaͤdlichen Forſtinſekten, nebſt einem Nachtrag der ſchonungswerthen, welche die ſchaͤblichen vertilgen helfen. Ein Handbuch fuͤr Forſtmaͤnner, Cameraliſten und Oeconomen. gr. 40 3 Theile mit 13 fein illum. Kupfern 3 Thlr. 12 gr. Bechſtein, J. M., ornithologiſches Taſchenbuch von und fuͤr Teutſchland, oder kurze Beſchreibung aller Voͤgel Teutſchlands, fuͤr Liebhaber dieſes Theils der Nakurgeſchichte, mit Kupfern. kl. 82 geheftet 6 Thlr. 8 gr. Bergmann, Adolph, allgem. nuͤtzliches Taſchen⸗ Etui in der Schoͤnſchreibekunſt, Teutſche, Engliſche Italieniſche, Franzöſiſche, Ruſſtſche, Polniſche, Grie⸗ chiſche und Ebraͤiſche Vorſchriften nebſt Signaturen. 50 Blatt. 2te Auflage 18 gr. Bergmann A., Vorſchriften, teutſche Canzlei, und lateiniſche Querfol. Hefte à 16 gr.— 2 Thlr. 16 gr. Bibliothek, neue, teutſcher Romane. kl. 82 8 Baͤnd⸗ chen mit Kupfern 6 Thlr. Bilder buch, technologiſches, auch unter dem Titel: Darſtellung der Kuͤnſte und Handwerke. 42 mit 7 fein colorirten Abbildungen 3 Thlr. 12 gr. Bode, F. A., von, Burlesken. Mit Kupfern. Taſchenformat 1 Thlr. 8 gr.. Boyſens, F. A., ſelbſtlehrende Rechenkunſt, oder: vollſtaͤndige Anweiſung fuͤr alle Staͤnde, inſonderheit fuͤr Kaufleute, Oeconomen und Geſchaͤftsperſonen, zu einem gruͤndlichen Selbſtunterricht. 2 Thle. Neue Auflage. gr. 82 à 18 gr. complett 1 Thlr. 12 gr. Diotionary the compleat, english- german, and serman, englisnh by Chr. Ludwig II. edition. ² Parts. gr. pap 85 8a1. gebunden. 2 Thlr. 8 gr. — Dictionnaire de Poche, nouveau, français-alle- mand, et allemand-français; ouvrage complet, avec une Préface par M. A. Thibaut. 3. Edition revue et oorrigé. 2 Vols. 8. 821. oder: Taſchenwoͤrterbuch, vollſtaͤndiges, Franzoͤſiſch⸗ * Teutſches und Teutſch⸗Franzoͤſiſches; mit einer Vor⸗ rede von M. A. Thibaut. Dritte gaͤnzlich umgearbeitete Auflage in 2 Thle. 80(63 Bogen) Ladenpreis ge⸗ « heftet 2 Thlr. fein Papier 2 Thlr. 12 gr. Baͤndchen, 2te Aufl. d mit Kupfern. 5 Thlr. 12 gr. Feßler, J. A. Dr., die Geſchichten der Ungarn und ihrer Landſaſſen. gr. 85 mit Vignetten und colorir⸗ . 2 ¹ Eberhard, Auguſt Gottlob, Erzaͤhlungen..4 ten Landcharten. 1815. 11— 5r Theil weißes Druc papier 22 Thlr. 16 gr. auf Velinpapier 31 Thlr. Sgr. Fritſche, J. Gotth., Homilien uͤber die Sonn⸗ und Feſttaͤglichen Evangelien des ganzen Jahres. 2ter Theil 809. 3 Thlr. 12 gr. 8 3 Funke, C. Ph., Handwoͤrterbuch der Naturlehre, in⸗ ſonderheit fuͤr Ungelehrte und Liebhaber dieſer Wiſ-⸗ ſenſchaft. 3 Theile. gr. 39(82 Bogen). Neue Aufl. —. 815. 2 Thlr. 4 gr.. Guirlanden, herausgegeben von W. G. Becker (dem Herausgeber des Taſchenbuches zum geſelligen Vergnugen) 1r bis 4r Band. 80 1812 und 1814.— 6 Thlr.— jeder Band mit 1 Kupfer 1 Thlr. 12 gr. Heinſius, W., allgemeines Buͤcher⸗Lexikon, oder vollſtaͤndiges alphabet. Verzeichniß aller von 1700 bis zu Ende 1810 erſchienenen Buͤcher, welche in Teutſchland und in den durch Sprache und Litergtur damit verwandten Laͤndern gedruckt worden ſind. Nebſt Angabe der Druckorte, der Verleger und der Preiſe. 4 Baͤnde. gr. 42 A— Z. 812. 18 Thlr. auf Behre opher 22 Thlr. Deſſen 5r Theil oder 1r Supplementband, die Jahre 1811 bis 815. enthaltend. gr. 42 817. 4 Thlr. 16 gr. Schreibp. 5 Thlr. 8 gr. Deſſen 6r Theil oder 2r Supplementband. heraus⸗ gegeben von C. G. Kayſer, die Jahre 1816 bis 82 1; enthaltend. gr. 42 822. 5 Thlr. 8 gr. Schreibp. 6 Thlr. 8 gr. Alle 6 Thle. Dpp. 29 Thlr. 12 gr. Spp. 35 Thlr. 8 gr. Lane, P. de, IScrizioni antiche collocati ne muri 3 della scala farnese. 4 maj. Parma 819. 3 Thlr. 12 gr. — Tavola alimentaria velejate dette Trajana res- tuità alla sua vera lezione. 4 maj. Parma, 819. 4 Thlr. 16 gr. — Tavola, legislativa della Gallia cisalpina ritro- Lata in veleja nell anno 1760. e restituita alla sua vera lezione 4 maj. Parma 820. 2 Thlr. 16 gr. 10 Serre, Le Roux, J. V., methodiſche Grammatik der Franzoͤſiſchen Sprache, allgemein faßlich vorgetragen und mit Ruͤckſicht auf die teutſche Sprache bearbei⸗ bet. gr. 82 815. 18 gr. — franzoͤſiſches Leſebuch fuͤr Schulen. Mit einer kurzen Grammatik, Anmerkungen uͤber Spracheigen⸗ heit 4 und einem erklärenden Wortregiſter. 2te ver⸗ beſſerte Auflage. gr. 82 822. 12 gr. Lorenz, Joh. Fr., die Elemente der Mathematik. 2. Bde. gr. 82„ Thlr. 4 gr. I. Bd. Reins a matik) Vierte Aufl. 822. 2 Thlr. ——— —— ——— 2. Bd. Iſte Abtheilung.(Mechaniſche und optiſche Wiſſenſchaften) 1795. 1 Thlr. 20 gr. 2. Bd. 2te Abtheilung(Aſtronomiſche Wiſſenſchaften) 797. 1 Thlr. 3 gr. Praͤtzel, K. G., Ausfluͤge des Scherzes und der Laune. 82 816. 20 gr. 5 — Keldherrnraͤnke, ein komiſches Gedicht in 6 Ge⸗ *ſaͤngen. Mit Vignetten 82 813. geheftet. 16 gr. Rittet, die, von Feſtenberg. Eine Geſchichte aus den Zeiten der heimlichen Gerichte und der Ritter⸗ bunde. 82 Neue Aufl. 823. 16 gr. Ritter, G. H., Abhandlungen von den Urſachen an⸗ ſteckender Krankheiten und den phyſ. und chem. Mit⸗ teln, um ihrer Entſtehung vorzuͤglich in den belager⸗ ten Staͤdten vorzubeugen, oder ihre Verbreitung zu hindern. Von der holl. Societaͤt der Wiſſenſchaften zu Harlem 1818. gekr. Preisſchrift. gr. 82 819. 21 gr. — Darſtellung der ſcheinbaren Aehnlichkeit, un weſentlichen Verſchiedenheit, welche zwiſchen Schaa ker⸗ und Tripperſeuche wahrgenommen wird.„Ein Verſuch, der ſich auf Reſultate, fuͤnf und dreiſigjaͤh⸗ riger Beobachtung und Erfahrung ſtuͤtzt. Mit Be⸗ merkungen uͤber die wichtigen Punkte der veneriſchen Krankheiten und einer genauen Zeichnung der bis⸗ her unbekannten ſchleichenden Schanker⸗ und Trip⸗ perſeuche. gr. 82 319. 2 Thlr.. Samm lung archikeckoniſcher Studien. 1⸗ Heft Quer⸗ folio 812. mit ſchwarzen Kupfern 2 Thlr. mit illum, Kupfern 2 Thlr. 16 gr. 2 Verzeichniß, alphabet., aller Romane und Schau⸗ ſpiele, welche in Teutſchland von 1700 bis Ende 1810 gedruckt erſchienen ſind. Fuͤr Leihbibliotheken aus Heinſius Buͤcherlexikon beſonders abgedruckt gr. 40 813. 2 Thlr. — Daſſelbe, welches die Erſcheinungen von 1811 bis 1815 und 1816 bis 1821 enthaͤlt. gr. 42 817, und 822 à 12 gr.— 1 Thlr. Vignola, der Neue, oder Elementarbuch der Bau⸗ kunſt. Mit 36 Kupfern franz. und teutſchem Tert. Neue Auflage. Fol. 818. geh. 3 Thlr. neffeerenfffff 9 11 12 14 15 16 17 18