Leihbibliothek eutſcher, engliſcher und rfranzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die B ibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der B ücher⸗ jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Sf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und dt entlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: 8 1 Mt.— Pf. 1 Wr. Mr. 59 Pf. 2 Wec. Pf. e Abonnenten haben für Sin⸗ und Zurückſendung eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der oas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ eil eines größeren Werkes, ſo iſt & pflichtet. 4 Tage feſtgeſetzt und wird t. daß das Weiterverleihen bem Diejenigen, welche die⸗ zu ſtehen haben. b — Zusgewühlte WMlerke von V Frau M. S. Schwartz. 1 3 Aus dem Schwediſchen. 1 6 4 Stuttgart. * Franckh'ſche Verlagshandlung, 1864. 4 Die Tochter des Gdelmunng. 8 Eine Schilderung aus der Wirklichkeit 3 von Marie Sophie Schwartz. 8 Aus dem Schwediſchen von Dr. Otto gen. Reventlow. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1864. hin, um einen Brief zu ſchreiben. Als de Wie és in Porrys excentriſchem Inneren ausſah, läßt ſich ſchwer beſchreiben. Er brachte den ganzen Vormittag damit zu, in ſeinem Zimmer auf⸗ und abzugehen und erſchöpfte ſich in den wildeſten An⸗ klagen gegen Magda.. Dieſes kalte, abgemeſſene Weib, welches ſeine erſte Liebe vergeſſen, als wenn eine ſolche nie exi⸗ ſtirt hätte, welches die Künſtlerlaufbahn von ſich geworfen, um in der Bequemlichkeit des Wohllebens die Rolle einer Heiligen der Häuslichkeit zu ſpielen; dieſes Weib hatte alſo die Keckheit, gerade unter den Augen des Mannes ſich mit dem Bruderſohn deſſelben, einem Burſchen ohne Bildung, ohne irgend Etwas, welches ihn zu dem Vorzug berechtigte, das es ihm einräumte, in eine Liebesintrigue einzu⸗ laſſen. 8 3 Porry war raſend. Mit der Unbeſonnenheit eines aufgeregten Inneren ſetzte er ſich ſch diente ihm meldete, daß das Mittageſſen ſervirt ſei, antwortete er:— — Uebergebe das der Herrin; ich be nicht wohl und kann nicht zu Tiſch kon René mußte an dem Tage gan „ —˖—ę—ÿ—ͦ—ꝛ—x—F—ꝛ————— 6 aber da dieſes Betragen von Porry wieder Ver⸗ dacht in der Seele des Jünglings erweckte, ſo wurde die Mahlzeit ganz kurz abgemacht und dann ging er direct zu Porry. Er fand den jungen Profeſſor auf dem Sopha ausgeſtreckt liegend und dergeſtalt rauchend, daß das ganze Zimmer in eine Wolke gehüllt war. — Ich komme, um Sie im Namen der Tante um Entſchuldigung zu bitten, daß ſie heute Abend Onkel nicht empfangen kann. Tante hat Etwas, was ſie zwingt, auf das Vergnügen zu verzichten. René war nur zwanzig Jahre und es erſchien ſeiner Eigenliebe ſehr angenehm, einen ſolchen Auf⸗ trag zu überbringen. Der Ton trug auch das Ge⸗ präge der Schadenfreude. Wäre René einige Jahre älter geweſen, dann hätte er demſelben einen ganz anderen Ausdruck gegeben. 3 — Hat Frau Sturm Sie geſchickt, um mir dieſes zu ſagen?— fragte Porry ſtolz. Ja! — Ja! René ſetzte ſich, obgleich Porry ihn nicht dazu aufforderte. Der Jüngling war entſchloſſen, ganz freund⸗ ſchaftlich Porry Geſellſchaft zu leiſten und ihn nicht aus dem Geſichte zu laſſen. G Nils, welcher ſofort auf den Gedanken kam, daß Magda ihn deshalb nicht empfing, weil ſie unge⸗ ſtört mit René zuſammen zu ſein wünſchte, faßte ſeinerſeits den hübſchen Vorſatz, in dieſem Falle die Berechnungen Magdas dadurch zu nichte zu machen, daß er Rens zurückhielt. ſich dem entziehen und ſich damit 4 5 84 . , Lrrer peuye, ee Sads ee, u bewegten. Tief und ſchwer war der Sauf 11 wo Oberſt Q— 3. hier waren, um eine Viſite zu machen, ließ ſie ſagen, daß ſie nicht zu Hauſe ſei. — Gut! Der Werkbeſitzer legte die Hand auf den Thür⸗ griff, um zu gehen. Lova bemerkte dann: 8 — Es iſt noch etwas Anderes, worüber ich mit dem Werkbeſitzer ſprechen wollte. — Nun, laß' hören. — Ja, ſehen Sie, das iſt ſo, daß.... die Alte blickte unruhig um ſich,— daß wieder Licht oben in dem Stockwerk zu erſcheinen anfängt. Geſtern Abend ſah ich ganz deutlich die gnädige Frau am Fenſter ſtehen, gerade wie ſie es damals zu thun pflegte, als.... — Stille, Du Hexe, mit Deinem tollen Aber⸗ glauben,— brüllte Sturm. 3 Du endeſt noch damit, Geſpenſter bei hellem Tage zu ſehen. 3 — Herr,— fiel Lova ein,— ich behaupte mit Beſtimmtheit, daß da oben etwas Sonderbares vor ſich geht. — Sollte möglicherweiſe der verdammte Sohn des Gärtners den.... 3 Sturm ſchwieg und blickte Lova an. — Nein, Pehr iſt es nicht; aber horchen Sie auf das, was ich ſage, Alles ſteht nicht, wie es ſoll. Einige Augenblicke darauf ging der Werkbeſitzer aus der Wohnung Lovas nach dem Hauptgebäude. Finſter waren die Gedanken, welche ſeine Bruſt zer, den . er that, als er in die hohe, dunkle Hausflur ein⸗ trat. Im Saale, im Salon und im Cabinet war es leer. Der Bediente meldete dem Werkbeſitzer, daß Magda ſich im erſten Stock befände. Nachdem Sturm die untere Wohnung durchwandert, nahm er ſeinen Weg dorthin. Ein eigenes behagliches Gefühl beſchlich den mißtrauiſchen und wenig empfindſamen Mann, als er leiſe die Gardinen zurückſchob und Magda allein in dem kleinen Zimmer über ein Buch, in welchem ſie las, gebückt ſitzend fand. Freilich kam es Sturm vor, als wenn ſeine junge einundzwanzigjährige Frau ſehr bleich aus⸗ ſähe, als wenn ein Schleier von Leiden über ihren Zügen und ein Ausdruck der Müdigkeit über ihrem ganzen Weſen lag. Dieſes waren indeſſen Dinge, welche gar nichts mit ihrem Verhältniß zu ihm zu thun hatten, ſondern nur Magdas eigene Perſon betrafen und alſo von geringem Intereſſe für Sturm waren., 1 Zum erſten Male, ſeit Sturm und Magda ver⸗ heirathet waren, grüßte er ſie freundlich nach der Rückkehr von einer Reiſe. Dieſes machte auch einen lebhaften Eindruck auf Magda. Auch war ihr Be⸗ nehmen gegen den Mann mehr wahrhaft herzlich. Sturm blieb oben bei ſeiner Frau und ſprach von ſeiner Reiſe und verſchiedenam Anderen ganz ver⸗ traulich mit ihr. Er fragte nicht nach Porry, ſon⸗ dern ſchien vergeſſen zu haben, daß dieſer exiſtirte. — 13 Als das Souper angemeldet wurde, ſagte er zum Bedienten, indem er Magda ſeinen Arm bot: — Sind die Herren unten im Speiſeſaal? — Ja! — Haſt Du geſagt, daß ich zurückgekehrt bin? — Nein, der Herr verbot mir es zu thun. — Komm, mein Engel. Der Werkbeſitzer und Magda gingen die Treppe hinunter. Im Salon wanderten Porry und René auf und dh Sie warteten darauf, daß der Tiſch ſervirt werde. Beide machten beim Anblick von Sturm eine Be⸗ wegung von faſt freudiger Ueberraſchung. Dieſer be⸗ grüßte mit ſeinem verbindlichſten Lächeln ſowohl den Couſin, wie den Bruderſohn. Porry und René waren ſchon längſt der gegen⸗ ſeitigen Ueberwachung ſatt geworden. Sturms Rück⸗ kehr befreite ſie davon. Während der erſten Tage nach ſeiner Rückkehr war er faſt immer an Magdas Seite und zeigte ſich ſo liebenswürdig und freundlich gegen ſie, daß dieriunge Frau ſich dadurch gerührt und dankbar ühlte. 4 Gewiß iſt, daß wenn Sturm damit fortgefahren wäre, ſo gegen ſie zu ſein, dann würde Magdas Herz ſich mit wirklicher Neigung an ihn angeſchloſſen haben. Sie hätte dann in ihrer Freundſchaft für den Mann einen Erſatz dafür gefunden, daß ſie ſich in dem Glück verrechnet, und dieſes würde einen viel ſicherern Schild gegen die Verſuchung abg eben haben, als irgend etwas Anderes. Das ſtolzeſte Weib iſt ja doch nur ein ſchwaches Kind, wenn es liebt, und früher oder ſpäter wird der Stolz der Liebe weichen. Genug, Magda verlebte wirklich einige ruhige und friedliche Tage mit ihrem Mann. In ihrer großen Unerfahrenheit glaubte ſie, daß es ihr jetzt gelungen ſei, ſein Mißtrauen zu beſiegen, und daß dieſes Schach⸗ und Mattſpiel, das ſie bisher hatte aushaltén müſſen, jetzt zu Ende ſei. Wieder eine Illuſion, die Magda bald vernichtet ſehen ſollte. 7 An einem Sonntag, einige Tage nach der Rück⸗ kehr des Werkbeſitzers, war René wegen eines Auf⸗ trags, den Sturm ihm gegeben, verreist, ſo daß Porry, Magda und Sturm allein auf Ekſjö waren. Im unteren Salon waren die Lichter ſowohl in den Kandelabern wie in den Kronleuchtern aͤnge⸗ zündet. Porry und Sturm wanderten dort auf und ab. Magda ſaß in; einem Schaukelſtuhl zurück⸗ gelehnt. Schon am vorhergehenden Sonnabend war es mit Sturms Liebenswürdigkeit zu Ende. Er hatte an demſelben ſeinem Unwillen Luft gemacht und verſchiedene verletzende Beſchuldigungen gegen Magda vorgebracht, welche den Ausbruch ſeiner ſchlechten Laune mit ihrer gewöhnlichen Ruhe ertrug. Beim Mittagstiſch am Sonntag hatte Sturm mit raffinirter Grauſamkeit von unehelichen Kindern zu ſprechen angefangen und ſich über dieſelben auf eine Weiſe geäußert, daß Magdas Wangen bald roth und bald weiß wurden. 1 “ 15 Unter Anderem hatte er geſagt, es ſei von ſol⸗ chen immer zu erwarten, daß ſie Treue und Chre als Spielſachen behandeln würden, weil ihr Daſein ein Verbrechen gegen dieſe beiden in ſich ſchlöße. Magdas Innere war nach dieſem Angriff in vollem Aufruhr. Tauſend einander widerſtreitende Gefühle erhoben ihre Stimmen in ihr und brachten ihre Gedanken und Wünſche hinüber auf ein Gebiet, welches für ihr Herz viel zu lockend war. Mechaniſch richtete ſie ihre Blicee auf Porrys hohe, ſchlanke Geſtalt und hübſches Geſicht, während er neben der kleinen mageren Figur, die ihr Mann war, auf⸗ und abging.— Die Züge des Werkbeſitzers hatten in dieſem Augenblick zu gleicher Zeit etwas Liſtiges und Hartes.. Jeder kann ſich wohl denken, welche Gedanken und Gefühle dieſe Parallele in Magdas Innerem hervorrufen mußte.* „Während der Werkbeſitzer auf⸗ und abſpazierte, ging er plötzlich hin zum Glockenſtrang und läutete. Ein Bedienter trat ein. „— Sage Herrn Lindbom, daß er in meine Zimmer hinaufkommen ſoll, ich hätte etwas Angele⸗ gentliches mit ihm zu ſprechen. Dann wandte er ſich an Magda und ſagte kurz und beſtimmt: „— Ich wünſche, daß Du ſo artig biſt, und e Partie Schach mit Porry ſpielſt, während ich m Lindbom ſpreche. Es würde mir beſonders ange nehm ſein, wenn Du ihn beſiegteſt,— fügte er lächelnd hinzu und küßte Magdas Hand. 16 Es iſt die Ehre des Sieges, welche ich Dir zu verſch affen wünſche, mein Engel. Du ſollſt Revanche für die Partie nehmen, die ich verlor. Er warf ihr einen Handkuß zu und verließ den Salon. In der nächſten Minute waren Magda und Porry allein gelaſſen. Magda hatte ihren Platz am Spieltiſch eingenommen und ſagte in einem Tone, der heute zum erſten Male nicht vollkommen ruhig ang: — Seien Sie ſo gut, mein Couſin, und nehmen Sie Platz, Sie haben den erſten Zug. — Iſt es wirklich Ihr Abſicht zu ſpielen?— fragte Porry,— oder wünſchen Sie nicht, daß ich Sie verlaſſe? 4 — Ich wünſche das, um was man mich gebeten hat. Er hat mir ja den Auftrag gegeben, die Halach zu gewinnen, und ich werde mein Beſtes thun. — Magda lächelte mit ihrem kalten, glänzenden Lächeln. n Porry ſetzte ſich. Das Spiel begann. Nach 1 einigen Zügen hatte er einen Thurm verloren. — Sie ſpielen ſchlecht,— ſagte Magda und e wollte eben die gewonnene Figur nehmen; aber ſſt Porry ergriff ihre Hand und ſagte mit bewegter* Stimme: — Warum ſind Sie mir ausgewichen? Magda ſchloß haſtig die Augen, um nicht den Blick zu begegnen, den er auf ſie richtete. — Es iſt die Ehre des Sieges, die ich 17 Dir zu verſchaffen wünſche,— wiederholte Magda in ihrem Innern, . Sie antwortete kalt: — Ich bin Ihnen nicht ausgewichen. Damit zog ſie die Hand zurück. — Warum bekam ich Dich nicht zu ſehen in den Tagen, wo.... — Mein Mann fort war,— fiel Magda mit vollkommen wiedergewonnener Ruhe ein. — Weil ich ein Weihnachtsgeſchenk für ihn zu machen wünſchte. Seien Sie ſo gut, und ſetzen Sie das Spiel fort,— fügte Magda hinzu. — Ich kann nicht. Sollte es auch mein Leben und mein Glück koſten, ſo muß ich Dich jetzt ſprechen, ſo mußt Du noch einmal im Leben mich anhören. — Muß ich? Magda ſah ihn ſtolz an und erhob ſich halb. — Es ſind alſo nur die wahnwitzigen und kecken Worte eines Knaben, denen Du lauſchen zu müſſen glaubſt,— rief Porry heftig. Magda ſetzte ſich wieder ganz ruhig und ſagte mit einer zu gleicher Zeit ruhigen und doch milden Stimme: — Ich glaubte, daß Nils Porry ſich bewußt ſei, ein großes Unrecht begangen zu haben, ſo daß er ſich nicht mehr erlaubte, ein ſolches zu begehen. Laſſen wir jetzt dieſes Thema. Es iſt Ihr Zug. — Warum gaben Sie mir meinen Brief zurück; warum all dieſe Grauſamkeit gegen mich?— hob Puuih wieder an, ohne einen Blick auf das Spiel zu werfen. 4 Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 2 18 Meint denn Magda mich glauben machen zu können, daß Sorenza mich vergeſſen hat? Un⸗ möglich. Er beugte ſich herab und blickte Magda an. — Ebenſo unmöglich wie es für eine Mutter iſt, ihr Kind zu vergeſſen, ebenſo unmöglich iſt es für ein Herz wie Sorenzas, Denjenigen zu vergeſſen, den ſie einmal geliebt. Magda lehnte den Kopf zurück gegen den Rücken des Sophas, richtete ihr)e Augen mit einem eigenen Blick auf Porry und ſagte: — Mein Couſin, können Sie mir ſagen, wie Sie den Mann beurtheilen, welcher in einem Hauſe Gaſtfreundſchaft genießt, von dem Manne als ein Freund behandelt wird und trotzdem zu der Frau von Liebe ſpricht? Glauben Sie wirklich, daß er, ſtreng genommen, den Namen eines Ehrenmannes verdient? Ich bezweifle es. Gewiß ſind die Worte, die Sie jetzt geſagt, gegen Ihr beſſeres Wiſſen über n Ihre Lippen geſchlüpft; denn Sie werden nicht hoffen, daß Magda Sie glauben machen wird, Sorenza ſei h wirklich ſo verächtlich, als wofür Sie ſie einſt ge⸗ halten. N Auf Porrys Stirn lagerte ſich eine dunkle Röthe. zu Seine Augen flammten, während er Magda be⸗ trachtete; dann ſagte er mit gedämpfter Stimme: ſi — Wollen Sie das Spiel fortſetzen? re Wieder fingen ſie zu ſpielen an. de — Jetzt nehme ich Ihre Königin,— ſagte ni⸗ Magda, ohne daß ſie im Stande war, einen Seufzer He zu unterdrücken. — Nehmen Sie,— ſagte Porry. 19 Magda ſtreckte die Hand aus. Sie zitterte ein wenig. Fort war die Wirkung von Magdas Worten, fort alle ſchönen Vorſätze; wieder wurde die kleine Hand ergriffen, wieder flüſterte Porry mit aufgeregter Stimme: — Deine Hand zittert, Deine Wange iſt bleich, Du leideſt.! einen einzigen Blick, ein einziges armes Wort zur Belohnung für Alles, was ich durchgekämpft, und ich werde fortreiſen, weit von hier, wenn Du es ſo verlangſt. — Ich verlange nichts, denn ich habe nichts zu geben,— antwortete Magda. Bleibe hier oder reiſe, eins von beiden, ich wünſche weder das Eine noch das Andere. „— Ich bin alſo nichts für jenes Herz, für welches ich einſt Alles war. — Nils Porry iſt der Couſin meines Man⸗ nes; ſieh, das iſt Alles. — Porry ſprang vom Stuhle auf und rief heftig: — Es bedurfte alſo nur Reichthum und eines Namens, um Denjenigen zu vergeſſen, welchen Gott zu Deinem Gatten beſtimmt. — Die Vergangenheit war ſo bitter, daß ich ſie durch die Gegenwart vertauſcht habe. Die So⸗ renza, welche einſt als ein unwürdiger Gegenſtand der Liebe Porrys verſtoßen wurde, wird ſich jetzt nicht würdig machen, verſtoßen zu werden. Nein! Hören Sie deshalb auf mit dieſer Sprache; be⸗ trachten Sie genau mein Geſicht, 9 und ſagen Sie, es Etwas darin gibt, welches zu dem Glauben 2* 20 berechtigt, daß es in meiner Bruſt ein einziges Ge⸗ fühl gibt, das zu Gunſten einer ſtrafbaren Liebe ſpricht?. Es iſt wahr, daß Sie mich nie verſtanden haben; aber ſo viel müſſen Sie von den Myſterien des Menſchenherzens verſtehen, daß Sie einſehen, die Ruhe und Kälte, welche ich bewieſen, ſeien nicht möglich, falls es irgend ein wärmeres Gefühl in meiner Bruſt gäbe. 3 Porry betrachtete ſie. Eine marmorne Unbe⸗ weglichkeit ruhte auf den Zügen Magdas. 4 Er kreuzte die Arme und murmelte: — Sie haben Recht, und ich war ein Thor. Jetzt trat der Werkbeſitzer ein. Er warf einen funkelnden Blick auf Porry und einen prüfenden auf Magda, während er dachte: — Er iſt ſeinem Vorſatz untreu geworden. Ahl!, was bedeuten jetzt jene ſtolzen Worte von Ehre und Pflicht? Sie ſind vergeſſen. Die Verſuchung hat über die ſchönen Vorſätze geſiegt. Aber Magda, Magda, ſie iſt dieſes Mal triumphirend aus dem Kampfe hervorgegangen. Wieder verfloſſen einige Tage. Porry ſagte ſich ſelbſt, daß er reiſen müſſe, daß alle Hoffnung vorbei ſei, daß Alles beſtätigte, Nagdas Herz hege gar kein. Gefühl für ihn, und doch blieb er, doch gab es Augenblicke, in welchen die wahn⸗ ſinnigſten Hoffnungen ſich ſeines Herzens und ſeiner Phantaſie bemächtigten. Dieſelben wurden de 21 be alle möglichen unbedeutenden Dinge hervorgerufen. 3 So war er z. B. eines Tages zu Magda gekommen, n; um ſie zu bitten, einen Finger, den er verletzt hatte, ſes zu verbinden. Während Magda ihm half, zitterte die ihre Hand. ht Porry hatte dann geäußert: 3 in— Ein Verband von Ihnen, Magda, muß die Wunde bald heilen. z⸗ Magda hatte dann mit wehmüthigem Lächeln geantwortet: — Ich wünſche, daß jede Wunde, welche das Schickſal Ihnen verſetzt, eben ſo raſch wie dieſe hei⸗ en len möge. uf Porry wagte nicht mehr zu ſagen, aber er hatte verſucht, den Ausdruck in ihren Augen aufzufangen. 1 Es lag Etwas in ihnen, das ihm zuflüſterte, es ſei ud noch nicht alle Hoffnung vorbei. at Genug, es gab tauſend kleine, von Niemanden a, bemerkte und von Magda nicht geahnte Ereigniſſe, m weelche ſich nicht einmal dieſer unfreiwilligen Gefühls⸗ ausbrüche bewußt war, die dazu beitrugen, daß trügeriſche Hoffnungen Porry's Seele umgaukelten. ²SGlaube nicht jenen kalten Worten,— flüſterte die Hoffnung,— ſie beweiſen nichts. Hinter ihnen önnen ganz andere Gefühle verborgen liegen. aß So gingen zwei Wochen zu Ende, und es war jetzt ganz nahe vor Weihnachten. Der Werkbeſitzer Atte einen Beſuch bei den Nachbarn gemacht und er kam nach Hauſe in der Dämmerungszeit. Seiner Gewohnheit gemäß ſtieg er an der Fa⸗ brikſtraße aus und ließ den Kutſcher nach dem Stalle ahren. Er ſelbſt ſchlug den Weg zu Lova ein. 22 — Nu— un?— fragte Sturm als er bei der Alten eintrat. — Iſt der Herr nach meiner erſten Warnung oben in den Zimmern geweſen?— ſagte Lova. — Was iſt das für eine dumme Antwort auf meine Frage? Glaubſt Du, daß ich nichts anders zu thun habe, als die Wohnſtätte zu betrachten? Uebaigens war es nicht davon, daß ich Etwas wiſſen wollte. — Das verſtehe ich wohl; aber ſehen Sie, der Herr wird doch dort hinaufgehen müſſen, ſo ſchwer es Ihnen auch fällt den Ort zu betreten, wo... — Schweige!— fuhr Sturm ſie an. Willſt Du mir auf meine Frage antworten, ob Etwas in meiner Abweſenheit paſſirt iſt, oder halte Dein Maul. Ich dulde Deine Naſeweisheit nicht. — Dann iſt es wohl am beſten, daß ich ſchweige,— antwortete Lova, welche vor Aerger feuerroth im Geſicht wurde. Sturm faßte den Thürgriff, um ſeiner Wege zu gehen; aber das war mehr, als Lova ertragen konnte. 1 Sie hatte einen innern Groll gegen Magda, und ſich das Vergnügen aus den Händen ſchlüpfen zu laſſen, ſich an derſelben zu rächen, war Etwas, wo⸗ rauf ſie ſich nicht einlaſſen wollte; darum ſagte ſier in dem Augenblick, wo Sturm die Thüre öffnete, mit heller und ſchneidender Stimme: — Da der Herr nicht dort hinaufgehen will, ſo wird wohl die Herrin ihre Zuſammenkünfte ungeſtört da oben halten. 23 Sturm ſchlug die Thüre heftig zu, kehrte zu der Alten zurück und rief: — Zuſammenkünfte da oben! Was ins Teufels Namen ſagſt Du? Biſt Du verrückt geworden? — O nein, Gottlob, noch nicht. Ein Beweis dafür iſt, daß ich das herausſpionirt habe, was Nie⸗ mand geahnt hat. Jetzt ſage ich nur: wann der Herr wegfährt und die gnädige Frau ſich in ihr Zimmer einſchließt, dann iſt es nicht der Muͤhe werth ſie dort zu ſuchen, ſondern in dem alten Stockwerk, denn ſehen Sie, dann iſt ſie nicht allein da oben. — Höre mal, Lova, alles das da mußt Du ge⸗ träumt haben; denn wachend konnteſt Du doch nicht auf eine ſo wahnſinnige Idee gekommen ſein. Du weißt zu gut, daß das ganze Stockwerk verſchloſſen i*ſt, ſo daß nicht einmal eine Ratte ohne mein Wiſ⸗ ſen dort hinaufkommen kann; deshalb iſt das, was Du ſagſt, eine Fabel. — Nun, nun, für den Fall kann ſich ja der Werkbeſitzer morgen, oder übermorgen davon überzeugen. Der Herr kann ja thun, als wenn Sie verreiſen, aber ſtatt deſſen den Weg dort hinauf einſchlagen; dann kann der Herr ſehen, daß man dort an Etwas arbeitet, was ſchon früher einmal daſelbſt verſucht worden iſt, das heißt daran, einen Ehemann zu be⸗ trügen. Lova ſeufzte mit ſcheinheiliger Miene und fügte hinzu: — So geht es hier in der Welt; das Böſe, das wir Andern thun, werden Andere uns thun. — Nehme Dich in Acht, Lova, ſo zu ſprechen,— ſagte Sturm mit zuſammengebiſſenen Lippen. dung feſſeln und einen entzückenden Reiz auf dieſelbe 24 Er ging im Stübchen auf und ab, dann blieb er vor dem alten Weibe ſtehen und rief: — Mit wem konmt ſie da oben zuſammen? — Gehen Sie ſelbſt und ſehen Sie nach. Es paſſirt bisweilen, daß der Sohn Rache für das for⸗ dert, was man an dem Vater verbrochen und Glei⸗ des mit Gleichem bezahlt. Hi, hi, hi!— kicherte ova. — René!— rief Sturm mit funkelnden Au⸗ gen.— Ahl das war alſo der Grund, daß ſie ge⸗ gen den Anderen die Tugendhafte ſpielte. Wehe und Fluch dem Knaben, falls Du die Wahrheit ge⸗ ſprochen. Währenddem ſaß unten im Salon Magda, welche arbeitete, und Porry, welcher aus Bulwers Godolfin laut vorlas. Mitten im Leſen legte er das Buch von ſich. Haben Sie Zannoni geleſen? — Jaz aber er gefiel mir weniger, als was ich ſonſt von Bulwer geleſen. — Das wundert mich. Der eigene myſtiſche Geiſt, welcher darüber ruht, mußte Ihre Einbil⸗ ausüben. — Ich werde ſelten durch das entzückt, was ich nicht mit dem Verſtande zu erfaſſen vermag. Mei⸗ ner Einbildung ſagt das nicht zu, was meine V. nunft verwirft. — Gewöhnlich iſt es umgekehrt. Wir lieben dasjenige, wir beten dasjenige an und werden von 4 1 r 25 demjenigen beherrſcht, was wir uns nicht recht er⸗ klären können. Wie oft iſt z. B. die Liebe nicht in Streit mit der Vernunft? Wir können mit dem bloßen Verſtande ihre Macht nicht erklären. Sie iit ein Räthſel, das Alle begreifen, aber Niemand löſen kann. Sie ſteht außer und über dem Verſtande. — Das Erſtere gebe ich zu, das Letztere nicht. — Magda glaubt alſo an den Sieg der Ver⸗ nunft über das Gefühl?. Porry's Stimme war unſicher. Magda fühlte, daß das Geſpräch auf ein gefährliches Gebiet hinein⸗ gerathen war.. — An dem Tage, an welchem ich den Glauben daran verlöre, möchte ich nicht mehr leben,— ant⸗ wortete ſie ernſt. — Und ich, ich möchte die Stunde nicht mehr leben wollen, in welcher die Vernunft im Stande wäre, die Gefühle meines Herzens zum Tode zu ver⸗ urtheilen. Er ergriff Magda's Hand und fügte mit Leiden⸗ ſchaft hinzu:. — Was wäre das Leben, wenn ich nicht lieben könnte? Und wenn die Liebe eine Hölle von Qua⸗ len in meinem Innern erzeugt, ſo will ich dieſelben lieber erleiden, als zu leben, ohne das Herz von dieſen zu gleicher Zeit ſo qualvollen und doch ſo anmuthigen Empfindungen erglühen zu fühlen. Und ſelben entgegenzuarbeiten, ſo würde ich es nicht wollen. „Wenn ich während ſolcher Augenblicke wahnſin⸗ nigen Schmerzes mein Gefühl bekämpfen wollte, ſo wenn meine Vernunft mir tauſendmal geböte, den 26 könnte ich es nicht. Mein Leben, meine Gedanken, meine Ideen, meine Inſpirationen, Alles entlehnt von meiner Liebe Farbe und Form; Alles hat von ihr Poeſie und Schönheit. Magda, es iſt mein Herzblut, worin ich meinen Pinſel tauchen muß. Wenn ich die Qualen und Schmerzen des Lebens male, daß der Ausdruck davon Thränen aus den Augen der Beſchauer hervorpreßt, dann habe ich nur mein eigenes Herz in jenen Stunden der Ver⸗ zweiflung copirt, in welchen die Hoffnungsloſigkeit es ergriffen hatte. Sollte alſo nie ein lächelndes Bild voll Frieden, Glück und Seligkeit von mir gemalt werden, ſo iſt das nur darum, weil meine Liebe nur Schatten und keinen einzigen Lichtſtrahl beſitzt. Und doch, doch würde ich ſie nicht aus meiner Bruſt reißen; doch überlaſſe ich mich ohne Widerſtand der Gewalt der⸗ ſelben und geſtatte ihr, daß ſie meine Vernunft be⸗ herrſcht. Es gibt keine Macht in der Welt, welche fortan im Stande iſt, mich davon abzuhalten mit der Gewalt meines Gefühls das Herz zu be⸗ zwingen, welches für mich beſtimmt wurde. — Doch, eine Macht gibt es— die der Ehre,— ſagte Magda mit feſter Stimme, obgleich ſie ihre Hand in der ſeinigen ruhen ließ. Derjenige kann nicht wirklich lieben, welcher Pflicht und Ehre nicht höher ſtellt, als ſein ſchwaches Herz. Ahl was iſt die Liebe werth, die gleich einem wilden Siroccowind unſer Inneres verheert und uns die Achtung vor Anderen vergeſſen macht? — Vor Anderen,— wiederholte Porry und ſchloß die kleine zitternde Hand noch feſter in die ſeinige. 5 4 27 Gibt es denn noch Andere in der Welt, wenn man liebt? Nein!— Was fühle, was verſtehe ich wohl von dem allen, das man Pflicht und Ehre nennt, wenn mein Herz nur einen Gegenſtand mit glühender Wärme umfaßt? Dieſer Gegenſtand iſt meine Welt, mein Gott, meine Religion, meine Ehre und meine Pflicht. — Ja, dieſer Gegenſtand iſt Ihre Ehre und Ihre Pflicht. Magda richtete ihre Augen auf Porry; aber nicht mehr mit dem kalten Ausdruck wie früher, ſon⸗ dern mit einem ſo traurigen Blick, daß derſelbe in einen Nebel von Wehmuth eingehüllt zu ſein ſchien. — Beſitzen Sie denn ein Recht, durch die er⸗ niedrigenden Gefühle einer ſtrafbaren Liebe einen Schatten auf ihre Ehre zu werfen, welche Ihre Welt iſt, oder ſie von den Pflichten, die ſie hat, wegzulocken? Sie wollen mit der Gewalt Ihres Gefühls das Herz bezwingen, welches kalt blieb. Nils, was wün⸗ ſchen Sie wohl dann? Das Weib, das Sie lieben, der Erniedrigung und der Reue zu weihen. Jetzt zog Magda ihre Hand zurück, ſtrich lang⸗ ſam damit über die Stirne und fügte hinzu: 4 — Wäre ich ein Mann, ſo würde ich anders lieben. Ich würde das Weib, dem ich meine mäch⸗ tigſten Gefühle geweiht, nicht in die grauſame Noth⸗ wendigkeit verſetzen, daß es mich verachten müßte, weil ich ſeine Ehre gering achtete. Ich würde nicht eine zu gleicher Zeit gefährliche ei und unwürdige Sprache gegen daſſelbe gebrauchen.“ in den Salon. 28 — Gefährlich! rief Porry. In den ſchwarzen Augen blitzte es. O, ſage das noch einmal,— ſage, daß meine Worte eine Gefahr enthalten, und ich werde ſie wie⸗ derholen, bis der Sieg mein iſt. — Der wird nie der Ihrige werden,— ant⸗ wortete Magda mit feſter Stimme. Sie kennen mich ſchlecht, wenn Sie glauben, daß ich über mein Haupt all die Erniedrigung herab⸗ beſchwören würde, welche ſtrafbare Liebe mit ſich führt. Nein, eher der Tod. Aber ich bin eine Frau, auch meine Kraft hat eine Gränze, und darum ſage ich: dieſer Kampf muß ein Ende haben. Einmal warfen Sie einen unverdienten Verdacht auf mich; ich ertrug denſelben, weil er unverdient war; an dem Tage, an welchem ich gezwungen wäre, mich ſelbſt zu verachten, würde ich ſterben. — Höre mich an,— flehte Porry. — Jetzt nicht,— antwortete Magda in aufge⸗ regtem Tone;— aber morgen. Dann, Nils Porry, wird Sorenza dem Unnatürlichen in Magdas Lage ein Ende machen. Der Kampf hat ſchon zu lange gedauert. Morgen Abend wird Eins von uns Zweien Efkſjö verlaſſen haben. Was Nils zu antworten beabſichtigte, iſt unge⸗ wiß, aber er bekam keine Gelegenheit Etwas zu ſa gen, denn es traten Sturm und gleich darauf René Der Werkbeſitzer war zerſtreut und ſchleuderte von Zeit zu Zeit René und Magda unglückverheißende Blicke zu. 29 Am folgenden Morgen ganz früh ſtand Sturms Schlitten vor der Treppe, denn der Werkbeſitzer wollte nach der Grube reiſen. Magda war, als er von ihr Abſchied nahm, noch nicht angezogen. Porry be⸗ gleitete den Couſin. Magda war alſo ganz und gar ſich ſelbſt überlaſſen. Sie machte eine flüchtige Toi⸗ lette und begab ſich dann hinauf in das verlaſſene Atelier des zweiten Stockwerks. Es war bedeutend verändert, ſeit Magda dort zum Erſtenmale eintrat. Das Bild, welches auf der erſten Staffelei ſtand, und an welchem nur die Köpfe der beiden vornehm⸗ ſten Figuren gemalt waren, war jetzt ganz vollendet. Der Blick verweilte mit Bewunderung und Wohl⸗ gefallen bei demſelben. Die ganze Geſtalt des Erlöſers hatte Etwas, welches ſo vollkommen im Einklang mit dem Aus⸗ druck des Geſichts ſtand, daß man ein ganz klares Bild vom Menſchen und Gott erhielt. So war es auch mit der Ehebrecherin. Das ſpöttiſche Geſicht des Schriftgelehrten und der Ausdruck der Erwartung, der auf denen der Ue⸗ brigen ausgeprägt war, zeugte von dem ungewöhn⸗ lichen Talent desjenigen, welcher das Gemälde voll⸗ endet hatte. Noch waren nur einige Draperien zu malen übrig. Als Magda in dieſes Heiligthum ihrer Künſtler⸗ ſeele hereinkam, trat ſie vor die Staffelei und betrach⸗ tete mit gefalteten Händen das Geſicht Chriſti. Das von Magda war traurig und bewegt; einige Seuf⸗ zer, welche einem Schluchzen glichen, hoben ihre 30 Bruſt. Nicht eine einzige Thräne ſchlich ſich über die Wangen. Nachdem ſie eine Weile ſo geſtanden hatte, ſchüt⸗ telte ſie den Kopf, um die Qualen fortzujagen, welche ihr Inneres erfüllten, faßte dann mit einem matten Lächeln die Palette und den Pinſel und flüſterte: — Auch die Liebe zur Kunſt iſt mir eine ver⸗ botene Liebe. Alles Schöne und Herrliche auf dieſer Erde iſt für mich ein Verbrechen. Jeder reine und ſelige Genuß iſt Etwas, wozu ich mich ſtehlen muß. Magda malte während einer Viertelſtunde un⸗ unterbrochen, aber plötzlich wurde ihr Ohr von einem Laute gleich einem Seufzer berührt. Sie wandte ſich um. Im Zimmer befand ſich Niemand außer ihr. — Sonderbar, dachte Magda,— es iſt jetzt das Dullemal, daß es mir vorkommt, als wenn ich Seufzer hörte. Sie legte den Pinſel und die Palette von ſich und ging in das angränzende Zimmer, aber auch das war leer und die Thüre zu den übrigen ge⸗ ſchloſſen. Magda kehrte zu ihrer Arbeit zurück. Bevor wir uns daran machen, die Scene, welche folgte, zu ſchildern, müſſen wir bemerken, daß ſich im Atelier ein Paar große Schirme befanden, welche dazu beſtimmt waren, das Licht abzumeſſen. Der größte dieſer Schirme ſtand gleich neben der Thüre, welche zur Wendeltreppe führte. Hinter den⸗ ſelben hatte man einige Modelle, alte Modelle und dergleichen Plunder, wie er zu einem Atelier gehört, geworfen. Der Schirm war hoch und hatte verſchiedene Riſſe. Ueber ihm hing eine rothe Gardine, welche —₰ 8— 31 in früheren Zeiten von demjenigen, der urſprünglich im Atelier gearbeitet, zu Draperien benutzt wor⸗ den war. Magda hatte nichts als das Bild, woran ſie malte, angerührt. Ihr Intereſſe war nur von den künſtleriſchen Productionen gefeſſelt. Seit ſie in größter Stille an dem Bilde zu arbeiten an⸗ gefangen hatte, war ihre ganze Aufmerkſamkeit dem⸗ ſelben gewidmet. Während Magda arbeitete, kehrte ſie dem eben⸗ genannten Schirme den Rücken zu. Magda hatte kaum ihre Arbeit wieder aufge⸗ nommen und den Pinſel ergriffen, als ſie hörte, wie eine Thüre geöffnet wurde. Sie ſtand unbe⸗ weglich und lauſchte. Alles war wieder ſtille. — Meine Einbildung muß durch das Wachen in der Nacht bis zu einem ungewöhnlichen Grade auf⸗ geregt worden ſein, da es mir vorkommt, als wenn ich Töne und Seufzer hörte,— dachte Magda.— Ich habe auch entſetzlich gelitten. Sie drückte ihre beiden Hände gegen die Stirne und blieb ſo daſtehen, als der Schall von Tritten ihr Ohr erreichte. Ihr ganzer Körper zitterte. In demſelben Augenblick wurde die kleine Thür zum kleinen Zimmer vor dem Atelier geöffnet und Sturm ſtand vor ſeiner Frau. Hinter ihm erſchien Porry. Unwillkürlich flog die Erinnerung an Sturms und Porrys letztes Auftreten in ihrem Atelier und an die unheilbringenden Folgen deſſelben durch Mag⸗ das Kopf. Was würde ſich jetzt zutragen? Magda, die ſonſt ſo ſeelenſtarke Magda, fühlte ſich faſt ſchwan⸗ ken, als ſie den Augen des Mannes begegnete. Welche die Waffen auch waren, die ſie zu Be⸗ 32 kämpfung der tyranniſchen Launen des Mannes be⸗ ſaß, ſo konnte ſie doch jetzt ſie unmöglich anwenden. Der Werkpbeſitzer war vor Magda ſtehen geblie⸗ ben und warf einen flüchtigen Blick im Zimmer um⸗ her; darauf rief er heftig: — Wie biſt Du hierher gekommen? Wer hat Dir hier den Eintritt verſchafft? Wie wagſt Du... — Beruhige Dich, Sturm,— fſiel Porry ein.— Werfe einen Blick hierher. Er deutete auf das Gemälde. Sturm ging auf die Staffelei zu, faßte Magda am Arme und ſchrie mit raſender Stimme: — Weib, biſt Du verrückt? Haſt Du es gewagt, — gewagt dieſes Bild anzurühren? gewagt dieſe Pinſel anzufaſſen? Er ſchüttelte ihren Arm und fügte hinzu: — Ich.... Hier wurde er durch ein kleines Geräuſch vom Schirme her unterbrochen. — Ah! Du biſt nicht allein; Du haſt hier ein Stelldichein gehabt. ⸗ Er ſchleuderte Magda bei Seite und ſtürzte ge⸗ gen den Schirm. Magda blieb unbeweglich auf dem Platze ſtehen, wohin er ſie hingeſchleudert. 3 — Du haſt die Schlüſſel zu dieſen Zimmern ge⸗ ſtohlen, um hier Rendezvous mit Deinem Liebhaber zu haben,— ſchrie Sturm. Augenblicklich war der Schirm auf die Seit geworfen. Hinter demſelben ſtand— René6c6. t, ſe Fünf Jahre ſpäter. Ein Bad⸗ und Geſundheitsort, was iſt das eigentlich für ein Ort? Es iſt ein Platz, wohin man ſich nach den Zerſtreuungen des Winters be⸗ gibt, um, unter dem Vorwand, für ſeine Geſund⸗ heit zu ſorgen, den Genuß des berauſchenden Tranks des Vergnügens und der Thorheit fortzuſetzen. Man badet, man trinkt Mineralwaſſer, das iſt freilich wahr, aber man amüſirt ſich noch mehr, und in müßigen Stunden verläumdet man ſich gegenſeitig, wie ſonſt überall. 4 Nach einem ſolchen Orte beabſichtige ich Dich zu führen, geehrter Leſer. Wo derſelbe liegt, gehört nicht hieher; genug, er lag innerhalb der Gränzen er 3 1 Schwedens. Ferner war er zur Zeit unſerer Er⸗ zählung ſehr in der Mode und folglich auch ſehr beſucht. Er hieß,— ja da haben wir das Geheim⸗ niß, und darum ſei es uns erlaubt, denſelben— ſtrand zu nennen... Es war in den letzten Tagen des Juni. Alle Zimmer in und um— ſtrand waren mit Ne. und Curgäſten, die der Welt des Reichthums, S dw artz Die Tochter des Ebelmanns. III. 34 des Hochmuths und der Eleganz angehörten, an⸗ gefüllt. Der Zahl der Gäſte nach zu urtheilen, ſchien es, daß die Badeſaiſon eine glänzende werden und daß man ſein Beſtes thun würde, um es ſo wenig lang⸗ weilig als möglich zu haben und einander ſo weit möglich in Luxus zu überbieten. Die Thorheit und die Citelkeit wollten hier einan⸗ der zu einem Wettſtreit herausfordern. Man hatte feſt beſchloſſen, Vernunft und Alles, was auf den Ramen Ernſt Anſpruch machen konnte, über Bord zu werfen, und die Unvernunft, allein das Loſungs⸗ wort des Tages werden zu laſſen. An einem ſchönen Morgen finden wir in dem großen Curſaal unter dem Gewimmel der Menſchen ein junges Frauenzimmer, welches durch ſeine ſtolze Haltung und ſein blendend ſchönes Aeußeres un⸗ willkürlich das Auge an ihre Perſon feſſelte. Sie war von einem älteren Frauenzimmer von kränklichem Aeußeren begleitet. Die junge Dame war ganz und gar ſchwarz ge⸗ kleidet. Sie trug einen Traueranzug. Sie und die Alte wanderten auf und ab im Salon, von einem langen, ſchlanken Cavalier von einem ſüdlichen Aus⸗ ſehen begleitet. — Ich glaubte nicht, daß Sie Wort halten und hier mit uns zuſammentreffen würden,— ſagte die junge Dame mit einem ſo heitern und anmuthigen Lächeln, daß das Kalte und Stolze in ihrem Geſich verſchwand.— — Und warum zweifelten Sie daran, enn 35 — fragte der Cavalier, welcher kein anderer war, als unſer alter Bekannter Nils Porry. 3,— Darum, weil es mich ſo viel Mühe koſtete, 6 Sie dazu zu überreden. 4— Es iſt wahr, ich bin hier gegen meinen Wil⸗ it len; aber da Sie mir das Verſprechen abgezwungen, war ich ja genöthigt, es zu halten. n⸗ Porry ſagte dieſes in einem nachläſſigen Tone. te— Meine ſüße Jenny, es kommt ganz ſo heraus en als wenn der Profeſſor unzufrieden darüber ſei, rd Deinen Wunſch erfüllt zu haben,— fiel die ältere 8. Damo, die verwittwete Gräfin Eldon, ein. — Ich bin es auch, Frau Gräfin,— antwortete m Porry. en Ueber Jennys Geſicht flog eine leichte Röthe; 3 ze aber mit einem milden Lächeln bemerkte ſie: n⸗— Man darf ſich nur an die Worte des Pro⸗ ie feſſor Porry halten. Der Widerſpruch iſt das am im meiſten Hervortretende bei ihm. Nun, Herr Pro⸗ feſſor, wann kamen Sie in— ſtrand an? e⸗— Geſtern Abend. Wäre ich früher angekom⸗ ie Grnn ſo würde ich Sie früher aufgeſucht haben, Frau 6 räfin. 3. Porrys Stimme hatte einen veränderten Ton. Jenny's Milde hatte eine Umwälzung in ſeiner Ge⸗ müthsſtimmung hervorgerufen. — Dank; jetzt kenne ich Sie wieder. Jenny lächelte ihm ſo freundlich und ſo hübſch zu, daß er kein Mann von Herz geweſen wäre, falls er hätte fortfahren können bei übler Laune zu ſein. — Gräfin, verderben Sie mich nicht mit ſolchen Schmeichelworten; ſie werden in Ihrem Munde . 33 ½ 8 36 gefährlich. Wie lange iſt die Herrſchaft hier ge⸗ weſen? — Nur einige Tage. — Und Sie ſind der Gegenſtand, an dem Aller Blicke hängen. — Gott weiß; wenn dem ſo iſt, ſo habe ich es nicht bemerkt. Meine Gedanken ſind anderswo ge⸗ weſen. 1 — Doch nicht bei den Todten? Sie ſind jetzt zwei Jahre Wittwe geweſen und... — Sie meinen, daß die Trauer zu Ende ſein müßte? — Sie müßte; aber aus Ihrem Anzug ſchließe ich, daß dem nicht ſo iſt. — Laſſen wir das! Jenny ſeußzte. — Erlauben Sie mir nur einen Rath. — Gern. — Coquettiren Sie nicht länger mit dem ſchwar⸗ zen Schmuck. — Und warum nicht? — Verlangen Sie nicht, daß ich es jetzt ſagen ſoll.... Ah! 2 Mit dieſem Ausruf der Verwunderung unterbrach Porry das, was er zu ſagen beabſichtigte. Jenny wandte den Kopf um, um zu ſehen, was ſeine Ueberraſchung veranlaßt. Ihnen entgegen kamen zwei junge Damen, die ebenfalls von einem Capalier begleitet waren. Die eine derſelben hatte Jenny Kronſtrahls Höhe, Hal⸗ tung und Ausſehen. Es war eine große Aehnlichkeit zwiſchen ihnen. Sie trug wie Jenny Trauertracht t 37 Die Züge waren freilich weniger regelmäßig, als die der Gräfin, aber ſie hatten etwas Geiſtreicheres und Genialeres im Ausdruck. Jenny blickte auf, ihre Augen begegneten ſich und über Beider Geſichter flog eine dunkele Röthe; 3 auch die Miene der Gräfin Eldon änderte ſich beim 5 Anblick der hochgewachſenen und ſchlanken Dame, welche an ihnen vorbeipaſſirte, indem ſie und ihre t. Begleiterin einen Gruß mit Porry wechſelten. — Wer war jenes Frauenzimmer?— fragte 1 Jenny in einem Tone, dem jeder Anſtrich von Milde abging. 3— Die Wittwe des Werkbeſitzers Sturm,— antwortete Porry, betrachtete die junge Gräfin und fügte hinzu:„ — Kennt die Gräfin ſie? — Nein! — Das wundert mich. — Wie kann das Sie wundern? — Bis auf Weiteres iſt dies mein Geheimniß. Porry vertauſchte das Thema der Unterhaltung u mit einem anderen und verabſchiedete ſich, nachdem er eine Zeitlang mit Jenny und ihrer Mutter ge⸗ h ſprochen. 3 In der Nähe des Curſaals befand ſich ein gro⸗ ßer, ſchöner Garten, in welchem zwei Gebäude lagen. Sie gehörten irgend einer Privatperſon, und wurden an Bad⸗ und Curgäſte vermiethet. In demfenigen, welches im oberen Theil des Gar⸗ tens gelegen war, wohnten die verwittwete Gräfin 38 Eldon und ihre Tochter, die verwittwete Gräfin Kron⸗ ſtrahl. Die beiden vornehmen Damen hatten das ganze Haus gemiethet. Eine oder zwei Stunden ſpäter an demſelben Tage, an welchem Porry und ſie zuſammen promenirt hatten, finden wir die Gräfin Eldon in einem Fau⸗ teuil zurückgelehnt ſitzend. Jenny ging ſcheinbar ſehr aufgeregt auf und ab. — Kann Mama mir ſagen, wozu alle die Worte dienen ſollen? Sie ſind nicht im Stande, den Sturm in meinem Innern zu beſchwichtigen; ſie können das Feuer nicht löſchen, welches hier brennt; ſie haben nicht die Kraft, die Gefahr zu beſeitigen, welche mir droht. Ach! mein Gott, ſoll denn dieſes Weib ewig mein Unglück werden. Jenny rang die Hände. — Beruhige Dich, mein Engel;— bat die Gräfin,— und höre, was ich zu ſagen habe. — Ich kann nicht ruhig ſein; ich will es nicht — rief Jenny mit dem Jähzorne eines ungeduldi⸗ gen Kindes. Es fehlte nur noch, daß ſie in den Boden ſtampfte. — Kannſt Du mir ſagen, mein einziges, gelieb⸗ . tes Kind, was Du noch ferner zu befürchten haben kannſt? Du, welche reich, ſchön, von angeſehener Familie, frei und vollkommen Herr Deines Schick⸗ ſals biſt? — Mama fragt, was ich zu befürchten habe? Jenny ſchlug die Hände zuſammen und blieb vor der Mutter ſtehen. — Hat Mama denn vergeſſen, wie und auf welche Weiſe ich ſeine Bekanntſchaft machte? 4 8 ——— . 4 e. 39 — Gewiß erinnere ich mich deſſen nicht, da Du es warſt und nicht ich, die ſeine Bekanntſchaft machte. Dein Mann lebte damals, und ich war in Schonen. — Aber Mama hat mich davon ſprechen hören, — rief Jenny heftig. — Nun, und dann? Er betrachtete eines ihrer Bilder. Nun, was beweist das? — Daß jenes Bild ein Theil des Weibes ſei, das er geliebt. — Möglich; daß er ſie damals liebte, woll⸗ teſt Du wohl ſagen. Jenny warf ſich in ein Sopha und rief mit Bitterkeit: — Wenn man Sorenza geliebt hat, dann hört man nicht auf ſie zu lieben, wie man auch nicht aufhört ſie zu haſſen. Ach! wie hat er mich nicht betrogen, als er ſagte, daß er nicht wiſſe, wo ſie ſich befände. Mama müßte übrigens beſſer als irgend ein Anderer wiſſen, daß derjenige, welcher ſein Herz an Jemanden mit ihrem Blute in den Adern ge⸗ ſchenkt, für alle Andern verloren iſt. Mein Vater konnte ja nie die Mutter vergeſſen. Die Leiden, welche Mama ihretwegen ausgeſtanden, werde ich jetzt meinerſeits durchleben. O, mein Gott! wie unglücklich, wie beklagenswerth bin ich nicht! Wozu nützt mir all dieſer Reichthum, all dieſe Schön⸗ heit, da ich mir dafür nicht das Herz kaufen kann, welches ich beſitzen möchte! Jenny verbarg ihr Geſicht in den Händen und weinte mit einer ſolchen Heftigkeit, die deutlich zeigte, daß der Schmerz ſtark mit Aerger vermiſcht ſei. 40 — Das, was Du jetzt ſagſt, ſchließt einen bitte⸗ ren Schmerz in ſich,— bemerkte die Gräfin. Habe ich denn nicht genug Qualen gehabt, welche ſie und ihre Mutter mir verurſachten; ſoll ich denn es noch mit anſehen, wie der Kummer darüber auf Dich übertragen wird! Die Gräfin ſtand auf, ging hin zur Tochter, beugte ſich über ſie und ſagte mit der ganzen unbe⸗ gränzten Zärtlichkeit einer ſchwachen Mutter: — Gott kann nicht ſo hart ſein, daß er ſolche Leiden über Dein Haupt herabkommen laſſen wird. Nein, Du wirſt glücklich werden, und ſollte ich ge⸗ zwungen werden, dieſes Glück für Dich zu ſtehlen. Jenny ſchob die liebkoſende Hand der Mutter heftig von ſich und ſagte ſchluchzend: 3— Spreche nicht ſo, Mama kann nichts für mich thun. . Darauf ſtand ſie auf, drückte die Hände gegen die Bruſt und rief: — Mama, ich liebe, liebe Porry ſo ſehr, daß ich den Tag, an welchem er eine Andere liebt, nicht mehr leben will. Ja, ich würde mir lieber das Leben nehmen, als ohne ſeine Liebe zu leben, hören Sie das, Mama. Er iſt ja der Einzige, der Erſte, den ich wirklich geliebt habe. Es iſt ja nicht anders möglich, als daß ich ſterbe, wenn er für mich ver⸗ loren ginge. — Biſt Du deſſen gewiß, daß er Dich noch liebt?— fragte die Gräfin und blickte Jenny ge⸗ dankenvoll an. — Ja, noch bevor er ſie wiederſah, that er es: aber jetzt— jetzt— iſt es vielleicht vorbei. V 41 e⸗ geſſen iſt gewiß Alles, was geweſen. Weſſen iſt die Schuld? Mamas! he— Meine Schuld!— rief die Gräfin erſchrocken. in— Ja, wenn Mamas Vorurtheile, wenn Mamas uf Geſpenſterfurcht nicht geweſen, dann hätte ich jetzt nicht nöthig mit wahnſinniger Verzweiflung an die r, Zukunft zu denken; aber ſo iſt es immer geweſen, e⸗ und ſo wird es ewig bleiben, Mama läßt ſich be⸗ einfluſſen, und ſo müſſen Andere wegen Mamas de Schwäche leiden. d. Es ſchien, als wenn Jenny darin eine Linde⸗ e⸗ rung, einen Troſt fand, daß ſie ihren aufgeregten Gefühlen freien Lauf ließ. r— Jetzt biſt Du nicht gerecht, mein Täubchen, — fiel die Gräfin gelaſſen ein und ſetzte ſich in ch einen Lehnſtuhl. — Bin ich nicht,— ſchrie die Taube heftig. en Kann Mama läugnen, daß ich vorigen Früh⸗ ling auf Mamas Bitten es aufgab, nach Italien ch zu gehen, obgleich Porry eines Abends zu mir ſagte: ht Reiſen Sie nach Italien, und ich werde Sie be⸗ s gleiten, um nie mehr von Ihrer Seite zu weichen. n— Ach, ich war ja damals ſo krank, daß man e, mich faſt für eine Sterbende hielt,— flüſterte die 8 Gruäſin und ſtützte ihren Kopf auf die Hand. — Nun ja, darum ließ ich mich ja auch über⸗ reden. Ferner, war es nicht Mama, welche ſich von Ernfrid eine Menge Thorheiten von Mesalliance und dergleichen einreden ließ, ſo daß wir nothwen⸗ dig hinunter nach dem abſcheulichen Schonen und von dort zu Onkel Harthons reiſen mußten; Alles in der boshaften Abſicht, mich von ihm zu trennen, 42 was zur Folge hatte, daß ſeine Gefühle während der Abweſenheit erkalteten. O! wenn ich daran denke, daß ich ohne alle jene Künſte jetzt ganz gewiß ſeine Frau wäre, ſo kommt es mir vor, als wenn Mama und Ernfrid mir ein Uebel zugefügt hätten, welchem nie verziehen werden kann. 1 — Aber, mein geliebtes Kind, Du weißt doch zu gut, daß ich Dein Glück über Alles ſtelle. — Jetzt weiß ich weder das, noch habe ich es erfahren; im Gegentheil. Den Hochmuth hat Mama darüber geſtellt. — Jenny, Du willſtt doch nicht, daß ich Dich rückſichtslos... — Meinem eigenen Willen überlaſſe. Ja, das will ich. Uebrigens hat weder Mama noch Ernfrid etwas mit der Sache zu thun; als Wittwe bin ich meine eigene Herrin. — Nun gut, dann ſind Deine Anklagen falſch. — Durchaus nicht. Ihr habt mich mit Eurem Gerede über das Unpaſſende, mich ſo bald zu ver⸗ heirathen, überliſtet. Gott weiß, wann und wie ſie geendet, went nicht ein Diener die Gräfin X. angemeldet hätte. Die Convenienz verlangte jetzt, daß ſie ihre ſchlechte Laune maskirte. Sie und die Mutter begrüßten ſie mit einem verbindlichen Lächeln. 4 Die Rede kam natürlich auf die Curgeſellſchaft Das kleine Kapital von Geſchwätz, welches bereit geſammelt war, ſollte jetzt Zinſen tragen. 4 — Du weißt wohl, meine Süße, wer das af Gebäude hier bewohnt?— ſagte Gräfin X. 43 — Nein, ich bin darüber vollſtändig in Un⸗ kenntniß,— antwortete die Gräfin Eldon. — Das iſt unſere ausgezeichnete Künſtlerin, Madame Sturm, und ihre Stieftochter, die junge Madame Sturm. Sehr charmante Leute. Die junge Frau iſt mit ihrem Couſin, dem Werkbeſitzer René Sturm, verheirathet. Sie iſt eine Welt⸗Damd, ſo⸗ wohl durch ihre Schönheit, wie durch ihren Reich⸗ thum und ihre ungewöhnliche Bildung. Man be⸗ hauptet, daß Dein Sohn Arthur ſeinen Frieden und ſein Herz zu ihren Füßen geopfert. Die Künſtlerin, Madame Sturm, nur zwei oder drei Jahre älter als die Stieftochter, iſt eine der herrlichſten Frauen, die ich je geſehen! Eine wirk⸗ liche Acquiſition für das Geſellſchaftsleben und für die Curſosieté. Ich kann es mir denken, wie die reiche Wittwe von Freiern beſtürmt werden wird. Sie wird ge⸗ wiß den Sieg über die feine und gefeierte. Stief⸗ tochter davon tragen, die doch immer das gegen ſich hat, daß ſie verheirathet iſt. Schweigend hörten die Gräfin und Jenny ihr zu. Eine dunkele Röthe nach der anderen flog über die Züge der letzteren, und ein⸗Ausdruck ſchlecht ver⸗ hehlten Neids und Bitterkeit leuchtete durch die Maske, hinter welcher Jenny ihre aufgeregte Ge⸗ müthsſtimmung zu verbergen ſuchte. Die Gräfin Eldon rückte unruhig hin und her, als wenn etwas ſie gepeinigt hätte. Der Plagegeiſt fuhr fort: — Sie haben wohl Madame Sturms letztes Bild auf der Ausſtellung geſehen? 44 — Nein,— antwortete die Gräfin. Jenny wurde feuerroth im Geſicht und gab durch 2 eine mechaniſche Bewegung zu erkennen, daß ſie daſſelbe nicht kenne. 1 1n — Wie Schade! Daſſelbe iſt ſo vörtrefflich, daß d man über ihr großes Talent erſtaunt iſt. Das Bild m ſtellt Chriſtus und Judas in dem Augenblick dar 8 1 wo der letztere den Erlöſer verräth. Ach! Es iſt ganz und gar charmant, und daſſelhe ſagte Profeſ⸗ ſor Porry, den ich jedesmal traf, wenn ich auf der Gemäldeausſtellung war. Wenn wir uns begegne! ten, ſagte ich ſcherzweiſe, daß er in das Bild ver⸗ liebt ſei, denn ich fand ihn immer auf einem Stuhle d vor demſelben ſitzen. Während wir von dem Bilde e ſprachen, leuchteten ſeine Augen von Leben und i Feuer und ſeine Lippen ſprachen das wärmſte und d begeiſtertſte Lob aus. Apropos, iſt die Herrſchaft f ſchon mit dem liebenswürdigen Profeſſor zuſammen⸗ ſ getroffen? 1 — Ja, heute Morgen,— antwortete die Gräfin.! Jenny war aufgeſtanden und hingegangen, um ein Glas Waſſer zu trinken. 1 — Ich ſah ihn, als ich hierher ging. Er wollte einen Beſuch bei den Damen Sturm machen. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß er mit ihnen ver wandt iſt?— — Er ſagte etwas Derartiges heute, als er die b beiden Frauenzimmer begrüßte. b Die Gräfin Eldon war in tauſend Aengſten 8 warf unruhige Blicke nach der Tochter. 0 — Ich rieth ihm, ſich in die ausgezeichne Wittwe zu verlieben. 45 — Nun, was antwortete er dann,— fragte h Jenny. e— Er lächelte und behauptete, daß er ſich fürchte, den Verſuch zu wagen, weil eine Dame von ſo un⸗ gewöhnlichem Geiſte keine leichte Eroberung ſei. Ich d meinestheils bin der Meinung, daß jene beiden v, Künſtler ausgezeichnet gut zuſammenpaſſen würden; ſt denn das geht nicht, daß er ſich eine profane Frau ſ wählt. er Die Gräſin warf einen Blick auf Jenny. Es e lag im Ausdruck derſelben etwas Boshaftes. r⸗ Die würdige Dame wußte ganz inſtinktmäßig, le daß ſie jetzt das Glück hatte, ihren Freundinnen mit de etwas recht Unangenehmem aufzuwarten. Es war ud ihr ganz wohl bekannt, daß Jenny Porry eine in nd die Augen falleènde Aufmerkſamkeit geſchenkt. Es if freute ſie jetzt, dem übermüthigen, auf ſeine Vorzüge n⸗ ſo ſtolzen Weibe zu zeigen, daß es doch keine ganz paſſende Frau für denjenigen ſei, dem es zu gefal⸗ in. len ſuchte. 1 ein Gräfin Eldon ſuchte das Geſpräch auf ein ande⸗ res Gebiet hinüberzuführen; aber erehens Grä⸗ lte ſin X. hatte ſich's in den Kopf geſetzt, von nichts en. Anderem zu ſprechen, als von Porry und Madame er⸗ Sturm. So bemerkte ſie z. B.: — Was meinen Sie? Die Damen Sturm die bewohnen das ganze andere Haus, gerade wie Sie beide hier. Man kann ſagen, daß ſie und Sie ind ganz prachtvolle Wohnungen im Vergleich mit uns anderen haben. ete Endlich, nachdem Gräfin X. ſich eine ganze uunde an der Tortur ihrer„guten“ Freundinnen 46 geweidet, nahm ſie unter der Verſicherung ihrer Er⸗ gebenheit Abſchied. Wir verlaſſen auch Jenny und Gräfin Eldon, um zu ſehen, was bei ihren Nachbarn paſſirt, und laſſen Jenny ihre Mutter als diejenige, welche im⸗ mer für ihre Laune entgelten mußte, nach beſten Kräften plagen. Das Gebäude, in welchem Magda Sorenza Sturm mit ihrer Stieftochter Mariquitta wohnte war eine hübſche zweiſtöckige Sommerwohnung. Die Zimmer im Parterre hatte Mariquitta für ihre Rechnung genommen; die, welche eine Treppe hoch lagen, waren Sorenzas. Wir machen alſo zuerſt einen Beſuch bei Mariquitta. In einem ſehr ſchönen Salon ſitzt eine junge Frau üppig in einem Pompadour zurückgelehnt. Sie iſt in ein graues mit Schwarz eingefaßtes Seiden⸗ kleid gekleidet, welches andeutete, daß ſie in Halb⸗ trauer ſei. Auf einem Stuhle neben dem Pompadour fin⸗ den wir Arthur Eldon. Arthurs Blick war auf 2 riquitta mit einem Ausdruck von Liebe und Bewun derung gerichtet. — Ja ſo, mein lieber Graf, Sie ſind alſo nut nach— ſtrand gekommen, um den Grund zu erfah⸗ ren, warum ich mich verheirathet habe,— ſagte Mariquitta lachend. 4 — Sie haben wohl nicht vergeſſen, was Sie bei unſerem Abſchied äußerten?— fragte Arthun ſtatt zu antworten. 47 — Nicht genau, aber ſo ziemlich. — Da habe ich ein beſſeres Gedächtniß,— meinte Arthur. — Daran zweifle ich nicht. Nun, was ſagte ich? Magda neigte ihren Kopf ſeitwärts. — Dieſe Worte:„Kommen Sie nach— ſtrand, dann werden Sie bei Ihrer Ankunft Ihren Wunſch, zu erfahren, wie ich René Sturms Gattin wurde, erfüllt bekommen.“ Ich hatte Sie ſo oft darum gefleht, Klarheit in dieſer Sache zu erhalten, daß.. „— Sie ſich beeilten, ſich wieder hier einzufinden. Die Neugierde war alſo das Gefühl, welches Sie hierher führte. — Ach, Mariquitta, Sie wiſſen zu gut, daß... — Daß Sie. ein Narr ſind, beſter Graf, das weiß ich gut genug; aber zur Erfüllung meines Verſprechens: Es macht mir ein Vergnügen, es gerade jetzt einzulöſen. Alſo fangen wir an: — Ich war mit Tante Marie nach Stockholm gereist, um meine Erziehung zu vollenden und Lücken, welche es in derſelben gab, auszufüllen. Lines ſchönen Tages, kurz nach meiner Ankunft in der Hauptſtadt, erhielt ich einen Brief von meinem Vater mit dem Befehl, ſofort nach Eckſjö zurückzu⸗ kehren. Ich fühlte mich nicht aufgelegt zu gehor⸗ chen und meinte außerdem, daß, da ich einmal nach der Hauptſtadt gekommen, um mir Kenntniſſe anzu⸗ eignen, die ich vermißte, es dumm ſei, wieder nach Hauſe zurückzukehren. Ich antwortete deßhalb, daß es unmöglich Papas Ernſt ſein könne, meine Lectionen jetzt zu unter⸗ 48 brechen, wo ich ſie eben angefangen hatte; darun blieb ich auch in Stockholm.— Es war das Erſtemal, daß ich es wagte, mei⸗ nem ſtrengen Herrn Vater zu opponiren; aber die Entfernung zwiſchen uns war zwanzig Meilen. Mariquitta lachte herzlich und fuhr dann fort: — Um aufrichtig zu reden, ſo waren es wenigen die Lectionen, welche mich dazu veranlaßten, als die Annehmlichkeit, in der Hauptſtadt zu ſein. Ich fam das amüſant. Man hatte mich ſchon darüber auf⸗ geklärt, daß ich eine nicht ungewöhnliche Schönheit beſäße, etwas, worüber ich bis dahin in Unkennt niß gelebt. Es ſchien mir deßhalb weniger ange: nehm, nach unſerem einſamen Eckſjö zurückzukehren Genug, mein lieber Vater erfuhr, daß ich auch mei nen Willen habe. Eine Woche verfloß. Ich war gerade im Be⸗ griff, mich für eine Morgenpromenade mit den Fräu⸗ lein S—, den Töchtern des Präſidenten S—, an zuziehen, bei welchen Tante und ich wohnten, als René in mein Zimmer trat. Aha, dachte ich, der Couſin kommt, um mich mit den nöthigen Mitteln abzuholen. 3 „Gewiſſermaßen hatte ich Recht, denn er kam, un mich um meine Hand anzuflehen. Er bat mich dar um wie um eine Rettung ſeiner Zukunft, ſeiner Ruh und ſeiner ganzen Exiſtenz. 7 Nun gut, mein Freund, was ſollte ich ander thun, als einwilligen? Ich hatte das Wohl und Wehe eines andern Menſchen in meinen Händen Ich meinte, daß es recht ſchön ſei, dazu bei 49 rum zutragen und zu gleicher Zeit für immer von dem Deſpotismus meines Vaters befreit zu werden. nei⸗ Ich war nur ſiebenzehn Jahre. Genug, Tante die und ich verließen die Hauptſtadt und begleiteten René nach Eckſjö. Dort angekommen, war mein t: Vater griesgrämiger gegen mich, als je. Er nahm iga mich in Privatbeichte und fragte mich, inwiefern di René zu mir von Liebe geſprochen. Ich weiß nicht fand recht, warum, aber ich bekam den Einfall, dem Alten auf weiß zu machen, daß René mich wirklich längere Zeit ihei damit geplagt hätte. Bei dieſer meiner Aeußerung unt verwandelte ſich die Geſichtsfarbe meines Vaters nge von Dunkelgelb in Hellgelb. Er ſah ganz verwan⸗ ren delt aus. mei Etwas war vorgekommen; aber was, das weiß ich in dieſer Stunde noch nicht; denn meine Stief⸗ Be mutter war vollkommen verändert. Gegen mich zeigte räu ſie ſich freilich zärtlicher und freundlicher als je, aber. an gegen meinen Vater und René kälter und verſchloſ⸗ al ſener. Höchſt ſelten ſprach ſie und nie lächelte ſie wie früher. Alles Leben, alle Zeichen von Gefühl mic waren gleichſam ausgeſtorben. Sie glich einer Mar⸗ morſtatue. Als René drei Monate nach meiner Rückkehr dar einundzwanzig Jahre geworden, wurde unſere Hoch⸗ Ruhe zeit gefeiert. René wurde dadurch Eigenthümer der Hälfte von Eckſjö, welche mein mütterliches Erbe der war. Papa wurde durch dieſe Heirath es üben n ben, mich aus der Fabrik herauszukaufen und nden zu gleicher Zeit René behalten. bei At kommt das Kbſtlichſte von der gan faicf denn etwas Anderes war unſere gan chwa rt, Die Tochter des Edelmanns. III. 4 50 nicht. René machte mir den Tag nach der Hochzeit den Vorſchlag, in Begleitung von Tante Maria nach Paris zu reiſen und dort den Unterricht fort⸗ zuſetzen, der durch unſere Heirath unterbrochen wor⸗ den war. Selbſt beabſichtigte er, ſich nach England zu begeben. Jener Vorſchlag kam mir etwas ſonderbar vor, weil ich mir ein wenig eingebildet hatte, daß Renẽé in ſeine junge Frau verliebt ſein müßte, obgleich er es mir nie geſagt. Ich nahm indeſſen den Vorſchlag an. Es galt ja, nach Paris zu reiſen. Er begleitete uns auch dorthin und begab ſich dann nach England. In London konnte er indeſſen nur kurze Zeit bleiben; denn ein Brief von Papt veranlaßte ihn, nach Hauſe zurückzukehren. Er kan dann nach Paris und wollte, daß ich mit ihm nach Hauſe gehen ſollte; aber dazu war ich nicht im Ge ringſten geneigt. Ahl Sie können es ſich nicht vorſtellen, wie gött lich amüſant ich es hatte. Meine Vormittage vet wandte ich zu Lectionen, meine Nachmittage zu Ver gnügungen. Ich war frei, ich war reich, ich wa unabhängig, ich war nur ſiebenzehn Jahre alt un ich war hübſch. Unter ſolchen Umſtänden war es unmöglich, dies Heimath der Freude und des Vergnügens zu ver laſſen, um einen Mann zu begleiten, den ich nich bte, und nach einer Heimath, die ich nie ang gefunden. ſagte René dieſes. Er ſuchte mich zu üba aber vergebens. Ich bat ihn, keingeee 1 theiten von mir zu verlangen und ſtetltt 51 it vor, daß er mit dem Opfer zufrieden ſein müſſe, wel⸗ ia ches ich ihm brachte, als ich ſeine Frau wurde. Nach t⸗ dieſer Erklärung reiste er im Zorne ab. r⸗ Ich blieb in Paris, wo ich ſowohl kurze wie add lange Briefe aus der Heimath erhielt, in welchen mein Vater befahl, mein Mann bat und meine Stief⸗ dr. mutter mich zu überreden ſuchte, zurückzukehren; aber né ich war zu weit entfernt, um ſie auf mich einwirken er zu laſſen. ag Endlich erhielt ich nach einem Aufenthalt dort von zwei Jahren einen Brief und folgende Zeilen ſich von meiner Stiefmutter: ſer„Dein Vater iſt krank; wenn Du ihn ſehen willſt, ape während er noch lebt, ſo verlaſſe beim Empfange an dieſes Paris.“. ad Ich reiste, wie Sie wiſſen, ſofort ab; ich reiste Ge Tag und Nacht, bis ich in Eckſjö ankam. Mein Vater war wirklich ſehr ſchwer krank, und ött meine Stiefmutter ſaß an ſeiner Seite, ein Bild der ver Geduld, der Hingebung und der Selbſtaufopferung. Ver Sie war damals faſt eine Sterbende, ſo ſehr hatte wa ſie in dieſen letzten Jahren, beſonders während ſeiner un Krankheit, gelitten, wo Schmerzen und Furcht vor dem Tod ſeine Laune ſo verſchlimmert hatten, daß diet man die Milde und Verträglichkeit eines Engels ha⸗ ve ben mußte, um es auszuhalten. nic Nach Begräbniß und Erbtheilung reiste meine ung Stiefmutter nach Kopenhagen, um ihre ſchwache Ge⸗ ſundheit wiederherzuſtellen. Ich und mein Mann üba fuhren nach Stoßholm, um dort den Winter zuzu⸗ Eba bringen. 5 René kehrte nach einem kurzen Aufenthalt dort 4* 4 * 5² bleicher, düſterer und verſchloſſener als je nach Eckſjö zurück. Alles das wiſſen Sie. Mariquitta hielt inne und wickelte, während ſie gedankenvoll vor ſich hinblickte, einen Faden um ih⸗ ren Finger. —₰ Es war während des erſten Jahres Ihres Aufenthalts in Paris, daß ich Sie kennen lernte,— bemerkte Arthur. — Ja, das iſt wahr; ich hatte es beinahe ver⸗ 2* geſſen,— hob Mariquitta wieder an und ſeufzte leiſe. — Sie hatten es vergeſſen!— rief Arthur und wechſelte leicht die Farbe. Ich meines Theils werde nie im Stande ſein, unſer Zuſammenſein dort zu vergeſſen. Mariquitta reichte ihm lächelnd die Hand. — Dank, Dank! Darauf ſtand ſie haſtig auf und fügte ganz heiter hinzu: — Jetzt, mein Freund, kann ich alles wetten, was ich beſitze, daß Sie noch nicht Ihre Mutter beſucht. — nicht,— war die Antwort. — Welch e Nachläßigkeit, ſich ſo von der Neu⸗ ggierde beherrſchen zu laſſen. Jetzt, nachdem ich mein Verſprechen eingelöst, hoffe ich, daß Sie mir nicht mehr Schuld geben, Sie aufgehalten zu haben. — Das heißt, Sie wünſchen, daß ich gehe. — Ich wünſche, daß Sie Ihre Mutter beſuchen, um nachher das Recht zu haben, lederzukommen. Arthur ſtand auf. 1 — Apropos, ich rechne auf Sie morgen Nach⸗ ————... e ſie folgenden Monolog hielt: könnte ich mich wohl tröſten, falls es mich nicht är⸗ meinige zu feſſeln, muß man es beherrſchen und nicht davon beherrſcht werden.. gelb hütt 53 mittag. Ich habe dann eine kleine Geſellſchaft von meinen Freunden hier im Bade, und dann können Sie die Bekanntſchaft meiner Stiefmutter machen. Mahrnen Sie ſich in Acht, ſie hat einen ſcharfen Blick, und... — Ich fürchte ſie nicht,— fiel Arthur ein; dann ergriff er Mariquittas Hand, küßte dieſelbe mit einem zugleich ritterlichen und doch warmen Ausdruck und fügte einige Abſchiedsworte hinzu, worauf er ſie verließ. Mariquitta trat hin vor den Spiegel, während — Ich bin zwanzig Jahre und gefalle ſehr. Ich könnte alſo glücklich ſein und doch bin ich es nicht. Mich plagt dieſer Stillſtand, dieſe Einförmigkeit. Mein Mann fragt nicht nach mir. Nun, darüber gerte. Denjenigen, den ich liebe, begreife ich nicht, und darum fehlt es der ganzen Intrigue an Farbe. Arthur Eldon iſt mein Sklave, und das iſt mir nicht piquant genug. Ich wollte lieber, daß er mein Tyrann wäre. Ich mag ihn plagen, wie ich wil und mit welchen Einfällen ich auch will, ſo iſt u bleibt er gleich verliebt. Er thut Alles, was ie verlange, um damit zu beweiſen, wie ſehr er mich anbetet; aber, mein Gott, um ein Herz wie das Sie ordnete ihre Haare, lächelte ihrem Spie⸗ ilde zu und ſummte ein Lied aus r Alpen⸗ e. 54 Wenn man jetzt Mariquitta ſah, fragte man ſich unwillkürlich, ob dieſes graziöſe und elegante Wei wirklich daſſelbe Mädchen ſei, das wir auf Eckſjö geſehen. Ja, die hübſchen Züge, die lebhaften Augen wa⸗ ren wirklich dieſelben, aber mehr ausgebildet und noch lebhafter. Mariquitta wußte, daß ſie hübſch war und ver⸗ ſtand es auch mit dem feinen Tact einer welterfah⸗ renen Dame ihrem Geſichte einen ſolchen Ausdruck zu geben, welcher zu den Worten paßte, die ſie aus⸗ ſprach⸗ Sie kleidete und putzte ſich ſo, daß ſie ihrer na⸗ türlichen Anmuth einen vermehrten Glanz verlieh. Mariquitta liebte es, allen jungen Männern, die ihr in den Weg kamen, den Kopf zu verdrehen. Klug, berechnend und im höchſten Grade verſchlagen war ſie nur deßhalb in ihren Sitten untadelhaft, weil ſie es für unklug hielt, anders zu ſein. Sie liebte es, angebetet zu werden und Huldi⸗ gungen zu empfangen, aber ſie fand es nicht nach was dafür in Tauſch zu daen rem Geſchmach, Et Wahr iſt es, daß Mariguitta zweimal verliebt Auch war denſchaft, gleich nachdem dieſ rathen, in Rauch aufgegangen. Mariquitta fand, daß der alles Interef lungen war, von ihren Lippen erpreſf Gegenſtand derſelben ge⸗ 5⁵ Das Zweitemal paſſirte es ihr indeſſen, daß es ihr wärmer ums Herz wurde, aber auch jetzt kam es ihr vor, als wenn, nachdem ſie geſtanden, was ihr Herz fühlte, das Hauptintereſſe verſpielt ſei. Sie hatte eine Gewißheit gegeben, welche den Reiz zer⸗ ſtörte, der darin lag, eine Perſon in Unkenntniß von ſeinem Glück ſchweben zu laſſen. Sie genoß nicht die Zerſtreuung, durch die Qualen der Unge⸗ wißheit den Armen zu plagen, welcher ihr ſeine mäch⸗ tigſten Gefühle gewidmet. Dieſesmal war der Gegenſtand indeſſen Arthur Eldon, ein Mann von ſo ungewöhnlichen und lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften und von einem ſo über⸗ legenen Verſtande, daß ſie ſeiner nicht ſo leicht über⸗ drüſſig werden würde, ſondern unwillkürlich aner⸗ kennen mußte, daß er in Beziehung auf dieſe Eigen⸗ ſchaften weit über ihr ſtünde. Das Weiche und Gefühlvolle ſeines Innern wa⸗ ren indeſſen Fehler, mit denen ſie ſich nicht vertra⸗ gen konnte, und welche veranlaßten, daß ſie auf ſein Herz einen weit größeren und verderblicheren Ein⸗ fluß ausübte, als ſie auf irgend welchen anderen Mann hätte üben können. 4 Wenn Mariquitta ganz unbeſonnen irgend eine Art ihn zu plagen und zu beunruhigen ausdachte, ſo ahnte ſie nicht, daß dieſes Spiel ein Spiel mit dem Heiligſten war, das es für die Menſchheit gibt. Mariquittas von Natur gute Eigenſchaften hat⸗ ten theils durch ihre Erziehung und theils durch ihre Che eine ſchiefe und falſche Richtung erhalten, ſo daß Vieles von dem, welches gut geworden wäre, jetzt in das Gegentheil umſchlug: 56 Das natürlich Gute rettete ſie indeſſen davon, das zu werden, was man leichtſinnig nennt. Da Mariquitta ihre Treue gegen ihren Mann, der ihr Alles zu danken hatte, was er beſaß, nicht brach, ſo meinte ſie alle die Pflichten erfüllt zu haben, welche er ein Recht hatte von ihr zu fordern. Daß ſie ſich durch dieſe oder jene unſchuldige Liebesintriguen zerſtreute und Gerade und Ungerade um ihren eigenen und Anderer Frieden ſpielte, das hielt Mariquitta für eine höchſt unſchuldige Be⸗ luſtigung. 8 . Es würde ſie verwundert haben, wenn René, da⸗ von iſr Kenntniß geſetzt, es für ſtreitend gegen die Pflichten ſeiner Frau gefunden haben würde. Da er gegen ſie eine vollkommene Gleichgültigkeit an den Tag legte, ſo konnte er unmöglich auf Mariqauittas Liebe Anſpruch machen, und das Einzige, was er nach ihrer Anſicht zu fordern Recht hatte, war, daß Mariquitta ihm nicht untreu wurde. Bei ihrem letzten Beſuch zu Hauſe hatte Mari⸗ quitta Sorenza als ein Muſter der Selbſtaufopfe⸗ rung und der Pflichtliebe bewundert, aber ſie hatte gemeint, daß jene guten Eigenſchaften Sorenza vielg zu viel Kummer und Leiden verurſachten, als daß das Beiſpiel hätte lockend werden können. Nein, ſie wollte durchaus nicht abhängig ſein und beabſichtigte auch gar nicht, René zu v böh⸗ nen, ſondern ſie wollte ein heiteres Leben haben, koſte es was es wolle. Fpreilich hatten verſchiedene heiße Debatten zwi⸗ ſchen ihr und René ſtattgefunden, aber dann hatte Mariquitta ſich ſo beſtimmt geäußert und ihn ſtets .— —-— 8⏑&ν——=2 in 57 an das Opfer erinnert, welches ſie ihm gebracht, als ſie ſeine Frau wurde, daß dieſes Renés ſtolzes Herz dergeſtalt verletzte, daß er ſie ſo lange ſich ſelbſt überließ, als ſie nichts that, was ihn compromit⸗ tiren konnte. Vielleicht war der vollkommene Mangel an Zärt⸗ lichkeit von Renés Seite Schuld daran, daß Mari⸗ quitta durch kleine romantiſche Abenteuer ihr Leben zu erheitern und ſich ſelbſt die Rolle der Angebeteten zuzutheilen ſuchte. Es iſt im Allgemeinen ſchwer zu beſtimmen, ob ſolche Handlungen der Natur oder den Umſtänden ihren Urſprung verdanken. Gewöhnlich ſind ſie eine Folge der letzteren; denn wir müſſen als ausge⸗ macht annehmen, daß die Natur nicht die Unnatür⸗ lichkeiten hervorruft. Jetzt kann es ungewiß ſein, ob Mariquittas Gefühle je ein tieferes Gepräge an⸗ nehmen würden. Es war ſogar wahrſcheinlich, daß ſie es nicht thun, ſondern ſich mit der Wärme des Augenblicks an das, was ſie für den Moment gefeſſelt, anſchließen würden, um nachher von dem⸗ ſelben zu etwas Neuem fortzueilen, ohne auch nur im Stande zu ſein, es zu fuͤhlen oder zu begreifen, was wirkliche Liebe ſei. ſtee Wir machen jetzt einen Beſuch in der Wohnung ⸗ tte eine Treppe hoch. Sorenza ſaß an einem Tiſch voll von Entwürfen und Zeichnungen und war damit be⸗ ſchäftigt, dieſelben zu ordnen. In einiger Entfer⸗ nung hatte Maria Sturm ihren Platz. Sie arbei⸗ 58 tete eifrig an einer Handarbeit und warf von Zeit zu Zeit einen fragenden Blick auf Sorenzas ſtolzes Geſicht. Es ſind fünf Jahre, ſeit wir Sorenza in dem Augenblick verließen, wo ihr Mann René hinter dem Schirme überraſchte. Zum Zweitenmale erſchien Sorenza in einem zweideutigen Lichte, und zwar nicht allein ihrem Manne, ſondern auch dem gegen⸗ über, den ſie liebte, und das, obgleich ſie vollkom⸗ men unſchuldig und vollkommen in Unkenntniß von Renés Anweſenheit war. Welche die Scenen waren, die darauf folgten, wiſſen wir nicht; aber vielleicht, daß Sorenza ſie eines Tages ſelbſt erzählen wird. Was wir wiſſen, iſt, daß in demſelben Augenblick, in welchem Sturm den Schirm bei Seite ſchob und René vor ſeinen und Porry's Augen daſtand, der letztere ſich zurück⸗ zog und das Zimmer verließ. Nils wollte nicht Zeuge ihrer Erniedrigung ſein, die er noch bis zum Wahnſinn liebte. Er zog es lieber vor, den Schauplatz derſelben zu fliehen. Alles, was Sturm ſagen würde, war ja gerecht. Porry konnte ja alſe nicht ſie vertheidigen, welche 5 ſie alle Beide auf eine ſo unwürdige Weiſe betrogen. Nils überlegte indeſſen in dieſem Augenblick nicht vernunftgemäß, ſondern folgte inſtinctmäßig dem Strome ſeiner Gefühle. Wie er die Treppen hinunter, und wie er in ſein Zimmer kam, das wußte er ebenſo wenig, als wie er ſeine Kleider eingepackt bekam. Er hatt nur einen klaren Gedanken, und das war der, f 59 zu kommen, um nicht nöthig zu haben, Jemanden wiederzuſehen. Zur Mittagszeit trat Sturm zu ihm hinein. Das Ausſehen des jungen Mannes trug Spuren einer heftigen Gemüthsbewegung. Als Porry ihn erblickte ſagte er: — Sturm, ich reiſe ſofort ab. Du mußt mir Pferde bis zur nächſten Station geben.. — Ich habe bereits deshalb Befehle gegeben,— antwortete der Werkbeſitzer. — Ich kam, um Dir Lebewohl zu ſagen, weil ich vermuthe, daß Du nicht aufgelegt biſt, von irgend Jemanden ſonſt im Hauſe Abſchied zu nehmen. Porry machte eine Kopfbewegung, welche andeutete, daß er derſelben Meinung ſei. — Außerdem, mein lieber Porry, habe ich noch eine Bitte an Dich, nämlich über das, deſſen Du Lerte Zeuge geweſen, nie gegen Jemanden ein Wort u ſagen. — Du haſt mein Chrenwort darauf. Porry ging im Zimmer heftig auf und ab. Sein ganzes Aeußeres zeigte, welche Hölle von Qua⸗ len ſein Inneres barg. 4 Der Werkbeſitzer betrachtete ihn mit einem bos⸗ haften Blick, als wenn der Schmerz, den er im Geſichte des Couſins las, ihn freute. Nach einer Pauſe blieb Porry vor Sturm ſtehen und ſagte mit dumpfer Stimme: — Du haſt wohl auch jetzt nur ihr Glück vor Augen, wie Du ſagteſt, als wir uns am erſten Tage ſprachen? Du beabſichtigſt. — Ihr zu verzeihen,— fiel der Werkbeſiter 60 ein und reichte mit einem Hohnlächeln Porry die Hand.— Ja, das iſt meine Abſicht. — Und den Burſchen hier,.... in der Fabrik behalten? — Ja, er iſt unentbehrlich. Porrys Augen ſprühten Feuer. Er ballte krampf⸗ haft die Hände. Der Werkbeſitzer gab ihm nicht Zeit, mehr zu ſagen, ſondern fügte mit ſcharfer Stimme hinzu: — Ich liebe es nicht, von häuslichem Scandal zu ſprechen; ich ziehe es vor, denſelben vor den Augen der Welt zu verbergen, damit meine grauen Haare’nicht mit Schmach bedeckt werden. Und jetzt lebe wohl! Er eilte aus dem Zimmer. Eine Stunde darauf reiste Porry ab. Welche Tage, welche Jahre, welche Leiden und Demüthigungen über Sorenza ergangen waren: das konnte nur das düſtere Ekſjö erzählen. Daß ſie namenlos bitter geweſen, das konnte man auf ihrem Geſichte leſen; denn von dem Feuer, welches früher daſſelbe erhellte, gab es keinen Funken mehr. Sie war noch ſchön und vielleicht ſtattlicher; aber es ruhte über ihrer ganzen Erſcheinung ein Eiisſchleier, welcher auch den, der ſie betrachtete, er⸗ ſtarren machte. Der kohlſchwarze Wittwenanzug, den ſie noch trug, vermehrte noch um etwas die Kälte in ihrer Erſcheinung. G — Ich glaube, daß Du und Porry einander nicht geſehen habt, ſeit Du Wittwe geworden,.— bemerkte Maria nach einer langen Pauſe. 61 — Nein,— antwortete Sorenza ohne aufzu⸗ blicken,— nicht vor heute, wo wir uns im Curſaale begegneten. — Wir können alſo mit aller Sicherheit einen Beſuch von ihm erwarten. Das glaube ich kaum.. Sorenza ergriff eine Feder und numerirte einige Zeichnungen. 3 8* — Glaubſt Du nicht? Und aus welchem Grunde? Das wäre ja eine wirkliche Unhöflichkeit, wenn er nicht einen Beſuch bei ſeinen Verwandten abſtattete. Einer ſolchen kann Porry ſich gewiß nicht ſchuldig machen. — Er weiß nicht, daß Du hier biſt, und es iſt ſehr ungewiß, ob er es für nöthig hält, die Wittwe ſeines Couſins zu ſeiner Verwandtſchaft zu rechnen. In demſelben Augenblick trat Sorenzas Diener ein und ſagte: — Profeſſor Porry läßt fragen, ob die gnädige Frau ihn empfangen möchte... Marias Augen ruhten auf Sorenza, als wenn ſie darin zu leſen wünſchte, welchen Eindruck die Anmeldung auf ſie machen würde. Mit unveränderter NRuhe antwortete Sorenza:— — Der Profeſſor iſt willkommen. — Jetzt,— dachte Maria,— jetzt werde ich erfahren, ob meine Ahnung wahr geweſen. In demſelben Augenblick trat Porry ein. Sein Ausſehen war aufgeregt, das der Sorenza zeugte voon der vollkommenſten Gleichgültigkeit. Mit einem kalten und artigen Lächeln ging ſie ihrem Gaſt ent⸗ gegen und reichte ihm zum Willkomm die Hand . . 62 Porry ergriff ſie und ſtammelte einige unzuſammen⸗ hängende Worte. Seine Blicke hingen an Sorenzas Geſicht gleichſam feſt; aber es gab darin nichts, was wie ein Schimmer von Bewegung ausſah, ſo wandte er ſich an Marie und grüßte ſie herzlich. Nachdem die erſten Fragen betreffs ihrer Geſundheit, des Aufenthalts im Bade und dergleichen gewechſelt waren, ſagte Sorenza in unbefangenem Tone: — Können Sie errathen, mein Couſin, womit ich jetzt beſchäftigt bin, und was es iſt, das hier auf dem Tiſch zerſtreut liegt? — Was es iſt, ſagt mir mein Auge; es ſind Zeichnungen. — Ja wohl. — Sie ſind im Begriff ſie zu ordnen. — Ganz richtig; aber von wem ſind die Zeich⸗ nungen. Sorenza lächelte. — Von Ihnen? — Sie haben nicht richtig gerathen. — Im Allgemeinen iſt es ſehr ſchwer zu rathen, man irrt ſich immer und rathet gewöhnlich Alles, nur nicht das Rechte. Porry näherte ſich dem Tiſche, aber Sorenza machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und ſagte ſcherzend: — Nein, Sie müſſen es errathen, ohne einen Blick darauf zu werfen; ſonſt wäre es keine Kunſt. Sie haben einen viel zu ſcharfen Verſtand, um nicht 4 richtig zu rathen. Im Tone Sorenzas lag ein eigener ironiſcher Anſtrich. 63 — Ich verſichere Sie, daß Sie ſich überraſcht füh⸗ len werden, wenn Sie entdecken, daß dieſe Zeich⸗ nungen ſich in meinen Händen befinden und daß ich denſelben ſo viele Sorgfalt gewidmet, wie es der Fall geweſen. — Es gibt nur die Zeichnungen von einem Künſtler. Es ſollte mich wundern, wenn Sie die in Ihrem Beſitz hätten. — Nur von einem? Sorenza drehte die Zeichnungen um. — Und der wäre? — Brauche ich ſeinen Namen zu nennen? — Ja, ganz gewiß. Das wird recht intereſſant ſein zu hören. — Aber er möchte für Ihre Ohren übel klin⸗ gen. Ich thue vielleicht am beſten, ihn nicht auszu⸗ ſprechen. — Es gibt keine Namen mehr, die für meine Ohren übel klingen. — Nun gut, dann geſtehe ich, daß es mich wundern würde, falls jene Zeichnungen von Bencke wären.* — Warum das? 4 Sorenza heftete ihre kalten Blicke auf Porry. — Glauben Sie vielleicht, daß ich gegen jenen verdienſtvollen Künſtler ſchlecht geſtimmt bin? — Ja, ich glaubte, daß Sie Grund dazu hätten. — Ich kann mich nicht erinnern, einen ſolchen zu haben. Nein, dieſes Mal waren Sie nicht glücklich. — Bervor ich noch einmal rathe, müſſen Sie mich darüber aufklären, ob....„ 64 — Ueber gar nichts. Sorenza legte die Hand auf eine der Zeichnungen und ſagte lächelnd: — Von wem iſt dieſer Entwurf gezeichnet? Ihre Blicke ruhten mit einem faſt herausfor⸗ dernden Ausdruck auf Porry. — Von den ſeligen Profeſſor E— 2 — Sie haben auch jetzt nicht richtig gerathen. Sorenza drehte die Zeichnung um und reichte ſie Porry, welcher beim Anblick derſelben die Farbe wechſelte. 8 — Nun, mein Couſin, können Sie auch jetzt nicht ſagen, von wem dieſelbe iſt? — Ja, aber das iſt überflüſſig. Jetzt wandte Porry die Augen von der Zeich⸗ nung auf Sorenza. Er begegnete den ihrigen, welche kalt und glänzend auf ihm ruhten. Sie legte die Zeichnung auf den Tiſch und ſagte: — Ueberraſcht es Sie nicht, Nils Porrys Cro⸗ quis in meinem Beſitz zu ſinden? Ich ſelbſt bin darüber verwundert geweſen. — Ja, in der That, beſonders da ich ſie auf eine ganz unbegreifliche Weiſe verloren habe. Wollen Sie die Güte haben, mich darüber aufzuklären, wie.... — Wie das Alles zugegangen iſt,— fiel So⸗ renza ein. — Gern. Ich hoffe jedoch, daß Sie mich nicht für den Dieb halten. — Wie können Sie ſo Etwas zum Gegenſtand einer Frage machen? 65 — Mein Gott, was weiß ich. Von einem Weibe darf man ſich ja erlauben, alles mögliche Böſe zu denken. Es würde mich nicht im Geringſten wun⸗ dern, falls Sie mich für fähig hielten, einen Dieb⸗ ſtahl zu begehen. — Sie ſind bitter,— fiel Porry ein, welcher ſich ſowohl durch den Ton, wie durch die Worte verletzt fühlte. — Ich Sorenza ſah ihn an. Ach, beſter Couſin, Sie ſind heute dazu ver⸗ dammt, lauter Mißgriffe zu machen. Aber vielleicht iſt das eine Gewohnheit bei Ihnen. Porry biß ſich in die Lippen und Maria dachte: — Die Worte, welche Sorenza ſpricht, haben etwas Kurzes; es liegt eine verſteckte Bitterkeit in denſelben. 1 — Sie wollen wiſſen, wie ich zu dieſen gekom⸗ men bin,— fuhr Sorenza fort und deutete auf die Zeichnungen. Ich will es Ihnen ſagen. Ich habe ſie in dem Beſitz einer armen Frau gefunden und ſie von ihr gekauft. Ich erkannte ſie als die Ihrigen wieder. Es war jedoch niemals meine Abſicht, ſie zu be⸗ halten. — Nicht? Sie halten ſie alſo nicht für werth, ſie zu beſitzen? — Ich hielt ſie für die Ihrigen und daß ſie deshalb nicht die meinigen werden konnten. Ich ſchaffte Ihnen nur das wieder, was Ihnen geſtohlen worden war. Und jetzt, mein Couſin, laſſen wir das Thema. Gedenken Sie, hier zu bleiben? Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 5 66 — Ja! — Wo wohnen Sie? — In dem Enzbergſchen Hof. — Ahl ich weiß. Derſelbe hat eine hübſche Lage und eine paſſende Wohnung für einen Künſtler mit Sinn für die ſchöne Natur. Mariquitta trat ein, und bald war das Geſpräch auf das alltäglichere Gebiet hinübergeſpielt. Porry fragte die Damen, ob ſie eine Promenade machen wollten, und kurz darauf wanderten Sorenza und Mariquitta, von Porry begleitet, durch den hohen und hübſchen Wald, welcher— ſtrand umgab. Man plauderte von allem Möglichen, nur nicht von ſolchen Dingen, welche man mit dem Namen Familienintereſſen belegen konnte. Mariquitta coquettirte recht augenfä hübſchen und geiſtreichen Onkel, aber ohn einen Erfolg. 1 Nils war gedankenvoll und hatte keinen Sinn oder Aufmerkſamkeit für ihre Bemühungen. Er ging an der Seite Sorenzas und von Zeit zu Zeit richtete er ſeine Blicke auf das Geſicht der jungen Wittwe, welches, wenn ſie ſprach, eine höchſt eigenthümliche kalte Lebhaftigkeit annahm. — Iſt wohl dieſes ſtolze Weib daſſelbe reizende, ercentriſche und ſchwärmeriſche Mädchen, das ich früher geſehen?— dachte Porry und betrachtete ſie. In demſelben Augenblick wandte Sorenza, gleich⸗ ſam als Antwort auf ſeine ſtille Frage, den Kopf um und blieb ſtehen. Die Ausſicht durch einen Aus⸗ hau im Walde, wo ſie jetzt ſtand, war unbeſchrei hübſch. llig mit ihrem e irgend 67 — Welch ſchönes Gemälde!— rief Sorenza lebhaft. 4 Ueber die unbeweglichen Züge flog jetzt eine warme Röthe und in dieſem Nu war ſie dieſelbe wie ehemals. So viel Enthuſiasmus und Wärme lagen in ihrem Ausſehen. Auf dem Heimwege war Porry wo möglich noch gedankenvoller. Seine Augen ruhten noch unver⸗ wandt auf dieſen Zügen, die er nie genug betrachten zu können ſchien. Als ſie wieder nach Hauſe gekommen waren, fragte ihn Sorenza, ob er nicht mit ihnen zu Mittag eſſen wollte. 1— Heute nicht,— war die Antwort; worauf er ihr Adieu ſagte. 1 Als er ſich an Mariquitta wandte, um Abſchied von ihr zu nehmen, ſagte ſie: — Morgen verſammeln ſich einige Freunde bei 1 mir, darf ich Onkel zu denſelben rechnen? g— Rechne nicht auf mich; ich habe der Gräfin e Eldon zugeſagt. 2,— Hat ſie Geſellſchaft?— fragte Mariquitta e unnd runzelte die Brauen. 4 — Ich glaube es nicht. Ich ſoll nur die beiden Damen auf einem Ausflug begleiten.. Porry verbeugte ſich und ging. Mariquitta be⸗ merkte gegen Sorenza: — Haſt Du gehört, daß von einer Partie zwi⸗ ſchen Gräfin Kronſtrahl und Porry die Rede iſt? — Nein, das habe ich nicht gehört. — Ja, Du, die Gräfin X—, welche mit Eldons ſehr bekannt iſt, theilte mir mit, daß Vorr enijeuii 68 verliebt in die Gräfin Kronſtrahl ſei; aber obgleich das Verhältniß jetzt etwas kühler geworden, ſo glaubt man doch, daß eine Verlobung nicht ausbleiben kann, da die junge Gräfin ernſthaft in ihn ver⸗ liebt iſt. — Porry bekommt in dieſem Falle eine unge⸗ wöhnlich ſchöne Frau.— antwortete Sorenza ruhig; — dazu iſt ſie ſehr reich. — Ja, es wie der Bruder, ein ungewöhn⸗ lich vortheilhaftes Aeußere. — Du meinſt Arthur? Sorenza warf einen flüchtigen Blick auf Mari⸗ quittad — Wie, kennſt Du Arthur Eldon?— fragte Mariquitta und erröthete leicht. — Das iſt gleichguͤltig, genug, ich habe gehört, daß Du ihn kennſt. Leb einſtweilen wohl,— ſagte Mariauitta und hüpfte hinein in ihre Wohnung. Sorenza ging die Treppe hinauf. Am Tage darauf war der Salon der jungen Frau Sturm mit Gäſten angefüllt. Selbſt ſaß ſie ſtrahlend und ſchön wie die Königin der Anmuth im Kreiſe derſelben. In den dunkel⸗ braunen Haaren trug ſie einen Putz von Steinkohlen⸗ arbeit, welcher auf eine eigene Weiſe den ſammet⸗ dunkeln Glanz von jenen erhöhte. Auf einem Tabouret neben dem Armſeſſel, in welchem die Wirthin ſaß, finden wir Eldon. Er 69 trug jetzt nicht Uniform, ſondern ſchwarze Kleider und im Knopfloch einen kleinen Stern. Die Unter⸗ haltung iſt ziemlich lebhaft; aber er nimmt nicht daran Theil. Er begnügt ſich lediglich mit der Rolle eines Zuhörers und Zuſchauers, beſonders aber des Letzteren, da er die Augen von dem Geſicht der hübſchen Wirthin nicht abwenden kann. — Ich verſichere Sie, daß Sie heute Abend eine Bekanntſchaft machen werden, die für Ihre Ruhe gefährlich werden kann,— bemerkte Mariquitta gegen eine junge, bleiche und langweilige Figur, welche ihr durch Abgeſchmacktheiten läſtig fiel. — Es iſt unmöglich, meine Gnädige,— ver⸗ ſicherte der fade Baron.— Wenn man Sie geſehen, hat man keine Ruhe zu verlieren. In demſelben Augenblick trat Frau Sorenza Sturm ein. Mariquitta ſtand haſtig auf und eilte der Eintretenden entgegen. Nachdem Sorenza die Uebrigen begrüßt hatte, ſtellte Mariquitta ihr Graf Eldon vor. Vollkommen ihre Verwunderung beherrſchend, grüß⸗ ten Arthur und Sorenza einander. Den meiſten Gäſten war es bekannt, daß die ältere Madame Sturm eine ausgezeichnete Künſtlerin ſei, und daß ſie auf der letzten Ausſtellung ein Bild gehabt, welches großes Aufſehen erregt hatte. Dieſes gab natürlich dem intelligenteren Theile der Geſellſchaft Anlaß, das Geſpräch auf die ſchöne Kunſt zu bringen.. Sorenza drückte ſich mit Leichtigkeit aus, und binnen Kurzem waren ſie und Arthur Eldon die⸗ jenigen, welche eigentlich die Converſation führten. 70 Es ging jetzt wie immer, die Ueberlegenheit machte ſich geltend. Mariquitta nahm mit dieſem und jenem Wort an dem Geſpräche Theil, aber das Thema war ihr nicht ſo bekannt, daß ſie hätte wagen können, ſich auf daſſelbe einzulaſſen. — Das Bild, welches Sie vergangenes Jahr auf der Ausſtellung hatten,— bemerkte Arthur— machte ein ebenſo großes Aufſehen, als das dieſes Jahr, obgleich man nicht wußte, daß es von Ih⸗ nen war. — Welches meint der Graf? — Die Chebrecherin. — Achl ich merke, daß Mariquitta das Geheim⸗ niß nicht hat bewahren können. Sorenza lächelte und fuhr dann fort: — Aber darin hat ſie Unrecht gehabt; denn das zwingt mich, ganz öffentlich zu beichten. — Vis à vis dem Bilde? fragte Arthur mit ſeinem hübſchen Lächeln und entblößte den ganzen Reichthum von zwei und dreißig Zähnen. — Gewiß. Weder iſt die Idee von mir noch iſt die Hauptfigur von mir gezeichnet. Ich habe nur eine vor mehreren Jahren angefangene Arbeit vollendet, und das Verdienſt, dieſelbe fertig gemalt zu haben, iſt Nichts, was Lob verdient. — Von wem war das Bild angefangen?— fragte Arthur. — Das weiß ich nicht,— antwortete Sorenza. Jetzt trat Porry ein. Mariquitta rief ihm freu⸗ dig überraſcht entgegen: — Ach! ſieh da Onkel! Welchem glücklichen Zufall habe ich es zu verdanken, daß Onkel kam? 71 — Dem, daß Gräfin durch eine leichte Unpäß⸗ lichkeit verhindert war, den Ausflug zu machen. Als Porry die übrige Geſellſchaft begrüßt hatte und derſelben vorgeſtellt worden war, reichte er Ar⸗ thur mit folgenden Worten die Hand. — Ich kann von den beiden Gräfinnen grüßen. — Danke,— war⸗ Alles, was Arthur hierauf antwortete, worauf er fragte: — War der Profeſſor voriges Jahr in Stock⸗ holm? — Gewiß war ich dort. Wenn ich mich nicht irre, ſo ſahen wir uns ziemlich oft. — Ganz richtig. Dann ſah der Profeſſor auch das Bild, von welchem ich und Frau Sturm eben ſprachen? Porry zog ſeinen Stuhl näher an das Sopha, auf welchem Sorenza ſaß. — Von welchem Bilde war die Rede? — Von der Chebrecherin. — Ach! Porrys Augen funkelten und mit einem finſtern Blick auf Sorenza ſagte er: — Ich ſah es, oder, richtiger geſagt, ich ſah es auf der Ausſtellung wieder. — Sie ſahen es wieder? — Ja, ich hatte das Glück, daſſelbe zu ſehen, als Frau Sturm im Begriff war daſſelbe zu vollen⸗ den, und der Eindruck, den ich damals empfing, war von ſolcher Natur, daß... — Jetzt machen wir eine Promenade im Gar⸗ ten— unterbrach ihn Marquitta— ſeien Sie ſo gut, meine Herren und bieten Sie den Damen den 72 Arm,— ſügte ſie hinzu, indem ſie ſich an dieſe wandte und nahm ſelbſt den Arm des einfältigen Barons. Dieſes ärgerte Arthur, welcher auf einige angenehme Augenblicke gerechnet, wo er ihr etwas zuflüſtern konnte, das er ihr ſchon tauſendmal früher 3 eſagt. 3 Porry näherte ſich Sorenza mit den Worten: — Belieben Sie meinen Arm zu nehmen. Man ging in den Garten hinab. — Warum ſetzten Sie nicht Ihren Namen unter die Chebrecherin?— fragte Porry.— Geſchah das, weil das Sujet Sie abſchreckte? — Das Sujet? Sorenza ſah ihn an. 4 — Ja, das Sujet? 11 Porry blickte ihr feſt in die Augen. — Und warum ſollte das mich veranlaſſen, mei⸗ nen Namen nicht darunter zu ſetzen?. — Was weiß ich; es könnte ja irgend eine Erinnerung geben, welche es weniger angenehm machte. — Es könnte, o ja, warum nicht. Alles iſt möglich; aber dieſesmal war es nichts derartiges, 1 das mein Incognito veranlaßte. — Wirklich! Es wäre vielleicht indiscret, nach der Urſache zu fragen. — Durchaus nicht. Ich habe ſie eben vor der ganzen Geſellſchaft ausgeſprochen. — Alſo kein Geheimniß? — MNein Couſin, ich bin unglücklich genug, keine ſolche zu beſitzen.. 73 Sorenza lachte mit ihrem klangvollen aber etwas kalten Lachen und fuhr dann fort: — Die Urſache meiner Beſcheidenheit, mich nicht für diejenige ausgeben zu wollen, welche das Zild gemalt, hat lediglich ihren Grund darin, daß der Entwurf von Ihnen war. — Von mir? Porry wechſelte die Farbe. — Ja, mein Couſin, jenes Geheimniß kenne ich. Sie haben die Verbrecherin und ihren göttlichen Richter, ich den Schriftgelehrten und das Volk ge⸗ malt. Ihnen kommt alſo die Ehre der Chebreche⸗ rin zu. Sorenza wandte den Kopf um und erblickte Arthur. — Was, Graf Eldon, Sie ſind ohne Dame! — Das Schickſal hat es ſo gewollt,— ant⸗ ere Arthur und trat an Sorenza und Porry eran — Geben Sie nicht dem Schickſal, ſondern ſich ſelbſt Schuld. Wir Sterblichen haben gewöhnlich Glück hier im Leben, nämlich das zu erhalten, was wir wünſchen. Porry ſah Sorrenza an, als ſie dieſe Worte d ausſprach, welche im Widerſpruch mit ihrem ganzen Leben ſtanden. Sie lächelte und fügte mit etwas r alter Heiterkeit hinzu: Den ganzen Abend beſchäftigten Arthur und Porry ſich mit Sorenza. Dieſes verwunderte Mari⸗ auitta, da ſie nichts von Arthurs früherer Bekannt⸗ ſn mit der Stiefmutter wußte. Mariauitta war es gewöhnt, daß er nur Augen 74 und Ohren für ſie hatte, ſo daß es ſie ein wenig är⸗ gerte, daß er dieſen Abend ſeine Rolle als Sklave verläugnete. Sorenza dachte, nachdem ſie eine Stunde mit Arthur und Mariquitta zuſammengeweſen: — Das Gerücht hat Recht, er iſt verliebt. Was Sorenza weiter dachte, kann gleichgültig ſein. Der Abend verfloß auf eine angenehme Weiſe, ohne daß Sorenza und Arthur ein Wort unter vier Augen wechſelten. 8 Porry und Sorenza ſahen einander jetzt täglich. Mit der größten Beharrlichkeit ſuchte er jede Gele⸗ genheit auf, um mit ihr zuſammenzutreffen und be⸗ nützte die kleinen Freiheiten, welche er als Verwand⸗ ter ſich herausnehmen konnte, ihr Beſuche abzuſtat⸗ ten und ſich als ihren Cavalier zu benehmen. Man bedurfte keines beſonders ſcharfen Blids, um zu merken, daß ein warmes Intereſſe dieſer Aufmerkſamkeit zu Grunde lag; denn daſſelbe ſprang zu deutlich in die Augen. Porry gab ſich auch keine Mühe es zu verbergen, ſondern ſchien der ganzen Welt zu ſagen: — Dieſes iſt das Weib, welches ich liebe und anbete. Sein Benehmen gegen Jenny war dagegen kalt höflich. Jeden Morgen erkundigte er ſich im Cur⸗ . i t d d 1 1 r t ſe r. u n J ſo ſaale nach ihrem Befinden und promenirte ein Paat u mal herum mit den beiden Gräfinnen und d war es vorbei. Nur einmal ſeit der Einladung bei Mariguit 75 4. ⸗ hatte er Jenny beſucht, und dann ganz kurz Vor⸗ ſe mittags.— So verlief eine Woche. Der erſte Ball nach t Porrys Ankunft in— ſtrand fand Satt. Dort fan⸗ den ſich Alle ein, welche geſund waren und die Freuden des Lebens genießen wollten, ſowie auch g diejenigen, die dahin kamen, um Bemerkungen über e, ihre Mitmenſchen zu machen, während ſie ſelbſt er keine Mühe geſpart hatten, um ſich in einem vor⸗ kheilhaften Lichte zu zeigen.. Sorenza kam etwas ſpät. Mariquitta hatte ſich vor ihr eingefunden. 5 h. Die junge Frau trug ein hellgelbes Seidenkleid, e⸗ das mit ſchwarzen Spitzen garnirt war. In dem ee dunkeln Haar waren nur einige Goldähren befeſtigt, d⸗ und die glänzenden Schultern waren, ohne ganz it verdeckt zu ſein, von einer ſchwarzen Spitzenmantille verhüllt. 8, Es war das erſtemal nach dem Tode des Va⸗ ſer ters, daß Mariquitta in hellem Kleide erſchien. Sie ng ſah auch hübſcher aus als je. ne Neben Mariquittas Stuhl ſtand Arthur. So⸗ den renza dachte:. — Was ſie beide hübſch ſind und doch— wie nd ungleich. Nein, Mariquitta iſt nicht das Weib, welches an die Seite der ariſtokratiſchen Figur von alt Arthur paßt. Aus jedem ſeiner Züge leuchtet ein ur“ ſo hoher Grad von Adel hervor, daß ihre ſtrahlende ar und prachtvolle Schönheit im Vergleich damit ver⸗ Puinden Mein Gott, wohin wird alles dieſes ren? 4.“ — Guten Abend!— töͤnte Arthurs hübſche und 76 klangvolle Stimme.— Darf ich um die Polonaiſe bitten? 11 — Ich tanze nicht. — Den ganzen Abend nicht? — Nein! — Und der Grund? Er ſetzte ſich neben Sorenza. — — Daß ich das Tanzen aufgegeben habe. — Schon! Er lächelte und fuhr dann fort: —— Ich bin zwei Jahre älter und halte mich nicht für zu alt, um Tänzer zu ſein. —— Sie ſind es auch nicht Graf; aber mit mir 1 iſt das Verhältniß anders; ich zähle meine Jahre doppelt. Jetzt begann die Muſik zur Polonaiſe. — Nun, Graf, werden Sie ſich nicht eine andert fe Dame ſuchen?— fragte Sorenza. li — Nicht für dieſen Tanz. Ich ziehe es vor, zu ei plaudern. Seine Augen folgten Mariquitta, als ihr Cava⸗ 3 lier ſie fortführte. Ein leichter, flüchtiger Seufzet d hob ſeine Bruſt; dann wandte er ſich an Sorenza 4 und fuhr in einem leichten und ſcherzenden Tone ſort 3 — Sie und ich machen uns einer Sünde ſchuldig 1 — Einer Sünde? 3 — Ja gewiß, denn wir tanzen nicht. — Das kann nie einen ſolchen Namen verdienen, — Kann es nicht? Arthur richtete ſeine hellblauen Augen mit einen ſo ernſthaften Ausdruck auf Sorenza, welcher nicht zu dem Lächeln auf ſeinen Lippen paßte. 77 ſe— Wir beſtehlen uns ſelbſt um ein Vergnügen, und das iſt ja ein Diebſtahl. Wie Sie wiſſen, iſt ein ſolcher durch das ſiebente Gebot verboten. — Wir thäten es, wenn wir uns wirklich ein Vergnügen raubten; aber ich glaube nicht, daß das der Fall iſt.. — Warum glauben Sie das nicht? — Weil wir beide freiwillig darauf verzichtet haben. — Das beweist nichts. Wich Arthur beugte ſich zurück gegen die Lehne des Stuhles, warf einen Blick um ſich und entdeckte ver⸗ nir ſchiedene Geſichter, auf welchen mit deutlichen Wor⸗ r ten ſtand: — Wir wollen lauſchen: Er fuhr trotzdem, obgleich mit gedämpfter Stimme ort: — Ich will ein Beiſpiel anführen, welches deut⸗ 1 lich beweiſen wird, wie wenig man ſich auf ſeine eigenen Handlungen verlaſſen kann. Es gab eine za Zeit, wo ich ſehr froh und ſehr glücklich war. Alles, ze was mich umgab, fügte ſich meinen Wünſchen. Das tz Leben war mir ein ſonnenheller Tag. Zu jener uu⸗ Zeit kam ich auf den Einfall den Unglücklichen zu ig ſpielen. Ich nahm eine traurige Miene an und machte meine Sache ſo gut, daß Alle, welche mit mir in Berührung kamen, ſich einbildeten, daß mich emikgend ein geheimer Kummer verzehrte. 1 an erwies mir überall ſo viele Theilnahme und ſo viele Zärtlichkeit, daß ich dadurch nur noch a glücklicher wurde. Zwei ganze Jahre hielt ich es gc aus, dieſe Rolle zu ſpielen, ohne je dieſelbe zu ver⸗ ert 7 78 läugnen. Das Schickſal rächte ſich und raubte mir mein ſorgenloſes Glück. Wenn ſich ſpäter ein wirk⸗ liches Seelenleiden einſtellte, dann ſetzte ich eine lächelnde Maske vor mein Geſicht und ich habe ſeitdem mein heiteres Aeußere beibehalten. Eine leichte Wolke ſchwebte über die hohe Stirne. — Aber ich kann unmöglich verſtehen, was der Graf damit gewann, den Unglücklichen zu ſpielen, — fiel Sorenza ein. — Theilnahme. Man verzärtelte mich förmlich. Als Glücklicher wäre all dieſe Freundlichkeit mir ge⸗ wiß nicht zu Theil geworden. Arthur lachte. 8— Als wir uns das Letztemal ſahen, waren Sit noch nicht auf die Idee gekommen. — Nein, aber gleich darauf. Als ich zwei Jahre darauf mit dem Kummet Bekanntſchaft machte, wollte ich denſelben bei miͦ ſelbſt behalten, gerade wie ich es vorher mit den Glück und der Freude gemacht.— Als ich älte wurde, bekam ich eine förmliche Abſcheu davor, die Welt einen Blick in mein Inneres werfen zu laſſen 0 Was daſſelbe birgt, gehört mir und nur mir. 3i k will weder noch werde ich Andere ein Urtheil darübet fällen laſſen, welche Kraft oder welche Schwäche das l ſelbe in ſich ſchließt. — Iſt dieſer Beſchluß conſequent befolgt worden2 — fragte Sorenza mit Betonung.— Hat der Graſ g nie Jemandem mitgetheilt, was das Herz birgt? — Nein, ich habe nie einen Vertrauten gehalt Seit ſechs Jahren bin ich mir ſelbſt genug geweſ ſ Vielleicht wird es ſpäter anders. d ir rk⸗ ine em 79 Arthur ſah Sorenza mit einem Blick an, welcher den Satz vervollſtändigte. Porry kam jetzt und ließ ſich neben ſie nieder, nachdem er den Forderungen der Höflichkeit Genüge heihan und die Gräfin Eldon und Jenny begrüßt atte. 3 3 Den erſten Walzer tanzte Arthur mit Mariquitta, und nachher fuhr er fort, den ganzen Abend zu tanzen, als wenn er ſich von Herz und Seele dabei amüſirte. Während des Balles wurden nur einige flüchtige Worte zwiſchen ihm und Sorenza gewechſelt. Einmal bemerkte ſie: — Räumen Sie ein, daß das Tanzen den Gra⸗ fen unterhielt? — Durchaus nicht. Ich finde daſſelbe entſetz⸗ lich langweilig. Es liegt etwas rein Verrücktes 1 ürn d darin. — Und doch tanzen Sie? — Gerade, weil es eine Plage iſt, tanze ich. Meine Anweſenheit auf dem Valle iſt durch einen einzigen Walzer veranlaßt; nachdem ich denſelben getanzt, iſt es mir widerlich, gleich einem Narren herumzuhüpfen; aber ich wünſche, daß Andere glau⸗ ben, daß ich mich amüſire. Die Welt hat in Bezie⸗ hung auf das, was ich bin und was meine Genüſſe ausmacht, für mich einen unwiderſtehlichen Reiz. Da ich leide, ſo will ich, daß die Menſchen mich für glücklich halten; als ich glücklich war, wünſchte ich, aß ſie mich bemitleiden ſollten. 1 — Sie werden doch wohl in dieſer Theorie nicht ſo weit gehen, daß Sie ſich in diejenige verliebt ſtellen, 3 die Sie haſſen und umgekehrt? Sorenza ſah ihn mit einem ſpöttiſchen Blick an. — Bedauerlicherweiſe habe ich es noch nicht da⸗ hin gebracht,— antwortete Arthur lachend. Die Urſache dürfte darin liegen, daß es zwei Dinge gibt, die man ſchwer verbergen kann: Haſſen und Lieben; aber wer weiß, vielleicht wird der Tag kommen, wo ich Gleichgültigkeit gegen diejenigen zeige, für welche mein Herz das größte Intereſſe hegt. — Ich möchte wünſchen, daß Sie es ſchon könn⸗ ten,— ſagte Sorenza mit Betonung. Arthur eilte fort, um eine Dame zu holen, und Porry kam wieder, um ſich, während die Andern tanzten, mit Sorenza zu unterhalten. „Nils Porry war hübſch, geiſtreich und im Allge⸗ meinen liebenswürdig. Wie viel mehr aber dann, wenn er es darauf anlegte, es zu ſein, und alle ſeine Kräfte aufbot, um intereſſant und einnehmend zu ſcheinen. Sorenzas Benehmen gegen ihn wich durchaus nicht ab von dem, welches ſie gegen Andere beob⸗ achtete. Wenn noch etwas von der früheren Nei⸗ gung übrig geblieben war, ſo konnte man es we⸗ nigſtens nicht in ihrem Aeußeren entdecken. Der Tag nach einem Balle iſt ein Tag für Re⸗ flexionen... Die jungen Mädchen, welche daran Theil genom, men, rechnen nach, von welchen Herrn ſie beobachtet worden und mit welchen ſie getanzt. Die eitlen oder gefeierten Frauen gehen ihre Triumphe od Niederlagen durch. 2 81 Der Tag nach einem Ball hat demnach etwas Merkwürdiges ſowohl für das Herz wie für die Eitelkeit. Am Tage nach dem Ball im Bade ſaß die Grä⸗ fin Kronſtrahl in einem kleinen Cabinet und dachte über die Ereigniſſe des geſtrigen Abends nach. Jenny war eines jener Weiber, welches durch be⸗ ſtändiges Glück verwöhnt worden war, daß ſie keine andere Leiden kannte, als diejenigen, die ihr Neid hervorrief; aber auch dieſe gehörten zu den Aus⸗ nahmen. Wie wenige waren es doch, welche die reiche, ſchöne und hochgeborene Gräfin um Etwas zu beneiden haben konnten? Dazu kam noch, daß Jenny nicht zu den Salon⸗ puppen gehörte, welche in den Triumphen der Ge⸗ fallſucht leben und weben. Das Vergnügen, Erobe⸗ rungen zu machen, brachte Jenny nicht in Verſuchung. Sie fand keinen Reiz darin. Sie war zu ſtolz, zu ſehr ihrer Vorzüge ſich bewußt, um das Spiel mit den Salonhelden der geringſten Anſtrengung werth zu finden. Sie ließ ſich durchaus nicht dazu herab zu coquettiren, weil ſie jene Männer für ſo kläglich und unbedeutend hielt, daß ſie in ihren Augen nicht ein⸗ mal eines Lächelns, geſchweige denn einer anderen Gunſtbezeugung, werth waren. Als ſie noch ganz jung in das eigentliche geſell⸗ ſchaftliche Leben eingeführt wurde, hatte ihre un⸗ gewöhnliche Schönheit Aufſehen erregt. Hierzu rechne man, daß ſie unermeßlich reich und von hoher Ge⸗ burt war, lauter Eigenſchaften, welche die Häßliche hübſch, die Hübſche ſchön und die Schöne göttlich machen würden. Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 6 82 Jenny war ſich vollkommen bewußt, daß ſie ſchön war, und der Weihrauch, den man ihr ſtreute, er⸗ regte weder ihre Verwunderung oder Intereſſe, noch fühlte ſie ſich dadurch geſchmeichelt. Das war Et⸗ was, von dem ſie meinte, daß es ſo ſein müßte und worauf ſie nicht das geringſte Gewicht zu legen brauchte. Jenny trug koſtbare Kleider; aber nur einzig und allein darum, weil ihr keine anderen an⸗ gemeſſen ſchienen. Uebrigens war ſie äußerſt ein⸗ fach. Schmuckſachen, Blumen und alles Derartige, womit andere Weiber ihre Reize zu erhöhen ſuchen, ⁸£ benutzte ſie nie. Wenn die Mutter haben wollte, daß ſie Juwelen tragen ſollte, antwortete Jenny: — Wozu ſoll das dienen? Jedermann weiß, daß Fräulein Eldon ſich damit, wenn ſie will, von dem Scheitel bis zur Fußſohle ſchmücken kann, und eben deßhalb verabſcheue ich es, ſie zu tragen. Be⸗ hänge meinen Bedienten mit allen meinen Schmuck⸗ ſachen, wenn Mama durchaus dieſelben zeigen will. Weil ihr das Gefallen ſo vollkommen gleichgültig war, beſuchte Jenny die Bälle, Feſtlichkeiten und Unterhaltungen ohne das geringſte Intereſſe. Sie fand ſich bei denſelben ein, weil es ſo ſein mußte und hörte die Artigkeiten der Cavaliere an, weil ſie ſich denſelben nicht entziehen konnte. Mit der größ⸗ ten Gleichgültigkeit erwiderte ſie den zärtlichſten Blicken und den wärmſten Verſicherungen. 4 Jenny langweilte ſich. Sie intereſſirte ſich nichts und überließ ſich in Folge deſſen dem G der Ueberſättigung, welches auf ihrer Seele laſtete 83 Ihre Stimmung wurde heftig und gereizt und ſie gab ſich keine Mühe, derſelben Zwang anzulegen. Mit achtzehn Jahren verheirathete ſie ſich mit Graf Kronſtrahl, weil es eine paſſende Parthie war. Sie reiste mit ihrem Manne ins Ausland, aber auch das war Etwas, was ſie ſchon früher gethan und entbehrte deßhalb des Reizes der Neuheit. Sie kam ganz als dieſelbe nach Hauſe, wie ſie weggereist war, nämlich mißvergnügt, unzufrieden und gleichgültig gegen Alles. Da führte der Zufall ſie mit Porry zuſammen. Jenny, welche von einer Menge hübſcher Män⸗ ner umgeben geweſen war und es kaum für der Mühe Werth gehalten, ſie eines Blickes zu würdigen, richtete ſchon das Erſtemal, als ſie ihn ſah, eine au⸗ ßerordentliche Aufmerkſamkeit auf ſeine Perſon. Die Urſache?— War es vielleicht die, daß er ein be⸗ ſonders vortheilhaftes Aeußeres hatte?— Durchaus nicht. Nein, es war ein alter Haß, welcher auf⸗ loderte und bewirkte, daß ſie ein heftiges Intereſſe für ſeine Perſon faßte. Es fand eine größere Gemäldeausſtellung ſtatt. Jenny beſuchte dieſelbe. Im Catalog fand man ein Gemälde aufgeführt, welches bereits vor einem Jahr von der Academie angekauft worden, und von der Künſtlerin Sorenza gemalt war. Jenny ging hin, um ſich ſelbſt durch den Anblick deſſelben zu plagen. 4 Das Bild ſtellte einen Vater vor, welcher ſeine Tochter verſtößt, und war das letzte, welches Sorenza vor ihrer Heirath gemalt. Als Jenny in den Saal, wo das Diid ſich be⸗ 84 fand, eintrat, fand ſie einen jungen Mann auf ei⸗ nem Stuhl vor demſelben ſitzend und den Blick un⸗ verwandt darauf gerichtet. Es ärgerte Jenny, daß eine Arbeit pon Sorenza die Macht beſaß, in einem ſolchen Grade zu feſſeln, und ſie betrachtete Denjenigen, welcher davon ſo hin⸗ geriſſen war, näher. Jenny verließ die Ausſtellung in der ſchlechteſten Laune. Am Tage darauf beſuchte ſie wieder dieſelbe und fand den Fremden auf demſelben Platze, die Arme über die Bruſt gekreuzt und den Blick auf das Bild gerichtet, ſitzend. Jenny blieb vor demſelben ſtehen. Porry warf einen flüchtigen Blick auf ſie, um zu ſehen, wer die ſei, welche ſein Intereſſe theilte. Beim erſten Blick auf die junge Gräfin wurde der Künſtler durch ihre regelmäßige Schönheit frappirt. Seine Augen verweilten einige Secunden bei den hübſchen Zügen, worauf er aufſtand und den Stuhl zu Jenny mit den Worten hinſchob: — Iſt es Ihnen gefällig, Platz zu nehmen? Das Bild verdient es wirklich, näher in Augenſchein genommen zu werden. — Wer hat es gemalt?— fragte Jenny, die das ſehr gut wußte, aber zu wiſſen wünſchte, ob 61 Diejenige kannte, deren Arbeit er bewun⸗ erte. 3— Ein junges Frauenzimmer Namens Sorenza, — antwortete Porry.— Sie beſitzt ein ungewöhn⸗ liches Talent. Nur Schade, daß ſie in den letzteren Jahren dem Publikum die Erzeugniſſe deſſelben vor⸗ enthalten hat. 8⁵ 3— Kennen Sie dieſelbe perſönlich?— fragte Jenny. 3 — Ja,— antwortete Porry. 3 Seine Augen ruhten auf Jenny mit einem Aus⸗ druck, welcher ſagte, daß er von ihrem Ausſehen „ überraſcht ſei. Zum Erſtenmale in ihrem Leben fühlte Jenny g ſich glücklich, hübſch zu ſein. Sie hatte ja durch ihre d Schönheit die Aufmerkſamkeit von Sorenzas Gemälde 3 abgeleitet. d Man ſprach eine Zeitlang über daſſelbe; dann wandte Jenny ſich an ein anderes. Porry folgte f ihr. Er verließ Sorenza, um Jenny zu begleiten. 4 Das Kunſtwerk in Oel wurde über das von Fleiſch und Blut vergeſſen. e Bevor ſie ſich trennten, wußte Jenny, wer ihr it Begleiter ſei. n Einige Tage darauf erhielt Nils eine Einladung d von Graf Kronſtrahl. Porry war darüber über⸗ raſcht, weil er einige Jahre früher nur ganz „ flüchtig die Bekanntſchaft des Grafen in Paris ge⸗ macht.. Er fand ſich indeſſen ein und wurde nicht wenig je verwundert, in der Gräfin ſeine ſchöne Unbekannte ob von der Ausſtellung wiederzufinden. . Porry war der erſte Mann, welcher irgendwie Jenny intereſſirt hatte. Sie, eine vornehme Dame, c glaubte Rechte zu beſitzen, welche eine bürgerliche 4 Frau nicht gewagt haben würde, ſich herauszuneh⸗ en turr und zeigte ihm ganz ungeſchminkt ihr Intereſſe . ür ihn 8 .. Porry war in der That ein reicher und ange⸗ 86 ſehener Künſtler, aber von bürgerlicher Abkunft, und alſo eine Perſon, welche ſie aufmuntern zu müſſen meinte. Bei ſeinem dritten Beſuch im gräflichen Hauſe ſchlug Jenny ihm vor, ihr Portrait zu malen. Er weigerte ſich deſſen ganz beſtimmt mit den Worten: — Ich male nie Portraits. Wenn ich eine Per⸗ ſon zeichne, ſo geſchieht es nur, weil ich eines Mo⸗ dells bedarf. Jenny hatte ſich jedoch in den Kopf geſetzt, daß Porry, koſte es was es wolle, ihr Portrait malen ſollte, und ſie wandte jetzt alle mögliche Mittel an, um ihren Wunſch erfüllt zu erhalten. Porry wurde fortwährend zu dem Grafen ein⸗ geladen. Jenny beſuchte ſein Atelier und beſtürmte ihn dergeſtalt mit ihrem Wunſch, ihr Bild von ihm gemalt zu bekommen, daß er ſchließlich mit den Wor⸗ ten nachgab: — CEs iſt immer ein Vergnügen für einen Künſt⸗ ler, das Schöne zu malen, und darum, Gräfin, er⸗ fülle ich Ihren Wunſch. Es iſt jedoch ſehr ungewiß, ob das Bild irgend einem Anderen als mir gehören wird,— fügte er lächelnd hinzu. — Als ich das Portrait von Ihnen wünſchte, ſo geſchah es, um es ſelbſt zu beſitzen,— fiel Jenny lebhaft ein. — Sie ſagten indeſſen ganz vor Kurzem, daß alles Andere Ihnen gleichgültig ſei, wenn ſie nur ein Bild von mir gemalt bekämen. — Für mich,— antwortete Jenny mit Be⸗ tonung.. u— O 2 87 — Nun gut, Sie werden es erhalten, aber unter einer Bedingung. 1 — Und dieſe iſt? — Daß die Copie ein Geſchenk von dem Künſtler an das Original als ein Tribut der Dankbarkeit für das Vergnügen angeſehen wird, ſo regelmäßige Züge copirt haben zu dürfen. Merken ſie ſich, Gräfin, ich male nie Portraits für Bezahlung. Jenny ging darauf ein, und Porry ließ als ar⸗ tiger Cavalier ſie ſelbſt die Stunden für die Sitzun⸗ gen beſtimmen. Jenny, welche in der ganzen Portraitangelegen⸗ heit nur ein Ziel vor Augen gehabt, nämlich das, Porry ſo ausſchließlich mit ihrer Perſon zu beſchäf⸗ tigen, daß ſein Intereſſe von Sorenzas Gemälde abgezogen wurde, wählte natürlich gerade die Tages⸗ zeit, wo die Ausſtellung offen war. — An dem Tage, wo ich ihm ſitze, ſoll er nicht dorthin kommen,— dachte Jenny, als ſie das erſte Mal nach Porrys Atelier fuhr, begleitet von ihrer frü⸗ heren Gouvernante, welche jetzt als Geſellſchaftsdame fungirte. Sie hielt Wort. Sie hatte ſo viel zu ſagen, daß es eine ganze Stunde, nachdem die Sitzung vor⸗ über war, mitnahm. Erſt um zwei Uhr kehrte ſie nach Hauſe zurück. Anfangs wurde Jenny nur von dem Verlangen getrieben, Sorenza einen Bewunderer zu entziehen. Der Neid, welchen ſie durchgängig gegen die Toch⸗ ter des Vaters empfand, hatte ihre Handlungs⸗ weiſe einzig und allein dictirt. Jenny wurde von dem heftigſten Verlangen beherrſcht, Porrys Herz 88 zu gewinnen und ihn an ihre Perſon zu feſſeln, damit Sorenzas Künſtlerſchaft von ihm vergeſſen würde. Von dieſen wenig edlen Motiven geleitet, ſetzte Jenny ſich einer Gefahr aus, der ſie nicht gewachſen war; den Porry gehörte nicht zu den Männern, mit welchen eine Frau jeden Tag zuſammen ſein und doch gegen ſie gleichgültig bleiben kann. Seine geiſtreiche Unterhaltung, ſeine originelle Art Alles aufzufaſſen und zu beurtheilen, mußte un⸗ willkürlich Intereſſe erwecken. Kam nun noch dazu, daß Porry von Sorenza als von einer Künſtlerin auf eine ſo glühende Weiſe ſprach, daß Jenny klar einſah, daß es nicht allein die Künſtlerin, ſondern das Weib ſei, welches er bewunderte, ſo ſteigerte dieß ihren Eifer, Porry zu feſſeln. Es war nicht allein Sorenzas Talent, ſondern auch ihrer Perſon, der Jenny ſeine Theilnahme rauben wollte. Jenny ahnte nicht, daß Porry die Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen ihr und Sorenza kannte und ebenſo wenig, daß ſeine Neigung zur Letzteren bereits ſo zu ſagen den Todesſtoß erhalten. Wenn Nils von Sorenza mit Enthuſiasmus ſprach, ſo war es die Erinnerung an ſie, wie ſie jung war, welche ſeine Seele erfüllte und ſeine Worte dictirte. Es war ein Genuß für ihn, an ſie zu denken ——— ྗ—— je und von ihr ſprechen zu können. Wenn nachher eine Wolke über ſeine Stirne zog, ſo war es die Erinnerung an das, was er ſie jetzt zu ſein glaubte, das ſeine Seele mit Bitterkeit erfüllte. Es iſt ungewiß, in wie weit es Jenny gelungen 89 wäre, ſich denjenigen Grad von Intereſſe zu gewin⸗ nen, welchen ſie jetzt gewonnen, wenn Porry die⸗ ſelben guten Gedanken gehabt, wie früher. Jetzt war ſie in ſeiner Achtung geſunken und war nichts, als ein Weib ohne Ehre, das er als ſeiner unwür⸗ dig vergeſſen wollte. Daß ein ſo ſchönes Weſen wie Jenny auf den Künſtler Eindruck machen würde, war natürlich; daß Porry ferner ſich durch die Aufmerkſamkeit und Freundllchkeit, die ſie ihm zeigte, geſchmeichelt fühlte, war ebenſo natürlich, beſonders da Jenny nie als Cogquette bekannt geweſen. Das hochmüthige Weib hatte allen andern Männern eine ſolche ſtolze Gleich⸗ gültigkeit gezeigt, daß man daraus deutlich ſah, ſie mache ſich nicht einmal Etwas daraus, angenehm zu ſcheinen. Die augenſcheinliche Gunſt, welche ſie Porry ſchenkte, erhielt auf dieſe Weiſe einen weit größeren Werth, weil ſie Etwas war, deſſen ſich Niemand von ihm rühmen konnte. Auch wurde Porry mit jedem Tage freundlicher in ſeinem Benehmen gegen ſie. Es gab Stunden, wo auffallende Aehnlichkeiten zwiſchen ihr und Sorenza ihn frappirten, und in ſolchen Augenblicken war Jenny wirklich ſeinem Her⸗ zen lieb; aber zu ſeiner Neigung hatten ſich keine jener heftigen und leidenſchaftlichen Elemente hinzu⸗ geſellt, welche ſeine Liebe zu Sorenza auszeichneten. DSDSo ſtanden die Sachen, als Graf Kronſtrahl hef⸗ tig an einer Entzündung erkrankte, die er ſich durch eine Erkältung zugezogen. Seine Krankheit und darauf folgender Tod unterbrachen das Malen von Jennys Portrait. Erſt nach einem halbjährigen 90 Wittwenſtande wurde die Arbeit daran wieder auf⸗ genommen. Sie war frei, hübſch, reich, vornehm und ver⸗ liebt. Man mußte etwas ganz anderes, als ein Adamsſohn ſein, um kalt zu bleiben. Porry wollte vergeſſen, wollte ſein Glück in einer anderen Liebe zu finden ſuchen, und er that Alles, damit dieſes ſein Bemühen ihm gelinge. Er hatte längſt gemerkt, daß Jenny Neigung zu ihm gefaßt. Einmal ſagte Porry, daß ſein Herz auf dem Ocean der Liebe Schiffbruch gelitten; daß er ihr freilich nie ſeine Liebe ſchenken, aber daß ſie die Einzige ſei, an deren Seite er möglicherweiſe ver⸗ geſſen könne. Gefährliche Worte, welche zu gleicher Zeit ehrlich und unehrlich ſind, die Alles hoffen machen, aber doch keinen Gewinn verſprechen. Jenny faßte ſie ſo auf, daß es einer Zeit bedürfte und ſein ganzes Herz würde ihr gehören. Sie ſagte ihm, daß er hoffen könne, ihr ganzes Herz zu er⸗ halten, daß ſie aber dann das ſeinige zum Tauſ dafür haben wollte. Er mußte ſie lieben ler⸗ neen, bevor er ſpäter irgend eine Hoffnung auf ſie hegen dürfe. So weit war man gekommen, als Jennys Wittwenjahr zu Ende war; außer dem Grunde gab es noch einen anderen, nämlich den, daß es nicht anging, die Welt wiſſen zu laſſen, daß die Gräfin Kronſtrahl ſich ſo bald getröſtet habe. Porry hatte nicht die Hand der ſchönen Wittwe begehrt, ſondern er hatte geſagt, daß ſie ſeine ein⸗ zige Hoffnung auf Glück ſei. 91 Sie hatte wiederum verſprochen, daß er, ſo wie er ſie von ganzer Seele liebe, ein Recht haben ſollte, auf ihre Liebe zu hoffen. Da erhielt Nils, gerade als er Alles that, um ſeine unglückliche Neigung zu Sorenza niederzu⸗ kämpfen, von Ekſjö die Nachricht, daß Sturm ge⸗ ſtorben ſei. Mit derſelben Poſt kam ein Brief von René, in welchem er den Auftritt im Atelier erklärte. So⸗ renza war alſo nicht ſchuldig.— Jenny und alles Andere wurde vergeſſen. Er hatte nur einen klaren Gedanken: daß Sorenza frei und unſchuldig ſei. Porry fühlte ſich im erſten Augenblick ſo glück⸗ lich, daß das, was er gelitten und durchlebt, ihm nur wie ein ſchmerzlicher Traum vorkam. Ein Brief von Jenny rief Wirklichkeit zurück. Derſelbe en ſie zu beſuchen. 3 Mit Einemmale wurde Nil⸗ den er ſich in der Einbildus ſtürzt und in den Wirbel der Zweifels zurückgeworfen. Wer ſtand ihm dafür ein, daß jener Brief von René die Wahrheit enthielt? Nichts. Konnte der nicht eine Erfindung ſein, um jetzt, wo der Mann, der Einzige, der ihre Schuld kannte, todt war, So⸗ renza rein zu waſchen? Porrys Bruſt wogte wild beim Gedanken daran. Er wollte und würde ſich nicht von ſeinem ſchwachen Herzen und Renés Wor⸗ ten bethören laſſen. Er mußte zwiſchen ſich und Sorenza ein unüberſteigliches Hinderniß errichten. chaffen, herabge⸗ irklichkeit und des 9² Mit dieſem Vorſatz ging er zur Gräfin Kron⸗ ſtrahl⸗ Niemals war Jenny ſchöner und milder als an jenem Tage geweſen; und doch blieb Porry kälter und unzugänglicher als je, und das gerade jetzt, wo es ſeinem Stolze wünſchenswerth erſchien, daß er ſeine Gedanken auf ſie richtete. Es war das Jahr vor dem Beſuch in— ſtrand. Porry war mit dem beſtimmten Vorſatz zu Jenny gegangen, daß, bevor er die ſchöne Wittwe verließe, ſein und ihr Schickſal entſchieden ſein ſolle. Obgleich der Augenblick für eine ſolche Erklärung der allergünſtigſte war, den man ſich wünſchen konnte, ſo kam dieſelbe doch nicht über Porrys Lippen. Das Geſpräch kam auf den Sommer. Jenny beklagte, daß man ſich trennen müßte; dabei lächelte ſie Porry zu. Nils ergriff ihre Hand mit den leſen Sommer nach Italien, und en, um nie mehr von Ihrer n Tour durch Italien und die Schweiz mit Ihne wird ganz ſicher alle Gedanken und Gefühle, die mich plagen, verſcheuchen, und die Erinnerung daran erbleichen und verſchwinden machen. Jenny ſagte, daß ſie daran denken würde; daß ſie aber erſt zu wiſſen wünſche, warum er nach Italien zu reiſen brauchte, um zu vergeſſen. Porry ſagte, daß das Etwas ſei, das nur ihn ſelbſt beträfe. Jenny wurde mißvergnügt, ſprach unter Thränen davon, wie wenig Zuneigung er zu ihr, wie viel ſie zu ihm habe, und das Ende wurde, das ſie ſich in einer ——— ——S—,—,——— den hat. 93 disharmoniſchen Gemüthsſtimmung trennten; etwas, das für Jennys Macht über Porry ſehr ſchädlich war. Das verwöhnte junge Weib beſchloß jetzt, ſeinen Wünſchen nicht entgegenzukommen und durchaus nicht nach Italien zu reiſen, es ſei denn, daß er ihr an⸗ vertraute, weshalb er dahin reiſen ſollte. Einige Zeit verſtrich. Als Porry ſich wieder bei ihr einfand, war ſie kalt und abgemeſſen. Er fragte: — Nun, Gräfin, haben ſie ſich wegen des Som⸗ mers entſchloſſen? — Ja, ich bleibe in Schweden,— antwortete Jenny,— ſofern Sie mir nicht ſagen wollen, welche die Gründe ſind, die Sie veranlaſſen, ſo plötzlich nach dem Süden reiſen zu wollen. — In dieſem Falle, Gräfin, werden Sie den Sommer hier zubringen. Jetzt wünſche ich nicht mehr, Italien zu beſuchen. Ich bleibe zu Hauſe. Wie alle Weiber, die ſelbſt ihr ganzes Herz ge⸗ ben, aber wiſſen, daß ſie im Austauſch nur ein klei⸗ nes Scherflein erhalten, fürchtete Jenny das zu ver⸗ lieren, was ſie beſaß und gab in Folge deſſen im⸗ mer nach, wenn Porry ſich kalt zeigte. Hätte Nils ſie wirklich geliebt, ſo iſt es ganz gewiß, daß ſie nicht viel nach ſeiner ſchlechten Laune gefragt, ſondern ganz eigenſinnig ihren Willen geltend gemacht hätte. Es trifft ſich gewöhnlich hier im Leben, daß herrſch⸗ ſüchtige und hochmüthige Weiber Sklavinnen des Mannes werden, der bei ihnen Gefallen gefun⸗ 94 Genug, Jenny änderte ſofort ihren Ton. Jetzt wollte ſie reiſen, jetzt wünſchte ſie nichts höher, als ſeinem Wunſche entgegenzukommen; aber vergebens. Er hatte ſeinen Entſchluß geändert und dachte an keine Tour nach Italien. Während der Zeit, welche zwiſchen dieſem und dem vorhergehenden Beſuch verſtrichen war, hatten Porrys Gedanken ſich bedeutend geändert. Er wünſchte jetzt, mit Jenny zu brechen; aber das würde keine leichte Sache werden. Er ſah ein, daß er eine minder ſchöne Rolle ſpielen würde, falls er es nicht that. Mit jedem Tage, welcher ſeit der Nachricht von Sturms Tod und der Ankunft von Renés Brief ver⸗ ſtrichen war, hatte die ehemalige, nie erloſchene Leiden⸗ ſchaft für Sorenza mit verdoppelter Stärke zuge⸗ nommen. Porry empfand in der That eine gewiſſe Bitterkeit bei dem Gedanken, daß Jenny möglicher⸗ weiſe ein Hinderniß für ſeine Annäherung an So⸗ rrenza werden könnte. Mitten unter dieſen verwickelten Verhältniſſen wurde Gräfin Eldon krank, und als Jenny wieder das Thema von der Reiſe nach Italien aufnahm, antwortete Porry: — Ihre Mutter iſt viel zu ſchwach, als daß Sie ſie verlaſſen können. Jenny blieb bei der Mutter, während ſie ſich über die Opfer, die ſie brachte, beklagte. Ernfrid kam auf Beſuch nach der Hauptſtadt, grade als Gräfin Eldon wieder geneſen war. Er war bei der Legation in Frankreich angeſtellt. Aurch die Mutter wurde Ernfrid, der ſeit dreß 3 j g n d G n h. dt, Er 9⁵ Jahren nicht im Vaterlande geweſen, von Jennys Neigung für Porry unterrichtet. Es mißfiel im höchſten Grade dem ſtolzen Bruder, und er ſprach ſeine Mißbilligung darüber aus, bat aber nebenbei die Mutter, Jenny nichts zu ſagen, ſondern nur es zu veranſtalten, daß Ernfrid die Schweſter und Porry zuſammen zu ſehen bekäme. Dieß geſchah. Eine kleinere Geſellſchaft, wozu Nils eingeladen war, wurde bei Gräfin Eldon ar⸗ rangirt. Er kam. Das erloſchene Intereſſe ſtand deutlich in ſeinen Blicken geſchrieben. Ernfrid war jetzt nicht ein aberwitziger und über⸗ müthiger Knabe, ſondern ein hochmüthiger aber klu⸗ ger und berechnender Diplomat. Sein Benehmen gegen den Künſtler war deß⸗ halb artig und ſo verbindlich, daß man unmöglich etwas von dem Unwillen merken konnte, welcher in ſeinem Innern wohnte. 5 Mit Falkenaugen gab Ernfrid auf Jenny und Porry Acht. Er ſah ganz richtig ein, daß, wenn es irgend eine Neigung beim letzteren gegeben, ſo ſei dieſelbe jetzt erloſchen. Außerdem hatte Ernfrid mit ſeinem guten Gedächtniß weder Porrys Auftreten bei Gru⸗ ners, noch in Sorenzas Atelier vergeſſen. Ernfrid, der wachſamer und ſchlauer als alle An⸗ deren in ſeiner Familie war, hatte über Manches Erkundigungen eingezogen, was zu jener Zeit paſſirt war, als Sorenza ſich im Gruner'ſchen Hauſe auf⸗ hielt, welches er jetzt aus der Vorrathskammer ſeines Gedächtniſſes hervorholte und mit dem combinirte, was er ſelbſt von Sorenzas ſpäterem Schickſal wußte, und auf dieſe Weiſe kam er der Wahrheit ſo ziemlich nahe.* So war ihm z. B. bekannt, was Niemand an⸗ ders wußte, daß Sorenza mit Sturm verheirathet geweſen, daß ſie jetzt Wittwe ſei, und daß Porry vor einigen Jahren einen Beſuch auf Eckſjö abge⸗ ſtattet; ferner daß er von dort in einer düſteren Ge⸗ müthsſtimmung zurückgekehrt ſei. Aus allem dieſem zog Ernfrid den Schluß: daß Porry eine gründliche Liebe zu Sorenza gehegt, auf welche weder Zeit noch Verhältniſſe einzuwirken vermocht hätten. Ernfrids Plan war alſobald fertig. Nachdem alle Gäſte ſich entfernt hatten, zog die Gräfin Eldon ſich zurück in ihre Zimmer; die beiden Geſchwiſter blieben allein im Salon zurück. Ernfrid nahm ſofort das Thema auf, lobte Porry und ſagte lachend, daß er wohl einſähe, daß Jenny den Profeſſor beſtimmt gern hätte. Ernfrid ſprach kein tadelndes Wort, ſondern wünſchte ihr im Gegentheil Glück; aber zu gleicher Zeit wußte er ſolche Worte hinzuwerfen, welche dem Stolze Jennys ſchmeichelten und ſie gegen Porry aufreizten. Ernfrid bemerkte unter Anderem: — Es kann nicht fehlen, daß Du eine unbegränzte Macht über ihn beſitzen mußt, wenn man bedenkt wie ſehr es ſeiner Eigenliebe ſchmeicheln muß, vol einer Frau mit Deinem Rang, Reichthum und Dei ner Schönheit geliebt zu werden. Jedes Opfer vo ſeiner Seite iſt deßhalb weiter nichts, als ein 4 4 97 Schuldigkeit, und ich bin deſſen gewiß, daß Du in dieſem Falle Deine Rolle ganz richtig aufkfaſſeſt. Ein Mann wie er liebt hoch das Weib, das ihn be⸗ herrſcht ꝛc. Als Ernfrid Jenny verließ, hatte er alle ihre aufrühreriſchen Gefühle in Bewegung geſetzt. Sie fing an, über ihre und Porrys Stellung nachzuden⸗ ken und fand jetzt, daß er im Ganzen es nicht ver⸗ ſtanden hätte, den Werth zu ſchätzen, welchen es hatte, von Jenny Eldon, Wittwe des Grafen Kron⸗ ſtrahl, geliebt zu werden. Jenny beabſichtigte deß⸗ halb, Beweiſe ſeiner Zuneigung zu fordern, und meinte ſelbſt, daß ſie zu anſpruchslos geweſen. Ernfrid hatte ganz geſchickt ſeine Schlinge ge⸗ legt, um die Schwächen der Schweſter zu fangen, ſo daß dieſe den ſtolzen Porry verletzen und einer Verbindung ein Ende machen würden, die Ernfrid verabſcheute. Er hatte jedoch dabei nicht alle die geheimen Fäden berechnet, welche ein Frauenherz in Bewegung ſetzen. Für den Augenblick war es ihm indeſſen gelun⸗ gen; Jenny ſchrieb bereits am nächſten Tag ein paar Worte an Porry, daß ſie ihn zu ſprechen wünſchte. Er fand ſich zu der beſtimmten Zeit ein. Jenny ſagte ihm, ſie wünſche einen Beweis zu erhalten, daß er Wahrheit geſprochen, als er ſie verſicherte, das einzige Glück, das er zu hoffen habe, ſei, ſein Leben mit ihr zuzubringen. Porry fragte ſie, ohne mit einem einzigen Buch⸗ ſtaben zu verſichern, daß er die Wahrheit geſprochen, was ſie wünſchte. Schwartz, Die Tochter des Edermanns. III. 7 1 98 — Daß Sie mit nach Schonen gehen, wohin ich und meine Mutter in einigen Wochen abreiſen. — Verlangen Sie alles Andere als das von mir,— antwortete Porry.— Ech muß hier bleiben. — Iſt das Ihr feſter Entſchluß? — Ja! — rief Jenny. — Gräfin! ich handle, wie Sie mit der Reiſe nach Italien. — Ah, mein Herr, das läßt ſich nicht verglei⸗ chen,— rief Jenny heftig.— Ich hatte ein Recht, es auszuſchlagen; daß Sie es thun, iſt eine Beleidi⸗ gung, denn Sie ſagen damit, daß mein Glaube an Sie in Ihren Augen nichts werth iſt. — Sie ſind aufgeregt, Gräfin, erlauben Sie, daß wir das Thema verlaſſen, bis Sie ruhiger werden. Porry verabſchiedete ſich und Jenny, gereizt, ver⸗ letzt und erbittert, beſchleunigte, in der falſchen Mei⸗ nung, daß Porry es bereuen würde, die Abreiſe nach Schonen. .Am Tage vor der Abreiſe beſuchte er ſie. — Wenn Sie nach Schonen nachkommen,— ſagte Jenny mit feſtem Tone,— dann weiß ich, daß Ihre Neigung wahr und wirklich iſt; bleiben Sie aus, dann werde ich es als ein beſtimmtes Ein⸗ geſtändniß betrachten, daß Sie gelogen, als Sie ſagten, Sie hätten mich lieb. Ich rechne darauß Sie recht bald wieder zu ſehen. Das iſt wohl das geringſte Opfer, das Nils Porry der Gräfin Kron⸗ ſtrahl bringen kann, ſollte ich glauben. Ja! — Sie haben alſo keine Anhänglichkeit an mich? 99 Wenn Jenny den letzten hochmüthigen Satz aus⸗ gelaſſen, dann hätte ſie klug gethan. Jetzt verbeugte Porry ſich und ſagte kalt: — Ich bitte, daß die Gräfin Kronſtrahl nicht an mich glauben möge. Das Opfer, welches Jenny zu bringen mir möglicherweiſe lieb wäre, iſt mir un⸗ möglich der Gräfin zu bringen. Leben Sie wohl und viel Vergnügen auf der Reiſe. Er ging und ſie rief ihn nicht wieder zurück, ſon⸗ dern reiste ab. Ernfrid war der Mutter und Schweſter Begleiter auf der Reiſe nach Schonen. Kein Porry kam nach. Jenny fühlte ſich ver⸗ letzt, dann unglücklich und ließ zuletzt ihrem Schmerz dadurch freien Lauf, daß ſie die Mutter der Urhe⸗ berſchaft deſſelben anklagte. Ihr Stolz verbot ihr, Ernfrid Etwas zu ſagen. Dieſer glaubte jetzt, daß es mit der tollen Verbindung ein Ende habe und reiste von Schonen zurück auf ſeinen Poſten in Frankreich. Die Gräfin und Jenny kehrten nach Stockholm zurück. Am Tage nach ihrer Ankunft trat letztere in das Atelier von Porry. 3 Er, welcher es für ausgemacht gehalten, daß es zwiſchen ihm und Jenny vorbei ſei, fühlte ſich auf eine wenig angenehme Weiſe überraſcht, beſonders da er durch eine Unterredung mit René während eines kurzen Aufenthalts deſſelben in der Hauptſtadt ſich von der Unſchuld Sorenzas vollkommen über⸗ zeugt hatte. Porry hatte die Zeit, welche Jenny abweſend war, dazu benutzt, um durch Mariquitta Tipas von 100 ihrer Stiefmutter zu erfahren. Alles, was die junge Frau ihm erzählte, war dazu geeignet, Sorenza als ein Weib darzuſtellen, das auf eine bewunderungs⸗ würdige Weiſe ihre Pllichten zu erfüllen geſucht hatte. Nicht das Allergeringſte deutete an, daß es Etwas in ihrem Leben gab, was einen Fehltritt in ſich ſchlöße. Porry hatte mit der größten Geſchicklichkeit das Geſpräch ſo gewendet und Mariquitta ſo fein aus⸗ gefragt, daß, wenn irgend ein Fleck an Sorenzas öh gehaftet, er denſelben unbedingt herausgefunden hätte. Porry wartete alſo nur auf Sorenzas Rückkunſt aus Kopenhagen, um ſich ihr zu nähern. Er ſah⸗ ganz gut ein, daß er, wenn er ſie dort ſo kurze Zeit nach dem Tode des Mannes aufgeſucht hätte, ſich einen Anſtoß gegen die Schicklichkeit hätte zu Schul⸗ den kommen laſſen, der ſie verletzt haben würde. Darum wartete er. Und jetzt trat Jenny wieder auf. Porry fühlte, daß er in ihr eine Feindin des Glückes hätte, wel⸗ ches er zu finden hoffte. Die ſtolze Gräfin kam jetzt, um ihn daran zu erinnern, daß er ihr recht oft wiederholt hätte, ſie ie Einzige, welche ihn über das, was er ge⸗ 3 in und verloren, tröſten könnte. Sie kam, um ihn wegen der Worte, die ſie bei ihrer Trennung ausgeſprochen, um Verzeihung zu bitten, um ihm we⸗ gen ſeines eigenſinnigen Schweigens während ihrer Abweſenheit Vorwürfe zu machen ꝛc. Jenny war ſo mild, ſprach ſo ernſt und mit ſo vielem Gefühl, daß Porry gerührt wurde. Obgleich 101 e er jetzt in der Tiefe ſeines Herzens die Schwäche 8 verdammte, welche ihn einſt verleitet, die Sprache ⸗ der Liebe zu Jenny zu ſprechen, ſo konnte er ſich dſt doch freundlich gegen ſie zeigen, was er faſt als eine 8 Pflicht betrachtete. Ihrem Stolz und ihren Anſprü⸗ u chen ſetzte er Kälte entgegen; gegen ihre Zärtlichkeir und Appellation an die Vergangenheit gab es nichts s als Theilnahme. Einige Wochen verſtrichen, welche Porry einen 1s Vergeſchmack des Fegefeuers brachten. Er beſchloß in jeden Tag, Jenny Alles zu ſagen; aber jedesmal, wenn er ſich in dieſer Abſicht einfand, begegnete ſt Jenny ihm mit einer ſo milden und wehmüthigen äh Miene, daß es ihm an Muth fehlte. it Einen Monat nach Jennys Ankunft fand eine ch Ausſtellung von neuen Gemälden ſtatt, unter wel⸗ U⸗ chen auch eines von Sorenza ſich befand. Beim de. Anblick deſſelben ſtürzten alle Rückſichten zuſammen. 3 Porry brachte ganze Tage vor dieſem neuen te, Kunſtwerk von ihr zu, die ſeine ganze Seele be⸗ el⸗ herrſchte, und wenn Jenny, welche ihn nie zu ſehen bekam, ihn ſehen wollte, ſo traf ſie ihn immer vor Sorenzas Gemälde. 1 So vergingen einige Tage, und eine Erklärung mußte ſtattfinden. Jennys Eiferſucht veranlaßte die⸗ elbe.. 1 Eines Tages, als er auf ihre Aufforderung ſich bei ihr einfand, warf ſie ihm mit Heftigkeit ſein verändertes Betragen vor, daß er ſie und was er Anſtand verlangte, vergäße, und das wegen eines Bildes. 4 Es iſt nicht das Bild, ſondern diejenige, 10² welche es gemalt, die es bewirkt hat, daß ich mir nicht gleich bin,— antwortete Porry.— Als ich zum Erſtenmale Sie kennen lernte, glaubte ich, daß die Neigung zu Ihnen die Erinnerung an ſie zu verſdiſchen im Stande ſein würde; aber ich täuſchte mich. Porry ergriff Jennys beide Hände und fügte mit bewegter Stimme hinzu: — Verzeihen Sie mir, ich weiß, daß ich ſchlecht gehandelt, ich weiß... mehr konnte er nicht ſagen, denn im nächſten Augenblick mußte Porry ihrer Kaminerjungfer läuten. Die Gräfin hatte Krämpfe bekommen. Während einiger Tage überließ Jenny ſich einer wilden Raſerei. Man ſagte, daß ſie krank ſei. Endlich beſuchte die Gräfin Eldon Porry. Die Gräfin, welche nichts von der Unterredung wußte, die zwiſchen ihm und der Tochter ſtattg efunden, über⸗ redete Porry, Jenny zu beſuchen. Die Gräfin ſprach lange, und Gott weiß, was ſie ſagte; ſie wußte es ſelbſt nicht. Sie hatte nur einen Wunſch, den nämlich, daß Jenny erhalten möchte, was ſie wollte und dann glücklich werden. Porry hörte ihr ſchweigend zu. Er begleitete ſie zu Jenny, welche ihm jetzt ihre Freundſchaft an⸗ bot und ſagte, daß ſie zufrieden ſein würde, wenn er ſie nur ein bischen lieb hätte und ſie nicht durch ſein Wegbleiben der einzigen Freude, die ſie hier auf der Erde beſäße, berauben wollte. Das waren, mein werther Leſer, ja Worte, denen ſelbſt ein Heiliger, geſchweige ein Mann, nicht hätte widerſtehen können. 4 4 1 103 Porry kam auch oft wieder; aber ohne daß in ſeinem Benehmen etwas anderes, als eine kalte Freundlichkeit lag. Jenny erholte ſich; ſie wurde wieder dieſelbe gegen ihn wie früher. Es ſah aus, als wenn ſie die Unterredung, die ihre Unpäflichkeit veranlaßt, vergeſſen hätte. Sie verdoppelte nur ihre Aufmerk⸗ ſamkeit gegen ihn. Es war, als wollte Jenny mit Gewalt ſein Herz zwingen, ſich an ſie anzuſchließen. Die Männer ſind im Allgemeinen nicht undank⸗ bar, und wenn diejenige, welche einen von ihnen für ſich gewinnen will, jung, hübſch, reich und vornehm iſt, dann empfinden ſie ganz leicht Mitleid. Nils Porry war, Gott vergeb' es, keine Aus⸗ nahme. Er konnte ſich unmöglich gegen die Gefahr wehren, auf eine ſolche Weiſe geliebt zu ſein. Ohne daß er es ahnte, wurde ſein Benehme unmerklich herzlicher, und als die Reiſe nach— ſtran wegen Jennys ſowohl wie der Gräfin ſchwachen Ge⸗ ſundheit beſchloſſen wurde, gelang es Jenny trotz allen Vorſätzen Porrys, ihm in einem unbewachten Augenblick das Verſprechen abzulocken, daß er nach — ſtrand nachkommen und dort ein paar Wochen bleiben würde. Jenny hatte gedacht:. — Bevor wir von Oſtrand zurückkehren, werde ich Porrys Verlobte, und er auf dieſe Weiſe für immer von Sorenza getrennt ſein. Dieſesmal muß meine Liebe zu ihm und mein Haß zu ihr ſiegen. Liebt ſie ihn nur halb ſo viel, wie ich, und haßt ſie mich nur ein Viertel ſo viel, wie ich ſie haſſe, 104 dann wird die Nachricht davon, daß er mein Mann zu werden beabſichtigt, mich an ihr rächen. Mit ſolchen Gefühlen fand ſich Jenny in— ſtrands Bad ein. Daß ſie dort mit ihrer verhaßten Riva⸗ lin zuſammentreffen und unter ihren Augen kämpfen, ſiegen oder vor ihren Augen zu Grunde gehen würde, das war Etwas, das ſie nicht berechnet hatte. Nach dieſer langen Auseinanderſetzung wollen wir zu Jenny zurückkehren, wie ſie da ſitzt und nachrechnet, wie der erſte Zuſammenſtoß mit dem Feinde abgelaufen und welche von beiden, ſier oder Sorenza, im Vortheil geweſen. Mit der wildeſten Erbitterung mußte ſie zugeſtehen, daß Porry ihr keine Aufmerkſamkeit geſchenkt, ſondern alle ſolche an Sorenza verſchwendet hätte. Wie hatten ſeine Augen nicht an dem Geſichte jungen Wittwe feſtgehangen; wie war er ihr cht mit ſeinen Blicken gefolgt; und wie unauf⸗ merkſam und zerſtreut war er nicht Jenny vorge⸗ kommen, wenn er mit ihr ſprach. Für dieſe letztere hatte es nur drei Perſonen auf dem Balle gegeben: ſie ſelbſt, Porry und So⸗ renza; und darum beſaß ſie auch keinen Balſam für ihren Schmerz, keine Linderung für ihren Aerger. Sorenza, dieſe gedemüthigte, dieſe in den Staub geetretene Sorenza, was war ſie nicht jetzt?— Eine reiche, angeſehene Wittwe; eine ausgezeichnete, be⸗ rühmte und gefeierte Künſtlerin; eine geiſtreiche und beliebte Dame; jung, hübſch und verehrt. Sie be⸗ ſaß alle Vorzüge Jennys, ausgenommen den des Ranges, aber ſtatt deſſen beſaß ſie einen noch größe⸗ ren— den der Liebe. 105 Jenny kam es vor, wie ſie da ſaß, daß die Ei⸗ ferſucht im Stande ſein müßte, ſie zu erſticken. Sie empfand ein unwiderſtehliches Bedürfniß, all dem Zorne, welcher in ihr kochte, Luft zu machen. Sie war gerade zu dieſem gereizten Abſchluß ihrer Berechnungen gekommen, als die Thüre ſich öffnete und Arthur eintrat. Ein beſſerer Gaſt hätte ſich nicht einfinden können. Sowie Jenny Arthur erblickte, rief ſie ihm entgegen: — Was fällt Dir ein, daß Du mich mit einem Beſuche beehrſt? Du ſchienſt geſtern auf dem Ball kaum Zeit zu haben, Mama und mich zu begrüßen. Dein Benehmen gegen Deine Mutter und Deine Schweſter iſt mehr als anſtößig. Es iſt, als wenn wir gar nicht für Dich exiſtirten. Wenn wir Win⸗ ters in der Hauptſtadt wohnen, ſo kommt es vor, daß Wochen vergehen, ohne daß wir den Grafen ſehen, und wenn wir, wie dieſes Jahr, in einem Bade zuſammentreffen, ſo iſt er viel zu beſchäftigt, um Zeit zu haben, irgendwie von uns Notiz zu n nehmen, oder ſeiner Mutter diejenige Höflichkeit zu d zeigen, welche er ihr ſchuldig iſt. r— Meine beſte Jenny, iſt es Deine Abſicht zu zanken?— fragte Arthur und blickte ſie mit einer b gewiſſen Würde an. 3 le— Meine Abſicht iſt, die Wahrheit zu reden. Meinſt Du wirklich, daß in Deinem geſtrigen Be⸗ nehmen ein Funken von Tact lag? — Ja, ich ſchmeichle mir wirklich damit. Zum Anfang begleitete ich Mama und Dich hinunter in den Salon. Ich wurde dadurch Euch beiden gerecht. So, das meinſt Du; und nachher war 33 106 ſtimmend mit gutem Ton, daß Du Dich Abend mit jener Sorenza beſchäftigteſt, obgleich Mama anweſend war. Siehſt Du nicht das Unpaſſende darin ein, gerade vor den Augen Deiner Mutter einer ſolchen Perſon... — Halt, Jenny.— fiel Arthur hitzig ein,— oder ſonſt möchten Du und ich einander Dinge ſa⸗ gen, welche ich unausgeſprochen wünſchte. Höre deßhalb genau auf dieſe meine Worte: Sorenza wird mir immer als diejenige meiner Geſchwiſter gelten, — welche ich wirklich geliebt. Madame Sturm wie⸗ derum iſt eine allgemein geachtete Frau und eine ſo ausgezeichnete Künſtlerin, daß es mein Stolz ſein wird, ihr meine Bewunderung zu zollen. Lebwohl, liebe Jenny, ich werde Dich nicht ſo bald wieder mit einem Beſuch beläſtigen. Arthur verließ die Schweſter und begab ſich hinein zur Mutter. Er erkundigte ſich nach ihrem Befinden und als er dies gethan, verabſchiedete er ſich, indem er den Beſuch ſo viel als möglich abkürzte. Zwiſchen der Gräfin Eldon und dem Sohne Ar⸗ thur fand ſeit dem Tode des Grafen ein eigenes Verhältniß ſtatt. Arthur konnte der Mutter ihr Be⸗ nehmen gegen Sorenza nicht verzeihen. Die Gräfin verzieh ihrerſeits dem Sohne nicht ſeine Anhänglich⸗ teit an die Tochter ihres Mannes. Dieß machte, daß beide ſich darauf beſchränkten, einander äußere Höflichkeit zu zeigen, ohne daß damit irgend eine Ver⸗ traulichkeit verbunden war. Die Gräfin konnte ſich nie mit dem Leichtſinn vertragen, mit welchem Ar⸗ ur die Verlobung gebrochen, die ſie ſo geſchickt h n gefädelt. Als ſie ihm dieſes vorwarf, w wohl überein den ganzen 107 Ausdrücke gefallen, welche das Verhältniß noch ge⸗ ſpannter machten und die Veranlaſſung waren, daß die Gräfin ſich nie in die Privatverhältniſſe des Sohnes miſchte, etwas, das er ſich ſehr beſtimmt verbeten hatte. Aber kehren wir zu der Gegenwart zurück. 4 Als Arthur von der Mutter herauskam, wan⸗ derte er durch den Garten nach Sorenzas und Mari⸗ auittas Wohnung. Ueber Arthurs lebensfriſches Ge⸗ ſicht zog ein Schatten tiefſter Wehmuth. Es ſchien, als wenn irgend ein inneres Leiden ihn peinigte. In der Hausflur begegnete er Mariquittas Kam⸗ merjungfrau. — Empfängt Deine Herrin? fragte Arthur. — Nein, ſie hat mir geſagt, daß ſie den Vor⸗ mittag ungeſtört ſein will. ch Arthurs Stirne verfinſterte ſich; aber er ſagte 3, nichts, ſondern ging hinauf zu Sorenza. — 3 ——— —— — d. Während Arthur ſeine Schweſter und ſeine Mut⸗ ds ter beſuchte, ſaßen Sorenza und Marie in einem ze; kleinen Cabinet und tranken Kaffee. Marie war fin eben mit einer längeren Mittheilung zu Ende ge⸗ ch⸗ kommen, welcher Sorenza mit Aufmerkſamkeit zu⸗ te, gehört. 8 4 ere— Dieſes war alſo die Urſache, warum Du, eer: meine gute Marie, nicht länger bei Deinem Lieb: ſich ling bleiben wollteſt, ſondern meine wenig ange⸗ nehme Geſellſchaft vorzogſt,— ſagte Sorenza mit m hübſchen Lächeln und reichte der Schwa rin K0 d. 108 — Ja, da alle meine Bitten und Vorſtellungen während unſeres Aufenthalts in Paris ohne Wir⸗ kung blieben, ſo beſchloß ich, ihr nicht mehr als eine unnütze und läſtige Perſon, über deren Worte ſie lachte, zur Seite zu ſtehen. — Aber warum klärteſt Du mich nicht über alles Dieſes auf, als Du und Mariquitta in Ekſjö ankamet? — Ach, meine Freundin, da begegnete uns ſo viel Trauriges, daß es mir an Muth fehlte, davon zu ſprechen. Gunnar war krank; Du von ſo vie⸗ len Prüfungen niedergedrückt, daß man ohne Herz hätte ſein müſſen, wenn man auch nur um ein Haar die Laſt Deiner Leiden hätte vermehren wollen. Ich hoffte außerdem, daß ihr Aufenthalt auf Ekſjö ihr von Nutzen werden und ſie veranlaſſen würde, daß ſie ſich an René anſchloß, aber das war eine eitle Hoffnung.. Wenn ich nur das wahre Verhältniß erfahren hätte, als ich Wittwe geworden, ſagte Sorenza nach⸗ denkend,— ſo hätte ich leichter dem Uebel abhelfen können. — Auch dann fehlte es mir an Muth, davon⸗ zu ſprechen. Ich wußte, daß es Dich ſchmerzen würde, und ich hatte nur den einen Wunſch, Alles zu ent⸗ fernen, was Deine Rückkehr zum Leben und zur Ge⸗ ſundheit verzögern könnte. Sorenza ſtreichelte Marie und ſagte lächelnd: — Du gute, gute Marie, wie biſt Du nicht um mich beſorgt geweſen. Sei jetzt und beunruhige Dich nicht wegen Mariquitta. hoffe, daß Alles gut werden kann. bei gutem Muthe 109 Es trat eine Pauſe ein, während welcher ſie Kaffee tranken. Dann ſagte Sorenza: — Du ſagſt alſo, daß Mariquittas Ruf durch Arthurs beſtändige Aufmerkſamkeit gegen ſie leidet? — Ja, denn man ſieht darin etwas ganz An⸗ deres, als es iſt. Mariquitta wird allgemein als eine ſtrafbare Frau angeſehen, und, was noch ſchlim⸗ mer iſt, man fängt auch an von dem Künſtler Bencke u flüſtern. Dieſes Gerücht wird noch mehr in Um⸗ lauf kommen, da er hierher nachgekommen iſt. — Iſt er hier?— fragte Sorenza mit einer Stimme, welche wunderbar ſtolz klang. — Ja, er kam geſtern Abend, und dieſen Mor⸗ gen, während Du und Mariquitta noch im Cur⸗ ſaale waret, begegnete ich ihm in der Hausflur. Er war hier geweſen und hatte ſeine Karte abge⸗ geben, um ſie von ſeiner Anweſenheit in Kenntniß zu ſetzen. — Nun, ſage mir aufrichtig Deine Gedanken über Mariquitta und dieſe Herren. Ich habe in der einen Woche, wo ich hier in— ſtrand bin, mir keinen klaren Begriff von ihr bilden können. Da ich mein ganzes Wittwenjahr von ihr getrennt ge⸗ weſen bin, ſo iſt dieſe Zeit zu kurz geweſen, um mich darüber aufzuklären, was ſie iſt. „Du Deinerſeits mußt, da Du die letzten ſechs Wochen in ihrem Hauſe gelebt haſt, mir ſowohl von ihr wie von den Herren eine Idee geben können. Iſt ſie in Einen von ihnen verliebt? Nein, noch nicht. Mariquitta war es viel⸗ leicht eine kurze Zeit in Graf Eldon, das heißt, hrend ihrer erſten Bekanntſchaft in Paris; aber 110 dieſe ihre Neigung war ganz vorübergehend, wie alle andern Eindrücke; jetzt iſt es ihre Eitelkeit, die das Wort führt. Sie liebt es, Anbeter um ſich verſammelt zu haben. Es ſchmeichelt auf eine an⸗ genehme Weiſe ihrer Eigenliebe, daß ein Mann, welcher innerlich und äußerlich ſo reich ausgeſtattet iſt, wie Graf Eldon, fortfährt, ſie zu lieben, und das bis zur Abgötterei. Sie läßt ihn auch durch tauſend Tücken das Glück theuer bezahlen, eine kurze Zeit ihre Liebe beſeſſen zu haben. Was Bencke betrifft, ſo amuſirt er ſie. Er iſt Künſtler, unverſchämt, hübſch und ganz originell. Mariquitta iſt unbedachtſam und gibt nicht darauf Acht, daß wenn Arthur ſeine Neigung dadurch an den Tag legt, daß er ſich in Abſtand hält, wenn ſie in Geſellſchaft ſind, ſo thut Bencke Alles, um die Welt glauben zu machen, daß er begünſtigt ſei. Bencke ſpielt mit ihrem guten Namen und Ruf, um damit ſeiner Eitelkeit zu ſchmeicheln und dieſelbe auf Koſten der Wahrheit triumphiren zu laſſen. Beide compromittiren ſie. Der Eine abſichtlich, der Andere ohne daran zu denken. — Den Einen wird es immer leicht werden, zu entwaffnen, den Anderen ſchwer,— ſagte Sorenza und ſtand vom Kaffeetiſch auf. — Das Erſte, was man thun muß, iſt, René zu veranlaſſen, hierher zu kommen. Der Fehler liegt zum großen Theil an ihm, der ſeine junge Frau auf eine ſolche Weiſe Wind und Wetter preis⸗ gibt. Sei ruhig, meine gute Marie; Du wirſt ſehen, daß jene Herren kein leichtes Spiel mit m haben werden. Wir müſſen immer Gott d 111 daß ihr Fehler nur in Unbeſonnenheit und im Man⸗ gel an richtiger Auffaſſung ihrer Pflichten liegt. Es hätte noch ſchlimmer ſein können. Ich glaube viel zu feſt an ihr gutes Herz, um nicht das Beſte zu hoffen. b In dieſem Augenblick wurde angemeldet: Graf Arthur Eldon, welcher anfrage, ob er die Chre haben könnte einen Beſuch abzuſtatten. .— Gern, bitte den Grafen, einzutreten,— ant⸗ wortete Sorenza. Dann wandte ſie ſich an Marie t und ſagte lächelnd: — Da haben wir den mit dem Herzen. Wir wollen nun ſehen, was ich über ihn vermag. bi ie nickte Marie zu, welche im Cabinet zurück⸗ ieb. —-———— Als Sorenza aus dem Salon herauskam, eilte Arthur ihr entgegen und rief, indem er ihre beiden Hände ergriff, ganz freudig: — Endlich, meine theure, meine liebe Sorenza, können wir uns ohne all dieſen Zwang und all dieſe Verſtellung ſehen. Wie vielmals habe ich nicht in den verfloſſenen Jahren an Dich mit Sehnſucht ge⸗ dacht und Dich vermißt, ohne die geringſte Ahnung zu haben, wo Du ſeieſt, oder welches Dein Schick⸗ er ſal ſei. Arthur drückte ihre Hände an ſeine Lippen und bedeckte ſie mit Küſſen. Jeder Zug in ſeinem hübſchen und intelligenten Geſicht zeigte, wie wirklich erfreut er über dieſes ungenirte Wiederſehen ſei; auch Sorenzas ruhige △̈— g 112 und ſtolze Miene verſchwand, und ein Lächeln voll innerer Befriedigung glitt über ihr Geſicht. — Immer derſelbe!— ſagte ſie mild und zog ihn zu ſich aufs Sopha hinab. Unbeſonnen, gefühl⸗ voll und excentriſch, ganz ſo wie er in den Jünglings⸗ jahren war. Hat die Zeit es nicht vermocht, etwas Schnee über die Glut der Gefühle zu breiten? — Nein, Sorenza, mein Herz iſt heute ebenſo warm, wie damals, als ich Dich zum erſten Male ſah. Es wird nie anders. Die Menſchen und die Prüfungen beſitzen keine Macht darüber. Lange beſtand die Unterhaltung von Sorenza und Arthur nur in einer gegenſeitigen Mittheilung der Ereigniſſe, welche ſich zugetragen, und wie ſich ihr Schickſal geſtaltet, ſeit ſie das letzte Mal ver⸗ traulich mit einander ſprachen. Sie war damals ein Mädchen von ſiebenzehn Jahren, er ein neunzehnjähriger Jüngling geweſen. Jetzt war Sorenza ſechsundzwanzig und Arthur acht⸗ undzwanzig Jahre alt. Beinahe zehn Jahre waren dahingerollt ſeit ihrer letzten vertraulichen Unter⸗ redung. Wie viele bittere Erfahrungen hatte nicht dieſe Reihe von Jahren mit ſich gebracht! Wie viele getäuſchte Hoffnungen und lächelnde Träume waren nicht begraben worden! = Ihr Zuſammentreffen bei Graf Harthon war!L ſo flüchtig geweſen, daß es kein vertrauliches Ge⸗ ſpräch zuließ. d Arthur hatte ſo viel zu fragen, daß Sorenza in w einer Stunde es nicht weiter brachte, als ihm über A 3 5 113 Alles, was er wiſſen wollte, Auskunft zu geben. Endlich bemerkte ſie: 5 — Nun, Arthur, wann ſahſt Du das letzte Mal Frigga Harthon?— — Ich habe ſie nicht wiedergeſehen, ſeit Du mich zwangſt, Ljungbro zu verlaſſen. — Nicht? — Nein; es war, als hätte das Schickſal be⸗ ſchloſſen, daß ich und ſie getrennt werden ſollten. Es gibt indeſſen Zeiten, wo es mir vorkommt, als wäre ſie die Einzige unter Allen, die ich gekannt, welche mir mein Glück bereiten könnte. — Aber mein Gott, warum biſt Du nicht nach ) Ljungbro zurückgekehrt? — Die Umſtände haben es nicht ſo gewollt,— und jetzt, Sorenza, wäre es unnütz. Mein Herz n würde nicht mehr für ſie Raum haben. Frigga iſt . mir eine theure, eine liebe, faſt heilige Erinnerung; aber nichts mehr. 4 n Arthur ſtützte den Kopf auf die Hand und blickte ⸗ gedankenvoll vor ſich hin. Sorenza ſah ihn einige Secunden an; dann ſe bemerkte ſie in einem Ton, als wenn ſie auf das le halbe Bekenntniß in Arthurs Worten nicht Acht ge⸗ en gegen hätte: — Was war die Urſache, daß Du im Frühling ar Ljungbro nicht beſuchteſt? e⸗ — Eine Mittelmeerexpedition, wozu ich comman⸗ dirt wurde und von welcher ich erſt nach einer Ab⸗ in weſenheit von elf Monaten zurückkehrte. Bei meiner Ankunft in Stockholm traf ich mit meinem Onkel on zuſammen. Er theilte mir mit, daß Melcer, art, Die Tochter des Ebelmanns. Iu 8 114 Tante und Frigga nach Italien gereist ſeien, weil Melcer an einem ſchweren Bruſtleiden litt. Mein Entſchluß war ſofort gefaßt. Ich wollte auch dort⸗ hin reiſen. Es lag etwas unbeſchreiblich Reizendes in der Vorſtellung, dort mit Frigga zuſammenzu⸗ treffen.— Ich verlangte und erhielt Urlaub, worauf ich mich auf die Reiſe begab und den Weg durch Deutſch⸗ land und Frankreich nahm. Die Ereigniſſe fügten es ſo. daß ich nicht weiter kommen ſollte. Wieder ſchwieg Arthur. — Wurdeſt Du krank?— fragte Sorenza und ſpielte gut die Unwiſſende. — Ah, Sorenza, ich erkrankte wirklich; aber an der Seele. 3 Arthur ſprang auf, ging einige Male in der Stube herum, blieb dann vor Sorenza ſtehen und ſagte: — Was ich jetzt ſagen werde, habe ich Nie manden anvertraut. Du biſt die Erſte, gegen welche ich ein ſolches Vertrauen zeige. Warum? das weiß ich nicht; aber es kommt mir vor, als wenn Du unter Allen die Einzige wäreſt, die mich verſtehen würde. — Dich verſtehen, möglich; aber gewiß werde 1 ich Dir nicht beiſtimmen. Sorenza reichte ihm die Hand: — Setze Dich hier und ſpreche ruhig. Arthur küßte die dargereichte Hand und ſetzte dann wieder auf denſelben Platz, den er verlaſſen, — Nun gut, Sorenza, ich hielt mich in Pari auf. Wer kann Frankreichs Hauptſtadt paſſiren, 115 einige Zeit dort zu bleiben? Ich beſuchte eines Abends die Oper. In einer der erſten Logenreihen ſaß ein junges Frauenzimmer mit einem Aeußeren, welches ſogleich anzog und meine Blicke an ſie feſſelte. Genug, als das Stück zu Ende war, folgte ich ihrem Wagen, und bevor ich nach dem Hotel, wo ich logirte, zurückkehrte, wußte ich, daß ſie eine Schwedin, und daß ſie eine junge Frau ſei, welche ſich zugleich mit ihrer Tante in Paris aufhielt. Den ganzen folgenden Tag grübelte ich darüber, wie ich ſie wieder ſehen und auf eine paſſende Weiſe ihre Bekanntſchaft machen könnte. Alle anderen Ge⸗ danken und Intereſſen waren gleichſam weggeweht. Ich war gewiß viele Male im Leben verliebt ge⸗ weſen, aber nie hatte Jemand dergeſtalt mein Inter⸗ eſſe in Anſpruch genommen. Um die Mittagszeit machte ich eine Promenade auf den Boulevards, feſt entſchloſſen, direct zu meiner ſchönen Landsmännin hinaufzugehen und zu ſagen— Gott weiß was. Gerade, als ich dieſen Beſchluß gefaßt, hörte ich Jemand hinter mir äußern: — Liebe Tante, es gibt keine Möglichkeit, Fräu⸗ lein de** ausfindig zu machen. Wir haben ſie jetzt drei ganze Monate geſucht, und es fehlt mir wirklich an Luſt, weitere Verſuche zu machen. Die Stimme war klangvoll und friſch. Ich wandte mich um. Es war meine Schöne von der Oper am vorigen Abend. Den Hut abnehmen, ihr ſagen, wer ich ſei, und die Adreſſe von Fräulein de**, die ich kannte, anzugeben, war das Werk eines Augenblicks. Es war eine eigene Fügung des Schicals daß 116 die gefährlichſten Bekanntſchaften, welche ich gemacht, auf der Straße eingeleitet worden, denn ſo war es auch mit der Deinigen. Was ſoll ich weiter ſagen? Ich ſah ſie täglich, war ſtets an ihrer Seite und hatte nebenbei das Glück, ihr Eintritt in verſchiedene franzöſiſche Fami⸗ lien zu verſchaffen. Sie wohnte in General C— 8 Hotel und war durch den alten General, der den Vater ihres Man⸗ nes gekannt, bereits in einen kleinen Kreis eingeführt, den er bei ſich ſah. Sie behauptete gewöhnlich, daß der Sohn des Generals ſterblich in ſie verliebt ſei, und ich glaube es; denn es war unmöglich, ſie zu ſehen und ſie nicht zu lieben. Zum erſten Male in meinem Leben, Sorenza, liebte ich, und das von meiner ganzen Seele. Sie hätte von mir fordern können, was ſie wollte, ich hätte es ihr geopfert, auf eine ſo unvernünftige Weiſe beherrſchte mich dieſes Gefühl, und ſo iſt es in dieſem Augenblick, und das nach Verlauf von beinahe fünf Jahren. .Ich kann nicht leben, nicht denken, nicht athmen, ohne daß Etwas, das ihr gehört, ſich mit darein hineinſchleicht. Der Anblick von ihr iſt unentbehrlich für mein Daſein und derſelbe kann mitunter eine ganze Hölle von Qualen verurſachen. Arthur legte den Kopf in die Hand und fügte hinzu: — Aller Friede, alle Hoffnung auf Glück, alle Freude iſt für mich verſchwunden, wenn ich ſie nicht ſehe und habe und.... ichl — Alle Achtung, alles Anſehen haſt Du ihr geraubt,— fiel Sorenza ernſt ein. — Was ſagſt Du?— rief Arthur. — Die Wahrheit. Mariquittas guter Name und guter Ruf hat durch Dich dergeſtalt gelitten, daß kein Einziger von Denjenigen, welche ſie kennen, etwas Anderes glaubt, als daß ſie ſtrafbar ſei. Haſt Du denn vergeſſen, daß ſie die Frau eines anderen Mannes iſt? daß ſie den Namen eines ehrenhaften Mannes trägt, und daß Du auf eine entſetzlich leichtſinnige Weiſe damit geſpielt haſt? — Sorenza, ich habe nie die Achtung vergeſſen, veelche ich ihr und mir ſelbſt ſchuldig bin. — Haſt Du nicht? In dieſem Falle weiß ſie nichts von Deinen Gefühlen? 3 Arthur ſchwieg. — Thut ſie das nicht,— fuhr Sorenza mit einer etwas zitternden Stimme fort,— dann haſt Du nur ein Dacapo von dem geſpielt, was Dein Vater meiner Mutter that, und Du haſt in geradem Wider⸗ ſpruch mit Allem gehandelt, was man Recht hat von einem Gentleman zu fordern. — Nein, Sorenza, jetzt biſt Du zu ſtreng. Ich habe nie auch nur mit einem Wort es verſucht Mariquitta von ihren Pflichten abzubringen; nie⸗ mals habe ich in meinem Benehmen gegen ſie ver⸗ geſſen, was Ehre und Pflicht gebieten. — Geboten Ehre und Pflicht Dir, mit einer ſol⸗ cher Beharrlichkeit die Frau eines Anderen zu ver⸗ folgen und Dich als ihren Liebhaber zu betrachten? — Spreche die ſtrengen Worte nicht aus, ſon⸗ dern antworte mir: hat man wirklich gewagt, Etwas 118 auszuſprechen, welches, veranlaßt durch meine Be⸗ ſuche in ihrem Hauſe, ihrem Rufe ſchaden könnte? — Ob man es gewagt? wiederholte Sorenza. Haſt Du, Arthur, ſo wenig Erfahrung, daß Deine Vernunft Dir nicht ſagt, daß Du Dich eher darüber wundern müßteſt, wenn man es nicht thäte? Du ſelbſt, mein Freund, was würdeſt Du denken, falls Du Herrn Bencke auf den Promenaden, im Theater, in Geſellſchaft und zu Hauſe ſtets an Mariquittas Seite ſäheſt? Nun, Du würdeſt lächeln und denken:„ein zärt⸗ liches Verhältniß“; und Doch willſt Du, daß Ma⸗ riquitta, ohne von dem allgemeinen Geſchwätz an⸗ getaſtet zu werden, Jahr aus Jahr ein von Deinen Huldigungen, Deiner Liebe und Deinen Alles ver⸗ rathenden Blicken verfolgt ſein ſoll. Du thuſt Alles, um ihr Deine Liebe zu beweiſen, um geliebt zu werden, und doch ſprichſt Du davon, daß Du ſie nicht mit einem Wort von ihren Pflichten haſt ab⸗ bringen wollen. Iſt nicht ihre Liebe zu einem An⸗ dern ein Verbrechen gegen jene? — Aber, Sorenza, ihr Mann fragt ja nicht nach ihr,— fiel Arthur ein,— er ſetzt auf dieſe Weiſe ſeine Frau.. — Den Liebesfaſeleien leichtſinniger Edelleute aus,— fiel Sorenza ſcharf ein.— Weißt Du wohl, ob er es iſt, der das thut? Kann es nicht eher ſie ſein, welche, durch die Schmeicheleien von Narren be⸗ thört, es vergißt, daß ſie vor Gott ihrem Gatten verſprochen hat, ihn in Glück und Unglück zu lieben. Laſſen wir alle dieſe Reflexionen. Sie werden eines Tages, wenn all das Böſe, welches g 119 man von Dir und Mariquitta ſagt, zu den Ohren ihres Mannes gelangt iſt, auf eine traurige Weiſe ſich bei Dir einſtellen. Jetzt mußt Du mir ehrlich und wahr auf eine Frage antworten: Liebt Mari⸗ quitta Dich?. — Nein, Sorenza, das iſt vorbei, falls ſie es je gethan hat. Meine Geſellſchaft iſt ihr nicht mehr genug, ſie hat das Bedürfniß der Huldigung von Anderen, und ſcheint ſich oft in meiner Nähe zu langweilen. Ah! wenn Du ahnen könnteſt, welche infernaliſche Qualen dieſe Gewißheit erzeugt! Zu ſehen, zu wiſſen.... — Daß Du Deine Rolle bei ihr ausgeſpielt haſt. Ich werde Dir eine große und tiefe Wahrheit an⸗ vertrauen. Es gibt keine verheirathete Frau, mag ſie auch noch ſo leichtſinnig ſein, welche nicht den Mann geringſchätzt, der zu ihr von Liebe geſprochen. Es iſt das Schickſal des Liebhabers, mein Freund, von derjenigen verachtet zu werden, welcher ſie von dem Wege des Rechts abzulocken ſucht, und das ſelbſt dann, wenn es gelingt. Das Weib liebt nie denjenigen, welchen ſie verachtet, und ſie verachtet duch das Unrecht, ſelbſt wenn ſie demſelben unter⸗ iegt. 1 Was biſt Du in Mariquittas Augen? Ein Sklave, mit welchem ſie ſich amüſirt, und den ſie plagt oder ihm ſchmeichelt, wie es ſich gerade trifft. Du haſt gethan, was Du konnteſt, um ihr die Achtung An⸗ derer zu rauben, und Du hoffſt noch, daß ſie tiefere Gefühle für Dich empfinden wird?— — Aber, mein Gott, warum weist ſie mich nicht von ſich*ĩ Warum wiünſchte ſie, daß ich hierher kom⸗ 120 men ſollte? Warum hat ſie als Beweis dafür, daß I ich ſie gerne hätte, verlangt, daß ich aufhören ſollte, in alle die Häuſer zu gehen, zu welchen ſie nicht Zutritt hätte? Warum iſt ſie böſe geworden, wenn ich mich nicht täglich bei ihr einfand ec. — Darum, weil ſie unbeſonnen iſt. Es hat ſie amüſirt, in Dir ein willenloſes Werkzeug zu beſitzen, das Alles that, was ihr einfiel. Glaube mir, Ar⸗ thur, Du biſt und wirſt nie etwas Anderes geweſen ſein, als ein Spielzeug in Marquittas Händen. Du haſt mit ihrer Ehre geſpielt, ſie mit Deinem Herzen. — Sorenza!— rief Arthur und ſtürzte von ſeinem Sitz auf,— iſt es Deine Abſicht, die Hölle in meinem Innern noch größer zu machen? — Nein, aber wohl Dich zu zwingen, über Deine eigenen Handlungen und Deine eigene Stellung nachzudenken. — Profeſſor Porry wünſcht ſich nach dem Be⸗ finden der gnädigen Frau zu erkundigen,— meldete der Bediente. — Bitte den Profeſſor, einzutreten,— antwortete Sorenza ruhig. Dann wandte ſie ſich an Arthur und ſprach: — Denke über meine Worte nach und zeige Deine Liebe auf eine edlere Weiſe, als dadurch, daß Du diejenige, die Du liebſt, blosſtellſt. Porry trat ein. Einige Augenblicke darauf ent⸗ fernte ſich Arthur. Er lenkte ſeine Schritte nach dem Garten. In einer der entlegenſten Alleen entdeckte er eine Dame und einen Herrn. Er blieb hinter der Hecke ſtehen und ſuchte herauszufinden, wer die beiden 121 ſeien. Er brauchte nicht lange Zeit dazu. Es war Mariquitta, welche mit dem Künſtler Bencke fröhlich plauderte.— Arthur eilte fort.. — Meine Couſine,— bemerkte Porry, als er und Sorenza ſich allein befanden,— ich komme jetzt, nachdem ich mich nach Ihrem Befinden erkundigt, um von Ihnen Genugthuung und Aufklärung zu fordern. Es iſt ſchon länger als eine Woche, daß ich die Abſicht hatte, es zu thun; aber ich habe es unauf⸗ hörlich aufgeſchoben. — Es ſieht ja wahrlich ſo aus, als wenn wir in Streit gerathen ſollten,— ſagte Sorenza lächelnd. — Nun, ich habe nichts dagegen. Wir paſſen beſſer zu Gegnern, als zu Freunden. — Glauben Sie das? Porry ſah ſie mit einem wärmeren und tieferen Blick an, als derjenige, womit er das ſiebenzehnjäh⸗ rige Mädchen betrachtete.— Ich bin meinerſeits einer entgegengeſetzten Anſicht; aber davon ein an⸗ deres Mal. Jetzt zu der Genugthuung. —(Sind Sie es, der mir dieſelbe geben ſoll? — Ja, falls Sie irgend einen Werth darauf legen. Ich habe Sie ja doch nie vorſätzlich be⸗ leidigt. — Beſter Porry,— ſagte Sorenza im aller⸗ gleichgültigſten Ton von der Welt und nannte ihn zum erſten Male beim Namen,— ich ſagte, wie Sie eben ſagten: das iſt nicht darüber, daß wir ſprechen 12² wollen; ſondern von der Genugthuung, auf welche Sie hindeuten. — Das heißt über diejenige, welche Sie mir ſchuldig ſind. — Habe ich Sie denn beleidigt? — NMehr als das, Sie haben mich verletzt. — Durch was? — Fragt Sorenza dieß in vollem Ernſt? — Ganz gewiß. Vor zehn Tagen ſtatteten Sie mir Ihren erſten Beſuch ab. Seit der Zeit haben wir uns wahrhaftig doch mehreremale täglich geſehen, aber immer mit einander als Künſtler geſprochen; geſtern auf dem Balle converſirten wir als Theil⸗ nehmer an der Geſellſchaft, und heute... — Als Schuldner. — Durchaus nicht! Wir haben keine gegenſeiti⸗ gen Forderungen oder Schulden,— ſagte Sorenza ſtolz. — Doch, größere, als andere Menſchen haben können. — Ich bitte, mein Couſin, daß Sie nicht vom Thema abgehen,— unterbrach ihn Sorenza.— Ich wünſche zu wiſſen, auf welche Weiſe ich Sie belei⸗ digt habe. Selbſt befinde ich mich in vollkommener Unkenntniß darüber. — Sie haben es dadurch gethan, daß Sie mir die Zeichnungen wieder zugeſtellt haben, zu welchen Sie durch einen Zufall gelangt, und die von meiner Hand waren. — Alſo von Werth für Sie. Aber ohne irgend welchen für Sie? Porrys Augen ſuchten die kalte Maske zu durch⸗ dringen, welche Sorenzas Geſicht trug; aber verge⸗ ————— 123 bens. Sie blickte ihm ganz ruhig in die fragenden Augen. 35 — Was ein Künſtler mit Ihrem ungewöhnlichen und hervorragenden Talent gezeichnet, kann nie ohne Werth für einen Künſtler ſein. Ich ſchickte ſie auch einfach deßhalb zurück, weil ich fürchtete, daß Sie dieſelben vermiſſen möchten, und ich wollte nicht, daß Sie Croquis von einem ſolchen Werthe beraubt würden. — Es geſchah alſo nicht, um Ihren Unwillen gegen den Meiſter an den Tag zu legen, daß Sie ſo mir nichts Dir nichts das Werk ſeiner Hände zurückſchickten?. — Durchaus nicht. Ich nähre keinen Unwillen und würde darum einen ſolchen nicht gegen Sie zeigen können. — Wenn dem ſo iſt, erlauben Sie dann, daß ich⸗ jene Zeichnungen zurückſchicke? — Gerno, falls Sie ſie nicht behalten wollen. — Dank! Porry ergriff ihre Hand, die ſie ohne Wider⸗ ſtand und ohne irgend eine Bewegung küſſen ließ. Die ruhige Kälte war nahe daran, Nils aus dem Gleichgewicht zu bringen, ſo peinlich kam ſie ihm vor. — Wenn die Genugthunng darin beſtand, daß ich das wieder zurücknehme, was ich zugeſtellt, ſo habe ich Ihnen jetzt dieſelbe gegeben,— ſagte So⸗ renza lächelnd.— Wir ſind alſo mit der Sache fer⸗ tig und können zu der Erklärung übergehen, welche Sie mir und Ihnen ſchuldig zu ſein meinen. 124 — Glauben Sie nicht ſelbſt in einer ſolchen Schuld zu mir zu ſtehen? — Nein, ich glaube nicht, Ihnen Etwas ſchul⸗ dig zu ſein; das habe ich ſoeben erklärt; aber laſſen Sie hören. — Sie bemerkten vor einiger Zeit, daß das ſchuldige Weib und deſſen göttlicher Richter nicht von Ihnen gemalt ſeien. — Ja, das that ich. Sie wiſſen, daß ich die Wahrheit ſprach, Sie, der Sie dieſelben gemalt haben. — Aber wie weiß Sorenza das? Sorenza ſtützte den Kopf auf die Hand und fing, ohne zu antworten, folgendermaßen an: — Es war einmal ein junger Künſtler. Er hielt ſich in einem alten Hauſe auf, welches Zeuge von vielen traurigen Ereigniſſen geweſen. In dieſem Hauſe wohnte ein ſtrenger Mann mit ſeiner jungen Frau. Dieſe Frau ſah täglich den jungen Künſt⸗ ler, und der Jüngling wurde bald ihrem Herzen lieb. Sie liebte ihn. Er ſeinerſeits merkte freilich die Neigung des jungen Weibes; aber er legte kein Gewicht darauf. Er hatte nur Sinn für den Schön⸗ heitstypus, den ihr Aeußeres ſeinem Künſtlerſinn darbot, welcher nur von Gemälden und Idealen träumte. Der Mann, welcher ſtreng war, aber noch zu jener Zeit an die Ehre ſeiner Frau glaubte, begab ſich auf eine Reiſe. Die Frau und der Künſtler blieben zu Hauſe. Unter dieſem täglichen und un⸗ geſtörten Zuſammenſein entdeckte der Künſtler immer mehr und mehr die Neigung des jungen Weibes für ihn; aber obgleich er dieſelbe nicht theilte, ſo „ 125 hatte er doch nicht den Muth, durch ſeine Abreiſe der Sache ein Ende zu machen. Nein, er blieb und fühlte ſich durch dieſes Bewußtſein wie durch Etwas, das ihn entzückte, geſchmeichelt.— Es gab in dem alten Hauſe eine Wohnung, zu welcher Niemand, als der Herr im Hauſe, den Schlüſſel hatte. In dieſer Wohnung war auch ein Atelier, welches einſt einem jungen, ſehr unglück⸗ lichen und ſehr keuſchen Weibe, einer Halbſchweſter des Künſtlers, zugehört hatte. Sie war jetzt todt. Das Atelier und ihre Wohnung ſtanden öde; aber Alles, womit ſie ſich beſchäftigt hatte, befand ſich in demſelben Zuſtand, wie damals, als ſie ihre Hei⸗ math verließ. Der Künſtler, welcher einſt in ſeinen Knabenjah⸗ ren ſeine Schweſter beſucht hatte, kannte alle Win⸗ kel und Ecken in dem alten Hauſe. Er wußte deßhalb auch, daß es zu dem verſchloſſenen Zimmer eine Wendeltreppe gäbe, welche von einem Cabi⸗ net in dem unteren Stockwerk hinaufführte. Die Wände des Cabinets waren getäfelt und die Thüre zu der Wendeltreppe ſo geſchickt hineingepaßt, daß ſie den Augen Aller, welche das Geheimniß nicht kannten, verborgen war. Eines Tages erzählte er der jungen Frau und ihrer Schwägerin, wie er als Knabe jene heimliche Thüre entdeckt habe. Die junge Frau bat ihn, ihr dieſelbe zu zeigen, und trotz aller Einwendungen der Schwägerin geſchah dieſes. Als er in die für Alle verſchloſſenen Zimmer hinaufgekommen war, blieb der Künſtler vor dem Entwurf zu einem Bilde ſtehen, welches ſich auf der Staffelei im Atelier 126 befand. Es war dazu beſtimmt, die Scene darzu⸗ ſtellen, wie Chriſtus das Urtheil über die Ehebreche⸗ rin ſpricht. Der Künſtler wurde von dem Entwurf frappirt, welchen die verſtorbene Schweſter hinterlaſſen. Er kommt auf den Einfall, denſelben fertig. zu malen. Er bittet die junge Frau, daß ſie ihm zu dieſem Bilde ſitzen und ihm ihre Züge zu der Ehebrecherin leihen möchte. Sie willigt ein. Er vergißt ganz und gar, daß die Pflicht es ihm gebot, ſich zu ent⸗ fernen. Er malte und ſie liebte. Auch ſeine Blicke wurden zärtlicher, und bald ſah es ſo aus, als wenn ſein Herz von derſelben Schwäche befan⸗ gen ſei. Der Künſtler war gerade mit dem Kopf des Erlöſers fertig geworden, als— die junge Frau das Geheimniß ihres Herzen ganz und gar verrieth. Beim Anhören dieſes Bekenntniſſes legte der Künſtler die Palette von ſich; der Pinſel entfiel ſei⸗ ner Hand; er ſtürzte vor ihr auf die Kniee und ſagte, daß ſie ſich jetzt trennen müßten. In dem⸗ ſelben Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens. Der Künſtler ſtürzt die Treppe hinunter, und das junge Weib erreicht mit Mühe das Cabinet, als der Mann ins Haus eintritt. Er ſieht den Künſtler in aufgeregtem Zuſtande aus den Zimmern ſeiner Frau herauseilen. Er tritt zu ihr hinein. Auch ſie iſt im höchſten Grade aufgeregt und der Schrecken iſt deutlich in ihrem Geſichte zu leſen. Gs ſchien, daß Etwas vorgefallen ſei. Ein entſetzlicher Verdacht ſteigt in der Seele des 127 Mannes auf; derſelbe geht bald in Gewißheit über, als der Künſtler am folgenden Morgen ohne Lebe⸗ wohl zu ſagen ſeine Wege reist. Er hatte einen Brief hinterlaſſen, in welchem er ſeine plötzliche Ab⸗ reiſe mit einer vorgeblichen dringenden Angelegen⸗ heit entſchuldigte. Kein Zweifel mehr. Sie ſind ſchuldig. Das traurige Ausſehen und die ſtillen Thränen des jun⸗ gen Weibes, Alles beſtätigt den Verdacht. Eines Tages tritt der Mann hinein zu ſeiner Frau und hält in der Hand eine Zeichnung, die er in dem Zimmer, welches der Künſtler bewohnt, ge⸗ funden hatte. Es war das Bild der jungen Frau, welches er bei irgend einer Gelegenheit gezeichnet. Eine entſetzliche Scene folgte. Die Frau geſtand die Schwäche ihres Herzens, und glaubte ihren Fehler dadurch gut zu machen, daß ſee denſelben ge⸗ ſtand; aber ſie kannte nicht den Mann, dem ſie ein ſolches Vertrauen geſchenkt. Er weder wollte noch konnte verzeihen, und noch weniger glauben, daß ſie nicht ſtrafbar ſei. Ein Jahr darauf hatte eine hef⸗ tige Bruſtkrankheit dem Leben der Unglücklichen, welches von den bitterſten Leiden voll geweſen, ein Ende gemacht. Sie hinterließ jedoch ihr Bild auf dem Gemälde, um die Sünde ihres Herzens gleich⸗ ſam vor der Nachwelt zu kennzeichnen. Der Mann, welcher nie die oberen Zimmer be⸗ ſuchte, war von dem, was ſich zugetragen, in voll⸗ kommener Unkenntniß. Er ahnte nicht, daß Jemand die Wendeltreppe im Cabinet kannte. Erſt zehn Jahre ſpäter, als das Bild— von ſeiner anderen Frau fertig gemalt war, bekam er es zu ſehen. 128 Jetzt, mein Couſin, haben Sie die Geſchichte des Bildes gehört. — Nicht vollſtändig,— ſiel Porry ein und fuhr mit der Hand über die Stirne. Es gibt noch etwas hinzuzufügen, das Sie vergeſſen haben. — Wirklich?— Sorenza erhob ihren Kopf und ſah Porry an. — Sa! Ja! Nils betrachtete ſie. — Jenes Bild hat Unglück gehabt; es hat zur Entdeckung von Geheimniſſen geführt. — Sage lieber, es hat den Beweis geliefert, daß die Menſchen nicht die Worte verſtehen: Wer ſich ohne Schuld fühlt, werfe den erſten Stein. Sorenza ſtand auf und fügte mit gleichgültigem Lächeln hinzu: — Doch, was lohnt es davon zu ſprechen? Sie haben die Aufklärung erhalten, welche Sie wünſch⸗ ten. Wir ſind alſo quitt, und jetzt können wir von anderen Dingen reden. Sorenza nahm eine Handarbeit und ging hin, um ſich an eines der offenen Fenſter zu ſetzen. — Qruitt ſind wir nicht,— ſagte Porry, und nahm Platz auf einem Stuhle ihr gegenüber,— und bevor wir das werden, können wir auch nicht von etwas Anderem ſprechen. Es lag in Nils Stimme etwas tief Ernſtes. — Was iſt da weiter von dem Bilde zu ſagen? — Nichts, wenn Sie ſo wollen, und doch ſehr viel von deſſen Vollendung. — Von deſſen Vollendung.— wiederholte So⸗ renza, und ſah ihn mit einem ſtolzen Blick an.— 129 — Was wollen Sie, daß ich davon ſagen ſoll? Bedarf es wirklich irgend einer Erklärung? — Ach, Sorenza, ein Wort, ein einziges Wort von Ihren Lippen als Löſung des zweideutigen Räthſels, und ich werde daran glauben wie an Gott. — Was Sie geglaubt, bewies Ihre plötz⸗ liche Abreiſe; was Sie jetzt glauben, iſt gleich⸗ gültig. Sie haben zum zweitenmale, ohne Prüfung, den Stab über mich gebrochen. Nun gut; verlangen Sie nicht, daß meine Lippen ein einziges Wort zur Rechtfertigung ausſprechen ſollen. Sie und ich kön⸗ nen uns ja doch nie verſtehen. — Wer iſt jetzt der Strenge? fragte Porry auf⸗ geregt,— Sie, welche nach Verlauf von mehreren Jahren mir eine Erklärung verweigern, oder ich, welcher... — Beſter Porry,— unterbrach ihn Sorenza,— laßt uns nicht davon ſprechen. Ich habe nichts zu erklären, nichts zu rechtfertigen; und wenn ich es auch hätte, ſo glaube ich nicht, daß Sie das Recht haben, es von mir zu verlangen; denn es gibt nur Eins von zweien: entweder halten Sie mich für ein ehrenhaftes Weib, oder für das Gegentheil. Im erſteren Falle ſtehe ich über dem Verdacht; im letz⸗ teren unter demſelben. Im erſteren Falle bedarf ich keiner Erklärung; im letzteren wäre eine ſolche etwas, woran Sie gar nicht glauben dürften. Nils ergriff heftig ihre Hände und rief: — Sorenza iſt grauſam. Keineswegs; ich bin nur gerecht gegen mich ſelbſt. Sie zog ihre Hände zurück. — Gegen ſich ſelbſt, mag ſein; nicht gegen mich. Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 9 130 — Sind Sie es gegen mich geweſen?— äußerte Sorenza heftig. Darauf ſtrich ſie mit der Hand über die Stirne und fügte, indem ſie freundlich die Hand vorſtreckte, mit milder, ruhiger Stimme hinzu: — Hören Sie mich an und behalten Sie dann meine Worte: Das Vergangene iſt Etwas, das wir bereits durchlebt; es gehört uns nicht mehr. Der Gewinn, den wir daraus ſchöpfen, iſt eine bittere Erfahrung, und dieſe hat uns manche lehrreiche Lection gegeben. Laſſen Sie das Alles ſein, was wir davon behal⸗ ten. Etwas Anderes können wir nicht gewinnen. Jede Erinnerung an mich von Ihrer Seite erregt Kälte in meiner Seele. Vergeſſen Sie deß⸗ halb das, was nicht iſt— es kann doch nie werden, was es war... — Und warum nicht?— fiel Porry ein. — Darum, weil das, was geweſen, nicht iſt. Zu verſuchen es wieder zu beleben, würde vergeblich ſein. Das, was todt iſt, lebt nicht. — Wer ſagt, daß es todt iſt!— rief Nils und drückte Sorenzas Hände leidenſchaftlich an ſeine Lippen. — Ich!— antwortete Sorenza in einem ſo kalten und beſtimmten Tone, daß Porry unwillkür⸗ lich ihre Hände los ließ. Auf der hohen Stirne ruhte Ernſt, aus den ruhigen Augen leuchtete Kälte. Nils ſenkte den Kopf. — Laſſen Sie uns Freunde ſein,— fuhr So⸗ renza nach einer kurzen Pauſe fort. Heute kann ich Ihnen ſagen, bleiben Sie mein 131 Freund, weil ich weiß, daß wir Etwas Anderes nicht ſein können. Sie reichte ihm die Hand und fügte ganz hei⸗ 1 ter hinzu: — Und jetzt, da wir das Vergangene begraben 1 haben, ſtehen wir am Grabe deſſelben als ein paar z gute Freunde. 1— Freundſchaft iſt alſo Alles, was Sie mir ſchenken können?— fragte Porry. — Ja, Alles!— antwortete Sorenza und be⸗ gegnete mit einem feſten Blicke ſeinen dunkeln Augen. ’ Porry ergriff ihre dargebotene Hand. 3— Nag es denn ſo ſein,— ſagte er und ließ * ſie ſofort wieder los. , Er ſtand haſtig auf und nahm mit einer ſtum⸗ men Verbeugung von Sorenza Abſchied. Porrys ganzes Aeußere zeugte von einem Innern, das aus t. dem Gleichgewichte gerathen iſt. Es war, als wenn h ter Nerv in ſeinem Geſicht von Schmerz gezittert ätte. d Lange ſaß Sorenza unbeweglich und blickte nach ie der Thüre, durch welche er verſchwunden war. .— Reminiscenzen und ſonſt nichts— flüſterte ſo ſie.— Für ein Lächeln von ihr wird er vielleicht r- Alles vergeſſen, was ihn jetzt ſchmerzt. ie Sorenza ſtand auf und fing an im Zimmer auf e, und ab zu gehen, während ſie in Gedanken folgen⸗ den Monolog hielt: „— Sie liebt ihn. Ich las es in ihren Blicken, in ihren nervöſen Bewegungen, in ihrem ganzen Weſen. Nehme Dich in Acht, Jenny Eldon, Du haſt mich zur Rivalin; und all jene Granſamteit, 13² all jene Schmach, welche Du einſt auf mich gehäuft, könnte ich jetzt rächen. Ich thue es nicht, weil ich beim Andenken meines Vaters mir ſelbſt ver⸗ ſprochen habe, ſo zu handeln, daß ich mich ſeines Namens würdig mache, obgleich mir derſelbe vor⸗ enthalten wurde. Sorenza ſtrich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann fort: — Alle meine Leiden ſind von dieſen beiden Weibern ausgegangen; der Anblick von ihnen hat wieder die bitteren Gefühle, welche in meinem Inne⸗ ren geſchlummert, ins Leben gerufen; aber aus ihnen ſoll nichts Unedles entſpringen. Wann und wie ſollten wohl dieſe Mutter und dieſe Tochter das Vergangene wieder erſetzen können? Niemals. Und doch befehle ich meinem Herzen zu ſchweigen und thue Alles, um ſeine Liebe von mir fern zu halten. Heute, Jenny Eldon, habe ich Dir Deinen Liebling wiedergeſchenkt. Liebt er Dich, dann iſt der Würfel geworfen und Dein Schickſal binnen Kurzem ent⸗ ſchieden. Liebt er noch mich, ſeinen Jugendtraum, — dann läßt er ſich nicht an Dich verſchenken, und dann... ſie blieb vor dem offenen Fenſter ſtehen: — habe ich keine Schuld, ſondern ſein Herz hat zwiſchen uns das Urtheil geſprochen. — Guten Tag!— rief eine Stimme hinter Sorenza; es war Mariquitta. Sorenza wandte ſich um. Einige Tage vergingen, während welcher Porry weder bei Eldons noch bei Sorenza oder unten im 5 1 3 133 Curſaal zum Vorſchein kam. Man ſagte, daß er abgereist ſei. Wird er wiederkommen, oder nicht? Das war die Frage, welche Sorenza und Jenny ſich im Stillen machten. Statt deſſen war Arthur täglich bei Sorenza geweſen. Dieſes ſein ſo beharrliches Aufwarten är⸗ gerte Mariquitta, weil er ſie ganz vergeſſen zu haben ſchien, um der Stiefmutter ſeine Huldigung darzubringen. Mariquitta hatte nicht die dunkelſte Ahnung von der Verwandtſchaft zwiſchen Sorenza und Arthur, ſondern ſie ſah in ſeinem Benehmen nur eine Aenderung ſeiner Gefühle. In demſelben Verhält⸗ niß, wie er ſich zurückzog, erwachte bei dem jungen Weibe ihre frühere Neigung zu ihm.. Es war ein Kampf, der ihr angeboten wurde, und es ergriff ſie ein Verlangen, das Herz wieder zu erobern, von welchem ſie glaubte, daß es im Begriff ſei, ſie zu verlaſſen. Sie ſuchte jetzt Arthurs Eiferſucht durch Coquettiren mit Bencke zu erregen. Sie beſchäftigte ſich mehr mit dem jungen Künſtler, als die Klugheit gebot, und ſtellte ſich den Bemer⸗ kungen der Leute bloß; und das wegen einer Perſon, die ihr Herz nicht im Geringſten intereſſirte. Die Eitelkeit und das Verlangen, Arthur eiferſüchtig zu machen, waren Schuld an dieſem ihrem Be⸗ nehmen. 5 86 Bencke war von Mariquitta Sorenza vorgeſtellt worden. Einmal früher waren ſie einander be⸗ gegnet, aber ſo raſch, daß er in ſeinem aufgeregten Gemüthszuſtand auf ihr Ausſehen nicht Acht gegeben, a die er auf eine weniger honette Weiſe behandelt 4 P 134 hatte. Für Sorenza war indeſſen dieſe Begegnung von viel zu bitterer Bedeutung geweſen, daß ſie je im Stande geweſen ſein ſollte, die Züge desjenigen zu vergeſſen, welcher bei jener ſchmerzlichen Scene eine Hauptrolle geſpielt.. Auch hatte ſich bei ihrer erſten Begegnung eine dunkle Röthe über Sorenzas Geſicht verbreitet, und ſie bedurfte mehrere Secunden, um ſo viel Gewalt über ihre Stimme zu gewinnen, daß ſie mit einigen alltäglichen Höflichkeitsphraſen ſeinen Gruß erwiedern konnte. Zwiſchen Arthur und Sorenza war das Geſpräch über Mariquitta faſt täglich wieder aufgenommen worden. Sorenza ſprach dann mit ſo vielem Ernſt zu ihm, daß Arthurs verändertes Benehmen ledig⸗ lich darin ſeinen Grund hatte. Eines Tages äußerte Sorenza gegen ihn: — Du vernachläſſigſt Deine Mutter und Deine Schweſter; dieß wird ſie gegen Mariquitta aufreizen. Denke daran, daß ſie denſelben Namen wie i trägt, und daß Alle, welche mit mir verwandt ſind, ihnen verhaßt werden. — Sorenza, ich liebe ſie ſo hoch, ſo über alles Andere, daß ich ihretwegen fähig bin, jede Handlung zu begehen. — Wenn Du ſie liebſt, ſo mußt Du um ihre Ehre beſorgt ſein; das iſt etwas, was die Chren⸗ haftigkeit Dir zur Pflicht macht. — Nun gut, ich werde Alles thun, damit ſie nicht ins Gerede kommt.. — Dann reiſe ab von hier. — Unmöglich. Ich habe ihr mein Ehren⸗ 135 wort gegeben, ſo lange hier zu bleiben, wie ſie hier verweilt. Uebrigens dürfte die armſelige Freude, ſie zu ſehen, mir vergönnt ſein. Sorenza ſchrieb an René. Ein anderes Mal ſagte Arthur zu Sorenza: — Du klagſt mich an, Mariquitta compromit⸗ tirt und durch meine Beſuche ꝛc. ihrem Ruf geſchadet zu haben; aber wie glaubſt Du, daß man Benckes Zudringlichkeit beurtheilen wird? Kannſt Du die Art und Weiſe mit anſehen und billigen, auf welche er ſehebſihtüih in ein zweideutiges Licht zu ſtellen ucht? — Arthur, ich finde Benckes Betragen im höch⸗ ſten Grade ſchlecht; aber er iſt ein ſo von ſich ſelbſt eingenommener Menſch, daß es wenig nützen würde, an ſeine Ehre zu appelliren. Der Begriff Gentle⸗ man iſt Etwas, das er nicht verſteht. Ganz anders iſt es mit Dir, Du beſitzeſt zu viele wahre Ritter⸗ lichkeit, um nicht einzuſehen, daß du unrecht ge⸗ handelt haſt. — Mag ſein; ich habe es durch mein verän⸗ dertes Benehmen bewieſen; aber was iſt damit ge⸗ wonnen worden? Jetzt, wo ſie noch mehr jenen Lümmel aufmuntert. — Mariguitta iſt unvorſichtig, das iſt wahr; aber ſie hat nicht die geringſte Neigung zu ihm. — Wenn dem ſo iſt, ſo müßten einige Worte von Dir ſie bewegen, ihr Betragen zu ändern. Jede Bemerkung von mir würde ſie nur übel ſtimmen und alle Vertraulichkeit zwiſchen uns ver⸗ bannen, ohne ſonſt Etwas zu ändern. Mariquitta mit ihrem Charakter würde dann erſt Bencke ein⸗ nehmend finden, und ſich heimlich dieſelben Unbe⸗ ſonnenheiten erlauben, welche ſie ſich jetzt ganz offen zu Schulden kommen läßt. Auf dieſe Weiſe wird die Sache verſchlimmert. Es muß ein anderes Mittel angewendet werden. — Welches denn? — Die Dazwiſchenkunft ihres Mannes. — Sorenza! rief Arthur heftig. — Was fehlt Dir, mein lieber Arthur?— Siehſt Du nicht ſelbſt ein, daß es ganz natürlich ſei, daß René ſeine Frau begrüßt. Noch eine Weile ſprach Sorenza mit Arthur; er hörte ihr zu, während er in aufgeregtem Zuſtande auf⸗ und abging. Als er ſie endlich verließ, war er ſo niedergeſchlagen, daß es ihm einen Augenblick vorkam, als wenn der beſte Gewinn, den er aus dem Leben ziehen könne, der ſei, demſelben mit einem Male ein Ende zu machen. Mit dieſen Gedanken trat er in ſeine Zimmer; kaum aber hatte er ſeinen Hut weggelegt, als die Thüre ſich öffnete und Ernfrid Eldon vor ihm ſtand. Ernfrid zeigte ſich ſehr erfreut, Arthur wieder zu ſehen und ein paar Stunden ſprach man von Dieſem und Jenem. — Weißt Du, woher ich zuletzt komme? fragte Ernfried. — Von Schonen, wie Du eben ſagteſt. — Gewiß; aber auf dem Wege von dort habe ich einen Beſuch gemacht bei.... — Harthons,— fiel Arthur plötzlich ein. — Ja, ich bin ſechs Wochen auf Ljungbro ge⸗ weſen. Als ich auf dem Wege von Schonen dort 137 einen Beſuch machte, war es meine Abſicht, nur ein paar Tage dort zu verweilen. Das Schickſal, der Zufall oder was Du willſt, hatte es anders be⸗ ſchloſſen. Ernfrid trat ans Fenſter und fügte hinzu: — Am beſten wäre es geweſen, wenn ich nie dorthin gereist wäre. Arthur betrachtete ihn. Vor ſeiner Seele ſtand lebhaft ſeine eigene Reiſe nach Schonen, als er auf Ljungbro verweilte. Arthur kam es in dieſem Augen⸗ blick vor, als wenn er Frigga lächelnd, fröhlich und liebenswürdig ſähe, wie ſie es damals war. Gleich einem Echo wiederholte eine Stimme in ſeinem Innern ihre Worte: — Arthur, ich würde Dich ſehr gern haben, wenn Du in Gedanken, Gefühlen und Handlungen ein wirklicher Gentleman würdeſt. Es war eine Pauſe eingetreten, während welcher jene Erinnerungen auf Arthur einſtürmten. Er riß ſich indeſſen von denſelben los. — Warum bereuſt Du es, Ljungbro beſucht zu haben?— fragte er. — Weil ich dort viel zu viel Zeit verlor,— antwortete Ernfried mit einem gezwungenen Lachen. — Nichts iſt dummer, als dergleichen Beſuche. Man läßt ſich überreden, zu bleiben, ohne irgend einen gültigen Grund zu haben, warum man es thut. Arthur betrachtete das ſtolze und energiſche Ge⸗ ſicht des Bruders. Er las darin, daß, welche Ge⸗ fühle es auch wären, die ſeine erſte unfreiwillige Aeußerung dictirt, er ſie jetzt bereute und feſt be⸗ 138 ſchloſſen hatte, Niemanden zu erlauben, einen Blick in ſein Inneres zu werfen. — Wie befand ſich Frigga?— fragte Arthur. Ein raſches Zucken der Muskeln deutete an, daß Arthurs Worte Ernfrid unangenehm waren. — Gut,— war die kurze Antwort. — Nun, verlautete nichts davon, daß ſie hei⸗ rathen ſollte? — Nein; ſie hat freilich ſo viele Freier, wie Tage im Jahre gehabt; aber ſie liebt ihre Freiheit, und das darf Niemand ihr verdenken, die ſo eman⸗ cipirt und eigenmächtig iſt. — Was Du jetzt ſagſt, iſt ſonderbar. Als ich Frigga ſah, kam ſie mir als ein im höchſten Grade liebenswürdiges Mädchen vor, welches ſowohl mit Herz als auch mit Verſtand reich begabt war, und.... — Eigenſinn,— fiel Ernfrid ein;— ja, das weiß Gott. Mich hätte ſie gewiß ſo gereizt, daß ich ein⸗Gallenfieber bekommen hätte. — Das heißt, Du kannſt ſie nicht leiden. — Nicht beſonders. Onkels Geſundheit war ſehr ſchwach, und Tante ſchien ſeinem Hinſchwinden mit ſo ängſtlichen Blicken zu folgen, daß ſie ſelbſt davon ergriffen wurde. — Nun, und Melcer, wie befand er ſich? — Wie immer, das heißt ſeine Dummheit und ſein langweiliges Weſen mit ſich ſchleppend. Tante behauptete, daß Letzteres von einer unglücklichen Liebe herrühre, die er zu einer gewiſſen Magda oder Martha gehabt. Doch daran glaube ich nicht. Aeltere Frauenzimmer, welche viele Romane ge⸗ 4 leſen und ſelbſt keine Liebesintriguen pflegen können, woollen durchaus ſolche für junge Leute zuſammenphan⸗ taſiren. Ich für meinen Theil halte den Mann, der ſich etwas aus Weibern und Liebe macht, für einen — completen Narren. Heute zu lieben und morgen zu vergeſſen ziemt dem Manne, falls er als ſolcher etwas Tüchtiges für die Mitwelt leiſten will. — Das wäre eine etwas leichtſinnige Auffaſ⸗ ſung von der allerernſteſten Sache im Leben,— fiel Arthur ein. — Was war es, was Du ſagteſt?— die aller⸗ ernſthafteſte Sache. Ernfrid lachte. — Wenn Du doch die thörichteſte geſagt hätteſt. Ich verachte den Mann, der ſolchen Lum⸗ pereien eine Stunde der Zeit opfert, die er nützlicher anwenden könnte. Es liegt etwas Drolliges in der Rolle, welche wir als Liebende ſpielen. — Drolliges? 3 — Ja gewiß. Ich will es beweiſen. Du ſiehſt 3. B. ein Weib, das Dir gefällt; Du wirſt raſend entzückt und Du begehſt ſo viele Dummheiten, daß Du vor Lachen ſterben würdeſt, falls ein Anderer ſie beginge. Wenn Du nun Dich ſelbſt zum Ge⸗ ſpötte Anderer gemacht, heilige Schwüre, heiße Bit⸗ ten und demüthige Kniefälle geopfert, item ſo weit gekommen biſt, daß die Schöne ihr:„ich liebe Dich“ liſpelt? was haſt Du gewonnen? Nun, daß ſie Dich einige Zeit mit ihrer Zärtlichkeit überhäuft. Du befindeſt Dich im ſiebenten Himmel. Du glaubſt, das werde Dein ganzes Leben ſo bleiben und Du biſt nahe daran, vor lauter Glückſeligkeit zu ver⸗ . 3 6 4 140 gehen. Du ſchreibſt glühende Verſe, welche ſie nicht verſteht. Etwas ſpäter, und es wird der Schönen langweilig. Sie findet es einförmig, ihre Blicke und ihr Lächeln nur auf Einen zu verſchwenden; ſie fängt an, einen Anderen aufzumuntern. Du ſiehſt es nicht; aber Andere thun es. Um ſich nicht zu verrathen, hat ſie im Vorbeigehen einen Blick, oder einige freundliche Worte für Dich. Du merkſt nicht, daß Du eine ganz klägliche und lächerliche Rolle ſpielſt, und auch nicht, daß man über Dich, als denjenigen, der aus dem Sattel geworfen iſt, lacht. Alle, ausgenommen Du ſelbſt, ſehen, daß Du bei der Schönen eine überflüſſige Perſon biſt. Sie wagt es nicht, Dir es gerade heraus zu ſagen, weil ſie Dich nicht zum Feind haben will. Das Weib fürchtet immer den Mann, welchen ſie einmal geliebt hat. Wenn ein Frauenzimmer einen Mann fürchtet, dann kann man einen Eid darauf ſchwören, daß ſie ſich ihm gegenüber ſchwach gezeigt hat. Leb wohl, mein Bruder, Du kommſt wohl hin und ſpeiſeſt zu Mittag bei Mama? Ich will gerade jetzt hin. Sie weiß noch nicht, daß ich in— ſtrand angekommen bin. Ernfrid drückte Arthurs Hand und dieſer verſprach ſich bei der Mutter einzufinden. Während Ernfrid ſprach, hatte er mehreremale ſo Farbe gewechſelt, daß es ausſah, als wäre er ge⸗ ſonnen, durch irgend einen Ausbruch ſeinem innern Aerger Luft zu machen. Wir wollen jetzt darüber Auskunft geben, was Porry indeſſen vornahm. 141 Eine Stunde nach der Unterredung mit Sorenza fuhr er fort und ließ ſich nach einem Bauernhof, eine Stunde davon, fahren. Dort miethete er ſich unter dem Vorwande ein, daß er die Gegend zu zeichnen wünſche. Seine letzte Unterredung mit Sorenza hatte ſeine Seele dergeſtalt in Aufregung geſetzt, daß er ein unwiderſtehliches Bedürfniß fühlte, mit ſich ſelbſt allein zu ſein. Ein paar Tage nach der Ankunft in dem frei⸗ willig gewählten Verbannungsort machte Porry eine längere Promenade nach dem Seeufer. Es wehte ein friſcher Wind; die Wogen ſchlugen ſchäumend gegen den Strand, und in den Baumwipfeln des Waldes brauste der Wind mit einem Tone gleich dem eines dumpfen und tiefen Seufzers. Porry nahm ſeinen Hut ab und ließ den Wind in dieſer wilden Raſerei durch ſeine ſchwarzen Locken wühlen, mit friſchen und kühlen Küſſen ſeine Stirn erfriſchen, um die brennenden und peinlichen Ge⸗ danken, welche ſich in ſeinem Kopfe bewegten, abzu⸗ kühlen. G Männer mit großem Selbſtgefühl fällt es ge⸗ wöhnlich ſchwer zu faſſen, wie ein Weib, welches ſie einmal geliebt, aufhören kann, dieß zu thun, wenig⸗ ſtens ſo lange ihr Herz für daſſelbe ſchlägt. So verhielt es ſich auch mit Nils. Alles an Sorenza hätte ihn überzeugen müſſen, daß ihr Herz keine zärtlichen Gefühle mehr für ihn berge. Er ging Gedanken ihr Betragen, jedes Wort, jede Miene durch; und in Allem offenbarte * ſich die vollkommenſte Kälte, die abſoluteſte Gleich⸗ * 14² gültigkeit. Nicht ein Farbenwechſel oder ein Zucken in den Geſichtsmuskeln verrieth Etwas, welches an⸗ deutete, daß Liebe in der Tiefe ihrer Seele wohnte. Nein, es gab Nichts, das ihm Recht zu hoffen gab, und doch konnte er nicht davon abſtehen, es zu thun. Mit der ſorgfältigſten Genauigkeit unterſuchte er die Vergangenheit und Alles, was zwiſchen ihm und Sorenza während ſeines Aufenthalts auf Eckſjö vor⸗ gekommen war. Bei dieſer Erinnerungsrevue glaubte er hinter der kalten Maske etwas ganz Anderes wahrzuneh⸗ men. Wenn er ſich ſeines letzten Geſpräches mit Sorenza auf Eckſjö erinnerte, in welchem er bemerkte, daß ſie einen Kampf kämpfte, zweifelte er nicht mehr daran, daß er damals geliebt war. Und wenn nun dem ſo wäre, ſo konnte es nicht gut möglich ſein, daß ſie jetzt eine Liebe vergeſſen haben ſollte, welche ſo viele Jahre in ihrem Herzen fortgelebt. War außerdem Porry ein Mann, den ein Weib auf⸗ hören konnte zu lieben? Nein! Sorenza war über ihr eigenes Innere irre, wenn ſie glaubte, daß er darin todt ſei. Er, Porry, wollte beweiſen, daß aus der Freundſchaft, welche ſie ihm angeboten, wieder daſſelbe Gefühl hervorkeimen mußte, welches ſie einſt an ihn gefeſſelt hatte. In dieſem Augenblick, wo er über die wilden Wogen ſeiner Seele ſo viel Gewalt bekommen, daß er ſeine Gedanken und einen Beſchluß faſſen konnte, war er froh, daß er nicht in der Aufwallung ſeiner verletzten Gefühle die Freundſchaft von ſich gewor⸗ fen hatte, welche ſie ihm anbot; und er beſchloß, ———-— 1 143 nicht eher nach— ſtrand zurückzukehren, als bis er es mit äußerer Ruhe thun konnte. Während Porry in dem kleinen Bauernhof ver⸗ weilte, ging er ſein eigenes Leben und ſeine Lage durch. Er ſah ein, daß ſein Verhältniß zu Jenny ein abſolutes Ende haben müßte. Er klagte ſich ſelbſt wegen der Schwäche an, die ihn veranlaßt hatte, nicht vollkommen mit ihr zu brechen, ſondern es gehen zu laſſen, wie es gegangen. Nach etwas über eine Woche kkehrte Porry nach — ſtrand zurück. Sein Beſuch galt Sorenza und fand ſtatt an demſelben Tage, an welchem Ernfrid ſo unerwartet, bei Arthur aufgetreten war. Der Nachmittag war bedeutend vorgerückt, als Porry in den kleinen Pavillon eintrat, in welchem 4 Sorenza ſich befand. Sie war ganz allein und da⸗ mit beſchäftigt, die Anſicht, die ſie vom Balkon aus hatte, zu zeichnen. Beim Schalle der Tritte von Porry blickte ſie auf und rief freundlich: — Willkommen zurück, Großprahler! Wir glaub⸗ ten allgemein, daß Sie— ſtrand für immer ver⸗ laſſen hätten. Porry küßte Sorenzas Hand und ſagte lächelnd: — Eine ſo große Unhöflichkeit konnte ich mir unmöglich gegen meine neue Freundin zu Schulden kommen laſſen. — Nicht? Sorenza lächelte. 5 — Um ſo beſſer; aber wo haben Sie gehaust? Haben Sie — Dieſe Zeit und Einſamkeit nöthig gehabt, um mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, 144 daß wir nur Freunde ſind,— ergänzte Porry. — Ja, meine Couſine, das habe ich wirklich. Man ſcheidet nicht ſo leicht von einer lieben Hoffnung. — Wie gefällt Ihnen dieſer Entwurf,— unter⸗ brach ihn Sorenza. Porry biß ſich in die Lippen. Er hatte indeſſen beſchloſſen, ſich nicht abſchrecken zu laſſen, und darum antwortete er höflich auf ihre Frage. Eine Weile ſprachen ſie lediglich von ſolchen Dingen, welche die Kunſt betrafen. — Wo ſind Mariquitta und Maria?— fragte Porry. — Sie ſind bei Gräfin X. — Und Sie nicht? Die Gräfin iſt ja eine Ihrer wärmſten Bewundrerinnen. — Möglich; aber mir machen jene Geſellſchaften kein Vergnügen. Während des Sommers muß man jeden Augenblick benutzen, um die in Hochzeitsſtaat gekleidete Natur zu genießen, und das Geſellſchafts⸗ leben wird unerträglich. Da ziehe ich das Brauſen des Waldes und den Geſang der Vögel dem Ge⸗ plauder in einem Salon vor. — Ich habe Sie alſo geſtört?— ſagte Porry. — Durchaus nicht; meine Freunde ſtören mich nie. Porry blieb den ganzen Abend und nahm ſich genau in Acht, das Geſpräch auf irgend ein Gebiet zu bringen, das ihn veranlaſſen könnte, Worte hin⸗ zuwerfen, die Sorenza durch ein kaltes Abſchneiden des Themas beantworten würde. Durch dieſes kluge Verfahren hatte Nils die Freude, Sorenza wieder die freundliche Miene an⸗ nehmen zu ſehen, mit welcher ſie ihn gegrüßt. Als 5 61 145 die Sonne ihre letzten Strahlen durch die Pavillon⸗ fenſter hineinſandte und mit einem ſchelmiſchen Lä⸗ cheln ſich hinter dem Walde zu verbergen im Begriff ſtand, erhob ſich Sorenza und ſagte: — Wenn Sie Luſt haben, mein Couſin, ſo ma⸗ chen wir eine Tour im Park. — Ob ich Luſt habe, mit Ihnen zu promeniren, Sorenza, welche Frage?— antwortete Porry lä⸗ chelnd.. Kurz darauf wanderten Nils und Sorenza durch den großen Park, welcher zu— ſtrands Umgebung gehörte. 1 — Warum nimmt Sorenza nicht meinen Arm? — fragte er. — Aus dem einfachen Grunde, weil Sie mir denſelben nicht angeboten haben,— antwortete So⸗ renza lachend und legte ihren Arm in den ſeinigen. — Was wird die Gräfin X. ſagen, wenn ſie erfährt, daß Sie promenirt haben, obgleich Sie nicht zu ihr kommen?— fragte Nils, als ſie im Vorbei⸗ gehen einige Curgäſte grüßten. — Sie wird gar nichts ſagen, weil ich ihr ehr⸗ lich geſtanden habe, daß ich während der warmen und ſchönen Jahreszeit nur nothgedrungen in Ge⸗ ſellſchaft gehe, und..... Sorenza ſchwieg plötzlich und fuhr heftig zu⸗ ammen, als wenn ſie auf Etwas getreten hätte. — Was war das?— fragte Porry und blickte ſie an. „ Sie hatte ihre Blicke gerade vor ſich hin ge⸗ richtet. Porry folgte der Richtung derſelben. Ih⸗ nen entgegen kamen die Gräfin Eldon, Jenny, Arthur Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 10 146 und Ernfrid. Auf den letzteren war es, daß So⸗ renzas Augen gerichtet waren. Sorenza ſah nicht, wie Jenny Farbe wechſelte, wie die Gräfin Eldon, ſtatt Porrys Gruß zu erwi⸗ dern, den Kopf wegdrehte, oder daß Arthur ſie und Porry auf verbindliche Weiſe begrüßte. Sie ſah nur Ernfrids forſchende Augen, welche mit einem durchdringenden Ausdruck auf ihr ruhten. Mit ſtol⸗ zem und hochgetragenem Kopfe ſchritt Sorenza an ihm vorbei. In beider Haltung lag es deutlich ausgeſprochen, daß ſie es nie anerkennen würden, es beſtehe zwiſchen ihnen irgend eine Verwandtſchaft. Es war das Erſtemal, daß Sorenza und Ern⸗ frid nach dem traurigen Auftritt im Atelier einan⸗ der wieder trafen, wo Ernfrid ein ſtummer Zuhörer all der ungerechten Schmach verblieb, die Sorenza zu Theil wurde. Als Nils und Sorenza an ihnen vorbeipaſſirten, fühlte Porry, daß ein Beben durch Sorenzas Arm ging, der an dem ſeinigen ruhte. — Wie ſteht es, Sorenza?— fragte Porry und beugte ſich zu ihr herab.— Sie ſind ganz todesbleich, wollen Sie ſich nicht ſetzen? Sie befin⸗ den ſich gewiß nicht wohl. Sorenza antwortete nicht; ſie blickte nur mit ei⸗ nem ſo kalten Blick zu ihm hinauf, daß derſelbe Tritten fort, als wenn ſie zeigen wollte, daß ſie die⸗r weh that. Sie ſetzte die Promenade mit bnue ſen ſchmerzlichen Eindruck ihr Inneres nicht beherr⸗ ſchen ließ. Es entſtand eine Pauſe. Nils ſah ein, daß ſie mit weiteren Fragen ver⸗ 147 ſchont zu werden wünſchte. Nach einiger Minuten Schweigen bemerkte Sorenza: — Sie werden zugeben, daß wir Menſchen große Stümper ſind. — In welcher Beziehung?— fragte Nils und bewog Sorenza, ſich auf eine Bank zu ſetzen, von welcher aus man die Ausſicht auf das Meer hatte. — Wir laſſen uns überrumpeln,— ſagte ſie mit einem matten Lächeln. — Sie wohl nicht, Sorenza, die Sie die Ver⸗ nunft zur Herrſcherin über Sie gemacht haben? — Das iſt Etwas, das wir Alle thun ſollen; aber leider verläugnen wir einmal im Leben dieſe Herrſchaft und laſſen uns von dem Impuls des Augenblicks fortreißen. — Erlauben Sie mir zu behaupten, daß Sorenza das gewiß nie gethan hat. — Habe ich nicht?— rief Sorenza lebhaft.— Ach, mein Gott, es ſind ja kaum einige Minuten, daß ich einen Beweis dafür lieferte. Ich ließ den Anblick eines Menſchen dergeſtalt auf mich ein⸗ virken, daß ich Sie glauben machte, ich befände mich unwohl. — Es war nicht der Anblick der Perſon, ſondern die Erinnerungen, welche ſich an dieſelbe knüpfen, die auf Sie einwirkten. gen? Zu namenlos bittere; Sie kennen dieſe Art nicht. — So glaubt Sorenza.. Porry legte den Arm auf die Rücklehne her Bank; ſ— Die Erinnerungen; ja! aber welche Erinne⸗ un 148 — aber Sorenza hat Unrecht. Ich weiß, daß Graf Eldon Ihr Vater war,— fügte er hinzu. Sorenza fuhr zuſammen, ſah ihn einen Augen⸗ blick an, ſchüttelte den Kopf, als wenn ſie ſich von den Gedanken, welche ſie plagten, befreien wollte, und ſagte kalt: — Wir haben ja das Vergangene begraben, alſo fort mit Allem, was dazu gehört. Gut wäre es, wenn ich mit der Vergangenheit meinen Un⸗ willen gegen Diejenigen, welche leben, begraben könnte. — Sollte der Unwille fortleben können, nachdem die Fähigkeit zu lieben geſtorben iſt?— fragte Porry mit einer Stimme, welche viel zu viel von der früheren Gluth im Tone hatte, um nicht eine höhere Röthe in die Wangen Sorenzas zu treiben. — Die Fähigkeit zu lieben ſtirbt nie,— ant⸗ wortete Sorenza,— aber die Fähigkeit einen gewiſſen Gegenſtand zu lieben kann ſterben. 4 — Sie haben Recht. Porrys Augen hatten ihr Erröthen bemerkt. Seine Stimme beſaß alſo die Fähigkeit, ihr Blut in Bewegung zu ſetzen. Er hatte ſich nicht betrogen. Es gab noch eine Saite in ihrem Herzen, welche in einer zärtlicheren Tonart vibriren konnte. Nils wählte ſofort ein anderes Thema der Unter⸗ haltung. Hätte er das, welches jetzt im Gange war, fortgeſetzt, ſo würde er vielleicht die Entdeckung, die er gemacht, verrathen haben und ſich für immer die Möglichkeit beraubt haben, einen Schimmer von dem aufzufangen, was Sorenzas Herz barg. 149 Währenddem hatte die gräfliche Familie ihre Promenade fortgeſetzt. Als ſie ſo weit entfernt war, daß weder Sorenza noch Porry ihre Worte auffangen konnten, bemerkte Ernfrid: — Wen grüßteſt Du, Arthur? War es die Dame oder der Cavalier? — Beide,— antwortete Arthur. — Das wundert mich, daß Du ſie kennſt. — Das Gegentheil wundert mich in Beziehung auf Dich. — Mein lieber Ernfrid, Du darfſt Dich über nichts wundern, wenn die Rede von Arthur iſt,— fiel die Gräfin bitter ein.— Du müßteſt ihn ken⸗ nen und wiſſen, daß er es für eine Ehre hält, die Achtung vor ſeiner Mutter mit Füßen zu treten. Es iſt für ihn eine Gewiſſensſache geworden, mich ſehen zu laſſen, wie wenig Rückſicht er auf mich nimmt. Nun ja, alles das habe ich übrigens in meinen Briefen erwähnt, obgleich ich nicht wußte, daß die Perſon, mit welcher Arthur in jenem lum⸗ pigen Verhältniß ſteht, mit ihr verwandt ſei. Ich mußte es jedoch geahnt haben. — Und warum? wenn ich fragen darf,— fiel Arthur heftig ein. — Weil alle meine Leiden aus einer und der⸗ ſelben Quelle hervorgegangen ſind. Sobald die Rede davon war, Ehre und Pflicht zu vergeſſen, mußte ich den Urſprung vermuthen.. — Ich bitte, daß Mama die Güte haben möchte, nicht Worte zu gebrauchen, welche übel gedeutet werden könnten, da es ſich um die junge Frau Sturm handelt,— ſagte Arthur kurz und beſtimmt. — 1— 150 — Ich habe mehr als hinreichenden Grund, mich ſelbſt anzuklagen, weil meine unbeſonnene Zudring⸗ lichkeit Anlaß zu boshaften Auslegungen gegeben; ich will dieſe indeſſen nicht von meinen Verwandten wiederholt und von ihnen gegen eine unſchuldige und achtbare Frau geſchleudert hören. — Achtbar!— wiederholte Jenny mit einem Hohngelächter. — Gebe Acht, auf was Du ſagſt, Jenny,— rief Arthur. — Ich meine, das ſind Dinge, die nur Arthur angehen,— fiel Ernfrid ein,— und deshalb nicht zum Gegenſtand einer Unterhaltung zwiſchen uns wer⸗ den können oder dürfen. In einem ſolchen Falle, wie dieſer, ſorgt ein Mann für ſich ſelbſt; aber hier iſt eine andere Fyage, welche uns Alle betrifft, und die dürfte Arthur erlauben, daß ſie von uns discutirt wird. — O ja, ſehr gern; aber nicht hier im Parke. Arthurs ſonſt hübſche, friſche und lächelnde Züge hatien einen ſtolzen Ausdruck, welcher deutlich zeigte, daß er ärgerlich ſei. Als ſie zu Hauſe kamen, gab es eine heiße De⸗ batte zwiſchen Arthur und ſeinen Angehörigen. Ern⸗ frid ſprach eine ſcharfe Mißbilligung darüber aus, daß Arthur die Bekanntſchaft mit Sorenza wieder angeknüpft hätte, da es doch der ausdrückliche Wille des Vaters ſei, daß alle Berührung zwiſchen ihr und den übrigen Kindern aufhören ſollte. Die Gräfin klagte Arthur an, daß er mit So⸗ renza zuſammengetroffen, ſie gänzlich vernachläſſige. Jenny behauptete, daß die ganze Badegeſellſchaft nothwendig die Verwandtſchaft errathen würde, und — 151. — daß Arthur und Sorenza Alles thäten, um Eclat daraus zu machen. Außerdem merkte man zu gut, daß Arthur ſich von Sorenza beeinfluſſen laſſe, da er immer gegen die Seinigen übel geſtimmt ſei. Dieſe letztere Anklage, ſowie die der Gräfin und alle die übrigen waren vollkommen falſch; denn mit dem feinen Tact und der Ritterlichkeit, welche Arthur auszeichneten, hatte er bei der erſten Erinnerung von Sorenza, daß er ſeine Mutter vernachläſſige, dieſen ſeinen Fehler gut zu machen geſucht. Er erwies der Gräfin eine Aufmerkſamkeit und eine Freundlich⸗ keit, wie er ihr ſeit mehreren Jahren nicht ge⸗ ſchenkt. 4 Die Gräfin ahnte die Quelle, woher die Ver⸗ änderung kam, und fühlte ſich darüber ſo erbittert, daß ſie ſich dazu herabließ, eine unwahre Behaup⸗ tung zu machen, damit weder Arthur ſelbſt oder irgend Jemand glauben ſollte, daß ſie darauf Acht gegeben. Was das ferner betraf, daß Arthurs und So⸗ renzas Benehmen irgend eine Verwandtſchaft zwiſchen ihnen verrathen ſollte, ſo war das auch unrichtig; denn ſowohl Arthur wie Sorenza beobachteten, ſo⸗ bald Jemand ſie ſah oder hörte, fortwährend ein ſo vollkommen fremdes Betragen, daß es eher aus⸗ ſah, als wenn die Beſuche Arthurs bei der jungen Wittwe von der Natur wären, daß er ihr ſeine Huldigung darbrachte. Daß dieſe Anklagen zu einem heftigen Ausbruch von Arthurs Seite führten, war klar. Der excentriſche und ritterliche junge Edelmann konnte die Ungerech⸗ tigkeit und Feindſeligkeit gegen Sorenza nicht er⸗ 15² tragen. Es wurden denn auch Worte von ihm ausgeſprochen, die nicht mild waren, und welche auf eine ſehr ſchlagende Weiſe andeuteten, wie ſchlecht man gegen Sorenza gehandelt. Ernfrid bekam dießmal die Sprache der Wahr⸗ heit ganz ungeſchmeichelt zu hören, und die Gräfin mußte es hinnehmen, daß Arthur offen erkärte, ihr feindſeliges, ungerechtes und herzloſes Benehmen gegen die Tochter des Vaters hätte ſein Herz von ihr weggewandt. Er erklärte offen, daß es nur auf Sorenzas Ermahnung hin geſchehen ſei, daß er in neuerer Zeit mehr Freundlichkeit und kindliche Ehr⸗ furcht als zuvor an den Tag gelegt hätte. Er verließ die Seinigen im vollen Zorne. So wurde Ernfrids erſtes Zuſammentreffen mit Sorenza die Veranlaſſung zu einem heftigen Auftritt zwiſchen den Brüdern. Bisher hatte die Gräfin Arthur nicht direct an⸗ greifen wollen; aber ſie hatte gehofft, daß der ener⸗ giſche und unbeugſame Charakter des älteſten Soh⸗ nes irgend einen Einfluß auf Arthur ausüben würde, wenn er gleich im Anfang ſich mit ihr gegen den an Herz und Gefühl weicheren Arthur verbände. Die Gräfin irrte ſich jetzt, wie faſt durch ihr ganzes Leben. Sie begriff nicht, daß der Sohn neben einem guten und gefühlvollen Herzen einen kraft⸗ vollen und männlichen Charakter beſitzen konnte; ſondern ſie war ſeit mehreren Jahren in der Illuſion begriffen, daß Ernfrid ihn einſt leiten und beherrſchen würde. Dem, was ſie wünſchte, hatte ſie jetzt entgegen⸗ gearbeitet. Das Zuſammenprallen der Brüder machte AA 153 es Ernfrid unmöglich, irgend eine Gewalt über Arthur zu erlangen. Dieſes begriff Ernfrid vollkommen; und als Ar⸗ thur fort war, ärgerte es ihn, daß er ſich von der Mutter und der Schweſter zu dieſem Auftritt hatte reizen laſſen, er, der ſonſt jede Gemüthsbewegung zu beherrſchen pflegte. Den Grund, warum er von dieſer ſeiner Gewohn⸗ heit abgewichen war, dürfte man darin ſuchen können, daß die Mutter ihm, bevor Arthur Mittags ankam, das Benehmen des Letzteren und deſſen Umgang mit Sorenza in einem ganz falſchen Lichte dargeſtellt hatte. Dabei beſchrieb die Gräfin Sorenza als ein Weſen, welches durch ſeinen Reichthum, ſeinen Na⸗ men als Künſtlerin und ſeine unabhängige Stellung alle mögliche Gelegenheit benutzte, der Gräfin ſeinen Uebermuth und ſeine Gewalt über Arthur zu zeigen. Die Gräfin kannte den Hochmuth des Sohnes. Sie verſtand es, dieſen ſo zu kitzeln und zu reizen, daß Ernfrid den ganzen Tag mit einer gewiſſen Ungeduld darauf wartete, daß der Zufall es ſo fügen möchte, daß er Arthur darauf aufmerkſam machen könnte, wie er ſich durch den Umgang mit Sorenza den Willen des Vaters überträte. Daß er nachher aus ſeiner beſonnenen Rolle herausfiel, war eine Folge von ſeinem aufgeregten Gemüthszuſtand. Ernfrid war ſich ſelbſt bewußt, daß er ſich ſchlecht gegen Sorenza benommen, und gerade deßhalb konnte er ſie nicht leiden, ſondern ärgerte ſich über Alles, was von ihr kam. Als Arthur ſich entfernt hatte, mußten indeſſen die Gräfin und Jenny dafür büßen, daß er ſich ver⸗ 154 gangen hatte und die Mitglieder des Eldon'ſchen Geſchlechts trennten ſich vollkommen unzufrieden mit einander. Am Tage darauf ſaß Jenny in ihrem Cabinet. Es war ein regneriſcher und unfreundlicher Vormit⸗ tag, und man konnte unmöglich eine Promenade unternehmen. Jenny war in übler Laune; denn im Curſaale war Porry nicht zum Vorſchein gekommen. Er hatte ſie nach ſeiner Rückkehr nach— ſtrand nicht beſucht; dagegen hatte er aber Zeit gehabt mit So⸗ renza zu promeniren. Jenny meinte, daß ſie erſticken müßte, wenn ſie daran dachte. Mitten im Wirbel aller dieſer peinlichen Gedanken meldete der Be⸗ diente: „Profeſſor Porry.“ Jenny erhob ſich von ihrer halb liegenden Stel⸗ lung, fuhr mit der Hand über ihre wogenden Locken, und ſuchte ihr Geſicht ſo in ihre Gewalt zu bekom⸗ men, daß ſie ihm mit einem hübſchen und freund⸗ lichen Lächeln entgegentreten konnte. Sie wußte zu wohl, daß er, wenn man ihn mit einer verdrießlichen Miene empfinge, dieſelbe mit ruhiger Kälte erwidern würde. Jennys Herz ſchwoll von verletzter Eigenliebe, Eiferſucht und Aerger. Sie, die ſonſt nie ihrem Vergnügen einen Zwang anlegte, zwang jetzt ihr unbandiges Gemäütd zum Schweigen und that dem⸗ ſelben eine faſt unnatürliche Gewalt an, um ihm freundlich zulächeln zu können, obgleich ſie mit An⸗ klagen hätte hervorbrechen mögen. 155 Die Thüre öffnete ſich und Nils trat ein. — Willkommen, mein lieber Profeſſor,— ſagte Jenny und reichte ihm die Hand.— Was Sie doch lange unſichtbar geweſen ſind! Ich habe mich ſo nach Ihnen geſehnt. Jenny neigte ihren hübſchen Kopf und blickte auf zu ihm mit einem traurigen Blick. Die Erfahrung hatte ſie gelehrt, daß Freund⸗ lichkeit und Milde Etwas ſeien, was bei Nils an⸗ chlug. Mit kaltem Ernſt auf ſeiner Stirne war er eingetre⸗ ten. Bei dieſem herzlichen Empfang änderte ſich ſein Ausſehen und ein trauriger Zug verbreitete ſich dar⸗ über. Er ergriff die dargereichte Hand mit den Worten: — Was Sie gut find, daß Sie mich vermißt haben. Ich verdiene wirklich nicht Ihre Güte. — Davon bin ich vollkommen überzeugt,— ant⸗ wortete Jenny in faſt ärgerlichem Tone, obgleich ihre Lippen lächelten;— aber was wollen Sie? Ich habe einmal die Thorheit, Ihnen gegenüber ſchwach zu ſein. — Ich wollte wünſchen, daß Sie es nicht wären. — Wollten Sie!— rief Jenny heftig.— Ah, Sie haben nicht immer ſo gedacht und geſprochen. — Nicht immer; das iſt wahr; aber ich habe es Ihnen doch einmal früher geſagt. Hören Sie mich deßhalb an, und wenn möglich, verzeihen Sie mir! Augenblicklich ſtand Jenny aufrecht vor ihm. Mit bebenden Lippen und glühenden Wangen rief ſie: — Profeſſor Porry, bedenken Sie wohl, was — 156 Sie zu ſagen haben. Merken Sie ſich ja, einmal e ich eine Beleidigung vergeben, aber zweimal nicht. — Gräfin, ich habe Sie nie beleidigt, und kann nie dazu kommen, Sie zu beleidigen. Damit mein Schweigen nicht für ſo Etwas genommen werde, iſt es, daß Sie mich jetzt hören müſſen. — Muß ich! Jenny's Augen blitzten,— und was zwingt mich? — Nichts, und doch Alles,— antwortete Porry. — Dann nehme ich an, daß es nichts iſt; denn ſicherlich ſehen Sie ſelbſt ein, daß Sie mir ſolche Verbindlichkeiten ſchuldig ſind, daß... — Daß ich deßhalb gezwungen bin, ehrlich zu reden. Nehmen Sie deßhalb Ihren Platz wieder ein und hören Sie mich an. — Hörten Sie denn nicht, daß ich Sie nicht aanhören will,— ſchrie Jenny, ganz und gar von ihrem Zorne beherrſcht. — In dieſem Falle bleibt nur übrig, mich zu empfehlen. Porry ergriff ſeinen Hut. — Oh nein; Sie dürften ſtatt deſſen mich an⸗ hören. Jenny trat ihm einen Schritt entgegen. Sie betrachtete Nils mit einem zornigen Blick. Porry legte den Hut weg. — Gräfin, ich werde Sie anhören. Er blieb ſtehen. — Es wundert mich, daß Sie es noch wagen, meinen Blicken zu begegnen und mich ſo ganz kec 157 anzuſehen, nachdem Sie treulos mit Allem geſpielt, was einem Menſchenherzen heilig iſt. Begreifen Sie, daß es ein ſchändliches Spiel war, welches Sie getrieben haben? Jenny warf ſich blindlings ins Sopha, verbarg ihr Geſicht in den Händen und brach in ein wildes Weinen aus, wie es ein ſolcher Aerger und ein ſolcher Schmerz hervorruft, worauf ſie ausrief: — Sie haben mich unglücklich gemacht und Sie glauben, daß dieß ungeſtraft geſchehen kann. Sie meinen wirklich, daß Sie es haben wagen können, mit Jenny Kronſtrahl zu ſpielen, ohne daß ſie ſich rächen, ohne daß ſie diejenige zermalmen wird, welche nebſt Ihnen ihren Frieden zerſtört. Es ſind nicht Frauen in meiner geſellſchaftlichen Stellung, welche man zu betrügen ſich erdreiſten darf. Jenny holte tief Athem. Porry blieb unbeweglich, ohne ein Wort zu ant⸗ worten. Dieſes eiskalte Schweigen reizte ſie derge⸗ ſtalt, daß ſie ohne alle Beſinnung hinzufügte: — Und um weſſen willen betrügen und verrathen Sie mich? Um weſſen willen vergeſſen Sie Alles, was Ehre und Pflicht von Ihnen fordern? Nun, wegen... — Ihrer Schweſter, Gräfin,— fiel Porry kalt ein. Wenn Porry Jenny mit einer ſcharfen Waffe verwundet hätte, ſo würde die Wirkung davon nicht eine heftigere Bewegung des Schmerzes und des Zornes hervorgerufen haben. Ganz wahnſinnig ergriff ſie ſeinen Arm und rief: — Sie haben mich beſchimpft, indem Sie jenes Weſen meine Schweſter nannten. Begreifen Sie 158 nicht, daß ich dieſe Beleidigung in Zeit und Ewig⸗ keit niemals verzeihen werde. Gehen Sie deßhalb, gehen Sie! Porry machte eine kalte und ſtolze Verbeugung, worauf er mit vollkommener Ruhe ſich der Thüre näherte. Jenny blickte ihm nach. In demſelben Augenblick, wo er die Hand auf den Thürgriff legte, ſtand es gleich einem Blitz vor ihrer Seele, daß wenn er jetzt ginge, er nie wieder zurückkehren, ſondern Sorenza triumphiren würde. Zorn, Aerger und Eiferſucht, Alles verſchwand augen⸗ blicklich und ſie fühlte nur, daß er nicht gehen durfte; daß ſie es verhindern mußte. Jenny ſprang vor, faßte Nils um den Arm und rief mit veränderter Stimme und einem Ausdruck tiefen. Schmerzes:. — Aus Gnade, aus Barmherzigkeit, gehen Sie nicht! O, mein Gott, ich bin ja ſo unglücklich, daß ich nicht weiß, was ich ſage! Ohne zu antworten, ſuchte Porry ihre Hand von ſeinem Arme loszumachen. Er ſah ſie an mit einem ſtolzen Blick. — Er wird von Dir zu Sorenza gehen,— flü⸗ ſterte eine Stimme in ihrem Innern. Dieſe Mi⸗ ſchung von Haß und Liebe, welche Jenny an Porry feſſelte, veranlaßte ſie, von einem Extrem zum an⸗ deren überzugehen. Sie warf ſich auf die Kniee, ergriff mit Gewalt ſeine beiden Hände und ſtam⸗ melte unter Thränen: 1 — Verzeihe, verzeihe Alles, was ich geſagt! Die Verzweiflung hat mich wahnſinnig gemacht. O, Porry, 159 ſehen Sie mich an; ſagen Sie, daß Sie vergeſſen und vergeben haben! — Niemals. Stehen Sie auf, Gräfin. Wir 3, ſind geſchieden. e Im nächſten Augenblick war er verſchwunden und Jenny lag auf den Knieen innerhalb der Thüre, f welche er hinter ſich geſchloſſen. r Jetzt war alle Weichheit, alle Milde aus ihrer r. Seele und aus ihrem Aeußern verſchwunden. Sie . ſtürzte auf, ballte convulſiviſch die kleinen Hände und ⸗ murmelte: ;— Dieſes, Porry, ſollen Du und ſie mir be⸗ zahlen. d Jenny drückte die geballten Hände an ihre Bruſt. 3— Ah! in dieſem Augenblick weiß ich nicht, ob es irgend eine Liebe in dieſem Herzen gibt. Ich weiß nur, daß es darin einen ſo hohen Grad von Erbitterung gibt, daß ich Ehre und Ruf opfern würde, wenn ich dadurch ihr Glück vernichten könnte. Nein, und tauſendmal nein, ſie ſoll ihn nicht von mir reißen! Er ſoll kein Glück mit ihr genießen! Jenny warf ſich in einen Lehnſtuhl, legte den „Kopf in die Hände und murmelte: .— Es muß ein Mittel geben, um ſie zu tren⸗ )nen und wenn das nicht der Fall iſt, ſo werde ich eines ſchaffen. 4 Am Tage darauf erhielt Porry einen Brief von Jenny, aber er ſandte ihn mit folgenden Zeilen un⸗ erbrochen zurück: ¹„Gräfin! „Es iſt nicht gut möglich, daß Sie dem Manne was ſchriftlich zu ſagen haben können, welchen Sie 160 ſo behandelt haben, wie es mit mir der Fall war; und wenn dem ſo wäre, ſo habe ich keine Nachrichten bei Ihnen einzuholen. „Ich kam geſtern, um Ihnen noch einmal ehrlich zu ſagen, daß mein Herz unwiderruflich einer An⸗ dern gehört. Sie wollten mich nicht anhören. Sie ſchleuderten ſtatt deſſen Beſchuldigungen gegen mich, die ich nicht verdient, denn noch nie haben meine Lippen zu Ihnen von Liebe geſprochen. Im Gegen⸗ theil habe ich Ihnen von Anfang geſagt, daß ich eine Andere liebte. Worin beſteht dann meine Treu⸗ loſigkeit? Leben Sie wohl! und erſparen Sie uns beiden eine Fortſetzung der Auftritte von geſtern. Nils Porry.“ Als Jenny dieſe Zeilen las, war ſie nahe daran, vor Aerger zu erſticken. In der Rachgier, welche ihre Seele erfüllte, ſollte ein gefährlicher Feind für Porrys und Sorenzas Glück entſtehen. Einige Zeit verging. Porry dachte nicht mehr an den Auftritt zwiſchen Jenny und ihm. Er war im Ganzen mehr zufrieden als unzufrieden damit. Jenny hatte ihn ja ſo beleidigt, daß von einer Fort⸗ ſetzung des Umgangs mit der gräflichen Familie nicht mehr die Rede ſein konnte. Nils vergaß gänzlich, daß es eine Zeit gegeben hatte, wo er das Glück an Jennys Seite zu finden hoffte. Ach, mein Gott, wie ſollte er jetzt an etwas Derartiges denken, wo ſeine ganze Seele in anderer 161 Weiſe in Anſpruch genommen war; jetzt, wo er die⸗ jenige wiedergefunden, welche er ſo viele Jahre ge⸗ liebt? Porry hate nur einen ein Ziel, und das war, renza geliebt zu ſehen. Er war täglich bei ihr Gedanken, einen Wunſch, ſich noch einmal von So⸗ und ſein Benehmen hatte freilich dem Aeußeren nach das Ausſehen von dem eines ruhigen Freundes; aber doch müßte Sorenza blind geweſen ſein, um nicht da s Feuer zu ſehen, welches hinter der Maske des Freundes verborgen war, und welches mit jedem Tag immer deutlicher und deut⸗ licher hervorſchimmerte. Ueber den ruhigen Spiegel ſeiner Ergebenheit war ein viel zu warmes Colorit verbreitet. Demohngeachtet behielt immer ruhiges, bisweilen tes Benehmen gegen ihn b Sorenza ihr freundliches, zurückweichendes und kal⸗ ei. Hie und da ereignete es ſich, daß ein ebenſo verrätheriſcher wie haſtiger Blitz über ihr Geſicht flog Porrys verrieth, daß ihr wie ihr Aeußeres zeigte. und den ſpähenden Blicken Inneres nicht ſo kalt ſei, Sorenza nahm ſehr unbedeiltend an den Zer⸗ ſtreuungen der Badegeſellſchaft, Theil, aber Mari⸗ quitta war immer bei Allem mit. Sorenza richtete es jed junge Frau, mit oder ge och ſo klug ein, daß die gen ihren Willen, Tante Maria mit ſich haben mußte. Sorenza hatte Mari⸗ paſſend noch übereinſtimmen daß eine junge 1 ei Schwartz, Die Tazſler des Edelmanns. III. auitta in ernſthafter Weiſe geſagt, daß es weder d mit dem guten Tone ſei, nſam und von Männern 1 162 umflattert bei allen Luſtbarkeiten dabei war, Pro⸗ menaden unternahm ꝛc. Genug, Tante Maria war immer an Mariquit⸗ tas Seite und weder Herr Bencke noch Andere konnten jetzt mehr mit einem angenehmen téte à téte mit der hübſchen und gefeierten Frau Sturm prahlen. Arthurs Benehmen war jetzt etwas zurückhalten⸗ der geworden. Er beſuchte auch Sorenza weniger als zuvor. Wahr iſt es, daß, wo Mariquitta war, da ſah man auch ihn; aber Arthur hielt ſich in Ab⸗ ſtand, zufrieden, wenn er einen Blick auffangen konnte. Dieſe Veränderung reizte Mariquitta, und ſie that Alles, um ihn wieder an ſich zu ziehen; aber bei jedem ſolchen Verſuch von ihrer Seite kam es ihr vor, als wenn er ſich noch mehr zurückzog. Dieſe an den Tag gelegte Gleichgültigkeit, welche ſo wenig mit ſeinem früheren Benehmen überein⸗ ſtimmte, machte, daß Mariquitta wieder anfing, an Arthur zu denken und ſich mit ihm zu beſchäftigen. Sie kam zu dem Schlußreſultat, daß er ſich an So⸗ renza angeſchloſſen und von ihr abtrünnig geworden ſei. Selbſt flüchtig wie der Wind und unbeſtändig wie die Woge konnte Mariquitta nicht begreifen, wie man im Stande ſein konnte, einen Anderen treu zu lieben. Sie beurtheilte Andere nach ſich ſelbſt, und darum meinte ſie, daß Sorenzas Freundlichkeit gegen Arthur aus derſelben Quelle entſpringe, wie die ihrige. Mariquitta begriff nicht, daß ſtolze Weiber nicht den geringſten Werth auf jene Er⸗ oberungen legen, welche das gefallſüchtige Weib ſo hoch anſchlägt. 5 4 —————— a-⸗ Genug, die junge Frau begann jetzt in vollem Ernſt mit Arthur zu kokettiren, dem ſie einige Wochen früher es nur erlaubt hatte, als ſtumme Perſon in ihrer Nähe zu verweilen. Eines Tages hatte man eine größere Luſtparthie arrangirt. Die meiſten Badegäſte nahmen daran Theil, ſo auch die Gräfin Eldon mit Tochter und Söhnen. Sorenza war nicht mit. Sie hatte bereits am Morgen die Erklärung abgegeben, daß ſie am liebſten zu Hauſe bliebe. Wie gewöhnlich, wenn ſie allein war, hatte So⸗ renza, nachdem die Anderen ſich entfernt, ſich hin⸗ unter in den Pavillon begeben, wo ſie zu zeichnen pflegte. Am obengenannten Nachmittag hatte ſie ein Buch zum Leſen mitgenommen; aber obgleich es vor ihr aufgeſchlagen lag, waren ihre Blicke nicht auf daſſelbe gerichtet.. Sorenza ſaß auf einem kleinen vor den geöffneten Glasthüren. die kalte und ſtolze Künſtlerin, ſondern das trauernde Weib, welches den Stimmen in ſeinem Inneren lauſchte, dieſen Stimmen, welche weder von Chre oder von irgend etwas Anderem erſtickt oder zum Schweigen gebracht werden konnten. Wie gefeiert, wie beliebt viel Weihrauch ihrer Eitelkeit vermag alles dieß doch nicht di einer Frau auszufüllen. Die Natur hat ſie nicht dazu beſtimmt, ei Rolle im öffentlichen Leben zu ſpielen, ſondern ihr en, aber heiligen Frieden der Häus⸗ Sopha mitten Es war jetzt nicht Gluck in dem ſtill 11* 164 lichkeit zu finden. Zu lieben und ſich den Ihrigen zu opfern, geziemt ihr, und es würde vergeblich ſein, zu behaupten, daß äußerer Glanz und Ruhm ihr Glück ſchaffen könnten. Etwas Derartiges fühlte Sorenza in dieſem Augenblick. Sie war eine ausgezeichnete Künſtlerin, ſie war reich, ſie war angeſehen, ſie war jung, ſie war hübſch, und doch dieſes Gefühl unendlichen Schmerzes in ihrem Inneren. Alles, was ſie beſaß, war eine Nebenſache gegen dieſes Eine, das ihr fehlte, und gerade an dieſes Eine, welches ſie zu gleicher Zeit ſo nahe hatte und das ihr doch ſo weit entfernt ſchien, wagte ſie nicht zu glauben. Sie bebte bei dem Gedanken, einmal Schiffbruch leiden zu müſſen. Eine warnende Stimme in ihrem Inneren flü⸗ ſterte ihr immer zu: „Sei auf Deiner Hut, etwas recht Schmerzliches ſteht Dir bevor;“— und über die heiligſten und wärmſten Gefühle des Herzens legte ſich eine Eis⸗ rinde. Jetzt, wo ſie einſam war, war dieſelbe jedoch weggeſchmolzen, und das klopfende und unruhige Herz erhob ganz ungezwungen ſeine Klagen. — Ich möchte wiſſen, ob er mit bei der Luſt⸗ parthie iſt?— dachte Sorenza und ſtützte ihre ge⸗ ddankenvolle Stirne gegen die Hand. In demſelben Augenblick wandte Sorenza den Kopf um. Nils ſtand an der Schwelle der Thüre. Eine unbeſchreibliche Freude ergriff Sorenzas Seele. Dieſelbe war viel zu ſtark, daß nicht der Wiederſchein davon ſich auf dem Geſichte Sorenzas wirklich, was das heißen will, Ihr Freund zu 165 4 ☛ abgeſpiegelt haben ſollte. Mit einem Lächeln, man es nicht, ſeit ſie ſiebenzehn Jahre alt war, ihren Lippen geſehen, reichte ſie Porry die Hand un ſagte: 1 — Was, Nils, ſind ſie nicht mit bei der Luſt⸗ parthie. — Wie Sie ſehen, bin ich es nicht, antwortete Porry freudig und ſchloß ihre Hand in die ſeinige. — Und warum nicht? 8 — Brauche ich das zu ſagen? Er ſetzte ſich neben Sorenza. — Wenn Sie jetzt aufrichtig ſein würden, meine liebenswürdige Couſine, ſo müßten Sie einräumen, daß Sie nicht glaubten, ich würde mitfolgen. — Ich wüßte wahrlich nicht, warum ich es nicht glauben ſollte. Jetzt küßte Porry die Hand, die er in der ſeini⸗ gen geſchloſſen hielt. 1 — Obgleich Freunde, ſo ſind wir. doch wohl nicht unzertrennlich,— meinte Sorenza lachend. — Beinahe, ſollte ich meinen. Wiſſen Sie ſein? — Daſſelbe, wie der Freund irgend eines An⸗ deren zu ſein. Sorenza wollte ihre Hand zurückziehen, aber Porry hielt ſie feſt. — Nicht ſo ganz, denn die Freundſchaft für Sie wird unwillkürlich umſchlagen und etwas Anderes werden. Sie nimmt eine auffallende Aehnlichkeit mit.... — Reif an,— unterbrach ihn Sorenza.— Wir 4 ſetzen das Geſpräch nicht fort, ſondern ſprechen von eetwas Anderem, was mehr Intereſſe hat. Ich bin allein, Sie ſuchen mich auf, folglich iſt es Ihre Plflicht, mich zu unterhalten. — Aber wenn es mir mißglückt? — Dann iſt es Ihr Fehler, und Sie haben be⸗ wieſen, daß Sie dem, was man von Ihnen zu for⸗ dern das Recht hat, nicht entſprechen. 5 1— Was ſoll ich thun, damit es mir nicht miß⸗ inge? — Sie ſollen irgend ein angenehmes Unter⸗ haltungsthema, es ſei, welches es wolle, ausfindig machen, nur daß es unterhaltend wird. — Gut, und ich darf ſelbſt das Thema wählen? — Gern; aber ich habe das Recht, es zu verwerfen, wenn es nicht unterhaltend iſt. — Unterhaltend, das wäre vielleicht zu wenig verlangt. Intereſſant iſt wohl das Wenigſte. — Das, was unterhält, intereſſirt auch. — Keineswegs. Man unterhält ſich in einer Comödie, aber man braucht ſich deshalb nicht dafür zu intereſſiren. Ich ziehe das Intereſſante dem Unterhaltenden vor. Sie, Sorenza, gehören übrigens nicht zu Denjenigen, welche man unterhält. — Nicht? Das wäre eine ſonderbare Behaup⸗ — Sie unterhält nichts; aber vieles intereſſirt Sie. So intereſſirt es Sie z. B. zu prüfen, wie große Gewalt Sie über Andere ausüben, aber es macht Ihnen durchaus kein Vergnügen. — Beweiſe Nils das, wenn er kann. — Falls Sie ein Vergnügen daran fänden, ſo 167 wären Sie launiſch und veränderlich; nun ſind Sie dagegen immer ſich ſelbſt gleich. Mit Ihrer Kälte, Ihrer Selbſtbeherrſchung und Ihrer Ueberlegenheit regieren Sie Andere, und das, obgleich Ihr eigenes Innere— ein Vulcan iſt. 4 — Ein Vulcan! Sorenza lachte. — Jetzt, Herr Künſtler, legten Sie zu ſtarke Farben auf das Portrait; Sie haben es dadurch verdorben. — Durchaus nicht! Es gibt in Ihrem Inneren etwas Vulcaniſches. — Ja, ebenſo viel, wie in jener Kryſtallvaſe dort. Sorenza deutete auf eine ſolche. — Hören Sie mich, Sorenza. Sie ſind durch die Gewohnheit, Ihre Gefühle zu bezwingen, ſie mit Ihrer Vernunft zu bändigen und ſie mit Ihrem Willen zu unterdrücken, ſo weit in der Selbſtbe⸗ herrſchung gekommen, daß Sie ſich über ſich ſelbſt wundern würden, wenn Sie einen einzigen Augen⸗ blick ihnen die Freiheit ließen, die Schranke zu über⸗ ſchreiten, innerhalb welcher Sie beſtimmt haben, daß ſie bleiben ſollen.“ Die Marmorkälte, womit Sie dieſelben umgeben, iſt nicht Natur, ſondern nur ein hoher Grad von Selbſtbeherrſchung. Ich will es Ihnen beweiſen, daß unter dieſem äußeren Eis ein ſehr ſtarkes Feurrr brennt, welches Sie vergebens dadurch zu löſchen ſuchen, daß Sie es dämpfen. — Nils thut jetzt daſſelbe, was wir im Allge⸗ meinen thun, er beurtheilt nämlich Andere nach ſich ſelbſt,— fiel Sorenza ein. 168 — Thue ich? — Ganz gewiß; ich fordere Sie heraus, zu be⸗ weiſen, was Sie jetzt ſagen. 3 — Fordert Sorenza mich heraus? — Ja! Die Vergangenheit iſt zu Grabe ge⸗ ſſ tragen und kann alſo nicht als ein Beiſpiel ange⸗ führt werden.— — Ich beabſichtige das auch nicht. Ich brauche ſii mich nur auf den Augenblick, bevor ich hier ein⸗ trat, zu berufen. War damals auch die marmorne ſem Ruhe und Kälte in Ihrer Seele? Ach, Sorenza, legen Sie jene kalte Miene ab; wozu nützt ſie gegen ſſch einen Freund? Antworten Sie ſtatt deſſen, wie es ſich einem ſolchen geziemt, und Sie müſſen zugeben, ſe⸗ daß Sie, ſich ſelbſt und der Einſamkeit überlaſſen, die Erfahrung machen, daß das Herz in den Fragen des Lebens eine Stimme mit haben muß; daß weder Ehre, noch Auszeichnung genug iſt für ein Weib wie Sie.. — Nun gut, wenn das auch wahr wäre, ſo be⸗ weist es doch nicht, daß mein Inneres ein Vulcan iſt, ſondern einzig und allein, daß ſich bei mir eben ſo viele menſchliche Schwäche findet, wie bei ſp Anderen. — Nennen Sie das Schwäche? — Es iſt immer eine Schwäche, der Zuneigung zu bedürfen. Die Freundſchaft iſt, gleich der Liebe, etwas im höchſten Grade Schwieriges. — Iſt es Sorenza, die etwas Derartiges be⸗ behauptet? — Ja, gewiß. Jetzt lachte Sorenza. 2 + — 8—— —-—— 2 —.ͤ— v 169 8₰ — Und ein Beweis, daß ich ſo denke, iſt der umſtand, daß ich keine Hoffnungen auf Ihre Freundſchaft gebaut. — Daran haben Sie Unrecht gethan. Ich habe ſelbſt keine ſolche an dieſelbe geknüpft. — Sie ſind göttlich,— rief Sorenza lächelnd. — Sie anerkennen alſo, daß ſie zu der veränder⸗ lichen Art gehört. 1 — Sie gehört zu keiner Art, denn ſie hat nie eriſtirt, » Was ſagen Sie? Hat Porry keine Freund⸗ ſchaft für mich gehabt? — Nein, niemals,— antwortete Nils mit einer imme und einem Blick, welcher ganze Heere von Lurpurwolken auf Sorenzas Geſicht hervorrief. Sorenzas Hand zitterte, wie dieſelbe in der ſei⸗ nigen geſchloſſen ruhte. Sie ſenkte den Blick. Nils fuhr fort: — Sorenza kann mich nicht beſchuldigen, ein treuloſer Freund zu ſein; ich habe nie Ihre Freund⸗ chaft verlangt, nie Ihnen die meinige zugeſichert. Lie haben geſagt:„Laſſen Sie uns Freunde ſein.“ darauf antwortete ich:„Mag es ſein;“ aber ich ſerſprach durchaus keine Freundſchaft, ich nahm nur Ehr Anerbieten an, weil ich ſonſt ganz ſicher aus hrem Hauſe verwieſen worden wäre. — Aber das war nicht ehrlich gehandelt. — Worin liegt das Unehrliche? — Darin, daß Sie eine Freundſchaft annahmen, ie Sie nicht zu erwiedern beabſichtigten. — Die ich aber in das zu verwandeln hoffte, was ſie ſein ſollte. Sorenza, in einem Kampfe 170 wendet man alle möglichen Mittel an, um zu ſiegen. 9 — Siegen? und über was? Jetzt blickte Sorenza auf. — Ueber Deine Kälte. Koſte es, was es wolle, — Du mußt.... un — Gar nichts, unterbrach ihn Sorenza kalt. S Hinter der Kälte ſchimmerte etwas durch, welches verrieth, daß ſie aufgeregt war, obgleich ſie ſich hin⸗ ter ihrer Kälte zu verſchanzen ſuchte. S Porry blickte ſie eine Zeitlang ſchweigend an. S. — Scheu, ganz wie damals, als ſie jünger mar, — dachte er.— O Du meine reizende nnd 8 feſ Taube, Du mußt doch die Meinige werden! we Er ſeufzte. 8 — Mein Couſin, Sie haben Ihre Pflicht nicht erfüllt, mich zu intereſſiren. — Das Thema war alſo. — Langweilig,— unterbrach ihn Sorenza. — In dieſem Falle vertauſchen wir es mit einem anderen,— ſagte Porry in einem ſo ver⸗ gnügten Tone, daß Sorenza ihn ganz überraſcht ſüf anblickte. Ihre Augen begegneten ſich. In den ſeinigen ſtand geſchrieben: — Vergebens ſuchſt Du Dich hinter jener Maske zu verbergen, ich kenne jetzt das Geheimniß Deines Herzens. ei — Ich habe Sorenza einen Vorſchlag zu machen. re — Welchen denn? — Daß Du ſuchſt aus Deiner Freundſchaft das zu machen, was ich aus der meinigen gemacht. e — Das heißt Nichts, weil es nie exiſtirt hat. 171 u— O nein, mache daſſelbe daraus, was mein Herz fühlt. — Unwmöglich! — Iſt es unmöglich? . Porry blickte tief in ihre Augen. Sein Blick umfing gleichſam alle ihre Vorſätze; es war eine Secunde von Glück, welches ihr Herz ergriff. 3 In demſelben Augenblick hörte man eine laute und wenig harmoniſche Stimme ſagen: — Seien Sie ſo gut und treten Sie ein, Frau Sturm iſt im Pavillon. . Sorenza wollte ihre Hände losreißen, welche Porry e feſt in den ſeinigen geſchloſſen hielt. Es war, als wenn ſie aus einem reizenden Traume herausge⸗ riſſen und in die Wirklichkeit zurückgeworfen würde. t Porry flüſterte: — Ich laſſe Deine Hände nicht los, bevor Du zantwortet haſt: iſt es unmöglich? — Ich werde verſuchen, das Unmögliche möglich it machen,— flüſterte Sorenza aufgeregt. Jetzt ließ Nils ihre Hand los. Man hörte Tritte t-uf der Balcontreppe, und auf der Schwelle ſtand n René. e 8 Als wir das letzte Mal René ſahen, war er ein icher Jüngling ohne Herrſchaft uͤber ſein Tem⸗ . rament und ſeine Paſſionen. Jetzt dagegen war ein junger Mann von ſechsundzwanzig Jahren 3 dd äußerlich nicht ſehr, in Beziehung auf ſein In⸗ es aber bedeutend verändert. 8 . Dieſe Verwandlung, welche Letzteres exfahren, 172 hatte ihren Stempel auf ſeine Züge gedrückt, ſo daß der Ausdruck derſelben weniger ſtolz und befehlend erſchien, und dieß, obgleich er jetzt der einzige Eigen⸗ thümer des ſtattlichen Ekſjö war. Er war, als er Porry und Sorenza im Sopha ſitzen ſah, auf der Stelle ſtehen geblieben. Ein hef⸗ tiger Schmerz zog bei dieſem Anblick ſeine Geſichts⸗ muskeln zuſammen, und hinterließ einen Schatten von Wehmuth. Kein leuchtender Blitz von Eifer⸗ ſucht, oder eine drohende Zornwolke, ſondern nur eine Offenbarung innerer Leiden, deren er im erſten Augenblick nicht Meiſter werden konnte, gab ſich kund. Ganz anders war es mit Porry. Beim Anblick von René ſtieg das Blut ihm in den Kopf, und alle tolle Gedanken, welche die Eiferſucht zu erzeugen vermag, fuhren durch ſein Hirn. Er fühlte ſich mit Einemmale von allen Furien des Zweifels und des Mitßtrauens gepackt. Auch änderte ſich ſein Aus⸗ ſehen vollſtändig. Sorenza reichte ihrerſeits René freundlich die Hand und ſagte mit freundlicher Stimme: — Willkommen! Du haſt ziemlich lange auf Dich warten laſſen. René eilte auf ſie zu, ergriff und küßte die dar⸗ gereichte Hand mit einem Ausdruck, gleich demjenigen, mit welchem wir uns einem Heiligen nähern. — EGlaube mir, es iſt gegen meinen Willen ge⸗ ſchehen,— ſagte er aufgeregt.— Ich habe nicht eher kommen können. 1 — Haſt Du meinen Brief nicht erhalten? — Als derſelbe ankam, war ich verreist, und . 173 erſt vor ein paar Tagen kam er mir zu Handen. Ohne mir Zeit zu geben, auszuruhen, verließ ich ſofort Ekſjö. 4 — DankV! ich bezweifelte nie einen Augenblick, daß Du kommen würdeſt; es wunderte mich nur, daß Du ſo lange warteteſt, bevor Du meiner Ein⸗ ladung folgteſt. 6 5 — Und darüber wundere ich mich nicht. Tante wußte, daß wenn ein Befehl von Tante mich halb⸗ todt getroffen, ich doch demſelben nachgekommen wäre. Es gibt wohl Niemanden im Leben, in deſſen Schuld ich ſo ſtehe, wie zu Magda Sturm. Und wenn Tante mein Leben verlangte, ſo würde ich nicht im Stande ſein, dieſelbe zu vergelten. Jetzt wandte René ſich an Porry, und nachdem er einen kalten, höflichen Gruß mit ihm gewechſelt, ſagte er mit einem wehmüthigen Lächeln: — Nicht wahr, Onkel, wenn Tante irgend wel⸗ ches Opfer von mir forderte, ſo würde es meine Pflicht ſein, es zu bringen. Es würde doch eine geringe Sühne für das ſein, was meine knabenhafte Leidenſchaft beinahe gekoſtet hätte. Ich würde doch nicht im Stande ſein, es gut zu machen, daß ſie einſt durch mich in ein zweideutiges Licht geſtellt wurde; oder ihr die Jahre von Leiden erſetzen koͤnnen, 4 welche jenem unglücklichen Augenblick folgten. — Nein, ſchwerlich,— antwartete Porry kalt. — Es iſt immer gefährlich, den Verdacht auf eine Perſon zu lenken; denn wie unverdient derſelbe auch ſein mag, ſo gleicht er einem Geſpenſt, das immer wieder kommt. — Im Allgemeinen geſprochen iſt das möglich, — ſagte René;— aber unmöglich bei einem Weibe von Tantes Charakter. Sie iſt über allen Verdacht erhaben. Von Demjenigen, bei dem ſie das nicht iſt, kann ſie ſich mit Verachtung wegwenden. — So, René, jetzt iſt genug von mir geſprochen, — fiel Sorenza ein.— Mariquitta iſt ausgegangen, ſo daß Du ſie jetzt nicht treffen kannſt. — Ich werde mich wohl beruhigen müſſen,— antwortete René in einem, wie es Porry vorkam, vollkommen gleichgültigen Tone. Nils griff nach ſeinen Hut, um zu gehen. Die Luft kam ihm zum Erſticken heiß vor. Sorenza hielt ihn zurück und ſagte: — Durchaus nicht aufbrechen. Sie haben mir einmal dieſen Abend geſchenkt, und man nimmt nicht zurück, was man geſchenkt hat. — Aber ich fürchte wirklich, daß es mir bei näherer Ueberlegung unmöglich ſein wird, zu bleiben. 3— Keineswegs. Verſuchen Sie, gleich mir, das Unmögliche möglich zu machen. Im an⸗ deren Falle könnten Sie mich abſchrecken. Sorenza ſah vollkommen ſo aus wie damals, als ſie ein junges Mädchen war, daß die wild brauſen⸗ den Wogen in Porrys Blut ſich legten und er lä⸗ chelnd antwortete: — In dieſem Falle bleibe ich. Er legte den Hut weg. An jenem Abend war Sorenza fröhlich und leb⸗ haft. Das Kalte, Stolze und Hochmüthige war verſchwunden, und über ihrem ganzen Weſen ruhte jener Schimmer, welchen das Gefühl des Glücks jedem Menſchen verleiht, und welcher den Häßlichen 4 — 175 hübſch und den Hübſchen ſchön macht. Nie hatte René ſie ſo geſehen; niemals früher hatte dieſes Geſicht, frei von den Schatten der Wehmuth und der Trauer ihm auf eine ſolche Weiſe zugelächelt, und er dachte mit Frithiof: „Thor, Du zündeſt aufs Neue die halberloſchene Flamme.“ Er beſaß indeſſen eine ſolche Gewalt über ſich, daß, obgleich ſein Inneres einer förmlichen Tortur unterworfen war, er doch ungezwungen ſprach, und der Abend verlief, dem Aeußeren nach, im höchſten Grade angenehm, obgleich derſelbe für René ſowohl wie für Porry alles andere war, als angenehm. Der Letztere konnte ſeine Zweifel nicht zum Schweigen bringen, welche unaufhörlich wiederkehr⸗ ten und bewirkten, daß er in Sorenzas Freundlich⸗ keit Etwas ſah, was jenen Nahrung gab. SGegen zehn Uhr hörte man fröhliche Stimmen im Garten. Sorenza orkannte die von Mariquitta wieder, und ſagte ſcherzend zu René: — Stelle Dich ſo, daß Du den Eintretenden den Rücken zukehrſt. Ich wünſche ihnen eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten, wenn Du Dich nachher um⸗ kehrſt, um zu grüßen. Ohne zu antworten, that René, um was Sorenza ihn bat. Er trat hin zu den nach dem Seebalkon gehenden offnen Glasthüren, ſtützte ſich an den Thür⸗ pfoſten und blickte hinaus, indem er der entgegen⸗ geſetzten Thüre den Rücken zukehrte. Kaum hatte er dieſe Stellung eingenommen, als Mariquitta, von Tante Maria und Herrn Bencke gefolgt, hereinhüpfte. — Ach, Du biſt nicht allein, mein liebes Müt⸗ terchen,— rief Mariquitta und grüßte Porry. Sorenza reichte Maria die Hand, verbeugte ſtolz den Kopf zur Antwort auf Benckes Gruß und ſagte zu Mariquitta: — Nein, wie Du ſiehſt, habe ich mich in Dei⸗ ner Abweſenheit mit zwei Herren verſehen. Ich wünſche Dich dem einen derſelben vorzuſtellen. Jetzt drehte René ſich um. — Ach, mein Gott, was ſehe ich!— rief Mari⸗ quitta faſt erſchrocken. Mit einem feinen Lächeln und einer höflichen Verbeugung ging René auf ſie zu und ſagte: — Was, ich glaube, der Anblick von mir er⸗ ſchrickt Dich? Das würde mir wirklich leid thun. — Wie kannſt Du ſo Etwas denken!— riej Mariquitta und lächelte dem Manne herzlicher zu⸗ als ſie es je zuvor gethan.— Ich fühlte mich nur überraſcht. Bedenke, daß Du mich nicht vorher von Deiner Ankunft in Kenntniß geſetzt haſt. Sie reichte ihm die Wange zum Kuß. Sorenza wandte ſich jetzt an Bencke und ſagte mit einer ganz eigenthümlichen Betonung: 3 — Hier, mein Herr, ſehen Sie Mariquittas Mann. Gewiß wird es Sie intereſſiren, ſeine Be⸗ kanntſchaft zu machen.. Sorenzas und des jungen Künſtlers Augen be⸗ gegneten ſich. Ihr Blick ſagte ihm, daß ſie zwiſchen ſeine Zudringlichkeit und Mariquitta jetzt den Ehe⸗ mann ſtellte, und daß er fortan nicht mehr die ——— ur e⸗ 177 Rolle ſpielen würde, welche er ſo unverſchämt aus⸗ geführt. Bencke wechſelte die Farbe und warf einen wüthenden Blick auf die junge Wittwe. Am folgenden Morgen fand Sorenza ſich ganz allein im Curſaale ein. Als Arthur ſie erblickte, eilte er ſofort auf ſie zu. — Iſt Frau Mariquitta Sturm unwohl?— fragte er. — Nein, ſie iſt abgehalten,— war die Antwort. — Und wodurch? Sie verſprach mir, ſich durch nichts abhalten zu laſſen, heute den Curſaal zu be⸗ ſuchen. — Warum verſprach ſie Ihnen dieſes, Graf?— fragte Sorenza. 3 Sobald Arthur und ſie ſich in Gegenwart An⸗ derer befanden, hörte das vertrauliche Du auf. — Wir hatten eine Wette gemacht. Sie be⸗ hauptete, ich ſei ſo weichlich, daß ich mich unmög⸗ lich dazu entſchließen könnte, zu rechter Zeit am runnen zu ſein, ſondern es vorzöge zu ſchlafen, ſtatt ſie zu ſehen. — Und Sie verſicherten ſie des Gegentheils? — Das iſt klar. Sie glaubte mir indeſſen nicht, de ſondern wettete, daß ſie ihre fünf Glas trinken würde, bevor ich zum Vorſchein käme. Sie ſagte, daß ſie ſich durch nichts abhalten laſſen würde, ſich heute einzufinden. Schwart, Die Tochter des Cveimannt. III.* 12 4 5* 178 — Was beweist das? — Daß man den Worten eines Frauenzimmers nie trauen darf. — O nein, nur daß wir nicht im Voraus be⸗ rechnen können, was geſchehen wird. Es träumte Mariquitta ſelbſt nicht von dem Hinderniß, welches ſie heute davon abhält, ſich zu überzeugen, daß ſie ihre Wette verloren. — Und was iſt denn das für ein Hinderniß? — Ihr Mann,— antwortete Sorenza. Arthur blieb ſtehen und ſtarrte ſie an. — Geben Sie Acht auf Ihr Geſicht, Graf Eldon,— flüſterte Sorenza.— Erinnern Sie ſich, daß wenigſtens hundert Augen auf uns gerichtet ſind. Jetzt gehe ich hin und trinke mein zweites Glas; nachher machen wir eine Tour im Parke, und dann werde ich Ihnen Etwas anvertrauen. Einige Augenblicke darauf wanderten Arthur und Sorenza einen der Gänge des Parks hinauf. Er war bleich und ſah niedergeſchlagen aus. — Was iſt die Urſache, daß Mariquittas Mann jetzt gekommen iſt?— fragte er. — Die Urſache bin ich. Ein Brief von mir hat ihn dazu bewogen, und ich hoffe, daß er— ſtrand nicht verlaſſen wird, ohne ſeine Frau von hier mit⸗ zunehmen. Arthur machte eine ürgerliche Bewegung. So⸗ renza fuhr fort: — Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, daß Mariquittas Unbeſonnenheit ſie ſo bloßgeſtellt, wie ſie es bereits gethan, ſo wäre René ſchon lange vorher gezwungen worden, der Sache ein Ende zu ‿0 179 machen. Jetzt war es hohe Zeit, daß er dazwi⸗ ſchen trat. Bencke's Zudringlichkeit hat nicht allein das Ge⸗ rede von ihm in Bewegung geſetzt, ſondern, im Zu⸗ ſammenhang damit, auch veranlaßt, daß das Ver⸗ hältniß zwiſchen Dir und Mariquitta zur Sprache gebracht worden iſt. Uebrigens mein beſter Arthur, iſt Deine Ritterlichkeit in einem beſtändigen Streite mit Deiner Schwäche. Ich habe ganz gut bemerkt, daß es Zeiten gibt, wo die letztere nahe daran war zu ſiegen; deßhalb muß dieſem Spiel ein Ende ge⸗ macht werden, bei welchem Ehre und Ruf ſo leicht verloren gehen können. Mariquittas Platz iſt an der Seite ihres Man⸗ nes in ſeinem Hauſe, und durchaus nicht dort, wo ſie jetzt weilt. Dieſes iſt Etwas, wovon kein Anderer, als René ſelbſt ſie überzeugen kann. Arthur antwortete nichts, ſondern wanderte ſchweigend an Sorenzas Seite. Nach einigen Augen⸗ blicken ſahen ſie Porry ihnen entgegenkommen. Arthur tauſchte nur einen Gruß mit ihm aus, worauf er ſich verabſchiedete und in einen der Seitengänge einbog. — Wie befindet ſich Sorenza heute?— fragte Porry. 3 — Gut! und das obgleich ich ein wenig ver⸗ drießlich bin,— antwortete ſie. Hat Etwas Sie zu Hauſe geäürgert? 9 nein, das Verdienſt gebührt Ihnen. Mir? Antworten Sie mir, warum wollten Sie ehen, als René kam? Lan 180 — Ach, Sorenza, die Frage müßten Sie ſelbſt beantworten können. — Durchaus nicht, Sie müſſen es thun. Sorenza blickte Porry ſtolz und kalt an. — Sie haben durch das Verbot, die Vergan⸗ genheit nicht zu berühren, es mir unmöglich gemacht. Es entſtand eine kurze Pauſe. — Wir ſind jetzt im Badpark, hob Sorenza mit ihrem kalten Scherz wieder an, und alſo auf neu⸗ tralem Gebiete. Ich entbinde Sie des Verbots in Beziehung auf die Beantwortung der Frage. Es iſt mir nothwendig zu erfahren, was Ihr Benehmen dictirte. — Nun gut, in dem Augenblick, wo René vor mich trat, kam es mir vor, als wenn ich in das Atelier zurückverſetzt worden ſei, wo er hinter dem Schirme verborgen ſtand. Ich erinnerte mich in demſelben Augenblick, daß Sorenza mir jede Erklä⸗ rung verweigert hatte über... — Seine Anweſenheit dort,— fiel Sorenza ein.— Alſo wieder Zweifel und beſtändig Zweifel. — Und woher ſtammen dieſe? — Vom Mangel an Glauben; aber wir wollen nicht davon ſprechen. Sie haben nur gezeigt, daß die Jahre Sie nicht geändert haben. Das Miß⸗ trauen in Ihrer Seele iſt immer bereit, die Zunei⸗ gung zu vernichten, und ſich über den Gegenſtand deſſelben zu werfen. Daſſelbe iſt ein Damokles⸗ ſchwert, welches ſtets über dem Haupte deſſen h an welchen Ihr Herz gefeſſelt iſt, und früher ſpäter wird es herabfallen und das Opfer zern men. Jetzt gehen wir in den Saldn. — Noch nicht,— ſagte Porry beſtimmt.— Sind wir einmal dazu gekommen, dieſes Thema zu berühren, ſo muß Sorenza auch meine Antwort hören. Man ſchleudert nicht eine Anklage gegen ⸗ Jemanden, ohne der Vertheidigung ſein Ohr zu t. leihen. Ich bin mißtrauiſch, ſagen Sie. Sie haben Unrecht; das liegt ſonſt nicht in meinem excentri⸗ it ſchen Temperament; aber wenn man liebt, Sorenza, ⸗ dann iſt man ſich nicht gleich. Man fürchtet Alles, n weil man am wenigſten von ſich ſelbſt eingenom⸗ s men iſt, wenn man ſein Herz einem Weibe geopfert. n Nun gut, ich habe Sie geliebt und ich liebe Sie, Sorenza. Porrys Stimme zitterte. Sie r waren, Sie ſind der beſſere Theil meines Selbſt. Ich s war beſorgt und eiferſüchtig Ihretwegen. Man n ſagte mir beim Beginn meiner Liebe verletzende n Dinge über Sie; ich flehte Sie damals an, daß ⸗ Sie mich aufklären möchten; aber Sie verweigerten es.— Sie forderten einen blinden Glauben. So⸗ a renza, das Geheimthun nährt immer das Miß⸗ trauen. Vor denjenigen, die wir lieben, dürfen wir kein Geheimniß haben, wenn wir nicht ihren und unſeren eigenen Frieden aufs Spiel ſetzen wollen. Sie forderten von mir einen b linden Glauben, als Alles und Alle mir zu beweiſen ſuchten, daß ich angeführt ſei. Sie hätten ſtatt deſſen ſich dem Mann anvertrauen ſollen, welcher Sie höher als in Leben liebte. — Sie haben vielleicht Recht,— ſagte Sorenza gedankenvoll;— aber da mein eigenes Inneres frei von Schuld war, ſo... 4 — Meinten Sie, daß Andere nicht das Recht 182 hätten, an der Reinheit deſſelben zu zweifeln; aber Sie vergeſſen, daß der Schein gegen Sie war. — Nein, ich vergeſſe es jetzt nicht, aber damals verſtand ich das nicht. — Und doch verweigerten Sie mir eine Erklä⸗ rung über den Auftritt auf Ekſjö? — Ja, Porry, und das thue ich noch. Sorenza blickte ihn mit einem ernſten und ehr⸗ lichen Ausdruck an, als wenn ſie damit hätte ſagen wollen: Leſe in meinem Inneren. — Wenn ich Sie darum flehen würde? — Dann würde ich antworten: Nils Porry, Sie haben einmal erfahren, wie der Schein trügt; Sie haben ſchon einmal auf eine ungerechte, grau⸗ ſame und übereilte Weiſe mich verurtheilt; Sie machten dabei die Erfahrung, daß ich, obgleich zer⸗ malmt und verlaſſen, doch das ſtandhaft verſchwieg, was mich augenblicklich hätte rechtfertigen können. Ich empfing die Demüthigung und die Vernichtung meines Glückes, ohne daß der Schmerz das Schwei⸗ gen zu brechen vermochte, welches man uns aufer⸗ legt. Diejenige, welche in ihrem ſiebenzehnten Jahre ſo handelt, die kann, wenn ſie einige unde zwanzig Jahre alt iſt, unmöglich ihre Pflichten als Frau dadurch verrathen, daß ſie ſich auf einen erniedri⸗ genden Liebeshandel mit einem jungen Burſchen einläßt. 4 Der bloße Gedanke daran, daß Sie nur eine einzige Minute ſo Etwas von mir haben glauben können, verwandelt mein Inneres in Eis. Ach Nils, Sie hatten während Ihres Aufenthalts auff Ekſjö genug von mir geſehen, um zu begreifen, daß — 5 183 er ich durchaus nicht ein Weib ſei, welches ſich entwe⸗ der von ſeinem eigenen Innern, oder von den Wor⸗ ls ten Anderer bethören ließe. Gerade als Sorenza bei ihren letzten Worten ä⸗ ihre Augen nach Porry wandte, fielen ſie auf eine Dame und einen Herrn, welche ihnen entgegenka⸗ men. Es waren Ernfrid und Jenny. Porry ſah r⸗ ſie nicht. en— Kann Sorenza mir verzeihen,— ſtammelte Porry;— ach, wenn Sie in meiner Stelle gewe⸗ ſen wären, dann... y,— Sieh, da kommt die Gräfin Kronſtrahl mit 2 ihrem Bruder,— unterbrach ihn Sorenza. u⸗ Die gräflichen Geſchwiſter paſſirten vorbei. Porry ie grüßte. r⸗ Jenny und Sorenza wechſelten einen Blick, aus 9, welchem der Haß der Erſteren und die Erbitterung n. der Letzteren hervorleuchtete. 1g Sorenza empfand beim Anblick ihrer unverſöhn⸗ i⸗ lichen Feindin einen ſtechenden Schmerz, ein Vorge⸗ r⸗ fühl von etwas recht Bitterem. 6 Als Jenny und Ernfrid ſich entfernt hatten, ſagte Sorenza: — Wenn ich in Ihrer Stelle geweſen, ſagen Sie, Nils, dann hätte ich nicht mein Urtheil mich zum zweitenmale irre leiten laſſen. Ich will es Ihnen beweiſen. Man hat, ſchon ſeit ich nach— ſtrand kam, wied erholt verſichert, daß Sie durch irgend ein zärtliches Band an die Gräfin Kronſtrahl gefeſſelt wä⸗ ren. Ich habe nicht daran geglaubt. 3 — Ach, das thut mir leid. — Wie? thut es Ihnen leid? 184 — Guten Morgen, wie befindet ſich Frau Sturm heute? klang es hinter Sorenza. Sie wandte ſich um,— es war Bencke. Am Tage darauf begleitete René6 ſowohl So⸗ renza als Mariquitta hinunter in den Curſaal. We⸗ der Gräfin Kronſtrahl noch Gräfin Eldon kamen zum Vorſchein. Man ſprach allgemein davon, daß die erſtere am Tage vorher plötzlich krank geworden und das ſo heftig, daß der Arzt an dem Tage drei⸗ mal bei ihr geweſen ſei. Da Arthur ſich nicht blicken ließ, ſo konnte Sorenza keine Beſtätigung von dem erhalten, was man ſagte. Sie wollte ſich nicht mit einer directen Frage an den Doctor wenden, ſondern beſchloß, ſich ſchriftlich an Arthur zu wenden, um zu erfahren, wie es ſich damit ver⸗ hielt. Später als gewöhnlich kam Porry. Sorenza wandte ſich an ihn und ſagte: — Iſt das wahr, daß Gräfin Kronſtrahl ſehr krank iſt?. — Sie ſcheint es wirklich zu ſein. Etwas hyſte⸗ riſch, ſagte der Doctor, als er von ihr kam. — Alſo nicht gefährlich. — Nicht im Geringſten. Porry begann von anderen Dingen zu reden. Als Sorenza heimkam, ſandte ſie nach Arthur. Er kam ſofort und erklärte dann, daß die Kran heit der Schweſter nichts Anderes ſei, als ein wöhnlicher nervöſer Anfall, wie ſie ihn immer be⸗ käme, wenn ſie ſehr böſe würde. 185⁵ Es vergingen einige Tage. Nils war täglich bei Sorenza; aber er traf ſie nicht ein einzigesmal allein. Mariquitta, René oder Arthur waren außer anderen Beſuchenden immer dort. Es wurden einige Luſtpartieen gemacht, an wel⸗ chen Sorenza theilnahm. Sie wünſchte genau zu beobachten, wie René gegen Mariquitta und diſe gegen ihn ſei. Nils bemerkte nur, daß Sorenzas Aufmerkſamkeit ſehr viel auf René gerichtet ſei, und trotz allen hübſchen Vorſätzen hatte der Verdacht ſeine Klauen in ſein Herz geſchlagen, obgleich er es nicht zu zeigen wagte. 2 Bei allen dieſen Partieen waren Bencke und Ar⸗ thur mit. Der letztere deßhalb, weil er an dem Tage, welcher auf ſeine Unterredung mit Sorenza folgte, durch Nachdenken zu der Einſicht kam, daß er Mariquitta unrettbar compromittirt haben würde, falls er ſeinem erſten Plane gefolgt und bei der Ankunft des Mannes von—ſtrand abgereist wäre. Er legte ſich darum die Strafe auf, René, der alle Rechte über Mariquitta hatte, die er nie erhalten ſollte, an ihrer Seite zu ſehen. Während aller dieſer Tage hatten weder Ernfrid, noch Jenny oder die Gräfin ſich ſehen laſſen. Eines Morgens, grade als Sorenza nach dem Brunnentrinken mit dem Frühſtück zu Ende war, wurde ihr ein Brief übergeben. Sie erbrach ihn und las folgende Zeilen: „Gräfin Eldon wünſcht Frau Sturm zu ſprechen und iſt deßhalb den ganzen Vormittag zu Hauſe.“ Beim Durchleſen dieſer Zeilen wurde Sorenza ſehr bleich. Maria rief ganz erſchrocken: „ 6 186 — Was fehlt Dir, Sorenza, biſt Du krank? — Ach, es iſt nur eine Bagatelle. Ein wenig Schwindel. Sie ſtand auf, ging in ihr Cabinet und ſchrieb folgende Antwort: „Wenn Gräfin Eldon Frau Sturm zu ſprechen wünſcht, ſo iſt ſie den ganzen Vormittag zu Hauſe.“ Den Brief legte ſie langſam zuſammen. Das junge Weib überlegte gleichſam, ob ſie recht han⸗ delte. — Die Tochter eines Edelmanns in Allem, — dachte ſie und ſtreckte die Hand nach der Glocke aus;— aber bin ich es auch jetzt? Handle ich edel? Sie ſtand heftig auf und fügte in Gedanken hinzu: — Sie hat mich einmal aus dem Zimmer ge⸗ wieſen, welches mir mein Vater überlaſſen hatte. Ich kann alſo nicht über ihre Schwelle treten. Sorenza klingelte und der Brief wurde abge⸗ ſchickt. Einen Augenblick darauf trat Mariquitta ein und wollte, daß ſie an einem Vormittagsritt ttheilnehmen ſollte; aber Sorenza ſchlug es aus. Jenny hatte wirklich durch die heftige Gemüths⸗ bewegung, in welche ſie, als ſie Porry und So⸗ renza im vertraulichen Geſpräche begegnete, gerathen, einen Anfall von Krämpfen bekommen, ſo daß ſie bei⸗ nahe ihre ſchwache und kranke Mutter bis zum Tode erſchreckt hätte. 4 6 3 „Man ſchickte nach dem Doctor und er hätte ſtatt 8 — 2 - 187 aller jener Mixturen von Pomeranzenwaſſer ꝛc., welche ſeine Artigkeit aus Rückſicht auf die vornehme Dame ihn zu ordiniren veranlaßte, ſchlecht und recht eine kalte Douche verſchreiben ſollen. Die ſchwache Mutter war in Todesangſt, und nachdem Jenny ſich einige Tage damit unterhalten hatte, ihr dadurch alle mögliche Angſt zu machen daß ſie behauptete, ſie würde vor Kummer ſterben 2c faßte die Gräfin den verzweifelten Entſchluß, al dieſem Elend ein Ende zu machen und wo möglich die Tochter zu retten. Die Gräfin beſchloß mit So⸗ renza zu ſprechen. Sie ſchrieb deßhalb die oben⸗ ſtehenden Zeilen, und nachdem dieſelben abgeſchickt waren, wartete ſie darauf, Sorenza unverzüglich ein⸗ treten zu ſehen. Die Gräfin hatte Sorenzas Charakter nach ihrer Auffaſſung beurtheilt und in Folge deſſen hatte ſie im Voraus Alles überlegt, was ſie zu ſagen beab⸗ ſichtigte. Sie nahm gerade in Gedanken eine Art Repetition vor, als die Kammerjungfrau mit dem Billet von Sorenza eintrat. Ganz vor Aerger und Beſtürzung wie verſteinert ſtarrte die Gräfin den Inhalt des Billets an. Das war ja von Sorenza eine Unverſchämtheit ohne Glei⸗ chen, es zu wagen, an ſie, die Gräfin Eldon, zu ſchreiben. 3 Nachdem ſie ſich von ihrer erſten Beſtürzung er⸗ holt, ging ſie hinein zur Tochter und rief, indem ſie ihr den Brief hinreichte: — Haſt Du Dir etwas Vermeſſeneres denken können? Jennyj ſunlee beim Durchleſen int Blut kalt wer⸗ 188 den; aber da die Demüthigung eigentlich die Mut⸗ ter und nicht ſie traf, ſo wich bald der Aerger dem Alles verſchlingenden Wunſche, zwiſchen Porry und Sorenza zu treten. — Nun, was hat Mama beſchloſſen?— orſchte ſie. — Was? mein Kind, hier gibt es wohl nur linen Beſchluß. — Und das iſt? — Den ganzen Vorſchlag fallen zu laſſen. Mit einer Perſon, welcher es dergeſtalt an allem Tacte für das Paſſende fehlt, kann man nichts ausrichten. — Ja, ſieh, da haben wir es!— ſchrie Jenny. — Wenn von meinem Glück, meinem Leben und meinem Frieden die Rede iſt, dann iſt es nicht der Mühe werth, irgend Etwas zu verſuchen, dann muß der Hochmuth und alles Andere dazwiſchen treten; dann..... — Um Gottes Willen, Jenny, werde nicht wie⸗ der ſo aufgeregt, ſondern ſuche Dich zu beruhigen. Du ſiehſt doch das Demüthigende darin ein..... — Daß Mama Etwas für das Glück ihres Kindes thut,— fiel Jenny ein.— Ja, das ſehe ich wirklich ein, darum iſt es am beſten, daß ich ſterbe. Sie begann convulſiviſch zu weinen, bis ſie wie⸗ der ihre Krämpfe bekam. Die Gräfin ſeufzte. Armes Weib. Sie war als Gattin nicht glücklich geweſen und war es auch nicht als Mutter; Alles deßhalb, weil ſie ihren Be⸗ ruf mißverſtanden und ſich immer von kleinlichen und 189 egoiſtiſchen, ſtatt von hochherzigen Motiven hatte leiten laſſen. Es war nicht mit ruhigem Herzen, daß Sorenza den Beſuch der Gräfin erwartete. Bei der Erinne⸗ rung an die Handlungsweiſe dieſes Weibes gege ſie hatte ein heftiger und bitterer Kampf im In⸗ nern ſtattgefunden. Alle die niefen daden, welche Sorenza erduldet, traten vor ſie, erregten die Verbit⸗ terung und vermehrten den Schmerz, diejenige wie⸗ derſehen zu müſſen, welche die eigentliche Urheberin ihrer Sorgen geweſen. Noch nie waren Sorenza und die Gräfin mit einander in Berührung gekommen, ohne daß die Letztere der Erſteren irgend etwas Unangenehmes zugefügt hätte. Sorenza ahnte, daß dieß auch jetzt der Fall werden würde. Der Vormittag war ſchon weit vorgeſchritten, als die Gräfin eintrat. Ueber ihren Geſichtszügen ruhte eine Bleichheit, welche denſelben eine eiſige Kälte verlieh. Sorenza ging der ſtolzen Dame ein paar Schritte entgegen. Mit einer ſtolzen Bewegung grüßte ſie dieſelbe und ſagte, indem ſie ſie mit der Hand ein⸗ lud, Platz zu nehmen: — Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht, Frau Gräfin; in welcher Beziehung kann ich Ihnen dienen? Die Stimme war klar und ruhig. Sie blickte ganz gleichgültig die vornehme Dame an, welche ſo 190 aufgeregt war, das ſie einige Secunden bedurfte, bevor ſie ſich erholen konnte. Endlich äußerte ſie: — Sie ſehen wohl ein, Madame, daß, als ich eine Unterredung mit Ihnen wünſchte, der Grund nothwendig ein zwingender ſein mußte; weil mir nichts unangenehmer ſein konnte, als die Beziehun⸗ zu Ihnen wieder anzuknüpfen. — Wieder anzuknüpfen, wiederholte Sorenza. — Ich verſtehe Sie nicht, Frau Gräfin. Wir be⸗ gegnen einander heute zum Erſtenmale. Gunnar Sturms hinterlaſſene Wittwe, geborene Aurenius, iſt eine für Sie vollkommen fremde Perſon. Ich für meinen Theil kann mich nicht entſinnen, die Chre gehabt zu haben, je früher mit Ihnen zuſammen⸗ getroffen zu ſein. — Können Sie nicht? Oh, erlauben Sie mir, dieſes zu bezweifeln,— fiel die Gräfin ein;— denn Sie werden, wenn Sie ſich beſſer beſinnen, ſich nicht allein erinnern, daß wir einander geſehen, ſondern auch noch viel mehr, welches.... 1 — Gewiß eine ganz Andere betrifft, als mich, Frau Gräfin. Doch, das, was Sie hierher geführt, iſt gewiß Etwas, das auf die Tagesereigniſſe Be⸗ zug hat, und gar nicht auf den unbedeutenden Um⸗ ſtand, ob wir früher mit einander zuſammengetroffen ſind, oder nicht.. Ich kann Sie verſichern, Frau Gräfin, daß ich, obgleich unbekannt, es als eine Ehrenſache be⸗ trachten werde, wenn es Etwas iſt, worin ich Ih⸗ ren Wünſchen entgegenkommen kann. Es entſtand eine Pauſe. Die Wendung, welche Sorenza ihrer gegenſeitigen Stellung gegeben, warf — 191 alle die vorbereiteten Angriffspläne über den Haufen. Die Gräfin ſchloß aus dem Ausdruck des Geſichts der Sorenza ganz richtig, daß ſie feſt entſchloſſen ſei, das Vergangene nicht anzuerkennen. Die Gräfin mußte einen neuen Faden ſuchen, um dahin zu gelangen, wohin ſie wünſchte. Da ſie durchaus nicht ſchnell beſonnen war, ſo bedurfte ſie einiger Augenblicke, um mit ſich ſelber zu überlegen, wie ſie ein Geſpräch über Porry einleiten konnte. — Man hat mir geſagt,— fing die Gräfin 1 an,— daß Sie und Porry verwandt ſind. — Mein Mann und der Profeſſor waren Vet⸗ tern,— antwortete Sorenza und hatte Mühe ihr kaltes Aeußere beizubehalten; denn bei Porrys Na⸗ men empfand ſie einen heftigen Schmerz. Sie dachte: — O, mein Gott, wird der Stich dieſen Punkt in meiner Seele treffen. — Weil ich das weiß, wendete ich mich an Sie. Als Verwandte und mit dem Profeſſor nahe liirt, wiſſen Sie gewiß von ſeiner Neigung zu meiner Tochter, der Gräfin Kronſtrahl. Sorenzas Herz ſtand ſtille.. — Dieſe Neigung ſtieß aus Gründen, welche zu berühren überflüſſig iſt, auf einen gewiſſen Wider⸗ ſtand von unſerer Seite. Genug, wir hofften, daß nichts daraus werden würde, beſonders weil meine Tochter anfangs keine Rückſicht auf das beharrliche erben des Profeſſors nahm. Jetzt iſt es ihm in⸗ eſſen gelungen, einen ſehr großen Einfluß auf das eerz meiner Tochter auszuüben, welcher es zu einer Verlobung geführt haben würde, wenn ich mich nicht einer ſolchen widerſetzt hätte. Daß es mir gelang, 192 meine Tochter davon abzuhalten, eine ſolche Verbin⸗ dung zu ſchließen, hat zu einer kleinen Feindſchaft zwiſchen ihnen geführt. Jetzt wäre es mein Wunſch, daß Sie, welche, wie man ſagt, einen gewiſſen Ein⸗ fluß auf den Profeſſor beſitzen, ihn bewegen möch⸗ ten, meine Tochter zu beſuchen, damit eine Erklä⸗ rung zwiſchen ihnen ſtattfinden kann. Dieſes, Ma⸗ dame, iſt das, was die Ehre von ihm fordert. Während einiger Minuten kam es Sorenza vor, als hätte man ein ſcharfes und glühendes Eiſen in ihrem Herzen herumgedreht. — Warum, Frau Gräfin, gehen Sie den Um⸗ weg, ſich an mich zu wenden, ſtatt ſich an Profeſſor Porry ſelbſt zu adreſſiren?— fragte Sorenza kalt. — Mir kommen die Verhältniſſe, welche ſie eben berührt haben, ſo delicat vor, daß ich nicht begreife, warum Sie eine Fremde darein hineinmiſchen. — Darüber werde ich Sie gleich aufklären. Profeſſor Porry hat ſeit ein Paar Wochen jede Mahnung an das, was ich jetzt wünſche, mit einem gewiſſen eigenſinnigen Schweigen erwidert, und die⸗ ſes ſein Betragen kann nur daher ſtammen, daß er von irgend einer Perſon beeinflußt wird, welche ge⸗ gen meine Tochter feindlich geſinnt iſt. Sie, Ma⸗ dame, müſſen als Unbekannte und unparteiſſch dem Profeſſor ſagen, daß diejenige, welche ihn veranlaßt, im Widerſpruch mit dem zu handeln, was der Anſtand fordert, die Erſte hätte ſein müſſen, welche ihn zu dem Gegentheil ermahnen ſollte; denn ſie iſt Schuld an allen den Leiden, welche das El⸗ don'ſche Geſchlecht getroffen. Wenn jene Perſon O SeSͤSͤǴSͤSSSͤOS5& ZZ einen Schimmer von dem beſeſſen, was wir Herz —— S S—— 28A—.—— — 8eS 193 nennen, dann würde ſie eingeſehen haben, daß ſie, wenn ſie auch ihr Blut für uns opferte, doch nicht das wieder gut machen könnte, was ich ſo viele Jahre durch ſie gelitten; und noch weniger all die Uneinigkeit und Erbitterung, welche ſie unter meinen Kindern geſäet. Ihr eigenes Gewiſſen muß ihr ſa⸗ gen, daß ſie das Böſe, das ſie angeſtiftet, nicht da⸗ durch noch weiter vermehren darf, daß ſie zwiſchen meiner Tochter und der Perſon, welche ſie liebt, Un⸗ einigkeit erregt. Mit wenigen Worten, Madame, ich kam, um Sie zu ermahnen, jener Perſon vorzu⸗ ſtellen, daß es ihre Pflicht iſt, Profeſſor Porry Frei⸗ heit zu laſſen, nach Herz und Ueberzeugung zu han⸗ deln. Es iſt vergeblich, daß ſie eine Erklärung zwi⸗ ſchen meiner Tochter und dem Profeſſor zu hinter⸗ treiben ſucht; denn dieſelbe wird ſtattfinden. — Ja, Sie haben Recht, Gräfin, und ich werde Profeſſor Porry Ihre billige Forderung mittheilen. Was Sie andererſeits von dem Einfluß jener Per⸗ ſon äußern, ſo erlauben Sie, daß ich, die ich Porry kenne, ihn davon freiſpreche, daß er ſich beeinfluſſen läßt. Die Perſon, von welcher Sie ſprechen, iſt uns freilich unbekannt, aber ich glaube trotzdem, daß Sie ihr Unrecht thun. Doch die Sache kennen Sie beſſer, als ich. Gibt es noch Etwas mehr, was die Gräfin wünſcht? 3 Sorenza blickte ſie ſtolz an. — Nein, nichts, wenn Sie nicht Porry bewe⸗ gen können, ſich perſönlich bei uns einzufinden. Alle Mißverſtändniſſe ſollen dann aufgeklärt und alle Intriguen vernichtet werden. — Seien Sie verſichert, daß Profeſſor Porry Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 194 der Aufforderung Folge geben wird. Ich brauche nur zu ſagen, daß Sie jene Perſon im Verdacht ha⸗ ben, dann bin ich überzeugt, daß er ſich augenblick⸗ lich beeilen wird, ſie zu rechtfertigen. Da Sie ſich an mich gewendet haben, ſo wird es für mich eine Ehrenſache, dem Vertrauen, das Sie mir bewieſen, zu entſprechen. Die Gräfin ſtand auf. Sie warf einen Blick voll Haß auf Sorenza und ſagte; — Lebewohl, Madame, ich hoffe, daß wir uns zum Letztenmale getroffen. Wir wollen jetzt ſehen, wie die Reſultate dieſer unſerer Zuſammenkunſt werden. — Wahrſcheinlich wie Sie dieſelben wünſchen,— antwortete Sorenza und machte ein Abſchiedscom⸗ pliment. Als ſich die Thüre hinter der Gräfin ſchloß, ath⸗ mete Sorenza tief, als wenn ſie dem Erſticken nahe geweſen wäre. Mit einem Ausdruck unendlichen Schmerzes ſank ſie in ein Fauteuil. Wie lange ſie ſo ſitzend geblieben wäre, iſt un⸗ gewiß, wenn nicht der Schall von Tritten ſie ver⸗ anlaßt hätte aufzublicken. Vor ihr ſtand Porry. Sorenzas Geſicht war von Thränen naß. — Mein Gott, was hat ſich zugetragen? So⸗ renza weint. — Ich bin verdrießlich geweſen, aber das iſt vorüber,— antwortete ſie freundlich. — Was hat Sorenza betrüben können? nicht. 4 — Ein ander Mal verde ich es ſagen, jetztſ ———O- 195 Sie reichte ihm die Hand. — Ich habe Etwas, um was ich Porry bitten möchte. Werden Sie eine Bitte der Freundin er⸗ füllen? — Ich werde ſie erfüllen, aber beſonders, wenn ſie von Sorenza, und nicht von der Freundin an mich gerichtet würde. — Ach, beſter Nils, ich fürchte, daß doch nie etwas anderes, als Freundſchaft daraus werden kann. — Fürchtet Sorenza das? Porry blickte ſie forſchend an. Sie begegnete ſeinen Augen mit einem ehrlichen Blick. — Ja; es iſt faſt unmöglich, das wieder zum Leben zu erwecken, was einmal geſtorben gewe⸗ ſen iſt. Nils ließ ihre Hand los. ⸗ — Wie kann ein Gefühl, das einmal gelebt hat, ſterben? O, das iſt nicht möglich. — Doch, wenn es gemordet wird,— antwortete Sorenza kalt. — Wann und von wem wurde es gemordet? — Jetzt wollen wir nicht davon ſprechen, Nils, ſondern ein ander Mal. Ich habe geſagt: laßt uns Freunde ſein, und ich wiederhole es noch ein⸗ mal. Das iſt doch Etwas, das wir unter allen Verhältniſſen bleiben können. — Aber es iſt zu wenig für mich, welcher... — Heute verſprochen hat, eine Bitte zu e üllen, — unterbrach ihn Sorenza.— Hören Sie jetzt auf das, um was ich Sie bitten will. Erinnern Sie dn. daß ich im Voraus Ihr Verſprechen erhalten abe. 196 — Und das verde ich nicht brechen; obgleich Sie bereits einem welches Sie mir gegeben, untreu geworden. — Ich werde nie einem Verſprechen untreu;— aber laſſen Sie uns nicht mit meiner Perſon be⸗ ſchäftigen. Das iſt mir peinlich. — Nun, was iſt es für eine Bitte?— fragte Porry und fügte nicht ohne Bitterkeit hinzu: — Vielleicht iſt es peinlich für Sorenza, mir dieſelbe mitzutheilen. — Ich wünſche, daß Sie dieſen Nachmittag einen Beſuch bei der Gräfin Kronſtrahl abſtatten. Porry blickte Sorenza an, als wenn er durch und durch ſie hätte ſehen wollen und antwortete mit Beſtimmtheit: 2 — Unmöglich! — Was war es, was Nils ſagte? Iſt es un⸗ möglich ein Verſprechen zu erfüllen? — Aber Sorenza weiß nicht, was Sie jetzt ver⸗ langen. — Doch, ich weiß es, und Sie müſſen unbedingt das thun, um was ich bitte. Porry, es iſt das Erſtemal, daß ich Sie flehentlich um Etwas gebe⸗ ten habe. Werden Sie wirklich eine abſchlägige Antwort geben? — Ah, ſprechen Sie nicht ſo; ich will Alles thun, Alles, was Sorenza will, nur dieſes nicht, wel⸗ ches.. — Durchaus nicht unausführbar iſt. 1 — Beinahe. Laſſen Sie mich erſt mich erklären. — Nein, jetzt nicht; wenn Sie da geweſen ſin 4 h te 197 dann will ich Sie anhören. Jetzt geben Sie meinem Wunſche nach. Er betrachtete ſie lange. — Wenn ich nur begreifen könnte, warum? — Sie brauchen nichts zu begreifen. Betrach⸗ ten Sie es als eine Laune, einen Einfall, was Sie wollen. — Nun gut, ich werde gehen; aber ich beklage es, wenn ich das richtige Motiv errathen habe, welches Ihnen den ausgeſprochenen Wunſch dictirte, — ſagte er mit einem Blick auf Sorenza. — Beſter Porry, rathen Sie nie, Sie laufen ſonſt Gefahr, in ein Labyrinth zu gerathen, aus welchem Sie nicht ſo leicht wieder herauskommen. Warten Sie ganz geduldig die Zukunft ab; ſie wird Alles erklären. Alſo gehen Sie heute Nachmittag zu den achmdohlgebörnen,— fügte Sorenza faſt ſcherzend inzu. — Was machen Sie heute Abend? — Ich bleibe ſicher zu Hauſe. Es iſt Tanz im Curſaal, und es fehlt mir an aller Luſt, auf Bälle zu gehen. Sorenza reichte ihm die Hand zum Abſchied. Es lag etwas außerordentlich Kaltes in ihrem Be⸗ nehmen. Gleich Nachmittags, bevor Sorenza ſich in den Pavillon begab, ſchickte ſie folgendes Billet an die Gräfin Eldon: 85 „Frau Gräfin! 3 „Im Laufe des Nachmittags beſucht Profeſſor Porry Sie. Ich habe es für überflüſſig gehalten u 198 zu erwähnen, daß Sie mich mit einem Beſuch be⸗ ehrt haben, und werde auch Sſcwerlich dazu kommen davon zu ſprechen, wenn Sie es nicht ſelbſt thun, und das abertaſe ic gens Iff Fär Ihrem eigenen. Gutdünken.— „Ich habe die Ehré zu geichnen — Magda Sturm.“ 4,S Es wäre viel zu weitläufig zu erzählen, was zwiſchen Jenny und Porry paſſirte. Es war von ihrer Seite ein ſtürmiſcher Auftritt, voll von Thränen, Anklagen und Verzweiflung. Was er ſagte, war nur eine Wiederholung deſſen, was ſein kurzer Brief enthalten hatte. Er behielt eine unveränderte Kälte bei, während Jenny alle Mittel anwandte, zu welchen ein auf⸗ geregtes und von ſeinen minder edlen Gefühlen be⸗ herrſchtes Weib ſeine Zuflucht nehmen kann. Zu dem Allem erklärte Porry, daß er nie eine Andere als Sorenza würde lieben können, und daß, wenn es ihm nicht gelinge, ihre Liebe zu gewinnen, er niemals ſeine Gedanken und ſeine Gefühle auf eine Andere lenken würde. Dieß war der Schluß der Erklärung, von wel⸗ cher Jenny ſo viel gehofft. Als Porry ſich entfernte, ſtieß ſie einen Schmer⸗ zensſchrei aus. Er hörte ihn, kehrte aber nicht zurück. Die Gräfin Eldon ſtürzte hinein zu der Tochter, welche ihr entgegenrief: — Was hat Mama ausgerichtet— Nun, uuß ——-—— 199 ſie trotzdem über mich triumphirt; daß er bethörter iſt, als je, und ich unglücklicher bin. Die letzten Worte ſprach ſie aus unter wildem Schluchzen.... 3 Während alle dieſe Stürme in der gräflichen Wohnung rasten, ſaß Sorenza draußen auf dem Pavillon⸗Balkon, welcher nach der See zu lag. Der jungen Wittwe träumte es ſchmerzlich von der Vergangenheit. Vielleicht ſagte ihr dieſe, daß ſie nicht auf die Zukunft rechnen dürfte, ſondern völlig gerüſtet ſein müſſe, dem Sturme zu begegnen, wel⸗ cher Alles zerſtören ſollte, was ihrem Herzen lieb war und ihrer Phantaſie ſchmeichelte. — Meine Geburt hat viel zu viele bittere Thrä⸗ nen gekoſtet,— dachte Sorenza,— daß ich es wa⸗ gen dürfte, für mich irgend ein Glück vom Leben zu hoffen. Solche Kinder wie ich, ſind dem Unglücke anheimgefallen. Ihr Daſein iſt ein Sühnopfer für die Miſſethaten der Eltern. Die Ankunft Renés unterbrach Sorenzas trauri⸗ gen Gedankengang. — Wie, mein Freund, haſt Du nicht Mariquitta auf den Ball begleitet?— fragte ſie. — Doch, ich komme eben daher. Mariquitta tanzte gerade mit Graf Arthur. Sie war außer⸗ dem für alle Tänze engagirt, ſo daß ich, der ich nicht tanze, meine Zeit beſſer anzuwenden meinte, wenn ich Tante aufſuchte und um eine Erklärung des Briefes bäte, welchen Tante ſchrieb. Ich bin über 200 eine Woche hier geweſen, und noch wurde mir keine ſolche gegeben. Würde Tante mir jetzt dieſelbe geben? — Gern! Sorenza deutete auf einen Rohrſtuhl, welcher neben dem Sopha ſtand, auf welchem ſie ſaß. 3 — Setze Dich, dann können wir darüber ſpre⸗ chen. Was ich zu ſagen habe, geht weit in der Zeit zurück. — AOch, Sie können nicht zu weit in der Zeit zurückgehen. Denn Ihrer Stimme zu lauſchen, ver⸗ ſchafft mir ein Glück. Ich wollte mich gern in eine Bildſäule verwandeln, wenn ich damit mir den Vortheil verſchaffen könnte, von derſelben bezaubert zu werden, und... — René! Sorenza ſagte nur dieſes einzige Wort; aber ſie blickte ihn an. — Um Verzeihung; ich bitte!— ſtammelte René. Sorenza hob wieder an: — Rens iſt jetzt fünf Jahre vereirathet gewe⸗ ſen. Haſt Du während dieſer Jahre ein einziges Mal darüber nachgedacht, was Dich und Mariquitta zuſammenführte und aus Euch ein Paar machte? — Ja, vielmals. Es war ja meine Verzweif⸗ lung darüber, Tante bloßgeſtellt zu haben. Mein Verlangen, von Tante jeden Schatten von ungerech⸗ tem Verdacht zu entfernen, veranlaßte mich, Onkel zu erklären, daß ich gekommen war, um Tante um ihre Fürſprache wegen Mariquitta zu bitten. Ich ſagte außerdem, daß ich mich vergewiſſern wollte, daß Sie ohne ſeine Erlaubniß in dem oberen Stock⸗ — 2 ———— n 1 . 201 werk arbeiteten, um Sie zu zwingen, meine Für⸗ ſprecherin zu werden. — Dachte aber René daran, daß Du, um einen Fehler gut zu machen, Mariquitta dafür opferteſt? Als Du ſie überredeteſt, Deine Gattin zu werden, ohne daß ſie Dich liebte oder Du ſie, was thateſt Du dann? Nun, Du raubteſt ihr alle Ausſicht auf künftiges Glück; Du beſtahlſt ſie um das glückliche Loos, auf welches ſie ein Recht hatte Anſpruch zu machen, und Du verleiteteſt ſie zu einem Meineid vor Gott. Du verurtheilteſt ſie zu einem bitteren Schickſal, indem Du ſie an Dich ketteteſt. — Ich weiß das; und darum habe ich auch nicht mit einem Wort, nicht mit einem einzigen be⸗ ſtimmt ausgeſprochenen Wunſch ihre Freiheit zu be⸗ ſchränken geſucht. Wenn meine Bitten nichts ver⸗ mochten, ſo erhielt ſie die Erlaubniß, ſelbſt zu thun, was ſie wollte. Das Wenigſte, was ſie ein Recht hatte von mir zu fordern, war, daß ich ihr ſo wenig als möglich zur Laſt fiel, ſondern ihr Gelegenheit gab, ſich ſo viel als möglich am Leben zu freuen. — Und damit meinteſt Du Deine Pflicht erfüllt zu haben? — Ja! Daß ihr Daſein ſo angenehm als mög⸗ lich würde, war ja Alles, was ſie von mir verlan⸗ gen konnte., — Ich glaube, daß dieſes das Geringſte war. Sie beſaß ein Recht, weit mehr zu fordern. — Und was wäre das geweſen? — Zärtlichkeit, Liebe, Zuneigung. — Das vermochte ich ihr nicht zu geben. — In dieſem Falle betrogſt Du mich, als Du . 202 mich heilig verſicherteſt, daß Mariquitta die Einzige ſei, wegen deren Du vergeſſen könnteſt.... — Tante! Ah! ich mußte ja das ſagen, ſonſt hätten Sie in Ihrem übertriebenen Edelmuth ſich ſelbſt vollkommen unglücklich gemacht. Dadurch, daß Sie ſich Mariquittas Verbindung widerſetzt hätten, würden Sie den nur zur Hälfte ſchlummernden Ver⸗ dacht von Onkel wach gerufen haben, und er wäre Ihr Henker geworden. Ach, mein Gott, meine wahn⸗ witzige Neigung wurde nur die Quelle zu einer gan⸗ zen Reihe von Leiden für Sie. — Das iſt wahr; aber das berechtigt nicht René, noch ein unſchuldiges Weſen in das Elend mit hineinzuziehen. Wenn Du es demohngeachtet thateſt, ſo forderten Ehre, Gewiſſen, Pflicht und Alles, daß Du nicht allein dieſes junge, unverdorbene Mädchen, welches Deine Frau geworden, in Dein Herz ſchloßeſt, ſondern auch, daß Du ſie lehren ſollteſt, Dich zu lieben. Nur auf gegenſeitiger Liebe bauen zwei Gatten’ ihr Glück; ohne dieſes allmächtige Vereini⸗ gungsband entſtehen lauter Unglück und Elend. — Aber, mein Gott, man kann ſein Herz nicht zwingen zu lieben,— rief René. — Für Dich war es nicht unmöglich. Du hatteſt ein hübſches und gutes Mädchen bekommen, welches nur ein wenig Zärtlichkeit von Deiner Seite bedurfte, um Dir von ihrer ganzen Seele ergeben zu ſein. Du warfſt ſie hinaus in den Wirbel der Welt, und verließeſt ſie nach einiger Monate Ehe in Paris, wo Du ihr alle möglichen Mittel gabſt, ihre Launen zu befriedigen und die Thorheiten des Lebens zu ge⸗ nießen. Du dachteſt nicht an die Gefahren, denen. 203 Du ſie ausſetzteſt, welche für alle Eindrücke ſo em⸗ pfänglich war. Ohne die Stütze eines Mannes, aber mit aller Freiheit einer verheiratheten Frau, ver⸗ langteſt Du, daß ſie die letztere nicht mißbrauchen, ſondern muthig und unerſchütterlich den Kampf gegen die Verſuchungen beſtehen ſollte. — Was bewies das? Doch wohl meinen feſten Glauben an ihre Chre. — Nein, nur eine tödtliche Gleichgültigkeit. — Alrs ich von England reiste, wünſchte ich, daß Mariquitta mit mir nach Schweden zurückkehren ſollte; aber ſie wollte nicht. Es konnte mir unmög⸗ lich einfallen, ſie zu Etwas zu zwingen, was ihr zuwider war. — Du hiätteſt indeſſen richtiger gehandelt, wenn Du das gethan; denn Du hätteſt ſie dann nicht Verſuchungen ausgeſetzt, wo Du nie darauf rechnen konnteſt, daß ſie denſelben widerſtehen würde. — Ich hoffe jedoch, daß ſie keinen Augenblick vergeſſen hat, daß ſie meine Frau iſt,— ſagte René mit einer eigenen Schärfe in der Stimme. — Daß Sie es nicht gethan, bleibt eine Ehre für ſie und Etwas, um das Du Dich gar nicht verdient gemacht. — Was beliebt?— rief Ren. Es blitzte in ſeinen Augen. — Ich ſage, daß wenn Mariquitta heute ein ſündhaftes Weib, eine ſtrafbare Gattin wäre, ſo wäre es nicht ſie, ſondern Du, den man deshalb⸗ anklagen müßte. 1 Ich? — Gerade Du. Daß ich mit dieſer Behauptung 204 Recht habe, wird das Tagebuch Deiner Mutter Dir beſſer beweiſen als meine Worte. Sorenza ſtand auf, ging in den Pavillon und hin zu einem Tiſch, worauf eine größere Schreib⸗ chatoulle ſtand. Sie öffnete die Letztere und zog ein kleines Buch hervor, deſſen Blätter von Alter gelb waren. Sie kehrte wieder mit demſelben zu René zurück und ſagte: — Als ich das erſte Mal die perlaſſene Woh⸗ nung Deiner Eltern beſuchte, fand ich dieſe Auf⸗ zeichnungen. Sie waren hinter dem Portrait von Porrys Vater verſteckt. Ich entdeckte ſie, gerade als ich wieder zurückkehren wollte, während ich vor dem Portrait ſtand, das Porry ähnlich ſah, und von dem ich glaubte, daß es von ihm abgenommen ſei. Während ich das Bild betrachtete, bemerkte ich, daß es ſchief hing. Ich wollte dieſen Fehler verbeſſern, und dann fielen dieſe Notizen nebſt einem Etui, welches ein Medaillon mit dem Portrait der Sally Sturm enthielt, herunter. Wenn Du dieſe Notizen geleſen, wird Dein eigenes Herz Dir ſagen, wie Du handeln mußt. Sorenza gab dieſelben René, welcher ſie in Em⸗ pfang nahm. — Ich werde ſie leſen, aber noch habe ich nicht eine Erklärung über Tantes Brief erhalten. Warum wollte Tante, daß ich ſofort hierher kommen ſollte? — Weil ich, nachdem ich mich hier eine Woche aufgehalten, erfuhr, daß Du und Mariquitta wäh⸗ rend der ganzen Zeit, die ich mich in Kopenhagen aufhielt, jedes für ſich gelebt hätten, ſie in Stock⸗ holm, Du auf Ekſjö, und ich wohl einſah, daß dieſe 205 Lebensweiſe nicht fortgeſetzt werden dürfte. Sie würde unbedingt der Gegenſtand der kränkendſten Inſinuationen geworden ſein, und welche Folgen das nachher haben könne, iſt unmöglich zu berechnen, da jeder junge Mann ſich für berechtigt hält, der jungen Frau, welche von ihrem Manne ſo gut wie verlaſſen worden iſt, ungeſtraft ſeine Aufwartung machen zu können. — Tante!— rief René heftig, gab es keinen Grund, welcher für meine, für ihre Ehre kränkend... — Still, ſpreche nicht jenen Verdacht aus,— unterbrach ihn Sorenza.— Gott und Mariquitta haben Dir bis zum heutigen Tage dieſe Strafe er⸗ ſpart, welche Deine Gleichgültigkeit verdiente. Und jetzt, René, iſt Dein Platz im Salon an der Seite Deiner Frau, um dieſen Schmetterlingen, welche um ſie herumflattern, zu zeigen, daß ſie der theuerſte Schatz Deiner Ehre iſt. Einige Augenblicke darauf folgten Renés dunkle Augen Mariquittas Bewegungen und Blicken. Wieder war Sorenza allein gelaſſen, aber ſie blieb es nicht lange. Porry fand ſich einige Augen⸗ blicke, nachdem René ſie verlaſſen, bei ihr ein. — Woher kommen Sie?— fragte Sorenza, nach⸗ dem ſie ſich begrüßt. — Von Eldons; ich bin dort geweſen, weil Sie es wünſchten, aber ohne, daß ich noch bis zu dieſer Stunde begreifen kann, warum. Ich bin jetzt hier in der Hoffnung, daß Sie dieſen hren Einfall er⸗ klären werden. 206 — Und wenn ich antworte: Ich kann keine Er⸗ klärung geben. — Dann würde es nmich ſchmerzen, veil es wieder etwas Dunkles gäbe, aus dem ich nicht klug werden könnte. Doch, wozu denn das? In dieſem Augenblick fühle ich nur Eines: daß zwiſchen mir und Sorenza alle Verſtellung verſchwinden muß. Werfen Sie deshalb weit von ſich dieſe kalte Maske, dieſe Verleugnung der Wahrheit. Sie ſind frei; warum denn mich zu dieſen bitteren Qualen und ſich ſelbſt zu deren Schöpferin verurtheilen? Sie ſind ja doch von Gott für mich beſtimmt. Sie thun Ihrem eigenen Gefühle Gewalt an, wenn Sie es verläug⸗ nen wollen. — Möglich, aber ich habe nicht anders handeln können; denn wenn ich frei bin, ſo ſind Sie es vielleicht nicht. Beſitzt Nils wirklich ein Recht... — Dich zu lieben?— fiel Porry lebhaft ein. — Ja, bei meiner Ehre. Sorenza zweifelt alſo? — Ich zweifle nicht; aber ich frage: Haben Sie ein Recht, zu mir zu ſprechen, wie Sie es gethan? Gibt es kein Band, das Sie an die Familie feſſelt, die Sie ſo eben verlaſſen? — Nein, keines. Ich wünſchte ja ſchon dieſen Vormittag zu erklären, was geweſen iſt. Aber Sie wollten nicht auf meine Worte hören. Sie forder⸗ ten, daß ich Ihren Wunſch, ſie zu beſuchen, erfüllen ſollte. Ich that es, ohne den Grund zu kennen, welcher Sie zu dieſem Begehren veranlaßte. Was beabſichtigten Sie mit dieſem Beſuch? — Beſter Nils, man hat allgemein geſagt, daß — —— 207 Sie in irgend einem Verhäftniß zur Gräfin Kron⸗ ſtrahl geſtanden, und. — Noch vor einigen Tagen verſicherte Sorenza mich, daß ſie nicht an dieſe Gerüchte glaubte; was hat ſie jetzt veranlaßt, auf dieſelben etwas zu geben? Porry blickte ſie an. — Mag ſein, daß ich nicht daran glaubte, ſo fand ich doch, daß Sie unrecht darin handelten, die Familie nicht zu eſuchen, in welcher Sie mit ſo vielem Wohlwollen und ſo vieler Freundſchaft auf⸗ genommen worden waren. — Ich will nicht ausfragen,— ſagte Porry und ſah Sorenza mit einem prüfenden Blick an,— weil ich mir nicht ein Vertrauen erzwingen will, das Sie mir nicht freiwillig geben. Ich werde auch nicht den Zweifel ſich in meine Seele einſchleichen laſſen, weil ich denſelben daraus verbannt habe; aber, So⸗ renza, heute muß ſich mein Schickſal entſcheiden. Höre mich deshalb an, und urtheile ſelbſt, ob ich als durch irgend ein Band an Gräfin Kronſtrahl gebunden betrachtet werden kann. Porry berichtete jetzt, was der Leſer bereits weiß, von ſeinem Verhältniß zu Jenny. Nicht mit einem Worte wich er von dem wahren Sachver⸗ halt ab. Sorenza lauſchte ſeinen Worten, als wenn ſie bei jedem einzelnen Etwas zu hören erwartet hätte, das auf einemal ihre Hoffnung und ihren Glauben vernichten konnte. Als er zu Ende war, holte ſie tief Athem, als wenn ſie von einer centnerſchweren Laſt, die auf ihrer Bruſt ruhte, befreit worden 208 wäre, und jetzt richtete ſie ihre Augen auf ihn und ſagte:. 8 — Sie haben alſo nie geſagt, daß Sie Jenny liebten? — Nein, niemals, bei meiner Ehre und Selig⸗ keit. Sie hat immer gewußt, daß mein Herz einer Anderen gehörte; daß ich von meiner ganzen Seele dieſe Andere liebte, und daß ich in ihrer Zuneigung nur einen Troſt für das ſuchte, was ich verloren zu haben glaubte. Bei dieſen Worten bemerkte man eine Bewe⸗ gung unter dem Balkon; dieſelbe entging den beiden Sprechenden. — Sie liebt Sie. — Ja, auf ihre Weiſe, das heißt, mit einer Liebe, die kein anderes Ziel hat, als ihr eigenes Glück. Im anderen Falle, Sorenza, würde ſie wohl, als Sie Wittwe wurden und ich ihr ſagte: „das Weib, welches ich liebe, iſt jetzt frei, ich kann meine ⸗Gedanken nicht mehr mit einer Anderen be⸗ ſchäftigen,“ ſich nicht das haben erzwingen wollen, was ich nicht geben konnte. — Sie haben jedoch ihren Frieden zerſtört. — Bin ich es, der ſie geſucht hat? Bin ich es, welcher den erſten Anlaß zu dem, was paſſirt iſt, gegeben? Nein! Ich habe ſie ehrlich einſehen laſſen, wie außerordentlich wenig ſie von mir zu hoffen hatte. Außerdem kann, nach dem, was zwiſchen ihr und mir vorgekommen, nie die Rede davon ſein, daß ich ferner ihre Schwelle betrete.— Und jetzt, Sorenza, erſpare es uns beiden, weiter von dieſem Thema zu reden. Sie und ich ſind auf ewig geſchieden. — 3 5 209 — Das heißt, ihr übriges Leben iſt der Trauer und ewigen Sehnſucht nach dem Verlorenen geweiht. Ach, mein Gott, es liegt in dieſem etwas ſo Bitteres und Schmerzliches, und es kommt mir vor, als wenn ich Theilnahme dafür hätte. — Sorenza, iſt es möglich, daß Sie wegen ihrer Sorgen bekümmert ſein können?— rief Porry. — Es wäre wohl unmöglicher, es nicht zu kön⸗ nen. Porry, dieſes Weib und deſſen Mutter haben mir viel Böſes gethan, und grade darum will ich ihnen nichts zufügen. Haben Sie indeſſen Dank, Nils, für das, was Sie mir mitgetheilt. Sorenza machte eine Bewegung, um außzuſtehen. Die Sonne war hinter dem Walde zur Ruhe gegangen, und eine reine Abenddämmerung war über der Gegend verbreitet. Es war alſo Zeit, auf⸗ zubrechen, aber Porry hielt Sorenza mit den Worten zurück: — Noch nicht. Ich habe durch dieſe Erklärung Gelegenheit gehabt, zu zeigen, wie hoch, wie aus⸗ ſchließlich ich immer diejenige geliebt habe, welche ich beim erſten Zuſammentreffen als meine Gattin wieder zu erkennen glaubte. Du weißt, Sorenza, daß es während dieſer Jahre keine einzige Minute gegeben hat, in welcher mein Herz nicht Dir gehört, in welcher es nicht mit Verzweiflung erkannt hat, was es in Dir verloren hatte. Jetzt, in dieſem Au⸗ genblick, wo Alles, und grade auch das Verhältniß zur Gräfin, Dich überzeugen muß, wie gränzenlos lieb Du mir biſt, jetzt frage ich: iſt es möglich, daß Sorenza, welche ich vergöttert und angebetet habe, 1 ihre erſte Liebe vergeſſen, ihre heiligſten und ſtärkſten Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 14 8 210 Gefühle hat zu Grabe tragen können? O, ſehe mir ins Auge und antworte— iſt es möglich? — Um Vergebung, daß ich ſtöre,— klang eine Stimme hinter Porry. Er fuhr zuſammen und wandte ſich um. Es war Bencke. — Ich wünſche, ehe der Ball zu Ende iſt,— Frau Sturm einige dringende Worte zu ſagen; und da es die Familie betrifft, ſo muß ich um einige Augenblicke unter vier Augen bitten. — Mein Herr, ich finde die Zeit für eine ſolche Unterredung ſehr ſchlecht gewählt,— antwortete Sorenza kalt. — Ich gebe das zu, und wenn es nicht Ihre Stieftochter betroffen hätte, meine Gnädige, ſo würde ich den Anſtand nicht ſo weit vergeſſen haben, dieſe ungelegene Zeit zu wählen. Nur die Nothwendig⸗ keit hat mich dazu gezwungen, weil ein Aufſchub Unannehmlichkeiten mit ſich bringen könnte. Sorenza reichte Porry die Hand und ſagte mit einem warmen und vielverſprechenden Blick: — Ich muß Ihnen alſo Adieu ſagen, beſter Porry, bis morgen. .— Alſo morgen bezahlt Sorenza ihre Schuld an mich? Porry ſah ihr tief in die Augen und küßte ihre Hand. — Ja, morgen,— ſagte Sorenza mit einem milden Lächeln. Porry entfernte ſich. 4 — Morgen,— vwiederholte ganz leiſe eine Stimme unter dem Balkon. Langſam erhob ſich Jenny von dem Steine, auf welchem ſie während der Unterredung geſeſſen. Mit leiſen und vorſichtigen Schritten ſchlich ſie 4 — 2̈— e ZͤASA=-PÄ- 211 von dannen und hielt in Gedanken folgenden Mo⸗ nolog: 9 Ich liebe nicht, nein! ich haſſe jenen Mann, welcher es gewagt hat, mich zu verſtoßen, und grade deßhalb muß ich gerächt werden, gerächt ſowohl an ihm wie an ihr. Ich werde jenes Glück, das ſie zu genießen hoffen, zerſtören, zermalmen, und es in lauter Kummer und Schmerz verwandeln. Ah! Du gleiß⸗ neriſche Sorenza, welche noch mitten in Deinem Triumph Theilnahme für meinen Schmerz heuchel⸗ teſt. Jetzt will ich Dir dieſelbe ſchenken und Dich von der Unruhe wegen meiner befreien. Du und Dein verwegener Liebhaber kennen mich nicht, wenn Ihr glaubt, daß ich ungeſtraft mit mir ſpielen laſſe. Ich bin die Tochter eines Edelmanns, eine Eldon. Der morgige Tag wird Euch zeigen, was es heißen will, einen Namen und eine angeſehene Familie zu haben. Porry ſoll gezwungen werden, ſich dafür zu opfern. Ehre und Pflicht ſollen ihn dazu zwingen. Sorenza war, als Porry ſich entfernte, in den Salon hineingegangen, wohin Bencke ihr folgte. Sie blieb an einem Tiſch mit der Hand darauf ruhend ſtehen und heftete den Blick auf den Sohn ihrer Mutter, als wenn ſie gewünſcht hätte, in ſeine Seele hineinzudringen. Sorenza war bleich und kalt. Ein Schatten von Bitterkeit ruhte auf ihren Zügen. Es ſchien, als wenn die Erinnerung an ihr erſtes Zuſammentreffen noch ſehr lebhaft bei ihr ſei. 144 212 Bencke ſtand einige Schritte entfernt und auch er betrachtete ſie einige Augenblicke ſchweigend. Es war, als ſuchten die beiden Geſchwiſter ihre gegen⸗ ſeitige Kraft zu berechnen. Der Abend war für dieſe ſeltſame Zuſammen⸗ kunft ſtill und voller Poeſie. Es ſchien, als wenn der Sommerabend mit zurückgehaltenem Athem über Meer und Land hinſchreitend ſeinen Blüthenmantel ausbreitete und Stille geböte. Am Strande ſtanden die Wogen ſtill, als wären ſie in ihrem Gang feſtgebannt, und das Laub blieb unbeweglich auf den Bäumen, während die Blumen in anmuthiger Andacht ihr Abendgebet verrichteten. Es war eine Stunde voll Friede in der äußeren Welt; aber ganz anders verhielt es ſich mit der in⸗ neren, welche in dem Menſchen eingeſchloſſen iſt Dort iſt der Friede leider ein ſeltener Gaſt. Von Allem umgeben, was zum Herzen ſpricht vergaßen Sorenza und Bencke dieſes über die un⸗ ruhigen Gefühle, welche ſie beherrſchten. Nach Verlauf einiger Minuten bemerkte Sorenza mit einer ruhigen und ernſten Stimme, der alle Schärfe abging: — Mein Herr, ich warte darauf, was Sie mit zu ſagen haben. — Und ich,— ſagte Bencke,— ich hätte dieß beinahe bei dem Gedanken vergeſſen, daß Sie und ich zum Erſtenmale in unſerem Leben allein mit einander ſind. — Es war nicht, um dergleichen Betrachtungen anzuſtellen, daß Sie mich zu dieſer Tageszeit auf⸗ ſuchten. 213 — Nein! Aber wollen Sie ſich ſetzen, Madame? denn das, was ich zu ſagen habe, wird ziemlich lang ſein, um es ſtehenden Fußes anzuhören. — Ich bitte Sie, machen Sie es ſo kurz als möglich,— antwortete Sorenza und blieb ſtehen. — Ich werde verſuchen, Ihrem Wunſche nach⸗ zukommen; muß indeſſen eine Einleitung machen, bevor ich zum Thema komme,— fuhr Bencke fort. — Als ich das Erſtemal hier mit Ihnen zuſammen⸗ traf, ahnte ich nicht, wer Sie ſeien. Man ſagte mir, daß Ihr Name unverheirathet Aurenius geweſen. Ich glaubte daran. Nach einigen Tagen hatte man mich darüber aufgeklärt, daß Sie und die Künſtlerin Sorenza eine und dieſelbe Perſon ſeien. Sie hatten alſo urſprünglich den Namen Bencke getra⸗ gen. Sie waren die Tochter meiner Mutter und in der künſtleriſchen Welt diejenige Nebenbuhlerin, welche ich ſo bitter verabſcheut hatte. Sie als die reiche Frau Sturm wiederzufinden, war demnach für mich recht widerlich, da ich ſpäter der arme Künſtler war. Ich beſaß nicht mehr dieſelbe Gewalt, Ihnen zu ſchaden, wie früher, und das lag auch nicht in meinem Intereſſe. Sie konn⸗ ten mir nützlich werden. Ich wartete nur auf einen paſſenden Augenblick, wo ich Ihnen Gelegenheit ge⸗ ben könnte, mir nützlich zu ſein. Eine ſolche iſt jetzt vorhanden. — Sie rechnen ziemlich viel auf meine Vergeß⸗ lichkeit in Beziehung auf das, was paſſirt iſt, wenn Sie hoffen, daß ich Ihnen dienen werde,— ſagte Sorenza kalt. — Nein, ich rechne im Gegentheil auf Ihre Er⸗ 214 innerung deſſelben. Sie können leicht daraus ſchlie⸗ ßen, weſſen ich fähig bin. Die Furcht vor dem Bö⸗ ſen, das ich Ihnen zufügen kann, wird Sie nöthigen, mir zu dienen. — Die Furcht,— wiederholte Sorenza und blickte ihn ſtolz an.— Erwarten Sie nicht, daß ich mich dadurch zu Etwas bewegen laſſe. Was kann ich von Ihnen zu fürchten haben? — Sehr viel! Ich kann Ihren guten Namen und Ruf zerſtören, wenn ich Jemanden unter der Badegeſellſchaft ins Ohr flüſtere, daß die ausgezeich⸗ nete Künſtlerin Frau Sturm nichts weiter iſt, als eine Abenteurerin: daß ſie früher den Namen Bencke getragen, dann ſich Aurenius genannt hat, und das Alles blos deßhalb, weil ſie die Schande eines zärt⸗ lichen Verhältniſſes zu Graf Eldon verbergen mußte, Man wird mit Begierde dieſer ſkandalöſen Geſchichte lauſchen, weil man immer ein brennendes Verlangen hat, denjenigen Namen mit Schmutz zu bewerfen, welchen Geiſt oder Talent berühmt gemacht hat. Glauben Sie mir, es wird kein Eldon kommen und als Ihr Vertheidiger auftreten. — Iſt es damit, daß Sie mich zu zwingen be⸗ abſichtigen?— fragte Sorenza. — Zwingen iſt vielleicht das unrechte Wort wir können uns hier ſo ausdrücken: Ihre Vernunft wird Ihnen ſagen, daß es beſſer iſt, ſolchem Gerede auszuweichen, als daſſelbe hervorzurufen. — Zur Sache, mein Herr, meine Vernunft ſagt mir, daß unſere Unterredung ſchon zu lange ge⸗ dauert. Ich bin nicht geſonnen, irgend Rückſichten auf ihre Drohungen zu nehmen. 215 — Nicht? ſind Sie deſſen vollkommen gewiß? — Vollkommen. — Gut! Sie dürften demohngeachtet anhören, was ich weiter zu ſagen habe. — Ich muß, merken Sie, daß ich ſage, ich muß, morgen um dieſe Zeit grade in dieſem Pavillon eine Zuſammenkunft haben. Sie ſollen mir dieſelbe ver⸗ ſchaffen. 4. Sorenza ſah Bencke mit einem Blick der tiefſten Verachtung an; dann wandte ſie ihm den Rücken in der deutlichen Abſicht, das Zimmer zu verlaſſen. Er ließ ſich nicht unterbrechen, ſondern fuhr fort: — Falls Sie mir dieſen Dienſt verweigern, gehe ich ſofort von hier hinunter in den Tanzſalon, und übergebe vor der ganzen Badegeſellſchaft dem Werk⸗ beſitzer Sturm dieſes Billet, welches von ſeiner Frau an Graf Arthur Eldon geſchrieben iſt. Dann er⸗ kläre ich ganz laut, daß Sie eine Frau ſind, welche wegen ihres üblen Rufes ihren Namen hat wechſeln müſſen. Ich glaube bei Gott, daß dann der große Stolz erfahren wird, daß das Gold nicht gegen Schande und Demüthigung ſchützt. Bencke zog einen kleinen Brief hervor, ging hin zu einem der Fenſter und fügte hinzu: — Vielleicht intereſſirt es Sie zu wiſſen, wie die⸗ ſer Brief ſtyliſirt iſt? Ohne Antwort abzuwarten, las Bencke: „Mein theurer Freund! Dank für unſer kurzes Zuſammenſein geſtern. Ich glaube nicht, daß Jemand es hat ausſpioniren können. Ich werde es verſuchen, Deinen Schwüren 216 zu glauben, daß Dein Herz bis in den Tod mir ge⸗ hören wird, und daß Du Dein Geſchick nie mit dem eines andern Weibes verbinden wirſt. Ich geſtehe auch, daß Du in letzter Zeit ſo veränderlich geweſen, daß ich es für ausgemacht hielt, Du hätteſt Deine Treue gebrochen. Reiſen René und meine Stief⸗ mutter zu Oberſt O— am Mittwoch, dann werde ich bleiben und dann erwartet Dich Mariquitta.“ — Sollten Sie es bezweifeln, daß es von Ihrer Stieftochter geſchrieben iſt, ſo brauchen Sie blos einen Blick auf die Schrift zu werfen,— ſagte Bencke, nachdem er mit dem Leſen fertig geworden, und hielt Sorenza den Brief hin. Sie richtete ihre Augen darauf. Es war Ma⸗ riquittas Handſchrift. Bencke legte den Brief zuſammen, ſteckte ihn in die Taſche und ſagte: — Ihre Stieftochter, meine Gnädige, hat die Unbeſonnenheit gehabt, mich heute Abend zu verab⸗ ſchieden, und geſagt, daß ſie meiner Courmacherei müde ſei. Sie hat mir eine Unterredung mit ihr verweigert. Nun gut, ich ſchwur dann, daß ich dieſe haben würde, und ich gedenke meinen Schwur zu halten. Wenn ich mich nicht irre, ſo wird der Werkbeſitzer, wenn er entdeckt, daß er betrogen iſt, weder ihn noch ſie ſchonen. Jetzt, meine Gnädige, entſchließen Sie ſich, aber thun Sie es ſofort. Nur ein Rendezvous mit Mariquitta kann ſie davon ret⸗ ten, daß der Mann nicht dieſen Beweis ihrer Un⸗ treue in ſeine Hände bekommt. Haben Sie ſich ent⸗ ſchloſſen? —-— 2 ———¼— 217 — Und wenn Sie dieſe Zuſammenkunft erhalten, wollen Sie ſich dann verbindlich machen,— ſtrand zu verlaſſen, niemals mehr Mariquitta mit Ihrer Zu⸗ dringlichkeit zu verfolgen und ihr den Brief zu über⸗ geben? — Das verſpreche ich. Dieſes Rendezvous iſt alles, was ich will. Hätte Ihre Stieftochter das⸗ ſelbe bewilligt, als ich ſie darum flehte, ſo würde ich mich nie an Sie gewandt, ſondern Ihnen das gefundene Billet übergeben haben. Sie weigerte ſich, lachte meiner Drohungen, und ſagte, daß ſie nicht geſonnen ſei, ſich zwingen zu laſſen. — Gut! morgen Abend werden Sie hier Pavillon eine Zuſammenkunft mit Frau Murm haben. — Ich war überzeugt, meine Gnädige, daß wir als Geſchwiſter einander verſtehen würden,— ſagte. Bencke ſpöttiſch,— und gerade deshalb wandte ich mich an Sie, aber falls Sie geſonnen ſein ſollten, dem was Sie jetzt verſprochen, in irgend einer Weiſe untreu zu werden, ſo ſeien Sie verſicherk, daß ich mich rächen werde. — Sie haben mein Verſprechen und können ſich darauf verlaſſen. Mit dieſen Worten verließ Sorenza den Pavillon. Der Ball war zu Ende und die Nacht ſaß träu⸗. mend und lauſchte dem Echo vom Lärm des Tages. In den Armen des Schlafes vergaß der Menſch ſein Treiben und Streben, ſeine Worheiten, Ver⸗ gnügungen und Sorgen. 4— 218 Es gab indeſſen Solche, welche ſelbſt im Schlafe weder Vergeſſenheit noch Ruhe finden konnten. Zu dieſen gehörte René. Er ſaß über einige Aufzeichnungen gebückt, die Sorenza ihm gegeben, im Cabinette ſeiner Frau. Mit fieberhafter Ungeduld blickte er ihren In⸗ halt durch, während Mariquitta ſchlummerte und träumte, daß ſie mit ihrem Manne Galoppade tanzte. Es würde uns viel zu weit führen, hier Wort für Wort den Inhalt der Blätter anzugeben, welche René ſtudirte. Sie enthielten Schilderungen von ſtillen und bitteren Kämpfen, welche unbemerkt von der Welt von einem unglücklichen Menſchenherzen durch⸗ gekämpft worden waren. Wir begnügen uns deshalb damit, in Kürze über die Ereigniſſe Aufſchluß zu geben, welche dort verzeichnet waren. Renés Vater hatte ſich mit ſeiner Mutter ver⸗ heirathet, weil ſie ihm gefiel, die Partie paſſend, das Mädchen reich und nebenbei ſeine Couſine war. Sally, ihrerſeits mit einer poetiſchen Seele und un⸗ gewöhnlichen künſtleriſchen Anlagen begabt, war ei⸗ nes jener Weiber, welche die Natur ſo reich ausge⸗ rüſtet hat, daß man meint, ſie gleichen üppigen Blumen, welche dazu geſchaffen ſeien, alle An⸗ dere mit ihrer Pracht zu verdunkeln. Man fand es ſo natürlich, daß Jeder ſie lieben und anbeten mußte. 3 Sally hatte ſich aus dem Grunde verheirathet, weil Mutter und Vater es ſo gewollt hatten, aber ſie hatte gerade kein tieferes Gefühl für den Mann gehabt, welchen ſie für ſie beſtimmt hatten. Sie 219 fand ihn als Bräutigam recht unterhaltend, amüſirte ſich in ſeiner Geſellſchaft und bei ſeinem Geſpräch, und beſonders deshalb, weil er ſich für die ſchönen Künſte intereſſirte. Als Sally ihm vor Gott ewige Treue und Liebe verſprach, da ſtand erſt das ganze Gewicht des Schrittes, den ſie gethan, klar vor dem jungen Weibe, und ſie gelobte ſich ſelbſt heilig, nie dem Eide un⸗- treu zu werden, welchen ſie ſich auferlegt. Mit die⸗ ſem tiefen und ernſten Vorſatz begann ſie ihre ehe⸗ liche Lauſbahn.— Nach Verlauf eines Jahres ſchien ihr Mann ge⸗ nug an dem häuslichen Glück bekommen zu haben. Er hatte ſein Leben lang ein lärmendes und den Vergnügungen gewidmetes Leben geführt, und es iſt ſehr ungewiß, ob er ſich je zum ehelichen Stande entſchloſſen, wenn nicht Sallys Vermögen ihn dazu bewogen hätte. Genug, er begab ſich auf eine Reiſe ins Aus⸗ land und ließ ſeine junge Frau auf Ekſjö zurück, da⸗ mit ſie nicht ein Hinderniß für ſeine Freiheit würde. Freilich gab er ihr das Recht, ſich ihrerſeits ſo gut zu unterhalten, wie es ihr beliebte. Sally liebte nicht das Weltgetümmel, ſondern verträumte gern ihre Tage mit dem Pinſel in der Hand, ohne zu ahnen, daß das Weib eines Tages die Künſtlerin verdrängen würde. Einige Wochen nach der Abreiſe des Mannes kam ſein Bruder Gunnar von einem längeren Aufenthalt in England zurück. Gunnar blieb auf Ekſjö, um die Geſchäfte in der Abweſenheit des Bruders zu beſorgen, und kam 5———— ,—“ 220 auf dieſe Weiſe täglich mit Sally zuſammen, die er nicht ſeit ihrer Kindheit geſehen. Das geiſtreiche und liebenswürdige Weib, keuſch, anmuthig und mild wie eine Taube, machte einen lebhaften Eindruck auf ihn. Es dauerte nicht lange, bis er ihre ganze Seele beherrſchte. Zärtlich, aufmerkſam und ehrfurchtsvoll, benützte er alle die Mittel, welche ein Mann wie Gunnar anwenden kann, um für ſich einzunehmen. Es war auch leicht vorauszuſehen, daß die von ihrem Manne verlaſſene und faſt vergeſſene Sally ſich nach und nach an den Schwager anſchließen würde. Ohne daß ſie ſelbſt darauf Acht gab, wurde die Zuneigung zu ihm immer ſtärker und ſtärker. Als der Ehemann nach beinahe zwei Jahren Ab⸗ weſenheit wiederkehrte, erwachte Sally gleichſam aus einem Traume. Sie warf mit Bangen und Beben einen Blick in ihr Inneres. Mit Verzweiflung entdeckte ſie, daß das Gefühl, das ſie für ein ſchweſterliches ge⸗ halten, von ganz anderer Natur ſei. Sie liebte Gunnar. Dieſer ſchmerzlichen Entdeckung folgte auch der Entſchluß, ein Gefühl aus ihrem Herzen zu ver⸗ bannen, welches ſie als eine Verletzung ihrer Pflich⸗ ten anſah. Gunnar hatte bis dahin das Geheimniß ſeiner Neigung bei ſich bewahrt. Es war dem ſonſt cyni⸗ ſchen Manne nicht eingefallen, Sallys Ohren mit dem Geſtändniß derſelben zu entweihen. Sie war, un⸗ begreiflich genug, ihm ſo lieb, daß ſie ihm heilig wurde. 3 Das war das Erſtemal in ſeinem Leben, daß er 221 mit dem Herzen liebte. Alles, was ſeine Seele Edles und Gutes barg, hatte ſich in dieſem Ge⸗ fühl, womit er Sally liebte, vereinigt, und es iſt unge⸗ wiß, ob daſſelbe ihn zu etwas Schlechtem verleitet haben würde, wenn nicht die Rückkehr des Bruders ſeinen Neid erregt hätte. Mit dieſem erwachten alle die böſen Mächte, welche in einem Menſchenherzen Raum haben. Der junge Ehemann, welcher vieles geſehen, vieles genoſſen und viel Geld und Geſundheit ruinirt hatte, empfing ſeinerſeits bei der Widerkehr ſeine junge, ſchöne Frau mit weit mehr Zärtlichkeit, als er je zuvor für ſie gehegt, ohne zu ahnen, daß er, wäh⸗ rend er von der Heimath getrennt gelebt, leichtſinnig ihre Liebe verſpielt hatte. Ungeachtet er unter dem Lärm niedriger Vergnügen ſie faſt vergeſſen hatte, ſo hielt er es doch für ausgemacht, daß ſie ihn treu lieben würde. Sally that Alles, um ihr Herz dem Manne zu⸗ zuwenden und eine Schwäche zu bekämpfen, welche ſie verdammte. Sie blieb ein Engel, während ſich Gunnar in einen Teufel verwandelte. Das ſtille und heilige Gefühl, welches er genährt, verwandelte ſich bald in eine wilde, egoiſtiſche Paſ⸗ ſion, und Sally mußte nicht allein gegen ihr eigenes Herz, ſondern auch gegen ſein Gefühl kämpfen. Gunnar that Alles, um die Aufmerkſamkeit des Mannes von ſeiner Frau abzuziehen. Er verführte den Bruder zum Spiel und bald genug wurde dieß ſeine herrſchende Paſſion. Es iſt überflüſſig hier den Kampf zu erwähnen, welchen Sally beſtand, und in welchem ſie bewun⸗ 222 derungswürdigen Muth an den Tag legte. Nicht ein Blick verrieth, daß ſie Gunnars Neigung er⸗ widerte. Eines Tages, nachdem ihr Mann am Abend vorher ungeheure Summen verſpielt hatte, ſuchte die alte Dienerin Lova ihn auf, und flüſterte ihm zu, „daß er auf ſeiner Hut ſein müſſe, denn Gunnar liebe ſeine Frau. Zu dem Aerger darüber, daß er mit Verluſt geſpielt hatte, kam jetzt der Zorn darüber, daß er möglicherweiſe betrogen ſei, und es gab bis⸗ weilen Zeiten, wo die Spielpaſſion und das Miß⸗ trauen dergeſtalt ſeinen Verſtand verwirrten, daß er ſich Handlungen erlaubte, die man nur einem Toll⸗ häusler verzeihen könnte, und als ein ſolcher wurde er auch von ſeinen Untergebenen betrachtet. Mitten in dieſer Hölle, die ſie umgab, ſuchte Sally nach einer Rettung für ſie Alle und ſchlug vor, daß ſie und er zuſammen eine Reiſe machen ſollten. Sie hoffte, daß es gewiß gut wirken würde, wenn man auf einige Zeit wegging. Der Vorſchlag wurde angenommen, und ſchien ſeine Eiferſucht zu beſchwichtigen, ſo daß er wieder mild und freundlich gegen ſeine Frau wurde, welche er, als er ihr Herz zu verlieren fürchtete, zu lieben angefangen hatte. Gunnar ſchwur, daß aus der Reiſe nichts wer⸗ den ſollte. 4 Eines Tages, als wieder Spielgeſellſchaft beim Ehemann verfammelt war, hatte Sally ſich in das Atelier zurückgezogen und arbeitete an einem Ent⸗ wurf zur Ehebrecherin. Gunnar kam herein. Eine heftige Scene fand Statt. Er raste, er drohte, und 223 Sally ſuchte vergebens ihn zu beruhigen. Sie appellirte an ſeine beſſeren Gefühle, an Alles, was ihn rühren und bewegen mußte; aber ohne Erfolg. Ihre Liebe war Alles, was er beſitzen wollte, alles Andere verachtete er. Sie allein könnte ihn gedul⸗ dig und nachgiebig machen ꝛc. ꝛc. — Sei es denn,— flüſterte ſie weinend.— O, mein Gott! Gunnar, Du beſitzeſt ja mein ſtrafbares Herz. — Sally!— rief Gunnar auf den Knieen. In demſelben Augenblick ging die Thüre auf. Der Ehemann ſtürzte mit einem wilden Gelächter herein. Er war wahnſinnig geworden. Sallys Mann hatte den Reſt ſeines Vermögens verſpielt. In Verzweiflung verließ er den Spiel⸗ tiſch. In Verzweiflung vermißte er ſeine Frau und, Gunnar. Augenblicklich erwachte ſeine Eiferſucht. Er ſuchte ſie und überzeugte ſich auf dieſe Weiſe, daß er an einem und demſelben Abend ſowohl öko⸗ nomiſch wie moraliſch ruinirt worden ſei. Der Schlag traf ihn, als ſeine Sinne heftig aufgeregt waren, und verurſachte deshalb eine vollkommene Störung in den Functionen der Seele.— Am Tage darauf reiste Sally mit ihrem irr⸗ ſinnigen Manne nach dem Auslande, wo ſowohl ſie wie er ſtarb. 3 Gunnar konnte nie weder Sally noch ſeine Liebe vergeſſen. Die Erinnerung daran begleitete das Be⸗ wußtſein, nicht allein derjenige geweſen zu ſein, welcher den Bruder zum Spiel verführt, und ſo ſei⸗ nen Ruin herbeigeführt habe, ſondern auch der⸗ 4 224 jenige, welcher nicht allein das Leben von ihm, ſon⸗ dern auch von ihr, die er geliebt, zerſtört habe. Dieſe Aufzeichnungen gaben dem Sohne, welcher ſie jetzt las, vielen, vielen Stoff zum Nachdenken. Er lernte hier die ganze Gefahr der Gleichgültigkeit kennen, welche er ſelbſt gegen ſeine Frau gezeigt, und ſchauderte bei dem Gedanken, daß Mariquittas Herz ihm vielleicht ſchon untreu geworden. Während René die traurige Geſchichte ſeiner Eltern durchlas, überließ Sorenza ſich dem Gefühle des Glücks, welches auch der am wenigſten Egoiſtiſche unter uns bei dem Bewußtſein empfindet, endlich nach vielen Prüfungen das Glück erreicht zu haben, von welchem er Jahre lang geträumt. Gott ‚hatte ſich alſo ihrer erbarmt. Ihre Leiden waren zu Ende, und in der reinen tiefen Liebe, welche ſie für Porry hegte, ſollte ſie Erſatz und Troſt für die Vergangenheit finden. Sie ſollte ihm jetzt ohne Verſtellung ſagen können, wie treu auch ihr Herz an ihm gehangen. Nachher würde das Ver⸗ gangene ja nur ein peinlicher Traum ſein, der bald im Grabe der Vergeſſenheit verſchwinden würde. Obgleich Sorenzas Seele von Glaube und Hoff⸗ nung auf die Zukunft erfüllt war, ſo hielt doch eine eigene Unruhe ſie wach und verſcheuchte den Schlaf aus ihren Augen. Von Zeit zu Zeit griff eine unerklärliche Angſt in die Saiten ihres Herzens, und ſie bebte gleich⸗ ſam vor den lichten und lächelnden Bildern, welche ihr entgegen zogen. 225 — Mein Gott, wenn Alles nur ein Traum wäre!— dachte ſie. So floh die Nacht, und Aurora fand ſich ein, um die Ankunft des Tages zu verkünden. Die Sonne hatte ihr ſtrahlgekröntes Haupt noch nicht hoch über den Horizont erhoben, als Jemand heftig bei Sorenza anklopfte. Alle lagen im tiefſten Schlafe, ſo daß Niemand den frühen Gaſt hörte, welcher ſich eingefunden, bevor der Tag graute. Man klopfte immer heftiger und heftiger. So⸗ renza dachte mit Schrecken daran, daß irgend eine Krankheit oder ein Unglücksfall die Veranlaſſung ſei, daß man ſie um dieſe Zeit ſtörte, und warf ſich deshalb in ein Nachtkleid, um ſelbſt zu hören, was es ſei. In demſelben Augenblick, in welchem ſie die Thüre öffnete, war Sorenza nahe daran, rücklings zu fallen. Vor ihr ſtand— Gräfin Eldon. Die vornehme Dame war bleich, ihr Körper jitterte und ihr ganzes Ausſehen zeugte von einem ſo aufgeregten Gemüthszuſtand, daß Sorenza beim Anpblick derſelben, vor wahrer Theilnahme alle Bitter⸗ ſeit und Alles, was geſchehen war, vergaß. — Mein Gott! Gräfin, was hat ſich zugetragen? — rief ſie. Die Gräfin ging an ihr vorbei in den Salon hinein, warf ſich in einen Lehnſtuhl und murmelte mit Schmerz: c Mein Kind, mein Kind! O! das fehlte mir noch. 3 Dann erhob ſie heftig den Kopf und ſprach im orn:— Schwart, Die Tochter des Edelmanns. 111. 15 4 226 — Und Sie, Sie ſind es, die die ſen neuen Kummer und all dieſe Schande über mich gebracht. In dieſem Augenblick wäre ich verſucht, Sie zu ver⸗ fluchen. — Beſſer iſt es, Gräfin, daß Sie mir ſagen, was ich gethan, und was ſich zugetragen hat. Seien Sie verſichert, daß ich, da Sie leiden, Alles thun werde, um Ihren Schmerz zu lindern. Sprechen Sie deshalb, welches Unglück hat Sie getroffen? Es lag Etwas in Sorenzas Blick und Ton, welches, obgleich ſtolz und ernſt, doch einen ſo tiefen Ausdruck wirklicher Theilnahme athmete, daß Gräfin Eldon nicht unterlaſſen konnte, daran zu glauben. — Jetzt habe ich Ihnen nichts zu ſagen, aber Sie müſſen mir folgen. Wenn Sie, nachdem Sie Zeuge der Schande geweſen, welche Carl Johann Eldons Tochter ihrer Mutter und ihrer Familie an⸗ gethan hat, nicht begreifen, was Sie zu thun haben, ſo ſind Sie ſchlimmer, als ich glaubte. Sorenza ſchauderte. Eine ſchreckliche Ahnung fuhr durch ihre Seele und ſagte ihr, daß es ſich jetzt um Porry handelte. Vielleicht brachte das, deſſen Zeuge ſie ſein ſollte, die Zerſtörung all des Glückes mit ſich, von welchem ſie in den nächtlichen Stunden als von dem ihrigen geträumt.. „Einige Augenblicke ſchlichen die Gräfin und So⸗ renza aus dem Garten hinaus und lenkten ihre Schritte durch den Wald nach der Seeküſte. Die Gräfin ging voraus. Sorenza folgte ihr nach. Bald genug merkte Sorenza, wohin ſie ihren Cours nahmen. Es ging nach Porrys Wohnung, welche von allen anderen getrennt lag. Sorenza 82 227 folgte ganz mechaniſch, ohne daß ſie ſelbſt begriff, „ wie ſie ſich auf ihren zitternden Beinen aufrecht halten konnte. — Zu welcher Schmerzensſcene führt ſie mich, — dachte Sorenza, mit dem Tod im Herzen. Endlich traten ſie in den Garten, der hinter dem kleinen rothgemalten Hauſe lag, welches Porry bewohnte. Als ſie in die reinliche Hausflur einge⸗ treten waren, ging die Gräfin vor bis zu einer Thüre; blieb aber beim Klange heftiger Stimmen, welche darinnen ſprachen, ſtehen. Sie lauſchte. Sorenza ſtützte ſich an die Wand, ſo heftig zit⸗ terte ſie. Folgende Worte, welche heftig ausgeſprochen wur⸗ den, erreichten ihre und der Gräfin Ohren: — Es iſt vergeblich, daß Sie läugnen. Sie iſt hier verſteckt und ich werde ſie finden, ſollte ich auch genöthigt ſein, das ganze Haus zu durchſuchen. Ihr eigener Bedienter hat es mir geſagt, daß er ſie hier⸗ her gehen geſehen hat. Die Stimme, welche dieſe Worte ausſprach, war die von Ernfrid. — Jeſus, erbarme Dich! Ernfrid,— ſeufzte die Gräfin.— Ol er wird nie thun, was recht iſt. Sorenza drückte die Hand heftig ans Herz. Sie ſchloß die Augen. Ein paar Secunden war es, als wenn ſie von einem Schwindel erfaßt würde. Sie hörte nicht, was man ſagte, bevor ein Lär⸗ men darinnen gehört wurde, als wenn man ränge; aber es wurde gleich wieder ſtill, und eine unſichere Weiberſtimme rief: — Du brauchſt nicht Gewalt anzunenden, mein 1 228 Bruder, hier bin ich. Meine Liebe hat mich hierher geführt. Dieſes iſt eine Sache, die nur Profeſſor Porry und mich angeht. — Jenny!— murmelte Sorenza und drückte verzweifelt die Hände gegen die Bruſt. — Iſt das eine Sache, die Dich und ihn allein angeht,— ſchrie Ernfrid.— Du täuſcheſt Dich. Daß Du die Achtung vor Deinem Namen vergeſſen, iſt Etwas, was die Ehre der Familie angeht. Du haſt denſelben befleckt. Herr, brüllte er, womit wollen Sie dieſen Fleck verwiſchen? — Daß die Gräfin ſich hier befindet, iſt gegen meinen Willen geſchehen, und ohne daß ich dazu Anlaß gegeben, hörte man Porry antworten.— Von irgend einer Genugthuung kann deshalb nicht die Rede ſein. Und wenn das ſo veranſtaltet iſt, um mich zu einer Verbindung, zu der ich nicht ge⸗ neigt bin, zu zwingen, ſo muß ich dem Grafen er⸗ klären, daß es keine Macht auf der Erde gibt, welche mich dazu bewegen könnte. Mein Name, meine Hand und mein Leben gehört demjenigen Weibe, welches ich anbete. So lange ich daſſelbe hochachte und bewundere, hat Niemand ein Recht, den Ver⸗ ſuch zu machen, uns zu trennen. Die Gräfin wird gewiß Ihnen gegenüber geſtehen, daß ich ihr nie Liebe verſprochen, ebenſo wenig, wie ich ihre Anwe⸗ ſenheit hier veranlaßt habe. Porry!— rief Jenny mit Schmerz.— Wollen Sie damit ſagen, daß ich mich hier eingefunden habe, ohne daß Sie mich darum gefleht hätten; wollen Sie behaupten, daß ich Alles, was Stolz und Chre ſor⸗ 229 dern, mit Füßen getreten, ohne von Ihnen dazu ver⸗ anlaßt worden zu ſein? — Gräfin, treiben Sie mich nicht dahin, daß ich die Artigkeit vergeſſe, welche ich Ihnen ſchuldig bin,— ſagte Porry.. — Ah! der Elende,— murmelte die Gräfin Eldon und legte die Hand aufs Schloß. Darauf wandte ſie ſich an Sorenza und ſagte mit tonloſer Stimme: — Gehen Sie hinein und ſeien Sie Zeuge ſeiner Niederträchtigkeit gegen meine Tochter, und wagen Sie es dann, wenn Sie den Muth haben, ſeine Gattin zu werden. Meinen Fluch werde ich Ihnen dann zum Brautgeſchenk geben. — Gräfin!— ſtammelte Sorenza mit bebenden Lippen,— öffnen Sie nicht die Thüre, ſondern hören Sie mich an. Laſſen Sie ihn nie ahnen, daß ich es weiß, was hier paſſirt iſt, und ich ſchwöre bei dem Gott, welcher im Herzen liest, bei dem Andenken meines Vaters, bei Allem, washeilig iſt, daß Ihre Tochter Genugthuung erhalten, daß ſie die Seinige werden ſoll. Sorenza eilte von der Gräfin fort und hinunter in den kleinen Garten, wo ſie zwiſchen den Gebüſchen verſchwand. Sorenza war hinter einer dichten Hecke zuſammen⸗ geſunken. Sie vermochte nicht weiter zu gehen. Mit dem Kopf in die Hände geſtützt, ſuchte Sie in die⸗ ſem Chaos der Verzweiflung einen einzigen klaren Gedanken. Es ſtand klar vor ihr, daß ihr Glücks⸗ traum zerſtört, daß ihr Herz zermalmt, und daß der ganze übrige Theil ihres Lebens einer endloſen Ent⸗ ſagung geweiht ſei.— 230 Sie hatte der Gräfin verſprochen, daß Jenny Genugthuung erhalten ſollte. Sie hatte darauf ge⸗ ſchworen und ſie mußte ihren Eid halten. — Jetzt wird es ſich zeigen, ob ich die Tochter eines Edelmanns bin,— murmelte ſie bei ſich ſelber. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo ich als Chriſtin zeigen ſoll, ob ich dieſe Worte ver⸗ ſtanden: Thue Gutes gegen Diejenigen, welche Dich verfluchen. O Gott! ſtärke meinen Muth und mache mich ſtark und geduldig. Mein Leben iſt nur zu einem Sühnopfer da für das, was meine Eltern verbrochen. Während Sorenza ſich ſolchergeſtalt Kraft zu erkämpfen ſuchte, hörte ſie den Klang von Stimmen. Sie blickte auf. Ernfrid und Jenny erſchienen auf der Schwelle von Porrys Wohnung. Der Erſtere führte die Schweſter am Arme. Sie ſah aufgeregt und wie zermalmt aus. Man fand nicht einen Zug von Stolz in ihrem Geſicht wieder. Sorenzas Herz bebte. Es war ja doch die Toch⸗ ter ihres Vaters, ein Kind von demſelben Blute wie ſie. Sorenza fühlte, daß das Opfer vollbracht wer⸗ den mußte, daß Nils für ſie verloren ſei, und daß ſeine Pflicht ihm geböte, Jenny Genugthuung zu geben und ihr Glück zu bereiten. Sorenza dürfte nicht Diejenige ſein; welche Jenny um ihr Glück brächte und ihr Leben der Demüthigung weihte. Nein! und tauſendmal nein! — So lange ich ſie hochachte und bewundere, hat Niemand ein Recht, uns zu trennen,— wieder⸗ holte Sorenza bei ſich ſelbſt.— Nun gut, Gott wird mir Muth geben, den bitteren Kelch zu leeren. 231 Ich werde mich ſeiner Hochachtung berauben, und ihn auf dieſe Weiſe zwingen, das zu thun, was die Ehre verlangt.— Sorenza ſchlich ſich fort. Auf der Schwelle zu ihrer Wohnung begegnete ſie René. — Mein Gott, iſt Tante krank?— fragte er. — Gebe mir Deinen Arm und begleite mich,— ſagte Sorenza. Als ſie in den Salon eintraten, ſagte ſie zum Bedienten: — Wenn Jemand mich ſuchen ſollte, ſo empfange ich nicht. Sie ging in das Cabinet und ſchloß die Thüre hinter ſich und René. Dann äußerte ſie mit großer Anſtrengung: — Einmal, René, verſprachſt Du mir heilig, mir jedes Opfer zu bringen, welches ich verlangen würde. Jetzt iſt der Augenblick da, wo ich Dich an die Erfüllung dieſes Verſprechens zu erinnern wünſche. 4 — Tante hat über mich zu befehlen. — Dank, wundere Dich nicht uͤber das, was ich vornehmen werde; und ſehe darin nichts, was Du Dir zu Gute rechnen kannſt, ſondern nur Mittel, woelche ich anwenden muß, um mein Ziel zu erreichen. Verſpreche mir, daß, wie ſonderbar meine Handlung in dieſer Beziehung Dir vorkommen möge; doch das zu thun, um was ich Dich bitte, und ſelbſt dann nicht mir zu widerſprechen, wenn ich Deine Ehre bloßſtellen ſollte. In zwei Tagen werde ich Alles erklären; wir müſſen dann auf dem Wege von hier 1 nach Ekſjö ſein. — Iſt das der beſtimmte Wille von Tante? 232 — Ja! 3— Nun gut, dann werde ich Alles zur Abreiſe 7 in Ordnung bringen; aber wenn Mariquitta hier zu bleiben wünſcht? — Sie wird es nicht wünſchen. Höre mich jetzt an: Wenn Dir vorher ein Brief von meiner Hand, der an eine falſche Adreſſe gelangt iſt, übergeben wird, ſo mußt Du mir bei Deiner Ehre und Deinem Gewiſſen verſprechen, dem Inhalte davon nicht zu widerſprechen. — Ich verſpreche es Tante. — Gut!— Sorenza drückte die Hände feſt gegen die Bruſt; es war, als wenn die Qual des Herzens ſie hätte erſticken wollen. — Tante leidet,— rief René und näherte ſich ihr. — Stille, ſpreche nicht von mir. Sie ſtrich mit der Hand über die Stirne. — Es war doch noch etwas mehr, das ich Dir ſagen wollte. Ja, daß auf dem Briefe, den Du heute erhältſt, mit Fleiß eine unrichtige Adreſſe ge⸗ ſchrieben iſt, falls Derjenige, der das, was für Dich beſtimmt zu ſein ſcheint, den Fehler ſollte cor⸗ rigiren wollen. Verlaſſe mich jetzt. Ich habe es noͤthig, allein zu ſein. Mache eine Promenade mit Deiner Frau, daß man Euch da draußen ſieht. Sorenza winkte mit der Hand. René ging. 24 Als Porry vom Curſaale zurückkehrte, ohne So⸗ renza gefunden zu haben, und dann nach Hauſe — ————— 233 kam, wurde ihm dort ein Brief eingehändigt. Er erkannte die Handſchrift wieder und erbrach denſelben mit all jener Ungeduld, welche ein Liebender zu zeigen berechtigt iſt, bevor ſein Schickſal entſchie⸗ den iſt. Kaum hatte er einen Blick auf die erſten Zeilen geworfen, als er erbleichte und die Zähne mit einem Ausdruck des heftigſten Zornes zuſammenpreßte. Seine Augen ſtarrten die ſchwarzen Worte an, als wenn jedes einzelne etwas recht Entſetzliches enthal⸗ ten hätte. Der Brief lautete folgendermaßen: „Mein geliebter, immer geliebter René! „Jede Eiferſucht gegen Porry iſt eine Kinderei, da ich dieſen Mann nie habe lieben können und nie lieben werde. Einmal, als ich noch jung war, glaubte ich, daß ich es that, aber viele Jahre ſind ſeit jener Zeit dahingeſchwunden, und Du weißt am beſten, daß mein Herz Dir gehört., Du ſagſt, daß ich Porry aufmuntere. Müäglich; aber das geſchieht nur, weil ich beſchloſſen, ihn von Gräfin Kronſtrahl zu trennen. Sie und ich ſind Feinde. Es iſt eine Rache, welche ich an ihr zu nehmen habe; aber niemals kann ich mein Geſchick mit Porry ver⸗ binden. Es liegt jedoch in meinem Plan, eine ſolche Hoffnung bei ihm zu nähren, bis alle Gedanken an die Gräfin bei ihm verwiſcht ſind; dann kann er ſich auf eigene Fauſt tröſten. „Du willſt, daß wir in zwei Tagen abreiſen. Mag es ſo ſein. Hier haben wir Aller Augen auf uns gerichtet. Man wagt es nicht, ſih zu treffen, ä— 234 und darum bin ich gezwungen, zu dieſem Mittel zu greifen, um Dich zu beruhigen, mein armer René! Aber Du wirſt ja wieder froh und zufrieden werden, wenn wir uns von hier entfernen? Deine Sorenza.“ Mit vollkommener Kenntniß des ſich überſtürzen⸗ den ſtolzen und mißtrauiſchen Charakters von Porry hatte Sorenza dieſen Brief abgefaßt. Wenn derſelbe auch nicht augenblicklich ſeine Liebe zu tödten ver⸗ mochte, ſo mußten die Wirkungen deſſelben doch die⸗ ſelben werden. Ohne ſich Zeit zum Beſinnen zu geben und ganz und gar dem heftigen Zorne, der ihn entflammte, gehorchend, ergriff Porry die Feder und ſchrieb unter dem Einfluß ſeiner aufgeregten Gefühle Folgendes: „Meine Gnädige! „Die Wahrheit findet immer den Weg zu dem Betrogenen, darum hat das Schickſal es ſo gefügt, daß dieſer Brief ſich zu mir verirrt hat. Alle Com⸗ mentare ſind überflüſſig. Ich ſende Ihnen den von Ihnen unterzeichneten Beweis der größten Treuloſig⸗ keit, die ein Herz bergen kann, hiermit zurück. Ich beklage tief, daß es Ihnen nicht gelang, mich von Gräfin Kronſtrahl zu trennen. Ich eile jetzt hin, um zu ihren Füßen um Verzeihung für all die Grauſamkeit zu betteln, welche ich gegen ſie gezeigt, als ich in meiner Verblendung ihr edles und ſtolzes Herz für Diejenige opfern konnte, welche ohne Gewiſſen und Ehre mit Allem, was heilig, ſpielte 23⁵ und noch ſpielt. Mögen Sie nicht zu hart für die Gefühle geſtraft werden, deren Sklavin Sie jetzt ſind, das wünſcht Nils Porry.“ Als Sorenza dieſe Zeilen durchgeleſen, welche das Todesurtheil über ihr Glück verkündeten, glaubte ſie, daß das Herz berſte. — Das Opfer iſt vollbracht,— flüſterte ſie, faſt erſtickt von Thränen, und ſtützte den Kopf auf die gefalteten Hände. Sie war vernichtet. Doch, wozu dient es, von den Qualen des Her⸗ zens zu erzählen? Sie können doch nicht in Worte gekleidet werden. ·ℳ Auch jener Tag hatte ein Ende, und wieder kam der Sommerabend lieblich und lächelnd, ein Bild des Friedens. Im Pavillon ſaß ein junges Weib, bleich wie der Tod, unbeweglich wie das Grab. Sie horchte auf den Schall von draußen. Plötzlich unterſchied ſie raſche und eilige Schritte. Sie holte tief Athem und flüſterte: — Das iſt er! In den Pavillon trat der junge Bencke. 1 Die Dame, welche im Salon ſaß, hatte den Rücken nach der Thüre gekehrt, die der Eintretende doppelt hinter ſich verriegelte. Als dieß geſchehen, eilte er vor, ſie wandte das Geſicht gegen ihn. — Sie erwarteten, mein Herr, Mariquitta zu 236 digen, daß Sie ſtatt ihrer mich finden. — Madame,— rief Bencke, das nenne ich einen treuloſen Spott. Sie hatten verſprochen.... — Daß Sie Frau Sturm antreffen würden, — fiel Sorenza ein;— und ich habe Wort ge⸗ halten. d— Aber es war nicht in Ihre Hände, daß ich en. — Brief zurückgeben würde, nein, ich weiß es. — Und Sie wagten doch dieſe Fopperei? Viel⸗ leicht hofften Sie, daß ich mich nicht rächen, daß ich nicht ſowohl Sie wie Mariquitta dieſes bezahlen laſſen werde? — Ich glaube, daß Sie jeder ſchlechten und nied⸗ drigen Handlung fähig ſind, und grade deßhalb habe ich mich hier eingefunden. Es iſt nicht in der Mei⸗ nung geſchehen, Sie zu einem eines ehrlichen Man⸗ nes würdigen Benehmen bewegen zu können, ſondern um wegen des Briefes zu handeln, mit welchem Sie Mariquitta gedroht. — Ah! Sie glauben alſo, daß derſelbe einen Preis hat? Bencke hohnlächelte. — Wenn ich mit einem Menſchen wie Sie handle, dann weiß ich, welcher der Preis iſt, um ddeen Sie Ihre Waare verkaufen müſſen. — Wirklich; und welcher iſt denn der Preis? — Dieſer,— ſagte Sorenza und reichte ihm ein Bankbillet hin. — Sie glauben alſo, daß ich für muuiig hale treffen,— ſagte ſie;— aber Sie muſſen entſchul⸗ 8 Bencke brach in ein ordinäres Lachen aus. 8 ge 237 . Ah! Madame, Sie ſind wirklich naiv leicht⸗ gläubig, daß Sie.... — Vorausſetzen, daß der Bankbilletverfälſcher vor der Strafe zittern wird? Ich glaube, daß wenn ich ihn angäbe, ſo würde man in ſeiner Wohnung Nachſuchung anſtellen, und dort ſolche Sachen fin⸗ den, welche bewieſen, daß er das ſaubere Handwerk getrieben, falſches Geld zu machen. Was glauben Sie, daß die Folge werden wird? Natürlich, daß eerr verhaftet und vor Gericht geſtellt werden würde. Kun gut, mein Herr, halten Sie den Preis des Briefes noch nicht für groß genug, oder wollen Sie mich wirklich zwingen, denjenigen anzugeben, dem meine Mutter das Leben geſchenkt? Bencke war auf einen Stuhl niedergeſunken. Seine ſichere und übermüthige Haltung war fort. Er murmelte: — Sie wollen mich alſo durch eine falſche An⸗ klage unglücklich machen? — Wäre die Anklage falſch, dann brauchten Sie dieſelbe nicht zu fürchten, denn die Beſtätigung der⸗ ſelben würde ſich nicht in Ihrer Wohnung finden. 3— Aber wie können Sie das behaupten?— Eease hob den Kopf in die Höhe. 8 Wie? Darum, weil ich es weiß. Sie hatten vor zwei Jahren einen jungen Künſtler zum Kameraden. Ihn verleiteten Sie, falſche Münzen zu prägen. Ei⸗ nes Tages kam ein in Trauer gekleidetes Frauen⸗ zimmer in einen Laden, in welchem ſie ganz gut bekannt war, und mit deſſen Eigenthümer ihr Mann verwandt geweſen. Sie wollte einige Trauergegen⸗ ſtände kaufen. Ein ganz junger Mann trat gleich 238 darauf hinein, um ein Paar Handſchuhe zu kaufen. Das in Trauer gekleidete Frauenzimmer erkannte den Jüngling wieder. Sie hatte ihn ein paar Tage vorher bei der Profeſſorin W— geſehen, welche ihn als einen hoffnungsvollen Künſtler gerühmt hatte. Als der junge Mann die Handſchuhe bezahlen ſollte, übergab er dem Kaufmann einen Fünfzigtha- lerſchein. Der Kaufmann betrachtete denſelben, warf einen mißtrauiſchen Blick auf den jungen Künſtler und fragte ihn, woher er den Schein hätte. Der Jüngling wurde verlegen. Das in Trauer gekleidete Frauenzimmer kam auf den Einfall zu antworten, daß der Künſtler den⸗ ſelben von ihr, als ſie den Tag vorher ein Gemälde von ihm gekauft, erhalten hätte, und damit wech⸗ ſelte ſie den Schein gegen einen andern aus. Auf dieſe Weiſe rettete ſie den Verirrten. Das Frauenzimmer war ich. Der Fall ereignete ſich vor einem Jahre, als ich eben Wittwe geworden. Der junge Künſtler wurde, nachdem er Alles ge⸗ ſtanden, von mir nach Amerika geſchickt. Auf mein Verlangen ſchrieb er Ihnen einige warnende Worte, und überſandte Ihnen eine Summe Geldes von der unbekannten Retterin. Ich wünſchte durch dieſe Hülfe Sie von der Geldverlegenheit zu befreien, welche zu der Fälſchung Anlaß gegeben. Wie tief ich ihn auch verachtete, ſo wollte ich doch nicht den Sohn meiner Mutter auf dem Schafpott ſehen. Als Unbekannte kaufte ich den Frühling ein grö⸗ ßeres Gemälde von Ihnen, ſo daß Sie bis zum heu⸗ 239 tigen Tage nicht nöthig gehabt haben, ſich auf eine neue Betrügerei einzulaſſen. Doch, wenn es wahr iſt, daß ich Ihnen bisher geholfen, ſo bin ich doch geſonnen, Sie jetzt zu ſtrafen, ſofern Sie es wagen, denjenigen im Geringſten zu ſchaden, welche mir lieb ſind. Der Preis meines Schweigens iſt Graf El⸗ dons Brief. Sie haben ihn gegen dieſen Schein auszutauſchen. Später kann es möglich ſein, daß ich etwas für Sie thun will; aber jetzt gebe ich Ihnen keine Minute Bedenkzeit, Sie müſſen ſich ſo⸗ fort entſchließen. Ohne ein Wort zu ſagen, reichte Bencke Sorenza den Brief. Sie gab ihm den falſchen Schein und ſagte: 8— Nehmen Sie ihn und zerſtören Sie ihn vor meinen Augen. Bencke gehorchte.. — Jetzt mein Schlußwort. Einmal entriſſen Sie mir den Namen, welchen ich geliehen, ohne daß ich in irgend einer Weiſe die Schande verdient, welche Sie mir bereiteten. Das hielten Sie für Recht. Nach dieſer Handlung hatten Sie auch kei⸗ nen Anſpruch darauf, daß die Stimme des Bluts ſich bei mir geltend machen ſollte. Deßhalb iſt das, was ich Ihnen jetzt von meinem Ueberfluß anbiete, nicht eine Gabe von der Schweſter an den Bruder, ſondern ein Geſchenk, welches ich dem Andenken mei⸗ ner Mutter bringe. Es iſt ihr Schatten, und nicht ich, dem Sie einmal dafür zu danken haben. Dieſes kann nur dadurch geſchehen, daß Sie es verſuchen, ein ehrlicher Menſch zu werden. Sieh' hier, was ich Ihnen vorſchlage. 240 Sie überſenden mir morgen alle Ihre Werkzeuge, womit Sie falſches Geld fabricirt haben; denn ſo lange dieſe ſich in Ihrem Beſitz befinden, ſind Sie immer der Verſuchung ausgeſetzt, in der Stunde der Noth zu dieſem Ausweg Ihre Zuflucht zu nehmen. Im Tauſch dafür gewähre ich Ihnen eine jährliche Unterſtützung von 1500 Reichsthalern, welche Sie vierteljahrsweiſe bei dem En-gros-Händler D— ſo lange erheben können, als Sie ſich nicht durch eine ſchlechte Handlung meiner Hülfe unwürdig machen. Ferner will ich eine Reiſe nach Düſſeldorf und ein paar Jahre Aufenthalt dort für Sie zahlen. Was ich jetzt für Sie thue, das that einmal meines Vaters natürlicher Bruder, Paſtor Aurenius, für mich; aber mit dem Unterſchied, daß ich nur unglücklich und verlaſſen war, Sie dagegen leicht⸗ ſinnig und ſtrafbar ſind. Bencke wollte eben antworten, als es heftig an die Thüre klopfte und Renés Stimme rief: — Oeffne, Mariquitta, öffne! Sorenza blickte Bencke an; es entſtand in ihr ein Verdacht. Sie ging zur Thüre und öffnete dieſelbe. René ſtand da, bleich und aufgeregt ausſehend. Beim Anblick von Sorenza ſtutzte er. — Was, iſt Tante hier?— rief er.— Ich glaubte, daß.... — Mariquitta zu finden,— fiel Sorenza an. — Das wundert mich; Du wußteſt ja, daß ſie bei der Gräfin X. ſein ſollte. René ging in den Salon. Als er Bencke er⸗ blickte, ſtieg das Blut ihm in den Kopf, und ſtatt 241 Sorenza zu antworten, äußerte er, ſich an den Künſtler wendend:— — Wie kommen Sie dazu, hier zu ſein? — Herr Bencke und ich haben einige dringende Sachen zu beſprechen gehabt,— antwortete So⸗ renza.— Deine Frage ſcheint mir nicht am Platze zu ſein. — Iſt Tante wirklich deſſen gewiß, daß der Beſuch des Herrn nicht Jemanden anders zuge⸗ dacht war? — Vollkommen. — Wie dann dieſes erklären? Er reichte Sorenza einen Brief. Sorenza nahm ihn und las: „Wollen Sie ſich überzeugen, wie Ihre Frau ihre Pflichten achtet, ſo finden Sie ſich heute Abend um 10 Uhr in dem Pavillon ein, der nach der See⸗ ſeite liegt. Sie werden ſie in einem zärtlichen téte- à-téte mit dem Künſtler Bencke finden.“ Die Handſchrift war offenbar entſtellt. Sorenza wandte ihre Augen vom Briefe ab auf Bencke und ſagte langſam: — Es wundert mich, daß Du auf das da irgend eine Rückſicht haſt nehmen können. Siehſt Du nicht, daß der Inhalt von irgend Jemanden dictirt iſt, welcher ſich auf Deine Koſten hat amüſiren wollen. Man muß immer demjenigen mißtrauen, welcher unter dem Schleier der Anonymität auftritt, um eine Anklage zu machen. Gehe Du, mein beſter René, und hole Deine Frau bei der Gräfin, und nehme Dich in Acht, der Bosheit ein williges Ohr zu leihen. Schwartz, Die Tochter des Edelmanns. III. 16 242 Rensé entfernte ſich, nachdem er einen drohenden und finſteren Blick auf Bencke geheftet. Als Sorenza wieder mit dem Bruder allein war, wandte ſie ſich an dieſen und ſagte: — Was beabſichtigten Sie mit der ſchändlichen Anzeige? Der anonyme Brief war von Ihnen. — Ja, ich wollte meine verſchmähte Liebe rächen. Er ſtand auf, trat vor Sorenza hin und fügte mit bewegter Stimme hinzu: — Sie haben mich heute dahin gebracht, mich vor mir ſelber zu ſchämen; denn Sie haben einen Edelmuth bewieſen, welcher nicht in das Loos Ih⸗ res Bruders gefallen. Möge Gott Sie dafür be⸗ lohnen. Ich reiſe ſchon morgen, und werde Ihnen vorher die unglücklichen Beweiſe meiner Schuld über⸗ liefern. In Düſſeldorf werde ich verſuchen, zu ar⸗ beiten, daß Sie Ehre von dem bekommen, dem Sie ſo viele Güte erwieſen. Lebewohl, edle Tochter mei⸗ ner Mutter. Bencke drückte Sorenzas Hände gerührt an ſeine Lippen und verließ den Pavillon. 3 Sorenza warf ſich auf ein Sopha nieder und rief traurig: — O, Mutter! wenn ich heute edel gegen Dei⸗ nen Sohn gehandelt, ſo ſende mir irgend einen Troſt und eine Linderung für mein gebrochenes Herz. Sorenza weinte. Eine halbe Stunde war unter Thränen verfloſſen, dann trocknete ſie dieſelben ab und murmelte: — Nein, fort mit allen dieſen weichlichen Ge⸗ danken an eigene Leiden; noch iſt meine Rolle nicht 1 243 ausgeſpielt; noch habe ich nicht vollzogen, was meine Pflicht fordert. Sie ſtand auf und ging mit ruhigen und ſeſten Tritten in ihre Wohnung hinauf. Als ſie in das Schlafzimmer trat, fand ſie auf dem Nachttiſch einen Brief. Mit einer reſignirten Miene und einem Blick, welcher zeigte, daß ſie darauf vorbereitet war, er würde irgend einen neuen und ſchmerzlichen Schlag enthalten, ſtreckte ſie die Hand aus und erbrach ihn. Sie las: —„Sorenza! „Sie haben Wort gehalten, und möge Sie Gott dafür ſegnen. Einſt glaubte ich, daß Sie das, was Sie durch Ihre Geburt verſchuldet, nie würden ſüh⸗ nen können. Heute ſage ich, daß Sie es mehr als geſühnt haben. Sie haben mich zu Ihrer Schuld⸗ nerin gemacht, denn Sie haben meiner Tochter das Glück geſchenkt, für welches ſie Ehre und Alles ge⸗ opfert. Haben Sie Dank dafür, und denken Sie ohne Groll an „Aurora Eldon.“ — Gott! jetzt habe ich genug gelebt, jetzt kann ich ſterben,— ſtammelte Sorenza. 4 Am Tage darauf hatten Werkbeſitzer Sturm mit Frau, Tante und Wittwe des Onkels— ſtrand ver⸗ laſſen. In demſelben Augenblicke, in welchem die Wa⸗ gen fortrollten, empfing Arthur, welcher keine Ah⸗ nung von ihrer Abreiſe gehabt, zwei Briefe. Der eine war von Mariquitta, der andere von Sorenza. Die Erſtere ſchrieb: „Ohne Sie davon zu benachrichtigen, Graf El⸗ don, verlaſſe ich—ſtrand. Selbſt war ich von mei⸗ ner Abreiſe in Unkenntniß, als ich geſtern bei Grä⸗ fin X— mit Ihnen zuſammentraf. Einige Stunden Unterredung mit meiner Stiefmutter haben mich auf eine entſetzliche Weiſe darüber aufgeklärt, daß ich nahe daran geweſen, Ehre, Anſehen und Ach⸗ tung für immer zu verlieren. Ich werde die Un⸗ beſonnenheiten, deren ich mich ſchuldig gemacht, wieder gut zu machen ſuchen. Leben Sie wohl, und haben Sie Dank für die große Aufmerkſamkeit, welche Sie mir bewieſen. Der Brief meiner Stief⸗ mutter wird Ihnen Alles erklären. Denken Sie bisweilen freundlich an Mariquitta.“ Sorenzas Brief lautete folgendermaßen: „Arthur! „Ich hätte gewünſcht, daß Du, als ich gegen Deine Neigung für Mariquitta ſprach, ernſtlich mei⸗ nen warnenden Worten gelauſcht; doch es war eine vergebliche Hoffnung. Du wollteſt, aber Du konnteſt nicht ſtark ſein, Die Folge davon iſt geweſen, daß dieſes Mariquitta beinahe ihre ganze Zukunft gekoſtet hätte, da es beabſichtigt war, den beiliegenden Brief, der, Gott weiß wie, in eines Andern Hände gefallen, ihrem Manne zu übergeben. „Es iſt mir(auf welche Weiſe, kann gleichgültig maeiner Schwägerin irgendwo meine Wohnung auf⸗ 245 ſein) gelungen, dieſem zuvorzukommen; aber, Ar⸗ thur, es iſt nicht immer, daß die Tochter Deines Vaters an Deiner Seite ſteht, um das Opfer zu retten, das Du Dir auserſehen und es den Folgen eines erniedrigenden, wenn auch nicht verbrecheri⸗ ſchen Liebeshandels zu entziehen. „Erniedrigend, weil er ein Betrug gegen das Gelübde iſt, welches ſie abgelegt; erniedrigend, weil er ſie zur Unwahrheit und Verſtellung gegen den Mann zwingen mußte, welcher ein Recht hat, Treue zu fordern in Betreff des Herzens, der Gedanken und der Gefühle. „Arthur, wir ſind jetzt geſchieden, und werden einander ſo bald nicht wieder ſehen, falls wir es je thun. In Stockholm nehme ich Abſchied von Mariquitta und René, um die Reiſe nach Ekſjö fort⸗ zuſetzen. Mein Weg geht entweder nach der Schweiz, Tyrol oder Italien; dort werde ich zugleich mit ſchlagen. Ob, oder wann ich nach⸗Schweden zu⸗ rückkehre, iſt ungewiß. Laß mich Dir deßhalb ein paar Worte zum Abſchied ſagen. „Du beſitzeſt einen edlen Namen; das iſt Dein Erbe, nicht Dein Verdienſt. Du mußt alſo dieſem Namen eigenen Werth hinzufügen, wenn der⸗ ſelbe etwas Anderes werden ſoll, als ein klangvol⸗ les, aber leeres Wort! 1 „Hohe Geburt ſollte nothwendig hohe Bildung erheiſchen; ſonſt iſt erſtere null und von keinem Werth, und der Beſitzer davon kann nie Anſpruch auf die Benennung Gentleman muachen. Aber Bildung begreift nicht allein in ſich einen eultivi 246 ten Verſtand und guten geſellſchaftlichen Ton, ſon⸗ edlung. „Dieſes, Arthur, kann man nicht ſagen, daß deß jenige beſitzt, welcher, gleich einem Dieb, ſeinen auch nicht derjenige, welcher es ſich zur Auf⸗ gabe macht, Weiber zu verführen und von ihren Pflichten abzubringen. Dieß kann ein Mann hoher Bildung ſich erlauben. „Einmal ſagte Frigga Harthon zu Dir:(Du haſt es mir ſelbſt miggetheilt) Ich würde Dir re 3 gut ſein, wenn Du in Handlungen, Gedanken und Gefühlen ein wirklicher Gentleman würdeſt. 3 „Ich ſage jetzt: Laß Deine edleren Inſtincte daß Geburt und Bild ung vereinigt werden kön⸗ gen wird, aber nicht allein durch ihre Worte, ſon⸗ dern auch durch ihr ganzes Leben. Recht ſchlimm ſtände es, wenn ein Weib in dieſem Falle mehr Seelenſtärke beſitzen ſollte, als ein Mann. „Lebwohl, mein geliebter Bruder. Vom Schau⸗ platze der Ereigniſſe verſchwindet jetzt die Tochter des Edelmanns, indem ſie dem Erben ſein— berühm⸗ ten Namens zuflüſtert: werde würdig ihn zu tragen! Zufrieden ſtirbt dann Sorenza.“ Lange, lange Zeit ſaß Arthur unbeweglich; dann und rief: dern noch weit mehr, nämlich moraliſche Ver⸗ Nächſten um Liebe und Treue zu beſtehlen ſucht; von hoher Geburt, aber nicht ein Mann von wirkſam ſein, ſo daß Du der Welt ein Beiſpiel gibſt, nen. Das iſt Etwas, das Frigga ganz gewiß zei⸗ ſtand er auf, ſtrich mit der Hand über die Stirne 247 — Du haſt Recht, Sorenza, nicht der Name, ſondern das Verdienſt adelt den Menſchen. Ich werde auch all dieſe erniedrigende Weichlichkeit weit von mir werfen. Hinaus zur That und Handlung. 43 Wenn wir uns demnächſt wieder begegnen, werde ich in Gedanken und Gefühlen ein Edelmann ſein. Einige Tage darauf hatte Arthur, nachdem er erſt Jennys und Porrys Verlobung beigewohnt, Pſtrand verlaſſen. Er und Ernfrid begaben ſich zuſammen nan Stockholm, der letztere, um auf ſeinen diplomatiſchen Poſten in Frankreich zurückzukehren, der Erſtere, um königlichen Urlaub nachzuſuchen und in engliſchen Orlogsdienſt zu gehen. Wir werden ſpäter in Geburt und Bildung Gelegenheit bekommen, unſere Bekanntſchaft mit den . beiden Brüdern, und vielleicht auch mit Frigga Hart⸗ 5 hon zu erneurn. (Ende des dritten und letzten Bandes.) 7 ebue Kic 2 S „ 2 4„ 7,4 . 2 „ 7 1 4 * ℳ Das belletriſtiſene Auslanl. „ 4 V Kabinetsbibliothek der elaſſiſchen Romane aller Nationen. 4 Preis eines jeden Bändchens 2 Sgr.— 6 kr. rhein. 4 Au beziehen durch alle Buchhandlungen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Bandchen4. About, E., Germaine. Ainswarth, Rookwood, oder der Bandit der Heerſtraße Almquiſt, Drei Frauen in Smaland.. — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben — Amalie Hillner.. — Der Königin Juwelenſchmuck. Anderſen, Nur ein Geiger. — Der Improviſator.. Apeltern, Der Schutzgeiſt..... Seglio, Niccolo de' Lapi... Batzac, Modeſte Mignon, und: die kleinen Kunſtgriffe einer tugendhaften Frau. Belcher, Edward, Horatio Howard Brenton BVell, Currer, Shirley. Roman.. — Vilette..... BVernard, Ch., Erzählungen Pernhardt, Kinder der Zeit. Zoz, Ein Weihnachtsjubelgeſang in Proſa, und: Leben p und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit ꝛc. 18 .** *.. Das Grillchen auf dem Herde....2 — Bleak Houſe....23 — Dombey und Sohn Bremer, Die Töchter des Präfdenten... Rina......... — Die Nachbarn........ . . . . . Bändch Premer, Streit und Friede, oder Scenen aus Norwegen 2 — Das Haus, oder Famiienſorgen. Familienfreuden — Die Familie H........... 144— Ein Tagebuch.... 8— In Dalekarlien.......... 7— Die Johannisreiſe........ 8— Geſchwiſterleben....... 3— Die Heimath in der neuen Welt. 5— Hertha. Geſchichte einer Seele— 5— Vater und Tochter..... 5— Reiſebilder aus der Schweiz und Italien.. 6. Cäſar Pargia, Roman v. Verfaſſ. d.„Whitefriars“ — Das Leid der Zeiten.... 18— Der junge Doktor......... — Simon Turchi..:.. 6 Cecil, oder die Abenteuer eines Stutzers.... 2 10 Conſcience, H., Das Wunderjahr 1566... 2 „— Geſchichte des Grafen Hugo von Craenhove und 6 ſeines Freundes Abulfaragus...... 2 15— Der Rekrut. Eine Dorſgeſchichte.. 2 14— Der Geizhals..1... 2 4.— Der Bauernkrieg......... 5 6.— Der Geldteufel......... 7 8— Batavia. 1..... 8 8 8 8 9 2 3 Cooper, Das Markus⸗Riff der der Krater 8— Edward Myers, od. Erinner. a. d. Leben e. Seemanns 4 7 Cruſenſtolpe, Carl Johann und die Schweden.. 21 Darlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, Königin v. Faankreich 6 3 1 Paan Die blutige Marquiſe...... 7 71 — 11 11 — umas, Aler., Iſaak Laquedem...... — Die beiden Dianen......... Königin Margot....... Die Fünfundvierzig....... Olympia von Clooes........ Eine Tochter des Regenten....... Ange Pitou..en.n. t⸗Ai-.... Die Gräfin Charny... Das Brautkleid.„ Eine corſ. Familie, Geſch. 8. Todten, Gabrietdamßeri Der Baſtard von Mauleon..... Tauſend und Ein Geſpenſt...... Die ſchwarze Tulpe........ Die Taube............ Gott lenkt......„.„..... Gott und Teufel. Der Pfarrer von Aſhburn.... El Salteador............ Catherine Blum...... Abenteuer eines Schauſpielers. Die Mohikaner von Paris. I. Abtheilung. 25 — II. Abth. unter dem Titel: Salvator... Ingenue... Der Page des Herzogs von Savoyen.. Der Haſe meines Großvaters..„ Der Wolfsführer......... Die Gräſin von Verrue........ — Die Genoſſen Jehus....... Karl der Kühne......... Bändchen 1 Dumas, Aler., Meiſter Adam der Ealalreſe. 16 Heinrich IV.. 10.* Die Wölfinnen von Machecoul.. 15— Das Horvscop......... — Black... 17— Memoiren des Dichters dora. 12 Der Pechvogel.... 32— Garibaldi's Memoiren 3 Dumas, Aler., der Jüngere, Diana von Lys — Ein Frauenleben...... Drei ſtarke Männer..... — Sophie Printems — Doctor Servans.... 2 Kleine Novellen.... — Triſtan der Rothe....... — Offland und Antonine.... 1 Eikenhorſt, Van, Amſterdams Geheimniſſe. Ferry, Gabr., Der Waldläufer.... 1— Die Koſalenjagg........ 4 Feval, Pariſer Liebſchaften 5— Der Bucklige...... 7 Fullerton, Schloß Graniee/...... 4„ Lady Bird....... 49 Gleig, Der leichte Dragoner...... 31 Gore, Das Erſtgeburtsrecht...... 3 Die Frau des Geſandten...... — Der Geldverleiher.. 3. Die Bankiersfrau oder Hof und Stadt 9 Guerrazzi, Die Belagerung von Florenz. — Bändchen Guerrazzi, Die Schlacht von Benevent..... 13 Jahkob, Die Katakomben von Rom...... 4 Jungfrau v. Orleans, die, vom Verf. der„Whitefriars“ 12, Jzko, Marie die Spanierin, oder das Schlachtopfer eines Mönchs. Mit einem Vorwort von E. Sue 10 Kavanagh, J., Natalie......... 12 Daiſy Burns........... 11 Knorring, Der Käthner und ſeine Familie ꝛc..27 Stizzen......... 6 Kingston, Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling.... 9 König Karl XI. und ſeine Günſtlinge. Hiſt. Roman 6 Kowalewshi, Petersburg bei Tag und bei Nacht. 8 Lacroir, Die beiden Hofnarren. Hiſtor. Roman. 3 Zamartine,., Raphael. Eine Liebesgeſchichte Fee, Holme, Thorney⸗Hall........ Fever, Bekenntniſſe von Harry Lorrequer.... — Jack Hinton, von der Garde...... Tom Burke............ — Der St. Patriks⸗Abend........ — O'Malley, der iriſche Dragoner...... — O'Donoghue. Eine Erzählung aus Irland.. — Arthur O'Leary, ſeine Fahrten u. Erfahrungen ꝛc. — Die Nevilles von Garretstow......1 — Der Ritter von Gwynne..... — Die Daltons oder drei Lebenswege..... 9 Manzoni, Die Verlobten........ Maguet, Herzensſchulden..... Die weiße Roſe........... Marryat, Reiſen u. Abenteuer des Monſieur Violet — 4½ „ hen 13 Marryat, Die Anſiedler in Canada.. 4 2 Die Kinder des Neuwalds...... 12, Marsh, Emilie Wyndham...... — Schloß Avon....... 10 Mary Jarton. Eine Erzählung aus Mancheſter 12 Mellin, Die Blume auf dem Kinnekulle... 11— Die ungeſehene Gattin. Novelle... 7— Der Fremdling von Alſen. 6 Mlunter, Ein Funke......... 9e-Murrey, Prairievogel......... 6 Murger, Adeline Protat... 8 Niels Juel, Der däniſche Admiral, und ſeine Zeit 5 Novellen, die, des Verfaſſers einer Alltagsgeſchichte. 3 Ormington, oder:„Cecil als Pair“. 4. Palais Koyal, das, hiſtor. Roman von dem Verfaſſer 8. des„Heinrich IV., oder die Tage der Ligue“ 10 Palmblad, die Familie Falkenſwärd... 5 Paſtor Aruold, der, oder die Flucht der Waldenſer. Pfarrhaus auf dem Lande. Ein Familiengemälde.. Pignata, J., Flucht a. d. Kerker d. Inquiſit. in Kon Plouvier, Erzählungen für Regentage... junte, da, von Ceneda, Memoiren..... 0 eybaud, Onkel Cäſar.*..*... Eein Der Fürſt......... 1— Der Trabant. 3— Das Geviſſen, oder Geheimniſſe von Stockholm 28 7 8 6 — — 3 O 00 0— —— 10. — Vater und Sohn.....16 — Königin Luiſe Ulrike und ihr Hof..... 24 6 Rudbech, Stocze ing Vorzeit........ 8 4 uth, von der Verfaſſerin von Mary Barton aand, G., Johannd........ 4 — Spiridion.....„...... 1 — Conſuelo..“ 15 — Der Müller von Angibault.. ¹ . — Jſidora und Teyerino...... — Gilberte. Roman. — Lucrezia Floriani und: der ruftteumdf — Der Piccinino..... „-... Bernhard...... 1 Nobellen.......... 21 — Iſolde....... 8 — Die kleine Fadette........ — Schloß Oedenweiler.... 3*½ Selbſt, Roman von dem Verfaſſer des„Cecil⸗ ꝛc. 11 Seribe, Novellen...... Slick, Das Leben in New⸗ Dork.. Smith, Licht- und Schattenſeiten des Lebens.. — Das Erbe oder die Lehren des Lebens.. — Der Prätendent....... Die Abtei Carrow......... — Willy Moyne.......... — Der Glücksſoldat...... — Sein und Schein. — Ebbe und Flut)..... Sonlir, Von Tag zu Tag..... -...... — Memoiren des Teufels... Stome, Beecher, Onkel Tom' 6 Hütte 8eeru oder Günſtling und Königin Prnaaunnmmmm 10 11