— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen.— 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ n.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Eugen war der flüchtigen Erſcheinung des jungen Mädchens zuerſt voller Beſorgniß gefolgt, hatte nach Verlauf einiger Minuten geräuſchlos die Thür des Zimmers geöffnet, worin ſich die drei Perſonen be⸗ fanden, die ſeinem Herzen die theuerſten auf der Welt waren, und als er fand, daß alles gut aus⸗ ſehe, ſchloß er leiſe die Thür wieder und eilte den Marquis im Salon außzuſuchen. „Welch ein Mädchen!“ rief ihm dieſer entgegen. Er konnte ſich von ſeinem Erſtaunen noch immer nicht erholen.„Welch ein Feuer— welch eine Kraft des Gemüthes— welch ein Leben in ihr!“ Ein feines Lächeln des Diplomaten war ſeine ganze Antwort. Es verrieth aber dem ſchlauen Mar⸗ quis hinlänglich, daß er ſchon längere Zeit Zeuge der gepflogenen Verhandlungen geweſen ſein mochte. „Sie haben gehört?“ fragte er einleitend und etwas weniger erxzentriſch.„Sie wiſſen ſchon— 2“ Der Legationsrath wußte nicht, ob er dieſe Frage auf die allgemeine Erklärung der Verhältniſſe oder auf die letzten Szenen beziehen ſollte. Er ſah fragend auf zum Marquis. „Herr von Schollin theilte Ihnen mit, was während Ihrer Jagdpartie geſchehen iſt?“ erläuterte dieſer. Eine leichte Verbeugung des Legationsrathes bejahete die Frage. Sie führte auf ein Terrain voll unangenehmer Reminiszenzen, die jedoch nicht uner⸗ örtert bleiben konnten. Die größte Vorſicht und Feinheit mußte hier die Klippen umſchiffen. „Wohin iſt Caritas?“ eraminirte der Marquis weiter. Er wollte den Legationsrath zum direkten Eingeſtändniß ſeines Wiſſens zwingen, ehe er weiter verhandelte. „Zu ihrer Mutter,“ entgegnete Eugen lakoniſch. Der Marquis ſah ihn ſcharf von der Seite an. „Sie werden hoffentlich die ſchroffen und ſtolzen An⸗ ſichten Ihres Schwagers nicht theilen, ſondern Ihrer Schweſter ritterlich zur Seite bleiben wollen.“ — 7 „Schwerlich, mein Herr! Meine Anſichten glei⸗ chen denen meines Schwagers vollkommen, allein ſie würden vielleicht in ſeinem Falle noch unerſchütterli⸗ cher geblieben ſein, ich hätte ihn an Unverſöhnlichkeit übertroffen.“ „Was ſoll aber aus der armen Dame werden?“ fragte der Marquis ungeduldig, der den Widerſpruch in Eugen's Worten überſah. .„Darüber ſcheint mein Schwager ſchon entſchieden zu haben und zwar mehr nach den Eingebungen ſeines Herzens, als nach den Regeln des Verſtandes.“ „Ah—“ ſagte der Marquis erleichtert und dar⸗ auf gleich zu ſeinem beliebten ſarkaſtiſchen Tone greifend.„Ah, Gott ſei geprieſen! Herr von Schollin hat vergeben und will vergeſſen: Mir gegenüber war er ganz deutſcher Löwe!“ „Sagen Sie immerhin deutſcher Bär, mein Herr.“ „Nein, nein! Der Edelſinn des Löwen iſt Euch deutſchen Edelleuten nicht abzuſprechen— laſſen Sie den„Löwen'’ gelten.“ Deerr Legationsrath lächelte. Er hatte ſich ein Ziel geſetzt bei dieſem Geſpräche, darauf mußte er zuſteuern. Der Marquis verband auch einen Zweck mit 5. der Unterhaltung. Ihm kam es aber weniger darauf I an unvermerkt denſelben zu erreichen, deßhalb begann er ſogleich: „Nun erlauben Sie mir, Herr Legationsrath, daß ich Sie zum Vertreter meiner Wünſche mache. In allen Fällen iſt Caritas meine Nichte, alſo meine— nächſte Verwandte, außer den eigenen Kindern.“ „Allerdings— doch berückſichtigen Sie, daß ſie auch meine Nichhte iſt.“ 3 Der Marquis lachte. Er hatte wirklich noch nicht daran gedacht. 1 „Zwei Oheime von ſehr verſchiedenem Werthe,“ warf er ironiſch hin.„Laſſen Sie uns alſo gemein⸗ ſchaftlich, aber gründlich, das Wohlſein unſerer Nichte in Erwägung ziehen.“ Eugen horchte geſpannt auf. Der Weg zu ſei⸗ nem Ziele bahnte ſich bei dieſen Worten. „Ich halte dafür, es iſt heſfer, Caritas zieht ohne alle Erörterung mit uns in unſere Heimat. Sie entgeht dadurch Konflikten, die einem Mädchen⸗ herzen nicht wohlthuend ſind, und ſie beeinträchtigt das Glück ihrer Mutter weniger. Ein fernliegende Stein des Anſtoßes iſt ſo gut wie nicht vorhanden „Hierin wird meine Schweſter, ſo wie ich kenne, nicht willigen,“ entgegnete ſehr eilig der — 9 Legationsrath.„Außerdem hieße es ein eben erbautes Glück zerſtören, wollten wir Caritas von ihrer Mut⸗ ter trennen.“ „Ich weiß nicht, ob Sie mit Ueberlegung ge⸗ aͤantwortet haben,“ warf der Marquis ein.„Das un⸗ getrübteſte Glück iſt das kurze, das keine Zeit hatte von Uebeln der menſchlichen Gebrechen berührt zu werden;— oder halten Sie Ihren Schwager, Ihre 4 Schweſter und Ihre Nichte für überirdiſch genug, um in den Konflikten, die unausbleiblich ſind, Sie⸗ ger ihrer ſelbſt zu bleiben?“ „Keinesweges. Aber die wahrhafte Liebe gleicht Mängel aus, die dem Menſchengeſchlechte ankleben.“. „Mir ſcheint, das heißt die wahrhafte Liebe ein wenig aufs Glatteis führen. Eines Tages wer⸗ den Sie das einſehen, und dann wird die Weisheit der Erfahrung zu ſpät kommen.“ „Wenn ich auch Ihren Vorſchlägen Gehör ge⸗ ben wollte,“ fiel der Legationsrath begütigend ein, „was vermag ich gegen den Willen dieſes Mädchens, 6 das, in ſelbſtſtändiger und unabhängiger Lage von Kindheit an, nur durch Ueberzeugung zu bewälti⸗ ſt?“ „ Sollte nicht die Idee ‚zum Glücke ihrer Nutter fortgehen zu müſſen’ eine Art Zwangsmittel werden können? Ich kann dieß nicht anwenden, aber Sie, als nächſter Verwandter der unglücklichen Dame—“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Marquis. Das Schickſal meiner Schweſter iſt in den Händen Schol⸗ lin's gut aufgehoben. Seine edle Natur bekämpft— alle unreinen Elemente, ſo wie er einen Entſchluß gefaßt hat. Sie haben ihn in der erſten, tief und ſchmerzlich eingreifenden Entrüſtung geſehen— ſeine 4 Liebe zu Franziska hat aber den Sieg davongetra⸗ 4. gen. Wollen Sie ihm, wollen Sie mir und auch Caritas eine Erleichterung verſchaffen, ſo geben Sie mir Ihr Ehrenwort, niemand von den heutigen Ereigniſſen etwas mitzutheilen. Sie wiſſen, wie be⸗ gierig unſere Kreiſe nach ſkandalöſen Hiſtorien ha⸗ ſchen— es würde bald von Mund zu Mund gehen und, wenn nicht ſchlimmere und betrübendere Folgen, doch wenigſtens eine unverſchämte Neugier auf unſere Perſönlichkeiten lenken.“ „Ihre Bitte iſt ganz überflüſſig, aber vollſtän⸗ dig gewährt, mein Herr. Ich habe ſogar meine Ju⸗ lie nicht in das Geheimniß eingeweihet, weil m dieſe Lippen nicht ſicher genug ſchienen. Damen von beſonderer Eleganz lieben ihre Kammerfrauen u pflegen dieſe mit allen Geheimniſſen zu beladen, die 11 von Belang ſind. Im Falle Caritas einwilligt mit uns zu gehen, muß ſie den Namen ihrer Mutter ver⸗ ſchweigen lernen.“ „Geben Sie den Gedanken auf, mein Herr,“ unterbrach ihn der Legationsrath ziemlich aufgeregt. „Es würde mein Glück durchkreuzen, wollten Sie darauf beſtehen.“ „Das iſt etwas anderes,“ entgegnete der Mar⸗ quis ernſt. Ihm ſchmeichelte das Vertrauen, das ihm hiermit bewieſen wurde. Eine leichte Ahnung von dem tiefern Verſtändniſſe dieſer beiden jungen Her⸗ zen hatte er ſchon früher erhalten, und ſein ſchnell ſpekulirender Verſtand fand in einer Verbindung der⸗ ſelben ſogleich den leichteſten Weg alle Mißhelligkei⸗ ten ins gleiche zu bringen. Wie tief und überwäl⸗ tigend aber eine Neigung in des Diplomaten Bruſt ſchon Wurzel gefaßt haben mußte, um zu ſolchen Ent⸗ ſchlüſſen zu kommen, davon wußte ſeine Seele nichts. „Wir beläſtigen alſo Caritas nicht nochmals mit Anträgen unſere Tochter zu heißen,“ ſetzte er nach einer langen Pauſe hinzu.„Meiner Julie werde ich jetzt erklären, daß ſie ohne Tochter heim⸗ ziehen muß— ſorgen Sie dafür, daß nicht ein Laut zu ihr dringe von der wahren Sachlage.“ Er entfernte ſich. Eugen war ſehr zufrieden. Es übertraf ſeine Hoffnungen, die er in Rück⸗ ſicht auf die Geheimhaltung des unwillkommenen Ver⸗ hältniſſes gehegt hatte. Er blieb ſeinen Gedanken überlaſſen, und dieſe ergingen ſich mit einiger Verwunderung in die nächſte Vergangenheit. Die Aufregungen ſeines Innern zeigten zu merkwürdige Reſultate, als daß ein ſo ver⸗ nunftvoller und beſonnener Mann, wie er, nicht zu Meditationen darüber aufgefordert werden ſollte. Er verhehlte ſich nicht, die Milde, welche ihn unaufhalt⸗ ſam durchſchlichen hatte, früher nicht gekannt zu haben und bei derartigen Verhältniſſen mit großer Rigoriſität verfahren zu ſein. 3 Sollte in der Liebe wirklich ein ſo belebendes und beſänftigendes Element liegen?— Sollte dieſer beſeligende Einfluß ſo eindringlich auf ihn gewirkt haben? Er hätte es ſelbſt jetzt noch gern in Abrede ſtellen und ſeine Gemüthsſtimmung den eigenen und ſelbſtbewußten Entſchließungen zuſchreiben mögen Aber es half ihm nichts mehr. Die lebhaften Hoff⸗ nungen und die glühenden Wünſche, womit er ſeiner Zukunft entgegenſah, enttäuſchten ihn über den Edel⸗ muth, dem er die Regungen der Verſöhnlichkeit zuzu⸗ ſchreiben für gut fand. 13 Am Schluſſe ſeiner tiefſinnigen, nicht ganz gleich⸗ mäßig philoſophiſch weisheitsvollen Betrachtungen ge⸗ ſtand er ſich offen und ehrlich ein, daß er in der reinen und tiefen Zuneigung des jungen Mädchens, welches er Nichte zu nennen gezwungen war, eine Belohnung für die geopferten Grundſätze ſuchen und finden würde. Auch bei dieſem Manne ſtellt ſich alſo der Egoismus als die Triebfeder ſeiner Handlungen her⸗ aus, wenn wir auch zugeben wollen, daß die Heilig⸗ keit der geſchwiſterlichen Bande zuerſt ſeinen Zorn gedämpft und ihn zur Fürſorge für ein hilfloſes Weib aufgefordert hatte. Zweites Kapitel. Dem Anſcheine nach ſtand der Abreiſe des fran⸗ zöſiſchen Ehepaares am nächſten Morgen nichts mehr entgegen. Der Reiſewagen war gepackt. Die Bedienung wartete mit der geduldigen Gleichgiltigkeit ihres Standes auf die Befehle, wel⸗ che die Achſen desſelben in Bewegung bringen ſollten. Allein oben im Salon waren die Spuren von Un⸗ entſchloſſenheit und Erwartung noch ſprechend in allen Geſichtern ausgeprägt, und die geſchloſſene Gruppe der ſämmtlichen Schloßbewohner zeigte, daß noch Be⸗ rathungen gepflogen wurden. Caritas, der Grund der Zwietracht und des Zauderns, ſtand in der Mitte. Ihr Geſicht, von wohlwollendem Lächeln überſraylt iendete ſie faſt unausgeſetzt den beiden Menſchen zu, die ihr mit 15 herzlicher Liebe ein Lebensglück zu bereiten ſo weit hergekommen waren. Aber ihr Herz weilte nicht in dem freundlichen Blicke; ihr heißes und überſtrömen⸗ des Gefühl war nur ſichtbar, wenn ſie auf flüchtige und unbemerkte Momente zu Franziska aufblickte oder dem Blicke Eugen's begegnete. Eine bedeutende Spannung lagerte auf den Mienen der Marquiſe. Sie hob bisweilen kampfbe⸗ reit ihre ſtattliche Figur zu einer würdevollen Hal⸗ tung empor, und wenn ſie im allgemeinen eher verdrießlich als bewegt ausſah, ſo zuckte doch mit⸗ unter ein Zug durch die Verdrußwolken, der an Schmerz mahnte. Sie war der Stein des Anſtoßes zu dieſer Morgenſzene. Ganz gegen alle Erwartung hatte ſie die Eröffnung, daß Caritas nicht ihre Toch⸗ ter ſei, nicht mit Geduld und Ergebung entgegen⸗ genommen, ſondern mit vieler Prätenſion Zeugniſſe dieſer Behauptung gefordert und mit Heftigkeit Zweifel dagegen aufgeſtellt. Durch dieſe unvorhergeſehene Wendung erhielt die Stellung der Parteien ein kriegeriſches Anſehen, und der Marquis hatte Befehle erlaſſen, die den Zweifel beſeitigen und jeden Skrupel heben ſollten. Man erwartete die Forſtſchreiberin Lindſtedt. Sie war die Einzige, welche Auskunft geben konnte, 16 wenn man ſonſt das Sterbebett der Witwe Weber vermeiden wollte. Ein Geräuſch im Vorzimmer feſſelte aller Blicke an den Eingang— einige der Herzen mochten wohl ſtärker klopfen als ſonſt. Die Thür öffnete ſich. Herr von Schwechten erſchien auf der Schwelle. Er las die ſichtlich getäuſchte Erwartung in aller Mienen und trat raſch näher. „Sie erwarten die Forſtſchreiberin,“ begann er nach einer wortloſen, ſehr haſtigen Begrüßung— „ich komme in ihrem Namen und bringe Ihnen allen zugleich die letzten Grüße und den Segen der Witwe Weber— ſie iſt ſoeben geſtorben!“. „O, mein Gott,“ riefen die Anweſenden. Caritas legte ihre Hände gefaltet über ihre thränennaſſen Augen. „Hegen Sie indeß keine Beſorgniſſe, daß der Auftrag, den Sie, Herr Marquis, an die Forſtſchrei⸗ oerin erlaſſen hatten, nicht vollzogen ſei. Die Bot⸗ ſchaft kam zeitig genug, um alles erledigen zu kön⸗ nen, was nöthig war. Frau Weber zeigte ſeit geſtern Abend eine vollſtändige Sammlung aller Lebensgeiſter. Sie ſprach ganz zuſammenhängend mit der Forſtſchrei⸗ berin, fragte nach allem, was ſeither geſchehen war, bewies alſo, daß ſie bei vollem Bewußtſein war. — 17 Gegen Morgen verlangte ſie nach unſerem Pfarrer, und dadurch kam ich zur Kenntniß ihres hoffnungsloſen Zuſtandes. Um die Frau, der ich immer ſehr gewo⸗ gen geweſen bin, noch einmal zu ſehen, ging ich mit dem Pfarrer hinüber und erfuhr von den erwachten Zweifeln über Caritas. Da ich einſah, daß Ihnen daran gelegen ſein mußte die Identität dieſes jungen Mädchens auf ſicherem Grund und Boden bewieſen zu ſehen, ſo nahm ich Gelegenheit, mit dem Pfarrer im Verbande die Sache ſehr ernſt zu behandeln und eine wahrheitsgemäße Ausſage von der Sterbenden zu fordern. Es thut mir wahrlich leid, aber ich muß Ihnen“— er wendete ſich zum Marquis und über⸗ reichte ihm ein Dokument in Form eines Protokolles, unterzeichnet von dem Pfarrer, von der Forſtſchreibe⸗ rin und von ihm ſelbſt.—„Ich muß Ihnen hier⸗ mit ein glaubwürdiges Atteſt vorlegen, daß Caritas ganz unzweifelhaft dasjenige Kind iſt, das ein ſoge⸗ nanntes Amulet um den Hals getragen hat. Dieß Amulet iſt erſt nach dem Tode des andern Kindes, ſogar erſt nach dem Begräbniß desſelben, mit vielem Widerſtreben von Seiten der Witwe Weber eröffnet worden, und der verſtorbene Forſtſchreiber hat danach das kleine Mädchen Caritas genannt.“ 5 Der Marquis nahm das Dokument und über⸗ 1857. V. Caritas. III. 2 reichte es mit einem leichten malitiöſen Lächeln ſeiner Gattin, die haſtig danach griff und es ſorgſam durchſtudirte. „Ich muß freilich hiernach meine Rechte aufge⸗ ben,“ ſagte ſie mit einer Miſchung von Verdruß und A Rührung—„allein, Caritas— ich habe dennoch ein Recht an Dich, ſo lange Deine Mutter ſich nicht findet. Ich wiederhole mein Anerbieten von früher: komm mit mir!— Wir erlaſſen Aufforderungen— hilft das nicht zur Aufklärung Deiner Geburt und Deiner ſonſtigen Verhältniſſe, ſo adoptiren wir Dich! Willſt Du— Caritas?“ Caritas, von den Vorſätzen unterrichtet, die Dame wegen ihrer unzuverläſſigen Launenhaftigkeit über die heiligen Bande in Ungewißheit zu laſſen, welche Frau von Schollin und ſie verknüpften, ſchmiegte ſich freundlich an ſie und küßte ihre Wangen. Sie ſprach dabei beſtimmt, aber ſanft, ihre Weigerung aus. Franziska trat zurück aus dem Kreiſe und ſuchte an einem entlegenen Fenſter Platz. Es that ihr weh, die Frau, der ſie die Rettung ihres Kindes verdankte, vom allgemeinen Vertrauen ausgeſchloſſen zu ſehen. Ihr Gatte folgte ihr. Während ſich die Marguiſe lebhaft mit Car 19 beſchäftigte und alle Ueberredungskunſt, die ihr zu⸗ gebote ſtand, anwendete, um ſie ihren Wünſchen geneigt zu machen, wendete ſich Herr von Schwechten ausſchließlich an den Marquis, der verſtohlen die An⸗ ſtrengungen ſeiner Gemahlin belauſchte, welche Ca⸗ ritas von ihrem Vorſatze abwendig machen ſollten. Es war ihm intereſſant dieſe beiden ganz verſchiede⸗ nen Naturen dabei zu beobachten, und er ließ ſich ungern davon abziehen, als Schwechten ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch zu nehmen ſich bemühte. „Die Forſtſchreiberin Lindſtedt hat mich außer⸗ dem beauftragt,“ begann er, indem er ein zweites Papier aus ſeinem Portefeuille nahm,„Ihnen, Herr Maraquis, dieſe Geldverſchreibung wieder zuzuſtellen.“ Der Franzoſe hob ſeine Stirn ſtolz empor und ſah Schwechten mit allen Zeichen ſehr großer Ver⸗ wunderung ſtarr an.„Warum? Weßhalb? Glaubt die Frau nicht ſicher zu ſein, daß der Wechſel rich⸗ tig iſt? Hat ſie Mißtrauen gegen meinen Namen? Will ſie lieber baar Geld? Reden Sie, mein Herr — die Zeit drängt!“— „Nichts von allem, Herr Marquis,“ verſetzte Schwechten artig, aber doch lächelnd über die leiden⸗ ſchaftliche Haſt verletzten Stolzes.„Frau Lindſtedt glaubt ſich unter den vorwaltenden Umſtänden nicht 28 1 befugt, Beſitz von einer ſo großen Summe Geldes zu nehmen.“ „Das verſtehe ich nicht— wer ſonſt als ſie? — An wen ſollt' ich zahlen?“ „Die Perſonen, welche, durch kleine Opfer viel⸗ leicht, ein Recht dazu hätten, wären todt— aber abgeſehen davon glaubt ſie zur Rückgabe verpflichtet zu ſein, da Sie, als Fremder, doch keinesweges die Entſchädigungskoſten des jungen Mädchens zu be⸗ ſtreiten haben.“ Der Marquis fuhr ärgerlich mit der Hand durch ſein wohlfriſirtes Haupthaar. „Hier in Deutſchland fangen die Tugenden an, unbequem zu werden,“ ſagte er im höchſten Grade verſtimmt.„Sagen Sie dieſer ertravagant ehrlichen Frau Forſtſchreiberin mein Kompliment und ſie möchte dieß Geld nur in aller Ruhe und Geſundheit ver⸗ brauchen. Ich kannte den Vater der liebenswürdi⸗ gen Caritas ſehr gut und bin ihr, ſo wie ihren An⸗ gehörigen, die dieß Kleinod ſo ſchön behütet haben, ebenſo verpflichtet, als ſei es mein Kind— damit mag ſie ihr rebelliſches Gewiſſen beruhigen.— Se⸗ hen Sie hin“— fügte er in warmem, ſehr lebhaftem Tone hinzu—„ſehen Sie hin, mein Herr, iſt dieſe 21 blühende, reizende Blume damit wohl hinlänglich w bezahlt?“ Herr von Schwechten legte ſtill das Gelddoku⸗ ment wieder in ſein Portefeuille— ihm ſtieg der Gedanke an eine ſonderbare Schickſalsverflechtung dieſer Menſchen auf. Sein Zartgefühl und der echt chevalereske Sinn ſeines ganzen Weſens verboten ihm aber jede Nachforſchung danach. Späterhin traten Umſtände zuſammen, die ihm Aufſchlüſſe gaben. Er ſtellte ſie insgeheim mit den Eröffnungen in Verbindung, die ihm von Malchow gemacht waren, dadurch bekam alles eine gewiſſe Abrundung und Wahrſcheinlichkeit; allein der gewiſ⸗ ſenhafte Edelmann hat niemals verrathen, was er in Deutſchland vielleicht allein wußte. Er ſchwieg zartfühlend in ſpätern Tagen, wie eres im Momente des Scheidens von einem Manne that, der ſeine Ach⸗ tung errungen hatte, trotzdem er ſein Aeußeres mit dem Scheine der Leichtfertigkeit überzog. Brittes Kapitel. Der Abſchied war überſtgnden— die Span⸗ nung der Gemüther löste n nach und nach, und der Druck, welcher theilweiſe noch auf den Herzen lag, verbarg ſich unter den Formen der Konvenienz, die bisweilen der beſte Arzt für heftige Gemüthswal⸗ lungen wird. Die Erinnerung an den ſchmerzhaften Mißmuth, den die Marquiſe bei den letzten Momenten zur Schau getragen, wurde eher vergeſſen, als die kapri⸗ ziöſe Laune des Marquis, der unter dieſer Maske ein wärmeres Gefühl verſtecktgehalten hatte. Der Legationsrath beurtheilte den Marquis ſehr günſtig. Er hatte in ihm eine Charakterbildung ent⸗ deckt, die mit der ſeinigen das Eigenthümliche theilte 23 zu große Weichheit des Herzens mit männlicher Kälte zu bezwingen. „Es iſt eine Affektation, die zuletzt mit unſerm Weſen verwachſen und uns zur Natur werden kann,“ meinte er lächelnd. Mit einigen bedeutſamen Sei⸗ tenblicken auf Caritas fügte er aber hinzu:„Die Nichtigkeit eines weiblichen Weſens neben uns ver⸗ ſchlimmert dieſen Fehler, wenn ein lebensvoller, phan⸗ taſiereicher Mann nicht zu dem Mittel ‚geiſtiger Trennung der Häuslichkeit’ ſchreiten will, und dann werden Indolenz und Sarkasmus die einzige Waffe ge⸗ gen eine kalte, elegante Lebensgefährtin.“ „Frühzeitige und unüberlegte Heirathen tragen jedoch faſt immer den Charakter einer ſolchen Ehe, wie die des Marquis,“ warf der Landrath ein. „Die Marquiſe iſt gut,“ rief Caritas etwas gereizt.„Der Marquis ſollte nur nicht dulden, daß ſie mehr an ihre Locken und an ihre Garderobe denkt als an ihn, ſo wäre ſein Glück gleich gemacht.“ „Ganz recht,“ verſetzte Eugen lakoniſch,„wenn nämlich ſein Glück bei dieſem kriegeriſchen Angriffe nicht gänzlich zugrunde ginge. Er ſcheint derglei⸗ chen Erfahrungen gemacht zu haben und beſchränkt ſich deßhalb auf das kleine Witzfeuer, mit welchem 24 er die Ertravaganzen ſeiner Gattin ſo weit in Zaum zu halten verſteht, wie es durchaus nöthig iſt.“— Außer ſolchen harmloſen Plaudereien gab es aber auch Stunden ernſten Nachdenkens auf dem Schloſſe. Franziska rang noch immer mit den Ein⸗ wirkungen großer Entmuthigung. Sie ſah zwar die Nacht ihres Schickſales vor den Strahlen einer rei⸗ nen Sonne entweichen, aber je herber das Leid und die Schmerzen dieſer Nacht geweſen waren, deſto muthloſer machte ſie die geringſte Umdüſterung des Sonnenlichtes, das ſie mehr als jemals zu ihrer Exiſtenz gebrauchte. Im allgemeinen entwickelte ſich das Seelenleben dieſer vier Menſchen ohne Hinder⸗ niſſe zu einem harmoniſchen Ganzen. Von außen trübte kein Hauch ihre Lebenstage. Sie ſtanden iſo⸗ lirt auf dieſer Erdſcholle, ſeitdem auch Schwechten ſeine Heimat verlaſſen und für längere Zeit nach der Reſidenz überſiedelt war. Caritas war jedenfalls von allen die ſorgloſeſte und die glücklichſte. Ob ſie einen Namen hatte? Was kümmerte es ſie. Ihre kindliche Seele ſchwelgte in dem Glücke eine Mutter gefunden zu haben. Sie zeigte ſich zartfuhlend genug, dieſen Gefühlen nie in der Gegenwart des Landrathes Worte zu geben; aber wenn ſie allein mit Frau von Schollin war, 25 dann ließ ſie alle Schranken und alle Schleier fal⸗ len, dann glühte etwas edles und doch phantaſti⸗ ſches in ihrem Weſen auf, was ein Mutterherz be⸗ ſeligen konnte. Es waren dieß die Feſtſtunden ihres Lebens. Sie waren aber, wie die Sonntagsfreuden, nicht nur der Heiterkeit geweiht, ſondern der Heili⸗ gung und Erhebung. Aber es kam ein Tag, der dieß ſchöne Glück ſtörte. Nach und nach trat das Schickſal heran, um die Trennung dieſer weiblichen Herzen, die das Ver⸗ hältniß einer Mutter und Tochter bis zur idealen Reinheit und Hingebung erhöht hatten, zu bewirken. Der Legationsrath, im ſtillen beglückt wie noch nie in ſeinem bewegten Leben, und von ſeinem Eifer, die brillanten Anlagen des jungen Mädchens zu bilden, ganz hingenommen, erhielt Briefe, die ſeinen Urlaub plötzlich abkürzten und ſeine Abreiſe ſchleunigſt forderten. Zuerſt aufgeregt, verwirrt von der drohenden Trennung, zeigte ſein Betragen gegen Caritas eine ſo leidenſchaftliche Färbung, daß Franziska jeden oment eine Erklärung heraustretend erwarten mußte. Er geſtattete ſeinen Augen eine verrätheriſche Glut und ſeinen Worten eine zärtliche Bedeutung Dann wurde er ruhiger und zuletzt mehr al ruhig.— Kalt und beſonnen ſprach er von ſeinen Plänen für die Zukunft, von ſeinen Erwartungen und Hoffnungen, womit er ſeiner Karritre jetzt ent⸗ gegenzugehen berechtigt war— in dieſen Plänen und Hoffnungen war kein Plätzchen Raum für die Liebe und für eine Perſönlichkeit von Caritas' Beſchaffenheit. Nur Glanz, Stolz und eitle Träume von hohen Stellungen im Leben füllten ſeine Gedanken. Selbſt die Unerfahrenheit der Jugend erkannte das. Caritas trat ſtill aus dieſen Phantaſien zurück — ſie fühlte ſich aufgegeben. 1 Der Weltmenſch hatte alſo glücklich die Regungen des Herzens bekämpft. Er hatte ſich geprüft, er hatte ſeine Gefühle unter das Prisma der verſchiedenartigen Welturtheile geſtellt, und unter dieſer Beleuchtung hatte ſein Hochmuth den Sieg davongetragen. Gegen ſeine Schweſter ſprach er ſich nicht aus. Aber dem Landrathe eröffnete er ſein Inneres. „Ich kann mich nicht entſchließen, meine Lauf⸗ bahn durch Herzensgefühle abkürzen zu laſſen,“ ſagte er mit großer Ruhe zu ihm.„Hätte Caritas in dem Marquis ihren Vater gefunden— ſelbſt in dem Falle, daß ſie dadurch aus Mangel an Ahnen nicht hoffähig geworden wäre— ich würde der Meinung der Welt zu trotzen verſucht haben. Ich geſtehe Dir 834 27 ein, daß ich oft dem Gedanken nachgehangen habe, ſeitdem ich des Mädchens Abkunft erfuhr, mich ihr, unter Aufopferung meiner glänzenden Ausſichten fürs Leben, zu widmen— allein“— Er brach ab und beobachtete den Schatten, der tief und tiefer des Landraths Stirn überflog. Als dieſer mit der Antwort zögerte, ſetzte er heftig hinzu: „Ich hoffe, Du wirſt mich nicht tadeln. Ich will und muß verſuchen ohne idylliſches Glück zu leben. Hoffentlich iſt das Bild meiner reizenden Nichte noch nicht ſo feſt in mir, daß nicht der Glanz meiner Welt es überſtrahlen kann.“ Schollin zuckte die Achſeln. „Wenn ſie den Zauber ihrer Mutter geerbt hat,“ murmelte er truͤbe,„ſo wird Dein Kampf ein vergeblicher ſein.“ Eugen lächelte. Er hielt ſich für ſchlagfertiger und gerüſteter zu ſolchen Kämpfen. „Es iſt wahrſcheinlich,“ ſprach er ablenkend, „daß ich nach Petersburg geſchickt werde. Kann ich dorthin eine namenloſe Gattin mitnehmen? Oder ſoll ich ſie mitnehmen und in zweideutiger Obscurité mit mir leben laſſen?“— „Das würde ich nie dulden!“ fuhr Schollin auf „Und ich würde mir es nie erlauben,“ fügte Eugen ſtolz hinzu.„Wähle ich eine Gattin, deren Abkunft ich vertreten muß, ſo ſchütze ich ſie mit meinem Blute.“ Das Geſpräch endete. Nicht ganz zufrieden mit einander mußten ſich beide Männer ſagen, daß ſie nach ihren Anſichten handelten und daß die Opfer des Stolzes immer das Pulſiren des Herzens beein⸗ trächtigt hätten, ſo lange die Welt ſtand. Von den ſpeziellen Gefühlen Schollin's wird uns der Erfolg unſerer Erzählung Rechenſchaft ge⸗ ben. Ueber Eugen's Empfindungen können wir nur ſagen, daß er das Alter überſchritten hatte, wo die Herrſchaft des Herzens alles andere unterjocht und ſich zur Hauptſache des Lebens ausbildet. Er ſchlug einen Kampf mit der, Liebe nicht hoch an, weil er die Leidenſchaft in höchſter Potenz noch nicht hatte kennen lernen, und er betrachtete die Ueberwindung ſeiner Gefühle bei frühern Liaiſons als den Maß⸗ ſtab ſeiner innerlichen Kraft. Dazu kam noch ein wenigopferbereites Gemüth und die richtige Erkennt⸗ niß von den Erforderniſſen einer Frau, die ihn dau⸗ ernd zu feſſeln im Stande ſein ſollte. Reine Liee benswürdigkeit und hingebende Zärtlichkeit, äußere Reize und Tiefe des Gemüthes reichten bei ihm, ſo 29 dachte er, nicht aus. Die Macht ſeiner Geliebten mußte impoſanter ſein. Und er war geneigt, dieſe Macht in äußeren Lebensſtellungen zu ſuchen. Hohe Geburt wog bei ihm um ſo ſchwerer, als er ſelbſt einem der älteſten Stämme des deutſchen Adels entſprun⸗ gen war. Er ſchied aus dieſem Aſyle des Friedens mit der Ueberzeugung, recht gehandelt zu haben, ohne ſich von den verführeriſchen Erinnerungen an flüchtigen Herzensverrath beirren zu laſſen.. Die traurigfragenden Blicke ſeiner Schweſter bemühte er ſich unbeachtet zu laſſen. Ob er ſich bei der Zurüſtung zu innern Kämpfen nicht auf die Hoffnung ſtützte, daß ihm ein Glück hier ſicher genug bliebe, wenn er nicht als Sieger daraus hervorginge? Caritas benahm ſich vortrefflich. Sie war ſtiller und etwas bleicher geworden bei der plötzlichen Ver⸗ änderung ſeines Betragens, aber kein Wort, kein Blick verrieth den Zuſtand ihres Herzens. Mit dem feinen Sinne der Weiblichkeit entdeckte ſie die Skru⸗ pel, die die Seele des ſtolzen Weltmannes in dem Momente überfluteten, wo er wieder in das Ge⸗ wirre des Lebens zurückzukehren gezwungen wurde. Ihr war klar, ohne daß ſie die Bühne der Welt jemals betreten hatte, daß ſich unüberſteigliche Hin⸗ derniſſe einer Verbindung mit ihr entgegenſtellen würden, ſo lange er den Kreiſen angehörte, die nach ſeiner belebten Schilderung das Vollendetſte der Bildung und der Geburt in ſich vereinten. Als der Augenblick des Abſchiedes herannahte, blitzte eine fürchterliche Aufregung durch Eugen's Thun und Treiben, während Caritas ſehr ruhig am Flügel lehnte und ihre Blicke ſinnend auf den weißen Taſten ruhen ließ. Sie hatte unter Eugen's Leitung die erſten Schritte zur Ausbildung in der Muſik un⸗ ternommen, und ihrer Seele mochte die Begeiſterung vorſchweben, womit ſie ſtets ſeinem vollendeten Spiele gelauſcht hatte. „Werden Sie meiner gedenken?“ fragte er. Sie lächelte ſanft und blickte feſt in ſein un⸗ ſtetes Auge. „Ich werde mich mit Leidenſchaft der Muſik widmen— dann denke ich gewiß an Sie!“ war ihre Antwort. Bis ins Innerſte hinein tönten dieſe ruhigen und einfachen Worte. Eine Ahnung durchſchauerte ſein Herz— Du verlierſt dieſes Kleinod— warum willſt Du es nicht an Dich feſſeln!— Seine Hand hob ſich ſie zu erfaſſen— ſein 31 Blick hing an ihrem Auge— ſeine Lippe bebte unter der inhaltſchweren Bitte: ſei mein— folge mir! aber er bezwang das Wort, er wendete den Blick und ließ die Hand ſinken.— Ein Lebewohl und ſie waren geſchieden. Viertes Kapitel. Im Menſchen wuchert ein giftiges Uebel, das mit ſeinen ſchönen Blüthen die Beobachtung täuſcht und von manchen als ein Beweis tiefer und heili⸗ ger Gefühle betrachtet wird. Das iſt der Neid der Liebe! Selten findet ſich dieſer Neid der Liebe, der durchaus nichts mit den Flammen der Eiferſucht ge⸗ mein hat, in dem bräutlichen Verhältniſſe; er iſt nur ein Begleiter zärtlicher Ehen, niſtet ſtets mehr im Herzen des Mannes als der Frau, und zerſtört man⸗ ches Bündniß, das unter dem ſegenverheißenden Schutze der wahrhafteſten Liebe begann, bis zur Wur⸗ zel hinab. Sein Grundelement iſt das Begehren: im Her⸗ zen des geliebten Gegenſtandes allein zu herrſchen, es allein auszufüllen; deßhalb erſtreckt ſich der Neid der Liebe auf alles, was dieſen Gegenſtand umgibt, was ihn beſchäftigen und von ſtetem Gedenken der Liebe abhalten könnte. Nichts ſoll das Herz der Frau beſchäftigen, als die Sorge um das Wohlſein des geliebten Mannes, ſo denkt der Gatte, welcher endlich die als ſein Eigenthum ſieht, die er feurig erſehnt hat;— nichts muß ſie hindern nur ihm zu leben, nichts darf ſie mehr intereſſiren, als das Lä⸗ cheln ſeines Mundes und der frohe Blick ſeines Auges. Wie geſagt: dieſer Neid der Liebe entſpringt aus Quellen, die Glück und Wonne mit ſich brin⸗ gen— aber er iſt ein ſtiller und ſicherer Feind der Ehe, und mehr als alles zu fürchten und zu beach⸗ ten, was ein friedliches Glück zu ſtören vermag. Wenn es der Eiferſucht gelingt, die Liebe lange wach und flammend zu erhalten, ſo iſt die Einwirkung des Neides der Liebe als ein Gifttropfen zu betrachten, der weder Aufregung, noch Schmerzen mit ſich bringt, der aber durch die tiefe verborgene Bitterkeit der Er⸗ fahrung das Gemüth durchdringt, die Grundfeſten der Ehe untergräbt und das herzliche Intereſſe tödtet, das den Gatten immer ſicherer wieder zur Gattin zurückführt, als alle momentanen Aufregungen der Zärtlichkeit. 1857. V. Caritas. III. 3 Von dieſem Geſichtspunkte aus müſſen wir das Benehmen des Landrathes beurtheilen, wenn wir einige Wochen nach der Abreiſe des Legationsrathes bemerken, daß er ſelten mit unbewölkter Stirn das Zimmer ſeiner Gattin betrat und daß er es oft nach kurzem Verweilen haſtig und ſichtlich aufgeregt wie⸗ derverließ, wenn er die Blicke innigen Verſtändniſſes zwiſchen Franziska und Caritas zu belauſchen Gele⸗ genheit fand. Es war nicht kalte Selbſtſucht, die ihn zu dem Verlangen trieb ungetheilter im Herzen Franziska's zu herrſchen, nein, es war ihm ein Bedürfniß dort in der Geltung zu bleiben, die er ſich erworben hatte. Sein Sinn verdüſterte ſich unter der Erkennt⸗ niß, daß er ſeiner Gattin nicht mehr zur Erheiterung des Lebens nothwendig ſei, daß ſie die Stunden der Trennung nicht mehr bitter beklage, daß in dem Reize der Jugend, die ſich unter dem geiſtigen Hauche ihres eigenen Weſens prachtvoll zu entfalten begann, eine Erheiterung erblühte, an der er nicht eng und unumgänglich nöthig betheiligt war. Er hatte mit edlem Herzen die traurige Ver⸗ gangenheit Franziska's umwoben und ſich dafür ver⸗ antwortlich gemacht— er hatte das alles vergeben, was ihr zur Laſt fallen konnte— er hatte dem 3⁵ Kinde des Unglückes ſogar eine Freiſtatt bei ſich geboten— aber war damit das ganze Ereigniß, das ſein Inneres furchtbar erſchüttert hatte, war es damit der Vergeſſenheit anheimgefallen? Nein. Er fühlte bei der Erinnerung daran einen Schmerz, der wie mit feinem Widerhaken die Wunde zu vergrößern ſchien. Er war keinesweges blind bei dieſem Schmerze, aber er hoffte auf Heilung! Die Liebe ſeines Schwagers zu Caritas ver⸗ ſprach ihm die Entfernung eines Gegenſtandes, der ihn doppelt und dreifach berauben zu wollen ſchien. Ohne gegen das Mädchen eingenommen zu ſein, war ihm ihr Eintritt in ſein ſchönes ſpätes Eheglück widerwärtig. Er beneidete ſie der Zärtlichkeit wegen, die in den Augen ſeiner Gattin leuchtete, wenn ſie auf ſie ſchaute. Er gönnte ihr die liebevollen Worte nicht, die ſeine Gattin an ſie richtete. Bei der Er⸗ klärung Eugen's: Caritas nicht zu ſeiner Gattin zu wählen— wurde ihm das klar, und von dieſem Augenblicke an betrachtete er ihr Daſein als ein Un⸗ glück, das gekommen war ſeinen Himmel zu trüben. Flüchtige Aeußerungen verriethen ſein Inneres. Die Frauen berückſichtigten mit feiner Schonung das, was ſie Laune zu nennen ſich geneigt fühlten. Sie 3* ſahen ſich nur, wenn er in ſeinem Bureau war. Ca⸗ ritas erſchien nicht mehr im Salon zu einer andern Zeit als zu den Mahlzeiten. Der Zuſtand war pein⸗ G lich und er ſchien dauernd werden zu wollen. 8 Franziska, vom eigenen Herzen geleitet, das in tiefer und leidenſchaftlicher Innigkeit an Schollin hing, begann darüber nachzudenken, wie dem Uebel der Entfremdung zwiſchen ihnen vorgebeugt werden könne;— in dieſem kritiſchen Zeitpunkte erhielten ſier einen Brief von der Marquiſe Deſalles, den wir, zur Charakteriſtik der Dame gehörend, hier folgen laſſen.. Er war in deutſcher Sprache geſchrieben und zeigte, daß ſie ihre Mutterſprache noch nicht ſo ſehr verlernt hatte, wie ſie ſich den Anſchein zu geben pft bemühte. „Wir ſind im Begriffe unſere Rückreiſe nach Frankreich anzutreten, und ich kann mich nicht ent⸗ ſchließen meine Heimat zu verlaſſen, ohne noch ein⸗ mal den Verſuch zu machen, das holde Mädchen, das ich nicht meine Tochter nennen ſoll, für mich zu gewinnen. „Was Sie auch ſagen mögen— wie ſehr der Beweis auch gegen meine Meinung ſtreitet— ich bin überzeugt: Caritas iſt meine Tochter! 37 „Woher ſonſt, bei meinem ſonſt ſo trägen Blute, die innere Sehnſucht nach ihr— woher die Liebe und die Sorge um ihr Wohlſein? „Tag und Nacht habe ich des Mädchens gedacht ſeitdem ich ſie verlaſſen! Ich will für ſie wachen und ihr Leben erheitern— ich will ſie lieben— ich will ihre Bildung erweitern!— Sie ſoll der Stolz und die Freude derer werden, denen ſie angehört!— Caritas, komm zu mir, mein Kind— komm und lebe bei mir. Ich habe noch niemand ſo herzinnig liebgewonnen als Dich und in ſo kurzer Zeit— komm und bleibe bei mir. Meine Knaben hatten ſich ſo ſehr auf die Schweſter gefreut— ſie ſind traurig, daß ſie heimkehren ſollen ohne dieſe Schwe⸗ ſter. Der Marquis nennt es zwar Eigenſinn und Laune, wenn ich meinem Wunſche Worte gebe und die Zukunft mit Deinem Bilde, Du liebenswürdiges Kind, ſchmücke; aber er ſehnt ſich ſelbſt nach Deinem Anblicke, und ſeine Augen glänzen freudig, wenn er von Dir ſpricht. „Caritas bedenke wohl, ehe Du Dich entſcheideſt, überlege meine Bitte, ehe Du ſie ablehnſt. Du ſollſt unſere Tochter, unſere geliebte Tochter ſein— Du ſollſt unſeren Namen führen— Du ſollſt mit un⸗ ſern Knaben theilen. Eine Heimat— ein Vater⸗ 38 herz— ein Mutterherz— Geſchwiſterliebe— Geld und Anſehen und Glanz— ſieh das biete ich Dir, Caritas, wirſt Du mich verſchmähen? Der Marquis ſagt es, aber ich hoffe!: Franziska, an die der Brief adreſſirt war, las ihn in tiefer Bewegung. Sie dachte nicht an die geputzte Weltdame, die den Firniß der Eitelkeit höher⸗ ſchätzte als das ſtille Glück— nein, unter dieſen Worten drang ein Herzenslaut hervor, der ihre Sym⸗ pathie weckte. Aber ſie fühlte ſich nicht erweicht da⸗ von und keinesweges geneigt, auch nur die mindeſte Rückſicht darauf zu nehmen. Sie reichte den Brief ihrem Gatten, bevor ſie Caritas mit ſeinem Inhalte bekanntmachte. Aber dieſe war aufmerkſam geworden. Ihr Blick ſuchte auf den Geſichtern den Eindruck desſelben zu ent⸗ ziffern. Sie ſah die Wolken auf der Stirn des Land⸗ rathes ſchwinden— ſie ſah ein Lächeln des Beifalles über ſeine Mienen ſich breiten— ſie ſah einen Strahl von Hoffnung aus den Augen blitzen, die er flüchtig gegen ſeine Gattin erhob— ſie ſah ſeine Bruſt un⸗ ter einem tiefen Athemzuge ſich heben, und dann las ſie den Brief. Als wolle er ſich von jeder Betheiligung ent⸗ 4 39 4 fernt halten, ſo ſchnell erhob ſich Schollin nach der Beendigung ſeiner Lektüre und verließ das Zimmer ohne mit einer Silbe ſeine Anſicht kundzugeben. Die beiden Frauen blieben allein. Caritas war fertig mit dem Leſen. Langſam legte ſie das Papier in ſeine Falten. Thränen ſtanden in ihren Augen. Sie richtete ſie feſt auf das An⸗ geſicht der Frau von Schollin, die bewegt, aber nicht unentſchloſſen und bedenklich, zu ihr aufſah.„Mutter—“ ſie nannte ſie nie Mama, wie die Marquiſe, in den Augenblicken der heiligen Einſamkeit—„Mutter, biſt Du glücklich in der Liebe Deines Gatten geweſen, ehe ich in Deinen Lebenskreis trat?“ fragte ſie mit tiefem Ernſt. Frau von Schollin fand die Frage abſpringend und ſonderbar, aber verfiel nicht auf ihre Bedeutung. Ihr Gefühl antwortete, ohne daß ſie es wußte, und Caritas gewahrte, wie ſehr ihr Herz dabei betheiligt war. „Aber— Mutter— biſt Du jetzt noch ganz eben ſo glücklich in Deinem Verhältniſſe? Mutter— Wahrheit, reine unverfälſchte Wahrheit!“— beſchwor das Mädchen ſie. 8 Jetzt ſtutzte die Dame. Sie fand ſich gefangen. Einen Augenblick zögerte ſie— warum wollte Caritas das wiſſen? Sie wiederholte ſinnend:„Eben ſo glücklich?— O ja,“ betheuerte ſie dann freudig„aber nicht ganz ſo ungetrübt— doch das wird, wie ein Frühlingsge⸗ wölk, vorüberziehen.“ „Nein, Mutter— es wird ſich wie eine Ge⸗ witterwolke dichter und dichter zuſammenziehen, um endlich Dein Glück gänzlich zu erdrücken.“ Betroffen ſenkte Frau von Schollin den Blick, und Caritas, durch dieß ſtille Eingeſtändniß ermu⸗ thigt, fuhr fort: „Und die Veranlaſſung zu dieſem ſchwülen Ge⸗ wittertreiben bin ich, meine liebe Mutter!“ Frau von Schollin lächelte trübe. „Es verletzt Oich die Laune des Mannes, mein Kind, der mein Gatte, aber nicht Dein Vater iſt?“ fragte ſie ſanft.„Tadle ihn nicht deßwegen.“ „Tadeln—?“ unterbrach das Mädchen ſie mit feurigen Blicken.„Tadeln, meine Mutter? O, wer möchte den Mann tadeln, der in der Liebe ſeiner Gattin ſein höchſtes Glück findet, der ſeines Lebens Seligkeit in dem Gedanken an ſie ſucht, wenn er aus dem ermattenden Beruf auftaucht! Nein, Mutter, ich preiſe Dich glücklich wegen dieſes Gatten, der 41 mich als ein Hinderniß ſeines ungeſtörten Glückes zu betrachten geneigt iſt— ich preiſe Dich glücklich in ſeinem Beſitze, weil er ſich ganz befriedigt fühlt im einſamen Beiſammenleben mit Dir.“ Frau von Schollin lauſchte verwundert dieſem Ausbruche von Empfindungen, die ſie dem unerfah⸗ renen Mädchen nicht zugetraut haben würde. Was hatte die Anſchauungen in dieſer jungen Bruſt ſo plötzlich gereift? „Aber es wäre grauſam, wollten wir ihm dieß ſpäterworbene Glück rauben“— ſetzte Caritas mit leiſer, wankender Stimme hinzu—„laß mich ziehen, theure Mutter, laß mich ziehen mit der Frau, deren Herz leer iſt, deren Tage, in trauriger Einſamkeit, von meinem Daſein Freuden empfangen können.“ „Trennen von Dir ſoll ich mich, Kind! Kind, haſt Du an den Schmerz dieſer Trennung gedacht bei Deinen unüberlegten Worten?“ Caritas legte ihre Arme um ihre Mutter. „Trennung von mir— 4 flüſterte ſie ganz leiſe— „oder Entfremdung von ihm, der Dich mehr liebt als ſein Leben! Was willſt Du wählen!“ „O, mein Gott!“ ſtöhnte die arme Frau.—* aber das junge Mädchen nicht Recht? Eine lange Pauſe entſtand. Caritas begann von neuem und zwar mit gro⸗ ßer Faſſung und Ruhe, ja ſogar im Verlaufe ihrer Rede mit Freudigkeit: „Laß mich mit Deinem Segen dahingehen, wo ich liebevoll erwartet werde. Es iſt zu meinem Frie⸗ den und zu Deinem Glücke. Du biſt beglückt durch Liebe und Zärtlichkeit, und Deine Neigung zu mir kann ein Band lockern, kann es zerreißen— während dort, wo man meine Anweſenheit als eine Freude betrachtet, das Wohlbehagen einer Familie beför⸗ dert wird durch die Neigung zu mir. Der Marquis liebt mich— er iſt mein nächſter Verwandter, der Beſchützer, dem die Natur mich zugewieſen.— Dein Gatte hat mit Gefühlen zu kämpfen, die gegen mich ſich auflehnen— ſein Edelmuth wird dieſe Gefühle bewältigen, das weiß ich, aber, Mutter— ſein Herz wird dennoch kaltbleiben, denn ich gehöre nicht zu ihm! Vielleicht wenden ſich ſeine Regungen innerlichen Unbehagens auch— ſie ſteigern ſich— ſie erreichen einen Grad des Widerwillens— und dann ſtehſt Du, elend und unglücklich zwiſchen ihm und mir.— Laß mich ziehen, meine Mutter— unſere Herzen trennt keine Entfernung. Dein Bild wird nicht erlö⸗ ſchen. Laß mich mit denen gehen, die voll Wohl⸗ wollen für Dein Kind ſind, die für mich ſorgen 43 wollen mit unvermiſchter Elternliebe. Mein Herz wird dennoch immer bei Dir weilen— es wird dieſe Stätte umſchweben, wo der erſte Strahl des reinſten Glückes es berührte.“ Frau von Schollin hatte ſich händeringend und faſſungslos in ihrem Seſſel zurückgelehnt— Caritas warf ſich vor ihr nieder und umfaßte ihre Knie. Das Geſicht beider zeigte eine Bläſſe, wie ſie nur die furchtbarſte Gemüthsbewegung hervorbringen kann. Die Mutter legte die zitternden Hände auf das un⸗ ſchuldige Haupt ihres Kindes—„Gott ſegne Dich — Caritas divina te custodiat!“— flüſterte ſie. In dieſem Momente trat Schollin wieder ein. Beſorgt, vielleicht von innern Vorwürfen getrieben, eilte er auf die Gruppe zu. Mit ſchneller Faſſung richtete ſich Caritas auf. „Der Segen meiner Mutter wird mich geleiten,“ ſagte ſie mit einem Lächeln, das ſie von den Engeln geliehen zu haben ſchien.„Ich werde dem Wunſche der Marquiſe folgeleiſten und mit ihr nach Frank⸗ reich gehen!“ weifelnd, gerührt, von der Ahmung der Wahr⸗ heit erfaßt, ſtand Schollin vor ihr.. „Caritas“— rief er bewegt— „mein armes Kind! Und Du, Franziska— wirſt Du die Trennung ertragen können?“ Franziska erhob ſich ſchnell und warf ſich heftig an ſeine Bruſt. 3 „Zweifelſt Du, daß ich Dich liebe, Richard?“ flüſterte ſie. „Aber mich allein— Franziska— mich allein?“ Die Gattin umſchlang ihn in leidenſchaftlicher Zärtlichkeit— Caritas hob mit den Thränen des Entzückens ſegnend ihre Hände zum Himmel auf und verließ leiſe das Zimmer.. Fünftes Kapitel. Drei Jahre ſind vorübergezogen ſeit dieſem Tage. Drei Jahre— ein langer Zeitraum für den Kum⸗ mervollen und für den Erwartungsvollen! Dem Glück⸗ lichen nur kurze Stunden voll Freude und Luſt. Am Himmel der Politik waren unterdeſſen Wol⸗ ken entſtanden, vorübergezogen und verſchwunden. Sie hatten ein reges Treiben in dem Zweige der Staatsregierung entwickelt, wozu der Legationsrath zählte, und den Würdenträgern des diplomatiſchen Korps ein weites Feld des Ehrgeizes eröffnet. Frankreich war wiederum der Herd von Revo⸗ lutionsſtürmen geweſen. Der Thron wurde von der Volksmacht erſchüttert, der König Karl der Zehnte gezwungen von demſelben herabzuſteigen, und Ludwig Philipp nahm Beſitz davon. Die Julirevolution war vorübergerauſcht, aber ihre Folgen durchzitterten noch das Mark der Staatenkörper und riefen den Verſtand und die Urtheilskraft geprüfter Männer zuhilfe. Wir ſehen den Legationsrath Engen von Scheck mit raſchen Schritten einem glänzenden Ziele ſich nähern. Seine Befähigung trat unter den politiſchen Gährungen in das hellſte Licht. Sein Takt, ſeine ruhige Beſonnenheit, die Klarheit ſeines Verſtandes, die Gründlichkeit ſeines hiſtoriſchen Wiſſens und die Feſtigkeit ſeiner Vernunft ebneten ihm den Weg zu einer Stellung, die auf der Spitze ſeiner vermeſſen⸗ ſten Hoffnungen geſtanden hatte. Anerkannt und bewundert ging er ſicher den Stufen der höchſten Würden entgegen, und ſeine Er⸗ folge belohnten den Kampf ſeines Strebens. Sein Aeußeres zeigte wenig Veränderungen. Seine Miene nur war ernſter geworden, ſein Blick ruhiger und ſeine Stirn umwölkter. Ein Jahr nach dem Abſchiede, der ſein Herz in fieberhafte Wallungen gebracht, hatte er den Ort flüchtig wiedergeſehen, wo er auf kurze Momente die Träume des Ehrgeizes vergeſſen hatte. Er ge⸗ ſtand ſeiner Schweſter ein, daß ſein Kampf ein ſchwe⸗ rer geweſen ſei, aber er pries ſich glücklich, als Sie⸗ ger hervorgegangen zu ſein. Caritas wäre ihm noch 47 nicht gleichgiltig und würde ihm ſtets theuer bleiben, meinte er. Ja, ſie könne vielleicht noch für manche Jahre ein Hinderniß werden, daß er mit ruhiger Ueberlegung ein eheliches Bündniß, das allen ſeinen Anſprüchen genügeleiſten müſſe, ſchließe; aber er bereute ſeinen Entſchluß nicht und ſchwelgte mit unvermindertem Gleichmuthe in den Hoffnungen ein⸗ ſtiger Größe. Dieſer war er jetzt nahe. Begünſtigt von den Weltereigniſſen folgte eine ehrenvolle Auszeichnung der andern auf dem Fuße, ſo daß er mit Gewißheit der Entwicklung ſeines Schickſales entgegenſehen konnte. Seine Seelenruhe, von ihm ſelbſt gar nicht in Zweifel gezogen, erſchien dem Landrathe ſowohl, als ſeiner Gattin indeß problematiſch. Die Geſpräche während ſeines kurzen Aufenthaltes im Schloſſe dreh⸗ ten ſich buchſtäblich nur um Caritas, und er be⸗ wies kaum die nöthige Aufmerkſamkeit für die Ver⸗ mehrung der Glücksfreuden ſeiner Schweſter, die er im Vollgenuß der höchſten Zufriedenheit fand. Sie hatte ihrem Gatten einen Sohn geboren. Welch ein Band dieſes Kind zwiſchen zwei Gatten ſein mußte, die in ſo heiliger Liebe einander angehörten, das iſt leicht einzuſehen, um viele Worte darüber zu verlieren. Aber in der klaren Erkenntniß dieſes Glückes vergaßen beide Gatten nicht des Opfers, das Caritas mit frohem und willigem Herzen gebracht hatte, um dasſelbe ungetrübt erhalten zu ſehen. Ihre Briefe waren Glanzpunkte in der ſtillen Einſamkeit ihres Lebens. Sie verfolgten beide mit Intereſſe das Aufblühen eines Geiſtes und die Ent⸗ wickelung eines Charakters, der zu den ſchönſten Hoff⸗ nungen berechtigte. Es war merkwürdig für beide Gatten, wie die deutſche Natur des Mädchens gegen die Sitte und Gewohnheit der geſelligen Verhältniſſe in Frankreich ankämpfte, während ihr franzöſiſches Blut in ſym⸗ pathetiſcher Wallung für die politiſchen Aufregungen zu ſchlagen begann. Der Marquis, dem ſie durch die öffentliche Adoption als Tochter angehörte, ſtand in nahen Be⸗ ziehungen zu den Unzufriedenen, welche dem Mini⸗ ſterium Polignac entgegenarbeiteten. Es berührte ihn, als den Beſitzer mehrerer Güter, die unter dem ancien regime den Repräſentanten des alten Adels angehört hatten, das ſichtliche Beſtreben des Königs hoöchſt unangenehm, dieſem Adel alle nur mögliche Freiheiten zu geſtatten, die ſie, um wieder zum Beſitze zu kom⸗ men, anwendbar fanden. Sein Intereſſe wuchs mit 49 der Furcht, die Frucht langer Jahre voll Mühſal unter den royaliſtiſchen Umtrieben verlieren zu können, und der republikaniſche Sinn, der in der fünfzehn⸗ jährigen Friedensſtille eingeſchlummert war, erwachte in ihm wieder. Es war gewiß kein Wunder, wenn einige Körner dieſes Samens in dem feurigen Ge⸗ müthe des jungen Mädchens Wurzel faßten, das unter ſo abgeſchiedenen und freien Verhältniſſen em⸗ porgeblüht und in dieß bewegte Leben hineingeſchleu⸗ dert war. Caritas war, von dieſem Geſichtspunkte aus be⸗ rachtet, Franzöſin im vollen Sinne des Wortes ge⸗ worden. Mit Enthuſiasmus berichtete ſie von den Kämpfen der Juli⸗Tage und von den glänzenden Erfolgen. Mit unverholenem Abſcheu ſprach ſie von den Schritten der Königspartei, die dieſe Revolution hervorgerufen hatten. Es war ein Leben und eine Glut in ihren Beſchreibungen, die deutlich verriethen, daß ſie die tiefe Bedeutung der politiſchen Wirren richtig erfaßt hatte. Eugen las dieſe Briefe. Warum belächelte denn dieſer Diplomat ſolche Anſichten einer weiblichen Feuer⸗ ſeele nicht, die doch ſeinen Meinungen geradezu ent⸗ gegenſtehen mußten? Nein, kein Lächeln, ſondern der ernſte Schatten 1857. V. Caritas. III. 4 tiefen Nachdenkens lagerte ſich auf ſeine Stirn, als er dieſe Dokumente in der Hand hielt, die ihm verriethen, daß ſich das Mädchen in dem Lande, welchem ihr Vater angehörte, vollkommen akklimati⸗ ſirt hatte. Unter welchem Einfluſſe aber? Dieſe Frage bewölkte ſeine Stirn. Es mußte ein junger feuriger Geiſt auf die Urtheile influirt haben, die voll ſtürmiſcher Geiſteskraft dieß jugend⸗ liche Weſen durchfluteten. Sein Auge ſuchte nach einem Namen, der ihm darüber Aufklärung geben konnte. Vergeblich! Nur ihr Vater, ihre Mama, ihre jungen Brüder und ihre Lehrer wurden erwähnt. Es war aber unmöglich in dem ſarkaſtiſch⸗phlegmatiſchen Mar⸗ quis, oder in der putzſüchtigen eleganten Marquiſe den Impuls zu dieſem geiſtigen Emporwachſen zu ſuchen. Es mußte ein belebendes Prinzip den Hauch des Intereſſes für Staat und Volk angefacht haben. *Daß er mit ſeinen eiferſüchtigen Befürchtungen ſein eigenes Spiegelbild treffen konnte, fiel ihm nicht ein. Und doch iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß das Herz des jungen Mädchens mit der glühenden Vor⸗ liebe für politiſche Gegenſtände nur Erinnerungen an frühere Geſpräche verdeckte, daß es alſo der Ab⸗ glanz einer gefeſſelten Neigung für eine Perſönlich⸗ keit war, was ſie begeiſterte. Die Frauen lieben in 51 der Sache die Perſon und in der Perſon die Sache! Drei Jahre waren vorübergezogen, ſeit wir die erſten Entwicklungsphaſen des kräftigen Geiſtes in Caritas belauſcht haben. Der Glanz des ſozialen Lebens war unterdeſſen verſuchend über ſie geworfen, aber er hatte ſeine Lockungen vergeblich verſchwendet. Unbefangen durcheilte ſie den Strudel, worin Schmeichelei und Huldigung verführeriſch die zauberi⸗ ſchen Stimmen erhoben. Ihr Sinn war geſtählt gegen dieſe Sirenentöne. Sie hatte nicht ohne Be⸗ lehrung die Kämpfe mit ihren Gefühlen durchgemacht. Aus denſelben waren ihr als Siegestrophäen die reinen Bilder der Vergangenheit geblieben und ſie wurden ihr jetzt ein Palladium gegen die Nichtigkeit der Welt. Dem Marquis und ſeiner Gattin war ſie un⸗ endlich theuer geworden. Man konnte ſagen, ſie lebten nur, um das Mädchen zu beglücken. Die Marquiſe hielt ſich mit der Ueberſpanntheit einer firen Idee an dem Glauben, daß ſie ihre Toch⸗ ter ſei. Kleine ſeltſam zuſammentreffende Zufälligkeiten in Wuchs, Haltung und Geberde, die von den guten Freunden des Hauſes übertrieben hervorgehoben wurden, beſtärkten ſie in dieſer vorgefaßten Meinung, der die Erklärung der Fran Weber geradezu widerſprach. 4* 6 52 Caritas ſchwieg bei den leidenſchaftlichen Aus⸗ brüchen, die nach jedem angeregten Zweifel hervor⸗ brachen. Sie wußte und ſie fühlte, weſſen Tochter ſie war. Der Marquis hegte auch nicht den geringſten Zweifel über ihre Abſtammung. Aber er zog es nach einigen verunglückten Verſuchen der Belehrung vor, über dieß Kapitel zu ſchweigen; daher kam es, daß niemand mehr daran dachte, Caritas anders als die verlorengeweſene Tochter zu betrachten. Am innigſten fühlte ſich das junge Mädchen von ihren Brüdern angezogen. Dieſe Knaben, nur ganz oberflächlich in den ganzen Verlauf der Geſchichte eingeweiht, hingen ſich mit Begeiſterung an ihre deutſche Schweſter. Von ihrer Mutter, weil es ungeſchickte und unge⸗ lenke Knaben waren, mit denen ſie keinen Prunk treiben konnte, vernachläſſigt, ergriffen ſie die erſte weibliche Hand, welche ihnen liebkoſete, mit einer ſeltenen Liebe, und widmeten der Schweſter alle die Zärtlichkeit, welche von der Mutter mißachtet wurde. Deen erſten Winter verlebte Caritas in dem Saus und Braus einer pariſer Saiſon. Mit dem Frühlinge aber flog ſie hinaus zu den verbannten Brüdern nach dem Schloſſe Beauveau, und ſie zo —— 53 wie einen Kometenſchweif den Marquis und ſeine Gattin nach ſich. Beide, ſonſt mit Abſcheu und Grämlichkeit einer ländlichen Einſamkeit gedenkend, die fern von der Welt und nahe dem Meere mit ſeinen friſchen Lüften lag, waren unvermögend ohne Caritas in Paris oder in einem der Badeörter, wo ſie bis da⸗ hin die Sommermonate, natürlich in demſelben ſozia⸗ len Treiben wie in der Hauptſtadt, verlebt hatten, zu beſtehen. Sie verſuchten zum erſtenmale die ſtillere und häuslichere Annehmlichkeit eines ländlichen Lebens, und ſeitdem wurde es Regel fünf Monate in dem paradieſiſch ſchönen Thale der Provence, am Ufer des mittelländiſchen Meeres, zu verleben. Der Familienſinn des Marquis erwachte unter dieſem engern Beiſammenſein. In ihm ſchlummer⸗ ten überhaupt tiefe, edle und weiche Gefühle, die, ohne Nahrung geblieben, von ihm eher verſpottet als geachtet waren, bis ſie durch Caritas' belebende Nähe Gewicht und Geltung erhielten. Caritas liebte in ihm den Vater. Ohne das junge unſchuldige Gemüth mit der Zergliederung des leichtſinnigen und herzloſen Ver⸗ rathes zu trüben, hatte er doch in einer Stunde des 54 Vertrauens ihrem Blicke eine oberflächliche Einſicht in die Vergangenheit dieſes Vaters geſtattet und ihr dann das Bild desſelben geſchenkt. Mit ſonderbar gemiſchten Gefühlen betrachtete ſie die Schönheit des Mannes, der ihre Mutter in traurige Konflikte mit der Wahrheit und Ehre gebracht hatte. Die Augen, die ſie bethört, das Lächeln des Mundes, das ſie bezaubert hatte— es erregte einen ſtillen Abſcheu in ihr, und ſie ſuchte mit einem Angſt⸗ gefühle die treuherzigen Blicke des Mannes, der ihr ein Vater zu ſein verſprochen hatte. Von dieſem Tage an war das Band unzerreiß⸗ bar, das ſie an den Marquis knüpfte. Sie verſtand, was er mit der Enthüllung der Geſinnungsweiſe ſeines Bruders bezweckt hatte, und ihre Phantaſie, immer ſehr wenig mit dem Bilde eines Vaters be⸗ ſchäftigt, hing ſich jetzt mit einer geſteigerten Wärme an ihn, dem ihre kindliche Liebe Bedürfniß gewor⸗ den war. Zwiſchen der Marquiſe und ihr gab es nur einen Berührungspunkt, das war die Toilette. Alles, was die Mode reizendes erzeugte, mußte Caritas zum Triumphe des eitlen Mutterherzens tragen. Es war ein Glück, daß der Geſchmack des jungen Mädchens mit den ſtrengſten Begriffen von Ehrbarkeit und Sitt⸗ 55 ſamkeit gepaart war, ſonſt wäre ſie zu einem Monſtrum der Mode umgeſchaffen worden. So aber lieh ſie den Konferenzen über dieſen wichtigen Gegenſtand gefällig Zeit und Ohr, um dann nachher mit feſter Konſe⸗ quenz doch zu thun, was ihr recht und gut dünkte. Die kleinen Differenzen, die ſich dadurch zwiſchen ihrer ‚Maman’— ſie nannte ſie niemals Mutter wie Franziska— und ihr erzeugten, glich ſie mit ſo einer holdſeligen Naivetät aus, daß die Marquiſe ihr nie zu zürnen vermochte. Von ihren Brüdern trennte ſie ſich nicht. Sie zogen ſeit ihrer Anweſenheit im Hauſe von Paris nach Beauveau und von Beauveau nach Paris mit der Familie zugleich. Die glücklichſten Stunden des jun⸗ gen Mädchens waren die Morgenſtunden, wo ſie zur Uebung der Knaben mit ihnen deutſch plauderte. Der Marquis geſellte ſich dann zu ihnen, während die Marquiſe noch von dem Luxus des Lebens träumte und in den Armen des Schlafes die Langeweile zu vergeſſen ſuchte. Wir ſehen an dem kurzen Grundriß dieſes Ver⸗ kehres, daß Caritas den beſten Willen hatte, der Ge⸗ nius der frohen und genußreichen Häuslichkeit zu werden. Ihre deutſche Natur lehnte ſich kräftig gegen 56 die Schlaffheit und Gleichgiltigkeit auf, mit der man im allgemeinen in Frankreich en famille zu leben pflegt, und ſie vereinte in ſich die Elemente, die nöthig ſchienen, um hier dieſem Uebelſtande abzuhelfen. Drei Jahre, ſegensreich für das Wirken unſerer Heldin, ſämmtlicher Monarchien und ahnungsreich im beſon⸗ dern für die politiſchen Wirren in Frankreich, waren alſo verflogen, als eines Abends mit dem Sinken der Sonne im Jante Reiſewagen des Herrn Eugen von Scheck von einem Bergrücken hinab in ein Thal rollte, in deſſen Mitte eine Heilquelle ſprudelte, die von Jung und Alt und von Kranken und Geſunden zur Belebung der geſunkenen Körper⸗ und auch Geiſteskräfte aufge⸗ Es war keines der bekannten und brillanten r, wo die Entfaltung des Lurus zur Hauptſache des Badelebens Hechstes Kapitel. folgenreich für das Staatenwohl Monate Auguſt der leichte und ele⸗ gemacht wird! Still und einſam rann die Quelle zwiſchen einfachen Häuſerchen und verlor ſich plätſchernd im dunkeln Waldesgrün, wo ſie ihr heilendes Waſſer mit den gemeinen Quellen des Thalgrundes vermiſchte und dann dem allgemeinen Schickſale entgegenlief, in großen Waſſerwogen mit allen edlern Eigenthümlichkeiten zu verſchwimmen. Ein Zufall hatte einer hohen Dame hier Ge⸗ ſundheit und Kraft, Heiterkeit und Lebensmuth wie⸗ derverliehen— von da an ſuchten die Menſchen alle Hilfe gegen Krankheit, Schwäche, Mißmuth und Lebensüberdruß hier an der Quelle. Weithin drang der Ruf ihrer Heilkraft nicht, aber der Glaube daran war felſenfeſt. Man war geneigt, dieſem unſchuldi⸗ gen Quellchen, mit der kleinen Beimiſchung von alka⸗ liſchem Salze und Kalkerde, die göttlichen Eigenſchaf⸗ ten des Lethefluſſes zuzuſchreiben. Wenigſtens das i*ſt erwieſen, daß zur Zeit, wo unſere Erzählung ſpielt, hohe Häupter der Staaten, Fürſten und Herzöge, im ſtrengſten Inkognito in dieſem Thale und aus dieſer Quelle Vergeſſenheit zu trinken ſuchten. Eugen jedoch näherte ſich ihr nicht mit ſo ro⸗ mantiſchen Hoffnungen und Ideen. Wichtige Miſ⸗ ſionen machten zur Zeit ſein Leben einem Noma⸗ denleben gleich. Man hatte Urſache, Augen und Ohren 59 offen zu erhalten, um in dem politiſchen Chaos nicht den Faden zu verlieren. In Belgien wütheten Kriegesflammen, und Preußen ging damit um, ein Heer an den Grenzen dieſes Landes aufzuſtellen. In Frankreich überſtürz⸗ ten ſich die Ereigniſſe. Kaſimir Periér, Miniſter und Banquier zugleich, Schlauheit, Eifer, Rückſichtsloſig⸗ keit und Muth in ſich vereinend, war ein Opfer der Cholera geworden. Sein Tod war von eingreifender Wirkung. Paris, der Schauplatz von Straßenaufläufen, und nach dem letzten Kampfe im Juni, bei dem Leichen⸗ begängniſſe des General Lamarque, in Belagerungs⸗ zuſtand erklärt, war ſoeben durch eine königliche Ordonnanz wieder entſetzt. Infolge deſſen löſete ſich das Miniſterium auf, und Frankreich, bei der Schwierigkeit im Sinne des Volkes und des Königs ein neues Kabinet zu bilden, blieb eine Zeitlang ohne höhere Verwaltung⸗ Die Erwartungen ſteigerten ſich von Tag zu Tag. Man blickte von außen geſpannt auf dieſe Angelegenheit. Von der Erledigung dieſer Frage hing mehr als die Wohlfahrt des Bürgerkönigthumes der Franzoſen ab. Dazu kam, daß ſich, nahe der Grenze von Frank⸗ 60 reich, Aſſoziationen gebildet hatten, die, von den küh⸗ nen Thaten der pariſer Bevölkerung elektriſch berührt, ihre Köpfe, ihr Blut und ihr Leben dem großen und gemeinſamen Intereſſe des Volkeswohles zu widmen brannten. Es war die Jugend der höhern Stände in dieſen Verbindungen vereinigt, und wenn man auch in Deutſchland im allgemeinen mehr an den En⸗ thuſiasmus des Wortes glaubte als an die wahre Kraft der That, ſo richtete ſich doch die Aufmerkſam⸗ keit der Beobachter mit einiger Beſorgniß auf die wachſende Kühnheit der Sprache, womit einige der Bundesvorſteher ihre Meinung zu verfechten begannen. Das Gerücht hatte das einſame Thal mit ſei⸗ ner klaren Quelle zu dem geheimen Aufenthalte ei⸗ niger Perſonen von Bedeutung erhoben, und da es im Intereſſe des Diplomaten Eugen von Scheck lag, dieſen Perſonen näherzutreten, ſo benutzte er die Nähe des Bades, um ſich von der Wahrheit dieſes Gerüchtes ſelbſt zu überzeugen. Der Weg, den er hinabfuhr, war romantiſch wie die ganze Lage des Dorfes, das in dem ſchma⸗ len Thalgrunde ſich entlangzog. Ein klarer, ſehr ſchnell fließender Bach brach bisweilen aus dem Steingerölle neben der Landſtraße, worauf er fuhr 61 hervor und bildete, gelegentlich über ein moosbe⸗ wachſenes Felsſtück ſtürzend oder von einem klei⸗ nen Abhange herabſprudelnd, einen waſſerfallähnlichen Strudel, der die Abendſtille angenehm unterbrach. Die Gegend war ſo reizend, daß ſie ein Menſchen⸗ herz wohl feſſeln und entzücken konnte, aber Eugen war für dergleichen Gegenſtände getödtet, ſein Geiſt brütete über ehrgeizigen Plänen, und in dieß Terrain paßten weder Baum noch Bach, weder Abendduft noch Sonnenglühen! Als er ſich dem Thalgrunde näherte, warf er einen ſpöttiſchen Blick auf die ärmliche Ab⸗ geſchiedenheit dieſes Aufenthaltes. Hier alſo wollten Fürſten, Helden und Politiker den Thron, das Schlachtfeld und die Staatsreformen verträumen. Er belächelte die kindhafte Illuſion und fuhr mit ſtolz gehobenem Haupte dieſem Schäfereldorado entgegen. Eine Equipage, aus einem Seitenwege des Waldes biegend, verſperrte ihm auf einen Moment den Weg und lenkte ſeine Augen auf ſich. Eine ſeltſame, tiefe und geſpenſtiſche Trauer lag auf dieſem kleinen, ſehr ſchöͤn gebauten Fuhr⸗ werke, das ſich ſchneckenhaft langſam aus dem Walde herauswand, um dann eben ſo langſam in dem gegen⸗ über ausmündenden Waldfahrwege wieder zu ver⸗ ſchwinden. 3 Schwarz gekleidete Damen ſaßen im Fond des Wagens— ein ſchwarzgekleideter Bediente hinten⸗ auf und ein ſchwarzgekleideter Kutſcher lenkte die ſchwarzdekorirten kleinen Gebirgspferde. Die Trauer ſchien ſehr zur Schau getragen, aber es lag eine traurige Wahrhaftigkeit darin. Nur flüchtig hatte bei der Wendung des Wa⸗ gens Eugen's Blick die Damen faſſen können— ihm war auch eine dritte menſchliche Figur, die wie zuſammengebrochen auf dem Rückſitze mehr lag als ſaß, gänzlich entgangen, aber der flüchtige Blick hatte genügt, um ihm bleiche verhärmte Geſichter und hoff⸗ nungsleere Mienen zu zeigen. Das Abendlicht und die Entfernung hatten aber verhindert mehr zu ſehen und irgend etwas zu erkennen. Das Trauerbild ver⸗ folgte ihn. Still wie ein Leichenzug war es in dem begin⸗ nenden Schatten des Abends erſchienen und wieder verſchwunden. Als der Diplomat am Gaſthauſe anlangte, traf ihn die Nachricht, daß der eine der Potentaten, den er für ſeine perſönlichen Intereſſen zu gewinnen hoffte, ſich rüſte früh am nächſten Morgen ſeine Rückreiſe anzutreten. Er mußte alſo eilen, um ihn noch zu ſvrecen 63 Bis zur Nacht hinein währte die Audienz des Herrn von Scheck. Aber als die Konferenz beendet war und er ſich von dieſem Staatsmanne verab⸗ ſchiedete, da war die Hoffnung, als Geſandter nach England gewählt zu werden, bis zur Höhe der Ge⸗ wißheit geſtiegen. Triumphirend und in den glänzenden Bildern des Ehrgeizes ſchwelgend, ging er durch die ſtille Nacht heim zu ſeinem Quartiere. Der Mond war eben über die Bergkuppen hervorgetreten und beſchien mit hellem Glanze das Thal. In zauberhafter Beleuchtung ruhten die ein⸗ fachen Häuschen, und das Silberlicht glitzerte in rei⸗ zender Wechſelung auf den raſchen Wellen des Ba⸗ ches, der das Thal durchſchnitt. Eugen ſah und hörte nichts als die Stimmen in ihm, die mit Jubel ſein Geſchick prieſen. Was war ihm ein Idyllenglanz und ein Idyllenleben? Nichts, als eine verachtete Illuſion! Sein Schritt hallte auf dem harten Gebirgs⸗ pfade wider. Er war ein einſamer Wanderer in dieſer friedlichen Umgebung, wo der Geiſt Erholung in frühen Träumen fand. Plötzlich drang Muſik zu ſeinen Ohren. Weit⸗ hin ſchallten die Töne eines ſchönen Pianoforte's 3 64 Er empfand unwillkürlich den Einfluß der lange, lange verſäumten Kunſt und blieb lauſchend ſtehen. Seit drei Jahren hatte er keine Taſten berührt— drei Jahre, in denen er mit dem Inſtrumente zu⸗ gleich die Erinnerung an eine ſtörende Herzensbe⸗ wegung geflohen hatte. Es war eine Meiſterhand, die präludirend auf und ab fuhr und in Akkorden und Läufen die Si⸗ cherheit der Hand feſtſtellen wollte. Engen ſchlich unwillkürlich den Tönen nach. Seitwärts vom Dorfe betrat er endlich einen ſchmalen Heckenweg, der auf ein kleines iſolirt da⸗ ſtehendes Gehöft zulief. Das Haus war merkwürdig freundlich und neu dekorirt. Selbſt im trügeriſchen Mondenſcheine trat es ſichtbar hervor, daß eine ſorgende Hand gewaltet, um das Aeußere dem Auge wohlgefällig zu machen. Ein ſchöner Zaun, von friſchgrünem Strauchwerke und ſcharf unter der Scheere gehalten, faßte Haus, Hof und Garten ein. Dicht helaubte Akazien verdeckten den Einblick in den Garten und gaben den Fenſtern einen milden Schatten. Das Haus war einſtöckig, aber es war gegen die Ueberſchwemmungen des Ba⸗ ches hoch angelegt und mit einer hübſchen ſteinernen Treppe verſehen, die von eleganten Gittern, auge ſcheinlich ganz neu, zu einem balkonartigen Platze umgeſchaffen war. Hortenſien in Kuͤbeln zierten die⸗ ſen⸗Balkon, und kleine Töpfchen mit Heliotropen, die Auf den Eckſäulen des Gitters ſtanden, verbrei⸗ teten einen köſtlichen Wohlgeruch. Die Zimmer waren erleuchtet. Die Fenſter ſtanden offen. Hineinſehen konnte niemand von der Straße aus. Eugen näherte ſich unbewußt angezogen. Der Virtuoſe, das war er ſelbſt nach dem kritt⸗ lichen Urtheile des Diplomaten, ſchlug plötzlich as dur an und begann die ſchöne Sonate von Karl Maria von Weber in dieſer Tonart. Willenlos lehnte ſich Eugen an den Stamm der Akazie und lauſchte. Sein Geiſt durchflog den Raum der Zeit, wo er— zum letztenmale— dieſes Tonſtück geſpielt und in Caritas eine ſo ent⸗ zückte Zuhörerin gehabt hatte. Jedes Menſchenherz hat Augenblicke, wo längſt⸗ entſchwundene Gefühle wieder zur Geltung kommen. Eugen rührte ſich nicht— er horchte— er träumte! Das Adagio ſchloß.„Ach wie ſchön!“ ſagte im Innern des Zimmers eine männliche Stimme in franzöſiſcher Sprache. 1 1857. V. Caritas. III. 9— 5 66 Der Spieler begann den nächſten Theil. Kaum hatte er das Thema des Trio's geſpielt, als dieſelbe Stimme in einem entſetzten, leidenſchaftlichen Alzonte aufſchrie:&C. „Hör' auf! O höre auf! Es iſt der Hilfeſchrei meines Alphons— Hörſt Du! O wie ſie flehen— wie ſie jammern, meine armen Knaben— vergebens — vergebens! Unglücklicher Vater— arme Kinder!“ Das Spiel war ſogleich verſtummt. „Mein Vater, mein lieber Vater—“ ſprach jetzt eine weibliche Stimme und unterbrach damit ein markdurchdringendes, wimmerndes Stöhnen. „A— bah—“ fuhr der Mann, der zuerſt geſprochen hatte, auf.„Ein entſetzlicher Vater, der ſeine Kinder zu retten zögert— ein verabſcheuungs⸗ würdiger Vater, der ſie vor ſeinen Augen untergehen läßt!“ „Wie unrecht thuſt Du Dir, mein Vater,“ ſchmeichelte die Tochter in weichen Tönen, die in Rührung brachen.„Sieh dieſe gelähmten Glieder— ſieh hier die kaum verharſchte Wunde am Kopfe!— Sind es nicht unverlöſchbare Zeichen, daß Du im Kampfe mit dem wüthenden Elemente unterlegen biſt?“ 3 „Ja— ja!“ antwortete der Mann.„Die 67 Angſt— die Angſt warf mitch zuletzt ins Waſſer— Muth war es nicht!— Muth hätte ſie gerettet! Feigheit beſinnt ſich— Feigheit zögert und tödtet!“ Es lag der Ton eines im Wahn Befangenen in dem halblauten Flüſtern. „Vater,“ unterbrach ihn die Tochter mit feſtem Tone.„Ich werde nicht dulden, daß Du Dich an⸗ klagſt, wo Du nur zu beklagen biſt.“ „Ja— ja! Beklagen— o wie zu beklagen!“ murmelte der Mann.„Fort— fort, meine Knaben! Alles hin, was das Leben werthmachte! Alles hin — alles fort!“ „Nur ich blieb Dir, mein theurer Vater— nur ich, mit dem dankbarſten und glühendſten Herzen — nur ich—! O wie gern, wie gern gäbe ich mein Leben, um meine Brüder wieder zu beleben—⸗ „Und Du wirſt auch gehen—“ warf der Mann ängſtlich ein.„Sie werden Dich rufen— warum gingen wir auch hieher nach Deutſchland?“ „Sei ruhig, mein Vater. Ich werde Dich nie verlaſſen! Ich liebe Dich—“ℳ „A— bah— Deine Mutter liebſt Du auch!“ „Ja— ja, ich läugne es nicht Dir gegenüber. Aber dieſe Liebe thut Dir keinen Abbruch, mein 4 ö ³ ——j — mm 68 Vater Dir widme ich mein Leben— ihr nur die Gedanken auf Momente. Biſt Du nicht im Vorzug?“ Er war augenſcheinlich beruhigt. „Spiele das Adagio noch einmal!“— ſagte er nach einer Weile.„Ich will ruhig ſein, wenn Du bei mir bleibſt!“ Sie ſpielte. Durch und durch erſchüttert hörte Eugen zu. Welch ein Elend unter der glänzenden Hülle! Der Menſch war in ihm erwacht— der Diplomat hatte auf einen Moment ſeinen Ehrgeiz vergeſſen. Die Unterhaltung war im reinſten Franzöſiſch geführt und er, der erfahrene Beobachter, hatte er⸗ kannt, daß es die Mutterſprache der Redenden ſein mußte. Das traurige Bild des ſchwarzen Fuhrwerks tauchte wieder in ihm auf.. Dieß mußten die Inſaſſen desſelben ſein. Das Spiel verhallte. Eine Thür wurde leiſe geöffnet—„Gott ſei geprieſen,“ ſagte die weibliche Stimme—„er ſchläft! Ruhig, Jean— ſchließe die Fenſter— zieh die Gardinen vors Bett!“— Ein Geräuſch an der Hausthür ſcheuchte Eugen tiefer in den Schatten. Die Thür ging auf, eine weibliche Geſtalt in ſchwarzer Kleidung trat heraus und lehnte ſich auf den Rand des Gitters. Ihr 69 Geſicht war beſchattet, aber die Figur trat ſchaurig zwiſchen den blühenden Hortenſien ins Licht. Unverwandt hing ihr Blick am geſtirnten Him⸗ mel— ihre weißen Finger bewegten ſich krampf⸗ haft um einander— ein leiſes Schluchzen drang aus der ſchwer belaſteten Bruſt hervor— zuletzt preßte ſie konovulſiviſch die gefalteten Hände vor die Augen. „Caritas!“— rief die Stimme des unglück⸗ lichen Mannes in der Stube. „Ja— mein Vater, ich komme!“ entgegnete ſie hell und unglaublich ſchnell gefaßt. Sie riß ein weißes Tuch hervor, wehte den thränenfeuchten Augen Kühlung zu und— verſchwand. Furchtbar war der Schreck des lauſchenden Di⸗ plomaten, als der Name, den ſein Herz, trotz ſeines Stoizismus, noch nicht gleichgiltig vernehmen konnte, durch die ſtille Nacht drang. Dem Schreckffolgte ein ſüßes, himmliſches Gefühl des Verlangens, das aber auch bald in der Trauer und Angſt um das geliebte Mädchen unterging. Was war geſchehen? Oder war es nicht ſeine Caritas? War es nicht der Marquis Deſalles, den er ſoeben in einem entſetzlichen Zuſtande belauſcht hatte? 70 Wild ſah er um ſich. Sein Auge ſuchte nach jemand, der ihm Auskunft geben konnte. Alles war ſtill. Niemand zu ſehen. Dieß Alleinſein wurde ihm unerträglich. Er eilte fort zu ſeinem Logis. Dort mußte wohl noch ein Menſch wach ſein, der ihm ſagen, der ihm erklären konnte, was geſchehen war. Die Frau des Wirthshauſes ſtand in der Thür, als er eilig darauf zuſtürmte. Eine Frage genügte. Ja— es war der ‚Graf Deſall,“ wie die Frau ſagte— er wellte ſeit acht Tagen mit Frau und Tochter hier, um ſeine gelähmten Arme— und ſeinen gelähmten Geiſt zu unterſtützen, um ſein furchtbares Unglück zu vergeſſen. Was die Frau von dieſem Un⸗ glücke wußte, das erzählte ſie ihm. Die Familie Deſalles⸗Beauveau hatte im Mai, wie immer, das Schloß am Meere bezogen. Seine reizende Lage, die köſtliche Vegetation und die Ge⸗ wohnheit hatten es nachgerade zum Lieblingsaufent⸗ halt der ganzen Familie gemacht. Beſonders glücklich waren aber die Söhne des Hauſes, wenn ſie in un⸗ gebundener Freiheit dort leben konnten. 5 Die Geſundheit des Marquis ſtählte ſich in der friſchen Atmoſphäre, die immer die Nähe des Meeres mit ſich bringt. Vor Nordſtürmen lag das Schloß geſchützt. Ei 71 Felſenkante, welche ſich wie eine Mauer ſeitwärts entlangzog, beſchränkte zwar die Ausſicht auf das wogende Meer, aber ſie hielt auch die rauhere Luft zurück. Nur an einer Stelle, wo die Felſen breitge⸗ ſpalten ſich öffneten und eine wunderſchöne Bucht bildeten, konnte man das Meer überblicken, und dort hatte der Marquis hoch oben eine Warte bauen laſſen — ſeiner Tochter Caritas zuliebe. Abber es wurde der Lieblingsaufenthalt von allen. In der Bucht, die tief ins flache Land hineinging und zur Flutzeit einen kleinen See bildete, pflegten die Söhne des Marquis zu ſchiffen. Kleine Boote mit farbigen Wimpeln und weißen Segeln lagen zu ihrem Spielen bereit, das gar keine Gefahr dar⸗ bot. Von oben herab ſahen die Damen nebſt dem Marquis dem Wettſegeln zu und reichten dann dem Sieger einen Preis. Das harmloſe Spiel ſollte ſehr unglücklich enden. Großgeworden am Ufer des Meeres, vertraut mit der Beſchaffenheit des Buchtwaſſers, wagten die heranwachſenden Knaben nach und nach mehr. Sie näherten ſich in einem größern Boote, das ſie vor⸗ trefflich zu lenken verſtanden, oft dem Eingange der ht und ließen ſich von den ſcharf hereinſtrömenden eereswellen wieder zurücktreiben. 72 Der Marquis warnte ſie. Die tückiſchen Wogen konnten ſie leicht gewaltſam gegen die Felswände werfen. Daß ein Zufall ſich aber ereignen konnte, der das Boot aus dem ſichern Port ins hohe Meer zu treiben im Stande war, das glaubte niemand. Und doch geſchah es. 1 Es war ein ſchwüler Tag im Mai. Dunkle Wolken drohten— der Donner grollte von ferne. Caritas fürchtete die Stimme der Natur nicht. Dem Marquis war ein Gewitter nicht angenehm und der Marquiſe erregte es Grauen. Aber dennoch zögerten alle Drei die Warte zu verlaſſen, wo eine friſche Kühlung die Hitze des Ta⸗ ges erträglich machte. Die Knaben waren, wie ſo häuſig, in dem gro⸗ ßen Boote und warteten am Eingange der Bucht auf die ſtarke Strömung der Flut. Das Boot lag feſt und die Knaben ſangen und lärmten in jugend⸗ licher Luſtigkeit. Schaukelnd trieb ſich das Fahrzeug hin und her, ſo weit die ſtarke Kette, woran es lag, es geſtattete. Noch war die Bucht nicht ausreichend gefüllt, noch lagen die breiten Streifen des ſandi⸗ gen Strandes unverhüllt da, als plötzlich ein orkan⸗ ähnlicher Windſtoß das Meer hoch aufſchäumen machte und das Waſſer gewaltſam gegen den Eingang trieb. 73 Gleichzeitig brach das Unwetter los und Blitz und Donner wechſelten in raſender Schnelligkeit. Der Sturm heulte über das Meer hinweg, er rüttelte an dem Felſen, er ſchnob durch die Ritzen des Geſteines „Geſchwind ans Land!“ rief der Marquis mit lauter Stimme ſeinen Söhnen zu. Aber es war ſchon zu ſpät. Das Boot hatte ſich gelöſet— es trieb nicht mit dem Waſſer zurück, ſondern der Sturm jagte es den ſchäumenden Wogen entgegen, dem Meere zu. Ein Schrei der Angſt tönte aus dem Boote— ein Schrei des Entſetzens aus dem Munde der Eltern antwortete ihm. Trotz Blitz und Regen und Donner und Sturm flogen ſie hinab zum Strande, um zu retten. Welle um Welle überſtürzte die Knaben— Alphons, der Aelteſte, hieß die beiden niederkauern— er ſelbſt rief ſeinen Vater in herzzerreißenden Tönen um Hilfe an. Der Marquis rang die Hände. Er ſah die äußerſten Enden der langen Kette noch um die eiſerne Krampe geſchlungen— wenn er dort war— wenn er ſie feſtſchürzen konnte— er war ein tüchti⸗ ger Schwimmer. 74 Einen Moment, nur einen Moment zögerte er — der Moment entſchied. Die Kette lockerte ſich— der Marquis warf ſeine Kleider ab— als er auf⸗ tauchend nach derſelben griff, da war ſie verſchwun⸗ den— eine Welle warf ihn hart gegen die Felſen⸗ wand und ſchleuderte ihn wieder zurück.— Er verlor die Beſinnung nicht trotz des furchtbaren Schmerzes, den er in ſeinen Schultern empfand. Kraftvoll ſchwamm er dem Boote zu. Die Stimme ſeines Sohnes Alphons rief noch einmal— dann faßte der Wogenſchwall das Boot, trug es hinaus ins offene Meer, eine zweite Woge ſtürzte es ſtrudelnd um und dieſelbe Woge warf den verzweifelnd kämpfenden Vater gewaltſam abermals zurück und legte ihn bewußtlos auf den harten Strand der Bucht. Die ganze Szene war das Werk weniger Augenblicke— am Ufer ſtanden zwei von Verzweif⸗ lung erfüllte Frauen. Die Marquiſe brach mit einem furchtbaren Wehe⸗ geſchrei ohnmächtig zuſammen. Caritas behielt ſo viel Geiſtesgegenwart, um zu berechnen, daß in einigen Minuten der Ort vom Waſſer erreicht werden würde, wo ſie ſtanden und wo der Marquis lag. Sie zog mit Aufbietung aller Kräfte und mit 7⁵ einem weithinſchallenden Hilfegeſchrei die Marquiſe zum Ufer hinauf, und als ihr dieß gelungen war, da kam ſchon von allen Seiten Hilfe herbei. Der Marquis wurde zeitig genug den heran⸗ ſpülenden Wogen entführt, aber ſein Kopf blutete und die mit Blut unterlaufenen Nackenwirbel in der Nähe der Schultern ließen ſchwere Quetſchungen befürchten. Es begann nun ein ſchwer zu beſchreibendes Elend. Wirre Phantaſien, heilloſe Körperſchmerzen und zerrüttete Nerven brachten beide Eltern an den Rand des Grabes. Caritas' Pflege entriß ſie demſelben. Vielleicht wäre es eine Wohlthat geweſen, wenn ſie nach dieſer Kataſtrophe nicht wieder zum rechten Be⸗ wußtſein gekommen wären. Der Sinn blieb verſtört und der Körper ſiech bei beiden. Die frühere Ver⸗ nachläſſigung von Elternpflichten rächte ſich jetzt in der erhöhten Liebe bei der Entbehrung. Aber der Zuſtand der Marquiſe zeigte nicht das Elend wie der des Marquis. Sie war träumeriſch, müde, erſchlafft und ruhig, während wilde Selbſtanklagen die körperlichen Leiden des armen Mannes noch ſteigerten und ihn zu einem Gegenſtande des innigſten Mitleides erhoben. 76 Sein Rückgrat war ſchwer verletzt, ſeine Arme faſt ganz gelähmt— er war zum Schatten eines Men⸗ ſchen hinabgeſunken. Auf den Rath ſeiner liberalen Freunde, an deren Spitze der alte General Lafayette ſich befand, wählte er dieß Badeörtchen, um Heilung zu ſuchen. Dieß waren ungefähr die Nachrichten, die Eugen mitgetheilt wurden. Sie waren geeignet, den Schlaf von ſeinen Augen zu ſcheuchen und in ihm ein brennendes Verlangen zu entzünden, die Men⸗ ſchen wiederzuſehen, welche er in vollem Uebermuthe des Glückes kennen gelernt hatte. Aber er war deß⸗ wegen nicht einen Augenblick geneigt dieſem Verlan⸗ gen nachzugeben. Ohne ſich das Bekenntniß abzule⸗ gen, daß ein Wiederſehen des Mädchens, deſſen ſeltene Gaben und äußere Schönheit volle Würdigung bei ihm gefunden hatten, Gefahr für ſeine Seelenruhe mit ſich führte, ſo fürchtete er doch inſtinktmäßig eine Begegnung unter Umſtänden, die ihm Caritas in einer Lage zeigen mußten, wo ſein Herz nicht kalt ſchweigen konnte. Der Mann, der nicht vertraut iſt mit den Thränen der Frauen, der empfindet eine bittere Qual bei dem Gedanken an dieſe ungetrockneten Schmerzens⸗ tropfen. 77 Während der ganzen Nacht peinigten den kalten Diplomaten die heimlich vergoſſenen Thränen des Mädchens; als aber das Sonnenlicht auf ſeine Träu⸗ mereien fiel, als er nach kurzem, unruhigem Schlum⸗ mer emporſchreckte und ſich auf die Ereigniſſe der Nacht beſann, da herrſchten wieder Vernunft und Verſtand vor. Er beſchloß die Familie Deſalles nicht aufzuſuchen. Nachdem er am vorigen Abend die Hauptperſon ſeiner Hieherreiſe geſprochen und dadurch für ſeine Wünſche erſchöpfend gewirkt hatte, hielt ihn nur noch das Intereſſe für die Bekanntſchaft des Generals Lafayette zurück, ſogleich wieder aufzubrechen. Eugen wußte, daß dieſer Mann ihm manche Privataufſchlüſſe geben konnte, die in der Stellung, welcher er mit Eifer nachſtrebte, von Belang waren; auch hoffte er von ihm Aufklärung über manche Zeitereigniſſe in Frankreich einzuſammeln und Charakterſchilderungen einzelner Häupter der hervorragenden Parteien zu erhalten: Gründe genug für den Diplomaten, um ſelbſt der Zufälligkeit eines Zuſammentreffens zu trotzen, das er zu vermeiden entſchloſſen war. Die Morgenſtunde verſammelt in jedem Bade die Gäſte in der Nähe der Quelle, von der die Lei⸗ denden Heil und die Geſunden Amuſement erwarten. V b —— 78 Eugen ſuchte dort den General Lafayette zu treffen. Es glückte ihm. Der würdige Greis kannte den jungen Diplo⸗ maten ſchon dem Namen nach, und die ſtrenge Lau⸗ terkeit in ſeinem Charakter verſchaffte ihm bei dem⸗ ſelben eine günſtige Aufnahme. Mit der ihm eigen⸗ thümlichen Humanität ſuchte Lafayette, der den po⸗ litiſchen Grund zu Eugen's Aufenthalt in dieſem ob⸗ ſturen Bade ſogleich durchſchaute, dem jungen Manne dadurch zu nützen, daß er ihn einem Kreiſe von Männern zuführte, die in ernſter Abgeſchloſſenheit einen Zirkel für ſich zu bilden ſchienen. Die Namen de l' Eure und Merilhou genügten, um Eugen's ganze Aufmerkſamkeit ungetheilt an das Geſpräch dieſer Herren zu feſſeln. Man ſprach im Anfange von dem Schwanken des Bürgerkönigs bei der Bildung eines neuen Mi⸗ niſteriums, und einer der Herren fragte Lafayette nach den neueſten Nachrichten aus Paris. Lafayette zuckte die Achſeln.„Was ich neues weiß, das iſt nicht erfreulich genug zur Mittheilung,“ ſagte er behutſam.„Louis Philipp ſucht einen Kaſimir Perier— wo aber einen Mann finden, der es ver⸗ ſteht im Geiſte Periér's die Verantwortung fortzu⸗ führen—“ 79 „Sie meinen,“ warf ein junger Franzoſe ein, „mit der politiſchen Weisheit im Munde und den Mantel auf beiden Schultern. Was gilt es— wir ſehen Guizot in kurzer Zeit an der Spitze!“ „Möglich, ſehr leicht möglich,“ entgegnete La⸗ fayette bedächtig. „Und dann möchte es mißlich mit der Ruhe des Landes werden, das den Frieden am Ende ſo ſehr bedarf,“ ſagte ein deutſcher Graf, der mehr franzöſiſch als deutſch dachte. „Warum? Glauben Sie nicht, mein Herr, daß Franzoſen ſich eben ſo leicht mit Verſprechungen täu⸗ ſchen laſſen wie andere Völker?“ fragte der junge Franzoſe, ein Marquis Cormenin. „Es ſei fern von mir, Ihnen zu widerſprechen,“ entgegnete artig der Graf und lachte. „Aber ob Guizot der Mann iſt, täuſchen zu können—“ flüſterte Merilhou dem General Lafayette zu, der ſeine Augen in dieſem Momente auf ein naheliegendes Gebüſch richtete und einen ſehr freund⸗ lichen Gruß dorthin ſendete. Bald darauf entfernte er ſich langſam und über⸗ ließ es den ſtreit⸗ und meinungsſüchtigen Lands⸗ leuten die Erfahrungen der damaligen Zeitperiode ge⸗ hörig auszubeuten. 80 Eugen fand hier ſein Feld. Ohne ſelbſt ſeine Anſichten zutage zu fördern, wendete er nur zeit⸗ weiſe eine Frage nach dieſem oder jenem Manne an, um die beſten und treffendſten Schilderungen zu ver⸗ nehmen. Man ſprach von Cavaignac, der mit Feuereifer die Meinung aufſtelle: ‚Revolutionen ſeien unnö⸗ thige Anſtrengungen bei dem Stande der Dinge, denn die Monarchien gingen darauf aus, ſich ſelbſt zu ſtürzen.“ Man erwähnte Guinard's, der die Frei⸗ heit und Gleichheit in die Gemüther zu pflanzen ſtrebe, und Marraſt's, des eifrigen Redakteurs der „Tribune“. „Aber, was iſt Freiheit? Was iſt Gleichheit?“ fragte leiſe Eugen, dem deutſchen Graf Weller zu⸗ gewendet, in deutſcher Sprache.„Sind es nicht Viſi⸗ onen und Schattenbilder— dem Volke zur Freude und den Fürſten zum Schreck erfunden?“ Graf Weller erwiederte nichts. Eugen hielt die Phraſe für eine Eitelkeit des ganzen Volkes. Was galt aber hier ſeine Meinung? Er wollte hören und lernen, deßhalb ließ er ſich nicht weiter darauf ein. Mit der Begier eines Weibes, das nach Neuigkeiten haſcht, horchte er auf die Worte der Franzoſen. Darüber vergaß er den Ort, die Zeit 81 und—— Caritas' Schmerzen. Was ſeinem Ehr⸗ geize diente, das prägte er ſeinem Gedächtniſſe ein— er war abſichtslos in dieſen Zirkel hineingetreten und er hatte darin einen Platz genommen ohne zu ahnen, daß er der Herd der verſammelten politiſchen Elemente war. Geiſt, Witz, Spott und einige Gran Vaterlands⸗ liebe ſchürten das Feuer zum ewigen Brennen, und in dieſen Flammen verrieth ſich mehr als ſonſt im bedächtigen Urtheile. „Wo iſt Lafayette?“ fragte endlich der junge Marquis Cormenin. „Er vertritt Ihre Stelle,“ meinte lachend der deutſche Graf.„Wenn Sie politiſtren, muß er der ſchönen Caritas beiſtehen, den Marquis zu erheitern.“ „Still—“ ſagte der Graf Gerard und erhob ſich ehrfurchtsvoll. Alle folgten ſeinem Beiſpiele— man ſah, es war die reinſte und ehrerbietigſte Hul⸗ brürc die dieſe Männer von ihren Sitzen aufſtehen ieß. Frappirt wendete ſich Eugen. Lafayette, eine wunderſchöne junge Dame am Arm führend, war im Begriff ſeitwärts von der Männergruppe am Bache entlangzugehen. Der Dame galt der ſchwei⸗ gende Gruß der Herren und ſie wendete ſich freund⸗ lich, um ihnen zu danken. 1857. V. Caritas. III. 6—— 82 Ihr Blick fiel auf Eugen. Sie ſtand ſtill. Eugen fühlte ſich von einer glühenden Röthe übergoſſen. Sie ſtand, aber ſie regte ſich nicht— nur ſtarr — nur fragend ruhte ihr Auge unausgeſetzt auf dieſem Manne. Alle ſahen es, es war ein bedeutungsvolles Wiederſehen. Die junge Dame kämpfte ſichtlich mit ihrer innern Bewegung und Eugen blieb unentſchloſſen — er zögerte— ſein Fuß hob ſich endlich mit Wi⸗ derſtreben. Mit ſtillem Gruße neigte er ſich vor ihr.— Sie reichte ihm die Hand nicht entgegen; aber ihr Blick fragte: Bin ich Dir eine Fremde geworden? Kalte förmliche Worte floſſen von ſeinen Lip⸗ pen, Worte des Bedauerns über das Unglück der Familie Deſalles, dann folgte eine Entſchuldigung, daß ſeine Zeit es nicht erlaube, den Marquis auf⸗ zuſuchen— und er trat in den Kreis der Herren zurück, die nicht ohne Aufmerkſamkeit dieſem Begeg⸗ nen zugeſchaut hatten. Caritas ging ruhig und ſtolz am Arme des Generals durchs Thal dahin. Was ſie empfand, das ſah kein menſchliches Auge.— 8 83 Einige Minuten herrſchte eine ſichtliche Zerſtreu⸗ ung in dem Kreiſe der Herren— man konnte be⸗ merken, daß jeder gern gewußt hätte, welche Bezie⸗ hungen zwiſchen dieſem Menſchenpaare obwalteten. Aber ein Franzoſe iſt zu diskret— er frägt nicht. Der deutſche Graf löſete endlich die peinliche Stille. Er warf die Bemerkung hin, daß Eugen das ſchöne Fräulein Deſalles wohl kenne von frühe⸗ rer Zeit? Eugen fuhr aus ſeinem Nachſinnen, das ihn ſeit dem Anblicke dieſes Mädchens gefeſſelt hielt, auf und beantwortete die Nachfrage durch die trockene Auskunft: er habe die Dame vor mehreren Jahren auf dem Schloſſe ſeiner Schweſter kennen gelernt, aber Mühe gehabt, ſie wieder zu erkennen. Die Antwort genügte allen— nur dem jungen Marquis Cormenin nicht, der ſchärfer beobachtet und mit ſei⸗ nem Herzen geurtheilt hatte. Das Geſpräch wurde wieder aufgenommen. Es verbreitete ſich über dieſelben Materien wie früher, aber es fand an Eugen einen zerſtreuten Zuhörer. Ueberlaſſen wir ihn ſeinen Gewiſſensbiſſen, d ſein Betragen abſcheulich fanden; überlaſſen wir ihn den ſtrafenden Einflüſſen ſeiner Herzensregungen, und 6*½ ſondiren wir jetzt das Innere des Maͤdchens, das 88 3 3* bewundert und beneidet in der Welt daſtand und doch ſo wenig Urſache fand ſich glücklich zu fühlen. Sie hatte gelernt ſich ſelbſt zu bekämpfen. Ruhig und ſtolz ging ſie dahin— ihre Worte ver⸗ riethen nichts von der Regung, die ſchmerzlicher Ver⸗ wunderung mehr gleichkam, als einem wirklichen Schmerze.— Sie war damals zeitig genug aus den ſengen⸗ den Sonnenſtrahlen der beginnenden Liebe entfernt worden, um nicht die Ruhe ihres Herzens und den Frohſinn ihrer Jugend einzubüßen. Aber ſie hatte in ihrer Phantaſie den Funken bewahrt, der ihr Leben und Geiſt verliehen. Ohne in Sehnſucht zu ver⸗ ſinken, hatte ſie oftmals von einem Wiederſehen ge⸗ träumt, und ſie hatte geſtrebt dieſes Wiederſehens würdig zu ſein. Man ſprach oft von dem Legati⸗ onsrathe— man verfolgte in ihrer Umgebung ſei⸗ nen Weg und erkannte ſeine Vorzüge.. Der Marquis zollte ihm Achtung und die Marquiſe pries ihn als eine noble und edle Erſchei⸗ nung. Unter ſolchen Erinnerungen erhielt ſich die Macht ſeines Einfluſſes, ohne jedoch zu wachſen. Still reifte die Verehrung im Schooße der Zeit und die Liebe ſchlief ein. 4 Hätte Caritas den Mann nicht wiedergeſehen * 85 der ihrem Herzen die erſte Regung entlockte, ſo würde ſie wahrſcheinlich im Verlaufe der Zeit den Bewer⸗ bungen des jungen Cormenin, der ein Seitenverwandte des Marquis war, geneigt geworden ſein. Ihr Ideal freilich erreichte dieſer junge Fran⸗ zoſe nicht, aber er entſprach den Anforderungen in vielen Stücken, die Caritas an Männerſinn und Geiſt machte. Sie hatte ihn erſt nach dem Unglücke ihrer Familie kennen gelernt, und er war ihr ein tröſtlicher Beiſtand geworden in den Beſtrebungen, das un⸗ glückſelige Elternpaar zu ſtützen. Jetzt hatte ſie aber Eugen wiedergeſehen! Der Druck auf ihrem Herzen mehrte ſich, je länger ſie ſeiner höflichen Kälte gedachte. Sie meinte zwar, nur der Sehnſucht wegen, mit ihm von Fran⸗ ziska, die ſeine Schweſter und die ihre Mutter war, zu ſprechen, aber ſie täuſchte ſich ſelbſt. Ihre Pein entſprang andern Gefühlen. Wie hatte ſie fortgearbeitet, um einſt ſeiner Be⸗ wunderung gewiß zu ſein! Wie tief war ſie verſenkt gewe⸗ ſen in dem Gedanken, in der Muſik ihm nachgeeifert zu haben, um ihn damit zu überraſchen, wenn er einſt— o vielleicht viele Tage ſpäter als jetzt,— ſie aufzuſuchen gekommen ſein würde. Gehörte ſie nicht zu ihm durch die Bande der 86 Verwandtſchaft? Wenn das auch niemand wußte— er hatte es gewußt und er hatte es ignorirt— er wollte es vergeſſen! Hier ſtanden ihre Gedanken ſtill. Im weiblich⸗ würdigen Stolz hob ſich ihre Stirn. Sie war ihrer Familie würdig und werth in jeder Hinſicht, was wollte ſie ſich fümmern um den Hochmuth des Ein⸗ zelnen. Aber in ihr tobte jetzt eine Schmerzensflut.— „Meine Mutter— o meine Mutter!“ ſeufzte ſie. Dabei ging ſie ruhig am Arme des Freundes ihres Vaters ſpazieren, und als ſie wieder zu dem Gartengehege ihrer Wohnung zurückſchritt und an der Gruppe der Männer vorübermußte, da ließ ſie ihren Blick ſo kalt und fremd über Eugen hinſchwei⸗ fen, als habe ſie ihn nie geſehen. Lafayette geleitete ſie zum Hauſe und kehrte dann zurück zu ſeinen Landsleuten. Jetzt brach ihr Lob aus dem Herzen aller hervor. Man fragte den alten General nach dem Be⸗ finden des Marquis, man erhob mit Enthuſiasmus die Liebe dieſer Tochter, die ſich den Eltern opfere. Cormenin fixirte dabei mit feſten Blicken die wechſelnde Geſichtsfarbe des Diplomaten, in deſſen Bruſt es längſt zu ſtürmen begonnen hatte. —— Seine Eiferſucht ſah heller als die Khigheit der Erfahrung, die ſich hatte täuſchen laſſen. Dem Alter, dem die Regungen des Herzens fremdgewor⸗ den ſind, entgehen leicht ſolche Zeichen, dem Auge der Liebe aber nie. 4 Cormenin fühlte ſich jedoch zum Kampfe gerü⸗ ſtet. Er war jünger als Eugen, viel jünger, und er hatte es ſich zum Lebenszweck gemacht, dieß Mäd⸗ chen zu ſtützen, ſolange das Elend ſie darniederzu⸗ beugen ſich bemühte, und in ſpätern Tagen an ihrer Seite das Glück zu ſuchen. Was dazwiſchen lag, das bekümmerte ihn im Jugendmuthe nicht. Er erhob ſich. Er wollte dem fernern Verkehr mit dieſem Manne ausweichen, der ihm, ohne daß er es ſich zu erklären vermochte plötzlich verhaßt ge⸗ worden war. Sein Schritt lenkte ſich unwillkürlich dem Hauſe zu, wo Caritas weilte, obwohl es nicht die Stunde war, wo ſein Zutritt erlaubt wurde. Eugen ſah ihm nach. Die ſchöne jugendliche Geſtalt ſchien ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln— der leichte anmuthige Gang, die ſichere Haltung— alles zeigte den Günſtling der Natur, und ſein Geſpräch hatte ihm hinlänglich verrathen, daß ſeine geiſtige Bildung den Natur⸗ 88 gaben nicht nachſtand. Und dieſer junge Mann gehörte zu den Berechtigten, dem ſchönen Mädchen nahe zu ſein! Eugen fühlte, daß er ſich dieſe Vergünſtigung durch die kalte Phraſe:— ſeine Zeit erlaube ihm nicht den Marquis aufzuſuchen— verſcherzt habe. Er verwünſchte dieß leere, hohle und kalte Wort, das ſeinen Lippen faſt bewußtlos eutſchlüpft war, als Cormenin im Gebüſche verſchwand, um zu Caritas zu gehen. Der General erhob ahnungslos ſeinen Zuſtand bis zur Qual, als er jetzt begann von den Eigen⸗ thümlichkeiten des Mädchens zu reden. Er erzählte dem Diplomaten von dem Urtheile ihres Klaviermeiſters, dem ſie als Schülerin ein Me⸗ teor am Muſikhimmel erſchien. Er erzählte ihm von der Kraft ihres Gemüthes, von der durchdringenden Schärfe ihres Verſtandes— er nannte ihre Aufopfe⸗ rung für die ungkücklichen Eltern eine heilige, deutſche Kindesliebe, und ihm ahnte nicht, weßhalb Eugen die Lippen feſter zuſammenpreßte bei dieſen feurigen Lobeserhebungen, die aus dem Munde des verehrungs⸗ würdigen Alters doppelten Werth erhielten. Das Paradies war ihm verſchloſſen. Er hätte den Schein der Lächerlichkeit auf ſich geladen, wenn — ,— 89 er ſeinem eigenen Worte entgegengehandelt und jetzt plötzlich Zeit zu einem Beſuche bei dem Marquis gefunden hätte. An ſo nichtige Förmlichkeiten bindet ſich oft der Mann der Welt. „Ja, Fräulein Caritas iſt in der That dem Geiſte und dem Körper nach eine jener glänzenden Erſcheinungen, die trotz einer großen Zurückgezogen⸗ heit berühmt zu werden beſtimmt ſind,“ ſchloß Lafayette. „Dem ſtimme ich unbedingt bei,“ rief der deutſche Graf.„Aber es liegt für Euch Franzoſen in der Individualität dieſer halbdeutſchen Dame der Zauber, welchen Ihr allgemeinen Eigenſchaften des weiblichen Geſchlechtes zuſchreibt.“ „Immerhin,“ meinte ein Anderer ſehr ernſthaft. „So ſind es alſo Tugenden, die unſere Frauen ent⸗ behren, welche dieſe Dame ſo bewunderungswürdig liebenswerth machen?“ „Sie bleibt im Gemüthe eine Deutſche wie ihre Mutter,“ ſprach lächelnd der General,„iſt aber von Charakter und Geiſt gut franzöſiſch.“ Eugen erhob den Blick.„Kennen Sie denn ihre Mutter?“ fragte er verwundert. Er wußte nicht, daß man die Marquiſe dafür hielt. Alle Anweſende ſahen ihn auf dieſe Frage an. 90 Sie ſchwiegen aber, weil die geſpannte Miene Eugen's etwas ausſprach, was ſie nicht verſtanden. „Nun— mein Herr?“ fragte der deutſche Graf.„Sie erlauben, wir kennen die Marquiſe.“ „Die Marquiſe Deſalles,“ wiederholte der Di⸗ plomat mit einem Lächeln des Triumphes.„Und Sie glauben an die Abkunft von dieſer Frau? O, meine Herren— Caritas iſt die Tochter einer der edel⸗ ſten und hochbegabteſten Frauen des deutſchen Reiches, und Caritas hat Charakter, Geiſt und Gemüth von dieſer deutſchen Mutter ererbt. Caritas iſt die Toch⸗ ter einer Dame aus dem ſtolzeſten Stamme alten Adels, und ich— meine Herren, ich bin der Bru⸗ der dieſer Dame!“ Verwundert horchten alle dieſem ſonderbaren Geſtändniſſe. Wozu das? fragten ſich alle heimlich. Wenn die Verhältniſſe dieſer Dame es nicht ge⸗ ſtatteten, ihre Tochter bei ſich zu haben, wozu dann dieſe Erklärung, die beide, Mutter und Tochter, kom⸗ promittiren konnte? Eugen, in dem Zuſtande der Eraltation, wozu die Pein der Selbſtoorwürfe ihn getrieben, begegnete ſtolz und frei dieſen Blicken des Staunens, und fuhr mit erhobener Stimme fort: „Um dieſer geliebten Mutter ein ſpät erworbe⸗ 91 nes häusliches Glück nicht getrübt zu ſehen, ver⸗ bannte ſich Caritas aus der Nähe derſelben und übergab dem Gatten, deſſen heißes Herz keine Thei⸗ lung vertrug, den Antheil der Liebe, den ſie als Tochter zu fordern berechtigt und der ihr auch von ihrem Stiefvater großmüthig zugeſtanden war. Wenn mir das Glück nun auch heute nicht vergönnt, mei⸗ ner Schweſter Tochter meine Zeit zu widmen, ſo konnte ich mir ſcheidend doch die Genugthuung nicht verſagen, dem Bilde derſelben, das Sie alle bezau⸗ bernd malen, dieſe Glorie hinzuzufügen.“ Er hatte ſich während ſeiner Rede ſchon erho⸗ ben, jetzt verbeugte er ſich gegen den Kreis und ent⸗ fernte ſich dann ſo eilig wie möglich. Innerhalb einiger Minuten ſah man ſeinen Wagen mit ihm das Thal verlaſſen, und langſam den Bergrücken hinauffahren, den er unter ganz an⸗ dern Gefühlen hinabgekommen war. War er aber zufrieden mit ſich und mit ſeiner in der Uebereilung gegebenen Erklärung? Es iſt eine oft vorgekommene Thatſache, daß Männer von großer Kaltblütigkeit und Beſonnenheit in Lebenskriſen einen vollkommenen Umſturz aller ihrer Plane ſelbſt bewirken, und es iſt eine Erfahrung, daß Männer von kaltem Ehrgeize bei einer plötzlichen 92 Erwärmung unter dem Pulſiren des Herzens alles vergeſſen und alles bei Seite werfen, was bis da⸗ hin ihres Lebens Luſt und Zierde geweſen iſt. Die Erſchütterung von Grundſätzen, die unſer Diplomat ſich zur Richtſchnur vorgezeichnet hatte, iſt viel leichter zu begreifen, wenn wir bedenken, daß er in ſeinem harten Stolze ſehr gut befähigt war, die Beleidigung des jungen Mädchens durch dieſen Stolz zu beurtheilen, und daß er erkennen mußte, wie jeder ſpätere Verkehr durch ſein kaltes und zurückweiſendes Betragen abgeſchnitten worden. Die kurze Zeit, die er aber nach dieſer Beleidigung zu verleben gezwungen war unter der überwältigenden Macht ihres Zau⸗ bers, der rein der Weiblichkeit eines Weſens ent⸗ ſtrömte, das zu ihm gehörte: dieſe kurze Zeit belehrte ihn über die Nothwendigkeit in ihrem Herzen fort⸗ leben zu müſſen. Seine Beſonnenheit wich, und hingeriſſen von einer überſtrömenden Reue, eröffnete er ſich mit die⸗ ſer Erklärung wieder den Weg zu ihr, die er von dieſem Tage an mit der heißeſten und leidenſchaft⸗ lichſten Liebe zu betrachten begann. Und was war der Erfolg ſeiner ſeltſamen Er⸗ klärung? Die Herren, denen ſie gemacht war, fühlten 93 eine verborgene Kraft in den einfachen Worten, welche ſie ſehr geneigt machte, das Sonderbare darin zu überſehen. Sie grübelten dem Urſprunge nicht nach, ſondern betrachteten ſie als eine Quelle wohl⸗ wollender Achtung und verwandtſchaftlicher Zärtlich⸗ keit, die dem ſelten eröffneten Gemüthe eines tief beſchäftigten Staatsmannes faſt gewaltſam entſprun⸗ gen ſchien. Siebentes Kapitel. Caritas hatte wenig Augenblicke der Ruhe. Aber wenn ſie bisher der Laſt ihrer Verpflichtungen für kurze Momente enthoben geweſen war, ſo ſchnellte ihr Geiſt immer friſch und kräftig wieder empor und fand Erholung in den Beſchäftigungen, die eine ſtre⸗ bende Seele zur Bildung ſucht. An dieſem Tage haſchte ſie nach einer einſa⸗ men Minute, um endlich ohne Störung das Wehe, das ihr zugefügt war, überdenken zu können. Sie ging ſtufenweis die Bitterkeit der über ſie verhängten Erfahrung durch. Es grenzte an Unmög⸗ lichkeit, daß ein Mann, der wochenlang die zärtlichſte Vorliebe für ſie gezeigt, der in alle Geheimniſſe ein⸗ geweiht, der ungehindert ihren ſtillen Gedanken ge⸗ folgt war, ohne Grund eine ſo vernichtende Gleich⸗ 95 giltigkeit zur Schau tragen konnte. Und doch fand ſie keinen Grund. Es war alſo berechnete Nichtbe⸗ achtung! Wenn uns der Pfeil in der Wunde auch noch ſo ſchmerzt und brennt, wir zögern ihn auszuziehen, weil wir tieferes Wehe ſcheuen. Caritas ſchreckte bei dem Gedanken, dieſer Nicht⸗ beachtung eine völlige Verachtung entgegenzuſtellen, zaghaft zurück. Wie ſollte ſie den Platz ausfüllen, der in ihr entſtehen mußte, wenn ſie ſein Bild ent⸗ fernte? Ihre Gemüthsbewegungen erſchöpften ſie. Müde von ihren Gedanken, gepeinigt von den wechſelnden Kämpfen ihrer Seele gab ſie ſich endlich der Trauer zum Raube, ohne ihrem Herzen gebieten zu können, das Ideal ihrer verborgenſten Träume von ſeiner Höhe herabzuſtürzen. Der Marquis Cormenin ſtörte ſie in ihren trübſeligen Gedanken. Sein Auge ſuchte unruhiger als ſonſt ihren Blick, und doch begegnete ſie ihm mit derſelben traulichen Sorgloſigkeit. Ihre umſlorten Anſichten, die trübe Färbung ihrer Theilnahme an den Leiden ihrer Eltern, eigent⸗ lich etwas ſehr natürliches, erſchreckten den jungen Mann und ließen ihn auf tiefere Erſchütterungen 96 ſchließen, die ſeinen Wuͤnſchen mehr Gefahr drohten als er gefürchtet hatte. Er fragte mit haſtigem Tone nach ihrer Be⸗ kanntſchaft mit Engen. Caritas fühlte ſich bis ins Innerſte ihres We⸗ ſens verletzt bei dem Akzente, mit dem er fragte. War ſie irgendjemand Rechenſchaft ſchuldig über ſein oder ihr Benehmen vor der Welt? Mit dieſer übereilten Frage löſchte der junge Mann den Antheil, den ſie an ihm genommen, und weckte die Parteilichkeit für Eugen, den er anzu⸗ greifen Miene machte. Armer Cormenin! Er merkte den Mißgriff zu ſpät. Was half es ihm, daß er ſeinen Eifer mit der Liebe zu entſchuldigen ſuchte? Was nützte es ihm, daß er mit der charakteriſtiſchen Lebendigkeit ſeines Volkes Gründe für ſeine Forſchungen Lufſtellte? Eine Frau erträgt niemals ohne Erbitterung den Tadel des Gegenſtandes, dem ſie auf dem Altare ihres Herzens opfert. Cormenin ſowohl als Caritas wußten nichts von der Erklärung Eugen's, womit er ſeinem Herzen genügegeleiſtet hatte. Der junge Marquis hatte ſeitdem nur den deutſchen Grafen geſprochen, und dieſer, von andern 97 Intereſſen erfüllt, hatte verſäumt von der ſeltſamen Verwandtſchaftsentdeckung zu reden. „Wer bürgt uns dafür,“ ſagte Cormenin in der Bitterkeit ſeiner Wallungen,„daß in dem Herrn von Scheck nicht ein Spion unſern ſtillen Kreis heim⸗ ſuchte?“ „Ein Spion?“ wiederholte Caritas mit dem Lächeln der Verwunderung.„Ein Spion— ein Deut⸗ ſcher, den Söhnen Frankreichs gegenüber?“ „Iſt es Ihnen entfallen, Caritas, daß wir nicht ohne Grund uns hier gefunden haben?“ fragte Cormenin haſtig.„Wiſſen Sie nicht, daß der Graf Weller als Abgeordneter der deutſchen Aſſoziation ſich hier befindet, daß wir heute oder morgen die Vertreter der verſchiedenen Parteien, daß wir den Lieutenant Koſeritz, die Herren Rubener, Dr. Neuhoff und von Rondau hier erwarten?“ „Ah!“ ſagte Caritas überraſcht und erhob ihr Geſicht zu dem Marquis, daß er den vollen Strahl ihres ſprechenden Auges auffangen konnte.„Und da glauben Sie, daß Herr von Scheck als ein Spür⸗ hund der Polizei in Ihren harmloſen Kreis harmlos eingetreten ſei, um zu ſpähen und nachher den An⸗ geber zu ſpielen? O, mein Herr, ſchämen Sie ſih 1857. V. Caritas. III. 7 98 des Verdachtes, womit Sie die Ehre dieſes deutſchen Edelmannes beflecken!“ „Der Politik wird vieles geopfert—“ warf Cormenin etwas verlegen ein. „Ich bürge mit meinem Leben dafür,“ rief Ca⸗ ritas mit überſtroͤmender Begeiſterung,„daß dieſer deutſche Edelmann der Politik nie ſeine Ehre unter⸗ wirft! Ich bürge mit meinem Leben dafür, daß er, trotz ſeines hochanſtrebenden Ehrgeizes, nie unedle Mittel zum Zwecke verwendet. Mögen ſeine Regie⸗ rungen Marimen huldigen, die unſern Freiheitsbe⸗ griffen entgegenſtehen— Er—— Er— gibt ſich niemals unedlen Regungen hin, um ſich emporzu⸗ ſchwingen. Sein Ehrgeiz geht mit dem edelſten Stolze Hand in Hand— er kann vielleicht ſein Herz den Beſtrebungen dieſes Ehrgeizes opfern, aber niemals ſeine Ehre!“ Tief erſchüttert horchte der junge Franzoſe die⸗ ſem Erguß einer innerlichen Ueberzeugung, die nicht allein ein Zeugniß von Eugen's Werthe, ſondern auch einen Beweis ſeiner feſtbegründeten Herrſchaft in der Bruſt des jungen Mädchens abgab. „Es iſt etwas zwiſchen Ihnen und dieſem deut⸗ ſchen Edelmanne?“ fragte er aufgeregt„Was aber iſt es?“ * 99 „Mit welchem Rechte wollen Sie die Indis⸗ kretion dieſer Frage vertreten?“ ſprach die junge Dame etwas abweiſend. „Mit dem Rechte der Liebe!“ entgegnete er feſt entſchloſſen, ſein Ziel zu verfolgen. „Mit dem Rechte der Liebe?“ wiederholte unter den Anzeichen der höchſten Befremdung die Dame und trat mehrere Schritte zurück. Cormenin folgte ihr, raſch ihre Hände ergreifend. „Caritas— Sie haben die Huldigungen der Liebe angenommen,“ rief er feurig,„dadurch haben Sie mir ein Recht auf Ihre Gegenliebe verliehen!“— Schmerzlich betroffen ſah ihn das Mädchen an. Seine Blicke, ſeine Aufregung und die leidenſchaft⸗ liche Haſt, mit der er ihre Hand küßte, erſchreckten ſie. Aber ſie zögerte nicht einen Moment mit der offenen Erklärung ihrer Empfindungen. „O, Cormenin,“ rief ſie in rührender Einfach⸗ heit,„verzeihen Sie mir— verzeihen Sie mir— ich habe nichts von Ihrer Liebe geahnt! Ich kann dieſe Liebe nicht annehmen— mein Herz fühlt nichts für Sie, was einer Liebe gleichkäme! Ver⸗ zeihen Sie mir!“ Der junge Mann ließ ihre Hand ſinken. „Verzeihen, Caritas? Ich werde es nie verzeihen, 78* * 100 rief er wild,„daß Sie mit mir und mit meinen Ge⸗ fühlen geſpielt haben. Und wem ſoll ich weichen? Dem Manne, der Sie mit höflicher Kälte heute auf⸗ gegeben, der dem leidenſchaftlichen Blicke Ihres Au⸗ ges Trotz bot?“ Caritas trat an das Fenſter und ſah hinaus auf die ſplelenden Blättchen der Akazien. Sie ge⸗ brauchte einige Minuten, um ſich zu ſammeln. Ihr Geſicht war noch bleich, aber ihre Stimme nicht mehr bewegt, als ſie entgegnete: „Sie erniedrigen ſich mehr als mich, Herr Marquis, indem Sie Schmähungen auf mich häufen. Ein gutes Männerherz hätte dem Begegniß, das mich allerdings tief ſchmerzt, ein anderes Gewand verliehen. Gehen Sie, Cormenin— verlaſſen Sie mich. Sie haben mir jetzt nichts mehr zu verzeihen! Wenn ich dieſen Ausbrüchen einer verletzten Eitelkeit zufolge urtheilen muß, ſo habe ich mich in Ihnen bitter getäuſcht.“ Der Marquis kam jetzt zum Bewußtſein ſeiner Mißgriffe— allein zu ſpät! Er hatte jeden Einfluß auf Caritas verloren und nur bewirkt, daß Eugen'’s Bild ſiegreicher aus dem trüben Nebel hervorging, in den es ſeit den Momenten des Wiederſehens ge⸗ hüllt geweſen war. Aber die Unbewußtheit und —-— 3 101 Unklarheit ihrer Gefühle war mit dieſer Erfahrung plötz⸗ lich verſchwunden. Sie erkannte, daß ſie den Bruder ihrer Mutter liebte, daß ſie durch ſein Andenken kalt gegen jede Huldigung verblieb und daß ſie niemals einem andern Manne gehören könne. Ihr verſtoßenes Herz kehrte mit innigerer und bewußterer Zärtlichkeit zu ihm zurück, und ſie weihte ihm, mit dem Pfeile in der Bruſt, den er mit ſtol⸗ zer Härte ihr entgegengeworfen, ohne Selbſtſucht und mit echt weiblicher Hingebung ihre idealſten Träumereien. Sie erfuhr, daß Eugen wirklich ſehr eilig abge⸗ reiſet, ohne nur den Verſuch gemacht zu haben, ſie nochmals zu ſehen. Ihr Edelmuth fand Gründe für dieſe Schritte. „Ich will mein Herz darauf vorbereiten,“ dachte ſie,„daß er mein Bild in dem Gewirre ſeines Lebens ganz verliert. Was thut es mir für Schaden? Ver⸗ liere ich dadurch? Sein Blick iſt der erſte Leitſtern meines Strebens geweſen, und er wird, er ſoll es bleiben. Führt mich das Geſchick einſt wieder in die Arme meiner Mutter— an das Herz, wo ich klagen kann, wo ich verſtanden, wo ich gewürdigt werde, ſo bin ich um ſeinetwillen ihrer heiligſten Liebe werthgeblieben!“ 102 Der Tag verging ihr, wie immer, in den Tan⸗ talusqualen des ewigen Tröſtens.— Sie kämpfte dem Geiſt des Wahnſinns ein Menſchendaſein ab. Die einzige Stunde, wo ſie von der Laſt auf⸗ athmete, war die Verſammlung der franzöſiſchen Freunde bei dem Marquis Beauveau⸗Deſalles. In der kurzen Zeit, wo die Intereſſen ſeines Vaterlandes beſprochen und die Neuigkeiten aus ſeiner Vaterſtadt durchge⸗ nommen wurden, verließ den unglücklichen Mann der Gedanke ſeines unerhörten Unglückes, freilich nur, um nachher wiederzukehren; aber es war doch ein Moment der Erleichterung! Caritas hatte vermieden von der zufälligen An⸗ weſenheit des Legationsrathes zu ſprechen, um ſeine Gedankenverbindung nicht auf eine mögliche Trennung von ihr zu leiten. Er hatte einen beſſern und ru⸗ higern Tag als ſeit lange. . Auch die Marquiſe war etwas weniger lethar⸗ giſch als ſonſt. Sie verlangte die Geſellſchaft einer bekannten Dame, die auch im Bade weilte, und ließ ſich ohne Abneigung von dieſer zu den Kolonnaden hinabführen. Dadurch gewann Caritas Zeit, ſich ihrem Vater ganz zu widmen und ihn in das kleine Geſellſchafts⸗ ———— 103 zimmer zu begleiten, das er für die Zuſammenkünfte ſeiner Freunde bereithielt. An dem Arme des jungen Mädchens trat er ein, als ſchon die Mehrzahl derſelben verſammelt war und, in eine enge Gruppe geſchloſſen, ſich einem ſehr bewegten Diskurs überließ. Wenden wir erſt unſeren Blick auf die Geſtalt des Marquis, bevor wir dieſem Geſpräche unſere Aufmerkſamkeit widmen. Das Bild jämmerlicher Zerbrochenheit, körper⸗ licher Hinfälligkeit und geiſtigen Elendes ſteht vor uns da. Der Mann, der die Spuren des Alters mit Toilettenkünſten zu verhehlen verſteht, iſt immer dem Nachtheile eines plötzlich hereintretenden Alters ausgeſetzt. Der Zahn der Zeit iſt nach den Naturgeſetzen nun einmal der unerbittlichſte Feind des Menſchen⸗ geſchlechtes, und wohl dem, der in philoſophiſcher Weisheit es dahin gebracht hat, ſich dieſen Geſetzen zu unterwerfen. Der Marquis hatte aber mit Heroismus gegen die Uebel des Alters anzukämpfen verſucht, und es war erſt dem Unglücke gelungen, ihm die Maske der Jugend abzunehmen. Das grau⸗ und ſchwarzge⸗ miſchte Haar umhüllte jetzt ungepflegt ſein bleiches 104 Geſicht, und die ſchlanke, ſo wohlausſtaffirte Geſtalt erſchien gebeugt von dem geiſtigen und körperlichen Schmerze. Das ſchwarze glänzende Auge ſenkte ſich ſtets zu Boden, und wenn es bisweilen im Drange innerer Empfindung ſich emporhob, o ſo mahnte es an einen lichten Stern mitten im wolkenbedeckten Himmel. Aber es lag etwas veredelndes in der tiefen und erſchütternden Trauer dieſes Vaterherzens Es waren Schlacken von einem Innern weggeſchmolzen und böſe Nebel von einem Gemüthe gehoben. Man gewahrte in dem traurigen Ueberbleibſel dieſes Welt⸗ mannes einen ſolchen Fond von Rechtlichkeit und Güte, daß die Herzen ſich jetzt an ihn feſſelten und die Gemüther ſympathetiſch ſich für ihn entzündeten. Als er eintrat am Arme der Tochter, da ent⸗ wirrte ſich die Gruppe der Redenden und man eilte ihm entgegen. Frage an Frage reihte ſich mit hul⸗ digender Aufmerkſamkeit für ſeine ſchöne Führerin an einander. Der Marquis lächelte. Wo war der ſarkaſtiſche Zug dieſes Mundes geblieben, der ſeinem Lächeln ſonſt die zu große Weichheit nehmen ſollte! Er wankte langſam ſeinem Seſſel zu. Caritas warf ihm die Pelzdecke über, die ſie den Händen des Dieners entnahm. Er fror jetzt weit mehr als 8 8. 105 damals, wo er die Balkonfenſter auf dem alten Schloſſe Schollin's ſo ſorgſam verſchloß. „Bleibe bei mir, mein Kind,“ flüſterte er ſchmei⸗ chelnd, als ihm Caritas ein Tiſchchen herbeirollte und ſeine Schnupftabaksdoſe daraufſtellte. Das Auge der jungen Dame flog fragend im Kreiſe der Männer umher. Sie wußte nicht, ob Geſpräche voll geheimer Bedeutung gepflogen werden würden. Sie verſtand es in der Lebhaftigkeit ihrer Be⸗ wegungen und in dem Ausdrucke ihrer Geſichtszüge zu leſen. Aber das konnte ihr nicht beifallen, daß ihr von dieſen ritterlich geſinnten Männern ein per⸗ ſönlicher Ueberfall bevorſtand, als ſie alle in Bitten ſich vereinten, anweſend zu bleiben. Man hatte beſchloſſen Caritas um ſpezielle Aus⸗ kunft über den Herrn von Scheck zu erſuchen, da man Befürchtungen Raum gegeben, die eine ſchleunige Auflöſung ihrer politiſchen Konferenzen nöthig ge⸗ macht haben würden, wenn ſie ſich beſtätigten. Ein Funken war von oorſichtigen Lippen zur Flamme angeblaſen. Der Graf Weller hatte nicht verſäumt die Bemerkung Engen's, die flüchtig ſeine Gedanken durchkreuzt und in deutſcher Sprache, alſo den Franzoſen unverſtändlich, ſeinem deutſchen Nach⸗ 106 bar zugeraunt war, mitzutheilen und daraus Ver⸗ muthungen zu ſchöpfen, die ſeinem kurzen und ſon⸗ derbaren Beſuche des kleinen Bades eine ganz ab⸗ ſonderliche Bedeutung verliehen. Es mochten viele der liberalen Männer Frankreichs hier ſich bewußt ſein, unter dem Scheine der körperlichen Heilung Samen für ſpätere politiſche Ernten ausgeſtreut zu haben, und ſie verſteckten die Furcht vor den deut⸗ ſchen Hellebarden der Polizei unter dem Lärmen gro⸗ ßer Entrüſtung, daß ein Mann es gewagt habe in ihren Kreis zu kommen, der die hohe und heilige Bedeutung der ‚Freiheit und Gleichheit: ſo nichts⸗ bedeutend fand. Mit feinen und beißend ſpöttiſchen Andeutungen lenkte man wieder ein auf das Geſpräch, das bei dem Eintritte des Marquis Beauveau⸗Deſalles un⸗ terbrochen wurde. Caritas fühlte ſchon, bevor nur ein Name ge⸗ nannt war, ihr Blut wallen bei den Spöttereien, die ſich direkt auf die deutſchen Emiſſäre der Staats⸗ gewalt bezogen; aber ſie flammte wild auf, als an ihr Ohr der Name ſchlug, dem ſie auf dem Piedeſtal der höchſten Ehrfurcht eine Stelle eingeräumt. Es war gut, daß ſie, vorbereitet durch Cormenin's Geſpräch, ſogleich wußte, wohin ſie zielen mußte, um 107 zu treffen, und es war auch gut, daß mitten in der begeiſterten Vertheidigung der alte General Lafayette ſachte ins Nebenzimmer trat und dort Zeuge einer Rechtfertigung wurde, die in jeder andern Männer⸗ bruſt Neid hätte erwecken können. „Was für Beweggründe können aber den Herrn von Scheck hieher geführt haben, wenn nicht Veran⸗ laſſungen von Bedeutung?“ fragte der Graf Gerard pikirt.. „Läugne ich dieſe, mein Herr?“ ſprach Caritas in fortwährender Aufregung.„Aber iſt ſeine Stellung als Diplomat nicht im Stande, ihn in perſönlichen Rückſichten zu einer, wie Sie ſelbſt ſagen, ſo flüchti⸗ gen Reiſe gezwungen zu haben?“ Bevor ein neuer, ſchon ſichtlich hervorbrechender Tumult von Beweiſen, Fragen und Belegen das junge Mädchen mit ihrer Vertheidigung überſtürmen konnte, erhob der Marquis Deſalles ſeine dunkeln geiſtvollen Augen und ließ ſie wie ein elektriſches Licht über den Kreis ſeiner Freunde hinfliegen. Er hatte auf eine überraſchende Weiſe in dieſem Disput die Anweſenheit eines Mannes erfahren, den er ſelbſt zu den intereſſanteſten und bedeutendſten Bekanntſchaften ſeines Lebens zählte. Man ſah, daß ein inneres Wohlbehagen ſeinen Geiſt bei den eral⸗ 5 108 tirten Lobeserhebungen ſeiner Tochter Caritas durch⸗ flog und daß er gefliſſentlich geſchwiegen hatte, um ſie reden zu hören. Als der Sturm, unbeſchwichtigt, wieder ausbrechen wollte, ſagte er mit ſtiller Würde:„Ruhig, meine Freunde— ich kenne den Mann!“ „Und ich bürge für ihn ¹¹ ſetzte Lafayette ſchnell⸗ eintretend hinzu. Caritas fühlte jetzt ine Glut der Beſchämung auf ihren Wangen. Hatte ſie nicht in unweiblicher Haſt ihr geheimſtes Leben den profanen Blicken die⸗ ſer Männer preisgegeben? „Ah— mein Fräulein,“ warf höflich ſcherzend ein alter bewährter Freund des Marquis ein,„wir haben zwar vom Herrn von Scheck erfahren, daß er das Glück hat ein Bruder Ihrer wirklichen Frau Mutter zu ſein; aber der Thron, den Sie ihm in Ihrem Herzen errichtet haben, möchte den Werth einer ſolchen Verwandtſchaft wohl bedeutend und glänzend überragen!“ Caritas, von einem Schwindel des Entzückens betäubt, ſank in ihren Seſſel zurück. O, wie jauchzte und jubelte es in ihr! Er hatte ſich nicht ihrer ge⸗ ſchämt— er hatte ſie nicht verläugnet? Er hatte ſie anerkannt— er hatte ihre Mutter genannt?—— 109 Und jetzt ſprach ihr Vater— mit tieferer Her⸗ zensregung hatte ſie ihm gewiß nie dieſen Namen beigelegt— von dem, den ſie vergötterte. Wie er von ihm ſprach— wie er dieſe ſtolze, reine, hohe Deutſchheit erhob, die ſich ihm in den Bildern der beiden deutſchen Edelleute offenbart hatte! „Hätten wir für unſere Sache ſolche Herzen gehabt, ſo würden wir das Ideal unſerer Beſtrebungen repräſentiren können. In oer Bruſt dieſer Edeln des deutſchen Reiches iſt der Patriotismus zum Kultus geworden, und ihr Blut iſt mit der Treue an alte angeſtammte Herrſcher ohne Wandel dem Phantome geweiht, das ſie Ehre nennen. Bedauern wir dieſe Verirrung geiſtigen Edelmuthes— aber, werfen wie nicht leichtfertig den Blaͤme der Servilität darauf!“ ſchloß er ſeine Rechtfertigung. Ein Murmeln, das dem Zweifel ſowohl, als dem Beifalle gelten konnte, folgte ſeinen Worten. In vielen Mienen war immer noch ein Bedenken bemerklich, und es wurde die Antwort hingeworfen — der Servilismus leihe ſich mitunter blendende Gewänder und der egoiſtiſche Ehrgeiz greife zu ver⸗ ächtlichen Mitteln, um emporzukommen. Wolle man auch dieſer Vorausſetzung im vorliegenden Falle nicht huldigen, ſo wäre Vorſicht zu allen Dingen 110 gut, indem der Legationsrath von Scheck keine Ver⸗ anlaſſung habe, die hier geſammelten Erfahrungen nicht zu ſeinem Beſten zu benutzen. „Man ſagt, Scheck ambire ſtark auf die Am⸗ baſſade nach England,“ ſagte Graf Weller ſpottlächelnd. „Seine Wünſche ſcheinen die Höhe nicht zu ſcheuen!“ warf ein alter Marquis ein, indem er verächtlich zwei Körnchen Schnupftabak von ſeinem Aermel abſtäubte. Sein ganzes Marquiſat beſchränkte ſich auf den Titel ‚Marquis,“ den er nach unſägli⸗ chen Anſtrengungen endlich unter den letzten Regie⸗ rungsjahren Napoleon's erlangte, nachdem er unter dem verſchiedenſten politiſchen Farbenwechſel die ver⸗ ſchiedenartigſten Aemter bekleidet hatte. Der Marquis Deſalles heftete ſeinen glänzenden Blick ruhig auf ihn. „Gibt es wohl viele unter Euch, meine Freunde, die ganz ohne Selbſtſucht ihre Lebensbahnen wandeln?“ fragte er ſanft.„Gibt es überhaupt viele Enthuſia⸗ ſten wie Armand Carrel, welche die geſtickte Uniform eines Präfekten ausſchlagen würden, weil ſie ein Bindungsmittel der geiſtigen Kraft und Macht werden könnte?“ Ein leichtes Lächeln überflog ſein Geſicht, als 111 er bei dieſer Frage gerunzelte Stirnen und verlegene Mienen von allen Seiten erſcheinen ſah. Nur der General Lafayette behielt ſein ruhiges Wohlwollen in den Zügen und antwortete bedenklich: „Armand Carrel iſt klüger geweſen als andere, aber nicht patriotiſcher als wir. Er hat die Undank⸗ barkeit derer gewittert, denen er gedient hatte.“ Die Blicke der Anweſenden richteten ſich auf den edlen Greis. Man gedachte ſeiner Dienſte, die er bei dem letzten Aufſtande dem Bürgerkönig Louis Philipp geleiſtet, und man erinnerte ſich mit Abſcheu, daß er wenige Tage nach ſeiner opferbereiten Dienſt⸗ treue ſeines Amtes entlaſſen worden war. „Bereuen Sie— 2“ fragte Caritas mit leiſer Stimme und ausdrucksvollem Tone den Greis, den ſie hochverehrte. Er ſah ſie mildfreundlich an. „Wer weiß, ob ich nicht in Zukunft Anlaß zur Reue fände—“ entgegnete er ebenſo leiſe, um nicht von allen gehört zu werden.„Wer weiß, ob nicht die Zukunft Frankreichs an meiner Treue ge⸗ ſcheitert iſt! Die Macht dieſes Bürgerkönigthums hing an einem ſeidenen Faden— möge der König klug genug geworden ſein, damit nicht ſpätere Re⸗ volutionen meine Dienſttreue blutig löſchen müſſen!— Mir ſelbſt habe ich genuggethan— ob aber den 112 Pflichten als Patriot in vollſter Ausdehnung: das liegt im Schooße der Zeiten, mein theures Kind!“ Er unterbrach ſich ſelbſt und fragte ſchnell abwei⸗ chend:„Allein, wie wird es mit Ihrem republikaniſchen Feuer werden, meine holde Caritas, bei der Vorliebe für abſolutmonarchiſch geſinnte Männer, wie der Herr von Scheck?“ Caritas erröthete lebhaft, aber ſie deutete ſcher⸗ zend mit der rechten Hand nach Süden, während ſie die linke nordweſtlich hielt, und rief: „Wenn der Eine hier— der Andere dort lebt, ſo werden die Konflikte ſchon zu vermeiden ſein!“ „Iſt das Ihre einzige Sicherheit, Caritas?“ fragte der alte Herr bedeutungsvoll in ihr Auge blickend. Er dämpfte ſeine Stimme bis zum Flü⸗ ſtern, als er hinzufügte: „Sichere Quellen wollen ſeine Sendung nach Frankreich außer allen Zweifel ſtellen, wenn nicht ſonſt ſeine hochfliegenden Plane mit England reali⸗ ſirt werden.“ Caritas zuckte ſchmerzlich betroffen zuſammen. „Hat Ihnen unſere Begegnung heute nicht verrathen, daß unſere Wege ſo divergirend ſein wer⸗ den wie unſere Anſichten, und wenn uns der kleinſte Raum vereinen ſollte?“ fragte ſie haſtig und ſehr bewegt. Lafayette ſah ſie einige Augenblicke mit reinem Wohlwollen an, ehe er laͤchelnd und ſarkaſtiſch er⸗ wiederte: „Ich möchte Ihnen rathen, mein gutes Kind, ſich dem Scheine nicht zu vertrauen— er trügt. In uns und um uns waltet der Nebel der Täuſchung, den wir zwar mit der Schärfe unſeres Verſtandes zu durchdringen meinen, der aber bei allen Selbſtprü⸗ fungen dichter zu werden pflegt, weil unſere Befan⸗ genheit uns blind macht.“— Als die junge Dame ihn nach dieſen Worten ziemlich verwundert anſah und ihre Mienen deutlich genug verriethen, daß ſie nicht wußte, was die Metapher ſagen ſollte, ſetzte er hin⸗ zu:„Ein Diplomat macht keine Ehrenerklärungen ohne Grund und Urſache, meine liebe Caritas!“— 1857. V. Caritas. III. Achtes Kapitel. Die Freunde des Marquis hatten unzufrieden ſeinen Salon verlaſſen und ſich mit einigen Worten dahin verſtändigt: daß ſie den Aufenthalt im Bade ſo viel wie möglich abkürzen wollten, um die Zuſam⸗ menkünfte mit den deutſchen Republikanern zu ver⸗ meiden. Wenn Furcht und Mißtrauen einmal ge⸗ weckt ſind, ſo erſtehen aus jedem Zufalle Geſpenſter und mit dem unbedingten Vertrauen iſt es vorbei. Auf den Marquis ſchien dieſer Zwieſpalt gar keinen Eindruck zu machen. Er ließ ſich von Caritas nach ſeinem Kabinete geleiten und ſie begann ihm nach dem täglichen Gebrauche vorzuſpielen, um ſeine irren Gedanken durch die Muſik zu feſſeln. Die Marquiſe kam erheitert von ihrem Spa⸗ ziergange zurück. Sie küßte ihre Tochter zärtlich und 115 machte, ihrem Gatten zugewendet, die Bemerkung, daß ſie ſich ſehr amüſirt habe. Der Marquis ſah ſchwermüthig in die Höhe. „Cormenin war bei uns,“ ſprach ſie belebt wei⸗ ter.„Denke Dir, Armand— er liebt unſere Cari⸗ tas— er wird Dich um ihre Hand bitten!“ Caritas, im Begriffe ſich ein neues Tonſtück aufzuſtellen, hob überraſcht ihren Kopf und ſchaute auf ihre Pflegeeltern. Der Marquis rührte ſich nicht. Sein Blick hing träumeriſch am Abendhimmel, wo das letzte Son⸗ nenlicht verglühete. „Cormenin iſt ein guter Menſch,“ fuhr die Marquiſe mit dem ſorgloſen Tone früherer Zeit fort — ver will Caritas nicht von uns trennen— er will bei uns bleiben, bis wir getröſtet ſind.“ „Die Zeit würde ihm lang werden,“ unterbrach der Marquis ſie ſehr gleichmüthig.„Er mag ſich eine andere Frau ſuchen.“ Caritas ſprang auf und warf ſich neben dem Vater aufs Knie nieder. „ Wer möchte es wagen,“ rief ſie mit brennen⸗ den Wangen,„mich hier von dieſer Stelle zu ent⸗ fernen— mein Vater— nicht wahr, Du kannſt Deine Tochter nicht entbehren?“ 8* Mit einer Zärtlichkeit im Blicke, die ohne die Heiligkeit des Ausdruckes an Glut und Begeiſterung eines Liebhabers würdig geweſen wäre, ſah der Mar⸗ quis auf das junge Mädchen nieder. „Ich kann Dich nicht entbehren,“ wiederholte er mit ſchwerer Bedeutung.„Doch was frägt die Liebe nach dem einſamen Vaterherzen—“ „Ich liebe aber Cormenin nicht,“— warf Ca⸗ tas ſchnell ein. „O, Caritas— Jules Cormenin iſt aber ſo liebenswürdig,“ rief die Marquiſe, ſchon halb auf der Schwelle des Nebenzimmers, das ſie bewohnte. „Er liebt Dich ſehr— er liebt Dich leidenſchaftlich — o, Du mußt mir zugefallen ihn wieder lieben.“ Sie verſchwand und ſchloß die Thüre. Weder der Marquis, noch das Mädchen beach⸗ teten dieſen kindiſchen Ausbruch von Mutterwünſchen. Man war dergleichen ſeit dem Unglücke von ihr gewohnt. Dagegen fragte der Marquis mit der Trauer der feſten Ueberzeugung: „Du liebſt Cormenin nicht, weil du Eugen von Scheck liebſt?“ Caritas ſenkte den Kopf, aber nur einen Augen⸗ blick. Dann richtete ſie ihre ſtrahlenden Augen feſt auf ihren Vater und antwortete: 117 „Ja, mein Vater, ja ich liebe Eugen— ſeit heute weiß ich es, daß ich ihn liebe!“ „Und ſeinetwegen wird das Vaterherz einſam trauern müſſen?“ „Niemals!— Mein Platz iſt hier!“ Ihr Blick haftete unverwandt an ihrem unglücklichen Vater. „Wenn er kommt, Dich zu fordern?“ fragte dieſer leiſe. „Dann wird er ſehen, daß höhere und heiligere Pflichten mich feſſeln.“ „SDu kennſt die ſüße Ueberredung der Liebe nicht.“ „Ich kenne meine Liebe zu Dir, mein Vater,“ erwiederte das Mädchen in ſchöner Begeiſterung. „Als Eugen des Ehrgeizes wegen mich verließ— als meine Mutter der Gattenliebe wegen mich zie⸗ hen ließ, da nahmſt Du mich an Deine Bruſt— Du errietheſt die Schmerzen meines verletzten Her⸗ zens— Du verſtandeſt den Blick, der ſehnend nach der Gegend forſchte, wo die lebten, die mich nicht gebrauchten, die mich nicht vermißten! An Deiner Hand betrat ich das Leben, in Deinem Arme lernte ich vergeſſen— die ſchönſten, reinſten und heiligſten Gefühle danke ich Dir, mein Vater. In Dir liebte ich die Mutter, in Dir den Vater, in Dir fand ich 118 einen Tröſter für mein ſtilles unverſtandenes Leid — alles, alles trat zurück vor Deiner milden Liebe und Zärtlichkeit. Ich war ruhig und glücklich ge⸗ worden. Gott wollte, daß ich Dir vergelten ſollte — mein Platz iſt an Deiner Seite— immer und ewig!“ „O, mein Kind— mein theures, ſüßes Kind!“ flüſterte der Marquis tief bewegt.„Und ſie— ſie kann glauben, Du ſeieſt ihre Tochter!“— ſetzte er nach einer kleinen Pauſe hinzu, indem er bitter lä⸗ chelnd nach der Thür des Zimmers deutete, wo die Marquiſe verſchwunden war.—„Wäre nur ein Atom Deines Geiſtes und Deines Herzens in ihrer Bruſt geweſen— welch ein beneidenswerther Mann würde ich ſelbſt jetzt noch ſein— aber— ihre Leere, ihre Oberflächlichkeit und ich mit dem Bewußt⸗ ſein meines furchtbaren Unglückes— ohne Dich— ohne Dich, meine Caritas!— Nein, Mädchen, ich kann Dich nicht entbehren— ich nehme Dein Opfer an— Du mußt bei mir bleiben, bis der Tod mich hinnimmt!“ Er faltete ſeine welken, abgemagerten Hände flehend in einander und blickte die Nichte mit zärt⸗ licher Angſt an. „Sei ruhig, theurer Vater. Ich verlaſſe Dich 119 nie! Von Opfer iſt keine Rede. Es iſt der ſüßeſte Traum meines Lebens geweſen, mein ganzes Daſein, alle die tiefe Liebe, die mein Herz ſeit meiner früheſten Kindheit in ſich barg, meiner Mutter, nach der ich ſehnend verlangte, widmen zu dürfen. Mein Geſchick verwarf die innigen Gebete dieſer phantaſtiſchen Kin⸗ derſeele und ſtellte einen Vater, der mich liebt, der meine Zärtlichkeit weckte und mich zu ſeinem Glücke nöthig hat, anſtatt der erſehnten Mutter in meinen Lebensweg. Ich gehöre Dir mit weit heiligern Ban⸗ den als dem Manne, der mein Herzblut einen Mo⸗ ment lang entzündete. Was bin ich ihm, der einem glänzenden Ziele nachſtrebt? Nichts— gar nichts! Sein Blick blieb kalt, ſein Herz ruhig, als er plötz⸗ lich mich wieder ſah. Der Weg des Ehrgeizes hat eiſerne Geleiſe, die alles niederhalten, was hervor⸗ quellen möchte.“ „Du kennſt die Macht der Liebe nicht, mein armes Kind!“ „O ja,“ ſagte ſie unſchuldig.„Und ich fühle mich gerüſtet zum Kampfe mit dieſer Macht. Eugen ſelbſt hat übrigens die unbedingte Herrſcherkraft der⸗ ſelben in ihren Grundelementen zerbrochen, indem er mir zeigte, daß man ſeine Entſchlüſſe nicht von zärt⸗ lichen Gefühlen regeln laſſen muß. Er hat mir 120 bewieſen, daß es möglich iſt, die Wallungen des Her⸗ zens, die uns verlocken wollen, zu bezwingen.“ Der Marquis lächelte mitleidig.„Du überſchäz⸗ zeſt, fern von der Gefahr, Deine Streitkräfte. Die Liebe, welche in gegenſeitiger Erwiederung von Tag zu Tag an Glut zunimmt, die ſchließt alles aus, was dem Beſittze entgegenſtrebt.“ Caritas ſah hell und freudig in das Geſicht ihres Vaters. „Laß dieſe Prüfung nur über mich hereinbrechen, ſie ſoll mich gewaffnet finden. Wenn Eugen in dem nichtigen Glanze ſeines Ehrgeizes Beruhigungen für ſein Herz hat finden können, ſo wird die Erhaben⸗ heit meiner Pflichterfüllung auch Tröſtungen in ſich tragen. Selbſtbekämpfungen, mein Vater, belohnen ſich immer durch ſich ſelbſt.“ „Nicht immer, mein liebes Kind,“ fiel der Marquis raſch ein.„Der Lohn liegt mehr in unſerer Imagination als in der Wirklichkeit, und wenn wir eines Tages unſere Kämpfe mit dem Lohne zuſam⸗ menſtellen, ſo finden wir das Opfer zu groß, das wir brachten.“ Caritas ſah nachdenklich vor ſich nieder. Auf ihrem ſchönen Geſichte prägten ſich die frohlockenden Regungen innern Triumphes aus. Sie überdachte — ,.— — 121 die Behauptung ihres Pflegevaters eine kleine Weile und erwiederte dann mit großer Zuverſicht:—„Es kommt darauf an, welchem Zwecke man Selbſtbekäm⸗ pfungen widmet, mein Vater, und es kommt auch darauf an, unter welchem Beiſtande man kämpft. Unter der Aegyde reiner und hoher Kindesliebe muß es leicht ſein, allen Verlockungen des Herzens zu widerſtreben.“ „Du irrſt— o wie irreſt Du!“ rief der Mar⸗ quis ſchmerzlich bewegt.„Sieh, ſelbſt in der leeren und hohlen Bruſt der Frau, die ich Gattin nenne, konnte einſt das Feuer der Liebe alles überwältigen, was unſerer Vereinigung entgegenſtand. Sie verließ Vater und Mutter um dieſer Liebe willen— ſie trotzte dem Scheine— ſie gab ſich dem böſen Leu⸗ mund preis.“ Caritas neigte ſich tief nieder zu dem Mar⸗ quis. Ihre Wangen hatten die Farbe verloren und ihre Stimme bebte, als ſie leiſe und ſchüchtern fragte: „Wäre es nicht edler geweſen, wenn ſie den Kampf gegen ſich gerichtet— wäre es nicht ver⸗ ehrungswürdiger geweſen, wenn ſie die Gefühle der Eltern geſchont und ihre Ehre höhergehalten hätte als die geheimen Freuden ihrer Liebe?“ 8 Der Marquis wußte, daß Caritas in dieſen 122 einfachen Fragen ihr ganzes Glaubensbekenntniß der Sittlichkeit ausſprach. Er nahm ſchweigend ihre Hand und führte ſie an ſeine Lippen. Das Geſpräch endete hiermit. Es hatte die Grenzen erreicht, wo das Bild Franziska's mahnend und warnend vor dem innern Auge beider erſchien, und es wäre eine Ent⸗ heiligung geweſen, mit einem Worte deren Vergan⸗ genheit zu berühren. Caritas, eingeweiht in die Geheimniſſe des müt⸗ terlichen Jugendlebens, hatte Grundſätze aus dieſen Erlebniſſen gezogen, welche an Reinheit und Stärke alles überflügelten, was ſonſt Lehre und Beiſpiel zu bewirken vermag. Sie fühlte ſich gerüſtet zu einem Märtyrerthume. Sie erkannte kein Geſetz der Liebe an, das nicht von innern Ueberzeugungen geregelt und von äußern Lebensſtellungen geheiligt erſchien. Für dieß junge Herz gab es nur eine Lebensregel: die Nothwendig⸗ keit, und ihr unterwarf ſie alles das, was ſonſt Herz und Sinne zu bewegen im Stande war. Neuntes Kapitel. Die Pruͤfung ihrer aufgeſtellten Prinzipien ſollte der jungen Dame nicht erſpart werden. Schon am folgenden Morgen hielt der Mar⸗ quis ihr ein Briefchen entgegen, das in einem Schrei⸗ ben vom Legationsrathe an ihn eingeſchloſſen geweſen war. Ein freudiger Schreck durchfuhr ihr ganzes Weſen und ſie ſchien im erſten Augenblicke entſchloſſen den Eindruck, den ein erſtes Schreiben des Still⸗ geliebten hervorzubringen pflegt, vor den ſcharfen Blicken des Marquis zu verbergen und ſich in der Einſamkeit ihres Zimmers dem Genuſſe hingeben zu wollen, ſich mit dieſen an ſie gerichteten Worten zu beſchäftigen. An der Schwelle kehrte ſie wieder um und ließ 124 ſich, zwar heißerröthet und in einem nervöſen Zit⸗ tern, mit Faſſung neben ihrem Vater nieder. „Warum ſollte ich Dir ein Geheimniß aus dem Entzücken machen, das ich in dieſem Momente durch mein ganzes Weſen dringen fühle,“ ſagte ſie leiſe. „Wer weiß, was für kühle Worte er ſchreibt— aber, mein Vater, ſie werden mich dennoch beglücken; denn ſie ſind ein Dokument, daß er mich nicht miß⸗ achtet.“ „Kindiſches Weſen— wer könnte Dich miß⸗ achten,“ entgegnete der Marquis ſanft und freundlich. Caritas entfaltete das Blatt und reichte es, nachdem ſie die wenigen Worte raſch überflogen, ihrem Vater. Einige Thränen rollten ſchnell über ihre Wangen und ſie barg ihr Geſicht in den Kiſſen, worin der Marquis ruhte. Wie die Liebe zwiſchen den Zeilen zu leſen weiß! Nur damit läßt ſich dieſe ſeltſame Aufregung erklären; denn die Worte enthielten nichts, was ſo tieferfreulich hätte wirken können. Eugen ſchrieb: „Wenn der Mann willenlos das Haupt beugt und bittet:„verzeihe mir!“ dann muß das Gewicht ſeiner Schuld drückend in ihm liegen. Caritas, ich ſehe Sie vielleicht bald wieder, dann ſoll Ihr erſter Blick mir ſagen, wie ſchwer die Sünde iſt, die ich — 125 begangen habe. Der Himmel gebe, daß meine Strafe nicht zu hart ausfällt!e „Er gibt ſich überwunden,“ murmelte der Mar⸗ quis. Die Marquiſe ſtörte die kleine Szene. Sie be⸗ gann das Kapitel über Jules Cormenin's Liebe von neuem und entwickelte an dieſem Morgen eine ganz abſonderliche Eigenwilligkeit inbetreff ihres Wun⸗ ſches, daß Caritas dieſer Heirat geneigt werden ſolle. Caritas blickte gedankenſchwer auf das Blatt Papier hinab, das ſie ſo unſäglich glücklich machte, und die Frage zog vor ihrer Seele vorüber: ob ſie einige Tage vorher mit demſelben Widerwillen von einer Verbindung hätte reden hören, wie jetzt. Nein, flüſterte eine Stimme in ihr— nein, ich würde Jules Cormenin ohne Weigern als Gat⸗ ten angenommen haben.— Er war mir eine Stütze im Trübſale und eine Freude in der entſetzlichen Qual meines Lebens geworden. Ich bin undankbar. Jetzt kann ich ohne ſeine Theilnahme beſtehen— o ich würde jetzt das Einſtürzen des Himmels ohne Schauder und Entſetzen ertragen können!— Mein Gott, ſollte die wahre Liebe wirklich ſo Kilſebſic in ihrer Kraft ſein? 126 Wenden wir uns jetzt zu dem Diplomaten, der mit dieſem Briefe verrathen hatte, daß er zur Er⸗ kenntniß gekommen war. Das Wiederſehen des jungen Mädchens ent⸗ ſchied über ſein Leben. Was half ſein Widerſtreben, womit er noch immer von Zeit zu Zeit dem überwältigenden Zau⸗ ber wehrte, der ſich bei der leiſeſten Erinnerung an ihre Geſtalt, wie ſie vollendet ſchön und doch ſo un⸗ beſchreiblich anmuthig am Arme des greiſen Kriegers vor ihm erſchienen war, mit Glut über ihn ergoß. Was halfen die Einflüſterungen ſeines Ehr⸗ geizes? Zuletzt ergab er ſich. Sein Herz leitete ihn bei ſeinen Entſchlüſſen. Er gab die hochſtrebenden Pläne für England auf und nahm ohne Verweilen ſeine Richtung gen Paris, als er beauftragt wurde dort⸗ hin zu gehen. Dort finden wir ihn nach vier Wochen wieder. Seine Stellung verbot ihm zwar eine gefliſſentlich ge⸗ ſuchte Freundſchaftsverbindung mit den Männern, die er vor wenigen Wochen im Bade getroffen; allein er vermied es nicht mit ihnen zu konverſiren, wo ihm die Gelegenheit nur irgend geboten wurde, und dadurch entſtand zwiſchen den mißtrauiſchen Liebera⸗ 127 len und ihm nach und nach eine ſo freundſchaftliche Beziehung, daß es nur der Ankunft des Marquis Deſalles bedurfte, um ihrer Verbindung den Char⸗ akter des vertraulichen Umganges zu verleihen. Caritas wußte, daß ſie den Legationsrath in Paris wiederſehen würde. Ihr ganzes Weſen erlitt dadurch eine Veränderung, nur nicht die hingebende Liebe für ihren Pflegevater, deſſen Zuſtand nach wie vor ihre größte und ſorgſamſte Pflege in Anſpruch nahm. Das Gemüth des Marquis erſchien beruhigter, ſein Verſtand wieder klar und heiter, ſein Geiſt be⸗ freit von beängſtigenden Bildern, aber alles nur ſo lange, wie Caritas neben und um ihn war. Es gehörte zu ſeinen Lebensbedürfniſſen, ſie beſtändig zu ſehen, und man mußte zugeſtehen, ſeine Liebe zu dem Mädchen glich einer fixen Idee. Caritas hatte aber das Herz dazu, um vieſe krankhafte Empfindung zu reſpektiren. Was jedem andern weiblichen Weſen zur Qual geworden wäre, das gereichte ihr zur Wonne. Jahrelang hatte ſie nach dem Bewußtſein ihrer Unentbehrlichkeit ge⸗ ſchmachtet— war ſie nicht hier ganz an ihrem Platze? Der Tag erſchien, wo ſie Eugen wiederſehen ſollte. Der Marquis hatte ſein ſonſt ſo gaſtliches Haus nur den intimſten Freunden geöffnet. Prunk und Lu⸗ rus waren geſchieden von dem prachtvollen Hötel, das er bewohnte; ſeine Tage verlebte er einſam und nur die Stunden des Abends verſammelten einen Kreis bewährter Männer jeden Standes um ſeinen Krankenſeſſel. Die Marquiſe war nicht zufrieden, daß der Glanz ihres Hauſes verdunkelt erſchien, aber ſie mußte ſich fügen. Ihre Hoffnung auf eine Verbindung Corme⸗ nin's mit Caritas hatte ſie noch nicht aufgegeben, und daran knüpfte ſie die Erneuerung der alten glänzenden Soiréen, die die aufgehenden Geſtirne am Modehimmel zu verſammeln geeignet waren. Es war der erſte Abend, wo der Marquis Gäſte empfing. Er ſaß zufrieden am warmen Kamine; Caritas, unweit von ihm, verſah nach engliſcher Sitte den Theetiſch. Sie ſah den Legationsrath eintreten, ſie hörte den geliebten Stimmenton durch die Menge der Sprecher hindurch, ſie fühlte ſeinen Blick auf ſich ruhen, als er mit einigen Worten die Marquiſe, welche am Spieltiſche ſaß, begrüßte; dann aber ſchlug brau⸗ ſend die Verwirrung um ſie her, und ſie kam erſt wieder zum klaren Bewußtſein, als er von dem Seſſel des Marquis zu ihr heranzutreten Miene machte. —— —— 1 129 Ihre gewaltſame Faſſung konnte jeden andern täuſchen, nur ihren Pflegevater nicht, der mit einer Miene, gemiſcht aus Wohlwollen und Furcht, dem Manne mit den Augen folgte, welcher ihn zu berau⸗ ben kam. Auch bei dieſem Wiederſehen reichte Caritas dem deutſchen Freunde nicht mit deutſcher Sitte die Hand, aber ſie zögerte keinen Augenblick, ſie in die dargereichte Rechte Eugen's hineinzulegen. Er ſuchte ihren Blick. Aber ſie wendete ruhig ihr Auge zu ihrem Vater, der mit Spannung an ihren Zügen hing. Ein holdſeliges Lächeln zitterte für einen Moment über ihr Mienenſpiel hinweg, dann begrüßte ſie mit deutſchen Worten den Bruder ihrer Mutter. Eugen's Strafe hatte begonnen. War dieß eine Antwort auf ſeine Frage, die er doppelſinnig an ſie gerichtet hatte unter der Laſt ſeiner Selbſtvorwürfe? In ihm war das Eis gebrochen, das er um ſich auf⸗ gethürmt hatte, nicht ſo ſchien es in Caritas zu ſein. Unbefriedigt trennte er ſich von ihr, um ſich in politiſche Geſpräche zu vertiefen. Er war der Selbſt⸗ beherrſchung zu gewohnt, um ſich die geringſte Blöße zu geben, aber die leichte Wolke, die ſeine Stirn beſchattete, verrieth ſeinen Seelenzuſtand. Späterhin ſuchte er Caritas abermals auf und 1857. V. Caritas. III. 9 130 es gelang ihm, ſie für die Erinnerungen ihrer Ju⸗ gend zu erwärmen. All' das ſchmerzlich aufgegebene Glück der Tage, wo ſie rein glücklich geweſen war, trat mahnend vor ſie hin und verlieh ihrem Weſen die Färbung der Wahrheit. Die Schleier der Täuſchung ſanken— der Schmerz der Entbehrung brach in dem feuchten Glanze des Auges hervor. Sie ſprach von Franziska, von ihrem Glücke als Mutter des Kindes, das neue Bande der Zärtlichkeit um ſie und Schollin werfen müßte. Eugen warf prüfend die Frage hin: ob ſie nie⸗ mals in die Heimat zurückzukehren gedenke? „Niemals,“ antwortete ſie feſt und beſtimmt. „Meine Heimat iſt hier— dort bin ich fremdge⸗ worden— dort bin ich überflüſſig!— Mein Herz ſehnt ſich bisweilen nach der, die ich Mutter zu nennen berechtigt bin, doch iſt dieß ein gewohnter Schmerz, der mich von Jugend auf begleitet hat. Er wird ungeſtillt mit mir zu Grabe gehen.“ „So war Ihre Trennung von meiner Schweſter eine Uebereilung,“ fiel Eugen bewegt ein. „Keine Uebereilung— ſondern eine Nothwen⸗ digkeit!“ entgegnete Caritas, indem ſie eilig ihren Platz verließ und zu dem Marquis trat, der ſie ängſtlich mit den Augen ſuchte. — 131„ „Verloren— unwiderbringlich verloren,“ dachte Eugen, als er ihr nachſah und trotz der ſchärfſten Beobachtung nur kindliche Hingebung und Aufmerk⸗ ſamkeit in ihrem Benehmen zu entdecken vermochte. Sie ſchien alles, außer ihrem Pflegevater zu vergeſſen. Es lag jedenfalls ſchon ein großer und bitterer Schmerz in dieſer Wahrnehmung, allein dieſer ſteigerte ſich noch bedeutend, als der Marquis Jules Corme⸗ nin, mit den Vorrechten der Verwandtſchaft ſeine immer geübten Hilfsleiſtungen darbot und von Cari⸗ tas mit Unbefangenheit als Theilhaber ihrer Sorgen und Pflichten angenommen wurde. Der Diplomat betrachtete von fern das junge Paar. Er begann ſeine geiſtigen Vorzüge geringzu⸗ ſchätzen, indem er die Jugend, die Eleganz und die äußere anmuthige Gewandtheit des jungen Marquis zu bewundern gezwungen war. Was war er, mit ſeiner deutſchen ernſten Haltung gegen dieſen Mann, wie konnte er in der Reife ſeiner Männlichkeit mit dieſem frühlingsfriſchen Leben einen Wettlauf begin⸗ nen wollen! Lafayette, der eine beſondere Vorliebe für den deutſchen Diplomaten gefaßt und ſeine edle Natur erkannt hatte, bemerkte den Zwieſpalt ſeines ſtolzen Herzens. In der Ruhe ſeines Gemüthes war es ihm 9* l 1 — — 2 ——————— 54 13²2 von tieferem Intereſſe das Wohl ſeiner Umgebung zu ſondiren als das ſeines Vaterlandes. Er hielt ſich faſt immer fern von den politiſchen Debatten ſeiner liberalgeſinnten Freunde, theils weil er in Folge ſeiner Syſteme, keiner beſtimmten Partei ſich zuzählen, alſo auch Meinungen und Vorurtheile nicht vertreten konnte, theils weil er ſich die eingetretene Stille ſeines Gemüthes, die ſich mehr der Kontem⸗ plation zuzuneigen im Begriffe ſtand, nicht zu ſtören willens war. Er ging zwiſchen den Trümmern früherer That⸗ kraft mit dem Bewußtſein umher, daß er mit ſeinen verjährten Ideen ſchon einem Kreiſe angehörte, der über die Wirklichkeit hinausging. Bei Eugen ſtieß er auf ähnliche Anſichten, deß⸗ halb tauſchte er mit dieſem gern ſeine Meinungen. Die ſtrenge und ſtolze Rechtlichkeit des deutſchen Edel⸗ mannes war ihm eine ſichere Bürgſchaft, daß er von ihm nicht gemißbraucht und daß ſeine offenherzigen Mittheilungen nicht das Bereich geſelligen Zeitvertrei⸗ bes überſchreiten würden. Er ſuchte auch an dieſem, für den innern Zu⸗ ſtand Eugen's ſo verhängnißvollen Abende, ſeinen jun⸗ gen Bekannten auf. Was ſie ſprachen, berührte nicht die Grenze der — ,— 133 3 Herzenseröffnungen, allein dem erfahrnen Menſchen⸗ kenner Lafayette entgingen die Revolutionen nicht, die endlich in einer Bruſt ausbrachen, welche immer unter der autokratiſchen Herrſchaft der Vernunft ge⸗ ſtanden hatte. Während Eugen von neuen Staatsprinzipien, vom Bürgerkönig Louis Philipp, von ſeinen ſchwan⸗ kenden Entwürfen, von den ſcheinbar rückgängigen Maßregeln ſprach, während er dem republikaniſch ge⸗ ſinnten Armand Marraſt den Untergang in ſeiner eigenen, ſchonungsloſen Heftigkeit vorausprophezeite und das fortdauernde Kriegsgeſchrei dieſes, gegen jede Staatsgewalt ankämpfenden Journaliſten als Aus⸗ wüchſe einer leidenſchaftlichen Ueberſpannung verdammte, während dieſer Zeit machte ſein Herz die Erſahrung, daß in den Eingebungen der Eiferſucht die Quelle der Demuth verborgen ſei. Als er mit Lafayette zugleich die Salons des Marquis Deſalles verließ, da hatte er die Ueberzeu⸗ gung gewonnen, daß ſeine Leidenſchaft für Caritas zu ſpät erwacht ſei. Ob es ihm aber jemals gelingen werde, ſich in die Geleiſe ruhiger und liebevoller Theilnahme für dieß ausgezeichnete Weib, das blendendſte und zugleich begabteſte, was ihm auf ſeinen bewegten Lebens⸗ l 1 pfaden begegnet war, hineinfinden würde, das wußte er nicht. Er fühlte ſich für den Augenblick noch ſtark genug den Verſuch dazu zu wagen, und er beſchloß dieſe Salons zu meiden, wo ſie als ein milder und doch entzückender Stern glänzte. Zehntes Kapitel. Als der Abend vergangen, und Caritas mit dem Marquis allein war, da legte ſie ihre Stirn gegen die Bruſt ihres Vaters und ſagte ganz leiſe:„Mein Vater— ſo geht es nicht! Ich habe geglaubt durch affektirte Ruhe und Gleichgiltigkeit dem Kampfe un⸗ ſerer Neigung zuvorzukommen, aber mein Herz blu⸗ tete, als ich Eugen's traurige Blicke der Verwunde⸗ rung ſah.“ „Du könnteſt eher meine traurigen Blicke ertra⸗ gen, nicht wahr, Caritas?“ fragte der Marquis mit leiſem Spotte. Das Mädchen richtete vorwurfsvoll ihre Augen zu ihm empor. „Habe ich ſeiner oder habe ich Deiner Liebe getrotzt?“ fragte ſie dagegen. wreen ——— ————————— ————————— 4 Der Marquis fühlte ſich beſchämt. Sie fuhr ruhig fort. „Ich kann nur keine Mißdeutung meines In⸗ nern ertragen— und ich fühle auch keine Kräfte in mir zum Komödienſpiele.— Eugen muß mich nach meinem heutigen Betragen für herzlos halten.4 Daß er fälſchlich eine Neigung für Cormenin vorausſetzen würde, fiel ihrem reinen und treuen Sinne gar nicht ein. Das Geſicht des Marquis verdunkelte ſich, als ſie nach einer kleinen Pauſe mit leidenſchaftlich be⸗ wegter Stimme fortfuhr:—„Mein Vater— er⸗ laube mir, daß ich mein Gefühl zeige, wie es in mir lebt— erlaube mir die Minuten reinen Glük⸗ kes, die ſeine Liebe mir bereiten muß.“— „Und wenn Dein Herz ſeiner Liebe Rechte gibt,“ unterbrach er ſie—„wenn er Deine Hand verlangt, wenn er ſich in den feſten Beſitz eines Kleinodes zu ſetzen ſtrebt, das mit der Erklärung ſeiner Herzens⸗ beſitznahme, zugleich das Recht der Weigerung ver⸗ liert, ſein Weib zu werden.“ Eine glühende Röthe flog über Caritas' Wan⸗ gen, der Glanz der Seligkeit zuckte in ihren ſchönen Augen. Verdüſtert beobachtete ihr Vater dieſe Sym⸗ ptome. Beide ſchwiegen eine lange, lange Zeit. 4 137 Endlich ſagte das Mädchen bittend.„Ich kann mit der Lüge nicht leben— ich kann unter der Verſtellung nicht gedeihen.“ Der Marquis lachte bitter. „Wieder die bequeme deutſche Tugend, die das Wort ‚kann,“ ſtatt ‚will: gebraucht, um ſich im Preiſe zu heben. 4 Caritas ſah ihn freundlich an und entgegnete parodirend:„Wieder die alte unbequeme Laune von Dir, die ſich bemüht Deine eigenen Ueberzeugungen niedrigzuſtellen.“ Er lächelte und erwiederte für den Augenblick nichts. Etwas muthiger gemacht, verſuchte Caritas ein Bild des Zuſtandes zu geben, in den ſie durch ihre eigene Kaltfinnigkeit gebracht, und in welchem ſie ſich konſequent erhalten hatte. Der Marquis ſeufzte:„Ich ſehe ein— Du verläſſeſt mich,“ meinte er traurig. „Nimmermehr, mein Vater!“ rief Caritas ernſt⸗ lich aufgeregt.„Mißtraue meinem Worte nicht— ich würde es mit Aufopferung meines Lebens erfül⸗ len. Was iſt die kurze Spanne Zeit, gegen das Gefühl der Selbſtverachtung? Was iſt der Genuß eines Glückes, in welches unſer eigener Unwerth die ———— ————,/C—¼;,,ddEZÜÜA— bittern Tropfen der Selbſtunzufriedenheit, der Reue und der Nichtachtung gemiſcht hat? Vertraue mir nur und gib mir Erlaubniß der Wahrheit zu huldi⸗ gen, mein Vater. Du läufſt weder Gefahr meine Geſellſchaft einzubüßen, noch wird es meine ſchönen Kindespflichten beſchränken.“ Mit den grämlichen Falten mißmuthiger Bedenk⸗ lichkeit räumte endlich der Marquis das Feld und gab ſeine Pflegetochter der Freiheit des Willens zurück. Aber die Tage wechſelten. Eugen erſchien nicht wieder im Salon des Marquis. Nachdem er in ſtreitenden Empfindungen die Nacht nach jenem Abende verbracht und von ihm jede Zergliederung ſeiner Gefühle und ſeiner An⸗ ſprüche an ein Herz, das er einſt zurückgewieſen hatte, vorgenommen war, kam er zu Ueberzeugungen von bedeutendem Gewicht. Dieſe waren im Stande ihn von fernern Verſuchen abzuhalten, worin er einer Demüthigung der Wiedervergeltung entgegenſehen mußte. 8 Wie geſagt, die Tage wechſelten, und kein Abend brachte ihn, den ſchmerzlich Erſehnten in Caritas' Nähe. Sie ertrug dieß mit ſo liebenswürdiger Ge⸗ b 139 duld, daß der Marquis ſich gerührt fühlte und einem ſeiner Freunde den Auftrag ertheilte den Legations⸗ rath zur Wiederholung ſeines Beſuches zu. veran⸗ laſſen. 4. Eugen erſchien am nächſten Abende. Seine Stirn war finſter gefaltet, der Blick ſeines Auges trübe. Er ſah bleich aus und um den feſtgeſchloſ⸗ ſenen Mund lagerte ein Zug innerlichen Kampfes, der mehr von Schmerzen, als von Siegesfreude ver⸗ rieth. Er verflocht ſich ſogleich in tiefe Geſpräche, ohne Caritas mehr als die flüchtigſte Begrüßung und die ſorgloſeſte Beachtung zu ſchenken. Das Mädchen ließ ſich davon nicht beirren. Sie wartete ruhig des Momentes, wo der Zufall oder ſein Herz den Zornmüthigen zu ihr führen werde, und als er willenlos, dem Zuge des tiefen Intereſſes folgend, endlich vor ihr ſtand, da begeg⸗ nete ihr Auge offen und wahrheitsgetreu dem ſeinigen. Ein Wonneſtrom ſchien ſein ganzes Weſen zu verändern. Ohne ein Auge von dem ſchönen Ge⸗ ſchöpfe zu verwenden, das die Hingebung ihres Her⸗ zens mit dieſem einzigen Blicke verrathen hatte, ſagte er in der ernſteſten und zugleich leidenſchaftlichſten Aufregung, warnend: „Caritas— ſpielen Sie nicht mit mir!l?“ — 1 Ie 3e e Sie lächelte ſo kindlich froh, wie einſt im Walde. „Nein,“ ſagte ſie,„ich wollte mit der Wahrheit ſpielen, Eugen— aber lieber der Gefahr entgegen⸗ treten, als die Unwürdigkeit der Verſtellung üben.“ Er verſtand ſie nicht, war aber im Augenblicke von dem Zauber der plötzlichen Schickſalswendung dergeſtalt überwältigt, daß er nicht die Fähigkeit hatte, dem dunkeln Sinne dieſer Worte nachzuforſchen. Es bedurfte nur einiger Tage, um den Einklang dieſer beiden Herzen ohne Erklärungen feſtzuſtellen. Und in der Zwiſchenzeit dieſer wenigen Tage fühlte Eugen mit einer leidenſchaftlichen Reue, daß er ſein Leben des Ehrgeizes wegen auf eine ſchmähliche Weiſe beraubt hatte, dabei bedachte er freilich nicht, wie er Caritas wiedergefunden, in welchem Glanze ihrer äußern Stellung und in welcher anbetungs⸗ würdigen Reinheit und Unſchuld. Der Hauch der Welt hatte vergebens ſeine Macht an dieſer edlen Natur verſucht— ſie ging ver⸗ edelter aus allen Prüfungen hervor. Damals, als er ſie kennen lernte, hatte ſie nach gemüthlichen Auf⸗ wallungen, unter der Weichheit einer Kinderſeele, unbewußt des edlern Elementes, das in ihr wohnte, gehandelt, jetzt ſtand ſie als ein fertiger Charakter, im Sonnenſcheine des Lebens gezeitigt und im Trüb⸗ ſale gereift, unter der Glorie der allgemeinen Ver⸗ ehrung da. Damals war ſie das Bild eines ſchö⸗ nen Kindes unter idealen Träumen großgeworden— jetzt das vollendete Ideal reiner und hoher Weib⸗ lichkeit. Für die Männer der Welt liegt einmal ein bindender Zauber in der Anerkennung eines Gegen⸗ ſtandes. Der Götzendienſt und die Bewunderung der Menge wirkt auf ihre Einbildungskraft mehr, als ſie ſich ſelbſt eingeſtehen wollen, und wenn Eugen auch nicht in dem Falle war, ſich von dieſer allge⸗ meinen Stimme leiten zu laſſen, ſo war der Einfluß derſelben doch nicht ganz abzuſtreiten. Entzückende Träume von Glück wiegten ihn in ihrem Schooße. Er glaubte ſich einem ſchönen Ziele ohne Hinderniſſe nahe und enthielt ſich nur aus Zartgefühl noch einer beſtimmten Erklärung ſeiner Liebe, der unbedingt eine Werbung um Caritas' Hand und eine ſchnelle Erfüllung ſeiner Wünſche folgen ſollte. Nicht von weiten kam ihm ein Gedanke an beſtehende Verhältniſſe, die ſich ſeinen Plänen abhold zeigen könnten. Die gegenſeitigen Verbindlichkeiten zwiſchen Caritas und dem Deſalles'ſchen Ehepaare hatten ihnen, nach ſeiner Anſicht, auch gar keine “ ———— ——ͤͤ 142 Rechte über Caritas eingeräumt, die im Stande ge⸗ weſen wären, ſeinem Glücke hemmend in den Weg zu treten. Er ſchrieb im Vollgefühle ſeines Glückes an ſeine Schweſter und bat ſie um ihren Segen. Während ſich alles dieß nach und nach langſam entwickelte, bereitete ſich in dem Gange ſeiner Karriere auch alles vor, um ihn auf den Gipfel irdiſcher Wünſche zu erheben. Man ſprach in vertrauten Kreiſen plötzlich von ſeiner Sendung nach Konſtantinopel und bekleidete ihn mit der höchſten Würde des diplomatiſchen Corps. Zu dem Marquis war die Nachricht noch nicht gedrungen, als am Vorabende des heiligen Weihnachts⸗ feſtes, Eugen ſeinen gewöhnlichen Beſuch bei ihm abſtattete. Das feine, ſelbſtbewußte Lächeln, womit er aber die ihm heimlich zugeflüſterten Glückwünſche ſeiner nähern Bekannten zurückwies, ließ gerade er⸗ rathen, daß das Gerücht nicht ganz unbegründet ſein mochte. Jules Cormenin, der trotz ſeiner ſehr geſunke⸗ nen Hoffnungen, das Haus des Marquis fortgeſetzt beſuchte, um mit leidenſchaftlicher Eiferſucht die Fortſchritte Eugen's zu beobachten, hörte kaum von dieſer Ernennung als Botſchafter, ſo beeilte er ſich ſie Caritas mitzutheilen. Sie wurde bleich. Cormenin kannte, im allgemeinen unterrichtet von der Marquiſe, das Verſprechen der jungen Dame ihren Vater nicht verlaſſen zu wollen. Seine Hoff⸗ nungen mußten ſich alſo nothwendig wiederbeleben bei der Ausſicht, ſeinen gefährlichen Rivalen entfernt zu wiſſen. Von einer ſo tiefen und treuen Anhäng⸗ lichkeit, wie Caritas fähig war, hatte dieſer junge Franzoſe keinen Begriff. Ja er würde die Idee: lie⸗ ber ehelos, als ohne die reinſte Hingebung der Liebe verheirathet zu ſein, lächerlich genannt haben. Das bleiche Geſicht vor ihm that ihm zwar leid, aber er konnte ſich doch nicht entſchließen, die günſtige Minute zu verſäumen, die ihm Aufſchluß über die Eigenthümlichkeit eines Bündniſſes zwiſchen Eugen und Caritas geben konnte. „Werden Sie dem neukreirten Geſandten fol⸗ gen?“ fragte er Gleichmuth heuchelnd. Caritas ſah ihn ernſt, aber ganz unbefan⸗ gen an. „Ich ſtehe mit Eugen in keinem Verhältniſſe, das eine ſolche Frage erlaubte,“ entgegnete ſie. „Verzeihung— ich hielt Sie für verlobt,“ fügte Cormenin hinzu. 144 „Verlobt?“ wiederholte ſie mit ſeltſamem Lä⸗ cheln.„Sie wiſſen, meine Ideen weichen von den allgemeinen Weltanſichten ſehr ab. Man kann ſein Leben einem Zwecke widmen wollen— man kann ſich dem Himmel verloben—“ „Um ewig verlobt zu bleiben,“ warf Jules ſcha⸗ denfroh ein, denn er verſtand ſie ſehr gut. „Ganz recht— um ewig verlobt zu bleiben! Für jetzt bin ich nur meinem Vater verlobt“— er⸗ wiederte ſie ſehr ſchnell und entſchieden. Eugen näherte ſich in dieſem Momente dem Platze, wo Cormenin mit Caritas ſtand. Er war nicht mehr eiferſüchtig auf dieſen jungen und ſchö⸗ nen Mann, ſeitdem er die Ueberzeugung ſeines Sie⸗ ges in ſich trug, aber er konnte niemals die Furcht ganz unterdrücken, im Vergleiche mit ihm in Cari⸗ tas das Bewußtſein zu wecken, daß die Jugend mit der Jugend harmoniren muß. Seine Erfahrungen und ſein bewegtes Leben ſtellten ihn mit ſeinen fünf⸗ unddreißig Jahren in die Reihen der ernſten Män⸗ ner, welche ihrem Lebensziele ſich nähern. Bevor er durch verſchiedene Gruppen, von denen er hier und da geſprächsweiſe aufgehalten wurde, zu dem jungen Paare dringen konnte, benutzte Cor⸗ menin die kurze Zeit, um noch eilig und mit dem 145 Spotte, der in der geſelligen Welt zu ſehr Sitte geworden iſt, um beleidigen zu können, von der Ro⸗ mantik ihres Herzens, die ſie doch endlich verlernen müſſe, um ſich durch ihre deutſche Natur nicht un⸗ glücklich zu machen, zu ſprechen. Caritas hörte zerſtreut, was er ſagte. Ihre Ge⸗ danken hingen ſchon an dem Momente, wo Eugen vor ihr erſcheinen und ihr ſelbſt mittheilen würde, was ſie ſo unſäglich betrübt machte. Die Künſte der Geſelligkeit verliehen ihr Kraft ihre innerliche Trauer zu verbergen und durch oberflächliche Ant⸗ worten eine Aufmerkſamkeit auf Phraſen zu affekti⸗ ren, die gänzlich ohne Eindruck an ihrem Ohre vor⸗ überrauſchten. Endlich ſtand Eugen vor ihr. Beklommen er⸗ wartete ſie ſeine erſten Worte. Sie enthielten nichts, was die Nachricht ſeiner Abreiſe beſtätigte. Cormenin, ſonſt mit jedermann auf den Fuß vertraulicher Höflichkeit ſich ſtellend, hatte vor Eugen's abweiſendem Ernſt eine derartige Furcht, daß er dieß Kapitel nicht zu berühren wagte, ſondern in anſchei⸗ nend harmloſer Laune von den Familienfreuden des bevorſtehenden Weihnachtsfeſtes zu reden begann. Caritas erlitt eine entſetzliche Pein. Was kümmerte ſie die Weihnachtsfreude? Was 1857. V. Caritas. III. 10 4 8 4 4 galt ihr das müßige Geſchwätz über den heiligen Urſprung des Feſtes? Er, unter deſſen Blicken ſie ein Leben begonnen hatte, das an Heiligkeit und Freude alles, alles übertraf, was auf Erden eriſtirte, Er ſollte aus ihrem Geſichtskreiſe wieder verſchwin⸗ den— wie ein Stern, der nur einmal leuchtet und dann ein ganzes Menſchenalter hindurch nicht wiederkehrt. Ihre Aufregung, ja, wir koͤnnen ſagen, ihre Gereiztheit, welche ſie bis zum Grade einer wilden und leidenſchaftlichen Wallung hinauftrieb, trat im⸗ mer ſichtlicher hervor. Die Kataſtrophe war voraus⸗ zubeſtimmen, wo alle Faſſung zuſammenbrechen und ihre beſonnene Haltung vernichten würde, als Cor⸗ menin, der auf den Diplomaten keinen Angriff wagte, ſeine feingeſpitzten Pfeile des Spottes mit der Ma⸗ nier knabenhafter Keckheit auf die Dame richtete, in⸗ dem er lachend ſagte: „A propos! Fräulein Caritas hat mir indirekt eben das offene Geſtändniß ihrer Vorliebe für ewige Verlöbniſſe abgelegt— iſt das deutſche Manier, mein Herr von Scheck, oder iſt es individuelle Eigen⸗ ſchaft der Dame?“ Eugen ſah verwundert aus. Caritas' Bläſſe wich bei dem unerwarteten Ausfall einer tieſen Röthe. 147 „Hat dieſe Vorliebe Bezug auf Sie, mein Herr?“ fragte Eugen den jungen Spötter. „Nein— nein!“ lachte Cormenin,„dazu würde mir die Geduld mangeln. Für jetzt erklärte ſich mir unſere ſchöne Freundin nur als eine Verlohte ihres Vaters.“ „Ein ſeltſamer Einfall,“ meinte Eugen mit Stirn⸗ runzeln. Er wendete ſich zu Caritas, die ruhig, als berühre ſie dieß Geſpräch gar nicht, vor ſich nieder⸗ ſah.„Erklären Sie mir, Caritas, was das heißen ſoll?“ fügte er in deutſcher Sprache hinzu. Beide pflegten mit einander immer deutſch zu ſprechen, und ihre Unterhaltung entſpann ſich infolge dieſer ſpezi⸗ ellen Forſchung nach dem Sinn des ungehörigen Scherzes nun in dieſer Sprache, ſchloß alſo den jun⸗ gen Marquis, der ihrer nicht mächtig war, gänzlich davon aus. Zuerſt beobachtete er eine kleine Weile an ihren Geberden und dem Ausdrucke ihres Mienenſpieles die Wirkungen ſeines Witzgeſchoſſes, dann langweilte zer ſich und ließ ſie, abgeſondert von der übrigen Ge⸗ ſellſchaft, allein ſtehen. 4 Es iſt unmöglich, mit kalten Worten nun die kurze, ſchnelle und leidenſchaftliche Erklärung zu ſchil⸗ dern, welche folgte, als ſie ſich allein und unbeobachtet ——— y—õ————— 148 ſahen. Was dieſe Herzen ſeit Jahren kaltblütig in ſich getragen hatten, was nach und nach immer tiefer, immer brennender, immer heißer in ihnen erglühet war, das brach hervor. Wenige Worte— aber ihre Bedeutung legte Feſſeln für eine Ewigkeit um ſie! r ekng in dem furchtbaren Sturme der heißen Liebe, die unter der Angſt einer Trennung alle Gren⸗ zen überflog. Sie gab in dem Geſtändniſſe: daß ſie jetzt, in dem klaren Bewußtfein ihres Glückes ohne ſeine Nähe nicht exiſtiren könne, ſeiner Liebe das Recht, ihren Beſitz zu fordern. Er ſagte ihr dieß. Seine überſtrömende Leidenſchaft forderte die nächſte Zeit zu ihrer Vermählung. Caritas bebte erſchrocken zurück! Was hatte ſie gethan? Das Bild ihres Pflegevaters ſtellte ſich drohend zwiſchen ſie und den Mann, dem ſie ſoeben ihr Daſein verpfändet hatte. Sie kämpfte einen Augenblick, dann hatte ſie ihre wilde Aufregung bewältigt und legte mit der Milde eines Engels ihre Gründe einer Wei⸗ gerung vor, die Eugen von dem Gipfel ſeiner ſtür⸗ miſchen Wünſche herabſchleuderten. Sie konnte ſein Weib nicht werden— ſie konnte ihm nicht in die fernen, fremden Gauen folgen, wo⸗ hin ihn der Wille ſeines Königs zu ſenden beſchloſſen hatte. Die Exaltation ihrer Liebe war gewichen, um 149 der Eraltation tiefempfundener Dankbarkeit platzzu⸗ machen. Eugen, einen Augenblick verwirrt durch ihren ſchönen, kindlichen Enthuſiasmus, glaubte an die Wichtigkeit ihrer Verpflichtung, ohne daran zu den⸗ ken, daß hier das Lebensglück zweier Menſchen auf dem Spiele ſtand. Betäubt horchte er auf die Er⸗ zählung des Mädchens, das ihm jetzt den tiefen Sinn der Worte: ſie habe ſich ihrem Vater verlobt, erklärte. Dann aber erzürnte er ſich über die phantaſtiſchen Einfälle des Marquis und er verwarf die moraliſche Rechtmäßigkeit ſolcher Verſprechungen. Zuletzt ver⸗ ſtieg er ſich bis zu bittern Vorwürfen, wobei er ihre Liebe zu ihm in Zweifel zog und allen Gründen un⸗ zugänglich blieb, die ſie zu ihrer Vertheidigung auf⸗ ſtellte. Caritas war todtenbleich, aber ruhig. Nur ihr nervöſes Zittern verrieth, daß ſie litt. So ſchieden ſie— auf ewig vereint im Gefühle ihrer Liebe und doch im Zwieſpalte ihrer Anſichten getrennt. Eilftes Kapitel. Aber unter dem Winterſchnee und Sturm bereiten ſich die lieblichſten und zarteſten Blumen vor. Als Eugen einſam, in ſtiller Nacht, auf ſeinem Zimmer dieſem Kampfe nachdachte, aus dem er nicht als Sieger hervorgegangen war, da ſtand die reine, weib⸗ liche Tugend des ſchönen Mädchens in der herrlich⸗ ſten Glorie der Verklärung vor ſeiner Seele. Das Uebermaß ſeines Stolzes, ſchon lange wankend in ſeinen Grundlagen, brach zuſammen und gab ihn der eigenen Verurtheilung preis. Hatte ihm nicht Caritas in leiſen Andeutungen verrathen, was ſie dem Marquis zu danken und zu vergelten hatte? Als von ihm in der Rückſcchtsloſigkeit ſeines eitlen Strebens des Mädchens Herz mißachtet wor⸗ 151 den war, da hatte dieſer Mann ihren gedrückten Geiſt emporgehoben und zu der Größe hinangeleitet, die ſie jetzt als Zierde der Geſellſchaft aufſtellte, da hatte Er in der Ausbildung ihrer Talente eine edle Zerſtreuung für ſie erſonnen, da hatte Er die heißblütige Natur des ſchönen bewunderten Ge⸗ ſchöpfes für die reinen Freuden des menſchlichen Da⸗ ſeins zu entflammen gewußt. Was dankte ſie ihm, den ſie Vater nannte! Sie dankte ihm mehr, als ihr Leben, das ſie ihm zu weihen geſonnen war.. Gab es aber keine Vereinigung der Pflichten gegen ihn und gegen ſich ſelbſt? Allerdings. Wenn er zu dem Opfer bereit war, ſeine jetzige Stellung beizubehalten und die glänzende Ausſicht auf höhere Würden durch eigenen Willen zu beſchränken. Noch ſchwankte er! Noch kämpfte er! Seine Hoffnung richtete ſich auf den Marquis, der den Bann löſen konnte, worunter ſein Glück litt. Er war ſo bequem ſich auf den Edelmuth desſelben zu verlaſſen, und ging deßhalb in der Morgenſtunde des andern Tages ohne große Sorgen zu ihm. Der Marquis ſaß in ſeiner ganzen, abſchrecken⸗ den Hinfälligkeit, die er bei den Abendverſamm⸗ 152 lungen meiſterhaft zu bezwingen wußte, in einem Fauteuil. Caritas hatte ihm vorgeleſen. Das Buch lag noch aufgeſchlagen, aber ſie ſelbſt hatte ſich entfernt, um Toilette zu machen. Eugen ſank der Muth, als er die troſtloſe Miene des unglücklichen Mannes ſah, mit der er ſich aus den Polſtern zu erheben ſuchte und ihm entgegenrief: „Entſchuldigen Sie mich. Ich kann Ihnen nur ein Willkommen entgegenrufen!“ So elend hatte er ſich die Verfaſſung des Mar⸗ quis nicht vorgeſtellt. Er nahm Platz, wagte aber den Grund ſeines Kommens nicht zu berühren. „Sie wollen mir meine Caritas abfordern— begann der Marquis zu ſeinem Erſtaunen, nachdem eine Sekunde nachdenklichen Schweigens vorüberge⸗ gangen war.„Sie hat mir alles geſagt und ich habe ihr die Freiheit gegeben nach ihrem Herzen zu handeln.“ Eine ſtürmiſche Freude durchzuckte die Bruſt des Mannes, der jahrelang einem Glücke entſagt hatte, das jetzt alle ſeine Gedanken beherrſchte und ſeine Pulſe in Aufregung brachte. Dankbar neigte er ſich 41 — V 4 153 zu dem Marquis— eine Thräne glänzte in ſeinem Auge. Der Marquis ſchüttelte leicht den Kopf. „Hoffen Sie nichts, mein theurer Freund,“ ſagte er leiſe.„In Caritas' Bruſt lagern die Entſchlüſſe felſenfeſt!“ Eugen lächelte ungläubig. Natürlich ihrem Va⸗ ter gegenüber mußte ſie zögern von der Erlaubniß ‚glücklich werden zu dürfen’ Gebrauch zu machen. „Mein Egoismus hat dem Mädchen die Bande übergeworfen— ich fühle, daß ich Unrecht gethan habe, aber“— ſein Auge blitzte in einem wilden Schmerze auf—„wenn man bis zur Erbärmlich⸗ keit hinabgeſunken, nur einen Troſt, nur eine Freude kennt, ſo klammert man ſich an dieſen Stroh⸗ halm an, der uns geblieben iſt. Ich möchte Ihnen rathen, Caritas nicht zu ſprechen, ihr überhaupt Zeit zur Beruhigung zu geben.— Iſt es gewiß, daß Sie nach Konſtantinopel berufen werden?“ Eugen geſtand, durch konfidenzielle Mittheilun⸗ gen ſeines Geſandten, der zugleich ſein Freund ſei, darauf vorbereitet zu ſein. „Hören Sie meinen Rath, mein Freund,“ ſprach der Marquis nach einigem Bedenken, während Scheck in einer unbehaglichen Stimmung neben ihm weilte. „Gehen Sie ruhig Ihrem Schickſale nach. Wenige Jahre und ich bin von dieſen Qualen erlöſet— Hoffen Sie nicht, daß Caritas Ihnen folgt, ſo lange ich athme.“— Ein ſanftes wehmüthiges Lächeln flog über ſein bleiches eingefallenes Geſicht, als er hinzufügte: „Wir wollen ihr aber die Ausſicht auf Glück, das den Weg nur über mein Grab findet, erſparen. Gehen Sie ruhig— wen Caritas liebt, der iſt ihres Her⸗ zens auf ewig ſicher.“ Und Eugen ging, ohne Caritas an dieſem Mor⸗ gen geſehen zu haben. Aber ſein Weg führte ihn nur zu dem Geſandten, der ſein Freund war. Seine Liebe hatte jetzt den Höhepunkt erreicht, wo jedes Widerſtreben unnütz iſt, wo es aber auch aufhört und in den Bewegungen der Seele unter⸗ geht. Was auch die Quellen des Ehrgeizes ihm darbieten mochten, die Quellen der glücklichen Liebe waren ein Aequivalent dagegen. Er fand den Geſandten nicht allein, zwei Attaches verſchiedener Höfe waren bei ihm. Zu jeder andern Zeit würde er ſich durch ſolche Geſellſchaft von der Eröffnung ſeiner Privatintereſſen haben abhalten laſſen— in ſeiner eingetretenen Gemüthsverfaſſung achtete er ihrer nicht, denn es dürſtete ihm nach Entſcheidung. 155 Er legte dem Geſandten das Geſuch vor, ſeine Ernennung als Botſchafter nach Konſtantinopel auf alle Fälle zu hintertreiben und es zu befürworten, daß er in Paris bleiben könne. Die große Ueberraſchung, welche ſich in den Mienen und Geberden der zwei anweſenden Diplo⸗ maten kundgab, war ein Zeichen, daß er mit dieſer Bitte das Ziel ſeiner Laufbahn auf ewig verrückte. Man ſtaunte— man fragte. Endlich erklärte ſein Freund, der Geſandte: er wage keine Oppoſition gegen den vorläufig gefaßten Beſchluß, da ihm Gründe mitgetheilt ſeien, die jeden⸗ falls ſeine Entfernung von Paris doch unausbleiblich nothwendig machten. Scheck war frappirt. Gründe ſeine Entfer⸗ nung von Paris zu wünſchen? Eine leichte Verlegenheit malte ſich in den Mienen der Anweſenden. Sie wußten alle drei, daß man es ungnädig vermerkt habe, Eugen in Geſell⸗ ſchaftskreiſen ſich bewegen zu ſehen, wo die Namen Dupont de l Eure, Lafitte, Lafayette, Odilon⸗Bar⸗ rot, Arago, Merilhou und ſo weiter glänzten und wo ſogar Perſönlichkeiten von politiſcher Bedeutung wie Cavaignac, Marrast und Guinard ſich geltend machten. 156 Als ihm dieſe Meinung ſeines Hofes endlich nach und nach klargemacht war, wobei der Geſandte ganz ausdrücklich und ſpeziell einen Zweifel an ſeine Grundſätze ausnahm und nur von diplomatiſcher Klugheit ſprach, die Privatgefühle nicht berückſichti⸗ gen müſſe, da erklärte Eugen ſeine Beziehung zu dem Hauſe Beauveau⸗Deſalles und nannte Caritas, die Pflegetochter des Marquis, ſeine Verlobte. Die Glückwünſche, die er nun empfing, waren aufrichtig. Man kannte das Fräulein als einen glänzenden und werthvollen Stern am Himmel der pariſer Sozietät. Aber man warnte ihn vor den Trugbildern der Phantaſie, die momentan vom Herzen ausgefüllt ſei. Der Geſandte nannte es Ueberſpanntheit, die ihn ſpäterhin zum Märtyrer ſeiner Liebe machen würde. Er gab zu, daß die Leidenſchaft der reifern Jahre feſter und dauernder ſei, aber wenn ſie die Bahnen des Ehrgeizes durchkreuze, ſo kühle ſie ſich auch früh ab an den Opfern, die ſie gebracht habe. Eugen blieb unangefochten von allen Erörterun⸗ gen. Er erklärte ruhig: Es gäbe für ihn keine Alter⸗ native. Sein Bleiben in Paris ſei unabänderlich nothwendig— der Glanz ſeiner Zukunft habe 157 ſeinen Werth verloren durch die Anforderungen ſeines Herzens. Als er von dem Geſandten geſchieden war, als er einſam im Wagen ſaß und mit dem Bewußtſein dahinfuhr, die Stufenleiter ſeiner Bahn werde ſich unter ſeinen nächſten Maßregeln zertrümmern, da ließ er kaltblütig noch einmal die Glanzbilder der Welt an ſeinem Geiſte vorübergehen, da überwog er noch einmal den Werth derſelben gegen das Glück eines ganzen Lebens und ſein Entſchluß wankte nicht. Mit voller Beſonnenheit erbat er ſich von ſeinem Königshofe einen Urlaub auf unbeſtimmte Zeit und wies hiermit ſeine Ernennung zum Geſand⸗ ten zurück. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich dieſer uner⸗ hörte Schritt des deutſchen Diplomaten durch die ihm bekannten Kreiſe. Wer ihm nahe genug ſtand, ahnte hier einen Sieg des Herzens, während die andern gar nicht wußten, was ſie davon denken ſollten. Auch zum Marquis fand die Neuigkeit ihren Weg. Caritas ſaß ſtill und mit tiefgeſenktem Kopfe dabei, als die Freunde desſelben in ihn drangen, ihnen Beweggründe dieſer Handlung ſeines deutſchen Freundes zu eröffnen. Sie ſaß ſtill und erfüllt von einer Seligkeit, 158 die ihr das Herz zu ſprengen drohte, als von allen Seiten die Größe eines Entſchluſſes beleuchtet wurde, der nur durch die Kraft ganz beſonderer Lebensſchick⸗ ſale erzeugt ſein konnte. Sie wagte keinen Blick zu ihrem Vater emporzurichten, bis ſie allein waren. „Nun, Caritas?“ fragte der Marquis endlich. „Dieſer Sieg muß Dich ſtolz machen!“ „Stolz?“ wiederholte ſie.„Namenlos glücklich, aber nicht ſtolz! danke ich Dir dieß Glück, mein Vater?“ „Nein,“ erwiederte er mit ſtarkem Tone— „Nein, mir dankſt Du nichts! Ich hatte ihm den Rath gegeben ſeinem Glücksſterne zu folgen und nach Konſtantinopel zu gehen. Seine Liebe muß über⸗ natürlich ſein, um ihn zu ſolchen Schritten zu bewe⸗ gen.“ Er ſtrich unmuthig über ſeine Stirn, als wolle er die Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt dort auslö⸗ ſchen.—„Wie armſelig iſt dagegen meine Willens⸗ kraft,“— murmelte er kaum hörbar und verſank dann in ein ſtilles Brüten. Der hochherzige Entſchluß Eugen's brachte eine wohlthätige Kriſis in dem Marquis hervor. Sein Edelmuth, nur theilweiſe von ſeinem Egoismus ge⸗ dämpft, erwachte, und machte ihn fähig ſich geiſtig etwas aufzuraffen, um ihn zu guten Vorſätzen zu er⸗ mannen. Er entwickelte fortan eine ſtille und ge⸗ 159 heimnißvolle Thätigkeit, die ihn zerſtreute und die ihm zugleich die Ueberzeugung verſchaffte, daß ihm noch Wege offenſtanden, ſich nützlich und angenehm zu beſchäftigen, ohne die ſpezielle Hilfe ſeiner Tochter immer in Anſpruch zu nehmen. An einem Abende, als der Kreis ſeiner Freunde, in welchem ſeit einiger Zeit der Marquis Cormenin fehlte, ſich um ihn verſammelt hatte, legte der Mar⸗ quis plötzlich den Heirathskontrakt ſeiner Pflegetoch⸗ ter Caritas mit dem Herrn Eugen von Scheck vor, und dieſer Kontrakt wurde von den Anweſenden ſowohl, als von dem freudigbeſtürzten Brautpaare unterſchrieben. Ein Geiſtlicher ſegnete den Bund ein und be⸗ vor Eugen aus ſeiner traumähnlichen Betäubung zu erwachen vermochte, war er eines Glückes gewiß, das er in weiter Ferne geglaubt hatte. Caritas hatte keine Zeit gehabt, Einwendungen gegen ihre Verheirathung zu erheben. 3 Die Familie trennte ſich jedoch nicht. Ehe acht Tage verfloſſen waren, gingen ſie zuſammen nach Italien, um die Heilkräfte des mildern Klima's für den Marquis zu verſuchen. Dort auf dem klaſſiſchen Boden begannen ſie ein ſchönes, ernſtes, und den⸗ noch anmuthiges Leben im Wechſel ihrer Pflichten 4 160 und im Austauſch ihrer Gefühle und Meinungen. Vier Jahre verfloſſen ihnen dort unter den ſtillen und heiligen Freuden einer engbegrenzten Häuslich⸗ keit. Das Auge Eugen's verrieth, daß er ſeinen Ent⸗ ſchluß nicht bereuete.— Vier Jahre ſpäter finden wir dieſe Perſonen, die wir eine kurze Spanne Zeit auf ihren Lebens⸗ pfaden begleitet haben, auf dem Wege nach Deutſchland. Es fehlte nur Einer aus dieſem Kreiſe. Der Marquis war todt. Er war erlöſet von den Leiden des Körpers, die er in der geiſtreichen und genuß⸗ vollen Umgebung leichter ertragen gelernt hatte. Die Marquiſe trug ihren Witwenſchleier mit Faſſung und Würde. Caritas war unverändert das Glück und die Wonne des Familienkreiſes geblieben, ſie hatte ihre Pflichten als Gattin, als Tochter und als Mutter zu vereinigen gewußt. Jetzt eilte ſie, von tiefer in⸗ niger Sehnſucht getrieben, ihrer Heimat zu, wo ſie ihrer Mutter das Glück ihres Lebens— ihren Gat⸗ ten und ihre zwei Kinder,— in die Arme führen wollte. Eugen trat wieder in den Staatsdienſt zurück, doch widmete er ſich nicht der Diplomatie, ſondern der Adminiſtration. — 161 Die Marquiſe, dem pariſer Leben nun entfrem⸗ det, wollte ſich nicht von Caritas trennen, ſie zog mit ihr zurück in die deutſchen Gauen, denen ſie im Grunde abhold geworden war. Und wie fanden dieſe Glücklichen die Bewohner des alten Schloſſes am Strome? Im vollen Genuſſe einer behaglichen Glückſe⸗ ligkeit. Schollin's Ehe war reich geſegnet mit Kindern, ſeine Wirkſamkeit wurde anerkannt, ſeine Berufstreue hochgeſchätzt. Sieben Jahre voll ernſter Thätigkeit hatten hingereicht, die phantaſtiſchen Auswüchſe ſei⸗ nes Gemüthes in ein richtiges Geleis zu führen. Franziska war die glücklichſte Gattin und die glück⸗ lichſte Mutter. Ihr heiteres Auge und ihr freies vertrau⸗ liches Verkehren mit dem Gatten zeigte, daß ſie die demüthigenden Erinnerungen gänzlich begraben hatte. Die geduldige Sanftmuth ihres Weſens war einer friſchen und ſeelenvollen Lebendigkeit gewichen, die ihr eine noch jugendliche Anmuth verlieh. Wenn die Liebe mit ihrem romantiſchen Ge⸗ heimniß vor ſieben Jahren ein ſeltſam inniges Band um die Herzen der Mutter und Tochter gezogen hatte, ſo erblühte jetzt unter der Fröhlichkeit eines ungeſtörten Glückes eine unauflösbare Feſſel gegen⸗ ſeitiger Zärtlichkeit und Werthſchätzung. 1857. V. Caritas. III. 11 162 8 Sehen wir uns nach den übrigen Perſonen un⸗ ſerer Erzählung um, ſo finden wir den Herrn von Schwechten als glücklichen Gatten der Witwe ſeines unſeligen Freundes Malchow. Die Dame hat un⸗ ter der ſanften Güte ihres jetzigen Gatten die Bit⸗ terkeit des Lebens vergeſſen gelernt. Die Forſtſchreiberin, deren praktiſchem Sinn Caritas ihre häuslichen Tugenden verdankte, wohnt bei ihrem Vater, aber ſie iſt die rechte Hand der Frau von Schwechten und eine nothwendige Stütze ihres Hausweſens. Der neue Obefförſter, ein jun⸗ ger und lebensfroher Mann, der mit Weib und Kind heiter und gemüthlich in dem Schatten der dunkeln Taxusbäume hauſet, iſt der Liebling der Armen. Er iſt das Gegentheil vom Oberförſter Malchow. Das Reſumé unſerer Geſchichte ergibt alſo ein Bild ruhigen Friedens, auf welchem die Menſchen, die wir durch des Lebens bittern Schmerz und ſüße Freude begleitet, welche wir in den Stunden der Prüfungen belauſcht haben, ſanft dahingetragen wer⸗ den bis zur Pforte der ewigen Ruhe. Wir verlaſſen die Heldin derſelben mit dem Segensſpruche ihrer Kindheit ‚Caritas divina ie eustodiat! Ende. 6 Herr Hans Wilkom von Wilkenow. Ein Lebensbild. Bon Ernſt Fritze. Erſtes Kapitel. Trübe Herbſtnebel lagerten auf der weiten Ebene, in deren Mitte das Dorf Zederlehne mit ſeinem Schloſſe und ſeinem Kirchthurme ſonſt meilenweit zu ſehen war. Der Abend dämmerte ſchon herein. Was geſchäftig auf dem Felde geweſen war, zog heimwärts. Der Schäfer mit ſeiner Heerde näherte ſich den Ringmauern des einfachen, aber in ſeiner Alterthüm⸗ lichkeit dennoch impoſanten Schloſſes und zur Ver⸗ wunderung des alten Hirten ſah er zum erſtenmale ſeit fünfundzwanzig Jahren den Schloßherrn Hans Wilkow von Wilkenow auf Zederlehne nicht im Por⸗ tale erſcheinen, um ſein lebendiges Kapital, das ihn zum reichen Manne erhoben hatte, zu muſtern, wie es ſonſt ſeine Art war. Das mußte einen ganz beſondern Grund haben! 166 Der alte Schäfer ſchüttelte bedenklich ſein Haupt und richtete prüfend ſeine klugen Augen hinauf zu den Fenſtern des Wohnzimmers, als die Schafe mit ver⸗ mehrtem Blöcken zu den Thüren der Ställe ſich drängten. Herr Hans Wilkow erſchien trotzdem nicht, und der Schäfer fragte beſorgt nach dem Wohlbe⸗ finden desſelben. Herr Hans Wilkow befand ſich wohl, aber ſein Sohn, der Dragonerlieutenant Rudolph Wilkow von Wilkenow, war ganz unerwartet auf Beſuch gekom⸗ men, und die beiden Herren hatten ſich in des Alten geheimes Kabinet, ein Zimmerchen, worin man vom Schloßgeſinde auf keine Weiſe belauſcht werden konnte, zurückgezogen. Hier finden wir alſo den Schloßherrn und zwar in einem Geſpräch ſo wichtiger Art ver⸗ wickelt, daß er ſelbſt ſeine Schafe darüber vernach⸗ läſſigte. Vater und Sohn ſchienen gleichmäßig auf⸗ geregt zu ſein, aber der Charakter ihrer Gemüthsbe⸗ wegung wich bedeutend von einander ab. Während der Sohn mit flammenden Augen, mit gerötheten Wangen und zitternder Stimme ſprach, hörte der Vater mit zuſammengekniffenen Lippen und drohend blitzenden Augen zu. Er war ohnedieß ein entſchieden häßlicher Mann, deſſen koloſſale Körperbildung, un⸗ terſtützt von einem großen Kopfe mit buſchig wildem —.,— —— 167 Haarwuchs Grauen einzuflößen vermochte, und unter der Einwirkung ſeiner innerlichen Regungen gewann ſeine Erſcheinung keinesweges. Das ſonſt phlegmatiſche harmloſe Mienenſpiel war in einem tückiſchen Lächeln untergegangen und die Falten ſeiner Stirn ließen einen Gewitterſturm ahnen. Der Sohn Rudolph ſchwieg endlich und erwar⸗ tete mit Spannung ſeines Vaters Antwort. Es währte lange, ehe ſich dieſer dazu entſchloß. Rudolph kannte ſeinen Vater. Er wußte, daß unvorſichtiges Drängen um Antwort ſein Unglück beſiegeln konnte, deßhalb lehnte er ſich geduldig gegen das Fenſter, ſeine Blicke ſtill beobachtend auf den Vater heftend. Das Lächeln des Schloßherrn wurde tückiſcher, die Falten drohender, der Ausdruck der Augen bos⸗ hafter. Man ſah, daß er einen Entſchluß gefaßt hatte. Jetzt ſtand er auf aus dem Lehnſeſſel, worin er bis dahin Platz genommen und reckte ſeine ath 3 tiſche Geſtalt zu ihrer ganzen Höhe empor. Sein Sohn, auch ſchlank und hoch, aber ſehr wohlgebildet in allen Formen, richtete ſich ſchnell ebenfalls empor. Vater und Sohn ſtanden ſich prüfend gegenüber. In ihren Mienen drückte ſch eine gegenſeitige Werth⸗ ſchätzung aus. „und Du biſt ſi polph, daß dieß Mäd⸗ 168 chen aus reiner Liebe Dein Weib werden würde?“ fragte er, indem ein Strahl von Wohlwollen ſein großes, ſtark gebräuntes Geſicht überflog. 1 „Ich bin deſſen gewiß!“ entgegnete der junge Offizier mit ſehr beſtimmtem Tone. Der alte Edelmann lächelte höhniſch.„Die Eitelkeit mag Dir keinen ſchlimmen Streich ſpie⸗ len, mein Junge. Du ſcheinſt mir noch bedeutend dumm trotz Deiner dreißig Jahre, wenn Du das als eine Gewißheit aufſtellſt, was die Haltbarkeit eines Kartenhauſes hat.“— Der Sohn nahm den Ausfall dieſer böſen väterlichen Laune mit ehrerbie⸗ tigem Schweigen auf. Es hing ſein Lebensglück von dieſer Unterordnung ab und wie leicht konnte es an einem unüberlegten Worte ſcheitern. „Von der Tochter einer Majorin Hoymer min⸗ deſtens erwarte ich nichts weniger als Liebe.— Mir ſcheint, Du biſt in Spekulationsnetzen gefangen.“ „Gewiß nicht, lieber Vater,“ unterbrach der Offizier den Edelmann. „Nun, Gott ſtärke Dich in Deinem Glauben! Was denkſt Du— Deiner Schönheit wegen liebt Dich das Mädchen doch nicht? Oder glaubſt Du das? Muſterbilder für e ugliſer das Wilkenow'ſche 169 Geſchlecht eben nicht, wenn auch Herkulesfiguren für Bildhauer,“ ſetzte er lachend hinzu. „Glatte Mienen, glatte Geſichtszüge und glat⸗ tes Weſen haben in Ulrikens Augen keinen ſo großen Werth, daß ſie darüber den innern Gehalt des Man⸗ nes überſehen ſollte.“ „So—? Nun, dann gleicht ſie ihrer Mutter nicht, mein Sohn. Aber ich denke, Du irrſt Dich, der Apfel fällt nie weit en Stamme.“. Rudolph ſah ſeinen Vater frappirt an. Kannte er die Majorin Hoymer? Schon die Aeußerung„von der Tochter einer Majorin Hoymer erwarte ich nichts weniger als Liebe,“ waren ihm aufgefallen. Danach zu fragen däuchte ihm aber gefährlich. Er überging deßhalb dieſe Redensart und verſicherte nur Ulrikens geiſtigen Gehalt nochmals. „Mag ſein, lieber Junge. Schönheit fehlt Dir alſo, aber Geld haſt Du, biſt des reichen Wilkow von Wilkenow einzig Kind, trägſt blanke Kleider und breiteſt Glanz ber Dein Leben. Hm, Dein Ulrik⸗ chen wird nicht blind ſein und nicht dumm, biſt ein Mann von Adel.. „Vater,“ unterbrach ihn Rudolph bittend,„ſchone mein Gefühl. Ich habe Dir nicht ohne Grund er⸗ zählt, daß ich Ulrike Hoymer in fremder Stadt, unter 170 fremden Umgebungen habe kennen lernen, wo kein Menſch mich und meine Verhältniſſe kannte. Ich habe Dir ferner ehrlich und offen mitgetheilt, wie ſchnell und überwältigend unſere gegenſeitige Zunei⸗ gung uns in Feſſeln geſchlagen; ſie wußte noch nichts von den Gluͤcksgütern, womit Gott Sie ge⸗ ſegnet.” „Ja, ja! Aber die Frau Mama wußt' es! Die weiß es recht gut, daß der Wilkow von Wilkenow ein tüchtiger Bauer und Wollzüchter und dadurch ein reicher Mann geworden iſt.“ „Die Majorin Hoymer war über dreißig Mei⸗ len von ihrer Tochter entfernt, als wir, Ulrike und ich, uns in Marienberg kennen lernten. 2 „Briefe, alter Junge, Briefe!“ ſchrie Herr Hans Wilkow. „Ulrike hat ihrer Mutter erſt mündlich ihre Neigung zu mir geſtanden und ſie auf meine Wer⸗ bung vorbereitet. Als ich mich ihr dann präſentirte und meinen Gefühlen Worte zu geben ſuchte, ſchnitt ſie mir die Rede faſt befehlend ab und ſagte: „Bevor Sie nicht Ihres Vaters ausdrückliche Genehmigung zu einer Bewerbung um meine Ulrike bringen, höre ich keine Geſtändniſſe an. Für mich 171 und für meinen Gatten iſt der Beifall Ihres Vaters maßgebend.“ „So, das hat ſie alſo geſagt? Nun, es iſt etwas! Ich bin übrigens weit entfernt, mein Junge, Deiner Liebe entgegenzuarbeiten. Du kannſt thun, was Du willſt, kannſt lieben, wie Du willſt, aber meine Einwilligung zu Deiner Heirath, das heißt das nöthige Geld zu der Exiſtenz Deiner Familie, gebe ich nur unter der Bedingung, daß Du Deinen Abſchied nimmſt und mit Deiner jungen Frau hier in Zederlehne bei dem alten bärbeißigen Vater wohnſt. Sieh zu, ob Deine Ulrike die Probe beſteht, ob ihre große Liebe mit den Cpauletten nicht verſchwindet und in der Ausſicht in ein triſtes Landleben nicht abbleicht.“ Er lachte herzhaft, ſah aber ſeinen Sohn ganz väterlich gemüthlich dabei an. Dieſer ſtarrte wahrhaft erſchrocken zu ihm hin. Er ſollte den Dienſt quittiren? Jetzt, wo ſein Avancement in nächſter Ausſicht ſtand? Er ſollte einen Stand verlaſſen, dem er mit vieler Vorliebe ergeben war? Er ſollte Land⸗ junker werden, Bauer, Schafwollenſpekulant, Getreide⸗ händler, Ochſenverkäufer, Branntweinbrenner? Er ſollte hier in dieſer öden Fläche, wo die Geiſteskul⸗ tur um hundert Jahre zurückwar, leben, ſollte ſeine ſchöne, fein gebildete Geliebte hier verkommen laſſen, und ſie ſollten beide auf all' das geiſtige Leben Ver⸗ zicht leiſten, deſſen ſie ſo ſehr bedurſten? Es lag eine entſetzliche Grauſamkeit in dieſer väterlichen Ein⸗ willigung. Der alte Edelmann betrachtete lächelnd die Zei⸗ chen der tiefſten Niedergeſchlagenheit, die ſich im Weſen des Sohnes ausprägten. „Nun, überlege Dir die Sache reiflich, Rudolph. Ich will jetzt gehen, um nach meinen Schafen zu ſehen. Sie ſind ſchon herein und haben wacker ge⸗ blöckt, daß ich ſie begrüßen ſollte. Dieß Amuſement kennſt Du noch nicht; wirſt ſchon lernen daran Ver⸗ gnügen finden. Ueberlege Dir alles. Wenn ich wie⸗ der komme, kannſt Du mir Deinen Willen kundthun, und dafür erzähle ich Dir eine Geſchichte, die Dir mein Betragen erklären wird.“—. Rudolph blieb allein. Sein Kampf war ſchwer, aber kurz. Die Flügel des Liebesglückes hoben ihn zu Anſchauungen empor, welche die trioiale Welt mit verſchönerndem Glanze umwoben, er ſetzte ſich und ſchrieb. Dann ſiegelte er, küßte den Brief und über⸗ gab ihn ſeinem Diener, der, ſeines Winkes gewär⸗ tig, unter ſeinem Fenſter harrte. Der Diener warf ſich aufs Pferd und jagte davon.* Als nach einer Stunde Herr Hans Wilkow von Wilkenow das Geheimzimmer wiederbetrat, rief ihm ſein Sohn fröhlich entgegen: „Eingeſchlagen, Papa Haus! Ich ziehe ein auf Zederlehne und baue das Feld. Mein Jean hat meinen Entſchluß ſchon in der Taſche und über⸗ bringt ihn meinem Mädchen. Jetzt beſtimme nur, wann Du uns hier haben willſt!“ Herr Hans Wilkow machte große Augen. Er traute ſeinen Ohren nicht. Wie gewaltig mußte die Liebe in dem Herzen ſeines Sohnes thronen, daß er ſolche Opfer als nichts anſah! Aber das Mädchen! Das Mädchen!„Sie wird nicht beſtehen in der Probe,“ murmelte er. Rudolph lächelte triumphirend. „Du biſt mir eine Erzählung ſchuldig, Papa Hans,“ erinnerte er, indem er jetzt zu dem fröhli⸗ chen und zutraulichen Weſen zurückkehrte, das zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Vater waltete und nur aus Klugheit ſo lange von ihm unberückſichtigt war, wie die Ungewißheit ſeines Schickſals dauerte. Der Grund⸗ ton ſeines Weſens war ſeelenvolle Heiterkeit, und wenn Herr Hans ſich der Meinung hingab, das ſei ein Erbſtück von ihm, ſo mochte er Recht haben, nur wich die Art des Frohſinns weſentlich von der ſeinigen ab. „Junge, alter braver, ehrlicher Junge,“ erwie⸗ 174 derte der Edelmann,„Du ſollteſt mir leidthun, wenn Dein gutes Herz betrogen oder wenn es erſt durch Wunden ſchmerzlicher Art geheilt werden würde.“ Er betrachtete kopfſchüttelnd die glückſeli⸗ gen Mienen des jungen Offtziers und fuhr nach⸗ denklich ſort:„Was meine Geſchichte betrifft, ſo ſteht ſie im engen Zuſammenhange mit Deiner Heiraths⸗ geſchichte und Deine erwählte Braut müßte gewal⸗ tig aus der Art ſchlagen, wenn ſie meinen Hoffnun⸗ gen als Frau für Dich entſprechen ſollte. Sieh mich an, mein Sohn! Schön iſt Dein Papa Hans nicht, das wirſt Du hoffentlich einſehen. Nun, Du ſiehſt mir ähnlich, biſt freilich manierlicher und geſchnie⸗ gelter, aber immer mir ähnlich. Als ich zweiund⸗ zwanzig Jahre alt war, hielt ich mich keinesweges für häßlich, ſondern ſtolzirte ganz ſtattlich in Stul⸗ penſtiefeln und Reithoſen durch die Welt. Ich hatte ſeit meinen Knabenjahren mein Herz an eine Nach⸗ barstochter(dort drüben, wo der Wald anfängt) ge⸗ hangen und die von Wöbelin ſowohl, als meine El⸗ tern ſchienen die Kinderneigung ſehr zu begünſtigen. Arm waren damals beide. Die Herren von Wöbe⸗ lin hatten ihr Hab und Gut in Hauptſtädten ver⸗ praßt und die Herren von Wilkenow waren ſo dumm geweſen ihr Ackerland nicht gehörig zu benutzen. Ich 175 war aber der einzige Sohn, alſo für die kinderrei⸗ chen Wöbelins eine Aquiſition von Werth, weil mir eben ein Herrenhaus zur Dispoſition ſtand. Es war ſchon die Rede von einer öffentlichen Verlobung zwiſchen mir und Viktorine von Wöbelin, der eine beſchleunigte Hochzeitfeier folgen ſollte, als die Trup⸗ pen aus Frankreich zurückkamen. Das war ein Jauch⸗ zen und ein Freuen eigner Art. Die Kerlchen tru⸗ gen Lorbeeren an der Mütze und blanke Kleider am Leibe, außerdem betrachtete man ſie als Herolde des goldenen Friedens und jeden einzelnen als Liberator.“ „Hier in Zederlehne,“ fuhr Herr Hans Wilkow fort,„waren wir wenig von den Bedrückungen der Fremdherrſchaft gewahrgeworden, die Abgelegenheit des Ortes, die notoriſche Armuth des ganzen Land⸗ ſtriches hatte uns bewahrt. Es iſt ein Fleckchen Erde, dem in den Augen der Welt ein für allemal der Stempel der größten Armſeligkeit aufgedrückt iſt, ganz gut für uns. Aber die Truppen kantonirten eine Zeitlang hier. In Zederlehne war der Oberſt mit ſeinem Adjutanten einquartirt. Der erſtere war ein alter Bekannter meines Vaters, der zweite wurde bald Deines Vaters beſter Freund. Wir ritten, wir ſchoſſen, wir fiſchten und jagten zuſammen. Adjutant 176 Hoymer war der ſchönſte Offtzier in der Armee, Dein Vater der häßlichſte Junker des Kreiſes!“ Rudolph horchte ſchmerzlich betroffen auf. Ah⸗ nungsſchwere Gedanken erwachten in ihm.„Hoymer?“ wiederholte er.„Ulrikens Vater etwa?“ Der alte Edelmann nickte.„Derſelbe Hoymer! Das Regiment blieb über zwei Monate hier in der Gegend. Wir ſchieden als die beſten Freunde. Aber gleich nach dem Abmarſche der Truppen wollte Vik⸗ torine nichts mehr von mir wiſſen. Sie erklärte ihrer gnädigen Mama, daß ich ihr zu häßlich, zu ungebildet und zu unbeholfen ſei. Bald nachher wurden Karten umhergeſendet, worauf Viktorine von Wöbelin als Braut des Lieutenants und Adjutanten Hoymer erklärt ward. Nun, ſchöner war der jeden⸗ falls als ich, das bleibt unbeſtritten, ob er, der ge⸗ weſene Gärtnerburſche, der nur durch Tapferkeit und Kriegsglück avancirt war und kaum ſeinen Namen rich⸗ tig ſchreiben konnte, gebildeter genannt werden konnte, das iſt doch problematiſch. Daß er in ſeinem Aeußern etwas nobler und ritterlicher ausſehen ſollte, dazu hatte ich mein möglichſtes beigetragen. Er ſaß wie ein Schneider zu Pferde und ſcharrte mit dem Fuße hinten weg wie eine Henne auf dem Miſthaufen, wenn er den Damen das Kompliment machte. Nun „ 177 genug— Viktorine heirathete den Hoymer. Wie ſie den Konſens erlangt haben, weiß ich nicht. Ein guter Freund wird wohl ſeine Obligationen hergeliehen haben und mit dieſem erborgten Reichthume der Konſens erſchlichen ſein. Wie ſie aber von der gar kleinen Lieutenantsgage haben leben können, noch dazu, da ſie vier Kinder dicht hintereinander bekamen, das weiß Gott. Wenn die junge Frau Lieutenant hier bei ihren Eltern verweilte, ſo that ſie als ſäße ſte im Golde, aber ihre arbeitsrauhen Hände verrie⸗ then es genugſam, daß ſie nicht mehr das gnädige Fräulein von Wöbelin auf Wöbelin ſpielen konnte.“ Rudolph hatte es nicht gewagt, dieſe unange⸗ nehme Reminiszenz mit einer Silbe zu unterbrechen. Als ſein Vater jetzt eine Pauſe machte, blickte er ihm ins Auge, ergriff ſeine Hand und preßte ſie zwiſchen ſeinen Fingern. Herr Hans ſah nicht un⸗ freundlich aus. Er ſchloß mit ganz unverändertem Tone: „Ja, damals dachte ich anders wie jetzt. Eine Weiberſchürze iſt für mich jetzt nur zu einem noth⸗ wendigen Uebel geworden!— Wirſt auch noch da⸗ hin kommen, lieber Junge. Damals machte ich aus Wuth und Trotz die tollſten Streiche, heirathete ſo⸗ fort, der Viktorine zum Hohne, unſere Gärtners⸗ 1857. V. H. Hans Wilkow v. Wilkenow III. 12 178 tochter— laß ruhen Sie war Deine Mutter, Rudolph, und ein ſanftes geduldiges Geſchöpf. Zu meinem und zu ihrem Glücke ſtarb ſie im erſten Wochenbette. Ich begrub ſie ohne Thränen, aber ich ehrte ſie durch meine Freude über Dich! Mein einziges Trachten iſt Dein Glück— darum ſoll und muß Deine Ul⸗ rike hier leben, um ſich meiner Erziehung zu unter⸗ werfen.“ „Mir iſt nicht bange vor Deiner Erziehungs⸗ methode,“ warf der Offizier mit gewinnender Herz⸗ lichkeit ein. Herr Hans wurde ernſt, ſein Blick drohend. „Urtheile nicht voreilig. Bei Deiner Erziehung leitete mich Liebe, hier—,“ er zögerte einen Moment, dann rief er mit Entſchiedenheit,„hier Haß, Haß!“— Rudolph hob muthig ſein Haupt und wendete den Blick nicht von dem Vater. Seine Pantomime war ſprechend. Sie verrieth den Entſchluß, das Weib ſeiner Liebe vor dieſem Haſſe ſchon ſchützen zu wollen. Aber Herr Hans Wilkow lachte hämiſch: „Du kennſt Deinen Vater noch nicht, mein Junge!“ Zweites Kapitel. Wir vertauſchen das Geheimzimmer auf Zeder⸗ lehne mit dem Familienzimmer des Major Hoymer und finden dort an demſelben Abende, nur mehrere Stunden ſpäter, drei Menſchen ſtill beiſammenſitzend. Der Major, noch immer ein ſchöner Mann, hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und las, aber offenbar ſehr zerſtreut, denn ſein Blick ſchweifte im⸗ merfort hinüber zu ſeiner Tochter, die läſſig am Tiſche lehnte, gerade als ſei ſie erſchöpft von Ge⸗ fühlen. Es mochte auch ſo ſein. Wenn man ſtun⸗ denlang mit geſpannter Erwartung auf jedes ferne Geräuſch lauſcht, ſo wird dieß zuletzt eine Geiſtes⸗ kaſteiung, die ertödtend wirkt. Die Majorin, noch im Geleiſe alter Gewohnheit, vo ihr Fleiß Nothwendigkeit war, ſtrickte eifrig. Ihre . 12 180 Augen zeigten leichte Spuren von unterdrückten Thränen. Jetzt ſchallte Pferdegetrappel durch den ſtillen Abend, noch fern, aber in fliegender Eile ſich nä— hernd.— Ulrike ſprang auf, ihr Blick flammte, ihre Lippen zuckten, ihre Hände ſchlugen ſich betend in⸗ einander; die Entſcheidung nahete. Fünf Minuten ſpäter hielt ſie das Briefchen Rudolphs in den Händen. „Er willigt ein!“ rief ſie frohlockend, warf den Brief der Mutter zu und eilte auf ihr Zimmer, um mit ihrem Glücke allein zu ſein und um Gott zu danken. Die Eltern laſen den Brief. Sie laſen mit der Bedächtigkeit des Alters und ſie ſahen einander be⸗ troffen an, als ſie die Bedingung des Herrn Hans Wilkow daraus erfuhren.„Er ſoll den Dienſt quit— tiren?“ murmelte mißbilligend den Kopf ſchüttelnd der Major. „Sie ſollen in Zederlehne wohnen!“ ſeufzte ahnungsſchwer die Majorin. Dann aber verſöhnten ſie ſich in dem Gedanken an die unausſprechliche Liebe zu ihrer einzigen von fünf Kindern übriggebliebenen Tochter mit dieſer 181 Klauſel und entwarfen Pläne für die nächſte Zukunft, die mancherlei Ausgaben mit ſich brachte. Hierbei entwickelte ſich ſogleich der Hauptfehler der ſonſt ſo guten Majorin: ſie war nicht frei von falſchem Stolze. Sie legte ihrem Gatten mit jener dezidirten Art und Weiſe, wogegen ſich vernünftiger Weiſe gar nicht aufkommen läßt, die Nothwendigkeit vor, eine glänzende ſtandesgemäße Ausſteuer für dieß Kind beſorgen zu müſſen, um dem Hohne des reichen Hans Wilkow von vornherein zu begegnen. Der Major entgegnete trübe.„Wo hernehmen, Viktorine? Du weißt, wir haben nichts ſparen kön⸗ nen—, alte Schulden von früher ſind kaum bezahlt!“ Die Majorin fiel ſchnell ein:„Sie ſind aber bezahlt und unſer Kredit geſichert. Ueberlaß mir das Ganze. Ich muß wiſſen, was noththut— und ich denke, wenn Ulrike verſorgt und aus unſerm Hauſe geſchieden iſt, ſo können wir alle geſelligen Verbin⸗ dungen abbrechen und in aller Stille durch Entbeh⸗ rungen bald dieſe Geſchichte wieder ausgleichen. Dann haben wir der Ehre genügegeleiſtet. Was es uns gekoſtet, erfährt niemand.“ Der Major gab nothgedrungen nach, bekümmerte ſich aber auch nun nicht im mindeſten darum, was die ſeinenen, ſeidenen, wollenen und baumwollenen Stoffe, die ſich in den Zimmern häuften, koſteten. Bezahlt wurde nichts, aber die Majorin hatte Recht gehabt, ihr Kredit war geſichert, weil man wußte, daß ſie keine Schulden mehr hatten. Die Hochzeit wurde ſehr beeilt. Herr Hans Wilkow ſpielte den Herrſcher, aber blieb unſichtbar, wie gute und böſe Geiſter zu thun pflegen. Er hatte erklärt, ſeine künftige Schwiegertochter nicht eher ſehen zu wollen, bis ſie als Rudolphs Gat⸗ tin ſeine Schwelle überſchritten habe, und obwohl die Entfernung von Zederlehne bis zu dem Städtchen, wo der Major ſtationirt war, nur drei Meilen be⸗ trug, ſo weigerte er ſich doch beharrlich zu der Trauung ſeines Sohnes zu erſcheinen. Es verfloſſen nur wenige Monate nach der Ver⸗ lobung, bis das junge Ehepaar in ſchaurigem Win⸗ terſauſen, von dem Segen der Brauteltern begleitet, den Weg nach Zederlehne antrat. Die Majorin weinte heftig, indem ſie ihrer Tochter den letzten Kuß auf die Lippen drückte. Mit den Worten:„Gott ſchütze, Gott behüte Dich!“ übergab ſie dieſelbe einer ungewiſſen Zukunft. Ihr ſagte eine Ahnung, daß ihr Schickſal ein trauriges werden könne, wenn Hans Wilkow die von ihr erfahrene Beleidigung noch nicht vergeſſen habe. 183 Ulrike war guten Muthes. Sie kannte die ganze Jugendgeſchichte ihrer Eltern und zwar hatte ſie dieſelbe von zwei Seiten betrachten gelernt, ſeit⸗ dem Rudolph davon unterrichtet worden war. Sie fand es natürlich, daß ihr Schwiegervater jede nä⸗ here Berührung mit den Jugendfreunden, die ſein Herz gekränkt hatten, für den Augenblick vermied, aber ſie hoffte ſtark, daß es ihr gelingen werde eine Ausſöhnung herbeizuführen, nachdem ſie Rudolphs Gattin geworden war und zwar mit ſpezieller Be⸗ willigung ſeines Vaters. Was ſollte ihr nun noch begegnen, dieß Glück zu ſtören? Wir ſehen, die junge Frau gehörte zu denen, die mit dem Beginne der Ehe ein Paradies betreten zu haben wähnen, in welchem von irdiſchen Leiden nicht viel mehr die Rede ſein kann. Selbſt Rudolph gab ſich mit ſorg⸗ loſem Herzen der Wonne ſeines ſchnell gewonnenen Glückes hin und ſchlug alle die Opfer, die er ge⸗ bracht und alle die Drohungen, die ſein Vater aus⸗ geſtoßen hatte, ſehr gering an. In der glücklichſten Stimmung näherten ſie ſich Zederlehne beim An⸗ bruche des frühen Winterabends. Die prächtigen Pferde des Poſtzuges, den ihnen Herr Hans zur Reiſe geſendet hatte, witterten die Nähe des Stalles und ſetzten ſich in einen verſtärkten Trab. Wie auf 184 Windesflügeln fuhren ſie ins Dorf ein und hielten endlich vor dem Eingange des Schloßhofes. Der Thorweg war geſchloſſen. Hunde bellten. Aber kein Menſch zeigte ſich, die jungen Gatten gaſtlich zu empfangen— kein Licht erſchien— keine freundliche Stimme bot ihnen ein Willkommen! Nach wieder⸗ holtem Peitſchenknallen ſchlurrte träge ein Knecht aus dem Stalle herbei und rief, man ſolle nur Geduld haben, er komme ſchon! „Man erwartet uns noch nicht,“ meinte Rudolph verlegen. Ein herzliches Gelächter Ulrikens war ihre Ant⸗ wort. Es verrieth, daß ihre Laune nicht leicht zu ſtören ſei. Rudolph hingegen kämpfte ſchon hart mit dem aufſteigenden Unmuthe. Er ſah Berechnung in dieſer Art des Empfanges, allein er fügte, ſich beherr⸗ ſchend, heiter hinzu:„Um ſo beſſer. Wir überraſchen meinen Vater dann in ſeiner hausväterlichen Art und Weiſe!“ Der Thorflügel drehete ſich langſam und unmelo⸗ diſch knarrend in den Angeln, die Pferde zogen an und förderten den Wagen bis vor das Portal. Alles war und blieb dunkel, nur des Knechtes Stalllaterne erleuchtete ſpärlich den Platz und zeigte die breiten friſch mit weißem Sande beſtreuten Stufen der ſtatt⸗ 42⸗ 189 lichen Freitreppe. Mit zuſammengekniffenen Lippen hob der junge Ehemann ſein hübſches Weib aus den warmen Hüllen und führte ſie die dunkeln Stufen hinauf. Dann warf er mit großem Geräuſche die ſchweren eichenen Thüren zurück und rief den Namen der Wirthſchafterin. Dieſe erſchien ſogleich, ein ver⸗ legenes Lächeln auf den Lippen, aber mit offener herzlicher Begrüßung, daß Rudolph verſöhnt wurde. Er ſah ein, ſie hatte nach Befehlen gehandelt, indem ſie die Ankunft des jungen Paares ignorirte, bis dasſelbe eingetreten war. Ohne nach ſeinem Vater zu fragen, geleitete der junge Mann Ulriken nach dem Wohnzimmer, woraus ihnen eine ſo behagliche Wärme entgegendrang, daß die junge Frau ihr Wohlgefal⸗ len darüber ſogleich mit den heiterſten und freudig⸗ ſten Worten ausdrückte und ohne alle Verlegenheit auf Herrn Hans Wilkow zueilte, der ſich eben ſchwer⸗ fällig aus ſeinem großen Sorgenſtuhle erhob. Sie ſprach Dankesworte zu ihm, Dankesworte über ſeine Güte, womit er ſie unausſprechlich glücklich gemacht, Dankesworte über die warme Stube, womit er ſie empfangen. Sie mengte alles in ſo allerliebſter, jugendlich haſtiger Weiſe zuſammen, daß Rudolph entzückt ſein hübſches Weib betrachtete und der alte delmann ganz erſtaunt auf ſie herniederſah. Er 186 hatte ſie durch ſeine angeordnete Nachläſſigkeit ver⸗ ſtimmt zu machen geglaubt und ſie fand noch Veran⸗ laſſung zu danken. Es war der erſte Eindruck, den Ulrike auf ihn machte. Ihr glückliches Temperament und ihre weiche nachgiebige Gemüthsart zeigte ſich ſo vortheilhaft und bewies ſich ſo überwältigend, daß Herr Hans beſchämt die Hand ausſtreckte, um ſie als Tochter zu umarmen. Felſen ſtürzen, aber nicht mit einemmale, ein und Eiſen bricht nicht unter einem Schlage. Wenn Herr Hans der Einwirkung einer hinreißenden Lie⸗ benswürdigkeit unwillkürlich gewichen war, ſo ver⸗ änderte dieß ſeine Anſichten doch keineswegs. Eine mildere Stimmung war in ihm angebahnt— weiter nichts. Sie ſaßen ſpäͤter im ruhigen Zwiegeſpräch zuſammen. Herr Hans entwickelte mit ſeiner ſtar⸗ ken dröhnenden Stimme alle die geringfügigen Pflich⸗ ten eines Landwirths, der es ehrlich mit ſeinem Er⸗ werbe meine. Rudolph hörte zu, ſah aber gar nicht aus, als wenn er die geringſte Luſt empfinde, dieſe Pflichten auszuüben. Ulrike ſaß ſchweigend dabei, an ſie wurde kein Wort gerichtet, aber ſie empfand dunkel und mit einem gewiſſen Unbehagen, daß die Worte trotzdem nur für ihr Ohr beſtimmt waren. Ermüdung, Abſpannung, auch vielleicht eine 187 natürliche Anwandlung von Heimweh übermannte ſie mehr und mehr. Sie gedachte der einfachen, aber ſo ſehr hübſchen Häuslichkeit ihrer Eltern und ver⸗ glich dieß einförmige langweilige Erörtern materieller Gegenſtände mit dem freundlichen, ſtets wechſelnden Plaudern über Muſik, Theater, Lektüre, u. ſ. w. Sie ſtellte im Geiſte die netten Manieren ihres Vaters, der ſelbſt im Hauſe gegen ſeine Gattin und Tochter ſich chevaleresk erwies, gegen die rauhen, etwas mit⸗ telalterlichen Bildungsſtufen, worauf Herr Hans zu ſtehen ſchien. Der koloſſale Mann flößte ihr nach und nach ein Grauen ein. In ihrer nervöſen Hin⸗ fälligkeit erſchien er ihr wie eine Rolandsſtatue, de⸗ ren eherne Fauſt ſich auf ihr armes ſchwaches Herz zu preſſen bemühte, ſie athmete ängſtlich und ſchnell, wie ein Schauer von Ohnmacht zog es über ſie hin und ſie brach plötzlich in Thränen aus. Beſtürzt nahm Rudolph ſie in ſeine Arme. Herr Hans Wilkow ſtieß aber ein ſchallendes Hohngelaͤchter aus. „Ja, Frau Tochter, weinen hilft nicht mehr,“ rief er ſpöttiſch.„Sie haben ſich aus dem Dunſt⸗ kreiſe des feinen Lebens in dieſe Einöde hineingewor⸗ fen, nun gilt es, ſich auf andere Art zu amüſiren.“ Ulrike hatte ſich ſchnell wieder beſonnen. Sie trocknete ihre Augen und ſagte mit einem zauberhaft kindlichen Lächeln der Unterwerfung:„Lachen Sie nur, Papa, es iſt gewiß albern von mir, um nichts zu weinen wie ein Kind. Aber, ich dachte an meine Eltern, wie einſam ſie nun wären; nicht wahr, nun verzeihen Sie meine Thränen?“ Abermals ſtand Herr Hans und ſchämte ſich. Als er zu Bette ging, ertappte er ſich auf dem Ge⸗ danken, daß die Eltern ſo ſchlecht, wie er ſie zu fin⸗ den ſeit dreißig Jahren ſich bemühet hatte, nicht ſein könnten, da ſie eine ſo gute Tochter erzogen hatten. Am nächſten Morgen war dieſer Gedanke wie⸗ der vergeſſen. Beim Frühſtücke fragte Rudolph nach den Mö⸗ beln, die als Ausſtattung von Ulrikens Eltern nach Zederlehne geſendet worden waren und ſprach den Wunſch aus, daß ſie ſtatt der altmodiſchen mit hoch⸗ gelbem Plüſch beſchlagenen Stühle, Divane und des ſonſtigen Meublements von uralten Zeiten her, welches die jungen Gatten zu ihrem Erſtaunen in ihren Zim⸗ mern vorgefunden, aufgeſtellt würden. Der alte Edelmann entgegnete barſch, ſo lange er lebe, werde nichts an den Zimmern geändert; ſie müßten in Zederlehne ſo wohnen, wie es in Zeder⸗ lehne Mode ſei. Ulrike klaſchte fröhlich in die Hände.„Das iſt 189 recht, Papa!“ rief ſie, ſchelmiſch des Gatten Blick ſuchend.„Der junge Herr Lieutenant entwickelt einen ſehr ſchlechten Geſchmack, daß er ſein Ahnenſchloß zu einem Möbelmagazine machen will. Ich habe es ihm gleich geſagt.“ „Wo ſind denn die neuen Möbel, Vater?“ fragte Rudolph dazwiſchen. Etwas wie Verlegenheit flog über die Mienen des geſtrengen Herrn von Wilkenow, aber er erwie⸗ derte trotzig:„Auf dem Weizenboden!“ Rudolph hob in ſteigender Entrüſtung ſein Haupt. Ulrike, zuerſt frappirt, dann beluſtigt von dieſem Pla⸗ cement, meinte, da würden ſie ſich eher gut aus⸗ nehmen als in dem hohen gothiſch gewölbten Zim⸗ mer, wo ſie wie Kinderſpielzeug ausſehen möchten. Eine leichte Traurigkeit ſchattirte ſich in ihrer Stimme, als ſie naiv hinzufügte:„Schade, daß meine Eltern ſich die Ausgabe gemacht haben! Ich fürchte, es iſt ihnen nicht leicht geworden.“ „Warum haben ſie nicht gefragt,“ brummte Herr Hans, aber er ſchämte ſich zum drittenmale und kam ganz insgeheim zu der Erkenntniß, daß ſeine junge Frau Tochter eher ihn erziehen würde als er ſie. Brittes Kapitel. Es war allerdings den Eltern Ulrikens nicht leicht geworden eine ſo noble und elegante Ausſteuer für ſie zu beſorgen, und wenn man bedenkt, daß die prachtvollen Tiſche, Spiegel, Servanten, Sophas und Stühle einen Weizenboden möblirten, ſo wird man es ſchmerzlich empfinden, wenn man die Entbehrun⸗ gen betrachtet, die die Majorin deßhalb über ſich und über ihren Gatten zu verhängen im Begriffe ſtand. Zur Beruhigung des geneigten Leſers wollen wir ihm doch vertrauen, daß die ſchönen Sachen ſchon in kur⸗ zer Zeit umquartirt und zwar auf des Herrn Hans Wilkow von Wilkenow Anordnung in ſeinem Lieb⸗ lingszimmer, einem ſehr hübſchen mit Sammet aus⸗ geſchlagenen Eckzimmer, aufgeſtellt wurden. Wir ſe⸗ hen daran, daß der Bär ſeine Krallen einzuziehen 191 Miene machte und wenden uns jetzt zu dem Major und ſeiner Viktorine. Die letztere hatte nicht geſäumt ihr nothwendig gewordenes Sparſyſtem ſogleich ins Werk zu ſetzen. Unter dem Vorwande der Kränk⸗ lichkeit zog ſie ſich aus den Kreiſen ihrer Standes⸗ genoſſen zurück und es fiel demnach niemanden auf, als ſie plötzlich erklärte: ihrer Geſundheit wegen ein kleines Haus nahe dem Stadtthore zu beziehen, das mitten im Garten lag. Sie erſparten dadurch die Hälfte der Miethe und die Beſchränkung des Loka⸗ les machte alle geſelligen koſtſpieligen Verbindungen unmöglich. Mit einem Gefühle, das an Freudigkeit gränzte, überrechnete ſie in den letzten Tagen des Märzes ſchon die Summe, welche abzuzahlen durch dieſe Maßregeln möglich wurde und ſie erwartete ihren Gatten, um ihn mit dieſen Reſultaten zu überraſchen. Der Major betrat aber mit den ſichtlichen Zei⸗ chen einer großen Verſtörtheit ihr Zimmer und fragte haſtig, ob ein Brief an ihn abgegeben ſei. Die Majorin verneinte. „Nun, er kommt immer noch zeitig genug und wird ſchon nicht ausbleiben,“ erwiederte der Major mit trauriger Bitterkeit.„Se. Majeſtät haben ge⸗ ruht mich meines Dienſtes zu entlaſſen; meine Kame⸗ —õ————;;’—’’’::ę:Qꝗn— 192 raden haben mir es eben mitgetheilt!“ Die Majo⸗ rin ſtarrte ihren Gatten erſchrocken an. Kein Wort wollte über ihre trocken gewordenen Lippen.„Ja, Viktorine, ich bin in Ruheſtand verſetzt! Es iſt ſo! Es iſt auch im Grunde natürlich; was ſoll man denn mühſam immer einen im Wege ſtehenden Mann über⸗ ſpringen? Fort mit ihm, dann iſt der Weg frei. Der Bericht, den man letzthin von mir geleſen, ſoll ſo voll orthographiſcher Fehler geweſen ſein, daß man eingeſehen hat, ein Major müſſe beſſer Deutſch ver⸗ ſtehen!— Natürlich, die jungen Herren von Adel lernen jetzt den Dienſt nach der Grammatik; wir gingen nach Paris ohne Grammatik und befreiten auf gut Deutſch unſer Vaterland von der franzöſi⸗ ſchen Grammatik. Es iſt aber ganz natürlich, Wiſ⸗ ſenſchaft geht über Verdienſt, ich bin alſo mit Recht verabſchiedet!“ „Allmächtiger Gott!“ flüſterte die arme Frau von dieſer unerwarteten Wendung ihres Geſchickes voll⸗ ſtändig darniedergeworfen.„Allmächtiger, und was ſoll nun aus unſern Schulden werden? Von der Penſion können wir ja kaum anſtändig leben.“ „Was kümmert's mich?“ entgegnete der Major. „Mag ſie der Staat bezahlen!“ Nachdem der erſte Schreck vorüberwar, fand 193 die Majorin allerlei Gründe dieſe Nachricht zu be⸗ zweifeln. Ihre Zweifel beruhten auf der Werth⸗ ſchätzung ihres Gatten, aber ſie ſollte die Erfahrung machen, daß man von oben herab den Mann von Verdienſt anders beurtheile wie ſie. Der Major mochte Recht haben, wenn man ſich daranſtieß einen Offizier von mangelnder Schulbildung in höhere Chargen zu erheben, in Friedenszeiten nämlich. Im Kriege iſt das Mir und Mich eine Nebenſache; auf der Parade findet man es anſtößig. Genug, der Abſchied des Majors kam wirklich an und ſetzte auf einige Tage die arme Majorin mit allen ihren Spar⸗ ſyoſtemen und Abzahlungsentwürfen in die größte Verzweiflung. Dann aber fügte ſie ſich geduldig ins unabänderliche und machte neue Pläne, die ſich aller⸗ dings jetzt auf Groſchenerſparungen reduziren muß⸗ ten. Der Major ertrug auch äußerlich ſein Geſchick, das er mit vielen theilte, mit Anſtand, nur hatte ſein Auge den Frohſinn verloren und ſeine Miene die gewöhnliche unbefangene Ruhe. Die häusliche Kalamität fiel weniger auf ſeine Schultern als auf die ſeiner Gattin, die mit ihren Gläubigern in Unterhandlung trat und die Leute, welche durch die unerwartete Penſionirung des Ma⸗ jors in Schrecken geſetzt wurden und ſich an den 1857. V. H. Hans Wilkow v. Wilkenow. III. 13 134 reichen Hans Wilkow von Wilkenow zu halten dro⸗ heten, mit einer theuer erkauften Abzahiung zu be⸗ ſchwichtigen ſuchte. Es gelang ihr. Der gute Ruf der Familie Hoymer hielt ſie fürs erſte von weitern Schritten zurück, die der armen ſtolzen Majorin gräß⸗ licher als der Tod geweſen ſein würden. Nur der Mobilienhändler in der Reſidenz, der eine Forderung von fünfhundert Thalern zu machen hatte, trat mit der Drohung einer Klage hervor, als er die Verab⸗ ſchiedung erfuhr, und erſt auf wiederholte Bitten um Nachſicht beſtimmte er endlich den erſten September als den letzten Termin ſeiner Geduld. Es war im Grunde eine nutzloſe Friſtung, da nur durch ein Gotteswunder von mittelloſen Menſchen binnen ſo wenigen Monaten eine Summe dieſer Art erſchwun⸗ gen werden konnte, dennoch aber athmete die Majo rin froh auf, als ſie die Reihe von Tagen überblickte, in welchen ſie Anordnungen und Pläne entwerfen wollte, um ſich Hilfe zu ſchaffen. 3 Viertes Kapitel. Im Laufe dieſer Zeit hatte ſich Ulrike ſchon ziem⸗ lich eingebürgert auf Zederlehne, und wenn ſie auch immer noch mit dem hartnäckigen Vorſatze ihres Schwiegervaters zu kämpfen hatte, ſo half ihr ihre glückliche Unbefangenheit über manche Klippe hinweg, woran ein ängſtliches und mißtrauiſches Gemüth ret⸗ tungslos geſcheitert wäre. Rudolph, als er ſah, daß die Natur ſeines jun⸗ gen Weibes die Rettungsmittel in der Gefahr ganz willenlos entfaltete, beluſtigte ſich innerlich an den Bemühungen ſeines Vaters, dieſer natürlichen Lie⸗ benswürdigkeit Wälle von böſem Willen entgegenzu⸗ bauen. Im voraus überzeugt, daß eines Tages die Widerwilligkeit des Papa Hans in lauterer Zärtlich⸗ keit für Ulrike ausbrechen würde, hielt er es für 1348 196 beſſer, ieſe ganz ungewarnt ihren Weg gehen zu laſſen. Wie weit ſeines Vaters Herz ſchon erweicht war, gab ſich deutlich bei der Nachricht von der Ver⸗ abſchiedung des Majors kund. Ulrike war außer ſich vor Schrecken. Sie kannte ihren Vater genug⸗ ſam, um zu wiſſen, daß dieſe Kränkung ſein Herz treffen würde. Herr Hans Wilkow betrachtete verſtohlen ſeine Frau Tochter, während ſie in kindlicher Treuher⸗ zigkeit von den frühern knappen Einrichtungen er⸗ zählte und wie ihre armen Eltern nun endlich ſor⸗ genfrei hätten in die Zukunft ſehen können. Ach, ſie ahnete nicht, welche Opfer zu der ſplendiden Aus⸗ ſtattung ihrer eigenen Perſon nöthig geweſen waren. Der Stolz ihrer Mutter hatte ihr vorenthalten, auf welche Weiſe dieſelbe herbeigeſchafft worden war. „Wollen Sie hinüberfahren, Frau Tochter?“ fragte er endlich mitleidig,„die vier Braunen haben . Zeit.“ Ulrike ſah überraſchend zu ihm auf. Es ge⸗ . hörte zu Herrn Hans Eigenthümlichkeiten, daß er ſei⸗ nen Poſtzug lieber im Stalle als auf der Landſtraße ſah und bewunderte.„Ja, ja! Es iſt mein Ernſt. Und ſagen Sie Ihren Eltern, Hans Wilkow von Wilkenow's Beutel ſtände ihnen zu Dienſt, ſie ſollten ihm ſagen, wo es fehlte! Und nun laſſen Sie das Weinen; ich kann's nicht ſehen, wenn Sie Thrä⸗ nen vergießen!“ Rudolph lachte verſtohlen und er lachte noch ſtärker und zwar ganz unverholen, als er mit Ulriken ſpät in der Nacht zurückkam und ſei⸗ nen Herrn Vater in höchſt eigener Perſon am Thor⸗ wege erſcheinen ſah, umgeben von einigen Knechten mit Windlichtern, als der Herr Vater die junge Frau ſorgſam aus dem Wagen hob und wie ein Kind die Treppe hinaufführte. Im Zimmer angelangt, ſah er ihr forſchend ins Geſicht.„Nun, Frau Tochter, wie ſteht es? Nicht wahr, der Menſch ſtirbt nicht gleich, wenn er penſionirt wird? Ich ſehe, Sie la⸗ chen wieder; ſo iſt's geſcheid!“ So weit hatte es Ulrike alſo ſchon gebracht, aber dahin war ſie noch nicht gelangt, daß Herr Hans ihre Eltern zu einem Beſuche auf Zederlehne eingeladen hätte. Ihre Anſpielungen darauf über⸗ hörte er oder beantwortete ſie mit einem unwilligen Kopfſchütteln und mit einem böſen Blicke. Der Sommer verflog darüber. Ulrike fuhr häu⸗ ſig hin zu ihren Eltern und fand ſie immer in gu⸗ ter Laune. Dadurch verbarg ſich der ohnehin ahnungs⸗ loſen jungen Frau die heranrückende Geldnoth der⸗ ſelben ganz und gar. Ihre glänzende Lage hätte ſie bei einiger Bekanntſchaft mit dieſen Verlegenheiten 198 ohne große Schwierigkeiten in den Stand geſetzt mit einem Worte alles zu tilgen, was ihre Mutter quälte; nachdem jedoch das Anerbieten von Herrn Hans Wilkow's Beutel mit wahrer Todesverachtung zurück⸗ gewieſen war, wagte ſie es nicht wieder auf derglei⸗ chen Punkte zurückzukommen. Mit dem Ende des Sommers wurden aber der jungen Frau die kleinen Reiſen zu den Eltern be⸗ ſchwerlich. Ihre Niederkunft ſtand bevor. Sie wurde oftmals traurig, daß ſie den troſtreichen Zuſpruch ihrer erfahrenen Mutter entbehren mußte und ſie ge⸗ rieth in eine gelinde Verzweiflung, wenn ſie daran dachte, daß ihr der mütterliche Beiſtand in einer Stunde fehlen ſolle, die ſie mit Herzklopfen und Freude zugleich herbeiwünſchte. In ſolcher Stimmung wagte ſie denn im Mo— nat Auguſt einmal einen herzhaften Angriff auf Herrn Hans. Sie nahm nicht gerade ihre Zuflucht zu Thrä⸗ nen, aber ſie wehrte den hervorquellenden Tropfen nicht, die langſam ihre Wangen netzten, als ſie ihren Angſtgefühlen gegen ihn Worte lieh. Eine Zeitlang ſchien er ſteinerner Held zu ſein. Er runzelte ſeine breite Stirn, kniff die Lippen zu⸗ ſammen und ſchoß löwenartige Blicke unter den bu⸗ ſchigen Augenbrauen hervor. Ulrike ergab ſich ſchon 199 ins unabänderliche und ſeufzte kläglich unter der Aus⸗ ſicht, vergebens gebeten zu haben, als Herr Hans plötzlich ſeinem Sohne befahl:„Eine Einladung zum nächſten Sonntag an den Major Hoymer und Frau zu ſchreiben, mit der Bemerkung ſich auf einige Tage einzurichten und von dem Wagen Gebrauch zu ma⸗ chen, den er ihnen ſenden werde.“ Dann aber erhob ſich der Edelmann, verließ mit hallenden Schritten das Zimmer ſeiner Frau Tochter und blieb für den ganzen Abend unſichtbar. Am an⸗ dern Morgen waren alle Spuren von Aufregung aus ſeinem Geſichte verſchwunden, aber er zeigte ſich wort⸗ karger als jemals. Der Sonntag brach an. Ulrike hatte ihrer Freude kein Hehl, die Eltern bei ſich empfangen zu können. Von Schonung der Gefühle in Herrn Hans Wilkow's Bruſt wußte ſie nichts. Sie war Tochter der beiden Menſchen, die er zu haſſen hinreichende Veranlaſſung haben mochte, und ſie hielt es für an⸗ gemeſſen offen ihre Liebe zu dieſen beiden Menſchen zu zeigen, um die Ungerechtigkeit ſeines fortgeſetzten Haſſes dadurch hervorzuheben. Herr Hans fühlte ſich aber ungünſtiger dadurch geſtimmt. Er hatte zwar ſeine Erlaubniß zu dieſem Beſuch durch eine ſpezielle Einladung ausgeſprochen, 200 aber damit meinte er plötzlich nicht geſagt zu haben, daß er dieſe Leute ſehen müßte. Als daher der Wa⸗ gen in den Schloßhof einfuhr und Ulrike mit jauch⸗ zender Freude den Eltern entgegeneilte, da verſchwand Herr Hans ſpurlos und kam bis Mittag nicht wieder zum Vorſchein. Nachdem der erſte Begrüßungsrauſch vorüber⸗ war, bemerkte Ulrike eine tiefe und traurige Nieder⸗ geſchlagenheit im ganzen Weſen der Eltern. Sie wichen ihren Fragen danach aus, und die junge Frau ſchob dieſe Stimmung auf das ſeltſame Verhältniß, das noch ungelöſt zwiſchen ihnen und Herrn Hans obwaltete. Sie führte die Majorin in ihre Zimmer und bemerkte nicht, daß dieſe mit einem tiefen ſchmerz⸗ lichen Seufzer und mit einem bedeutſamen Blicke auf den Major, der mit Rudolph allein blieb, das Zimmer verließ. Während Mutter und Tochter ſich nun in wich⸗ tige Kleinigkeiten vertieften und die letztere ihren Hoffnungen und Sorgen Worte gab, während dieſer Zeit ging der Major an das ſchwerſte Geſchäft ſeines Lebens und bat in einigen verlegenen, aber ehrlichen Worten ſeinen Schwiegerſohn um ein Darlehn von fünfhundert Thalern, ohne ihm aber zu vertrauen, wozu er einer ſolchen Summe benöthigt war und 201 mit der ganz beſonderen Beſtimmung, daß er ſich nicht als Schuldner ſeines Vaters, ſondern als ſeinen Schuldner zu betrachten habe. 8 Rudolph war ſogleich bereit. Er hatte freie und ſelbſtſtändige Dispoſition über bedeutende Sum⸗ men, konnte alſo die Sache nach des Majors Be⸗ lieben einrichten. Während er ging, die Scheine zu holen, ſchritt der Major mit weiten Schritten im Zimmer auf und ab. Eines Theiles war ihm ein Stein vom Herzen gefallen, denn er entging durch dieſe Abhilfe einem völligen Ruin ſeiner ſtillen Le⸗ bensfreuden, aber andern Theils legte ſich ein Druck ganz ähnlicher Art auf das kaum freigewordene Herz. Der Möbelhändler in der Reſidenz hatte nämlich Wort gehalten und ſchon vor dem feſtgeſetzten Ter⸗ mine einen Auftrag an einen Rechtsanwalt zur Klage gegeben, mit der ganz beſtimmten Anweiſung unnach⸗ ſichtlich zu verfahren im Falle der Major den Ter⸗ min nicht einhielte. Nun war es gewiß anzunehmen, daß bei der erſten Zeitung dieſer Klage ſich alle an⸗ dern Gläubiger ſofort auch melden würden, und ſo⸗ mit war ſein Bankerott gewiß. Dem öffentlichen Skandale vorzubeugen, hatten ſich endlich beide Gat⸗ ten dahin vereinigt: Rudolph um Hilfe zu bitten. Sie vertrauten ſeiner Diskretion damit ein ſchmerz⸗ liches Geheimniß an, waren aber von ſeiner Ehren⸗ 4 haftigkeit hinlänglich genug überzeugt, um zu hoffen, daß er auf ihren Wunſch weder gegen ſeinen Vater, noch gegen ſeine Gattin davon reden würde. Als Rudolph zurückkam mit den Bankbilleten, beſchloß der Major die Angelegenheit mit dem Mö⸗ belhändler ſogleich abzumachen. Er ſetzte ſich in ſeinem Beiſein nieder, ſchrieb einige Worte, ſiegelte den Brief und bat um einen ſichern Boten nach der näch⸗ ſten Poſtſtation, um die Aufgabe der Geldſumme zu bewirken. Rudolph eilte ſeinen Wünſchen nachzu⸗ kommen. Die Majorin begegnete ihm in der Thüre Die Gatten warfen einander einen frohen Blick zu. Gottlob, der Gefahr, an den Pranger der Oeffent⸗ lichkeit geſtellt zu werden, entgingen ſie für dießmal Wir wiſſen, daß Herr Hans Wilkow es für gut befunden hatte zu verſchwinden. Er hielt ſich in ſeinem Kabinette, dem ſchon früher erwähnten Ge⸗ heimzimmer, eingeſchloſſen. Man reſpektirte ſeine Iſo⸗ lirung nicht allein, ſondern fand ſie bei den vorwal⸗ . tenden Verhältniſſen ſehr erwünſcht. Als jedoch der 4 Major ſeine Geſchäfte nach Wunſch vollbracht ſah, da beſchloß er Herrn Hans in ſeiner Feſtung zu überfallen. Er theilte ſeine Abſicht der Majorin mit, überantwortete den Brief ihrer weitern Beſo gung, 203 ſchärfte ihr noch ein, dem Boten zur Pflicht zu ma⸗ chen, daß er ſorgſam mit dem Poſtſcheine umgehe, den er erhalten werde und verließ das Zimmer. Die Majorin war allein. Ihr Blick ruhte kum⸗ mervoll auf dieſem Brief, der mit ſeinem Inhalte ſie der Gnade eines Mannes unterordnete, welchen ſie in der ganzen weiten Welt am meiſten fürchtete. Sie hatte ihr Lebelang ihm vor allem ihre bedrängte Lage, ihre kärgliche Exiſtenz zu verbergen geſtrebt und nun, nun war ſie ſeinem Spotte unrettbar verfallen! Denn, wie ſollte ſie von ihrer jetzigen Einnahme die Summe erſchwingen können, um ſie zurückzuzahlen? —„Mag der Staat meine Schulden be⸗ zahlen,“— drohnte es wie mit Donnerworten in ihrer Erinnerung. Ein bitteres Lachen umſpielte die Lippen der Dame bei dem Rückblicke auf dieſe Worte ihres Gatten:„Mag der Staat ſie bezahlen!“ rang es ſich aus ihrer Bruſt herauf. Sie verlebte entſetzliche Momente unter dem Drucke ihrer inner⸗ lichen Demüthigung. Es gibt Stunden, wo Gedanken aus der Hölle die Bruſt eines ſtolzen Menſchen durch⸗ ziehen, und in dieſen Stunden wächſt der kleinſte Tropfen zu einem Gedankenmeere und überflutet alles gute in uns. Herr Hans Wilkow hatte aus ſeinem Kabinette 204 das rege Treiben der Herrſchaften ſchon mit einiger Verwunderung beobachtet Was mochten ſie vorhaben? Herr Hans war eigentlich von Natur neugierig und ſpielte gern den Lauſcher. Er beſchwichtigte ſein Ge⸗ wiſſen ſtets mit dem Vorgeben: der Menſch zeige ſich am wahrſten und auch am intereſſanteſten in den Momenten, wo er ſich unbeachtet glaube, und er meinte das Recht zu haben, den Menſchen inter⸗ eſſant zu ſehen. Genug, Herr Hanus fühlte ein Gelüſtchen in ſich aufſteigen, ſeine Gäſte erſt einmal zu belauſchen, bevor er Auge in Auge mit ihnen verkehre Außer⸗ dem war er nicht ganz gleichgiltig gegen den erſten Anblick einer Frau, der er ſeit fünfundzwanzig Jahren und darüber gar nicht mehr begegnet war. Wie mochte ſie ausſehen? Es war nicht Liebe oder auch nur ein Widerſchein davon, der bei dieſen Reflexionen ſeine Gedanken durchzuckte. Nein, Herr Hans ge⸗ hörte nicht zu denen, die Liebe aus jungen Jahren das alte Herz dergeſtalt in Allarm bringen laſſen, daß es aus ſeinem gewöhnlichen ruhigen Schlage kommt. Er war nicht ganz gleichgiltig, blos deßhalb, weil er mit Lachen an eine alte runzelvolle Viktorine dachte, während ſein Sohn Rudolph wußte, daß dieſe Viktorine ſeine Geliebte geweſen war. 205 Ein ſchmaler Korridor trennte die Beſuchszim⸗ mer von ſeinem Kabinet. Er ſchlich denſelben entlang und hatte eben einen Alkoven, deſſen Glasthüren nach dem Beſuchszimmer gerichtet lagen, erreicht, als der Major dieſes verließ, um ihn aufzuſuchen. Herr Hans gebrauchte die Vorſicht alle Ein⸗ gänge dieſes Alkovens gehörig zu verſchließen, bevor er ſeine Beobachtungsoperationen begann. Da ſtand Viktorine vor ſeinen Blicken, nicht ganz ſo runzelvoll wie er ſich gedacht hatte, aber trauriger und nach⸗ denklicher als er ſie jemals geſehen. Was hatte ſie vor? Was beſchäftigte ſie? Er wagte es nicht die Gardine von dem Fenſter zu lüften, um nicht in der höchſt lächerlichen Stellung eines Lauſchers von ihr ertappt zu werden. Sie betrachtete etwas, ſie hob horchend den Kopf, ſie blickte ſtarr und unentſchloſſen zum Himmel hinauf. Dann trat ſie an den Schreib⸗ tiſch, einige Momente vergingen, ein Zündhölzchen flammte hell, die karge Flamme des Siegellacks zuckte auf!— Langſam erhob ſie ſich vom Schreibtiſch, ihr Auge ruhte unverwandt auf der Stelle, wo der Gegenſtand lag, den ſie geſiegelt hatte, ein Geräuſch ſchreckte ſie auf, Rudolph erſchien in der Thüre: „Wo iſt der Brief?“ fragte er. Die Majorin 206 deutete mit der Hand darauf, ſie gingen zuſammen hinaus. Herr Hans Wilkow ſchlich wieder zurück in ſein Kabinet. Kaum war er eingetreten, als ſich ſeine Thüre ziemlich geräuſchvoll öffnete und der Major Hoymer auf der Schwelle erſchien. Auge in Auge ſtanden ſie und ſchauten einander eine lange Weile ſtumm an. Dreißig Jahre hatten ſie ſich gemieden, dreißig Jahre waren ſeit ihrem letzten Zuſammentreffen verfloſſen und dieß Zuſam⸗ mentreffen hatte mit Kriegserklärungen geendigt. Hoy⸗ mer, als Sieger in einer Aktion, wo Eitelkeit und Liebe gegen einfache Natürlichkeit zu Felde gezogen waren, hatte ſeit dieſem Tage die Sache ad acta ge⸗ ſchrieben, während Hans Wilkow von Wilkenow dem Gährſtoffe des Haſſes möglichſt freien Spielraum ließ, bis die Zeit, das Alter und der Wechſel im Innern die nöthige Kühlung erzeugt hatten. Wir erinnern den Leſer an den erſten guten Gedanken über dieſe Menſchen, welche ihn gekränkt hatten, um den freundlichen Blick, womit er den Vater Ulrikens betrachtete, natürlich zu finden. Aber es war ſo. Zum Erſtaunen des Majors entwickelte ſich wirklich ein gemüthlicher Ausdruck in dem großen Geſichte des Herrn Hans Wilkow und er ſtreckte 207 nach einigem Bedenken die Hand hin, um ſie von Hoymer's Hand ergreifen zu laſſen. Das war eine Art Willkommen für dieſen, was ihn nach ſeiner Meinung berechtigte, das Wort zu nehmen und ihm für das Wohlwollen zu danken, das er ihnen in ihrer Tochter erwieſen hatte. „Sie haben uns durch Ihre Einladung endlich Muth gemacht, dieſen Dank mündlich auszuſprechen,“ ſagte Hoymer herzlich, ohne das Stirnrunzeln des Edelmanns bei ſeiner Anſprache weiter zu berückſich⸗ tigen, bis dieſer endlich losbrach: „Sie haben— Sie haben!— Hoymer, haſt Du's vergeſſen, daß wir Brüder geworden ſind?“ Der Major blickte überraſcht zu ihm in die Höhe.„Wie? Hans— alter guter Hans, Du weißt das noch? Du willſt dem alten Rechte Freiheit ge⸗ ſtatten?“ rief er mit freudig bewegter Stimme und legte ſeine beiden Hände auf Wilkow's breite Schul⸗ tern. Herr Hans machte ſich aber los und trat et⸗ was zurück.„Schäume nicht über!“ entgegnete er bedächtig.„Wir ſind Brüder und bleiben es, damit Punktum. Was Deinen Dank betrifft, ſo iſt er ganz überflüſſig. Ich habe mir und meinem Sohne den Gefallen gethan, Deine Tochter als Hausfrau hier einzuführen. Euretwegen that ich es wahrhaftig nicht, 208 alſo laß die unnützen Redensarten. Was daraus wird, wollen wir ſehen—, bis jetzt ſind wir noch nicht weit über das Rubrum der Flitterwochen hinaus und da iſt der Himmel immer noch blau. Geht Ul⸗ rike meinen Weg, ſo wird ſie Frieden von mir ha⸗ ben—, ſonſt aber ſtehe ich für nichts!“ Hoymer blickte ernſt und nachdenklich vor ſich nieder. Das war der alte grämliche und grobmäu⸗ lige Hans Wilkow; warum hatte er ihn denn ſo freundlich angeſehen?—„Es iſt ein Kurioſum, daß ich Eure Tochter als Rudolphs Frau annahm;“ fuhr Herr Hans etwas weniger barſch fort,„und eben als ſolches war mir's Recht! Es iſt ein Kurioſum, Euch hier als Gäſte zu ſehen und eben deßhalb lud ich Euch ein. Ihr ſeid mir willkommen. Und nun komm, damit ich Deine Frau Gemahlin be⸗ grüße!“ Der Major hielt ihn zurück.„Hans, Du haſt den Glanz Deiner Güte abgeſtreift, ich bin gewiſſer⸗ maßen erſchrocken über dieſe Worte, die ich nicht in Einklang mit Ulrikens Lob bringen kann. Biſt Du kalten Herzens gegen unſere Tochter, ſo verbirg es vor meiner Frau, die nach ihres Kindes Erzählun⸗ gen andere Anſichten hat—“ „So?“ unterbrach ihn Herr Hans ſpöttiſch.„Ihr 209 denkt alſo, ich ſpiele den Unterthänigen gegen die junge Edelfrau?“ „Nein, Hans, nicht den Unterthänigen, ſondern den Gütigen!“ „Nun, wenn Ulrike mit mir zufrieden iſt, ſo müßt Ihr es auch ſein und damit Punktum! Komm, es liegt mir ob, als Hausherr die Honneurs zu machen!“ Sie gingen hinab. 1857. V. H. Hans Wilkow v. Wilkenow. III. 14 Fünftes Kapitel. In der Liebesfreudigkeit eines Herzens, dem heitere Sorgloſigkeit natürlich war, plauderte Ulrike unten im Familienzimmer mit ihrem jungen Gatten und ihrer Mutter, deren Stirn von einem eigen⸗ thümlichen Schatten bewölkt war. Rudolph glaubte die Urſache dieſer Verſtimmung, die bisweilen den Charakter einer angſthaften Beklemmung annahm, zu errathen. Sein feiner Sinn griff nicht fehl in den Mitteln, ſie zu beruhigen, indem er ſeiner jun⸗ gen Frau lachend geſtattete von der koloſſalen Ver⸗ ſchwendung und Freigebigkeit des Herrn Hans in Bezug auf ſeinen Sohn zu erzählen. Deer Grund mußte aber tiefer liegen als in der bloßen Furcht vor einem Schuldverhältniſſe zu Herrn Hans. 211 Seine Aufmerkſamkeit wurde von ihr abgezogen, als jetzt die beiden Väter, wie es ſchien, in ſehr harmloſer Laune das Zimmer betraten. Ulrikens Herz füllte ſich mit dem Jubel des Sieges. Sie ſah ſchon im Geiſte alles vergeſſen und die alte Freund⸗ ſchaft neu aufblühen. Ihre ſonſt liebenswürdige Sorgloſigkeit wurde aber jetzt zum Fehler, denn ſie verleitete ſie nicht allein zu falſchen Anſichten, ſon⸗ dern verlieh ihr in der Behandlung ihres Schwieger⸗ vaters auch den Schein des Leichtſinnes. In kind⸗ licher Liebe überſchätzt man den Werth der Eltern ſehr häufig, und die anerzogene Achtung regelt das Benehmen zu einer größern Rückſicht und Zuvorkom⸗ menheit. Ulrike überſah die konventionelle Kälte in der gegenſeitigen Begegnung und ſie fühlte nicht, daß man nur ſprach, um zu ſprechen und der Pein des unbehaglichen Stillſchweigens zu entgehen. Nudolph bemerkte dieß ſehr wohl, es war zum erſtenmale in ſeiner Ehe, daß er nicht ganz ent⸗ zückt von der Laune ſeines jungen Weibes war. Sein Vater litt darunter. Seine Stellung als Haus⸗ herr wurde beeinträchtigt, als Ulrike, nur mit den Eltern beſchäftigt, die kleinen Pflichten gegen ihn höchſt nachläſſig übte. Vielleicht häͤtte ein leiſer 11 2412 Wink genügt, die Fehlgriffe zu verhindern, die ſie ſich überhaupt an dieſem Tage zu Schulden kommen ließ, doch ſein Grundſatz, auf keine Weiſe die Unbe⸗ fangenheit Ulrikens zu ſtören, hielt ihn zurück. Wenn es auch erſichtlich war, daß Herr Hans gerade nicht erbaut wurde von der Nebenrolle, die er plötzlich in ſeinem Familienkreiſe ſpielte, ſo gab es doch etwas in ſeinem Innern, das tiefer und ſchmerzlicher noch in ihm erbebte. Die Verſchieden⸗ heit des Tones, womit Ulrike den Vater⸗ und Mut⸗ ternamen ausſprach, der wunderbare reiche Klang ihrer Stimme in dieſer Benennung gegen den hei⸗ tern oberflächlichen Ausdruck, wenn ſie ihn ‚Papa Hans anredete, öffnete ihm die Augen über die Trivialität ihres Verhältniſſes, das ſich bis dahin noch nicht über die Grenzen des Nebeneinanderlebens ohne Vertrauen verſtiegen hatte. Herr Haus Wilkow von Wilkenow wurde alſo in aller Form eiferſüchtig auf Ulrikens Liebe zu den Eltern, und wo Eiferſucht keimt, muß Liebe wohnen. Er würde dieß beſtritten und jede weichere Regung in Abrede geſtellt haben, allein wir greifen ſeiner Selbſtbeurtheilung vor und erklären von vornherein ſeine Empfindlichkeit für Eiferſucht. Gleich nach dem Mittagsmahle machte Herr — Hans Wilkow zum größten Erſtaunen ſeiner Haus⸗ genoſſen Anſtalt ſich zu beurlauben, um, wie er ſagte, verſprochener Maßen, dem Wettrennen beizuwoh⸗ nen, das in einer Gegend acht Meilen von Zeder⸗ lehne abgehalten wurde. Rudolph, welcher wußte, wie ſehr abhold er dieſem Vergnügen, das er eine amüſante Thierquä⸗ lerei nannte, war, fürchtete eine Art Flucht in die⸗ ſem Vorſatze. Ulrike verſuchte ſchmeichelnd ſeinen Entſchluß wankend zu machen. Herr Hans ſah ſie ernſt und prüfend an. Von einer augenblicklichen Erkenntniß ihrer Nachläſſigkeit gegen ihn ergriffen, ſchlug ſie die Augen nieder, um ſie aber dann ſo⸗ gleich mit einem bittenden Ausdrucke wieder offen und ehrlich zu ihm emporzurichten, als er mit ſelt⸗ ſam bewegtem Akzente ſagte:„Die Fran Tochter wird den Papa Hans ſchwerlich vermiſſen, ſo lange der Vater und die Mutter in Zederlehne ſich befin⸗ den. Ich habe wahre Kindeszärtlichkeit und kühle Schmeichelei heute von einander unterſcheiden gelernt!“ — Er entfernte ſich ohne die Hand zu faſſen, die Ulrike reumüthig ihm entgegenhielt. Die junge Frau ſank nach ſeiner Abreiſe in ein tiefes Nachdenken. Am ſpäten Abend, als ſie mit dem Gatten allein 214 war, legte ſie ihre Sorge und ihren Kummer in Ru⸗ dolphs Bruſt nieder und klagte ſich der Undankbar⸗ keit gegen ſeinen Vater, der ſo unendlich liebevoll ſei, an. „Deines Vaters Neigung war erſt mein Stolz,“ ſchloß ſie betrübt,„dann aber wurzelte ſie ſich ſo tief hinein in mein Herz, daß ich mit derſelben zärtlichen Unruhe ſein Wohlbehagen im Auge hatte, wie das Deine. Wird er mir dieß aber glauben, nachdem ich heute im erſten Rauſche der Freude ſeine Gefühle ſo wenig beachtet und berückſichtigt habe?“ Rudolph verhehlte ihr nicht, daß es allerdings zu fürchten ſei, durch dieſe unbedeutenden Kleinigkei⸗ ten eine unangenehme Kataſtrophe herbeigeführt zu ſehen, wenn nicht ſeines Vaters Herz ſchon an ſie gefeſſelt wäre.— Und ſeine Furcht erhielt Begrün⸗ dung durch die ſchriftliche Benachrichtigung des Herrn Hans Wilkow: daß er der dringenden Einladung eines alten Bekannten Folge geleiſtet und denſelben auf mehrere Tage in ſeine Heimath begleitet habe. Der Zuſatz„ihn Hoymers zu empfehlen, da er ſchwerlich vor ihrer Abreiſe von Zederlehne wieder dort eintreffen werde,“ verrieth genugſam den Zu⸗ ſammenhang dieſer herbeigeführten Abweſenheit. . Nun ſchien die Entfremdung unheilbar. Die 215 Majorin ertrug dieſe Beleidigung ſtillſchweigend, der Major machte ſeinem Herzen aber Luft und ver⸗ wünſchte eine Ehe zwiſchen ſeiner Tochter und dem Sohne des Mannes, der es in Händen hatte, die einzigen und letzten Lebensfreuden eines alternden El⸗ ternpaares zu beſchränken und zu ſtören. Er nannte das Betragen des Schloßherrn„Hohnlächeln des Reichen über den Armen,“ während Herr Hans ſie eines einzigen Beſitzthums wegen beneidete und ſie deßhalb floh. Gechstes Kapitel. Nachdem die erſten Ausbrüche des Unwillens über den Schloßherrn verraucht waren, kehrte eine behagliche Stimmung im Schloſſe Zederlehne ein, woraus denn erſichtlich genug hervorging, daß man Herrn Hans Wilkow eigentlich nicht vermiſſe. Nur Ulrike erwähnte ſeiner bisweilen, um dann jedesmal zu bedauern, daß eine vollſtändige Ausſöhnung miß⸗ glückt war, und der Major erinnerte an ihn, um zu verrathen, daß ſeiner leicht verletzten Ehrliebe eine tiefe und ſchmerzliche Wunde geſchlagen war. Vom heiterſten Spätſommerwetter begünſtigt, wurden die ſchönen Gartenanlagen von Zederlehne faſt ununterbrochen ein Aufenthalt der Familie, und es ſchien immer als athmete die Majorin erſt dann auf, wenn ſie die hohen alterthümlichen Zimmer des Schloſſes mit den Boskets des Schloßgartens ver⸗ tauſchen konnte. Die beiden Herren gingen fleißig auf die Jagd. Die Damen ſaßen Tag für Tag unter den blühen⸗ den Herbſtblumen und dennoch verflog die Zeit in dieſem eintönigen Einerlei nur gar zu geſchwind. Bisweilen wurde von Anſtalten zur Abreiſe ge⸗ ſprochen, aber wenn man auch gelegentlich damit be⸗ gann, ſo war ein Wort Rudolphs hinreichend alles wieder ruhen zu laſſen. Zehn Tage war Herr Hans Wilkow zum Er⸗ ſtaunen ſeiner Dienerſchaft ſchon abweſend, als der Major mit Rudolph von der Jagd heimkam, die Jagdtaſche voll der ſchönſten Hühner. Die Herren überholten den Poſtboten, der allwöchentlich zwei⸗ mal auf Schloß Zederlehne einkehrte, um Zeitungen und Briefe zu bringen. Sie nahmen ihm die Kor⸗ reſpondenzſachen, die in zwei Briefen beſtanden, ab. Der eine Brief an Rudolph gerichtet, wurde ſogleich von ihm erbrochen. Der Major hingegen ſchob den ſeinigen mit dem halb verlegenen Ausrufe:„Eine Empfangsbeſcheinigung aus der Reſidenz,“ in die Bruſttaſche ohne ihn geöffnet zu haben. „Mein Vater ſchreibt mir,“ ſagte Rudolph, den 218 kurzabgefaßten Zettel zuſammenfaltend,„daß er erſt in ſechs Tagen zurückkomme.“ „Dann bleiben wir noch vier Tage hier,“ ent⸗ gegnete der Major. „Sie ſollen länger bleiben,“ fiel Rudolph ein, „mir ſcheint im Gemüthe meines Vaters eine wohl⸗ thätige Kriſe vorbereitet zu ſein.“ „Und wenn Sie irren, Herr Sohn, ſo ziehen wir nachher mit einem Makel mehr von Zederlehne ab, nichts da— wir reiſen am Freitag ab.“ Rudolph ſeufzte etwas im Gedanken an ſeine junge Frau, die Mutterhilfe zu wünſchen jetzt täglich nothwendiger fand, aber er redete im Bewußtſein des riskanten Gemüthszuſtandes des Papa Hans nicht weiter zu. Die Nachricht von der beſtimmten Abreiſe der Eltern brachte Ulriken in Schrecken. In der aufregenden Szene darüber vergaß der Major ſeinen empfangenen Brief ganz und gar, bis er ſeinen Jagdanzug zu wechſeln in ſeinem Zimmer angelangt war. Er las. Er las wieder. Er las zum dritten⸗, vierten⸗, fünftenmale— unverändert ſtand es da vor ihm, daß ſein Gläubiger zwar den Brief mit der Aufſchrift: ‚fünfhundert Thaler inlie⸗ gende erhalten, aber keineswegs im Briefe dieſe 219 fünfhundert Thaler gefunden habe. Anſpielungen in ſpöttiſcher Art, die dem ehrliebenden Major das Blut kopfan trieben, ſchloſſen dieſe Benachrichtigung des Mobilienhändlers und er erſuchte den Major um Nachweis, wie es ihm möglich geworden wäre bei ſeinen derangirten Vermögensumſtänden dieſe fünf⸗ hundert Thaler zu ſchaffen. Beſchreiben laſſen ſich die Empfindungen nicht, die wie Feuer in der Bruſt des Mannes wühlten, der in dieſem Zweifel die höchſte Beſchimpfung ſah, die ihm wiederfahren konnte. Mein Gott, welche Demüthigungen häufte das Ge⸗ ſchick jetzt am Abende ſeines rechtſchaffen verbrachten Lebens auf ihn! Penſionirt, weil er in einem Berichte nicht regelrecht konſtruirt hatte; verdächtigt, weil er ſein Lebenlang arm geblieben war—, aber, wo, wo war das Geld geblieben? Ein ruchloſer Poſtbeam⸗ ter hatte dieſe Schmach auf ihn geworfen, oder ein betrügeriſcher Geſchäftsgehilfe des Möbelhändlers hatte das Geld ſchlau bei Seite zu bringen gewußt. Sein Entſchluß war ſogleich gefaßt. Er mußte ſelbſt hin nach der Reſidenz! 8 Wie das Drohen eines heranrückenden Sturmes durchflog es den friedlichen Kreis, als der Major, faſt ſchon reiſefertig, zwiſchen ihnen erſchien und mit 3 220 finſterer, kalter Entſchloſſenheit verkündete: er werde noch an demſelben Tage nach der Reſidenz reiſen. Zitternd erhob ſich die Majorin, ihr Blick fragte, aber ihre Lippen blieben krampfhaft geſchloſſen. „Geben Sie mir Pferde bis zur Station T... Herr Sohn,“ fuhr der Major fort,„von dort nehme ich Ertrapoſt. In vier Tagen bin ich wieder zurück. Halte Dich fertig, Viktorine, damit wir dann nach Hauſe können.“ Fragen überſtrömten ihn nun. Er wies alle unerwiedert zurück. Seiner Gattin reichte er den Brief. Ihr Erblaſſen, ihr machtloſes Zuſammenſin⸗ ken, ihr konvulſiviſches Aufſchluchzen waren ihm ein Zeichen der tiefſten Theilnahme. Er küßte ſie. Er legte ſie bewegt an ſeine Bruſt: „Auch das mußteſt Du noch erleben, mein gu⸗ tes Weib,“ flüſterte er ihr zu.„Auch das noch— penſionirt und im Begriffe als infam erklärt da zu ſtehen! Schau aber auf! Gott lebt noch— ich werde dieſen Hallunken zur demüthigen Abbitte zwin⸗ gen!“ Raſch erhob ſich die Dame, ihre Hand zuckte nach dem Herzen, ſie wollte etwas ſagen, ſie wollte etwas thun! Aber ſie unterließ es. Als der Ma⸗ jor dahinrollte, ſtand ſie bewußtlos, große, große Thränen ſchlichen über ihre todtenblaſſen Wangen und ein Gebet um Hilfe ſchien ihre Seele zu er⸗ füllen. So ſchnell als eine Reiſe mit Pferden nur zu bewerkſtelligen war, legte der Major den Weg zurück. Ulrike hatte die Reiſekaſſe ihres Vaters heimlich der⸗ maßen verſtärkt, daß ihm möglich wurde Kourier⸗ pferde zu nehmen und in dem unverkühlten Grimme eines ſchwer Beleidigten vor ſeinem Gläubiger zu erſcheinen. Der Möbelhändler war betroffen von ſeiner noblen Erſcheinung, er mußte es ſich geſtehen, daß dieſem Manne kein Betrug zuzuſchreiben war, aber er nahm ſeine Worte nur bedingungsweiſe zurück und erklärte ihm ernſt und gemeſſen, daß ſich die Poſt ſchon entſchieden gegen jede Erſtattung dieſes Geldes ausgeſprochen habe, da kein Siegel verletzt und keine Beſchädigung des Kouverts vorgefunden ſei bei An⸗ kunft des Geldbriefes. Er ſelbſt habe den Brief in Empfang genommen und glücklicherweiſe im Beiſein eines ehrenwerthen Zeugen geöffnet. Nach langen Berathungen, nach ehrenvollen Er⸗ klärungen, wodurch das Gemüth des Majors min⸗ deſtens ſo weit beruhigt wurde, um Vorſtellungen zugänglich zu ſein, beſchloß man den Fall dem Ge⸗ 85 222 richte anzuzeigen und es den Nachforſchungen desſel⸗ ben zu überlaſſen Licht in dieſe Sache zu bringen. „Nur auf dieſem Wege kann es Ihnen gelin⸗ gen eine Poſterſtattung zu erzwingen, im Falle näm⸗ lich die Ermittelungen zu Ungunſten der Poſtverwal⸗ tung ausfallen,“ ſprach ſchließlich der Möbelhändler „Natürlich haben Sie dadurch die Verpflichtung einer Zahlung an mich nur vertagt bis zum Schluſſe die⸗ ſer Unterſuchung. Suchen Sie ſo ſchleunig wie mög⸗ lich den Boten, dem Sie die Ueberlieferung auf der Poſt anvertraut haben, feſtzunehmen. Fragen Sie genau die dortigen Poſtbeamten, wie das Benehmen dieſes Mannes geweſen iſt. Genug, unterſtützen Sie die Bemühungen des Gerichtes!“ Der Major ſchied, betäubt, unzufrieden mit ſich und mit dieſem Manne, dem er in allem Grimme nichts hatte anhaben können und machte ſich mit derſelben Eile auf den Rückweg. Wie ein unlöſchba⸗ rer Flecken lag ihm dieß Unglück auf der Seele. Er war ganz rathlos! Einige Male tauchte das Bild des Herrn Hans Wilkow tröſtend vor ihm auf und eine Stimme trieb ihn, ſein Leid und ſeine Kümmer⸗ niß in die Bruſt dieſes erfahrenen und ſtarkſinnigen Mannes, deſſen Ruf, deſſen Stellung, deſſen Reich⸗ thum ihm, dem armen penſionirten Major ein Relief 223 geben konnten, zu legen, aber immer ſchreckte er wie⸗ der zurück vor dem Gedanken zurückgewieſen zu werden. Er erreichte die letzte Station. Auf ſeine Nach⸗ frage nach dem Geldbriefe, der von Zederlehne nach der Reſidenz adreſſirt geweſen ſei, blickten ſich die beiden Poſtbeamten, ein alter und ein junger Mann, bedeutungsvoll an und der alte Herr rief triumphi⸗ rend:„Habe ich es nicht gleich geſagt, daß mit dem Briefe etwas vorgenommen ſet? Ja, mein Herr Major, einem erfahrenen Poſtbeamten entgeht nichts! Forſchen Sie nur im Schloſſe nach— forſchen Sie nur, wer zu dem Petſchafte gekonnt hat. Ich werde ſofort dieſe Notiz zum Oberpoſtamte gehen laſſen.“ Der Major verließ das Poſtgebäude. In ſei⸗ nem Kopfe ſchwirrte es von tauſend entſetzlichen Ge⸗ danken,— unter dieſen Gedanken blitzte ein einziger Name hervor. Er ging in das naäͤchſte Hôtel und forderte Tinte und Feder. Der Kellner brachte bei⸗ des und fragte höflich, ob er vielleicht der Herr ſei, der in Zederlehne erwartet werde. Der Reitknecht von dort hätte ein Pferd für ihn eingeſtellt. „Gut,“ antwortete der Major kalt und ruhig. „Wenn ich fertig bin mit Schreiben, werde ich Ihnen ein Zeichen geben, dann kann der Reitknecht den 224 Brief beſorgen.“— Der Kellner ſah ihn verwundert an, entfernte ſich jedoch, ohne weitere Einwendungen. Der Major blieb allein. Nicht die geringſte Un⸗ ruhe hatte bis dahin ſein Weſen bezeichnet, auch jetzt ſetzte er ſich mit der größten Seelenruhe ſogleich nie⸗ der und ſchrieb mit feſter ſicherer Hand: „Es iſt mein letzter Bericht in dieſer Welt! Ich will mich in einen Ruheſtand verſetzen, wo die Erinnerung an mein Geſchick aufhört mich zu peini⸗ gen. Ich klage niemand an und zürne niemand! Geſchehene Dinge ſind nicht zu ändern und unter ſolchen Umſtänden iſt's am beſten den Platz zu räumen. Jeder Tag mit ſeinem Sonnenſcheine kann Geheimniſſe aufdecken. Ich werde dieſem verſteckten Feinde aus dem Wege gehen. Gottlob, ich weiß, wie ein Herz ſicher zu treffen iſt. „Hans, Hans, die rächende Nemeſis ereilt mich! Ich habe nie lebhafter gefühlt als in dieſem Mo⸗ mente, daß ich nicht gut an dieſem Freunde gehan⸗ delt habe, aber ſein Sieg kommt jetzt und meine Niederlage wird durch dieſelbe Hand bewirkt, die c bm im Leichtſinne der Jugendliebe entzogen „Wer ſo ſchwer bedrückt ungerufen vor Gott tritt, den wird Er wohl nicht ausſchließen von ſeiner Gnade. Meinen Kindern meinen Segen!’“ Als er fertig war, klingelte er und faltete be⸗ dächtig das Blatt zuſammen. Der Kellner erſchien. Sein ſpähender Blick verrieth einige Beſorgniß, die ſich jedoch zerſtreute, als er die gelaſſene Gleichmü⸗ thigkeit des Majors beobachtete, womit er eine Oblate feuchtete und vorſichtig unterſchob. Danach nahm er ſeinen Siegelring vom Finger, betrachtete aufmerkſam die Embleme ſeines Standes, die darauf geſchnitten waren und preßte mit einem bittern Lä⸗ cheln dieſe Zeichen auf die Oblate. Der Ring war ſeit dem Geldbriefe nicht wieder gebraucht— er mochte ſich erinnern, daß er ihn damals neben dem Siegellack hatte liegen laſſen, und der Vergleich zwi⸗ ſchen dem ganz verſchiedenen Gebrauche dieſes Pet⸗ ſchaftes war wohl im Stande ſein Herz auf Augen⸗ blicke mit Bitterkeit zu durchſtrömen. Er wendete den Brief, um die Adreſſe zu machen, ein Schauder ſchien ihn zu erfaſſen, als er im Begriffe ſtand den Namen ſeiner Gattin noch einmal im Leben zu ſchreiben. Er ſetzte an, warf die Feder jedoch ebenſo ſchnell wieder von ſich und reichte dem Kellner den Brief ohne Adreſſe.. 1857 V. H. Haus Wilkow v. Wilkenow. III. 15 226 „Dieß ſoll der Reitknecht ſeinem Herrn geben,“ ſagte er kurz. „Wollen Sie ihn nicht ſelbſt ſprechen, Herr Major?“ wendete der Kellner ein. „Nein!“ „Das Pferd wollen Sie aber für ſich behal⸗ ten?“ fragte Jener weiter. 4 „Nein!“ „Sie haben alſo weiter nichts zu befehlen?“ „Nein!“ Aengſtlich blickte der Kellner ringsum. Der Herr war entweder krank oder wahnſinnig nach ſei⸗ ner Meinung. Was ſollte er thun? Ihm blieb nichts übrig, als mit dem Briefe hinabzugehen und dem Reitknechte dieſe Szene zu erzählen. So wie dieſer mit den beiden Pferden den Gaſthof ver⸗ laſſen hatte, ging der Major auch fort, kam aber bald wieder. Der Kellner, etwas beruhigter, fragte ihn, ob er zur Nacht bleiben werde. „Gewiß!“ antwortete er mit ruhigem Lächeln und ging in ſein Zimmer. Eine Stunde verfloß ohne daß ſeine Klingel er⸗ tönte. Mehr aus Neugier, denn ſeine Beſorgniß war ganz gewichen, ſeitdem er geſehen hatte, daß der Herr wie andere Leute ausgehen und wiederkommen — konnte, machte der Kellner ſich endlich etwas zu ſchaffen in dieſem Zimmer. Der Major ſaß zurückge⸗ lehnt im Sopha. Er ſchien zu ſchlafen, aber ſein Geſicht war bleicher als vorhin. Leiſe trat der Kellner heran,— der Major war kalt und todt! Er hatte mit einem kleinen Taſchenterzerole das Herz richtig und ſicher zu treffen gewußt und das Geſchäftsgeräuſch im Hötel hatte den leichten Knall verſchlungen. Ohne Todeskampf war er geſtorben, ſein Lächeln bewies den wiedererlangten Frieden. Von dem Lärmen, den Entſetzen immer zu ma⸗ chen pflegt, ſchweigen wir. Eine Viertelſtunde ſpäter brauſte der Poſtzug des Herrn Hans Wilkow von Wilkenow in das Thor des Städtchens herein, um es auf dem Heim⸗ wege zu paſſiren. Vor dem Poſtgebäude hielt der Herr Hans an, um nach Briefen und Zeitungen zu fragen. Zu ſeinem Erſtaunen bemühte ſich der Chef des Bu⸗ reau ſelbſt heraus an den Wagen und begann nach einigen Einleitungen ein Referat des eben ſtattge⸗ fundenen Unglücks, wozu er, wie er mit höflichem Bedauern zugab, vielleicht ſelbſt eine Veranlaſſung abgegeben hatte. Herr Hans verſtand kein Wort, er wußte nichts von einem Geldbriefe, der hier eine Rolle ſpielen ſollte, endlich rückte der Poſtmeiſter mit — 153 der ganzen Nachricht hervor und berichtete den Selbſt⸗ mord des Major Hoymer. Wie vom Blitze getroffen ſtarrte Herr Hans den Mann an. Mit einem Satze war er aus der Kaleſche und ſtürzte hinüber ins Hötel. Der Tod ſühnt alle Unbill. Da ſtand der ſtarke Hans Wilkow vor der Leiche ſeines ehemaligen Freun⸗ des, und Thränen tropften aus ſeinen Augen auf das Geſicht desſelben hinab. Eine Stunde früher und es wäre ein Menſchenleben durch dieſe Thränen zu retten geweſen. Hier konnte Herr Hans nichts mehr helfen, aber drüben in Zederlehne, dort jammerte ein Weib um den Gatten und eine Tochter um den Vater! Er befahl das Zimmer zu ſchließen, bis er wieder käme und warf ſich in ſeinen Wagen. Unterwegs erſt gewann er Muße das ganze Ereigniß zu überdenken; was ihm nicht erzählt war, das ergänzte richtig ſeine Kombination. Das Reſultat ſeiner Grübeleien zeigte ſich, als er in Zederlehne ankam und ihm die Ma⸗ jorin wankend und händeringend zuerſt entgegentrat: „Wiſſen Sie—?“ keuchte ſie kaum hörbar aus furchtbar beklemmter Bruſt heraus.„Iſt er todt?— Nein— nein! Haben Sie etwas gehört? Ich will hin!“— — 229 In einem Anfalle von Wuth packte Herr Hans das unglückliche Weib an den Schultern und hob ſie vom Boden auf:. „Weib, Weib,“ knirſchte er,„das iſt Dein Werk — Du— Du biſt ſeine Mörderin— Du haſt den Brief geöffnet— Du haſt das Geld herausgenom⸗ men— Du haſt den Brief mit ſeinem Petſchafte wieder geſchloſſen— willſt Du das läugnen?— Ich, ich habe es geſehen— ich habe es mit meinen eigenen Augen geſehen!“ Er ließ ſie los und wollte fort. Man hätte denken ſollen, die Dame wäre vor dieſer Anklage und nach dieſer Behandlung muthlos zuſammengeſunken. Nein. Feſt und ſtolz aber richtete ſie ſich auf und vertrat ihm den Weg. „Was ſollen dieſe Worte bedeuten, Herr von Wilkenow?“ rief ſie in flammender Entrüſtung.„Glau⸗ ben Sie das wehrloſe Weib vernichten zu können in Ihrem ungezäͤhmten Haſſe? Nehmen Sie ſich in Acht!“ „Geh' mir aus dem Wege, Schlange,“ ſchrie Herr Hans.„Geh', damit ich nicht noch einmal meine Hände beſudeln muß!— Gehe und mag Gott Dich richten!“ Er ſchritt vorüber, wendete aber ſchnell nochmals um:„Bete für die Erhaltung der, 1 230 die Du Tochter nennſt.— Stirbt ſie, ſo vernichte ich Dich erbarmungslos!“— Die Thüre fiel zu. Die Majorin ſank auf ihre Knie und begrub das Geſicht in den Händen. In ihrem Zimmer, fern von dieſer wahrhaft ent⸗ ſetzlichen Szene, lag Ulrike halb bewußtlos vor Schmerz und Schrecken in den Armen ihres tiefbe⸗ wegten Gatten. Ulriken war durch Zufall der nicht adreſſirte Brief zuerſt übergeben. Die Schreckens⸗ kunde hatte alſo mit ganzer Schwere das Herz der Tochter getroffen. Bei dem Schalle der Männer⸗ ſchritte, die ſich in verrätheriſcher Eile ihrem Zimmer näherten, fuhr die junge Frau in die Höhe. Herr Hans Wilkow öffnete die Thüre. Hilfeflehend ſtreckte ſie ihm die Arme entgegen: „Mein Vater—,“ rief ſie in herzzerreißendem Tone,„mein Vater!— O Papa Haus, warum haſt Du uns verlaſſen!“ Der Mann erbebte unter dieſem Schmerzenstone, unter dieſem Vorwurfe. Seine edle Natur brach ſich Bahn, er umſchlang die junge Frau, er drückte ihren fieberheißen Kopf an ſein Herz, das mächtig pochte. Mit ſo überwältigenden Gefühlen hatte er noch nie einen Menſchen geliebt wie Ulriken in dieſem Momente. „Ruhig, ruhig, meine arme Tochter!“ bat er mit ge⸗ 231 brochener Stimme.„Willſt Du Rudolphs Glück, willſt Du meine einzige Erdenſeligkeit, die mir in meinen alten Tagen von Gott geſchenkt iſt, erhalten, ſo ſuche Dich zu faſſen.“ Seine athletiſche⸗ Geſtalt zitterte, wie vom Fie⸗ berfroſt geſchüttelt. Ulrike hob ihre Augen zu ihm auf, ſchweigend ſahen ſich beide eine lange Zeit an, es war als wenn die ſtumme Beredtſamkeit dieſer ſonſt trotzigen Augen eine ſeltſame Macht über die * junge Frau erhielt. Sie lehnte ſich feſter an ſeine Bruſt— ihr Jammer und Schluchzen erſtarb nach und nach. Aber die Folgen der furchtbaren Seelenpein bra⸗ chen dennoch aus. Aerzte mußten herbeigeholt wer⸗ den. Ein Kampf zwiſchen Leben und Tod begann. Die Seelenſtärke der Majorin zeigte ſich in einem bewunderungswerthen Lichte. Stunde an Stunde ver⸗ 1 ging— als der neue Tag anbrach, war dem Hauſe Wilkenow auf Zederlehne ein Sohn geboren, welcher durch ſein kraftvolles Schreien verrieth, daß er kei⸗ neswegs geſonnen ſei als Opfer der fürchterlichen Kataſtrophe aus der Welt zu ſcheiden. Als die junge Mutter ermattet in einen rühigen 3 und geſunden Schlummer geſunken war, ſchlich Herr . Hans auf den Zehen in das Zimmer, um ſich zu überzeugen, daß ſie wirklich lebe. Er betrachtete mit unverkennbarer Bewegung das ſchöne bleiche Geſicht Ulrikens, neigte ſich dicht dar⸗ über, um auf die regelmäßigen Athemzüge zu lau⸗ ſchen und ſchien nicht übel Luſt zu haben, die zarten Hände, die leicht ineinander gefaltet auf der Decke lagen, mit ſehr zärtlichen Küſſen zu bedecken. End⸗ lich richtete er ſich wieder empor und ſeine Blicke tra⸗ fen auf Rudolph, der mit glückſtrahlendem Lächeln von Ulrike auf das Knäbchen deutete, das, tief in Kiſſen gehüllt und die kleinen Fäuſte trotzig gegen das Geſicht drückend, die erſten Stunden ſeines Da⸗ ſeins verſchlief. Schweigend ſchlichen beide Männer wieder hinaus. „Glückſeliger Menſch!“ flüſterte Herr Hans und ſah ſeinem Sohne mit voller Vaterzärtlichkeit ins Ge⸗ ſicht.„Der Himmel erhalte Dir Dein Glück!“ „ Und— wie wird es nun mit Deiner Erzie⸗ hung?“ fragte Rudolph. „Sie hat geſtiegt, alter Junge—, ich bin fortan ihr Sklave!“ Vater und Sohn nickten ſich bedeutungsvoll zu. „Dem echt weiblichen Gemüthe widerſteht niemand — ich wußte das,“ ſagte der junge Mann dann — —* ——— lächelnd. Eine Geberde des alten Edelmannes gab ihm Recht. „Jetzt will ich hin und Hoymer's Leiche her⸗ holen,“ ſprach er nach einer kleinen Pauſe.„Er ſoll in der Gruft meiner Väter ruhen.“ Rudolph reichte ihm überraſcht die Hand. Es bedurfte zwiſchen dieſen beiden Maännern keines lau⸗ ten Zeichens, um ſich zu verſtehen und der wortloſe Dank wog in Herrn Hans Wilkow's Bruſt ſchwerer als tauſend geſuchte ſchöne Worte. Hiebentes Kapitel. Mit übermenſchlicher Kraft übte die Majorin während der nächſten Wochen ihre Pflichten als Pfle⸗ gerin ihrer Tochter. Keine Klage drang über ihre Lippen, keine Thräne feuchtete ihr Auge. Man mußte ſie für gefühllos erklären, wenn man nicht an ein Erſtarren ihres Herzens glauben wollte. In dem Aaruihen Schweigen wurde ihr Daſein faſt unbe⸗ erklich für Herrn Hans Wilkow, aber er blieb den⸗ noch nicht in Ungewißheit über die treue Mutter⸗ liebe, womit ſie waltete. Die Verſunkenheit ihrer Seele reſpektirte er. Wer einen Schmerz mit Selbſt⸗ vorwürfen zu tragen hat, der muß allerdings Blei auf der Zunge fühlen, meinte er. Aber er dachte es nur und vermied mit großem Zartſinne die geringſte Andeutung der ihm bekannt gewordenen Verhältniſſe gegen ſeinen Sohn. Nachdem ſeine erſte jähzornige Wallung ihn zu direkten Angriffen verleitet hatte, war er zu dem Entſchluſſe gelangt, die ganze ſchau⸗ erliche Tragödie ſeines Hauſes mit Stillſchweigen zu ehren. Zu dieſem Zwecke mußte er vor allen Dingen alles im Keime erſticken, was die Aufmerkſamkeit des Publikums auf das Ereigniß leiten und dasſelbe zu Kombinationen reizen konnte. „So klug wie ich wird mancher andere auch ſein,“ dachte er,„und wenn es mir gelungen iſt, durch den Schleier zu blicken, ſo gibt es Leute, die vielleicht gern noch mehr ſehen als wirklich da iſt.“ Mit der Umſicht eines erfahrenen Geſchäfts⸗ mannes befriedigte er alſo zuerſt den Kaufmann in der Reſidenz, deſſen Wehegeſchrei das meiſte Auf⸗ ſehen zu erregen im Stande war. Er meldete ihm in kurzen energiſchen Worten den Tod des Majors Hoy⸗ mer und überwies ihm,„um allen gerichtlichen Stauh dal zu vermeiden,“ einen Wechſel vom Betrage ſeiner Schuldforderung mit der Bedingung, alle eingeleiteten Gerichtsverhandlungen ſofort abzuſchneiden. Am Schluſſe des ganz trocken geſchäftlich gehaltenen Briefes deutete er an, daß krankhaft gereizte Ehrliebe ſchon ſeit ſeiner Penſionirung das Gemüth des Ma⸗ jors umdüſtert habe und daß die letzten Ereigniſſe 236 mit ihren Beleidigungen wohl dazu geeignet geweſen ſeien, einen ſolchen Mann zu dem Gedanken zu brin⸗ gen, das Leben zu verlaſſen. Nach dieſem Briefe ließ er einen andern an einen Rechtsfreund in Hoymer's Heimath von Stapel laufen, worin er ihn autoriſirte ſämmtliche Gläubiger der Familie ſofort zu befriedigen. Die danach ein⸗ laufende Rechnungsvorlage überzeugte ihn, daß nur die Ausſteuer ſeiner Frau Tochter unbezahlt geblie⸗ ben war, ſonſt nichts. Herr Hans fühlte ſich tiefge⸗ beugt bei dieſer Wahrnehmung, denn er mußte ein⸗ ſehen, daß ihm, in ſeiner ſtolzen Ueberhebung ein gu⸗ tes Theil der Schuld zur Laſt fiel. Herr Haus wurde demüthig. 4 Während er geſchäftig alles aus dem Wege räumte, was das fernere Leben der Majorin drückend und ſchwer machen konnte, überſah er die Kränkung, 4 dieſer armen ſtolzen Frau durch ſeine unberufene inmiſchung bereitet wurde. Er unterrichtete ſie von ſeinen Schritten nicht. In ſeiner Eigenſchaft als Oberhaupt der Familie, zu der ſie ſich trotz allem, was vorgefallen ſein mochte, zu zählen befugt war, glaubte er niemand Rechenſchaft von ſeinen Hand⸗ lungen ſchuldig zu ſein. Es beſtand zwiſchen ihnen überhaupt gar kein Verkehr. Er richtete nie ein 237 Wort an ſie und die Dame wendete ihm ſtets ſtolz den Rücken, wenn er im Zimmer anweſend war. Ulrike wurde während dieſer Zeit geſund und ihr Söhnchen gedieh ſichtlich. Selbſt dem Auge der Tochter erſchien die Ver⸗ ſtummung der Mutter nicht unnatürlich, ſelbſt ihrem liebenden Blicke entging das ſichtliche Verfallen der ſtattlich ſchönen Geſtalt, die bis dahin allen Beküm⸗ merniſſen und der Zeit getrotzt hatte. Der Herbſt färbte das Laub und warf ſchon gelbe Blätter auf den grünen Raſen, als der Stammhalter des Hauſes Wilkenow in den Bund der Chriſten aufgenommen und als Hans Rudolph Wilkow von Wilkenow in die Ahnentafel eingetragen wurde. An dieſem Tage erklärte die Majorin ganz un⸗ vorbereitet, daß ihr Aufenthalt mit dem nächſten Tage beendet ſei und ſie von Geſchäften gezwungen werde g in ihre verödete Wohnung zurückzukehren. Schmerzlich ergriffen hörte Ulrike dieſer Erklä⸗ rung zu, Rudolph fühlte ſich unangenehm überraſcht, weil er geglaubt hatte, die Majorin werde bei ihnen bleiben und Herr Hans wendete ſehr jähe ſeinen großen buſchigen Kopf nach der Dame herum, um ſie zornig und ſtumm fragend anzuſchauen. Ulrike, wohl begreifend, daß in dieſem Momente nur ihm 238 eine Einladung zuſtehe, heftete bittend ihre Augen auf ihn. Er ſtand ſchon längſt unter dem ſtillen Kom⸗ mando dieſer Augen und jetzt leitete ihn ſein eigener Wunſch dieſe Frau durch ein freundliches Wort zu ehren. „Ich hoffe, Sie werden Zederlehne fortan als Ihre Heimath betrachten,“ ſagte er mit warmem Tone. Die Majorin neigte ein wenig ihr bleiches Ge⸗ ſicht, ehe ſie antwortete. Eine volle Minute zögerte ſie, um dann, abgewendet von ihrer Tochter, mit ganz veränderter, beinahe verſagender Stimme zu flüſtern: „Möchten Sie nur geneigt ſein, mir für meine ewige Ruhe in Zederlehne eine Stätte zu bereiten — es iſt der einzige leidenſchaftliche Wunſch, der mir geblieben iſt.“ Sie verließ ſchnell das Zimmer. Herr Hans ſah ihr bedenklich nach. Ein Ge⸗ danke durchblitzte ſein Inneres. Er folgte ihr und trat ohne Zögern unmittelbar nach ihr in ihr Zim⸗ mer ein, wo die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe ſchon vollendet, ihren wohlüberlegten Entſchluß hin⸗ länglich verriethen. Hoch aufgerichtet ſtellte ſich ihm die Dame entgegen. Was wollte dieſer Mann hier? Wenn alles in ihr gebrochen und zerſtört war, ihr alter 3 ———— 239 Stolz lebte noch und er ſtützte ſie in dieſem Mo⸗ mente, wo ſie ihre Körperkräfte weichen fühlte. Wenn ſie aber gefürchtet hatte, demüthigenden Reminiszen⸗ zen zu begegnen, ſo erkannte ſie beim erſten Worte ihren Irrthum. Der Ausdruck ſeiner Stimme zeugte von einer tiefen Gemüthsbewegung, und der alte traute Jugendton, womit er ſie anredete, ließ mer⸗ ken, daß er alle Erinnerungen begraben hatte. „Viktorine,“ begann er,„was haſt Du vor? Willſt Du gleich unſerm unglücklichen Freunde ver⸗ meſſen Dein Leben enden? Willſt Du Deiner Toch⸗ ter noch eine Schmerzenslaſt auf die junge Bruſt legen? Gehe in Dich.“— Er ſchwieg einen Augen⸗ blick, gleicham übermannt von dem Gedanken an die ſchreckliche Minute, wo er Ulrike zum erſten⸗ male an ſein Vaterherz gepreßt hatte. Dann aber erhob er ſeine Stimme in edler Wärme und beſchwor ſie mit der Gewandtheit eines Ausdruckes, wie ihn nur ein geſteigertes Seelenleben verleihen kann, ſich einem Daſein zu erhalten, das ihr eine ſchöne Wirk⸗ ſamkeit und in derſelben Sühne aller Irrungen ver⸗ ſpräche. Die Majorin hörte ſtill zu. Ein ſeltſames Leuchten ihres Auges, das weitgeöffnet nach dem klaren Abendhimmel hinausgerichtet war, verrieth ihre Aufmerkſamkeit. Als Herr Hans endlich ſchwieg, 240 entgegnete ſie kurz und kalt, daß er ſich irre, wenn er annehme das Ende ihres Lebens werde von ihr gewaltſam erzwungen werden. „Unſere Wege gehen aber auseinander, Herr von Wilkenow,“ ſchloß ſie ihre ſteif in den Formen bleibende Antwort,„und nur in dem Falle meines Todes möchte ich einen kleinen Raum auf Zeder⸗ lehne beanſpruchen.“ Herr Hans, deſſen Wohlwollen einmal erwacht, durch kühle Erwiederungen wenig berührt wurde, ließ ſich nicht zur Ruhe weiſen. Er berührte ſcharf, wenn auch ſchonend, die Auswüchſe ihres Naturells und baute darauf die Gewißheit ihres heimlich, aber ſicher ausgeführten Vorſatzes„zu ſterben,“ um aller Qual los und ledig zu ſein.. Die Majorin trat entſchiedener, ſtolzer gegen ihn hervor. Sie beſtritt das Vorhandenſein ſo quä⸗ lender Gefühle, die ihr den Tod wünſchenswerth machen könnten. 3„Wenn Sie, mein Herr, auf eine Minute da⸗ durch hinzielen wollen, wo Sie mit unmenſchlicher Härte entſetzliche Beſchuldigungen auf mich häuften, ſo erkläre ich Ihnen, daß nur mein Stolz mich ab⸗ gehalten hat Rechenſchaft von Ihnen zu fordern—“ „Viktorine,“ unterbrach Herr Hans ſie und — — I 241 blickte mit wahrhafter Betrübniß auf ihr bleiches, von Zorn entſtelltes Geſicht,„Viktorine— auf dieſer Stelle ſah ich Dich ſtehen—“ „Hören Sie auf,“ ſchrie die gequälte Frau, „entfernen Sie ſich— wir ſind fertig mit einander, auf ewig!“ Sie wankte, ihre Hand griff nach dem Herzen, in welchem Schmerzen tobten, wie ſie viel⸗ leicht noch nie ein Menſch empfunden hatte. Herr Hans wendete ſich und ging. Er ſah nicht mehr den Krampf, der die arme Frau niederwarf und für einige erbärmliche Minuten ſie alles Bewußtſeins beraubte. Nach dieſem Auftritte war Herr Hans geneigt ſich mit ſeiner ganzen Humanität gründlich zu ver⸗ ſpotten.„Mohren laſſen ſich nie weiß waſchen,“ raiſonnirte er mit ſich ſelbſt,„und vergeblich geſpro⸗ chene Worte ſind laͤcherlich, d'rum geſchwiegen und aufgepaßt wie das Rad rollt.“ Die Majorin fuhr am nächſten Morgen ab und Herr Hans verdoppelte die Beweiſe ſeiner Liebe ge⸗ gen ſeine Frau Tochter, um ihr dieſe Abreiſe weni⸗ ger fühlbar zu machen. Kaum ſah ſich die Majorin allein und den be⸗ obachtenden Blicken ihrer Tochter entzogen, als ſie alle Masken fallen ließ und ſich willenlos ihren Ge⸗ 1857. V. H. Hans Wilkow v. Wilkenow. III. 16 242 fühlen und der krankhaften Schwäche hingab, die ſie bis dahin bemeiſtert hatte. Wer ſie jetzt ſah, der erkannte, daß der Todes⸗ pfeil mit vergifteter Spitze in dieſe Bruſt gedrungen war. Sie verblutete an dem furchtbaren Leide, wel⸗ ches ſie in ungeprüften Handlungen ſelbſt über ſich heraufbeſchworen hatte. Aber ſie gedachte doch noch mit Ehren und im feſtgehaltenen Schleier des Ge⸗ beimniſſes aus der Welt zu ſcheiden. Wer begreift ihren Schrecken, als ſie bei dem erſten Schritte ihre Habſeligkeiten zu Gunſten der Gläubiger zu Gelde zu machen, erfahren mußte, daß Herr Hans Wilkow ſich zu ihrem Kurator aufge⸗ ſchwungen hatte. Es war der letzte Schlag, den ſie erhielt. Ihre Geſundheit war längſt untergraben, jetzt brach ihr Körper zuſammen. Sie wußte, was ihr fehlte und ſie verſchmähte jede ärztliche Hilfe, um nicht Späheraugen auf ſich zu lenken. Einge⸗ ſchloſſen in ihre kleine Gartenwohnung, von einer alten treuen Magd gepflegt, ſah ſie ihrer Auflöſung ent⸗ gegen. Geſchäfte hatte ſie nicht mehr zu beſorgen, die Gläubiger beunruhigten ſie nicht mehr, ihre Toch⸗ ter war wohl aufgehoben— ſie war ſchon fertig mit threm Leben, ehe der Tod ihre Augen ſchloß. Was ſie gedacht, gefühlt, gelitten— ob ſie Reue empfunden 243 oder ob ſie mit Sophismen ihr Gewiſſen beru⸗ higt hat, das weiß niemand! Ihre alte Magd fand ſie mehrmals vor einem Tiſche ſitzend, Schreibmate⸗ rialien zur Hand und ein kleines Paket neben ſich, aber ſie hatte nie geſchrieben.— Herr Hans Wilkow empfing eines Tages aus den Händen dieſer treuen Magd dieß Paket und zu⸗ gleich die Nachricht ihres Todes. Er öffnete das Kouvert mit Spannung. Es enthielt fünfhundert Thaler in Kaſſenſcheinen. Ohne Worte hatte ſie das Geheimniß als ein Vermächtniß und als eine ſtumme Anerkennung ſeines Werthes in ſeine Haͤnde gelie⸗ fert. Er verſtand ſie. Wie weit ſtolzer Sinn hart⸗ näckig machen kann, das wußte er, deßhalb verzieh er ihr nun ihre Abfertigung. Ibren Wunſch,„in Zederlehne neben dem Gat⸗ tent beigeſetzt zu werden,“ erfüllte er.—„Wenn ich einſt heimgehe,“ ſprach er zu ſeinem Sohne,„ſo will ich neben den alten Jugendfreunden ruhen— es iſt des Kurioſums wegen. Im Leben verſchmähte dieſe Frau mein Haus, um es im Tode als ein Aſyl des Friedens zu beziehen— im Leben war die Welt kaum groß genug, um uns aus dem Wege zu gehen und im Tode wird uns nun ein enges Haus verei⸗ nen. Es iſt gut, daß es ſo gekommen iſt, mein 16* X 244 alter Junge. Deine Frau iſt ſchöner, beſſer, klüger und liebenswürdiger als ihre Mutter; Du biſt auch eine verbeſſerte Ausgabe Deines Papa Haus, alſo wird das Geſchlecht der Wilkow von Wilkenow ein edleres werden als bisher. Wenn Ulrike ihren ge⸗ rechten Schmerz überwunden hat, wird mit Gottes Hilfe Glück, Freude und Friede im Schloſſe zu Zederlehne einkehren.“ Ende. „ Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. — 2 —— “.. 4**— ſnſenſninſſſnfſſſſſffſfffſſinſſſſnſiſſinſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19