Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Eduard Ottmann in Gießen, X Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 68 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſie 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von( jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt:* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 PFf. 2 Nk.—. 3 „ 3 3„—„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. deusjeinezerie Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — pe — Bibliathek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Hlerausgegeben von J. L. Koher. Zwölfter Jahrgang. Vierter Band. Caritas. 1355. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Rober. Roman in drei Bänden. Von Ernſt Fritze. Zweiter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Rober. heit beſaß und ſeit Jahresfriſt, ganz von allen Staats⸗ Erſtes Kapitel. Wir ſind jetzt genöthigt uns mit der Kammerjung⸗ fer der Baronin Plathen nach der Reſidenz zu ver⸗ fügen, um die Erfolge zu belauſchen, die des Land⸗ reaths Maßregeln auf das fernere Leben der jungen Caritas ausüben. Wir eilen der Reiſenden aber voraus und begeben uns zu der Dame des Hauſes, die an dieſem Abende ihre gewöhnliche Empfangsſoirée hatte. Die Baronin war eine kleine, üppig gewachſene Frau von großer Lebendigkeit und liebenswürdiger Behäbigkeit. Ihr Haus gehörte zu den beſten der Reſidenz, und da ihr Gemal, früher Attaché bei einer Geſandt⸗ ſchaft, ebenfalls die Tugenden der wahren Gaſtfrei⸗ — 5 geſchäften zurückgezogen, ſehr viel Zeit für Ge keiten hatte, ſo war das Plathen'ſche Höôtel nach nach zu der Berühmtheit gelangt, daß es nicht a ſucht werden mußte. durch Kunſtwerke, Gemälde oder ſonſtige Liebhabereien aus, ſondern durch— Blumen. Blumen ſah man überall! Blumen auf Etagé⸗ ren, auf Konſolen, auf den Tiſchen, auf den Schrän⸗ ken.— Man ging und ſtand und ſaß zwiſchen Blu⸗ men. Die Baronin Plathen hatte nur dieſe einzige Paſſion und man ſah ihr die thörichte Ueberladung mit dieſem Luxusartikel gern nach, wenn man auch nicht umhin konnte darüber zu lächeln, auf welche Weiſe ſie ihrer Paſſion fröhnte. Sie hatte nämlich von Jugend auf einen pein⸗ lichen Ordnungsſinn, der ſich mit den naturwüchſigen Kindern Flora's ſchwerlich vertragen haben würde, da ſie die Elemente: Erde, Waſſer und Luft zu ihrer Eriſtenz gebrauchten. Nach der Theorie der Baronin war nun Erde Schmutz— Waſſer gab Flecke, und Luft brachte Staub in die Zimmer. Blumen welkten auch bis⸗ von Einheimiſchen, ſondern auch von Fremden aufge⸗ Die Leutchen waren kinderlos und reich. Ihre Zimmer zeichneten ſich aber nicht durch Raritäten, weilen und die welken Blätter verurſachten Unord⸗ nungen, die ihr Schönheitsſinn nicht zu ertragen vermochte. Was war zu thun, um ſich dennoch mit ihren Lieblingen zu umgeben? Sie kaufte die prachtvollſten künſtlichen Blumen — in Bouquets, in Vaſen, in Kränzen, je nachdem ſie ſie fand, ſetzte dieſe Kunſtprodukte ſteif und ehr⸗ bar unter ſtattliche Glasglocken und ſah mit Stolz auf ihre Invention, wodurch ſie Erde, Waſſer und Luft in ihren reinlichen Zimmern unnöthig machte, ohne ſich der Entbehrung zu unterwerfen. Wie ge⸗ ſagt, es war die einzige Bizarrerie der Baronin und ſie wurde ihr um ſo lieber nachgeſehen, als man bei ihr vortrefflich dinirte und ſoupirte. Trotz des ſchönen Sommertages ſammelten ſich nach und nach die Gäſte. Es gereichte der gemüth⸗ lichen und plauderluſtigen Baronin immer zu einer beſondern Genugthuung, wenn ſie ſich bei ſchönem Wetter zahlreich einfanden, und ſie pflegte dann mit einer freundlichen Selbſtgenügſamkeit zu ſagen:„Die Damen können es ja gar nicht bequemer und rein⸗ licher haben, als in meinen Salons, wo Blumen aller Art und kein Schmutz und Staub iſt. Was 8* — s ſollen wir in den Gärten, wo man nicht ein Blatt angreifen kann, ohne ſich die Handſchuhe zu verderben.“ Man ſieht, ſie rechnete ihre Blumenpracht unter den Glasglocken zu den Genüſſen, die eine le⸗ bensfriſche, balſamiſche Atmoſphäre bei weitem über⸗ ragten. Die Salons hatten ſich allmälig gefüllt. Man ſaß in verſchiedenen Zimmern und in verſchiedenen Gruppen und erquickte ſich mit Eis. Die Unterhaltung webte ſich lebhaft zuſammen aus den Stoffen, die immer zur geſelligen Konver⸗ ſation dienen müſſen. Die Baronin ſah ſehr zufrieden aus, und die das Glück hatten, ſie näher zu kennen, meinten, ihre Mienen verſprächen etwas eklatantes. Plötzlich flo⸗ gen Schatten über dieſe ſonnigen Geſichtszüge, Ge⸗ witterwolken lagerten einen Moment darauf, während ein Bediente ihr eine leiſe Mittheilung machte. Jeder im Kreiſe ſah dieſe Veränderung und jedem ſchien ſie einen Verluſt der Abendfreude zu bedeuten. Man fragte ſie von allen Seiten nach dem Grunde ihrer Bekümmerniß. „Nennen Sie es nicht Bekümmerniß,“ erwie⸗ derte die Baronin, ſichtlich bemüht ihr Lächeln wie⸗ der thronen zu laſſen.„Es iſt nun ein augenblick⸗ —,— 21 9 licher Verdruß, eine Verſtimmung, die ich fühlte, als mir gemeldet wurde, daß das junge Mädchen, wel⸗ ches ich mir zur Geſellſchafterin heranbilden wollte, nicht mit meinem Kammermädchen mitgekommen iſt. Vielleicht hält ein gewiſſer Hochmuth die junge Dame ab, mir dienſtbar werden zu wollen,“ ſetzte ſie etwas gereizt hinzu. „Was— 2“ rief ein alter würdiger General. „Hochmuth und Geſellſchafterin? Wie reimt ſich das?“ „Erzellenz, es reimt ſich nicht,“ fiel ein ſarkaſtiſch geſinnter Aſſeſſor ein,„deßhalb blieb die Dame zu⸗ hauſe.“ „Iſt man reich? Hat man einen Namen?“ exa⸗ minirte die Erzellenz weiter. Ihm waren nach been⸗ digtem Kanonendonner die kleinſten Stadtgeſchichten intereſſant, und je mediſanter man dabei verfuhr, deſto lieber hörte er zu. Die Baronin hatte ihre kleine Empfindlichkeit längſt wieder beſeitigt. Ihre Klugheit litt nicht, daß ſie einen Makel auf einen Charakter warf, der ihren Soiréen zur Folie hatte dienen ſollen. „Der Name möoͤchte dem jungen Mädchen wohl nicht fehlen, wenn ihre Eltern einſtmals aufgefunden würden,“ ſagte ſie ruhig.„Sie iſt als ganz kleines Kind von ihrer Mutter, einer Dame von entſchied en 10 vornehmem Air, armen Leuten übergeben, und es müſſen ganz abſonderliche Zwiſchenfälle dieſe Dame abgehalten haben, ihr Kind wieder abzuholen.“ „Das iſt ja eine vortreffliche Nouvelle!“ rief die würdige Erzellenz—„referiren Sie doch gefälligſt genau, meine Gnädigſte!“ „Es iſt nur blutwenig zu referiren, Erzellenz. Das Ende der Geſchichte ermangelt des tragiſchen oder befriedigenden Schluſſes.“ „Wir begnügen uns mit dem Verſprechen der Fortſetzung,“ fiel der junge Juriſt ein. „Seien Sie ſtill, Aſſeſſor,“ kommandirte der General.„Beginnen Sie, Gnädigſte: Es war in den Jahren des preußiſchen Elendes⸗— ℳ Alle Anweſende lachten. Die Baronin ſträubte ſich, nach der Schablone des alten Kriegers fortzu⸗ fahren, und meinte, die Lebensgeſchichte der jungen Caritas böte wenig erzählenswerthes, man müſſe ſich mit einigen Skizzen und Schilderungen be⸗ gnügen. Der General hielt mit komiſcher Verwunderung beide Hände gegen die Ohren und fragte mit Sten⸗ torſtimme:„Wie heißt man? Caritas heißt man? Caritas— ein küriöſer Name, höchſt küriös!— Auf Ehre!“ 11 In dieſem Momente riß der Bediente die Flü⸗ gelthüren auf— immer ein Zeichen, daß fremde Gäſte zum erſtenmale das Plathen'ſche Höôtel beſuch⸗ ten— und meldete: den Marquis Armand de Beauveau⸗Deſalles und die Marquiſe Julie Beau⸗ veau⸗Deſalles aus Paris. Die ganze Verſammlung blickte überraſcht nach dem eintretenden Paare, das von dem Barone Pla⸗ then und ſeiner Gattin erwartet war. Man kannte dasſelbe ſchon aus verſchiedenen Mittheilungen des Barons, der in Paris dieſe Bekanntſchaft gemacht und ſeine Freunde durch Erzählungen dafür zu in⸗ tereſſiren gewußt hatte. Man wußte dadurch von einer romantiſchen Vergangenheit und von einer heftigen Feindſchaft zwiſchen den Eltern der Marquiſe und dieſer. Der Baron hatte kürzlich mitgetheilt, daß die alten Eltern endlich, nach dem Tode ihres einzigen Sohnes, zur Verſöhnung geneigt geworden wären und daß die Familie Beauveau⸗Deſalles ſich zur Reiſe in die Hei⸗ mat rüſte. Mit welchen Blicken die Geſellſchaft alſo dem vielbeſprochenen Paare entgegenſah, läßt ſich denken. Der Menſch hat einmal eine Vorliebe für das Erx⸗ travagante, und wenn auch im allgemeinen die Zeit 12 noch nicht hinreichend alle Unbill ausgeglichen hatte, die dem Lande und den Einwohnern von den Fran⸗ zoſen zugefügt worden, ſo überwucherte doch ſchon ein gewiſſer romantiſcher Geiſt die Erinnerung daran. Alles Andere trat für den Augenblick in den Hintergrund. Man drängte ſich aus den verſchiede⸗ nen Zimmern herzu, um die Dame zu bewundern, die der Welt und den Kindespflichten getrotzt hatte, um dem Manne ihrer Liebe zu folgen. Man wollte den Mann ſehen, der ein dentſches Mädchenherz der⸗ geſtalt zu bezaubern vermocht hatte, um ſie zu ſol⸗ chen Schritten zu bewegen. Man fragte— man hörte und man ſtaunte! Der Marquis konnte als Typus eines echten, gut konſervirten und ſehr gewandten Franzoſen gel⸗ ten. Sein Auftreten zeigte den Weltmann und den geweſenen Krieger. Er vertiefte ſich bald nach ſeinem Eintritte mit einigen Herren in politiſche Materien und gewann durch ſeine intereſſanten Aufſtellungen einen kleinen Kreis von ſehr aufmerkſamen Zuhörern. Die Marquiſe war eine ſchöne, blühende Frau von prächtigem Wuchſe. Ausgezeichnet ſchönes blon⸗ des Haar, das ſie nach damaliger Mode à la neige trug, zierte den klaſſiſch geformten Kopf und faßte mit den kleinen luftigen Löckchen eine ſchneeweiße 2 Stirn ein. Eine brillante Toilette vollendete den Glanz ihrer Erſcheinung. Aber ihr Koſtüm ließ er⸗ kennen, daß ſie zu den Damen zählte, die der Mode mit Paſſion und ohne großer Rückſichtnahme auf Ju⸗ gend und Alter huldigen. Die Damen der Elite waren die Erſten, die der ſtolzen und eleganten Geſtalt das ariſtokratiſche Air der Geburt abſprachen. Sie hatten nicht ganz Unrecht mit dieſer Bemerkung. Tournure und Toi⸗ lette verriethen die Abſicht zu glänzen und den Schein der Vornehmheit mit einiger Suffiſance zu repräſentiren. Dazu kam, daß ſich die Dame der franzöſiſchen Sprache zu ihrer Konverſation bediente, alſo die nicht ganz ſprachfertigen deutſchen Vertrete⸗ rinnen des hohen Adels aus ihrer Nähe verſcheuchte. Während ſie ſich nun auf einen ſehr kleinen Kreis beſchränkte, der im Stande war, ſie zu verſtehen und ihr zu antworten, ſank das allgemeine Intereſſe an ihr durch die Bemerkung, daß die Romantik ihrer Vergangenheit durchaus nicht in Einklang mit ihrer weltlichen Erſcheinung zu bringen ſei. Man fühlte ſich nicht geneigt, die gewöhnlichen Plaudereien durch ein huldigendes Schweigen zu erſetzen und reihte ſich wieder zu dem gewohnten Zirkel. 5 8 Der alte General war der Erſte, der ſeinen inneren Gefühlen laut und öffentlich dadurch Worte lieh, daß er mit einer Nonchalance, als waͤre gar nichts dazwiſchen geſchehen und weder ein feiner franzöſiſcher Marquis, noch eine ſtrahlende Marquiſe erſchienen, die Baronin fragte: „Alſo Caritas heißt man? Gnädigſte, Sie wür⸗ den mich ſehr verbinden, wenn Sie mir ein weiteres berichten wollten.“ Die Baronin Plathen, auch eine von den Da⸗ men, die nicht ſo viel franzöſiſch ſprechen konnten, um ſich gemüthlich und ungenirt darin auszudrücken, war froh, daß ſie durch dieſe direkte Anrede von dem Zirkel der Parlirenden abgezogen wurde. Sie überzeugte ſich, daß ihr Gaſt ganz vortrefflich unter⸗ halten war, und wendete ſich mit erleichtertem Athem ihrer Unterhaltung in der Mutterſprache wieder zu. „Wie iſt man zu dieſem ſeltſamen Namen ge⸗ kommen?“ fügte der General hinzu, als die Baro⸗ nin ſich langſam wieder in ihrem Seſſel niederließ. „Wie Sie fragen, Erzellenz“— meinte ſie etwas zerſtreut,„er ſteht ja im Kalender.“ „Was? Diable, da muß ich doch wirklich nach⸗ ſehen.“ „Außerdem mag die Bornirtheit der Pflege⸗ 15 eltern ſie verführt haben, einen Namen in den Wor⸗ ten ‚Caritas divina te custodiat zu ſuchen, die ſich, von braunen Haaren kunſtreich in ein Stück Taffet geſtickt. bei dem Kinde vorfanden.“ Der General ſah aus wie ein lebendiges Frage⸗ zeichen. Er hätte für ſein Leben gern gewußt, was denn die Worte ſonſt anders bedeuten ſollten, wenn keine Namen. Aber er fürchtete mit der ‚Bor⸗ nirtheit,“ die zitirt worden war, in Konflikt zu kom⸗ men und ſchwieg. Dagegen nahm eine der Damen das Wort und fragte, was das heiße. Sie würde es ohne Bedenken für einen ſpaniſchen oder portugie⸗ ſiſchen adligen Namen halten. Der Aſſeſſor warf einen ſchlauen Seitenblick auf den General, der ſein Verwandter und beſtändig mit ihm in ſcherzhafter Fehde war. „Es ſcheint mir, gnädige Frau, als möchte es manchem ſpaniſch vorkommen,“ rief er lachend,„der nur nicht den Muth hat, dieß einzugeſtehen. Außer⸗ dem geſtehe ich, daß gar keine beſondere Bornirtheit aus dem Verfahren der Pflegeeltern dieſer ‚Caritas divina hervorleuchtet. Wenn man ſein Kind Aeone taufen läßt und das ſterbliche Weſen damit als eine Göttin der Ewigkeiten aufſtellt, ſo iſt es auch ſtatt⸗ 16 haft, ein Kind ‚Caritas divina, das iſt die göttliche Barmherzigkeit, zu nennen.“ „Nun etwas abſurd wäre es immerhin,“ meinte die Baronin. Der General ſchwieg noch immer. Er hatte den Seitenhieb des jungen ſpottluſtigen Juriſten wohl bemerkt und hütete ſich nun keine Blößen zu geben. Er war ſicher, das Geheimniß der Bedeu⸗ tung von den frageluſtigen Damen ohne ſein Dazwi⸗ ſchenkommen enthüllt zu ſehen. „Ich bin Ihrer Meinung nicht,“ warf die erſte Fragerin hin. Der Aſſeſſor nickte beiſtimmend. Er weidete ſich verſtohlen an dem Manöver des alten Kriegshelden, der nicht verrathen wollte, daß er die Ererzitien ſei⸗ ner Knabenjahre in der lateiniſchen Sprache ganz unnöthig gemacht hatte. „Es liegt im Gegentheile etwas rührendes in dem Segensſpruche, womit ein vielleicht tief beküm⸗ mertes Mutterherz dieſe Reliquie aus dem Bonaparte⸗ Regime dem Zufalle und der Weltbedrängniß über⸗ geben hat,“ ſagte der Aſſeſſor. „Etwas rührendes?“ riefen mehrere Stimmen. „O ja,“ erklärte die Baronin, die der Phraſe Bedeutung kannte. 17 „Finden Sie das nicht, Erzellenz?“ fragte der Aſſeſſor boshaft. Der alte Herr ſaß auf Kohlen. Er drehte ſei⸗ nen Schnauzbart und murmelte etwas, das wie eine Beiſtimmung klang, im Grunde jedoch eine Art Fluch war. „Was heißt es denn?“ fragte endlich ein Fräu⸗ lein naiv. „Die göttliche Barmherzigkeit beſchütze Dich!“ erklärte die Baronin. Jetzt löste ſich des Generals Zunge wieder. „Laſſen Sie es heißen, wie es will,“ lärmte er los,„erzählen Sie lieber, wie ‚dieſe Reliquie aus dem Bonaparte⸗Regime:— Aſſeſſor, bisweilen haben Sie vernünftige und hübſche Beziehungen— von ihren Mutterarmen in fremde Hände gekommen iſt. Hat man denn gar nicht verſucht der Geſchichte auf den Grund zu gehen?“ „Darüber weiß ich nichts genaues,“ berichtete die Baronin.„Mich intereſſirte die Kleine, als ich vor zwei Jahren meinen Bruder in Schwechten be⸗ ſuchte, und da eine Ingendgeſpielin von mir die Pflegemutter dieſes Kindes geworden war, ſo erfuhr ich zufällig ihre Abſtammung und die vereitelte Hoff⸗ 1857. IV. Caritas. II. 2 nung des jungen ſchönen Geſchöpfes, von angeſehe⸗ nen Eltern aufgeſucht und anerkannt zu werden.“ „Jungen— ſchönen Geſchöpfes,“ wiederholte bedeutungsvoll der General und ſetzte hohnneckend hinzu:„Aſſeſſor, jetzt wird es Ihre Klientin!— Die göttliche Barmherzigkeit beſchütze ſie aber vor Ihnen. Ein allgemeines Gelächter belohnte dieſen Aus⸗ fall, der eine Revange für die erlittene Demüthi⸗ gung ſein ſollte. Der durchgreifende Ausbruch der Heiterkeit weckte die übrigen Gruppen aus der Verſunkenheit ihrer Debatten. Einzelne traten näher, um Theil zu ha⸗ ben an der Fröhlichkeit dieſes Zirkels. Heiterkeit iſt anſteckend und verlockt ſelbſt den grämlichſten Pedan⸗ ten zur Theilnahme. Auch die Marquiſe unterbrach ſich ſelbſt in ihren Staats⸗ und Modeberichten, die ſie mit außer⸗ ordentlicher Sachkenntniß ihren begierigen Zuhöre⸗ rinnen vortrug, und ihr aufmerkſam gewordenes Ohr erhaſchte die Antwort des Aſſeſſors, welcher bereitwillig auf die Neckerei des alten würdigen Herrn einging. „Ich nehme das Amt eines Sachwalters füur das junge und ſchöne Fräulein mit Freuden an und erlaube mir in dieſer Qualifikation einige inquiſito⸗ — e 19 riſche Fragen, um nur einigermaßen Licht in die frü⸗ here Vergangenheit, die uns bis jetzt allegoriſch ne⸗ belhaft erſcheint, zu bringen. Daß das beſagte Däm⸗ chen geboren iſt— iſt faktiſch“— „Still, Aſſeſſor,“ rief der General befehlend. „Bemerken Sie denn nicht, daß Sie mit Ihren freien Außerungen Dornen zwiſchen dieſe Blumenpracht werfen?!“ „Iſt faktiſch,“ wiederholte der junge Juriſt kalt⸗ blütig.„Jetzt erlauben Sie mir die Frage, Frau Baronin, wo beſagte Dame geboren iſt?“ Es gibt Momente, wo man durch eine innere Gewalt gleichſam gezwungen wird auf ein Geſpräch zu hören, das oberflächlich gar nichts anziehendes bietet. Bisweilen artet dieſer Zuſtand des unwill⸗ kürlichen Hörens in eine wahre Pein aus, der wir uns mit dem beſten Willen nicht entſchlagen können. Aehnlich erging es der Marquiſe Beauveau⸗De⸗ ſalles. Ihre Seele war ſchon längſt wieder bei der legère conversation,“ die ſie bis dahin gefeſſelt gehalten, aber ihre Ohren faßten faſt jedes Wort auf, das in dem vorher ganz unbeachteten Rundkreis geſprochen wurde. So wie die Baronin daher den Namen der Stadt nannte, wo Caritas geboren war, und ſte, 2*⅝ 20 etwas frappirt, ihre Vaterſtadt bezeichnen hörte, ſo flogen ihre Gedanken, wie zerſtreute Wolken vor dem Winde, auseinander und ſie horchte nur auf das, was dort ſcherzend weiter verhandelt wurde. Nachdem die Baronin aber dieſe Auskunft gegeben hatte, verbat ſie jedes fernere inquiſitoriſche Verfahren, weil ſie nun nichts mehr zu antworten wiſſe. „Ei, wenn ich Sie darauf vereidigen wollte, meine gnädige Frau,“ warf der junge Juriſt ein, „ſo würden Sie einen Meineid ſchwören. Zum Bei⸗ ſpiel wiſſen Sie doch ganz gewiß, wie die Leute heißen, denen meine ſchöne Klientin übergeben iſt.“ „Ja! Ja! Das weiß ich! Lindſtedt— Forſt⸗ ſchreiber Lindſtedt! Nun bin ich aber fertig. Das will ich Ihnen noch berichten, daß Caritas nicht wie ein Wildling im Forſte aufgewachſen iſt, ſondern durch Vermittlung meines Bruders eine gute Bildung erhalten hat.“ „Das gehört nicht zur Sache, Gnädige. Die Damen verwechſeln doch nichts leichter als die Per⸗ ſon und die Sache. Bleiben wir bei der Sache, bis wir die Perſon ad oculos prüfen und unſer Gut⸗ achten darüber geben können. Wie hieß alſo der Pflege⸗ vater?“ α8—&— BAͤXͤN N 21 Die Baronin lachte.„Lindſtedt hieß er und die Pflegemutter heißt Frau Weber—“ „Wie hängt dieß zuſammen?“ fragte der Aſſeſſor erſtaunt, aber ſeine Frage blieb gänzlich unbeachtet, denn die Marquiſe war raſch von ihrem Seſſel auf⸗ geſtanden, hatte den Salon durchſchritten und die Baronin Plathen mit krampfhafter Heftigkeit bei beiden Händen gefaßt. Jetzt ſprach ſie plötzlich deutſch: „O, mein Gott, Frau Baronin— was ſagen Sie da? Was heißt das? Wooon ſprechen Sie? Frau Weber in M.?— Frau Weber— mein Gott, eine junge Dame bei Frau Weber— erklären Sie mir— wiſſen Sie denn nicht, daß ich mein Kind einer Frau Weber anvertraut— ſprechen Sie doch, liebe Frau Baronin!“ Alles war aufgeſtanden und hatte ſich ſogleich beim erſten Worte um die beiden Damen gedrängt. Die Ahnung einer Kataſtrophe flog durch die Seelen der Anweſenden. Es lag eine Exaltation in dem verwirrten Weſen der Fremden, die dem Deutſchen nicht ganz natürlich erſcheinen konnte, aber ihr Zit⸗ tern, ihre wechſelnde Geſichtsfarbe deuteten auf wirk⸗ liche Gefühlsaufregung. Die Baronin faßte ſich gewaltſam. So uner⸗ wartet ihr das Ende dieſer ſcherzhaften Unterhaltung 22 4 war, ſo richtig ergriff ſie den rechten Faden zur Ver⸗ ſtändigung in einer ganz ztrockenen Darlegung der Umſtände. Sie ſprach beſtimmt und feſt aus, daß einer Frau Weber, die jetzt geiſtesſchwach und irr⸗ ſinnig ſei, in M.. von einer Dame ein Kind zur momentanen Obhut übergeben und bis jetzt noch nicht wieder abgefordert wäre. Von dem Daſein eines zweiten Pfleglinges war ihr nie etwas zu Ohren ge⸗ kommen. „Allmächtiger Gott, mein Kind— mein lange als todt beweintes Kind,“ rief die Marquiſe in un⸗ beſchreiblicher Herzensbewegung.„Armand— unſer Kind— unſere Juliette lebt— Armand, o mein Gott, wo— wo finde ich es?“ Der Marquis kam aus dem Nebenzimmer. Er war ruhiger und gefaßter, aber eine tiefe Bewegung zitterte aus dem Tone ſeiner Stimme hervor, als er haſtig fragte:„Wo? Julie, Du täuſcheſt Dich.— Wo iſt unſere Kleine?“ Jetzt ſtürmte es von allen Seiten um die beiden Eltern herum. Alle fragten und keines erhielt eine Antwort. Die Baronin war beſchäftigt, dem Elternpaare den Ort zu beſchreiben— „Wir müſſen hin, Armand! Mein armes, armes 23 Kind—! Während wir in Wohlleben und Ueberfluß ſchwelgten, hat es vielleicht mit Entbehrungen gekämpft. — Wir müſſeen ſogleich fort— ich habe keine Ruhe — Tag und Nacht will ich fahren—“ Ihr Gatte machte ihr bemerklich, daß es am Ende beſſer ſei, erſt zu den Eltern nach M. zu reiſen und dort Nachforſchungen zu halten, ob es auch wirklich ihr Kind ſein könne. Die Marguiſt verwarf den Plan. „Dort täuſchen ſie uns! Haben ſie uns nicht ſchon vor fünfzehn Jahren gemeldet: das Kind ſei todt?! Ich will ſelbſt hin— will von der Frau Weber mein Kind zurückfordern, wie ich es ihr verſprochen habe.— Ich will ſie belohnen, wenn ſie mein Kind gepflegt und geliebt hat.— Laß uns fort, Armand! Unſere Knaben können uns hier erwarten— ihr Gouverneur beaufſichtigt ſie.— Ich ſterbe, wenn ich mein Kind nicht holen kann!“ Die Baronin, durch mancherlei kleine Umſtände vollkommen überzeugt, die Mutter der jungen Caritas vor ſich zu haben, ſchlug ſich auf ihre Seite und beſtimmte, im Vereine mit vielen andern Damen, den Marquis zum Nachgeben und zur augenbliclichen Abreiſe.. Mitten aus dem Gewirre entſchlüpfte das 24 Beauveau⸗Deſalles'ſche Ehepaar, um ſofort die Reiſe nach Schwechten anzutreten. Uns bleibt nun nur noch übrig den Eindruck zu ſchildern, den dieſe unerhörte Unterbrechung der Plathen'ſchen Soirée bei einigen von den Gäſten hervorgebracht hatte, um dann von dieſen Leuten auf immer Abſchied zu nehmen und den Reiſenden ſchleu⸗ nigſt zu folgen. Nach und nach ſtellte ſich erſt die gemüthliche Ruhe wieder her, aus welcher die Verſammlung aufgeſchreckt war. Das Geſpräch drehte ſich natürlich um dieſe Begebenheit, die wie eine Lufterſcheinung am Himmel ihrer ſozialen Verbindung auftauchte, um eben ſo ſchnell wieder zu verſchwinden. „Sie ſcheinen ſehr feſt überzeugt zu ſein von der Identität der Marquiſe?“ ſprach der Aſſeſſor, welcher ſeinen Scherz ganz vergeſſen hatte und mit ernſtem Sinnen der flüchtigen Auftritte gedachte. „Jedenfalls haben wir das Ende der tragiſchen Begebenheit geſehen und miterlebt,“ rief der General lebhaft.„Nur ein Juriſt, das iſt: ein ewiger Zweif⸗ ler und Rechtsverdreher, kann noch Bedenken tragen.“ „Sie urtheilen falſch, Erzellenz,“ entgegnete der *½ 25 Aſſeſſor.„Mein Gefühl als Menſch trägt hier Be⸗ denken.“ Sämmtliche Damen wendeten, überraſcht von dieſer Bemerkung, die Augen auf den jungen Mann, der dießmal ohne Sarkasmus zu ſprechen ſchien. „In der Erſcheinung der Marquiſe verräth nichts den poetiſchen Hauch einer unglücklichen Mutterliebe, die ihr Kind mit dem feurigen Segenswunſche: „Caritas divina te custodiat“ vom Herzen reißt.“ Ein bedenkliches Schweigen war die Antwort auf dieſe Reflerion. Tief im Innern fühlte jedes die Wahrheit desſelben, aber der Enthuſiasmus für die erlebte Sache hielt die Weisheit der moraliſchen Ueberzeugung in Schranken. Der Baron Plathen, welcher ſeine Gäſte zum Wagen hinabgeleitet und ihnen unterwegs die beſte Anleitung zu einer ſchnellen Reiſe in die öde Pro⸗ vinz, worin Schwechten lag, gegeben hatte, trat wie⸗ der ein. Man beſtürmte ihn mit Vorwürfen, daß er niemals von dieſen Verwicklungen geſprochen habe, ohwohl er auf alle andern Familienverhältniſſe des Marquis eingegangen ſei. Die Baronin namentlich machte ihrem Gatten begreiflich, wie unangenehm bei 26 weniger glücklichem Endreſultate ſolche Unbekannt⸗ ſchaft hätte werden können. Er geſtand von der Eröffnung ſelbſt im höchſten Grade überraſcht zu ſein, da ihm die Marquiſe im Geſpräche nur einmal beiläufig von einem Kinde, das in Deutſchland begraben liege, geſprochen habe. „Sie hegte gewiß nicht den geringſten Zweifel über dieſen Tod,“ meinte er,„ſonſt hätte ſie mich beauftragt nach dem Kinde zu forſchen. Ich beſaß ihr Vertrauen in ſo hohem Grade, daß ſie mich in alle Familienſtreitigkeiten früherer Zeit einweihte— warum ſollte ſie nicht gleiches Vertrauen in Rück⸗ ſicht auf ein Kind entwickelt haben, das, zwar in heimlicher Ehe geboren, doch immerhin ein legitimer Sprößling war, welcher keinen Makel auf ſie warf. Sie ſelbſt war jetzt nicht im Stande, mir Rede zu ſtehen— ihr ganzes Sinnen und Denken feſſelte ſich nur auf die Beſitznahme eines ſo lange betrau⸗ erten Gegenſtandes, aber der Marquis flüſterte mir zu: daß zu dieſer Machination, ſo fern es ſich be⸗ ſtätige, daß das Kind noch lebe, jedenfalls Habſucht und Eigennutz des Bruders den Impuls gegeben haben. Die Marquiſe iſt unmittelbar nach ihrer Flucht aus dem väterlichen Hauſe ſehr krank geworden, das 27 gende Geſuch der Kranken vom Marquis eine voll⸗ ſtändige Erklärung der Verhältniſſe, mit Beifügung der Trauſcheine, an die Eltern abgegangen iſt. Mit dieſen Briefen und der Benachrichtigung der lebensge⸗ fährlichen Krankheit ihrer Tochter hat der Marquis die dringende Bitte um Verſöhnung verbunden. Wahrſcheinlich hat er auch dabei die Fürſorge der Großeltern für ihr Enkelkind beanſprucht, wenigſtens ſagte er mir jetzt beim Hinabſteigen auf der Treppe, daß er damals von ſeinem Schwager ſtatt jeder an⸗ deren Antwort einen Todtenſchein erhalten habe, mit der kurzen Nottz: ſeine Eltern wären nicht geneigt, ihrer leichtſinnigen Tochter zu verzeihen.“ „Es iſt klar, der Schwager hat ihn betrogen—“ rief der General.„Wozu?— das iſt mir nicht ſo klar. Ein Todtenſchein iſt bald ausgeſtellt— dazu⸗ mal waren Todtenſcheine an der Tagesordnung.“ „Mit welchem Entzücken wird die Marquiſe ihre ſchöne Tochter begrüßen!“ ſagte die Baronin. „Ja, weil ſie ſchön iſt,“ warf der Aſſeſſor ein, „ganz gewiß mit Entzücken!“ „Sie trauen der Marquiſe wenig wahres Ge⸗ fühl zu“— ſagte der Baron Plathen.. „Ihr theatraliſcher Putz macht mich bedenklich—“ entgegnete der junge Juriſt. 28 „Meinen Sie, daß unter dem Flitterſtaate der Mode kein lebendiges und gutes Herz ſchlagen könne?“ „Ich bezweifle das nicht, Herr Baron. Ja, die Marquiſe hat uns ſogar durch ihren Eifer be⸗ wieſen, daß in ihrer mit Blonden und Juwelen ge⸗ ſchmückten Bruſt mindeſtens die Se hnſucht erwachte, ihr Kind von der romantiſchen Entbehrung in welt⸗ lichen Lurus einzuführen. Haben Sie aber— ich appellire an das Urtheil der Damen— in einem einzigen Blicke die glühende Erwartung oder das Gepräge tiefer heiliger Mutterzärtlichkeit erblickt?“ „Sie unterſcheiden fein,“ ſagte der Baron— die Anderen ſchwiegen. „Worin liegt der Unterſchied“— murmelte der General nach einer Weile, und die Baronin meinte lächelnd: „Wir tragen die Schuld der Enttäuſchung; denn die Schmerzen der Jugend verklären ſich in unſerer Phantaſie und geben dem Gegenſtande romantiſcher Verhältniſſe ein ideales Gewand.“ „Dann freilich iſt es kein Wunder, wenn wir mit dieſer Verzauberung an einem Modekupfer ge⸗ ſcheitert ſind,“ entſchied der Aſſeſſor mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Sarkasmus. Zweites Kapitel. Es war ein ſchöner friſcher Tag. Ein Gewit⸗ terregen hatte die Luft gekühlt und den Wald duftig gemacht. Der Luft war das Erquickliche verliehen, das die Bruſt der Jugend mit wonnigen Wünſchen und das Herz des Alters mit ruhigem Behagen er⸗ füllt. Das Laub ſtrahlte in neuem friſchen Grün, und die Vögel flatterten glücklich zwiſchen den Blät⸗ tern umher und ſuchten die Freude ihrer Seelen im ſüßeſten Gezwitſcher kundzuthun. Caritas kam heim durch den Wald. Sie war im Forſtſchreiberhauſe geweſen. Ihre Pflegemutter hatte kaum bemerkt, daß ſie abweſend geweſen war, und ſie zeigte eine ſo große Gleichgiltigkeit bei ihrem Wiederſehen, daß das junge Mädchen beruhigt an eine Trennung von ihr zu denken begann. Nichts 30 löſcht den Schmerz der Trennung ſicherer, als die Ueberzeugung zum Wohlſein eines Menſchen unnö⸗ thig geworden zu ſein. In der glücklichen Sorglofigkeit ihres jugend⸗ lichen Charakters ging Caritas ihren Weg. Ihre Phantaſie trug ſich unbewußt mit Bildern, die ihr Blut etwas raſcher wallen machten und ihre Wan⸗ gen höher färbten. Was geſchehen war, um dieſe Bilder mit dem lebensvollen Kolorit innerer Glückſeligkeit zu überzie⸗ hen, das fragte ſie ſich nicht und hätte ſie gefragt, ſo würde ſie keine Antwort dafür gefunden haben. Sie grüßte in ſeliger Luſt den funkelnden Son⸗ nenſchein, ſie grüßte die Vögel, ſie grüßte die Rehe, die Bäume, das Gras und die Blumen, als hätte ſie jahrelang das alles nicht geſehen, als hätte ſie es entbehrt, als hätte ſich alles ſeitdem verändert. Sie ging aber nicht unbeachtet und nicht un⸗ behütet. Zwei Augen folgten ihren Schritten in der Ferne. Eugen, der ernſte und weiſe Legationsrath, war dem jungen Mädchen in einem Gefühle banger G Sorge nachgegangen, jedoch ohne ſich ihr zu zeigen.— Er ſchämte ſich einer Theilnahme, die ihn zu ſo knabenhaftem Treiben anſpornte. Er hatte die Ju-⸗ 31 gend hinter ſich, wo der Mann mit kecker Freiheit ſpielend in Gefühlen ſich tummelt— ſeine Welt⸗ kenntniß entſchleierte ihm die Gefahren, welche die Herzen mit Ketten umſchlingen, die von Reue ſchwer und verwundend für die Seele werden können. Die Illuſionen von Liebesglück in jeder Geſtalt und in jeder zärtlichen Vereinigung hatte er nie gepflegt, und er war auch jetzt weit entfernt von dem Gedanken an tiefere Gefühle, als an eine laue Theilnahme, die das Wohl und Wehe der jungen ſorgloſen Ca⸗ ritas für ihn intereſſant machte. Der Oberförſter begegnete dem Mädchen auf dieſem Heimwege ins Schloß. Wie ein Donner⸗ ſchlag vom wolkenloſen Himmel herab traf ihn dieſer Anblick. Er blieb ſtehen. Ahnungsſchwer legte ſich die Frage ſeinem ſchuldbewußten Herzen vor: woher, weßhalb und wie?. Er wußte, daß ſie abgereiſt war, daß ſie in der Reſidenz eine bleibende Stätte gefunden hatte. Mit innerm Jubel hatte er ihre Entfernung ver⸗ nommen. Sie war ihm eine läſtige Zeugin vergan⸗ gener Zeiten und ſie ſtand ſo weit aus ſeinem Kreiſe, daß er ihr nirgend beikommen konnte. O, wie er dieß Mädchen haßte, wie glühend er ihren Untergang wünſchte! 32 Schwere und dumpfe Gedanken legten ſich wie Grabſteine auf die lachende Natur um ihn— es wurde finſter in ihm— Nebel und Wolken fielen ſchattend in ſeinen Geiſt— die Ueberlegung ent⸗ floh— ſeine Finger zuckten und griffen bewußtlos nach dem Hahn ſeiner Büchſe. Caritas— warnt Dich kein ahnungsvoller Schauer? Weckt Dich kein Grauen aus der glück⸗ lichen Träumerei, womit Du Deinen ſchmalen Pfad verfolgſt und mit fliegendem Erröthen an die Minute denkſt, die Dich wieder mit den Menſchen vereinigen wird, welche Dir in ſo kurzer Zeit über alles theuer geworden ſind? Sie wandelte unter Gottes Obhut ſicher und muthig weiter. Aber eine Hand legte ſich auf die fürchterlichen Finger, die Sünde und Gewohnheit geleitet hatten, um mit einem Drucke dieß blühende Leben zu tödten. Furchtbar ſchrak der wilde und unbarmherzige Mann zuſammen. Seine Augen ſtarrten in das lächelude Geſicht des Legationsrathes, der mit ſeiner feinen weißen Hand die muskulöſen Finger feſtdrückte. „Hahn in Ruh, wackerer Jäger,“ ſagte Eugen gezwungen ſcherzend.„Das Wild wäre doch zu ſchön für dieſe alte roſtige Büchſe.“ 33 „Was denken Sie?“ fragte der Oberförſter, ſich gewaltſam faſſend, barſch. „Ah, ich kenne ſolche Waidmannsſcherze,“ warf der Legationsrath hin.„Man fühlt ſich immer ver⸗ ſucht, den Weibern, die unſere Fährte kreuzen, einen Schreckſchuß beizubringen.“ Der Oberförſter lachte. Die Wendung des Vorfalls klug benutzend, fragte er hinter dem Mäd⸗ chen herdeutend:„Wer iſt es?“ „Sollten Sie des Forſtſchreibers Caritas nicht kennen?“ „Caritas?“— rief Malchow mit erheucheltem Erſtaunen.„Wo kommt die her? Sie iſt ja ſeit mehreren Tagen abgereiſt!“ Der Legationsrath zuckte die Achſeln und zing. Ihm ſchwoll das Herz vor Grimm über die Nied⸗ rigkeit eines Mannes, der zu ſeiner wilden Gemüths⸗ art noch Heuchelei fügte. Aber er eilte Caritas einzuholen, bevor ſie aus dem Walde in die Allee einbog. Bei dem Rauſchen ſeiner Schritte wendete ſie ihren Kopf. Als ſie den Mann erblickte, der in ihren Gedankenſpielen immer die Rolle eines Quäl⸗ geiſtes, eines neckiſchen Koboldes, eines Straf⸗ und Sittenpredigers übernahm, flog ein ſanſtes Erröthen 1857 IV. Caritas. II. 3 34 über ihre Stirn und ein Strahl von Freude zuckte in ihren Augen auf. „Haben Sie eine neue Plage für mich arme verzauberte Prinzeſſin erdacht?“ fragte ſie ſchelmiſch. Er ſchüttelte ernſt den Kopf und nahm ihre Hand. „Jetzt kommt es auf eine Probe kindlichen Gehorſams hinaus,“ ſagte er, und ſeine Augen hin⸗ gen ſich, in dem ſtreitenden Gewirre ſeiner Empfin⸗ dungen, mit wunderbarer Innigkeit an dem ſchönen Mädchen feſt. Caritas wurde röther unter dieſem Blicke. Sie wendete ſich verwirrt etwas ſeitwärts und ſchritt haſtig vor. Er hielt ſie bei der Hand feſt.„Verſprechen Sie mir, nicht wieder allein durch den Wald, über⸗ haupt nicht wieder allein zu gehen, ſo lange Sie hier in der Gegend weilen— wollen Sie dieß Verſpre⸗ chen leiſten?“ „Warum aber?“ fragte ſie im kindiſchen Trotze. „Weil Ihr Leben nicht ſicher iſt!“ erwiederte Eugen mit leicht bewegter Stimme. „Mein Leben?“ ſcherzte das Mädchen immer⸗ ort keck bleibend.„Iſt Ihnen mein Leben ſo viel 71 werth geworden?“ — N 3⁵ „Ja,“ ſagte der junge Mann mit tiefem Tonc. Der Klang kam aus dem Herzen und wurde ſelbſt von dem unſchuldigen Mädchen verſtanden und be⸗ griffen. Ihre Hand zuckte in der ſeinen. Er ließ ſie frei, ſprach aber kein Wort weiter. „Ich will Ihnen gehorchen,“ begann Caritas nach einer langen Pauſe ſehr ſchüchtern. „Wenn ſie künftig Ihre Pflegemutter beſuchen wollen, ſo begleite ich Sie oder es geht ein Dienſt⸗ bote mit,“ ſetzte Eugen ganz kaltblütig hinzu. Caritas ſah von der Seite auf zu ihm. Sein Geſicht zeigte nicht die mindeſte Veränderung und doch hallte dieß ‚Ja⸗ in ſeinem ſonderbaren Klange wie ein Muſiklaut aus Engelsſphären in ihr wieder. Er arüßte eich und ging ſchnell wieder in das Dik⸗ kicht zurück, während ſie in träumeriſcher Verſunken⸗ heit dem Schloſſe zuſchritt. Unterdeſſen hatte der Oberförſter ſeine Woh⸗ nung erreicht. Es ſiel ihm zum erſtenmale auf, daß ſein Freund Schwechten ſeine Beſuche, wenn auch nicht ganz eingeſtellt, doch auf immer kürzere Zeit⸗ räume beſchränkt hatte. Mürriſcher noch als ſonſt, aber auch mit einer befremdlichen Haſt und Unruhe, legte er ſeine Jagdutenſilien ab und fragte ſeine 3** 36 Frau: ob Schwechten heute noch nicht vorgeſprochen hätte? 6 1 Frau von Malchow verneinte es. Ihrem ängſt⸗ lichforſchenden Blicke entgingen die aufgethürmten Wolken innern Mißbehagens auf ſeiner Stirn nicht. Da ſie jedoch gewöhnt war nie zu fragen, ſo über⸗ ließ ſie es bangend der Zeit, dieſen Ausbruch des drohenden Ungewitters zu befördern. Zu ihrem Erſtaunen geſchah nichts, was ihre Befürchtungen in Erfüllung brachte. Der Oberförſter lehnte ſich träge in einen Arm⸗ ſeſſel zurück, und blies nur gewaltigere Rauchwolken als ſonſt aus ſeiner kurzen Tabakspfeife empor. Sein Nachſinnen ſchien die verrätheriſchen Zeichen des Mißmuthes zu ſteigern, aber er blieb ſtumm. Frau von Malchow, die ſonſt nichts ſo ſehr fürchtete als die Eruptionen ſeines Zornes, beobach⸗ tete mit ſteigender Angſt dieſe Gemüthsſtimmung. Schon ſammelte ſie ihren Muth zu einer be⸗ ſorglichen Nachfrage, als der Oberförſter plötzlich ſeine Pfeife heftig in eine Ecke des Fenſters ſchleu⸗ derte und mit den Worten nach ſeiner Mütze griff: „Ich will doch'mal hinüber um zu ſehen, was den Schwechten abgehalten hat zu mir zu kommen.“ Sie athmete froh auf. Von dieſer Seite wehte 1 alſo der Wind, der die Wolken zuſammengetrieben? Sie war geneigt es nun mit leichterm Muthe zu betrachten, denn ſie kannte den Charakter des Edel⸗ mannes und wußte, daß er eher jedes Beſchwichti⸗ gungsmittel anwenden würde, als ſie hilflos dem Grimme ſeiner hausherrlichen Laune überantwortet zu ſehen.— Malchow verließ das Haus und ſchlug ſogleich den Weg zum Strande hinab ein. Dort wendete er ſich zu einem kaum ſichtbaren Eingang in das Dit⸗ kicht und brach ſich in dem Unterholze, das hier üp⸗ piger als irgendwo im ganzen Walde wucherte, Bahn. Man konnte bemerken an den Zweigen der Haſel⸗ ſtauden, daß hier oftmals gegangen war; abgebro⸗ chene Schößlinge und niedergetretene Sproſſen ver⸗ riethen die Spur von Menſchentritten, wenn auch das hohe Gras dieſen geheimen Pfad verbarg. Sicher, auf dieſem Wege nicht geſtört zu wer⸗ den, überließ ſich der Oberförſter ſeinen finſtern Me⸗ ditationen. Seine Zukunft erſchien ihm gefährdet und er grübelte über die Möglichkeit nach, dieſe Gegend mit einem andern, und wo möglich, ſehr entſernten Wir⸗ kungskreiſe zu vertauſchen. Er ſtieß aber bei dieſem Plane auf Schwierigkeiten, die abermals in nicht erfreulichen Antezedentien ihren Urſprung fanden. Er wußte recht gut, daß er Gott danken mußte, wenn ſein Daſein hier in dieſem Winkel der Erde der Vergeſſen⸗ heit anheimfiel. Brütend und ſeinen Sinnen bis zur träumeriſchen Bewußtloſigkeit hingegeben ſchlich er durch das Holz— da rauſchte es vor ihm. Ent⸗ ſetzt fuhr er zuſammen, um ſogleich mit ſtiller Selbſt⸗ verhöhnung ſich ſelbſt zu fragen: ſeit wann er denn mit Weiberfurcht geplagt ſei? Kühn und feſt rich⸗ tete er ſich auf und durchbohrte mit ſeinen wilden Blicken das Geſträuch, das vor ihm ſich ineinander⸗ wirrte. Es war klar, ein Menſch oder ein Thier näherte ſich ihm. Mechaniſch wollte er nach ſeiner Büchſe greifen— es war ihm zum erſtenmale in ſeinem Leben paſſirt, daß er ohne Wehr und Waffen, ohne Jagdtaſche und Pulverhorn einen Gang ſteu men hatte. Aergerlich durch dieſe Wahrnehmung gemacht, ſchrie er ſchallend dem kommenden Etwas ein Werda! entgegen. Wer malt ſein Cenhanen als ihm einige Sekunden ſpäter das verwelkte, runzel⸗ volle Geſicht des alten Gördeler zwiſchen dem grü⸗ nen Laube entgegenlachte. Barſch fuhr er auf den Alten los und befragte ihn nach dem Grunde, dieß Dickicht zu durchkreuzen 39 Gördeler nahm ſeine Mütze ab und ſetzte ſie ſchnell wieder auf. Eine reſpektwidrige Freiheit, die bis dahin kein Holzarbeiter gewagt haben würde. Er berichtete: im Auftrage des Landrathes ſich hier zu beſinden, der von dieſem Wege Kenntniß erhalten habe. „Ich ſtellte die Möglichkeit in Abrede, geſtren⸗ ger Herr Oberförſter,“ ſagte der Alte ganz treuher⸗ zig,„denn wenn man fünfzig Jahre Waldarbeiter iſt, ſo ſollte man doch wohl alle Schleichwege kennen. Aber ſieh da! Der Weg findet ſich wirklich vor.“ Die Galle ſtieg dem Oberförſter ins Blut. Was ſollte die Spionirerei des Landrathes be⸗ deuten? Was wollte er damit bezwecken? Wozu ſolche Schritte in ſein Revier? Die Vermuthung auf Ver⸗ dacht ge ihn drang noch nicht vor. X gehen den Landrath meine Waldwege an?“ ter auf.„Sag' dem Herrn: er ſolle ſich hüten non mir, ſonſt würde ich der Welt zeigen, was für ſeine tugendſame und ehrbare Gemalin gewandelt habe, bevor ſie Frau Landräthin geworden iſt!“ Mit dieſen Worten, ein Giftpfeil der abſcheu⸗ lichſten Art, machte ſich der Oberförſter Platz neben 40 dem Alten und fuhr mit Blitzesſchnelle, dem ſchnau⸗ benden Eber gleich, durch das Laub dahin. . Athemlos kam er in Schwechten an, und ſiel wie eine Bombe in dieß ſtille friedliche Aſyl eines Hageſtolzen. Hätte er Beſinnung genug gehabt, ſo würde er aus der ſichtlichen Verlegenheit Schwechten's den Stand der Dinge errathen haben. Ihm fehlte aber das vollſtändige Beurtheilungsvermögen, deßhalb platzte er ſogleich mit der Frage heraus:— „Was iſt los gegen mich? Welcher Teufel hat dem Spionirmeiſter, dem Landrath, meine Richtwege angezeigt? Wozu iſt das geſchehen? Heh— weißt Du davon— iſt Dir etwas zu Ohren gekommen?“ Als Schwechten beſtürzt ſchwieg, fügte er wü⸗ thend hinzu: „Haſt Du mir etwa eine Geſchichte ee Der Edelmann blickte ihm furchtlos ms Auge. „Ich weiß nicht, was Du willſt, 2 ow,“ ſagte er gelaſſen, obwohl ſein Gewiſſen Kru⸗ ihm Vorwürfe zu machen. 1 „Was? Wer ſollte denn wiſſen, daß ich einen Richtweg hier herüber gebahnt habe, Du Himmelhund!“ „Mäßige Deine Ausdrücke 77 entgegnete eben ſo gelaſſen, nur noch etwas würdevoller der Edel⸗ 41 mann und erhob ſich aus ſeinem Seſſel.„Ich kenne Deine Richtwege nicht. Du weißt, daß ich mich Deiner Wege nicht bediene, weil ich zu bequem bin, Fußpartien durch den Wald zu machen.“ „Dumme Ausflüchte— habe ich nicht tauſend⸗ mal geſagt, daß ich in zwanzig Minuten zu Dir ge⸗ langen kann.— Aber laß ſie nur ſchnüffeln— ich will dem Landrath ſchon die Fährte verderben.“ Er warf ſich auf das Sopha nieder, daß es krachte. Schwechten ſab verlegen der weitern Unter⸗ haltung entgegen. „Du weißt auch wohl nicht, daß Mamſell Caritas nicht abgereiſt iſt zu Deiner Frau Schweſter?“ begann der Oberförſter in hämiſchem Tone. „Doch, das habe ich zu meinem Erſtaunen er⸗ „ e. fahren müſſen,“ entgegnete Schwechten erleichtert und viel auft eren Tones. „Weißt Du, weßhalb ſie nicht gereiſt iſt?“ Schuechten zauderte. „N genau! Sie ſelbſt habe ich noch nicht geſprochen, und was ich darüber hörte, klingt un⸗ wahrſcheinlich. Der Legationsrath ſoll die Veranlaſſung ſein,“ fügte er doppelſinnig hinzu, als Malchow ſeinen flammenden Blick unausgeſetzt fragend auf ihn heſtete 42 „Der Legationsrath—?“ wiederholte Malchow gedehnt.„Und wo hält ſie ſich jetzt auf?“ „Beim Landrathe. Man iſt dort oben im Schloſſe entzückt von ihr, ſagt mir die Forſtſchreiberin, und meine Schweſter möchte jetzt wohl vergeblich auf ſie als Geſellſchafterin Rechnung machen.“ Mißtrauiſch firirte Malchow ſeinen Freund. „Iſt das wahr?“ fragte er. „Mir hat es heute Morgen die Lindſtedterzählt.“ „Haſt Du Dir gar nichts dabei gedacht, als Du hörteſt, Caritas ſei hier zurückgehalten?“ Schwechten ſchüttelte den Kopf und zuckte die Achſeln. „Was denkſt Du Dir dabei, daß der alte Gör⸗ deler den Richtweg hieher ſuchen muß?“ Schwechten machte ein ungläubiges Geſicht, war aber nicht fähig ſeiner Stimme die decßie Ruhe zu geben, deßhalb ſchwieg er. „Warum biſt Du ſeit drei Tagen mir d geweſen?“ eraminirte plötzlich ablenken Ober⸗ förſter. „Abhaltungen— Beſuch—“ murmelte der Edelmann in ſichtlich übler Laune. „So?“ hohnlachte der Oberförſter.„Was für Abhaltungen? Ich wüßte nicht, daß ſeit den vierzehn 8. Jahren, die ich hier in der Gegend wohne, jemals wichtige Abhaltungen Deine Zeit in Anſpruch ge⸗ nommen hätten.“ „Du magſt Recht haben, und ich tauſchte gegen den jetzigen Inhalt meiner Beſchäftigung gern die Langeweile und Ruhe meiner Vergangenheit ein. Es kommt mir ſelbſt vor, als dränge ſich plötzlich eine Legion böſer Geiſter in meine ſtille Einſamkeit, um mein behagliches Leben zu ſtören.“ „Redensarten— erkläre mir die Art dieſer Abhaltungen.“ „Briefe aller Arten,“ verſetzte Schwechten dreiſt, denn er ſagte die Wahrheit. Er hatte an ſeine Schweſter geſchrieben und ihr die Urſache von Ca⸗ ritas' Ausbleiben erklärt. „Ah— Briefe? Wohin gingen Deine wichti⸗ gen Korreſpondenzen 24 „Du inquirirſt gleich dem beſten Unterſuchungs⸗ richter,“ antwortete Schwechten verdrießlich.„Nach der Reſidenz.“ „An wen?“ fragte mit unerſchütterlicher Drei⸗ ſtigkeit der Oberförſter weiter. „An meine Schweſter— ſtieß der Edelmann ärgerlich hervor. Er fühlte die Erniedrigung ſeiner ſelbſt, in die er ſich aus Bequemlichkeit ſeit Jahren 44 gezwängt hatte. Die Behandlung, welche er erleiden mußte, war einem Schuljungen angemeſſen. „Was haſt Du an Deine Schweſter beſonderes zu ſchreiben?“ 1 Jetzt verlor Schwechten alle Geduld. Er ſtampfte heftig mit dem Fuße auf.„Nachrichten, die ſehr bald zum allgemeinen Skandal offenbar werden möchten!“ ſprudelte er hervor. Malchow ſchwieg und muſterte den Mann. Seine eigene Gefahr, gebrandmarkt vor der Welt daſtehen zu müſſen, wachte drohend in ſeiner Erin⸗ nerung auf. Durch alle ſeine Selbſtbeſchönigungen, durch ſeine Selbſtheuchelei drang das Bewußtſein, ſein Leben nach den beſtehenden Geſetzen verwirkt zu haben. Die Banner der Racheengel entfalteten ſich ſiegreich vor ſeinen innern Sinnen, er fühlte ie t ugrns am Rande der Vergeltung ſtehen und ſah die Bilder einer nahenden Schande ſich entrollen. „Ah— ſo ſteht es,“ rief er dann mit dem kalten Spotte der Verzweiflung.„Ihr ſeid klüger geworden hier zu Lande! Ihr vigilirt auf den Mörder des Forſtſchreibers Lindſtedt, der vom Baume erſchla⸗ gen ſchien. Ihr ſucht die Funken des Verdachtes zu Lichtern zu machen—? Kommt nur und ſucht! Ihr 45 werdet Euch den Kopf an dem Baume, deſſen ver⸗ brecheriſche Aeſte weder gehangen, noch geköpft werden können, einrennen. Das iſt eine luſtige Jagd, wenn man Mörder ſucht und Bäume findet! Beweiſet einmal, was Ihr denkt, was Ihr träumt und glaubt. Be⸗ weiſet es, Ihr Menſchenjäger!“ „Steife Dich nicht auf mit Gründen der Ver⸗ theidigung, die bei dem erſten Angriffe zuſammen⸗ fallen müſſen,“ entgegnete warmwerdend der Herr von Schwechten. Der Oberförſter gerieth in Wuth. Er vergaß aller Klugheitsregeln und ſchrie: „Himmelhund, biſt Du nicht ſelbſt mein wich⸗ tigſter Zeuge? Biſt Du nicht an jenem Tage un⸗ ausgeſetzt an meiner Seite geweſen, von dem Streite beim Strome an bis Abends um eilf Uhr?“ Schwechten ſah, daß Verſtellung nun nichts mehr nützte. „Ja,“ ſprach er bitter,„ja, Du biſt ein ſchlauer Patron. Aber dießmal haſt Du die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Pfui der Schande— ich war ſchon bereit Dein Alibi zu beweiſen“— Er hielt nochmals inne im Erguß ſeiner rückſichtsloſen Er⸗ öffnungen— „RNun?“ herrſchte ihn Malchow an mit dem 46 wüſten Feuer der ſchrecklichſten Leidenſchaft im rollen⸗ den Auge.„Sprich weiter— haſt Du Dich er⸗ frecht anders zu thun?“ „Ja,“ fuhr Schwechten grollend auf,„denn meine Ehre wäre an Dir zugrunde gegangen.“— Malchow ballte die Fäuſte. Er ſchien Luſt zu haben ſeinen Freund lautlos niederzuſchlagen. Schwechten's haſtiger Blick nach dem Fenſter belehrte ihn, daß ſich dieſer jedenfalls durch ſeine Anordnungen gegen dergleichen vorhergeſehene An⸗ griffe geſchützt hatte. Richtig— vor dem Fenſter beſchäftigte ſich an⸗ ſcheinend eifrig ein baumſtarker Knecht, deſſen Ohren dem Fenſter mehr zugewendet waren, als ihm nöthig ſchien. 1 „Was hätte mein Ehrenwort denn genützt,“ fuhr Schwechten nun furchtlos und unaufhaltſam fort, „wenn man Dich mit der Holzſchleife geſehen, wenn man Dein Zanken und Schreien und Toben im Forſt⸗ ſchreiberhauſe vernommen? Was hätte mein Schwur geholfen? Meine eigene Ehrlichkeit wäre verdächtigt, deßhalb habe ich auch nicht angeſtanden alles das zu Protokoll zu geben, was an jenem heilloſen Tage zwiſchen uns vorgefallen iſt.“ Der Oberförſter ſtarrte den Edelmann unbe⸗ 47 weglich an. Das Bewußtſein ſeiner Ohnmacht grub ſich mit bitterer Qual in ſeine Bruſt. „Holzſchleife— ſtammelte er—„Forſtſchreiber⸗ hauſe den Zank gehört—“ Er ſah leeren Blickes vor ſich hin. Schwechten wuchs der Muth und er meinte bei ſich, es ſei am beſten nun gleich der ganzen Sache ein Ende zu machen. Der innerliche lang verhaltene Groll überſtürzte ihn und begrub ſeine ſonſtige Gutmüthigkeit dermaßen, daß er ſchonungslos fortfuhr: „Du wirſt einſehen, wie unzuläßlich unter ſolchen Umſtänden ein ferneres Freundſchaftsbündniß zwi⸗ ſchen uns iſt, und wirſt mit mir einverſtanden ſein, wenn ich es hiermit feierlich löſe. Gehe Du Deinen Weg— Du wirſt mich dort nie treffen. Uebri⸗ gens werde ich in einigen Tagen zur Reſidenz abreiſen und vielleicht länger als ſonſt verweilen. Hätteſt Du auf meine Warnungen gehört, ſo wäre Dein Schickſal ein anderes geworden.— Mag es Dich tröſten, daß ſchon größere Männer, als Du, Opfer ihrer eigenen Denkungs⸗ und Hand⸗ lungsweiſe geworden ſind. Wer kein Geſetz aner⸗ kennt, wer dem Sittengeſetze Hohn ſpricht und ſeine Macht über die Gebühr ausdehnt, muß zuletzt fallen, 48 oder man müßte an der Gerechtigkeit Gottes zweifel 3 Es gehe Dir wohl, das iſt mein letztes Wort!“4 Er ging ſchnell zur Seitenthür und verſcht aand. Erſt beim Geräuſche, welches das Zufallen der Thur verurſachte, fuhr Malchow aus ſeiner Verfuken⸗ heit auf und ſah wild um ſich. ELangſam verließ er das Zimmer, laugſam ritt er über den Schloßhof und langſam wandelte er den Weg zum Walde hinab. So weit ihn der Blick verfolgen konnte, ſah ihm Schwechten aus ſeinem Zimmer nach, und ein flüchtiges Bedauern mit dem Unglücklichen, der trotz ſeiner Fehler manches Jahr ſein einziger Gefährte geweſen war, durchzitterte ſeine Bruſt. Was wird ſein Loos ſein? dachte er, von Stunde zu Stunde von dem Bilde dieſes verlornen Mannes quälender verfolgt. Hätte er ihn retten können mit ſeinem ehrenhaften Worte? Nein!— Er war ver⸗ loren auf jeden Fall. Der Gedanke enthielt Beru⸗ higungsgründe, aber das menſchliche Herz iſt ein Gewebe von Mitleid, Liebe und Erbarmen, während die Vernunft den Stab der Gerechtigkeit ſchwingt. Langſam, wie er das Schloß verlaſſen hatte, ſchlich Malchow heim. Er ſah ſich am Ziele einer Laufbahn, die er im eitlen Vertrauen auf innerliche Kraft, wie er ſeine brutale Heftigkeit oftmals zu nennen beliebte, verfolgt hatte. In einer Art Einfalt, und dreiſt gemacht durch jahrelange, günſtige Reſultate, hatte er ſeinem Gewiſſen und dem lautwerdenden Verdacht und Tadel zu trotzen gewagt. Keine Geſetze anerkennend, als ſeinen eigenen Willen, der immer von dem Trieb⸗ werke ſeines heißen Blutes abhing, hatte er mit Uſurpationen ſeiner Stellung als Oberförſter eine Machtausdehnung verliehen, die ihn jetzt einer furcht⸗ baren Verantwortung entgegenführte. Daß er ſich angeſichts einer ſchmählichen Nieder⸗ atte ihm ſchon der mürriſche und lang⸗ h ſeiner Untergebenen von dem Au⸗ genblicke an verrathen, wo in der Verwaltung ein neuer und pflichtgetreuer Beamte an die Spitze trat, und ſeine raffinirte Selbſtſucht war geſchäftig geweſen, nicht ſich und ſeinen Handlungen, ſondern den An⸗ ordnungen des Landrathes den Ruin ſeiner autokra⸗ tiſchen Glückſeligkeit zuzuſchreiben. lage befand, h ſame Gehorſan jenige des Oberfö daß in ziviliſirten Ländern das barbariſche Prinzip: wie Bäume zu fällen, wenn ſie im ein Ende mit Schrecken nehmen mußte; IV. Caritas. II. 4 Wege ſtehen⸗ 49 freilich eine Verſtocktheit, wie die⸗ rſters, dazu, um nicht einzuſehen, 50 aber ſeine Kühnheit wucherte auch auf einem Boden, der nach der Herrſchaft des code napoleon vollſtän⸗ dig unter der Zwitterſaat von vormals und jetzt ver⸗ wildert war. Fernliegende Provinzen leiden immer am mei⸗ ſten unter den Veränderungen von Staatseinrichtun⸗ gen und ſind der Willkür einzelner Machthaber am längſten preisgegeben, das lehrte hier der Augen⸗ ſchein. Die Verblendung Malchow's war ſo weit ge⸗ gangen, trotz des würdigen Auftretens Schollin's eine Verbrüderung ſeiner Ideen mit den geſetzlichen Verordnungen für möglich zu halten, wenn er den ſtolzen Muth ſeines Widerſachers zu beugen ver⸗ mochte, und er war Willens geweſen von dieſem Mittel, das ihm zugebote ſtand, Gebrauch zu machen, ſo wie die Noth es erfordern würde. Bei ſeiner ſtillen Wanderung durch den heimat⸗ lichen Wald kam er zu der Erkenntniß, daß auch dieſe Schritte jetzt vergeblich ſein würden.— Die Brücken zur Umkehr waren abgebrochen— ſeine Schiffe zur Rückkehr waren verbrannt! Dumpf hallten die Sterbeglocken ſeines entſchwundenen Glückes, und die Sicherheit ſeines Lebens begann ſich ſpukhaft zu zerſtören. NX N△— 51 Als die Nacht hereinbrach, ſenkten ſich düſtere Entſchlüſſe in ſeine Seele. Auf ſeinem Lager ausgeſtreckt, ruhig die Glieder ſeines eiſenfeſten Körpers der Bequemlichkeit überlaſ⸗ ſend, ſammelte er die Geiſter der Vergangenheit um ſich, und in dieſer grauſigen Geſellſchaft erwartete er ge⸗ duldig den Tag, der ſein zeitliches und ewiges Wohl entſcheiden mußte. Brittes Kapitel. Der Landrath verweilte noch in ſeinem Bureau, obwohl der Abend ſchon hereingebrochen war, als Eugen von ſeinen Streifereien zurückkehrte und zu ihm eintrat. Ein leichter Mißmuth umflorte ſeine Stirn. Die Urſache dazu entſprang aus der Ueberzeugung, die er auf ſeiner einſamen Wanderung, unter dem poetiſchen Einfluß der reinen und einfachen Natur⸗ ſchönheit gewonnen hatte, daß die naive Liebenswür⸗ digkeit des jungen Landmädchens die aufgeſtapelte Lebensweisheit ſeines jungen Kopfes über den Hau⸗ fen zu werfen drohte. „Da arbeiteſt noch, Richard,“ ſagte er beim Eintritt ganz verwundert.„Freilich es iſt am beſten 53 zu arbeiten, damit man nicht aus Langeweile zu dummen Einfällen gelangt.“ Der Landrath ſah flüchtig auf. „Ich ſtehe ſogleich zudienſten, Eugen. Mein Bericht an die Kriminalbehörde iſt fertig— die Indizien gegen den Oberförſter haben ſich geſammelt — es ſteht ſeiner Verhaftung nichts mehr entgegen — ſo wie ſich das Vorhandenſein des geheimen Fußpfades konſtatirt, werde ich zu dieſer Maßregel ſchreiten.“ „Das iſt gut! Haſt Du Schwechten vernommen?“ „Ja. Seine Ausſage beſtätigt meine Meinung von der Schlauheit dieſes Böſewichtes. Denke Dir, er hat an jenem Tage zum erſtenmale ſeine furcht⸗ baren Wuthanfälle zu bemeiſtern gewußt, um das Dableiben Schwechtens zu bewirken, den er kluger⸗ weiſe als Zeuge ſeines Alibi zu benutzen gedachte.“ „Wann wirſt Du zur Verhaftung ſchreiten?“ „Vielleicht morgen.“ „Das wäre mir außerordentlich lieb, denn ich habe heute Nachmittag die Erfahrung gemacht, daß vor ihm kein Menſch ſicher iſt.“— Er erzählte kurz das Abenteuer mit Caritas und ſchloß dann: „Bevor er nicht in Verwahrſam iſt, möchte ich auch Dir nicht rathen, allein zu gehen.“ 54 Der Landrath ſchüttelte den Kopf. „Er hätte nicht geſchoſſen, Eugen.— Denke an die Worte des guten ſeligen Forſtſchreibers!“ „Immerhin,“ entgegnete Eugen mit warmem Tone.„Es würde mich ſehr beunruhigen, fern von Euch der Willkür eines ſolchen rohen Menſchen Euch preisgegeben zu denken.“ „Willſt Du fort?“ fragte Schollin aufs höchſte überraſcht. „Ja, morgen oder übermorgen,“ meinte der Legationsrath mit feſter entſchloſſener Stimme. „Was beſchleunigt Deine Abreiſe?“ Ein leichtes Roth überſtürzte plötzlich Eugen's Geſicht. Er ließ die Frage unbeantwortet. „Mir waͤre es lieb, Du bliebeſt noch eine Woche, Eugen,“ bat der Landrath. „Es iſt nicht rathſam.“ „Weßwegen eilſt Du?“ „Damit es nicht zu ſpät wird,“ antwortete der junge Mann lakoniſch und doppelſinnig. Die gewöhnliche Sicherheit ſeines Gemüthes, die er unter fremdartiger Atmoſphäre eingebüßt hatte, kehrte ihm jetzt in der gewohnten Umgebung nach und nach wieder. Die Farben der Wirklichkeit ſcheuchten die Schat⸗ 55 ten, womit ſeine Einbildungskraft, furchtſam und weichlich geworden, die Zukunft ganz überhüllt hatte. In dem dämmernden Lichte ſeiner Phantaſie hatte er von Bildern eines bewegten Herzens und von tiefen und zartern Banden geträumt, als bis dahin ſeinem Daſein verwirklicht geboten wurden. Die kleine Szene im Walde ließ Saiten in ihm erklingen, deren nachhaltige Wirkung die Einſamkeit vermehrte. Als er ſich aus der romantiſchen Sphäre in das Alltagstreiben der Geſchäftswelt verſetzt fand, ſchienen ſie alsbald zu verſtummen. Sein Humor erwachte wieder und er fühlte die Luſt, ſich ſelbſt gründlich mit ſeiner ſentimentalen Träumerei zu ver⸗ lachen. „Wir Weltmenſchen paſſen nicht zum Schäfer⸗ leben,“ ſagte er ironiſch.„Man ſetzt ſeinen Verſtand dabei aufs Spiel und gewinnt nichts— nicht ein⸗ mal Seelenruhe.“ Der Landrath, welcher während der kleinen Pauſe, die entſtanden war, ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf ſeine Schreiberei gerichtet hatte, blickte ihn verwundert von der Seite an. „Was phantaſirſt Du von, Schäferleben⸗, Eugen?“ ſragte er heiter.„Ich dächte, ein Landrathsamt wäre der heterog uſte Begriff von Schäferleben.“ 56 „Mag ſein. Ich bin aber paſſiv beim Land⸗ rathsamte, und laufe Gefahr in das Gegentheil ge⸗ ſchleudert zu werden. Mein Leben hier iſt ganz eines verliebten Dichters würdig. Tagelang laufe ich umher, um mich von dem Waſſertropfen auf dem grünen Blatte entzücken zu laſſen. Wie ein Narr ſtehe ich, um den Sonnenſtrahl zu betrachten, der ſich flimmernd in Regenbogenfarben darin widerſpie⸗ gelt. Habe ich nicht ſogar angefangen die zärtlichen Vögel zu bewundern, wenn ſie zwitſchernd ihr Wie⸗ derſehen feiern, und bin ich nicht der tapfere Lebens⸗ retter eines ſchönen Landmädchens geworden? Belau⸗ ſche ich nicht freudeſelig das edle Wild im Farrenkraute und horche dem Plätſchern der Wellen, um eine heilige Muſik darin zu finden! Das ſind alles Anzeichen einer trübſeligen Gemüthsſtimmung, und dergleichen poetiſche Grillen und romantiſche Schwärmereien ge⸗ ziemen einem deutſchen Diplomaten nicht.“ Schollin lachte über den Eifer dieſer ironiſchen Anklage, aber er wurde ſehr ernſthaft, als der Le⸗ gationsrath kaltblütig hinzufügte: 1 „Nein, mein lieber Schwager, beſſer ein glän⸗ zender Rückzug, als eine ſchmachvolle Niederlage. Dieſes Mädchen Caritas fängt mir an gefährlich zu 57 .* werden, alſo— räume ich das Feld, bevor es für mich und auch für ſie zu ſpät iſt.“ Schollin ſah nachdenklich vor ſich nieder. „Ich kann Dir nicht Unrecht geben, Eugen.— Ja, wenn die Verhältniſſe des Mädchens aufgeklärt und wir ſicher wären nicht einem illegitimen Spröß⸗ ling franzöſiſchen Uebermuthes zu begegnen.— Aber wie die Sachen ſtehen, ſo tadle ich Deine Vorſicht keinesweges.“ „Caritas iſt zu lieblich in ihrer reizenden Na⸗ türlichkeit,“ ſprach Eugen leiſer und die tiefe Bewe⸗ gung ſeines Innern klang aus ſeiner Stimme her⸗ vor.„Sie iſt eines jener Weſen, die Herz und Sin⸗ nen beſtechen und die Vernunft gefangennehmen.“ „Eugen,“ unterbrach ihn liebreich der Landrath —„wenn es nur nicht ſchon zu ſpät iſt.— Geh', wenn Dein Herz es noch geſtattet— fliehe, wenn Du noch die Kraft fühlſt!— Wo nicht, ſo häufe nicht die Qualen der Entſagung auf Dein Leben!“ „Zu ſpät kann es bei meinem Charakter nur ſein, wenn ich mir bewußt wäre, Schmerzensthränen aus dieſen ſchönen dunkeln Augen erpreßt zu haben — mit mir und mit meinem Herzen will ich ſchon fertig werden.“ Schollin wiegte bedenklich ſein Haupt. 58 „Die Männernaturen ſind freilich verſchieden,“ ſagte er gedämpft.„Der Eindruck, welchen Deine Schweſter auf mich gemacht hatte, war vom erſten Tage an unvertilgbar. Du weißt, wie heroiſch ich gekämpft habe— meine Heilung hing nur von ihrem Beſitze ab.“ „Hätteſt Du meine Maximen, ſo wäreſt Du auch ohne Franziska's Beſitz ruhig, zufrieden und glücklich geworden. Sofort eine paſſende Heirat ſchließen und ſich dann ins Weltgetümmel ſtürzen— dagegen hält kein Herzenswimmern Stich!“ „Deine Grundſätze ſchmecken nach Theorie— die Praxis würde Dich bitter belehren oder— Du haſt kein Herz. Es gibt nach meiner Meinung nichts, was richtiger als Tantalus⸗Qualen gelten kann, als dieſe ſtete Sehnſucht im Innern. Das Leben hat nur Reiz durch die Nähe, durch den Athem des Weſens, welches man liebt, das heißt ſo tiefinnig und heiß liebt, wie ich meine Franziska immer ge⸗ liebt habe und ewig lieben werde.“ Eugen's Mienenſpiel zeigte ſeine Bewegung. Eine Stimme erhob ſich in ihm, ‚zu ſpät' flüſterte ſie, denn der Zuſtand ſeines Herzens glich ſchon jetzt ſo ziemlich dem eben geſchilderten. Trotzdem 59 verblieb er bei ſeiner Heuchelei von Kälte, Vernunft und Ueberlegung. „Es muß gehen, wenn man will!“ entſchied er.„Wenigſtens muß die Sache verſucht werden, und ich glaube der Mann zu ſein, der mit ſich ſelbſt im Kampfe nie unterliegt.“ „Es würde mich erfreuen, Eugen. Ich wünſche eine Verbindung mit dieſem Mädchen nicht, obgleich ich eingeſtehen muß, daß ſie bezaubernd iſt. Der Makel ihrer Geburt iſt ein horreur, woran meine ariſtokratiſchen Anſichten Anſtoß nehmen.“ „Sonderbar— hieran ſcheitern meine Wünſche nicht. Ich bin feſt von der Makelloſigkeit ihrer Ge⸗ burt überzeugt.“ „Nun um alles in der Welt, Menſchenkind— weßhalb willſt Du denn Dein rebelliſches Herz zwin⸗ gen?“ rief ganz erſtaunt der Landrath aus. „Weßhalb?“— Eugen ſann nach. Eine große Verlegenheit malte ſich auf ſeinem edlen Geſichte und ſein Blick ſank ſeltſam ſchnell wieder nieder, als er ihn frei und keck auf ſeinen Schwager heften wollte. Der Landrath beobachtete ihn. Etwas abſur⸗ des kam jedenfalls jetzt zum Vorſcheine, das wußte er im voraus. 60 „Weil ich es nicht dulden kann, daß ein weib⸗ liches Weſen mein ganzes Sein ſo vollſtändig in Anſpruch nimmt wie dieſe kleine Caritas!“ „Armer Thor!“ flüſterte Schollin wehmüthig. „Dieſe Unterwerfung iſt das ſeligſte Loos, das wir Männer auf Erden gewinnen können. Mir iſt's ſpät beſchieden.— Ich murre aber nicht, denn—“ Ein Geräuſch an der Thür ſtörte ihn in der Vollendung ſeines Satzes. Der alte Gördeler meldete ſich. Er hatte ſeinen Auftrag aufs gründlichſte vollführt und ſein Geſicht zeigte das Frohlocken des Gerechten, wenn er den Sünder endlich entlarvt ſieht. Dieſe freudige Auf⸗ regung iſt nur nicht rein in ihren Subſtanzen, ſon⸗ dern ſtets mit etwas Schadenfreude vermiſcht. „Was habt Ihr gefunden, alter Freund,“ rief ihm der Landrath leutſelig entgegen. Er hatte natürlich dem Alten keine Gründe für das aufgetragene Geſchäft angegeben, aber die Schlau⸗ heit Gördeler's hatte ohne große Anſtrengung durch⸗ ſchaut, was hier geſchehen ſolle und wozu es noth⸗ wendig ſei. „Geſtrenger Herr Landrath,“ rief er, ſeelenver⸗ gnügt ſein Käppchen zwiſchen den Fingern drebend, 61 „der Weg iſt wahrhaftig da und ſo blank und ſchön, daß man ihn Nachts finden könnte.“ „Wie viel Zeit würde man gebrauchen, um ihn in ſeiner ganzen Länge zu paſſiren?“ „Nicht viel über zwanzig Minuten, wenn der Oberförſter gewöhnlich zugeſchritten iſt— wenn er aber Trab geht, kann er ihn in einer Viertelſtunde machen.“ Der Landrath ignorirte die ſpezielle Anwendung auf den Oberförſter und fragte: wo der Weg am Strande ausmünde? „Dicht hinter der Oberförſterei, geſtrenger Herr Landrath,“ entgegnete der Alte eifrig.„Und nun laß ich meinen alten grauen Kopf zum Pfande, daß der Forſtſchreiber nicht vom Baumaſt, ſondern vom Ober⸗ förſter erſchlagen iſt!“ „Still, Gördeler! Das ſind Meinungen, die wir nicht eher lautwerden laſſen dürfen, bis die Unter⸗ ſuchung ergeben hat, in wie weit unſer Verdacht ſich rechtfertigt. Ihr habt jetzt die Verpflichtung, ein unverbrüchliches Stillſchweigen zu beobachten und gegen Niemand von dem Vorhandenſein dieſes Pfa⸗ des zu ſprechen, damit ſich die Schwätzeret nicht bis zu den Ohren des Mannes verliert, der nichts da⸗ von wiſſen darf, daß wir ihm nachſpüren.“ „Ja, aber“— unterbrach ihn Gördeler mit allen Zeichen einer komiſchen Verblüfftheit—„aber geſtrenger Herr Landrath, der weiß es ja ſchon, der, nun der, welcher es nicht wiſſen ſoll.“ Der Landrath fuhr heftig auf:„Wer hat Euch denn geheißen zu plaudern?“ Gördeler wehrte mit beiden Händen:„Geſtren⸗ ger Herr— er begegnete mir ja mitten im Dickicht.“ „Fatal— höchſt fatal“— murmelte der Land⸗ rath dazwiſchen. „Lichterloh brannte er vor Zorn— Hui! dacht' ich, zünd' nur kein Feuer an, es geht aus im Sturm!“ Der Alte lachte ganz wohlgefällig und ſetzte ſich trotzig ſein Käppchen aufs kahle Haupt.— „So ſtand ich vor ihm und ſagte: auf Befehl des Herrn Landrath wär' ich da. Nun brauſete und ſchäumte es hölliſch in ihm. Ich ſollt' Ihnen mel⸗ den: wenn Sie ſich in ſeine Wege miſchten, ſo ſoll⸗ ten Sie ſich nur hüten, daß er nicht der Welt zeigte, was für Wege die tugendſame und ehrbare Frau Landräthin gewandelt habe, ehe ſie geheiratet hätte.“ Der vergiftete Pfeil ſaß feſt. Zwar mit dem ruhigen Benehmen und dem würdigen Anſtand des gebildeten Mannes hörte Schollin die boshafte Be⸗ ſtellung und verbarg ſeine innere Empörung unter einem ſtolzen Lächeln, aber er fühlte ſich furchtbar verletzt, den Namen Franziska's bei einer Gelegen⸗ heit ins Spiel gezogen zu ſehen, die der allgemei⸗ nen Aufmerkſamkeit ausgeſetzt war. Es konnte nicht ausbleiben, daß Gördeler dieſe beleidigenden Worte ſpäter wiederholen und ſie da⸗ durch zur Oeffentlichkeit bringen würde. Er entließ den alten Mann mit freundlicher Herablaſſung und wendete ſich erſt dann mit leiden⸗ ſchaftlicher Wallung zu ſeinem Schwager, als Gör⸗ deler das Zimmer verlaſſen hatte. „Was ſagſt Du zu der bodenloſen und gemei⸗ nen Erbärmlichkeit dieſes Menſchen?“ fragte er, dicht vor Eugen tretend, der theilnahmlos am Fenſter lehnte. Eugen ſchreckte auf aus einem tiefen uner⸗ freulichen Sinnen. Der Akzent, womit Schollin fragte, trug den Stempel einer ſchmerzlichen Aufre⸗ gung. Eugen geſtand nichts gehört zu haben. Trotz ſeiner Entrüſtung lächelte Schollin zu dieſem verrä⸗ theriſchen Eingeſtändniß. „Ein günſtiges Zeichen von der Beſchaffenheit Deines kaltblütigen Innern,“ ſagte er und wieder⸗ holte ihm die Drohung, die der Oberförſter ausge⸗ ſtoßen hatte. Eugen lachte verächtlich. „Wenn eine Schlange getreten wird, gräbt ſie ihren Giftzahn in das Fleiſch des Tretenden.“ „Warum aber ſtößt er keine Beleidigung gegen mich aus?“ „Weil er in ſeiner Bosheit am erſten auf Fran⸗ ziska verſiel. Sie iſt abweiſend und ſtolz gegen ihn geweſen, weil ſie ihn vom erſten Augenblicke an unerträglich fand. Wäre er ſatisfaktionsfähig, ſo würde ich ihn zur Rechenſchaft für dieſe Worte ziehen— mit Schurken aber iſt nichts weiter zu machen, als ſie der ſtrafenden Gerechtigkeit zu überliefern, und den Geifer der Wuth unbeachtet zu laſſen. Oder—“ hier richtete ſich Eugen hoch und ſtolz vor ſeinem Schwager auf und ſah ihm voll ins Auge—„oder ſoll ich Dir mein Ehrenwort für Franziska's Ver⸗ gangenheit verpfänden?“ Schollin reichte ihm die Hand. Zwiſchen dieſen beiden edeln Männern waltete ein Band der Sympathie, das durch nichts verletzt werden konnte. Kleinliche Regungen fanden in ihrer Bruſt keine Stätte. Ein Blick genügte, um alles auszu⸗ gleichen, was ſtörend zwiſchen ſie trat. Wir können nicht läugnen, daß Stolz, das heißt echter, wahrer und männlicher Stolz, das Element war, worin ihre beſten Eigenſchaften gediehen Er war 65 das Licht ihres Lebens, die Wurzel ihrer Hand⸗ lungen und die Glorie, welche ſie vom gewöhn⸗ lichen Menſchentroß ſchied. Welcher Menſch würde aber einen Tadel gegen ſolche Triebfedern menſchli⸗ chen Thuns ausſprechen, wenn ſie Reſultate in der Charakterbildung hervorbrachten wie hier, bei dieſen Männern? Stolz und Chrgeiz regieren faſt immer autokratiſch in den Herzen der geiſtigbegabten Men⸗ ſchen— hier aber milderte Güte die ſchroffen An⸗ ſprüche des Lebensernſtes und lieh den Vorſchriften des mächtigen Verſtandes ein menſchliches Wohlwollen. Eugen entfernte ſich. Der Landrath blieb allein. Still ſinnend über des Tages Ereigniſſe ſaß er eine lange Weile regungslos da. Er war ein Mann von leicht verletztem Ehrgefühle. Welche Pein verur⸗ ſachte es ihm, Worte unerörtert hingehen laſſen zu müſſen, die ihn an ſeiner ſchwächſten Seite getroffen hatten! Seine Grübelei führte ihn auf Abwege. Er kam zu der Bedenklichkeit, daß dem Oberförſter ohne Grund und Urſache dergleichen Einfälle nicht hätten kommen können. Wenn man auf dem Wege zum Mißtrauen iſt, ſo wacht die Qual der Beſorgniß auf. Er konnte ſich nicht abläugnen, daß Franziska's Benehmen gegen ihn von geheimen Triebfedern geleitet worden ſei, 1857. IV. Caritas. II. 5 denen er aus übergroßer Liebe nie nachzuforſchen nöthig gefunden hatte. Es war ihm niemals beige⸗ fallen, dieß Benehmen auf Vorgänge zu gründen, die von dem Tadel der Welt getroffen werden konnten. Hoch und hehr in ihrer Erſcheinung ſtand ſie unter den Damen ihrer Umgebung da, als er ſie vor zehn Jahren kennen lernte und ſeitdem hatte nicht ein Hauch den Spiegel ihres Rufes getrübt. Was aber war früher vorgegangen? Schollin vergegenwärtigte ſich alles, was da⸗ mals geſchehen war, ob nicht ein Faden ihn in die frühere Vergangenheit zurückzuleiten vermochte. Er fand nichts! Franziska lebte ſtiller und zu⸗ rückgezogener, als ſonſt Damen von dieſem Alter zu leben lieben— war dieß ein Grund, um an eine tadelnswerthe Vergangenheit zu glauben? Franziska wich ſeinen Bewerbungen ängſtlich aus— hier fand ſeine Männereitelkeit einen Grund zum mißtrauiſchen Tadel, denn er wußte jetzt, daß ſie ihn, trotz ihrer Sprödigkeit, geliebt hatte. Warum hatte ſie ein Glück, das ſie ſo ſehr zu beſeligen ſchien, ſo ungebührlich lange verzögert? Er wurde traurig. Seine Seele litt unter dem Gedanken, einen Flecken im Leben der Frau zu fürchten zu haben, die er mit der 67 reinen und treuen Liebe eines ſtolzen Männerherzens ſo unſäglich hochgeſchätzt hatte. Als er hinaufkam in das Zimmer Franziska's, ſah ſie den Schatten, der ſeine Stirn trübte. Sie fragte danach. Er zog ſie ſanft an ſeine Bruſt und ſah ihr bewegt in das klare Auge. „Welch' eine Oede würde mir das Leben ſein,“ ſagte er ſelbſtvergeſſen, ganz leiſe vor ſich hin,„wenn ich dieß Weib entbehren müßte— und doch gibt es eine Möglichkeit, die mich dazu zwingen könnte—“ Franziska richtete ſich erſchrocken aus ſeinen Armen auf. Er hielt ſie feſt. „Sage mir, mein Liebchen, iſt Dir je auf Deinen Lebenswegen der Oberförſter von Malchow begegnet? Beſinne Dich wohl!“ „Nie!“ entgegnete ſie feſt und ohne ſich zu beſin⸗ nen.„Nie in meinem Leben!“ „So iſt es eine verruchte Bosheit von ihm, daß er mich mit Berichten aus Deinen frühern Jahren bedroht, ¹ ſagte Schollin erleichtert. Hätte er jetzt ſeiner Gattin ins Auge geblickt, ſo würden ihm die wilden Flammen der Verzweiflung einen Aufſchluß über dieſe Drohung gegeben haben. Franziska bezwang mit übernatürlicher Anſtrengung 5*½ ihren Schreck, um mit trockener Kehle die Frage her⸗ vorzuſtammeln: was Malchow eigentlich geſagt habe? „Nichts weiter, als daß er mir die Wege ver⸗ rathen wolle, die Du vor unſerer Verheiratung ge⸗ wandelt ſeieſt,“ ſprach Schollin mit wiederbelebtem Muthe.„Es thut mir leid, Dich davon in Kenntniß geſetzt zu haben, aber mein Herz litt zu ſchmerzlich unter der Furcht—“ „Es würde meinem Auge auch nicht entgangen ſein,“ ſiel Franziska ein, während ſie ihr Zittern und ihre Todesbläſſe zu verbergen ſtrebte,„daß Dich un⸗ angenehme Erfahrungen berührt hatten. Es iſt beſſer, daß ich es weiß—“ ſetzte ſie mit ſinkender Stimme hinzu. Sie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe— ihr Herz ſtockte.—„Es iſt vorbei— es iſt vorbei mit allem Glücke— ein Menſch lebt, der alles weiß!“— ſchrie eine wilde Stimme in ihr.„Falle nieder auf Deine Knie und bekenne dem edlen Manne Deine Schuld.— Bekenne!— Bekenne!“— Caritas trat ein. Lachend und ſchäckernd! Wie ein junger Vogel, der ſorglos ſeinem Neſte entflieht und die Weite des blauen Himmels für ſein Vater⸗ haus hält, ſo lebte dieß junge Mädchen in den Tag hinein. — 69 Franziska benutzte ihren lärmenden Eintritt, um ſich zu ſammeln. Sie trat in den entfernteſten Winkel des weiten Gemaches und lehnte ſich dort aus dem Fenſter. Sie ſah in die Nacht hinaus. Die Sterne funkelten— Ruhe überall! In ihr nur wurde es nicht ruhig. Das Eis war durch des Gatten Woͤrte gebrochen. „Nieder zu ſeinen Füßen—“ flüſterte ſie— „o mein Gott, auch dort wird er mich ferner nicht mehr dulden!“ Der Abend verging ihr unter dem furchtbarſten Kampfe, aber ſo groß war durch die frühe Uebung ihre Selbſtbeherrſchung geworden, daß man nichts bemerkte, als eine leichte Abſpannung und Zerſtreut⸗ heit. Glücklicherweiſe wurde die Aufmerkſamkeit von ihr gänzlich abgezogen durch die Frohſinnigkeit, wo⸗ mit Caritas den kleinen Kreis belebte. Schollin, der darnach brannte, Eugen's erwachende Neigung zu prüfen, hatte vollſtändige Beſchäftigung in dieſem Vorhaben gefunden. Das Reſultat ſeiner Forſchung befriedigte ihn nicht. Er ſah, was Eugen nicht zu ſehen ſich vorge⸗ nommen zu haben ſchien, daß das junge Mädchen 70 von den Blicken desſelben Leben und Luſt in ſich trank, ohne den Grund dieſer erhöhten Geiſtesſtim⸗ mung nur zu ahnen, und er bemerkte, was ſein Schwager ſehr hartnäckig in Abrede zu ſtellen beliebte, daß dieſer ſeine Herzenswallungen bei weitem weni⸗ ger zu bekämpfen Luſt hatte, als die Nothwendigkeit es eigentlich erforderte. Caritas lieferte den Beweis, daß ſich das We⸗ ſen eines unſchuldigen Mädchens unter dem Liebes⸗ glanz, der ungeahnt ihre Bruſt berührt, zauberiſch vergeiſtigt. Ihr Geſicht, mit ſeinem wechſelnden Mienenſpiel, auf welchem ohnedieß Anmuth und Liebreiz thronten; ihr Auge, in dem der Strahl des Geiſtesfeuers entzündet prangte, und ihre Stirn, worauf die Heiterkeit und der Frohſinn der Unſchuld ihren Sitz aufgeſchlagen: alles verrieth die Bewegung ihres Innern. Wenn das Blut das flüchtige Roth der innern Wallung über ihre Wangen jagte, ſo glich ſie der Roſe im Morgenſonnenſchein, die halbentfaltet dem Tageslichte entgegenlebt, ohne zu wiſſen, daß die heiße Mittagsgluth ſie entblättern kann. Aber ſchöner, viel ſchöner erſchien ſie noch, wenn eine Ahnung ihres heißen Gefühles über ſie kam, wenn ſie, von dem feurigen Blicke der Bewun⸗ 71 derung aus Eugen's Augen ſengend berührt, ihren Blick ſenken mußte, wenn ſie dann keck verſuchend ihn wieder zu heben und dem gewaltigen Sturme zu trotzen wagte! In einem Momente dieſer Art bezwang Eugen ſein ſtürmiſches Gefühl nicht— er neigte ſein Ge⸗ ſicht über ein Bilderalbum, das vor ihnen lag, und berührte flüchtig und heiß des Mädchens ſchönen Arm, der neben dem Album ruhte. Caritas zuckte zuſammen, als hätte eine Natter ſie geſtochen. Ein Bewußtſein ihrer Gemüthslage dämmerte in ihr auf— ſie erhob ſich und ging zu der Landräthin, die, uneingeweiht in die Verhältniſſe, nichts argwohnte und ihres Gatten Beobachtungen nicht theilte. Als das junge Mädchen ihr nabte, reichte ſie ihr ſanft lächelnd die Hand— dieſe ſchmiegte ſich in plötzlicher, tiefer, inniger Rührung an ihre Seite und legte das Geſicht an die Schulter der jungen Frau. Wie vom Blitzſtrahl berührt, ſahen ſich die bei⸗ den Männer an. „Welch' eine Aehnlichkeit,“ dachte dem Entzücken innerer Befriedigung, und der rath ſtrich mit der Hand über ſeine Augen, als wolle er ein Phantom verſcheuchen. 72 Wie zwei Schweſtern— die eine gebleicht vom Sonnenglanze und Nachtthau des Lebens, die andere eben zum Daſein der Freude erweckt, beide mit dem rührenden Lächeln der Liebe, vereint im zarteſten Bunde, — ſo ſaßen ſie da und ſahen einander ins Auge. Ein Pfeil des Neides und der Eiferſucht, frei⸗ lich einer Eiferſucht ſonderbarer Art, durchfuhr das Herz Schollin's. Es war ihm, als würde er durch dieſe Liebkoſung beraubt, als büße er etwas ein, was ihm von Rechtswegen gehörte. Mit einer raſchen Wendung ſchlang er ſeine Arme um die Gattin, die ihren Blick ſchnell zu ihm emporhob, und neigte ſich zu ihr nieder. Caritas faßte kindlich ſorglos ſeine Hand, die ſich um Franziska's Nacken gelegt hatte und lehnte ihre Wange darauf. Er wollte ihr, unangenehm berührt, die Hand entziehen— dann beſann er ſich und duldete ſchweigend, daß das junge Mädchen ſich darauf ſtützte. Der Abend verging und die Nacht brach an. Mit dem Dunkel und mit der Grabesſtille wachte die Pein des Gewiſſens in Franziska auf. Während Schollin in den Armen des Schlafes jeden Skrupel verträumte und nur auf den weichen Kiſſen des glücklichen Bewußtſeins ruhete, trieb die 73 Unruhe ihrer Seele die arme Frau empor und ſie wanderte unter der Laſt ihrer Befürchtung ruhelos im Nebenzimmer auf und ab. Sie gewann die Ueberzeugung, daß die traurige Verirrung ihrer Jugend nicht die größte Schuld mehr ſei, die ſie ſich aufgebürdet hatte, ſondern die Verheimlichung dieſer Verirrung gegen den Mann, der mit ſeiner Ehre ihre Vergangenheit decken mußte. Schmerzlich empfand ſie die Erniedrigung, die er ſchon durch einen Menſchen, wie Malchow, der in jeder Hinſicht verachtungswerth daſtand, hatte er⸗ dulden müſſen. Und doch— o wie ſchwach iſt das menſchliche Herz und wie wenig bereit die ſüßen Bande der Liebe zu löſen, die es mit einem theuren Menſchen umſchließen— doch tauchte bisweilen die Beruhigung fin ihr auf, daß ein Irrthum die Drohung des Ober⸗ förſters hervorgerufen habe, oder daß eine vage Ver⸗ muthung vorwalte, der ſie mit dreiſtem Läugnen entge⸗ gentreten könne. Wer wußte denn etwas von dem Vorfalle in M..? Niemand von allen, die ihr nahe ſtanden und niemand im deutſchen Lande, als der treuloſe Beamte, in deſſen Hauſe ſie gelebt, der, ſelbſt ein Deutſcher, die Hand zu tauſend Bubenſtücken geboten hatte. 74 Sollte dieſer mit Malchow in Verbindung gekom⸗ men ſein? Sie ſann, um ſich des Namens und der Per⸗ ſönlichkeit zu erinnern. Sie ſann vergebens. Ihr Auge war damals nur dem Lichtmeere der Liebes⸗ verblendung zugewendet geweſen! Als der Morgenhimmel mit lichtem Roth ſich ſäumte und das Erſcheinen der Sonne verkündete, da legte Franziska endlich abgemattet das müde Haupt zur Ruhe, um zu ſchlafen, bis der Tag an⸗ gebrochen war, der vielleicht ihr zukünftiges Schickſal im Schooße trug. Viertes Kapitel. Und der Tag kam!— Friſch, glänzend und ſonnig ſtieg er aus dem Meere auf. Kein Wölkchen trübte das blaue Himmelszelt und kein Nebelflor deckte die Strahlen der Tageskönigin, als ſie ſieg⸗ reich heraufzog, um die Erde mit ihrer Huld zu beglücken! Wenden wir uns zuerſt nach dem Schloſſe, das im Schatten des Waldes verſteckt lag, während der Strom von Millionen Sternen zu funkeln ſchien und ſtolz im Sonnenreflexe dahinrauſchte. Auf dem Balkon, der am Morgen im kühlen Schatten den reizendſten Aufenthalt abgab, ſaß in der Geſellſchaft des jungen Mädchens die Landräthin. Sie ſah, trotz der unruhig verlebten Nacht, lä⸗ chelnd und aufmerkſam auf Caritas, die mit tändeln⸗ 76 dem Muthwillen ihr Unweſen trieb, die Vögel lockte und den Hund durch allerlei Verſuche zu narren ſuchte. Wie geſagt, Franziska's Mienenſpiel verrieth, außer einer ſanften Trauer, die man an ihr gewohnt war, nichts von den Selbſtquälereien der Nacht. Aber ihre Wangen waren bleich und die Augen erloſchen. Ihre Hände lagen ſchlaff im Schooße und ihr Nacken beugte ſich. Sie erwartete, nein, ſie fürchtete viel von die⸗ ſem Tage und ſie wünſchte beinahe, daß nur alles erſt vorbei ſei. Caritas war viel zu unerfahren mit Seelen⸗ ſchmerzen, als daß ſie nicht gern geglaubt hätte, ein leichter Kopfſchmerz könne dieſelbe Zerſtörung herbei⸗ führen. Franziska hatte vorgegeben: ihr Kopf ſchmerze! O, ihr Herz war es, was in tiefſtem Schmerze zuckte. Plötzlich ertönte von weither über den Strom hinweg ein Poſthorn. Wer kennt die Macht des Poſthornes auf ju⸗ gendliche, hinaus in die Welt ſtrebende Herzen nicht! Caritas horchte auf und jubelte.„Ah— wie ſchön klingt das!— Es lockt in die Ferne— es 77 ruft uns!— Mögen ſie gern reiſen, gnädige Frau?“ fragte ſie naiv. Franziska verneinte es. Ihr war das Reiſen immer nicht lieb und in dieſem Momente erfüllte die Idee ſie mit Grauſen: Fort von hier, und ohne ihn! „ Ich reiſe gewiß ſehr gern,“ plauderte das junge Mädchen.„Noch weiß ich es nicht aus Er⸗ fahrung, denn ich bin nie weiter gereiſt, wie vom Forſtſchreiberhauſe bis zur Stadt, und meine projek⸗ tirte große Reiſe wurde mir ja vom Legationsrathe vereitelt“— ſie lachte hellauf.—„Wenn ich daran denke!“ Franziska, welche am Abende beim Schlafen⸗ gehen noch vom Landrathe benachrichtigt war von dem Herzenszuſtande ihres Bruders, wollte dieſe Wendung benutzen, um die Gefühle des Mädchens zu ſondiren. „Iſt Ihnen das ſo ſehr unangenehm geweſen, Caritas?“ fragte ſie. „Geweſen?“ wiederholte Caritas mit unnach⸗ ahmlichem Tone—„ja geweſen! Aber jetzt, jetzt iſt mir's, als hätte mein Glück damit begonnen.“ „Das wäre möglich,“ ſagte die Landräthin leiſe und mit einem feinen Lächeln.„Die Reiſe iſt 78 auch damit nicht aufgehoben— Herr von Schwech⸗ ten gedenkt in einigen Tagen zu reiſen und wird Sie mitnehmen.“ Caritas ſah träumeriſch in die Ferne. „Ich möchte hier bleiben,“ flüſterte ſie. Franziska gab ſich das Anſehen, als hätte ſie es nicht verſtanden. „Mein Bruder reiſt auch in wenigen Tagen. Er geht wie Sie zur Reſidenz zurück, wenn auch nur auf kurze Zeit. Sie werden ihn gewiß dort ſehen.“ Ein flüchtiger Farbenwechſel verkündete wohl, daß dieſe Verheißung einen Eindruck hervorgebracht habe, allein ſtürmiſche Gefühle erregte ſie nicht. Sinnend ſtand Caritas einen Moment; dann eilte ſie auf die Landräthin zu, ließ ſich kniend auf das Fußkiſſen derſelben nieder und legte ihre Arme um den Leib der Dame. 4„Ich möchte bei Ihnen bleiben,“ ſagte ſie ſchmei⸗ chelnd, und ihre ſchwarzen, großen Augen blickten dabei ſo bittend und zärtlich, ſo hingebend und zau⸗ berhaft ſprechend in die Augen Franziska's, daß dieſe ſchaudernd die ganze, furchtbare Zeitperiode ihrer Be⸗ thörung vor ſich aufrollen ſah. Aber ein weiches Gefühl durchwallte dennoch ihre Bruſt. 79 „Mein gutes Kind,“ ſagte ſie ſanft,„das geht nicht. Fürs erſte müſſen Sie hin zur Baronin, die Ihnen ſo edelmüthige Anträge gemacht hat. Gefällt es Ihnen nicht, ſo—“ „So komme ich zu Ihnen,“ unterbrach Caritas jubelnd ihre weiſe Rede. Wieder tönte das Poſthorn und zwar etwas näher. „O, es ſoll mir gewiß nicht gefallen,“ ſetzte ſie nach augenblicklichem Horchen fröhlich hinzu. „Aber wird es Ihnen hier immer gefallen? Wir ſind ernſt und ſtill— mein Bruder iſt fern“— Caritas lächelte ſeltſam. „Er wird ſchon kommen uns zu beſuchen,“ meinte ſie kindlich. Jetzt war der Poſtillon mit ſeinem Horne ſo nahe wie er kommen konnte. Er gab Zeichen über Zeichen am jenſeitigen Ufer des Stromes, um von der Fähre herübergeholt zu werden. „Das kann doch keine Poſt ſein?“ fragte Ca⸗ ritas neugierig, nach Kinderart ſogleich von ihrem intereſſanten Thema abſpringend.„Die Poſt kommt erſt in zwei Stunden.“ „Es iſt eine Ertrapoſt,“ bemerkte Frau von Schollin, indem ſie ihr Fernglas hinüberrichtete. 80 Das Horn ſchallte immerfort, immer lauter und ungeduldiger. Caritas amüſirte ſich daran. „Die Leute dort haben wenig Zeit,“ ſpottete ſie,„oder ſie halten ſich für ſehr wichtig.“ „Es iſt auch möglich, daß ſie einer Freude ent⸗ gegenreiſen,“ meinte Frau von Schollin.„Dann pflegt man auch ungeduldig zu werden, wenn uner⸗ wartet Hinderniſſe eintreten.“ „O, eine Freude kommt immer zu früh,“ ent⸗ gegnete das Mädchen altklug.„Warten iſt eine Verlängerung der Freude, denn die Zeit vorher iſt das Beſte daran.“ „Wer hat Ihnen das gelehrt, Caritas?“ „Das jährliche Chriſtfeſt,“ antwortete ſie mit ſcherzendem Pathos.„Wie habe ich mich immer ge⸗ freut auf den Chriſtbaum mit ſeinen bunten Lichtern, mit den Fahnen und den goldenen Aepfeln; wie mich gefreuet auf den Honigkuchen, auf die Nüſſe, auf die Roſinen, auf die Puppe! Zitternd vor Freude und Erwartung träumte ich Tag und Nacht von dieſer Freude! Und wenn dann das Chriſtfeſt dageweſen war und ich den albernen Wechſelbalg von Puppe im Arme trug, dann war alle Herrlichkeit der Freude vorbei. Aus dieſer Erfahrung nehme ich ab, daß Hoffnung und Erwartung ſchöner ſind als Erfüllung.“ 81 Die Landräthin lächelte. 115 „Eine ſeltſame Philoſophie in ſo früher Ju⸗ gend,“ ſagte ſie. „Ja, gnädige Frau, ich bin auch älter im Geiſte, als meinen Jahren nach,“ ſagte Caritas wichtig. „Das kommt von meinem vielen Denken.“ Als ſie ſah, daß die Dame ungläubig den Kopf ſchüttelte und das viele Denken ſehr in Zweifel zog, da fügte ſie wehmüthig hinzu: „Ich war ja darauf angewieſen mir meine El⸗ tern mit ihrer Liebe und Sorgfalt vorzuſtellen, mich täglich zu prüfen, ob ich auch recht und gut gehan⸗ delt habe, denen zur Freude, die mich ſtatt meiner Eltern ſchützten und ernährten, und auch denen zur Luſt, die mich einſt aufzuſuchen kommen würden. Ich hatte es weit ſchlimmer, als alle die andern Kinder in der großen weiten Welt. Ich mußte mich ſelbſt tadeln, ſelbſt loben, ſelbſt ſtrafen und ſelbſt beſſern. Glauben Sie nun, daß ich viel zu denken hatte?“ Franziska hatte ſich längſt tief erſchüttert ge⸗ fühlt, jetzt brach ihre Rührung gewaltſam hervor. Zwei große kryſtallhelle Thränen perlten auf ihrer Wange ſie dachte nicht daran ſie zu trocknen. Mit einer ſtürmiſchen Wärme zog ſie das Mädchen 18527. IV. Caritas. II. 6 82 an ſich.—„Bleibe bei mir, Caritas— bleibe bei mir!“ Caritas erwiederte ihre Liebkoſungen. „Ich habe es gleich beim erſten Anblick gefühlt, daß ich Sie lieben würde,“ flüſterte ſie mit dem ſüßen Tone kindlicher Verſchämtheit. „Und ich? Und ich?“ entgegnete leidenſchaftlich die Dame—„ich haßte Dich!“ Das Mädchen wiegte zweifelnd ihr Haupt: „Das verriethen Ihre Augen nicht! Ich hatte einſt⸗ mals den Ausdruck„Liebesſterne in einem Gedichte gefunden und darüber gelacht, weil ich mir unter zwei Menſchenaugen keine Sterne denken konnte. Als Sie ſich zu mir umwendeten im Gebüſche und Ihre Augen auf mich hefteten, da wußte ich, was der Dichter unter ‚Liebesſterne’ verſtanden hatte!“ „Du wirſt es bald noch beſſer wiſſen, Du un⸗ ſchuldige Blume des Waldes,“ dachte Franziska, aber ſie ſchwieg klüglich. Ihre Bruſt hob ſich unter dem hoffnungsvollen Gedanken, dieß Mädchen als den vermittelnden Engel zwiſchen ſich und ihrem Bruder denken zu können, wenn alles zuſammenbräche, was unter ihren Füßen vulkaniſch ſich regte. Wie mußte eine ſo reine und ungeforderte Liebe 4 8 ihr Herz beſeligen, nachdem ſie einſam und verſchloſſen — ◻ 83 durch die Welt gegangen, nachdem ſie jahrelang einen bittern Harm in ſich hatte wüthen laſſen, nachdem ſie unter Furcht und Zittern mit dem Glücke der Ehe ſich vertraut gemacht, und nun ſtündlich erwarten konnte, daß ſie als eine Verſtoßene dieß Aſyl des Glückes verlaſſen ſollte. Hatte Gott dieß Mädchen in ihren Weg ge⸗ ſendet, um ſie vor der Verzweiflung zu ſchützen, wenn er ſich veranlaßt fühlte ſie vor den Weltgeſetzen zur Rechenſchaft zu ziehen? Ja, ſie fühlte den Hauch von des Allgütigen Vaterliebe, der auch den fehler⸗ haften Menſchen ſeine Gnade nicht entzieht, ihre Bruſt heilend und tröſtend durchdringen; ſie fühlte, daß ein Stab und eine Stütze in dem Weſen ſich erhob, das ſie ſchaudernd als die Störung ihres ſchwer erkämpften Glückes zu betrachten geneigt ge⸗ weſen war. Während die beiden Frauen in dem Austauſche ihrer Anſichten und Gefühle die Sympathie ihrer Seelen erprobten, war es den Lärmſignalen des Po⸗ ſtillons drüben am Ufer gelungen, den Fährleuten begreiflich zu machen, daß ihnen eine Ertrafahrt ſplen⸗ did vergütet werden würde. Die Fähre hatte ſich demnach in Bewegung geſetzt und zog langſam und ſchwerfällig hinüber, um die Reiſenden überzuſchaffen. 6 Vertieft in ihren Geſprächen, die faſt durchgän⸗ gig Gefühlsergießungen aus Caritas' Jugenderinnerun⸗ gen betrafen,— wobei Franziska aus einem unbe⸗ wußten Angſtgefühle jede Hindeutung auf ihre Mutter vermied— achteten ſie nicht eher auf den weitern Verlauf der Sache, bis es dem luſtigen Poſtillon einfiel, eine hübſche Melodie anzuſtimmen, als ſeine Poſt, endlich auf der Fähre angelangt, auf dem Waſſer dahintrieb. Sie lehnten ſich beide, erheitert dadurch, auf den Rand des Balkons und ſahen dem Lawiren des Fahrzeuges zu.— Der Poſtillon blies luſtig fort und fort. Ein Liedchen löste das andere ab und eines klang, vom Waldesecho getragen, immer noch lieblicher wieder als das andere. Es war ein ſtattliches Fuhrwerk, das ſtolz auf der breiten Fähre herüberſchwamm: elegant gebaut, mit hohem Kutſcherbock und bequemem Bedientenſitz hinten. Schimmernd leuchtete die Silberverzierung im Sonnenglanze, und das ſcharfe Auge von Caritas entdeckte ein goldenes reichdekorirtes Wappen am Wagenſchlage. 6 „Das ſind ſicherlich fürſtliche Perſonen,“ meinte ſie luſtig plaudernd. „Sehen Sie die Kammerzofe 8⁵ hinten? Wie bequem dieſe Mamſell ſich zurücklegt, um uns hier drüben ins Auge zu faſſen. Ah— dort noch ein reichbetreßter Bedienter.— Ich möchte wohl die Herrſchaften ſehen. Sie haben ſich aber ungnädig im Fond des Wagens verborgen.“ Als ſie alles bekrittelt und beſchaut hatte, was ihr ſehenswerth vorkam, wendete ſie ihre Aufmerkſam⸗ keit wieder harmlos andern Gegenſtänden zu— wir aber wollen uns nach dem eleganten Reiſewagen verfügen und hineinſchauen, um zu ſehen, in welcher Gemüthsſtimmung ſich die Inſaſſen desſelben befin⸗ den, die ſich nach einer ſehr anſtrengenden und ſchnel⸗ len Reiſe dem Ziele ihrer Erwartung nähern. Wen wir darin begrüßen müſſen, wiſſen wir. Der Marquis lehnte gelangweilt in den weichen Polſtern und ließ ſich willenlos von der leiſen Be⸗ wegung der Sprungfedern ſchaukeln. Sein feines, noch immer recht hübſches Geſicht ſah weit grämli⸗ cher und älter aus, als in dem Salon der Baronin Plathen, wo er die Maske des Weltmannes dar⸗ über gelegt hatte. Dem ſcharfen Beobachter konnte die Bemerkung nicht entgehen, daß es ihm im Grunde egal war, ob er ſeine längſtvergeſſene und niege⸗ kannte Tochter wiederfand oder nicht. Ja, wir möch⸗ ten behaupten, daß er nur ehrenhalber, weil die 86 Sache in einem ſo noblen Geſellſchaftskreiſe zur Sprache gekommen war, dieſe Entdeckungsreiſe un⸗ ternommen hatte. Ignoriren konnte er dieſe Nach⸗ richt nicht, aber daß ſie ihn in die öde und unwirth⸗ bare Gegend, weitab von der Heerſtraße, die zum Ziele ſeiner Reiſe führte, verſchlug, das machte ihn mißmuthig und gab ſeiner Laune einen herben An⸗ ſtrich von Kälte. Die Marquiſe war lebhafter mit dem Gedanken an das Wiederfinden ihrer Tochter beſchäftigt. Trotz⸗ dem ihre Seele dem Weltlichen und Aeußerlichen erlegen war, ſchimmerte doch die Grundlage tiefer Mutterliebe in den kleinen Zeichen durch, die ihre Frende an dem unverhofften Ereigniſſe an den Tag legten. Während der Marquis mit geſchloſſenen Augen ſich ſchaukeln ließ, ſaß ſie aufrecht im Wagen und muſterte mit geſpannten Blicken die Gegend und die Menſchen, welche an ihnen vorbeipaſſirten. „Bald, Armand, bald!“ rief ſie freudig, als die Fähre anlegte und der Wagen, den ſie aus Bequem⸗ lichkeit nicht hatten verlaſſen wollen, zum Ufer hin⸗ anfuhr. Der Marquis unterdrückte mühſam ein leichtes 87 Gähnen und murmelte:„Gott ſei Dank— ich bin ganz erſchöpft!“ „O, mein Gott, wie werden wir das liebe Kind finden!“ ſprach die Marquiſe, angeregt durch die nä⸗ herrückende Hoffnung. „Als eine Dame gewiß nicht,“ warf der Mar⸗ quis hin und ein moquantes Lächeln zog über ſein Geſicht.„Hätteſt Du meinem Rathe Gehör gegeben, ſo hätten wir unſere Kammerfrau abgeſendet, hätten das Kind erſt vernünftig ausſtaffiren und koſtümiren laſſen, hätten ihr ein gewiſſes Anſehen verliehen— jetzt müſſen wir auf eine kleine Marmotte gefaßt ſein.“ „O,“ erwiederte ſie eifrig,„was das Koſtüm betrifft, dafür iſt hinreichend geſorgt. Ich habe einen ganzen Kaſten voll allerliebſter Sachen. Da ſind Röck⸗ chen, Kleiderchen, Stiefelchen—“ wir ſehen, die Frau Marquiſe gedachte ein Kind zu finden, obwohl ihr die Zeitrechnung dieſen Irrthum benehmen mußte. Der Marquis lachte wieder maliziös.„Das Kleid macht den Mann, meinſt Du? Liebe Julie, der Anblick wird um ſo lächerlicher werden, wenn in den feinen Sachen ein ungeſtaltetes Mädchen mit Sommerſproſſen und verbrannten Armen ſteckt.“ „Es iſt doch zweifelhaft, ob ſie ungeſtaltet iſt, 88 ſagte die Marquiſe etwas empfindlich.„Sieht ſie mir gleich, ſo—“ Der Marquis küßte galant ihre Fingerſpitzen, die aus den Reiſehandſchuhen von däniſchem Leder nach damaligem Gebrauche hervorſahen, und fiel ſchnell ein: „Dann iſt ſie ſchön!“ „Und vom Vater wird ſie auch keine Mißgeſtalt erben können,“ fuhr die Marquiſe freundlich fort. „Hoffen wir! Meine Julie, hoffen wir. Ich glaube aber, wir handeln klüger, wenn wir uns einen rohen Kieſelſtein vorſtellen und nicht einen geſchliffe⸗ nen Diamanten. Sage, was kann hier in dieſem Podolien gedeihen? Es iſt abſcheulich, hier wohnen zu müſſen.“ „Das arme Kind,“ ſeufzte die Marquiſe.„Wie wird ſie ſtaunen, die Kleine, wenn ſie Paris ſieht!— Ach wären wir doch erſt wieder heim, Armand ich finde Deutſchland unerträglich und Preußen noch unerträglicher. Welche Moden! Welche Fagons! Welche Steifheit! Iſt es nicht, als ob jeder den Zopf noch im Nacken trüge, der gottlob ſeit vielen Jahren verſchwunden iſt?! Meine arme Kleine! daß ſie unter ſolchen kannibaliſchen Leuten ihr junges Leben hat vertrauern müſſen. Aber es ſoll ihr ver⸗ 89 gütet werden, Armand!“ rief ſie lebhafter.„Wenn ſie erwachſen ſein wird, ſoll ſie Spitzen und Atlas, Gold und Geſchmeide haben— einen Pony müſſen wir ihr ſogleich geben— ſie muß mit ihren Brüdern reiten— die Knaben freuen ſich ſehr auf die Schweſter.“ Der Marquis hatte mit ſeinem indolenten We⸗ ſen zugehört und ſie ausreden laſſen. Jetzt ſagte er kaltblütig:„Sie wird bald erwachſen ſein, wenn ich nicht irre.“ Die Marquiſe ſah ihn mit großen Augen an. „Bald erwachſen?“ fragte ſie erſtaunt. „Nun, wie viel älter als Alphons wäre ſie?“ Die Marquiſe zählte nach. „Wahrhaftig— ſechszehn Jahre! Armand—!“ „Und die Kleiderchen und die Röckchen und die Stiefelchen?“ Er lachte hell auf. Seine Laune beſſerte ſich unter der Neckerei. „O, wenn ſie nicht gar zu groß iſt, wird ſie das wohl tragen können,“ meinte die Marquiſe zu⸗ verſichtlich.„Im Gewölbe war ein junges Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, und nach dieſer Geſtalt traf ich meine Auswahl.“ „Geduld, mein Engel! Geduld! Es ſcheint mir, als wartete unſer eine höchſt lächerliche Kataſtrophe.“ Der Poſtillon ſtieß ins Horn. „Was ſoll das heißen?“ fragte der Marquis. Seine Frau wechſelte raſch die Farbe:„Sind wir am Ziele?“ flüſterte ſie. Noch waren ſie nicht am Orte ihrer Beſtim⸗ mung. Der Wagen rollte weiter, aber ſie ſchwiegen von nun an und gaben ſich ihren wechſelnden Ge⸗ müthsſtimmungen gedankenvoll hin. Wir kennen jetzt die Grundelemente dieſer Naturen, haben alſo nicht nö⸗ thig uns in dieſe Gedanken einzudrängen. Als der Poſtillon endlich mit lauten, jauchzen⸗ den Tönen anzeigte, daß das Forſtſchreiberhaus er⸗ reicht ſei, als die Knaben der Frau Lindſtedt heraus⸗ ſtürzten, um das Wunderwerk näher in Augenſchein zu nehmen, und dieſer eleganten Poſt mit eben nicht graziös geöffneten Mäulern entgegenſtarrten, da wurde die Marquiſe von einem ſonderbar gemiſchten Gefühle faſt überwältigt. Vorherrſchend war die Furcht vor dem erſten Anblicke ihres Kindes. Hätte ſie bei der Baronin Plathen den Anfang der Mittheilungen über dasſelbe gehört, ſo würde ſie mit ungetheilterer Freude dieſem Wiederſehen entgegengegangen ſein. So aber war ſie völlig im Dunkeln über das Aeußere des Mädchens, und bei ihr ſpielte alles Aeußerliche eine Hauptrolle. 94 Ein nervöſes Zittern durchflog ihren Körper, als der Wagen langſam vor dem Hauſe anfuhr. Sie faßte voll Angſt die Hand des Marquis, der etwas belebter und aufmerkſamer ausſchaute nach dem Orte, wo ſein Kind eine traurige Jugend voll Entbehrun⸗ gen— nach ſeiner Anſicht— verlebte, während es gerechte Anſprüche auf Lurus und Wohlleben gehabt hatte. „Mein Gott, Armand—“ flüſterte die Mar⸗ quiſe heftig bewegt—„wenn unſere Juliette häßlich wäre— wie Du ſagteſt: voll Sommerflecke, vielleicht fuchsblond— Armand, mir wird ſehr weh zu Muthe! Laß uns nur nicht gleich ſagen— laß uns nicht verrathen, daß wir die Eltern ſind.— Ich bitte Dich— laß es uns ſo lange verhehlen“— Der Marquis lächelte ſarkaſtiſch.„Siehſt Du nun ein, daß es diplomatiſcher geweſen wäre, ganz ruhig ſein Glück entgegenzunehmen, als in einer ſentimentalen Aufregung eine ſo abſcheuliche Reiſe anzutreten? Sei nur ruhig— ich werde die guten Leutchen da in dem Hauſe auszuforſchen ſuchen.— Es kann ein großer Irrthum bei der ganzen Tra⸗ gödie vorwalten der Name Weber iſt gut deutſch und eben nicht ſelten in der Welt.— Wenn wir nicht vorſichtig zuwerke gehen, ſo könnte es dieſer 92 Frau Weber einfallen, das Kuckucksei in Zaunkönigs Neſt zu plaziren.“ „Nein, Armand— ich würde die Frau Weber, der ich unſere Juliette übergab, auf der Stelle wieder⸗ erkennen—“ unterbrach ihn die Marquiſe. „Das iſt unmöglich!“ rief der Marquis. „Ganz gewiß— ſie ſchwebt mir ſo deutlich vor, als hätte ich ſie eben erſt verlaſſen!“ „Genug— Vorſicht iſt gut—! Gefällt uns das Mädchen nicht,“ ſetzte er mit frivolem Tone hinzu,„ſo geben wir eine Summe Geldes zu ihrer Ausſtattung und zu ihren Lebensbedürfniſſen her, und laſſen ſie hier.“ „Das kann Dein Ernſt nicht ſein—“ fuhr die Marquiſe auf. „Mein oölliger Ernſt—“ betheuerte er.„Soll ich den Frieden unſers Lebens, unſere Stellung unter unſern Freunden und ſonſtige Annehmlichkeiten, die ich bis dahin ungeſtört genoſſen, durch den täglichen Verkehr mit einer Perſonnage von ſchlechten Formen und abſtoßendem Weſen verbittern laſſen?“ „Aber, mein Gott— es iſt doch unſer Kind!“ rief ſie empört. „ Ja, ja, unſer Kind,“ perſiflirte der Marquis mit unerſchütterlicher Kälte.„Was habe ich von ſeinem 93 Beſitze? Du haſt es geboren— richtig! Haſt Du es erzogen? Feſſeln Dich die Bande der Gewohnheit, welche das Menſchengeſchlecht Liebe zu nennen pflegt, an dasſelbe? Hat es Dir Beweiſe von Zuneigung gegeben, woran Dein Herz nachher mit ſchmerzlicher Entſagung zurückdenkt?“ „Wenn auch das nicht, ſo heiſcht es unſere Pflicht—“ „O, über die Schwerfälligkeit der deutſchen Tugend,“ unterbrach der Marquis dieſe Rede,„wirſt Du nie lernen, Julie, daß unſere erſte Menſchenpflicht unſer eigenes Selbſt zu berückſichtigen hat? Was unſer Wohlbehagen ſtört, das muß von uns verbannt werden. Es wäre unverantwortlich, gegen ſich ſelbſt wüthen zu ſollen. Und dann—? Würdeſt Du an⸗ ſtehen, dieſe Deine ungekannte Tochter einem Gatten zu übergeben?“ „Gewiß nicht. Aber damit ſtellte ich ſie auch unter einen ſichern Schutz—“ „Beſonders, wenn dieſer Gatte bei Gelegenheit ver⸗ gäße, daß er eine Frau zu ſchützen hätte,“ ſpöttelte der Marquis.„Du ſiehſt, es hängt alles von Anſichten ab! Ich finde die Wohlfahrt des Mädchens weniger gefähr⸗ det, wenn ſie in ihren bekannten Umgebungen bleibt. Die fremdartigen Verhältniſſe können ihrer ganzen Indivi⸗ 94 dualität dermaßen entgegenſein, daß ſie mehr unglück⸗ lich als glücklich wird.“ „Laß uns nichts beſchließen, bevor wir nicht geprüft haben,“ antwortete die Marquiſe beklommen. Der Wagen hielt. Die Lindſtedt'ſchen Knaben ſtanden wie Pfähle und ſchaueten unverwandt zu, wie erſt der Bediente vom Bocke, dann die Kammer⸗ frau hinten vom Bedientenſitze herabſtieg, um nun beide mit ſeriöſem Anſtande am Kutſchenſchlage die Befehle der Herrſchaft entgegenzunehmen. Sie ſtiegen aus. Die Marquiſe etwas langſam, etwas bebend und etwas gerührt— der Marquis eilig, entſchloſſen und kaltblütig. „Heda, Ihr Herren,“ ſprach er mit dem Jargon des Ausländers, aber ſonſt ganz ordentlich deutſch, „wohnt hier eine Witwe Weber?“ Die Knaben riefen uniſono ein ſehr vernehm⸗ liches Ja und ſtürzten wie auf Kommando nach der Thüre, um der Frau Weber den vornehmen Beſuch anzumelden. „Bſt!—“ befahl der Marquis.„Hierge⸗ blieben!“ Aber die Stubenthür war ſchon geöffnet, und der Marquis, der voran ins Haus getreten war, ſah eine bleiche Frauengeſtalt, matt und hinfällig 95 in einem bequemen Großvaterſtuhl ruhend, die zu ſchlummern ſchien. Er trat näher— die Marquiſe folgte. Mittler⸗ weile war Frau Lindſtedt, die im Garten beſchäftigt geweſen war, von dem Blaſen des Poſtillons her⸗ beigelockt, durch die Hinterthüre eingetreten und wurde ungeſehen Zeuge der ſich ſchnell entwickelnden Szene. Von dem Geräuſche aufgeſchreckt, blickte Frau Weber in die Höhe, gerade in dem Momente, als die Marquiſe forſchend den Blick ins Zimmer ſen⸗ dete und im Sturme aller erwachten Gefühle den Marquis zur Seite ſchob, um in dasſelbe einzudringen. „Sie iſt es!“ flüſterte ſie ſtockend—„ſie iſt es—!“ während in gleichem Augenblicke die Kranke ſich kräftig erhob, was ſie ſeit vielen Tagen vergeb⸗ lich allein verſucht hatte. Sie ſtanden ſich gegen⸗ über! Kein Wort entrang ſich ihren Lippen. Die Marquiſe machtlos von ihrer innern Bewegung— Frau Weber unfähig durch die große Ueberraſchung. „Kommen Sie endlich Ihr Kind zu holen?“ fragte die Kranke nach einer minutenlangen Pauſe. „Kommen Sie endlich? Ihr Mutterherz hat lange gebraucht, um den Weg hieher zu finden.— Kommen d Sie endlich nach ſechszehn langen Jahren?“ 8 4 — 96 Keine Spur von Schwäche und von Irrſinn war an ihr zu bemerken— ihr Auge leuchtete, als es ſich feſt und ſicher auf die Dame vor ihr richtete, die in der Ueberwältigung ihre Hände ergriff und ſie herzlich drückte. Jetzt konnte der Marquis ſein Erſtaunen nicht mehr unterdrücken. „Est-il possible! II y a seize ans que vous m' avez pas vu cette dame! Et vous reconnaissez celle-la?“ rief er laut aus. Die Veränderung der Witwe bei den erſten Lauten der verhaßten Sprache war entſetzlich. Ihr Blick wurde ſtarr und wild— ihre Lippen verzogen ſich krampfhaft— ſie riß ihre Hände aus denen der Marquiſe und geberdete ſich wie raſend. Ihre Augen irrten von Einem zum Andern: dann ſchrie ſie in gellendem Tone:„Die Franzoſen — die Franzoſen!“ und kauerte ſich auf die Erde nieder, um ſich hinter der Lehne des Großvaterſtuh⸗ les zu verkriechen. Es war ein ſchauriger Anblick, die Verzweiflung der armen Irren, die ſich deutlich in dem hagern und todtbleichen Antlitze ausprägte, die Furcht, welche ihre Geberden ausdrückten, und den Abſcheu, den ihr ganzes Weſen verrieth, zu beybachten. Es 97 war um ſo ſchreckenerregender für den Marquis und die Marquiſe, weil er ſie ganz ungeahnt traf. „O mon Dieu! Ouelle horreur!“ rief der Marquis entſetzt und trat mehrere Schritte zurück. Die Kranke kreiſchte laut auf und bat wimmernd um Gnade. Voller Angſt bog ſich die Marquiſe zu ihr nie⸗ der und verſuchte ſie zu beruhigen. Ihr ſo wenig als ihrem Gatten ahnte, daß er mit ſeiner Landes⸗ ſprache dieſen Auftritt herbeigeführt habe. „Fort! Fort!“ ſchrie Frau Weber.„Fort! Ich habe nichts mehr! Nehmt Euer Kind— Ich habe es großgefüttert!— Jagt die Franzoſen fort — ſie haben meinen Bruder erſchlagen!“— Beſtürzt und rathlos ſahen ſich die Fremden an. In dieſem kritiſchen Augenblicke trat die Forſt⸗ ſchreiberin in die Thür und erſuchte ſie, ſo ſchnell als möglich das Zimmer zu verlaſſen, weil die Kranke nicht eher wieder ruhig werden würde. Sie öffnete zuvorkommend ihr hübſches Stübchen gegenüber und bat ſie, einſtweilen einzutreten: „Ich will verſuchen, meine arme Schwägerin erſt zu beruhigen— vielleicht gibt ſie Ihnen dann nähere Auskunft. Vermeiden Sie aber jedes franzö⸗ 857. IV. Caritas II. ſiſche Wort, meine Herrſchaften“— ſetzte ſie freund⸗ lich bittend hinzu. „Was iſt es nur mit ihr?“ fragte die Mar⸗ quiſe ängſtlich. „Sie leidet an firen Ideen“— antwortete Frau Lindſtedt ausweichend. „Wenn ich die Worte meiner Schwägerin richtig gedeutet habe, ſo ſehe ich in Ihnen, gnädige Frau, die Mutter unſerer Caritas?“— Der Marquis gab ſeiner Gattin ein Zeichen — dieſe aber, vollkommen von der Identität derje⸗ nigen Frau, welcher ſie ihr Kind übergeben, mit die⸗ ſer Witwe überzeugt, vergaß alle Vorſichtsmaßregeln und bejahte die Frage. „Gott ſei Dank!“ flüſterte die Forſtſchreiberin ſichtlich gerührt und erfreut.„Wir haben das Mäd⸗ chen ſehr lieb und wünſchen ihr alles Glück.“ „Wo iſt ſie nur? Wie haben Sie das Kind genannt? Caritas?“ „Ja— mein ſeliger Mann hatte den Namen gewählt. Caritas iſt im Schloſſe— der Herr von Schwechten wollte ſie in dieſen Tagen nach der Re⸗ ſidenz zu ſeiner Schweſter bringen.“ Der Marquis athmete ordentlich froh auf bei dieſer Nachricht. Ihm war es unheimlich, in dieſent 99 Hauſe— in der Nähe einer wahnſinnigen Perſon und bei dem Gedanken, hier ſeine Tochter zu finden. „So laß uns eilen,“ ſagte er zu der Marquiſe. Dieſe war bereit zu folgen. Der Marquis nahm eilig ein Portefeuille her⸗ aus und aus demſelben ein Papier, das er zu dem Behufe eingelegt, um die Verbindlichkeiten gegen die Witwe Weber zu löſen, im Falle er durch die Umſtände gezwungen würde ſeine Tochter wirklich anzuerkennen. Er reichte der Forſtſchreiberin das zuſammengelegte Blatt mit dem Bemerken: es ſei für die arme Frau Weber. Mit dieſer Handlung glaubte er raſch und befriedigend ſeinen Beſuch in dieſem Hauſe beſchloſſen zu haben. Allein er irrte ſich. Frau Lindſtedt war nicht ſo eilfertig geſinnt wie er, und ſie glaubte ihrem tiefen Intereſſe für Caritas die Nachfragen nach Namen, Stand und Verhält⸗ niſſen, ſo wie über die Zukunft des jungen Mädchens geſtatten zu dürfen. Zuerſt bot ſie den Fremden Erfriſchungen an und knüpfte daran ſogleich die Frage nach ihrem Wohnorte. 8 Der Marquis hätte kein echter Franzoſe ſein müſſen, um auf ſolche Erkundigungen abweiſend zu antworten. Er ließ ſich herab, zwar mit etwas ſau⸗ rer und ungeduldiger Miene, die ganzen Verhältniſſe 8 100 ihren Blicken zu entſchleiern, und ſie hörte nun mit dem Lächeln der Befriedigung, daß Caritas die älteſte Tochter einer Ehe ſei, die, von Elternhaß angefochten, zuerſt heimlichgehalten war, und daß nur die falſche Nachricht vom Tode dieſes Kindes Veranlaſſung zu der verzögerten Anerkennung gegeben habe. Dem Zufalle, wie die Marquiſe die Begeben⸗ heit bei der Baronin Plathen nannte, während Frau Lindſtedt ſich in frommer Rührung zu dem Ausdrucke „Gottes Schickung’ berechtigt glaubte, ſchien die Mar⸗ quiſe mehr Werth beizulegen als ihr Gemal, und ſein Geſicht verrieth innerlichen Verdruß, als dieſe ſchließlich hinzufügte: es ſei ihr ganz unzweifelhaft geweſen, in der bleichen Frau diejenige zu ſehen, der ſie an jenem fürchterlichen Abende das Kind über⸗ geben habe. Ihrem Gedächtniſſe hätte ſich nie ein Geſicht ſo lebhaft eingeprägt, als das der Frau Weber, und ſie erinnere ſich ſogar, daß der ſtarre und irre Ausdruck ihres Auges ſchon damals das Entſtehen eines Seelenleidens angedeutet habe. Frau Lindſtedt erklärte ihr dagegen, daß es ihrer Schwägerin ebenſo ergangen wäre. Sie hätte mit einer Gedächtnißtreue und Genauigkeit nicht allein ihr Geſicht, ihr Haar und ihre Figur, ſondern auch — jy—— V V V 101 ihren Anzug, die Enveloppe und den Stoff zu ihren Kleidungsſtücken beſchrieben. „Ja, ja—“ rief die Marquiſe lebhaft bewegt, „ſie erkannte mich auf der Stelle— ich ſah es in ihrem Blicke.“ 1 Frau Lindſtedt, welche mit einigem Erſtaunen wahrnahm, daß die Dame nur des zeinen Kindes Erwähnung that, glaubte ſich nicht berufen, vom Tode des zweiten zu ſprechen. Sie nahm an, man wiſſe davon und ſet darüber getröſtet. Aber ſie benutzte die Gelegenheit, um die Vorſicht zu preiſen, mit der man jedes Kleidungsſtück aufbewahrt habe, was die Identität des Kindes zweifellos machen könne, und ſie warf dabei die Worte hin, daß beide Anzüge der Dame vorgelegt und es ihren Prüfungen vorbehalten bleiben würde, ſich die unumſtößliche Gewißheit zu verſchaffen. Dieſe Erinnerung blieb ohne Wirkung. Die Marquiſe hatte ganz und gar vergeſſen, daß ſie da⸗ mals zwei Kinder rettete und zwei Kinder der Witwe übergab. Das Gehirnſieber, das ſie gleich nach ihrer Flucht überfallen hatte, löſchte mehr und mehr die Erinnerung an dieſe traumähnlich ausgeführte Hand⸗ lung aus, und als ſie ſpäter, durch ihres Bruders Rachedurſt, vorſätzlich mit der falſchen Todesnachricht 102 getäuſcht worden war, da begrub ſich der ganze Vor⸗ fall, bis auf das dumpfe Bewußtſein dieß Kind beſeſſen zu haben, ganz von ſelbſt. Erſt der Name der Frau Weber weckte alle längſtverjährten Erleb⸗ niſſe wieder auf, und da nichts geſchah, was auch an das zweite Kind hätte erinnern können, ſo blieb dieſe Stelle in ihrem Erinnerungsvermögen unaufgehellt. „Wollen Sie das Kinderzeug vielleicht zur Anſicht haben?“ fragte die Forſtſchreiberin etwas verlegen, als ſie ſah, daß dieſer Gegenſtand für das Mutter⸗ herz keine Anziehungskräfte entwickelte. „Oh— fi donc!“ rief der Marquis abwehrend. „Nur keine Windeln und Hemden.— Laſſen Sie das, gute Dame,“ fügte er hinzu,„und ſagen Sie uns lieber, wohin wir uns zu wenden haben. Was nun thun? Wie benachrichtigen wir das Kind— wohin beſtellen wir es?“ Seine Worte und Ge⸗ berden verriethen die höchſte Ungeduld und Verſtim⸗ mung. Dieß entging der Forſtſchreiberin keinesweges. Sie hatte in ihrem Verkehre mit großen Herren den Launen derſelben auszuweichen gelernt. Ihre Ant⸗ wort enthielt daher kurz und bündig den guten Rath, ſogleich aufs Schloß zu fahren und Caritas dort abzuholen. 4 . 103 „Sie werden in der Landräthin eine ſehr lie⸗ benswürdige Dame und in dem Landrathe den no⸗ belſten Mann kennen lernen,“ ſchloß ſie.„Man hat dort oben das junge Mädchen außergewöhnlich gaſtfrei und gütig aufgenommen und man wird dieſe Gaſt⸗ freiheit ſehr gern auf die Eltern ausdehnen bei dem Intereſſe, das Caritas den Herrſchaften eingeflößt hat.“ Die Stirn des Marquis verfinſterte ſich noch mehr, als er nach dieſen Worten mit ſpöttiſchen Blicken ſeine und ſeiner Gemalin derangirte Reiſetoi⸗ lette muſterte. Aber mit ſchnellem Entſchluſſe fragte er: ob es ihnen geſtattet ſei unter Beihilfe ihrer Bedienung hier ihr Reiſekoſtüm mit einem anderen Anzuge zu vertauſchen? Frau Lindſtedt verließ ſogleich das Zimmer und überbrachte der harrenden Kammerfrau die Befehle ihrer Herrſchaft. Kopfſchüttelnd ging ſie dann in das Stübchen ihrer Schwägerin, die ſie bis dahin unter die Obhut des älteſten Knaben geſtellt hatte. Dieſe war während der Zeit ruhiger geworden — oon ihrer Schwäche überwältigt, hatte ſie ſich wieder in ihren Lehnſtuhl begeben, und lag nun in dem ſanften Halbſchlummer, der ſie ſeit der Kata⸗ ſtrophe mit ihrem Bruder ſelten verließ. 104 Die Knaben waren hinausgelaufen, um die Neeiſekutſche, den Poſtillon und die fremdſprechenden Domeſtiken der vornehmen Herrſchaften ſtillſchweigend anzuſchauen. Ein Vergnügen, dem ſich Knaben lie⸗ ber ergeben als Mädchen. 4. Die Forſtſchreiberin ſetzte ſich leiſe zu der Kranken hin, um ihr Erwachen abzuwarten und ihr dann von den in Erfahrung gebrachten Verhältniſſen ihrer Pflegetochter Nachricht zu geben. Sie hielt das Papier noch in der Hand, das ihr der Marquis überreicht hatte. Neugierig öffnete ſie es. Es war ein Wechſel von 6000 Franken. Ein freudiger Schrecken durchrieſelte die Frau. Sie gehörte zu den Prakti⸗ ſchen ihres Geſchlechtes, die zwar nichts aus Eigen⸗ nutz unternehmen, ſonſt aber die Bezahlung einer guten Handlung, die mit Opfern verknüpſt geweſen war, ganz vernünftig und annehmbar ſinden. Die Summe kam, nach dem Tode ihrer Schwägerin, ihren Knaben zugute. Ein Umſtand, der ihre Bruſt in freudiger Rüh⸗ rung hob und ihre Gedanken ſogleich wieder zu dem Ereigniſſe zurückleitete, das man ſo lange in der Fa⸗ milie erwartet und beſprochen hatte; jetzt aber zu ei⸗ nem Zeitpunkte eintrat, wo die Hoffnung darauf von allen aufgegeben wurde. 105 „Was wird Caritas ſagen?“ fragte ſie ſich. Im tiefſten Innern fühlte ſie ein heimliches Unbehagen, das ſie ſich nicht geſtehen wollte. Warum aber? War da nicht Glanz, Reichthum und hohe Geburt? Erwartete nicht Glück und Ueberfluß das Mädchen? Und doch, und doch! Sie überdachte das Betragen der vornehmen Leute. Hatten ſie wohl eine einzige Frage nach den Erlebniſſen des Kindes, nach ihren Jugendfreuden und Leiden, nach ihrem Charakter und ſo weiter für nöthig gefunden? Wie man ein Geſchäft betreibt, das gethan werden muß und keinen Aufſchub leidet, ſo handelte und ſprach der Vater, während bei der Mutter wohl Spuren von Aufregung ſichtbar wurden, allein ohne die tiefe Erſchütterung zärtlicher Freude. Mit dem wirklich tiefen Gefühle wahrer Elternliebe denkt man ſchwerlich daran Toilette zu machen, um im Schloſſe mit dem Pompe des Lurus auftreten zu können. Genug, die Forſtſchreiberin ſchüttelte den Kopf und fühlte, wie ſich unter dieſen Meditationen ihr Unbehagen in Mitleid mit Caritas verwandelte. Frau Weber ſchlug, emporſchreckend, ihre Au⸗ gen auf. „Wo ſind ſie?“ fragte ſie ganz beſonnen und klaren Geiſtes. Die Forſtſchreiberin wollte eine Prüfung verſu⸗ chen.„Wer denn?“ fragte ſie freundlich dagegen. „Du weißt es noch nicht? Caritas' Mutter war hier— ſie ſoll aber nie wiederkommen, denn ſie hatte Franzoſen bei ſich. Gib ihr das Kinderzeug — liefere es aus— ſchicke Caritas hin zu ihr— aber ſie darf nicht in unſer Haus— ich will ruhig ſterben!“ „Franzoſen?—“ forſchte Frau Lindſtedt— „irrſt Du wohl nicht? Es ſprechen viele franzöſiſch, die keine Franzoſen ſind.“ „Es waren Franzoſen,“ entſchied Frau Weber. „Ich habe es manchmal geahnt, daß ſie von einem franzöſiſchen Vater ſtammen könnte— ſie ſollen nie wiederkommen!“ „Woran haſt Du denn erkannt, daß es Caritas' Mutter war?“ forſchte Frau Lindſtedt weiter.„Sagte ſte es Dir?“ Die Kranke richtete den Kopf ſchnell zu ihr auf. „Das wäre unnöthig geweſen— dieß Bild ſtand Tag und Nacht vor mir.“ „Seltſam,“ murmelte die Forſtſchreiberin,„ein einziger Moment im Leben und ſo eindringlich.— Sieh, dieß Papier ſchickt Dir der Vater unſerer Caritas,“ begann ſie mit ganz verändertem Tone. „Lege es fort— weit fort! Ich will nichts ſehen von ihm.“ „Biſt Du nicht neugierig zu ſehen, was es enthält?“ „Nein— ich will nichts ſehen— nichts! Ver⸗ brenne es!“ „Wenn es aber Geldverſchreibungen enthielte?“ „Fort damit— ins Feuer! Franzoſengeld— Blutgeld! Fort!“ Die Forſtſchreiberin gewahrte, daß ſie nicht wei⸗ ter gehen durfte. Sie ſchwieg und verbarg das verhäng⸗ nißvolle Papier. Ihr Entſchluß ging dahin, es dem Herrn von Schwechten zur Verwerthung und Aufbe⸗ wahrung zu übergeben bis zu der Zeit, wo ſie im Namen ihrer Knaben Anſprüche darauf erheben konnte. Es trat eine lange Pauſe ein, welche ſie mit Plä⸗ nen für die Zukunft ausfüllte.— Die alte Weber ſchien zu ſchlafen— Frau Lind⸗ ſtedt erhob ſich, um das Zimmer zu verlaſſen.— „Minette!“— rief die Kranke lebhaft ihr nach. „Nimm das Kinderzeug mit. Dort im Schranke liegt es!— Nun will ich ruhig ſterben!“ 108 Sie ſah allerdings einer Todten ſchon mehr gleich als einer Lebenden. „Bringe mich in mein Bett“— bat ſie dann. Die Schwägerin willfahrte ihrer Bitte und ver⸗ ließ ſte erſt, als ſich der Schlummer ſanft auf ſie ge⸗ ſenkt hatte. Während dieſer Zeit war die Toilette der bei⸗ den Fremden vollendet und ſie rüſteten ſich eben zum Weiterfahren, als Frau Lindſtedt mit dem kleinen Bündel Kinderwäſche in der Hand eintrat. Gleich⸗ giltig warf die Marniſe, einen Blick darauf und be⸗ fahl der Kammerfrau, das Paket an einen Ort zu legen, wo es nicht 38 ſihrer Garderobe in Berüh⸗ rung kommen konnte. Die Forſtſchreiberin fühlte ſich entrüſtet. „Arme Caritas“— dachte ſie, als die präch⸗ tige Geſtalt der Dame über die einfache Schwelle ſchritt und mit Sorgfalt und beſonderer Rückſicht auf den brillanten Anzug in den Wagen gehoben wurde —„arme Caritas— entweder wirſt Du bald ihr gleichen, oder— Du wirſt ſehr unglücklich werden.“ Der Poſtillon blies— die Pferde zogen an— der Wagen rollte fort und verſchwand im Nu aus ihrem Geſichtskreiſe. „Das war alſo das Ende eines Märchens,“ 109 flüſterte die Frau,„das jahrelang die Phantaſie unſerer Caritas erhitzt hat!“ Kaum ſaßen die beiden Gatten wieder allein in dem traulichen Halbdunkel des wohlverſchloſſenen Wagens, als der Marquts ſich lachend zurechtſchüt⸗ telte und mit komiſchem Pathos ausrief: „Mir iſt es, als wäre ich dem Vorhof der Hölle entwichen! Brr— verrückte Weiber gehören zu meinen Horreurs. Aber, Julie, die Aktien unſerer Kleinen ſind bei mir geſtiegen, ſeit ich weiß ſie in nobler Geſellſchaft zu finden.“ ⸗ „Wie mögen die Menſchen zu dem Namen „Caritas“ gekommen ſeis!“— fiel die Marquiſe ein.„Unmöglich können wir das Kind ferner ſo nennen!“ „Warum nicht, Liebe? Ein fremder Name, das geſtehe ich zu, aber kein gemeiner.“ „Sie iſt ja Julie getauft“— „Was thut das! Caritas und Celeſte entſtam⸗ men dem Himmel, darum zieren ſie ein irdiſches Weſen.“ Er belachte ſeine hochtrabende Phraſe. Der Wa⸗ gen bog jetzt in den Waldweg ein. Das friſche liebliche Grün, das heilige Rauſchen der hohen Wipfel, das koſende Zwitſchern der Vögel— alles das Belebende 110 in einer waldigen Flur ging für die beiden welt⸗ lichen Gemüther verloren. Sie vertieften ſich in eine leichte Plauderei, ohne dem Schauplatze die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, der ihnen von den Jugendfreuden ihrer Tochter berichten konnte. Die Anſpruchsloſigkeit ſolcher Freuden war ihnen eine un⸗ bekannte Welt, die ſie mit dem Spottlächeln des Unglaubens betrachtet haben würden. Bei einer Wendung des Weges trat die Facade des Schloſſes in ihren Geſichtskreis. Ueberraſcht bog ſich der Marquis aus dem Wagen, um die impoſante Bauart des alterthümli⸗ chen Gebäudes, das unter. dem Firniß der neuen Ausſchmückung keinesweges ſeinen Charakter einge⸗ büßt hatte, zu bewundern. Mit einem gewiſſen Wohl⸗ behagen ſich wieder zurücklehnend, meinte er in dem lebhaften ſpottſüchtigen Tone, der bei ihm die Stelle des Witzes vertreten ſollte: „Ein anſtändiges Aſyl für die älteſte Tochter des Marquis Beauveau⸗Deſalles. Gebe der Himmel, daß ſie demſelben Ehre macht!“ Seine Verehrung für alles, was ſchön hieß, reichte hin, ihn für die Bewohner des Gebäudes einzunehmen, das ein ſo imponirendes Aeußere hatte. Der Reiſewagen lenkte ins Portal des Hofes, 111 der von einer antik geformten Mauer eingefaßt war. Der Klang des Poſthornes hatte die Beamten des landräthlichen Bureau ans Fenſter gelockt. Ein Gensd'arm, in der hübſchen, kleidbaren Uniform ſeines Standes, erſchien oben auf der brei⸗ ten Freitreppe, als der Wagen hielt, und empfing ſie mit militäriſchen Honneurs. Alle dieſe kleinen Zufälligkeiten, ſo geringfü⸗ gig für einen Menſchen, der den Glanz des Lebens mit philoſophiſchen Augen zu betrachten gewohnt iſt, verſtärkten den guten Eindruck, den die ganze Oert⸗ lichkeit zu machen im Stande war, und verſetzten den Marquis in den Zuſtand einer äußerſt guten Laune. Er dachte kaum mehr daran, weßhalb er hieher ge⸗ kommen, ſondern er fühlte ſich nur befriedigt, wie er aufgenommen wurde. Der Landrath von Schollin befand ſich in ſei⸗ nem Geſchäftszimmer, das ebenfalls in der Richtung nach dem Hofplatze hinausſah, während die obern Wohnzimmer alle nach dem Fluſſe hinauslagen, als der Schall des Poſthornes ihn aus ſeiner Arbeit aufſtörte. Er empfing die Meldung des Dieners mit un⸗ verſtelltem Erſtaunen und wiederholte mehrmals, als trauete er ſeinen Sinnen nicht:„Marquis Beau⸗ 112 veau aus Paris?“ Er ſtand jedoch keinen Augen⸗ blick an, den Fremden ſogleich ſelbſt entgegenzugehen. Im Anfange glaubte er die Veranlaſſung zu dieſem Beſuche in Geſchäften ſuchen zu müſſen, allein die erſten Worte der Dame, die mit wohlbewahrter Faſ⸗ ſung und ſtrenggeregelter Grazie von der Freude ſprach, ihre langentbehrte Tochter aus ſeinen Hän⸗ den empfangen zu können, belehrten ihn, daß freu⸗ dige Ereigniſſe für Caritas die kurze Dauer ihres erzwungenen Aufenthaltes im Schloſſe beſchließen würden. Mit einer Bewegung, welche die der Eltern bei weitem übertraf, führte er ſie die Treppen hinauf, dem Wiederſehen ihres liebenswürdigen Kindes ohne Verzug entgegen. Aus dem Salon, in welchem wir Franziska mit Caritas verließen, drangen ſchon von ſern die Töne des Pianoforte ihnen entgegen. Der Legationsrath hatte es ſich ſeit mehreren Tagen zur Pflicht gemacht, jeden Morgen eine Stunde mit ſeinem meiſterhaften Spiel auszufüllen, und Caritas kannte keine größere Seligkeit, als dieſem Spiele mit einer Aufmerkſam⸗ keit, die an Andacht grenzte, zu lauſchen. So auch heute. Sie lehnte verſunken in dem Bogenfenſter des Balkons, der jetzt verſchloſſen war. 113 Das helle Tageslicht, das durch die bis zur Erde hinabgehenden Fenſterthüren drang, beleuchtete ihre ſchöne Geſtalt mit einem magiſchen Glanze und gab ihr in der ganz ruhigen Stellung, unter der Ein⸗ wirkung eines einfachen, geſchmackvollen Anzuges von ſchwarzem Wollenſtoffe, das Anſehen einer Antike. Ihr Kopf war leicht geneigt, die wunderbaren Augen aber ſtrahlend hell aufgeſchlagen und feſt auf den ſeitwärts ſitzenden Legationsrath geheftet. Dieß Bild war das Erſte, was dem Marquis ins Auge fiel, als er in die offenſtehende Flügelthür trat und mit ſcharfen Blicken ſondirend den Salon durchmuſterte. Franziska ſah er nicht, weil dieſe an ihrem Arbeitstiſche in der Niſche des gegenüberlie⸗ genden Fenſters verborgen ſaß. „Mon Dieu! Mon Dieu!“ flüſterte er, beſtürzt wieder zurücktretend und auf das ſchöne Mädchen deutend.„Wer iſt das?“ fragte er den Landrath, der ſich lächelnd an der Ueberraſchung weidete, und bedeutungsvoll auf die Frage nickte. Auch die Marquiſe richtete ihren Blick dorthin. „Dieſe iſt's?“ fragte ſie faſt erſchrocken über die Dame, die ihr Kind ſein ſollte.„Unmöglich— dieſe junge Dame? Und doch— Armand, Dein Abbild— dieſe Aehnlichkeit der Augen— es ijſt erſchreckend!“— 1857. IV. Caritas. II. 8 114 Dieſe kleine Szene währte kaum eine Minute. Der Legationsrath hatte das Eintreten fremder Perſonen bemerkt— er ſchloß ſein Spiel mit einigen abgeriſſenen Akkorden und wendete ſich ſchnell gegen den Eingang. Franziska fuhr erſt durch das Aufhören der Muſik aus ihren Träumen empor. Sie eilte zum Empfange der eingetretenen Frem⸗ den der Thür zu.—„ Caritas verharrte in ihrer Stellung, bis der Landrath mit dem verrätheriſchen Ausdrucke freudiger Rührung ihren Namen nannte. Sie erhob ſich. Ein höfliches aber kaltes Lächeln auf den Lippen, ſtand ſie ſtolz und ruhig in der angebornen Grazie ihres gan⸗ zen Weſens da. Es entſtand eine jener Pauſen, in welchen man ahnungsvoll fühlt, daß ſich etwas feierliches und wichtiges vorbereitet. Taritas, noch nicht erwacht von der träumeriſchen Verſunkenheit, welche die Muſik immer über ſie ver⸗ hängte, ſchaute theilnahmlos auf die elegante Dame, die jetzt einen Schritt vortrat und mit bebender Stimme fragte: „Du biſt mein Kind, meine Juliette? Du biſt das Pflegekind der Witwe Weber? O ſprich ein 1 5. 115 Wort, damit der Zweifel ſchwindet— biſt Du Ca⸗ ritas, meine Tochter, mein ſo lange todtgeglaubtes 3 Kind?“ Das junge Mädchen wurde todtenbleich. Ihr Blick irrte fragend von dem einen zum andern— es lag ein hilfeflehender Ausdruck darin. Sie preßte ihre Hand aufs Herz und fuhr zitternd zuſammen, 4 als der Marquis, ſchnell auf ſie zutretend, ſie mit ſeinem Arme umfing, ſie der Gattin zuführte und mit zuverſichtlichem Tone ſagte:„Es kann gar kein Zweifel obwalten— Julie, das iſt Deine Tochter!— Das iſt eine echte Abkömmlingin der Familie De⸗ ſalles!“ Ein leiſer Schrei drang durch das Gemach. Der Marquis wendete ſich erſchrocken nach der Seite, woher er kam. Vor ihm ſtand Franziska— ihre Blicke trafen ſich, ſie ruhten forſchend in einander— dann ver⸗ neigte ſich Frau von Schollin mit wiedergewonnener Faſſung vor dem Marquis, und dieſer ſtrich mit der Miene großer Beſtürzung mehrmals über ſeine Stirn, als wolle er dort einen Nebel von der Erinnerungs⸗ kraft hinwegwiſchen. 5 Betäubt, willenlos, unfähig die plötzliche Wan⸗ delung ihres Schickſales zu würdigen, und ohne die 8* — berauſchende Innigkeit der Kindesliebe zu fühlen, ließ ſich Caritas bald von der Mutter, bald von dem Vater umarmen. Mehr mit Erſtaunen, als mit Freude, hörte ſie die Lobpreiſungen ihrer Anmuth, ihrer Körperbildung, ihres Blickes!— Da ihre Eltern bald franzöſiſch, bald deutſch zu ihr ſprachen und ſie natürlich von dem erſtern nicht eine Silbe verſtand, ſo bemeiſterte ſich ihrer zuletzt eine Verlegenheit, die ſie den Thränen nahebrachte. Ein Gefühl, das ſie bis dahin nie⸗ mals gekannt hatte. Engen hatte ſich ſogleich nach der erſten Be⸗ grüßung entfernt. Ihm war zu Muthe, als ſei er beraubt, als ſei ihm ſein Lebensſtern erblichen, als ſei die Sonne hinter Wolken verſchwunden und eine dunkle Nacht angebrochen. Auch der Landrath und ſeine Gattin hielten es für gut, die Eltern mit dem fremdgewordenen Kinde eine Zeitlang ſich ſelbſt zu überlaſſen, damit das Band der vertraulichen Liebe ſich leichter um die getrennten Herzen ſchlinge. Sie entfernten ſich aber erſt, nachdem ſie die Zuſage erhalten hatten, das Schloß auf einige Tage zum Ruhepunkte nach ihrer anſtrengenden Keiſe zu beſtimmen. Caritas ſah mit einem ſeltſamen Wehegefühle 117 eine befreundete Geſtalt nach der andern verſchwinden. Ihr Herz war beklommen— ihre Seele verzagt— —— ihr Gemüth getrübt— ihr Geiſt verſtört! Pries ſie denn nicht ihr Glück, eine ſo glänzende Mutter und einen ſo galanten Vater gewonnen zu haben? Wir werden es im Verlaufe der wenigen Tage, die ihr im Kreiſe der Menſchen, denen ſie ihr ganzes Sein gewidmet und geopfert hatte, noch zu leben vergönnt waren, erklärt ſehen, ob ſie ſich glücklich zu preiſen für befugt hielt. Wir verlaſſen ſie jetzt auf eine kurze Zeit, um den Mann aufzuſuchen, den wir ſchlaflos, unter qual⸗ vollen Gefühlen, dem Tage entgegenblicken ſahen, welcher beſtimmt zu ſein ſchien, gleich den beſtimmten Tagen alter Schickſalstragödien Knoten zu löſen und Bande zu ſchürzen. —————B—B—B—B—B—B—B—B—B—B.———.——— Fünftes Capitel. Und auch ihm leuchtete der Morgen friſch und glänzend entgegen, als er endlich, nach einer ruhe⸗ loſen Nacht ſein Lager verließ. Was iſt nun zu thun? Mit dieſer Frage be⸗ gann der Oberförſter ſeine Gedanken zu ordnen und ſeine nächtlichen Entſchlüſſe zu regeln. Wenn die Ge⸗ ſpenſter der Nacht mit dem Sonnenglühen des Morgens nicht entweichen, ſo iſt die Gefahr groß und ein ſchwerer Kampf unausbleiblich. Malchow gab ſich von der Wichtigkeit dieſer Erfahrung, die wie eine Prophezeiung in ſeinem Kopfe ſchwirrte, keine klare Rechenſchaft, aber ſeine Beſchäftigungen, ſeine Maßregeln, ſeine düſtere Stirn und ſeine träumeriſche brütende Stimmung verriethen, daß er die Bedeutung derſelben erkannte, 119 Was er zu erwarten habe, wenn der Arm der Ge⸗ rechtigkeit ſich nach ihm ausſtrecken werde, das wußte er, und der letzte Funken ſeiner Männerehre glühte in dem Vorſatze auf: dieſer moraliſchen Vernichtung ſei⸗ nes Daſeins zuvorzukommen. Handeln ehe es zu ſpät wird— warnte ihn die innere Stimme ſeines aufgeregten Gewiſſens, aber die Lebensluſt durchblitzte immer wieder das dunkle Gewölk ſeiner Entſchließungen. Hoffnungs⸗ ſtrahlen, von der Möglichkeit einer Rettung aus die⸗ ſem Schreckenslabyrinth ausſtrömend, ließen ihn zö⸗ gern von einer Minute zur andern. Seine Frau mußte endlich die Verſtörung be⸗ merken, die befremdlich ſein ganzes Weſen veränderte, aber ſie wagte nicht mit Fragen ihren Antheil an ſeinem Gemüthsleiden zu verrathen. Ihr warmes Herz vergaß zwar gern die harte Behandlung und die unzarte Demüthigung, welche ſie täglich zu er⸗ leiden hatte, doch der Muth des Vertrauens war dabei verlorengegangen. Sie hatte ſich gewöhnt ihr Leiden ſtill und verſchwiegen zu tragen und neben dem Gatten zu leben, ohne die zarten Beziehungen eines ſo engen Verhältniſſes, wie die Ehe, zu bean⸗ ſpruchen. Ihr Wirken beſchränkte ſich darauf, ſeine ſiußere Behaglichkeit durch nichts zu ſtören. Was ihn ————— QQQ⏑L—L—C———— 120 innerlich zu berühren vermochte, das lag außerhalb der Sphäre ihres Wiſſens und ihres Forſchens. 4 Zuerſt nahm ſie an, daß die Vernachläſſigung ſeines alten Freundes Schwechten den Grund ſeiner Verſtimmung abgebe. Sie kannte den Egoismus Malchow's genug, um danach ein Stadium innerer Wuth vorausſetzen zu können. Als jedoch der Tag vorrückte und Malchow we⸗ der Anſtalt traf in den Forſt zu gehen, noch Miene machte ſein Frühſtück zu verzehren, da ſteigerte ſich ihre Beſorgniß. Sie wurde aufmerkſamer und fand ſeine Haltung gebeugter und den Blick ſeines Auges ſanfter als ſonſt. Die Schule ihrer Erfahrungen bot noch keinen Fall dar, wo er ihre Güte und Liebe beanſprucht hätte— es gehörte für ſie alſo zu den Unwahrſcheinlichkeiten, daß er dießmal derſelben be⸗ dürftig ſein möchte. Sie überließ ihn deßhalb ahnungs⸗ los den gefährlichen Untiefen einer Stimmung, die ſeine eigene Vernichtung heiſchte. Gegen Mittag ging er aus dem gewöhnlichen Wohnzimmer, das ſie beide mit einander theilten, 8 nach dem gegenüberliegenden, welches ſelten bewohnt wurde und unter andern Mobilien auch einen Schrank enthielt, der mit koſtbaren Waffenſtücken angefüllt war. Dieſe Sammlung zu bereichern, ſie zu ordnen 121 und zu ſäubern, das war eine Paſſion des Oberför⸗ ſters, der er ſich in allen Mußeſtunden hingab. Frau von Malchow betrachtete es als eine Erleichterung ſeines Zuſtandes, daß er zu ſeinem gewöhnlichen Zeitvertreibe griff. Sie blieb einſam am Fenſter ſitzen und grübelte über die neue Zugabe einer Geiſtespein nach, die ihr aus dieſem Launenwechſel zu erwachſen drohte. So oiel Urſache ſie auch hatte den Mann als eine unerträgliche Bürde ihres ſtillen und abge⸗ ſchloſſenen Lebens zu betrachten, ſo gerechte Gründe ſie auch haben konnte ihn zu verabſcheuen und zu haſſen— ſie blieb ihm dennoch geneigt. Gerade die ſklaviſche Abhängigkeit von ihm, hatte ihn zu einer Nothwendigkeit ihres Daſeins geſchaffen. Wie zweck⸗ los erſchien ihr das Leben ohne ihn! Für ſeine Be⸗ dürfniſſe zu ſorgen, ſeine Wünſche gehorſam zu er⸗ füllen, ſeinen Befehlen nachzukommen, das war das Ziel ihres Strebens. Lichtblicke gab es in dieſer Pflichterfüllung nicht, ihr genügten aber die Pauſen, wo der Sturm des Zornes beſchwichtigt in ihm lag und er die Behaglichkeit ſeiner Häuslichkeit friedlich genoß. „Ob er krank iſt?“ fragte ſie ſich. Eine ſtille Angſt überflog mit dieſem Gedanken ihre Seele. Sie nahm ihren Muth zuſammen und ſchlich an die Thür des Zimmers, wo er weilte. Sie lauſchte mit Span⸗ nung auf ſeine Bewegungen. Er ſchien geſchäftig mit ſeinen Schießgewehren zu kramen. Sie hörte Hähne knacken und Ladſtöcke raſſeln. Beruhigt wollte ſie ſich zurückziehen. Ihren langjährigen Erfahrungen zufolge wußte ſie ihn am beſten auf⸗ gehoben, wenn er ſich mit dem beſchäftigte, was zu ſeinen Lieblingsneigungen gehörte. In dem Augen⸗ blicke, als ſie von der Thür zurüͤckgetreten war, kam der Lieblingshund des Oberförſters aus dem Hofe. Er ſuchte ſchnuppernd die Spur ſeines Herrn und kratzte ungeduldig und mit dem leiſen Geheule der Freude an die Thür, wohinter ſeinem Inſtinkte nach er ihn finden mußte. Frau von Malchow benutzte die Veranlaſſung, die ſich ihr dadurch darbot, um die Thür zu öffnen und einen Blick hineinzuwerfen Malchow war von einem Tiſche, worauf zwei Piſtolen lagen, zurückgetreten und ſtand in tiefen Ge⸗ danken verloren am Fenſter. Der Jagdhund ſchoß mit leidenſchaftlicher Haſt vorwärts und ſprang jauchzend an ihm auf, während die Dame langſam und zaghaft die Schwelle über⸗ ſchritt und dicht an der Thür ſtehen blieb. Ihr Blick ſchweifte haſtig und beklommen über das ganze Zim⸗ mer hinweg. Auf allen Stühlen Waffen— nachläſſig 123 umhergeſtreut und die runden Oeffnungen, wie Ge⸗ ſpenſteraugen ihr entgegengerichtet, ſo zeigte es ſich ihren Blicken. Sie konnte nicht anders glauben, als daß ihr Gatte eine Reviſion ſämmtlicher Piſtolen und Büchſen nöthigbefunden habe. „Was haſt Du vor?“ fragte ſie ſchüchtern, aber mit lächelndem Erſtaunen ihre Augen nochmals rund⸗ um ſchickend. Der Oberförſter wurde erſt jetzt ihre Anweſenheit gewahr. Er richtete ſich ſchnell empor von dem Hunde, dem er geliebkoſet hatte, und ant⸗ wortete ſo kurz wie ſonſt, aber in einem ganz andern Tone:„Eine Reiſe!“ „Eine Reiſe,“ wiederholte ſie und trat muthig einen Schritt weiter vor.„Wozu aber dieſe Piſtolen— wozu die Büchſen— wozu, Georg?“ Eine Ahnung ſchien ſie zu erfaſſen. Hingeworfene Worte von Schwech⸗ ten ſtiegen mahnend in ihr auf.— Sie trat ganz nahe zu ihm heran und blickte in ſein Geſicht. „Wozu?“ wiederholte er kalt.—„Ich will pro⸗ biren, was am beſten trifft!“ Er nahm eine der Piſtolen vom Tiſche in die Höhe. Die Ahnung der Oberförſterin wuchs und nahm den Charakter der Gewißheit an. Die Furchtloſigkeit der Verzweiflung kam über ſie, als ſie, dicht vor ihm ſtehend, ſeine „ ————————— 124 Hand erfaßte, womit er, läſſig den Lauf der Piſtole beſichtigend, die Waffe emporhielt. „Georg, was Du auch vorhaſt, was Du auch thun willſt— ich mahne Dich an Deine Pflicht ge⸗ gen mich— Georg, bedenke bei allem, was Du be⸗ ſchließeſt, daß Du ein hilfloſes Weib zurückläſſeſt”“— „Pah— Du wirſt ohne mich leben und ſterben können,“ unterbrach Malchow ſie barſch. „Laß Dich nicht vom Wahne zu Schritten treiben, die Du nicht vor Deinem Gewiſſen verantworten kannſt. — Gehe zum Landrathe— ſprich mit ihm— verſtändige Dich mit ihm— er wird Dein Unglück nicht“— „Weib“— ſchrie der Oberförſter auf und richtete wüthend die Piſtole gegen ſie—„Weib, willſt Du mich tollmachen!“ Furchtlos blieb ſie ſtehen. Lächelnd ſah ſie ihm ins Auge und dann auf die dicht auf ihre Bruſt gerichtete Waffe. „Schieße zu! Georg, ſchieß⸗ zu!“ ſagte ſie ſanft. „Wenn Du meinem Leben ein Ende gemacht haſt, dann fällt mindeſtens die Verantwortung für mein Wohl von Deiner Seele. Du magſt dann Deinen Willen ausführen— ich bin des Elendes hier auf der Welt dann ſicher enthoben.“ Der Oberförſter ſah ſie ſtarr an.„Du hätteſt 125 wirklich Muth zu ſterben?“ fragte er mit zuſammen⸗ gebiſſenen Zähnen. „Ja! Ich habe Muth zu ſterben! Ich habe eher Muth zu ſterben, als ohne Dich zu leben, Georg. Sieh— ich habe immer Deinen Willen geehrt, ſeit⸗ dem ich es einſah, daß Du es im Grunde gut mit mir meinteſt. Ich habe mich in allen Stücken Deinen Befehlen gefügt— ich habe mich Deinen Anſichten gebeugt— ich habe Dich geachtet und geliebt— ich bin Dir noch immer ſo herzlich ergeben, daß ich Deinen Verluſt nicht ertragen mag.— Gib Deinen Vorſatz auf, Georg— oder wenn Du Gründe haſt, die Dich zu dieſem Entſchluſſe drängen— ſo habe den Muth erſt mich zu tödten— ein kleiner Druck, Georg!— Uebe lieber die Barmherzigkeit, als daß Du mich allein dem Elende preisgibſt.“ Der Oberförſter hatte ruhig dieſer Rede gelauſcht. „Sie hat Muth zu ſterben,“— murmelte er und warf die Piſtole, die er immerfort zwiſchen den Fingern gehalten, auf den Tiſch. Frau von Malchow fühlte die Hoffnung in ſich erwachen. Seine Milde, ſeine Ruhe— die Nachſicht, womit er ſie angehört hatte— ſie ſchmiegte ſich an ſeine Schulter— ſie ſtrich ihm liebevoll das Haar von der Stirn und blickte ihm ins Auge, das er ——————— 126 ſtarr, wie abweſend mit ſeinen Gedanken, auf die beiden Piſtolen geheftet hielt. Von der leiſen liebkoſenden Berührung aufgeſchreckt, ſah er ſich wild im Zimmer um:— pfliehen— o ja— brachte er abgeriſſen hervor—„fliehen, wohin aber? Und dann verfolgt — und dann ergriffen— und dann machtlos— der Willkür anderer verfallen— auf die Vergan⸗ genheit zurückblickend mit dem Grimm im Herzen!“ Er ſah ſeinem Weibe ernſt und voll ins Auge. Es war, als wenn ein Funken von Gefühl in ſeinen Blick treten, als wenn ein längſtverſchwundener Lie⸗ besſtern in dem wüſten Nachtgraus dieſes verwilderten Herzens aufgehen wolle. Eine Sekunde lang ſchien es, als würde Erbarmen die Eiskruſte ſeines Innern ſprengen, als würde der Aufblitz alter guter Empfin⸗ dungen den Nebel ſcheuchen, der ſein Herz längſt von der menſchlichen Güte entfremdet und den Ehebund zwiſchen ihm und ſeinem Weibe zu einem entſetzlichen Joche für dasſelbe gemacht hatte. Es ſchien, als würde etwas beſſeres in dieſer kalten und grauſamen Männerbruſt reif.— Es ſchien! Denn plötzlich brach alles wieder in Nacht und Fin⸗ ſterniß zuſammen, die menſchliche Wallung erſtickte im Keime, und er faßte ſein Weib hart an dem Arme und führte ſie gewaltſam zur Thüre, indem er ſagte: 127 „Du biſt mir im Wege.— Geh! Ich kann Dir nicht helfen! Es muß ſein! Es geht nicht anders! Fort mit Dir!“— Während ſie, in Thränen ausbrechend, auf der Schwelle ſich niederwarf und in flehentlichen Tönen zu ſeinem Herzen zu reden ſuchte, drückte er die Thür zu, ſchob den Riegel vor und rief mit einem ſchauderer⸗ regenden Akzente: „Sie hatte keine Furcht vor dem Tode!— Sie hatte Muth zu ſterben! Pfui— pfut über den elen⸗ den Schwächling, der noch länger zögert““ Darauf wurde es ſtill. Eine Minute— vielleicht auch zwei oder drei Minuten— das arme Weib wußte es nicht. Sie rang unter furchtbaren Qualen die Hände— dann kreachte ein Schuß— gleich darauf ein zweiter— Frau von Malchow ſtürzte aufſchreiend nieder— ihre Stirn ſchlug auf die Schwelle der Thür, die ſie von dem harten Gatten trennte. Das Haus kam in Allarm. Die Dienſtleute und die Jägerburſchen eilten herbei. Man fand die Ober⸗ förſterin bewußtlos— die Thür des Zimmers, worin die Schüſſe gefallen waren, verriegelt. Als man endlich, nach manchen fruchtloſen Ver⸗ ſuchen, einzudringen vermochte in dieſen unglückſeligen ————— Raum, da fand man den Lieblingshund Malchow's neben ſeinem Herrn— beide mit zerſchmettertem Kopfe. Ob Liebe zu dem Thiere ihn vermocht hatte es zu tödten, oder ob er die Sicherheit ſeiner Hand hatte prüfen wollen: das mu ß unerklärt bleiben. —4— Sechstes Kapitel. Die Nachricht vom Selbſtmorde des Oberförſters durchflog mit raſender Schnelligkeit die ganze Um⸗ gegend und drang auch in kürzeſter Friſt zum Schloſſe des Landrathes. Das Volk fand in dieſem Tode eine Satisfak⸗ tion für erlittene Unbill und meinte mit volksthüm⸗ licher Weisheit: ſo müßte es kommen! Die Furcht vor Verantwortung müſſe die Sünder aufrütteln und ſie zur Selbſtbeſtrafung bringen. Unterſuchungen hätten dem Staate nur Mühe gemacht und Geld gekoſtet— jetzt wäre der Sache mit einem Schlage abgeholfen. Anders fühlte der Landrath. Seine Beſtürzung glich dem Schmerze. Er war augenſcheinlich tief er⸗ griffen von dieſer Selbſtverurtheilung eines Mannes, 1857. 1V. Caritas. II. 9 130 den er aus ſeiner Sicherheit aufgeſchreckt und dem Geſetze blosgeſtellt hatte. Er ging gedankenvoll zu ſeiner Gattin, um ihr die Nachricht zu bringen. Sie wußte es ſchon. Ihr erſtes Gefühl war Schreck und Erſtaunen geweſen, was ſie eine kleine Weile mit einer Art Betäubung überſchüttet hatte. Dann aber durchrieſelte ſie eine ſtille Freude. War es nicht eine Beruhigung für ſie, die Augen ge⸗ ſchloſſen zu wiſſen, die in ihre Vergangenheit zu⸗ rückzublicken vermochten, und den Mund verſiegelt vom Tode, der davon zu plaudern ſich vorgeſetzt hatte? Die innerliche Bewegung des Landrathes brachte beſſere Gefühle in ihr hervor. Ihr Mitleiden mit der verlaſſenen Frau des Unglücklichen erwachte. Eugen beſah die ganze Unglücksgeſchichte mit kaltblütigern Augen. Er läugnete zwar keinesweges ab, daß die Maßregeln ſeines Schwagers dieſen Schritt herbeigeführt hatten, aber er ſuchte die Zer⸗ ſtörung ſeines Gemüthes mit Stoizismus zu heben. ſeiner That zu ſuchen,“ ſ rach er, die abgeriſſenen 3 5„ ſp 5„,. 9 Bemerkungen des Landrathes, worin er die Beſchaffen⸗ würde Dich dieſe Erfahrung verleiten, künftig gegen Deine Pflicht zu handeln? Die Obliegenheiten Deines „Es wäre thöricht, nach einem andern Motive heit ſeines Innern verrieth, beantwortend.„Allein — 131 Amtes werden Dir Geſetze vorſchreiben, die etwas mehr Härte des Gemüthes und Stahlkraft der Seele erfordern, als Du jetzt beweiſeſt.“ „Ich glaube Dir, Eugen,“ entgegnete Schollin trübe.„Es läßt ſich aber von dieſen Erforderniſſen zu einem ſolchen Amte beſſer ſchwatzen, als die bittern Folgen einer Pflichttreue tragen.“ „Würde es Dich ruhiger gelaſſen haben, wenn das Geſetz dem Mörder den Tod auf dem Schaffot zuerkannt hätte?“ „Gewiß,“ ſagte der Landrath lebhaft.„Es legt im Verhängniſſe des Sünders, eine weltliche Verur⸗ theilung über ſich hereinbrechen zu ſehen, wenn ſein Maß voll iſt. Er hat es ſich zuzuſchreiben, was der erzürnte Himmel endlich über ihn ausſchüttet. Meine Pflicht hörte mit den erſten gravirenden An⸗ zeigen ſeiner Schuld auf, und es wurde nun den Ermittlungen anderer Männer anheimgegeben das Chaos ſeiner Sünden zu lichten. Was alſo dann erfolgte, das ſtand außer dem Bereiche meiner Ver⸗ antwortung, während jetzt noch immer der Schein perſönlicher Anſichten und Vorurtheile an der Sache haftet. Wie nun, wenn Malchow unſchuldig wäre?“ „Das heiße ich eine unnütze Selbſtquälerei,“ rief Eugen.„Meinſt Du, der Oberförſter habe ſich 9* 132 in einer Eingebung verletzten Ehrgefühles den Tod gegeben?“ „Warum nicht?“ fragte der Landrath ſehr ernſt. „Wer in ſich ſelbſt fühlt, daß er eher den Tod als das Spottlächeln der Verachtung ertragen würde, der wird das gewiß glaublich finden.“ „Auf dieſe zartſinnige Auslegung, mein guter Richard, erinnere ich Dich nur an alle die Umſtände, welche zuſammentreffen, um ihn zu einem boshaften und nicht achtbaren Mann zu erklären. Er hat ge⸗ fühlt, mit ſeiner Macht war es aus. Er hat vor⸗ ausgeſehen, die Geſetze würden ihn ohne Gnade ver⸗ urtheilen. Daß er den Einwirkungen der geſetzlichen Kraft vorgegriffen, finde ich natürlich— aus Rück⸗ ſicht auf ſeine verletzte Ehre hat er es wahrhaftig nicht gethan.“ Der Landrath mußte die Wahrheit dieſer Worte anerkennen; ſie beruhigten ihn aber nicht ganz. Erſt dem Beſuche des Herrn von Schwechten, der beſtürzt und über alle Maßen gepeinigt von dem Gedanken: er trage die Schuld dieſes Selbſtmordes, bald darauf anlangte, erſt dieſem Beſuche gelang es, die Ge⸗ müthsruhe Schollin's wiederherzuſtellen. Er ſah ein, daß Schwechten's Schuld viel unmittelbarer war und weit mehr Stoff zu Seluſerondüfen in ſeinet 133 Handlungsweiſe lag, als in ſeiner pflichtgemäßen Verfolgung. Während er ſich in Schwechten's Begleitung aufmachte, um das Trauerhaus zu beſuchen, be⸗ ſchloß Franziska in Eugen's Geſellſchaft die friedliche Zuſammenkunft der Eltern mit ihrem Kinde zu ſtören, um Caritas von einem Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen, das einigermaßen auch ihren Mittheilungen zur Laſt fiel. Sie fanden die Marquiſe und Caritas in trau⸗ licher Gemeinſchaft im Balkonfenſter ſitzend, den Mar⸗ quis aber am Tiſche mit Tagesblättern beſchäftigt. Er gehörte zu den Männern, die nach einer in lebhaften Aufregungen vertändelten Jugend von innige⸗ ren Gefühlen gelangweilt werden. Wenn auch ſein ganzes Aeußere dem Bilde eines Mannes entſprach, der noch ſehr eitel auf ſein Aus⸗ ſehen und nicht gleichgiltig gegen die Wirkungen des erſten Eindruckes war, ſo fehlte ihm dennoch die Luſt ſpeziell die Gunſt des Publikums und beſonders des weiblichen zu erringen. Ihm war es langweilig zärtlich zu ſein, wenn ſich die Anforderungen weiter erſtreckten, als auf eine empfindſame Schmeichelei und einen zarten Handkuß. Er hatte ſeiner Vaterzärtlich⸗ keit in dieſer Art längſt vollſtändig genügt und war 134 ſeelenfroh, von dem eintretenden Eugen aus ſeiner Einſamkeit erlöſt zu werden. Franziska begab ſich zu der Gruppe der beiden Damen. Ein verlegenes Lächeln auf dem Geſichte des jungen Mädchens verkündete, daß es ihr noch im⸗ mer nicht gelungen war das fremdartige in ihrer neuen Situation zu überwinden. Die Marquiſe ſchien dieß nicht zu bemerken. Sie hatte unaufhörlich von den Herrlichkeiten geſpro⸗ chen, die in Paris ihrer Tochter warteten, und war in der ſeligen Über zeugung, das Herz derſelben gänz⸗ 4 lich gewonnen zu haben, ganz zufrieden und glücklich. Als die Landräthin hinzutrat, erzählte ſie eben lachend von der Garderobe, die ſie, für ein Kind eingericheet, mitgebracht habe, und fügte hinzu. „Wie konnte ich aber auch ein ſo vollſtändig erwachſenes Mädchen erwarten, da 2 Aiphons nur drei Jahre jünger und kaum halb ſo groß iſt, wie Ca⸗ ritas!“ .„Alphons? 2“ wiederholte Caritas mit dem Auf⸗ blitz einer hellen Freude—„Iſt das mein Bruder?“ Die Marquiſe bejahte und berichtete jetzt erſt, nachdem ſie von ihrem Glanze, von ihrem Reichthume, von dem neu erworbenen Titel und Beſitzthume, 135 wornach ſie ihrem Namen Deſalles den ihres Land⸗ ſitzes ‚Beauveau' vorgeſetzt, hinlänglich geſprochen hatte, daß ſie drei Söhne beſitze. „Warum haſt Du ſie nicht mitgebracht, Maman?“ fragte Caritas. Die Marquiſe hatte ſich gleich von vorn her⸗ ein den deutſchen Mutternamen verbeten und ihr befohlen ‚Maman“ zu ſagen. „O, mein Gott, das wäre eine Laſt geweſen!“ rief die Marquiſe ganz entrüſtet.„Dieſe deutſche Fa⸗ milienliebe, die ſich mit ihren Sprößlingen herum⸗ ſchleppt, habe ich Gott ſei Dank in Frankreich ver⸗ lernt. Meine Söhne haben ihren Erzieher, ſie leben in Beauveau, während wir Paris ſelten verlaſſen.“ „Und— werde ich auch in Beauvean bleiben?“ fragte Caritas naiv. „Bewahre, mein Kind! Du wirſt den Glanz unſerer Geſellſchaften erhöhen— Du wirſt der Schlüſ⸗ ſel zu tauſend Vergnügungen werden, denen die Frau bei vorrückender Lebensperiode entſagt, wenn ſie keine Tochter zu präſentiren hat.“ „Wird aber dadurch zwiſchen mir und meinen Brüdern nicht ein ſehr kaltes Verhältniß eintreten?“ „Was thut das? Ich hoffe, Du wirſt ſo klug 136 ſein, Dir aus den täppiſchen und vorlauten Buben nichts zu machen.“ „Lieben Sie Ihre Knaben nicht?“ fragte die Landräthin ſanft. „O, als ſie klein waren, habe ich ſie ſehr lieb⸗ gehabt,“ entgegnete die Marquiſe ſehr eifrig.„Es waren aber auch kleine Engel.— Alle blondgelockt.— Dieſe Seltenheit in Paris erhob ſie zu wahren Wunderkindern.“ „Und jetzt ſind ſie nicht mehr blondgelockt?“ fragte Caritas mit einem Anfluge von Spott. „Doch— doch! Aber ich mache mir nichts aus ihnen. Es iſt ein nothwendiges Uebel, daß Kinder heranwachſen— ich hätte ſie lieber klein behalten, da zierten ſie meinen Salon— jetzt ſind ſie davon ausgeſchloſſen.“ Franziska's Blick ſtreifte mit tiefer Zärtlichkeit das Geſicht der jungen Caritas. Alſo weil ſie eine Zierde ihres Salons abgeben kann, wird ſie glücklich ſein, dachte ſie. Sie benutzte die augenblickliche Pauſe, um Caritas von dem Tode des Oberförſters in Kenntniß zu ſetzen. Das junge Mädchen war wie vom Blitze ge⸗ 8 troffen. Auch ihr wurde das Herz ſchwer bei der Ahnung, daß die Enthüllung ſeiner Thaten ihn zue . dieſem Schritte getrieben haben möge. Ihre Stim⸗ mung, ohnehin gereizt und aus allen Fugen gebracht, veränderte ſich ſichtlich. Sie ſaß theilnahmlos neben der Mutter,— ihr Auge blieb geſenkt und ihre Lippen geſchloſſen. Das Lächeln erſtarb auf ihrem Geſichte, und eine trübſelige Reſignation lagerte ſich auf ihrem ganzen Weſen. Ob aber das alles Folge dieſer Nachricht war? Wir zweifeln. Sie hatte nur jetzt Veranlaſſung dem Trübſinne einen Namen zu geben, der ſeit dem Ein⸗ tritte ihrer wunderbaren Schickſalswandelung immer mehr Raum gewann und unbewußt ihre Seele über⸗ ſchleierte. Das Geſpräch wurde jetzt allgemein. Der Mar⸗ quis erwachte aus ſeiner Indolenz und entwickelte ſeine geſellſchaftlichen Talente zu ſeinem eigenen Amü⸗ ſement. Dabei ſtellte ſich eine ſichtliche Aufmerkſam⸗ keit auf die Erſcheinung der Landräthin heraus. Außer den kleinen, ihm zur Gewohnheit geworde⸗ nen Courtoiſien heftete er bisweilen den Blick fin⸗ nend auf ihr ſanftes und ausdrucksvolles Geſicht, als wolle er dem Schatten einer Erinnerung Leben da⸗ durch verleihen. Was die Landräthin dabei empfand? — Sie hatte die Einſamkeit der letzten Stunden dazu benutzt, um ihre Geiſteskraft zu ſtählen. Es war ihr nach der Erklärung: in Caritas eine Toch⸗ ter des frühern Kolonel Deſalles zu ſehen, nicht mehr auffallend, daß der Anblick derſelben ſie ſo tief verletzt und ſchaurige Erinnerungen in ihr aufge⸗ ſcheucht hatte, und ſie war bemüht geweſen ſich auf alle Fälle vorzubereiten, die den Namen ſeines Bru⸗ ders in ihre Geſpräche verflechten konnten. Daran ge⸗ wöhnt ſich beherrſchen zu müſſen, ertrug ſie daher den forſchenden Blick des Marquis weit gefaßter, als ſich bei den bewandten Umſtänden erwarten ließ. Sie wußte, daß er ſie kaum geſehen, kaum einmal mit ihr geſprochen, kaum ihren Namen ohne die franzöſiſche Entſtellung gehört hatte— dieſe Ge⸗ wißheit hob ihren Muth, der beim erſten Anblicke des bekannten Geſichtes— er ſah ſeinem Bruder etwas ähnlich— tief geſunken war. Nur einige Tage feſten Willen und ſie fühlte ſich gerettet, nachdem Malchvw ſeine Drohung mit ins Grab genommen. Aber ihr Muth ſollte verſucht werden. Die bö⸗ ſen Geiſter der Vergeltung waren einmal erwacht und ſuchten ihres Opfers habhaft zu werden. Der Marquis hörte die Nachricht von dem Selbſtmorde des Oberförſters gleichgiltig an. Sein Gedächtniß führte erſt nach manchen andern Plaude⸗ reien, die beſonders den eigenthümlichen Abſtand ſeines erſten Aufenthaltes in den deutſchen Landen gegen dieſen zweiten betrafen, den Namen„Mal⸗ chow' wieder vor ſeine Seele. 1 „Julie, haben wir nicht einen Malchow gekannt in M.? Mir iſt es, als ſtiege das Bild eines mauvais sujet vor mir auf bei dieſem Namen.“ Die Marquiſe ſann nach. Franziska ſaß auf Kohlen. Röthe und Bläſſe wechſelten ſchnell auf ihrem Geſichte. Es wurde ihr gewiß, daß Malchow wirklich von ihren frühern Schickſalen unterrichtet geweſen ſein konnte, als die Marquiſe nach langem Nachdenken lebhaft ausrief: „Anh gewiß, Armand!— Der Vetter des Poltzeikommiſſarius hieß Malchow“— „Wenn es der iſt,“ fiel der Marquis lachend ein,„ſo wird es Schade ſein, daß er ſich nicht frü⸗ her eine Kugel durchs Gehirn gejagt hat.“ „Was war es doch mit ihm damals?“ fragte die Marquiſe. „O vielerlei! vielerlei! Er diente uns als Spion!— Laſſen wir das ruhen!“ fügte er dann verlegen hinzu.„Aber es iſt kaum denkbar, daß 140 dieſer Malchow jemals eine Anſtellung in ſeinem Vaterlande erhalten haben kann.“ „Ah— er wußte im Trüben zu fiſchen! Erin⸗ nerſt Du Dich der Traurede, die er dem Sekretär ſeines Vetters eingeübt hatte?“ Frau von Schollin zuckte zuſammen. Mein Gott, bricht denn alles über meinem Haupte zuſammen— dachte ſie, und dennoch zeigte ihr Geſicht ein ruhi⸗ ges Lächeln. „Eine traurige Erinnerung!“— murmelte der Marquis.„Es iſt ein Schandfleck, den ich gern mit einigen Jahren meines Lebens von den Manen mei⸗ nes Bruders abwaſchen möchte.“ Eugen hörte alles achtlos mit an. Es ſollte aber eine Stunde kommen, wo dieſe Worte mit Don⸗ nerſchall in ſeine Bruſt eindringen würden. Das Geſpräch wendete ſich. Eugen trat dem Ti che näher, wo Caritas in tiefen Gedanken die Blätter eines Albums betrachtete ohne etwas zu ſehen. „Sie ſcheinen eher traurig als fröhlich durch das Wiederfinden Ihrer Eltern geſtimmt,“ ſagte er mit vorwurfsvollem Tone, indem er ſich ihr gegen⸗ überſetzte und damit ſich und ſie von der übrigen Geſellſchaft etwas iſolirte. Caritas ſchreckte auf: „Traurig— o nein. Aber ich kann mich mit dem Gedanken noch nicht vertrautmachen, fremde Menſchen als meine Eltern zu betrachten.“ Der Legationsrath firirte ſie ernſt. „Fühlt ſich Ihr Herz denn gar nicht bewegt von dem Glücke einen Vater und eine Mutter und damit eine Freiſtatt im Leben gefunden zu haben?“ Caritas ſenkte verlegen die Stirn. Lügen wollte ſie nicht, und ihr Herz fühlte ſich eher zurückgeſchreckt als bewegt. „O, doch,“ ſtammelte ſie.„Ich habe nur die Eigenthümlichkeit, die Vorfreude“— ſie ſtockte.„Die Trennung von meinem Vaterland mag mich auch verſtimmen,“ ſetzte ſie dann ſchnellgefaßt hinzu. „Sollten Sie ein kaltes Herz haben, Caritas?“ fragte der Legationsrath leiſe. Das junge Mädchen antwortete nicht und ſah nicht auf. 5 „Oder ſollte ſich Ihr Herz hier ſo gefeſſelt füh⸗ len, daß“— Er ſprach nicht aus, denn Caritas hob verwun⸗ dert den Kopf in die Höhe, wiederholte lächelnd und ſehr ſchnell:„— Mein Herz gefeſſelt“— und ließ die Augen, nachdem ſie nur eine Sekunde mit Eugen's Augen zuſammengetroffen waren, ſo voller Verwirrung 8* ₰ 8 9. 4 1— ——— 142 wieder ſinken, daß der erfahrene Weiberkenner ſah: ſie war zur Erkenntniß gekommen. Und er ſtand auf und verließ ſie, Arme Caritas! Im dumpfen Bewußtſein ihrer Gefühle hatte nur ein Alpdruck auf ihrem Herzen gelegen. Jetzt brannte ein heißer Schmerz darin, ein Schmerz, der ſie auftrieb aus ihrem Grübeln, ein Schmerz, der ſie verlangend nach einem theilnehmen⸗ den Buſen machte. Unwillkürlich, von einem Inſtinkte geleitet, ſchwankte ſie zu dem Sitze Franziska's, warf ſich im Taumel ihrer Empfindungen neben ihr nie⸗ der und verbarg ihr Geſicht in deren Schooß. „Gott, mein Gott, wie kindiſch!“ ſagte die Marquiſe lachend. Franziska aber neigte ihre Lippen auf des Mäd⸗ chens Scheitel und flüſterte ihr Liebesworte zu. Der Legationsrath, der alleinige Urheben dieſer ganzen Szene, ſetzte ſich ſo ruhig, als habe ſich nichts begeben, was ihn beträfe, an die Seite des Marquis und ſuchte mit diplomatiſcher Feinheit die Grundlage ſeines Charakters zu entziffen. 1 Giebentes Kapitel. Die Zeit verflog. Zwei Tage hatten hingereicht, um das Verhältniß zwiſchen Caritas und ihren Eltern etwas traulicher zu machen, obwohl demſelben der eigentliche Kern des Vertrauens mangelte. So offen das junge Mädchen ihr Inneres den Blicken Fran⸗ ziska's erſchloſſen, ſo ſorgſam verhüllte ſie die liebens⸗ würdigen Regungen ihres jungen Gemüthes dem lei⸗ ſen Sarkasmus des Marquis und dem lachenden Tadel der Marquiſe. Es war ein anderes Geſchöpf, das neben dieſen Leuten ſaß und mit ihnen ſprach, als das harmloſe, welches noch vor wenigen Wochen Wald und Hain im fröhlichen Muthe durchkreuzt hatte. Sonſt plauderſüchtig und zur lärmenden Heiterkeit geneigt, gab ſie faſt immer im Beiſein der Eltern unr eine ſtille, faſt ſchweigſame Zuhörerin ab, die unbewegt von den Schilderungen der glänzenden Zu⸗ kunft, mit Schrecken an die Trennung von ihrer Heimat dachte. Einigemale verſuchte ſie ihren Anſichten Worte zu geben. Sie nannte das Leben, welches die höchſte Befriedigung für ihre Mutter in ſich ſchloß, mit leich⸗ tem Lächeln Scheinbilder des Glückes. Der Marquis ſtrich bedeutſam ſeinen zierlich ge⸗ wichsten Bart bei dieſem Ausſpruche und meinte: ihre Mutter habe mit dieſer deutſchen Anſicht auch Paris zum erſtenmale betreten. „Und wie nun, ma chore Julie?“ fragte er ſar⸗ kaſtiſch lächelnd.— Während dieſer Zeit hatte man auch die Leiche des Oberförſters ohne Sang und Klang zur Erde beſtattet, und es war den vereinten Bemühungen Schwechten's und Schollin's gelungen, die Witwe desſelben aus dem Hauſe zu entfernen. Schwechten hatte an ſeine Schweſter geſchrieben und ſie um Aufnahme ihrer Jugendgefährtin gebeten. Er erwartete täglich eine Antwort. Bis dahin lebte Frau von Malchow bei dem Pfarrer in Schwechten, der ſie mit der Baronin Plathen zuſammen erzogen hatte. Das Herz einer Frau iſt unergründlich, das ſah 145 man an der Frau von Malchow. Wie oft war dieß Herz heillos verletzt, wie oft hatte es gezuckt und ge⸗ blutet unter der rauhen Hand ihres Gatten, und doch trauerte ſie ſo wahrhaft, doch ſehnte ſie ſich zurück zu den Tagen, wo ſie angſtvoll der Wiederkehr des harten Menſchen gelauſcht, um nach ſeinen Launen ihr Lä⸗ cheln und ihr Handeln einrichten zu können. Sie machte ſich Vorwürfe ihn nicht vor dem Selbſtmorde behütet zu haben. Schwechten wählte die ſtille und friedliche Feier des Abends am zweiten Tage, um ihr endlich deirch einen Einblick in die fürchterliche Lebensbahn des Todten Ruhe zu geben. Mit der Hand der ſchonen⸗ den Freundſchaft zog er den Schleier von ihren Au⸗ gen und entrollte dann das Bild der Wahrheit. Sie erfuhr alles, was des Volkes Stimme längſt auf den Oberförſter gehäuft, ſie erfuhr aber auch, was geſetzliche Nachforſchungen bereits ans Ta⸗ geslicht gebracht hatten. Ihr Abſcheu erwachte. Das Heilmittel war bitter, aber es half. Aus dem dunkeln Schooße der Vergangenheit ſtieg manches auf, was die Wahrheit dieſer Beſchuldigungen nicht allein glaubhaft machte, ſondern ſogar bekräftigte. Ihr Schmerz brach ſich an der Überzeugung der Unwürdigkeit des Gegenſtan⸗ 0 1857. IV. Caritas. II. 1 146 des. Es wurde ſtill in ihr und ſie kam dahin Gott zu danken, daß ſie von ihm erlöſt ſei durch eigene Hand, weil ſonſt des Henkers Hand hätte eingreifen müſſen. Der Schatten dieſes böſen Mannes verdunkelte zwar noch längere Zeit die Heiterkeit mancher Men⸗ ſchen, aber er war noch zur rechten Zeit vom Schau⸗ platze der Welt abgetreten, um ſtillen Bildern von Glück Raum zu machen. Wir verlaſſen die geprüfte Frau mit dieſer Ge⸗ wißheit, um zu den Zurüſtungen zurückzukehren, die eine bevorſtehende Abreiſe von ſo lururiös gewöhnten Leuten mit ſich bringen muß. Caritas befand ſich im Zimmer der Marquiſe, als die Kammerfrau frivol lachend mit dem Bündel⸗ chen Kinderwäſche eintrat um zu fragen, was ſie da⸗ mit beginnen ſolle. Sie kam zu einem Zeitpunkte, wo Mutter und Tochter zum erſtenmale verſchiedener Meinung geweſen waren, deren Verfechtung von bei⸗ den Seiten einige Aufregung zur Folge hatte. Caritas hatte ihren Vorſatz ausgeſprochen, von ihrer Pflegemutter nochmals Abſchied nehmen zu wollen, und wollte dazu durchaus der Equipage ihrer Eltern ſich nicht bedienen. 1 Die Marquiſe fühlte ſich entrüſtet bei dem Ge⸗ danken, daß die Tochter eines Marquis de Beauveau⸗ Deſalles zu Fuße durch einen ſchmutzigen Wald gehen wolle. Sie fand überhaupt den Beſuch bei der Frau Weber überflüſſig und die Güte derſelben, wie ſie ſich ausdrückte, ‚genereuſe’ belohnt. Caritas war aber nicht Willens ſich, ſo lange ſie ſich noch unter ihren alten Umgebungen befand, den Vorſchriften der ſogenannten feinen Lebensart zu unterwerfen. Sie erklärte ihren Willen, und die Marquiſe fügte ſich unter der Bedingung, daß es ihr in ſpä⸗ terer Zeit nie einfallen ſolle, die ariſtokratiſchen feinen Formen und Sitten zu übertreten. Caritas wiegte ſpöttiſch den Kopf. Die Vorleſungen, welche Maman ihr ſchon ſeit den paar Tagen gehalten hatte über die Kunſt des Umganges und die Geheimniſſe des feinen Lebens, waren ihr eine Richtſchnur geweſen von dem, was man an ihr auszuſetzen fand. Es war aber kaum anzunehmen, daß ein Sinn, wie der von Caritas, ſich beugen laſſen werde durch dergleichen Vorleſungen und Bedingungen. Die Kammerfrau wagte den Disput ihrer Dame nicht mit Fragen zu unterbrechen, deßhalb warf ſie das Päckchen in eine Ecke und ging leiſe wieder hinaus. 10* 148 Als der Kampf beendet und Caritas als Sie⸗ gerin hervorgegangen war, bemerkte ſie das Bündel, nahm es auf und fing an es mit Freudejauchzen auf einem Tiſche auszubreiten. „Was haſt Du, mein Kind?“ fragte die Mar⸗ quiſe theilnehmend. Lange zürnen konnte dieſe Frau nie, alſo hatte ſie ihre Niederlage ſchon vergeben und vergeſſen. „O, ſieh doch, Maman— mein und meines Schweſterchens erſtes Kinderzeug!“ rief Caritas.„Das nehme ich zum Andenken an die ſchöne Zeit mit, wo ich immer träumte: meine Mutter würde in einem goldenen Wagen, mit Schwänen beſpannt, aus der Luft herabkommen und mich in ihr Feenreich abholen!“ Es war der erſte Ausbruch jugendlichen Muth⸗ willens, dem ſich Caritas in Gegenwart der Mar⸗ quiſe überließ, und er wurde gänzlich von ihr miß⸗ verſtanden. Sie hielt Caritas für wahnwitzig, und ſah ſie ſtarr und erſchrocken an. Sie war ſo ſehr Franzöſin geworden, daß ſie die Leidenſchaft der Deutſchen für ihre Märchen ganz und gar vergeſſen hatte— außerdem ſprach ihre Tochter von einem Schweſterchen— es konnte un⸗ möglich richtig mit ihr ſein! 149 Einige Fragen genügten jedoch das Sachver⸗ hältniß aufzuklären und Caritas zu überzeugen, daß ſte nie das Glück gehabt habe eine Zwillingsſchwe⸗ ſter, wie Frau Weber irrigerweiſe angenommen hatte, zu beſitzen. Jetzt aber begann in der Marquiſe die Erinne⸗ rung an ihre damalige Handlung zu tagen und bald war es vollſtändig licht in ihr. Sie erzählte flüchtig die Geſchichte und wunderte ſich nur, daß ſie ſolle vergeſſen haben, dieſen Um⸗ ſtand der Witwe Weber bemerklich zu machen. Unter ihren Erzählungen hatte Caritas jedes Stück entfaltet und im letzten Mützchen das ſchon erwähnte Läppchen Seidenzeug aufgefunden. „Ach, wie oft habe ich dieſe Worte geküßt“— ſagte ſie verſchämt auf die kunſtvolle Stickerei deutend. „Warum denn das, Du erxaltirtes Kind“— rief die Marquiſe lachend und ſchob mit einem ekeln Blick das Läppchen, welches allerdings etwas unſau⸗ ber geworden war, zurück. Der Eintritt des Marquis erſparte dem jungen ſehr beleidigten Mädchen die Antwort. Es verdroß ſie ſich in ihren heiligſten Erinnerungen verlacht zu ſehen. Sie begann die kleinen Utenſilien wieder zuſam⸗ 150 menzulegen.— Ihre Gedanken blieben an der letzten Erklärung der Mutter haften, daß die kleine Verſtorbene nicht ihre Schweſter geweſen ſei, und ſie dachte darüber nach, wem ſie wohl angehört haben möchte. Mitten in ihrer Arbeit, die ſie ſchmollend ver⸗ richtete, wurde ſie von Franziska geſtört. Sie ließ die Sachen liegen und wendete ihre Aufmerkſamkeit dieſer zu. Der Marquis, neugierig aus Langeweile, trat an den Platz, den Caritas verlaſſen hatte und nahm das geſtickte Läppchen auf, um es näher zu be⸗ trachten. 1 „Caritas divina te custodiat“— las er mit ruhiger lauter Stimme—„was ſoll denn das be⸗ deuten, Kleine?“ Eine Leichenbläſſe überzog Franziska's Geſicht — ihre Lippen öffneten ſich zu einem Schrei— ſie wankte— dann aber ſtützte ſie ſich kraftvoll gegen den Mauervorſprung und ſah ohne Zucken dem Mar⸗ quis ins Auge, das er fragend und ſcharf beobach⸗ tend auf ſie heftete. „Wem gehört das?“ fragte er nochmals nach⸗ läſſiger, als er nichts weiter wahrnahm am Beneh⸗ men der Landräthin, das ihn befremden konnte. —:— ——— 151 „Es gehört mir,“ entgegnete Caritas kurz. „Maman hat es mir als kleines Kind um den Hals gehängt, und jetzt lacht ſie darüber.“ „Dir um den Hals gehängt?“— fragte die Marquiſe—„das iſt ein Irrthum. Ich kenne dieß Läppchen nicht und weiß auch nicht, was es bedeu⸗ ten ſoll.“. Franziska ſtreckte mechaniſch die Hand danach aus. Der Marquis reichte es ihr. Sechszehn Jahre waren verfloſſen, als ſie unter Thränen des tiefver⸗ letzten Stolzes, unter Thränen der Reue und auch wohl des Schmerzes dieſe Worte geſtickt hatte. Ihr eigenes weiches Haar hatte ſie, mit dieſen Thränen bethaut, dazu verwendet, um ihrem Schmerzenskinde ein Andenken an die furchtbarſte Zeit ihres Lebens, aber auch ein Wahrzeichen zu hinterlaſſen. Wo war dieß Kind? War es dieß blühende ſchöne Mädchen, das neben ihr ſtand, welches ſie mit Zärtlichkeit zu lieben begonnen hatte? Unterdeß ſie in Betrachtungen verſunken ſchein⸗ har kalt und gefühllos daſaß, begann die Marquiſe etwas lebhafter angeregt, als vorhin, ihre Berichter⸗ ſtattung über den Vorfall des Abends, wo ſie ihr Kind zu retten ausging. Franziska hörte mit ganzer Seele zu. Ihre Augen ruhten dabei feſt auf den 8½ 152 kleinen winzigen Kleidungsſtücken, die ſie nach und nach in die Hand nahm, die ſie, mit treuem Ge⸗ dächtniſſe das erkennend, was ſie für ihre Kleine ſelbſt genäht hatte, von einander ſonderte, bis ſie ihres Kindes Eigenthum in den Händen hielt und des andern Kindes Bekleidung auf dem Tiſche zu⸗ rückblieb. Die Marquiſe, im Eifer ihrer Rückerinne⸗ rungen, ſah nichts von dieſem verrätheriſchen Gedan⸗ kenſpiele— der Marquis bemerkte alles. Sein Geſicht wurde ernſter unter der Erzählung ſeiner Gattin— ſeine Bewegung ſichtlicher bei der Schil⸗ derung, daß ſie dem vergeſſenen Säuglinge das Leben gerettet habe. Franziska rührte kein Augenlid. Ihre Finger faßten nur feſter um die Sachen, die ſie hielt— es war, als umarme ſie ſcheidend die Hülle ihres Kindes. Als die Marquiſe zu Ende war, wendete ſich der Marquis mit der Frage an Caritas: wann dieß fremde Kind geſtorben ſei? „So viel ich weiß, nach den erſten vier Wo⸗ chen,“ berichtete ſie. Der Marquis richtete einen nachdenklichen Blick auf die Marquiſe. Dieſe verſtand ihn. „Ich will nicht hoffen, daß Du glaubſt, es 153 könne hier ein Irrthum vorwalten,“ ſprach ſie heftig zu ihm, aber ſie bediente ſich der franzöſiſchen Sprache, um nicht von Caritas verſtanden zu werden. „Es wäre doch auf alle Fälle einer Nachfor⸗ ſchung werth,“ antwortete er auch in ſeiner Landes⸗ ſprache. Franziska ſprach kein Wort. Sie verſtand aber noch genug franzöſiſch, obwohl ſie es aus Grundſatz nie wieder über ihre Lippen gehen ließ, um alles zu verſtehen, was ſchneidend hell in ihrem Innern wie⸗ derklang. „Sie ſieht Dir zu ähnlich, um einen Zweifel zu haben“— rief die Marquiſe bewegt. „Gottes Fügung kann hier walten,“ erwiederte der Marquis mit ſeltſamer Betonung, indem er ſich ganz von Franziska abwendete, um gleichgiltig nach einem Buche zu greifen.„Sie ſieht auch meinem Bruder ähnlich!“ Er hörte ein Geräuſch. Franziska war aufge⸗ ſtanden und hatte jähe das Zimmer verlaſſen. Raſch folgte er ihr nach. Im Vorſaale war ſie machtlos, überwältigt von den widerſtreitenden Empfindungen ihrer Bruſt, in einen Seſſel geſunken. Der Marquis beugte ſich zu ihr nieder. 154 „Ruhig, theuere unglückliche Frau— ruhig!“ flüſterte er.„Bewahren Sie Ihre Geiſteskraft— Ihr Geheimniß wird ſonſt gefährdet.— Beherrſchen Sie ſich!— Mag es ſein Kind— mag es mein Kind ſein— ich werde das Mädchen halten und achten und ehren, wie meine Tochter. Gott leitete die Hand meiner Julie— Gott leitete auch unſere Schritte.— Ruhig— Ihr Geheimniß ruht in mei⸗ ner treuen Bruderbruſt!“ Er eilte zurück, um jeden Verdacht in der Seele der Marquiſe im Keime zu erſticken. Mit weit geöffneten Augen ſtarrte Franziska ihm nach.——— Achtes Kapitel. Die Sonne ſank. Der Thau fiel ſtark nieder und näßte die raſigen Pfade des Waldes. Auf den⸗ ſelben eilte eine Frauengeſtalt raſtlos vorwärts, die einbrechende Dunkelheit nicht beachtend, das Schwir⸗ ren der einzeln umherſtreifenden Nachtvögel nicht ge⸗ wahrend. Vorwärts ſtrebte ihr flüchtiger Fuß, als gälte es das Heil ihres Lebens, und doch wurde ihr Glück durch dieſen Weg gerade gefährdet. Unheimlich klang von ihren Lippen ein leiſes Flüſtern:„Ich muß es wiſſen— ich muß es wiſſen! — Morgen wäre es zu ſpät!— Dann iſt alles gut! O mein Gatte— o mein Bruder!“ In der Hand trug die dichtverhüllte Geſtalt ein kleines Päckchen vergilbter. Wäſche. Von Zeit zu Zeit hob ſie dieß, ohne die Eile ihrer Schritte 156 zu hemmen, gegen ihre Augen auf, und legte es dann an ihre Lippen. Wie eine Flut den feſteſten Damm durchbricht, wenn ſie in aufgeregten Wogen daherrauſcht, ſo war die eiſenfeſte Mauer, womit Franziska ihr Daſein umgeben hatte, jetzt gewichen. Das Schweigen des Geheimniſſes wankte unter ihren Entſchlüſſen, die noch in raumhafter Angſt vor ihrer Seele ſtanden, und ſie folgte willenlos und unaufhaltſam dem Fa⸗ den ihres Verhängniſſes, der ſie zur Enthüllung ihrer Jugendverirrung hinzog. Sie erreichte das Forſtſchreiberhaus. Auf der Schwelle ſetzte ſie ſich nieder, um das konvulſiviſche Athmen ihrer Bruſt ſtillwerden zu laſſen. Dann faßte ſie den Griff der Thüre und betrat feſt und geſammelt das Haus, welches ein Kleinod beherbergt hatte, deſſen Beſitz nun ausreichen mußte alle an⸗ deren Wünſche zu ertödten. Frau Lindſtedt trat ihr aus dem Stübchen der Witwe Weber entgegen. Die ſchnell herabfallende Dämmerung hinderte ſie in der weiblichen Geſtalt ſogleich die Frau von Schollin zu erkennen, daher kam es, daß ſie ſich dem beſtimmt ausgeſprochenen Verlangen der Dame, zu Frau Weber geführt zu ——— 157 werden, artig entgegenſetzte und ſie bat, in ihr Zim⸗ mer zu treten. Franziska bewegte heftig den Kopf.„Ich muß Frau Weber ſprechen— ich muß.— Seien Sie barmherzig— führen Sie mich zu ihr!“ flüſterte ſie. Die Forſtſchreiberin erkannte nun ihren Beſuch. Sie erklärte der Landräthin den Zuſtand der Kran⸗ ken ſo hoffnungslos, daß ſie Anſtand nähme dieſem Verlangen zu entſprechen. „Sie liegt in ſtillem Schlummer ohne Intereſſe an irgendetwas, nimmt nur wenig Nahrung, und ich hoffe, ſie wird in dieſem Schlummer ſanft und ſchmerzlos hinübergehen,“ ſetzte ſie ergeben hinzu. „Mein Gott, ſie wird doch nicht ſchon todt ſein!“ rief Frau von Schollin erſchreckt.„Sie muß mir Auskunft geben— und ſollt' ich ſie vom Tode ſelbſt erwecken— laſſen Sie mich zu ihr!“ Frau Lindſtedt zögerte nun nicht länger das Krankenzimmer zu öffnen. Die Wahrheit des Ausdruckes in der ſichtlichen Aufregung der Dame bezwang ihre Skrupel und machte ſie geneigt, die Ruhe einer Sterbenden der Beruhigung einer Lebenden zu opfern. Begierig die Art des Anliegens zu erfahren, das 158 dieſe Dame noch ſpät, im beginnenden Dunkel der Nacht, zu ihrem einſamen Hauſe geführt hatte, leitete ſie dieſelbe an das Bett der Kranken und zündete ſchnell ein Licht an. Frau Weber lag ruhig, das bleiche Geſicht von heiligem Frieden überſtrömt, in ihren Kiſſen. Franziska neigte ſich über ſie. Der leiſe Athem der Kranken beſchwichtigte ihre Beſorgniß ſie todt zu finden, ſonſt ſprach nichts mehr von Leben aus dieſer ſtillen Geſtalt. „O, Gottes Segen über Dich, Du gute Frau — Gottes Segen über Dich, daß Du dieß Kind behütet haſt—“ flüſterte Franziska mit weicher, liebe⸗ voller Stimme. Frau Weber ſchlug, elektriſch getroffen von die⸗ ſem tiefen innigen Tone, ihre Augen auf und ſah feſt und ſicher in Franziska's Blick hinein. „Mein Gottp, ſie iſt bei Beſinnung—“ flüſterte die Forſtſchreiberin erfreut. „Wer iſt das, Minette?“ fragte die Kranke klar und bewußtvoll. A „Unſere neue Landräthen die Frau von Schollin,“ entgegnete Frau Lindſtedt. Frau Weber lächelte und hob ihre Hand, um ſie der Dame zu reichen. Franziska ergriff ſie und hielt ſie in ihrer war⸗ 159 men Rechten, waͤhrend ſie mit der Linken ihr Bün⸗ delchen emporhob und ſanft verſuchend fragte: ob ſie wiſſe, was das ſei? Die Kranke ſah aufmerkſam hin.„Caritas' Kinderzeug—“ ſprach ſie ruhig. Frau Lindſtedt begann etwas abſonderliches zu ahnen— erſtaunt hob ſie Hände und Augen zu Gott auf, der vielleicht jetzt ſo gnädig war, das Be⸗ wußtſein einer Sterbenden wiederkehren zu laſſen, um ein Räthſel zu löſen. „Würden Sie ſich wohl noch erinnern können,“ forſchte eben ſo ſanften Tones die Dame, obwohl ihr Herz ſtürmiſch und ungeſtüm pochte,„welches von den kleinen Mädchen das Bändchen mit dem ſorgfältig eingenähten Segensſpruche, ‚caritas divina te custodiate, um den Hals trug?“ „Wie ſollt' ich das nicht wiſſen, gnädige Frau,“ entgegnete Frau Weber eben ſo ruhig wie vorhin. „Erſt als das andere Kind geſtorben und begraben war, fiel es meinem Bruder ein, das Lederbeutelchen zu öffnen, das Caritas um den Hals trug— Cari⸗ tas nannten wir ſie, weil wir zuerſt annahmen: es ſei der Name des Kindes— alſo iſt es doch gewiß genug, daß Caritas das Bändchen trug.“ Franziska athmete heftig— ſie kämpfte aber ihre Bewegung glücklich nieder. „Und dieß Jäckchen— 2“ fragte ſie, das Zeug aufwickelnd.„Hatte das verſtorbene Kind dieß Jäck⸗ chen an— prüfen Sie es wohl— es kommt viel darauf an.“ Frau Weber lächelte wieder ſchwach.„Dieß Jäckchen hatte Caritas an— dieß Miützchen hatte Caritas auf— dieß iſt ihr Tuch— dieß ihr Hemd⸗ chen— dieß ihr Wickelband.— Wo habt Ihr das andere Zeug?— Das verſtorbene Kind war reicher gekleidet— mich wunderte das immer, aber ich dachte: es könne durch Zufall das Eine ſchon im Nachtha⸗ bite geweſen ſein— theuere Spitzen waren am Mützchen— und das Tuch vom feinſten Leinen.“ Sie ſchwieg erſchöpft. „Iſt Caritas abgereiſt?“ begann ſie wieder.„Ich möchte ſie noch einmal ſehen!“ „Sie wird nicht abreiſen—“ ſprach Franziska entſchloſen—„denn wenn ſie das Kind iſt, das in dieſem Zeuge gekleidet war und das den Segens⸗ ſpruch um den Hals trug, ſo iſt ſie das Kind der fremden Dame nicht. Das Kind der Marquiſe iſt dann geſtorben—“ Uberraſcht hob Frau Weber den Kopf und ſah 1641 Frau von Schollin unverwandt an. Die Forſtſchreiberin ſtieß einen Laut der Verwunderung aus. „Und wie kam ſie zu dem zweiten Kinde— 2“ ſprach die Kranke belebt.„Sie hat mir beide über⸗ geben. Gehörten ſie ihr nicht beide?“ „Die Dame rettete beide Kinder vor der Wuth des Pöbels. Sie wollte nur ihr eigenes holen— fand aber noch ein eben ſo verlaſſenes Weſen und nahm es mit. Sonderbare Umſtände haben es bis jetzt nicht zur Sprache kommen laſſen, daß eines der kleinen Mädchen geſtorben war.— Als dieſe Dame aber vor einer Stunde dieß Stückchen Seidenzeug nicht als das Eigenthum ihrer Tochter anerkannte, und es dadurch zweifelhaft wurde, ob auch Caritas wirklich ihr Kind war, da beſchloß ich, eine Aufklä⸗ rung bei Ihnen darüber zu ſuchen, weil in dieſem Falle das junge Mädchen nicht mit nach Frankreich gehen ſoll.“ „Gott ſei Dank!“ rief die Witwe Weber mit emporgehobenen Händen. Die Forſtſchreiberin erwartete ängſtlich einen Ausbruch ihrer Wahnideen— er blieb aus. Es iſt eine Erfahrung, daß dieſelben bei der Annäherung des Todes ſchwinden. So war es hier. „Ich habe ſeit dem elenden Tode meines guten 1857. IV. Caritas. II. 11 Mannes, den die Franzoſen mit blanken Säbeln zur Schanzarbeit zwangen, obgleich er Fieber hatte, einen tiefen unauslöſchlichen Haß gegen alles, was aus Frankreich ſtammt,“ ſetzte die Kranke flüſternd hinzu — Ihr Auge ſchloß ſich zum Schlummer.— Franziska preßte in der tiefen, aber feſt bezwun⸗ genen Erſchütterung ihres Weſens ihre Lippen auf die Stirn derſelben, flüſterte noch einige Worte, die von der Forſtſchreiberin nicht verſtanden wurden, aber auf das tlitz bleiche Anein ſeliges Lächeln hervorrie⸗ fen und entfernte ſich mit einer unumſtößlichen Ueber⸗ zeugung. Von der Forſtſchreiberin begleitet, ſchlug ſie den Rückweg ein. Um nun ihr Schickſal zu vollenden, mußte ſie ihren Gatten zum Mitwiſſer dieſes Geheimniſſes ma⸗ chen. Darüber ſtand ihr Entſchluß feſt. Ihre edlere Natur hatte ſich durch die Nacht der Lüge und des Betruges Bahn gebrochen, und ſie war bereit, die Folgen ihrer Verſtellung zu tragen. Was ihr Gatte bei dieſen Eröffnungen empfin⸗ den würde, welche Schmerzen, welche Pein ſie ihm zu bereiten ging, das wußte ſie genau. Sie hätte ihr Herzblut hingeben mögen, um ihm dieſe entſetz⸗ lichen Augenblicke zu erſparen, wo er zu der Einſicht 163 kommen mußte, eine edle und treue Männerliebe an ein unwürdiges Weib verſchwendet zu haben!— Aber ſie konnte nicht anders. Von dem Momente an, wo ſie in den Worten des Marquis einen Vertrau⸗ ten erkennen mußte, da war ihr Entſchluß gefaßt, jeder unwürdigen Deutung ihres Betragens durch ein allesumfaſſendes Geſtändniß gegen den Mann, der ihr Vertrauen zu fordern berechtigt war, zu be⸗ gegnen. Es gab keinen andern Weg zum Heile und Frieden, wenn ſie auch damit die Pforte ihres Glük⸗ kes auf ewig verſchloß. 1t* Neuntes Kapitel. Die Geſchäftszimmer des Landrathes waren ge⸗ ſchloſſen— die Ruhe des Feierabends lag auf den untern Räumen des Schloſſes. Nur in dem Kabinete neben dem Arbeitsbureau desſelben brannte noch eine Lampe und verbreitete ein ſanftes melancholiſches Licht durch das kleine trauliche Gemach. Es war Schollin's Privatarbeitszimmer. Er ſaß in einem be⸗ quemen Lehnſeſſel und überflog noch einmal die Ta⸗ gesliſte, um dann ſeinen Gäſten den Reſt des Abends widmen zu können. Seine Miene hatte nicht die ermunternde Freund⸗ lichkeit, die ſonſt eine Zierde dieſes ſtolzen und ernſten Geſichtes abgab. Geſchäftsernſt und Abſpannung hatten trübe Falten auf der Stirn zuſammengehäuft, 165 und die Erfahrungen der letzten Tage hatten ſeine Geſichtsfarbe etwas gebleicht.. Sein Amt däuchte ihm ſchwer, nachdem er den erſten Angriff auf dem Felde des Verbrechens mit Reſultaten gekrönt ſah, die ganz unmittelbar ſeine Seelenruhe beeinträchtigten. Er begann zu bereuen, die ſtille und ſorgenloſe Bahn im Adminiſtrations⸗ fache verlaſſen zu haben, und bisweilen flog der Wunſch, ſeine Situation wieder zu vertauſchen, blitzartig durch ſeine Gedankenwolken, ohne einen Entſchluß zuwege zu bringen. Franziska ſuchte ihn hier, in dieſem traulichen Verſtecke auf. Feſt und ernſt, verſteinert durch die eigene Schmerzensfülle, die ihre Seele beinahe unterjochte, ſtand ſie vor ihm, als er das geſenkte Auge erhob und die geliebte Gefährtin ſeines Lebens vor ſich ſah. Was waren ihm Trübſal und Ungemach, ſolange dieß ſchöne Auge ihm lächelte, ſolange dieſe weiche Hand die Falten glätten konnte, welche die Bitterkeit des Geſchäftslebens hervorrief! Sein Arm umſchlang ihren Leib, ſein Geſicht neigte ſich gegen das Herz, das ſich ſo lange geſträubt hatte wider ſeine Liebe. O, hätte ſie nie, nie den Schmeicheleien dieſer Liebe nachgegeben! Er ſollte es lernen, in kurzer Friſt es lernen, dieſen Wunſch auszuſprechen. 166 Einen Augenblick geſtattete ſich das unglück⸗ ſelige Weib die letzte Umarmung, das letzte Liebes⸗ zeichen von dem Manne ihrer Liebe zu empfangen, dann löste ſie ſeine Hand, dann richtete ſie ſein Antlitz auf mit ihren kalten, bebenden Händen und ſagte: „Ich bin Deiner unwürdig, Richard;— die Sünde, Dir, dem edeln, treuen Manne, ſtatt der reinen und unentweihten Heiligkeit eines Mädchenherzens ein beflecktes Daſein mit entſetzlichen Erinnerungen dargebracht zu haben, rächt ſich fürchterlich und treibt mich fort aus dem Paradieſe, das Deine Liebe mir bereitet hat.“— Der Landrath war aufgefahren und Wwoſtt ſie gewaltſam unterbrechen. Sie hielt ihn ab davon.„Höre mich ſtil an— mache Dich auf das gefaßt, was Dich am unheil⸗ barſten verletzen kann;— wenn Du alles weißt, magſt Du Deinem Schmerze Luft geben und mich verfluchen!“ Sie begann nun ihre Beichte. Wort für Wort — Schritt auf Schritt, von dem Momente an, wo ſie mit ihrer alten geizigen Großtante in die Hände eines abſcheulichen ausſchweifenden franzöſiſchen Ober⸗ ſten gefallen und von dem General Deſalles per⸗ 167 ſönlich befreit ward. Sie bezeichnete kurz die verfüh⸗ reriſche Perſönlichkeit dieſes Generals Deſalles durch den Vergleich mit ſeinem jetzt im Schloſſe anweſen⸗ den Bruder, dem Marquis de Beauveau⸗Deſalles, dadurch, daß ſie erklärte: er ſei begabter, geiſtiger und von blendenderem Aeußern geweſen. Schollin biß krampfhaft ſeine Lippen— ihm begann ſein Elend zu ahnen. Wa verfolgen das Geſtändniß der unglücklichen Frau nicht— es iſt uns im überſichtlichen alles bekannt, was damals geſchehen war, um das Opfer in die Netze des Verführers zu bringen, und wir wiſſen, daß es nur allzugut gelungen war, das blut⸗ junge unerfahrene Mädchen zu bethören. Sie ſchilderte ergreifend ihr Erwachen aus dem ſinnverwirrenden Traume und geſtand, daß ſie den Plan gefaßt und verfolgt habe: ſich todt zu hungern, um ihre Schande und ihr Kind und ſich zugleich von der Welt zu ſchaffen. Schollin bedeckte entſetzt ſeine Augen mit der Hand. „Was die Unmenſchen, die doch meine Jugend und meine Unſchuld mit Lachen gemordet hatten, be⸗ wog, dieſem Vorhaben mit aller Herzensangſt zu ſteuern, begreife ich nicht,“ fügte Franziska tonlos 168 hinzu.—„Ich war dem ſchmerzhafteſten Stadium ſchon entgangen— mein Daſein war nur noch ein Schatten— meine Lippen hatten ſich ſchon wochen⸗ lang nicht mehr geöffnet zum Sprechen,— meine Augen blieben geſchloſſen, wenn der fürchterliche Bote des Generals vor mir zu erſcheinen wagte,— meine Ohren blieben den Bitten meines Verführers taub.— Leiſe muſikaliſche Klänge girrten um mich und die Ohnmacht meines Körpers wich ſelten einer bewußtvollen Minute. Da ſendeten ſie einen Geiſtlichen zu mir.—Caritas divina te custodiat! Mit dieſem Gruße trat er an mein Lager. Er lehrte mich an Gott denken und an ſeine Barmherzigkeit glauben! Ich nahm wieder Nahrung— und ich gebar eine Tochter.“ Schollin ſprang auf, durchmaß mit heftigen Schritten das Gemach und warf ſich dann mit ver⸗ hülltem Geſichte aufs Sopha nieder. Franziska bewältigte mit aller Anſtrengung und Kraft, die ihr nur noch zugebote ſtand, ihr Schmer⸗ zensſchluchzen und begann nach einer langen, pein⸗ lichen Pauſe ihre Erzählung wieder aufzunehmen. Sie erklärte die weite Entfernung ihrer Eltern, die von Berlin nach Danzig geflohen waren und von dort noch weiter nach Oſtpreußen bis zur ruſſi⸗ 169 ſchen Grenze hin, weil ihr Vater ſich von ſeinem Nationaleifer zu bitterem und harten Tadel der bo⸗ napartiſchen Regierung hatte hinreißen laſſen. Die lange Trennung von dieſen Eltern, der dazwiſchen eintretende Tod der alten Großtante, und der Tod des Vetters, der ſie von M. abgeholt hatte, ſo wie die Stadt frei von den Feinden geworden, hatten es ihr leicht gemacht, dieſe ganze Epiſode ihrer Ju⸗ gend mit dem Mantel des Geheimniſſes zu verdecken. „Es war mir gelungen, vor meiner Rückkehr zu meinen Eltern, die nach beendetem Kriege in P. ſtationirt wurden, nach der Stadt zurückgehen zu kön⸗ nen, wo ich das unglückliche Weſen, den einzigen Zeugen meines Jammers, gut verſorgt verlaſſen hatte, um für die fernere Eriſtenz desſelben zu wirken. Aber ich hatte es nicht gefunden, und jede Spur ſeines Daſeins war in dem ſchnellen und wüſten Wechſel der Einwohnerſchaft verſchwunden. Auch ſpäter ge⸗ lang es mir nicht, eine gewiſſe Nachricht ſeines Le⸗ bens aufzufinden, obgleich ich nicht ermüdete von Zeit zu Zeit perſönlich Nachforſchungen anzuſtellen. Man meinte: es ſei von fremden Händen aufge⸗ nommen und werde zur Zeit ſchon wieder zum Vor⸗ ſchein kommen. Das glaubte ich auch und entwarf danach meinen Plan. Ich ſchloß mit dem Leben ab So jung ich war, ſo tief brannte doch die Schmach in mein Gemüth ein und härtete es gegen die Opfer ab, welche mir nöthig ſchienen. Meine Gedanken weil⸗ ten oft bei dem Kinde— ich war nach dem frühen Tode meiner Eltern im Stande ſelbſtſtändig handeln zu können— ein Aſyl, fern von der Heimat würde ſich ſchon gefunden haben, wenn ich nur erſt meine Tochter gefunden hatte.“— Franziska hielt eine Minute inne. Sie über⸗ ſprang die Zeitperiode, in welcher ſie die Liebe ihres Gatten errungen hatte— es wäre eine Entheili⸗ gung geweſen ſeinen Namen in dieſe Beichte zu ver⸗ flechten. Leiſe deutete ſie nur an, daß ſie damals hätte reden müſſen, wenn ſie ſich alle Selbſtvorwürfe hätte erſparen wollen. Sie knüpfte den Faden wieder an beim erſten Begegnen des jungen Mädchens im Walde und ge⸗ ſtand, daß ihr erſter Anblick ein Entſetzen in ihr wachgerufen, das mit nichts zu vergleichen geweſen ſei. Ihr Name habe nachher hingereicht, um ihre Verzweiflung zu vollenden. Franziska führte alle Gemüthsaufregungen, alle Beſchwichtigungen durch die vorwaltenden Verhält⸗ niſſe vor die Seele des mehr und mehr erſchütterten Mannes, der immer geſpannter und immer aufmerk⸗ 8** 171 ſamer zuhörte. Er erfuhr alles, was ſie gedacht, was ſie gehofft, was ſie gefürchtet habe— keine Falte ihres Innern blieb unangerührt— und ſie ſchloß mit der Erklärung: daß ſie überzeugt ſei, Ca⸗ ritas ſei ihre Tochter. Wie ſollen wir die Szene ſchildern, die nun erfolgte! In dumpfem Schweigen ſaß Schollin und ſtarrte ſeelenlos vor ſich hin. Franziska, vertrauter mit ihren Leiden, hielt die Hände leicht gefaltet und erwartete demüthig das erſte Wort aus ſeinem Munde. Ihre Beichte war vollſtändig und erſchöpfend geweſen— nichts hatte ſie beſchönigt— nichts verhehlt! Ein Wort, nur ein Wott— Schollin konnte keins finden!— Das Gehirn brannte ihm— das Herz ſchmerzte.— Zuckend ſchoß das Blut durch ſeine Adern! Todt— todt, nur auf der Stelle todt — es wäre ihm als ein Glück erſchienen. O, das Weib, das er jahrelang mit der zärtlichen Verehrung eines ſtolzen Gemüthes zu ſeinem Ideal erhoben hatte— welche Kluft riß ſich zwiſchen ihnen auf! dieſes Weib entwürdigt— entheiligt—! Er glaubte erſticken zu müſſen. Wild ſprang 172 er auf und ſchritt mit ſchnellen, hallenden Schritten auf und ab. Franziska ſenkte den Kopf tiefer. Nur ein Wort — ein einziges armes Wort hätte er doch ſagen können—! Sie erhob ſich leiſe— ſie ſchwankte zur Thür — ihre Hand ſtreckte ſich aus ſie zu öffnen.— „Franziska!“ rief der Mann mit einem Akzente, in dem Himmel und Hölle für ſein Weib lagen. Sie wendete ſich— er ſtand vor ihr— Glut im Auge.— 3 Sie beugte ihr Knie vor ihm. Er legte ſeine Hände auf ihren Scheitel— „Lebewohl! Lebewohl!“ zitterte es von ſeinen Lippen.„Lebewohl, Du mein Glück! Dein Bruder ſoll alles zwiſchen uns ordnen!“——— Zehntes Kapitel. Der Landrath war keinen Augenblick in Zwei⸗ fel darüber, was ihm zu thun oblag. Vor allen Dingen mußte er der beklagenswerthen Frau, die mit ihren Geſtändniſſen ſeine Hilfe zum Schutze ihrer Rechte angerufen hatte, das zu retten ſuchen, was ihr einziges Glück in der Welt ferner ausma⸗ chen ſollte.* Gewaltſam ſeinen Schmerz beherrſchend, ließ er den Marquis zu einem Beſuche in ſeinem Studir⸗ zimmer erſuchen. Der Beſcheid lautete: nach einer halben Stunde werde der Marquis aufwarten. Dieſe Zeremonie war ihm willkommen. Sie gab ihm Zeit ſich voll⸗ ſtändig zu ſammeln und ſeine verwirrten Lebensgei⸗ ſter zu ordnen.. 174 Endlich erſchien der Marquis. Es war charak⸗ teriſtiſch, daß derſelbe für nöthig gefunden hatte Toi⸗ lette zu dieſer Zuſammenkunft zu machen, während der Landrath bei ſeinem Eintritte in einem Anfluge von Befangenheit ſeinen ſchlichten Oberrock dichter um ſich zog und ihn mechaniſch bis oben zuknöpfte. Die Eleganz in des Marquis Erſcheinung über⸗ ſah er. Mit einer Handbewegung zum Sitzen einladend und ſehr ſchnell einen Seſſel gegenüber einnehmend, begann er haſtig das Geſpräch mit der Frage: „Sie erkannten Frau von Schollin, mein Herr?“ Der Marquis ſtutzte: „Sie wiſſen?“ fragte er dagegen. Der Landrath beachtete es nicht und fuhr fort: „ Wie war es möglich nach ſo langer Zeit eine Dame wiederzuerkennen, die Sie, ich weiß das aus deren eigenen Bekenntniſſen, nur ein⸗ oder zwei⸗ mal geſehen hatten?“ „Es iſt eine bekannte Thatſache,“ entgegnete der Marquis ruhig,„daß ein Moment tiefen und ſchmerzlichen Intereſſes die menſchlichen Geſichtszüge feſter in unſere Erinnerung einprägen kann, als ein jahrelanges unintereſſantes Nebeneinanderleben.“ Der Landrath warf ſtolz den Kopf auf. 175 „Ich habe Ihnen die Eröffnung zu machen, Herr Marquis, daß Caritas nicht Ihre Tochter iſt, ſondern die Tochter der Dame, die Sie richtig als diejenige erkannt haben, welche Ihnen früher unter intereſſanten Beziehungen begegnet iſt.“ Der kalte und ſpöttiſche Ton, worin dieß ge⸗ ſagt wurde, däuchte dem Marquis unedel. Er richtete ſeinen Blick ſcharf und ſondirend auf den Landrath, als er antwortete: „Dieſe Mittheilung überraſcht mich nicht. Ich habe dieß immer geahnet, aber vermochte durchaus den Zuſammenhang nicht zu begreifen. Wollen Sie mir erklären, warum mir bis jetzt dieſe Eröffnung vorenthalten iſt?“ „Aus dem einzigen Grunde, weil die Dame erſt vor wenigen Stunden durch die Worte, welche ſie ihrem Kinde als ein Erkennungszeichen mit in die Welt gegeben hatte, zu der Vermuthung gekommen iſt. Sie hat nicht geſäumt ſich die feſte Ueberzeu⸗ gung davon zu verſchaffen, und nach der Ausſage der Pflegemutter iſt Ihre Tochter ſehr bald nach dem ſtragiſchen Akte ihrer Rettung verſtorben, wäh⸗ rend die Tochter dieſer Dame am Leben geblieben iſt.“— Der Marquis war erſtaunt. Er fragte nach den nähern Umſtänden, und ſo unangenehm es dem 176 Landrathe wurde über dieſe Sache des Breitern ſich auszulaſſen, ſo glaubte er ihm zur Rettung ſeiner eigenen Ehre die Schilderung der letzten Auftritte nicht ganz vorenthalten zu dürfen. Er wurde bewegt dabei. Das Eis des innern, hochmüthigen Verdruſſes thaute langſam von ſeinem Gemüthe ab, als er die tiefe Erſchütterung des frem⸗ den Mannes gewahren konnte, die über ihn kam bei den ergreifenden Momenten. Das Bild ſeiner trau⸗ rigen Gattin gewann Macht genug, um ſeine gereizte Stimmung in eine edlere, wenn auch ſtolze zu ver⸗ kehren. „Ihr Bruder iſt todt?“ fragte er in ſichtlicher Bewegung, als er fertig mit ſeinem Berichte war. „Lange, lange todt, mein Herr!“ entgegnete der Marquis ſeufzend.„Er hat Frankreich nicht wieder⸗ geſehen.— Eine furchtbare Qual war die Erinne⸗ rung an ſein Vergehen— ſie begleitete ihn bis zu ſeinem letzten Athemzuge.“ Ein bitteres Lächeln überflog Schollin's Geſicht. „Die Qual wird mir vererbt werden, 58 daß ich unſchuldig trage,“ ſagte er. „Sie würden hart gegen ſich und hart gegen Ihre Gattin handeln, wollten Sie ſich von ſolchen 177 Erinnerungen beherrſchen laſſen.— Es iſt Gras auf ſeinem Grabe gewachſen und der Weltſturm hat mit ſeinen Fittichen dariehergeweht.— Der feindliche Konflikt iſt zwiſchen den Völkern verſchwunden— Sie ſehen, die Zeit gleicht alles aus!— Ihre Gat⸗ tin iſt die edelſte Erſcheinung, die mir auf meinen Lebenswegen begegnet iſt.“— „Nennen Sie die Dame nicht mehr meine Gat⸗ tin,“ warf Schollin unmuthig ein. „Sie wollen ſie verſtoßen?“ fragte der Marquis überlaut vor Ueberraſchung. Ein flammendes Roth ſchlug über das ganze Ge⸗ ſicht des ſtolzen Beamten. Weiter gab er keine Antwort. „Es wäre unverzeihlich, mein Herr! Nehmen Sie an, das Band der Ehe habe ſie mit meinem Bruder wirklich verbunden gehabt.“— Es erfolgte keine Gegenrede. „Glauben Sie mir— wäre mein Bruder am Leben geblieben, er häͤtte jedes Opfer gebracht, um den Anforderungen zu genügen, die verletzte Ehre einer Dame zu machen berechtigt iſt. Sein Vorſatz ging dahin, das Band ſeiner Ehe zu löſen und mit ſeinem Herzen zugleich ſeine Hand und ſeinen Namen zu Füßen des gekränkten Engels zu legen.“ 1857. IV. Caritas. II. 12 „Das ändert die Sache nicht,“ ſprach kurz und ſtolz der Landrath.„Daß dieß Mädchen es werth war, geliebt, angebetet und vergöttert zu werden, das habe ich durch meine Liebe bewieſen.“ „O, Ihr Deutſchen ſeid Barbaren in Eurem Tugendſtolze,“ rief der Marquis entrüſtet.„Barba⸗ ren in dem kühlen Elemente Eurer Verſtandesklar⸗ heit. Wir zertreten die Herzen der Weiber vielleicht aus Leichtſinn, aber Ihr Deutſche vernichtet ſie aus Hochmuth und nennt das mit kühnem Mannesmuthe Stolz?“ „Möglich,“ antwortete Schollin unerſchüttert —„möglich, aber ſolche Nationalanſichten ſind nicht auszurotten.“ „Gehen Sie, mein Herr! Wie wollen Sie mit Ihrem Gewiſſen fertig werden, das Ihnen ein ge⸗ mordetes Daſein, eine vernichtete Seele, ein zerrüt⸗ tetes Gemüth, ein gebrochenes Herz täglich, nein ſtünd⸗ lich und minutlich vorführen wird? An Ihnen hängt das unglückliche Weib mit abgöttiſcher Zärtlichkeit! — Denken Sico, ich ſei blind und habe nicht die Zeichen dieſer leidenſchaftlichen Liebe mit Rührung beobachtet?— Während die jugendliche Verblendung der längſtverfloſſenen Zeit Kraft und Stärke aus dem Haß und aus der Verachtung ſog, womit ſie 4 179 dem Andenken an ein kurzes, ſtürmiſches, traumähn⸗ liches Gefühl begegnen konnte, wird dieſe tiefe in⸗ nige Empfindung, verbunden mit den Selbſtquäle⸗ reien ihres Zartgefühles, das Weib tödten.— Han⸗ deln Sie nach Ihrer deutſchen Weisheit.“— E Der Landrath ſchwieg. Ob er betroffen war? Er lenkte nach einer kurzen Pauſe das Geſpräch wieder auf Caritas zurück und meinte: es wäre na⸗ türlich, daß Frau von Schollin ihre Tochter hier zu behalten wünſchen würde. „Warum?“ fragte der Marquis lebhaft.„Es wird mir zur Ehre gereichen, ſollte Frau von Schol⸗ lin eine Einladung, die ich ſogleich an ſie richten werde, wenn ich von hier gehe, annehmen, und nebſt ihrer Tochter mein Haus als das ihrige zu betrach⸗ ten geneigt ſein; allein in allen Fällen bin ich ent⸗ ſchloſſen, Caritas mit Entzücken als meine Tochter zu betrachten und ſie als ſolche zu ehren. Schollin veränderte die Farbe. Der Gedanke war ihm neu, er war ihm peinlich, ſeine Gattin, die er verſtoßen wollte, in fernen Landen, unter Verhält⸗ niſſen zu wiſſen, wo ihre Gedanken von ihm abge⸗ zogen werden konnten. „Das alles wird Frau von Schollin nicht an⸗ nehmen und in gewiſſer Rückſicht nicht annehmen 1 12* 180 können,“ ſagte er ſtreng.„Sie wird aber ihre Toch⸗ ter fordern, und ich wünſche zu wiſſen, ob Sie ohne Weigerung Ihre uſurpirten Rechte abtreten wollen, oder ob Sie für nöthig finden, große und öffentliche Erklärungen darüber zu verlangen.“ Der Marquis fixirte ſpöttiſch den ſtolzen deut⸗ ſchen Edelmann, der jeden Hauch eines unreinen Elementes vom Schilde ſeiner Ehre entfernt zu hal⸗ ten befliſſen war. „Was ſoll eine große und öffentliche Erklärung?“ warf er hin.„Trägt die Zeit eine Realiſirung mei⸗ ner innigſten Wünſche im Schooße, ſo wird Caritas uns allen gehören. Mir ſcheint es zweckmäßig, dem jungen Mädchen die Entſcheidung zu überlaſſen, wo⸗ hin ſie ziehen will.“ Auf das mißbilligende Kopf⸗ ſchütteln des Landrathes fuhr er fort:„Erfahren muß ſie das Geheimniß.“. „Gewiß,“ ſagte Schollin eifrig.„Wozu eine Geheimnißkrämerei, die Betrug und Lüge mit ſich führt.“ „Mag alſo die Eröffnung ein Probeſtein ihres Charakters werden. Ich bin gewiß, ſie beſteht in dder Verſuchung.“ „ Ich kann ſolche theatraliſche Anordnungen nicht K 8 181 hindern, aber ich muß bitten, daß Sie die eigene Mutter vorher davon in Kenntniß ſetzen.“ „Warum wollen Sie das nicht übernehmen?“ „Meine Verbindung und mein Verkehr mit dieſer Frau iſt abgebrochen.“— Der Marquis erhob ſich. Sein Auge flammte. — Er ſah ſchön und ſtolz— er ſah ritterlich aus. Der Flitterſtaat der Weltlichkeit ſank von ihm und der edlere Grundſtoff ſeines Weſens ergoß eine wahr⸗ haft männliche Würde über ſeine Geſtalt. Er ſprach: „Die Grundſätze des deutſchen Edelmannes ver⸗ bieten ihm alſo jeden Verkehr mit einer Frau, die eine Märtirerkrone auf der wundgedrückten Stirne trägt. Meiner Meinung nach ſteht dieſe Frau höher, als die ſentimental jungfräulichen Deutſchen, die mit einer unverſuchten Reinheit und Unſchuld prahlen. — Den Werth der Frau von Schollin kann nur derjenige würdigen, der ihre Vergangenheit kennt.“ Seine Stimme hob ſich bis zur Begeiſterung, als er hinzufügte:„Ich denke noch der Zeit, wo man mit Ehrerbietung den Namen„Francoiſe’ nannte, einen andern Namen kannte man von ihr nicht— wo man die heroiſche Tugend des deutſchen Mädchbens pries, das den Betrug, den man ſich mit ihr e aubt, das frevelhafte Spiel, wodurch man ſie zu täuſchen 182 verſucht hatte, mit ihrem Leben zahlen wollte. Damals gab es Männer aus dem makelloſeſten Stamme unter uns, die voll Ehrfurcht für dieſe Tugend eines ſo ſehr jungen Mädchens erfüllt waren. Die Deut⸗ ſchen empfinden anders! Wie gehaltvoll das Silber iſt, das iſt ihnen gleich, wenn ſein Glanz nur nicht getrübt iſt!“ Er machte Anſtalt ſich zu entfernen. Schollin hielt dieſe peinliche Konferenz für vollſtändig beendet und ſtellte ſeinem Weggehen nichts in den Weg. „Sehen Sie ſich vor, mein Herr, ſehen Sie ſich vor, daß die Härte Ihrer Tugend Sie nicht ſtrafend ſelbſt verfolgt. Denken Sie an die lamentable Trauer des Herrn von Schwechten, der vom blutigen Bilde ſeines langjährigen Freundes verfolgt wird, weil ſein Edelmannsſtolz eine voreilige Erklärung abgab, und er dadurch einen Selbſtmord herbeiführte.“ „Die edelſten Gefühle können auf Abwege ge⸗ rathen,“ entgegnete Schollin ruhig.„Wenn mein verletztes Ehrgefühl für jetzt über meine Herzensge⸗ fühle dominirt, ſo verſpreche ich Ihnen: doch keine Übereilung zu begehen, die nicht gutgemacht werden könnte. Mir liegt die traurige Verpflichtung noch ob, den Bruder, der ſeine Schweſter über alles ſchätzt, von der traurigen Entdeckung zu unterrichten. In 183 ihm habe ich einen ebenbürtigen Richter und Bera⸗ ther zu hoffen; denn er wird, wo möglich, noch des⸗ potiſcher von unſerer Nationaltugend beherrſcht als ich.“ 1 Der Marquis verbeugte ſich kälter und zere⸗ moniöſer als bisher, aber er fühlte ſich augenblick⸗ lich verſöhnt, als der Landrath ihm ſeine Rechte darreichte und mit warmem Tone ſagte: „Nehmen Sie außerdem meinen Dank— Sie haben mir mehr wohl als weh gethan! Wie mein Schickſal auch fallen möge— unter Ihrem Schutze, unter Ihrer brüderlichen Obhut weiß ich das Leben einer Frau, die mir bis zum Tode unaus⸗ ſprechlich theuer bleiben wird, ſicher und geborgen.“ Der Marquis ging. Als er ſich unbeobachtet und ſicher wußte, geſtattete er ſeinem ironiſchen Lächeln wiederzukehren.„Die ſtolzen Narren,“ dachte er,„die ein ſchönes Lebensglück unter das Brennglas ihrer ritterlichen Ehre ſetzen— die Thoren, welche das Sandkorn in ihrer kleinen Welt für den Montblanc der großen Weltſchöpfung halten! Arme, arme Fran⸗ Coiſe! Warum aber ſchwieg ſie nicht? Das Mädchen häͤtte als meine Tochter gelebt, wäre als meine Toch⸗ ter geſtorben— ihr Glück war geſichert— 0 jäm⸗ merliche Weisheit der Tugend!“— 3 Es drängte ihn Franziska zu ſprechen. Er wagte es aber nicht ohne die beſondere Erlaubniß des Gatten eine Zuſammenkunft herbeizuführen, um, wie er ſich ausdrückte, den Rieſenſtolze nicht noch ungünſtigerer Laune werden zu ſehen. Die Idee aber, Caritas zum eigenen Richter ihres Geſchickes zu machen, faßte immer feſtere Wur⸗ zel in ihm. Seiner Julie konnte eine kleine Lehre und eine kleine Strafe für den Eigenſinn: eine ſentimentale Mutter ſpielen und eine langweilige Reiſe deßhalb unternehmen zu wollen, nicht ſchaden. Sie ſollte nichts erfahren von den Vorgängen, beſchloß er. Ihre ſehr blühende Körper⸗ und ihre ſehr leicht⸗ fertige Geiſteskonſtitution ſetzten ſie, ſelbſt bei frap⸗ panter Entſcheidung, keiner Lebensgefahr aus. Weniger leichtherzig waren die Gedanken, denen ſich Schollin nach des Marquis Entfernung überließ, doch können wir nicht läugnen: daß ihnen der ſchwere Druck unabänderlichen Unglückes genommen war. Der warme Athem der Menſchlichkeit löste, gleich der warmen Märzſonne, die ſchwere Eiskruſte von ſeinem Herzen, welche, von Vorurtheilen und Anſprüchen genährt, ſchnell genug darüberweg ge⸗ wachſen war. So lange hatte er, ſtarren Grolles voll, nur an ſeine Leiden gedacht— jetzt erwachte 185 die Sympathie für die Schmerzen eines Weſens, das ihm theuer geweſen war, das ihm theuer blei⸗ ben würde zu jeder Zeit. Wunden, die er mit ei⸗ nem Schlage empfangen, hatte ſie ſeit der Frühlings⸗ zeit ihres Lebens unter dem leiſe bohrenden Pfeil nagender Erinnerung ſtill getragen. War ſie nicht in den wenigen Wochen ihres ſchönen Glückes eine Andere geworden? Was ſollte, was würde nun aus ihr werden? Eine Mumie ihres eigenen Ichs— antwortete eine unabweisliche Stimme in ſeinem Innern. Und war das nicht ſchlimmer, als Tod und Verweſung? Er beeilte ſich von dieſen Träumereien loszu⸗ kommen. Der Legationsrath war auf der Jagd geweſen. Das Anſchlagen ſeines Hundes verrieth ſeine Ankunft — der Wagen rollte in den Hof, und kaum fünf Minuten darauf war Eugen in dem Zimmer ſeines Schwagers und wußte alles. Wir überlaſſen dieſe beiden ſtolzen Gemüther den erſten Ausbrüchen einer Gemüthsſtimmung, die an Verzweiflung grenzte, ohne ihnen Wort für Wort und Gedanken auf Gedanken zu folgen. Der Legationsrath erklärte: ſeiner Schweſter nimmermehr vergeben zu können. Schollin ſtützte 186 ſchwermüthig ſein Haupt und ſah bittend in die wild⸗ entflammten Augen Eugen's. Dieſer verſtand ihn. „Wenn Deine Schwäche Dich geneigt machen ſollte,“ ſagte er hart und ſchonungslos,„dieſe heil⸗ loſe Schmach zu vergeſſen, ſo erinnere Dich, daß die Achtung des Bruders dieſer Frau Dir unwiderbring⸗ lich verlorengehen wird. Ich werde die Schande unſeres Namens als Mann zu tragen wiſſen, aber ich werde Franziska aus meiner Nähe verbannen— ich werde ihr niemals vergeben, was ſie unſerer Familie ſchmachvolles zugefügt hat.“ „Arme, arme Franziska,“ ſeufzte nun Schollin. „Ihr bleibt nichts übrig, als zu denen zu flüchten, die barmherziger denken.“. Eilftes Kapitel. Und Eungen vergab ihr dennoch! In der Stille ſeines einſamen Zimmers, unter dem beruhigenden Einfluſſe der herannahenden Nacht erwachten ſanftere Gefühle. Der Sturm in ihm legte ſich— ſein Blut floß ruhiger. Schon die erſte Erinnerung an das ſanfte duld⸗ ſame Antlitz ſeiner Schweſter machte ihren Einfluß geltend. War das nicht eine verrätheriſche Ausſtellung einer ſchmerzhaften Trauer? Als er aber nach und nach der ſchüchternen Zärtlichkeit gedachte, die ſie ihren Eltern, die ſie ihm gewidmet hatte; als er ſich der Opfer erinnerte, wo⸗ mit ſie ihr Leben bezeichnet; der Freudigkeit, mit der 42 ſie auf alle Freuden der Jugend verzichtet hatte— da wich ſein Zorn. 188 Bild an Bild reihte ſich zu ihren Gunſten zu ſprechen. Nie war ſie dreiſt in die Reihen der Jungfrauen getreten und hatte nie die Huldigung der Männer herausgefordert, und doch war ſie der reizendſten eine geweſen. Nie hatte ſie ſich unter die fröhlichen ge⸗ miſcht, die von Tanz zu Tanz, von Koketterie zu Koketterie geflattert waren im üppigen Jugendtaumel. Wie eine Nonne hatte ſie gelebt in der glänzenden Häuslichkeit ihrer Eltern. Engen gedachte der ſanften Klagen ſeiner Mutter über ihre Veränderung. Es fiel ihm ein, daß ſein Vater mit Verwunderung davon geſprochen: wie aus einem ſo lebensfrohen und muthwilligen Kinde eine ſo ernſte Jungfrau werden könne? O, jetzt lag die Urſache enthüllt vor ſeinen Blicken, und er ſagte zu ſich:„Gottlob, daß unſere Eltern im ungeſtörten Frieden geblieben ſind!“ Was mußte ſie aber, die Unglückliche, ſchmählich Gekränkte, gelitten haben unter dieſen Entſagungen, unter dem Drucke ihres Geheimniſſes, unter der Angſt vor Entdeckung und unter dem Kampfe mit ihrer Liebe zu Schollin, der, das wußte er ja jetzt, das Ideal ihrer Träume geweſen war! Der Strom des Erbarmens durchfloß ſeine Bruſt 1 189 Es duldete ihn nicht mehr in ſeinem Zimmer— die Geiſter ſeiner Eltern ſtiegen vor ihm auf und ſie ſchauten mit vorwurfsvollen Blicken auf ihn. Eine Angſt, als verſäume er die Wohlfahrt eines Weſens zu ſchützen, das zu ihm gehörte, das mit ihm an einem Stamme emporgeblühet war, erpackte ihn. Man ſage doch nicht, daß nicht Herz zum Herzen gehöre, wenn das Blut der Familie das Band iſt, was zwei Menſchen eint. Es mögen harte Gemüther vom Geiſte des Eigennutzes, der Habſucht und des Neides getrennt werden, trotzdem eine Mutter ſie ge⸗ nährt, trotzdem ein Vater ſie gekleidet, ſie belehrt und gebildet hat; aber der beſſere Menſch, der füh⸗ lende und gemüthsreiche, vermag alles zu vergeben, was der Bruder verbrochen und die Schweſter ge⸗ fündigt hat. Eugen eilte hinab zu Schollin. Er traf ihn nicht. „Sollte er ſchwach genug ſein?“.... Er dachte den Satz nicht einmal aus, ſondern ſtieg mit ſchnellem Entſchluſſe wieder hinauf, um das Zimmer ſeiner Schweſter zu betreten. Oede Finſterniß lag auf den Vorſälen— eine unheimliche Stille in dem Gemache, das ſonſt von der Anmuth und Grazie der Hausfrau Leben erhielt. 190 „Gott bewahre uns!“ flüſterte der junge Mann ſchaudernd.„Wenn ſie weg wäre, wie wollte man das ertragen!“ Er drang faſt ungeſtüm in ihr Zimmer ein. Das erſte, was er erblickte, war die Geſtalt ſeines Schwagers. Er ſchien ſoeben eingetreten zu ſein. Unſchlüſſig lehnte er am Kamine; die Stirn in die Hand geſenkt, ſchien er ſeine Augen erſt an die herr⸗ ſchende Dunkelheit gewöhnen zu wollen, ehe er weiter vorſchritt. „Wo iſt ſie?“ fragte Eugen mit ſtockendem Athem. „Du— Du? Eugen, Du?“ fragte Schollin mit einem Tone, der aus dem Jauchzen einer innern Freude und aus dem Akzente der höchſten Verwun⸗ derung gemiſcht war. „Mich faßte eine grauenvolle Angſt—“ flüſterte der junge Mann offenherzig.„Richard— es iſt meine Schweſter— Richard, wenn ſie todt wäre—“ Schollin fuhr furchtbar erſchreckt zuſammen.— „Ein Meſſerſtich— o ich kenne dieß entſchloſſene Gemüth! Verſtoßen von Dir— verachtet von mir—“ „Licht— Licht, hole mir Licht!“— keuchte Richard.— Er mußte ſich anklammern am Kamin, um nicht zu ſinken. 191 Vorſichtig— ein Diplomat iſt immer auf die Folgen bedacht— oorſichtig ſchlich Eugen hinaus und nahm eine Kerze von den Tiſchen des Salons, wo das Souper ſchon vorgerichtet wurde. Er hatte die Thür ſchon wieder erreicht, als dieſe ſich öffnete und Caritas in der ganzen reizenden Friſche ihrer Jugendfröhlichkeit ihm entgegentrat und ihn nach der Landräthin fragte. „Ich habe ſie überall geſucht,“— ſprach ſie. „In Küche und Keller, in ihrem Zimmer, und überall iſt ſie nicht.“ Eugen's Blicke hingen ſich ſchwer und bedeu⸗ tungsvoll an dieſe ſchöne Geſtalt. Bis dahin hatte er noch nicht daran gedacht, daß dieß Mädchen, welches ihm das tiefſte Intereſſe eingeflößt hatte, ein Hauptanſtoß zu der ganzen Revolution war, die markerſchütternd das ſtille Haus durchlief. Die Bedeutung ihres Daſeins trat aber in glücklicher Vereinigung mit dem Zauber desſelben zugleich vor ihn hin. Was er bis dahin empfunden, was ihn empört haben mochte, alles, alles ſchwand vor dem Be⸗ wußtſein: in dieſem Mädchen eine Tochter ſeiner Schweſter lieben zu müſſen und ſie jeder Liebe werth⸗ halten zu können. 192 Ein ſchwaches, aber ſehr gütiges Lächeln mußte ihrer frohſinnigen Frage jetzt als Antwort dienen. Was ſollte er ihr ſagen? Sollte er ſie von ſeiner Furcht unterrichten? Sollte er ſie mitnehmen zu dem Zimmer, um ſie zur Zeugin aufregender Szenen zu machen, bevor ſie noch wußte, wie tief ſie darin verflochten war? Und dann, wer ſtand ihm dafür, daß nicht Unglück ſeiner wartete, wenn er Licht in das räthſelhafte Verſchwinden ſeiner Schwe⸗ ſter brachte? „Bleiben Sie hier, Caritas,“— ſagte er, nachdem er eine Sekunde gezögert hatte, um die mitgetheilten Bedenken zu überlegen.„Bleiben Sie hier— folgen Sie mir nicht.— Wenn ich meine Schweſter finde, hole ich Sie von hier ab— verweilen Sie alſo— ℳ Haſtig ſchlug er die Thür zu und ſchritt zum Zimmer, wo er Schollin verlaſſen hatte. Dieſer hatte ſeinen Platz ſchon verlaſſen und war im Dämmer⸗ ſcheine im Zimmer umhergetappt, um die zu ſuchen, welche——— der Gedanke an Eugen's Vermu⸗ thung machte ihn ſchaudern. Er fand ſie nicht. Das Sopha war leer— nirgends eine Spur. Entſchloſſen ſchritt er zu dem Eingange ihres gemeinſchaftlichen Schlafzimmers, das von Franziska 193 vorzugsweiſe ausgeſtattet und in ſeiner traulichen Bequemlichkeit von ihr zum Aufenthalte benutzt wurde, wenn ſie der Erholung bedurfte. Eine friſche Luft wehte ihm entgegen. Die Fen⸗ ſter ſtanden geöffnet— die weißen Vorhänge wall⸗ ten geſpenſtiſch hin und her wie rieſige Geiſtererſchei⸗ nungen. Eine dunkle Geſtalt wurde ihm ſichtbar, neben einem Seſſel lag ſie in knieender Stellung auf der Erde. Sein Blut ſtockte. Die Folter, die er aus⸗ geſtanden hatte, that das ihrige. In ſeinem Gedächt⸗ niſſe lebte nichts als die Liebe zu dieſer Geſtalt, de⸗ ren Umriſſe in dieſem Augenblicke von dem herein⸗ dringenden Lichte, das Eugen trug, ſchwach erhellt wurden. Schollin beugte ſich mit einem unartikulirten Laute nieder— Eugen ſtürzte eilig herzu. Franziska lag auf den Knien. Ihr bleiches mit Thränen überſtrömtes Geſicht ruhte an der wei⸗ chen Lehne des Seſſels. Ihre Hände hingen feſt gefaltet im Schooße— ſie athmete ſanft— ſie ſchlief. Unter den heißen Gebeten ihres zerſtörten Her⸗ zens war ſie ermattet in Schlaf geſunken. Sie hatte Gott um Beiſtand angerufen, als alles, alles ſie verächtlich zu verlaſſen drohte— dann hatte ſich 1857. IV. Caritas. II. 13 194 Beruhigung über ſie geſenkt und ihr Kummer war unter der ſanften Berührung des Traumgottes auf kurze Momente erloſchen. Wie ſchön, wie ſanft und geduldig ſah ſie aus! Schollin faßte Eugen's Hand.„Verachte mich! — Nenne mich einen Schwächling! Ich kann ſie nicht verlaſſen— ich darf ſie nicht verſtoßen— Gott hat ſie mir gegeben— und“ ſetzte er leiſer hinzu—„und ich kann nicht leben ohne ſie!“ „Gott ſegne Euch“— flüſterte Eugen und ver⸗ ließ das Zimmer. Der Landrath legte leiſe und behutſam ſeine Arme um Franziska, hob ſie auf und ließ ſie in die weichen Kiſſen des Seſſels gleiten. Sie öffnete die Augen. Ihre Blicke ſielen in die Blicke des Gatten, der ſich lautlos über ſie neigte. Das ganze fürchterliche Elend ihrer Zukunft ſtand blitzſchnell vor ihrer Seele. Ohne ihn mußte ſie die trüben Tage bis zum Lebensende tragen— ohne ihn vegetiren bis Gott ſie rief. Hätte ſie den Muth auch gehabt, den das auf⸗ geregte Bruderherz in ihrer verzweifelnden Bruſt ver⸗ muthete, ſie würde doch nicht dem Willen des All⸗ waltenden vorgegriffen und ihrem Leben ein Ende ge⸗ macht haben; jetzt, wo die Ehre eines Gatten dadurch 19⁵ komprommittirt und das Daſein eines Bruders mit Schmach beladen werden konnte. Nein— Schollin erkannte in dieſem ergebenen und traurigen Ausdrucke, daß ihre Vorausſetzungen vermeſſen geweſen waren, daß Franziska ihre Geiſteskraft gerüſtet, aber ihre Hoffnungen gänzlich zerbrochen hatte. Was ſein oerletztes Herz, ſein gekränktes Ehrge⸗ fühl und ſeine aufgeregte Phantaſie auch beſchloſſen haben mochten— es verflog, und ſeine Entſchlüſſe, im Tumulte der innerlichen Aufregung entworfen, nahmen einen andern Charakter an. Kein Wort entheiligte dieſe Minute. Sie verſtand jedoch mit dem Inſtinkte des lie⸗ benden Herzens ſeine Bewegung zu deuten, und ſie fühlte, daß ſein Gefühl zu ihren Gunſten entſchie⸗ den habe. Ohne mit der Philoſophie der damaligen Zeit⸗ periode alle Vorurtheile zu verachten, nahm er mit dieſem Schritte ſeinen Theil von Pflichten gegen ſie und gegen ihre Tochter willig auf ſeine Schultern. Was die Welt mit ihrer Läſterzunge von jetzt an be⸗ ſudelte, das traf ihn mit. Dagegen war er keines⸗ wegs blind. Umſomehr bekräftigte es die Größe ſe Zuneigung, die vergeben, vergeſſen und von de ſelbſtgeſchaffener Würde herunterſteigen mußte, . 13* 196 das Glück feſtzuhalten, das ihm in dem Beſitze ſeines Weibes gegeben worden war. Ihr Bündniß erhielt eine neue Weihe in dem Zuſammenfluſſe der innerlichen Schmerzen, die über ſie verhängt waren, und indem er ſeine Männerehre als Schirm, Schutz und Schild darbot, um die Hilf⸗ loſigkeit ſeines Weibes zu ſtützen, feſſelte er ſie mit unauflösbaren Fäden an ſich, die in der tiefen An⸗ erkennung ſeines Opfers täglich neue Stärke gewannen. Ob der Frieden ſeiner Bruſt ganz ungeſtört von leiſen Regungen menſchlichen Empfindens bleiben, ob nicht der Schatten unwillkommener Erſcheinungen bis⸗ weilen das Sonnenlicht ſeiner Zukunft trüben wird, das müſſen wir unerörtert laſſen. Die Hoheit irdiſcher Geſinnungen iſt nicht der Reinheit der Engel gleich, und wir halten es für Vermeſſenheit, dergleichen Hirngeſpinnſte als Beiſpiele der Wirklichkeit aufzuſtellen. Schollin handelte nicht ganz ohne Selbſtſucht, weil die kurze Spanne Zeit hingereicht hatte ihm die Troſtloſigkeit ſeines beraubten Lebens darzuſtellen — ſein Moralſyſtem wurde erſchüttert— ſeine Le⸗ bensphiloſophie angegriffen, der Schmerz der Entbeh⸗ rung malte ihm eine Reihe vergangener ſüßer Freu⸗ den in dem Lichte der Verklärung— dazu geſellte ſich der Anblick einer hilfloſen Eemuttung, der nie 197 ohne Eindruck auf das ſtarke Männergemüth bleibt, wenn er mit unbeſtreitbarer Wahrheit vor dasſelbe hintritt. 4 Unter dieſen flüchtiggeſchilderten Einwirkungen iſt die plötzliche Verwandlung ſeines Innern erklär⸗ lich, ohne daß wir in ihm einen engelgleichen Hel⸗ den verehren müſſen, der ſeine Individualität dem Einfluſſe weichlicher und romantiſch ſchwärmeriſcher Sentimentalität unterwirft. Ein ſcharfer Beobachter hätte in dem leichten Trübſinn, der wie ein Nebel auf der ſonſt klaren Stirn lag, wohl wahrnehmen können, daß er die Geſetze ſeines Stolzes nicht ungeſtraft überſchritten hatte, und dem Auge der Liebe blieb es nicht verborgen, daß mit dieſer Erfahrung ein Ideal in ihm zertrüm⸗ mert war. Abgeſehen von allen den ebengeſchilderten, wi⸗ derſtreitenden Empfindungen wurde der Gedanke an den Tod des Oberförſters von Malchow, als den ge⸗ fährlichſten Mitwiſſer dieſer Antezedentien einer mehr unglücklichen, als ſtrafbaren Frau, eine wahre Beru⸗ higung für Schollin. Die übrigen Unterrichteten ſtanden in zu naher Beziehung zu ihnen, als daß man tückiſchen Verrath zu fürchten hatte, und die nahe bevorſtehende Tren⸗ 198 nung kühlte die brennende Empfindung der Demü⸗ thigung, die ein ſtehender Verkehr jedenfalls uner⸗ träglich gemacht haben würde. Zwölftes Kapitel. Caritas hatte die Balkonfenſter geöffnet und war hinausgetreten, um, über die Flur hinwegſchauend, die ſie am nächſten Tage auf immer verlaſſen wollte, nachzudenken über die ſonderbare Art und Weiſe von Eugen's Benehmen. Wer kennt nicht den magiſchen Einfluß, den das geheimnißvolle Rauſchen des bewegten Waſſers und das leiſe, plätſchernde Anſchlagen der Wellen in der tiefen Stille des nächtlichen Dunkels auszuüben vermag! Caritas war überhaupt für Naturſchönheiten ſehr empfänglich. An dieſem Abende fügte die Stimmung ihres Gemüthes den Reiz der unbewußten Schwer⸗ muth hinzu, die das menſchliche Herz überfällt, wenn es ſich von langgewohnten Gegenden trennen ſoll. 200 Ihr Athem hob ſich ſchwerer aus der jugendlichen Bruſt empor, als ſie daran dachte, daß ſie nie wie⸗ der hierſtehen, daß ſie die Menſchen, welche hier heimiſch waren, nie wiederſehen, und daß ſie— ihre Seufzer wurden immer ſpezieller, wie wir ſehen, — ſich morgen von dem Manne trennen werde, deſſen Lächeln ihre Sonne, deſſen ernſter Blick ihre Richtſchnur geworden war. Der hinzukommende Marquis ſtörte ſie in ihren Träumen, die im Begriffe waren einen traurigen Charakter anzunehmen. Er trat mit erkünſtelter Gra⸗ vität hinaus zu ihr auf den Balkon, bot ihr cheva⸗ leresk den Arm und führte ſie durch die Fenſter⸗ thür in den Salon zurück. Indem er dieſe ſehr be⸗ hutſam von allen Seiten verſchloß und verriegelte, ſprach er mit den Geberden eines ſtark Fröſtelnden: „Es mag ein erzellenter Abend ſein, mein Kind! — Für Dich iſt das Lüftchen agreable, die Sterne brillant, der Strom in ſeinem Wellenſpiele superb. — alles magniſique— alles inexprimable— aber mein Engel, für meine Konſtitution iſt das Amuſement zu kalt— deßhalb erlaube mir, daß ich die Fenſter in den Zuſtand verſetze, wo ſie nützlich zu werden beginnen. Ich halte überhaupt offenſte⸗ hende Fenſter für ſehr überflüſſige Dinge. Wozu 3 201 Fenſter, wenn ſie nicht der Zugluft den Paß ver⸗ wehren?“ Caritas, viel leichter vertraut mit dem Humor ihres Vaters geworden, als mit der Affektation ihrer Mutter, die ſich bald in franzöſiſchen Leichtfertigkei⸗ ten, bald in deutſchen Sentimentalitäten wohlgefiel, lachte herzlich und half die Fenſter verhängen und befeſtigen, damit auch nicht ein Lüftchen den ‚weich⸗ lichen Papa' treffen könne. In dieſem Momente betrat Eugen, aufgeregt und voll ernſter Vorſätze, den Vorſaal wieder. Er ſtutzte bei dem heitern Stimmenklang. Die Fröhlich⸗ keit des Gelächters bildete einen ſchneidenden Kon⸗ traſt mit dem bedeutungsvollen Ernſte, der ſein gan⸗ zes Weſen durchzitterte. Er zögerte, von widerwärtigen Empfindungen durchflogen, einzutreten. Seine kühle Natur machte ſich geltend. Ohne zu bedenken, daß dieß junge fröhliche Mädchen nichts wußte, ja nicht einmal etwas ahnete, häufte er einen Tadel auf ſie, und war geneigt ihre Indioidualität in eine Kate⸗ gorie mit derjenigen der weltluſtigen und oberfläch⸗ lichen Marquiſe zu ſtellen. Schon wollte er umkehren, und bei ſeinem etwas ſtörriſchen Gemüthszuſtande war es denkbar, daß er mit dieſem beginnenden Vorurtheile ſein Schickſal 202 auf eine ganz andere Bahn gelenkt haben würde, wenn nicht der Marquis geſagt hätte: „Jetzt, mon ange, ſetze Dich mir ernſthaft ge⸗ genüber und höre mir zu. Ich habe verſchiedene Kleinigkeiten mit Dir zu ſprechen— einige mögen Dir wohl creve-coeur bereiten— ich kann Dir aber nicht davon helfen.“ „Papa, das hat Zeit!“— rief Caritas luſtig. „Erſt will ich zu Dir reden, was mir längſt auf dem Herzen liegt, dann bin ich bereit, Deine weiſen Lehren in Empfang zu nehmen. Kann ich denn nicht mit meinen Brüdern, auf die ich mich ungeheuer freue“— Der Marquis wehrte mit der Hand.„Abomi- nahle— ungeheuer freuen!“— rief er dazwiſchen. Caritas kehrte ſich nicht daran:„— auf die ich mich wirklich ungeheuer freue, auf Beauveau einquar⸗ tirt werden?“ „Nicht möglich— durchaus abgeſchlagen!“ ent⸗ ſchied der Marquis.„A tout evenement nicht ſtatthaft!“ Caritas warf ſchmollend den Kopf auf.„Ich will aber meine Brüder lieben lernen— ich will von ihnen geliebt ſein. Wie innig hab' ich mich immer nach Geſchwiſtern geſehnt!— Du glaubſt nicht, Papa, wie oft ich mir die fremdklingenden Namen„Alphons, Théophile, Maurice einexerzire, um meine Brüder . 4 203 gleich ordentlich nennen zu können. Mit ihnen will ich deutſch und ſie ſollen mit mir franzöſiſch ſprechen. Papa, was ſoll ich in Paris?— Laß mich in Beauveau wohnen. Bitte, Papa!— Die erſte Bitte Deiner Tochter darfſt Du nicht abſchlagen.“ „Schmeichlerin!— Wenn Du Paris geſehen und kennen gelernt haſt, und Du bleibſt noch bei dieſem Wunſche, ſo gewähre ich, Caritas,“ erwiederte der Mar⸗ quis ſehr ernſt.„Nun höre mich an. Was würdeſt Du ſagen, wenn ein Irrthum vorgewaltet hätte und Du nicht unſere Tochter wäreſt?“ Das junge Mädchen ſtarrte erſchrocken dem Marquis ins Geſicht. Ihre Farbe veränderte ſich — Bläſſe wechſelte mit Purpurglut— der Lega⸗ tionsrath konnte ſie genau von ſeinem Platze durch die halbgeöffnete Thür beobachten. Seine Augen hätten das Mädchen durchbohren mögen, um ihre Ge⸗ danken zu errathen. Eine tiefe Niedergeſchlagenheit legte ſich auf das fröhliche Geſicht— ihre Zukunft verſank vor ihren Augen, und ſie ſuchte vergebens nach einer in⸗ nern Stütze, nach einem moraliſchen Beruhigungspunkte. „Seit wann,“— begann ſie ſtotternd, als der Marquis feſt und unverwandt ſeinen beobachtenden 204 Blick auf ihr ruhen ließ. Weiter kam ſie nicht, ein inneres Schluchzen unterdrückte ihre Stimme. „Geahnt habe ich es vom erſten Anblicke, daß Du es nicht ſeieſt. Aehnlichkeiten, wunderbar gemiſcht von zwei Perſonen, weckten meinen Argwohn. Ich glaubte zuerſt einer Intrigue zu begegnen— jetzt weiß ich, daß nur Zufall regierte.“ Caritas blickte, neu belebt, neu erweckt und neu beſeligt wieder hell und freudig auf. „Sie kennen meine Eltern, Herr Marquis,“ rief ſie mit ſo plötzlichem Uebergange vom Tone der Ver⸗ traulichkeit zu der konventionellen Benennung, daß ſich der Marquis davon betroffen fühlte, während der Legationsrath zufriedengeſtellt lächelte. „Caritas, Du thuſt mir weh,“ ſprach der Mar⸗ quis.„Fühlſt Du ſo wenig Sympathie für mich, daß Du mit Freuden die Bande abſchüttelſt, die in den wenigen Tagen mein Herz mit dem Deinen ver⸗ knüpft haben?“ Caritas ergriff ſeine Hand, eine ſo feine und weiße Hand, wie nur eine Dame ſie ſich wünſchen konnte, und legte ſchmeichelnd ihre Wange darauf. Zu antworten wagte ſie nicht. „Allerdings kenne ich Deine Eltern,“ fuhr er fort.„Dein Vater iſt todt— Deine Mutter lebt.“ — 205 „Meine Mutter?“ fuhr Caritas heftig bewegt auf.„Meine wirkliche, meine wahre Mutter? Wo lebt ſie? Ich will zu ihr, Papa— ich muß zu ihr — o ich habe ſo ſchmerzlich nach ihr verlangt.— Iſt ſie in Paris? Darum ſoll ich in Paris wohnen?“ Der Marquis hemmte mit einer heftigen Pan⸗ tomime ihre ihn überſtürzenden Fragen. „Eile Dich nicht ſo ſehr, das zu erfahren, mein gutes Kind. Es gibt Verhältniſſe, die ein Kind gegen ſeine Mutter abkühlen können.“ „Das käme doch nur darauf an, ob in dem Kinde ein Herz wäre—“ fiel Caritas ſehr ſchnell ein. „Nicht das Herz allein beherrſcht uns“— ſagte der Marquis lakoniſch.„Bedenke wohl, Caritas, was ich Dir jetzt ſage. Du haſt zu wählen. Vater⸗ und Mutterliebe von unſerer Seite ſind Dir gewiß, denn die Bande der nächſten Verwandtſchaft umſchlin⸗ gen uns. Dein Vater war mein Bruder!“— Caritas hob reudig ihre Hände zum Himmel auf, unterbrach jedoch in der Begierde mehr zu hören nicht mit einer Silbe ſeine Rede. „Heilige Verpflichtungen von unſerer Seite und zärtliche Gefühle von der Deinigen würden bald un⸗ ſer Verhältniß ſo innig machen, wie ein Perband in der Familie gewöhnlich ſnattſindei 4 8 206 „Aber meine Mutter—“ flüſterte das Mädchen ſchüchtern. Der Marquis achtete nicht darauf, ſondern fuhr fort: „Du erhältſt natürlich unſeren Namen— Du gewinnſt unſeren Schutz, Du theilſt unſer Vermögen — Du wirſt vor den Augen der Welt unſere Toch⸗ ter, der die Huldigung und die Ehre zu Füßen ge⸗ legt werden.“ „Und meine Mutter?“ fragte ſie wieder. „Glanz, Reichthum, ein guter Name, ein unge⸗ ſtörtes Wohlleben, die Liebe Deiner nächſten Verwand⸗ ten winken Dir auf dieſer Seite, während——— Caritas, ich muß Dein Zartgefühl verletzen, vergib es mir und rechne es auf die Umſtände, die mich zwingen. Deine Mutter kann Dir keinen Namen geben!— Eine abhängige dunkle Stellung, Armuth oder wenigſtens nur Unterſtützung oypn der Gnade der Perſonen, die Dich nicht untergehen laſſen wollen, wartet Deiner! Ein Leben voll Entſagung, voll Ent⸗ behrung, voll Trauer und voll Nichtbeachtung.—4 „Aber doch wohl neben meiner Mutter, die mich liebt, oder lieben wird, die mich alle Schmerzen an ihrem Herzen ausweinen läßt, die mit mir trägt, was das Schickſal mir auferlegt, die mit mir trauert, mit 207 mir entſagt und mit mir die Nichtachtung der Welt theilt?—“ fragte Caritas mit einer Leidenſchaft, die erſchütternd auf ihre Zuhörer wirkte.„Iſt ſie arm, ſo werde ich für ſie arbeiten und der Unterſtützungen der Gnade entſagen.— Iſt ſie unglücklich? Mir hat der liebe Gott eine hinreichende Portion Heiter⸗ keit verliehen, um ſie erheitern zu können.— Iſt ſie verachtet? Ihr Kind wird ſie achten und ehren.— Sie hat keinen Namen für mich? O, Herr Marquis, den Namen ‚Mutter und Tochter,“ den kann uns kein Weltverhältniß ſtreitigmachen!“ Hochaufgerichtet ſtand ſie vor dem Marquis. Die Flammen der Begeiſterung färbten ihre Wangen und verliehen ihr eine glänzende Beredtſamkeit. „So jung— ſo jung—“ murmelte der Mar⸗ quis und betrachtete voll Erſtaunen die Geſtalt vor ſich. Der Legationsrath behauptete mühſam ſeine verſteckte Stellung. Ihm war die Wahrheit der Ge⸗ ſinnung erklärlicher als dem Marquis, der die Wan⸗ delungen des weiblichen Gemüthes nach einem Vor⸗ bilde beurtheilte, das erzentriſch genug zu ſolchen Ausbrüchen war, ohne die Kraft zur Ausführung zu beſitzen. Seine Julie konnte in ebenſo patheti⸗ ſcher Emphaſe edle Vorſätze zur Schau tragen— 208 die Erfahrung hatte ihn aber belehrt, daß ein Luft⸗ hauch dergleichen zerſtörte wie Kartenhäuſer. „Phraſen,— Phraſen, mon ange!“ rief er ironiſch.„Dieſe Sache iſt diffiziler in der Ausübung als in Worten.“ „Glauben Sie, daß ich Willens bin es bei Wor⸗ ten bewenden zu laſſen?“ fragte Caritas entrüſtet. „Hier bin ich— nehmen Sie ſich meiner an, füh⸗ ren Sie mich zu meiner Mutter. In meiner Hilf⸗ loſigkeit muß ich freilich für jetzt Ihre Güte in An⸗ ſpruch nehmen, muß Sie bitten die Geldkoſten einer ſo weiten Reiſe als eine Gnade“— „Pah, mein Kind! dergleichen überlegt man,“ unterbrach der Marquis ſie.„Es wäre unverant⸗ wortlich, wollte ich die erſte Aufregung benutzen, um Dich loszulöſen von Verbindlichkeiten gegen mich, die Dir freilich äußerſt läſtig geworden zu ſein ſcheinen.“ Caritas nahte ſich ihm und faßte ſchmeichelnd eine Hände. „Ja, ja! Ich ſehe deutlich, daß Du keine abſon⸗ derliche Sympathien für den Bruder Deines Vaters hegſt”—— Ein zartes ſchämiges Erröthen flammte über das Geſicht des jungen Mädchens, als ſie leiſe, aber ſehr feſt und beſtimmt erwiederte: 209 „Der Vater, welcher die Schuld der moraliſchen Erniedrigung meiner Mutter trägt, ſteht allerdings meinem Herzen ſehr fern.“ „Gut deutſch gedacht—“ murmelte der Mar⸗ quis.. „Was danke ich ihm? Ein armes, elendes Da⸗ ſein! Als ich von der Forſtſchreiberin Lindſtedt, einer braven und ſehr praktiſch gebildeten Frau, zum erſten⸗ male mit der Hinweiſung auf ein Brandmal meiner Geburt aus meinen hochpoetiſchen Phantaſien auf⸗ geſchreckt wurde, da habe ich jede Liebe zu meinem Vater begraben, während meine Neigung und meine Sehnſucht zum Mutterherzen heißer und leidenſchaft⸗ licher wurde. Wundern Sie ſich nicht über meine Worte— ein Mädchen, das ſo viel allein gedacht, allein gelebt und allein geträumt hat, iſt anders als die feinen Weltdamen, denen eine Erziehung⸗ Negeben wird.“ „Bei Gott, Du biſt anders, das ſehe ich ein, mein armes kleines Mädchen!“ rief der Marquis, aus der lange behaupteten Faſſung kommend.„Ich würde es als ein großes Glück anſehen, wollteſt Du mit mir, wollteſt Du mein Kind, wollteſt Du meine Tochter heißen. Du flößeſt mir Achtung ein, Du feſſellſt mich durch Deinen Charakter mehr, als durch 1857. IV. Caritas. II. 14 2 210 Deine Liebenswürdigkeit. Schenke mir mindeſtens ein freundliches Andenken, wenn Du keinen Funken von Zärtlichkeit für den Bruder Deines Vaters zu fühlen vermagſt.“ Caritas legte ihren Kopf kindlich an die Schul⸗ tern des Marquis und umſchlang mit ihren Armen ſeinen Hals. „Gewähre mir das Recht, Deine Zukunft ſicher zuſtellen,“ fuhr der Marquis immer lebhafter fort. „Kann denn die Liebe zu einer unbekannten Mutter ſo ganz Dein Gemüth einnehmen, daß Du blind für alles andere wirſt? Du weißt ja nicht, ob ſie würdig oder unwürdig iſt?“ „Es iſt meine Mutter,“ erwiederte Caritas ſanft.„Für mich iſt das ein Inbegriff alles Ver⸗ ehrungswürdigen auf der Erde.“ „Schwärmereien— Illuſionen!— Daran ſtür⸗ zen Glückſeligkeiten des Lebens ein, die Du erſt zu ſpät würdigen lernen wirſt.“ „Laß Dich das nicht kümmern, mein guter Papa. Gib mir nur meine Mutter. Eilen wir zu ihr! Weiß ſie, daß ich lebe? Wo finde ich ſie?“ „Hier!— Hier findeſt Du ſie— hier, wo ich ſie ſelbſt erſt entdeckt habe!“ Caritas richtete ſich auf. 211 „Hier?“ fragte ſie mit Spannung.„Wo? Hier in Deutſchland— hier in Preußen oder hier— 4 ihr Athem ſtockte—„um Gotteswillen, Papa— Herr Marquis— enden Sie meine Qual!“ Der Marquis zögerte unentſchloſſen. Er hatte ſo weit nicht gehen wollen. Aufregung und Eifer führen immer vom Ziele ab. Das Territorium ſeines Geheimniſſes ſchloß mit den Entdeckungen, und was ſich darüber hinauserſtreckte, war nur ſeiner Diskre⸗ tion vertraut. Caritas begnügte ſich nicht mit dem, was ſie nun ſchon wußte. Schmeichelnd wie ein Kind hing ſie ſich an ihn. Er fühlte, wie ſie vor innerer Auf⸗ regung zitterte, er ſah, wie ſie ihre Gemüthswallung heroiſch zu bekämpfen ſuchte: „Papa, lieber Papa,“ bat ſie bebend—„hier ſagſt Du— hier?— Im Schloſſe? Nein, nein es iſt nicht— nein, nein es kann nicht ſein! O mein Gott— rede doch.“ „Ja, es kann— es iſt“— erwiederte ent⸗ ſchloſeen der Marquis—„Frau von Schollin iſt Deine Mutter!“ „Meine Mutter?“ wiederholte Caritas. Ihr Akzent war das höchſte Freudejauchzen einer Men⸗ ſchenbruſt. 14* 212 Was kümmerte es ſie, daß der Marquis faſt entſetzt von der Wirkung ihres Entzückens ſie am Kleide und am Arme feſtzuhalten ſtrebte! Was fragte ſie danach, daß er ſie bat, die Gefühle des Herrn von Schollin zu ſchonen! Sie ſtürmte hinaus, ſie flog an dem Legationsrath vorüber und erreichte das Zimmer, wo Franziska, in kaum wiedergewonnener Ruhe an des Gatten Bruſt gelehnt, von den furcht⸗ baren Stürmen, die ſie Tags über betroffen hatten, ſich zu erholen begann. Ehe irgend etwas gethan, irgend etwas vorbereitendes geſagt werden konnte, lag ſie zu den Füßen der Dame, umſchlang mit ihren Armen den Leib derſelben, rief mit unnachahmlichem Aus⸗ drucke mehrmals den Mutternamen und ſenkte dann im Taumel von Gefühlen, denen ihre Geiſtesſtärke nicht ganz gewachſen geweſen war, ihre Stirn auf Franziska's Knie. Es war die erſte Prüfung Schollin's, aber er beſtand ſie männlich. Als ein wilder Geiſt der Ei⸗ ferſucht ſein Herz umkrallen wollte, da fiel wie ein Stern in ſeine dunkle Nacht der erſte Ausſpruch ſeiner Gattin: Es iſt ein haſſenswerther Ausdruck in dieſen Augen!“ Seine Hand legte ſich feſter um Franziska's Nacken— ſie neigten ſich vereint zu dem Mädchen nieder. 3 Ende des zweiten Bandes Druck von Kath. Gerzabek. —— ——— Eer ſſſſſſſſiſſſiſſiſſſſſnnſnſnenſnnenſſſiiſthn 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 1