eutſcher, engliſcher und franss dſiſcher dme Eduard Oltmann in Gießen, Schlohgaſſe Lit.2 Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſehedingungen. 31. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 4 13 bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —¹den angenommen Gor. lnbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ne dem Werthe deſſelben entſprechen e Summe eſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet aſſelbe muß voraus bezahlt werden und ücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 F. 2M—f. vonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſendung 1 ke eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Pene beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und tewiih bei olchen mit Kupfern c.) muß der erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, veff der defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt zum Erſatz des Hanen verpflichtet. asleiheze Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ers darau aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen er nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ n mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 82 — Die Lirce von Glas⸗Llyn. Ein. Roman nach Walter Scott von K. Heinr. Leop. Reinhardt. Vierter Theil. Leip zig, 1823. Bei Wilhelm Lauffer. I. Gwollim, welchen wir unter dem gewoͤlbten Durchgange des ſchwarzen Schloſſes verließen*) verfolgte ſeinen dunkeln Weg. Das Schwei⸗ gen, welches um ihn her herrſchte, glich dem Schweigen des Grabes; nur zuweilen hoͤrte er das Plaͤtſchern der Wellen, die an den Felſen ſchlugen. Eine modrige Luft hauchte ihn an, ſo daß er in einem Grabgewoͤlbe ſich zu befin⸗ *) im XXI. Kapitel des III. Theils. A ——— —. 8 —yÿyy—— dichtem Schimmel uͤberzogen, und Waſſer tropf⸗ 2 2 den glaubte. Mauern und Decke waren mit te auf den Boden nieder. Oft glitt ſein Fuß uͤber eine Eidechſe, oder zerquetſchte eine ſcheußliche Kroͤte, die uͤber ſeinen Weg huͤpfte⸗ Endlich ſtieß er an einen hervorragenden Ge⸗ genſtand, und ſich niederbuͤckend bemerkte er, daß es die erſte Stufe einer Treppe ſei. Mit vieler Muͤhe und großer Behutſamkeit ſtieg er hinauf, doch glitt er oft aus oder ſtolperte uͤber 2 die Truͤmmer der Stufen und die losgeriſſe⸗ nen Steine. Nach langem Tappen im Fin⸗ ſtern fand er die Treppe, welche wendelfoͤrmig in die Hoͤhe ſtieg, und nach einer Weile ath⸗ mete er reinere Luft. Als er noch weiter ſtieg, entdeckte er in einiger Ferne ein Licht. Je hoͤher er kam, deſto glaͤnzender wurde es; jetzt, als er ſich ihm ziemlich genaͤhert hatte, bemerk⸗ 4 te er, daß es der Glanz des Seernenlichts war, — * — 3 welches aus einer halbgeoͤffneten Thuͤr deang. Kreiſchend wich die Thuͤr dem Drucke ſeiner Hand, und er trat in den Vorhof des Schloſ⸗ ſes. Eine Wolke von Fledermaͤuſen, durch die ungewoͤhnliche Ankunft eines lebenden Weſens aufgeſcheucht, umſchwirrten den Stoͤ⸗ rer ihrer Einſamkeit in regelloſen Kreiſen, und ſchlugen ihn mit den Fluͤgeln in's Geſicht. Er rief— aber nur ein dumpfes Echo gab ihm ſeine eigenen Worte zuruͤck. In dieſem Augenblicke meinte Sir David einen fernen Geſang zu hoͤren. Er freute ſich daruͤber, weil er darin einen Beweis zu fin⸗ den glaubte, daß das Schloß bewohnt ſei, und richtete ſeinen Weg nach dem Portal gegenuͤber. Durch daſſelbe kam er in den Haupthof des Schloſſes, der ein laͤngliches Viereck bildete, und rings von Gebaͤuden umſchloſſen war⸗ A 2 4 Auf dem gepflaſterten Hofe ſchoß Gras aus den Ritzen,— ein Beweis, daß er nur ſelten be⸗ treten werde. Jede Abtheilung des Gebaͤudes hatte eine Thuͤr, welche auf den Hof fuͤhrte, und indem Sir David noch uͤberlegte, durch welche dieſer Thuͤren er eintreten ſollte, erklang die vorige Mufik aufs Neue, aber naͤher. Es war ein Geſang mehrerer Stimmen, die bald einzeln ertoͤnten, bald ſich in ein Chor vereinigten, bis zitternd der Nachhall in der Nacht ſich verlor, und die Toͤne nur wie ein leiſes Echo das Schloß umirrten. In dieſem Moment aber waren alle Fenſter zur rechten Seite des Schloſſes wie durch Zauberei pracht⸗ voll erleuchtet. Dieſe Erſcheinung befremdete den Barden mehr, als alles Andere. Er oͤff⸗ nete die Thuͤr des erleuchteten Seitengebaͤudes und ſtand mit einem Male in einer Gothiſchen Halle, in deren Mitte eine hellſtrahlende Lam⸗ — 5 pe hing. An den Pfeilern umher waren Schilder und Fahnen befeſtigt. Nachdem er lange dieſe Siegeszeichen betrachtet hatte, ſtieg er eine alterthuͤmliche Treppe, deren Gelaͤnder aus Ebenholz gearbeitet war, hinauf. Kaum war er einige Stufen in die Hoͤhe geſtiegen; ſo kam er in einen langen Gang, allein das ſparſame Licht, welches durch die engen Fen⸗ ſter fiel, erlaubte ihm nicht, alle Gegen⸗ ſtaͤnde in demſelben genau zu erkennen; doch bemerkte er ſoviel, daß auf der einen Seite Ruͤſtungen ſtanden, und daß die entgegengeſetz⸗ te Seite mit Ritterbildern in altvaͤteriſchen Rah⸗ men ganz bedeckt war. Da ſich immer noch kein menſchliches We⸗ ſen blicken ließ, ſetzte Sir David bis an's En⸗ de des Ganges ſeinen Weg fort, und gelangte nun in ein erleuchtetes Zimmer. So wie er eintrat, kam es ihm vor, als ob ſein Name 6 leiſe genannt werde, doch bemerkte er Nieman⸗ den. Es zeigten ſich jedoch genug Merkmale, daß dieſes Zimmer noch ganz kuͤrzlich bewohnt geweſen ſein muͤſſe. Friſche Blumen, in Mar⸗ morvaſen ſtehend, verbreiteten ſuͤßen Duft, golde⸗ ne Pokale, noch halb mit Wein gefuͤllt, und Koͤrbchen mit Fruͤchten ſtanden auf den Schenk⸗ tiſchen; Stuͤhle und Tiſche befanden ſich in Uuordnung, als ob eine hier verſammelt ge⸗ weſene zahlreiche Geſellſchaft eben aufgebro⸗ chen ſei. Waͤhrend noch der erſtaunte Gwyllim dieſe räͤthſelhaften Erſcheinungen zu erklaͤren ſich be⸗ muͤhte, ertoͤnte die fruͤhere Muſik von Neuem, und es war nunmehr ganz deutlich zu hoͤren, daß ſie aus dem obern Stockwerke kam. Oh⸗ ne Zaudern ſtieg Sir David die Treppe hin⸗ auf, gelangte in eine der untern ziemlich aͤhn⸗ 7 liche Gallerie, und dann durch eine Reihe von Vorzimmern, welche blos matt erleuchtet waren⸗ in einen Saal, deſſen verſchwenderiſche Pracht Alles uͤbertraf, was er je geſehen hatte. Der Saal war mit einer Gallerie umgeben, welche von dreieckigen mit den herrlichſten Blumen und bunten Lampen umſchlungenen Saͤulen unterſtuͤtzt ward. Reiche Tapeten, auf welchen man die Geſchichte Amors und Pſyches abge⸗ bildet ſah, bedeckten die Waͤnde. Koſtbare Tep⸗ piche waren auf dem Fußboden ausgebreitet; mehrere Ottomannen mit vergoldeten Zierrathen im Gothiſchen Geſchmack ſtanden an den Sei⸗ ten, und in der Mitte der mit ſchoͤnen Gemaͤl⸗ den geſchmuͤckten Decke, welche ſich domartig woͤlbte, hing eine große Kriſtalllampe, welche ein Roſenlicht verbreitete, das den Gegenſtaͤn⸗ den umher ein zauberiſches Anſehen gab⸗ 8 1 Aber bald verlor all' dieſe Pracht fuͤr Sir David ihre Bedeutſamkeit, als er eine reichge⸗ kleidete Dame bemerkte, die auf eine Oltoman⸗ ne in der einen Ecke des Saals ſich nachlaͤſſig hingeworfen hatte. Sie kehrte ihm den Ruͤcken zu, ſo daß er ihre Geſichtszuͤge nicht ſehen konn⸗ te. Blos ſo viel bemerkte er, daß ſie ein Buch in der Hand hielt, doch weil ſie nicht im min⸗ deſten ſich bewegte, gerieth er in Verſuchung, ſie fuͤr eine Statue zu halten. Da mit einem Male hoͤrte er das leiſe Fluͤſtern einer Stimme, und obgleich er ſonſt von den Worten nichts verſtand; ſo vernahm er doch deutlich den Na⸗ men: Gwenllian. Die Dame, ohne ſich im mindeſten in ihrer Lektuͤre ſtoͤren zu laſſen⸗ bewegte hierauf die Hand, als ob ſie Schwei⸗ gen geboͤte; auf dieſe Bewegung aber ertoͤnte ſogleich eine himmliſche Muſik, von Geſang begleitet, und erfuͤllte die Woͤlbung des Saa⸗ ——,— — 9 les. Zugleich oͤffnete ſich die Decke, und eine mit den auserleſenſten Speiſen beſetzte Tafel ſenkte ſich herab. Gwenllian achtete nicht da⸗ rauf, ſondern fuhr fort zu leſen. Auf einmal ging die Muſik in einen heitern Ton uͤber; ſogleich ſprangen zwei unter der Gallerie befind⸗ liche Thuͤren auf; eine Schaar junger Knaben und Maͤdchen in Schaͤfertracht, mit Blumen geſchmuͤckt, huͤpfte in den Saal und begann einen phantaſtiſchen Tanz. Als ſie dieſen mit bewundernswuͤrdiger Anmuth und Leichtigkeit ausgefuͤhrt hatten, entfernten ſie ſich wieder durch die Thuͤren, durch welche ſie gekommen waren. Kaum waren ſie hinweg; ſo oͤffneten ſich zwei andere Thuͤren, aus welchen Faunen, Dryaden und Bachanten mit verwilderten Locken, in nachlaͤſſiger Kleidung, Weinlaub um die Stirn, Fackeln und Thyrſusſtaͤbe ſchwingend, hereinſtroͤmten und einen wilden Tanz auffuͤhr⸗ 10 ten. Nach ihrer Entfernung erſchienen Ele⸗ mentargeiſter, wie im Triumphe die Schaͤtze ih⸗ res Reichs mit ſich fuͤhrend, zuerſt leichtbe⸗ ſchwingte Sylphen mit goldenen Vaſen voll Himmelsthaus, dann Undinen, behangen mit Perlen und Korallen, die dem tiefſten Grunde des Meeres entriſſen waren, dann die Sala⸗ mander, ſilberne Altaͤre auf dem Ruͤcken tra⸗ gend, auf welchen das ihrer Obhut anvertrau⸗ te Feuer brannte; zuletzt die Gnomen, von der Laſt edler Metalle gebeugt. Die Geiſter naͤ⸗ herten ſich Gwenllian mit ihren Geſchenken, allein ſie betrachtete all' dieſe Herrlichkeiten mit eben ſo kaltem gleichguͤltigen Blick, wie das praͤchtige Mahl. Als die Geiſter ſich entfernt hatten, lispel⸗ te eine Stimme abermals Gwenllians Na⸗ men, und bat ſanft, das Getraͤnk zu ko⸗ 11 ſten, welches jetzt ihren Lippen zugefuͤhrt wer⸗ de. Ein Kelch, von unſichtbarer Hand gehal⸗ ten, naͤherte ſich ihrem Munde, allein ſie ſtieß ihn zuruͤck, daß er klingend niederfiel, und das Getraͤnk auf den Boden hinfloß⸗ 12 — II. Und aus dem verſchuͤtteten Getraͤnk ſtieg ein 3 ſuͤßer Roſenduft auf, der, erſt wie ein duͤn⸗ ner Nebel, dann zu einem Woͤlkchen ſich ver⸗ dickend, im Saale ſich ausbreitete. Bald un⸗ terſchied Gwyllim im Dunſte uUmriſſe einer Ge⸗ ſtalt und verſchiedene Farben, dann trat mit einem Male aus dem Wolkenſchleier ein Rit⸗ ter hervor und blieb vor Gwenllian ſtehen. Purpurrothe Federn wogten von ſeinem Sil⸗ 3 berhelme nieder; er trug einen Halsſchmuck von — 13 goldenen Sternen, an dem der Vollmond hing; die Falten ſeines Purpurmantels waren auf der Schulter von einer brillantenen Agraffe feſtgehalten. Sir David erkannte ſogleich in ihm den Ritter wieder, welcher auf Gwenllians Ruf in der Hoͤhle von Dynas⸗Emrys erſchien. So ſehr er auch hieruͤber erſtaunt war, ſo er⸗ ſtaunte er doch noch mehr, als er dem Ritter in das jugendlichſchoͤne doch ernſte Antlitz ſah; es war das Antlitz des Franziskaners, wie er es im Thurme von Caer⸗Drewyn unverhuͤllt betrachtet hatte. Der Ritter ſprach(es war die Stimme die Gwyllim ſchon kannte): Gwenllian! Wie lange wollt Ihr meinen Plaͤnen Euch widerſe⸗ ten, und meine Anerbietungen zuruͤckſtoßen? In Glyndwrs Namen habe ich Euch Alles an⸗ geboten, wornach die Herzen der Menſchen 14 verlangen— Liebe— Reichthum— und mehr als Alles dies— den Glanz einer Kro⸗ ne. Koͤnnt Ihr noch widerſtehn?— Schaut auf!— 8 Er ſtampfte mit dem Fuße. Die gemal⸗ ten Glasſcheiben der Gothiſchen Fenſter zogen ſich ſeitwaͤrts, und an ihrer Stelle zeigten ſich wechſelnde Bilder. Zuerſt eine Schlacht im Thalgrund. Fahnen wehten auf den Gebirgen; auf der einen Seite Englands Fahne, auf der andern das Banner von Wales. Pfeile flo⸗ gen in die Luft. Roß und Mann ſtuͤrzte nie⸗ der, von Lanzenſtichen getroffen⸗ Zwiſchen aufwirbelnden rothen Staubwolken funkelten Schwerter. Lange ſchwankte der Sieg; endlich flohen die Feinde Kambriens. Gefeſſelte Ge⸗ fangene trugen einen Krieger in Stahlruͤſtung auf Schildern; die Beſiegten ſtuͤrzten zu ſeinen 15 Fuͤßen und flehten um Gnade. Er ſchlug das Helmgitter auf; Gwenllian erhob ſich von ihrem Sitze— es war Glyndwr. Ein anderes Bild kam. Man ſah die Pracht eines Hofs. Liebelaͤchelnde Damen und glaͤnzende Ritter ſtanden um einen Thron her, deſſen Stufen von gediegenem Golde waren. Ein Koͤnig ſaß darauf, das Geſicht mit ſeinem Purpurmantel verhuͤllend. Ploͤtzlich entſtand unter der Menge eine große Bewegung. Eine reichgekleidete Dame erſchien; ſogleich enthuͤllte der Koͤnig ſein Antlitz, und winkte ihr, ſich neben ihn auf den Thron zu ſetzen. Sie that es. Gwenllian erkannte das Paar und bebte. Glyndwr war der Koͤnig, und ſie ſelbſt war es, die an ſeiner Seite auf dem Throne ſaß! — Der Ritter fluͤſterte Gwenllian einige Wor⸗ ke leiſe in's Ohr, und deutete auf das Bild. 16 Aber ſie erhob ſich, riß ihre Hand aus der ſeinigen und ſprach: Nimmermehr, trugvoller Mann, werde ich Euern Zumuthungen nach⸗ geben, nimmermehr ſoll es Euch, obgleich ich in Eurer Gewalt bin, gelingen, mich zu um⸗ ſtricken; ich beharre unerſchuͤtterlich bei meinen Entſchluͤſſen. Sollte mir wirklich, wenn ich Glyndwrs Hand verwerfe, kein anderer Aus⸗ weg bleiben, als die Eurige anzunehmen?— Er iſt mir Alles: Vater, Bruder, Verwandter, Freund!— Jeden Gedanken meiner Seele, jede Regung meines Herzens, mein ganzes Sein— bin ich ihm ſchuldig. Und ſo darf ich ohne Erroͤthen bekennen, daß meine Em⸗ pfindung, welche fruͤher blos Dankbarkeit war, ſpaterhin Liebe wurde⸗ Lange kaͤmpfte ich ge⸗ gen dieſe Feindin meiner Ruhe— Gott weiß, es war ein ſchwerer Kampf! Doch nunmehr hat mein Pflichtgefuͤhl auch den letzten Funken —— 17 dieſer unſeligen Leidenſchaft erſtickt. Verachtet, verunehrt zu leben— nein, das ertruͤg ich nicht! Darum habe ich dieſe Liebe, wie ein Giftkraut, aus meiner Bruſt geriſſen.— Soll ich aber deshalb Eure Hand annehmen?— Nein, auch ſie verwerfe ich, denn das Schick⸗ ſal warnt mich, mit einem geheimnißvollen daͤmoniſchen Weſen in Verbindung zu treten. Darum beſchwoͤre ich Euch, haltet mich nicht zuruͤck, ſondern laßt mich abreiſen!— Sir David hielt ſich nicht laͤnger.„Euer Beſchuͤtzer iſt da!“ rief er hervortretend. „Welche daͤmoniſche Gewalt ſich mir auch wi⸗ derſetze; ich will Euch aus dieſem Schloſſe fuͤh⸗ ren!“ Ein Freudenlaut entriß ſich Gwenlllian's Lippen bei der Erſcheinung ihres Beſchutzers; IV. B 18 der frembe Ritter aber etgriff ihren Arm. Sir David enkbloͤßte ſein Schwerdt und ſtuͤrzte auf ihn los, doch kaum hatte die Spitze des Schwerts die Silberruͤſtung des Ritters beruͤhrt, ſo fuhlte er einen heftigen Schlag, welcher die Kraft ſeines Arms laͤhmte, die Klinge war bis an's Heft geſpalten, und wehrlos ſtand er dem zornfunkelnden Auge ſeines Feindes gegenuͤber. Erbaͤrmlicher Thor! rief dieſer. Meinſt Du denn, ich ſey hier allein, weil Du die unſichtbaren Bewohner dieſes Schloſſes nicht kennſt? Nimm dies zum Lohn Deiner vorei⸗ ligen Einmiſchung!— Kaum hatte der Ritter dieſe Worte geſpro⸗ chen; ſo wich unter Gwyllim der Boden, er ſtuͤrzte in einen finſtern Abgrund, und verlor das Bewußtſein. — 19 III. Der Abgrund, in welchen Gwillim ſtuͤrzte, war eine Hoͤhle, mit vergitterten Zellen umge⸗ ben, in welchen Gefangene ſich befanden. Das Keltengeklirr, das Rauſchen unterirdiſchen Waſſers, das Brauſen des Sturms, welcher ge⸗ gen den Felſen tobte, die Wehklagen der Ge⸗ marterten, das Hohngelaͤchter der Gefuͤhlloſigkeit, die Fluͤche von der Verzweiflung gegen die Ty⸗ rannei ausgeſtoßen.— Alles dies ergriff mit Schaudern Sir Davids Herz. Kein Tageslicht B 2 20 erleuchtete die Finſterniß, aber in der Ferne zeig⸗ ten ſich wankende Flammen, durch welche graͤß⸗ liche Geſtalten wandelten. Gwyllim ging naͤher und fragke: Wer ſeid Ihr? Elende ſind wir(antwortete eine der Ge⸗ ſtalten) welche der Herr des ſchwarzen Schloſ⸗ ſes hier gefangen haͤlt; doch alles Graͤßliche, was Ihr hier erblickt, unſere Ketten ausgenom⸗ men, iſt blos Taͤuſchung, um unſer Ungluͤck zu vermehren. und iſt denn keine Flucht moͤglich? fragte der Barde. Fuͤr Euch wohl(verſetzte der Gefangene) denn Ihr ſeid nicht, wie wir, gefeſſelt. Wenn Ihr Muth habt, ſo ſeid Ihr bald in Frei⸗ 21 heit. Kriecht nur durch jene Oeffnung, und geht ſo lange fort, bis Ihr an den Ausgang der Hoͤhle kommt. Alles Furchtbare verſchwin⸗ det, wenn Ihr ihm nur muthig entgegen geht. Unſer Feind iſt blos in Taͤuſchungen maͤchtig. Sir David befolgte unvorzuͤglich dieſen Rath; er ging auf einem ſchmalen Pfade neben dem unterirdiſchen Waſſerſturze hin, und gelangte an den Ort, der ihm wie ein Feuermeer vor⸗ gekommen war; doch nun erkannte er Alles fuͤr Taͤuſchung. Die Ungeheuer, vor welchen er ſich entſetzt hatte, waren nichts als lebens⸗ große Bilder aus Metall und Stein. Er ver⸗ folgte ſeinen Weg und trat nun in einen Gang, an deſſen beiden Seiten in Fels gehauene Ge⸗ maͤcher, mit eiſernen Thuͤren verwahrt, beſind⸗ 22 lich waren. Im Anfange war der Gang noch matt erleuchtet, weiterhin aber ganz finſter. Indem er noch muͤhevoll forttappte, ſah er ploͤt⸗ lich die Nacht von einem Lichte erhellt; er ver⸗ barg ſich in den Winkel eines Schwibbogens, und gleich darauf ſchluͤpfte eine weißgekleidete Frauengeſtalt bei ihm vorbei, welche ein Koͤrb⸗ chen und eine Lampe trug, die ſie durch Vor⸗ haltung eines Zipfels ihres Kleides gegen den Luftzug zu ſchuͤtzen ſuchte. Sie blieb vor ei⸗ ner der Thuͤren ſtehen, und ſetzte Lampe und Korb auf den Boden. Als ſie ſich ein wenig ſeitwaͤrts wendete, erkannte Gwyllim mit Er⸗ ſtaunen das bleiche Antlitz Johanna's, der zwei⸗ ten Tochter Glyndwrs. Sie ſchien in einer heftigen innern Bewegung zu ſeyn, denn ſie zitterte, und zoͤgerte, das Gefaͤngniß zu oͤffnen. Endlich that ſie es. Da ſie die Thuͤr halb offen 23 gelaſſen hatte; ſo hoͤrte Sir David ihr Geſpraͤch mit dem Gefangenen. Nicht laͤnger(ſprach ſie mit bewegter Stim⸗ me) kann ich Euch in dieſer Gefangenſchaft laſſen, die fuͤr meinen Vater und ſeine Fami⸗ lie ſchimpflich iſt. Gewaͤhrt meine Bitte, My⸗ lord; entflieht Eurem Gefaͤngniſſe. Hier in dieſem Korbe ſind Kleider von mir; bedient Euch ihrer; unterm Schutze der Verkleidung entkommt Ihr ſicher aus dem Schloſſe. Ich will an Eurer Stelle zuruͤck bleiben, bis Ihr geborgen ſeid. Nimmermehr, geliebte Johanna!(verſetzte der Gefangene, den Sir David ſogleich fuͤr den Lord Ruthin erkannte) Du ſollſt nicht um meinetwillen leiden. Ich kenne Deinen Vater. Gern will ich ſeines Zornes Opfer ſeyn, aber 34 nie kann ich darein willigen, ihn auf Dich zu laden. O wie viele Leiden habe ich Dir ſchon verurſacht, und, Du Engel, haſt mir ver⸗ ziehen.— Deine Guͤte vermehrt meine Quaal. Mein Vater iſt heftig(antwortete Johan⸗ na) aber nicht unbeugſam. Ich bin uͤberzeugt, daß Eure letzte Vorſtellung gar nicht an ihn gekommen iſt, oder daß wichtige Geſchaͤfte ihn abgehalten haben, ihr ſeine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sobald er Eure Vorſchläge erwogen, wird er keinen Augenblick anſtehen, Euch ſogleich in Freiheit zu ſetzen, und deshalb auch meine Handlungsweiſe billigen. Nein, theure Seele!(ſiel ihr Ruthin in die Rede) Deine Zaͤrtlichkeit taͤuſcht Dich. Ich kann in Dein Verlangen nicht willigen, denn ——— 25 Du wuͤrdeſt dadurch ungluͤcklich werden. Glyn⸗ dwr ſaͤhe unſete Verbindung als eine neue Verletzung ſeiner Ehre an. Nein, ich will es ruhig erwarten, bis er aus eigenem Antriebe mich frei laͤßt. Ich weiß, was Glyndwr als Preis meiner Freiheit verlangt; er will erzwin⸗ gen, was ich zwanglos thun will. O, meine geliebte Johanna, Dein Arm ſchuͤtzte mich, wie der Epheu die Eiche gegen die feindliche Art zu ſchuͤtzen ſucht; treu, wie der Epheu, rankteſt Du Dich um mein Leben, einſt ſchimmernd im Sonnenglanz der Chre, jetzt in naͤchtliches Dun⸗ kel gehullt. Wie kann ich Dir je Deine Liebe vergelten?— Von Johanna's Antwort verſtand Gwyllim nichts; er hoͤrte blos ihr leiſes Schluchzen, und da er vorausſetzen durfte, daß ſeine Erſcheinung fuͤr die Liebenden ſtoͤrend und beunruhigend 26 ſeyn werde, entfernte er ſich geraͤuſchlos; doch geruͤhrt von Johanna's Treue und des Lords Edelmuth beſchloß er die erſte Gelegenheit zu benutzen, um bei Glyndor ihr Farſprecher zu werden. 27 IV. Als Gtwyllim das Ende des Bogenganges er⸗ reicht hatte, trat er in eine Hoͤhle. Lange ſuch⸗ te er in den labyrinthiſchen Windungen derſel⸗ ben nach einem Ausgange. Endlich fand er ihn. Er ſchlug den dichten Epheu, welcher da⸗ ruͤber hing, hinweg, und— welche Freude durch⸗ ſchauerte ſeine Bruſt!— er fuͤhlte ſich ange⸗ weht von der friſchen Luft und im Beſitz ſei⸗ ner Freiheit. Er trat in einen mit duftenden Blumen verſchwenderiſch uͤberhaͤuften Garten, 28 in deſſen Mitte ein Tempel von weißem Mar⸗ mor ſtand, welcher vom Silberlicht des Mon⸗ des, der am wolkenloſen Himmel hing, uͤber⸗ goſſen wurde. Die ſchimmernden Saͤulen des Tempels waren von Geisblatt, von Paſſions⸗ blumen und andern Gewaͤchſen umrankt. Dem Eingange gegenuͤber war eine Raſenbank im „Halbzirkel angebracht, umpflanzt mit Orangen, Myrthen und Geranien, die mit berauſchenden Duͤften die Luft ſchwaͤngerten. Die Hinterſei⸗ te des Tempels war von einer bluͤhenden Ka⸗ ſtanienlaube umdunkelt, in welche Feigen und Zypreſſen ſich flochten; dazwiſchen erhob ſich hie und da eine ſchlanke Pappel. Hinabblik⸗ kend ſah Gwyllim Gaͤrten, welche terraſſenfoͤr⸗ mig bis an den Rand des klaren Bachs ſich ſenkten, der im Mondlicht funkelnd durch blu⸗ mige Wieſen wandelte. Links ſah er den Spie⸗ gel eines Sees, in dem der uͤberhaͤngende mit 29 Straͤuchern bewachſene Felſen ſich abbildete, und die Ausſicht war von Bergen umgraͤnzt, deren kuͤhne Stirnen in den Wolken ſich verloren. Das Auge konnte ſich an dem herrlichen Anblick gar nicht ſaͤtigen. Das milde Licht des Mondes, das Gemurmel des Bachs, die angenehme Kuͤhle des Nachtwinds, der von ſeinen Fittigen Blumenduſt ſchuͤuelie, beſchwich⸗ tigten die heftige Bewegung ſeines Herzens. Er betrat, um auszuruhen, den Marmortem⸗ pel. Hier warf er ſich nieder, verſenkte ſich in Traͤume der Erinnerung, und beſchwor die Ver⸗ gangenheit aus ihrem Grabe herauf. Lebhaf⸗ ter als alle andere Bilder aber ſchwebte Emma's Bild vor ſeiner Seele mit dem bleichen Ange⸗ ſichte, wie er ſie zum letzten Male im Kloſter Llanfaes ſah. Schmerz durchbebte ihn, und wie ein Seufzer rang ſich folgendes Lied aus ſeiner beunruhiaten Bruſt los: 30 Thraͤnenleben, wann wirſt du verrinnen? Morgenroͤthe, wann wirſt du beginnen? Armer Pilger, dem kein Sternlein lacht, Einſam gehſt du in der ſchwarzen Nacht. Vormals war mein Leben ſonnenhelle! Froͤhlich rollte ſeine klare Welle Durch des Thales bunte Blumen hin; Mich umflogen heitre Phantaſien. Aber nun iſt mir das Leben dunkel, Ohne Sonn’' und Blum' und Sterngefunkel; Denn als mir der Himmel Sie entriß, Ward der Tag zur grauſen Finſterniß. V. Als das Lied verklungen war, erregte ein an den Saͤulen des Tempels hinſtreifender Schat⸗ ten Gwyllim's Aufmerkſamkeit. Er erhob ſich, um den Grund dieſer Erſcheinung aufzuſuchen, als mit einem Male eine weibliche Geſtalt im fliegenden weißen Gewande, deſſen Rand vom Mondſtrahl verſilbert wurde, auf die Schwelle des Tempels trat. Gwyllim bebte zuruͤck.— es war Emma's Geſtalt. 3² Geiſt meiner geliebten Emma! rief er.— Mein Gwyllim! lispelte die Geſtalt; er ſtreckte ſeine Arme nach ihr aus— da begegneten zwei gluͤhende Lippen den ſeinigen, und ein volles Herz klopfte an ſeiner Bruſt. Nicht Em⸗ ma's Schatten— ſie war es ſelbſt. Meine Geliebte! rief Gwyllim, ſie heftig umſchlingent. Mein Gwyllim! fluͤſterte ſie an ſeinem Halſe haͤngend, und Thraͤnen des Gluͤcks glaͤnz⸗ ten in ihren Augen. Gwyllim fuͤhrte ſeine wiedergefundene Ge⸗ liebte auf die Raſenbank, und Emma be⸗ gann: Gewiß, Sir David, wuͤnſcht Ihr Aufklaͤ⸗ rung uͤber ſo Manches, was Euch jetzt geheim⸗ nißvoll und raͤthſelhaft duͤnkt, und ich will 33 Euch dieſe Aufklaͤrung geben, ſo gut ich kann. Ihr wißt, daß der jetzige Koͤnig von England die alten Verfolgungen der Barden erneuert hat; dadurch wurde ein großer Theil derſelben genoͤ⸗ thigt, ſich zu zerſtreuen, ſich in Hoͤhlen zu ver⸗ bergen, und ihre Namen zu veraͤndern. Aber das wißt Ihr vielleicht nicht, daß ein zahlrei⸗ cher Ordenszweig, den man laͤngſt fuͤr erſtor⸗ ben hielt, lange vor der Regierung Eduards I. von den uͤbrigen Orden ſich abgeſondert hat. Dieſe Geſellſchaft behielt geraume Zeit hindurch alle Gebraͤuche der alten Druiden bei, ihre Verſammlungszeiten, ihre Grundſatze und ih⸗ ren Gemeingeiſt; ſie hat ſich mit andern Ver⸗ bruͤderungen, die durch ganz Europa verbreitet ſind, obgleich ſie ebenfalls wegen Verfolgungen ſich verbergen muͤſſen, vereinigt. Der Bund iſt im Beſitz wichtiger Geheimniſſe, namentlich des griechiſchen Feuers, wodurch Glyndwr meh⸗ IV.——(C 34 rere Schlachten gewann; auch ſchreibt man ihm umfaſſende Kenntniß der Zauberkraͤfte zu. Yvor gehoͤrte zu den Beſchuͤtzern der verfolgten Barden. Als er ſtarb, vertraute er mich ihrem Schutze an: ſie waren es, welche die Nachricht von meinem Tode ausbreiteten, um dem Wil⸗ len meines Vaters gemaͤß unſere Schickſale zu trennen. Es war indeß bloße Pruͤfung; man wollte erfahren: ob Ihr in der Liebe zu mir Euch beſtaͤndig zeigen wuͤrdet. Gwenllian war mit im Bunde. So wird Euch nunmehr Vieles, was Euch raͤthſelhaft ſchien, erklaͤrlich werden. Als Ihr beim Waſſerfalle am blauen See und am Grabe meines Vaters meinen Schatten zu ſehen glaubtet, war ich es ſelbſt. Auch war ich's, die Euch in der Hoͤhle der Druiden von Snowdon den Ring gab, welcher Glyndwes Eiferſucht erregte; ich hatte dieſen Ring von Gwenllian. 35 „Alſo Du“— rief Sir David voll Er⸗ ſtaunen—„wareſt mit Mildred von Iscoed eine und dieſelbe Perſon? Wie war es moͤg⸗ lich.*.* 3 Mein artiger Ritter— antwortete ſie laͤ⸗ chelnd— jetzt iſt's an Euch, das Naͤthſel zu loͤſen, wie Ihr die Geliebte Eurer Seele wieder ſehen und mit ihr ſprechen konntet, ohne ſie zu erkennen. Doch ohne Scherz!— Es iſt ſehr erklaͤrlich, daß Ihr mich nicht wieder er⸗ kanntet. Ein hitziges Fieber, an welchem ich lange Zeit im Kloſter von Llanfaes niederlag, hat mich ſehr veraͤndert, und uͤberdies bediente ich mich eines gewiſſen kosmetiſchen Mittels, um meinen Geſicht eine dunklere Farbe zu ge⸗ ben. Auch die Tracht eines Landmaͤdchens diente dazu, mich unkenntlich zu machen. Nur den Ton meiner Stimme konnte ich nicht C2 36 ſo ſehr verſtellen, daß er Euch nicht oft an Em⸗ ma's Stimme haͤtte erinnern ſollen. Wenn ich mein gewoͤhnliches Aeußere annahm, wie ich bisweilen Gwenllian zu Gefallen that, kannte meine Freundin ſelbſt mich kaum. „Aber, meine Emma“ ſprach Sir David —„es iſt mir noch ſehr Vieles unerklaͤrlich. Gwenllian, ſagſt Du, ſei mit im Bunde ge⸗ weſen?“ Sie kannte— verſetzte Emma— wenig⸗ ſtens theilweiſe die Zwecke des Bundes; aber oft wurde ſie von demſelben blos zum Werkzeu⸗ ge gebraucht. Noch mehr werdet Ihr Euch aber verwundern, wenn ich Euch ſage, daß Glyndwr ſelbſt blos dem Bunde diente und ganz von demſelben geleitet wurde. „Glyndwr? Unmoͤglich!“ 37 Eigentlich hat er ſich ſelbſt durch ſeinen Geiſterglauben zum Sklaven des Bundes ge⸗ macht. Man wußte aus dieſer Schwachheit Nutzen zu ziehen. Ein Abgeordneter des Bun⸗ des mußte ihn immerwaͤhrend begleiten und ſowohl ihn als Gwenllian beobachten. „Ha!“ rief Sir David.„Ich ahne! Die⸗ ſer Abgeordnete iſt kein Anderer, als der Fran⸗ ziskaner. Aber wer iſt dieſer eigentlich?“ Sir Philipp Ap Rhys— verſehte Emma— Oberhaupt der verbannten Barden, aus dem maͤchtigen Geſchlecht von Maeshyved. Der geheime Bund beabſichtigte ſchon lange die Unabhaͤngigkeit von Wales. Als Glyndwe damit umging, ſich den Thron zu erringen, haͤtte der Bund ſeine Entwuͤrfe leicht vereiteln koͤnnen: allein er ſagte ihm Huͤlfe zu, doch 38 unter der Bedingung einer ſchweren Entſagung⸗ Die Barden kannten vollſtaͤndig Gwenllians Leben und Glyndwrs Liebe zu ihr. Lord Arundel iſt Gwenllians Vater. „Lord Arundel?“ fragte Gwyllim.„Glynd⸗ wr hat mir wiederholt verſichert, daß ſie eine natuͤrliche Tochter von ihm ſei.“ Daß er ſie ſeine Tochter nannte, geſchah bloß, um die Leidenſchaft, die ſein Sohn Ja⸗ van zu ihr gefaßt hatte, zu erſticken.— Glyndwr entwendete Gwenllian ihren Eltern, um, wie ich glaube, ſich fuͤr den Mord zu raͤchen, der von den Herren von Dinas Bran an ſeinem Geſchlecht veruͤbt worden war. Aber in der Folgezeit, von Gwenllians geiſtigen und koͤrperlichen Vorzuͤgen hingeriſſen, beſchloß er von Sir David Hammers Tochter ſich ſcheiden 39 zu laſſen und ſich mit Gwenllian zu vermaͤh⸗ len. Dieſe Scheidung wuͤrde das ganze Wali⸗ ſer Land in Aufruhr gebracht haben; darum mußte der Bund ſich Glyndwrs Abſichten wi⸗ derſetzen. „Was aber konnte den Lord Arundel bewe⸗ gen, bei der Belagerung von Dinas⸗Bran ſeine Tochter ſo feig auszuliefern?“— Er bebte, wenn er daran dachte, daß er in Gefahr geweſen war, ſeine eigne Tochter zu verurtheilen, und auf der andern Seite fuͤrch⸗ tete er, wenn er ſie als ſolche anerkenne, ſich dem Koͤnige verdaͤchtig zu machen; er gab ſie alſo Glyndwrn zuruͤck unter der Bedingung, daß ſie nach wie vor fuͤr deſſen Tochter gelten ſolle. Die Schreckniſſe, welche ihrer Befreiung vorangingen, waren durch Sir Philipp Ap 40 Rhys Veranſtaltung herbeigefuͤhrt worden. Al⸗ lein die Erſcheinungen, die Euch damals und im Schloſſe von Caer⸗Drewyn uͤberraſchten, waren blos optiſche Taͤuſchungen. „Wie aber“— fragte Sir David—„ſoll ich die geheimnißvolle Stimme mir erklaͤren, die in der Huͤtte von Glas⸗Llyn mit Gwenl⸗ lian ſich unterhielt?“ Ich habe Euch ſchon geſagt, daß Gwenl⸗ lian zum Theil getaͤuſcht wurde, zum Theil ſich ſelbſt taͤuſchte. Von der Wiege an ſchon be⸗ ſaß ſie eine aͤußerſt lebhafte Phantaſie, welche waͤhrend ihres einſamen Nonnenlebens noch verſtaͤrkt wurde. Sie glaubte, eine Stimme rede oft mit ihr. Ich bemuͤhte mich, ihr dieſe Ein⸗ bildung auszureden— doch habe ich ſie noch nicht ganz davon zuruͤckbringen koͤnnen.— 1 41 Aber Ihr werdet mir den Einwurf machen, daß Ihr doch ſelbſt die Stimme gehoͤrt? Sehr richtig; es war dies auch eine Taͤuſchung Sir Philipps, die jedoch weniger Gwenllian, als vielmehr Euch galt. „Mir?“ frug Gwyllim mit geſpannter Neugier. Ja! verſetzte Emma. Man wußte, daß Ihr Oberhaupt einer andern Sekte der Barden ſeid, mit welcher jene ſich vereinigen wollten. Man ließ Euch mit Fleiß in der Hoͤhle von Dinas⸗Emrys einen Zuſchauer der Feierlichkei⸗ zen des Ordens abgeben.— Daß Sir Phi⸗ lipp auf eine ſo ſonderbare Weiſe mit Gwenl⸗ lian ſich unterhielt, dazu hatte er gewiß trifti⸗ ge Gruͤnde; es war das einzige Mittel, ihre Liebe zu Glyndwr zu bekaͤmpfen. Haͤtte er ſich 4² in ſeiner Verkleidung als Geiſtlicher ſeinen wahren Namen gegeben; ſo wuͤrden ſeine Plaͤ⸗ ne bei Gwenllian geſcheitert ſeyn. In der Hoͤh⸗ ke von Dinas⸗Emrys erſchien er ihr in ſeiner wahren Geſtalt, naͤmlich als Ritter. „Warum aber“— fragte Gwyllim— hat Sir Philipp Gwenllians Hand nicht begehrt, wenn er ſie liebte?“ Er warb wohl darum— verſetzte Emma— allein Glyndwr ſchlug ſie ihm ab, nicht ganz ohne Grund; denn damals glaubte man, Sir Philipp ſei im Einverſtaͤndniß mit den Eng⸗ laͤndern. Auch noch bis dieſen Augenblick hat er ſich fuͤr keine Parthei beſtimmt erklaͤrt, aber er iſt von beiden gefuͤrchtet, weil ſeine Verbin⸗ dungen und Kraͤfte ſo bedeutend ſind, daß die⸗ 43 jenige Parthei, fuͤr welche er ſich erklaͤrt, des Sieges gewiß ſeyn darf. Durch ſeine umfaſ⸗ ſenden Kenntniſſe hat er oft Dinge hervorge⸗ bracht, die man fuͤr Zauberei hielt. Zweimal iſt Gwenllian durch ihn aus den Haͤnden ih⸗ rer Feinde gerettet worden.— Gwenllian liebte Glyndwrn; allein ſie hat ſich ſelbſt uͤber⸗ wunden und ſich entſchloſſen, ihre Leidenſchaft der Wohlfahrt ihres Landes zu opfern.— Seht Ihr die ſchwarzen Thuͤrme, welche ihre zackig⸗ ten Schatten uͤber jene Lauben von Weiden und Zypreſſen werfen? Es ſind die Thuͤrme des ſchwarzen Schloſſes, deſſen Beſitzer Sir Philipp iſt, ſo wie des Schloſſes Elvael, wel⸗ ches daran ſtoͤßt. Dieſe Veſten dienen zugleich zum Verſammlungsort des Bundes, zu wel⸗ chem er gehoͤrt. Hier werden die neuen Mitglieder aufgenommen und die Gefange⸗ nen verwahrt. Der Garten, in welchem wir 44 uns jetzt beſinden, gehoͤrt zum Schloſſe El⸗ vael. 3 „Und wie kommſt Du denn hieher, Emma?“ fragte Sir David etwas argwoͤhniſch. Wie ich Euch ſchon ſagte: mein Vater hat mich unter die Vormundſchaft des Or⸗ dens und namentlich des Sir Philipp geſetzt, welcher mein Anverwandter iſt.— In we⸗ nig Augenblicken, hoff' ich, wird Gwenllian dem Sir Philipp ihr Jawort gegeben haben. Dann wird ſich auch Alles aufklaͤren, was Euch bis jetzt noch dunkel iſt.— Laßt uns dieſen Zeitpunkt erwarlen. „Aber wie, meine Emma?“ unterbrach Gwyllim ihre Rede.„Biſt Du denn mitten in der Nacht allein hier?“ 45 Ach nein! verſetzte ſie. Ich habe einen Freund bei mir, den ich nur bis jetzt vergaß⸗ Ihr kennt ihn, und es wird Euch Freude machen ihn zu ſehn. 46 VI. Aë ſie dieß geſagt hatte, ging ſie einige Schritte vorwaͤrts nach dem Ausgange des Gar⸗ tens und rief: Morgan! Der treue Diener ſtuͤrzte ſich ſogleich zu den Fuͤßen ſeines Herrn, benetzte ſeine Haͤnde mit Thraͤnen, umfaßte ſeine Knie, und wußte nicht, wie er ſeine Freu⸗ de bezeigen ſollte. Nachdem Emma der Pantomime eine Zeit⸗ lang zugeſehen hatte, ſagte ſie: Und wißt Ihr auch, Sir David, daß Euer getreuer Diener ſchrecklich verliebt, und im Begriff iſt, in den Stand der heiligen Ehe zu treten? Noch mehr 4⁷ werdet Ihr erſtaunen, wenn Ihr den Namen ſeiner Verlobten erfahrt. Es iſt Sarah, die Beſitzerin der weißen Huͤtte von Glas⸗Liyn, Gwenllian's Amme. „Wie, Morgan?“ fragte Gwyllim.„Mit einer Hexe willſt Du Dich“— Alle gute Geiſter! rief der Diener. Aber was hilft's, wenn man ſich auch ſtraͤubt gegen den blinden Jungen, den Cupidum? Saͤen hat ſeine Zeit, ſagt's Sprichwort, und's Aern⸗ ten hat ſeine Zeit, und's Lieben hat ſeine Zeit, und's Lieben laſſen auch. War Koͤnig Da⸗ vid, Euer Namensvetter, nicht ganz bezaubert von der Bathſeba? War nicht die Duͤte in ihren Anis ganz vernarrt?*) „Allerdings!“ verſetzte Gwyllim laͤchelnd⸗ — * Der ehrliche Morgan meint hier offenbar die Dido und den Aenegs. 48 Aber Morgan, denkſt Du denn nicht daran, daß es eine Mesalliange iſt, wenn Du mit der Sarah Dich verheiratheſt? Du weißt doch, daß Du in gerader Linie von dem beruͤhmten Koͤnige Morganwy von Glamorgan ab⸗ ſtammſt?“ Das hat ſeine vollkommene Richtigkeit! er⸗ wiederte Morgan. Allein Blut iſt Blut, Bein iſt Bein, und Fleiſch iſt Fleiſch, bei Koͤnigen und Beitlern das Naͤmliche; und daß ich's Euch kurz ſage, warum ich die Sarah liebe, ich liebe ſie, weil ſie Euch geliebt hat, weil ſie Euch ſechs Wochen lang, da Ihr krank waret, gehegt und gepflegt hat, und darum wuͤrd' ich ihr gut ſeyn, ſelbſt wenn ſie des Teufels Toch⸗ ter waͤre. Emma war tief geruͤhrt von der Anhaͤng⸗ 49 lichkeit und redlichen Geſinnung des Dieners ihres Geliebten. Gwyllim druͤckte ihr die Hand und ſagte: Emma! Und warum wollen denn wir unſer Gluͤck laͤnger verſchieben? Warum wollen wir—— „Ehe ich Euch darauf antworte“— ver⸗ ſetzte ſie laͤchelnd—„halte ich es fuͤr noͤthig, Euern Liebesbrief von Sychart noch einmal zu leſen. Ich glaube, daß ich eben zu rechter Zeit auf dieſem Erdenrund wieder erſchienen bin, denn haͤtte ich laͤnger gezoͤgert, ſo waͤre wohl Mildred von Iscoed die Gluͤckliche gewe⸗ ſen⸗—— O ſtill, Emma! ſagte Gwyllim, die Lip⸗ pen der Schmollenden kuͤſſend. Du biſt grau⸗ ſam ohne Urſach. Wie kannſt Du es mir zum Vorwurf machen, daß ich Dich liebie? IV. D 50 — und wenn Du bedenkſt, daß ich Dich fuͤr todt hielt— „Run ſo will ich es auch halten, wie die Bewohner der Schattenwelt— ich will aus dem Strome der Vergeſſenheit trinken.“ 51 VII. Unterdeſſen hatte Glyndwr, nachdem er Hein⸗ richs Heer vernichtet, den Tag ſeiner Kroͤnung beſtimmt, und die Staͤnde von Wales nach Machynlleth, dem Sih der letzten Fuͤrſten, zuſammenberufen. Allein mit den Vorbereitun⸗ gen zu dieſer Feierlichkeit beſchaͤftigt, erhielt er Nachrichten, welche ihn das Feſt einſtweilen aufzuſchieben noͤthigten. Mortimer naͤmlich hatte ſich auf der Graͤnze vom Koͤnige getrennt, und ſich in das Schloß Wigmore gezogen. D 2 52 Dort fand er die Truppen, welche zu einem Einfalle in das ſuͤdliche Wales beſtimmt wa⸗ ren, zahlreicher verſammelt als er vermuthet, und ungeduldig, den Befehl zum Angriff zu erhalten. Froh der guͤnſtigen Gelegenheit, der Sache des Koͤnigs eine vortheilhaftere Wendung geben, und von dem in deſſen Herzen einge⸗ wurzelten Argwohn ſich reinigen zu koͤnnen, beſchloß er, waͤhrend er Glyndwr'n in Norden beſchaͤftigt wußte, mit groͤßter Eile in Suͤd⸗ Wales einzubrechen. Sir Owain erhielt dieſe Nachricht zu Caer⸗ Drewyn. Das Geruͤcht ſagte: Morlimers Heer beſtuͤnde aus funfzehn bis zwanzigtauſend Mann, und vermehre ſich tagtaͤglich. Glynd⸗ wr hatte nicht mehr als neun⸗ bis zehntau⸗ ſend Mann, allein er warb ſogleich friſche Mannſchaft, ließ eine kleine Beſatung in Caer⸗ — 53 Drewyn zuruͤck, und begab ſich mit ſeinem aͤbrigen Heere an die Graͤnze zwiſchen Here⸗ fordſhire und Radnorſhire. Fortwaͤhrend em⸗ pfing er neue Nachrichten von den Bewegun⸗ gen des Feindes; mit der ihm eignen Ge⸗ ſchwindigkeit ſetzte er ſeinen Marſch fort, ſo daß Mortimer in ſeinem Vordringen ploͤtzlich ſich gehemint ſah. Endlich nahm Glyndwr nicht fern von der Veſte Stanach am Fluß Teme eine aͤußerſt guͤnſtige Stellung. Am Tage darauf, als er eben mit ſeinen Haͤuptlingen ſich unterredete, brachte man ihm die Nachricht von Sir Philipp Ap Rhys, von Gwenllians, Gwyllims und Emmas Ankunft. Erblaſſend und zitternd bei dieſer Nachricht, befahl er die Angekommenen in ſein Zelt zu fuͤhren. Bald darauf hob er die Verſamm⸗ kung auf, verfügte ſich in ſein Zelt und ge⸗ bot, daß Niemand ihn ſtoͤren ſolle. 54 Keiner erfuhr, was im Zelte des Feldherrn vorging. Nach einer Viertelſtunde aber trat Sir David heraus; er fuͤhrte Gwenllian, wel⸗ che heftig ſchluchzte, am Arme. Emma folgte traurig ihrer Freundinn. Gwyllim hob Beide auf die fuͤr ſie bereitſtehenden Roſſe, und gab ihnen das Geleit bis nach Stanach. Hier fand er Glyndwrs aͤlteſte Tochter Iſabella, welcher er ſeine Schutzbefohlenen uͤbergab. Er wunderte ſich, die Jungfrau am Morgen einer Schlacht hier zu finden, beſon⸗ ders als er hoͤrte, daß Lady Glyndwr bei ih⸗ rem Vater Sir David Hammer gefaͤhrlich krank darniederliege. Sie umarmte ihre Freun⸗ dinnen, und aͤußerte ſodann den Wunſch mit Gwyllim einige Worte allein zu ſprechen. Du haſt nichts zu beſorgen!— ſagte ſie 55 ſich laͤchelnd zu Emma wendend— Es faͤlt mir nicht ein, das Queckſilber, oder— was das Naͤmliche iſt— einen irrenden Ritter feſ⸗ ſeln zu wollen. „Ach, ſchoͤne Amazone!“ rief Sir David, Iſabella's Hand ergreifend.„Gar gern glaub' ich, daß Sie nicht darauf ausgehn, mir Feſſeln anzulegen; denn Sie ſind— dieſer Ring be⸗ ſtaͤigt es— ſelbſt gefeſſelt. Beringt— be⸗ dingt! ſagt das Sprichwort. Nicht wahr, ich habe Ihr Geheimniß errathen?“ Nein— nein— nein! Ihr habks nicht errathen!— verſetzte Iſabella trotzig, doch mit ſichtlicher Verlegenheit.— Aber laſſen wir das. Ich wollte Euch blos um Eure Vermitt⸗ lung bei meinem Vater bitten wegen eines Freundes, der ſich ſein Mißfallen dadurch zu⸗ 56 zog, daß er einem Ungluͤcklichen im Schloſſe Aber⸗Edwy einen Zufluchtsort gab. „Und dieſer Freund— wenn ich fragen darf?“— Iſabella zoͤgerte eine Weile, dann ſagte ſie: Es iſt Monnington. „So?“ laͤchelte Sir David.„Alſo Mon⸗ nington iſt der Gluͤckliche, dem es vergoͤnnt war, dieſe ſchoͤne Hand mit dem goldenen Reif zu ſchmuͤcken?“ Ein leichtes Roth uͤberflog Iſabella's Wan⸗ ge. Nun ja— ſagte ſie— ſo moͤgt Ihr es denn wiſſen: Ich bin mit Einwilligung mei⸗ nes Vaters ſeit einigen Tagen Monnington's Weib, und begleite ihn jetzt auf's Schlachtfeld, um die Gefahren des Kriegs mit ihm zu theilen. „ ———--ↄ-— — 57 Bei dieſen Worten trat Monnington herein. Sir David wuͤnſchte ihm Glüͤck, und Mon⸗ nington bezeigte ſeine Freude daruͤber, den Bar⸗ den wieder bei ſich zu ſehn. Dieſer brachte das Geſpraͤch auf den Unbekannten. Es i*ſt ein Juͤngling— verſetzte Monning⸗ ton— der mir den Wunſch zu erkennen gab, an der bevorſtehenden Schlacht als Freiwilliger Theil zu nehmen. Es waͤre ihm ſehr lieb; aͤußerte er, wenn er Euch dienen duͤrfe, denn er iſt ebenfalls Dichter. Aber er macht zur ausdruͤcklichen Bedingung, daß er am Tage ſein Helmgitter verſchloſſen halten duͤrfe. Wollt Ihr dieſe Bedingung ihm zugeſtehn; ſo iſt er gleich zu Euern Dienſten; und ich glaube, wir treffen ihn eben jetzt im Park. Wohlan, ſo wollen wir unſern Geheim⸗ * 58 nißvollen auffuchen! ſagte Gwyllim und ſie gingen in den Garten. Kaum waren ſie eini⸗ ge Schritte vorwaͤrts; ſo hoͤrten ſie einen ſchwermuͤthigen Geſang. Das Lied war trau⸗ rig, wie die Abenddaͤmmerung, in welcher es geſungen wurde: O Himmelsbitd!— Helenens Schatten ſchwebet Vor meinen Blicken und mir pocht die Bruſt; Nach ihr, der Herrlichen, nach ihr nur ſtrebet Mein kuͤhner Sinn mit wildentflammter Luſt. Doch weh! Das holde Bild, das meinem Herzen So viel der zauberiſchen Traͤume gab, Es gab mir auch die bitterſten der Schmerzen, Und meine Liebe reißet mich in's Grab. die mehr, Helene, ſiehſt du mich mit Thraͤnen Dir folgen durch das felsumringte Thal, Verbannet ſei mein Wuͤnſchen und mein Sehnen, Mein Liebesleid und meine Liebesqual. Bald iſt verſoͤhnt mit mir der ſtrenge Himmel, Bald glaͤnzt um mich das lichte Morgenroth, — — Ich ſtuͤrze mich in's wilde Kampfgetuͤmmel, und ſuche, muthig fechtend, meinen Tod!— Als das Lied geendet war, trat Monning⸗ ton mit Gwyllim aus dem Gebuͤſche hervor. Helle Augen, wie Sterne der Nacht, blitzten durch das Helmgitter des Unbekannten. Er ſchien den Barden ſchon perſoͤnlich zu kennen⸗ „Dein Viſter und Dein Geheimniß bleibe mir verſchloſſen!“ ſagte Gwyllim. Stumm reichte ihm der Unbekannte die Hand, und ſo⸗ mit waren ſie einig. Als Sir David Gwen⸗ lian und Emma'n der Fuͤrſorge Monnington's empfohlen hatte, ſprengte er mit ſeinem neuen Knappen von dannen, um zu der nahen Schlacht nicht zu ſpaͤt zu kommen. 60 VIII. Ohngefaͤhr eine halbe Stunde nachher, als Gwyllim das Lager verlaſſen hatte, trat Glynd⸗ wr bleich und verſtoͤrt in die Thuͤr ſeines Zelts. Er packte den Eiſenarm des Sir Philipp Ap Rhys, und zog ihn ſtuͤrmiſch mit ſich fort auf den kahlen Felſengipfel von Bryn⸗Glas der ſich in der Landſchaft Pilleth zwiſchen der Teme und dem Lug erhebt. Man konnte in den Mienen der Sprechenden den Inhalt ih⸗ res Geſpraͤchs leſen. Sir Philipps Miene 61 druͤckte Ruhe und Entſchloſſenheit aus; aber auf Glyndwr's Antlitz war die heftigſte Er⸗ ſchuͤtterung, die wuͤthendſte Verzweiflung unver⸗ kennbar gezeichnet. Er ſtarrte hinab in's Thal, welches angefuͤllt war mit Reiterei und Fuß⸗ volk. Lanzen blitzten im Sonnenſchein, zahl⸗ loſe Fahnen ſchwammen in der blauen wolken⸗ leeren Luft. Sein Blick verweilte auf den mit Zelten bedeckten Felſenhalden von Stanach; dann riß er aus ſeiner beengten Bruſt die Worte: . „Sir Philipp, Ihr habt mich am Gaͤngel⸗ bande gefuͤhrt, wie ein Kind. Ihr habt Gwenllian gemißbraucht, um mich zu erniedri⸗ gen. Das erwartete ich nicht von Euch. Es war Euch nicht genug, mich ungluͤcklich zu machen, Ihr wollet mich auch der oͤffentlichen Verachtung Preis geben?— Ha! Und Sie, 52 Sie, der ich mein ganzes Vertrauen ſchenkte, der ich meines Herzens geheimſte Regungen enthuͤllte— Sie belohnt mich ſo, ſo⸗— Bei Gott, wackrer Ritter! Es war ein Hel⸗ denſtreich von Euch, daß Ihr wie der Verrath in mein Herz Euch einſchlicht, um jeden ſeiner Pulsſchlaͤge zu behorchen, den Augenblick zu erlauern, wo die Todeswunde am ſicherſten ihm beizubringen ſei, durch ſchlechte Kunſt⸗ griffe Euch des Schluͤſſels zu meiner Bruſt zu bemaͤchtigen, um meines Lebens verborgenſtes Gefuͤhl zu erlauſchen?— Schlingt Lorbeern um Eure Stirne, Sir Philipp!— Ihr habt ſie rechtſchaffen verdient.— Wie ein nackendes Kind warf ich mich in Eure Arme. Ihr habt mich uͤberwunden, doch Euer Sieg iſt nicht viel beſſer, als wie der Sieg eines Rieſen uͤber ein Kind. Simſon war leicht zu bezwingen, als man ihm die Haare abſchnitt, worin ſeine 63 Kraft beſtand. Eine ſchlafende Schlange iſt leicht zertreten und ein in der Grube gefange⸗ ner Loͤwe leicht erwuͤrgt. Glyndwr ſchwieg im Uebermaaße ſeines Gefuͤhls. Sir Philipp deutete, ohne etwas zu ſagen, auf den Lanzenwald und die Helme im Thale. Haha!— lachte Glyndwr, aber die Hoͤlle tobte in ſeiner Bruſt. Ihr zeigt mir den Feind, den ich mit Eurer Beihuͤlfe mehrmals bezwungen habe. Ich weiß recht gut, was Ihr damit ſagen wollt. Allein ich will Euch keine Verbindlichkeiten mehr ſchuldig ſein. Sir Philipp, ich dank' Euch. Meinen Ruhm, meine Siege, meine Lorbeern leg' ich Euch zu Fuͤßen.. Ich will Euern Ruhm, Eure Siege und Lorbeern nicht, denn Ihr habt mich 64 wie eine Puppe behandelt. Immerhin berei⸗ chert Euch mit der leicht gewonnenen Beute. Gern geb' ich zu, daß Ihr mein Meiſter ſeid, in der Hinterliſt wenigſtens. Aber jetzt kenn' ich Euch, jetzt weiß ich, daß Ihr mich blos benutzt habt, um Lorbeerkraͤnze um Eure Stirn zu flechten. Nichts wollte ich als Wa⸗ les retten, und nun ſoll ich an Euerm Triumphwagen ziehn wie ein Laſtthier?— Vielleicht haͤtte ich etwas nachgegeben, wenn ich etwas feiner von Euch behandelt worden waͤre. Aber ſo?— Und Gwenllian in Euern Armen?— Ich Thor, erbaͤrmlicher Thor, daß ich Euch mein Vertrauen ſchenkte.. Nicht genug war es Euch, mir einen Pfeil⸗ in's Herz zu druͤcken, er mußte auch vergif⸗ tet ſein!— Muthloſigkeit und Erbitterung ſpricht aus 65 Euch— verſetzte Sir Philipp mit Ruhe und Gleichmuth. Ich verkenne Euch gaͤnzlich in dieſen Worten. Die Dienſte, welche ich Euch leiſtete, und um derentwillen Ihr mich jetzt veraͤchtlich behandelt, waren Eure Retter von Verbrechen und unvertilgbaren Vorwuͤrfen.. ſie erhoben Euch auf den ewig gruͤnenden Gi⸗ pfel der Ehre. Oder achtet Ihr es fuͤr nichts, auf dem Throne deſſen zu ſitzen, welcher der Fuͤrſt und Vater des Ritterthums war— auf Koͤnig Artus Throne? auf dem Throne des großen Roderiche die Worte des Pro⸗ pheten zu erfuͤllen? die zerriſſene Kette zwiſchen dem vorigen und dem kuͤnftigen Koͤnigsgeſchlecht zuſammen zuſchmieden?— Und wenn der Glanz des Throns, den wir Euch zuſichern, nicht hinlaͤnglich iſt, Euch zu locken, ſo be⸗ denkt nur auch den Einfluß auf ganz Euro⸗ pa, den Ihr durch unſern Bund und deſſen IV. E 66 Macht gewinnt. Ueberall ſind Verbindungen angeknuͤpft; die in unſerer Mitte entſprungene lebendige Quelle hat die Gegend weit umher befruchtet.— In dieſem Augenblicke ſchon keimt der Saame, welchen wir auf Deutſch⸗ lands Boden warfen.— Der Stuhl St. Pe⸗ tri, bisher von Betrug und Aberglauben ge⸗ ſtutzt, wankt, und wir ſind es, die ſeine Stuͤtzen und Pfeiler untergruben. Wenn er zertruͤmmert niederſtuͤrzt, dann werden auch die Moͤnchskloͤſter ſamt dem ganzen Feudalſyſtem, wodurch die Menſchheit ſo lange ſchon in ih⸗ rem Fortſchreiten aufgehalten wurde, niederſin⸗ ken. Zum Gluͤck der Erde wird eine neue Ordnung der Dinge eintreten.— Achtet Ihr es denn fuͤr nichts, der Erſte zu ſein, welcher die Fahne des Heils auf's Gebirge pflanzt, den wahren Glauben und Freiheit und Gleichheit —— „— 6 7 wieder herſtellt? Darum handelt mit Ueberlegung 8 und Muth!— Ich habe hierbei keine Stimme! verſetzte Glyndwr. Ihr, Sir Philipp, muͤßt beſtim⸗ men, welches Opfer ich Euch bringen, was ich thun ſoll. Erſt dann weiß ich, ob der Lorbeer fuͤr mich wirklich Lorbeer, oder ein— Zypreſſenkranz iſt. Nicht das Mindeſte— entgegnete Sir Philipp— verlange ich ſonſt von Euch, als daß Ihr Eure Pflichten erfuͤllt. Ganz Wa⸗ les, und(was noch mehr iſt) Euer eigner guter Ruf fordert Euch dazu auf. Denkt nur an Euer Ehrenwort, das Ihr mir verpfaͤndet habt, denkt nur an die glaͤnzende Ausſicht, die ich Euch eroͤffnet... Ha— C(rief Glyndwr) Eure Verheißun⸗ E 2 68 gen, wie haß ich ſie! Ich haſſe ſie, wie ich die Tyrannen haſſe, die mich mit ihrer Gunſt beſudeln wollten, um mich dann mit ihren Fuͤßen zu Staub zu treten. Noch einmal— nehmt Eure Geſchenke zuruͤck— gebt ſie An⸗ dern. Ueberlaßt mich der Rache, der Gewalt, der Verachtung, ja den Feſſeln meiner Feinde uͤberlaßt mich mir elbſt. Was ſollen mir Eure vergoldeten Pillen? Nehmt immerhin Eure Sklavenkrone zuruͤck und Euern Szepter, Beides macht blos ungluͤcklich. Iſt das Glyndwr— fragte Sir Philipp mit kaltem Spott— den ich jetzt hoͤre? Glynd⸗ wr, das Schrecken von ganz England?— Nein, ich ſehe blos einen von der Liebe bethoͤr⸗ ten Juͤngling vor mir. Faſt moͤchte ich auf⸗ hoͤren, an Manneskraft zu glauben, faſt ge⸗ gen meine Sinne mißtrauiſch werden, da der 59 Sohn des großen Roderich eine ſolche Sprache fuͤhrt. Herrliche Neuigkeiten fuͤr die Erſten der Waliſer und— merkt wohl auf!— fuͤr Bolingbroke!— Die Nachwelt wird ſtaunen, wenn ſie die Urſach Eurer Handlungsweiſe vernimmt. Das that er, wird ſie fragen, um eines Maͤdchens willen?— Ich weiß recht wohl, was Euer finſtres Hohnlaͤcheln ausdruͤckt, aber Ihr klagt mich ohne Grund an. Be⸗ denkt, daß mich nicht, wie Euch, Familienban⸗ de feſſeln. Frei kann ich zur Gefaͤhrtin mei⸗ nes Lebens und meines Gluͤcks diejenige waͤh⸗ len, die ich dazu waͤhlen will; außerdem wißt Ihr, daß Kambriens mißtrauiſcher Adel es ausdruͤcklich von mir verlangt, daß ich mich vermaͤhle, und eben ſo wohl iſt es Euch be⸗ kannt, daß ohne den Adel die Feierlichkeit zu Machynlleth nicht ſtatt finden kann.— Ja, ich liebe Gwenllian, ich verhehle es nicht, 70 allein ich rufe Gott zum Zeugen an, daß wenn die Bundesbruͤder es verlangten, ich ihr entſa⸗ gen und ihr Bild mit ſo leichter Muͤhe aus meiner Bruſt reißen wuͤrde, wie ich jetzt mei⸗ nen Arm aus dem Eurigen reiße.— Die fuͤßeſten Bande der Natur muͤſſen aufgeloͤſt, die ſchoͤnſten Regungen des Herzens muͤſſer aufgeopfert werden; ſobald das Intereſſe des Staats es erheiſcht. Dies iſt das erſte Geſetz unſers Bundes; es iſt grauſam, aber gerecht. Gegenſeitige Aufopferungen ſind die Grund⸗ pfeiler unſerer Geſellſchaft. Die Hoͤhe, auf welche wir uns jetzt erhoben haben, ſoll uns nicht mit Hochmuth erfuͤllen, ſoll nicht dazu dienen, unſre Leidenſchaften zu befriedigen, ſon⸗ dern vielmehr, ſie mit edler Eniſagung zu un⸗ terdruͤcken; die Kraft unſerer Tugend ſoll ſich bewaͤhren durch die Strenge der Pruͤfungen, denen wir uns zu unterwerfen haben, und aus * „— 21 denen wir gelaͤutert hervorgehen, wie das Gold aus der Flamme. Als das Gluͤck uns uͤber andere Menſchen erhob, machte es uns auch zur Bedingung ſeiner oft unſichern, oft unge⸗ rechten Gunſt, daß wir unſere Wuͤnſche und Vortheile dem allgemeinen Beſten unterordnen ſollten.— Allein Ihr ſprecht Euch veraͤchtlich uͤber die Geſchenke aus, welche wir Euch dar⸗ bieten; die Arznei, die wir Euch darreichen, um Euer Leben zu verlaͤngern, weiſet Ihr mit kindiſchem Trotze zuruͤck; Ihr ſchleudert die Hand weg, welche ſich mit Liebe nach Euch ausſtreckt.— Sehr richtig iſt das Spruͤchwort: Undank und Thorheit ſind Zoillin⸗ ge.— Ihr ſeid nicht mehr Owain Glyndwr! Ich ſag' es Euch frei: Ihr ſeid's nicht mehr. — Alles erblickt Ihr jetzt durch das gefaͤrbte Glas Eurer ſeelentnervenden Leidenſchaft. Schwa⸗ cher Mann! Bedenke doch nur, daß Du be⸗ 72 ſtimmt biſt, der Arm des Himmels zu wer⸗ den, wenn Du die Unterdruͤckten raͤchſt, die Unterdruͤcker zerſchmetterſt, denen die im Stau⸗ be liegen, zurufſt: Stehet auf! und den Ge⸗ fangenen: Seid frei!—, wenn Du der Schlan⸗ ge des Elends das abſcheuliche Haupt zertrittſt, und in der todten Wuͤſtenei den furchtbaren Ruf erſchallen laͤſſeſt: Stehet auf, ſtehet auf! Eure Bahn iſt frei.— Der große Bund, deſ⸗ ſen Haupt ich bin, bedarf Eurer nicht, um ſei⸗ ne Plaͤne auszufuͤhren; leicht kann er einen Andern zu dem Glanze erheben, den Ihr ver⸗ achtet. Wenn Ihr auch dem Bunde Euch entzieht, ſo wird ihm dies ſo wenig ſchaden und ſo wenig merklich ſein, als wenn im Weltall ein Sonnenſtaͤubchen fehlte.— Nicht um des Bundes willen und ſeines Vortheils, blos des allgemeinen Beſten wegen rede ich ſo mit Euch.— Und nun noch einmal: Ueber⸗ ——y—— 73 legt ruhig! Was wollt Ihr eigentlich? Wollt Ihr die trefflichſte der Frauen verſtoßen? Wollt Ihr Eure Toͤchter in Jammer, Schmach und Thraͤnen ſtuͤrzen? Denkt Ihr denn, daß ich, der Familie Eurer Gemahlin anverwandt, dieſes geduldig leiden, denkt Ihr denn, daß das Wa⸗ liſerland in ſtumpfer Gleichgültigkeit dieſer V ſchmachvollen Handlung zu ſehen werde?—— Glyndwr bewegte verneinend die Hand und das Haupt, doch ohne etwas zu erwiedern. * —y Sir Philipp fuhr fort: Was wollt Ihr alſo? Richtet nur einen ruhigen Blick in die Zukunft. b Selbſt Kinder laſſen ſich ja belehren, wenn man ihnen ſagt: Dies oder Jenes, was ſie eben waͤnſchen, ihnen zu gewaͤhren, ſei unmoͤglich. Seid Ihr Willens, Gwenllian zu Eurer Buh⸗ lerin zu machen?— Ihr ſchaudert zuſammen. Das erwartete ich. Aber was laͤßt ſich Ande⸗ ——,— 74 res von Euerm Betragen denken?— Noch Eins will ich hinzuſetzen: Wenn irgend ein Mann ein ſolches Vorhaben verriethe— waͤre er auch dem Range noch weit uͤber mich er⸗ haben, ja waͤre er mein Blutsfreund; erſt muͤßte er mein Herz durchbohren, ehe er zu ſei⸗ nem Zwecke gelangte. Doch ich gerathe unnd⸗ thiger Weiſe in Hitze. Es iſt Alles blos ein Hirngeſpinſt. Owain Glyndwr kann und wird die Pflanze nicht zertreten, die er von ihrem er⸗ ſten Aufkeimen dis zu ihrer ſchoͤnſten Bluͤthe pflegte. Dann aber— iſt es nicht Thorheit, nach einer Frucht, die nicht zu pfluͤcken iſt, ſich zu ſehnen und darnach zu ſeufzen. Es iſt wahr, Ihr ſeid der Gaͤrtner geweſen, Ihr⸗ habt ſie erzogen und durch Eure Bemüuhung iſt ſie zur Reife gekommen. Aber was folgt daraus?— Was ſpricht die eiſerne Nothwen⸗ digkeit und die klare Vernunft? Sie ſagen: „—— — — „— 75 Eßt nicht davon, ruͤhrt ſie nicht an, ſonſt ſeid Ihr des Todes! Gebt alſo weg, verſchenkt, was Ihr nicht beſitzen koͤnnt; folgt dem Gebot der Ehre und bleibt Euerm Worte getreu. Sir Philipp!— ſchrie Glyndwr hier in fuͤchterlicher Bewegung— ſchont mich. Seid großmuͤthig in dieſem Augenblicke und macht keinen Gebrauch von Eurer Ueberlegenheit. Verlangt das Opfer noch nicht, ſondern hoͤrt mich erſt an. Ich habe Leiden erduldet, wie ſie vielleicht nie ein Menſch erduldete. In meiner Jugend vertiefte ich mich in Unterſuchungen, Tage und Naͤchte weihte ich dem Nachdenken; kein Andrer haͤtte Kraft gehabt, dieſe Anſtren⸗ gung auszuhalten. Nach Wahrheit lechzend leb⸗ te ich Jahre lang in duͤſtrer Einſamkeit, arbei⸗ tete mit raſtloſem Eifer, um Alles zu durchdrin⸗ gen, mich uͤber die Schwaͤche der menſchlichen 26 Natur zu erheben, bis ich in der Raſerei mei⸗ ner glüͤhenden Einbildungskraft traͤumte, uͤber⸗ menſchliche Kenntniſſe mir erworben zu haben. Waͤhrend dieſer Forſchungen that ich mir frei⸗ willig alle Martern an, die nur der menſchliche Koͤrper zu ewragen vermag, ich litt Hunger und Durſt, ertrug Kaͤlte und wachte Naͤchte hindurch. Aber wenn auch Alles, was ich damals erlitt und erduldete, zu einem herben Trank zuſammen gemiſcht wuͤrde, ſo waͤre es doch nichts gegen den bittern Kelch, den Ihr jett an meine Lippen ſetzt.— Aber hoͤrt weiter. In dem Schatten, den meine Kenntniß des Menſchengeſchlechts auf die duͤrre Steppe meines Lebens warf, bluͤhte eine ſchoͤne Blume, die ich im Dunkel erzog, bis ihre glaͤnzende Schoͤn⸗ heit ſich entfaltet hatte. Meine Augen hingen immer an der Blume, die ich voll Liebe er⸗ zogen und gepflegt hatte. Ich bewachte ſie ſorg⸗ * —— .— 22 ſam; kein Fuß durfte ſich ihr nahen, ſie zu verderben, keine unreine Hand nach ihrer Bluͤ⸗ the ſich ausſtrecken. Blos fuͤr mich erzog ich ſie; ſie belohnte mich fuͤr meine Muͤh' und Ar⸗ beit; ſie war mein einziges Entzuͤcken; ſie ver⸗ ſoͤhnte mich mit der Welt und mein trauriges Herz wurde froh in ihrer Naͤhe.— Ha, und nun beruͤhrt ein verderbender Sturm meine ſchoͤn Blume, all' meine Muͤh iſt nun verlo⸗ ren und immer finſtrer und trauriger erſcheint mir die Wuͤſte des Lebens. Ihr ſprecht mit Uebertreibung von Euern Leiden! verſetzte Sir Philipp.— Allein auf dieſe Weiſe vermehrt Ihr blos Eure Schmerzen. Ihr gebehrdet Euch wie der gefangene Vogel, welcher ſeinen Kopf gegen die Eiſenſtaͤbe ſchlaͤgt, die ihn umklammern. Kann ich dafuͤr, wenn Ihr Euch ſelbſt taͤuſchtet?— Nicht gegen mich, 28 nicht gegen einen Andern kaͤmpfet Ihr, ſondern gegen das eiſerne Schickſal, dem alle Menſchen unterthan ſind. Ihr gebehrdet Euch wie ein Roß, welches an einen Pfahl gebunden iſt; es will ins Weite und kommt doch immer auf den naͤmlichen Punkt zuruͤck. Mitleid, ſagt Ihr, ſoll ich mit Euch haben? Habt es ſelbſt mit Euch! Kann ich denn das unmoͤgliche moͤglich machen?— Blos meine vorige Frage wieder⸗ hol ich, und ſag' Euch dabei: Es iſt des Schickſals Stimme, die Euch gebiant nicht die meinige. Haltet ein!— unterbrach ihn Glyndwr.— Ich leſe ſchon mein Urtheil in Euern kalten Blicken. Hoͤrt auf! ſag' ich. Hoͤrt auf! Un⸗ ſer Streit iſt beendet. Ich halte mein Verſpre⸗ chen, weil Gwenllian es ſo will. Schreibt ——jjj—— — —,— 79 mein Todesurtheil auf, ich will es ſelbſt unter⸗ eichnen!— 3 3 19 Haſtig und mit zerruͤtteter Seele zog er bei dieſen Worten Sir Philipp in das Zelt, als fuͤrchte er ſich anders zu beſinnen. 80 IX. Sir David nahm mit ſeinem geheimnißvollen Knappen den Weg von Stanach nach Bryn Glas. Der Barde, in Nachdenken verloren, ließ ſein Roß gehen, wie es gehen wollte. Er dachte an Emma und zugleich an die bevorſte⸗ hende Schlacht, in welcher er die Unabhaͤngig⸗ keit von Wales mit erkaͤmpfen ſollte. Seine Traͤumereien wurden durch den Laͤrm und das Getoͤſe unterbrochen, welches ſich in 81 der Richtung gegen Pilleth zu hoͤren ließ. Dies war das Zeichen, daß die Schlacht be⸗ reits angegangen. Als Gwyllim es hoͤrte, gab er ſeinem Roſſe die Sporen und ſprengte im Fluge fort. Als er ſich Bryn⸗Glas genaͤhert hatte, er⸗ klomm er einen Felſen, und nunmehr hoͤrte er, daß der Laͤrm mit jedem Augenblicke zu⸗ nahm und immer furchtbarer wurde. Er ſuch⸗ te ſich eine Stelle aus, wo er das Thal uͤber⸗ ſehen konnte, und jetzt ſchaute er in das leb⸗ hafteſte Kampfgetummel. Kein Pulverdampf verhuͤute die Kaͤmpfenden wie bei unſern jetzi⸗ gen Schlachten. So weit das Auge reichte, glich das Thal einem mit Helmen und Schil⸗ dern bedeckten Meere. Zahlloſe Federbuͤſche wogten auf den ſtaͤhlernen Pickelhauben der Streitenden und wirbelten in einander wie der IV. F 8² Schaum des Meeres. Ein finſteres Gewoͤlk von Pfeilen ſtieg von beiden Seiten auf, und begegnete ſich in der Luft, zwei blitzſchwangern Wolken gleich, die vom Herbſtwind aufs Meer gejagt ſich heulend vermiſchen, waͤhrend unter ihnen die Fluthen kaͤmpfen. Sir Davids Knappe war wie ſein Herr in Be⸗ ſchauung des Schlachtfeldes verſunken; doch rich⸗ tete er ſein Augenmerk mehr auf das Einzelne, als auf das Ganze. Er unterſchied die Haͤupt⸗ linge an ihten Bannern und den Wappen auf ihren Schildern. 4 8 8* Der da unten— rief er— mit der Wolfs⸗ klaue im goldnen Felde iſt Lord Powys, der mit dem roth und goldͤnen Schachbret iſt Lord Warren. Dieſe blaue Fahne gehoͤrt dem Lord Powell!— Seht Ihr das Wappenſchild an „—— 83 der Spitze der Vorhut mit dem goldnen Loͤwen im blauen Felde? Das gehoͤrt den Montgo⸗ merys... Jetzt kämpfen Ruthins Lehnsleu⸗ te. Daruͤber wundr' ich mich. Vielleicht ha⸗ ben ſie ſich mit den Heerhaufen ſeines Stief⸗ bruders, des Lord Marmion, vereint.— Sir Edmund Mortimer ſteht im Centrum bei der Fahne Englands. Es iſt der hohe Krieger auf dem ſchwarzen Roſſe mit dem purpurrothen Federbuſch.— Dort iſt der Graf von Wor⸗ ceſter, da ſind die Andleys, das Geſchlecht, durch welches Kambrien in's Ungluͤck geſturzt wurde.— Aber wer iſt denn der ſtolze Rit⸗ ter auf dem weißen Roſſe, welcher an Morti⸗ mers Seite reitet? Ha, das iſt Montalto! Ich erkenne ihn an dem goldnen Loͤwen im blauen Felde. Einen ſchlechtern Menſchen gubt's auf dem Erdboden nicht. Mit Verwunderung hatte Sir David bis⸗ F 2 84 her ſeinem Knappen zugehoͤrt, und ſtand eben in Begriff, ihn zu fragen, auf welche Weiſe er dieſe genaue Kenntniß von Alem ſich erwor⸗ ben habe, als in der Naͤhe eine ſtarke Stim⸗ me ſich hoͤren ließ, welche uͤber die Kriegskunſt der Alten ſprach. Sir David erkannte ſogleich die Stimme des Jolo Goch und wendete ſich um. Der, welchem Jolo vordemonſtrirte, war Sir John Oldcaſtle. Der Baronet gruͤßte leicht und gleich⸗ guͤltig, und ſtieg ſodann den Felſen hoͤher hin⸗ auf, Jolo aber eilte ſogleich auf Sir David zu und rief enthuſiaſtiſch: Wie freue ich mich, Euch wieder zu ſehn! Mit Eurer Huͤlfe, hoff' ich, wird dieſer Krieg bald beendigt ſeyn. Unum hoo proelium 5 . — — 85⁵ superest*), um mit Julius Caͤſar zu reden. Unter uns— ich kann das Kriegsleben gar nicht leiden. Gott gebe, daß ich bald wieder unter den Feigenbaͤumen zu Sichart in Ruhe ſitzen kann. Man ſagte mir doch— entgegnete Sir David— Ihr haͤttet die Lady Glyndwr zu ih⸗ rem Vater Sir David Hammer begleitet, und dieſes Haus gilt fuͤr eins der gaſtfreiſten— Es gilt dafur— verſetzte Jolo— allein die arme Lady Glyndwr befindet ſich jetzt ſchlecht, und darum geht auch Alles ſchlecht. Im Ver⸗ trauen geſagt— fuhr er mit leiſerer Stimme fort— ich bin faſt Hungers geſtorben. Sagt ſelbſt, nehm’ ich nicht ſichtlich ab? *) Nur dieſe Schlacht noch, 86 Sir David mußte bei dieſer Aeußerung— wie er Jols's Schmeerbauch und ſein Kupfer⸗ geſicht betrachtete— laut lachen. Ihr ſterbt Hungers?— rief er. Das glaubt man nicht, wenn man Euern Wanſt und Euer Geſicht ſieht. Nimium ne crede colori!*)— antwortete Jolo. Doch beilaͤufig— wie koͤſtlich waren die Mahlzeiten der Roͤmer gegen die unſrigen! Die Roͤmer— ja die Roͤmer, die hatten Verſtand. Sie aßen und tranken ohn' Unterlaß, wie die Goͤtter Homers. Wir wollen einmal ihre Mahl⸗ zeiten nachzaͤhlen: Jentaculum, prandium, merenda, coena, commessalio. Haben wir denn eine Mahlzeit, die mit ihrer coena zu vergleichen waͤre? Wie Horaz ſich ausdruͤckt: *) Nach dem Ausſehen kann man Niemanden beurtheilen⸗ 4 87 Prorsus jucunde coenam produximus il- lam*)!— Was mußten die Roͤmer fuͤr be⸗ neidenswerthe Verdauungskrafte beſitzen!— Und wie war ihr Tiſch beſetzt! Denkt nur an ihre gebratenen Eber, ihre Faſanen, Eichhoͤrn⸗ chen, Schwaͤne und Boͤcklein.— Sir David, ich moͤchte weinen,— das Eſſen gehoͤrt jetzt zu den artibus perditis**), uns bleibt nichts uͤbrig, als Hungers zu ſterben. Ungeduldig uͤber Jolo's antiquariſche Exzes⸗ ſe verſetzte Sir David: Ich glaube nicht, daß Ihr zu Bryn⸗Glas auserleſene Speiſen und Leckerbiſſen finden werdet. Das eben— rief Jolo heftig— liefert ei⸗ nen neuen Beweiß, daß wir weit in der Kul⸗ *) Froͤhlich ſchmauſten wir und konnten gar nicht aufhoͤren, zu ſchmauſen. **) Zu den verlornen Kuͤnſten. 88 tur zuruͤck ſind. Die Griechen waren, nach Homer, viel aufgeklärter. Jede Stunde, wo ſie nicht zu k mpfen brauchten, fullten ſie mit Feſten und Schmauſereien aus. Ein Mann, der ſich brav ſchlagen ſoll— ſpricht Ulyſſes— muß einen vollen Magen haben. Dies Syſtem befolg⸗ ten auch die Roͤmer. Nach dem Zeugniſſe des Livius fuͤhrte jeder Soldat auf vierzehn Tage Le⸗ bensmittel, ſo wie Kochgeſchirr, bei ſich. Und unter den Belohnungen der Tapferkeit befand ſich eine, die weit mehr werth war, als alle Baͤrgerkronen und andere Auszeichnungen, naͤm⸗ lich duplex framentum*). Denſelben Grund⸗ ſatz trifft man auch bei den Tuͤrken, ſie laſſen den Kochkeſſel vor der Armee hertragen und halten den Verluſt deſſelben fuͤr wichtiger, als den Verluſt einer Fahne. “) Doppelte Portion — —,. 89 Sir David wurde ungeduldig, und um den Schwaͤber von ſeinen antiquariſchen Unter⸗ ſuchungen abzubringen, theilte er ihm Twm Sion Catti's Aufirag mit. Er hat Unrecht!— rief Jolo heftig— Er hat Unrecht!— Mein Freund iſt durch ſeine Liebe zur Erbin von Yſtrad⸗Ffin ganz verruͤckt worden. Er ſtellt jetzt die aller ſonderbarſten Behauptungen auf— Aber, Jolo— unterbrach ihn Sir David. Wir wollen uns nicht uͤbereilen!— fuhr Jolo fort. Ihr kommt immer noch zeitig ge⸗ nug, um Euch todiſchlagen zu laſſen. Jetzt will ich Euch beweiſen, wie thoͤricht es von einem Alterthumsforſcher iſt, ſich zu ver⸗ lieben. 90 Laſſen wir das! flel ihm Sir David in die Rede. Meinethalben— entgegnete Folo.— Aber nun muß ich Euch doch noch von einer an⸗ dern hoͤchſt merkwuͤrdigen Behauptung des Twm Sion Cntti etwas erzaͤhlen. Er behaup⸗ tet naͤmlich, die Roͤmiſchen Lager haͤtten im⸗ mer die Form eines Triangels gehabt, da es doch ausce macht iſt, daß ſie, je nachdem der Boden beſchaffen war, bald dieſe bald jene Form erhielten, und oft, ſo wie bei den Bri⸗ tanniern, zirkelfoͤrmig waren. Zum Beiſpiel, man behauptet allgemein, die Ruinen auf die⸗ ſem Hägel waͤren Ueberreſte eines Britanniſchen Lagers; ich behaupte aber ganz keck, es ſind Rudern eines Roͤmiſchen. Erkennt man nicht dort, wo jetzt Sir John Oldeaſtle ſteht, ganz klar die Spuren von der fossa, vom vallum und agger?— v* ——— 91 Es thut mir leid— fiel ihm hier Sir Da⸗ vid in's Wort— Euch nicht laͤnger zuhoͤren zu koͤnnen. Glyndwr erwartet mich, und eine laͤngere Zoͤgerung bei ihm zu verantworten iſt mir unmoͤglich⸗ Ach ja, es iſt wahr!— verſetzte Jolo. Aber was ich Euch empfehle iterum atque iterum*), das iſt dieſes: Geht nicht mit lee⸗ rem Magen in die Schlacht. Schmaußt zu⸗ vor noch einmal recht ruͤchtig und thut Euch bene. Bedenkt, daß es vielleicht Euer letzter Schmauß iſt, und daß Ihr ſelbſt vielleicht in Kurzem von den Wuͤrmern geſchmaußt werdet; bedenkt, daß unter allen Kriegen der feindſelig⸗ ſte es iſt, wenn man dem Magen Krieg an⸗ kuͤndigt, indicare bellum ventri, wie Ho⸗ — *) wiederholt. 2 — * . g 22 έ — 5 3 B —8 — 2 . ₰ 8 — 3 fausto*)!— Bei dieſen Worten trennten ſie ſich. 5) Gluͤck auf den Weg! 4 — 93 X. Als Gwyllim in Glyndwrs Lager kam, war er nicht wenig erſtaunt uͤber die Veraͤnderung, welche mit ſeinem Freunde vorgegangen war, ſeit er ihn zum letzten Male geſehn hatte. Kei⸗ ne Spur von Unentſchloſſenheit zeigte ſich in ſeinem Geſichte; blos Heldenmuth ſprach aus ihm, und Gewißheit des Siegs. Er fand ihn, niedergeworfen auf einem Felſengipfel und umringt von Barden. Waͤh⸗ 94 rend Sir Owain an ſeine Haͤuptlinge Befehle austheilte, nahm Gryffyd Llwyd die Harfe und ſang dazu folgendes Kriegslied: Glyndwr fuͤhrt Euch in die Schlacht, Fuͤhrt Euch hin zum blut'gen Tanze, Wo das Schwert und wo die Lanze Gleich dem Donner droͤhnt und kracht. Auf, ihr Waliſer, auf in das Feld; Der Kriegsgott iſt der Herr der Welt. Waffen klingen fern und nah, Wie des Sturmes wildes Sauſen. Horcht, die muth'gen Roſſe brauſen! Horcht— der Tag der Schlacht iſt da!— Auf, ihr Waliſer, auf in das Feld; Der Kriegsgott iſt der Herr der Welt. Pfeile ſieht man in die Luft Purpurroth gefiedert ſteigen; Wen ſie treffen, der muß ſchweigen, Den verſchlingt die finſtre Gruft. Auf, ihr Waliſer, auf in das Feld; Der Kriegsgott iſt der Herr der Welt. Keiner falle feig als Sklav. Schmetternd freudige Geſaͤnge Stürzt in's dichteſte Gedraͤnge, Fech et wacker, ſterbet brav. Auf, ihr Waliſer, auf in das Feld; Der Kriegsgott iſt der Herr der Welt⸗ Blickt dem Tod in's Auge kuͤhn, Denn er ſchont der Tapfern Leben; Aber die vor ihm erbeben, Nimmt er ſich zur Beute hin. Drum, ihr Waliſer, auf in das Feld; Der Gott des Kriegs iſt der Herr der Welt⸗ Wie Glyndwr Sir Davids anſichtig ward, ſtand er auf von ſeinem Sitze, druͤckte ihm die Hand und hieß ihn wiſkommen mit weit mehr Herzlichkeit, als ſonſt. Wegen der Reiſe rich⸗ tete er keine Frage an ihn; er ſchien ſich jetzt 96. um nichts, als um die Schlacht zu bekuͤm⸗ mern· Ich errathe Deinen Wunſch— ſprach Glyndwr mit ungemeiner Heiterkeit— und ich will ihn erfuͤllen; Dein Poſten ſei Dir ange⸗ wieſen bei der Vorhut, wo Deine Landsleute unter Adam Dhus Befehlen kampfen. Er gebot zugleich, daß eine Anzahl junger Leute, welche ſeitwaͤrts ſtanden, ſich naͤhern ſollten.„Nun, Gwyllim!“ ſprach er, indem er ihm ſein Schwert reichte.—„Sammle ſchmuͤcken!“ Gwyllim nahm das Schwert aus Glynd⸗ wrs Haͤnden, und ſchwur ſich ſelbſt dabei zu, dieſe Waffe blos als Sieger zuruͤck zu bringen. kam Rhys Gyrch auf Glyndwrn zu, und Dir Lorbeern, um Dein Brautgemach zu Eben wie Sir David ſich entfernen wollte, —— 97 deutete mit wilder Bewegung ſeines Arms auf die Waͤlder von Daryd und Knockleß, wo das feindliche Heer lagerte. Glyndwor richtete einen feſten Blick auf den Ort, wo er die Lanzen blitzen ſah, dann ſprach er: Sir Philipp Ap Rhys hat wahr geredet— der Sieg iſt unſer. Voll ungeſtuͤmer Freude ſchuͤttelte der wil⸗ de Rhys Gyrch Glyndwrs Eiſenhand und be⸗ gab ſich dann auf ſeinen Poſten zuruͤck. Auch Gwyllim entfernte ſich, nachdem er ſeinen Freund herzlich umarmt hatte. Indem er ſich in der Ferne noch einmal umwandte, erſtaun⸗ te er, Glyndtworn ſelbſt ſchon an der andern Seite des Huͤgels mit der Abtheilung des Hee⸗ res, welche er befehligte, herabkommen zu ſehen. Die Ruͤſtung des Anfuͤhrers von polirtem Kupfer blitzte im Sonnenſtrahl, ſein blanker IV. G 98 Helm, vom goldnen Drachen uͤberfluͤgelt, wel⸗ cher Feuer zu ſpeien ſchien, deckte ſein Haupt; das ſchneeweiße Roß, welches er ritt, ſchaͤumte voll Muth und Ungeduld. Jetzt verloren ſich die Federn des Helms zwiſchen den Lanzen und Bannern. Die Schlacht begann⸗ *r — 99 XI. Bald focht Mann gegen Mann; Schild ſtieß gegen Schild und Fuß gegen Fuß. Unterm Klange der Schwerter und Streitaͤxte ertoͤnte abwechſelnd das Feldgeſchrei: Mit Sankt Ge⸗ org!— Mit Cymry! und verſcholl mit einan⸗ der in der Luft. Die Sonne glaͤnzte ſo heiter uͤber dem Kampfgetuͤmmel, als ob Alles unter ihr friedlich waͤre, und ſetzte ihren Weg ruhig nach Mittag fort. Keine Parthei wich vom Schlachtfelde⸗ G 2 100 Gleich dicht flog der Pfeilregen, fielen die Schwertſchlaͤge, und Blutbaͤche ſtroͤmten. Jetzt umzingelte Glyndwr den linken Fluͤgel des Feindes und trieb ihn gegen das Ufer der Te⸗ me, und eine ſtarke Heeresabtheilung, ange⸗ fuͤhrt von Sir Philipp Ap Rhys, welche bis jetzt unthaͤtig geblieben war, fuͤhrte die Entſchei⸗ dung herbei. Der linke Fluͤgel, von Morti⸗ mer befehligt, wurde vom uͤbrigen Heere ge⸗ trennt und in Unordnung gebracht. Doch im⸗ mer noch blieb Manches zu thun uͤbrig. Die Voͤlker von Hereford und Salopia, welche auf dieſem Fluͤgel kaͤmpften, fochten, als ſie in Unordnung gebracht waren, in einzelnen Hau⸗ fen; keiner gab ſich gefangen; Freiheit oder Tod hieß ihr Loſungswort; ſelbſt als ſie in die Teme getrieben wurden und bis an den halben Leib in den blutgefaͤrbten Wellen ſtanden, ga⸗ ben ſie ſich noch nicht uͤberwunden, ſondern ⸗ 2— 2— 101 kaͤmpften mit ihren Gegnern ſo lange, bis der Strom ſie verſchlang. So wie der linke Fluͤgel des Feindes ver⸗ nichtet war, warf ſich Glyndwrs rechter Fluͤgel unter Adam Dhus Anfuͤhrung, bey welchem auch Gwyllim ſtand, auf das feindliche Cent⸗ rum. Oft hatte Sir David da, wo das Kampf⸗ gewuͤhl am blutigſten war, Glyndwrs Helm be⸗ merkt, doch war es Beiden unmoͤglich geweſen ſich einander zu naͤhern. Jetzt gewahrte Gwyl⸗ lim ſeinen Freund im dichteſten Gedraͤnge, zu Fuße kaͤmpfend, mit Blut und Staub bedeckt, ſein Schild von Pfeilen durchbohrt, ſein Schweet vooll Scharten wie eine Saͤge, die Federn ſeines Helms zerknickt und unordentlich auf die Schul⸗ ter niederfallend. 102 Mortimer ſah ſeinen Untergang vor Augen. In Verzweiflung uͤber das Geſchick, welches ihn bedrohte, ſtuͤrzte er aus dem Haufen ſeiner Getreuen, die ihn ſchuͤtzend umringten, hervor und rief mit lauter Stimme Glyndwrn zum Zweikampf auf. Sir Owain zoͤgerte keinen Augenblick, die Ausforderung anzunehmen, doch wie ihre Schwerter einander entgegenblitz⸗ ten, ſchwebte die Streitaxt Montalto's, welcher an Mortimers Seite geblieben war, uͤber Glynd⸗ wrs Haupte. Gwyllim ſtuͤrzte lautaufſchreiend herzu, um die ſeinem Freunde drohende Gefahr abzuwehren, allein ſein Knappe kam ihm zu⸗ vor, indem er mit einem geſchickten Schwert⸗ ſchlage Montalto's Streitaxt, wie ſie eben nie⸗ derſinken wollte, von ihrem Hefte trennte⸗ Indem Glyndiwors Haͤuptlinge ſich zwiſchen die beiden Kaͤmpfenden warfen, zog Montalio —-——— 103 ſein Schwert und fiel wuthſchaͤumend den Knap⸗ pen an. So muthig ſich dieſer vertheidigte, ſo „wurde er doch, weil ſein Gegner ihn an Kör⸗ perkraft weit uͤberlegen war, zuruͤckgedraͤngt, er ſtuͤrtte aufs Knie, und ſchon erhob der wilde Montalto ſein Schwert, um dem Juͤnglinge den Todesſtoß zu geben, als derſelbe alle ſeine Kraͤfte zuſammennahm und ſeinem Feinde das Schwert in die Seite ſtieß. Das fuͤr Gwen⸗ llian! rief er dabei, und Montalto ſtuͤrzte fluchend zu Boden. Glyndwr und Gwyllim waren Beide uͤber dieſe Ausrufung des Knappen aͤußerſt erſtaunt, doch das Getuͤmmel an dieſer Stelle vermehrte ſich ſo ſehr, daß Sir David hinweggedraͤngt und von ſeinem Knappen getrennt wurde. Als er ſich wieder naͤhern konnte, fand er Glyndwrn und Mortimern am Ufer des Stro⸗ 10⁰4 mes aufs Neue in einem Kampfe auf Leben und Tod begriffen. Beide Heere, als waͤren ſie ſtillſchweigend uͤbereingekommen, den Aus⸗ gang dieſes Kampfs zu erwarten, blieben un⸗ thaͤtig und ſahen ruhig zu. Die Kaͤmpfenden zeichneten ſich aus durch Koͤrperkraft und Muth. Furchtbar waren die Schlaͤge, die ſie gegen einander führten, und bald entzogen aufwirbelnde Staubwolken, von ihren Eiſenfuͤßen erregt, ihr Gefecht dem An⸗ blick der Zuſchauer; man ſah blos durch den Staub ihre Klingen wie Blitze funkeln. Aus den Fugen ihrer Ruͤſtungen ſprangen ſchon viele Purpurquellen und die Sonne war im Niederſinken; dennoch dauerte der Kampf fort. Jett ſiel Glyndwrs Schwert mit ſeiner ganzen Kraft auf Mortimers Schild und blieb darinnen haften. Sir Edmund wollte ſeinen Vortheil auf — — 105 der Stelle benutzen, und indem Glyndior ſich vergebliche Muͤhe gab, ſeine Klinge zu befreien, hob der Gegner die ſeinige und fuͤhrte damit einen fuͤrchterlichen Schlag auf Glyndwrs Schulter. Die Gewalt, mit welcher der Streich gefuͤhrt wurde, erſchuͤtterte Owains Felſenkoͤrper, allein der Damaſzener ſeines Feindes zerbrach auf der erprobten Ruͤſtung, und ſprang wie Glas in tauſend Stuͤcke. Beide, jetzt waffen⸗ los, ſtanden einige Augenblicke einander unthaͤ⸗ tig gegenuͤber. Dann warf Mortimer ſeinen Schild weg, ſtuͤrzte auf ſeinen Gegner los und packte ihn, um ſeiner im Ningen Herr zu werden; allein Glyndor ſtand feſt, gleich der Eiche, die dem wuͤthendſten Sturme trotzt, gleich dem Felſen, deſſen Fuß die ſchaͤumenden Wo⸗ gen beruͤhren, ohne ihn zu erſchuͤttern. Drei⸗ mal erneuerte Mortimer ſeinen heftigen Angriff, doch immer ohne Erfolg; endlich glitt er ſelbſt 106 auf der mit Blut benetzten Erde aus, und fiel zu Glyndwrs Fuͤßen. Dieſer ſtuͤrzte ſogleich auf ihn zu, faßte in und rief: Ihr ſeid mein Gefangener!— Ich ergebe mich! keuchte Mortimer.— Da neigten ſich Englands Fahnen vor dem Drachen Merlins, welcher goldig im letzten Sonnenſtrahle ſchimmerte. Die feindlichen Rei⸗ hen trennten ſich, der groͤßte Theil der Solda⸗ ten warf die Waffen weg und nahm die Flucht; eine allgemeine Verwirrung entſtand. Eile— ſprach Glyndwr, indem er ſich an Gywllim wandte, und den Gefangenen der Ver⸗ wahrung Adam Dhus uͤbergab— eile mit den Truppen, die Du ſo tapfer anfuͤhrteſt, dem Feinde den Ruͤckzug nach Wigmore abzuſchnei⸗ den, durch Pilleth und Pedwardine, waͤhrend ich ihn am Uebergange uͤber den Fluß verhin⸗ 107 dere. Tudor kehrt nach Trebucho zuruͤck und Rhys Gyrch bemaͤchtigt ſich der Engpaͤſſe von Daryd. Eile, mein wackerer David, Du haſt die Hand Deiner Dame redlich verdient!— Sir David warf ſich ſogleich auf ſein Roß und nahm an der Spitze der freudejauchzenden Soldaten ſeinen Weg durch Pilleth nach Ped⸗ wardine. An beiden Orten ließ er ſtarke Heer⸗ haufen zuruͤck, um die Flucht des Feindes auf⸗ zuhalten, und ging mit dem Ueberreſt nach Stanach. XII. Als Sir David zu Stanach ankam, fand er den Platz vor dem Schloſſe, wie einen Markt⸗ platz, bedeckt mit Wagen, Gepiͤck, Zelten, Fah⸗ nen und Waffen, welche vom Feinde erbeutet worden waren. Die Verwundeten lagen auf dem Raſen und die Gefangenen wurden von den Waliſern bewacht. Gwyllims erſter Gedan⸗ ke war ſeine Emma; er eilte ins Schloß, ſie aufzuſuchen, und als er ſie dort nicht fand, in den Park. 8 4 -9——— — —— — —.—— 109 Hier traf er ſeine Geliebte und Gwenllian beſchaͤftigt, Verwundete zu verbinden. Gwenl⸗ lian bewillkommte den Ankommenden mit dem ruhigen anmuthigen Laͤcheln, welches immer um ihre Lippen ſchwebte. Emma gluͤhte beim Anblicke ihres Geliebten fuͤr Freube, daß er ſo vielen Gefahren entgangen. Unvermoͤgend, die Gefuͤhle ihres Herzens in Verſtellung zu kleiden, flog ſie in ſeine Arme, und trat dann ein wenig ſeitwaͤrts von den Uebrigen, um un⸗ geſtoͤrt mit Gwyllim zu koſen⸗ Doch ploͤtzlich wurden die Liebenden aufge⸗ ſchreckt durch einen Angſtſchrei Gwenllians, und wie ſie ſich umwandten, ſahen ſie, daß ſie ſich weinend uͤber einen Ritter hinbeugte, welchem man eben den Helm geloͤſt hatte. Er lag am Fuß einer Eiche, deren knotige moosbedeckte Wurzeln von ſeinem Blute gefaͤrbt waren, wel⸗ 3 110 ches langſam wie ein purpurnes Baͤchlein durch die Aloen und Hyazinthen hinfloß. Keiner vermochte Anfangs die Geſichtszuͤge des Verwundeten zu unterſcheiden; als aber Sir David ihn genauer betrachtete, erkannte er ihn ſogleich. Es war ſein Knappe. Gwenl⸗ lian lag ſchluchzend an der Bruſt des Verwun⸗ deten; Gwyllim buͤckte ſich, um ſie in die Hoͤ⸗ he zu richten und zu entfernen. Als er bei dieſer Gelegenheit noch einmal einen Blick auf das blaſſe Geſicht des Sterbenden heftete— bebte er zuruͤck, denn er erkannte nunmehr— den ungluͤcklichen Javan. Bei Gwyllims Bewegung, Gwenllian zu entfernen, erwachte der Verwundete aus der Ohnmacht, in welcher er bisher gelegen hatte; krampfhaft ergriff er Gwenllians Hand und hielt ſie feſt in der ſeinigen; er ſtuͤtzte ſich auf III ſeinen Ellenbogen, um ſich in die Hoͤhe zu rich⸗ ten— allein vergebens; er ſank zuruͤck. Waͤhrend Gwyllim ſein Haupt in die Hoͤ⸗ he hob und unterſtuͤtzte, brach Gwenlian unter lautem Schluchzen in dieſe Worte aus: O Ja⸗ van, mein Bruder, mußten wir nach langer Trennung ſo uns wiederfinden? Grauſam biſt Du gegen Dich ſelbſt geweſen, und an mich haſt Du nicht gedacht, als Du Dich in den Tod ſtuͤrzteſt. Der Verzweiflung gabſt Du Dich hin in dem Augenblicke, wo die finſtre Nacht ſich zu erhellen und die Morgenroͤthe der Hoffnung uns zu leuchten begann. Der Hoffnung?— ſprach der Juͤng⸗ ling mit brechender Stimme.— Ich habe keine Hoffnung mehr. Blos der Toh konnte den Knoten unſers Schickſals loͤen. O ich weiß, was Du ſagen willſt: Wir ſind nicht 112 Geſchwiſter?⸗. aber wozu dieſe ſpaͤte Entdek⸗ kung?— Warum ſoll ich denn laͤnger leben? — Wenn ich auch frei bin, Gwenllian; ſo biſt doch Du es nicht. Soll ich leben, um Dich in eines Andern Armen zu ſehn?— Herrliches Morgenroth der Hoffnung!— Wiſ⸗ ſen ſoll ich, daß Du mein ſeyn konnteſt, und dennoch Dich verlieren?— Ha, nenne das nicht Morgenroth, nenn' es ewige Nacht! Nenn' es einen martervollen Traum, der grau⸗ ſamer als der Tod iſt. Sprich nicht alſo, Javan!— verſetzte ſie unter Thraͤnen— ſprich nicht vom Tode. Dei⸗ ne Wunden ſind nicht toͤttlich; ſie werden hei⸗ len. Nein, Du darfſt— Du wirſt nicht ſter⸗ ben! Faſſe Muth; wir werden noch lange bei⸗ ſammen ſeyn, um von den Schmerzen zu re⸗ den, die dann voruͤber ſind. 113 Er griff leidenſchaftlich nach ihrer Hand, dann ſank er matt auf Gwyllims Schulter; doch nach einer Weile erholte er ſich etwas und ſprach, indem er ſein erloſchenes Auge erhob, mit brechender Stimme: Ach, wie koͤnnt ich dies ermuͤdende Leben, zugebracht in Hoffnungs⸗ loſigkeit, ertragen? Wie den immerwaͤhrenden Kampf der Liebe mit der Pflicht? dieſe Qualen ohn’ Ende?— Ich weiß nicht mehr, was ich ſage.... Schon beruͤhrt des Todes kalte Hand meine ſchweren Augenlieder. Alles, was mich umgiebt, iſt Traum, iſt Schatten!.. Wa⸗ rum, geliebte Gwenllian, ſoll ich trauern, daß ich das Leben verlaſſen muß? um deinetwillen und um meinetwillen iſt es beſſer, daß ich ſchei⸗ de. Nein, ich mag nicht laͤnger leben... der Himmel hat ſich meiner erbarmt und mei⸗ nen einzigen Wunſch, in Deiner Naͤhe mein Leben auszuhauchen, mir gnaͤdig gewaͤhrt. Nu IV. H 3 114 ſterb' ich zufrieden. Meines Lebens Ende iſt meines Gluͤckes einziger Augenblick. Dieſe Worle, die er mit Anſtrengung ge⸗ ſprochen hatte, erſchoͤpften ſeine Kraͤfte; er woll⸗ te noch weiter ſprechen, allein ſeine Stimme erloſch, und man hoͤrte nichts, als ein dum⸗ pfes Gemurmel. Gwenllian war in ſo heftiger Bewegung, daß Emma ſie nur mit Muͤhe aufrecht erhalten konnte; Gwyllim ſuchte den ſterbenden Juͤng⸗ ling durch troͤſtende Worte zu beruhigen. Da traten in den Kreis, welcher von Soldaten und weinenden Frauen um dieſe Gruppe geſchloſſen war, Monnington und Scudamore, welche Javans Schweſtern zu Gemahlinnen hatten. Sie konnten ſich bei dem Anblicke des Juͤnglings, der in der Bluͤthe ſeines Lebens zu verſcheiden drohte, der Thraͤnen nicht erwehren. 8 — 115 Sogleich ordneten ſie an, daß er, um alle Mit⸗ tel zur Rettung ſeines Lebens anwenden zu koͤnnen, in das Schloß gebracht werden ſolle, wo ſeine Schweſter Iſabella ſich befand. Da Javan zu ſchwach war, um einen Schritt thun zu koͤnnen, wurde ein Tragſeſſel von Zweigen geflochten; man ſetzte den Verwundeten hinein und trug ihn ſacht dem Eingange des Schloſſes zu. Alle Anweſende folgten dem traurigen Zu⸗ ge ſtumm, wie Leichenbegleiter. Nichts ver⸗ nahm man, als Gwenllians Seufzer, und die langſamen Tritte des Zuges im buſchigen Gra⸗ ſe, auf welchen die untergehende Sonne von der Abendſeite her durch die dunkeln Baͤume ein ſchwankendes Purpurlicht warf. So vorſichtig man ging, ſo mußte doch nach einigen Schritten ſtill gehalten werden, weil Javan vom vielen Blutverluſte aufs Neue ohnmaͤchtig ward. Man ſah ſich genoͤthigt, H 2 116 ihn nochmals am Fuße eines Baumes nieder⸗ zulegen. Jetzt ſchien ſein Tod ganz nahe, ſei⸗ ne Geſichtszuͤge veraͤnderten ſich, ſein Athemho⸗ len ward immer ſchwaͤcher; ſeine Glieder zitter⸗ ten krampfhaft. Er wollte noch einmal ſpre⸗ chen, allein er verſuchte es umſonſt— ſeine Zunge war gelaͤhmt. Nun warf er einen truͤ⸗ ben unruhigen Blick auf die Umſtehenden, dann reichte er Gwenllian, welche neben ihm kniete, ſeine kalte Hand... Man hoͤrte einen leiſen Seufzer... der Juͤngling ſank zuruͤck. Seine Seele hatte ſich emporgeſchwungen in das Reich der ew'gen Klarheit. 117 XIII. Gwylim hatte eben die troſtloſe Gwenllian vom Leichname entfernt, als ſich Glyndwrs Stimme in der Naͤhe hoͤren ließ. Er rief mit lauter Stimme Javans Namen; ſeine Ruͤ⸗ ſtung rauſchte in Dickigt und jetzt ſtand er in der Mitte der Trauernden. Er ſchauderte zu⸗ ſammen 5 und ein furchtbarer Weheruf drang aus ſeiner Bruſt, als er den Todten ſah, der zu ſeinen Fuͤßen hingeſtreckt lag. Ohne 148 Bewegung betrachtete er die zerſtoͤrten Geſichts⸗ zuͤge, die ihn anzuklagen ſchienen; ſein Koͤr⸗ per zitterte fieberiſch. Wie er ſo neben der Leiche ſeines Sohnes ſtand, gab ihm die Daͤm⸗ merung das Anſehen eines gefallenen Gei⸗ ſtes. Verfluchte, dreimal verfluchte Wiſſenſchaft — ſchrie er endlich— die mich in's Verder⸗ ben riß! Furchtbare Maͤchte! In dem Ringen nach Tugend laſſet ihr mich untergehen, wie jener Koͤnig Phrygiens mitten im truͤgeriſchen Glanz eurer Geſchenke den Tod fand; künſt⸗ liche Fluͤgel wuchſen mir im Zauberlichte, ich uͤberſchritt die Marken der Menſchheit— und habe daruͤber meinen Sohn verloren!— O du armes Opfer, ungluͤcklicher Javan, auf mir ruht die Schuld deines Todes, auf mir, der durch thoͤrichte Eiferſucht dich in Verzwei⸗ 119 flung ſtuͤrzte.— Thor, der ich war! Ich verfolgte dich, um gluͤcklicher zu werden, und bin es doch nicht geworden; in meinen eig⸗ nen Schlingen habe ich mich gefangen; gleich dem Seidenwurm habe ich mir ſelbſt mein Grabtuch gewebt!— Der Schatz, den ich dir durch Betrug oder Gewalt rauben woll⸗ te, iſt mir von einem Anderen, mit Betrug und Gewalt entfuͤhrt worden. Armer Javan! Waͤrſt du ein ſchlechterer Sohn geweſen, dann wuͤrde mein Gewiſſen minder quaͤlende Vorwuͤrfe mir machen. Ach, warum entflohſt du? Warum gabſt du mir ſo willig nach? Meiner Haͤrte ſetzteſt du Gehorſam, dem Haſſe Liebe entgegen; Boͤſes vergalteſt du mit Gu⸗ tem, du ſammelteſt feurige Kohlen auf das Haupt deines unnatuͤrlichen Vaters!— Ha, und ich— ich handelte, wie der einfaͤltige Pe⸗ likan; ich trocknete meine Adern aus, um 120 die Brut des Geiers zu naͤhern. Ihr hab' ich die Speiſe meines Kindes gegeben. Oh, oh!— Wie dieſe bleichen Wangen, dieſe Wunden mich anklagen!— O vergieb mir, Javan, mein Sohn, vergieb mir, du Un⸗ gluͤckskind!— Bei dieſen Worten ſtuͤrzte er zu Bobden, umſchlang den Leichnam mit beiden Armen, und blieb auf ihm liegen. Monnington und Scudamore konnten ihn blos durch viele Vor⸗ ſtellungen dahin bringen, ſich von ihm zu trennen. Das Ungluͤck— ſagt ein Sprichwort— iſt ein Raubvogel welcher blos ſchaarweiſe zieht. Am naͤmlichen Abende kam auch die Nachricht vom Tode der Lady Glyndwr. Ihr Verluſt erregte allgemeinen Schmerz, und Glyndwrs 121 Gewiſſen peinigte ihn noch dazu mit den quaͤ⸗ lendſten Vorwuͤrfen. Er, der Sieger von Bryn⸗ Glas, war ungluͤcklich, waͤhrend ſein Heer jauchzte, denn dunkle Zypreſſen uͤberſchatteten den Lorbeer, welchen er ſich errungen hatte. 122 XIV. Machynlleth erſchallte von Siegsgeſaͤngen 8 und Freudetaͤnzen. Der Glanz zahlloſer Lam⸗ pen erleuchtete die Straßen, und der rothe Schein der Fackeln ſtreiftfe an den Gothiſcheen V Gebaͤuden hin. Himmelan flammten Freuden⸗ 8 feuer auf den Anhoͤhen um die Stadt her. Alle Felſen und Berggipfel ſchienen Vulkane geworden zu ſeyn, und alle Herzen fuͤhlten ſich leicht an dieſem Tage, der zu Glyndwrs Kroͤ⸗ 8 nung beſtimmt war. „— 123 Blos der Mann, dem zu Ehren man dies Alles veranſtaltet hatte, war traurig, denn ach! der Tag ſeiner Kroͤnung war auch Gwenllians Vermaͤhlungstag. Er ſchloß ſich ein in ein abgelegenes Gemach ſeines Pallaſtes, und als auch dorthin ihn der Jubel der Taͤnze, der Klang der Muſik und das Freudengeſchrei des Volkes verfolgte, befahl er die Fenſter zu ſchlieſ⸗ ſen. Eine ſchreckliche Apathie hatte ſich ſeiner Seele bemaͤchtigt; er vergaß ſogar, daß er auf dieſen Abend den glaͤnzenden Hofſtaat und die Bluͤthe des Adels von Kambrien zuſammenbe⸗ rufen hatte. Mit langen Schritten maß er ſein einſames Zimmer und redete mit ſich ſelbſt.— Die Schlange!(rief er) ſie ſpiegelte mir Liebe vor, um mich deſto ſicherer zu taͤuſchen. Ha, daß ein paar Weiberthraͤnen ſo gluͤhend in das Herz 124 des Mannes fallen!— Hat ſie denn den Wil⸗ len gehabt, die Wunde zu heilen, die ſie mir ſchlug, und doch weiß ſie, daß ich ſie lieben b werde und lieben muß bis zu meinem letzten Athemzuge. Sie iſt eine Heuchlerin; ſie ver⸗ V ſtellt ſich wie alle Andere ihres Geſchlechts. Da ſagt ſie: Ich ſei ihr Vormund, und es ſtehe bei V mir, ihre Wahl zu genehmigen oder zu ver⸗ werfen. Thoͤrichter Gehorſam!— Nein, ſie liebt mich nicht mehr. Mir wird ſie gehorchen, und einen Andern wird ſie lieben. Die Zau⸗ ſ berin! Ihr kalter Verſtand und ihr betruͤgeri⸗ ſches Gehorchen, Beides iſt mir gleich ver⸗ haßt. Sie ehrt, ſie achtet mich, ſie betet mich an, ſie huldigt mir, aber nicht an⸗ ders, wie die keuſche Veſtalin, die ihren Himmel in den entfernten Geſtirnen ſucht; nicht fuͤr mich, fuͤr einen An dern erſpart 4 ſie das Laͤcheln der Liebe.— Grauſames 125 Schickſal, laß ab mich zu verfolgen!— Dor⸗ nen erntete ich, wo ich Waizen ſaͤte; nach Goldaͤpfeln ſtreckte ich meine Hand aus und ſie wurden mir zur Giftfrucht; duͤrre Lorbeern ſammelte ich ein, und die ſchoͤne Blume, die ich begehrte, ward mir entriſſen!— So waltet das gerechte Schickſal. Dem Jxion gleich um⸗ armte ich ſtatt einer Goͤttin eine glaͤnzende Wol⸗ ke, und nun iſt meine Strafe gleich der Stra⸗ fe Ixions; ewige Marter quaͤlt mich.— Und nimmer wird es anders. Tage— Monate— werden dahin ſchwinden, ohne mir Troſt zu bringen. Ich bin verdammt, Zeuge zu ſeyn von dem Gluͤcke, was ich einem An⸗ dern mit Muͤhſeligkeit und durch Opfer aller Art bereitet habe.— Komm, Tod, ich rufe dich. Mache mein Blut zu Eis; entziehe mich der Schande, die mich bedroht. Aber wozu 126 frommt dies?— Wenn ich auch todt bin und nicht Zeuge ſeyn kann von dem Gluͤcke, deſſen mein Nebenbuhler genießt, iſt er darum weni⸗ ger gluͤcklich?— Wenn ich die Augen zudruͤk⸗ ke, um mir einzubilden, daß die Sonne nicht ſcheine, wird denn dadurch ihr Glanz verdun⸗ kelt?— Ha, die Treuloſe! Wer haͤtte ſolche Falſch⸗ heit ihr zugetraut?— Vermaͤhlt! Meine Lippen zittern, wenn ich das Wort ausſprechen will. Und jetzt iſt es zu ſpaͤt. Durch eine leere Zeremonie, durch ein paar hergemurmelte Worte bin ich um das Gluͤck meines ganzen Lebens gebracht worden. Wenn ſie nur wenigſtens unvermaͤhlt ge⸗ blieben waͤre, dann wollte ich mich faſſen. Al⸗ lein welches Recht habe ich, dieſes Opfer von ihr zu verlangen? Zwar ſagt ſie ſelbſt, der Schleier ———— 127 werde ſie beſſer kleiden, als das Brautgewand. Doch wird Sir Philipp entſagen, und werden die Staͤnde es zufrieden ſeyn?— Vermaͤhlt! Lieber wollt' ich ſie todt ſehn. Ich waͤre dann gluͤcklichert. Dann koͤnnt' ich doch wenigſtens vorwurfsfrei ihr kaltes Gras mit meinen Kuͤſſen bedecken, und meine Thraͤ⸗ nen drauf weinen, um derentwillen Niemand mir Rechenſchaft abfordern duͤrfte. Aber— Gott! jetzt ſind ſelbſt meine Thraͤ⸗ nen verbrecheriſch, und meine Schmerzen ſuͤnd⸗ haft, und Gwenllians Leben iſt— mein Tod. Was ſagt' ich?— Ihr Leben mein Tod? — Schwaͤchling, ermanne dich!— Wo iſt dein fruͤherer Stolz hin?— Glyndwr, er⸗ wache!— Zeige dich als Mann, wie du es warſt, bevor ſie das Licht des Lebens erblickte, 128 Sei dir ſelbſt genug; verſchmaͤhe fremden Bei⸗ ſtand. Ha, ich kann, ich kann nicht mehr zu⸗ ruͤck⸗— Nicht ungeſtraft laͤßt der Menſch von den Leidenſchaften ſich hinreißen. Die Gemaͤl⸗ de, welche ſeine Phantaſie ſich entworfen hat, bleiben, ſo ſehr ſein Verſtand ſich dagegen auf⸗ lehnt, wie Pallaͤſte, die von einem Vulkane üͤberſchuttet worden ſind, im Abgrunde ſeines Herzens zuruͤck. Tauſend verſchiedene, oft einander entgegen⸗ geſetzte, Gedanken durchkreuzen meine Seele, und verwirren und verwildern meine Einbil⸗ dungskraft. Ein toͤdtliches Gift hat meinen Koͤrper durchdrungen, und ein Gegengift an⸗ wenden zu wollen, waͤre fruchtloſe Muͤhe. Sie allein koͤnnte meine Wunde heilen, aber ſie will nicht. Sie weiß es nicht, was 129 ich leide; und wenn ſie es wuͤßte, dann wuͤrde ſie vielleicht triumphiren und mich verachten, weil ich als Mann ſo ſchwach mich zeige, und meine Leidenſchaft niederzukaͤmpfen nicht im Stande bin. Sie mich verachten?— Ha, das waͤre unbarmherzig, unnatuͤrlich!— Ich habe ſie erzogen und gepflegt. Will ſie dem undankba⸗ ren Epheu gleichen, der den Eichbaum erſtickt, an welchem er ſich in die Hoͤhe rankte?— Doch kann ich ihr Vorwuͤrfe machen?— Ihr nicht; aber wohl denen, von welchen ſie zum Werkzeuge ihrer politiſchen Abſichten ge⸗ braucht wurde, denen ſie ſich faſt bewußtlos hingab.— Oh, in welches Labyrinth habe ich mich verirrt?—— Bei dieſen Worten ſtand er ſtill und ſtreck⸗ te ſeinen Arm in die Hoͤhe. Erhebe dich, glor⸗ Iv.. nnnnnVunnꝗmmEEEE 130 reicher Sieger!— rief er. Greif nach der Krone. Das Volk weiß es nicht, daß ſie wie eine Maͤrtyrerkrone auf deinem Scheitel brennt⸗ Erhebe dich, Sohn des Gluͤcks, und wirf den ſtolzen Purpurmantel um deine Schultern; Niemand wird es ahnen, daß er ein Neſſus⸗ Gewand iſt, welches dir den Tod bringt!— XV. Waährend Glyndwr ſo mit ſich ſelbſt redete und ſich mit Vorwuͤrfen marterte, kam der Kanzler Yonge und zeigte ihm an, daß der Hof verſammelt ſei und mit Sehnſucht ſeiner warte. Naſch warf er den Koͤnigsmantel um, und verfuͤgte ſich dann, von ſeinen Schwieger⸗ ſöhnen Monnington und Scudamore begleitet, in den Saal, wo er die Huldigung des Adels und des Volkes empfangen ſollte. J 2 —— 13² So wie er eintrat, hoͤrten die Taͤnze auf, und alle Verſammelte riefen laut: Hoch lebe Owain der Zweite!— Aber faſt erſtarb dieſer Freudenruf auf den Lippen der Verſammelten, als ſie dem Färſten in's Antlitz blickten. Langſam ſchritt er durch die Reihen ſeiner Hoͤflinge; duͤſtre Schwer⸗ muth ruhte auf ſeiner mit Falten bedeckten Stirne, der Glanz der goldenen Krone ſchien ſeine bleiche Wange zu verhoͤhnen, und das Feuer ſeines Adlcrauges, welches in der Schlacht dem Feinde Verderben blitzte, war erloſchen. Allein mit einem Male ſchien er ſich zu er⸗ mannen, ſein Tritt wurde feſter, raſch ſtieg er die blendenden Stufen des Thrones hinan, welcher am oberſten Ende des Saales errichtet, und von den Wappenſchildern des Waliſiſchen Adels und von den erbeuteten Fahnen umringt war. — 133 Bei Glyndwrs Eintritt hatten die Barden einen feierlichen Geſang angeſtimmt. Jetzt, als ſie damt zu Ende waren, wurden dem neuen Fuͤrſten die Herolde, Geſandten und mehrere der Vornehmſten des Landes vorgeſtellt, die ihm bisher die Huldigung verſagt, aber nunmehr freiwillig ſich eingefunden hatten, um ihm den Eid der Treue zu leiſten. Unter ihnen befand ſich auch Gam, ein naher Anverwandter Glyndwrs. Beide hatten ſich fruͤher entzweit, jedoch am heutigen Mor⸗ gen durch Vermiltelung ihrer beiderſeitigen Freun⸗ de verſoͤhnt, und Gam hatte bei den Staͤnden ſeine Stimme zu Glyndwrs Wahl gegeben. Er naͤherte ſich dem Throne, kniete nieder und bat um einige Augenblicke Gehoͤr. Owain hieß ihn aufſtehen, und ſtieg vom Throne her⸗ ab bis auf die letzte Stufe, um zu hoͤren, was 134 Gam von ihm begehre. Ehrfurchtsvoll zogen ſich die Edlen zuruͤck. Glyndwr hoͤrte den Worten Gams ruhig zuz; dieſer aber ſchien im⸗ mer ungeduldiger und dringender zu werden, und trat dem Fuͤrſten immer naͤher. Mit ei⸗ nem Male ergriff er deſſen Purpurmantel, zog einen verſteckten Dolch hervor und ſtieß denſel⸗ hen in Glyndwrs Bruſt. Alle Verſammelte, entſetzt uͤber dieſe That, ſchrien laut: Mord! Verrath! Nieder mit dem Moͤrder!— Aber Glyndwr ſtand regungslos, ohne zu erblaſſen. Der Dolch hatle einen gold⸗ nen Nagel des Wehrgehaͤngs getroffen und war in den Haͤnden des Meuchelmoͤrders zer⸗ brochen. Hundert Klingen waren entbloͤßt, um Gam 135 zu durchbohren, doch Glyndwor rief mit ſtarker Stimme: Zuruͤck mit den Schwertern in die Scheiden! An meinem Kroͤnungstage darf kein Blut fliefen. Alle gehorchten dem Befehle und nahmen ruhig wieder ihre Plaͤtze ein. Nun wandte ſich Owain zu Gam, welcher verlegen da ſtand, obwohl er furchtlos auf die ihm drohende Menge blickte, und ſprach mit ruhiger Hoheit und Wuͤrde zu ihm: David Gam! Als ich am heutigen Morgen auf Eure Bitte Euch verzieh, gewaͤhrte ich Euch nicht nur Alles, was Ihr von mir verlangtet, ſon⸗ dern noch mehr, als dies; ich erzeigte Euch Wohlthaten, auf die Ihr keine Anſpruͤche hat⸗ tet.— Was hat Euch denn nun zu dieſem 136 Mordverſuche bewogen, oder wer hat Euch da⸗ zu gedungen?—. Strafen wollte ich Euch— verſetzte Gam, finſter unter ſeinen buſchigen Augenbraunen hervorblickend— weil Ihr ungerechter Weiſe dieſes Throns Euch bemaͤchtigt habt, und dann, weil mein Verwandter Hoel Sele von Euch ermordet worden iſt.— Moͤgen Andere han⸗ deln, wie es ihnen beliebt; ich beuge mich nie unter das Zepter eines Tyrannen, eines Moͤrders. David Gam!— entgegnete Glyndwr mit Ruhe.— Jetzt habt Ihr geſprochen; nun will ich Euch antworten.— Ihr beſtreitet mein Recht auf die Krone Kambriens, allein daruͤ⸗ ber hat bereits die Stimme des Volks entſchie⸗ 137. den, welche mich auf den Thron berief. In⸗ deß zwinge ich Niemanden, mir treu zu ſeyn, und verlange es auch von Euch nicht. Was aber Eure Beſchuldigung wegen der Ermor⸗ dung Hoel Seles betrifft, ſo weiß ich recht wohl, was daruͤber von Bolingbrokes Freun⸗ den und meinen Feinden mir Boͤſes nachgere⸗ det wird; allein ich will dieſes falſche Geruͤcht ſogleich widerlegen. Tretet vor, Abt von Cym⸗ here!— Der Abt trat aus dem glaͤnzenden Kreiſe der Edlen unter welchen er ſtand, und nahte ſich mit auf der Bruſt gekreuzten Armen ehr⸗ furchtsvoll dem Throne, wo er ſchweigend die Befehle des Monarchen erwartete. Bleibt hier ſtehn, Abt!— ſprach Glyndwr. 138 — Ich werde jetzt den verſammelten Lords Rechenſchaft ablegen von dem Vorfalle zwiſchen mir und Hoel Sele. Ihr ſeid, naͤchſt dem Himmel, der Einzige, welcher die eigentliche Bewandniß der Sache kennt und welchen ich deshalb zum Zeugen auffordern kann. Scheuet Euch nicht, mir ſofort zu widerſprechen, wenn ich irgend etwas erzaͤhle, welches der Wahrheit entgegen iſt. Milords! Wir waren nahe Verwandte, ich und Hoel Sele, und wurden zuſammen er⸗ zogen, allein wir konnten uns ſchon von fruͤh⸗ ſter Kindheit an nicht vertragen. Stets war ſeine Bruſt mit Haß gegen mich erfuͤllt, den ich durch kein Zuvorkommen daraus vertilgen konnte. Bei allen Gelegenheiten nahm er die Parthei meiner Feinde. Als ich mich zu Gun⸗ 139 ſten Richards erklaͤrte, ergriff er Bolingbrokes Parthei; als ich Lord Greys Freund wurde, ward er deſſen Feind; als ich ſpaͤter mit Grey in Feindſchaft gerieth, verband er ſich mit ihm. Dennoch verſchloß ich ihm nie mein Haus. Die Beweiſe von Zutrauen, die ich ihm gab, haͤtten ſeine Feindſchaft vertilgen ſollen, allein ſtatt deſſen war er bemuͤht, ſich in meine Ge⸗ heimniſſe einzuſchleichen, Geruͤchte, die meiner Ehre nachtheilig waren, auszuſtreuen, ja ſogar Zwietracht im Schooße meiner Familie zu er⸗ regen. Ich uͤbergehe die vielfachen Streitigkeiten, welche aus dieſem ſeinem Benehmen zwiſchen uns entſtanden. Der Abt von Cymhere machte mehrmals den Vermittler zwiſchen uns; er weiß es, daß ich Hoel Selen ſein feindſeli⸗ 140 ges Betragen gegen mich wiederholt verzieh, und daß er es dennoch fortſetzte. Mit ſeinem 1 Beiſtande verſuchte Montalto, Gwenllian zu verfuͤhren, und ſie den Mauern der Abtei Cym⸗ here zu entreißen. Von ihm ward ſie der Zau⸗ berei beſchuldigt. So oft durch ſeine Belei⸗ digungen gereizt, wollte ich ihn zum Zweikampfe fordern, allein auf Anrathen meines Freundes Gwyllim unterließ ich es. In der Folge er⸗ klaͤrte Hoel ſich offen fuͤr Lankaſter. Doch ich 3 will mich nicht von der Sache entfernen, ſon⸗ dern die Begebenheit erzaͤhlen, durch welche Hoels Ende herbeigefuͤhrt wurde. Mit Huͤlfe des Abts von Cymhere, welchen er fuͤr ſeine Abſichten zu gewinnen gewußt hatte, veranlaß⸗ te er Gwenllian aus meinem Hauſe ſich zu entfernen und in das ſeinige ſich zu fluͤchten um ſie meines Schutzes zu berauben und in 141 die Haͤnde ihrer Feinde zu liefern. Alles dies erfuhr ich von einem Moͤnche aus der Abtei, welcher mich zugleich von dem Einverſtaͤndniſſe Hoels mit dem Abte unterrichtete. Nun be⸗ gab ich mich zu Hoel, um Gwenllian zuruͤck⸗ zufordern, allein man verweigerte mir jede Nachricht von ihr. Der Abt ſpielte auch jetzt die falſche Rolle eines Vermittlers und mach⸗ te mir wieder Vergleichsvorſchlaͤge zu einer Ausſoͤhnung mit Hoel, die ich auch an⸗ nahm. Bei Mondſchein begaben wir uns in Hoels Park Moel Orthrwm. Als wir zu dem Baume kamen, welchem man dem Na⸗ men: Des Teufels Herberge, gegeben hat; ſtuͤrzten drei oder vier Dammhirſche aus 442 dem Dickigt hervor.— Lachend zeigte ich ſie Hoeln, und ſagte, er ſolle doch ſei⸗ nen Bogen auf ſie ſpannen; ja er ſpann⸗ te den Bogen, doch druͤckte er den Pfeil nicht auf das Wild, ſondern auf mei⸗ ne Bruſt ab. Glauͤcklicherweiſe ſprang der Pfeil ab und durchſtach mir blos die Hand, aber wuͤthend uͤber Hoels Verraͤtherei zog ich mein Schwert; er warf den Bogen hin und ergriff das ſeinige. Lange dauerte der Kampf; endlich ſank Hoel blutend unter dem Baume der Geiſter nieder. Der Abt ſtand nicht weit davon und zitterte an allen Gliedern, denn er mochte wohl fuͤrchten, daß nunmehr die Reihe der Zuͤchtigung ihn treffen werde, allein ich ſchonte ſeiner. Doch mußte er mir Hoels Leichnam aufheben helfen, und wir verbargen ihn im Stamme eines hohlen Baumes.— 143 Nun ſprecht, Abt von Cymhere, ob ich wahr oder unwahr geredet habe?— Alles iſt wahr, nur allzuwahr, mein Ge⸗ bieter!— verſetzte der Abt ſich ehrfurchtsvoll neigend.— Ich rufe deshalb den Himmel zum Zeugen an. So wißt Ihr denn nunmehr— ſagte Glyndwr, indem er zu David Gam ſich wandte,— daß Hoel Sele nicht, wie Ihr behauptet, von mir ermordet worden, ſon⸗ dern im ehrlichen Kampfe gefallen iſt zur Strafe ſeines Verraths.— Euch ſei es ver⸗ ziehen, daß Ihr mich ermorden wolltet. Ihr koͤnnt gehn! Aber beruͤhrt nie wieder mit einem Fuße den Boden von Wales. Be⸗ gebt Euch an den Hof Heinrich Boling⸗ 144 brokes, dem Ihr, wie ich weiß, treu ergeben ſeid; begebt Euch dorthin und ſucht durch edle Thaten Eure jetzige Uebelthat vergeſſen zu machen! 145 XVI. Der glanzvolle Hof hatte durch Gams Mord⸗ verſuch und durch den Bericht, welchen Glyndwr uͤber Hoel Seles Ende abſtattete, ein trauriges Anſehen bekommen; jett hei⸗ terten alle Blicke ſich auf, als Gam von Glyndwr ſo edelmuͤthig Verzeihung erhielt, und gleich darauf aus dem Saale ſich ent⸗ fernte. Die prachtvollen Auftritte, welche nun IV. K 146 folgten, dienten dazu, der Verſammlung ihre vorige Heiterkeit gaͤnzlich wieder zu geben. Zuerſt erſchien zur großen Verwunderung des geſammten Adels der gefangene Sir Edmund Mortimer. Er kniete am Fuße des Thrones nieder und huldigte Glyndwrn als ſeinem Fuͤrſten wegen der Guͤter, die er im Lande Wales beſaß. Sodann entſagte er auf das feierlichſte dem Dienſte Heinrichs von Lankaſter, und ſchwor ſeinem Neffen, dem Grafen von March, jetzt Eduard der Vierte genannt, den Eid der Treue. Nach dieſer Feierlichkeit fuͤhrte er einen Geſandten des Gra⸗ fen von Worceſter ein, welcher Glyndwrn zu ſeiner Thronbeſteigung Gluͤck wuͤnſchen und ihn um ſeinen Beiſtand bitten ließ, damit es ihm gelaͤnge, das Joch Bolingbrokes abzu⸗ ſchuͤtteln.— 147 Nun folgte ein Auftritt, welcher noch mehr Aufmerkſamkeit erregte. Der Lord Grey von Ruthin nahte ſich, ſeine Gemahlin, die ſchuͤchterne Johanna fuͤhrend, und kniete mit ihr am Fuße des Thrones nie⸗ der. Glyndwr kuͤßte ſeine Tochter auf die Stirn und umarmte ihren Gemahl zum Zei⸗ chen der Verſoͤhnung. Alle Verſammelte druͤck⸗ ten durch einen lauten Beifallsruf ihre Freu⸗ de aus. Auf einmal ließ ſich draußen ein ſtarker Trompetenſtoß vernehmen, worauf ein au⸗ genblickliches Schweigen folgte. Nun er⸗ ſchien ein Herold mit einem ſchimmernden Banner, auf welchem man das Kreuz des heiligen Andreas erblickte. Es war die Ge⸗ fandtſchaft des Koͤnigs von Schottland, wel⸗ cher Glyndwrn zu ſeiner Erhebung Gluͤck K 2 148 wuͤnſchen und ihm Buͤndniß und Beiſtand an⸗ bieten ließ. Ein neuer Trompetenſtoß erklang durch die weiten Hallen, und ein anderer Herold wurde hereingefuͤhrt. In das weiße Banner, welches man ihm nachtrug, war Frankreichs Lilie geſtickt, und eine Menge franzoſiſcher Ritter und Edlen begleiteten ihn. Aus ihnen trat der Riter Hubert von Hugueville hervor, ging durch die Menge und uͤberreich⸗ te ſein Beglaubigungsſchreiben, als Geſand⸗ ter. Sein Gebieter, der Koͤnig von Frank⸗ reich, ließ Owain Gluͤck wuͤnſchen zur Beſitz⸗ nahme des ihm gebuͤhrenden Thrones und fuͤgte hinzu: Es waͤren bereits zwoͤlftauſend Mann zu Harfleur unter Segel gegangen, um ihm zur Befeſtignng ſeiner Gewalt beizuſtehen, und den von Bolingbroke an ſeinem Schwie⸗ 4 149 gerſohne Richard veruͤbten Koͤnigsmord zu raͤchen. Nun erſchien ein paͤbſtlicher Legat, wel⸗ cher von dem Oberhaupte der chriſtlichen Kirche eigentlich blos in der Abſicht geſendet war, um Glyndwrn wegen ſeinen Meinungen in reli⸗ gioͤſer Hinſicht auszuforſchen; dann folgte die Geſandtſchaft des Koͤnigs von Spanien und 2— Kaiſers von Oeſterreich. Glyndwr empfing Alle mit der Wuͤrde und dem freien Anſtan⸗ de eines Mannes, welcher zu gebieten gewohnt und fuͤr den Thron geboren iſt. Beſonders ſetzte er Alle dadurch in Erſtaunen, daß er mit jedem Geſandten in der Sprache ſeines Landes ſo fertig redete„als ob er in demſelben geboren waͤre. Freilich wußten ſie nicht, wie viel Anſtrengung und Nachtwachen die Erwer⸗ bung dieſer Kenntniſſe ihm koſtete, aber ſie 150 verließen ihn, nicht blos von ſeinem Be⸗ ruf zum Herrſcher, ſondern auch von ſeiner vielſeitigen wiſſenſchaftlichen Bildung uͤber⸗ zeugt.— Jetzt toͤnte eine ſanfte Muſik durch die Hallen und Alle waren in geſpannter Erwar⸗ tung, welche liebliche Erſcheinung durch ſie angekuͤndigt werde. Bald wurde die Neugier befriedigt. Ed uard Mortimer trat in den Saal, mit der Pracht und den Symbolen der Koͤ⸗ nigswuͤrde von England. Er fuͤhrte Ali⸗ cien, ſeine Gemahlin, am Arme, deren Wan⸗ gen von einer milden Roͤthe gefaͤrbt waren. Glyndwr ſtieg von ſeinem Throne, ging ih entgegen, und fuͤhrte ihn zu einem andern Throne, welcher gleich hoch und gleich praͤchtig 1 — 151T war, als Glyndwors Thron. Die Muſik toͤn⸗ te fort. Aber noch fehlte zur Verherrlichung dieſes Feſtes Kambriens ſchoͤnſte Blume. Alle ſchau⸗ ten ihr mit Sehnſucht entgegen; nur Glyndwr ſchien ihre Erſcheinung zu fuͤrchten. Umgeben von Pracht und Glanz war er traurig und ſchwermuͤthig. Gleich nach Mortimers Em⸗ pfange fiel er in ſeine vorige Apathie zuruͤck und ſaß wie eine gekroͤnte Statue auf dem ſchimmernden Throne. Sein Antlitz, blaß und ſeelenlos, verrieth die Qual ſeines Herzens. Das froͤhliche Gewuͤhl um ihn her ſchien er gar nicht zu beachten, ſondern fuͤr nichts Sinn zu haben, als fuͤr ſeine Schmerzen. Nur einmal that ſein Herz ſich auf, als David Gwyllim unterm lauten Beifalls⸗ jauchzen der Verſammelten erſchien, um dem 132 Fuͤrſten ſeine Gemahlin vorzuſtellen. Glyndwr umarmte Beide voll Zaͤrtlichkeit, ſprach einige Augenblicke ruhig mit der ſchuͤchternen Emma, und ſchien uͤber der Theilnahme am Gluͤcke ſei⸗ nes Freundes ſein ungluͤck zu vergeſſen.— XVII. Unterdeſſen ſaß der ehrliche Morgan, Gwyllims treuer Diener, mit ſeiner Sarah auf der Gal⸗ lerie und machte Gloſſen. Siehſt Du Sarahchen?— rief er.— Das iſt er. Das Gluͤck guckt ihm, ſo zu ſa⸗ gen, aus der Phyſiognomie heraus. Ich glaub', 6 iſt ein geborner Pendragon. Benda⸗kron?— fragte die cara sponsa. — Was fuͤr eine Familie iſt denn das? Wie 154 ich beim Lord Arundel diente, kannte ich wohl einen gewiſſen Bendakron, aber der war Steuer⸗ einnehmer.—— Wiſchiwaſchi!— verſetzte Morgan. Pen⸗ dragon— gieb mal Acht— das iſt blos'n Titel, ungefaͤhr, wie dux— Ducks?*) Ne, das haͤtt' ich nicht geglobt, daß och die Enten in Titel haben.— Du dum... Dumme Gans! wollte Morgan eigentlich ſagen. allein er verſchluckte den Reſt der Worte, weil das vermaͤhlte Paar ſeine Aufmerkſamkeit auf's Neue in Anſpruch nahm. Ne, Sarahchen!— rief er. Sieh nur *) dux und ducks— Herzog und Ente— im Engliſchen ein Wortſpiel, welches unuͤberſetz⸗ bar iſt. einmal die junge Gnaͤd'ge an. Der guckt doch ordentlich die Freude aus allen Backengruͤbchen. Ne, und wie ſie roth wird, wenn der große Mann dort ſie anſieht, ob ſie'n gleich bei mei⸗ ner Treu mit'm einzigen Blitz ihrer Aeu⸗ gelchen blenden koͤnnte. Gott ſteh mir bei! Wer das Engelchen ſehen kann, ohne slante pene niederzufallen, das muß'n wahrer Klotz ſeyn. Nu, Gott ſegne das Paͤrchen, und be⸗ ſcheere ihnen bald'n Haufen huͤbſche Kin⸗ derchen!—— Als jetzt Sir David mit Emma ſich ent⸗ fernen wollte; zog ihn Jemand beim Ermel, und als er ſich umwendete, bemerkte er ein kleines dicks Maͤnnchen, welches mit vergeb⸗ licher Anſtrengung den Arm eines wenigſtens ſieben Fuß hohen Mannes zu erreichen ſtrebte, um denſelben dem Haͤuptlinge der Barden vor⸗ 136 zuſtellen. Obgleich beibe Perſonen Gwyllims alte Bekannte waren— denn der eine war Jo⸗ ko Goch und der andere Twm Sion Cat⸗ ti— ſo hatte er doch Muͤhe, ſie in dem ſon⸗ baren Koſtuͤme, in welchem ſie ſich darſtellten, wiederzuerkennen. Jolo war nach ſeiner Ver⸗ ſicherung in dem Koſtuͤme eines roͤmiſchen Se⸗ nators. Er trug ein Ermelwams von rothge⸗ ſtreiftem Zeuge und eben ſolche Unterkleider mit ungeheuern Bandroſen auf den Knieen; daruͤ⸗ 4 ber hatte er noch ein Gewand, welches er Fo ga nannte, was aber ſo ziemlich einer Bett⸗ decke glich, wenn es nicht durch ſeinen klaſſi⸗ ſchen Purpurſaum gegen eine ſolche unedle Vergleichung geſchuͤtzt geweſen waͤre. Um die Maske vollſtaͤndig zu machen, trug er auch ein langes Schwert, welches ſich aber mit dem Falten ſeines Mantels ſchlecht vertrug, denn bald ſtrebte es, ſich aus ihnen zu be⸗ 157 freien, bald ſchlug es heftig gegen den Fuß⸗ boden. Twm Sion Catti's Koſtuͤm war weniger im Geſchmack des Alterthums, ſondern mehr eine elegante Stutzerkleidung. Er war in ein Wams von ſchwarzem Atlas ſo eingepreßt, daß er durch die Breite ſeiner Schultern und Huͤften das Anſehen einer koloſſalen Sanduhr erhielt, und damit ſein ſchoͤner Wuchs noch mehr in's Auge fallen ſollte, trug er auch einen ſchwarzen Mantel, welcher weder roͤmiſch noch egyptiſch, aber fuͤr einen eyniſchen Spartaner kurz genug war. Er hing auf ſeinen Achſeln ungefaͤhr wie der Mantel des heiligen Paulus auf Ra⸗ phels Gemaͤlde. Sein Schwert war nach Pro⸗ portion eben ſo kurz, als Jolo's Schwert lang war; es verwickelte ſich haͤufig in ſeinen Mantel und das ungluͤckliche Seidenzeug mußte deswe⸗ 158 gen viel leiden. Er trug einen Zwickelbart und ſein brennend rothes Haar war im neu⸗ ſten Hofgeſchmack gekraͤuſelt, ſo wie er denn uͤberhaupt in ſeinen Manieren wie ein Hof⸗ mann ſich zu zeigen ſuchte. Salve, amice! ſprach Jolo. Erlaubt mir, Euch und Eurer ſchoͤnen Dame amicum meum, eruditissimum atque dignissimum Thomam Jonesium*) vorzuſtellen, welcher gegenwaͤrtig Groß⸗Sheriff von Cardignan iſt. Sir David ſchuͤttelte Catti's Hand und ſagte lachend: Beherrſcher der Landſtraßen und Waͤlder! Was fuͤhrt Euch an den Hof von Wales? Wuͤnſcht Ihr ein Belobungsſchreiben wegen Eurer Kunſt/ we ljch Herzen zu ge⸗ winnen, oder... *) meinen ſehr gelehrten und würdigen Freund Twm Sion. 159 Quid vis, amice? ³) fragte Catti, und mußte ebenfalls lachen. Nichts weiter wollt' ich— verſetzte Da⸗ vid— als Euch Gluͤck wuͤnſchen, daß Ihr Eure ruͤhmliche Laufbahn mit dem Amte eines Sheriff beſchließ. Ihr ſeid bei guter Laune! entgegnete Catti, und lachte noch heftiger, ſo daß die Naͤthe des Wamſes platzten. Das beſonders— nahm Sir David das Wort wieder— macht mir große Freude, daß Eure fruͤhern Spießgeſelen nun bald des Gluͤcks genießen ſollen, durch Euch uͤber die gemeine Menge erhoben zu werden.— Pſt! Pſt!— fluͤſterte Catti. Laßt uns 0 Freundchen, was ſoll das? 160 von etwas Anderm reden. Meinen herzlichen Gluͤckwunſch zu Eurer Vermaͤhlung 1 Bei Eu⸗ rer ſchoͤnen Gemahlin muß ich mich noch ent⸗ ſchuldigen wegen des Kummers, den meine Freunde ihr dadurch verurſachten, daß ſie Euch ſo ploͤtlich von ihrer Seite entfuͤhrten. Alles, ſchoͤne Dame, was ich zu meiner Entſchuldigung ſagen kann, iſt— Nun, Sheriff, warum haltet Ihr inne? fragte Sir David laͤchelnd. J, der verfluchte Schneider! ſagte Catti zornig. Alle Augenblicke plazt mir eine Nath; man moͤchte fuͤr Aerger des Teufels werden. — Ja, was ich zu meiner Entſchuldigung ſa⸗ gen wollte, iſt dieſes, daß die Beleidigung, welche meine Freunde Euch anthaten, bei wei⸗ tem noch nicht ſo ſchwer iſt, als diejenige, V . 161 welche ich der Erbin von Yſtrad⸗Ffin zufuͤgte. Und ſie hat mir doch verziehn, und iſt noch dazu meine Frau geworden; darum vergebt auch Ihr mir, ſchoͤne Dame. Quid lautius? quid concinnius? quid eloquentius?*) rief Jolo, waͤhrend Emma ſich laͤchelnd verneigte, nicht ohne Verwunde⸗ rung, daß Sir David ſolche Bekanntſchaften hatte. Vergebt meinem Freunde! fuhr Jolo fort⸗ An einem ſo feſtlichen Tage, wie der heutige iſt, muͤſſen alle Beleidigungen vergeſſen ſein⸗ Nunc est bibendum, nunc pede libero Pulsanda tellus*⁴). * Wie ſchoͤn, wie kraͤftig, wie herrlich ausgedruͤckt. *³)„Heut laßt uns trinken und tanzen! Eine Stelle aus Horaz. NB. Der Bearbeiter bittet die aͤngſtlichen Lingui⸗ ſten oder Sprachlinge, an ſeinen freien Ueber⸗ ſetzungen kein Aergeruiß zu nehmen. Iyv. L 162 Unter uns— ſetzte er geheimnißvoll hin⸗ zu, indem er ſich die Haͤnde rieb— auf die heutige Abendmahlzeit freue ich mich ungemein, ſie wird das Mahl des Antonius und der Kleopatra, ſie wird das Mahl des Lukullus auͤbertreffen. Aus ſicherer Quelle weiß ich, daß bereits funfzehn Dammhirſche am Bratſpieße ſtecken. Funfzehn Dammhirſche am Bratſpieß?— fragte Sir David laͤchelnd.— Allein Emma, welcher dieſe Unterhaltung zu lang wutde, fluͤſterte ihrem Gmahle zu, daß ſie ſich zu entfernen wuͤnſche. Da es aber nichts Leichtes war, vom Sheriff und vom Leckermaul loszukommen, beſchloß Sir David Beide in Haͤndel zu verwickeln. Ich hoffe— ſagte er— Ihr Herren wer⸗ 1 V — 163 bet eingeſtehen, daß man kein glaͤnzenderes Feſt geſehn hat als das heutige, ſeitdem Brutus der Trojaner uns in dieſes Land verpflanzte⸗ Der Trojaner? ſchrie Jolo heftig. Ich be⸗ haupte, daß der groͤßte Luͤgner unter allen Schriftſtellern Gottfried von Monmouth, wel⸗ cher dieſe Behauptung aufſtellt, ein weit groͤſ⸗ ſeres brutum iſt, als der Brutus, welchen er faſt abgoͤttiſch verehrt. Keine Trojaner ſind wir, ſondern Tyrier. Eine Kolonie der Phoͤ⸗ nizier naͤmlich... Der Phoͤnizier? fiel ihm Catti heftig in die Rede. Halt! Halt! Eben ſo gut koͤnntet Ihr behaupten, daß ihr von den Edomitern ab⸗ ſtammtet. Ich will's Euch nur ſagen: wir ſind Egypter. L 2 164 Jolo. Per omnes deos!*) wir ſind Phoͤnizier. Wie haͤtten denn die Egypter hie⸗ her kommen koͤnnen, da ſie das Meer fuͤr den Teufel hielten und ſich deswegen huͤteten, zu Schiffe zu gehn? Catti. Aber iſt nicht unſer Cwrw die cérevisia der Egypter, und ihr Zithum iſt das nicht unſer Cider? Habt Ihr die Flotte des Seſoſtris vergeſſen? Heißen uns nicht die Druiden Soͤhne des Adlers, und iſt nicht der Adler das Symbol der Egypter?— Ich berufe mich auf Sir David. Aber vergebens ſuchten ſie dieſen im Ge⸗ wuͤhl; er hatte ſich mit ſeiner Emma entfernt. Wir wollen ihn aufſuchen— fing Jolo wieder an.— Er ſoll Schiedsrichter ſeyn... ——— 5 5 *4 *) Bei Gott! 165 Catti. Ja, das ſoll er! Doch glaubt mir, Ihr habt Unrecht. Drum gebt nach. Jolo. Ich nachgeben?— O rem ca- chinnis dignam!*) Catti. Noch einmal, der Drache in der Fahne der Britannier beweißt, daß wir ur⸗ ſpruͤnglich Egypter ſind. Jolo. Nein, Tyrier! Catti. Nein, nein, Egypter! Jolo. Compesce animum! 4* Catti. Iram rege!**) Jolo. Insanissime! †) Catti. Stultissime! † †) *) Dieſe Zumuthung iſt zum Todtlachen. *⁵) Seid vernuͤnftig! **2) Maͤßigt Euch! †) Dummkopf! 1*¼ Eſel! 166 Immer fort debattirend, ohne daß Einer dem Andern auch nur das Mindeſte nachgab, 3 gingen ſie durch die froͤhliche Menge, und be⸗ achteten weder das Gelaͤchter, noch die Ausru⸗ fungen der Verwunderung, die ſie durch ihren ſonderbaren Aufzug und durch ihr lebhaftes Geſpraͤch erregten. —õ 167 XVIII. Aber wo blieb Gwenllian?— Glyndwr hoͤrte das erwartungsvolle Gemurmel der Men⸗ ge und war in eben ſo geſpannter Erwartung, wie dieſe, obgleich ſein Gefuͤhl und das Gefuͤhl des Volks nicht eins und daſſelbe war. So wie Gwyllim mit Emma ſich entfernt hatte, fiel er in ſeinen vorigen Stumpfſinn zuruͤck. Endlich ſchollen die Namen Sir Phi⸗ lipp und Lady Ap Rhys in den Saal. Da zeigte ſich zum erſten Male eine heftige Be⸗ 168 wegung in den Mienen des Fuͤrſten. Er ward leichenblaß„bebte und ſeine linke Hand, die er aufs Knie geſtemint hatte, zitterte heftig. Jetzt traten die Edlen auf beiden Seiten zuruͤck, um das neuvermaͤhlte Paar durchgehen zu laſſen. Die Bewegung des Fuͤrſten wurde immer heftiger, ſeine Stirn umwoͤlkte ſich, er veraͤnder⸗ te mehrmals die Farbe, ſeine Lippen bebten, ſein Athem ward ſchwer, ſein Auge ſtarr, und jetzt, als die Vermaͤhlten dem Throne nah ſtan⸗ den, war er ſeiner kaum maͤchtig. Sie kommen— murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen— mich zu verhoͤhnen, indem ſie das Bild ihres Gluͤcks mir vorhalten. Sie zeigen mir die Bluͤthen Edens und ich muß in duͤr⸗ rer Wuͤſte verſchmachten. Mit eigner Hand habe ich einen Pfeil gegen meine Bruſt abge⸗ druͤckt. Doch noch beſitz ich Kraft genug, um mich zu raͤchen. Zittert!.. Ich lebe noch..; 169 Ihr ſollt erfahren, daß ich noch Glyndwr bin, Herr uͤber mich ſelbſt und uͤber— Sie! Wie aber die Vermaͤhlten nunmehr vor ihm ſtanden, wankte ſein Entſchluß, wich ſein Stolz. Er ſchwieg, aber mit wilder Verzweif⸗ lung im Blicke betrachtete er Gwenllian. Schoͤner als heut war ſie nie geweſen. Reich war ihr Brautkleid und angemeſſen dem feierlichen Tage; dennoch uͤbereinſtimmend mit der Einfachheit ihres Weſens. Ihr blen⸗ dender Hals und ihre vollen Arme waren mit Diamanten umwunden; und ihre dem Elfen⸗ bein aͤhnliche Stirne umzog ein blitzendes Dia⸗ dem, welches vergeblich den Glanz ihrer Augen zu uͤberſtrahlen ſtrebte. Dennoch ſah man es ihr an, daß ſie nicht gluͤcklich war, obwohl ſie gluͤcklich ſcheinen wollte; der Zwang den ſie ſich anthat, war zu merklich, denn ihr Auge irrte unſtaͤtt umher, und die Roͤ⸗ 170 the ihrer Wangen war truͤgeriſch, wie die Far⸗ be, mit welcher die erbleichende Roſe von der Herbſtſonne gemalt wird. Der Geſang der Barden hoͤrte auf, als Sir Philipp mit ſeiner ſchoͤnen Gemahlin vor dem Throne niederkniete. Aber der Fuͤrſt ſchwieg. Sie blieben knieen und Tastenſtme herrſchte im Saale. Endlich untetbur Glyndwrs laute Stim⸗ me dieſes fuͤrchterliche Schweigen. Unſichtbare Maͤchte!— rief er.— Voll⸗ ſtrecker meines Verdammungsurtheils! Nehmt zuruͤck Eure betruͤgeriſchen Geſchenke, nehmt zu⸗ ruͤck dieſe Krone, dieſen Scepter! Verflucht ſei das Licht des Tages, denn ich muß das Ab⸗ ſcheulichſte ſehn, was je ein Menſchenauge ſah. — Der Purpurmantel, den ich trage, brennt wie Feuer auf meinen Schultern.— Fort, taͤuſchende Gewalt, die mir nur allzudeutlich 171 ſagt, wie ſchwach ich bin!— Wo ſind Gams, Seles, Bolingbrokes Dolche?— Kommt, bohrt euch in mein Herz!— Viel beſſer iſts mir, zu ſterben, als von der, die ich liebte, mich verſchmaͤht zu ſehn.— Ha! Jene hielt ich fuͤr meine Feinde, fuͤr Diener des Laſters; und doch waren ſie meine treuſten Freunde; die aber, welche ich liebte, ſind meine Feinde worden, — Iſt denn kein mitleidiges Eiſen vorhan⸗ den, um mir den letzten Stoß zu geben, da der Undank mir ſchon den erſten verſetzt hat. — Oh, begrabt mich! Dann umſlattern die boͤfen Traumgebilde mich nicht mehr, die mir jetzt den Schlaf ſtehlen!— Ha, die gleißenbe Schlange, wie ſchoͤn ſie iſt! Ihr gleichguͤltig⸗ ſpöoͤttiſches Laͤcheln veroͤdet meine Seele... Wa⸗ rum ſoll ich, von den Furien Verfolgter dieſes martervolle Leben laͤnger ertragen?... Um⸗ ringt von verzehrenden Flammen bleibt mir 172 nichts uͤbrig, als gleich dem Skorpion, der ſich mit ſeinem eignen Stachel durchbohrt, mir ſelbſt den Tod zu geben. So komm denn her, du mein einziger gepruͤfter Freund, blanker Stahl, komm und gieb mir ſanften Schlum⸗ mer ohne beaͤngſtigende Traͤume, komm und zerbrich meine Feſſeln!— Ein lauter Schrei des Entſetzens ertoͤnte durch den Saal, als bei dieſen Worten Glyndwr ſein Schwert aus der Scheide riß. Hundert Arme ſtreckten ſich aus, um den Stoß abzuwehren, und es gelang. Man faßte die glaͤnzende Klinge, die der Faͤrſt gegen ſeine Bruſt gerichtet hatte, und ſein Leben war ge⸗ rettet. Doch nun fiel er in gaͤnzliche Betaͤu⸗ bung, ſeine Haͤnde hingen kraftlos nieder, und ſein mit der funkelnden Krone bedecktes Haupt ſank auf die goldene Armlehne des Thrones. Als er aus ſeiner Betaͤubung erwachte, ſah 173 er alle Verſammelte mit Trauer und Ehrfurcht in den Mienen um ſich her ſtehn. Tiefer Schmerz lag auf den Geſichtern ſeiner Ver⸗ wandten; Stolz ſprach aus Sir Philipps Blicken. Wo bin ich?— rief Owain umherſchauend — Was ſoll dieſer Kreis? Warum dieſe mit⸗ leidigen Blicke? Wer benetzt meine Hand mit Thraͤnen?— Es war Gwenllian, welche ſchluchzend zu ſeinen Fuͤßen lag. Genug!— rief Glyndtor, mit voller Kraft ſich aufrichtend.— Genug der Schwaͤche, der ich mich uͤberließ! Jetzt will ich wieder Mann ſeyn. Steh auf, mein Kind, meine Tochter, meine geliebte Tochter! Sei gluͤcklich mit dem Gemahle, den das Schickſal Dir gab. Die Un⸗ abhaͤngigkeit Kambriens iſt ſein Werk; er ſoll mein Freund ſeyn. Zum Zeichen des Friedens 174 lege ich Deine Hand in die ſeinige. Von nun an gehoͤrt meine ganze Liebe dem Vater⸗ lande, und das Gluͤck meines Volks ſoll mei⸗ nes Herzens einzige Sorge ſeyn! Ende des vierten und letzten Theils. N Bei dem Verleger dieſes ſind ſo eben noch erſchienen. Irner oder die Widerſpruͤche der Liebe. Ein Roman vom Lord Byron, bearbeitet von G. Joͤrdens. 2 Bde. 8. 1823. I thlr. 16 gr. Verirrungen oder die Macht der Verhaͤltniſſe. Ein Roman herausgegeben von Luiſe Brach⸗ mann. 8. 1823. I thlr. 8 gr. „———,—— .. 4 EEEEEEEEEEÉ́ 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18