ek ſteht zur Em⸗ ag von Morgens gabe eines geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ bei Entgegennahme tſprechende Summe in mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. s Auswärtige Abomnenten'haben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, erriſſene⸗ verlorene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J. das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 ———— 2 Die Circe von Glas⸗Llyn. Ein Roman nach Walter Scott von K. Heinr. Leop. Reinhardt. Dritter Theil. Leipzig, 1823. Bei Wilhelm Lauffer⸗ Vorbericht. Durch verſchiedene Verhaͤltniſſe wurde ich genoͤthigt, die Beendigung dieſes Werks auf unbeſtimmte Zeit auszuſetzen. Ich zeigte dies dem Herrn Verleger an. Da nun aber dieſer den dritten und vierten Theil bald nachzuliefern wuͤnſchte; ſo fand ich mich bewogen, dieſe Arbeit aufzugeben, und zwar um ſo lieber, als ich weiß, daß einer mei⸗ ner Freunde, ein ſchon ruͤhmlich bekann⸗ ter Schriftſteller— deſſen Namen ich, wenn er es nur erlaubte, mit wahrer Freude nennen wuͤrde— ſich entſchloſ⸗ ſen hat, die Beendigung des Werks zu uͤbernehmen. * IV Ich zeige alſo dem Publikum an, daß meine Arbeit mit dem zehnten Ka⸗ pitel dieſes, des dritten, Theils auf⸗ hoͤrt, und bemerke dabei, daß ich der Gleichfoͤrmigkeit des Titels wegen dar⸗ ein gewilligt habe, daß auf demſelben mein Name beibehalten werde. Leipzig, am 1. Oktober 1822. K. Heinr. Leop. Reinhardt. J. Gayndwor trug die Maske heitrer Zuverſicht; zog ſich aber zeitig vom naͤchtlichen Gelage zuruͤck und ließ Gwyllim zu ſich rufen:„Da⸗ vid!“— ſagte er—„ich habe eine Bitte an Dich.“— Das iſt mir lieb— antwortete der Freund— ſeit vielen Jahren in Deiner Schuld wuͤnſche ich nichts ſehnlicher, als Dir auch einmal eine kleine Gefaͤlligkeit erzeigen zu koͤnnen.— „Von einer kleinen iſt nicht die Rede;. ſondern von einer recht großen.“— Deſto beſſer! Sag' es nur offen, was Du von mir verlangſt. „Du ſollſt Dich vom Kriegsſchauplatze entfernen!“— Unmoͤglich!— III. A „Hoͤre nur ruhig zu; ſo wirſt Du bald die Nothwendigkeit einſehen,— fuhr Glynd⸗ wr fort, mit einem feinen Laͤcheln um die Lippen, als er die betretene Miene Gwyllim's bemerkte—„Heinrich, ſonſt thaͤtig und ver⸗ wegen, hat bis jetzt blos gezaudert, um nach kraͤftigen Vorbereitungen, mit uͤberlegener Macht mich angreifen und wo moͤglich durch Einen Schlag vernichten zu koͤnnen. Er ruͤckt in Eilmaͤrſchen heran. Im offenen Felde ihm die Spitze zu bieten und das Schick⸗ ſal des ganzen Krieges vom Ausgange einer Hauptſchlacht abhaͤngig zu machen, darf ich nicht wagen. Ich gehe daher, ſobald der Mor⸗ gen anbricht, nach Caer⸗Drewyn zuruͤck. In dieſer feſten Poſition kann er mir nichts an⸗ haben, auch darf er mich nicht umgehen und in Wales eindringen, weil ich ihn gewiß abſchneiden und er dann den Ruͤckweg aus einem Lande, wo ihn jedermann haßt und verabſcheut, ſchwerlich finden wuͤrde. Alſo wird er ſich darauf beſchraͤnken, mich von al⸗ 3 len Seiten einzuſchließen und auszuhungern, was ihm bei einiger Geduld auch gelingen koͤnnte, wenn ich nicht eiligſt Vorkehrungen treffe! Vor allen Dingen muß ich mir die Communication mit dem ganzen Lande zu er⸗ halten ſuchen, um auch von jener Felſenfeſte aus auf allen Punkten wirken zu koͤnnen. Dazu bedarf ich eines Stellvertreters außer⸗ halb, der aber kannſt Du nur ſeyn; denn keiner meiner uͤbrigen Freunde hat Deine Kenntniſſe, Deine Beſonnenheit und Dein Genie.“— Vielleicht ehrſt Du mich durch dieſes Ur⸗ theil zu hoch. Ich werde jedoch Dein Ver⸗ trauen ſo gut, als ich es vermag, zu recht⸗ fertigen ſuchen.— „Nur ſoviel vorlaͤufig zu Deiner In⸗ ſtruction: Die Werbungen und Waffenuͤbun⸗ gen muͤſſen eifrigſt fortbetrieben, die wichtig⸗ ſten Feſtungen in Vertheidigungsſtand geſetzt und endlich meine Verbindungen mit Frank⸗ A 2 reich ſorgfaͤltig unterhalten werden. nimm die Vollmacht zu dem Allen!“— Wcoher aber die Mittel zur Ausfuͤhrung? „Dieſe— aus dem reichen Schatze Dei⸗ nes Geiſtes. Mit wenigem viel leiſten, be⸗ zeichnete immer den außergewoͤhnlichen Kopf— Aus Nichts aber vermag nur Gott eine Welt zu ſchaffen.— „Die Arme, die Herzen und folglich auch die Beutel ſaͤmmtlicher Einwohner von Wa⸗ les ſtehen uns jetzt offen, wenn wir den all⸗ gemeinen Enthuſiasmus zu benutzen verſte⸗ hen.“— Du legſt mir eine Atlasbuͤrde auf die Schultern; aber ich muß es wenigſtens ver⸗ ſuchen, ob ich ſie tragen koͤnne, ſoviel ſehe ich ein.— 4— „ Sende mir fortwaͤhrend durch ſichre Perſonen genaue Nachrichten von Allem, was Du thuſt. Ich habe uͤbrigens ſchon dafuͤr geſorgt, daß Dir Deine herkuliſchen Arbeiten nicht gar zu ſauer werden koͤnnen. Ein Paar Hier * 5 huͤbſche Maͤdchen ſollen Dich auf Deiner Irr⸗ fahrt bis zur Suͤdſpitze von Wales beglei⸗ ten.“— Eine dergleichen Sauvegarde iſt allerdings angenehm auf Feldzuͤgen; doch fuͤrchte ich, ſie koͤnnte mich vollends um mein bischen Mutterwitz bringen. Wer ſind die Sirenen?— „Mildred und Gwenllian.“— Gwyllim erſtaunte, und mehr noch, als Glyndwr ſchnell hinzuſetzte: Beide ſind im Nebenzimmer. Geh zu ihnen, und reiſe ei⸗ ligſt mit ihnen ab. Eine ſtarke Escorte war⸗ tet ſchon auf Euch vor den Thoren. „Aber wohin?“— Mildred wird es Dir ſagen. Das Uebrige enthalten dieſe Papiere, welche ich Dich unterwegs zu leſen bitte. Sobald Du eine neue Armee geworben, vereinigen wir uns wieder und wagen den großen Schlag. Faͤllt er gluͤcklich fuͤr uns aus, woran ich nicht zweifle; ſo dringen wir vorwaͤrts bis London. In der Hauptſtaßt 6 Englands ſelbſt werde ich den Uſurpator ent⸗ thronen und dem rechtmaͤßigen Koͤnig die ihm gebuͤhrende Krone auf das Haupt ſetzen.— „Noch ſteht Deine eigne nicht feſt und Du denkſt ſchon daran. Deine Entwuͤrfe ſind ungeheuer.“— Iſt es im Nathe der Goͤtter beſchloſſen; ſo werde ich ſie ausfuͤhren. Die Freunde druͤckten ſich noch einmal kraͤftig die Hand und ſchieden dann von ein⸗ ander, wie Helden vor einer Schlacht. II. Wenig Augenblicke darauf ſtuͤrzte Gwenllian in's Zimmer. Sie warf ſich mit dem Aus⸗ ruf:„O, Vater, Vater!“ weinend und ſchluchzend Glyndwrn an die Bruſt. Er antwortete ſanft: Ich bin nicht Dein Vater; habe aber Deinem Beſitze entſagt. Nun ſtehe ich auf den kalten Hoͤhen des Lebens allein da, nur in Erfuͤllung meiner Pflicht einige Beruhigung findend. Du, Gwenllian, wirſt noch gluͤcklich werden, und zwar an der Seite eines Gatten, der Deiner meßr werth iſt, als ich.— Dieſe Worte zerriſſen der Ungluͤcklichen vollends das Herz. Sie klammerte ſich mit ungeſtuͤmer Heftigkeit feſt an den Mann, den ſie ſo ſehr fuͤrchtete und liebte. Darauf ei⸗ ner Ohnmacht nahe ließ ſie die Arme ſinken. Gwyllim und Mildred eilten ihr zu Huͤlfe und brachten ſie fort. Glyndwr bedeckte in⸗ deß, tief erſchuͤttert, mit den Haͤnden das Ge⸗ ſicht; in ſeine Augen trat die erſte Thraͤne. Noch hatte er keine geweint.— Die Reiſegeſellſchaft war anfangs beinahe ſtumm. Gwenllian ſchwieg vor unendlichem Schmerz— Morgan vor Graus und Ent⸗ ſetzen, daß er mit zwei Hexen eine Nachtrei⸗ ſe machen mußte, Gwyllim und Mildred ſchwiegen aus Zartgefuͤhl. Die letztern Bei⸗ den hatten uͤbrigens keine Urſache, traurig zu ſeyn; vielmehr waren ſie voll froͤhlicher Hoff⸗ nungen. Das Romantiſche des Augenblicks und die Wichtigkeit ſeiner neuen Rolle ergrif⸗ fen lebhaft die Phantaſie des Barden und die heitere, gluͤhende, immer bewegliche Mildred, die ihn liebte, bemerkte mit weiblich⸗ſcharfem Auge, daß ſie ihm reizender vorkam, als ihre im hoͤherm Style ſchoͤnere Gefaͤhrtin. —— 9 Gwenllian bemerkte von dem, was um ſie her geſchah, nichts. Sie hatte den uͤber⸗ irdiſchen nach innen gekehrten Blick einer Seherin, bewegte bisweilen die Lippen ſanft, als ob ſie mit jemand ſpreche und blickte end⸗ lich wieder von innen heraus auf die Außen⸗ dinge, einer Pythia gleich, die ſelbſt erhaben uͤber das Schickſal eine Offenbarung erhalten hat, wodurch ſie uͤber die Zukunft theurer Perſonen beruhigt worden,; Der Weg ging hin durch Gegenden, die zu dem Erhabenſten gehoͤren, was die Ober⸗ flaͤche der Erde darbietet. Die Reiſenden ſahen den ſchoͤnen See von Bala, die herrlichen Thale von Cader⸗ Fdris, Machyelleth die alte Koͤnigsſtadt, und dem Laufe der Wye folgend, deren zwei Quellen von einem Rieſengebirge herabrau⸗ ſchen, kamen ſie durch Ryadergoney endlich nach Builth. Jugendlich im Gewande des Mai's prangte die Natur und der Morgen war einer der lieblichſten dieſes, heitre Gefuͤhle weckenden Monats. Das Farbenſpiel am Himmel in Oſten und die Pracht der Scenen auf Er⸗ den— dieſer ſtete Wechſel von bezaubern⸗ den Ausſichten reizten nach und nach ſelbſt Gwenllian's Aufmerkſamkeit und wirkten wohlthaͤtig auf ſie. Die hier uͤberall wehende reine ſtaͤrkende Luft kann man nicht ath⸗ men, ohne ſich ſogleich koͤrperlich wenigſtens wohler zu fuͤhlen. So wie die Scheibe der Sonne am Ho⸗ rizonte hoͤher heraufſtieg, ſielen mit ihrem helleren Lichte, Leben und Freude herab. Die Natur ſchien ihr Auferſtehungsfeſt zu feiern — die Schoͤpfung einer neuen Welt. Em⸗ ſige Bienen flogen ſummend um die Blu⸗ menſtraͤußer auf den Berggipfeln. Aus fried⸗ lichen Huͤtten ſtiegen, wie Opferrauch von Altaͤren, wallende Wolken auf und mit dem Morgenliede ihrer Bewohner erhob ſich auch der Lobgeſang ſchwirrender Fruͤhlerchen zum Throne der Gottheit. Dazu toͤnten uͤberall 11 ſilbern die Gloͤckchen der Heerden, das rau⸗ here Gebell ihrer treuen Waͤchter und die ſanften Schallmeien der Hirten. Als die Gegenſtaͤnde deutlicher hervortra⸗ ten, beobachtete Gwyllim ſeine Gefaͤhrtinnen mit ſcharfen Blicken, und er konnte ſich nicht enthalten, eine Vergleichung zwiſchen ihnen anzuſtellen. Auch er liebte ſchwaͤrmeriſch Gwenllian; aber wie ein Kuͤnſtler ſein Ideal. Daß dieſes weibliche Wunderweſen auch ein Geſchlecht habe, daran dachte er kaum. Mit einer ſolchen Halbgoͤttin zu taͤndeln, wie mit einem gewoͤhnlichen Maͤdchen, etwa gar einen Kuß ihr zu rauben— nicht das leiſeſte Ge⸗ luͤſt wandelte ihn an zu einem dergleichen entweihenden Frevel. Ihr Gatte zu werden — eher haͤtte er den Dianentempel zu Ephe⸗ ſus zerſtoͤrt oder Salomonis heiligeren in Jeruſalem. Immer fuͤrchtete er, etwas zu ſagen oder zu thun, was in ihren Augen ihn erniedrigen koͤnne. Ganz anders war es mit Mildred; dieſe hatte fuͤr ihn ganz den 12 Reiz eines ſchoͤnen ſterblichen Maͤdchens. Im Verkehr mit jener fuͤhlte er ſich verlegen— im Umgange mit dieſer frei und froh. Recht herzinnig kann uͤberhaupt ein Mann ſich nur mit einem weiblichen Geſchoͤpfe zu verbinden wuͤnſchen, das in ihm den hoͤheren Geiſt an⸗ erkennt.„Schade!“ dachte er„daß ich ein Oberhaupt der Barden und Stellvertreter des Koͤnigs bin und ſie nur die Zofe ſeiner Tochter.“ Von dem hoͤheren Stande Mil⸗ dreds wußte er noch nichts; doch behandelte er auch ſie mit feinem Anſtande. Nachdem er fuͤr alle Beduͤrfniſſe der ihm anvertrauten Maͤdchen geſorgt hatte, benutzte er die erſten freien Augenblicke, ſich mit dem Inhalt der Papiere bekannt zu machen, die Glyndwr ihm eingehaͤndigt hatte. Die An⸗ gelegenheiten ſeines Vaterlandes nahmen ſo⸗ fort von ſeinem Denkvermoͤgen alleinigen Be⸗ ſitz. Sir David bereiſete fruͤher einen großen Theil der gebildeten Welt. In Italien ward Petraka ſein Freund; beide beſeelte nicht nur 13 dieſelbe Liebe zur Dichtkunſt, ſondern auch gleicher Haß gegen die Tyrannei des Pabſtes— gleicher Abſcheu vor religioͤſem Aberglauben und Betrug. Oft vertieften ſich die poeti⸗ ſchen Freunde mit einander in Traͤume von Verbeſſerung des Menſchen im geſelligen Zu⸗ ſtande. Gwyllim durchwachte auch mit dem Tribun Rienzi die Nacht vor dem merwuͤrdi⸗ gen Tage, an welchem ſich das Wunder er⸗ eignete, daß eine Handvoll hochherziger Maͤn⸗ ner im Angeſicht von Europa es wagte, die Befreiung Rom's und die Wiederherſtellung der Republik zu proklamiren. In Wales war jetzt beinahe daſſelbe geſchehen; nur hatte Glyndor, offener als Rienzi, es ſchon verra⸗ then, daß es ihm nicht um einen Freiſtaat, ſondern darum zu thun ſei, ſich ſelbſt, ſtatt eines Fremdlings, auf den Thron zu ſetzen. Obgleich Freiheitsſchwaͤrmer, hatte Sir David Erfahrung genug, um einzuſehen, daß in Wales die Elemente zu einer Republik noch fehlten und vor der Hand blos Glyndwr, als + 14 Koͤnig, es vermoͤge, ſeinem Vaterlande Nuhe und einen hoͤheren Grad von Bildung zu⸗ geben. Die Inſtruction, welche dieſer außer⸗ ordentliche Mann binnen kurzer Zeit fuͤr Gwyllim entworfen hatte, war bewunderungs⸗ wuͤrdig. Nicht blos an wahrſcheinliche, ſon⸗ dern auch an kaum moͤgliche Faͤlle hatte er darin gedacht und z. B. eine Anweiſung ge⸗ geben, wie man durch Feuerſignale von den Kuͤſten an der Grenze des Reichs bis nach Caer⸗Drewyn mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachricht gelangen laſſen koͤnne, wenn etwa Subſidien oder Huͤlfstruppen aus Frankreich angekommen ſein ſollten. III. Ein Bruchſtuͤck aus dem fruͤheren Leben Owain Glyndwr's war fuͤr ſeinen Freund noch intereſſanter. Es befand ſich auch un⸗ ter den Schriften, die David von ihm erhal⸗ ten hatte, und lautete ſo: „Clara Milford war vor ungefaͤhr neun⸗ zehn Jahren das ſchoͤnſte und geiſtreichſte Maͤd⸗ chen am Hofe Richard II. Viele bewarben ſich um ihre Hand; keiner aber hatte mehr Hoffnung dazu, als Lord Arundel, den ſie unter einer Schaar der verdorbenſten Juͤnglinge am meiſten verabſcheute. Doch ihre Bitten, Thraͤ⸗ nen, ihre Verzweiflung und ſelbſt die Dro⸗ hung, daß ſie ſich toͤdten werde, konnten ſie von der ſchrecklichen Verbindung mit dem 16 damaligen Lieblinge des jungen ausſchweifen⸗ den Koͤnigs nicht befreien. Man beging ſogar die Schaͤndlichkeit, ſie durch ſinneberau⸗ bende Gifte ſo lange in einen Zuſtand von Wahnwitz zu verſetzen, bis die Vermaͤhlung vollzogen war. Als ſie den Verſtand wieder erhalten hatte, erklaͤrte ihr Lord Arundel: daß er von ſeinen Rechten, als Gatte, keinen Gebrauch zu machen denke, weil er ſonſt fuͤrchten muͤſſe, betrogen zu werden. Da er ihr ſo ſehr verhaßt ſey, moͤge ſie als Veſtale ihr Leben beſchließen; doch wehe ihr, wenn—-———! Die Ungluͤckliche fuͤhlte aber ſchon da⸗ mals, daß ſie Mutter werden wuͤrde, ohne es ſich genau erklaͤren zu koͤnnen, auf welche Weiſe ſie in dieſen Zuſtand verſetzt worden ſei. Nach ihrer Erzaͤhlung war ſie einigemal im Traum von einem Genius beſucht worden, der wunderſchoͤn ſich ein Kind des Lichts ge⸗ nannt und ihr geſagt hatte, daß ſie nach dem Tode auf ewig mit ihm vereint werden — 17 wuͤrde. Bis dahin ſolle ſie zum Stallmeiſter Richards, Sir Owain Glyndwr fluͤchten, der ebenfalls mit hoͤheren Weſen im Bunde, allein maͤchtig genug ſei, vor den Nachſtellungen ihres Gatten ſie zu ſchuͤtzen. Glyndwr that dies auch, und zwar noch ehe er von ihr dar⸗ um gebeten ward. Sein Genius, vielleicht derſelbe, der Clara Milford liebte, hatte ihn da ſchon beſtimmt. Nachdem Beide ein hal⸗ bes Jahr im Thale von Elißeg verborgen mit einander gelebt hatten, gebar Lady Arun⸗ del ein wunderliebliches Maͤdchen, welches den Namen: Gwenllian erhielt. Dieſer kleine Engel laͤchelte unmittelbar nach ſeiner Geburt und ſchlug dazu recht verſtaͤndig die herrlichen Augen auf.“— Gwyllim las dieſes Fragment wieder und wieder, ohne es ganz begreifen zu koͤnnen⸗ Zwar enthielt es Aufſchluͤſſe uͤber Gwenllians Herkunft, aber in neuen Raͤthſeln. Daß ein Genius ihr Vater ſei, ſchien keineswegs un⸗ glaublich, wenn man ſie ſah. David erin⸗ „III. B 18 nerte ſich einer Stelle aus den moſaiſchen Urkunden, welche erzaͤhlt:„Die Kinder des Lichts(d. h. der Sonne) ſahen, daß die Toͤch⸗ ter der Menſchen ſchoͤn waren und nahmen zu Weibern, welche ſie wollten.“— Im neuen Teſtamente iſt das merkwuͤrdigſte Bei⸗ ſpiel der Art enthalten. Auch ſchon die fruͤ⸗ here Geſchichte der Rhea Sylvia mit dem „Kriegsgotte deutet auf einen Verkehr der ho⸗ hen Uraniden mit irdiſchen Jungfrauen hin und iſt eigentlich blos eine Vorlaͤuferin von dem, was ſich mit Joſeph und Maria begab. Die griechiſche Mythologie vollends wimmelt von aͤhnlichen Sagen; da giebt es außer dem Merkur keinen jugendlichen Gott, der nicht auf Erden Liebes⸗Intriguen geſpielt haͤtte. Doch die Traͤume der Clara Milford ließen ſich auch natuͤrlich erklaͤren, wenn man durch Gifte ihren Geiſt in eine uͤberſpannte Stimmung verſetzt hatte. Waͤhrend die ſer Periode konnte Richard, derKoͤnig, oder auch 19 Lord Arundel ſelbſt Gwenllian das Leben ge⸗ geben haben. Das Quartblatt, worauf jene myſtiſchen Notizen ſtanden, ſchien von einem ſtaͤrkeren Manuſcripte getrennt worden zu ſein; denn es folgte noch eine abgebrochene Zeile, aus den Worten beſtehend: Clara Milford aber ſchloß— Auffallend ſchoͤn waren die Schriftzuͤge, aber offenbar nicht von Glyndwr's Hand. Indes hatte er daruͤber geſetzt:„Wenn Du glaubſt, Gwenllian ſei in einer Stimmung, dieſes Blatt leſen zu duͤrfen; ſo ſtelle es ihr zu, lieber David! ſie wird es beſſer verſtehen, als Du. Den beiliegenden Brief von ihr an Lady Mildred d'Iscoed, welchen ſie in Sy⸗ chart zuruͤckgelaſſen hat, gieb, ebenfalls zu gelegener Zeit, der letzteren! Owain.“ B 2 IV. Jener Brief iſt im zweiten Theile dieſes Werks von Seite 27 an ſchon mitgetheilt worden. Gwyllim las ihn mit großer Auf⸗ merkſamkeit, und als er daraus erſah, daß die ſchalkhafte Mildred nur die Maske eines Waliſer Landdirnchens vorgenommen habe, uͤbrigens aber dem Stande nach ihm gleich ſei, wallte ſein Herz freudig auf. Er be⸗ ſchloß ſogleich, ſeinen Angriffsplan zu ver⸗ aͤndern. Doch er war nun ſchon an einem Orte, wo er Geſchaͤfte beſorgen mußte. So zahl⸗ reich und verwickelt dieſe waren, gelang ihm doch alles beſſer, als er es ſich ſelbſt zugetraut hatte. In dieſem neuen Wirkungskreiſe kam 21T er der ſcharfſichtig beobachtenden Mildred noch intereſſanter vor, als vorher. Darauf ward noch vor Tages Anbruch die Reiſe fortgeſetzt durch ein wuͤſtes ſumpfi⸗ ges Land, weithin ſich ſtreckende unbekannte Flaͤchen, Thaͤler ohne belebendes Gruͤn und uͤber Huͤgel, die kein Baum beſchattete. Auf den Hoͤhen ſah man nur hin und wieder ein⸗ zelne abgezehrte Schaafe, die umherirrten, im vertrockneten Graſe ſpaͤrliche Nahrung zu ſu⸗ chen. Weiterhin ward es noch einſamer. Nur ein Fuchs ſchlich bisweilen auf ihm allein bekannten Pfaden uͤber die Sandberge. Dieſe duͤſtern Gegenden hatten dennoch einen Ausdruck von Erhabenheit. Adler kreiſten uͤber dem Haupte der kleinen Caravane. Nicht ſelten verdunkelte den Weg eine Wolke von unzaͤhligen Raben, die durch ihr tauſend⸗ ſtimmiges widerliches Gekraͤh die Echo der Felſen erſchreckten. Die Sonne hatte ihr Wogenbett laͤngſt verlaſſen und blitzte auf dem kahlen Scheite! 22 der hoͤheren Gebirge, waͤhrend auf den Niederungen dieſer traurigen Einoͤde, wie ein unabſehbares Leichentuch, noch ein un⸗ durchdringlicher Nebel lag, bis endlich die Gewalt der Mittagsſtrahlen, alle Schleier am Firmamente und unter ihm zerreißend, die wehenden Geſtalten der Duͤnſte, kaͤmpfenden Rieſen gleich, hier niederſchlug, dort zerſtreute und nun ein neues Schauſpiel, groͤßer und bezaubernder, als die fruͤheren, vor den Augen der Wanderer oſſen da lag, einer mit blen⸗ denden Farben bezeichneten ungeheueren Land⸗ karte aͤhnlich. Zur Linken uͤberſah man die blaͤulichen Wogen des Meeres und die Um⸗ riſſe der bogenfoͤrmigen Bay von Cardigan— zur Rechten die Huͤgel des Breddia, welche das reiche Land von Here⸗Fordſhire und Sa⸗ lop umſaͤumen. Im Hintergrunde erhob ſich des Cader⸗Idris dreifache Stirn, mit wel⸗ chem in weiteſter Ferne die Alpen des Snow⸗ don pyramidaliſch hervorragten. 8. Die Damen ſtiegen hier ab und begaben 23 ſich auf einen Huͤgel, der ſeitwaͤrts lag, um von da aus einen weiteren Horizont uͤber⸗ ſchauen zu koͤnnen. Sie ſchienen damit zu⸗ frieden, daß Gwyllim zuruͤckblieb; wahrſchein⸗ lich wuͤnſchten ſie einige Worte unter vier Augen mit einander wechſeln zu koͤnnen. Morgan ging mit den Pferden langſam vor⸗ aus. Sir Dasvid ſetzte ſich indeß auf einen Felſenblock mit ſeiner treuen Reiſegefaͤhrtin, der Harfe. Er war Meiſter dieſes Inſtru⸗ mentes und nicht ohne Fug und Recht hatte man ihn zum Oberhaupte der Barden ernannt. Die Umgebungen erweckten in ſeiner Seele Erinnerungen aus fruͤherer Jugend. Bald verlor er ſich in dieſen Phantaſiegebilden. Einige Accorde ſchlug er zuerſt an, dann griff er feuriger in die Saiten, und nun ver⸗ ſchwand die Welt um ihn her. So fanden ihn zuruͤckkehrend Gwenllian und Mildred. Er gewahrte nichts von ihrem Kommen, ſondern wuͤhlte fort in den Molltoͤnen, bis er endlich und ploͤtzlich, als ſpraͤchen auch dieſe ſein 8 24 6 Inneres nicht voͤllig aus, arpeggirend ſchloß. Sein Blick blieb ſtarr auf die Gegend von Aberyſtnegth geheftet, bis Morgan ihn aus dieſen Traͤumereien mit der Nachricht auf⸗ ſtoͤrte: er habe im Thale unten eine kleine Huͤtte entdeckt, in welcher die Geſellſchaft, vorausgeſetzt, daß Lehensmittel darin vorraͤthig waͤren, ſich erquicken koͤnne. Mildred lachte laut und ſelbſt Gwenl⸗ lian konnte ſich nicht enthalten, ein wenig zu laͤcheln. Sir Dawid aber ſprang auf und ſagte, ohne ſeine Zerſtreuung zu entſchuldigen: Das Doͤrfchen dort mit einem Thurme, der aus bluͤhenden Obſtbaͤumen hervorragt, heißt Bro⸗Gynin und iſt der Ort meiner Geburt. Mildred ſchwieg hocherroͤthend; ſſie fuͤhlte fogleich alles lebhaft mit, was Gwyllim bei dieſem Anblick empfunden haben konnte. Gwenllian aber ſah ihn mit ihren klaren Augen recht freundlich an, als wolle ſie ihm zu verſtehen geben: er ſei ihr ſehr 25 werth, und durch fein feines Benehmen ſeither noch werther geworden. Um die beiden lieben Maͤdchen noch zu⸗ traulicher zu machen, that er, als ob er nichts bemerke. Ganz unbefangen fuhr er fort: In dem Thale neben Bro⸗Gynin ſtand ſonſt die Abtey Strada⸗Florida, jetzt nur ein Haufen von Truͤmmern noch. Da lernte mein Herz zuerſt das ſeligſte aller Gefuͤhle kennen.— Sir Dawid ahnete nicht, daß dieſe Worte ſeine Zuhoͤrerinnen heftig bewegen wuͤrden; denn noch wußte er nicht, daß Mildred und ſeine fruͤhere Geliebte, Emma, eine und die⸗ ſelbe Perſon waren. Gwenllian aber, als ſie bemerkte, daß ihre Freundin zitterte, bat ihn, ſie zu der Thalhuͤtte zu fuͤhren. V. Stumm wanderten ſie zuſammen fort bis zu dem Sommerhaͤuschen, von den Bergbe⸗ wohnern Havod⸗tai genannt. Dergleichen werden fuͤr die Halbſchied des Jahres aus Gyps und Baumzweigen errichtet. In der Naͤhe iſt gewoͤhnlich ein Stuͤckchen bebautes Land, mit einer Mauer von uͤber einander gelegten Steinen umgeben. Blos ein alter Hirt wohnte in dem Havod⸗tai. Der Greis ſchien ſich um ſeine Heerde wenig zu bekuͤm⸗ mern; ſie hatte ſich auf den Thalhoͤhen zer⸗ ſtreut. Die kleine Geſellſchaft wurde von ihm mit der gutmuͤthigſten Gaſtfreiheit em⸗ pfangen. Freilich hatte er nur wenig vorzu⸗ ſetzen; aber doch brachte er alles mit emſiger 27 Geſchaͤftigkeit und noͤthigte dann die Frauen⸗ zimmerchen, wie er die Lady's nannte, auf den Steinbloͤcken, die hier ſtatt der Seſſel dienten, doch ja ohne Umſtaͤnde Platz zu nehmen und zuzulangen. Das ſehr beſcheidene Mahl beſtand blos aus Buttermilch, getrocknetem Ziegenfleiſch und einem Flaͤſchchen des in Wales ſo belieb⸗ ten Getraͤnks Ewrw, das vermuthlich vom lateiniſchen Worte cerevisia ſeinen Namen hat. Die Damen fanden jedoch alles ſehr delicat, nicht blos darum, weil Hunger ein vortrefflicher Koch iſt, ſondern auch, um durch Beifallsbezeigungen die Freigebigkeit ihres ehr⸗ lichen Wirthes wenigſtens einigermaßen zu belohnen; da man es nicht wagen durfte, ohne ihn ſchwer zu kraͤnken, fuͤr ſeine Gaben ihm Geld anzubieten. Als der gute Greis hoͤrte, daß er eine Tochter des großen Glyndwr zu bewirthen die Ehre habe, gerieth er vor Entzuͤcken außer ſich. Gwenllian hatte in ihrem Schmuck⸗ 28 kaͤſtchen einen einfachen goldnen Ring mit ihrem Namenszuge. Dieſen ſchenkte ſie dem uneigennuͤtzigen alten Manne mit der Bitte, ihn zu ihrem Andenken zu tragen. Er ſteckte ihn ſogleich an; aber große Thraͤnen lie⸗ en ihm dabei aus den Augen herunter in den weißen Bart. Darauf eilte er fort ein Ge⸗ gengeſchenk zu holen— ein ſchneeweißes Zie⸗ genboͤckchen, das ihm vor 8 Tagen geboren ward. Sir David ſah wohl ein, d er zuvor ſelbſt eine Probe von ſeiner Beredſamkeit ge⸗ ben muͤſſe, wenn er ſeine Gefaͤhrtinnen ge⸗ ſpraͤchig machen wolle. Eben wollte er an⸗ fangen; aber Gwenllian, von der es am we⸗ nigſten zu erwarten ſtand, kam ihm zuvor. Sie ſagte— wieder mit dem ihr eigenen be⸗ zaubernden Blick; Wenn Bro⸗Gynin nicht zu weit aus unſerem Wege liegt, wuͤrde es mir viel Vergnuͤgen machen, den Ort Ihrer Geburt kennen zu lernen. 29 „Es iſt da durchaus nichts merkwürdig“ — antwortete Gwyllim. O, doch, doch!— fiel Mildred leb⸗ haft ein— Kaiſer und Koͤnige reiſen oft hundert Meilen weit, um das enge Stuͤbchen zu ſehen, in welchem ein ausgezeichneter Mann einſt wohnte.— Haͤtte ſie einige Jahrhundert ſpaͤter ge⸗ lebt; ſo wuͤrde ſie, als Beiſpiel Peter den Großen angefuͤhrt haben, der in Wittenberg die ſchmutzige duͤſtere Zelle Luthers zu beſu⸗ chen, nicht unter ſeiner Wuͤrde hielt und da ſogar ſeinen Namen anſchrieb mit dem merk⸗ wuͤrdigen Zuſatze: Peter— glaubt nichts.— Nach einer Pauſe fuhr Mildred in drollig befehlendem Tone fort: Sie muͤſſen uns ſchlechterdings von hier nach Bro⸗Gynin fuͤhren!— „Ach! ich ſaͤhe ſelbſt es gern einmal wie⸗ der; allein unſre Marſchroute iſt mir vorge⸗ ſchrieben und der Soldat muß ſich ſtreng an 30 die Ordre halten. Seinem Herzen folgen darf er nie.“— 3 So erzaͤhlen Sie uns wenigſtens recht viel davon!— bat Gwenllian. „Wir moͤchten gern den Mann ganz ken⸗ nen lernen, der uns ſoviel Verbindlichkeiten auflegt— ſetzte Mildred hinzu— Thei⸗ len Sie uns doch etwas aus Ihrer Lebens⸗ geſchichte mit; Sie werden aufmerkſame Zu⸗ hoͤrerinnen haben.“— Leider! wuͤrde ich da nur wenig Erbauli⸗ ches zu berichten haben. „O! Sie ſcherzen. Wir wiſſen es ſchon: Sie reiſeten lange auf dem Feſtlande, und Ihre Lieder ſind allgemein beliebt, auch unſre ſteten Begleiter. Wie haben Sie ſich denn zum Dichter gebildet? Fangen Sie nur an; aber auch recht huͤbſch von vorn!“ VI. David deutete auf den Rubin an ſeinem Finger und ſagte: Schoͤne Gwenllian, wenn Sie verſprechen, mir nachher Auskunft dar⸗ uͤber zu geben, wie dieſer Ring an meine Hand gekommen iſt; ſo will ich eine kurze Autobiographie wagen— auf die Gefahr hin, Ihnen damit Langeweile zu machen. Gwenllian machte eine Bewegung mit dem Lockenkoͤpfchen, die weder ganz bejaend, noch ganz verneinend war; allein Mildred fuhr heftig heraus: Wir verſprechen alles, was Sie wollen; nur fangen Sie endlich einmal an!— Ich gehorche ſogleich— antwortete Sir David laͤchelnd uͤber den komiſchen Trotz des aus ſeiner Rolle fallenden Kammermaͤdchens — Zuerſt alſo ein Wort uͤber meine Mutter⸗ Sie hatte fuͤr einen jungen Menſchen von dunkler Herkunft eine Leidenſchaft gefaßt, die ihre Eltern, mit den ſtolzeſten Familien in Suͤdwales verwandt, mißbilligten und zu erſticken ſuchten, was ihnen aber nicht ge⸗ lang. Als haͤrtere Mittel angewendet wur⸗ den, entfloh ſie mit dem Gatten ihrer Wahl. Sie lebte darauf in Armuth, dennoch gluͤck⸗ lich durch Liebe, bis zum Tode ihres Ge⸗ mahls. Nun verſuchte ſie Alles, ihre El⸗ tern zu verſoͤhnen;— vergebens. Ihre Lage war ſchrecklich und ſchon wollte ſie ſich der Verzweiflung uͤberlaſſen, als ſie zufaͤlliger Weiſe hoͤrte, daß ihr Onkel Ivor Hoel, Ober⸗ aͤlteſter der großen ſchottlaͤndiſchen Familie Morgan und Beſitzer von Tredegar in Mon⸗ mouthſhire, ſeiner edeln Denkart wegen allge⸗ mein den Zunamen: der Großmuͤthige, erhal⸗ ten habe. An dieſen wendete ſie ſich in ihrer gaͤnzlichen Verlaſſenheit und das vortreffliche 33 Herz des ſeltnen Mannes verlaͤugnete ſich auch bei dieſer Gelegenheit nicht. Mit der feinſten Art, als wuͤrde ihm ſelbſt dadurch eine Gefaͤlligkeit erzeigt, bot er meiner Mut⸗ ter fuͤr ſich und ihren Sohn in ſeinem eige⸗ nen Hauſe eine Freiſtatt an. Unter dem Dache deſſelben habe ich die gluͤckliche Periode meiner Kindheit verlebt; wahrlich! mein Va⸗ ter ſelbſt haͤtte mich nicht liebreicher behan⸗ deln koͤnnen; aber ich Leichtſinniger vergalt ſo viele Wohlthaten zwar nicht mit Undank, doch, von Leidenſchaft hingeriſſen, durch ein Betragen, welches das zarte Herz dieſes tu⸗ gendhaften Menſchenfreundes an der em⸗ pfindlichſten Stelle verwunden mußte. Ewig werde ich mir daruͤber Vorwuͤrfe machen. Sir David ſchwieg, ohne zu bemerken, daß auf ſeine Zuhoͤrerinnen das ſchmerzliche Gefuͤhl, welches ihn bewegte, ſogleich uͤber⸗ gegangen war. Die froͤhliche Mildred, Thraͤ⸗ nen im Auge, wendete ſich ab, ihre Ruͤh⸗ 1I. C 34 rung zu verbergen und Gwenllian druͤckte ihr verſtohlen die Hand, als wolle ſie ihr da⸗ durch Mitleid bezeigen. Hoel Yvor— fuhr Gwyllim nach einer Pauſe fort— gab ſich die groͤßte Muͤhe, meiner Mutter die Verzeihung ihrer Eltern auszuwirken. Doch dieſe harten Herzen wa⸗ ren nicht zu erweichen; ſie erkrankte und ſtarb endlich vor Kummer daruͤber. Ihr Tod ver⸗ mittelte, was ihre Reue im Leben nicht zu erreichen vermocht hatte. Unerwartet erſchien mein Großvater in Tredegar, um mich fuͤr ſeinen Erben zu erklaͤren und mit ſich zu nehmen. Anſtatt mich zu freuen, betruͤbte ich mich daruͤber unendlich, ja! ich war außer mir; doch werden Sie die Urſache meiner an Ver⸗ zweiflung grenzenden Bekuͤmmerniß ſchwerlich errathen, liebe Freundinnen. Yvor hatte eine Tochter, ein allerliebſtes Kind von ſieben Jah⸗ ren, das ich unausgeſetzt mit ſchwaͤrmeriſcher Sorgfalt behandelte, wie eine kuͤnftige Ge⸗ liebte. Ich war damals ſchon im Juͤng⸗ lingsalter; nichts deſto weniger hatte ſich in meinem Kopfe die romantiſche Idee feſtge⸗ ſebt, daß Emma ſchlechterdings einmal meine Gattin werden muͤſſe. Auch nannte ich ſie taͤndelnd ſchon ſo und ſie mich nie anders, als ihren Mann. Beim Abſchiede benetzte ich die Hand meines bisherigen Wohlthaͤters mit Thraͤnen, dann nahm ich Emma auf den Arm und fuͤhrte ein Schauſpiel auf, welches mich bei den erſtaunenden Zuſchauern in den Verdacht bringen mußte: ich ſei wahnwitzig geworden.„Nein!“— ſchrie ich—„We⸗ der die hoͤlliſchen, noch auch die himmliſchen Maͤchte ſollen mich je von Dir trennen!“ Die Kleine hing ebenfalls an mir mit großer Liebe. Sie weinte und gebehrdete ſich unge⸗ ſtuͤm, wie verzweifelnd, als man ſie aus mei⸗ nen Armen zu reißen verſuchte. Man beru⸗ higte uns endlich, wie wahre Kinder, durch das Verſprechen, daß wir uns morgen ſchon C 2 36 wiederſehen ſollten. Emma glaubte und ſagte nur noch: komm aber auch ja gewiß zuruͤck, lieber Mann! Ich blieb untroͤſtlich; jene hat uͤber ihre Puppen wahrſcheinlich bald meiner vergeſſen.— VII. „Ach!“— ſeufzte Mildred; aber Gwyllim errieth nicht die Bedeutung dieſes Klagetons der Liebe. Er fuhr fort: Das kalte Weſen im Hauſe meiner Großeltern ſtach ſehr ab gegen die aͤußerſte Guͤte Hoel Yvor's. Sie ihrer Seits hatten auch oft Veranlaſſung, mit meinen wenig gefaͤlligen Sitten unzufrieden zu ſeyn. Mein Herz war voll Bitterkeit. Zum groͤßten Ungluͤck gerieth ich in die ſchlechte Geſellſchaft ausſchweifender Juͤnglinge, die mir durch Lobſpruͤche uͤber meine poetiſche Anlage, die ſich damals zuerſt in ſchwermuͤ⸗ thigen Reimereien verſuchte, den Kopf ver⸗ dreheten. Meine Großeltern dagegen ſpotte⸗ ten uͤber dieſe unreifen Producte, wie uͤber 38 Ausgeburten des laͤcherlichſten Unſinns. Frei⸗ lich hatten ſie Recht; aber meine Eitelkeit fuͤhlte ſich tief gekraͤnkt und mein Herz wen⸗ dete ſich von meinen naͤchſten Verwandten voͤllig ab. Die geſpannten Verhaͤltniſſe, in denen ich lebte, wurden mir endlich ſo uner⸗ traͤglich, daß ich den unbeſonnenen Entſchluß faßte, die Flucht zu ergreifen. Mir, glaubte ich, koͤnne es in der Welt gar nicht fehlen. Sie erſchien meiner Einbildungskraft im Ro⸗ ſenlichte. Sobald ich nur die unwuͤrdigen Feſſeln zerbrochen haben wuͤrde, ſah ich mich bei ſo glaͤnzenden Talenten, wie ich ſie mir zutraute, im Geiſte ſchon mit Ehre und Gluͤcks⸗ guͤtern uͤberhaͤuft. Sehr bald freilich loͤſeten ſich dieſe ſeligen Traͤume in ein trauriges Nichts auf. Die Bewohner des Arkadiens, in welches meine Entweichung mich verſetzte, eilten, mir in der praktiſchen Philoſophie Un⸗ terricht zu ertheilen, und meine Freunde ſag⸗ ten mir mit einer Miene voll Lebensweis⸗ heit: es ſei thoͤricht, einen Huͤlfsbeduͤrftigen 39 zu unterſtuͤtzen; man muͤſſe ſich blos denen zugeſellen, die Mittel haͤtten, uns ſelbſt die Annehmlichkeiten des Lebens zu verſchaffen. — Unwillig uͤber dieſe Lehren einer ſchaͤndli⸗ chen Moral, warf ich mich nun in die dor⸗ nenvolle Region der Satyre und leider! nicht ganz ohne Erfolg. Bisher fehlte es mir blos an einem wahren Freunde, nun aber machte ich mir auch gar noch zahlloſe Feinde durch beißende Sinngedichte. Es kam ſo weit mit mir, daß ich das Wort: Freund nicht mehr hoͤren konnte, ohne in Wuth zu gerathen. Wer es ausſprach, den fuͤrchtete ich, wie einen Betruͤger, ja! ich glaubte, daß ein ſolcher Heuchler mir wohl einmal von hintenher einen Dolchſtoß verſetzen koͤnne. Um dieſe Zeit lernte ich Glyndwr kennen. Wir fanden ſogleich ein lebhaftes Intereſſe an einander; unſre Bekanntſchaft aber begann von meiner Seite mit der inſtaͤndigen Bitte, daß er ſich nie meinen Freund nennen moͤchte. Er verſprachs mit dem Zuſatze: er wolle es 40⁰ nur ſeyn. Ich lachte graͤßlich. Allein er zeigte mir durch die That, daß jene in der⸗ Welt ſo oft gemißbrauchte Benennung auch eine edle Bedeutung haben koͤnne. Ich er⸗ ſtaunte. Seit dieſer Epoche ward ich unzer⸗ trennlich mit ihm verbunden. Ach! er war damals ein herrlicher, liebenswuͤrdiger Mann, voll Gefuͤhl ſein Herz und hell ſein Geiſt; aber auch damals ſchon ſtrebte er nach dem Hoͤchſten— nach Dingen, die außerhalb der Sphaͤre liegen, in welcher ſeine Kraft zu ver⸗ ſuchen der Menſch angewieſen iſt. VIII. Dieſe Worte machten auf Gwenllian einen erſchuͤtternden Eindruck, den ſie zu verbergen ſich vergebens bemuͤhete. Gwyllim bemerkte es wohl und fuhr deshalb ſchnell fort: Die Folgen eines ungeregelten Lebens fingen an, mich zu druͤcken. Eine nicht ganz unbedeu⸗ tende Baarſchaft, die ich der Freigebigkeit meines Onkels verdankte, war geſchwunden und der Ertrag meiner poetiſchen Ernten nicht hinreichend. Ich verſank nach und nach im⸗ mer tiefer in Schulden. An Glyndwr mit einer Bitte um ein Darlehn wollte ich mich nicht wenden, aus Beſorgniß, daß unſer ſchoͤ⸗ nes reines Verhaͤltniß dadurch getruͤbt wer⸗ den koͤnne— noch weniger an die Eltern 4² meiner Mutter, dagegen ſtraͤubte ſich mein Stolz. Mit ſchwerem Herzen begab ich mich endlich wieder zu Hoel Yvor. Ich hatte ge⸗ hofft, mich der geliebten Emma einmal reich und mit Lorbeeren bekraͤnzt darſtellen zu koͤn⸗ nen; als der Wuͤrdigſte ihrer Hand. Nun mußte ich beſchimpft, gehaßt, verfolgt, ein Fluͤchtling, meinem Onkel unter die Augen treten. Er empfing mich wie der guͤtige Va⸗ ter in der heiligen Schrift den verlorenen Sohn, hob mich auf(ich hatte mich ihm zu Fuͤßen geworfen), und ſagte: Komm an mein Herz, armer Gwyllim! Deine Reue und das Zutrauen, welches Du mir beweiſeſt, geben Dir meine ganze Liebe zuruͤck. Du warſt tadelswerth, aber nicht laſterhaft aus Neigung, und mir nie werther, als in die⸗ ſem Augenblicke. Leicht faͤllt ein Juͤngling auf der ſchluͤpfrigen Lebensbahn; aber nur die Edeln fuͤhlen Kraft, ſich wieder zu erhe⸗ ben, und gehen dann, durch Erfahrung be⸗ lehrt, ſicherer ihre Bahn. Alles Vergangene 43 ſei von dieſem Augenblicke an vergeſſen!— Ich konnte nur durch Thraͤnen ihm danken. Darauf fuͤhrte er mich in den Garten, um mich einer vernachlaͤſſigten Freundin vorzu⸗ ſtellen, wie er ſagte. In einer Jelaͤnger je⸗ 1 lieber-Laube hoͤrte ich Stimmen einiger Per⸗ ſonen, darunter eine weibliche, die mir be⸗ kannt ſchien. Bald auch ſah ich die ſchoͤne Sprecherin; ſie hatte ein Buch in der Hand und las daraus einigen andern jungen Maͤd⸗ Schen etwas vor. Ich erkannte in ihr ſogleich meine Kouſine Emma. Als ein zartes leb⸗ haftes Kind hatte ich ſie verlaſſen. Jetzt im dreizehnten Jahre ſah ſie aus, wie der erſte Morgen eines Fruͤhlings am italiſchen Him⸗ mel. Ihre dunkeln Augen waren noch auf die Blaͤtter geheftet, als ich eintrat. Nun ſchlug ſie ſie auf und erblaßte, als ihr Vater 2 mich ihr vorſtellte. Sie zauderte, mich her⸗ koͤmmlicher Weiſe zu begruͤßen; doch ſtand ſie auf, und als Hoel Yvor laͤchelnd ſie dar⸗ an erinnerte, bot ſie mir, gluͤhend wie Auxora 44 dem Wogenbette entſteigt, die ſchwellenden fuͤßen Lippen dar. Ihre Geſpielinnen bemerk⸗ ten, daß es jetzt ſchicklich ſey, ſich zu entfer⸗ nen; ſie erzeigten mir dieſe Gefaͤlligkeit. Ich und Emma fuͤhlten uns ſogleich weniger ver⸗ legen. Jetzt erſt betrachtete ich mir ſie recht genau. Schlank aufgeſchoſſen, ſchien ſie bei⸗ nahe erwachſen. Alles an ihr verrieth eine den Jahren vorgeeilte Bildung, wie denn auch der Geiſt des ſchoͤnen Geſchlechts ſtets fruͤher reift, als der unſre. Da wir beide keine Worte fanden, die uns fuͤr den Augen⸗ blick paſſend duͤnkten, ergriff ich das elegant gebundene Werkchen, in dem ſie geleſen hatte. Mit einer Ueberraſchung, die freudiger nicht ſeyn konnte, entdeckte ich, daß es eine Samm⸗ lung meiner eigenen lyriſchen Gedichte war. Emma hatte eben ein Lied vorgeleſen, in wel⸗ chem ich die Sehnſucht auszudruͤcken verſuchte, Die als Jungfrau wiederzuſehn, die ich in ihrem Kindesalter ſchon feurig geliebt hatte. Mein guter Onkel ſagte laͤchelnd: Nicht 45 wahr, Gwyllim, Du biſt nun uͤberzeugt, daß wir unſre alten Freunde nicht vergeſſen? Die Kritik iſt zwar noch nicht ganz mit Deinen poetiſchen Kunſterzeugniſſen zufrieden; in den Augen meiner Tochter aber ſind ſie voll⸗ kommen. „O! gewiß ſind ſie ſchoͤn!“— betheu⸗ erte Emma mit einer Lebhaftigkeit des Gei⸗ ſtes, die ich fruͤher ſchon oft an ihr bemerkte⸗ 1X. Des andern Tages bereitete mir Yvor eine neue Ueberraſchung, die ſeine Herzensguͤte im reinſten Glanze zeigte. Er ſagte: Damit Du mit beſſerem Anſtand und ganz unabhaͤngig in meinem Hauſe leben kannſt, habe ich mich entſchloſſen, Dich zum Vormunde meiner Tochter zu waͤhlen. Emma hat eben von ei⸗ ner Tante geerbt; die Regulirung dieſer An⸗ gelegenheiten aber macht mir, der ich als Fa⸗ milien⸗Oberhaupt mit Geſchaͤften ſchon uͤber⸗ haͤuft bin, zu viel Muͤhe. Du bekommſt da⸗ fuͤr den gewoͤhnlichen Gehalt, welchen ich ei⸗ nem Andern doch auch geben muͤßte. Wem koͤnnte ich ihn lieher zuwenden wollen, als Dir?— 26* 42 Offenbar hatte der herrliche Mann den Plan, mich einmal mit ſeiner Tochter zu verheirathen; ſonſt waͤre dies ein bedenklicher Vorſchlag geweſen. Vielleicht auch wollte er dadurch mein Ehrgefuͤhl wecken; als Vor⸗ mund eines ſchoͤnen, reichen Maͤdchens, hatte ich doppelte Urſache, uͤber mein Betragen zu wa⸗ chen. Ich ward noch an demſelben Tage foͤrmlich inſtallirt und darf mir das Zeug⸗ niß geben, daß ich von dieſem Augenblicke an mich beeiferte, dem unverdienten Zutrauen Yvors ganz zu entſprechen. Nun, kraft mei⸗ nes Amtes mit Emma allein, ſo oft ich es wuͤnſchte, verlebte ich ſelige Tage, Monate, Jahre. Ich erhielt endlich von ihr das Ver⸗ ſprechen, daß ſie mit Einwilligung ihres Va⸗ ters mir am Altare ihre Hand reichen wolle. Allein meine zahlreichen boshaften Feinde waren indeß nicht unthaͤtig geblieben; ſie wirk⸗ ten beſonders durch das Gift der Verlaͤum⸗ dung, umſpannen mich liſtig durch die fein⸗ ſten Intriguen und ich verwickelte mich arg⸗ 48 los in ihren Fallſtricken. Yvor mußte es endlich glauben, ſo ſchwer es ihm ward, daß ich meine fruͤheren Ausſchweifungen immer noch heimlich fortſetze. Der Schein war ge⸗ gen mich. An der Kaͤlte, womit ich nun im Hauſe meines Onkels behandelt ward, an dem Fluͤſtern der Diener unter einander, die ih⸗ rer Herrſchaft mit treuer Liebe ergeben wa⸗ ren, beſonders an Emma's oft verweinten Augen merkte ich zu ſpaͤt, daß etwas zu mei⸗ nem Nachtheile ſich ereignet haben muͤſſe. Ich verdoppelte meinen Eifer in Geſchaͤften, meine Zaͤrtlichkeit gegen Emma und die kind⸗ liche Verehrung gegen meinen Onkel, ohne dadurch etwas anderes zu bewirken, als daß man mich fuͤr einen vollendeten Heuchler hielt. Jedermann wendete ſich mit Abſcheu von mir. Als ich eines Morgens kam, die Familie zu begruͤßen, war Emma verſchwunden. Yvor hatte ſie, wie ich ſpaͤter erfuhr, in ein Klo⸗ ſter auf der Inſel Angleſea bringen laſſen und — 49 das ungluͤckliche hintergangene Maͤdchen zu dem Entſchluſſe vermocht, den Schleier zu nehmen. Mein Schmerz war grenzenlos. Im er⸗ ſten Anfalle deſſelben vergaß ich Alles, was ich meinem Wohlthaͤter ſchuldig war; ich machte ihm die bitterſten Vorwuͤrfe daruͤber, daß er ohne zureichenden Grund mich und ſeine eigene Tochter auf Lebenszeit ſo ganz ungluͤcklich machen wolle. Die Heftigkeit, womit ich ſprach, uͤberzeugte ihn vielleicht von der Wahrheit meiner Liebe zu Emma; aber nicht von meiner Schuldloſigkeit; er fragte mich: ob ich glaube, daß ein Vater ſein Kind der Gefahr ausſetzen duͤrfe, mo⸗ raliſch zu Grunde gerichtet zu werden.„Ant⸗ worte Dir darauf ſelbſt nach Deinem Gewiſ⸗ ſen.“— ſetzte er hinzu. Doch ich ward nur wilder, als ich ſah, daß meine Vorſtel⸗ lungen und Bitten ſeinen Entſchluß nicht abzuaͤndern vermochten. Trotzig verließ ich das gaſtfreundliche Haus Yvors, ohne Ab⸗ III. D 50 ſchied von ihm zu nehmen, und wo ſie ſein, was auch daraus entſtehen moͤchte— die Gebieterin meines Herzens wollte ich ſuchen, finden und wieder mit mir verſoͤhnen, das ſchwur ich mir heilig zu. Meinem Feuerei⸗ fer, der Tag und Nacht nicht raſtete, ge⸗ lang es auch endlich nach langem vergebli⸗ chen Forſchen ihren Aufenthaltsort zu ent⸗ decken. Emma war in einem Kloſter, von der Abtey der Franziskaner in Llanfaes ab⸗ haͤngig. Hier aber ſie zu ſprechen, war kaum moͤglich, man hatte zu gute Vorkehrungen getroffen. Gluͤcklicher Weiſe brauchte der Abt einen Diener und die Empfehlungen, welche ich mir ſelbſt auszuſtellen fuͤr gut fand, ver⸗ ſchafften mir Veſn wichtigen Poſten. X. In der Livrey des frommen Moͤnchs hatte ich gar bald Gelegenheit, die Innigſtgeliebte wiederzuſehn. Aber ach! ihr Anblick erfuͤllte mich mit herzzerreißendem Kummer. Die Purpurroſen, womit Jugend, Schoͤnheit und gluͤckliche Liebe ihre Wangen in Tredegar ſchmuͤckten, waren erbleicht, ihr heiterer Sinn in tiefe Schwermuth uͤbergegangen und ihres Koͤrpers liebliche Fuͤlle verſchwunden. Die Nonnenkleidung und das Duͤſter des Sprach⸗ zimmers vermehrten den ſchauerlichen Eindruck. Ich glaubte einen abgeſchiedenen holden Geiſt zu ſehen. In Gegenwart der Aebtiſſin ſtam⸗ melte ich einige Worte, die ſich auf meine Sendung bezogen, und als ſie darauf ſich D 2 5² entfernte, um zu holen, was ſich der Abt von Llanfaes von ihr erbat, wagte ich es, mich der Geliebten zu erkennen zu geben. Doch ich hatte ſogleich Urſache, dieſe Unbeſonnenheit zu bereuen. Emma ſtreckte die Hand mir entgegen, um mich von ſich abzuhalten, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, ſchwankte und ſtuͤrzte ohnmaͤchtig zu Boden. Dieſer tragiſche Vorfall brachte mich um alle Beſin⸗ nung. Ich riß die Gefallene empor und wollte ſie mit Gewalt aus dem Kloſter tragen; doch da ich kein Lebenszeichen weiter an ihr bemerkte, erreichte meine Angſt den hoͤchſten Grad; ich fuͤrchtete, daß Emma vor Schrek⸗ ken geſtorben ſei, oder doch ſterben koͤnne, wenn ihr nicht ſchleunig Huͤlfe geleiſtet werde, und zog darauf ohne weitere Ueberlegung, als gaͤlte es die Todten zu erwecken, mit aller Kraft an der Klingelſchnur im Sprachzimmer. Auf dieſen Huͤlferuf erſchien die Aebtiſſin mit einigen Koſtgaͤngerinnen. Ein heiliger Schauer rieſelte durch die Gebeine der from⸗ * 53 men Matrone, wie ſie ihre Novize in meinen Armen erblickte. Ich kam ihrer Neugier zu⸗ vor durch den Bericht: Die junge Nonne ſei ploͤtzlich von Kraͤmpfen befallen worden; ich aber habe ſie noch zu rechter Zeit aufgefangen, aus Furcht, daß ſie gegen die Mauer tau⸗ meln und Schaden nehmen koͤnne. Das In⸗ Ptereſſe des Augenblicks verſchlang alle weite⸗ ren Unterſuchungen. Man beeilte ſich, die Kranke in ihr Bett zu bringen und ließ mich gehen, ohne ſich weiter um mich zu bkuͤm⸗ mern. Seitdem habe ich Emma nicht wieder⸗ geſehen. Einige Tage nachher erhielt ich ein kaltes und veraͤchtliches Billet von ihrer Hand, doch ohne Unterſchrift ihres Namens, in wel⸗ chem ſie ſagte: wenn ihre Ehre, wenn der Friede ihrer Seele mir werth ſei, ſo verlange ſie von mir, daß ich fuͤr die Zukunft nie etwas Aehnliches wage, weil gewiſſe Ver⸗ haͤltniſſe, die mir nicht unbekannt waͤren, es unumgaͤnglich noͤthig machten, daß jede Verhindung zwiſchen uns abgebrochen werde. 54 Nun ſahe ich wohl, daß Emma von meinen Feinden wider mich eingenommen worden war; ſo ſehr aber auch ihre Ungerechtigkeit mich ſchmerzte, ſo blieb doch meine Liehe zu ihr unveraͤndert. XI, „Und handelte Emma denn wirklich ſo ganz ungerecht?“ fiel ihm Mildred, welche mit dem lebhafteſten Antheil der Erzaͤhlung zuge⸗ hoͤrt hatte, in die Rede. Sogleich aber ſchien ſie der Heftigkeit, mit welcher ſie den Erzaͤh⸗ ler unterbrochen hatte, ſich zu ſchaͤmen, denn ſie veraͤnderte die Geſichtsfarbe und ſchlug das Auge nieder. Sir David hatte unter⸗ deſſen ihre Geſtalt mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet, und die Bemerkung gemacht, daß Erſtaunen und Zweifel in ihren Mienen ſich ausdruͤcke. Die ungewoͤhnliche Haſtigkeit ihrer Sprache und ihres Benehmens war ihm auf⸗ fallend, und er waͤre gewiß die Antwort ſchuldig geblieben, wenn nicht Gwenllian die Frage ihrer Kouſine wiederholt haͤtte, 56 Jal— verſetzte David mit Heftigkeit— Ja, Emma handelte ungerecht! Mag auch mein Betragen ſeit meiner Ruͤckkehr nach Tredegar unbeſonnen geweſen ſein; ſo war ſie doch zu dieſer Strenge und zu dieſer Grau⸗ ſamkeit nicht berechtigt. Durch meine Feinde, und wie ich glaube, vorzuͤglich durch Rhys Maigan war das Geruͤcht verbreitet worden, daß ich blos aus Liebe zur Mfudd, Madoc Lawgams Tochter, die ich ſchon ſeit langer Zeit kenne, nach Angleſea gekommen ſei. Allein ich betheure hiermit feierlich, daß ich ſie nicht eher geſehen habe, als bei jenem un⸗ gluͤcklichen Beſuche des Sprachzimmers im Kloſter, wozu die Verzweiflung mich antrieb, Blos der, welcher die Qualen betrogener Liebe aus eigener Erfahrung kennt, vermag meinen Zuſtand richtig zu beuttheilen.— Ja, ich geſtehe es, daß ich nach jenem Auftritte im Kloſter und nach Empfang des erwaͤhnten Briefes mit der reizenden Mhfudd Bekannt⸗ ſchaft anknuͤpfte. Doch nicht Liebe war es, —— 52 was ich fuͤr ſie empfand— wer dies behaup⸗ ten wollte, wuͤrde eine Laͤſterung begehen!— meine Abſicht war blos in Emma's Herzen Eiferſucht zu erregen. Allein, ich verwickelte mich ſelbſt in die Fallſtricke, die ich ihr legte, und meine Wunde wurde nur immer tiefer. Ich ſehe es ein, daß die Handlungen, die ich in meiner Thorheit beging, auf keine Weiſe ſich rechtfertigen laſſen. Unbeſonnenheit und Verzweiflung leiteten nunmehr alle meine Schritte. Endlich faßte ich(es wird Ihnen faſt unglaublich ſcheinen) den Entſchluß, mit Gewalt in das Kloſter einzudringen, und Gott und den Menſchen Trotz bietend, Em⸗ ma'n daraus zu entfuͤhren. Allein ich war zu ſchwach, um dieſes Vorhaben in’s Werk zu richten; ich ſann alſo nach, wen ich wohl um Beiſtand anſprechen koͤnne, und ſtieß end⸗ lich auf den Gedanken, mich in das Innere des Gebirges zu Twm Sion Catti zu bege⸗ ben, und ihn um Huͤlfe zu bitten. Es war mir bekannt, daß dieſer außerordentliche Mann 5³⁸ die Dichter immer in Schutz nehme, und daß man in Liebesangelegenheiten unbedingt auf ſeinen Beiſtand rechnen koͤnne. „Reden Sie,“— fragte Gwenllian voll Beſtuͤrzung, mit Todtenblaͤſſe auf ihrem Angeſichte—„Reden Sie von dem beruͤch⸗ tigten Raͤuber? Ein Punkt der gegen mich erhobenen Anklage bezog ſich auf ihn.“ Ja!— antwortete Gwyllim— ich rede von ihm, deſſen bloßer Name ſchon Schrecken einfloͤßt, und der außerdem wegen ſeiner Liebe zu den Muſen und zur Erbin von Yſtrad⸗ Ffin ſo beruͤhmt geworden iſt. Erblicken Sie jenes Haus etwas oͤſtlich von Tregaron?— Es iſt Porth⸗y Ffinnion, ſein Geburtsort. Seine Hoͤle befindet ſich in jenem Huͤgel, deſſen waldbedecktes Haupt hoch uͤber die Ufer des gekruͤmmten Tevi ſich erhebt; dahin begab ich mich. Sein ſicherſter Schlupfwinkel aber iſt die Gebirgsgegend von Suͤd⸗Wales, und vor⸗ zuͤglich jener Bezirk, wohin wir auf Glynd⸗ wr's Befehl uns jetzt begeben. 59 Bei dieſen Worten erblaßte Gwenllian ſichtlich, in ihren Mienen zeigte ſich ſowohl Furcht, als Ergebung; ſie gab aber ihrer innern Bewegung keine Worte, um Sir Davids Erzaͤhlung nicht zu ſtoͤren. Gwyllim konnte nicht umhin, Gwenllians Geiſt immer mehr zu bewundern. Sie gab ſich ſo willig Glyndwr's Entſchluͤſſen hin, daß ſie ſelbſt ihr Leben mit Freuden fuͤr ihn aufgeopfert haben wuͤrde; aber auch Glyndwr huldigte ihrer Klugheit, und ließ dem zarten weiblichen Takte, welcher in jeder ihrer Hand⸗ lungen ſich zeigte, volle Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Sie ließ ſich auch durch Nichts von ihren Grundſaͤtzen abwendig machen; ſelbſt dann, wenn ihre Pflicht mit ihrer Neigung und Leidenſchaft in Kolliſion gerieth, beſaß ſie ſo viel Herrſchaft uͤber ſich, um ihr Pflicht⸗ gefuͤhl von der Leidenſchaft nicht uͤberwaͤlti⸗ gen zu laſſen. XII. Ich machte mich— fuhr Sir David fort— auf den Weg nach der Hoͤle des poetiſchen Spitzbuben oder des ſpitzbuͤbiſchen Poeten(wie Sie wollen). Er hatte eben, weil er von Yſtrad⸗Ffins Erbin das Heiraths⸗ verſprechen erhalten, ein Feſt veranſtaltet, und zeigte in ſeiner Freude ſich noch wohlwollender gegen mich, als ich nur irgend erwarten konnte. Allein das Verſprechen ſeines Beiſtandes war mir nutzlos; kaum war ich naͤmlich nach Llanfaes zuruͤckgekehrt, ſo erfuhr ich, daß Emma verſchwunden ſei.— Von dem, was ich damals Alles empfand, ſtrenge Rechen⸗ ſchaft zu geben, iſt mir unmoͤglich. Getaͤuſcht 4 61 in den Hoffnungen meiner Liebe, verfiel ich in — Wahnſinn. Es waͤre vergebliche Muͤhe, wenn ich meinen damaligen Zuſtand zu beſchreiben verſuchen wollte; er leidet keine Beſchreibung⸗! Ein verzehrendes Fieber befiel mich; ſechs Wochen lang lag ich bewußtlos. Zwar er⸗ holte ich mich wieder, allein nunmehr verfiel ich in eine Art von Gefuͤhlloſigkeit, die noch ſchrecklicher als Wahnſinn iſt. Die ganze Welt war mir gleichguͤltig, alle Außendinge waren mir verhaßt; tief im Herzen verborgen wuͤthete die Krankheit fort. Dieſen Zuſtand benutzten die Eltern der Morfudd⸗Lawgam, um mir vorzuſtellen, daß es wegen der auf⸗ fallenden Aufmerkſamkeiten, die ich ihrer Toch⸗ ter oͤffentlich erwieſen, meine Schuldigkeit fei, mich mit ihr zu vermaͤhlen. Sie ſowohl, als ihre Eltern hatten waͤh⸗ rend der langen Dauer meiner Krankheit mich gepflegt und gewartet; ich willigte alſo in das, was man von mir verlangte, aus Dank⸗ barkeit, wenn auch nicht aus Liebe ein⸗ 3 62 Morfudd beſaß zwar keinen hochgebildeten Geiſt, aber ſie war ein gutes Maͤdchen,— und verdiente wenigſtens, nicht mit Gleich⸗ guͤltigkeit behandelt zu werden. Vermoͤge meines ſanguiniſchen Tempera⸗ ments fand ich mich bald in die Veraͤnde⸗ rung meiner Lebensweiſe;— ja, wir haͤtten gluͤcklich ſein koͤnnen, wenn nicht meine Feinde in Tredegar nach Angleſea mir nachgefolgt waͤren. Der Hauptanſtifter aller dieſer Ver⸗ druͤßlichkeiten war Rhys⸗Maigan, mein alter Bekannter. Ich hatte ihn in einem poeti⸗ ſchen Wettſtreite beſiegt, und darum nahm er nunmehr jede Gelegenheit wahr, um mir zu ſchaden und ſich an mir zu raͤchen. Die Uebrigen waren meiſtens Leute, die ich fruͤher mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatte, und die wahrſcheinlich) jetzt ſich beeilen wollten, die druͤckende Schuld der Dankbarkeit von ſich abzuſchuͤtteln. Kurz— ſie wußten mein feu⸗ riges, reizbares Temperament zu ihrem Vor⸗ theile zu benutzen; dabei gab ihnen meine 63 ungebundene Lebensweiſe genug Wrranlaſſung, meine Schwiegereltern gegen mich aufzureizen⸗ Deſſen ungeachtet wuͤrden meine Feinde nicht ſo weit gekommen ſein, wenn Law⸗ gam's Eigennutz ihnen bei Ausfuͤhrung ihres Plans nicht huͤlfreiche Hand geleiſtet haͤtte. Es lebte dazumal in Maris ein ziemlich be⸗ tagter Mann, mit Namen Cynfrig⸗Cynin. Er war klein von Geſtalt und ausgewachſen. Kaum— glaube ich— giebt es einen haͤßli⸗ chern Menſchen auf dem Erdboden. Und eben ſo haͤßlich, als ſein Koͤrper, war auch ſeine Seele. In den Augen meiner Feinde aber war er der tadelloſeſte Menſch, er war ein Mann, ganz wie er ſein ſoll, denn— er war reich, und das muͤſſen Sie wiſſen, ſchoͤne Damen, oder Sie koͤnnten es doch wiſſen, daß Reichthum mehr werth iſt, als Verſtand und Schoͤnheit und Klugheit, und alle andere Vorzuͤge uͤberhaupt. Erlauben Sie mir noch dieſe Bemerkung: Sollte Je⸗ mand ſo keck ſein, aufzutreten und zu behaup⸗ 64 ten, es gaͤbe doch außer einem wohlgeſpickten Beutel noch andere Tugenden auf der Erde— ſo moͤgen Sie ihm immerhin in's Geſicht lachen; ſo wie es denn uͤberhaupt Narrethei iſt, von den Verdienſten eines Mannes zu ſprechen, der kein Geld hat⸗ Doch um wieder auf Cynfrig⸗Cynin zuruͤckzukommen, dieſer alte Bucklinsky wollte mir eine Ehre erweiſen, indem er mit dem einen ihm noch uͤbriggebliebenen Auge ver⸗ liebte Blicke auf meine Frau warf. Cynfrig hatte aber nicht Luſt, es bei dieſer Ehrenbe⸗ zeigung bewenden zu laſſen, er wollte mir außerdem noch das Vergnuͤgen machen, meine Frau zu entfuͤhren und ſich mit ihr zuſam⸗ menkoppeln zu laſſen. Mein redlicher Schwie⸗ gerpapa nebſt allen Bruͤdern, Schweſtern und Vettern fand dieſen Gedanken ungemein ſinn⸗ reich; es war blos noch die Frage, wie die Sache ohne Schaden ſich abmachen laſſen moͤchte?— Ich war zwar in der Rechtsgelehrſamkeit nicht bewandert, doch dachte ich bei mir im Stillen 655 ungefaͤhr ſo: Da ſie nun einmal den Gordi⸗ ſchen Knoten geflochten haben, ſo moͤgen ſie auch ſehn, wie ſie ihn loͤſen, und ich troͤſte mich nur damit, daß keiner von ihnen ein Alexander iſt. b Aber— der Eigennutz hat ein gar ſchar⸗ fes Geſicht. Es dauerte nicht lange, ſo hatte man herausgebracht, daß einige Foͤrmlichkeiten bei der Trauung vergeſſen worden waren, und dieſe Entdeckung reichte hin, um unſere Ver⸗ heirathung fuͤr null und nichtig erklaͤren zu laſſen. So weit ging noch die Sache ganz leid⸗ lich. Um aber dem Werke die Krone aufzu⸗ ſetzen, wurde nunmehr, waͤhrend ich in einem alten Roͤmiſchen Lager mit Nachforſchungen be⸗ ſchaͤftigt war, meine Frau mir entfuͤhrt, und dem Cynfrig⸗Cynin angetraut. Es ließ ſich wohl ohne Muͤhe vorausſehen, daß dieſe Vermaͤhlung des Fruͤhlings mit dem Winter nicht beſonders gut ausſchlagen konnte; die Eltern der Morfudd aber dachten III. dee E ersdes 66 nicht hieran— ſondern blos an ein goldenes Zeitalter. Das koͤnnen Sie ſich leicht vorſtel⸗ len, daß ich bei dieſen ſchaͤndlichen Intriguen kein ruhiger Zuſchauer blieb; wenn ich auch ſonſt nichts thun konnte; ſo brannte ich doch fuͤr Begierde, mich zu raͤchen. Aber auch meine Rache haͤtte ich vielleicht vergeſſen, wenn ich nur das Mitleid aus meiner Bruſt haͤtte verbannen koͤnnen, welches ich dem armen Schlachtopfer ſchenkte, das, von ſeinen eignen Eltern verkauft, nur widerſtrebend dem neuen Ehegatten folgte. Um nicht mit langem Nachdenken die koſt⸗ bare Zeit zu verſchwenden, beſchaͤftigte ich mich blos damit, die Fenſter im Hauſe Cynfrig's zu unterſuchen, und als ich Mit⸗ tel und Wege gefunden hatte, der Morfudd von meinem Vorhaben Nachricht zu geben, ſaͤumte ich nicht, meine eigne Frau(denn ihre zweite Verheirathung konnte ich nicht anerkennen) aus ihrem Schlafgemache zu ent⸗ 67 fuͤhren— eben als ihr Quaſi⸗Ehegemahl in tiefem Schlummer lag. Der Mond ſchien ſo hell und mild, wie nur je ein fliehendes Liebespaͤrchen es ſich hat wuͤnſchen koͤnnen. Faſt waͤre es mir lieber geweſen, er haͤtte ſein Licht etwas geſpart! Er ſchien nicht blos mir zu meiner Flucht, ſondern er beguͤnſtigte auch meine Verfol⸗ ger. Sonderbar! Vielleicht habe ich in mei⸗ nem ganzen kuͤnftigen Leben nie wieder Gele⸗ heit, ſo ernſthafte Betrachtungen uͤber das Mondlicht anzuſtellen, als ich damals an⸗ ſtellte.. Am naͤchſten Tage wurde die Sache bei der Gerichtsbehoͤrde anhaͤngig gemacht. Der Proceß war gewiſſermaßen mit dem beruͤhm⸗ ten Salomoniſchen zu vergleichen, nur mit dem Unterſchiede, daß dort zwei Muͤtter um ein Kind, und hier zwei Maͤnner um eine Frau ſich ſtritten. Weiß Gott! Ich wuͤrde mich nicht nnterfangen, die Goͤttin der Ge⸗ rechtigkeit— die heilige Aſtrea mit verbun⸗ E 2 68 denen Augen— einer Partheilichkeit zu be⸗ ſchuldigen, wenn ich nur einen Vertheidiger gehabt haͤtte; aber ſo hatte ich blos Anklaͤger. Aſtrea mochte aber doch durch die Binde geblickt und zuvor unterſucht haben, welche Parthei die ſchwaͤchere ſei? Ich war es, und darum wurde ich kondemnirt. Die heilige Gerechtigkeit ſchien uͤberdies zu befuͤrchten, daß ich, nachdem ich meine Frau los geworden war, und nun im vollen Beſitz meiner Freiheit mich befand, dieſelbe leicht mißbrauchen koͤnne. Sie nahm mich alſo beim Kopfe, und ſetzte mich in ein fin⸗ ſteres Loch. Da ich nun einmal meine Frei⸗ 3 heit verloren hatte, ſo folgte das Uebrige Alles von ſelbſt nach. Bekanntlich haͤlt die Goͤttin der Gerechtigkeit eine Waage in ihrer Hand; Cynin war ſo pfiffig geweſen, in die eine Schaale derſelben klingende Beweisgruͤnde zu legen, die allerdings viel vollwichtiger waren, als einige vortrefliche Reden, mit wel⸗ chen ich aufwarten konnte. Man ließ es aber 59 hierbei noch nicht bewenden; auch der Verluſt, den ich erlitten hatte, mußte beſtraft werden— ich wurde alſo uͤberdies zu einer Geldſtrafe verurtheilt, das heißt: zur Bezahlung eines Etwas, was ich nicht beſaß. Uebrigens war aber dieſe Verurtheilung ein Beweis vom Patriotismus meiner Feinde. Die mir auferlegte Geldſtrafe reichte eben hin, alle Straßen der Stadt pflaſtern zu laſſen, oder— um ohne Umſchweife zu reden— ſie kam gerade der Summe gleich, welche von einem Einnehmer veruntrauet worden war. Dieſer naͤmlich hatte auf Koſten der Stadt ein ſplendides Gaſtmahl veranſtaltet(die Summe, welche dazu verwendet wurde, waͤre hinrei⸗ chend geweſen, die Armen des Orts ein gan⸗ zes Jahr lang zu bekoͤſtigen) waͤhrend der Gaſterei hatte der Ehrenmann mit groͤßter Ruhe ſeine Buͤcher verbrannt, dann ſich auf ein Pferd geſetzt, welches einem ſeiner Gaͤſte zugehoͤrte, und war mit dem fuͤr die Stein⸗ ſetzer beſtimmten Gelde durchgegangen. 79 Meine Damen, Laͤſtermaͤuler wollen be⸗ haupten, daß man von der Bekanntſchaft mit den Muſen blos Verlegenheit und Ar⸗ muth zum Lohn habe; doch muß ich geſtehn, daß die neun Schweſtern gegen mich ſich aͤu⸗ ßerſt guͤnſtig bewieſen, denn ſie befreiten mich von der Schande ſowohl, als der Geldſtrafe. Selbſt meinen Feinden weiß ich's Dank, daß ſie mir und meinen Schriften ſo arg mit⸗ ſpielten, denn man wurde dadurch auf letztere aufmerkſam, und las ſie weit mehr. Sie ver⸗ dienten es wohl nicht, aber es ging mit ih⸗ nen wie mit dem Kinderkreiſel, der durch fort⸗ waͤhrende Peitſchenhiebe aufrecht erhalten wird. Obgleich ich nun gefangen ſaß, ſo reiſte doch unterdeſſen, ohne daß ich es wußte, ſtatt meiner Perſon, mein Name mit erſtaunli⸗ cher Schnelligkeit in Nord⸗ und Suͤd⸗Wa⸗ les herum. Und ſo traf er auf ſeinen Strei⸗ fereien auch meine guten Freunde in Gla⸗ morganſhire. Die dortigen Barden hielten eben eine Verſammlung; ſie erklaͤrten einmuͤ⸗ „— 71 thig, daß ſie in meiner Perſon von der Gluͤcks⸗ goͤttin beleidigt waͤren, und um ihr Lebensart zu lehren, erwaͤhlten ſie mich zu ihrem Ober⸗ haupte. Der Tag meiner Anſtellung war der gluͤcklichſte meines Lebens, ich wurde dem Koͤ⸗ nige Richard, der eine beſondrre Vorliebe fuͤr Wales und ſeine Dichter hatte, und deſſen Andenken mir ewig heilig ſein wird, vorge⸗ ſtellt. Er legte mir den Titel Ritter bei, den auch Glyndwr erhielt, und ſo fuͤhre ich denn nunmehr durch die Gunſt dieſes ungluͤck⸗ lichen Fuͤrſten ein unabhaͤngiges und ſorgen⸗ freies Leben. — XIII. Eben als Gwyllim ſeine Erzaͤhlung mit der glaͤnzendſten Epoche ſeines Lebens ſchloß, trat Morgan in die Thuͤr, und meldete, daß die Pferde bereit ſtuͤnden⸗ Die Reiſenden bemerkten nunmehr erſt, daß es ſchon ziemlich hoch am Tage ſey, und hielten es daher fuͤr zweckmaͤßig, ohne weitern Verzug von ihrem gaſtfreundlichen Wirthe Abſchieb zu nehmen, und ihre Reiſe weiter fortzuſetzen. Sie richteten ihren Weg nach der Muͤn⸗ dung des Wye, gingen dann laͤngs des Ufers durch die Landſchaft Rhyadergowy, und ruh⸗ een an einem der Waſſerfaͤlle aus, welche der Fluß bildet., Von dort nahmen ſie die Rich⸗ 73 tung nach Builth, durchzogen das dunkle ro⸗ mantiſche Thal von Gwrthrynnion, und ka⸗ men bei einer einſam gelegenen, mit einen tiefen Graben umzogenen, Felſenburg an. Hier ſahen ſie, wo kaum eine Spur von Men⸗ ſchen zu bemerken war, die Freiheitsfahne von Wales flattern. Gwenllian fragte nach dem Beſitzer des Schloſſes und aͤußerte ihre Verwunderung daruͤber, daß ſelbſt in einer ſo wilden Einoͤde Merkmale von Glyndwr's Einfluſſe zu ent⸗ decken waͤren. „Ich bin eben ſo erſtaunt hieruͤber!“ verſetzte der Barde.„Dieſer ganze Kanton gehoͤrt dem Sir Philipp Ap Rhys dies Schloß aber, welches lange Zeit fuͤr unuͤberwind⸗ lich gehalten wurde, iſt jetzt ein bloßer Stein⸗ haufen. Hieher fluͤchtete ſich Vortigern, als ſeine Unterthanen von ihm abgefallen wa⸗ ren, und dieſe Wuͤſtenei hat auch von ihm ihren Namen erhalten. Man verſichert ſo⸗ Anhaͤnger Glyndwr's, das Schloß in Ver⸗ 74 gar, er ſey in dieſem Schloſſe verbrannt wor⸗ den, und ſeit der Zeit hat kein lebendes We⸗ ſen drinnen gewohnt.“ Nachdem ſie in dem Speiſeſaale von Coed y Mynach, einem zur Abtei Strada⸗Florida gehoͤrigen Kloſter, einige Erfriſchungen ein⸗ genommen hatten, folgten ſie dem Laufe des Wye bis zu ſeinem Zuſammenfluſſe mit der Edwy, und langten beim Untergange der Sonne in dem maleriſch gelegenen Dorfe Aber⸗Edwy an. Waͤhrend Gwyllim hier ſich vergebens be⸗ muͤhte, ſeiner Geſellſchaft ein bequemes Un⸗ terkommen zu verſchaffen, zog Glyndwr's Fah⸗ ne, welche vom Schloßthurme wehte, ſeine Blicke von Neuem auf ſich. Er fand ſich dadurch beſtimmt, uͤber den Beſitzer des Schloſ⸗ ſes Erkundigung einzuziehen, und erfuhr dar⸗ auf, daß Monnington, einer der waͤrmſten theidigungsſtand ſetzn laſſe. —.,——ʒÿ—ᷣᷣÿℳnn— 75 Der brave Haͤuptling oͤffnete ſogleich der Tochter und dem liebſten Freunde ſeines ver⸗ ehrten Anfuͤhrers die Thore, und nahm ſie auf das gaſtfreundlichſte auf. Als die Rei⸗ ſenden eine kleine Mahlzeit eingenommen hat⸗ ten, erkundigte ſich Gwyllim: was wohl Glyndwr'n bewogen habe, in dieſe abgelegene Veſte Beſatzung zu legen? „Ich glaube“ erwiederte Monnington „er hatte dazu einen doppelten Grund. Sir Edmond Mortimer naͤmlich geht ſchon lange damit um, von ſeinen Anhaͤngern in Here⸗ ford und Schropſhire eine ſtarke Macht zu⸗ ſammenzubringen Dieſe Reihe von feſten Schloͤſſern, obgleich nicht in Stande erhalten, iſt ſtets der wichtigſte Punkt von Wales ge⸗ weſen. Abgeſehen aber von dieſem wichtigen Beweggrunde; ſo wiſſen Sie, Glyndwr iſt ein großer Freund von Denkmalen aus der Vor⸗ zeit, und die meiſten dieſer Feſtungen ſind durch Gefechte ſeiner Vorfahren beruͤhmt. Dieſe Veſte intereſſirt ihn am meiſten, denn 76 ſie war lange Zeit der Koͤnigsſitz ſeines Vor⸗ fahren, Llewellyn.“ Hier in der Naͤhe war es, wo er um⸗ kam! bemerkte Gwyllim, der mit der Ge⸗ ſchichte ſeines Vaterlandes ſehr vertraut war. „Wenn Sie nach der Abendſeite der Builth⸗Bruͤcke zugegangen ſind“— ſagte Monnington—„ſo ſind Sie bei der Stelle flbſt vorbei gekommen.“ Glyndwr's Willen gemaͤß— antwortete Gwyllim— bin ich nicht uͤber Builth ge⸗ gangen. Die Einwohner von Builth haben ſeit ihrer Untreue gegen Llewellyn in ganz Wales ſich verhaßt gemacht. Ein Gluͤck, daß nicht Glyndwr ſtatt meiner durch das Land zog, er haͤtte gewiß ſeinen Weg durch Zerſtoͤ⸗ rung ihrer Wohnungen bezeichnet. „Die Stelle, wo Llewellyn fiel“ ſagte Monnington„iſt nicht weit von Builth, auf der Weſtſeite des Wye, am Ufer des Ir⸗ von, ganz in der Naͤhe der Gebirgskette, wel⸗ che Cefn y Bedd heißt. Er entfernte ſich, —— —— —.—ʒ—ʒ—— ————V—:—.——.,ͤ— —-— 7⁷ wie man ſagt, aus dem Schloſſe, weil er meh⸗ rere Briefe von bedeutenden Maͤnnern erhal⸗ ten hatte, welche ihn zu einer Zuſammenkunft in Builth einluden. Allein die Briefe wa⸗ ren falſch: Roger Mortimer, der Ahnherr unſers jetzigen Feindes, lauerte dem Prinzen im Hinterhalte auf. Kaum war er nach Builth gekommen, ſo wurden hinter ihm die Thore geſchloſſen, dennoch gelang es ihm, obgleich Mortimer eine groͤßere Menge Leute hatte, ſich zuruͤckzuziehen, und wie er uͤber die Bruͤcke war, ließ er ſie hinter ſich abbrechen. Dann wandte er ſich nach dem Grunde von Irvon, und hatte eben die Bruͤcke Y⸗Coed paſſirt, als Mortimer, welcher mit ſeinen Leuten den Wye durchwatet hatte, am andern Ufer er⸗ ſchien.— Llewellyn mit ſeinem kleinen Ge⸗ folge machte ihm eine Weile den Uebergang ſtreitig; als aber Elias Walwyn weiter oben eine Furth entdeckt hatte, ſo fiel er dem klei⸗ nen Haufen des Prinzen in den Ruͤcken, und 78 zerſtreute ihn. Der Prinz ſelbſt, entfernt von ſeiuen Leuten und ſchwer verwundet warf ſich an einer einſamen Stelle, welche man noch jetzt den Llewellyn's⸗Grund nennt, zu Boden; hier traf ihn Adam Francton, und durchſtieß ihn mit ſeinem Wurfſpieße.“ 1 Ich glaube— ſagte Sir David— dort in der Ferne in Abendroth noch ein anderes Schloß zu erblicken. Gehoͤrt dieſes auch un⸗ ſerm Oberherrn?— „Noch nicht!“ verſetzte Monnington. „Doch habe ich Befehl, mich ſeiner zu be⸗ maͤchtigen, ſobald ich hinlaͤnglich mit Mann⸗ ſchaft verſehen bin. Sie kennen Glyndwr; was er befiehlt, muß ausgefuͤhrt werden; moͤglich oder nicht, das gilt gleichviel. Bei dem, was er einmal beſchloſſen, bleibt es; um die Mittel der Ausfuͤhrung kuͤmmert er ſich 8 nicht, aber wehe dem, der ſeine Befehle nicht getreulich vollzieht!— Uebrigens iſt er der beſte Herr, nur daruͤber habe ich zu klagen, —ͤ 3 — 79 oaß er bei Andern allemal das Genie voraus⸗ ſetzt, welches er ſelbſt beſitzt.“ Die Abendſchatten verbargen die Blaͤſſe und Roͤthe, welche bei dieſer getreuen Schilde⸗ rung Glyndwr's auf Gwenllian's Geſicht wechſelten; ein ſchwerer Seufzer entflog ihrer Bruſt, doch bemerkte es Sir David nicht. Mildred aber, welche die Gemüͤthsbewegung ihrer Freundin wahrnahm, miſchte ſich in das Geſpraͤch, indem ſie außerte: die Feſtungs⸗ werke, welche ſich am Horizonte zeigten, ſchie⸗ nen nicht einem, ſondern zwei Schloͤſſern an⸗ zugehoͤren. „So iſt es auch!“ verſetzte Monnington⸗ „Die am Horizonte bemerkbaren Ringmauern gehoͤren zu den Schloͤſſern Paine und Maud, und liegen einander gegenuͤber an den Ufern der Edwy. Das erſte Schloß wurde von Hugh Paine, dem Stifter des Templerordens, erbaut; als man den Orden verfolgte, fluͤch⸗ teten ſich mehrere Ritter hieher. Das zweite 80 Schloß gehoͤrte der Dame von S. Valery. Sie war eins der ausgezeichnetſten Weiber ihres Zeitalters, und brachte das Schloß dem wilden William Breos, welcher durch den an unſerm Landsmanne Sytſilt veruͤbten Meu⸗ chelmord zu einer traurigen Beruͤhmtheit ge⸗ langt iſt, als Mitgift zu.“ War ſie es nicht— unterbrach ihn Gwyl⸗ lim— die dem John, welcher ihren Sohn als Buͤrgen ihrer Treue verlangte, zur Ant⸗ wort gab: Sie werde ihren Sohn nimmer⸗ mehr dem Moͤrder ihres Neffen anvertrauen? „Dieſelbe! Das Heldenweib eroberte dieſe Veſten. Man ſagt ſogar, er habe ſie weit mehr gefuͤrchtet, als alle ſeine uͤbrigen Feinde. Nachdem es 30 endlich gelungen war, ſie in ſeine Gewalt zu bekommen, ließ er ſie im Schloſſe Windſor zu Tode hungern.“ 1 Hat denn das Geſchlecht der Breos dieſe . Schloͤſſer noch in Beſitz? 81 „Nein, Sir David! Sie liegen ſchon lange in Truͤmmern. Man behauptet aber, der beruͤchtigte Twm Sion Catti hauſe dar⸗ innen.“ Twm Sion Catti? fragte die ganze Ge⸗ ſellſchaft. III. F ) . XIv. „Man vermuthet es blos“ verſetzte Mon⸗ nington„da man weiß, daß er ſeine Raͤu⸗ bereien ziemlich weit ausdehnt; mir indeß iſt noch nichts von ſeiner Bande vorgekommen. Vor dieſen Schloͤſſern braucht man ſich uͤbri⸗ gens noch am wenigſten in dieſem Kantone zu fuͤrchten. Allein das Schloß des ſchwar⸗ zen Felſen vereinigt Alles, was dem Men⸗ ſchen Schrecken einzujagen faͤhig iſt.“ Das Schloß des ſchwarzen Felſen? rief Gwyllim. Was erzaͤhlt man denn davon? Was wiſſen Sie?— Das iſt ja eben der Ort, wohin wir reiſen. „Sie ſcherzen wohl nur?“ erwiederte Monnington.„Oder ſuchen Sie den Tod? .— 83 Der Beherzteſte in ganz Wales weicht ja dem Thale aus, in welchem dieſes Schloß liegt.“ Und doch— ſagte Gwyllim— habe ich, Befehl, dieſe Dame(er zeigte auf Gwenllian) dahin zu bringen. 1 Iſt dies wirklich Ihr Ernſt? fragte Mon⸗ nington, und nicht blos Verwunderung, ſon⸗ dern auch Mitleid war in ſeinen Mienen zu leſen. Ich fuͤrchte zwar keinen Menſchen, aber um keinen Preis moͤchte ich in das Schloß mich begeben; viel lieber— in die Hoͤlle! „ und ich gehe doch dahin“ fiel ihm Gwenllian mit gelaſſenem Ernſte in die Rede „ich gehe doch dahin, weil es mein... hier ſtockte ſie und hielt ein wenig inne... weil es mein— Gebieter, mein Beſchuͤtzer Owain Glyndwr ſo haben will. Nie bin ich ſo an⸗ maaßend geweſen, den Grund ſeiner Befehle unterſuchen zu wollen, noch weniger habe ich ihnen jemals widerſprochen.“ F 2 84 Da mein Gebieter es befiehlt— erwie⸗ derte Monnington— ſo ſchweige ich, und will kein Wort weiter daruͤber verlieren. „Sie haben nun einmal“— fiel ihm Sir David in die Rede—„dieſen Gegen⸗ ſtand auf's Tapet gebracht, und die Damen unnoͤthiger Weiſe in Furcht geſetzt. Ich weiß es ſchon, hier und an andern Orten in Wales glaubt man, es ſei nicht geheuer... Doch es iſt bloße Einbildung. Irgend ein Miſanthrop(erzaͤhlt man) hatte die Gewohn⸗ heit, ſeine Gefangenen in der Nacht von der Hoͤhe des Felſens in den uͤnten befindlichen Sumpf zu ſtuͤrzen. Nun ſteigen zur Nacht⸗ zeit Duͤnſte aus dem Sumpfe empor, und da meint denn der Aberglaube eine Schaar Geiſter zu ſehen, die im Grabe keine Ruhe haben. Hab' ich nicht recht?— Monnington zuckte die Achſeln. Verzei⸗ hen Sie, Sir David— ſagte er— ich kann hierauf nichts entgegnen; ich kann blos mein Mitleib ausdruͤcken. Die ſchoͤne Dame iſt 8⁵ gefaßt? Gut! Aber damit iſt's noch nicht genug Ich freue mich nur, daß Sie am Tage hier angelangt ſind; Sie muͤſſen die Nacht uͤber hier bleiben. Jorwerth, Madoc, etwas zum Imbiß! Holz in's Feuer!— Waͤhrend die Diener den Befehl ihres Herrn auszurichten eilten, warf der aufge⸗ hende Mond ſchwache Strahlen durch die Fenſter des Schloßſaals. Er beglaͤnzte die Saͤulen, welche die Decke unterſtuͤtzten, und die aufgehangenen Siegesfahnen mit ſeinem unſichern Lichte. Die Unterhaltung wurde allgemeiner. Gwenllian ſprach von ihrem Ahnherrn Llewellyn, ſie erzaͤhlte der Mildred mit leiſer Stimme, was ihn bewogen, das Kloſter Bedgellert zu ſtiften, worin ſie ſo lange ſich aufgehalten. Mitten in ihrer Erzaͤhlung aber ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, der die Au merk⸗ ſamkeit Aller erregte. Sir David bemerkte oder glaubte doch beim Mondſchein den Schat⸗ ten eines Mannes zu bemerken, welcher aus 86 der offenen Thuͤr kommend ſich ihnen naͤhere; wie er aber darauf zu ging, ſah er nichts. Ob man nun gleich Gwenllian verſchiedent⸗ lich aufforderte, ſich uͤber die Urſach ihres Er⸗ ſchreckens zu erklaͤren; ſo wich ſie doch der Antwort aus. Allein ſie zitterte am ganzen Koͤrper, brach die Erzaͤhlung ab, und winkte der Mildred, ſie auf ihr Zimmer zu beglei⸗ ten. Beim Weggehen bat ſie Sir David inſtaͤndigſt: ja Morgen in aller Fruͤhe das Schloß zu verlaſſen. XV. d Sir David bemühte ſich vergebens, einzu⸗ ſchlafen. Der Auftrag, welchen er zu voll⸗ ziehen uͤbernommen hatte, kam ihm jetzt nicht allein hoͤchſt ſonderbar, ſondern auch grauſam vor, er fuͤhlte ſich deswegen aͤußerſt beaͤngſtigt, und es waͤre ihm ſehr lieb geweſen, wenn er der uͤbernommenen Verpflichtung ſich wieder haͤtte entledigen koͤnnen. In dieſem Augen⸗ blicke hielt er den Franziskaner fuͤr den An⸗ ſtifter, dann argwohnte er, Glyndwr ſei mit Sion Catti einverſtanden, oder gar mit dem Teufel. Ermuͤder ſchlief er endlich ein, doch ſein Schlaf war unruhig, weil im Traume die Bilder von Glyndwr, von Llewellyn, von Gwenllian, von Javan, von Merlin, vom 8⁸ Franziskaner, von Mildred, von Emma und Bvor ſeiner Seele vorbeizogen. Aus dieſem unruhigen Schlummer wurde er ploͤtzlich durch Muſik geweckt, was ihn in dieſem ein⸗ ſamen Schloſſe und noch dazu in der Nacht ſehr befremdete. Nun vernahm er auch ganz deutlich eine ihm nicht unbekannte weibliche Stimme, welche ein von ihm gedichtetes Lied ſang, und mit der Zither begleitete. Die Stimme war gedaͤmpft und klagend und ſchien aus einem Fenſter unter ſeinem Zimmer zu kommen. Das Lied, welches ihm auf ein⸗ mal ſeine verlorene Emma wieder ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤckrief, lautete ſo: Meine Lieb' iſt ſchlafen gangen, Ein Verlaſſuer ſteh' ich hier, Und vergebens voll Verlangen Streck' ich meine Hand nach ihr. Nein, ſie iſt nicht todt! Begraben Eaaͤßt ſich heiße Liebe nie, Mag ſie auch geſchlummert haben, Endlich doch erwachet ſie!— * 89⁰ Sir David war erſtaunt, denn er beſann ſich, daß er dieſes Lied auf ſeiner letzten Wall⸗ fahrt nach den jetzt oͤden Mauern von Llan⸗ faes gedichtet und geſungen habe; aber noch mehr erſtaunte er, als hierauf eine maͤnnliche Stimme, die der des ungluͤcklichen Javan ſehr aͤhnlich war, voll Gefuͤhl folgendes So⸗ nett ſeines Freundes Petrarka nach einer Ue⸗ berſetzung, die er ſelbſt gefertigt hatte*), ſang und mit der Harfe begleitete: Wann Sol in's Meer taucht ſeinen goldnen Wagen, Und Luft und mein Gemuͤth ſich dunkel braͤu⸗ nen, Sich Himmel ſchwaͤrzt und Stern' und Mond erſcheinen, Wird eine Nacht voll Angſt mir zugeſchlagen, *) Dieſes Sonett iſt hier nach der Verdeut⸗ ſchung des Hrn. Prof. Karl Forſter in Dresden aus ſeiner bei Brockhaus in Leipz, 1818 erſchienenen Ueberſetzung Petrarka's Th. II. S. 39. eingeſchaltet. 90 Dann, ach! red' ich von allen meinen Plagen Zu ihr, die nichts vernimmt von meinem Wei⸗ nen, Hadernd mit Welt und Schickſals blindem Mei⸗ nen, Mit Herrin, Lieb' und mir in lauten Klagen. Der Schlummer iſt verbannt, die Ruh entflie⸗ het, dur Seufzer bis zu Tages erſtem Schimmer, Und Thraͤnen, die aus Herz in Auge fließen. Aurora kommt und hellt die Nacht!— inich nimmer! Die Sonne nur, die mir das Herz durchglüͤhet Und labt, kann einzig meinen Schmerz verſuͤßen. Als Sir David den Geſang bis zu Ende ge⸗ hoͤrt hatte, war er feſt uͤberzeugt, daß Javan der Saͤnger ſei, und von den Worten: Der Schlummer iſt verbannt, die Ruh entflie⸗ het, Nur Seufzer bis zu Tages erſtem Schimmer, Und Thraͤnen, die aus Herz in Auge fließen; fuͤhlte er ſelbſt ſich heftig bewegt. „ 91 Doch befremdete dieſe Erſcheinung ihn gar ſehr, weil er wußte, daß man Javan todt geſagt hatte, und daß ſein Name in Glynd⸗ wr's Familie nicht genannt werden durfte. Welche Bewandniß hatte es mit dieſem Ge⸗ ruͤcht? War es falſch? Saß vielleicht Javan in dieſem Schloſſe gefangen? War er Gwenllian nachgefolgt, oder aus welchem andern Grunde irrte er in den Wuͤſteneien von Radnorſhire umher?— Dieſe und andere Gedanken be⸗ ſchaͤftigten Gwyllims Geiſt, bis der letzte Ton verhallt war.— Er konnte aber mit ſich durchaus nicht einig werden. Monnington ſelbſt hatte geaͤußert, daß Javan todt ſei, wie war es alſo moͤglich, daß er in der Gegend von Aber⸗Edwy umherſchweifen, oder im Schloſſe gefangen ſitzen ſollte?— Und wie konnte Emma mit Javan zuſammen ſingen? — Mit einem Male erinnerte ſich Sir Da⸗ vid des Schattens, uͤber welchen Gwenllian im Saale ſo heftig erſchrocken war, zugleich erinnerte er ſich nicht ohne Grauſen der ſtuͤr⸗ 92 miſchen Nacht auf ſeiner Reiſe nach Snow⸗ don, wo Javans und Emmas Erſcheinung ihn eben ſo erſchreckte, als jetzt die Vermaͤh⸗ lung ihrer Stimmen. Er riß ſich auf von ſeinem Bette, und blickte nach den Verſchanzungen hin, von woher die Stimmen zu kommen ſchienen; doch die Nacht war ſo finſter, daß man nichts wahrnehmen konnte. Er horchte eine Weile, aber nichts ließ ſich hoͤren— zu ſchlafen hatte er keine Luſt, alſo blickte er, in ſchwaͤr⸗ meriſche Traͤumereien vertieft, aus dem Fen⸗ ſter, bis die Morgenroͤthe das Dunkel ver⸗ ſcheuchte, und die fernen Zinnen des Schloſ⸗ ſes Paine von der Sonne beleuchtet wurden. Als Sir David in den Saal kam, wo das Fruͤhſtuͤck ſchon bereit ſtand, faßte er den Entſchluß, ſeinen Gefaͤhrtinnen die naͤchtliche Begebenheit zu verſchweigen, doch nahm er ſich vor, wenn er Glyndwr's Auftrag vollzo⸗ gen, nach Aber⸗Edwy zuruͤckzukehren, um das Geheimniß jener Nacht zu durchdringen. —— 93 Gwenllian kam und war wie gewoͤhnlich nachdenkend und verſchloſſen. Mildred ſchien beruhigter. Vergebens bemuͤhte ſich Monning⸗ ton, die Damen aufzuheitern, denn er ſelbſt war unluſtig und mußte ſich Zwang anthun. Ueber Gwenllians Reiſe aͤußerte er nichts weiter, und nach eingenommenem Fruͤhſtuͤck, wobei es ziemlich einſylbig herging, erhielt Morgan Befehl, die Pferde zu ſatteln; Mon⸗ nington begleitete ſeine Gaͤſte bis zum Fluſſe, wo ſie von ihm Abſchied nahmen. XVI. Es war ein truͤber, trauriger Tag; die grauen Wolken, mit welchen der Himmel ſich uͤber⸗ zogen hatte, verkuͤndeten ein nahes Gewitter. Unſre Reiſenden eilten daher einen Zufluchtsort zu erreichen. Nachdem ſie auf einſamen Pfa⸗ den, welche mit dichtem Geſtraͤuch und wu⸗ chernden Gebirgspflanzen bedeckt waren, durch enge Felſenreihen, deren bis in die Wolken ragende Spitzen dem Tageslichte kaum den Durchgang vergoͤnnten, ihren Weg verfolgt, und bald Gebirgsſtroͤme durchwatet hatten, bald uͤber krumme Stege, unter welchen fuͤrch⸗ terliche Abgruͤnde ſich klaffend aufthaten, wo der geringſte Fehltritt ſie in ein offnes Grab zu ſchleudern drohte, gegangen waren, kamen ³⁴ „ 6 95 ſie in ein Thal, welches von einem kleinen kleinen Fluſſe durchſchnitten war, der ſich in die Wye ergoß. Sie klimmten zur Quelle des Fluſſes empor, und befanden ſich nun in einer Gegend, die nichts weniger als paradie⸗ ſiſch zu nennen war. Ein unfruchtbares, wuͤſtes und wildes Thal mit allen Natur⸗ ſchreckniſſen, wie ſie Salvator Roſa's Pinſel darzuſtellen verſuchte, von einer dichten Fel⸗ ſenwand umſtarrt, empfing die Neiſenden. Hie und da befanden ſich in den Felſen tiefe Hoͤhlen, deren Eingang mit wildem Epheu und andern Gewaͤchſen bekleidet war. Das dichte Geſtruͤpp entzog ihnen auf einen Mo⸗ ment den voͤlligen Anblick des ſchrecklichen Thales; je weiter ſie aber vorwaͤrts kamen, deſtomehr verloren ſich alle Spuren des An⸗ baus, und uͤberall zeigte ſich gaͤnzliche Unfrucht⸗ barkeit. Da ſie zu Pferde nicht weiter konn⸗ ten, ſo uͤbergaben ſie ſolche dem Morgan, und gelangten nun zur Bergkette, welche den ſchrecklichen, dem Krater eines Vulkans aͤhn⸗ 9o9. X lichen, Abgrund umringte. Man wurde ſchwindlicht, wenn man den Blick auf die Felſenſeite richtete. Kein Fußſteig war zu ſehn, und die traurige Einfoͤrmigkeit der Gegend war durch nichts unterbrochen, als durch die Riſſe, welche der Blitz in die Felſen gemacht hatte, und durch die krummen Wur⸗ zeln duͤrrer Baͤume, die aus Proſerpina's finſterm Reiche herzuſtammen ſchienen. Unten in der Tiefe floß eine truͤbe Quelle ſtill und langſam am Ende des Thales hin, und ergoß ſich in einen ſtehenden Pfuhl, wel⸗ cher einen roͤthlichen elektriſchen Dunſt aus⸗ hauchte. Mitten aus dieſem Pfuhl, das Thal begraͤnzend, erhob ſich ein ungeheurer Sand⸗ felſen, wie eine Rieſenburg. Auf einer der ſteilen Bergſpitzen ſtand das Schloß des ſchwarzen Felſen, ein kuͤh⸗ nes Bauwerk, doch halb in Ruinen liegend, ſchien es mit dem Felſen, auf welchem es ſtand, verwachſen zu ſein. 97 Die Reiſenden hatten jetzt den von der Natur gebildeten kreisfoͤrmigen Wall erklimmt, und blickten voll Entſetzen in die Tiefe, in⸗ dem ſie vergeblich, um weiter zu gelangen, nach einem Fußſteige ſuchten; da ſchuͤttelte ploͤtzlich der Wind von ſeinen Fluͤgeln ſchwere Regentropfen, die ein nahes Gewitter andeu⸗ teten. Sir David aͤußerte eben gegen ſeine Gefaͤhrtinnen, es duͤrfte wohl das Beſte ſein, wenn ſie wieder auf den Fleck zuruͤckkehrten, wo Morgan geblieben war, als ein ſtarker Blitz den ganzen mit dichten Wolken bedeckten Himmel erhellte; die ſchnell hinterdrein fol⸗ genden heftigen Donnerſchlaͤge hallten lange in der Tiefe des Abgrundes nach, und in den Luͤften erhob ſich ein heftiges Sauſen und Brauſen, wovon die Reiſegeſellſchaft ganz betaͤubt wurde. Nachdem der Aufruhr der Elemente ſich etwas gelegt hatte, entſtand ein fuͤrchterliches Hagelwetter, und der Regen ſtuͤrzte ſtrom⸗ weiſe herab, wie bei der Suͤndfluth. Gluͤck⸗ III. G 98 licherweiſe waren die Reiſenden mit dicken Maͤnteln verſehn, doch wuͤrden auch dieſe in die Laͤnge gegen die Wuth des Ungewitters ſſ nicht geſchuͤtzt haben. Schon war Gwyl⸗ lim bereit, ſeinen Mantel zur Bedeckung ſei⸗ ener zarten Begleiterinnen herzugeben, als, von einem fuͤrchterlichen Donnerſchlage beglei⸗ tet, ein zweiter Blitz, der das Geſtraͤuch umher zu entflammen und aus dem Boden zu reißen ſchien, vom Himmel niederſtuͤrzte, und ihnen die dunkle Oeffnung einer Hoͤhle verrieth, welche ſie ohnedem nicht bemerkt haben wuͤrden. Sir David geleitete ſeine ſchoͤnen Gefähr⸗ tinnen dahin, indem er mit ihnen einen ziemlich beſchwerlichen Fußſteig herabging. Er ſchlug das den Eiugang bedeckende Geſtruͤpp und die Epheuranken zuruͤck, und trat mit ihnen in die Hoͤhle, die zwar ſehr beſchraͤnkt, finſter und abſchreckend, aber doch ihnen willkommen war, weil ſie in derſelben gegen den Regen geſchuͤtzt waren, den Donner 99 nicht ſo laut rollen hoͤrten, und vom Glanz der Blitze nicht ſo ſehr geblendet wurden, wie im Freien. Sir David breitete ſeinen Man⸗ tel uͤber eine Bank, welche die Natur im Felſen gebildet hatte, und lud ſeine erſchrocke⸗ nen Gefaͤhrtinnen zum Sitzen ein, waͤhrend er ſelbſt auf einem Haufen losgeriſſener Steine Platz nahm. Die Geſellſchaft uͤberlegte nun, was weiter zu thun ſei? Gwyllim beſtand darauf, daß Mildred ihre Freundin nicht wei⸗ ter begleiten ſolle. Nach einigem Hin⸗ und Herreden wurde man einig, daß ſie, ſobald das Gewitter nachgelaſſen habe, alle zuſammen nach dem Wohnſiß des Sir David Hammer, wo Lady Glyndwr ſich befand, ſich begeben wollten. Dort ſollte Mildred zuruͤckbleiben, und Gwyllim wollte dann, Glyndw'rs Befeh⸗ len gemaͤß, ſeine Reiſe mit Gwenllian weiter fortſetzen. XVII. 5, Das Ungewitter,“ ſagte Gwyllim,„ſcheint ſo bald noch nicht aufhoͤren zu wollen!“ und blickte dabei hinab ins Thal auf den dunkeln Pfuhl, uͤber welchem ein blaͤulichter Schim⸗ mer ſchwebte. i„Es war ja faſt eben ſo,“ ſagte er dabei, aber ziemlich laut, zu ſich, „als ich mit Glyndwr die Hoͤhle Merlin's zu Dynevor beſuchte.“ Welche Bewandniß, wenn wir fragen duͤr⸗ fen, hatte es denn mit dieſem ſonderbaren Beſuche? ſagte Mildred, die ſich erholt hatte und durch Anknuͤpfung einer intereſſanten Unterhaltung ihre Freundin aufzuheitern wuͤnſchte. 10T „Dieſer Beſuch,“ verſetzte Gwyllim ſehr ernſthaft,„ſteht mit meiner Bekanntſchaft in der Familie Yvors in ſehr naher Verbindung. Doch, meine Damen, laſſen Sie mich ſchwei⸗ gen; noch dunkler wuͤrde die Dunkelheit werden, wenn ich davon erzaͤhlte, und uͤber⸗ dies wuͤrden Sie an meiner Erzaͤhlung wenig Theil nehmen.“ Ganz im Gegentheil!— verſetzte Mildred mit gepreßter Stimme.— Alles, was Be⸗ ziehung hat auf die Familie des wackern Yvor intereſſirt uns, zumal, wenn es von Ihnen erzaͤhlt wird. Schon ſtand ich im Begriff, mich bei Ihrer fruͤhern Erzuaͤhlung nach dem Schickſale dieſer Familie genauer zu erkundi⸗ gen, als damals Morgans Dazwiſchenkunft unſere weitere Unterredung verhinderte. Hier hielt ſie ein wenig inne, als ob ſie ſchon zuviel geſagt haͤtte, und ſetzte dann mit etwas erzwungenem Tone hinzu: Gewiß theilt meine geliebte Gwenllian meine Wuͤnſche. Gwenllian nickte, und ergriff liebevoll Mild⸗ 1⁰2 red's Hand; Mildred aber ſchwieg, und ſchien Gwoyllim's Antwort zu erwarten. „Nicht blos die Dankbarkeit,“ begann der Barde,„bewog mich, wegen der Fami⸗ lie Yvors Nachforſchungen anzuſtellen, ich hatte noch andere wichtige Urſachen.“ Er bemerkte, daß bei dieſen Worten Gwenllian ihn aufmerkſam betrachtete; ihre hellen Augen glaͤnzten im Dunkel, wie Sterne am Nachthimmel; er fuhr alſo mit mehr Vor⸗ ſicht in ſeiner Erzaͤhlung folgendermaßen fort: „Glyndwr ſagte, er ſei vermoͤge ſeiner Verbindung mit hoͤhern Weſen im Stande, mir zu verſichern, daß Emma noch lebe. Er verſprach, mir daruͤber in der Hoͤhle des ſogenannten goldnen Luſtwaldes, nahe bei dem Schloſſe Dynevor, die Beweiſe zu geben. Als dieſe Hauptſtadt der Fuͤrſten von Gowys in ſeine Gewalt gekommen war, erin⸗ nerte ich ihn an ſeine Zuſage, und er ver⸗ ſprach ſie zu erfuͤllen. An einem Morgen, welcher ſo duͤſter war wie der heutige, begaben „ „ 103 wir uns auf den Weg nach Merlins Hoͤhle, welche nahe beim Waſſerſturz des Baryy liegt⸗ Die Hoͤhle war noch enger als dieſe hier; ich aͤußerte mein Befremden daruͤber, daß der Zauberer eine ſo beſchraͤnkte Wohnung ſich gewaͤhlt habe, als mir Glyndwr am aͤußer⸗ ſten Ende nahe am Boden eine Oeffnung zeigte. Muͤhſam draͤngten wir uns hindurch) und gelangten durch einen Felſengang in eine tiefere und geraͤumigere Hoͤhle, welche das geheime Kabinet des Zauberers geweſen war. Ich hoͤrte Toͤne, bald wie Kettengeklirr, bald wie das Geraͤuſch ſiedenden Waſſers, bald wie matte Hammerſchlaͤge auf einem Amboſe, bald wie das Ziſchen des Metalls, wenn es ge⸗ ſchmolzen wirdz darauf folgte Wehklagen, Seufzer und Geheul, welches von Leuten her⸗ zuruͤhren ſchien, die unter der Schwere ihrer Arbeiten zu erliegen drohten. Waren dies vielleicht die Geiſter, welche auf Merlin's Be⸗ fehl die ehernen Mauern von Camarthen er⸗ bauen mußten, oder war es das Pochen einer 104 Metallader, welches die Bergleute Klopfen zu nennen pflegen? Ich konnte daruͤber keine Unterſuchung anſtellen, denn das Geraͤuſch im Innern der Hoͤhle war eben ſo betaͤubend, als der Sturm draußen. Glyndwr ließ mich an eine am Ende der Hoͤhle befindliche halbrunde Vertiefung treten, aus welcher ein ſchwaͤrzlicher, halbdurchſichti⸗ ger Dampf emporſtieg, der in einiger Entfer⸗ nung die Wirkung eines Spiegels hervorbrachte. (Es woechſelten darin verſchiedene Bilder und Erſcheinungen, die ſich alle auf Glyndwr und ſeine Nachkommenſchaft bezogen. Ich darf jedoch hiervon nichts verrathen; blos von dem, was Bezug hatte auf mich, und mich ſo heftig ergriff, blos davon darf ich reden.— Ein Licht ſchimmerte aus dem Dunſte hervor, Anfangs ſchwach und flackernd, wie Fackelſchein, der auf einem ins Dunkle geſtell⸗ ten Spiegel zittert, nach und nach aber wurde das Licht heller, und ich bemerkte nunmehr — 105 ein Zimmer, doch in undeutlichen Umriſſen, wie die Skizze von einem Gemaͤlde. Allmaͤh⸗ lig wurde das Bild immer deutlicher; es zeigte ſich mir ein praͤchtiges Gemach mit bunten Fenſtern; gothiſche Pfeiler, mit zier⸗ lichen Knaͤufen verſehen, ſprangen aus der Mauer hervor und ſtuͤtzten die Decke. Aber alle dieſe Pracht war doch nichts gegen die Schoͤnheit des Maͤdchens, welches dieſes Gemach bewohnte. Es war— Emma; ich konnte mich nicht taͤuſchen. Sie ſaß praͤchtig gekleidet auf einem Stuhle von alterthuͤmlicher Fagon, ihr Ge⸗ ſicht war den bunten Fenſterſcheiben zugewen⸗ det. Den Kopf auf den Arm geſtuͤtzt, rich⸗ tete ſie ihre Aufmerkſamkeit auf einen Gegen⸗ ſtand, der auf ihrem Schooße lag; als ſie kurz nachher aufſtand und naͤher kam, be⸗ merkte ich, daß es ein kleines Meßbuch mit Bildern war, welches ich ihr geſchenkt hatte. Freudebebend ſprang ich auf, um das Luft⸗ bild zu umarmen,— als ein gellendes Ge⸗ 106 ſchrei entſtand, und darauf die tiefſte Dun⸗ kelheit in der Hoͤhle ſich verbreitete. Glyndwr rief mich mit lauter Stimme beim Namen, ergriff mich ſodann beim Arme und fuͤhrte mich raſch durch die enge Oeffnung zuruͤck, durch welche wir gekommen waren. Ob ich nun gleich keine zuverlaͤſſigen Beweiſe von Emma's Leben erhalten hatte; ſo glaubte ich doch, daß ſie noch lebe, und meine Liebe zu ihr erwachte wieder in voriger Heftigkeit. Vielleicht war das Bild ein bloßer Schatten... ihr Geiſt... doch ſeitdem hat kein Weib meine Liebe gewonnen.“ Bei dieſen Worten Sir David's ſtieß eine ſeiner Gefaͤhrtinnen einen Seufzer aus... dann erfolgte eine Pauſe, bis endlich Gwenl⸗ lian an Sir David die Frage richtete: ob er ſonſt keine Anzeigen von Emma's Leben habe? „Wohl habe ich deren,“ erwiederte Gwyl⸗ lim, aber immer keine Gewißheit. Sie wiſ⸗ ſen, die Abtei Llanfaes iſt gaͤnzlich nieder⸗ gebrannt; die Nonnen wurden zerſtreut, oder 107 ſind umgekommen; von dieſer Seite alſo war es unmoͤglich, Nachrichten einzuziehen. Ein⸗ mal glaubte ich Emma's Geſtalt auf einer Anhoͤhe von Snowdon nahe bei einem Waſ⸗ ſerfalle zu erblicken; allein die Erſcheinung war ſo fluͤchtig, die Geſtalt ſo aͤtheriſch, daß dadurch mehr meine Verzweiflung, als meine Hoffnung erregt wurde.“ uun XVII. „ Ein ander Mal, fuhr Gwyllim fort,„ſpie⸗ gelte meine kranke Einbildungskraft mir vor, daß ich Emma'n weinend an Yvors Grabe erblicke. Ich wallfahrtete an dieſen heiligen Ort, um mir dort die Szenen der Vergan⸗ genheit, an welchen mein ganzes Herz hing, in das Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen. Wie ſehr hatte ſich Alles veraͤndert gegen damals, wo ich dort ſo gluͤcklich— ſo unausſprechlich gluͤcklich war. Die Thuͤrme waren eingeſtuͤrzt, Gras wuchs auf den Hoͤfen, und buſchiger Hollunder ſtand da, wo ſonſt duftende Blu⸗ men ſtanden.“ Sir David!— fragte Gwenllian. Iſt denn dieſe Familie ſo ſehr herabgekommen? †. 109 „Ja!“ antwortete Gwyllim.„Innere Zwietracht, Feindſchaft unter vors Verwand⸗ ten und ſeine eigene Gutmuͤthigkeit un⸗ tergruben ſein Gluͤck. Dech litt er keinen Mangel; er ſtarb ſo ruhig, wie er gelebt hatte, und nahm die Freude mit in's Grab, daß er keins der Seinigen im Elende zuruͤck⸗ laſſe. Ach, haͤtte Emma noch gelebt, dann waͤr' ihr Vater trotz aller Armuth der reichſte Mann geweſen...“— Die Hoͤhle war ſo dunkel, daß unſere Reiſenden einander nicht erkennen konnten, ausgenommen, wenn ein Blitz hereindrang; doch jetzt ging ein zweiter Seufzer, welcher aus einem vom Schmerz gebrochenen Herzen zu kommen ſchien, dem Sir David durch die Seele; er hielt in ſeiner Erzaͤhlung inne, und fuhr erſt nach einer Pauſe folgendermaßen darin fort: „Ich verfolgte meinen Weg durch Dor⸗ nen und wildes Geſtruͤpp, welches an dem Platze wucherte, wo ſonſt Emma's Lieblings⸗ 110 plaͤtzchen war. Am aͤußerſten Ende des Gar⸗ tens fand' ich Yvors Grab, von einer Thraͤ⸗ nenweide beſchattet und mit duftenden Blu⸗ men bedeckt. Als ich naͤher kam„ bemerkte ich durch die Baͤume, mit welchen das Grab⸗ mal umpflanzt war, eine weißgekleidete weib⸗ liche Geſtalt, welche ſich an das Monument lehnte, und tief in Schmerz verſunken ſchien. Ob ich gleich ihre Geſichtszuͤge nicht ſehen konnte, ſo glaubte ich ſie doch zu kennen. Sie ſang ein Klagelied, an Yvors Schatten gerichtet...Ha, warum mußte immer mein verlorenes Gluͤck, wenn ich es wieder zu erhaſchen ſtrebte, wie ein Blendwerk, mich mich grauſam verhoͤhnend, entweichen?— Kaum naͤherte ich mich den Baͤumen„ ſo ſchwieg die Stimme, und wie ich an das Grab kam, war die Erſcheinung verſchwun⸗ den. Troſtlos uͤber meinen Verluſt beklagte ich mit bitterm Schmerz die unſelige Veraͤn⸗ derung, welche mit dieſem Orte, der vormals der Gaſtfreiheit und Freude geweiht war, ſich I11 zugetragen hatte; ich waͤlzte mich im Staube und rufte den Geiſtern Yvors und meiner geliebten Emma.“ Hier erſtickten Thraͤnen und Seufzer Gwyllim's Stimme. Gwenllian bat ihn, das Lied, welches er damals gehoͤrt, zu wie⸗ derholen, und er ſang darauf, voll wehmuͤthi⸗ gen Gefuͤhls, folgende Strophen: Ihr purpurrothen Roſen, Um die mit lindem Koſen Der flatterhafte Zephyr fliegt; Verhauchet in die Luͤfte Den Balſam eurer Duͤfte, Weil Yvor hier begraben liegt. Dies iſt die heibge Staͤtte, Wo ihn ein kaltes Bette, Wo ihn ein Erdenkleid bedeckt. Der Lenz wird wohl erſcheinen, Doch ich muß weinen— weinen, Weil er den Todten nicht erweckt⸗ Als er ausgeſungen hatte, und in Mild⸗ 83 red's Augen Thraͤnen ſchimmern ſah, da ſiel es wie ein Schleier von ſeinen Augen; Mild⸗ red war nicht, was ſie zu ſein ſchien!— Er konnte ſich nicht irren; Mildred war es, die ſeiner Erzaͤhlung mit dem lebhafteſten Antheile zugehoͤrt hatte, von ihr kamen die Se eufzer; jetzt ſah er Thraͤnen in ihren Au⸗ gen; er fah, wie ſie ſich weinend an Gwenl⸗ lian's Buſen warf: Mannichfaltige Erinne⸗ rungen wechſelten in Gwyllim's Seele, er konnte ſich nicht halten, er breiten ende Arme nach Mildred aus..... „Wer ſind Sie,“ rief er,„die ich kaum kennen lernte und gleich lieben mußte?— Warum nahmen Sie ſo lebhaften Antheil an Yvor?— Wenn Sie auch nicht deſſen Tochter find, ſo iſt doch Ihre Stimme, Ihre Geſtalt, Ihre Schoͤnheit, der Stimme, der Geſtalt, den Reizen Emma's ſo aͤhnlich, daß ich, wenn ich Ihnen meine Neigung bekenne, blos jener fruͤhern Leidenſchaft, die nie in meinem Herzen erloͤſchen wird, getreu zu bleiben glaube. Aber Sie koͤnnen Yvors Tochter nicht ſein, denn...“ Eben, wie Sir David ſeinen Geenhln 113 freien Lauf laſſen wollte, ließ ſich am Ein⸗ gange der Hoͤhle eine Pfeife hoͤren, und drei bewaffnete Maͤnner traten herein. Daß ſie nicht allein waren, ſondern zu einem ſtarken Haufen gehoͤrten, konnte man daraus abneh⸗ men, weil am Ausgange der Hoͤhle viele Waffen blitzten. Die Maͤnner ergriffen den Barden, und obgleich er lange und muthig ſich vertheidigte, ſo bekamen ſie ihn doch in ihre Gewalt, ban⸗ den ihm Haͤnd' und Fuͤße und ſchleppten ihn aus der Hoͤhle fort, ohne daß es ihm ver⸗ goͤnnt war, ein Wort an ſeine Gefaͤhrtinnen zu richten, die vom Schreck erſtarrt, wie Biilddſaͤulen da ſtanden. IU. H XIX. Die Raͤuber fuͤhrten den Sir David quer durch die einſame Bergkette von Bachwy, wo ſie ihre Pferde gelaſſen hatten; einer ſetzte den Barden gebunden vor ſich auf das Pferd, und nun ging's im ſtaͤrkſten Gallopp weiter⸗ Opkgleich es heller Tag war, ſo konnte doch Sir David bei der fortdauernden Wuth des Ungewitters in dieſer unwegſamen Ein⸗ oͤde auf keine Huͤlfe rechnen; er hielt es alſo fuͤr's Beſte, ſich in ſein Schickſal zu ergeben. Sie paſſirten nun eine ziemlich morſche Bruͤcke, welche uͤber die Wye fuͤhrte, und langten darauf, ohne weiter auszuruhen, in der Gegend von Brecknock an. 115 Als Sir David bemerkte, daß ſeine Be⸗ gleitung den Weg nach den Guͤtern David Gamis verfolgte, welcher ſich fuͤr Lancaſters Sache erklaͤrt hatte, meinte er in die Gewalt der Anhaͤnger Gams gefallen zu ſeyn; doch bald wurde er andern Sinnes, als ſie eben⸗ falls mit groͤzter Schnelligkeit durch Pettyn⸗ Gwyn, Gam's Wohnſitz, ritten. So ging's immer weiter, bis dampfender Nebel, nieder⸗ fliegende Tropfen, betaͤubendes Getoͤſe die Naͤhe eines Waſſerfalls verriethen. Als er die Au⸗ gen umherwarf, gewahrte er, daß er nicht fern von einem Waſſerſturze der Melta ſich befinde, die, durch den Sturm noch wuͤthen⸗ der geworden, von einem Felſen zum andern mit ſolchem Getoͤſe ſchoß, daß es ſchien, als ob die Berggeiſter mit den Waſſergeiſtern im Kampfe begriffen waͤren, und Himmel und Erde zu erſchuͤttern ſich vorgenommen haͤtten. Aus dem tiefen Abgrunde, welcher zu ihren Fuͤßen ſich aufthat, ſtieg eine dichte Dampf⸗ ſaͤule empor, durch welche man nur zuweilen H 2 116 die Waſſerflaͤche gewahr wurde. Die Ver⸗ wirrung, die Finſterniß, das Geraͤuſch war graͤnzenlos. Die Bewaffneten verweilten blos kurze Zeit hier, und ſetzten dann laͤngs der Melta ihren Weg fort. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ſie ſchon wieder auf einen Waſſerfall ſtie⸗ ßen, den der Cil Hepſta an der Stelle bil⸗ det, wo er in die Melta ſich ergießt. Das Waſſer ſtuͤrzte bogenfoͤrmig uͤber den Weg in den Felſengrund, ſo daß die Reiſenden un⸗ ter einem Waſſerdache hingingen. Hier ord⸗ nete ſich der Trupp paarweis, weil der Fel⸗ ſenweg, den ſie zu paſſiren hatten, aͤußerſt enge war. Sie verfolgten nun immer weiter den Lauf der Melta, bis ſie endlich zur Hoͤhle kamen, durch welche der rauſchende Porth Ogoff ſtroͤmte. Nachdem ſie an dieſem, dem Styr aͤhnlichen, Fluſſe hingegangen waren, ſtiegen die Bewaffneten von ihren Pferden, und ließen ihren Gefangenen eine ziemliche Strecke zu Fuße gehn, Endlich erreichten 117 ſie in der Naͤhe eines Sees eine Tropfſtein⸗ hoͤhle, in welche ſich ein unterirdiſcher Strom ſtuͤrzte, deſſen Donnergetoͤſe die Woͤlbung er⸗ ſchuͤtterte. Hier wurde Sir David losge⸗ bunden, und von ſeinen Begleitern ihrem Anfuͤhrer vorgeſtellt. Es war ein Kriegsmann von rieſenmaͤßi⸗ ger Geſtalt, er trug einen rothen Knebelbart, und ſtand, vom Fackelſchein beleuchtet, im Kreiſe ſeiner Leute, ruhig auf ſeinen Saͤbel geſtuͤtzt. Kaum hatten Sir David und der An⸗ fuͤhrer einander erblickt, als erſtrer voll Er⸗ ſtaunen den Namen Twm Sion Catti rief, und dieſer hocherfreut dem Barden die Hand reichte. „Heil!“ rief er„Heil dem Oberhaupt der Barden von Glanmorganſhire! Was bringt ihn hieher zu dem in Einſamkeit ver⸗ grabenen Alterthuͤmler von Porth⸗y⸗Ffin⸗ nion? Was iſt die Urſach dieſes Beſuchs? Giebts etwa wieder eine Abtei zu pluͤndern, 31i8 oder gilt's, eine hartnaͤckige Dirne zu ent⸗ fuͤhren. Wenn Sie wiſſen wollen, was mich hieher fuͤhrt— antwortete Sir David— ſo fra⸗ gen Sie nur dieſe charmanten Herren hier, die, wenn ich nicht irre, Ihre Helfershelfer ſind, wenn Sie, der Beſchaͤftigung mit Apoll und den Muſen uͤberdruͤßig, mit Apolls Bru⸗ der, dem Merkur, Bekanntſchaft machen. Ich muß geſtehn, daß Ihre Handlungsweiſe ſehr viel Geniales hat; wenigſtens Ihr Betragen gegen mich. Es ſei indeß ferne von mir, Ihre Bekanntſchaft mit dem Apoll und Mer⸗ kur zugleich tadeln zu wollen; Dieberei un⸗ terhaͤlt, und Poeſie unterhaͤlt auch. Sie ſtehlen zwar— das laͤßt ſich nicht laͤug⸗ nen,— aber NB. Sie treiben die Spitzbuͤ⸗ berei im Großen, und auf eine gewiſſe geniale und honette Weiſe, wie es außer Ihnen ſchon beruͤhmte Eroberer gethan haben und noch thun.— Aber bei Gott! da haben Sie gaͤnz⸗ lich fehlgeſchoſſen, wenn Sie bei einem ar⸗ 119 men Poeten etwas zu fiſchen dachten. Zwar, mein ehrenwerther Catti, beſuchte ich Sie vor einiger Zeit aus eigenem Antriebe, doch daß ich Sie heute beſuche, dies geſchieht— darauf koͤnnen Sie ſich verlaſſen— ganz gegen meine Abſicht; und entſchuldigen Sie ja meine Frei⸗ muͤthigkeit, wenn ich Ihnen gerade herausſage, daß die Art und Weiſe, wie Sie gegen mich verfahren, mir hoͤchſt unangenehm iſt. Catti nahm einige von ſeinen Leuten bei Seite, und nach einer kurzen Unterredung mit ihnen kam er mit laͤchelnder Miene zum Poeten zuruͤck. „Ah, Sir David! Nunmehr iſt mir der Zuſammenhang der Sache klar. Ja, die Wei⸗ ber! die Weiber! Immer muͤſſen Sie doch Liebeshaͤndel haben! Vorhin warfen Sie mir vor, daß ich dem Apollo und dem Merkur zugleich diene; da dachten Sie wohl nicht daran, daß Venus Apolls Schweſter iſt. Doch laſſen wir das! Ich geſtehe Ihnen, daß ich mich uͤber ihre Munterkeit eben ſo ſehr freue, als uͤber Ihre Verſe. Sie aͤußer⸗ ten vorhin, meine Leute waͤren ungebundene 121 Menſchen; nun— genau betrachtet— ſind Sie es ja auch. Meine Leute haben eigent⸗ lich blos nach meinen Befehlen gehandelt; ſie ſind angewieſen, alle Vagabunden aufzu⸗ greifen und zu mir zu bringen; freilich wuß⸗ ten ſie nicht, daß der Mann, den ſie aufgrif⸗ fen und ohne alle Komplimente behandelten, der erſte der Poeten und die Zierde ſeines Jahrhunderts ſei. Indeſſen— ſage ich Ih⸗ nen— von heute an ſoll durch mich Nie⸗ mand, wes Standes er auch ſei, beunruhigt werden.“ e84 3S M Alſo— fragte Sir David— hat ſich doch endlich Ihr Gewiſſen geruͤhrt? „Das eben nicht; aber ich bin endlich ſo gluͤcklich geweſen, das Herz der Erbin von Yſtrad⸗Ffin zu ruͤhren. Wuͤnſchen Sie mir Gluͤck, Sir David! Geſtern endlich gelang es mir. Noch heute entlaß' ich meine Leute; von dieſem Augenblicke an bin ich nicht mehr Twm Sion Catti, das Schrecken von Wa: les; ſondern Tom Jones, der Stallmeiſter, —:——— V V 122 der Alterthuͤmter von Porth⸗y⸗Ffinnion, der Sheriff von Cardigan; denn zu dieſem Amte muͤſſen die Eltern meiner Braut mir verhelfen.“ Wie ſind Sie aber zur Braut gekom⸗ men?— „ Auf eine hoͤchſt ſonderbare Weiſe. Ich hatte ihre Eltern oͤfters beſucht, mit ihr ge⸗ taͤndelt, und ſie hatte mir ihre Hand verſpro⸗ chen, freilich mehr im Scherz, als im Ernſt. Nun uͤberlegte ich mir aber die Sache, und beſchloß, mich nicht laͤnger bei der Naſe her⸗ umfuͤhren zu laſſen. Und als ich geſtern ein Stelldichein bei ihr hatte, und ſie mir durchs Gitter die Hand zum Kuͤſſen reichte, hielt ich ſie feſt und ſagte: Sobald ſie mir nicht die beſtimmte Zuſage gaͤbe, mir ihre Hand am Altare zu reichen; ſo wuͤrde ich ſie ihr auf der Stelle abhauen.. Mochte ſie nun wirk⸗ lich Liebe gegen mich empfinden, oder durch meine Drohung erſchreckt ſein, kurz— ſie gab mir das Jawort, und ſchickte mir ihren 1²³ Bruder als Buͤrgen. Nun muͤſſen auf der Stelle Anſtalten zur Vermaͤhlung getroffen werden. Sir David! Ich ſage Ihnen, es iſt ein himmliſches Weib!“ Ihre Art, einer Dame den Hof zu ma⸗ chen, wackrer Twm, iſt allerdings eben ſo ſonderbar, als Ihre uͤbrige Handlungsweiſe, denn mir wenigſtens iſt nicht bekannt, daß Zudringlichkeit und offenbare Gewalt Mittel waͤren, Weiberherzen zu erobern;— indeſſen, ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck von ganzer Seele. „Dank Ihnen, lieber David!— Aber wollten Sie mir wohl den Gefallen erzeigen, und in der Geſchwindigkeit ein Hochzeitkar⸗ men mir ſchreiben helfen?“ Gwyllim brach in ein lautes Gelaͤchter aus, und konnte damit gar nicht aufhoͤren. Gleich Anfangs hatten die Unbefangenheit des Raͤubers, die Bekanntmachung, daß er Sheriff ſei, und die Erzaͤhlung ſeiner Lieb⸗ ſchaft den Barden heiter geſtimmt, allein wie er den Titel hoͤrte: Tom Jones, Stall⸗ 124 meiſter, Alterthuͤmler von Porth⸗y⸗Ffinnion, und wie noch dazu die Rede auf das Hoch⸗ zeitgedicht kam, wurde er faſt ausgelaſſen. Die Idee, bei einem Raͤuber zu ſitzen, der einen rothen Knebelbart trug, und ihn hatte aufgreifen laſſen, mit dieſem noch dazu ge⸗ meinſchaftlich ein Liebesgedicht zu ſchmieden, dieſe Idee kam ihm uͤberaus komiſch vor. Twm Catti, der Raͤuber, das Schrecken von Wales, mußte ſich ebenfalls vor Lachen den Bauch halten, waͤhrend die Banditen mit langen Geſichtern und offnen Maͤulern da⸗ ſtanden, und ſich wunderten, wie die Unter⸗ haltung mit einem ſo unbedeutenden Kerl, wie Gwyllim ihrer Meinung nach war, ih⸗ rem Anfuͤhrer Spaß machen konnte. Viel⸗ leicht hat weder Salvator Roſa, noch irgend ein anderer Darſteller von Raͤuberſzenen eine aͤhnliche Gruppe auf Leinwand oder Papier gebracht. Sir David nahm ſich zuſammen, und entſchuldigte ſich, ſo gut er konnte, daß es — 12* ihm unmoͤglich ſei, in einer ſo glaͤnzenden Geſellſchaft einen Vers zu machen. „Ich beſchwoͤre Sie!“ erwiederte Catti⸗ „Blos ein paar Verschen, kurz und erbau⸗ lich!“—. Allerliebſter Freund!— verſetzte David⸗ — Zu jeder andern Zeit wuͤrde ich mich gluͤck⸗ lich ſchaͤtzen, Ihnen gefaͤllig ſein zu koͤnnen, — vielleicht, wenn Sie in Porth⸗y⸗Ffin⸗ nion die Sammetmuͤtze auf haben— oder — ja, ja!— wenn Sie vermoͤge Ihres Amts als Sheriff Spitzbuben haͤngen laſſen. — Jetzt aber— in der That— iſt mein Kopf von andern Gegenſtaͤnden angefuͤllt und etwas wuͤſte, ſo daß Sie mir einen Ge⸗ fallen erzeigen, wenn Sie meiner Abreiſe keine Hinderniſſe in den Weg legen. „Sie haben Recht, David!“ antwortete der Raͤuber.„Ich vergaß, daß Sie Damen zu eskortiren haben.“— Bei dieſen Worten hielt Catti in ſeiner Rede inne, und blickte mit ſpoͤtliſchem Laͤcheln 126 den Poeten an. Gwyllim hielt es füͤr pö⸗ litiſch, weder von Glyndwr, noch von Gwen⸗ llian zu ſprechen, ſondern dem Spoͤtter in ſeiner Rede ruhig fortfahren zu laſſen; allein der Raͤuber ſchwieg. Er mochte wohl die Unruhe, die bei der Erinnerung an Gwenllian und Mildred uͤber Gwyllims Angeſicht ſich verbreitete, bemerkt haben; daher ſuchte er ihn etwas zu erheitern durch die Verſiche⸗ rung, daß er hier nicht gehalten ſei, daß er abreiſen koͤnne, wenn er wolle. Dabei zeigte er ſich noch großmuͤthig; als er naͤmlich er⸗ fuhr, Sir David habe kein Pferd; ſo bot er ihm eins von den ſeinigen an, und bat ihn, es als Beweis anzunehmen, daß er ſein Ge⸗ nie zu ſchaͤtzen wiſſe. Hierauf ſchuͤttelte er ihm mit einer gewiſſen ungeſtuͤmen Bieder⸗ herzigkeit die Hand.„Beſuchen Sie mich ja“ bat er„zu Porth⸗y⸗Ffinnion.“ Zu⸗ gleich ſagte er ihm, auf welchem Wege er am naͤchſten zuruͤckkehren koͤnne. Kaum aber war er ungefaͤhr tauſend 127 Schritte vorwaͤrts, als Twm Catti zu Pferde ihm nachgeeilt kam, und ihm mit ſeiner Don⸗ nerſtimme aus der Ferne zurief:„Holt, Da⸗ vid! Ich habe noch etwas ganz außerordent⸗ lich Wichtiges mit Ihnen zu ſprechen.“ Verdruͤßlich uͤber dieſe Unterbrechung, doch einigermaßen neugierig, welche wichtige Dinge der Raͤuber ihm zu vertrauen habe, hielt Sir David ſein Roß an. „Ich bitte Sie“ rufte der Raͤuber ihm ganz athemlos zu„wenn Sie mit dem Jolo Goch zuſammentreffen; ſo ſagen Sie ihm: Seine Meinung hinſichtlich der Phoͤnizier und Druiden ſei grundfalſch. Und was die War⸗ zen anbelangt; ſo behaupte ich keck, das Wort Prasin kommt her von Pares⸗On, einer Stadt in Aegypten, wo man die Warze abgoͤttiſch verehrte.“ Bah! ſagte Sir David mit ſteigendem Verdruſſe. Wie koͤnnen Sie um ſolcher Lum⸗ pereien willen mich aufhalten? ——O——————————— — 128 „Lumpereien?“ erwiederte der Raͤuber ganz außer ſich.„Bedenken Sie nur, was Sie reden. Giebt es wohl etwas Wichtigeres, als die Etymologie jedes Worts zu wiſſen, und giebt es wohl elwas Schaͤndlicheres, oder— um mich anders auszudruͤcken— giebt es wohl eine empoͤrendere Ignoranz, als mit der Her⸗ leitung der Worte nicht bekannt zu ſein, die man tagtaͤglich im Munde fuͤhrt?— Aber— wir wollen bei den Druiden ſtehn bleiben! Ich bitte Sie um Gotteswillen, wie kann man dieſes Wort von Dru oder Dry eine Eiche — herleiten wollen? Die Druiden naͤmlich. Hier konnte Sir David ſeine Ungeduld nicht laͤnger bezaͤhmen; der Raͤuber aber ließ nicht ab, hielt ihn beim Mantel feſt, und ſchwatzte fort: „Vielleicht, Sir David, iſt das Thema, woruͤber wir ſprechen— Ihnen langweilig; aber ich gebe Ihnen mein Wort: die Sache iſt von ungeheurer Wichtigkeit. Wie ich Ihnen 129 ſagte, es iſt wahrer Unſinn, den Namen Druiden aus dem Griechiſchen herleiten zu wollen. Die Oruiden exiſtirten ja ſchon, ehe man an die Griechen dachte. Sagen Sie nur dem Jolo Goch: Der Name komme her von Derw,— ein Galiſches Wort, wel⸗ ches eine Eiche bedeutet,— oder auch von Derwy, welches ſoviel bezeichnet, als: alt, erhaben, ehrwuͤrdig. Die Derwiſche...“ Nunmehr ſah Sir David wohl ein, daß er blos durch Flucht des Alterthuͤmlers ſich entledigen koͤnne; er riß alſo ſeinen Mantel aus deſſen Haͤnden los, gab dem Pferde die Sporen, und jagte davon. Und da er meinte, der Raͤuber werde ihm nachſetzen, ſo ließ er ſein Pferd rennen, was es nur rennen konnte. Dennoch hoͤrte er noch lange die Donner⸗ ſtimme Catti's, der ihn mit ſeinen etymolo⸗ giſchen Demonſtrationen zu verfolgen nicht abließ, hinter ſich, aber nichts Zuſammenhaͤn⸗ gendes, blos einzelne Worte waren zu ver⸗ III. J 130 nehmen: Derwiſch— Derw— Derwy— Dry— Dru— Sir David ſpornte ſein Pferd immer mehr an, bis er die Stimme des ihm nach⸗ ſetzenden Alterthuͤmlers nicht mehr hoͤrte, und nun ungeſtoͤrt ſeinen Weg weiter verfolgen konnte. —— — XXI. Obgleich er eilte, ſo ſehr er konnte; ſo war es doch Nacht geworden, ehe er in der Wuͤ⸗ ſtenei von Bachwy anlangte. Er ging ſo⸗ gleich dahin, wo er den Morgan bei den Pferden gelaſſen hatte; allein er fand weder den Morgan, noch die Pferde. Er rief mehr⸗ mals; keine Antwort. Nun band er ſein Pferd an einen Baum, und kletterte den mit Epheu und Steinmoos behangenen Felſen hinauf, welcher zu der gegenſeitigen Felſen⸗ mauer fuͤhrte. Durch den Regen war der Weg ſchluͤpfrig, und das Hinaufſteigen aͤußerſt beſchwerlich geworden. Mit vieler Muͤhe ge⸗ langte er an die Oeffnung der Hoͤhle, wo man ihn mit Gewalt ſeinen ſchoͤnen Beglei⸗ ₰ 2 132² terinnen entfuͤhrt hatte. Er trat haſtig hin⸗ ein, doch Schauder befiel ihn, als es drin⸗ nen ſo ſtille wie im Grabe war. Er rufte laut, aber blos Echo's Stimme gab ihm Ant⸗ wort. Die marterndſte Unruhe befiel ihn. Wie konnte er ſich bei Glyndwr, wie bei ſich ſelbſt verantworten?— Sorgfaͤltig durchſuchte er alle Kruͤmmungen der Hoͤhle, doch ohne Erfolg. Muͤde vom vergeblichen Nachſuchen, ſetzte er ſich nun auf den naͤmlichen Stein hin, wo er noch vor Kurzem mit ſeinen ſchoͤ⸗ nen Begleiterinnen ſich unterhalten hatte; er gedachte dabei der Seufzer, der Thraͤnen, des geheimnißvollen Betragens der reizenden Mil⸗ dred. Ploͤtzlich ſtieg der Gedanke in ihm auf, Gwenllian(entſchloſſen wie ſie war) moͤge wohl, als das Gewitter aufgehoͤrt, in Mildreds Begleitung ihre Reiſe nach dem Orte ihrer Beſtimmung, dem Schloſſe des ſchwarzen Felſens, fortgeſetzt haben. Dies wurde ihm bei einigem Nachſinnen immer —— — 133 wahrſcheinlicher, und er beſchloß alſo, ohne Zoͤ⸗ gern ſeinen Weg ebenfalls dahin zu nehmen. Er trat aus der Hoͤhle. Die niederge⸗ hende Sonne warf ihre Strahlen durch den ſchwarzen Wald, welcher die Bergkette kroͤnte, die wie eine Mauer das Thal umringte. Die Abendwolken, deren Glanz durch den Kontraſt des dunkeln Waldes noch erhoͤht wurde, ver⸗ aͤnderten ihre Farbe und ihre Geſtalt, je tie⸗ fer die Sonne ſank. Sir David beobachtete die Bewegungen der Wolken; ſie erſchienen ihm wie Luftgeiſter, und es wurde ihm mit einem Male klar, wie die Sagen vom Kriege der Geiſter in den Wolken hatten entſtehen koͤnnen. Nach Norden zu ſchwebten am Him⸗ mel uͤber der dunkeln Felſenmauer purpurro⸗ the Woͤlkchen, wie eine Schaar Genien, be⸗ auftragt mit Bewachung des Zauberſchloſſes, welches unten lag. Als Sir David in das Thal hinabſtieg, war der Weg nicht mehr ſo beſchwerlich, 134 weil das Gebirgswaſſer den Schlamm von den Felsſtuͤcken und den hervorragenden Baumwurzeln abgewaſchen hatte. Da es aber immer finſterer wurde, ſo kam es ihm vor, als ob er die Regionen des Tartarus durch⸗ wandle; ein Seufzer quoll aus ſeiner Bruſt, indem er daran dachte, daß Gwenllian und Mildred jetzt vielleicht voll Grauens in die⸗ ſer Finſterniß umherirrten. Wie er ſich wen⸗ dete, ſah er die letzten Strahlen der ſchei⸗ denden Sonne durch eine Felſenſpalte drin⸗ gen, die vom Gipfel bis an den Fuß ging. Der gelbliche Schein fiel auf den Felſen des ſchwarzen Schloſſes, und roͤthete die in Daͤm⸗ merung gehuͤllten Zinnen und die kegelfoͤr⸗ migen Wachthuͤrme. Ein matter Schimmer ſtreifte die Spiegelflaͤche des Sees, der ſich unten ausbreitete, aber durch den Schatten, welchen der ſchwarze Felſen warf, groͤßten⸗ theils in Dunkelheit gehuͤllt war, wogegen der ſeitwaͤrts befindliche Waſſerſturz, deſſen Tropfen alle Regenbogenfarben ſpielten, ei⸗ 135. nen dem Auge wohlthuenden Kontraſt bil⸗ dete. Endlich nachdem er eine lange Strecke bergab geſtiegen war, kam er an das Waſſer⸗ Eine Menge Steine, welche die Natur im Fluſſe zuſammengehaͤuft hatte, dienten ihm zur Bruͤcke. Hierauf gelangte er an einen Felſenweg, der an einigen Stellen ſo ſchmal war, daß man kaum den Fuß ſetzen konnte, und an andern Stellen durch die tief herab ſich ſenkenden Felſen ſo verengt wurde, daß man ſich blos gebuͤckt durchzudraͤngen ver⸗ mochte. Faſt am Ende des Wegs wurde Sir David noch durch einen, bisher durch die Felſenwand verborgen geweſenen Waſſerfall uͤberraſcht, der ſich ſchaͤumend in den Ab⸗ grund ſtuͤrzte. Sir Davids Kleider waren von dem Salzwaſſer, welches an den Felſen herabrann, ganz durchzogen; tiee Finſternis um ſich her, ſchlich er am ſchluͤpfrigen und gefaͤhrli⸗ chen Rande eines tiefen Abgrunds hin, in⸗ 136 dem er vergeblich nach dem geheimnißvollen Schloſſe, in welchem Grabesſtille herrſchte, ei⸗ nen Weg ſuchte. Endlich gelangte er an den See, unterſuchte ihn, und als er fand, daß das Waſſer nicht tief ſei, ſo watete er hin⸗ durch, ſtieg an der andern Seite hinauf, und trat in einen langen gewoͤlbten Gang. XXII. Waͤhrend Gwyllim die Damen ſuchte, welche ſeiner Obhut anvertraut waren, kaͤmpfte Glyndwr fuͤr die Selbſtſtaͤndigkeit Cumbriens. Er ging, ſobald als Heinrich, von den Lords der Graͤnze verſtaͤrkt, den Dee erreicht hatte, in Eilmaͤrſchen durch das Thal von Chirſe, und nahm darauf ſeinen Weg nach „den Gebirgen von Berwyn. Auf der andern Seite dehnte er ſeine Vorpoſten bis an den Fluß Ceiriog aus. Er befahl den Soldaten, alles Holz bis zum Strome niederzuſchlagen, damit man den Feind ſehen und alle ſeine Bewegungen beobachten koͤnne. Beide Heere ſuchten einander den Ueber⸗ gang uͤber den Fluß ſtreitig zu machen; es 138 ſielen beſtaͤndig Scharmuͤtzel vor, ohne daß durch ſie etwas entſchieden wurde. Endlich, als Glyndwr ſah, daß Heinrich den Durchgang durch den Fluß erzwingen wolle, um ihn auf den Gebirgen anzugreifen, beorderte er Adam Dhu und Talbot, ihn daran zu verhindern. Dieſes Gefecht, welches den Tag nachher, als Gwenllian abgereiſt war, geliefert wurde, endete zu Glyndwr's Schmerz mit Heinrichs Siege. Dhu und Talbot mußten weichen, und zogen ſich in groͤßter Unordnung zuruͤck. Ein großer Haufe Englaͤnder, unterſtuͤtzt durch gut gewaffnete Flamlaͤnder, und eine Reiterſchaar, die unter Lord Powys und Edmund Mortimers Be⸗ fehlen ſtand, ging durch den Fluß, und ſchlug am gegenſeitigen Ufer ſein Lager auf. Ver⸗ geblich beſtrebte ſich Glyndwr, ſie zuruͤckzu⸗ werfen, indem er ſeine fluͤchtigen Schaaren ſammelte und ſie verſtaͤrkte; die Englaͤnder hatten, ihren Vortheil wahrnehmend, ſogleich Schanzen aufgeworfen, eine Art Spaniſcher „ „ 139 Reiter errichtet, und erwarteten nun den An⸗ griff. Geſchuͤtzt von dieſen Waͤllen, ging gegen Abend das Heer der Englaͤnder, gegen 30,000 Mann ſtark, vom Koͤnige ſelbſt an⸗ gefuͤhrt, durch den Ceiriog und lagerte ſich am Fuße des Caer⸗Drewyn. Es war die naͤmliche Nacht, wo Gwyl⸗ lim mit ſeinen ſchoͤnen Gefaͤhrtinnen im Schloſſe Aber⸗Edwy uͤbernachtete, als Glyndwr dieſes Ungluͤck erlitt, wie er fruͤher ein aͤhn⸗ liches nie erlitten hatte. Von Abend bis zum naͤchſten Morgen glich wegen der Gluth der zahlloſen Wachtfeuer Caer⸗Drewyn einem feuerſpeienden Berge, und Glyndwr's Lager ertoͤnte von den Zuruͤſtungen zur Haupt⸗ ſchlacht, die auf den naͤchſten Tag beſtimmt war. Glyndwr durchwachte die ganze Nacht, denn er kannte Heinrichs Thaͤtigkeit. Er ſah im Thale viel feindliches Volk und arg⸗ wohnte deshalb, Heinrich wolle ihn zur Nacht⸗ zeit uͤberfallen. Er befahl daher den Solda⸗ 140 ten, die Waffen nicht abzulegen; er ſelbſt ſetzte ſich, in ſeinen Mantel gehuͤllt, in den Kreis der Hauptleute und Barden, an eine Stelle, von wo aus er jede Bewegung des Feindes erſpaͤhen konnte. Unverwandt rich⸗ tete er ſeinen Blick auf das Thal, welches vom Halbkreis der engliſchen Wachtfeuer ge⸗ roͤthet war, und obgleich die Wolken am mit⸗ ternaͤchtlichen Himmel einen nahen Sturm beſorgen ließen, war doch die Decke des Him⸗ mels uͤber dem Lager von den Augen der Sterne helle gemacht, und von Mitternacht nach Mittag zog ſich der Schweif des Kome⸗ ten, ungetruͤbten Glanzes. Dieſer Anblick begeiſterte die Barden. Sie ſangen von Uther Pendragons und Artus ſchoͤnen Zeiten, unſterblich in der Sittenge⸗ ſchichte des Menſchengeſchlechts. Sie ſahen in Glyndwr einen Nachkommen jener Edlen, welche den Klagen der Unterdruͤckten ein ge⸗ neigtes Ohr liehen, und an eben dieſen 141 Stellen fuͤr Britanniens Freiheit ihr Blut hinſtroͤmten. Von Vaterlandsliebe begeiſtert, nahmen ſie ihre Harfen, und ſchloſſen einen Kreis um Glyndwr, um in ſeiner Seele Rache und Ehrgeiz zu erwecken.— Gryffyd Llwyd, das Haupt der Barden, machte den Anfang. Er ſang das Ungluͤck von Sitſilt, als Eduard des Erſten Schwert das Schickſal Cumbriens beſtimmte. „Ueber Dynfals gruͤnen Eichen,“—(ſo fing aus dem Stegreif der Barde ſeinen Ge⸗ ſang an)—„ſchwebte der ſchwere Fittig der Nacht; Schweigen ruhte auf dem Pallaſt von Sitſilt. Aber warum, ſchoͤne ſuͤße Gladis, mit den milden blauen Augen, warum biſt Du allein?— Warum bewegt ſich ſo ſtuͤr⸗ miſch Deine ſchneeweiße Bruſt, wenn Du die Augen wirfſt auf den blondlockigen Kna⸗ ben, das Kind Deiner Liebe?— Sternen⸗ licht dringt durch das Fenſter, aber Cathwall ſteht draußen. Er horcht dem Nachtwind, 142 der durch die gelben Herbſtblaͤtter ſeufzt; er glaubt in der Ferne des Vaters Schritte zu hoͤren.— Nein!(ſagt er) Ich taͤuſchte mich. Doch, warum kommt der Vater nicht wie⸗ der? Er ging beim erſten Strahl der Sonne; nun iſt die Nacht kommen, und noch iſt er nicht zuruͤck.— O Vater! Vater, komm! und faſſe Deinen Sohn in Deine Arme!— Cathwall!(troͤſtete die Mutter) Die Maͤnner von Gladis ſind ihm entgegen ge⸗ gangen; aber doch fuͤrcht' ich, er kehrt nicht zuruͤck. Braioſa hat ihn zum Mahle geladen. Cathwall, den Mann verabſcheu' ich. Das Rauſchen eines Blutſtroms iſt ihm die ſuͤßeſte Muſik, und wenn der Tod recht wuͤrgt und wuͤthet, da freut er ſich am meiſten. Deinen Vater haßt er, und mich verfolgt er mit ſei⸗ ner Liebe. Oft beobachtete ich ihn, wie ſein Auge im Thale von Dynfal umherirrte, wenn es vom Herbſte ſeines Schmucks entkleidet war. Was kann aus dieſem Gaſtmahle des Feindes kommen, als Schreckliches?— Cath⸗ 143 wall, ich ſage Dir: Sitſilt kehrt nicht zu⸗ ruͤck!— — Horch, Mutter, horch! Ich hoͤre ſeine Schritte!— Oder ſollte es der Sturmwind ſein, der durch des Vaters Ruͤſtungen aͤchzt, die hier an der Mauer aufgehangen ſind?— Nein! Ich hoͤre Tritte. Die Maͤnner von Gladis kommen. Ihre Waffen klingen. Sie haben ihren Herrn gefunden; ſie bringen ihn wohlbehalten zuruͤck vom Gaſtmahle.— — Aber Du, diuͤſtrer finſtrer Mann! Warum kommſt Du hieher mit Deinem blu⸗ tigen Kleide?— Ungeuͤbt iſt mein Arm im Kampfe; doch Cathwall wird ſeine Mutter beſchuͤtzen vor Dir, Mann mit der Unheil drohenden Stirne!— — Es war Braioſa, der Sachſe. Sein Schwert war roth von Silſits Blute. Er ergriff den Alabaſter⸗Arm der Gladis; Cath⸗ wall umſchlang ſeine Fuͤße. Aber das Blut⸗ ſchwert des Sachſen fiel auf den Hals des zarten Knaben, das Haupt ſtuͤrzte von der 144 Schulter, und Gladis Gewand ward von dem Blute ihres Sohnes beſpritzt. Stumm fiel er zu ihren Fuͤßen, wie Dynfals Lilie faͤllt unter'm Fuße des mitleidloſen Wanderers. und— Sie?— Sie warf noch einen Blick auf die einzige Frucht ihrer Liebe, dann brach ihr Herz, und Nacht umhuͤllte ihr Auge.— Sie ſank auf die Leiche ihres Kin⸗ des, wie die Schneekrone des Felſen in's bluͤ⸗ hende Thal herabrollt!“— 8 XXHI. Der Barde ſchwieg und Caer⸗Drewyns Huͤ⸗ gel zitterten vom Beifallsjauchzen, welches die Krieger erhoben. Nun ergriff Glym⸗Cathi, der ſeinem Bruder nicht nachſtehen wollte, die Harfe und begann mit rauher Stimme: „In den Felſenmauern von Dinas⸗Bran hauſte Ap Madoc. Die Fuͤrſten von Powys waren ſeine Ahnen, aber das koͤnigliche Ge⸗ bluͤt war aus ihren Adern geſchwunden, und ihr Herz war muthlos. Als die Fahnen des ſtolzen Jorwerth, des Sachſen, gegen Cymry wehten, ſtanden die tapferſten der Soͤhne Ap Madoc's auf, und widerſetzten ſich mit ſtaͤh⸗ lerner Bruſt dem uferloſen Strom der Feinde⸗ III. K 146 Aber Ap Madoc war nicht im Felde, er lag zu den Fuͤßen der blonden Emma, der ſchoͤ⸗ nen Tochter Andley's. Jorwerth hatte der Zauberin gelehrt, das Herz des Erben von Powys zu gewinnen. Die Mauern von Dinas Bran erklangen vom Jauchzen der Gaͤſte, die bei dem Vermaͤhlungsfeſt verſam⸗ melt waren. Doch Cymry mußte trauern uͤber dieſe Vermaͤhlung Ap Madocs mit der Tochter Andley's. Seit dieſer Zeit ward Ap Madoc fremd ſeinen Bruͤdern und verachtet in Dinas Bran. So oft er das Horn, mit Meth gefuͤllt, an die Lippen ſetzte, ſank ſein Auge beſchaͤmt zu Boden vor dem Blicke des Fremdlings. Nicht Emma's Liebe, nicht Jor⸗ werth's Laͤcheln vermochte die Qualen ſeiner Seele zu bannen. Verachtet von den Seini⸗ gen welkte er hin, wie eine Pflanze, die des Sonnenlichts beraubt iſt. — Vier Soͤhne, Powy's Erben, wurden den Haͤuptlingen Jorwerth's zur Erziehung anvertraut. Doch ſicherer waͤren Laͤmmer ——— 142 unter der Obhut des Wolfes geweſen. Mor⸗ timer und Warton beraubten die Knaben ih⸗ res Vaterguts. Eins der Kinder ward von den Mauern von Dinas Bran herabgeſtuͤrzt, das andere wurde beim Loͤwenſchloß von den Fluthen des Holt verſchlungen. Emma hatte ſich mit Jorwerth's Haͤuptlingen verbunden, die Soͤhne ihres Herrn zu vertilgen. Das war der Fluch, den Madoc's Verbrechen uͤber ſein Haus brachte. In mondhellen Naͤchten ſieht man die Schatten der ermordeten Kin⸗ der unter den Bogenpfeilern der Dame hin⸗ ſchweben. Doch ein Zweig, der ſchoͤnſte die⸗ ſes koͤniglichen Baums, bluͤht noch in Glyndwr, unſerm Herrn! Flechtet Lorbeerkraͤnze um ſeine Stirne! Er wird den an ſeinem Ge⸗ ſchlechte veruͤbten Mord raͤchen! Er wird das Joch der Unterdruͤcker zerbrechen!“— Als Cathi geendet hatte, nahm wieder der Erſte der Barden das Wort:„Heil Dir, furchtbarer Krieger!“ ſang er,„Heil Dir, maͤchtiger Owain, Koͤnigsadler von Cumbrien! K 2 148 Deine Thaten werden in Ewigkeit fortleben! Weiß wie Schnee iſt Dein Gewand in der Zeit des Friedens, und Dein Laͤcheln mild, wie die Spiegelflaͤche des Sees, wenn kein Luftzug ſie bewegt; aber fuͤrchterlich biſt Du in der Schlacht Deinen Feinden, furchtbar wie die Wogen des Meeres, wenn ſie ein ge⸗ brechliches Fahrzeug erfaſſen. Ergreift eure „Harfen, ihr Barden! Geſang iſt des Helden füuͤßeſter Lohn. Traure, Heinrich! Bald wird die Schaar Deiner Soͤldner um Dich her aliegen, in Todesſchlaf begraben. Aber Du, großer Owain, Koͤnigsadler von Cumbrien, ſei gluͤcklich und ſiegreich!“— Gryffyd ſchwieg und das Chor der Bar⸗ den wiederholte den Schluß ſeines Geſangs: „Großer Owain, Koͤnigsadler von Cumbrien, ſei gluͤcklich und ſiegreich!“ —— ———ʒy:—— 1 XXIV. In dieſem Augenblicke trat Eduard Morti⸗ mer zu Glydwr'n, und fluͤſterte ihm zu: Es ſei ein Bote angelangt von Sir Edmund. Dieſer verlange eine Zuſammenkunft mit Glyndwr, doch wolle er ſie geheim gehalten wiſſen. Er ſchlage vor, daß jeder Theil mit einer auserleſenen Schaar in die Mitte des Thals ſich verfuͤge. Eduard ſetzte hinzu:„Ich glaube, mein Oheim iſt unzufrieden mit dem ewig mißtraui⸗ ſchen Koͤnige, und darum denk' ich, wird dieſe Unterredung ſowohl fuͤr Euch, als mei⸗ nen Oheim von erſprießlichen Folgen ſein.“ Glyndwr rufte diejenigen ſeiner Haupt⸗ leute herbei, welchen er das meiſte Vertrauen 150 ſchenkte, und nach einer kurzen Unterredung mit ihnen beſchloß er, ſich an den beſtimmten Drt zu begeben. Er warf einen Mantel uͤber ſeine glaͤnzende Ruͤſtung, und nahm ſechs ſeiner beherzteſten Leute mit ſich. An dem zur Unterredung beſtimmten Platze fand er einen Mann von rieſengroßer Geſtalt. Er war vom Kopf bis auf die Fuͤße gewapp⸗ net und ſeine Nuͤſtung glaͤnzte von Gold und Silber, Dicke weiße Federn fielen uͤber den Helm, doch das Viſier war geſchloſſen. Auf Glyndwrs Gruß antwortete er blos mit einem vornehmen Kopfnicken und fing an:„Bisher habe ich es gefliſſentlich vermie⸗ den, mich mit Euch in ein Geſpraͤch einzu⸗ laſſen, doch nunmehr, da ich ſowohl Euern eignen Vortheil, als den meines Neffen er⸗ wogen, und zugleich alle Gruͤnde beruͤckſich⸗ tigt, die zu einer gegenſeitigen Ausſoͤhnung fuͤhren koͤnnen, fand ich mich veranlaßt, Euch um eine Unterredung zu erſuchen.— Zwar vermag Niemand den Ausgang der bevorſte⸗ 151 henden Schlacht im Voraus zu beſtimmen, doch glaube ich fuͤr meine Perſon, da ich den linken Fluͤgel der Armee Heinrichs befehlige, allerdings ein ſchweres Gewicht in die Waag⸗ ſchaale des Todes legen zu koͤnnen.“ Mit Vergnuͤgen— antwortete Glyndwr ganz kalt— bemerke ich, daß Mortimers Nachkomme ſich beſtrebt, das Ungluͤck, wel⸗ ches ſein Vorfahr angerichtet hat, nach Moͤg⸗ lichkeit gut zu machen. Aber mein Entſchluß ſteht feſt— eine gewonnene oder verlorene Schlacht entſcheidet noch nicht uͤber Eduard Mortimers Anſpruͤche auf die Krone von England! „Es geht Alles gut,“— verſetzte der Ritter,„wenn man nur— verſteht Ihr?— auf eine geſchickte Weiſe Heinrichen bei Seite ſchafft. He, ſagt mir, habt Ihr nicht ein paar verwegene Arme, auf die Ihr rechnen koͤnnt?— Es jindet ſich leicht eine Gele⸗ genheit“ Schaͤndlicher, unbeholfener Spion!— 15²2 unterbrach bei dieſen Worten Glyndwr den Fremden— Wie koͤnnt Ihr Euch einbilden, daß Owain Glyndwr in Euer Netz gehen werde, das Ihr auf eine ſo plumpe Weiſe aufſtellt? Ihr ſeid nicht Edmund Mortimer, denn mit dem habe ich nie in Unterhandlun⸗ gen geſtanden. Ewige Schmach muͤßte mich verfolgen, wenn ich einen Unterthan von den Pflichten, die er ſeinem Fuͤrſten ſchuldig zu ſein meint, abtruͤnnig machen wollte. Ed⸗ mund wuͤrde mir nie den Vorſchlag thun, Banditenkniffe anzuwenden, wie feige Des⸗ poten ſich ihrer bedienen; ſolche Waffen mag Heinrich Bolingbroke brauchen.— „Sprecht von Heinrich mit der Achtung, die er zu fordern hat!“ erwiederte der Fremde mit ſtaͤrkerer Stimme.„Er iſt Euer Lan⸗ desherr, Owain Glyndwr! Koͤnigjeines maͤch⸗ tigen Volks! Sein Arm wird die Aufruͤhrer— die er bisher geſchont hat— zuͤchtigen! Nahe iſt die Stunde der Gerechtigkeit und nicht um⸗ ſonſt wird der Zorn der Koͤnige gereizt!“— 153 Das ſpoͤttiſche Laͤcheln, welches um Glyndwr's Lippen ſchwebte, bewog den Frem⸗ den inne zu halten. Der Blitz ſeines Au⸗ ges flammte durch die Loͤcher des Viſirs. Mit einem Male ſchlug er es auf, und Glyndwr ſtarrte in das ernſte duͤſtere Antlitz— Heinrichs des Vierten. „ ‚Ja, ich bin's!“ rief er.„Ich bin's, den Euer verraͤtheriſcher Mund Bolingbroke nennt;— aber durch des Volks Stimme bin ich Koͤnig von England, Euer Landesherr!* Es haͤtte wohl— verſetzte Glyndwr, ohne eine Miene zu verziehen— ſich beſſer geſchickt, wenn Ew. koͤnigl. Hoheit, ſtatt ſich ſelbſt zum Spione zu erniedrigen, Leute abge⸗ ſchickt haͤtten, die ſich beſſer auf dieſes Hand⸗ werk verſtehn, als Allerhoͤchſtdieſelben. „Ich hatte Grund, argwoͤhniſch zu ſein! verſetzte Heinrich mit Stolz.„Das war genug! Koͤnige brauchen von den Gruͤnden, wornach ſich ihre Handlungen beſtimmen, keine Rechenſchaft abzulegen. Alle Mittel, wodurch — ———— — ⸗—— —y—— —— — — u 154. ſie ſich perſoͤnlich ſicher ſtellen, ſind zulaͤſſig, ſind gerecht. Wenn ſie auch, indem ſie ihren Weg verfolgen, einen Wurm zertreten, was ſchadet das?— Ich ſelbſt, in eigner Perſon wollte nachforſchen, ob ich auf Mortimer's Treue bauen koͤnne, bevor ich ihm meine Ehre und mein Leben anvertraute. Ihr ſagt, Ihr haͤttet mit ihm in keinen Unterhandlungen geſtanden? Gut! Aber ſein Neffe iſt bei Euch. Ihr unterſtuͤtzt deſſen eingebildete Anſpruͤche; Ihr habt ihn verfuͤhrt, zur Empoͤrung gereizt!“— Der Graf von March— verſetzte Glyndwr mit Kaͤlte— kam aus eigenem Antriebe zu mir, und bat um meinen Schutz. Bedurfte es da der Verfuͤhrung? Und wollt Ihr ihn um deswillen tadeln, weil er ſich des trauri⸗ gen Schickſals Richard's, ſeines koͤniglichen Oheims, erinnerte?— „Richard verdiente ſein Schickſal!“ ant⸗ wortete Heinrich.„Ihr habt kein Recht zum Aufſtande. Er iſt von den Staͤnden mit 155 Fug und Recht abgeſetzt, und ich bin an ſei⸗ ner Stelle zum Koͤnige erwaͤhlt worden.“ Dieſes Schalten und Gebahren war durch⸗ aus unrechtmaͤßig. Es verſtieß gegen die Ver⸗ faſſung und ich proteſtire dawider feierlichſt. England iſt kein Wahlreich, iſt's nie ge⸗ weſen. Die Thronfolge iſt erblich; nur der, welcher aus dem Koͤnigsgebluͤte abſtammt, hat ein Recht auf die Krone. Darum iſt der Graf von March rechtmaͤßiger Koͤnig von England. In dieſen feſten Beſtimmun⸗ gen darf nichts willkuͤhrlich geaͤndert werden. Ein Vaterlandsverraͤther, ein Empoͤrer, ein Schaͤnder unſerer Geſetze iſt jeder Englaͤnder oder Walliſer, welcher einen Andern fuͤr den rechtmaͤßigen Erben von Richard's Throne anerkennt, als den Grafen von March! „Hier iſt weder die Zeit, noch der Ort ⸗ fiel ihm Heinrich mit Trotz in die Rede „uͤber die Thronfolge in England Unterſu⸗ chungen anzuſtellen, oder auf diplomatiſche Spitfündigkeiten einzugehen. Wir ſind we⸗ ———— 2 156 der Kinder, noch Rechtsgelehrte— wir ſind Maͤnner, die ſich blos auf das Schwert ver⸗ ſtehn. Laßt uns die Sache mit beſonnener Ruhe in Ueberlegung ziehn. Es iſt der Vor⸗ abend der Schlacht, alſo hoͤchſte Zeit, daß wir uns gegenſeitig verſtaͤndigen. Warum wollen wir das Schwert aus der Scheide rei⸗ ßen, wenn wir uns in Guͤte vertragen koͤn⸗ nen?— Ich verlange nichts, als Sicherheit meiner Staaten. Hoͤrt alſo meinen Vor⸗ ſchlag ruhig an. Ich gewaͤhre Euch den un⸗ geſtoͤrten Beſitz Eurer Guͤther in Nord⸗ und Suͤd⸗Wales; die Ehrenpoſten, welche Ihr zu Richard's Zeit bekleidet habt, ſollt Ihr wieder erhalten. Es verſteht ſich aber, daß Ihr alsdann, damit ich vollkommen ſicher⸗ geſtellt bin, den Feind mir ausliefert, wel⸗ cher mit ſeinen grundloſen Anſpruͤchen mich verfolgt.“ Soo verdorre dieſer Arm!— ſchrie Glynd⸗ wr, indem der Zorn aus ſeinem Auge Fun⸗ ken trieb— So vertrockne das Blut in mei⸗ 157 nen Adern, und die Thuͤr des Himmels blei⸗ be mir verſchloſſen, wenn ich aus Eigennutz mich verleiten laſſe, mein gegebenes Wort zu brechen. Und haͤtte ich ſonſt kein Recht, Euch offne Fehde anzukuͤndigen; ſo habe ich doch, wie Ihr, das Recht des Schwerts— Aber ich bitt' Euch, uͤberlegt einmal recht be⸗ ſonnen Euern vortrefflichen Vorſchlag. O⸗ wain Glyndwr, rechtmaͤßiger Erbe des Throns von Wales, ſoll in ſeinen eigenen Staaten ein Plaͤtzchen aus Heinrichs Haͤnden zum Geſchenk annehmen, aus den Haͤnden Hein⸗ richs von Lancaſter, welcher zugeſtehn muß, daß er nicht das mindeſte Recht beſitzt, hier etwas zu verſchenken oder zu verweigern. Und um dieſe ſchimpfliche Gnadenbezeigung zu erhalten, ſoll Glyndwr noch dazu ehrlos, gewiſſenlos handeln, ſich und ſeine Familie in's Verderben bringen, einen Prinzen ver⸗ rathen, der ſich vertrauensvoll unter ſeinen Schutz begab?— Starr wie eine Bildſaͤule ſtand Heinrich 158 einige Augenblicke; endlich als es ihm ge⸗ lungen war, ſeinen Zorn einigermaßen nie⸗ derzukaͤmpfen, fing er an: Sir Owain, es gab eine Zeit, wo Ihr vor mir auf den Knieen lagt, wo Ihr mich Herr und Koͤnig nanntet— und jetzt koͤnnt Ihr alle Ehrer⸗ bietung mir trotzig verweigern? „ ,Ja, es gab eine Zeit“ verſetzte Glyndwr „wo ich, um im Frieden leben zu koͤnnen, alle Anſpruͤche, wozu meine Geburt mich be⸗ rechtigt, gern und willig aufgegeben haͤtte. Vollkommen gerecht waren dieſe Anſpruͤche, und doch— doch— ich haͤtte darauf ver⸗ zichtet. Allein der Despotismus ſpannte ſei⸗ nen Bogen zu ſcharf und die Senne— ſprang. Ihr konntet das im Voraus wiſ⸗ ſen! Trevor und Andere haben Euch ge⸗ ſagt, daß Euer Verfahren mich in Verzwei⸗ flung ſtuͤrze. Aber Ihr dachtet: Ich habe mir einen Koͤnig aus dem Wege geſchafft; ſo wird doch auch ein ſimpler Edelmann aus dem Wege zu raͤumen ſein?— Ihr triebt 159 mich auf das Aeußerſte,— nun ſchreibt die Folgen Euch ſelbſt zu.“ Schreibt ſie Euch zu, Euchl! ſchrie Hein⸗ rich. Ihr rennt in Euer Verderben, Ihr weerdet zu ſpaͤt Eure Verblendung bejammern, wenn in den Gebirgen und Thaͤlern von Meſſai bis Savern die Geſchichte Euers Un⸗ tergangs mit Blut⸗ und Flammenſchrift an⸗ geſchrieben ſteht. „Euch, den Angreifenden“ antwortete Owain„nicht mich, den Angegriffenen, wird der Arm des Schickſals niederwerfen. Ge⸗ duldet Euch nur noch kurze Zeit, dann ſitzt Ihr auf keinem Throne, ſondern auf einem Haufen von Truͤmmern. Denkt Ihr denn, Europa's Fuͤrſten werden einem Koͤnigsmoͤr⸗ der beiſtehn? Zwar ein Purpurmantel haͤngt um Eure Schulter, aber Fluch haftet an dem Prachtkleide, es reißt Euch in's Verderben. Aus Giftſaamen keimt blos Giftfrucht. Nicht 1 160 ungeſtraft darf an den Grundpfeilern alter Monarchien gerüͤttelt werden; gefahrlos laͤßt ſich der Lauf des Stroms der Geſetze, wel⸗ chen er ſeit Jahrhunderten, ſeit Jahrtauſen⸗ den verfolgte, nicht veraͤndern.— Wehe Euch, daß Ihr blos den Eingebungen Eurer ſchlan⸗ genhaften Politik Euch uͤberlaßt!— Jahr⸗ tauſende haben es beſtaͤtigt, was ich Euch ſage: Unerbittlich verfolgt die Nemeſis alle diejenigen, welche die alten, ehrwuͤrdigen, hei⸗ ligen Geſetze der Menſchheit antaſten. Wehe dem, der ernten will, wo er nicht geſaͤet hat; der mit Blut die Steine ſeines Pallaſts zu⸗ ſammenkittet! Wehe dem Verraͤther, er graͤbt ſich ſelbſt ſein Grab!— Ja, Heinrich! Es gab eine Zeit, wo ich vor Euch auf den Knieen lag und um Gerechtigkeit flehte; doch ich knieete und flehte umſonſt. Jetzt bitte ich nicht mehr, jetzt fordr' ich..Meine Bitten drangen nicht durch, jetzt ſoll mein Schwert durchdringen. Hier bin ich Herr. In Euerm Palaſte zu Weſtminſter, 161 im Kreiſe Eurer Hofſchranzen, Eurer Soͤld⸗ ner, Eurer Speichellecker, da durftet Ihr mir drohen, da durftet Ihr meine Bitte mir abſchlagen, da durftet Ihr wie einen Bettel⸗ knaben mich ſtehn laſſen. Aber hier bin ich Herr!— Dies iſt das Land meiner Ah⸗ nen. Dieſe Felſen, dieſe Waͤlder, dieſe don⸗ nernden Stroͤme, ſind meine Kabinetsraͤthe und Leibwaͤchter. Denkt Ihr denn, dieſe Rie⸗ ſenfelſen, auf denen der Adler horſtet, ſind beſtimmt, Londons nichtswuͤrdiges Kraͤmer⸗ volk zu tragen?— Da irrt Ihr Euch!— Hoͤrt Ihr die Donnerſtimme des Echo's die⸗ ſer Felſen und der brauſenden Waſſerſtuͤrze? — Freiheit! ruft ſie. Freiheit— Hoͤrt Ihr, wie die Eiche, vom Sturmwind aus dem Boden geriſſen, im Niederſtuͤrzen den Todten, die kuͤnftig hier ruhen werden, ihr Sterbelied vorheult? Hoͤrt Ihr, wie die Geier von Cymry uͤber Euerm Haupte ſchrei⸗ en, um Euch zu danken, daß Ihr ein ſo III. L 162 ſtattliches Mahl ihnen anrichten wollt?— Hoͤrt Ihr's, Heinrich?“— Bei dieſen Worten kehrte Glyndwr dem Koͤnige den Ruͤcken, winkte ſeinen Leuten und ging in ſein Lager. Zaͤhneknirſchend blieb Heinrich ſtehn. XXV. Es war anbrechender Morgen, als Glyndwr zu ſeinem Heere zuruͤckkehrte. Er gab ſei⸗ nen Hauptleuten Auskunft uͤber ſeine Unter⸗ redung mit dem Koͤnige, dann ging er im Lager umher und ertheilte gemeſſenen Befehl, daß die Truppen ſich ruhig verhalten und nichts unternehmen ſollten, bis er ſelbſt zum Angriff kommandiren werde. Die Hauptleute, welche Glyndwr zur ge⸗ heimen Unterredung gezogen hatte, waren ein⸗ ſtimmig der Meinung, daß Heinrich, uͤber die Behandlungsweiſe ihres Anfuͤhrers wuͤ⸗ thend, Alles daran ſetzen werde, um ſich we⸗ gen dieſer Beleidigung zu raͤchen. L 2. 164 Wie die Sonne die Felſenſpitzen vergol⸗ dete, ſah Glyndwr, daß das Engliſche Heer am Felſenufer des Ceiriog hinmarſchirte, ſchnell, doch in groͤßter Stille. Der linke Fluͤgel ward von Edmund Mortimer befeh⸗ ligt, der rechte ſtand unter dem Kommando des Lord Powys. Das Centrum, vor wel⸗ chem Englands Fahne flatterte, wurde von Heinrich in eigner Perſon angefuͤhrt. Der groͤßte Theil der Reiterei nebſt einer bedeu⸗ tenden Schaar gutbewaffneten Fußvolks war zur Reſerve im Thale zuruͤckgelaſſen worden. um den Mangel der Reiterei zu erſetzen, hatte Heinrich an die Spitzen der Kolonnen, zu deren Deckung, Trupps mit Streitaͤxten bewaffneter Maͤnner geſtellt. Schweigend ruͤckte der Feind naͤher. Wie es ſchien, war er betroffen daruͤber, daß man ſeinem Vordringen keine Schwierigkeiten in den Weg legte. Die Walliſer, als ſie die Fortſchritte des feindlichen Heeres ſahen, wurden ungeduldig, daß ſie nicht ſogleich an⸗ 165 greifen durften; ſondern den Befehl ihres Fuͤhrers erwarten ſollten. Doch Glyndwr'n ſuchte man uͤberall ver⸗ gebens. Endlich meldete ein Soldat: er habe ihn vor ungefaͤhr einer Stunde mit ſeinem Beichtvater, dem Franziſkaner, in der Naͤhe der Ruinen auf dem Gipfel des Caer Dre⸗ wyn geſehen. Tudor und Talbot machten ſich ſogleich auf den Weg, um ihren Haͤuptling zu ſu⸗ chen. Sie kamen zu den Truͤmmern und riefen Glyndwr's Namen. Keine Antwort. Alles war todt und einſam; weder Glyndwr, nooch der Franziſkaner war zu ſehn. Aeußerſt beſtuͤrzt uͤber das Verſchwinden ihres Anfuͤhrers im Augenblicke der Gefahr, kehrten ſie in's Lager zuruͤck, wo der Kampf ſchon begonnen hatte. Eine ſtarke Abthei⸗ lung der engliſchen Reiterei war an der Stelle, wo ſie von den Pfeilen der Walliſer nicht getroffen werden konnte, durch den Fluß geſetzt. Die Englaͤnder warfen ihren Fein⸗ 166 den Spottreden zu, woruͤber Rhys Gyrch und Adam Dhu wuͤthend wurden. Doch hielten ſie noch einige Zeit an ſich. Als ſie aber hoͤrten, daß Glyndwr nicht aufzufinden ſei, als ſie mehrere ihrer Leute von den Pfeilen der Englaͤnder getroffen niederſtuͤrzen ſahen, da riß der Faden ihrer Geduld, ſie vergaßen Glyndwrs Befehl, und griffen den Feind an unter fuͤrchterlichem Geſchrei, ihn mit einem Pfeilhagel begruͤßend. Wo ſie angriffen, da entſtand Verwirrung und Unordnung. Die Lanzen ſchwirrten gegen einander, die Helme erklangen unter den Schlaͤgen der Streitaͤxte, die Schilde erdroͤhnten von den Hieben der Schwerter. Die Pfeile pfiffen durch die Luft, und die Erde zitterte unter dem Fußtritt der Geharniſchten. Von der einen Seite erſcholl der Ruf: Sankt Georg und Eng⸗ land! von der andern das Feldgeſchrei: Eymry und Owain! bald ſtaͤrker, bald ſchwaͤcher, je nachdem das Gluͤck auf dieſe oder jene Seite ſich neigte. „ 167 Als aber die Anfuͤhrer der Voͤlker Eum⸗ briens ſahen, daß auf Glyndwr's Ruͤckkehr durchaus nicht zu rechnen ſei, als Gyrchs und Dhus kleine Schaar von dem ſich im⸗ mer mehrenden Feinde faſt aufgerieben war, ſandten ſie friſche Truppen auf den Streit⸗ platz und ſo wurde aus dem Scharmuͤtzel eine Schlacht. Heinrich leitete Alles ſelbſt. Er hatte die Walliſer aus ihren Verſchan⸗ zungen gelockt, und benutzte nun dieſe Ueber⸗ eilung des Feindes, indem er ſeinen Mann⸗ ſchaften Befehl gab, ſich mit verſtellter Flucht in's Thal zuruͤckzuziehn, aber insgeheim deſ⸗ ſen Seiten zu beſetzen. Die Walliſer, von Natur ungeſtuͤm, verfolgten ſogleich den flie⸗ henden Feind. Aber mit einem Male mach⸗ ten die Englaͤnder Halt, und griffen von vorn und von der Seite die Walliſer an. Dieſe ergriffen die Flucht, und Alles waͤre verlo⸗ ren geweſen, wenn nicht Gyrch und Dhu, die den Befehl zum Angriff gegeben, mit dem Muth der ſchrecklichſten Verzweiflung dem 168 Feinde ſich widerſetzt haͤtten. Mit Staub und Wunden bedeckt, beklagten ſie zu ſpaͤt, daß ſie Glyndwr's Befehlen entgegengehan⸗ delt, ſie fuͤrchteten ſeinen Zorn und ſuchten den Tod auf. Als ſie aber an den aͤußerſten Rand des Grabens gedraͤngt waren, und nun das fuͤrchterlichſte Gemetzel begann, erklang mit einem Male Glyndwr's Donnerſtimme. Die Englaͤnder bebten, die Wallſſer jauchzten, als ſie die Stimme hoͤrten. Im Augenblicke ſtand der Heerfuͤhrer auf dem Walle und uͤberſchaute das Kampfgewuͤhl. Ohne mit Vorwuͤrfen die Zeit zu verderben, ſammelte er hier die Zerſtreuten, dort ſprach er andern Muth ein, zog ſeine Voͤlker zu⸗ ſammen, und ſtellte ſie am Graben auf. Un⸗ geduldig erwarteten ſie das Zeichen zur Er⸗ neuerung des Angriffs. Hoffnung belebte den geſunkenen Muth der Walliſer und ſchon meinten ſie, der Sieg koͤnne ihnen nicht ent⸗ gehen. Aber Glyndwr gab, damit ſeine von den — 169 Anſtrengungen des Kampfs ermuͤdeten Sol⸗ daten ſich erholen ſollten, Befehl zum Ruͤck⸗ zuge. Heinrich wollte indeſſen ſeine errunge⸗ nen Vortheile nicht fahren laſſen, und gebot die Verſchanzungen, hinter welche die Walli⸗ ſer ſich zuruͤckgezogen hatten, zu erſtuͤrmen. Hundert der tapferſten Ritter draͤngten ihrem Herrſcher ſich nach; Leitern wurden an den Wall gelegt, und die Englaͤnder klimmten unter dem Schlachtruf: Heiliger Georg, ſei mit uns! hinauf. Von der Heftigkeit des Angriffs uͤberraſcht, wichen die ſonſt ſo bra⸗ ven Walliſer, worauf Glyndwr zum groͤßten Befremden ſeiner Hauptleute den Befehl er⸗ theilte, daß die Truppen hinter die zweite Verſchanzung ſich zuruͤckziehen ſollten. Dhu und Gyrch, uͤber dieſen Befehl erbittert, zoͤ⸗ gerten zu gehorchen, und vertheidigten noch lange wie Verzweifelte den Eingang des Lagers. Heinrich, als er dieſem unerwarteten Wi⸗ derſtande begegnete, ließ ſechs Kanonen— 170 damals eine ganz neue Erfindung— auf⸗ pflanzen, und dieſes Geſchuͤtz, obgleich ſchlecht bedient, verfehlte doch ſeine Wirkung nicht. Nach ſechs bis ſieben Entladungen war der Wall fortgeriſſen, und an ſeiner Stelle blos noch ein Haufen rauchender Truͤmmer zu ſehn. Ohne Schwierigkeit nahmen nun die Englaͤnder die erſte Verſchanzung in Be⸗ ſitz, da Glyndwr ſich bereits mit den Seini⸗ gen hinter die zweite zuruͤckgezogen hatte. Die Walliſer, unzufrieden mit dem Verfahren ihres Anfuͤhrers, murmelten: ſie waͤren verra⸗ then und verkauft an den Koͤnig von England. Dennoch blieb Glyndwr unveraͤndert ru⸗ hig, und die Krieger gehorchten ihm, wenn ſie auch uͤber ſeine Befehle die Koͤpfe ſchuͤttel⸗ ten. Sie ſtießen beſonders gegen den Fran⸗ ziskaner Verwuͤnſchungen aus, welchem ſie Schuld gaben, daß er den Verſtand ihres Anfuͤhrers verwirrt habe. Als ſaͤmmtliche Truppen in der zweiten Verſchanzung ſich befanden, war Glyndwr wieder das Leben 171 und die Thaͤtigkeit ſelbſt. Er ging von Reihe zu Reihe, ſtellte die Soldaten ſelbſt auf ihre Poſten, ſagte ihnen, daß die Sache ſich bald entſcheiden werde, erinnerte ſich mit gluth⸗ vollen und kraͤftigen Worten an ihre fruͤheren Thaten, und ließ ſie ſchwoͤren, zu ſiegen oder zu ſterben.— Kaum war ſeine Anrede beendet, als Heinrich zum Angriff der zweiten Verſchan⸗ zung blaſen ließ. Dieſe war nicht ſo leicht, wie die vorige, zu erſtuͤrmen. Ein Lanzen⸗ wald ſtarrte den Englaͤndern entgegen; ihre Leichen fuͤllten die Graͤben. Dreimal wieder⸗ holte Heinrich ſeinen Angriff, dreimal ward er zuruͤckgeſchlagen mit Verluſt ſeiner beſten Soldaten. Endlich, als der Koͤnig ſah, daß nichts auszurichten war, zog er ſeine muthlos ge⸗ wordenen Truppen zuruͤck, und blieb in der erſten Verſchanzung, die er genommen hatte. Die Zelte, Wagen und Schmiedegeraͤthſchaf⸗ ten des Feindes waren in ſeine Haͤnde gefal⸗ 122 len. Die Walliſer ſchaͤumten vor Wuth, als ſie ſahen, wie die Feinde jauchzend in die Beute ſich theilten. Ein Haufe der tapfer⸗ ſten umringte Glyndwr'n, und erbat ſich's als Gnade, einen Ausfall wagen und die Englaͤnder zuruͤckwerfen zu duͤrfen. Doch Sir Owain war unerſchuͤtterlich in ſeinen Beſchluͤſſen. Er erinnerte ſie an die ſchlimmen Folgen, welche ihr Ungehorſam bereits nach ſich gezogen, er ermahnte ſie, auf ihren Poſten zu bleiben, und ſich blos defenſiv zu verhalten. „Keine Stunde dauert es mehr,“ ſagte er, den Blick auf die Sonne werfend, welche mit mattem Schimmer durch dickes Gewoͤlk drang,„ſo ſeid Ihr an Euern Feinden geraͤcht!“ Ohne auf die Aeußerungen des Erſtaunens oder Mißmuths ſeiner Soldaten weiter zu ach⸗ ten, blieb er eine Zeitlang in Nachdenken ver⸗ ſunken ſtehen. Unterdeſſen ſoffen die feindli⸗ chen Hauptleute und Soldaten ſich voll, 173 jauchzten laut, ihrer errungenen Vortheile ſich freuend und des vollſtaͤndigen Sieges gewiß. Doch ein bittres hoͤhniſches Laͤcheln um⸗ ſchwebte Glyndwr's Lippen; aus ſeinen Au⸗ gen ſchimmerte die Freude geſaͤttigter Rache. Die Soldaten blickten ihn mit Befremden und Unruhe an, er aber ſchien es nicht zu bemerken; doch befahl er, indem er wegging, nochmals, daß Keiner den ihm angewieſenen Poſten verlaſſen ſolle. Die Englaͤnder, zufrieden mit den vor der Hand errungenen Vortheilen, erneuerten den Angriff nicht, ſondern wurden ſorglos und ausgelaſſen. Betrunken warfen ſich Ei⸗ nige auf den Boden und fingen zu ſchnar⸗ chen an, waͤhrend Andre die Beute bewachten und noch Andere nach neuer Beute umher⸗ ſtoͤberten. Alle glaubten, die Feinde zu ab⸗ gemattet von dem eben beſtandenen Kampfe, als daß ſie heut einen neuen zu verſuchen ſich berufen fuͤhlen ſollten. 174 Unterdeſſen hatte ſich ein Ungewitter zu⸗ ſammengezogen; die Sonne war von dunkeln Wolken verhuͤllt. Aus dem waldbewachſenen Thale von Caer⸗Drewyn ſtiegen Nebel auf und wehten um die Stirnen der Berge wie Leichentuͤcher. Der Sturm heulte durch die Felſenriſſe, und ſchwere Regentropfen fielen nieder, und machten den Boden ſo ſchluͤpfrig, als ob es Oel geregnet haͤtte. Jetzt verkuͤndete ein fuͤrchterlicher Don⸗ nerſchlag, daß das Gewitter ganz nahe ſei. Das blaue Schlangenfeuer des Blitzes wand ſich um die Haͤupter der Felſen; die ganze Gegend umher ſchien in Flammen zu ſtehn. Die ſchlaftrunkenen Englaͤnder riſſen ſich auf aus ihrem Schlummer, und als ſie hinblick⸗ ten nach den Verſchanzungen der Feinde, ſa⸗ hen ſie auf der letzten derſelben zwei neblichte Geſtalten hinſchweben wie Nachtgeiſter. Ein zweiter gewaltiger Donnerſchlag erſchuͤtterte die Luft, und zertheilte den Dunſt, wel⸗ cher die geheimnißvollen Geſtalten umhuͤllte 125 Jetzt erkannte man Glyndwr in ſeiner glaͤn⸗ zenden Ruͤſtung, und den Franziſkaner, wel⸗ cher das Banner Merlin's mit dem Drachen emporſchwang. Als das Echo des Donners in der Luft verſchollen war, ertoͤnte durch das grau⸗ ſende Schweigen beider Heere Glyndwr's fragende Stimme: Iſt die Stunde ge⸗ kommen? Worauf eine andere Stimme, die Allen fremd war, dumpf und hohl ant⸗ wortete: Ja, ſie iſt gekommen, die Stunde! XXVI. Und wie die Worte geſprochen waren, da ſchwankte unter den Fuͤßen der Englaͤnder die Erde, da ſtuͤrzte aus der Hoͤhe ein Strom von Steinen, Flammen, Erdkloͤßen und ge-⸗ ſchmolzenen Blei auf ſie nieder. Ganze Rei⸗ hen ſanken in den brennenden Abgrund oder wurden von den Steinen und Erdſchollen zu Boden geſchlagen. Viele wurden zerriſſen, Andere in die Luft geſchleudert. Das Ge⸗ witter wuͤthete fort. Um dem Tode zu ent⸗ rinnen, eilten die Uebrigen die Verſchanzung zu verlaſſen, die ſie nicht lange vorher mit groͤßter Anſtrengung genommen hatten. Die Stimme des Koͤnigs und ſeiner Haͤuptlinge verhallte. Das Engliſche Heer war nichts 17⁷ als ein verworrener Knaͤuel von Menſchen und Pferden, die einander erdruͤckten, und einander ſelbſt an der Flucht hinderten, in⸗ dem ſie den Ausweg aus der Verſchanzung verſtopften. Die dritte Abtheilung des Heers, welche vor der Verſchanzung aufgeſtellt war, und das Geſchuͤtz zu bewachen hatte, wollte dieſer Verwirrung Einhalt thun, allein auch ſie wurde vom Strome fortgeriſſen⸗ Die ganze Bergkette flammte. Sie ſchien mit Moͤrſern, in die Rippen der Felſen gegraben, beſetzt zu ſein. Glyndwr ſaß da, wie der Olympiſche Jupiter, von einem Flammen⸗ throne Blitze ſchleudernd, und weidete ſich am Jammergeſchrei und Geaͤchz der Feinde, welches die Wolken zerriß. Ploͤtzlich ſtieg an der Stelle, wo Glyndwr wie ein Gott ſaß, ein feuriger Springbrun⸗ nen in die Hoͤhe, deſſen Strahl alle Farben des Regenbogens ſpielte; er ſenkte ſich gegen Heinrichs Zelt, und bald loderte dieſes nebſt den andern in Flammen auf. Feuerbraͤnde II. M 178 entzuͤndeten die Gewaͤnder und Banner der Fliehenden. Die geheimnißvolle Flamme ver⸗ zehrte Alles, was ſie ergriff; die Feuerflocken flogen, ohne zu verloͤſchen, durch den nieder⸗ ſtroͤmenden Regen. Da erſchallte Glyndwr's ſtarke Stimme, das Angſtgeſchrei der Fliehenden uͤbertoͤnend: „Auf jetzt, Maͤnner von Cymry, vertreibt die Fremdlinge von Euerm Grund und Boden!“ Glyndwr's Leute ſtuͤrzten auf den Feind mit einem Wuthgeſchrei, welches den Donner uͤbertaͤubte. Ein fuͤrchterliches Gemetzel ent⸗ ſtand. Die Flamme des Blitzes, und der purpur⸗ azur⸗ und ſafranfarbige Feuerbogen vergoldete Blutſtroͤme. Vor dieſem Glanze erbleichte die rothe Roſe auf dem Banner Lankaſters. Viele Englaͤnder ſtuͤrzten ſich ſelbſt in die Flammen, oder in die Lanzen⸗ ſpitzen ihrer Verfolger, aber der groͤßte Theil draͤngte ſich wie eine vom Wolf geſcheuchte Heerde 179 nach der Bruͤcke, die Heinrich uͤber den Fluß hatte werfen laſſen. Doch ein zweiter Feuerſtrom ziſchte wie eine gluͤhende Schlange den Fliehenden nach; das Gedraͤnge vermehrte ſich; die Bruͤcke, welche ihre Laſt nicht tragen konnte, brach, und Roß und Mann ſtauͤrzte in die ſchaͤu⸗ mende Tiefe. Der Feuerſtrom ergoß ſich in die Fluth, welche gegen dieſen Feind mit Sauſen und Ziſchen ſich verantwortete; allein die Flamme erloſch nicht, ſondern brannte auf dem Waſſer fort, bunte Farben ſpielend, wie man ſie auf dem Koͤrper des ſterbenden Delphins zittern ſieht, oder beim Aufloͤſen der Metalle bemerkt. Der Laͤrm und das Geſchrei ließ endlich nach, und Todesſchwei⸗ gen ruhte auf der Gegend. Noch ſtand Heinrichs Reſerve am Ufer des Ceiriog. Vergebens bemuͤhten ſich die Hauptleute, durch kraftvolle Reden den ge⸗ ſunkenen Muth der Soldaten zu beleben. Die Truppen warfen die Waffen hin, und M 2 erklaͤtten, daß ſie nicht fechten wuͤrden. Nun wandten ſich die Anfuͤhrer an Adam Dhu mit dem Erſuchen, Glyndwrn von ihrer Un⸗ terwerfung zu benachrichtigen, und ihn um Schonung anzuflehen. „ Was ſind das fuͤr Heerhaufen,“ fragte Glyndwr, einen finſtern Blick in's Thal werfend„„ die meine Gnade anflehen? Ich meinte doch das ganze Bies vernichtet zu thaben.) Es iſt Heinrichs Reſerve, mein Feldherr! verſetzte Adam Ohu. Sie ſteht dort am Fluſſe; hier von der Anhoͤhe koͤnnt Ihr ſie ſehen. 33 1u„Wie?“ ſchrie Glyndwr.„Sie ſind's mit dem Dolche auf den Banner? Keine Gnade! Es ſind die Miethlinge der nichtswuͤrdigen Kraͤmerſchaft von London; ſie haben das Leben ihres Herrn Lankaſtern verkauft, meine Freunde erwuͤrgt, mich ermorden wollen, als ich auf die oͤffentliche Treue mich verließ. Wie konnte dieſe Bande verſchont werden? . 8 181 Keine Gnade! Jagt ſie insgeſammt in die Fluthen des Ceiriog!“ Der grauſame Befehl ward ſogleich voll⸗ zogen. Ein Wald von Lanzen, Schwertern und Streitaͤrten umringte den Haufen, wel⸗ cher dem Tode geweiht war. Einige ſtarben feig, ohne den mindeſten Widerſtand zu lei⸗ ſten, Andere verkauften ihr Leben um den hoͤchſten Preis. Doch der Kampf war nicht von langer Dauer. Die Fluthen des Ceiriog empfingen ihre Opfer.... Blos ein Reiterhaufen, an deſſen Syite der gedemuͤthigte Heinrich war, entrann dem allgemeinen Wuͤrgen. Unter dem Geſchrei der Sterbenden, verfolgt von gluͤhenden Stei⸗ nen und ſauſenden Pfeilen ſtuͤrzte ſich die Schaar in das Waſſer. Es gelang ihr, das entgegengeſetzte Ufer zu gewinnen, und ſo entkam ſie unter dem Schutze der Nacht und der allgemeinen Verwirrung. —— XXVII. Kaum hatte das Roſenlicht des Morgens die Schatten dieſer Blutnacht vertrieben, ſo begaben ſich Glyndwr's Hauptleute nach dem Zelte ihres Feldherrn, um ihn zum Siege Gluͤck zu wuͤnſchen. Sie trafen ihn auf den Wall geſtuͤtzt. Sein Auge irrte uͤber das Blutfeld, welches mit Helmen, Ruͤſtungen, Pfeilhaufen, mit zerriſſenen Bannern und halbverbrannten Streitwagen bedeckt war. Doch unempfindlich uͤberflog Glyndwr's Blick dieſe Spuren ſei⸗ nes Siegs; ganz andere Gedanken ſchienen ihn zu beſchaͤftigen; ſeine Mienen verriethen Mismuth. 183 Es dauerte eine Weile, ehe er die An⸗ weſenheit ſeiner Freunde bemerkte. End⸗ lich empfing er ſie guͤtig wie gewoͤhnlich, doch auf ihre Gluͤckwuͤnſche antwortete er mit ſeltſamer Kaͤlte. Nach einigen Fragen uͤber den Zuſtand ſeines Heeres forderte er ſie auf, ihm in ſein Zelt zu folgen. Hier ſtellte er ſich in ihre Mitte, und fing an, von ſeinen kuͤnftigen Plaͤnen zu ſprechen— aber mit einem Male hielt er inne, ward blaß, und blickte mit ſtierem Auge im Kreiſe umher, bis es endlich auf einem alten Hauptmanne, der mit Andern kurz vor der Schlacht Heinrichs Heer verlaſſen hatte, haf⸗ ten blieb. Er rief den Greis bei ſeinen Namen, und befahl ihm in hartem Tone, naͤher zu treten. Waren die Anweſenden aͤber Glyndwr's Benehmen erſtaunt, ſo wa⸗ ren ſie es jetzt noch mehr, als ſie den Greis heftig zittern und in Thraͤnen ausbrechend zu Sir Owains Fuͤßen niederſtuͤrzen ſahen. 184 „Alſo bereut Ihr doch“ ſprach Owain mit Ruhe„Euer verbrecheriſches Vorhaben, Apreece? Ihr verabſcheut den Elenden, der Euch zu einer ſo ehrloſen Handlung gedun⸗ gen hat?“ Ja, ich bereue; erwiederte der Greis mit Schluchzen und badete Glyndwrs Fuͤße mit Thraͤnen. Aber wer gab Euch das uͤber⸗ menſchliche Vermoͤgen, zu leſen, was im tief⸗ ſten Grunde meines Herzens geſchrieben ſtand? Ja, mein verbrecheriſches Vorhaben iſt ent⸗ huͤllt; und ich habe Euere Rache verdient?— Welches Vorhaben? fragten Alle. „Er hatte verſprochen“ antwortete Glynd⸗ wr kalt„mich zu meuchelmorden; mich, den er geſtern zum erſten Male ſah; mich, der ihn nie beleidigte!“ Auf der Stelle ſterbe der Verraͤther! ſchrien Alle, und hundert blitzende Schwerter drohten dem Greiſe den Tod— aber.. —— 185 „Halt!“ ſchrie Glyndwr, riß ſein Schwert aus der Scheide, und deckte damit den Greis, welcher zu ſeinen Fuͤßen ſich wand.„Er ſoll nicht ſterben!— Apreece!(fuhr er fort) Ich weiß Alles. Eure beiden Soͤhne ſind als Geißeln in Heinrichs Haͤnden zuruͤckge⸗ blieben. Ihr mußtet, um ſie zu befreien, den Auftrag uͤbernehmen, mich, Heinrichs gefuͤrchtetſten Feind, aus dem Wege zu raͤu⸗ men.“ O ich bin ſchaͤndlich verfuͤhrt! rief Apreece. „Durch wen?“ fragten Mehrere.„Durch Bolingbroke?“ Nicht durch ihn perſoͤnlich! verſetzte der Greis. Der Baron Montalto verfuͤhrte mich, indem er, um von der Rechtmaͤßigkeit der That, die ich vollbringen ſollte, mich zu uͤberzeugen, eine oͤffentliche Bekanntmachung des Koͤnigs mir mittheilte. „Wes Inhalts?“ fragte Glyndwr.„Ich 186 weiß von dieſer Bekanntmachung nichts. Zeigt ſie vor!“ Es war ein Manifeſt Heinreichs, in wel⸗ chem er Ehren und Wuͤrden, und eine Be⸗ lohnung von 5000 Mark Silbers demjenigen verſprach, welcher ihm den Kopf des Rebel⸗ len Owain Glyndwr bringen wuͤrde. Der Feldherr warf einen veraͤchtlichen Blick auf die Schrift, gab ſie darauf in Soudamore's Haͤnde und ſagte nach einigem Schweigen:„Solche Heimtuͤcke habe ich Hein⸗ richen nicht zugetraut. Die Bekanntmachung iſt von dem naͤmlichen Tage, wo er die Un⸗ terredung mit mir hatte. Er ſoll mich aber nunmehr entſchloſſener handeln ſehen!“— Darauf winkte er ſeinem Kanzler Yonge. „Kanzler!“ ſagte er.„Schreibt augenblick⸗ lich ein Manifeſt, in welchem ich den naͤm⸗ lichen Preis ſetze auf den Kopf Heinrich Bolingbroke's, des Herzogs von Lankaſter, der ſich den Titel eines Koͤnigs von England 187 falſchlich angemaaßt hat, aber ein Hochver⸗ raͤther iſt an ſeinem rechtmaͤßigen Herrn Eduard, dem man blos den Titel eines Gra⸗ fen von March giebt. Unterzeichnet wurde das Manifeſt: Owain Glyndwr, Erbfuͤrſt von Powysland, Pendragon von Nord⸗ und Suͤd⸗ Wales. Nachdem er befohlen hatte, von dem Manifeſt Abſchriften zu fertigen und ſie zu vertheilen, wandte er ſich wieder zu dem Greiſe, der immer noch zu ſeinen Fuͤßen lag und ſein Todesurtheil zu erwarten ſchien. „Reiſt ab, wohin ihr wollt. Sagt Euerm Gebieter, daß ich ſeine Hinterliſt eben ſo we⸗ nig fuͤrchte, als die Gewalt ſeiner Waffen. Er hat es heut erfahren, ob ich ihn zu fuͤrch⸗ ten brauche.“ Der Greis wollte etwas erwiedern, allein ein niederſchmetternder Blick Glyndwr's noͤthigte ihn zu ſchweigen.„Geht! Ich ſag' es noch 188 einmal!“ rief er.„Kein Wort!— Berich⸗ tet Alles, was Ihr geſehen habt; Ihr woll⸗ tet meinen Tod, doch ich will den Eurigen nicht. Und was Eure Soͤhne anlangt, ſo ſeyd ruhig; der ſie Euch zuruͤckhaͤlt, hat jetzt an nichts zu denken, als an ſeine eigne Si⸗ cherheit. Kuͤnftig wird Heinrich von Lanka⸗ ſter nichts zu gebieten und nichts zu ver⸗ bieten haben im Waliſer⸗Lande!“— Ende des dritten Theils. Bei dem Verleger dieſes ſind ſo eben noch erſchienen: Mathilde von Rokeby, von Walter Scott, bearbeitet von F. P. E. Richter. 2 Bde. 8. 1822. 4 2 Thlr. Marmion, oder die Schlacht v. Flodden⸗Field. Eine Rittergeſchichte von Walter Scott. Nach der 9ten Ausgabe frei bearbeitet von F. P. E. Richter. 2 Bde. 1822. 2 2 Thlr. Harold der Unerſchrockne, von Walter Scott, bearbeitet von W. von Morgenſtern. . 1822.. 20 Gr. Jacobine, oder der Ritter des Geheimniſſes. Ein hiſtorſcher Roman nach Walter Scott, bearbeitet von F. P. E. Richter. 2 Bde. 8. —— Fſinſimſſſſſfſſſſſiſſiſſſ 12 13 14 15 16 17 18 7 8 9 10 11 4 6 4 3 5 ‿☛ 4. — 8 7— 5 4 4 5 2