und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jgeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 und Zurückſt endung e, beſchmutzte, ver⸗ ren heruth ſo iſt ieſelbe feſtgeſetzt und wird e 3 eiterverleihen n, welche die⸗ Die irce von Glas⸗Llhn. Ein Roman nach Walter Scott von „—. K. Heinr. Leop. Reinhardt. Zweiter Theil. —3—— 5½ Lei rs i g, 1822. Bei Wii, helm Lauffer. Die Circe von Glas⸗Llyn. Ein Roman nach Walter Scott. Zweiter Theil. II. 8 Nachdem Glyndwr die Angekommenen herz⸗ lich begruͤßt hatte, zog er ſich in ſein Cabinet zuruͤck und befahl: daß niemand, wer es auch ſein moͤchte, unter keinerlei Vorwand ihn ſtoͤ⸗ ren ſolle, weil er Arbeiten von hoͤchſter Wich⸗ tigkeit zu vollenden gedenke. Die neugierige Dienerſchaft bemerkte, daß er von Zeit zu Zeit mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und abgehe; doch fiel das nicht auf, denn es war ſeine Gewohnheit ſo, wenn er uͤber einen geheimen Plan bruͤtete. In der Nacht aber hoͤrte Morgan, der da voruͤber zu ſeinem Herrn ſchleichen wollte, weil 4 er anderwaͤrts ſich nicht fuͤr ſicher hielt— mit dem geſchaͤrften Ohre der Furcht an der Thuͤr dieſes Schauergemachs ein leiſes Gefluͤſter von Glyndw'rs Stimme und noch einer andern tiefen, hohlen. Er entfloh mit Grauſen. Gwyllim war indes auf den Einfall ge⸗ kommen, unter den Fenſtern der huͤbſchen Mild⸗ red ein Liedchen abzuſingen, das er zu Ver⸗ herrlichung ihrer Reize eben gedichtet. Kaum hatte er praͤludirend einige ſanfte Accorde an⸗ geſchlagen, ſo ſtuͤrzte ein ſchoͤner Juͤngling mit blitzendem Degen auf ihn zu: Es war Ivan, der ſich einbildete, die Serenade beziehe ſich auf Gwenllian, ſeine Geliebte. Sir David zog ſogleich auch und beide, ſehr geuͤbt in den Waffen, fochten eine Zeitlang, ohne einander verwunden zu koͤnnen. Da rauſchte uͤber den Kaͤmpfern ein Fenſter auf. Sie ſahen empor und an demſelben, von magiſchem Licht um⸗ floſſen, einen geharniſchten Mann, in welchem Gwyllim ſogleich den Geiſt Ramiel erkannte, 1 — 5 der in der Wohnung des Zauberersr Merlin, als Ritter, Helenen erſchienen war. Er gerieth in Verwirrung, aber auch Ivan ſchauderte vor dem Geſpenſte zuruͤck. Beide entfernten ſich eiligſt. Nach einiger Zeit ſah Gwenlllian, die vor großer Unruhe nicht ſchlafen konnte, die ver⸗ meinten Nebenbuhler Arm in Arm gehen. Wahrſcheinlich alſo hatten ſie ſich verſtaͤndigt und wieder mit einander verſoͤhnt. Als der Morgen zu daͤmmern begann, ließ Glyndwr ſeinen liebſten Schwiegerſohn Adam 8 Dhu rufen, um ihm eine Standarte anzu⸗ vertrauen, die er in der Nacht von irgend ei⸗ nem Unbekannten— wahrſcheinlich von dem geharniſchten Abgeſandten Merlins— erhalten haben mußte; denn vorher hatte noch niemand ſie in ſeinen Zimmern bemerkt. Bald darauf entſtand großer Laͤrm vor dem Schloßhofe; er war mit Soldaten umringt, deren 6 Zahl fortwaͤhrend anwuchs. Zunaͤchſt dem Thore hatte ſich ein Corps Bogenſchuͤtzen gelagert, wie es ſchien, um von den Strapatzen eines langen Marſches auszuruhen. Die Officiere dagegen, ausgezeichnet durch die Pracht ihrer Waffen und die von den Helmen wehenden Federbuͤ⸗ ſche, gingen auf der Terraſſe unter Gwenllians Fenſtern in lebhafter Unterredung hin und wieder. Einige Minuten darauf ſah ſie einen Ritter im reichen Coſtuͤm von Suͤd⸗Wales, auf ſeinem Renner, mit der Schneligkeit des Blitzes, uͤber die niedergelaſſene Zugbruͤcke in den Hof ſprengen. Er verlangte mit dem Be⸗ fehlshaber zu ſprechen. Glyndwr zeigte ſich in der Schloßthuͤr mit entbloͤßtem Haupte; ein freudiger Zuruf von Allen, die ihn ſehen konnten, begruͤßte ihn, und der Ritter uͤberreichte ihm eine Depeſche. Er gab ſie weiter an Rhys⸗Girch und befahl ihm ſie mit lauter Stimme vorzuleſen, nach⸗ *. „ 6 dem durch einen Trompetenſtoß ein Waffen⸗ herold Stillſchweigen geboten hatte. Es war ein Decret des Koͤnigs, wodurch alle Beſitzungen Glyndwr's im Suͤden und Norden von Wales fuͤr confiscirt erklaͤrt und — mit Ausnahme von Dinas⸗Bran, das Graf Arundel erhalten ſolle— dem Grafen Sommerſet, Bruder des Koͤnigs, zugeſprochen wurden. Sir Edmond Mortimer, von Wig⸗ more, Charlton, Lord Powis, Baron Mon⸗ talto auf Mold Caſtle und Reginald Lord Grey auf Ruthin waren beauftragt mit Voll⸗ ſtreckung dieſer allergnaͤdigſten Willensmeinung Heinrich's.— 8 Todtenſtille folgte dieſer Vorleſung. II. Nun trat Glyndwr vor— immer noch baar⸗ haupt; der feine Menſchenkenner wußte, wie ſtark dergleichen kleine Achtungsbeweiſe der Großen auf die Menge zu wirken pflegen— und nachdem Mortimer, Graf von March und Girch ſich ihm zur Seite geſtellt und im Halb⸗ zirkel die uͤbrigen Krieger ihn umringt hatten, ſprach er mit Feuer dieſe Worte: Soldaten! Die Sache der Unabhaͤngigkeit gegen einen Tyrannen und Meuchelmoͤrder zu vertheidigen, habe ich euch hier verſammelt. Ihr hoͤrtet eben, daß Heinrich von Lancaſter damit umgeht die — 9 Freiheit und das Eigenthum der Waliſer zu vernichten. Wagt er es, euer Oberhaupt ſo frech zu behandeln, welches Schickſal wird den Uebrigen bevorſtehen? Laßt uns ſeine Hohn⸗ ſpruͤche mit der Spitze des Degens beantworten! Ich werde euch auf der Stelle dahin fuͤhren, wo das Vaterland uns im edlen Kamfe mit ſeinen Unterdruͤckern zu ſehen erwartet. Wehe Allen, die aus Eigennutz die Parthei des ver⸗ aͤchtlichen Kronenraͤubers ergriffen haben!— Wir wollen ſie uͤberfallen, wie ein Hagelwet⸗ ter in der Nacht.“— Beifallsbezeugungen ertoͤnten von allen Sei⸗ ten her und die letzten Worte des Redners gin⸗ gen von Mund zu Mund. Die Lanzen richteten ſich auf gleich einer Saat, reifer Aehren, funkelnd im Strahl der Morgenroͤthe. Die Officiere ſpreng⸗ ten umher, formirten ihre Schwadronen und theilten Befehle aus. Man brachte dem Feldherrn Waffen und ein reich mit Edelſteinen geſchmuͤck⸗ tes Roß. Nachdem er ſich aufgeſchwungen, 10 redete er folgendermaßen zu den marſchfertigen und kampfdurſtigen Kriegern, waͤhrend Adam Dhu die empfangene Standarte aufrollte: Freunde! Dieſes wehende Panner, darſtellend einen goldnen Drachen mit einem Kometen uͤber dem Haupte, iſt daſſelbe, unter welchem die Node⸗ rich, Carodoch, Arthur, Llewellin und Owain Gynnedd eure Vorfahren zum Siege fuͤhrten. Zeigt euch als wuͤrdige Abkoͤmmlinge jener hoch⸗ herzigen Waliſer! Muͤhevoll und blutgetraͤnkt iſt der Pfad, den wir betreten; aber— das ver⸗ heißt der uns leitende Stern— er wird fuͤr uns eine Bahn der Ehre und des Ruhms wer⸗ den.“— Wildes Geſchrei, von Muth und Begeiſtrung zeugend, beantwortete dieſe Auffodrung. Glyndnr ſebte ſich an die Spitze des Heerhaufens, der unter dem Klange einer Nationalmuſik den De⸗ fileen von Gliſſeg mit der Deva zuſtroͤmte. 8 —— II III. As die Blitze der Waffen mit dem letzten Echo der kriegeriſchen Toͤne hinter den roͤthlichen Felſen des Thalgelaͤndes verſchwunden waren, ging Gwenllian hinab in den Park, um da in der Morgenfriſche, eh ſie ihrer Mutter und ihren Schweſtern ſich zeige, die noͤthige Faſſung 39... gewinnen. Traͤumend hatte ſie dieſe erſten Sce⸗ nen eines tragiſchen Schauſpiels von zweifel⸗ haftem Ausgang mit angeſehen und unwillkuͤhr⸗ lich waren ihre Augen feucht worden. Ei⸗ nes Helden Tochter, ſchaͤmte ſie ſich dieſer Ge⸗ muͤthsſtimmung, mehr noch zitterte ſie vor der Auslegung, die man ihr geben koͤnne. Aber mit aller Anſtrengung konnte ſie die Unruhe im. ——O—— —— — — — —ÿ—:xꝛꝛßl—— 12 Innern nicht ſtillen und die Geſtalt Glyndwr's im Augenblick des Scheidens ſtellte ſich fort⸗ waͤhrend ihrer Einbildungskraft dar. Sie ſchau⸗ derte beim Gedanken an die Gefahren, denen er entgegenging, und ein Vorgefuͤhl, daß ſie ihn nie wiederſehen werde, durchdrang ſchnei⸗ dend ihr Herz. Als ſie die Pforte des Parks leiſe eroͤffnet hatte und die Schatten eines Kaſtanienwaͤld⸗ chens ſie aufnahmen, war ihr, als ob ihr gan⸗ zes Weſen ſich in Vernichtung aufloͤſen wolle. Das hartnaͤckige Schweigen, welches ſie gegen ihren Vater beobachtet— o, gern haͤtte ſie jetzt alles in der Welt aufgeopfert, um es gebro⸗ chen— um zum Abſchiede ihm nur noch ein ein einziges Wort— ein letztes Lebewohl ge⸗ ſagt zu haben. Seine zarte Sorgfalt fuͤr ihre Bildung von Jugend auf, ſeine unerſchoͤpfliche Guͤte und die großen Eigenſchaften des ſelte⸗ nen Mannes ſtanden lebhaft vor ihrer Stele; dagegen verſchwand alles, was ihr in ſeinem 13 ſpaͤtern Betragen gegen ſie tadelswerth vorkom⸗ men mußte. Unter einer Linde, deren Bluͤte die Luft durchbalſamte, hatte Glyndwr fuͤr die zu heiß geliebte Tochter vor kurzem einen Raſenſiß er⸗ richten laſſen. Hier, dem Strom ihrer Ge⸗ fuͤhle ſich hingebend, warf Gwenllian ſich nie⸗ der und lange wuͤrde ſie hier verweilt haben, ohne die Stunden zu zaͤhlen und ohne daran zu denken, daß ihre Entfernung Beſorgniß er⸗ regen koͤnne. Zufaͤlliger Weiſe aber blitzte im Strahl der aufgehenden Sonne, aus einem nicht fernen Gebuͤſch, der Helm eines Ritters, der ein Abenteuer beſtehn zu wollen ſchien. Oft blickte er hinter ſich, als ob er die Ankunft ei⸗ nes Dritten erwarte, dann wieder verhuͤllte er ſich dichter im Mantel und ging unruhig auf und ab. Gwenllian, waͤhnend es ſei Hoel, der hier ihrer warte, wollte ihm entgegengehen; aber II. 2 14 nach den erſten Schritten ſchon erkannte ſie in dem Fremdling Montalto, den Gefaͤhrlichſten un⸗ ter Allen, die ihr bisher nachſtellten. Sie er⸗ ſchrak und verſuchte es, ſich heimlich zu ent⸗ fernen; aber ihr weißes Gewand hatte auch ſie dem Baron ſchon verrathen. Er rief ihr zu: „Nur einige Worte, liebenswuͤrdige Gwenl⸗ lian!— Um Gottes willen! hoͤren Sie mich doch an; ſonſt ſind Sie verloren. Ich komme kei⸗ neswegs in feindlicher Abſicht; ſondern als Ab⸗ geſandter ihres Veiters, Hoel Séle, der allein faͤhig iſt, Sie vom unvermeidlichen Verderben zu erretten.“—. Aber ſeine Tritte hinter ſich vernehmend, entfloh Gwenllian mit der Schnelligkeit einer gejagten Hindin, zitternd und faſt beſinnungs⸗ 10s. Ungluͤcklicher Weiſe verſperrte ihr der Aſt eines Baumes den Weg. Sie ſtieß dagegen ſo heftig mit der Stirn, daß ſie blutend und betaͤubt zu Boden ſtürzte. — IV. Indes ſetzte Glyndwr ſeinen Marſch nach Ru⸗ thin fort, ohne ein Hinderniß anzutreffen. Am Ufer der gekruͤmmten Deva hin, ging der Zug zwiſchen Gebirgsketten von welche hundert Katarakte ſich herabſtuͤrzen. Das Erhabne die⸗ ſer Scenen entſprach vollkommen der Groͤße ſei⸗ nes Unternehmens. Allein er hatte jetzt keinen Einn fuͤr die Schoͤnheiten der Natur zandre Ge⸗ danken beſchaͤftigten ſeinen Geiſt. Als er endlich von einem Bergruͤcken in der Tiefe ſeines Feindes Beſitzungen erblickte, glich er einem Falken, der im Begriff ſteht, ſich mit luͤſterner Wuth aus den Wolken auf ſeine Beu⸗ te herunter zu werfen. Der Augenblick der Rache war gekommen; jetzt konnte er Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie die Fluthen ei⸗ nes Wolkenbruches, uͤberſchwemmten ſeine Schaa⸗ ren die Ebenen unter ihren Fuͤßen. Eine all⸗ gemeine Contribution ward ausgeſchrieben und, wo man Widerſtand leiſtete, alles mit Feuer und Schwert verheert. Doch ohne hierbei Zeit zu verlieren, drang er unaufhaltſam vorwaͤrts, in, der Hoffnung, ſich des Schloſſes, in welchem ſein Feind wohnte, durch Ueberrumpelung zu be⸗ maͤchtigen. Allein durch erſchrockene Fluͤchtlinge hatte Lord Grey von der ihm drohenden Gefahr dennoch fruͤher ſchon Nachricht erhalten. Er ſammelte eiligſt, was er an Truppen aufbrin⸗ gen konnte und warf ſich damit ſeinem Gegner in den Weg. Als Glyndwr vor den Zinnen der Burg ſich uͤberzeugt hatte, daß man vor⸗ bereitet ſei und der ſehr feſte Platz augenblicklich durch Sturm nicht genommen werden koͤnne; begnuͤgte er ſich dem gedemuͤthigten Lord die 12 Gefangenen und die Beute zu zeigen, die er gemacht hatte. Darauf ließ er durch einen Waffenherold die Unterthanen Ruthin's nach Barrow⸗Hill beſcheiden, wo er mitten unter den Staunenden, Angeſichts der Garniſon, nach⸗ dem er die Standarte Marlin's auf die Mauern geflanzt, ſich oͤffentlich fuͤr den Beſchuͤtzer und Souverain des Koͤnigreichs Wales erklaͤrte. In Flint⸗Shire machte er nachher bekannt: er habe die Waſſen ergriffen, um den Mord Nichard II. zu raͤchen. Die Edelleute dieſes Landes waren vom entthronten Koͤnig mit Gunſt⸗ bezeigungen uͤberhaͤuft worden. Sie verban⸗ den ſich in großer Zahl mit Glandwr, waͤhrend Andre das Schloß Flint, wo der Monarch verrathen ward, im Namen des neuen Regen⸗ ten beſetzten. Nachdem er die Schluͤſſel deſſel⸗ ben empfangen, ſtellte er durch ein Decret, in Form eines koͤniglichen Befehls, die dreyjaͤhri⸗ gen Olympiaden der Barden, von Heinrich unterſagt— feierlich wieder her. Von da an 1 18 glich ſein Marſch einem Triumphzuge. Er bemaͤchtigte ſich zuerſt der Stadt und Kathedrale 1 von St. Aſaph, entſetzte darin den Biſchof 4 Trevor ſeiner Wuͤrde unter koͤniglicher Autoritaͤt und mit Beobachtung deſſelben Ceremoniels, unter welchem der Biſchof Rechard II. fuͤr des Throns verluſtig erklaͤrt hatte. Den erledigten Stuhl gab er einem Franziskaner; den Pallaſt Trevor's aber ließ er in Brand ſtecken. Nach dieſem entſcheidenden Schritt ſorgte. er dafuͤr, daß ihm der Ruͤckweg nicht abge⸗ 4 ſchnitten werden koͤnne, wenn er uͤber die Grenzen gehe. Beſonders in der Gegend um Caer⸗Drewyn in der Naͤhe des Dorfes Corven legte er ſtarke Verſchanzungen an. In dieſer 1 Stellung erwartete er die Bewegungen Hein⸗ richs. 19 V. Da Neuigkeit, daß Glyndwr aufgeſtanden ſei, verbreitetete ſich reißend ſchnell durch ganz Wales, wie ein Erdbeben, und ſeine Procla⸗ mationen begeiſterten uͤberall die Soͤhne des Vaterlandes. Von Mona bis zum Canal von Briſtol— von der Bay von Cardigan bis an die Grenzen des Reichs ſprangen auf den Ruf ſeiner Stimme Bexwaffnete gleichſam aus der Erde hervor. Beſtuͤrzt hieruͤber und Heinrich's Vorwurfe fuͤrchtend, thaten die Be⸗ fehlshaber an den Grenzen das Aeußerſte, um die Fortſchritte der Inſurrection aufzuhalten. Am meiſten zeichneten ſich dabei aus die Lords Arundel, Powis und Montalto, deren Do⸗ 20 mainen Chirk, Holt und Mold Caſtle in Glyndwr's Nachbarſchaft am ſtaͤrkſten mitge⸗ nommen wurden. Auf das Gebirge, das ihm zur Feſtung diente, wagten ſie einen Sturmlauf nach dem andern und in den Thaͤlern hoͤrten die Scharmuͤtzel Tag und Nacht nicht auf. Allein durch ſeine Poſition beguͤnſtigt, ſchlug Glyndwr jeden Angriff gluͤcklich ab, und der Feind erlitt dabei oft großen Verluſt. Die Truppen der Grenzbefehler beſtanden meiſt nur aus Rekruten, die ungewohnt, Hunger und Durſt zu ertragen, bald in großer Zahl ausriſſen. Dies bemerkend, beſchloß Glyndwr von der Schwaͤche des Feindes Vortheil zu ziehen. Plöͤtzlich mit einer auserleſenen Schaar von erprobter Tapferkeit herabſtuͤrzend, eroberte er die Feſtung Holt, dem Lord Arundel zuſtaͤn⸗ dig. Dazu hatte er mehrere Beweggruͤnde. Holt Caſtle war unter den erſten, die ſich fuͤr den Uſurpator erklaͤrten. Hier bewahrte Ri⸗ * 5 2 chard die koͤniglichen Inſignien, ſeine Juwelen und Schaͤtze auf, was alles durch Arundels Verrath an Heinrich ausgeliefert ward, waͤh⸗ rend der Koͤnig im Schloſſe Flint ſich noch vertheidigte. Mehr noch zur Rache gegen die⸗ ſen Ort fuͤhlte er ſich gereizt, weil der Boden hier mit dem Blute ſeiner Vorfahren gefärbt worden. Hier war es, wo Lord Warren den Sohn ſeines Großvaters Gryffyd, von Edward I. ſeiner Vormundſchaft anvertraut, aufgreifen und unter der Bruͤcke von Holt erſäufen ließ, damit er die Familie Glyndwrs der vaͤterlichen Verlaſſenſchaft berauben koͤnne. Nachdem er die Schuldigen beſtraft, erhielt er einen Brief, der ſeinen Gedanken eine au⸗ dere Richtung gab. G VI. Er erbrach das Schreiben mit dem Vorge⸗ fuͤhl eines Ungluͤcks; es kam von ſeiner Ge⸗ mahlin, die ſich mit ihrer Familie damals bei Sir David Hammer, ihrem Vater, aufhielt. nach ſeiner Abreiſe aus Sychart verſchwunden Erfolg geblieben. ſei ein Blitz aus ſchwarzer Wetterwolke auf ſeinen Scheitel gefallen. Er blieb auch da Margarethe meldete ihm: Gwenllian ſei bald und die ſorgfaͤltigſte Muͤhe, den Ort zu er⸗ forſchen, wo ſie ſich verberge, bis jetzt ohne Dieſe Nachricht wirkte auf Glyndwr, als 23 noch betaͤubt, als man ihm rapportirte: Hein⸗ rich marſchire auf Shrewsbury und habe ge⸗ ſchworen, ſich an ihm fuͤrchterlich zu raͤchen. Zwar gewann er bald wieder die Kraft zu den⸗ ken; aber er verwendete ſie nicht darauf, Maas⸗ regeln zu ergreifen, wodurch der ihn bedrohen⸗ de Schlag abgewendet werden koͤnne; ſondern er erſchoͤpfte ſich blos in Vermuthungen uͤber die Urſachen von Gwenllians Flucht. Zuerſt glaubte er, Ivan, der tollkuͤhne, habe ſie mit Gewalt entfuͤhrt. Dann fiel ſein Verdacht auf Hoel Séle, dann gar auf ſeinen bewaͤhrteſten Freund; denn David Gwyllim hatte, nach Glyndwr's Abmarſche von Spychart, ſich ent⸗ fernt, um auch ſeine Partiſane zu verſammeln und damit zum Heere zu ſtoßen, was indes der großen Entfernung wegen ſo gar ſchnell nicht geſchehen konnte. Am Ende aber warf Glyndwr alle Schuld auf ſich ſelbſt. In der geheimen Unterredung mit Gwenl⸗ lian hatte er, von der Gewalt der Leidenſchaft 24 fuͤr ſie hingeriſſen, ihr Erklaͤrungen gemacht, die das ſcheue Maͤdchen zu dem verzweifelten Entſchluß bewogen haben konnten, ſich auf im⸗ mer vor ihm zu verbergen. Man erwartete, er werde entſchloſſen dem Uſurpator entgegengehn; aber zu großer Ver⸗ wundrung ſeiner Freunde befahl er: das Heer ſolle ſich augenblicklich mit der groͤßten Vor⸗ ſicht nach Corven zuruͤckziehen. Hier ange⸗ kommen, begab er ſich in ſein Zelt, unfaͤhig zu weiteren Geſchaͤften. Endlich konnte er die Angſt um Gwenllian nicht laͤnger ertragen. Wie Antonius die Ehre eines Sieges auf das Spiel ſetzte, um einer egyptiſchen Sirene zu folgen, ſchlich er im Dunkel der ſchweigenden Nacht aus dem Lager, um auf einem Schnell⸗ roſſe nach Sychart zu eilen. In zwanzig Minuten iſt er vor der Pforte des Pallaſtes. Er giebt ſich der Schildwacht zu erkennen, ſchreitet durch den Hof und verlangt ein Licht, * 23 das ſeine Leuke ihm bringen. Damit verfuͤgt er ſich haſtig in die Zimmer ſeiner Gemahlin und Toͤchter. Hier, wie im großen Sagle, fin⸗ det er alles in derſelben Ordnung, worin er es verlaſſen hatte. Nach einigen Zoͤgern betritt er auch das Heiligthum, welches Gwenllian be⸗ wohnte. Es iſt leer— er ſeufzt— die Gott⸗ heit iſt aus ihm entflohen.— Mit der flachen Hand an der Stirn, in Schmerz und duͤſtres Nachſinnen verſunken blieb er einige Augen⸗ blicke ſtehen ohne Bewegung. Dann ſchlug er die Augen auf in der Hoffnung irgend etwas zu entdecken, daß ihm Aufklaͤrung geben koͤnnte. Seine Blicke fielen ſogleich auf ein praͤchtig eingebundenes Manuſcript, das auf der Otto⸗ mane lag. Es war Chaucers Teſtament der Liebe, welches der Dichter ſchrieb, waͤh⸗ rend er um ſeiner Verbindung mit den Lol⸗ lards willen gefangen ſaß. Gwenllian ſchien vor ihrer Entweichung darin geleſen zu haben; denn es war aufgeſchlagen und die Blaͤtter 26 feucht von Thraͤnen. Wehmuͤthig griff er nach dieſer koſtbaren Reliquie; da fiel aus den Blaͤt⸗ tern ihm zu Fuͤßen ein unverſiegelter Brief mit dem Miniaturbilde des Zaubermaͤdchens. . VII. Das Schreiben war von Gwenllian's Hand, an Lady Iscoed gerichtet und lautete ſo: „Seit ich Dir das letztemal ſchrieb, liebe Mildred! iſt der Schleier zerriſſen und jene Erklaͤrung erfolgt, der ich laͤnger nicht auswei⸗ chen konnte. Ja! ſchweſterliche Freundin! — er liebt mich— aus ſeinem eigenen Munde hoͤrte ich das ſchreckliche Wort.— Du zitterſt beim Leſen deſſelben; Du glaubſt, ich lheile dieſe wahnſinnige Leidenſchaft— Ach leider! hat das Gift ſich durch die Adern auch in mein Herz geſchlichen. Dei⸗ ne Beſorgniſſe, deine Vorherſagungen ſind ein⸗ getroffen. So erfahre denn ganz das Geheim⸗ niß meiner Schuld: Ohne es anfangs zu wiſſen, erwiederte ich Liebe mit Liebe. Einer ſchoͤnen Schlange gleich, ſchmeichelte ſich das unſelige Gefuͤhl in meine Bruſt und nach und nach umſtrickte es mich immer feſter. Meine Liebe nicht, wie die Deine, gute Mildred!— nicht ſchoͤn, edel und erhaben, hat einen außerordentlichen Charakter, der die beſte Entſchuldigung iſt, welche ich dafuͤr auf⸗ finden kann. Ich liebe ihn heftig, aber wie eine Prieſterin den Gott ihres Tempels. So empfindet keine Sterbliche fuͤr einen Sterbli⸗ chen. Auch ſind wir— merke das wohl!— nicht durch die Bande des Bluts mit einander verwandt, ſondern nur— oder vielmehr n aͤ⸗ her durch gleiche Stimmung der Seelen.— Ach, Ivan!— eben gedenke ich des ar⸗ men Juͤnglings auch. Die Verbrechen und 29 das Schickſal des Oedipp ſchienen zuſammen ſich in unſerm Hauſe erneuern zu wollen. Erinnerſt Du Dich noch jenes Abends im romantiſchen Thale von Aberglasliyn, wo wir auf der Wieſe des Kloſters Bedgellert, unter dem Lieblingsbaume im Graſe ſchlummernd, zuerſt ihn ſahen? Damals ahnte der Ungluͤck⸗ liche nicht, wie verhaͤngnißvoll dieſe Zuſammen⸗ kunft fuͤr ihn ſeyn wuͤrde. Das Geheimniß ſeiner Leidenſchaft fuͤr mich habe ich Dir ſchon anvertraut. Sie war damals nicht ſtraͤflich, wie die meinige fuͤr Glyndwr; denn es giebt keine Schuld ohne Bewußtſein der Schuld. Die Verhaͤltniſſe, welche eine Verbindung zwiſchen uns nicht ge⸗ ſtatten, waren ihm unbekannt, als die Flam⸗ me der Liebe in ſeiner Bruſt aufloderte. Eben kommt der Franziskaner, mein Beicht⸗ vater, um mit mir nach Sychart zu reiſen. II. 3 30 Von da aus mehr, geliebteſte Mildred! Einſt⸗ weilen lege ich die Feder aus der Hand— Fortſetzung. Endlich bin ich an dem Orte, wo ich vor den Verfolgungen boshafter Menſchen Schutz zu finden hoffte. Ach! auch von Sychart wer⸗ de ich entfliehen muͤſſen. Eine ſchlafloſe Nacht ſteht mir bevor. Wie koͤnnte ich die ſtillen hei⸗ ligen Stunden beſſer verwenden, als dazu, daß ich der Freundin meiner Seele mich nun, da es erlaubt iſt, ganz ſo zeige, wie ich von Kindheit an war und bin. — Aus jener fruͤheren Zeit, wo die Sinne nach und nach erwachen, der Geiſt ſich zu entwickeln anfaͤngt und nun ſeiner ſelbſt und der Außendinge ſich bewußt wird— erinnere ich mich nur zweier Gegenſtaͤnde: der Geſtalt Glyndwr's und meiner Amme Sarah. Ent⸗ fernte dieſe ſich, ſo nahm mich jener in den Arm und pflegte mein mit der zaͤrtlichſten Liebe. 31 Spaͤterhin bemerkte ich im allerlei ſeltſame Inſtrumente, Globen und Buͤ⸗ cher. Dies war der gewoͤhnliche Aufenthalt Glyndwr's, das Merkwuͤrdigſte dabei aber, daß er ſich— unter der Erde befand. Wollte Sarah mit mir im Freien luſtwandeln, ſo erſtieg ſie eine geheime Treppe und hob dann einen Stein auf in der Naͤhe einer weißen Saͤule, jener gleich im Thale von Eliſeg. gewoͤlbten Zimmer Fuͤr einen ernſten, unaufhoͤrlich mit tief⸗ ſinnigen Forſchungen beſchaͤftigten Weiſen haͤtte ich eigentlich eine laͤſtige Geſellſchafterin ſein muͤſſen; allein Sir Owain unterhielten meine kindiſchen Fragen; er beantwortete ſie ſtets, meiner Faſſungskraft angemeſſen, mit der groͤßten Freundlichkeit, ſelbſt dann, wenn ich ihn zu ungelegener Zeit damit behelligte. Auch bei kleinen Schelmſtreichen, die ich aus Lan⸗ gerweile mir haͤufig erlaubte, bewieß er eine Geduld, die nichts erſchuͤttern konnte. Ich denke noch immer des nachſichtigen Laͤche Ins, —— 32 welches ſeine edlen Geſichtszuͤge verſchoͤnte, als ich einmal ihm ſehr wichtige Papiere zerpfluͤckt und verſtreut hatte. So erreichte ich jene wunderlieblichen my⸗ ſtiſchen Jahre, in welchen ein junges weibli⸗ ches Geſchoͤpf zu fuͤhlen anfaͤngt, daß es — ein Maͤdchen iſt. Nun uͤbergab mich der Bildner meiner Kindheit dem Abt von Cym⸗ here. Dieſer iſt Hoel Sele's Beichtvater und Patron deſſelben Philipp Rhys von Marſhy⸗ ved, Lord von St. Harmon in der Nachbar⸗ ſchaft. Der Abt brachte mich zu ſeiner Schwe⸗ ſter, die nicht fern von Cymhere einem Klo⸗ ſter als Aebtiſſin vorſtand, in Penſion. Hier ſah ich bis zum ſechzehnten Jahre meines Al⸗ ters nichts, als Nonnen und Glyndwr, der an beſtimmten Tagen mich zu beſuchen kam. Er befahl dann immer biltweiſe, daß man nichts ſparen moͤchte, um alle meine Wuͤnſche zu befriedigen, was man denn auch wirklich zu thun ſich beeiferte. Ich glaube gewiß: haͤtte v 33 ich damals verlangt, daß man meine Gemaͤcher mit Gold und Edelſteinen tapeziren ſolle; ſo waͤre es geſchehen. Aber nur Buͤcher und Muſik— ſonſt ſehnte ich mich nach nichts. Ich erhielt die auserleſenſten Schriften und die neueſten Meiſterwerke jener Kunſt. Vortreffliche Anmerkungen von Glyndwr's Hand, geeignet mich zu weiterem Nachdenken zu reizen, gaben den Schriften, die er mir zuſandte, einen noch hoͤheren Werth und die Muſikalien bewieſen fuͤr ſeinen Geſchmack; er iſt einer der erſten Kenner in dieſem Fache, auch ſelbſt Tondichter und Virtuos. So lebte ich in ruhiger Einſamkeit ein nicht unwuͤrdiges Leben und ein ſehr gluͤckliches. Eines Tages uͤberraſchte uns Hoel Sele, eingefuͤhrt als mein Couſin vom Abt, ſeinem Beichtiger. Noch ein Herr, der ein duͤſtres, abſchreckendes Aeußere hatte, war bei ihnen. Dieſer betrachtete mich mit forſchenden, ſeltſa⸗ 34 men Blicken, die mich ſchamroth machten und beleidigten, weil mir ein ſolches Betragen noch nicht vorgekommen war. Man ſagte mir: es ſei der Baron Montalto. Hoel erkundigte ſich darauf mit ſatyriſchem Laͤcheln nach dem Befinden meines wohlwol⸗ lenden Beſchuͤtzers— ſo nannte er Glyndwr, deſſen Namen ich damals noch nicht kannte. Ich gerieth in Verwirrung und antwortete mit ſtotternder Stimme, was ihn beluſtigte. Darauf gaben ſich die beiden Herrn ein verabredetes Zeichen und ſprachen heimlich mit einander. Endlich ſtand der Abt mit Hoel Sele raſch auf und ich blieb allein mit Montalto im Sprachzimmer. Sogleich machte er mir mit frecher Stirn eine Liebeserklaͤrung in den keidenſchaftlichſten Ausdruͤcken. Sehr galant, wie er glaubte, bemerkte er: da ich nicht geſon⸗ nen ſei, eine Nonne zu werden, fuͤhle er ſich gedrungen, es zu beklagen, daß mein Tyrann 35 mich zu einer voͤlligen Abgeſchiedenheit von der Welt verdamme; er begehe dadurch einen Raub an der Geſellſchaft, deren ſckoͤnſte Zierde ich ſein koͤnnte. Er nannte darauf meinen Leh⸗ rer und vaͤterlichen Freund ein Ungeheuer— einen Schwarzkuͤnſtler, der mit dem Fuͤrſten der Finſterniß im Bunde ſtehe. Ich wuͤrde hier erzogen fuͤr eine Beſtimmung, die er nicht ohne Abſcheu naͤher bezeichnen koͤnne— zu Befriedigung der Rachſucht und einer noch ſchaͤndlicheren Leidenſchaft meines vermeinten Wohlthaͤters. Er berief ſich dabei auf Hoel Sele und auf das unverwerfliche Zeugniß des frommen Abts von Cymhere und beſchloß die wohlgeſetzte Rede mit der Betheurung: er kom⸗ me in der menſchenfreundlichen Abſicht, mich vom Verderben zu retten. Alles zur Flucht ſei ſchon vorbereitet. Ich hoͤrte ihm zu mit ruhiger Verachtung und verbat mir zuletzt auf das Beſtimmteſte ſeine zudringliche Bewerbung ſowohl, als jede 36 unnoͤthige Vermittlung⸗ Unwillig und ſchnell entfernte ich mich darauf:—„ Klagen ſie doch das dem lieben Papa, ſchoͤnes Kind!“— rief* Montalto ſpottend mir nach und warf mit die⸗ ſen Worten einen Dolch nach meinem Herzen, der es blutig verwundete. Ich trug kein Bedenken, Glyndwr den ganzen unangenehmen Vorfall zu erzaͤhlen, als er bald nachher mit dem Franziskaner mich beſuchte. Beide ſprachen ſogleich mit dem Abt. Die Unterredung im Zimmer neben dem meini⸗ gen war heftig und dauerte lange. Unmittelbar darauf umarmte mich Glyndwr, ich mußte ein Pferd beſteigen und der Franziskaner brachte mich eiligſt zu den Auguſtinerinnen nach Bedgellert. Da, geliebte Mildred! ſahen wir einander zum erſten Male und wurden Freundinnen in der ſchoͤnſten und hoͤchſten Bedeutung dieſes Worts. Seit unſrer Bekanntſchaft lag meine Seele offen vor Deinen Blicken da, nur uͤber 92 meine Vergangenheit mußte ich bisher gegen Dich ſchweigen. Ich brauche Dir nicht zu er⸗ zaͤhlen, was ferner geſchah; doch uͤber die Ur⸗ ſache unſrer Trennung muß ich Dich noch auf⸗ klaͤren. Den Abend vor jenem traurigen Ereigniß war ich allein auf der Wieſe unter der Lieblings⸗ eiche, wie ich pflegte, wenn Du verhindert wardſt, mich zu begleiten. Ich ſetzte mich auf eine Wurzel des alten Stammes und verſank in Traͤumereien, deren Inhalt Du zum Theil ſchon kennſt. Ploͤtzlich fuͤhlte ich mich umſchlun⸗ gen von den Armen eines Mannes. Montal⸗ to war es, der Verruchte, er hatte mich hier er⸗ wartet. Ich rief um Huͤlfe und ſuchte mit Anſtrengung aller Kraͤfte mich ihm zu entwin⸗ den. Beinahe auch waͤre mir das gelungen; da aber ſtuͤrzten aus dem Gebuͤſch zwei ſeiner Die⸗ ner hervor. Nun ward ich bald uͤberwaͤltigt und mit Gewalt fortgeſchleppt bis zu dem verborge⸗ nen Ort, wo Montalto's Pferde ſtanden, am 38 aͤußerſten Ende jener Aue, die ſeitdem das Non⸗ nenfeld genannt wird. In dem Verhau aber, der die Flucht verbergen ſollte, waͤhrend die Boͤſewichter ſich bemuͤheten, mich auf ein Pferd zu heben und ich fortfuhr zu ſchreien; ſprang Iwan nebſt zwei robuſten Landleuten aus der Mitte des Gehoͤlzes herbei. Er gebot ſchon aus der Ferne den Raͤubern, mich Au⸗ genblicks in Freiheit zu ſetzen; ſonſt muͤßten alle von ſeiner Hand ſterben. Schaͤumend vor Wuth, ſtuͤrmte Montalto ihm entgegen. Doch nach kurzem Kampfe lag er verwundet auf dem Boden. Seine Gehuͤlfen waren indes entflo⸗ hen. Iwan reichte mir den Arm und fragte: ob er mich nach dem Kloſter zuruͤckfuͤhren ſolle?— „Nein! dahin nicht— dahin nie wie⸗ der!“— antwortete ich ſchaudernd. Mitter⸗ weile trugen ſeine Freunde den Baron nach Bedgellert.— — 39 „Wohin ſonſt, Fraͤulein! ſoll ich Sie brin gen?— fragte Iwan von neuem— Wiſſen Sie einen andern ſichern Ort in der Umge⸗ gend?“— Ich erinnerte mich jetzt, daß Sarah, die Pflegerin meiner Kindheit, in einer Huͤtte am Strande des blauen See's in einem breiten Thale des Gebirges Snowdon wohne. Dahin bat ich ihn, mich zu geleiten. Die gute alte Frau nahm mich auf mit der Zaͤrtlichkeit einer Mut⸗ ter und ich blieb bei ihr bis zu meiner Abreiſe nach Sychart. Doch auch in jener Einſiedelei fand ich nicht Ruhe. Iwan's Beſuche wurden immer haͤufiger und ſeine ungluͤckliche Leidenſchaft, die ich nicht erwiedern konnte und durfte, weil ich aus ſichrer Quelle wußte, daß er mein Bruder ſei, wuchs mit jedem Tage. Um die Zeit, wo Sir David Gwyllim unſer Gaſt war, ſah ich mich genoͤthigt, ihm daß Geheimniß unſrer 40 ſo nahen Verwandſchaft zu entdecken. Der brauſende Juͤngling hoͤrte mich Anfangs ſtill an, wie erſtarrt; dann aber brach er in Verzweiflung aus und in einem Anfall von Raſerei rannte er davon, um wie Kain, vom Zorn des Himmels verfolgt, im Lande umher zu irren. Hier in Sychart erſt ſah ich ihn wieder. Er umſchleicht naͤchtlich, wie ein Verbrecher, das Schloß, hat jedoch noch nicht gewagt, ſich mir zu naͤhern. Gefaͤhrlicher noch fuͤr mich, als Iwan's Lie⸗ be, waren Montalto's Intriguen der Nache. Er hat mich der Zauberei angeklagt. Ungehoͤrt bin ich verdammt worden und nur durch eilige Flucht zu meinem Beſchuͤtzer konnte ich mich vor dem Tode im Feuer ſichern. Dir, froͤhliche Mildred, deren heller Ver⸗ ſtand an nichts glaubt, was außer dem engen Kreiſe gewoͤhnlicher Erfahrungen liegt, wird es laͤcherlich vorkommen, daß Deine harmloſe „ 3 41 Freundin Veranlaſſung zu— wie ſoll ich ſa⸗ gen?— ja!— zu einem albernen Hexenpro⸗ ceſſe gegeben hat. Allein wenn es ein Verbre⸗ chen iſt, mit hoͤhern Weſen in Beruͤhrung zu ſtehn; ſo bin ich allerdings— ſchuldig. Ich habe Dir ſchon erzaͤhlt, daß ich von dem Augenblick an, wo ich die Worte, die man zu mir ſprach, verſtehn lernte, oft, wenn ich ein⸗ ſam war, eine Stimme hoͤrte, die mir War⸗ nungen gab und auf meine an ſie gerichteten Fragen liebreich antwortete. Du meinteſt, der⸗ gleichen Schwaͤrmereien ſeien unter den Non⸗ nen nichts Ungewoͤhnliches. Ueberhaupt liege es in der Osganiſation des Weibes, daß ſeltſame Phantaſien in unſeren Koͤpfchen aufſtiegen, wenn wir in Abgezogenheit eine ſitzende Lebensart er⸗ griffen. Das oft zu zarte Nervengewebe unſrer Gehirnchen koͤnne ebendeshalb ſich leicht ver⸗ wirren und dann gewinne die Außenwelt eine ganz andre Geſtalt, als ſie wirklich hat. Allein ſchon in der Abtey von Cymhere uͤber⸗ 42 zeugten ſich mehrere Perſonen, daß in kritiſchen Augenblicken ein unſichtbares Weſen uͤber mein wache. Sie erhielten davon ſo hand⸗ zeweiſe, daß aller Zweifel an der Wahrheit ihrer B winden muß⸗ ten. Wenn vielleicht ſchon Traͤume in das Wunderreich der Geiſter uns einfuͤhren; ſo geſchah das mit mir auf ſinnlichere Weiſe wachend. Der Schutzengel meiner irrdiſchen Wallfahrt verkoͤrperte ſich vor meinen Augen. Zweimal zeigte er ſich mir unter der Geſtalt eines gehar⸗ niſchten Ritters. Ich ahnete bald, welcher Magus ihn zu mir geſendet habe; denn Ra⸗ miel handelte ſtets in Uebereinſtimmung mit den geheimen Planen Glyndwr's. Alles war dar⸗ auf berechnet, mich ſo zu bilden, daß ich faͤhig werde, einen bis jetzt mir noch dunklen Zweck aus⸗ fuͤhren zu helfen, wenn der guͤnſtigſte Augenblick dazu gekommen ſei. Von Ramiel erfuhr ich mein Verhaͤltniß zu Jwan. Ohne Zweifel auch hat dieſer Genius Sir David Gwyllim in einer Schauernacht auf dem Felſenruͤcken des Snow⸗ don, wo er verloren ſchien, wunderbar gerettet und zu mir gefuͤhrt nach Glas⸗ Llyn. In der einſamen Huͤtte am blauen See lernte ich den ſchoͤnen, geiſtreichen Barden naͤher kennen. Sein Temperament iſt ungemein lebhaft und mag ihn bisweilen zu Ausſchweifungen hin⸗ reißen, aber ſein Charakter durchaus edel. Mit einem Worte: er iſt Glyndwr's vertrauteſter Freund. Mehr uͤber ihn brauche ich Dir nicht zu ſagen. Man erwartet ihn jeden Augen⸗ blick in Sychart. Zoͤgre auch Du nicht laͤnger, mich zu beſuchen. Einmal wieder an Deiner treuen Bruſt zu liegen— danach ſehne ich mich unausſprechlich. Du hatteſt den romantiſchen Einfall, Dich fuͤr mein Kammermaͤdchen aus⸗ zugeben, damit wir deſto oͤftrer und vertrauli⸗ cher mit einander ſchwatzen koͤnnten. Ich rathe Dir, die Tracht einer Waliſer Baͤuerin zu waͤh⸗ len Unter dieſer Verkleidung wird niemand Dei⸗ nen Rang und unſer ſchweſterliches Verhaͤltniß ahnen. Eben ſoll ich— eben habe ich— 6 Nachſchrift. Ach, Mildred!— Das Geſtirn, vor wel⸗ chem ich anbetend mich niederwarf, iſt unter⸗ gegangen.— Glyndwr hat mich getauſcht, um mich in's Verderben zu locken. Falſche Documente ſogar hat er verfertigt, damit ich glauben ſolle: nicht er ſei mein Vater. Eben erhielt ich die Beweiſe ſeiner Hinterliſt aus Ramiels Hand. O, daß ich der Stuͤrme Schwingen haͤtte, uͤber das Weltmeer zu ent⸗ fliehen!— An wen nun ſoll ich mich wen⸗ den?„An Hoel Sele in Nannau!“— ant⸗ wortete mein Schutzgeiſt. An Hoel Selel wiederholte ich mit Entſetzen.— Wohlan denn! und waͤre die Hoͤlle in Nannau; ſo will ich doch lieber ſchuldlos darin vergluͤhen, als mich in den Abgrund der Ent⸗ wüͤrdigung und des Selbſtverachtens hinab⸗ ſtuͤrzen.— Gwenllian. VIII. De Anfang dieſes Briefs wirkte wohlthaͤtig auf Sir Owain. Nun wußte er ja von ihr ſelbſt, daß ſie ihn liebe. Auch mit der Ei⸗ genheit dieſes Gefuͤhls war er zufrieden. Nicht minder beruhigten ihn die Aeußerungen Gwenl⸗ lian's uͤber Ivan und David Gwyllim; um ſo heftiger erſchuͤtterte ihn die Nachſchrift. Je⸗ des Wort in derſelben war ein Dolch, der ſein Herz durchbohrte. Er ſtuͤrmte fort aus dem Schloß durch den Wald uͤber Geſtein und Moor, wie ein verwundeter Eber, der ſeinem Feinde begegnen moͤchte, um ſich blutig zu raͤ⸗ chen und Tod mit Tod zu vergelten. II. 4 456 Mit der Morgendaͤmmerung erſt fiel ein Lichtſtrahl in ſeine Seele. Zuruͤckgekehrt nach Sychart, ſendete er einen Eilboten, auf deſſen verſchwiegene Treue und Klugheit er rechnen konnte, nach Nannau mit einem Brief an Hoel Sele und folgenden Zeilen an die ver⸗ lorne Geliebte: „in feindſeliger Daͤmon hat ſich zwiſchen uns geſtellt, Gwenllian!— Wie konnteſt Du den Mann fliehen, der von Deinem erſten Odemzuge an Dein wahrer Schutzgeiſt war? Beſinne Dich und kehre zuruͤck; ſonſt biſt Du verloren! Beſrage mit Vorſicht den Ueberbrin⸗ ger nach Allem, was Dir zu wiſſen noͤthig iſt. Ich erwarte Dich oder doch beſtimmte Nach⸗ richten von Dir. Vorwuͤrfe haſt Du nicht zu beſorgen; mit gewohnter Zaͤrtlichkeit werde ich Dich empfangen. Owain. Glyndwr's Ungeduld war ſo groß, daß er auf die Wiederkunft ſeines Abgeſandten nicht / / 47 harren konnte; er ſtieg zu Pferde und jagte ihm nach bis zum Park ſeines Vetters, ob er gleich dabei der groͤßten Gefahr ſich ausſetzte; denn Hoel hatte ſich oͤffentlich fuͤr Heinrich von Lancaſter erklaͤrt. Als der Reilknecht gegen Mittag zuruͤckkehrte, lag ſein Herr auf der Schanze einer alten Redoute ausgeſtreckt da, wie todt. Geſicht und Haͤnde waren bedeckt mit Blut. Doch bald erholte er ſich und zog unbefangen, als ſei nichts vorgefallen, Erkun⸗ digung ein. Gwenllian war nicht auszuſpaͤ⸗ hen geweſen. Nachdem Hoel den Brief Glynd⸗ wr's geleſen hatte, ließ er den Boten deſſelben gefangen nehmen und eilte dann mit ſeinem Beichtvater in den Park. Einige Stunden darauf kam der Abt von Cymhere von da al⸗ lein zuruͤck und befahl, den Reitknecht Owain's in Freiheit zu ſeten. Es gelang dieſem bald das im felten Graſe weidende Pferd ſeines Herrn einzufangen, worauf Glyndwr nebſt ſeinem treuen Diener mit verhaͤngtem Zuͤgel nach Caer⸗Drewyn zuruͤckjagte. Hier gerieth 48 bei Ankunft des Feldherrn alles in Bewegung. Gahndwor ließ blos die nothwendigſte Beſatzung da und ging dann ſofort mit dem Heere in Eilmaͤrſchen nach Ruthin. Als er die rieſenhaften roͤthlichen Felſen, welche dem Schloß ſeinen Namen gegeben ha⸗ ben, im Geſicht hatte, ließ er dem Beſitzer ſa⸗ gen: er ſolle Lady Gwenllian von Glyndwr, die er gefangen halte, auf der Stelle auslie⸗ fern! Im Weigerungsfalle habe er vom belei⸗ digten Vater derſelben die furchtbarſte Rache zu gewarten. Allein Lord Grey verließ ſich auf die Staͤrke ſeiner Waͤlle, verlachte dieſe Drohung und gebot dem Parlementair ſich ſchleunigſt hinweg zu begeben, wenn er die Kuͤhnheit der Auffodrung, deren Organ er war, nicht mit dem Leben buͤßen wolle. Glyndwr außer ſich uͤber dieſe Verhoͤhnung, und ohne Hoffnung, ſich des ſehr feſten Schloſ⸗ ſes durch Sturm zu bemaͤchtigen, warf ſich 49 von deſſen Mauern in die Stadt und verheerte hier alles durch Feuer und Schwert. Ein Nordwind, der ſich erhoben hatte, bließ in die Flammen und bald lagen die ſaͤmmtlichen Ge⸗ baͤude des Orts in der Aſche. IX. Kaum hatte er den grauſamen Befehl er⸗ theilt; ſo bereuete er ihn auch ſchon; allein es war zu ſpaͤt, die Wuth ſeiner Soldaten ließ ſich nun nicht mehr zuͤgeln und ein Re⸗ volutionsheld an der Spitze einer Armee im Felde hat keine Zeit fuͤr die Gardinenpredigten des Gewiſſens. Er dachte jetzt nur daran, aus ſeiner Uebereilung den beabſichteten Vor⸗ theil zu ziehen. Lord Grey, aufgebracht uͤber die an ſeinen Unterthanen veruͤbte Barbarei uͤberſprang alle Warnungen der Vorſicht. Entſchloſſen den in Mitte ſeiner Vaſallen empfangenen Schimpf nicht feig zu ertragen, verſammelte er eiligſt den Kern der Garniſon und drang damit durch eine geheime Pforte hinab in die Stadt, in der Hoffnung, wenigſtens die Flucht der geaͤngſtig⸗ ten Einwohner mit den wenigen aus den rau⸗ chenden Truͤmmern geretteten Habſeligkeiten zu decken. Das eben war es, was Glyndwr wuͤnſchte. Seine Offiziere mußten die in den Straßen noch mit Pluͤndern beſchaͤftigten Soldaten aus der Stadt treiben. Lord Ruthin glaubte, ſie floͤhen; er ſtuͤrzte ſich in blinder Wuth ihnen nach. Aber kaum war er im Freien; ſo ſah er ſich von einer Ueberzahl abgeſchnitten und umringt. Nach einer kurzen, verzweifelten Ge⸗ genwehr blieb ihm nichts uͤbrig, als ſeinen Degen abzuliefern und ſich auf Diseretion zu ergeben. Er hatte Wunder der Tapferkeit ge⸗ than und waͤre unter den Eeihen der ſeind⸗ 5² lichen Soldaten gefallen, haͤtte nicht Glyndwr wiederholt den Raſenden zugerufen, das Leben ſeines Todfeindes zu ſchonen. Dieſer wichtige Fang ſchien den Partiſanen des ſiegreichen Feldherrn von gluͤcklicher Vor⸗ bedeutung. Die ganze Armee brach in Froh⸗ locken aus; denn Ruthin war nicht nur Hein⸗ richs Guͤnſtling, ſondern auch unter allen an der Grenze commandirenden Lords der erſte und furchtbarſte. Zu jeder andern Zeit wurde Glyndwr die Empfindungen ſeiner Truppen getheilt haben, jetzt aber war in ſeiner Bruſt nur Raum fuͤr das Gefuͤhl der Rache. Mit kalter Grauſamkeit verbot er, zwiſchen dem ho⸗ hen Gefangenen und den uͤbrigen einen Un⸗ terſchied zu machen; er ließ ihm Feſſeln anle⸗ gen und mit den andern Aufgegriffenen der Armee nachfuͤhren. Und ohne gegen Tudor und Adam Dhu, welche vor allen Haͤuptlin⸗ gen ſein Vertrauen hatten, uͤber ſeine ferneren Entwuͤrfe etwas zu aͤußern, befahl er ſchleu⸗ nigen Ruͤckmarſch in die feſte Poſition von Caer Drewyn, wo das beutebeladene Heer mit dem ſinkenden Tage ankam.— X. Eine Stunde darauf ließ Grey ſeinen Ue⸗ berwinder um eine kurze Unterredung bitten. Glyndwr begab ſich in das Zelt, wo der Lord ſich unter ſtarker Wache befand. Der Ton des Gefangenen war jetzt weniger hochgeſtimmt, als gewoͤhnlich. Er fing damit an, ſein fruͤ⸗ heres Betragen zu entſchuldigen:„Ausdruͤckli⸗ che Befehle ſeines Souverains, dem er Ge⸗ horſam nicht verſagen duͤrfe, haͤtten ihn gegen die Mahnungen ſeines Herzens dazu be⸗ ſtimmt.“— Glyndwr unterbrach ihn barſch mit den Worten: Kommen Sie zum Zweck, Mylord! ich habe keine Zeit zu verlieren. 8 —— 55 Empfindlich uͤber dieſen, ſonſt ſeinem Fein⸗ de nicht eignen, Mangel an Hoͤflichkeit, ant⸗ wortete Ruthin: Mein Zweck iſt, anzufragen, um welchen Preis ich meine Freiheit zuruͤck⸗ erhalten koͤnne? Ich ſetze dabei voraus, daß man Wilens ſei, mich ſo zu behandeln, wie es Sitte iſt im Kriege. „Dieſe Vorausſetzung koͤnnte irrig ſein, Mylord! auch ſchickt ſie ſich blos fuͤr einen Mann, der ſelbſt gewohnt iſt, die heiligen Pflichten der Geſellſchaft zu beobachten. Zu⸗ dem erfodert meine gegenwaͤrtig neue Lage neue Maasregeln. Ein beleidigter Sieger iſt ſelten bedenklich in der Wahl der Mittel zur Rache, wenn er die Gewalt dazu hat. Glauben Sie, daß ich die mir zugefuͤgten ſchweren Kraͤnkun⸗ gen ſo gar leicht nehme; ſo trauen Sie mir mehr Großmuth zu, als zu beſitzen ich mir ſchmeicheln darf. Vergeſſen Sie nicht, mich mit ihrem eignen Maaßſtabe zu meſſen. Waͤre Ich jetzt Ihr Gefangener; ſo wuͤrde mein 56 Kopf nicht lange zwiſchen den Schultern blei⸗ ben. Davon bin ich uͤberzeugt.“— Wenn das Ihr Entſchluß iſt, ſo habe ich nichts weiter zu ſagen. Ich bin auf den Tod gefaßt, wie jeder im Kriege es ſein ſoll. In⸗ des glaube ich, Sie an mein Verhaͤltniß zum Koͤnig erinnern zu muͤſſen. Vieleicht iſt es der Politik doch nicht ganz angemeſſen, den außer den Grenzen der Verzeihung liegen.— Brotherrn und fuͤr ſie ſelbſt, iſt die Gelegen⸗ heit und Macht zu verzeihen jetzt auf meiner Seite. Unter zwei Bedingungen, leicht zu er⸗ V fuͤllen fuͤr einen Mann von Ehre, bin ich da⸗ zu geneigt. Verſtehen Sie ſich dazu; ſo ſollen Sie auf der Stelle frei ſein— ohne Loͤſe⸗ V geld.“— V „Schlimm genug fuͤr die Sache Ihres G Wenn dieſe Bedingungen ſich mit der Ehre V vertragen, unterwerfe ich mich ihnen im vor⸗ 3 3 Uebermäͤchtigen durch Thaten zu reizen, die 57 aus. Laſſen Sie mich dieſelben wiſſen! und ſein Sie verſichert, daß es mir herzlich leid thut, von meinem Pflichtgefuͤh! Ihnen feind⸗ lich gegenuͤbergeſtellt worden zu ſein.— „Vor allen Dingen uͤberliefern Sie in mei⸗ ne Haͤnde Lady Gwenllian von Glyndwr!“— Auf mein Nitterwort! ſie iſt nicht in Ru⸗ thin; auch betheure ich Ihnen hiermit eidlich, daß ich den Aufenthalt der Lady nicht weiß. „Den Entfuͤhrer derſelben aber kennen Sie doch?— Nienn, nicht!— bei meiner Seligkeit, nicht! — Daß ſie enkfuͤhrt iſt, hoͤre ich zum erſten Male aus Ihrem Munde. Ich bin unfaͤhig, an einer ſolchen Schandthat Theil zu neh⸗ men.— „Und Ich bedaure recht ſehr, daß Sie nicht immer ſo dachten.“— verſetzte Glyndwr trocken. Grey, in einer Verwirrung, die er nicht verbergen konnte, ſchlug die Augen nieder vot den funkelnden Blicken ſeines erzuͤrnten Fein⸗ des und Glyndwr fuhr fort: Ihr Ehrenwort buͤrgt mir fuͤr Ihre Un⸗ ſchuld. Doch werden Sie ſelbſt geſtehn, Mylord! daß mein Verdacht gegen Sie nicht ganz ohne Grund war.— „Ich weiß, was Sie ſagen wollen— ant⸗ wortete Ruthin beſchaͤmt— Sie denken an mein Betragen gegen Lady Johanne, Ihre Tochter, die ich innigſt liebe und zu verlieren fuͤrchtete. Ich wuͤnſche nichts ſehnlicher, als mit dem theuren Maͤdchen mich auf immer zu verbinden und waͤren die Umſtaͤnde nicht zu verdaͤchtig; ſo wuͤrde ich Sie in dieſem Au⸗ genblick um Ihre Einwilligung dazu bitten. Ich thue es hiermit, Sir Owain! ſelbſt in dem Falle, wenn Sie meinen Tod ſchon be⸗ ſchloſſen haben ſollten, damit laͤnger auf der „Ehre der Geliebten kein Flecken hafte.— —— — 59 Etwas beſaͤnftigt erwiederte Glyndwr: Ueber ihre Hand hat Johanne allein zu ver⸗ fuͤgen. Kann Sie Ihnen verzeihen; ſo werde ich es auch. Einſtweilen muß ich Sie ver⸗ laſſen.“— Er ging und befahl, daß von Stund an Mylord Grey von Ruthin mit der ſeinem Stande gebuͤhrenden Achtung behandelt werden ſole. 60 XI. Am reinen Himmel ſtrahlle der Mond, von Silberwoͤlkchen umgeben, heller als gewoͤhnlich. Ruhig ging er durch den blauen Aether da⸗ hin, waͤhrend unter ihm Glyndwr auf den Verſchanzungen der wilden Gebirgsfeſtung ſchlaflos umherirrte. Da toͤnte vom Thale herauf der froͤhliche Schall eines Horns durch bie ſchweigende Nacht. Glyndwr blickte in die Tiefe hinab und beinerkte Reiter und Fußvolk, das laͤngs dem Ufer des blitzenden Ceiriog heran⸗ zog. Bald darauf ſetzte das Haͤuflein uͤber den Fluß und verſchwand im Dunkel des Wal⸗ des. Doch nach wenig Minuten ſchon be⸗ 3 1 61 merkte er wieder Einzelne, die ohne Ordnung den ſchmalen Felſenpfad heraufſtiegen. „Wer da?“ riefen die aͤußerſten Schildwa⸗ chen, und Glyndwr, uͤberzeugt, daß kein Ueber⸗ fall zu beſorgen ſei, ging den Kommenden ent⸗ gegen. Einen Augenblick darauf lag er in den Armen des Anfuͤhrers.— Die Freunde begruͤßten einander mit den Worten:„Gluͤck auf zum Freiheitskampfe!“ und:—„Will⸗ kommen, David! Du, meines Lebens treueſter Gefaͤhrte!“— Nur ein kleines Corps fuͤhre ich Dir zus aber es ſind aͤchte Soͤhne des Vater⸗ landes, Loͤwen in der Schlacht— verwogen zu allem.— Im Lager wurden die Ankoͤmmlinge mit Jubel empfangen. Glyndwr's erſte Frage dar⸗ auf war nach Gwenllian. Daß ſie unſicht⸗ bar geworden ſei, wußte ſchon Gwyllim, ſonſt aber hatte er in Sychart nichts von ihr erfah⸗ ren koͤnnen:„Wundre Dich daruͤber nicht— II. 5 62 ſette er hinzu;— denn in dieſem Zeitpunkte ſind alle Gemuͤther blos mit den großen Neuig⸗ keiten des Tages beſchaͤfligt. Ueberall hoͤrte ich nur von Dir reden. Man erſtaunt uͤber Deine Tollkuͤhnheit und haͤlt Dein Wagniß fuͤr noch zu voreilig. Heinrich hat ohne Ver⸗ zug in allen Grafſchaften Englands werben laſſen und ſteht ſchon ſelbſt an der Spitze ei⸗ ner zahlreichen Armee. Vierzigtauſend Mann ſind bei Shrefsbury concentrirt; von da aus denkt er ganz Wales zu uͤberſchwemmen.“— Deſto beſſer!— antwortete Glyndwr ruhig — Je groͤßer die Gefahr iſt, um deſto mehr freue ich mich darauf. Ich werde mit Leib und Seele in der Schlacht ſeyn.— Ach, wuͤßte ich nur, wo— fuhr er heftiger fort— ſage mir offen Deine Meinung uͤber Gwenllians Flucht!—. Ich halte ſie durchaus nicht fuͤr freiwillig. Schwerlich iſt das Wundermaͤdchen entwichen, — 63 aus Furcht geliebt zu ſein. Auch an Entfuͤh⸗ rung deſſelben glaube ich nicht. Das Wahr⸗ ſcheinlichſte daͤucht mir nach dem, was Du mir erzaͤhlt haſt:— ſie ſei auf Anſtiften Deiner und ihrer Feinde von Gerichtswegen aufge⸗ hoben worden. Als Gwyllim den Eindeuc dieſer Worte auf ſeinen Freund bemerkte, haͤtte er gern die Haͤlfte ſeines Lebens darum gegeben, ſie zu⸗ ruͤckrufen zu koͤnnen. „Du haſt Recht!— antwortete Glyndwr, bleich wie ein Leichnam— Einem ſo grauſa⸗ men Schickſale konnte ich ſie ausſetzen! und warum? um eines verruchten Zweckes willen! um blutige Lorbeeren zu ſammeln auf dem Felde des Krieges. Eine Gottheit verließ ich, um Menſchen zu dienen, die nicht werth ſind, daß der Erdboden ſie traͤgt. Ich Ungeheuer! Aber wehe den Boͤſewichtern, die ein ſo ſchoͤ⸗ nes Daſein zu zerſtoͤren trachten! Alle Teufel der Hoͤlle werde ich wider ſi ie verſammeln,— XII. Gandwr druͤckte ſeinem Freunde die Hand und ſtuͤrzte fort mit dem Ausrufe: Schlaf wohl, David! wenn Du kannſt. Ich— will es nicht. Bald werde ich alles wiſſen. Gwyllim, den Sinn dieſer Worte nicht begreifend, eilte dem Verzweifelnden nach, aus Beſorgniß, daß er ſich zu irgend einer raſchen That, vielleicht zum Selbſtmorde hinreißen laſ⸗ ſen koͤnne. Aber der Mond war untergegan⸗ gen und ringsum herrſchte dichte Finſterniß. Bald unter den Gezelten und halbvollendeten Verſchanzungen verlor er den raſend Fortſtuͤr⸗ 655 menden in einer ihm ganz unbekannten Ge⸗ gend aus dem Geſichte. Noch ſind auf dem Gipfel des Caer Dre⸗ wyn, beim Dorfe Corwen, die Truͤmmer eines runden Thurms zu ſchauen, den nach der Chronik Glyndwr errichten ließ, um darin ſeine Gefangenen aufzubewahren, wahrſchein⸗ licher jedoch in einer ganz andern geheimen Abſicht. Dahin nach langem Umherirren, ſtolpernd uͤber Geſtein, Baumſtruͤnke, Schaͤdel und Thierknochen gelangte endlich zufaͤlliger Weiſe Gwyllim. Alles war hier ſtill; aber bald horchte er auf; es daͤuchte ihm, als ob er im Innern des Thurms jemand ſeufzen hoͤre. In einer Hoͤhe, die er mit der Hand nicht errei⸗ chen konnte, bemerkte er eine Luke in der Mauer, aus welcher von Zeit zu Zeit ein ſchwaches Licht daͤm merte. Beherzt von Na⸗ tur, war ihm jede Gelegenheit, ein kuͤhnes 66 Abenteuer zu beſtehn, willkommen. Er trug Holz, Schaͤdel und Steine zuſammen, klimmte darauf empor und ſo gelang es ihm zuletzt, durch die Oeffnung, einer Schießſcharte aͤhnlich, in die Tiefe des Innern hinabzuſchauen. Beim erſten Blick in das Gewoͤlbe, von einer in der Mitte haͤngenden Lampe erleuchtet, ſchrak er zu⸗ ſammen; doch war er gleich wieder gefaßt. Glyndwr ſtand ihm gegenuͤber, wie vor⸗ ſchreiten wollend, mit ausgebreiteten Armen, in der Stellung eines Betenden. Eine andere Geſtalt, mit der er geſprochen zu haben ſchien, war anfangs nicht deutlich zu erkennen. Die Ordenstracht verrieth indes, daß ſie einem Moͤn⸗ che angehoͤren muͤſſe. Jetzt wendete ſich die Erſcheinung ploͤtzlich ſo, daß die Strahlen der Lampe mit voller Beleuchtung auf ihr Geſicht fielen. Gwyllim gewahrte Zuͤge, die, obgleich ju⸗ gendlich ſchoͤn, doch niemand Andrem angehoͤren konnten, als dem ſchweigſamen Franziskaner, den er in Sychart geſehen hatte, Reiche Locken, 67 die keine Tonſur erlitten haben konnten, quol⸗ len unter der Kapuze hervor. Dazwiſchen fun⸗ keten Augen, wie Sterne durch eines Waldes Nacht. „Undankbarer!“— ſagte der eaͤthſelhafte Moͤnch mit der wohllautenden Stimme eines Engels—„iſt das der Lohn fuͤr meine Treue — fuͤr die Qualen, die ich erduldete, um Dir zu dienen. Auf mich alſo wirfſt Du die Schuld Deiner eignen Nachlaͤſſigkeit! Auf mich, der ſelbſt dann noch füͤr ſie wachte, wenn die Au⸗ gen des Himmels ſich ſchloſſen. Ich war eine Zeitlang Dein Sklav— bald werde ich Dein Herr ſein. Nur zwei Wege ſtehen Dir offen — waͤhle! Alles, was ich Dir verſprochen, iſt Dein— alles, was Du zu wiſſen begehrſt, folſſt Du erfahren; wenn Du— ſie auf⸗ giebſt.“— „Niemals!— antwortete Glyndwr ent⸗ ſchloſſen— ſie nur giebt meinem Leben einen 68 Werth— ohne ſie iſt es fuͤr mich eine atlan⸗ tiſche Buͤrde, die ich veraͤchtlich in den Schoos des Chaos zuruͤckwerfe.— So wage den vergeblichen Kampf mit Dei⸗ nem Schickſale und gehe unter!“— Er ſei gewagt! „Du wirſt Urheber und Augenzeuge wer⸗ den auch ihres Verderbens. Schon baut man den Rogus; darauf vergluͤhen, aber nimmer aus der Aſche wird erſtehen der Phoͤnix. Noch kannſt Du ſie retten.“— Wodurch? „Durch Erfuͤllung unſeres gegenſeitigen Vertrags.“— Dann ſeh ich ſie wieder?— „Dann erhaͤltſt Du ſie zuruͤck.“— Und willſt Du dann alle meine Fragen be⸗ antworten?— „Ich werde einen Maͤchtigeren beſchwoͤren, es fuͤr mich zu thun.— XIII, Gandwor blieb einen ſchauderhaften Moment hindurch unentſchloſſen. Dann als er außer der furchtbaren Alternative nichts erblickte— keinen Ausweg, ſchrie er mit ſchmerzlicher Stim⸗ me: Es iſt genug! ich willige ein.— Aber die Inſtruction?— wenn, wie und wo ſoll das Opfer vollbracht werden?— Der Franziskaner gab ihm eine Pergament⸗ rolle in die Hand.—„Dieſe Schrift— ſagte er— wird Dir anzeigen, wie Du handeln— wohin Du ſie fuͤhren laſſen ſollſt und durch wen.— 6 Darauf begann er feierlich eine Beſchwoͤ⸗ rung vor dem Altar im Hintergrunde, auf wel⸗ chen er die rechte Hand legte. Die Linke ſtreckte er aus mit drei emporgerichteten Fingern, einge⸗ ſchlagen den Zeiger und Daum. Als er das Gebet vollendet hatte, wiederholten die letz⸗ ten Worte tauſend unterirrdiſche Stimmen. Auf einmal ward es ſtill, die Lampe erloſch und nur ein ſchwaches blaues Flaͤmmchen lo⸗ derte auf dem Altare. Sehen konnte Gwyllim nichts weiter; aber er hoͤrte Glyndwr's Stimme fragen: Wo iſt Gwenllian?— „Neben dem Waſſerfalle bei Rhajader auf dem Wege nach Trebuclo.“— antwortete eine andre ſehr zarte. Dahin?— warum?— . 8* „Die Zauberin empfaͤngt dort ihr Ur⸗ Glyndwr ſchien nicht weiter ſprechen zu — — — . 2T koͤnnen. An ſeiner Statt fuhr der Franziska⸗ ner fort zu fragen: Wer geleitet ſie?— „Edmond Mortimer und Lord Arundel mit ſechzig Mann von Maeſhyved.“— „Die Namen dieſer Sechzig!“— fiel Glyndwr heftig ein. Da iſt die Liſte!— Abermals fiel ihm eine Pergamentrolle in die Hand. Er wollte ſie leſen; aber der Fran⸗ ziskaner ſagte ihm: der Geiſt habe nur noch wenig Zeit uͤbrig. „Iſt Lord Grey beim Complolt? Nein!— „Hoel Sele?“— Ja!— „Und der Abt von Cymhere 2— Auch der!— 7² Das blaue Flaͤmmchen verſchwand vom Al⸗ far; aus der Tiefe kamen noch folgende Worte herauf ſchauerlich klingend und hohl: „Owain Glyndwor! fuͤrchte, die ſich Deine Freunde ſtellen. Wenn ihr Dolch zum dritten Male Dein Herz ſucht, beruͤhrt ſich neigend Dein Geſtirn des Horizontes aͤuſerſten Saum! Vor Deinen Feinden biſt Du ſicher.“ Weiter vernahm Gwyllim nichts. Die Schaͤdel rollten unter ſeinen Fuͤßen zuſammen; er blieb vom Dufte, der aus der Maueroͤff⸗ nung hervordrang, auf dem Steinhaufen einige Stunden, wie berauſcht, liegen. Im er⸗ ſten Grauen des Morgens ſah er unfern Sol⸗ daten, die ihre Waffen putzten. Von einem derſelben ließ er ſich in ſein Zelt fuͤhren, wo er ſich auf das Feldbett warf und ermuͤdet bis zum hohen Mittag ſchlief. Als er erwachte, fand er das ganze Lager 73 in Bewegung. Glyndwr war noch vor Ta⸗ ges Anbruch mit den auserleſenſten Truppen in Eilmarſchen nach Radnorſhire gegangen. Starke Detaſchements von Cavallerie und Infanterie ſollten folgen. Fuͤr Gwyllim eine beſondre In⸗ ſtruction da zu laſſen, hatte er nicht fuͤr noͤ⸗ thig gehalten.— XIV. . Osgleich vom langen, beſchwerlichen Zuge durch das Gebirge ſehr ermuͤdet, wollten doch Sir Davids Leute nicht zuruͤckbleiben. Er und Morgan trafen zwanzig Meilen von Corwen zuerſt beim Heere ein. Glyndwr empfing den Freund, wie gewoͤhn⸗ lich. Seine Stirn war heiter und von allem, was ſich Nachts begeben hatte, in ſeinen Geſichtszuͤgen durchaus nichts zu leſen. Aber dieſe Heiterkeit glich einem ſchoͤnen froſtigen Wintertage; ſie hatte fuͤr den feineren Beob⸗ achter etwas Furchtbares. Es war dem außer⸗ ordentlichen Geiſte gelungen, alles Menſchen⸗ 43 gefuͤhl in der Bruſt zu erſticen. Dahin muß kommen, wer beſtimmt iſt, Tauſende auf die Schlachtbank zu fuͤhren. Glyndwr's Heerhau⸗ fen, wie eine Laryine fortrollend, wuchs zu einer Staͤrke an, die dos Verwegnen kuͤhnſte Hoffnungen uͤbertraf. An des Feldherrn Seite befand ſich der verkappte Franziskaner, immer noch mit geſchloſſenen Lippen. Wahrſcheinlich wußten Beide, welchen geheimen Beobachter ſie gehabt hatten; allein merken davon ließen ſie ſich nichts. Es giebt Dinge, die man recht gern errathen laͤßt, aber nicht gern mit Wor⸗ ten ausſpricht. Gruppenweiſe waren die Offiziere zuſam⸗ mengetreten, um uͤber die Neuigkeit des Ta⸗ ges mit einander zu ſchwatzen. Hoel Sele war verſchwunden. Man glaubte ganz gewiß: des Feldherrn guter Freund in der Hoͤlle habe ihn geholt. So werde es Allen gehen, die wider Glyndwr zu ſein wagten. Eine Revolution im Beginnen verbreitet uͤberall Feuer, Thaͤtigkeit und Leben. Das 15 Heterogenſte vereinigt ſich dann, zum Theil aus Misverſtaͤndniß. Man hoͤrte außen einen Trompetenſtoß; darauf trat ein Offizier in's Zelt und praͤſentirte einen Englaͤnder, der am kuͤrzeſten geſchildert werden kann durch die Worte: groß, grob, ſtark, ehrlich. Glyndwr nahm ihn ſehr hoͤflich auf, ohne jedoch von ſeiner Wuͤrde ſich etwas zu vergeben. Es war der beruͤhmte oder beruͤchtigte John Leiceſter aus Norfolk, der in Uebereinſtimmung mit Wat Tyler von Kent und John Ball Pfar⸗ rer in Suffolk, unter der letzten Regierung, von ſehr bedeutenden Goͤnnern unterſtuͤtzt, den Entwurf gemacht hatte, die koͤnigliche Gewalt ganz zu vernichten und dafuͤr einen Freiſtaat zu gruͤnden. Er hatte ein zahlreiches Corps von Geaͤchteten, die nach Heinrichs Procla⸗ mation im Lande umherirrten, verſammelt und bei ſich. Dieſe wilden Menſchen boten Glyndwr ihren Beiſtand an, ohne ſich um ſeinen Pri⸗ vatzweck ſonderlich zu bekuͤmmern; ihnen war es genug, daß der Tagesheld einen gluͤcklichen Anfang gemacht hatte, alle buͤrgerlichen Ver⸗ haͤltniſſe zu erſchuͤttern. Glyndwr verachtete ſie, ließ ſich aber weiſe nichts davon merken; denn fuͤr jetzt konnte er ſie brauchen. Daß dieſe Raſenden ihm einmal ſchaͤdlich werden koͤnnten, wußte er; allein er hatte die Macht, zu rech⸗ ter Zeit ſich ihrer zu entledigen.— II. 6 XV. Auf der Stelle entwarf er Dispoſitionen, die den geſchickten Feldherrn verriethen. Maͤrſche und Gegenmaͤrſche verdeckten ſeine Plane und ſo ſtand er um Mitternacht vor Radnor, wo er die Armee Halt machen ließ. Er ſellſt aber eilte raſtlos mit Gwyllim und den Vertraute⸗ ſten uͤbrigen auf geheimen, einſamen Wegen vorwaͤrts bis zur Abtey von Cymhere. Fried⸗ lich durch ihr Aeuſeres und Ehrfurcht gebie⸗ tend, lag ſie in einer fruchtbaren, maleriſchen Gegend zwiſchen hohen Gebirgen da. Blos das Rauſchen eines Baches unterbrach hier die feierliche Stille. 29 Es war um die Zeit der Vespern; irrende Lichter ſchienen durch die Fenſter; darauf hoͤrte man den abgemeſſenen Geſang der Moͤnche. Warte hier— ſagte Glyndwr;— ich will allein in die Raͤuberhoͤhle gehen zu den Woͤl⸗ fen in Schaafskleidern. Sein Geſpraͤch darin mit dem Abt dauerte ziemlich lange. Der ſcheinheilige Pfaffe, mit geſenktem Haupte, kreuz⸗ weis uͤber die Bruſt gelegten Armen und fromm verdrehten Augen, die ungeſtuͤmen Fragen, Vorwuͤrfe und Drohungen ruhig anhoͤrend, betheuerte fortwaͤhrend ſeine Unwiſſenheit und Unſchuld. Glyndwr's Zorn uͤber den Heuch⸗ ler, deſſen Inneres er kannte, brach endlich in Wuth aus. Es entſtand Larm im Gebaͤude. Bald darauf ſtuͤrzte Glyndwr mit gezogenem Degen heraus und ſchrie mit ſtarker Stimme: Tudor, Adam Ohu, Scudamore, Talbot, zu Huͤlfe! Herbei Alle! Kein Stein ſoll hier auf den andern bleiben. Feuer hinein zu den Teufeln!“ 80 Des Feldherrn Nuf verbreitete ſich ſchnell. Von mehreren Seiten eilten Soldaten herbei; die Abtei ward umzingelt.—„Treibt die Moͤnche in den Park! Den Abt nehmt gefan⸗ gen! Dann ſorgt, daß die aufgehende Sonne in Cymhere nichts erblicke, als rauchende Truͤmmer!“— Zu den Freunden gewendet, fuhr Glyndwr fort:„Dieſe Stunde gehoͤrt der Rache— die naͤchſte wird Euch beweiſen, daß ſie verdient war. Zu Pferde! und mir nach!“— Er ſprengte voran nach Radnor— Tal⸗ bot, Gyrch und Scudamore folgten. Gwyllim blieb noch zuruͤck, um, wo moͤglich, Grauſam⸗ keiten zu verhuͤten; allein bald ſchlugen die Flammen hoch zum Dache hinaus und die entzuͤgelte Soldateske achtete ſeiner Stimme nicht.— Er gab nun auch ſeinem Pferde die Sporen. Bei Water⸗Break⸗Itz⸗ Neck, wo das Haupt⸗Corps ſtand, fand er Glyndwr beſchaͤf⸗ — 81 tigt, ſeinen Helm gegen einen Bauerhut zu vertauſchen und die Ruͤſtung unter dem groben Kittel eines Bergbewohners zu verbergen. Von da jagten Beide weiter nach Radnor hinein.— XVI. Auf dem Markplatze ſah Glyndwr mit Schau⸗ dern, daß ſchon der Graͤuel vollzogen war, den er abzuwenden ſich beeifert hatte. Um einen brennenden Scheiterhaufen hatte ſich eine große Menge neugierigen Volks verſammelt.—„Wir kommenu zu ſpaͤt, David!“— ſagte er—„es iſt aus mit ihr und mit mir.“— Gwyllim fragte: was hier vorgehe?— „Herr!— antwortete einer der umſtehenden Bauern— er muß ſehr weit herkommen, daß er das noch nicht weiß. Eine verruchte Hexe wird eben in den Flammen geſchmort; 83 dann ſoll eine andre, noch ſchlimmere aus Glas⸗Lyn an die Reihe kommen.“ „Sie ſoll?“— dieſes Wort warf den Himmel in Glyndwr's erſtarrte Bruſt— „Guter Freund! wo it jetzt die Here von Glas⸗Llyn?“* Auf dem Rathhauſe! Das Urthel wird eben ihr vorgeleſen.— Ohne weiter ein Wort zu ſagen, arbeitete er ſich mit Rieſenkraft durch den Haufen— David ihm nach. Aber Glyndwr ergriff ihn bei der Hand und ſagte:„Verſammle eiligſt unſ⸗ re Freunde vor den Eingaͤngen des Rathhauſes und wartet da, bis Ihr mein gewoͤhnliches Signal hoͤrt; dann ſtuͤrzt hinein!“— Nicht ohne große Anſtrengung draͤngte er ſich jn den Gerichtsſaal. Hier ſaßen auf ei⸗ ner Bank die Abgeordneten des Koͤnigs: Po⸗ wis, Montalto, Mornion, die ehemaligen Biſchöffe von Bangor und St. Aſaph nebſt, 84 einigen Andern— vor ihnen auf Lehnſtuͤhlen die Lords Arundel von Dinas Bran und Holt. Ein Zeuge hatte eben die Tribune verlaſſen, als Glyndwr eintrat. Am weißen Ordensge⸗ wande erkannte er ihn fuͤr einen Moͤnch aus der Abtey von Cymhere. Glyndwr war endlich bis zur Barriere gekommen, welche die Advo⸗ katen und Hofbeamten von den Zuſchauern trennte. Hier ſah er wieder, die er ſuchte, die er ſo innig liebte, die er um jeden Preis zu ret⸗ ten entſchloſſen war. Niemand bemerkte etwas von dem Sturm in ſeiner Bruſt; denn die Schoͤnheit Gwenllian's und ihre vollkommene Ruhe in ſo außerordentlicher Lage wendeten Aller Blicke von jedem andern Gegenſtande ab. Die Verhandlung ſchien eben beendigt worden zu ſein; Lord Arundel fragte die Beklagte: ob ſie noch etwas zu erinnern habe, eh ihr Todes⸗ urtheil ausgeſprochen wuͤrde?— „Der Tod wird dem Urtheile nicht folgen; die Tochter Owain Glyndwrs iſt nicht dazu beſtimmt, auf dem Schaffot zu ſterben.“— erwiederte Gwenllian aufſtehend mit kalter Verachtung— „Der Arm meines Vaters iſt lang genug, mich zu ſchuͤtzen und Euch ſtrafend zu erreichen.“— Ihr gegenuͤber ſtand ein Mann, der ihr Beifall zuwinkle und dann ſich unter der gaf⸗ fenden Menge verbarg. Es war der Franzis⸗ kaner, ihr Beichtvater. Aber die Beiſitzer des Blutgerichts laͤchelten haͤmiſch, und Arundel beſchloß:„Ihr erſchwert Euer Verbrechen durch verwegne Worte; Gwenl⸗ lian von Glyndwr! macht Euch zu ſterben he⸗ reit!“— „Oder vielmehr Ihr!— antwortete ſie ſtolz — denn der Naͤcher der mir angethanen Schmach iſt ſchon mitten unter uns.“— Sie ſagt Euch die Wahrheit!— rief eine furchtbare Stimme— Glyndwr iſt da!— 2 XVII. Aler Augen wendeten ſich dem kuͤhnen Sprt⸗ cher zu. Er hatte den Bauernkittel ſchon ab⸗ geſtreift, ſtand aufrecht da im funkelnden Pan⸗ zerhemde und ragte unter Allen hervor. Er zerbrach mit Einem Fußtritt die Schranken, er⸗ griff Gwenillan beim Arm und ſuchte mit gezuͤck⸗ tem Schwerdt eine Bahn zu brechen durch die Menge. Unbeſchreiblicher Tumult folgte darauf. Einige der Anweſenden flohen— andre be⸗ muͤheten ſich, ihn einzuſchließen— wieder and⸗ re wollten ihm ſeine Beute entreißen. Kraͤftigſt ſchuͤtzte er dieſe gegen die Andringenden; aber durch das Menſchengewuhl an der Saalthuͤre mit ihr zu entkommen, ſchien unmoͤglich und ſchon 8 riefen einige Gerichtsperſonen aus den Fenſtern nach den Haͤſchern. In dieſer Verlegenheit ergriff er ein Horn, das an ſeiner Seite hing, und zog daraus einen durchdringenden gehaltenen Ton. Spogleich wurden von außen die Fenſter eingeſchlagen, Lanzen ſichtbar hinter den zerbro⸗ chenen Rahmen und auf Sturmleitern ſchwarz⸗ braune Geſtalten, die hereinſtiegen. An Widerſtand dachte niemand. Alles ſuchte ſich zu retten: Zuſchauer, Richter und Beamte, Edle und Geringe. Um die Verwir⸗ rung zu vermehren, loͤſchte man eiligſt die Lich⸗ ter aus, worauf eine ſo dichte Finſterniß ent⸗ ſtand, daß Freund und Feind nicht weiter zu unterſcheiden waren. Das Angſtgeſchrei der Menge uͤbertoͤnte von Zeit zu Zeit die Stimme . Glyndwr's, der ſeine Soldaten um ſich zu ver⸗ ſammeln und Platz zu machen ſuchte. Das Ge⸗ draͤnge um ihn und Gwenllian ward immer ſtaͤrker; nur die Staͤrke eines Rieſen konnte ſie vor dem Schickſal erdruͤckt und zermalmt zu werden ſchuͤtzen. 88 Sir David, die peinliche Lage des Freundes ahnend, ließ eiligſt von ſeinen Leuten mit Aex⸗ ten die verſchloſſenen Fluͤgelthuͤren des Haupt⸗ Portals einſchlagen, wodurch zugleich die Be⸗ lagerer und Belagerten befreit wurden. Unauf⸗ haltſam, wie ein gefallener Wolkenbruch durch ein enges Thal rauſcht, ſtroͤmte die Menge her⸗ aus, Elyndwr ward mit fortgeriſſen und Gwenl⸗ lian von ihm getrennt. 89 XVIII. As ihm Gwyllim erblickte, rief er ihm zu: Um's Himmelswillen! keinen Augenblick laͤn⸗ ger hier! Die ſtarke Beſatzung aus der Citadelle ziehl heran, einige der durch eine Seitent huͤr des Gebaͤudes entkommenen Lords an der Spitze. Alle Einwohner der Stadt eilen her⸗ bei, um die Garniſon zu verſtaͤrken. Zerſtreut, wie wit ſind, muͤſſen wir unterliegen. Man wird uns in Stuͤcken hauen. Glyndwr antwortete nur durch einen Seuf⸗ zer und rief nach Gwenllian. „Iſt ſie noch in der Stadt; ſo muͤſſen wir uns zu Herrn derſelben machen. Das iſt das einzige Mittel, ſie zu retten.“ 90 Auf's Schloß! dahin hat man ſie ohne Zweifel gebracht!— ſagn Glyndwr mit wie⸗ dergewonnener Gegenwart des Geiſtes. Eiligſt verſammelten beide die umherkoben⸗ den Soldaten und ſtuͤrmten damit fort. Es gelang ihnen mit den Fluͤchtlingen zugleich in den geraͤumigen Vorhof zu dringen. Hier gab es nur ein kurzes Gefecht; Glyndwr's Name verbreitete uͤberall Schrecken. Indes waren ſchon mehrere Truppen in die Stadt ge⸗ kommen. Bald ſtand ſie auf allen Seiten in Flammen. Schaudernd beim Anblick dieſes grauen⸗ vollen Schauſpiels und entmuthigt durch das ihren Feind uͤberall hin begleitende Gluͤck, ver⸗ langten die Soldaten und Fluͤchtlinge im Schloſſe zu kapituliren. Glyndwr ſchrieb ſelbſt die Bedingungen vor. Die erſte war: Auslieferung aller Lords, 91 die Gwenllian verurtheilt hatten. Außerdem verlangte er noch von der Buͤrgerſchaft ſechzig Geißeln, die er nahmhaft machte. Nach einigen fruchtloſen Proteſtationen, bewilligte man alles und Glyndwr ward Mei⸗ ſter der Citadelle. Allein er fand darin weder Gwenllian, noch irgend einen der Tribunal⸗ richter— auch anderwaͤrts von allen keine Spur. Seine Wuth ſtieg zut Raſerei; ein hoͤlliſchr Geiſt ſchien aus ihm zu ſprechen. Er ließ die ausgehobenen Geißeln ohne Barm⸗ herzigkeit enthaupten und darauf das Schloß verbrennen und ſchleifen. In der Stadt wur⸗ den Graͤuel auf Graͤuel veruͤbt: Pluͤnderung, Nothzucht, Mord und Brand. Die Sage erzaͤhlt: daß ſeit jener fuͤrchterli⸗ chen Nacht eine blutige Pflanze auf den Rui⸗ nen von Radnor wachſe. 92 XIX. We mit der Geſchichte vertraut, es weiß, welche Folgen die Thaten der Maͤnner, die ſie auszeichnet, zu haben pflegten, muß glauben, daß Glyndwr durch ſein Verfahren im An⸗ fange eines Kampfes mit einem der muthvoll⸗ ſten und maͤchtigſten Fuͤrſten Europa's ſich ſelbſt ſein Grab gegraben habe— daß die Unmenſchlichkeit ſeiner Verzweiflung ſeine Freun⸗ de von ihm entfernt, und die noch neutral waren, abgeſchreckt haben werde, ſich mit ihm zu vereinigen. Aber— es geſchah grade das Gegentheil von dem allen. Glyndwr war lange Zeit als ihr Polar⸗ ſtern von den Waliſern betrachtet worden. Auf 93 dieſen letten Sproͤßling ihret Koͤnige richteten ſie hoͤffnungsvoll den Blick, mitten unter Lei⸗ den und Bedraͤngniſſen aller Art— ungefaͤhr wie die Juden auf ihren heiligen Tempel. Sir Owain's Faͤhigkeiten— ſeine umfaſſenden, in jenem Jahrhundert ſeltenen Kenntniſſe, ſeine Koͤperſtaͤrke, ſein Heldenmuth, ſein Gluͤck und der Ruf, in die Geheimniſſe der Magie einge⸗ weiht zu ſein— zeichneten ihn vor allen An⸗ dern aus zum Heerfuͤhrer und Herrſcher. Die energiſche Entſchloſſenheit, welche er nach ſo langer Ruhe bewieß, vollendele das Vertrauen, welches man allgemein in ihn ſetzte. Die grauſamen Maasregeln entſchuldigte man mit der Nothwendigkeit, oder ſetzte ſie auf Rechnung des ihm dienenden Daͤmon, der nur unter die⸗ ſen Bedingungen ihm Beiſtand leiſte. Iſt ein ungewoͤhnlicher Kopf einmal Held des Tages geworden; ſo findet man ſelbſt in ſeinen Ver⸗ irrungen Weisheit und ſeine unbedeutend⸗ ſten Aeußerungen gehen wie Orakelſpruͤche von Mund zu Mund. Man war feſt uͤberzeugt: II. 7 94 er wiſſe es ſchon, wie im gefaͤhrlichen Kriegs⸗ ſpiele die Wuͤrfel fallen wuͤrden; ſonſt wuͤrde er Eigenthum, Ehre und Leben nicht gewagt haben, um ſo weniger, da auch ſeiner zahl⸗ reichen Familie Wohl und des Vaterlandes Heil ihm ſehr am Herzen zu liegen ſchien. Seine Tollkuͤhnheit endlich und die Nachſicht bei den Raͤubereien und Ausſchweifungen ſeiner Soldaten machten ihn zum Abgott derſelben⸗ Von allen Seiten her ſtroͤmte ihm Geſindel zu, das unbedenklich ſein Leben daran ſeßte, um im Fall des Sieges durch Beute und Pluͤnderung die Annehmlichkeiten des Lebens zu gewinnen. Auch die Furchtſamſten erklaͤr⸗ ten ſich jetzt oͤffentlich fuͤr ihn. Den Weltver⸗ beſſerern galt er fuͤr Ihresgleichen. Man glaub⸗ te: er handle blos aus Liebe zu den Menſchen Sein auffahrendes Weſen nannte man Supe⸗ rioritaͤtsgefuhl— ſeine himmelſchreiende Grau⸗ ſamkeit: Willensſtaͤrke im Verfolgen eines er⸗ habenen Zwecks, und den Anfang einer großen kirchlichen Reform: ſeine Zerſtoͤrung der Tem⸗ — pel und Kloͤſter. Beſonders hielt man ihn fuͤr einen großen Patron der Freiheit, wie in neuerer Zeit einen noch ruhm⸗ und herrſch⸗ ſuͤchtigeren Tyrannen. Glyndwr lachte inner⸗ lich der Thoren, ließ aber jeden bei ſeinen Traͤumereien und verſprach goldne Berge allen, die dergleichen zu beſiten wuͤnſchten. Eigentlich dachte er immer nur an ſich ſelbſt, auch wenn er vom Vaterlande ſprach; doch war er klug genug, nicht— wie ein ſpaͤterer Monarch— grade heraus zu ſagen: Der Staat— das bin Ich. 96 XX. Wäͤhrend Glyndwr durch der Menge ver⸗ einte Kraft vorwaͤrts gedraͤngt ward, ſchlepp⸗ ten drei ſtarke Maͤnner Gwenllian durch einen Seitengang hinter das Rathhaus. Sie ward ohnmaͤchtig vor Schrecken, ſich vom Franzis⸗ kaner und ihrem Vater verlaſſen und wieder in der Gewalt ihrer Feinde zu ſehen. Als ſie nachher zur Beſinnung kam, fand ſie ſich hinter einem Ritter auf einem fluͤchtigen Ren⸗ ner feſtgebunden. Zwei Diener deſſelben hiel⸗ ten ſie zu beiden Seiten. So flog ſie in die Welt hinein. Mit Schaudern erkannte ſie Montalto in ihrem Entfuͤhrer. Sie wollte um Huͤlfe rufen; aber man hatte die Vorſicht ge⸗ 97 braucht, ihr den Mund zu verſtopfen. Ihr Entſetzen vergroͤßerte ſich noch als ſie aus dem Geſpraͤch anderer Reiter, die den Zug begleite⸗ ten, zu merken glaubte, daß man nach Mold eile. Dieſe Feſtung gehoͤrte dem Baron und ward bisher fuͤr unüberwindlich gehalten. In Mathraval, ehemaliger Reſidenz der Landesregenten, wollte man Erfriſchungen ein⸗ nehmen; aber eben ward auf dem Markte proklamirt:— Owain II, Pandragon von Wales, Erbfuͤrſt von Powis⸗ land. Aus Beſorgniß, daß Gwenllian Mitte! finden koͤnne, ſich zu erkennen zu geben, draͤng⸗ ten ſich alle Reiter dicht um ſie und im Ga⸗ lopp ſprengte man ſo zur Stadt hinaus. Darauf ging der Weg die Nacht hindurch in einer wuͤſten Gegend fort, durch Gebirge und Wald. Als der Morgen zu daͤmmern 98 begann, erblickte Gwenllian die finſtern Thuͤr⸗ me von Dinas⸗Bran. Sie hatte ſehr gelitten und wuͤrde ſich gefreut haben, hier die wilde Jagdreiſe beendigt zu ſehn, häͤtte ſie nicht zit⸗ tern muͤſſen vor dem, was ihr im Schloſſe da begegnen koͤnne. Montalto ſtieg ab, half ihr mit Galante⸗ rie vom Pferde und fuͤhrte ſie dann zum Lord Arundel und Sir Edmond Mortimer, die fruͤher ſchon angekommen waren. Dieſe ihre Blutrichter empfingen ſie ebenfalls hoͤflich. Sie wunderte ſich, hier auch Freunde Glyndwr's zu ſehn— unter andern: Rhys, Tudor und den armen Morgan, den man für David Gwyllim angeſehen hatte, weil er zufaͤlliger Weiſe auf dem Leibpferde ſeines Herrn ſaß. Die in der Verwirrung Aufgegriffenen wur⸗ den in das Schloßgefaͤngniß gebracht; Gwenllian aber fuͤhrte man in ein geraͤumiges, luftiges, gut moͤblirtes Zimmer, deſſen Fenſter in's Freie 99 eine Ausſicht verſtatteten. Sie ward da ihrem Range gemaͤß behandelt, nicht mehr, wie eine Verbrecherin, ſondern wie eine Geißel, fuͤr wel⸗ che man von Glyndwr alles, was man wuͤnſchte, zu erlangen hoffte. Man erlaubte ihr ſogar, auf dem Walle zu luſtwandeln. Indes war Gwenllians Lage hier doch ſehr peinlich; denn einmal erfuhr ſie nichts von den Dingen, die außerhalb vorgingen— nichts von dem Schickſal ihrer Lieben, und dann quaͤlte ſie der verhaßte Montalto fortwaͤhrend mit ſeiner Leidenſchaft.—„Wolle ſie ſeine Wuͤnſche an⸗ hoͤren und mit ihm fliehen; ſo ſtehe ihrer Frei⸗ heit kein Hinderniß weiter im Wege.“— ſagte er. In dieſem Falle verſprach er ſogar mit ih⸗ rem Vater gemeinſchaftliche Sache zu machen und Dinas⸗Bran nebſt allen darin befindlichen Feinden Glyndwr's ihm in die Hand zu ſpielen. Gwenllian antwortete: nach dem, was er gethan, ſei es thoͤrig, zu hoffen, daß ſie jemals 190 ihn lieben koͤnne. Aber auch verachten muͤſſt ſie einen Mann, der faͤhig ſei, ſeine Freunde zu verrathen. Wenn er nicht aufhoͤre, ſie mit ehrloſen Zumuthungen zu verfolgen, werde ſie ſeine ſchaͤndlichen Antraͤgen den Lords Arun⸗ del und Mortimer entdecken. Da Montalto ſah, daß er in der Guͤte nicht zum Zwecke kommen koͤnne, bruͤtete er uͤber andre Intriguen. So verfloß beinahe ein Monat, dem Anſchein nach, ruhig. 101 XXI. Indes war Glyndwr in den von einander entlegenſten Gegenden: in Cardigan und Brecknock, Glasmorganſhire und Angleſea— uͤberall, wo die Empoͤrung ihr Haupt erhob, beinahe zu gleicher Zeit, ſo daß es ſchien: er koͤnne ſich vervielfaͤllttgen. Die Schnelligkeit ſeiner Bewegungen und die Sicherheit ſeiner Maasregeln mußten ſelbſt ſeine Feinde be⸗ wundern. Er eroberte nach einander die Schloͤſ⸗ ſer Chirk, Holt, Mold, Harley, Llandaff und andre und ließ ſie ſchleifen, um die Eigen⸗ thuͤmer derſelben, die Lords Arundel, Mortimer, Montalto, Powis und die uͤbrigen Beiſitzer des Blutgerichts in Radnor fuͤr die begangenen 102 Frevel zu ſtrafen. Als Heinrich bei Shrews⸗ bury endlich eintraf, um ſich an die Spitze ſeiner Armee zu ſtellen, hatte ſchon ganz Wa⸗ les Owain Glyndwr als rechtmaͤßigen Beherr⸗ ſcher anerkannt und ſtand unter den Waffen. Eines Morgens ſaß Gwenllian auf den Zinnen des Schloßthurms, um das herrliche Land zu uͤberſchauen, das ihren Vorfah⸗ ren gehoͤrte. Unter ihr ſchlaͤngelte ſich die Deva durch das bluͤhende Thal von Eliſeg, wo ſie ihre gluͤckliche Kindheit verlebte. Sie entdeckte auch die weiße Säule, die uͤber den unterirdiſchen Gewoͤlben ſtand, die Glyndwr damals mit ihr bewohnte. Weiter umherſpaͤhend, zog der Waffenglanz einer Kriegsſchaar auf dem von der Sonne vergoldeten Gipfel eines der niedrigern Berge, die wie Unterthanen ſich vor der Koͤnigsfeſte Dinas⸗Bran zu neigen ſchienen— ihre Auf⸗ merkſamkeit an. Es war ein zahlreiches Corps ———— 103 von Reiterei und Fußvolk, welches mit fliegenden Fahnen marſchirte. Vor ihm her ritt der An⸗ fuͤhrer in einem purpurrothen Mantel. Gwenl⸗ lian bemerkte, daß er mit dem Degen auf das Schloß deute. In guter Ordnung ſtiegen die Truppen hinab in's Thal, wo ſie eine Zeit⸗ lang unſichtbar blieben. Dann wieder zeigte ſich die Spitze der erſten Colonne. Das Heer entwickelte ſich auf der Ebne vor dem Schloſſe unter kriegeriſcher Muſik und dem Schlachtge⸗ ſange: Ar hyd y nos. Jetzt erkannte Gwenl⸗ lian auf dem voranwehenden Banner den ge⸗ kroͤnten Drachen. Ha! es war Glyndwr ſelbſt, der, ſie zu befreien, mit ſeinen Getreueſten vor Dinas⸗ Bran erſchien. Sein Anſtand druͤckte Zuverſicht und Wuͤrde aus, und ſeine Mienen, waͤhrend er die Mauern und Waͤlle betrachtete, ſchienen ſagen zu wollen: er habe ſtaͤrkere Fe⸗ ſtungen ſchon auf ſeinem Triumphzuge ero⸗ bert. Darauf winkte er jemand aus der Nach⸗ hut herbei. Ein Herold im Waffenrocke des altkoͤniglichen Hauſes naͤherte ſich der Burg, 104 ſtieß in die Trommete und proklamirte dann folgendes mit lauter Stimme: „Owain, Pandragon von Wales, Erb⸗ fuͤrſt von Powisland, entbietet Dir ſeinen Gruß, Johann, Graf von Arundel. Er ver⸗ langt, da Du Lehen in ſeinen Staaten be⸗ ſiteſt, daß Du als rechtlicher und treuer Un⸗ terthan ihm huldigſt, die Thore Deiner Veſte oͤffneſt und Gwenllian von Glyndwr, die Du unrechtmaͤßiger Weiſe gefangen haͤltſt, ſofort auslieferſt. Gehorſamſt Du dem Befehle; ſo haſt Du Verzeihung des Vergangenen zu ge⸗ warten; im Gegenfalle aber wird Deine Burg geſchleift und Du mit all den Deinen als Verraͤther und Rebellen ausgerottet.“— Sage Deinem uͤbermuͤthigen Herrn, daß wir keinen andern Souverain anerkennen, als Heinrich IV. Koͤnig von England— antwor⸗ tete Lord Arundel vom Walle herab— Sage ihm ferner: daß wir kraft der beſtehenden 105 Landesgeſetze verbunden ſind, ihm ſeine Toch⸗ ter, die, aus ihm ſelbſt am beſten bekannten Gruͤnden, von ihm gewichen, in ſichre Ge⸗ wahrſam zu halten. Die Benennungen: Ver⸗ raͤther und Rebell! fallen zuruͤck auf ſein eig⸗ nes Haupt. 106 XXII. Gandwr erblaßte, als er dieſe Antwort ver⸗⸗ nahm, und Gwenllian bereuete es nun bitter, daß ſie durch ihre Flucht zu Hoel den Charakter ihres Vaters der oͤffentlichen Verurtheilung Preis gegeben habe. Sie fuͤhlte, daß er den ihm jetzt vor ſeinem Heere angethanen Schimpf niemals verzeihen koͤnne. Auch ſich ſelbſt hatte ſie, anſtatt bei ihrem Vetter Sicherheit zu fin⸗ den, in Gefahr und Schande geſtuͤrzt. Die Uebereilung ließ ſich auf keine Weiſe wieder gut machen; ihre Verzweiflung war groß, ſie ſchwankte, und waͤre gefallen, haͤtte nicht je⸗ mand ſie in die Arme genommen. Im Wahn: es ſei der verabſcheute Montalto, ſtieß ſie einen ₰ 107 Schrei aus. Umblickend aber, gewahrte ſie mit Verwunderung den Beichtvater Glyndwr's. Mit einem Gemiſch von Ernſt und Freude ſah der Franziskaner ſie an. „Fuͤrchte nichts, Gwenllian!— ſagte er— ich bin immer in Deiner Naͤhe, auch dann, wenn Du mich nicht ſchaueſt. Geh jetzt in Dein Zimmer hinab und erwarte da ruhig den Ausgang der Belagerung im feſten Vertrauen auf meinen Schutz bei allen ferneren Ereig⸗ niſſen.“ Der Moͤnch war verſchwunden⸗ Unter ſich erblickte ſie die Krieger ihres Va⸗ ters in raſender Wuth Anſtalten treffen zum Angriffe. Der Tumult vor dem Schloſſe und im Innern deſſelben ward immer groͤßer. Pfeile flogen hin und wieder, die Musketen knallten und zwei Kanonen von ungeheurer Groͤße, die Glyndwr in einer engliſchen Feſtung erobert, miſchten dazu ihr Gebruͤll. Die Echo's der 108 Felſen vertauſendfaͤltigen den Donner der Sturmſchlacht und das Krachen der brechenden Mauern. Ein Abgeſandter Arundel's bat ſie jetzt hoͤfe lichſt in den großen Saal hinabzuſteigen, wo er ſie zu ſprechen wuͤnſche. Schweigend ſah der Graf ſie an und mit einer Zaͤrtlichkeit, die ſie dem nicht zutrauen konnte, der vor kurzem ihr grauſamer Richter war. „Milady!— ſagte er endlich— ich ehre Ihre Tugend und ſchätze Ihre ſeltnen Eigen⸗ ſchaften. Man hat mich gemißbraucht. Ich war unwiſſend ein Werkzeug gehaͤſſiger Leidenſchaf⸗ ten. Von Edmond Mortimer und einem ſeiner Freunde, der jetzt im Schloſſe iſt, habe ich erfahren, daß ſie ſelbſt von ihrem Vater fluͤcheten, eniſchloſſen lieber ſich den groͤßten Gefahren auszuſetzen, als laͤnger bei ihm zu leben, Antworten Sie offen! Iſt das wahr? 109 Gwenllian verneigte ſich bejahend. „In dieſem Falle— fuhr der Graf fort— iſt es Ritterpflicht fuͤr mich, Ihnen meinen Schutz anzubieten. Allein das wird mich in einen langen, blutigen Kampf verwickeln und an ſich iſt es unrecht, die Tochter dem Vater vorzuenthalten. Um mein Gewiſſen zu beruhi⸗ gen, muß ich Sie beſchwoͤren, mich nit deut⸗ lichen Worten von dem Betragen Glyndwr's gegen Sie zu unterrichten.“— Gwenllian fuhr zuſammen und wendete ſich ab. Nachdem ſie einigermaßen ſich gefaßt hatte, antwortete ſie mit zitternder Stimme: Ihre Protection nehme ich dankbar an, Mylord! aber verſchonen Sie das Zartgefuͤhl eines ge⸗ aͤngſteten Maͤdchens mit ferneren Fragen!— „Sonach habe ich blos die Wahl, entweder Sie an Ihren nnrſelichen Beſchuͤtzer auszulie⸗ fern, oder“— II.. 8 110 O nein! nein!— rief ſie, mit ſchmerzli⸗ chem Ton ihn unterbrechend, und fiel ihm zu Fuͤßen— erretten Sie mich von dem Fuͤrch⸗ terlichen, der mich jetzt als ſeine Tochter zu⸗ ruͤckfodern laͤßt; aber verlaͤugnet, wenn.. ach!— „Ich glaube, Sie zu verſtehen, Fraͤulein! und gebe Ihnen daher nochmals mein Wort, daß ich Sie beſchuͤtzen werde, ſo lange ein Tropfen ritterlichen Blutes in meinen Adern rinnt.“ Mit dieſen Worten ihr die Hand druͤckend, uͤberließ er Gwenllian ihren eigenen Betrach⸗ zungen. Sie ſchien außer ſich vor Schmerz. 111 XXIII. Waährend Gwenllian uͤber ihr grauſames Schickſal weinte und in ſo ſchwieriger Lage die rechte Handlungsweiſe nicht auszumitteln ver⸗ mochte, dauerte der Kampf fort. Die erneuten wuͤthenden Angriffe der Belagerer wurden von den Belagerten mit gleichem Muthe zuruͤckge⸗ ſchlagen. Dreimal erſtiegen jene die Baſtionen der Feſtung und buͤßten dafuͤr, von den Mauern geſtuͤrzt, mit dem Leben. Im Vertrauen auf ſeine Sterne, erſtieg Glyndwr zuerſt die Leitern. Es gelang ihm hinauf zu kommen. Hier ergriff er mit ſeiner 112 Athletenfauſt die naͤchſten feindlichen Soldaten und ſchleuderte ſie in die Tiefe des Abgrundes. Ferner ſtehonoe zerſchmetterte er mit Steintruͤm⸗ mern der gebrochenen Mauer. Nun, als er einen Augenblick Ruhe gewonnen, pflanzte er ſchnell das Drachenpanner, welches Adam Dhu ihm hinaufreichte, eigenhaͤndig auf den, Wall und erſchlug einige der Kuͤhnſten, die ihn daran hindern wollten, mit dem Schwert. Be⸗ geiſtert durch dieſen Anblick, ſtuͤrmten die Be⸗ herzteſten nach. Der Sieg ſchien nicht zwei⸗ felhaft mehr; aber ploͤtzlich verſchwand Glyndwr. Seine Freunde glaubten, er ſei gefallen. Die Anordnungen des Heerfuͤhrers fehlten im ent⸗ ſcheidenden Augenblicke. Verwirrung trat ein — Nuthloſigkeit ergriff die Stuͤrmenden und nach und nach zogen ſich alle zuruͤck. So ver⸗ laͤßt der Ocean zur Zeit der Ebbe einen Felſen, gegen welchen er zur Zeit der Fluth ſchaͤumend antobte. Darauf erſchien Lord Arundel mit einem 113 Trompeter und proelamirte von oben herab: er habe den Rebellen Glyndwr gefangen. Dieſe Nachricht wirkte, wie ein Donner⸗ ſchlag auf eine erſchrockene Heerde, deren Hir⸗ ten der Blitz zu Boden warf. Alles fing an zu verzagen. Die Hoffnung, Wales zu befreien, ſchien verloren mit dem Helden, der allein das Wagſtuͤck gluͤcklich auszufuͤhren vermochte. Rhys⸗ Gyrch, Adam Dhu und Scudamore wollten ſich von einander trennen und uͤber dem Meere Rettung ſuchen; denn ſchon war die Nachricht eingetrof⸗ fen: Heinrich ruͤcke mit einer uͤberlegenen Ar⸗ mee vor. Aber David Gwyllim zeigte jetzt, daß er ſo viel Beſonnenheit habe, als Geiſt und Muth. Er ließ ſofort das Geruͤcht verbreiten: Glyndwr habe ſich aus Kriegsliſt gefangen nehmen laſſen. Er ſtehe unter dem Schutz hoͤ⸗ herer Maͤchte. Keiner der Feinde koͤnne ihm etwas anhaben; wer ihn zu beruͤhren wage, werde von einem elektriſchen Schlage auf der Stelle getoͤbtet. Um Mitternacht werde er ſelbſt 114 der Belagerungsarmee die Thore oͤffnen. Da⸗ her ſolle ſich jeder bereit halten zu erneuertem Kampfe; der Ausgang deſſelben ſei ſchon vom Schickſale beſtimmt. Niemand zweifelte an der Wahrheit dieſer Worte, da der Glaube an Glyndwr's Verkehr mit hoͤheren Weſen allgemein herrſchte. Was den Muth vorher niedergeſchlagen hatte, beſeelte ihn jetzt zu doppelter Kraftanſtrengung, um ſo mehr, da man bemerkte, daß im Innern der Feſtung etwas Ungewoͤhnliches vorgehen muͤſſe. Man hoͤrte darin keinen Jubel des Triumphs. Eine Todtenſtille herrſchte darin. Kein Soldat erſchien ferner auf den Mauern. Einmal nur ſah man Montalto mit Wenigen, denen er befahl, den ſchwaͤchſten Punkt zu beſetzen; aber ſie weigerten ſich offenbar, laͤnger Wider⸗ ſtand zu leiſten und liefen davon, als der Ba⸗ ron ſich entfernt hatte. Gwyllim troͤſtete ſich und ſeine Vertrauteſten damit: daß Grey von Ruthin noch in ihrer 115 Gewalt ſei. Um ſeinen Gaͤnſtling wieder zu erhalten, werde Heinrich gewiß gern Glyndwr in Freiheit ſetzen laſſen.— Sehr richtig ſchloß er, daß da, wo Montalto ſich zeigte, es allein moͤglich waͤre, in die Feſtung einzudringen. Als es zu dunkeln begann, ſchlich er fort, jene Gegend in der Naͤhe ſelbſt zu unterſuchen. Nach mancherlei Hinderniſſen, fand er endlich einen ſchmalen Pfad, der dahin fuͤhrte. In die⸗ ſem Augenblick erhellte ein ungewoͤhnlicher Glanz den Himmel. Der Komet zog uͤber⸗Dinas⸗Bran herauf. Neben ihm zur Rechten ſunkelte Hes⸗ perus, das freundliche Geſtirn der Hoffnung und Liebe. XXIV. Ein wunderſames Getoͤſe ließ ſich jetzt im Schloſſe vernehmen: Kettengeraſſel, Knarren, wie von Naͤdern ſchweren Geſchuͤtzes, ein tau⸗ ſendſtimmiges Aechzen und Geheul, wie von Sterbenden und Verdammten. Auf den Zinnen der Burg ſah Gwyllim huͤpfende Lichter, der da⸗ zwiſchen das Geſpenſt eines geharniſchten Ritters neben einem Frauenbilde in weißer Kleidung.— Ramiel und Helene dachte er, als ſie ſich in die Luft zu erheben ſchienen und verſchwanden. Eine andre Geſtalt ward jetzt auf dem Walle ſichthar— ein Mann im bloßen Hemde. Furchtſam — — 117 blickte er um ſich, warf dann eine Strickleiter herunter und kletterte eilig hinab. Als er un⸗ erwartet Sir David dicht neben ſich erblickte, fiel er auf die Knie und ſagte leiſe:„Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn. Hebe Dich weg von mir, Satanas! Du haſt doch keinen Theil an mir; denn ich bin einer rechtſchaffenen Mutter Sohn.“— Es war der ungluͤckliche Morgan, dem das Grauſen dieſer Nacht zu dem verzweifelten Entſchluß bewogen hatte, mit Lebensgefahr zu entwiſchen. „Was zum Teufel! Du biſt's, Shinkin Morgan?— fragte Sir David— wie kommſt Du hierher?“— Ach, mein Jeſus! Gott ſei Dank! Sie ſinds alſo, liebſter Herre? ich habe mich zum Tempel hinaus gemacht,'r Gnaden; denn im Schloſſe drin regiert jetzt der Schwarze mit ſei⸗ 118 ner Großmutter.— Da giebts Heulen und Zaͤhnklappern. Ich hab ihn mit dieſen meinen leibhaften Augen ſelbſt geſehen— den langen Drachenſchwanz und die Bocks⸗Hoͤrner; und die ſcharfen Tieger⸗Klauen ſtreckte er nach mir aus. Aber gehorſamer Diener! ich ſchlug ein Kreuz; da mußte er mit einer langen Naſe wieder ab⸗ ziehn. Blos einen Ouft ließ er hinter ſich, wie von verdorbenen Eiern.— „Sprich vernuͤnſtig, Morgan! was geht vor in der Feſtung?“— Was ſoll vorgehen?— Die Hexe von Glas⸗ Llyn iſt drinne und ihr guter Freund Glyndwr laͤßt auf dem großen Saal den Teufel nach der ſchottiſchen Sackpfeife tanzen, wie ei⸗ nen polniſchen Baͤr, damit er ihm in ſeiner Ge⸗ fangenſchaft und Noth zu Huͤlfe kommen ſoll.— Was meine Eſchappation anbetrifft; ſo habe ich mich muks maͤuschen ſtill davon gemacht; denn jetzt giebt keine Seele Achtung auf die andre. Fuͤnf 8 119 hundert hoͤlliſche Geiſter ſeufzen jetzt da drinne um die Wette, wie die Zephirs in ihren letz⸗ ten ſchoͤnen Verſen. Weit davon iſt gut vor im Schuß.— Eben hoͤrte man wieder im Schloſſe ein lau⸗ tes Angſtgeſtoͤhn und Wimmern, dazwiſchen ein teufliſches Hohngelaͤchter, knallende Peitſchen, Trommeln, Schlachtmuſik und Waffenge⸗ toͤe. Morgan eilte ſpornſtreichs davon; aber Sir David ſprang ihm nach und ergriff ihn bei den Haaren. „Das iſt mein Tod!— rief Shinkin— das iſt der große Nagel zu meinem Sarge. Retten Sie wenigſtens Ihr eignes armes Leben, gnaͤdigſter Herr und Patron. Ich fuͤr meine Perſon bin ein verlorner Mann.“ Du biſt blos ein Narr, wie immer— ein Haaſe, den jedes rauſchende Blatt in die Flucht ſchlaͤgt. Ich muß erſt das Weitere ab⸗ II. 9 120 warten. Voraus kann ich Dich nicht laufen laſſen; ſonſt allarmirſt Du das ganze Lager. „Nal! ſo befehle ich meine Seele dem Herrn; er wird mich armen Suͤnder nicht von ſeinem Angeſicht verſtoßen. Ich wor nicht grade der Schlimmſte, wenn ich auch manchmal zu tief in den Krug ge⸗ gukt haben ſollte: ein treuer Diener, recht⸗ ſchaffener Ehemann und guter altglaͤubiger Chriſt. Vom Schulmeiſter habe ich die beſten Zeugniſſe und Documente aufzuweiſen. Im neunzehnten Jahre ſchon konnte ich etwas buchſtabiren und ſchreiben und meiner guten Auffuͤhrung wegen erhielt ich nur dreimal einen öͤffentlichen Schilling.— Ach, mein Gott! Nun iſt es Matthaͤi am letzten. Der fuͤngſte Tag iſt da. Die Erde wird gleich untergehn. Pech und Schwefel fallen vom Himmel. Das ganze Schloß ſteht ſchon in Feuer und Flam⸗ men.“— Wirklich wirbelte eine rothe Gluthſaͤule von den Zinnen der Burg bis zum Himmel hin⸗ auf. Sie kruͤmmte ſich dann uͤber Dinas⸗ Bran, wie ein Regenbogen, ſchillernd mit al⸗ len prismatiſchen Farben. In der Feſtung ſchien ein paniſches Schrecken zu herrſchen; kein Fußtritt regte ſich darin. Gwyllim hatte bemerkt, daß man von dem Orte, wo er ſtand, die Mauern leicht erſteigen koͤnne, und hielt dieſen Augenblick fuͤr den guͤnſtigſten dazu. Eiligſt ging er mit Morgan in's Lager hin⸗ ab. Hier, gab er ſogleich gemeſſene Befehle zum Angriffe. Alles war dazu ſchon vorbe⸗ reitet. In furchtbarer Stille zog von drei verſchiedenen Seiten das Geſammtheer hinauf. Aber wie erſtaunten die Freunde Glyndwr's, als— Er ſelbſt heiter und geſund auf dem Walle erſchien: „Seid mir willkommen! und ziehet friedlich ein!— rief er ihnen entgegen— Lord Arun⸗ del hat meine Bedingungen angenommen.“— Darauf wurden die Fallgatter aufgezogen, die Zugbruͤcken niedergelaſſen und die Thore eroͤffnet. Ohne Schwertſtreich, unter klingen⸗ dem Spiel, mit wehenden Fahnen erfolgte die Beſetzung des Schloſſes. Ein reicher Vorrath von Lebensmitteln war vorhanden. Freunde und Feinde, die ſich zu verſtellen jetzt fuͤr das Beſte hielten, ſchwelgten die Nacht hindurch und tranken zahlloſe Geſundheiten auf das Wohl des unuͤberwindlichen Feldherrn. Ende des zweiten Theils. Bei W. Lauffer in Leipzig ſind er⸗ ſchienen: Gallerie aller juridiſchen Autoren von der aäͤlte⸗ ſten, bis auf die jetzige Zeit mit ihren vorzuͤglichſten Schriften, nach alphabetiſcher Oednung aufgeſtellt, von J. H. Stepf. 2 Baͤnde A— F. gr. 8. 1821. 3 thlr. 8 gr. (der 3te Band erſcheint im Juny 1822.) Neue jedem gebildeten Leſer zu empfehlen⸗ de Unterhaltungsſchriften. Waverley oder Schottland vor ſechszig Jahren, hiſtoriſch ⸗ humoriſtiſcher Roman Walter Scott. Aus dem Engl. 8. 1822. von 4 Baͤnde. 3 thlr. 4 gr. Der Beherrſcher der Eylande in 6 Dichtungen von Walter Scott. 8. 1822. Der Kreuzesritter oder Don Sebaſtan, Koͤnig von Portugal. Ein hiſtoriſcher Ritterroman von Miß Anna Maria Porter, uͤberſetzt von Wilhelmine von Gersdorf 2 Baͤnde mit Kupfer. 8. 1821. 2 thlr. 12 gr. Erzaͤhlungen und Romanzen von Fr. Krug von Nidda Ir Band 8. 1821. Ithlr. 16 gr. 2r Band. 8. 1821.—thlr. 8 gr.(2 Baͤnde 3 thlr.) Darſtellungen von Fr. Krug von Nidda. 8. 1821. I thlr. 8 gr.(iſt der 2te Band der Er⸗ zaͤhlungen und Romanzen.) Erzaͤhlungen von Wilhelmine von Gersdorf 2 Baͤnde mit 1 Kupfer. 8. 1821. 2 thlr. 8 gr. Giuglio und Iſidora oder die Flucht aus den Kerkern der Inquiſition. Eine Erzaͤhlung von Dr. K. Friedrich. 8. 1821. 18 gr. Mirabilis oder der Alte uͤberall und nirgends. Eine Erzaͤhlung von Wilhelmine von Gers⸗ dorf mit I Kupfer. 8. 1821. 1 thlr. 8 gr. Eternelle oder die Blindgeborne. Ein ro⸗ mantiſches Gemaͤlde. 2 Baͤnde, mit Kupfern. 8. 1820. 2 thlr. 18 gr. Die Circe von Glas⸗ Llyn, Roman von Walter Scott, bearbeitet von K. H. L. Rein⸗ hardt in 4 Theilen Ir und 2r Band 8. 1822. I thlr. 12 gr. (3r und 4r Band erſcheinen in 6 Wochen.) — ——— Romanzen von Fr. Krug von Nidda. 8. 1821. 12 gr. Bluͤthen von Jean Paul Fr. Richter und Joh. Gottfried von Herder, geſammelt von dem Prof. Generſich 8. 1821. geh. I thlr. 4 gr. Emma, Leben einer gluͤcklichen Mutter, von dem Profeſſor Generſich. 8. 1819. geh. 18 gr. Geſchichte der drei letzten Lebensmonate Napoleon Bonapartes. Nach authentiſchen Documenten verfaſſet von S. Aus dem Franz. uͤberſetzt 8. 1822. geheftet 8 gr. Thirza, die Seherin aus Griechenland, oder die deutſchen Schleichhaͤndler. Eine Erzaͤhlung von W. von Morgenſtern. Mit Muſikbei⸗ lage. 8. 1822. I thlr. 12 gr. Bundeslied der heil'gen Schaar in Griechenland, fuͤr das Pianoforte compon. von Haͤnſch, 4 gr. wird aus Thirza auch apart verkauft. — —— 4 Tnſinnnſnſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſ 9 11 12 13 14 15 16 17