Leihbibliothek 1 E deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher eiteratur von... Ednard Oltmann in Gieſſen, “ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Vibipther ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends Uhr offen. jede Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4— .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hi kterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet rd. wie heträgt... für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 Mk. 50 Pf. 3 M. Tf. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und „ 3„ 2„ P=„„—„»„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſondere darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen er Bücher nicht ſtattſinden darf, indem iejenigen, welche die⸗ en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 84 Die Lirce von Glas⸗Llyn. ——— Ein Roman nach Walter Scott von K. Heinr. Leop. Reinhardt. Erſter Theil. 1 zi 1822. Bei Midhelm kauffes * Die Ciree von Glas⸗Llyn. —— Ein Roman nach Walter Scott, Erſter Theil. „ Sehen Sie auf, mein Herr!“— ſagte Heinrich IV. zu einem Manne in Trauerklei⸗ dern mit ausdrucksvollen Geſichtszuͤgen, der vor ihm auf den Knieen lag—„Kehren Sie an den Ort Ihrer Geburt zuruͤck und miſchen Sie ſich nicht in die Angelegenheiten meiner Staaten! Was wollen Sie in Pontefract mit den Ueberreſten Richards, der ſeine Koͤnigsrolle nun ausgeſpielt hat?“— Er war mein Wohlthaͤter, Sire!— ant⸗ wortete der Flehende. Als Stallmeiſter immer um ſeine Perſon, mußte ich ihn innigſt lie⸗ ben und hochachten lernen— wie ſollte ich 1. 4 2 nicht wuͤnſchen, ſeiner ſterblichen Huͤlle eine letzte Ehre erzeigen zu duͤrfen? O gnaͤdigſter Herr! Gewiß haben Monarchen, die durch Em⸗ poͤrung und Unredlichkeit leiden, vor allen An⸗ dern die Verpflichtung auf ſich, eines fuͤrſtli⸗ chen Dieners Redlichkeit und Treue zu belo⸗ ben— ſelbſt dann, wenn der Gebieter deſſel⸗ ben ihr Feind war.— „Sir Owain!— unterbrach ihn Hein⸗ rich erzuͤrnt— ich bin nicht gewohnt, mich hofmeiſtern zu laſſen und am wenigſten dulde ich das von Ihnen. Aus Ihrem dunkeln Auge blitzt etwas hervor, das mit dem Inhalte Ihrer Reden im Widerſpruche ſteht. Ich leſe Drohungen in Ihrem Blicke— mit Einem Worte: ich habe Gruͤnde genug, Ihnen zu mistrauen.“— Ich bitte Ew. Majeſtaͤt, den Einfluͤſterun⸗ gen meiner Feinde kein Gehoͤr zu geben. Lord Grey von Ruthin— „Nein, Ritter!— fiel der Monarch mit ſteigender Aufwalung ein— nicht Grey allein 3 hat mir Ihre Geſinnungen entſchleiert. Wie? glauben Sie, daß, nachdem mich Gott berufen hat, uͤber dieſe Reiche zu wachen, ich die Augen habe verſchließen koͤnnen vor dem, was im Nor⸗ den und Suͤden von Wales geſchehen iſt?— Folgen Sie meinen Rathe, Owain Glyndwr! leben Sie kuͤnftig mit weniger Glanz in Sy⸗ chart!— unterhalten Sie eine kleinere Zahl von Partiſanen; ſo will es die Klugheit. Vor allen Dingen aber machen Sie nicht ferner aus Ihrem Hauſe eine Freiſtaͤtte fuͤr die verdaͤchtige Geſellſchaft der Barden!“— In dieſen Verlaͤumdungen erkenne ich die Stimme Mylords von Ruthin. Dieſer, mein bitterſter Feind, trachtet, wie ich ſehe, nach dem gaͤnzlichen Ruin meiner Familie, nicht 1 zufrieden, durch einen ungerechten Proceß um meine Erbguͤter mich ſchon gebracht zu haben. „Ich wiederhole Ihnen, daß ich meine Nach⸗ richten nicht von Grey allein, ſondern von mehr als einer ganz zuverlaͤßigen Hand be⸗ kommen habe. Fragen Sie nur Ihr eigenes 4 Bewußtſeyn! in dieſem Augenblicke ſelbſt ge⸗ hen Sie auf dem Schleichwege des Verraths.“ Des Verrath's? Sire!— „Ja Ritter!— unterbrach ihn Heinrich im Tone der Verachtung— und daß Sie gleich⸗ wohl bisher ungeſtraft blieben, beweißt am beſten, ob ich ein Tyrann ſey, wie meine Feinde mich nennen. Als ich Sie mit Ihrem ehemaligen Herrn bei Flint⸗Caſtle gefangen nahm, hing es blos von mir ab— und viel⸗ leicht haͤtte ich es thun ſollen— Sie als einen treuloſen Rathgeber zu behandeln; denn Sie hatten auf den Geiſt jenes ſchwachen und deshalb ungluͤcklichen Regenten den ſtaͤrkſten Einfluß. Indem er— ohne Zweifel auf Ih⸗ ren und Ihresgleichen Antrieb— die koͤnigliche Gewalt zu weit auszudehnen verſuchte, zer⸗ brach der Bogen in ſeiner Hand und ließ ihn blos geſtellt allen Angriffen eines widerwaͤrtigen Schickſals. Uebrigens beſchuldige ich Sie kei⸗ neswegs eines Mangels an Redlichkeit— nur hauten Sie deren zuviel fuͤr ihn und zu wenig A A 5 fuͤr mich. Dennoch, wie geſagt, ließ ich Ih⸗ nen Ihre Freiheit; aber wie haben Sie fuͤr meine Nachſicht mir gelohnt! Ungehorſam mei⸗ nen Befehlen, weigerten Sie ſich im Kriege ge⸗ gen Schottland ſich mit mir zu verbinden.“— Sire! antwortete Glyndwr— das iſt eine nichtswuͤrdige Luͤge, von Ruthin in ſder Abſicht erfunden, ſich mit einem Schein des Rechts meiner Guͤter bemaͤchtigen zu koͤnnen. Er hat die Befehle Ew. Maj. untergeſchlagen; nie⸗ mals habe ich davon gehoͤrt.— „,Als Vaſall mußten Sie auch unaufgefor⸗ dert ſich mit mir vereinigen. Doch, wenn nicht ſelbſt Verraͤther, munterten Sie wenigſtens den Verrath auf. Ziehen Ihre uͤbermuͤthigen Freunde nicht meine Kronrechte in Zweifel? und geben Sie nicht Ihnen den laͤcherlichen Titel eines rechtmaͤßigen Erben des Waleſiſchen Throns? Unter dieſen Umſtaͤnden koͤnnen Sie ſich um ſo weniger beſchweren, daß ich durch Confiscation Ihrer Guͤter Ihnen die Kraft nahm mir gefaͤhrlich zu werden; da es eigent⸗ 6 lich meiner Politik angemeſſen waͤre, Sie mit dem Tode zu beſtrafen. Machen Sie von meiner Milde Gebrauch, unterdruͤcken Sie die Kuͤhn⸗ heit Ihrer Partiſane und leben Sie fortan in zuruͤckgezogener Stille, wie es Ihnen geziemt.“ Beinahe moͤchte ich die Beſchuldigungen Ew. Maj. fuͤr Scherz halten. Ganz und gar nicht geeignet und gelaunt, mich in den wil⸗ den Wirbel des Lebens zu ſtuͤrzen, liebe ich leidenſchaftlich die Wiſſenſchaften; ihnen in dunkler Verborgenheit mich widmen zu koͤnnen, darauf beſchraͤnken ſich alle meine Wuͤnſche. Hier aber bin ich durchaus ohne geheimen perſoͤnlichen Zweck, blos als Stallmeiſter des verſtorbenen Koͤnigs, um— „Stallmeiſter! unterbrach ihn Heinrich mit veraͤchtlichem Laͤcheln.— Dieſe affectirte De⸗ muth iſt mir ſo verdaͤchtig, als die duͤnkelvolle Anmaßung, mit welcher Sie ſich ſeither be⸗ tragen haben. Sie reimt ſich ſchlecht zu der wahrhaft koͤniglichen Pracht und verſchwenderi⸗ ſchen Gaſtfreiheit in Sychart. Ich bin feſt 5 ᷣ 7 uͤberzeugt, daß Sie Luſt haben, neben der Lei⸗ che Ihres verſtorbenen Herrn die Rolle des Antonius zu ſpielen; unter dem Vorwande der Treue gegen ihn, wollen Sie das Signal zu einem Aufſtande geben. Allein ich werde Sie daran zu verhindern wiſſen. Ueberlegen Sie kuͤnftig beſſer Ihre Auffuͤhrung, meiden Sie die geſetzwidrigen geheimen Geſellſchaf⸗ ten— vor allen Dingen: daß ich nie wieder von jener abgeſchmackten Genealogie hoͤre, wo⸗ rauf Sie ſtrafbare Anſpruͤche gruͤnden; oder— Sie werden mich kennen lernen. Nehmen Sie ſich in Acht!“ Mit dieſen Worten, auf Owain einen ſtolzen, veraͤchtlichen Blick werfend, entfernte ſich der neue Koͤnig durch eine verborgene Thuͤr aus ſeinem Cabinet. Der Schranzen im Vorgemache haͤmiſches Laͤcheln ſagte dem Ritter, daß ſie inſtinktgemaͤß den Inhalt der langen Unterredung errathen haͤtten. ——;— II. Auf dem Hofe des Palaſtes zupfte ihn ein kleiner Mann mit ſchwarzen Augenbraunen beim Mantel. Glyndwr's erſte Bewegung war, die Hand an den Degen zu legen; aber die freundliche Miene Montalto's beſaͤnftigte ihn wieder. Er fragte ihn, was er verlange? Sie ſchweben in großer Gefahr, Sir Owain!— antwortete der Baron— blos in der guten Abſicht, Ihnen meine Protection an⸗ zubieten, wuͤnſchte ich Sie zu ſprechen. „Verzeihen Sie mir,— entgegnete Glyndwr— wenn ich bei der zuvorkommenden Gefaͤlligkeit eines Feindes auf meiner Huth zu ſeyn Urſache zu haben glaube. 74 9 Mein Zeugniß im Proceſſe mit Lord Grey — erwiederte Montalto— war allerdings Ih⸗ rer Sache nachtheilig; aber Sie irren ſich, wenn Sie daraus ſchließen, daß ich Ihr Feind ſei. Vielmehr nehme ich herzlichen Antheil an allem, was den Vater der Lady Gwenllian von Glynd⸗ tordwy angeht. „Fuͤgen Sie nicht Hohn zur Beleidigung, — verſetzte Glyndwr— Wenn Sie mein 3 Zu⸗ trauen zu gewinnen hoffen, indem Sie Erin⸗ nerungen der Art wecken; ſo erlauben Sie mir Ihnen zu ſagen, daß Sie ſich ſo wenig zum Advocaten eignen, als zum Beſchuͤtzer.“ Sind Sie von Sinnen? ſiel ihm der Ba⸗ ron in die Rede. Wollen Sie um einer— kin⸗ diſchen Empfindlichkeit willen ſich ſelbſt aufopfern, indem Sie einen Mann reizen, der eben ſo gut Sie beſchuͤtzen kann, als.... Er hielt inne, da er bemerkre, daß ſich die Stirn des Ritters verdunkelte.—„Richten Sie die Au⸗ gen auf die Zinnen des Palaſtes von Weſt⸗ muͤnſter und ſehen Sie zu, ob Sie da nicht 19 etwas finden, das die Bedeutung meiner Worte unterſtuͤtzen koͤnne.“— Glyndwr ſchlug den Blick auf und be⸗ merkte im Strahl der Sonne drei eben vom Runpfe geſchlagne Koͤpfe. Einen derſelben erk nnte er ogleich. Wahrend er ſie erſchrocken mit Unwillen betrachtete, fahr Montalto fort: Dieſe Koͤofe gehoͤrten den letzten Freunden Richard's, die ſich mit Ihnen bei Flint⸗ Caſtie den Buͤrgern London's ergeben haben— „Ich bin außer mir vor Erſtaunen— un⸗ terbrach ihn Glyndwr— Das Leben jener Tapfern war durch den Herzog von Lancaſtre und die Einwohner der Stadt garantirt. Wir verließen uns auf die oͤffentliche Treue.“”“ Was auch der Koͤnig thun mochte— ant⸗ wortete Montalto— das Volk hat ſeinen Eid gebrochen. Die Buͤrger Londons opferten Ih⸗ re Freunde dem Haß gegen Richard von Bor⸗ deaux auf. Und das iſt es, was ich Ihnen ſagen wollte, haͤtten Sie mich nicht bisher da⸗ ran verhindert. Als den einzigen noch uͤbri⸗ 11 gen Anhaͤnger Richard's verabſcheut man Sie, Owain Glyndwr! mehr, als ſonſt jemand. Man verbreitet die ſchaͤndlichſten Geruͤchte uͤber Ihr Privatleben— Mit Einem Worte: der Poͤbel iſt durſtig nach Ihrem Blute und in dieſem Augenblicke ſelbſt ſchon trachtet man Ihnen nach dem Leben. „Von meinem Charakter— ſagte Glyndwr mit Verachtung— habe ich vor dem Tribunaͤl je⸗ nes Geſindels keine Rechenſchaft abzulegen. Moͤge es uͤber alles, was in ſeinem Bereiche liegt, Gift aushauchen, bis es die Luft ſelbſt verpeſtet, die es athmet. Mein Leben aber ſteht nicht in der Gewalt dieſer Elenden. Im⸗ merhin alſo moͤge Heinrich Bolingbroke“— „Sagen Sie: der Koͤnig— unterbrach ihn Montalto— und denken Sie daran, wo Sie ſind— „Wohlan denn: der Koͤnig— Ihr Koͤnig antwortete Glyndwr ſpottend— Es war eine Zeit— doch vergeſſen wir das! Verrath hoͤrt auf Verrath zu ſeyn, ſobald das Gluͤck ihn 12 8 beguͤnſtigt. In Gottes Namen alſo fahre Ihr Koͤnig fort, jener Comptoir⸗Fuͤrſten— jener Ritter von der Elle, Sklav zu ſeyn! Ich? frei heraus!— fuhr er fort, die Augen auf Montalto's reiche Kleidung heftend— ich fuͤr meine Perſon verachte die goldnen Ketten und die glaͤnzende Livrei des Hofgelichters ſo ſehr, als die Machinationen erkaufter Untreue. Im Vertrauen auf meine Sterne, mein gutes Schwert und die Gerechtigkeit meiner Sache, bedarf ich keines Menſchen Schutz, wie hoch er auch empor gekrochen ſeyn moͤchte. Auch meine Zeit wird kommen, Montalto! Fuͤr jetzt reiſe ich zuruͤck, beſchimpft und alles Eigen⸗ thums beraubt, aber zufrieden mit mir ſelbſt.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich ſtolz. 13 III. Sir Owain Glyndwr an Sir David Gwyllim. Freund meiner Jugend! Nachdem ich, wie gewoͤhnlich, Beſchimpfun⸗ gen und Feindſeligkeiten der bitterſten Art erlit⸗ ten, bin ich wieder in Sychart. Die Buͤrger Londons haben ihr Decret beſtaͤtigt und mich meiner Erbguͤter beraubt. Ein Wunder iſt es, daß ich noch lebe. Man hatte Meuchelmoͤrder gedungen, die mir auf alien Schritten folgten; allein mein Schutzgeiſt wachte uͤber mich. Der geheimnißvolle Franziskaner, von welchem ich Dir erzaͤheen ſoll, hat mich dreimal durch War⸗ 14 nungen vor ihren Dolchen gerettet. Noch aber iſt Ruhe mir fremd. Ohne Zweifel iſt es Dir ſchon bekannt— denn uͤberall in Wales ſpricht man davon— daß Ich und Hoel Sele einander toͤdtlich haſ⸗ ſen. Von der Wiege an betrachteten wir uns, als feindſelige Geſtirne, die mit ihren ſchaͤrf⸗ ſten Strahlen einander durchbohren moͤchten. Sein Zeugniß in meinem Proceſſe, ſchlau mit der Miene eines unwillkuͤhrlichen Geſtaͤndniſſes abgelegt, hat das Zeugniß Montalto's beſtaͤtigt. Beide ſind feſt mit einander verbunden und ich weiß gewiß, daß jener mein Verderben vorbe⸗ reitet hatte. Allein das war ihm noch nicht genug; er hat meine Abweſenheit benutzt, auch noch in meiner Familie den Samen der Zwie⸗ tracht auszuſtreuen. Es wuͤrde mich zu weit fuͤhren, wollte ich Dir alle Umſtaͤnde dieſer Intrigue erzaͤhlen. Genug!— in Verbindung mit dem eitel ſtolzen Montalto iſt es ihm ge⸗ lungen, meinen Sohn Jawan in eine offen⸗ bare Verſchwoͤrung gegen mich zu verwickeln 15 und eine meiner Toͤchter zu einem Schritt zu verleiten, der ihr das Leben koſten kann. In dieſem Zuſtande fand ich meine Familie, als ich verarmt in ihren Schooß zuruͤckkehrte. Sollteſt Du mich auch ſchon fuͤr ſchwach und wankelmuͤthig halten; ſo wirſt Du doch nimmer errathen, welche Folgen das gehabt hat: Hoel Sole und ich ſind Freunde geworden;— er hat mich um Verzeihung gebeten und ſie erhalten. Ich weiß uͤbrigens recht wohl, daß dergleichen Verſoͤhnungen nicht zu trauen iſt; allein immerhin! Einmal iſt mir der Gedanke mit meinen naͤchſten Verwandten in Uneinigkeit zu leben, unertraͤglich und dann— vieleicht gelingt es mir durch Mäßigung, Wohlwollen und unermuͤdete Gefaͤlligkeit den alten Groll aus ſeiner Seele zu vertilgen Hauptſaͤchlich aber beſtimmte mich das Zureden des Franzis⸗ kaners zu dieſem Schritte. Eben ruft man mich, einer Zuſammenkunft Hoel Sele's mit ſeinem Beichtvater, dem Abbé von Cwmhere, — 16 beizuwohnenz der Zweck derſelben iſt, unſeren neuen Bund zu weihen.— Fortſetzung. Wieder bin ich allein und kann mein Herz vor Dir ausſchuͤtten. Wie lange werde ich doch der Spielball eines boͤsartigen Daͤmon ſeyn. Alle Arten von Kraͤnkungen muß ich erleben. Leider war auch mein Schwager Sir David Gam mit Hoel verbuͤndet. Nicht genug alſo, daß meine Feinde uͤber mein Verderben bruͤts⸗ ten, mußte ich auch einen bruͤderlichen Freund mit ihnen gemeinſchaftliche Sache machen ſehen — einen Freund, der Jahre lang an meinem Tiſche aus Einem Becher mit mir trank. Und womit habe ich ihn beleidigt? Bei meiner Se⸗ ligkeit! ich erinnere mich keiner Handlung, kei⸗ nes zu ihm geſpyochenen Worts, wodurch er ein ſo unnatuͤrliches Betragen beſchoͤnigen koͤnnte. Undankbar kann man mich nicht nennen, weil niemand ſich ruͤhmen kann, mir Dienſte geleiſtet zu haben. Wohl aber habe ich Viele aus tiefſtem Elende hervorgezogen und mit 15 Gluͤcksgutern berhaͤuft. Kleine Seilen aber pflegen ſelbſt den groͤßten Wohlthaten, die man ihnen erzeigt, gehaͤſſige Abſichten beizulegen, um ſich dadurch den Pflichten der Erkennt⸗ lichkeit zu entziehen. Ueberhaupt bekommen im Woͤrterbuche gewoͤhnlicher Menſchen alle Tu⸗ genden, die ihnen abgehen, andre Namen: Gaſt⸗ freiheit heißt ihnen Intrigue; Charakterſtaͤrke, Tyrannei; Seelenfrieden, Sorgloſigkeit; Re⸗ ſignation, Mangel an Gefuͤhl; Liebe zur Ein⸗ ſamkeit, Egoismus⸗ Dadurch wird es begreiflich, wie ich fuͤt Muͤßiggaͤnger ein Gegenſtand der Verunglim⸗ pfung werden konnte. Begegne ich denen, die mich angreifen, mit gleichen Waffen; ſo bin ich grauſam und boshaft. Verachte ich ihre Ver⸗ laͤumdungen; ſo halten Sie mich fuͤr uͤberfuͤhrt. Komme ich Ungluͤcklichen zu Kuͤlfe; ſo thue ich es blos in der Abſicht, mir Anhaͤnger zu verſchaffen, um, von ihnen unterſtuͤtzt, einen unerſaͤttlichen Ehrgeiz befriedigen zu koͤnnen⸗ 1. 2 18 Auf dieſe Weiſe verkehrt man ſelbſt das, was mir Segen bringen ſollte, in Fluch. Aber der Tag der Vergeltung und des 1 Triumphs, ſo wunderbar mir vorhergeſagt, wird kommen. Er wird kommen der Tag, wo ich meine Feinde zerſtreut ſehen werde, wie aufgewirbelten Staub durch die Gewalt des Sturmes. Moͤchte der Morgen deſſelben bald anbre⸗ chen; denn das Maaß meiner Leiden iſt voll und meine Kraft, ſie zu ertragen, kaum noch 3 ausreichend. 3 Du wuͤnſcheſt von den Eymmorthau und Planen der Lollard, gegen die letzthin ein heftiges Decret erlaſſen ward, etwas Naͤheres zu erfahren. Was die Erſten fuͤr einen Zweck haben, iſt mir ſelbſt noch nicht ganz klar; die Ideen und Strebungen der Lollard dagegen ken⸗ ne ich. Sie ſtimmen mit denen der Adamiſten und Waldenſer, die fruͤher Europa erſchuͤtterten, uͤberein. Gemeinſchaft der Guͤter, gleicher Rang in der Kirche, weder Moͤnche noch Nonnen, 19 uͤberhaupt kein Coͤlibat, keine Geluͤbde, kein Ablaß, kein Exorcismus, keine Transſubſtantia⸗ tion, keine Heiligenbilder, kein Kreuz, keine Opfer und reichen Meßgewaͤnder— in ale dem ſehen ſie blos Reſte des Heidenthums— keine Ohrenbeichte, kein Krieg, keine Todes⸗ ſtrafen unter keinerlei Vorwand— das unge⸗ faͤhr ſind ihre Grundſaͤtze und Abſichten. Du munterſt mich auf, von dieſer Gaͤh⸗ rung Vortheil zu ziehen. Ich danke Dir fuͤr dieſen Rath und bin Deiner Meinung. Al⸗ lein wenn Du mir davon ſprichſt, daß ich die philantropiſchen Thorheiten dieſer Weltyerbeſſſe⸗ rer unterſtuͤtzen ſolle; ſo erkenne ich nicht mehr meinen Freund. Ich glaubte, Du haͤtteſt Dich genug unter den Menſchen umgeſehen, um zu der Ueberzeugung gelangt zu ſeyn, daß ſie ſaͤmmtlich eigennuͤtzige Geſchoͤpfe ſind. Wenn ſie betheuern, daß ſie ſich fuͤr das allgemeine Beſte aufopfern wollen; ſo haben ſie Luſt, zu betruͤgen, wenigſtens betruͤgen ſie ſich ſelbſt. Alſo ruͤhme mir nicht weiter die Philan⸗ 20 tropie eines Wal Tyler, John Ball oder John Litteſter!— Gleichheit der Nechte iſt eine Chimaͤre, und wer da behauptet, daß ſo etwas leicht einzufuͤhren ſey, iſt, wenn nicht ein Schurke, mindeſtens ein Dummkopf. Ich lache uͤber dergleichen Traͤume. Ja! lieber Freund! indem Du mir von Reformen vor⸗ ſchwatzteſt, haſt Du, ſtatt mich zu begeiſtern, meiner Traͤgheit einen Schlaftrunk eingegeben. Du weißt nicht, wie Du bei meiner Reiz⸗ barkeit, die oft ſo weit geht, daß eine Fliege an der Wand mich aͤrgert, Dir meine Geduld im Ertragen der ſchwerſten Kraͤnkungen er⸗ klaͤren ſollſt. So hoͤre denn! ich will Dir das Naͤthſel erklaͤren, Gwyllim! und Dich in den Stand ſetzen, mein grenzenloſes Vertrauen auf die Sterne, die uͤber mich walten, mit meiner anſcheinenden Unentſchloſſenheit zu rei⸗ men. Von Jugend auf war das Verlangen, die Zukunft kennen zu lernen, bei mir eine tyran⸗ niſche Leidenſchaft, die an Wahnſinn grenzte⸗ 21 Ein gewoͤhnlicher Menſch wuͤrde ſich durch die Arbeiten, denen ich mich unterzog, um jenen gluͤhenden Durſt zu loͤſchen, bald abgekuͤhlt haben. Ich aber, ohne zu ermuͤden, ſtrengte alle Kroͤfte des Koͤrpers und des Geiſtes an, um in das Heiligthum der hoͤhern Wiſſenſchaf⸗ ten einzudringen. Muthig ſtuͤrzte ich mich in den Abgrund der Naturgeheimniſſe und was ich da gewahrte, vermehrte meinen Feuereifer. In einem begeiſterten Augenblicke foderte ich keck jene geſpenſtiſchen Weſen auf, von wel⸗ chen ich in Buͤchern gelefen hatte, mir zu erſchei⸗ nen. Aber um dieſen Zweck zu erreichen, er⸗ ſchoͤpfte ich vergebens alle Kuͤnſte der Magie. Keine Stimme antwortete dem Rufe meiner ſehnſuͤchtigſten Wuͤnſche und vergebens benetzte ich die Erde mit brennenden Thraͤnen, gleich einem Opfer, das zu den Fuͤßen eines ſteiner⸗ nen Goͤtzen fruchtlos um Erbarmen wimmert. Niemals werde ich jenen merkwuͤrdigen Zeit⸗ punkt vergeſſen; ich erinnere mich deſſen, wee eines ſchrecklichen Traums, wie eines Anfa 3 22 1. les von Verruͤcktheit und moraliſcher Vernich⸗ tung. Endlich ward ich und zwar durch Ge⸗ waͤhrung des frevelhaften Verlangens fuͤ mei⸗ 2 ne Tollkuͤhnheit beſtraft. Starrſucht laͤhmte mir alle Glieder; ich ſchien todt, aber waͤhrend der Koͤrper ſchlief, wachte der Geiſt und eine graͤßliche Erſcheinung unterhielt ſich mit ihm, V ſo lange die Periode dieſes halben Seins dauerte. Dreimal unter denſelben Umſtaͤnden, aber nach langen Zwiſchenraͤumen verkehrte ich mit jenem ſchauerlichen Weſen. Da ſtiegen die frappanteſten Begebenheiten meines Lebens 2 vor meinem innern Auge auf, wie vom Strahl der Morgenſonne vergoldete Berggipfel aus Nebeln der Nacht. Zwar der Zeiger, welcher an meiner Schickſalsuhr jede Minute andeuten ſollte, war noch unſichtbar im Dun⸗ V kel; aber ſchon hoͤrte ich den Schlag der Stun⸗ den, die kommen wuͤrden. Dooch ach! wie viel Unſegen hat mir nicht 4 dieſe Befriedigung meines Vorwitzes gebracht. Mein Geiſt iſt entnervt, ſeit ich weiß, daß 23 meine Hoffnungen in der Ferne liegen und alles, was ich auch thun moͤchte, die Erfuͤl⸗ lung derſelben nicht beſchleunigt. Welche Er⸗ eigniſſe den Zwiſchenraum ausfuͤllen werden — was liegt mir daran, da ſie zuletzt ſo gut, als nicht geſchehen ſeyn werden. Wollte ich mich einſtweilen mit dem beſchaͤftigen, was andere Menſchen wichtig nennen; ſo wuͤrde doch mir ſelbſt dabei zu Muthe ſeyn, als eb ich den Stein des Syſiphus waͤlze, oder Kirſenkoͤrner durch ein Nadeloͤhr werfe. Nun, lieber Freund!— nicht wahr? Du begreifſt nun das Geheimniß meiner Unthaͤtig⸗ keit? Wehe dem Sterblichen, deſſen Blick in die Zukunft drang!— O, daß ich die fruͤhere Unkenntniß derſelben zuruͤckerhalten koͤnnte! mit ihr wuͤrde auch meine Energie zuruͤckkeh⸗ ren. Ich lebte dann, wie Andere, in der freundlichen Taͤuſchung dahin, daß ich durch Anſtrengung aller phyſiſchen und moraliſchen Kraͤfte meinem Schickſale eine guͤnſtigere Wen: dung geben koͤnne. Ich wuͤrde dann ſie uͤben 24 und ihnen eine beſtimmte Richtung geben. Angemeſſene Bewegung wuͤrde meinen Geiſt geſund erhalten, und die Zwiſchenzeit bis zur Kataſtrophe mir nicht ein krankhaftes Hin⸗ ſchmachten— ein Schlaf voll aͤngſtigender Traͤume— ein fortwaͤhrender Tod, ein furcht⸗ bares Nichts ſcheinen. Außer dieſer Haupturſache meiner Entner⸗ vung, die einen Anſtrich von Feigheit hat, giebt es noch eine andre, die ich Dir aber jetzt nicht mittheilen kann. Nach einiger Zeit erſt wird mir das erlaubt ſeyn. Nur ſoviel vorlaͤufig: ſie bezieht ſich auf meine juͤngſte Tochter, nach der Du Dich ſo angelegentlich er⸗ kundigſt. Ich erwarte ſie jeden Augenblick von Bedgellert. Komm und ſprich Gwenllian ſelbſt; denn ich muß vor der Hand noch ſchwei⸗ gen. Meine Familie verlangt Beiſtand von mir— mein Vaterland fodert mich auf, es zu vertheidigen; aber ich vermag es nicht, dds Schwert aus der Scheide zu ziehen und mein 4 1 1 25 Geiſt— ein ausgeloͤſchter Funken— wilg nicht auflodern in Flammen.— Nachſchrift. Eben erfahre ich, daß Lord Grey von Ru⸗ thin ſich meiner ſchoͤnen Beſißungen von Gliſ⸗ ſeg, wo wir ſo oft froͤhlich beiammen waren, bemaͤchtigt und meine Paͤchter daraus verjagt hat. Eine Parthei Maeſhyved's hat ſich bei der Gelegenheit mit der groͤßten Grauſamkeit betragen. Wie ſie in das Schloß eingedrun⸗ gen ſind, iſt meine Frau noch beſonnen ge⸗ nug geweſen, ſich mit den Kindern in den Wald zu retten. Ich glaube, daß der Anfuͤhrer der Brand⸗ ſtifter beabſichtete, Gwenllian zu entfuͤhren. Wuͤ⸗ thend daruͤber, ſie nicht zu ſinden, haben ſie einen Pavillon verbrannt, den ich vor kurzem auf der Deva fuͤr ſie hatte erbauen laſſen— vorher aber ihre muſikaliſchen Inſtrumente zer⸗ ſchlagen und ihre Schriften und Zeichnungen verriſſen. G 26 Eile zu mir, liebſter Gwyllim! Ich be⸗ darf der Naͤhe eines gepruͤften Freundes; denn ach!— ich bin ſehr ungluͤcklich.— Owain Glyndwr. IV. Ein ſanftes Schlaglicht des Mondes, nieder⸗ fallend auf den Gipfel des Craig⸗Arthur in der Glyndwrdwy, verſilberte die Fenſterſcheiben der Abtey Valle Crucis und einen reißenden Katarakt, der wie ein Bogen von Cryſtall ſich vom Gebirge in die Deva ſuͤrzt, die gekruͤmm⸗ ten Laufs durch das bluͤhende Thal von Gliſſeg rauſcht. Auf den ungeheuern Waldungen am Fuße des Schloßes Dinas⸗Bran dagegen lag dichter Schatten. Das Thal ſchien ein zweites Tempe zu ſeyn. Es iſt lang und breit und jener Fluß ſchlaͤngelt ſich durch daſſelbe in ſeiner ganzen Ausdehnung. Zar Rechten begrenzen es hohe Felſen von Kalkſtein, aus deren Vertiefungen Taxusbaͤume aufſteigen, deren dunkelgruͤne Zweige, uͤber die weißlichen Seiten des Gebir⸗ ges niederhaͤngend, den Glanz des ſammetnen Raſenplatzes darunter erhoͤhen. In weiteſter Ferne erhob ſich das Gebirge, vom Schimmer des Mondes beleuchtet, wie eine Krone uͤber die Thuͤrme von Dinas⸗Bran. Dieſe ſchoͤne Gegend, von der Natur fuͤr die Geheimniſſe der Liebe beſtimmt, ſollte ein Schauplatz des Haſſes— die Wiege einer Re⸗ volution werden, die vierzehn Jahre hindurch wuͤthete, Millionen Menſchen das Leben ko⸗ ſtete und zuletzt einen Gluͤcksritter von dunb⸗ lem Herkommen auf den Thron ſtellte. Alle dieſe Ereigniſſe aber lagen noch ungeboren im Schooße der Zukunft. Noch hatte der Krieg ſeine Feuerbraͤnde nicht angezuͤndet, noch die Schlachttrommete den Frieden dieſer Thale nicht geſtoͤrt. Der gefluͤgelte Goͤtterknabe allein hatte hier einen Tempel und herrſchte mit un⸗ —. 4 29 umſchtaͤnkter Gewalt. Am Eingange des Tha⸗ les erhebt ein zackiger Felſen bis zu den Wol⸗ ken ſein Haupt, von welchem in Gewinden Ep⸗ pich und mancherlei Schmarotzerpflanzen her⸗ abhingen. Er ward der Maiden's Craig ge⸗ nannt und durch Tradition hatte ſich noch die Geſchichte eines Maͤdchens erhalten, das, ſich in einem Anfalle verliebten Wahnſinnes vom Gipfel deſſelben ſtuͤrzend, eines ſchauderhaften Todes ſtarb. Zwei Liebende— denn dafüͤr erklaͤrte ſie ſogleich die Leidenſchaftlichkeit ihrer Unterredung — ſaßen auf einer Bank von Moos am Fu⸗ ße jenes Felſen. Der Waſſerſpiegel unter ih⸗ nen nahm das ſchoͤne Bild Beider auf, ohne es feſthalten zu koͤnnen; dieſe vollendeten For⸗ men aber waren werth, durch den Meißel ver⸗ ewigt zu werden. Man ſah wohl, daß der Jungling um etwas flehentlich bat— das Maͤdchen ſchien im Tone der Klage und des Vormurfs zu antworten. Endlich entwand ſis d* 30 ſich den Armen des Geliebten, die ihren ſchlan⸗ ken Leib umfingen, und bat ihn, ſie nach Hauſe zu fuͤhren. In demfelben Augenblicke richtete ſie die Augen dahin, ſtieß einen lauten Schrei aus und erſtarrte vor Entſetzen. Eine Funken ſpruͤhende Gluthmaſſe verhuͤllte alsbald den Himmel mit einem dichten, ſchwarzen Rauch, der ſich uͤber die Daͤcher der Abtei Valle Cru- cis hinwaͤlzte. Das Feuer roͤthete den Gipfel der duͤſtern Waldung uͤber ihrem Haupt und bitzte auf vom Scheitel des Craig⸗Arthur, im Kampfe mit den bleichen Strahlen des fried⸗ lichen Geſtirns der Nacht. „O, Himmel! das iſt unſer Haus— rief nochmals Alicia—„O, meine Mutter! o, mei⸗ ne Schweſtern! Eilen— fliegen wir Ihnen zu 4 Bäülſe, Edward!— 4 Sie wollte fort; er aber hielt ſie zuruͤck und ſagte: Nein, liebſtes Leben! in ſo au⸗ 31 genſcheinliche Gefahr darfſt Du dich nicht ſtuͤrzen. Ich hoͤre deutlich Waffengeklirre, da⸗ zwiſchen Musketenſchuͤſſe und wildes Kriegs⸗ geſchrei. Die Feuersbrunſt verkuͤndigt uns ei⸗ nen feindlichen Ueberfall— gewiß von Wig⸗ more oder Ruthin. Still!— die Glocke von Sychart wird gelaͤutet—— Jetzt— jetzt antworten die Glocken der Abtei.— „Was auch geſchehe; ich kann meine Mut⸗ ter nicht verlaſſen. Ich bin außer mir, wenn ich daran denke, was ſie leiden mag.“— Fuͤrchte nichts, theures Maͤdchen! ſie iſt ſicher unter dem Schutze treuer, tapfrer Maͤn⸗ ner, welche die feigen Mordbrenner bald var⸗ jagen werden. Es waͤre mehr als Verwegen⸗ heit, wenn Du Ehre und Leben jener wilden Rotte preisgeben wollteſt. Alſo weile noch hier! Hier kann und werde ich Dich beſchuͤtzen, wie groß die Zahl der Angreifer ſeyn moͤchte. v. 3 Wäͤhrend er ſo ſprach, naͤherte ſich der Laͤrm ſchon dem Eingange des Thales. Man hoͤrte ganz deutlich den Hufſchlag von Pferden, die im Gallopp herbeiflogen. Der junge Fremd⸗ b ling verbarg ſeine Gefaͤhrtin eiligſt in einer Hoͤhle des Felſen und ſich hinter dem dichten Laube eines alten Eibenbaumes uͤber derſelben. In dieſer Lage konnte er, ſelbſt ungeſehen, beob: 3 achten, was auf dem Thalwege vorging. Bald vernahm er das Geraͤuſch mehrerer Stimmen, deren Eine mit Heftigkeit zu befehligen ſchien⸗ Einen Augenblick darauf hoͤrte er den Angſt ruf einer weiblichen Stimme. Waffen blitzten 5 zwiſchen den Felſen im Mondlicht und unmit⸗ . —ö——— 33 telbar nachher erfuͤllte die ganze Bande das Thal. An der Spitze eines Haufens mit Beute beladener Mordbrenner, die ohne Ordnung durch einander liefen und zankten, zeigte ſich ein gewappneter Ritter von hoher Geſtalt auf einem ſchwarzen Kampfroſſe. Im kraͤftigen Arme hielt er eine Frauensperſon, die ohn⸗ maͤchtig ſchien. Ihr weißes Gewand und blon⸗ des Haar flatterten in der Luft, mit der Farbe des wiehernden Hengſtes contraſtirend, waͤhrend die Hellung der Fackeln und des Brandes in der Ferne die grotesken Geſtalten der Banditen beleuchtete. Aus dem Hintergrunde warfen die bunten Glasſcheiben der Abtei Valle Crucis ein noch ſeltſameres Licht auf die voraͤberzie⸗ hende Truppe, wodurch das ſchauerlich Roman⸗ tiſche dieſer, des Pinſel eines Salvator Roſa zuindigen Scene vollendet ward. Vorſcheig bog der junge Fremdling die 1— 3 34 Zweige des Taxus aus auseinander, um die Geſichtszuge des Raͤuberhauptmanns pruͤfen zu können.—„Es iſt nicht Wigmore, wie ich vermuthete; ſondern Lord Grey ſelbſt.“— ſagte er leiſe zu ſeiner Gefaͤhrtin.— „Und die um Huͤlfe ruft, iſt meine Schweſter Johanne“— antwortete ſie.—„Um Gottes willen! rette ſie, rette ſie, Edward!— „Doch nein, nein!— fuhr ſie liebevoll beſorgt fort— als der kuͤhne Juͤngling mit gezogenem Degen aus der Grotte hervorſtuͤrzte, den Maͤd⸗ chenraͤuber anzugreifen— bleibe nur zuruͤck! Was vermagſt Du Einzelner gegen die ganze Rotte. Du wuͤrdeſt Dich fruchtlos aufop⸗ fern.“— Allein er konnte nicht zuruͤck, ohne die Ge⸗ liebte gleicher Gefahr auszuſetzen; die Helle des Mondes hatte ihn ſchon verrathen. An einer Stelle, wo die Felſen das Thal verengerten, erat er kuͤhn der heranwogenden Bande ent⸗ 35 gegen und befahl ihrem Anfuͤhrer, ſeiner Beu⸗ te zu entſagen. Junger Herr! was unterſtehn Sie ſich? — antwortete Lord Grey— Wollen Sie hier die Rolle eines Amadis oder Palmerin ſpielen? Treten Sie uns aus dem Wege! wir koͤnnten ſonſt uͤber Sie wegmarſchiren, ohne es zu wollen. Ein ſolcher Anfang aber waͤre nicht ruͤhmlich fuͤr Ihre ritterliche Laufbahn. Dieſe Dame hier begehret nichts weniger, als die Ehre Ihres Beiſtandes. Verſuchen Sie daher lieber einſtweilen Ihre Kraͤfte an den Pagen der Frau Mutter.— Sparen Sie Ihre Witeleien fuͤr eine ſchick⸗ li chere Gelegenheit!— antwortete der Juͤngling mit Hitze— Durch Spaͤße ſo gemeiner Art machen Sie die Schaͤndlichkeit Ihrer Hand⸗ lungen nur noch berlahadcher— „Ihr Name? mein Herr!"— 36 Ich bin an Rang Ihresgleichen, vielleicht ſo⸗ gar mehr. Unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden aber brauche ich nichts weiter zu ſein, als ein Mann⸗ Auf Ehre!l ſagte Einer aus der Riuterban⸗ de im ſatyriſchen Tone des Hauptmannes— ich wette: das iſt einer der kleinen Kobolde, die Glyndwr, der Zauberer, in ſeinen Dien⸗ ſten hat. Sich ſelbſt herum zu ſchlagen, fehlt es ihm an Courage; alſo mußte ſein Buſen⸗ freund, der Teufel, den furchtbaren Spießge⸗ ſellen da ihm zu Huͤlfe ſchicken.— 5 Nicht doch!— verſetzte ein Anderer unter lautem Gelaͤchter— ich glaube vielmehr, daß das Kerlchen mitz der ſchoͤnen Hexe Gwenl⸗ lian zuhaͤlt. Vermuthlich hat ſie ein gandes Regiment ſolcher dienſtbaren Gaiſter Schurke!— ſchrie, außer ſich, der junge Mann— wage es nicht ein Weſen zu laͤſtern, 5—— 4— deſſen Namen auszuſprechen, Ihr Alle nicht werth ſeid.— Mit dieſen Worten drang er auf den ein, der zuletzt geſprochen hatte, um den Zuͤgel ſei⸗ nes Pferdes zu ergreifen. Es ward ſcheu vor dem Blitzen des Degens, baͤumte ſich auf und warf ſeinen Reiter aus dem Sattel. Bei die⸗ ſem Anblick brach die ganze Rotte in toben⸗ des Geſchrei und graͤßliche Fluͤche aus. Hundert Arme erheben ſich drohend gegen den tollkuͤh⸗ nen Unbekannten, die Vorderſten ſpringen vom Pferde, um gemeinſchaftlich uͤber ihn herzufal⸗ len; im Augenblick aber, wo er verloren ſchien, ſtuͤrzte Alicia, auf den Ruf ihrer Schweſter um Huͤlfe, aus der Hoͤhe herbei und ſchlang die Arme um Fohannen. „O herrlich!— rief ein Officier zur Rech⸗ ten Grey's— Eine nur wollten wir fangen und erwiſchen deren Zwei. Das iſt Gwenl⸗ liam, die Lilie des Thales von Glißeg... 38 Jetzt mit der Verzweiflung Kraft riß ſich ihr Geliebter durch den Haufen, der ihn um⸗ gab, und ſchrie: Zuruͤck, Boͤſewicht! auf der Stelle! oder Du biſt des Todes!— 5 39 VI. „Rube!— ſagte Grey zur tobenden Bande, und zu Montalto: Laſſen Sie das Liebespaͤrchen in Frieden! Wir haben genug gethan; jeder laͤngere Verzug kann uns gefaͤhrlich werden. Alſo raſch vorwaͤrts! Den Oefileen dieſer Thaͤler iſt nicht zu trauen, ſchon hoͤre ich den Fußtritt Bewaffneter.— Himmel! ſie kommen— da ſind ſie— Wer da?“— Niemand antwortete; der Lord aber be⸗ merkte, daß ſich zwiſchen ihm und dem Voll⸗ mond, der einen Augenblick vorher auf ſeinem reichen Panzerhemde funkelte, irgend etwas ge⸗ 49 ſtellt haben wuſſe. Auf die Gebirgskette in jener Gegend wie Augen richtend, bemerkte er einen Mann von mehr als gewoͤhnlicher Groͤße, in einen Mantel gehuͤllt, der ruhig ſeine und ſeiner Truppe Bewegungen beobachtete. Un⸗ mittelbar darauf verſchwand dieſe Erſcheinung; doch hatte Grey Zeit genug gehabt, ſie zu er⸗ kennen, und das Herz erſtarrte ihm in der Bruſt. Waͤhrend er ſeine Soldaten antrieb, ſich eiligſt zuruͤckzuziehen, brachen vier Maͤnner hin⸗ ter einem Felſen hervor, der, ſich vorſtreckend, den Ausgang des Thales verſchloß, riſſen ihn vom Pferde und die ohnmaͤchtige Schoͤne aus ſeinen Armen. Nachher in Verbindung mit dem jungen Fremden, nahmen ſie Johan⸗ nen und ihre Schweſter in die Mitte und ver theidigten ſich mannhaft gegen die Anterzaßt von Feinden. Geraume Zeit hielten ſie ſich in dieſem un⸗ 41 gleichen Kampfe. Viele der Angreifer hatten ſie zu Boden geſtbeckt, ſelbſt aber auch ſchwere Wunden erhalten. Endlich waren ſie beinahe erſchoͤpft, als Lord Grey, der nicht mehr daran dachte zu fluͤchten, ſie mit erneuter Wuth an⸗ griff, um ſich wieder in Beſitz ſeiner ſchoͤnen Beute zu ſetzen. In dieſem Augenblicke ward eine antike Saͤule, die unfern in der Mitte des Thales ſtand, mit einer Krone von azur⸗ blauen Flammen umgeben, die weithin ſtrahlte, wie im Meere ein Leuchtthurm. Hinter der Saͤule ſah man rieſenhafte, graͤßliche Geſtalten, die nichts Menſchenaͤhnliches hatten, in wilder Bewegung durch einander. Ueberall ſchim⸗ merten Fackeln, man hoͤrte Fußtritte und das Getoͤſe zahlloſer Hoͤrner, furchtbare Heerſchaaren ankuͤndigend, die von allen Punkten der Felſen herabzuſteigen ſchienen. Das Gebruͤll der Kanonen vertauſendfaͤltigte der Wiederhall in den Gebirgen. Jetzt bemaͤchtigte ſich ein pa⸗ niſches Schrecken der Truppen Grey's. Man hörte von allen Seiten ſchreien:„Das iſt 4² Zauberei!— wir ſind verloren;— der Nuͤck⸗ zug iſt uns abgeſchnitten!“ Die Meiſten war⸗ fen ihre Waffen weg und ergriffen die Flucht. Grey aber und die Uebrigen ſetzten lebhaft den Kampf fort. Da endlich ſtuͤrzte der junge Held zu Boden, ſchwimmend in ſeinem Blute, und wie er fiel, entſchluͤpfte der Degen ſeiner Hand. Doch raffte er ſich wieder auf, um ſich hinter den Eibenbaum vor der Felſenhoͤhle zu retten. Lord Grey ereilte ihn bald; in dem Augenblick aber, wo er den Arm aufhob, um den Entwaffneten zu toͤdten, erhielt er von un⸗ ſichtbarer Hand einen heftigen Schlag, der ſein Schwert in die Luft warf, eine kraͤftige Fauſt entrang ihm den Dolch und aus den Zweigen des Taxus funkelten gluͤhend rollende Augen ihn an. „O, Gott!— Glyndwr““!— ſagte er mit zitternder Stimme.— „Glyndwr!— Glyndwr!“— wiederhol⸗ ten die vier hochherzigen Krieger und fuͤhlten ſich von neuem Muthe beſeelt.— —— ——— — 43 „Ja! das iſt der Teufel, Glyndwr und die Hoͤlle iſt mit ihm!“ ſchrien die Soldaten Greys, die ihm treugeblieben waren. Von Todesangſt ergriffen, gaben ſie ihren Pferden die Sporen und flohen, ohne ſich weiter um ihren Herrn zu bekuͤmmern. VII. Rathin kam ſchon beinahe von Sinnen uͤber die außerordentlichen Dinge, die ſeiner Nieder⸗ lage vorhergingen— mehr noch aͤngſtigte ihn die Kirchhofs⸗Stille und Leere nach dem wil⸗ den Laͤrm, der durch das Anruͤcken eines furcht⸗ baren Heeres verurſacht zu werden ſchien. Nir⸗ gend ſah man auch nur einen einzigen Sol⸗ daten. Das Waffengeraͤuſch, das Geſchrei der Kriegstrometen und die Kanonade hatten auf⸗ gehoͤrt, die magiſche Flammenkrone der Saͤule und die Fackeln alle waren erloſchen. „Mylord!— ſagte Glyndwr— ich bin ſehr erfreut, Sie auf dieſem Boden zu treffen, da er noch mein iſt, und werde mich beſtreben —,— 45 meine Erkenntlichkeit fuͤr die vielen Verpflich⸗ tungen, die Sie zeither mir auflegten, an den Tag zu legen. Alles durfte ich Ihnen zutrauen, indeß haben Sie mich doch mit dem Verſuch, durch Meuchelmord Ihres rechtmaͤßigen Sou⸗ verains die lange Reihe Ihrer Thaten zu kroͤ⸗ nen, einigermaßen uͤberraſcht.’— Meinen Souverain? fragte Grey neugie⸗ rig mit Indignation— Ich weiß keinen an⸗ dern, als den Koͤnig Heinrich den vierten.— „So lernen Sie ihn kennen!— verſette Glyndwr, indem er den jungen Ritter, dem er die Rettung ſeiner Kinder verdankte, bei der Hand ergriff— Sie ſehen ihn hier vor ſich. Edward Mortimer, der Aelteſte aus der naͤchſten Seitenlinie Richards, iſt Kronerbe deſſelben nach den Geſetzen und der Conſtitu⸗ tion Ihres Vaterlandes.— Nach einer Pauſe, waͤhrend welcher Ru⸗ thin den Juͤngling mit ſeinem Blicken durchboh⸗ 46 ten zu wollen ſchien, fuhr er fort: Ich ſage Ihnen das geradezu in's Geſicht, weil ich ent⸗ ſchloſſen bin, gegen Ihren Herrn keine Maͤßi⸗ gung fuͤrder zu beobachten. Ich denke jetzt des Augenblicks, wo ich zu Pontefract den Leich⸗ nam des guten Koͤnigs erblickte, vor dem Sie ehemals wie vor einer Gottheit die Knie beug⸗ ten und den gleichwohl nachmals, als Sie Fa⸗ vorit des Uſurpators geworden waren, Ihre Hand, meuchelmoͤrderiſch erdolchte. Ich ſah ba⸗ rauf dieſen Uſurpator, geſchmuͤckt mit dem Raube und den zͤniglichen Inſignien ſeines Monarchen, den er verrieth. Sie nennen ihn Ihren Souverain; allein nur Edward, Graf von March, der hier vor Ihnen ſteht, iſt legitimer Koͤnig. Ich beuge vor ihm die Knie, huldige und ſchwoͤre ihm dieſelbe Treue zu, die ich gegen ſeinen Onkel beobachtete.“— „Es lebe Edward, Koͤnig von Eng⸗ land!“ rief mit Glyndwr die kleine Zahl ſei⸗ ner Getreuen. — VIII. Lord Grey biß ſich in die Lippen, ſchlug die Augen nieder und ſagte dann trotzig, nach kur⸗ zem Schweigen: Ich bin Ihr Gefangener, Sir Owain! und kann folglich weder han⸗ deln, wie ich will, noch Ihnen rathen. Doch ſollen Sie wiſſen, daß Heinrich von Lancaſter keineswegs der Mann dazu iſt, Drohungen und offenbares Hohnſprechen ruhig zu ertragef. „Ich weiß das, Mylord— antwortete Glyndwr heftig— indeß, damit Sie ſehn, daß ich ſeine Macht keineswegs fuͤrchte— da! — nehmen Sie Ihren Degen zutuͤck; Sie ſind frei. Wenn es Ihnen beliebt, moͤgel. Sie der Erſte ſeyn, der ihm die Nachricht 48 bringk, daß Ihr und ſelbſt ſein rechtmaͤßiget Gebieter noch lebt. Von Stund an werfe ich dem frechen Uſurpator den Handſchuh vor die Fuͤße. Ruthin antwortete darauf nichts; er konnte mit ſich ſelbſt nicht gleich daruͤber einig wer⸗ den: ob er von ſeiner Freiheit Gebrauch ma⸗ chen ſolle, oder nicht. Glyndwr, dieſe Unent⸗ ſchloſſenheit bemerkend, fuhr fort: —„Waͤre Richard noch auf dem Throne; ſo koͤnnten wir als Freunde und gute Na hbarn mis einander leben, wie vordem. Die gewalt⸗ ſamen Umwaͤlzungen des Staates haben uns entzweit und bringen taͤglich neues Unheil her⸗ vor; denn Boͤſes zeugt fortwaͤhrend Boͤſes. Ei⸗ nes rechtmaͤßigen Koͤnigs Mord bleibt nie unge⸗ ſtraft. Buͤrgerliche Kriege werden die Folge bavon ſeyn. Bolingbrocke hat Drachenzaͤhne geſaet, die aufkeimend und fortwuchernd ihn felbſt einmal ergreifen und zermalmen werden. Ich vor Andern habe die Pflicht auf mir und — 49 geſchworen, den Mord des Koͤnigs zu raͤchen. Sie laͤcheln, Mylord! Sie glauben, es fehle mir an Mitteln dazu. Sie berechnen blos mei⸗ ne phyſiſchen Kraͤfte; kennen Sie aber auch die mir zu Gebote ſtehenden andrer Art?— Nicht von magiſchen Kuͤnſten rede ich jetzt — wie Sie vermuthlich denken— ſondern vom Geiſte der Zeit, deſſen Gewalt niemand zu widerſtehen vermag. Dieſer iſt ein maͤch⸗ tiger Bundesgenoſſe fuͤr einen Mann von Ver⸗ ſtand, der mit der Geſchichte und allen Verhaͤlt⸗ niſſen der Gegenwart vertraut iſt. Wenn Sie ſich einbilden, daß Bolingbrocke und Geiucs⸗ gleichen von Generation zu Generation die Welt betruͤgen und die Rechte der Menſchheit ungeſtraft mit Fuͤßen treten duͤrfen; ſo werden Sie bald erfahren, daß Sie ſich taͤuſchten. Schauen Sie auf, Mylord! der Himmel ſelbſt ſcheint meine Vorherſagung beſttaͤtigen zu wollen. J. 4 IX. So ſprechend, deutete er mit dem Finger nach der Gegend hin, wo die Saͤule von wei⸗ ßem Marmor ſtand. Dort am Nachthimmel zeigte ſich zum erſten Male ein Komet von un⸗ 3 gewoͤhnlicher Groͤße. Er breitete den Strahlen⸗ ſchweif uͤber einen großen Theil des Horizon⸗ tes aus und ſtand gerade uͤber Sychart. Nuthin, aberglaͤubig, wie ſein Jahrhun⸗ dert, ſah hin und erſchrak, einer Prophezeihung des Zauberers Merlin ſich erinnernd, die dahin lautete: daß wenn ein Zeichen der Art ſich am Himmel offenbare, ein nicht auf dem Throne geborner Held das Koͤnigreich Wales und 3 51 alle Inſeln Britaniens.— beherrſchen wer de.— Die Erſcheinung deſſelben Kome⸗ ten hatte derſelbe Wahrſager dem Befreier von Wales dem großen Pandragon Uther vorherverkuͤndigt. Alle dieſe Prophezeihun⸗ gen bezogen ſich auf Glyndwr, der zu⸗ dem auch noch durch Vererbung im Beſitz von Merlins Zaubermantel war. Lord Grey konnte ſich nicht enthalten, die Geſichtszuͤge des außer⸗ ordentlichen Mannes zu betrachten. Sie waren weder ſchoͤn noch regelmaͤßig und verriethen keineswegs einen durchdringen⸗ den Verſtand, wenn nichts Großes ſei⸗ nen Geiſt beſchaͤftigte. In dieſem Augenblick aber konnte man ihn nicht anſehen, ohne ein Gefuͤhl von Ehrfurcht und Bewunderung. In tiefes Nachſinnen verloren, hatte er die Miene eines Sehers. Endlich, wie aus Traͤumen er⸗ wachend, wendete er den Blick ab von dem ſtill dahin wandelndem Geſtirn und ſagte zum Baron— diesmal aber ſanfter als vorher: 52 Ich wiederhole Ihnen, Ruthin! Sie ſind frei und koͤnnen ungehindert abreiſen, wohin Sie wollen! Unter froſtigen Complimenten nahmen Bei⸗ de von einander Abſchied. Lord Grey beſtieg ſein Pferd, das einer ſeiner Diener, der al⸗ lein nicht entflohen war, am Zuͤgel hielt und Grey mit ſeinen Toͤchtern, dem heldenmuͤthi⸗ gen jungen Mann und den Uebrigen ſchlug einen Fußſteig ein, der nach Sychart fuͤhrte. 53 Noch brannte das Feuer, den Himmel roͤ⸗ thend, und zeigte ihnen den Weg. Edward ſchritt voran. Er unterſtuͤtzte und troͤſtete Ali⸗ a cia, die in Thraͤnen ſchwamm. Ihnen folgten Glyndwr's Vaſallen. Den Beſchluß des Zu⸗ ges in einiger Entfernung machte der Lord mit Lady Johanna, die er leiſe uͤber alle Umſtaͤnde des barbariſchen Ueberfalls befragte. Sie er⸗ zaͤhlte ihm, daß ſie waͤhrend deſſelben nicht zu Hauſe, ſondern bei Evans, den Verwalter, gewe⸗ ſen ſey. Erroͤthend geſtand ſie, daß Lord Ru⸗ thin ſelbſt ſie dahin beſtellt habe. Schon bei 54 Richards Lebzeiten machte er ihr fleißig den Hof und zwar mit Einwilligung ihres Vaters; aber auch nachher, trotz des entſtandenen un⸗ verſoͤhnlichen Haſſes gegen Sir Owain, ver⸗ nachlaͤſſigte er keine Gelegenheit, ſie von ſeiner Liebe zu unterhalten. Er hatte ſie bereden wol⸗ len mit ihm zu fliehen. Aufgebracht uͤber die abſchlaͤgliche Antwort, die ſie ihm gab, ver⸗ ließ er ſie und zwei Stunden nach dieſer Un⸗ terredung erfuhr ſie von Evans die Ausſchwei⸗ fungen, zu denen er ſich hatte hinreißen laſ⸗ ſen. Endlich drang er mit Gewalt in das Haus des Verwalters wieder ein, und ließ es in Brand ſtecken, nachdem er ſich ihrer be⸗ maͤchtigt hatte.— In Svchart ſelbſt ſchien alles ruhig und im vorigen Zuſtande zu ſein. Die Thuͤre war verſchloſſen, wie gewoͤhnlich. Von der Schildwache eines kleinen Pfoͤrtchens, durch welches ſie zuruͤckkehrten, vernahm Glyndwr, daß Lord Grey blos die Beſitzungen einiger 55 Pachter ausgepluͤndert habe, bis in's Schloß aber nicht gekommen ſei— ſo oder auch Pal⸗ laſt nannte man pomphaft das uralte unre⸗ gelmaͤßige Gebaͤude. Es fehlte indes in Sy⸗ chart nicht an Bequemlichkeit und Gelaß. Ei⸗ ne Kirche, eine Muͤhle, ein großer Park, ein Kaninchen⸗Gehaͤge, ein Obſt⸗ und Kuͤchen⸗ garten, ein fiſchreicher Weiher, voll vortreffli⸗ cher Hechte, ein Taubenhaus, ein Zwinger fuͤr wilde Thiere, eine Reiherhuͤtte, ſehr beruͤhmt in Powisland, und mehr dergleichen war vor⸗ handen. Zwei Pferde, eins fuͤr eine Dame geſat⸗ telt, ſtanden vor dem Thorwege des Hofes. Glyndwr ward unruhig bei dieſem Anblick; doch ließ er ſich nichts merken von dem, was in ſeiner Seele vorging. Im Saale, wo die Familie ſich zu verſammeln pflegte, fand er ſeine Gemahlin in großen Sorgen wegen Jo⸗ hannen und Alicia. Monnington und Scu⸗ damore, ſeine Schwiegerſoͤhne hatten ſich verge⸗ 56 6 bens bemuͤht, ſie zu troͤſten. Ihre Freude war ausſchweifend, als ſie Beide wiederſah; ſie um⸗ armte eine nach der andern unter Thraͤnen. Darauf erzaͤhlte ſie ihrem Gatten, daß ſeine Tochter Gwenllian, mit dem Franziskaner, ih⸗ rem Beichtvater, von Bedgellert ſo eben ange⸗ kommen ſei und ſich auf ihr Zimmee begeben habe, um ein wenig zu ruhen. Die Freunde und Anhaͤnger Glyndwr's waren ſaͤmmtlich ausgezogen, um die Raͤuber zu verfolgen; daher die ungewoͤhnliche Stille und Leere im Schloſſe. Doch bald hoͤrte man Hoͤrnerſchall und das Getrappel von Pferden. Der Salon fuͤllte ſich mit Bewaffneten und der Gebieter von Sychart ging ihnen entge⸗ gen, um ſie zu empfangen und ihnen fuͤr ihre Treue zu danken. Waͤhrend er ſich mit ihnen unterhielt, verließen ſeine Toͤchter nebſt ihrer Mutter das Zimmer, um ihre Schweſter Gwenllian zu beſuchen. 57 Sir Owain ließ indes Feuer im Kamin anzuͤnden und Speiſen auftragen. Der be⸗ rauſchende Cwrw und der Metheglin perlten in großen Hoͤrnern und verbreiteten bald Munter⸗ keit in der Geſellſchaft.. XI. Tags darauf waren im großen Saale Alle zum Fruͤhſtuͤck wieder beiſammen. Auch zwei der Familie ergebene Barden hatten ſich einge⸗ funden— Gryffydd Llwyd und Jolo; der Rothe. Jener, ein Greis mit Silberhaaren und dunklen Augen voll hoher Begeiſtrung, hatte das Anſehen eines Sehers, eines Dich⸗ ters im Sinne der Alten. Den Mund des Andern umſchwebte ein angenehmes Laͤcheln und die ewige Heiterkeit einer harmloſen, reinen See⸗ le thronte auf ſeiner Stirn. Das duͤſtre, ſchweig⸗ ſame Weſen des Franciskaners, der vorigen Tages mit der juͤngſten Tochter Sir Owain's. voon einer geheimen Miſſion zuruͤckgekehrt war⸗ 59 ſtach ſehr dagegen ab. Neben ihm ſaß ein 1 Mann mit wilden, ſtieren, bisweilen fromm verdrehten Augen, geſchornem Kopf und ſteifem Kragen in der Tracht eines Pfaffen aus Genf. Sein ganzes Aeußere hatte etwas ſo Beſonde⸗ res, daß er ein Bewohner der andern Hemiſphaͤ⸗ re zu ſein ſchien. Es war John Oldeaſtle, der nachher Oberhaupt einer eignen Sekte ward, da⸗ mals aber nur bekannt, als Juͤnger John Ba'lls, des Gleichmachers, der mit Wat⸗Tyler und Jack von Norfolk unter der letzten Regierung beinahe eine Revolution bewirkt haͤtte. Lewis Bifort, abgeſandt von der Sekte der Lollards, die, gleich den Barden, von Heinrich verfolgt wurde, ſpeißte zum erſten Male an der Tafel des Lords von Glyndwrdwy. An ſeiner Seite befand ſich ein Baronet, der ſich unumwun⸗ den fuͤr die Lehre von buͤrgerlicher Gleichheit, die damals John Litteſter und John Ball pre⸗ digten, mit vieler Redſeligkeit erklaͤrte. Aus ſo heterogenen Stoffen beſtand die Geſellſchaft, die dennoch der gewandte Geiſt des gaſtfreien F 60 Wirthes zu vereinigen und zu ſeinen geheimen Zwecken ſchlau zu benutzen verſtand. Außerdem waren noch einige Verwandte und Verbuͤndete gegenwaͤrtig, tapfere Degen, ſonſt wenig ausgezeichnete Menſchen von gleichem Schnitt und Gehalt, die aber nach⸗ mals, unter dem Banner Sir Owain's, ihres Oberhauptes, in die Streitigkeiten wegen Un⸗ abhaͤngigkeit des Landes Wales verwickelt wur⸗ den und dadurch einen Namen erhielten. Da⸗ hin gehoͤren beſonders Rhys, Gyrch, Adam Dhu und Monnington. Die Neuigkeit vom Ueberfalle Lord Grey's hatte auch David Gam, Owains Schwager, einen kleinen Mann, aber von auherordentli⸗ chem Muth, deſſen zerfetztes Geſicht bewieß, daß er leicht in Harniſch zu bringen war, und Hoel, einen Vetter Glyndwer's, nach Sychart gelockt. Das Horn des Thurmwaͤrtel's verküͤndigte 61 die Ankunft eines neuen Gaſtes. Aller Augen waren auf die Saalthuͤr gerichtet, als, vom grei⸗ ſen Seneſchal unter dem Namen Sir David Gwyllim's eingefuͤhrt, ein bildſchoͤner Mann von mitlerem Alter, deſſen wohllautende Stimme, gebildete Sprache und feine Sitten ihm ſogleich uͤberall Freunde gewannen, mit gefaͤlligem Anſtand ins Zimmer trat. Ein freudiger Zuruf faſt der ganzen Geſellſchaft ſagte ihm, daß er will⸗ kommen ſei. Auf das Angenehmſte uͤberraſcht ſchloß ihn Glyndwr in die Arme und ſtellte ihn dann nochmals den Anweſenden vor, mit einer Art, die es verrieth, wie kheutr ihm der Neuangekommene war. Nicht blos idealiſche Formen ſchmuͤckten Gwyllim, ſondern auch Geiſt und Muth leuchteten aus ſeinen dunkelblitzenden Augen hervor. XII. Entlich erſchien auch Lady Glyndwr mit ihren drei aͤlteren Toͤchtern und entſchuldigte das Aus⸗ bleiben Gwenllian's, der juͤngſten, mit kleinen Geſchaͤften, die ſie noch zu beſorgen habe. Gwyllim erkundigte ſich angelegentlich nach ihr und Owain ſagte ihm: er habe ſie ſeit ei⸗ nigen Jahren in einem Kloſter erziehen, we⸗ gen der Unruhen im Lande aber ſie jetzt nach Hauſe zuruͤckkommen laſſen. Auf die Frage, wo das Kloſter liege? ant⸗ wortete er verlegen mit ſtockender Stimme: es heißt Bedgellert und liegt im Gebirgspaſſe von Snowdon. 8 — 63 Bei dieſer Nachricht fuhr Sir David zu⸗ ſammen und erblaßte. Nach wenig Minuten bedeckte ein gluͤhendes Roth ſein ganzes Ge⸗ ſicht und nun verſanken er und ſein Wirth in tiefes, duͤſtres Nachdenken. Aus dieſer Traͤu⸗ merei erwachte er erſt, als ihm zum zweiten Male Hoel fragte: ob er von der ſonderbaren Neuigkeit gehoͤrt habe, die ſich zu verbreiten anfange: Der Zauberer Merlin ſei wieder er⸗ ſchienen— in Angleſea und andern Orten ha⸗ be man ihn geſehn. 4 Gwyllim antwortete: In Glasmorganſhire ſpreche man davon allgemein. Die Sache hat ihre Richtigkeit! ſetzte Jolo der Barde hinzu— Zuerſt zeigte er ſich einem Ritter aus Radnorſhire, deſſen Namen ich ver⸗ geſſen habe, in den Felſenſchluchten bei Cader⸗ Idril, wohinein er ſich in dunkler Nacht ver⸗ irrt hatte, um ihm zu verkuͤndigen: daß ein neuer Pandragon Wales befreien werde. Zum Wahrzeichen deſſen ſteige ſchon ein prachtvol⸗ 1 ☛ 64 les Schweifgeſtirn langſam am Horizonte her⸗ auf. F Poſſen!— ſagte heftig David Gam.— Die Barden Ihres Ordens haben das abge⸗ ſchmackte Maͤhrchen erfunden und durch die Cymmorthau verbreiten laſſen, um das aberglaͤu⸗ bige Volk auf Empoͤrung und Anarchie vor⸗ zubereiten. Kein vernuͤnftiger Menſch wird ſich weiß machen laſſen, daß ein Betruͤger, der ſeit Jahrhunderten todt iſt, wieder aufleben koͤnne.— Ich bin ganz der Meinung meines Vetters — fuͤgte Hoel hinzu mit einem giftigen Sei⸗ eenblick auf den Ordens⸗General. Soll der neue Thron des Hauſes Lancaſter feſt wurzeln; ſo muß man gegen revolutionaͤre Prophezeihun⸗ gen, die insgeheim ausgeſtreut werden, kraͤf⸗ tige Maasregeln ergreifen. Hoffentlich wird die Regierung den Triennal⸗Verſammlungen der Barden ein Ende zu machen wiſſen. Was mich anbetrifft— fuhr er fort, ſein Adlerauge 1 65 auf den Baronet und Lewis Bifort heftend— Ich bin mit dem politiſchen Zuſtande der Din⸗ ge, wie ſie eben ſind, wohl zufrieden und fuͤh⸗ le keineswegs den Kitzel, kluͤger ſein zu wollen, als meine Vorfahren. Sehr mit Recht hat das Concilium von Trient die Alfanzereien eines Merlin und Seinesgleichen verdam nt. Mir ſind ſie veraͤchtlich. Weder das Concilium von Trient, noch der roͤmiſche Hof, deſſen gehorſames Orakel je⸗ nes Concilium war, hatten einen rechtlichen Grund, die Hoffnungen der Menſchheit a ufzu⸗ halten— entgegnete der Lollard— Perſoͤnli⸗ ches Intereſſe reizte die Frau im Purpur, welche damals auf den ſieben Huͤgeln Rom's thron⸗ te, zum Zorn und veranlaßte die Unterdrüͤckung. Natuͤrlich; denn die Prophezeihungen jenes Sehers, welche Reinigung der Kirche, Vernich tung des papiſtiſchen Antichriſts und die Gruͤn⸗ dung eines beſſern Reichs auf den Truͤmmern ſeiner zeilichen Herrſchaft ankündigken„ ſtinmei 1. 4— 5 . t 66 vollkommen mit den Weiſſagungen der heili⸗ gen Schrift uͤberein. 3 Keine Lehre gefaͤhrlicher fuͤr die Geſellſchaft, als dieſe:— verſetzte Hoel— hat ſie nicht ſchon Boͤſes genug geſtiftet und iſt ſie nicht in dieſem Augenblicke wieder thaͤtig? Wenn das Datum unſrer Zeitrechnung mit Ihren Wuͤn⸗ ſchen uͤbereinſtimmte, wuͤrde Ihr Propagan⸗ dismus einen neuen Kreuzzug in Europa pre⸗ digen, um dadurch das goldne Zeitalter eines neuen Jeruſalem zu beſchleunigen. Nachdem man aber Opfer zu Tauſenden hingeſchlachtet haͤtte, wuͤrde ſich zeigen, daß Ihre Hoffnungen des menſchlichen Geiſtes— wie ſchon fruͤher — nichts weiter ſind, als Blaſen, erfuͤllt mit Luft.— Sie irren— antwortete der Baronet— Die Prophezeihung giebt keinen beſtimmten Zeitpunkt an fuͤr das Entſtehen der großen chriſt⸗ lichen Republik. Wir unſrer Seits bahnen 8 67 vorlaͤufig blos den Weg zu dieſem erhabenen Ziele, indem wir die Bibel aus dem Lateini⸗ ſchen uͤberſetzen, damit jedermann ſie leſen und verſtehen koͤnne. Rom muß freilich es miß⸗ billigen, daß der Schleier zerriſſen wird. Auch kann die Stunde ſeines Falles noch fern ſein, doch gewiß einmal wird ſie ſchlagen und dann unfehlbar auch eine politiſche Reform beginnen. Sie wird dann ſchlagen, wenn der menſchliche Geiſt reif und ſtark geworden iſt, ungeblendet in die Strahlen der aufgehenden neuen Sonne zu ſchauen. Ich bleibe dabei, daß Ihre Lehrſaͤtze gefaͤhr⸗ lich ſind, wenn Gemeinſchaft der Guͤter und Gleichheit des Ranges den Inhalt derſelben ausmachen— ſagte Hoel— In dieſem Falle wird der roͤmiſche Hof wohl thun, wenn er eine dergleichen allzu philoſophiſche Theorie der Glaubensartikel verwirft. Staͤnde das in der Macht des Papſte⸗ 6˙8 wuͤrde er ſich keinen Augenblick bedenken, er⸗ wiederte Oldeaſtle— und zwar um ſeiner eig⸗ nen Sicherheit willen; denn vor dem Richter⸗ ſtuhle des Verſtandes zerfaͤllt der Stuhl des heiligen Petrus in Staub. Was aber in der Vorſtellung richtig iſt, das wird und muß ſich einmal im Leben ereignen. Gluͤcklich, wem es gelingt, erhabene Ideen zu verwirklichen! Wir ſtreben wenigſtens danach, und wenn Mehrere, die Geiſt, Kraft und Muth dazu haben, unſer Vorhaben unterſtuͤtzen, ſo muß endlich einmal eine Zeit kommen, wo die Menſchen Eine Sprache reden, in Gemein⸗ ſchaft der Guͤter leben und gluͤcklich ſein werden. Der ehrwuͤrdige Barde, Gryffydd Llwyd ſtand auf, druͤckte dem Redner die Hand und ſagte: Ungefaͤhr daſſelbe habe ich in meinem Gedicht: Der Stern, ausgeſprochen. Ich zeige darin, daß jener Komet, der zwiſchen Erde — 6 und Sonne durchgehend, die ſogenannte Suͤnd⸗ 4 fluth bewirkte/ wieder erſchien, als der Salo⸗ 59 monis⸗Tempel erbaut ward. Tauſend Jahr nachher zeigte er ſich den Weiſen in Jeruſa⸗ lem. Dann nochmals in den Zeiten des Schauer's Merlin, der vorherſagte: wenn er zum fuͤnften Male am Nachthimmel ſtrahle/ werde er das Kommen eines Heilandes der Menſchen verkuͤndigen. Ihr Merlin war ein Narr,; unterbrach ihn Hoel heftiger, als vorher— ich glaube an die Erfuͤllung ſeiner Traͤumereien icht mehr⸗ als an das Wiederaufleben des Betruͤgers⸗ Jetzt zum erſten Male nahm der Franzis⸗ kaner Theil am Geſpraͤche und ſagte gelaſſen mit eintoͤniger Stimme: Sie wuͤrden anders urtheilen, Mylord! haͤtten Sie geſehen, was die Nacht vorher, eh' wir hier ankamen, ich und Lady Gwenllian bei Dinas⸗Emmery ſahen. Und was ſahen Sie da?— fragte Gam ironiſch— vermuthlich den Untergang der Sonne hinter den Gebirgen. 790 Richtig! mein Herr Ritter— antwortete der Moͤnch— aber nicht nur das, ſondern mitten im Glanze der Abendroͤthe eine uͤberna⸗ tuͤrliche duͤſtre Geſtalt, ſchwingend die alte Standarte des großen Pandragon, der ſo oft die Helden von Wales zum Siege fuͤhrte. Hat die Lady wirklich das auch geſehn?— fragte Hoel mit noch ſpoͤttiſcherer Miene.— „Nicht nur geſehen hat ſie das Phantom, ſondern auch mit ihm geſprochen und das hiar hat ſie von ihm erhalten.“— Er nahm etwas Glaͤnzendes aus der Taſche; aber die Blicke der Geſellſchaft wendeten ſich auf einen weit intereſſanteren Gegenſtand, der ſchuͤch⸗ tern zur Thuͤre des Saales hereinſchlich. XIII. Es war ein Maͤdchen zwiſchen ſiebzehn und achtzehn Jahren, das die Grazien geſchmuͤckt und die Goͤttin der Liebe ſelbſt mit Schoͤnheit. begabt zu haben ſchien. Von dem Augenblicke an, wo ſie in's Zimmer trat, wurden ihre drei aͤltern Schweſtern, obgleich auch ſehr ſchoͤn, nicht weiter bemerkt. Nur auf Gwenl⸗ lian richteten ſich die Augen aller Anweſenden. Keine Feder, kein Pinſel, kein Meiſel kann ihr Aeußeres und die Seele, die aus ihm her⸗ vorleuchtete, darſtellen. Nur wer jetzt in Rom Gelegenheit hat, die ſchoͤne Victoria aus Al⸗ bano zu ſehen, hat ein deutliches Bild von dieſem wundergleichen Weſen. Jede ihrer leichten, wellenfoͤrmigen Bewegungen entfaltete einen neuen Reiz. Edward Mortimer, am Kopf und Arm verwundet, aber ſeine Wunden nicht achtend, fuͤhrte ſie zu einem Seſſel ihrem Vater gegen⸗ uͤber. Obgleich Gwenllian die langen ſeidnen, nachtſchwarzen Augenwimper nonnenartig ſenkte, hatte ſie doch mit einem ſchnellen Frauenblick recht gut bemerkt, daß ſie großes Aufſehn er⸗ rege. Ein zartes Roſenroth faͤrbte ihr ganzes feines Geſichtchen ſo lieblich, wie bisweilen der Abe dſonne Strahl Statuen von Alabaſter. Nach einiger Zeit ſchlug ſie die Augen ruhig auf und bemerkte zuerſt Gwyllim, der mit geſenktem Haupte in ſeinem Gedaͤchtniß Erinnerungen aufzuſuchen ſchien, die mit Klar⸗ heit nicht zuruͤckkehren wollten. Als ſie dem ſcharfen Forſcherblicke ihres Vaters begegnete, ward ſie bleich und leiſes Zittern, wie von ei⸗ nem Fieberſchauer, ſchlich durch ihre Glieder⸗ 7³ Glyndwr aber erroͤthete und ſtrebte vergebens ſeine Verlegenheit zu verbergen. Er ſtand auf und wendete ſich ab. Vollendete Schoͤnheit wirkt allmaͤchtig und gebietet Ehrfurcht ſelbſt den Rohen und Ver⸗ wegenen. In der ſeltſam gemiſchten Geſell⸗ ſchaft herrſchte eine ungewoͤhnliche, auffallende Stille, die niemand zu unterbrechen wagte, aus Beſorgniß, etwas Unpaſſendes zu ſagen. Endlich naͤherte ſich der Franziskaner ſeiner Beichttochter, um ihr etwas in's Ohr zu fluͤ⸗ ſtern. Statt aller Antwort haͤndigte ſie ihm einen Ring ein. Der Moͤnch, zufrieden mit ihrem Ge⸗ horſam, ging durch den Saal zu Sir Owain, der mit großen Schritten unruhig auf und ab wandelte und nachdem er ihn gegruͤßt und ſich vor ihm bekreuzt hatte— uͤbergab er ihm die Koſtbarkeit. Offenbar war dies ein verabredetes Zeichen; inn urploͤtlich veraͤnderte ſich Glyndwr's Ge⸗ 74 muͤthsſtimmung, die Falten verſchwanden von ſeiner Stirne. Wie Siyxtus V., als er nach einem langen muͤhſeligen, beinahe hoffnungs⸗ loſen Leben endlich doch ſeinen großen Zweck erreicht hatte— richtete er ſich ſtolz auf, ſeine Geſtalt ſchien hoͤher geworden zu ſein, aus den Augen blitzte ein uͤberirdiſches Feuer. Er ließ ſogleich die Tafel aufheben, ſprach einen Augenblick insgeheim mit Scudamore, Monnington und Adam Dhu, und befahl dann ſeinem Haushofmeiſter, alle Paͤchter, Freunde und Anhaͤnger, uͤberhaupt alle Be⸗ wohner Sycharts und der Umgegend, im großen Saale zu verſammeln. Bald darauf hoͤrte man Glockengelaͤute und Hoͤrnerruf nach allen Richtungen hin. Auf dieſes Signal ſtroͤmte von allen Seiten eine Menge Volks herbei und des Saales weiter Raum fing an, ſich zu fuͤllen. ———-— ———— XIV. Mi⸗ dem gebieteriſchen Anſtande eines Feld⸗ herrn ruhig daſtehend, wartete Glyndwr, bis die Angekommenen ſich in einem Halbzirkel um ihn her geſtellt hatten. Dann beſtieg er das Centrum eines Tiſches und redete in fol⸗ genden Worten zur Verſammlung: 3 Mitbuͤrger, Freunde und Nachbarn! Was in vergangener Nacht geſchehen, iſt Euch bekannt. Die Verfolgungswuth meiner Feinde uͤberſteigt alle Grenzen; nicht nur ha⸗ ben ſie die Wohnungen meines Verwalters ausgeptaͤndert und in Brand geſteckt, ſondern auch die Frechheit ſogar ſoweit getrieben, eine 76 meiner Toͤchter mit Gewalt zu entfuͤhren. Ich frage Euch Alle: Kann und darf ein Mann von Ehre ſo grobe Beſchimpfungen laͤnger ru⸗. hig ertragen— iſt es moͤglich, daß ein Haus⸗ vater bei dem Verderben, das ſeiner ganzen Familie droht, gleichguͤltig bleiben koͤnne?— Bis jetzt habe ich bei den ſchreiendeſten Ungerechtigkeiten und offenbaren Verhoͤhnungen eine Geduld bewieſen, die Vielen wie Schwaͤ⸗ che vorkam— Manche haben ſie ſogar fuͤr Feigheit gehalten. Es war indes nur Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit und treue Liebe zu meinen Lan⸗ desleuten, was mich abhielt, Repreſſalien zu gebrauchen. Ihr wißt, daß ich unter der let⸗ ten Regierung beinahe ſoviel galt, als der Köͤnig ſelbſt— und noch ſtehe ich auf dem⸗ ſelben Fuße in ganz Powisland; üͤberall habe ich zahlreiche Anhaͤnger. Ein Wink von mei⸗ ner Hand und Alle wuͤrden mir zu Huͤlfe gekommen ſein. Das aber mußte nothwendig zu einem buͤtgerlichen Krieg fuͤhren. Bei die⸗ —ÿ ÿÿ————:— ——— —ÿ ÿÿ————:— — 77 ſem Gedanken ſchaudernd, entſchloß ich mich lieber die ſchimpflichſten Mishandlungen unge⸗ rochen zu laſſen, als um meiner Privatange⸗ legenheiten willen Graͤuel, Verwuͤſtungen und Unheil aller Art uͤber mein Vaterland zu haͤufen. Nun aher ſind Heinrich, der Abentheurer⸗ und ſeine tollkuͤhne Parthei in raſender Ver⸗ blendung ſo weit gegangen, alle Schaam von ſich zu werfen und durch Thaten oͤffent⸗ lich zu beurkunden, daß ihnen nichts mehr heilig iſt, weder die Geſetze des Landes, noch ihre Eidſchwuͤre. Das Edict, welches mich un⸗ gerechter Weiſe meiner Erbguͤter beraubt, und die abgeſchlagnen Koͤpfe auf den Zinnen des Palaſtes von Weſtmuͤnſter moͤgen Euch be⸗ lehren, was Ihr zu erwarten habt! Ihr Alle ſchwebt in gleicher Gefahr. Keines, der dem Uſurpator misfa Ut, Eigenthum und Leben iſt ferner ſicher. Das Vaterland ſchreit um Ra⸗ che und d Retzung zum Himmel und fodert uns 78 bei den theuerſten Intereſſen des Menſchen auf, dieſen Ruf der Pflicht und Ehre nicht zu uͤberhoͤren. Reden und Klagen ſind verboten; alſo greift zu den Waſſen! Ich vor Andern ſchwoͤre hiermit dem Verraͤther, dem Uſurpa⸗ tor, dem Tyrannen und Meuchelmoͤrder ewi⸗ gen unverſoͤhnlichen Haß. Ich zuerſt werde das Schwert ziehen, und nicht eher wieder es in die Scheide ſtecken, bis Heinrich Boling⸗ broke mit allen Landesverraͤthern in Staub liegt.— XV. Dan Eindruck dieſer Worte bemerkend und freudig ahnend, daß er ſeinen Zweck gluͤcklich erreichen werde, fuhr Glyndwr nach einer Pauſe fort: Einwohner von Wales! Ihr wißt, daß ich Erbe der Fuͤrſten von Powisland bin— der letzte Abkoͤmmling Eu⸗ rer Arthur, Pandragon, Roderich, Madoc und Llewellin. Eine lange Reihe von Treuloſig⸗ keiten, Unterdruͤckungen und Verbrechen hat den Fall meines Hauſes zur Folge gehabt. Als Emma, Prinzeſſün von Powisland, meine Urgroßmutter, ſich mit Lord Warren 39 vermaͤhlte, machte ſie aus dem Schloſſe Dinas⸗ Bran einen Sammelplatz fuͤr die Verraͤther Englands. Die gerechte Strafe, welche ſie dafuͤr empfing, beſtand im Verluſt ihrer Guͤ⸗ ter und in der Ermordung ihrer vier aͤlteſten Soͤhne. Warren und Mortimer, die Erzieher b derſelben, ließen zweie davon uͤber die Bruͤcke von Holl in den Strom werfen und theilten ſicch in die ihnen gehoͤrigen Beſitzungen von Chirk⸗Caſtle und Dinas⸗Bran. Darunter waren auch meine Laͤndereien in hieſiger Ge⸗ gend begriffen, allein Maͤnner von Ehrgefuͤhl und bewaͤhrter Treue nahmen ſich der Sache meines Großvaters, Gryffid Vichan, des drit⸗ ten Sohnes, ſo nachdruͤcklich an, daß der Raͤu⸗ ber Warren es fuͤr gerathen fand, ihm die Herrſchaft Glyndwrdwy und den Bezirk von Croͤſu zuruͤck zu geben. Vom ganzen Fuͤrſten⸗ thum Powisland, das mir von Rechtswegen zugehoͤrt; denn meine Großmutter, Elmor Goch, war eine Tochter des großen Llewellin = ſind jene Grundſtuͤcke allein auf mich ge⸗ 81 kommen. Aber die Nachfolger des Tyrannen Edward kannten ſehr wohl meine gegruͤndeten Anſpruͤche und ſo war es kein Wunder, daß ſie weder Liſt noch Gewalt ſparten, den recht⸗ maͤßigen Erben des Throns zu unterdruͤcken. Richard allein war großmuͤthiger. Er kannte mich und trug deshalb kein Bedenken, mich zu ſeinem vertrauteſten Freunde zu waͤhlen. Bei Lebzeiten dieſes guten Koͤnigs wuͤrde Lord Ruthin eher gewagt haben, einen Loͤwen in ſeiner Hoͤhle anzugreifen, als mich auch nur durch ein Wort zu beleidigen. Vielmehr ſtellte er ſich, mir eifrigſt zugethan zu ſein. Er er⸗ bat ſich und erhielt durch meine Vermittlung mancherlei Gnadenbezeugungen von Richard. In meinem Hauſe ward er mit Freundſchaft behandelt und endlich erlaubte ich ihm ſogar, ſich um die Hand meiner Tochter Johanne zu bewerben. Aber kaum war der Koͤnig gefal⸗ len; ſo nahm Reginald Grey die Maske ab. Er fing ſogleich Streitigkeiten an und ver⸗ ſuchte es ſpaͤter ſogar, ſich meiner Beſitzung I.. 6 8² Croeſu, die ein Pertinenzſtuͤck von Sychart iſt, mit Gewalt zu bemaͤchtigen. Ein weniger fried⸗ liebender Mann, als ich, wuͤrde ihn mit uͤber⸗ legener Kraft von ſeinem Eigenthum abgewehrt haben; allein ich weiß, daß der kleinſte Fun⸗ ken hinreichend iſt, die verheerende Flamme eines buͤrgerlichen Krieges zu entzuͤnden. Ich zitterte fuͤr Wales und trotz der Vorſtellung8en meiner Freunde, litt ich es ruhig, daß er von Croeſu Beſitz nahm. Um zu beweiſen, daß ich vor Gewalnhitfgkeit einen Abſcheu habe und bereit ſei, mich der neuen Ordnung der Dinge zu unterwerfen, begnuͤgte ich mich da⸗ mit, meine Beſchwerden uͤber Ruthin vor das Parlement zu bringen. Dieſes aber, aus Crea⸗ turen Heinrich's beſtehend, ſah ſich gezwungen, ohne weitre Pruͤfung einen Partiſan I Richard's zu verdammen. Statt meine Feinde zu beſanf⸗ tigen, reizte meine Fügſamkeit ſie blos, in ihrer Verwegenheit noch weiter zu gehn. Grey ſchlug boshafter Weiſe einen Befehl Heinrichs 4 von Lancaſter an mich unter und reizte ihn * —— 83 badurch, mich auch noch dieſes Erdwinkels, letzten Zufluchtsortes, zu berauben. Der Ueberfall in vergangner Nacht war nur ein Vorſpiel; man iſt entſchloſſen, und denkt eben darauf, mit groͤßerer Macht mich und meine Familie aus Sychart zu vertreiben. Was wird dann dieſer armen Maͤdchen Loos ſein. Ich werde mit Ruthin ſchimpflich unterhandeln— ich werde mir es gefallen laſſen muͤſſen, daß er ſie vor meinen Augen entehrt. Ich, ein Abkoͤmmling eines fuͤrſtlichen Heldengeſchlechts werde bei dem giftigſten meiner Feinde betteln gehn und ihn fußfaͤllig bitten muͤſſen, daß er die Gnade hat, mich irgendwo mit einer Huͤtte zu beſchenken, in der ich mit 1 nen geſchaͤn⸗ 8 deten Toͤchtern, niedergedruͤckt vom Bewufß tſein eigner feiger Nichtswuͤrdigkeit, von Schurken verhohrn, ſelbſt von rechtlichen Maͤnnern nicht bedauert, endlich von allen vergeſſen ſterben koͤnne. Freunde! es giebt unter Euch auch Familienvaͤter; rathet mir, was ſoll ich thun?“— 84 Ein tobendes Geſchrei der ganzen Verſamm⸗ lung unterbrach hier den Redner. Einige ver⸗ ſuchten es, ihre grenzenloſe Achtung fuͤr Glyndwr auszudruͤcken, Andre ſchnaubten Ra⸗ che, Alle aber ſchwuren, ſie ſeien bereit, ihn bis auf den letzten Blutstropfen zu verthei⸗ digen. 4 * XVI. Alss dieſer verworrene Laͤrm des feurigſten Enthuſiasmus nachließ, ſprach Lord Owain weiter, wie folgt: „Dieſe lauten Aeußerungen der Liebe und Treue haben mich keineswegs uͤberraſcht. Ich kenne Euch ja, Freunde! Unter den bedenklich⸗ ſten Umſtaͤnden fand ich Euch jederzeit be⸗ waͤhrt. Es wird Euch freuen, jetzt von mir zu vernehmen, daß wir uͤberall auf kraͤftige Unterſtuͤtzung rechnen duͤrfen. Der ganze zahl⸗ reiche, weit verbreitete Orden der Barden, von Heinrich mit Ingrimm verfolgt, hat mich auf⸗ gefodert, die Triennal⸗Verſammlungen unſrer VPorfahren wieder herzuſtellen. Auch die Ed⸗ 86 len des Reichs bitten mich um Schutz; denn immer von Bolingbroke's Spionen umgeben, ſtehen faſt alle in Gefahr, Eigenthum und Leben zu verlieren. Eben ſo die Franziskaner in Wales; ſie flehen mich an, ihre Abteien vor Pluͤnderung und Entweihung zu bewah⸗ ren. Als Freunde der Waldenſer und Lollard haben ſie von dem Haſſe der Dominikaner Englands das Schlimmſte zu beſorgen. Dieſe oder vielmehr das ganze Land ſieht jetzt auf mich, als den, der es allein vermag, die un⸗ gluͤcklichen Bewohner deſſelben von den Er⸗ preſſungen und der Tyrannei der Lords zu be⸗ freien, die an der Grenze befehligen. Tau⸗ ſende, die eine kirchliche und politiſche Reform wuͤnſchen, fluͤchten nach Wales und betrachten mich als ihren Retter und Heiland. Der Geiſt des Jahrhunderts macht reißende Fortſchritte. Dem Laufzaum entwachſen, verlangt er im Gefuͤhle ſeiner Kraft Inſtitutionen, die ſeiner Reife angemeſſen ſind. Derſelbe Geiſt wider⸗ ſtand ſchon in juͤngerem Alter nach einander —,——QC—— 87 den Einfaͤllen der Roͤmer, Daͤnen, Sachſen und Normaͤnner. Jetzt iſt er allmaͤchtig, und Wales ſoll bald ſich uͤberzeugen, daß ich nicht unwuͤrdig bin, von ſeinem Pandragon abzu⸗ ſtammen. Ich werde in die Fußtapfen dieſes großen Helden treten und den Commandoſtab und das Scepter meiner Vorfahren wieder in die Hand nehmen. Meine Hoffnungen eines gluͤcklichen Er⸗ folgs ſind groß; denn die Koͤnige von Schott⸗ land und Frankreich haben mir Huͤlfstruppen verſprochen. Sie fuͤhlen, daß wider einen Koͤnigsmoͤrder und frechen Uſurpator ſich alle Fuͤrſten in der Waͤlt um ihrer eignen Sicher⸗ heit willen verbuͤnden muͤſſen. Sonach ſind nicht nur, durch ein gluͤckliches Zuſammentref⸗ fen, die maͤchtigen Hebel des Royalismus, ſon⸗ dern auch die Springfedern des erwachten De⸗ mokratismus— beide auf unſrer Seite. Ich ſage: unfrer.— Sollte indes ir⸗ gend Jemand unter den Zuhoͤrern meine Hoff 8⁸ nungen fuͤr chimaͤriſch halten und fuͤr zu un⸗ gleich die Mittel dem großen Zweck; ſo ſteht es ihm frei, ſein Schickſal von dem meinigen zu trennen. Fern ſei es von mir, Euch zu einem Schritt zu bereden, den Ihr nachmals bereuen koͤnntet. Was mich anbetrifft— ich habe fortan keine Freiheit der Wahl. Fruchl⸗ los wuͤrde ich mein Haupt unter das Joch beu⸗ gen. Selbſt dann, wenn ich es freiwillig dem Henkerbeile des Uſurpators darboͤte, wuͤrde ich durch dieſe Selbſtaufopferung weder meiner Familie noch meinen Freunden nuͤtzen— kei⸗ nen Augenblick dadurch den Ruin des ſchoͤnen Vaterlandes aufhalten. Demnach ſei es ge⸗ wagt! Ich entſage hiermit der ſchimpflichen Ruhe, in welcher ich pflanzenartig bisher lebte. Von dieſem Augenblicke an ſteht Heinrich Bo⸗ lingbroke's Stern mit dem meinigen in Oppo⸗ ſition; einer von beiden muß durch Blut aus⸗ geloͤſcht werden. Die Gerechtigkeit unſrer Sa⸗ che und die Energie der Waliſer werden den Ausgang des Kampfes nicht lange zweifelhaft 89 laſſen. Doch wie auch das Schickſal entſcheide— es iſt beſſer, mit den Waffen in der Hand ei⸗ nes Heldentodes zu ſterben, als wie ein gedan⸗ kenloſes Opferthier ſich ohne Widerſtand feig hinwuͤrgen zu laſſen, oder unter der Herrſchaft eines despotiſchen Emporkoͤmmlings ein uͤppiges Sklavenleben zu fuͤhren. Es lebe das Va⸗ terland— Freiheit, Recht und Ver⸗ nunft! Tod dem Tyrannen!“— XVII. De letzten Worte des begeiſterten Sprechers wiederholte die ganze Verſammlung, obgleich ſehr verſchieden an Denkart, mit lautem Bei⸗ fall und Jubel. Selbſt Dawid, der Einaͤugi⸗ ge(Gam), aufbrauſend und eifriger Anhaͤn⸗ ger des Hauſes Lancaſter, hielt es fuͤr der Klugheit gemaͤß, ſeine wahren Geſinnun⸗ gen zu verbergen; auch er ſtimmte ein in die Acelamationen der Uebrigen. Hoel nur ſchwieg und verrieth dadurch, daß er das Vorhaben ſeines Verwandten misbillige. Er wuͤrde viel⸗ leicht laut dagegen proteſtirt haben; ein durch⸗ bohrender Blick des geheimnißvollen Franciska⸗ ners aber laͤhmte ihm die Zunge und erinnerte 91 ihn an die bedeutſamen Worte, die der Moͤnch nach Gwenllian's Erſcheinung geſprochen hatte. Endlich bat er mit ſatyriſchem Tone den Raͤth⸗ ſelhaften um eine Erklaͤrung und glaubte da⸗ durch ſich am beſten aus der Verlegenheit zu ziehen. 4 „Sie erzaͤhlten vorhin— ſagte er— der Geiſt des Zauberer Merlin habe uns ein Praͤ⸗ ſent gemacht. Darf man wohl fragen, worin es beſteht?“— In einem Dolch— verſetzte der Franzis⸗ kaner, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen— er iſt fuͤr Sie beſtimmt, Mylord! — Mit dieſen Worten zog er das Mord⸗In⸗ ſtrument unter der Kutte hervor. Hoel erſchrak, als er ſeinen Namen in den Stahl eingegraben fand. Bald darauf verlor er ſich unter der Menge und verließ den Saal. Unterdeſſen ſprach Glyndwr mit den vor⸗ nehmſten ſeiner Freunde uͤber die Maaßregeln, die ſie nun zu ergreifen haͤtten. Jeder Verzug ward fuͤr gefaͤhrlich erklaͤrt. Am Ende kam man daruͤber uͤberein: daß ſofort in einem Ma⸗ nifeſte die Anſpruͤche Lord Owains auf den Thron von Wales ſo klar, als moͤglich aus⸗ einandergeſetzt werden muͤßten. Dieſem ent⸗ ſcheidenden Schritte ſolle eine ſtarke Heeresmacht Nachdruck geben. Die Freunde des Anfuͤhrers verſprachen, ohne Zeitverluſt alle Streitkraͤfte, die ihnen zu Gebote ſtaͤnden, zuſammen zu zie⸗ hen. Unmittelbar darauf ging die Verſamm⸗ aus einander. Glyndwr ſagte jedem noch einige verbindliche Worte und beſtimmte dabei den Berg Corven, den ſein Vorfahr, der große Owen Gwynneth, einſt beſetzt hielt und ruͤhmlichſt vertheidigte zum gemeinſchaftlichen Vereinigungspunkt. Da⸗ rauf bereitete er ſich vor, eine Proelamation zu entwerfen und Depeſchen in den Suͤden von Wales abzuſchicken. — XVII Sie David Gwyllim h ge aufmerkſam beobacht/ den Augen zu verlieren dieſer jugendlichen Schoͤ ſten Grad, blieb aber r Genuſſes, ſo ſinnlich e Es war ihm nicht entg unverwandt ihre Bäcke ſo lange er ſprach, und z Ausdruck tiefſter Ehrfurch den Strahlen einer Liebal kindliche, zu leidenſchaftli Bildner anbetende Vergoͤttet ihm dieſe Zeit uͤber zum oͤnnen. reden aufhoͤrte, ſah ſie verbarg ſich dann hin⸗ or Gwyllim's forſchen⸗ das nicht zu erklaͤren. 1s Owain nach dem Papiere zuſammen⸗ nen Wink gab und veitszimmer zuruͤckzog. vuͤrde ihm das nicht ſo langer Trennung nit einander zu ſpre⸗ en noch ein andres zu beſtehen, als das Auch Lady Glynd⸗ ewegung. Sie wußte h zu verbergen, daß Alicia und Johannen — 95 hinwegbegab. Sir David ſuchte den Schluͤſſel zu dieſen Raͤthſeln, und ſo geſchah es, daß er ſich, in tiefes Nachſinnen verloren, zuletzt im Saale beinahe allein befand. Gwyllim's vorherrſchende Leidenſchaft war das ſchoͤne Geſchlecht. Im Augenblick ſeiner Ankunft ſchon hatten ihn die ſchwarzen Augen der ſchoͤnen Mildred angezogen. Dieſe junge Walliſerin, Gwenllians Kammerjungfer und Vertraute, war tadellos gebildet bis auf die Farbe der Haut, die ſelbſt fuͤr ein Landmaͤd⸗ chen zu ſehr von den Strahlen der Sonne ge⸗ litten zu haben ſchien, was bei dem aſchblon⸗ den Haar um ſo mehr auffiel. Allein die Niedlichkeit ihrer Fuͤßchen und das naiv liebli⸗ che Laͤcheln des friſchbluͤhenden Mundes machte den kleinen Fehler vergeſſen. Fuͤr David, der das Pikante, Ungewoͤhnliche liebte, war er nur ein Reiz mehr und ſeiner ⸗beredten Augen Sprache verrieth das der feurigen Tochter des Vaterlandes. Mildred fuͤhlte ſich durch die Aufmerkſamkeit des vornehmen ſchoͤnen Herrn, deſſen Lieder— er war Oberhaupt der Barden — von Mund zu Mund gingen, nicht we⸗ nig geſchmeichelt; ſie ſchien keineswegs geſon⸗ nen, ihn grauſam zu behandeln. Wie die Baͤuerinnen von Bela, trug ſie eine hohe Muͤtze, die einen Theil ihres freund⸗ lichen Geſichts verbarg und ein kurzes braunes Jaͤckchen— Spencer koͤnnte man zierlicher ſa⸗ gen— mit vielen Baͤndern beſetzt, was ihr ein drolliges Anſehen gab, aber bei ihrem ſchlanken Wuchs ſie dennoch wohl kleidete. Ihre auffallende Aehnlichkeit mit einem Maͤdchen, das er im Juͤnglingsalter geliebt und nachher durch den Tod verloren hatte, bewog ihn, ſich nach Mildred's Herkunft zu erkundigen. Aber eben da er ein intereſſantes Geſpraͤch mit ihr anzuknuͤpfen gedachte, entwiſchte ihm das lau⸗ nige, wie ihre Gebieterin raͤthſelhafte, queckſil⸗ berne Geſchoͤpfchen. 92 XIX. Im Saale auf und abgehend, bemerkte Sir David auf dem Fußboden ein Papier, das Glyndwr verloren zu haben ſchien. Er trat damit zum Kaminfeuer und verwunderte ſich nicht wenig, als es ſich mit blutrothen Cha⸗ rakteren zu bedecken anfing, deren immer mehre wurden, je naͤher er es den Flammen brachte, und die endlich ganz deutlich hervor⸗ ſprangen. Gwyllim verſuchte die verſchlunge⸗ nen Schriftzuͤge zu entziffern und las— es war das Fragment eines Briefs— mit Er⸗ ſtaunen Folgendes:— „So haſt Du meinen Geiſt in Schlum⸗ mer gewiegt, Gmgenllian! aber der Zeitpunkt .„. 2 — des Erwachens iſt nahe. Wie im Fruͤhling bluͤhen mir alle Kraͤfte des Koͤrpers und der Seele neu auf. Ja! unausſprechlich geliebtes anbetungswuͤrdiges Maͤdchen! der entſcheidende Augenblick iſt da. Wales ſtreckt die Arme nach mir aus und das Maaß des Unterdruͤckers, geruͤttelt voll, wallt uͤber. Nach Verlauf we⸗ niger Tage bin ich nicht mehr Herr meiner Handlungen. Bald— Gedanke der Vernich⸗ tung!—„Dem Himmel ſoll ich entſagen, um mit Purpur, Zepter und Krone geſchmuͤckt in Flammen der Hoͤlle zu vergluͤhen? Ach! wie gern werfe ich allen Tand eitler Groͤße von mir. Moͤge der Sturm brauſen und das Schiff in den Hafen laufen oder auch wider einen Felſen geſchleudert werden— was kuͤm⸗ mert das mich? Zwar ich vermoͤchte es, das Steuer zu handhaben und mein Vaterland ſchreit um Huͤlfe; abe————— 99 „Ach Gwenllian! das gewitterſchwangre Zeichen ſteht am Himmel; nun iſt es mit mir aus. Niemand entgeht ſeinem Schickſal. Ver⸗ gebens ſuchte ich, in dunkler Verborgenheit gluͤcklich zu werden. Die Geſtirne wollen es anders— ſie winken mir— ich folge— ich muß!“— „Allen meinen Anſpruͤchen auf irdiſche Se⸗ ligkeit muß ich entſagen, ich muß entſagen der Liebe und der Hoffnung, wiedergeliebt zu wer⸗ den— ſo lautet mein Urtheil. Zitternd ſchrieb ich es nieder und ſchon wieder beſchleicht Un⸗ entſchloſſenheit mein Herz. In dieſem Kampfe mit mir ſelbſt werde mein guter Engel und hilf mir zum Siege! Laß keinen Pulsſchlag Deiner Adern auf meines Herzens verwegne Fragen antworten, oder ich unterliege in Verzweiflung und reiße es mir aus der Bruſt!— 1 1 —ᷣᷣᷣ 3“ XX. Sie David glaubte wachend zu traͤumen, waͤhrend er dieſe leidenſchaftlichen Zeilen las. Sie waren nicht unterzeichnet, aber von Glyndwr's ihm wohlbekannter Hand, die zu verſtellen er ſich vergebens bemuͤht hatte. Noch ſann er uͤber die Bedeutung derſelben nach, als ploͤtzlich die Schriftzuͤge verſchwanden; das Papier ward ſo weiß und rein, wie vorher. Ein unſichtbarer Daͤmon ſchien ein finſtres Geheimniß nur beleuchtet zu haben, um es ſo⸗ gleich wieder in Nacht zu verhuͤllen. In Gwyl⸗ lims Seele daͤmmerte ein graͤßlicher Verdacht auf. 10 Noch ſtand er gedankenvoll; als dicht neben ihm eine Stimme laut ward. Er fuhr erſchrok⸗ ken zuſammen, blickte um ſich und gewahrte ſeinen Diener Morgan, der vor Angſt und Entſetzen außer ſich zu ſein ſchien. Ach Gott, Sir David!— ſagte er— wir ſind garſtig in die Dinte gerathen, nehm⸗ lich Sie und ich; wollen machen, daß wir fort kommen! „Menſch! biſt du raſend?— verſetzte ſein Herr— denkſt du, daß ich der ewige Jude bin, der nirgend Ruhe hat. Ich ſetzte ja eben erſt meinen Fuß uͤber die Schwelle dieſes gaſt⸗ freundlichen Hauſes.“— Je eher wir ihm den Ruͤcken zeigen, deſto beſſer fuͤr uns. Ich bin viel zu einfaͤltig, Ih⸗ nen einen guten Rath zu geben. Deſſen un⸗ 'terſtehe ich mich nicht, mein lieber Herr! aber das Blut in den Adern wird mir zu Eiszapfen, wenn ichs recht bedenke. Wiſſen Sie denn ſchon, wo wir eingekehrt ſind?— bei der Hexe vom blauen See. Gott ſteh uns bei! ſie will uns noch einmal auf die Tortur ſpannen. Wehe meinen armen Gliedern! ich zittre, wie Espenlaub, vor Melancholie und Deſperation. Denn der Teufel mag wiſſen, was das Unthier im Schilde fuͤhrt, um ſich an uns zu raͤchen. Hier knie ich, als der Sohn eines rechtſchaffenen Mannes und bitte Sie fußfaͤllig, machen Sie ſich aus dem Stau⸗ be. Wollen zufammen durch die Lappen gehn und's Haſenpanier ergreifen! Das iſt das Kluͤgſte; damit werden wir bei allen vernuͤnfti⸗ gen Chriſtenmenſchen Ehre einlegen.— „Du biſt ein aberglaͤubiger Narr, Mor⸗ gan! vermuthlich haſt du einmal wieder Er⸗ ſcheinungen gehabt.“— So wahr Gott im Himmel lebt! die Hepe vom blauen See iſt mir hier in den Weg ge⸗ 103 treten, die Helene nehmlich. Mit dieſen mei⸗ nen leiblichen glaubhaften Augen habe ich ſie geſehen. Angethan war ſie, wie eine Tochter des Hausherrn. Sie begukte mich gewaltig mit ihren großen Katzen⸗Augen. Ich ſtand da, wie ein Stuͤck Holz vor Erſchreckniß; denn wo die iſt, da iſt der Gottſeibeiuns nicht weit. Wenn wir doch ſchon uͤber alle Berge waͤ⸗ ren!— Morgan!— ſagte Gwyllim laͤchelnd— nicht wahr, die Herzſtaͤrkungen der Lady Glyndwr ſind gut. Du haſt ihnen eine Ehre angethan und da iſt denn aus der Tiefe des Unterleibes dir ein Spuk zu Kopfe geſtiegen. Aehnlich mag Gwenllian jener Circe wohl ſein — ich habe das ſelbſt bemerkt— allein des⸗ wegen halte ich Beide noch nicht fuͤr eine und dieſelbe Perſon.“— 4 um Gottes Jeſus willen, liebſter Herr! nehmen Sie doch Raͤſong an; ich ſtehe ja gern 3 mit meinen guten Meinungen und Abſichten zu Dienſte. Wenn das nicht Helene war; ſo bin ich nicht Shinkin Morgan. Daß ich nicht auf den Kopf gefallen bin, wird mir ge⸗ wiß jedermann atteſtiren, der mich noch von der Schule her kennt. Und ſo rathe ich Ih⸗ nen Gutes. Eſſen Sie ja kein Brot und Salz mit der Here; ſonſt wird's in Ihrem Magen zu Gift und Sie verzehren ſich und loͤſchen aus, wie eine Nachtlampe. Wollen's einander wieder ſagen, wenn alles gluͤcklich zu⸗ trifft!— „Baſta! verſetzte Sir David humoriſtiſch — wenn ich todt bin, magſt du dieſe Mate⸗ rie einmal wieder auf das Tapet bringen. Jetzt rede von etwas Geſcheiterem! Wie ſtehts mit dem kleinen Auftrage, den ich dir gegeben habe?“— Was der Blitz! die Commiſſion?— Nun faͤllt mir's ein. Das haͤtte ich beinahe vergeſ⸗ 105 ſen. Die verdammte Hexe! Ich bin ganz verwirrt unter der Muͤtze. Doch eben beſinne ich mich noch zu rechter Zeit darauf. Sollte ich nicht dem Kammerkaͤtzchen einen Brief zu⸗ ſtecken? Richtig! grade ſo war's, wenn ich nicht irre— Als er die Ungeduld ſeines Herrn be⸗ merkte, fuhr er fort: das huͤbſche Maͤdel iſt auch uͤber und uͤber behext, Gott beſſer's! Sie iſt nicht bei der Alten, ſondern bei Lady Helene oder Gwenllian, wie man ſie hier nennt; denn die Hexe faͤhrt alle Augenblicke einer andern Frauensperſon in den Leib. Na! wie geſagt, ich attrapirte die Jungfer mit dem Urian gleich auf friſcher That. Sie hatte ſich aufgedonnert, wie eine Prinzeſſin und ſah aus wie eine Zi⸗ geunerin und die Hexe herzte und kuͤßte ſie und nannte ſie: liebe Schweſter. „Auf Ehre, Morgan! ich glaube, du fa⸗ ſelſt. Was ſprichſt du da fuͤr unſinniges Zeug?— 106 Ihre Parole in Ehren, Sir David! aber es wird ſich alles ausweiſen. Meine Worte ſind ſo gut, wie baares Geld. Denn was das Kammermaͤdchen anbetrifft— wie ſah die aus — Gott ſei mir armen Suͤnder gnaͤdig— grade wie Ihre ſelige Frau— wie Emma Ivor. „Schurke!— unterbrach ihn Gwyllim heftig— wie kannſt Du Dich unterſtehn, mich an Emma Jvor zu erinnern. Ich glau⸗ be, Du erfindeſt deine Maͤhrchen, um mich von Sinnen zu bringen. Ach! erbarmen Sie ſich doch meiner!— ſchrie der ehrliche Waliſer zuruͤcktaumelnd— Sie ſehen ja aus wie ein Zinnshahn, uͤber und uͤber zinnnoberroth vor Zorn. Kuͤnftig werde ich mich ſchon in Acht nehmen, ich mengelire mich nicht wieder in ihre Liebeshiſtorien. So was koſtet Kopfbrechen. Damit alſo waͤr's nun alle!— David lachte und ſuchte ihn zu beſaͤnfti⸗ 107 gen.—„Guter Morgan!— ſagte er— ich errathe, was Dir im Kopfe ſteckt. Du erinnerſt Dich daran, daß ich einmal auch Deiner ſeligen Frau den Hof machte, weil ich leider nicht wußte, daß Du ihr Mann warſt. Auf Ehre! ich bin ganz unſchuldig an dem verwuͤnſchten Quiproquo; alſo mache Dir keine boͤſen Gedan⸗ ken und ſei nicht etwa ein Narr, wie ſo viele Andre in aͤhnlichen Faͤllen!— Laſſen Sie das nur bei Seite,'r Gnaden; es iſt laͤngſt Gras daruͤber gewachſen. Ich wollte nur meinen, es ſei doch nicht recht, ei⸗ ner ehrlichen Frau Fallſtricke zu legen. Dazu laͤßt der liebe Gott Sonne und Ppuhd nicht ſcheinen. „Gradeſo ſtehts im alten Teſtamente, in den Leviten, wenn ich nicht irre. Jetzt aber leben wir im neuen. Darum komm endlich einmal zur Sache! Haſt Du die allerliebſte Mildred geſprochen und Deine Worte geſchickt 108 angebracht? Nahm ſie den Brief, und wie aͤußerte ſie ſich daruͤber. Bringſt Du mir viel⸗ leicht gar eine Antwort von ihrer ſchoͤnen Hand?— Ja! Gott ſei Dank! ich habe eine. Nun werden Sie wohl einſehn, daß ich weiß, wo Bartel Moſt holt. So einen treuen und durch⸗ 8 triebenen Fuchs kriegen Sie nicht wieder in Ih⸗ re Dienſte. Da iſt der Wiſch!— „Den haͤtteſt Du mir gleich geben ſollen, Dummkopf!— Haſtig erbrach Sir David das Billet und uͤberlaß es ſchnell: „Bei Amor und ſeiner Mutter! iſt es moͤg⸗ lich? ſie ſchlaͤgt ein, ſie will mich gluͤcklich ma⸗ che. O himmliſches Maͤdchen!— Hier, Mor⸗ gan! nimm dies Goldſtuͤck!—„In der Ecke hinter dem Hauptgebaͤude alſo?— neben dem alten Eibenbaume?— O ſchoͤn, herrlich! Mor⸗ gan! Du biſt nicht mit Golde zu bezahlen. 109 Da, nimm die ganze Boͤrſe, und ſcheere Dich damit zum Henker. Haſt Du mich verſtan⸗ den?— Daß Du mir nicht etwa im Vorzim⸗ mer von Deiner ſeligen Frau eine Litanei ſingſt!— Heda! warte nur noch einen Augen⸗ blick!— Wie? erſt in drey Tagen?—„fruͤh um 7 Uhr. Die Stunde iſt wohl gewaͤhlt. Man hat den ganzen Tag vor ſich zu ange⸗ nehmer Unterhaltung. Gegen Abend ſcheint hernach der Mond und ſo weiter. Heda, Mor⸗ gan! wo iſt der Hundsvott? ich glaube, der Teufel hat ihn ſchon geholt.— Holla! geh ſogleich zum Herrn vom Hauſe, lieber Freund, und ſage: ich ließe ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten.— Morgan kam bald wieder mit der Antwort: Lord Owain Glyndwr ſei geſchaͤftfrei und er⸗ warte den Beſuch ſeines geehrten Gaſtes⸗ —— XXI. Sie David, voll Begierde, ſich uͤber ſo manches Wichtige Aufklaͤrung zu verſchaffen, eilte zu ſeinem Freunde. Er ging zuerſt durch eine lange Bildergallerie, welche hinter dem gro⸗ ßen Saale die ganze Laͤnge des Gebaͤudes einnahm; aber anſtatt nun ſich links zu wen⸗ den, um in den rechten Fluͤgel des Schloſſes zu gelangen, wo Glyndwr's Geheimzimmer war, verſah er es in Gedanken und kam rechts in verſchiedne Durchgaͤnge und eine lange Reihe von Schlafſtuben mit der Ausſicht nach dem Kunſtberge Hendom und der Sternwarte auf demſelben. Verdruͤßlich uͤber ſeine Zerſtreuung, wollte er eben zuruͤckgehn, als er in der Naͤhe 111 das Gefluͤſter weiblicher Stimmen vernahm. In der Vermuthung, Dienerſchaft zu finden, die ihm den Weg zeigen koͤnne, offnete er das Nebenzimmer, ſah hinein und ward ſogleich ſeinen Irrthum gewahr. Es war eine kleine, ſehr elegante Bibliothek, in deren Hintergrund vor einem koſtbaren Buͤreau zwei Damen ein⸗ ander gegenuͤber ſaßen. In der Aelteren er⸗ kannte er ſogleich Lady Glyndwr, obwohl ſie ihm den Ruͤcken zukehrte. Die Juͤngere war Gwenllian. Mit geſenktem Haupte weinte ſie bitterlich, waͤhrend die Lady ſie mit Vorwuͤrfen und Bitten beſtuͤrmte. Sir David machte ſo⸗ gleich die Thuͤr wieder zu, leiſe, wie er ſie eroͤffnet hatte, und begab ſich hinweg. Bald nachher begegnete er einem Domeſtiken und ließ ſich von ihm zu ſeinem Herrn geleiten. „Verzeihe, lieber David, daß ich Dir noch nicht ſoviel Aufmerkſamkeit ſchenken konnte, als unſer vertrautes Verhaͤltniß heiſcht!“— rief ihm Glyndwr entgegen. 112 Gwyllim ſchuͤttelte ihm die Hand und ver⸗ ſicherte: er ſei vielmehr erfreut daruͤber, daß Owain endlich einmal anfange, ſich mit den Angelegenheiten des Staats zu beſchaͤftigen. Dieſen muͤßten alle Privatpflichten und ſelbſt die Anſpruͤche der bewaͤhrteſten Freundſchaft bil⸗ lig nachſtehn.— „Du biſt und bleibſt mein alter guter Da⸗ vid!— verſetzte Glyndwr— Erzaͤhle mir nun ausfuͤhrlich, was Du in Deinem letzten Briefe blos andeuteſt; denn meine Neugier haſt Du dadurch im hoͤchſten Grade aufgeregt. Her⸗ nach wollen wir von politiſchen Dingen mit einander ſprechen.“ 8 — — 113 XXIL Ich ſetze voraus— fing Gwyllim an— daß Dir die Entfuͤhrung meiner Geliebten, Morfudd Lawgam aus Angleſea, ſchon bekannt iſt. Ihre Freunde thaten nicht wohl, mich auf dieſe Weiſe von ihr zu trennen. Noch boshaf⸗ ter von ihnen war es, daß ſie das arme ein⸗ geſchuͤchtee Weib zwangen, ihre Hand dem verwuͤnſchten Cynfrig Gynin zu geben, den ſie wegen der Misgeſtalt ſeines Koͤrpers und Gei⸗ ſtes mit Recht verabſcheute. Ich hatte mich, wie es bei uns Sitte iſt, unter einem Baume von einem Barden mit Morfudd vermaͤhlen aaſſen und folglich lebten wir gluͤcklich mit ein⸗ ep ander in rechtmaͤßiger Ehe. Wein von Gy⸗ J. 8 114. nin beſtochen, waren ihre Verwandten andrer Meinung. Sie ſtreuten tauſend Verlaͤumdun⸗ gen aus, ſchrieben mir gewiſſe beißende Ge⸗ dichte zu, die damals in Umlauf waren und bewirkten dadurch, daß ich zu einer ſtarken Geldbuße verurtheilt ward. Es war mir nicht moͤglich, ſie zu bezahlen, denn, wie andre Poe⸗ ten, beſaß ich mehr geiſtiges, als leibliches Ver⸗d moͤgen und ſo genoſſen ſie denn das Vergnuͤ⸗ gen, mich an einem ſchoͤnen Sommerabende in den Schuldthurm wandern zu ſehn. Da ſaͤße ich noch und machte Sonnette auf Mor⸗ fudd und die Grauſamkeit des Schickſals, das uns trennte, wenn meine Landsleute in Gla⸗ morgham nicht die Gewogenheit gehabt haͤtten, fuͤr mich zu bezahlen. Zum Ueberfluſſe ward ich gar noch einſtimmig zum Oberhaupte der Barden von ihnen ernannt. Ich reiſete ſo⸗ fort nach Angleſea, um von meiner neuen Eh⸗ renſtelle Beſitz zu nehmen und hatte niemand bei mir, als meinen treuen Diener Morgan. 4 V — 115 Wir waren beide zu Pferde und durch⸗ ſtreiften ſchoͤne, maleriſche, bezaubernde Gegen⸗ den. So kamen wir in die Schluchten von Snowdon, des Fuͤrſten der daſigen Gebirge. Ich wußte, daß meine Feinde, beſonders Rhys Meigom, den ich durch ein Epigramm in Wuth verſetzt hatte, mir nachſtellten, ſchlug daher nun Seitenwege ein, die Heerſtraße ver⸗ laſſend. Als es zu dunkeln begann, gewahrte ich mit Schrecken, daß mich die Daͤmmerung in einer wilden, unbewohnten Gegend uͤber⸗ fallen habe. Auf den Thalen unter mir lag ſchon ein Nebelſchleier, der nach und nach dichter werdend, endlich alle Gegenſtaͤnde mei⸗ nen Blicken entzog⸗ Der Himmel war jedoch rein, uͤber mit ſtand der Mond und die Sterne ſchimmerten mit ungewoͤhnlichem Glanz. Nun aber erhob ſich ein Wind, der bald Sturm, dann Orkan ward. Er fuͤhrte graue Wolken aus Weſten daher und waͤlzte ſie am Horizonte herauf. 116 Die Sterne erloſchen, undurchdringliche Fin⸗ ſterniß verbreitete ſich uͤberall und das Getoͤſe in der Luft, abwechſelnd wie Seufzer, Ge⸗ murr, Brauſen, Heulen und Bruͤllen klingend erfuͤllte meinen aberglaͤubiſchen Diener mit Graus und Entſetzen. Es verhallte nach und nach in der Ferne, aber nun mit der Gewalt eines Kataraktes ſtuͤrzten Regenguͤſſe, mit Ha⸗ gel vermiſcht, herab. Die ſteilen Wege wur⸗ den ſchluͤpfrig und ich ſah nicht mehr den Kopf meines Rappen. Er ſtand und ich wagte es nicht, ihn vorwaͤrts zu treiben, aus Furcht, in einen Abgrund zu ſtuͤrzen. Paötlich, als ob die Sonne vom Himmel falle, erhellte ein Blit unter des Donners furchtbarem Rollen und Krachen dieſe ſchaurige Gegend in ihrer ganzen Ausdehnung. Ich uͤberſah auf ein⸗ mal zackige Felſen mit ſchneebedecktem Schei⸗ tel, Kluͤfte, Thaͤler, Fluͤſſe, Weiher, einzeln ſtehende Baͤume, Buͤſche und weiter hinaus unermeßliche Waldungen. Ein romantiſch er⸗ habner Anblick! Das Leuchten des Blitzes warf I2 ein Wolkenſpiegel dem andern zu und der Don⸗ nerſchlag toͤnte wieder von Huͤgel zu Huͤgel. Das Ungewitter raſete fort, Strahl auf Strahl zuckte vom Himmel. Ich entdeckte endlich tief unter mir das Thal von Glas⸗Llyn am blauen See. Dort, nach der Seite des Snodon zu, giebt es einzeln ſtehende Wohnungen, die ich auf einem ſchmalen, dahin fuͤhrenden Fußſteige zu erreichen hoffte. So oft Feuer uͤber mir aufflackerten, ermunterte ich meinen Gaul zu einigen Tritten vorwaͤrts. 1 —ÿyy———hͤhͤöͤnͤn— ——— 118 XXIII. Gayndwr unterbrach hier den Erzaͤhler mit der Frage: ob er von dem Glas⸗Auyn ſpreche, wo nach der Sage in grauer Vorzeit eine Nixe des blauen See's den Propheten Merlin uͤber⸗ liſtet haben ſolle? Ja!— antwortete Gwyllim und, als ob er das Erſchrecken ſeines Freundes nicht be⸗ merke, fuhr er ruhig fort: Morgan, mein Diener, war verſchwunden. Vergebens rufte ich ihn, ſo oft der Donner ſchwieg, mit lauter Stimme. Nun ein einzig⸗ mal war es mir, als ob er hinter mir meinen 119 Namen nenne. Ich kehrte ſogleich um und ſah mit Erſtaunen ungefaͤhr in der Entfernung von 20 Ruthen ſeitwaͤrts eine Doppelreihe von Fackeln, die ſich langſam fortbewegten, wie bei einem Leichenbegaͤngniß. Beherzt ſprengte ich darauf los und erblickte nun eine lange Prozeſſion ſelenloſer Geſtalten, die wie Auto⸗ mate lautlos einherſchritten. Ein ſchoͤner Juͤng⸗ ling ſchloß ſich ihr an. Nach und nach ent⸗ fernte ſich die ganze ſeltſame Erſcheinung; zu⸗ letzt verlor ſie ſich in der Hoͤhlung eines Fel⸗ ſen. Folgen konnte ich nicht, weil eine Kluft mich von ihr trennte, und da ich auf wieder⸗ holtes Rufen immer noch keine Antwort er⸗ hielt, blieb mir nichts uͤbrig, als meinen Weg in die Tiefe des Thales hinab allein fortzuſetzen. Das kluge Thier, welches mich trug, benahm ſich dabei mit ſolcher Vorſicht, daß ich nach einigen Stunden immer noch nicht gar weit vorwaͤrts gekommen war. Ploͤtzlich hoͤrte ich ſchreien in der Hoͤhe, zugleich ſchien der Him⸗ mel ſich zu öͤffnen; Tageshelle ſtroͤmte nieder 120 von oben. Ich blickte empor und ſah auf ei⸗ nem Felsblocke ein Weib ſtehen, wie einen Engel des Lichts, der in den Abgrund der Verdammten hinabſchaut. Es glich voͤllig der Tochter Ivor's, meiner geliebten Emma, deren Grab ich geſtern fruͤh mit Thraͤnen benetzte. Ohne Zweifel war es ihr ſeliger Geiſt, der, meiner Reue vergebend, mir erſchien, um mich vor Gefahr zu warnen.— Umſonſt! In dem Augenblicke, wo ich mein Pferd anhalten wollte, that es einen Fehltritt und ſtuͤrzte in die gaͤhnende Kluft mittelbar vor ihm. Ich hoͤrte es ſecundenlang von Klippe zu Klip⸗ pe und endlich in ein Gewaͤſſer fallen, das klatſchend aufſpritzte. Mich rettete die Wurzel eines Baumes, an welcher ich mich, als der Rappe zum erſtenmale aufprallte, aus dem Sattel geworfen, anklammerte und feſthielt, ſo 121 lange meine Kraͤfte dazu ausreichten. Dann fiel ich von neuem, doch in weniger gefahr⸗ voller Richtung, auf einen Vorſprung des Felſen, wo ich betaͤubt liegen blieb. XXIV. Jwei Frauen, der Tracht nach Baͤuerinnen, waren um mich geſchaͤftig, als ich zur Beſin⸗ nung kam. Sie betrachteten mich mit Theil⸗ nahme. Die Eine im mittleren Alter hatte nichts Beſonderes; die Andre aber, eine eben aufgebrochene Roſe, war ſchoͤn, wie die erſte Traumgeliebte eines jugendlichen Dichters. Dir, Owain! brauche ich ſie nicht zu beſchreiben; denn ſie glich, mit Ausnahme der Kleidung, in Allem Deiner Gwenllian.— Glyndwr bedeckte ſich das Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden und David fuhr fort: Du wirſt. meine Verwundrung bemerkt haben, als das 123 herrliche Maͤdchen heute fruͤh, wie ein aufge⸗ hender Stern, in den Saal trat. Nun weißt Du die Urſache davon.— (Glyndwrr ſeufzte.) Genug! dieſe Samaritinnen fuͤhrten mich in eine ſtrohbedeckte Huͤtte am Ufer des blauen See's und pflegten mich ſorgſam, bis ich mich vom Sturze erholt hatte. Owain fiel ſchnell ein mit der Frage: Was ſich dieſe Zeit uͤber zugetragen habe?— Merkwuͤrdiges!— verſetzte Gwyllim— In einem Gemach der Huͤtte, deſſen Zierlich⸗ keit gegen das⸗ Aeußere derſelben ſehr abſtach, fand ich einen jungen Mann von etwa 20 Jahren und erkannte in ihm mit Staunen den ſchoͤnen Juͤngling, der ſich dem geſpenſti⸗ ſchen Leichenconducte angeſchloſſen hatte. „Was hatte er da zu ſchaffen?“— fragte Glyndwr auffahrend. 124 Ohne Zweifel hatten ihn Helenens Reize dahin verlockt!— antwortete David laͤchelnd.— „Munterte ſie ihn auf?“— Ja und Nein!— Ihr Benehmen gegen ihn war ſeltſam. Bisweilen betrachtete ſie ihn zaͤrtlich, dann wieder mit Abſcheu, ſich von ihm wendend.— „Das begreife ich.“— Ich deſto weniger; denn, wie geſagt, der Juͤngling war ſehr liebenswuͤrdig. Einmal beugte er ſich auf ihre Hand herab und lbe⸗ netzte ſie mit Thraͤnen. „O, des nichtswuͤrdigen Buben!“— rief Glyndwr außer ſich und rang dazu, wie wahn⸗ ſinnig, die Haͤnde—„Hatte der Verfuͤhrer ein beſonderes Merkmahl im Geſicht?“ Eine kleine Narbe uͤber dem linken Auge.— „Er iſt's!— daran erkenne ich ihn— Sprich! wie nannte ſich der Verraͤther 7 4 Javan!— „So iſt denn das Grauſenvolle geſchehen!— O Weiber, Weiber!— Lug und Trug iſt euer Name!— eure ſittſamen Blicke— Haha!— Sirene! liſtige Sirene!— Giftſchlange! Mein Arm wird Dich nicht weiter vertheidigen— ver⸗ glüͤhe im Mantel des Neſſus!— Aber wer iſt Schuld?— Ich oder Sie?— Die Probe war zu ſchwer; ich haͤtte ſie nicht darauf ſtellen ſol⸗ len.— Dich aber, Rabenſohn— wehe Dir, wenn ich Deinen Schlupfwinkel entdecke— ex⸗ emplariſch werde ich Dich beſtrafen!“— XXV. Während dieſes unzuſammenhaͤngenden Mo⸗ nologs ging Owain mit ſtarken, haſtigen Schrit⸗ ten unter heftigen Geberden im Zimmer auf und ab. Gwyllim fragte, ihn ſcharf anſehend: was geht mit Dir vor?— Geſteh es nur: Du warſt falſch und haſt mich belogen. Dein Maͤhrchen vom Kloſter Bedgellert glaubte ich gleich an⸗ fangs nicht.— Helene und Gwenllian ſind Eine und dieſelbe Perſon.— „Verzeihe mir, David! Der Augenblick, wo ich offenherzig ſein darf, iſt jetzt erſt ge⸗ 127 kommen. Du haſt Recht. Gwenllian iſt die Zauberin vom blauen See.— Haͤtteſt Du doch das deinem aͤlteſten Freun⸗ de fruͤher vertraut! Vielleicht waͤre es mir ge⸗ lungen, Dein krankes Herz zu heilen. „Schwerlich! doch wiſſe nun Alles!— Gwenllian iſt meine natuͤrliche Tockter, und war deshalb noch nie in Sychart.— Ihrer Sicherheit wegen mußte ich ſie jetzt zu mir⸗ nehmen.“— Daß dieſes goͤttliche Weſen der Zauberei be⸗ ſchuldigt wird, iſt mir ſchon bekannt.— „Sie iſt deſſen angeklagt und zum Feuertode verdammt worden. Schon waͤre ſie nicht mehr, haͤtte ich ſie nicht noch zu rechter Zeit ihren Verfolgern entriſſen. Auch jetzt noch kann nur die ſorgfaͤltigſte Wachſamkeit ſie retten.“— Und der junge Menſch?— 128 „Javan iſt— ich ſchaudre es zu ſagen— er iſt Gwenllian's Bruder. Beide ſind Kinder deſſelben Vaters. Sie weiß das.“— Nun begreife ich auch ihr ſeltſames Betra⸗ gen: Javan kennt vermuthlich nicht ſein Ver⸗ haͤltniß zu Gwenllian; er wuͤrde ſonſt der ver⸗ brecheriſchen Leidenſchaft fuͤr ſeine Schweſterd gewiß ſiegreich widerſtanden haben. Er ſchien mir ein edler Juͤngling zu ſein. 3 Nein! nichts entſchuldigt den Boͤſewicht. Mit vaͤterlicher Beſorgniß warnte ich ihn drin⸗ gend vor dem Abgrund, in welchen der Ver⸗ blendete ſich dennoch muthwillig geſtuͤrzt hat. Doch erzuͤhle nur weiter! Ich werde Quaalen der Hoͤlle auszuſtehen haben; dennoch bin ich darauf gefaßt, das Ungeheuere zu erfahren. 5 8 129 XXVI. Javnn kam alle Tage. Helene aber ward eaͤglich kaͤller gegen ihn. Endlich verſchloß ſie ſich in ihrem Zimmer, ſo oft er erſchien. Ein⸗ mal in Verzweiflung daruͤber, ſtuͤrzte er aus dem Hauſe und ſchwur: daß er entſchloſſen ſei, die unertraͤgliche Buͤrde ſeines Lebens abzuwer⸗ fen. Seitdem ſah ich ihn nicht wieder. Auch Helene ſprach nicht weiter mit mir. Anfangs glaubte ich: ſie fuͤrchte mich, wie Javan; ſpaͤ⸗ ter jedoch fiel ich auf einen andern Verdacht, der mir von Tage zu Tage gegruͤndeter zu werden ſchien. Einſt, um meine Wiederherſtellung zu vollen⸗ I. 9 130 den, machte ich einen Spaziergang im Freien. Bei der Gelegenheit fiel mir das Venehmen der Landleute, die mir begegneten, als hoͤchſt ſonderbar auf. Jung und Alt, Maͤnner, Wei⸗ ber und Kinder flohen vor mir, als ob ich mit der Peſt behaftet ſei. Und nicht nur das, ſie trafen auch die laͤcherlichſten Vorkehrungen, um ihre Haͤmmel und Stiere meinem Blicke zu entziehen. Dabei las ich in ihren Mienen, beſonders in den Geſichtszuͤgen der Frauen und Maͤdchen, eine beſondre Art von Mitleiden mit mir. Morgan, den Schreckniſſen jener Nacht auf Snowdon, wie ich, wunderbarer Weiſe entronnen, erklaͤrte mir nachher das Raͤthſel. Kaum angekommen in der Huͤtte und noch athem⸗ los, zog er mich bei Seite und beſchwor mich, um Gott und aller Heiligen willen, keinen Au⸗ genblick laͤnger in dieſem Paradieſe des Satans zu verweilen, damit ich nicht auch, von Zau⸗ berei befangen, in zeitliches und ewiges Ver⸗ derben gerathe. es doch meine Neugier. Ein Geheimniß war 13L Natuͤrlich mußte ich ſeinen uͤbelverſtandenen Eifer belaͤcheln. Er aber fuhr fort, mich mit Warnungen und Bitten zu beſtuͤrmen. Aus ſeiner verworrenen Erzaͤhlung brachte ich endlich ſoviel heraus: daß wir uns im Zauberkreiſe ei⸗ einer Waliſiſchen Eirce befaͤnden, die Himmel und Erde in Aufruhr bringen und, wenn ſie ſonſt wolle, allenfalls den Mond in ihren Strickbeutel ſtecken koͤnne. Der Geiſterfuͤrſt des Gebirges waͤre ihr gehorſamer Diener und auf dem Grunde des blauen See's beſaͤße ſie einen Pallaſt von Eryſtall, den Waſſerjung⸗ fern mit langen gruͤnen Haaren bevoͤlkerten. Da ſolle oft eine wahre Hoͤllen⸗Wirthſchaft getrie⸗ ben werden. Die ſchoͤne Hexe habe einen ge⸗ fallenen Engel im Netze ihrer Reize gefangen und dem Teufel unter der Bedingung, daß er zu dieſem Liebesverhaͤltniß ſein Jawort gebe — ihre arme Seele verſchrieben.— — e. wenig ich von alledem glaubte, reizte 132 vorhanden— das ſprang in die Augen;— ich nahm mir vor, es zu erforſchen auf jede 1 Gefahr hin.* Nun lauſchte ich oft des Nachts vor ihrem Schlafgemach. Einmal hoͤrte ich darin ein lei⸗ ſes Geſpraͤch. Ich ſah durchs Schluͤſſelloch. Helene ſaß aufrecht im Bette, vor welchem ein leerer Stuhl ſtand, dem ſie von Zeit zu Zeit etwas zuwisperte, als ob jemand darauf ſitze. Bald nachher erloſch die Nachtlampe und alles ward ſtill. Swwes 1 XXVII. Ein andermal— eben hallte der Mitternachts⸗ ſtunde letzter Schlag von der Abtei Bedgellert uͤber den See heruͤber; als ich, von Helenens Silberſtimme geſprochen, in ihrem Zimmer ganz deutlich folgende Worte vernahm: „Sei außer Sorgen, Ramiel!— Sarah hat ihm das Opiat eingegeben. Er ſchlaͤft.“— So folge mir auf der Stelle!— antwortete eine maͤnnliche Stimme— Wirſt du aber auch Feſtigkeit genug haben? Die Hauptbedingung iſt: daß Du nicht zuruͤckſchau'ſt, was auch hin⸗ ter Dir geſchehen moͤchte.— 134 „Ich bin entſchloſſen.“— Mit dieſen Worten oͤffnete Helene einen Fluͤgel der Thuͤre. Eiligſt druͤckte ich mich in einen Winkel des dunkeln Vorgemachs und hielt den Odem an, waͤhrend ſie voruͤberſchluͤpfte. Als ſie außerhalb der Huͤtte ſein mußte, wagte ich es, ihr zu folgen. Ich verließ mich dar⸗ auf, daß ſie nicht ruͤckwaͤrts blicken werde. Leicht wandelte die ſchlanke weiße Geſtalt, einer Elfe gleich, vor mir hin; aber vergebens rieb ich mir die Augen, um ihren Begleiter zu entdecken. Dennoch, ob ich gleich die Wor⸗ te nicht verſtehen konnte, bemerkte ich wohl, daß ſie mit jemand an ihrer Seite ſprach. Auf labyrintiſchem Pfaden, bergauf ⸗ und ab, durch Gebuͤſch und Wald, uͤber Stege und Bruͤcken, gelangten wir endlich nach Dinas Emrys, auf deſſen Bergruͤcken ſich einſt Vortigern gegen ſeine rebelliſchen Unterthanen vertheidigte. Hier ſtanden noch die Truͤmmer eines Hauſes, & 135 das einſt der Zauberer Merlin bewohnte. Die Steine deſſelben, ohne Moͤrtel verbunden, wa⸗ ren blos uͤber einander gelegt; dennoch hatte die Gewalt der Zeit das merkwuͤrdige Gebaͤude nicht ganz zerſtoͤren koͤnnen. Mit Moos, Diſteln, Neſſeln, Schierling und anderm Unkraut wild uͤberwachſen, gewaͤhrte es einen ſchauerlichen An⸗ blick. Man fuͤhlte: hier ſei es nicht geheuer. Helene aber trat entſchloſſen in das Dunkel der Flur und ſtieg einige Stufen hinab; zuletzt ver⸗ ſchwand ſie in einer Zelle, die fuͤr magiſche Operationen beſtimmt ſchien. Ich ſchlich ihr nach und bemerkte im Hintergrunde einen ſtei⸗ nernen unfoͤrmlichen Altar, auf welchem gluͤ⸗ hende Kohlen lagen, die eine ſchwache Hellung verbreiteten. XXVIII. Die Zauberin loͤſte ihr Haar auf. Es wallte in reichen Locken nieder und verhuͤllte ſie in ei⸗ nen Schleier von Gold. Nun zog ſie eine Phiole aus dem Buſen Den Inhalt derſelben goß ſie auf den Opferheerd, waͤhrend ſie unver⸗ ſtaͤndliche Worte ſprach, die ſich zu reimen ſchie⸗ nen. Nur den Namen: Ramiel! konnte ich deutlich unterſcheiden. Sogleich ſchlugen vom Altar praſſelnd Flammen auf, die eine Feuerſaͤule bis zur Dek⸗ ke hinauf bildeten. Das Gewoͤlbe fuͤllte ſich —— 132 mit dichtem Rauch, der einen angenehmen, aber ſtarken, betaͤubenden Geruch hatte. Als die Zauberin zum dritten Male: Ramiel! mit lauter Stimme rief, erſchuͤtterte ein heftiger Donnerſchlag das Gebaͤude in ſeinen Grund feſten. Darauf erhob ſich hinter dem Heerde, wie auftauchend, zuerſt ein behelmter Kopf, dann ein Panzerhemd von Silber, zuletzt ſah ich die ganze Geſtalt eines geharniſchten Ritters, deſſen funkelnde Ruͤſtung das gruͤne Licht der Flammen wunderbar beleuchtete. Er ſtreckte die Arme nach Helenen aus und ſagte: Dein Wunſch iſt erfuͤllt! Unter dieſen Formen ward es mir erlaubt, Dir zu er⸗ ſcheinen. Aber die verwegne Schoͤne hoͤrte es nicht; ſie lag auf dem Boden ohnmaͤchtig, bleich und entſtellt. Eilig hob ſie der Ritter auf, um ſie der Einwirkung des vergifteten Duftes zu entziehen. Er verſchwand mit ihr in einem langen, dunkeln, ſchlangenartig gewundenen Gange hinter dem Altar. Meine Beſorgniß, in Lebensgefahr zu ge⸗ rathen, wenn ich folge, war groß; meine Neugier aber noch groͤßer. Ich beſchloß, das Abenteuer ganz zu beſtehen, tappte nach, bald links, bald rechts mich wendend, ſtieg Treppen Treppen auf und ab, fiel bisweilen uͤber Felſen⸗ trummer, gelangte aber endlich doch zu einem Ausgang aus dieſen Maͤandern. Ich ſtand nun in einem Keſſel von ſchroffen Felſen umgeben, uͤber mir hatte ich den Sternhim⸗ mel. Zuruͤckgehen wollte ich nicht; ich unter⸗ ſuchte deshalb alles genau und fand auf der Gegenſeite unter Strauchwerk verdeckt eine Hoͤh⸗ le mit ſehr enger Oeffnung. Ich wagte es hinein zu kriechen. Nach und nach ward der abſchuͤßige Pfad raͤumlicher und heller. Ich ſah vor mir das Innre eines Rieſentempels, mit Saͤulengaͤngen, die von der Natur ſelbſt gebildet zu ſein ſchienen, hin und wieder Worte — — — ÿ—— 139 und Bilder, deren Sinn ich nicht errathen konnte, unter andern zwei Drachen, einer war roth, der andere weiß und zwiſchen bei⸗ den befand ſich ein Ei mit Charakteren be⸗ ſchrieben. XXIX. In der Mitte ſtanden in neu Waliſiſcher Sprache die Worte: Den Manen Merlin's! — auf einer marmornen Tafel, die uͤber des Ganzen Beſtimmung Aufſchluß gab. Mit ei⸗ ner ganz eignen, unbeſchreiblichen Bewegung gedachte ich hier in dieſen Umgebungen des außerordentlichen Mannes, an ſeine myſtiſche Geburt, an ſein ſeltſames Aeußere— nach der Sage war er, wie Abraham's Erſtgeborner, ganz mit borſtenartigen Haaren bedeckt— an deſſen wunderbare Macht und merkwuͤrdige Weiſſagungen, von welchen ein Theil ſchon buchſtaͤblich in Erfuͤllung gegangen iſt. Hier war es, wo die Nixe des See's ihn bethoͤrte. . 141 Ich hoͤrte Hammerſchlaͤge, wie von Bergleu⸗ ten in der Ferne, die ohne Zweifel von jenen Erdgeiſtern herkamen, die verdammt ſind, bis zum Tage ſeiner Auferſtehung hier raſtlos in den Minen zu arbeiten. Indem ich dem Ge⸗ toͤſe folgte, drang ich durch Gaͤnge, Kammern, Gewoͤlbe und reich verzierte Saͤle endlich vor bis zum Allerheiligſten, wo der Zauberer le⸗ bendig begraben lag. Der Sarkophag von Alabaſter war durchſichtig und von inwendig ſo ſtark erleuchtet, daß ich die Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt darin erkennen konnte. Er ſtand in der Mitte eines großen, vollkom⸗ men runden Gemachs mit gewoͤlbter Decke, an welcher, wie am Nachthimmel Sterne von Cry⸗ ſtall funkelten. Ein Thierkreis mit den Zei⸗ chen zog ſich dadurch hin und theilte ſie in zwei ungleiche Theile. Am Rande dieſes kuͤnſtlichen Horizontes ſtrahlte, wie aufgehend, eine Sonne von Kupfer grade uͤber dem mit Bildhauerarbeiten ſchoͤn verzierten Sarkophage. In einem Halbzirkel umher ſaßen, mit Roſen und Diamanten bekraͤnzt, zwanzig himmliſch ſchoͤne Juͤnglinge, die Engeln glichen. Sie waren ohne Bewegung und ſtumm, wie das Grabmal vor ihnen; aber der Zugwind ſpielte mit ihren Haaren und weißen Gewaͤndern und rauſchte im Gefieder ihrer Schwingen. Ihnen gegenuͤber ſtand eine weibliche Figur mit ge⸗ ſenktem Haupte, eine Bildſaͤule der perſonifi⸗ cirten Trauer aͤhnlich. Die Todtenſtille dieſer impoſanten, uͤbernatuͤrlichen Geſellſchaft dauerte einige Minuten. Endlich fiel ein Blitz und Donnerſchlag vom hemiſphaͤriſchen Gewoͤlbe herab und hallte, mit feierlichem Tone fortrol⸗ lend, lange nach in den Gewoͤlben, Saͤulengaͤn⸗ gen und Arkaden. Die Schutgeiſter, welche das Grabmal umgaben, blieben regungslos, wie vorher; die Frauensperſon aber richtete ſich auf, als ob ſie vom Schlafe erwache. Ihre Haar⸗ flechten, die das Geſicht verdeckten, fielen zu⸗ ruͤck und ich erkannte in ihr Helenen— Dei⸗ ne Gwenllian. Sie ſchien eine der Uraniden zu ſein. Langſam, mit abgemeſſenen Schritten, ₰ 143 ging ſie dreimal um den Katafalk. Als ſie den letzten Kreis vollendet hatte, krachte ein ein neuer, noch ſtaͤrkerer Donnerſchlag. Die Erbe bebte mir unter den Fuͤßen. Darauf ſprach eine gewaltige Stimme ohne Betonung folgendes: „Die Zeit des Wachens iſt vorbei.“— XXX. Soaeeich verſchwanden die Genien und ihre Sitze verſanken unter die Erde. An deren Stelle erhob ſich ein Druiden⸗Altar, auf wel⸗ chem eine goldne Schale ſtand. Hinter ihm, in der Form eines T, wuchs ein Rieſenkreuz empor. Es waren daran aufge⸗ hangen das Horn Heindal's, die Sichel Ceud⸗ ven's, das Schwert Tyr's und Thor's Ham⸗ mer. Von allen Seiten her vernahm man Fuß⸗ tritte, die naͤher kamen. Die Mauer fiel zu⸗ ſammen und oͤffnete ſich, wie ein Vorhang, mit Ausnahme der Gegend nach Norden zu, hinter dem Sarkophage. Nun ſtroͤmten zahlloſe Masken herbei, in himmelblauen Gewaͤndern, wie ſie vormals die Druiden zu tragen pflegten. Sie hatten Sicheln in der Rechten. Einer von ihnen naͤherte ſich dem Al⸗ tar und nachdem er aus der Schale getrun⸗ ken, beſang er die Siege Arthur's und die Be⸗ freiung der britiſchen Eilande. Ein Andrer, auf den Hammer Thor's hindeutend, las eine Stelle aus der heiligen Schrift vor, welche je⸗ nes Symbol erklaͤrt. Ein Dritter, mit dem Schwerte Tyr's in der Hand, ſprach uͤber Gleichheit unter den Menſchen und andre Grundſaͤtze der Lollards; Ein Vierter band die Sichel Ceudwrn's vom Kreuze und verbreitete ſich dann uͤber die Stelle in der Offenba⸗ rung:„Nimm Deine Sichel und ſchneide! die Zeit der Garben iſt da und die Ernte reif.“— Ein Fuͤnfter endlich trank wieder aus der Schale, nahm aus einem ſteinernen Kaſten 1. 10 1 unter dem Altar ein⸗Buch und wiederholte daraus Emrys Merlin's Weiſſagungen. Hierauf erklang der ſchneidende Ruf einer Trompete. Gwenllian ging auf das Grabmal zu, ſtreckte die Haͤnde aus, wie zu einer Beſchwoͤ⸗ rung, und foderte den Seher, den es barg, auf, zu erwachen und aufzuſtehn. Ein Chor in den Luͤften wiederholte ihre Worte in einem ſchoͤnen Recitative, der Deckel des Sarkophages hob ſich auf, ein blendendes Licht drang her⸗ aus und inmitten deſſelben erſchien ein Greis, in der Hand ein geſticktes Banner. An dem mit Sternen gekroͤnten Drachen auf demſelben, an der Druiden⸗Tracht und beſonders am dich⸗ ten Haar, womit ſein Geſicht bedeckt war, er⸗ kannte ich den Propheten. Ein geharniſchter Ritter mit niedergelaſſnem Viſier draͤngte ſich zu ihm. Es war derſelbe, der Gwenllian fruͤher erſchien. Merlin uͤbergab ihm die Standarte mit dem Befehle, ſie dem letzten Abkoͤmmling der Fuͤrſten von Cymry zu uͤberbringen. 147 „Sage dem Drachen im Thale von Llan⸗ gollen— ſetzte er hinzu-— wenn der Wolf und der Loͤwe von Saßenach ſeine Freundſchaft ſuchen, werde der Maulwurf von Lancaſter gleich werden der Erde, die er durchwuͤhlt!“— In dieſem Augenblick erhielt ich einen elek⸗ triſchen Schlag, der mich betaͤubt zu Boden warf. Als ich wieder zur Beſinnung kam, lag ich am Ufer des blauen See's, auf deſſen glatter Spiegelflaͤche der Morgenroͤthe erſter Strahl blitzte. Am Zeigefinger der rechten Hand entdeckte ich dieſen Solitaͤr. Es war ein Nubin von großer Schoͤnheit. Glyndwr betrachtete ihn eben noch auf⸗ merkſam, als er abgerufen ward. Auf die Frage: was es gebe? erhielt er zur Antwort: Aus dem Suͤden von Wales ſeien Ver⸗ buͤndete in großer Zahl angekommen und be⸗ gierig, ihren Anfuͤhrer zu ſehen. Der Eifer ſeiner Partiſane und die Schnelligkeit, womit — ſie die verabredeten Maaßregeln in Ausfuͤhrung gebracht hatten, waren ihm von guter Vorbedeu⸗ 3 tung; er ſchoͤpfte daraus freudige Hoffnungen fuͤr das Gelingen ſeines großen Vorhabens. „Morgen mehr, David!“— ſagte er— „Der Ring an Deiner Hand iſt von Gwenlli⸗ an, und die letzten dunkeln Worte des Schauer's Emry's Merlin beziehen ſich auf 1 mich. Sie tragen mich ſonnenhoch empor auf Fluͤgeln der Zuverſicht; ich wage nun Alles.“— V Hierauf entfernte er ſich eilig feſten Trittes, Entſchloſſenheit im Blick. Gwyllim ſah dem Freunde mit Bewunderung nach, bis die hohe Heldengeſtalt unter den Schaaren der evaſß neten ſich verlor. ——— V 1* Ende des erſten Theils. ſmſſin 4 1 16 17 11 infenniſinnſnnſnſinſſniſnſfi 3 1 7 8 9 10 11 12 1