—— ☛ Leihbibliothek deütſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſtelben entſprechende Summe een Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet hinterlegen, welche bei deſſ rd. wi 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: geſetzt und wird Weiterverleihen gen, welche die⸗ ben. DOceola. Gin Bomuan * vom Capitain Mayne Reid, Verf. von: Die Skalpjäger“,„Die Freiſchaar“,„Die Heimath in der Wüſte“ „Die Buſchknaben“,„Die Kriegsfährte“,„Der Jägerſchmaus“. d⸗ 3 Deutſch 4 von A. Kretzſchmar.„ 1 Fünfter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1858. — O C e 9 1 4 —,— epe re erre⸗ Fünfter Band. Oceola. V. 1 Erſtes Kapitel. Blinder Lärm. Bieſer bedeutſame Ausruf:„Indianer!“ machte meinen Betrachtungen ſofort ein Ende. In der Mei⸗ nung, die Wilden ſeien ſchon in Sicht, ſprengte ich nach der Front. Plötzlich und gleichzeitig hatten die Reiter den Zügel angezogen und Halt gemacht. Einige, welche ſich ein wenig ſeitwärts vom Wege entfernt, eilten jetzt wieder herbei und ſchloſſen ſich, wie um Schutz zu ſuchen, an den Haupttrupp an. Andere, welche ſorglos eine Strecke vorausgeritten waren, ſah man jetzt zurückgaloppirt kommen. Dieſe waren es, von welchen der Ruf:„In⸗ dianer! Indianer!“ ausgegangen war, und Mehrere von ihnen fuhren noch fort ihn zu wiederholen. 122 „Indianer?“ rief Hickman mit ungläubiger Miene,„wo habt Ihr ſie denn geſehen?“ „Da drüben,“ antwortete einer der zurückkom⸗ menden Reiter,„in jenem kleinen Wäldchen von 4 Lebenseichen. Es wimmelt darin von ihnen.“ „Ich will mich von Hunden zerreißen laſſen, wenn ich es glaube,“ entgegnete der alte Jäger, in⸗ dem er verächtlich den Kopf emporwarf.„Ich laß mich gleich aufhängen, wenn es nicht Baumſtümpfe geweſen ſind, die Ihr geſehen habt. Indianer zeigen ſich nicht in einem Gehölz wie dieſes da— beſonders nicht ſolchen Neulingen wie Ihr ſeid. Ihr werdet 3 ſie hören, ehe Ihr ſie ſeht, glaube ich.“* „ Aber wir haben ſie ja auch gehört,“ entgegnete Einer;„wir hörten deutlich, wie ſie einander zu⸗ riefen.“ „Bah!“ rief der Jäger,„Ihr werdet ſie ganz anders hören, wenn Ihr nahe genug kommt. Der Knall ihrer Büchſen wird das Erſte ſein, was Ihr hört. Dort ſind keine Indianer. Es iſt ein Waſch⸗ bär oder ein Katzenvogel geweſen, den Ihr habt kreiſchen hören. Ich wußte ſchon, daß Ihr vor dem erſten Dinge, das Euch vor die Augen käme, Reißaus nehmen würdet— Bleibt einmal, wo Ihr jetzt ſeid,“ fuhr er in gebieteriſchem Tone fort;„bleibt ein⸗ mal, wo Ihr ſeid.“ Mit dieſen Worten glitt er aus ſeinen und begann ſeinen Zügel an einen Bo binden. „Komm', Jim Weatherford,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich an ſeinen Jagdkameraden wendete, „komm' mit, wir wollen einmal ſehen, ob es In⸗ dianer oder Baumſtümpfe geweſen ſind, welche dieſen Kerlen einen ſolchgn teufelmäßigen Schrecken einge⸗ jagt haben.“ Weatherford, der dieſe Aufforderung ſchon er⸗ wartet hatte, war bereits abgeſtiegen, und nachdem die Beiden ihre Pferde angebunden, ſchlichen ſie ſich mit der Büchſe in der Hand ſchweigend fort in das Gebüſch. Die Uebrigen, welche jetzt dicht ſich an einander geſchloſſen hatten, blieben in ihren Sätteln ſitzen, um das Reſultat abzuwarten. Unſere Geduld ward auf eine nur kurze Probe geſtellt, denn die beiden Jäger waren kaum aus unſern Augen entſchwunden, als wir ſie ein lautes Gelächter anſtimmen hörten. Dies ermuthigte uns, ihnen nachzureiten. Wo es ſo viel Stoff zum Lachen gab, konnte wenig Ge⸗ fahr vorhanden ſein, und ohne auf die Rückkehr der Kundſchafter zu warten, ritten wir weiter und rich⸗ teten uns nach ihrem immer noch fortdauernden Gelächter. Lichtung machte ſie uns wieder ſichtbar. Weatherford ſchauete auf den Boden, als wenn er einige Spuren unterſuchte, während Hickman, der uns nachkommen ſah, mit ausgebreiteten Armen da⸗ ſtand und auf ein weiterhin liegendes dünnes Ge⸗ hölz deutete. Wir ſahen nach der angedeuteten Richtung hin und bemerkten eine Anzahl halbwilden Hornviehes, welches, durch das Hufgetrappel unſerer Pferde er⸗ ſchreckt, ſich durch den Wald hindurch flüchtete. „Nun!“ rief der Jäger triumphirend,„ das ſind Eure Indianer! Sind ſie nicht eine ſehr wilde, blutdürſtige Sippſchaft? Ha, ha, ha!“ Alle ſtimmten in dieſes Gelächter mit ein, aus⸗ genommen Die, welche den blinden Lärm gemacht hatten.. „Ich wußte gleich, daß es keine Indianer wären,“ fuhr der Alligatorjäger fort,„denn auf dieſe Weiſe kommen ſie nicht zum Vorſchein. Ehe man ſie ſieht, hört man ſie alle Mal. Und nun, Ihr Neulinge, die Ihr einen Indianer nicht von einer rothen Kuh zu unterſcheiden wißt, will ich Euch einen guten Rath geben. Laßt Jemanden, der dies weiß, vorausreiten, und haltet Ihr Uebrigen Euch gut zuſammen, ſonſt wette ich darauf, daß Ihr die nächſte Nacht ohne Haar auf Euren Köpfen ſchlaft.“ Alle erkannten an, daß Hickman's Rath weiſe und gut war. Der Wink ward befolgt, und indem wir es hinfort den zwei Jägern überließen, die Ver⸗ folgung anzuführen, ſchloſſen die Uebrigen ſich feſter an einander und folgten ihnen die Fährte entlang. Es war augenſcheinlich, daß die Plünderer uns nicht weit voraus ſein konnten. Wir wußten dies, weil wir die Stunde kannten, zu welcher ſie ſich wieder aus der Niederlaſſung entfernt hatten. Nach meiner Ankunft auf der Plantage war keine Zeit verloren worden, kaum zehn Minuten waren mit den Zurüſtungen vergangen, ſo daß wir kaum eine Stunde ſpäter aufgebrochen als die Indianer. Die friſche Fährte beſtätigte dieſe Thatſache— ſie konnten kaum eine⸗Wegſtunde Vorſprung haben, wenn ſie nicht ſchneller geritten waren als wir. Dies aber wäre unmöglich geweſen, denn ſie wurden ja durch ihre ſchwarzen Gefangenen aufge⸗ halten, deren hier und da deutlich bemerkbare breite Spuren verriethen, daß ſie zu Fuße marſchirten. Natürlich wurden die Indianer dadurch am ſchnellen Vorwärtskommen gehindert, und hierin lag eben die Möglichkeit, ſie einzuholen. Die weißen Männer waren von Wuth und Rache erfüllt, und dies ſchloß alle Gedanken von Furcht aus. Ueberdies konnten wir an ihrer Fährte ſehen, daß die Indianer uns an Zahl kaum über⸗ legen waren. Die Bande ſchien nicht über fünf⸗ zig Mann ſtark zu ſein. Ohne Zweifel waren es gewandte Krieger, und Mann gegen Mann uns vollkommen gewachſen. Die aber, welche ſich frei⸗ willig erboten hatten, mir beizuſtehen, waren auch Leute von ächtem Schlage— die beſten Männer der Niederlaſſung zu einem ſolchen Zwecke. Keiner ſprach vom Umkehren, ſondern Alle er⸗ klärten ſich bereit, die Mörder bis in das Herz des indianiſchen Gebietes, und wenn es bis in den„Cove“ wäre, zu verfolgen. Die Hingebung dieſer Leute ermuthigte mich, und ich ritt mit leichterem Herzen weiter, denn ich freute mich über die Ausſicht auf Rache, welche, wie ich glaubte, nun nahe bevorſtand. ZBweites Kapitel. 8 Eine„geſpaltene Fährte.“ Sie war aber nicht ſo nahe, als wir dachten. Indem wir ſo raſch ritten, als unſere Führer uns leiten konnten, verfolgten wir die Fährte zehn engliſche Meilen weit. Wir hatten aber gehofft, ſchon auf der Hälfte dieſer Entfernung Rache zu finden. Die Indianer wußten entweder, daß wir ihnen folgten, oder argwohnten es, und marſchirten mit ihrer gewohnten Schlauheit ſehr raſch. Nach Verübung ſo furchtbarer Greuel war es ganz natürlich, wenn ſie glaubten, daß ſie verfolgt würden. Augenſcheinlich bewegten ſie ſich eben ſo ſchnell als wir— obſchon nicht ſchneller. Die Sonne ſchien ſehr heiß, aber immer noch ſickerte Saft aus den Zweigen, welche ſie zufällig zerknickt hatten. Der — — 10— von den Hufen ihrer Pferde in die Höhe gedrückte Schlamm hatte noch keine Kruſte und das zertretene Gras war noch naß von ſeinem eigenen Safte und hatte ſich noch nicht wieder in die Höhe gerichtet. „Gerade eine halbe Stunde ſind ſie uns voraus,“ bemerkte der alte Hickman, als er ſich in die Höhe richtete, nachdem er die Spuren zum zwanzigſten Male unterſucht,„gerade eine halbe Stunde— hole ſie der Teufel! Noch nie ſind mir Rothhäute vorge⸗ kommen, die ſo ſchnell marſchirt wären. Sie rennen wie eine Heerde geſcheuchter Rehböcke. Sie haben bedeutend weite Schritte gemacht und einige davon ſtehen in einem Winkel von fünfundvierzig Grad.“ Ein lautes Gelächter war die Antwort auf die⸗ ſen Witz des Führers. „Nicht ſo laut, Leutchen— nicht ſo laut,“ ſagte er, indem er das Gelächter durch eine eindring⸗ liche Handbewegung unterbrach.„Bei Jeruſalem! ſie hören Euch ja, und wenn dies der Fall iſt, ſo werden Einige von uns ohne Scalps ſein, ehe noch die Sonne untergeht. Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſo verhaltet Euch mäuschenſtill. Kein Wort, oder wir werden gehört. Sie haben ſo ſcharfe Ohren wie unſere Wolfshunde— und ich will verdammt ſein, wenn ich glaube, daß ſie über eine halbe engliſche Meile uns voraus ſind.“ * Der Führer bückte ſich abermals über die Fährte, und nach kurzer Muſterung der Spuren wiederholte er ſeine letzten Worte mit noch größerem Nachdrucke. „Ja, ja— nicht über eine halbe Meile. Still, Jungens; verhaltet Euch ruhig wie Beutelratzen, und ich verſpreche Euch, daß wir in weniger als einer Stunde die Canaillen in die Enge gejagt haben.“ Dieſen Mahnungen gehorſam, ritten wir ſo ſtill weiter als es zu Pferde überhaupt möglich war. Wir bemühten uns, unſere Pferde auf den weichen Rändern des Pfades hinzulenken, um das laute Auf⸗ ſchlagen ihrer Hufe zu verhindern. Keiner ſprach lauter als flüſternd, und ſelbſt auf dieſe Weiſe fand nur wenig Unterhaltung ſtatt, denn Jeder ſchaute mit angeſtrengtem Blicke vorwärts, weil wir jeden Augenblick die bronzefarbenen Wilden vor uns zu ſehen glaubten. 7 Auf dieſe Weiſe ritten wir wieder eine halbe engliſche Meile, ohne von dem Feinde etwas Anderes⸗ zu ſehen als die Spuren. Jetzt jedoch kam ein neuer Gegenſtand in Sicht — der helle Himmel, welcher durch die Bäume herab ſchimmerte. Wir waren Alle Kinder des Waldes und wußten, daß dies eine„Oeffnung“ bedeutete. Die meiſten meiner Kameraden gaben Freude über dieſen Anblick zu erkennen. Wir hatten nun — 12— einen ziemlich langen Weg durch das düſtere Gehölz zurückgelegt. Unſer Weg war oft durch Schlingge⸗ wächſe und umgeſtürzte Baumſtämme verſperrt wor⸗ den, ſo daß ein langſamer Schritt unvermeidlich ge⸗ weſen war. Sie glaubten, daß wir auf freiem Ter⸗ rain uns ſchneller würden bewegen können und eher hoffen könnten, die Verfolgten zu Geſicht zu bekommen. Einige der älteren Leute, und ganz beſonders die beiden Führer, wurden von der neuen Erſcheinung auf andere Gedanken gebracht. Hickman gab ſofort ſeinen Aerger darüber zu erkennen. „Verwünſcht wäre die Klärung!“ rief er;„es iſt eine Savannah, und noch dazu eine große. Ver⸗ wünſcht wäre ſie, denn ſie wird Alles verderben!“ „Wie ſo?“ fragte ich. „Nun ſeht Ihr, Georg, wenn ſie ſchon darüber hinweg ſind, ſo werden ſie auf der andern Seite einen Mann als Wache zurücklaſſen— dies werden ſie ganz gewiß thun, mögen ſie nun wiſſen, daß wir ſie ver⸗ folgen, oder nicht. Wohlan, was folgt daraus? Wir können die Savannah eben ſo wenig paſſiren, ohne geſehen zu werden, als wenn wir eine Karavane Kameele wären. Und was folgt daraus? Sobald ſie uns einmal geſehen haben, werden ſie natürlich wiſſen, wie ſie uns aus dem Wege zu kommen haben. Nach der Zeit zu urtheilen, die wir ſchon unterwegs — 13— ſind— ha, es iſt ſchon nicht mehr weit von Son⸗ nenuntergang!— müſſen wir uns nun bald in der Nähe ihres großen Sumpfes befinden. Wenn ſie merken, daß wir ihnen nachkommen, ſo ſuchen ſie ſtracks dieſen zu erreichen und dann weiß ich, was ſie thun werden.“ „Nun, was denn?“ 1 „Nun, ſie werden ſich zerſtreuen, und wenn ſier dies thun, ſo könnten wir eben ſo gut zur Schnee⸗ zeit Vogelneſter ſuchen.“. „Was ſollen wir denn aber thun?“⸗ „Das Beſte für Euch Alle iſt, wenn Ihr hier ein wenig Halt macht. Ich und Jim Weatherford wollen uns bis an den Rand des Waldes ſchleichen und ſehen, ob ſie ſchon über die Savannah ſind. Iſt dies der Fall, dann müſſen wir, ſo gut wir kön⸗ nen, um die Savannah herum reiten und die Fährte auf der andern Seite wieder aufnehmen. Eine andere Möglichkeit giebt es nicht. Wenn wir uns beim Ueberſchreiten des freien Terrains ſehen laſſen, ſo können wir ebene ſo gut gleich wieder umkehren und nach Hauſe reiten.“ Es erhob ſich keine Stimme gegen dieſe Rath⸗ ſchläge des Alligatorjägers. Alle erkannten die Klug⸗ heit derſelben an, und man ließ ſie ohne Widerſpruch ihn in Ausführung bringen. — 1— Er und ſein Kamerad ſtiegen daher wieder von ihren Pferden, ließen uns unter den Bäumen zurück und näherten ſich verſtohlen dem Rande der Klärung. Es dauerte ziemlich lange, ehe ſie wieder kamen, und die Andern wurden allmählig ungeduldig. Viele glaubten, wir verlören durch dieſes langſame Re⸗ cognosciren blos Zeit und die Indianer würden noch weiter kommen. Manche riethen, die Verfolgung ſofort weiter fortzuſetzen und, möchten wir nun ge⸗ ſehen werden oder nicht, immer längs der Fährte hinzureiten.. Wie ſehr dieſer Vorſchlag auch mit meinen eige⸗ nen Gefühlen übereinſtimmte, denn ich brannte vor Begier nach einem Kampfe mit dem verhaßten Feinde, ſo wußte ich doch, daß ein ſolches Verfahren durch⸗ aus kein kluges ſein würde. Die Führer hatten Recht. Endlich kamen ſie wieder und erſtatteten ihren Bericht. Es lag allerdings eine Savannah vor uns, und die Indianer hatten dieſelbe bereits paſſirt. Sie waren ſchon in die Waldung auf der entgegengeſetz⸗ ten Seite hinein und weder Mann noch Roß war zu ſehen. Sie konnten kaum außer Sicht geweſen, als die Führer den diesſeitigen Rand der Savannah er⸗ reichten, und Hickman verſicherte, er habe den Schweif eines Pferdes unter dem Gebü mverſchwinden ſehen. Während ihrer Abweſenheit hatten die ſchlauen Spürer auch noch mehr erfahren und ſich von der anderweiten ſehr wichtigen Thatſache überzeugt, daß 1 es nun keine Fährte mehr gab, welcher wir hätten folgen können! 3 4 Beim Betreten der Savannah hatten die In⸗ 8½ dianer ſich zerſtreut, und die Wege, welche ſie über die Grasfläche genommen, waren eben ſo zahlreich als ihre Pferde. Wie die Jäger ſich ausdrückten, die Fährte war in fünfzig Theile„zerſpalten.“ Sie hatten ſich hiervon dadurch überzeugt, daß ſie in das lange Gras hinausgekrochen waren und die Fährte 5 unterſucht hatten., Eine davon hatte ganz beſonders ihre Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch genommen. Sie rührte nicht „von Hufſpuren der Pferde her, obſchon einige von dieſen ſich längs der Spur zeigten, ſondern von Menſchenfüßen. Es waren nackte Füße, und ein flüchtiger Beobachter hätte glauben können, es ſei blos ein Paar geweſen. Die geübten Spürer jedoch wußten ſogleich, daß dies eine Liſt war. Die Spuren waren breit und mißgeſtaltet und viel zu tief in den Boden eingedrückt, um von einer einzigen Perſon herrühren zu können. Die lange Ferſe, die unförm⸗ lichen Ballen und die breiten Spuren der Zehen— alles Dies waren Anzeichen, welche die Jäger mit — 16— leichter Mühe verſtanden. Sie wußten, daß es die Fährte der gefangenen Neger war, welche ohne Zwei⸗ fel auf Geheiß ihrer Führer dieſe eigenthümliche Gangart beobachtet hatten. Dieſe unerwartete Liſt von Seiten der fliehenden Wilden erweckte ſowohl Aerger als Erſtaunen. Für den Augenblick fühlten wir uns Alle über⸗ liſtet. Wir glau. der Feind ſei für uns verloren und habe uns um unſere Rache betrogen. Einige unſerer Kameraden erklärten, daß es nutzlos ſein würde, die Verfolgung noch weiter fort⸗ zuſetzen. Einige riethen uns, umzukehren, und es ward nothwendig, ihren Haß gegen den blutdürſtigen Feind— bei den Meiſten von ihnen eine erbliche* Leidenſchaft— wach zu rufen, um ſie wiederum zur Rache anzufeuern. In dieſem Augenblicke ermuthigte der alte Hick⸗ man uns durch eine neue Hoffnung. Ich freute mich, ihn ſprechen zu hören. „Heute Abend können wir ſie nicht erreichen, Jungens,“ ſagte er nach vielem Hin⸗ und Herreden. „Bei Tageslicht können wir dieſe Savannah nicht paſſiren, und um ſie herum zu reiten, iſt ſie zu groß. Es wäre ein Ritt von nicht weniger als zehn Weg⸗ ſtunden. Doch gleichviel! laßt uns hier Halt machen, bis es dunkel wird. Dann können wir uns hinüber⸗ —— ſtehlen, und wenn ich und Jim Weatherford nicht die Fährte auch auf der andern Seite ausfindig machen, ſo habe ich in meinem ganzen Leben noch kein Alligatorfleiſch gegeſſen. Ich weiß, daß ſie ſich wieder zuſammenfinden werden, und höchſtwahrſchein⸗ ligg finden wir die Bluthunde irgendwo in einem Klumpen beiſammen lagernd. n ſie ſich nicht mehr von uns verfolgt ſehen, ſo erden ſie ſich ſo ſicher fühlen wie ein Bär auf einem Honigbaume, und dies iſt die rechte Zeit, um über ſie herzufallen.“ Alle ſchienen mit dem Vorſchlage des Jägers einverſtanden zu ſein. Er ward als feſter Plan an⸗ genommen; wir ſtiegen von unſern müden Pferden und erwarteten den Untergang der Sonne. N Oceola. V.— 2 Mittes Kapitel. Ueber die Savannah. Ich fühlte mich höchſt elend. So lange wir in wilder Eile die Fährte entlang ritten, gab es faſt ununterbrochene Aufregung, welche die Möglichkeit angeſtrengten Nachdenkens ausſchloß und mich abhielt, fortwährend bei dem Unglücke zu verweilen, welches mich betroffen. Die Ausſicht auf nahe Vergeltung, die mit jedem Schritte näher rückte, drängte meinen Schmerz und Kummer in den Hintergrund, und ſchon die Bewegung, und weil ich wußte, daß es vorwärts⸗, 4 dem Ziele der Rache entgegenging, äußerte eine ge⸗ wiſſe Wirkung und trug dazu bei, mein aufgeregtes Gemüth zu beſchwichtigen.— Jetzt aber, wo die Verfolgung einſtweilen auf⸗ gegeben war und ich nun ungehindert über die — 19— Ereigniſſe des Morgens nachdenken konnte, ward meine Seele in den tiefſten Jammer verſenkt. Meine Phantaſie quälte mich mit entſetzlichen Bildern. Vor mir erſchien die Leiche meiner ermordeten Mutter— mit ausgeſtreckten Armen mahnte ſie mich zur Rache und neben ihr ſtand meine Schweſter bleich, in Thrä⸗ nen gebadet, mit aufgelöſ'tem Haar. Kein Wunder, daß ich mit peinlicher Ungeduld den Untergang der Sonne erwartete. Es war mir, als wenn ich die Königin des Tages noch piemals ſo langſam hätte unterſinken ſehen. 1 Die Sonnenſcheibe war blutroth und ein dichter Nebel hing über den Wäldern. Der Himmel ſah düſter und drohend aus— er trug die Farbe meines eigenen Gemüths.* 3 Endlich ſenkte ſich die Dämmerung herab— ſie war kurz, wie dies in ſüdlichen Breitegraden der Fall iſt— obſchon ſie mir an dieſem Abende ziem⸗ lich lange zu zögern ſchien. Finſterniß folgte; wir ſprangen wieder in unſere Sättel und die Bewegung brachte mir Erleichterung. Aus dem Walde heraus ritten wir in die offene Savannah hinein. Die beiden Jäger führten uns in gerader Linie hinüber. Es wurde kein Verſuch gemacht, irgend einer der zahlreichen Fährten zu fol⸗ gen. In der Dunkelheit wäre es unmöglich geweſen; 2* 3 — 20— aber ſelbſt wenn es hell genug geweſen wäre, die Fährte wieder aufzunehmen, würden die Führer doch einen andern Weg eingeſchlagen haben. Hickman's Muthmaßung war, daß die Plünderer, nachdem ſie die andere Seite erreicht, auf einem vorher verab⸗ redeten Punkte ſich wieder zuſammengefunden haben würden. Irgend eine der vielen Fährten war daher für unſern Zweck hinreichend und mußte uns aller Wahrſcheinlichkeit nach in ein Lager führen. nſer einziges Ziel war, unbemerkt über die Savahnah zu kommen, und dies ward uns vielleicht durch die Finſterniß möglich gemacht. Schweigend wie Geſpenſter ritten wir über die freie Wieſe. Wir ritten außerordentlich langſam, damit die Hufſchläge nicht gehört werden möchten. Unſere müden Roſſe bedurften übrigens keines Zäh⸗ mens. Der Boden war günſtig— ein weicher Raſen, auf welchem unſere Thiere mit geräuſchloſem Tritte hinglitten. Unſere einzige Furcht war, daß ſie die Pferde der Indianer wittern und uns durch ihr Wiehern verrathen möchten. Zum Glücke erwieſen unſere Befürchtungen ſich als grundlos, und nachdem wir eine halbe Stunde ſo ſchweigend weiter geritten waren, erreichten wir die andere Seite der Savannah und machten unter den ſchattigen Bäumen Halt. Es war kaum möglich, daß wir bemerkt wor⸗ den ſein konnten. Wenn die Indianer auch Spione zurückgelaſſen hatten, ſo mußte doch die Dunkelheit uns ihren Blicken verborgen haben. Wir hatten kein Geräuſch gemacht, wodurch unſere Annäherung hätte entdeckt werden können, wenn nicht ihre Schild⸗ wachen gerade an dem Punkte ſtanden, wo wir wie⸗ der in den Wald hinein kamen. Wir ſahen aber keine Spuren hiervon und ſchloſſen daraus, daß keiner von der Bande zurückgeblieben ſei. Wir wünſchten einander leiſe iſternd Glüg und beriethen uns in derſelben Weiſe über unſer weiter einzuſchlagendes Verfahren. Wir waren in den Sätteln ſitzen geblieben, denn wir beabſichtigten weiter zu reiten. Wir würden hier abgeſtiegen ſein und das Licht des Morgens ab⸗ gewartet haben, um die Fährte wieder aufnehmen zu können; aber die Umſtände verwehrten uns dies. Unſere Pferde litten an großem Durſte und ihre Reiter waren nicht beſſer daran. Wir hatten ſeit Mittag kein Waſſer gefunden, und wenige Stunden unter dem glühenden Himmel Florida's reichen hin, um den Durſt unerträglich zu machen. Ganze Tage in einem kälteren Klima würden kaum eine gleiche Wirkung äußern. Sowohl Roß als Mann litten empfindlich— wir konnten weder ſchlafen noch ruhen, ſondern mußten Waſſer erreichen, ehe Halt gemacht werden konnte. Wir fühlten auch empfindlichen Hunger, denn wir hatten für den langen Marſch faſt gar keine Vor⸗ kehrung in dieſer Beziehung getroffen. Die Qualen dieſes Gelüſtes jedoch waren leichter zu ertragen. Waſſer konnte uns wenigſtens für die Nacht zufriedenſtellen, und wir beſchloſſen, weiter zu reiten, um welches zu ſuchen. In dieſem Dilemma verſprach die Erfahrung unſerer beiden Führer, uns Hülfe zu bringen. Sie hatten früher einmal einen Jagdausflug nach der Savannah gemacht, welche wir jetzt paſſirt hatten. Es war dies zu der Zeit geweſen, wo die Stämme noch freundlich geſinnt waren, und wo es den weißen Männern geſtattet war, frei und ungehindert durch die„Reſerve“ zu ziehen. Sie beſannen ſich auf ein Waſſerbecken, an wel⸗ chem ſie bei jener Gelegenheit ihr einſtweiliges Lager aufgeſchlagen hatten. Sie glaubten, es ſei nicht weit von dem Platze entfernt, wo wir Halt gemacht hatten. Es konnte ſchwierig ſein, es im Dunkeln zu finden, aber wir hatten keine andere Wahl, als Durſt zu leiden oder das Waſſer zu ſuchen. — 23— Natürlich etttſchloſſen wir uns zu Letzterem, und indem wir Hickman und Weatherford abermals voran⸗ reiten ließen, folgten wir Andern ſchweigend hin⸗ terdrein. Wir ritten Einer hinter dem Andern, und jedes Pferd richtete ſich nach dem, welches unmittelbar vor ihm herging. Im Dunkeln war kein anderer Marſch möglich. Auf dieſe Weiſe bildeten wir eine lange Kette, die hier und da ſich nach dem Wege krümmte und wie eine ungeheure Schlange unter den Bäumen hinglitt. Viertes Kapitel. Unter den Bäumen. Dann und wann mußten unſere Führer ſich orientiren, und dann mußte die Linie Halt machen. Mehrmals wußten Hickman ſowohl als Weatherford nicht, welche Richtung ſie nehmen ſollten. Sie hatten die Punkte des Kompaſſes verloren und waren ver⸗ blüfft. Wäre es hell geweſen, ſo hätten ſie dieſe Kennt⸗ niß dadurch wieder erlangen können, daß ſie die Rinde der Bäume in Augenſchein genommen hätten — ein dem Hinterwaldsjäger ſehr wohl bekanntes Auskunftsmittel— es war aber zu finſter, um eine ſo genaue Beobachtung anſtellen zu können. Selbſt in der Dunkelheit aber behauptete Hick⸗ man, er könne durch das Anfühlen der Rinde Nord — — 25— und Süd unterſcheiden, und ich bemerkte, daß er zu dieſem Zwecke unter den Bäumen herumtaſtete. Ich bemerkte auch, daß er von einem zum andern ging, wie um in ſeinen Beobachtungen ganz gewiß zu gehen. Nachdem er dieſe eigenthümlichen Manövers mehrere Minuten lang fortgeſetzt, wendete er ſich zu ſeinem Kameraden mit einem Ausrufe, welcher Ueberraſchung verrieth.. „So wahr ich lebe, Jim,“ ſagte er in gedämpf⸗ tem Tone,„dieſer Wald iſt anders geworden, ſeitdem wir nicht hier geweſen ſind. Was zum Teufel mag nur damit vorgegangen ſein? Die Rinde iſt glatt abgeſchält und die Bäume ſind ganz dürr.“— „Sie kamen mir gleich ſonderbar vor,“ ent⸗ gegnete ſein Kamerad;„ich glaubte aber, das Dunkel der Nacht wäre daran ſchuld.“ „Durchaus nicht; die Bäume ſind ganz anders geworden, ſeitdem wir früher hier waren. Es ſind Beſentannen— das weiß ich noch ganz genau. Wir wollen ein Büſchel abreißen und ſehen, wie dieſe ausſehen.“ Mit dieſen Worten ſtreckte er die Hand in die Höhe und pflückte eins der langen von den Aeſten herabhängenden Büſchel. 34 „Ha!“ rief er, indem er die trocknen Nadeln — 26— zwiſchen den Fingern zerrieb,„nun weiß ich, wie es ſteht. Die verdammten Würmer ſind hineinge⸗ kömmen— die Bäume ſind todt!“ „Glaubt Ihr, daß ſie alle todt ſind?“ fragte er nach einer Pauſe, und begann einige andere zu un⸗ terſuchen. „Alle mauſetodt— einer wie der andere. Na, nun müſſen wir uns auf’s Gerathewohl ver⸗ laſſen— es läßt ſich nicht ändern, Jungens. Der alte Hick kann Euch nicht mehr führen! Meine Weis⸗ heit iſt zu Ende, und ich weiß von der Richtung jenes Waſſertümpels eben ſo wenig als der grünſte Neuling unter Euch.“ Dieſes Geſtändniß rief keine ſehr angenehme Wirkung hervor. Der Durſt quälte Alle, die es hörten. Bisher hatten wir geglaubt, daß die Ge⸗ wandtheit der Jäger uns in den Stand ſetzen würde, Waſſer zu finden, und deßhalb den Durſt mit einem gewiſſen Grade von Geduld ertragen. Jetzt fühlten wir ihn empfindlicher als je. „Halt,“ ſagte Hickman nach einigen Augen⸗ blicken,„es iſt nicht Alles verloren, was in Gefahr iſt. Wenn ich auch nicht ſelbſt im Stande bin, Euch nach dem Waſſerbecken zu führen, ſo habe iich doch ein Pferd, welches dies können wird. Kannſt Du es, altes Thier?“ fuhr er fort, indem er ſich zu ſeinem * — 27— Pferde wendete, einem unermüdlichen alten Gaule, der ſich ſchon lange in ſeinem Beſitze befand.„Kannſt Du das Waſſer finden? Alſo munter! und zeige uns, daß Du es kannſt.“ Hickman verſetzte ſeinem Pferde einen Stoß in die Rippen, indem er ihm gleichzeitig den Zügel ſchießen ließ, und ritt uns wieder voran in die Bäume hinein.— Wir folgten Alle wie vorher, und bauten neue Hoffnungen auf den Inſtinct des unvernünftigen Thieres. 8 Wir waren noch nicht weit gekommen, als ſich zeigte, daß das Pferd das Waſſer witterte. Sein Herr behauptete, es„röche“ es, und war ſeiner Sache ſo gewiß, als ob ſeine Hunde die Fährte eines Rehes aufgenommen hätten. Das Pferd reckte die Schnauze in die Höhe, und dann und wann hörten wir es die Luft „ſchnüffeln.“ Außerdem ging es auch in ganz ge⸗ rader Linie wie auf einen erſehnten Gegenſtand los. Alles Dies äußerte auf uns eine ſehr ermu⸗ thigende Wirkung, und wir rückten in weit beſſerer Stimmung vorwärts, als Hickman plötzlich ſein Pferd anhielt und demzufolge die ganze Linie Halt machen mußte. — 28.— Ich ritt zu ihm vor, um mich nach der Urſache zu erkundigen. Ich fand ihn ſchweigend und anſcheinend nach⸗ denklich. „Warum habt Ihr Halt gemacht?“ fragte ich. „Ihr müßt Alle hier ein wenig halten.“ „Warum müſſen wir denn?“ fragten Mehrere, die ſich ebenfalls herbeigedrängt hatten. „Es iſt nicht gerathen für uns, weiter vorzu⸗ rücken. Es iſt mir eingefallen, daß die Bluthunde an jenem Waſſertümpel liegen. Ganz gewiß haben ſie dort ihr Lager aufgeſchlagen. Es iſt dies das einzige Waſſer, welches hier herum anzutreffen iſt, und höchſt wahrſcheinlich ſind ſie dort Alle wieder zuſammengetroffen, um ſich zu lagern. Wenn dies der Fall iſt und wir auf dieſe Weiſe weiter vorwärts reiten, ſo werden ſie uns kommen hören und ſich ſo⸗ fort wieder in das Gebüſch ſchlagen, wo wir dann Nichts wieder von ihnen zu ſehen bekommen. Iſt das nicht ſehr wahrſcheinlich, Jungens?“ Seine Frage ward mit Ja beantwortet. „Nun denn,“ fuhr der Führer fort,„deßhalb iſt es beſſer, wenn Ihr Alle hier bleibt, während ich und Jim Weatherford weiter vorgehen, um zu ſehen, ob die Indianer da ſind. Jetzt können wir — 29— den Waſſertümpel finden. Ich weiß aus der Rich⸗ tung, welche das Pferd nahm, wo er liegt. Es iſt nicht mehr weit. Wenn die Rothhäute dort ſind, kommen wir bald zurück und dann könnt Ihr nach⸗ kommen.“ Dieſes kurze Verfahren ward einſtimmig ge⸗ billigt, und die beiden Jäger ſtiegen wieder ab und ſtahlen ſich zu Fuße weiter vorwärts. Sie hatten Nichts dagegen, daß ſich mitging. MNein unglück gab mir das Recht, ihr Anführer zu ſein, und in⸗ dem ich den Zügel meines Pferdes in die Hand eines meiner Kameraden legte, begleitete ich die Führer auf ihrer Recognoscirung. Wir gingen mit geräuſchloſem Tritte. Der Boden war dicht mit den langen Nadeln der Tanne beſtreut, welche eine weiche Schicht bildeten, auf der der Fuß kein Geräuſch machte. Es war nur wenig oder gar kein Unterholz vorhanden, und dieſer Um⸗ ſtand machte es uns möglich, ſehr raſch vorwärts zu kommen. In zehn Minuten waren wir ſchon weit fort von unſern Leuten. Unſere einzige Sorge war, die rechte Richtung inne zu halten. Wir hatten ſie beinahe verloren— oder glaubten es wenig⸗ ſtens, als wir zu unſerm Erſtaunen ein Licht durch die Bäume ſchimmern ſahen. Es war der — 30— Schein eines Feuers, welches tüchtig emporzulodern ſchien. Hickman erklärte es ſofort für das Lagerfeuer der Indianer.. Anfangs wollten wir umkehren und unſere Leute herbeirufen. Nach reiflicherer Ueberlegung aber be⸗ fchloſſen wir, uns dem Feuer zu nähern und uns zu überzeugen, ob es auch wirklich das Lager des Feindes ſei. 3 Vir gingen jetzt nicht mehr in aufrechter Hal⸗ tung, ſondern krochen auf Händen und Knieen. Ueberall da, wo der Schein des Feuers durch das Gehölz fiel, hielten wir uns in dem Schatten der Baumſtämme. Das Feuer brannte in einer Lich⸗ tung. Die Jäger beſannen ſich, daß der Waſſertümpel ſich in einer ſolchen befand, aber wir ſahen jetzt den Schimmer des Waſſerſpiegels und wußten, daß er es ſein mußte. Wir ſchlichen uns näher und näher, bis es nicht mehr gerathen war, weiter zu gehen. Wir waren an dem Rande des Gehölzes ange⸗ langt, welches die Lichtung einſchloß. Wir konnten die ganze Fläche des offenen Teukains überſchauen. Es ſtanden Pferde darauf, an eingeſchlagenen Pfählen angebunden, und dunkle Geſtalten lagen um das Feuer umher. Es waren ſchlafende Mörder, — 31— Dicht bei dem Feuer ſaß ein Mann auf einem Sattel. Er ſchien wach zu ſein, obſchon ſein Kopf bis auf ſeine Kniee herabgeſunken war. Die Flamme ſchien auf ſein Geſicht, und ſowohl ſeine Züge als auch ſeine Geſichtsfarbe wären zu erkennen geweſen, wenn dies nicht durch Bemalung und Federſchmuck verhindert worden wäre. Das Geſicht war kar⸗ moiſinroth bemalt, und drei ſchwarze Straußenfedern fielen über die Schläfe, ſo daß die Spitzen faſt die Wangen berührten. Dieſe Symbole führten eine ſchmerzliche Erkennung herbei— ich wußte, daß dies der Kopfputz Oceola's war. Ich ſah weiter hin. Mehrere Gruppen lagen darüber hinaus, und der ganze freie Raum war mit liegenden Geſtalten beſäßt. Eine dieſer Gruppen feſſelte jedoch bald meine ganze Aufmerkſamkeit. Sie beſtand aus drei oder vier Individuen, welche auf dem Graſe ſaßen oder lagen. Sie befanden ſich im Schatten, und von unſerm Standpunkte aus waren ihre Züge nicht zu erkennen. Ihre weißen Kleider aber und die Umriſſe ihrer Formen„die ſelbſt im Dunkel des Schattens ihr weiches Gepräge nicht verleugnen konnten,— verriethen, daß es Frauen waren. Zwei von ihnen ſaßen neben einander, ein wenig getrennt von den — 32— Uebrigen. Die Eine ſchien die Andere zu ſtützen, deren Kopf in ihrem Schooße lag. Mit furchtbar leb⸗ hafter Gemüthsbewegung betrachtete ich dieſe beiden Geſtalten. Ich hatte keinen Zweifel, daß es meine Schweſter und Viola ſeien. 1 ee ch, 5 7 5— 2 en 3 ee 8 — Lünftes Kapitel. 2, e D, 2 anglſchüſſe. 24 Ich will nicht verſuchen, meine Gemüthsbewe⸗ gungen in dieſem Augenblicke zu ſchildern. Meine Feder iſt dieſer Aufgabe nicht gewachſen. Denke Dir, Leſer, meine Lage und male ſie Dir aus, wenn Du kannſt. Hinter mir eine ermordete und grauſam verſtümmelte Mutter— ein naher Verwandter auf gleiche Weiſe erſchlagen— mein Haus und mein Eigenthum den Flammen überantwortet. Vor mir eine der mütterlichen Umarmung entriſſene, erbar⸗ mungslos von wilden Kannibalen fortgeſchleppte, vielleicht von ihrem teufliſchen Anführer gemißhan⸗ delte und entehrte Schweſter. Und er, der falſche, hinterliſtige Freund, der Ehrenräuber, der Mörder— ſaß hier vor meinen Augen! Oceola. V.. 3 Hatte ich nicht Grund, mich den wildeſten Ge⸗ müthsbewegungen hinzugeben? Und wild waren ſie und wurden jeden Augenblick wilder, während ich den Gegenſtand meiner Rache betrachtete. Sie wur⸗ den bald ſo ſtark, daß ich ſie faſt nicht bemeiſtern konnte. Meine Muskeln ſchienen von erneueter Wuth anzuſchwellen, und das Blut tobte durch meine Adern wie Ströme von flüſſigem Feuer. Ich ver⸗ gaß faſt die Situation, in der wir uns befanden. Nur ein einziger Gedanke lebte in meinem Gemüthe — Rache. Der Gegenſtand derſelben war vor mir — von meiner Gegenwart ſo wenig ahnend, als wenn ich ſchliefe, faſt innerhalb des Bereichs meiner Hand— vollkommen innerhalb des Bereichs meiner Büchſe. Ich richtete die Mündung meines Feuerrohrs auf die herabhängenden Federn; ich zielte auf die Spitzen. Ich wußte, daß ſie unmittelbar die Augen bedeckten, mein Finger lag bereits am Drücker. Im nächſten Augenblicke würde dieſe— in meinen Augen bis jetzt heroiſche— Geſtalt leblos auf dem Graſe gelegen haben; aber meine Kameraden geſtatteten mir die That nicht. Mit raſchem Inſtincte faßte Hickman das Schloß meines Gewehrs und bedeckte das Zündhütchen mit — 35— ſeiner breiten Hand, während Weatherford den Lauf ergriff. Ich war nicht mehr Herr des Gewehrs. Ich war unwillig über dieſe Störung— aber nur einen Augenblick lang. Kurzes Nachdenken über⸗ zeugte mich, daß ſie recht gehandelt hatten. Der alte Jäger hielt ſeine Lippen dicht an mein Ohr und flüſterte mir eifrig zu: „Noch nicht, Georg— noch nicht. Ich bitte Euch dringend, macht jetzt keinen Lärm! Ihn zu erſchießen würde Nichts nützen. Die übrigen Halun⸗ ken würden ganz gewiß entkommen und eben ſo gewiß die Weibsleute mit ſich weiter ſchleppen. Wir Drei ſind nicht unſer genug, um ſie aufzuhalten. Wir würden blos ſelbſt noch ſcalpirt werden. Wir müſſen zurückſchleichen, um die Andern zu holen; dann werden wir im Stande ſein, ſie zu umzingeln. Das iſt das Richtige. Nicht wahr, Jim?“ Weatherford, welcher fürchtete, nicht leiſe genug ſprechen zu können, nickte bejahend. „Nun, ſo kommt!“ ſetzte Hickman in demſel⸗ ben leiſen Geflüſter hinzu.„Wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Laßt uns ſo raſch als möglich umkehren. Bückt Euch recht tief— ſachte! ſachte!“ und während er dieſe Weiſungen ertheilte, legte er ſich ſeiner ganzen Länge nach auf den Boden und 3. — 36— kroch fort wie ein Alligator, ſo daß er bald hinter den Stämmen der Bäume verſchwand. Weatherford und ich folgten auf ähnliche Weiſe, bis wir wohlbehalten aus dem Kreiſe des Feuer⸗ ſcheins hinauswaren, wo wir dann alle Drei uns wieder auf unſere Füße emporrichteten. Wir blieben einen Augenblick lang ſtehen und horchten rückwärts. Wir waren nicht ganz ohne Sorge, daß unſer Rückzug das Lager beunruhigt haben könne, aber wir vernahmen kein Geräuſch außer dem, welches wir bereits gehört— das Schnarchen einiger ſchla⸗ fender Wilden, das„Krupp Krupp!“ der weidenden Pferde, oder das Stampfen eines Hufes auf dem feſten Raſen. Ueberzeugt, daß wir unbemerkt davongekommen waren, verfolgten wir die Rückfährte weiter, auf welcher die Jäger ſich jetzt bewegten wie auf einem ihnen wohlbekannten Wege. So dunkel es auch war, ſo liefen wir doch ſehr ſchnell und kamen raſch vorwärts, als unſere Schnel⸗ ligkeit plötzlich durch den Knall eines Schuſſes ge⸗ hemmt ward. Wir blieben Alle ſo plötzlich ſtehen, als ob der Schuß uns ſelbſt getroffen hätte. Ueberraſchung war es, was uns hemmte, denn der Knall kam — nicht aus dem Indianerlager, ſondern von der ent⸗ gegengeſetzten Richtung— der, in welcher wir unſere Leute verlaſſen hatten. Aber es konnte doch kaum Einer von ihnen ſein, welcher geſchoſſen hatte. Sie waren in zu großer Entfernung— oder ſollten es ſein— als daß wir ihre Flinten ſo deutlich hätten hören können. Waren ſie, über unſer langes Ausbleiben unge⸗ duldig, immer weiter vorgerückt? Waren ſie auch jetzt noch im Weitervorrücken begriffen? Wenn dies der Fall war, ſo war der Schuß ein ſehr unkluger, denn ganz gewiß ward das Lager der Indianer da⸗ durch alarmirt. Wonach hatten ſie geſchoſſen? Vielleicht war ein Schuß von ſelbſt losgegangen— es mußte ſo geweſen ſein. Dieſe Muthmaßungen folgten ſo raſch auf ein⸗ ander, wie Gedanken folgen können. Wir theilten ſie einander nicht mit; Jeder hatte ſie für ſich ſelbſt. Wir hatten übrigens auch kaum Zeit, mit ein⸗ ander zu ſprechen, denn plötzlich hörten wir einen zweiten Schuß knallen. Er kam aus derſelben Rich⸗ tung wie der erſte und ſchien faſt eine Wiederholung zu ſein. Wäre die Zeit lang genug zum Wiederla⸗ den geweſen, ſo würden wir ihn auch dafür gehal⸗ ten haben, aber es war keine Zeit zum Wiederladen geweſen, ſelbſt nicht für den gewandteſten Schützen. Demnach waren alſo zwei verſchiedene Gewehre ab⸗ gefeuert worden. Meine Begleiter wußten eben ſo wenig als ich, was ſie davon denken ſollten. Das Feuern war nur dadurch erklärlich, daß vielleicht einige Indianer ſich aus ihrem Lager verirrt hatten und„Nothſchüſſe“ abfeuerten. Wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir konnten jetzt hinter uns das Lager in vollem Alarm hören und wußten, daß die Schüſſe daran ſchuld waren. Wir hörten das Schreien der Männer— das Wiehern und den eiligen Huftritt der Pferde. Ohne länger zu warten, machten wir uns wie⸗ 3 der auf und eilten in der Richtung nach unſern Freunden weiter. Als wir eine Strecke zurückgelegt hatten, ge⸗ wahrten wir einige Reiter. Es ſchienen ihrer zwei zu ſein— obſchon wir in der Finſterniß unſerer Sache nicht gewiß waren, denn ihre Umriſſeßwaren kaum zu erkennen.. Sie ſchienen ſich zurückzuziehen, ſo wie wir uns näherten, und verſchwanden wie Geſpenſter unter den Bäumen. Ohne Zweifel waren ſie es, welche die Schüſſe abgefeuert hatten, denn ſie befanden ſich ge⸗ rade in der Richtung, aus welcher wir den Knall gehört hatten, und auch ganz in der geeigneten Diſtanz. 1 Waren es Indianer oder Weiße? Auf die Ge⸗ fahr, daß ſie Feinde von uns wären, es ankommen laſſend, rief d alte Hickman ſie an. Wir blieben ſtehen, um zu horchen; es erfolgte keine Antwort— nicht einmal ein Ausruf von Einem der Beiden. Wir hörten an den Hufſchlägen ihrer Pferde, daß ſie in einer Richtung davon eilten, welche von der unſerer Freunde ſowohl als unſerer Feinde ganz verſchieden war. Es lag etwas Geheimnißvolles in dem Beneh⸗ men dieſer beiden Reiter. Zu welchem Zwecke hatten ſie ihre Gewehre abgefeuert? Wenn es geſchehen war, um das Lager zu ſignaliſiren, warum hatten ſie ſich dann zurückgezogen, als wir näher kamen? Warum hatten ſie ſich überdies in einer Richtung entfernt, welche nicht nach dem Lager führte— da die Poſition deſſelben ihnen jetzt durch den Alarm bekannt war, den ſie ſelbſt herbeigeführt? Mir war dieſes Benehmen unerklärlich. Hickman ſchien einigen Aufſchluß darüber ge⸗ funden zu haben, und dieſe Kenntniß ſchien eine eigenthümliche Wirkung auf ihn zu äußern. Er ließ 5 8 1 — 49— Anzeichen von Erſtaunen ſehen, in welches ſich Ge⸗ fühle der Entrüſtung zu miſchen ſchienen. „Der Teufel hole ſie, die Halunken, wenn ſie es ſind— und ich wette darauf, daß ſie es ſind. Ich kann mich in dem Knalle dieſer beiden Gewehre nicht irren. Was ſagſt Du dazu, Jim Weatherford? Erkannteſt Du ſie?“ „Ich glaubte ſie auch ſchon früher gehört zu haben, aber ich kann nicht genau ſagen wo. Doch halt— eine davon klang ziemlich ſo wie Ned Spence's Büchſe.“ „Ja wohl, ziemlich!— denn es iſt ja dieſelbe, und die andere die von Bill Williams. Was um's Himmels willen können dieſe Beiden vorhaben? Wir 3 ließen ſie doch bei unſern andern Leuten zurück und 4 auf einmal ſind ſie hier— ich weiß ganz gewiſß, daß ſie es ſind— galoppiren im Walde herum und 5 feuern ihre Gewehre ab, wodurch ſie Alles verder⸗ ben, was wir bis jetzt gethan haben. Sie haben die Indianer ganz gewiß aufgeſcheucht. Der Teufel hole ſie alle Beide! Was können ſie nur vorhaben?» Irgend einen niederträchtigen Streich— das läßt ſich mit Gewißheit annehmen. Aber ſo wahr ich lebe, ſie ſollen mir dafür Rede ſtehen, wenn wir 4 uns treffen. Kommt raſch, Kameraden! Wir wol⸗. len uns beeilen, unſere Leute zu erreichen, ehe es zu — 411— ſpät wird. Dieſe Indianer werden unſere Spur ver⸗ folgen. Verdammt wären dieſe beiden Schüſſe! Sie haben die ganze Sache verdorben. Kommt raſch! kommt!“ Der Mahnung unſers alten Jägers folgend, ritten wir ihm nach. Sechſtes Kapitel. Ein leeres Lager. Wir waren noch nicht weit gekommen, ſo ver⸗ nahmen wir Stimmen mit dem hohlen Schlage von Huftritten untermiſcht. In den Stimmen erkannten wir die unſerer Kameraden und riefen ſie, als ſie näher kamen, an, denn wir bemerkten, daß ſie gegen uns vorrückten. Sie hatten die beiden Schüſſe gehört, und in der Meinung, daß ſie von unſeren Büchſen ausgingen, geglaubt, wir ſeien mit den Indianern handgemein geworden, weßhalb ſie jetzt uns zur Hülfe herbei⸗ eilten. „Heda, Jungens!“ ſchrie Hickman, als ſie herankamen,„ſind Bill Williams und Ned Spence bei Euch? Seht Euch einmal um nach ihnen!“ 3 — 413— Auf dieſe Frage folgte keine Antwort, ſondern ein Schweigen, welches mehrere Secunden dauerte. Augenſcheinlich waren die beiden nicht mit zur Stelle, ſonſt würden ſie für ſich ſelbſt geantwortet haben.„Wo ſind ſie?“ Wo ſind ſie hin?“ waren die Fragen, die durch den Trupp gingen. „Ja, wo ſind ſie?“ wiederholte Hickman.„Hier ſind ſie nicht, das iſt klar. Beim Teufel, die beiden Kerle haben irgend einen Schurkenſtreich vor. Aber kommt, Jungens, wir müſſen vorwärts! Die In⸗ dianer ſind gerade vor Euch. Wir brauchen nicht mehr behutſam vorzurücken. Sie ſtehen im Begriff, uns zu entwiſchen, und wenn wir ſie nicht erreichen, bevor mein Eichhörnchen drei Mal mit dem Schwanze gewedelt hat, ſo treffen wir auch nicht eine einzige verfluchte Rothhaut mehr auf dem Platze. Sehet nach Euern Gewehren und dann vorwärts und d'ran und d'rauf!“ Mit dieſer nachdrücklichen Ermahnung ſtellte ſich der alte Jäger an die Spitze und eilte voran nach dem Lager der Wilden. Die Leute folgten in buntem Durcheinander und die Pferde traten einander faſt auf die Hufe. Es ward keine ſtrategiſche Methode beobachtet; Eile war die Hauptſache, und unſer Ziel war, das Lager zu erreichen, ehe die Indianer ſich aus demſelben ) 4 — 44— zurückziehen konnten. Ein kühner Angriff auf die Mitte unſerer Feinde— eine Salve aus unſeren Büchſen und Fortſetzung des Kampfes mit Meſſern und Piſtolen— dies war das Programm, über welches wir uns in aller Eile verſtändigt hatten. Wir waren nun in der Nähe des Lagers und kaum noch dreihundert Schritte davon entfernt. Ueber unſere Richtung konnte keine Ungewißheit ob⸗ walten. Das Geräuſch in dem Lager ſelbſt, welches ſeit dem erſten Alarm ununterbrochen fortgedauert, hatte dazu gedient, uns zu leiten. Mit einem Male verſtummte dieſes Geräuſch und wir vernahmen weder die Stimmen von Men⸗ ſchen, noch die eiligen Hufſchläge von Pferden. In der Richtung des Lagers war Alles ſtill, wie der Tod. Wir bedurften aber jetzt nicht mehr der Füh⸗ rung durch das Gehör. Wir waren jetzt in Sicht des Feuers oder vielmehr des Scheines deſſelben, welcher weit hin unter den Bäumen ſchimmerte. Darauf hin drangen wir immer weiter vor. Wir ritten aber jetzt nicht mehr raſch. Der Uebergang von verworrenem Geräuſch zu vollkommenem Schwei⸗ gen war ſo plötzlich und unvermuthet geweſen, daß wir dadurch vorſichtiger gemacht wurden. Ddieſe Stille an und für ſich ſchon ſchien ominös zu ſein. Wir laſen darin eine Warnung— ſie ließ —— — 45— uns einen Hinterhalt vermuthen, um ſo mehr als Alle von dem großen Talente des Häuptlings der Rothſtecken für eben dieſe Angriffsmethode gehört hatten. Wir näherten uns daher mit deſto größerer Klugheit. Als wir noch ungefähr hundertundfünfzig Schritte von dem Feuer entfernt waren, machte unſer Trupp Halt. Einige ſtiegen ab und rückten zu Fuße weiter vor. Dieſe ſchlichen ſich von Baum⸗ ſtamm zu Baumſtamm, bis ſie den Rand der Lich⸗ tung erreicht hatten, und kamen dann wieder zurück, um zu rapportiren. Das Lager erxiſtirte nicht mehr. Indianer, Pferde, Gefangene, Beute— Alles war von dem Platze verſchwunden und nur das Feuer noch da. Dieſes ſah aus, als ob es in der Verwirrung des eiligen Aufbruchs in Verwirrung gekommen wäre. Die glühende Aſche war auf dem ganzen Platze umhergeſtreut und die letzten Flammen erſtarben flackernd. Die Späher fuhren fort, weiter unter den Bäumen vorzurücken, bis ſie die ganze Lichtung vollſtändig umgangen hatten. Hundertundfünfzig Schritte um dieſelbe herum ward der Wald vor⸗ ſichtig und behutſam durchſucht, aber man fand — 46— keinen Feind— keinen Hinterhalt. Wir waren zu ſpät gekommen. Unſere blutdürſtigen Feinde waren uns ent⸗ ronnen und dhatten vor unſern Augen ihre Gefan⸗ genen weiter fortgeſchleppt. Es war unmöglich, ihnen in der Dunkelheit zu folgen, und mit dem demüthigenden Gefühl getäuſchter und vereitelter Rache rückten wir in die Lichtung ein und nahmen Beſitz von dem verlaſſenen Lager— entſchloſſen, während der noch übrigen N acht hier zu bleiben und die Verfolgung am Morgen weiter fortzuſetzen. Unſere erſte Sorge war, aus dem Waſſerbecken unſern Durſt und dann den unſerer Thiere zu löſchen. Hierauf ward das Feuer ausgelöſcht und ein Ring von Schildwachen— aus beinahe der Hälfte unſerer Anzahl beſtehend— unter den Bäumen auf⸗ geſtellt, welche dicht um die Lichtung herumſtanden. Die Pferde wurden an eingeſchlagene Pfähle gebunden, und nachdem dies geſchehen, ſtreckten ſich die Leute auf den Raſen, der vor Kurzem noch ihren Feinden zum Ruheplatze gedient hatte. Auf dieſe Weiſe erwarteten wir das Dämmern des Tages. Siebentes Kapitel. Ein todter Wald. Meine von dem langen Ritt ermüdeten Kame⸗ raden lagen bald in tiefem Schlafe und nur die Schildwachen blieben wach. Für mich aber gab es weder Ruhe noch Schlaf— meine Aufregung machte es unmöglich. Den größten Theil der Nacht wan⸗ delte ich um den kleinen See herum, welcher dunkel ſchimmernd in der Mitte des freien Raumes lag. Ich glaubte, dieſes Umherwandeln würde mir Er⸗ leichterung bringen; auch ſchien es in der That die Aufregung meines Gemüths ein wenig zu beſchwich⸗ tigen. Ich bedauerte jetzt, daß es mir nicht gelungen war, meine Abſicht, auf den Anführer der Mörder Feuer zu geben, durchzuſetzen. Ich bedauerte, daß — 48— A ich ihn nicht auf der Stelle getödtet. Das Unge⸗ heuer war entronnen und meine Schweſter nun vielleicht dem Bereiche der Rettung und Befreiung entrückt. Ich machte im Stillen den Jägern Vor⸗ würfe, daß ſie mich an meinem Vorhaben gehindert. Hätten ſie freilich das Reſultat vorausgeſehen, ſo würden ſie anders gehandelt haben, aber keine menſchliche Vorausſicht konnte den plötzlichen Alarm ahnen. 4 Die beiden Männer, welche ihn verurſacht hatten, waren wieder bei uns. Ihr ſo eigenthüm⸗ liches und geheimnißvolles Benehmen hatte ſtarkes Mißtrauen gegen ihre Redlichkeit erweckt, und ihr Wiedererſcheinen— ſie waren wieder zu uns ge⸗ ſtoßen, während wir gegen das Lager vorrückten— war mit einem Ausbruch von zornigen Drohungen begrüßt worden. Einige ſprachen ſogar davon, ſie von den Sätteln herunterzuſchießen, und dieſe Drohung wäre höchſt wahrſcheinlich auch in Ausführung gebracht worden, wenn die Kerle nicht ſofort mit einer Erklärung bei der Hand geweſen wären. Sie ſagten, ſie hätten ſich von dem Trupp entfernt, ehe dieſer ſeinen letzten Halt gemacht habe— ſie hätten Nichts von dem Vorrücken der Späher, oder daß Indianer in der Nähe wären, gewußt— ſie hätten ſich in — 49—. 1 ⸗ dem Walde verirrt und ihre Büchſen als Signale in der Hoffnung abgefeuert, daß wir ſie beantworten würden. Sie gaben zu, drei Männer zu Fuße geſehen zu haben; da ſie aber geglaubt, es ſeien Indianer, ſo ſeien ſie ihnen ausgewichen. Später hätten ſie den Trupp in der Nähe geſehen, denſelben erkannt und wären darauf zugeritten. Die meiſten unſerer Leute waren mit dieſer Erklärung zufrieden. Welchen Beweggrund, folgerten ſie, konnten die Beiden haben, den Feind zu alar⸗ miren? Wer konnte ſie eines ſo ſchändlichen Ver⸗ raths fähig glauben? Aber nicht Alle waren ſo leicht zufriedenzuſtellen. Ich hörte den alten Hickman, während er nach den Beiden hinſah, ſeinem Kameraden einige bedeutſame Worte zuflüſtern.. „Behalte dieſe Schurken gut im Auge, Jim. Es iſt nicht richtig mit ihnen,“ ſagte er. Da Niemand da war, der offen als Ankläger gegen ſie hätte auftreten können, ſo wurden ſie wieder in die Reihen aufgenommen und befanden ſich jetzt unter Denen, welche ausgeſtreckt dalagen und ſchliefen. Die Elenden lagen dicht am Rande des Waſſers. Oceola. V. 4 holt an ihnen vorbei und konnte in der Dunkelheit eben nur ihre daliegenden Geſtalten erkennen. Ich betrachtete ſie mit ſeltſamen Gemüthsbewegungen, denn ich theilte den Verdacht Hickman's und Weather⸗ ford's. Ich konnte kaum zweifeln, daß dieſe Wichte ſich mit Fleiß von dem Trupp entfernt und, von irgend einem ſchändlichen Beweggrunde getrieben, ihre Flinten abgefeuert hatten, um die Indianer von der Annäherung unſerer Leute in Kenntniß zu ſetzen.. Gegen Mitternacht ging der Mond auf. Es ſtand keine Wolke am Himmel, welche die Strahlen aufgefangen hätte, und nachdem er ſich hoch über die Wipfel der Bäume erhoben, ließ er eine Fluth von glänzendem Lichte herabſtrömen. Die Schläfer wurden durch dieſe plötzliche Veränderung aufgeweckt. Einige erhoben ſich auf ihre Füße, denn ſie glaubten, es ſei Tag. Erſt nachdem ſie zum Himmel aufge⸗ blickt, wurden ſie ihren Irrthum gewahr. Das Geräuſch hatte faſt Alle munter gemacht. Einige ſprachen davon, die Verfolgung beim Scheine des Mondes fortzuſetzen. Dieſes Verfahren würde mit meinen eigenen Wünſchen vollkommen übereingeſtimmt haben, aber unſere Führer, die Jäger, widerſetzten ſich. Ihre Ich kam, während ich ſo die Runde machte, wieder⸗ — — 81— Gründe waren ſehr richtig. Auf freiem Boden hätten ſie die Fährte aufnehmen können, unter den Bäumen aber nützte ihnen das Licht des Mondes Nichts. Allerdings hätten ſie bei Fackellichte ſpüren können, aber dies würde uns nur einem Hinterhalte des Feindes preisgegeben haben. Selbſt bei Mond⸗ lichte nur weiter vorzurücken, hätte uns einer gleichen Gefahr ausſetzen heißen. Die Umſtände hatten ſich geändert. Die Wilden wußten jetzt, daß wir hinter ihnen waren. Bei einem nächtlichen Marſche haben die Ver⸗ folgten den Vortheil vor den Verfolgern— wenn auch ihre Zahl geringer iſt. Die Dunkelheit macht es ihnen in jeder Beziehung leicht, entweder einen Angriff oder eine Flucht auszuführen. So folgerten unſere Führer. Niemand wider⸗ ſetzte ſich ihren Anſichten und wir kamen überein, daß wir bis Tagesanbruch an Ort und Stelle liegen bleiben wollten. Es war Zeit, die Schildwachen abzulöſen. Die, welche geſchlafen hatten, ſtellten ſich jetzt auf Poſten, während die Abgelöſ'ten herbeikamen und ſich auf den Boden niederſtreckten, um auch noch einige Stunden Ruhe zu genießen. Williams und Spence thaten denſelben Dienſt, . 4* wie die Uebrigen. Sie wurden auf die eine Seite der Lichtung und neben einander poſtirt. Hickman und Weatherford hatten ihren Dienſt ebenfalls geleiſtet. Als ſie ſich in das Gras nieder⸗ ſtreckten, bemerkte ich, daß ſie einen Platz in der Nähe deſſen gewählt, wo die Verdächtigen poſtirt worden waren. Im Mondſcheine mußten ſie dieſe Letztern erkannt haben. Trotz ihrer liegenden Stellungen ſchienen die Jäger doch nicht ſchlafen zu wollen. Von Zeit zu Zeit beobachtete ich ſie. Ihre Köpfe waren dicht beiſammen und ein wenig über den Boden erhoben, als ob ſie mit einander flüſterten. Ich machte wie vorher immer noch die Runde um den kleinen See. Der Mondſchein machte es mir möglich, ſchneller zu gehen, und dies erleichterte mir das Gemüth. Wie oft ich auf dieſe Weiſe den kleinen See umſchritt, vermag ich nicht anzugeben. Meine Schritte waren mechaniſch. Meine Gedanken ſtanden in keinem Zuſammenhange mit der phyſiſchen Anſtrengung, die ich machte, und ich achtete daher auch nicht darauf.„ Nach einiger Zeit trat ein gewiſſer Zuſtand der Ruhe in meinem Gemüthe ein. Eine kurze Zeit lang ſchienen ſowohl mein Kummer, als auch meine — e rachſüchtigen Leidenſchaften von mir gewichen zu ſein. Ich kannte die Urſache. Es war weiter Nichts als ein pſychologiſches Phänomen, welches häufig vor⸗ kommt. Die Nerven, welche die Organe der eigen⸗ thümlichen Gemüthsbewegungen waren, unter welchen ich litt, waren müde geworden und wollten nicht länger vibriren. Ich wußte, daß es nur eine zeitweilige Ruhe war— die Windſtille zwiſchen zwei Ausbrüchen des Sturmes— aber während ſie andauerte, war ich für Eindrücke von äußerlichen Gegenſtänden em⸗ pfänglich. Ich konnte nicht umhin, die Eigenthüm⸗ lichkeit der Scene zu bemerken, die mich umgab. Das helle Mondlicht ſetzte mich in den Stand, die einzelnen Züge derſelben etwas genauer in’s Auge zu faſſen. Wir befanden uns in dem, was man techniſch eine„Lichtung“ nennt— eine kleine Oeffnung im Walde ohne Bäume oder Unterholz irgend einer Art. Sie war kreisrund— gegen ſiebzig Schritte im Durchmeſſer, und mit der Eigenthümlichkeit, daß ſich in ihrer Mitte ein Waſſerbecken befand. Dieſes, welches nur wenige Schritte im Um⸗ fange hielt, war ebenfalls ein Kreis, der mit dem ganzen freien Raume überhaupt einen und denſelben Mittelpunkt hatte. —— — 54— Es war eins jener ſeltſamen natürlichen Waſſer⸗ becken, welche man in der ganzen Halbinſel findet und welche ausſehen, als ob ſie durch mechaniſche Kunſt ausgehöhlt worden wären. Es reichte tief in die Erde hinein und war bis auf drei Fuß vom Rande mit Waſſer gefüllt. Das Waſſer ſelbſt war kühl und klar und ſchimmerte im Mondlichte mit ſilbernem Glanze. Von der Lichtung an und für ſich läßt ſich weiter Nichts ſagen, als daß ſie mit wohlriechenden Blumen bedeckt war, welche jetzt, von den Hufen der Pferde und Menſchenfüßen zertreten, einen dop⸗ pelten Duft ausſtrömten. Es war ein ſchöner Platz und unter glücklichern Umſtänden würde ich ihn als ein angenehm zu be⸗ ſchauendes Gemälde betrachtet haben. Es war aber nicht das Gemälde, welches in dieſem Augenblicke meine Aufmerkſamkeit beſchäftigte, ſondern vielmehr der Rahmen. Um den Platz herum ſtanden hohe Bäume in einem Kreiſe ſo regelmäßig, als ob ſie von Menſchen⸗ hand gepflanzt worden wären, und jenſeits derſelben, ſo weit als das Auge in die Tiefen des Waldes dringen konnte, ſtanden andere von gleicher Größe und gleichem Anſehen. Die Stämme hatten faſt alle dieſelbe Stärke — nur wenige von ihnen erreichten einen Diameter von zwei Fuß— alle aber hatten eine Höhe von vielen Ellen, ehe Blatt oder Zweig begannen. Sie ſtanden etwas dicht beiſammen, aber am Tage konnte das Auge jedenfalls durch die Zwiſchenräume hin⸗ durch bis in eine bedeutende Entfernung dringen— denn es gab weiter kein Unterholz als die niedrige Zwergpalme, welches die Ausſicht unterbrochen hätte. Die Stämme waren gerade und faſt cylinderförmig wie Palmen, und man hätte ſie für Bäume dieſer Gattung halten können, wenn nicht ihre umfang⸗ reichen belaubten Wipfel eine kegelf g Geſtalt gehabt hätten.*☛ — Es waren keine Palmen, ſondern Tannen— ſogenannte Beſentannen“)— eine Gattung von Bäumen, welche ich vollkommen kannte, denn ich war ſchon viele hundert Meilen im Schatten der herabhängenden Büſchel ihrer ſpitzen Nadeln ge⸗ ritten. Der Anblick dieſer Bäume würde daher keine Neugier in mir erweckt haben, wenn ich in ihrer *) Pinus Australis. Eine der merkwürdigſten aller coniferae. Eine ächt ſüdliche Gattung. — 56— Erſcheinung nicht etwas Eigenthümliches entdeckt hätte. Anſtatt des dunkeln Grüns, welches die langen herabhängenden Nadeln hätten zeigen ſollen, ſahen ſie nämlich bräunlich⸗gelb aus. War es Einbildung, oder war es das trügeriſche Licht des Mondes, welches dieſe anſcheinende Veränderung in ihrer natürlichen Farbe verurſachte? Eins oder das Andere, ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich es zuerſt bemerkte— als ich aber länger hinſchauete, gewahrte ich, daß ich mich irrte. Meine eigene Phantaſie trog mich eben ſo wenig als das Licht des Mondes. Die Nadeln waren wirklich von 3— der ſie zu ſein ſchienen. Als ich näher ewlerkte ich, daß dieſelben verdorrt waren, obſchon ſie noch an den Zweigen hafteten— ich bemerkte überdies, daß die Stämme trocken waren. Die Rinde war abgeblättert oder blätterte ſich erſt ab— die Bäume waren mit Einem Worte todt. Jetzt fiel mir ein, was Hickman geſagt hatte, als er einmal nach der Richtung herumtaſtete. Dies war in einiger Entfernung von hier geſchehen; aber ſo weit ich ſehen konnte, bot der Wald überall dieſelbe düſtere Farbe dar. Ich kam zu dem Schluſſe, daß der ganze Wald todt ſei Der Schluß war richtig und die Erklärung — 87— leicht. Die Sphinx*) war thätig geweſen. Der ganze Wald war todt. *) ISphinx coniferarum. Ungeheure Schwärme von Inſecten, und ganz beſonders die Larven der genannten Gattung, ſetzen ſich unter die Rinde der„langnadligen“ (Beſen⸗) Tanne, greifen den Stamm an und ſind die Urſache, daß der Baum im Laufe eines Jahres eingeht. In Florida trifft man oft ausgedehnte Strecken, die blos mit todten auf dieſe Weiſe vernichteten Tannen bedeckt ſind. Achtes Kapitel. Ein kreisrunder Kampf. So rbar es auch ſcheinen mag, ſo hatten ſelbſt in dieſer einſamen und ſchauerlichen Stunde dieſe Beobachtungen mich intereſſirt; während ich ſie aber machte, bemerkte ich Etwas, was mich noch mehr erfreute. Es war die blaue Dämmerung, welche, ſich mit dem gelberen Lichte des Mondes miſchend, die Far⸗ ben des Laubwerks veränderte, auf welchen mein Blick weilte. Der Morgen ſtand im Begriff anzu⸗ brechen. Andere hatten dies in demſelben Augenblicke bemerkt und ſchon erhoben ſich die Schläfer von ihrem thauigen Lager und ſahen nach den Gurten ihrer Sättel. — 39— Wir waren eine hungrige Schaar, aber es war keine Hoffnung auf Frühſtück vorhanden, und wir ſchickten uns an, ohne ein ſolches aufzubrechen. Die Dämmerung dauerte nur wenige Minuten, und da der Himmel immer heller ward, ſo wurden Anſtalten zum Aufbruche getroffen. Die Schildwachen wurden eingezogen— alle bis auf vier, welche wir klüglich bis auf die letzte Minute ſtehen ließen, um nach verſchiedenen Richtungen hin aufpaſſen zu laſſen. Die Pferde wurden von den Pfählen losgemacht und aufgezäumt— ihre Sättel hatten ſie die ganze Nacht getragen— und die Musketen des Trupps wurden ſorgfältig mit friſchem Zündkraut odengündhütchen verſehen. 5 Viele meiner Kameraden waren alte Feldzügler, und jede Vorſicht ward angewendet, welche Einfluß auf unſern Sieg beim Kampfe haben konnte. Wir erwarteten, daß wir noch vor Mittag die Bande der Wilden einholen oder⸗ ſie bis in ihren letzten Schlupfwinkel aufſpüren würden. In beiden Fällen hätte ein Kampf ſtattgefunden und abermals erklärten Alle ihren Entſchluß, vorzurücken. Einige Minuten vergingen mit dem Arra ment unſerer Marſchordnung. Man fand es ri daß einige der geſchickteren unſerer Leute alst ſchafter zu Fuße vorausgingen und den 60— gründlich durchforſchten, ehe das Hauptcorps nach⸗ rückte. Dies mußte uns gegen jeden plötzlichen An⸗ griff ſichern, im Fall der Feind einen Hinterhalt gebildet hatte. Die alten Jäger ſollten abermals als Spürer fungiren und natürlich den Vortrab führen. Dieſe Arrangements waren beendet, und wir ſtanden auf dem Punkte, aufzubrechen. Die Leute hatten ihre Pferde beſtiegen— die Späher über⸗ ſchritten bereits den Rand des Gehölzes, als wir plötz⸗ lich mehrere Schüſſe und gleichzeitig den Alarmruf der Schildwachen hörten, die ſie abgefeuert hatten. Dieſe Schildwachen waren die bis jetzt noch nicht eingezogenen, und alle vier hatten ihre Gewehre faſt gleichzeitig abgefeuert. Der Wald ſchien von einem hundertfachen Echo widerzuhallen. Aber es war kein Echo— es war das wirkliche Knallen von Büchſen und Musketen, und der gellende Kriegsruf, der es begleitete, war deutlich durch das Geſchrei unſerer eigenen Leute hindurch zu hören. Die Indianer kamen über uns! Ueber uns, oder um weniger bildlich zu ſprechen, uns herum. Die vier Schildwachen hatten ich Feuer gegeben, folglich hatte auch jede in icchtung Indianer geſehen. 7s bedurfte deſſen aber nicht, um uns zu dem Schluſſe zu führen, daß wir umzingelt waren. Von allen Seiten kam das wilde, grimmige Geheul des Feindes und die Kugeln pfiffen in verſchiedenen Rich⸗ tungen an uns vorüber. Ohne Zweifel befand ſich die Lichtung innerhalb ihrer Linien. Die erſte Salve äußerte nur wenig Wirkung. Zwei oder drei Mann wurden getroffen und eben ſo viele Pferde, aber die Kugeln waren matt und thaten nur geringfügigen Schaden. Unſere Poſition befand ſich jedenfalls außerhalb der Kernſchußweite des Fein⸗ des und wir ſahen mehrere matte Kugeln in das Waſſerbecken hineinſchlagen. Hätten ſich die Feinde ein wenig näher herangeſchlichen, ehe ſis Feuer gaben, ſo wäre die Wirkung eine furchtbare geweſen, weil wir innerhalb der Lichtung gleichſam in einem Klum⸗ pen beiſammen ſtanden. Zum Glück hatten unſere wackeren Schildwachen ihre Annäherung bemerkt und noch rechtzeitig Lärm gemacht. Dies hatte uns gerettet. Alles Dies fiel uns erſt ſpäter ein. Die Be⸗ ſchaffenheit des Angriffs war uns Allen klar. Es war eine Umzingelung, und unſer Denken war aus⸗ ſchließlich darauf gerichtet, wie wir dieſem Angriffe auf die beſte Weiſe begegnen könnten. Es fand eine augenblickliche Verwirrung mit vielem Lärm ſtatt. Das Schreien und Rufen der 62— Leute miſchte ſich mit dem Wiehern und Stampfen der Pferde, aber über all' dieſes Getöſe hinweg hörte man die führende Stimme Hickman's. „Herunter von den Pferden, Jungens! und 3 hinter die Bäume! Herunter mit Euch, raſch! hinter die Bäume und haltet die Feinde ab, oder ſo wahr der Himmel über uns iſt, wir werden ſammt und ſonders ſkalpirt. Hinter die Bäume— hinter die Bäume!“ Auch Andere waren bereits auf denſelben Ge⸗ danken gekommen, und ehe noch der Jäger aufgehört hatte, ſeine Mahnungen zu rufen, waren die Leute aus den Sätteln und eilten nach dem Rande des 3 Gehölzes. Einige liefen nach einer, Einige nach der andern Seite— Jeder nach dem Baume, der ihm der nächſte war— und nach wenigen Augenblicken hatte unſer ganzer Trupp ſich hinter den Stämmen der Tannen verſchanzt. — In dieſer Poſition bildeten wir einen vollkom⸗ menen Cirkel, indem wir einander den Rücken, und dem Feinde das Geſicht zuwendeten. 8 Unſere auf ſo eilige Weiſe verlaſſenen und durch den plötzlichen Ueberfall erſchreckten Pferde galoppirten wie toll hin und her, mit ſchleppenden Zügeln und während die Steigbügel ſie in die Flanken ſchlugen. — — 63— Die meiſten davon rannten an uns vorüber, zwiſchen den Bäumen hindurch, und wurden entweder von den Wilden aufgefangen oder entkamen, durch dieſe hindurchbrechend, in den Wald jenſeits. Wir machten keinen Verſuch, ſie wieder einzu⸗ fangen. Die Kugeln pfiffen uns an den Ohren vor⸗ bei. Es wäre ſicherer Tod geweſen, wenn wir nur einen Schritt weit von den Baumſtämmen hätten weichen wollen, welche uns ſchirmten. Der Vortheil der Poſition, die wir gewonnen, war auf den erſten Blick einleuchtend. Ein Glück war es, daß wir ſo lange gezögert hatten, unſere letzten Schildwachen abzulöſen. Wären ſie einen Augenblick eher eingezogen worden, ſo wäre der Ueberfall ein vollſtändiger geweſen. Die Indianer wären bis an den äußerſten Rand der Lichtung vor⸗ gerückt, ehe ſie ihren Kriegsruf erhoben, oder einen Schuß abgefeuert hätten, und wir wären dann ganz in ihre Gewalt gegeben geweſen. Sie wären durch 4 die Bäume gegen unſere Schüſſe vollkommen gedeckts worden, während wir auf dem freien Raume ihrem Feuer hätten erliegen müſſen. Ohne den rechtzeitigen Alarm hätten ſie uns mit aller Muße maſſacriren können. Bei der Poſition aber, die wir jetzt einnahmen, hatten unſere Gegner keinen großen Vortheil. Die — 64— Stämme der Bäume verſchanzten uns Beide. Nur die concave Seite unſerer Linie war exponirt und der Feind konnte quer über die Lichtung herüber darnach feuern. Da die Lichtung aber ſiebzig Schritt im Durchmeſſer hielt und wir den Indianern an keinem Punkte geſtattet hatten, an den Rand heran zu kommen, ſo wußten wir, daß ihre Kugeln nicht im Kernſchuß ſo weit herüber reichen würden, und hegten daher in dieſer Beziehung keine Beſorgniß. Dieſes Manöver war, obſchon ein improviſirtes, unſere Rettung. Wir ſahen jetzt, daß es das Einzige war, was wir hatten thun können, um uns vor dem ſofortigen Untergange zu retten. Ein Glück war es, daß Hickman's Stimme uns ſo raſch auf unſere Poſten getrieben hatte. 3 Unſere Leute waren im Erwidern des feind⸗ lichen Feuers nicht ſaumſelig. Nach wenigen Secun⸗ den waren ihre Gewehre in Thätigkeit, und mit kurzen Unterbrechungen hörte man den ſcharfen, peitſchenähnlichen Knall ihrer Büchſen rings um die— ganze Lichtung herum. Dann und wann erhob ſich auch ein Triumphgeſchrei, wenn ein Wilder, der ſei⸗ nen rothen Körper allzuvoreilig bloßgeſtellt, von einer Kugel fiel. Wieder hallte die Stimme des alten Jägers über — 65— die Lichtung. Kaltblütig, ruhig und deutlich ward ſie von Allen vernommen. „Zielt ja gut, Jungens. Verſchwendet kein Körnchen von Euerm Pulver. Ihr werdet Euern ganzen Vorrath brauchen, ehe wir mit dieſem ver⸗ dammten Geſindel fertig werden. Drückt nicht eher ab, als bis Ihr einer Rothhaut in's Auge ſehen könnt.“ Dieſe Mahnungen waren ſehr wichtig. Bis jetzt hatten die jüngeren Leute ein wenig leichtſinnig gefeuert— ihre Gewehre eben ſo ſchnell abgeſchoſſen, als ſie geladen hatten, und auf dieſe Weiſe größten⸗ theils nur die Stämme der Bäume verwundet. Um dieſem Verfahren Einhalt zu thun, hatte eben Hickman geſprochen. Seine Worte äußerten die gewünſchte Wirkung. Es knallte weniger oft, aber das Triumphgeſchrei, welches einen glücklichen Schuß bezeichnete, erſcholl noch eben ſo häufig als je.) a Ter 3 Binnen wenigen Minuten nach dem erſten Aus⸗ bruche des Kampfes gewann dieſer eine ganz neue Geſtalt. Das von den Indianern bei ihrer erſten Salve ausgeſtoßene wilde Geſchrei, welches den Zweck hatte, uns in Verwirrung zu bringen, war nicht mehr zu hören, und das Geſchrei der weißen Män⸗ ner hatte ebenfalls aufgehört. Blos dann und wann Oceola. v.. 3 5 1 erſcholl das dumpfe Hurrah des Triumphes oder ein Ruf von einem unſerer Leute, der ſeine Kameraden ermuthigen wollte. Dann und wann hörte man auch das von einem Kriegshäuptlinge, der ſeine Tapfern anzufeuern ſuchte, ausgeſtoßene„No-ho-ehee!“ Die Schüſſe erfolgten nicht mehr in Salven, ſondern einzeln, oder höchſtens zwei und drei auf einmal. Jeder Schuß ward nach einem beſtimmten Ziele gethan, und erſt wenn dieſes Ziel getroffen ward— oder der, welcher feuerte, dieſes glaubte— ließen ſich Stimmen auf beiden Seiten hören. Jeder war zu ſehr damit beſchäftigt, einen Gegenſtand für ſein Ziel zu ſuchen, als daß er mit müſſigen Worten oder Geſchrei die Zeit hätte verſchwenden können. Vielleicht exiſtirt in der ganzen Kriegsgeſchichte kein Bericht von einem Kampfe, der ſo ruhig geführt — von einer Schlacht, die ſo geräuſchlos geſchlagen ward. In den Pauſen zwiſchen den Schüſſen gab es Augenblicke, wo die Stille außerordentlich war— Augenblicke eines ſchauerlichen, ominöſen Schweigens. Eben ſo ward auch wohl niemals ein Kampf ausgefochten, in welchem beide Parteien in ſo ſelt⸗ ſamer Schlachtordnung einander gegenüber ſtanden. Wir bildeten zwei concentriſche Kreiſe— der äußere beſtand aus dem Feinde, der innere aus den Leuten 2— 67— unſerer Partei. Dieſe beiden faſt regelmäßig um die Lichtung herum deployirten Ringe waren kaum vier⸗ 3 zig Schritte von einander getrennt, an einigen Punkten vielleicht etwas weniger— nämlich da, wo einige der keckeren Krieger, von den Bäumen geſchützt, ſich näher an unſere Linie heran gearbeitet hatten. Niemals ward eine Schlacht geſchlagen, wo die kämpfenden Parteien einander ſo nahe waren, ohne mit einander handgemein zu werden. Wir hätten mit unſern Gegnern converſiren können, ohne unſere Stimmen über den gewöhnlichen Ton zu erheben, und waren buchſtäblich in den Stand geſetzt, auf das„Weiße im Auge“ zu zielen. Unter ſolchen Umſtänden ward der Kampf weiter geführt. Ueuntes Kapitel. Ein Meiſterſchuß.. 8ſͤ Zwei Stunden lang dauerte dieſer eigenthüm⸗ liche Kampf ohne irgend eine weſentliche Veränderung in der gegenſeitigen Stellung der Kämpfenden. Dann und wann ſah man einen derſelben mit einer Schnel⸗ ligkeit, als ob er aus einer Kanone geſchoſſen würde, von einem Baume zum andern rennen, weil er einen Stamm entdeckt hatte, von welchem er hoffte, daß er ſelbſt dadurch beſſer geſchützt werden, oder daß er wvon dort aus irgend einem ihm beſonders unange⸗ 3 m gewordenen Gegner beſſer beikommen könne. Die Stämme der Bäume waren eben nur ſtark genug, uns zu ſchirmen. Manche von unſern Leuten blieben ſtehen und gebrauchten die Vorſicht, ſich ſo . 8 — 69— ſchmal als möglich zu machen, indem ſie kerzengerade und ſo geſtreckt als möglich ſtanden. Andere, welche bemerkt hatten, daß die Tannen an den Wurzeln ein wenig umfangreicher waren, hatten ſich flach auf den Bauch niedergeworfen, und fuhren in dieſer Stellung fort, zu laden und zu feuern. Die Sonne ſtand ſchon lange hoch am Himmel, denn es war gegen Sonnenaufgang geweſen, als der Kampf begann. Es war daher kein Dunkel vor⸗ handen, welches die eine Partei den Blicken der andern entzogen hätte, obſchon die Indianer in dieſer Beziehung wegen der Lichtung in ihrem Rücken einen kleinen Vortheil vor uns voraushatten. Selbſt in der Tiefe des Waldes aber war es zu unſerm Zwecke noch hell genug. Viele der todten Nadelbüſchel waren heruntergefallen— der Boden war dicht damit beſtreut— und die, welche noch am Baume hingen, bildeten einen nur ſehr dünnen Schirm gegen die hellen Sonnenſtrahlen. Es war daher hell genug, um unſere Schützen in den Stand zu ſetzen, auf jeden Gegenſtand von der Größe eines Dollarsſtücks zu zielen, der ſich innerhalb des Bergichs ihrer Büchſen zeigte. Eine Hand, ein Theil eines Arms, eines nicht ganz gerade ſtehenden Beins, eine über die Baumrinde hervorragende Kinnlade, ein Paar Schultern, die zu breit für den Stamm waren, der ſie verbergen ſollte, ja ſogar der hervor⸗ ſtehende Schoos eines Rockes war ſicher, einen Schuß — vielleicht zwei— von der einen oder der andern Seite auf ſich zu ziehen. Jeder, der ſein volles Geſicht nur zehn Secunden lang preisgegeben, hätte faſt mit Sicherheit darauf rechnen können, eine Kugel in den Schädel zu bekommen, denn auf beiden Seiten gab es Scharfſchützen. Die zwei Stunden waren vergangen und bis jetzt ohne daß eine oder die andere Partei großen Schaden zugefügt erhalten oder zugefügt hätte. Einige Unfälle kamen indeſſen vor, welche. dazu dienten, die feindſelige Aufregung immer wach zu erhalten. Wir hatten mehrere Verwundete— einige darunter ſehr ſchwer— und einen Getödteten. Der Letztere war ein Liebling unſerer Leute und ſein Tod vermehrte den Durſt nach Rache. Der Verluſt der Indianer mußte größer ſein. Wir hatten Mehrere von unſern Schüſſen fallen ſehen. Wir hatten einige der beſten Schützen in Florida bei uns, und Hickman erklärte, er habe dreien der Feinde einen tüchtigen Denkzettel ange⸗ hängt. Weatherford hatte ſeinen Mann erlegt und ihn auf der Stelle getödtet. Es war dies nicht bloße 1 Muthmaßung, denn wir ſahen die Leiche des Wilden zwiſchen den beiden Bäumen liegen, wo er gefallen war. Seine Kameraden fürchteten, wenn ſie ihn fortſchleppten, ſich ſelbſt dieſer furchtbaren Büchſe auszuſetzen. Nach einiger Zeit begannen die Indianer eine Taktik auszuüben, welche bewies, daß ſie uns in dieſer Methode der Kriegführung überlegen waren. Anſtatt eines ſtellten ſich zwei von ihnen hinter einen oder zwei Bäume, die dicht beiſammen ſtanden, und ſobald der eine feuerte, war der andere bereit, zu zielen. Natürlich war der Gegner, auf welchen der erſte Schuß abgefeuert worden— in der Mei⸗ nung, daß ſein vis-à-vis jetzt nicht geladen habe— weniger ſorgfältig, und daher geneigt, ſich leichter zu exponiren. Dies war auch der Fall; denn ehe wir dieſe Liſt entdeckten, erhielten mehrere unſerer Leute bedeu⸗ tende Wunden und es ward abermals Einer von unſerer Zahl neben ſeinem Baume erſchoſſen. Dieſe Hinterliſt ſteigerte die Erbitterung unſerer Leute, und zwar um ſo mehr, als ſie dieſe Strategie nicht nachahmen konnten. Unſere Zahl war nicht hinreichend dazu. Hätten wir uns Paarweiſe poſtiten wollen, ſo hätten wir unſere Linie dünner machen müſſen und ſie dann nicht mehr vertheidigen können. Deßhalb waren wir gezwungen, zu bleiben, wie wir waren, hüteten uns nun aber mehr als vorher, uns unſern Feinden preiszugeben. Ein einziger Fall kam vor, daß die Wilden mit ihrer eigenen Münze ausgezahlt wurden. Der Schwarze Jake und ich waren die gemeinſchaftlichen Vollbringer dieſer Rache. Wir wurden durch zwei ganz dicht beiſammen⸗ ſtehende Bäume geſchützt und hatten zu Gegnern nicht weniger als drei Wilde, welche den ganzen Morgen unermüdlich nach uns gefeuert hatten. Ich hatte eine ihrer Kugeln durch den Aermel meines Rocks bekommen und Jake ward der Staub aus ſeinem wolligen Haar geblaſen, aber keiner von uns war verwundet worden. Während des Kampfes hatte ich auf einen unſerer Gegner gezielt, und ge⸗ glaubt, ich hätte ſein Blut vergoſſen. Indeſſen war ich meiner Sache nicht gewiß, denn die Drei wurden ſehr gut durch eine Gruppe von Bäumen und über⸗ dies noch durch ein Dickicht von Zwergpalmetten— gedeckt. Eiinen dieſer Indianer wünſchte Jake ganz be⸗ ſonders zu erlegen. Es war ein langer Kerl und viel ſtärker als ſeine beiden Kameraden. Er trug einen Kopfputz von Königsgeierfedern und zeichnete 7 ſich auch ſonſt noch durch ſein Coſtüm aus. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war er ein Häuptling. Das Auffallendſte in ſeiner Erſcheinung war ſein Geſicht, denn wir ſahen es von Zeit zu Zeit, obſchon alle Mal nur auf einen Augenblick. Es war über und über mit einer ſcharlachrothen Farbe — wie es ſchien Zinnober— bemalt und ſchien durch die Bäume wie ein Gegenſtück zur Sonne. Dies war es jedoch nicht, was den Indianer zum Gegenſtande von Jake'’s beſonderer Rache ge⸗ macht hatte, ſondern die Urſache war eine ganz andere. 1 3 Der Wilde hatte Jake’s Hautfarbe bemerkt und ihm mehrmals während des Kampfes Hohn⸗ und Schimpfworte zugerufen. Er ſagte dieſelben in ſeiner Mutterſprache, aber Jake verſtand ihn ſo ziemlich. Er ward dadurch gereizt und erbittert, und ſchwur dem ſcharlachrathen Häuptlinge Rache. Es gelang mir, ihm Gelegenheit dazu zu ver⸗ ſchaffen. Indem ich meine Mütze ſchlauer Weiſe ſo hielt, daß mein Kopf darin zu ſein ſchien, ließ ich ſie ein wenig um den Stamm des Baumes herum vorragen. Es war dies eine alte und wohlbekannte Liſt, aber dennoch ließ der Indianer ſich dadurch irre führen. Das rothe Geſicht kam unter den Palmetto’'s zum Vorſchein. Eine Rauchwolke ſtieg 1 unter ihm auf Die Mütze ward mir aus der Hand geſchnellt und ich hörte den Knall des Schuſſes, der es gethan. Gleichzeitig aber hörte ich einen lauteren und nähern Knall— von dem Gewehre meines Negers. 4 Ich lugte um den Baum herum, um die Wir⸗ kung, zu ſehen. Ein Flecken von dunklerem Roth war auf der hellfarbenen Scheibe ſichtbar— das Scharlachroth ging in Carmoiſin über. Es war nur ein einziger Blick, den ich erhaſchen konnte, denn im nächſtfolgenden Augenblicke lag der bemälte Wilde in das Gebüſch niedergeſtreckt. Während der ganzen Zeit, welche der Kampf dauerte, ſchienen die Indianer nicht zu wünſchen, uns näher zu rücken, obſchon ſie uns in Bezug auf Anzahl ſicherlich weit überlegen waren. Der Schaar nämlich, welche wir verfolgt, hatte ſich eine zweite angeſchloſſen, die chen ſo zahlreich war als die erſte. Nicht weniger als hundert Mann waren jetzt auf dem Platze und waren dies vom Anfange des Kampfes an geweſen. Ohne dieſen Zuwachs würden ſie nämlich kaum gewagt haben, uns anzugreifen, und wenn wir es nicht gewußt hätten, ſo würden wir ſofort einen Angriff auf ſie gemacht und einen Kampf Mann gegen Mann be⸗ gonnen haben. 5 Wir ſahen aber, daß ſie uns 4 Zahl weit überlegen waren, und begnügten uns daher, uns auf der Defenſive zu halten, um unſere Poſition zu behaupten. Unſere Feinde ſchienen mit der ihrigen auch zufrieden zu ſein, obſchon ſie, wenn ſie raſch vorgerückt wären, uns durch die Ueberzahl hätten bewältigen können; dennoch aber wären ihre Reihen ſehr gelichtet worden, ehe ſie unſere Linie erreicht hätten, und einige ihrer beſten Leute würden ge⸗ fallen ſein. Niemand berechnet dergleichen Möglichkeiten ſorgfältiger als Indianer, und vielleicht taugt Nie⸗ mand weniger dazu als ſie, einen verſchanzten Feind anzugreifen. Das ſchwächſte Fort, die unbedeutendſte Paliſſade läßt ſich gegen die rothen Krieger des Weſtens mit leichter Mühe vertheidigen. Da durch das Mißlingen ihres erſten Angriffs ihre Abſicht vereitelt worden war, ſo ſchienen ſie keinen zweiten unternehmen zu wollen, ſondern begnügten ſich, uns in Belagerung zu halten, denn in dieſen Zuſtand ſahen wir uns wirklich verſetzt. Nach einiger Zeit ward ihr Feuer weniger 1 heftig, bis es endlich ganz aufhörte; wir wußten aber, daß dies keine Abſicht verrieth, den Rückzug anzutreten. Im Gegentheile ſahen wir einige von . 70 — 76 . ihnen in nr Entfernung im Walde Feuer an⸗ zünden, ohne Zweifel in der Abſicht, ihr Frühſtück zu bereiten. Es war unter unſerer Zahl nicht ein Ein⸗ ziger, der ſie nicht um dieſe Beſchäftigung beneidet hätte. Behntes Kapitel. Eine magere Mahlzeit. Für uns war dieſer theilweiſe Waffenſtillſtand von keinem Vortheil, denn wir konnten nicht wagen, uns von den Bäumen zu entfernen. Wir hatten Durſt und konnten das Waſſer ſehen, denn der kleine Teich ſchimmerte in der Mitte der Lichtung. Es wäre beſſer geweſen, wenn keins dageweſen wäre, da wir uns ihm ja einmal nicht nähern durften, denn es verwirklichte für uns nur die Qualen des Tantalus. Wir ſahen die Indianer eſſen, ohne daß ſie ihre Linien verlaſſen hätten. Einige bedienten die übrigen, indem ſie ihnen die Speiſen von den Feuern herbeibrachten. Weiber gingen hin und her, beinahe innerhalb Schußweite von uns. — 78— VWir waren ſämmtlich hungrig wie die Wölfe. Wir hatten ſeit vierundzwanzig Stunden— ja noch länger— Nichts gegeſſen und der Anblick unſerer vor unſern Augen ſchmauſenden Feinde ſtachelte unſern Appetit, aber gleichzeitig auch unſern Zorn und unſere Wuth nur noch mehr auf. Der alte Hickman war ganz außer ſich. Man hörte ihn erklären, er ſei ſo hungrig, daß er im Stande wäre, einen Indianer roh zu freſſen, wenn er nur einen in die Klauen bekommen könnte, und er ſah auch in der That ſo grimmig aus, daß man ihm zutrauen konnte, er werde dieſe Drohung in Ausführung bringen. 3„Der Anblick verwünſchter Rothhäute,“ fuhr er fort,„die ſich den Wanſt mit Fleiſch mäſten, während ein chriſtlicher weißer Mann keinen Knochen zu nagen hat, könnte Einen wahnſinnig machen.“ Es müßte aber ein ganz kahler Platz ſein, wo Leute wie Hickman und Weatherford keine Hülfs⸗ quellen aufzufinden vermöchten, und die Energie Beider wendete ſich nun der Entdeckung zu. Wir ſahen ſie unter den todten Tannennadeln herum⸗ kratzen, die, wie ſchon vorhin geſagt worden, eine dichte Schicht auf der Fläche des Bodens bildeten. Was ſuchten ſie? Würmer? Maden? Larven oder Eidechſen? Man hätte dies denken können; — aber nein, ſo weit war es noch nicht gekommen. So hungrig ſie auch waren, ſo waren ſie doch noch nicht entſchloſſen, Reptilien zu verzehren. Eine beſſere Hülfsquelle war ihnen eingefallen und kurz nachher verkündete ein freudiger Ausruf, daß ſie den Gegenſtand ihres Suchens entdeckt hatten. Hickman hielt eine bräunliche Maſſe von kegel⸗ förmiger Geſtalt und faſt einem großen Pinienapfel gleichend, in die Höhe. Es war eine Zapfe von der Beſentanne und an ihrer Form und Größe leicht erkennbar. „Na, Kameraden,“ ſchrie er laut genug, um von Allen ringsum gehört zu werden,„jetzt ſammelt Euch ein wenig um dieſe Baumeier herum und brecht ſie auf. Ihr werdet Körner darin finden, die gar nicht ſchlecht ſchmecken. Freilich ſind ſie kein Schweine⸗ fleiſch und Hominy, aber Schweinefleiſch und Hominy haben wir einmal nicht, und dieſe Körner ſtillen im Nothfalle auch den Hunger. Wenn Ihr nur ein wenig unter dem Gerölle da herumſuchen wollt, ſo werdet Ihr ſchon noch mehr finden. Verſucht es.“ Der Wink ward ſogleich befolgt und im nächſten Augenblicke kratzten wir Alle in den todten Nadeln nach Tannzapfen herum. Einige lagen auf der Oberfläche und nahe bei der Hand, ſo daß wir ſie uns leicht verſchaffen konnten, während andere ent⸗ A— 80— . ferntere mit Hülfe unſerer Ladeſtöcke oder Gewehre herbeigeangelt wurden. Jeder von uns ſah ſich auf dieſe Weiſe in den Stand geſetzt, ſich einen größern oder geringern Vorrath zu verſchaffen. Die Zapfen wurden ſchnell aufgeſchnitten und die Nüſſe oder Körner begierig verzehrt. Es war durchaus kein ſchlechtes Nahrungs⸗ mittel, denn die Körner der Beſentanne ſind ſowohl nahrhaft als auch wohlſchmeckend. Ihre Qualität fand daher allgemeine Zufriedenheit. Nur an Quantität waren ſie mangelhaft— denn es waren ihrer nicht genug in der Nähe zu haben, um das Bedürfniß von fünfzig hungrigen Magen, wie die unſeren, zu befriedigen. Es wurden einige Witze über dieſes trockene Frühſtück gemacht, und die Leichtſinnigeren von uns lachten, während ſie aßen, als db es ſich hier um gar nichts Ernſtes gehandelt hätte. Das Gelächter dauerte indeſſen nicht lange, denn unſere Lage war eine zu mißliche.* Das Feuer des Feindes hatte, wie ſchon be⸗ merkt, nachgelaſſen, ja faſt ganz aufgehört, und wir n hatten vollauf Zeit, die Gefahren unſerer Lage zu erwägen. Bis jetzt war es uns nicht eingefallen, daß wir 1 3 8 8 * — 81— in der That belagert wurden; die Hitze des Kampfes hatte uns keine Zeit zum Nachdenken gelaſſen. Wir betrachteten die ganze Affaire als ein Scharmützel, welches bald ſein Ende dadurch erreichen müßte, daß die eine oder die andere Partei den Sieg gewänne. Dieſes Anſehen hatte der Kampf aber jetzt nicht mehr, ſondern er hatte mehr das einer Belagerung gewonnen. Wir waren auf allen Seiten umzingelt — wie in einer Feſtung eingeſchloſſen— aber nicht halb ſo ſicher. Unſere einzige Paliſſade war der Ring von ſtehenden Bäumen, und wir hatten kein Blockhaus, in welches wir uns für den Fall der Verwundung zurückziehen konnten. Jeder Mann war eine Schildwache, aber ohne Ausſicht auf Ablöſung. Unſere Lage war im höchſten Grade gefährlich. Es gab keine Ausſicht auf Entrinnen. Unſere Pferde waren alle davoſtgelaufen. Ein einziges lag todt neben dem Teiche. Es war durch eine Kugel getödtet worden, aber dieſe war nicht vom Feinde gekommen. Sickman hatte den Schuß gethan. Ich ſah ihn und wunderte mich darüber. Der Jäger hatte aber ſeine guten Gründe gehabt, obſchon ich dieſelben erſt ſpäter erfuhr.— Wir konnten unſere Poſition gegen einen an Zahl uns fünf Mal überlegenen Feind, ja vielleicht Oceola. v. 3 6 — 82— einen noch zahlreicheren, behaupten. Aber wie ſtand es mit den Nahrungsmitteln? Durſt fürchteten wir nicht. Des Nachts konnten wir dieſen ſtillen, indem wir uns, von der Dunkelheit geſchützt, dem Teiche näherten. Waſſermangel alſo beſorgten wir nicht, aber woher ſollten wir Speiſe bekommen? Die Tann⸗ zapfen, die wir geſammelt hatten, waren ſo zu ſagen nur ein Biſſen. In unſerer unmittelbaren Nähe gab es keine mehr— wir mußten endlich dem Hunger erliegen.. Wir beſprachen uns mit einander über unſere Ausſichten. Dieſelben waren düſter genug. Wie ſollte der Kampf enden? Wie ſollten wir aus unſerer gefährlichen Lage befrei't werden? Dies waren die Fragen, welche von Mund zu Mund gingen und die Gedanken Aller beſchäftigten. Nur ein einziger Plan bot eine plauſible Aus⸗ ſicht auf Entrinnen, und dieſer beſtand darin, daß wir unſere Poſition bis zum Einbruche der Nacht behaupteten, in der Dunkelheit einen Ausfall machten und uns durch die Linien des Feindes hindurch⸗ ſchlugen. Es hieß dies freilich nichts Anderes als Spieß⸗ ruthen laufen. Einige von uns mußten ſicherlich 1 fallen— vielleicht Viele, aber Einige entrannen wahrſcheinlich. Zu bleiben, wo wir waren, hieß uns einem ſichern Opfertode weihen. Es war keine Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden, daß wir von Andern entſetzt werden würden— eine ſolche Hoffnung hegte Niemand. Sobald der Hunger uns überwältigte, wurden wir ſicherlich bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. Anſtatt uns in ein ſolches Schickſal zu fügen, beſchloſſen wir, ſo lange wir noch ſtark wären, es auf alle Gefahren hin ankommen zu laſſen und uns mitten durch unſere Belagerer hindurch den Weg zu bahnen. Die Dunkelheit mußte den Verſuch begünſtigen, und begierig warteten wir auf den Untergang der Sonne.„ 6* Eilftes Kapitel. 2 G Eine Kugel von Pinten. 7 9 Ia Wenn die Zeit uns lang pard, ſo war der Mangel an Beſchäftigung doch daran nicht ſchuld. Während des Tages erneuten die Indianer dann und wann ihren Angriff, und trotz all unſerer Wachſam⸗ keit ward uns wieder ein Mann getödtet und Mehrere leicht verwundet. Bei dieſen Scharmützeln verriethen die Wilden die beſtimmte Abſicht, unſerer Linie näher zu kommen, indem ſie von Baum zu Baum vorrückten. Wir verſtanden ihren Zweck vollkommen. Nicht als ob ſie die Abſicht gehabt hätten, mit uns handgemein zu werden, obſchon ihre Anzahl ſie wohl in den Stand geſetzt hätte, dies zu thun. Sie waren jetzt noch zahlreicher, als beim Beginn des Kampfes. Eine * — 85— dritte Schaar war an Ort und Stelle angelangt. Wir hatten den Schrei des Willkommens gehört, welcher ihre Ankunft begrüßte. Trotz dieſes Zuwachſes an Kräften aber beab⸗ ſichtigten ſie doch nicht, es auf einen Kampf mit kurzen Waffen ankommen zu laſſen. Ihr Zweck beim Vorrücken war ein anderer, und wir verſtanden ihn. Sie hatten bemerkt, daß ſie, wenn ſie dicht an unſere convexe Linie heranrückten, nahe genug kommen wür⸗ den, um auf die von unſern Leuten zu feuern, welche auf der entgegengeſetzten Seite der Lichtung ſtanden und natürlich dann ihrem Ziele blosgeſtellt waren. Dies zu verhindern, ward daher jetzt der Haupt⸗ gegenſtand unſerer Aufmerkſamkeit, und es war nothwendig, unſere Wachſamkeit zu verdoppeln. Wir thaten dies, indem wir mit forſchenden Blicken die Stämme in'’s Auge faßten, hinter welchen, wie wir wußten, die ineue und glichen dem Jäger, welcher die Gangöffnungen eines Kaninchengeheges bewacht. Es ging mit dem Vorrücken unſerer Feinde nicht gut, denn es koſtete ihnen mehrere ihrer muthigſten Leute. In dem Augenblicke, wo Einer ſchnell von Baum zu Baum zu huſchen ſuchte, knallten alle Mal drei oder vier Büchſen, von denen wenigſtens eine den ſichern Tod brachte. 8 — 86— Die Indianer wurden es daher auch bald müde, dieſes gefährliche Manöver weiter zu verſuchen, und ſo wie der Abend ſich näherte, ſchienen ſie ihre Ab⸗ ſicht aufzugeben und ſich damit zu begnügen, unſern Belagerungszuſtand weiter fortdauern zu laſſen. Wir waren froh, als die Sonne unterging und die Dämmerung einbrach. Dieſe mußte bald vor⸗ übergehen, und wir waren dann in den Stand ge⸗ ſetzt, das Waſſer zu erreichen Unſere Leute waren faſt wahnſinnig vor Durſt, denn ſie hatten denſelben faſt den ganzen Tag lang ertragen. Schon während des Tages würden Viele nach dem Waſſer gegangen ſein, wenn ſie nicht durch die Mahnungen der Klügeren, ganz beſonders aber durch einen Vorfall zurückgehalten worden wären, deſſen Zuſchauer ſie ſämmtlich geweſen waren. Einer, der tollkühner war als die Andern, hatte nämlich den Verſuch gewagt. Es war ihmungen, den Teich zu erreichen, er hatte ſich ſatt getrunken und eilte auf ſeinen Poſten zurück, als ein Schuß von den Wilden ihn todt auf den Raſen niederſtreckte. Er war der letzte der Getödteten, und ſeine Leiche lag jetzt auf dem freien Platze vor den Augen ſeiner Kameraden. Es war dies eine Warnung für Alle; denn trotz der Qual des Durſtes hatte Keiner Luſt, das ge⸗ wagte Erperiment nachzumachen. — . 3 Endlich ſenkte ſich die willkommene Dunkelheit herab— nur noch ein grauer Lichtſchimmer weilte an dem bleifarbenen Himmel. Unſere Leute näherten ſich zu Zweien und Dreien dem Teiche. Wie Geſpenſter bewegten ſie ſich und glitten ſchweigend über den freien Platz, aber in ge⸗ bückter Haltung und mit begierig nach der Richtung des Waſſers vorwärts geneigten Köpfen. Wir gingen nicht Alle auf ein Mal, obſchon wir Alle Einer wie der Andere gleich begierig waren, unſern Durſt zu löſchen— denn die Ermahnungen des alten Jägers blieben nicht unbeachtet, und die Standhafteren be⸗ ſchloſſen, ihre Qual noch ein wenig länger zu ertragen, und zu warten, bis die Andern wieder auf ihren Poſten zurückkommen würden. Es war klug, daß wir ſo handelten, denn in dieſem Angenele euten die Indianer, die ohne Zweifel ahnten, vorging, ihr Feuer mit friſcher Energie. Ganze Salven wurden auf's Gerathewohl abgefeuert— die Finſterniß machte das Zielen un⸗ möglich— dennoch aber ſummten die Kugeln uns um die Ohren wie Horniſſen. Es erhob ſich das Geſchrei, daß die Indianer gegen uns anrückten, und Die, welche nach dem Waſſer gegangen waren, ſtürzten eilig zurück * — 88— Einige ſogar, ohne erſt das ſo 15 begehrte Waſſer gekoſtet zu haben. Während dieſer ganzen Zeit war ich hinter meinem Baume geblieben. Mein ſchwarzer Vaſall war ebenfalls wie eine treue Schildwache, die er auch war, nicht von ſeinem Poſten gewichen. Wir ſprachen davon, einander abwechſelnd abzulöſen, und Jake beſtand darauf, daß ich zuerſt trinken ſollte. Ich hatte mich ſchon zum Theil mit dieſem Arrangement einverſtanden erklärt, als das Feuer des Feindes plötzlich wieder eröffnet ward. Eben ſo wie die Andern fürchteten wir, daß die Wilden im Begriffe ſtünden, vorzurücken, und wohl kannten wir die Nothwendigkeit, ſie zurückzu⸗ halten. Wir kamen daher überein, noch ein wenig auf unſerm Poſten zu bleiben. Ich lugte mit dem einen 39 um den Stamm des Baumes herum und legte meine Büchſe an. Ich wartete auf einen Blitz von der Flinte eines Gegners, um darnach zielen zu können, als ich plötzlich meinen Arm in die Höhe ſchnellen fühlte, während mir die Büchſe gleichſam aus der Hand geriſſen ward. Die Sache war durchaus nichts Räthſelhaftes. Eine Kugel war mir durch den Arm gegangen und hatte die obern Muskeln durchbohrt. Ich hatte meine „ — 89— Schulter zu ſehr ſehen laſſen und war verwundet— weiter Nichts. 2 Mein erſter Gedanke war, nach meiner Wunde zu ſehen. Ich fühlte ſie ziemlich deutlich, und dies ſetzte mich in den Stand, die Stelle zu entdecken. Ich ſah, daß die Kugel durch den obern Theil meines rechten Armes gerade unterhalb der Schulter gegangen war und dann die Bruſt meiner Uniform geſtreift hatte, wo ihre Spur noch in dem zerriſſenen Tuche ſichtbar war. Es war noch hell genug, um mich dieſe Beob⸗ achtung machen zu laſſen, und dann ferner wahrzu⸗ nehmen, daß ein dicker Blutſtrom aus der Wunde hervorquoll. Ich begann meinen Rock aufzuknöpfen, um beſſer zu der Wunde kommen zu können. Der Schwarze war ſchon neben mir und riß ſein Hemd in Streifen. Plötzlich hött ich ihn einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung ausſtoßen, worauf die Worte folgten: „Gott allmächtige! Maſſa Georg, dieſer Schuß kam von hinten.“ „Von hinten!“ rief ich, ſeine Worte wiederholend und wieder nach der Wunde ſehend. Es war ſchon ein ähnlicher Argwohn in mir erwacht, und ich glaubte den Schuß von hinten gefühlt zu haben. Es war keine Einbildung geweſen. Bei ge⸗ 90 nauerer Unterſuchung der Wunde und der Rißſpuren auf meinem Rocke, ſtellte ſich die Richtung, welche die Kugel genommen, deutlich heraus. Unzweifelhaft hatte ſie mich von hinten getroffen. „Guter Gott, Jake,“ rief ich,„es iſt ſo. Die Indianer ſind auf die andere Seite der Lichtung vor⸗ gerückt— wir ſind verloren!“ Wir drehten uns Beide nach der Lichtung herum, als in dieſem Augenblicke, wie um unſere Vermuthung zu beſtätigen, eine zweite Kugel an unſern Ohren vorüberpfiff und in den Baum einſchlug, hinter welchem wir knieten. Ganz gewiß war ſie von der andern Seite der Lichtung abgefeuert worden; wir ſahen den Pulver⸗ blitz und hörten den Knall der Flinte, von welcher dieſe Kugel ausging.. Was war aus unſern Kameraden auf dieſer Seite geworden! Hatten ſie ihreg Poſten verlaſſen und die Indianer herankommen aſſen? Waren ſie Alle am Teiche und vernachläſſigten auf dieſe Weiſe ihre Pflicht?— Dies waren die erſten Muthmaßungen Jake's ſowohl als meine eigenen. Es war zu finſter, als daß wir unſere Leute im Schatten der Tannen hätten ſehen können, aber auf dem freien Platze ſahen wir ſie auch nicht. — 91— Wir wußten nicht, was wir denken ſollten, und ſchrieen laut und verlangten Aufklärung dieſes ſonderbaren Umſtandes. Wenn Antworten erfolgten, ſo hörten wir ſie doch nicht, denn in dieſem Augen⸗ blicke übertäubte ein wildes Geheul von unſern Feinden jeden andern Ruf, und es bot ſich plötzlich unſern Augen ein Schauſpiel dar, bei welchem uns das Blut in den Adern erſtarrte. Gerade vor der Poſition, welche Jake und ich eingenommen, und dicht bei den Linien der Indianer ſah man plötzlich eine rothe Flamme aus der Erde emporſchießen. Sie ſtieg ruckweiſe, und jedes Mal höher und höher, bis ſie die Wipfel der Bäume er⸗ reichte. Sie glich den Blitzen großer Maſſen Schieß⸗ pulver, welches auf dem Boden angezündet worden, und ſo war es auch. Wir laſen die Abſicht auf den erſten Blick. Die Indianer verſuchten den Wald in Brand zu ſtecken! Der Erfolg war ein faſt augenblicklicher. So⸗ bald die ſchwefelige Flamme mit den ausge⸗ dorrten Nadelbüſchen der Tannen in Berührung kam, fingen dieſe Feuer wie Zunder, und mit der Schnelligkeit geworfener Raketen ſchoſſen die Flammen nach verſchiedenen Richtungen hin und tanzten hoch über den Wipfeln der höchſten Bäume. Wir ſahen uns um. Auf allen Seiten erblickten — 92— wir ein ähnliches Schauſpiel. Das wilde Geheul war das Signal zu einem Cirkel von Feuer ge⸗ weſen. Die Lichtung war von einer rothen, brüllen⸗ den, gigantiſchen flammenden Mauer umgeben. Der ganze Wald ſtand in Flammen. Von allen Punkten ſchienen dieſelben heranzurücken. Sie fegten die Bäume hinweg wie dürres Gras, und ſchoſſen in langen Strahlen bis zum Himmel empor. Der Rauch lagerte ſich jetzt um uns und ward mit jedem Augenblicke dichter, ſo wie das Feuer ſich näherte, während die heiße Atmoſphäre nicht mehr zu ertragen war. Schon erſtickte ſie faſt unſer Athmen.. 1 Tod und Vernichtung ſtierten uns in die Augen, und unſere Leute erhoben ein Geſchrei der Verzweiflung; das Brüllen der brennenden Tannen aber übertäubte ihre Stimmen und Keiner konnte auch nur ſeinen nächſten Kameraden hören. 88 Die Blicke aber verriethen die Gedanken; denn ehe der Rauch ſich niederſenkte, war die Lichtung 2 unnnatürlicher Deutlichkeit ſehen. In den Geſichtern Aller malte ſich Angſt und Entſetzen. Ich theilte daſſelbe nicht ſehr lange. Ich hatte aus meiner vernachläſſigten Wunde allzuviel Blut glänzend erhellt und wir konnten einander mit faſt * — 93— verloren. Ich verſuchte den freien Platz zu erreichen, wie ich Andere thun ſah— ehe ich aber zwei Schritte von dem Baume hinweg war, ſchwankten meine Beine unter mir und ich ſank ohnmächtig zur Erde nieder. õ———j— — SBmölftes Kapitel. Eine Jury mitten im Feuer. Ich hatte, als ich fiel, einen letzten Gedanken; es war der, daß mein Leben nun ſein Ende erreicht habe, daß in wenigen Secunden mein Körper von den Flammen ergriffen werden und ich auf entſetz⸗ liche Weiſe umkommen würde. Dieſer Gedanke preßte mir einen ſchwachen Schrei aus, und mit dieſem Schrei verließen mich meine Sinne. Ich war ſo bewußtlos, als wenn ich todt wäre. In ſo weit Empfindung und Bewußtſein in Frage kamen, war ich auch wirklich todt— und wären die Flammen in dieſem Augenblicke über mich hingegangen, ſo würde ich ſie nicht gefühlt haben. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wäre ich zu Aſche ver⸗ brannt, ohne weitern Schmerz zu erdulden. — 95— Während der Zeit meiner Bewußtloſigkeit hatte ich weder Traum noch Viſion. Soviel weiß ich, daß meine Seele ihre irdiſche Hülle verlaſſen haben mußte. Vielleicht ſchwebte ſie noch darüber oder um mich herum, aber ſie war nicht mehr in mir. Sie hatte ſich von meinen Sinnen getrennt, denn dieſe waren alle todt. Todt, aber fähig, wieder zum Leben erweckt zu werden, und glücklicher Weiſe war ein Wieder⸗ belebungsmittel zur Hand, eben ſo wie Jemand, der es in Anwendung brachte. Als das Bewußtſein zurückkehrte, beſtand die erſte Wahrnehmung, die ich hatte, darin, daß ich bis an den Hals im Waſſer war. Ich war im Teiche und zwar in liegender Stellung. Meine Beine und mein Körper waren unter dem Waſſer und nur der Kopf über der Oberfläche am Ufer lehnend. Ein Mann kniete neben mir, ſelbſt bis zur Hälfte im Waſſer. Meine rückkehrenden Sinne ſetzten mich ſehr bald in den Stand, zu ſagen, wer es war— der treue Schwarze. Er fühlte mir an den Puls und ſchauete mir ſchweigend und forſchend in’s Geſicht. Als meine offenen Augen ſeinem Blicke ant⸗ worteten, ſtieß er einen Freudenruf und die Worte ———————————— aus:„Gott, Maſſa Georg ſein wieder lebendig! Dank ſei Gott allmächtige! Maſſa Georg ſein wieder lebendig. O, ſeien muthig, junge Maſſa, nun werden Alles wieder gut— ja gewiß, nun werden Alles wieder gut.“ „Ich will es hoffen, Jake,“ antwortete ich mit matter Stimme. So matt ſie aber auch war, ſo verſetzte ſie doch den armen Kerl in das größte Ent⸗ zücken, welchem er fortfuhr, nach ſeiner kauderwelſchen und naiven Weiſe Worte zu leihen. Ich konnte den Kopf emporrichten und mich umſehen. Es war ein furchtbares Schauſpiel, welches von allen Seiten meine Augen begrüßten, und Licht genug war auch vorhanden. Der Wald brannte immer noch mit ununter⸗ brochenem Gebrüll, wie das des Donnees oder eines gewaltigen Windes, und dazwiſchen hindurch ver⸗ nahm man lautes Ziſchen und Knallen, welches einem Pelotonfeuer glich. Man hätte meinen ſollen, es ſei das Gewehrfeuer der Indianer; aber dies war unmöglich. Sie mußten ſich ſchon lange vor dem ſich weiter ausbreitenden Kreiſe dieſer Alles verzeh⸗ renden Feuersbrunſt zurückgezogen haben. Es war weniger Flamme als da ich zuletzt darauf geſchauet hatte, und weniger Rauch in der — 97— Atmoſphäre. Das trockne Laub war plötzlich zu Aſche verwandelt worden und die dünnen Reiſer waren zur Erde gefallen, wo ſie eine dichte Schicht glühender Aſche bildeten. Aus dieſer empor ragten die hohen Stämme, halb ihrer Zweige entblößt und alle in Flammen— ſtehend. Die mürbe Rinde hatte überall Feuer ge⸗ fangen und das harzreiche Holz bot den Flammen willkommene Nahrung. Viele Bäume waren weit inwendig hineingebrannt und ſahen aus wie unge⸗ heure glühende eiſerne Säulen. Das Schauſpiel war ein wahrhaft infernaliſches. Auch das Gefühl erinnerte an die Hölle. Die Hitze war furchtbar und die Atmoſphäre erzitterte von dem Wärmeſtoff, von welchem ſie erfüllt war. Das Haar war auf meinem Kopfe geſengt, meine Haut ſchien ſich in Blaſen verwandeln zu wollen, und die Luft, die ich einathmete, glich dem Dampfe aus dem Ventile einer Locomotive. Unwillkürlich ſah ich mich nach meinen Kame⸗ raden um. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend oder mehr befand ſich auf dem freien Platze am Nande des Teiches, aber das waren nicht Alle. Es mußten ungefähr Fünfzig ſein. Wo waren die Andern? Waren ſie in den Flammen umgekommen? Wo waren ſie? Oceola. v. 7 Mechaniſch richtete ich dieſe Frage an Jake. „Dort, Maſſa,“ entgegnete er, indem er ab⸗ wärts zeigte.„Sie Alle noch wohl— Alle noch— ich glauben.“ Ich ſchauete über die Fläche des Teiches. Unge⸗ fähr drei Dutzend runde Gegenſtände begegneten meinem Blicke. Es waren die Köpfe meiner Kame⸗ raden. Eben ſo wie der meine befanden ſich ihre Körper im Waſſer, die meiſten bis an den Hals. Sie hatten ſich auf dieſe Weiſe poſtirt, um dem Rauche ſowohl, als der ſengenden Hitze auszuweichen. Aber die Andern— die am Rande— warum hatten ſie ſich dieſer ſchlauen Vorſichtsmaßregel nicht ebenfalls bedient? Warum ſtanden ſie noch der grimmigen Hitze ausgeſetzt und unter den wallenden Rauch⸗ wolken? Die letztern waren dünn und ſchleierartig ge⸗ worden. Man ſah die Geſtalten der Männer deutlich hindurch und vergrößert wie in einem Rebel. Gleich Rieſen ſchritten ſie hin und her, und die Büchſen in ihrer Hand ſchienen von coloſſalen Dimenſionen zu ſein. Ihre Geberden waren ſchroff und ihre ganze Haltung verrieth, daß ſie ſich in einem Zuſtande der größten Aufregung befanden. Dies war unter den — 99— Umſtänden, welche ſie umgaben, ſehr natürlich. Ich ſah, daß es die bedeutendſten Leute unſerer Schaar waren. Ich ſah Hickman und Wheaterford unter ihnen, welche beide heftig geſtikulirten. Ohne Zweifel beriethen ſie ſich, wie wir zu Werke gehen ſollten. Dies war die Muthmaßung, welche ſich mir bei dem erſten Blicke aufdrang; eine fernerweite ge⸗ nauere Beaugenſcheinigung der Gruppe aber über⸗ zeugte mich, daß ich mich irrte. Es war keine Berathung über unſere künftigen Pläne, die ſie hielten. Wenn einmal zwiſchen den Salven der knallenden und praſſelnden Tannen eine Pauſe eintrat, konnte ich ihre Stimmen hören. Es waren die von Männern, die in einem tödtlichen Streite begriffen waren, beſonders die Stimmen Hickman's und Wheaterford's, welche beide in einem Tone ſprachen, der die verzweifeltſte Entrüſtung verrieth. In dieſem Augenblicke zog ſich der Rauch noch mehr auf die Seite, und ich ſah eine Gruppe, die noch weiter vom Rande des Teiches entfernt ſtand. Es waren ſechs Mann, die zu dreien ſtanden, und ich bemerkte, daß der mittlere von je Drei, von den andern Beiden feſt gepackt gehalten ward. Zwei davon waren alſo Gefangene. Waren es Indianer? Zwei von unſern Feinden, 7* — 100— welche in der Verwirrung des Feuers ſich in die Lich⸗ tung verlaufen hatten und hier gefangen genommen worden waren? Dies war mein erſter Gedanke; in dieſem Augen⸗ blicke aber erfüllte ein Flammenſtrahl, der unter den Baumwipfeln emporſchoß, die Lichtung mit einer Fluth glänzenden Lichtes. Die auf dieſe Weiſe be⸗ leuchtete Gruppe war ſo deutlich zu ſehen, wie am hellen Tage.* Ich war über die Gefangenen nicht mehr in Zweifel. Ihre Geſichter waren vor mir— weiß und hohläugig, wie vor Furcht. Selbſt die rothe Gluth vermochte ihnen keine Farbe mitzutheilen; aber ſo bleich und entſtellt ſie auch waren, ſo machte es mir doch keine Mühe, ſie zu erkennen. Es waren Spence und Williams. Dreizehntes Kapitel. Raſche Juſtiz. Ich drehete mich nach meinem Schwarzen herum, um ihm eine Erklärung abzuverlangen; ehe er aber meine Frage beantworten konnte, begriff ich die Situation mehr als halb von ſelbſt. Mein eigener Zuſtand mahnte mich. Ich ge⸗ dachte meiner Wunde— ich beſann mich, daß ich ſte von hinten erhalten. Ich beſann mich, daß die Kugel, welche den Baum getroffen, von derſelben Richtung hergekommen war. Ich glaubte, wir hätten dieſe Schüſſe den Wilden zu verdanken gehabt. Nein, ſchlimmere Wilde— Spence und Williams— waren die Leute, welche ſie abgefeuert hatten. Der Gedanke war entſetzlich— der Beweggrund räthſelhaft. — 102— Und nun kehrten die Vorfälle der vorigen Nacht in meine Erinnerung zurück— das Benehmen dieſer beiden Burſche im Walde, die verdächtigen Winke, welche der alte Hickman und ſein Begleiter hatten fallen gelaſſen, und weit jenſeits der vergan⸗ genen Nacht ſtiegen andere umſtände— meinem Gedächtniſſe noch wohl eingeprägt— friſch wieder vor mir auf. Hier erkannte ich wieder die Hand des verwor⸗ fenen Arens Ringzold. O Gott! Wenn ich bedachte, daß dieſes Ungeheuer— „Werden Gericht halten über verdammte Schur⸗ ken,“ ſagte Jake zur Antwort auf meine Frage— „weiter ſein das Nichts, Maſſa Georg.“ „Ueber wen denn?“ fragte ich unwillkürlich, denn ich wußte ſchon, wen er mit den„verdammten Schurken“ meinte. „Nun, Maſſa Georg, ſehen nicht da drüben? Gott allmächtige! Sein weiß wie Kreide. Die haben Maſſa geſchoſſen und kein Indianer. Ich wiſſen das gleich und ich ſagen es Maſſa Hickman, aber Maſſa Hickman ſagen, er haben ſelbſt geſehen, und ſo ſagen auch Maſſa Weatherford. Beide haben ſehen dies zwei Schüſſe thun. Nun ſie halten Gericht über ſie auf Tod und Leben.“ MMiit ſeltſamer Empfindung wendete ich meine — — 103— Augen wieder herum und ſchauete erſt auf die eine Gruppe, dann auf die andere. Das Feuer machte jetzt weniger Lärm, denn das harzige Holz war beinahe ausgebrannt, und das Knallen, welches durch das Entweichen der in den zellenförmigen Höhlen eingeſchloſſenen Luft ver⸗ urſacht ward, war weniger häufig geworden. Man hörte Stimmen über die Lichtung herüber und ich hörte aufmerkſam auf die der improviſirten Jury. Ich bemerkte, daß ein Streit ſtattfand. Die Ge⸗ ſchworenen waren über ihr Verdict nicht einig. Einige verlangten den ſofortigen Tod der Gefan⸗ genen, während Andere, die einer ſolchen raſchen Beſtrafung abgeneigt waren, verlangten, man ſolle erſt noch fernerweite Unterſuchungen über ihre zeit⸗ herige Handlungsweiſe anſtellen. Es waren auch Einige, die nicht an ihre Schuld glauben konnten. Die That war zu ungeheuerlich und unwahrnſcheinlich. Aus welchem Beweggrunde konnten ſie ſie begangen haben, noch dazu zu einer Zeit, wo ihr eigenes Lebew ſelbſt in der größten Gefahr ſchwebte? „Nicht in der mindeſten Gefahr, rief Hickman zur Antwort auf dieſe Frage,„nicht in der mindeſten Gefahr. Den ganzen Tag iſt kein Schuß nach ihnen abgefeuert worden. Ich ſage Euch, Kameraden, d d — 104— ſie mit den Indianern unter Einer Decke ſtecken. Sie ſind Nichts weiter als Spione, und das Werk der letzten Nacht beweiſ't es. Es waren Nichts als Lügen, daß ſie ſich verirrt hätten— ſolche Kerle⸗ verirren ſich nicht. Sie ſind Beide in dieſen Wäl⸗ dern hier ſo genau bekannt, wie die Thiere, die darin leben. Sie ſind Beide ſchon viel Mal hier geweſen und ein wenig zu oft, glaube ich. Die und ſich verirren! Habt Ihr wohl jemals gehört, daß ein Waſchbär ſich verirrt habe?“ Einer der Andern antwortete. Ich konnte nicht verſtehen, was er ſagte; aber gleich darauf ließ die Stimme des Jägers ſich wieder deutlich und⸗ klar vernehmen. „Ihr ſchwatzt von ihrem Beweggrunde? Ihr meint, was ſie wohl für Urſachen zu einem ſolchen blutigen Bubenſtücke gehabt haben könnten? Dieſe urſachen ſind allerdings nicht klar, das gebe ich zu, aber ich habe auch meinen Verdacht. Ich ſage nicht, wer oder was. Es giebt Dinge, welche ſein können, und es giebt wieder andere, die nicht ſein können,. aber ich habe in dieſen letzten fünf Jahren mancherlei ſeltſame Geſchichten bemerkt und von Andern gehört — und wenn das, was ich gehört habe, wahr iſt — daß das, was ich geſehen habe, wahr iſt, weiß — dann ſage ich Euch, Kameraden, d4s ein — 105— Vornehmerer als Einer von dieſen Beiden hinter der ganzen Geſchichte ſteckt— das iſt meine Meinung.“ „Aber ſagt Ihr wirklich, daß Ihr ſie nach dieſer Richtung hin zielen ſahet? Wißt Ihr das gewiß?“ Dieſe Frage ward von einem langen Manne geſtellt, der mitten unter den Streitenden ſtand, einem Manne von vorgerückten Jahren und etwas ſtrenger, aber ehrwürdiger Miene. Ich kannte ihn als einen unſerer Nachbarn in der Niederlaſſung— einen reichen Pflanzer— der einigen Verkehr mit meinem Onkel hatte und aus Freundſchaft gegen unſere Familie ſich der Verfolgung angeſchloſſen hatte. „Ob ich's gewiß weiß?“ wiederholte der alte Jäger mit Nachdruck und nicht ohne einen gewiſſen Grad von Entrüſtung.„Haben wir zwei, ich und Jim Waatherford, es nicht mit unſeren eignen Augen geſehen? Wir hatten ſie den ganzen Tag belauert, denn wir wußten, daß die Sache nicht mit rechten Dingen zuging. Wir ſahen ſie Beide über die Lich⸗ tung hinüber feuern und gerade auf den jungen Randolph zielen. Ueberdies ſagt auch der Schwarze ſelbſt, daß zwei Schüſſe von dieſer Richtung her⸗ 1 kamen. Was könnt Ihr noch weiter für Bemeiſe verlangen?“ In dieſem Augenblicke hörte ich eine 8 —— — 106— neben mir. Es war die Jake's, welcher den Ge⸗ ſchworenen zurief. „Maſſa Hickman,“ rief er,„wenn noch mehr Beweis nöthig ſein, ich glaube, Jake kann geben. Eine von die Kugeln fehlen jungen Maſſa und ſtecken in den Baum. Dieſe Baum ſtehen noch dort— ſein noch nicht verbrannt. Vielleicht finden Herren Kugeln noch in Baum und dann ſein ſehr leicht ſagen, in welche Gewehr dieſe Kugel paſſen.“ Dieſer Wink ward ſogleich befolgt. Mehrere liefen auf den Baum zu, hinter welchem Jake und ich geſtanden und der mit einigen andern in der Nähe aus irgend welcher Veranlaſſung nicht von den Flammen verzehrt worden, ſondern noch mit ſchwarzem, obſchon unverſehrtem Stamme daſtand. Jake ging mit den Uebrigen hin und bezeichnete die Stelle.— Die Rinde ward unterſucht, das Schußloch gefunden und der bleierne Zeuge ſorgfältig heraus⸗ gegraben. Er hatte noch ſeine kugelförmige von den Zügen des Laufes leicht geriefte Geſtalt. Es war eine Büchſenkugel, und zwar eine von. der größten Sorte. Es war bekannt, daß Spence eine Büchſe von großem Kaliber führte. Die Gewehre — 107— Maß daran genommen. Die Kugel ging in den Lauf keiner andern Büchſe als in die Spence's. Nun war die Schuld erwieſen und das Verdict ward nicht länger aufgeſchoben. Es lautete ein⸗ ſtimmig dahin, daß die Gefangenen ſterben ſollten. „Und laßt ſie ſterben wie Hunde, die ſie auch ſind,“ rief Hickman, indem er entrüſtet die Stimme erhob und gleichzeitig ſeine Büchſe anlegte.„Kömm', Jim Weatherford. Laßt ſie laufen, Kameraden, und geht dann aus dem Wege. Wir wollen ihnen geben, was ihnen gehört. Sie mögen nach jenen Bäumen laufen, wenn ſie wollen, und ſich immer an die Hitze gewöhnen, denn es wird nicht lange dauern, ſo werden ſie an einem noch viel heißeren Orte ſein.“ „Laßt ſie gehen, laßt ſie gehen,“ ſage ich,„oder beim Teufel! ich feuere mitten unter Euch hinein!“ Die, welche die Gefangenen bis jetzt gehalten, ließen, als ſie die drohende Haltung des Jägers ſahen, und fürchteten, daß er ſein Wort halten werde, ſie plötzlich los und liefen zurü nach der Gruppe der Geſchworenen. Die beiden elenden Wichte ſchienen nicht zu wiſſen, was ſie thun ſollten. Der Schrecken ſchien ihnen die Sprache geraubt zu haben und ſie ſtanden wie angewurzelt. Keiner von Beiden machte einen Verſuch, den Platz zu verlaſſen. — 108— Vielleicht leuchtete ihnen auch die vollſtändige Unmöglichkeit, dies zu thun, ein, und raubte ihnen alle Kraft, den Verſuch zu machen. Aus der Lich⸗ tung konnten ſie nicht entrinnen. Die ihnen freige⸗ ſtellte Flucht nach den Bäumen war ein bitterer Hohn des entrüſteten Jägers. In zehn Secunden wären ſie unter den brennenden Aeſten geröſtet worden. 1 Es war ein Augenblick athemloſer Erwartung. Nur eine einzige Stimme ließ ſich hören— es war die Hickman’'s. „Na, Jim, nimm Du Spence und laß den andern mir.“ 3 84 Dies ward in eiligem, gedämpftem Tone geſagt, und die Worte waren kaum ausgeſprochen, als die beiden Büchſen gleichzeitig knallten. Als der Rauch ſich verzog, ſah man die tödt⸗ liche Wirkung des Schuſſes. Die Execution war vorüber. Die Verräther hatten aufgehört zu leben. Vierzehntes Kapitel. Ein unerwarteter Feind. Wie auf der Bühne eines Theaters die Poſſe auf das erhabene Melodrama folgt, ſo folgte auch hier auf die tragiſche Scene ein Vorfall, der im höchſten Grade komiſch und lächerlich war. Er er⸗ weckte ein lautes Gelächter, welches unter den ob⸗ waltenden Umſtänden wie das von Wahnſinnigen klang. In der That konnte man dieſe Leute auch für wahnſinnig halten, da ſie der Heiterkeit Raum gaben, während eine ſo düſtere und ſchreckensvolle Ausſicht vor ihnen lag— die Ausſicht auf faſt ge⸗ wiſſen Tod, entweder von den Händen unſerer wil⸗ den Angreifer oder durch Hunger. Vor den Indianern hatten wir jetzt jedoch keine Furcht. Die Flammen hatten uns aus dem Ge⸗ — 110— hölze herausgetrieben, aber gleichzeitig auch unſere Feinde gezwungen, ihre Poſition zu verlaſſen, und wir wußten, daß ſie jetzt weit von uns waren. Nahe konnten ſie nicht ſein. Die verbrannten Aeſte waren von den Tannen herabgefallen, und das Laub⸗ oder vielmehr Nadelwerk war vollſtändig ver⸗ zehrt, ſo daß das Auge im Stande war, den Wald ſehr weithin zu durchdringen. Auf jeder Seite hat⸗ ten wir eine Fernſicht von fünfzehnhundert Schritten durch die Zwiſchenräume zwiſchen den rothglühenden Stämmen hindurch, und darüber hinaus hörten wir an dem Ziſchen der Flammen und dem fortwähren⸗ den Kniſtern der Aeſte, daß friſche Bäume in den Umkreis der Feuersbrunſt hineingezogen worden, welche ihre Peripherie nach außen hin immer weiter ausdehnte. 5 Allmählig ward das Geräuſch matter, bis es eine genaue Aehnlichkeit mit dem Grollen entfernten Donners hatte. Wir hätten glauben können, das Feuer verlöſche; aber der leuchtende Ring um den Horizont herum bewies, daß die Flammen noch auf⸗ ſtiegen. Blos weil das Geräuſch jetzt aus einer größern Entfernung kam, hörten wir es weniger deutlich. uUnſere Feinde mußten natürlich noch weiter entfernt von uns ſein. Sie mußten ſich vor dem 8 ſich immer mehr erweiternden Ringe des Brandes zurückgezogen haben. Natürlich hatten ſie ſich auch vorgenommen, dies zu thun, ehe ſie den Brand ent⸗ zündeten. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatten ſie ſich bis auf die Savannah zurückgezogen, um den Ausgang abzuwarten. Ihre Abſicht, weßhalb ſie den Wald in Brand geſteckt, war nicht ſo leicht zu errathen. Vielleicht erwarteten ſie, daß das ungeheure Flammenmeer ſich über uns ſchließen und uns verzehren, oder, noch wahrſcheinlicher, daß wir unter den dichten Rauchwolken erſticken würden. Dies wäre auch in der That unſer Schickſal ge⸗ weſen, wenn wir nicht den Teich in unſerer Nähe gehabt hätten. Meine Kameraden ſagten mir, daß ſie von dem Rauche furchtbar auszuſtehen gehabt und daß ſie hätten erſticken müſſen, wenn ſie nicht in den Teich geſprungen wären und die Geſichter dicht an den Waſſerſpiegel gehalten hätten, der an und für ſich mehrere Fuß tiefer lag als das Niveau des Bodens. Für mich war es eine Stunde der Bewußtloſig⸗ keit geweſen. Mein treuer Neger hatte mich— als Leiche, wie er glaubte— an das Waſſer getragen und neben meine Kameraden gelehnt. Später— als der Rauch ſich theilweiſe verzogen hatte— 6.. — 112— ward Gericht über die Spione gehalten. Hickman und Weatherford, welche über die Handlungsweiſe dieſer Ungeheuer im höchſten Grade entrüſtet waren, wollten von keinem Aufſchube hören, ſondern be⸗ ſtanden auf ſofortiger Beſtrafung. Deßhalb wurden die Elenden ergriffen und aus dem Teiche herausge⸗ ſchleppt, um die Formalität eines Verhörs über ſich ergehen zu laſſen. Dieſe Kriſis war es, in welcher meine Beſinnung zurückkehrte. Sobald das furchtbare Urtheil vollzogen war, kamen die vormaligen Geſchworenen in den Teich zurück und ſtellten ſich ſo tief als möglich in'’s Waſ⸗ ſer. Die Hitze war noch ſehr groß und kaum zu er⸗ tragen. 4 Nur zwei unſerer Kameraden ſchienen nicht darauf zu achten und bewieſen ihre Gleichgültigkeit in dieſer Beziehung dadurch, daß ſie am Rande des Teiches blieben. Es waren dies die beiden Jäger. Mit dem Meſſer in der Hand ſah ich ſie jetzt ſich über einen dunklen in der Nähe liegenden Gegenſtand nei⸗ gen. Es war das Pferd, welches Hickman am Mor⸗ gen erſchoſſen hatte. Nun begriff ich den mir bis jetzt räthſelhaft ge⸗ weſenen Beweggrund des alten Jägers. Es war ein Act jener ſchlauen Vorausſicht, welche den Mann — 113— charakteriſirte und gewiſſermaßen inſtinetartig ge⸗ nannt werden konnte. 8 Sie begannen das Pferd abzuhäuten, und hat⸗ ten nach wenigen Seeunden einen für ihren Zweck hinreichenden Theil der Haut abgeſchält. Dann ſchnitten ſie mehrere große Stücken des Fleiſches heraus und legten ſie auf die Seite. Nachdem dies geſchehen war, trat Wheaterford bis an den Rand des brennenden Gehölzes und kam gleich darauf mit einem Arme voll halbverbrannter Reiſer zurück. Dieſe wurden nahe am Rande des Teiches zu einem Feuer zuſammengebaut, und die beiden Män⸗ ner kauerten daneben nieder und begannen das Pferde⸗ fleiſch an Bratſpießen von dünnen Aeſten zu braten, und unterhielten ſich dabei mit einander ſo kaltblü⸗ tig und heiter, als ob ſie in der Kaminecke ihrer Hütten ſäßen. Es gab noch Mehrere, die, eben ſo hungrig als ſie, den Wink verſtanden und ihr Beiſpiel nach⸗ zuahmen begannen. Die Qualen des Hungers be⸗ ſtegten die Furcht vor der heißen Atmoſphäre, und binnen wenigen Minuten ſah man ein Dutzend Män⸗ ner wie Geier um das todte Pferd herum gruppirt und an dem Cadaver herumhacken und hauen. Während dieſer Situation ereignete ſich der Vor⸗ fall, den ich als drollig und lächerlich bezeichnet habe. Oceola. V.. 8 — 114— Mit Ausnahme der Wenigen, welche mit Bereitung ihres Mahles beſchäftigt waren, blieben die Uebrigen von uns im Waſſer. Wir lagen um den kreisrun⸗ den Rand des Waſſerbeckens herum, mit den Körpern parallel neben einander und mit den Köpfen auf dem Ufer. Wir glaubten nicht, daß wir durch einen Eindringling irgend welcher Art geſtört werden könn⸗ ten— wenigſtens nicht in der nächſten Zeit. Das Feuer fürchteten wir nicht mehr, und tuiſere barba⸗ riſchen Feinde waren weit fort. Mit einem Male aber zeigte ſich ein Feind an einer ganz unerwarteten Stelle— nämlich gerade in der Mitte von uns— gerade in der Mitte des Teiches, wo das Waſſer am tiefſten war, erhob ſich eine ungeheuerliche Geſtalt plötzlich auf die Ober⸗ fläche, und gleichzeitig wurden unſere Ohren mit einem lauten Gebrülle begrüßt, als ob ein Schock Stiere in der Waldwieſe losgelaſſen worden wären. In einem Augenblicke war das Waſſer in wilder Aufregung— es ward zu Schaum gepeitſcht— welcher wie Regen um unſere Köpfe herum geſchleu⸗ dert ward. So zauberhaft und plötzlich dieſe Erſcheinung auch war, ſo hatte ſie doch nichts Geheimnißvolles. Die ſcheußliche Geſtalt und das tiefe Gebrüll waren uns Allen wohlbekannt. Es war einfach ein Alligator. — 115— Ohne ſeine ungeheure Größe würde die Nähe dieſes Thieres kaum beachtet worden ſein, aber es war einer der größten ſeiner Art. Sein Körper kam an Länge faſt dem Durchmeſſer des Teiches gleich, und ſein ungeheurer Rachen ſchien recht wohl im Stande zu ſein, Einen von uns auf einen einzigen Biſſen zu verſchlingen. Auch ſein Gebrüll war hin⸗ reichend, um auch den Kühnſten mit Schrecken zu erfüllen. Dieſe Wirkung brachte es auch hervor, und die erſchrockenen Mienen Derer, welche im Waſſer ſtan⸗ den— ihr wildes Plätſchern und Arbeiten, während ſie ſich beeilten, hinauszuklettern, ihr gleichzeitiges Hinaufrutſchen an dem etwas ſteilen Rande, worauf ſie ſich uͤber den freien Platz hinweg zerſtreueten, alles Dies trug bei, ein eben ſo lächerliches als an⸗ regendes Schauſpiel zu gewähren. Binnen weniger als zehn Secunden hatte der große Saurier den Teich für ſich allein, und fuhr fort zu brüllen und mit ſeinem Schweife hin⸗ und herzuſchlagen, als ob er über unſere Flucht triumphirte. Dieſes Triumphes ſollte er ſich jedoch nicht lange erfreuen. Die Jäger, ſo wie mehrere Andere, er⸗ griffen ihre Büchſen und rannten damit bis an den Rand des Teiches, wo dann eine Salve von einem 8* — 116— Dutzend Kugelbüchſen dem Leben des Ungeheuers ein Ende machte. Die, welche am Lande geweſen waren, hatten ſich ſchon über die erſchrockenen Flüchtlinge vor La⸗ chen ausſchütten wollen, und die Letztern, die ſich nun von ihrem augenblicklichen Schrecken erholt hatten, ſtimmten jetzt in das Gelächter ebenfalls und zwar auf eine Weiſe ein, daß der Wald davon wider⸗ hallte. Hätten die Indianer uns in dieſem Augen⸗ blicke hören können, ſo hätten ſie glauben müſſen, wir ſeien wahnſinnig oder wahrſcheinlicher todt, und unſere Stimmen wären die ihrer von Wykome ſelbſt angeführten Freunde, welche über das hölliſche Brand⸗ opfer frohlockten. Fünfzehntes Kapitel. Ein Kampf im Finſtern. Der Wald brannte noch die ganze Nacht hin⸗ durch, den nächſtfolgenden Tag und die Nacht dar⸗ nach. Selbſt am zweiten Tage brannten die meiſten Bäume noch. Sie loderten aber nicht mehr, denn die Luft war vollkommen ſtill und es war kein Wind, der das Feuer zu hellen Flammen angefacht hätte. Man ſah es nur in rothen Flecken an den Stämmen ſengend und allmählig geringer werdend, ſo wie ſeine Kraft von ſelbſt erſtarb. Von vielen der Bäume war das Feuer ganz verſchwunden und dieſe hatten jetzt keine Aehnlichkeit mehr mit Bäumen, ſondern ſahen aus wie ungeheuere ſpitzige, verkohlte, ſchwarze und reichlich mit Kohlentheer beſtrichene Pfähle. Obſchon es Theile des Waldes gab, welche hätten — 118— durchſchritten werden können, ſo gab es doch auch noch andere Plätze, wo das Feuer noch hinreichend brannte, um unſer Vordringen unmöglich zu machen. Wir wurden noch von dem feurigen Elemente bela⸗ gert und waren in die engen Grenzen der Waldwieſe oder Lichtung ſo vollſtändig eingeſchloſſen, wie von einer uns zwanzig Mal an Zahl überlegenen feind⸗ lichen Armee. Keine Hülfe konnte zu uns dringen; ſelbſt unſere Feinde hätten, ſo weit unſer Leben in Frage kam, die„Belagerung nicht aufheben“ können. Die Vorſicht des alten Jägers hatte uns ſehr gute Dienſte geleiſtet. Ohne das Pferd hätten Einige von uns dem Hunger erliegen oder wenigſtens furcht⸗ bar leiden müſſen. Wir hatten jetzt vier Tage ohne Nahrung zugebracht, mit Ausnahme der, welche die Handvoll Tannzapfen und das Pferdefleiſch gewährten, und immer noch umſchloß uns der feurige Wald. Es gab keine andere Wahl als zu bleiben, wo wir waren, bis, wie Hickman meinte, der Wald„kühler“ werden würde. 8 Vir wurden durch die Hoffnung ermuthigt, daß noch ein Tag dies bewirken würde und wir dann unverſehrt unter den verkalkten Stämmen hindurch und über die ſchwarze ſengende Aſche hinwegwandern könnten. Die Ausſicht vor uns aber war eben ſo 4 1* — 119— düſter als die rund um uns. Während unſere Furcht vor dem Feuer ſich minderte, ſtieg die vor unſeren menſchlichen Feinden in umgekehrtem Verhältniſſe. Wir hatten nur wenig Hoffnung, ohne einen Zuſammenſtoß wegzukommen. Unſere Feinde konn⸗ ten die Wälder eben ſo raſch durchwandern als wir, und beobachteten uns ſicherlich auf's Schärfſte. Mit ihnen hatten wir daher die Rechnung noch auszu⸗ gleichen. Aber wir waren mittlerweile grimmiger und furchtloſer geworden. Der größte Feigling unſeres Trupps war tapfer geworden und Keiner war für Davonſchleichen oder Zaudern. Mochten wir ſtehen oder fallen, ſo waren wir entſchloſſen, feſt zuſammen⸗ zuhalten, uns durch die feindlichen Linien hindurch⸗ zuſchlagen oder in dem Verſuche umzukommen. Es war nur das alte Programm mit einer kleinen Ver⸗ änderung der Inſceneſetzung. Wir warteten blos auf die nächſte Nacht, um den Plan in Ausführung zu bringen. Der Wald war bis dahin wahrſcheinlich noch nicht ſo„kühl“, wie wir gewünſcht hätten, aber der Hunger ſtachelte uns wieder. Das Pferd— ein kleines— war ver⸗ ſchwunden. Funfzig ausgehungerte Magen ſind nicht ſo leicht zu befriedigen. Die Knochen lagen rings umher, ganz ſauber abgenagt— die, welche Mark — 120— enthielten, waren in Stücken zerſchlagen und ihres Inhalts entledigt. Sogar der ſcheußliche Saurier war ein Skelett! Einen noch widerlichern Anblick aber boten die Leichen der beiden Verbrecher dar. Die Hitze hatte ſie zu einem ungeheuren uUmfange aufgeſchwellt und die Verweſung ſchon begonnen. Die Luft war er⸗ füllt von den gräßlichen Ausſtrömungen, welche der Leiche eines menſchlichen Weſens eigenthümlich ſind. Unſere im Kampfe gefallenen Kameraden waren begraben worden und man hatte davon geſprochen, mit den andern daſſelbe zu thun. Niemand wendete Etwas dagegen ein, aber Niemand wollte freiwillig die Mühe auf ſich nehmen. In ſolchen Fällen wer⸗ den die Menſchen von einer außerordentlichen Apathie beherrſcht, und dies war hauptſächlich der Grund, weßhalb die Leichen der beiden Spione unbegraben geblieben waren. Mit ſehnſüchtig nach Weſten gerichteten Augen erwarteten wir den Untergang der Sonne. So lange ihre glühende Scheibe noch über dem Horizonte ſchwebte, konnten wir in Bezug auf den Zuſtand des Feuers nur Vermuthungen anſtellen. Die Finſterniß erſt mußte uns in den Stand ſetzen, den Theil des Waldes zu unterſcheiden, der noch brannte, und die Richtung zu ermitteln, welche wir einzuſchlagen hatten. * — 121— Das Feuer ſelbſt mußte uns zeigen, wie wir es ver⸗ meiden konnten. Die Dämmerung fand uns in der geſpannteſten Erwartung und nicht ohne Hoffnung. Es war nur wenig Geräuſch unter den verbrannten Tannen zu vernehmen und der Rauch ſchien dünner zu ſein, als wir ihn bis jetzt bemerkt hatten. Alle glaubten, das Feuer ſei ziemlich aus und die Zeit da, wo wir hindurchpaſſiren könnten. Ein unerwarteter Uuſſand ſetzte dieſen Punkt außer Zweifel. Während wir noch daſfanden und warteten, fing es an zu regnen— anfangs in ſchweren einzel⸗ nen Tropfen, aber nach wenigen Minuten goß es, als ob alle Schleußen des Himmels mit einem Male geöffnet worden wären. Wir begrüßten das Phänomen mit Freuden— es ſchien ein Omen zu unſern Gunſten. Unſere Leute ließen ſich kaum abhalten, ſofort aufzubrechen; die Vorſichtigern aber riethen zur Geduld und wir blie⸗ ben ſtehen und warteten auf noch tiefere Finſterniß. Der Regen fuhr fort herabzuſtrömen, und ſeine Wolken beſchleunigten die Nacht. So wie es dunkler ward, zeigte ſich kaum noch ein Funke unter den Bäumen. „Es iſt nun finſter genug,“ ſagten die Unge⸗ 4 — 122— duldigen. Die Andern ſtimmten bei und Alle mach⸗ ten ſich nun auf den Weg in den ſchwarzen Schooß des verbrannten Waldes hinein. Wir bewegten uns ſchweigend. Jeder faßte ſein Gewehr und hielt es zum ſofortigen Gebrauche bereit. Das meine führte ich in nur Einer Hand— die andere ruhte in einer Binde. 3 Ich befand mich nicht allein in dieſem Zuſtande. Ein halbes Dutzend meiner Kameraden waren eben⸗ falls in die Arme geſchoſſen worden und wir bildeten zuſammen den Nachtrab. Die Unverwundeten mar⸗ ſchirten voran, und Hickman und Wheaterford agir⸗ ten als Führer. 8 Der Regen ſchmetterte auf uns herab— es war kein Laubwerk mehr da, welches ihn aufgefangen hätte. Während wir unter den verbrannten Bäu⸗ men hinmarſchirten, wurden uns die ſchwarzen Schlacken in's Geſicht getrieben und eben ſo ſchnell wieder abgewaſchen. Die meiſten unſerer Leute waren barhäuptig, denn ihre Mützen hatten ſie auf die Schlöſſer ihrer Flinten gedeckt, um dieſe trocken zu erhalten; Einige ſchützten ihr Zündkraut auch mit den Schößen ihrer Röcke. Auf dieſe Weiſe hatten wir beinahe eine halbe engliſche Meile zurückgelegt— wir wußten nicht in welcher Richtung. Kein Führer hätte durch einen —zꝛ— — 123— ſolchen Wald hindurch einen Pfad finden können. Wir bemühten uns, blos immer geradeaus zu mar⸗ ſchiren, mit der Abſicht, über unſere Feinde hinaus⸗ zukommen. Da wir ſo lange unbeläſtigt geblieben waren, ſo hatten wir angefangen zu hoffen. Ach, es war nur ein augenblicklicher Schimmer! Wir ſchlugen die Schlauheit unſerer rothen Feinde zu gering an. Sie hatten uns während der ganzen Zeit auf's Schärfſte beobachtet— ſie waren uns nachgeſchlichen und marſchirten in einiger Entfernung zu beiden Seiten von uns in zwei parallellaufenden Linien. Während wir von Sicherheit träumten, hatten ſie uns in ihrer Mitte. Die Blitze von hundert Mus⸗ keten durch den nebligen Regen hindurch— das Pfeifen von eben ſo vielen Kugeln— war die erſte Andeutung, die wir von ihrer Nähe bekamen. Mehrere von uns ſtürzten unter dieſer Salve— Einige erwiderten das Feuer— Einige dachten nur an Flucht. Mit gellendem Geſchrei rückten die Wilden uns näher; in der Dunkelheit ſchienen ſie zahlreicher zu ſein als die Bäume. Mit Ausnahme des gelegentlichen Knalls eines Piſtols wurden keine andern Schüſſe gehört oder ab⸗ gefeuert— Niemand dachte daran, wieder zu laden. — 124— Der Feind war über uns, ehe wir noch Zeit hatten, einen Ladeſtock zu ziehen. Meſſer und Beil ſollten das Gefecht entſcheiden. 3 Der Kampf war eben ſo blutig als kurz. Viele von unſern wackern Leuten fanden den Tod, aber Jeder tödtete ſeinen Feind— Einige zwei oder drei— ehe er fiel. Es dauerte nicht lange, ſo waren wir über⸗ wunden. Wie konnte es auch anders ſein? Die Feinde waren Fünf gegen Einen. Sie waren friſch und ſtark— wir vom Hunger ermattet— beinahe ausgemergelt— Viele von uns verwundet— wie 2 konnte es anders ſein? Ich ſah nur wenig von dem Kampfe— viel⸗ leicht ſahen auch die Andern nicht mehr. Es war ein Kampf im Dunkeln— in faſt vollſtändiger Fin⸗ ſterniß. b Mit nur Einer Hand— und zwar der linken — war ich faſt ganz hülflos. Ich ſchoß meine Büchſe auf's Gerathewohl ab und hatte es eben möglich gemacht, ein Piſtol zu ziehen, aber ein Hieb mit einem Tomahawk hinderte mich, es zu gebrauchen, und ſchlug mich gleichzeitig beſinnungslos zu Boden. Ich war blos betäubt, und als meine Sinne zurückkehrten, bemerkte ich, daß der Kampf vorüber war. So dunkel es auch⸗ war, ſo konnte ich doch — 125— eine Anzahl ſchwarzer Gegenſtände in meiner Nähe auf dem Boden liegen ſehen— es waren die Leichen der Erſchlagenen. Einige davon waren meine vormaligen Kamera⸗ den— Andere die Feinde derſelben— in vielen Fällen hielten ſie ſich einander noch feſt umſchlungen. Rothe Indianer beugten ſich über ſie, wie um ſie zu trennen. An den erſtern übten ſie das gräßliche Ceremoniell ihrer Rache— ſie ſkalpirten ſie. Eine Gruppe war näher— die Individuen, welche dieſelbe bildeten, ſtanden aufrecht. Einer in ihrer Mitte ſchien Befehle zu ertheilen; ſelbſt in dem grauen Lichte konnte ich drei wehende Federn unterſcheiden. Abermals Oceola! Ich war nicht frei, ſonſt wäre ich in dieſem Augenblicke hervorgeſtürzt und hätte ihn gepackt— wenn auch mein Bemühen ein eitles geweſen wäre. Aber ich war nicht frei. Zwei Wilde knieten neben mir, als ob ſie mich bewachten und mich am Ent⸗ fliehen hindern wollten. Ich ſah, daß mein Neger nicht weit von mir lag. Auch er lebte noch und wurde auf dieſelbe Weiſe bewacht. Warum hatte man uns nicht ge⸗ tödtet? Ein Mann näherte ſich dem Platze, wo wir lagen. Es war nicht der mit den Straußenfedern, — 126— obſchon dieſer Letztere ihn abgeſendet zu haben ſchien. Als er ſich näherte, bemerkte ich, daß er ein Piſtol in der Hand trug. Meine Stunde hatte geſchlagen. Der Mann beugte ſich⸗über mich und hielt die Waffe dicht an mein Ohr. Zu meinem Erſtaunen feuerte er in die Luft! Ich glaubte, er hätte mich gefehlt und würde es nochmals verſuchen. Dieſes aber war nicht ſein Zweck. Er hatte blos Licht gebraucht. Während das Pulver aufblitzte, erhaſchte ich einen Schimmer von dem Geſichte. Es war das eines Indianers. Ich glaubte, ich hätte es ſchom früher geſehen, und nach einem Ausdrucke, deſſen er ſich bediente, ſchien er mich zu kennen. Er ging raſch weiter und nach der Stelle, wo Jake gefangen gehalten ward. Das Piſtol mußte zwei Läufe gehabt haben, denn ich hörte ihn es wie⸗ der abfeuern, indem er ſich zugleich in ähnlicher Weiſe über die ausgeſtreckte Geſtalt des Negers beugte. Dann erhob er ſich wieder und rief: „Sie ſind es— Beide lebendig!“ Dieſe Meldung ſchien für Den mit den ſchwar⸗ zen Federn beſtimmt zu ſein; denn in dem Augenblicke, wo ſie gemacht ward, ſtieß er einen Ausruf aus, den ich nicht verſtand, und ging dann fort. Seine Stimme machte einen ganz eigenthümlichen — 127— Eindruck auf mich. Es war mir, als klänge ſie nicht wie die Oceola's! Wir wurden nur noch einige Minuten auf die⸗ ſem Platze gefangen gehalten, bis einige Pferde her⸗ beigebracht wurden. Auf zwei derſelben wurden Jake und ich geſetzt und feſt an die Sättel gebunden. Der Befehl zum Aufbruche ward ſodann gegeben, und⸗ während zwei Indianer zu beiden Seiten neben uns herritten, wurden wir durch den Wald geführt. Sechzehntes Kapitel. — Die drei ſchwarzen Federn. Wir ritten die ganze Nacht. Der verbrannte Wald war hinter uns, und nachdem wir eine Sa⸗ vannah paſſirt, ritten wir mehrere Stunden lang durch einen Wald von Rieſeneichen, Palmen und Magnolien. Ich erkannte dies an dem Dufte der Magnolienblüthen, welche nach der ſtinkenden Atmo⸗ ſphäre, die wir geathmet, angenehm und erfriſchend rochen. Gerade als der Tag anbrach, erreichten wir eine Lichtung im Walde, wo unſere Sieger Halt machten. Die Lichtung war von geringem Umfange— nur wenige Acker— ringsum von Palmen, Magno⸗ lien und Lebenseichen dicht eingeſchloſſen. Ihr Laub⸗ werk hing bis auf den Boden herab, ſo daß die 4 — Waldwieſe von einer ungeheueren grünen Mauer umgeben zu ſein ſchien, durch welche kein Ausgang erkennbar war. In dem grauen Lichte bemerkte ich die Umriſſe eines Lagers. Es waren zwei oder drei Zelte mit ringsherum an Pfählen angebundenen Pferden und menſchlichen Geſtalten, einige aufrecht und ſich um⸗ herbewegend, andere auf dem Graſe liegend, allein oder in Gruppen, als wenn ſie bei einander ſchlie⸗ fen, um ſich gegenſeitig zu erwärmen. In der Mitte brannte ein großes Feuer, und um daſſelbe herum ſaßen oder ſtanden Männer und Frauen. Bis an den Rand dieſes Lagers waren wir gebracht wor⸗ den, aber man ließ uns keine Zeit, Beobachtungen anzuſtellen. In dem Augenblicke, wo Halt gemacht ward, wurden wir mit rauher Hand von unſern Sätteln herabgezerrt und der Länge nach auf das Gras hin⸗ geworfen. Sodann wurden wir auf den Rücken gewendet; Riemen wurden um unſere Handgelenke und Knöchel gebunden; unſere Arme und Beine wurden zu ihrer vollen Länge ausgedehnt und wir ſo feſt an in den Boden eingeſchlagene Pfähle ge⸗ bunden, wie ein Paar zum Trocknen ausgebreitete Thierhäute. Natürlich konnten wir in dieſer Lage weder Oceola. V. 9 von dem Lager, noch von den Bäumen, noch von der Erde ſelbſt etwas Weiteres ſehen. Wir ſahen Nichts als den blauen Himmel über uns. Die Poſition wäre unter allen Umſtänden eine ſchmerzhafte geweſen, mein verwundeter Arm aber machte ſie zu einer wirklich folternden. Unſere Ankunft hatte das Lager in Bewegung geſetzt. Es kamen Männer herbei, uns entgegen, und Weiber ſammelten ſich um uns, während wir auf dem Rücken lagen. Es waren Indianerinnen unter ihnen; zu meinem Erſtaunen aber bemerkte ich, daß die meiſten von afrikaniſcher Abkunft— Mulatten, Zambos und Negerinnen waren. Eine Zeitlang ſtanden ſie neben uns und ver⸗ höhnten und verlachten uns. Sie begannen ſogar, uns zu martern. Sie ſpieen uns an, riſſen uns ganze Hände voll Haare mit den Wurzeln heraus, ſtachen uns mit ſcharfen Dornen und heulten dabei vor teufliſchem Frohlocken, indem ſie zugleich in einer unverſtändlichen Sprache durch einander ſchnatterten, welche ein Gemiſch von Spaniſch und Yamaſſee zu ſein ſchien. Meinem Mitgefangenen ging es eben ſo ſchlecht als mir. Gleichheit der Farbe erweckte bei dieſen teufliſchen Weibern keine Sympathie. Schwarz war eben ſowohl das Opfer ihrer Grauſamkeit als Weiß. * — 131— Einen Theil von ihrem Kauderwälſch verſtand ich. Durch einige Bekanntſchaft mit der ſpaniſchen Sprache unterſtützt, hörte ich, was man mit uns zu thun beabſichtigte. Die Kenntniß, die ich auf dieſe Weiſe erhielt, war weit entfernt, mir Troſt zu gewähren. Wir waren in das Lager gebracht worden, um gemar⸗ tert zu werden. Wir waren ſchon hinreichend ge⸗ martert; aber es war noch nicht Alles, was wir beſtimmt waren zu leiden. Wir ſollten die Schlacht⸗ opfer eines großartigen Schauſpiels werden, und dieſe teufliſchen Megären frohlockten in der Ausſicht auf die Kurzweil, welche unſere Leiden ihnen gewähren würden. Nur zu dieſem Zwecke waren wir gefangen genommen worden, anſtatt getödtet zu werden. In weſſen gräßliche Hände waren wir gefallen? Waren es menſchliche Weſen? Waren es Indianer? Konnten es Seminolen ſein, deren Benehmen bis jetzt jede Hindeutung auf das Martern ihrer Gefan⸗ genen zurückgewieſen hatte? Es erhob ſich ein lautes Geſchrei, wie zur Be⸗ antwortung meiner Fragen. Die Stimmen Aller rings umher miſchten ſich in den Ruf, aber die Worte waren dieſelben: „Mulatto-mico! mulatto-mico! Viva, mulatto- mico!“ 9* Das Getrappel von vielen Hufen verkündete die Ankunft eines Reitertrupps. Es waren Die, welche an dem Gefechte Theil genommen— die uns beſiegt und gefangen genommen hatten. Auf unſe⸗ rem nächtlichen Marſche waren blos ein halbes Dutzend Wächter bei uns geweſen und hatten das Lager mit uns zugleich erreicht. Die neu Ankommen⸗ den waren der Haupttrupp— ſie waren auf dem Schlachtfelde geblieben, um die Beraubung ihrer ge⸗ fallenen Feinde vollſtändig durchzuführen. Ich konnte ſie nicht ſehen, obſchon ſie nahe waren. Ich hörte ihre Pferde rings umher ſtampfen; ich lag und horchte auf den bedeutſamen Ruf: „Mulatto-mico! Viva, mulatto-mico!“ Für mich waren die Worte von furchtbarer Bedeutung. Der Ausdruck„MNulatto-mico“ war mir nicht neu und ich hörte ihn mit einem Gefühle von bangem Entſetzen. 3 Aber es war kaum möglich, eine Furcht, die ſchon ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, noch höher zu ſteigern. Ein furchtbares Schickſal ſtand mir bevor. Die Anweſenheit des Teufels ſelbſt hätte es nicht ſicherer machen können. Miein uUnglücksgefährte theilte meine Gedanken. Wir lagen neben einander und konnten mit einander ſprechen. Als wir unſere Muthmaßungen mit ein⸗ — 133— ander verglichen, fanden wir, daß ſie genau überein⸗ ſtimmten. Die Sache ward indeſſen bald auf eine Weiſe entſchieden, die jede weitere Muthmaßung über⸗ flüſſig machte. Eine rauhe Stimme ſchlug an unſer Ohr und ertheilte einen kurzen Befehl, welcher die Weiber hinwegſcheuchte. Ein ſchwerer Tritt ließ ſich hinter mir hören— der Sprechende näherte ſich. Einen Augenblick ſpäter fiel ſein Schatten über mein Geſicht und der Gelbe Jake ſelbſt ſtand innerhalb meines Geſichtskreiſes! Trotz der Bemalung, welche die natürliche Farbe ſeiner Haut verbarg, trotz der Schärpe und der ver⸗ zierten langen Lederſtrümpfe— trotz der drei ſchwarzen Federn, welche über ſeiner Stirn wehe⸗ ten, erkannte ich den Mann mit leichter Mühe. Siebzehntes Kapitel. Begraben und verbrannt. Wir hatten ihn Beide erwartet. Der Ruf Mulatto-mico und ſpäter die Stimme— wir erinner⸗ ten uns ihrer noch— hatte uns ſeine Ankunft ver⸗ kündet. Ich glaubte, ſein Anblick würde mir Entſetzen einflößen. Es mag ſeltſam erſcheinen, aber es war dies nicht der Fall. Im Gegentheile ſah ich ihn mit einem Gefühle, welches an Freude grenzte — an Freude bei dem Anblicke der drei ſchwarzen Federn, welche über ſeine düſtere Stirn herab⸗ nickten. Einen Augenlick achtete ich nicht auf den zür⸗ nenden und zugleich ſchadenfroh triumphirenden Blick, der in ſeinem Auge funkelte. Die Straußfedern — 135— waren allein der Gegenſtand meiner Beachtung— das Ziel meiner Gedanken. Ihre Anweſenheit auf der Stirn des„Mulattenkönigs“ klärte eine Welt von Geheimniſſen auf. Ein ſchwarzer Argwohn war damit aus meinem Herzen geriſſen, der Retter meines Lebens, der Held der Bewunderung meines Herzens war noch treu— Oceola war noch treu! Ueber dem augenblicklichen Frohlocken dieſes Gedankens vergaß ich faſt die Gefahr, welche mich umgab; die Stimme des Mulatten aber erweckte mich abermals zum Bewußtſein meiner Situation. „Carajo!“ rief er.„Al fin verguenza!— (Endlich Rache) und noch dazu Beide— der Weiße und der Schwarze— der Herr und der Sclave— mein Tyrann und mein Nebenbuhler— ha! ha! ha! Mich wolltet Ihr an einen Baum binden,“ fuhr er in ſchadenfrohem Tone und nach einem Ausbruche von heiſerem Gelächter fort;„mich wolltet Ihr ver⸗ brennen, wie? lebendig verbrennen? Nun ſeid Ihr an der Reihe— hier fehlt es nicht an Bäu⸗ men. Doch nein, ich will Euch etwas noch Beſſe⸗ res lehren. Carrambo si! etwas weit Beſſeres. Wenn man den Gefangenen an den Baum bindet, ſo ent⸗ wiſcht er zuweilen— ha! ha! ha! Er entwiſcht zuweilen! Ha! ha! ha! Ehe ich Euch verbrenne, will ich Euch Etwas zeigen. Heda!“ ſchrie er, indem er mehreren der Umſtehenden winkte, näher zu tre⸗ ten,„bindet ihnen die Hände los— richtet ſie in die Höhe— beide— mit dem Geſichte nach dem Lager— basta! basta! ſo iſt's gut! Nun, weißer Schuft— ſchwarzer Schuft— was ſehtt Ihr dort?“ Während er dieſe Befehle ertheilte, riſſen meh⸗ rere ſeiner Kreaturen die Pfähle heraus, an welche unſere Arme angebunden waren, richteten uns zu einer ſitzenden Stellung empor und dreheten uns herum, bis unſere Geſichter gerade nach dem Lager herum gewendet waren. Es war jetzt heller Tag— die Sonne ſchien. In dieſer Beleuchtung war jeder Gegenſtand im Lager deutlich ſichtbar— die Zelte— die Pferde — die buntſcheckige Menge von menſchlichen Weſen. Wir achteten nicht auf dieſe. Nur auf zwei Geſtalten ruheten unſere Augen— den wohlbekann⸗ ten Geſtalten Viola’s und meiner Schweſter. Sie waren dicht beiſammen, wie ich ſie ſchon früher einmal geſehen— Viola ſaß mit herabgeneig⸗ tem Haupte, während das Virginiens in ihrem Schooße ruhete. Das Haar beider hing in aufge⸗ löſ'ten Maſſen herab und die ſchwarzen Flechten der Zofe miſchten ſich mit den goldenen Locken ihrer Herrin. Sie waren von Wächtern umringt und ſchienen von unſerer Gegenwart Nichts zu ahnen. — 132— Dies dauerte nur eine Zeit lang. Es ward einer der Wilden abgeſendet, um ſie zu benachrichtigen. Als die Nachricht ihnen mitgetheilt ward, ſahen wir ſie zuſammenfahren und ſich fragend umſchauen. Im nächſten Augenblicke waren ihre Augen auf uns geheftet. Ein durchbohrender Schrei verkündete, daß wir erkannt worden. Beide ſchrieen zu gleicher Zeit. Ich hörte die Stimme meiner Schweſter meinen Namen nennen. Ich rief ihr wiederum zu. Ich ſah, wie ſie auf ihre Füße ſprang, die Arme wild über dem Kopfe be⸗ wegte und auf mich zuzueilen verſuchte. Ich ſah, wie ihr Hüter ſie packte und mit roher Gewalt zurückzerrte. O, es war ein peinlicher Anblick— der Tod ſelbſt wäre leichter zu erdulden geweſen. Es ward uns nicht geſtattet, ſie länger anzu⸗ ſehen. Plötzlich warf man uns wieder auf den Rücken nieder, unſere Handgelenke wurden abermals an die Pfähle geſchnürt, und wir lagen wieder aus⸗ geſtreckt wie früher. So qualvoll unſere Gedanken auch waren, ſo ward uns doch nicht geſtattet, denſelben allein nach⸗ zuhängen. Der Mulatte fuhr fort, bei uns ſtehen zu bleiben, neckte uns mit hämiſchen Worten und machte— was ſchlimmer war als Alles— ſchmutzige Anſpielungen auf meine Schweſter und Viola. O, es war furchtbar zu hören! Geſchmolzenes⸗ Blei in die Ohren gegoſſen, hätte uns kaum größere Martern bereiten können. Es war faſt eine Erleichterung, als er aufhörte zu ſprechen und wir ihn Anſtalten zu unſerer Hin⸗ richtung zu treffen beginnen ſahen. Wir wußten, daß die Stunde nahe war— denn er ſelbſt ſagte es, während er ſeinen Leuten dieſe Befehle ertheilte. Eine entſetzliche Todesart war uns angedroht worden; aber worin ſie beſtand, darüber waren wir noch in Ungewißheit. 4 Wir blieben es jedoch nicht lange. Wir ſahen mehrere Männer mit Spaten und Spitzhacken in den Händen ſich dem Platze nähern. Es waren Neger— frühere Feldarbeiter— die mit dieſen Werkzeugen umzugehen wußten. Sie blieben in unſerer Nähe ſtehen und began⸗ nen den Boden aufzugraben. Gott! Sollten wir lebendig begraben werden? Dies war der erſte Ge⸗ danke, der ſich uns aufdrängte. Wenn er richtig war, ſo war er ſchrecklich genug; aber er war nicht richtig. Das Ungeheuer hatte einen noch entſetzlicheren Tod für uns beſtimmt. Schweigend und mit der — no— feierlichen Miene von Todtengräbern arbeiteten die Leute weiter. Der Mulatte ſtand dabei und wies ſie an. Er war in ſehr heiterer Stimmung, rief uns dann und wann allerhand Spottreden zu und rühmte ſich, wie geſchickt er das Amt eines Henkers verwalten würde. Die Weiber und wilden Krieger drängten ſich herbei, lachten über ſeine Einfälle oder gaben ſelbſt ihre grauſamen Witzworte mit dazu, wor⸗ über ſie jedes Mal ein gellendes teufliſches Gelächter aufſchlugen. Recht wohl konnten wir uns einbilden, in den hölliſchen Regionen zu ſein, mitten unter einer Schaar zähnefletſchender Teufel, welche ſich jeden Augenblick über uns neigten und auf uns herab⸗ grinſ'ten, als ob ſie Vergnügen an unſerer Angſt und Verzweiflung empfänden. Wir bemerkten, daß nur Wenige von dieſen Leuten Seminolen waren. Indianer waren da, aber dieſe waren von dunkler Farbe— beinahe ſchwarz. Sie gehörten zum Stamme der Yamaſ⸗ ſee's— einer Nation, die von den Seminolen beſiegt worden und ſchon lange mit der ihren verſchmolzen war. Die meiſten aber von Denen, welche wir ſahen, waren ſchwarze Neger, Zambos und Mulat⸗ ten— Nachkommen von ſpaniſchen„Maronen“ oder Ausreißern von den, amerikaniſchen Pflanzungen. Von den Letztern waren ſehr Viele da, denn ich hörte Engliſch unter ihnen ſprechen. Ohne Zweifel befanden ſich einige meiner eigenen Sclaven unter dieſer bunt zuſammengewürfelten Menge, obſchon Keiner von dieſen in meine Nähe kam, und ich konnte blos die Geſichter Derer genau ſehen, welche dicht bei mir ſtanden. In ungefähr einer halben Stunde hatten die Todtengräber ihr Werk vollendet. Die Pfähle, an welche wir angebunden waren, wurden nun ausge⸗ zogen und wir nach dem Platze geſchleppt, wo die Leute thätig geweſen waren. Sobald ich in die Höhe gerichtet ward, warf ich meine Augen auf das Lager, aber meine Schweſter war nicht mehr da. Auch Viola war nicht ſichtbar. Sie waren entweder in die Zelte oder zurück in das Gebüſch geführt worden. Ich freute mich, daß ſie nicht da waren. Auf dieſe Weiſe ward ihnen die Qual eines entſetzlichen Schauſpiels erſpart, obſchon es nicht wahrſcheinlich war, daß das Ungeheuer ſie aus dieſem Grunde ent⸗ fernt hatte. Zwei ſchwarze, tief in die Erde hineingegrabene Höhlen gähnten uns an. Es waren keine Gräber, oder wenn es welche ſein ſollten, ſo beabſichtigte man unſere Körper ſenkrecht hineinzuſtellen. Fen ₰ — 441— Wenn aber ihre Form eigenthümlich war, ſo war es auch der Zweck, zu welchem ſie gemacht wor⸗ den waren. Er ward uns bald klar. Wir wurden an den Rand der Vertiefungen geführt, bei den Schultern gefaßt und Jeder in die hineingeſtürzt, welche ihm die nächſte war. Sie waren gerade ſo tief, daß, da wir aufrecht ſtanden, wir mit dem Halſe uns in gleicher Ebene mit dem obern Rande befanden. Die lockere Erde ward jetzt wieder hineingeſchaufelt und um uns herum feſt getreten. Dann ward noch mehr herbeigeholt, bis auch unſere Schultern bedeckt waren und nur unſere Köpfe ſicht⸗ bar blieben. Die Poſition war ziemlich drollig und wir würden darüber gelacht haben, wenn wir nicht ge⸗ wußt hätten, daß wir in unſern Gräbern ſtanden. Die teufliſchen Zuſchauer betrachteten uns mit gellendem Gelächter. Was ſtand uns nun bevor? Was ſollte das Ende dieſes Beginnens ſein? Soll⸗ ten wir auf dieſe Weiſe elendiglich und zollweiſe umkommen? Hunger und Durſt mußten mit der Zeit unſerem Daſein ein Ende machen; aber o, wie viele Stunden mußte unſere Angſt und Qual dann dauern! Ganze Tage entſetzlicher Martern mußten wir erdulden, ehe der Funke des Lebens uns— — 142— verlaſſen konnte— ganze Tage des Entſetzens und — Hal ſie ſind noch nicht fertig mit uns! „Nein, ein Tod wie der, welchen wir uns gedacht, ſchien dem Ungeheuer, welches hier den Befehl führte, noch viel zu gelind zu ſein. Die Hülfsquellen ſeines Haſſes waren weit entfernt, erſchöpft zu ſein— er hatte noch andere und weit fürchterlichere Oualen für uns in Bereit⸗ ſchaft. „Carajo! es iſt gut!“ rief er, indem er ſich vor uns ſtellte und ſein Werk bewunderte.„Das iſt beſſer als an einen Baum binden— ſo ſtehen die Gefangenen feſt— nicht wahr? Man braucht nicht zu fürchten, daß ſie entwiſchen— carrai, nein. Bringt Feuer!“ Bringt Feuer! Alſo Feuer— das äußerſte Werkzeug der Folterqualen! Wir hörten das Wort — das furchtbare Wort. Wir ſollten durch Feuer ſterben! Unſere Verzweiflung hatte nun den höchſten Gipfel erreicht. 8 Sie ſtieg nicht höher, als wir Reisbündel herbeibringen und in einem Ringe um unſere Köpfe herumbauen ſahen. Sie ſtieg nicht höher, als wir ſahen, wie die Fackel an dieſe Bündel gehalten — 143— ward und das trockene Holz Feuer fing. Sie ſtieg nicht höher, als die Lohe immer röther und röther ward und wir ihre zornige Gluth auf unſern Schei⸗ teln fühlten, die nun bald verkalkt werden ſollten wie die Reiſer ſelbſt. Nein— mehr konnten wir nicht leiden. Un⸗ ſere Todesangſt hatte den höchſten Punkt erreicht und wir ſehnten uns nach dem Tode, damit er uns erlöſe. Wenn noch ein anderer Schmerz möglich ge⸗ weſen wäre, ſo würden wir ihn erduldet haben, als wir jenes Geſchrei von der entgegengeſetzten Seite des Lagers hörten. Selbſt in dieſer furcht⸗ baren Stunde konnten wir die Stimmen meiner Schweſter und Viola's erkennen. Das grauſame Ungeheuer hatte ſie wieder zurückgebracht, damit ſie Zeugen unſerer Hinrichtung ſein ſollten. Wir ſahen ſie nicht, aber ihre verzweiflungs⸗ vollen lauten Wehklagen bewieſen, daß ſie Zuſchaue⸗ rinnen des Schauſpiels waren. Heißer und heißer ward das Feuer und näher und näher leckten die Flammen— mein Haar ſengte und ringelte ſich durch die feurige Be⸗ rührung. Gegenſtände ſchwammen ſchwindelig vor meinen Augen— die Bäume ſchwankten und taumelten— die Erde drehte ſich wirbelnd im Kreiſe. Mein Schädel ſchmerzte, als ob er berſten wollte— mein Gehirn trocknete auf, meine Sinne verließen mich. Achtzehntes Kapitel. Teufel oder Engel? Litt ich die Qualen der künftigen Welt? Waren es Teufel, welche mich mit zähnefletſchendem Hohne betrachteten? Seht! Sie zerſtreuen ſich und weichen zurück! Es nähert ſich Jemand, der ihnen befehlen kann. Iſt es Pluto ſelbſt? Nein, es iſt ein Weib. Ein Weib hier? Iſt es Proſerpina? „Wenn es ein Weib iſt, ſo wird ſie ganz gewiß Erbarmen mit mir haben.“ Eitle Hoffnung! In der Hölle giebt es kein Erbarmen. O mein Gehirn! Entſetzen! Entſetzen! Es ſind aber wirklich Frauen— es ſind Frauen— ſie ſehen nicht aus wie Teufel— nein, es ſind Oceola. V. 10 3 Engel. Wollte Gott, daß es Engel der Barmherzig⸗ keit wären! 3 Aber ſie ſind es. Seht! Die Eine macht ſich ſofort mit dem Feuer zu ſchaffen. Mit ihrem Fuße ſchleudert ſie es zurück, ſo daß die brennenden Reis⸗ bündel aus einander fliegen. Wer iſt ſie? Wenn ich noch lebte, ſo würde ich ſie Haj⸗Ewa nennen; da ich aber todt bin, ſo muß es ihr Geiſt in der Unterwelt ſein. Da kommt noch Eine. Ha! noch Eine, jünger und ſchöner! Wenn es Engel ſind, ſo muß dieſer der lieblichſte im Himmel ſein. Es iſt der Geiſt Maümee’s! Wie kommt ſie an dieſen entſetzlichen Ort— unter Teufel? Das iſt nicht der rechte Ort für ſie. Sie hat kein Verbrechen begangen, welches ſie hierher ſenden müßte. Wo bin ich? Habe ich geträumt? Ich ſtand eben noch in Flammen— nur mein Gehirn brannte — mein Körper war ziemlich kalt. Wo bin ich? Wer ſeid Ihr, die Ihr bei mir ſteht und Küh⸗ lung auf mein Haupt träufelt? Biſt Du nicht Haj⸗ Ewa, die wahnſinnige Königin? Weſſen weiche Finger ſind die, welche ich an meinen Schläfen ſpielen fühle? Ha, welche Wonne theilt ihre Berührung mir mit! Neiget Euch, damit — 147— ich Euch in's Geſicht ſchauen und danken kann. .. 5 Maümee! Maümee! ** Ich war nicht todt. Ich lebte. Ich war ge⸗ rettet. Es war wirklich Haj⸗Ewa und nicht ihr Geiſt, welche Waſſer auf mich herabträufelte. Es war Maümee ſelbſt, deren ſchöne, glänzende Augen in die meinen ſchauten. Kein Wunder, daß ich ſie für einen Engel gehalten hatte! „Carajo!“ rief eine Stimme, die vor Wuth heiſer zu ſein ſchien.„Schafft dieſe Weiber fort— ſchürt das Feuer wieder zuſammen. Fort mit Euch, wahnſinnige Königin! Dies ſind meine Gefangenen. Euer Häuptling hat keinen Anſpruch. Carrambo! Ihr ſollt Euch nicht einmiſchen. Schürt das Feuer wieder zuſammen!“ „Yamaſſees!“ rief Haj⸗Ewa, indem ſie auf die Indianer zuſchritt,„gehorcht ihm nicht. Wenn Ihr es thut, ſo fürchtet den Zorn Wykomé's; ſein Geiſt wird zornig werden und Euch in Rache folgen. Wohin Ihr auch gehet, wird die chitta mico Euch folgen und ihr Geklapper an Euer Ohr ſchlagen. Sie wird Euch in die Ferſe ſtechen, wenn Ihr in dem Walde wandelt. Du, König der Schlangen, ſpreche ich nicht die Wahrheit?“ 1⁰* Indem ſie dieſe Frage that, hob ſie die Klapper⸗ ſchlange in ihren Händen in die Höhe und hielt ſie ſo, daß ſie von Denen, zu welchen ſie ſprach, deut⸗ lich geſehen werden konnte. In dieſem Augenblicke ziſchte das Thier und ließ zugleich ein ſcharfes „Skirrrr“ von den Klappern ſeines Schwanzes hören. Wr konnte zweifeln, daß dies eine bejahende Antwort war? Die Yamaſſees wenigſtens zweifel⸗ ten nicht daran, ſondern ſtanden furchtſam und zit⸗ ternd vor der gewaltigen Zaubrerin. „Und Ihr, ſchwarze Ausreißer und Meineidige, die keinen Gott haben und Wykome nicht fürchten, wenn Ihr wagt, das Feuer wieder zu ſchüren— wenn Ihr wagt, nur einen einzigen Feuerbrand an⸗ zurühren, ſo ſollt Ihr ſofort die Stelle Eurer Gefan⸗ genen einnehmen. Ein Größerer als jenes gelbe Ungeheuer, Euer Häuptling, wird bald auf dem Platze ſein. Ho! Da drüben naht die—„Aufgehende Sonne!“ Er kommt! er kommt!“ Als ſie aufhörte zu ſprechen, vernahm man die Hufſchläge eines Pferdes über die Waldwieſe hinweg, und hundert Stimmen erhoben gleichzeitig den Ruf: „Oceola! Oceola!“. Dieſer Ruf war meinen Ohren angenehm Obſchon bereits befreit, hatte ich doch begonnen, zu fürchten, daß es nur eine kurze Friſt ſein möchte. — 449— Unſere Rettung vom Tode war noch weit entfernt, gewiß zu ſein. Unſere Vertheidiger waren blos ſchwache Frauen; der von ſeinen blutdürſtigen An⸗ hängern unterſtützte Mulattenkönig würde ſchwerlich ihren Forderungen nachgegeben haben. Ihre Dro⸗ hungen würden eben ſo unbeachtet geblieben ſein als ihre Bitten. Die Feuer wären wieder ange⸗ zündet und die Hinrichtung vollends durchgeführt worden. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wäre dies der Ausgang geweſen, wenn nicht Oceola noch zur rech⸗ ten Zeit an Ort und Stelle erſchienen wäre. Sein Erſcheinen und der Schall ſeiner Stimme beruhigte mich ſofort wieder. Unter ſeinem Schutze hatten wir Nichts mehr zu fürchten und eine ſanfte Stimme flüſterte mir zu, daß er als unſer Exret⸗ ter kam. Sein Vorhaben gab ſich ſehr bald kund. Er zog den Zügel an und machte ſo ziemlich in der Mitte des Lagers unmittelbar vor uns Halt. Ich ſah ihn von ſeinem ſchönen Rappen ſteigen, der eben ſo wie er ſelbſt prachtvoll geſchmückt war. Einem der Umſtehenden die Zügel zuwerfend, kam er auf uns zugeſchritten. Seine Haltung war ſtolz; ſein Koſtüm glänzend maleriſch, und wieder erblickte ich jene drei Straußenfedern— die ächten— — 41850— welche mich in meinen argwöhniſchen Gedanken ſo oft geäfft hatten. Als er bei uns angekommen war, blieb er ſtehen und ſchaute uns forſchend an. Er hätte über unſere ſonderbare Situation lächeln können, aber ſein Geſicht verrieth keine Spur von Leichtfertigkeit — im Gegentheile war es ernſt und theilnehmend. Ich glaubte ſogar zu ſehen, daß es traurig ſei. Einige Minuten lang ſtand er unbeweglich da, ohne eine Wort zu ſprechen. Seine Augen ſchweif⸗ ten von dem Einen zu dem Andern— meinem Un⸗ glücksgefährten und mir— als ob er ſich bemühte, uns von einander zu unterſcheiden. Die Aufgabe war nicht leicht. Rauch, Schweiß und Aſche mußten uns einander außerordentlich ähnlich gemacht haben, ſo daß es ſchwierig war, Einen oder den Andern zu erkennen. In dieſem Augenblicke ſchwebte Maümee auf ihn zu und flüſterte ihm ein Wort in’s Ohr. Dann kehrte ſie wieder zu mir zurück, kniete neben mir nieder und rieb meine Schläfe mit ihren weichen Händen. Mit Ausnahme des jungen Häuptlings ſelbſt hörte Niemand, was ſeine Schweſter geſagt hatte. Auf ihn dagegen ſchienen ihre Worte eine augen⸗ blickliche Wirkung zu äußern. Eine Veränderung zuckte über ſein Geſicht. Der Blick der Traurigkeit wich dem des wüthenden Zornes, und indem er ſich plötzlich zu dem gelben Könige wendete, ziſchte er das Wort„Teufel!“ hervor. Einige Secunden lang ſagte er Nichts weiter, ſondern ſtand da und ſah den Mulatten mit einem Blicke an, als ob er ihn damit vernichten wollte. Der Mulatte erbebte vor dieſem ſiegenden Blicke und zitterte wie ein Espenlaub, gab aber keine Antwort. „Teufel und Schurke!“ fuhr Oceola fort, ohne ſeinen Ton oder ſeine Haltung zu wechſeln,„iſt dies die Art und Weiſe, auf welche Du meine Befehle ausgeführt haſt? Sind das die Gefangenen, die ich Dir zu machen befahl? Elender Ausreißer von einem Sclaven! Wer ermächtigte Dich, die feurige Folterqual in Anwendung zu bringen? Wer lehrte Dich es? Die Seminolen nicht, deren Namen Du angenommen und geſchändet haſt. Bei dem Geiſte Wykomé’'s, wenn ich nicht geſchworen hätte, niemals einen Feind zu martern, ſo würde ich Dich dahin bringen, wo jetzt dieſe Beiden ſtehen, und Deinen Körper zu Aſche verbrennen. Aus meinen Außen! Fort!— Doch nein, bleibe, wo Du biſt. 3ch könnte Deiner doch vielleicht bedürfen.“ Und mit dieſer ſonderbaren Beendung ſeinar Anrede drehte ſich der junge Häuptling auf dem Ab⸗ ſatze herum und kam auf uns zugeſchritten. Der Mulatte wagte keine Antwort, obſchon ſeine Blicke von Rache glühten. Einmal, während Oceola ſprach, war es mir, als ſähe der Mulatte ſich nach ſeinen wilden Spießgeſellen um, wie um dieſe zu ſeinem Beiſtande aufzufordern. Sie wußten aber recht wohl, daß Oceola nicht allein war. Als er ſich näherte, hatte man die Tritte eines zahlreichen Trupps gehört, und es war augenſcheinlich, daß ſeine Krieger nicht weit entfernt im Walde ſeien. Ein einziges Vo-ho-ehee von der wohlbekannten Stimme ihres Häuptlings würde ſie an Ort und Stelle gebracht haben, ehe noch das Echo des Rufes verhallt wäre. Der gelbe König ſchien ſelbſt ihre Nähe zu wiſſen, und deßhalb eben antwortete er nicht. Ein Wort in dieſem Augenblicke hätte ſehr leicht ſein letz⸗ tes ſein können, und mürriſch vor ſich hinſchauend, verhielt er ſich ſchweigend. „Macht ſie frei!“ rief Oceola, zu den vormali⸗ gen Todtengräbern gewendet,„und handhabt Eure Spaten vorſichtig. Randolph!“ fuhr er fort, indem er ſich über mich neigte,„ich fürchte, daß ich doch nicht mehr zur rechten Zeit gekommen bin. Ich war weit entfernt, als ich von dieſen Vorgängen — 153— hörte, und bin ſcharf geritten. Ihr ſeid verwundet worden— iſt die Wunde gefährlich?“ Ich verſuchte, meine Dankbarkeit auszudrücken und ihm zu verſichern, daß ich nicht ſehr beſchädigt ſei, aber meine Stimme war ſo ſchwach und heiſer, daß ſie kaum verſtanden werden konnte. Sie ward jedoch ſtärker, als jene ſchönen Finger mir den er⸗ friſchenden Trank reichten, und bald ſprachen wir uns ungehindert gegen einander aus. Es dauerte nicht lange, ſo waren wir Beide ausgegraben und ſtanden mit freien Gliedern wie⸗ derum auf ebenem Boden. Mein erſter Gedanke war, auf meine Schweſter zuzueilen, als ich zu meiner Ueberraſchung von dem Häuptlinge zurückgehalten ward. „Geduld!“ ſagte er;„noch nicht— noch nicht. Maümee wird gehen und ihr Eure Rettung melden. Seht, ſie weiß es ſchon! Geh', Maümee! Sage Miß Randolph, ihr Bruder ſei gerettet und werde ſogleich zu ihr kommen, aber ſie muß bleiben, wo ſie iſt— blos auf kurze Zeit. Geh', Schweſter, und ſprich ihr Muth und Troſt zu.“ Dann wendete er ſich zu mir und flüſterte mir zu: „Sie iſt in guter Abſicht dorthin gebracht wor⸗ den. Ihr werdet es ſehen. Kommt mit. Ich werde Euch ein Schauſpiel zeigen, welches Euch vielleicht — 154— in Erſtaunen ſetzt. Es iſt kein Augenblick zu ver⸗ lieren. Ich höre das Signal von meinem Spion. Noch eine Minute, und wir kommen zu ſpät. Kommt — kommt!“ Ohne ein Wort entgegenzuſetzen, eilte ich dem Häuptlinge nach, welcher raſch auf den nächſten Saum des Waldes zuſchritt. Er ging in das Gehölz hinein, aber nicht wei⸗ ter. Als er durch das dichte Laubwerk vollkommen gedeckt war, blieb er ſtehen, drehte ſich herum und ſtand dann ſo, daß er dem Orte, welchen wir ver⸗ laſſen hatten, das Geſicht zuwendete. Dem Winke, welchen er mir gab, gehorchend, ahmte ich ſein Beiſpiel nach. — Ueunzehntes Kapitel. Das Ende von Arens Ringzold. Ich hatte nicht die mindeſte Idee von der Ab⸗ ſicht des Häuptlings, oder von welcher Art das Schauſpiel war, welches er mir verſprochen. Ich ward ein wenig ungeduldig und fragte ihn. „Es handelt ſich um eine neue Art und Weiſe, eine Geliebte zu gewinnen,“ ſagte er lächelnd. „Aber wer iſt der Liebhaber? Wer ſoll die Ge⸗ liebte ſein?“ 8„Geduld, Randolph, und Ihr ſollt es ſehen. O, es iſt ein herrliches Experiment, ein ſchlaues Poſſenſpiel, und würde lächerlich ſein, wenn es nicht von einem ſo ernſten Trauerſpiele begleitet wäre. Ihr werdet es ſehen. Ohne einen treuen Freund würde ich Nichts davon gewußt haben, und ich wäre — 186— nicht hier geweſen, um Zeuge deſſelben zu ſein. Meine Gegenwart und Euer Leben, wie es jetzt ſcheint— noch mehr vielleicht— die Ehre Eurer Schweſter habt Ihr Haj⸗Ewa zu verdanken.“ „Das edle Weib!“ „Still! Sie ſind nahe. Ich höre Hufſchläge. Eins, zwei, drei! Ja, ſie müſſen es ſein— ja, da drüben— ſeht!“ Ich ſchaute nach der angedeuteten Richtung hin. Ein kleiner Trupp Reiter, zuſammen etwa ſechs Mann, brachen aus dem Gehölze hervor und ſpreng⸗ ten auf den offenen Platz heraus. Sobald ſie das Gehölz hinter ſich hatten, ſetzten ſie ihre Pferde in Galopp und ſprengten mit lautem Geſchrei mitten in das Lager hinein. Als ſie dieſen Punct erreichten, feuerten ſie ihre Gewehre— wie es ſchien in die Luft— ab, ſetzten dann ihr Geſchrei fort und ritten nach der entgegen⸗ geſetzten Seite weiter. 3 Ich ſah, daß es Weiße waren. Dies überraſchte mich; noch mehr aber erſtaunte ich darüber, daß ich ſie kannte; wenigſtens kannte ich ihre Geſichter und erkannte in ihnen einige der verworfenſten Tauge⸗ nichtſe unſerer eigenen Niederlaſſung. Aber eine dritte Ueberraſchung erwartete mich, — 157— als ich ihren Anführer näher anſah. Ihn kannte ich genau. Es war wieder Arens Ringzold. Ich hatte nicht Zeit, mich von dieſer dritten Ueberraſchung zu erholen, denn ſchon nahte eine vierte. Die Männer des Lagers— ſowohl Neger als Yamaſſees— ſchienen über dieſen winzigen An⸗ griff gewaltig zu erſchrecken, rannten aus einander und verſteckten ſich im Gebüſch. Dabei ſchrieen ſie laut genug, und einige ſchoſſen ihre Flinten ab, während ſie flohen, aber wie es ſchien, eben ſo wie die Angreifer, in die Luft. Geheimniß aller Geheimniſſe, was konnte das bedeuten? Ich ſtand im Begriffe, mich abermals zu er⸗ kundigen, als ich bemerkte, daß mein Begleiter mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt war und augenſcheinlich nicht wünſchte, geſtört zu werden. Ich bemerkte, daß er nach ſeiner Büchſe ſah, als ob er das Viſir prüfte. In die Waldwieſe zurückſchauend, ſah ich, daß Ringzold dicht an die Stelle hingeritten war, wo meine Schweſter ſaß, und daß er eben vor der Gruppe Halt machte. Ich hörte ihn ſie mit ihrem Namen anreden und einige glückwünſchende Worte zu ihr ſprechen. Er ſchien im Begriff zu ſtehen, vom Pferde zu ſteigen, um ſich ihr zu Fuße zu nähern, während — 158— ſeine Leute noch zu Pferde durch das Lager galop⸗ pirten, ein wiederholtes wildes Geſchrei erhoben und ihre Piſtolen in die Luft abfeuerten. „Sein Stündlein hat geſchlagen,“ murmelte Oceola, während er an mir vorüberſchlich;„ein ver⸗ dientes und lange aufgeſchobenes Schickſal. Endlich aber iſt es da!“ Und mit dieſen Worten trat er auf den freien Platz heraus. Ich ſah ihn ſeine Büchſe auf Ring⸗ zold anlegen, und im nächſten Augenblicke donnerte der Knall über das Lager hinweg. Das laute, gel⸗ lende la-ha-queené ſcholl von ſeinen Lippen, als das Pferd des Pflanzers mit leerem Sattel davonſprang und der Reiter ſelbſt in das Gras niederſtürzte. Seine Leute erhoben ein lautes Angſtgeſchrei und galoppirten, während Furcht und Ueberraſchung ſich in ihren Zügen malten, in das Gebüſch zurück, ohne auch nur ein Wort mit ihrem verwundeten Anführer oder einen Schuß mit dem Manne zu wech⸗ ſeln, der ihn verwundet hatte.— „Ich habe nicht ganz richtig gezielt,“ ſagte Oceola in eigenthümlich kaltblütigem Tone;„er lebt noch. Ich habe von ihm und den Seinen ſchweres Unrecht erduldet— ja, ſchweres Unrecht— ſonſt würde ich vielleicht ſein erbärmliches Leben ſchonen. Aber nein, mein Gelübde muß ich halten; er muß ſterben.“ 3 der ſich mittlerweile wieder aufgerafft hatte und, wie in der Hoffnung zu entrinnen, das Gebüſch zu er⸗ reichen ſuchte. Ein wilder Angſtſchrei entrang ſich dem Elen⸗ den, als er den Rächer dicht hinter ſich erblickte. Es war dies das letzte Mal, daß dieſe Stimme je gehört ward. Mit wenigen Sätzen war Oceola neben ihm. Die lange Klinge funkelte einen Augenblick lang in der Luft, und der Streich ward ſo raſch geführt, daß das Auge ihm kaum zu folgen vermochte. Die Wirkung war eine augenblickliche. Die Kniee des Verwundeten knickten unter ihm und er ſank leblos nieder, während ſein Körper noch nach dem Tode ſo zuſammengebogen blieb, wie er gefallen war. „Das war der vierte und letzte meiner Feinde,“ ſagte Oceola, indem er auf den Platz zurückkehrte, wo ich ſtand;„der letzte von Denen, welche meine Rache verdienten und denen ich ſie geſchworen.“ „Wie ſteht's mit Scott?“ fragte ich. „Er war der Dritte. Er fiel geſtern und eben⸗ falls von dieſer Hand.— Bis jetzt,“ fuhr Oceola nach augenblicklichem Schweigen fort,„habe ich für Indem er dies ſagte, eilte er Ringzold nach — 160— Rache gekämpft— ich habe ſie genoſſen. Ich habe viele von Euern Leuten umgebracht. Ich habe volle Genugthuung, und hinfort—“ Er ſchwieg. „Nun— hinfort?“ fragte ich mechaniſch. „Iſt es mir ziemlich gleich, wie bald man mich umbringt.“ Während Oceola dieſe Worte ſprach, ſank er auf einen im Graſe liegenden Baumſtamm nieder und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Ich ſah, daß er keine Antwort erwartete. Es lag eine Wehmuth in ſeinem Tone, als ob ein ſchwerer Kummer auf ſeinem Herzen laſtete, der ſich weder beherrſchen noch tröſten ließ. Ich hatte dies ſchon früher bemerkt, und in der Meinung, daß er lieber allein ſein wolle, ging ich ſchweigend fort. Wenige Augenblicke ſpäter hielt ich meine theure Schweſter in meinen Armen, während Jake ſeine Viola in ſeiner ſchwarzen Umarmung tröſtete. Sein alter Nebenbuhler war nicht mehr in der Nähe. Während des ſcheinbaren Ueberfalls hatte er das Beiſpiel ſeiner Leute nachgeahmt und war von dem Schauplatze verſchwunden; obſchon aber die meiſten der Letztern bald zurückkehrten, ſo war doch der gelbe König, als man ihn ſuchte, in dem Lager nicht zu finden. — 161— Seine Abweſenheit erweckte den Verdacht Oceola s, der nun wieder in Thätigkeit war. Auf ein Signal wurden ſeine Krieger gerufen und kamen heranga⸗ loppirt. Einige davon wurden ſofort zur Verfolgung des entflohenen Häuptlings abgeſendet; nach einer Weile aber kamen ſie wieder zurück, ohne irgend welche Spuren von ihm gefunden zu haben. Nur Einer von ihnen ſchien einigen Aufſchluß über ſein Verſchwinden entdeckt zu haben. Ring⸗ zold's Gefolge beſtand aus nur fünf Mann. Der Indianer hatte eine Strecke weit den Pfad verfolgt, auf welchem ſie ſich zurückgezogen, und anſtatt fünf einzelner Hufſpuren deren ſechs entdeckt. Dieſe Meldung ſchien auf Oceola einen unan⸗ genehmen Eindruck zu äußern. Es wurden ſofort friſche Späher ausgeſendet und erhielten Befehl, den Mulatten lebendig oder todt zurückzubringen. Dieſer ſtrenge Befehl bewies, daß ſtarke Zweifel an der Treue des gelben Häuptlings gehegt wurden, und Oceola's Krieger ſchienen das Mißtrauen ihres Anführers zu theilen.. Die patriotiſche Partei hatte in der letzten Zeit durch mannichfachen Abfall gelitten. Einige der kleineren Clans, welche des Kampfes überdrüſſig, und durch die lange Zeit der Hungersnoth mürbe gemacht worden, waren dem Beiſpiele des Stammes Omatka Oceola. v. 11 — 162— gefolgt und hatten ſich vor dem Fort ergeben. Ob⸗ dianer meiſtentheils ſiegreich geweſen waren, ſo wußten ſie doch, daß ihre weißen Feinde ihnen an Zahl weit überlegen waren, und daß dieſe daher endlich doch den Sieg behaupten würden. Der Geiſt der Rache für lange erduldete Schmach hatte ſie anfangs auf⸗ geſtachelt, aber ſie hatten ihrer Rache nun vollſtändig Genüge geleiſtet und waren zufrieden. Die Vater⸗ landsliebe— die Anhänglichkeit an ihre alte Heimath — der bloße Patriotismus ward jetzt gegen die Furcht vor faſt vollſtändiger Vernichtung abgewogen. Die Letztere fiel am ſchwerſten in die Wagſchaale. Der Kriegsgeiſt war nicht mehr überwiegend. Vielleicht hätten die Indianer, wenn in dieſem Augen⸗ blicke Friedenseröffnungen gemacht worden wären, ihre Waffen niedergelegt und in die Auswanderung gewilligt. Selbſt Oceola hätte die Annahme der Bedingungen kaum verhindern können, und es war zweifelhaft, ob er den Verſuch gemacht haben würde. Mit Genie und vollſtändiger Kenntniß der Stärke und des Charakters ſeines Feindes ausgeſtattet, mußte er die Drangſale vorausſehen, welche noch über ſeine Anhänger und ſeine Nation kommen ſollten. Es konnte nicht anders ſein. War es eine düſtere Ahnung der Zukunſt, welche ihm dieſes ſchwermüthige ſchon in den bis jetzt gelieferten Kämpfen die In⸗ — — 163— Ausſehen lieh, das ſowohl in ſeinen Worten als in ſeinen Thaten ſo bemerkbar war? War es dies, oder war es ein noch tieferer Kummer— der Schmerz einer hoffnungsloſen Leidenſchaft, weil das verlaſſene Herz ſich nach einer Liebe ſehnte, die es niemals er⸗ langen konnte? Für mich war es ein Augenblick gewaltiger Ge⸗ müthserregung, als der junge Häuptling ſich dem Platze näherte, wo meine Schweſter ſaß. Schon jetzt war ich das Opfer eines unglücklichen Argwohnes, und mit begierig forſchendem Blicke betrachtete ich die Geſichter Beider, als ſie ſich einander näherten. Ganz gewiß that ich Beiden Unrecht. An Keinem von Beiden konnte ich eine Spur von irgend Etwas entdecken, was mir Unruhe hätte be⸗ reiten können. Das Benehmen des Häuptlings war einfach galant und ehrerbietig. In den Blicken meiner Schweſter lag nur der Ausdruck inniger Dankbarkeit. Oceola ergriff zuerſt das Wort. „Ich habe, Miß Randolph,“ ſagte er,„Eu um Verzeihung für den Auftritt zu bitten, deſſen Augenzeugin Ihr gezwungen geweſen ſeid, zu ſein, aber ich konnte dieſen Menſchen nicht entrinnen laſſen. Miß Randolph, er war Euer größter Feind, eben ſo wie er der unſere geweſen iſt. Mit Hülfe des Mu⸗ 11* latten hatte er dieſen ſinnreichen Betrug in der Ab⸗ ſicht in's Werk geſetzt, Euch zu bewegen, ſein Weib zu werden. Wäre ihm dies aber nicht gelungen, ſo würde er die Maske abgeworfen haben und Euch— ich brauche ſeiner ſchändlichen Abſicht keine Worte zu leihen. Es iſt ein Glück, daß ich Zeit genug an⸗ kam.“ „Wackerer Oceola!“ rief Virginie;„zweimal habt Ihr mir und meinem Bruder das Leben— mehr als das Leben gerettet. Wir haben weder Worte noch Macht, Euch zu danken. Ich kann Euch, um meine Dankbarkeit zu beweiſen, Nichts anbieten, a dieſes kleine Andenken.“ zneue dies ſagte, näherte ſie ſich dem Häupt⸗ linge, zog aus ihrem Buſen ein zuſammengefaltetes Pergament und überreichte es ihm. Oceola erkannte das Document ſofort. Es war die Beſitzurkunde über ſein väterliches Erbtheil. „Dank! Dank!“ antwortete er, indem ein weh⸗ müthiges Lächeln ſeine Lippen umſpielte.„Es iſt in der That ein Beweis der uneigennützigſten Freund⸗ ſchaft. Leider aber kommt er zu ſpät. Die Perſon, welche ſo ſehr dieſes koſtbare Papier zu beſitzen wünſchte, die ſich ſo innig ſehnte, in dieſe einſt ge⸗ liebte Heimath zurückzukehren, iſt nicht mehr. Meine 1689— Mutter iſt todt. Geſtern Nacht hauchte ſie ihren Geiſt aus.“ Es war dies eine neue Kunde ſelbſt für Maümee, welche, indem ſie in einen wilden Paroxysmus von Schmerz ausbrach, ſich in die Arme meiner Schweſter warf. Beide weinten und ihre Thränen vermiſch⸗ ten ſich. Es herrſchte Schweigen, welches nur durch das Schluchzen der beiden Mädchen und dann und wann durch Virginia's Stimme unterbrochen ward, welche Worte des Troſtes murmelte. Oceola ſelbſt ſchien viel zu ſehr ergriffen, um ſprechen zu können. 8 Nach einer Weile rüttelte er ſich aus ſeiner kummervollen Stellung auf. „Kommt, Randolph,“ ſagte er;„wir dürfen nicht bei der Vergangenheit verweilen, während eine ſo zweifelhafte Zukunft vor uns liegt. Ihr müßt nach Eurer Heimath zurückkehren und ſie wieder auf⸗ bauen. Ihr habt blos ein Haus verloren; Eure ſchönen Ländereien ſind noch da, und Eure Neger werden Euch zurückgegeben werden. Ich habe bereits Befehl dazu ertheilt, und ſie ſind ſchon unterwegs. Hier iſt kein Platz für ſie,“— und er deutete mit dem Kopfe auf Virginien.„Ihr braucht Eure Ab⸗ reiſe um keinen Augenblick zu verzögern. Pferde ſtehen — 166— bereit. Ich ſelbſt werde Euch nach der Grenze ge⸗ leiten, und liegt dieſe ein Mal hinter Euch, ſo habt Ihr keinen Feind weiter zu fürchten.“ Indem er die letzten Worte ſprach, warf er einen bedeutſamen Blick auf die Leiche des Pflanzers, die noch am Rande des Waldes lag. Ich verſtand, was er meinte, gab aber keine Antwort. „Und ſie?“ ſagte ich.„Der Wald iſt ein un⸗ freundlicher und gefahrvoller Aufenthalt— beſonders in ſolchen Zeiten— darf ſie mit uns gehen?“ Meine Worte bezogen ſich auf Maümee: Der Häuptling ergriff meine Hand und hielt ſie mit innigem Drucke feſt. Mit Freuden ſah ich Dank⸗ barkeit in ſeinem Auge funkeln. „Dank!“ rief er,„Dank für dieſes freundliche Anerbieten! Eben dieſe Gunſt war es, um die ich Euch bitten wollte. Ihr redet die Wahrheit; die Bäume dürfen meine Schweſter nicht mehr ſchirmen. Randolph, ich kann Euch ſie anvertrauen— ihr Leben ſowohl als auch ihre Ehre. Nehmt ſie mit in Eure Heimath!“ — Zwanzigſtes Kapitel. Die Todesbotſchaft. Die Sonne ging eben im Weſten unter, als wir das Lager der Indianer verließen. Ich für meine Perſon hatte nicht die mindeſte Idee von der Richtung, die wir einzuſchlagen hatten, aber mit einem ſolchen Führer zur Seite ſtand nicht zu fürchten, daß wir uns verirren würden. Wir waren weit von den Niederlaſſungen am Suwanee— eine lange Tagereiſe— und wir erwarteten nicht, die Heimath zu erreichen, bevor die Sonne abermals untergehen würde. Wir hatten dieſe Nacht Mondſchein zu erwarten— wenn die Wolken nicht hindernd dazwiſchentraten— und es war unſere Abſicht, während der erſten Hälfte der Nacht zu marſchiren und uns dann zu lagern. Auf — 168— dieſe Weiſe konnte die Reiſe für den morgenden Tag abgekürzt werden. Unſerm Führer war das Land und jede Straße, die durch daſſelbe führte, wohl bekannt. Eine ziemliche Strecke lang führte der Weg durch offene Waldung und wir konnten Alle neben einander reiten. Allmählig aber ward der Weg ſchmäler und wir ſahen uns genöthigt, zu Zweien oder Mann hinter Mann zu reiten. Gewöhnlich bildeten der junge Häuptling und ich den Vortrab — während unſere Schweſtern dicht hinter uns ritten. Hinter dieſen kamen Jack und Viola, und der Nachtrab beſtand aus einem halben Dutzend berittener Indianer— der Leibwache Oceola's. Ich wunderte mich, daß er nicht mehr von ſeinen Leuten mitgenommen hatte, und gab meine Verwun⸗ derung zu erkennen. Er machte aber aus der Gefahr kein großes Aufhebens. Die Soldaten, ſagte er, würden ſich wohl hüten, nach Einbruch der Nacht noch im Freien zu ſein, und was den Theil des Landes beträfe, durch welchen wir bei Tageslicht kommen würden, ſo würde derſelbe niemals von Truppen durchſtreift. Uebrigens hätten auch in der letzten Zeit keine Recognoscirungen ſtattgefunden. Die Witterung ſei zu heiß für ſolche Unternehmungen. — 169— Wenn wir irgend einem Trupp begegneten, ſo würde derſelbe aus ſeinen eigenen Leuten beſtehen. Von dieſen hätten wir natürlich Nichts zu fürchten. Seitdem der Krieg begonnen, hätte er oft denſelben Weg allein zurückgelegt. Er ſchien überzeugt zu ſein, daß keine Gefahr vorhanden ſei. Ich für meine Perſon theilte dieſe Ueberzeu⸗ gung nicht. Ich wußte, daß der Weg, den wir ver⸗ folgten, uns innerhalb weniger Meilen von dem Fort King vorbeiführen mußte. Ich dachte an das Entrinnen von Ringzold's Leuten. Höchſt wahr⸗ ſcheinlich waren ſie ſtracks nach dem Fort geritten und hatten die Nachricht von dem Tode des Pflan⸗ zers, mit einer Geſchichte ihres eigenen tapfern Angriffs auf die Indianer ausgeſchmückt, überbracht. Unter den Behörden war Ringzold kein gewöhnlicher Mann. Es ward vielleicht ein Detachement nach dem Lager abgeſendet und wir befanden uns gerade auf dem Wege, wo wir ihm begegnen mußten. Es fiel mir auch noch ein anderer Umſtand ein — das geheimnißvolle Verſchwinden des Mulatten in Begleitung jener Leute, wie man glaubte. Dies war hinreichend, um Mißtrauen zu erwecken, und ich ſprach daſſelbe gegen den Häuptling aus. „O, fürchtet Nichts,“ antwortete er.„Meine Spürer werden ſie verfolgen und mir, ſobald es Zeit iſt, Meldung machen. Doch nein,“ ſetzte er zögernd hinzu und ſchien einen Augenblick lang in Gedanken zu verſinken,„vor Einbruch der Nacht werden ſie die Entflohenen doch nicht einholen, und dann— Ihr redet wahr, Randolph. Ich habe unklug gehandelt. An jenen thörigten Wichten wäre mir weiter Nichts gelegen, aber der Mulatte 3 — das iſt etwas Anderes. Er kennt alle Pfade, und wenn er zum Verräther werden ſollte— wenn es— doch wir ſind nun einmal auf dem Wege und müſſen denſelben weiter verfolgen. Ihr könnt Nichts zu fürchten haben, und was mich betrifft, ſo hat Oceola der Gefahr noch niemals den Rücken gekehrt und wird es auch jetzt nicht thun. Ja, glaubt Ihr mir wohl, Randolph, wenn ich Euch verſichere, daß ich ſie mehr ſuche als meide?“ „Ihr ſucht die Gefahr?“ „Ja wohl— den Tod! den Tod!“ „Sprecht leiſe; laßt die Mädchen nicht hören, daß Ihr dies ſagt.“ „Ach ja,“ ſetzte er in gedämpfterem Tone hinzu, indem er halb wie mit ſich ſelbſt ſprach.„In der That, ich ſehne mich nach ſeiner Annäherung.“ Die Worte wurden mit einem Nachdrucke ge⸗ ſprochen, der nicht bezweifeln ließ, daß ſie ernſt gemeint waren. Irgend eine tiefe Schwermuth laſtete auf ſeinem Gemüthe und nagte fortwährend daran. Was konnte die Urſache davon ſein? Ich konnte nicht länger ſchweigen. Die Freund⸗ ſchaft, nicht die Neugier, trieb mich zum Reden. Ich wagte eine Frage zu ſtellen. „Ihr habt es alſo bemerkt? Aber nicht ſeitdem wir aufgebrochen ſind— nicht ſeitdem Ihr jenes freundliche Anerbieten machtet. Ach, Randolph, Ihr habt mich glücklich gemacht. Sie, ſie allein war es, welche mir die Ausſicht auf den Tod ſo düſter erſcheinen ließ.“ „Warum ſprecht Ihr vom Tode?“ „Weil er nahe iſt.“ „Aber doch nicht Euch.“ „Ja, mir. Es lebt in mir die Ahnung, daß ich nicht lange mehr zu leben habe.“ „Ach, redet doch nicht ſo, Powell.“ „Freund, es iſt wahr. Ich habe meine Todes⸗ botſchaft empfangen.“ „Na, Oceola! Das iſt Euer nicht würdig. Ganz gewiß ſeid Ihr über dergleichen gemeine Grillen erhaben. Ich will nicht glauben, daß Ihr ſie hegen könnt.“. „Glaubt Ihr, daß ich von übernatürlichen Anzeichen ſpreche— von dem Gekreiſch des Qua⸗ vogels, oder dem Geheul der Nachteule— von u2 Anzeichen in der Luft, auf der Erde, oder im Waſſer? Nein, nein. Ueber dergleichen ſeichten Aberglauben bin ich ganz beſtimmt erhaben. Dennoch aber weiß ich, daß ich bald ſterben muß. Es war Unrecht von mir, meine Todesbotſchaft eine Ahnung zu nennen. Es iſt eine uhyſiſche Thatſache, welche mein nahendes Ende verkündet— ſie iſt hier.“ Indem er dies ſagte, hob er die Hand empor und machte eine Geberde, wie um auf die Bruſt zu zeigen. Ich verſtand, was er meinte. „Lieber,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„lieber wäre es mir geweſen, wenn das Schickſal mich ge⸗ troffen hätte, auf dem Schlachtfelde zu fallen. Aller⸗ dings iſt der Tod in keiner Geſtalt ſehr verlockend, dieſe aber ſcheint mir noch die am meiſten vorzu⸗ ziehende zu ſein. Ich würde ſie lieber wählen, als noch länger ſo hinleben— ja, ich habe ſie gewählt. Zehn Mal habe ich den Tod auf dieſe Weiſe heraus⸗ gefordert und bin ihm die Hälfte des Weges ent⸗ gegengegangen, aber gleich einem Feigling oder einer ſchüchternen Braut weigerte er ſich, mir ent⸗ gegenzukommen.“ Es lag etwas faſt Unheimliches in dem Ge⸗ lächter, welches dieſe letzten Worte begleitete— ein ſeltſames Gleichniß, ein ſeltſamer Menſch! Ich konnte mich kaum bemühen, ihn aufzu⸗ heitern. In der That bedurfte er auch keiner Auf⸗ heiterung— er ſchien glücklicher zu ſein als vorher. Wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo wären meine armſeligen Worte, die ihn ſeines rüſtigen Ausſehens verſicherten, ſicherlich unbeachtet geblieben. Er wußte, / daß ſie nur die falſche Aeußerung der Freundſchaft waren. Ich hatte es ſogar ſchon ſelbſt geahnt. Ich hatte die bleiche Hautfarbe— die abgemagerten Finger— das glaſige, eingeſunkene Auge bemerkt. Dies alſo war der Wurm, der an dieſem Leben nagte. Ich hatte die Urſache in etwas ganz Anderem geſucht. Das künftige Schickſal ſeiner Schweſter war die ſchwerſte Laſt auf ſeinem Herzen geweſen. Er ſagte mir das, während wir weiter ritten. Ich brauche nicht die Verſprechungen zu wieder⸗ holen, die ich ihm nun gab. Es war nicht nöthig, daß ich ſie beſchwor; denn mein eigenes Glück mußte mich ja abhalten, ihnen untreu zu werden * Einundzwanzigſtes Kapitel. Oceola's Schickſal.— Schluß. Wir ſaßen am Rande der kleinen Lichtung, wo wir uns gelagert hatten— eines herrlichen Blumen⸗ beetes, von tauſendfachem Wohlgeruche duftend. Der Mond goß eine Fluth von ſilbernem Lichte herab und die uns umgebenden Gegenſtände erſchienen faſt eben ſo deutlich als am Tage. Die Blätter der hohen Palmen, die Wachsblumen der Magnolien, die gelben Blüthen des Zanthoxylonbaumes— alles Dies ließ ſich in den hellen Mondſtrahlen deutlich unter⸗ ſcheiden. 3 Wir Vier ſaßen beiſammen— Brüder und Schweſtern— und plauderten traulich wie in der aalten Zeit, und die Umgebung erinnerte uns Alle lebhaft an die Vergangenheit. —— — 475— Jetzt aber regte die Erinnerung nur traurige Betrachtungen an, während ſie zugleich Gedanken an die Zukunft erweckte. Vielleicht ſollten wir Vier uns niemals wiederſehen. Wenn ich die dem Tode geweihte Geſtalt vor mir betrachtete, hatte ich nicht den Muth zu freudigen Erinnerungen. Wir waren an Fort King wohlbehalten vorbei⸗ gekommen. Wir waren keinem weißen Geſichte be⸗ gegnet— ſeltſam, daß ich Leuten meines eigenen Volkes zu begegnen fürchtete— und wir hatten nun keine Furcht mehr vor Gefahr, weder durch Hinter⸗ halt noch durch offenen Angriff. Die indianiſche Leibwache mit dem ſchwarzen Jake in ihrer Mitte ſaß innerhalb der Lichtung um das Feuer herum, mit Bereitung der Abendmahl⸗ zeit beſchäftigt. So ſicher fühlte ſich der Häuptling, daß er nicht einmal eine Schildwache auf den Weg geſtellt hatte. Er ſchien gegen jede Gefahr gleich⸗ gültig. Die Nacht rückte immer weiter vor und wir ſtanden im Begriffe, in die Zelte,— welche die Leute für uns aufgeſchlagen hatten— zurückzukeh⸗ ren, als ein eigenthümliches Geräuſch aus dem Walde zu uns drang. Meinen Ohren klang es wie das Brauſen eines Fluſſes, oder wie das Rauſchen eines ſtarken Regens. 176— Oceola deutete es anders. Es war das fort⸗ währende Raſcheln von Laub, welches dadurch ver⸗ urfacht ward, daß ein zahlreicher Trupp, entweder Menſchen oder Thiere, durch das Gebüſch hindurch⸗ ging. Wir ſprangen ſogleich auf und horchten. Das Geräuſch dauerte fort. Wir hörten jetzt aber auch zugleich das Knackern von dürren Reiſern und das Klirren von Waffen. Zur Flucht war es zu ſpät. Das Geräuſch kam von allen Seiten. Ein Kreis von Bewaffneten umzingelte die Lichtung. Ich ſchaute auf Oceola. Ich erwartete, ihn auf ſeine Büchſe zuſtürzen zu ſehen, welche in der Nähe lag. Zu meiner Ueberraſchung rührte er ſich nicht. Seine wenigen Leute waren ſchon alarmirt und hatten ſich ſchnell an ſeine Seite verfügt, um ſeine Befehle zu empfangen. Ihre Worte und Geberden verriethen ihren Entſchluß, in ſeiner Vertheidigung zu ſterben. Zur Antwort auf ihre haſtigen Worte gab der Häuptling ein Zeichen, welches ſie in Erſtaunen zu ſetzen ſchien. Die Kolben ihrer Büchſen fielen plötz⸗ lich auf den Boden und die Krieger ſtanden in paſ⸗ ſiver Haltung da, als ob ſie die Abſicht, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, aufgegeben hätten. — 177— „Es iſt zu ſpät,“ ſagte Oceola in ruhigem Tone, „es iſt zu ſpät. Wir ſind vollſtändig umzingelt. Unſchuldiges Blut könnte vergoſſen werden und mein Leben iſt das einzige, welches man ſucht. Laßt ſie kommen; ſie mögen es nehmen. Leb' wohl, Sßwe⸗ ſter; Randolph, lebt wohl! Lebt wohl, Virg— Das Klaggeſchrei Maümee's— Virginiens, mein eigener losbrechender, nicht mehr ſtummer Schmerz, übertäubten die Stimme, welche dieſes wilde Lebewohl rief. Wir drängten uns Alle dicht an den Häuptling und wußten nicht, was um uns her vorging. Unſere ganze Aufmerkſamkeit war auf ihn gerichtet, bis lautes Geſchrei und Commando uns verkündete, daß wir uns in der Mitte eines Bataillons Soldaten befan⸗ den. Als wir aufblickten, ſahen wir, daß wir von einem Kreiſe Männer in blauen Uniformen einge⸗ ſchloſſen waren und ringsum funkelnde Bajonnette uns entgegenſtarrten. Da kein Widerſtand geleiſtet ward, ſo ward auch kein Schuß auf uns abgefeuert und man hörte Nichts weiter als das Schreien der Soldaten und das Klirren des Stahls. Später wurden Schüſſe abgefeuert, aber nicht um zu tödten. Es war eine Freudenſalve, um Oceola. v. 12— — 178— das Gelingen dieſer wichtigen Gefangennehmung zu feiern.— Die Gefangennehmung war bald vollſtändig. Oceola ſtand, von zwei Mann gehalten, in der Mitte der bleichen Geſichter, ſeiner Feinde, als Gefangener. Seine Leute wurden ebenfalls feſtgenommen und die Soldaten formirten ſich dann in eine ausgedehntere Linie und ſchloſſen die Gefangenen in ihre Mitte. In dieſem Augenblicke erſchien ein Mann vor den Reihen der Soldaten, in der Nähe des Platzes, wo die Gefangenen ſtanden. Er war in einer Unterredung mit dem commandirenden Offiziere be⸗ griffen. Seine Kleidung verrieth in ihm einen In⸗ dianer, aber ſein gelbes Geſicht widerſprach dieſer Vorausſetzung. Auf ſeinem Kopfe trug er einen Turban, und drei ſchwarze Federn nickten über ſeine Stirn herab. Man konnte ſich unmöglich in ihm irren. Der Anblick war ein zum Wahnfinne reizender. Er gab dem Seminolenhäuptlinge ſeine ganze wilde Energie zurück, und die ihn haltenden Soldaten wie Kinder von ſich ſchleudernd, ſprang er auf den gel⸗ ben Mann los. Zum Glück für dieſen Letztern war Oceola nicht bewaffnet. Man hatte ihm keine Waffe gelaſſen— weder Piſtol noch Meſſer— und wäh⸗ 3 — rend er ein Bajonnet von der Muskete eines Sol⸗ daten riß, fand der Verräther Zeit, zu entwiſchen. Der Häuptling ſtieß ein lautes Stöhnen aus, als er den Elenden durch die ſich ſofort wieder ſchlie⸗ ßende Linie ſchlüpfen und dann ſicher außerhalb des Bereichs ſeiner Rache ſtehen ſah. Es war aber nur eine eingebildete Sicherheit von Seiten des Verräthers. Sein Tod war beſchloſ⸗ ſen, obſchon er ihn von einer unerwarteten Seite her erreichte. Als er ſo hinter den Soldaten, mit dem Geſichte nach dem Gefangenen gewendet, ſtand, ſchlich ſich eine dunkle Geſtalt von hinten an ihn heran. Es war die eines Weibes— eines majeſtätiſchen Weibes, deſſen hohe Schönheit ſelbſt im Mondlichte ſichtbar war, obſchon Niemand weder ſie noch ihre Schönheit ſah. Nur die Gefangenen ſtanden nach ihr hinge⸗ wendet und ſahen ſie ſich nähern. Es war ein Auftritt, der nur wenige Secunden dauerte. Das Weib ſtahl ſich dicht bis an den Mu⸗ latten und einen Augenblick lang ſchienen ihre Arme ſeinen Hals zu umſchlingen. Es ſchimmerte Etwas in dem Mondlichte, was ausſah wie Metall. Es war aber eine lebende Waffe— es war der furchtbare crotalus. Das Klappern war deutlich zu hören und 12* — 180— unmittelbar darauf folgte ein wilder Angſtſchrei, als das auserſehene Opfer die kalte Berührung der Schlange um ſeinen Hals und die ſcharfen Giftzähne in ſein Fleiſch dringen fühlte. Das Weib zog ſchnell die Schlange zurück, hielt ſie hoch über den Kopf empor und rief laut: „Gräme Dich nicht, Oceola— Du biſt gerächt! gerächt!— der chitta mico hat Dich gerächt!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich das Weib raſch, und ehe die erſtaunten Zuhörer ihr den Rückzug ab⸗ ſchneiden konnten, war ſie unter das Gebüſch hinein und verſchwunden. Der von Entſetzen gepackte Mulatte taumelte bleich und erſchrocken, während ihm die Augen faſt aus den Höhlen hervortraten, hin und her. Mehrere der Soldaten und Offiziere ſammelten ſich um ihn, um Heilmittel anzuwenden. Man verſuchte Schieß⸗ pulver und Tabak, aber Keiner kannte die Kräuter, die ihn heilen konnten. Es war ſeine Todeswunde, und ehe die Sonne wieder unterging, hatte er aufgehört zu leben. .* Der Krieg hörte mit Oceola's Gefangenneh⸗ mung nicht auf, obſchon ich keinen weitern Antheil —— — — 181— daran nahm— auch endete er nicht mit ſeinem Tode, der einige Wochen ſpäter erfolgte. Nicht durch kriegsgerichtliches Urtheil ſtarb er— denn er war kein Rebell und hätte daher das Vorrecht eines Kriegsgefangenen in Anſpruch nehmen können,— ſondern an jener Krankheit, welche, wie er wußte, ihn ſchon ſeit längerer Zeit unaufhaltſam dem Tode entgegenführte. Die Gefangenſchaft beſchleunigte dieſes Ereigniß wahrſcheinlich. Sein ſtolzer Geiſt erlag derſelben und mit dieſem die edle Hülle, die ihn barg. Freunde und Feinde ſtanden in ſeiner letzten Stunde um ihn und hörten ſeine letzten Worte. Beide weinten. In dieſem Gemache des Todes gab es nicht eine einzige thränenloſe Wange, und das Auge manches Soldaten ward feucht, als er die ge⸗ dämpfte⸗Trommel hörte, welche an dem Grabe des edlen Oceolg wirbelte.— 4* * Zuletzt ergab ſich, daß es doch der joviale Capitain war, welcher das Herz meiner launenhaf⸗ ten Schweſter gewonnen. Es dauerte lange, ehe ich ihr Geheimniß entdeckte, welches Licht über ein 3 ganzes Labyrinth von Räthſeln verbreitete, und ich — 182 war ſo ärgerlich darüber, daß ſie es vor mir ver⸗ borgen gehalten, daß ich mich faſt weigerte, die Plantage mit ihnen zu theilen. Als ich es endlich that— auf Virginiens Drohung— nicht die ihres Anwaltes— behielt ich das, was ich als die beſſere Hälfte betrachtete, für mich und Maümee. Die alte Heimathſtätte blieb unſer und ein neues Haus erſtand bald darauf, ein Behältniß, welches würdig war, den Juwel einzuſchließen, den es beſtimmt war, in ſich aufzunehmen. Ich hatte auch noch eine anderwärts gelegene Pflanzung— die ſchöne ſpaniſche Klärung an der Tupelobucht. Ich brauchte einen Mann, der ſie be⸗ wirthſchaftete, oder vielmehr„einen Mann und eine Frau von gutem Rufe ohne läſtigen Anhang.“ Und wer hätte ſich zu dieſem Zwecke beſſer ge⸗ eignet als der ſchwarze Jake und Viola, da ſie voll⸗ ſtändig den obigen Bedingungen entſprachen? Ich hatte auch noch ein Beſitzthum zu meiner Verfügung— ein ſehr kleines— es lag an dem 3 Rande des Sumpfes und beſtand aus einem Block⸗ hauſe mit der beſchränkteſten aller Klärungen rund herum. Dieſes befand ſich jedoch ſchon im Beſitze eines Bewohners, den ich— obſchon er mir keinen 8 bezahlte— nicht um Alles in der Welt daraus 183 vertrieben hätte. Namens Hickman. Ein anderer Mann deſſelben Schlages— el hieß Weatherford— wohnte auf einer angrenzenden, Pflanzung, doch wareſt die Beiden öfter beiſammen als getrennt. Beide hatten im Laufe der Zeit von den Klauen der Bären, den Kinnladen und Schwänzen der Alli⸗— gatoren und den Tomahawks der Indianer manche rauhe Behandlung erfahren. Wenn ſie beiſammen oder unter Freunden waren, erzählten ſie gern ihre 1 Abenteuer und Gefahren, und oft hörte man ſie 8* Beide erklären, die ſchlimmſte Gefahr, aus der ſie 1 glücklich hervorgegangen, ſei ihnen in einem bren⸗ nenden Walde von Beſentannen beſchieden geweſen, während über zehntauſend Mann rothe Indianer ringsherum auf ſie gelauert hätten. Indeſſen, ſie waren auch dieſer Gefahr glücklich entronnen und lebten noch lange, um die Geſchichte derſelben, mit allerhand phantaſtiſchen Uebertreibun⸗ gen ausgeſchmückt, erzählen zu können. war ein alter Alligatorjäger, * 22 A? 4 D. fr, 2,— A 22 m„ r 2.„. 4. I 2 2.—— nde des fünſten und l letzten Bandes. — —. — Al. —— ee 1 Druck von C. Roeßler in Grimma. ⸗ ſiiſſſſſinſſſnſinnſſſiſſſffiſſfffſſinſmſſſſſſſſſſffſfſſinſnſ 9 10 11 13 14 1 6 7 8 12 15 16