Lei deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 von.„ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Leih- und Jeſebedingungen. 4 1. Oiffensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehhenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3— 3 3 füͤr wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 f. 2 M. Ff. b der Leſer E des Ganzen verpflichtet. 4 5 der eeſer zum Erſatz des Ga n. La feſtgeſeßt und wir das Weiterverleihen Dceola. Ein Boman vom Capitain Mayne Reid, Verf. von: „Die Skalpjäger“,„Die Freiſchaar“,„Die Heimath in der Wüſte“, „Die Buſchknaben“,„Die Kriegsfährte“,„Der Jägerſchmaus“. Deutſch von A. Kretzſchmar. Vierter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1858. „ ————— Vierter Band. Oceola. IV. 1 8 Erſtes Kapitel. Geheimnißvolle Veränderung. Es waren noch nicht viele Tage vergangen, ſo bemerkte ich eine plötzliche Veränderung in dem Be⸗ nehmen Gallagher's— nicht gegen mich, oder gegen meine Mutter, ſondern in ſeinem Benehmen gegen Virginien. Es war an dem Tage, nach dem ich die Unter⸗ redung mit ihr gehabt, wo ich dies zuerſt bemerkte. Ich gewahrte gleichzeitig, daß ihr Benehmen gegen ihn ſich ebenfalls geändert hatte. Die etwas kalte Söflichkeit, welche bis jetzt zwiſchen ihnen zu bemer⸗ ken geweſen, ſchien plötzlich aufgethaut und ihre alte vertraute Freundſchaft wieder auf dem alten Fuße her⸗ geſtellt zu ſein. Sie ſpielten jetzt und ſangen und lachten mit einander, und laſen und ſchwatzten Unſinn, wie ſie ſonſt zu thun gepflegt. „Ach,“ dachte ich;„es iſt leicht für ihn, zu ver⸗ geſſen. Er iſt nur ein Freund und kann natürlich nicht die Gefühle eines Bruders haben. Ihm ver⸗ ſchlägt es wenig, von welcher Art ihre geheimen Beziehungen ſind, oder mit wem ſie dergleichen unter⸗ hält. Was braucht er ſich um ihre Ungehörigkeiten zu kümmern? Sie iſt gute Geſellſchaft, und ihr angenehmes Weſen hat ihn bewogen, nicht länger bei jenem Verdachte zu verweilen, den er eben ſo gut gehegt haben muß als ich. Auf alle Fälle ſcheine ich ſeine Sympathie verloren zu haben, wäh⸗ rend ſie ſein Vertrauen und ſeine Freundſchaft wie⸗ dergewonnen hat.“ Anfangs erſtaunte ich über dieſe neue Phaſe in den Beziehungen unſeres Familien⸗ kreiſes— ſpäter ward ich dadurch verblüfft. Ich war zu ſtolz und zu pikirt, um Gallagher eine Erklärung abzuverlangen, und da er mir eine ſolche nicht freiwillig gab, ſo ſah ich mich genöthigt, in Unwiſſenheit zu verharren. Ich bemerkte, daß meine Mutter dieſes verän⸗ derte Benehmen ebenfalls mit Verwunderung betrach⸗ tete, aber auch mit einem Gefühle von etwas ver⸗ ſchiedener Art— nämlich mit Argwohn. — — ,— 4 Den Grund davon konnte ich errathen. Sie glaubte, daß die beiden jungen Leute einander zu lieb gewinnen lernten, und daß— trotzdem, daß er weiter kein Vermögen beſaß, als ſeine Gage— Virginia den kecken Soldaten ſich vielleicht zum Manne wünſche. Natürlich konnte meine Mutter, die im Bezug auf ihre Tochter ſchon ihre feſtſtehenden Abſichten hegte, ein ſolches Geſchick nicht mit ruhigem Auge betrachten. Es war daher ganz natürlich, daß ſie das heitere Vertrauen, welches zwiſchen ihnen ent⸗ ſtanden, mit eiferſüchtigem Auge überwachte. Ich hätte mich gefreut, wenn ich den Argwohn meiner Mutter hätte theilen können— ich wäre glücklich geweſen, wenn meine Schweſter ihre Nei⸗ gung wirklich auf meinen Freund gerichtet hätte. Gern hätte ich ihn Bruder nennen wollen. Obſchon er kein Vermögen beſaß, ſo würde ich doch gegen ein ſolches Bündniß durchaus Nichts Angewandet haben. Aber es fiel mir nie ein, daß zwiſchen den bei⸗ den jungen Leuten etwas Anderes beſtünde, als die alte muthwillige Freundſchaft, und die handelt nicht auf dieſe Weiſe. So weit als Capitain Gallagher in Frage kam, hätte ich meiner Mutter die Verſiche⸗ rung geben können, daß ihre Befürchtungen unge⸗ gründet ſeien. Und dennoch konnten ſie einem Frem⸗ den, ja faſt einem Jeden, außer mir ſelbſt— als Liebende erſcheinen. Sie waren den halben Tag und die halbe Nacht beiſammen; ſie ritten mit ein⸗ ander in die Wälder und waren zuweilen ſtunden⸗ lang abweſend.— Ich bemerkte, daß meinem Kameraden mit jedem Tage weniger an meiner Geſellſchaft zu liegen ſchien. Noch ſonderbarer war, daß die Jagd ihn nicht mehr amüſirte. Was ſeinen Dienſt betraf, ſo vernachläſſigte er denſelben auf unverantwortliche Weiſe, und wäre nicht der Lieutenant mit auf dem Platze geweſen, ſo fürchte ich, däß das Corps ſehr ſchlecht einexereirt worden wäre. Im Laufe der Zeit ſchien es mir, als wenn Gallagher allmählig wieder geſetzter und ordentlicher würde. Es war dies beſonders der Fall, wenn meine Schweſter nicht ſichtbar war. Es war aber nicht die Miene, welche er nach unſerer Ankunft ge⸗ zeigt, ſondern eine ganz andere. Allerdings glich ſie dem Thun und Weſen eines Mannes, welcher liebt. Er zuckte zuſammen, wenn er die Stimme meiner Schweſter von draußen hörte; ſein Ohr erhaſchte jedes Wort von ihr, und aus ſeinen Augen ſtrahlte Freude, ſo oft ſie in das Zim⸗ 4 4 2 f — mer trat. Ein oder zwei Mal ſah ich ihn ſie mit einem Ausdrucke betrachten, welcher mehr als Freund⸗ ſchaft verrieth. Mein alter Argwohn begann wieder zu erwa⸗ chen. Am Ende liebte er Virginien do ch! Allerdings war ſie auch ſchön genug, um Ein⸗ druck ſelbſt auf das Herz dieſes kieſelharten Soldaten zu machen. Gallagher war kein großer Verehrer der Damen im Allgemeinen. Man wußte, daß er niemals Eroberungen auf dieſem Gebiete zu machen geſucht— ja, er fühlte ſich unbeholfen und befan⸗ gen in ihrer Geſellſchaft. Meine Schweſter ſchien die Einzige zu ſein, in deren Gegenwart er geläufig oder unbefangen converſiren konnte. Liebte er wirklich? Es hätte mich gefreut, zu wiſſen, daß dem ſo ſei, dafern ich ihn der Erwiderung ſeiner Leiden⸗ ſchaft hätte verſichern können— leider aber ſtand dies nicht in meiner M acht. Ich fragte mich im Stillen, ob Virginia jemals an ihn als an einen Liebenden dächte; aber nein— ſie konnte nicht— zumal nicht, wenn ſie an jenen Mann dachte, welcher— Und dennoch war ihr Benehmen gegen ihn zu⸗ weilen von der Art, daß Jeder, der ihr excentriſches Weſen nicht näher kannte, geglaubt habem würde, ſie liebe ihn. Selbſt ich ward durch ihr Verhalten myſtificirt. Entweder hegte ſie ein Gefühl für ihn, welches über dem der bloßen Freundſchaft ſtand, oder ſie trug wenigſtens ein ſolches zur Schau. Wenn er ſie liebte und ſie es wußte, dann war ihr Verhalten im höchſten Grade grauſam. Solchen Gedanken hing ich nach, obſchon blos dann, wenn ich mich nicht enthalten konnte, dabei zu verweilen. Sie waren unangenehm, zu Zeiten ſelbſt ſchmerzlich. Ich lebte in einem Labyrinthe des Zweifels und wußte nicht, was ich von Allem denken ſollte, was um mich her vorging, bis plötz⸗ lich vor meinem Blicke ein neues Kapitel in unſerer Familiengeſchichte aufgeſchlagen ward, welches im Bezug auf Geheimniß alle anderen verdunkelte. Es ging mir nämlich eine Nachricht zu, welche, wenn ſie wahr war, alle dieſe neu entſtandenen Theorieen aus meinen Gedanken verſcheuchen mußte. Ich erfuhr nämlich, daß meine Schweſter Arens Ringzold liebte— mit andern Worten, daß ſie ſeinen Bewerbungen Gehör ſchenkte. 4 3 — Zweites Kapitel. Mein Nachrichtgeber. Ich erfuhr Dies nämlich durch meinen treuen Diener, den Schwarzen Jake. Faſt jedes andere Zeugniß würde bei mir keinen Glauben gefunden haben, das ſeine aber war unwiderleglich. Obſchon Neger, beſaß er doch einen ziemlichen Scharfblick, während zugleich ſein Eifer bewies, daß er Das, was er ſagte, auch glaubte. Er hatte Gründe, und führte ſie an. Ich empfing dieſe ſeltſame Nachricht auf fol⸗ gende Weiſe: Ich ſaß an dem Baſſin allein mit einem Buche in der Hand, als ich Jake's vertraute Stimme mei⸗ nen Namen nennen hörte. — 10— „Maſſa Georg!“ „Was giebt's, Jake?“ antwortete ich, ohne meine Augen von dem Buche emporzuheben. „Ich haben geſucht ganzen Morgen. Maſſa Georg allein treffen. Ich möchten gern ſprechen Etwas mit Maſſa Georg.“ Der feierliche Ton, der Jake's Stimme ſonſt nicht eigen war, erweckte meine Aufmerkſamkeit. Ich klappte mechaniſch mein Buch zu und ſchaute ihm in's Geſicht. Es war eben ſo feierlich, wie ſeine Worte. „Du wünſcheſt Etwas mit mir zu ſprechen, Jake?“ „Ja, Maſſa, wenn Maſſa nicht Anderes zu thun haben.“ „O, durchaus nicht, Jake. Sprich nur immer weiter. Laß mich hören, was Du zu ſagen haſt. — Der arme Kerl,“ dachte ich,„er hat auch ſeine Sorgen. Irgend eine Beſchwerde über Viola wird er anbringen wollen. Die verwünſchte Kokette quält ihn mit Eiferſucht— aber was kann ich thun? Ich kann ſie nicht zwingen, ihn zu lieben— nein. Ein einziger Mann kann wohl ein Pferd an's Waſſer führen, aber ſelbſt vierzig ſind nicht im Stande, daſſelbe zum Trinken zu zwingen. Nein, — die kleine Kokette wird thun, was ſie Luſt hat, trotz aller Vorſtellungen von meiner Seite. Nun, Jake?“ „Nun, Maſſa Georg; ich miſchen mich nicht gern in Angelegenheiten von Familie— das thun Jake nie nicht; aber Maſſa ſehen, wie Alles ſchlimm gehen— Alles ſchlimm!“ „In welcher Beziehung denn?“ „Ach, Maſſa, junge Lady— junge Lady.“ Sehr höflich von Jake, Viola eine junge Lady zu nennen! „Du glaubſt wohl, ſie halte Dich zum Beſten?“ „Mehr als Jake, Maſſa Georg— mehr als Jake.“ „Welch eine gottloſe Dirne! Aber vielleicht, Jake, bildeſt Du Dir dieſe Dinge blos ein. Haſt Du denn Beweiſe dafür, daß ſie untreu geworden ſei! Giebt es Jemanden, der ihr vorzugsweiſe Auf⸗ merkſamkeiten erweiſ't.“ „Ja, Maſſa, ſehr Jemand— noch niemals ſo ſehr, wie jetzt.“ „Ein Weißer?“ „Gott allmächtige, Maſſa Georg!“ rief Jake im Tone der Ueberraſchung,„wie reden Maſſa doch kurios. Freilich ſein ein weiße Mann. Nicht anderer als weiße Mann darf aufmerkſam ſein gegen junge Lady.“ ₰ Ich konnte nicht umhin zu lächeln. Jake's eigene Hautfarbe betrachtet, ſchien er eine ſehr hohe Meinung von ſich und ſeiner Geliebten zu haben, wenn er glaubte, daß Keiner von ihrem eigenen Volke ſich ihr nähern dürfe. Ich hatte ihn ſchon ein Mal ſich rühmen hören, daß er der einzige Far⸗ bige ſei, welchem es vergönnt ſei, dort zu glänzen. Es war alſo ein weißer Mann, der ihn elend machte. „Wer iſt es denn, Jake?“ fragte ich. „Ach, Maſſa, es ſein der Teufel Arens Ring⸗ zold.“ „Was! Arens Ringzold!— Er hätte ſich in Viola verliebt!“* „In Viola! O Gott allmächtige, Maſſa Georg!“ rief der Schwarze und verdrehete die Augen ſo ſehr, daß nur noch das Weiße davon ſichtbar war;„Viola! Gott allmächtige! Jake haben ja nicht ſprechen von Viola— gar nicht!“. „Nun, von wem ſprichſt du denn?“ „O, Maſſa, ſagen ich nicht: junge Lady? Wer ſein das anders als Miß Virginia!“. „Ach, Du meinſt meine Schweſter! Dummes Zeug, Jake. Das iſt eine alte Geſchichte. Arens Ringzold hat ſich ſchon ſeit vielen Jahren um meine Schweſter beworben, aber ohne Ausſicht auf Erfolg. 8 Da brauchſt Du Dir keine Sorge zu machen, lieber Freund. Es iſt keine* vorhanden, daß ſie ihn jemals heirathe. Sie hat ihn nicht gern, Jake ich möchte auch wiſſen, wer ihn gern hätte oder gern haben könnte— und ſelbſt, wenn ſie es thäte, ſo würde ich es doch nicht zugeben. Doch, es ſteht Nichts zu befürchten, und Du kannſt Dich daher in dieſer Beziehung vollkommen beruhigen.“ Meine Worte ſchienen den Schwarzen nicht zu⸗ friedenzuſtellen. Er ſtand da und kratzte ſich im Kopfe, als ob er mir noch mehr mitzutheilen hätte. Ich wartete, daß er ſprechen würde. „Entſchuldigen, Maſſa Georg; aber da ſind Maſſa Georg in große Irrthum. Ja, es waren eine Zeit, wo Miß Virginia ſich Nichts machen aus dieſe Schlange; aber Zeiten ſind anders— Vater— alte Spitzbube— ſein gegangen in andere Welt, junge Mann nun reich— große Pflanzer— größ⸗ ter am ganze Fluß— alte Miß, ſie laden ihn ein, Miß Virginia beſuchen— weil er reich— weil er gute Speculation.“ „Das weiß ich Alles, Jake. Meine Mutter wünſchte es von jeher; aber das hat Nichts zu ſagen — meine Schweſter iſt ein wenig eigenſinnig und wird ganz gewiß ihren Willen durchſetzen. Es ſteht „* — 11— nicht zu fürchten, daß ſie ihre Einwilligung geben werde, Arens Ringzold zu heirathen. „Entſchuldigen, ſſa Georg, entſchuldigen nochmals. Ich ſage, Maſſa ſind in Irrthum; Miß Virginia willigen ſchon faſt ein.“ „Aber ſage mir, wer hat Dir denn das in den Kopf geſetzt, lieber Jake?“ „Viola, Maſſa. Die Quadronin ſagen mir Alles.“ „Alſo ſeid Ihr wieder gute Freunde?“ „Ja, Maſſa Georg, wir wieder gute Freunde wie ſonſt. Jake hatten blos Verdacht— Jake hat⸗ ten Unrecht. Viola gutes Mädchen— treu wie Kugelbüchſe. Kein Verdacht mehr gegen ſie von Jake— nein, kein Verdacht mehr.“ „Ich freue mich, das zu hören. Aber ſage mir, was hat ſie denn Dir von Arens Ringzold und meiner Schweſter erzählt?“ „Sie ſagen mir Alles. Sie ſehen Etwas alle Tage.“ an „Alle Tage? Es iſt ja viele Tage her, ſeitdem Arens Ringzold das letzte Mal hier geweſen iſt.“ „Nein, Maſſa; da ſein Maſſa wieder in Irr⸗ thum. Mr. Arens kommen alle Tage hierher— faſt alle Tag.“. „Unſinn; ich habe ihn ja niemals hier geſehen. Ich habe auch Nichts davon gehört, daß er ſeit meiner Rückkehr von dem Fort hier geweſen ſei.“ „Aber er ſein doch 3 geweſen, Maſſa— ich ſehn ihn ſelbſt. Er kommen, wenn Maſſa nicht da ſein. Er kommen, wenn Maſſa auf Jagd gehen. Jake ſehen ihn geſtern kommen, wenn Maſſa Georg und Mr. Gallagher waren fort bei Freiwillige— das ſein ganz gewiß.“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen.“ „Das ſein auch noch nicht Alles, Maſſa. Viola ſagen, Miß Virginia ſein jetzt ganz anders, als wie ſonſt. Er ſprechen von Liebe— ſie nicht zornig mehr— ſie hören ihm zu. O, Maſſa Georg, Viola denken, ſie wird ihm geben Einwilligung in Heirath — das wären ſchrecklich— ſehr, ſehr ſchrecklich!“ „Jake,“ ſagte ich,„höre mich an. Du wirſt in der Nähe des Hauſes bleiben, wenn ich abweſend bin. Du wirſt Acht geben auf Jeden, der da kommt oder geht, und ſobald Arens Ringzold ſich zu einem Beſuche hier einfindet, kommſt Du ſo ſchnell als Du reiten kannſt zu mir, um es zu melden.“ „Gott Allmächtige, das thun Jake, Maſſa Georg. O, ich kommen ganz geſchwind— wie Blitz vom Himmel!“ — 16— Und mit dieſem Verſprechen verließ mich der Schwarze. * 8¼* Trotz all' meiner Geneigtheit zum Unglauben konnte ich die mir auf dieſe Weiſe mitgetheilte Nach⸗ richt nicht unbeachtet laſſen. Ohne Zweifel war etwas Wahres daran. Der Schwarze war zu treu, als daß es ihm hätte einfallen können, mich zu hin⸗ tergehen, und zu ſchlau, um ſich ſelbſt zu täuſchen. Viola hatte ſehr gute Gelegenheiten, Alles zu beob⸗ achten, was innerhalb unſeres Familiencirkels vor⸗ ging, und welchen Beweggrund konnte ſie haben, ſo Etwas zu erſinnen? Ueberdies hatte Jake ja Ringzold bei ſeinen Beſuchen auch ſelbſt geſehen— Beſuchen, von denen mir jetzt noch kein Menſch Etwas geſagt. Dies be⸗ ſtätigte Alles. Was ſollte ich daraus machen? Alſo drei Männer ſchienen hier als Bewerber aufzutreten— der Häupt⸗ ling, Gallagher, Arens Ringzold. „Iſt“, fragte ich mich ſelbſt,„Virginie eine elende Kokette geworden, die es mit Keinem ver⸗ derben will? Kann ihr wirklich an Ringzold Etwas liegen? Nein, es iſt nicht möglich!“ Ich konnte mir denken, daß ſie Zuneigung für 1 — 17— den Soldaten hegte— eine romantiſche Leidenſchaft, für den tapfern, ſchönen Häuptling, aber für Arens Ringzold— einen eingebildeten Gecken, der nichts Empfehlenswerthes hatte als ſeinen Reichthum— das erſchien mir ganz und gar unwahrſcheinlich. Natürlich ging der Einfluß von meiner Mutter aus, aber niemals zuvor hatte ich mir einfallen laſſen, daß Virginie) nachgeben würde. Wenn Viola aber die Wahrheit geſagt, ſo hatte ſie nachgegeben oder ſtand im Begriff, Dies zu thun. „O, MNutter Mutter, wie wenig kennſt Du den Feind, den Du in Dein Haus aufzunehmen und als Dein Kind zu lieben gedenkſt!“ Oceola. Iv.„ 2 Drittes Kapiltel. Der alte Hickman. Am nächſtfolgenden Morgen begab ich mich, wie gewöhnlich, nach dem Rekrutenquartier. Gal⸗ lagher begleitete mich, weil an dieſem Tage die Frei⸗ willigen eingemuſtert*) werden ſollten und unſere Gegenwart nothwendig war, um ihnen den Eid abzunehmen. )) In den Vereinigten oder Regiment Freiwilliger ſi ſtändig iſt und die Offiziere Regierung ihre Dienſte anni als Leute„eingemuſtert“ auf eine feſtbeſtimmte Zei gen und Geſetzen wie di ben Sold, dieſelben Rat Staaten errichtet ein Corps ch ſelbſt. Wenn die Zahl voll⸗ gewählt worden ſind und die mmt, werden ſowohl Offtziere oder mit andern Worten„vereidet,“ t genau unter denſelben Bedingun⸗ 3 e regulären Truppen, für denſel⸗ jonen u. ſ. w., zu dienen. Es war eine ziemlich zahlreiche Schaar beiſam⸗ men und bildete einen Trupp, deſſen Anzahl impo⸗ nirender war als ſeine äußere Erſcheinung. Es waren berittene Freiwillige; da aber ein Jeder ſein eigener Quartiermeiſter geweſen war, ſo waren nicht zwei von ihnen gleichmäßig bewaffnet oder beritten. Faſt Alle führten Kugelbüchſen, ob⸗ ſchon auch einige Wenige darunter waren, welche die alte Familienmuskete mitgebracht hatten— eine Reliquie aus der Revolutionszeit— und Einige waren blos mit einfachen oder doppelläufigen Jagd⸗ flinten bewaffnet. Indeſſen waren dieſe, mit tüch⸗ tigen Rehpoſten geladen, immer keine verächtliche Waffe in einem Gefechte mit Indianern. Piſtolen gab es von mancherlei Art— von den ungeheuren, mit Meſſing beſchlagenen Reiterpiſto⸗ len an bis zu den kleinen Taſchenpiſtolen— einfach und doppelläufig— aber keine Revolver, denn bis jetzt war der berühmte Colt*) noch nicht auf der Bühne des Grenzkrieges erſchienen. *) Das zuerſt mit Colt's Piſtolen bewaffnete Corps war das Regiment der teraniſchen Tirailleurs. Die erſte Erprobung dieſer Waffe geſchah in dem Kriege zwiſchen den Vereinigten Staaten und Mexiko, in einem Scharmützel mit der Guerrillaſchaar des Padre Jaranta. 125 Guerril⸗ „ 2* 5 Jeder Freiwillige führte ſein Meſſer— einige dolchförmig mit verzierten Griffen, während die grö⸗ ßere Zahl lange ſcharfe Klingen waren, ähnlich denen, welche bei den Fleiſchern gebräuchlich ſind. In den Gürteln Vieler ſtaken kleine Beile, eine Nachahmung des indianiſchen Tomahawks. Dieſe ſollten dem doppelten Zwecke dienen, einen Weg durch das Unter⸗ holz zu bahnen oder einem Wilden den Schädel ein⸗ zuſchlagen, je nachdem nun die Gelegenheit ſich darbot. Die Rüſtſtücke beſtanden aus Pulverhörnern, Kugeltaſchen und Schießtaſchen, kurz, der gewöhn⸗ lichen Jagdausrüſtung des Grenzbewohners oder Jagdfreundes, wenn er auf die Hirſchjagd geht. Die Pferde dieſes Trupps waren eben ſo ver⸗ ſchieden als die Waffen und Rüſtſtücke— Pferde von dreizehn bis ſiebzehn Hände hoch. Man ſah hier den hohen, ſtarkgebauten Hengſt, das etwas ſchwerfällige Ackerpferd, den kräftig ge⸗ bauten Gaul von andaluſiſcher Race*), das hagere, ubgeltielens„Beeſt,“ welches den halbzerlumpte leros wurden durch dieſe ſo wirkſame Waffe in weniger als fünfzehn Minuten kampfunfähig gemacht. — Das Pferd ward in Florida durch die Spanier ängeführt, daher die Race. — 21— Squatter auf dem Rücken trug, neben dem pracht⸗ vollen arabiſchen Kriegsroſſe, auf dem ein flotter junger Pflanzer ſaß, der ſich darauf ſowohl als auf ſeine ſonſtige brillante Erſcheinung nicht wenig zu Gute that. Nicht Wenige ritten auch Maulthiere, ſowohl von amerikaniſcher als ſpaniſcher Abkunft, und dieſe ſind, wenn ſie gut zugeritten ſind, obſchon ſie dem Pferde bei einem Angriffe nicht gleichkommen, doch eben ſo gut in einem Feldzuge gegen einen india⸗ niſchen Feind. In Dickigten— durch Gehölz, wo der Boden ſumpfig, oder mit Baumſtämmen, abge⸗ brochenen Aeſten und dergleichen bedeckt iſt, geht das Maulthier ſicher den Weg, während das Pferd in Gefahr iſt, einzuſinken oder zu ſtolpern. Einige der erfahrenſten Hinterwaldsjäger geben daher auf der Jagd dem Maulthiere vor dem feurigen Araberroſſe den Vorzug. Bunt auch waren die Trachten des Reitertrupps. Es gab Uniformen oder Halbuniformen, die von einigen der Offiziere getragen wurden— unter den Gemeinen aber waren nicht zwei auf ganz ähnliche Weiſe coſtümirt: Ueberwürfe von rothem, blauem und wollenem Stoffe, rothe Flanellhemden, Jacken von brauner oder weißer Leinwand— einige von gelbem Nanking, einige von himmelblauer Cottonade, ₰ — 22— Jagdhemden von gegerbtem Wildleder nebſt Mocca⸗ ſins, Stiefeln von Roß⸗ oder Alligatorhaut, mit Einem Worte, jede Gattung von Fußbekleidung, die in den ganzen Vereinigten Staaten anzutreffen iſt. Die Kopftracht war eben ſo mannichfaltig und phantaſtiſch. Hier waren keine ſteifen Tſchackos zu ſehen, ſondern Mützen von Thierfellen und Wolle, Filz, Stroh und Palmenblättern, breitkrämpig, auf⸗ oder niedergekrämpt. Einige trugen Fouragier⸗ mützen von blauem Tuche, welche ihren Beſitzern einen gewiſſen militairiſchen Anſtrich verliehen. In einer einzigen Beziehung herrſchte unter dem Trupp eine gewiſſe Uebereinſtimmung— Alle waren kampfbegierig und brannten nach einem Kampfe mit den verhaßten Wilden, welche im ganzen Lande ſolche Räubereien und Gräuel verübten. Wann ging es denn endlich los? dies war die Frage, welche in den Reihen der Freiwilligen fortwährend gethan ward. Der alte Hickman befand ſich mit unter den Rührigſten. Sein Alter und ſeine Erfahrung hatten ihm durch freie Wahl zu dem Range eines Sergean⸗ ten verholfen, und ich hatte viele Gelegenheiten, mich mit ihm zu unterhalten. Der Alligatorjäger war noch mein treuer Freund und den Intereſſen meiner Familie zugethan. Gerade an dieſem Tage war ich zufällig mit ihm allein und er gab mir einen Beweis von ſeiner Anhänglichkeit, indem er freiwillig eine Converſation begann, die ich nicht von ihm erwar⸗ tet hätte. Er begann auf folgende Weiſe: „Ich will mich gleich von einem Indianer ſeal⸗ piren laſſen, Lieutenant, wenn ich den Gedanken ertragen kann, daß dieſer Kerl Eure Schweſter hei⸗ rathen ſoll.“ „Meine Schweſter? wer denn?“ fragte ich mit einiger Ueberraſchung. Meinte er Gallagher? „Nun, wen denn ſonſt als den Kerl, von dem überall die Rede iſt— den niederträchtigen Schlin⸗ gel Arens Ringzold.“ „Ah, den meint Ihr? Alle Leute ſprechen davon, ſagt Ihr?“ „Ja wohl— in der ganzen Gegend geht die Rede davon. Ich dürfte nicht an Eurer Stelle ſein, Georg Randolph. Eure Schweſter— das niedliche Kätzchen— iſt das ſchönſte Mädchen weit und breit, und es ärgert mich, daß ſo ein Kerl ſie kriegen ſoll, der trotz aller ſeiner Dollars doch nur ein elender Wicht iſt. Ich ſage Euch, Georg, er wird ſie auf ihre ganze Lebenszeit unglücklich machen, das prophe⸗ zeie ich Euch!“ „Es iſt ſehr freundlich von Euch, Hickman, daß Ihr mir einen guten Rath geben wollt, aber ich 2₰ ——— glaube nicht, daß das Ereigniß, welches Ihr fürch⸗ tet, jemals zu Stande kommen werde.“ „Aber warum reden denn die Leute davon? Jedermann ſagt, daß es geſchehen werde. Wenn ich nicht ein alter Freund Eures Vaters wäre, Georg, ſo würde ich mir nicht die Freiheit genommen haben, von der Sache zu ſprechen. Aber ich war ſein Freund, und ich bin auch Euer Freund, deßhalb hab' ich von der Sache angefangen. Man ſpricht viel von den Indianern; aber kein Indianer in ganz Florida iſt ein ſo großer Spitzbube, wie dieſe Ringzolds, Vater und Sohn, und die ganze Sippſchaft. Der Alte hat ſich von der Erde gedrückt, und wo er hin⸗ gekommen iſt, das iſt keinesfalls ſchwer zu ſagen. Der Teufel hat ihn jetzt in den Klauen und wird ihn hoffentlich jetzt für die Schandthaten züchtigen, die er hier begangen hat. Er wird richtig für die Art und Weiſe ausgezahlt werden, auf welche er die armen Miſchlinge auf der andern Seite des Fluſſes behandelt hat.“ „Die Powells?“ „Ja— es war das die größte Niederträchtig⸗ keit, die mir in meinem Leben vorgekommen iſt.“ „Ihr wißt alſo, was den armen Leuten be⸗ gegnete?“ 4 — 25— „Ja wohl, weiß ich es— ich kenne das ganze Spiel; es war die unverſchämteſte Gaunerei, mit der jemals ein Weißer, und zwar ein Weißer, der ſich einen Gentleman nannte, ſich befaßt hat.“ Hickman begann nun auf meinen Wunſch, mit größerer Genauigkeit, als ich bis jetzt gehört, die Thatſachen zu erzählen, welche ſich auf die Beraubuug der armen Familie bezogen. Aus ſeiner Erzählung ging hervor, daß die Powells nicht freiwillig von der Pflanzung fortgegan⸗ gen waren, daß im Gegentheil dieſer Wegzug für die verlaſſene Witwe das Peinlichſte von Allem ge⸗ weſen war. Nicht bloß war das Grundſtück von großem Werthe— das beſte im ganzen Diſtricte— ſondern es war für ſie auch der Schauplatz eines glücklichen Lebens geweſen— eine Heimath, die ihr durch die Liebe, durch das Andenken an einen lieben⸗ den Gatten, durch jedes Band der Herzensneigungen theuer gemacht worden war, und von der ſie ſich nicht eher getrennt hatte, als bis ſie durch den ſtar⸗ ken Arm des Geſetzes— durch den Stab des She⸗ riffs davon vertrieben worden war. Hickman war bei der Abſchiedsſcene zugegen geweſen und ſchilderte ſie in rauher, aber gefühlvol⸗ ler Weiſe. Er erzählte mir von der Trauer, welche 85 1 — 26— die Familie beim Scheiden zu erkennen gegeben, von den entrüſteten Vorwürfen des Sohnes— von den Thränen und Bitten der Mutter und Tochter— wie die verfolgte Witwe Alles geboten hatte, was man ihr noch gelaſſen— ihr perſönliches Eigenthum— ſelbſt die Kleinodien und Juwelen— Andenken, die ſie noch von ihrem verſtorbenen Gatten beſaß,— wenn die Schurken ſie nur im Beſitze des Hauſes laſſen wollten— der alten Heimath, die ihr durch ſo viele unter ihrem Dache zugebrachte glückliche Jahre heilig gemacht worden. Ihre Anſprache aber war vergebens. Der herz⸗ loſe Verfolger war ohne Mitleid und ſie ward hinaus⸗ ggetrieben. LVpon allen dieſen Dingen ſprach der alte Jäger ausführlich und gefühlvoll, denn, obſchon ein Mann von etwas gemeiner Ausdrucksweiſe und rauhem Aeußerem, war er doch ein Mann, deſſen Herz von Menſchenliebe ſchlug und der die Ungerechtigkeit haßte. Er hatte keine Freundſchaft für Menſchen, die Nichts thaten als Böſes, und verabſcheute die ganze Sippſchaft der Ringzolds. Seine Erzählung entzündete in mir wieder die Entrüſtung, welche ich empfunden, als ich das — — 27— erſte Mal von dieſer grauſamen That hörte, und meine Sympathie für Oceola, die durch meinen kürzlichen Argwohn unterbrochen worden, ward faſt wiederhergeſtellt, als ich die Geſchichte des ihm wider⸗ fahrenen Unrechts anhörte. Viertes Kapitel. Ein eiliger Bote. Ich war in Hickman's Begleitung ein wenig von dem großen Haufen hinweggegangen, um mich ungenirt mit ihm unterhalten zu können. Der alte Jäger wurde in ſeiner Rede immer wärmer und aus ſeiner Art und Weiſe ſchloß ich, daß er mir noch andere Enthüllungen zu machen habe. Ich glaubte feſt an ſeine Anhänglichkeit an unſere Familie, ſo wie an ſeine perſönliche Freund⸗ ſchaft gegen mich— und ein oder zwei Mal ſtand ich im Begriffe, ihm die Gedanken zu offenbaren, welche mich unglücklich machten. An Erfahrung war er ein Weiſer, und obſchon ein roher und unge⸗ bildeter, war er doch vielleicht der allerbeſte Rath⸗ geber, den ich ünden konnte. Ich kannte Niemanden, — 29— der auch nur die Hälfte ſeiner Weltkenntniß beſeſſen hätte, denn Hickman hatte nicht von jeher unter den Alligatoren gelebt, ſondern im Gegentheile verſchie⸗ dene Phaſen des Lebens durchgemacht. Seiner Hingebung konnte ich unbedingt trauen, und mit derſelben Sicherheit mich auf die Hülfsquel⸗ len ſeines Urtheils verlaſſen. In dieſer Vorausſetzung würde ich mich der ſchweren Geheimniſſe, die auſ meinem Herzen laſte⸗ ten— wenigſtens einiger derſelben— entledigt haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß er ſchon einige davon wüßte. Von dem Wiedererſcheinen des Gelben Jake war er, wie ich wußte, bereits unterrichtet. Er erklärte, er ſei gleich von vorn herein nicht von dem Tode des Mulatten überzeugt geweſen und habe ſchon lange gehört, daß er noch lebe, aber nicht der Gelbe Jake war es, an den ich dachte, ſondern die Anſchläge des elenden Arens Ringzold. Vielleicht wußte Hickman Etwas von dieſen. Ich bemerkte, daß, wenn ſein Name in Verbin⸗ 1 dung mit dem von Spence und Williams genannt ward, er mir einen ſeltſamen, bedeutungsvollen Blick zuwarf, als ob er mir von dieſem Wichte Etwas zu ſagen hätte. Ich wartete darauf, daß er mipeine Mittheilung ₰ — 30— machen würde, als der Huftritt eines galoppirenden Pferdes an mein Ohr ſchlug. Als ich aufblickte, ſah ich einen Reiter in geſtrecktem Galopp an dem uUfer des Fluſſes herunter kommen. Das Pferd war weiß und der Reiter ſchwarz. Ich erkannte Beide auf den erſten Blick. Jake war der Reiter. Ich trat unter den Bäumen hervor, damit er mich ſehen und nicht weiter nach der Kirche reiten möchte, die ein wenig jenſeits ſtand. Als er näher kam, rief ich ihn an. Err ſah und hörte mich und kam raſch auf die Stelle zugeſprengt, wo der alte Jäger und ich bei einander ſtanden. Augenſcheinlich hatte er eine Mel⸗ dung zu machen, die Gegenwart Hickman's aber hielt ihn ab, dies zu thun. Schweigen aber konnte er auch nicht; deßwegen ſprang er aus dem Sattel, näherte ſich mir und flüſterte mir Etwas in’s Ohr. Es war ganz das, was ich zu hören erwartete— Arens Ringzold war in unſerm Hauſe. „Verdammte Nigger ſein da, Maſſa Georg!“ So lautete buchſtäblich Jake's gemurmelte Meldung. Ich nahm die Mittheilung mit einem ſo großen Anſchein von Ruhe auf, als mir möglich war. Ich wünſchte nicht, daß Hickman Kenntniß davon haben, oder auch nur Berdacht ſchöpfen ſollte, daß etwas * — 31— Außerordentliches auf dem Tapete ſei. Deßhalb ent⸗ ließ ich den ſchwarzen Boten ſofort und kehrte mit dem Jäger nach der Einhegung in der Nähe der Kirche zurück, wo ich in dem Gewimmel ſeiner Kamera⸗ den bald von ihm hinwegzukommen wußte. Bald nachher band ich mein Pferd los, ſtieg, ohne Jemandem— ſelbſt Gallagher— ein Wort zu ſagen, auf und ritt langſam fort. Ich nahm nicht den geraden Weg, der nach unſerer Pflanzung führte, ſondern machte einen kur⸗ zen Umweg durch einige Waldungen, welche bis an die Kirche heran reichten. Ich that dies, um den alten Hickman, oder jeden Andern, der die raſche Ankunft des Boten be⸗ merkt hätte, irre zu führen. Um allen Vermuthun⸗ gen in dieſer Beziehung vorzubeugen, gab ich mir vor den Augen der Neugierigen den Anſchein, als hätte ich mich in der Richtung entfernt, welche der eigentlichen geradezu entgegengeſetzt war. Nachdem ich einen kleinen Umweg durch das Gebüſch gemacht, kam ich auf die flußaufwärts führende große Straße. Nun gab ich meinem Pferde die Sporen und galoppirte, als ob Leben und Tod auf dem Spiele ſtändeu. Mein Zweck bei dieſer Eile war einfach, das Haus noch Zeit genug zu erreichen, ehe der heimliche Beſucher— der willkommene Gaſt — 32— meiner Mutter und Schweſter— ſich wieder ver⸗ abſchiedete. So ſtarke Gründe ich auch hatte, dieſen Menſchen zu haſſen, ſo hegte ich doch keinen blutdürſtigen Vor⸗ ſatz. Es war nicht meine Abſicht, Arens Ringzold umzubringen, obſchon dies vielleicht die geeignetſte Weiſe geweſen wäre, ein ſo ſchädliches und gefähr⸗ liches Gewürm, wie er war, zu beſeitigen. Bei dem, was ich von ihm wußte, und durch Hickman's Erzählung von ſeiner grauſamen Handlungsweiſe auf's Neue angeſpornt, hätte ich in dieſem Augen⸗ blicke ohne Furcht vor Reue ihm das Leben nehmen können. Obſchon ich aber grimmige Entrüſtung empfand, ſo war ich doch weder wahnſinnig noch rückſichtslos. Beweggründe der Klugheit— der gewöhnliche In⸗ ſtinet der Selbſterhaltung— äußerten immer noch ihren Einfluß auf mich und ich hatte durchaus nicht die Abſicht, den letzten Act in der Tragödie von Sim⸗ ſon’s Leben nachzuahmen. Das Programm, welches ich mir vorgezeichnet, war von vernünftigerer Art. Meine Abſicht war, mich dem Hauſe zu nähern— wo möglich unbe⸗ merkt— aber ſo auch dem Beſuchzimmer— wo ich natürlich Arens Ringzold antreffen mußte. Ich — 33— trete plötzlich ein— ſo dachte ich— ſowohl Gaſt als Wirthinnen ſind überraſcht— ich verlange eine Erklärung von allen Dreien— eine vollſtändige Aufklärung dieſer geheimnißvollen Verwirrung unſrer Familienbeziehung, die mich auf ſo peinliche Weiſe folterte. Auge in Auge wollte ich dem Kleeblatte ent⸗ gegentreten— der Mutter, der Schweſter und dem Freier— und alle Drei zu einem Geſtändniſſe zwingen. „Ja!“ ſagte ich bei mir ſelbſt, indem ich fort⸗ während die Flanken meines armen Roſſes ſtachelte, „ja— ſie ſollen bekennen— ſie müſſen— Eins wie das Andere— oder—“ Mit den erſten Beiden konnte ich die Alternative nicht beſtimmen, obſchon ein ſchwarzer Anſchlag, auf die Hintanſetzung der kindlichen und brüderlichen Liebe gegründet, in meiner Bruſt lauerte. Was Ringzold betraf, ſo war, wenn er ſich weigerte, die Wahrheit zu ſagen, mein Vorſatz, ihn erſt tüchtig durchzupeitſchen, dann ihn zur Thür hinauszuwerfen und ihm endlich zu befehlen, nie⸗ mals wieder das Haus zu betreten, das Haus, deſ⸗ ſen Herr ich hinfort zu ſein beſchloß. Was die Etikette betraf, ſo kam dieſe hierbei Oceola. IV. 3 „ — 34— nicht in Frage, denn ich war nicht geſonnen, mich durch Beobachtung zarter Ceremonieen an der Aus⸗ führung meiner Pläne hindern zu laſſen. Einem Manne gegenüber, welcher mich ermorden gewollt, konnte keine Rohheit am unrechten Orte ſein. 3 — Fünftes Kapitel. Das Geſchenk eines Liebenden. Meine Abſicht war, wie ich ſchon geſagt, mich unbemerkt in das Haus zu ſchleichen. Demzufolge war es nothwendig, bei meiner Annäherung an das Haus die größte Vorſicht zu beobachten. Zu dieſem Zwecke bog ich, als ich mich der Pflanzung näherte, von der Hauptſtraße in einen Weg ein, welcher nach der Hinterſeite des Hauſes führte. Dieſer Weg führte mich an dem Hommock, dem Badebaſſin und dem Orangenhain vorbei, ohne große Gefahr, daß meine Annäherung durch irgend Jemanden bemerkt würde. Die innerhalb der Um⸗ zäunungen arbeitenden Sclaven konnten mich ſehen, wenn ich vorbeiritt, aber dieſe waren die Feldar⸗ beiter. Wenn mich nicht einige der Hausdiener zu 3* 3 ₰ — 36— Geſicht bekamen, ſo brauchte ich nicht zu fürchten, daß meine Annäherung verrathen würde. Mein Bote war nicht direct umgekehrt, ſondern ich hatte ihm befohlen, an einem beſtimmten Platze mich zu erwarten, und an dieſem traf ich ihn. Ich befahl ihm, mir zu folgen, und ritt weiter. Nach⸗ dem wir die Felder paſſirt hatten, ritten wir in das dichte Unterholz des Hommock hinein, wo wir Halt machten und von den Pferden ſtiegen. Von dieſem Punkte aus ging ich allein weiter. So wie der Jäger das Nichts ahnende Wild, oder der Indianer ſeinen ſchlafenden Feind beſchleicht, näherte ich mich dem Hauſe, dem Hauſe meines Vaters, der Heimath meiner Mutter und Schweſter. Ein ſeltſames Beginnen von einem Sohne und Bruder— eine eigenthümliche Situation! Meine Füße zitterten unter mir, als ich näher kam, meine Kniee ſchlugen zuſammen und meine Bruſt ward von einem Tumult wilder Gemüthsbe⸗ wegungen beſtürmt. Ein Mal zögerte ich und blieb ſtehen. Die Ausſicht auf den unangenehmen Auf⸗ tritt, den ich hervorzurufen im Begriff ſtand, bewog mich dazu. Mein Entſchluß ward ſchwach und waͤnkend. Vielleicht wäre ich auch wirklich umgekehrt— vielleicht hätte ich eine andere Gelegenheit abge⸗ —j — — 37— wartet, wo ich meinen Zweck mit einer weniger gewaltſamen Entwickelung hätte erreichen können; aber gerade in dieſem Augenblicke ſchlugen Stimmen an mein Ohr, welche die Wirkung äußerten, daß ich in meinem ſchwankenden Entſchluſſe dadurch wieder befeſtigt ward. Die Stimme meiner Schweſter ließ ſich in lautem, heiterem Gelächter vernehmen. Noch eine andere Stimme hörte ich— blos eine. Ich erkannte bald die quäkende Discantſtimme des verächtlichen Freiers. Dieſe Stimmen raubten mir wieder die Be⸗ ſinnung— die Töne verletzten mich, als ob ſie ab⸗ ſichtlich mich verſpotteten. Wie konnte meine Schweſter ſich ſo benehmen — wie konnte ſie in Freude ſchwelgen, während ich von ſchwarzem Verdachte gefoltert ward! Auf's Aeußerſte gereizt, verbannte ich jeden Gedanken an ehrenwerthes Handeln. Ich beſchloß, meine Abſicht durchzuſetzen, aber erſt— den Horcher, den Lauſcher zu ſpielen. Ich ſchlich mich näher und hörte deutlicher. Die Sprechenden waren nicht in dem Hauſe, ſondern außerhalb deſſelben am Rande des Orangenhains. Leiſe auftretend und vorſichtig die Zweige aus⸗ einander biegend, bald zuſammen geduckt, bald auf⸗ recht, gelangte ich unbemerkt bis auf ſechs Schritte „ — 38— an den Ort, wo ſie ſtanden— nahe genug, um ihre Kleider durch die Blätter ſchimmern zu ſehen und jedes Wort zu hören, welches zwiſchen ihnen geſprochen ward. Es waren noch nicht viele geſprochen, ſo be⸗ merkte ich, daß ich gerade in einem eigenthümlichen Moment, in einer Kriſis zur Stelle gekommen war. Der Liebende hatte ſich ſo eben zum Gatten ange⸗ boten— hatte vielleicht zum erſten Male ernſthaft ſeine Erklärung ausgeſprochen. Aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach war es eben dies, was das Gelächter meiner Schweſter erweckt hatte. „Alſo wirklich, Mr. Ringzold, Sie wünſchen mich zu Ihrem Weibe zu machen? Sie meinen das, was Sie geſagt haben, in allem Ernſte?“ „O, Miß Randolph, ſpotten Sie nicht meiner. Sie wiſſen, ſeit wie vielen Jahren ſchon Ihnen mein Herz gehört.“ „Nein, das weiß ich nicht. Wie ſollte ich das wiſſen?“ „Durch meine Worte. Hab' ich es Ihnen nicht hundert Mal geſagt?“ „Worte! Worte ſind in einer Sache dieſer Art von geringem Werthe für mich. Dutzende haben eben ſo wie Sie zu mir geſprochen, während Sie, wie ich glaube, ſich im Grunde genommen ſehr — 39— wenig aus mir machten. Die Zunge ſchwatzt viel, Mr. Arens.“ „Aber meine Thaten beweiſen, daß ich es auf⸗ richtig meine. Ich habe Ihnen meine Hand und mein Vermögen angeboten— iſt das nicht ein hin⸗ reichender Beweis davon?“ „Nein, Sie einfältiger Menſch; das iſt er durchaus nicht. Wenn ich auch Ihr Weib würde, ſo würde Ihr Vermögen immer noch Ihr Eigenthum bleiben. Ueberdies habe ich ſelbſt ein wenig Ver⸗ mögen und dieſes würde dann Ihrer Controle anheimfallen. Sie ſehen alſo, daß der Vortheil ganz entſchieden zu Ihren Gunſten ſein würde. Ha, ha, ha!“ „Nein, Miß Randolph; es würde mir nicht einfallen, Ihr Vermögen controliren oder darüber⸗ disponiren zu wollen, und wenn Sie meine Hand annehmen wollen—“ „Ihre Hand, Sir? Wenn Sie ein Weib ge⸗ winnen wollen, ſo müſſen Sie Ihr Herz anbieten. Ich verlange Herzen, nicht Hände.“ „Sie wiſſen ſchon, daß dieſes Ihnen gehört und ſchon ſeit langen Jahren gehört hat— die ganze Welt weiß das.“. „Dann müſſen Sie es der Welt geſagt haben, ₰ — 40— und ich muß geſtehen, daß mir das durchaus nicht gefällt.“ „Wirklich, Sie ſind zu hart mit mir. Sie haben viele Beweiſe von meiner langen und innigen Bewunderung geſehen. Schon längſt würde ich mich erklärt und Sie gebeten haben, mein Weib zu werden—“ „Nun und warum haben Sie es nicht gethan 24 Ringzold zögerte. „Die Wahrheit zu geſtehen, ich war nicht mein eigener Herr. Ich ſtand unter dem Willen meines Vaters.“ e „Wirklich?“ „Dieſes Hinderniß beſteht nicht mehr. Ich kann jetzt handeln, wie mir beliebt, und, theuerſte Miß Ran⸗ dolph, wenn Sie meine Hand annehmen wollen—“ .„Immer wieder Ihre Hand! Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Sir, daß Ihre Hand nicht in dem Rufe ſteht, die offenſte zu ſein. Wenn ich ſie annähme, ſo würde ich vielleicht die Erfahrung machen, daß ſie mit dem Nadelgelde ſehr ſparſam umginge; ha! ha! ha!“ „Ich werde von Feinden verleumdet. Ich ſchwöre Ihnen zu, daß Sie in dieſer Beziehung keine Urſache haben ſollen, ſich über meine Freigebigkeit zu beklagen.“ — 41— „Davon bin ich doch nicht ſo überzeugt, trotz des Schwures, den Sie thun. Verſprechungen, welche vor der Heirath gegeben werden, werden nach derſelben nur zu oft gebrochen. Ich möchte Ihnen nicht trauen, lieber Freund— wirklich nicht.“ „Aber Sie können mir trauen, ich verſichere es Ihnen.“ „Sie können es mir nicht verſichern und über⸗ dies habe ich bis jetzt noch keinen Beweis von Ihrer Freigebigkeit in der Vergangenheit gehabt. Sie haben mir ja in Ihrem Leben noch niemals ein Geſchenk gemacht, Mr. Ringzold— hal! ha! ha!“ „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie eins anneh⸗ men würden, Miß Randolph, ſo hätte ich Ihnen mit Freuden Alles gegeben, was ich beſitze.“ „Gut, dann will ich Sie einmal auf die Probe ſtellen. Sie ſollen mir ein Geſchenk machen.“ „Nennen Sie es— es ſoll Ihnen werden.“ „O, Sie glauben wahrſcheinlich, ich hätte die Abſicht, Sie um eine Kleinigkeit zu bitten— ein Pferd, einen Hund oder irgend eine blanke Tändelei. Aber von dieſer Art iſt es Nichts, das verſichere ich.“ „Ich frage nicht darnach, was es iſt. Ich habe Ihnen mein ganzes Vermögen angeboten und werde daher auch nicht zögern, Ihnen einen Theil davon ₰ — 412— zu geben. Nennen Sie nur, was Sie wünſchen, und ich werde es Ihnen gern überlaſſen.“ „Das klingt in der That freigebig. Wohlan denn, Sie haben Etwas, was ich zu beſitzen wünſche. Ich möchte Beſitzerin dieſes Gegenſtandes ſein und hatte ſchon die Abſicht, Ihnen einen Antrag wegen eines Kaufs deſſelben zu machen.“ „Was meinen Sie, Miß Randolph?“ „Eine Pflanzung.“ „Eine Pflanzung!“ „Ja wohl. Nicht Ihre eigene, ſondern eine, deren Beſitzer Sie ebenfalls ſind.“ „Ah!“ „Ich meine die, welche früher einer Familie von Miſchlingen am Tupelo Creek gehörte. Ihr Vater kaufte ſie ihnen ab, glaube ich?“ Ich bemerkte den Nachdruck, den ſie auf das Wort„kaufte“ legte. Ich bemerkte Zögern und einige Verwirrung in der Antwort. . Ja. ja,“ ſagte er,„ſo war es. Aber Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Miß Randolph. Warum liegt Ihnen Etwas an dieſer Pflanzung, da Sie ja Herrin von Allem werden ſollen, was ich beſitze?“ „Das iſt meine Sache; es liegt mir einmal daran. Ich kann viele Gründe dazu haben. Jenes 1 . Grundſtück iſt ein Kieblingsplatz von mir und ich — gehe oft dorthin. Bemerken Sie wohl, unſere Pflanzung hier gehört meinem Bruder. Er wird wahrſcheinlich nicht ſein ganzes Leben lang unver⸗ mählt bleiben— und meine Mutter wünſcht viel⸗ leicht wieder ihre eigene Häuslichkeit zu haben. Doch nein, ich will Ihnen keine Gründe angeben— machen Sie das Geſchenk oder nicht— wie Sie wollen.“ „Und wenn ich es thue, werden Sie dann—“ „Wenn Sie Bedingungen ſtellen, ſo nehme ich das Geſchenk nicht an, ſelbſt wenn Sie mich auf den Knieen darum bäten. Ha, ha, ha!“ „Nun gut, ich will keine Bedingungen ſtellen. Wenn Sie die Pflanzung annehmen wollen, ſo gehört ſie Ihnen.“ „Gut— aber das iſt noch nicht Alles, Mr. Arens. Sie könnten ſich veranlaßt ſehen, ſie eben ſo leicht, wie Sie ſie gegeben haben, auch wieder zurückzunehmen. Wie ſoll ich überzeugt ſein, daß Sie dies nicht thun werden? Ich muß daher auch die Beſitzurkunden erhalten.“ „Sie ſollen ſie haben.“ „Aber wann?“ „Sobald Sie es wünſchen— ehe noch eine Stunde vergeht, wenn Sie es haben wollen.“ „Nun gut denn, ich will es haben. Gehen Sie, holen Sie die Papiere. Aber vergeſſen Sie ₰ — 44— nicht, Sir, ich geſtatte keine Bedingungen— vergeſſen Sie das nicht.“ „O,“ rief der erfreute Heirathscandidat,„ich ſtelle keine. Ich habe keine Befürchtungen— ich überlaſſe Alles Ihnen. In einer Stunde ſollen Sie die Urkunden haben; leben Sie wohl.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich ſchnell. Ich ward durch den Inhalt dieſes Geſpräches und durch die ſeltſame Beendung deſſelben ſo in Erſtaunen geſetzt und ſo überraſcht, daß ich mich eine Zeit lang nicht vom Platze bewegen konnte. Erſt als Ringzold ſchon eine ziemliche Strecke weit hinweg war, erlangte ich meine Faſſung wieder, und dann wußte ich immer noch nicht, welches Ver⸗ fahren ich einſchlagen— ob ich ihm nachfolgen oder ihn unbehelligt ſeiner Wege gehen laſſen ſollte. Virginia war mittlerweile wieder in das Haus zurückgekehrt. Ich war auf ſie noch unwilliger als auf ihn, und dieſem Impulſe gehorchend, ließ ich Ringzold ungehindert gehen und folgte meiner Schweſter, um ihr ſofort eine Erklärung abzuver⸗ langen. Der Auftritt, welcher demgemäß folgte, war ein etwas ſtürmiſcher. Ich traf ſie in dem Geſell⸗ ſchaftssimmer bei meiner Mutter. Ich geſtattete keine langen Umſchweife, ich wollte von keinemn Leugnen und keiner Anſprache Etwas wiſſen, ſondern erklärte Beiden offen den Charakter des Mannes, welcher ſo eben das Haus verlaſſen— ich bezeichnete ihn offen als den Menſchen, der mich zu ermorden geſucht. „Nun, Virginia! Schweſter! Willſt Du dieſen Mann heirathen?“ „Niemals, Georg, niemals! Es war niemals meine Abſicht— niemals!“ wiederholte ſie mit Nachdruck, indem ſie auf das Sopha niederſank und das Geſicht mit den Händen bedeckte. Meine Mutter war ungläubig— ſelbſt jetzt noch ungläubig! Ich wollte mich eben auf die nähern Beweiſe der von mir abgegebenen Erklärung einlaſſen, als ich meinen Namen laut draußen vor dem Fenſter nennen hörte. Es rief mich Jemand eiligſt. Ich eilte hinaus auf die Veranda, um zu fragen, was man begehre. Vor dem Hauſe hielt ein Mann zu Pferde in blauer Uniform mit gelben Aufſchlägen— ein Dra⸗ goner. Es war eine Ordonnanz, ein Bote aus dem Fort. Er war mit Staub bedeckt und ſein Pferd triefte von Schweiß und Schaum. Der Zuſtand ſowohl des Roſſes als des Reiters verrieth, daß ſie ₰ — 46— 4 ſich mehrere Stunden lang mit der größten Schnel⸗ ligkeit bewegt hatten. Der Dragoner überreichte mir ein Papier— eine in aller Eile gekritzelte Depeſche. Sie war an Gallagher und mich gerichtet. Ich öffnete ſie und las: „Bringen Sie Ihre Leute ſo ſchnell als Ihre Pferde ſie tragen können, nach Fort King. Der Feind hat uns zahlreich umzin⸗ gelt; jede Muskete wird gebraucht— ver⸗ lieren Sie keinen Augenblick. „Clinch.“ Sechſtes Kapitel. Der Marſch. Die Depeſche verlangte augenblicklichen Ge⸗ horſam. Zum Glück war mein Pferd noch geſattelt und in weniger als fünf Minuten hatte ich mich darauf geſchwungen und galoppirte nach dem Lager der Freiwilligen. Die Nachricht, welche ich brachte, erweckte unter dieſen kampfbegierigen Kriegern eine freudige Aufregung, die ſich durch ein wildes Hurrah zu erkennen gab. Der Enthuſiasmus vertrat die Stelle der Dis⸗ ciplin und in weniger als einer Stunde war das Corps vollſtändig gerüſtet und marſchfertig. Es war keine Urſache zu weiterem Zögern vor⸗ handen. Der Befehl zum Abmarſch ward gegeben, das Horn ſchmetterte„vorwärts“, und die Schwadron d„ — 348— machte ſich zwei Mann hoch in einer langen etwas unregelmäßigen Linie auf den Weg nach Fort King. Ich galoppirte noch einmal nach Hauſe, um Lebewohl zu ſagen. Es war ein eiliger Abſchied— weniger freudig als mein letzter— aber ich ritt zufriedener davon, denn ich wußte, daß meine Schweſter nun gewarnt und daß keine Gefahr eines Bündniſſes mit Arens Ringzold vorhanden war. Der Dragoner, welcher die Depeſche überbracht hatte, ritt mit der Schwadron zurück. Unterwegs theilte er uns die Neuigkeiten aus dem Lager und die in dem Fort umlaufenden Gerüchte mit.“ Viele Ereigniſſe hatten ſtattgefunden, von wel⸗ chen wir Nichts gehört hatten. Die Indianer hatten ihre Ortſchaften verlaſſen und ihre Weiber, Kinder, Thiere und ſonſtigen Habſeligkeiten mitgenommen. Einige ihrer Dörfer hatten ſie ſelbſt angezündet, um den„bleichen Geſichtern“ Nichts zur Zerſtörung übrig zu laſſen. Es bewies dies den Entſchluß, einen allgemeinen Krieg zu beginnen, wenn es näm⸗ lich noch an andern Beweiſen von dieſem Vorſatze gefehlt hätte. Wohin ſie gezogen waren, dies waren ſelbſt unſere Spione nicht im Stande geweſen aus⸗ findig zu machen. Einige glaubten, ſie wären weiter ſüdlich nach einem entferntern Theile der Halbinſel gezogen. Andere meinten, ſie hätten ſich in den —— — — 49— großen Sumpf geworfen, welcher ſich um die Quellen des Amazura viele Meilen weit herumzieht und als der„Wald von Ouithlacoochee“ bekannt iſt. Dieſe letztere Muthmaßung war die wahrſchein⸗ lichere, obſchon die Indianer ihren Abzug ſo heimlich und geſchickt bewirkt hatten, daß auch nicht eine Spur davon zu entdecken war. Die Spione der befreundeten Indianer— die geübteſten, die man finden konnte— waren dennoch nicht im Stande, ihr Aſyl zu entdecken. Man glaubte, ihre Abſicht ſei, ſich blos auf der Defenſive zu halten— das heißt, Raubzüge nach jeder Richtung hin zu unternehmen, welche von den Truppen unbewacht bliebe, und ſich dann mit ihrer Beute in die Verſchanzungen des Moraſtes zurückzu⸗ ziehen. Ihr zeitheriges Verhalten machte dieſe Vor⸗ ausſetzung ziemlich wahrſcheinlich. In dieſem Falle ward der Krieg wahrſcheinlich nicht ſo leicht zu Ende gebracht, oder, mit andern Worten, es fand vielleicht gar kein Krieg ſtatt, ſon⸗ dern eine Reihenfolge von fruchtloſen Märſchen und Verfolgungen; denn man wußte recht wohl, daß, wenn es den Indianern nicht beliebte, vor uns im Gefecht Stand zu halten, wir nur wenig Ausſicht hätten, ſie auf ihrem Rückzuge einzuholen. Oceola. IV. 4 50— Die Truppen fürchteten, daß ihre Gegner ſich in das Dickicht werfen würden, wo es dann ſchwierig, wo nicht ganz unmöglich ſein mußte, ſie zu finden. Dieſer Zuſtand der Dinge konnte indeſſen nicht ſo fortdauern. Die Indianer konnten nicht fort⸗ während von Plünderung leben, da ja die Beute mit jedem Tage geringer werden mußte. Für eine bloße Räuberbande waren ſie zu zahlreich, obſchon unter den Weißen von ihrer Zahl ein ſehr unvoll⸗ kommener Begriff herrſchte. Man ſchätzte ſie von ein⸗ bis auf fünftauſend Seelen— mit Einſchluß von entlaufenen Negern— und ſelbſt die beſtunter⸗ richteten Grenzbewohner konnten blos unſichere Ver⸗ muthungen in dieſer Beziehung aufſtellen. Ich für meine Perſon glaubte, daß ſelbſt nach dem Abfall der verrätheriſchen Clans mehr als tauſend Krieger da ſein müßten, und dies war die Meinung eines Mannes, der ſie ſehr genau kannte— des alten Jägers Hickman. Wie ſollten aber ſo vfele Menſchen mitten in einem Moraſte die zu ihrem Unterhalte nöthigen Mittel finden? Waren ſie vielleicht vorſichtig geweſen und hatten einen reichlichen Vorrath von Proviant angeſammelt? Nein; dieſe Frage konnte ſofort verneinend 4 beantwortet werden. Es war eine wohlbekannte — 51— Sache, daß eher das Gegentheil der Fall war, denn in dieſem Jahre hatten die Seminolen nicht einmal ihre gewöhnlichen Vorräthe geerntet. Ihre Auswan⸗ derung war ſchon im Frühling betrieben worden und in Folge der deßhalb vor ihnen liegenden zwei⸗ felhaften Ausſicht hatten viele Familien nur wenig — manche gar nicht gepflanzt. Die Ernte war daher geringer als in gewöhnlichen Jahren, und vor der erſten Conferenz in Fort King hatten viele Indianer bei den Grenzbewohnern Nahrungsmittel gekauft oder auch gebettelt. Welche Wahrſcheinlichkeit war daher wohl vor⸗ handen, daß ſie während eines langen Feldzugs die nöthigen Lebensmittel finden würden? Sie konnten in ihren Verſchanzungen ausge⸗ hungert werden— ſie mußten herauskommen und entweder Stand im Gefecht halten, oder um Frieden bitten. So glaubten wenigſtens die Leute. Dieſes Thema ward beſprochen, während wir uns auf dem Marſche befanden. Es war dies eine ſehr wichtige Frage für alle nach Ruhm dürſtenden jungen Krieger; denn wenn der Feind dabei beharrte, ein ſo unrühmliches Kriegsſyſtem zu verfolgen, wo ſollten dann die Lorbeern gepflückt werden? Ein Feldzug in dem von peſtilenzialiſchen Ausdünſtungen. erfüllten Klima der Moräſte verſprach eher eine reich⸗ liche Ernte von Cypreſſen. Die Meiſten hofften und glaubten daher auch, daß die Indianer bald hungrig werden und auf einem Schlachtfelde Stand halten würden. In Bezug auf die Möglichkeit, ob ſie eine län⸗ gere Zeit ſubſiſtiren könnten, herrſchten verſchiedene Meinungen. Einige— und dies waren die, welche die Beſchaffenheit des Landes am beſten kannten— ſprachen ſich dahin aus, daß es den Indianern wohl möglich ſein werde. Der alte Alligatorjäger war derſelben Meinung. „Sie haben,“ ſagte er,„dort den verwünſchten Buſch mit den dicken Wurzeln, welchen ſie Coonty*) nennen. Dieſer wächſit beinahe im ganzen Sumpfe und an manchen Stellen ſo dicht, wie das Geröhricht. Dieſe Wurzel läßt ſich ſehr gut eſſen und auch ein Getränk bereitet man aus ihr. Dann haben ſie auch noch die Eicheln von der Lebenseiche, welche auch gar nicht ſchlecht ſchmecken, wenn ſie gut in Aſche geröſtet ſind. Von dieſen können ſie viele tauſend Scheffel ſammeln. Dann giebt es auch noch den Kohl auf dem Wipfel des großen Palmetto— dieſer liefert ihnen Gemüſe. Was das Fleiſch betrifft, *) Smilax pseudo-china. — 53— ſo haben ſie Hirſche, Bären— woran es in dem Sumpfe nicht mangelt— und den Alligator, von dem ſich einige gute Stücken ſchneiden laſſen— außerdem auch noch Schildkröten, Truthühner, Eich⸗ hörnchen, Schlangen und Sandratten. Uebrigens freſſen ja dieſe verdammten Rothhäute Alles, was nur zappelt oder kriecht— vom Regenwurm bis zur Klapperſchlange. Glaubt mir, dieſe Indianer verhungern nicht ſo leicht als Ihr glaubt, und ſo lange es noch irgend Etwas in dem verwünſchten Sumpfe zu nagen giebt, iſt von Ergebung nicht die Rede. Dieſes ganz kluge und auf Erfahrung gegründete Raiſonnement überzeugte faſt Alle, die es hörten. Der verachtete Feind war, wenn es um und um kam, doch vielleicht nicht ſo hülflos, wie man allge⸗ mein glaubke. Der Marſch der Freiwilligen fand nicht nach ſtreng militairiſchen Regeln ſtatt. Er ward ſo be⸗ gonnen, aber die Offtziere fanden es bald unmöglich, die Taktik durchzuführen. Die Leute, beſonders die jüngern, ließen es ſich nicht nehmen, dann und wann aus dem Gliede zu fallen und eine Flaſche von ſeltſamer Form hervorzuziehen, und dann und wann galoppirte auch einer in den Wald hinein, in der Hoffnung, einen Schuß auf einen Hirſch oder — 54— einen Truthahn zu thun, den er durch die Bäume hindurch erblickt. Vorſtellungen von Seiten der Offiziere erwieſen ſich als ganz fruchtlos, und wurden Letztere zornig, ſo bekamen ſie höchſtens mürriſche Antworten. Sergeant Hickman war darüber ſehr aufgebracht. „Rekruten und Neulinge!“ rief er,„verwünſchte Neulinge! Laßt es ſie nur ſo forttreiben! Mich ſoll gleich der größte Alligator freſſen, wenn ſie ſich nicht nach und nach ganz anders benehmen lernen. Ich wette mein altes Pferd gegen das allerſchönſte in unſerm ganzen Trupp, daß einige dieſer Faſelhänſe ſcalpirt werden, noch ehe die Sonne untergeht.“ Niemand erbot ſich, die Wette des alten Jägers anzunehmen, und dies war ein Glück, denn ſeine Worte erwieſen ſich als prophetiſch. Ein junger Pflanzer, der ſich ſo ſicher glaubte, als wenn er durch ſeine Zuckerfelder ritte, hatte ſich auch von der Marſchlinie entfernt. Ein Hirſch, den er in der Savanna weiden ſah, war für ihn eine zu ſtarke Verlockung, als daß er ihr hätte widerſtehen können. Er war noch nicht fünf Minuten fort— ſeinen Kameraden kaum aus den Augen entſchwunden— als man raſch nach einander zwei Schüſſe fallen * —-— — 55— hörte und im nächſten Augenblicke ſein reiterloſes Pferd wieder zurückgaloppirt kommen ſah. Die Linie machte Halt und Front nach der Richtung, in welcher die Schüſſe gehörte worden. Eine kleine Abtheilung rückte vor bis zur(Stelle. Man ſah keinen Feind und auch keine Spur von einem ſolchen, mit Ausnahme der, welche in der Leiche des jungen Pflanzers beſtand, der von zwei Kugeln durchbohrt gerade noch ſo da lag, wie er aus dem Sattel gefallen war. Es war eine Lehre— obſchon eine etwas unangenehme für ſeine Kameraden, und es wurden von nun an weiter keine Verſuche, einen Hirſch zu erlegen, gemacht. Der Gefallene ward auf der Stelle begraben, wo er lag. Der Trupp formirte ſich regel⸗ mäßiger und geſchloſſener— die Mahnungen der Offiziere fanden jetzt mehr Gehör— und wir ſetzten unſern Marſch, ohne weiter moleſtirt zu werden, fort, ſo daß wir noch vor Sonnenuntergang uns innerhalb der Paliſſaden des Forts befanden. Siebentes Kapitel. Ein Schlag auf den Kopf. Mit Ausnahme des Andenkens an eine einzige kurze Stunde hatte Fort King für mich keine ange⸗ nehmen Erinnerungen. Es waren in meiner Ab⸗ weſenheit einige neue Offiziere angekommen, von welchen aber keiner meines Umganges würdig war. Sie machten das Quartier nur voller und die Be⸗ quemlichkeit nur ſchwieriger zu erlangen. Der Gar⸗ koch und die Spielgauner wurden ſchnell reich, und ſchienen in Gemeinſchaft mit dem Quartiermeiſter, dem Commiſſar*) und dem Fleiſchlieferanten die ein⸗ *) In der Armee der Vereinigten Staaten ſind dieſe beiden Poſten ganz verſchieden. Ein Commiſſar ſorgt blos für den„innern Menſchen;“ die Pflicht des Quartier⸗ meiſters dagegen iſt, für Obdach, Kleidung und Waffen zu ſorgen. Eine ſehr weiſe Beſtimmung. — — 57— —zigen Leute am Orte zu ſein, die Etwas vor ſich brachten. 1 Der Stutzer war immer noch Adjutant und ſo ſtolz herausgeputzt wie je. Ich hatte aber faſt auf⸗ gehört, an ihn zu denken. Es dauerte nicht lange, ſo ward ich zum Dienſt beordert, faſt im Augenblicke meiner Ankunft— und der Dienſt war wie gewöhnlich von unange⸗ nehmer Art. Ehe ich noch Zeit hatte, nach dem langen Ritte einen Augenblick auszuruhen— ja, noch ehe ich mir den Straßenſtaub abwaſchen konnte, ward ich in das Quartier des Obercommandanten gerufen. Was konnte er in ſolcher Eile von mir wollen? VWVar es wegen der Duelle? Sollten dieſe alten Rech⸗ nungen ausgeglichen werden? Nicht ohne gewiſſe Befürchtungen verfügte ich mich zu dem General. Es war jedoch, wie ſich ergab, bon der Ver⸗ gangenheit keine Rede, obſchon ich, als ich erfuhr, welche Dienſtleiſtung ich übernehmen ſollte, halb be⸗ dauerte, daß nicht ein Verweis der Zweck meiner Berufung war. Ich fand den Agenten bei dem Obercomman⸗ danten. Sie wollten eine abermalige Unterredung mit Omatla und dem„Schwarzen Dreck“ halten. ₰ — 358— Mich bedurfte man blos als Dolmetſcher. Der Zweck dieſer abermaligen Unterredung mit den Häuptlingen ward mir aus Dem klar, was der Agent und der General mit einander ſprachen. Es galt den Plan zu einem gemeinſchaftlichen Handeln von Seiten der Truppen und der befreundeten Indianer, welche uns als Bundesgenoſſen gegen ihre eigenen Landsleute dienen ſollten, welche Letztern— wie man jetzt ge⸗ wiß wußte— in bedeutender Anzahl in dem Walde von Ouithlacoochee verſammelt waren. Ihre eigent⸗ liche Poſition war noch unbekannt, aber man hoffte, dieſe mit Hülfe der befreundeten Häuptlinge und ihrer Spione zu entdecken, welche fortwährend auf den Beinen waren. Die Zuſammenkunft war ſchon verabredet. Die Häuptlinge— welche, wie ſchon erwähnt worden, ſich nach dem Fort Brooke begeben hatten und dort unter dem Schutze der Garniſon lebten— ſollten eine heimliche Reiſe machen und den Agenten und General an einer beſtimmten Stelle treffen— an der alten Stelle, dem Hommock bei dem kleinen See. Die Zuſammenkunft war für die nächſte Nacht feſtgeſett— ſobald es finſter genug ſein würde, die Annäherung ſowohl der Verführer als der Ver⸗ räther zu decken. 3 Es war faſt in dem Augenblicke, wo die Sonne — 59— unterging, ſchon finſter genug, denn der Mond ſtand im dritten Viertel und ging erſt nach Sonnenunter⸗ gang auf. Kurz nach Einbruch der Dannuns gingen daher wir drei— der General, der Agent und der Dolmetſcher— nach dem bezeichneten Orte, gerade wie wir bei einer frühern Gelegenheit gethan. Die Häuptlinge waren noch nicht da, und dies verurſachte einige Ueberraſchung. Bei der bekannten Pünktlichkeit, mit der ein Indianer einer Verabredung nachzukommen pflegt, erwartete man, daß ſie ſchon da ſein würden, denn die beſtimmte Stunde war vorüber. „Was kann ſie nur zurückgehalten haben?“ fragten der Commiſſar und der General. Schon im nächſten Augenblicke erfolgte die Ant⸗ wort. Sie kam aus der Ferne und in eigenthüm⸗ lichem Tone, aber es konnte keine andere als eine Antwort auf die Frage ſein— ſo muthmaßten meine beiden Begleiter. Von der Nachtluft getragen, ſchlug das Getöſe eines Kampfes an unſer Ohr— der Knall von Büchſen und Piſtolen, und deutlich durch Alles hin⸗ durch das grollende Yo-ho-chee! Das Getöſe war fern— weit im Walde drin, aber es war deutlich genug, um zu der Voraus⸗ — 60ñ— ſetzung zu berechtigen, daß dort ein Kampf auf Leben und Tod ſtattfand. Es konnte kein blinder Lärm ſein, um die Sol⸗ daten aus dem Fort zu locken, oder die Schildwachen auf ihrem Poſten zu ſchrecken. Es lag in dieſem wilden, gellenden Geſchrei ein Ernſt, welcher den Zu⸗ hörer überzeugte, daß Menſchenblut vergoſſen ward. Meine Begleiter ſtellten allerhand Vermuthungen auf. Ich ſah, daß Keiner von Beiden einen ſonder⸗ lich hohen Grad von Muth beſaß, denn dieſer iſt nicht nothwendig, um General zu werden. Während meiner Kriegserfahrung habe ich mehr als Einen geſehen, der ſich hinter einem Baum oder hinter einer Mauer verſteckte. Einen ſogar, welcher ſpäter zum Häuptlinge von zwanzig Millionen Menſchen gewählt ward, ſah ich in einem Graben herum⸗ ſchleichen, um ſich vor den Kugeln zu decken, während ſeine verlaſſene Brigade eine halbe Meile von ihm 2₰ entfernt ſich tapfer unter der Führung eines Unter⸗ 1 befehlshabers ſchlug. Doch warum ſpreche ich hier von dieſen Dingen? Die Welt wimmelt von dergleichen Helden. „Sie ſind es, ſo wahr ich lebe!“ rief der Commiſſar. „Man hat ihnen aufgelauert. Sie ſind von — 61— den Andern überfallen worden— daran iſt der Halunke, der Powell, ſchuld.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ entgegnete der Andere, der etwas größere Faſſung zu beſitzen ſchien und kaltblütiger ſprach.„Ja, es muß ſo ſein. Es liegen keine Truppen in dieſer Richtung; auch wohnen dort keine Weißen— kein Mann. Es muß daher ein Zuſammenſtoß unter den Indianern ſelbſt ſein, und was könnte es anders ſeift als ein Angriff auf die befreundeten Häuptlinge? Sie haben Recht, Thompſon; es iſt, wie Sie ſagen.“ „Wenn aber dem ſo iſt, General, ſo kann es weiter Nichts nützen, wenn wir hier bleiben. Wenn ſie Omatla aufgelauert haben, ſo bilden ſie natür⸗ lich die Mehrzahl, und er muß fallen. Wir brauchen ihn daher nicht erſt lange zu erwarten.“ „Nein, er wird wahrſcheinlich nicht kommen, weder er noch Luſta. Wie Sie ſagen, es kann Nichts nützen, wenn wir länger hier bleiben. Ich glaube, wir können eben ſo gut nach dem Fort zurückkehren.“ Es ward noch einen Augenblick gezögert, und es ſchien mir, als ob beide Generale bei ſich ſelbſt überlegten, ob es wohl ſchicklich wäre, wenn ſie ſo der Abſicht und dem Zwecke, weßhalb ſie hierher ge⸗ kommen waren, ſelbſt entſagten. — 62— „Wenn ſie nun aber doch noch kämen—“ fuhr der Agent fort. „General,“ ſagte ich, indem ich mir die Frei⸗ heit nahm, ihn zu unterbrechen,„wenn Sie es wünſchen, ſo will ich eine Weile hier bleiben und ſehen, ob Jemand kommt. Wenn die Häuptlinge wirklich noch kämen,“ ſetzte ich hinzu,„ſo kann ich ja ſchnell nach dem Fort zurückeilen und Sie benach⸗ richtigen.“ Ich hätte kine Vorſchlag machen können, welcher den Beiden angenehmer geweſen wäre. Er ward ſofort angenommen, und die beiden Helden begaben ſich hinweg, während ſie mich mir ſelbſt überließen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte ich Urſache, meine großmüthige Voreiligkeit zu bereuen. Der General und der Agent konnten kaum das F haben, als das Getöſe des Kampfes plötzlich und ich das Caha-queene— das Triumphgeſchrei der Seminolen, hörte. Ich horchte noch auf dieſe wilden Töne, als ein halbes Dutzend Männer— Kerls von dunkler Farbe — aus dem Gebüſche herausgeſtürzt kamen und mich 6 umzingelten. Trotz des geringen Lichts, welches die Sterne gewährten, konnte ich blitzende Klingen, Musketen, — 63— Piſtolen und Tomahawks ſehen. Die Waffen waren meinen Augen zu nahe, um für die Feuerfliegen ge⸗ halten zu werden, welche mir bis jetzt um den Kopf herum geflogen waren. Ueberdies ſchlug auch das Klirren von Stahl an mein Ohr. Meine Angreifer ſtießen kein Geſchrei aus, viel⸗ leicht weil ſie dem Fort zu nahe waren, und mein eigenes Rufen ward bald durch einen Schlag unter⸗ drückt, welcher mich zur Erde niederwarf und mich ſowohl des Bewußtſeins als der Sprache beraubte. Achtes Kapitel. Ein indianiſcher Henker. Nach langer Zeit kam ich wieder zur Beſinnung, Ich bemerkte, daß die Indianer mich immer noch umgaben, aber nicht mehr in der drohenden Hal⸗ tung, in welcher ich ſie geſehen, ehe ich durch Schlag niedergeworfen ward; im Gegentheile ſchit ſie mir mit Freundlichkeit zu begegnen. Einer von ihnen hielt mir den Kopf auf ſeinem Knie, während ein Anderer ſi ühete, das Blut zu ſtillen, welches aus einer an meinen Schläfen herabrann. Die Andern ſtanden rund umher, ſahen mich mit theilnehmenden Blicken an und ſchienen ſich für mein Wiederaufleben zu intereſſiren.. Dieſes Benehmen war für mich überraſchend, denn ich hatte keinen andern Gedanken als daß ſie — 385 die Abſicht gehabt hätten, mich zu tödten. Als ich unter dem Streiche des Tomahawk niederſank, waren mir die Sinne vergangen und mein letzter Gedanke der geweſen, daß ich wirklich ſchon todt ſei. Ein ſolcher Gedanke iſt nichts Ungewöhnliches bei Denen, welche ein Schlag plötzlich des Bewußt⸗ ſeins beraubt hat. Meine Ueberraſchung war von angenehmer Art. Ich ſühlte, daß ich noch lebte— daß ich nur wenig verletzt war, und daß ich von den Leuten, welche mich umgaben, wahrſcheinlich keine weitere Ver⸗ wundung zu fürchten hätte. Sie ſprachen leiſe mit einander über die Be⸗ ſchaffenheit meiner Wunde, und ſchienen ſich zu freuen, daß ſie mich nicht getödtet hatten. Wir haben Euer Blut vergoſſen, aber es iſt nich gefährlich,“ ſagte der Eine, indem er mich in ſeiner Sprache anredete.„Ich war es, der den Streich führte. Hulwak! es war finſter, Freund der„Aufgehenden Sonne,“ wi Euch nicht. Wir glaubten, Ihr wäret der Yak o.*) Sein Blut war es, welches wir zu vergie eabſichtigten. Wir erwarteten, ihn hier zu finden. Er iſt auch hier geweſen. Wo iſt er hin?“ *) Der„große Sprecher“— der Commiſſar. Oceola. IV. 5 3. — 66— Ich zeigte nach dem Fort. „Hulwak riefen Mehrere gleichzeitig und in einem Tone, welcher getäuſchte Erwartung verrieth. Dann wendeten ſie ſich auf die Seite und unter⸗ redeten ſich wieder leiſe mit einander. „Fürchtet Nichts,“ ſagte der erſte Sprecher, in⸗ dem er ſich wieder vor mich ſtellte.„Freund der „Aufgehenden Sonne!“ Wir werden Euch nichts mehr zu Leide thun, aber Ihr müßt mit uns zu den Häuptlingen gehen. Sie ſind nicht weit von hier. Kommt!“ Ich war wieder auf den Füßen und hätte durch eine verzweifelte Anſtrengung vielleicht entrinnen können. Ein ſolcher Verſuch hätte mir aber leicht eine zweite Verwundung, vielleicht das Leben kon ten können.— Ueberdies beruhigte mich die Artigkeit der In⸗ dianer ſofort. Mochten ſie mich führen, wohin ſie wollten, ſo fühlte ich, daß ich Nichts von ihnen zu fürchten hatte hne Zögern verſtand ich mich dazu, ſie z. Die In r ſtellten ſich in eine Reihe, nach Indianerart blos ein Mann hoch, wieſen mir meinen Platz in der Mitte an und machten ſich ſofort auf den Weg durch die Wälder. Eine Zeit lang gingen wir raſch, denn der Weg, welchen der Anführer einſchlug, war ſelbſt in der Finſterniß von Denen, welche dicht hinterdrein folgten, leicht zu finden. Ich bemerkte, daß wir uns nach der Richtung hin bewegten, von welcher das Kampfgetöſe herge⸗ kommen war, welches aber jetzt ſchon längſt aufge⸗ hört hatte, in der Luft zu vibriren. Von welcher Art der Kampf auch geweſen ſein mochte, ſo war er nun augenſcheinlich zum Schluſſe gebracht, und ſelbſt die Sieger ließen nicht mehr ihr furchtbares Caha- queene hören. Wir hatten ungefähr eine halbe engliſche Meile zurückgelegt, als der Mond aufging. Da zugleich das Gehölz lichter ward, ſo konnte ich meine Ge⸗ bieter deutlicher ſehen. Ich erkannte die Züge 1 — e oder Zweier von ihnen, weil ich ſie früher bei Conferenz geſehen. Es waren Krieger von dem Stamme der Micoſaucs, die Anhänger von Oceola. Hieraus ſchloß ich, daß er einer der Häuptlinge ſei, welchen ich vorgeführt werden ſollte. Meine Vermuthung erwi Wir waren noch nicht vie richtig. gekommen, als der Weg in eine Klärung hineinführte, in deren Mitte eine große Anzahl Indianer, zuſammenge⸗ nommen gegen hundert, beiſammen ſtanden. Ein wenig getrennt von dieſer ſtand eine zweite Gruppe 5* — die Häuptlinge und die vornehmſten Krieger. In ihrer Mitte bemerkte ich Oceola. Der Platz bot ein eigenthümliches und blutiges Schauſpiel dar. Todte Körper lagen mit noch friſchen und blutenden Wunden bedeckt umher. Einige der Todten lagen auf dem Rücken, und ihre offenen Augen ſtierten entſetzlich den Mond an. Das Skalp⸗ meſſer hatte ſein Werk verrichtet, und der weiße Flecken auf dem Wirbel mit dem karmoiſinrothen Rande zeigte, daß die Schädel ihrer zottigen Decke beraubt waren. Viele der Sieger gingen mit den friſchen Skalps in den Händen, oder ſie auf ihre Musketen geſpießt tragend hin und her. In dem, was ich ſah, lag nichts Geheimniß⸗ volles, und ich kannte die Bedeutung deſſelben recht unn Die Gefallenen gehörten den verrätheriſ Stämmen an— es waren die Anhänger von L Hajo und Omatla. 8 Der Verabredung mit dem Commiſſar gemäß, hatten die Häuptlinge in Begleitung einer ausge⸗ wählten S Leute das Fort Brooke ver⸗ laſſen. Ih ht war den Patrioten bekannt ge⸗ worden— man hatte ihre Bewegungen überwacht— ſie unterwegs überfallen und nach kurzem Kampfe überwältigt. Die Meiſten von ihnen waren im Hand⸗ gemenge gefallen— Einige, unter ihnen der Häupt⸗ — 69— ling Luſta Hajo, waren entronnen, während noch ſelbſt— während des Kampfes gefangen genommen worden waren und noch lebten. Sie waren dem Tode blos entronnen, um ihn auf eine feierlichere Weiſe zu erleiden. Ich ſah die Gefangenen, wo ſie ſtanden, dicht zur Hand und feſt an einige Bäume gebunden. Unter ihnen erkannte ich ihren Anführer, durch die Gnade des Commiſſars Thompſon„König der Nation der Seminolen.“ Von ſeiner Umgebung ward ſeine Majeſtät jetzt mit eben nicht großer Ehrfurcht betrachtet. Mancher zum Königsmord Bereite ſtand in ſeiner Nähe und würde ihn ohne weitere Umſtände umgebracht haben. Dieſe Mordluſtigen aber wurden durch die Häuptlinge zurückgehalten, welche ſich dieſer Gewalt⸗ that widerſetzten und zu dem Entſchluſſe gekommen waren, Omatla, den Geſetzen und Gebräuchen ihrer Nation gemäß, erſt vor ein Gericht zu ſtellen. Als wir an Ort und Stelle 1„war das Verhör bereits im Gange. Die Häuptlinge ſtanden im Kreiſe umher. Einer von Denen, welche mich gefangen ge⸗ nommen, meldete unſere Ankunft. Ich bemerkte ein Murren der getäuſchten Erwartung unter den Häupt⸗ einige Andere— und unter dieſen befand ſich Omatka — 70— lingen bei dieſer Meldung. Ich war nicht der Ge⸗ fangene, den ſie erwartet hatten. Man nahm daher auch weiter keine Notiz von mir, und es ward mir freigeſtellt, umher zu ſchlendern und den Verhand⸗ lungen zuzuhören, wenn ich ſonſt Luſt hatte. Das Gericht verrichtete ſein Werk ſehr ſchnell. Omatla's Verrath war zu bekannt, als daß es deß⸗ halb langer Erörterungen bedurft hätte. Natürlich ward er ſchuldig befunden und ver⸗ urtheilt, das Verbrechen mit ſeinem Leben zu büßen. Dieſes Urtheil ward laut verkündet. Der Ver⸗ räther mußte ſterben. Es entſtand eine Frage— wer ſollte ſein Hen⸗ ker ſein? Es gab Viele, welche ſich freiwillig dazu erboten hätten, denn einen Verräther umzubringen, iſt, in⸗ dianiſcher Philoſophie gemäß, eine ehrenvolle That. Es konnte nicht ſchwer halten, einen Henker zu finden. Viele e ſich auch in der That freiwillig dazu; die dieſer aber wurden von den Häupt⸗ lingen abgelehnt. Es war dies eine Sache, welche durch Abſtimmung entſchieden werden mußte. Die Abſtimmung ward ſofort vorgenommen. Alle kannten den Schwur, den Oceola gethan. Seine Anhänger wünſchten, daß er ihn halten möchte, und 3 deßhalb ward er einſtimmig auserſehen, die That zu vollbringen. Er nahm den Auftrag an. Mit dem Meſſer in der Hand nüäherte ſich Oceola dem Gefangenen, welcher gefeſſelt daſtand. Alle drängten ſich herbei, um Zeugen des verhäng⸗ nißvollen Stoßes zu ſein. Von einem ſeltſamen Impulſe getrieben, konnte ich nicht widerſtehen und näherte mich mit den Uebrigen. In athemloſem Schweigen ſtanden wir da und erwarteten jeden Augenblick das Meſſer in das Herz des Verbrechers ſtoßen zu ſehen. Wir ſahen den Arm erheben und den Stoß führen, aber es gab keine Wunde— kein Blut! Die Klinge hatte die Riemen durchſchnitten, mit denen der Gefangene gefeſſelt war, und Omatla ſtand jetzt ſeiner Bande ledig. Ein mißfälliges Murmeln ließ ſich vernehmen. Was konnte Oceola meinen? War ſeine Abſicht, daß Omatla entrinnen ſollte? Der Verxräther, den das Gericht— den Alle dne nan e Bald aber bemerkte man, er keine ſolche Abſicht hatte— ſeine Abſicht war eine ganz andere. „Omatla,“ ſagte er, indem er ſeinem Gegner feſt in's Geſicht ſchauete,„Du galtſt einſt für einen tapfern Mann und wurdeſt geehrt von Deinem — 22— Stamme, von der ganzen Nation der Seminolen. Der weiße Mann hat Dich verdorben— er hat Dich zum Abtrünnigen an Deinem Vaterlande und unſerer Sache gemacht. Um deßwillen ſollſt Du nicht den Tod eines Hundes ſterben. Ich will Dich tödten, aber nicht morden. Mein Herz empört ſich da⸗ gegen, einen Mann zu erſchlagen, der hülflos und unbewaffnet iſt. Es ſoll ein ehrlicher Kampf ſein zwiſchen uns, und die Menſchen ſollen ſehen, da das Recht triumphirt. Gebt ihm ſeine Waffen wieder! Er mag ſich vertheidigen, wenn er kann.“ Dieſer unerwartete Vorſchlag ward mit einiger Mißbilligung aufgenommen. Es gab Viele, welche, entrüſtet über Omatla's Verrath und noch ergrimmt von der Aufregung in Folge des eben ſtattgehabten Kampfes, ihn in ſeinen Banden niedergemetzelt haben würden. Alle aber ſahen, daß Oceola entſchloſſen war, zu handeln, wie er ſich vorgenommen, und es ward ihm daher kein Widerſtand entgegengeſetzt. Einer dertetieger überreichte vortretend dem verurtheilten Häuptlinge ſeine Waffen— blos ſeinen Tomahawk und ſein Meſſer, denn auf dieſe Meiſe war Oceola ſelbſt bewaffnet. Nachdem dies geſchehen war, trat die Menge *— ſchweigend und unaufgefordert zurück, und die bei⸗ den Kämpfer ſtanden allein in der Mitte. Der Kampf war eben ſo kurz als blutig. Faſt gleich beim erſten Schlage ſchlug Oceola die Streit⸗ axt aus der Hand ſeines Gegners und warf durch einen zweiten raſch folgenden Schlag Omatla zur Erde nieder. Einen Augenblick lang ſah man den Sieger ſich über ſeinen gefallenen Gegner neigen mit ſeinem langen im Mondlichte funkelnden Meſſer. Als er ſich wieder aufrichtete, funkelte der Stahl nicht mehr— er war mit rothem Blüte bedeckt. Oceola hatte ſeinen Schwur gehalten. Er hatte ſeine Klinge in das Herz des Verräthers geſtoßen— Omatla hatte aufgehört zu leben. ** * Weiße Männer erklärten dieſe That ſpäter für einen Meuchelmord. Es war aber keiner, eben ſo wenig als der Tod Karl'’s, Caligula'’s, Tarquin'’s und vieler anderer Tyrannen, weh ihr Land ge⸗ rnechtet oder verrathen haben. Die öffentliche Meinung iſt in ſolchen Dingen nicht ehrlich. Sie erhält ihre Farbe durch das Ge⸗ ſchwätz, welches gerade an der Tagesordnung iſt, K* —.4— und wechſelt die Farbe wie das Chamäleon. Nichts als Heuchelei, Nichts als ſchmachvolle Inconſequenz. Nur Der iſt ein Mörder, der aus den Beweggrün⸗ den eines Mörders tödtet. Oceola gehörte nicht zu dieſer Claſſe. * Meine Situation war eine ſehr eigenthümliche. Bis jetzt hatten die Häuptlinge noch keine Notiz von meiner Gegenwart genommen, und trotz der Artig⸗ keit, mit welcher ich von Denen behandelt worden, welche mich hierher geführt, war ich nicht ganz frei von Befürchtungen im Bezug auf mein Leben. Es konnte den Häuptlingen in ihrer jetzigen Aufregung, und da nun wirklich der Krieg mit unſern Leuten ausgebrochen war, einfallen, mich zu einem ähnli⸗ chen Schickſale zu verurtheilen, wie das, welches Omatla ereilt hatte. Ich ſtand da und erwartete ihre Entſcheidung in einer Stimmung, die keines⸗ wegs eine behagliche war. Es dauerte nicht lange, ſo ward ich meiner Be⸗ fürchtungen überhoben. Sobald die Sache mit Omatla beendet war, näherte ſich Oceola und bot mir auf freundſchaftliche Weiſe die Hand, welche ich natürlich begierig ergriff. — 75— Er gab ſein Bedauern zu erkennen, daß ich von ſeinen Leuten verwundet und gefangen genommen worden— erklärte den Irrthum, rief dann Einen ſeiner Leute und befahl ihm, mich nach dem Fort zurückzuführen. Ich empfand keinen Wunſch, länger als ich mußte auf dieſem tragiſchen Boden zu verweilen, und nachdem ich dem Häuptlinge Lebewohl geſagt, folgte ich meinem Führer auf dem Wege, auf dem er mir voranſchritt.- In der Nähe des kleinen Sees verließ mich der Indianer, und ohne auf weitere Abenteuer zu ſtoßen, paſſirte ich wieder die Thore des Forts. Uenntes Kapitel. Ein Bankett mit einem ſchlimmen Ende. Meiner Dienſtpflicht gemäß machte ich ſofort Meldung von dem Auftritte, dem ich unfreiwillig beigewohnt. Er brachte in dem Fort eine lebhafte Aufregung hervor, und es ward ſofort eine Expedi⸗ tion angeordnet, bei welcher ich als Führer fungiren ſollte. Es war dies eine große Thorheit. Unſere Nach⸗ forſchungen erwieſen ſich als vergeblich, wie man gleich vorausſagen konnte. Allerdings fanden wir den Platz und die Leichen Derer, welche gefallen, und an welchen bereits die Wölfe geſchmauſ't— aber wir entdeckten keine lebendigen Indianer, nicht einmal den Weg, auf welchem ſie ſich zurückgezogen hatten. Die Expedition beſtand aus mehreren hundert Mann— nämlich aus der ganzen Garniſon des Lorts. Wären wir mit einer geringern Streitmacht ausgerückt, ſo würden wir höchſt wahrſcheinlich Etwas von dem Feinde geſehen haben. ** Omatla's Tod war das ernſteſte Ereigniß, wel⸗ ches bis jetzt ſtattgefunden hatte, auf alle Fälle das wichtigſte in ſeinen Folgen und Urſachen. Von den Weißen war Omatla zum Könige ernannt worden. Dadurch, daß die Indianer ihn umbrachten, bewie⸗ ſen dieſelben ſowohl ihre Verachtung der Autorität, die ihn gekrönt, als auch ihren Entſchluß, allen Einwendungen dieſer Art Widerſtand zu leiſten. Omatla hatte unmittelbar unter dem Schutze der weißen Häuptlinge geſtanden. Dies war ihm ſowohl durch mündliches Verſprechen, als durch einen förm⸗ lichen Tractat verbürgt worden, und deßhalb war ſeine Hinrichtung ein Streich, welcher ſeinen Be⸗ ſchützern verſetzt ward. Nun war die Regierung in die Nothwendigkeit gebracht, ſeinen Tod zu rächen. Aber auch für die Indianer, beſonders für Omatlqs Be lk, war ſein Tod ein verhäng⸗ ürſchrocken und aus Furcht,— — 78— daß eine ähnliche Vergeltung ſie ereilen könne, traten Viele von Omatla's Stamme, Unterhäuptlinge und Krieger, von ihrem Bündniſſe mit den Weißen zurück und in die Reihen der Patrioten. Andere Clans, welche bis jetzt unentſchieden geblieben waren und ähnlichen Beweggründen folgten, erklärten jetzt ihren Beitritt zu dem Willen der großen Nation und grif⸗ fen, ohne weiter zu zögern, zu den Waffen. Omatla's Tod war, abgeſehen davon, daß er ein Act ſtrenger Gerechtigkeit war, auch ein feiner politiſcher Streich von Seiten der feindſeligen India⸗ ner. Er bewies den Genius Deſſen, der dieſen Ge⸗ danken gefaßt und in Ausführung gebracht hatte. Omatla war das erſte Opfer des von Oceola ausgeſprochenen Racheſchwurs. Bald darauf fiel das zweite. Es dauerte nicht lange, ſo ward das Trauerſpiel von dem Tode des Verräthers durch ein zweites, weit erſchütternderes und bedeutſameres ver⸗ dunkelt. Eine der Hauptperſonen in dieſem Drama verſchwindet von der Bühne. Bei unſerer Ankunft in dem Fort fand man, daß die Vorräthe raſch zur Neige gingen. Es waren nicht die für eine ſo zahlreiche Truppenmaſſe nöthi⸗ gen Anſchaffungen gemacht worden, und es mußte lange Zeit vergehen, ehe friſche Kumaamiparnäthe im Fort King eintreffen konntey 4 der gewöhnlichen Sorgloſigkeit werden, welche Regie⸗ rungen, die nicht an kriegeriſche Operationen gewöhnt ſind, eigen zu ſein pflegt. Die Rationen wurden bis auf das Aeußerſte reducirt, und es eröffneten ſich uns die trübſten Ausſichten auf Hunger und Entbehrung. Anſtatt die Mundvorräthe den Truppen zuzu⸗ führen, wendete man die entgegengeſetzte Methode an, und die Truppen mußten nach den Lebensmitteln marſchiren, die erſt geſammelt werden mußten, ehe man ſie eſſen konnte. Auf dieſe Weiſe wurden vier Fünftel der kleinen Armee aus dem Fort hinweggezogen, ſo daß eine nur ſchwache Garniſon zurückblieb, während auf der Pflanzung des Generals eine neue Palliſade unter dem Namen Fort Drane improviſirt ward. Es gab Verleumder, welche meinten, der gute alte General ſei hierzu auch noch durch andere Be⸗ weggründe als die des bloßen Patriotismus veran⸗ laßt worden. Man erwähnte, daß„Onkel Sam“ als ein zahlungsfähiger und liberaler Käufer bekannt ſei, der dem General für ſeinen Mais einen guten Preis bewilligen werde. Uebrigens ſei auch, ſo lange eine Armee auf ſeiner Pflanzung bivouakire, von den indianiſchen Mordbrennern keine Gefahr zu fürchten. Vielleicht aber waren dieſe Hindeutungen — 80— weiter Nichts, als Ausflüſſe der im Lager herrſchen⸗ den Mißgunſt und Spottſucht. Ich befand mich nicht unter Denen, welche nach dieſer neuen Station verlegt wurden. Ich war kein Günſtling des Obercommandanten und gehörte nicht mehr zu ſeinem Stabe. Die Tage vergingen ziemlich langweilig und zahm ganze Wochen. Ein gelegentlicher Beſuch in dem Lager Drane war eine Abwechſelung in dem eintönigen Garniſonleben, er kam aber ſelten vor. Das Fort war ſeiner Kraft beraubt worden und jetzt zu ſchwach, als daß wir uns weit über die Mauern deſſelben hinaus hätten wagen dürfen. Es war eine bekannte Sache, daß die Indianer zu den Waffen gegriffen hatten. Man hatte Spuren ihrer Nähe gar nicht weit von dem Poſten bemerkt, und ein Jagdausflug oder ſelbſt ein romantiſcher Spaziergang in den benachbarten Wäldern— die gewöhnlichen Erholungen einer Grenzſtation— hät⸗ ten nicht ohne Gefahr unternommen werden können. Während dieſer Zeit bemerkte ich, daß der Com⸗ miſſar bei ſeinem Ab⸗ und Zugehen ſehr vorſichtig war. Er kam ſelten außerhalb der Palliſade und niemals über die Linie der ausgeſtellten Schildwa⸗ chen hinaus. So oft er nach den Wäldern oder über die ferne Savannah blickte, ſchien ſich ein Schat⸗ — 8— ten von Argwohn über ſeine Züge zu legen, als ob er durch Furcht vor Gefahr beunruhigt würde. Es war dies nach dem Tode des verrätheriſchen Häuptlings. Er hatte von Oceola's Schwur, Omatla zu tödten, gehört; vielleicht hatte er auch gehört, daß der Schwur ſich auf ihn ſelbſt ſean Vielleicht ſtand er unter dem Einfluſſe einer Ahnung. Das Weihnachtsfeſt kam heran, Zu dieſer Zeit ſind Chriſten, mögen ſie ſein wo ſiewollen, ob nun unter den Eisbergen des Nordens) oder auf den heißen Ebenen der Wendekreiſe—/ am Bord eines Schiffes oder innerhalb der Mautrn einer Feſtung — ja ſogar im Gefängniſſe— geneigt, ſich einen frohen Tag zu machen. Der G nzpoſten iſt keine Ausnahme von der allgemeinen/ Regel, und Fort King war ein Schauplaß von fortwährenden Feſt⸗ lichkeiten. Die Soldaten hatten keinen Dienſt— nur die Schildwachen blieben auf ihren Poſten— und die Woche verging mit der Koſt, die wir uns verſchaffen konnten, und freigebigen Rationen von„Monnon⸗ gahela“ ziemlich heiter. Ein Garkoch iſt in der amerikaniſchen Armee gewöhnlich ein Abenteurer, der Etwas vor ſich bringt — gegen die Dfiigiers freigebig mit baarem Gelde Oceola. Iv. 6 und Credit, und bei feſtlichen Gelegenheiten nicht ſelten ihr Zechgenoſſe. So war es auch mit dem Garkoch im Fort King. An einem der Feſttage hatte er ein herrliches Diner— wie ſonſt Niemand im Fort im Stande war— hergerichtet, zu welchem die Offiziere einge⸗ laden wurden, und bei welchem auch der Commiſſar als Hauptehrengaſt ſich mit befand. Das Bankett war in dem eigenen Hauſe des Garkochs ſervirt, welches, wie ſchon erwähnt wor⸗ den, außerhalb der Palliſade einige hundert Schritte entfernt und näher an dem Rande des Waldes ſtand. Das Diner war vorüber, und die meiſten der Offiziere waren in das Fort zurückgekehrt, wo— da die Nacht heranrückte— das Rauchen und Wein⸗ trinken ſtattfinden ſollte. Der Commiſſar verweilte mit einem halben Dutzend anderer Gäſte— Offiziere und Civiliſten — um noch ein Glas unter dem freundſchaftlichen Dache zu trinken, wo ſie ihr Diner zu ſich genom⸗ men hatten. Ich befand mich unter Denen, welche nach dem Fort zurückkehrten. Wir hatten uns kaum niedergeſetzt, als wir durch eine laute Salve erſchreckt wurden, in welcher das Ohr ſofort das Knallen von Büchſen erkannte — 83— In demſelben Augenblicke hörten wir jenes wilde Geſchrei, von dem Rufen civiliſirter Menſchen deutlich unterſcheidbar— das Kriegsgeſchrei der Indianer. Wir bedurften keines Boten, um zu wiſſen, was dieſer Lärm zu bedeuten hatte. Der Feind war da und hatte einen Angriff gemacht— wir glaub⸗ ten, auf das Fort ſelbſt. Wir ſtürzten hinaus, nachdem wir uns Jeder in der Eile ſo gut bewaffnet, wie wir konnten. Als wir hinauskamen, ſahen wir, daß das Fort nicht bedroht ward; als wir aber über die Palliſaden ſchaueten, bemerkten wir, daß das Haus des Gar⸗ kochs von einer Horde gefiederter und mit den Kriegs⸗ farben bemalter Wilden umzingelt war. Sie waren in raſcher Bewegung, ſtürzten von einem Punete zum andern, ſchwangen ihre Waffen und ließen ihr gellendes Yo-ho-ehee erſchallen. Man hörte noch einzelne Schüſſe, die nach irgend einem Schlachtopfer fielen, welches zu ent⸗ rinnen ſuchte. Die Thore des Fort ſtanden weit offen, und Soldaten, welche draußen umhergeſchlen⸗ dert waren, ſtürzten jetzt herein und ſtießen ein wil⸗ des Angſt⸗ und Alarmgeſchrei aus. Das Haus des Garkochs war zu weit entfernt, 6* ₰ 81— als daß es von Kleingewehrfeuer hätte erreicht wer⸗ den können. Die Schildwachen und einige Andere, welche mit Gewehren bewaffnet waren, thaten einige Schüſſe; aber die Kugeln erreichten nicht das Ziel. Die Artilleriſten liefen nach ihren Kanonen; als ſie dieſe aber erreichten, fand man, daß die Pferde⸗ ſtälle— eine Reihe plumper Blockhäuſer— in der Schußlinie von dem Hauſe des Garkochs ſtanden und der Feind auf dieſe Weiſe gedeckt war. Mit einem Male hörte das Geſchrei auf und die Horde der unheimlichen Krieger bewegte ſich nach dem Walde. Nach wenigen Secunden waren ſie unter den Bäumen und wie auf einen Zauberſchlag aus unſern Augen entſchwunden. Der Offizier, welcher im Fort commandirte— ein Mann, der in ſeinen Entſchlüſſen etwas langſam war— ließ jetzt die Garniſon antreten und wagte einen Ausfall. Derſelbe ging blos bis zu dem Hauſe des Marketenders oder Garkochs, wo Halt gemacht ward, während wir die Greuelſcene betrachteten. Der Garkoch ſelbſt, zwei junge Offiziere, meh⸗ rere Soldaten und Civiliſten lagen todt auf dem Fußboden, Jeder mit vielen Wunden. — 85— Vor allen erſichtlich war die Leiche des Com⸗ miſſars. Er lag auf dem Rücken, das Geſicht mit geronnenem Blute bedeckt und mit zerriſſener, blutiger Uniform. Sechzehn Kugeln waren ihm in den Leib geſchoſſen worden, und über der linken Bruſt befand ſich eine Wunde, die ſchrecklicher war als alle übri⸗ gen. Sie rührte von einem Meſſer her, deſſen Klinge ihm durch das Herz gefahren war. Ich hätte errathen können, wer dieſe Wunde geſchlagen— auch ohne das lebende Zeugniß, wel⸗ ches ſich an Ort und Stelle darbot. Eine Negerin— die Köchin— welche ſich hinter ein Möbel verkrochen, kam nämlich jetzt aus ihrem Verſtecke hervor. Sie hatte Alles mit ange⸗ ſehen und angehört. Sie kannte Oceola perſön⸗ lich. Er war es, der das Trauerſpiel angeführt hatte. Er war der Letzte geweſen, der den Schau⸗ platz verlaſſen, und ehe er ſich entfernt, hatte die Negerin geſehen, wie er dem Commiſſar dieſen letzten Stich beigebracht— ohne Zweifel, um dem Racheſchwur nachzukommen, welchen er einmal gethan. Nach einer kurzen Berathung ward die Ver⸗ folgung des Feindes beſchloſſen und mit angemeſſe⸗ ₰ — 86 ner Vorſicht begonnen. Eben ſo wie früher aber erwies ſie ſich fruchtlos, und eben ſo wie zuvor konnte nicht einmal die Spur von dem Wege ent⸗ deckt werden, auf welchem der Feind ſich zurückge⸗ zogen hatte. Zehntes Kapitel. „Dade'’s Blutbad.“ Dieſes traurige Ende der Weihnachtsfreuden ward womöglich noch trauriger durch ein Gerücht gemacht, welches kurz darauf Fort King erreichte. Es war das Gerücht von einem Ereigniſſe, welches ſpäter allgemein unter dem Namen„Dade s Blutbad“ bekannt ward. Die Nachricht ward durch einen den befreun⸗ deten Stämmen angehörigen indianiſchen Läufer überbracht, aber ſeine Angaben waren von ſo furcht⸗ barer Art, daß ſie Anfangs mit einem Schrei des Unglaubens aufgenommen wurden. Andere Läufer, die fortwährend ankamen, beſtätigten die Mittheilung des erſten Boten, bis ſeine Geſchichte— ſo tragiſch unwahrſcheinlich ſie auch zu ſein ſchien als Wahrhe „ anerkannt ward. Sie war wahr in all' ihrem romantiſchen Colorit— wahr in allen ihren bluti⸗ gen Einzelnheiten. Der Krieg hatte in allem Ernſte begonnen und war durch einen Zuſammenſtoß der eigenthümlichſten Art— eigenthümlich ſowohl ſeinem Charakter als ſeinem Ergebniſſe nach— eingeweiht worden. Ein Bericht über dieſen Kampf iſt vielleicht intereſſant genug, um hier mitgetheilt zu werden. Zu Anfange unſerer Erzählung iſt erwähnt worden, daß ein Offizier von der Armee der Verei⸗ nigten Staaten prahlend erklärte, er getraue ſich mit zehn Mann und einem Unteroffizier durch die ganze Reſerve der Seminolen zu marſchiren.. Dieſer Offizier war der Major Dade. dun ſohtie wollte, daß Major Dade Gelegen⸗ heit finden ſollte, einen Beweis von ſeiner kriegeriſchen Kühnheit zu geben, obſchon er eine weit größere Streitmacht als zehn Mann und einen Unteroffizier zur Verfügung hatte. Der Ausgang war ein trau⸗ riger Gegenſatz zu der prahlenden Behauptung, die er ſo gedankenlos ausgeſprochen. Um dieſes unglückliche Unternehmen recht zu verſtehen, muß man einige Kenntniß von der Topo⸗ graphie des hetreffenden Terrains haben, und dieſe wollen wir hier dem Leſer mit wenigen Worten zu geben ſuchen. An der Weſtküſte der Halbinſel Florida liegt eine Bucht, welche Tampa, von den Spaniern Espiritu Santo, genannt wird. An der Spitze dieſer Bucht ſtand das Fort Brooke, ein Palliſadenwerk wie Fort King, und in ſüdlicher Richtung ungefähr neunzig engliſche Meilen von dem letztern entfernt. 2 ¾ 1 Es war ebenfalls einer jener Militairpoſten, die wegen der indianiſchen Reſerve errichtet worden — ein Depot für Truppen Und Vorräthe, ſo wie ein Entrepot für die, welche vielleicht aus den Häfen des mexikaniſchen Meerbuſens hier ankamen. Etwa zweihundert Soldaten waren beim Ausbruche der Feindſeligkeiten hier ſtationirt. Es war größtentheils Artillerie mit einer kleinen Abtheilung Infanterie. Kurz nach der fruchtloſen Conferenz bei Fort King erhielten dieſe Truppen— oder ſo viel davon als entbehrt werden könnten— von General Clinch Befehl, ſich nach letzterem Platze zu begeben und ſich mit dem Hauptcorps der Armee zu vereinigen. Dieſem Befehle zufolge wurden hundert Mann mit den dazu gehörigen Offizieren nach Fort King abgeſendet. Maior Dade commandirte das Detache⸗ ment. — 99— Am Weihnachtsabende des Jahres 1835 hatten ſie den Marſch angetreten. Sie verließen das Fort Brooke in der beſten Stimmung, in der Hoffnung, auf den indianiſchen Feind zu ſtoßen und durch einen Kampf mit ihm Lorbeeren zu gewinnen. Sie ſchmei⸗ chelten ſich, daß es der erſte Kampf des Krieges und deßhalb der ſein würde, in welchen von den Siegern der größte Ruhm zu erlangen wäre. Von einer Niederlage ließen ſie ſich Nichts träumen. Mit luſtig flatternden Fahnen, wirbelnden Trommeln und ſchmetternden Hörnern, während die Kanonen ihnen ihren Abſchiedsgruß nachdonnerten und die zurückbleibenden Kameraden ihnen mit nei⸗ diſchen Blicken nachſahen, trat das Detachement ſei⸗ nen Marſch an— jenen verhängnißvollen Marſch, von welchem es niemals zurückkehren ſollte. Gerade ſieben Tage ſpäter— am 31. December — errſchien ein Mann auf Händen und Knieen krie⸗ chend an dem Thore des Fort Brooke. In ſeiner zerfetzten Kleidung erkannte man kaum noch die Uni⸗ form eines Soldaten— eines Gemeinen von Detachement— denn ein ſolcher war er. Kleider waren durchnäßt vom Waſſer der Bäche und mit dem Schlamme der Moräſte beſudelt; ſie waren mit Staub überzogen und von Blut befleckt. Sein Körper war an fünf Stellen verwundet— — 91— lauter ſchwere Wunden waren es— eine in der rechten Schulter, eine im rechten Schenkel, eine an der Schläfe, eine im linken Arme und eine im Rücken. Er war bleich und bis zum Skelett abgezehrt, ſah auch einem ſolchen eher ähnlich als einem lebendigen Menſchen. Als er mit ſchwacher, zitternder Stimme erklärte, er ſei der Gemeine Clarke vom zweiten Artillerie⸗ regimente, vermochten ſeine alten Kameraden ihn nur mit Mühe zu erkennen. Kurz darauf erſchienen zwei andere— die Gemeinen Sprague und Thomas— in einem ähn⸗ lichen Zuſtande. Ihre Ausſage war dieſelbe, welche Clarke bereits gethan. Major Dade's Detachement war von den In⸗ dianern überfallen, in Stücke gehauen und fan bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden. Si ſelbſt waren die alleinigen Ueberlebenden der Schaar, 5 welche vor ſo wenigen Tagen erſt in dem ganzen Stolze ſelbſtbewußter Kraft und der hoffnungsvollen tung von Ruhm und Sieg das Fort verlaſſen Und ihre Geſchichte war buchſtäblich wahr. Von dem ganzen Detachement waren dieſe drei Unglücklichen allein entronnen. Die Andern— im Ganzen ein⸗ hundert und ſechs— hatten an den Ufern des Amazura — 92— den Tod gefunden. Anſtatt Lorbeeren waren ihnen Cypreſſen beſchieden. Die Drei, welche entrannen, waren ebenfalls zu Boden geſchlagen und für todt auf dem Platze liegen gelaſſen worden. Nur dadurch, daß ſie ſich todt ſtellten, war es ihnen gelungen, ſpäter fortzu⸗ kriechen und auf die mühſamſte Weiſe nach dem Fort zurückzugelangen. Den größten Theil dieſes Weges legte Clarke auf Händen und Knieen zurück— eine Entfernung von mehr als ſechzig engliſchen Meilen. Eilftes Kapitel. Das Schlachtfeld. Dieſes Blutbad hat in der Geſchichte der Indianer⸗ kriege nicht ſeines Gleichen. Kein zweiter Fall von ähnlicher Art iſt jemals früher oder ſpäter vorgekom⸗ men— wenigſtens keiner, der für die dabei bethei⸗ ligten Weißen ſo unheilvoll geweſen wäre. In dem vorliegenden Falle wurden ſie buchſtäblich faſt ver⸗ nichtet, denn von den drei Verwundeten, welche ent⸗ kamen, ſtarben zwei kurz darauf an ihren Wunden. Dabei hatten die Indianer vor ihren Gegnern nicht viel weiter vorausgehabt, als überlegene Schlau⸗ heit und Strategie. Es a geſchah an den ufern des Ammazura„ und 5 *) Der„Ouithlacoochee“ der Seminolen. — 94— nachdem Major Dade's Detachement dieſen Fluß paſ⸗ ſirt hatte. Der Angriff erfolgte auf einem verhält⸗ nißmäßig freien Terrain— in einem Tannengehölz, wo die Bäume ſehr dünn und vereinzelt ſtanden. Eben ſo iſt auch nicht bewieſen worden, daß ſie den Truppen, welche durch ſie vernichtet wurden, bedeu⸗ tend an Zahl überlegen geweſen wären— kaum um das Doppelte— und dieſes Verhältniß iſt in den meiſten Indianerkriegen von ihren weißen Gegnern als ein angemeſſenes und günſtiges betrachtet worden. Viele der Indianer erſchienen beritten auf dem Platze; dieſe aber hielten ſich von dem Musketenfeuer entfernt und nur die zu Fuße nahmen Theil an dem Kampfe. Ueberhaupt ward der Sieg ſo raſch errungen, daß es der Reiter nicht bedurfte. Gleich die erſte Salve war ſo tödtlich, daß Dade's Leute ſofort in die äußerſte Verwirrung geriethen. Sie waren nicht im Stande, ſich zurückzuziehen. Die berrittenen Indianer hatten bereits ihre Flanke umgangen und ihnen den Weg zur Flucht abgeſchnitten. Dade ſelbſt fiel mit den meiſten von ſeinen Offizieren durch die erſte Salve, und die Ueberleben⸗ den hatten keine andere Wahl als fechten bis auf den letzten Mann. Man ſuchte ſich eine Verſchanzung dadurch zu bilden, daß man Bäume fällte und die Stämme ſo legte, daß ſie ein Dreieck formirten; aber das wohl⸗ unterhaltene Feuer aus den Kugelbüchſen der Indianer hemmte bald den Fortſchritt des Werkes, und die Verſchanzung gedieh nicht einmal zur Bruſthöhe über dem Boden. In dieſe unſichere Deckung zogen ſich die von dem erſten Angriffe noch übrig Gebliebenen zurück und fielen hier raſch unter den wohlgezielten Schüſſen ihrer Feinde. Es dauerte nicht lange, ſo lag auch der letzte Mann regungslos da und das Blutbad war zu Ende. Als dieſer Platz ſpäter von unſern Truppen aufgeſucht ward, fand man dieſe dreieckige Barricade mit Leichen angefüllt, die über einander aufgethürmt lagen, gerade wie ſie gefallen waren— kreuzweis, der Länge nach, in jeder Attitüde des Todes. Später ward erzählt, die Indianer hätten die Verwundeten auf unmenſchliche Weiſe gemartert und die Getödteten noch entſetzlich verſtümmelt. Dies aber war nicht wahr. Es waren— außer den Dreien, welche entkamen— keine Verwundeten da, welche hätten gemartert werden können, und was die Verſtümmelung betraf, ſo kamen bloß ein oder zwei Fälle davon vor, die, wie ſich ſpäter ergab, — 96— das Werk von durch Beweggründe perſönlicher Rache dazu angetriebenen entlaufenen Negern waren. Einige Scalps waren abgezogen worden; dies iſt aber der wohlbekannte Gebrauch indianiſcher Kriegs⸗ führung, und ſogar weiße Männer haben in der wahnſinnigen Aufregung des Kampfes daſſelbe Ver⸗ fahren geübt. Ich war einer von Denen, welche ſpäter auf einer von dem Obercommandanten anbefohlenen Recognoscirung das Schlachtfeld beſuchten, und der officielle Bericht hierüber iſt das beſte Zeugniß in Bezug auf das Verhalten der Sieger. Er lautet wie folgt: „Major Dade und ſeine Leute wurden am Mor⸗ gen des 28. December in einer Entfernung von unge⸗ fähr zwei Wegſtunden von ihrem Lager der vorher⸗ gehenden Nacht niedergemetzelt. Sie marſchirten in Colonne, als ſie von dem Feinde überfallen wurden, der aus dem langen Graſe und den Palmetten, worein er ſich verſteckt gehabt, hervorbrach. Die Indianer erſchienen ſofort in unmittelbarer Nähe. Unſere Sol⸗ daten machten Gebrauch von Flintenkolben, Meſſern und Bajonnetten, und mehrere Gruppen geriethen in tödtlichem Kampf an einander. Bei einem zweiten Angriffe wurden die eigenen den Todten und Ver⸗ wundeten entriſſenen Musketen unſerer Leute gegen ſie gekehrt. Ein Kreuzfeuer warf die Artilleriſten nieder, die Geſchütze wurden genommen, die Laffett ten zerſchlagen und verbrannt, und die Geſchütze ſelbſt in einen Waſſertümpel gewälzt. Viele Neger waren ebenfalls mit auf dem Platze, von den Indianern aber wurden keine Scalps genommen. Die Neger dagegen ſchnitten mit teufliſcher Grauſamkeit Allen die Kehlen ab, deren Geſchrei oder Stöhnen verrieth, daß noch Leben in ihnen war.“ Ein zweiter officieller Bericht lautete: „Wir näherten uns dem Schlachtfelde von hinten, Unſere Avantgarde hatte das Terrain paſſirt, ohne Halt zu machen, als der commandirende Offizier und ſein Stab plötzlich eines der entſetzlichſten Schauſpiele anſichtig wurden, welche die menſchliche Phantaſie ſich vorſtellen kann. Zuerſt ſahen wir einige zer⸗ ſchlagene und umhergeſtreute Kiſten, dann einen Kar⸗ ren, deſſen zwei davor geſpannte Ochſen todt dalagen, wie eingeſchlafen, mit den Jochen noch auf ihnen. Ein wenig rechts lagen einige Pferde. Dann kamen wir an eine kleine, aus gefällten Bäumen hergeſtellte Einhegung, welche eine dreieckige bruſthohe Ver⸗ ſchanzung bildete. Innerhalb dieſes Dreiecks— längs der nördlichen und weſtlichen Seiten deſſelben— lagen gegen dreißig Leichen, größtentheils bloße Gerippe, obſchon noch viel von der Kleidung an ihnen war. Oceola. IV. 7„ 4 — 98— sie lagen noch in denſelben Stellungen, welche ſie während des Kampfes eingenommen haben mußten. Einige waren über ihre todten Kameraden hinweg⸗ gefallen, die Meiſten aber lagen dicht neben den Baumſtämmen, mit den Köpfen nach der Bruſtwehr zu, über welche hinweg ſie gefeuert, und ihre Leiber waren mit Regelmäßigkeit parallel nebeneinander hin⸗ geſtreckt. Augenſcheinlich waren ſie auf ihrem Poſten niedergeſchoſſen worden und die Indianer hatten ſie unberührt gelaſſen und nur von einigen die Scalps mitgenommen— obſchon dies, wie man behauptet, von den mit ihnen verbündeten Negern geſchehen b war. Die Offiziere waren alle mit leichter Mühe zu 1 erkennen. Einige trugen noch ihre Ringe und Tuch⸗ 1 nadeln und in ihren Taſchen fand man Geld. Die Leichen von acht Offizieren und achtundneunzig Sol⸗ daten wurden beerdigt. Es muß hierbei noch bemerkt 4 werden, daß der Ueberfall nicht von einem Hommock 1 aus, ſondern in einer dünnbewaldeten Gegend aus⸗ geführt worden war, und die Indianer ſich hinter Palmettos und im Graſe verſteckt gehalten hatten.“. 5 Aus dieſem Berichte geht hervor, daß die In⸗ dianer nicht um Beute zu machen, ja nicht einmaße aus Beweggründen teufliſcher Rache kämpften. Ihr Motiv war ein höheres und reineres— es war die 3 — 99— Vertheidigung ihres Vaterlandes— ihres Heerdes und ihrer Heimath.— Der Vortheil, den ſie über Major Dade’s KTrup⸗ pen hatten, war einfach der des Hinterhalts und der Ueberraſchung. Es fehlte Major Dade, obſchon er ein Mann von unzweifelhafter Tapferkeit war, doch gänzlich an jenen Eigenſchaften, welche einem Anführer nothwendig ſind, beſonders einem Anführer, der es mit einem ſolchen Feinde zu thun hat. Er war ein blos theoretiſcher Soldat, wie die meiſten Offtziere, und es mangelte ihm an dem Genius, welcher den großen Feldherrn befähigt, ſich den Umſtänden an⸗ zupaſſen, welche ihn umgeben. Er führte den Marſch ſeines Detachements, als ob es zur Parade ginge, und auf dieſe Weiſe in Geſahr und ſeinem Untergange entgegen.. Wenn es aber in dieſer unglücklichen Affaire dem Anführer der Weißen an militairiſcher Fähigkeit fehlte, ſo war dies dagegen mit dem Anführer der Indianer durchaus nicht der Fall. Es dauerte nicht lange, ſo ward es bekannt, daß Der, welcher den Hinterhalt gelegt und einen ſo blutigen und ſieg⸗ reichen Erfolg dadurch errungen hatte, der junge Häuptling der Rothſtecken, Oceola, war. Er konnte nicht lange an Ort und Stelle gee blieben ſein, um ſich an ſeinem Triumphe zu weiden 72 — 100— denn noch am demſelben Abende fiel bei Fort King — in einer Entfernung von ſechzehn Wegſtunden von dem Schauplatze des eben beſchriebenen Blut⸗ bades— der Commiſſar dem Racheſchwur des jungen Häuptlings zum Opfer. Bwälftes Kapitel. Die Schlacht am Ouithlacoochee. Die Ermordung des Commiſears erheiſchte einen Act raſcher Vergeltung. Unmittelbar nachdem ſie ge⸗ ſchehen, waren mehrere Eilboten auf verſchiedenen Wegen nach dem Lager Drane abgeſendet worden. Einige dieſer Boten ſielen in die Hände des Feindes, während die übrigen das Ziel ihrer Beſtimmung glücklich erreichten. Mit Tagesanbruche am nächſtfolgenden Morgen war die Armee, über tauſend Mann ſtark, in Bewe⸗ gung und auf dem Marſche nach dem Amazura. Der erklärte Zweck dieſer Expedition war, einen Schlag gegen die Familien der feindſ ſeligen India⸗ ner auszuführen— gegen ihre Väter und Mütter, — 102— ihre Weiber, Schweſtern und Kinder— deren Ver⸗ ſteck in den faſt unzugänglichen Verſchanzungen des großen Sumpfes dem General bekannt geworden war. Man hatte die Abſicht, dieſelben womöglich gefangen zu nehmen und als Geißeln zu behalten, bis die Krieger ſich veranlaßt ſähen, ſich zu ergeben. Ich erhielt eben ſo wie alle Uebrigen, die in dem Fort entbehrt werden konnten, Befehl, die Ex⸗ pedition zu begleiten, und ſchloß mich demzufolge dem Marſche derſelben an. Aus den Geſprächen, die ich um mich herum hörte, konnte ich bald die Meinung der Soldaten abnehmen. Sie hatten durchaus nicht die Abſicht, Gefangene zu machen. Erbittert durch Das, was in dem Fort ſtattgefunden— noch mehr gereizt durch die Niedermetzelung Dade's und ſeiner Leute— nahmen ſie, wie ich feſt überzeugt war, ſich gewiß nicht Zeit, Gefangene zu machen. Alte und Junge, Weiber und Kinder— Alle wurden ſicherlich gemor⸗ det und kein Pardon gegeben. Schon die Ausſicht auf ein ſolches Blutbad er⸗ füllte mich mit Grauen und Entſetzen, und Alle waren eben ſo feſt überzeugt als ich, daß es wirklich ſtattfinden würde. Die Verſtecke der unglücklichen —.— — 103— konnten wir daher verfehlen, ihn zu erreichen? Man erwartete, einen ſehr leicht auszuführen⸗ den Ueberfall zu machen. Man hatte Nachricht er⸗ halten, daß die Krieger oder die meiſten derſelben eine andere, weit entfernte Expedition und in einer Gegend vorgenommen hatten, wo wir unmöglich auf ſie ſtoßen konnten. Wir wollten in Abweſenheit der Adler uns auf das Neſt ſtürzen, And in dieſer Abſicht ward die Armee auf ſtillen, geheimen Wegen geführt. S Noch einen Tag vorher würde unſere Expedition uns ſehr leicht und als eine Luſtparthie ohne Gefahr irgend einer Art erſchienen ſein; die Nachricht von Dade's Niederlage aber hatte auf die Gemüther der Soldaten eine magiſche Wirkung geäußert und die⸗ ſelben nicht blos erbittert, ſondern auch eingeſchüch⸗ tert. Zum erſten Male empfanden ſie einen gewiſſen Grad von Reſpect vor ihrem Feinde, worein ſich vielleicht auch ein wenig Furcht miſchte. Die In⸗ dianer wußten wenigſtens zu tödten. 1 Dieſes Gefühl ſteigerte ſich, als friſche Boten von dem Schauplatze der Niederlage des Majors Dade ankamen und neue Einzelnheiten über dieſes blutige Gefecht mitbrachten. 6 1 rer, welche den Platz ganz genau kannten— wie 9 von ihrem eigenen Volke bereits zum Tode verur⸗ — 104— Nicht oh de eine gewiſſe Furcht marſchirte daher der Soldat weiter in das Herz des feindlichen Lan⸗ des hinein, und ſelbſt der kecke Freiwillige hielt ſich dicht in Reih und Glied, während er ſchweigend entlang ritt. Gegen Mittag erreichten wir das Ufer des Ama⸗ zura. Dieſer Fluß mußte paſſirt werden, ehe wir den Cove— ſo hieß der Ort, wo die Indianer ſich verſteckt hielten— erreichen konnten, denn das un⸗ geheure Netzwerk von Moräſten und Lagunen, wel⸗ ches man mit dieſem Namen bezeichnet, erſtreckte ſich von dem entgegengeſetzten Ufer landeinwärts. Man hatte dem General eine Furth verſprochen, aber die Führer wußten nicht recht Beſcheid und man fand keine Stelle zum Ueberſetzen. An dem Puncte, wo wir den Fluß erreichten, war derſelbe breit, ſchwarz, tief und reißend— zu tief, um ſelbſt bon unſern Pferden durchſchritten werden zu können. Waren die Führer vielleicht Verräther und führ⸗ ten ſie uns mit Willen irre? Es begann allerdings dieſen Anſchein zu gewinnen, aber nein— es konnte nicht ſein. Allerdings waren ſie Indianer, aber ihre Anhänglichkeit an die Weißen war erprobt. Ueber⸗ dies waren ſie auch Gegner der Nationalpartei und — 105— theilt— unſere Niederlage wäre ihr eigener Unter⸗ gang geweſen. Es war auch, wie ſich ſpäter ergab, wirklich ſen, in größerem Maßſtabe das Trauerſpiel zu wie⸗ derholen, welchem Dade und ſeine Leute ſo kürzlich erſt zum Opfer gefallen waren. Hätten wir die richtige Uebergangsſtelle, welche ſich etwa eine Wegſtunde weiter flußabwärts befand, erreicht, ſo wären wir in einen Hinterhalt des Fein⸗ des gefallen, der von demſelben Anführer, der ſich ſo geſchickt auf ſeine Waldtaktik verſtand, auf unge⸗ mein ſchlaue Weiſe gelegt worden. Das Gerücht, daß die Krieger zu einer fernen Expedition ausgezo⸗ gen ſeien, war eine bloſe Liſt und das Vorſpiel zu einer Reihenfolge von durch Oceola ausgeſonnenen ſtrategiſchen Manövers. Die Indianer befanden ſich in dieſem blicke da, wo ohne den Irrthum der geweſen wären. Die Furth war auf b in Seiten vom Feinde beſetzt, und die Krieger lagen unſichtbar wie Schlangen im Graſe, bereit, in dem Augen⸗ „ blicke hervorzuſpringen, wo wir den Uebergang ver⸗ ſuchen würden. Ein Glück für Clinch und ſeine Armee, daß unſere Führer ſo ſchlecht bewandert waren. Der General handelte natürlich ohne Kenntniß dieſes Umſtandes, denn ſonſt, und wenn er die ge⸗ fährliche Nachbarſchaft gekannt hätte, wäre wahr⸗ ſcheinlich ſein Verfahren ein anderes geweſen. So eben ward Halt commandirt, und nach einiger Be⸗ rathung ward beſchloſſen, daß wir den Fluß an dem Puncte, wo die Armee angelangt war, überſchreiten ſollten. Man fand einige alte Boote, ſogenannte Sceows, nebſt einer Anzahl indianiſcher Kanoes. Dieſe muß⸗ ten den Transport der Infanterie erleichtern, wäh⸗ rend die Berittenen auf ihren Pferden hinüberſchwim⸗ men konnten. Es dauerte nicht lange, ſo wurden Flöße von Baumſtämmen zuſammengeſchlagen und die Paſſage des Fluſſes begonnen. Dieſes Manöver ward mit ziemlicher Geſchick⸗ lichkeit ausgeführt, und in weniger als einer halben die Hälfte unſeres Heeres hinüber. fand mich unter Denen, welche zuerſt hinüber ar een, wünſchte mir aber zu dem Gelingen des Unternehmens eben kein Glück. Ich war be⸗ — 107— kümmert über die Ausſicht, nun bald in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt zu ſein, an der Niedermetzelung wehrloſer Menſchen— Frauen und Kinder— theil⸗ nehmen zu müſſen, denn rings um mich her ward nichts Anderes erwartet. Mit einem Gefühle von wirklicher Herzenser⸗ leichterung, ja Freude, hörte ich daher plötzlich den wilden Kriegsruf, das wohlbekannte Yo-ho-ehee der Seminolen durch die Wälder hallen. Gleichzeitig vernahm man knallende Büchſenſchüſſe, während durch die Luft pfeifende und Aeſte von den nahen Bäumen herabſchlagende Kugeln uns verkündeten, daß wir in allem Ernſte und von einem zahlreichen Feinde angegriffen wurden. Der Theil der Armee, welcher bereits über den Fluß war, hatte die Vorſicht gebraucht, hinter den ſtarken Bäumen, welche am ufer des Fluſſes ſtanden, eine Poſition einzunehmen, und deßhalb äußerte die erſte Salve der Indianer eine weniger tödtliche Wir⸗ kung. Dennoch aber fielen einige der Unſeren, und die den Blicken des Feindes Ausgeſetzten waren noch in Gefahr. 4. Das Feuer ward von den Tr dann von den Indianern wiederholt Soldaten nochmals beantwortet. ununterbrochen, bald in vereinzelten — 108— einzelnen Schüſſen, und dann und wann hörte es auch ganz auf. 3 Eine lange Weile ward von beiden Seiten nur wenig Schaden gethan; aber es war klar, daß die von dem Unterholze gedeckten Indianer allmählig eine vortheilhaftere Poſition gewannen und uns nach und nach umzingelten. Die Truppen dagegen wagten ſich nicht von der Stelle zu rühren, wo ſie an's Land geſtiegen waren, und warteten, bis eine noch größere Zahl der Ihrigen herüber wäre. Dann ſollten wir vor⸗ rücken und die Indianer durch einen Bajonnetangriff aus dem Dickicht werfen. Die noch auf dem andern ufer befindlichen Truppen fuhren fort, überzuſetzen. Bis jetzt waren ſie durch das Feuer der bereits Uebergeſetzten geſchützt worden; plötzlich aber ward von den Indianern ein Manöver ausgeführt, welches dem Paſſiren des Fluſ⸗ ſes ein Ende zu machen drohte, dafern es nicht durch ein wohlunterhaltenes Musketen feuer gedeckt werden kon te. . ffen Land— den Slus hinein und bildete eine kleine Halbinſel. Es war eine Sand⸗ bank, die dr rch einen Strudel auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite entſtanden war. Sie war niedriger +————⸗⸗-òðℳℳõo⸗ä-— — 109— als das wirkliche Ufer und unbewaldet, ausgenom⸗ men an ihrer äußerſten Spitze, wo ſich eine Art Inſel gebildet hatte, die höher war als die Halbinſel ſelbſt. Auf dieſer Inſel ſtand ein dichter kleiner Wald von immergrünen Bäumen, Lebenseichen und Magnolien— mit Einem Worte ein Hommock. Es wäre klug von uns geweſen, wenn wir die⸗ ſen Hommock gleich in dem Augenblicke, wo wir das Ueberſetzen begannen, beſetzt hätten, aber unſer Gene⸗ ral hatte den Vortheil nicht bemerkt. Die Indianer dagegen nahmen ihn ſehr bald wahr, und ehe wir es verhindern konnten, ſtürzte eine Abtheilung Krie⸗ ger über die kleine Landenge und nahm Beſitz von dem Hommock. Das Ergebniß dieſes geſchickten Manövers ward bald offenkundig. Die Boote wurden beim Ueber⸗ ſetzen von der Strömung bis auf Schußweite an die waldige kleine Inſel getrieben, aus deren immer⸗ grünen Schatten jetzt ein fortwährender blauer, feu⸗ riger Rauch aufwirbelte, während die bleiernen Ge⸗ ſchoſſe ihr Todeswerk verrichteten. Wir ſahen, wie unſere Leute auf die Flöße nieder oder über die Sei⸗ tenwände der Kanoes mit einem ſchweren Geplätſcher in das Waſſer hineinſtürzten, welches uns verrieth, daß ſie aufgehört hatten zu leben, während das dichte Musketenfeuer, welches von uns nach dem Hot mock — 110— gerichtet ward, durchaus nicht im Stande war, die kleine verwegene Schaar, welche ihn beſetzt hielt, daraus zu vertreiben. Es waren ihrer Wenige, denn wir hatten ſie deutlich geſehen, als ſie über die Landenge rannten — aber es war augenſcheinlich, daß ſie lauter aus⸗ geſuchte geübte Schützen waren, denn jeder ihrer Schüſſe war tödtlich. Es war ein Augenblick der gewaltigſten Auf⸗ regung. Anderwärts ward der Kampf mit mehr Gleichheit geführt, denn beide Parteien fochten von den Bäumen gedeckt und fügten einander nur wenig Schaden zu. Die kleine Schaar auf der Inſel aber tödtete mehr von unſern Leuten, als der ganze übrige Feind. Es war kein anderer Ausweg übrig, als die Scharfſchützen von dem Hommock zu vertreiben, und zwar durch einen Bajonnetangriff— wenigſtens war dies der Plan, für welchen ſich unſer Commandant entſchied. 8 Es ſchien eine verlorene Hoffnung zu ſein. Jeder, der ſich von der Landſeite näherte, mußte das volle Feuer des verſteckten Feindes empfangen und war ſonach genöthigt, unter furchtbar drohender Gefahr vorzurücken. Zu meiner Ueberraſchüng ward die Führung —— —— S. — 1u— der hierzu beſtimmten Mannſchaft mir übertragen. Warum dies geſchah, weiß ich nicht, da ich während dieſes Feldzugs noch niemals Gelegenheit gehabt hatte, vorzugsweiſe Muth oder Eifer zu bethätigen. Der Befehl kam aber von dem General direct und ſofort, und ich machte mich bereit, ihm zu gehorchen. Mit einer Anzahl Scharfſchützen, die nicht viel mehr betrug als die des Feindes, den wir unter ſo ungünſtigen Umſtänden angreifen follten— brach ich auf nach der Halbinſel. Es war mir zu Muthe, als ob ich dem ſichern Tode entgegenginge, und ich glaube, daß die Meiſten von Denen, welche mir folgten, die Opfer einer ähn⸗ lichen Ahnung waren. Aber wenn dieſe Ahnung auch Gewißheit geweſen wäre, ſo konnten wir doch jetzt, wo die Augen der ganzen Armee auf uns ge⸗ richtet waren, der Gefahr nicht den Rücken kehren. Wir mußten vorwärts— wir mußten ſiegen oder fallen. Binnen wenigen Secunden waren wir auf der Inſel und rückten raſch gegen den Hommock vor. Wir hofften, daß die Indianer unſere Annäherung nicht bemerkt hätten, und daß wir ſie von hinten beſchleichen könnten. Dieſe Hoffnung aber erwies ſich als eine eitle. Unſere Feinde waren wachſam geweſen; ſie hatten— unſer Manöver gleich vom Anfang deſlben an be⸗ — 112— merkt, Kehrt gemacht und erwarteten uns nun mit geladenen Büchſen, bereit, uns zu empfangen. Aber unſerer gefährlichen Poſition uns nur halb abewußt, drangen wir vorwärts und hatten uns im, äldchen bis auf etwa dreißig Schritte ge⸗ nüähert, als der blaue Rauch und die rothe Flamme * plötzlich zwiſchen den Bäumen hervorziſchte. Ich hörts den Kugelregen an meinen Ohren vorbeiſauſen. p hörte das Geſchrei und Stöhnen meiner Leute, w di Ich ſah mich um h, daß ſie ſämmtlich todt oder ſterbend ausgeſt dalagen. In demſelben Augenblicke vernahm ich aus dem Wäldchen eine Stimme, welche rief: „Kehrt um, Randolph! kehrt um! In Folge des Symbols, welches Ihr auf Eurer Bruſt tragt, hat man Euer Leben geſchont, aber meine Tapfern ſind vom Kampfe erhitzt und ihr Blut wird immer heißer. Verſucht nicht ihren Zorn! Fort! fort!“ Dreizehntes Kapitel. Ein Sieg, der mit einem Rückzuge endet. Ich ſah den Sprechenden nicht, denn er war vollſtändig hinter dem dichten Laubwerke verborgen. Es war auch nicht nöthig, daß ich ihn ſah, um zu wiſſen, wer mich anredete, denn als ich die Stimme hörte, erkannte ich ſie ſofort. Es war Oceola, welcher ſprach. Ich kann meine Gefühle in dieſem Augenblicke nicht ſchildern, und eben ſo wenig genau ſagen, wie ich handelte. Meine Gedanken bildeten gleichſam ein verworrenes Chaos, und Ueberraſchung und Furcht kämpften darin um die Herrſchaft. Ich erinnere mich, daß ich mich noch ein Mal nach meinen Leuten herumdrehete. Ich ſah, daß ſie nicht Alle todt waren— Einige lagen noch da, wo Oceola. IV. 8 — ul— ſie gefallen waren, zuſammengekrümmt, oder in ver⸗ ſchiedenen Stellungen des Todes ausgeſtreckt— regungslos— ohne Zweifel leblos. Einige bewegten ſich noch, und ihr Gewinſel verrieth, daß das Leben noch nicht erloſchen war. Zu meiner Freude bemerkte ich Mehrere, welche ſich wieder aufgerafft hatten und ſich ſo ſchnell als möglich davon zu machen ſuchten. Einige hatten ſich nur halb erheben können und krochen auf Hän⸗ den und Knieen fort. Auf dieſe Letztern ward von dem Gebüſche aus noch fortwährend gefeuert, und als ich noch ſchwan⸗ kend und unſchlüſſig daſtand, ſah ich Einen oder Zwei von den verhängnißvollen Kugeln, welche dicht um mich herumpfiffen, in das Gras ſtrecken. Unter den Verwundeten, die zu meinen Füßen lagen, befand ſich ein junger Mann, den ich kannte. Er ſchien durch beide Beine geſchoſſen zu ſein und konnte ſich nicht von der Stelle rühren. Sein an mich gerichteter Hülferuf war das Erſte, was mich aus meiner Unentſchloſſenheit aufrüttelte. Ich be⸗ ſann mich, daß dieſer junge Mann mir ein Mal einen Dienſt geleiſtet hatte. Faſt mechaniſch hückte ich mich, faßte ihn rund um den Leib, hob ihn auf und begann ihn hinweg⸗ zuſchleppen. — 15— Mit dieſer Bürde eilte ich über die Landenge zurück— ſo ſchnell als meine Kräfte es mir ge⸗ ſtatteten— auch blieb ich nicht eher ſtehen, als bis ich mich außerhalb des Bereichs der indianiſchen Büchſen befand. Hier ſtieß ich auf eine Abtheilung Soldaten, welche abgeſendet waren, um unſern Rückzug zu decken. In ihren Händen ließ ich meinen verwundeten Kameraden und eilte dann weiter, um dem Ober⸗ commandanten meinen traurigen Rapport abzu⸗ ſtatten. Meine Geſchichte bedurfte des Erzählens gar nicht. Unſere Bewegung war beobachtet worden, und unſere Niederlage ſchon in der ganzen Armee bekannt. Der General ſagte kein Wort, ſondern ſchickte mich, ohne mir Zeit zu einer nähern Erklärung zu laſſen, nach einem andern Theile des Schlachtfeldes. Alle tadelten ſeine Unklugheit, daß er Befehl zu einem ſo verzweifelten Angriffe gegeben, beſonders mit einer ſo geringen Streitmacht. Was mich be⸗ traf, ſo hatte ich den Ruhm eines kühnen Anführers erworben; wie es aber kam, daß ich der Einzige war, der unverſehrt aus dieſem mörderiſchen Feuer hervorging, dies war ein Räthſel, welches ich in dieſem Augenblicke zu erklären mich wohl hütete. 8* — 116— Ueber eine Stunde lang dauerte der Kampf fort in Geſtalt eines verworrenen Scharmützels unter Moräſten und Bäumen, ohne daß eine der beiden Parteien einen weſentlichen Vortheil gewonnen hätte. Jede behauptete die Stellung, die ſie einge⸗ nommen— obſchon den Indianern auch noch der hinter ihnen liegende Wald offen ſtand. Hätten wir uns aus unſerer Stellung zurück⸗ ziehen wollen, ſo wäre dies der Untergang für die ganze Armee geweſen, denn es gab keinen andern Weg zum Rückzuge als wieder durch den Fluß, und dieſer Uebergang hätte nur unter dem Feuer des Feindes ausgeführt werden können. Dennoch aber ſchien es gleich verderblich zu ſein, unſere Poſition behaupten zu wollen. Wir konnten, indem wir ſo zum Stillſtehen gezwungen waren, Nichts ausrichten, denn wir waren auf dem Ufer des Fluſſes förmlich belagert. Vergebens hatten wir uns bemüht, die Indianer aus dem Gebüſche zu werfen. Nachdem dies ein Mal fehlgeſchlagen war, wäre ein zweiter Verſuch, uns durch ſie hindurchzuſchlagen, ein noch gefährlicheres Unternehmen geweſen, und dennoch war die Gefahr, wenn wir uns ſtationär verhielten, ebenfalls nicht gering. * Die Truppen waren mit einem nur dürftigen — 8 — — ,— — 117— Vorrath von Proviant aus ihren Quartieren gerückt. Ihre Rationen waren bereits erſchöpft und der Hunger ſtierte der Armee in die Augen. Seine Qualen wurden bereits gefühlt, und jede Stunde mußte ſie empfindlicher machen. Wir begannen zu glauben, daß wir belagert ſeien, und es war dies auch wirklich der Fall. Um uns herum in einem Halbkreiſe ſchwärmten die Wilden, jeder hinter ſeinem ſchützenden Baume, und bildeten auf dieſe Weiſe eine Defenſionslinie, welche an Stärke einer befeſtigten Verſchanzung gleichkam. Eine ſolche aber konnte ohne die Gewißheit eines fürchterlichen Blutbades unter unſern Leuten nicht genommen werden. Auch bemerkten wir, daß die Zahl unſerer Feinde ſich ſtündlich mehrte. Ein eigenthümliches Geſchrei— welches Einige unſerer alten„indianiſchen Kämpfer“ verſtanden— und welches ſich von Zeit zu Zeit hören ließ, verrieth das Eintreffen friſcher Abtheilungen des Feindes. Wir fürchteten, daß wir endlich der Mehrzahl unterliegen müßten, und eine düſtere Stimmung verbreitete ſich ſchnell in unſern Reihen. Während der Scharmützel, welche bereits ſtatt⸗ gefunden hatten, bemerkten wir, daß viele der In⸗ dianer mit Flinten und Musketen bewaffnet waren. — 118— Einige davon trugen ſogar militairiſche Uniform. Einer— ein hervorragender Anführer— war noch eigenthümlicher herausſtaffirt. Von ſeinen Schultern herab hing eine breite ſeidene Fahne, nach Art eines ſpaniſchen Mantels aus den Zeiten der conquistadores- Die abwechſelnd rothen und weißen Streifen mit dem blauen geſtirnten Felde in der Ecke waren deut⸗ lich ſichtbar. Jedes Auge der Unſern ſchaute darauf und erkannte in der phantaſtiſchen auf ſo heraus⸗ fordernde Weiſe entfalteten Draperie das geliebte Banner unſeres Vaterlandes. Dieſe Symbole ſprachen ſehr deutlich und auf eine für uns durchaus nicht räthſelhafte Weiſe. Ihr Vorhandenſein unter unſern Feinden ließ ſich mit leichter Mühe erklären. Die Fahne, die Musketen und Flinten, die Uniformen und übrigen Rüſtſtücke waren Trophäen von dem Schlachtfelde, auf welchem Dade gefallen war. Obſchon die Truppen dieſe Gegenſtände mit bitterer Entrüſtung betrachteten, ſo war ihr Zorn doch ohnmächtig. Die Stunde, wo ſie das unglück⸗ liche Schickſal ihrer Kameraden rächen ſollten, hatte noch nicht geſchlagen. — Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß wir ihr Schick⸗ fal getheilt haben würden, wenn wir noch länger an Ort und Stelle geblieben wären; glücklicher Weiſe — — 1¹9— aber bot ſich eine Gelegenheit zum Rückzuge dar, von welcher unſer General ſehr gern Gebrauch machte. Es war die glückliche Idee eines freiwilligen Offiziers — eines alten Veteranen aus„Hickory's“ Kriegen, der in der Taktik der indianiſchen Kriegsführung be⸗ wandert war. Auf ſeinen Rath ward von den Truppen, welche den Fluß noch nicht paſſirt hatten— den Freiwilligen — ein Scheinmanöver ausgeführt. Es war ein angeblicher Verſuch, die Paſſage des Fluſſes an einem höher ſtromaufwärts gelegenen Punkte zu be⸗ wirken. Dies war ein ſehr guter Einfall. Wäre eine ſolche Kriegsliſt möglich geweſen, ſo würde ſie den Feind zwiſchen zwei Feuer gebracht und auf dieſe Weiſe der„Umzingelung“ ein Ende gemacht haben; aber ein ſolcher Uebergang ward nicht beabſichtigt, ſondern nur eine Liſt. Sie hatte die gewünſchte Wirkung. Die In⸗ dianer ließen ſich dadurch täuſchen und eilten in Maſſe an dem Ufer hinauf, um den Uebergangsver⸗ ſuch zu verhindern. Unſere belagerte Streitmacht benutzte dieſe zeitweilige Abweſenheit des Feindes, und die„Regulären,“ welche die Zeit geſchickt zu benutzen wußten, gelangten auf die ſichere Seite des Fluſſes zurück. Der ſchlaue Peind war zu vorſichtig. — 120— um uns zu folgen, und ſomit endete die Schlacht an dem Ouithlacoochee. In dem eiligen Kriegsrathe, welcher nun abge⸗ halten ward, waren die Stimmen über das nun einzuſchlagende Verfahren durchaus nicht getheilt. Der Vorſchlag, nach Fort King zurück zu marſchiren, ward mit wunderbarer Einſtimmigkeit angenommen, und ohne lange Zeit zu verlieren, machten wir uns auf den Weg und langten ohne weitere Beläſtigung wieder in unſerm Fort an. Vierzehntes Kapitel. Ein abermaliges Sumpfgefecht. Nach dieſem Kampfe war in dem Geiſte der Armee eine vollſtändige Veränderung zu bemerken. Man hörte keine Prahlerei mehr, und die Begier der Truppen, gegen den Feind geführt zu werden, war nicht mehr ſchwer im Zaume zu halten. Niemand gab einen Wunſch nach einer zweiten Expedition über den Ouithlacoochee zu erkennen, und das Dickicht, in welchem die Indianer ſich verſteckt hielten, ſollte bis zum Eintreffen neuer Verſtärkungen ununterſucht bleiben. Die Freiwilligen waren entmuthigt, des Feldzugs überdrüſſig und durch den Widerſtand, auf den ſie ſo unerwarteter Weiſe geſtoßen und der eben⸗ ſo kühn und blutig als unerwartet geweſen— ein wenig eingeſchüchtert. Der bis jetzt verachtete Feind r. 122— hatte, wenn er durch ſein Verhalten die größte Erbit⸗ terung und Racheluſt erweckt, ſich doch auch zugleich in Reſpect geſetzt. Die Schlacht am Ouithlacoochee koſtete der Armee der Vereinigten Staaten beinahe hundert Mann. Der Verluſt der Seminolen ward weit höher angeſchlagen, obſchon Niemand für dieſe Annahme eine beſſere Autorität anzugeben wußte, als ſeine perſönliche Vermuthung. Niemand hatte die Getödteten des Feindes geſehen, dies aber er⸗ klärte man durch die Behauptung, daß ſie wäh⸗ rend des Gefechts ihre Todten und Ver⸗ wundeten von dem Kampfplatze hinwegge⸗ tragen hätten. Wie oft hat man dieſe abgeſchmackte Behaup⸗ tung in den Depeſchen ſowohl ſiegreicher als geſchla⸗ gener Generale gefunden! Es iſt dies die gewöhn⸗ liche Art und Weiſe, auf welche man ein Schlacht⸗ feld zu erklären ſucht, welches mit feindlichen Leichen allzuſpärlich beſäet iſt. Schon die Möglichkeit einer ſolchen Operation ſetzt einen leichten Kampf oder eine ungemein große Anhänglichkeit der Streitenden an einander voraus, eine Anhänglichkeit, die für die menſchliche Natur wirklich zu ſtark iſt. Ich habe in dergleichen auch einige Erfahrung geſammelt und kann verſichern, daß ich niemals einen Todten, mochte es nun ein Kamerad oder ein Feind ſein, — ———— 2 — von dem Kampfplatze, wo er gefallen, fortſchaffen ſah, ſo lange noch ein Schuß zu hören war. In der Schlacht am Ouithlacoochee hatten ohne Zweifel einige unſerer Feinde„in das Gras gebiſſen“, aber ihr Verluſt war viel geringer als der unſerer eigenen Truppen. Was mich betraf,— und ich hatte vollauf Gelegenheit, Beobachtungen anzuſtel⸗ len— ſö hätte ich nicht beſchwören können, auch nur einen einzigen todten Indianer geſehen zu haben, und eben ſo wenig traf ich einen Kameraden, der dies gekonnt hätte. Trotzdem aber haben die Geſchichts⸗ ſchreiber dieſes Gefecht als einen großen Sieg aufge⸗ zeichnet, und die Depeſche des Obercommandanten iſt noch vorhanden— ein ſeltſames Probeſtück krie⸗ geriſcher Literatur. In dieſem Documente findet man den Name t jedes mit bei dem Treffen be⸗ theiligten Offtzters genannt, und Jeder wird als ein unvergleichlicher Held geſchildert. Ein ſeltenes Mo⸗ nument der Eitelkeit und Prahlerei! Offen und ehrlich geſtanden— wir hatten von den Rothhäuten eine tüchtige Schlappe bekommen, und der Verdruß der Armee war eben ſo groß als ihre Erbitterung.* Clinch, obſchon er für einen freundlichen General galt— für den Soldatenfreund, wie die Geſchichts⸗ fchreiber ihn nennen— ward nicht mehr als ein . — 124— großer Krieger betrachtet. Sein Ruhm war von ihm gewichen. Wenn Oceola gegen ihn einen Groll hegte, ſo hatte er Grund, mit Dem, was er ausge⸗ führt, zufrieden zu ſein, ohne den„alten Veteranen“ weiter zu beläſtigen. Obſchon noch am Leben, war er doch todt für den Ruhm. Es dauerte nicht lange, ſo erſchien ein neuer Obercommandant und die Siegeshoffnungen lebten wieder auf. Der neue General hieß Gaines, eben⸗ falls einer„der Veteranen“, die durch die Anciennetät erzeugt werden. Er war nicht von der Regierung zu dieſem beſondern Dienſte befehligt worden, ſon⸗ dern hatte, weil Florida ein Theil ſeines Militair⸗ diſtrictes war, ſich freiwillig erboten, die Leitung des Krieges zu übernehmen. Eben ſo wie ſein benenc e Gaines eine reiche Ernte an Lorbeeren zu neln und ſollte eben ſo wie dieſer ſich bitter getäuſcht ſehen. Wieder war ihm nur ein Cypreſſenkranz beſchieden. Unſere durch friſche Truppen von Louiſiana und anderwärts her verſtärkte Armee ward unverweilt in Bewegung geſetzt und marſchirte abermals gegen den „Cove.“ Wir erreichten die Ufer des Amazura, paſſizen aber nicht dieſen Strom, der für unſer Leben eben 4 — 125— ſo verhängnißvoll war wie für unſeren Ruhm Die⸗ ſes Mal paſſirten ihn die Indianer. Faſt auf demſelben Platze, wo unſer erſtes Ge⸗ fecht ſtattgefunden— nur mit dem Unterſchiede, daß es jetzt auf dem niedern Ufer des Fluſſes geſchah— wurden wir von den rothen Kriegern angegriffen und nach einem mehrſtündigen ſcharfen Scharmützel gezwungen, unſere ſtolzen Bataillone wieder in den ſchützenden Umkreis unſerer Palliſaden zurückzuziehen In dieſer Verſchanzung wurden wir neun Tage lang belagert und wagten kaum uns außerhalbe unſerer hölzernen Mauern zu zeigen. Der Hunger ſtierte uns jetzt nicht mehr von Weitem an, ſondern hatte uns wirklich gepackt, und ohne die Pferde, welche wir bis jetzt geritten und mit deren Fleiſche wir uns jetzt ſättigten, wäre die eine Hälfte der Armee vor Hunger umgekommen. Wir wurden vor der gänzlichen Vernichtung nur durch die rechtzeitige Ankunft einer zahlreichen Streitmacht gerettet, welche von dem noch ſeine Brigade commandirenden Clinch uns zu Hülfe geſen⸗ det ward. Da dieſer unſer früherer General direct vom Fort King ausmarſchirt war, ſo hatte er das Glück, unſerem Feinde in den Rücken zu fallen und dadurch, daß er unſere Belagerer überrumpelte, uns aus unſerer ſchwierigen Lage zu befreien — 126— Der Tag unſerer Erlöſung ward noch durch einen anderweiten eigenthümlichen Vorfall bezeichnet — nämlich durch einen Waffenſtillſtand von ganz beſonderer Art. Zeitig am Morgen, als es noch finſter war, hörten wir uns von einer Stimme in ziemlicher Ent⸗ fernung mit lautem„Heda— Holla!“ anrufen. Die Stimme kam von der Richtung des Feindes — da wir umzingelt waren, ſo konnte es gar nicht anders ſein— aber die Art und Weiſe des Anrufs erweckte die Hoffnung, daß Clinch's Brigade angekommen ſei. Der Ruf ward wiederholt und beantwortet. Die Hoffnung auf Entſatz aher verſchwand wieder, als man in der Stentorſtimme die Abram's, des ſchwarzen Häuptlings und ehemaligen Dolmetſchers der Conferenz, erkannte. „Was wollt Ihr?“ lautete die von dem Ober⸗ commandanten befohlene Frage. „Eine Unterredung!“ war die Antwort. „Zu welchem Zwecke?“ „Wir wünſchen dem, Kampfe ein Ende zu machen.“ Dieſer Vorſchlag war eben ſo angenehm als unerwartet. Was konnte er bedeuten? Litten die Indianer Hunger wie wir, und waren ſie der Feind⸗ — 127— ſeligkeiten überdrüſſig? Dies war ſehr wahrſcheinlich, denn aus welchem andern Grunde hätten ſie ſonſt wünſchen ſollen, dem Kriege ſo plötzlich ein Ende zu machen? Sie waren noch nicht geſchlagen worden, ſondern im Gegentheile in jedem Gefechte, welches bis jetzt vorgekommen, ſiegreich geweſen. Nur ein einziger anderweiter Beweggrund ließ ſich denken. Wir erwarteten jede Stunde die Ankunft von Clinch’s Brigade. Boten waren in dem Lager eingetroffen und hatten die Meldung gemacht, daß er in der Nähe ſei, und mit dieſem Zuwachſe waren wir nicht bloß ſtark genug, die Belagerung aufzuhe⸗ ben, ſondern auch die Indianer faſt mit der Gewiß⸗ heit anzugreifen, daß wir ſie ſchlagen würden. Viel⸗ leicht wußten ſie eben ſo gut als wir, daß Clinch heranrückte, und wünſchten vor ſeiner Ankunft Bedin⸗ gungen zu machen. Auf dieſe Weiſe erklärte der Obercommandant dieſes Verlangen nach einer Unterredung. Er hoffte jetzt im Stande zu ſein, einen entſcheidenden Schlag zu führen; ſeine einzige Furcht war, daß der Feind ſich zurückziehen möchte, ehe Clinch auf dem Platze erſchiene. Ein Waffenſtillſtand konnte dazu dienen, die Indianer zu längerem Verweilen zu veranlaſſen, und ohne Zögern ward dem Anrufer gean⸗ kortet, — 128— daß man bereit ſei, die begehrte Unterredung zu ge⸗ währen. Man beſprach ſich über eine Zuſammenkunft von Parlamentairen, und ſetzte die Stunde auf die Zeit feſt, wo es heller Tag ſein würde. Die Conferenz ſollte durch drei Mann von den In⸗ dianern und drei Mann aus unſerem Lager gebildet werden. Vor dem Fort dehnte ſich eine kleine Savannah hin. In einer Entfernung von einigen hundert Schritten ward ſie von dem Walde begrenzt. Sobald der Tag anbrach, ſahen wir drei Mann aus dem Gehölz herauskommen und bis in den freien Raum vorſchreiten. Es waren Indianer⸗ häuptlinge in vollem Coſtüm— es waren die Com⸗ miſſare. Wir erkannten ſie vom Lager aus alle Drei— Abram, Coa Hajo und Oceola. Noch außerhalb Schußweite machten ſie Halt und ſtellten ſich aufrecht, mit dem Geſichte nach den Palliſaden gewendet, nebeneinander. Drei Offiziere, von wel⸗ chen zwei die Indianerſprache reden konnten, wur⸗ den beauftragt, ſich ebenfalls an Ort und Stelle zu begeben. Ich gehörte mit zu dieſer Deputation. Nach wenigen Minuten ſtanden wir den feind⸗ lichen Häuptlingen gegenüber.. * Fünfzehntes Kapitel. Die Unterredung. Ehe noch ein Wort geſprochen ward, reichten wir alle Sechs einander die Hände, allem Anſcheine nach auf die freundſchaftlichſte Weiſe. Oceola ergriff warm die meine und ſagte, indem er dies that, mit eigenthümlichem Lächeln: „Ha, Randolph! Freunde treffen ſich im Krog zuweilen ebenſo, wie im Frieden.“ Ich wußte, was er meinte, konnte ihm aber bloß mit einem bedeutſamen, dankbaren Blicke ant⸗ worten. Eine mit einer Botſchaft von dem General an uns abgeſendete Ordonnanz näherte ſich vom Lager her. In demſelben Augenblicke erſchien auch ein Indianer aus dem Gehölz, hielt mit der Ordonnanz Oceola. IV. 9 — 130— Schritt, und kam gleichzeitig mit der letztern auf dem Platze an. Die Deputation der Indianer wollte ſtets einer eben ſo großen Anzahl der unſeren gegen⸗ überſtehen. Sobald der Bote ſeinen Auftrag flüſternd aus⸗ gerichtet hatte, begann die Unterredung. Abram war der Sprecher von Seiten der In⸗ dianer und hielt ſeine Anrede in gebrochenem Engliſch. Die Andern gaben ihre Zuſtimmung bloß durch ein⸗ faches Kopfnicken oder das bejahende„Hoh“ zu er⸗ kennen, während ihre Verneinung durch den Ausruf „Cooree“ ausgedrückt ward. „Wünſcht Ihr weißen Leute Frieden zu machen?“ fragte der Neger kurz „Unter welchen Bedingungen?“ frug der Anfüh⸗ rer unſerer Deputation. „Die Bedingungen, welche wir ſtellen, ſind folgende: Ihr legt die Waffen nieder und gebt den Krieg auf— Eure Soldaten ziehen ſich zurück und bleiben in ihren Forts. Wir Indianer gehen über den Ouithlacoochee, und von dieſer Zeit an machen wir auf immer den großen Fluß zur Grenz⸗ linie zwiſchen uns beiden. Wir verſprechen, in Frie⸗ den und Freundſchaft mit allen weißen Nachbarn zu leben. Weiter habe ich Nichts zu ſagen.“ „Brüder,“ antwortete unſer Sprecher,„ich — 131— fürchte, dieſe Bedingungen werden von dem weißen General eben ſo wenig angenommen werden, als von unſerm großen Vater, dem Präſidenten. Ich bin beauftragt, zu ſagen, daß der Obercommandant mit Euch unter keiner andern Bedingung unterhan⸗ deln kann, als daß Ihr Euch vollſtändig unterwerft und verſprecht, daß Ihr nun endlich in die Aus⸗ wanderung willigt.“ „Cooree! Cooree! niemals!“ riefen ſtolz Coa Hajo und Oceola in Einem Athem und mit entſchloſſenem Nachdrucke, welcher bewies, daß ſie durchaus nicht die Abſicht hatten, ihre unterwerfung anzubieten. „Und warum ſollen wir uns unterwerfen?“ fragte der Schwarze mit der Miene des Erſtaunens. „Wir ſind ja nicht beſiegt. Wir beſiegen Euch in jedem Gefechte— wir ſchlagen Eure Leute, ein, zwei, drei Mal— wir ſchlagen Euch— Gott ver⸗ damme, wir können Euch Alle umbringen! Warum ſollen wir uns unterwerfen? Wir ſind hierher ge⸗ kommen, um Bedingungen zu ſrellen nicht um deren zu verlangen.“ „Auf Das, was bis jetzt geſchehen iſt, kommt wenig an,“ bemerkte der Offizier zur Antwort;„wir find weit ſtärker als Ihr, und müſſen Euch am Ende— doch noch beſiegen.“ 9* — 132— Wieder riefen die beiden Indianerhäuptlinge wie aus Einem Munde:„Cooree! Cooree!“ „Es iſt leicht möglich, daß Ihr weißen Leute Euch über Eure Stärke ſehr täuſcht. Wir ſind nicht ſo ſchwach als Ihr glaubt— Gott verdamme, nein. Wir können Euch unſere Stärke zeigen.“ Indem der Neger dies ſagte, wendete er ſich mit fragendem Blicke nach ſeinen Kameraden, wie um ihre Zuſtimmung zu einem Vorſchlage zu ver⸗ langen. Beide ſchienen dieſelbe mit bereitwilligem Kopf⸗ nicken zu geben, und Oceola, welcher jetzt die Leitung der Sache übernahm, drehte ſich nach dem Walde herum, indem er gleichzeitig einen lauten, eigenthüm⸗ lichen Ruf anſtimmte. Der Widerhall ſeiner Stimme hatte noch nicht aufgehört in der Luft zu vibriren, als der immer⸗ grüne Wald ſich längs ſeines ganzen Saumes zu be⸗ wegen ſchien, und einen Augenblick ſpäter zeigte ſich eine Reihe dunkelfarbiger Krieger auf dem freien Raume. Sie traten einige Schritte vor und mach⸗ ten dann in vollkommener Schlachtordnung Halt, ſo daß ſie von dem Platze aus, wo wir ſtanden, ſehr leicht gezählt werden konnten. „Zählt die rothen Krieger!“ rief Oceola in triumphirendem Tone—„zählt ſie, dann werdet Ihr 5 — 133— nicht länger unbekannt mit der Stärke Eures Fein⸗ des ſein.“. So wie der Indianer dieſe Worte ſprach, um⸗ ſpielte ein ſatyriſches Lächeln ſeinen Mund, und er ſtand uns einige Augenblicke lang ſchweigend gegen⸗ über.„Nun,“ fuhr er nochmals fort, indem er auf ſeine Leute zeigte,„ſehen jene Tapfern— es ſind ihrer fünfzehnhundert— wohl verhungert und unter⸗ würfig aus? Nein! Sie ſind bereit, den Krieg fortzu⸗ ſetzen, bis der Boden unſeres Vaterlandes das Blut des letzten Mannes trinkt. Wenn ſie umkommen müſſen, ſo wird es hier ſein— hier in Florida— in dem Lande ihrer Geburt, auf den Gräbern ihrer Väter. „Wir haben zu dem Feuerrohre gegriffen, weil Ihr uns beleidigt habt und weil Ihr uns vertreiben möchtet. Für die Beleidigungen haben wir Rache genommen. Wir haben viele von Euern Leuten ge⸗ tödtet und ſind zufrieden mit der Rache, die wir genommen haben. Wir wünſchen nicht, noch mehr umzubringen. Was aber die Auswanderung betrifft, ſo haben wir unſern Entſchluß nicht geän⸗ dert und werden ihn auch niemals ändern. „Wir haben Euch einen billigen Vorſchlag ge⸗ macht. Nehmt ihn an, und noch dieſe Stunde kann der Krieg aufhören; verwerft ihn, und es ſo m — 134— mehr Blut vergoſſen werden— ja bei Wykoms! Ströme von Blut ſollen fließen. Die rothen Stan⸗ gen unſerer Hütten ſollen immer und immer wieder mit dem Blute der bleichen Geſichter, unſerer Feinde, bemalt werden. Frieden denn oder Krieg— die Wahl ſteht Euch offen!“ Als Oceola aufhörte zu ſprechen, gab er den Kriegern am Waldesſaume einen Wink mit der Hand und ſie verſchwanden auf dieſes Zeichen ſtill, raſch, faſt geheimnißvoll unter den Bäumen. Unſer Sprecher ſtand eben im Begriffe, dieſe leidenſchaftliche Anrede des jungen Häuptlings zu beantworten, als er plötzlich durch den Knall von Flintenſchüſſen unterbrochen ward, welche ſich in der Richtung der Indianer, aber weiter entfernt, ver⸗ nehmen ließen. Die Schüſſe folgten auf einander in raſcher Reihenfolge und wurden von lautem Geſchrei begleitet, in welchem, obſchon aus der weiten Entfernung nur ſchwach herübergetragen, doch der Hurrahruf von anrückenden Soldaten zu erken⸗ nen war. „Ha, Verrätherei!“ riefen die Häuptlinge in Einem Athem;„wartet, Ihr lügenden bleichen Geſich⸗ ter— das ſollt Ihr bereuen.“. Und ohne weiter auf ein Wort zu warten, rann⸗ ten alle Drei von dem Platze hinweg, ſo ſchnell ſie — s— konnten, in den Wald hinein. Wir kehrten nach den Linien des Lagers zurück, wo die Schüſſe eben⸗ falls gehört und als das Votrücken von Clinch's Brigade, welche den indianiſchen Vorpoſten in den Rücken fiel, gedeutet worden war. Wir fanden die Truppen ſchon in Schlachtord⸗ nung aufgeſtellt und ſich anſchickend, aus der Palli⸗ ſade auszurücken. Nach wenigen Minuten ward die⸗ ſer Befehl gegeben und die Armee marſchirte ab, in⸗ dem ſie ſich raſch rechts und links das Ufer des Fluſ⸗ ſes entlang ausbreitete. Sobald die Formation vollſtändig war, rückte die Linie vor. Die Truppen dürſteten nach Rache. Seit Tagen eingepfercht, halb verhungert und mehr als halb mit Schmach bedeckt, hatten ſie jetzt Gelegen⸗ heit, ihre Ehre wieder zu gewinnen, und brannten vor Begier, den wilden Feind zu züchtigen. Mit einer Armee in ihrem Rücken, welche in ausgedehnter Linie gegen ſie heranrückte— denn dies war zwiſchen den Commandanten vorher verabredet worden— während eine zweite in ähnlicher Weiſe von vorn vordrang— wie konnten dann die Indianer entrin⸗ nen? Sie mußten kämpfen— ſie mußten endlich beſiegt werden. Dies war die Erwartung Aller— der Offtziere ſowohl als der Soldaten. Der Obercommandant — 136— ſelbſt war in beſter Laune. Sein ſtrategiſcher Plan war gelungen. Der Feind war umzingelt— ein großer Sieg ſtand zu erwarten— eine Ernte von Lorbeeren. Wir marſchirten vorwärts. Wir hörten noch Schüſſe, aber jetzt bloß vereinzelt. Wir hörten nicht das wohlbekannte Kriegsgeſchrei der Indianer. Wir rückten immer weiter vor. Die Hommocks wurden erſtürmt, aber wir fanden in ihren ſchatti⸗ gen Dickichten keinen Feind. Ganz gewiß aber mußte dieſer noch vor uns ſein— zwiſchen unſern Linien und denen der heran⸗ rückenden Verſtärkung. Iſt es möglich, daß er ſich zurückgezogen hat— daß er entronnen iſt? Nein! Da drüben ſind die Indianer— auf der andern Seite der Wieſe— ſie kommen eben aus den Bäu⸗ men heraus. Sie rücken vor, um den Kampf zu beginnen. Jetzt gilt es— jetzt— Ha! dieſe blauen Uniformen mit dem weißen Lederzeuge, dieſe Fouragemützen und Säbel— das ſind keine Indianer! Es iſt nicht der Feind— es ſind unſere Freunde— die Soldaten von Clinch's Brigade! Es war ein Glück, daß in dieſem Augenblicke eine wechſelſeitige Erkennung ſtattfand, ſonſt hätten wir einander vielleicht ſelbſt vernichtet. — Sechzehntes Kapitel. Geheimnißvolles Verſchwinden einer Armee. Die beiden Abtheilungen der Armee ſtießen nun auf einander, und nachdem zwiſchen den Comman⸗ danten eine raſche Berathung gehalten worden, fuh⸗ ren wir fort, das Feld zu durchſtreifen, um unſeren Feind aufzuſuchen. Mehrere Stunden wurden damit zugebracht, aber es war auch nicht ein einziger In⸗ dianer zu finden. Oceola hatte ein ſtrategiſches Kunſtſtück ausge⸗ führt, welches in den Annalen des Krieges nicht ſei⸗ nes Gleichen hatte. Er hatte eine Armee von fünf⸗ zehnhundert Mann zwiſchen zwei andern von ziem⸗ lich gleicher Stärke, die ihn beinahe vollſtändig um⸗ zingelt, hindurchgeführt, ohne einen einzigen Mann auf dem Platze, ja ohne auch nur eine Spur von — 138— ſeinem Rückzuge zurückzulaſſen. Jene Schaar von indianiſchen Kriegern, die wir ſo eben noch in voller Schlachtordnung geſehen, hatte ſich mit einem Male in tauſend Bruchſtücke aufgelöſ't und war wie auf einen Zauberſchlag unſern Blicken entſchwunden. Der Feind war fort— wir wußten nicht, wohin, und die in ihrer Erwartung getäuſchten Generale führten ihre Corps wieder nach Fort King zurück. ** * Die„Sprengung“ der indianiſchen Armee, wie man es nannte, ward natürlich als ein abermaliger Sieg in der Geſchichte dieſes Feldzugs verzeichnet. Es war aber ein Sieg, welcher den armen alten Gaines tödtete— wenigſtens ſeinen militairiſchen Ruhm— und er trat gern wieder von dem Com⸗ mando zurück, welches er ſo begierig geweſen war zu übernehmen. ** * Ein dritter General betrat nun als Obercom⸗ mandant den Schauplatz— ein Offizier, der ſchon mehr Ruf beſaß, als beide ſeiner Vorgänger. Es war Scott. Eine in den alten britiſchen Kriegen empfangene glückliche Wunde, Dienſtalter, eine ge⸗ 4 — 139— hörige Quantität politiſcher Charlatanerie, vor allen Dingen aber eine freie Ueberſetzung der franzöſiſchen Taktik mit der Anmaßung, der Urheber derſelben zu ſein, alles Dies hatte dazu beigetragen, dem General Scott in den Augen des amerikaniſchen Publikums ſeit länger als zwanzig Jahren“) eine gewiſſe Be⸗ deutung zu geben. Der Mann, welcher ein ſolches Manövrirſyſtem erſonnen hatte, mußte nothwendig ein guter Soldat ſein— ſo folgerten ſeine Landsleute. Natürlich wurden wunderbare Dinge von dem neuen Obercommandanten erwartet und große Thaten 8. *) Scott's ganze Laufbahn, ſeine politiſche ſowohl als ſchie militairiſche, iſt eine Reihe von Fehlgriffen ge⸗ weſen. Sein Feldzug in Merxiko iſt, ſo zu ſagen, unter der Kritik. Die zahlreichen Fehler, die er dort beging, würden zu ſehr verderblichen Folgen geführt haben, wenn ſie nicht durch die Umſicht ſeiner untergebenen Offiziere und die unbezähmbare Tapferkeit der Soldaten neutraliſirt wor⸗ den wären. Die Schlacht von Molino del Rey— der Waffenſtillſtand mit Santa Anna, waren militairiſche Miß⸗ griffe, deren ein Kadet, welcher ſo eben erſt die Militair⸗ akademie verlaſſen, ſich geſchämt haben würde. Ich be⸗ haupte, daß jedes Gefecht ein ungeregelter Kampf war, deſſen Ausgang von dem Zufalle, oder vielmehr von der verzweifelten Tapferkeit der Truppen auf der einen, und der nichtswürdigen Feigheit Derer auf der andern Seite abhing.— 4 — 1440—* verſprochen. Er verfuhr— ſo glaubte man— mit den Wilden ſicherlich auf ganz andere Weiſe als ſeine Vorgänger, und machte dieſem verächtlichen Kriege ein ſchnelles Ende. Man freute ſich ſehr über ſeine Ernennung, und es wurden Anſtalten zu einem Feldzuge nach weit größerem Maßſtabe getroffen, als es einem der beiden erſten Anführer beſchieden geweſen. Die Armee ward verdoppelt— faſt verdreifacht— und für reichliche Proviant⸗ und Munitionsvorräthe geſorgt, ehe der große General ſich dazu verſtand, einen Fuß auf den Kampfplatz zu ſetzen. Endlich kam er an und die Bewegung geſetzt. Es iſt nicht meine Abſicht, auf die Ereigniſſe dieſes Feldzuges ausführlich einzugehen. Sie waren nicht wichtig genug, um aufgezeichnet, und noch viel weniger intereſſant genug, um erzählt zu werden. Er beſtand bloß aus einer Reihe beſchwerlicher Märſche, die mit all' dem Pomp und der Regelmäßigkeit einer Parademuſterung ausgeführt wurden. Die Armee ward in drei Diviſionen getheilt, welche etwas bom⸗ baſtiſch die Namen„rechter Flügel, linker Flügel und Centrum“ erhielten. So formirt ſollten ſie gegen den„Cove“ des Ouithlacoochee— wider dieſen verhängnißvollen Armee ward in — 141— Cove— anrücken und zwar von drei verſchiedenen Richtungen her, von Fort King, Fort Brooke und dem St. Johns. Bei der Ankunft am Rande des großen Sumpfes ſollte jede Diviſion gewiſſe Signal⸗ ſchüſſe abfeuern und dann ſollten alle drei in ſich einander nähernden Linien nach dem Herzen der „Seminolen⸗Verſchanzung“ vorrücken. Dieſes ungereimte Manöver ward durchgeführt und endete, wie ſich erwarten ließ, auf vollkommen erfolgloſe Weiſe. Während des Marſches ſah kein Mann das Geſicht eines rothen Indianers. Einige ihrer Lager wurden entdeckt, aber weiter Nichts. Die ſchlauen Krieger hatten die Signalſchüſſe gehört und die Bedeutung derſelben recht wohl verſtanden. Bei dieſem Aufſchluſſe über die Poſition des Feindes hatte es ihnen nur wenig Mühe gekoſtet, ſich zwiſchen den„Flügeln“ hindurch zurückzuziehen. Der eigenthümlichſte, wo nicht der wichtigſte Vorfall, der ſich während Scott's Feldzuge ereignete, war einer, der mir beinahe das Leben gekoſtet hätte. Wenn er auch nicht würdig iſt, ausführlich mitge⸗ theilt zu werden, ſo verdient er doch als ein merk⸗ würdiges Beiſpiel von Gewiſſenloſigkeit Erwähnung zu finden. 4 Während unſer großer Commandant mi ſeinem „Centrum“ nach dem Cove marſchirte, ſiel ihm ein, — 142— 1 auf den Ufern des Amazura einen„Beobachtungs⸗ poſten“, wie er es nannte, zurückzulaſſen. Dieſer Poſten beſtand aus einer Abtheilung von vierzig Mann— größtentheils Suwanee⸗Freiwillige, mit den nöthigen Offizieren, unter welchen Letztern auch ich mich befand. Wir waren befehligt, uns auf dieſem Platze zu befeſtigen und hier zu bleiben, bis wir abge⸗ löſ't werden würden, was ſelbſt von dem Offi⸗ ziere, der uns als Commandant beigegeben worden, etwas unbeſtimmt aufgefaßt ward. Nachdem der General dieſe Befehle ertheilt, marſchirte er an der Spitze ſeines Centrums weiter und überließ uns unſerm Schickſale. Unſere kleine Schaar fühlte wohl die gefährliche Poſition, in welche wir auf dieſe Weiſe verſetzt waren, und wir begannen ſofort, ſie ſo viel als möglich zu verbeſſern. Wir fällten Bäume— bauten ein Block⸗ haus, gruben einen Brunnen und umgaben Beides mit einer feſten Palliſade. Zum Glück wurden wir von dem Feinde beinahe eine Woche lang nach dem Abmarſche der Armee nicht entdeckt, ſonſt wären wir ſicherlich bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden. Die Indianer waren aller Wahrſcheinlichkeit nach dem Centrum gefolgt und auf dieſe Weiſe waren wir für den Augenblick ihrer Nachbarſchaft überhoben. — 143— Am ſechſten Tage jedoch erſchienen ſie und for⸗ derten uns auf, uns zu ergeben. Wir weigerten uns und kämpften— immer und immer wieder in Zwiſchenräumen— nicht weni⸗ ger als fünfzig Tage lang. Mehrere unſerer Leute wurden getödtet oder verwundet. Unter den Erſtern befand ſich der tapfere Anführer unſerer Schaar, Holloman, der durch einen zwiſchen den Spalten der Palliſade hindurch abge⸗ feuerten Schuß ſeinen Tod fand. Der uns zurückgelaſſene Proviant war auf zwei Wochen berechnet und wir mußten damit nicht weni⸗ ger als ſieben reichen! Dreißig Tage lang lebten wir von rohem Mais und Waſſer, mit einigen Hände⸗ voll Eicheln, die wir von den innerhalb unſerer Pal⸗ liſade ſtehenden Bäumen ſammelten. Auf dieſe Weiſe hielten wir uns, wie geſagt, fünfzig Tage, und immer noch kam kein Obercom⸗ mandant— keine Armee, um uns abzulöſen. Während dieſer ganzen traurigen Belagerung hörten wir von keinem von beiden ein Wort. Kein weißes Geſicht zeigte ſich unſern hoffenden Augen, welche beſtändig darnach ausſchauten. Wir glaubten uns gänzlich verlaſſen— vergeſſen. Und dies war auch in der That der Fall. General Scott hatte in ſeiner Haſt, aus Florida — 144— hinauszukommen, ganz vergeſſen, den Beobachtungs⸗ poſten abzulöſen, und Andere, welche glaubten, daß wir ſchon lange umgekommen ſeien, nahmen ſich nicht die Mühe, uns Hilfe zu ſenden. Der Hungertod ſtierte uns in's Antlitz, bis end⸗ lich der wackere alte Jäger Hickman ſich durch die Linien unſerer Belagerer hindurch ſchlich und unſere „Freunde daheim“ von unſerer Lage in Kenntniß ſetzte. Seine Meldung rief nicht wenig Aufregung hervor, und es ward eine Streitmacht abgeſendet, welcher es gelang, unſere Feinde zu zerſtreuen und uns aus unſerem Blockhausgefängniſſe zu befreien. So endete„Scott’s Feldzug“, und mit demſel⸗ ben ſein Commando in Florida. Die ganze Sache war eine Poſſe, und Scott ward vor Verſpottung und der Schande einer ſchleunigen Abberufung nur durch einen glücklichen Zufall gerettet, der ſich zu ſeinen Gunſten ereignete. Er hatte bereits Befehl erhalten, an einem andern Indianerkriege— dem gegen die Creeks, welcher ſo eben in den ſüdweſtlichen Staaten zum Ausbruche gekommen— Theil zu nehmen, und dies gab dem geſchlagenen General eine Entſchuldigung an die Hand, ſich aus dem Blumenlande zurück⸗ zuziehen. 4 — — 145— Florida war beſtimmt, für amerikaniſche Ge⸗ nerale ein Land trauriger Erinnerungen zu ſein. Nicht weniger als ſieben wurden nach der Reihe von den Seminolen und ihren ſchlauen Häuptlingen ge⸗ ſchlagen. Es iſt nicht meine Abſicht, die Geſchichte ihrer Mißgriffe und Mißgeſchicke zu ſchreiben. Von dem Verſchwinden des Generals Scott an war ich ſelbſt nicht mehr bei der Hauptarmee. Mein Geſchick führte mich durch die romantiſcheren Nebenwege des Feldzugs— auf den Pfaden des kleinen Krieges— und ich bin daher auch nur in den Stand geſetzt, über dieſen zu ſchreiben. Somit entſage ich der großen Geſchichte. Oceola. IV. 10 Siebzehntes Kapitel. Der Zuſtand des Schwarzen Jake. Wir hatten, nachdem wir das Blockhaus ver⸗ laſſen, Boote beſtiegen, waren den Fluß hinab bis an die Mündung deſſelben gerudert und dann zur See nach St. Marks gelangt. Von hier zerſtreuten ſich die Freiwilligen jeder nach ſeiner Heimath, denn ihre Dienſtzeit war abgelaufen. Sie gingen, wie ſie Luſt hatten, allein oder in Abtheilungen von drei und vier Mann. Eine dieſer Gruppen beſtand aus dem alten Hickman, dem Jäger, einem Kameraden derſel⸗ ben Gattung, mir und meinem treuen ſchwarzen Knappen.— Jake war nicht mehr der Schwarze Jake von ſonſt. In ſeiner äußeren Erſcheinung war eine „ 147— traurige Veränderung eingetreten. Seine Backen⸗ knochen ragten weit hervor, während die Wangen ſelbſt eingefallen waren. Seine Augen waren weit in ihre Höhlen zurückgetreten, und die vernachläſſigte Wolle ſtand dicht und kraus von ſeinen Schläfen ab. Seine Haut hatte ihre ſchöne glatte Politur verloren und zeigte jetzt deutliche Spuren von Runzeln. Ueberall, wo er ſie mit ſeinen jetzt ſehr langen Fin⸗ gernägeln kratzte, kam eine weißliche, ſchorfige Fläche zum Vorſchein. Es war dem armen Schelme in dem Blockhauſe ſehr ſchlimm gegangen, und dreiwöchentliches Hungern hatte ſeinem äußeren Menſchen arg zugeſetzt. Auf ſeinen Muth und ſeine Lebensgeiſter aber hatte die Entbehrung einen nur geringen Eindruck gemacht. Während dieſer ganzen Zeit hatte er ſeine joviale Laune bewahrt und ſein Humor hatte mich oft aus meiner Niedergeſchlagenheit aufgerüttelt. Während er an der Maiskolbe nagte und dieſe trockne Speiſe mit einem Schluck kalten Waſſers hinunter⸗ ſpülte, überließ er ſich wonnigen Viſionen von„Ho⸗ miny“ und Schweinefleiſch, welches er zu verſchlingen gedachte, dafern es dem Schickſal beliebte, ihn nach der„alten Pflanzung“ zurückkehren zu laſſen. Dergleichen freudige Ausſichten auf künftigen Genuß ſetzten ihn deſto beſſer in den Stand, die . 10*½ 8 — 3 — 148— drückende Gegenwart zu ertragen— denn jeder Vor⸗ geſchmack iſt auch ein Genuß. Jetzt, wo wir frei waren und uns auf dem Heimwege befanden, jetzt, wo er ſicher ſein konnte, daß ſeine Viſionen ſich bald in Wirklichkeit verwan⸗ deln würden, kannte Jake'’s Heiterkeit keine Grenzen mehr. Seine Zunge war fortwährend in Bewegung, ſein ſtets offener Mund ließ fortwährend lächelnd die Doppelreihe ſeiner elfenbeinweißen Zähne ſehen, wäh⸗ rend ſeine Haut ihren dunkeln öligen Glanz zuſehends wieder zu gewinnen ſchien. Jake war die Seele unſeres Trupps, als wir ſo entlang trabten, und ſeine heitern Scherze entlockten ſelbſt den geſetzten alten Jägern dann und wann ein lautſchallendes Gelächter. Was mich betraf, ſo theilte ich ihre Heiterkeit ſelten— blos dann und wann, wenn die Einfälle meines Dieners allzu unwiderſtehlich waren. Es lag eine Düſterheit über mein Gemüth ausgebreitet, die ich nicht verſtehen konnte. Es hätte anders ſein ſollen. Ich hätte mich glücklich fühlen ſollen, bei der Ausſicht, nach Hauſe zu gelangen— die mir ſo theuern Angehörigen wiederzuſehen; aber es war nicht ſo. Bei meinem erſten Austritt aus unſerm Block⸗ hausgefängniſſe war es allerdings ſo geweſen, aber — 149— dies war blos der natürliche Rückſchlag in Folge des Entrinnens von, wie es ſchien, ſicherem Tode. Meine Freude war eine kurze geweſen. Sie war vorüber und entſchwunden, und jetzt, wo ich mich meiner Heimath näherte, legten ſich ſchwarze Schatten über meine Seele— es erwachte in mir eine Ahnung, daß nicht Alles ſo ſein würde, wie ich es anzutreffen wünſchte. Ich konnte mir dieſes Gefühl in keinerlei Weiſe erklären, denn ich hatte keine ſchlim⸗ men Nachrichten gehört. Ich hatte überhaupt ſeit beinahe zwei Monaten von meiner Heimath und mei⸗ nen Freunden gar Nichts gehört. Während unſerer langen Belagerung waren keine Mittheilungen zu uns gedrungen, und in St. Marks erfuhren wir über die Riederlaſfungen am Suwanee auch nur wenig. Wir waren daher, als wir ſo nach Hauſe zurück⸗ kehrten, unbekannt mit Allem, was während unſerer Abweſenheit dort geſchehen war— wenn nämlich wirklich⸗etwas Bemerkenswerthes ſich ereignet hatte. Dieſe Unbekanntſchaft an und für ſich hätte Ungewißheit, Zweifel und ſelbſt Befürchtungen er⸗ wecken können, aber ſie war nicht die einzige Urjache meiner Ahnung. Ihr Urſprung war ein anderer. Die Erm⸗ nerung an meine plötzliche Abreiſe— der unſichere Zuſtand, in welchem ich die Angelegenheiten unſerer Familie verlaſſen— die jetzt lebhaft wieder in mei⸗ ner Erinnerung aufſteigende Abſchiedsſeene— die Erinnerung an Ringzold— Betrachtungen über die ruchloſen Anſchläge dieſes ſchlauen Böſewichts— alles Dies trug vielleicht dazu bei, die Befürchtungen zu erwecken, welche mich quälten. Zwei Monate waren eine lange Zeit; viele Ereigniſſe konnten, ſelbſt im engen Kreiſe der eigenen Familie eines Menſchen, ſtattgefunden haben. Schon lange war das Gerücht gegangen, daß ich unter den Händen der feindlichen Indianer gefallen ſei. Man hielt mich zu Hauſe und überall, wo man mich kannte, für todt, und dieſer Glaube konnte zu ſchlim⸗ men Reſultaten geführt haben. War meine Schweſter ihrem Worte, welches ſie in jener Stunde des Scheidens ſo nachdrücklich aus⸗ geſprochen, treu geblieben? Kehrte ich nach Hauſe zurück, um ſie noch als meine geliebte Schweſter zu finden? War ſie noch unvermählt und frei? oder hatte ſie den Bitten meiner Mutter nachgegeben und war doch noch das Weib des elenden Böſewichts geworden? Während dieſe Muthmaßungen meine Gedanken beſchäftigten, war es wohl nicht zu verwundern, — wenn meine Stimmung keine heitere war. Meine 8 — Kameraden bemerkten meine Niedergeſchlagenheit und zogen mich in ihrer derben, aber gutmüthigen Weiſe deßwegen auf. Dennoch aber waren ſie nicht im Stande, mich ſo heiter zu machen, wie ſie ſelbſt waren. Ich konnte die Laſt nicht von meinem Her⸗ zen wälzen. Ich mochte verſuchen, was ich wollte, ſo laſtete auf mir die Ahnung, daß etwas Schlim⸗ mes vorgefallen ſei. Leider, leider war die Ahnung nur zu wahr— nein, nicht wahr, ſondern ſchlimmer— ſchlimmer als meine ſchlimmſten Ahnungen— ſogar noch ſchlimmer als Das, was ich am Meiſten gefürchtet hatte. Die Nachricht, welche mich erwartete, war nicht die Nachricht von einer Vermählung, ſondern von einem Todesfalle— von dem Tode meiner Mutter — und ſchlimmer noch als Tod— von entſetzlichem Zweifel über das Schickſal meiner Schweſter. Ehe ich meine Heimath erreichte, begegnete mir ein Bote, der eine entſetzensvolle Geſchichte er⸗ zählte.. Die Indianer hatten die Niederlaſſung oder vielmehr meine eigene Pflanzung überfallen, denn weiter war ihr Raubzug nicht gegangen. Meine arme Mutter war unter den Meſſern der Wilden gefallen, mein Onkel auch, und meine Schweſter? — 152— Sie war fortgeſchleppt worden. Ich wartete nicht, um noch mehr zu hören, ſondern ſtieß meinem ſchon müden Pferde die Sporen in die Flanken und galoppirte fort, wie von plötzlichem Wahnſinn er⸗ griffen. Achtzehntes Kapitel. Ein trauriger Anblick. Die Schnelligkeit meines Pferdes brachte mich bald über die Grenzen der Pflanzung, und ohne anzuhalten, um mein Pferd verſchnauchen zu laſſen, galoppirte ich weiter und ſchlug den Weg ein, welcher am geradeſten nach dem Hauſe führte. Es war nicht der Hauptweg, ſondern ein Waldpfad, der hier und da durch gefällte Bäume verſperrt ward. Mein Pferd war jedoch ein feuriges Thier und ſetzte mit leichter Mühe darüber hinweg. Ich begegnete einem Manne, der in der Rich⸗ tung vom Hauſe herkam— einem weißen Manne — einem Nachbar. Er winkte mir, als ob er ſprechen wollte— ohne Zweifel von dem Unglücke. Ich machte jedoch nicht Halt, um auf ihn zu hören. Ich — “ — 184— hatte bereits genug gehört. Nur meine Augen noch wollten überzeugt ſein. Ich kannte jede Biegung des Pfades. Ich kannte die Punkte, wo ich zuerſt des Hauſes anſichtig werden würde. Ich erreichte dieſen Punkt und ſchauete vorwärts.— Barmherziger Gott! es war kein Haus mehr zu ſehen. Außer mir vor Beſtürzung hielt ich mein Pferd an. Ich ſtrengte meine Sehkraft auf's Aeußerſte an, aber vergebens— es war kein Haus da. Hatte ich denn einen falſchen Weg eingeſchlagen, oder ſchauete ich nach der falſchen Richtung hin? Nein— nein. Dort ſtand der rieſige Tulpenbaum, welcher die Mündung des Weges bezeichnete; dort ſtreckte ſich die Savannah; jenſeits derſelben folgten die Indigo⸗ und Maisfelder, dann der dunkle bewal⸗ dete Hügel des Hommock, aber über dieſen letztern hinaus war Nichts zu ſehen— Nichts, was ich er⸗ kennen konnte. 5 Die ganze Landſchaft ſchien eine Veränderung erfahren zu haben. Die freundlichen weißen Wände — die grünen Jalouſieen— der heitere Anblick des Hauſes, welches von dieſem Punkte aus mich ſo oft begrüßt, wenn ich hungrig und müde von der Jagd zurückkehrte— Nichts war mehr zu ſehen. Die Schuppen, die Negerhütten, die Nebengebäude, ſogar das Pfahlwerk— Alles war verſchwunden. An ihrer Stelle ſah ich dicke Rauchwolken am Himmel aufſteigen und ſich über die Sonne hin⸗ wegwälzen, bis ihre Scheibe nur noch roth hindurch ſchimmerte. Der Himmel ſchaute zürnend auf mich herab.— Nach dem, was ich bereits erfahren, ließ dieſer Anblick ſich leicht erklären. Er verurſachte mir keine neue Bewegung, weder der Ueberraſchung noch des Schmerzes. Ich war nicht im Stande, noch mehr zu leiden. 4 Wieder mein Pferd in Galopp ſetzend, ſprengte ich über die Felder dem Schauplatze der Verwüſtung entgegen. Als ich dem Platze näher kam, ſah ich Geſtalten von Menſchen, welche ſich in dem Rauche herum bewegten. Esſchienen ihrer fünfzig bis hun⸗ dert zu ſein. Ihre Bewegungen verriethen keine Aufregung. Nur Wenige bewegten ſich überhaupt, und dieſe mit einem gemächlichen Gange, welcher verrieth, daß ſie nicht in Thätigkeit waren. Die Uebrigen ſtanden in Gruppen umher und waren offenbar bloſe Zuſchauer des Feuers. Sie machten keinen Verſuch, die Flammen zu löſchen, welche, wie ich jetzt bemerkte, ſich mit dem Rauche miſchten. Einige eilten hin und her— die Meiſten davon zu Pferde— anſcheinend bemüht, einige Pferde und Zuchtthiere einzufangen, welche, nachdem ſie aus der niedergebrannten Einhegung entwiſcht waren, jetzt wiehernd und brüllend umhergaloppirten. Man hätte glauben können, daß die Männer, welche das Feuer umgaben, auch Die ſeien, welche es verurſacht, und einen Augenblick lang war dies auch meine Meinung. Der Bote hatte geſagt, daß der Ueberfall ſo eben ſtattgefunden habe, an dem⸗ ſelben Morgen bei Tagesanbruch. Dies war Alles, was ich gehört hatte, als ich davon eilte. Es war noch zeitig— kaum eine Stunde nach Sonnenaufgang— denn wir waren die Nacht hin⸗ durch geritten, um die heißen Tagesſtunden zu ver⸗ meiden. Waren die Wilden noch zur Stelle? Waren dieſe Leute Indianer? In dem dunkelrothen Lichte, unter dem Rauche und bei dieſer Jagd auf die Thiere— als ob man die Abſicht gehabt hätte, ſie fortzujagen — war dieſe Vorausſetzung eine ſehr wahrſcheinliche. Die Meldung ſagte aber, ſie wären wieder fort. Wie hätten auch ſonſt dieſe Einzelnheiten, die Ermor⸗ dung meiner Mutter— die Entführung meiner armen Schweſter, bekannt ſein können? Wie hatte man dieſe Thatſachen ermittelt, wenn die Wilden noch an Ort und Stelle waren? Vielleicht waren ſie fortgeweſen und wiedergekommen, um die Beute zu ſammeln und die Gebäude anzuzünden. — 157— Einen Augenblick lang hatte ich dieſe Ver⸗ muthungen, ſie äußerten aber auf meine Schnellig⸗ keit keine Einwirkung. Es fiel mir nicht ein, den Zügel anzuziehen, und mit beiden Händen faßte ich die geladene Büchſe. 4 Der Rachedurſt hatte mir faſt den Verſtand geraubt. Selbſt wenn ich die Ueberzeugung gehabt hätte, daß die dunkeln Geſtalten vor mir die der Mörder geweſen wären, würde ich ſofort mitten unter ſie hineingeſprengt ſein, um auf der Leiche eines Wilden mein eigenes Daſein zu enden. Ich war nicht allein. Der Schwarze folgte mir, und dicht hinter ihm hörte ich die Hufſchläge von den Pferden der Jäger. Wir galoppirten bis an den Rand des Rauches. Die Täuſchung war zu Ende. Es waren keine Indianer oder Feinde, ſondern Freunde, welche unſere Annäherung weder mit Worten noch mit Geſchrei begrüßten, ſondern nur mit dem ominöſen Schweigen der Theilnahme. Ich hielt mein Pferd vor dem Feuer an und ſtieg ab. Die Leute ſammelten ſich um mich mit 8 vielſagenden Blicken. Keiner ſprach ein Wort. Alle ſahen, daß das Ereigniß ſich ſelbſt erzählte. Ich war der Erſte, welcher ſprach. Mit einer — 158— Stimme, die ſo erſtickt und heiſer war, daß ſie kaum gehört werden konnte, fragte ich:„Wo?“ Die Frage ward verſtanden— man hatte ſie erwartet. Einer hatte bereits meine Hand ergriffen und führte mich langſam um das Feuer herum. Er ſagte Nichts, ſondern zeigte auf den Hommock. Wider⸗ ſtandslos ging ich neben ihm her. Als ich mich dem Waſſerbecken näherte, gewahrte ich eine zahlreichere Gruppe, als irgend eine, die ich bis jetzt geſehen. Die Leute ſtanden in einem Kreiſe, die Augen nach innen gewendet und auf den Boden ge⸗ heftet. Ich wußte, daß ſie hier ſei. Bei unſerer Annäherung blickten die Daſtehenden auf und der Ring öffnete ſich, indem beide Seiten ſich mechaniſch zurückzogen. Der, welcher mich bei der Hand gefaßt, führte mich ſchweigend weiter, bis ich in der Mitte ſtand. Die Leiche meiner Mutter lag vor mir! Neben ihr lag die meines Onkels, und weiterhin lagen die Leichen mehrerer Neger— dreier Sklaven, welche in der Vertheidigung ihres Herrn und ihrer Herrin gefallen waren. Meine arme Mutter! Da lag ſie erſchoſſen— erſtochen— ſkalpirt. Selbſt im Tode hatte man ſie noch entſtellt. Obſchon ich mich auf dieſen Anblick gefaßt ge⸗ macht hatte, ſo erſchütterte er mich doch auf's Ge⸗ waltigſte. Meine arme Mutter! dieſe ſtieren Augen ſollten mich niemals wieder anlächeln— dieſe bleichen Lippen ſollten mich niemals wieder ſchelten oder er⸗ muntern! Ich war meiner Gemüthsbewegung nicht länger Herr; ich brach in Thränen aus, warf mich auf die Erde nieder, ſchlang meine Arme um die Leiche und küßte die kalten, ſtummen Lippen des Weſens, welches mich zur Welt geboren. Ueunzehntes Kapitel. Die Fährte. Mein Schmerz war ein tiefer und aufrichtiger. Die Erinnerung an die Augenblicke, wo meine Mut⸗ ter mir einen gewiſſen Grad von Kaltſinn bewieſen — ganz beſonders die Erinnerung an den letzten Abſchied— machten meinen Schmerz noch brennen⸗ der. Wären wir in Freundlichkeit und Liebe, mit dem Vertrauen früherer Jahre geſchieden, ſo wäre mein Verluſt leichter zu ertragen geweſen. Aber nein; ihre letzten Worte waren ein Vorwurf geweſen, und die Erinnerung daran war es, was meine Ge⸗ danken jetzt ſo ſchmerzlich verbitterte. Ich hätte die Welt darum gegeben, wenn die theure Geſchiedene nur ein einziges Wort hätte hören können, um zu wiſſen, wie gern und vollſtändig ich ihr verzieh. 161— Meine arme Mutter! Alles war vergeben; ihre Fehler waren wenige und verzeihlich. Ich gedachte ihrer nicht. Der Ehrgeiz war ihre einzige Sünde, eine unter Frauen ihres Standes faſt allgemeine— aber ich dachte jetzt nicht mehr daran. Ich gedachte blos ihrer vielen Tugenden— blos, daß ſie meine Mutter war. Niemals bis dieſen Augenblick hatte ich gewußt, wie innig ich ſie liebte. Es war jedoch jetzt keine Zeit, mich meinem Schmerze hinzugeben. Wo war meine Schweſter? Ich ſprang auf meine Füße, während ich dieſe Frage wild hervorſtieß. Sie ward nur von Geberden beantwortet. Die, welche mich umgaben, zeigten auf den Wald. Ich verſtand dieſe Geberden— die Wilden hatten ſie fortgeſchleppt. Bis zu dieſer Stunde hatte ch kein feindſeliges Gefühl gegen die rothen Männer empfunden, ſondern mich eher dem Gegentheile zugeneigt. Wenn ich auch nicht geradezu Freundſchaft für ſie empfand, ſo war es doch etwas damit Verwandtes. Ich kannte das große Unrecht, welches ſie von unſern Leuten erdul⸗ det hatten und noch erdulden mußten. Ich wußte, daß ſie zuletzt doch beſiegt werden würden und ſich unterwerfen müßten. Ich hatte Theilnahme mit ihrer unglücklichen Lage empfunden. Dieſe Theil⸗ Oceola. IV. 11 8 — 162— nahme aber war nun dahin. Der Anblick meiner ermordeten Mutter führte einen augenblicklichen Um⸗ ſchwung in meinen Gefühlen herbei, und an die Stelle der Sympathie für die Wilden trat grimmige Feind⸗ ſchaft. Ihr Blut ſchrie laut nach Rache und mein Herz war begierig, dieſem Rufe zu gehorchen. Ich ſtand nicht allein. Der alte Hickman und ſein Kamerad ſtanden mir zur Seite, und fünfzig Andere verſprachen mir ſofort, mich bei der Verfol⸗ gung des Feindes zu unterſtützen.. Der Schwarze Jake gehörte zu Denen, welche am lauteſten blutige Vergeltung verlangten. Auch er hatte ſeinen Verluſt erlitten. Viola war nirgends zu finden— ſie war mit den andern Hausſelaven fortgeſchleppt worden. Einige waren vielleicht frei⸗ willig mitgegangen, aber Alle waren fort— Alle, die nicht todt waren. Die Pflanzung und ihre Leute hatten keine Exiſtenz mehr. Ich war ebenſowohl heimathlos als mutterlos. Es war jedoch keine Zeit, eitlen Kummer zu verſchwenden. Sofortiges Handeln war nöthig und 4 ward beſchloſſen. Die Leute waren bewaffnet und kampffertig zur Stelle gekommen, und wenige Mi⸗ nuten genügten, um Alles für die Verfolgung in Bereitſchaft zu ſetzen. Fuür mich ſowohl als meine zeitherigen Reiſe⸗ — — gefährten wurden friſche Pferde herbeigeholt, und nachdem wir ein in aller Eile zubereitetes Frühſtück zu uns genommen, ſtiegen wir auf und verfolgten die Fährte der Wilden. Es war dies ſehr leicht, denn die Mörder waren beritten geweſen und die Spuren ihrer Pferde ver⸗ riethen ſie. Sie waren eine Strecke weit den Fluß hinauf⸗ geritten, ehe ſie denſelben paſſirten, und dann mit ihren Pferden hinüber nach der indianiſchen Seite geſchwommen. Ohne Zögern thaten wir daſſelbe. Ich entſann mich der Stelle noch recht wohl. Ich war hier ſchon ein Mal übergeſetzt— vor zwei Monaten— als ich die Spur von Occeola's Roſſe verfolgte. Es war der Weg, den der junge Häupt⸗ ling eingeſchlagen hatte. Dieſes Zuſammentreffen brachte auf mich einen gewiſſen Eindruck hervor, und nicht ohne Schmerz bemerkte ich es. Es führte zu allerhand Betrachtungen. Zeit dazu hatte ich, denn die Fährte war an manchen Stellen weniger in die Augen fallend, und ihr Auf⸗ ſuchen verzögerte das Vorrücken. Es führte auch zu Nachforſchungen. Hatte Jemand die Wilden geſehen?— oder be⸗ 11* — 164— merkt, zu welcher Schaar ſie gehörten? Wer war ihr Anführer? Ja. Alle dieſe Fragen wurden bejahend beant⸗ wortet. Zwei Männer, welche verſteckt neben der Straße lagen, hatten die Indianer abziehen ſehen. Sie hatten auch ihre Gefangenen geſehen— meine Schweſter— Viola— und einige andere Sclaven⸗ mädchen von der Pflanzung. Dieſe waren zu Pferde und wurden jede von den Armen eines Wilden feſt⸗ gehalten. Die Schwarzen marſchirten zu Fuße. Sie waren nicht gebunden. Sie ſchienen freiwillig mitzugehen. Die Indianer waren Rothſtecken und von Oceola angeführt. Dies war der Glaube Derer, die mich umgaben, und gründete ſich auf den Bericht der Leute, welche im Hinterhalte gelegen hatten. Es iſt ſchwer, den Eindruck zu beſchreiben, den dieſe Mittheilungen auf mich machten. Er war außerordentlich ſchmerzlich. Ich bemühete mich, dem Gerüchte nicht zu glauben. Ich beſchloß auch, ihm nicht eher Glauben beizumeſſen, als bis ich weitere Beſtätigung erhalten haben würde. Oceola! O, Himmel! Ganz gewiß hatte er dieſe That nicht gethan. Er konnte es nicht gewe⸗ ſen ſein. Die Leute konnten ſich geirrt haben. Es war —— — 165— noch vor Tagesanbruch, als man die Wilden geſehen hatte. Die Dunkelheit hatte ſie vielleicht getäuſcht. Jede von den Indianern ausgeführte Heldenthat, aber auch jeder Raubzug ward Oceola beigemeſſen. Oceola war überall. Ganz gewiß war er hier nicht geweſen. 3 Wer waren denn die beiden Männer— die Augenzeugen? Nicht ohne Ueberraſchung hörte ich die Antwort. Es waren Spence und Williams! Zu meiner Ueberraſchung erfuhr ich auch jetzt, daß ſie ſich unter der Schaar befanden, welche mir folgte und ſich freiwillig erboten hatte, mir für das an meinem Eigenthume und meiner Familie verübte Verbrechen Rache nehmen zu helfen. Seltſam, dachte ich. Aber noch ſeltſamer war, daß Arens Ringzold nicht zur Stelle war. Bei der Feuersbrunſt war er zugegen und, wie mir geſagt ward, mit ſeinen Rachedrohungen am Lauteſten ge⸗ weſen; aber er war nach Hauſe zurückgekehrt; auf alle Fälle befand er ſich nicht unter der Schaar der Verfolger. Ich rief Spence und Williams herbei und fragte ſie genau aus. Sie blieben bei ihrer Behauptung. Sie gaben zu, daß es noch dunkel geweſen ſei, als ſie die Indianer von dem Blutbade hatten zurückkeh⸗ ren ſehen. Sie konnten nicht gewiß ſagen, ob es — — 166— die Krieger vom Stamme der Rothſtecken oder die von dem„Langen Sumpfe“ geweſen ſeien. Sie hielten ſie jedoch für die Erſtern. Was ihren An⸗ führer betraf, ſo hegten ſie jedoch keinerlei Zweifel. Es war Occeola geweſen, der ſie angeführt hatte. Sie erkannten ihn an den drei Straußenfedern auf dem Kopfe, welche ihn vor allen ſeinen Leuten aus⸗ zeichneten. Die beiden angeblichen Augenzeugen ſprachen ganz poſitiv. Welches Intereſſe konnten ſie daran haben, mich zu täuſchen? Was konnte es ihnen verſchlagen, ob der Anführer der Mörderbande Oceola, Coa Hajo oder Onopa ſelbſt war?*ℳ Ihre Worte führten Ueberzeugung herbei in Verbindung mit andern Umſtänden, tiefe, peinliche Ueberzeugung. Der Mörder meiner Mutter, der, welcher mein Vaterhaus niedergebrannt und meine Schweſter in grauſame Gefangenſchaft geſchleppt hatte, konnte Niemand anders ſein als Oceola. Alle Erinnerung an unſere frühere Freundſchaft ſtarb mit einem Male. Mein Herz brannte vor Feindſeligkeit und Haß gegen den Mann, den ich einſt ſo innig bewundert hatte. Zwanzigſtes Kapitel. Der Alarm. Es gab aber auch noch andere mit dem blutigen Ereigniſſe zuſammenhängende Umſtände, welche bei näh Betrachtung eigenthümlich und geheimnißvoll erſchienen. Durch die plötzliche Erſchütterung war mein inneres Auge vollſtändig umdüſtert worden und dieſe Umſtände waren meiner Beachtung ent⸗ gangen. Ich glaubte, es ſei ein gewöhnlicher Ueberfall der Indianer geweſen, in Folge deſſen meine Mutter ermordet und meine Schweſter fortgeſchleppt worden wäre. Die Wilden hätten, durch Blut noch nicht zufriedengeſtellt, auch noch das Feuer hinzugefügt — dieſe Gräuelthaten ſeien zur Rache für frühere von den Händen ihrer weißen Feinde erduldete — 168— Beleidigungen verübt worden— dergleichen Dinge ſeien anderwärts auch geſchehen und geſchähen faſt täglich— warum nicht an den Ufern des Suwanee eben ſo wie in andern Diſtricten des Landes? In der That hatte man ſich auch ſchon darüber gewundert, daß die Niederlaſſung ſo lange unbe⸗ läſtigt geblieben war. Andere— die von den Ver⸗ ſchanzungen der Seminolen viel weiter entfernt waren— hatten bereits eine ähnliche furchtbare Heimſuchung erlitten, warum ſollte die unſere davon verſchont bleiben? Dieſer Umſtand war wohl be⸗ merkt und die Bewohner dadurch in trügeriſche Sicher⸗ heit gelullt worden. Die Erklärung, welche man in Bezug ar ſen Umſtand aufſtellte, war die, daß die Hauptarmee der Indianer anderwärts beſchäftigt geweſen ſei und die Bewegungen von Scott's dreifacher Armee über⸗ wacht habe. Da unſere Niederlaſſung ſtark ſei, ſo habe keine kleine Schaar es wagen können, einen Angriff darauf zu machen. Jetzt aber war Seott nicht mehr da, ſeine Truppen hatten ſich in die Forts— in ihre Sommer⸗ quartiere— zurückgezogen, denn in Florida iſt der Winter die Jahreszeit für Feldzüge, und den India⸗ nern, welchen alle Jahreszeiten gleich waren, ſtand — 169— es jetzt frei, ihre Streifzüge gegen die jenſeits der Grenze gelegenen Pflanzungen weiter auszudehnen. Dies ſchien in der That die richtige Erklärung der Urſache zu ſein, aus welcher ein Angriff auf die Niederlaſſung am Suwanee ſo lange verſchoben worden.— Während des erſten Ausbruchs meines Schmerzes, als ich die Nachricht von dem Unglücke erhielt, nahm ich dieſe Erklärung als die richtige an und glaubte, ich und die Meinigen ſeien blos die Opfer einer allgemeinen Rache geworden. Die Augenblicke der Beſtürzung gingen jedoch bald vorüber, und die eigenthümlichen Umſtände, auf welche ich hingedeutet, begannen in meinen Augen größeres Gewicht zu gewinnen. Vor allen Dingen: Warum war unſere Pflan⸗ zung die einzige, welche überfallen worden? Warum war unſer Haus das einzige, welches man in Brand geſteckt? Warum war unſere Familie die einzige, welche ermordet worden? Dieſe Fragen machten mich ſtutzig, und es war ganz natürlich, daß ſie es thaten. Es gab noch mehr Pflanzungen längs dem Fluſſe, die ebenfalls ohne Schutz waren— andere Familien, die wegen ihrer Feindſeligkeit gegen das Volk der Seminolen weit bekannter waren— ja, was ein noch größeres — 170— Geheimniß war, die Pflanzung Ringzold's lag gerade auf dem Wege der Plünderer. Wie ihre Fährte bewies, waren ſie um dieſelbe herumgegangen, um unſer Haus zu erreichen, und ſowohl Arens Ring⸗ zold als auch ſein Vater hatten ſich ſeit langer Zeit durch bittere Feindſchaft gegen die rothen Männer und gewaltſame Eingriffe in ihre Rechte einen Namen zu machen geſucht. Warum hatte man alſo die Pflanzung Ring⸗ zold's unbeläſtigt gelaſſen, während man die unſere zur Vernichtung auserſehen? Waren wir die Opfer einer ſpeziellen und perſönlichen Rache? Es mußte ſo geweſen ſein; ohne Zweifel war es ſo. Nach langer Ueberlegung konnte ich zu keinem andern Schluſſe kommen. Nur auf dieſe Weiſe ließ das Geheimniß ſich erklären. Und Powell— o, konnte er es wirklich geweſen ſein?— Konnte mein Freund ſich einer ſo entſetz⸗ lichen Gräuelthat ſchuldig gemacht haben? War es wahrſcheinlich? War es möglich? Nein— Keins von Beidem. Trotz der Ausſage der beiden Männer— und ich wußte, daß ſie elende, verworfene Strolche waren— trotz Allem, was ſie geſehen und geſagt, weigerte mein Herz ſich, es zu glauben. Welchen Grund konnte Oceola haben, gerade dieſen Mord zu vollbringen? Allerdings war meine Mutter unfreundlich gegen ihn geweſen— mehr noch als das, undankbar. Sie war ihm einmal mit Verachtung begegnet; ich wußte es noch recht wohl, auch er wußte es wahrſcheinlich noch. * —ö — 171— Aber ganz gewiß hätte er, der edle Jüngling — in meinen Augen das Ideal des Heroismus— keinen ſo kleinlichen Groll, wenigſtens nicht ſo lange gehegt und würde ihn auch nicht durch einen Act ſo blutiger Vergeltung gerächt habhen. Nein— nein — nein! Und überdies, würde Powell die Wohnung der Ringzold's wohl unberührt gelaſſen haben, die Woh⸗ nung Arens Ringzold's, eines ſeiner verhaßteſten Feinde— eines der vier Männer, welche er ge⸗ ſchworen, um's Leben zu bringen? Dies war an und für ſich der unwahrſcheinlichſte Umſtand in Ver⸗ bindung mit der ganzen Sache. Ringzold war zu Hauſe geweſen— er hätte im Schlafe überfallen werden können— ſeine ſchwarzen Sclaven würden kaum Widerſtand ge⸗ leiſtet haben. Auf alle Fälle hätten ſie eben ſo leicht beſiegt werden können, wie die unſeren. Warum war er daher am Leben gelaſſen worden? Warum hatte man nicht ſein Haus in Brand geſteckt? 3 Wenn ich der Annahme beipflichtete, daß Oceola der Anführer der Mordbrennerſchaar geweſen, konnte ich nicht begreifen, warum er Arens Ringzold am Leben gelaſſen haben ſollte, während er Leute um⸗ bringen ließ, die kaum ſeine Feinde waren. Neue Mittheilungen, die mir, ſo wie wir weiter kamen, gemacht wurden, führten zu neuen Betrach⸗ tungen. Man ſagte mir, die Indianer hätten ſich ſehr eilig davongemacht und gewiſſermaßen die Flucht ergriffen. Die Feuersbrunſt hatte eine große — 172— Anzahl Bürgerſoldaten— eine Patrouille, die eben ihre Runden machte— herbeigelockt und das von den Wilden nicht erwartete Erſcheinen derſelben die letztern bewogen, ſich ſchleunigſt nach den Wäldern zurückzuziehen. Ohne dieſen Umſtand hätten wahr⸗ ſcheinlich andere Pflanzungen daſſelbe Schickſal gehabt, wie die unſere— vielleicht cluch die Ringzold's. Dieſe Meinung war eine ziemlich einleuchtende. Die Schaar der Plünderer war nicht groß— aus ihren Spuren ſahen wir, daß es ihrer nicht mehr als fünfzig geweſen waren, und daraus erklärte ſich ihr Rückzug bei dem Erſcheinen ſelbſt einer kleineren Streitmacht. Die Leute behaupteten, es ſei wirklich ein Rückzug geweſen. Dieſe Mittheilung gab der Sache ein anderes Anſehen. Ich ſah mich abermals genöthigt, Muthmaßungen anzuſtellen, ich mußte abermals Verdacht gegen Oceola ſchöpfen. Vielleicht verſtand ich ſeine indianiſche Natur nur halb, vielleicht war er dennoch das Ungeheuer geweſen, welches dieſen Schlag geführt hatte. Aber⸗ mals fragte ich mich in Bezug auf ſeinen⸗ Beweg⸗ grund. Welchen Beweggrund konnte er haben? Ha, meine Schweſter Virginia!— o Gott, konnte Liebe— Leidenſchaft— „Die Indianer! Indianer! Indianer!“ 7 8 Ende des vierten Bandes. Diuck von C. Roeßler in Grimma. ——— — 5— “ ieanunaunauunaumaunmaumnäummmaun 7 9 11 12 13 16 17