Leihbibliothee deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von . Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 1 eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8— 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſe den entſprechende Summe 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 1 8 3 1 n 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für 8 öcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 N. Ff. 1 M. 50 Ff. 2 M. Ff. „ 3„„—„„—,„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen nit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der je zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3* 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, 858 das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darß, indem Diejenigen, welche die⸗ ½ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. DODceola. Gin Boman 6 8 4 vom 6 - W capitain Mayne Reid, Verf. von: „Die Skalpjäger“,„Die Freiſchaar“,„Die Heimath in der Wüſte“ 3„Die Buſchknaben“,„Die Kriegsfährte“,„Der Jägerſchmaus“. Deutſch von — A. Kretzſchmar. Dritter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1858. 3— Oceola. III. Dritter Band. — — Erſtes Kapitel. Ein Freund in der Noth. Die Nacht unter einem und demſelben Dache mit einem Menſchen zuzubringen, welcher die Abſicht hat, uns zu ermorden, iſt nichts weniger als ange⸗ nehm, und Ruhe iſt unter ſolchen Umſtänden faſt unmöglich. Ich ſchlief daher nur wenig, und der geringe Schlaf, den ich hatte, war nicht ruhig. Ehe ich mich niederlegte, hatte ich von den Ringzold's keinen geſehen— weder den Vater noch den Sohn. Aber ich wußte, daß ſie noch in dem Fort waren, wo ſie noch einige Tage als Gäſte blei⸗ ben ſollten. Entweder waren ſie ſchon vor meiner Rück⸗ kehr zu Bett gegangen, oder ſie wurden in dem Quar⸗ tiere irgend eines befreundeten Offiziers bewirthet. 7 1 4 . Auf alle Fälle kamen ſie während der noch übrigen Nacht nicht wieder zum Vorſchein. Eben ſo wenig ſah ich Spence und Williams. Dieſe würdigen Leute logirten, wenn ſie noch in dem Fort waren, unter den Soldaten, aber ich ſuchte ſie nicht auf. Den größten Theil der Nacht hindurch lag ich wach und dachte über die ſeltſamen Ereigniſſe des Tages oder vielmehr über die eine Epiſode nach, welche mich mit ſolchen tödtlichen Meinden bekannt gemacht hatte. Ich befand mich in Bezug auf das Verfahren, welches ich einhalten ſollte, in einem Zuſtande gro⸗ ßer Verlegenheit. Die ganze Nacht hindurch war ich unſchlüſſig, und als das Tageslicht durch die Fenſterläden ſchien, war ich es immer noch. — Mein erſter Impuls war geweſen, die ganze Sache im Hauptquartier anzuzeigen und auf Unter⸗ ſuchung und Beſtrafung zu dringen. Bei weiterem Nachdenken überzeugte ich mich jedoch, daß dieſes Verfahren nicht gerathen ſein würde. Welche Be⸗ weiſe konnte ich für eine ſo ſchwere Anklage beibrin⸗ gen? Blos meine eigenen Behauptungen, die durch kein anderes Indicium, ja nicht einmal durch die Wahrſcheinlichkeit unterſtützt wurden; denn wer hätte 6 — 5— einem ſo beiſpiellos fluchwürdigen Plane Glauben beigemeſſen? Obſchon die Mörder ſicherlich mich meinten, ſo konnte ich doch nicht behaupten, daß ſie auch nur meinen Namen genannt hätten. Ganz gewiß begegnete man meiner Geſchichte mit Spott, mir ſelbſt vielleicht mit etwas Schlim⸗ merem. Die Ringzolds waren angeſehene Leute— per⸗ ſönliche Freunde ſowohl des Generals als auch des Commiſſars— und obſchon man wußte, daß ſie in weltlichen Dingen ein wenig ſchuftig und gewiſſen⸗ los waren, ſo behaupteten ſie doch immer den Rang von Gentlemen. Es bedurfte daher ganz gewiß beſſerer Beweiſe als ich bieten konnte, um darzuthun, daß Arens Ringzold mir nach dem 1ehonten huetr Ich ſah die Schwierigkeit und bewahrte mein Geheimniß. Ein anderer Plan ſchien mir leichter ausführbar— nämlich Arens Ringzold offen vor Allen anzuklagen und ihn zu einem Kampfe auf Tod und Leben herauszufordern. Dies mußte wenigſtens beweiſen, daß ich ſelbſt von meinen Anführungen überzeugt war. Der Zweikampf war durch die Kriegsgeſetze ver⸗ boten. Es bedurfte großer Gewandtheit, um einer Arretur zu entgehen, welche natürlich den ganzen Plan vereitelt hätte, ehe man Satisfaction hätte erlangen können. Ich hatte über Maſter Arens Ringzold meine eigenen Gedanken. Ich wußte, daß ſein Muth ſchlüpfrig und keineswegs zuverläſſig war. Ganz wahrſcheinlich ſpielte er den Feigling; mochte er dies nun thun oder nicht, ſo mußte doch meine Beſchuldigung und Herausforderung dazu beitragen, ihn bloßzuſtellen. Ich war feſt entſchloſſen, dieſes Verfahren ein⸗ zuhalten, obſchon es Morgen war, ehe ich zu einem Entſchluſſe hatte kommen können. 4 Ich bedurfte ſehr eines Freundes, nicht blos eines Secundanten— denn dieſen konnte ich mir mit leichter Mühe verſchaffen—, ſondern eines wirk⸗ lichen Freundes, dem ich vertrauen konnte und der mich duhifinen Rath unterſtützte. Zunm Unglücke waren ſämmtliche Offiziere im Fort mir vollkommen unbekannt. Nur mit den Ringzolds hatte ich einige frühere Bekanntſchaft ge⸗ habt. In meiner Bedrängniß beſann ich mich endlich auf einen Mann, deſſen Rath mir vielleicht gute Dienſte leiſten konnte, und ich beſchloß, ihn zu ſuchen. Der Schwarze Jake war der Mann— er ſollte mein Rathgeber ſein. Kurz nach Tagesanbruch war der wackere — — Burſche bei mir. Ich erzählte ihm Alles. Er ſhien nicht ſehr überraſcht zu werden. Er hatte bereits ein ſolches Complott geargwohnt und es war ſeine Abſicht geweſen, es mir eben an dieſem Morgen zu offenbaren. Am allerwenigſten verrieth er Ueberraſchung in Bezug auf den Gelben Jake. Dies war bloß die Beſtätigung eines Glaubens, welchen er ſchon ohne den Schatten eines Zweifels hegte. Er wußte ganz beſtimmt, daß der Mulatte noch lebte— noch mehr, er hatte die Art und Weiſe ermittelt, auf welche der Letztere ſeine faſt wunderbare Flucht bewerkſtelligt hatte.. Und doch war ſie ziemlich einfach. Der Alli⸗ gator hatte ihn allerdings gefaßt, der Mulatte aber hatte ihm geſchickt mit ſeinem Meſſer die Augen durchbohrt und ihn auf dieſe Weiſe dnsitn, fum Beute loszulaſſen. Er war dem Beiſpiele des jungen Indianers gefolgt und hatte ſich dabei derſelben Waffe bedient. 4 Dies geſchah unter dem Waſſer, denn der Mu⸗ latte war ein guter Taucher. Seine Beine waren zerfleiſcht worden, daher das Blut— aber die Wun⸗ den waren nicht gefährlich und eben ſo wenig hin⸗ derten ſie ihn, weitere Verſuche zum Entrinnen z machen.* — 8— Er trug Sorge, nicht eher wieder auf die Ober⸗ fläche emporzukommen, als bis er ganz nahe an das Ufer hingeſchwommen war. Hier war er, von den herabhängenden Zweigen verdeckt, heraus⸗ und auf eine Lebenseiche hinaufge⸗ klettert, deren Moos ihn den Augen ſeiner rachſüch⸗ tigen Verfolger entzog. Da er ganz nackt war, ſo waren nicht durch triefende Kleider Spuren zurück⸗ gelaſſen worden, die ihn verrathen hätten, und über⸗ dies hatte das Blut auf dem Waſſer ihm gute Dienſte geleiſtet. Als die Jäger dieſes ſahen, waren ſie vollkommen überzeugt, daß er untergegangen ſei, und gaben ſich daher nicht viel Mühe, weiter zu ſuchen. So erzählte der Schwarze Jake die Sache. Er hatte ſie den Abend vorher von einem der befreunde⸗ ten Indianer in dem Fort gehört, welcher geſtand, die Erzählung aus des Mulatten eigenem Munde vernommen zu haben. Es lag durchaus nichts Un⸗ wahrſcheinliches in der Geſchichte, ſondern eher das Gegentheil. Höchſt wahrſcheinlich war ſie ſtreng wahr und zerſtreute ſofort die Räthſel, deren Löſung ch bis jetzt umſonſt geſucht. Der Schwarze hatte noch weitere Mittheilungen halten. Der Ausreißer hatte ſich zu einem der 2. —— Halbneger⸗Stämme geflüchtet, welche in den Süm⸗ pfen hauſen, von welchen die Quellen des Amazura umgeben ſind. Er hatte Gunſt gefunden unter ſei⸗ nen neuen Kameraden, war bis zur Würde eines Häuptlings emporgeſtiegen und führte jetzt den Bei⸗ namen der Mulatten⸗Mico. Noch aber war nicht Alles klar. Wie kam er mit Arens Ringzold zuſammen? Im Grunde genommen ließ ſich auch dies leicht erklären. Der Pflanzer hatte keinen beſondern Grund, den Ausreißer zu haſſen. Seine Thätigkeit während des Schauſpiels der vereitelten Hinrichtung war bloße Spiegelfechterei. Der Mulatte hatte mehr Urſache zu Groll, aber die Liebe und der Haß ſolcher Menſchen laſſen ſich leicht Schweigen gebieten, wenn der Eigennutz in's Spiel kommt, und können zu jeder Zeit durch Gold verwandelt werden. Ohne Zweifel hatte der weiße Schurke den gel⸗ ben zu irgend einem ſchändlichen Unternehmen ver⸗ wendbar gefunden und vice versa. Auf alle Fälle war es klar, daß die Streitaxt zwiſchen ihnen be⸗ graben war, und daß ſie jetzt auf dem freundſchaft⸗ lichſten Fuße mit einander ſtanden. „Jake,“ ſagte ich, indem ich zu dem Punkte kam, über welchen ich ſeine Meinung zu hören ₰ — 10— wünſchte,„was ſoll ich mit Arens Ringzold machen? Soll ich ihn herausfordern?“ „O, Maſſa Georg, er ſein ſchon heraus— ich ſehen ihn ſchon ſeit zwei Stunden— er ſcheinen nicht gut geſchlafen— er haben kein gut Gewiſſen, ich glaube.“ „O, das iſt es nicht, was ich meine, lieber Jake.“ „Nun, was meinen Maſſa denn?“ „Ihn herausfordern will ich zum Kampfe mit mir.“ „Hui, Maſſa! Degen und Piſtolen wohl?“ „Degen, Piſtolen oder Kugelbüchſe— es iſt mir gleich, welche Waffe er wählt.“ „Allmächtige Gott, Maſſa Georg, ſprechen nicht von ſolchen Dingen! O Gott— Maſſa haben Mut⸗ ter— Maſſa haben Schweſter. Wenn nun Maſſa bleiben todt— wer wiſſen?— Stiere ſtoßen manch⸗ mal Fleiſcher todt— dann, Maſſa Georg, wer ſor⸗ gen für Mutter— wer ſchützen Schweſter Virginie? wer ſchützen Viola— wer ſchützen uns Alle vor dieſe böſe Menſchen? Gott allmächtige! Maſſa, laſſen ihn gehen— fordern ihn nicht heraus!“ In dieſem Augenblicke ward ich ſelbſt heraus⸗ gerufen. Die Anſprache des treuen Negers ward durch das Schmettern der Hörner und das Trom⸗ meln unterbrochen, welches die Verſammlung der Conferenz verkündete, und ohne die uneigennützigen Vorſtellungen meines Negers zu beantworten, eilte ich auf den Schauplatz meiner Pflichten. (u Zweites Kapitel. 8 2 Die letzte Conferenz. — Das Schauſpiel von geſtern wiederholte ſich. Die Truppen ſtanden in enggeſchloſſenen Linien von Blau und Stahl— die Offiziere in voller Uniform mit glänzenden Epauletten— in der Mitte der Stab um den General herum. Dieſem gegenüber befand ſich der Halbkreis von Häuptlingen, dahinter concentriſche Linien von ge⸗ fiederten bemalten Kriegern. Pferde ſtanden in der Nähe, einige fertig geſattelt, wiehernd, einige an 9 Pfähle angebunden und ruhig weidend— India⸗ nerinnen in ihren langen hunnas eilten hin und her, Kinder und Säuglinge ſpielten auf dem Graſe— Fahnen wehten über den Soldaten— Banner und Wimpel flatterten über den Häuptern der rothen— — 13— Krieger, Trommeln wirbelten— Hörner ſchmet⸗ terten. Wieder war das Schauſpiel impoſant, aber kaum ſo ſehr, wie das des vorigen Tages. Das Auge entdeckte ſofort eine Lücke in dem Kreiſe der Häuptlinge und beinahe die Hälfte der Krieger fehlte. Die Verſammlung machte nicht mehr den Eindruck einer zahlreichen Menge— und es war Raum genug für Alle, ſich dicht an die Mitglieder der Con⸗ ferenz heranzudrängen. Die Abweſenheit vieler Häuptlinge ward ſofort bemerkt. König Onopa war nicht da. Die Krone von britiſchem Meſſing— das blanke Symbol der Königswürde, welches geſtern in der Mitte zu ſehen geweſen— war heute nicht mehr da. Holato Mico fehlte nebſt andern Anführern von geringerer Bedeu⸗ tung, und die gelichteten Reihen der gemeinen Krie⸗ ger verriethen, daß dieſe Häuptlinge ihre Anhänger mit fortgenommen hatten. Die meiſten der noch anweſenden Indianer ſchienen den Clans von Omatla,„Schwarzer Dreck“ und Ohala anzugehören. Trotz der geringen Anzahl ihrer Leute ſah ich doch, daß Hoitle⸗Mattee, Arpiucki, der Neger Abräm und der„Zwerg“ anweſend waren. Ganz gewiß — 14— waren dieſe doch nicht dageblieben, um den Vertrag zu unterzeichnen? Ich ſah mich nach Oceola um. Gs war nicht ſchwer, ſeine ſowohl durch Geſtalt als Geſichtszüge hervorragende Perſönlichkeit herauszufinden. Er bildete das letzte Glied in der jetzt zuſam⸗ mengeſchmolzenen Curve der Häuptlinge. Er war der niedrigſte dem Range nach, aber dies hatte in Bezug auf ſeine Stellung Nichts zu bedeuten, viel⸗ leicht hatte er ſich aus Beſcheidenheit hierher geſtellt, denn dieſe war ein wohlbekanntes Kennzeichen ſeines Charakters. Er war in der That der allerjüngſte der Häupt⸗ linge und nach dem Geburtsrechte zu einem gerin⸗ gern Commando berechtigt, als irgend einer der andern Anweſenden; aber wenn man ihn ſah, wie er ſo daſtand— wenn auch zu unterſt— konnte man nicht umhin, zu glauben, er ſei das Oberhaupt Aller. Wie am Tage vorher war durchaus nichts Prahleriſches an ihm zu bemerken. Seine Haltung war, obſchon ſtattlich und ſtatüenhaft, vollkommen ungezwungen. Seine Arme waren über ſeine volle Bruſt gekreuzt— die Wucht ſeines Körpers ruhte auf dem einen Fuße, den andern hatte er ein wenig rückwärts geſetzt und ſeine Züge trugen den Ausdruck 1 — 15— der Sanftmuth und Milde. Er ſchien die Ver⸗ körperung eines Apollo zu ſein, oder, um weniger mythologiſch zu ſprechen, die eines anſtändigen Man⸗ nes, der auf eine Ceremonie wartet, bei welcher er die Rolle eines einfachen Zuſchauers ſpielt. Bis jetzt war noch Nichts vorgekommen, was ihn aufgeregt hätte. Es war noch kein Wort ge⸗ ſprochen worden, welches einen Geiſt aufgerüttelt hätte, der nur zu ſchlummern ſchien. Es konnte aber nicht lange dauern, ſo mußte 4 dieſe ruhige Haltung verſchwinden und dieſes ſanfte Lächeln ſich in das Zürnen der Leidenſchaft ver⸗ wandeln. Wenn man ſein Geſicht betrachtete, ſo konnte man eine ſolche Umwandlung kaum für möglich hal⸗ ten, und doch konnte es durch einen genauen Beobachter geſchehen. Dieſes Geſicht glich dem ruhigen Himmel, ehe das Ungewitter heraufzieht; dem ſtillen Ocean, der 4 einem Augenblicke durch einen Sturm in ſei nen Tiefen aufgewühlt wird— dem ruhenden Löwen, 3— er durch die mindeſte Herausforderung zu unbän⸗ diger Wuth aufgereizt werden kann. Während der Augenblicke, welche der Eröffnung der Conferenz vorangingen, hielt ich meine Augen — auf den jungen Häuptling geheftet. Andere Augen betrachteten ihn ebenfalls— er war das Geſtirn — 16— Vieler— mein Zlick aber haftete mit ganz beſon⸗ derem Intereſſe an ihm. Ich erwartete ein Zeichen der Erkennung, erhielt aber keins— weder einen Blick noch ein Kopfnicken. Ein oder zwei Mal fiel ſein Auge auf mich, ſchweifte aber weiter nach Jeman⸗ dem anders, als ob ich blos eins unter der Menge der ihm feindlich geſinnten bleichen Geſichter wäre. Er ſchien ſich nicht mehr auf mich zu beſinnen. War dies wirklich ſo, oder hinderte ſein mit großen Gedan⸗ ken beſchäftigtes Gemüth ihn, Notiz von mir zu nehmen? Ich verfehlte nicht, meine Augen auch weiter hinausſchweifen zu laſſen— über die Ebene— nach den Zelten— nach den Gruppen der herumſchlen⸗ dernden Weiber. Ich betrachtete genau ihre Formen, eine nach der andern. Ich glaubte die wahnſinnige Königin in ihrer Mitte zu ſehen. Ich hoffte, daß die Schützlingin derſelben auch in der Nähe ſein könnte; aber nein. Keine der Geſtalten befriedigte mein Auge. Sie lang— zu wohlbeleibt oder zu mager. Sie war nicht da. Selbſt unter der weiten hunna würde ich ihre prachtvolle Geſtalt erkannt haben, nämlich wenn dieſelbe noch unverändert war. . 1 Wenn— dieſe Hypotheſe überraſcht Dich, lieber waren alle zu Squaw⸗ähnlich— zu klein oder zu — 17— Leſer. Warum verändert? fragſt du. Wachsthum?— Entwickelung?— Reife? Raſch iſt in dieſem ſüdlichen Klima der Uebergang von der jungfräulichen Geſtalt zu der des Weibes. Nein, dies war es nicht. Obſchon noch ſo jung, hatten doch die wellenförmigen Umriſſe ſich ſchon gezeigt. Als ich ſie das letzte Mal ſah, hatte ihre Geſtalt die Grenzen des Wachsthums erreicht und zeigte die kühnen Wellenlinien Hogarth's, welche die vollendete Weiblichkeit charakteriſiren. Dies fürch⸗ tete ich alſo nicht. Aber was denn ſonſt? Das Gegentheil? Verän⸗ derung in Folge von Abmagerung— von Krankheit oder Kummer? Auch dies nicht. Ich kann mir nicht den Argwohn erklären, welcher mich folterte— einen Argwohn, der ſeinen Grund in einem flüchtigen Worte hatte. Jener ſchwarze Vogel, welcher geſtern ſo munter ſchwatzte, hatte Gift in mein Herz geträufelt. Aber nein, es konnte nicht Maümee ſein. Sie war zu unſchuldig. Ach, warum raſe ich? Die Liebe hat keine Schuld. Wenn ſie treu war, ſo fiel das Verbrechen nicht ihr zur Laſt, er allein war der Schuldige. Ich habe die Qual, die ich in Folge meines unglücklichen Lauſchens empfand, nur unzureichend Oceola. III. 5 2 geſchildert. Während des ganzen vorigen Tages war ſie eine Quelle wirklichen Leidens geweſen. Ich befand mich in der Lage eines Menſchen, welcher zu viel und zu wenig gehört hatte. Du wirſt Dich, lieber Leſer, kaum wundern, daß die Worte der wahnſinnigen Haj⸗Ewa mich auf⸗ heiterten. Sie trieben den unwürdigen Verdacht aus meinem Gemüthe und flüſterten mir neue Hoffnun⸗ gen ein. Allerdings hatte ſie keinen, Namen genannt, bis ich ihn ſelbſt ausgeſprochen, aber auf wen konn⸗ ten ſich ihre Worte ſonſt beziehen?„Armer Vogel des Waldes,— ihr Herz wird bluten und brechen.“ Sie ſprach von der„Aufgehenden Sonne!“ Dieſe war Oceola. Wer konnte die Haintclitz weiter ſein als Maümee?— Es war aber vielleicht auch nur eine Geſchichte der Vergangenheit, die ſich dem Gedächtniſſe der Wahnſinnigen feſt eingeprägt und noch in ihrer Erinnerung lebte. Dies war möglich. Haj⸗Ewa hatte uns in jenen Tagen gekannt. Sie war uns oft auf unſeren Streifzügen im Walde begegnet; ſie war ſogar mit uns auf der Inſel geweſen, denn die wahnſinnige Königin konnte ihr Canoe mit Geſchick⸗ lichkeit rudern, ihr wildes Roß reiten, und irgend Wohin gehen; auch ging ſie überall hin. — 19— Es war vielleicht blos eine Erinnerung an jene glücklichen Tage, welche ſie bewog, zu ſprechen, wie ſie gethan, und wobei ſie in dem Chaos ihres Verſtandes die Vergangenheit für die Gegen⸗ wart hielt. Dieſer Gedanke beunruhigte mich, aber nicht lange, denn ich hegte ihn nicht lange. Ich klam⸗ merte mich an den angenehmen Glauben. Ihre Worte waren ſüß wie Honig und bildeten ein ange⸗ nehmes Gegengewicht zu der Furcht, die ich außer⸗ dem bei Entdeckung des Complotts gegen mein Leben gefühlt haben würde. Mit der Ueberzeugung, daß Maümee mich einſt geliebt— daß ſie mich noch liebte — hätte ich Gefahren trotzen können, welche hun⸗ dert Mal größer geweſen wären, als dieſe. Es iſt nur ein ſchwaches Herz, welches unter dem Einfluſſe der Liebe nicht tapfer wird. Durch das Lächeln der Schönheit ermuthigt, können ſelbſt Feiglinge Thaten der Kühnheit vollbringen. Arens Ringzold ſtand neben mir. In dem Gedränge berührten ſich unſere Kleider; wir ſprachen mit einander! Er war gegen mich ſogar noch höflicher, als er ſonſt zu ſein pflegte. Seine Worte verriethen kaum den gewohnten Cynismus ſeines Weſens, obſchon, 2*. — 20— ſo oft ich ihm in's Geſicht ſah, ſein Auge unſicher ward und den Boden ſuchte. Dennoch aber hatte er nicht die mindeſte Ahnung, daß ich wußte, wie nahe ich jetzt neben dem Manne ſtand, welcher die Abſicht hatte, mich zu ermorden. Drittes Kapitel. Die Abſetzung der Häuptlinge. Heute zeigte der Commiſſar eine kühnere Stirn. Er war entſchloſſen, eine kecke Rolle zu ſpielen; aber er fühlte ſich des Erfolges ſicher, und folglich lag etwas Triumphirendes in ſeinen Blicken. Er be⸗ trachtete die Häuptlinge mit dem gebieteriſchen Blicke eines Mannes, welcher entſchloſſen war, ſie zu be⸗ herrſchen, feſt darauf vertrauend, daß ſie ſeinen Wünſchen nachgeben würden. Dann und wann ruhete ſein Auge mit eigen⸗ thümlichem, zugleich unheimlichem und triumphiren⸗ dem Blicke auf Oceola. Ich war in das Geheimniß dieſes Blickes eingeweiht. Ich errieth die Bedeutung deſſelben. Ich wußte, daß dieſe Bedeutung für den jungen Seminolen⸗Häuptling keine gute war. Hätte ₰ — 22— ich mich ihm in dieſem Augenblicke nähern können, ſo würde ich ein Mal die Dienſtpflicht aus den Au⸗ gen geſetzt und ihm ein Wort der Warnung in's Ohr geflüſtert haben. Ich war unwillig auf mich ſelbſt, daß ich nicht früher daran gedacht. Haj⸗Ewa hätte in der vori⸗ gen Nacht eine Botſchaft beſtellen können. Warum ertheilte ich ihr keinen Auftrag dazu? Meine Gedanken waren ſchon zu vielfach in Anſpruch genommen. Mit meiner eigenen Gefahr beſchäftigt, hatte ich nicht an die Gefahr gedacht, welche meinem Freunde drohte, denn als ſolchen be⸗ trachtete ich Powell noch. Ich hatte keine genaue Kenntniß von Dem, was beabſichtigt ward, obſchon ich aus der Unter⸗ redung, die ich mit angehört, die Abſicht des Com⸗ miſſars mehr als halb errieth. Oceola ſollte nämlich unter irgend einem Vorwande feſt⸗ genommen werden. Einen Vorwand bedurfte man. Ohne einen ſolchen konnte die Gewaltthat nicht verübt werden. Selbſt der gewiſſenloſe Commiſſar durfte nicht eine ſolche Ueberſchreitung ſeiner Vollmacht ohne plauſi⸗ beln Vorwand wagen, und wie ſollte dieſer Vorwand gefunden werden? Die Entfernung Onopa's und der„Feindlich⸗ — 23— geſinnten,“ während Omatla mit den„Gutgeſinnten“ zurückgeblieben war, hatte dem Agenten die Gelegen⸗ heit gegeben. Oceola ſelbſt ſollte den Vor⸗ wand liefern. Wollte Gott, ich hätte nur ein einziges Wort der Warnung ihm in's Ohr flüſtern können! Es war zu ſpät. Die Netze waren geſtellt und das edle Wild ſtand im Begriffe, hineinzugehen. Es war zu ſpät für mich, meinen Freund zu warnen. Ich mußte müſſig dabeiſtehen— als Zuſchauer eines Actes der Ungerechtigkeit— einer groben Rechtsverletzung. Ein Tiſch war vor dem Platze aufgeſtellt, wel⸗ chen der General und ſein Stab einnahm. Der Commiſſar ſtand unmittelbar dahinter. Auf dieſem Tiſche ſtand ein Dintefaß mit Federn, während ein breites Pergament beinahe die ganze Tiſchfläche be⸗ deckte. Dieſes Pergament war der Tractat von Oclawaha. 7 „Geſtern,“ begann der Commiſſar ohne weitere Einleitung,„haben wir Nichts weiter gethan, als geſprochen— heute haben wir uns wieder verſam⸗ melt, aber um zu handeln. Dies,“ ſagte er, indem eer auf das Pergament zeigte,„iſt der Tractat von Payne’s Landing. Ich hoffe, Ihr habt Alle über⸗ — 241— legt, was ich geſtern ſagte, und ſeid nun bereit, zu unterzeichnen?“ „Wir haben überlegt,“ entgegnete Omatla für ſich ſelbſt und Die, welche zu ſeiner Partei gehörten. „Wir ſind bereit, zu unterzeichnen.“ 1 „Onopa iſt der erſte Häuptling,“ ſagte der Com⸗ miſſar.„Laßt dieſen daher zuerſt unterzeichnen. Wo iſt denn Miconopa?“ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit erheuchelter Ueberraſchung in dem Cirkel umſah. „Der Mico⸗Nico iſt nicht hier,“ ſagte Hoitle⸗ Mattee. „Und warum iſt er nicht hier? Er ſollte doch hier ſein. Warum iſt er abweſend?“ „Er iſt krank— er iſt nicht im Stande, der Conferenz beizuwohnen.“ „Das iſt eine Lüge! Miconopa will uns hin⸗ tergehen— Du weißt, daß dies ſeine Abſicht iſt.“ Hoitle⸗Mattee’s dunkle Stirn ward bei dieſer Beleidigung noch dunkler, und ſein ganzer Körper zitterte vor Wuth. Ein verächtliches Grunzen aber war die ganze Antwort, die er gab, und indem er ſeine Arme verſchränkte, fiel er wieder in ſeine frühere Haltung zurück. „Abram, Ihr ſeid Miconopa's vertrauter Rath⸗ — 25— geber— Ihr kennt ſeine Abſichten. Warum hat er ſich entfernt?“ 4 „O Maſſa General,“ entgegnete der Schwarze in gebrochenem Engliſch und ohne viel Reſpect für Den zu znigen, der ihn befragte,„wie ſoll der alte Abe die zülſicht des Königs Nopa kennen? Der Mico ſagt mit nicht Alles; er geht, wenn es ihm beliebt; er kommt, wenn es ihm beliebt— er iſt ein großer Häuptling und ſagt Niemandem ſeine Abſicht.“ „Hat er die Abſicht, zu unterzeichnen? Sagt Ja oder Nein.“ „Nun denn, Nein!“ entgegnete der Dolmetſcher mit feſter Stimme, als wenn er zu der Antwort ge⸗ zwungen würde.„So viel weiß Abe von ſeiner Abſicht. Er will das Document nicht unterſchrei⸗ ben. Er ſagt Nein, Nein.“ „Genug!“ rief der Commiſſar laut,„genug! Jetzt hört mich, Ihr Häuptlinge und Krieger der Nation der Seminolen! Ich erſcheine vor Euch be⸗ waffnet mit einer Vollmacht von unſerem Großen Vater, dem Präſidenten— von ihm, der unſer Aller Häuptling iſt. Dieſe Vollmacht ſetzt mich in den Stand, die Untreue und den Ungehorſam zu beſtra⸗ fen, und ich übe jetzt dieſes Recht an Miconopa aus. Er iſt nicht mehr König der Seminolen!“ Dieſe unerwartete Ankündigung brachte eine — 26— Wirkung auf die Zuhörer hervor, gleich der eines electriſchen Schlages. Die Häuptlinge und Krieger nahmen plötzlich eine andere Haltung an, und Alle ſtanden da und ſchaueten den Sprecher begierig an. Der Ausdruck auf ihren Geſichtern zzar aber nicht von gleicher Bedeutung, ſondern ſelperſchie⸗ den. Einige verriethen Anzeichen von Zom ſowohl, als von Ueberraſchung. Einige ſchienen ſich zu freuen, während die Mehrzahl die Verkündigung augenſchein⸗ lich mit Unglauben aufnahm. 1 Ganz gewiß ſcherzte der Commiſſar. Wie konnte er einen König der Seminolen machen oder abſetzen: Wie konnte ſelbſt der Große Vater Dies thun? Die Seminolen waren eine freie Nation— ſie waren den Weißen nicht einmal tributpflichtig und ſtanden zu ihnen in gar keiner politiſchen Be⸗ ziehung. Nur ſie allein konnten ihre König wäh⸗ len— ſie allein konnten ihn abſetzen. Ganz gewiß erlaubte der Commiſſar ſich einen Scherz. Nein, durchaus nicht. Einen Augenblick ſpä⸗ ter gewahrten ſie, daß es ſein Ernſt war. So thö⸗ rigt auch das Project war, den König Onopa ab⸗ zuſetzen, ſo ging er doch in allem Ernſte damit um. Er hatte beſchloſſen, es in Ausführung zu bringen und ſo weit als Dies mit Decreten geſchehen konnte, that er es ohne weitern Aufſchub. — 27— „Omatla! Ihr ſeid Eurem Worte und Eurer Ehre treu eſen. Ihr ſeid würdig, eine tapfere Nation a hren. Von heute an ſeid Ihr König der Sem. Unſer Großer Vater und das Volk der Vere Kuln Staaten begrüßen Euch als ſolchen; ſie werdenenen Andern anerkennen. Nun laßt uns zum Unte Kichnen ſchreiten.“ Auf einen Wink von dem Commiſſar trat Omatla an den Tiſch, nahm die Feder in die Hand und ſchrieb ſeinen Namen auf das Pergament. Dies geſchah unter vollkommenem Schweigen. Aber eine einzige Stimme unterbrach die tiefe Stille — ein einziges Wort ward mit zorniger Betonung hervorgeſtoßen— es war das Wort:„Verräther!“ Ich ſah mich um, ob ich entdecken könnte, wer das Wort geſprochen. Das Ziſchen zitterte noch auf Oceola's Lippen, während ſein Auge mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung auf Omatla ge⸗ heftet war. Der„Schwarze Verrückte Thon“ ergriff zunächſt die Feder und bewirkte ſeine Unterſchrift, was einfach dadurch geſchah, daß er ſein„Zeichen“ machte. Nach ihm folgten Ohala, Itolaſſe Omatla und ungefähr ein Dutzend Andere— ſämmtlich als Häuptlinge bekannt, welche das Ausw anderungs 4 project begünſtigten. 4 Die feindſeligen Häuptlinge ſt— ich weiß nicht, ob zufällig oder abſichtli beiſam⸗ f men und bildeten den rechten Flüg s Halb⸗ cirkels. Die Reihe, ſich zu erklären, r jetzt an ihnen. 1 1 Hoitle⸗Mattee war der Erſte, in Bezug auf deſſen Unterſchrift der Commiſſar Zweifel hegte. Es 2 trat eine Pauſe ein, welche dieſen Zweifel zu erken: nen gab. 8 Mun ſeid Ihr an der Reihe, Jumper(Springer),“ ſagte der Commiſſar endlich, indem er den Häupt⸗ d ling bei ſeinem engliſchen Namen anredete. „Nun, dann überſpringt mich nur,“ ent⸗ gegnete der beredte und witzige Häuptling, indem er 1 aus ſeinem Ernſte einen Scherz machte., n „Wie? Ihr weigert Euch, zu unterzeichnen?“ „Hoitle⸗Mattee kann nicht ſchreiben.“ li „Das iſt auch nicht nöthig. Euer Name iſt 3 ſchon geſchrieben. Ihr braucht blos Euern Finger d darauf zu ſetzen.“ m „Ich könnte meinen Finger leicht auf die un⸗ 1 T rechte Stelle ſetzen.“„* „Ihr könnt dadurch unterſchreiben, daß Ihr ein Kreuz macht,“ fuhr der Agent fort, immer not 6 1 — 29— in der Hoffnung, daß der Häuptling einwilligen würde. „Wir Seminolen haben keine große Vorliebe für das Kreuz. Wir haben in den Tagen der Spa⸗ nier genug davon gehabt. Hulwak!“ „Dann weigert Ihr Euch alſo entſchieden, zu unterzeichnen?“ „Ja wohl, Miſter Commiſſar, überraſcht Euch Das?“ „Gut— ſei es ſo. Nun hört, was ich Euch zu ſagen habe.“ 3 „Hoitle⸗Mattee's Ohren ſind eben ſo offen, als der Mund des Commiſſars,“ lautete die höhniſche Antwort. „Dann erkläre ich, daß Hoitle⸗Mattee nicht mehr Häuptling ſeines Clans iſt. Der Große Vater wird ihn nicht mehr als einen Häuptling der Semi⸗ nolen anerkennen.“ „Ha! ha! ha!“ lachte der Häuptling verächt⸗ lich.„Wirklich? wirklich? Und ſagt mir,“ fragte er, immer noch lachend und die feierliche Erklärung des Commiſſars mit Spott behandelnd,„von wem ſoll ich denn nun Häuptling ſein, General Thompſon?“ ſtoniſche Benehmen des Indianers augenſchinlich „Ich habe erklärt,“ ſagte der Agent, durch das „ — 30— verlegen und ärgerlich gemacht,„Ihr ſeie aicht mehr Häuptling— wir werden Euch nicht mehr als einen ſolchen anerkennen.“ „Aber meine Leute?— wie ſteht es mit die⸗ ſen?“ fragte Hoitle⸗Mattee wieder in fein ironiſchem Tone,„haben dieſe in dieſer Angelegenheit Nichts zu ſagen?“ „Eure Leute werden verſtändig handeln. Sie werden dem Rathe ihres Großen Vaters Gehör ſchenken. Sie werden nicht mehr einem Anführer gehorchen, welcher ohne Treue und Glauben gehan⸗ delt hat.“ „Ihr ſprecht die Wahrheit, Agent,“ entgegnete der Häuptling nicht mehr ironiſch.„Meine Leute werden mit Verſtand handeln; aber auch mit Patriotismus und Treue. Schmeichelt Euch nicht. mit der Macht Eures Großen Vaters. Wenn er ihnen ſeinen Rath als Vater giebt, ſo werden ſie ihm Gehör ſchenken; wo nicht, ſo werden ſie ihr Ohr davor verſchließen. Was Eure Verfügung über mich ſelbſt betrifft, ſo lache ich blos über die Abgeſchmacktheit eines ſolchen Ausſpruches. Ich ſetze ſowohl dieſem Ausſpruche, als Dem, der ihn gethan, meine Verachtung entgegen. Ich fürchte Eure Macht nicht. Es iſt mir nicht bange um die Treue meines Volkes. Säet Zwietracht unter ihnen, 3 . — 31— wie Ihm gollt. Es iſt Euch anderwärts gelungen, Verräther zu machen“— hier warf der Sprecher einen bedeutſamen Blick auf Omatla und ſeine Krie⸗ ger—„aber ich verachte Eure liſtigen Künſte. Es giebt unter meinem Stamme nicht einen einzigen Mann, welcher Hoitle⸗Mattee den Rücken kehren wird — nicht einen einzigen.“ Der Häuptling ſchwieg, kreuzte die Arme über der Bruſt und fiel in eine Haltung ſtumm heraus⸗ fordernden Trotzes zurück. Er ſah, daß der Com⸗ miſſar mit ihm fertig war; denn Letzterer rief jetzt Abram zur Unterzeichnung auf. Die erſte Antwort des Schwarzen war eine entſchiedene Verneinung— ein einfaches Nein. Als er aufgefordert ward, ſeine Weigerung zu wieder⸗ holen, ſetzte er hinzu: 34 „Nein, ich unterſchreibe nimmermehr das ver⸗ dammte Papier— nimmermehr. Das iſt genug — meint Ihr nicht auch, General Thompſon?“ Dies machte natürlich der weitern Aufforderung ein Ende und Abram ward aus der Liſte der Häupt⸗ linge ausgeſtrichen. . 6* Arpiucki folgte zunächſt und„Wolke“ und Alligator und dann der Zwerg Poſchalla. Alle Dieſe verweigerten ihre Unterſchriften und wurden — 32— welche abweſend waren. ſie dieſe Abſetzung en gros anhörten. Es war auch in der That ſehr komiſch, dieſen winzigen Be⸗ amten eine Stunde ſeine Edicte mit der ſich ſelbſt beigelegten Autorität eines Kaiſers ausſprechen zu hören.*) Poſchalla, der Letzte, welcher in Ungnade ge⸗ fallen, lachte eben ſo, wie die Andern; aber der enthalten, Etwas darauf zu entgegnen. ſchon lange über ſeinem fetten Leichname wuchert— Dieſe Hohnrede drang nicht bis zu den Ohren des Commiſſars. Er hörte nicht einmal das ver⸗ ſpäter dieſe abgeſchmackte Entthronung der Häuptlinge; es läßt ſich aber nicht bezweifeln, daß Thompſon ge⸗ heimen Inſtructionen vom Präſidenten gemäß handelte. „Sagt dem dicken Agenten,“ rief er dem Dol⸗ metſcher zu,„ſagt ihm, daß ich noch ein Häupt⸗ ling der Seminolen ſein werde, wenn das Gras nach der Reihe in aller Form ihrer Würden entſetzt. Daſſelbe geſchah mit Holata, Mico und Andern, Die meiſten der Häuptlinge lachten nur, als Zwerg hatte eine bittere Zunge und konnte ſich nicht hal! ha! ha!“ 1 *) Die Regierung der Vereinigten Staaten desavouirte — 8* N ächtliche Wiehern, welches darauf folgte, denn ſeine Aufmerkſamkeit ward jetzt gänzlich durch eine einzige Perſönlichkeit— den Jüngſten der Häupt⸗ linge— den Letzten in der Reihe— in Anſpruch genommen. Oceola. III.— 3 3 4 Viertes Kapitel. 8 XN X Oceola's Unterſchrift. Bis dieſen Augenblick hatte der junge Häupt⸗ ling faſt gar nicht geſprochen. Blos als Charles Omatla die Feder ergriff, hatte er das Wort Ver⸗ räther geziſcht. Er war nicht die ganze Zeit in einer und der⸗ ſelben Stellung geblieben, und eben ſo wenig hatte ſein Geſicht Gleichgültigkeit gegen Das verrathen, was vorging. Seine Geberden und Zlicke hatten aber auch nichts Gezwungenes— keine Miene von affectirtem Stoicismus, denn dieſer lag nicht in ſeinem Charakter. Er hatte über Jumper's Witz gelacht und dem Patriotismus Abram's und der Andern eben ſo herzlichen Beifall geſchenkt, als gegen das — — 35— Verhalten der Verräther ſeine Mißbilligung zu er⸗ kennen gegeben. Die Reihe, ſich zu erklären, war nun an ihm und er ſtand mit beſcheidener Haltung da, in der Erwartung, gefragt zu werden. Die Andern waren Alle mit ihren Namen aufgerufen worden, denn dieſe Namen waren dem Agenten ſämmtlich bekannt. Ich brauche kaum zu ſagen, daß in dieſem kritiſchen Augenblicke die tiefſte Stille herrſchte. In den Reihen der Soldaten— unter den indianiſchen Kriegern— überall war ein Augenblick athemloſer Spannung eingetreten, als ob Jeder von der Ahnung eines bedeutungsvollen Auftrittes durchdrungen wäre. Ich für meinen Theil fühlte mich überzeugt, daß eine Exploſion im Begriffe ſtand, loszubrechen, und eben ſo, wie die Uebrigen, ſtand ich erwartungs⸗ voll da. Der Commiſſar brach das Schweigen mit den Worten: „Endlich kommen wir zu Euch, Powell. Ehe wir aber etwas Weiteres vornehmen, laßt mich Euch fragen: Seid Ihr als Häuptling an⸗ erkannt?“ Es lag etwas Beleidigendes in dem Tone. Die Beleidigung war eine abſichtliche und directe, wie das Mienenſpiel des Sprechers deutlich bewies. Es 3* lag Bosheit in ſeinem Auge— Bosheit mit dem Vertrauen auf in Ausſicht ſtehenden Triumph ge⸗ miſcht. Die Frage war eine zweckloſe und über⸗ flüſſige. Thompſon wußte recht wohl, daß Powell Häuptling war— allerdings Unterhäuptling, aber immer doch Häuptling— ein Kriegshäuptling der Rothſtecken, des kriegeriſchſten Stammes der Nation. Die Frage ward blos gethan, um zu reizen und herauszufordern. Der Agent wollte das Gemüth erbittern, welches, wie Alle wußten, keines der ſanf⸗ teſten war. Seltſamer Weiſe aber verfehlte die Beleidigung ihre Wirkung, oder es ſchien wenigſtens ſo; die, welche eine zornige Antwort erwarteten, ſahen ſich getäuſcht. Oceola gab keine Antwort. Nur ein eigenthümliches Lächeln war auf ſeinem Geſichte zu bemerken. Es war kein Lächeln des Zornes, aber auch nicht des Hohnes. Es war vielmehr ein Lächeln ſtummer, ſtolzer Verachtung— der Blick, 1 welchen ein Mann von Rang und Bildung auf einen gemeinen Menſchen wirft, der ihn ſchimpft. Die, welche dieſen Blick ſahen, waren der Meinung, daß der junge Häuptling ſeinen Beleidiger einer Antwort für unwürdig, und die Beleidigung für— was ſie auch wirklich war— zu gemein erachte, um Etwas darauf zu entgegnen. Dieſer Meinung war — 37— ich eben ſo, wie die Andern, welche in meiner Nähe ſtanden. Oceola's Blick hätte den Commiſſar zum Schweigen bringen oder ihn wenigſtens veranlaſſen ſollen, ſeine Taktik zu ändern, wenn er nämlich für Verachtung und Spott überhaupt empfindlich gewe⸗ ſen wäre. Aber nein— die gemeine Seele des plebejiſchen Beamten war der Scham eben ſo ver⸗ ſchloſſen, als der Gerechtigkeit, und ohne weiter auf den ihm zugeworfenen Blick zu achten, verfolgte er ſeinen Plan weiter. „Ich frage, ſeid Ihr Häuptling?“ fuhr er fort, indem er das Verhör in noch beleidigenderem Tone wiederholte.„Habt Ihr das Recht, zu unter⸗ zeichnen?“ Dies Mal ward die Frage beantwortet, und zwar durch ein Dutzend Stimmen zu gleicher Zeit. Häuptlinge im Kreiſe, und Krirget welche dahinter ſtanden, ſchrieen: „Die„Aufgehende Sonne“? 3 O0 er ein Häuptling iſt— ja wohl iſt er ein Häuptling. Er hat das Recht, zu unterzeichnen.“ „Warum will man ſein Recht in Frage ziehen?“ frug Jumper mit höhniſchem Gelächter.„Dazu iſt es noch Zeit genug, wenn er es auszuüben wünſcht. Jetzt wird er Dies wahrſcheinlich nicht thun.“ „Aber ich werde es thun,“ ſagte Oceola, in⸗ dem er ſich an den Redner wendete und mit Nach⸗ druck ſprach.„Ich habe das Recht, zu unterzeichnen, und— ich werde unterzeichnen.“ Es möchte ſchwer ſein, die Wirkung zu ſchil⸗ dern, welche durch dieſe unerwartete Erklärung her⸗ vorgerufen ward. Die ganze Verſammlung— Weiße ſowohl als Rothe— wurden davon über⸗ raſcht, und einige Augenblicke lang war eine vibri⸗ rende Bewegung in der ganzen Menge zu bemerken und ward von einem verworrenen Murmeln beglei⸗ tet. Auf allen Seiten hörte man Ausrufungen ver⸗ ſchiedenen Inhalts, je nach der politiſchen Richtung Derer, von welchen ſie ausgingen. Alle aber verriethen Erſtaunen. Bei Einigen geſchah Dies im Tone der Freude, bei Andern in dem des Zornes oder Aergers. War es Oceola, welcher geſprochen? Hatten ſie recht gehört? Sollte die„Aufgehende Sonne“ ſo bald wieder hinter den Wolken verſinken? Stand Oceola nach Allem, was von ihm bekannt geworden— nach Allem, was er verſprochen— ebenfalls im Begriffe, ein Verräther zu werden? Solche Fragen gingen raſch unter den feindli⸗ chen Häuptlingen und Kriegern von Einem zum Andern, während die von der entgegengeſetzten Partei — 39— ihre Freude kaum bergen konnten. Alle wußten, daß Oceola's Unterſchrift der Sache ein Ende machen würde, und die Auswanderung ward dann Etwas, was ſich von ſelbſt verſtandB. Die Omatla's hatten dann Nichts mehr zu fürchten. Die feindlichen Krieger, welche es geſchworen, konnten noch Wider⸗ ſtand leiſten, aber es war kein Anführer unter ihnen, welcher die Patrioten an einander feſſeln konnte, wie Oceola gethan. Wenn er abtrünnig ward, ſo ward der Geiſt des Widerſtandes ein ſchwacher Gegenſtaud und die Patrioten mußten an ihrer Sache ver⸗ zweifeln.— Jumper, Wolke, Coa Hajo, Abram, Arpiucki und der Zwerg ſchienen Alle eben ſo von Erſtaunen betroffen zu ſein. Oceola— der Mann, auf den ſie ihr volles Vertrauen geſetzt— der den kühnen Plan zur Oppoſition entworfen— der offene Feind Aller, welche bis jetzt für die Auswanderung das Wort ergriffen— er, der reine Patriot, an welchen Alle geglaubt— dem Alle getraut, ſtand jetzt im Begriffe, ſie zu verlaſſen— jetzt, in der eilften Stunde, wo ſeine Abtrünnigkeit ihrer Sache verderb⸗ lich werden mußte. „Er iſt beſtochen worden,“ ſagten ſie;„ſein Patriotismus iſt Verſtellung, ſein Widerſtand Be⸗ trug geweſen. Er iſt von dem Agenten erkauft — 49— worden; er iſt fortwährend für ihn thätig geweſen. Holywaugus! Iste-hulwa-stehay*). Dies iſt ein Verrath, ſchwärzer, als der Omatla's!“ So murmelten die Häuptlinge unter einander, während ſie gleichzeitig Oceola mit dem grimmigen Blicke von Tigern betrachteten. Ich wußte ſelbſt nicht, was ich von Powell's Abtrünnigkeit denken ſollte. Er hatte ſeinen Ent⸗ ſchluß erklärt, den Vertrag zu unterzeichnen. Was bedurfte es mehr? Daß er bereit war, Dies zu thun, war ſeiner Haltung nach augenſcheinlich, denn er ſchien blos darauf zu warten, daß der Agent ihn aufforderte. Was die Frage betraf, ob der Commiſſar von ſeiner Abſicht unterrichtet ſei, ſo wußte ich, daß Dies nicht der Fall war. Jeder, der ihn in dieſem Au⸗ genblicke anſah, würde ihn von aller Mitwiſſenſchaft freigeſprochen haben. Er war augenſcheinlich über DOceola's Erklärung eben ſo ſehr erſtaunt, als irgend einer der andern Anweſenden, oder vielleicht noch mehr. Ja, die unerwartete Erklärung ſchien ihn förmlich verblüfft zu machen, ſo daß es einige Zeit dauerte, ehe er Etwas entgegnen konnte. Endlich ſtammelte er: *) Schlechter Menſch— Schurke. — 11— „Sehr gut, Oceola! So tretet denn näher und unterſchreibt.“ Thompſon’s Ton war ein anderer— er ſprach beſänftigend. Eine neue Ausſicht eröffnete ſich ihm. Oceola wollte unterſchreiben und auf dieſe Weiſe in die Auswanderung willigen. Das Geſchäft, mit dem ihn die oberſte Regierung beauftragt, ward ſonach zu Stande gebracht, und zwar mit einer Schnelligkeit, die ihm zum großen Verdienſte angerechnet werden mußte. Der„alte Hickory“ ward zufriedengeſtellt, und was war für den geſchickten Agenten die nächſte Folge? Nicht eine Miſſion zu einem Stamme von Wilden, ſondern eine Geſandtſchaft an irgend einen Hof der civiliſirten Welt— vielleicht nach Spanien? Ach, lieber Thompſon, Deine Luftſchlöſſer(cha- teaux en Espagne) wurden bald wieder über den Haufen geworfen! Sie ſtürzten eben ſo ſchnell ein, als ſie erbauet worden— ſie brachen zuſammen, wie ein Kartenhaus. Oceola trat an den Tiſch und neigte ſich dar⸗ über, wie um das Document genau durchzuleſen. Seine Augen liefen raſch über das Pergament. Er ſchien eine beſondere Stelle zu ſuchen. 4 Er fand ſie— es war ein Nam— er las ihn laut:„Charles Omatla!“— Dann richtete er ſich wieder empor, ſah den Commiſſar — 42— an und fragte ihn in ironiſchem Tone, ob er noch wünſche, daß er unterzeichne? „Ihr habt es verſprochen, Oceola.“ „Dann will ich mein Verſprechen halten.“ Während er dieſe Worte ſprach, zog er ſein langes ſpani hoch empor und ſtieß die Klinge durch das ſches Meſſer aus der Scheide, hob es Perga⸗ ment, ſo daß die Spitze tief in das Holz hineinfuhr. „Das iſt meine Unterſchrift,“ rief er, indem er den Stahl wieder herausriß. Stich iſt durch Euern Name Euch in Acht, Verräther! Ma „Seht, Omatla! der n gegangen. Nehmt cht wieder ungeſchehen, was Ihr gethan habt, oder dieſe Klinge findet viel⸗ leicht den Weg durch Euer Herz!“ „Alſo das meinte er!“ rief der Commiſſar, in⸗ dem er ſich wüthend erhob. „Gut! Ich war auf dieſe Unverſchämtheit— auf dieſe Gewaltthat vor⸗ bereitet. General Clinch, ich fordere Sie auf— Ihre Soldaten— laſſen S Sie ihn feſtnehmen!“ ie ihn ergreifen— laſſen Dieſe abgebrochenen Worte hörte ich mitten unter dem Gewirre der Stimmen. Ich hörte Clinch einem in ſeiner Nähe ſtehenden Offiziere einige Be⸗ fehle ertheilen. beiſtürzen und Oceola umzingeln— der im nächſten Augenblicke von Ich ſah eine Anzahl Soldaten her⸗ ihnen gepackt ward. — — 413— Erſt als mehrere der blauröckigen Soldaten zur Erde niedergeworfen, erſt als mehrere Musketen auf die Seite geſchleudert worden und ein Dutzend ſtarke Arme den jungen Häuptling feſthielten, gab er ſein verzweifeltes Bemühen, zu entrinnen, auf und ſtand dann, ſich anſcheinend ergebend, ſtarr und unbeweg⸗ lich da, als ob ſein Körper von Eiſen geweſen wäre. Es war eine unerwartete Entwickelung— von den Weißen eben ſo unerwartet, als von den India⸗ nern. Es war ein gewaltſames und durchaus nicht zu rechtfertigendes Verfahren. Hier war kein Ge⸗ richtshof, deſſen Richter das Recht gehabt hätte, Je⸗ manden wegen eines Ausdruckes der Verachtung feſt⸗ zunehmen. Es war eine Conferenz, und ſelbſt die Inſolenz einer einzigen Perſon konnte nicht ohne Zuſtimmung beider Parteien geſtraft werden. General Thompſon hatte ſeine Befugniß überſchritten und eine eben ſo willkürliche, als illegale Macht ausgeübt. Der Auftritt, welcher nun folgte, war ſo ver⸗ worren, daß er aller Beſchreibung ſpottet. Die Luft hallte wider von lauten Ausrufungen. Das Ge⸗ ſchrei der Männer, das Gekreiſch der Frauen, das Weinen der Kinder, das Geheul der indianiſchen Krieger— alles Dies ſchlug gleichzeitig an das Ohr. Es wurde kein Verſuch zur Befreiung des jungen Häuptlings gemacht— im Beiſein ſo vieler Truppen, — 41— ſo vieler Verräther wäre Dies unmöglich geweſen. Wohl aber ließen die patriotiſchen Häuptlinge, als ſie von dem Platze hinweigeilten, ihr wildes„Yo-ho- ehee l“ hören— den Kriegsruf der Seminolen, wel⸗ cher Vergeltung und Rache athmete. Die Soldaten begannen Oceola in das Fort hineinzuſchleppen. „Tyrann!“ rief er, indem er ſein Auge auf den Commiſſar heftete,„Ihr habt durch Verrath trium⸗ phirt; aber glaubt nicht, daß die Sache zu Ende ſei! Ihr könnt Oceola in's Gefängniß werfen— Ihr könnt ihn aufhängen, wenn Ihr wollt— aber glaubt nicht, daß ſein Geiſt ſterben werde. Nein; er wird leben und laut nach Rache ſchreien. Hört Ihr jene Töne? Kennt Ihr den Kriegsruf der Roth⸗ ſtecken? Merkt ihn Euch wohl, denn es iſt nicht das letzte Mal, daß er an Euer Ohr ſchlagen wird: Ho-Yo-ho-ehehee! yo-ho-ehee! Höret Ihr, Tyrann! Es iſt Euer Todtenruf— es iſt Euer Todtenruf.“ Während er dieſe wilden Drohungen hervorſtieß, ward er durch das Thor hindurchgezerrt und in das innerhalb der Paliſſade ſtehende Wachthaus geſchleppt. Als ich unter der Menge nachfolgte, berührte mich Jemand am Arme, wie um meine Aufmerkſam⸗ keit zu erregen. Ich drehte mich herum und ſah Haj⸗Ewa. A „Heute Abend an dem We-wa“),“ ſagte ſie, indem ſie ſo ſprach, daß ſie von den Umſtehenden nicht gehört werden konnte.„Es werden wieder Schatten auf dem Waſſer ſein, noch mehr Schatten vielleicht—“ Weiter hörte ich Nichts. Das Gedränge trennte uns, und als ich wieder hinſah, hatte die wahn⸗ ſinnnige Königin den Platz verlaſſen. *) Teich, Tümpel, kleiner See. h P e e Fünftes Kapitel. Der fechtende Gallagher. Der Gefangene ward in ein feſtes, fenſterloſes Blockhaus geſperrt. Der Zutritt zu ihm mußte ziem⸗ lich leicht ſein, beſonders für Die, welche Epauletten trugen. Es war meine Abſicht, ihn zu beſuchen; aus gewiſſen Gründen aber enthielt ich mich, dieſen Plan in Ausführung zu bringen, ſo lange es noch Tag war. Ich wünſchte, daß meine Unterredung ſo geheim als möglich ſtattfinden möchte, und wartete deßhalb auf die Nacht. Ich ward hierzu auch noch durch andere Gründe beſtimmt— ich hatte alle Hände voll zu thun, denn mit Arens Ringzold war ich noch nicht fertig. Es koſtete mir Mühe, mich für ein beſtimmtes Verfahren zu entſcheiden. Mein Gemüth war ein . — 42— Chaos von Gemüthsbewegungen: Haß gegen die Verſchwörer— Entrüſtung über die ungerechte Hand⸗ lungsweiſe des Agenten gegen Oceola— Liebe zu Maümee— bald zärtlich und vertrauensvoll— bald zweifelnd und eiferſüchtig. Wie konnte ich unter ſolcher Verwirrung mit Klarheit denken! Dennoch aber behauptete eins dieſer Gefühle den Vorrang— Zorn gegen den Böſewicht, der mir nach dem Leben trachtete, war in dieſem Augenblicke die ſtärkſte Leidenſchaft in meiner Bruſt. Eine ſo herzloſe, ſo ungerechtfertigte, ſo tödt⸗ liche Feindſchaft hatte nicht verfehlt, mir den heißen Wunſch nach Rache einzuflößen, und ich beſchloß, meinen Feind auf jede Gefahr hin zu züchtigen. Nur Der, nach deſſen Leben durch einen Meuchel⸗ mörder getrachtet worden, kann die tödtliche Anti⸗ pathie begreifen, welche ich gegen Arens Ringzold fühlte. Einen offenen Feind, welcher unter dem Impuls des Zornes, der Eiferſucht oder eingebildeten unrechts handelt, kann man achten. Selbſt die beiden weißen Schurken und den gelben Ausreißer betrach⸗ tete ich nur mit Verachtung als Werkzeuge, die ſich jedem Zwecke fügen; den Erzverſchwörer ſelbſt aber haßte und verachtete ich jetzt. Dieſes Gefühl war ſo ſtark, daß ich mich ge⸗ drungen fühlte, irgend einen Act der Vergeltung, „ — 48— eine Bemühung, meinen Beleidiger zu züchtigen, zu unternehmen. 3 Aber wie? Hierin lag die Ungewißheit. Wie? durch einen Zweikampf? Ein anderes Mittel konnte ich mir nicht denken. Der Verbrecher ward jetzt noch vom Geſetz geſchützt. Ich konnte ihn nicht anders als durch meinen eigenen Arm erreichen. Wohl erwog ich die Worte meines ſchwarzen Rathgebers, aber der treue Sklave hatte vergebens geſprochen und ich beſchloß ſeinem Rathe entgegenzu⸗ handeln, mochte nun der Zufall entſcheiden, wie er wollte. Ich ſchickte mich an, die Herausforderung ergehen zu laſſen.. Eine einzige Rückſicht bewog mich noch, zu zögern. Ich mußte Ringzold meine Gründe angeben. Gern hätte ich ſie ihm als Sterbeangedenken 4 mitgegeben; aber wenn es mir nur gelang, ihn halb zu tödten, oder wenn er mich halb tödtete, wie 5 ſtand es dann mit der Zukunft? Dann wußte er um meine Pläne und konnte ſich dieſelben zu Nutze machen, während ich jetzt, ohne daß er es ahnte, die ſeinen kannte und ſeine Anſchläge mit leichter Mühe vereiteln konnte. Solche Berechnungen gingen mir raſch durch den Kopf, obſchon ich ſie mit einer Kaltblütigkeit 4 — * 4 3 — 49— betrachtete, welche mich bei ſpäterer Ueberlegung ſelbſt überraſchte. Die Ereigniſſe, welche mir in der letzten Zeit begegnet waren, hatten— in Verbindung mit dem Haß und Zorn gegen dieſen heuchleriſchen Schurken — mich wild, kalt und grauſam gemacht. Ich war nicht mehr ich ſelbſt und, ſo gottlos es auch ſcheinen mag, ich konnte meine Sehnſucht nach Rache nicht zähmen. Ich bedurfte einen Freund und Rathgeber. Wen konnte ich zum Vertrauten meines furchtbaren Ge⸗ heimniſſes machen? Täuſchte mich nicht mein Ohr? Nein, es war die Stimme meines alten Schulkameraden Charley Gallagher. Ich hörte ſie draußen und erkannte den Klang ſeines luſtigen Gelächters. Ein Detachement Scharfſchützen war ſo eben von Charley geführt in das Fort eingerückt. Einen Augenblick ſpäter umarmten wir uns. Was konnte gelegener kommen? Charley war auf der Militairakademie mein Stubenburſche— mein Buſenfreund geweſen. Er verdiente mein Ver⸗ trauen und faſt augenblicklich machte ich ihn mit dem Stande der Angelegenheit bekannt. Es bedurfte einer langen Erklärung, um ſeinen Unglauben zu beſeitigen. Er war nämlich geneigt, Oceola. III.. 4 die ganze Sache— das heißt die Verſchwörung gegen mein Leben— als einen Scherz zu betrachten. Der Büchſenſchuß aber war wirklich gefallen und der Schwarze Jake ſtand dabei, um meine Erzählung zu beſtätigen, ſo daß mein Freund ſich endlich ver⸗ anlaßt ſah, die Sache von der ernſthaften Seite zu betrachten. „Ich muß geſtehen,“ ſagte er in ſeinem rriſchen Dialekte,„es iſt dies der merkwürdigſte Fall, der je⸗ mals in das Bereich meiner Erfahrung gekommen iſt. Der Kerl muß doch ein eingefleiſchter Teufel ſein. Haſt Du noch nicht nachgeſehen, lieber Georg, ob er nicht einen Pferdefuß hat?“ Trotz ſeines Namens und Dialektes war Charley kein geborener Irländer, ſondern nur der Sohn einer Irländerin. Er war von Geburt ein New⸗Yorker und konnte ganz gut Engliſch ſprechen, wenn er Luſt hatte; aus excentriſcher Laune aber gefiel er ſich, wenn er unter Freunden war, in dem ſo komiſchen Dialekte der Smaragdinſel und wußte dieſen mit allerhand Redefiguren zu verzieren und noch mehr 4 auszuſchmücken. 1 Er war im Ganzen genommen ein ſeltſamer Kauz, dabei aber ehrenhaft und mit einem Herzen treu wie Stahl. Dabei war er auch kein Dummkopf und ließ ſich weniger als irgend Jemand beleidigen oder hänſeln. Er war ſchon wegen ſeiner Theil⸗ nahme an zwei oder drei Affairen berühmt, in welchen er ſowohl die Hauptperſon als auch den Secundanten geſpielt und ſich den kriegeriſchen Bei⸗ namen des„fechtenden Gallagher“ erworben hatte. Ich wußte, ehe ich ihn darum fragte, daß er mir den Rath geben würde:„Fordre den Hundsfott.“ Ich machte ihn darauf aufmerkſam, daß es mir ſchwer werden würde, einen Grund für dieſe Heraus⸗ forderung anzugeben. „Das iſt wahr, lieber Freund; da haſt Du Recht. Aber dennoch würde die Sache ſich machen laſſen.“ „Wie denn?“ „Nun, der Kerl muß Dich fordern, das iſt viel beſſer und Du erhältſt dadurch zugleich die Wahl der Waffen.“ „Auf welche Weiſe aber kann ich ihn dazu bringen?“ „Ach, Du unſchuldiges Lamm! Das iſt ja ſo leicht wie nur was! Nenne ihn einen Lügner, und wenn das noch nicht unangenehm genug iſt, ſo zupfe ihn an der Naſe und ſpucke ihm Deinen Tabak in ſein häßliches Geſicht. Da wird er ſich ſchon zu einer Forderung verſtehen müſſen.— Komm', lieber Freund!“ fuhr mein bereitwilliger Rathgeber fort, 4*“ — 52— indem er ſich nach der Thür bewegte.„Wo iſt denn dieſer Mr. Ringzold zu finden? Sage mir das und ich will Dir zeigen, wie Du an ihn kommen kannſt. Raſch! raſch!“ Obſchon mir dieſer Vorſchlag nicht recht gefiel, ſo hatte ich doch auch nicht moraliſche Kraft genug, ihm Widerſtand zu leiſten, und folgte dieſem unge⸗ ſtümen Sohne eines Celten durch das geöffnete Thor. Sechſtes Kapitel. Wie man zu einem Duell reizt. Kaum waren wir draußen, ſo ſahen wir auch ſchon Den, welchen wir ſuchten. Er ſtand in kur⸗ zer Entfernung von der Vorhalle und unterhielt ſich mit einer Gruppe von Offizieren, unter welchen ſich der ſchon erwähnte Zierbengel befand, welcher unter dem angemeſſenen Namen des„Stutzer Scott“ be⸗ kannt war. Er war Adjutant des Obercomman⸗ danten und mit ihm überdies auch verwandt. Ich machte meinem Begleiter bemerklich, wer Ringzold ſei. „Der in Civilkleidung,“ ſagte ich. „O. Du brauchſt mir ihn gar nicht erſt zu be zeichnen; dieſer Schlangenblick verräth ſich ſchon — 54— ſelbſt. Dieſer Kerl braucht ſich vor keinem Sturme zu fürchten, denn das Meer erſäuft ihn nicht. Nun paß auf, lieber Georg,“ fuhr Gallagher fort, indem er ſich zu mir herumdrehete und in ernſterem Tone ſprach:„Befolge buchſtäblich meinen Rath. Erſt tritt ihm auf die Zehen und ſieh, wie ihm das ge⸗ fällt. Der Kerl muß Hühneraugen haben, denn er trägt enge Stiefel. Tritt ihn aber tüchtig, daß er gleich ſchreien. muß. Natürlich wird er von Dir ver⸗ langen, Du ſolleſt Dich entſchuldigen— das muß er— aber Du wirſt es nicht thun. Ganz gewiß wird ſich dann die Sache ohne weitere Umſtände machen. Wäre dies nicht der Fall, nun, dann ver⸗ ſetze ihm einen Stoß vor das Hinterkaſtell.“ „Nein, Gallagher,“ ſagte ich, denn dieſes Programm gefiel mir durchaus nicht,„ſo geht es nicht.“ 44 „ Warum denn nicht? Du wirſt doch nicht etwa wieder zurücktreten wollen? Bedenke doch! Ein Kerl, der Dich hat ermorden wollen und es vielleicht auch früher oder ſpäter⸗ thun wird, wenn Du ihn entwiſchen läſſeſt!“ „Das iſt wohl wahr, aber—“ „Ach, ſchweig, doch mit Deinem Aber. Vor⸗ würts und laß uns ſehen, wovon die Leutchen ſpre⸗ 3. S“ —— — 55— chen. Ich werde Dir eine Gelegenheit verſchaffen, oder mein Name iſt nicht Gallagher.“ 5 Immer noch unſchlüſſig, wie ich verfahren ſollte, ging ich hinter meinem Begleiter drein und trat mit zu der Gruppe von Offizieren. Natürlich fiel es mir nicht ein, Gallagher’s Rathe folgen zu wollen. Ich hoffte, daß irgend eine Wendung in der Converſation mir die Gelegenheit verſchaffen würde, die ich wünſchte, ohne daß ich zu ſo rohen Extremen zu ſchreiten brauchte. Meine Hoffnung täuſchte mich auch nicht. Arens Ringzold ſchien ſein Schickſal zu verſuchen; denn kaum war ich mit zu der Gruppe hinzugetreten, ſo fand ich auch ſchon hinreichende Urſache zu meinem Zwecke. „Da wir eben von indianiſchen Schönheiten ſprechen,“ ſagte er,„ſo muß man geſtehen, daß Nie⸗ mand ſo viel Glück unter ihnen gemacht hat wie Scott hier. Er hat den Don Juan geſpielt, ſeitdem er in das Fort gekommen iſt.“ „O!“ rief einer der kürzlich angelangten Offi⸗ ziere,„das nimmt uns nicht Wunder. Er hat ſich in dieſer Hinſicht ausgezeichnet, ſeitdem ich ihn kenne. Ein Mann, welcher unter den Schönheiten von Saratoga unwiderſtehlich iſt, wird ſicherlich mach 5 — 56— keine große Mühe haben, das Herz eines Indianer⸗ mädchens zu erobern.“ „Davon ſei't nicht allzufeſt überzeugt, Capitain Roberts. Zuweilen ſind dieſe Waldmamſells gegen uns Ritter mit den bleichen Geſichtern ſehr ſchüch⸗ tern. Lieutenant Scott's gegenwärtiges Liebchen koſtete ihm eine lange Belagerung, ehe er ſie beſiegen konnte. Iſt es nicht ſo, Lieutenant?“ „Ach, dummes Zeug!“ entgegnete der Stutzer mit ſelbſtgefälligem Lächeln. 3 „Aber endlich ergab ſie ſich doch, nicht wahr?“ ſagte Roberts, indem er ſich fragend zu Scott wendete. Der Stutzer gab keine Antwort; ſein Lächeln aber hatte offenbar den Zweck, die Stelle einer Be⸗ jahung zu vertreten. „Ja wohl,“ miſchte Ringzold ſich ein,„ſie er⸗ gab ſich endlich und iſt jetzt, wie man ſagt, die Fa⸗ voritin.“ „Ihr Name— ihr Name!“ „Powell— Miß Powell.“ „Was? Dieſer Name i*ſt doch nicht indianiſch.“ „Nein, meine Herren— die Dame iſt auch keine Wilde, wie ich Ihnen verſichern kann. Sie — 57— kann ſpielen und ſingen und auch leſen und ſchrei⸗ ben— ganz allerliebſte Liebesbriefchen. Iſt es nicht ſo, Lieutenant?“ Ehe der Letztere antworten konnte, ſprach ein Anderer: „Iſt das nicht der Name des jungen Häupt⸗ lings, welcher ſo eben feſtgenommen worden iſt?“ „Allerdings,“ antwortete Ringzold,„ſo iſt der Name des Burſchen. Ich hatte vergeſſen zu ſagen, daß ſie ſeine Schweſter iſt.“ „Wie, die Schweſter von Oceola?“ „Weder mehr noch weniger— ſie iſt ein Halb⸗ blut wie er. Unter den Weißen ſind ſie unter dem Namen Powell bekannt, denn dies war der Name des würdigen alten Herrn, der ſie gezeugt hat. Oceola, was die„Aufgehende Sonne“ bedeutet, iſt der Name, unter welchem er unter den Seminolen bekannt iſt, und ihr indianiſcher Name iſt ebenfalls ein ſehr hübſcher.“ „Wie lautet er denn? Laſſen Sie uns ihn hören, damit wir ſelbſt urtheilen können.“ „Maümee.“ „Das iſt wirklich ein ſehr hübſcher Name.“ „Ja wohl! Wenn das Mädchen nur halb ſo hübſch iſt, wie ihr Name, ſo e Scott ein glüclicher Kauz.“ „O, ſie iſt ein wahres Wunder von Schönheit. — Ihre Augen ſchwimmen wie im flüſſigen Feuer der Liebe; ihre Lippen ſind lecker und ſüß wie Honig⸗ waben; ihre Geſtalt iſt lang, die Büſte voll und feſt; ihr Gliederbau iſt wie der der cypriſchen Göttin, und ihre Füße gleichen denen Aſchenbrödels— mit Einem Worte, ſie iſt die Vollkommenheit ſelbſt.“ „Aber, Scott, dann ſind Sie wirklich der glück⸗ lichſte Sterbliche, den es giebt. Indeſſen geſtehen Sie, Ringzold! Sprechen Sie im Ernſte? Hat er wirklich dieſe indianiſche Gottheit beſiegt? Hat er Erfolge errungen? Sie verſtehen, was ich meine?“ „Ganz gewiß,“ lautete die raſche Antwort. Bis zu dieſem Augenblicke hatte ich mich nicht eingemiſcht. Die erſten Worte der Converſation hatten mich gefeſſelt wie ein Zauberſpruch, und ich ſtand wie angewurzelt. Der Kopf ſchwindelte mir, und in meinem Herzen war es, als ob geſchmolzenes Blei anſtatt des Blutes pulſirte. Die kühnen Behauptungen hatten mich ſo betroffen gemacht, daß es einige Zeit dauerte, ehe ich wieder Athem be⸗ kam, und mehr als einer der Umſtehenden be⸗ merkte die Wirkung, welche das Geſpräch auf mich äußerte. 4 Nach kurzer Zeit ward ich ruhiger oder viel⸗ „—— mehr entſchloſſener. Gerade die Verzweiflung, welche in meiner Bruſt erwacht war, hatte die Wirkung, daß ſie meine Nerven ſtählte, und gerade, als Ring⸗ zold die ſchlüpfrige Behauptung ausſprach, war ich für ihn bereit. „Lügner!“ rief ich, und ehe noch die Röthe in ſeine Wange emporſteigen konnte, verſetzte ich ihm mit der umgewendeten Hand einen Schlag darauf, der ohne Zweifel dazu beitrug, die Farbe zu erhöhen.. „Sehr ſchön gemacht!“ rief Gallagher.„Darü⸗ ber kann kein Mißverſtändniß obwalten.“ Es waltete auch keins ob. Mein Gegner nahm die That für das an, was ſie ſein ſollte — eine tödtliche Beleidigung. In ſolcher Umge⸗ bung konnte es nicht anders ſein, und indem er einige unverſtändliche Drohungen murmelte, ging er, von ſeinem ſpeciellen Freunde, dem Don Juan, und zwei oder drei Anderen begleitet, von dem Platze hinweg. Der Vorfall äußerte, anſtatt eine größere Menge herbeizulocken, die entgegengeſetzte Wirkung. Er zerſtreute die kleine Gruppe, welche Augenzeugen deſſelben geweſen. Die Offiziere zogen ſich in das Fort zurück, um ſich über die Beweggründe zu meiner That zu unterreden und Vermuthungen — 60— über die Frage anzuſtellen, wann und wo die Sache wohl ausgefochten werden würde. Gallagher und ich verließen den Platz eben⸗ falls und begannen uns in meinem Quartier auf das kommende Ereigniß vorzubereiten. Siebentes Kapitel. 8 Die Herausforderung. Zu der Zeit, von welcher ich ſchreibe, war das Duelliren in der Armee der Vereinigten Staaten nichts Ungewöhnliches. In Kriegszeiten iſt es auch jetzt noch ſelten, wie ich aus kürzlicher Erfahrung bezeugen kann. Es iſt den Geſetzen des amerikani⸗ ſchen Militairdienſtes eben ſo zuwider wie, glaube ich, jedem andern Militairgeſetze in der civiliſirten Welt. Trotzdem wird eine Verletzung dieſes Geſetzes in dieſer Hinſicht gewöhnlich mit Nachſicht betrachtet und öfter vertuſcht als beſtraft. So Viel wenigſtens kann ich verſichern, daß jeder Offizier in der ame⸗ rikaniſchen Armee, welcher ein Lügner genannt wor⸗ den iſt, in der Uebertretung dieſes Geſetzes mehr Ehre finden wird, als in der Beobachtung deſſelben. — 62— Nach Allem, was über das Duell geſagt und geſchrieben worden, iſt das Geſchrei dagegen eine elende Spiegelfechterei, wenigſtens in den Vereinigten Staaten von Amerika— weiter Nichts, als ſüperbe Heuchelei. So allgemein auch die Verdammung des Duells ausgeſprochen worden, ſo möchte ich mich doch nicht dahinter flüchten. Ich weiß, daß ſie mich nicht davor ſchützen würde, mit dem häßlichen Na⸗ 4 men eines Feiglings belegt zu werden. Ich habe wenigſtens wiederholt bemerkt, daß die Zeitungen, welche in ihren Declamationen gegen das Duell ieim lauteſten ſind, auch gewöhnlich die ſind, welche Dem, der ſich nicht ſchlagen will, den Namen einer„Memme“ in’'s Geſicht ſchleudern. Es iſt einmal ſo. In Amerika findet der mora⸗ liſche Muth, obſchon man ihm viele Lobſprüche ſpendet, nicht bereitwilligen Glauben. Eine Wei⸗ 1 gerung, ſich auf eine ergangene Forderung zu ſtellen, wird nicht auf dieſe Weiſe erklärt. Man nennt es „den Kopf aus der Schlinge ziehen“,„klein zugeben“, „Chamade ſchlagen“ u. ſ. w., und der Mann, wel⸗ cher dies thut, darf ſeiner Geliebten nicht wieder vor die Augen kommen— ſie würde ihn„mit ihren Strumpfbändern peitſchen.“ 3 Mehr als ein Mal habe ich dieſe Drohung v. ſchönen Lippen und mitten in einem glänzenden 7 — 65— „Jetzt nicht, mein Freund. Wenn es vorüber iſt, werde ich mich genauer erklären.“ „Gut, lieber Freund. Charley Gallagher iſt nicht der Mann, der Deine Geheimniſſe ſtört. Laß uns jetzt nach unſeren Bullenbeißern ſehen und uns überzeugen, daß ſie in geeignetem Zuſtande ſind, um tüchtig beißen zu können. Ich hoffe nur, daß die Kerls nicht etwa im Hauptquartier von der Sache plappern und uns um die ganze Geſchichte bringen.“ Das war auch meine einzige Furcht. Ich wußte, daß Verhaftung möglich— wahrſcheinlich — ja gewiß war, wenn mein Gegner es wünſchte. Meine Verhaſtung aber hätte der Sache ein Ende gemacht, und ich hätte mich dann in einer ſchlim⸗ mern Lage befunden als vorher. Ringzoldes Vater war fort; dieſen günſtigen Umſtand hatte ich ermittelt; aber deßwegen war die Sache immer noch nicht ſicher. Der Obercomman⸗ dant war der Freund der Familie— ein Wort in ſein Ohr wäre hinreichend geweſen. Ich fürchtete, „daß der Adjutant Scott, von Arens inſtruirt, dieſes Wort flüſtern würde. „Er wird es aber nicht wagen,“ ſagte Gallagher. „Du haſt die Sache zu gut gemucht. Er wird nicht wagen, ſich ſchmuzig zu zeigen. Es könnte heraus⸗ kommen und dann könnte er ſich nur gratuliren. Oceola. III. 5 — 66— Ueberdies iſt es ja ſein Wunſch, Dich umzubringen, und er ſollte daher eigentlich froh ſein über dieſe ſchöne Gelegenheit, die Du ihm dazu giebſt. Er iſt kein ſchlechter Schütze, ſagt man. Alſo nur nicht ängſtlich, Georg. Er kann den Kopf nicht aus der Schlinge ziehen.— Er muß ſich ſchlagen und er wird ſich ſchlagen. Ha! ſagte ich es nicht! Sieh“, dort kommt der Apollo von Belvedere! Heiliger Moſes! wie Phöbus ſcheint!“ Es ward an meine Thür gepocht; ich rief: „Herein!“ die Thür öffnete ſich und der Adjutant erſchien in voller Uniform „Er will mich verhaften,“ dachte ich, und der Muth entſank mir. Aber nein; das friſch geſchriebene Billet verrieth einen andern Zweck und ich fühlte mich Krleichtent Es war die Herausforderung. „Sie ſind der Lieutenant Randolph, nicht wahr?“ ſagte der Adjutant, indem er auf mich zukam. Ich zeigte auf Gallagher, gab aber keine Ant⸗ worl. 8 „Soll dies bedeuten, daß Capitain Gallagher 3 Ahr Freund und Secundant iſt?“. Ich nickte. — 67— Die Beiden näherten ſich einander und begannen die Sache kaltblütig und freundlich zu beſprechen. Meine Erfahrung berechtigt mich, die Behaup⸗ tung auszuſprechen, daß die Höflichkeit, welche die Secundanten bei einem Duell gegen einander an den Tag legen, ſelbſt von den vollendetſten Höflingen in der Welt nicht übertroffen werden kann. Die Zeit, welche auf das Geſchäft zu verwen⸗ den war, dauerte nicht lange. Gallagher hatte Routine in der Sache, und ich ſah, daß der Adju⸗ tant ebenfalls nicht unbekannt damit war. Binnen fünf Minuten war Alles beſprochen— Zeit, Ort, Waffen und Diſtanz. Ich nickte; Gallagher machte eine tiefe Ver⸗ beugung; der Adiutant verneigte ſich ſteif und ver⸗ ließ mein Zimmer. ** * Ich will den Leſer nicht mit meinen Betrach⸗ tungen vor dem Duell noch mit vielen Einzelnhei⸗ ten der Sache felbſt langweilen. Schilderungen von dergleichen Kämpfen kommen in Büchern ſehr häufig vor, und ihre genaue Aehnlichkeit mag mir zur Entſchuldigung gereichen, daß ich dieſe Schilde⸗ rungen nicht noch um eine vermehre. 5* Schlag. Unſer Kampf unterſchied ſich von der gewöhn⸗ lichen Art blos durch die Waffe, der wir uns bedienten. Wir ſchlugen uns auf Kugelbüchſen, anſtatt auf Degen oder Piſtolen— es war meine Wahl— denn ich war der Geforderte. Ich hatte das Recht, aber mein Gegner war gern damit ein⸗ verſtanden, denn er war in dem Gebrauche der Büchſe eben ſo bewandert als ich. Ich wählte dieſe Waffe, weil ſie die tödtlichſte war. Die feſtgeſetzte Zeit war eine Stunde vor Son⸗ nenuntergange. Ich hatte dieſe baldige Entſcheidung verlangt, weil ich immer fürchtete, daß wir unter⸗ brochen werden könnten. Der Ort war ein ebener Platz am Rande des kleinen Teiches, wo ich Haj⸗Ewa getroffen— die Entfernung war zehn Schritte. Wir fanden uns ein— nahmen, einanber den Rücken zukehrend, unſere Stellungen— warteten auf das verhängnißvolle Signal:„Eins, zwei, drei,“ — empfingen es, drehten uns raſch herum und gaben Feuer auf einander.— Ich hörte das Ziſchen der bleiernen Kugel, als ſie an meinem Ohre vorbeiſauſ'te, fühlte aber keinen Der Rauch verzog ſich. Ich ſah meinen Geg⸗ ner auf der Erde liegen— er war nicht todt— er krümmte ſich und ſtöhnte. Die Secundanten und — 69— mehrere Zuſchauer, welche mit zugegen waren, lie⸗ fen auf ihn zu; ich aber blieb auf meinem Platze ſtehen. Mun, Gallagher?“ fragte ich, als mein Freund zu mir zurückkam. „Du haſt ihn dicht über dem Ellnbogen in den rechten Arm getroffen.“ „Weiter Nichts?“ „Na, iſt das nicht genug? Höre, wie der Hund winſelt!“ Es war mir zu Muthe, wie wahrſcheinlich dem Tiger zu Muthe iſt, nachdem er einmal Blut ge⸗ koſtet, obſchon ich mir meine Wildheit jetzt nicht er⸗ klären kann. Mein Feind hatte nach meinem Leben getrachtet— ich dürſtete nach dem ſeinen. Dieſer Gedanke hatte in Verbindung mit dem andern mich faſt zum Wahnſinn getrieben. Ich war nicht zufriedengeſtellt und wollte keine darauf gerichtete Erklärung abgeben. Mein Gegner dagegen hatte genug, und es lag ihm daran, unter irgend einer Bedingung vom Platze hinweggeſchafft zu werden. Somit war die Sache zu Ende. Es war mein erſtes Duell, aber nicht mein letztes. Achtes Kapitel. Das Stelldichein. Unſere Gegner gingen ſchweigend fort— die Zuſchauer mit ihnen— während mein Secundant und ich auf dem Platze zurückblieben. Es war meine Abſicht, bei dem kleinen See zu bleiben. Ich gedachte der von Haj⸗Ewa an mich ergangenen Einladung. Wenn ich blieb, ſo erſparte ich den doppelten Weg. Beſſer war es, wenn ich wartete, bis ſie kam. Ein Blick nach dem weſtlichen Horizonte zeigte mir, daß die Sonne ſchon hinter den Wipfeln der Bäume hinabgeſunken war; die Däm⸗ merung war jedenfalls kurz. Der junge Mond ſtand ſchon am Himmel. Vielleicht dauerte es nur wenige Minuten, bis Haj⸗Ewa kam. Ich beſchloß zu bleiben. — Ich wünſchte nicht, daß Gallagher bei mir bliebe, und gab daher den Wunſch zu erkennen, allein zu ſein. Mein Begleiter ward durch dieſe Bitte ein wenig überraſcht und betroffen, doch beſaß er zu viel Lebensart, um ſich nicht ſofort darein zu fügen. „Aber, Georg, lieber Freund,“ ſagte er, als er im Begriff ſtand, ſich zu entfernen,„ganz gewiß fehlt Dir Etwas. Iſt das Duell nicht ganz nach Deiner Zufriedenheit ausgefallen? Ich weiß, Du biſt ärgerlich, daß Du ihn nicht todtgeſchoſſen haſt. Meiner Treu, Du machſt ein ſo trauriges Geſicht, als ob er Dich todtgeſchoſſen hätte!“ „Lieber Freund, laß mich allein. Wenn ich wieder in's Quartier zurückkomme, ſollſt Du die Urſache meiner Niedergeſchlagenheit erfahren und warum ich mich jetzt von Deiner angenehmen Geſell⸗ ſchaft zu trennen wünſche.“ „O, ich kann es faſt errathen,“ entgegnete er mit bedeutſamem Gelächter;„wenn Schüſſe gewechſelt werden, ſo iſt alle Mal eine Schürze mit im Spiel. Doch laß das nur gut ſein— ich bin nicht böſe, wenn Du mir Deine Geheimniſſe nicht anvertrauſt, deenn ich verſtehe nicht, ſie zu bewahren. Natürlich wirſt Du jetzt beſſere Geſellſchaft bekommen als die meinige iſt. Nach Dem, was Du mir geſagt, liegt dies gar nicht außerhalb der Grenzen der Wahr⸗ ſcheinlichkeit.“ Indem mein Freund dies ſagte, machte er eine kleine ſilberne Pfeife von einem Knopfe ſeines Rockes los und überreichte ſie mir. „Wenn ſich irgend ein Uebelſtand oder eine Unannehmlichkeit ereignen ſollte,“ fuhr er fort,„ſo ſetze dieſe Pfeife an den Mund und Charley Gallagher wird an Deiner Seite ſein, ehe Du Jack Robinſon ſagen kannſt. Alſo, Cupido möge Dir günſtig ſein. Ich will mittlerweile gehen und mir die Zeit bei einem Glaſe Negus vertreiben.“ Mit dieſen Worten überließ mich mein gut⸗ müthiger Freund mir ſelbſt. Ich hörte auf, an ihn zu denken, ehe er meinen Augen entſchwunden war. Selbſt der blutige Kampf, an welchem ich ſo eben betheiligt geweſen, entſchwand aus meinen Gedanken. Maümee— ihre Untreue und ihr Fall— beſchäftigten allein meine Gedanken. Eine lange Weile zweifelte ich nicht an Dem, was ich gehört. Wie konnte ich auch, wo ſo um⸗ ſtändliche Beweiſe vorlagen— das Zeugniß Derer, welche von dem Scandal Kenntniß hatten, des Hauptthäters, deſſen ſchweigendes Lächeln mehr ver⸗ rieth als Worte— jenes triumphirende Lächeln— warum hatte ich es ohne Herausforderung vorüber⸗ — * — 73— gehen laſſen? Es war noch nicht zu ſpät— ich wollte den Menſchen auffordern, ſich rund heraus und ohne Umſchweife zu erklären. Ja oder Nein. Sagte er Ja, nun dann war ein zweites Duell vor der Thür, tödtlicher als das erſte. Trotz dieſer Entſchlüſſe, meinen Nebenbuhler zu einer Erklärung zu zwingen, zweifelte ich nicht an der verdammenden Wahrheit. Ich war bemüht, mich in dieſe Tortur zu fügen. Lange lag meine Seele ſo auf der Folter— über eine Stunde lang. Dann, als mein Blut kälter ward, tauchten Gedanken von ruhigerer Art in meinem Gemüthe auf und dann und wann erfuhr ich den beſchwichtigenden Einfluß der Hoffnung, ganz beſonders wenn ich an die Worte Haj⸗Ewa's dachte, die ſie in der vorigen Nacht geſprochen. Die Wahnſinnige hatte doch nicht etwa meiner geſpottet? Ganz gewiß war es nicht ein Traum ihres wahnſinnigen Gehirns, ein verzerrtes Spiegel⸗ bild des Gedächtniſſes— der Erinnerung an irgend einen längſt vergangenen, längſt vergeſſenen Auftritt, an den nur noch ſie dachte. Nein, nein; ihre Ge⸗ ſchichte war nicht verzerrt— ihre Gedanken waren nicht wahnſinnig— ihre Worte waren kein Spott. Wie ſüß war es, dies zu denken! 3 Ja— ich begann Anwandlungen von ſanften, 9 1 — 74— von mehr als ſanften— von angenehmen Gedanken zu empfinden. Ach, ſie entſchwanden ſehr bald wieder! Die Erinnerung an jene kecken Worte— an jene lächeln⸗ den Hindeutungen zerſtreuete oder verfinſterte ſie wieder, wie Flecken die Sonne verfinſtern. Er hatte Erfolge errungen— ſie war jetzt ſeine Favoritin— „Ganz gewiß“— dieſe Worte waren ſchlimmer als der Tod. Dennoch aber verdiente ein ſolches Zeugniß nicht, daß man feſten Glauben darauf bauete. Ich ſehnte mich nach Licht— nach jenem wahren Lichte— dem Augenſchein der Sinne— welcher Nichts ungewiß läßt. Ich wollte es mit raſcher Geradheit ſuchen, ohne Rückſicht auf den Ausgang, bis es ihre ganze Geſchichte beleuchtete, und bewies, daß die Vergangenheit eine Schmach, die Zukunft ein Chaos wilder Verzweiflung war. Ich ſehnte mich nach Licht— ich ſehnte mich nach Haj⸗Ewa's Ankunft. Ich wußte nicht, was die Wahnſinnige von mir wollte— wahrſcheinlich Etwas in Bezug auf den Gefangenen. Seit Mittag hatte ich wenig an ihn gedacht. Die wahnſinnige Königin ging überall hin und kannte Jeden und Alles— ſie ver⸗ ſtand auch Alles— und verſtand es gut, denn auch ſie war ja verrathen worden. Ich begab mich nach dem Platze, wo wir uns — — 715— am Abend vorher getroffen. Dort konnte ich ſie erwarten. Ich überſchritt die kleine Anhöhe zwiſchen den Stämmen der Palmetto's. Es war der gerade Weg nach der ſchattigen Seite des kleinen Sees. Ich ging den Abhang hinunter und ſtand wie vorher unter den ſich ausbreitenden Armen der Lebenseiche. Haj⸗Ewa ſtand vor mir. Ein einziger ſchräg durch die Blätter fallender Mondſtrahl beleuchtete ihre majeſtätiſche Geſtalt. In dieſem Lichte funkelten die beiden Schlangen mit metallähnlichem Glanze und es war, als ob Hals und Leib der Wahnſinnigen mit koſtbaren Juwelen umgürtet wäre. „Hinklas, ſchöner Mico! Du biſt da! Tapferer Mico! wo war Dein Auge und Dein Arm, daß Du den Iste hulwa nicht tödteteſt? „Ach, der Jäger des Rehes, Er war ſo betroffen von Furcht, Als er ſtand vor dem Wolf, Dem blutgierigen, böſen Wolf; Als er ſah den ſchnaubenden Wolf, Zitterte er ſo vor Furcht, Daß unverletzt der grimmige Wolf davonlief.“ „Ha, ha, ha! War es nicht ſo, wackerer Mico?“ „Es war nicht Furcht, was mich hinderte, Ewa. Ueberdies kam auch der Wolf nicht unver⸗ ſehrt davon.“ „Ho! der Wolf iſt in's Bein verwundet worden — er wird ſich aber wieder geſund lecken— er wird ſo ſtark ſein wie je. Hulwak! Du hätteſt ihn tödten ſollen, ſchöner Mico, ehe er die ganze Meute über Dich bringt.“ „Wer kann für Mißgeſchick? ich bin in jeder Hinſicht unglücklich.“. „Coree, coree— nein. Du ſollt glücklich ſein, junger Mico; Du ſollſt glücklich werden, Freund der rothen Seminolin— warte, bis Du ſiehſt—“ „Was ſoll ich ſehen?“ „Geduld, chepawnee! Heute Nacht unter dieſen 1 ſelben Baume wirſt Du ſehen, was ſchön iſt— wirſt Du ſehen, was ſüß iſt— und vielleicht wird Haj⸗ Ewa gerächt werden.“ Dieſe letzten Worte wurden mit ernſtem Nach⸗ druck und in einem Tone geſprochen, welcher ein ſtarkes Gefühl des Grolles gegen eine unbekannte 3 Perſon verrieth. Ich konnte die Art und Weiſe der erwarteten Rache nicht begreifen.“ 5 „Sein Sohn— ja,“ fuhr die Wahnſinnigg jetzt mit ſich allein ſprechend fort,„er muß es ſein — er muß. Seine Augen, ſein Haar, ſeine Geſtalt, ſein Gang, ſein Name; ſein Sohn und der ihrige. O, Haj⸗Ewa wird Rache finden.“ — — 7— War ich vielleicht ſelbſt der Gegenſtand dieſer Drohung? Ein ſolcher Gedanke kam mir ein. „Gute Ewa! von wem ſprecht Ihr 2“¹ Durch meine Stimme wieder aufgerüttelt, ſah ſie mich mit verſtörtem Blicke an und ſtimmte dann ihren gewöhnlichen Geſang an: „Warum traute ich einem bleichen Geſicht, Ho, ho, ho!“ u. ſ. w. Plötzlich ſchwieg ſie. Sie ſchien ſich wieder zu beſinnen und verſuchte meine Frage zu beantworten. „Von wem ich ſpreche, junger Mico?— von ihm, dem Schönen,— dem Gottloſen— dem Falſchen— dem Wykome hulwa*). Sieh'! er kommt, er kommt! Sieh' ihn im Waſſer. Ho, ho! er iſt es; Auf, junger Mico; auf in Deine blatt⸗ reiche Laube. Warte, bis Ewa kommt! Höre, was Du hören kannſt— ſieh', was Du ſehen kannſt; aber ſo lieb Dir Dein Leben iſt, rühre Dich nicht, bis ich das Zeichen gebe. Hinauf! hinauf! hinauf!“ Gerade ſo, wie am Abend vorher, glitt die Wahnſinnige, nachdem ſie mich halb in die Aeſte der Lebenseiche hinaufgehoben, in den Schatten hinweg. Ich verlor keine Zeit, wieder meine frühere *) Der böſe Geiſt. —-— — 78— Poſition einzunehmen, wo ich ſtill und erwartungs⸗ voll ſaß.. Der Schatten war kürzer geworden, aber es war noch genug davon da, um mir zu zeigen, daß es die Stimme eines Mannes war. Noch ein Au⸗ genblick, und er war verſchwunden. Nur wenige Secunden waren vergangen, ſo ward ein zweiter Schatten auf das Waſſer geworfen, der über die Anhöhe näher kam und gleichſam der Spur des erſten folgte, obſchon die beiden Perſonen nicht zuſammen zu gehören ſchienen. Dieſen zweiten Schatten konnte ich ſeinen vollen Umriſſen nach verfolgen. Es war die Geſtalt eines Weibes, einer Perſon, deren aufrechte und unge⸗ zwungene Haltung bewies, daß ſie jung war. Selbſt der Schatten zeigte eine gewiſſe Symmetrie der Formen und Anmuth der Bewegung, welche mit dem Alter nicht vereinbar war. War es wieder Haj⸗Ewa? War ſie rund um das Dickicht herumgegangen und folgte ſie jetzt den Tritten des Mannes? Einen Augenblick lang glaubte ich dies, bald aber bemerkte ich, daß ich mich getäuſcht hatte. Der Mann kam näher unter den Baum. Der⸗ ſelbe Mondſtrahl, der nur einen Augenblick vorher auf Haj⸗Ewa gefallen war, ſiel jetzt auf ihn und ich — 79— ſah ihn mit hinreichender Deutlichkeit— es war der Adjutant. Er blieb ſtehen, zog ſeine Uhr heraus, hielt ſie gegen das Licht und ſchien genau die Stunde zu ermitteln. Ich achtete jedoch nicht weiter auf ihn; ein zweites Geſicht erſchien unter dieſem ſilbernen Strahle — falſch und glänzend, wie dieſer Strahl ſelbſt. Es war das Geſicht, welches mir das liebreizendſte auf der Welt zu ſein ſchien— das Geſicht Maümee's. Ueuntes Kapitel. Eine Aufklärung. Dies waren alſo die Schatten auf dem Waſſer, welche Haj⸗Ewa mir verſprochen— ſchwarze Schat⸗ ten auf meinem Herzen! Wahnſinnige Königin der Micoſaucs! Was habe ich gethan, um dieſe Qual zu verdienen? Auch Du mein Feind? Wäre ich Dein tödtlichſter Gegner ge⸗ weſen, ſo hätteſt Du kaum einen ſchärferen Stachel für Deine Rache finden können! Auge im Auge ſtanden Maümee und ihr Geliebter — Verführte und Verführer. Ich hatte an der Per⸗ ſönlichkeit Beider keinen Zweifel. Das Mondlicht fiel auf Beide— nicht mehr mit ſanftem ſilbernem Lichte, ſondern roth und grell ſchimmernd, gleich den Lichtern in einem Bagno. Es war vielleicht nur eine Täuſchung— der Widerſchein einer entflamm⸗ ten Phantaſie, welche mich von innen heraus gefan⸗ gen nahm, aber mein Glaube an ihre Unſchuld war dahin— hoffnungslos dahin; ſogar die Luft ſchien von ihrer Schuld verpeſtet zu werden— die Welt ſchien ein Chaos von Verworfenheit und Schmach. Ich hatte keinen andern Gedanken, als daß ich einem vorher verabredeten Stelldichein beiwohnte. Wie konnte ich auch etwas Anderes denken! Keins von Beiden ließ eine Spur von Ueberraſchung blicken, als ſie ſich einander näherten. Sie ſahen ſich, wie Perſonen, welche verſprochen haben, zu kommen— die einander ſchon auf dieſe Weiſe getroffen haben. Augenſcheinlich erwartetsEins das Andere. Obſchon andere Gemüthsbewegungen ſich zu erkennen gaben, ſo war doch nicht der mindeſte Anſchein von Neuheit bei dieſer Begegnung vorhanden. Für mich war es eine furchtbare Kriſis. Die Angſt und Furcht eines ganzen Lebens in den Raum einer einzigen Minute zuſammengedrängt, hätte nicht unerträglicher ſein können. Das Blut ſchien mir das Herz zu verbrennen, während es hindurchſtrömte. Dieſer Schmerz war ſo heftig, daß ich mich kaum enthalten konnte, laut aufzuſchreien. Eine Anſtrengung— eine gewaltige, entſchloſ⸗ ſene Anſtrengung, und der Krampf war vorüber. Oeocla. III. 6 —— — 82— Feſt meine Nerven anſpannend— feſt die Aeſte des Baumes packend— klammerte ich mich an meinen Sitz, entſchloſſen, mehr zu erfahren. Es war dies ein glücklicher Entſchluß. Hätte ich in dieſem Augenblicke dem wilden Impulſe der Leidenſchaft nachgegeben und eine rückſichtsloſe Rache zu nehmen geſucht, ſo hätte ich mir wahrſcheinlich ſelbſt ein langes Leben der Reue und des Schmerzes bereitet. Die Geduld war mein Schutzengel und das Ende kam ganz anders. Nicht ein Wort, nicht eine Bewegung, nicht ein Hauch! Was werden ſie ſagen? Was werden ſie thun?. Meine Situation glich der des Mannes, dem das Schwert über dem Haupte hing. Indeſſen, wenn ich mir die Sache recht überlege, ſo iſt das Gleichniß nicht bloß ein abgenuutztes, ſondern auch ein unrichtiges. Das Schwert war ſchon gefallen, es konnte mich nicht mehr verwunden. Ich war wie gelähmt an Körper und Geiſt, unempfänglich für noch weiteren Schmerz.* Kein Wort— keine Bewegung— kein Hauch. Was werden ſie ſagen?— Was werden ſie thun? Das Licht des Mondes ruht voll auf Maümee. Ich ſehe ſie vom Kopf bis zum Fuße. Wie iſt ſie gewachſen!— ein Weib in allen vollſtändigen — 83— Umriſſen. Und ihre Liebenswürdigkeit hat mit ihrem Wachsthume Schritt gehalten. Ja, ſie iſt lieblicher als je. Dämon der Eiferſucht! biſt Du nicht zufrieden mit Dem, was Du ſchon gethan haſt? Hab' ich nicht genug gelitten? Warum haſt Du ſie mir in ſo bezaubern⸗ der Geſtalt gezeigt? O daß ſie häßlich und mit Run⸗ zeln bedeckt wäre— wie ſie noch werden wird! Auch nur ſie ſo zu ſehen, wäre eine Genugthuung, eine Schmerzlinderung für meine gequälte Seele. Aber es iſt nicht ſo. Ihr Geſicht iſt ſchön— nie war es ſchöner. Sanft und unſchuldig wie immer— nicht eine Linie von Schuld läßt ſich in dieſen ſanften Zügen auffinden— nicht ein Schim⸗ mer von Böſem weilt in dieſem runden, rollenden Auge! Die Engel des Himmels ſind ſchön, aber ſie ſind auch gut. O, wer könnte glauben, daß das Verbrechen ſich hinter ſolchem Liebreiz verſtecken würde! Man glaube nicht, daß dieſe Betrachtungen viel Zeit beanſpruchten. In wenigen Secunden zuckten ſie durch meinen Sinn, denn der Gedanke iſt ſchneller als der electriſche Schlag. Sie durchzuckten mich, während ich darauf wartete, die erſten Worte zu hören, welche zu meinem Erſtaunen einige Augen⸗ blicke lang ungeſprochen blieben. Zu meinem Erſtau⸗ nen, ſage ich, denn ich hätte nicht auf dieſe Weiſe 6 1* — 84— mit ihr zuſammentreffen können. Mein Herz wäre auf meiner Zunge geweſen. und meine Lippen— Jetzt weiß ich es. Der heiße Ausbruch der Lei⸗ denſchaft iſt vorüber— die Fluth der Liebe iſt ge⸗ fallen— eine ſolche Zuſammenkunft iſt nichts Neues mehr. Vielleicht wird der Wüſtling ihrer ſchon über⸗ drüſſig. Sehet! Sie begegnen ſich mit einer gewiſ⸗ ſen Schüchternheit. Kälte iſt zwiſchen ihnen entſtan⸗ den— vielleicht ein Liebeszwiſt— denn er iſt nicht blos ein Schurke, ſondern auch ein Narr— ein Narr, daß er ſich nicht in dieſe Arme ſtürzt und ſofort den Zwiſt wieder verſöhnt. Ha, würde dieſe Gelegenheit mir geboten! Die ganze Welt ſollte mich nicht zurückhalten, die ſüße Umarmung zu ſuchen. So bitter meine Gedanken auch waren, ſo wur⸗ den ſie doch weniger bitter, als ich dieſe Haltung der Liebenden beobachtete. Es kam mir vor, als wärs ſie eine halb feindſelige. Kein Wort— keine Bewegung— kein Hauch. Was werden ſie ſagen? — was werden ſie thun? Meine Ungewißheit erreichte ihr Ende. Der Adjutant fand endlich Worte. „Liebliche Maümee! Ihr habt Euer Verſprechen gehalten.“ „Aber Ihr, Sir, wohl das Eure nicht? Nein— — 85— Ich leſe es in Euren Blicken. Ihr habt noch Nichts für uns gethan.“ „Sei't verſichert, Maümee, daß ich noch nicht Gelegenheit dazu gehabt habe. Der General iſt ſo beſchäftigt geweſen, daß es mir nicht möglich geweſen iſt, ihm die Sache vorzutragen. Aber verlieret deß⸗ wegen die Geduld nicht. Ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird, ihn zu überreden, und Euer Beſitzthum ſoll Euch, ſobald es Zeit iſt, wieder zurück⸗ gegeben werden. Sagt Eurer Mutter, ſie ſolle ſich keine Unruhe machen. Um Euretwillen, ſchöne Maümee, werde ich keine Mühe ſparen. Glaubt mir, es liegt mir an der Sache eben ſo viel als Euch ſelbſt, aber Ihr müßt die ſchroffe Gemüthsart meines Onkels kennen und überdies, daß er mit der Familie Ringzold auf dem freundſchaftlichſten Fuße ſteht. Hierin liegt eben die Hauptſchwierigkeit; aber ich fürchte nicht, daß es mir unmöglich ſein werde, ſie zu überwinden.“ „O, Sir, Eure Worte ſind ſchön, aber ſie haben für uns jetzt wenig Werth. Wir haben lange auf Euer Verſprechen gewartet, uns als Freund zur Seite zu ſtehen. Wir wünſchten bloß eine Erörterung der Sache und dieſe hättet Ihr ſchon mit leichter Mühe auswirken können. Wir fragen jetzt nicht mehr nach unſerem Beſitzthum, denn größeres Unrecht * — 86— macht uns das kleinere vergeſſen. Ich wäre heute Abend nicht hierher gekommen, wären wir nicht durch das Unglück— ich ſollte vielmehr ſagen die ſchändliche Barbarei, welche man an meinem armen Bruder verübt, in den größten Kummer verſetzt wor⸗ den. Ihr habt Freundſchaft gegen unſere Familie zu erkennen gegeben. Ich komme jetzt, ſie zu ſuchen, denn nun könnt Ihr ſie beweiſen. Verſchafft meinem Bruder die Freiheit wieder, und dann will ich die ſchönen Worte glauben, die Ihr ſo oft geſprochen habt. Sagt nicht, es ſei unmöglich. Es kann nicht einmal ſchwer für Euch ſein, da Ihr unter den wei⸗ ßen Häuptlingen in ſo großem Anſehen ſteht. Mein Bruder hat ſich vielleicht rauh und ungeſtüm benom⸗ men, aber er hat kein Verbrechen begangen, welches eine harte Strafe verdiente. Ein Wort von Euch zu dem großen Kriegshäuptling, und er würde in Frei⸗ heit geſetzt werden. Gehet denn und ſprecht die⸗ ſes Wort!“. „Reizende Maümee! Ihr wißt nicht, was Ihr von mir verlangt. Euer Bruder iſt Gefangener auf Befehl des Agenten, und der Obercommandant muß dieſen Befehl reſpectiren. Es iſt bei uns nicht wie bei Euern Leuten. Ich bin blos ein Untergeordneter dem Range nach, und wollte ich den Antrag ſtellen, — 87— den Ihr von mir verlangt, ſo würde ich mir einen Verweis, ja vielleicht Strafe zuziehen.“ „O, Ihr fürchtet einen Verweis dafür, daß Ihr eine That der Gerechtigkeit übt, abgeſehen von Eurer uns ſo oft gebotenen Freundſchaft! Gut, Sir, ich habe weiter Nichts zu ſagen als: wir glauben Euch nicht mehr. Ihr braucht nicht wieder in unſere beſcheidene Hütte zu kommen.“ Sie wendete ſich mit verächtlichem Lächeln ab. Wie ſchön war dieſe Verachtung! „Bleibt, Maümee— ſchöne Maümee, geht nicht ſo von mir— zweifelt nicht, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften ſteht—“ „Thut, was ich von Euch verlangt habe. Ver⸗ helft meinem Bruder zur Freiheit— laßt ihn wie⸗ der nach Hauſe zurückkehren.“ „Wenn ich dies thäte— „Nun, Sir?“ „Wißt, Maümee, daß ich Alles auf's Spiel ſetzen würde, wenn ich dies thäte. Ich könnte mei⸗ nen Rang verlieren— ich würde vielleicht zum ge⸗ meinen Soldaten degradirt— in den Augen meines Landes geſchändet— ja vielleicht durch eine Einker⸗ kerung geſtraft, die härter wäre als die, welche Euer Bruder wahrſcheinlich zu erdulden hat. Alles Dies würde ich riskiren, wenn ich thäte, was Ihr verlangt.“ Maümee blieb ſtehen, gab aber keine Ant⸗ wort. „Und dennoch würde ich es auf alle dieſe Gefah⸗ ren, ja ſogar auf die Gefahr des Todes ankommen laſſen, wenn Ihr, ſchöne Maümee“— hier ward er leidenſchaftlich—„wenn Ihr einwilligtet—“ „Wozu, Sir?“ „Reizende Maümee, brauche ich es Euch zu ſagen? Ach, ganz gewiß verſteht Ihr, was ich meine! „ Ihr könnt nicht blind ſein gegen die Liebe— gegen die Leidenſchaft— gegen die innige Hingebung, elche Eure Schönheit mir eingefloßt hat—“ 5„Worein ſoll ich willigen, Sir?“ fragte ſie nochmals, aber in ſanfterem Tone, welcher Nach⸗ giebigkeit zu verſprechen ſchien. „Mich zu lieben, ſchöne Maümee— mein Liebchen zu werden.“ Einige Augenblicke lang erfolgte keine Antwort. Maümee ſtand unbeweglich da wie eine Bildſäule. Sie zuckte nicht einmal zuſammen, als ſie den ſchänd⸗ lichen Antrag hörte, ſondern ſtand im Gegentheilen da wie in Stein verwandelt. Ihr Schweigen äußerte auf den feurigen Lieb⸗ haber eine ermuthigende Wirkung. Er ſchien es als Zuſtimmung zu deuten. In's Auge konnte er ihr aber nicht geblickt haben, denn ſonſt hätte er hier — 89— einen Ausdruck leſen müſſen, der ihn gehindert haben würde, noch ferner auf ſeinem Anſinnen zu beharren. Nein, er konnte nicht dieſen Blick bemerkt haben, denn ſonſt hätte er ſchwerlich einen ſolchen Irrthum begangen.„ „Verſprecht es nur, ſchöne Maümee. Euer 8 Bruder ſoll dann frei ſein, ehe noch der morgende Tag anbricht, und Ihr ſollt Alles haben—“ „Schurke! Schurke! Schurke! Ha! ha! ha!— 3 ha! ha! ha!-“* In meinem ganzen Leben hatte ich noch ni etwas ſo Wonniges gehört wie dieſes Lachen.* war der ſüßeſte Ton, der jemals an mein Ohr ſchlug. Alle Hochzeitsglocken, die jemals geläutet — alle Lauten, die je geſpielt worden, alle Harfen und Flöten— alle Poſaunen und Trompeten in der Welt hätten für mich keine ſo melodiſche Muſik hervorzuzaubern vermocht. Der Mond ſchien Silber vom Himmel herab⸗ ſtrömen zu laſſen— die Sterne waren größer und heller geworden— die Luft ward von balſamiſchem Dufte erfüllt, als ob himmliſcher Weihrauch ſich herabſenkte— die ganze Umgebung ſchien plötzlich in ein Elyſium verwandelt zu ſein! „ Zehntes Kapitel. 1— 4½ 4 Zwei Duelle an einem Tage. Dieſe Kriſis hätte für mich das Stichwort ſein ſollen, vom Baume herabzuſpringen, aber ich war von einem, Gefühle innigen Glückes überwältigt und konnte mich nicht von meinem Sitze rühren. Der Pfeil war aus meiner Bruſt gezogen und hatte keine Spur von ſeinem Gifte darin zurückgelaſſen— das Blut ſtrömte leicht durch meine Adern— mein Puls ſchlug feſt und frei— meine Seele frohlockte. Ich hätte vor Freude weinen können. Mit gewaltiger Ueberwindung verhielt ich mich ruhig und wartete auf die Entwickelung, denn ich ſah, daß der Auftritt noch nicht zu Ende war. „Euer Liebchen— ſo!“ rief die muthige Schöne in verächtlichem Tone,„alſo dies war der Beweg⸗ —— — 91— grund zu Euren Freundſchaftsanerbietungen. Elen⸗ der! wofür haltet Ihr mich? für eine Lagerdirne oder für eine leicht zu verführende Squaw der Yemaſſees? Wiſſet, Sir, daß ich an Geburt und Abſtammung Eures Gleichen bin, und obſchon Eure Freunde, die bleichen Geſichter, mich meines Erb⸗ theils beraubt haben, ſo giebt es doch noch Etwas, was weder ſie noch Ihr mir nehmen könnt— die Ehre meines Namens! Euer Liebchen— fürwahr! Thor, der Ihr ſeid! Nein— nicht ein Mal Euer nackt durch die Wildniſſe wandeln und von den Früchten der Eiche leben. Ehe mein tapferer Bru⸗ der ſich um einen ſolchen Preis loskauft, würde er lieber ſein ganzes Leben lang in Euren Ketten ſchmach⸗ ten. O, daß er hier wäre! O, daß er Zeuge wäre dieſer ſchändlichen Beleidigung! Elender, er würde Dich zur Erde niederſchmettern wie ein Rohr!“ Das Auge, die Haltung, der feſt vorgeſetzte Fuß, die furchtloſe, entſchloſſene Geberde— Alles erinnerte mich an Oceola, während er ſich vor der⸗ Conferenz ausſprach. Maümee war unzweifelhft ſeine Schweſter. ℳ Der Adjutant bebte förmlich vor den vernich⸗ K Weib möchte ich werden. Ehe ich mich an eine ſo niedrige Liebe wie die Eure verkaufe, will ich liebettt tenden Worten zurück und ſtand eine Weile lang wie beſchämt da. Er hatte dazu auch mehr als Eine Urſache. Vielleicht bereuete er, einen ſo übel aufgenommenen Antrag geſtellt zu haben; weit größer aber war ſicher⸗ lich das Gefühl der getäuſchten Erwartung. Einen Augenblick früher hätte er vielleicht ſeinem Aerger Schweigen geboten und Maümee ohne Be⸗ läſtigung ziehen laſſen; die verächtliche Anrede aber hatte ihn zu einem gewiſſen Grade wahnſinniger ückſichtsloſigkeit aufgeſtachelt, und wahrſcheinlich ßte er erſt in dieſem Augenblicke den Entſchluß, ſeine Rohheit noch weiter zu treiben und ſeine Ab⸗ ſicht durch Gewalt zu erreichen. Ich konnte mir nicht denken, daß er ſchon, ehe er ſich hier eingefunden, einen ſolchen Entſchluß ge⸗ faßt hatte. Obſchon als Wüſtling bekannt, war er doch nicht der Mann für ein ſo gefährliches Unter⸗ nehmen. Er war mehr eitel als muthig, und be⸗ ſaß nicht die Tollkühnheit des Ehrenräubers. Erſt als er durch die Vorwürfe der Indianerin gereizt ward, beſchloß er, zum Aeußerſten zu ſchreiten. Sie hatte ihm den Rücken gewendet und ging langſam hinweg. „Nicht ſo ſchnell!“ rief er, indem er ihr nach⸗ eilte und ſie beim Arme ergriff,„nicht ſo ſchnell, Du braune Schöne! Glaube nicht, daß Du mich ſo leicht los wirſt. Seit Monaten bin ich Dir nachge⸗ ſchlichen, und bei dem Gott Phöbus, ich werde Dich für das falſche Lächeln büßen laſſen, durch welches Du mich berückt haſt. Du brauchſt Dich nicht zu ſträuben— wir ſind allein hier, und ehe wir uns trennen, will ich—“ Ich hörte nicht, was er weiter ſagte. Ich ſchwang mich von dem Baume herab und eilte zu Hülfe; aber ehe ich noch den Ort erreichen konnte, war ſchon eine andere Perſon vor mir da. Haj⸗Ewa ſtürzte mit wild funkelndem Blicke und lautem, wahnſinnigem Gelächter herbei. Sie hielt den Körper der Klapperſchlange in ihren ausgeſtreckten Händen. Der Kopf des Thieres ragte weit vor, während ſein langer Hals ſich von einer Seite zur andern bewegte und verrieth, daß das Thier zornig, und begierig war, einen Angriff zu machen. Sein Ziſchen und das Geräuſch ſeiner Klappern ließ ſich von Zeit zu Zeit hören, während es ſo herbeige⸗ tragen ward. Binnen wenigen Augenblicken ſtand die Wahn⸗ ſinnige dem Adjutanten gegenüber, der, durch ihre Annäherung erſchreckt, Maümee losgelaſſen hatte und, einen Schritt zurücktretend, dieſe eigenthümliche Erſcheinung mit Erſtaunen betrachtete. „Ho! ho!“ kreiſchte ſie, während ſie näher ſchlich.„Sein Sohn! Sein Sohn! Ich bin über⸗ zeugt davon, gerade wie ſein falſcher Vater— ge⸗ rade wie er an dem Tage, wo er die vertrauende Ewa betrog. Hulwak! es iſt die Stunde— dieſelbe Stunde— der Mond in demſelben Viertel— ge⸗ hörnet und verrucht— auf das Verbrechen herab lächelnd! Ho! ho! die Stunde der That— die Stunde der Rache! Das Verbrechen des Vaters ſoll durch den Sohn gebüßt werden! Großer Geiſt, gieb ir Rache! Chitta mico! Gieb mir Rache!“ Während ſie dieſe wilden Worte ſprach, ſprang ſie vorwärts, die Schlange weit ausgeſtreckt haltend, wie um ihr Gelegenheit zu geben, den Erſchrockenen zu ſtechen. Der Adjutant riß unwillkürlich den Degen aus der Scheide und rief, wie plötzlich von der Nothwendigkeit, ſich zu vertheidigen, ermuthigt aus: „Hölliſche Zaubrerin! Wenn Du mir noch einen Schritt näher kommſt, ſo ſtoße ich Dich nieder! Zurück! zurück, oder—“ Die Entſchloſſenheit ſeines Tones verrieth, daß er das, was er ſagte, ernſtlich meinte; aber ſeine Worte blieben unbeachtet. Die Wahnſinnige ſchlich ſich immer näher, trotz der funkelnden Klinge, welche ₰ 8 ihr drohte, und von deren Spitze ſie ſchon erreicht werden konnte. 2 Ich war jetzt dicht an der Stelle. Ich hatte meinen Degen ebenfalls gezogen und hielt mich be⸗ reit, den verhängnißvollen Stoß zu pariren, der, wie ich jeden Augenblick glaubte, geführt werden würde. Es war meine Abſicht, Haj⸗Ewa zu retten, welche ſich blindlings in ihr Verderben ſtürzen zu wollen ſchien. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wäre ich jedoch zu ſpät gekommen, wenn der Stoß geführt worden wäre; dies war aber nicht der Fall. Ob nun aus Entſetzen über den abenteuerlichen, ge⸗ ſpenſtiſchen Anblick ſeiner Angreifer, oder, was noch wahrſcheinlicher war, aus Furcht, daß Haj⸗Ewa die Schlange auf ihn ſchleudern würde— kurz, der Adjutant ſchien von einem plötzlichen Schrecken er⸗ griffen zu werden und zog ſich zurück. Nur wenige Schritte reichten hin, um ihn bis an den Rand des Waſſers zu bringen. Es lagen hier eine Menge lockere Steine umhergeſtreut. Un⸗ ter dieſen ſtrauchelten plötzlich ſeine Füße und er ſtürzte auf ein Mal rückwärts plätſchernd in den kleinen See. Das Waſſer war dicht am Rande ſchon ſehr tief und er ſank unter ſo daß er nicht mehr zu ſehen —-— 96— war. Vielleicht rettete dieſes unfreiwillige Bad ihm das Leben. Es dauerte nicht lange, ſo tauchte er wieder empor und kletterte an dem Ufer herauf. Er war nun ganz wüthend und ſtürzte mit dem blaͤnken Degen, den er in der Hand zu behalten gewußt, auf die Stelle zu, wo Haj⸗Ewa noch ſtand. Unter lauten, wilden Flüchen verkündete er ſeinen Entſchluß, ſie zu ermorden. Es war aber nicht der weiche Körper eines Weibes oder einer Schlange, auf den ſeine Klinge ſtoßen ſollte. Sie traf auf Stahl, ſo hart und fun⸗ kelnd wie der ſeine. Ich hatte mich zwiſchen ihn und ſeine Opfer geworfen, und es war mir gelungen, Haj⸗Ewa von der Ausführung ihres Racheplanes zurückzuhalten. Als er heranſtürmte, hinderte ihn ſeine Wuth, mehr noch aber das ihn halb blendende Waſſer, mich zu ſehen, und erſt als unſere Klingen aneinander klirrten, ſchien er meine Gegenwart zu bemerken. Es trat eine von Schweigen begleitete augen⸗ blickliche Pauſe ein. „Sie, Randolph!“ rief er endlich im Tone der Ueberraſchung. 4 „Ja, Lieutenant Scott, es iſt Randolph. Ent⸗ ſchuldigen Sie meine Einmiſchung; da aber Ihre ſo *₰ ——— — 97— ſchöne Liebesſcene plötzlich in einen Kampf überzu⸗ gehen drohte, ſo hielt ich es für meine Pflicht, da⸗ zwiſchen zu treten.“ „Sie haben alſo gehorcht? Darf ich fragen, Sir, welches Recht Sie haben, meine Schritte auszu⸗ ſpioniren und ſich in meine Angelegenheiten zu miſchen?“ „Das Recht, oder vielmehr die Pflicht, welche alle Menſchen haben, die ſchwache Unſchuld gegen die Anſchläge eines ſo furchtbaren Blaubart zu ſchützen, wie Sie zu ſein ſcheinen.“* 2 „Beim Teufel! das ſollen Sie bereuen!“ „Jetzt?— oder wann ſonſt?“ „Sobald es Ihnen beliebt.“ „Keine Zeit könnte beſſer ſein, als die jetzige. Kommen Sie heran!“ Es ward weiter kein Wort zwiſchen uns ge ſprochen, einen Augenblick ſpäter aber fuhren unſere Klingen heftig in einander. Der Kampf dauerte nicht lange. Bei dem dritten oder vierten Stoße rannte ich meinen Gegner —durch die rechte Schulter, ſo daß er kampfunfähig ward. Sein Degen fiel klirrend unter die Kieſel. „Sie haben mich verwundet!“ rief er.„Ich bin entwaffnet,“ ſetzte er hinzu, indem er auf den 6 GCceeola. III. 7 ihm entfallenen Degen zeigte.„Genug, Sir, ich bin zufrieden geſtellt!“ „Aber ich nicht eher, als bis Sie auf dieſe Steine niedergeknieet ſind und die, welche Sie ſo gröblich beleidigt, um Verzeihung gebeten haben.“ „Niemals!“ rief er,„niemals!“ Und während er dieſe Worte ſprach und da⸗ durch, wie ich glaubte, einen Beweis von Entſchloſſen⸗ heit und Muth gab, drehete er ſich herum und be⸗ gann zu meinem großen Erſtaunen von dem Platze hinwegzueilen. Ich lief ihm nach und holte ihn bald ein. Ich hätte ihn in den Rücken ſtoßen können, wenn ich von blutdürſtigen Gelüſten beſeelt geweſen wäre; ſtatt deſſen aber begnügte ich mich, ihm einen Fußtritt auf das Hintertheil zu verſetzen und ließ ihn, ohne einen weitern Abſchiedsgruß hinzuzufügen, dann ſeine ſchmachvolle Flucht weiter fortſetzen. Silftes Kapitel. Eine ſtumme Erklärung. „Nun kommt der Freund, der ſüße junge Freund, Unter dem Talabaum,“ u. ſ. w. Es war Haj⸗Ewa's Stimme, welche eine ihrer Lieblingsmelodieen ſang; weit ſüßer aber noch er⸗ klang der Ton einer andern Stimme, welche meinen Namen nannte: „Georg Randolph!“ „Maümee!“ „Ho, ho! Ihr beſinnt Euch Beide— erinnert Ihr Euch noch? Hinklas, die Inſel— jene ſchöne Inſel— ſchön für Euch— aber dunkel in der Er⸗ innerung Haj⸗Ewa's. Hulwak, ich will nicht mehr daran denken! Nein, ich will nicht mehr, daran den⸗ ken— nein! nein! nein! 7* — 100— „Nun kommt der Freund, der ſüße junge Freund, Unter dem—“ „Sie war einſt mein— jetzt iſt ſie Euer— Euer, Mico, und Dein, Haintclit! Erfreut Euch ihrer allein. Nicht wahr, Ihr begehrt nicht die wahnſinnige Königin zur Geſellſchaft? Ha! ha! ha! Coree, coree. Ich gehe; fürchtet nicht den raſcheln⸗ den Wind, fürchtet nicht' die flüſternden Bäume. Niemand kann ſich nähern, ſo lange Haj⸗Ewa wacht. Sie wird Euere Hüterin ſein. Chitta mico auch. Ho, chitta mico,. „Nun kommt der Freund, der ſüße junge Freund““ und wieder ihren Geſang anſtimmend, glitt das ſelt⸗ ſame Weib von dem Platze hinweg und ließ mich mit Maümee allein. Der Augenblick war nicht ohne Verlegenheit für mich— vielleicht für uns Beide. Es hatte kein Geſtändniß jemals zwiſchen uns ſtattgehabt, keine Verſicherung, kein Wort von Liebe. Obſchon ich Maümee mit aller Kraft meines Herzens liebte, obſchon ich nun überzeugt war, daß ſie auch mich liebte, ſo hatte doch keine gegenſeitige Erklärung unſerer Leidenſchaft ſtattgefunden. Die Situation war eine eigenthümliche und die Zunge fühlte ſich gefeſſelt. Worte wären aber auch in dieſer Stunde überflüſſig geweſen. Es fand gleichſam eine electriſche — 101— Wechſelwirkung zwiſchen uns ſtatt, unſere Seelen waren in Rapport, unſere Herzen in glücklicher Gemeinſchaft und jedes derſtänd die Gedanken des andern. Alle Worte in der Welt hätten mir keine ſichrere Ueberzeugung geben können, daß Maümee's Herz mein war. Es war kaum möglich, daß ſie mich mißverſtehen konnte. Mit nur geringen Abweichun⸗ gen waren meine Gedanken die ihrigen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte Haj⸗Ewa ihr meine Erklärung hinterbracht. Ihr Blick war freudig und überzeugungsvoll. Sie zweifelte nicht an mir! Ich breitete die Arme aus. Die Natur oder auch vielleicht die Leidenſchaft— gleichviel was— trieb mich dazu. Das ſtumme Zeichen ward ſofort verſtanden und einen Augenblick ſpäter ſchmiegte ſich das Haupt meiner Geliebten an meine Bruſt. Es ward kein Wort geſprochen. Nur ein leiſer zärtlicher Ruf entrang ſich ihren Lippen, während ſie an meine Bruſt ſank und mich mit ihren Armen umſchlang. Einige Augenblicke lang blieben wir noch ſtumm. Nur unſere Herzen ſprachen. Bald aber ſchwand die Verlegenheit wie eine — Wolke vor der Sommerſonne. Keine Spur 3 —— — — 102— von Schüchternheit blieb mehr zurück, und wir unterredeten uns in dem Vertrauen wechſelſeitiger Liebe. Der Leſer wird mir die Wiedergabe unſerer Liebesworte erlaſſen. Er hat deren ſelbſt gehört oder ausgeſprochen. Wenn ſie zu alltäglich ſind, um berichtet zu werden, ſo ſind ſie gleichzeitig auch zu heilig dazu. Ich enthalte mich daher, näher dar⸗ auf einzugehen. Wir hatten andere Gedanken, die uns beſchäf⸗ tigten. Nach einer Weile nahm das Entzücken, ob⸗ ſchon noch ſüß, eine nüchternere Färbung an, und halb die Gegenwart vergeſſend, ſprachen wir von der Vergangenheit und der Zukunft.— Ich fragte Maümee nach Vielem. Ohne Rück⸗ halt theilte ſie mir die Geſchichte der langen Zwiſchen⸗ zeit mit. Sie geſtand oder erklärte vielmehr— denn es lag kein kokettirendes Zögern in ihrem Weſen — daß ſie mich gleich von Anbeginn an geliebt— ſchon von der Stunde an, wo ich ſie zuerſt geſehen und geliebt— während der langen ſchweigenden Jahre, bei Nacht, wie bei Tage, hatte der eine Ge⸗ danke ihre Bruſt beherrſcht; in ihrer Einfalt wun⸗ derte ſie ſich, daß ich es nicht gewußt hätte! Ich erinnerte ſie, daß ſie ihre Liebe niemals erklärt.— ———— — ——— — 103— Dies ſei wahr, ſagte ſie; aber ſie hätte auch nie geträumt, ſie zu verhehlen. Sie glaubte, ich hätte es ſelbſt bemerken können. Ihr Inſtinct war ein ſchärferer— der meinen war ſie bewußt geweſen! So erklärte ſie mit einer Ungezwungenheit, welche mich förmlich überraſchte. Ihre Leidenſchaft war, wenn auch nicht ſtärker, doch jedenfalls edler als die meinige. Sie hatte während der Jahre der Trennung niemals an mir gezweifelt— erſt kürzlich — aber die Urſache dieſes Zweifelns ließ ſich leicht erklären. Der falſche Anbeter hatte Gift in ihr Ohr geträufelt. Deßhalb war Haj⸗Ewa geſendet worden.— Ach, meine Geſchichte war nicht ſo unſchuldig! Nur einen Theil der Wahrheit konnte ich offenbaren, und das Gewiſſen rührte mich, während ich über manche Epiſode ſtillſchweigend hinwegging, welche ihr vielleicht Schmerz bereitet hätte. Doch die Vergangenheit war vorüber und konnte nicht zurückgerufen werden. Eine redlichere Zukunft öffnete ſich vor mir und ich gelobte mir in meinem Herzen, Alles wieder gut zu machen. Nie⸗ mals wollte ich wieder Urſache haben, mir Vorwürfe zu machen— niemals ſollte, niemals konnte meine Liebe wieder von dem ſchönen Weſen hinwegſchwei⸗ — 104— fen, welches ich in meinen Armen hielt. Stolz hob ſich mir die Bruſt, als ich das freimüthige Geſtänd⸗ niß von Maümee's Liebe anhörte; aber Trauer und Wehmuth zog wieder in mein Herz ein, als wir auf andere Gegenſtände zu ſprechen kamen. Die Ge⸗ ſchichte der Leiden und Kränkungen, welche die Fa⸗ milie erfahren, ganz beſonders von ihren weißen Nachbarn, den Ringzold's— verſetzte mein Blut wieder in Wallung. Die Erzählung ſtimmte im Allgemeinen mit Dem überein, was ich ſchon gehört; aber es walte⸗ ten auch noch andere Umſtände ob, von welchen das öffentliche Gerücht Nichts erzäyne. Auch er— der elende Heuchler— hatte ſich um ihre Liebe beworben! In der letzten Zeit war er allerdings aus Furcht vor ihrem Bruder von ſeinen Zudringlichkeiten zucſikgeromhen und wagte nicht, ſich ihr zu nähern. Der Andere, Scott, hatte ſich unter der Maske der Freundſchaft eingeſchlichen. Er hatte— was Vielen bekannt war— den Stand der Angelegen⸗ heiten in Bezug auf die Pflanzung der Indianer⸗ witwe kennen gelernt. In Folge ſeiner Verwandt⸗ ſchaft mit hochgeſtellten Perſonen beſaß er Einfluß und hatte verſprochen, dadurch eine Wiederheraus⸗ gabe des Beſitzthums zu erwirken. Es war dies — 105— jedoch ein bloßer Vorwand— ein Verſprechen, wel⸗ ches ohne die Abſicht, es zu halten, gegeben ward; dennoch aber hatte es das edelmüthige, leichtver⸗ trauende Herz Oceola's getäuſcht. Auf dieſe Weiſe hatte der herzloſe Wüſtling ſich in das Vertrauen der Familie einzuſchmeicheln gewußt. Monate lang hatte dieſer Verkehr gedauert, ob⸗ ſchon die Gelegenheiten dazu nicht häufig waren. Während dieſer ganzen Zeit hatte der Verführer ſeinen Zweck betrieben, obſchon nicht ſehr kühn,— weil auch er den Zorn des Bruders fürchtete— und auch nicht mit Erfolg, denn er hatte nicht geſiegt. Ringzold wußte dies recht wohl, als er das Gegentheil behauptete. Seine Erklärung hatte nur einen Zweck: mich zu verletzen. Zu dieſem Zwecke hätte ſie auch in der That zu gar keiner beſſern Zeit erfolgen können. Einen Umſtand wünſchte ich ganz beſonders zu wiſſen. Maümee mit ihrer ſcharfen Auffaſſungs⸗ gabe konnte in Folge des kindiſchen Vertrauens, welches zwiſchen ihr und meiner Schweſter beſtan⸗ den, mir ganz gewiß darüber Aufſchluß geben. Ich wünſchte die Beziehungen kennen zu lernen, welche zwiſchen meiner Schweſter und ihrem Bruder beſtan⸗ den hatten. — 106— So ſehr ich aber auch dieſe Auskunft wünſchte, ſo enthielt ich mich doch, ſie zu verlangen. Und dennoch ſprachen wir von Beiden— ganz beſonders von Virginia, denn Maümee gedachte meiner Schwe⸗ ſter mit Liebe und that in Bezug auf ſie viele Fra⸗ gen. Virginia ſei ſchöner als je, hatte ſie gehört, und gebildeter als irgend ein Mädchen des Landes. Sie wünſchte zu wiſſen, ob meine Schweſter ſich wohl noch jener Spaziergänge und kindiſchen Belu⸗ ſtigungen— jener glücklichen Stunden auf der In⸗ ſel— erinnere. „Vielleicht nur zu gut,“ dachte ich. Es war ein Thema, welches mir Schmerz be⸗ reitete. Die Zukunft nahm unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Die Vergangenheit war jetzt hell und rein wie der Himmel, aber der Horizont der Zukunft war umwölkt. Wir ſprachen von dem letzten und unheilvoll⸗ ſten Ereigniſſe— von Oceola's Gefangennehmung. Wie lange ſollte dieſe Gefangenſchaft dauern? Was ließ ſich thun, um ſie ſo kurz als möglich zu machen? 3 Ich verſprach, Alles zu thun, was in meinen Kräften ſtünde, und dieſes Verſprechen war mein völliger Ernſt. Es war mein feſter Entſchluß, Nichts unverſucht zu laſſen, um die Freilaſſung des Boden trennen und verweilte noch einige Minuten, — 107— gefangenen Häuptlings zu bewirken. Wenn das Recht nicht durchſchlug, ſo war ich entſchloſſen, es mit Liſt zu verſuchen. Selbſt mit Aufopferung meines Poſtens— ſelbſt wenn perſönliche Schmach meiner harrte— ſelbſt wenn ich mein Leben daran wagen ſollte, beſchloß ich, Oceola zur Freiheit zu verhelfen. Ich brauchte meine Erklärung nicht durch einen Schwur zu bekräftigen. Sie ward mir ohne einen ſolchen geglaubt. Eine Fluth von Dankbarkeit ſtrahlte aus dieſen ſchwimmenden Augen, und der ſtille Druck der von Liebe glühenden Lippen war ein beſſerer Dank, als Worte hätten ausſprechen können. Es war Zeit zum Scheiden. Der Mond ver⸗ kündete die Stunde der Mitternacht. Auf dem Kamme des Hügels, gleich einer ehernen Statue ſich gegen den bleichen Himmel abzeichnend, ſtand die wahnſinnige Königin. Ein Zeichen rief ſie in unſere Nähe, und nach einer letzten Umarmung, nach einem letzten heißen Kuſſe ſchied ich von Maümee. Ihre ſeltſame, aber treue Schütz in führte ſie auf einem geheimen Pfade davon wis ich war allein. Ich konnte mich kaum von dieſem geweihten — 108— indem ich meinen triumphirenden, entzückten Gedan⸗ ken vollen Spielraum gewährte. Der immer tiefer ſinkende Mond mahnte mich endlich nochmals, und den Kamm des Hügels über⸗ ſteigend, eilte ich nach dem Fort zurück. Zwölftes Kapitel. Der Gefangene. So ſpät die Stunde auch war, ſo beſchloß ich doch, den Gefangenen zu beſuchen, ehe ich mich zur Ruhe begäbe. Mein Plan geſtattete keinen Auf⸗ ſchub; überdies argwohnte ich, daß, ehe noch ein Tag verginge, meine eigene Freiheit beſchränkt wer⸗ den könnte. Zwei Duelle an einem Tage— zwei Gegner verwundet und Beide Freunde des Obercom⸗ mandanten— ich ſelbſt faſt ohne Freunde— unter ſolchen Umſtänden war es kaum wahrſcheinlich, daß ich„zechfrei“ ausgehen würde. Arreſt erwartete ich als etwas ganz Sicheres— vielleicht ſtellte man mich ſogar vor ein Kriegsgericht, wo ich dann ge⸗ gründete Ausſicht hatte, caſſirt zu werden. — 110— Trotz meiner Lauheit für die Sache, welche ich in meiner Eigenſchaft als Offizier hier mit verthei⸗ digen helfen mußte, konnte ich dieſes Ergebniß nicht ohne Unruhe in’s Auge faſſen. Um meinen Offiziersgrad kümmerte ich mich wenig; ich konnte ohne denſelben leben; aber wenige Menſchen, mögen ſie nun Recht oder Unrecht haben, ſind gegen den Tadel ihrer Mitmenſchen gleichgültig, und Niemand trägt gern das Brand⸗ maal einer über ihn ausgeſprochenen Verurtheilung. So wenig Rückſicht man auch auf ſich ſelbſt nehmen mag, ſo ſind doch auch Verwandte und Familie auf eine Weiſe dabei betheiligt, die man nicht ſo ohne Weiteres ignoriren kann. Gallagher's Anſichten waren ganz anders. „Laß ſie doch arretiren und caſſiren, wie ſie wollen! Was brauchſt Du Dir daraus zu machen? Keinen Pfifferling! Meiner Treu, wenn ich in Deinen Schuhen ſtäke, eine ſo ſchöne Pflanzung und ein ganzes Regiment ſchwarze Neger hätte, ſo könnte mir die ganze Armee den Hobel ausblaſen und ich baute Zucker und Tabak. Bei St. Patrick! das machte ich!“ 3 Die Troſtworte meines Freundes waren jedoch nicht im Stande, mich aufzuheitern, und in durch⸗ aus nicht fröhlicher Laune begab ich mich nach dem — 111— Theile Jes Forts, wo der Gefangene verwahrt wurde, um mſine Ausſichten auf Caſſation wo möglich noch zu verjnehren.—. Wie ein ſo eben gefangener und in den Käfig gebrcſchter Adler— wie ein Panther in einer Fall⸗ gruhe— wüthend, raſtlos und dann und wann wilde Drohworte ausſtoßend, fand ich den jungen Häuptling der Rothſtecken. Das Gemach war ganz finſter. Es hatte kein Feliſter, um auch nur den grauen Schimmer der Näͤcht einzulaſſen, und der Korporal, der mich führte, tpug weder Fackel, noch Licht. Er kehrte wieder mach dem Wachthauſe zurück, um eines zu holen, und eß mich in der Dunkelheit allein. Ich hörte einen Tritt. Es war der eines mit dem Moccaſin oder Lederſtrumpfe bekleideten Fußes und leiſe wie der Tritt eines Tigers. Mit dieſem leiſen Tritte aber miſchte ſich auch das Klirren einer Kette. Ich hörte das Athmen eines Menſchen, der augenſcheinlich in wilder Aufregung war, und dann und wann einen Ausruf grimmigen Zornes. Selbſt ohne Licht konnte ich bemerken, daß der Gefangene mit raſchen, unregelmäßigen Schritten in dem Ge⸗ mache auf und ab ging. So viel Bewegung war ihm alſo wenigſtens geſtattet. Ich war ſchweigend eingetreten und in ℳ — 112— Nähe der Thür ſtehen geblieben. Ich hatte ſchon mich verſichert, daß der Gefangene allein war, und wartete blos auf das Licht, ehe ich ihn anredete. Ich glaubte, er habe bis jetzt von meiner Nähe noch Nichts bemerkt. 8 Darin aber irrte ich mich. Ich hörte ihn plötz⸗ lich ſtehen bleiben, als ob er ſich gegen mich wendete, und im nächſten Augenblicke ſchlug ſeine Stimme an mein Ohr. Zu meiner Ueberraſchung nannte er meinen Namen. Er mußte durch die Finſterniß geſehen haben. „Ihr, Randolph!“ ſagte er in einem Tone, welcher vorwurfsvoll klang; wauch Ihr in den Reihen unſerer Feinde! Bewaffnet, uniformirt, ausgerüſtet, bereit, uns aus unſerer Heimath zu ver⸗ treiben!“ „Powell!“ „Nicht Powell, Sir; mein Name iſt Oceola.“ „Für mich ſeid Ihr immer noch Edward Po⸗ well— der Freund meiner Jugend, der Retter meines Lebens. Nur unter dieſem Namen lebt Ihr in meiner Erinnerung.“ Es trat eine augenblickliche Pauſe ein. Die Worte hatten augenſcheinlich eine verſöhnliche Wir⸗ kung hervorgerufen. Wahrſcheinlich waren Erinne⸗ .— 113— rungen an die Vergangenheit in ihm aufge⸗ ſtiegen. Er antwortete: „Was wollt Ihr? Kommt Ihr als Freund? Oder blos wie Andere, um mich mit müßigen Wor⸗ ten zu martern? Ich habe ſchon Beſuch gehabt— ſchwatzende Thoren mit geſpaltenen Zungen, welche mir zur Schande rathen wollten. Seid Ihr vielleicht in derſelben Abſicht hierher geſendet worden?“ Aus dieſen Worten ſchloß ich, daß Scott, der falſche Freund, ſchon bei dem Gefangenen geweſen ſei, wahrſcheinlich in irgend einem Auftrage von dem Agenten. „Ich komme auf eigenen Antrieb— als Freund.“ „Georg Randolph, ich glaube Euch! Als Knabe beſaßet Ihr eine Seele der Ehre. Der gerade Schöß⸗ ling wächſſt ſelten zu einem krummen Baume heran. Ich will nicht glauben, daß Ihr Euch geändert habt, obſchon Feinde gegen Euch geſprochen haben. Nein inste Eure Hand, Randolph— Eure Hand! i daß ich an Euch gezweifelt.“ ISch ſtreckte meine Hand in der Dunkelheit aus, um den dargebotenen Gruß anzunehmen. Anſtatt Einer Hand des Gefangenen faßte ich alle beide. Ich füblte- daß ſie an einander gefeſſelt waren. Nichts⸗ DOceola. III. 8 5 — 114— deſtoweniger war der Druck feſt und wahr, und ich erwiderte ihn nicht mit weniger Wärme. Feinde hatten alſo gegen mich geſprochen. Ich brauchte nicht zu fragen, wer dieſe Feinde waren; dies war mir ſchon geſagt worden; aber ich fühlte, daß es nothwendig war, dem Gefangenen die Ver⸗ ſicherung meiner Freundſchaft zu geben. Ich bedurfte ſeines vollen Vertrauens, um das Gelingen des Planes zu ſichern, welchen ich zu ſeiner Befreiung entworfen, und zu dieſem Zwecke erzählte ich ihm, was an dem kleinen See zu Tage gekommen war — nur einen Theil Deſſen, was geſchehen. Einen andern Theil konnte ich ſelbſt den Ohren eines Bru⸗ ders nicht anvertrauen. Ich erwartete einen neuen Ausbruch von Wuth, ſah mich aber angenehm getäuſcht. Der junge Häuptling war an rauhe Entwickelungen gewöhnt worden und konnte ſich äußerlich im Zaume halten; aber dennoch ſah ich, daß meine Erzählung einen tiefen Eindruck auf ihn machte. In der Dunkelheit konnte ich ſein Geſicht nicht ſehen; aber die knirſchenden Zähne und ziſchenden Ausrufungen verriethen die gewaltigen Leidenſchaf⸗ ten, welche ſich in ihm rührten. „Thor,“ rief er endlich,„blinder Thor, der ich geweſen bin! Und doch mißtrauete ich dieſem glatt⸗ ——ÿ— — 115— züngigen Schurken gleich von Anfang an. Dank, Randolph; ich kann dieſe That ritterlicher Freund⸗ ſchaft niemals wieder vergelten— hinfort könnt Ihr über Oceola gebieten.“ „Sagt Nichts weiter, Powell, Ihr habt Nichts zu vergelten— ich bin der Schuldner. Aber wir wollen nicht die Zeit verlieren. Der Zweck, zu dem ich hierher komme, iſt, Euch zu einem Mittel zu ra⸗ then, um Euch aus dieſer Gefangenſchaft zu befreien. Wir müſſen kurz ſein, ſonſt werden meine Abſichten vielleicht beargwohnt.“ „Worin beſteht das Mittel, zu welchem Ihr mir rathet, Randolph?“ „Ihr müßt den Tractat von Oklawaha unter⸗ zeichnen.“ Dreizehntes Kapitel. Der Kriegsruf. Ein einziger Ausruf, welcher verächtliche Ueber⸗ raſchung zu erkennen gab, war die ganze Antwort, und dann trat tiefes Schweigen ein. 4 Ich brach das Schweigen dadurch, daß ich meine Forderung wiederholte. „Ihr müßt den Tractat unterzeichnen.“ „Niemals!“ lautete die Antwort im Tone un⸗ erſchütterlicher Entſchloſſenheit;„niemals! Ehe ich das thue, will ich lieber in dieſem Blockhauſe blei⸗ ben, bis das Fleiſch von meinen Gebeinen herunter⸗ gewelkt und das Blut in meinen Adern aufgetrocknet iſt. Ehe ich zum Verräther an meinem Stamme werde, will ich mich in die Bajonnette meiner Häſcher ſtürzen und auf der Stelle umkommen— niemals!“ —— — —— — — 117— „Geduld, Powell, Geduld! Ihr verſteht mich nicht— Ihr ſcheint eben ſo wie andere Häuptlinge die Bedingungen des Traktats falſch aufzufaſſen. Bedenkt, daß derſelbe Euch an ein blos bedingungs⸗ weiſes Verſprechen bindet— nämlich Eure Lände⸗ reien aufzugeben und nach Weſten zu ziehen, dafern die Mehrzahl Eurer Nation damit einver⸗ ſtanden iſt. Nun hat aber heute die Mehrzahl nicht eingewilligt, und eben ſo wenig wird die Hin⸗ zufügung Eures Namens die Zahl zur Mehrzahl machen.“ „Sehr wahr! ſehr wahr!“ unterbrach mich der Häuptling, der meine Meinung zu verſtehen be⸗ gann. „Wohlan denn— folglich könnt Ihr unter⸗ zeichnen, ohne Euch durch Eure Unterſchrift gebun⸗ den zu fühlen, da ja die weſentlichſte Bedingung immer noch unerfüllt bleibt. Und warum ſolltet Ihr von dieſer Liſt keinen Gebrauch machen? Ihr ſeid mißhandelt worden, und Niemand könnte eine ſolche Liſt von Eurer Seite für etwas Unehrenhaftes erklären. Was mich betrifft, ſo glaube ich, Ihr hättet ein Recht zu jedem Auskunftsmittel, welches Euch aus ſo ungerechter Gefangenſchaft befreit.“ Vielleicht ſtimmten meine Grundſätze nicht ganz mit den Regeln der Moral überein; eſie wurden aber * — 118— in dieſem Augenblicke von ſtarken Gemüthsbewegun⸗ gen beeinflußt, und vor den Augen der Freundſchaft und Liebe trat das Unrecht nicht zu Tage. Oceola ſchwieg. Ich bemerkte, daß er über Das, was ich ihm empfohlen, nachdachte. „Wohlan, Randolph,“ ſagte er nach einer Pauſe,„Ihr müßt in Philadelphia gewohnt haben, in dieſer berühmten Stadt der Juriſten. Noch nie habe ich die Sache von dieſer Seite betrachtet. Ihr habt Recht. Eine Unterſchrift würde mich nicht binden— das iſt wahr. Aber glaubt Ihr, daß der Agent mit meiner Unterſchrift zufrieden ſein würde? Er haßt mich; ich weiß es und kenne ſeine Gründe. Ich haſſe ihn auch, und zwar aus vielen Gründen, denn dies iſt nicht die erſte Mißhandlung, die ich von ſeinen Händen erfahre. Wird er zufrie⸗ den ſein, wenn ich unterzeichne?“ „Ich bin deſſen faſt gewiß. Stellt Euch unter⸗ würfig, wenn Ihr könnt. Schreibt Euern Namen unter den Traktat, und Ihr werdet ſofort freigelaſſen werden.“ Ich zweifelte daran nicht. Nach Dem, was ich ſeit Oceola's Verhaftung erfahren, hatte ich Grund, zu glauben, daß Thompſon ſein Verfahren bereuete. Auch Andere waren der Meinung, daß „ — 119— er übereilt gehandelt und daß ſein Verfahren wahr⸗ ſcheinlich üble Folgen herbeiführen würde. Manches, was in dieſer Beziehung geflüſtert worden, hatte man ihm wieder zu Ohren gebracht, und aus dem, was mir der Gefangene von dem Beſuche des Adju⸗ tanten geſagt, ſchloß ich, daß dieſer im Auftrage des Agenten ſelbſt hier geweſen war. Ohne Zweifel war Letzterer ſeines Gefangenen überdrüſſig, und ge⸗ ſonnen, ihn auf die leichteſten Bedingungen hin lau⸗ fen zu laſſen. „Freund, ich werde handeln, wie Ihr mir rathet— ich werde unterſchreiben. Ihr könnt den Commiſſar von meiner Abſicht unterrichten.“ „Ich werde dies thun, ſobald ich ihn zu ſpre⸗ chen bekommen kann. Es iſt jetzt ſchon ſpät— ſoll ich gute Nacht ſagen?“ „Ach, Randolph— es iſt hart, ſich von einem Freunde zu trennen— dem Einzigen mit weißer Haut, den ich jetzt noch habe. Gern hätte ich noch von andern Tagen mit Euch geſprochen, aber leider iſt hier weder der Ort noch die Zeit dazu.“ Die ſtolze Miene des ſtolzen Häuptlings ſchien ſich zu mildern, und ſeine Stimme hatte den ſchmel⸗ zend zärtlichen Ausdruck früherer Jahre wieder an⸗ genommen. 8 — 120— „Ja,“ fuhr er fort,„den einzigen weißen Freund, den ich noch habe— den einzigen, den ⸗ich achte— einen andern, den ich—“ Er ſchwieg plötzlich und mit verlegener Miene, als ob er nahe daran geweſen wäre, ein Geheimniß zu offenbaren, welches er bei reiflicherer Erwägung lieber noch zu verſchweigen wünſchte. Ich erwartete die Enthüllung mit einiger Un⸗ ruhe, aber ſie erfolgte nicht. Als er wieder ſprach, war ſein Ton und Weſen wieder vollſtändig ver⸗ ändert. 8 „Die Weißen haben uns viel Unrecht zugefügt,“ fuhr er fort, indem er wieder eine zornige, gereizte Haltung annahm;„Ungerechtigkeiten, die zu zahl⸗ reich ſind, um aufgezählt zu werden; aber bei dem Großen Geiſte, ich werde mich rächen! Noch nie habe ich es geſchworen, aber die Thaten dieſes Tages haben mein Blut in Feuer verwandelt. Ehe Ihr kamt, hatte ich geſchworen, Zweien, welche unſere ganz beſonderen Feinde geweſen ſind, das Leben zu nehmen. Ihr habt meinen Entſchluß nicht geändert, ſondern mich nur in demſelben befeſtigÄt. Ihr habt noch einen Dritten der Liſte meiner Todfeinde beige⸗ fügt, und nochmals ſchwöre ich— bei Wykome ſchwör ich— daß ich nicht eher ruhen noch raſten werde, als bis das Blut dieſer drei Männer die — 121. Blätter des Waldes geröthet hat— dreier weißer Schurken und eines rothen Verräthers. Ja, Omatla, triumphire nur in Deinem Verrathe— es wird nicht lange dauern— bald ſollſt Du die Rache eines Patrioten fühlen; bald ſollſt Du unter Oceola's Stahle zittern!“ Ich gab keine Antwort, ſondern wartete ſchwei⸗ gend, bis dieſer Ausbruch von Leidenſchaft vorüber war. Nach einigen Augenblicken ward der junge Häuptling ruhig und redete mich wieder in der Sprache der Freundſchaft an. „Noch ein Wort,“ ſagte er,„ehe wir ſcheiden. Umſtände hindern mich vielleicht— es kann lange dauern, ehe wir uns wiederſehen. Ach, unſere nächſte Begegnung iſt vielleicht als Feinde auf dem Schlachtfelde— denn ich will nicht verſuchen, Euch zu verhehlen, daß ich durchaus nicht die Abſicht habe, Frieden zu machen. Nein— niemals! Ich wünſche eine Bitte an Euch zu richten. Ich weiß, Randolph, daß Ihr ſie mir bewilligen werdet, ohne eine nähere Erklärung darüber zu verlangen. Nehmt dieſes Zei⸗ chen an, und wenn Ihr die Freundſchaft des Gebers achtet und ihn ehren wollt, ſo tragt es erſichtlich auf Eurer Bruſt. Das iſt Alles.“ Indem er dies ſagte, nahm er von ſeinem Halſe eine Kette, an welcher das ſchon erwähnte — 122— Symbol der„Aufgehenden Sonne“ hing. Dieſe Kette hing er mir um, ſo daß das blanke Symbol über meine Bruſt herabhing. Ich wehrte dieſes Anerbieten der Freundſchaft nicht von mir ab, ſondern verſprach ſeinem Verlan⸗ gen nachzukommen, machte ihm meine Uhr zum Gegengeſchenke, und nach nochmaligem herzlichem Händedrucke ſchieden wir. ** * Ganz wie ich erwartet hatte, koſtete es keine große Mühe, die Freilaſſung des Seminolenhäupt⸗ lings zu erwirken. Obſchon der Commiſſar perſön⸗ lichen Haß gegen Oceola hegte— aus mir unbe⸗ kannten Gründen— ſo wagte er doch nicht, in amtlicher Eigenſchaft ſeinem perſönlichen Grolle Folge zu geben. Er hatte ſich ſchon durch Das, was er gethan, in ein ernſtes Dilemma gebracht, und als ich ihn von der Bereitwilligkeit des Gefan⸗ genen, ſich zu fügen, in Kenntniß ſetzte, ſah ich, daß er nur zu begierig war, eine eben ſo leichte als un⸗ erwartete Löſung der Schwierigkeit anzunehmen. Deßhalb verlor er keine Zeit, ſich zu dem ge⸗ fangenen Häuptlinge zu begeben. — 123— Dieſer Letztere ſpielte ſeine Rolle mit bewun⸗ dernswürdigem Takte. Die grimmige, wilde Hal⸗ tung von geſtern war ſanfter Ergebung gewichen. Seine Ketten wurden abgenommen, die Thür ſeines Gefängniſſes geöffnet— und er erhielt Erlaubniß, ſich ohne weitere Behelligung zu entfernen. Thompſon hatte triumphirt, oder glaubte es wenigſtens. Es war blos Einbilduͤng. Hätte er eben ſo wie ich das feine ſatyriſche Lächeln bemerkt, welches Oceola'’s Lippen umſpielte, während er das Thor durchſchritt, ſo würde er kaum Vertrauen auf ſeinen Triumph empfunden haben. Es war ihm nicht vergönnt, ſich dieſer ange⸗ nehmen Täuſchung lange hinzugeben. Von den Augen Aller verfolgt, ſchritt der junge Häuptling mit ſtolzem Tritt nach dem Walde. Als er am Rande deſſelben angelangt war, drehte er ſich nach dem Fort herum, zog die blanke Klinge aus ſeinem Gürtel, ſchwang ſie über dem Kopfe und gab in herausfordernden, wilden Tönen den Kriegsruf„NYo-ho-ehee!“ zurück. Drei Mal ſchlug das wilde Signal an unſer Ohr, und bei der dritten Wiederholung drehete Der, welcher es ausgeſtoßen, ſich wieder um, ſprang in — 124— den Wald hinein und war augenblicklich unſern Blicken entſchwunden. Die Bedeutung dieſer Demonſtration war un⸗ verkennbar. Selbſt der frohlockende Commiſſar war überzeugt, daß ſie„Krieg auf Leben und Tod“ be⸗ deute, und es wurden ſogleich Leute zur Verfolgung beordert. Eine bewaffnete Schaar ſtürzte aus dem Thore und warf ſich auf den Pfad, den der Häuptling ein⸗ geſchlagen. Die Verfolgung war aber fruchtlos, und nachdem man über eine Stunde mit vergeblichem Nachſuchen zugebracht, kamen die Soldaten, einer nach dem andern, in das Fort zurück. X*+ *† Gallagher und ich waren den ganzen Morgen in meinem Quartier geblieben und erwarteten den Befehl, der mir Stubenarreſt auflegen würde. Zu unſerem Erſtaunen aber erfolgte kein ſolcher Befehl. Mit der Zeit erlangten wir Aufſchluß hierüber. Von meinen beiden Gegnern war der erſte nach ſeiner Niederlage nicht nach dem Fort zurückgekehrt, ſon⸗ dern in das einige Meilen entfernte Haus eines Freundes transportirt worden. Dadurch ward das Aufſehen zum Theil vermieden. Der Andere erſchien mit dem Arme in der Binde; aber es hieß, wie Gallagher draußen erfuhr, allgemein, ſein Pferd habe ihn an einen Baum geſchleudert. Aus nahe⸗ liegenden Gründen hatte der intereſſante Invalid die wahre Urſache ſeiner Verwundung verſchwiegen, und ich konnte ſein Schweigen nur loben. Auch ich erzählte, ausgenommen meinem Freunde, Niemandem Etwas von dem Vorfalle, und es dauerte lange, ehe die Sache ruchbar ward. Der Adjutant und ich kamen ſpäter oft in dienſtlichen Angelegenheiten mit einander in Berüh⸗ rung und waren genöthigt, mit einander zu ſpre⸗ chen. Dieſe Beſprechungen waren aber, wie eben bemerkt worden, rein dienſtlicher Art, und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß ſie ſich auf das unbedingt Nothwendige beſchränkten. Es dauerte nicht lange, ſo traten Umſtände ein, welche uns trennten, und ich war froh, von einem Menſchen wegzukommen, für welchen ich nur die tiefſte Verachtung empfinden konnte. Vierzehntes Kapitel. Krieg auf Leben und Tod. Einige Wochen lang nach der Conferenz bei dem Fort King ſchien Ruhe im Lande zu herrſchen. Die Stunde der Unterhandlung war vorbei— die des Handelns war da, und unter den weißen Anſied⸗ lern ward faſt von weiter Nichts geſprochen, als wie die Indianer handeln würden. Stand zu erwarten, daß ſie kämpften, oder daß ſie nachgaben? Die Mehrzahl glaubte, ſie wür⸗ den ſich fügen. Es ward ihnen einige Friſt geſtattet, um ſich auf die Auswanderung vorzubereiten, und Boten an alle Stämme geſendet und ein Tag beſtimmt, wo ſie ihre Pferde und ihr Zuchtvieh nach dem Fort bringen ſollten. Hier ſollten die Thiere unter Aufſicht — 127— des Agenten an den Meiſtbietenden verſteigert wer⸗ den, und die Beſitzer ſollten bei ihrer Ankunft in ihrer neuen Heimath im Weſten den Werth dafür ausgezahlt erhalten. Ihre Pflanzungen oder urbar gemachten Klärungen ſollten auf dieſelbe Weiſe ver⸗ werthet werden. Der Tag der Auction kam, zum Verdruſſe des Commiſſars aber kamen die erwarteten Heerden nicht zum Vorſchein und der Verkauf mußte verſcho⸗ ben werden. Das Ausbleiben der Indianer mit ihrem Vieh war eine Vorbedeutung Deſſen, was weiter zu er⸗ warten ſtand, obſchon es auch nicht an anderen Vor⸗ bedeutungen von noch weit deutlicherer Art fehlte. Die Ruhe, welche ſeit einigen Wochen geherrſcht hatte, war blos das ominöſe Schweigen, welches dem Sturme vorangeht. Gleich dem dumpfen Grol⸗ len des fernen Donners begannen jetzt Ereigniſſe einzutreten, welche als die ſichern Vorläufer eines bevorſtehenden Kampfes betrachtet werden mußten. Der weiße Mann war, wie gewöhnlich, der angreifende Theil. Man ertappte drei Indianer auf der Jagd außerhalb der Grenze der ſogenannten Reſerve. Sie wurden von einer Anzahl weißer Männer gefangen genommen, mit Riemen feſt ge⸗ bunden und in einen Stall geſperrt, der eiskem der — 128— Weißen gehörte. So wurden ſie drei Tage und drei Nächte gefangen gehalten, bis eine Schaar von ihrem eigenen Stamme, welche von dem Vorfalle gehört, zu ihrer Befreiung herbeieilte. Es fand ein Schar⸗ mützel Statt, in welchem einige Indianer verwundet wurden, die weißen Männer aber flohen und die Gefangenen wurden in Freiheit geſetzt. „Als man ſie an das Tageslicht brachte“— ich citire hier eine Stelle aus dem Werke eines voll⸗ kommen glaubwürdigen Hiſtorikers—„bot ſich ihren Freunden ein höchſt erbarmungswürdiger An⸗ blick dar. Die Riemen, mit welchen man die armen Schelme gebunden, hatten das Fleiſch durchgerieben. Sie hatten für den Augenblick den Gebrauch ihrer Beine verloren und konnten weder ſtehen noch gehen. Sie hatten viel Blut verloren und während ihrer Haft keinerlei Nahrung bekommen. Man kann ſich daher denken, daß ſie ein entſetzliches Bild des Lei⸗ dens darboten.“ 4 Ferner:„Sechs Indianer befanden ſich in ihrem Lager in der Nähe von Kanapaha Pont, als eine Schaar weißer Männer ſie überfiel, ihnen ihre Flin⸗ ten nahm, ihr Gepäck unterſuchte und anfing, ſie zu ſchlagen. Während ſie dies thaten, näherten ſich zwei andere Indianer und gaben, als ſie ſahen, was vorging Feuer auf die Weißen. Dieſe letztern n u=—=— — — 129— erwiderten das Feuer, tödteten einen der Indianer und verwundeten den andern gefährlich. Erbitterung war natürlich— Vergeltung gewiß.“ In Bezug auf die andere Partei las man: „Am 11. Auguſt ward Dalton, der Botenfuhr⸗ mann, zwiſchen Fort King und Fort Brooke, nicht ganz ſechs Meilen von dem letztern Platze, von einer Schaar Indianer überfallen, welche die Zügel ſeines Pferdes faßten, ihn aus dem Sattel riſſen und er⸗ ſchoſſen. Der verſtümmelte Leichnam ward erſt einige Tage ſpäter im Walde verſteckt gefunden.“ „Eine Anzahl von vierzehn Reitern unternahm einen kleinen Streifſug nach Wacahonta— der Pflanzung des Capitains Gabriel Prieſt— und als ſie noch etwa eine Meile von dem Platze entfernt war, ſtieß ſie auf einen kleinen Hommock, welchen einige der Reiter keine Luſt hatten zu paſſiren. Vier von ihnen ſprengten jedoch hinein, als plötzlich die Indianer aus dem Hinterhalte hervorbrachen und auf ſie ſchoſſen. Die zwei Vorderſten wurden ver⸗ wundet. Ein Mr. Foulke bekam eine Kugel in den Hals, ward aber von den Nachkommenden aufgeho⸗ ben und fortgetragen. Dem Andern, einem Sohne des Capitains Prieſt, ward der Arm zerſchmettert und ihm das Pferd unter dem Leibe Kri hoſfan Er Oceola. III. — 130— floh durch einen Sumpf und es gelang ihm, der Nach⸗ ſtellung ſeiner Verfolger zu entgehen.“ „Ungefähr um dieſelbe Zeit überfiel eine Horde Indianer eine Anzahl weißer Männer, welche auf einer Inſel im See Georg mit dem Fällen von Lebenseichen beſchäftigt waren. Die Weißen ent⸗ kamen, indem ſie ſich in ihre Boote flüchteten, obſchon zwei von ihnen verwundet wurden.“ „In New⸗River, auf der ſüdöſtlichen Seite der Halbinſel, überfielen die Indianer das Haus eines Mr. Cooley— ermordeten ſeine Frau, ſeine Kinder und ſeinen Hauslehrer. Dabei ſchleppten ſie zwölf Fäſſer Lebensmittel, dreißig Schweine, drei Pferde, ein Faß Pulver, über zweihundert Pfund Blei, ſieben⸗ hundert Dollars in Silber und zwei Neger mit fort. Mr. Cooley war gerade nicht zu Hauſe. Bei ſeiner Rückkunft fand er ſeine Frau durch das Herz geſchoſ⸗ ſen mit ihrem Säuglinge auf dem Arme und ſeine zwei älteſten Kinder auf dieſelbe Weiſe getödtet. Das Mädchen hatte noch das Buch, in welchem ſie geleſen, in den Händen, und das des Knaben lag neben ihm. Das Haus ſtand in Flammen.“ „In Spring Gordon, am St. Johns, ward die umfangreiche Pflanzung des Oberſten Rees verwüſtet und ſeine Gebäude bis auf den Grund niedergebrannt. Es ward dabei eine Quantität Zuckerrohr vernichtet, — 131— aus welcher neunzig Fäſſer hätten fabricirt werden können; außerdem auch noch dreißig Fäſſer fertiger Zucker und einhundertundzweiundſechzig Ne⸗ ger wurden weggeführt. Die Maulthiere und Pferde wurden ebenfalls mitgenommen. Dieſelben Indianer vernichteten die Gebäude eines Mr. Depey⸗ ſter, mit deſſen Negern ſie einen Bund geſchloſſen, und nachdem man ihnen ein Boot verſchafft, ſetzten ſie über den Fluß und ſteckten Capitain Dummett's Gebäude in Brand. Major Heriot's Pflanzung ward verwüſtet und achtzig ſeiner Neger zogen mit den Indianern fort. Dann ging es weiter nach San Auguſtine, wo die umfangreichen Pflanzun⸗ gen des Generals Hernandez verwüſtet wurden— ſodann Bülow's, Duponts von Buen Retiro, Dun⸗ hams, M'Rae's von Tomoka Creek, die Pflanzungen von Bayas, des Generals Herring und des Barta⸗ lone Solano mit faſt allen andern vom San Auguſtine ſüdwärts.“ Dies ſind einfache hiſtoriſche Thatſachen. Ich eitire ſie hier als Veranſchaulichungen der Ereigniſſe, welche das Vorſpiel des Seminolenkrieges waren. Obſchon barbariſch und grauſam, waren es doch nur Acte der Vergeltung— der wilde Ausbruch einer ſchon lange verhaltenen Rache, die Erwiderung geduldig ertragener Kränkungen und Beleidigungen. 9* — 132— Bis jetzt hatte noch kein allgemeines Treffen ſtattgefunden, aber Streifparteien bildeten ſich gleich⸗ zeitig an verſchiedenen Orten. Viele von Denen, welche ſich an den Indianern vergangen, wurden ohne Weiteres mit dem Tode bezahlt, und Viele ret⸗ teten nur mit genauer Noth das Leben. Eine Feuersbrunſt folgte auf die andere, bis das ganze Land in Flammen zu ſtehen ſchien. Die, welche im Innern oder an der Grenze der indianiſchen Reſerve wohnten, ſahen ſich genöthigt, ihre Ernten, ihre Viehheerden, ihre Ackergeräthſchaften, ihr Hausgeräth und überhaupt jeden Gegenſtand von Werth, zu ver⸗ laſſen und in den Forts Schutz zu ſuchen, oder ſich in den benachbarten Dörfern zu concentriren, um welche herum, der größern Sicherheit halber, Paliſ⸗ ſaden errichtet waren. Die freundeten Häuptlinge— die Omatlas und Andere— mit ungefähr vierhundert Anhängern, verließen ihre Dörfer und flohen nach Fort Brooke, um hier Schutz zu ſuchen. Der Kampf war nicht länger zweifelhaft; er ward durch das wilde Yo-ho- ehee! erklärt, welches man Tag und Nacht durch die Wälder hallen hörte. Fünfzehntes Kapitel. Die Spur des fremden Reiters. tingent, um den Feldzug zu beginnen. nant beigegeben ward. Bis jetzt waren nur erſt wenig Truppen in Florida angelangt, obſchon einzelne Detachements von New⸗Orleans, Fort Mbultrie, Savannah, Mobile 5 und andern Depots, wo die Soldaten der Vereinig⸗ ten Staaten gewöhnlich ſtationirt ſind, unterwegs waren. In den größern Städten von Florida und Carolina ſelbſt wurden jedoch Corps von Freiwilli⸗ gen gebildet, und jede Niederlaſſung ſtellte ihr Con⸗ es räthlich, auch in den Niederlaſſungen des Suwanee — meines heimathlichen Diſtricts— eine Streit⸗ macht zu errichten, und mein Freund Gallagher ward damit beguftragt, während ich ihm als Lieute⸗ Mit Freuden empfing ich dieſen Befehl. Ich ward dadurch des monotonen Dienſtes der Fortgar⸗ niſon enthoben, den ich herzlich ſatt hatte. Noch angenehmer aber war die Ausſicht, daß ich nun längere Zeit in der Heimath, nach der ich mich wirklich ſehnte, zubringen ſollte. Gallagher war eben ſo erfreut als ich ſelbſt. Er war ein leidenſchaftlicher Jäger, obſchon er, weil er den größ⸗ ten Theil ſeines Lebens innerhalb der Mauern von großen Städten oder in Forts längs der Küſte des atlantiſchen Meeres zugebracht, nur ſelten Gelegenheit gefunden hatte, ſich an der Fuchs⸗ oder Hirſchjagd zu ergötzen. Ich hatte ihm verſprochen, daß er Beides nach Herzensluſt genießen ſollte, denn in den Wäldern des Suwanee fehlte es nicht an Wild von der einen ſowohl wie der andern Gattung. Gern übernahmen wir daher unſere Rekru⸗ tirungscommiſſion, ſagten unſern Kameraden im Fort Lebewohl und machten uns mit leichtem Herzen und angenehmen Erwartungen auf den Weg. Eben ſo erfreut als wir war der Schwarze Jake, nun wieder nach der alten Pflanzung zurückkehren zu können. In der Gegend, wo ſich die Niederlaſſungen des Suwanee befanden, hatten die indianiſchen Ma⸗ rodeurs ſich noch nicht gezeigt. Sie lagen fern von den Ortſchaften der meiſten feindlichen Stämme, ob⸗ ſchon für einen entſchloſſenen Streifzug nicht zu ent⸗ fernt. In einer gewiſſen lethargiſchen Sicherheit blieben die Einwohner immer noch in ihren Häuſern — obſchon eine freiwillige Streitmacht bereits auf⸗ geſtellt war und Patrouillen in fortwährender Be⸗ wegung gehalten wurden. Ich bekam häufig Briefe von meiner Mutter und Virginien. Keine von Beiden ſchien ängſtlich zu ſein und ganz beſonders meine Schweſter erklärte, daß ſie ganz gewiß von den Indianern nicht beläſtigt werden würden. Dennoch aber war ich nicht ohne Beſorgniß und gehorchte daher mit um ſo größerer Bereitwilligkeit dem Befehle, mich nach den Nieder⸗ laſſungen zu begeben. Gut beritten, galoppirten wir bald auf der Waldſtraße dahin und näherten uns den Schauplätzen meiner erſten Jugend. Dieſes Mal ſtieß ich auf keinen Hinterhalt, obſchon ich nicht ohne Vorſicht ritt. Der Befehl war uns aber ganz plötzlich ertheilt worden, und da wir uns beinahe ſofort auf den Weg gemacht hatten, ſo hatten meine meuchelmör⸗ deriſchen Feinde unmöglich von meiner Abreiſe in Kenntniß geſetzt werden können. Mit dem tapfern Gallagher an meiner Seite und meinen treuen Knap⸗ pen hinter mir, fürchtete ich keinen offenen Angriff von weißen Männern.— Meine einzige Furcht war, daß wir auf eine Streifpartei von rothen Männern ſtoßen könnten, die jetzt unſere erklärten Feinde waren. Hierin lag wirkliche Gefahr, und wir gebrauchten alle mögliche Vorſicht, um eine ſolche Begegnung zu vermeiden. An mehrern Orten ſahen wir beinahe noch friſche Spuren von Indianern. Es waren Mocca⸗ ſinabdrücke im Schlamme und Spuren von Pferden mit Reitern. An einer Stelle bemerkten wir die Ueberreſte eines noch glimmenden Feuers, und rings⸗ umher zeigten ſich Spuren von rothen Männern. Eine Horde hatte hier bivouakirt. Aber wir ſahen keinen Menſchen, weder einen rothen noch einen weißen, bis wir die verlaſſene Pflanzung am Bache paſſirt hatten und uns dem ufer des Fluſſes näherten. Hier bekamen wir zum erſten Male auf unſerer Reiſe einen Menſchen zu Geſicht. Es war ein Reiter, und gleich auf den erſten Blick erklärten wir ihn für einen Indianer. Er war zu weit von uns entfernt, als daß wir ſeine Hautfarbe oder ſeine Züge zu unterſcheiden vermocht hätten, aber ſein Coſtüm, die Art und Weiſe, wie er im Sattel ſaß, die rothe Schärpe und Beinkleider, — 137— gen die Straußfedern, welche über verriethen uns, daß er ein auf einem großen ſchwarzen aus dem Walde in die Klärung herausgekommen, elche wir ſelbſt betraten. Er ſchien uns in demſelben Augenblicke zu ſehen, wo ir ihn gewahrten, und wünſchte augenſcheinlich, zu meiden. 1 Nachdem er uns einen Augenblick lang betrach⸗ tet, warf er ſein Pferd herum und ſprengte zurück in ⸗he Unkluger Weiſe gab Gallagher ſei⸗ nem Pferde Sporen und galoppirte nach. Ich würde davon abgerathen haben, wenn ich nicht im Stillen geglaubt hätte, daß der Reiter Oceola ſei. In dieſem Falle konnte weiter keine Gefahr vorhan⸗ den ſein, und aus Beweggründen der Freundſchaft wünſchte ich ſogar, den jungen Häuptling einzuholen und ein Wort mit ihm zu wechſeln. In dieſer Abſicht galoppirte ich hinter meinem Freunde drein, während Jake langſamer nachkam. Ich war feſt überzeugt, daß der fremde Reiter Oceola ſei. Ich glaubte die Straußenfedern zu er⸗ kennen und Jake hatte mir erzählt, daß der junge Häuptling ein ſchönes ſchwarzes Pferd ritt. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war er es alſo, und um ihn anzurufen und zum Anhalten zu bewegen, ſprengte ſeinem Kopfe Seminole war. Er .— 8 ich, da ich beſſer beritten wa Gallagher noch voraus. Bald kamen wir in da Reiter verſchwunden war Spuren, aber weiter Nichtsn Ich ſchrie laut, rief den jungen Häuptling bei ſeiſem Namen und nannte den meinen, aber es erfolgte keine weitere Antw als die, welche das Echo meiner Stimme g Ich folgte der Spur eine kurze Stree und fuhr fort, mein Rufen zu wiederholen ward nicht darauf geachtet. Der Reite entweder nicht meinen Anruf zu beantſho war ſchon zu weit fort, üm die 2 verſtehen. 5 Natürlich war es vergeblich, ihm zu folgen, wenn er nicht freiwillig Halt machte. Wir konnten ſeine Spur eine ganze Woche lang verfolgen, ohne ihn einzuholen. Gallagher ſah dies eben ſo gut ein als ich, und wir gaben daher die Verfolgung auf und lenkten wieder nach unſerer Straße herum, mit der Ausſicht, bald das Ziel unſerer Reiſe zu er⸗ reichen. Ein Querweg, deſſen ich mich entſann, bot eine kürzere Straße nach dem Landungsplatze dar und nach dieſem nahmen wir jetzt unſixe Richtung. Wir waren noch nicht weit geritten, als wir ölz hinein, wo der d ſah die friſchen — 139— wieder auf dieSp eines Pferdes ſtießen. Augen⸗ ſcheinlich rührten ſie falls von dem Reiter her, den wir ſo eben verfon aren aber ſchon vor dem Augenblicke entſtanden, n wir ihn ſahen. Sie kamen in gerader Linis von dem Fluſſe her, nach welchem wir jetzt ritten. Ich fühlte mich bewogen, die Hufſpuren genauer zuRetracten.. Ich ſah, daß ſie naß waren— Waſ⸗ ſer ſickerte e von den Rändern in ſie hinein und es 4 zeigten ſich Waſſertropfen auf den dürren Blättern, welche die Spur entlang lagen. Der Reiter war alſo mit ſei rde geſchwommen— er hatte den Fluß paſſirt. Dieſt Entdeckung führte mich auf eine ganze Reihenfolge von Gedanken. Was konnte er — ein Indianer— auf der andern Seite des Fluſ⸗ ſes geſucht haben? Wenn es Oceola war— wie ich noch glaubte— was konnte er dort gemacht haben? Bei dem aufgeregten Zuſtande des Landes wäre es für einen Indianer mit Lebensgefahr verbunden ge⸗ weſen, ſich der Niederlaſſung zu nähern, und hätte man ihn entdeckt und gefangen genommen, ſo wäre ſein Tod gewiß geweſen. Dieſer Indianer, mochte er nun ſein wer er wollte, mußte alſo einen wichti⸗ B gen Beweggrund gehabt haben, um das andere Ufer zu beſuchen. Welchen Beweggrund? Wenn es Oceola war, welchen Beweggrund? B₰½ Ich wußte nicht, was i konnte mir keinen andern Beweggrund denken, als daß der junge Häuptling den Spion gemacht, was von Seiten eines Indianers etwas durchaus nicht Unehrenvolles war. 11 Dieſe Vorausſetzung war nicht unwahrſchein⸗ lich, ſondern eher das Gegentheil, und dennoch konnte ich mich nicht überwinden, ſie für wahl zu halten. Eine Wolke war plötzlich über meine Seele hinweggegangen; eine kaum beſtimmte odet beſtimm⸗ bare Ahnung lebte in mir, und ein Dämon ſchien mir in's Ohr zu flüſtern: D iſt es nicht! War aber der Reiter de uch wirklich auf dem andern Ufer des Fluſſes geweſen? Wir werden es ſogleich ſehen. Wir ritten raſch die Spur entlang und ver⸗ folgten ſie auf dieſe Weiſe rückwärts. Binnen weni⸗ gen Minuten führte ſie uns an das Ufer, wo die Hufſpuren richtig vom Waſſerrande herführten. Keine entſprechende Spur führte hinein. Ja, er war auf dem andern ufer geweſen. Ich gab meinem Pferde die Sporen, ſetzte in den Fluß hinein und ſchwamm nach dem entgegen⸗ geſetzten Ufer. Meine Begleiter folgten, ohne weitere Fragen zu thun.. Als ich wieder aus dem Fluſſe heraus war, denken ſollte. Ich * 1 * .— 141— ritt ich das Ufer hinauf. Bald entdeckte ich die Hufſpuren des ſchwarzen Pferdes, wo es in den Fluß geſprungen war. Ohne Halt zu machen, fuhr ich fort, ſie weiter zu verfolgen, während Gallagher und Jake hinter mir herritten. Der Erſtere wunderte ſich über meinen Eifer und ſtellte einige Fragen, welche ich kaum zuſam⸗ menhängend beantwortete. Meine Ahnung ward mit jedem Augenblicke düſterer und das Herz ſchlug mir in der Bruſt mit ſeltſamem, unbeſchreiblichem Schmerze. Die Spur führte uns in eine kleine Lichtung innerhalb eines Magnolienhains. Weiter ging ſie nicht. Wir waren an ihrem Ende angelangt. Meine Augen ruhten mit einem gewiſſen mechaniſchen Blicke auf dem Boden. Ich ſaß im Sattel wie in einer Betäubung befangen. Die meiſten der Spuren waren die des ſchwarzen Pferdes, aber es waren auch noch andere von kaum halb ſo großen Dimen⸗ ſionen da. Es waren die winzigen Spuren von dem Hufeiſen eines kleinen Pony. „Ach Gott! Maſſa Georg,“ murmelte Jake, indem er an mich heranritt und ſeine Augen auf den Boden heftete,„ſchaut her! das ſein Spur von kleine Weißfuchs. Miß Virginia ſein hier geweſen.“ Sechzehntes Kapitel. Wer war der Reiter? Es ward mir zu Muthe, als müßte ich vom Pferde herabſinken; die Nothwendigkeit aber, die Gedanken, welche ſich in mir regten, zu verbergen, hielt mich aufrecht. Es giebt einen Verdacht, den ſelbſt ein Buſenfreund nicht theilen darf, und der meine war von dieſer Art, wenn er ein Verdacht genannt werden konnte. Unglücklicher Weiſe grenzte er faſt an Ueberzeugung. Ich ſah, daß Gallagher myſtifieirt war, nicht, wie ich glaubte, durch die Spuren auf dem Boden, ſondern durch mein Be⸗ nehmen in Bezug auf dieſelben. Er hatte meine Aufregung bemerkt, als ich die Spur aufnahm und während ich ihr folgte. Er konnte nicht umhin, ddies zu thun, und jetzt, wo wir die Lichtung erreicht * — 143— hatten, ſah er mein bleiches Geſicht und meine vor, ihm unverſtändlichen Gemüthsbewegungen zitternden Lippen. 5 „Was fehlt Dir denn, Georg? Glaubſt Du, daß die Rothhaut hier irgend eine Schlechtigkeit be⸗ gangen? daß ſie Etwas auf Deiner Pflanzung aus⸗ ſpionirt hat?“ Die Frage unterſtützte mich in meinem Dilemma. Sie gab mir eine Antwort an die Hand, obſchon ich nicht an die Wahrheit derſelben glaubte. „Höchſt wahrſcheinlich,“ antwortete ich, ohne irgend welche Verlegenheit zu verrathen.„Ich zweifle nicht, daß es ein indianiſcher Spion geweſen iſt, der mit einigen der Neger im Verkehr ſteht, denn dies da iſt die Spur eines Pony, welches zur Pflan⸗ zung gehört. Einige davon ſind bis hierher ge⸗ ritten, um ihn zu treffen, obſchon es ſchwer iſt, den Zweck zu errathen.“ „Maſſa Georg,“ ſagte mein ſchwarzer Begleiter, „Niemand darf Weißfuchs reiten als—“ „Jake!“ rief ich laut, ihn unterbrechend,„ga⸗ loppire immer voraus nach dem Hauſe und melde, daß wir kommen. Raſch!“ Mein Befehl war zu poſitiv, als daß Jake hätte zögern können, ihm zu gehorchen, und ohne vollends — 144— zu ſagen, was er hatte ſagen wollen, gab er ſeinem Pferde die Sporen und ritt raſch an uns vorbei. Es war dies von meiner Seite ein bloßes Manöpvre der Vorſicht. Noch den Augenblick vorher war es mir nicht eingefallen, einen Courier zu unſerer Anmeldung abzuſenden. Ich wußte aber, daß der gute, einfältige Kerl im Begriff ſtand, zu ſagen:„Niemand darf Weißfuchs reiten als Miß Virginia“— und ich hatte dieſe Liſt angewendet, um ihm das Wort abzuſchneiden. Ich warf einen Blick auf meinen Begleiter, nachdem Jake unſern Augen entſchwunden war. Gallagher war ein Mann von offenem Herzen und freier Zunge, dem Zurückhaltung etwas ganz Unbe⸗ kanntes war. Sein ſchönes, blühendes Geſicht zeigte ſelten eine Spur von Verdacht oder Argwohn, jetzt aber bemerkte ich doch, daß es einen Ausdruck von Verblüfftheit hatte, und ich fühlte mich dadurch beun⸗ ruhigt. Keiner von uns Beiden machte jedoch eine Be⸗ merkung, ſondern wir ritten auf dem Wege, welchen Jake eingeſchlagen, hinter ihm drein. Der Weg war ein zum Austreiben des Zuchtviehes beſtimmter, und zu ſchmal, als daß wir neben einander hätten reiten können. Gallagher ließ mich daher als Führer voranreiten. Auf dieſe Weiſe bewegten wir uns — 145— ſchweigend weiter. Ich brauchte mein Pferd nicht zu lenken. Der Weg war ihm bekannt; es wußte, wohin es ging. Ich nahm keine Notiz davon, ſon⸗ dern überließ es ſich ſelbſt. Ich warf kaum einen Blick auf den Weg— blos ein oder zwei Mal— und dann ſah ich die Spuren des Pony— rückwärts und vorwärts, aber ich achtete weiter nicht darauf. Ich wußte, woher und wohin ſie führten. Ich war mit meinen innern Gedanken viel zu ſehr beſchäftigt, als daß ich von Etwas außer mir oder um mich herum hätte Notiz nehmen ſollen. 3 Konnte es nicht vielleicht Jemand anders als Virginia geweſen ſein? Wer denn? Das, was Jake hatte ſagen wollen, nämlich daß Niemand außer meiner Schweſter den Pony, welchen wir den „Weißfuchs“ nannten, reiten durfte, war ganz wahr, denn es war Niemandem auf der Pflanzung erlaubt, dieſes Lieblings⸗Miniaturroß zu beſteigen. Doch ja— eine Ausnahme fand ſtatt. Ich hatte Viola darauf geſehen. Vielleicht hätte Jake dieſe Ausnahme noch hinzugefügt, wenn ich ihm erlaubt hätte, auszureden. Konnte es Viola ge⸗ weſen ſein? Aber zu welchem Zwecke konnte ſie eine Zuſam⸗ Oceola. III. 10 — 446— menkunft mit dem Seminolenhäuptlinge gehabt haben — denn daß die Perſon, welche den Pony geritten, eine Zuſammenkunft mit dem Häuptlinge gehabt hatte, daran ließ ſich nicht im Mindeſten zweifeln — die Spuren verriethen dies deutlich genug. Welcher Grund konnte die Quadronin zu einer ſolchen Zuſammenkunft veranlaßt haben? Sicherlich keiner.— Doch, wie konnte ich das wiſſen? Ich war lange abweſend geweſen, viele ſeltſame Ereigniſſe, viele Veränderungen waren in meiner Abweſenheit u Tage getreten. Wie konnte ich wiſſen, ob nicht Iiola ihres ſchwarzen Geliebten überdrüſſig geworden war und jetzt den tapfern Häuptling mit günſtigen Blicken betrachtete? Ohne Zweifel hatten ſich ihr viele Gelegenheiten dargeboten, den Letztern zu ſehen, denn nach meiner Abreiſe nach dem Norden waren vor der Vertreibung der Powells von ihrer Pflan⸗ zung mehrere Jahre verſtrichen. Und jetzt, wo ich daran dachte, ſiel mir Etwas ein— ein gering⸗ fügiger Umſtand, der ſich an demſelben Tage ereignet hatte, wo der junge Powell zuerſt unter uns erſchien — Viola hatte nämlich ihre Bewunderung des ſchö⸗ nen Jünglings in Worten zu erkennen gegeben. Ich beſann mich, daß dies den Schwarzen Jake ſehr zornig gemacht hatte, daß auch meine Schweſter darüber unwillig geworden war und Viola ausge⸗ — — 147— ſcholten hatte, weil ſie— ſo glaubte ich damals— ihren treuen Anbeter keäntln Viola war eine Schönheit und, wie die meiſten Schönheiten, eine Kokette. Meine Muthmaßung konnte richtig ſein. Es war angenehm, dies zu denken— aber ach, der arme Jake! Ein anderer geringfügiger Umſtand trug dazu bei, mich in dieſer Anſicht zu beſtärken. Ich hatte in der letzten Zeit eine Veränderung an meinem ſchwarzen Knappen bemerkt. Er war nicht mehr ſo heiter wie ſonſt— er ſchien nachdenklicher— ernſt— in ſich gekehrt zu ſein. Gott gebe, daß dies die richtige Erklärung ſei! Es gab auch noch eine andere Muthmaßung, welche mir Hoffnung gewährte; eine Muthmaßung, die, wenn ſie gegründet war, mich noch mehr zufriedengeſtellt hätte, denn ich empfand für den Schwarzen Jake ein ſtarkes Gefühl der Freundſchaft. Dieſe zweite Hypotheſe war einfach Das, was Gallagher ſchon gemeint hatte, nämlich daß, obſchon Weißfuchs von Niemandem als meiner Schweſter geritten werden durfte, doch einer unſerer Leute ſich verſtohlener Weiſe ſeiner bedient haben konnte. Dies war möglich und nicht ohne Wahrſchein⸗ lichkeit. Es gab vielleicht unzufriedene Sclaven auf unſerer Pflanzung— es gab deren faſt auf jeder 10* — 148— Pflanzung— die in Verkehr mit den feindſeligen Indianern ſtanden. Der Platz war über eine Meile von dem Hauſe entfernt. Reiten war natürlich angenehmer als Gehen, und der Pony konnte leicht von der Weide hinweggenommen werden, ohne daß Jemand weiter darauf achtete. Vielleicht war Nie⸗ mand anders als ein großer ſchwarzer Neger der Reiter geweſen. Gott gebe, daß dies die richtige Erklärung war! Kaum hatte ich dieſes ſtille Gebet geſprochen, Hfiel mit ein Gegenſtand in die Augen, der alle meine Theorieen in die Winde zerſtreuete und mein Heerz mit neuem Schmerz erfüllte. Ein Heuſchrecken⸗ aum ſtand an der Seite des Weges und ſtreckte ſeine Zweige zum Theil über denſelben hinweg. Ein Bandſtreifen hatte ſich an einem der Dornen gefangen und flatterte im Luftzuge. Es war Seide und von feinem Gewebe— ein Bruchſtück von dem Beſatz eines Damenkleides.— Für mich war es ein betrübendes Anzeichen. Mein Gebäude von hoffnungsvollen Phantaſieen ſtürzte bei dem Anblicke in Trümmer. Kein Neger — nicht einmal Viola— hätten einen ſolchen Beweis wie dieſen zurücklaſſen können, und ich ſchauderte, während ich an der flatternden Reliquie vorbeiritt. Ich hoffte, daß mein Begleiter ſie nicht bemerken — — 149— würde, aber er bemerkte ſie. Sie fiel zu ſehr in's Auge, als daß ſie hätte unbemerkt bleiben können. Während ich über meine Schulter zurückblickte, ſah ich ihn den Arm ausſtrecken, das Band von dem Aſte abreißen und es mit forſchendem und verblüfftem Blicke betrachten. Aus Furcht, daß er an mich heranreiten und mich ausfragen könnte, ſetzte ich mein Pferd in raſchen Galopp, während ich ihm gleichzeitig zurief, mir zu folgen. 4 Zehn Minuten ſpäter machten wir vor unſerm Hauſe Halt. Meine Mutter und Schweſter waren auf die Veranda Khedausgekommen, um uns zu empfangen und zu bewillkommnen. Ich hörte die freundlich grüßenden Worte, achtete aber nicht darauf. Mein Blick war auf Virginia— auf ihren Anzug geheftet. Es war ein Reitkleid und ſie trug den Federhuͤt ſoch auf dem Kopfe. Meine ſchöne A nie ſchien ſie ſchöner zu ſein als in dieſ ield. Ihre Wangen waren vom Winde geröthet und ihre goldenen Flechten hingen darüber Sherab. Aber es freute mich nicht, ſieſo ſchön zu ſehen— in meinen Augen erſchien ſie wie ein gefallener Engel. Ich blickte auf Gallagher, während ich aus dem Sattel ſchwankte. Ich ſah, daß er Alles verſtand. — 450— Ja, noch mehr— ſein Geſicht trug einen Ausdruck, welcher eine innere Qual verrieth, die eben ſo groß zu ſein ſchien, wie die meine. Er war mein Freund — erprobt und treu. Er hatte meinen Schmerz bemerkt— er errieth jetzt die Urſache und ſein Blick verrieth die tiefe Sympathie, welche mein Unglück ihm einflößte. 4 33. ₰ Süaaut P,, 6 e .—— 29 Seue, Siebzehntes Kapitel. 1 1 Kalte Höflichkeit. Die Umarmung meiner Mutter empfing ich mit kindlicher Wärme— die meiner Schweſter ſchweigend— faſt mit Kälte. Meine Mutter be⸗ merkte dies und ſchien darüber verwundert zu ſein. Gallagher zeigte auch Zurückhaltung, indem er Vir⸗ ginien begrüßte, und auch dies ging nicht unbemerkt vorüber. Meine Schweſter war von uns Allen am wenigſten, oder vielmehr gar nicht verlegen. Im Gegentheile war ſie ſehr redſelig und ihre Augen funkelten von freudigem Ausdruck, als ob ſie wirklich durch unſere Ankunft erfreuet würde.„ „Du biſt zu Pferde geweſen, Schweſter?“ fragte ich in einem Tone, welcher Gleichgültigkeit in Maälig. auf die Antwort heuchelte. — 152— „Sage lieber zu Pony. Mein kleiner Weißfuchs verdient kaum den ſtolzen Namen eines Roſſes. Ja, ich habe einen kleinen Spazierritt gemacht, um friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Allein?“ „Ganz allein— solus bolus, wie die Neger ſagen.“ „Iſt das auch klug, Schweſter?“ „Warum nicht? Ich thue es ſehr oft. Was habe ich zu fürchten? Die Wölfe und Panther ſind ausgerottet und für einen Bären oder einen Alli⸗ — gator iſt Weißfuchs viel zu geſchwind.“ „Man kann in dem Walde auf Weſen ſtoßen, welche noch weit gefährlicher ſind als wilde Thiere.“ Ich ſah ſie, indem ich dieſe Bemerkung machte, ſcharf an, ſah aber nicht die mindeſte Veränderung. „Was für Weſen, Georg?“ fragte ſie, indem ſie zugleich den Ton nachäffte, in welchem ich ge⸗ ſprochen. „Rothhäute— Indianer,“— antwortete ich kurz.— „Unſinn, Bruder. Es giebt keine Indianer in dieſer Nachbarſchaft— wenigſtens,“ ſetzte ſie mit merkbarem Zögern hinzu,„keine, die wir zu fürchten brauchten. Habe ich Dir das nicht ſchon geſchrieben? Du kommſt aus dem feindlichen Gebiete, — —— — ——— — 153— wo wahrſcheinlich ein Indianer hinter jedem Gebüſch lauert; aber bedenke, Georg, daß Du einen weiten Weg zurückgelegt haſt, und wenn Du die Wilden nicht mitgebracht haſt, ſo wirſt Du keine hier finden. Alſo, meine Herren, Sie können ſich heute Abend ſchlafen legen, ohne Furcht durch das Yo-ho-ehee aufgeſchreckt zu werden.“ „Iſt das ſo gewiß, Miß Randolph?“ fragte Gallagher, indem er ſich mit in die Converſation miſchte.„Ihr Bruder und ich, wir haben Grund, zu glauben, daß Einige, welche ſchon den Kriegsruf angeſtimmt haben, von den Niederlaſſungen des Suwanee nicht weit entfernt ſind.“ „Miß Randolph ſagen Sie? Ha! ha! ha! Mein Himmel, Miſter Gallagher, wo haben Sie denn dieſes übertrieben reſpectvolle Benehmen gelernt? Es iſt ſo entfernt, daß Sie es weither geholt haben müſſen. Sonſt nannten Sie mich ſchlechtweg Virginia. Was ſoll denn das bedeuten? Es ſind gerade drei Monate, ſeitdem wir— das heißt Sie und ich, Mr. Gallagher— uns zuletzt ſahen, und kaum zwei, ſeitdem Georg von mir ſchied, und nun ſtehen Sie beide wieder da und der eine ſpricht ſo feierlich wie Solon, und der andere ſo nüchtern und bedächtig wie Sokrates! Am Ende nennt mich Georg, wenn er abermals eine Zeit lang abweſend geweſen iſt, — 54— ebenfalls Miß Randolph— wahrſcheinlich iſt es in dem Fort ſo Mode. Vorwärts, meine Freunde!“ ſetzte ſie, indem ſie mit ihrer Reitgerte auf das Ge⸗ länder der Veranda ſchlug, hinzu,„nennt mir den Grund dieſer wunderſamen Umwandlung, oder Ihr bekommt, ſo wahr ich lebe, keinen Biſſen zu eſſen.“ Das Verhältniß, in welchem Gallagher zu meiner Schweſter ſtand, bedarf einer kleinen Aus⸗ einanderſetzung. Es war, weder mir noch meiner Mutter etwas Neues. Während ihres Verweilens im Norden war er mit ihnen zuſammengetroffen, ganz beſonders mit der Erſtern ſehr oft. Als mein faſt fortwährender Begleiter hatte er vollauf Gele⸗ genheit, mit Virginien bekannt zu werden, und war auch in der That ſehr gut mit ihr bekannt geworden. Deßhalb unterredeten ſie ſich mit einander gewöhnlich in der vertraulichſten Weiſe, nannten einander bei ihrem Vornamen, und ich begriff recht wohl, warum meine Schweſter die Anrede„Miß Randolph“ als eine ziemlich kalte und förmliche betrachtete; aber ich wußte auch, weßhalb er ſie ſo angeredet hatte. Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, mein Freund liebe Virginien. Es war dies kurz, nachdem ſie mit einander bekannt geworden waren. Im Laufe der Zeit aber hörte ich auf, dieſen Glauben zu hegen. Ihr Benehmen war nicht das von Liebesleuten— — — 155— wenigſtens nicht nach meinem Begriffe. Sie waren zu freundſchaftlich, um ſich zu lieben. Sie ſpa⸗ zierten und liefen mit einander umher, laſen komiſche⸗ Bücher, lachten und ſchwatzten ſtundenlang über triviale Dinge und gaben einander Spitznamen und dergleichen. Es war in der That etwas Seltenes, ſie etwas Vernünftiges und Ernſtes mit einander ſprechen zu hören. Alles Dies war aber ſo verſchieden von der Art und Weiſe, auf welche, nach meinen Begriffen, Liebende ſich benehmen mußten,— ſo verſchieden von der, auf welche ich mich benommen haben würde— daß ich die Meinung, die ich gehegt, wieder aufgab und ſie ſpäter als zwei Weſen betrachtete, deren Charaktere einander zuſagten und deren Herzen in Freundſchaft, aber nicht in Liebe vereint waren. Ein anderweiter Umſtand beſtärkte mich in dieſem Glauben. Ich bemerkte, daß meine Schweſter während Gallaghers Abweſenheit nur wenig Geſchmack an heiterer Unterhaltung fand, während ſie in ihrer frühern Zeit ſich dieſer faſt ausſchließlich gewidmet hatte. In dem Augenblicke aber, wo Gallagher erſchien, ging eine plötzliche Veränderung mit ihr vor und ſie ließ ſich zu all' den Schnurren herbei, zu welchen ihr Freund den Ton anſchlug. Die Liebe, dachte ich, giebt ſich auf dieſe Weiſe — 156— nicht kund. Wenn es Jemanden gab, an welchem ſie ein Intereſſe des Herzens fühlte, ſo war es doch nicht der Mann, welcher hier gegenwärtig war— nein, Gallagher war nicht der Rechte, und das Spiel, weelches zwiſchen ihnen ſtattfand, war nur die Ver⸗ traulichkeit zweier Perſonen, die einander achteten, ohne daß ein Funke von Liebe ſich in dieſes Gefühl gemiſcht hätte. Der ſchwarze Argwohn, der jetzt auf ſeinem Gemüthe eben ſo laſtete, wie auf dem meinen, hatte ihn augenſcheinlich verſtimmt, nicht aus einem Gefühle der Eiferſucht, ſondern aus reiner freund⸗ ſchaftlicher Sympathie für mich— vielleicht auch für ſie. Sein Benehmen gegen ſie war, obſchon es ſich innerhalb der Grenzen der vollkommenſten Höflichkeit bewegte, wirklich verändert— ſehr verändert. Kein Wunder daher, daß ſie es bemerkte und eine Erklä⸗ rung verlangte. „Raſch!“ rief ſie, indem ſie mit ihrer Reitgerte einige Weinblätter herunter hieb.„Iſt es Verſtellung oder meint Ihr es ernſt? Erklärt Euch beide, oder ich halte meinen Schwur— Ihr bekommt kein Mittagsmahl! Ich werde ſelbſt in die Küche gehen und es abbeſtellen.“. 3 KTrotz der düſtern Gedanken, die ihn beſchäff ₰ — 157— tigten, zwang Virginia's Weſen und ihre ſeltſame Drohung meinen Freund doch zu lachen— obſchon ſein Gelächter weit verſchieden von dem war, welches ſie ſonſt gewohnt geweſen, von ihm zu hören. Ich mußte ſelbſt lächeln, und da ich die Noth⸗ wendigkeit einſah, meine Gemüthsbewegungen zu Erklärung gelten konnte. Es war jetzt nicht die 4 rechte Zeit zu der wahren. „Wirklich, Schweſter,“ ſagte ich,„wir ſind zu müde und zu hungrig, als daß wir uns zur Heiterkeit aufgelegt fühlen ſollten. Bedenke, wie weit wir unter der brennenden Sonne geritten ſind. Keiner von uns hat, ſeitdem wir das Fort verlaſſen, einen Biſſen in den Mund gebracht und unſer Frühſtück dort war kein ſehr ſonderliches— Maiskuchen und ſchwacher Kaffee mit Pökelfleiſch. Wie ſehne ich mich nach einigen von Tante Sheba's Zwiebacken und einem gebratenen Huhn! Alſo, ich bitte Dich, laß uns Etwas zu eſſen auftragen, dann ſollſt Du ſehen, wie wir uns plötzlich ändern. Wir werden dann ganz heiter und luſtig ſein.“ 5 Mit dieſer Erklärung zufrieden, oder ſich wenig⸗ ſtens ſo ſtellend— denn ihre Antwort war ein Ver⸗ ſprechen, uns unſer Mittagsmahl auftragen zu laſſen — entfernte ſich meine, Schweſter mit heiterem Ge⸗ * erſticken, ſo ſtammelte ich Etwas, was für eine — 158— lächter, um die nothwendige Veränderung in ihrer Toilette vorzunehmen, während mir und meinem Freunde jedem ein beſonderes Zimmer angewieſen ward. * 1* Bei Tiſche und auch nachher that ich mein Aeußerſtes, um ungezwungen und heiter zu erſcheinen. Ich bemerkte, daß Gallagher ſich dieſelbe Mühe gab. Vielleicht ließ meine Mutter durch dieſe Komödie ſich täuſchen, Virginia aber nicht. Ehe noch viele Stunden vergingen, gewahrte ich Anzeichen von Argwohn, der gegen Gallagher eben ſo gerichtet war, wie gegen mich. Sie argwohnte, daß nicht Alles in Ordnung ſei, und begann ſich in ihrer Converſation mit uns Beiden pikirt, ja faſt feind⸗ ſelig zu zeigen. Achtzehntes Kapitel. Meine Schweſter. Während des noch übrigen Tages und im Laufe des ganzen nächſtfolgenden dauerte dieſer unerfreuliche Zuſtand der Dinge fort, und wir benahmen uns alle drei— mein Freund, meine Schweſter und ich — mit höflicher Zurückhaltung. Dieſe Geſpanntheit war ſo zu ſagen eine dreiſeitige, denn ich hatte Gallagher nicht zu meinem Vertrauten gemacht, ſon⸗ dern ihn gänzlich ſeinen Muthmaßungen überlaſſen. Er war ein ächter Gentleman, und deutete nicht ein Mal auf das hin, was, wie er recht wohl wiſſen mußte, meine ganzen Gedanken beſchäftigte. Es war meine Abſicht, ihm mein Herz auszuſchütten und ſeinen freundſchaftlichen Rath zu erbitten, aber erſt nachdem noch einige Zeit vergangen wäre— nicht eher, als bis ich von Virginien vallſtändigt Aufklärung erhalten hätte. Ich wartete auf eine Gelegenheit, um dieſe her⸗ beizuführen; nicht als ob ſich deren Viele dargeboten hätten, denn ſehr oft konnte ich mit Virginien unter vier Augen ſprechen— wohl aber ward mir bei jeder Gelegenheit mein Entſchluß untreu. Ich fürchtete geradezu, ſie zu einem Geſtändniſſe zu nöthigen. Und dennoch fühlte ich, daß es meine Pflicht war. Als ihr Bruder, ihr nächſter männlicher Ver⸗ wandter, hatte ich die Aufgabe, ihre Ehre zu ſchützen und das Wappen unſerer Familie rein und unbefleckt zu erhalten. Tage lang ward ich von dieſer brüderlichen Pflicht zurückgehalten— theils durch natürliches Zartgefühl— theils durch die Furcht vor der Ent⸗ hüllung, die ich vielleicht auf dieſe Weiſe herbeiführte. Ich ſcheute mich, die Wahrheit zu erfahren. Daß ein Verkehr zwiſchen meiner Schweſter und dem in⸗ dianiſchen Häuptlinge ſtattgefunden— daß er aller Wahrſcheinlichkeit nach noch ſtattfand— daß eine heimliche Zuſammenkunft ſtattgehabt— vielleicht mehr als eine— alles Dies wußte ich recht wohl. Aber wie weit war dieſer Verkehr gegangen? In wie weit hatte meine arme Schweſter ſich compromittirt? — 161— Dies waren die Fragen, deren Beantwortung ich fürchtete. Ich glaubte, ſie würde mir die Wahrheit ſagen — das heißt, wenn ich ſie darum bat. Sprach ich dagegen in befehlendem Tone, ſo weigerte ſie ſich ganz beſtimmt. Davon war ich überzeugt. Ich kannte ihren ſtolzen Geiſt. Wenn ſie zur Feindſeligkeit gereizt ward, war ſie des hartnäckigſten Widerſtandes fähig — feſt und unerſchütterlich. Sie hatte viel von dem Charakter meiner Mutter, aber wenig von dem meines Vaters. Auch körper⸗ lich hatte ſie, wie ich ſchon bemerkt, Aehnlichkeit mit ihrer Mutter, und in geiſtiger Beziehung war ſie das vollkommene Seitenſtück derſelben. Sie war eine von jenen Frauen— denn jetzt verdiente ſie dieſe Benennung— welche niemals den Zwang einer ſtrengen Zucht kennen gelernt haben, ſondern in dem Glauben aufwachſen, daß ſie auf Erden keinen Herrn und Meiſter haben. Daher die volle Entwickelung eines Gefühls vollkommener Unabhängigkeit, welches unter den amerikaniſchen Frauen ziemlich häufig iſt, in andern Ländern aber nur unter denen der bevor⸗ rechteten Klaſſen exiſtiren kann. Ohne von Vater, Mutter, Vormund oder Lehrer — denn auch dieſer Letztere hatte niemals von der Oceola. III. 11 Ruthe Gebrauch machen dürfen, Zwang zu erfahren, war meine Schweſter zur Mannbarkeit herange⸗ wachſen, und fühlte ſich ſo frei und unumſchränkt wie eine Königin auf ihrem Throne. Sie war auch noch in anderem Sinne unab⸗ hängig— in einem Sinne, welcher auf die Freiheit des Geiſtes einen großen Einfluß ausübt— ſie be⸗ ſaß ihr ſelbſtſtändiges Vermögen. In den Staaten Amerika's iſt das Recht der Erſtgeburt nicht geſtattet, ſondern ſogar durch ein Geſetz aufgehoben. Jene Staatsmänner und Präſi⸗ denten, welche in einer langen Reihe aͤuf den Vater der Republik folgten, waren weiſe Geſetzgeber. Sie ſahen unter dieſem mangelhaften Geſetze— welches nach der Meinung Vieler nur die Familienbeziehungen angeht— den ſtarken Arm des politiſchen Tyrannen lauern und trafen daher Maßregeln, um die Ein⸗ führung deſſelben in dem Lande zu verhindern. Weiſe handelten ſie, wie die Zeit lehren wird, oder vielmehr ſchon gelehrt hat, denn hätte der Congreß in Waſhington's Zeit das Erſtgeburtserbrecht ſanc⸗ tionirt, ſo hätte ſich die große amerikaniſche Republik ſchon längſt in eine Oligarchie verwandelt. Frei von den Feſſeln eines ſo unnatürlichen Geſetzes, hatte mein Vater gehandelt, wie alle Men⸗ ſchen von richtigem Gefühl wahrſcheinlich handeln 4 — 163— werden. Er war der Eingebung ſeines Herzens ge⸗ folgt und hatte ſein Vermögen zwiſchen ſeine Kinder in gleiche Theile getheilt. Deßhalb ſtand meine Schweſter, in ſo weit die Unabhängigkeit des Ver⸗ mögens in Frage kam, mir vollkommen gleich. Natürlich war unſere Mutter ebenfalls bedacht worden, aber der Kern des väterlichen Beſitzthums gehörte jetzt Virginien und mir. Meine Schweſter war alſo eine Erbin— von Mutter und Bruder vollkommen unabhängig— durch keine Autorität an Eines von Beiden gebunden, ſondern blos durch die, welche in den Banden des Herzens— in der kindlichen und ſchweſterlichen Zuneigung liegt. Ich habe mich etwas umſtändlich hierüber aus⸗ geſprochen, um die delikate Aufgabe zu veranſchau⸗ lichen, welche ich zu erfüllen hatte, indem ich meine Schweſter zur Rede ſtellte.— Seltſam war es, daß ich nicht an meine eigene anomale Stellung dachte. Es fiel mir in dieſen Augenblicken gar nicht ein, daß ich mit der Schweſter deſſelben Mannes ſo zu ſagen verlobt war, und die aufrichtige Abſicht hatte, ſie zu meinem Weibe zu machen. Ich konnte in einem ſolchen Bündniſſe durchaus nichts Unnatürliches oder für mich Unehrenhaftes 3 11* — 164— finden— und die Geſellſchaft würde auch Nichts dergleichen gefunden haben. Es war dies in frühern Zeiten ſchon mit Rolfe ſo geweſen, der ſich mit einem Mädchen von dunklerer Farbe, geringerer Schönheit und Bildung als Maümee vermählt hatte. In ſpätern Zeiten waren hundert Andere ſeinem Beiſpiele gefolgt, ohne deßwegen an Kaſte oder Ruf zu verlieren. Warum ſollte das mit mir nicht auch ſo ſein? Ueberhaupt war mir dieſe Frage noch gar nicht eingefallen, denn ich hatte nie daran gedacht, daß mein Zweck in Bezug auf meine indianiſche Ver⸗ lobte anders als vollkommen in Ordnung ſei. Etwas Anderes wäre es geweſen, wenn die Adern meiner Zukünftigen eine Beimiſchung von afrikaniſchem Blute gehabt hätten. Dann aller⸗ dings hätte ich das Zürnen der Geſellſchaft fürchten müſſen, denn in Amerika iſt es nicht die Farbe der Haut, welche verdammt— ſondern das Blut— das Blut! Der weiße Gentleman kann eine In⸗ dianerin heirathen; ſie darf ohne Widerſpruch ſich in die Geſellſchaft miſchen und kann, wenn ſonſt ihre äußere Erſcheinung darnach iſt, eine gefeierte Schön⸗ heit werden. Alles Dies wußte ich, während ich gleichzeitig der Sklave eines Glaubens an die ungeheuerliche — 165— Anomalie war, daß da, wo das Blut von der andern Seite gemiſcht— wo das Weib weiß und der Mann roth iſt— die Verbindung eine Mesalliance— eine Schande wird. Von den Freunden der erſtern wird eine ſolche Verbindung als ein Unglück— als ein Fall betrachtet, und wenn das Weib zufällig eine Dame von Stande iſt— ach, dann vollends!— So wenig ich auch auf viele der Vorurtheile meines Vaterlandes in Bezug auf Race und Farbe gab, ſo war ich doch nicht frei von dem Einfluſſe dieſer ſocialen Maxime. Wenn ich glaubte, daß meine Schweſter einen Indianer liebte, ſo betrachtete ich ſie zugleich als verloren— als gefallen. Gleich⸗ viel in wie hohem Range ihr Geliebter unter ſeinem Volke ſtehen— gleichviel wie tapfer, wie gebildet er ſein mochte— gleichviel wenn es Oceola ſelbſt geweſen wäre! Ueunzehntes Kapitel. — Ich verlange eine Erklärung. Die Ungewißheit nagte an mir— ich konnte ſte nicht länger ertragen. Ich beſchloß endlich, meiner Schweſter, ſobald ich ſie allein anträfe, eine Erklärung abzuverlangen. Die Gelegenheit bot ſich ſehr bald dar— ich ſah ſie zufällig auf dem Raſenplatze unten am Rande des Sees. Ich ſah, daß ſie auf ungewöhnlich heite⸗ rer Laune war. „Ach!“ dachte ich, indem ich mich, von meinem Entſchluſſe erfüllt, ihr näherte,„dieſes Lächeln! bald werde ich es in Thränen verwandeln. Schweſter!“ Sie plauderte mit ihren Lieblingen und hörte mich nicht, oder that wenigſtens, als ob ſie mich nicht hörte. — 167— „Schweſter!“ wiederholte ich in lauterem Tone. „Nun, was giebt es?“ fragte ſie kurz, ohne aufzublitken. „Ich bitte dich, Viginza⸗ höre auf, zu ſpielen und ſprich mit mir.“ „Ei, das klingt ja ganz verlockend. Ich habe in der letzten Zeit Dich ſo wenig gehört, daß ich mich über Deine Aufforderung freuen muß. Warum bringſt Du nicht auch Deinen Freund mit und läſ⸗ ſeſt ihn ſich in dieſer Beziehung auch ein wenig ver⸗ ſuchen? Ihr habt Beide die Stummen lang genug geſpielt, um dieſer Rolle, wie ich meinen ſollte, über⸗ drüſſig zu werden. Aber heraus mit der Sprache— Du ſtörſt mich durchaus nicht, das verſichere ich Dir! „Ein Yankeeſchiff und Yankeeleute, Und wer mit ihnen ſtrebt, Die werden nicht des Feindes Beute, So lang ein Mann noch lebt. „Komm', kleine Fanny! Fanny, geh' nicht zu nahe an den Rand des Waſſers, damit Du nicht ein un⸗ freiwilliges Bad nehmen mußt!“ „Ich bitte Dich, Schweſter Virginia, laß jetzt dieſes Geplauder. Ich habe Dir etwas Wichtiges zu ſagen.“ „Etwas Wichtiges! Wie! Du willſt wohl heirathen? Nein, das kann es— Dein — 168— Geſicht iſt viel zu traurig und feierlich dazu. Du ſiehſt mehr aus wie Einer, der auf dem Wege iſt, gehängt zu werden— ha! ha! ha!“ „Ich ſage Dir, Schweſter, es iſt mein Ernſt.“ „Wer hat denn geſagt, daß er dies nicht wäre? Ich glaube Dir das ja recht gern, lieber Junge.“ „Höre mich an, Virginia. Ich habe etwas Wichtiges— etwas ſehr Wichtiges mit Dir zu ſpre⸗ chen. Schon ſeit meiner Rückkehr habe ich dieſen Gegenſtand zur Sprache zu bringen gewünſcht.“ „Nun, warum haſt Du es nicht ſchon gethan? Du haſt Gelegenheiten genug gehabt. Habe ich mich vielleicht vor Dir verſteckt?“ „Nein— aber— die Sache iſt—“ „Fahre fort, Bruder!! Du haſt jetzt die beſte Gelegenheit dazu. Wenn es ein Bittgeſuch iſt, wie Deine Miene zu ſagen ſcheint, ſo überreiche es. Ich bin bereit, es anzunehmen.“. „Nein, Virginia, das iſt es nicht— der Ge⸗ genſtand, über welchen ich mit Dir zu ſprechen wünſche—“. „Was für ein Gegenſtand? Heraus damit!“ Ich war der langen Umſchweife überdrüſſig und fühlte mich auch ein wenig verletzt. Deßhalb be⸗ ſchloß ich, der Sache ein Ende zu machen.„Ein Wort,“ agh,„wird ihren Ton herabſtimmen *₰ — 169— und ſie ſo ernſt machen, als ich ſelbſt bin. Ich ant⸗ wortete daher: „Oceola.“ Ich erwartete, ſie zuſammenfahren und bald roth, bald bleich werden zu ſehen; zu meinem Er⸗ ſtaunen aber zeigten ſich keine dergleichen Sym⸗ ptome. Nicht die mindeſte Spur von irgend einer außerordentlichen Gemüthsbewegung verrieth ſich in ihrem Blicke oder Weſen. Sie antwortete faſt fofort und ohne Zögern: „Wie, der junge Häuptling der Seminolen? unſer alter Spielkamerad Powell? Er ſoll der Ge⸗ genſtand unſerer Unterredung ſein? Du hätteſt wirk⸗ lich keinen wählen können, der mir intereſſanter wäre. Ich könnte von dieſem wackern jungen Manne den ganzen Tag ſprechen.“ Ich verſtummte vor dieſer Antwort und wußte kaum, auf welche Weiſe ich weiter verfahren ſollte. „Aber was iſt denn mit ihm, Bruder Georg?“ fuhr meine Schweſter fort, indem ſie mir etwas weniger muthwillig in's Geſicht ſah.„Ich will doch nicht hoffen, daß ihm etwas Uebles zuge⸗ ſtoßen iſt?“ „Nicht daß ich wüßte— das Uebel iſt näher⸗ ſtehenden und theurern Perſonen zugeſtoßen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, geheimnißvoller Bruder.“ 4 — 170— „Aber Du wirſt mich verſtehen. Ich bin im Begriffe, eine Frage an Dich zu ſtellen— antworte mir und antworte mir der Wahrheit gemäß, wenn meine Liebe und Freundſchaft von einigem Werthe iſt.“ „Ich bitte um Ihre Frage, mein Herr, ohne dieſe Einleitungen und Hindeutungen Ich glaube, ich kann die Wahrheit ſprechen, ohne daß man mir erſt durch Drohungen Furcht einzuflößen ſucht.“ „Nun dann ſprich ſie, Virginia. Sage mir, iſt Powell— iſt Oceola— Dein Geliebter?“ „Ha, ha, ha, ha, ha, ha!“ „Nein, Virginia, die Sache i*ſt nicht zum Lachen.“ „Aber mir kommt ſie ſo vor— ha, ha, ha, ha, ha!— ein köſtlicher Spaß!“ „Ich wünſche nicht, daß Du lacheſt, Virginia, ſondern daß Du mir antworteſt.“ „Auf eine ſo abgeſchmackte Frage bekommſt Du keine Antwort.“ „Meine Frage iſt nicht abgeſchmackt. Ich habe gute Gründe, ſie zu ſtellen.“ „Gründe— nenne ſie doch!“ „Du kannſt nicht leugnen, daß zwiſchen Euch Etwas vorgegangen iſt! Du kannſt nicht leugnen, daß Du, und zwar im Walde, eine Zuſammenkunft mit ihm gehabt haſt. Ueberlege Dir Deine Antwort wohl, denn ich habe die Beweiſe. Wir begegneten — 171— dem Häuptlinge auf ſeinem Rückwege. Wir ſahen ihn von Weitem. Er mied uns— kein Wunder. Wir folgten ſeiner Spur— wir ſahen die Hufſpu⸗ ren des Pony— o, Ihr habt eine Zuſammenkunft gehabt— das iſt vollkommen wahr.“ „Ha! ha! ha! Welch ein paar kühne Spürer — Du und Dein Freund— verſchmitzte Leutchen! Ihr werdet auf dem Kriegspfade unſchätzbar ſein. Man wird Euch zu den Oberſpionen der Armee be⸗ fördern. Ha, ha, ha! Alſo, das iſt das große Ge⸗ heimniß, wie? Daraus erklären ſich die ſchüchternen Blicke und das altmodiſche Benehmen, welches mich verblüfft hat! Meine Ehre, wie? Alſo das war die Sorge, die an Dir nagte? Bei der Göttin Diana, ich habe Grund, dankbar zu ſein, daß ich ein paar ſo ritterliche Schützer beſitze. „Vor England, dem Garten der Schönheit, da ſteht Der Drache der Sprödigkeit Wacht; Doch ſchläft er ſo oft, daß, wie es auch geht, Die Sicherheit ſchlecht iſt bedacht.“ Alſo, wenn ich nicht die Sprödigkeit eines Drachen zu meinem Schutze beſitze, ſo finde ich ein paar Drachen an meinem Bruder und ſeinem Freunde. Ha! ha! ha!“ „Virginia, Du bringſt mich von Sinnen— das iſt keine Antwort. Haſt Du mit Oceola eine Zu⸗ ſammenkunft gehabt?“ 8. — 172— „Ich werde dieſe Frage ſogleich beantworten.— Nach einer ſo ſcharfblickenden Spionage würde alles Leugnen mir Nichts helfen. Ja, ich habe eine Zuſammenkunft mit ihm gehabt.“ „Und zu welchem Zwecke? Kamt Ihr als Lie⸗ bende zuſammen?“ „Dieſe Frage iſt unverſchämt— ich mag ſie nicht beantworten.“ „Virginia! ich bitte Dich inſtändig—“ „Nun, können denn nicht zwei Menſchen ein⸗ ander im Walde begegnen, ohne daß man ſie der Liebelei beſchuldigt? Können wir uns nicht zufällig getroffen haben? oder kann ich nicht auch andere Geſchäfte mit dem Häuptlinge der Seminolen abzu⸗ machen haben? Du kennſt nicht alle meine Geheim⸗ niſſe, und es iſt auch nicht meine Abſicht, ſie Dir wiſſen zu laſſen.“ „O, es war keine zufällige Begegnung— es war eine Verabredung— eine Zuſammenkunft in Liebesangelegenheiten— etwas Anderes kannſt Du nicht mit ihm gehabt haben.“ „Es iſt ſehr natürlich von Dir, ſo Etwas zu denken— ſehr natürlich, da Du dergleichen Duetten ſelbſt einübſt. Darf ich fragen, wie lange es her iſt, ſeitdem Du Dein letztes tete-à-téte mit Deiner ſchö⸗ — nen Geliebten— der reizenden Maümee— hatteſt? Wie, Bruder?“ Ich zuckte zuſammen, wie von einem Stiche ge⸗ troffen. Wie konnte meine Schweſter davon Kennt⸗ niß erhalten haben? Schlug ſie blos, wie man im gemeinen Leben zu ſagen pflegt, auf den Buſch, und hatte ſie zufällig die Wahrheit getroffen? Einige Augenblicke lang konnte ich nicht ant⸗ worten und gab auch keine Antwort auf ihre letzte Frage. Ich achtete nicht darauf, ſondern wiederholte in ſteigender Aufregung meine früheren Fragen in etwas heftigem Tone. „Schweſter, ich muß eine Erklärung haben— ich beſtehe darauf— ich verlange ſie.“ „Du verlangſt ſie? Ho! ho! Sprichſt Du mit mir in dieſem Tone? Das wird Dir ſchwerlich Etwas helfen. Vorhin, als Du ſo ſchön und flehentlich bateſt, hätte ich beinahe Mitleid mit Dir gehabt und Dir Alles geſagt. Aber, verlangen— das muß ich ſagen— ich gebe keine Auskunft, die man mir abverlangt, und um Dir zu zeigen, daß ich es nicht thue, werde ich jetzt gehen und mich in mein Zimmer einſchließen. Alſo, lieber Freund, Du wirſt mich heute und auch morgen nicht zu ſehen bekom⸗ men, wenn Du nicht vernünftiger und artiger wir Leb' wohl, Georg— à revoir; aber nur — 1274— Bedingung, daß Du Dich benimmſt, wie es einem Gentleman gebührt. 3 „Ein Nankeeſchiff und Yankeeleute, Und wer mit ihnen ſtrebt, Die werden nicht des Feindes Beute ꝛc.““ Und dieſen Vers weiter trällernd, hüpfte ſie zwiſchen den Blumenbeeten hindurch, erreichte die Veranda und verſchwand in der Thür. Gekränkt und in meiner Erwartung bitter ge⸗ täuſcht, ſtand ich wie angewurzelt, und wußte kaum, nach welcher Richtung ich mich hinwenden ſollte. m Bwanzigſtes Kapitel. Die Freiwilligen. Meine Schweſter hielt Wort. Ich bekam ſie an dieſem Tage nicht mehr, und am nächſtfolgenden erſt Mittags zu ſehen. Dann trat ſie in vollſtändigem Reitkoſtüm aus ihrem Zimmer, gab Befehl, Weiß⸗ fuchs zu ſatteln, ſaß auf und ritt allein fort. Ich fühlte, daß ich über dieſen eigenwilligen Geiſt keine Macht hatte. Es war vergeblich, ihn im Zaume halten zu wollen. Sie erkannte die brüder⸗ liche Autorität nicht an— ſie war ihre eigene Her⸗ rin, und augenſcheinlich entſchloſſen, ihren eigenen Willen zu haben. 1 Nach der geſtrigen Unterredung fühlte ich keine Neigung, mich wieder einzuſchließen. Sie kannte mmein Geheimniß, und da ſie dies kannte, ſo ſtand zu erwarten, daß jeder meiner Rathſchläge als ein un⸗ befugter aufgenommen werden würde. Deßhalb be⸗ ſchloß ich, damit zu warten, bis vielleicht eine Kriſis käme, welche ihnen mehr Gewicht gäbe. Mehrere Tage lang dauerte dieſe Kälte zwiſchen uns fort. Meine Mutter wunderte ſich oft darüber, erhielt aber keine Erklärung. Ich bildete mir ſogar ein, daß ſelbſt ihre Zuneigung zu mir nicht mehr ſo zärtlich ſei, als ſie ſonſt zu ſein pflegte. Vielleicht that ich ihr Unrecht. Sie war ein wenig unwillig auf mich wegen des Duells mit Ringzold, von welchem die erſte Nachricht ſie ſehr bekümmert gemacht hatte. Bei meiner Rückkehr hatte ich Vorwürfe von ihr darüber anhören müſſen, denn man glaubte, ich allein hätte die Sache auf eine ſehr tadelnswerthe Weiſe geſucht. Warum hätte ich mich ſo unfreundlich gegen Arens Ringzold gezeigt? fragte ſie. Um Nichts wei⸗ ter, als um einer elenden Indianerin willen? Was ginge es mich an, was von dieſem Mädchen geſpro⸗ chen worden ſei? Wahrſcheinlich habe man von ihr nicht mehr geſagt, als die Wahrheit. Ich hätte mich klüger benehmen ſolleg. Ich gewahrte, d eine Mutter von den mei⸗ ſten der weſentlichen Punkte in Kenntniß geſetzt worden, welche mit der Sache zuſammenhingen. Von 6 34 8 8 5 — 177— 0. einem jedoch wußte ſie Nichts. Sie wußte nicht, wer die„elende Indianerin“ war. Sie hatte den Namen Maümee's nicht gehört. Da ich wußte, daß ſie dieſen nicht kannte, ſo hörte ich die verleumderi⸗ ſchen Bemerkungen mit mehr Ruhe an. Dennoch aber ward ich in einige Aufregung verſetzt und ſtand mehr als ein Mal auf dem Punkte, ihr die wahre Urſache zu erklären, weßhalb ich Ring⸗ zold zur Rechenſchaft gezogen. Aus gewiſſen Grün⸗ den enthielt ich mich jedoch. Meine Mutter würde mir überdies auch nicht geglaubt haben. Was Ringzold ſelbſt betraf, ſo erfuhr ich, daß in ſeinen Verhältniſſen kürzlich eine bedeutende Aen⸗ derung ſtattgefunden hatte. Sein Vater war ge⸗ ſtorben, und zwar in einem Ausbruche von Wuth, während er im Begriffe war, einen ſeiner Sclaven zu züchtigen. Ein Blutgefäß war geſprungen, und er war, wie von der Hand Gottes getroffen, todt zur Erde niedergeſtürzt. Arens, der einzige Sohn, war nun Herr ſeines großen, übel erworbenen Reichthums, einer Pflanzung mit über dreihundert Negern, und man ſagte, daß dies ihn nur geiziger gemacht habe, als er 6 e dalde⸗ ſen war. Sein Ziel war daſſelbe, wie das des ſalern Ringzold geweſen war— Beherrſcher aller Menſchen Oceola. III. 2 * und Dinge zu werden, die ihn umgaben— ein großartiger Gelddespot. Der Sohn war ein wür⸗ diger Nachfolger des Vaters. 3 Er hatte eine Weile den Kranken geſpielt, den Arm in der Binde getragen und ſich, wie die Leute ſagten, nicht wenig darauf eingebildet, ein Duell ge⸗ habt zu haben. Die, welche wußten, wie dieſe Sache abgelaufen war, meinten, er habe eben keinen Grund gehabt, darauf ſtolz zu ſein. Wie es ſchien, hatte die Feindſeligkeit zwiſchen ihm und mir in ſeinen Beziehungen zu unſerer Fa⸗ milie keine Aenderung zur Folge gehabt. Ich hörte, daß er in unſerem Hauſe ein ſteter Gaſt geweſen, und die Welt hielt ihn immer noch für Virginia's. erklärten Bewerber. Ueberdies war er, ſeitdem er Reichthum und Anſehen geerbt, mehr als je in der Gunſt meiner ehrgeizigen Mutter geſtiegen. Alles Dies erfuhr ich mit durchaus nicht freu⸗ digen Empfindungen. 3 8 Die alte Heimath ſchien ganz verändert zu ſein. 4 Es herrſchte nicht mehr dieſelbe warme Zuneigung, wie früher. Ich vermißte meinen gütigen, edeln Va⸗ ter. Meine Mutter zeigte ſich dann und wann kalt und förmlich, als ob ſie mich für ungehorſam hielte. Mein Onkel war ihr Bruder und ihr in allen Dingen ähnlich; ſelbſt meine zärtliche Schweſter ſchien für den Augenblick entfremdet zu ſein. 1 Ich begann mich in meinem eigenen Hauſe fremd zu fühlen und blieb deßwegen ſo wenig als möglich daheim. Den größten Theil des Tages war ich auswärts, und Gallagher begleitete mich. Natürlich blieb mein Freund während unſeres Verweilens an dem Suwanee unſer Gaſt. Unſere Zeit ward größtentheils durch die Verrichtungen in Anſpruch genommen, um deren willen wir hierher geſchickt worden, theils auch durch die Jagd. An Hirſchen und Füchſen gab es Ueberfluß; aber die Jagd machte mir nicht mehr das Vergnügen, wie früher. Auch mein Begleiter, ein ſo großer Jagd⸗ liebhaber er war, ſchien nicht das Vergnügen daran zu finden, welches er davon erwartet hatte. Unſere militairiſchen Pflichten waren keineswegs ſehr anſtrengend und gewöhnlich ſchon Vormittags beendet. Unſer Auftrag war nicht ſowohl, Freiwil⸗ lige anzuwerben, als vielmehr die Organiſation der bereits Angeworbenen zu überwachen und ſie für den Dienſt einzuüben. Ein Corps war in ſeiner Formation ſchon ziemlich weit gediehen; es hatte ſeine eigenen Offiziere gewählt und auch die Mehr⸗ zahl der Gemeinen angeworben. Unſer Amt war, ſie zu muſtern, zu inſtruiren und zu beaufſichtigen. . 12* gehörten größten Klaſſe von weißen A Pächter und Squatter, mich gerade nicht ſehr üper⸗ würdigen Männer Spence nter dem Corps. Ich beſchloß, dieſe Vagabunden ſcharf im A und von mir vorſichtig entfernt zu halten. Viele der Gemeinen — öherem Stande, denn d uge bei den Wahlen ſich eben nicht dazu eigneten, Epauletten zu tragen. Viele dieſer Herren fü hrten einen weit höheren Titel, als Gallagher oder i ch. Oberſten und Majore * — — 181— ſchienen faſt eben ſo zahlreich zu ſein, wie Gemeine. Trotzdem aber waren ſie damit einverſtanden, daß wir Autorität über ſie ausübten. In wirklichen Kriegszeiten iſt es überhaupt nichts Ungewöhnliches, daß ein Lieutenant oder der geringſte Subaltern das Commando über einen Oberſten der Miliz oder der Freiwilligen erhält. Hier und da befand ſich irgend eine Perſönlich⸗ keit darunter, die vielleicht früher einmal einen Cur⸗ ſus auf der Militairakademie in Weſt⸗Point beſtan⸗ den, oder einen vierwöchentlichen Feldzug in den Kriegen gegen die Creeks unter dem„alten Hickory“ mitgemacht hatte. Dieſe betrachteten ſich als in die Kriegskunſt eingeweiht, und zeigten ſich nicht ſehr fügſam, ſo daß es zuweilen der ganzen Feſtigkeit Gallagher's bedurfte, um ſie zu überzeugen, daß er der Obercommandant von Suwanee war. Der Ruf der tollkühnen Tapferkeit meines Freundes, welcher ihm vorangegangen, trug eben ſo viel dazu bei, ſeine Autorität zu befeſtigen, als die Inſtruction, die er aus dem Hauptquartiere mitge⸗ bracht. Im Ganzen genommen kamen wir ziemlich gut mit dieſen Herren aus, von welchen die meiſten ſich ſehr eifrig zeigten, den Dienſt zu lernen, und ſich willig in alle unſere Weiſungen fügten. An Champagner, Branntwein und Cigarren — 182— war kein Mangel. Die gaſtfrei, und hätten mein Freund und 3 Ausſchweifung gehabt, ſo hätten wir, um dieſer zu fröhnen, gar kein beſſeres Quartier haben können. Dazu aber war Keiner von uns geneigt und unſere Mäßigung verſchaffte uns ohne Zweifel um ſo höhere Achtung, ſelbſt unter. doh Säufern, von welchen wir umringt waren... Unſer neues Leben nehm, und ohne die ſich daheim entwickelt, blick zufrieden und Aber daheim in der Blüthe! Heimath zu ſein. war keineswegs unange⸗ unangenehmen Zuſtände, hätte ich mich für den glücklich fühlen können. — daheim da ſaß de Es ſchien gar Augen⸗ r Wurm nicht mehr meine Ende des dritten Bandes. Druck von C. Roeßle in Grimma. benachbarten Pflanzer waren ich Luſt zur die 5 2 22 , e,, 5.+₰o 22 2 4 7 ee. — 1—— ere: 2 Sene, 8 8 7 G. r 4—— 2 9 e eee kke 6 7. Se. e ee — 22, 8 S,, 2 — — k 6 —yyy— nreaʒäÜnnnrnrxMRRNREMEEEREEERERRN 1 14 7 8 9 10 11 12 3 15 16 17