Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von.. 8 Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Al hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Ff 1 Nr. 50 f. 2 Nk. Ff. 1 5 7,=, 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 a ca2 n.0..2... SA.. ☚ Dceola. Gin Komun vom Capitain Mayne Reid, Verf. von: „Die Skalpjäger“,„Die Freiſchaar“,„Die Heimath in der Wüſte“, H„Die Buſchknaben“,„Die Kriegsfährte“,„Der Jägerſchmaus“. Deutſch von A. Kretzſchmar. Zweiter Band. Wurzen, Verlags⸗Comptoir. 1858. 8 8 8 ₰ — — E A Oceola. II. — Erſtes Kapitel. Ein indianiſcher Held. Gs gab mehrere Gründe, weßhalb der Vertrag vom Oclawaha als nicht bindend für die Nation der Seminolen betrachtet werden konnte. Erſtens war er nicht von einer Majorität der Häuptlinge unterzeichnet. Sechzehn Häuptlinge und Unterhäuptlinge hingen ihre Namen daran. Es gab aber deren in der ganzen Nation fünf Mal ſo viel. Zweitens war es im Grunde genommen kein Vertrag, ſondern ein bloßer bedingungsweiſer Con⸗ tract— denn die Bedingungen beſtanden darin, daß erſt eine Deputation der Seminolen ſich nach den bezeichneten Ländereien im Weſten— am Weißen Fluſſe— begeben, dieſe Ländereien unterſuchen und dann ihrem Volke darüber berichten ſollte. Schon die ation ſollte erſt mit ihrem Berichte zurückkehren und Contract auf Wegzug eher abgeſchloſſen werden Beſchaffenheit dieſer Bedingung beweiſ't, daß kein konnte, bis erſt dieſe Beſichtigung ſtattgefunden hatte. Die Beſichtigung fand ſtatt. Sieben Häupt⸗ linge wanderten, von einem Agenten begleitet, nach dem fernen Weſten und nahmen das Land in Augen⸗ ſchein. Nun aber merke man wohl die Liſt des Com⸗ miſſars. Dieſe ſieben Häuptlinge waren faſt alle aus der Zahl Derer ausgewählt, welche dem Weg⸗ zuge günſtig geſtimmt waren. Wir finden unter ihnen beide Omatlas und Schwarzen Thon. Aller⸗ dings befindet ſich auch Hoitle⸗Mattee(der Springer), ein Patriot, unter ihnen, aber dieſer wackere Krieger iſt mit dem Fluche der Indianer beladen— er liebt das Feuerwaſſer, und ſein Hang iſt Phagan, dem Agenten, der ſie begleitet, ſehr wohl bekannt. Man wendet eine Liſt an. Die Deputation wird im Fort Gibſon am Arkanſas gaſtfrei bewirthet. Hoitle⸗Mattee wird luſtig gemacht. Der Contract auf Wegzug wird den ſieben Häuptlingen vorgelegt — ſie alle unterſchreiben ihn— das Gaukelſpiel iſt fertig. 3 Aber ſelbſt dies war keine Erfüllung der Be⸗ dingungen des Vertrags vom Oclawaha. Die Depu⸗ — die Nation um ihren Willen fragen. Dieſer war noch nicht ausgeſprochen, und um ihn zu erlangen, mußte ein neuer Rath ſämmtlicher Krieger zuſammen⸗ berufen werden. Dies ſollte aber eine bloße Formalität ſein. Es war eine bekannte Sache, daß die Nation in ihrer Geſammtheit das leichtfertige Verhalten der ſieben Häuptlinge mißbilligte, und ſich weigerte, zu thun, was dieſe verſprochen hatten. Man wollte nicht fortziehen. Dies ſtellte ſich um ſo klarer heraus, da andere Bedingungen des Tractats täglich gebrochen wurden. Eine derſelben war die Auslieferung entlaufener Sclaven, welche die Unterzeichner des Tractats am Oclawaha zu ihren Eigenthümern zurückzuſenden verſprochen hatten. Es wurden aber keine Schwarzen zurückgeſendet, im Gegentheil fanden dieſelben jetzt bei den Indianern eine ſichrere Zuflucht als je. Der Commiſſar wußte alles Dies. Er berief den neuen Rath der bloßen Form wegen zuſammen. Vielleicht überredete er die Häuptlinge noch, zu unter⸗ zeichnen— wo nicht, ſo beabſichtigte er, ſie durch Einſchüchterung dazu zu bringen oder mit der Spitze des Bajonnets zu zwingen. Dies hatte er ſchon geſagt. Truppen wurden an dem Wohnorte des Agenten— Fort King— concentrirt und andere langten täglich in der Tampa⸗Bay an. Die Regierung hatte ihre Maßregeln getroffen und man beſchloß, Zwang anzu⸗ wenden. Ich war von Dem, was vorging, ſo wie von Dem, was während der langen Jahre meiner Ab⸗ weſenheit geſchehen, nicht ununterrichtet. Meine Kameraden, die Cadetten, waren in den indianiſchen Angelegenheiten wohl bemandert und fanden ein lebendiges Intereſſe daran,— beſonders die, welche nun bald den Mauern der Militairakademie zu ent⸗ rinnen hofften. Der Krieg des„ſchwarzen Falken“, welcher ſo eben im Weſten beendet worden, hatte ſchon Ausſicht auf Dienſt und Auszeichnung gewährt und der junge Ehrgeiz richtete nun ſeine Augen auf Florida. Der Gedanke aber, in einem ſolchen Kriege Ruhm zu erwerben, ward von Allen lächerlich gemacht. Es würde ein zu leichter Krieg ſein, ſagte man; der Feind ſei nicht der Rede werth. Es handelte ſich, wie man meinte, ja blos um eine Handvoll Bar⸗ baren, die kaum vor einer einzigen Compagnie Stand zu halten vermöchten. Ganz gewiß würden ſie ſämmt⸗ lich gleich bei dem erſten Scharmützel ſammt und ſon⸗ 3 ders gefangen oder getödtet— es wäre nicht die — Aindeſt Alusſuc vorhanden, daß ſie einen längern Widerſtand leiſteten— und dies ſei allerdings zu beklagen. So glaubten meine Kameraden und ſo glaubte überhaupt damals das ganze Land. Auch die Armee theilte dieſen Glauben. Einen gewiſſen Offizier hörte man ſich rühmen, er wolle mit einem Korporal und zwanzig Mann hinter ſich durch das ganze indianiſche Gebiet marſchiren; und ein Anderer, ein eben ſo großer Prahler, wünſchte, daß die Regierung ihm den Krieg auf eigene Rechnung übertragen möchte; er wolle ihn für zehntauſend Dollars beenden. Dieſe Reden ſprachen blos die damals allgemein herrſchenden Anſichten aus. Niemand glaubte, daß die Indianer einen Kampf mit uns auf längere Zeit aushalten würden oder könnten. Ueberhaupt gab ees Wenige, welche glaubten, daß die Indianer nur irgend welchen Widerſtand leiſten würden. Sie wei⸗ gerten ſich, glaubte man, blos, um vielleicht beſſere Bedingungen zu erhalten, gäben aber ſicherlich nach, ehe es zu thätlichen Feindſeligkeiten käme. Ich für meine Perſon dachte anders. Ich kannte die Seminolen beſſer, als die meiſten von Denen, welche über die Sache ſprachen— ich kannte ihr Land beſſer, und trotz der ihnen gegenüberſtehenden Uebermacht, trotz der anſcheinenden Hoffnungsloſigkeit des Kampfes— glaubte ich, daß ſie ſich weder in ſchmachvolle Bedingungen fügen, noch ſo leicht zu beſiegen ſein würden. Dennoch aber war dies eine bloße Muthmaßung und ich hatte vielleicht Unrecht. Ich verdiente vielleicht den Spott, den meine Oppo⸗ ſition gegen den Glauben meiner Kameraden mir oft zuzog. Die Zeitungen machten uns mit jedem Umſtande bekannt. Auch liefen in Weſt Point fortwährend Briefe von ehemaligen Cadetten ein, welche jetzt in Florida dienten. Jeder einzelne Umſtand ward uns berichtet und wir waren mit den Namen vieler der indianiſchen Häuptlinge ſowohl als mit der Politik des Stammes bekannt. Wie es ſchien, waren ſie nicht einig. Es befand ſich eine Partei darunter, welche für Nachgiebigkeit gegen die Forderungen der Regierung ſtimmte und deren Haupt ein gewiſſer Omatla wa Dies war die Verrätherpartei und ſie bildete die Minorität. Die Patrioten waren zahlreicher und zu ihnen gehörte der Mico ſelbſt, ſo wie die ange⸗ ſehenen Häuptlinge Holata, Coa⸗Hajo und der Neger Abram. Unter den Patrioten befand ſich beſonders ein Name, welcher auf den Flügeln des Gerüchtes den Vorrang vor allen andern zu behaupten begann. Er erſchien häufig in den Zeitungen und in den 3 —, Briefen unſerer Freunde. Es war der eines jungen Kriegers oder Unterhäuptlings, wie er genannt ward, der ſich auf eine oder die andere Weiſe ein auffal⸗ lendes Uebergewicht in ſeinem Stamme erworben. Er war einer der heftigſten Gegner der Auswan⸗ derung, ja eigentlich der leitende Geiſt, welcher ſich ihr widerſetzte, und Häuptlinge, die viel älter und mächtiger waren als er, wurden durch ſeinen Rath beherrſcht. Wir Cadetten bewunderten dieſen jungen Mann ſehr. Der Schilderung nach beſaß er alle Attribute eines Helden— ſtolzes, imponirendes Aeußeres, Muth und Intelligenz. Sowohl ſeine phyſiſchen als auch ſeine geiſtigen Eigenſchaften wurden auf die belobendſte Weiſe geſchildert, ſo daß ſie oft an Ueber⸗ treibung grenzte. Seine Geſtalt war die eines Apollo, ſeine Züge die eines Adonis oder Endymion. Er war der Erſte in Allem— der beſte Schütze ſeiner Nation— der kühnſte Schwimmer und Reiter— der ſchnellſte Läufer und glücklichſte Jäger— im Frieden wie im Kriege gleich ausgezeichnet,— mit Einem Worte ein Cyrus. Es fehlte nicht an Xenophons, um ſeinen Ruhm aufzuzeichnen. Das Volk der Vereinigten Staaten hatte mit dem Rothen Manne lange in Frieden gelebt. Der romantiſche Wilde lebte fern von den — 10— Weißen. Nur ſelten ſah man einen Indianer in den Niederlaſſungen oder hörte Etwas von ihnen. Es waren in der letzten Zeit keine Deputationen von den Stämmen dageweſen, um die Augen der gaffen⸗ den Bürger zu ergötzen, und es war in Bezug auf dieſe Kinder des Waldes eine förmliche Neugier ent⸗ ſtanden. Man wollte einen indianiſchen Helden haben und dieſer junge Häuptling ſchien der rechte Mann zu ſein. Sein Name war Oceola. Bweites Kapitel. 4 Gerechtigkeit an der Grenze. Es war mir nicht vergönnt, die Freuden der Heimath lange zu genießen. Schon wenige Tage nach meiner Ankunft erhielt ich Befehl, mich nach Fort King, der Agentur der Seminolen und dem Hauptquartier, zu begeben. General Clinch commandirte hier. Ich ward ſeinem Stabe zugetheilt. Nicht ohne Leidweſen ſchickte ich mich an, dem —— Befehle zu gehorchen. Es war hart, ſich ſo bald* von den Perſonen zu trennen, die mich ſo innig 8 liebten und von welchen ich ſo lange entfernt ge⸗ 3 weſen. Sowohl Mutter als Schweſter waren über meinen Weggang tief betrübt, ja ſie drangen ſogar in mich, meine Stellung aufzugeben und zu Hauſe zu bleiben. — 12— Mit nicht ungeneigtem Ohre hörte ich ihre Rathſchläge an. Ich hatte keine Sympathie für die Sache, in welcher meine Thätigkeit in Anſpruch ge⸗ nommen ward. In einer ſolchen Kriſis aber wagte ich nicht, ihrem Rathe zu folgen, denn ich wäre als ein Verräther, als ein Feigling gebrandmarkt worden. Mein Land hatte mich beauftragt, einen Degen zu tragen. Ich mußte ihn führen, mochte die Sache nun eine gerechte oder eine ungerechte ſein— mochte ſie mir nun gefallen oder nicht. Dies nennt man Patriotismus! Es war auch noch ein anderer Grund vorhan⸗ den, welcher mich abgeneigt machte, von der Heimath wieder zu ſcheiden. Ich brauche ihn kaum zu nennen. Seit meiner Rückkehr waren meine Augen oft über den See geſchweift— oft ruheten ſie auf jener ſchönen Inſel. O, ich hatte ſie nicht vergeſſen! Ich bin kaum im Stande, meine Gefühle klar zu analyſiren. Es waren gemiſchte Gemüthsregungen — junge Liebe, welche über ältere Leidenſchaften triumphirte— bereit, aus der Aſche emporzulodern, durch welche ſie ſo lange gedämpft worden— junge Liebe voll Buße und Reue— Zweifel, Eiferſucht, Furcht. Alles Dies war in mir thätig. Seit meiner Ankunft hatte ich nicht gewagt, einen Ausflug zu unternehmen. Ich bemerkte, daß — 13 meine Mutter immer noch mißtrauiſch war. Ich hatte nicht einmal gewagt, die Leute auszufragen, welche meine Neugier hätten befriedigen können. Ich ver⸗ lebte dieſe wenigen Tage in Zweifel und dann und wann mit der ſchmerzlichen Ahnung, daß nicht Alles ſo ſei, wie es ſein ſollte. Lebte Maümee noch? War ſie treu! Treu! Hatte ſie Grund dazu? Hatte ſie mich jemals geliebt? Es waren Perſonen in der Nähe, welche die erſte Frage hätten beantworten können, aber ich fürchtete, den Namen der Geliebten zu nennen, ſelbſt vor den vertrauteſten Freunden. Ich ſagte meiner Mutter und Schweſter Lebewohl und machte mich auf die Reiſe. Sie blieben nicht allein. Mein mütter⸗ licher Onkel— ihr Vormund— wohnte mit auf der Plantage. Die Augenblicke des Scheidens waren weniger bitter, weil wir glaubten, daß ich bald zurückkehren würde. Selbſt wenn der in Ausſicht ſtehende Feldzug einige Zeit dauerte, lag ja der Schauplatz meiner Pflichten in der Nähe und ich fand ſicherlich oft Gelegenheit, ihn wieder zu beſuchen. Mein Onkel verlachte den Gedanken an einen Feldzug, wie auch alle Anderen thaten. Die Indianer, meinte er, würden ſich ſchon in die Forderungen des Commiſſars fügen. Sie wären auch Narren, wenn ſie es nicht thäten. — 14— Fort King war nicht weit entfernt. Es ſtand auf indianiſchem Grund und Boden— vierzehn eng⸗ liſche Meilen von der Grenze, obſchon von unſerer Pflanzung etwas weiter. In einem Tage konnte ich hingelangen, und in Geſellſchaft meines heiteren Begleiters, des Schwarzen Jake, konnte mir der Weg nicht lang werden. Wir ſetzten uns auf ein Paar der beſten Pferde, welche unſer Stall darbot, und waren Beide bis an die Zähne bewaffnet. Wir gingen an dem obern Landungsplatze über den Fluß und ritten dann innerhalb der Reſerve.*) Der Pfad— es war blos ein Pfad— ging parallel mit der Bucht, obſchon nicht in der Nähe des Strandes. Er führte durch den Wald, in einiger Entfernung hinter Madame Powell's Pflanzung. Als ich mich der Klärung gegenüber befand, fielen meine Augen auf den ſich abzweigenden Spur⸗ weg. Ich kannte ihn wohl. Mit ſchwellendem Herzen hatte ich ihn oft betreten. Ich zögerte und machte Halt. Seltſame Ge⸗ danken bewegten mein Herz— halb gefaßte und ) Der Theil von Florida, welcher in Folge des im Jahre 1823 abgeſchloſſenen Vertrags von Camp Moultrie für die Seminolen reſervirt ward. Es war ein ziemlich großer Landſtrich und nahm den mittlern Theil der Halb⸗ inſel ein. plötzlich wieder aufgegebene Entſchlüſſe. Der Zügel ward bald ſchlaff, bald ſtraff. Der Sporn bedrohete die Rippen meines Pferdes, ſtieß aber nicht zu. Soll ich hinreiten— ſoll ich ſie wieder ſehen? Soll ich noch einmal jene ſüßen Freuden zärtlicher Liebe erneuen? ſoll ich wieder— Ha! vielleicht iſt es zu ſpät! Vielleicht bin ich nicht mehr willkommen! — Wie, wenn nun mein Empfang ein feindſeliger wäre? vielleicht— „Was macht Ihr denn, Maſſa Georg? Das iſt nicht der Weg nach dem Fort.“ „Ich weiß es wohl, Jake. Ich dachte, ich wollte erſt einen Beſuch in Madame Powell's Pflanzung machen.“ „In Madame Powell's Pflanzung? Mein Himmel, Maſſa Georg, wißt Ihr es denn nicht?“ „Was denn?“ fragte ich mit klopfendem Herzen. „Nun daß es jetzt keine Madame Powell mehr dort giebt? Schon ſeit länger als zwei Jahren giebt es keine mehr— ſie ſind Alle fort.“ „Fort? Wohin denn?“ „Ja, das weiß ich nicht. Wahrſcheinlich haben ſie ſich einen andern Platz in der Reſerve aufgeſucht und ſich eine neue Klärung gemacht.“ „Und wer wohnt denn jetzt in dem Hauſe? „Niemand. Das alte Haus ſteht leer.“ — 16— „Aber warum hat Madame Powell es denn verlaſſen?“ „Ach, das iſt eine merkwürdige Geſchichte! Mein Gott! Habt Ihr denn gar Nichts davon gehört, Maſſa Georg?“ „Nein— niemals!“ „Dann will ich es Euch erzählen. Aber ich dächte, wir ritten dabei immer vorwärts, Maſſa. Es wird ſchon ein wenig ſpät, und es möchte nicht gut ſein, wenn wir uns in dem Walde von der Nacht ereilen ließen.“ Ich lenkte mein Pferd wieder herum und ritt auf der Hauptſtraße weiter. Jake ritt neben mir. Mit gequältem Herzen hörte ich ſeine Erzählung an. „Nun ſeht Ihr, Maſſa Georg, die ganze Sache ging von Maſſa Ringzold, dem alten Boß*), aus, ich glaube aber, der junge hatte die Hand eben ſo gut auch mit im Spiele, wie der alte. Alſo, Madame Powell verlor einige Nigger, die ihre Sclaven waren. Sie waren ihr geſtohlen worden, oder vielmehr— noch ſchlimmer— weiße Männer hatten ſie ihr geraubt, Maſſa. Es giebt Leute, welche behaupten, *) Meiſter, Eigenthümer oder Herr. Dieſer von dem holländiſchen Worte Baas abgeleitete Ausdruck iſt in den ganzen ſüdlichen Staaten im Gebrauch. — 12— daß Maſſa Ringzold von dieſer ganzen Sache mehr wiſſe als ſonſt Jemand. Als die Räuber aber nannte man Ned Spence und Bill William. Madame Powell verklagte nun Ned und Bill und ließ die Klage von Maſſa Grubb, dem großen Advocaten, machen, der unten am Fluſſe wohnt. Maſſa Grubb aber iſt ein guter Freund von Maſſa Ringzold und die Leute behaupten, dieſe Beiden hätten ſich zuſam⸗ men verabredet, die Indianerin zu betrügen.“ „Aber wie denn?“ 4 „Das kann ich nicht genau ſagen, Maſſa Georg. Ich habe es blos von Schwarzen gehört, die Weißen erzählen es wieder anders. Aber ich habe es von Maſſa Ringzold's eigenem Holzhauer, von Pompejus — nicht wahr, den kennt Ihr, Maſſa Georg? Und dieſer ſagt, die beiden Boſſe hätten die Köpfe zuſammen geſteckt, um die arme Indianerin zu betrügen.“ „Aber auf welche Weiſe denn, Jake?“ fragte ich ungeduldig. „Nun ſeht Ihr, Maſſa Georg, der Advocat bewog die Indianerin, ihren Namen auf ein Papier zu ſchreiben— eine Vollmacht nennt man es, glaube ich; ſie ſchrieb, las aber nicht, was darüber ſtand. Nun war dieſes Papier keine Vollmacht, ſondern was die Advocaten eine Verkaufsrechnung nennen.. Oceola. II. — 18— 4„Ha lu „Ja, Maſſa Georg, ſo war es, und durch dieſe Verkaufsrechnung kamen die ganzen Neger und die ganze Pflanzung der Madame Powell in Maſſa Grubb's Beſitz.“ „Niederträchtiger Schurke!“ „Maſſa Grubb beſchwor, er habe Alles gekauft und baar bezahlt. Madame Powell beſchwor das Gegentheil. Der Richter aber entſchied für Maſſa Grubb, weil der große Maſſa Ringzold als Zeuge auftrat, und die Leute ſagen jetzt, Maſſa Ringzold habe das Papier jetzt in ſeinem Beſitze und habe die ganze Geſchichte erſt angeſtiftet.“ „Niederträchtige Schurken! Aber ſage mir, Jake, was iſt denn aus Madame Powell geworden?“ SKie ſind kurze Zeit nach dem Vorfalle Alle fortgezogen, Niemand weiß wohin. Die Madame ſelbſt und der ſchöne Knabe, den Ihr kennt, und de junge Indianerin, von der Jedermann ſagte, ſie ſei ſo hübſch geweſen— ja, Maſſa Georg, Alle ſind ſie fort.“ In dieſem Augenblicke ſetzte eine Oeffnung in dem Walde mich in den Stand, das alte Haus zu erblicken. Da ſtand es noch in all' ſeiner grauen* tzabenge immer 2 unter ſchänen Orangen⸗ — 19— und Olivenhainen. Der zerbrochene Heckenzaun aber — das hohe an den Mauern empor wuchernde Unkraut— die hier und da auf dem Dache fehlenden Schindeln— Alles ſprach von Verfall. Mit bekümmertem Herzen wendete ich die Augen wieder hinweg. Drittes Kapitel. * Indianiſche Sclaven. Es fiel mir nie ein, die Aechtheit von Jake’s Geſchichte zu bezweifeln. Was die Schwarzen ſag⸗ ten, war die Wahrheit— daran zweifelte ich nicht. Die ganze Sache ſchmeckte nach den Ringzolds und Advocat Grubb. 3 Der Letztere war halb Pflanzer, halb Advocat von nicht eben dem beſten Rufe. Jake theilte mir ferner mit, daß Spence und Williams während der gerichtlichen Unterſuchung ver⸗ ſchwunden waren. Beide kehrten ſpäter in die Nie⸗ derlaſſung zurück, aber es wurden keine weiteren Schritte gegen ſie unternommen, weil jetzt kein Klä⸗ ger mehr vorhanden war. — 21— Was die geſtohlenen Neger betraf, ſo wurden ſie in dieſer Gegend des Landes niemals wieder ge⸗ ſehen. Die Räuber hatten ſie ohne Zweifel nach den Selavenmärkten von Mobile oder New⸗Orleans trans⸗ portirt, wo man jedenfalls genug aus ihnen gelöſ't hatte, um Grubb für ſeine Dienſte ſowohl als auch Williams und Spence für die ihrigen zu bezahlen. Die Beſitzung mußte Ringzold's Eigenthum werden, ſobald die Indianer aus dem Lande gebracht werden konnten, und dies war der Zweck der Verkaufsrech⸗ nung.. Ein Vorgang dieſer Art zwiſchen Weißen wäre als ein ſtrafwürdiger Betrug und als ein großes Verbrechen betrachtet worden. Die Weißen thaten, als ob ſie die Sache nicht glaubten, aber es gab doch Einige darunter, welche wußten, daß ſie in Wahr⸗ heit beruhete, ünd ſie blos als eine Leichicke Liſt be⸗ trachteten. Daß ſie in Wahrheit beruhete, daran konnte ich nicht zweifeln. Jake gab mir Gründe an, welche keinen Zweifel mehr übrig ließen, und der ganze Vorgang ſtand in Uebereinſtimmung mit d dem allge⸗ meinen Verhalten der Abenteurer an der Grenze gegen die unglücklichen Eingeborenen, mit welchen ſie in Berührung kamen. Abenteurer, ſage ich? Auch Agenten der Regie⸗ = 22 1 rüng, Mitglieder der Legislatur von Florida, Gene⸗ 1 rale, Pflanzer, eben ſo reich wie Ringzold, Alle nahmen Theil an ähnlichen Spekulationen. Ich könnte Namen nennen. Ich ſchreibe die Wahrheit und fürchte den Widerſpruch nicht. Deßhalb konnte man der Erzählung recht wohl Glauben beimeſſen. Es war blos einer von zwan⸗ zig ähnlichen Fällen, von welchen ich gehört. Die Handlungsweiſe des Oberſten Gad Humphreys, des indianiſchen Agenten— des Majors Phagan, eines zweiten indianiſchen Agenten Dexter, des berüchtigten Negerdiebes— Floyd's— Douglas'— Robinſon's und Millburn iſt hiſtoriſch geworden und liefert Be⸗ lege zu den Schandthaten, welche man an den unter⸗ drückten Seminolen verübte. Mit der Aufzählung ſolcher Schwindeleien, wie die von Grubb und Ringzold begangenen, könnte man ein ganzes Buch anfüllen. Bei den wechſelſei⸗ tigen Beziehungen zwiſchen dem Weißen Manne und dem Rothen Manne bedarf es keines großen Scharf⸗ ſinnes, um zu zeigen, auf weſſen Seite das nicht wieder gutgemachte und noch nicht gerächte Unrecht liegen mußte. Der Indianer iſt ohne allen Zweifel ſtets das Schlachtopfer geweſen. 8 Wir brauchen nicht erſt hinzuzufügen, daß auch Vergeltungen vorkamen— wie konnte es anders ſein? 8 Eine ganz beſonders merkwürdige Thatſache tritt in dieſen Epiſoden aus dem Leben in Florida zu Tage. Es iſt nämlich eine bekannte Thatſache, daß auf dieſe Weiſe den Indianern geſtohlene Sclaven ſtets zu ihren Eigenthümern zurückkehrten, dafern es ihnen möglich war. Um es ihnen unmöglich zu machen, den Rückweg zu finden, ſahen ſich die Dexters und Douglaſſe genöthigt, ſie nach einem weit entlegenen Markte, nach den fernen Kü⸗ ſten des Miſſiſippi, nach Natchez oder New⸗Orleans zu bringen. 3— Dieſes ſociale Phänomen läßt ſich 1es auf eine Weiſe erklären, und dieſe iſt, daß die Selaven der Seminolen ſo gut wie keine Selaven waren. Sie wurden mit einer Nachſicht behandelt, von welcher der Helot anderer Länder Nichts weiß. Sie waren die Ackerbauer des Landes, und ihr indianiſcher Herr war zufrieden, wenn ſie ihm ein wenig Mais— ſo viel er für ſein Bedürfniß brauchte— nebſt einigen andern Vegetabilien bauten, deren ſeine einfache Küche bedurfte. Sie wohnten weit entfernt von den⸗ Wohnungen ihrer Herren. Ihre Arbeitsſtunden waren wenig an der Zahl und brauchten nicht pünktlich eingehalten zu werden. Jedes Plus, wel⸗ ches ſie an den Erzeugniſſen des Bodens machten, gehörte ihnen, und in den meiſten Fäll twurden! 5 — 24. ſie reich— weit reicher als ihre eigenen Herren, die weniger zu wirthſchaften und zu ſparen verſtanden. Die Freilaſſung war leicht zu erkaufen, und die Mehrzahl war auch wirklich frei, obſchon ſie dadurch Feſſeln ablegte, denen es kaum der Mühe verlohnte, zu entrinnen. Wenn man es Seclaverei nennen konnte, ſo war es doch die mildeſte Form, die jemals auf Erden bekannt geweſen— und weit verſchieden von der bittern Knechtſchaft Ham's unter Sem oder Japheth. Man kann die Frage aufwerfen, wie die Semi⸗ nolen in den Beſitz dieſer ſchwarzen Sclaven kamen? Waren es Ausreißer aus anderen Staaten— aus Georgia und den Carolinas, aus Alabama und den Pflanzungen von Florida? Ohne Zweifel kamen einige aus dieſen Gegenden, die meiſten Ausreißer aber wurden nicht als Eigenthum beanſprucht und wurden daher frei, wenn ſie unter die Indianer lamen. Es gab eine Zeit, wo, den ſtrengen Beſtimmun⸗ gen des Vertrags von Camp Moultrie zufolge, dieſe entlaufenen Sclaven ihren weißen Eigenthümern ausgeliefert wurden; aber es iſt keine Schande für die Seminolen, daß ſie ſich in der Erfüllung dieſer ſchmachvollen Bedingungen immer etwas ſaumſelig zeigten. — 25— In der That war es auch nicht immer möglich, den flüchtigen Neger auszuliefern. Schwarze Ge⸗ meinden hatten ſich in verſchiedenen Theilen der Re⸗ ſerve concentrirt, welche unter ihren eigenen Anfüh⸗ rern in ſocialer Beziehung frei und zur Selbſtver⸗ theidigung ſtark genug waren. Bei dieſen Gemeinden fand der Ausreißer gewöhnlich Auluiht und Will⸗ kommen. Eine ſolche Gemeinde war die Harry's in den Moräſten von Peaſe Creek—„Abram's“ in Mico⸗ ſauky— Charles' und des ſogenannten Mulatten⸗ königs. Nein; die Negerſclaven der Seminolen waren nicht Ausreißer von den Plantagen, obſchon die Wieißen ſie gern dazu machen wollten. Nur ſehr VWenige gehörten dieſer Klaſſe an. Die größere An⸗ zahl war das wirkliche Eigenthum ihrer indianiſchen Herren, in ſoweit ein Sclave nämlich ein Eigen⸗ thum genannt werden kann. Auf alle Fälle waren ſie auf geſetzliche Weiſe erlangt— einige von den Spaniern, den urſprünglichen Anſiedlern, und einige durch Ankauf von den amerikaniſchen Pflanzern ſelbſt. 3 Aber wie ſo durch Ankauf? wird der Leſer fragen. Was konnte ein Stamm von Wilden zum Austauſch für eine ſo koſtbare Waare geben? Die *— 26— Antwort iſt leicht. Pferde und Hornvieh. Von die⸗ ſen Beiden beſaßen die Seminolen zahlreiche Heerden. Bei der Räumung durch die Spanier wimmelten die Savannen von halb wild gewordenen Pferden und Rindern von andaluſiſcher Race. Die Indianer fingen ſie ein, zähmten ſie und wurden auf dieſe Weiſe ihre rechtmäßigen Eigenthümer. Dies alſo war das quid pro quo— Vierfüßler zum Austauſch für Zweifüßler. Das hauptſächlichſte Verbrechen, welches man den Indianern vorwarf, war der Viehdiebſtahl— denn die Weißen hatten ebenfalls ihre Heerden. Die Seminolen leugneten nicht, daß es ſchlechte Menſchen unter ihnen gäbe— raubſüchtiges Geſindel, welches ſchwer im Zaume zu halten ſei. Wo gäbe es eine Gemeinde ohne räudige Schafe? Eins war aber außer allen Zweifel geſetzt. Die indianiſchen Häuptlinge gaben ſtets, wenn man ſich offen und ehrlich an ſie wendete, den aufrichtigen Wunſch zu erkennen, Erſatz zu leiſten, und entwickel⸗ ten für die Sache der Gerechtigkeit eine Energie, welche auf der andern Seite der Grenze gänzlich unbekannt war. Leider aber kam auf ihre Handlungsweiſe in Bezug auf ihren Ruf unter ihren weißen Nachbarn nicht Viel an. Dieſe hatten ſich einmal vorgenom⸗ — 27— 28 men, daß der Hund gehängt werden ſolle, und es war nothwendig, ihm einen ſchlechten Namen zu geben. Jede Räuberei, die an der Grenze verübt ward, war natürlich die That eines Indianers. Weiße Spitzbuben brauchten ihre Geſichter blos mit ein wenig ſpaniſchem Braun anzumalen, und die Gerechtigkeit war nicht im Stande, dieſe Schminke zu durchſchauen. Viertes Kapitel. Ein weitläufiges Geſchäft. Von dieſer Art waren meine Betrachtungen, als ich ſo dahinritt— Betrachtungen, die durch die traurige Geſchichte, welche ich ſo eben gehört, in mir angeregt wurden. Und wie um die Richtigkeit derſelben zu beſtä⸗ tigen, ereignete ſich in dieſem Augenblicke ein ganz treffender Vorfall.*. Wir waren noch nicht weit auf dem Pfade hin⸗ geritten, als wir auf die Spuren von Rindern ſtie⸗ ßen. Einige zwanzig Stück mußten vorüber gekom⸗ men ſein, und zwar in derſelben Richtung, welche wir verfolgten— nach der indianiſchen„Reſerve“. Die Spuren waren friſch— faſt noch ganz friſch. Ich verſtand mich auf dergleichen Dinge gut 1 — 20— genug, um zu wiſſen, daß ſeit dem Vorüberpaſſiren dieſer Thiere noch keine Stunde vergangen ſein konnte. Obſchon ich ſo lange in die Mauern einer Schule eingeſperrt geweſen, hatte ich doch die Jägergeheim⸗ niſſe, welche der junge Powell mich gelehrt, noch nicht alle vergeſſen. Der Umſtand, daß wir auf eine Viehſpur, mochte ſie nun friſch oder alt ſein, ſtießen, würde keinen Eindruck auf mich gemacht haben. Es war dabei nichts Auffälliges. Einige indianiſche Hirten hatten ihre Heerde nach Hauſe getrieben, und daß die Treiber wirklich Indianer waren, ſah ich an dem Abdrucke ihrer Moccaſins in dem feuchten Boden. Allerdings tragen auch manche weiße Grenzbewohner den Moccaſin, aber dies waren nicht die Fußſtapfen von Weißen. Die eingebogenen Zehen“), die hohe Spanne und andere geringfügige Anzeichen, welche ich, dem früher erhaltenen Unterrichte gemäß, zu überſetzen verſtand, bewieſen, daß die Spuren von Indianern herrührten. Mein Begleiter war ebenfalls damit einverſtan⸗ den, und Jake beſaß in dergleichen Dingen viel Er⸗ fahrung. Er war ſein ganzes Leben lang ein eifriger *) Es iſt die Kunſt, nicht die Natur, welche dieſe Ei⸗ genthümlichkeit bervorbringt. Es geſchieht in der Wiege. 8 — 30— Racoonjäger geweſen und hatte dem Sumpfhaſen, dem Opoſſum und den Truthühnern nachgeſtellt. 1 Ueberdies war er mein Begleiter auf mancher Rehjagd, auf mancher Hatz nach dem grauen Fuchſe und der rothen Katze geweſen. Während meiner Abweſenheit hatte er ſeine Er⸗ fahrungen noch bedeutend vermehrt. Er war an der Stelle ſeines frühern Nebenbuhlers Holzhauer gewor⸗ den, was ihn in tägliche Berührung mit den Bewoh⸗ nern des Waldes brachte, und fortwährende Beob⸗ achtung ihrer Gewohnheiten hatte ſeine Geſchicklich⸗ keit vermehrt. Es iſt ein Irrthum, zu glauben, daß das Gehirn des Negers jener ſcharfſinnigen Folge⸗ rungen, welche einen ſchlauen Jäger ausmachen, nicht fähig ſei. Ich habe Schwarze gekannt, welche eine Spur mit eben ſo viel angebornem Scharfblick zu leſen oder zu verfolgen verſtanden, wie der Rothe oder Weiße Mann. Der ſchwarze Jake hätte es auch thun können. Ich fand bald, daß er in dieſer Art von Kennt⸗ niß jetzt mein Meiſter war, und hatte beinahe noch n—— in demſelben Augenblicke Gelegenheit, ſeinen Scharf⸗ blick zu bewundern. Ich habe geſagt, daß der Anblick der Viehſpu⸗ ren uns Beide weiter nicht überraſchte. 4 A Dies war jedoch blos anfangs der Fall. Wir — 31— waren aber nicht zwanzig Schritt weit geritten, als ich meinen Begleiter plötzlich den Zügel anziehen ſah, während er gleichzeitig einige jener Laute hören ließ, die nur der Kehle eines Negers eigen ſind und ſehr viel Aehnlichkeit mit dem Grunzen eines ſtutzig ge⸗ machten Schweines haben. Ich ſah ihm in's Geſicht. An dem Ausdrucke deſſelben errieth ich, daß er eine Mittheilung zu machen hatte. „Was giebt es, Jake?“ fragte ich. „Mein Himmel, Maſſa Georg, ſeht Ihr das?“ „Was denn?“ „Nun, das da!“ 8„Ich ſehe Spuren von Rinderhufen— weiter Niccts.“ „Seht Ihr denn nicht dieſe große?“ 6„Ja, allerdings, es iſt eine davon größer als 5 die übrigen.“ „Bei Gott, das iſt der große Ochſe Baldface — ich kenne ſeine Spur ganz genau— manche 1 Ladung Cypreſſenholz hat dieſer Ochſe für unſern 2 guten ſeligen Maſſa geſchleppt.“ 4„Wie? Ich beſinne mich auch noch auf Bald⸗ face. Daraus ſchließeſt Du wohl, daß die Rinder ddie Unſrigen ſind?“ „Nein, Maſſa Georg— ich glaube vielmeh, daß es Advocat Grubb's Rinder ſind. Der ſelige Maſſa verkaufte Baldface vor länger als einem Jahre an Maſſa Grubb. Das iſt Bally's Spur— darauf wollte ich ſchwören.“ „Aber warum ſollten Mr. Grubb's Rinder hier auf indianiſchem Boden ſein und ſo weit entfernt von ſeiner Pflanzung? Und noch dazu mit indiani⸗ ſchen Treibern?“ „Ja, das verſtehe ich auch nicht. Maſſa Georg.“ Es lag in dieſem Umſtande etwas Eigenthüm⸗ liches, was zum Nachdenken aufforderte. Von ſelbſt konnten die Rinder ſich nicht ſo weit verlaufen haben. Ihr freiwilliges Durchſchwimmen des Fluſſes ſprach gegen eine ſolche Vorausſetzung. Aber ſie hatten ſich nicht verlaufen, ſondern waren augenſcheinlich ge⸗ trieben worden, und zwar von Indianern. Hatten dieſe ſie geſtohlen? Die Sache ſah ein wenig aus wie Spitzbüberei, aber dennoch war ſie nicht ſchlau genug angelegt. Die Thiere waren längs eines häufig betretenen Pfades getrieben worden, wo ſie von Verfolgern leicht eingeholt werden konnten, und die Räuber— wenn es wirklich welche waren— hatten keine Vor⸗ ſicht gebraucht, um ihre Spuren zu verbergen. ⸗ Es ſah aus wie ein Diebſtahl und auch wieder nicht, und eben dieſe zweifelhafte Erſcheinung reizte meine Neugier und die meines Begleiters— ſo daß wir beſchloſſen, die Spur zu verfolgen und womög⸗ lich die Wahrheit zu ermitteln. Ueber eine Meile weit fiel die Spur mit unſe⸗ rem eigenen Wege zuſammen, dann aber bog ſie plötzlich links ab und führte nach einem Wege, auf welchem man in einen Hommockwald gelangte. Wir waren entſchloſſen, unſere Abſicht nicht ſo ohne Weiteres aufzugeben. Die Spuren waren ſo friſch, daß die Heerde ſeit nicht viel mehr als einer Viertelſtunde hier vorüber gekommen ſein mußte, und folglich konnte ſie nicht weit ſein. Wir konnten nach der Hauptſtraße durch ein dünnes Fichtengehölz zurück galoppiren, welches wir rechts ſich hinſtrecken ſahen, und ſo bei uns denkend lenkten wir unſer⸗ Pferde die Rinderſpuren entlang. Kurz nachdem wir in den dichten Wald hinein waren, hörten wir Männerſtimmen und dann und wann das Brüllen von Rindern. Wir ſtiegen ab, banden unſere Pferde an einen Baum und gingen zu Fuße weiter. Wir gingen behutſam und ſchweigend und rich⸗ teten uns nach dem Schalle der Stimmen, welche ein faſt ununterbrochenes Geplauder unterhielten. Oceola. II. Ohne Zweifel waren die Rinder, deren Brüllen wir hörten, dieſelben, deren Spuren wir verfolgt hatten; aber eben ſo gewiß war es, daß die Stimmen, welche wir jetzt hörten, nicht die Stimmen Derer waren, welche ſie getrieben hatten. Es iſt ſehr leicht, zwiſchen der Betonung eines Indianers und eines Weißen zu unterſcheiden. Die Männer, deren Geſpräch an unſer Ohr ſchlug, waren Weiße. Ihre Sprache war die unſere mit all' ihren unfeinen Verzierungen. Der Scharfſinn meines Begleiters ging aber noch weiter— er erkannte die Perſonen. „Mein Gott, Maſſa Georg, das ſind die zwei verdammten Schurken Spence und Bill William!“ Jake's Vermuthung erwies ſich als richtig. Wir kamen der Stelle näher. Die immergrünen Bäume verbargen uns vollkommen. Wir erreichten den Rand einer Lichtung und ſahen hier die Rinder⸗ heerde, die beiden Indianer, die ſie getrieben, und die zwei würdigen Leutchen, welche ſchon genannt worden ſind. Wir ſtanden unter Deckung lauſchend und horchend, und binnen ſehr kurzer Zeit verſtand ich mit Hülfe einiger Winke von meinem? die ganze Sache. . Jeder der Indianer— es waren unwürdige Ausgeſtoßene ihres Stammes— hatte eine Flaſche Branntwein und einige geringfügige Putzſachen zum Geſchenke erhalten. Dies geſchah zur Bezahlung ihrer nächtlichen Arbeit, der Plünderung des dem Advocaten Grubb gehörigen Weideplatzes. Ihr Antheil an dem Geſchäft war nun vor⸗ über und ſie ſtanden eben im Begriffe, die Riader zu übergeben, als wir an Ort und Stelle ankamen. Ihre Auftraggeber, die nun die Rinder ſelbſt weiter⸗ treiben wollten, hatten ihnen ihre Belohnungen eben eingehändigt. Die Indianer konnten nun nach Hauſe gehen und ſich betrinken— ſie wurden nicht mehr gebraucht. Die Rinder ſollten nach einer entfernten Gegend des Landes getrieben werden, wo ſie mit leichter Mühe verkauft werden konnten— oder was eben ſo wahr⸗ ſcheinlich war, ſie fanden ihren Weg zurück nach der Pflanzung des Advocaten Grubb, nachdem ſie von den tapfern Leutchen Spence und Williams einem Truppe indianiſcher Räuber abgenommen worden. Dies war dann jedenfalls eine ſchöne Geſchichte, am Kamine der Pflanzung zu erzählen— eine will⸗ komm nene Gelegenheit zu einer Anzeige bei der Polizei und der Staatsregierung. O, dieſe räuberiſchen Seminolen! Man mußte ſich ihrer entledigen— ſie mußten gezwungen wer⸗ den, auszuwandern. Da die Rinder dem Advocaten Grubb gehörten, ſo wollte ich mich nicht weiter einmiſchen. Ich konnte meine Geſchichte anderwärts erzählen, und ohne daher unſere Gegenwart zu verrathen, dreheten mein Begleiter und ich uns ſchweigend um, kehrten zu unſern Pferden zurück und ſetzten nachdenklich unſern Weg weiter fort. Ich hegte keinen Zweifel in Bezug auf die Rich⸗ tigkeit unſerer Vermuthung— ohne Zweifel hatten Williams und Spence ſich der betrunkenen Indianer bedient, und eben ſo hatte der Advocat Grubb Wil⸗ liams und Spence mit Beſorgung dieſes weitläufigen Geſchäftes beauftragt. Das Waſſer mußte nach oben hin trübe gemacht— der arme Indianer mußte zur Verzweiflung getrieben werden. Fünftes Kapitel. Betrachtungen unterwegs. Auf der Militairakademie und anderwärts war ich wegen meiner Parteinahme für die Indianer fortwährend verſpottet worden. Nicht ſelten neckte man mich damit, daß ich von dem Blute des armen alten Powhattan abſtammte, welches nach zweihun⸗ dertjähriger Vermiſchung mit weißem, nur noch ſehr dürftig in meinen Adern circuliren konnte. Man ſagte, ich ſei nicht patriotiſch geſinnt, weil ich t in das allgemeine Geſchrei einſtimmte, welches „wenn ſie von einem Feinde ſprechen, ſo ümlich zu ſein ſcheint. Nationen ſind wie Individuen. Um ihnen zu gefallen, muß man eben ſo ſchlecht ſein als ſie— dieſelbe Geſinnung fühlen oder ausſprechen— was eben ſo gut iſt— denſelben Haß und dieſelbe Liebe affectiren— kurz, die Unabhängigkeit des Denkens aufgeben und mit der Mehrzahl ſchreien:„Kreuzige ihn! kreuzige ihn!“ Dies iſt der Mann der Welt, der Patriot der Zeit. Wer ſeine Schlüſſe und Folgerungen aus der Quelle der Wahrheit herleitet und den ſinnloſen Strom der Vorurtheile eines Volkes zu hemmen ſucht, wird in ſeinem ganzen Leben nicht populär werden. Nach ſeinem Tode kann er es vielleicht werden, diesſeits des Grabes aber gewiß nicht. Ein ſolcher Mann braucht nicht den„lebenden Ruhm“ zu ſuchen, nach welchem ſich der Eroberer von Peru ſehnte— er wird ihn nicht finden. Wenn der wahre Patriot den Lohn des Ruhmes wünſcht, ſo muß er ihn blos von der Nachwelt erwarten— lange nach⸗ dem ſeine Gebeine im Grabe verweſ't ſind. Zum Glücke giebt es noch einen andern Lohn. Die mens conscia recti iſt keine leere Redensart. Es giebt Leute, welche ſie ſchätzen, und welche wei Troſt als Stärkung durch ihre ſüßen Zuſlüſter erfahren haben. 9 der Obſchon die Folgerungen, zu a welchen Vorfall, deſſen Zeuge ich geweſen, ſo wie eine Menge anderer Wahrnehmungen veranlaßt hatten ſehr trübe ſtimmten, ſo wünſchte ich mir doch Glück zu — 39— dem Verfahren, welches ich eingeſchlagen. Weder durch ein Wort noch durch eine That hatte ich auch nur eine Feder in die Wagſchale der Ungerechtigkeit geworfen. Ich hatte keinen Grund, mich ſelbſt an⸗ zuklagen. Mein Gewiſſen ſprach mich frei von jedem böſen Willen gegen das unglückliche Volk, welches bald in der Haltung von Feinden mir gegenüber⸗ ſtehen ſollte. Meine Gedanken verweilten nicht lange bei der allgemeinen Frage, kaum einen Augenblick. Dieſe ward durch Betrachtungen von weit peinlicherer Art — durch die Sympathieen der Freundſchaft und Liebe aus meinen Gedanken verbannt. Ich dachte blos an die ruinirte Witwe, an ihre Kinder, an Maümee. Allerdings muß ich geſtehen, daß ich blos an die Letzte dachte; aber dieſer Gedanke faßte auch Alles mit in ſich, was zu ihr gehörte. Und für alle ihre Angehörigen fühlte ich jetzt Sympathie und Kummer— ja einen noch weit bit⸗ terern Schmerz als Kummer— Trauer über ver⸗ eitelte ſüße Hoffnungen. Ich hoffte kaum, ſie jemals 3 hen. 1 3 waren ſie jetzt? Wohin waren ſie gegangen? Muthmaßungen, Beſorgniſſe, Befürchtungen dräng⸗ ten ſich in meiner Phantaſie durch einander. Ich konnte nicht umhin, ſchwarzen Gedanken Raum zu — 40 geben. Die Menſchen, welche jenes Verbrechen be⸗ gangen hatten, waren auch zu jedem andern fähig, ſelbſt dem größten, welches dem Kalender der Gerech⸗ tigkeit bekannt iſt. Was war aus dieſen Freunden meiner Jugend geworden? 3 Miein Begleiter konnte mir über ihre Geſchichte nach jenem Tage keinen weitern Aufſchluß geben. Er vermuthete, daß ſie ſich nach einer andern Klärung in der indianiſchen Reſerve begeben, denn man habe nie wieder Etwas von ihnen gehört. Aber ſelbſt dies war eine bloße Muthmaßung. Der Wechſel der Umgebung führte für meine ſchwe⸗ ren Gedanken endlich einige Erleichterung herbei. Bis jetzt waren wir durch einen Fichtenwald geritten. Gegen Mittag kamen wir aus demſelben auf eine große Hommockſtrecke heraus, welche ſich zu 8 beiden Seiten unſeres Weges hindehnte. Der Pfad, dem wir folgten, führte direct hindurch. Die Scene veränderte ſich plötzlich, wie durch eine magiſche Umgeſtaltung. Der Boden unter un⸗ ſern Füßen war anders, eben ſo wie das Laub über unſern Köpfen. Fichten und Tannen umga nicht mehr. Unſer Blick ward nach allen Seiten hin von dem dichten Laube immergrüner Bäume gehemmt, wie zum Beiſpiel der Magnolie, welche hier in ihrer vollen Größe ſtand. Außerdem gab es noch 8 ——— — 41— die Lebenseiche, den rothen Maulbeerbaum, den„bour⸗ boniſchen“ Lorbeerbaum, Eichenholz, Haleſia und Cal⸗ liparca, während hoch alle überragend die Kohlpalme emporſtieg und ſtolz ihren gefiederten Wipfel im Luft⸗ hauche wiegte, als ob ſie ihre beſcheideneren Genoſſen unten mit ſtolzem Kopfnicken begrüßte. Eine lange Weile ritten wir in tiefem Schatten, der nicht blos von den Bäumen gebildet ward, ſon⸗ dern auch von ihren Paraſiten. Der große, mit Blättern beladene wilde Weinſtock— die Ranken des Smilax und der Hedera— die Silberbüſchel der Tillandſia verhüllten den Himmel unſern Zlicken. Der Weg war krumm und labyrinthiſch. Umgeſtürzte Baumſtämme nöthigten uns oft, einen Umweg zu machen, und das Spalierwerk des Muscadin, deſſen knotige Aeſte ſich wie die Taue und Stage eines Schiffes von Baum zu Baum ſtreckten, bereitete uns zahlreiche Hinderniſſe. Die Umgebung war etw tig und impoſant. Sie haßftibftikte mit meinen Gefühlen in dieſem Augenblict und beſchwichtigte Ke luftige Klärung der düſter, aber großar⸗ nwälder. Nachdem wir dieſen Gürtel des dunkeln Waldes durchritten hatten, kamen wir an dem entgegengeſetz⸗ ten Rande an einen jener ſchon beſchriebenen eigen⸗ — 42— thümlichen Teiche— ein kreisförmiges, von muſchel⸗ haltigen Hügeln und Felſen umgebenes Becken— einen ausgebrannten Waſſervulkan. In dem bar⸗ bariſchen Jargon des ſächſiſchen Anſiedlers werden ſie„Sinks“ oder Jauchengruben genannt, obſchon auf ſehr unangemeſſene Weiſe, denn da, wo ſie Waſſer enthalten, iſt daſſelbe ſtets von kryſtallheller Reinheit und Klarheit. Der Sink, an welchen wir jetzt gelangt waren, war beinahe ganz voll von Waſſer. Unſere Pferde hatten Durſt— wir ebenfalls. Es war die heißeſte Stunde des Tages; die Wälder jenſeits ſahen dünner und weniggy ſchattig aus. Es war gerade die rechte Zeit und d rechte Ort, um Halt zu machen, und wir ſtiegen daher ab und ſchickten uns an, ein wenig auszuruhen und uns zu erfriſchen. Jake führte einen geräumigen Proviantſack, deſ⸗ ſen aufgeblähte Seiten in Verbindung mit den her⸗ vorragenden Häl äiniger Flaſchen einen Beweis von der zärtlichen rgfaltsgaben, die wir daheim gelaſſen. Der Ritt Räte mich hungrig und die Hi hatte mich durſtig gem ht, der Inhalt des Pu ſackes aber befriedigte bald den erſten, und ei echer Rothwein, mit Waſſer aus der kühlen, kalkhaltigen Quelle gemiſcht, war eine köſtliche Beſchwichtigung des zweiten. * Eine Cigarre machte den Beſchluß dieſer al ſresdo- 8 Mahlzeit, und nachdem ich eine angezündet, ſtreckte ich mich auf den Rücken, während die Zweige einer ſchattenreichen Magnolie ſich wie ein Baldachin über mir ausbreiteten Ich beobachtete den blauen Rauch, wie er in den glänzenden Blättern emporwirbelte und die kleinen Inſekten von ihren Plätzen verſcheuchte. Meine Gemüthsregungen wurden ſtiller— der rFäftige Geruch von den korallenähnlichen Frucht⸗ kegeln und den großen wachsähnlichen Blüthen des Baumes äußerte ſoinen narkotiſchen Einfluß, und ich ſchlief 9 Jt „S40ℳ v — X 1 1 2— ſ, 3 Cuenea eranndee, Sechſtes Kapitel. 8— 4 Eine ſeltſame Grſcheinung. „ befand mich erſ(pit einigen Minuten in „ Ner Bewußtloſigkeit, aßs ich durch ein heftiges Plätſcher cktt ward, gerade als . 5 s e Nand den Teich ſpränge. Sch ward indeß . N eah ſo⸗weit ſtutzig gemacht, daß ich mich um f 9 auch uung Augen geöffnet hätte. 1 ad,“ hte ich;„eine dee 53. ſogleich daf. 93 a 4 4 Meine Vermuthung war unrichtig Schwarze war nicht in das Waſſer ſondern war 8 auf, dem Ufer neben mir und 1 bbenfalls eingeſchlafen geweſen.(Eben ſo wie ich durch das Geräuſch aufgeweckt, war er auf ſeine men — 18— Füße geſprungen, und ich hörte ſeine Stimme, wäh⸗ rend er rief: „O, Maſſa Georg— ſchaut her— iſt das nicht ein ungeheurer Kerl? Hui?“ Ich richtete den Kopf in die Höhe und ſah nach dem Waſſerbecken. Es war nicht Jake, der dieſe Bewegung im Waſſer verurſachte— es war ein großer Alligator! Er hatte ſich dicht an der Stelle, wo wir lagen, dem ufer genähert, und ſich auf ſeiner breiten Bruſt wiegend und ſeine muskelſtarken Arme und Schwimmfüße, ſo weit er konnte, von ſich ſtreckend, ruhete er auf dem Waſſer und betrachtete uns mit augenſcheinlicher Neugier. Den Kopf hoch über den Waſſerſpiegel erhebend kund den Schwanz ſteif emporreckend, bot er einen komiſchen und doch zugleich ſcheußlichen Anblick dar. „Bring' mir meine Büchſe, Jake,“ ſagte ich leiſe.„Geh leiſe, damit Du das Thier nicht er⸗ ſchreckſt.“ L Jake ſtahl ſich fort, um die Büchſe zu holen; der Alligator aber ſchien unſere Abſichten zu erra⸗ then ehe ich noch die Wa ein die Hand neh⸗ men e, drehte er ſich plölich auf dem Waſſer herum, ſchoß pfeilſchnell davon und tauchte in die dunkeln Vertiefungen des Tümpels hinab. Mit der Büchſe in der Hand wartete ich eine 4 — 46— Zeitlang auf ſein Wiedererſcheinen, ſgper er tam mer wieder auf die Oberfläche zurück.! Höchſt wahrſcheinlich war ſchon fruͤhet nach ihm geſchoſſen oder ſonſt ein Angriff gegen ihn unter⸗ nommen worden, und er erkannte jetzt in der auf⸗ rechten Geſtalt einen gefährlichen Feind. Die Nähe des Tümpels an einer vielbegangenen Straße machte dieſe Voyausſetzu haben, wenn nicht dieſe Umgebung viel Aehnlichkeit mit einer andern, uns wohlbekannten gehabt hätte, wahrſcheinlich. Weder ——y Dieſe Aehnlichkeit war in der That auffällig. Der Teich, die Felſen, die Bäume, die rings umher wuch⸗ ſen, Alles hatte eine Aehnlichkeit mit denen, womit unſere 2nen lüone längſt vertraut waren. Selbſt das KrSnnd Lhlheß wir den a oben gefehen, ſchien an ra an daß an wi en. hr häßlichem Anſehen genau das Seitenſtück von Dem zu ſein, deſſen Geſchichte aai Le ende.Plantage gewor⸗ den war. e 3 Die abenteuerlichen 2 A luftritte jenes den in die Erinnerung zurückgerufen. 2 Umſtände derſelben tauchten friſch in unſere dächtniſſe auf, als ob ſie erſt geſtern geſchehen wären. Das Herbeilocken des amphibiſchen Ungeheuers die gefährliche Begegnung in demn Waſſerbehälter— 4 — 47 die Jagd— die Gefangennehmung— das Verhör und der Urtheilsſpruch— die Flucht— die lange Verfolgung über den See hinweg und das plötzliche tragiſche Ende— alles Dies ging lebhaft und deut⸗ lich in dieſem Augenblicke wieder an meinem innern Blicke vorüber. Es war mir beinahe, als hörte ich jenen Angſtſchrei— jenen halberſtickten Ausruf, welchen der Verbrecher hören ließ, als er in den Wellen verſank. Dieſe Erinnerungen waren edeh Nede für mich noch für meinen Begleiter angenehm, und wir hörten daher Pald alf, davon zu ſprechen. Wie um angenehmere Betrachtungen hervorzu⸗ rufen, ſchlug in dieſem Augenblicke das heitere „Kauderkauder“ eines wilden Truthahns an unſer Ohr, und Jake bat mich um Erlaubniß, dem Wilde nachſtellen zu dürfen. Da ich Nichts dagegen hatte, ſo nahm er die Büchſe und verließ mich. Ich zün⸗ dete meine Havannah wieder an, ſtreckte mich, wie vorher, auf den weichen Raſen, ſah dem Wirbeln desablauen Rauches zu, ſog den narkotiſchen Blüthen ein und ſank abermals in Schlaf. s Mal träumte ich, und meine Träume ſchie⸗ nen nur die Fortſetzung der Gedanken zu ſein, welche mich ſo eben noch beſchäftigt hatten. Es waren Viſionen jenes verhängnißvollen Tages, und aber⸗ — 48— mals gingen die Ereigniſſe deſſelben nach einan⸗ der an mir vorüber, gerade ſo, wie ſie geſchehen waren. In Einer Beziehung jedoch ſchied ſich mein Traum von der Wirklichkeit. Ich träumte, ich ſähe den Mulatten wieder auf die Oberfläche des Waſſers heraufkommen und aus demſelben an dem Geſtade der Inſel in die Höhe klettern. Ich träumte, er ſei unverletzt und unbeſchädigt entronnen— er ſei zurückgekehrt, um ſich zu rächen— er habe auf irgend eine Weiſe mich in ſeine Gewalt bekommen und ſtünde im Begriffe, mich umzubringen. Gerade, als ich ſo weit geträumt hatte, ward ich plötzlich erweckt— dies Mal nicht durch Plätſchern im Waſſer, ſondern durch den Knall einer Büchſe, die in der Nähe abgefeuert worden. „Jake hat die Truthühner gefunden,“ dachte ich;„ich hoffe, daß er gut gezielt hat. Ich möchte gern eines mit im das Fort nehmen. Es würde am Offiziertiſche willkommen ſein, denn, wie ich höre, iſt die Speiſekammer doch nicht allzu ich verſehen. Jake iſt ein guter Schütze und fehlt nicht ſo leicht, wenn—“ Meine Betrachtungen wurden plötzlich durch einen zweiten Knall unterbrochen, der, wie ich an der — 3 — 49— Schärfe deſſelben ſofort errieth, ebenfalls von einer Büchſe herrührte. „Mein Gott! was iſt das? Jake hat nur ein Gewehr und dieſes nur einen Lauf. Er kann ſeit dem erſten Schuſſe noch nicht wieder geladen haben — dazu iſt die Zeit zu kurz. War der erſte Schuß vielleicht blos ein Werk meines Traumes? Doch nein, ich hörte wirklich einen Knall! Es war dieſer, welcher mich erweckte. Ich habe zwei Schüſſe ge⸗ hört und kann mich unmöglich geirrt haben.“ Ueberraſcht ſprang ich auf meine Füße. Ich war aber nicht blos überraſcht, ſondern auch er⸗ ſchrocken. Ich war beſorgt um die Sicherheit meines Begleiters. Ganz gewiß hatte ich zwei Knalle ge⸗ hört. Zwei Büchſen mußten daher abgefeuert wor⸗ den ſein, und zwar von zwei Perſonen. Jake konnte die eine geweſen ſein, wer aber war die andere? Wir ſtanden auf gefährlichem Boden. War es ein Feind? Ich ſchrie und rief den Schwarzen beim Namen. hlte mich erleichtert, als ich ſeine Stimme Ich hörte ſie in einiger Entfernung in dem Walde; aber als ich genauer darauf hörte, wurden noch anderweite Befürchtungen in mir erweckt. Die Stimme klang nämlich nicht wie eine Antwort Oceola. II. 4 Ddaß etwas Seltſames geſchehen ſei. Er war das — 50— auf meinen Ruf, ſondern wie ein Angſt⸗ oder Nothſchrei. Neugierig ſowohl als erſchreckt ergriff ih meine Piſtolen und eilte meinem Neger entgegen. Ich errieth, daß er auf mich zukam und nicht weit entfernt war; in dem dunkeln Schatten der Bäume aber war ſein ſchwarzer Körper noch nicht ſichtbar. Noch immer fuhr er fort zu rufen, und ich konnte noch nicht verſtehen, was er ſagte. „Ach Gott! ach Gott!“ rief er im Tone des äußerſten Schreckens,„ach Gott! Maſſa Georg, ſeid Ihr beſchädigt?“ „Beſchädigt! was zum Teufel ſollte mich denn beſchädigen?“ 4 Ohne die zwei Knalle würde ich geglaubt haben, er hätte die Büchſe in der Richtung nach mir abgefeuert und glaube, mich getroffen zu haben. „Seid Ihr nicht erſchoſſen? Gott im Himmel ſei Dank, daß Ihr nicht erſchoſſen ſeid, Maſſa Georg!“ „Aber, Jake, was ſoll denn das Alles heißen?“ In dieſem Augenblicke trat er aus d auf den freien Platz heraus, und ich konn deutlich ſehen. Sein Anblick befreite mich nicht von der Furcht — 51— leibhafte Ebenbild des Schreckens, ſo wie es ſich an einem Neger zeigt. Seine Augen rollten in ihren Höhlen und das Weiße war öfter ſichtbar, als Pu⸗ pille oder Iris. Seine Lippen waren weiß und blutlos, die ſchwarze Haut ſeines Geſichtes war aſchebleich, und ſeine Zähne klapperten, während er ſprach. Seine Stellungen und Geberden beſtä⸗ tigten mich in dem Glauben, daß er ſich in einem Zuſtande der außerordentlichſten Angſt befinde. Sobald er mich ſah, kam er eiligſt herzuge⸗ rannt und ergriff mich beim Arme, während er zu⸗ gleich furchtſame Blicke in der Richtung zurückwarf, von welcher er hergekommen war, als ob irgend eine gefürchtete Gefahr hinter ihm wäre. Ich wußte, daß unter gewöhnlichen Umſtänden Jake kein Feigling, ſondern eher das Gegentheil war. Es mußte alſo wirkliche Gefahr vorhanden geweſen ſein— aber worin beſtand ſie? Ich ſchaute zurück, aber in den dunkeln Tiefen des Waldſchattens konnte ich keinen andern Gegen⸗ ſtand unterſcheiden, als die braunen Stämme der Bäume. Wieder forderte ich ihn auf, ſich zu erklären. DO Gott! Er war es— ja ganz gewiß, er war es.“ 3 „Er? wer denn?“ „O Maſſa Georg! Ihr ſeid wirklich nich beſchädigt? Er ſchoß nach Euch. Ich ſah ihn zielen. Ich ſchoß ſogleich nach ihm— aber ich fehlte ihn, und er lief davon.“ „Wer ſchoß denn? Wer lief denn davon?“ „O Gott! Er war es, er oder ſein Geiſt.“ „Um's Himmels willen, erkläre Dich. War es vielleicht der Teufel, den Du geſehen?“ „Ja, ganz Recht, Maſſa Georg, es war der 8— Teufel, den ich ſah— es war der Gelbe Jake.“ „Wie? der Gelbe Jake?“ * Siebentes Kapitel. Wer hatte geſchoſſen? „Der Gelbe Jake?“ wiederholte ich in dem ge⸗ wöhnlichen Tone einer unfreiwilligen Frage, natürlich ohne der Angabe meines Begleiters den mindeſten Glauben beizumeſſen.„Du haſt den Gelben Jake geſehen, ſagſt Du?“ „Ja, Maſſa Georg,“ entgegnete mein Begleiter, indem er ſich von ſeinem Schrecken einigermaßen zu erholen ſchien.„So gewiß als die Sonne am Himmel ſteht— entweder er war es ſelbſt oder ſein Geiſt.“ „Ach, Unſinn! Es giebt keine Geiſter. Deine Augen haben Dich unter dem Schatten der Bäume getäuſcht. Es muß eine Täuſchung geweſen ſein.“ „Bei Gott, Maſſa Georg,“ entgegnete der Schwarze mit nachdrücklichem Ernſte,„ich ſchwöre Euch, daß ich ihn geſehen habe. Es war keine Täuſchung, was ich geſehen— es war entweder der Gelbe Jake oder ſein Geiſt.“ „Unmöglich!“ „Aber, Maſſa, wenn es auch unmöglich iſt, ſo iſt es doch die Wahrheit. So wahr als das Evan⸗ gelium iſt, ſo wahr habe ich den Gelben Jake ge⸗ ſehen. Er ſchoß hinter einem Gummibaume hervor nach Euch. Dann ſchoß ich auf ihn. Ihr müßt doch die beiden Schüſſe gehört haben, Maſſa Georg?“ „Das iſt wahr, ich hörte zwei Schüſſe, oder bildete mir ein, ſie gehört zu haben.“ „O, Maſſa, das war keine Einbildung. Nein, er ſchoß wirklich, der verdammte Schurke. Seht nur da, Maſſa Georg. Was ſagte ich? Schaut nur her!“ Wir waren während dieſes Geſprächs weiter nach dem Teiche gegangen und befanden uns jetzt dicht bei der Magnolie, in deren Schatten ich ge⸗ ſchlafen. Jake bückte ſich und zeigte auf den Stamm des Baumes. Ich ſah nach der angedeuteten Rich⸗ tung hin. Tief unten auf der weichen Rinde ſah ich die Spur einer Kugel. Sie hatte den Baum geſtreift und war weiter gegangen. Die Wunde war grün und friſch und der Saft floß noch. Ohne Zweifel hatte Jemand nach mir geſchoſſen und mich nur um einen Zoll breit verfehlt. Die Kugel mußte —— dicht an meinem auf dem Mantelſacke ruhenden Kopfe nahe bei dem Ohre vorbeigegangen ſein, denn ich beſann mich jetzt, daß ich faſt gleichzeitig mit dem erſten Knalle das Pfeifen einer Kugel gehört hatte. „Na, nun glaubt Ihr mir wohl, Maſſa Georg?“ fragte der Schwarze wieder in zuverſichtlichem Tone. „Nun glaubt Ihr wohl, daß es keine Täuſchung ge⸗ weſen iſt, was ich geſehen habe?“ „Allerdings glaube ich, daß Jemand nach mir geſchoſſen hat, aber—”“. „Es war der Gelbe Jake, Maſſa Georg! Es war der Gelbe Jake, ſo wahr Gott lebt,“ verſicherte mein Begleiter eifrig.„Ich ſah den gelben Halunken ſo deutlich, wie ich dieſen Baum hier vor mir ſehe.“ „Mag es nun eine gelbe Haut oder eine rothe Haut geweſen ſein, ſo können wir unſer Quartier nicht zu ſchnell wechſeln. Gieb mir die Büchſe; ich werde Wache halten, während Du ſattelſt. Mach' ſchnell, damit wir fortkommen.“ Ich lud raſch das Gewehr wieder, und indem ich mich hinter den Stamm eines Baumes ſtellte, wendete ich meine Augen nach der Richtung, von welcher der Schuß hergekommen ſein mußte. Der Schwarze führte die Pferde ein wenig hinter den Platz, auf welchem ich Poſto gefaßt, und begann ſchleunigſt ſie zu ſatteln und unſere Habſeligkeiten 8 3 8 1 1. 4 8 aufzuſchnallen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich mit geſpanntem, ja faſt mit furchtſamem Blicke Wache hielt. Ein ſolches Attentat bewies, daß ein Todfeind in der Nähe war, mochte er ſein, wer er wollte. Die Annahme, daß es der Gelbe Jake geweſen ſei, war zu ungereimt und ich machte ſie natürlich lächerlich. Ich ſelbſt war Augenzeuge ſeines ſichern und furchtbaren Todes geweſen und es hätte eines ſtärkeren Zeugniſſes bedurft als ſelbſt die feierliche Erklärung meines Begleiters war, um mich an einen Geiſt oder an eine Wiederauferſtehung glauben zu machen. Jemand hatte nach mir geſchoſſen— dieſe Thatſache konnte nicht in Zweifel gezogen werden,— und dieſer Jemand war in der unſichern Beleuchtung des düſteren Waldes und von der Furcht geblendet, von meinem Begleiter für den Gelben Jake angeſehen worden. Natürlich war dies ein Irrthum in Bezug auf die perſönliche Identität unſeres unbekannten Feindes. Eine andere Erklärung war nicht zuläſſig. Ha! warum hatte ich in jenem Augenblicke von ihm geträumt— von dem Mulatten? Und warum einen ſolchen Traum? Wenn ich der Ausſage des Schwarzen glauben durfte, ſo war ſie ja eben die Verwirklichung jener unangenehmen Viſion, die eben in meinem Schlafe an mir vorübergegangen war. 5 Ein kalter Schauer überrieſelte mich— das Blut 4 1 — 57— gerann mir in den Adern— die Gänſehaut lief mir auf, als Wan dieſes eigenthümliche Zuſammen⸗ treffen dachte. Es lag etwas Unheimliches darin— etwas ſo entſetzlich Wahrſcheinliches, daß ich zu glauben begann, es ſei doch etwas Wahres an der feierlichen Behauptung des Schwarzen, und je mehr ich daran dachte, deſto weniger Kraft fühlte ich, ſeine Wahrhaftigkeit in Zweifel zu ziehen. Warum ſollte ein Indianer ohne alle Veran⸗ laſſung mich zum Ziele ſeiner Kugel auserſehen haben? Allerdings herrſchte Feindſeligkeit zwiſchen Roth und Weiß, aber kein Krieg. Ganz gewiß war es noch nicht ſo weit gekommen. Der Rath der Häuptlinge hatte ſich noch nicht verſammelt— dieſe Verſammlung war erſt auf den nächſtfolgenden Tag feſtgeſetzt, und ſo lange das Reſultat derſelben nicht bekannt ward, war es nicht wahrſcheinlich, daß auf einer der beiden Seiten Feindſeligkeiten unternommen werden würden, weil dadurch die Beſchlüſſe der pro⸗ jectirten Verſammlung auf weſentliche Weiſe hätten beeinflußt werden können. Die Indianer hatten eben ſo viel Intereſſe daran, den Frieden zu erhalten, als ihre weißen Gegner— ja, noch weit mehr— und ſie konnten nicht umhin, zu wiſſen, daß eine unzeitige Demonſtration dieſer Art zu ihrem Nach⸗ — 58ñ— theile und gerade der Vorwand gewſen wäre, den die Auswanderungspartei wünſchte. Konnte es alſo ein Indianer geweſen ſein, der nach meinem Leben getrachtet hatte? Und wenn es kein Indianer war, wer hatte dann ſonſt noch in der Welt einen Beweggrund, mich um's Leben zu bringen? Ich konnte mich auf Niemanden beſinnen, den ich beleidigt hatte— wenigſtens auf Niemanden, den ich zu ſo tödtlicher Vergeltung gereizt. Die betrunkenen Viehtreiber fielen mir ein. Dieſe küm⸗ merten ſich allerdings ſehr wenig um Verträge oder den Ausgang der Berathung. Ein Pferd, ein Sattel, eine Kugelbüchſe, irgend ein Putzartikel galt in ihren Augen jedenfalls weit mehr, als die Sicherheit ihres ganzen Stammes. Beide waren augenſcheinlich ächte Banditen— denn es giebt unter den Rothhäuten eben ſo gut Räuber, wie unter den Weißhäuten. Doch nein; ſie konnten es nicht geweſen ſein. Sie hatten uns ja nicht geſehen, und ſelbſt wenn ſie uns geſehen hätten, ſo hätten ſie nicht ſo bald ſchon hier ſein können. Wir waren, nachdem wir ſie verlaſſen hatten, ziemlich ſcharf geritten und ſie waren zu Fuße. Spence und Williams waren aller⸗ dings auch zu Pferde, und nach dem, was Jake mir unterwegs in Bezug auf die vergangene Geſchichte dieſer beiden Strolche erzählt, konnte ich glauben, —————— — 3589— daß ſie zu Au fähig ſeien— ſelbſt zu einem Meuchelmorde. Aber es war auch nicht wahrſcheinlich. Sie hatten uns nicht geſehen und überdies hatten ſie für ſich genug zu thun. Ha! Endlich errieth ich es; auf alle Fälle war dies die wahrſcheinlichſte Conjectur. Der Schurke war irgend ein Ausreißer von den Niederlaſſungen, ein entlaufener Sclave— der vielleicht ſchlecht be⸗ handelt worden— deßhalb den Weißen ewige Feind⸗ ſchaft geſchworen und auf dieſe Weiſe ſeine Rache an dem Erſten beſten ausgelaſſen hatte, der ihm in den Weg gekommen war. Ohne Zweifel war es ein Mulatte, der vielleicht auch wirklich einige Aehn⸗ lichkeit mit dem Gelben Jake hatte, denn es giebt unter Leuten von gelber Farbe eine all emeine Aehn⸗ 9 lichkeit, gerade wie unter den Schwarzen. Dadurch erklärte ſich die Täuſchung, in welcher mein Begleiter befangen war. Auf alle Fälle machte es ſeinen Irrthum natürlicher, und mit dieſer An⸗ nahme, mochte ſie nun richtig oder falſch ſein, mußte ich mich begnügen. Jake hatte jetzt Alles in Stand geſetzt, und ohne weiter zu verweilen und eine weitere Löſung des Räthſels zu ſuchen, ſchwangen wir uns in den Sattel und galoppirten davon. — 60— Wir ritten einige Zeit lang ſcharf darauf los, und da unſer Weg uns jetzt durch dünne Waldung führte, ſo konnten wir eine weite Strecke hinter uns ſehen. Kein Feind, weder ein Weißer noch ein Schwarzer, weder ein Rother noch ein Gelber, zeigte ſich vorn, hinten oder auf der Seite. Wir begegneten keinem lebenden Weſen, bis wir an den Paliſſaden von Fort King*) ankamen, in welches wir einritten, gerade als die Sonne hinter der ſchwarzen Linie des Wald⸗* hinabſank. ) Nach einem ausgezeichneten Offizier in der amerika⸗ niſchen Armee ſo genannt. Es iſt dies überhaupt die Art und Weiſe, auf welche die Grenzpoſten ihre Namen erhalten. 3 Achtes Kapitel. Ein Grenzfort. Das Wort„Fort“ erinnert an ein ag Gebäude mit Winkeln und Schießſcharten, Baſtionen, Courtinen, Kaſematten und Glacis— einen ſtark befeſtigten Platz, denn dies iſt die weſentliche Bedeu⸗ tung des Wortes. Solche Gebäude haben die Spa⸗ nier erbauet— in Florida wie anderwärts. Einige davon ſtehen noch,*) während andere ſelbſt noch in ihren Trümmern Zeugniß von der Größe und dem Ruhme geben, welcher ſie damals umſtrahlte, als die Fahne des Leoparden ſtolz auf ihren Wällen flatterte. *) Fort Picolata am St. Johns, Fort San Auguſtino und andere in Penſacola, St. Marks und anderwärts. — 62— Es beſteht eine auffallende Verſchiedenheit zwi⸗ ſchen der colonialen Architectur Spaniens und der anderer europäiſcher Nationen. In Amerika bauten die Spanier ohne Rückſicht auf Mühe oder Koſten, als ob ſie glaubten, daß ihr Beſitz ein ewiger ſein würde. Selbſt in Florida konnten ſie keine Ahnung haben, daß ſie ſo bald wieder genöthigt ſein würden, das Feld zu räumen. Dennoch aber waren dieſe großen Feſtungen ihnen nützlich. Ohne den Schutz derſelben würden der dunkelfarbige Namaſſee und nach dieſem der erobernde Seminole ſie lange ſchon vor der Zeit hres wirklichen Abzuges von der blumenreichen Halbinſel vertrieben haben. Die Vereinigten Staaten haben ihre großen ſteinernen Feſtungen, aber weit verſchieden von dieſen ſind die Forts, was man an der Grenze darunter verſteht, welche in der Geſchichte der Grenz⸗ kriege eine ſo große Rolle ſpielen und noch bis auf die gegenwärtige Stunde das Gebiet der Vereinigten Staaten wie mit einer rieſigen Kette umgürten. In dieſen Forts giebt es keine großartigen Werke von ausgehauenen Felſen, keine koſtbaren Kaſematten, keine Zierden des Ingenieurweſens. Es ſind rohe Bauwerke, von behauenen Baumſtämmen mit wenig Koſten errichtet, um mit eben ſo wenig —— * Verluſt wieder verlaſſen werden zu können, und fähig, der ewig ſich verändernden Grenze auf ihrem raſchen Rückgange zu folgen. Solche Gebäude ſind bewundernswürdig zu dem Zwecke geeignet, welchem ſie eben dienen ſollen. Sie ſind Muſter des praktiſchen Geiſtes einer republi⸗ kaniſchen Regierung, welcher nicht geſtattet iſt, den Reichthum der Nation an ſo koſtſpielige Tändeleien wie Themſetunnel und Britanniabrücken auf Koſten eines mit Abgaben belaſteten Volkes zu verſchwenden. Um eine Feſtung gegen einen indianiſchen Feind zu errichten, geht man auf folgende Weiſe zu Werke. Man nimmt einige hundert Bäume und ſchneidet ſie in Klötze von achtzehn Fuß Länge. Dann ſpaltet man ſie in der Nitte und ſetzt ſie in einem Viereck neben einander, ſo daß die flachen Seiten nach innen zu ſtehen kommen. Oben ſpitzt man ſie zu, bringt acht Fuß hoch über dem Boden Guck⸗ und Schieß⸗ löcher an, errichtet eine Bühne unter den Schieß⸗ löchern, gräbt draußen einen Graben, baut ein paar Baſtionen in zwei Winkeln, in welche man das Geſchütz pflanzt, hängt ein ſtarkes Thor ein— und man hat ein Grenzfort. Es kann ein Dreieck, ein Viereck oder irgend ein anderes Vieleck ſein, ſo wie es ſich für den Boden und das Terrain am beſten eignet. ——y—— — 64— Nun braucht man noch Quartier für Truppen und Vorräthe. Zu dieſem Zwecke baut man tüchtige Blockhäuſer innerhalb der Einhegung, einige an den Winkeln, wenn es paßt. Dieſe verſieht man eben⸗ falls mit Schießſcharten, für den Fall, daß die Paliſſade erſtürmt werden ſollte. Nachdem dies ge⸗ ſchehen, iſt das Fort fertig.* Tannen und Fichten ſind dazu ſehr gut. Ihre hohen aſtloſen Stämme laſſen ſich mit leichter Mühe fällen und in die erforderlichen Längen zerſchneiden; in Florida aber findet man einen Baum, der ſich noch beſſer zu dieſem Zwecke eignet. Dieſer iſt die Kohlpalme— Chamaerops palmetto. Dieſes Holz iſt in Folge ſeiner eigenthümlichen Faſerung weniger der Gefahr ausgeſetzt, durch Kugeln zerſplittert zu werden, weil dieſe vielmehr unſchädlich hineindringen und ſtecken bleiben. Von dieſem Holze war auch das Fort King erbaut. Man denke ſich alſo ein ſolches Paliſſadenfort. Man bevölkere es mit einigen hundert Soldaten— einige in kurzen Uniformen von verſchoſſener blauer Farbe mit weißen Aufſchlägen und ſehr mit Schmutz bedeckt(die Infanterie); einige in dunklerem Blau mit rothen Streifen(Artillerie); einige. Mie dem grelleren Gelb geſchmückt(die Dragoner) und noch einige Andere in dem dunkeln Grün der Scharf⸗ — 8685— ſchützen. Man denke ſich dieſe Leute umherlungernd oder in Gruppen beiſammenſtehend, in nachläſſiger Haltung und nachläſſig gekleidet, einige von etwas ſaubrerem Anſehen mit gethontem Lederzeug und Bajonnetten an der Seite, welche Schildwacht ſtehen oder zur täglichen Wachmannſchaft gehören— ein halbes Schock Waſchweiber, mit einer gleichen Anzahl indianiſcher Weiber untermengt, einen Trupp ſchrei⸗ ender Kinder— hier und da einen vorübereilenden Offizier, der ſich durch ſeinen dunkelblauen Halb⸗ uniformrock auszeichnet, denn ein amerikaniſcher Offizier iſt ſelten in voller Uniform zu ſehen, am allerwenigſten im Felddienſte, wie in Florida— ein halbes Dutzend Herren in Civilkleidung— Beſucher oder nicht zum Militair gehörende Bewohner des Forts— ein halbes Schock weniger fein ausſehende Leutchen— Garköche, Fleiſchlieferanten, Viehtreiber, Fleiſcher, Führer, Spieler, Jäger und Müſſiggänger — einige Negerſclaven und befreundete Indianer— vielleicht den aufgeblaſenen Commiſſar ſelbſt— alle dieſe Menſchen denke man ſich mit dem oben über Allem wehenden Sternenbanner, und man hat einen Begriff von dem Schauſpiel, welches ſich mir darbot, als ich zu dem Thore des Fort King hineinritt. Oceola. II. Sattel gewöhnt geweſen war, ſo hatte der Ritt mich ziemlich müde gemacht. Ich hörte am andern Morgen die Reveille; da ich aber jetzt noch nicht im activen Dienſte war, ſo achtete ich weiter nicht auf dieſen Ruf und blieb noch ein wenig liegen. Die durch das geöffnete Fenſter hereinſchallenden Töne eines Horns und Trommelwirbel erweckten mich abermals. Ich erkannte die Parademuſik und ſprang nun von meinem Lager auf. In demſelben Augen⸗ Da ich in der letzten Zeit nicht viel an den blicke trat Jake ein, um mir bei meiner Toilette be⸗ hülflich zu ſein. „Schaut nur, Maſſa Georg,“ rief er, indem er zum Fenſter hinaus zeigte,„ſchaut nur! Die ganzen Indianer von der Seminolennation ſind da! Jede Rothhaut, die es in dem alten Florida giebt. Hui!“ Ich ſah hinaus. Das Schauſpiel war maleriſch und impoſant. Innerhalb der Paliſſade rannten Soldaten hin und her— und die verſchiedenen Compagnieen for⸗ mirten ſich zur Parade. Sie waren nicht mehr wie am Abend vorher nachläſſig und ſchmutzig gekleidet, ſondern boten mit ihren dicht zugeknöpften Jacken, den keck auf die eine Seite geſetzten Mützen, dem ſchneeweiß gethonten Lederzeuge, den in der Sonne funkelnden Musketen, Bajonnetten und Knöpfen einen ſchönen militairiſchen Anblick dar. Offtziere bewegten ſich unter ihnen umher und zeichneten ſich durch ihre glänzenderen Uniformen und funkelnden Epauletten aus. Nicht weit davon ſtand der General ſelbſt, um⸗ geben von ſeinem Stabe, hervorragend unter den großen ſchwarzen Hüten mit nickenden Federbüſchen von weißen und ſcharlachrothen Hahnenfedern. Neben dem Ger rel ſtand der Commiſſar— ebenfalls General— in voller Regierungsuniform. Dieſes großartige Schauſpiel hatte den Zweck, Eindruck auf die Indianer zu machen. Es befanden ſich auch einige gutgekleidete Civi⸗ liſten innerhalb der Einfriedigung, Pflanzer aus der Umgegend, unter welchen ich die Ringzold's erkannte. . So ſtand es mit dem Impoſanten. Das Ma⸗ leriſche befand ſich außerhalb der Paliſſaden. Auf der ebenen Fläche, welche ſich mehrere hundert Schritte weit vor dem Fort hinzog, ſtanden Gruppen von hochgewachſenen indianiſchen Kriegern mit all ihrem barbariſchen Putz angethan— beturbant, bemalt und gefiedert. Nicht zwei von ihnen waren ganz gleich coſtümirt und dennoch herrſchte eine Aehnlichkeit des Styles unter Allen. Einige trugen Zagdhemden von Wildhaut mit Beinkleidern und Moccaſins von demſelben Material— Alles mit 5 8**½ — 68— Franſen, Perlen und Quaſten beſetzt. Andere trugen Ueberwürfe von gedrucktem Baumwollenzeuge, carrirt oder geblümt, mit Beinkleidern von blauem, grünem oder ſcharlachrothem Tuche, die von der Hüfte bis an den Knöchel reichten und unter dem Knie durch mit Perlen geſtickte Kamaſchen zuſammengehalten wurden, deren bequaſtete Enden auswendig am Beine herunterhingen. Der prachtvolle Wampumgürtel umſchloß ihren Leib und auf der Rückſeite deſſelben ſtaken die langen Meſſer, die Tomahawks und in einigen Fällen ſchön mit Silber ausgelegte Piſtolen — Reliquien, die von den Spaniern herrührten. Einige trugen anſtatt des indianiſchen Wampum die ſpaniſche Schärpe von ſcharlachrother Seide mit lang herabhängenden befranſ'ten Enden. An einem maleriſchen Kopfputze fehlte es eben⸗ falls nicht, um das impoſante Coſtüm zu vervoll⸗ ſtändigen, und hierin war die Abwechſelung noch größer. Einige trugen die ſchöne buntgefärbte Feder⸗ krone; Einige den Turban von gewürfeltem Ban⸗ danna; noch Andere tzſchackoähnliche Mützen vom Pelz des ſchwarzen Eichhörnchens, des braune 1 Luchſes oder des Racoon, bei welchen das Geſicht⸗ des Thieres oft auf phantaſtiſche Weiſe n Norherſeit gekehrt war. Die Köpfe WVieler —,— — 69— mit breiten Netzen von geſticktem Wampum bedeckt, aus welchen die Flügelfedern des Königsgeiers oder die wunderbar leichten und dünnen Federn des Sandkranichs emporragten. Noch einige Andere zeichneten ſich durch die ſtolz nickenden Federn des großen afrikaniſchen Vogels aus. Alle trugen Feuer⸗ gewehre— die lange Büchſe des Hinterwaldjägers mit über die Schultern gehängten Pulverhörnern und Schießtaſchen. Weder Bogen noch Pfeil war zu ſehen, ausgenommen in den Händen der Jüng⸗ linge, von welchen Viele a it zugegen waren und ſich unter die Krieger ſoßn Weiterhin konnte ich Zelte ſehen, wo die In⸗ dianer ihr Lager aufgeſchlagen hatten. Sie ſtanden nicht beiſammen, ſondern zerſtreut längs des Wald⸗ randes, hier und da in Gruppen mit davor aufge⸗ pflanzten flatternden Fahnen, welche die verſchiedenen Clans oder Unterſtämme bezeichneten, zu welchen jede gehörte. Frauen in ihren langen Kleidern ſah man in ihren Zelten ſich hin und her bewegen und kleine dunkelhäutige Rangen ſpielten davor auf dem grünen Raſen. Als ich ſie zuerſt ſah, ſtanden die Krieger im Begriff, ſich vor der Paliſſade zu verſammeln. Einige waren ſchon angekommen und ſtanden in kleinen 1 — 70— Trupps, ſich unterredend, beiſammen, während Andere hin⸗ und herſchritten und von einer Gruppe zur andern gingen, als ob ſie gute Rathſchläge von einer zur andern trügen. Ich konnte nicht umhin, die aufrechte Haltung dieſer prächtigen Männer zu bemerken. Ich konnte nicht umhin, ihre volle, freie Haltung zu bewundern und ſie mit dem zimperlichen Schritt des dreſſirten Soldaten zu vergleichen. Kein Auge hätte Beide betrachten können, Vhnt dieſe Ueberlegenheit des Barbaren anzuerken, Als ich die Linie e 4 ſächſiſchen und eeltiſchen Soldaten entlang ſchauete, die Schulter an Schulter und Abſatz an Abſatz ſteif daſtanden, und dann die gefiederten Krieger draußen betrachtete, während ſie ſtolz auf dem Raſen ihres heimathlichen Bodens hin und her ſchritten, konnte ich mich nicht des Gedan⸗ kens erwehren, daß wir, um dieſe Leute zu beſiegen, ihnen nothwendig an Zahl überlegen ſein müßten Ich wäre ausgelacht worden, wenn ich damals meinen Gedanken Worte geliehen hätte. Es war dies aller Erfahrung entgegen, eben ſo wie mancher prahleriſchen Sage, die man ſich an der Grenze erzählte. Der Indianer hatte überall unterlegen; war es aber die überlegene Kraft und der Muth ſeines weißen Gegners, was ihn bezwungen hatte? — 71— Nein, die Ungleichheit lag in der Zahl— noch öfter in den Waffen. Dies war das Geheimniß unſerer Ueberlegenheit. Was konnte die naſſe Bogen⸗ ſehne und der ſchlecht gezielte Pfeil gegen die tod⸗ bringende Kugel des Feuerrohrs ausrichten? Jetzt aber beſtand keine Ungleichheit mehr. Jene Jäger und Krieger führten die Feuerwaffe und verſtanden ſie eben ſo geſchickt zu gebrauchen als wir. Die Indianer bildeten jetzt einen Halbkreis vor dem Fort. Die Häuptlinge ſetzten ſich, nachdem ſie ſich ſo geſtellt, daß ſie die concave Seite der Curve bil⸗ deten, auf das Gras nieder. Hinter ihnen nahmen die Unterhäuptlinge und bekannteren Krieger ihre Plätze ein, und noch weiter zurück, Reihe um Reihe, ſtanden die gemeinen Männer der Stämme. Auch die Frauen und Knaben näherten ſich, indem ſie ſich in dichten Gruppen dahinter drängten und die Be⸗ wegungen der Männer mit ruhiger, aber geſpannter. Theilnahme verfolgten. Ganz ihrer ſonſtigen Gewohnheit entgegen waren ſie ernſt und ſchweigſam. Es iſt nicht ihr Charakter, ſo zu ſein, denn der Seminole iſt ſo red⸗ ſelig und lachluſtig, wie der Bajazzo im Circus. Selbſt der leichtherzige Neger kommt ihm an Jovia⸗ lität kaum gleich. Jetzt war dies nicht der Fall, ſondern gerade — 22— das Gegentheil. Häuptlinge, Krieger und Frauen — ſelbſt die Knaben, welche ſo eben ihr Spiel ver⸗ laſſen— alle trugen in ihren Mienen einen feier⸗ lichen Ausdruck. Und das war nicht zu verwundern. Es war dies keine gewöhnliche Verſammlung— keine, bei welcher es ſich um geringfügige Dinge handelte— ſondern eine Verſammlung, in welcher eins der wich⸗ tigſten Intereſſen ihres Lebens entſchieden warden ſollte— eine Verſammlung, deren Ausſpruch ſie auf immer von ihrem Heimathlande trennen konnte. Kein Wunder daher, wenn ſie ihre gewohnte Hei⸗ terkeit nicht zur Schau trugen. Es iſt jedoch nicht ganz richtig, wenn ich ſage, daß Alle ernſt ausſahen. In jenem Halbkreiſe von Häuptlingen gab es auch Männer von entgegenge⸗ ſetzten Anſichten. Es gab Leute unter ihnen, welche die Auswanderung wünſchten— welche beſondere Gründe hatten, ſie zu wünſchen— Beſtochene und Erkaufte, Verräther an ihrem Stamme und an ihrer Nation. Dieſe waren weder ſchwach, noch wenig an der Zahl. Einige der mächtigſten Häuptlinge waren erkauft worden und hatten ſich dazu verſtanden, die 3 Rechte ihres Volks zu verkaufen. Ihr Verrath war erkannt, oder wurde geargwohnt, und dies war fs, - — 73— was die Andern unruhig machte. Wäre es anders geweſen— hätte keine Spaltung in den Reihen ſtattgefunden— ſo hätte die patriotiſche Partei mit leichter Mühe eine triumphirende Entſcheidung her⸗ beiführen können, aber ſie fürchtete den Abfall der Verräther. Das Muſikcorps ſpielte einen Marſch, die Truppen ſetzten ſich in Bewegung und defilirten durch das Thor. Ich fuhr ſchnell in meine Uniform, eilte hinaus und nahm meinen Platz im Stabe des Generals ein. Wenige Minuten nachher waren wir an Ort und Stelle und ſtanden den verſammelten Häupt⸗ lingen gegenüber. Die Truppen marſchirten auf und der General nahm ſeinen Standpunkt vor der Fahne, während der Commiſſar ſich neben ihn ſtellte. Hinter dieſen ſtanden die Offiziere des Stabes mit Schreibern, Dolmetſchern und einigen angeſehenen Civilperſonen— den Ringzold's und anderen, wel⸗ chen man aus Artigkeit geſtattete, an den Verhand⸗ lungen theilzunehmen. Die Offiziere und die Häuptlinge reichten ein⸗ ander die Hände, die Friedenspfeife machte die Runde und die Berathung war damit eingeweiht und begann. Ueuntes Kapitel. Die Berathung. Zuerſt kam die Rede des Commiſſars. Sie war zu umfangreich, als daß ich ſie hier in allen ihren Einzelnheiten mittheilen könnte. Die Hauptpunkte waren eine Anſprache an die Indianer, ſich friedlich in die Bedingungen des Tractats vom Oclawaha zu fügen— ihre Ländereien in Florida aufzugeben— nach dem Weſten auszuwandern— nach dem Lande, welches ihnen an dem Weißen Fluſſe von Arkanſas angewieſen worden, mit Einem Worte, auf alle die Bedingungen einzugehen, welche die Regierung ihn beauftragt habe, an ſie zu ſtellen. Er gab ſich Mühe, die Vortheile aufzuzählen, welche die Auswanderung zur Folge haben würde. Er ſchilderte die neue Heimath als ein vollkommenes — 75— Paradies— mit Hirſchen, Antilopen und Büffeln bedeckte Prairieen— von Fiſchen wimmelnde Flüſſe — kryſtallhelles Waſſer und einen wolkenloſen Himmel.. Hätten ſeine Worte Glauben finden können, ſo würde der Seminole auf den Gedanken gekommen ſein, daß das glückſelige Jagdrevier ſeines eingebil⸗ deten Himmels ſchon auf der Erde in Wirklichkeit vorhanden ſei. 4 Andrerſeits machte er die Indianer auf die Fol⸗ gen ihrer Nichtfügſamkeit aufmerkſam. Weiße Män⸗ ner würden ſich in großer Anzahl längs ihrer Grenze anſiedeln. Schlechte weiße Männer würden in ihre Ländereien einfallen; es würden Zwiſtigkeiten ent⸗ ſtehen, welche Blutvergießen zur Folge hätten. Der rothe Mann würde in dem Gerichtshofe des weißen Mannes vor Gericht geſtellt werden, wo, dem Geſetz zufolge, ſein Eidſchwur Nichts gelte, und deßhalb müſſe er dann Ungerechtigkeit erdulden! Dies waren, wie hiſtoriſch begründet und nach⸗ weisbar iſt, in der That die Anſichten des Commiſ⸗ ſars Wiley Thompſon, wie er ſie bei der Conferenz von Fort King im April 1835 ausſprach. Ich werde ſie in ſeinen eigenen Worten mittheilen, denn ſte verdienen, als eine Probe der unparteiiſchen * Handlungsweiſe zwiſchen Weißen und Rothen aufge⸗ zeichnet zu werden. Er ſagte: „Geſetzt— was jedoch unmöglich iſt— daß Euch erlaubt werden könnte, noch einige Jahre hier zu bleiben, was würde dann Euer Zuſtand ſein? Dieſes Land wird bald vermeſſen, und an die Wei⸗ ßen verkauft und von ihnen bebaut werden. Es iſt ſchon jetzt ein Feldvermeſſer im Lande. Die Jurisdiction der Regierung wird ſich bald über Euch erſtrecken. Eure Geſetze werden dann beſeitigt — Eure Häuptlinge hören auf, Häuptlinge zu ſein. Anſprüche wegen Schulden und wegen Eurer Neger würde von ſchlechten Weißen Männern gegen Euch erhoben werden, ja man würde Euch vielleicht Ver⸗ brechen zur Laſt legen, auf welchen Todesſtrafe ſteht. Ihr würdet vor den Gerichtshof des Weißen Man⸗ nes citirt werden. Die Anſprüche und Beſchuldigun⸗ gen würden nach dem Geſetze des Weißen Mannes entſchieden werden. Indianern würde nicht erlaubt werden, Zeugniß zu erſtatten. Eure Lage wäre daher in wenigen Jahren das hoffnungsloſeſte Elend. Ihr würdet in die fürchterlichſte Armuth verſinken, und wenn der Hunger Euch triebe, den Mann, der Euch auf dieſe Weiſe in's Verderben geſtürzt, um eine Rinde Brot zu betteln, ſo würde er Euch viel⸗ leicht einen indianiſchen Hund nennen und aus ſeinen — 7— Hauſe jagen laſſen. Aus dieſem Grunde wünſcht Euer„Großer Vater“() Euch nach dem Weſten auswandern zu ſehen, damit alle dieſe Uebel Euch erſpart werden.“ Und dieſe Sprache führte man Angeſichts eines früheren Vertrags, des Vertrags von Camp Moultrie, welcher den Seminolen ihr Recht, in Florida zu bleiben, verbürgte und deſſen dritter Artikel folgender⸗ maßen lautete: „Die Vereinigten Staaten werden die Florida⸗ Indianer unter ihre Sorgfalt und Obhut nehmen und ihnen Schutz gegen Jeden, wer es auch ſei, ge⸗ währen.“ 0 tempora! o mores! Die Rede war ein Gemiſch von verſteckten 8 Sophismen und Drohungen, bald im Tone eines Bittenden ausgeſprochen, bald die dreiſte Miene des Raufbolds annehmend. Sie war dabei keineswegs geſchickt, weil ſie nach beiden Richtungen hin zu viel leiſtete. Der Commiſſar war durchaus von keiner poſi⸗ tiven Feindſeligkeit gegen die Seminolen beſeelt. Er war blos über die Häuptlinge entrüſtet, welche ſchon Oppoſition gegen ſeine Pläne erhoben hatten, und einen ganz beſonders haßte er. Der hauptſächliche animus, von welchem er 4 — 78— begeiſtert ward, war der Wunſch, die Aufgabe zu erfüllen, die ihm ertheilt worden— der Ehrgeiz, den Wunſch ſeiner Regierung und Nation auszufüh⸗ ren und ſich auf dieſe Weiſe Ehre und Anſehen zu erwerben. Auf dieſem Altare war er— wie dies mit den meiſten Beamten der Fall iſt— bereit, ſeine perſönliche Unabhängigkeit des Denkens, ſo wie jedes Prinzip der Moralität und Ehre zu opfern. Was geht den Beamten die Sache des Königs an? Man vertauſche das Wort„König“ mit dem Worte„Con⸗ greß“, und man hat den Wahlſpruch unſeres india⸗ niſchen Agenten. So ſeicht die Rede auch war, ſo blieb ſie doch nicht ohne Wirkung. Die Schwachen und Schwan⸗ kenden wurden dadurch beſtimmt. Die verlockende Schilderung ihrer neuen Heimath mit dem im Gegen⸗ ſatz dazu entworfenen düſteren und abſchreckenden Bilde von dem, was ihre künftige Lage ſein würde, machte einen Eindruck auf die Gemüther Vieler. Während dieſes Frühlings hatten die Seminolen nur wenig Mais gepflanzt. Der Kriegsruf war in iht Ohr gedrungen und ſie hatten die Saatzeit verſäumt — es gab nun keine Ernte— keinen Mais, keinen Reis, keinen Yams. Schon litten ſie Mangel in Folge ihrer Unklugheit. Schon jetzt ſammelten ſie ————— — 9— die Wurzeln des chineſiſchen Hagedorn*) und die Früchte der Lebenseiche. Wie viel ſchlimmer mußte noch ihre Lage im Winter werden! Es iſt nicht zu verwundern, daß ſie der Furcht und Beſorgniß Raum gaben, und ich bemerkte Viele, deren Züge dies deutlich verriethen Selbſt die patriotiſchen Häuptlinge ſchienen einige Beſorgniß in Bezug auf den Ausgang zu hegen. Sie ließen ſich indeſſen dadurch nicht einſchüch⸗ tern. Nach einer kurzen Pauſe erhob ſich Hoitle⸗ Mattee, einer der eifrigſten Gegner der Auswan⸗ derung, zur Antwort. Es findet bei dergleichen Din⸗ gen keine Rangordnung ſtatt. Die Stämme haben ihre anerkannten Redner, denen es gewöhnlich geſtat⸗ tet wird, die Geſinnungen der übrigen auszuſprechen. Der Oberhäuptling war gegenwärtig. Er ſaß in der Mitte des Kreiſes mit einer britiſchen Krone auf dem Kopfe— einer Reliquie der amerikaniſchen Revolution. Onopa war aber kein Redner und gab durch einen Wink zu verſtehen, daß er ſeinem Rechte, zu antworten, zu Gunſten Hoitle⸗Mattees, ſeines Schwiegerſohnes, entſage. “) Smilax pseudo-China. Aus den Wurzeln dieſer Pflanze machen die Seminolen den Conti, eine Art ſüßes, nahrhaftes Compot. — 80— Der Letztere ſtand in dem zwiefachen Rufe eines weiſen Rathgebers und tapfern Kriegers und war überdies einer der beredteſten Sprecher in der Nation. Er war der Premierminiſter Onopa's, und um den Vergleich in das klaſſiſche Alterthum zurückzuverlegen, konnte man ihn den Ulyſſes ſeines Volkes nennen. Er war ein langer hagerer Mann von dunkler Farbe, ſcharf markirten Adlerzügen und etwas un⸗ heimlich düſterem Anſehen. Er war nicht vom Stamme der Seminolen, ſondern ſeiner eigenen An⸗ gabe zufolge ein Nachkomme von einem der alten Stämme, welche Florida zur Zeit der erſten Spanier bevölkerten. Vielleicht war er ein Yamaſſee und ſeine dunkle Haut ſprach für dieſe Annahme. Sein Rednertalent kann man nach ſeinem Vortrage, den er bei dieſer Gelegenheit hielt, beurtheilen. Derſelbe lautete: „Bei dem Vertrage von Moultrie ward ver⸗ langt, daß wir friedlich auf dem uns auf zwanzig Jahre angewieſenen Lande bleiben ſollten. Alle Schwierigkeiten waren begraben und man verſicherte uns, wenn wir ſtürben, ſo würde es nicht durch die Gewaltthätigkeit des Weißen Mannes, ſondern dem Laufe der Natur gemäß geſchehen. Nicht der Blit ſollte den Baum ſpalten und verſengen, ſondern die Kälte des hohen Alters ſollte den Saft auftrocknen —— und die Blätter ſollten verwelken und fallen und die Zweige ſinken und der Stamm verweſen und ſterben. „Die Deputation, deren Ausſendung in der Conferenz am Oclawaha von Seiten der Nation be⸗ ſchloſſen ward, war blos ermächtigt, das Land, nach welchem man uns anrieth, auszuwandern, zu unter⸗ ſuchen und der Nation darüber Bericht zu erſtatten. Wir gingen dieſer Uebereinkunft zu Folge und nahmen das Land in Augenſchein. Ohne Zweifel iſt es gutes Land und die Frucht des Bodens mag gut riechen und gut ſchmecken und geſund ſein, aber es iſt umgeben von ſchlechten und feindſeligen Nach⸗ barn und die Frucht der ſchlechten Nachbarſchaft iſt Blut, welches das Land verheert, und Feuer, welches den Bach austrocknet. Selbſt von den Pferden, die wir mit uns führten, wurden einige von den Paw⸗ nees geſtohlen und die Reiter ſahen ſich genöthigt, ihr Gepäck auf dem Rücken zu tragen. Ihr wolltet uns unter böſe Indianer ſchicken, mit welchen wir niemals in Ruhe ſein könnten. „Als wir das Land ſahen, ſagten wir Nichts; die Agenten der Vereinigten Staaten aber ließen uns ein Papier unterſchreiben, welches, wie Ihr ſagt, unſere Zuſtimmung zu der Auswanderung ent⸗ hielt, welches aber nach unſerem Dafürhalten weiter Nichts ſagte, als daß uns das Land gefiele, und Oceola. II. 6 wenn wir zurückkämen, würde die Nation ent⸗ ſcheiden. Wir waren gar nicht ermächtigt, mehr zu thun. „Eure Worte ſind ſehr gute, aber mein Volk kann noch nicht ſagen, daß es auswandern will. Unſere Leute ſtimmen in ihren Anſichten nicht überein und es muß ihnen Bedenkzeit geſtattet werden. Sie können jetzt nicht einwilligen; ſie haben keine Luſt zum Fortwandern. Wenn auch ihre Zungen Ja ſagen, ſo rufen ihre Herzen doch Nein und nennen ſie Lügner. Wir ſind nicht hungrig nach andern Ländereien— warum ſollten wir gehen und dar⸗ nach jagen? Wir lieben unſer eigenes Land, wir ſind hier glücklich. Wenn wir plötzlich unſere Herzen von der Heimath losreißen, an welcher ſie ſo feſt haften, ſo brechen ſie. Wir können uns nicht dazu verſtehen, auszuwandern— wir wollen nicht auswandern!“ Ein Häuptling von der Auswanderungspartei ergriff hierauf das Wort. Es war Omatla, einer der Angeſehenſten des Stammes, obſchon er im Ver⸗ dachte eines heimlichen Einverſtändniſſes mit dem Agenten ſtand. Seine Rede war von friedlichem Charakter. Er empfahl ſeinen rothen Brüdern, keine Schwierigkeiten zu machen, ſondern als ehrenwerthe — 83— Leute zu handeln und den Vertrag von Oclawaha zu erfüllen. Es war augenſcheinlich, daß dieſer Häuptling ſich nicht frei und ungehindert ausſprach. Er ſcheute ſich, ſeine Parteilichkeit für die Pläne des Commiſ⸗ ſars zu offen zu zeigen und fürchtete die Rache der patriotiſch geſinnten Krieger. Dieſe ſchauten ihn ſchon mit gerunzelten Stirnen an, als er ſich erhob, und er ward durch Arpiucki, Coa Hajo und Andere häufig unterbrochen. Eine kühnere Rede, die ähnliche Anſichten aus⸗ ſprach, ward von Luſta Hajo(dem ſchwarzen Thon) gehalten. Er fügte dem Argumente wenig hinzu, ſtellte aber durch ſeine größere Keckheit das Vertrauen der verrätheriſchen Partei und den Gleichmuth des Commiſſars wieder her, welcher ſchon Spuren von Ungeduld und Aufregung zu verrathen begonnen hatte. 4 Holata⸗Mico erhob ſich zunächſt auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite— ein ſanfter, geſitteter Indianer und einer der angeſehenſten aller Häuptlinge. Er litt, wie auch ſein Ausſehen verrieth, an einem empfindlichen Unwohlſein und demzufolge war ſeine Rede von friedlicherer Art, als ſie vielleicht außerdem geweſen ſein würde, denn er war als ein unerſchüt⸗ terlicher Gegner der Auswanderung bekannt. 6* — 81— „Wir kommen,“ ſagte er,„um heute unſere Meinung auszuſprechen. Wir wurden Alle von einem und demſelben großen Vater geſchaffen und ſind Alle in gleicher Weiſe ſeine Kinder. Wir ſtammen Alle von einer und derſelben Mutter und wurden Alle⸗ an derſelben Bruſt geſäugt. Deßhalb ſind wir Brü⸗ der, und als Brüder ſollen wir uns nicht veruneini⸗ gen und unſer Blut nicht gegen einander aufwallen laſſen. Wenn das Blut eines von uns durch den Streich des andern auf die Erde fallen ſollte, ſo würde es dieſelbe beflecken und laut nach Rache ſchreien und den Zorn und Donner des großen Geiſtes herab⸗ rufen. Ich bin nicht wohl. Laßt Andere, welche ſich ſtärker fühlen, ſich ausſprechen und ihre Anſichten entwickeln.“ Mehrere Häuptlinge erhoben ſich nach der Reihe und ſprachen ihre Meinungen aus. Die, welche für die Auswanderung waren, ſagten ſo ziemlich das Nämliche, was Omatla und der Schwarze Thon geſagt hatten. Sie waren Ohala, der große Krieger, die Brüder Itolaſſe und Charles Omatla, und einige andere von geringerer Bedeutung. Im Gegenſatze zu dieſen ſprachen die Patrioten Acola, Yaha Hajo(Toller Wolf), Echa Matta(die Waſſerſchlange), Poſchala(der Zwerg) und der Aehe 3 Abram — 85— lter Flüchtling von Pen⸗ der Schwarzen, welche 2) zuſammenlebten, und auf welchen er ent⸗ Er ſprach geläuſig erathung— wie auch Hauptdolmetſcher Der Letztere war ein a ſacola, jetzt aber Häuptling mit dem Micoſauc⸗Stamme einer der Rathgeber Onopa's, ſchiedenen Einfluß ausübte. Engliſch und war bei dieſer B ſchon bei der am Oclawaha— der von Seiten der Indianer. Er war ein reine Neger, mit den dicken Lippen, den hervorſtehenden Wceninochen und andern phy⸗ ſiſchen Eigenthümlichkeiten ſeiner Race. Er war tapfer, kaltblütig und ſcharfſinnig und, obſchon nur ein adoptirter Häuptling, erwies er ſich doch bis zu⸗ letzt als der ächte Freund des Volkes, welches ihn mit ſeinem Vertrauen beehrt hatte. Seine Rede war kurz und gemäßigt, aber nichtsdeſtoweniger verrieth ſie einen feſten Entſchluß, ſich dem Willen des Agen⸗ ten zu widerſetzen. Bis jetzt hatte der„König“ ſich noch nicht erklärt und an ihn appellirte nun der Agent. Onopa war *) Der Micoſauc(Mikoſaucer) oder Stamm des rothe Steckens, war der zahlreichſte und kriegeriſchſte Clan de Nation. Er ſtand unter der unmittelbaren Regierung Oberhäuptlings Onopa, welcher gewöhnlich Mie genannt ward. ein großer, ſtarker Mann von etwas ſtumpfem Anſehen, aber nicht ohne einen bedeutenden Ausdruck von Würde. Er war kein Mann von großer Intelligenz und auch kein Redner. Obſchon er der Ober⸗Mico der Nation war, ſo kam ſein Einfluß auf die Krie⸗ ger doch dem mehrerer Häuptlinge von untergeord⸗ netem Range nicht gleich. Seine Entſcheidung konnte daher keineswegs als definitiv oder für die Andern bindend betrachtet werden; da er aber einmal Mico⸗ Mico, oder Häuptling⸗Häuptling und Haupt des zahlreichſten Clans, der Micoſaucs, war, ſo ſtand zu erwarten, daß ſeine Stimme auf eine oder die andere Weiſe den Ausſchlag geben würde. Wenn er ſich für die Auswanderung erklärte, ſo hatten die Patrioten Grund, zu verzweifeln. Es trat eine Pauſe von athemloſem Schweigen ein. Die Augen der ganzen Verſammlung, ſowohl rother als weißer Männer, ruhten auf dem König. Nur Wenige waren in das Geheimniß ſeiner Geſin⸗ nungen eingeweiht, und wie er entſcheiden würde, war für die meiſten der Anweſenden eine Sache der ingewißheit. Daher die Spannung, mit der ſie ſei⸗ en Ausſpruch erwarteten. Gerade in dieſer Kriſis machte ſich eine Bewe⸗ iter den Leuten bemerkbar, welche hinter dem —,— — 87 Könige ſtanden. wich bereitwillig zurück. Einen Augenblick ſpäter Es war ein junger Krieger, ſt edler Haltung. Er trug die lings; aber es bedurfte dieſer den, daß er einer war. und ſeiner Haltung Etwas, oder zu bunt zu ſein. Wampumſchärpe eingefaßter ſchönen graziöſen Fa f den Beinkleider von vollkommenen Umriſſe ſein Seine Geſtalt war e 4 bunten Shawl zuſammenge der Stirn ſtiegen drei ſ welche rückwärts über den Spitzen faſt die Schultern 34 der durch ihre Mitte hindurch ſchritt. es Jemand, der Anſehen geno Sein Anzug war koſtbar, oh Sein von der hellfarbenen maß. Sein Kopf trug einen Turban, Zierrathen hingen an ſeinem Halſe, ſeiner Bruſt machte ſich ganz beſ — Sie machten Platz für Jemanden, Offenbar war ß, denn die Menge kam er zum Vorſchein. olz geſchmückt und von Inſignien eines Häupt⸗ nicht, um zu verkün⸗ Es lag in ſeinem Blicke was ihn ſofort als einen Anführer und Befehlshaber bezeichnete. ne jedoch überladen, Ueberwurf zeigte einen ltenwurf und die dicht anliegen⸗ ſcharlachrothem Tuche ließen die er Glieder hervortreten. in Muſter von Kraft und Eben⸗ der aus einem ſchlungen war, und von ſchwarze Straußfedern empor, Wirbel ſielen, ſo daß ihre Verſchiedene aber eine auf berührten. onders bemerkb . ———————— — — — — — 88— Es war eine kreisrunde Goldplatte mit von einem gemeinſamen Mittelpunkte ausgehendem Strahle. Es war eine Verſinnbildlichung der aufgehenden Sonne. Sein Geſicht war mit gleichförmigem Zin⸗ noberroth bemalt, aber trotz der nivellirenden Wir⸗ kung dieſer Farbe ließen ſich die Umriſſe edler Züge erkennen. Ein wohlgeformter Mund und Kinn, ſchmale Lippen, eine Feſtigkeit verrathende Kinn⸗ ladenbildung, eine etwas gekrümmte Naſe, eine hohe breite Stirn, mit Augen, die wie die des Adlers ſtark genug zu ſein ſchienen, um in die Sonne zu blicken. Das Erſcheinen dieſes merkwürdigen Mannes brachte auf alle Anweſenden eine electriſche Wirkung hervor. Sie glich der, welche das Publikum in einem Theater bei dem Auftreten des großen Künſt⸗ lers kund giebt, auf welchen es gewartet hat. Nicht an dem Benehmen des jungen Häupt⸗ lings ſelbſt— denn dieſes war ganz beſcheiden— ſondern an dem Verhalten der Andern gewahrte ich, daß er in der That der Held der Stunde war. Die Perſonen des Stücks, welche ſchon ihre Rollen ge⸗ ſpielt hatten, waren augenſcheinlich nur unter⸗ geordnete Charaktere, und dies war der Mann, auf welchen Alle gewartet hatten. 8 — 89— ewegung— ein Murmeln Es folgte eine B von Stimmen— ein Zittern, ein Schauer ſchien die Menge zu durchrieſeln und dann gleichzeitig, wie aus einem einzigen Munde, erſcholl der Name: „Oceola!“ (Behntes An pitet. 8 Die aufgehende Sonne. Ja, es war Oceola, die„aufgehende Sonne“*) — der Mann, deſſen Ruf ſchon bis in den entlegenſten Winkel des Landes reichte— deſſen Name ſchon unter den Cadetten der Militairakademie— außerhalb der⸗ ſelben— auf den Straßen— in den eleganten Salons der Geſellſchaft— überall ein ſolches Intereſſe erweckt hatte;— er war es, der jetzt ſo unerwartet in dem Kreiſe der Häuptlinge erſchien. Ein Wort über dieſen außerordentlichen jungen Mann. *) Oceola— auch Osceola, Aſſeola, Aſſula, Haſſeola und auf noch zehnfach verſchiedene Weiſe geſchrieben— bedeutet in der Sprache der Seminolen die aufgehende Sonne. — — 91— Plötzlich aus der Stellung eines gewöhnlichen Kriegers— eines Unterhäuptlings faſt ohne allen Anhang— hervortretend, hatte er ſofort und wie durch einen Zauberſchlag das Vertrauen der Nation gewonnen. Er war in dieſem Augenblicke die Hoffnung der patriotiſchen Partei— der Geiſt, welcher ſie zum Widerſtande anfeuerte, und jeder Tag ſah ſeinen Ein⸗ fluß ſich vermehren.— Sein Namechätte kaum ein paſſenderer und an⸗ gemeſſenerer ſein können. Man hätte glauben können, daß er dieſen Namen weniger dem Zufalle als der Abſicht verdanke, wenn es nicht der geweſen wäre, den er ſtets unter ſeinem eigenen Volke getragen hatte. Es lag gewiſſermaßen eine prophetiſche Bedeutung darin, denn er war jetzt in der That die aufgehende Sonne der Seminolen. Er ward von dieſen dafür angeſehen. Ich bemerkte, daß ſeine Ankunft eine entſchiedene Wirkung auf die Krieger äußerte. Er war vielleicht ſchon den ganzen Tag in der Nähe ge⸗ weſen, hatte ſich aber bis dieſen Augenblick noch nicht in der vorderſten Reihe der Häuptlinge gezeigt. Die Furchtſamen und Schwankenden wurden durch ſein Erſcheinen wieder ermuthigt, und die verrätheriſchen Häuptlinge bebten ſichtbar vor ſeinem Adlerblicke zu⸗ rück. Ich bemerkte, daß die Omatlas und ſelbſt der ſtolze Luſta Hajo ihn mit unruhigen Blicken betrachteten. — —y—— — Es gab aber auch noch Andere außer den rothen Männern, auf welche dieſes plötzliche Erſcheinen des Helden Eindruck machte. Von dem Platze aus, wo ich ſtand, konnte ich das Geſicht des Commiſſars ſehen. Ich bemerkte, daß er plötzlich bleich ward, und der Aerger, der ſich in ſeinen Zügen malte, war nicht zu verkennen. Es war klar, daß die aufgehende Sonne ihm nichts weniger als willkommen war. Die Worte, die er ſchnell dem General Clinch zuflüſterte, drangen bis zu meinen Ohren, denn ich ſtand dicht neben dem General und konnte nicht um⸗ hin, ſie zu hören. „Wie unglücklich trifft ſich das,“ murmelte er in ärgerlichem Tone.„Wenn er nicht gekommen wäre, ſo wäre es uns gelungen. Ich hoffte die Kerle beim Worte zu faſſen, ehe er da ſein würde. Ich hatte ihm nicht die rechte Stunde genannt, aber es ſcheint Alles Nichts zu fruchten. Der Teufel hole den Kerl! Er wird Alles wieder rückgängig machen. Seht, er flüſtert Onopa zu und der alte Narr hört ihm zu wie ein Kind. Ja, ja— er wird ihm gehorchen, wie ein großes Kind, welches er auch iſt. Nun iſt es aus, General— nun müſſen die Waffen entſcheiden.“ Während ich dieſe halb geflüſterten Worte hörte, wendete ich meine Augen abermals auf den Mann, — 93— welcher der Gegenſtand derſelben war, und betrachtete ihn aufmerkſamer. 8 Er ſtand noch hinter dem Könige, aber in ge⸗ bückter Haltung, und flüſterte dem Letztern in’s Ohr — das heißt er flüſterte eigentlich nicht, ſondern redete hörbar in ihrer Mutterſprache. Nur die Dol⸗ metſcher hätten verſtehen können, was er ſagte, aber dieſe ſtanden zu entfernt, um es zu hören. Sein eindringlicher Ton jedoch— ſeine feſte, aber dennoch aufgeregte Art und Weiſe— das herausfordernde Blitzen ſeines Auges, als er nach dem Commiſſar ſchauete— Alles verrieth, daß er nicht die Abſicht hatte, nachzugeben, und daß er ſeinem Vorgeſetzten rieth, ſich zu kühnem Widerſtande zu entſchließen. Einige Augenblicke lang herrſchte Schweigen, welches nur durch das Flüſtern des Commiſſars auf der einen Seite und die gemurmelten Worte zwiſchen Oceola und dem Mico auf der andern Seite unter⸗ brochen ward. 4 Nach einer Weile verſtummten ſelbſt dieſe Töne und athemloſes Schweigen folgte. Es war ein Augen⸗ blick der geſpannten Erwartung und von eigenthüm⸗ lichem Intereſſe. An den Worten, welche Onopa im Begriff ſtand zu ſprechen, hingen Ereigniſſe von hoher Wichtigkeit— wichtig für faſt Jeden, der dabei zu⸗ gegen war. — — — ——— g— Selbſt die in Reih' und Glied ſtehenden Sol⸗ daten lauſchten mit vorgeſtreckten Hälſen, und auf der andern Seite drängten ſich die indianiſchen Knaben und die Weiber mit Säuglingen auf den Armen hinter dem Kreiſe der Krieger zuſammen, während ihre unruhigen Blicke das tiefe Intereſſe verriethen, welches ſie an dem Ausgange nahmen. Der Commiſſar ward ungeduldig; ſein Geſicht fröthete ſich wieder. Ich ſah, daß er aufgeregt und zornig war, während er ſich doch gleichzeitig alle Mühe gab, ruhig zu ſcheinen. Bis jetzt hatte er von Oceola's Anweſenheit noch keine Notiz genommen, ſondern that, als ob er Nichts . davon wüßte, obſchon es außer allem Zweifel ſtand, daß Oceola in dieſem Augenblicke der Hauptgegen⸗ ſtand ſeiner Gedanken war. Er ſah den jungen Helden jetzt nur ein paar Mal von der Seite an und drehte ſich dann wieder herum, um ſeine Unterredung mit dem General fortzuſetzen. Dieſes Nebenſpiel war von kurzer Dauer. Thompſon konnte die Ungewißheit nicht länger er⸗ tragen. „Sagt Onopa,“ ſagte er zu dem Dolmetſcher, „daß die Conferenz ſeine Antwort erwartet.“ Der Dolmetſcher that, wie ihm befohlen worden. „Ich habe blos Eine Antwort zu geben,“ ent⸗ 8. — 95— gegnete der ſchweigſame König, ohne ſich von ſeiner ſitzenden Stellung zu erheben.„Ich bin mit meiner gegenwärtigen Heimath zufrieden. Ich will ſie 8 nicht verlaſſen.“ 4 Ein lauter Ausbruch des Beifalls von Seiten der Patrioten folgte auf dieſe Erklärung. Vielleicht waren dies die populärſten Worte, welche der alte. Onopa jemals geſprochen Von dieſem Augenblicke an beſaß er wirklich königliche Macht und konnte in ſeiner Nation befehlen. Ich ſchauete mich um in dem Kreiſe der Häupt⸗ linge. Ein Lächeln glänzte auf den feinen Zügen Holata's Mico. Das grimmige Geſicht Hoitle⸗Mattee’s ſtrahlte von Freude. Der Alligator, die Wolke und Arpiucki gaben ihr Entzücken auf weit ungeſtümere Weiſe kund und ſelbſt die dicken Lippen Abram’s zogen ſich flach über ſein Zahnfleiſch und ließen ſeine doppelte Reihe von weißen Zähnen grinſend und triumphirend zum Vorſchein kommen. Die Omatlas und ihre Partei dagegen ſchaueten düſter darein. Ihre finſtern Blicke verriethen ihre Unzufriedenheit und aus ihren Geberden und Stellun⸗ gen ging hervor, daß ſie ſammt und ſonders von ernſten Beſorgniſſen erfüllt waren. Sie hatten auch Urſache dazu. Sie ſtanden jetzt nicht mehr im bloßen Verdacht des Verrathes, 3.* 3 ſondern ihr Verrath war jetzt offenkundig— er war erklärt worden. Es war ein Glück für ſie, daß ſie Fort King ſo nahe waren— es war gut, daß ſie in der Nähe dieſer! Militairmacht ſtanden. Sie bedurften vielleicht die Bajonnette derſelben zu ihrem Schutze. Der Commiſſar hatte mittlerweile ſeine Selbſt⸗ beherrſchung verloren. Selbſt die amtliche Würde hielt nicht Stand und er ließ ſich jetzt zu zornigen Ausrufungen, Drohungen und bitteren Schimpfreden herab. Zuletzt ward er perſönlich, rief die Häuptlinge bei ihren Namen und machte ihnen Treuloſigkeit und Falſchheit zum Vorwurfe. Er beſchuldigte Onopa, den Vertrag vom Oclawaha ſchon unterzeichnet zu haben, und als der Letztere dies leugnete, nannte der Commiſſar ihn einen Lügner. Der Wilde erwiderte dieſe gemeine Beſchuldigung nicht, ſondern ſetzte ihr ſtillſchweigende Verachtung entgegen. Nachdem er ſeinem Grolle theilweiſe gegen ver⸗ ſchiedene Häuptlinge der Conferenz Luft gemacht, wendete er ſich gegen die Front und rief in lautem zornigem Tone: „Ihr ſeid es, der dies gethan hat— Ihr, Powell!“ 4 † — 97— Ich ſtutzte bei dieſem Worte. Ich bemühete mich, zu ſehen, wem es galt, wer der Mann war, der dieſen wohlbekannten Namen trug. Der Commiſear leitete meinen Blick durch den ſeinen und ſeine Geberde. Er ſtand mit ausgeſtrecktem Arme und drohend erhobenem Finger da. Sein Auge war auf den jungen Kriegshäuptling— auf Oceola gerichtet. Mit einem Male ging mir ein Licht auf. Schon hatten ſeltſame Erinnerungen mit meiner Phantaſie geſpielt. Ich glaubte durch die zinnoberrothe Fär⸗ bung hindurch Züge zu erkennen, die ich ſchon früher geſehen. Jetzt erkannte ich ſie wirklich. In dem jungen indianiſchen Helden ſah ich den Freund meines Knabenalters— den Retter meines Lebens— Maü⸗ mee's Bruder! Oceola. II.* 7 Eilftes Kapitel. Das Ultimatum. Ja— Powell und Oceola waren ein und der⸗ ſelbe. Der Knabe hatte ſich, wie ich ſchon vorher geſagt, jetzt zu dem herrlichen Manne— zu einem Helden entwickelt. 8 Unter dem drängenden Einfluſſe früherer Freund⸗ ſchaft und gegenwärtiger Bewunderung hätte ich auf ihn zuſtürzen und ihn mit meinen Armen um⸗ ſchlingen mögen. Es war aber jetzt weder Zeit noch Ort zur Kundgebung einer ſo kindiſchen Be⸗ geiſterung. Die Etikette— die Pflicht geſtattete es nicht. Ich blieb auf meinem Platze ſtehen und be⸗ wahrte, ſo gut ich konnte, die Ruhe meiner Mienen, obſchon ich nicht im Stande war, meine Augen 5 V — 99— von Dem abzuwenden, was jetzt in doppelter Be⸗ ziehung ein Gegenſtand der Bewunderung gewor⸗ den war. Es war mir wenig Zeit zum Nachdenken ver⸗ gönnt. Die durch die rauhe Anrede des Commiſſars veranlaßte Pauſe war vorüber— das Schweigen ward wieder gebrochen— dies Mal durch Oceola ſelbſt. Als der junge Häuptling ſah, daß man es ganz beſonders auf ihn abgeſehen hatte, trat er einige Schritte vor, dem Commiſſar gegenüber und heftete ſeine Augen mit ſanftem, aber feſtem und forſchendem Blicke auf ihn. „Meint Ihr mich?“ fragte er in einem Tone, welcher nicht den mindeſten Grad von Zorn oder Aufregung verrieth. „Wen ſoll ich ſonſt meinen, als Euch?“ entgeg⸗ nete der Commiſſar kurz.„Ich nannte Euch bei Eurem Namen— Powell.“ „Mein Name iſt nicht Powell.“ „Nicht⸗Powell 2“ „Nein!“ antwortete der Indianer, indem er ſeine Stimme ſo laut als möglich erhob und den Commiſſar mit ſtolz herausforderndem Blicke betrach⸗ tete.„Ihr könnt mich Powell nennen, wenn Ihr ſo wollt, Ihr, General Wiley Thompſon“— 7* ———— 5— ——— — langſam und mit ſpöttiſchem Ausdrucke ſprach er den vollen Titel des Agenten.„Aber wiſſet, Sir, daß ich die Taufe des Weißen Mannes verachte. Ich bin ein Indianer, ich bin das Kind meiner Mutter*), meine Name iſt Oceola.“ Der Commiſſar bemühte ſich, ſeinen Zorn im Zaume zu halten. Der Spott über ſeinen plebeji⸗ ſchen Namen verwundete ihn auf das Empfindlichſte; denn Powell verſtand von der engliſchen Nomencla⸗ tur genug, um zu wiſſen, daß„Thompſon“ kein ariſtokratiſcher Name war, und ſeine ſarkaſtiſche Be⸗ merkung traf die verwundbare Stelle. Der Commiſſar war ſo aufgebracht, daß er die ſofortige Hinrichtung Oceola's hätte anbefehlen kön⸗ nen, wenn es in ſeiner Macht geſtanden hätte; un⸗ glücklicher Weiſe aber war dies nicht der Fall. Drei⸗ hundert Krieger ſtanden hier, jeder mit ſeiner Kugelbüchſe in der Fauſt, den Truppen der Regie⸗ rung vollkommen gewachſen. Ueberdies wußte der Commiſſar auch, daß eine ſolche Uebereilung von ſeiner Seite von der Regierung durchaus nicht gut geheißen werden würde. Selbſt die Ringzold's— *) Das Kind folgt dem Looſe der Mutter. Dieſer Gebrauch herrſcht nicht blos bei den Seminolen, ſondern bei allen Indianern Amerika's. — 191— ſeine theuern Freunde und allzeit fertigen Rathgeber — waren trotz des Intereſſes, welches ſie an dem Untergange der aufgehenden Sonne haben mochten, zu klug, als daß ſie zu einem ſolchen Verfahren ge⸗ rathen hätten. Anſtatt daher auf den Spott des jungen Häupt⸗ lings zu antworten, wendete ſich der Commiſſar abermals an die Verſammlung. „Ich will kein Gerede weiter anhören,“ ſagte er mit der Miene eines Mannes, der zu ſeinen Un⸗ tergebenen ſpricht.„Wir haben nun genug gehört. Euer Gerede iſt geweſen, wie wenn Kinder ſchwatzen oder Menſchen ohne Weisheit oder Glauben. Ich will nicht länger darauf hören. Vernehmet alſo, was Euer Großer Vater ſagt und was er mich beauf⸗ tragt hat, Euch zu ſagen. Er hat mir befohlen, Euch dieſes Papier vorzulegen.“ Der Sprecher zog ein zuſammengefaltetes Pergament aus der Taſche, öffnete es und fuhr dann fort: „Es iſt der Vertrag vom Oclawaha. Die Mei⸗ ſten von Euch haben ihn ſchon unterzeichnet. Ich fordere Euch jetzt auf, heranzutreten und Eure Un⸗ terſchriſten zu beſtätigen.“. „Ich habe ihn nicht unterſchrieben,“ ſagte Onopa, durch Oceola, welcher hinter ihm ſtand, zu b G — 102— dieſer Erklärung ermuthigt.„Ich werde ihn auch jetzt nicht unterſchreiben. Andere mögen handeln, wie ſie Luſt haben, ich aber gehe nicht aus meiner Heimath fort. Ich werde Florida nicht verlaſſen.“ „Ich auch nicht,“ ſetzte Hoitlee⸗Mattee in ent⸗ ſchloſſenem Tone hinzu;„ich habe fünfzig Fäſſer Pulver, und ſo lange noch nicht das letzte Körnchen davon verſchoſſen iſt, laß ich mich nicht aus meinem Geburtslande treiben.“ „Dieſe Gedanken ſind auch die meinen,“ ſetzte Holata hinzu. „Und auch die meinen,“ rief Arpiucki. „Und auch die meinen!“ wiederholten Poſchalla (der Zwerg), Coa⸗Hajo(die Wolke) und der Neger Abram.— Nur die Patrioten ſprachen; die Verräther ſag⸗ ten kein Wort. Das Unterſchreiben war eine zu harte Probe für ſie. Sie hatten das Document ſchon früher am Oclawaha Alle unterzeichnet, aber jetzt, in Gegenwart der Nation, wagten ſie nicht, es zu beſtätigen. Sie fürchteten ſogar, zu verthei⸗ digen, was ſie gethan hatten. Sie verhielten ſich ſchweigend.. „Genug!“ ſagte Oceola, welcher ſeine Meinung noch nicht öffentlich ausgeſprochen, von dem man aber jetzt erwartete, daß er ſprechen werde, weßhalb 8 — 103— er auch von Allen aufmerkſam betrachtet ward. „Die Häuptlinge haben ſich erklärt; ſie weigern ſich, zu unterzeichnen. Es iſt die Stimme der Nation, welche durch ihre Häuptlinge ſpricht, und das Volk wird ihrem Worte Nachdruck geben. Der Agent hat uns Kinder und Thoren genannt— Schimpfen iſt ſehr leicht. Wir wiſſen, daß es Narren und Thoren 4 unter uns giebt, auch Kinder und auch etwas noch Schlimmeres— Verräther! Aber es ſind auch Männer darunter, die eben ſo wahrhaft und brav ſind, als der Agent ſelbſt. Er will kein Gerede mehr — ſei es. Für ihn haben wir auch keines mehr 8 — er hat unſere Antwort. Er kann bleiben oder gehen.“ „Brüder!“ fuhr der Redner fort, indem er ſich zu den Häuptlingen und Kriegern wendete und gleichſam die Anweſenheit der Weißen unbeachtet ließ,„Ihr habt Recht gethan. Ihr habt den Willen der Nation ausgeſprochen und das Volk ſchenkt Euch Beifall. Es iſt nicht wahr, daß wir unſere Heimath zu verlaſſen und nach dem Weſten auszuwandern wünſchen. Wer dies ſagt, iſt ein Betrüger und ſpricht nicht aus, was wir meinen. Wir haben keine Sehnſucht nach jenem ſchönen Lande, nach wel⸗ chem man uns ſchicken möchte. Es iſt nicht ſo ſchön, wie das unſere. Es iſt eine wilde Einöde. — —— — 8- — 104— wo im Sommer die Quellen vertrocknen und Waſſer ſchwer zu finden iſt. Der Jäger muß oft unterwegs vor Durſt ſterben. Im Winter fallen die Blätter von den Bäumen, Schnee bedeckt den Boden, der Froſt macht die Erde hart und erkältet die Körper der Menſchen, bis ſie Schmerz empfinden und ſchau⸗ dern— das ganze Land ſieht aus, als wenn die Erde todt wäre. Brüder, wir wollen kein kaltes Land, wie dieſes; das unſere gefällt uns beſſer. Wenn es zu heiß iſt, ſo haben wir den Schatten der Lebenseiche, den großen Lorbeerbaum und die ſtattliche Palme. Sollen wir das Land der Palme verlaſſen? Nein; in ihrem Schatten haben wir ge⸗ lebt— in ihrem Schatten wollen wir ſterben.“ Bis zu dieſem Punkte war das Intereſſe immer höher geſtiegen. Ueberhaupt war ſeit dem Erſchei⸗ nen Oceola's die Scene eine mächtig eindrucksvolle geweſen— ein Auftritt, der nie wieder aus der Er⸗ innerung verwiſcht werden konnte, wie ſchwer er auch in Worten zu ſchildern ſein mochte. Ein Ma⸗ ler, und zwar nur ein ſolcher, wäre im Stande ge⸗ weſen, einem ſolchen Bilde Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Es enthielt eine Menge ergreifend dramatiſcher Züge: Der aufgeregte Agent auf der einen, die ruhi⸗ gen Häuptlinge auf der andern Seite; der Contraſft 7 2* *. * 8 4 — 105— der Gemüthsbewegungen; ſogar die Weiber, welche ihre nackten Kleinen auf dem Graſe ſich herumwäl⸗ zen und mit den Blumen ſpielen ließen, während ſie ſelbſt mit den Kriegern ſich ſo dicht als möglich her⸗ andrängten, und die Krieger, die jeden Blick und jedes Wort erhaſchten, welches von Oceola's Lip⸗ pen fiel. Dieſer ſtand mit ruhigem, ernſtem Auge da. Seine Haltung war männlich, anmuthig und auf⸗ recht. Seine ſchmale, feſtgeſchloſſene Lippe verrieth den unwiderruflich gefaßten Entſchluß. Seine würde⸗ volle, gefaßte Geberde— ſein vollkommenes, feier⸗ liches Schweigen, ausgenommen während ſeiner ſalbungsvollen Rede— der rückwärts gehaltene Kopf, während die Arme ſich feſt über der gewölbten Bruſt verſchränkten— alles Dies veränderte ſich dennoch wie auf einen electriſchen Schlag, ſo oft der Com⸗ miſſar einen Satz aufſtellte, von dem Oceola wußte, daß er eine Lüge oder einen Trugſchluß enthielt. Dann glich das feurige Blitzen ſeines entrüſteten Auges— die vernichtende Verachtung auf ſeiner ſtolz emporgezogenen Lippe— das heftige und oft. wiederholte Stampfen ſeines Fußes— das Ballen der Fauſt und die raſche Bewegung des emporgeho⸗ benen Armes, das kurze, raſche Athmen ſeiner brei⸗ ten Bruſt der toſenden, ſchwellenden Woge des vom Sturme gepeitſchten Oceans, verſank aber bald wie⸗ der in melancholiſche Ruhe und bot dann nur jenen Anblick und die Haltung der Ruhe dar, mit der der Bildhauer des Alterthums die Götter Griechenlands zu bekleiden liebte. Oceola's Rede brachte die Sache zu einer Kriſis. Die Geduld des Agenten war erſchöpft. Die Zeit war da, um die furchtbare Drohung— das Ulti⸗ matum— auszuſprechen, mit dem der Präſident ihn bewaffnet, und ohne ſeine rauhe Art und Weiſe im Mindeſten zu mildern, ſprach er die ſchändlichen Worte: „Ihr wollt nicht unterzeichnen? Ihr wollt Euch nicht dazu verſtehen, von hier fortzugehen? Nun gut, dann ſage ich: Ihr müßt. Der Krieg wird gegen Euch erklärt werden— Soldaten wer⸗ den in Euer Land rücken und Ihr werdet mit der Spitze des Bajonnets daraus vertrieben werden.“ „Wirklich?“ rief Oceola mit ſpöttiſchem Ge⸗ lächter.„Nun gut, dann ſei es ſo!“ fuhr er fort. „Laßt den Krieg erklärt werden! Obſchon wir den Frieden lieben, ſo fürchten wir doch den Krieg nicht. Wir kennen unſere Stärke. Eure Leute ſind uns um Millionen an Zahl überlegen; aber wenn deren auch noch ein Mal ſo Viele wären, ſo werden ſie * uns doch nicht zwingen, uns in ungerechtigkeit zu — 197— fügen. Wir haben den Entſchluß gefaßt, lieber den Tod, als Schande zu erdulden. Laßt den Krieg er⸗ klärt werden! Schickt Eure Soldaten in unſer Land, vielleicht werden ſie uns nicht ſo leicht daraus ver⸗ treiben, als ſie glauben. Euern Musketen werden wir unſere Büchſen, Euern Bajonnetten unſere Tomahawks entgegenſetzen und Euern ſteif dreſſirten Soldaten werden die Krieger der Seminolen gegen⸗ über treten. Laßt den Krieg erklärt werden! Wir ſind bereit, den Sturm heranziehen zu ſehen! Möge der Hagel herniederſchmettern und die Blumen vernich⸗ ten— die ſtarke Eiche des Waldes wird ſtolz und unverſehrt ihr Haupt zum Himmel erheben!“ Ein trotzig herausforderndes Geheul entfuhr den Kriegern der Indianer beim Schluſſe dieſer er⸗ greifenden Rede, und die geſtörte Conferenz drohte, ſich aufzulöſen. Mehrere der durch die Anſprache aufgeregten Häuptlinge waren auf ihre Füße empor⸗ geſprungen und ſtanden mit funkelnden Blicken da, während ſie mit zornigdrohender Geberde die Arme ausſtreckten. Die Offiziere der Truppen hatten ſich an ihre Plätze begeben und in leiſem Tone den Truppen befohlen, ſich fertig zu halten, während man die Artilleriſten auf den Baſtionen des Forts neben ihren Geſchützen ſtehen ſah und aufſteigende, leicht gekräuſelte blaue Rauchwolken verriethen, daß die Lunten angezündet worden. Trotzdem aber war keine Gefahr vorhanden, daß es zu einem Losbruche kommen würde. Keine von beiden Parteien war in dieſem Augenblicke auf einen Zuſammenſtoß vorbereitet. Die Indianer waren in keiner feindlichen Abſicht zu der Conferenz gekommen, ſonſt würden ſie ihre Weiber und Kinder zu Hauſe gelaſſen haben. So lange ſie dieſe bei ſich hatten, dachten ſie gewiß nicht daran, einen Angriff zu machen, und ihre weißen Gegner wagten es nicht, ohne einen beſſern Vorwand zu haben. Die De⸗ monſtration war blos das Reſultat einer augenblick⸗ lichen Aufregung und ging bald wieder in Ruhe über. Der Commiſſar hatte ſeinen Einfluß auf das Aeußerſte ausgedehnt. Seine Drohungen blieben jetzt eben ſo unberückſichtigt wie ſeine erſte ſchmeich⸗ leriſche Anſprache, und er ſah, daß es nicht mehr in ſeiner Macht ſtand, ſeinen Plan durchzuführen. Dennoch aber ließ ſich von der Zeit Etwas hoffen. Es waren klügere Köpfe, als der ſeine, zu⸗ gegen, welche dies einſahen— der ſchlaue Veteran Clinch und die hinterliſtigen Ringzold's. Dieſe ſammelten ſich jetzt um den Agenten und riethen ihm, ein anderes Verfahren einzuſchlagen. — 109— „Laßt ihnen Bedenkzeit,“ meinten ſie.„Setzt auf morgen eine abermalige Zuſammenkunft feſt. Laßt die Häuptlinge die Sache unter einander ſelbſt beſprechen und nicht, wie jetzt, in Gegenwart des Volkes. Bei ruhigerem Nachdenken und wenn ſie nicht durch die Menge der Krieger eingeſchüchtert werden, entſcheiden ſie vielleicht ganz anders, beſon⸗ ders jetzt, wo ſie die Alternative kennen.“ „Und vielleicht,“ ſetzte Arens Ringzold hinzu— welcher mit andern ſchlechten Eigenſchaften auch die eines hinterliſtigen Diplomaten verband—„vielleicht bleiben die am feindſeligſten Geſinnten nicht bis zu der morgenden Berathung. Ihr braucht ja nicht alle ihre Unterſchriften.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete der Commiſſar, in⸗ dem er den Gedanken feſthielt.„Ganz recht— ſo ſoll es geſchehen.“ Und mit dieſem lakoniſchen Verſprechen wendete er ſich abermals zu den verſammelten Häuptlingen. „Brüder,“ ſagte er, indem er wieder den Ton annahm, in welchem er zuerſt geſprochen hatte,„denn, wie der wackere Häuptling Holata geſagt hat, wir ſind Alle Brüder. Warum ſollen wir uns daher in Zorn von einander trennen? Euer Großer Vater würde ſich ſehr bekümmern, wenn er hörte, daß wir ſo von einander geſchieden wären. Ich * wünſche — — 4 — 110— nicht, daß Ihr in dieſer wichtigen Angelegenheit all⸗ zuſchnell entſcheidet. Kehrt in Eure Zelte zurück— berathet Euch unter einander ſelbſt— beſprecht die Sache mit Ruhe und Muße und laßt uns morgen wieder zuſammenkommen. Der Verluſt eines Tages wird für uns Beide nicht viel zu bedeuten haben. Morgen iſt es Zeit genug, Eure Entſcheidung abzu⸗ geben; bis dahin wollen wir Freunde und Brüder bleiben.“ Auf dieſe Anrede antworteten mehrere der Häupt⸗ linge. Sie ſagten, es ſei„gut geſprochen“ und ſie wollten es ſo machen, und dann ſtanden Alle auf, um ſich von dem Platze zu entfernen. Ich bemerkte, daß in dieſen Antworten einige Verwirrung herrſchte. Die Häuptlige waren in ihrer Zuſtimmung nicht einſtimmig. Die, welche einwilligten, gehörten größ⸗ tentheils der Partei Omatla an; aber ich hörte auch einige der feindſeligen Krieger, als ſie von dem Platze hinwegſchritten, laut ihre Abſicht erklären, nicht wieder zu kommen. Bwölftes Kapitel. riſchgeſpräche. Nood Devib Bei Tiſche erfuhr ich ſo Mancherlei. Während der Wein fließt, ſpricht man ſich viel freier aus und unter dem Einfluſſe des Champagners werden die Zungen der Weiſeſten beweglich und ſchnell. Der Commiſſar machte kein großes Geheimniß aus ſeinen eigenen Abſichten ſowohl als aus den Plänen des Präſidenten, obſchon die Meiſten von uns ſie ſchon errathen hatten. Er war etwas verſtimmt über die Art und Weiſe, auf welche die Verhandlungen des Tages ge⸗ endet hatten, denn er bedachte, daß ſein Ruf als Diplomat darunter leiden müßte, ein Ruf, nach welchem alle Agenten der Regierung der Vereinigten Staaten eifrig trachteten. 4 Auch hatte er von Oceola und Andern perſön⸗ liche Zurückſetzung erfahren, denn der ruhige, kalt⸗ blütige Indianer verachtet den Mann von übereilter Gemüthsart, und dieſe Schwäche hatte der Agent mehrmals während dieſes Tages kundgegeben. Er fühlte ſich geſchlagen, gedemüthigt und aufgebracht gegen die Männer der Rothen Haut. Morgen ſchmeichelte er ſich, ſie die Macht ſeines Grol⸗ les fühlen zu laſſen und ihnen zu zeigen, daß er, wenn er auch leidenſchaftlich wäre, doch auch Feſtig⸗ keit und Muth beweiſen könne. So wie er vom Weine erwärmt ward, ſagte er dies auf halb prahleriſche Weiſe und ward immer rückhaltloſer und jovialer. Was die Offiziere betraf, ſo kümmerten ſie ſich um die Civilpunkte des Falles ſehr wenig und nahmen an der Discuſſion hierüber keinen großen Antheil. Ihre Vermuthungen und Meinungen dreh⸗ ten ſich um die Wahrſcheinlichkeit eines Kampfes. Gab es Krieg oder keinen Krieg? Dies war die intereſſanteſte Frage für die Männer vom Degen. Ich hatte viel Prahlerei in Bezug auf unſere Ueber⸗ legenheit und Herabſetzung der Stärke und des Muthes des in Ausſicht ſtehenden Feindes angehört. In Bezug hierauf aber wurden auch abweichende Meinun⸗ gen von einigen mit zu Tiſche ſitzenden Offizieren — — 113— gemacht, welche ſchon Erfahrung im Kampfe mit Indianern beſaßen. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß Oceola's Charakter vielfach beſprochen ward, und die Meinun⸗ gen über den jungen Häuptling waren ſo verſchieden wie Laſter von Tugend. Einige erklärten ihn für den edlen Wilden, der er zu ſein ſchien, die Mehrzahl aber war zu meinem Erſtaunen anderer Anſicht. Betrunkener Barbar, Rinderdieb, Tiger und der⸗ gleichen Benennungen wurden freigebig über ihn ausgeſchüttet. Ich fühlte mich dadurch erbittert. Ich konnte dieſen Anklagen nicht glauben. Ich bemerkte, daß die Meiſten von Denen, welche dieſelben ausſprachen, verhältnißmäßig Fremdlinge waren, die erſt ſeit Kurzem dieſes Land geſehen und nicht viel von der Vergangenheit des Mannes wiſſen konnten, mit deſſen Namen ſie ſo wenig Umſtände machten. Die Ringzold's ſtimmten in die Verleumdung ein, obſchon ſie ihn genau kennen mußten. Ich begriff jedoch recht wohl, welche Beweggründe ſie hatten.. Ich fühlte, daß ich dem Gegenſtande der Con⸗ verſation ein Wort der Vertheidigung ſchuldig ſei, und zwar aus zwei Gründen: Erſtens war er ab⸗ weſend und zweitens hatte der mir das Leben gerettet. Oceola. II. 8 3 Trotz der Zahl meiner Gegner konnte ich daher mei⸗ ner Zunge nicht länger Schweigen gebieten. „Meine Herren,“ ſagte ich, indem ich laut genug ſprach, um die Aufmerkſamkeit der Sprechenden auf mich zu lenken,„kann irgend einer von Euch dieſe Anklage gegen Oceola beweiſen?“ Dieſe Aufforderung hatte ein verlegenes Schwei⸗ gen zur Folge. Niemand konnte weder die Trunken⸗ heit noch den Rinderdiebſtahl noch die Betrügerei genau beweiſen. „Ha!“ rief endlich Arens Ringzold mit ſeiner gellenden, kreiſchenden Stimme,„Ihr ſeid alſo ſein Vertheidiger, Lieutenant Randolph?“ „Ja, wenigſtens ſo lange, bis ich beſſere Be⸗ weiſe als bloße Behauptungen höre, daß er einer Vertheidigung nicht werth ſei.“ „O, dieſe Beweiſe laſſen ſich leicht erlangen,“ rief Einer.„Jedermann weiß, was der Kerl iſt und ſchon lange geweſen iſt— ein Rinderdieb von Pro⸗ feſſion ſeit Jahren.“ „ Da irrt Ihr Euch,“ entgegnete ich dieſem zu⸗ verſichtlichen Sprecher.„Ich weiß Nichts davon. Wißt Ihr es, Sir?“ „Aus perſönlicher Erfahrung allerdings nicht,“ ſagte der Ankläger, durch die plötzliche beſtinindts Frage ein wenig eingeſchüchtert. — 115— „Da wir einmal vom Rinderdiebſtahl ſprechen, meine Herren, ſo kann ich Euch einen merkwürdigen Vorfall in dieſer Beziehung erzählen, welcher mir erſt geſtern ſelbſt paſſirte. Wenn Ihr es mir erlaubt, ſo will ich ihn Euch mittheilen.“ „Ja wohl, ja wohl; ſei't ſo gut, uns die Sache zu erzählen.“ Da ich ein Fr geduldiges Gehör. Ich erzählte d der des Advocaten Grubb, nannt Namen. 3 Die Sache rief einige Senſation hervor. Ich ſah, daß ſie auf den Obercommandanten Eindruck machte, während der Commiſſar eine ärgerliche Miene zeigte, als ob es ihm lieber geweſen wäre, wenn ich geſchwiegen hätte. Die ſtärkſte Wirkung aber äußerte meine Erzäh⸗ lung auf die Ringzold's, Vater und Sohn— Beide ſahen bleich und unruhig aus. Vielleicht bemerkte dies Niemand weiter als ich, aber meine Wahrneh⸗ mung war deutlich und ich konnte nicht mehr daran zweifeln, daß Beide mehr von der Sache wüßten, als ich. 4 Die Converſation drehte ſich zunächſt um Aus⸗ reißer— um die Zahl der Neger, die ſich unter den 8* emder war, ſo ſchenkte man mir ie Epiſode in Bezug auf die Rin⸗ e aber dabei keinen — 116— Indianerſtämmen befänden und um den Einfluß, den ſie im Falle eines Zuſammenſtoßes gegen uns ausüben würden. Dies waren Themata von ernſter Bedeutung. Es war eine bekannte Sache, daß es in der Reſerve eine ziemliche Anzahl von Schwarzen und Gelben gab. Einige lebten hier als Ackerbauer— Andere als Viehzüchter, Manche durchſtreiften auch mit der Büchſe in der Hand die Savannen und Wälder, ganz nach Art der indianiſchen Jäger. Die Sprecher ſchlugen ihre Anzahl verſchieden an— die niedrigſte Schätzung war 500, während Einige ſie auf 1000 angaben. Alle dieſe waren ganz gewiß bis auf den letzten Mann gegen uns. Gegen dieſe Behauptung ward Nichts eingewendet. Einige meinten, dieſe entlaufenen Sclaven wür⸗ den ſchlecht kämpfen; Andere meinten, ſie würden ſich tapfer vertheidigen, und dieſe Letztern ſprachen mit mehr Grund. Alle ſtimmten überein, daß ſie dem Feinde eine mächtige Hülfe gewähren und uns dagegen viel zu* ſchaffen machen würden, und Einige gingen ſo weit, daß ſie ſagten, wir hätten von den ſchwarzen Aus⸗ reißern mehr zu fürchten, als von den„rothen — 117— Ausreißern.“ In dieſem Ausdrucke lag ein Wort⸗ ſpiel*). Es ließ ſich nicht bezweifeln, daß die Neger in dem bevorſtehenden Kampfe mit zu den Waffen grei⸗ fen würden, und eben ſo wenig, daß ſie durchaus keine zu verachtenden Gegner waren. Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit den Gewohnheiten des Weißen Mannes mußte ſie in den Stand ſetzen, uns mancherlei Scha⸗ den zuzufügen. Ueberdies iſt der Neger durchaus kein Feigling und ſein Muth iſt oft erprobt worden. Man ſtelle ihn einem natürlichen Feinde— das heißt einem Geſchöpfe von Fleiſch und Blut, mit Flinte und Bajonnet bewaffnet— gegenüber, und der Neger iſt nicht der Mann, welcher furchtſam zurückweicht. Anders iſt es aber, wenn der Feind kein phyſiſcher iſt, ſondern der Welt Obeah's angehört. In der Seele des unaufgeklärten Sohnes Afrika's iſt der Aberglaube allerdings ſtark. Er lebt in einer Welt *) Die Seminolen gehörten urſprünglich zu dem gro⸗ ßen Stamme der Muscogees(Creeks). Nachdem ſie ſich aus unbekannten Gründen von dieſen getrennt, zogen ſie ſüdwärts nach Florida und erhielten von ihren frühern Stammesgenoſſen den Namen, den ſie jetzt tragen und welcher in ihrer Sprache einen Abtrünnigen oder Ausreißer bedeutet.— — 118— von Geiſtern, Kobolden und Geſpenſtern, und ſeine Furcht vor dieſen übernatürlichen Weſen iſt wirkliche Feigheit. Während die Converſation über die Schwarzen weiter fortgeſetzt ward, konnte ich nicht umhin, die Gereiztheit zu bemerken, von welcher die Sprechenden beſeelt waren— ganz beſonders die Pflanzer in Civilkleidung. Einige wurden ganz entrüſtet, ergin⸗ gen ſich in gemeinen Schmähungen und drohten den Ausreißern, welche eingefangen werden würden, mit der grauſamſten Züchtigung. Sie freuten ſich über dieſe Ausſicht auf Wiedererlangung ihres Eigenthums, aber eben ſo ſehr auch über die Ausſicht auf nicht ferne Rache. Man ſprach von Erſchießen, von Hän⸗ gen, von Brennen und einer Menge anderer Folter⸗ qualen, welche dieſem Lande des Südens eigen ſind, und die auserleſenſten Züchtigungen wurden dem unglücklichen Deſerteur zugeſchworen, welcher ihnen in die Hände fiele. Wer entfernt von dergleichen Umgebungen und Meinungen lebt, kann ſich von den moraliſchen Be⸗ ziehungen zwiſchen Kaſte und Farbe keinen rechten Begriff machen. Unter gewöhnlichen Umſtänden beſteht zwiſchen Weiß und Schwarz kein Gefühl der Feind⸗ ſeligkeit, ſondern eher das Gegentheil. Der Weiße Mann iſt ſeinem farbigen Bruder freundlich geneigt. ———JJſ — 119— aber blos ſo lange, als ſich Letzterer ſeinem Willen nicht widerſetzt. Sobald der Schwarze— wenn auch nur im Mindeſten— Widerſtand leiſtet, ſo iſt die Feindſchaft ſofort da. Von Gerechtigkeit und Milde iſt keine Rede mehr, ſondern blos von Rache. Dies iſt eine allgemeine Wahrheit und leidet auf Jeden Anwendung, der einen Sclaven beſitzt. Ausnahmsweiſe iſt das Verhältniß ein ſchlim⸗ meres. Es giebt Weiße in den ſüdlichen Staaten, welche das Leben eines Schwarzen als von geringem Werthe betrachten— von blos dem Werthe ſeines Marktpreiſes. Ein Vorfall in der Lebensgeſchichte des jungen Ringzold giebt mir hier einen veranſchaulichenden Beleg an die Hand. Nur erſt den Tag vorher hatte mein„Knappe“, der Schwarze Jake, mir die Sache erzählt. Der junge Ringzold jagte mit einigen andern Knaben von ſeiner Bekanntſchaft und von eben ſo zügelloſer Gemüths⸗ und Sinnesart im Walde. Die Hunde waren ſo weit vorangelaufen, daß man ſie nicht mehr hörte, und Keiner konnte die Richtunge angeben, welche ſie eingeſchlagen hatten. Es konnte Nichts nützen, weiter zu reiten, und die jungen Jäger machten daher Halt, ſprangen aus den Sätteln und banden ihre Pferde an die Bäume. — 120— Lange Zeit war von dem Bellen der Spürhunde Nichts zu hören und den Jägern ward die Zeit ſehr lang. Wie ſollten ſie ſich dieſelbe vertreiben? Zufällig war ein Negerknabe in der Nähe, welcher Holz hackte. Sie kannten den Knaben ſehr gut; er war einer der Selaven von einer benachbarten Pflanzung. „Laßt uns einen Spaß mit dem Schwarzen machen,“ ſchlug der Eine vor. „Was für einen Spaß denn?“ „Wir wollen ihn zum Spaße aufhängen.“ Dieſer Vorſchlag rief natürlich ein allgemeines Gelächter hervor. „Spaß bei Seite,“ ſagte der erſte Sprecher, „ich möchte wirklich wiſſen, wie lange ein Nigger das Hängen aushält, ohne geradezu daran zu ſterben.“ „Ja, das möchte ich auch wiſſen,“ entgegnete ein Zweiter.„Und ich auch,“ ſetzte ein Dritter hinzu. Der Gedanke fand Anklang; das Experiment verſprach ihnen Unterhaltung zu gewähren. „Nun, ſo laßt uns doch einen Verſuch anſtel⸗ len— das iſt das beſte Mittal die Sache zu entſchei⸗ den.“ Der Verſuch ward gemacht. Ich erzähle eine Thatſache— der unglückliche Knabe ward gepackt, — 121— man warf ihm eine Schlinge um den Hals und zog ihn an dem Aſte eines Baumes hinauf. Gerade in dieſem Augenblicke rauſchte ein Hirſch, mit den Hunden dicht hinterdrein, vorbei. Die Jäger eilten nach ihren Pferden und vergaßen in ihrer Auf⸗ regung, das arme Schlachtopfer ihres teufliſchen Einfalls zu erlöſen. Einer überließ dies dem Andern und Keiner that es. Als die Jagd beendet war, kehrten ſie nach dem Platze zurück. Der Negerknabe hing noch an dem Aſte— er war todt! Es fand eine gerichtliche Unterſuchung ſtatt, aber ein bloßes Poſſenſpiel von einer Unterſuchung. Sowohl der Richter als die Geſchwornen waren die Verwandten der Verbrecher, und das Urtheil lautete dahin, daß der Neger bezahlt werden ſolle! Der Herr des Seclaven ward durch den Preis zufrie⸗ dengeſtellt, der Gerechtigkeit war, wie man annahm, Genüge geſchehen und Jake hatte Hunderte von wei⸗ ßen Chriſten gehört, welche wußten, daß die Geſchichte in Wahrheit beruhte und ſie dennoch als einen köſt⸗ lichen Spaß belachten. Als einen ſolchen pflegte Arens Ringzold ſie oft zu erzählen.— Ihr jenſeits des atlantiſchen Meeres hebt die Hände empor und ruft:„Entſetzen!“ Ihr lebt in der — 122— Einbildung, daß Ihr keine Sclaven habt— daß dergleichen Grauſamkeiten bei Euch nicht vorkom⸗ men. Da irrt Ihr Euch aber ſehr. Ich habe hier blos einen Ausnahmefall erzählt— es handelte ſich hier blos um ein einzelnes Opfer. Land der Armen⸗ häuſer und der Gefängniſſe— die Zahl Deiner Opfer iſt Legion! Das Geſpräch über Ausreißer lenkte meine Ge⸗ danken ſehr natürlich auf das andere und geheim⸗ nißvollere Abenteuer des geſtrigen Tages, und nach⸗ dem ich ein paar Worte über dieſes Ereigniß fallen gelaſſen, ward ich aufgefordert, es ausführlich zu er⸗ zählen.. Ich that dies und verlachte natürlich den Ge⸗ danken, daß der Meuchelmörder, welcher mir nach dem Leben getrachtet, der Gelbe Jake geweſen ſein könne. Viele der Anweſenden kannten die Geſchichte des Mulatten und die mit ſeinem Tode zuſammen⸗ hängenden Umſtände. Was aber war der Grund, daß, als ich ſeinen Namen und die feierliche Behauptung meines Negers erwähnte, Arens Ringzold zuſammenfuhr, bleich ward und ſeinem Vater einige Worte in's Ohr flüſterte? — Breizehntes Kapitel. Die verrätheriſchen Häuptlinge. Bald nachher ſtand ich von der Tafel auf und ſchlenderte hinaus in den Paliſſadenraum. Es war jetzt nach Sonnenuntergang. Es war Befehl gegeben worden, daß Niemand das Fort verlaſſen ſolle; in der Meinung aber, daß dieſer Befehl ſich blos auf die gemeinen Soldaten bezöge, beſchloß ich, ein wenig hinauszugehen. Der Impuls des Herzens trieb mich dazu. Im Lager der Indianer waren die Weiber der Häuptlinge und Krieger— ihre Schweſtern und Kinder— warum konnte nicht auch ſie mit unter der Zahl ſein? 5 Ich glaubte, ſie ſei da, obſchon während dieſes ganzen Tages meine Augen vergebens forſchend um⸗ hergeſchweift waren. Sie war nicht unter Denen, welche ſich um die Conferenz gedrängt hatten, denn nicht ein einziges Geſicht war meinem forſchenden Blicke entgangen. Ich beſchloß, das Lager der Seminolen aufzu⸗ ſuchen— unter die Zelte der Micoſaucs zu gehen. Dort fand ich aller Wahrſcheinlichkeit nach Powell — dort konnte ich auch Maümee wieder finden. Es konnte keine Gefahr dabei ſein, das Lager der Indianer zu betreten— ſelbſt die feindſeligen Häuptlinge ſtanden noch in freundſchaftlichen Be⸗ ziehungen zu uns und Powell war ganz gewiß noch mein Freund. Er konnte mich gegen Gefahren oder Beleidigungen ſchützen. Ich fühlte eine ſo gewaltige Sehnſucht, dem jungen Krieger die Hand zu drücken, daß ich ſchon dadurch allein beſtimmt worden wäre, ihn aufzu⸗ ſuchen. Ich ſehnte mich, das freundſchaftliche Ver⸗ trauen der Vergangenheit zu erneuen, über jene wonnigen Zeiten zu ſprechen, die Scenen unſerer unſchuldigen Freuden wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Ganz gewiß hatten die ſtrengeren Pflichten des Häuptlings und Anführers noch nicht ein Herz verſtockt, welches einſt ſanft und liebens⸗ würdig war. Allerdings war das Gemüth meines Freundes ohne Zweifel durch die Ungerechtigkeit des Weißen Mannes erbittert; ohne Zweifel fand ich ihn — 1256 aufgebracht gegen unſer Geſchlecht— er hatte auch Recht— aber dennoch fürchtete ich nicht, daß ich ſelbſt keine Ausnahme von dieſem Grolle ſein würde. Wie indeſſen auch der Ausgang ſein mochte, ſo beſchloß ich, meinen Freund aufzuſuchen⸗ und ihm wieder die Hand der Freundſchaft zu bieten. Ich ſtand ſchon im Begriff, das Fort zu ver⸗ laſſen, als ein Ruf von dem Obercommandanten mich in ſein Quartier beorderte. Mit einigem Aerger gehorchte ich dem Befehle. Ich traf bei ihm den Commiſſar mit den Offizieren von höherem Range — die Ringzold's und mehrere andere angeſehene Civiliſten. Als ich eintrat, bemerkte ich, daß ſie ſo eben die Discuſſion über irgend einen zu verfolgenden Plan beendet hatten. „Der Plan iſt ganz vortrefflich,“ bemerkte General Clinch, ſich zu den Andern wendend,„aber wie ſollen wir mit Omatla und dem Schwarzen Dreck*) zu ſprechen kommen? Wenn wir ſie hierher rufen, ſo kann dies Verdacht erwecken. Sie können nicht unbemerkt in das Fort gelangen.“ *) So ward Luſta⸗Hajo ſpottweiſe von den Amerika⸗ nern genannt. Sein voller Name war Fuchta⸗Luſta⸗Hajo, was„Wahnſinniger ſchwarzer Thon“ bedeutet. . — 126— „General Clinch,“ ſagte der ältere Ringzold— der liſtigſte Diplomat von Allen—„wie wäre es, wenn Ihr und General Thompſon außerhalb des Forts mit den befreundeten Häuptlingen zuſammen kämet?“ 3 „Ganz richtig,“ unterbrach ihn der Commiſſar. „Ich habe auch ſchon daran gedacht. Ich habe einen Boten an Omatla geſendet, um ihn fragen zu laſſen, ob er uns eine geheime Zuſammenkunft gewähren kann. Es wird am beſten ſein, draußen mit ihm zu ſprechen. Der Mann iſt wieder da— ich höre ihn.“ In dieſem Augenblicke trat ein Mann in's Zimmer, in welchem ich einen der Dolmetſcher er⸗ kannte, welche bei der Conferenz thätig geweſen waren. Er flüſterte dem Commiſſar Etwas zu und entfernte ſich dann wieder. „Alles in Ordnung, meine Herren!“ rief der Letztere, als der Dolmetſcher wieder hinaus war. „Omatla wird binnen einer Stunde mit uns zu⸗ ſammen treffen. Der Schwarze Dreck wird auch mitkommen. Sie haben den Sink als den Platz bezeichnet. Er liegt nördlich vom Fort. Wir können ihn erreichen, ohne das Lager zu paſſiren, und brauchen nicht zu befürchten, beobachtet zu werden. Wollen wir gehen, General?“ — 127— „Ich bin bereit,“ entgegnete Clinch, indem er ſeinen Mantel ergriff und über die Schultern warf. „Aber, General Thompſon,“ ſagte er, indem er ſich zu dem Commiſſar wendete,„wie ſteht es denn mit unſern Dolmetſchern? Kann man ihnen ein Ge⸗ heimniß von ſo großer Wichtigkeit anvertrauen?“ Der Commiſſar ſchien zu zögern. „Es möchte nicht ganz gerathen ſein,“ ant⸗ wortete er endlich, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. „Hat Nichts zu ſagen— hat Nichts zu ſagen,“ entgegnete Clinch;„ich glaube, wir können auch ohne ſie fertig werden. Lieutenant Randolph,“ fuhr er, ſich zu mir wendend, fort,„Ihr ſprecht die Sprache der Seminolen geläufig, nicht wahr?“ „Geläufig gerade nicht, General, aber ich ſpreche ſie.“ Whr könntet ſie richtig überſetzen.“ „Ja, General, das glaube ich zu können.“ „Nun gut, das reicht hin. Kommt mit uns.“ Meinen Aerger darüber, daß mir auf dieſe Weiſe die Ausführung meines Vorhabens unmöglich gemacht ward, unterdrückend, folgte ich ſchweigend. Der Commiſſar ging voran, während der General, durch Mantel und ſchlichte Fouragiermütze unkenntlich gemacht, neben ihm herging. Wir ſchritten zum Thore hinaus und wendeten — 128— uns dann nördlich um die Paliſſade herum. Die Zelte der Indianer ſtanden gegen Südweſten in unregelmäßigen Gruppen längs dem Rande eines breiten Gürtels von Hommock⸗Gehöl z, welches ſich in dieſer Richtung hinzog. Eine zweite Reihe von Hommocks zog ſich nach Norden hin und war von der erſteren durch Savannen und offene Tannen⸗ wälder getrennt. Hier war der ſogenannte Sink. Er war ziemlich eine halbe engliſche Meile von der Paliſſade entfernt, in der Dunkelheit aber konnten wir ihn bequem erreichen, ohne von irgend einem Theile des Semi⸗ nolenlagers bemerkt zu werden. Bald langten wir an Ort und Stelle an. Die Häuptlinge waren ſchon vor uns da. Sie ſtanden im Schatten der Bäume am Rande des Waſſer⸗ tümpels. Mein Dienſt begann nun. Ich hatte nicht erwartet, daß er ſo unangenehm ſein würde. „Fragt einmal Omatla, wie groß die Zahl ſeiner Leute iſt, eben ſo wie der des Schwarzen Dreck und der andern Häuptlinge, welche hier vor uns ſtehen.“ Ich ſtellte die Frage, wie mir befohlen worden. „Ein Drittel der ganzen Seminolen⸗ Nation, 44 lautete die ſofortige Antwort. 5 ½ — 129— „Sagt ihm, daß die freundlich geſinnten Häupt⸗ linge bei ihrer Ankunft im Weſten zehntauſend Dol⸗ lars bekommen ſollen, welche ſie nach Gutdünken unter einander vertheilen können.“ „Es iſt gut,“ grunzten die Häuptlinge, als dieſer Vorſchlag ihnen auseinander geſetzt ward. „Glauben Omatla und ſeine Häuptlinge, daß ſämmtliche Häuptlinge morgen zugegen ſein werden 244 „Nein— nicht Alle.“ „Welche von ihnen werden wahrſcheinlich ab⸗ weſend ſein?,“ „Der Micomico wird nicht da ſein.“ „Ha! Weiß Omatla dies gewiß?“ „Ja, ganz gewiß. Onopa's Zelte ſind abge⸗ brochen. Er ſelbſt hat den Platz ſchon verlaſſen.“ „Wo iſt er hingegangen?“ „Zurück in ſein Dorf.“ „Und ſeine Leute?“ „Die meiſten ſind mit ihm gegangen.“ Einige Augenblicke lang beſprachen ſich die beiden Generale leiſe mit einander. Sie ſtanden ein wenig von mir entfernt und ich hörte nicht, was ſie ſagten. Die eben erhaltene Mittheilung war von großer Wichtigkeit und ſchien ſie nicht unzufrieden zu machen. „Iſt es wahrſcheinlich, daß auch noch andere DOceola. II. 9 — 130— Häuptlinge morgen abweſend ſein werden?“ fragten ſie nach einer Pauſe. „Blos die von dem Stamme der Rothſtecken*).“ „Hoitle⸗Mattee?“ „Nein— dieſer iſt da— er wird bleiben.“ „Fragt ſie, ob ſie glauben, daß Oceola morgen bei der Conferenz ſein werde?“ An der Spannung, mit welcher die Antwort hierauf erwartet ward, errieth ich, daß dies die intereſſanteſte Frage von allen war. Ich ſtellte ſie ſofort. 3 „Wie!“ riefen die Häuptlinge, als ob ſie ſich über dieſe Frage nur wundern könnten„Die Auf⸗ gehende Sonne! O, der iſt ganz gewiß da— er wird nicht eher fortgehen, als bis die Sache zu Ende iſt.“. „Gut!“ entgegnete der Commiſſar, wendete ſich dann zu dem General und ſprach wieder leiſe mit ihm. 4 *) Ein Name, den man den Micoſaucs wegen ihrer Gewohnheit gegeben, rothe Stangen vor ihren Häuſern aufzupflanzen, wenn ſie in den Krieg ziehen. Ein ähn⸗ licher Gebrauch beſteht auch unter andern Stämmen; daher der von franzöſiſchen Coloniſten angewendete Name Baton rouge. 4 1 2 — 131— Dies Mal aber hörte ich, was zwiſchen den Beiden geſprochen ward. „Es ſcheint, General, als ob die Vorſehung uns in die Hände arbeitete. Mein Plan iſt des Erfolges faſt ſicher. Ein einziges Wort wird den unverſchämten Schurken zu irgend einer Rohheit— vielleicht zu etwas noch Schlimmerem hinreißen— auf alle Fälle werde ich leicht einen Vorwand finden, ihn einzuſperren. Jetzt, wo Onopa ſeine Leute hin⸗ weggeführt hat, werden wir für jeden Fall ſtark genug ſein. Die Zahl der Feindſeligen wird größer ſein als die der Befreundeten, ſo daß die Schurken kaum daran denken werden, Widerſtand zu leiſten.“ „O, das brauchen wir nicht zu fürchten.“ „Gut— iſt er einmal in unſerer Gewalt, ſo wird der Widerſtand zermalmt. Die Uebrigen werden ſich ſchon fügen, denn ohne Zweifel iſt hauptſächlich er es, welcher ſie jetzt einſchüchtert und von Unter⸗ zeichnung des Vertrages zurückhält.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Clinch in nachdenk⸗ lichem Tone;„aber wie ſteht es mit der Regierung? Glaubt Ihr, daß ſie ein ſolches Verfahren billigen werde?“ „Sie wird— ſie muß meine letzte Depeſche von dem Nräſßdauten giebt,es faſt zu verſtehen. * können dort verweilen bis die Auswanderung vn 8 Aus gn — 12— Wenn Ihr mit dem Schritte einverſtanden ſeid, ſo nehme ich die Gefahr auf mich.“ „O, ich ſtelle mich unter Euern Befehl,“ ent⸗ gegnete der Obercommandant, der augenſcheinlich mit den Anſichten des Commiſſars einverſtanden war, aber keine Luſt hatte, die Verantwortlichkeit dafür zu theilen.„Es iſt meine Pflicht, den Willen der Executivgewalt zur Ausführung zu bringen. Ich bin zur Mitwirkung bereit.“ „Nun denn genug. Es wird Alles geſchehen, wie wir es beſprochen haben. Fragt einmal die Häuptlinge,“ fuhr der Sprecher zu mir gewendet fort,„fragt ſie, ob ſie ſich fürchten, morgen zu unterzeichnen.“ „Nein— vor dem Unterzeichnen fürchten ſie ſich nicht, wohl aber vor den ſpäteren Folgen.“ „Wie ſo?“ „Sie fürchten einen Angriff von der feindlichen Partei— ihr Leben wird in Gefahr kommen.“ „Was wünſchen ſie denn, das wir thun ſollen?“ „Omatla ſagt, wenn Ihr ihm und den andern DOberhäuptlingen erlauben wollt, einen Beſuch bei ihren Freunden in Tallahaſſee abzuſtatten, ſo werden ſie dadurch vor der Gefahr bewahrt bleiben. Sie — 2 — 133— ſich gehen ſoll. Sie verſprechen, Euch in Tampa oder ſonſt wo, wohin Ihr ſie rufen werdet, wieder zu treffen.“ Die beiden Generale beriethen ſich mit einander — abermals flüſternd. Dieſer unerwartete Vor⸗ ſchlag wollte überlegt ſein. Omatla ſetzte hinzu: „Wenn uns nicht erlaubt wird, nach Talla⸗ haſſee zu gehen, ſo können wir nicht zu Hauſe bleiben. Wir müſſen uns dann unter den Schutz des Forts begeben.“ „Was Euren Beſuch in Tallahaſſee betrifft,“ entgegnete der Commiſſar,„ſo werden wir ihn über⸗ legen und Euch morgen die Antwort mittheilen. Mittlerweile habt Ihr Nichts zu fürchten. Dies da iſt der Kriegshäuptling der Weißen— er wird Euch beſchützen.“ „Ja,“ ſagte Clinch, indem er ſich ſtolz auf⸗ richtete,„meine Krieger ſind zahlreich und ſtark. Es ſind deren Viele im Fort und noch weit mehr unter⸗ wegs. Ihr habt Nichts zu fürchten.“ „Es iſt gut,“ entgegneten die Häuptlinge. „Wenn Zwiſtigkeiten entſtehen, ſo werden wir Euren Schutz ſuchen. Ihr habt ihn uns verſprochen— es iſt gut.“ „Fragt die Häuptlinge,“ ſagte der Commiſſar, — — 134— dem noch eine Frage einfiel,„fragt ſie, ob ſie wiſſen, ob Holata⸗Mico zur morgenden Conferenz dableiben wird?“ „Das wiſſen wir nicht. Holata⸗Mico hat ſeine Abſicht noch nicht erklärt. Wir werden es bald erfahren. Wenn er zu bleiben beabſichtigt, ſo werden ſeine Zelte ſtehen, bis die Sonne aufgeht; wo nicht, ſo werden ſie abgebrochen werden, ehe der Mond untergeht. Der Mond neigt ſich ſeinem Untergange zu— wir werden bald wiſſen, ob Holata⸗Mico gehen oder bleiben wird.“— „Die Zelte dieſes Häuptlings ſind wohl nicht von dem Fort aus ſichtbar?“ „Nein, ſie ſtehen unter den Bäumen.“ „Könnt Ihr uns eine Nachricht ſenden?““ „Ja, aber blos hierher; unſer Bote würde ge⸗ ſehen werden, wenn er in das Fort hineinginge. Wir können ſelbſt wieder hierher kommen und Einen von Euch treffen.“ „Das iſt wahr— ſo iſt es beſſer,“ entgegnete der Commiſſar, dem dieſer Vorſchlag zu gefallen ſchien. Es vergingen einige Minuten, während welcher die beiden Generale ſich wieder leiſe mit einander unterredeten, indeß die Häuptlinge ſchweigend und unbeweglich wie Bildſäulen auf Jer Seite ſtanden. — 135— Der Obercommandant brach endlich das Schweigen. „Lieutenant,“ ſagte er,„Ihr werdet hier blei⸗ ben, bis die Häuptlinge zurückkommen. Nehmt ihre Mittheilung in Empfang und bringt ſie mir dann ſofort in mein Quartier.“ Es wurden Begrüßungen ausgetauſcht und die beiden Generale gingen auf dem nach dem Fort führenden Wege davon, während die Häuptlinge in der entgegengeſetzten Richtung verſchwanden. Ich blieb allein zurück. Vierzehntes Kapitel. Schatten im Waſſer. Allein mit meinen bittern Gedanken. Mehr als eine Urſache trug zu dieſer Bitterkeit bei. Mein Vorhaben, deſſen Ausführung ich mit ſo vielen Vergnügen entgegen geſehen, war vereitelt— mein Herz dürſtete nach Kenntniß— nach Erneuung zärtlicher Bande; es ward von Zweifeln zerriſſen und durch die immer länger dauernde Ungewißheit ermüdet. 8 Abgeſehen hiervon ward mein Gemüth auch von andern Regungen beunruhigt. Ich empfand Wider⸗ willen gegen die Rolle, welche ich ſo eben geſpielt. Ich war zum Organ der Chikane und des Unrechtes gemacht worden. Beihülfe zu Verſchwörung und Gedanken— mit meinen — 137— Verrath war die erſte That meiner kriegeriſchen Lauf⸗ bahn geweſen, und obſchon ſie keine freiwillige war, ſo fühlte ich doch das Unangenehme der Pflicht und einen immer größeren Ekel gegen die Erfüllung der⸗ ſelben. 3 Selbſt die herrliche Nacht war nicht im Stande, meine Gefühle zu beſchwichtigen. Sie äußerte ſogar eine entgegengeſetzte Wirkung. Sturm und Unge⸗ witter würden mit meiner Stimmung in beſſerem Einklange geſtanden haben. Und doch war es eine reizende Nacht. Auf der Erde wie in der Luft waltete der tiefſte Frieden. Hier und da ſchwebten kleine weiße Wölkchen am Himmel, die aber ſo dünn waren, daß die dahinter ſegelnde Mondſcheibe ſich hinter einem durchſichtigen Schleier von Silbergaze zu bewegen ſchien, ohne einen einzigen Strahl von ihrem Glanze zu verlieren. Ihr Licht war außerordentlich glänzend und der Wald funkelte in demſelben wie mit einer Million Spiegel behangen. Um dieſen Effect noch zu erhöhen, ſchwärmten Feuerfliegen im Schatten der Bäume. Ihre roth, blau und gold leuchtenden Körper ſchoſſen bald in geraden Linien dahin, bald wirbelten ſie auf⸗ und abwärts und durch einander, als ob ſie einen laby⸗ rinthiſchen Tanz aufführten. — 138— Mitten in dieſer funkelnden Umgebung lag der kleine See ebenfalls glänzend, aber wie plattirtes Glas— ein Spiegel in einem Goldrahmen. Die Atmoſphäre war erfüllt von den ange⸗ nehmſten Wohlgerüchen. Die Nacht war kühl genug für menſchliche Behaglichkeit, aber nicht kalt. Viele der Blumen ſchloſſen ihre Kelche nicht, denn nicht alle waren Bräute der Sonne. Der Mond bekam ſeinen Antheil an ihren Süßigkeiten. Der Saſſafras und die Lorbeerbäume blüheten und ſtreueten ihren Duft umher, der ſich mit dem Aroma des Anis und der Orange miſchte. Es herrſchte Stille in der Atmoſphäre, aber nicht Schweigen. In den ſüdlichen Wäldern ſchweigt die Nacht niemals. Baumfröſche und Cicaden er⸗ heben ihr grellſtes Geſchrei, nachdem die Sonne untergegangen iſt, und es giebt einen Vogel, der während der mondhellen Stunden einen köſtlichen Geſang ertönen läßt. Es iſt der berühmte Spott⸗ vogel der amerikaniſchen Wälder. Auf einem hohen Baume, der am Rande des Waſſertümpels ſtand, ſaß ebenfalls einer und ſchien mein unruhiges Ge⸗ müth durch ſeinen ſüßen Geſang beſchwichtigen zu wollen. Ich hörte auch noch andere Töne— das Ge⸗ räuſch der Soldaten in dem Fort, welches ſich mit — 139— dem entfernteren des indianiſchen Lagers miſchte. Dann und wann unterbrach eine lautere Stimme als die übrigen, fluchend, rufend oder lachend, das eintönige Gemurmel. Wie lange ſollte ich wohl hier auf die Rückkehr der Häuptlinge warten müſſen? Es konnte eine Stunde, zwei, auch mehr Stunden dauern. Bis zu einem gewiſſen Grade konnte ich mich nach dem Monde richten. Die Häuptlinge ſagten, Holata werde entweder vor dem Untergange deſſelben oder gar nicht aufbrechen. In ungefähr zwei Stunden mußte die Sache alſo entſchieden und ich des Wartens überhoben ſein. Ich hatte den halben Tag über geſtanden. Die Füße ſchmerzten mich und ich ſetzte mich auf ein Felſenſtück am Rande des Waſſers. Meine Augen ſchweiften über den Teich. Die eine Hälfte ſeiner Fläche lag im Schatten, die andere Hälfte ward von den Mondſtrahlen verſilbert, welche, das durchſichtige Waſſer durchdringend, die weißen Mu⸗ ſcheln und glänzenden Kieſel auf dem Boden ſichtbar machten. Längs der Linie, wo Licht und Finſterniß ſich begegneten, zeigten ſich die Umriſſe einiger ſtatt⸗ licher Palmen, deren hohe Stämme und gefiederte Kronen ſich nach dem Nadir der Erde hinabzuſtrecken — 140— ſchienen, als ob ſie einem andern und ſchönern Fir⸗ mamente unter meinen Füßen angehörten. Die Bäume, deren Spiegelbild ich auf dieſe Weiſe ſah, ſtanden auf der Höhe eines Hügelrückens, der ſich längs der weſtlichen Seite des Teiches hin⸗ ziehend, die Strahlen des Mondes auffing. Ich ſaß eine Zeit lang ſo da und betrachtete dieſen Gegenſatz zu dem Baldachin des Himmels, während meine Augen mechaniſch die großen fächer⸗ artigen Zweige verfolgten. Plötzlich bemerkte ich zu meiner Ueberraſchung ein neues Bild auf dem Waſſerſpiegel. Eine Geſtalt oder vielmehr der Schatten einer ſolchen erſchien plötz⸗ lich unter den Stämmen der Palmen. Sie war auf⸗ recht und augenſcheinlich eine menſchliche, obſchon von vergrößerten Proportionen, ohne Zweifel eine menſch⸗ liche Geſtalt, aber doch nicht die eines Mannes. Der kleine, anſcheinend unbedeckte Kopf, die ſanfte Rundung der Schultern, die weichen Wellenlinien des Körpers und die lange, weite Draperie, welche faſt bis auf den Boden herabreichte, überzeugten mich, daß der Schatten der eines Weibes war. Als ich den Schatten zuerſt bemerkte, bewegte er ſich unter den Stämmen der Palmen. Gleich darauf blieb er ſtehen und verharrte einige Secunden — 141— lang in dieſer Stellung. Nun aber bemerkte ich die Eigenthümlichkeiten, welche das Geſchlecht bezeichnen. Mein erſter Impuls war, mich herumzudrehen und wo möglich die Geſtalt zu ſehen, welche dieſen intereſſanten Schatten warf. Ich befand mich an dem weſtlichen Rande des Teiches und der Hügelrücken war hinter mir. Wenn ich mich herumdrehete, ſo konnte ich die Höhe eben ſo wenig ſehen, als die Palmen. Erhob ich mich auf meine Füße, ſo konnte ich ſie immer noch nicht ſehen, denn eine große Lebenseiche, unter welcher ich Platz genommen, ſchnitt die Ausſicht ab. Ich trat ſchnell auf die eine Seite und nun ſtanden ſo⸗ wohl die Umriſſe des Hügelrückens als auch die Palmbäume vor meinen Augen, aber ich konnte keine Geſtalt ſehen, weder eine männliche noch eine weibliche. Ich betrachtete den Hügelrücken ſorgfältig, aber es war nichts Lebendes darauf zu ſehen. Einige Zweige der Sagopalme, die längs des Kammes ſtanden, waren die einzigen Formen, die ich wahrnehmen konnte. Ich kehrte nach dem Platze zurück, auf welchem ich geſeſſen, nahm wieder dieſelbe Stellung ein wie vorher und ſchauete wieder in das Waſſer. Die Palmenſchatten waren da, gerade ſo, wie ich ſie ver⸗ laſſen, die Geſtalt aber war verſchwunden. — 142— Es war weiter nichts Erſtaunliches dabei. Ich glaubte keinen Augenblick lang, daß ich in einer Täuſchung befangen geweſen ſei. Es war Jemand auf dem Hügel geweſen— ein Weib, glaubte ich, und von den Bäumen gedeckt vorübergegangen. Dies war die natürliche Erklärung Deſſen, was ich geſehen, und natürlich befriedigte ſie mich. Gleichzeitig aber konnte die ſtumme Erſcheinung nicht verfehlen, meine Neugier zu erwecken, und an⸗ ſtatt ſitzen zu bleiben und träumeriſchen Betrachtungen nachzuhängen, ſtand ich auf und ſchaute und horchte mit geſpannter Erwartung. Wer konnte dieſes Weib ſein? Natürlich eine Indianerin. Es war nicht wahrſcheinlich, daß eine Weiße an einem ſolchen Orte und zu einer ſolchen Stunde anzutreffen ſein werde. Selbſt die eigen⸗ thümlichen Umriſſe des Schattens waren nicht die, welche von einer mit dem Gewande der Civiliſation bekleideten Perſon geworfen worden wären. Ohne Zweifel war das Weib eine Indianerin. Was machte ſie aber an dieſem einſamen Orte und allein? Dieſe Fragen waren nicht ſo leicht zu beantworten, und doch lag in der Anweſenheit einer Indianerin an dieſem Orte nichts ſehr Merkwürdiges. Für die Kinder des Waldes iſt die Zeit nicht das, ³ — 143— was ſie für uns iſt. Die Stunden der Nacht ſind wie die des Tages— oft die Stunden der Thätig⸗ keit oder des Genuſſes. Sie war vielleicht auf dem Wege nach dem kleinen See, um Waſſer zu holen, um ein Bad zu nehmen. Oder vielleicht war es eine Liebende, welche in dem ſtillen Schatten dieſes abgelegenen Haines ihrem Geliebten eine Zuſammen⸗ kunft verſprochen. Plötzlich fuhr mir ein Stich, wie von einem vergifteten Pfeil durch's Herz. War es vielleicht Maümee! Die Unruhe, welche dieſe Vermuthung in mir erweckte, war unbeſchreiblich. Den ganzen Tag über war ich das Opfer mißtrauiſcher Regungen geweſen, die ihren Grund hauptſächlich in einigen wenigen Worten hatten, die den Lippen eines jungen Offiziers entfallen waren und welche ich zufällig gehört. Sie bezogen ſich auf ein ſchönes Mädchen unter den In⸗ dianern, welches, wie es ſchien, in dem Fort ſehr wohl bekannt war, und ich bemerkte, daß der Ton des jungen Mannes ein entweder triumphirender oder prahleriſcher war. Ich hörte aufmerkſam auf jedes Wort und beob⸗ achtete nicht blos das Geſicht des Sprechenden, ſon⸗ dern auch das ſeiner Zuhörer, um zu erfahren, in welche — 141— von dieſen beiden Kategorieen ich ihn zu ſtellen hätte. Seine Eitelkeit ſchien ein Opfer gebracht zu haben— wenigſtens erklärte er dies ſelbſt, und ſeine Zuhörer, oder wenigſtens die Meiſten derſelben, ſchienen an ſein gutes Glück zu glauben. Es ward kein Name genannt— keine Andeutung gegeben, welche mich in den Stand geſetzt hätte, den Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs mit meinen eigenen Gedanken in Verbindung zu bringen; daß aber das Mädchen eine Indianerin und eine Schönheit war, das waren Punkte, welche mein eiferſüchtiges Herz beinahe als zur Ueberzeugung hinreichend betrachtete. Ich hätte mir leicht Beruhigung verſchaffen können. Ein Wort, eine einfache Frage würde mir die Kenntniß verſchafft haben, nach welcher ich dürſtete; doch wagte ich nicht, dieſes Wort zu ſagen. Ich zog es vor, lange Stunden— einen ganzen Tag— auf der Folter der Ungewißheit und des Argwohnes zu liegen. Auf dieſe Weiſe war ich vorbereitet auf die peinlichen Muthmaßungen, welche in mir erwachten, als ich dieſe Geſtalt im Waſſerſpiegel ſah. Deer Schmerz war von kurzer Dauer, denn die Linderung erfolgte faſt augenblicklich. Eine dunkle Geſtalt glitt um den Rand des kleinen Sees herum — 145— und trat, kaum ſechs Schritte von dem Platze ent⸗ fernt, auf dem ich ſtand, in den hellen Mondſchein heraus. Ich ſah ſie vollkommen und deutlich. Es war ein Weib— eine Indianerin, aber nicht Maümee. Oceola. II. Fünfzehntes Kapitel. Haj⸗Ewa. Ich ſah vor mir ein Weib von mittlern Jahren — zwiſchen dreißig und vierzig— ein großes, ſtär⸗ kes Weib, welches einſt ſchön geweſen ſein mußte. Sie war die Ruine einer Schönheit, deren Umriſſe nicht verwiſcht werden konnten— gleich der Bild⸗ ſäule einer griechiſchen Göttin, welche von den Hän⸗ den eines Vandalen zertrümmert worden, aber von der ſelbſt noch die Bruchſtücke Gegenſtände von un⸗ ſchätzbarem Werthe ſind. : Nicht als ob ihre Reize alle entſchwunden ge⸗ weſen wären. Es giebt Männer, welche vorzugse⸗ weiſe dieſe Reife bewundern— für dieſe wäre ſie ein Gegenſtand unvergleichlichen Glanzes geweſen. Die Zeit hatte dieſe runden Arme und die elliptiſchen — 147— umriſſe der ſtattlichen Büſte noch nicht beeinträchtigt. Ich konnte dies beurtheilen— denn ſie ſtand vor meinen Augen in dem hellen Mondſcheine, nackt vom Hals bis zum Gürtel, wie in der Stunde der Kind⸗ heit. Nur das ſchwarze wildverworrene, über die Schultern herabhängende Haar bildete eine theilweiſe 8 Hülle. Auch dieſes hatte die Zeit noch unberührt gelaſ⸗ ſen, denn in der ganzen Fülle rabenſchwarzer Flech⸗ ten war auch noch nicht ein einziger Silberfaden zu erblicken. 3 Die Zeit konnte auch die ſchönen Umriſſe des Geſchts nicht berühren. Die Form des Kinns, das Oval dieſer Lippen, die Adlernaſe, die hohe glatte Stirn, das Auge— ha! was iſt mit dieſem Auge? Was bedeutet dieſes geſpenſtiſche Funkeln? dieſer wilde, ſtiere Blick? Ha! dieſes Auge— barmherziger Himmel! das Weib iſt wahnſinnig! Ach es war nur zu wahr, ſie war wahnſinnig. Ir Blick würde ſelbſt einen zufälligen Beobachter übezeugt haben, daß die Vernunft hier nicht mehr 4 auf threm Throne ſaß. Ich aber brauchte nicht erſt in ihr Auge zu blicken. Ich kannte die Geſchichte ihres Unglücks, ihrer Leiden. Es war nicht das erſte Mal, daß ich dieſe Geſtalt ſah— mehr als 10* 3 ein Mal hatte ich Haj⸗Ewa“), der wahnſinnigen Königin der Micoſaucs, gegenüber geſtanden.* So ſchön ſie auch war, ſo hatte ich doch vor ihrer Nähe Furcht, ja ſogar Entſetzen empfinden können, und zwar um ſo mehr, als ich bemerkte, daß ihr Halsband eine grüne Schlange, daß der Gürtel, der ihren Leib umſchloß und in dem Mondlichte ſo glitzerte, der Körper einer ungeheuern lebendigen, ſich krümmenden Klapperſchlange war. Ja, beide waren lebendig— die kleinere Schlange, die ſie um den Hals gewunden und welche den Kopf auf ihrer Bruſt ruhen ließ, und eben ſo das noch gefährli Thier, welches ſie um ihren Leib gekni klappernde Schwanz des Thieres hing an der Se herunter, während der in ihrer Hand ruhn ihre Finger ragende Kopf ein Paar welche funkelten, wie Diamanten. Auf dem Kopfe trug Haj⸗Ewa Decke, als welche die Natur ihr gegeb dichten ſchwarzen Flechten gewährten aus Schutz gegen Sonnenhitze und Sturm. *) Buchſtäblich„verrücktes Weib“, von Hajo, wahnſinnig und Ewa oder Awah, Weib. Ph haben auf die Aehnlichkeit dieſes Muscogee⸗ dem hebräiſchen Namen der Mutter des Menſchen aufmerkſam gemacht. Furcht. Füßen trug ſie Moccaſins; dieſe aber wurden von der langen„Hunna“ verdeckt, welche bis auf den Boden herabreichte.. Dies war das einzige Gewand, welches ſie trug. Es war verſchwenderiſch mit Perlen und Stickerei, mit dem bunten Geſieder des grünen Papagei's, der Haut der Soömmerente und dem Pelze verſchiedener wilder Thiere geſchmückt. Es war um ihren Leib herum befeſtigt, obſchon nicht durch den bereits be⸗ ſchriebenen Gürtel. In der That hätte ich alſo wohl Schrecken und Entſetzen fühlen können, wenn dieſe eigenthümliche Erſcheinung mir neu geweſen wäre; aber ich hatte aes ſchon früher geſehen— die grüne Schlange den orotalus, die langen herabhängenden Flech⸗ he Blitzen dieſes wahnſinnigen Auges— hatte ich ſchon geſehen und ich wußte, daß . unſchädlich und harmlos war— wenigſtens ich Ich wußte das und hatte daher keine „Haj⸗Ewa!“ rief ich, als ſie auf mich zukam. „J-e-ela!*³) rief ſie mit dem Ausdrucke der Ueber⸗ raſchung.„Der junge Randolph, Kriegshäuptling *) Ein gewöhnlich langgedehnter Ausdruck des Erſtau⸗ nens. unter den bleichen Geſichtern! Ihr habt arme Haj⸗Ewa nicht vergeſſen?“ „Nein, Ewa. Was ſucht Ihr hier?“ „Euch ſelbſt, kleiner Mico.“ „Ihr ſucht mich?“ „Nein, ich habe Euch gefunden.“ „Und was wollt Ihr von mir?“ „Ich will Euch blos das Leben retten, Euer junges Leben, ſchöner Mico— Euer gutes Leben— Euer koſtbares Leben— ach, koſtbar für ſie, den armen Vogel des Waldes! Ach! auch für mich gab es eins, welches koſtbar war, aber das iſt ſchon lange, lange her, ho! hol h. 4 „O, warum vertraute ich dem geliebten bleichen Geſicht? „Ho, ho ho! 4 „Warum kam ich mit ihm zuſammen im wilden, einſamen Wald? „Ho, ho, ho! 4 „Warum ſchenkte ich Gehör ſeiner lügenden Zunge, „Die mein Herz vergiftete, als mein Leben noch jung war? „Ho, ho, ho!“*) 8 „Nieder, chitta mico!⁰**) rief ſie, ſich in ihrem wilden Geſange unterbrechend und die Klapperſchlange *) Buchſtäblich: Ja, ja, ja! )„Häuptling der Schlangen.“— Die Klapperſchlange wird ſo von den Seminolen genannt, weil ſie die merk⸗ 51— anredend, welche, durch nanen gereizt, den Kopf hervorſtreckte und Kennzeichen von Wuth von ſich gab;„nieder, großer König der Schlangen! Es iſt ein Freund, obſchon im Gewande eines Fein⸗ des. Ruhig! oder ich zertrete Dir den Kopf!“ „J-e-ela!“ rief ſie wieder, wie von einem neuen Gedanken betroffen.„Ich verſchwende die Zeit mit meinen alten Liedern. Er iſt dahin! er iſt dahin! Sie können mir ihn nicht wiederbringen. Nun, junger Mico, weßhalb war ich denn gekommen? weßhalb war ich denn gekommen?“ Während ſie dieſe Fragen ausſprach, legte ſie die Hand an die Stirn g wie um ihr Gedächtniß zu unterſtützen. „Ha, jetzt fällt's mir wieder ein. Halwuk!*) Ich verliere die Zeit. Ihr könnt ermordet werden, junger Mico— Ihr könnt ermordet werden, und dann.— Geht ſchnell, ſchnell, daß Ihr fortkommt. Zurück nach dem Topekee.**) Schließt Euch ein; bleibt unter Eurem Volke, entfernt Euch nicht von Euren blauen Soldaten. Schweift nicht im Walde umher. Euer Leben iſt in Gefahr.“ würdigſte und größte Schlange in ihrem Lande iſt. Sie haben vor dieſem Thiere eine abergläubiſche Furcht. *) Es iſt ſchlecht.*) Fort. 1852— rde Alles Dies war einem eindringlichen Tone geſprochen, welcher mich in Erſtaunen ſetzte. Mehr als erſtaunt, begann ich einige Unruhe zu empfinden, denn ich hatte das Attentat von geſtern nicht ver⸗ geſſen. Ueberdies wußte ich, daß es Zeiten gab, wo dieſes ſeltſame Weib nicht unbedingt wahnſinnig war. Sie hatte ihre lichten Augenblicke, während welcher ſie vernünftig ſprach und handelte, und zwar oft mit außerordentlicher Intelligenz. Es konnte dies jetzt einer dieſer Augenblicke ſein. Vielleicht hatte ſie Kenntniß von einem Anſchlage gegen mein Leben und war, wie ſie ſagte, gekommen, um ihn zu vereiteln. Aber wer war mein Feind? Und wie konnte ſie von dem Plane eines ſolchen unterrichtet wor⸗ den ſein? Um dies zu ermitteln, ſagte ich zu ihr: „Ich habe keinen Feind, Ewa— warum ſollte mein Leben in Gefahr ſein? „Ich ſage Euch aber, ſchöner Mico, daß dies der Fall iſt— Ihr habt Feinde. J-e-ela! Wißt Ihr es denn nicht?“ „Ich habe in meinem Leben keinem Rothen Manne Etwas zu Leide gethan.“ „Roth— habe ich vom Rothen Manne geſprochen 2 * — 153—. Cooree!*) Schöner Randolph, in dem ganzen Lande der Seminolen giebt es keinen Rothen Mann, der Euch auch nur ein Haar krümmen würde. Owenn es einer thäte, was würde dann die Aufgehende 1 Sonne ſagen? Er würde ihn verzehren wie ein Wald⸗ brand. Fürchtet nicht die Rothen Männer, Euere Feinde ſind nicht von dieſer Farbe.“ „Ha! Nicht die Rothen Männer— wen denn?“ „Einige Weiße, einige Gelbe.“ „Unſinn, Ewa! Ich habe niemals einem Weißen Manne Grund gegeben, mein Feind zu ſein.“ „Chepawnee!**) Ihr ſeid wie ein junges Hirſch⸗ kalb, dem ſeine Mutter Nichts von den wilden Thie⸗ ren geſagt hat, welche im Walde umherſchweifen. Es giebt gottloſe Menſchen, welche Feinde ſind, ohne Urſache dazu zu haben. Es giebt Menſchen, welche Euch nach dem Leben trachten, obſchon Ihr ihnen niemals Etwas zu Leide gethan habt.“ „Aber wer ſind ſie? Und aus welchem Grunde?“ „Fragt nicht, Chepawnee! Es iſt jetzt keine Zeit dazu. Genug, wenn ich Euch ſage, Ihr ſeid der Beſitzer einer großen Plantage, wo ſchwarze Männer die blaue Farbe machen. Ihr habt eine ſchöne Schweſter— eine ſehr ſchöne Schweſter. Iſt ſie *) Nein.**) Knabe. — 154— 4 nicht wie ein Strahl von jenem Monde? Und ich war einſt auch ſchön— er ſagte es.— Ach, es iſt ein Unglück, ſchön zu ſein— ho! ho! ho! „O, warum vertraute ich dem geliebten bleichen Geſicht? „Ho! ho! ho! „Warum kam ich mit ihm zuſammen?“— „Halwuk!“ rief ſie, ſich plötzlich unterbrechend, „ich bin von Sinnen, aber ich habe Gedächtniß. Geht ſchnell, daß Ihr fortkommt. Ich ſage Euch,. geht. Ihr ſeid blos ein Echochee*) und die Jäger ſind Euch auf der Spur. Zurück nach dem Topekee — geht! geht!“. „Ich kann nicht, Ewa. Ich habe Beßch hier zu bleiben. Ich muß warten, bis Jemand kommt.“ „Bis Jemand kommt! Halwuk! Sie werden bald kommen.“ „Wer denn?“ „Eure Feinde.— Die, welche Euch umbringen möchten, und dann wird das ſchöne Reh bluten, die arme Taube bluten— ihr armes Herz wird bluten — ſie wird den Verſtand verlieren— ſte wird ſein wie Haj⸗Ewa.“ 3 „Von wem ſprecht Ihr?“ *) Rehkalb. „Von— Doch ſtill! 10 a. Es iſt zu ſpät — ſie kommen— ſie kommen. Seht ihre Schatten auf dem Waſſer!“ Ich ſchaute hin, während Haj⸗Ewa zeigte. Ganz gewiß waren Schatten auf dem Waſſer, gerade da, wo ich den ihrigen geſehen. Es waren die Geſtal⸗ ten von Männern— vier waren es. Sie bewegten ſich unter den Palmbäumen den Hügelrücken entlang. Nach wenigen Secunden verſchwanden die Schatten. Die Männer waren den Abhang hinunter geſtiegen und nun in das Gehölz hinein. „Es iſt zu ſpät,“ flüſterte die Wahnſinnige, die aber jetzt augenſcheinlich im vollen Beſitze ihres Ver⸗ ſtand ar.„Ihr dürft nicht wagen, in den offe⸗ nen Wald hinauszugehen. Sie würden Euch ſehen — Ihr müßt in dem Dickicht bleiben. Da!“ fuhr ſie fort, indem ſie mich bei dem Handgelenke faßte und mit einem kräftigen Rucke an den Stamm der Lebenseiche zerrte;„dies iſt Eure einzige Ausſicht auf Rettung. Schnell— ſteigt hinauf— verſteckt Euch unter dem Mooſe. Sei't ſtill— rührt Euch nicht, bis ich wiederkomme. Hinklas!*)— Mit dieſen Worten trat meine ſeltſame Räth⸗ geberin in den Schatten des Baumes zurück, it *) Es iſt gut— es iſt recht ſo von hier in das ſchattige Dickicht des Gehölzes und entſchwand meinen Blicken. Ich war ihrer Weiſung gefolgt und ſaß jetzt auf einem der großen Aeſte der Lebenseiche, durch Feſtons von ſilberner Tillandsia den Augen eines Untenſtehenden vollkommen ver⸗ borgen. Dieſe Schlingpflanzen, die auch von den noch höher befindlichen Aeſten herabhingen, umgaben mich wie Vorhänge von dichter Gaze und hüllten meinen ganzen Körper vollſtändig ein, während ich ſelbſt die Ausſicht auf den kleinen See behielt, wenigſtens auf die Seite, auf welcher der Mond ſchien. Eine kleine Oeffnung zwiſchen den Blättern machte mir dies möglich. Anfangs glaubte ich, ich ſpielte eine ſehr lächer⸗ liche Rolle. Die Geſchichte von Feinden und daß mein Leben in Gefahr ſei, war im Grunde genom⸗ men vielleicht weiter Nichts, als irgend eine verrückte Idee der armen Wahnſinnigen. Die Männer, deren Schatten ich geſehen, konn⸗ ten die zurückkehrenden Häuptlinge ſein. Wahrſchein⸗ lich kamen ſie zu der Stelle, wo ich verſprochen, ſie zu erwarten, und wenn ſie mich nicht fanden, ſo gingen ſie wieder fort. Welche Meldung ſollte ich nun in das Haupt⸗ quartier überbringen? Die Sache war wirklich ſehr — 157— lächerlich und für mich konnten die Folgen ſchlimmer als lächerlich ſein. So bei mir denkend, fühlte ich mich ſtark ver⸗ ſucht, wieder von dem Baume hinabzuklettern und den Männern— mochten ſie ſein wer ſie wollten— gegenüber zu treten. Andere Gedanken hinderten mich jedoch hieran. Die Häuptlinge waren bloß ihrer zwei, hier aber ſah ich vier Schatten. Allerdings konnten die Häupt⸗ linge von einigen ihrer Leute begleitet ſein— der größeren Sicherheit für ſich ſelbſt halber auf einem ſo verrätheriſchen Wege— aber ich hatte bemerkt, als die Schatten über den Waſſerſpiegel gingen— und trotz der Schnelligkeit, mit welcher ſie ſich be⸗ wegten, daß es nicht die von Indianern waren. Ich bemerkte keine hängende Draperie, keine Feder⸗ büſche. Im Gegentheile war es mir, als trügen ſie Hüte auf den Köpfen, ſo wie ſie nur von weißen Männern getragen werden. Dieſe Eigenthümlichkeit war es eben, welche mich ſo geneigt machte, den Aufforderungen Haj⸗ Ewa's Folge zu leiſten. Auch noch andere Umſtände hatten nicht ver⸗ fehlt, Eindruck auf mich zu machen. Die ſeltſamen Behauptungen der Indianerin— ihre Kenntniß von gewiſſen Ereigniſſen und die ſonderbaren Anſpielungen — auf gewiſſe Perſonen— der Vorfall des geſtrigen Tages— alles Dies zuſammengenommen beſtimmte mich, auf meinem Platze wenigſtens noch für die nächſten Minuten auszuharren. Vielleicht ward ich aus meiner unangenehmen Lage eher erlöſ't, als ich erwartete. Ohne Bewegung, faſt ohne zu athmen, blieb ich auf meinem Sitze, ſah mich ſorgfältig ſo viel als möglich nach allen Seiten um und lauſchte auf jedes Geräuſch. Meine Ungewißheit war von kurzer Dauer. Die Schärfe meiner Augen ward durch einen Anblick und die meiner Ohren durch Worte belohnt, bei welchen mir das Blut in den Adern erſtarrte. Binnen fünf Minuten erhielt ich Kenntniß von einer Verruchtheit des menſchlichen Herzens, welche an Ungeheuerlichkeit Alles übertraf, was ich jemals geleſen oder gehört. Vier Dämonen gingen, einer hinter dem andern, an mir vorüber— Dämonen ohne Zweifel, denn ihre Blicke, welche ich wohl bemerkte— ihre Worte, die ich hörte— ihre Geberden, die ich ſah— ihre Anſchläge, mit welchen ich in dieſer Stunde bekannt ward— berechtigten ſie vollſtändig zu dieſer Benen⸗ nung. Sie kamen um den kleinen See herum. Ich — 159— ſah ihre Geſichter eins nach dem andern, ſo wie ſie in den Mondſchein heraustraten. Zuerſt erſchien das bleiche Geſicht des jungen Pflanzers Arens Ringzold, ſodann die unheimlich markirten Züge Ned's Spence und dann das plumpe, rohe Geſicht des Raufbolds Williams. Es waren ja aber vier— wer war denn der Vierte? Träume ich?— Täuſchen mich meine Augen?— iſt es eine Wirklichkeit? Iſt es eine Täuſchung? Haben meine Sinne ſich verwirrt— oder iſt es blos eine Aehnlichkeit? Nein— nein— nein! Es iſt keine Aehnlich⸗ keit, es iſt kein Doppelgänger, ſondern der Mann ſelbſt! Dieſes ſchwarze gekräuſelte Haar, dieſe dunkle Haut, die Geſtalt, der Gang— Alles läßt keinen Zweifel weiter zu: es iſt der Gelbe Jake! Sechzehntes Kapitel. Ein Complott. Dieſe Perſönlichkeit bezweifeln wollen, hätte an der Richtigkeit meiner Sinne zweifeln heißen— der Mulatte ſtand vor mir— gerade ſo, wie er in mei⸗ ner Erinnerung lebte— obſchon in anderer Kleidung und vielleicht am Körper etwas ſtärker geworden. Die Züge aber waren dieſelben— das Enſemble war ganz daſſelbe, wie das, welches der Gelbe Jake, der ehemalige Holzhauer unſerer Pflanzung, darbot. Und dennoch, wie war es möglich, daß er es war, und noch dazu in Geſellſchaft von Arens Ring⸗ zold, eines der thätigſten ſeiner ehemaligen Verfol⸗ ger? Nein, nein, nein; es war ganz und gar un⸗ wahrſcheinlich— es war unmöglich! Ich mußte mich alſo getäuſcht haben, meine Augen mußten — 161—. mich trügen— denn ſo gewiß als ich einen Men⸗ ſchen ſah, ſah ich hier Jake, den Mulatten, vor mir. Er ſtand nicht zwanzig Fuß von dem Platze entfernt, wo ich verſteckt war. Sein Geſicht war voll gegen mich gewendet, und der Mond ſchien darauf mit einem Glanze, welcher kaum geringer war, als das Licht des Tages. Ich bemerkte den alten teufliſchen Ausdruck in ſeinen Augen und beobachtete das Spiel ſeiner Züge. Es war der Gelbe Jake. Um dieſen Eindruck zu beſtärken, entſann ich mich, daß trotz aller Gegenvorſtellungen und alles Spottes der Schwarze hartnäckig bei ſeiner Geſchichte geblieben war. Er hatte von keiner auf Aehnlichkeit ſich gründenden Täuſchung Etwas wiſſen wollen. Er hatte den Gelben Jake oder ſeinen Geiſt geſehen. Dies war ſein feſter Glaube, und ich war nicht im Stande geweſen, ihn zu erſchüttern. Ich entſann mich jetzt auch noch eines ander⸗ weiten Umſtandes, nämlich des ſeltſamen Benehmens der Ringzold’'s während des Geſprächs nach Tiſche — der Geberde, welche Arens gemacht, als ich den Namen des Mulatten nannte. Sie hatte damals meine Aufmerkſamkeit Lerzgt, aber was mußte ich nun denken? Hier ſtand ein Mann, den man todt glaubte, in Geſellſchaft von drei andern, welche damals ſei⸗ Oceola. II. 11 — 162— nen Tod verlangt— von welchen Einer gerade der allereifrigſte ſeiner Henker geweſen, und gleichwohl ſtanden jetzt alle Vier auf die vertraulichſte Weiſe beiſammen. Wie ſollte ich mir in einem und dem⸗ ſelben Augenblicke dieſe wunderbare Auferſtehung und Ausſöhnung erklären? Ich konnte ſie mir nicht erklären— ſie war ein zu complicirtes Geheimniß, als daß es durch wenige Augenblicke Nachdenken hätte gelöſ't werden können, und es wäre mir dies auch nicht gelungen, wenn nicht die betreffenden Perſonen ſelbſt einigen Aufſchluß gewährt hätten. Ich war bei dem einzigen natürlichen Schluſſe angelangt— und dieſer war, daß der Mulatte trotz der vollkommenen Aehnlichkeit dennoch der Gelbe Jake gar nicht ſein könne. Dadurch ward natürlich auf gewiſſe Weiſe Alles erklärt, und wären die vier Männer, ohne mit ein⸗ ander zu ſprechen, wieder fortgegangen, ſo würde ich mich mit dieſer Hypotheſe begnügt haben. Aber ſie gingen nicht eher wieder fort, als bis ſie mir Gelegenheit gegeben, eine Unterredung mit anzuhö⸗ ren, durch welche ich erfuhr, daß nicht blos der Gelbe Jake ſich noch unter der Zahl der Leben⸗ den befand, ſondern auch, daß Haj⸗Ewa die Wahr⸗ — 163— heit geſprochen, als ſie mir ſagte, mein Leben ſei in Gefahr. „Verdammt, er iſt nicht hier— und doch, wo könnte er hin ſein?“ Dieſe Frage that Arens Ringzold und zwar im Tone ärgerlicher Ueberraſchung. Es ward alſo Jemand geſucht, den man nicht fand. Wer dieſer Jemand war, erhellte aus den Worten des nächſten Sprechers. Es trat eine Pauſe ein und dann ſchlug Bill Williams Stimme an mein Ohr, die ich mit leich⸗ ter Mühe erkannte, da ich ſie ja erſt am Tage vor⸗ her gehort. „Wißt Ihr auch gewiß, Maſter Arens, daß er nicht mit dem General wieder in das Fort zurückge⸗ kehrt iſt?“ „Das weiß ich ganz gewiß,“ entgegnete Maſter Arens.„Ich ſtand am Thore, als ſie wiederkamen — es waren blos ihrer Zwei— der General und der Commiſſar. Die Hauptfrage aber iſt, ob er den Hommock zugleich mit ihnen verlaſſen hat. In die⸗ ſer Beziehung ſind wir nicht achtſam genug geweſen. Wir hätten eher hier ſein ſollen. Aber wer zum Teufel konnte denn denken, daß er zurückbleiben würde? Wenn ich dies gewußt hätte, ſo— Du ſagſt,“ fuhr er, ſich zu dem Mulatten wendend, fort, 11* „Du ſagſt, Jake, Du kämeſt direct aus dem Lager der Indianer? Er iſt Dir doch nicht etwa unterwegs begegnet?“ „Carajo! Sennor Arens! Nein!“ Die Stimme, der alte bekannte ſpaniſche Fluch, gerade ſo, wie ich ihn in meiner frühern Jugend gehört! Wenn noch ein Zweifel an der Perſönlichkeit des Mulatten in mir beſtanden hatte, ſo war er nun verſchwunden. Das Zeugniß meiner Ohren beſtä⸗ tigte das meiner Augen. Der Sprecher war der Gelbe Jake. „Ich komme ſtracks aus dem Lager der Semi⸗ nolen. Es hätte keine Katze an mir vorüber kom⸗ men können, ohne daß ich ſie geſehen hätte. Zwei Häuptlinge begegneten mir; ich verſteckte mich unter den Palmettos, und ſie haben mich nicht geſehen. Carrambo, nein!“ „Der Teufel hole die ganze Sache. Wo kann er nur hin ſein? Hier iſt keine Spur von ihm. Ich weiß, daß er Grund haben konnte, bei den In⸗ dianern einen Beſuch abzuſtatten— das weiß ich— aber wie hat er nur dorthin gelangen können, ohne daß Jake ihn geſehen hat? Was könnte ihn abge⸗ halten haben, den andern Weg zu gehen?“ „Ueber die offene Ebene?“ „Ja wohl— dorthin.“ — 165— „Nein— das ſſt nicht wahrſcheinlich. Die Sache läßt ſich blos auf eine Weiſe erklären. Er muß mit dem General bis an das Thor und dann längs der Paliſſade an dem Hauſe des Garkochs vorübergegangen ſein— das iſt ſehr leicht möglich.“ Ringzold ſagte dies, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. „Zum Teufel!“ rief er im Tone der Ungeduld, neine ſolche Gelegenheit wird ſich uns nicht ſogleich wieder darbieten.“ „O, fürchtet das nicht, Maſter Arens,“ ſagte Williams,„fürchtet das nicht. Es werden ſich noch viele dergleichen Gelegenheiten darbieten, glaube ich.“ „Wir werden Gelegenheit machen,“ ſetzte Spence, welcher jetzt zum erſten Male ſprach, nachdrücklich hinzu. „Ja, aber hier war eine Gelegenheit für Jake, denn dieſer muß den Streich ausführen. Von Euch Beiden darf ſich Keiner daran betheiligen. Es könnte herauskommen, und dann kämen wir Alle in eine niedliche Patſche. Jake dagegen kann es thun, ohne daß Schaden oder Gefahr für ihn daraus hervorgeht, denn er iſt todt, wißt Ihr, und das Geſetz kann ihn nicht erreichen. Iſt es nicht ſo, mein gelber Junge?“ 5 „Carrambo! Si, sennor; habt nur keine Furcht,— Don Arens Ringzold. Es ſoll nicht lange dauern, — 166— ſo wird Jake wieder eine Gelegenheit finden. Jake wird Euch von einem Feinde befreien— Ihr ſollt nie wieder Etwas von ihm hören; bald wird Gelbe Jake wieder Gelegenheit finden. Geſtern hat er ge⸗ fehlt. Aber Flinte war ſchlecht, Don Arens— ganz ſchlecht.“ „Er iſt noch nicht in das Fort zurückgekehrt,“ bemerkte Ringzold wieder, wie halb mit ſich ſelbſt ſprechend.„Ich glaube es wenigſtens nicht. Wenn er aber nicht im Fort iſt, ſo muß er im Indianer⸗ lager ſein und wird während der Nacht in das Fort zurückkehren. Vielleicht wenn der Mond unterge⸗ gangen iſt. Er muß dann in der Dunkelheit den freien Platz paſſiren. Du hörſt, Jake, was ich ſage.“ „Si, sennor; Jake hört Alles.“ „Und Du wirſt dieſen Wink zu benutzen wiſſen, wie?“ „Carrambo! Si, sennor. Jake weiß.“ „Nun gut— jetzt müſſen wir wieder zurück⸗ kehren. Höre, Jake— wenn—“ Hier ſank die Stimme des Spee hers zu einem halben Flüſtern herab und ich konnte dicht hören, was weiter geſprochen ward. Dann und wann wurden einzelne Redeſätze ſo laut gemurmelt, daß ich in Verbindung mit Dem, was ich ſchon erlauſcht, nn den Stand geſetzt ward, Etwas von ihrer Bedeu⸗ — — 167— tung zu verſtehen. Zu wiederholten Malen hörte ich den Namen Viola's, der Quadronin, und den meiner Schweſter nennen, und hörte Worte wie—„nur er ſteht uns noch im Wege“—„Nutter wird ſchon einwilligen“—„wenn ich Herr der Pflanzung bin“ —„bezahle zweihundert Dollars.“ Dieſe Worte in Verbindung mit andern ähn⸗ lichen überzeugten mich, daß zwiſchen den beiden Teufeln ein Vertrag abgeſchloſſen worden, bei welchem es ſich um mein Leben handelte, und daß dieſes ge⸗ murmelte Zwiegeſpräch blos eine Wiederholung der Bedingungen des ſcheuslichen Handels ſei! Kein Wunder, daß mir der kalte Schweiß von den Schläfen ſickerte und in perlenähnlichen Tropfen auf meiner Stirn ſtand. Kein Wunder, daß ich auf meinem Aſte ſaß und zitterte wie ein Espenlaub— weit weniger vor Furcht als vor Entſetzen über das beabſichtigte Verbrechen. Ich hätte vielleicht in noch weit höherem Grade gezittert, wenn meine Nerven nicht in gewiſſem Maße durch die furchtbare Ent⸗ rüſtung geſtählt worden wären, welche in meiner Bruſt ſich re 8 Ich beſaß ſo Ne Selbſtbeherrſchung, daß ich mich ſtill verhielt. Es war klug, daß ich dies that. Hätte ich in dieſem Augenblicke meine Gegenwart verrathen, ſo wäre ich nicht lebendig vom Platze ge⸗ — 168— kommen. Davon war ich überzeugt und trug Sorge, kein Geräuſch zu machen, welches mich verrathen konnte. Und dennoch war es hart, ruhig da zu ſitzen und zuzuhören, wie vier Männer ſich kaltblütig gegen mein Leben verſchworen— wie ſie es verhandelten wie ein Stück Waare, und Jeder einen Gewinn von der Spekulation erwartete! Mein Zorn war eben ſo mächtig als meine Furcht— faſt zu ſtark für die Klugheit. Es waren ihrer Vier, Alle bewaffnet. Ich hatte Säbel und Piſtolen; aber dies hätte mich nicht befähigt, es mit vier ſolchen Banditen aufzunehmen. Wären es blos ihrer Zwei— nur Ringzold und der Mulatte— geweſen, ſo wäre ich— ſo verzweifelt war in dieſem Augenblicke meine Entrüſtung— von dem Baume heruntergeſprungen und hätte es, coũte qui coüle, darauf ankommen laſſen. 3 Ich gebot jedoch dem Antriebe der Leidenſchaft Schweigen und verhielt mich ſtill, bis meine Feinde wieder fort waren. Ich bemerkte, daß Ringzold und ſeine beiden Spießgeſellen den Weg nach dem Fort nahmen, während der Mulatte die Richtung nach dem Lager der Indianer einſchlug. Siebzehntes Kapitel. Licht nach der Finſterniß. Ich rührte mich nicht eher, als bis ſie ſchon lange fort waren. Ueberhaupt befand ſich mein Gemüth in einem Zuſtande von Verblüfftheit, der es mir einige Augenblicke lang unmöglich machte, zu denken oder zu handeln— und ich ſaß da wie auf den Baumaſt feſtgenagelt. Endlich jedoch ward es mir allmählig möglich, über Das nachzudenken, was ich ſo eben gehört und geſehen. War es vielleicht blos ein Poſſenſpiel geweſe um mich zu ſchrecken und mir Angſt zu Nein, nein— dieſe Menſchen taugten ni Perſonen eines Poſſenſpiels— nicht ein E ihnen, und das Wiedererſcheinen des welches an das Abenteuerliche und ſtreifte, war zu dramatiſch und zu ernſt, um eine Epiſode in einem Luſtſpiele zu bilden. Im Gegentheil hatte ich ſo eben den Prolog eines beabſichtigten Trauerſpiels angehört, deſſen Opfer ich ſelbſt ſein ſollte. Ohne Zweifel hatten dieſe Menſchen es auf mein Leben abgeſehen. Und noch dazu vier Menſchen, von welchen auch nicht ein Einziger mir vorwerfen konnte, daß ich ihm jemals etwas Ernſtliches zu Leide gethan. Ich wußte, daß ſie alle Vier mich haßten und mich von jeher gehaßt hatten— obſchon Spence und Williams keinen andern Grund dazu haben konnten, als vielleicht einen Groll aus unſerer Knabenzeit, den ich längſt vergeſſen— ohne Zweifel aber war ihr Beweggrund derſelbe, den Ringzold hatte. Was den Mulatten betraf, ſo konnte ich mir ſeine Feindſeligkeit nicht erklären, obſchon ſie von der tödtlichſten Art war.. Was aber ſollte ich von Arens Ringzold denken, dem Anführer dieſes beabſichtigten Meuchelmordes? z war ein Mann von gewiſſem Bildungsgrade— naler Beziehung meines Gleichen— ein Gent⸗ ens Ringzold— Arens Ringzold! Wie erklären? Was veranlaßte ihn zu einer ſo teufliſchen Handlungsweiſe? 4 1 — 171— Ich wußte, daß dieſer junge Mann mir nicht ſehr gewogen war— in der letzten Zeit weniger als je. Ich kannte auch die Urſache. Ich ſtand ſeinen Beziehungen zu meiner Schweſter im Wege — wenigſtens glaubte er es. Und er hatte Grund dazu, denn ſeit dem Tode meines Vaters hatte ich mich in Familienangelegenheiten freier ausgeſprochen als früher. Ich hatte offen erklärt, daß er mit meiner Einwilligung niemals mein Schwager werden ſollte, und dieſe Erklärung war ihm wieder hinter⸗ bracht worden. Ich konnte daher leicht glauben, daß er böſe auf mich ſei; aber einen Zorn, der einen Menſchen zu ſolchen teufliſchen Anſchlägen trieb, konnte ich nicht begreifen. Und was bedeuteten jene nur halb gehörten Worte:—„er nur ſteht uns im Wege“—„Mutter wird ſchon einwilligen“—„wenn ich Herr der Pflan⸗ zung bin“— in Verbindung mit den Namen Viola's und meiner Schweſter? Was bedeuteten ſie? Ich konnte ihnen nur Eine und zwar eine furcht⸗ bare Auslegung geben— eine Auslegung, die zu entſetzlich war, um dabei zu verweilen. Ich konnte kaum meinen Sinnen trauen, ich konnte kaum glauben, daß ich nicht in einer furcht⸗ baren Sinnestäuſchung begriffen ſei, in einer Ver⸗ wirrung des Gehirns, welche dadurch hervorgebracht — 172— worden, daß ich mit der Wa geſtanden. Aber nein. Der Mond hatte über ihnen ge⸗ ſtanden— meine Augen hatten auf ihnen geruht — meine Ohren waren offen geweſen und ich konnte mich nicht getäuſcht haben. Ich ſah, was ſie thaten — ich hörte, was ſie ſagten. Sie hatten die Abſicht, mich umzubringen! „Ho, ho, junger Mico, Ihr könnt nun wieder herunter kommen. Die Honowawhulwa*) ſind fort. Hinklas! Kommt herunter, ſchöner Mico— herunter, herunter, herunter.“ Ich beeilte mich, zu gehorchen, und ſtand wieder in der Gegenwart der wahnſinnigen Königin. „Nun glaubt Ihr wohl Haj⸗Ewa? Habt Ihr Einen Feind, junger Mico?— Ho ⸗— vier Feinde. Iſt Euer Leben in Gefahr? Ho? ho?“ „Ewa, Ihr habt mir das Leben gerettet; wie ſoll ich Euch für den Dienſt danken, den Ihr mir geleiſtet?“ „Seit ihr treu— tren— treu— treu.“ „Wem denn?“ „Großer Geiſt! Er hat ſie vergeſſen! Falſcher junger Mico! Falſches bleiches Geſicht! Warum hnſinnigen in Rapport ) Böſe Menſchen. —— —— — 173— rettete ich ihn? Warum ließ ich nicht ſein Blut auf den Boden fallen?“ „Ewa!“ „Hulwak, hulwak! Armer Waldvogel! Der Schönheitsvogel von allen. Ihr Herz wird krank werden und ſterben; ihr Kopf wird den Verſtand verlieren.“ „Ewa, erklärt Euch.“ „Hulwak! Beſſer iſt es, er ſtirbt, als daß er ſie verläßt. Ho! ho! falſches bleiches Geſicht— es wäre auch beſſer geweſen, er wäre geſtorben, ehe er der armen Ewa das Herz brach. Dann hätte Ewa blos ihr Herz verloren, aber ihren Kopf,— ihren Kopf, das iſt viel ſchlimmer. Ho, ho, ho! „Warum trauete ich dem bleichen Geſicht? „Ho, ho, ho! „Warum erwartete ich ihn—“ „Ewa,“ rief ich mit einem Nachdruck, welcher das Weib bewog, ſich in ihrem wilden Geſange zu unterbrechen,„ſage mir, von wem ſprichſt Du?“ „Großer Geiſt, höre, was er fragt! Von wem? — von wem? Es giebt mehr als eine. Ho, ho! Es giebt mehr als eine, und die Treue iſt vergeſſen. Hulwak, hulwak! Was ſoll Ewa ſagen? Welche Geſchichte kann Ewa erzählen? Die arme Taube! Ihr Herz wird bluten und ihr Kopf zermalmt werden. — 174— Ho, ho! Es wird zwei Haj⸗Ewa's geben— zwei wahnſinnige Königinnen der Micoſaucs.“ „Um's Himmels willen laßt mich nicht länger in Ungewißheit. Sagt mir, Ewa, gute Ewa, von wem ſprecht Ihr? Iſt es—“ Der Name zitterte auf meiner Zunge; ich zögerte, ihn auszuſprechen. Trotzdem daß mein Herz in Folge des Vertrauens, welches ich fühlte, eine be⸗ jahende Antwort zu erhalten, von wonniger Hoffnung erfüllt war, ſo fürchtete ich doch, die Frage zu ſtellen. Aber nicht lange zögerte ich. Ich war zu weit gegangen, um zurückzutreten. Ich hatte lange ge⸗ wartet, den Wunſch eines ſehnenden Herzens zu befriedigen— ich konnte nicht länger warten. Ewa konnte mir Gewißheit geben. Ich ſprach die Worte: „Iſt es— Maümee?“ Die Wahnſinnige ſchauete mich einige Augen⸗ blicke lang an, ohne zu ſprechen. Den Ausdruck ihres Auges konnte ich nicht leſen— während der letzten Minuten war es ein Ausdruck des Vorwurfs und der Verachtung geweſen. Während ich den Namen nannte, ging dieſer Ausdruck in eine Miene der Verwirrung über und dann heftete ſich ihr Blick auf mich, als ob er meine Gedanken erforſchte. „Wenn es Maümee iſt,“ fuhr ich fort, ohne ihre Antwort abzuwarten— denn ich ward jetzt — e— von dem Feuer meiner wiedererweckten Leidenſchaft hingeriſſen—„wenn ſie es iſt, dann wiſſet, Ewa, daß ich ſie liebe— ich liebe Maümee.“ „Ihr liebt Maümee? Ihr liebt Maümee noch⸗ 2* fragte die Wahnſinnige mit auffallender Haſt. „Ja, Ewa— bei meinem Leben— bei meinem—“ „Cooree, cooree! Schwört nicht— gerade ſo ſchwur auch er. Hulwak! und er war falſch. Sprecht wieder, junger Mico! ſagt, daß ihr Maümee liebt— ſagt, daß Ihr treu ſeid, aber ſchwört nicht.“ „Ich bin treu— treu!“ „Hinkias!“ rief das Weib laut und anſcheinend in freudigem Tone,„Hinklas! der Mico iſt treu— das ſchöne bleiche Geſicht iſt treu und die Haintclitz*) wird glücklich ſein „Ho, ho! Nun zu der Liebe, der ſüßen jungen Liebe Unter dem Tala⸗**) Baum. Wer wollte nicht lieben jene Taube, Die wilde, kleine Taube, Die ſanfte, kleine Taube— 3 Die da ſitzt neben ihrem Gatten in dem Schatten des Hains Und ihm zugirrt in dem Schatten des Hains, Wo Niemand ſie ſieht oder hört.“ ) die Schöne. *8) Die Palme(Chanstrops palmetto)e — 176— „Nieder, chitta mico!“ rief ſie, abermals die Klapperſchlange anredend,„und Du auch, ocola chitta*). Verhaltet beide Euch ruhig. Er iſt kein Feind. Verhalte Dich ruhig, oder ich zertrete Euch die Köpfe!“ „Gute Ewa—* „Ho! Ihr nennt mich gute Ewa. Eines Tages wirſt Du mich vielleicht ſchlechte Ewa nennen. Höre mich,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Stimme erhob und mit vermehrter Eindringlichkeit ſprach,„hört mich, Georg Randolph, wenn Ihr jemals ſchlecht ſeid— falſch wie er, wie er, dann wird Haj⸗Ewa Eure Feindin ſein, die chitta mico wird Euch ver⸗ nichten. Nicht wahr, das wirſt Du thun, König der Schlangen? Nicht wahr, das wirſt Du thun? Ho! ho! ho!“ Während ſie dies ſagte, ſchien das Thier ſie zu verſtehen, denn es richtete plötzlich den Kopf in die Höhe, ſeine hellen Baſilisken⸗Augen ſchimmerten, als b ſie Feuerfunken ſprüheten— ſeine geſpaltene Zunge fuhr aus dem Rachen hervor und das „Skr—r— r— r“ ſeiner Klappern hörte man einige Minuten lang ununterbrochen. ) Die grüne Schlange. wegung ihrer Finger und indem ſie die Schlange — 177— „Ruhig! jetzt ruhig,“ ſagte ſie mit einer Be⸗ bewog, wieder ihre ruhige Haltung anzunehmen. „Er iſt es nicht, chitta; er iſt es nicht, Du König der Schlangen! Ruhig, ſage ich.“ „Warum droheſt Du mir, Ewa? Du haſt keine Urſache dazu.“ „Hinklas! Ich glaub' es, ſchöner Mico, tapferer Mico, ich glaub' es.“ „Aber, gute Ewa, erkläre mir— ſag' mir—“ „Cooree, cooree! jetzt nicht— heute Abend nicht— es iſt jetzt keine Zeit dazu, chepawnee! Sieh! Schau hinüber nach dem Weſten. Netle- hasse*) geht zu Bett. Ihr müßt auch gehen. Im Finſtern dürft Ihr nicht wagen, zu gehen. Ihr müßt zurück nach dem topekee kehren, ehe der Mond untergegangen iſt.— Geht, geht, geht!“ „Aber ich ſagte Euch, Ewa, daß ich hier zu thun habe. Ich darf nicht eher fort, als bis ich meinen Auftrag vollzogen habe.““ „Hulwak! dann iſt Gefahr vorhanden. Was für einen Auftrag habt Ihr, Mico? Ha, ich errathe. Seht, ſie kommen, auf die Ihr wartet.“ „Ja, ii glaube, ſie ſind es.“ *⁴) Die Nachtſonne— der Mond. Oceola, II. 8 mich immer im freien Raume zu halten und jeder Igndem ich dies ſagte, bemerkte ich die langen Schatten der beiden Häuptlinge, welche ſich an dem entgegengeſetzten Rande des kleinen Sees hinbewegten. „Nun denn raſch! Thut, was Ihr thun müßt, aber verſchwendet keine Zeit. In der Finſterniß werdet Ihr auf Gefahr ſtoßen. Haj⸗Ewa muß nun fort. Gute Nacht, junger Mico. Gute Nacht.“ Ich erwiderte den Gruß, drehete mich herum, um die Ankunft der Häuptlinge zu erwarten, und verlor meine ſeltſame Geführtin aus den Augen. Es dauerte nicht lange, ſo kamen die Indianer zur Stelle und erſtatteten in aller Stille ihren Bericht. Holata hatte ſeine Zelte abgebrochen und ent⸗ fernte ſich aus dem Lager. Die Verräther waren mir zu widerwärtig, als daß ich nur einen Augenblick länger als nött dig in ihrer Geſellſchaft hätte zubringen ſollen, und ſobald ich die verlangte Mittheilung erhalten, eilte ich aus ihrer Gegenwart hinweg. Von Haj⸗Ewa ſowohl, als von Arens Ring⸗ zold's Worten gewarnt, verlor ich keine Zeit, nach dem Fort zurückzukehren. Der Mond ſtand noch über dem Horizonte und ſein Licht ſchützte mich vor 8 einem plötzlichen unvermutheten Ueberfalle. Ich ging raſch und gebrauchte die Vorſicht, 179 Deckung, hinter welcher ein Meuchelmörder ſich ver⸗ borgen halten konnte, aus dem Wege zu gehen. Ich ſah Niemanden auf dem Wege und eben ſo wenig in der Nähe der Paliſſaden. Als ich jedoch dem Thore des Forts gegenüber kam, ſah ich die Geſtalt eines Mannes— nicht weit von der Garküche— der ſich anſcheinend hinter einigen Baumklötzen umherſchlich. Ich glaubte, den Mann zu kennen— ich glaubte, es ſei der Mulatte. Ich würde ihm nachgegangen ſein und mich überzeugt haben. Aber ſchon hatte ich die Schild⸗ wache angerufen und die Parole gegeben, und ich wünſchte nicht, eine Bewegung unter der Wache hervorzurufen, beſonders da ich Inſtruction erhalten ſo ſtill als möglich einzupaſſiren. Wahr⸗ tch begegnete ich dieſem Jakob redivivus bald wo ich freiere Hand und vielleicht beſſere Geleg heit hatte, ihn und ſeine teufliſchen Genoſſen zur Rede zu ſtellen. Mit deſe Betrachtung paſſirte ich das Thor und machte dem Obercommandanten meinen Rapport. Ende des zweiten Bandes. —„ 2. en u. Druck von C. Roeßler in Grimma. imnhm 6 7 8 9 10 11 12 ſiſſſſinſinſiſiſnnennſinniin 13 14 15 16