deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ennuard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und JCeſebedingungen. „1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 1 ,4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Biicher: 6 Bücher: anl 1 Mo 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 f. 2 M. Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Taze feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Üben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —““ Dceola. 9 ſſ Gin Koman vom Capitain Mayne Reid, Verf. von: „Die Skalpjäger“,„Die Freiſchaar“„Die Heimath in der Wüſte“, „Die Buſchknaben“,„Die Kriegsfährte“,„Der Jägerſchmaus“. Deutſch von A. Kretzſchmar. Erſter Band. Wurzen‧, Verlaggs⸗Co mptoir. 1858. Erſter Band. — Erſtes Kapitel. Das Blumenland. Iinda Florida! ſchönes Land der Blumen! So begrüßte Dich der kühne ſpaniſche Abenteurer, als er, am Bug ſeiner Caravele ſtehend, zuerſt Dei⸗ ner Ufer anſichtig ward.. Es war am Palmſonntage, dem Feſte der B1 1 men, und der fromme Caſtilier ſah in Dir ein paſ⸗— ſendes Emblem des Tages. Unter dem Einfluſſe.— eines frommen Gedankens gab er Dir den Namen dieſes Tages und wohl verdienteſt Du die ſtolze Be⸗ e 3 nennung. Dies war vor dreihundert Jahren. Dmi volle 4 Jahrhunderte ſind ſeit der Stunde Deinen T gangen, aber der Name geziemt Dir jet — 1— wie ſonſt. Dein Blumenſchmuck iſt in dieſer Stunde noch ſo prächtig, als da Leon an Deinen Geſtaden landete— ja, noch eben ſo prächtig, als da der Hauch Gottes Dich zuerſt in's Daſein rief. Deine Wälder ſind noch jungfräulich und unverletzt; grünend Deine Savannen; Deine Haine ſind noch ſo duftig als je — jene von Wohlgeruch erfüllten Haine von Anis und Orangen, von Myrthen⸗ und Tulpenbäumen. Noch funkelt auf Deinen Ebenen die himmelblaue Iria, noch ſchimmern in Deinen Waſſern die goldenen Nymphen; über Deinen Sümpfen ragen noch die koloſſale Chpreſſe, die rieſige Ceder, der Gummi⸗ und der Lorbeerbaum. Noch wogen über Deinen ſanften Abhängen von ſilberfarbenem Sand langna⸗ delige Tannen, welche durch die gigantiſchen Blätter der Palme hindurchſchauen. — Seltſame Anomalie der Vegetation!— der Baum des Nordens und der Baum des Südens— die Em⸗ Gleme der kalten und der heißen Zone— in dieſer Deiner milden Mittelzone ſtehen ſie neben einander und ſtrecken ihre Zweige zuſammen. Linda Florida! Wer kann Dich ohne eigen⸗ thümliche Gemüthsbewegung ſehen? ohne die Ueber⸗ eugung, Dich an net, der hört auf, ſich zu wundern über 1 daß Du ein bevorzugtes Land biſt? Wer — den abenteuerlichen Glauben der — — erſten Abenteurer, daß aus Deinem Schooße die Quelle der Jugend, das Waſſer des ewigen Lebens hervor⸗ ſprudele! Kein Wunder, daß dieſe poetiſche Meinung Gunſt und Glauben fand— kein Wunder, daß eine ſo herrliche Idee ihre zahlreichen Anbeter hat. Tauſende kamen von fern, um friſche neue Ju⸗ gend durch ein Bad in Deinen kryſtallenen Strömen zu finden; Tauſende ſuchten ſie mit weit größerer Gier als das weiße Metall von Mexico, oder das gelbe Gold von Peru. Ueber dieſem Suchen wurden Tauſende älter anſtatt jünger, oder kamen um in Verfolgung der eitlen Täuſchung. Aber wer könnte ſich darüber wun⸗ dern? Selbſt noch zu dieſer Stunde kann man es kaum für eine Illuſion halten und in jenem Zeitalter der Romantik war ſie noch viel leichter zu glauben. Eine neue Welt war entdeckt worden, warum nicht auch eine neue Theorie des Lebens! Die Men⸗ ſchen ſahen hier ein Land, wo die Blätter niemals fielen und die Blumen niemals welkten; die Blüthe war ewig— ewig die Muſik der Vögel. Es gab keinen Winter— keine Spuren von Tod oder Ber⸗ weſung. Wie natürlich war bahe Si mdfhg u as ———————— ———õ—— leicht der Glaube, daß in einem ſo ſchönen Lande auch der Menſch unſterblich ſein könne! Dieſe irrige Meinung iſt ſchon längſt entſchwun⸗ den, aber nicht die Schönheit, welche ihr Entſtehung gab. Du, Florida, biſt noch immer dieſelbe— Du biſt immer noch vorzugsweiſe das Land der Blumen. Deine Haine ſind noch eben ſo grün, Dein Himmel noch ſo hell, Deine Waſſer ſo durchſichtig wie je. In dem Liebreize Deiner Erſcheinung iſt keine Ver⸗ änderung vorgegangen.. Und dennoch bemerke ich eine Veränderung. Die Bühne iſt noch dieſelbe, aber nicht die Perſonen.— Wo ſind die Menſchen von jenem rothen Stamme, die von Dir geboren und an Deiner Bruſt genährt wurden? Ich ſehe ſie nicht. Auf Deinen Feldern ſehe ich weiße und ſchwarze Menſchen, aber keine rothen— Europäer und Afrikaner, aber keine In⸗ dianer— nicht Einen von jenem alten Volke, wel⸗ ches ſonſt das Deine war. Wo ſind ſie? Berſchwunden, Alle verſchwunden! Nicht mehr wandeln ſie auf Deinen blumigen Pfaden— nicht 3 mehr werden Deine kryſtallenen Ströme von den Kielen ihrer Kanoes durchfurcht— nicht mehr wird der Schall ihrer Stimmen auf Deinem würzigen Lufthauche Prgeragen— das Dröhnen ihrer Bo⸗ genſehnen wird nicht mehr unter den Bäumen Deines — — — 7 Waldes gehört— ſie ſind von Dir geſchieden— fern und auf immer. Aber nicht freiwillig gingen ſie fort— denn wer könnte Dich mit freiwilligem Herzen verlaſſen? Nein, ſchönes Florida, Deine rothen Kinder waren Dir treu und ſchieden nur widerſtrebend und mit be⸗ kümmertem Gemüthe. Lange hielten ſie feſt an den geliebten Schau⸗ plätzen ihrer Jugend; lange ſetzten ſie den Verzweif⸗ lungskampf fort, der ſie auf ewig berühmt gemacht hat. Ganze Armeen und manchen harten Strauß koſtete es dem bleichen Geſichte, ſie aus dem Beſitze zu treiben, und dann gingen ſie immer noch nicht freiwillig— ſie wurden von Deinem Schooße los⸗ geriſſen, wie junge Wölfe von ihrer Mutter, und in ein fern weſtlich gelegenes Land getrieben. Traurig waren ihre Herzen und langſam ihre Schritte, als ſie ihr Antlitz der untergehenden Sonne entgegenwendeten. Schweigend oder weinend gingen ſie weiter. Unter dieſer ganzen Schaar befand ſich nicht ein Einziger, der freiwillig in die Verbannung ging. Und es war kein Wunder, daß ſie Dich nicht gern verließen. Wohl kann ich mir die bittere Qual ihres Kummers denken. Auch ich habe die Süßig· keiten Deines blumenreichen Landes benoſſen u 1 mit Widerſtreben von Dir geſchieden. Ich bin unter den Schatten Deiner majeſtätiſchen Wälder gewan⸗ delt und habe mich in Deinen durchſichtigen Strömen gebadet— nicht mit der Hoffnung auf Wiederver⸗ jüngung, wohl aber mit der Gewißheit von Freude und Wohlſein.— Oft habe ich unter dem Baldachin Deiner ſich weit ausbreitenden Palmen und Magnolien mein Lager aufgeſchlagen, oder niich auf dem grünen Ra⸗ ſen Deiner Savannen ausgeſtreckt, und, meine Augen auf den blauen Aether Deines Himmels richtend, habe ich meinem Herzen gelauſcht, wenn es die Worte jenes morgenländiſchen Dichters ſtammelte: „O, wenn es ein Elyſtum auf Erden giebt, „So iſt es dies— ſo iſt es dies! V Bweites Kapitel. Die Indigoplantage. V Mein Vater war ein Indigopflanzer. Sein Name war Randolph. Ich trage ſeinen ganzen Na⸗ men— Georg Randolph.— 4 Es fließt indianiſches Blut in meinen Adern. Mein Vater war von den Randolphs von Roanoke — und ſtammte ſonach von der Prinzeſſin Pocahontas 5 ab. Er war ſtolz auf ſeine indianiſchen Ahnen— 8 faſt eitel darauf. Es kann, beſonders europäiſchen Ohren, faſt wie ein Widerſpruch klingen, aber dennoch iſt es wahr, daß weiße Männer in Amerika, welche india⸗ niſches Blut in den Adern haben, ſtolz auf dieſe Bei⸗ mmiſchung ſind. Selbſt für einen Miſchling oder „Halbblut“ iſt es kein Kennzeichen eines Makels, be⸗ 4 ſonders wenn das gemiſchte Blut zugleich mit Reich⸗ thum begabt geweſen iſt. Alle Bücher, welche geſchrieben worden, liefern keinen ſo ſtarken Beweis von der Erhabenheit des indianiſchen Charakters, wie die eine Thatſache, daß wir uns nicht ſchämen, ſie als unſere Vorältern an⸗ zuerkennen. Hunderte von weißen Familien machen Anſpruch auf Abſtammung von der virginiſchen Prin⸗ zeſſin. Wenn ihre Anſprüche gerecht ſind, dann muß die ſchöne Pocahontas ein reicher Segen für ihren Herrn und Gemahl geweſen ſein. Ich glaube, mein Vater ſtammte wirklich von der ächten Linie ab. Auf alle Fälle gehörte er einer ſtolzen Familie in der „alten Herrſchaft“ an und war in ſeiner Jugend von ſchwarzen Sklaven zu Hunderten umringt geweſen. Aber ſein fruchtbares Erbland war endlich er⸗ ſchöpft— verſchwenderiſche Gaſtfreundſchaft ruinirte ihn beinahe, und da er es nicht über ſich gewinnen konnte, auf eine untergeordnete Stufe herabzuſteigen, ſo raffte er die letzten Reſte ſeines Vermögens zu⸗ ſammen und zog ſüdwärts, um hier das Leben von Neuem zu beginnen. Ich ward vor dieſem Wegzuge geboren und bin daher ein geborener Virginier, aber meine erſten Eindrücke von einer Heimath bildeten ſich an den Ufern des ſchönen Suwanee in Florida. — — 11— Dies war der Schauplatz meines Knabenalters, der Platz, der durch die Freuden der Jugend und den Zauber der erſten Liebe mir geheiligt worden. Ich möchte ein Bild⸗von der Heimath meiner Kindheit entwerfen. Wohl entſinne ich mich ihrer— eine ſo ſchöne Umgebung verwiſcht ſich nicht ſo leicht aus dem Ge⸗ dächtniſſe. Ein ſchönes hölzernes Haus, weiß angeſtrichen, mit grünen Jalouſieen und einer breiten, ſich rings herum ziehenden Veranda. Geſchnitzte Kolonnaden tragen das Dach dieſer Veranda und ein niedriges Geländer mit dünnem Gitterwerke trennt ſie von der Umgebung— dem Blumengarten vorn, der Oran⸗ gerie auf der rechten Seite und einem großen Gar⸗ ten links..— Von dem Eingange des Gartens zieht ſich ein glatter Raſenplatz in ſanfter Abdachung nach dem Ufer des Fluſſes hinab, der ſich hier zu der Breite eines ſtattlichen Seees erweitert— mit fernen Ufern, kleinen Inſeln, welche in der Luft zu ſchweben ſchei⸗ nen, wildem Geflügel über und in dem Waſſer. Auf dem Raſenplatze erblickt man hohe kerzen⸗ gerade Palmen mit befranſ'ten Blättern— eine Art Oreodoxia— andere mit breiten fächerförmigen Blät⸗ 85. tern— die Palmetten des Südens— Magnolien — 12— Gruppen von dem duftenden Ilicium, und ſtrahlen⸗ förmig ausgebreitete Kronen der Yueca gloriosa— alle in dieſem Boden heimiſch. Auch noch ein ande-Js Kind des Bodens bietet ſich dem Auge dar— eine ungeheuere Lebenseiche, welche ihre langen horizontalen Aeſte ausſtreckt, die dicht mit immergrünen Blättern bedeckt ſind und das Gras unten weithin beſchatten. In dieſem Schatten ſieht man ein ſchönes Mäd⸗ chen in leichtem Sommergewande. Ihr Haar iſt locker mit einem weißen Tuche zuſammengebunden, aus deſſen Falten ſich lange, goldfarben. ſchimmernde Flechten hervorgedrängt haben. Ddiies iſt meine Schweſter Virginia, meine ein⸗ zige Schweſter, noch jünger als ich. Ihr goldenes Haar verräth nicht ihre indianiſche Abkunft, aber hierin artet ſie unſerer Mutter nach. Sie ſpielt mit ihren Lieblingen, einer Rehkuh und deren niedlichem geflecktem Kalbe. Sie füttert die Thiere mit dem Fleiſche der ſüßen Orange, wel⸗ ches ſie überaus gern freſſen. Ein anderer Liebling ſitzt, an einer winzig dün⸗ nen Kette geführt, neben ihr. Es iſt das ſchwarze Fuchseichhörnchen mit glänzendem Felle und zittern⸗ dem Schweife. Seine exeentriſchen Sprünge und Poſſen erſchrecken das Rehkalb, ſo daß es ſich, wie . —— — 13ñ— um Schutz zu ſuchen, dichter an ſeine Mutter, zu⸗ weilen auch an meine Schweſter anſchmiegt. Dieſes Schauſpiel iſt von Muſik begleitet. Der goldene Oriol, deſſen Neſt ſich unter den Orange⸗ bäumen befindet, läßt ſeinen flüſſigen Geſang hören und der unter der Veranda in ſeinem Käfige hängende Spottvogel wiederholt die Melodie mit Variationen. Der luſtige Spaßmacher äfft auch den rothen Kardi⸗ nal und die blaue Dohle nach, welche beide unter den Blüthen der Magnolie herumflattern, ebenſo wie das Geplapper der grünen Papageien, welche ſich mit den Beeren der hohen Cypreſſen unten am Rande des Waſſers beſchäftigen. Dann und wann wieder⸗ holt er auch das Geſchrei der ſpaniſchen Kiebitze, welche hoch oben in der Luft ihre ſilbernen Schwin⸗ gen ausbreiten, oder das Geſchrei des Tantalus, welchen man von den kleinen fernen Inſeln des Sees herüberhört. Das Bellen des Hundes, das Miauen der Katze, das Wiehern der Maulthiere und Pferde, ſelbſt die Töne der menſchlichen Stimme— alles Dies wird von dem vielſeitigen und unvergleichlichen Sänger nachgeahmt. Die Hinterſeite der Wohnung bietet einen ganz andern Anblick dar, der vielleicht nicht ſo ſchön, aber nicht minder erheiternd iſt. Hier zeigt ſich ein Schau⸗ A Brreterdächern. Dieſe ſind der Stall, die Scheune — 414— ſpiel von thätigem Leben— das Bild der Induſtrie einer Indigoplantage. Eine geräumige Einfriedigung mit ihrem Latten⸗ zaune ſtößt an das Haus. Ziemlich in der Mitte deſſelben ſteht die piéce de resistance— ein großer Schuppen, der einen halben Acker Boden bedeckt und auf ſtarken Holzſäulen ſteht. Unter demſelben ſieht man große längliche Wannen, die aus ſtarken Ch⸗ preſſenſtämmen gehauen ſind. Sie ſtehen drei und drei eine über der andern und durch an ihren Enden angebrachte Zapfen mit einander in Verbindung. In dieſen Wannen wird die koſtbare Pflanze einge⸗ weicht und ihre ſchöne himmelblaue Farbe ausgezogen. Jenſeits ſtehen Reihen von kleinen niedlichen Hütten, an Form und Größe gleich, jede in einer kleinen Gruppe von Orangenbäumen verſteckt, deren reife Früchte und weiße, wachsähnliche Blüthen die Luft mit Wohlgeruch erfüllen. Dies ſind die Negerhütten. Hier und da, kerzengerade über ihre Dächer em⸗ porragend oder ſich ſanft darüber neigend, ſteht der⸗ ſelbe edle Palmbaum, welcher den Raſenplatz vorn ſchmückt. Andere Häuſer zeigen ſich in der Einhegung, plumpe Bauwerke von behauenen Baumſtämmen mit — 15— und die Küche. Dieſe letztere ſteht mit dem Haupt⸗ gebäude durch eine lange offene Gallerie in Verbin⸗ dung, deren Schindeldach auf Säulen von der wohl⸗ riechenden weißen Ceder ruhet. Jenſeits der Einhegung dehnen ſich weite Fel⸗ der, von dem dunkeln Gürtel des Cypreſſenwaldes begrenzt, welcher die Ausſicht ſchließt. Dieſe Felder zeigen das Haupterzeugniß der Plantage, das koſtbare Farbekraut, obſchon auch noch andere Vegetation darauf ſichtbar iſt. Es giebt Mais⸗ pflanzen und ſüße Kartoffeln(Convolvulus hatatas), etwas Reis und Zuckerrohr. Dieſe letztern ſind aber nicht für den Handel beſtimmt, ſondern zur Conſum⸗ tion an Ort und Stelle. Der Indigo wird in geraden Reihen mit ſchma⸗ len Zwiſchenräumen geſäet. Die Pflanzen ſind von verſchiedenem Alter. Einige brechen eben erſt mit Blättern wie junger Klee durch die Scholle. Andere, voll ausgewachſen, über zwei Fuß hoch, gleichen Farrn⸗ kräutern und zeigen die hellgrünen, ſpitzigen Blätter, welche die meiſten der Leguminosae charakteriſiren, denn zu dieſer Familie gehört der Indigo. Einige laſſen ihre eben im Aufplatzen begriffenen Blüthen ſehen, obſchon ihnen ſelten geſtattet iſt, dieſelben zur vollen Entwickelung gelangen zu laſſen. Ein anderes Schickſal harret ihrer und die Hand des Schnitters — 16— thut dem purpurnen Erblühen mit rauher Gewalt Einhalt. In der Einhegung und auf den Indigofeldern bewegen ſich etwa hundert menſchliche Geſtalten. Mit einer oder zwei Ausnahmen ſind ſie alle von afrika⸗ niſcher Race, alle Sklaven. Aber nicht alle haben eine ſchwarze Haut— kaum die Mehrzahl von ihnen beſteht aus Negern. Es ſind Mulatten, Sambo's und Quadronen. Sogar einige, die von reinem afrikaniſchem Blute ſind, ſehen nicht ſchwarz, ſondern nur bronzefarben aus, aber mit Ausnahme des Auf⸗ ſehers und des Eigenthümers der Pflanzung ſind ſie alle Sklaven. Einige davon ſind abſchreckend häßlich, mit dicken Lippen, niedrigen, zurücktretenden Stiruen, platten Naſen und ſchlechtgeformten Körpern. Andere ſind gut gewachſen und unter dieſen befinden ſich einige, die man für hübſch erklären könnte. Es ſind Frauen darunter, die faſt ganz weiß ausſehen— Quadronen. . Unter dieſen letzteren befinden ſich einige, die mehr als hübſch ſind, ſie ſind geradezu ſchön zu nennen. Die Männer ſind in ihren Arbeitskleidern, wei⸗ eern kattunen Beinkleidern mit groben bunten Hemden und Hüten von Palmblättern. Einige entfalten ein gewiſſes Stutzerthum in ihrem Coſtüm. Manche ſind — — 1— 2 — von dem Gürtel aufwärts an nackt und ihre ſchwarze Haut ſchimmert in der Sonne wie Ebenholz. . Die Frauen ſind mit geſtreiften Kleidern ange⸗ than und ihre Köpfe mit buntgewürfelten Madras⸗ tüchern umwunden. Das Coſtüm mancher iſt ge⸗ b ſchmackvoll und hübſch und der turbanähnliche Kopf⸗ putz macht es maleriſch. Sowohl Männer als Frauen ſind mit der Ar⸗ beit der Pflanzung— der Fabrikation des Indigo— beſchäftigt. Einige ſchneiden die Pflanzen mit Ernte⸗ haken und binden ſie in Garben. Andere tragen ſſiee von dem Felde hinein in den großen Schuppen. Einnige ſind beſchäftigt, ſie in den obern Trog, wo ſie zuerſt eingeweicht werden, zu werfen, während Andere wieder Pflanzen herausnehmen und klopfen. Einige ſchaufeln den Niederſchlag in die Filtrirſäcke, während Andere das Trocknen und Ausſchneiden be⸗ aufſichtigen. 8 Jeder hat ſeine ihm angewieſene Arbeit und Alle ſcheinen bei Ausführung derſelben gleich heiter 4 zu ſein. Sie lachen und ſchwatzen und ſingen. Sie geben Scherz um Scherz zurück und kaum vergeht ein Augenblick, wo nicht luſtige Stimmen an das Ohr ſchlagen. Und dennoch ſind dies lauter Sklaven— die Sklaven meines Vaters. Er behandelt ſte gut. Selten Oceola. 1. 2 3 — 18— wird die Peitſche emporgehoben— daher die plück⸗ liche Laune und die heitere Miene. Dieſe angenehmen Bilder ſind meiner Erinne⸗ rung tief eingegraben. Sie bildeten die mise-en-scène meiner früheſten Jugendjahre. — ———— Drittes Kapitel. Die beiden Jakes. Jede Pflanzung hat ihren„ſchlechten Kerl“— oft mehr als einen, aber ſtets wenigſtens einen, wel⸗ cher im Böſesthun den Vorrang behauptet.„Der Gelbe Jake“ war der Dämon der unſrigen. Er war ein junger Mulatte von nicht üblem Aeußern, aber von ſtörrigem, verſtocktem Charakter. Bei gewiſſen Gelegenheiten hatte er gezeigt, daß er wilder Grau⸗ ſamkeit fähig war.. Beiſpiele von ſolchen Charakteren ſind unter Mulatten häufiger als unter Negern. Stolz auf die Farbe von Seiten des gelben Mannes, Vertrauen auf einen höheren Organismus ſowohl in intellectuel⸗ ler als phyſiſcher Beziehung, und folglich ein em⸗ pfindliches Bewußtſein der Ungerechtigkeit ſeiner her⸗ 8 — 20— abgewürdigten Stellung erklären dieſen pſychologiſchen Unterſchied. Was den reinen Neger betrifft, ſo ſpielt er ſelten den gefühlloſen Wilden. In dem Drama des menſch⸗ lichen Lebens iſt er das Opfer, nicht der Böſewicht. Gleichviel wo ſich der Schauplatz befinden mag— in ſeinem Vaterlande oder anderswo— iſt er daran gewöhnt worden, die Rolle des Dulders zu ſpielen, und dennoch iſt ſeine Seele frei von Wildheit oder Groll. In der ganzen Welt giebt es kein gutmüthi⸗ geres Herz als das, welches in der Bruſt des afri⸗ kaniſchen Schwarzen ſchlägt. Der Gelbe Jake war niederträchtig, ohne dazu gereizt worden zu ſein. Grauſamkeit war ſeiner Ge⸗ müthsart angeboren— ohne Zweifel angeerbt. Er war ein ſpaniſcher Mulatte— das heißt väterlicher⸗ ſeits von ſpaniſchem Blute— mütterlicherſeits Neger. Sein Vater hatte ihn an den meinen verkauft. Sklavenmutter— Sklavenſohn. Die Freiheit des Vaters berührt ſein Kind in dieſem Falle nicht. Unter den ſchwarzen und rothen Racen Amerika's folgt das Kind dem Schickſale der Mutter. Nur eine Mutter von kaukaſiſcher Race kann die Mutter weißer Menſchen ſein.. Es gab auf der Pflanzung noch einen Jakob, daher der unterſcheidende Spitzname„Gelber Jake.“ 2 8 —— — 21— Der andere war der„Schwarze Jake“ und blos in Bezug auf Alter und Körpergröße beſtand eine Aehnlichkeit zwiſchen den Beiden. Hinſichtlich ihrer Gemüthsart unterſchieden ſie ſich ſogar noch mehr von einander, als durch ihre Farbe. Wenn der Gelbe Jake die hellere Farbe hatte, ſo hatte dagegen der Schwarze Jake das leichtere Herz. Ihre Geſichter zeigten einen vollſtändigen Contraſt— den Contraſt zwiſchen einem mürriſchen Stirnrunzeln und einem heiteren Lächeln. Die weißen Zähne des Letzteren waren ſtets in einem Lächeln eingefaßt; der Erſtere dagegen lächelte nur, wenn er unter dem Einfluſſe irgend eines boshaften Antriebes ſtand. Der Schwarze Jake war ein Virginier. Er war Einer von Jenen, welche ſchon zu der alten Pflan⸗ zung gehörten— er war mit ſeinem Herrn fortge⸗ zogen und fühlte jene Bande der Anhänglichkeit, welche in vielen Fällen zwiſchen Herren und Sklaven be⸗ ſtehen. Er betrachtete ſich als ein Mitglied unſerer Familie und war ſtolz darauf, unſeren Namen zu tragen. Wie alle in Altvirginien geborenen Neger war er ſtolz auf ſeine Geburt. In Bezug auf Kaſte behauptet der„Vaginny⸗ Nigger“ den Vorrang vor allen andern. Von ſeiner Farbe abgeſehen war der Schwarze Jake nicht häßlich. Seine Züge waren ſo Bun wie — 22— die des Mulatten. Er beſaß weder die dicken Lippen, noch die platte Naſe, noch die zurücktretende Stirn ſeiner Race— denn dieſe charakteriſtiſchen Kennzei⸗ chen ſind nicht allgemein. Ich habe Neger von reinem afrikaniſchem Blute mit vollkommen regelmäßigen Zügen gekannt und ein ſolcher war der Schwarze Jake. Was ſeinen Wuchs betraf, ſo konnte er für den äthio⸗ piſchen Apollo gelten. Es gab eine Perſon, welche ihn ſchön fand, ſchöner als ſeinen gelben Namensvetter. Dieſe war die Quadronin Viola, die Schönheit der Pflanzung. Um Viola's Hand hatten die beiden Jake's ſich lange als Nebenbuhler beworben, Beide hatten eifrig ge⸗ ſucht, ihr ein Lächeln abzugewinnen— etwas launen⸗ haft war dieſes Lächeln, denn Viola war nicht frei von Koketterie— endlich aber hatte ſie eine entſchie⸗ dene Bevorzugung des Schwarzen Jake an den Tag gelegt.„ 4 Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Eiferſucht zwiſchen dem Neger und dem Mulatten herrſchte— von Seiten des Letzteren grimmiger Haß gegen ſeinen Nebenbuhler, welcher Haß nun durch Viola's Ent⸗ ſcheidung noch wilder entflammt ward. 4 Mehr als einmal hatten die Beiden ihre Kräfte gegen einander gemeſſen und bei jeder Gelegenheit war der Schwarze Sieger geblieben. Vielleicht ver⸗ +— — — 23— dankte er dieſer Urſache mehr als ſeiner perſönlichen Erſcheinung das Lächeln Viola's. In der ganzen Welt und zu allen Zeiten hat die Schönheit ſich vor Muth und Stärke gebeugt. Der Gelbe Jake war unſer Holzhauer; der Schwarze Jake dagegen der Pfleger der Pferde und „Maſſa's“ Kutſcher. Die Geſchichte der beiden Jake's— ihrer Liebe und ihrer Eiferſüchteleien— iſt eine ganz alltägliche Sache in der petite politique des Plantagenlebens. Ich habe ſie ausgewählt, nicht wegen eines beſonderen Intereſſes, welches ſie beſitzen kann, ſondern weil ſie zu einer Reihe von Ereigniſſen führte, welche auf meine eigene ſpätere Geſchichte einen wichtigen Ein⸗ fluß äußerten. Das erſte dieſer Ereigniſſe war folgendes. Der Gelbe Jake war, brennend vor Eiferſucht über den Erfolg ſeines Nebenbuhlers, hämiſch gegen Viola geworden. Als er ihr zufällig in dem Walde und weit von dem Hauſe entfernt begegnete, hatte er ihr eine ſchmachvolle Beleidigung zugefügt. Der Groll hatte ihn rückſichtslos gemacht. Das rechtzei⸗ tige Hinzukommen meiner Schweſter hatte ihn abge⸗ halten, Gewalt zu gebrauchen, aber die Abſicht konnte nicht überſehen werden, und hauptſächlich durch den Einfluß meiner Schweſter ward der Mulatte beſtraft. Es war dies das erſte Mal, daß der Gelbe Jake eine Züchtigung erhalten, obſchon nicht das erſte Mal, daß er eine verdient hatte. Mein Vater war nachſichtig gegen ihn geweſen, zu nachſichtig, ſagten Alle. Er hatte ihm oft verziehen, wenn er ſich Feh⸗ ler— ja ſogar Verbrechen hatte zu Schulden kom⸗ men laſſen. Mein Vater war von ruhiger Gemüthsart und hegte einen außerordentlichen Widerwillen gegen An⸗ wendung des äußerſten Mittels— der Peitſche, aber in dieſem Falle hatte meine Schweſter mit Beharr⸗ lichkeit die Nothwendigkeit einer Züchtigung vorſtellig gemacht. Viola war ihre Zofe und das ſchändliche Benehmen des Mulatten durfte nicht überſehen werden. Dieſe Züchtigung heilte ihn nicht von ſeinem Hange zum Böſesthun. Kurz darauf ereignete ſich ein Vorfall, veicher bewies, daß er rachſüchtig war. Das niedliche j junge Reh meine Schweſter ward an dem Ufer des Seces todt gefunden. An irgend einer natürlichen Urſache konnte es nicht geſtorben ſein, denn nur erſt eine Stunde vorher hatte man es noch friſch und munter auf dem Raſenplatze umherſpringen ſehen. Ein Kro⸗ kodil konnte es nicht gethan haben und ein Wolf auch nicht. Es war weder ein Biß noch ein Ritz daran — zu ſehen und keine Spur von Blut da. Es mußte alſo nothwendig erdroſſelt worden ſein. Und es war auch wirklich erdroſſelt worden, wie ſich in der Folge ergab. Der Gelbe Jake hatte es gethan und der Schwarze Jake hatte ihn dabei ge⸗ ſehen. Von dem Orangenwäldchen aus, wo Letzterer zufällig arbeitete, war er Zeuge des tragiſchen Auf⸗ trittes geweſen und ſeine Ausſage hatte für den Mu⸗ latten eine zweite Anzahl Peitſchenhiebe zur Folge. Ein drittes Ereigniß folgte dicht auf dieſes, ein Streit zwiſchen dem Neger und dem Mulatten, der bald in Thätlichkeiten ausartete. Er war von dem Letztern geſucht worden, um ſich zugleich an ſeinem Nebenbuhler und dem Augenzeugen ſeines letzten Verbrechens zu rächen. Dieſer Streit endete nicht mit bloßen Schlägen. Der Gelbe Jake zog mit einem Inſtinkt, den er von ſeinem ſpaniſchen Vater geerbt, ſein Meſſer und brachte ſeinem unbewaffneten Gegner eine ſchwere Wunde bei. Dies Mal fiel die Strafe härter aus. Ich war ſelbſt höchſt aufgebracht, denn der Schwarze Jake war meine Leibwache und mein Liebling. Obſchon ſeine Haut ſchwarz und ſein Verſtand nur wenig ausge⸗ bildet war, ſo machte ihn ſeine heitere Gemüthsart doch zu einem angenehmen Geſellſchafter. Er war in der That der auserwählte Geſpiele meines Knaben⸗ — 26— alters— mein Kamerad auf dem Waſſer und in dem Walde. Die Gerechigkeit verlangte Genugthuung und der Gelbe Jake ward dies Mal ſehr hart gezüchtigt. Die Strafe erwies ſich abermals als nutzlos. Er war unverbeſſerlich. Der dämoniſche Geiſt war zu ſtark in ihm— er war ein Theil ſeiner Natur. Viertes Kapitel. Die Hommocks. Dicht vor der Orangerie befand ſich eine jener eigenthümlichen Formationen des Bodens, welche, wie ich glaube, nur in Florida anzutreffen ſind. Ein kreisrundes Becken, gleich einer ungeheuern Zuckerſiedepfanne, öffnet ſich in der Erde, viele Fuß tief mit einem Durchmeſſer von fünfzig und mehr Schritten. Auf dem Boden dieſes Beckens ſieht man mehrere Vertiefungen von der Größe und dem An⸗ ſehen gegrabener Brunnen, regelmäßig cylinderför⸗ mig, ausgenommen da, wo die Wände eingefallen ſind oder die felſige Scheidewand zwiſchen ihnen nach⸗ gegeben hat, in welchem Falle ſie einer ungeheuern Honigwabe mit zerbrochenen Zellen gleichen. Die Brunnen werden zuweilen trocken gefunden,. 4 v häufiger aber befindet ſich Waſſer auf dem Boden, wel⸗ ches oft auch den großen Behälter ſelbſt anfüllt. Solche natürliche Becken ſind, obſchon ſie in der Mitte von Ebenen vorkommen, ſtets theilweiſe von Anhöhen und einzelnen Maſſen von muſchelhaltigen Felſen umgeben. Alle dieſe ſind von einem immer⸗ grünen Dickicht von einheimiſchen Bäumen, wie zum Beiſpiel Magnolia grandiflora, grünem Lorbeer, Zan- thoxylon, Lebenseiche, Maulbeerbaum und mehreren Gattungen von Fächerpalmen(Palmetten) bedeckt. Zuweilen findet man dieſe ſchattigen Dickichte unter den Bäumen der Tannenwälder, zuweilen aber zeigen ſie ſich auch mitten in den grünen Savanna's wie Inſeln im Ocean. Dies ſind die Hommocks von Florida— ſo berühmt in der Geſchichte ſeiner Indianerkriege. Einer von dieſen Hommocks befand ſich alſo dicht außerhalb der Orangerie. Gruppen von Mu⸗ ſchelfelſen bildeten einen Halbkreis um ſeinen Rand und das dunkle Laubwerk der immergrünen Bäunie von den obenerwähnten Gattungen bildete die Dra⸗ perie. Das in dem Becken enthaltene Waſſer war ſüß und durchſichtig, und 38 zunten in ſeinen kryſtallenen Tiefen ſah man golde und rothe Fiſche mit gelben „ 2 — 29— X Streifen und viele andere Varietäten, die ſich den ganzen Tag über bunt durcheinander tummelten. Das Becken war in der That ein natürlicher Fiſchteich und überdies ward es auch als der Fami⸗ lienbadeort benutzt, denn unter der heißen Sonne Florida's iſt das Bay eben ſo ſehr ein Bedürfniß als ein Hochgenuß. Von dem Hauſe her näherte man ſich dieſem Waſſerbecken vermittelſt eines ſandigen Weges, der quer durch die Orangerie führte, und einige große flache Steine ſetzten den Badenden in den Stand, bequem in das Waſſer hinabzuſteigen. Natürlich ward blos den weißen Mitgliedern der Familie der Zutritt zu dieſem reizenden Heiligthume geſtattet. Außerhalb des Hommock ſtreckten ſich die ange⸗ bauten Felder, bis ſie in der Ferne von dunklen Cy⸗ preſſen und weißen Cedernwäldern begränzt wurden — einer Art von undurchdringlichem Moraſt, welcher das Land meilenweit jenſeits bedeckte. Auf der einen Seite der Plantagenfelder befand ſich eine weite Ebene mit Raſen bedeckt und ohne Einhegung irgend einer Art. Dies war die Sa⸗ vanna, eine natürliche Wieſe, wo die Pferde und Rinder der Pflanzung weideten. Auch Rehe zeigten ſich oft auf dieſer Ebene A ſo wie Schwärme von wilden Truthühnern. — 30— Ich ſtand gerade in dem Lebensalter, wo man die Jagd liebgewinnen lernt. Wie die meiſten jun⸗ gen Leute der ſüdlichen Staaten, welche wenig An⸗ deres zu thun haben, war die Jagd meine Hauptbe⸗ ſchäftigung und ich liebte ſie leidenſchaftlich. Mein Vater hatte mir ein Paar prächtige Hunde verſchafft, und es war ein Lieblingszeitvertreib von mir, mich in dem Hommock zu verſtecken, auf die Rehe und Truthühner, wenn ſie ſich näherten, zu lauern und ſie dann über die Savanna zu hetzen. Auf dieſe Weiſe machte ich hinſichtlich beider Wildgattungen manchen Fang, denn das wilde Truthuhn kann mit raſchen Hunden ſehr leicht niedergehetzt werden. Die Stunde, zu welcher ich gewohnt war, mich dieſer Beluſtigung zu widmen, war früh am Morgen, noch ehe Jemand von der Familie aufgeſtanden war. Dies war die beſte Zeit, um das Wild auf der Sa⸗ vanna zu finden. 3 Eines Morgens begab ich mich wie gewöhnlich auf den Anſtand in dem Dickicht. Ich kletterte auf einen Felſen, deſſen flacher Gipfel mir ſowohl als meinen Hunden geſtattete, feſten Fuß zu faſſen. Von dieſem hohen Standpunkte aus hatte ich die Ausſicht auf die ganze Ebene und konnte jeden Gegenſtand . 5 beobachten, der ſich vielleicht darauf bewegte, während ich ſelbſt vor jeder Beobachtung geſchützt war. * —-— — 31— Die breiten Blätter der Magnolia bildeten eine Laube um mich herum und ließen eine Oeffnung, durch welche hindurch ich recognosciren konnte. An dieſem beſondern Morgen war ich vor Son⸗ nenaufgang angelangt. Die Pferde waren noch in ihren Ställen und die Rinder noch in der Einhegung. Selbſt von den Rehen war die Savanna verlaſſen, wie ich auf den erſten Blick bemerkte. Auf der gan⸗ zen weiten Fläche war nicht ein einziges zu ſehen. Ich ärgerte mich ein wenig, als ich dies bemerkte. Die Mutter erwartete an dieſem Tage Beſuch. Sie hatte den Wunſch ausgeſprochen, zum Diner Wild⸗ pret zu haben. Ich hatte ihr verſprochen, daß ſie deſſen bekommen ſollte, und als ich die Savanna leer ſah, fühlte ich mich daher in meiner Erwartung ge⸗ täuſcht. Ich war aber auch ein wenig überraſcht, denn der Anblick war ein ſehr ungewöhnlicher. Faſt jeden Morgen gab es auf einem oder dem andern Punkte dieſes umfangreichen Weideplatzes einige Hirſche oder Rehe.— War ſchon ein Jäger vor mir dageweſen? Höchſt wahrſcheinlich. Vielleicht der junge Ringzold von der nächſten Plantage, oder vielleicht einer von jenen indianiſchen Jägern, welche niemals zu ſchlafen ſcheinen.—* d — 32— Ganz gewiß war ſchon Jemand an Ort und Stelle geweſen und hatte das Wild hinweggeſcheucht. Die Savanna war ein freies Revier, und Jeder, der Luſt hatte, konnte darauf jagen oder ſein Vieh weiden laſſen. Es war ein gemeinſames Terrain, welches keiner einzelnen der Pflanzungen angehörte — noch nicht angekauftes Regierungsland. Ganz ge⸗ wiß war Ringzold dageweſen, oder auch vielleicht der alte Hickman, der Krokodiljäger, welcher an der Grenze unſerer Pflanzung wohnte. Oder war mir vielleicht ein Indianer von dem andern Ufer des Fluſſes zu⸗ vorgekommen? Durch ſolche Vermuthungen ſuchte ich mir die Abweſenheit des Wildes zu erklären. Ich ärgerte mich. Nun war ich nicht im Stande, mein Verſprechen zu halten und es gab zum Diner kein Wildpret. Einen Truthahn erlangte ich vielleicht noch, denn die Stunde, wo dieſe gejagt wurden, war noch nicht da. Ich hörte ſie von den hohen Baum⸗ wipfeln rufen— ihr lautes„Kauderkauder!“ ward deutlich aus der Ferne durch die ſtille Morgenluft zu mir herübergetragen. Aus dieſen machte ich mir aber Nichts— unſere Speiſekammer war damit ſchon reichlich verſehen. Ich hatte am Tage vorher ein Paar erlegt. Mehr brauchte ich nicht— aber Wild⸗ pret brauchte ich. ———— . Fellſen zu bleiben. — 33— Um es mir zu verſchaffen, mußte ich nothwendig eine andere Methode als die Hetzjagd verſuchen. Ich hatte meine Büchſe bei mir; ich konnte eine ſogenannte ſtille Jagd im Walde verſuchen oder, noch beſſer, ich konnte den Weg nach der Hütte des alten Hickman einſchlagen. Dieſer konnte mir vielleicht aus meiner Verlegenheit helfen. Vielleicht war er ſchon jagen geweſen. Wenn dem ſo war, ſo hatte er ganz gewiß Wildpret nach Hauſe gebracht. Dann konnte ich mir eine Quantität von ihm verſchaffen und mein Verſprechen halten. Die Sonne ließ eben ihre Scheibe am Horizonte hervortreten. Ihre Strahlen trafen die Wipfel der fernen Cypreſſen, deren hellgrüne Blätter wie ver⸗ goldet glänzten. Ich warf noch einen Blick auf die Savanna, ehe ich von meinem hohen Standpunkte herabſtieg. Mit dieſem Blicke aber ſah ich Etwas, was niich bewog, meinen Entſchluß zu ändern und auf dem Eine Heerde Rehe kam von dem Rande des Cypreſſenwaldes her— an der Ecke, wo der Latten⸗ zaun die Savanna von den angebauten Feldern trennte. 6 „Ha!“ dachte ich,„die haben ſich an den juuigen * Maispflanzen ein Gütliches gethan!“ Dceola. J. 3 3 3 4 Ich richtete meine Augen nach dem Punkte, wo ſie, wie ich glaubte, aus den Feldern heraus gekommen waren. Ich wußte, daß an dieſer Ecke eine Lücke in der Umzäunung war, die durch bewegliche Querlatten geſchloſſen werden konnte. Ich konnte ſie von meinem Standpunkte aus ſehen, bemerkte aber jetzt, daß die Querlatten auch wirklich geſchloſſen waren. Die Rehe konnten alſo nicht in den Feldern geweſen ſein. Daß ſie über den Verſchluß oder über den Zaun ge⸗ ſprungen ſeien, war nicht wahrſcheinlich. Der Zaun war ſehr hoch und oben mit kreuzweis angebrachten „Reitern“ verſehen. Der Lattenverſchluß war eben ſo hoch, wie der übrige Zaun. Die Rehe mußten alſo wohl aus dem Walde kommen. Auf dieſe Wahrnehmung folgte ſofort eine andere. Die Thiere rannten ſehr ſchnell, als ob ſie durch die Gegenwart eines Feindes beunruhigt würden. War denn ein Jäger hinter ihnen? Der alte Hickman? Ringzold? Oder wer ſonſt? Ich ſchaute begierig hin und ließ meine Augen an dem ganzen Rande des Gehölzes hinſchweifen, ſah aber eine Weile lang Niemand. „Ein Luchs oder ein Bär hat ſie vielleicht auf⸗ geſcheucht,“ dachte ich.„Wenn dies der Fall iſt, ſo werden ſie nicht weit gehen, dann habe ich noch — 35— Ausſicht, mit meinen Hunden Etwas zu erjagen. Vielleicht—“ Meine Betrachtungen wurden zu einem plötz⸗ lichen Ende gebracht, indem ich jetzt gewahrte, was die Flucht der Rehe veranlaßt hatte. Es war weder ein Bär, noch ein Luchs, ſondern ein menſchliches Weſen. Ein Mann trat eben aus dem dunkeln Schatten der Cypreſſen hervor. Die Sonne berührte jetzt erſt die Wipfel der Bäume, aber es war unten ſchon hell genug, um die Geſtalt eines Mannes zu ſehen— ja noch mehr— zu erkennen, wer es war. Es war weder Ringzold, noch Hickman, noch auch ein Indianer. Die Kleidung kannte ich wohl— die blauen Hoſen, das geſtreifte Hemd, den Palmettohut. Dieſe Klei⸗ dung war die, welche unſer Holzhauer trug. Der Mann war der Gelbe Jake. Fünftes Kapitel. Der Mulatte und ſein Begleiter. Nicht ohne einige Ueberraſchung machte ich dieſe Entdeckung. Was machte der Mulatte zu dieſer Stunde im Walde? Es wan nicht ſeine Gewohnheit, ſo fleißig zu ſein— im Gegentheile war es ſtets ſchwierig, ihn zu ſeiner Arbeit aufzurütteln. Er war kein Jäger— er fand keinen Geſchmack daran. Ich ſah ihn nie einem Wild nachgehen, obſchon er, weil er fortwährend im Walde war, die Schlupfwinkel und Gewohnheiten jedes darin wohnenden Thieres genau kannte. Was machte er alſo an Neſem Morgen ſchon außer dem Hauſe?. Ich blieb auf meinem erhabenen Standpunkte, zum ihn zu belauern, während ich auch gleichzeitig Le Rulhnind im Auge behielt. — 372— Es ward bald klar, daß der Mulatte nicht dieſem nachging; denn als er aus dem Walde heraus kam, ging er am Rande deſſelben hin, und zwar in einer Richtung, welche der, in welcher die Rehe ſich bewegten, entgegengeſetzt war. Er ging ſtracks auf die Oeffnung zu, welche in das Maisfeld hineinführte.. Ich bemerkte, daß er ſich langſam und in ge⸗ duckter Haltung bewegte. Es ſchien mir, als befände ſich ein Gegenſtand zu ſeinen Füßen. Es ſchien ein Hund zu ſein, aber ein ſehr kleiner. Vielleicht ein Opoſſum, dachte ich. Das Thier war von weißlicher Farbe, wie dieſe Geſchöpfe gewöhnlich ſind; in ſo großer Ferne aber konnte ich zwiſchen einem Opoſſum und einem kleinen Hunde nicht unterſcheiden. Dennoch glaubte ich, es ſei ein Opoſſum, welches er im Walde gefangen habe und jetzt an einer Schnur mit ſich fortführe. In all' dieſem Benehmen lag durchaus nichts Auffallendes oder Unwahrſcheinliches. Der Mulatte hatte vielleicht am Tage vorher eine Opoſſumhöhle entdeckt und dem Thiere eine Falle geſtellt. Es konnte ſich in der Nacht gefangen haben und er war nun damit auf dem Heimwege. Das Einzige, was mich überraſchte, war, daß „ der Kerl Jäger geworden war; doch erklärte ich mtr — 38— dies durch eine anderweite Hypotheſe. Ich beſann mich, wie gern die Neger das Fleiſch des Opoſſums eſſen, und der Gelbe Jake machte keine Ausnahme von dieſer Regel. Vielleicht hatte er am Tage vorher geſehen, daß dieſes mit leichter Mühe zu erlangen war, und beſchloſſen, ſich dieſen Braten zu verſchaffen. Aber warum transportirte er es nicht auf ge⸗ eignete Weiſe? Er ſchien es zu führen oder vielmehr zu zerren— denn ich wußte, daß dieſes Thier ſich nicht führen läßt, und dann und wann bemerkte ich, daß er ſich darauf niederbeugte, wie um es zu lieb⸗ koſen. 1 Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. Ein Opoſſum konnte es nicht ſein. 8 Ich beobachtete den Mulatten ſcharf, bis er der Oeffnung des Zauns gegenüber kam. Ich erwartete, ihn über die Latten ſteigen zu ſehen, weil der nächſte Weg nach dem Hauſe durch das Maisfeld führte. Allerdings ging er in das Feld hinein; zu meinem Erſtaunen aber ſah ich ihn, anſtatt nach der gewöhn⸗ lichen Weiſe darüber klettern, eine Latte nach der andern herausziehen, bis zu der allertiefſten. Ueber⸗ dies bemerkte ich auch, daß er die Latten auf die Seite warf, ſo daß die Lücke vollſtändig offen blieb. * Dann ging er hindurch, bewegte ſich in derſelben ¹ — geduckten Haltung in den Mais hinein und ver⸗ ſchwand hinter den breiten Halmen der jungen Maispflanzen. Eine Weile ſah ich Nichts mehr von ihm oder dem weißen Gegenſtande, den er auf ſo eigenthüm⸗ liche Weiſe hinter ſich herzerrte. Ich wendete meine Aufmerkſamkeit den Rehen zu. Dieſe hatten ihren Schrecken vergeſſen und ziemlich in der Mitte der Savanna Halt gemacht, wo ſie jetzt ruhig weideten. Aber ich konnte nicht umhin, über dieſe ſonder⸗ baren Manövres nachzudenken, deren Augenzeuge ich ſo eben geweſen, und abermals richtete ich meine Augen nach dem Platze, wo ich den Mulatten zuletzt geſehen. Er war immer noch unter den Maispflanzen. Ich konnte Nichts von ihm ſehen, aber in dieſem Augenblicke ruheten meine Augen auf einem Gegen⸗ ſtande, der ſie mit neuer Ueberraſchung erfüllte. Gerade an dem Punkte, wo der Gelbe Jake aus dem Walde heraus gekommen war, bewegte ſich jetzt etwas Anderes und kam ebenfalls auf die offene Savanna heraus. Es war ein dunkler Gegenſtand, und nach ſeiner zur Erde niedergebeugten Stellung ſchien es ein 2 — 10— Mann zu ſein, der auf den Händen vorwärts kroch und die Beine nachſchleppte. Einige Augenblicke lang glaubte ich wirklich, es ſei ein Menſch— nicht ein weißer Mann— ſon⸗ dern ein Neger oder ein Indianer. Die Taktik war indianiſch, aber wir lebten in Frieden mit dieſen Leuten, und warum hätte einer von ihnen auf dieſe Weiſe dem Mulatten nachſpüren ſollen? Ich ſage: nachſpüren, denn die Haltung und Bewegungen, mochte nun das Geſchöpf, welches ich ſah, ſein, was es für eines wollte, verriethen deutlich, daß es genau denſelben Weg verfolgte, welchen der Gelbe Jake ſo eben gegangen war. War es der Schwarze Jake, der ihm nachſchlich? Dieſer Gedanke drängte ſich mir plötzlich auf. Ich entſann mich der Blutrache, welche zwiſchen ihnen beſtand. Ich gedachte des Kampfes, bei welchem der Gelbe Jake von ſeinem Meſſer Gebrauch gemacht. Allerdings war er geſtraft worden, aber nicht von dem Schwarzen Jake ſelbſt. Suchte der Letztere ſich jetzt perſönlich zu rächen?— Dies hätte als die leichteſte Erklärung des Auf⸗ tritts, welcher mich ſo verblüffte, gelten können, wenn es nicht ſehr unwahrſcheinlich geweſen wäre, daß der Schwarze auf ſolche Weiſe handeln würde. Ich konnte nicht glauben, daß der edelmüthige Neger auf gemeine 3. — 41— Weiſe ſich wieder abzufinden ſuchen würde, wie rach ſüchtig er ſich auch gegen einen Menſchen fühlen mochte, der ihn auf ſo meuchleriſche Weiſe ange⸗ griffen. Es ſtimmte dies nicht mit ſeinem Charakter überein. 3 Nein. Er konnte es nicht ſein, der ſo aus dem Gebüſch herausgekrochen kam. Weder er, noch ſonſt Jemand. In dieſem Augenblicke blitzte die goldene Sonne über die Savanna. Ihre Strahlen ſtreiften den grünen Raſen und beleuchteten die Bäume bis zu den Wurzeln herab. Die dunkle Geſtalt kam aus dem Schatten heraus und nahm die Richtung nach dem Maisfelde. Der lange zur Erde niedergebeugte Körper glitzerte in der Sonne wie ein Schuppen⸗ panzer! Nun war er leicht zu erkennen. Es war kein Neger— kein Indianer— überhaupt kein Menſch, ſondern die ſcheußliche Geſtalt eines Alligators! Sechſtes Kapitel. Der Alligator. Für Jemanden, der an den Ufern eines Fluſſes von Florida erzogen— ich möchte faſt ſagen, geboren worden, liegt in dem Anblicke eines Alligators nichts ſehr Merkwürdiges. Auch nicht etwas ſehr Schreck⸗ liches, denn ſo häßlich der große Saurier auch iſt— ſicherlich iſt ſeine Geſtalt die widerwärtigſte in dem ganzen Thierreiche— ſo wird er doch von Denen, welche ihn am beſten kennen, am wenigſten gefürchtet. Dennoch aber nähert man ſich ihm ſelten ohne ein gewiſſes Gefühl von Furcht. Wer ſeinen Schlupf⸗ winkeln und Gewohnheiten fremd iſt, verabſcheut und flieht ihn, und ſelbſt der Eingeborene— mag er ein Rother, ein Weißer oder ein Schwarzer ſein — deſſen Heinath an den Sumpf und die Lagune — 43— grenzt, nähert ſich dieſer rieſigen Eidechſe mit Vorſicht. Einige Stubengelehrte haben behauptet, daß der Alligator den Menſchen nicht angreife, und dennoch geben ſie zu, daß er Pferde und Hornvieh zerreißt. Eine gleiche Behauptung wird hinſichtlich des Jaguars und des Vampyrs aufgeſtellt. Seltſame Behauptungen im Angeſichte von tau⸗ ſend Zeugniſſen, welche das Gegentheil beweiſen! Allerdigs iſt es wahr, daß der Alligator den Menſchen nicht alle Mal angreift, wenn eine Ge⸗ legenheit ſich dazu darbietet; dies thut auch der Löwe, ja ſogar der Tiger nicht— aber ſelbſt der falſche Büffon würde kaum ſo kühn ſein, zu behaupten, der Alligator ſei unſchädlich. Wenn man eine Liſte von den menſchlichen Weſen aufſtellen könnte, welche ſeit den Tagen Columbus' der Gefräßigkeit dieſes Thieres zum Opfer gefallen ſind, ſo würde eine enorme Zahl heraus kommen, ganz gewiß eben ſo groß wie die der in demſelben Zeitraume durch den indiſchen Tiger oder afrikaniſchen Löwen gefallenen Opfer. Hum⸗ boldt erhielt während ſeines kurzen Verweilens in Südamerika Kenntniß von vielen derartigen Fällen, und ich für meine Perſon kenne mehr als einen Fall von wirklichem Tode und viele von zerriſſenen Gliede. — 44— maßen in Folge der Thätigkeit der Kinnladen des amerikaniſchen Alligators. Es giebt viele Gattungen, ſowohl von dem Kaiman oder Alligator als von dem eigentlichen Krokodil, in den Gewäſſern des tropiſchen Amerika. Sie ſind mehr oder weniger wild und daher rührt der Unterſchied in den Erzählungen der Reiſenden hinſichtlich ihrer Gefährlichkeit. Sogar eine und die⸗ ſelbe Gattung in zwei verſchiedenen Flüſſen iſt nicht immer von einerlei Dispoſition. Dieſe wird durch äußere Umſtände beſtimmt, eben ſo wie dies auch bei andern Thieren der Fall iſt. Größe, Klima, Kolo⸗ niſation, Alles äußert ſeine Wirkung, und was viel⸗ leicht noch ſonderbarer erſcheint, ihre Gefährlichkeit richtet ſich nach dem Charakter der Menſchenrace, welche zufällig in ihrer Nähe wohnt! In manchen der ſüdamerikaniſchen Flüſſe, deren Ufer die Heimath des ſchlechtbewaffneten trägen In⸗ dianers ſind, zeigen ſich die Kaimans außerordentlich kühn, und es iſt gefährlich, ſich ihnen zu nähern. Gerade ſo waren ihre Vettern, die Alligatoren des Nordens, bis der rüſtige Hinterwäldler mit ſeiner Axt in der einen und die Büchſe in der andern Hand ſie lehrte, die aufrechte Geſtalt zu fürchten— ein Beweis, daß dieſe kriechaßden Geſchöpfe einen gewiſſen Grad von „ Perſtand beſitzen. — 45b— Selbſt noch dieſe Stunde kann man ſich in vielen der Sümpfe und Ströme Florida's ausgewachſenen alten Alligatoren nicht ohne Gefahr nähern. Dies iſt beſonders der Fall während der Brunſtzeit, und noch mehr da, wo dieſe Reptilien fern von menſch⸗ lichen Wohnungen angetroffen werden. In Florida giebt es Flüſſe und Lagunen, wo ein Schwimmer nicht mehr Ausſicht hätte, leben zu bleiben, als wenn er ſich in ein Meer voll Haifiſche ſtürzte. Trotz all dieſem aber bringt die Gewohnheit den Menſchen ſo weit, daß er ſelbſt wirkliche Gefahr als etwas Uner⸗ hebliches betrachtet, beſonders wenn dieſe Gefahr faſt ununterbrochen iſt, und der Bewohner des Cypreſſen⸗ und Cedernſumpfes iſt gewohnt, die Drohung des häßlichen Alligators ohne große Gemüthsbewegung zu betrachten. Den Eingeborenen von Florida iſt ſeine Anweſenheit nichts Neues und das Kommen oder Gehen des Thieres erregt blos geringes Intereſſe, ausgenommen vielleicht in dem Herzen des ſchwarzen Mannes, der das Fleiſch des Schwanzes genießt, oder des Alligatorjägers, welcher vom Verkauf der Haut lebt. 3. Das Erſcheinen eines ſolchen Thieres am Rande der Savanna würde daher mir weiter nicht aufge⸗ fallen ſein, wenn es nicht wegen ſeinee eigenthüm⸗ lichen Bewegungen eben ſo wie derer geſchehen wäre, .„ 0 — 46— die ich ſo eben auf Seiten des Mulatten bemerkt. Ich konnte nicht umhin, zu glauben, daß ein ge⸗ wiſſer Zuſammenhang zwiſchen beiden beſtünde — auf alle Fälle ſchien es gewiß, daß das Krokodil dem Menſchen folgte! Ob es ihn ſah, oder ob es ſeiner Witterung folgte, konnte ich nicht ſagen. Ich glaubte, das Letztere ſei der Fall, denn der Mulatte war unter die Maispflanzen hinein, ehe der Alligator außerhalb des Gehölzes erſchien, und er konnte ihn kaum ge⸗ ſehen haben, als er die Richtung nach der Oeffnung des Zaunes nahm. Allerdings war es wohl möglich, aber ich glaubte es nicht. Viel wahrſcheinlicher folgte es der Spur; aber ob das Thier fähig ſei, dies zu thun, überlegte ich weiter nicht. Weiter kroch es über den Raſen— über die Ecke der Wieſe hinweg und immer direct auf dem Wege, welchen der Mann genommen. Dann und wann machte es Halt, drückte ſeine Bruſt platt gegen die Erde und blieb einige Secunden lang in dieſer Stellung, als ob es ausruhete. Dann hob es ſeinen Körper beinahe eine Elle hoch und bewegte ſich mit anſcheinender Begier weiter vorwärts, als ob es einer ihm voranſchreitenden anziehenden Gewalt gehorchte. 27 e eh 8 * beiden Punkte trug durchaus nicht daſ bei — 47— Der Alligator kommt auf trockenem Boden nur langſam vorwärts— nicht ſchneller als eine Ente oder Gans. Das Waſſer iſt ſein eigentliches Ele⸗ ment, wo er ſich faſt mit der Schnelligkeit des Fiſches bewegt. Endlich erreichte er die Zaunlücke und nach einer abermaligen Pauſe zog er ſeinen langen, dunkeln Körper in die Einhegung hinein. Ich ſah ihn unter die Maispflanzen gerade an dem Punkte hinein⸗ kriechen, wo der Mulatte verſchwunden war. Natür⸗ lich war er nun meinen Blicken ebenfalls entzogen. Ich zweifelte nicht länger, daß das Ungeheuer dem Manne folge, und eben ſo überzeugt war ich, daß der Letztere wußte, daß es ihm folgte! Wie konnte ich auch an einer oder der andern dieſer Thatſachen zweifeln? Von der erſtern war ich Augenzeuge; von der andern hatte ich umſtändliche Beweiſe. Die eigenthümlichen Stellungen und Ge⸗ berden des Mulatten, ſein Herausziehen der Latten und Offenlaſſen der Lücke; ſein wiederholtes Um⸗ ſchauen, welches ich bemerkt hatte, während er den freien Platz überſchritt— dies waren meine Beweiſe, daß er wußte, wer hinter ihm herkam— daß er es ganz unzweifelhaft wußte. Aber meine Ueberzeugung in Bezug auf dieſe das — 48— Geheimniß aufzuklären— denn ein Geheimniß war es geworden. Ohne Zweifel ward der Alligator durch irgend Etwas nachgelockt, welchem er anſchei⸗ nend nicht im Stande war, zu widerſtehen. Sein begieriges Weiterkriechen war ein augenſcheinlicher Beleg dazu und bewies daß der Mann irgend einen Einfluß auf das Thier ausübte, wodurch es immer weiter geködert ward. Worin aber beſtand dieſer Einfluß? Lockte der Mulatte das Thier durch einen Zauber Obeah's? Ein abergläubiſcher Schauer bemächtigte ſich meiner, während ich mir dieſe Frage vorlegte. Ich hatte in dieſem Augenblicke wirklich ſolche Ideen. Unter Afrikanern aufgewachſen, wie ich war, in den Armen mancher ſchwarzen Amme gewiegt, vielleicht aus ihrer Bruſt genährt, war es nicht zu verwun⸗ dern, wenn mein junges Gemüth von dem Aber⸗ glauben Bonny's und Benie's angeſteckt war. Ich wußte, daß es Alligatoren in dem Cypreſſenſumpfe — in den entlegeneren Stellen deſſelben einige von ungeheuerer Größe gab; wie es aber der Gelbe Jake angefangen hatte, eins derſelben herauszulocken und es zu bewegen, daß es ihm über das trockene ange⸗ baute Feld folgte, dies war ein Räthſel, welches ich mir nicht erklären konnte. Ich konnte mir keine natür⸗ liche Urſache denken und ſah mich daher genöthigt, — 49 zu den Regionen des Zaube meine Zuflucht zu nehme Ich ſtand lange da und ſchaute verwundert zu. Die Rehe waren gänzlich aus meinen Gedanken ent⸗ ſchwunden. Sie weideten unbeachtet. Ich war zu ſehr von den geheimnißvöllen Bewegungen des Mulatten und ſeines amphibiſchen Nachfolgers in Anſpruch genommen. 1t und Unnatürlichen 2 Oceola. J. Siebentes Kapitel. Der Schildkrötentümpel. So lange ſie in dem Maisfelde blieben, ſah ich weder von dem Einen noch von dem Andern Etwas. Die Richtung meines Blickes war im Verhältniſſe zu den Reihen der Halme ein wenig ſchräg. Der Mais war ſchon hoch aufgeſchoſſen und ſeine langen Halme und breiten, lanzenförmigen Blätter würden den Kopf eines Mannes zu Pferde überragt haben.„Ein Dickicht von immergrünen Bäumen wäre für das Auge nicht undurchdringlicher geweſen. Wenn ich ein wenig rechts gegangen wär wäre ich in gerade Linie mit den Maisreihen g men und hätte weit zwiſchen ihnen hinabſchauen ſich und demzufolge mußte dieſe Bewegung d 1 Maishalme durch Jemanden verurſacht werden, der — 51— Dies aber hätte mich aus meiner ſchützenden Laube herausgeführt und der Mulatte hätte dann vielleicht mich geſehen. Aus gewiſſen Gründen wünſchte ich jedoch nicht, daß er dies thun möchte, und ich blieb, wo ich bisher geſtanden hatte. Ich war überzeugt, daß der Mann immer noch weiter in das Feld hineinging und endlich wieder auf den freien Raum herauskommen müſſe. Ein Indigofeld lag zwiſchen dem Hommock und dem Maisfelde. Um ſich dem Hauſe zu nähern, hätte er durch dieſes Indigofeld paſſiren müſſen, und da die Pflanzen nicht viel über zwei Fuß hoch waren, ſo hätte ich nicht verfehlen können, ihn zu bemerken, während er hindurch gekommen wäre. Ich wartete daher mit einem Gefühle von neugieriger Erwartung, während meine Gedanken immer noch einen Anflug von Aberglauben hatten. Er kam langſam vorwärts— ſehr langſam, aber ich wußte, daß er vorwärts ging. Ich konnte ſeine Fortbewegung an einem gelegentlichen Schwan⸗ ken verfolgen, welches ich unter den Blättern und Quaſten des Maiſes bemerkte. Der Morgen war ſtill. Kein Lüftchen nührte 4*. 8 durch ſie hindurchſchritt— natürlich durch den Mu⸗ latten ſelbſt. Daſſelbe weiter zurück bemerkbare Schwanken verrieth, daß der Alligator immer noch folgte. Wieder und wieder bemerkte ich dieſe Bewegung unter den Maishalmen. Es war augenſcheinlich, daß der Mann nicht der Richtung der Reihen folgte, ſondern ſich in ſchräger Richtung hindurch bewegte! Zu welchem Zwecke? Ich konnte es nicht erra⸗ then. Jeder der Zwiſchenräume hätte ihn nach dem Hauſe geführt— wohin er ſich nach meiner Meinung zu begeben beabſichtigte. Warum ſollte er zaher einen ſchwierigern Weg einſchlagen? Erſt ſpäter entdeckte ich den Zweck, den er bei dieſer zickzackförmigen Bewegung hatte. Er war nun faſt bis an den andern Rand des Maisfeldes ge⸗ langt. Das Indigofeld war nicht ſehr breit und er war ſchon ſo nahe, daß ich das Raſcheln der Mais⸗ halme hören konnte, ſo wie dieſelben an eiſtander ſchlugen. Jetzt hörte ich aber auch noch einen andern Ton. Er glich dem Heulen eines Hundes. Ich hörte ihn wieder und nach einem Zwiſchenraume abermals. Es war nicht die Stimme eines völlig 4 ausgewachſenen Hundes, ſondern mehr das matte Gewinfel e eines jungen. 3 4 — auskam, machte er einen Augenblick lang Hal 53— Anfangs glaubte ich, dieſe Töne rührten von dem Alligator her, denn dieſe Thiere geben ſolche Töne von ſich, aber blos ſo lange ſie jung ſind. Das, welches dem Mulatten folgte, war völlig aus⸗ gewachſen und das Gewinſel konnte daher nicht von ihm herrühren. Ueberdies kamen die Töne auch von einem Punkte, der mir näher war— von der Stelle, wo der Mulatte ſelbſt ſich bewegte. Nun fiel mir wieder der weiße Gegenſtand ein, den ich bemerkt hatte, als der Mulatte die Ecke der Savanna überſchritt. Es war alſo nicht ein Opoſſum, ſondern ein junger Hund. 3, Ja) ich hörte den Ton wieder— es war das Winſeln eines jungen Hundes— nichts Anderes. Wenn ich aber auch an dem Zeugniſſe meiner Ohren gezweifelt hätte, ſo würden doch meine Augen mich bald überzeugt haben, denn gerade in dieſem Augenblicke ſah ich den Mann aus dem Maiſe mit einem Hunde an ſeiner Seite herauskommen— einem kleinen weißen Spitze, der noch ziemlich jung zu ſein ſchien. Er führte das Thier an einer Schnur und ſchleppte es halb hinter ſich her. Ich ſah nun den Mann ganz deutlich und überzeugte mich, daß es wirklich unſer Holzhauer, der Gelbe Jake war. Ehe er aus dem ihn bergenden Maisfelde her⸗ deen Indigo weiter zu kriechen. —— „ ob er das vor ihm liegende Terrain recognosciren wollte. Er war auf ſeinen Füßen und in aufrechter Stellung. Welchen Beweggrund er auch haben mochte, ſich zu verbergen, ſo brauchte er doch unter den hohen Maispflanzen ſich nicht zuſammen zu ducken. Der Indigo dagegen verſprach keinen ſo guten Schutz und er überlegte augenſcheinlich, wie er hindurchkom⸗ men ſollte, ohne bemerkt zu werden. Offenbar hatte er einen Beweggrund, ſich zu verbergen— alle ſeine Bewegungen bewieſen dies — aber zu welchem Zwecke, konnte ich nicht errathen. Der Indigo war von der Art, welche unter dem Namen des„ falſchen Guatemala“ bekannt iſt. Es gab mehrere Gattungen, die auf der Plantage gebaut wurden, dieſer aber wuchs am höchſten, und einige der Pflanzen, jetzt in ihrer vollkommenen pur⸗ purnen Blüthe, überragten die Bodenfläche um bei⸗ nahe drei Fuß. Ein Mann, der in aufrechter Haltung hindurchgegangen wäre, hätte natürlich von jedem Punkte des Feldes aus geſehen werden können; aber es war möglich, ſich ſo zu ducken, daß er unbe⸗ merkt durch die Reihen hindurch gehen konnte. Dieſe Möglichkeit ſchien auch dem Holzhauer einzufallen, denn nach einer kurzen Pauſe warf er ſich auf Hände und Kniee nieder und begann durch * — Hier hatte er keine Umzäunung zu paſſiren. 8 Die angebauten Felder waren alle von einer einzi⸗ gen großen Einhegung umſchloſſen und nur eine offene Furche bildete die Scheidelinie zwiſchen den beiden Pflanzenarten. Hätte ich mich mit dem Felde in gleicher Ebene befunden, ſo wäre der Schleicher jetzt meinen Blicken entzogen geweſen; mein erhöheter Standpunkt aber befähigte mich, in die Zwiſchenräume der Reihen hineinzuſehen, und ich konnte jede Bewegung beobach⸗ ten, die er machte. Dann und wann blieb er ſtehen, hob den Hund in die Höhe und hielt ihn einige Secunden lang in den Händen, während welcher Zeit das Thier fort⸗ fuhr zu heulen, als ob es Schmerzen empfände. Als er näher kam und dieſe Operation wieder⸗ holte, ſah ich, daß er den Hund in die Ohren knipp! Fünfzig Schritte hinter ihm zeigte ſich die große Eidechſe, welche jetzt aus dem Mais herauskam. Sie machte auf dem freien Platze kaum eine Pauſe, ſondern folgte beharrlich der Spur und kroch unter den Indigo hinein. In dieſem Augenblicke ging mir ein Licht auf. Ich dachte nicht mehr an die Zaubermacht Obeah's.. * — 56— Das Geheimniß war gelöſ't— der Alligator ward durch das Winſeln des Hundes vorwärts gelockt. Ich hätte ſchon eher daran denken können, denn ich hatte ſchon früher davon gehört. Ich hatte aus guter Quelle— von dem Alligatorjäger ſelbſt, der ſie oft durch dieſen Köder gefangen— vernommen, daß dieſe Thiere einem heulenden Hunde meilenweit durch den Wald folgen und daß beſonders die alten Männ⸗ chen dieſer Gewohnheit ergeben ſind. Hickman glaubte, daß ſie die Stimme des Hundes fälſchlich für die ihrer eigenen Kinder hielten, welche von dieſen un⸗ natürlichen Eltern begierig verſchlungen werden. Abgeſehen aber von dieſem ungeheuerlichen Hange iſt es eine wohlbekannte Thatſache, daß Hunde die Lieblingsbeute des Alligators ſind, und der un⸗ glückliche Spürhund, der ſich, vom Eifer der Jagd getrieben, durch einen Bach oder eine Lagune wagt, iſt ſicher, von dieſen häßlichen Amphibien angegriffen zu werden. 3 Der Alligator ward ſonach durch die Stimme des Hundes vorwärts gelockt, und dies erklärte die große Ueberlandreiſe, welche er machte. Nun beſtand kein Geheimniß mehr— wenig⸗ ſtens nicht in Bezug auf die Art und Weiſe, auf welche der Alligator weiter gelockt ward. Das Einzige, was noch zu erklären war, be⸗— 8 — —. — 557— ſtand darin: Welchen Beweggrund hatte der Mulatte, dieſes eigenthümliche Manövre auszuführen? Als ich ihn ſich auf Hände und Kniee nieder⸗ werfen ſah, glaubte ich, er thäte dies, um ſich dem Hauſe zu nähern, ohne bemerkt zu werden. Während ich aber fortfuhr, ihn zu belauern, ward ich anderer Meinung. Ich bemerkte, daß er öfter und mit größerer Unruhe hinter ſich ſchaute, als ob er blos wünſchte, den Augen des Alligators verborgen zu bleiben. Auch bemerkte ich, daß er häufig die Richtung wechſelte, als ob er beabſichtigte, einen Schirm von den Pflanzen zwiſchen ſich und dem ihm folgenden Alligator zu haben.— Daraus erklärte ſich auch ſeine tzuckfürnige Bewegung durch die Maispflanzen, von der ich bereits geſprochen. Im Grunde genommen war es alſo vielleicht nur ein wunderlicher Einfall, welcher dem Mulatten in den Kopf gekommen war. Er hatte dieſe ſelt⸗ ſame Mode, den Alligator aus ſeinen Schlupfwinkeln zu locken, gelernt— vielleicht hatte der alte Hickman ihm gezeigt wie— oder er war auch beim Holzhauen in den fudfen durch eigene Beobachtung dahinter⸗ gekommen. Führte er aber das Krokodil aus irgend einem excentriſchen Beweggrunde nach dem Hauſe?— um — 58— ees ſeinen Kameraden zu zeigen? oder um einen Kampf zwiſchen demſelben und den Haushunden her⸗ beizuführen?— oder aus einem andeyn ähnlichen Grunde? Ich konnte ſeine Abſicht nicht errathen und würde weiter nicht daran gedacht haben, wenn nicht einige kleine Umſtände geweſen wären, die einen Ein⸗ druck auf mich gemacht hätten. Ich ward von der eigenthümlichen Mühe betrof⸗ fen, welche der Burſche ſich gab, ſeine Abſicht mit Erfolg auszuführen. Er ſparte weder Mühe noch Zeit. Allerdings war heute kein Arbeitstag auf der Pflanzung. Es war Feiertag und die Zeit war ſein; aber es war nicht die Gewohnheit des Gelben Jake, ſo früh ſich aufzumachen, und die Mühe, die er ſich gab, ſtimmte mit ſeiner ſonſtigen Trägheit durchaus nicht überein. Irgend ein ſtarker Beweg⸗ grund mußte ihn zu dieſem Manövre angetrieben haben. Aber welch' ein Beweggrund war dies? Ich dachte darüber nach, aber konnte es nicht ergründen. Und dennoch fühlte ich Unruhe, während ich ihn belauerte. Es war ein unklares Gefühl und ich konnte keinen Grund dafür angeben— ausge⸗ nommen die Thatſache, daß der Mulatte ein ſchlechter Kerl war, und ich wußte, daß man ihm faſt gede 2 4 4 3 Verruchtheit zutrauen konnte. Wenn aber ſeine Ab⸗ ſicht eine ſchlechte war, welche böſe That konnte er mit dem Alligator ausführen? Niemand fürchtete ein ſolches Thier auf trockenem Lande; es konnte Nie⸗ mandem Schaden zufügen. So dachte ich nach und immer noch fühlte ich einige unbeſtimmte Befürchtungen. Ohne dieſes Gefühl hätte ich jedenfalls darauf verzichtet, ſeine Bewegungen weiter zu beobachten, und meine Aufmerkſamkeit lieber der Rehheerde zu⸗ gewendet, welche, wie ich jetzt bemerkte, die Savanna heraufkam und ſich dem Orte meines Verſtecks immer mehr näherte.. Ich widerſtand aber der Verſuchung und fuhr fort, den Mulatten ein wenig länger zu beobachten. Ich blieb nun nicht lange mehr in Ungewißheit. Er war jetzt an dem äußern Rande des Hom⸗ mock angelangt, welchen er aber nicht betrat. Ich ſah ihn um das Dickicht herumbiegen und ſeinen Weg nach der Orangerie weiter fortſetzen. Es war ein Pförtchen an dieſer Ecke, welches er paſſirte und dann hinter ſich offen ließ. In kurzen Zwiſchen⸗ räumen nöthigte er den Hund immer noch, ſein un⸗ freiwilliges Gewinſel auszuſtoßen. Er brauchte jetzt nicht mehr ſehr laut zu heulen, denn der Alligator war jetzt dicht hinter ihm. — 60— hatte einen vollen Ueberblick über das Ungeheuer, als es unter meinem Standpunkte vorüberkroch. Es war keines von den größten, obſchon es mehrere Ellen lang war. Es mochte von der Schnauze bis zur äußerſten Schwanzſpitze zwölf Fuß meſſen. Es tatſchte mit ſeinen breiten Schwimmfüßen auf den Boden, als es ſo weiter kroch. Seine runzlige Haut von bläulich⸗brauner Farbe war mit ſchlüpfrigem Schleime bedeckt, welcher in der Sonne glitzerte, und große Maſſen Sumpfſchlamm hingen in den Vertiefungen zwiſchen ſeinen länglich viereckigen Schuppen. Es ſchien ſehr aufgeregt zu ſein, und ſo oft es die Stimme des Hundes hörte, zeigte es neue Sym⸗ ptome von Wuth. Es richtete ſich auf ſeinen muskel⸗ ſtarken Armen in die Höhe, hob den Kopf hoch em⸗ por— als ob es ſeine Beute ſehen möchte— peitſchte mit ſeinem Schwanze die Luft und ließ ſeinen Körper faſt auf das Doppelte ſeiner natürlichen Dimenſio⸗ nen anſchwellen. Gleichzeitig ließ es aus ſeiner Kehle und ſeinen Nüſtern ein lautes Geräuſch hören, welches dem Rollen fernen Donners glich, und ſein Moſchus⸗ geruch erfüllte die Luft mit einem Dunſte, welcher faſt Uebelkeit erregte. Ein ſcheußlicheres Geſchöpf konnte man ſich ———— —Eſſſ — 6— kaum denken. Selbſt der fabelhafte Drache hätte keinen entſetzlicheren Anblick darbieten können. Ohne anzuhalten, ſchleppte es ſeinen langen Körper durch das Thor, immer noch der Richtung des Winſelns folgend. Die Blätter der Bäume tra⸗ ten nun dazwiſchen und entzogen das fürchterliche Thier meinen Blicken. Ich wendete mein Geſicht nach der entgegenge⸗ ſetzten Richtung— nach dem Hauſe— um die fer⸗ neren Bewegungen des Mulatten zu überwachen. Von meinem Standpunkte aus hatte ich die Ausſicht auf den Waſſerbehälter und konnte ziemlich Alles ſehen, was denſelben umgab. Die innere Seite war ganz beſonders meinen Blicken ausgeſetzt, weil ſie gegenüber lag und man ſich ihr nur durch die Orangerie nähern konnte. ggwiſchen dem Wäldchen und dem Rande des großen Beckens befand ſich ein offener Zwiſchenraum. Hier war ein künſtlicher Teich von nur wenigen Ellen Breite angebracht, der nicht viel Waſſer enthielt, welches mittelſt einer Pumpe aus dem Hauptbehälter hierher befördert ward. Dieſer Teich oder vielmehr dieſe Einhegung war der„ Schildkrötentümpel,“ ein Ort, an welchem Schildkröten gefüttert oder gehegt wurden, um ſtets zum Verſpeiſen bei der Hand zu ſein. Mein Vater hatte die Gewohnheiten der vir⸗ giniſchen Gaſtfreundſchaft beibehalten und in Florida ſind dergleichen Delikateſſen mit leichter Mühe zu erlangen. Die Erhöhung dieſes Schildkrötentümpels bildete den geraden Weg nach dem Waſſerbecken, und als ich mich umdrehete, ſah ich den Gelben Jake darauf und eben im Begriffe, ſich dem Teiche zu nähern. Er trug den Hund noch auf ſeinem Arme, und ich fah, daß er ihn zwang, ein fortwährendes Geheul auszuſtoßen.— Als er die hinabführenden Stufen erreichte, ſtand er einen Augenblick ſtill und ſchaute zurück. Ich be⸗ merkte, daß er in beiderlei Richtung zurückſchauete, — erſtens nach dem Hauſe und dann mit zufriedener Miene in der Richtung, woher er gekomumen war. Ohne Zweifel ſah er den Alligator dicht in der Nähe; denn ohne weiter zu zögern, ſchleuderte er den Hund weit hinüber in das Waſſer, zog ſich dann längs der Einfaſſung des Schildkrötentümpels zurück, ſchlich raſch unter die Orangenbäume hinein und war nun nicht mehr ſichtbar. Der auf dieſe Weiſe plötzlich in den kalten Waſſerbehälter geworfene Hund fuhr fort, ununter⸗ Proochen zu heulen, indem er zugleich das Waſſer heftig mit den Füßen ſchlug, um ſich ſchwimmend zu erhalten. Seine Bemühungen waren von kurzer Dauer. Der nun pon dem ihm wohlbekannten Geräuſche des 4 — 63— plätſchernden Waſſers ſowohl, als von dem Geheule des Hundes geleitete Alligator kroch raſch bis an den Rand und ſprang, ohne einen Augenblick zu zögern, vorwärts in den Teich hinein. Pfeilſchnell ſchoß er bis in die Mitte, faßte das arme Opfer zwiſchen ſeinen knochigen Kinnladen und tauchte augenblicklich unter. Ich konnte eine Zeitlang ſeine ungeheuerliche Geſtalt weit unten in dem durchſichtigen Waſſer ſehen; es dauerte jedoch nicht lange, ſo ging er, von ſeinem Inſtinkte geleitet, in einen der tiefen Brunnen hinein, in deſſen Dunkelheit er den Blicken entſchwand. Derr Behälter war mit t, Lieblinge meiner Schweſte Achtes Kapitel. Die Künigsgeier. „Alſo, mein gelber Freund, das iſt Deine Abſicht!— Du willſt Rache nehmen. Ich werde Dich dafür büßen laſſen, Du heimtückiſcher Schurke! Du ahnteſt nicht, daß Du beobachtet wurdeſt. Ha! Du ſollſt dieſe ſataniſche Liſt bereuen, noch ehe es Abend wird.“ 1 3 So ungefähr ſagte ich bei mir ſelbſt, ſobald ich die Abſicht des von dem Mulatten ausgeführten Manövres begriffen hatte— denn nun verſtand ich es— wenigſtens glaubte ich es. ſchönen Fiſchen angefüllt. bberfiſche, rothe Forellen Sie waren die beſonderen r. Sie liebte ſie ſehr. Es 4 Ee waren Gold⸗ und Si und dergleichen darin. 2öI„ — 67— halb ergründet hatte. Ich war zu jung und zu unſchuldig, um die ſchwarze Bosheit auch nur zu errathen, deren das Menſchenherz fähig iſt. Mein erſter Impuls war, dem Mulatten nach dem Hauſe zu folgen— hier bekannt zu machen, was er gethan— ihn zur Beſtrafung ziehen zu laſ⸗ ſen und dann mit mehrern Leuten zurückzukehren, um den Alligator zu tödten, ehe er großen Schaden unter den Fiſchen anrichten konnte. Gerade in dieſem Augenblicke aber nahmen die Rehe meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Die Heerde — ein gehörnter Bock mit mehrern Kühen— war weidend bis dicht heran an dem Hommock gekommen. Sie waren kaum noch zweihundert Schritte von dem Platze entfernt, auf welchem ich ſtand. Der Anblick war zu verlockend. Ich dachte an das Verſprechen, welches ich meiner Mutter gegeben — ich mußte es halten— das Wildpret mußte auf alle Gefahr hin erlangt werden. Aber es war keine Gefahr vorhanden— der Alligator hatte ſchon ſein Frühſtück zu ſich genom⸗ folgenden Stunden nicht, und was den Gelben Jake betraf, ſo ſah ich, daß er ſich nach dem Hauſe bege⸗ ben hatte. Er war daher jeden Augenblick zu finden * . mien. Mit einem ganzen Hunde im Magen ſtörte. er wahrſcheinlich die Fiſche des Beckens in den nächſt — 68— und ſeine Züchtigung konnte warten bis zu meiner Rückkehr. Während dieſe Gedanken mir durch den Kopf gingen, gab ich meinen erſten Plan auf und wendete meine Aufmerkſamkeit ausſchließlich den Rehen zu. Sie waren noch zu fern für die Tragweite meiner Büchſe und ich wartete eine Weile, in der Hoffnung, daß ſie näher kommen würden. Aber ich wartete vergebens. Das Reh ſcheut ſich vor dem Hommock. Es betrachtet die immer grüne Inſel als ein gefährliches Terrain und hält ſich gewöhnlich fern davon. Es iſt dies auch ganz 3 natürlich, da es von hier aus oft von dem Dröhnen des Indianerbogens oder dem peitſchenähnlichen Knalle der Büchſe des Jägers begrüßt wird. Von hier aus erreicht das tödtliche Geſchoß es ſehr oft. Als ich bemerkte, daß die Rehe nicht näher kamen, ſondern im Gegentheile ſich weiter entfernten, beſchloß ich, ſie zu hetzen, und von dem Felſen herab⸗ gleitend, ſtieg ich durch das Buſchholz bis an den Rand der Ebene hinunter. Als ich den freien Platz erreichte, ſtürzte ich vorwärts, indem ich zugleich die Hunde losließ und ein lautes Geſchrei anſtimmte. 1 3 Es war eine herrliche Jagd— der alte Bock voran, während die Hunde mit wilder Haſt folgten. Ich glaubte niemals ein Reh ſo raſch rennen geſehen 4 — 69— zu haben. Es ſchien, als ob kaum etwa zwanzig Minuten verfloſſen wären, während ſie über die mehr als eine Meile breite Savanna hinwegfegten. Ich hatte eine vollkommene und vollſtändige Ausſicht auf das Ganze. Es war kein Hinderniß da— weder für den Lauf der Thiere noch für das Auge des Beobachters. Das Gras war von den Thieren kurz abgeweidet worden und nicht ein einziger Buſch wuchs auf der grünen Ebene, ſo daß es eine Probe der reinen Geſchwindigkeit zwiſchen Hunden und Rehen war. Dieſe rannten ſo ſchnell, daß ich in Bezug auf das Wildpret Befürchtungen zu hegen begann. Dieſe Befürchtungen aber dauerten nicht lange. Gerade an, dem andern Ende der Savanna endete die Hatz—₰ wenigſtens ſo weit die Hunde und eins der Rehe betheiligt waren. Ich ſah, daß ſie eine Rehkuh niedergeriſſen hatten und dicht neben ihr ſtanden, während der eine ſie bei der Gurgel gepackt hielt. Ich eilte hinzu. Binnen zehn Minuten war ich an Ort und Stelle und nach kurzem Kampfe war das Wildpret getödtet. Ich war zufrieden mit meinen Hunden, mit der Beute und mit meinen eigenen 8. Thaten. Ich freute mich über die Ausſicht, im Stande zu ſein, mein Verſprechen zu halten, und * . 2 4 5 — 70— ich mich triumphirend auf den Heimweg. Als ich mich herumdrehte, ſah ich den Schatten von Flügeln ſich über die ſonnenhelle Savanna bewegen. Ich ſchaute in die Höhe. Zwei große Vögel ſchwebten über mir in der Luft. Sie waren nicht ſehr hoch; auch bemühten ſie ſich nicht, höhey zu ſtei⸗ gen. Im Gegentheile kreiſ'ten ſie in ſpiralförmigen Ringen, welche allmählig immer tiefer zu gehen ſchienen. Auf den erſten Blick fielen mir die Strah⸗ len der Sonne in die Augen und ich wußte nicht, was für Vögel es waren, welche über mir flatterten. Als ich mich herumdrehte, hatte ich die Sonne im Rücken, und ihre Strahlen, welche voll auf das gelbweißliche Gefieder ſielen, ſetzten mich in den Stand, die Gattung zu erkennen. Es waren Königsgeier ddie ſchönſten Vögel ihrer Art, ich möchte faſt ſagen die ſchönſten Vögel, die es überhaupt giebt. Wenigſtens gehören ſie zu denen, welche in der Welt der Ornithologie als die ausgezeichnetſten daſtehen. Dieſe Vögel ſind Eingeborene des Blumenlandes, verirren ſich aber nicht weiter nach Norden. Ihr efenthal ſind die immergrünen Wälder und weiten Savannas von Florida, die Llanos des Orinoco . mit dem erlegten Wilde auf den Schultern machte — 71— und die Ebenen des Apure. In Florida ſind ſie ſelten, obſchon nicht in allen Theilen deſſelben; ihr Erſcheinen aber in der Nähe der Pflanzungen exrregt ein ähnliches Intereſſe wie das, welches durch den Flug eines Adlers erweckt wird. Nicht ſo iſt es mit den andern Geiern— Cathartes aura und atratus— welche beide ſo gewöhnlich ſind wie Krähen. Zum Beweiſe, daß die Königsgeier ſelten ſind, kann ich hier anführen, daß meine Schweſter niemals einen geſehen hatte, ausgenommen in großer Ent⸗ fernung, und doch war dieſe junge Dame zwölf Jahre alt und eine Eingeborene des Landes. Allerdings war ſie noch nicht weit weggekommen, ſelten über die Grenzen der Pflanzung hinaus. Ich entſann mich, daß ſie einmal den ſehnlichen Wunſch zu erkennen gab, einen dieſer ſchönen Vögel in der Nähe zu ſehen. Dieſer Wunſch fiel mir gerade in dieſem Augenblicke ein und erweckte in mir ſogleich die Abſicht, ihn zu befriedigen. Die Vögel waren ziemlich nahe— ſo nahe, daß. ich die dunkelgelbe Farbe ihrer Kehlen, das Korallen⸗ roth auf ihren Köpfen und die orangefarbenen Lappen ſehen konnte, welche über ihre Schnäbel herabſielen.. Sie waren ziemlich nahe— innerhalb kaum halber. Büchſenſchußweite— da ſie aber ſo umherkreiſtten. ſo wäre ein beſſerer Schütze, als ich war, nöthig geweſen, um einen davon mit einer Kugel herunter⸗ zuholen. Es ſiel mir auch nicht ein, es auf dieſe Weiſe zu verſuchen. Es kam mir ein anderer Gedanke ein, und ohne weiter zu zögern, begann ich zur Aus⸗ führung zu ſchreiten. Ich ſah, daß die Geier das erlegte Reh erſpäht hatten, welches ich quer über meinen Schultern trug, deßhalb ſchwebten ſie ſo über mir. Mein Plan war ganz einfach. Ich legte das Wild auf den Boden, nahm meine Büchſe und ſchritt fort nach dem Walde zu. Ungefähr fünfzig Schritte von dem Orte, wo ich das Reh hingelegt, ſtanden einige Bäume und hinter dem nächſten derſelben nahm ich meinen Stand⸗ punkt. Ich brauchte nicht lange zu warten. Die argloſen Vögel kreiſ'ten immer tiefer und tiefer und endlich ſetzte ſich einer auf die Erde. Sein Kamerad hatte nicht Zeit, ſich zu ihm zu geſellen, ſo krachte ſchon meine Büchſe und ſtreckte das ſchöne Thier leblos auf das Gras nieder. Der andere, durch den Knall erſchreckt, ſtieg immer höher und höher und flog dann über die Wipfel dder Cypreſſen hinweg. * Nun nahm ich mein erlegtes Wild wieder auf — 73 die Schultern, trug den Vogel in der Hand und machte mich wieder auf den Heimweg. Mein Herz war erfüllt von Frohlecken. Ich hoffte ein doppeltes Vergnügen— von dem doppel⸗ ten Vergnügen, welches ich hervorrufen würde. Ich wollte die beiden Weſen erfreuen, welche von allen auf Erden mir die theuerſten waren— meine liebende Mutter, meine ſchöne Schweſter. Bald hatte ich wieder die Savanna überſchrit⸗ ten und betrat die Orangerie. Ich machtenicht erſt den Umweg nach dem Pförtchen, ſondern kletterte über den Zaun an ſeinem tieferen Ende. Ich fühlte mich ſo freudig aufgeregt, daß meine Laſt mir feder⸗ leicht erſchien. Frohlockend ſchritt ich weiter, indem ich die tief herabhängenden Zweige mir aus dem Wege bog, was zuweilen ſo ungeſtüm geſchah, daß die goldenen Kugeln rechts und links auf den Boden hinrollten. Was kam es hier weiter auf einen Scheffel Oran⸗ gen an? Ich erreichte den Blunengaren. Meine Mut⸗ ter ſtand auf der Veranda. Sie ſah mich, als ich näher kam, und ſtieß einen Freudenruf aus. Ich warf meine Jagdbeute ihr zu Füßen. Ich hatte mein Verſprechen gehalten. „Was iſt das?— ein Vogel?⸗ — 74— „Ja— der Königsgeier, ein Geſchenk für Vir⸗ ginien. Wo iſt ſie? Noch nicht aufgeſtanden? Ha, die kleine Langſchläferin— ich werde ſie bald munter machen. Noch im Bett an einem ſo ſchönen Morgen!“ „Du thuſt ihr Unrecht, Georg. Sie iſt ſchon ſeit über einer Stunde auf. Sie hat geſpielt und eben erſt dieſen Augenblick aufgehört.“ „Aber wo iſt ſie denn jetzt? In dem Geſellſchafts⸗ zimmer?“ „Nein, ſie iſt in's Bad gegangen.“ „In's Bad!“ „Ja, mit Viola. Was—⸗ „O Mutter— Mutter—“ „Sage mir, Georg—“ „O Himmel! Der Alligator!“ Nenntes Kapitel. Das Bad. „Der Gelbe Jake! Der Alligator!“ Dies war Alles, was ich hervorſtottern konnte. Meine Mutter verlangte nähere Erklärung, aber ich konnte nicht verweilen, ſie zu geben. Außer mir vor Angſt riß ich mich los und ließ ſie in einem Zuſtande des Schreckens zurück, welcher faſt meinem eigenen gleichkam. Ich rannte nach dem Hommock— nach dem Bade. Ich folgte nicht der Biegung des Weges, ſondern lief gerade aus und ſprang über alle Hinder⸗ niſſe, die mir in den Weg kamen, hinweg. Ich ſprang über die Umpfählung und ſtürzte durch die Orangerie, ſo daß die Aeſte krachten und die Früchte herabſielen. Meine Ohren lauf Pchten auf jeden Laut. Hinter mir giebt es Leute genug. Ich höre die Stimmie meiner Mutter im Tone wilder Angſt. Schon hat ihr Geſchrei das Haus alarmirt und wird von den Dienſtleuten, ſowohl weiblichen wie männlichen, wiederholt und beantwortet. Die durch den plötz⸗ lichen Wirrwarr erſchreckten Hunde bellen in der Einhegung, und Hühner und in Käſigen ſitzende Vögel gackern und kreiſchen durcheinander. All' dieſes Getöſe kommt von hinten. Darauf aber ſind meine Ohren nicht gerichtete Ich bemühe mich zu hören, was vor mir geſchieht. In dieſer Richtung höre ich jetzt Töne. Das Plätſchern des Waſſers ſchlägt an mein Ohr und mit ihm miſchen ſich die Töne einer hellen Silberſtimme — es iſt die Stimme meiner Schweſter.„Ha! ha! ha! Das iſt fröhliches Gelächter! Dank ſei dem Him⸗ mel, ſie iſt noch unverſehrt!“ Von Wonnegedanken durchſchauert, mache ich Halt. Ich rufe laut: „Virginia! Virginia!“ Ungeduldig erwarte ich die Antwort. Es dringt keine zu mir. Hat das Geräuſch des Waſſers meine Stimme übertäubt? Ich rufe wieder und lauter: „Virginia! Schweſter! Virginia 1 Dieſes Mal werde ich gehört und höre: 8 —— „Wer ruft denn? Biſt Du es, Georg?“ „Ja, ich bin es, Virginia.“ „Und was willſt Du, Bruder?“ „O Schweſter, verlaſſe ſchnell das Bad.“ „Warum denn? Sind unſere Freunde ſchon da? Dann haben ſie ſich früh aufgemacht— aber ſie mögen ein wenig warten, lieber Georg. Geh' hinein und unterhalte ſie einſtweilen. Ich will erſt noch ein wenig dieſen wunderſchönen Morgen genießen — das Waſſer hat gerade die rechte Temperatur. Meinſt Du nicht auch, Viola? Ich werde einmal um das ganze Baſſin herumſchwimmen; alſo vor⸗ wärts!“ Und gleich darauf ließ ſich abermaliges Plätſchern hören, gemiſcht mit dem lauten fröhlichen Gelächter meiner Schweſter und ihrer Sklavin. Ich ſchrie, ſo laut ich konnte: „Höre mich, Virginia! liebe Schweſter! Um's Himmels willen, komm' heraus! komm'!“ Das luſtige Gelächter verſtummte plötzlich, dann erſcholl ein kurzer, gellender Schrei, auf welchen faſt unmittelbar ein anhaltendes wildes Gerreiſch folgte. Ich ſah ein, daß keins von beidem eine Antwort auf meinen Ruf war. Ich hatte allerdings in einem bittenden Tone gerufen, welcher hinreichend war, Befürchtungen zu erwecken, die Stimmen aber, welche jetzt an mein Ohr ſchlugen, drückten Schrecken und Entſetzen aus. Dann hörte ich von der Stimme meiner Schweſter die Worte: „Sieh', Viola! O Barmherzigkeit!— dieſes Ungeheuer! Ha! es kommt hierher! O Barmherzig⸗ keit! Zu Hülfe, Georg, zu Hülfe! rette— rette mich!“ Wohl kannte ich die Bedeutung des Rufes; nur zu gut verſtand ich die halbzuſammenhängenden Worte und das anhaltende Gekreiſch, welches darauf folgte. „Ich komme, Schweſter; ich komme!⸗ Schnell wie der Gedanke flog ich weiter und brach durch die Zweige hindurch, welche noch meinen Blick hinderten. „Ha, vielleicht komm' ich ſchon zu ſpät. Sie kreiſcht wie vor Todesangſt. Hat der Rachen des Alligators ſie vielleicht ſchon gepackt?“ Ein Dutzend Sprünge brachten mich aus dem Haine hinaus, und an der Einfaſſung des Schild⸗ krötentümpels hineilend, ſtand ich bald an dem Rande des Beckens. Ein furchtbarer Anblick bot ſich hier meinen Augen dar. Meine Schweſter befand ſich ſo ziem⸗ lich in der Mitte des Beckens und ſchwamm nach dem Rande zu. Hier ſtand die Quadronin bis an die niee im Waſſer— kreiſchend und wie wahnſinnig — 09 die Arme hin und her werfend. Jenſeits zeigte ſich die rieſige Eidechſe. Ihr ganzer Körper, Arme, Hände und Klauen waren in dem durchſichtigen Waſ⸗ ſer deutlich ſichtbar, über deſſen Fläche ſich der Schup⸗ penpanzer ihres Rückens und ihrer Schultern erhob. Schnauze und Schwanz ragten noch höher und mit dem letztern peitſchte das Ungeheuer das Waſſer zu weißem Schaum, welcher ſchon hier und da die Ober⸗ fläche des kleinen Teiches bedeckte. Es war kaum zehn Fuß von der Beute entfernt, nach der es trach⸗ tete. Sein Rachen berührte faſt das grüne Flanell⸗ hemd, welches wie eine Schleppe hinter der Badenden herſchwamm. Jeden Augenblick konnte es heranſchie⸗ ßen und ſie packen. Meine Schweſter ſchwamm aus Leibeskräften. Sie war eine ſehr geübte Schwimmerin, aber was konnte das nützen? Ihr Badekleid hinderte ſie, der Alligator hätte ſie jeden Augenblick packen können, mit einer einzigen raſchen Bewegung würde er ſie eingeholt haben, und doch hatte er dies noch nicht gethan. Ich wunderte mich, warum er es noch nicht gethan hatte. Ich wunderte mich, daß er ſich zurück⸗ hielt. Ich wundere mich noch bis dieſe Stunde dar über, denn es iſt noch nicht erklärt. Ich tae. los durch eine Borausſetzung erklären. 3. nhaas — 80— lich wußte er, daß das Opfer vollkommen in ſeiner Gewalt war, und eben ſo wie die Katze mit der Maus ſpielt, ſo ſchwelgte er in der Fülle ſeiner tyranniſchen Stärke. Dieſe Beobachtungen wurden in einer einzigen Secunde Zeit gemacht— während ich meine Büchſe ſpannte. Ich zielte und gab Feuer. Es waren nur zwei Stellen, wo der Schuß tödtlich ſein konnte— das Auge oder die Weiche hinter dem Vorderarm. Ich zielte auf das Auge. Ich traf die Schulter, aber von dieſer harten ſchuppigen Haut prallte meine Kugel ab, wie von einem Granitfelſen. Sie machte unter den länglich⸗viereckigen Auswüchſen einen weiß⸗ lichen Fleck und dies war Alles. Dem Spiele des Ungeheuers ward aber dadurch ein Ende gemacht. Der Schuß ſchien ihm Schmerzen zu verurſachen. Auf alle Fälle regte er es zu ernſter Thätigkeit auf und trieb es vielleicht zu dem entſchei⸗ denden Sprunge. Einen Augenblick ſpäter that es dieſen. Das Waſſer mit ſeinem breiten Schweife peitſchend, wie um einen Anlauf zu nehmen, ſchoß es vorwärts. Sein ungeheuerer Rachen öffnete ſich ſenkrecht aufwärts, ſo daß man weit in den rothen Schlund hinabſehen konnte, und den nächſten Augenblick —— .. — 81 2 hatte es das ſchwimmende Kleid und— o die Füße meiner Schweſter gepackt. Ich ſprang in das Waſſer und ſchwamm auf ſie zu. Die Büchſe, welche ich noch in der Hand hielt, hinderte mich. Ich ließ ſie zu Boden ſinken und ſchwamm weiter. Ich faßte Virginien in meine Arme. Es war die höchſte Zeit, denn der Alligator war eben bemüht, ſie unter das Waſſer zu zerren. Mit all' meiner Kraft hielt ich ſie zurück und es bedurfte auch der ganzen Kraft, um uns über der Oberfläche zu halten. Ich hatte keine Waffe, und wenn ich auch bewaffnet geweſen wäre, ſo hätte ich doch keine Hand zum Schlagen übrig gehabt. Ich ſchrie, ſo laut ich konnte, in der Hoffnung, den An⸗ greifer einzuſchüchtern und ihn zu bewegen, ſeine Beute fahren zu laſſen. Es war aber vergebens— er hielt feſt. DO Himmel! Wir werden Beide unter das Waſ⸗ ſer gezogen— ertränkt— zerriſſen werden. Ein Plätſchern, als wenn Jemand von einem hohen Standpunkte in den Teich ſpränge! Ein küh⸗ ner, raſcher Schwimmer vom Ufer— ein dunkles Geſicht mit langem ſchwarzem Haar, welches auf dem Waſſer hinterher ſchwimmt— eine von blanken Spangen blitzende Bruſt— ein in mit Perlen 1 Oceola. I 3 8 6 geſtickte Gewänder gekleideter Körper— iſt es ein Mann? Nein, es iſt ein Knabe! Wer iſt dieſer ſeltſame Jüngling, der zu unſerer Rettung herbeiſtürzt? Schon iſt er an unſerer Seite, an der Seite unſeres furchtbaren Gegners. Er ſpricht kein Wort. Eine Hand ſtemmt er auf die Schulter der rieſigen Eidechſe und ſchwingt ſich mit einem plötzlichen Sprunge auf ihren Rücken. Ein Reiter hätte nicht gewandter in den Sattel ſpringen können. Ein Meſſer blitzt in ſeiner erhobenen Hand. Es fährt herab und die Klinge bohrt ſich tief in das Auge des Alligators. * Das Gebrüll des Sauriers verräth ſeinen Schmerz. Die Erde erzittert davon, der Schaum fliegt von ſeinem Schweife gepeitſcht in die Höhe und eine Wolke von Waſſerdunſt umhüllt uns. Das Ungeheuer aber hat ſeine Beute losgelaſ⸗ ſen, und ich ſchwimme mit meiner Schweſter nach dem Ufer. Ein Blick aufwärts offenbart mir ein ſeltſames Schauſpiel— ich ſehe den Alligator mit dem kühnen * Reiter noch auf ſeinem Rücken untertauchen! Er iſt verloren— er iſt verloren. 4 Mit peinlichen Gedanken ſchwimme ich weiter. — 83— Ich klettere hinaus und lege meine ohnmüchtige Schweſer auf das Ufer; wieder ſchaue ich zurück iſt wieder auf der Oberfläche! des Kaſſers un ungehindert nach dem lier An der unn kampfe um i herum. Freude! Freude! Meine 2uend ein Ritz iſt an ihren zarten Füßen zu 1 jetzt in zärtlichen Armen, unter ſüßen Blicken und Worten liebender Theilnahme wird ſie von dem Shnulate der Gefahr hinweggetragen. 6z — Behntes Kapitel. * 8 Der Miſchling. Es dauerte nicht lange, ſo ward der Alligator durch Keulenſchläge vollends gedödtet und an das Ufer gezogen— ein wahres Feſt für die Schwarzen der Pflanzung. Niemand argwohnte, wie das Ungeheuer in das Baſſin gekommen war, denn ich hatte noch keinem Menſchen ein Wort davon geſagt. Man glaubte, es habe ſich aus dem Fluſſe oder den Lagunen hier⸗ her verlaufen, wie ſchon früher mit anderen der Fall geweſen, und der Gelbe Jake, der ſich bei der Tödtung des Thieres am eifrigſten gezeigt, ſprach dieſe Vermu⸗ tfung zu wiederholten Malen aus. Der Schurke uute nicht, daß Jemand um ſein Geheimniß wußte Zch glanbte auch, Srß außer ihm ich der Ein⸗ —— — — 85— zige ſei, der es kennte, aber hierin hatte ich mich geirrt. Die Sklaven waren nach dem Hauſe zurückge⸗ gangen, indem ſie den ſcheußlichen Leichnam mit Stricken hinter ſich herzogen und ein lautes Triumph⸗ geheul ausſtießen. Ich war mit unſerm tapfern Retter allein. Ich blieb mit Fleiß zurück, um ihm zu danken. Mutter, Vater, Alle hatten ihrer Dankbarkeit Ausdruck verliehen, Alle hatten ihre Bewunderung ſeiner tapfern, muthigen That zu erkennen gegeben— ſelbſt meine Schweſter, die, ehe ſie hinweggetragen ward, wieder zum Bewußtſein erwacht war, hatte ihm mit freundlichen Worten gedankt. Er gab weiter keine Antwort, als daß er die ihm gemachten Komplimente anerkannte, was er ent⸗ weder durch ein Lächeln oder durch eine einfache Ver⸗ neigung des Kopfes that. Mit den Jahren eines Jünglings ſchien er den Ernſt eines Mannes zu be⸗ ſitzen. Er ſchien ungefähr von meinem Alter und mei⸗ ner Größe zu ſein. Seine Geſtalt war vollkonmmen ebenmäßig und ſein Geſicht ſchön. Die Farbe wa nicht die eines reinen Indit aners, obſchon ſein Seſtän das eines ſolchen war. Seine Hant war Se nehebrann 4 . 83 S . — 86— als bronzefarben— er war augenſcheinlich ein„Halb⸗ blut“ oder ein Miſchling. Seine Naſe war ein wenig gekrümmt, was ihm jenen ſchönen Adlerblick verlieh, der einigen der nord⸗ amerikaniſchen Stämme eigenthümlich iſt, und ſein Auge ſchien, obſchon gewöhnlich ſanft, ſich doch leicht zu entflammen. In der Aufregung, wie ich ſo eben erſt geſehen, funkelte und ſprühete es wie Feuer. Die Beimiſchung von kaukaſiſchem Blute hatte die ſonſt ſo ſtark markirten indianiſchen Züge zu voll⸗ kommener Regelmäßigkeit herabgeſtimmt, ohne ihnen die heroiſche Erhabenheit ihres Ausdrucks zu rauben, und das ſchwarze Haar war feiner als das des reinen Eingeborenen, obſchon eben ſo glänzend und üppig. Kurz, die geſammte Erſcheinung dieſes unbekann⸗ ten Jünglings war die eines ſtattlichen und ſchönen Knaben, den noch zwei oder drei Sommer zu einem herrlichen Manne entwickeln mußten. Selbſt als Knabe beſaß er ſchon eine beſtimmt ausgeprägte Individualität, welche, wenn man ſie einmal geſehen, nicht wieder zu vergeſſen war. Ich habe geſagt, daß ſein Coſtüm ein indianiſches war. So war es auch— rein indianiſch— nicht ganz aus der Beute der Jagd zuſammengeſetzt, denn Rehhaut hatte ſchon längſt aufgehört, die Tracht Ureinwohner von Florida zu ſein. Nur ſeine — —— — Eunch andere Kleider anbieten. Die meinen, glaube — 87— Moccaſins waren von zugerichtetem Wildleder; ſeine Beinkleider waren von ſcharlachrothem Tuche und ſein Ueberwurf von gemuſtertem Kattun— ſämmtliche drei Gegenſtände ſchön geſtickt und mit Perlen beſetzt. Außerdem trug er einen Wampumgürtel und ein Netz umſchloß ſeinen Kopf, auf welchem drei Federn aus dem Schwanze des Königsgeiers emporragten, welcher unter den Indianern für einen Adler gilt. Um ſeinen Hals hingen Schnuren von farbigen Perlen und auf ſeiner Bruſt drei ſilberne Halbmonde, einer über dem andern. So war der Jüngling gekleidet und trotz ſeiner durchnäßten Gewänder bot er einen zugleich edlen und maleriſchen Anblick dar. „Habt Ihr Euch überzeugt, daß Ihr keinen Schaden genommen habt?“ fragte ich ihn zum zwei⸗ ten Male. „Vollkommen— nicht den mindeſten.“ „Aber Ihr ſeid durch und durch naß. Laßt mich ich, werden Euch ungefähr paſſen.“ „Ich danke Euch; ich würde nicht wiſſen, wie man ſie trägt. Die Sonne ſcheint warm— die meinen werden bald wieder trocken ſein. 4 4 „Aber Ihr werdet miti in das Haus kommen uns. 8 Etwas, eſſen nicht wahr; 24 — 88— „Ich habe nur erſt vor kurzer Zeit gegeſſen. Ich danke Euch, ich bin nicht hungrig.“ „Wollt Ihr ein Glas Wein trinken?“ „Ich danke Euch nochmals— Waſſer iſt mein einziges Getränk.“ Ich wußte kaum, was ich zu meinem neuen Be⸗ kannten weiter ſagen ſollte. Er lehnte alle meine gaſtfreundlichen Anerbietungen ab und dennoch blieb er bei mir. Er wollte mich nicht in das Haus be⸗ gleiten und dennoch machte er auch keine Miene, Ab⸗ ſchied zu nehmen. Erwartete er etwas Anderes? Eine Belohnung für ſeine Dienſte? Irgend etwas Materielleres als ¹ Lobſprüche“? Der Gedanke war kein unnatürlicher. So ſchön der Jüngling auch war, ſo war er doch nur ein In⸗ dianer. Schmeicheleien hatte er nun genug gehört. Indianer machen ſich nicht viel aus eitlen Worten. 1 Es war leicht möglich, daß er auf etwas mehr wartete. Es war für einen Menſchen von ſeiner Stellung ganz natürlich, Dies zu thun, und für einen in der meinen eben ſo natürlich, es zu denken. In einem Augenblicke war meine Börſe aus der Taſche. Im nächſten war ſie aus meiner Hand und im dritten lag ſie auf dem Boden des Waſſer⸗ baſſins! hatte. dem er die Büchſe von allen Seiten betaſtete und be⸗ — 89— „Ich habe Euch kein Geld abverlangt,“ ſagte er, indem er die Dollars entrüſtet in's Waſſer warf. Ich fühlte mich verletzt und beſchämt; das letztere Gefühl behielt die Oberhand. Ich ſtürzte mich in den Teich und tauchte unter. Es geſchah nicht wegen meiner Börſe, ſondern wegen meiner Büchſe, die ich auf dem Felſen des Grundes liegen ſah. Ich raffte das Gewehr auf, trug es an das Ufer und überreichte es ihm. Das eigenthümliche Lächeln, mit dem er es annahm, verrieth mir, daß ich meinen Irrthum wieder gut gemacht und ſeinen eigenſinnigen Stolz gedämpft „Nun iſt die Reihe des Wiedergutmachens an mir,“ ſagte er.„Erlaubt mir, Euch Eure Börſe wieder zu holen und Euch wegen meiner Unhöflichkeit um Verzeihung zu bitten.“ Ehe ich es hindern konnte, ſprang er in das Waſſer und tauchte unter. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er die Börſe aufgerafft, kehrte damit nach dem Ufer zurück und legte ſie in meine Hände. „Dies iſt ein herrliches Geſchenk,“ ſagte er in⸗ trachtete;„ein herrliches Geſchenk und ich muß nach Hauſe zurückkehren, ehe ich Euch Etwas dafür bieten 1 kann.„Wir Indianer haben nicht viel, was der *△ —. 90— weiße Mann ſchätzt— blos unſer Land, hat man mir geſagt—“ Er ſprach dieſe Worte mit beſonderem Nachdruck. „Unſere plumpen Erzeugniſſe,“ fuhr er fort, „ſind werthloſe Dinge, wenn man ſie mit denen Eures Volkes vergleicht— ſie ſind für Euch höchſtens 3 Raritäten. Doch halt, Ihr ſeid ein Jäger, nicht wahr? Wollt Ihr ein Paar Moccaſins und eine 4 Kugeltaſche annehmen? Maümee macht ſie ſehr gut—⸗ „Maümee?“ „Meine Schweſter. Ihr werdet finden, daß der Moccaſin auf der Jagd viel beſſer iſt, als dieſe ſchweren Schuhe, die Ihr tragt. Der Tritt iſt viel leiſer.“— „Vor allen Dingen möchte ich ein Paar Eurer Moccaſins haben.“. „Ich freue mich, daß Ihr ſie haben wollt. Maümee ſoll ſie Euch machen und auch die Taſche.“ „Maümee!“ wiederholte ich bei mir ſelbſt.„Selt⸗ ſamer, ſüßer Name! Kann ſie es ſein?“ Ich dachte an ein herrliches Weſen, welches uiei nen Weg gekreuzt— einen Traum— eine himm⸗ liſche Erſcheinung— denn ſie ſchien zu lieblich, um von der Erde zu ſtammen. Während ich im Walde unter duftenden Hanen * wandelte, war dieſe Viſion mir erſchienen— in der Geſtalt eines Indianermädchens. Auf einer blumen⸗ — 91— reichen Waldwieſe ſah ich ſie— auf einem jener Orte in dem Walde des Südens, welche die Natur ſo verſchwenderiſch ſchmückt. Sie ſchien einen Theil des Gemäldes zu bilden. Einen einzigen Blick nur hatte ich auf ſie werſen können, dann war ſie verſchwunden. Ich verfolgte ſie aber vergebens. Wie ein Geiſt glitt ſie durch die labyrinthiſchen Gänge des Hains und ich ſah ſie nicht mehr. Obſchon aber meinen Augen entſchwunden, ent⸗ ſchwand ſie doch nie meiner Erinnerung und fort⸗ während ſeit jener Zeit hatte ich von jener lieblichen Erſcheinung geträumt. War ſie Maümee? „Wie heißt Ihr?“ fragte ich, als ich ſah, daß der Jüngling im Begriff ſtand ſich zu entfernen. „Die Weißen nennen mich Powell— das iſt der Name meines Vaters— er war ein Weißer— er iſt todt. Meine Mutter lebt noch. Ich brauche icht zu ſagen, daß ſie eine Indianerin iſt.“ „Ich muß nun fort, Sir,“ fuhr er nach einer Pauſe fort;„ehe ich Euch verlaſſe, erlaubt mir, eine Frage an Euch zu thun. Sie erſcheint vielleicht un⸗ beſcheiden, aber ich habe guten Grund, ſie zu thun. Habt Ihr unter Euern Sklaven einen, der ſehr ſchlecht,. der Sebrer Familie feindlich beimm n2 B2 8 — 92— „Allerdings iſt ein ſolcher da; ich habe Grund, es zu glauben.“ „Wünſcht Ihr ihm auf die Spur zu kommen.“ „Allerdings.“ „Dann folgt mir.“ „Es iſt nicht nothwendig. Ich errathe, wohin Ihr mich führen würdet. Ich weiß Alles— er lockte den Alligator hierher, um meine Schweſter zu ver⸗ nichten.“ „Ha!“ rief der junge Indianer etwas überraſcht. „woher wißt Ihr dies, Sir?⸗ „Von jenem Felſen aus war ich Augenzeuge des ganzen Vorganges. Aber woher wißt Ihr Etwas davon?“ fragte ich dagegen. „Dadurch, daß ich der Spur gefolgt bin— der Spur des Mannes— des Hundes— des Alli⸗ gators. Ich jagte eben am Sumpfe. Ich ſah die Spuren. Ich argwohnte Etwas und ging über die Felder. Ich hatte eben das Dickicht erreicht, als ich lautes Geſchrei hörte. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit. Ha!⸗ 5 „Ja, Ihr kamt zur rechten Zeit, ſonſt hätte der Schurke ſeine Abſicht erreicht. Sei't unbeſorgt, „Freund; er ſoll beſtraft werden.“ 1 — —— — 93g— „Gut— er muß beſtraft werden. Ich hoffe, daß wir uns wiederſehen werden.“ Es wurden nun noch einige Worte zwiſchen uns gewechſelt, dann drückten wir einander die Hand und ſchieden. Eilftes Kapitel. Die Verfolgung. Ueber die Schuld des Mulatten hegte ich keinen Zweifel mehr. Die bloße Vernichtung der Fiſche konnte nicht ſeine Abſicht geweſen ſein. Er würde ſich nimmermehr ſo viel Mühe gegeben haben, einen ſo geringfügigen Zweck zu erreichen. Nein, ſeine Abſicht war eine weit entſetzlichere. Sie umfaßte einen tiefern Plan der Grauſamkeit und Rache. Sein Ziel war das Leben meiner Schweſter. Oder das Viola's!— Vielleicht beider. So furchtbar auch ein ſolcher Glaube war, ſo war doch keine Möglichkeit mehr, daran zu zweifeln. Jeder Umſtand beſtätigte ihn. Selbſt der junge Indianer hatte die Meinung gefaßt, daß dies die Abſicht des Verräthers geweſen ſei. Zu dieſer Jahres⸗ —ꝭ—ʒOꝛB⁊pZ=j—Q zeit war meine Schweſter gewohnt, ſich faſt jeden Tag zu baden, und dieſe ihre Gewohnheit war allen Bewohnern der Pflanzung bekannt. Ich hatte nicht daran gedacht, als ich ging, die Rehe zu verfolgen, ſonſt würde ich wahrſcheinlich ganz anders gehandelt haben. Aber wer hätte auch eine ſo ſchwarze Bosheit ahnen können? Die Liſt und Schlauheit, mit der die That aus⸗ geführt worden, kam ihrer Bosheit vollkommen gleich. Nur in Folge des ungefährſten Zufalles waren Zeugen da. Wären aber keine dageweſen, ſo hätte wahr⸗ ſcheinlich der Ausgang der Abſicht entſprochen und das Leben meiner Schweſter wäre geopfert worden. Wer hätte dann den Urheber des Verbrechens nennen können? Nur das Thier allein wäre als ſchuldig betrachtet worden. Nicht einmal ein Verdacht würde auf dem Mulatten geruht haben. Und wie wäre dies auch möglich geweſen? Der gelbe Schurke hatte in ſeiner Berechnung eine teufliſche Schlauheit bewieſen. Ich brannte vor Entrüſtung. Meine arme unſchuldige Schweſter! Sie ahnte nicht die ſchänd⸗ lichen Mittel, welche benutzt worden, um ſie in dieſe, Gefahr zu bringen. Sie wußte wohl, daß der Mu⸗ latte ſie nicht liebte, ließ ſich aber nicht träumen,„ — 96— daß ſie der Gegenſtand eines ſo teufliſchen Grolles war, wie dieſer. Schon der Gedanke daran ſetzte mich in Flammen. Ich konnte mich nicht länger halten. Der Verbrecher mußte zur Strafe gezogen werden und zwar ſogleich. Eine harte Züchtigung mußte über ihn verhängt werden, Etwas, was es ihm unmöglich machte, ſo gefährliche Attentate zu wiederholen. Was mit ihm geſchehen ſollte, wußte ich nicht — dies zu beſtimmen, mußte ich meinem Vater über⸗ laſſen. Die Peitſche hatte ſich als nutzlos erwieſen. Vielleicht kurirte ihn die Kettenſtrafe— auf alle Fälle mußte er von der Pflanzung verbannt werden. Zum Tode verurtheilte ich ihn in meinen Ge⸗ danken nicht, obſchon er es ganz gewiß verdiente. So entrüſtet ich auch war, ſo zog ich doch dieſe höchſte Strafe des Verbrechens nicht in Erwägung, denn ich war an die milde Herrſchaft meines Vaters gewöhnt. Die Peitſche— das Bezirksgefängniß— die Kettenſtrafe in St. Marks oder San Auguſtine— — Etwas der Art mußte wahrſcheinlich ſein Lohn ſein. Ich wußte, daß es nicht der milden Geſinnung meines Vaters anheim gegeben ſein würde, allein zu entſcheiden. Bei einer Sache dieſer Art war die ganze Geſammtheit der Pflanzer intereſſirt. Es ſtand zu erwarten, daß ſich ſehr raſch eine impro⸗ — 97— viſirte Jury verſammeln würde, und ohne Zweifel hatte es dann der Verbrecher mit ſtrengeren Richtern zu thun, als ſein eigener Herr war. Ich verweilte nicht länger bei dieſen Betrach⸗ tungen. Ich war entſchloſſen, daß ſofort über den Schuldigen Gericht gehalten werden ſollte. Ich eilte nach dem Hauſe, in der Abſicht, das Verbrechen zu verkünden. In meiner Eile folgte ich wie zuvor nicht dem gewöhnlichen Wege, der einen ziemlich großen Bogen beſchrieb, ſondern eilte direct durch die Baum⸗ gruppe. Ich war nur wenige Schritte weit gekommen, als ich ein Raſcheln in meiner Nähe hörte. Ich konnte Niemanden ſehen, war aber überzeugt, daß das Geräuſch von Jemandem veranlaßt ward, der unter den Bäumen herumſchlich. Vielleicht war es einer der Feldarbeiter, welcher die augenblicklich im Hauſe herrſchende Verwirrung benutzte, um ſich einige Orangen zu holen. „ Im Vergleich mit dem Verbrechen, welches jetzt meine Gedanken beſchäftigte, war eine ſo gering⸗ fügige Uebertretung eine Sache von keiner Bedeu⸗ tung, und ich hielt es nicht der Mühe werth, ſtehen zu bleiben und hindernd einzuſchreiten. Ich gab blos einen lauten Ruf von mir, aber es antwortete Niemand und ich ging weiter. Oceola. J. 7 — 98— Als ich auf der Hinterſeite des Hauſes anlangte, traf ich meinen Vater in der Einhegung bei dem großen Schuppen— und den Aufſeher auch. Der alte Hickman, der Alligatorjäger, war ebenfalls da, ſo wie noch einige Weiße, welche zufällig in Ge⸗ ſchäften gekommen waren. In Gegenwart Aller machte ich die Enthüllung und beſchrieb ſo genau, als die Zeit geſtattete, den ſeltſamen Vorgang, deſſen Augenzeuge ich am Morgen geweſen. Alle waren wie vom Donner gerührt. Hickman erklärte ſofort die Wahrſcheinlichkeit eines ſolchen Mansövers, obſchon Niemand an meinen Worten zweifelte. Der einzige Zweifel betraf die Abſicht des Mulatten. Konnten es Menſchenleben geweſen ſein, welche er zu opfern beabſichtigte? Es ſchien eine zu große Verruchtheit zu ſein, als daß man es hätte glauben können. Es war zu entſetzlich, um auch nur gedacht zu werden. 3 4 In dieſem Augenblicke aber wurden alle Zweifel beſeitigt. Noch ein anderweites Zeugniß geſellte ſich zu dem meinen und lieferte das noch fehlende Ver⸗ bindungsglied. Der Schwarze Jake hatte eine Ge⸗ ſchichte zu erzählen und er erzählte ſie. An dieſem Morgen— nur erſt vor einer halben 4 D — 99— b Stunde— hatte er den Gelben Jake eine Lebens⸗. eiche erklettern ſehen, welche in der einen Ecke der Einhegung ſtand. Der Wipfel dieſes Baumes be⸗ herrſchte die Ausſicht auf das Waſſerbaſſin. Es war gerade die Zeit, wo die„weiße Miſſa“ und Viola in's Bad gingen. Er war feſt überzeugt, daß ſie um dieſe Zeit in das Waſſer geſtiegen ſein mußten und daß der Gelbe Jake ſie geſehen hatte. Entrüſtet über dieſes unanſtändige Verhalten, hatte der Schwarze dem Mulatten zugerufen, daß er von dem Baume herunter kommen ſolle, und ge⸗ droht, ſich über ihn zu beſchweren. Letzterer ant⸗ wortete, er ſammele blos Eicheln— die Eicheln der Lebenseiche ſind ein ſüßes Nahrungsmittel und werden von den Dienſtleuten der Plantage ſehr geſucht. Der Schwarze Jake war jedoch überzeugt, daß dies nicht die Abſicht des Gelben Jake geweſen ſein könne, denn als Erſterer noch fortfuhr zu drohen, kam Letz⸗ terer endlich herunter und der Schwarze Jake ſah 8 keine Eicheln— nicht eine einzige. „Er ſuchte keine Eicheln, Maſſa Randoff. Der 5 gelbe Vagabund war auf nichts Gutem aus— das weiß ich ganz beſtimmt.“ 1 So ſchloß die Ausſage des Kutſchers. „ Seine Erzählung führte in den Gemüthern Aller, die ſi hürten, Ueberzengung herbei. Es war 7*G— —— —— — 100— nicht länger möglich, an der Abſicht des Mulatten, ſo furchtbar ſie auch war, zu zweifeln. Er hatte den Baum erklettert, um Zeuge des Gelingens ſeiner ſchändlichen That zu ſein— er hatte die Badenden in das Waſſer ſteigen ſehen, er kannte die Gefahr, welche darin lauerte, und dennoch hatte er Nichts gethan, um zu warnen. Im Gegentheil war er einer von den Letzten, welche nach dem Baſſin eilten, als das Gekreiſch der Mädchen das ganze Hausper⸗ ſonal zu ihrem Beiſtande herbeirief. Dies ergab ſich aus den Ausſagen Anderer. Die Schuld des Mulatten war klar bewieſen. Das Bekanntwerden des eigentlichen Zuſammen⸗ hanges rief wilde Aufregung hervor. Weiße und Schwarze, Herren und Sclaven waren gleich ent⸗ rüſtet über das entſetzliche Verbrechen und man ſchrie im ganzen Hofe nach dem„Gelben Jake“. Einige rannten dahin, Andere dorthin, um ihn zu ſuchen. Schwarze, Weiße und Gelbe liefen durch einander— Alle begierig, daß ein ſolches Ungeheuer zur verdienten Strafe gezogen werde. Aber wo war der Verbrecher? Sein Name ward wiederholt laut gerufen, mit Befehlen, mit Drohungen, aber es erfolgke keine Antwort. Wo war er? Die Ställe wurden durchſucht, der Schuppen, — 101— die Küche, die Sclavenhütten— ſogar die Mais⸗ niederlage ward durchwühlt— aber Alles vergebens. Wo war er hin? Nur erſt einen Augenblick vorher hatte man ihn geſehen— er hatte den Alligator mit aus dem Waſſer ziehen helfen. Die Leute hatten ihn in die Einhegung gebracht und den Schweinen vorgeworfen, um ihn von dieſen freſſen zu laſſen. Der Gelbe Jake war mit dabei und ſo thätig als irgend einer bei der Arbeit geweſen. Nur vor wenigen Augen⸗ blicken war er fortgegangen. Aber wohin? Das wußte Niemand! Jetzt fiel mir das Raſcheln unter den Orange⸗ bäumen ein. War er es vielleicht geweſen? Wenn dem ſo war, ſo hatte er vielleicht die Unterredung zwiſchen dem jungen Indianer und mir— oder wenigſtens den letzten Theil davon gehört. Wenn dies der Fall war, ſo war er ſicherlich ſchon weit fort. Ich führte die Nachforſchung in der Orangerie. Alle Winkel wurden durchſucht, er war nicht da. Nun drangen wir in die Dickichte des Hommock, die ebenfalls von einem Ende bis zum andern durchſucht wurden, aber immer noch war keine Spur von dem Mulatten zu finden. Ich kam auf den Einfall, den Felſen, Mehens, frühern Beobachtungspoſten, zu erklettern. Ich ſtieg 5 4 — 102— ſofort bis auf den Gipfel hinauf und ward für meine Mühe belohnt. Auf den erſten Blick über die Felder ſah ich den Flüchtling. Er befand ſich zwiſchen den Reihen der Indigopflanzen und kroch auf Händen und Knieen, augenſcheinlich um das Maisfeld zu erreichen. Ich blieb nicht ſtehen, um lange zu beobachten, ſondern ſprang wieder auf den ebenen Boden herunter und eilte dem Flüchtlinge nach. Mein Vater, Hickman und mehrere Andere folgten mir. Dieſe Verfolgung fand nicht ſchweigend ſtatt. Es ward keine Kriegsliſt in Anwendung gebracht, und an unſerm Geſchrei hörte der Mulatte bald, daß er geſehen und verfolgt ward. Verbergen war nicht länger möglich, und ſich auf ſeine Füße empor⸗ richtend, rannte er, ſo ſchnell er konnte, weiter. Bald erreichte er das Maisfeld, während die laut⸗ ſchreienden Verfolger ihm ſchon dicht auf den Ferſen waren. Obſchon nur noch ein Knabe, war ich doch der ſchnellſte Läufer von der ganzen Schaar. Ich wußte, daß ich ſchneller laufen konnte als der Gelbe Jake, und ſobald ich ihn nur in den Augen behielt, 8 mußte ich ihn bald einholen. Seine Hoffnung war, Kneinzukommen. War er einmal dort, ſo konnte er n den Sumpf unter den Schutz der Palmettodickichte — — 103— leicht durch Verſtecke entrinnen— wenigſtens vor der Hand. Um dies zu verhindeyn, rannte ich, ſo ſchnell ich konnte, und mit Erfolg, denn gerade am Rande des Waldes holte ich den Fliehenden ein und packte ihn an dem Hintertheile ſeiner Jacke. Es war dies eigentlich ein thörigter Verſuch von meiner Seite. Ich hatte an Nichts weiter ge⸗ dacht, als den Fliehenden einzuholen Ich hatte nicht an Widerſtand gedacht, obſchon ich dieſen von einem Verzweifelten erwarten mußte. Daran gewöhnt, daß man mir gehorchte, war ich in der Täuſchung befangen, daß der Kerl, ſobald ich ihn einholte, ſich mir ergeben würde; aber ich irrte mich. Er riß ſich ſofort und zwar mit ziemlich leichter Mühe von mir los. Mein Athem war eben ſo erſchöpft, wie meine Kraft— ich hätte eßt keine Katze feſtzuhalten vermocht. Ich erwartete, daß er wieder weiter laufen würde, wie zuvor; anſtatt aber dies zu thun, blieb er plötzlich ſtehen, wendete ſich grimmig gegen mich, zog ſein Meſſer und ſtieß es mir durch den A Mein Herz war es, wornach er gezielt; dadurch. aber, daß ich den Arm plötzlich emporwarf, hattes 1 1 den verhängnißvollen Stoß parirt. 4. Zum zweiten Male hob er ſein Meſſer und ich 8 — 104— würde einen zweiten Stich damit bekommen haben — gerade in dieſem Augenblicke aber zeigte ſich ein zweites Geſicht in dem Kampfe, und ehe noch die gefährliche Klinge herab fahren konnte, hatten die ſtarken Arme des ſchwarzen Jake meinen Gegner umſchlungen. Der Feind ſträubte ſich heftig, um ſich frei zu machen, aber die muskulöſen Arme ſeines Neben⸗ buhlers ließen nicht los, bis Hickman und Andere zur Stelle kamen, und dann ward der Verbrecher mit Riemen feſtgebunden und dadurch gleichzeitig ſicher und unſchädlich gemacht. — Zwälftes Kapitel. Ein ſtrenges Urtheil. 4 Eine ſolche Reihenfolge von gewaltigen Ereig⸗ niſſen rief natürlich weit über unſere Grenzen hinaus große Aufregung hervor. Es gab eine Gruppe von Pflanzungen, die an dem Fluſſe neben einander la⸗ gen, alle mit der Vorderſeite dem Waſſer zugekehrt. Dieſe bildeten die ſogenannte„Niederlaſſung.“ In dieſen Pflanzungen verbreitete ſich das Gerücht von den eben erzählten Vorfällen mit der Schnelligkeit eines Lauffeuers, und ehe noch eine Stunde verging, kamen eine Menge Weiße von allen Richtungen her. Einge waren zu Fuße— arme Jäger, die an den Grenzen der großen Pflanzungen wohnten; An⸗ dere— die Pflanzer ſelbſt oder ihre Aufſeher t Pferde. Alle trugen Waffen— Büchſen und Piſtolen. *.. * 8 — 106— Ein Fremder würde geglaubt haben, es handle ſich um eine Verſammlung der Miliz; die ernſten Mie⸗ nen Derer aber, welche ſich verſammelten, gaben der . Sache ein anderes Anſehen, und ſie glich mehr dem Aufgebote der Grenzbewohner bei der Nachricht von einem feindlichen Einfalle der Indianer. Binnen einer einzigen Stunde waren mehr als fünfzig weiße Männer an Ort und Stelle, welche faſt alle der Niederlaſſung angehörten. Es ward ſchnell eine Jury gebildet und der Gelbe Jake vor Gericht geſtellt. Es gab kein be⸗ ſtimmtes Geſetz, nach welchem verfahren ward, ob⸗ ſchon man eine gewiſſe legale Förmlichkeit beobachtete. Dieſe Geſchworenen waren ſelbſt ſouverain— ſie waren die Herren des Landes und konnten in der⸗ gleichen Fällen mit leichter Mühe einen Richter improviſiren. Bald fanden ſie einen in dem Pflanzer Ringzold, unſerem nächſten Nachbar. Mein Vater lehnte es ab, an den Verhandlungen Theil zu nehmen. Das Verhör ward raſch beendet. Die That⸗ ſachen waren friſch und klar und ich ſtand mit meinem durchſtochenen Arme in der Binde da. Die andern Unſtände, welche zu dieſem Reſultate geführt hatten, lagan. fämmtlich überſichtlich vor. Die Kette der e war vollſtändig. Der Mulatte hatte nach —— “ ihren Spruch. 3 Es iſt ein großer Irrthum, zu glauben, daß die* — 107— dem Leben der Weißen getrachtet. Natürlich lautete der Urtheilsſpruch auf Tod. Aber welchen Tod ſollte er ſterben? Einige ſtimmten für's Hängen, aber die Meiſten erklärten den Strang für eine zu gelinde Strafe. Der— Scheiterhaufen fand den Beifall der Mehrzahl und der Richter ſelbſt ſtimmte für dieſe Verſchärfung. Mein Vater bat um Gnade, wenigſtens in ſo weit, daß man dem Delinquenten die Tortur erſpa⸗ ren möchte; aber die ſtrengen Richter wollten nicht auf ihn hören. Sie hatten Alle in der letzten Zeit Sklaven verloren— viele Ausreißer waren bekannt gemacht und ſignaliſirt worden— die Nähe der Indianer ermuthigte ſie zu dergleichen Deſertionen. Man machte meinem Vater Vorwürfe über ſeine, wie man meinte, allzugroße Milde, die Niederlaſſung bedürfe eines Beiſpiels— man wolle an dem Gelben Jake eines ſtatuiren, welches Alle abſchrecken würde, welche Luſt hätten, ihm nachzuahmen. Das Urtheil lautete: daß er lebendig verbrannt werden ſolle. So folgerten dieſe Richter und ſo fällten ſie nordamerikaniſchen Indianer von jeher die Grwuht⸗ heit gehabt haben, ihre gefangenen Feinde zu marterneh. 8 8 4. — 108— In den meiſten verbürgten Fällen, wo Grauſamkeit von ihnen geübt worden, iſt eine dazu anreizende That in früherer Zeit vorher gegangen und die Marter war nur eine Vergeltung. Die menſchliche Natur hat den Verlockungen der Rache in allen Zeit⸗ altern nachgegeben— und die Wildheit kann mit eben ſo viel Recht der weißen Haut, als der rothen, zum Vorwurfe gemacht werden. Hätten die Indianer die Geſchichte der Grenzkriege geſchrieben, ſo würde die Welt den Glauben an ihre ſogenannte Grauſam⸗ keit modificirt haben. Es iſt zweifelhaft, ob in ihrer ganzen Geſchichte Beiſpiele von Wildheit gefunden werden können, welche denen gleichkommen, die oft von Weißen an Schwarzen verübt worden, von denen Viele Verſtüm⸗ melung, Martern und Tod wegen eines Vergehens erlitten haben, welches vielleicht blos in einem Worte, ſicherlich aber oft nur in einem Schlage beſtand— denn ſo lautet das geſchriebene Geſetz! Wo die Indianer Grauſamkeit geübt haben, iſt es faſt jedes Mal zur Vergeltung geſchehen; civili⸗ ſirte Tyrannen aber haben die Menſchen der Tortur unterworfen, ohne ſelbſt die Entſchuldigung der Rache für ſich zu haben. Wenn auch Rache vorhanden war, ſo war ſie doch nicht von jener natürlichen Art, wel⸗ her das menſchliche Herz Raum giebt, wenn es weiß, 2 SB — 109—— daß ihm ein ſchweres Unrecht zugefügt worden, ſon⸗ dern eher ein gemeiner Groll, ſo wie er oft von dem feigen Despoten an einem ſchwachen in ſeiner Gewalt befindlichen Individuum geübt wird. Ohne Zweifel, der Gelbe Jake verdiente den Tod. Sein Verbrechen war ein todeswürdiges, aber ihn zu— martern war der Wille ſeiner Richter. Mein Vater und einige wenige Andere ſetzten ſich dagegen. Sie wurden überſtimmt. Das furchtbare Urtheil ward geſprochen, und Die, welche es gefällt, machten ſich auch ſogleich an's Werk, es in Ausfüh⸗ rung zu bringen. Es war kein Schauſpiel, welches geeignet war, in dem Gehöfte eines Gentleman aufgeführt zu wer⸗ den, und man wählte einen Platz in einiger Ent⸗ fernung von dem Hauſe, weiter unten an dem Rande des See'’s.. Nach dieſem Platze ward der Verbrecher ge⸗ führt— während die Menge natürlich nachfolgte. Etwa zweihundert Schritte von dem Ufer ward ein Baum zum Hinrichtungsplatze auserſehen. An dieſen Baum ſollte der Verurtheilte gebunden und. dann ein Holzfeuer rings um ihn herum angezündet werden. 8 * 6. „. Mein Vater wollte der Execution nicht bei⸗ 1 85 8 „ merkt, un er konnte kaum ſeine Eiferſucht gegen — 110— wohnen; ich allein von unſerer Familie ging mit nach dem Schauplatze. Der Mulatte ſah mich und redete mich mit wüthenden Worten an. Er verhöhnte mich ſogar wegen der Wunde, die er mir beigebracht, und rühmte ſich der That. Ohne Zweifel glaubte er, ich ſei einer ſeiner größten Feinde. Allerdings war ich der unſchuldige Augenzeuge ſeines Verbrechens geweſen, und hauptſächlich in Folge meiner Ausſage war er verurtheilt worden; aber ich war nicht rachſüchtig. Ich hätte ihm gern das furchtbare Schickſal, welches er erleiden ſollte, erſparen mögen— wenigſtens die Qualen deſſelben. Wir langten auf dem Platze an. Es waren ſchon vor uns Leute da, welche die Holzſcheite zuſam⸗ mentrugen und um den Stamm des Baumes herum aufſchichteten; Andere ſchlugen Feuer an. Einige ſcherzten und lachten und Manche ergingen ſich in Ausdrücken des Haſſes gegen alle Farbigen. Der junge Ringzold war ganz beſonders thätig — er war ein wilder Jüngling— faſt erwachſen, von ziemlich wilder, ſchroffer Gemüthsart, die über⸗ haupt der ganzen Familie eigen war. Ich wußte, daß diefer junge Mann Zuneigung zu meiner Schweſter hatte. Oft hatte ich dies be⸗ A —— Andere verbergen, welche in ihre Nähe kamen. Sein Vater war der reichſte Pflanzer in der Niederlaſſung und der auf dieſe Ueberlegenheit ſtolze Sohn glaubte, er müſſe überall willkommen ſein. Ich glaubte nicht, daß Virginia ihn mit ganz beſonders günſtigen Augen anſähe, obſchon ich dies nicht mit Gewißheit ſagen konnte. Es war dies ein zu zarter Punkt, als daß ich ſie darüber hätte fragen können, denn die kleine Dame betrachtete ſich ſchon als erwachſene Jungfrau. Ringzold war weder hübſch noch liebenswürdig. Er war ziemlich intelligent, aber übermüthig gegen Alle, welche unter ihm ſtanden— ein nicht unge⸗ wöhnlicher Fehler bei Söhnen reicher Leute. Er ſtand ſchon im Rufe, rachſüchtig zu ſein. Abgeſehen hiervon, führte er auch ein aus⸗ ſchweifendes Leben und ward nur zu oft mit ge⸗ meiner Geſellſchaft in der Hahnengrube des Waldes angetroffen. Ich für meine Perſon war ihm nicht gut. Ich ſuchte ſeine Geſellſchaft niemals. Er war allerdings älter als ich, aber dies war nicht der Grund. Seine Gemüthsart geſiel mir nicht. Nicht ſo war es mit meinen Aeltern. Dieſe ermuthigten ihn Beide, unſer Haus zu beſuchen. Beide wünſchten⸗ ihn wahrſchein⸗ lic zu ihrein künftigen Sch uſegerſöhus ſahen — 112— keine Fehler an ihm. Der Glanz des Goldes äußert einen blendenden Einfluß auf das menſch⸗ liche Auge. Dieſer junge Mann war alſo einer der Eifrig⸗ ſten für die Beſtrafung des Mulatten und thätig bei den Anſtalten dazu. Seine Thätigkeit hatte ihren Grund zum Theil in einem natürlichen Hange, grau⸗ ſam zu ſein. Sowohl er als ſein Vater waren als ſtrenge Zuchtmeiſter bekannt, und an Maſſa Ring⸗ zold verkauft zu werden, war ein pon jedem Selaven in der Niederlaſſung gefürchtetes Schickſal. Der junge Ringzold hatte aber auch noch einen andern Grund, ſich auf dieſe Weiſe hervorzuthun. Er glaubte, er ſpiele durch dieſen Beweis von Freund⸗ ſchaft für unſere Familie— für Virginia— den fahrenden Ritter. Er irrte ſich. Solche unnöthige Grauſamkeit gegen den Verbrecher ward von Keinem von uns gebilligt. Es war nicht wahrſcheinlich, daß er dadurch ein Lächeln von meiner guten Schweſter erkaufen würde. Der junge Miſchling Powell war ebenfalls zugegen. Als er das Geſchrei der Verfol⸗ gung hörte, war er umgekehrt und ſtand jetzt unter der Menge als Zuſchauer, ohne jedoch Theil an dem Vorgange zu nehmen. Gerade in dieſem Augenblicke ruhete Ringzold's Auge auf dem Indianerknaben, und ich bemerkte, daß — Indianer wendend — 113— es ſofort von einem ſeltſamen Ausdrucke glühete. Er war bereits von allen Nebenumſtänden des Falles unterrichtet. Er ſah in dem dunkelfarbenen Jüng⸗ linge den tapferen Lebensretter Virginiens; aber es war nicht Dankbarkeit, mit der er ihn betrachtete. Ein anderes Gefühl arbeitete in ſeiner Bruſt, wie ſich deutlich an dem verächtlichen Lächeln wahrnehmen ließ, welches ſeine Lippen umſpielte. Noch deut⸗ licher gab es ſich durch die rohen Worte kund, welche folgten: „Heda! Rothhaut!“ rief er, ſich zu dem jungen mit Schuld und Theil an dieſer Sache?— Wie, Rothhaut?“ „Rothhaut!“ rief der Miſchling im Tone der Entrüſtung, indem er gleichzeitig ſeinem Beleidiger ſtolz gegenüber trat,„Rothhaut nennſt Du mich? Meine Haut iſt von beſſerer Farle, als die Deine, Du feiger Lump!“. Ringzold's Geſichtsfarbe war ziemlich fahl. Der gegen ihn geführte Hieb traf. Nicht raſcher iſt der Blitz des Pulvers, als die Wirkung dieſes Schlages war; aber ſein Erſtaunen, auf dieſe Weiſe von einem Inddamer angeredet zu werden, hinderte— ihn in Verbindung mit ſeiner Wuth mnge euden Oceola. I. haſt Du nicht vielleicht auch —— — 114— blicke lang, zu antworten. Andere kamen ihm zuvor und riefen: „O, mein Gott— ſolche Worte von einem Indianer!“ „Sage das noch ein Mal!“ rief Ringzold, ſobald er ſich ein wenig gefaßt hatte. „Ja wohl, wenn Du es wünſcheſt— feiger Lump!“ rief der Miſchling, die letzten beiden Worte 3 nachdrücklich betonend. Die Worte waren kaum geſprochen, ſo knallte Ringzold's Piſtol. Die Kugel fehlte aber, und im nächſten Augenblicke hatten die beiden Gegner einan⸗ der bei der Gurgel gepackt. Beide ſtürzten nieder, der Miſchling aber hatte den Vortheil. Er war vbennuf und würde ohne Zweifel ſeinem weißen Gegner ſchnell den Garaus gemacht haben— denn die blanke Klinge blitzte ſchon in ſeiner Fauſt— aber das Meſſer ward ihm aus der Hand geſchlagen und eine Menge herbeieilender Männer riſſen die Ringenden aus⸗ einander. Einige ſchrieen laut über den Indianerknaben und verlangten ſein Leben; aber es waren auch An⸗ dere mit richtigeren Begriffen von Unparteilichkeit da, welche Zeugen der Herausforderung geweſen und trotz des Anſehens der Ringzold's nicht zugeben 4 4— — 115— wollten, daß der muthige Knabe geopfert würde. Ich hatte beſchloſſen, ihn, ſo weit ich es im Stande wäre, in meinen Schutz zu nehmen. Von welcher Art der Ausgang geweſen ſein würde, iſt ſchwierig zu errathen; gerade aber, als die Sache ſo weit gediehen war, ward eine plötzliche Diverſion durch ein lautes Geſchrei herbeigeführt. Der Gelbe Jake war entwiſcht! Dreizehntes Kapitel. Die Verfolgung. Ich ſah mich um. Ja, allerdings— der Mu⸗ latte ſuchte das Weite: Der Zuſammenſtoß zwiſchen Ringzold und dem Indianer hatte die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen und der Ver⸗ brecher war für den Augenblick vergeſſen. Das aus Powell's Hand geſchlagene Meſſer war zu den Füßen des Gelben Jake niedergefallen. In der Verwirrung unbeachtet, hatte er es aufgerafft, ſich die Feſſeln ſeiner Füße durchgeſchnitten und die Flucht ergriffen, ehe ihn noch Jemand aufhalten konnte. Mehrere haſchten nach ihm, als er durch die zerſtreuten Gruppen hindurchſtob; da er aber nackend war, ſo entglitt er leicht wieder den Händen Derer, die ihn packen wollten, und mit einem Dutzend — — — 117— Sprüngen hatte er die Menge hinter ſich und rannte nach dem Ufer des See'’s. Es ſchien ein wahnſinniger Verſuch— ganz gewiß ward er niedergeſchoſſen oder eingeholt. Doch wenn dies auch der Fall war, ſo war es doch nicht Wahnſinn, dem gewiſſen Tode und noch dazu einem ſolchen Tode zu entfliehen. Schüſſe knallten— anfangs nur aus Piſtolen. Die Büchſen waren bei Seite gelegt worden und lehnten an den Bäumen und dem nahen Zaune. Ihre Beſitzer eilten jetzt, ſie aufzuraffen. Eine nach der andern ward angelegt, und nun folgte ein raſches, ſcharfes Knattern, wie das Pelotonfeuer eines Corps Scharfſchützen. Es waren vielleicht gute Schützen unter der Verſammlung— es waren einige der beſten darun⸗ ter— aber ein Menſch, wöckher flieht, um dem Tode zu entrinnen, und von einer Seite zur an⸗ dern ſpringt, um den Stümpfen und Büſchen aus dem Wege zu gehen, bietet nur ein ſehr unſicheres Ziel dar und der beſte Schütze kann fehlen. So ſchien es bei dieſer Gelegenheit. Nachdem die letzte Büchſe geknallt hatte, ſah man den Fliehen⸗ den immer noch anſcheinend unverſehrt ſeinen Weg fortſetzen.. Einen Augenblick ſpäter ſprang er in das 1 — 118— Waſſer und ſchwamm keck nach dem jenſeitigen Ufer. 1 Einige begannen ihre Flinten wieder zu laden; Andere, welche glaubten, es ſei nicht Zeit genug dazu, warfen ſie von ſich und eilten, ſchnell Hüte, Röcke und Stiefel von ſich werfend, nach dem See hinab und ſtürzten ſich hinter dem Flüchlinge in's Waſſer. In weniger als drei Minuten von dem Augen⸗ blicke an, wo der Mulatte ſich aufgemacht, bildete ſich ein neues Tableaun. Der Platz, welcher der Schauplatz der Hinrichtung ſein ſollte, war vollſtän⸗ dig verlaſſen. Die eine Hälfte der verſammelten Menge ſtand am Ufer, laut ſchreiend und geſtikuli⸗ rend; die andere Hälfte— zuſammen zwanzig Mann — waren in das Waſſer geſprungen und ſchwammen in vollkommenem Schweigen, während nur ihre Köpfe allein über der Oberfläche ſichtbar waren. Darüber hinaus— volle fünfzig Schritte dem Vorderſten voraus— zeigte ſich jener einſame Schwimmer, der Gegenſtand der Verfolgung. Sein ſchwarzes, verworrenes Lockenhaar war deutlich über dem Waſſer ſichtbar, und dann und wann zeigten —. 119— * Ein ſeltſames Bild war es und hatte viel Aehn⸗ lichkeit mit einer Hetzjagd— wenn der Hirſch dicht verfolgt in das Waſſer flieht und die Hunde unter lautem Gebell kühn hinterdrein ſtürzen.— Bei der gegenwärtigen Jagd aber waren die Elemente noch weit aufregendere, denn ſowohl das Wild als die Meute waren Menſchen. Nicht lauter Menſchen— es waren auch Hunde darunter— Jagd⸗ und Kettenhunde miſchten ſich unter die Menſchen, dicht neben ihren Herren in eifriger Verfolgung. Ein ſeltſames Bild in der That! Einzelne Schüſſe wurden noch fortwährend vom Ufer abgefeuert. Mehrere Büchſen waren von den Zurückbleibenden wieder geladen worden, und dann und wann ſah man das aufſpritzende Waſſer, wenn die Kugel weit hinter dem Schwimmer einſchlug. Er brauchte in dieſer Beziehung keine Gefahr mehr zu fürchten. Er war über das Bereich der Büchſen hinaus. Der ganze Vorgang hatte den Anſchein eines Traumes. So plötzlich war der Gang der Ereig⸗ niſſe geweſen, daß ich kaum meinen Sinnen trauen und ſie für wirklich halten konnte. Nur wenige Au⸗ genblicke zuvor lag der Verbrecher gebunden und hülflos da neben dem Scheiterhaufen, auf welchem er verbrannt werden ſollte— jetzt ſchwamm er fern — 120— und frei, und ſeine Henker in hoffnungsloſer Ent⸗ fernung hinter ihm. Raſch war die Umwandlung geweſen— ſie ſchien kaum wirklich zu ſein. Aber nichtsdeſtoweniger war ſie wirklich— denn das Auge konnte ſich davon überzeugen. Und auch ſehr lange Zeit ſchwebte das Bild vor unſern Augen. Eine Verfolgung im Waſſer iſt eine ganz andere Sache, als eine Verfolgung auf dem trockenen Lande, und trotzdem, daß Leben und Tod auf dem Spiele ſtanden, kamen doch Verfolger und Verfolgte nur langſam vorwärts. Beinahe eine halbe Stunde lang waren wir, die wir auf dem Ufer zurückgeblieben waren, Zu⸗ ſchauer dieſes eigenthümlichen Kampfes. Die hitzige Aufregung der erſten Augenblicke war vorüber, aber die Sache hatte Intereſſe genug, um eine ſtarke Aufregung bis zuletzt wach zu halten, und Einige fuhren fort zu ſchreien und zu geſtikuliren, obſchon weder ihr Geſchrei noch ihre Geberden auf irgend eine Weiſe Einfluß auf den Ausgang äußern konn⸗ ten. Kein Wort der Ermuthigung hätte die Schnel⸗ ligkeit der Verfolgung vermehren können und es bedurfte keines Zurufes, um den Flüchtling anzu⸗ ſpornen. Wir, die wir unthätig blieben, hatten Zeit zum Nachdenken, und als wir uns die Sache überlegten, „5 — 121— ward es uns klar, weßhalb der Ausreißer ſeine Flucht zu dem Waſſer genommen hatte. Hätte er verſucht, über die Felder hinweg zu entfliehen, ſo wäre er von den Hunden niedergeriſſen oder auch von ſchnel⸗ len Läufern eingeholt worden, denn es waren Viele da, die ſchneller waren als er. Dagegen gab es we⸗ nig beſſere Schwimmer, und dies wußte er. Aus dieſem Grunde hatte er alſo dem⸗Waſſer den Vorzug vor dem Walde gegeben und allerdings ſchien ſeine Ausſicht auf dieſe Weiſe auch beſſer zu ſein. Ganz entrinnen aber konnte er nicht. Die Inſel, nach welcher er ſchwamm, war ungefähr eine halbe Meile vom Ufer entfernt, jenſeits derſelben aber befand ſich eine ununterbrochene Waſſerfläche von mehr als einer engliſchen Meile Breite. Die Inſel erreichte er wahrſcheinlich eher, als irgend eeiner ſeiner Verfolger; aber was dann? Hatte er die Abſicht, dort zu bleiben, in der Hoffnung, ſich unter dem Gebüſche zu verſtecken? Die mehrere Acker Flächenraum haltende Inſel war mit dicht neben einander ſtehenden großen Bäumen bedeckt. Einige ſtanden dicht am Ufer. Ihre Zweige waren mit ſilberner Tillandſia drapirt und hingen über das Waſſer. Aber was nützte das? Vielleicht war Deckung genug da, um einen Bären oder gehetzten . — 122— Wolf zu verbergen, aber nicht für einen gehetzten Menſchen— nicht für einen Sclaven, welcher das Meſſer gegen ſeinen Herrn gezückt. Nein, nein, jeder Zoll des Dickichts ward durchſucht und durch Verſtecken konnte er nicht erinnen. Vielleicht war er blos geſonnen, ſich der Inſel als Ruheplatz zu bedienen und, nachdem er ein wenig Athem geſchöpft, ſich wieder in's Waſſer zu ſtürzen und nach dem entgegengeſetzten Ufer weiter zu ſchwimmen. Für einen ſtarken Schwimmer war es auch möglich, es zu erreichen, aber ganz gewiß nicht für ihn. Es lagen Piroguen und Kähne auf dem Fluſſe, ſowohl ſtromaufwärts als ſtromabwärts. Schon waren mehrere der Verfolger darnach gegangen, und lange zuvor, ehe er ſich über dieſe breite Fläche hin⸗ überarbeiten kontkte, ward der Waſſerſpiegel von we⸗ nigſtens einem halben Dutzend Kielen durchfurcht. Nein, nein— er konnte nicht entrinnen. Entweder auf der Inſel oder in dem Waſſer jenſeits derſelben mußte er in die Hände der Verfolger fallen. So folgerten die Zuſchauer, während ſie die Verfolgung beobachteten. So wie die Schwimmer ſich der Inſel näherten, ſtieg die Aufregung immer höher. Es iſt dies bei dem Herannahen einer Kriſis jedes Mal der Fall, —ꝛ:—— ———O—OQQOQ—C—QO— — 123— und eine Kriſis war nahe, obſchon nicht eine ſolche, wie die Zuſchauer erwarteten. Sie erwarteten, den Flüchtling das Land erreichen, das Ufer erklettern und unter den Bäumen verſchwinden zu ſehen. Sie erwarteten, ſeine Verfolger dicht hinter ihm ebenfalls an's Land klettern zu ſehen und von ſeiner Gefan⸗ gennehmung zu hören, ehe er noch durch die Wal⸗ dung hindurchkommen und auf der andern Seite wieder in das Waſſer gelangen konnte. Eine ſolche Kriſis ungefähr war es, die ſie er⸗ warteten, und ſie konnte nicht mehr fern ſein, denn der Mulatte war jetzt dicht am Rande der Inſel. Noch wenige Ruderſchläge mußten ihn an's Land bringen. Er ſchwamm ſchon in dem ſchwarzen Schatten der Bäume es war, als ob die Aeſte bis auf ſeinen Kopf herabhingen— als ob er nur hätte die Hände auszuſtrecken brauchen, um ſie zu faſſen. Die Hauptmaſſe ſeiner Verfolger war noch über fünfzig Schritte hinter ihm zurück, Einige aber, die ſich den Andern vorausgearbeitet hatten, befanden ſich innerhalb der Hälfte dieſer Entfernung. Von dem Platze aus, wo wir ſie ſahen, ſchienen ſie weit näher zu ſein; ja, es war ſogar leicht, zu glauben, daß ſie neben ihm ſchwämmen und ihn jeden Angen⸗ blick faſſen könnten. Die Kriſis nahete heran, aber nicht die, welcher 8 —— — 124— man entgegengeſehen. Die Verfolgung ſollte ſich ganz anders enden, als Zuſchauer oder Verfolger er⸗ wartet hatten. Der Verfolgte ſelbſt ahnte nicht das Schickſal, das ihm ſo nahe bevorſtand— ein Schick⸗ ſal, welches entſetzlich, aber wohlverdient war. Der Schwimmer ruderte durch den Gürtel von ſchwarzen Schatten hindurch. Wir erwarteten, ihn den nächſten Augenblick unter die Bäume hineinfliehen zu ſehen, als wir plötzlich ſahen, daß er uns die Seite zukehrte und ſeine Richtung längs dem Rande der Inſel hin nahm. 2e Wir beobachteten dieſes Manöver mit einigem Erſtaunen; wir konnten es uns nicht erklären. Es war offenbar zum Vortheile der Verfolger, welche nun in ſchräger Linie ſchwammen, um ihm den Weg abzuſchneiden. Was konnte ſein Beweggrund ſein? Hatte er verfehlt, einen Landungsplatz zu finden? Wenn dies aber auch der Fall war, ſo hätte er doch die Zweige faſſen und auf dieſe Weiſe ſich an's Land ziehen können. 1 Hal unſere Muthmaßungen werden beantwortet! Da drüben iſt die Antwort. Jener braune Gegen⸗ ſtand, welcher auf dem ſchwarzen Waſſer ſchwimmt, iſt nicht der Stamm eines abgeſtorbenen Baumes. Er iſt nicht todt; er hat Leben und Bewegung. 3. R 3 — 123— Sehet, er nimmt eine Form an— die Form des großen Sauriers, des gräßlichen Alligators! Sein rieſiger Rachen iſt weit geöffnet, ſein Schwanz ſteht emporgerichtet, nur ſeine Bruſt ruht auf dem Waſſer. Auf dieſem dreht er ſich, wie auf einem Zapfen, im Kreiſe umher, ſchwingt ſeinen Schwanz in der Luft und peitſcht dann und wann den Schaum in die Höhe. Sein Brüllen hallt von dem fernen Ufer wider; der See erzittert von dem heiſern Bariton, die Waldvögel flattern und krei⸗ ſchen, und der weiße Kranich ſteigt krächzend in die Luft. Die Zuſchauer ſtehen entſetzt. Die Verfolger haben im Waſſer Halt gemacht und ſchwimmen nicht weiter. Ein einziger Schwimmer mühet ſich weiter. Es iſt der, welcher ſchwimmt, um ſein Leben zu retten. Und er iſt es auch, auf den die Augen des Alli⸗ gators geheftet ſind. Warum auf ihn mehr, als auf die Andern? Sie ſind Alle gleich nahe. Iſt es die Hand Gottes, welche Rache nimmt? Noch eine Umdrehung, noch ein Hieb mit dem ſtarken Schwanze und das ungeheure Thier ſtürzt ſich auf. ſein Opfer. Ich habe ſeine Verbrechen vergeſſen— ich habe faſt Mitleid mit ihm. Ift für ihn keine Ausſichte⸗ * auf Entrinnen vorhanden? Sehet, er hat den Aſt einer Lebenseiche ergriffen; er iſt bemüht, ſich in die Höhe zu heben— über das Waſſer, über die Gefahr. Der Himmel ſtärke ſeine Arme! Ha, es wird zu ſpät ſein; ſchon berührt der ge⸗ öffnete Rachen— was krachte denn da? Der Aſt iſt gebrochen! Er ſinkt zurück auf die Waſſerfläche— darun⸗ ter. Er iſt nicht mehr ſichtbar— er iſt unterge⸗ ſunken, und ihm nach mit offenem, gierigem Rachen ſchießt die rieſige Eidechſe. Beide ſind unſern Augen entſchwunden. Der Schaum ſchwimmt wie ein weißes Tuch auf den Wellen und hängt ſich an die Blätter des gebrochenen Aſtes. Wir lauern mit begierigen Au⸗ gen. Kein Rieſeln bleibt unbeobachtet; aber keine neue Bewegung ſtört die Oberfläche, keine Regung iſt bemerkbar, keine Geſtalt taucht auf und die Wellen glätten ſich bald wieder über der Stelle. Ohne Zweifel hat das Thier ſein Werk beendet. Weſſen Werk? War es die Hand Gottes, welche Rache genommen hat? So ſagen die Um⸗ ſtehenden. Die Verfolger haben Kehrt gemacht und ſchwim⸗ men wieder nach uns zu. Niemand hat Luſt, ſich unter die ſchwarzen Schatten dieſer Injeleichen — 127— hineinzuwagen. Sie müſſen lange ſchwimmen, ehe ſie das Ufer erreichen, und Einige von ihnen werden es kaum ermöglichen. Sie ſind in Gefahr; doch nein, da drüben kommen die Kähne und Piroguen, die ſie bald auffiſchen werden. Sie haben die Boote geſehen und ſchwimmen langſam, oder laſſen ſich auf dem Waſſer treiben und warten auf die Annäherung. Ng 64.[ A 497 Sie werden eingenommen, Einer nach dem Andern, und Alle— ſowohl Hunde als Menſchen— werden jetzt nach der Inſel gebracht. Sie wollen die Nachſuchung fortſetzen— denn das Schickſal des Flüchtlings iſt immer noch zweifel⸗ haft. Sie landen— die Hunde werden in das Gebüſch geſchickt, während die Männer ſich um den Rand herum nach dem Schauplatze des Kampfes ſchleichen— Sie finden keine Spur noch Fährte am Ufer. Aber auf dem Waſſer zeigt ſich eine. Etwas Schaum ſchwimmt noch— deerſelbe iſt roth ge⸗ färbt— ohne Zweifel iſt es das Blut des Mu⸗ latten. „Alles in Ordnung, Jungens!“ ſchrei't ein roher Burſche,„das iſt Blut des Blauhäuters, dafüͤr ſtehe ich. Er iſt untergeſunken— das läßt ſich 4 r,llah — 128— nicht mehr bezweifeln. Verdammt wäre der Kerl! Er hat uns den Spaß rund und rein verdorben.“ Dieſer Scherz wird mik lautem Gelächter auf⸗ genommen. Auf ſolche Weiſe ſprachen die Menſchenjäger, als ſie von der Jagd zurückkehrten. n Vierzehntes Kapitel. Ringzold's Rache. Nur die roheren Gemüther gaben ſich dieſen unzeitigen Frevelreden hin. Andere von gebildetérem Geiſte betrachteten das Ereigniß mit gebührendem Ernſte— Einige ſogar mit einem Gefühle von Ehr⸗ furcht und Grauen. Ganz gewiß ſchien es, als ob die Hand Gottes ſich eingemiſcht hätte— ſo angemeſſen war die Züch⸗ tigung— faſt als ob der Verbrecher durch ſich ſelbſt umgekommen wäre. Es war ein entſetzlicher Tod, aber weit weniger ſchwer zu erdulden als der, welchen die Menſchen be⸗. ſchloſſen hatten. Der Allmächtige war barmherziger geweſen und hatte, indem er auj dieſe Weiſe die Oceola. 1. 4 9 ₰ — 130— Strafe des Verbrechers milderte, ſeinen menſchlichen Richtern einen Verweis ertheilt. Ich ſah mich nach dem jungen Indianer um. Ich freute mich, zu finden, daß er ſich nicht mehr unter der Menge befand. Sein Streit mit Ring⸗ zold war unterbrochen worden, aber ich fürchtete, daß er noch nicht beendet ſei. Die Worte des Indianers 8 hatten einige der Weißen erbittert, und ſeine Anwe⸗ ſenheit war die Urſache, daß der Verbrecher Gelegen⸗ heit gefunden hatte, zu entkommen. Ohne Zweifel, wäre der Letztere wirklich entronnen, ſo wäre von der Sache noch mehr Aufhebens gemacht worden, und ſelbſt wie die Sache ſo ſtand, war ich in Bezug auf die Sicherheit des kühnen Miſchlings nicht ohne Be⸗ ſorgniß. Er war nicht auf ſeinem eigenen Grunde und Boden— die andere Seite des Fluſſes war das Indianergebiet, und deßhalb konnte er leicht als ein Eindringling betrachtet werden. Allerdings lebten wir mit den Indianern in Frieden, aber nichtsdeſtoweniger herrſchte genug feind⸗ genug ſeliges Gefühl zwiſchen den beiden Racen. Alte in te dein Kriege von 1818 geſchlagene Wunden eiter⸗ Ich kannte Ningzold's rachfüchtigen Chanakter. — 1321— — er war in den Augen ſeiner Kameraden gede⸗ müthigt worden, denn während des kurzen Ring⸗ kampfes war der Miſchling im Vortheil geweſen. Ringzold ließ die Sache ganz gewiß nicht ruhen, ſondern ſuchte ſich zu rächen. Ich freuete mich daher, als ich bemerkte, daß der Indianer den Ort verlaſſen hatte. Vielleicht hatte er ſelbſt Gefahr beſorgt und war über den Fluß zurückgegangen. Hier war er ſicher vor Ver⸗ folgung. Selbſt Ringzold wagte nicht, ihm auf die andere Seite zu folgen, denn die Geſetze des Ver⸗ trags hätten nicht ungeſtraft übertreten werden kön⸗ nen. Selbſt die rückſichtsloſeſten Squatter wußten dies. Ein Indianerkrieg wäre dadurch hervorgerufen worden, und die Staatenregierung hatte, obſchon ſie durchaus nicht allzugewiſſenhaft war, damals andere Pläne im Werke. Ich drehete mich um und wollte nach Hauſe gehen, als mir einfiel, daß ich Ringzold anreden und meine Mißbilligung ſeines Benehmens zu er⸗ kennen geben wollte. Ich war entrüſtet über die Art und Weiſe, auf welche er gehandelt— gerade zornig genug, um meine Meinung auszuſprechen.—. Kigzold war älter als ich und größer, aber ich Aärchtete mich nicht vor ihm. Im Gegentheil⸗ ic, daß er ſich eher vor mir fürchtet ſ * nachdem wir noch einige Worte gewechſelt, ritt d — 132— digung, die er einem Menſchen angethan, der nur eine Stunde vorher für uns das Leben gewagt, hatte mein Blut hinreichend aufgeregt, und ich war ent⸗ ſchloſſen, ihm deßwegen Vorwürfe zu machen. In dieſer Abſicht drehete ich mich wieder nach der Menge herum, um ihn zu ſuchen. Er war nicht da. „Habt Ihr Arens Ringzold geſehen?“ fragte ich den alten Hickman. „Ja, er iſt eben fort,“ war die Antwort. „In welcher Richtung?“ „Stromaufwärts. Ich ſah ihn mit Bill Wil⸗ liams und Ned Spence fortgaloppiren— ſie ſchie⸗ nen Etwas vorzuhaben.“ Ein peinlicher Argwohn durchzuckte mich. „Hickman,“ fragte ich,„wollt Ihr mir auf eine Stunde Euer Pferd borgen?“ „Mein altes Thier? O, ganz gewiß— auf einen Tag, wenn Ihr es haben wollt. Aber, lieber Georg, Ihr könnt doch nicht mit Eurem verwunpelen. Arme reiten?“ „O ja; helft mir nur in den Sattela Der alte Jäger that, wie ich begehrte, und in der Richtung ſtromaufwärts fort. Weiter bben am Fluſſe befand ich eine der — 133— und an dem Landungsplatze derſelben hatte der junge Indianer wahrſcheinlich ſein Kanoe zurückgelaſſen. In dieſer Richtung mußte er daher gehen, um wie⸗ der nach Hauſe zu gelangen, und in dieſer Richtung mußte Ringzold nicht gehen, um nach ſeiner Woh⸗ nung zurückzukehren, denn der Weg nach der Plan⸗ tage Ringzold lag gerade entgegengeſetzt. Dies war der Grund des Argwohns, der in mir aufſtieg, als ich hörte, daß Letzterer ſtromauf⸗ wärts gegangen war. Unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden ſah dies nicht gut aus und in ſolcher Geſell⸗ ſchaft noch ſchlechter, denn ich erkannte in den Namen, welche Hickman genannt, zwei der verworfenſten Jünglinge in der Niederlaſſung. Ich wußte, daß ſie Ringzold's Kameraden oder vielmehr Kreaturen waren. Ich argwohnte, daß ſie dem Indianer nachge⸗ ſetzt wären, und natürlich in ſchlimmer Abſicht. Es⸗ war kaum eine Muthmaßung; ich war faſt überzeugt davon, und als ich längs des Flußweges hinritt, ward ich in meinem Glauben beſtärkt. Ich ſah die Spuren ihrer Pferde längs des Weges, der nach der Fähre fühtte, und dann und wann erkannte ich auch ddeen Abdruck des indianiſchen Moccaſins, wo er ſeine naſſe Spur im Staube zurückgelaſſen hatte. SIch wußte, daß ſeine Kleider noch nicht an ihm — 134— getrocknet waren, und die Moccaſins mußten von Waſſer noch ganz durchdrungen ſein. Ich trieb das alte Pferd zur größten Eile an. Als ich mich dem Landungsplatze näherte, konnte ich Niemanden ſehen, denn es ſtanden Bäume rings herum; aber der Klang lauter, zorniger Stimmen bewies, daß ich recht vermuthet hatte. Ich blieb nicht halten, um zu horchen, ritt aber, indem ich mein Pferd abermals antrieb, weiter. An einer Biegung des Weges ſah ich drei Pferde an die Bäume gebunden. Ich wußte, daß es die Ringzold's und ſeiner Kameraden waren, konnte mir aber nicht denken, warum ſie dieſelben verlaſſen hätten. Ich machte nicht Halt, um lange Vermuthungen anzuſtellen, ſondern galoppirte weiter nach dem Lan⸗ dungsplatze. Ganz ſo, wie ich erwartet, waren die Drei da— der Miſchling war in ihren Händen! Sie hatten ihn unverſehens beſchlichen, deßhalb hatten ſie ihre Pferde zurückgelaſſen— und ihn ge⸗ packt, gerade als er im Begriffe ſtand, in ſein Kande zu ſteigen. Er war unbewaffnet— denn die Büchſe, welche ich ihm gegeben, war noch naß und der Mu⸗ latte war mit ſeinem Meſſer davongelaufen— er konnte keinen Widerſtand leiſten und ward deßholh ſofort feſtgenommen. 5 Seine Veinde waren raſch zu Werke gegangen, — 135— denn ſie hatten ihm ſchon ſein Jagdhemd abgeriſſen und ihn an einen Baum gebunden. Sie ſtanden eben im Begriffe, ihren Groll an ihm auszulaſſen und ihn auf den bloßen Rücken mit den Peitſchen zu geißeln, welche ſie in ihren Händen trugen. Ohne Zweifel würden ſie davon furchtbaren Gebrauch ge⸗ macht haben, wenn ich nicht zeitig genug hinzugekom⸗ men wäre. „Schämt Euch, Arens Ringzold, ſchämt Ench!“ rief ich, als ich heranritt.„Das iſt feig und nieder⸗ trächtig, und ich werde es der ganzen Niederlaſſung erzählen.“ Ringzold ſtammelte eine Entſchuldigung, ward aber durch mein plötzliches Erſcheinen augenſcheinlich ſtutzig gemacht. „Der verdammte Indianer verdient es,“ grollte Williams. „Wofür denn, Maſter Williams?“ fragte ich. „Weil er ſich unterſtanden hat, auf ſo unver⸗ ſchämte Weiſe ſein Maul aufzuthun.“ „Er hat hier Nichts zu ſuchen!“ ſtimmte Spence ein.„Er hat nicht das Recht, auf dieſe Seite des Fluſſes zu kommen.“ „Und Ihr habt kein Recht, ihn zu ſchlagen, woeder auf dieſer noch auf jener Seite— Ihr habt dazu nicht mehr Recht, als mich zu ſchlagen.“ 3 — 136— „Oho, das könnte allenfalls auch geſchehen!“ ſagte Spence in einem hämiſchen Tone, welcher mein Blut in Wallung brachte. „Nicht ſo leicht!“ rief ich, indem ich von dem alten Pferde herunterſprang und näher hinzulief. Mein rechter Arm war noch geſund. Um auf alle Fälle nicht unbewaffnet zu ſein, hatte ich das Piſtol des alten Hickman geborgt und hielt es in der Hand. „Nun, meine Herren,“ ſagte ich, indem ich mich neben den Gefangenen ſtellte,„nun fangt an zu ſchlagen, aber laßt es Euch geſagt ſein, der Erſte, welcher ausholt, bekommt von mir eine Kugel vor den Schädel!“ Obſchon ſie nur noch Knaben waren, ſo waren doch alle Drei mit Meſſer und Piſtol bewaffnet, wie dies damals Gebrauch war. Spence ſchien von den Dreien am meiſten geneigt zu ſein, ſeine Dro⸗ hung auszuführen; er aber und Williams ſahen, daß Ringzold, ihr Anführer, ſich ſchon zurückgezogen hatte, denn der Letztere hatte Etwas zu verlieren, was mit ſeinen Kameraden nicht der Fall war. Ueber⸗ dies hatte er auch noch andere Gedanken ſowohl als Befürchtungen für ſeine perſönliche Sicherheit. Das Ergebniß war, daß alle Drei, nachdem ſi gegen meine unberufene Einmiſchungi in einen Streit, — 137— der mich Nichts anginge, proteſtirt, auf zornige und etwas ungeſchickte Weiſe den Schauplatz verließen. Der junge Indianer ward bald aus ſeiner un⸗ angenehmen Lage erlöſ't. Er ſprach nur wenige Worte, aber ſeine Blicke gaben ſeine Dankbarkeit auf beredte Weiſe zu erkennen. Als er mir beim Schei⸗ den die Hand drückte, ſagte er: 9 „Kommt auf die andere Seite jagen, ſo oft Ihr Luſt dazu habt— kein Indianer wird Euch Etwas zu Leide thun— in dem Lande der rothen Männer ſeid Ihr willkommen.“ 4 Fünfzehntes Kapitel.. . Maümee., Eine auf dieſe Weiſe geſchloſſene Bekanntſchaft konnte nicht leichthin wieder abgebrochen werden. Konnte ſie anders enden als in Freundſchaft? Dieſer Miiſchling war ein edler Jüngling, der Keim eines Gentleman. Ich beſchloß, ſeine Einladung anzuneh⸗ men und ihn in ſeiner Waldheimath zu beſuchen. 2 Die Hütte ſeiner Mutter, ſagte er, ſtand auf 3 der andern Seite des Seees in nicht weiter Entfer⸗ nung. Ich würde ſie an dem Ufer eines kleinen 6 Fluſſes finden, der ſich in den Hauptſtrom ergöſſe, ſberhalb der Stelle, wo der letztere ſich ausbreitet. Ich fühlte eine geheime Freude, als ich dieſe 4 Weiſungen anhörte. Ich kannte den Fluß, von wel⸗ chem er ſprach. Erſt vor kurzer Zeit war ich in mei⸗ — 139— nem Boote denſelben hinaufgeſegelt. An ſeinen Ufern aber hatte ich jene ſchöne Viſion geſehen— die Wald⸗ nymphe, deren Schönheit meiner Phantaſie immer gegenwärtig war. War es Maümee? Ich wünſchte ſehr, hierüber Gewißheit zu haben. h wartete nur auf das Heilen meiner Wunde— 8 miein Arm wieder ſtark genug wäre, um das Ru⸗ zu führen. Ich war ungeduldig, daß es ſo lange dauerte, aber die Zeit verging und ich war wieder⸗ hergeſtellt. Ich wählte einen ſchönen Morgen zu dem ver⸗ ſprochenen Beſuche und war bereit, aufzubrechen. Ich hatte keine Begleiter als meine Hunde und meine Ku⸗ gelbüchſe. Ich ſtand ſchon neben meinem Boote und war im Begriffe hineinzuſteigen, als ich, indem ich mich noch ein Mal herumdrehete, meine Schweſter erblickte. Die arme kleine Virginie! Sie hatte Etwas von ihrer gewohnten Heiterkeit verloren und ſchien ſich in der letzten Zeit ſehr verändert zu haben. Sie hatte den furchtbaren Schrecken noch nicht überwunden— ſeine Folgen zeigten ſich in ihrer nachdenklicheren Haltung. „Wohin willſt Du, Georg?“ fragte ſie, als ſte⸗ verankam. „Muß ich es ſagen, Virginie?“ — 140— „Entweder mußt Du mir es ſagen oder mich mitnehmen.“ „Was? In den Wald?“ „Und warum nicht? Ich möchte gern einmal einen Spaziergang im Walde machen. Böſer Bruder! Du thuſt mir niemals meinen Willen.“ „Aber, Schweſter, Du haſt dies ja noch niemals verlangt.“ „Wenn auch— Du hätteſt es wiſſen können, daß ich es wünſchte. Wer würde nicht wünſchen, in dem Walde umherzuſchweifen? O, ich wollte, ich wäre ein wilder Vogel, oder ein Schmetterling, oder irgend ein anderes Geſchöpf mit Flügeln. Ich würde alle dieſe ſchönen Wälder durchflattern, ohne von Dir zu verlangen, daß Du mich führen ſollteſt, egoiſtiſcher Bruder!“ *„Jeden andern Tag, Virginie, aber heute—⸗ „Nun, warum nicht heute? Der Tag iſt ja ſchön!“ „Nun, ich will Dir's nur ſagen, Schweſter— der Wald iſt eigentlich nicht das Ziel meines Aus⸗ flugs.“ „Wo willſt Du denn ſonſt hin, Georg?“ 1„ Ich will den jungen Powell in der Hütte ſei⸗ 88 ner Mutter beſuchen. Ich habe es ihm verſprochen.“ „Ha!“ rief meine Schweſter, indem ſie plötzlich — ——— — 141— die Farbe wechſelte und einen Augenblick lang nach⸗ denklich ſtehen blieb. Der Name hatte ſie wieder an jenes gräßliche Ereigniß erinnert. Es that mir leid, daß ich ihn genannt hatte. „Ach, Bruder,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, „es giebt Nichts, was ich mehr wünſchte zu ſehen, als einen indianiſchen Wigwam— Du weißt, daß ich noch nie einen geſehen habe. Mein guter, lieber Georg, ich bitte Dich, nimm mich mit.“ Es lag eine Innigkeit in dieſer Bitte, der ich nicht widerſtehen konnte, obſchon ich lieber allein ge⸗ gangen wäre. Ich hatte ein Geheimniß, welches ich auch nicht einmal meiner mich zärtlich liebenden Schwe⸗ 4 anvertrauen wollte. Ueberdies hatte ich ein un⸗ lares Gefühl, daß ich ſie nicht ſo weit von unſerm Hauſe hinweg in eine Gegend mitnehmen dürfte, welche ich ſelbſt noch ſo wenig kannte. Sie bat mich zum zweiten Male. „Wenn die Mutter es erlaubt—⸗ „Ach, Unſinn, Georg!— Mama wird nicht böſe ſein. Was ſollen wir erſt nach dem Hauſe zu⸗ rückkehren? Du ſiehſt, daß ich bereit bin— ich habe meinen⸗Sondenhut auf. Wir können wieder daſein, ehe man uns vermißt— Du haſt u mir ge⸗ ſagt, es wäre nicht weit.“ * 5. „Steig' ein, Schweſter; ſetz' Dich in den Stern. Da— joho! es geht fort!“ Die Strömung war nicht ſehr ſtark, und nach halbſtündigem Rudern gelangte das Boot an die Mündung der Bucht. Wir bogen in dieſelbe ein und ruderten weiter ſtromaufwärts. Es war ein ſchmaler Fluß, aber hinreichend tief, um Boot oder Kanoe zu tragen. Die Sonne ſchien ſehr heiß, aber ihre Strahlen konnten uns nicht treffen. Sie wurden durch die Tupelobäume aufgefangen, welche an den Ufern wuchſen, ſo daß die dichtbelaubten Zweige über dem Waſſer faſt zu⸗ ſammentrafen. Eine halbe Meile von der Mündung der Bucht näherten wir uns einer Klärung. Wir ſahen an bauete Felder. Wir bemerkten Mais und ſüße Kar⸗ tofferln, Mohn, Melonen und Kürbiſſe. Nicht weit von dem Ufer ſtand ein Wohnhaus von ziemlichen Größe, von einer Einhegung umgeben, mit kleineren Häuſern dahinter. Es war von Holz erbaut— etwas antik in ſeiner äußern Erſcheinung mit einem Porticus, deſſen Säulen mit roher Schuitzarbeit ver⸗ ziert waren. Auf dem Felde arbeiteten Sclaven, das heißt, es waren Schwarze vdarauf zu ſehen und auch einige rothe Männer— Indianer! — Die Pflanzung eines weißen Mannes konnte es — — 143— nicht ſein— auf dieſer Seite des Fluſſes gab es keine. Ein reicher Indianer mußte nach unſerer Vermuthung hier wohnen, dem das Land und die Sclaven gehör⸗ ten. Wir wurden dadurch weiter nicht überraſcht— wir wußten, daß es deren viele gab. Aber wo war die Hütte unſeres Freundes? Er hatte mir geſagt, ſie ſtünde an dem Ufer des Fluſſes, nicht über eine halbe Meile von der Mündung deſſelben entfernt. Waren wir daran vorbeigekommen, ohne ſie zu ſehen, oder lag ſie noch höher hinauf? ‚Sollen wir hier anhalten und fragen, Virginie?“ „Wer ſteht denn da in der Vorhalle?“ „Ha, Deine Augen ſind beſſer als die meinen, Schweſter; es iſt der junge Indianer ſelbſt. Aber ohnt doch nicht hier? Das iſt ja weder ein Bigwam noch eine Hütte. Vielleicht iſt er auf Be⸗ ſuch hier. Doch ſieh'! er kommt auf uns zu.“ „ Während ich ſprach, trat der Indianer aus dem Hauſe und kam raſch auf uns zu. Nach weutigen Secunden ſtand er an dem Ufer und winkte uns nach einer Stelle, wo wir landen konnten. Wie früher war er ſchön gekleidet, mit geſiedertem Kopfputze und reichgeſticken Gewändern. Als er ſo über uns auf s. dem Ufer ſtand und feine ſchöne Geſtalt ſich gegen en Himmel abzeichnete, hatte er ganz das Anſehen eines wilden Kriegers in Miniatur. Obſchon nur — 144— noch Knabe, ſah er doch prächtig und maleriſch aus. Ich beneidete ihn faſt um ſein wildes Coſtüm. Meine Schweſter ſchien ihn mit Bewunderung zu betrachten, obſchon ich auch zugleich eine gewiſſe Angſt in ihrem Blicke zu erkennen glaubte. Aus der Art und Weiſe, auf welche ſie bald roth, bald blaß ward, glaubte ich zu erkennen, daß ſeine Gegenwart ſie wieder an jene Scene erinnerte, und wieder be⸗ dauerte ich, daß ſie mich begleitet hatte. Er ſchien durch unſere Ankunft durchaus nicht in Verlegenheit geſetzt zu werden. Ich habe unter Weißen und ſelbſt unter Solchen, welche Anſprüche auf guten Ton machten, in dieſer Beziehung ganz andere Erfahrungen erlebt. Dieſer junge Indianer war ſo kaltblütig und geſammelt, als ob er uns er⸗ wartet hätte, was gleichwohl nicht der Fall war. Wenigſtens konnte er nicht uns Beide erwartetz haben. Es lag in unſerm Empfange aber keine erheu⸗ chelte Kälte. Sobald wir nahe genug gekommen waren, faßte er das Boot, zog es dicht auf den Lan⸗ dungsplatz und half uns mit der Höflichkeit eines vollendeten Gentleman beim Ausſteigen. „Ihr ſeid willkommen,“ ſagte er,„willkommen!“ Und dann wendete er ſich mit einem fragenden Blicke zu Virginien und ſetzte hinzu: — — 1245— „Ich hoffe, daß die Geſundheit der Senorita vollſtändig wiederhergeſtellt iſt. Was die Eure be⸗ trifft, Sir, ſo brauche ich nicht zu fragen. Daß Ihr Euer Boot ſo weit gegen die Strömung habt rudern können, iſt ein Beweis, daß Ihr Euern Unfall voll⸗ ſtändig überwunden habt.“ Das Wort„Senorita“ verrieth eine Spur von den Spaniern, einen Ueberreſt von jenen Beziehun⸗ gen, die früher zwiſchen den Seminole⸗Indianern und der iberiſchen Race beſtanden hatten. Selbſt in dem Coſtüm unſeres neuen Bekannten waren gewiſſe Gegenſtände andaluſiſchen Urſprungs zu bemerken— das an ſeinem Halſe hängende ſilberne Kreuz, die Schärpe von ſcharlachrother Seide um ſeinen Gürtel, und die lange dreieckige Klinge, welche dahinter in ihrer Scheide hing. Auch die Umgebung hatte einen gewiſſen ſpani⸗ ſchen Anſtrich. Es waren exotiſche Pflanzen da, die China⸗Orange, die prachtvolle Papaya, die Capſi⸗ cums und Liebesäpfel(tomatoes), welche faſt für charakteriſtiſche Kennzeichen der Heimath des ſpani⸗ ſchen Koloniſten gelten können. 4 Auch das Haus ſelbſt zeigte Spuren von aſtili⸗ ſcher Arbeit. Das Schnitzwerk war nicht indianiſch. 8 „ſt das Euer Haus?“ fragte ic ein tenig. verlegen. Oeola. ä. 10 ———— — 14146— Er hatte uns willkommen geheißen, aber ich ſah keine Hütte; vielleicht irrte ich mich. Seine Antwort beſeitigte meine Zweifel. Es war ſeine Heimath— das Haus ſeiner Mutter— ſein Vater war ſchon längſt todt— die Familie zählte nur noch drei Perſonen— ſeine Mutter, ſeine Schweſter und ihn ſelbſt. „Und dieſe,“ fragte ich, indem ich auf die Ar⸗ beiter zeigte. „Sind unſere Sclaven,“ antwortete er lächelnd. „Ihr ſeht, daß wir Indianer allmählig auch die Ge⸗ bräuche der Civiliſation annehmen.“ „Aber es ſind ja nicht lauter Neger— es ſind auch rothe Männer darunter— ſind dieſe auch Sclaven?“" 8 „Ja, ſie ſind Seclaven wie die Andern. Ich ſehe, daß Ihr Euch wundert. Sie ſind nicht von unſerm Stamme. Es ſind Yamaſſees. Unſer Volk beſiegte ſie vor langer Zeit und Viele von ihnen ſind noch Sclaven.“ * Wir waren an dem Hauſe angelangt. Seine Mutter kam uns an der Thür entgegen— eine Frau von rein indianiſcher Race, die augenſcheinlich einmal einen hohen Grad von Schönheit beſeſſen hatte. Sie war noch jetzt eine ganz angenehme Er⸗ ſcheinung— gut gekleidet, obſchon nach Indianer⸗ weiſe— mütterlich— intelligent. Wir traten ein— Hausgeräthſchaften— Jagd⸗ trophäen in ſpaniſchem Style, eine Guitarre— ha! auch Bücher! Meine Schweſter und ich waren nicht wenig überraſcht, unter dem Dache eines Indianers dieſe Symbole der Civiliſation zu finden. „Ha!“ rief der Jüngling, als ob ihm plötzlich Etwas einfiele,„ich freue mich, daß Ihr gekommen ſeid. Eure Moccaſins ſind fertig. Wo ſind ſie, Mutter? Wo iſt ſie? Wo iſt Maümee?“. Er hatte meinen Gedanken Worte geliehen. „Wer iſt Maümee?“ flüſterte Virginie. „Ein Indianermädchen— ſeine Schweſter, glaube ich.“ „Da drüben— ſie kommt!“ Ein Fuß, kaum eine Spanne lang, ein Knöchel, der von dem geſtickten Lappen des Moccaſin zwei auf⸗ wärts weit divergirende Linien zeigt, eine Taille von herrlicher Biegung, ein Buſen, der ſich ſelbſt unter der gröbſten Hülle verrathen hätte, ein Geſicht von herrlich goldbrauner Farbe, durchſichtige Haut, korallenrothe Wangen, Lippen von gleicher Farbe, dunkle Augen und Brauen, lange halbmondförmige 10* 8 8* — 1248— Wimpern, Haar vom tiefſten Schwarz in muthwiilli⸗ ger Fülle. Man denke ſich eine ſolche Geſtalt; man denke ſie ſich mit all' dem maleriſchen Putze angethan, den der indianiſche Scharfſinn erfinden kann; man denke ſie ſich mit einem Schritte herannahen, welcher mit dem eines ſtolzen arabiſchen Roſſes wetteifert, und man hat einen Begriff— doch nein, von Maümtee hat Niemand einen Begriff, der ſie nicht geſehen. Mein armes Herz— ſie war es— meine Waldnymphe! Ich hätte unter dem Dache dieſes gaſtfreien Hauſes lange verweilen können, aber meine Schwe⸗ ſter ſchien ſich nicht behaglich zu fühlen— als ob die Erinnerung an jenes unglückliche Abenteuer immer wieder in ihr auftauchte. Wir blieben blos eine Stunde; ſie ſchien kaum halb ſo lang zu ſein — ſo kurz aber auch die Zeit war, ſo wandelte ſie mich doch in einen Mann um. Als ich wieder nach Hauſe zurückruderte, fühlte ich, daß ich mein Kna⸗ benherz zurückgelaſſen. 3 Sechzehntes Kapitel. Die Inſel. Ich ſehnte mich, das Indianerhaus wieder zu beſuchen und wußte meinen Wunſch bald zu befriedigen. Mein Thun und Treiben war keinem Zwange unter⸗ worfen. Weder Vater noch Mutter kümmerten ſich um meine täglichen Wanderungen; ich kam und ging wie ich Luſt hatte, und ward in Bezug auf die Rich⸗ tung, die ich genommen, ſelten befragt. Man glaubte, die Jagd ſei der Zweck meiner Abweſenheit. Meine Hunde und meine Kugelbüchſe, die ich ſtets mitnahm, und das Wildpret, welches ich gewöhnlich mit zurück⸗ brachte, befriedigten jede Neugier. Meine Jagdausflüge geſchahen ſtets nach Einer Richtung hin— ich hätte Dies wohl kaum erſt zu⸗ ühnen gebraucht— ſtets über den duß Dmnst — 150— und immer wieder ſpaltete der Kiel meines Bootes die Fluthen der Bucht— immer und immer wieder, bis ich jeden Baum an ihren Ufern kannte. Meine Bekanntſchaft mit dem jungen Powell reifte bald zu einer feſten Freundſchaft. Faſt täglich waren wir beiſammen— entweder auf dem See oder in dem Walde als Jagdgefährten, und manches Reh und manchen wilden Truthahn erlegten wir' gemein⸗ ſchaftlich. Der Indianerknabe war ſchon ein geübter Jäger und ich lernte manches Geheimniß in ſeiner Geſellſchaft. Ich entſinne mich recht wohl, daß die Jagd mir jetzt weniger Vergnügen machte als früher. Am liebſten war mir die Stunde, wenn die Jagd vorüber war und ich auf meinem Heimwege an dem Indianerhauſe Halt machte, wenn ich den mit Honig geſüßten Conté aus dem geſchnitzten Kürbis trank— weit ſüßer noch durch die Hände, aus welchen ich den Becher erhielt — weit ſüßer noch durch das Lächeln der Perſon, welche mir ihn reichte— denn dieſe Perſon war Maümee. ſein—, ſchwelgte ich in dieſem jungen Traume Liebe. Ach, es iſt wahr— in dem ganzen ſpät Leben giebt es keine Freude, welche dieſer gleichkäme. Nuhm und Macht ſind nur Befriedigungen— nur Wochenlang— kurze Wochen ſchienen es zu ☚‿ — 151— die Liebe allein iſt Wonne— am reinſten und füßeſten 1 in ihrer jungfräulichen Blüthe. 4 Oft war Virginia meine Begleiterin auf dieſen abenteuerlichen Waldausflügen. Sie hatte den Wald liebgewinnen gelernt— ſie ſagte es und ging gern mit. Es gab Zeiten, wo ich lieber allein gegangen wäre, aber ich konnte ihr Nichts abſchlagen. Sie hatte Anhänglichkeit zu Maümee faſſen gelernt. Ich wunderte mich darüber nicht. Maümee liebte meine Schweſter ebenfalls— nicht in Folge einer Aehnlichkeit ihrer beiden Charaktere. In phyſiſcher Beziehung waren ſie einander ſo unähn⸗ lich, wie zwei junge Mädchen einander nurſ ein können. Virginia war ganz blond und gold; Maümee braun und dunkel. In intellectueller Hinſicht ſtanden ſie einander nicht näher. Die Erſtere war ſchüchtern wie die Taube; die Letztere beſaß einen kühnen Muth, wie der Falke. Vielleicht knüpfte dieſer Contraſt die Bande der Freundſchaft, welche zwiſchen ihnen ent⸗ ſtanden mar, noch feſter. Es iſt dies keine Anomalie Einer Anomalie weit ahmicher War mehn Gefühl in Bezug auf die beiden. Ich liebte meine Schweſter eben wegen der Sanftheit ihres Weſens. Ich liebbe Maümee um des Gegentheils willen; aber dieſe zwie⸗ fache Liebe war deutlich unterſchieden— ſo unähnlich ☚‿ 8 — 152— wie die Gegenſtände, durch welche ſie hervorgerufen ward. Während der junge Powell und ich jagten, blieben unſere Schweſtern zu Hauſe. Sie ſchlenderten auf den Feldern, in den Hainen und im Garten um⸗ her. Sie ſpielten und ſangen und laſen, denn Maümee war— trotz ihres Coſtüms— keine Wilde. Sie hatte Büchen, eine Guitarre oder vielmehr eine Mandoline— eine ſpaniſche Reliquie— und war in Beidem unterrichtet worden. So weit als geiſtige Ausbildung ging, war ſie ein geeigneter Umgang ſelbſt für die Tochter eines ſtolzen Randolph. Auch der junge Powell war eben ſo gut oder beſſer unterrichtet als ich. Ihr Vater hatte ſeine Pflicht nicht vernachläſſigt.— Weder Virginia noch ich träumten je von einer Ungleichheit. Der Umgang ward von uns gewünſcht und geſucht. Wir waren Beide noch zu jung, um Etwas von Kaſtengeiſt zu wiſſen. Bei unſern Freund⸗ ſchaften folgten wir blos dem Antriebe der unſchuldigen „ Beien giemials ein, daß wir irre gingen. ₰ Die Mädchen begleiteten uns häufig in den Wald und wir, die Jäger, wendeten Nichts dagegen ein. Wir gingen nicht immer, um dem weit umherſchweifen⸗ den Hirſche nachzuſtellen. Eichhörnchen und anderes 0 2 — 153—— Verfolgung, und indem wir dieſen folgten, brauchten wir uns nicht weit von unſeren zarten Begleiteri zu entfernen. Was Maümee betraf, ſo war ſie eine gägerin— eine kühne Reiterin, die vor Nichts zurückſchreckte. Meine Schweſter dagegen hatte bis jetzt kaum ein Pferd beſtiegen.„. 3 Allmählig gefiel mir die Eichhörnchenjagd am beſten. Oft ließ ich meine Hunde daheim und es ward etwas Seltenes, daß ich Wildpret nach Hauſe brachte. Unſere Ausflüge beſchränkten ſich nicht auf den Wald. Die Waſſervögel auf dem See, die Ibiſſe und weißen Kraniche waren oft die Opfer unſeres Jagdeifers. In dem See lag eine ſchöne Inſel— nicht die, welche der Schauplatz des Trauer⸗ ſpiels geweſen, ſondern eine höher hinauf gelegene — in der Nähe der Stelle, wo der Fluß breit ward. Ihre Fläche war von bedeutendem Umfange und ſtieg in der Mitte zu einem Hügel an. Zum größten Theile war ſie mit Bäumen bewachſen, faſt lauter 35 Immerzßrün, wie zum Beiſpiel der Lebenseiche, der Magnolie, dem Illicium und der wilden Orange. welche Alle in Florida heimiſch ſind. Auch gab es hier Zanthopylonbäume mit ihren hervaren genden gelben Blüthxr; 3 hnn 3 kleines Wild waren weit öfter die Gegenſtände unſerer 2 8 8₰ — 154£ 0 ſchnblühenden Corneliuskirſchbaum und viele füß⸗ duftende Pflanzen und Sträucher, während die könig⸗ liche Palme Alles hoch überragte und mit ihren ſich weit ausbreitenden Blättern einen doppelten Baldachin von Grün bildete. Die Bäume bildeten, obſchon ſie dicht beiſammen⸗ ſtanden, doch kein eigentliches Dickicht. Hier und da ward der Weg durch Schmarotzergewächſe— unge⸗ heuer wilde Weinreben, Bignonien, China⸗ und Sar⸗ A ſaparillabüſche, Bromelien und wohlriechende Orchi⸗ deen ſchwierig gemacht, die größeren Bäulme aber ſtanden gut getrennt, und in gewiſſen Zwiſchenräumen gab es Oeffnungen— niedliche Waldwieſen nit g grünem Grasteppich und mit Blumen geſchmückt.—: Die ſchöne Inſel lag ungefähr auf der Hälfte des Wehdes zwiſchen den beiden Wohnungen, und oft krafen der jange Powell und ich uns hier und machten ſie zum Schanplatze unſerer Kurzweil. Es gab Eich⸗ hörnchen unter den Bäumen und Truthühner— zu⸗ weilen fanden ſich auch Rehe auf den Lichtungen, und von den bedeckten Ufern aus konnten wir eine bedeu⸗ * tende Verheerung unter dem Waſſergeflügel anrichten, welches ſich auf dem See herumtummelte. Mehrmals hatten wir uns auf dieſem neutralen Boden getroffe und n wa) ſtets ve von unſern eſtern begleitet. 3 Beide weilten gern an dieſem lieblichen Orte. Sie pflegten den Hügel zu erſteigen und ſich in den Schatten einiger hohen Palmen zu ſetzen, welche zu dem Gipfel wuchſen, während wir, die Jäger, ir der von Wild beſuchten Niederung blieben und den Wald von dem Knall unſerer Büchſen widerhallen ließen. Dann, wenn wir die Jagd ſatt hatten, war 3. unſere Gewohnheit, den Hügel ebenfalls zu erſteigen. 4 und unſere Beute abzuliefern, beſonders wenn wir ſo glücklich geweſen waren, irgend einen ſeltenen und ſchöngefiederten Vogel zu ſchießen, der ſtets ein Gegen⸗ ſtand der Neugier oder Bewunderung war. Was mich betraf, ſo hörte ich, mochte ich nun Glück haben oder nicht, ſtets eher auf, als mein Begleiter. Ich war nicht ein ſo eifriger Jäger wie er. Weit mahr Bargüigen machte es mir, mich== Ke.— ,her., e uuno weit angen hmer neif eh aals der Knall der Büchſe war mir der Tun von Maümee's Stimme; weit ſchöner als der Anblick des 3 Wildes war es, in Maümee's Augen zu ſchauen. . Und darüber, über Zuhören und Sehen hinaus, war meine Liebe noch niemals gegangen. 5 Moch 1 4 war ein Wort der diebe zwiſchen uns geſy 8 Ich wußte nicht einmal, ob ich geliet — 156— alle meine Stunden aber waren wonnevoll; der Him⸗ mel war nicht immer roſenfarben.. Die Zweifel, ob meine jugendliche Leidenſchaft erwidert würde, waren die Wolken dieſes Himmels und ſtiegen oft empor, um mich zu beunruhigen. Um dieſelbe Zeit ward ich auch durch eine andere Urſache beunruhigt. 4 Ich bemerkte, oder glaubte zu bemerken, daß Virginia ein inniges Intereſſe an Maümee's Bruder nahm und daß dieſes Intereſſe erwidert ward. Ddieſer Gedanke überraſchte und ſchmerzte mich. Und dennoch konnte ich nicht ſagen, worin der Grund zu dieſem Schmerze und dieſer Ueberraſchung lag. Ich habe geſagt, daß meine Schweſter und ich noch zu jung waren, um Etwas von den Vorurtheilen des Ranges oder der Kaſte zu wiſſen. Aber dies war nicht ſtreng genommen wahr. Ich mußte noth⸗ wendig ſchon eien Saßit haben, daß wir, in⸗ dem wir mit unſern dunküffa bigen Nathbakt Umgang pflogen, etwas Unrechtes thaten, denn wie hätte mich die Sache ſonſt beunruhigen können? Ich hildete mir ein, daß Virginia dieſes Gefühl mit mir theile. Wir fühlten uns Beide unbehaglich und dennoch vertrauten wir uns einander Nichts an. Ich fürchtete, meiner Schweſter auch nur meine Ge⸗ danken be zu geben, und ſie empfand ohne Zweifel einen ähnlichen Widerwillen, ihr Geheimniß zu enthüllen. Was mußte das Ergebniß dieſer jungen Liebe ſein, wenn ſie ſich überlaſſen blieb? Erſtarb ſie viel⸗ leicht mit der Zeit wieder? Stand zu erwarten, daß eine Stunde der Ueberſättigung und Veränderung kommen oder daß ſie ohne Unterbrechung dauernd werden würde? Wer weiß, was ihr Schickſal geweſen wäre, wenn man ihr vergönnt hätte, zu vollkommener Entwickelung zu gelangen! Aber dies geſchieht niemals — ſie wird ſtets unterbrochen. Dies geſchah auch mit der unſrigen. Die K kam und dem ſüßen Umgange, den wir gepflogen, ward ein plotzliches Ende gemacht. Wir hatten unſern Eltern niemals Etwas davon geſagt, obſchon wir ge⸗ rade keine Liſt angewendet hatten, es zu⸗ verbergen. Wir waren nicht gefragt worden, ſonſt hätten wir 2s ſicherlich geſtanden, denn wir waren gelehrt worden, immer ſtreng an der Wahrheit zu halten. Man hatte aber keine Fragen an uns gerichtet; es war keine Verwunderung über unſere häufige Abweſenheit ausgeſprochen worden. Die meinige als eines. Jägers war ſehr natürlich. Das einzige Sonderbe daß Virginia den Wald ſo liebgewonnen und mir ſo oft, Geſellſchaft geleiſtet hatte. Dieſe unbedeutende Berwuudenng pon Seiten Blicke zwiſcin dem jungen Indianer und meiner meiner Mutter legte ſich jedoch bald wieder und wir gingen und kamen ungehindert, ohne nach unſern Beweggründen gefragt zu werden. Ich habe geſagt, daß wir keine Liſt anwendeten, um zu verbergen, wer unſere Genoſſen auf dieſen abenteuerlichen Wanderungen wären. Auch dies iſt nicht ſtreng der Wahrheit gemäß. Eben unſer Schwei⸗ gen war ſchon Liſt. Wir mußten Beide im Stillen uns bewußt ſein, daß wir unrecht handelten— daß unſere Handlungsweiſe von unſern Eltern nicht ge⸗ billigt werden würde— warum hätte uns ſonſt ettas an Verheimlichung gelegen? Dieſe Ruhe ſollte nicht von langer Dauer ſein. Sie endete plötzlich— in etwas ſchroffer Weiſe. Eines Tages waren wir auf der Inſel, wie gewöhnlich alle Vier. Die Jagd war vorüber und Powell und ich hatten uns zu unſern Schweſtern auf den Hügel verfügt. 3. Wir hatten uns in den Schatten hingeſtreckt und ergingen uns in allerlei unerheblichem Geplauder, ich aber noch weit mehr in der ſtummen Sprache der Liebe. Meine Augen ruhten auf dem Gegenſtande meiner Gedanken, zu glücklich, daß meine Blicke er⸗ widert wurden. Außerdem ſah ich wenig⸗ Ich be⸗ merkte nicht, daß ein ähnlicher Austauſch feuriger — 159— Schweſter ſtattfand. Ich war in dieſem Augenblicke gleichgültig gegen alles Andere als Maümee's Lächeln.⸗ Aber es waren Perſonen zugegen, welche dieſen Austauſch von Blicken bemerkten, welche Alles ſagten, was vorging. Aufmerkſame Augen waren auf die Gruppe gerichtet, welche durch uns Vier gebildet ward, und alle unſere Worte, Blicke und Geberden wurden beobachtet. Die Hunde erhoben ſich knurrend und rannten fort unter die Bäume hinein. Das Raſcheln der 6 Zweige und der Schimmer von Kleidern durch das Laubwerk hindurch verkündete uns, daß Leute da 4 Die Hunde hatten aufgehört zu bellen und wed mit den Schwänzen. Es waren alſo Freunde, die in der Nähe waren. Die Blätter entzogen ſie bald nicht mehr unſern Blicken. Mein Vater und meine Mutter traten aus — der Waldung hervor. Virginia und ich erſchraken über ihr Erſcheinen. Wir empfanden Furcht vor Unheil ie— eine Furcht, 6 die ihren Grund ohne Zweifel in unſerem eigenen Bewußtſein hatte, daß wir nicht recht gehandelt.) Wir bemerkten, daß die Stirnen unſerer Eltern umwölkt waren. Sie ſchienen ärgerlich und zornig zu ſein. Meine Mutter näherte ſich zuerſt. Ein Ausdruck von Verachtung umſpielte ihren Mund. 4— — 8—„„„—* 8 — — 160— Sie war ſtolz auf ihre Abſtammung, noch ſtolzer als der Nachkömmling der Randolphs. „Was!“ rief ſie„was, meine Kinder! Dies ſind Eure Gefährten? Indianer?“ Der junge Powell ſtand auf, antwortete aber Nichts. Seine Blicke verriethen, was er fühlte, und daß er die verächtliche Bewegung vollkommen ver⸗ ſtand. Mit einem ſtolzen Blicke auf meine Eltern winkte er ſeiner Schweſter, ihm zu folgen, und ging ſtolz d. 4 irginia und ich ſtanden erſchrocken und ſprach⸗ los da. Wir wagten nicht, unſern Freunden ein Lebewohl nachzurufen. Wir wurden ſchnell von dem Orte hinweggeführt und heimwärts ging Virginia mit meinen Eltern. Es waren auch noch andere Leute in dem Boote, welches ſie nach der Inſel gebracht hatte. Es waren Schwarze darin, welche ruderten, aber ich ſah auch weiße Leute. Die Ringzolds— Vater ſowohl als Sohn— waren mit dabei.. Ich kehrte allein in meinem Bootezurück. Während ich über den See hinüberruderte, blickte ich auf. Das Kanoe der Indianer bog eben in die Bucht ein. Ich konnte ſehen, daß die Geſichter des Miſchlings und ſeiner Schweſter nach uns gewendet waren. — 161— Man ſah mir nach und ich wagte nicht, ein Lebehoch zu winken, obſchon ein Gefühl der Trauer auf unſerm Herzen laſtete,— eine Ahnung, daß wir uns auf lange Zeit trennten— vielleicht auf immer. Ach leider erwies ſich dieſe Ahnung als eine richtige. Drei Tage ſpäter war ich ſchon auf dem Wege nach dem Norden, wo ich als Cadet in die Militairakademie von Weſt Point eintrat. Meine Schweſter ward ebenfalls in eins jener Inſtitute ge⸗ bracht, an welchen die Städte der Puritaner ſo reich ſind. Es dauerte lange, lange, bevor eins von und das Blumenland wieder zu Geſichte bekam! Dieole 1 11 Siebzehntes Kapitel. Weſt Point. Die Militairakademie in Weſt Point iſt die ſchönſte Schule der Welt. Fürſten und Prieſter haben hier keine Macht; wahre Kenntniß wird gelehrt und muß gelernt werden bei Strafe der Verbannung. Der Graduirte geht hier als Gelehrter hervor, nicht wie aus Oxford und Cambridge als Papagei einer todten Sprache, als glatter Proſodiker und mecha⸗ niſcher Reimſchmied idylliſcher Verſe, ſondern als Kenner lebender Sprachen, als ein Mann, der die Wiſſenſchaft ſtudirt und die Kunſt nicht vernachläſſigt hat— als Botaniker, Zeichner, Geolog, Aſtronom, Ingenieur, Soldat— Alles— mit Einem Worte als ein Mann, der für die höheren Pflichten des ſocialen Lebens taugt, fähig zur Aufſicht und zum „Befehlen, eben ſo wie zum Gehorchen und Vo — 163— Hätte ich auch eine noch ſo große Abneigung gegen Bücher gehabt, ſo hätte ich doch in dieſem Inſtitut mich dem Müſſiggange nicht hingeben können. In Weſt Point giebt es keinen Dummkopf; hier gilt keine Rückſicht auf Familie und Vermögen. Der Sohn des Präſidenten würde fortgeſchickt werden, wenn er nicht im Stande wäre, mit den Uebrigen Schritt zu halten, und aus Furcht vor Schande ward ich gezwungenermaßen ein fleißiger Schüler, der ſich mit der Zeit den Beifall ſeiner Vorgeſetzten erwarb. Die Details der Erfahrung eines Cadetten haben kein großes Intereſſe. Sie beſtehen aus einer Wiederholung eintöniger Pflichten, die in Weſt Point blos etwas ſtrenger ſind als anderwärts und ſich dann und wann von dem Sclavenleben eines gemeinen Soldaten wenig unterſcheiden. Ich ertrug ſie wacker— nicht als ob ich von großem militairiſchem Ehrgeize beſeelt geweſen wäre, ſondern blos von Eiferſucht getrieben— ich ver⸗ ſchmähete es, der Letzte in meiner Klaſſe zu ſein. Dennoch aber gab es Zeiten, wo ſo vieler Zwang etwas Ermüdendes für mich hatte. Ich ſtellte ungünſtige Vergleiche mit dem freien Leben an, an das ich gewöhnt war, und oft fühlte ich Sehnſucht nach Hauſe— nach dem Walde und der Savanna.. 11* noch weit mehr aber nach dem Gefährten, welchen ich zurückgelaſſen. Lange weilte in meinem Herzen die Liebe zu Maümee— lange Zeit äußerte die Trennung keinen Einfluß. Ich glaubte, die Leere, welche durch dieſes traurige Scheiden herbeigeführt worden, würde nie⸗ mals wieder ausgefüllt werden. Kein anderer Ge⸗ genſtand konnte die ſüßen Erinnerungen meiner jugendlichen Liebe in meinem Gemüthe erſetzen oder aus meiner Erinnerung verdrängen. Morgen, Mittag und Abend ſchwebte das Bild der maleriſchen Schönheit auf der Netzhaut meines geiſtigen Auges — bei Tage in Gedanken, bei der Nacht in Träumen. So dauerte es ziemlich lange— ich glaubte, es würde niemals anders werden! Keine Andere konnte mich jemals ſo intereſſiren, wie ſie gethan. Keine neue Freude konnte mich bewegen, anderswohin zu ſchweifen, kein Lethe konnte Vergeſſenheit bringen. Und wenn ein Engel mir es geſagt hätte, ſo würde ich es nicht geglaubt haben und hätte es nicht glauben können. Ach, es war eine falſche Auffaſſung der menſch⸗ lichen Natur. Ich theilte ſie blos mit Anderen— denn die meiſten Sterblichen ſind zu derſelben Zeit des Lebens in einem ähnlichen Irrthume befangen geweſen. Ach leider, es iſt nur zu wahr— die — — 165— * Liebe wird wirklich durch Zeit und Abweſenheit ge⸗ mindert. Von der Erinnerung allein lebt ſie nicht. Die launenhafte Seele, wie ſehr ſie auch ſich an dem Idealen ergötzen mag, giebt dem Wirklichen und Poſitiven den Vorzug. Obſchon es nur wenig liebenswürdige Frauen in der Welt giebt, ſo giebt es doch keine, welche liebenswürdiger wäre als alle Anderen, und keinen Mann, der ſchöner wäre als alle Uebrigen. Von zwei gleich ſchönen Gemälden iſt das ſchönere das, auf welchem das Auge eben weilt. Nicht ohne Grund fürchten daher Liebende die Stunde des Scheidens. Waren es Bücher, die von Linien und Winkeln, von Baſtionen und Courtinen ſprachen— war es die Dreſſur bei Tage oder das harte Lager und der noch härtere Wachdienſt bei Nacht— war es eins von dieſen oder Alles, was die Exeluſivität jener einen Idee zu beeinträchtigen und dann und wann ganz aus meinen Gedanken zu verſcheuchen begann? Oder waren es die hübſchen Geſichter, welche dann und wann in Weſt Point erſchienen— die auf Aus⸗ flügen begriffenen Schönen von Saratoga und Ball⸗ ſton, die uns beſuchten— oder die blonden Töchter der Patrone, unſere näheren Nachbarn, welche häu⸗ figer kamen und die in jedem grobgekleideten Cadetten — 166— die Puppe eines Helden— den Embryo eines Ge⸗ nerals ſahen? Was von allem Dieſem trieb Maümee aus meinem Sinn? Es kommt wenig darauf an, was die Urſache war— die Wirkung war ſo. Der Eindruck meiner jungen Liebe ward auf der Tafel des Gedächtniſſes weniger lebhaft. Jeden Tag ward er ſchwächer und ſchwächer, bis er zu einem winzigen Rückblicke zu⸗ ſammenſchrumpfte. Ach, Maümee! Es dauerte— die Wahrheit verlangt es, zu ſagen— aber lange, ehe es ſo weit kam. Jene ſchönen lächelnden Geſichter tanzten lange vor meinen Augen, ehe das Deine verdunkelt ward. Lange widerſtand ich der Schmeichelei jener Sirenenzungen, aber meine Natur war menſchlich und mein Herz gab endlich der Verführung nach. Es wäre nicht wahr, wenn ich ſagen wollte, meine erſte Liebe ſei ganz entſchwunden geweſen. Sie war erkaltet, aber nicht geſtorben. Trotz des leichtſinnigen vorübergehenden Kokettirens hatte ſie ihre Zeiten der Erinnerung und Rückkehr. Oft, wenn ich in der ſtillen Nacht Schildwacht ſtand, tauchten Bilder aus der Heimath vor mir auf, und der ſchönſte Gegenſtand derſelben war alle Mal Maümee. Meine Liebe zu ihr war kalt, nicht todt. . — 167— Ihre Nähe würde ſie wieder entzündet haben—* davon war ich überzeugt. Schon von ihr zu hören, würde eine gewiſſe Wirkung hervorgebracht haben. Hätte ich gehört, daß ſie mich vergeſſen und ihr Herz einem Andern geſchenkt, ſo würde meine knabenhafte Leidenſchaft wieder zu ihrer vollen Kraft erweckt worden ſein. Davon bin ich feſt überzeugt. Folglich war ich damals wohl auch nicht gleich⸗ gültig? Ich liebte Maümee wohl immer noch? Ein Schlüſſel ſtößt den andern aus, aber die blonden Töchter des Nordens haben die dunkelfarbige Jungfrau des Südens noch nicht aus meinem Herzen verwiſcht. Während der ganzen Zeit, wo ich Cadet war, ſah ich ſie nicht ein einziges Mal und hörte auch ceben ſo wenig von ihr. Fünf Jahre lang war ich aus meiner Heimath verbannt— mit meiner Schweſter war daſſelbe der Fall. Dann und wann während dieſer Zeit wurden wir von unſern Eltern beſucht, welche einen alljähr⸗ lichen Ausflug nach den faſhionablen Sammelplätzen der Geſellſchaft im Norden, Ballſton Spa, Sara⸗ toga und Newport— machten. Hier trafen wir während unſerer Ferien mit ihnen zuſammen, und obſchon ich mich ſehr darnach ſehnte, eine Ferienzeit zu Hauſe zuzubringen— ich glaube, Virginia ſehnte ſich ebenfalls darnach— ſo war doch die Mutter — 168— „ Stahl und der Vater war Stein und unſere Wünſche wurden nicht befriedigt. Ich argwohnte die Urſache dieſer ſtrengen Weigerung. Unſere ſtolzen Eltern fürchteten die Gefahr einer Mesalliance. Sie hatten das Tableau auf der Inſel nicht vergeſſen. Die Ringzold's trafen an den Badeorten mit uns zuſammen und Arens war in ſeinen Aufmerk⸗ ſamkeiten gegen Virginia immer noch eifrig. Er war ein feiner Modeherr geworden und verthat ſein Gold mit vollen Händen, um ſich von den ehemaligen Schneidern und Actienmäklern verdunkeln zu laſſen, welche in New⸗York den Ton angeben. Er gefiel mir jetzt nicht beſſer als ſonſt, obſchon meine Mutter ihm immer noch das Wort redete. Welche Fortſchritte er bei Virginia machte, wußte ich nicht.— Meine Schweſter war jetzt zu einer ſchönen, eleganten Modedame herangewachſen und hatte viel von der Welt gelernt— unter andern auch ihre Gemüthsbewegungen zu verbergen, was einmal zu den nothwendigen Erforderniſſen des modernen Lebens gehört. Zu manchen Zeiten war ſie in außerordentlichem Grade aufgeräumt, obſchon ihre Heiterkeit mir ein wenig erkünſtelt zu ſein ſchien und oft plötzlich endete; zuweilen war ſie gedankenvoll— nicht ſelten kalt und — — 169— verächtlich. Ich war der Anſicht, daß ſie durch dieſe Ausbildung zugleich Vieles verloren, was in meinen Augen mehr werth war als alles Andere— die Sanftmuth und Freundlichkeit des Herzens. Vielleicht that ich ihr Unrecht. Es gab viele Fragen, die ich gern an ſie ge⸗ richtet hätte, aber unſer kindliches Vertrauen war zu Ende und das Zartgefühl geſtattete mir nicht, ihr Herz zu ſondiren. Von der Vergangenheit ſprachen wir niemals— ich meine von jener Vergangenheit, von jenen abenteuerlichen Wanderungen im Walde, den Bootfahrten auf dem See, den Scenen auf der von Palmen beſchatteten Inſel. Ich fragte mich oft, ob ſie wohl Urſache hätte, daran zu denken, ob ihre Erinnerungen einige Aehn⸗ lichkeit mit den meinigen hätten. In dieſen Punkten hatte ich niemals eine be⸗ ſtimmte Ueberzeugung gefühlt. Obſchon mißtrauiſch — einmal ſogar argwöhniſch— war ich nur ein blinder Beobachter, ein zu ſorgloſer Hüter geweſen. Ganz gewiß waren meine Vermuthungen richtig geweſen, denn warum ſchwieg ſie jetzt über Gegen⸗ ſtände und Scenen, die uns Beide ſo erfreuet hatten? „Ward ihre Zunge durch die ſpäter erlangte Kenntniß gefeſſelt, daß wir Unrecht gethan— ein Unrecht, welches uns erſt durch das Mißfallen unſerer Eltern 84 — 170— klar ward? Oder verſchmähete ſie in ihrer gegen⸗ wärtigen faſhionablen Sphäre, der beſcheidenen Ge⸗ noſſen früherer Tage eingedenk zu ſein? Oft ſtellte ich Muthmaßungen an, ob jemals ein ſolches Gefühl in ihrer Bruſt gelebt habe, und wenn dem ſo war, ob es noch darin verweile. Dies waren Punkte, über welche ich vielleicht niemals zufrieden geſtellt ward. Die Zeit für dergleichen Offenbarungen war vorüber. „Es iſt nicht wahrſcheinlich,“ ſagte ich bei mir ſelbſt,„oder wenn jemals ein Gefühl zärtlicher Rück⸗ ſicht für den jungen Indianer in ihr gelebt hat, ſo iſt es jetzt vergeſſen— vertilgt aus ihrem Herzen, vielleicht aus ihrem Gedächtniſſe. Es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß es inmitten ihrer gegenwärtigen Um⸗ gebung von parfümirten Stutzern noch lebt, welche ſie fortwährend in den Weihrauch der Schneichelei hüllen. Weit weniger wahrſcheinlich iſt es, daß ſie noch daran denken ſollte, als daß ich daran denke, und habe ich nicht auch vergeſſen?“ Seltſam, daß ich von den vier Herzen nur das meine kannte. Ob der junge Powell meine Schweſter jemals, oder ſie ihn mit bewundernden Augen be⸗ trachtet hatte, das wußte ich immer noch nicht, oder vielmehr, ich war noch nicht überzeugt davon. Alles, was ich wußte, war bloße Vermuthung, bloßer — — — 12— Verdacht. Und was vielleicht noch ſeltſamer erſcheint, — ich kannte nicht einmal die Geſinnung jenes andern Herzens, deſſen, welches mich mehr intereſſirte, als alle Anderen. Allerdings hatte es mir beliebt, zu glauben, es fühle zu meinen Gunſten. Auf Blicke, auf Geberden und geringfügige Handlungen, aber niemals auf Worte bauend, hatte ich innig gehofft, aber oft war ich auch das Opfer des Zwei⸗ fels geweſen. Vielleicht hatte Maümee im Grunde mich doch nicht geliebt! Manchen bittern Schmerz hatte ich in Folge dieſes Gedankens erduldet. Ich konnte ihn jetzt eher und ruhiger ertragen, und dennoch war es eigenthüm⸗ licher Weiſe eben dieſer Gedanke, welcher Maümee's Andenken oft erweckte, und ſo oft ich dabei verweilte, rief es die ſtärkſten Zuckungen meiner jetzt krampf⸗ haften Liebe hervor. Verwundete Eitelkeit! Mächtig wie die Leiden⸗ ſchaft ſelbſt! Deine Schmerzen ſind ſo ſtark, wie die Liebe. Unter ihrem Einfluſſe erbleichen die ſtrahlenden Kerzen, und die ſchönen Geſtalten, welche darunter hinſchweben, verlieren die Hälfte ihrex glänzenden Schönheit. Meine Gedanken kehren zurück nach dem Blumenlande— nach dem See— nach der Inſe— zu Maümee!. — Fünf Jahre rollten bald vorüber und meine militairiſche Lehrlingszeit war beendet. Mit Ehren beſtand ich die Feuerprobe des letzten Examens. Eine hohe Nummer belohnte meinen Fleiß und ließ mir die Wahl der Waffengattung, welcher ich mich zu widmen gedachte. Ich hatte Vorliebe für die Scharfſchützen, obſchon ich auch in die Artillerie, die Cavallerie oder in das Ingenieurcorps hätte ein⸗ treten können. Ich wählte jedoch die Erſtern und erhielt das Patent als Lieutenant, ward einem Scharf⸗ ſchützenregimente zugetheilt und bekam dann Urlaub, um meine Heimath wieder zu beſuchen. Meine Schweſter hatte zu derſelben Zeit auf ihrer Akademie ebenfalls ihren Grad erworben und ein ſchmeichelhaftes Diplom ausgeſtellt erhalten. Deßhalb machten wir die Heimreiſe gemeinſchaftlich. Leider gab es keinen Vater mehr, der uns bei unſerer Rückkunft willkommen geheißen hätte. Nur eine weinende und verwitwete Mutter ſprach den wehmüthigen Gruß. Achtzehntes Kapitel. Die Seminolen. Bei meiner Rückkunft nach Florida fand ich, daß die Wolke des Krieges ſich über meinem Heimath⸗ lande aufthürmte. Bald mußte ſie ſich entladen und mein erſter Verſuch im militairiſchen Leben der Ver⸗ theidigung von Haus und Heerd gelten. Ich war auf dieſe Mittheilung nicht unvorbe⸗ reitet. Der Krieg iſt in den Mauern eines Militair⸗ collegs ſtets das vorzugsweis intereſſante Thema und an keinem andern Orte werden die Wahrſcheinlich⸗ keiten und Ausſichten deſſelben ſo ausführlich und mit ſo vielem Eifer beſprochen. Zehn Jahre lang hatten die Vereinigten Staaten mit der ganzen Welt im Frieden gelebt. Die eiſerne Hand des„alten Hickory“ hatte den wilden Feind — 174 24 von den Grenzen hinweggeſcheucht. Seit länger als zehn Jahren hatte der Letztere ſich in ſeinem chro⸗ niſchen Vergeltungsſyſtem unterbrochen und ſich ruhig und ſtill verhalten. Dieſer friedliche Zuſtand aber erreichte ſein Ende. Wiederum erhob ſich der Rothe Mann, um ſeine Rechte zu behaupten, und zwar an einem Punkte, wo man es am wenigſten erwartet hatte. Nicht an der Grenze des„fernen Weſten“, ſondern in dem Herzen des Blumenlandes. Ja, Florida ſollte das Theater ſein— die Bühne, auf welcher dieſes neue Kriegsdrama aufgeführt werden ſollte. Es iſt hier der rechte Ort, einige Worte über die Geſchichte Florida's einzuſchalten, denn unſere Erzählung iſt in der That eine rein geſchichtliche. Im Jahre 1821 verſchwand die ſpaniſche Fahne von den Wällen von San Auguſtine und St. Marks, und Spanien verzichtete auf den Beſitz dieſer ſchönen Provinz eines ſeiner letzten Haltpunkte auf dem Continent von Amerika. Buchſtäblich war es blos ein Haltpunkt, den die Spanier in Florida behaup⸗ teten— ein blos nomineller Beſitz. Lange vor der Abtretung ſchon hatten die Indianer ſie von dem freien Felde in die Feſtungen hinein getrieben, ihre Haciendas lagen in Trümmern, ihre Pferde und Rinder verwilderten auf den Savannen und wuchern⸗ „.. des Unkraut wuchs auf ihren ſonſt gedeihenden Pflan⸗ zungen. Während einer hundertjährigen Herrſchaft hatten ſie manche ſchöne Niederlaſſung gegründet, und die Trümmer von Gebäuden— weit, weit maſſiver als irgend Etwas, was bis jetzt von ihren ſächſiſchen Nachfolgern unternommen worden— geben noch jetzt Zeugniß von der frühern Macht und dem Glanze der ſpaniſchen Nation. Das Schickſal wollte nicht, daß die Indianer das Land, welches ſie auf dieſe Weiſe wieder erobert, lange behalten ſollten. Ein anderes Volk von Weißen — an Muth und Kraft ihnen gleich— kam von Norden herabgezogen und es war jetzt leicht, zu pro⸗ phezeihen, daß die rothen Eroberer ihrerſeits auf den Beſitz würden verzichten müſſen. Schon einmal waren ſie mit den bleichen Uſur⸗ patoren in Conflict gekommen, die von jenem tapfern Soldaten angeführt wurden, welcher jetzt auf dem Präſidentenſtuhl ſaß. Sie wurden geſchlagen und weiter ſüdlich in das Herz des Landes, in den Mittelpunkt der Inſel zurückgedrängt. Hier jedoch wurden ſie durch einen Vertrag geſichert. Ein feierlich geſchloſſener und feierlich beſchworener Bund ver⸗ bürgte ihr Recht auf den Boden und der Seminole. war befriedigt. — 16— Ach, die Bündniſſe zwiſchen dem Starken und dem Schwachen ſind Dinge der Convenienz, um ge⸗ brochen zu werden, ſobald der Erſtere es will. In dem vorliegenden Falle wurden ſie auf ſchmachvolle Weiſe gebrochen. Weiße Abenteurer ließen ſich längs der india⸗ niſchen Grenze nieder. Sie betraten den Boden der Indianer; ſie betrachteten und unterſuchten ihn; ſie ſahen, daß er gut war, daß Reis und Baumwolle, Zuckerrohr und Indigo, Oliven und Orangen darauf wachſen würden— ſie wünſchten ihn zu beſitzen— ſie beſchloſſen, daß er ihnen gehören ſolle. Es beſtand ein Vertrag; aber was kümmerten ſie ſich um Verträge? Es waren Abenteurer— aus⸗ gehungerte Pflanzer von Georgia und aus den beiden Carolina's, Sclavenhändler aus allen Theilen des Südens— was galten in den Augen ſolcher Leute Verträge, beſonders wenn ſie mit Rothhäuten gemacht waren? Man mußte ſich des Vertrags entledigen. Der„Große Vater“, welcher auch nicht viel gewiſſenhafter war als ſie, billigte ihren Plan. „Ja,“ ſagte er,„der Plan iſt gut— die Seminolen müſſen aus dem Beſitz getrieben werden; ſie müſſen in ein anderes Land ziehen; wir werden ihnen eine Heimath im Weſten auf den großen Ebenen anweiſen. — 179— „Schlagt die Wilden todt! Hetzt ſie nieder! Jagt ſie fort! Fort mit ihnen nach dem Weſten!“ Auf dieſe Weiſe ward die Geſinnung ausge⸗ ſprochen. Dieſes Geſchrei ward das volksthümliche. Wenn das Volk der Vereinigten Staaten einen Wunſch hat, ſo ſteht zu erwarten, daß es dieſen Wunſch ſehr bald zu befriedigen ſuchen wird, beſon⸗ ders wenn er mit den Anſichten der Regierung über⸗ einſtimmt. In dem gegenwärtigen Falle war dies ſo, denn die Regierung hatte ja dieſen Wunſch ſelbſt hervorgerufen. Es mußte, ſo meinten Alle, leicht ſein, den Volkswillen zu erfüllen, den Wilden aus dem Beſitz zu treiben und ihn fortzujagen. Aber es beſtand ein Vertrag. Die Welt hatte ein Auge und es gab eine nicht zu verachtende denkende Minorität, welche ſich dieſem laut geäußerten, lärmenden Wunſche wider⸗ ſetzte. Am hellen lichten Tage konnte der Tractat nicht gebrochen werden— wie ſollte man ſich dem⸗ nach dieſes hindernden Vertrags entledigen? Man rufe die Häuptlinge zuſammen und ſchmeichle ihnen. Die Häuptlinge ſind Menſchen, ſie ſind arm, einige davon Trunkenbolde— Be⸗ ſtechungen werden viel thun, Feuerwaſſer noch mehr. Man mache einen neuen Vertrag mit einer doppelten 12* — 180— Auslegung— die unwiſſenden Barbaren werden ihn nicht verſtehen. Dann veranlaſſe man ſie, ihn zu unterzeichnen, und die Sache iſt gemacht. Schlauer Commiſſar, Dein Plan iſt der rechte, und Du biſt der rechte Mann, ihn auszuführen. Die Sache ward auch wirklich ausgeführt. Am 9. Mai 1832, an den Ufern des Oclawaha, ver⸗ tauſchten die Häuptlinge der Nation der Seminolen in voller Verſammlung das Land ihrer Väter. So lautete der Bericht, den man der Welt erſtattete. Aber er war nicht wahr. Es war nicht eine vollzählige Verſammlung von Häuptlingen; es war eine Verſammlung von beſtochenen Verräthern, von ſchwachen, geſchmeichelten und eingeſchüchterten Männern. Kein Wunder, daß die Nation ſich weigerte, dieſem erſchlichenen Vertrage beizutreten; kein Wun⸗ der, daß ſie auf die Bedingungen deſſelben nicht achtete, ſondern zu einer nochmaligen Berathung zuſammen berufen werden mußte, um ihre Zuſtim⸗ mung auf freiere und vollſtändigere Weiſe zu erkennen zu geben.. Bald ſtellte ſich heraus, daß die große Maſſe der Nation der Seminolen den Vertrag leugnete. Viele der Häuptlinge ſtellten in Abrede, ihn unter⸗ zeichnet zu haben. Der erſte Häuptling Onopa leug⸗ nete es; einige geſtanden es zu, erklärten aber, daß ſie durch den Einfluß und Rath Anderer dazu ver⸗ leitet worden ſeien. Nur die mächtigeren Anführer von Stämmen, wie zum Beiſpiel die Brüder Omatla, Schwarzer Thon und Großer Krieger— waren es, welche die Unterzeichnung eingeſtanden. Dieſe Letztern wurden von allen Stämmen mit eiferſüchtigem Blicke und als Verräther betrachtet, und zwar mit Recht. Ihr Leben war in Gefahr, denn ſelbſt ihre eigenen Leute mißbilligten, was ſie gethan hatten. Um die Sachlage zu verſtehen, iſt es nothwendig, ein Wort über die politiſche Verfaſſung der Semi⸗ nolen hinzuzufügen. Ihre Regierung war rein republikaniſch— eine ächte Demokratie. Vielleicht beſtand in keiner andern Staatsgemeinde der Welt eine ſo vollkommene Be⸗ dingung der Freiheit— ich möchte hinzufügen des FGlückes, denn das letztere iſt nur die natürliche Frucht der erſtern. Ihr Stamm iſt mit denen der Clans des ſchot⸗ tiſchen Hochlandes verglichen worden. Der Vergleich ſiſt nur in Einer Beziehung richtig. Eben ſo wie der —— — 182— Gäle waren die Seminolen ohne irgend eine gemein⸗ ſame Organiſation. Sie lebten in weit von einander getrennten Stämmen, deren jeder politiſch von dem andern unabhängig war, und obſchon ſie in freund⸗ licher Beziehung zu einander ſtanden, ſo herrſchte doch keine Macht des Zwanges unter ihnen. Es gab einen Oberhäuptling— König konnte er nicht genannt werden— denn„Mico“, ſein india⸗ niſcher Titel, hat nicht dieſe Bedeutung. Der ſtolze Geiſt des Seminolen hatte ſich niemals an einen ſolchen Zuſtand verkauft; ſie hatten die natürlichen Rechte des Menſchen noch nicht aufgegeben. Erſt wenn der Naturzuſtand gewaltige Umgeſtaltungen erlitten, wird das königliche Regiment ſtark unter einem Volke. Der Mico der Seminolen war blos dem Namen nach ein Oberhaupt. Seine Autorität war eine rein perſönliche— er beſaß keine Macht über Leben oder Eigenthum. Obſchon zuweilen der reichſte, war er doch oft einer der ärmſten ſeines Volkes. Er war den Anſprüchen der Philanthropie mehr ausgeſetzt, 1 1 als irgend einer der andern, und ſtets bereit, mit. freier Hand das zu ſpenden, was in Wirklichkeit. nicht ſeinem Volke, ſondern ihm ſelbſt gehörten Deßhalb ward er auch ſelten reich. r — — 183— Er war von keinem Gefolge, von keinem bar⸗ bariſchen Pomp oder Glanz umgeben, ihm ward nicht von Höflingen geſchmeichelt, wie den Radſchah's des Orients, oder auf noch koſtſpieligere Weiſe den gekrönten Monarchen des Weſten. Im Gegentheile war ſein Anzug in der Regel nicht beſſer, oft ſogar geringer als der ſeiner Umgebung. Mancher gemeine Krieger ſchritt weit geputzter einher als er. ——₰ So wie es mit dem Oberhäuptling war, eben ſo war es mit den Häuptlingen der einzelnen Stämme. Sie beſaßen keine Macht über Leben oder Eigenthum, ſie konnten keine Beſtrafung ausſprechen. Nur eine Jury konnte dies thun, und ich ſtelle die kühne Be⸗ hauptung auf, daß die Strafen unter dieſen Leuten in gerechterem Verhältniſſe zu dem Verbrechen ſtanden als die, welche von den höchſten Gerichtshöfen der civiliſirten Welt decretirt werden. Es war ein Syſtem der reinſten republikaniſchen Freiheit ohne 1* 4 eine einzige Idee von dem gleichmachenden Prinzip, 1 5 denn Verdienſt verlieh Auszeichnung und Autorität. Das Eigenthum war nicht gemeinſam, obſchon die Arbeit zum Theil dies war, aber dieſe Gemeinſamkeit der Arbeit war eine wechſelſeitige, Allen angenehme (inrichtung. Die Familienbande waren ſo heilig 8— und feſt, wie ſie je auf Erden exiſtirt hatten. — 184— Und dies waren Barbaren— rothe Bar⸗ baren, die aus ihren Rechten verdrängt, von Haus und Heerd verjagt, aus ihrem ſchönen Vaterlande in eine öde Wüſte verbannt werden ſollten, um gehetzt und niedergeſchoſſen zu werden wie wilde Thiere! Das Letzte in buchſtäblichſter Bedeutung, denn es ſollten Hunde bei dieſer Verfo dung gebracht werden. —-— Endde des erſten Bandes. Druck von C. Roehler in Grimma. lgung mit in Anwen⸗ ——— 6 168.ℳ auc 2cb Leνst Nalm Jlabou, Fucll'ela⸗ hasen Qnan. . nnut. 2 zaie ducaruuuuuunuunaunnaunannumanaumm 9 11 12 13 14