Der Narone oder: Pflanzerleben auf Jamaica. Capitain Mayne Reid. —— — Vom Verkusser einzig rechtmüssige autorisirte Uebersetzung für Deutschlund von Anna Sievers. —— Dritter Band. ——— Altonn. Verlags⸗Bureau. 1864. Erſtes Kapitel. Cunthia im Wege. Das Herz des jungen Maronen, obwohl von Natur kühn und unerſchrocken, fühlte ſich doch etwas von Furcht beengt. Er hatte den Myalmann von Will⸗ kommenberg nur dem Anſehen nach gekannt, mußte ihn aber gleich wiedererkennen, denn einmal geſehen, konnte man Chakra ſchwerlich wieder vergeſſen. 9 Cubina hatte, wie jeder Andere, meilenweit in der Runde von der gegen den Koromantis eingeleiteten Unterſuchung wie von ſeiner Verurtheilung zur Aus⸗ ſtellung auf dem Jumböfelſen gehört. Die beſondere Art der Hinrichtung, der grauſame Nichterſpruch ſelbſt, die Berühmtheit des Ortes, wo der Verurtheilte die letzten qualvollen Stunden ſeines elenden Daſeins ver⸗ bringen ſollte, alles dies zuſammen, machte ſeinen Tod viel bekannter als ſein Leben, und nur äußerſt Wenige auf der weſtlichen Seite der Inſel hatten nicht von dem Myalmann zu Willkommenberg gehört und von der ſonderbaren Strafart, die ihm von der Gerechtigkeit für ſeine Verbrechen auferlegt worden war. Wie alle Andern, ſo hielt auch Cubina ihn für todt. Kein Wunder daher, daß das Herz des Maronen einen 1* 9 Augenblick erbangte, als er Chakra in einem Nachen über die ruhige ſtille Oberfläche des Sees rudern ſah! Untex, allen Umſtänden war die Erſcheinung des Koramantis gerade nicht geeignet, beſonderes Zutrauen bei dem ihn Erblickenden zu erwecken, doch jetzt, ſo gänzlich unerwartet und wie durch Zauberei geſchaffen, erregte ſie bei dem Maronen doch noch ein etwas ſtär⸗ keres Gefühl, als der bloßen Verwunderung, und einige Augenblicke ſtand er wirklich ein wenig zitternd am Ab⸗ hange. Dann erinnerte er ſich aber bald der von ſeinem Lieutenant gemachten Angaben, die Quaco eidlich erhärten wollte. Quaco, der, wie die meiſten ſeiner Farbe, auf's feſteſte an den Teufel, den Jumbé und alle möglichen Arten von böſen Geiſtern glaubte, hatte die Erſcheinung, die er geſehen, für Chakras Geiſt gehalten und hatte bei dem ihm von dieſem Anblicke urplötzlich eingejagten Schrecken, anſtatt einen Verſuch zu machen, die Erſchei⸗ nung zu verfolgen und zu unterſuchen, ob ſie Fleiſch und Blut oder bloß leere Luft ſei, ſeine letzte Kraft angewandt, um ſo ſchnell als möglich davon zu kommen, indem er den Geiſt des Myalmannes in dieſer Weiſe als unumſchränkten Beherrſcher der ganzen Umgegend zurückließ.— Cubina, der nicht ſo abergläubiſch war, vermochte nur einen kurzen Augenblick von dem Gedanken an einen Geiſt erfüllt zu werden. Das bereits Quaco Begegnete, zuſammen mit der Gegenwart des Koppel⸗ halters und ſeiner Genoſſin, unbedingt für einen be⸗ ſtimmten Zweck, führte ihn zu dem Schluſſe, daß das, — 5 was er jetzt im Nachen ſah, nicht der Geiſt des Chakra, ſondern der wirkliche Chakra ſei. Wie der Koromantis dazu kam, noch zu leben und ſich zu bewegen, mußte dem Maronen allerdings unbe⸗ greiflich ſein; allein Cubina beſaß viel Scharfſinn, und die Gegenwart des Juden, offenbar ſchon längſt mit dem wiedererweckten Zauberer in Verbindung ſtehend, trug zur Erklärung des Geheimniſſes der Auferſtehung bei. Vorläufig damit zufrieden, daß er Chakra wirklich geſehen hatte, ſtellte er ſich jetzt ſo hin, daß es ihm möglich wurde, alle Bewegungen, ſowohl die des Man⸗ nes im Nachen, wie auch die der beiden Andern, die ihn über den kleinen See herübergerufen hatten, voll⸗ ſtändig zu beobachten. Jetzt hatte er den Nachen aus dem Geſichte ver⸗ loren, er war unter die Gebüſche unten am Rande des Felſen geglitten, wo er von oben nicht zu ſehen war. Stimmen drangen nun von unten herauf, die von Cubina wohl vernommen, aber doch nicht deutlich gehört und verſtanden werden konnten. Drei verſchiedene Stimmen vermochte er indeß deut⸗ lich zu unterſcheiden, die Chakras, die des Juden und von Zeit zu Zeit auch den ſcharfen Diskant der Sclavin Cynthia. Er neigte das Ohr und horchte mit der geſpannte⸗ ſten Aufmerkſamkeit, in der Hoffnung zu hören, was ſie ſprächen. Nur zuweilen vermochte er wirklich ein Wort zu verſtehen, allein trotz aller Anſtrengung konnte er doch von der eigentlichen Unterredung nichts Weſent⸗ liches erfaſſen.— 6 Dieſe dauerte auch nur kurze Zeit, denn das Spre⸗ chen hörte auf und es erfolgte nun eine kurze Stille, wonach der kleine Nachen wieder auf dem Waſſerſpiegel des Sees erſchien. Jetzt waren aber nur zwei Perſonen im Nachen, Chakra und der Jude. Cynthia war am Felſenrande geblieben. Cubina bemerkte dies zu ſeinem Bedauern, denn dieſer Umſtand mußte den Plan vereiteln, den er plötz⸗ lich gefaßt hatte, nämlich dem Myalmann in ſein Lager ſelbſt zu folgen. Dies war ſeine Abſicht, um ſich mit dem Zufluchtsorte und Verſtecke des merkwürdigen Flüchtlings ſofort vollſtändig bekannt zu machen. Daß ſein Zufluchtsort im Teufelsloche war, das war freilich keineswegs mehr zweifelhaft und ſo ver⸗ mochte der Marone ihn auf alle Fälle gewiß aufzu⸗ ſpüren. Unter anderen Umſtänden würde dieſe Gewiß⸗ heit ihm einſtweilen hinreichend genügt haben, allein jetzt, wo er den Juden über den See geſetzt ſah, glaubte er ſchließen zu müſſen, daß dieſer und Chakra wahkſcheinlich im Begriffe ſtänden, irgend einen ſchreck⸗ lichen und abſcheulichen Anſchlag zu berathen, den er vielleicht, wenn er ihnen ſofort nachfolgte, zu belauſchen und alsdann gar zu vereiteln im Stande ſein möchte. Der Marone kannte die Schwierigkeit, in das Teu⸗ felsloch hinab zu ſteigen, recht gut. Cubina wußte auch, daß dazu nur ein einziger Weg zwiſchen den Büſchen und Schlinggewächſen vorhanden war, gerade auf der Stelle an der Felſenwand, wo er ſich jetzt be⸗ fand. Er war früher ſchon einmal auf der Jagd hier hinuntergeſtiegen, war über den See geſchwommen und 7 hatte das Walddickicht in der Höhlung durchforſcht. Zu jener Zeit war Chakra noch nicht hingerichtet ge⸗ weſen, und der Jäger hatte auf dem ganzen einſamen Wege nicht die geringſte Spur menſchlichen Daſeins aufgefunden. Deshalb wußte er auch, daß er dem Nachen hätte ſchwimmend nachfolgen können, allein jetzt, wo Cynthia den Weg verſperrte, war es eine reine Unmöglichkeit für ihn, das Waſſer unbemerkt zu erreichen. So konnte er nur auf dem Felſen bleiben und ihre Rückkehr ab⸗ warten. Noch dachte er darüber nach, was er eigentlich thun ſolle, als er von unten her ein raſchelndes Geräuſch vernahm. Dies wurde von Jemandem gemacht, der ſich zwiſchen den an der Felſenwand wachſenden Gebüſchen bewegte. Er ergriff einen nahen Aſt, hielt ſich an ihm und beugte ſich über den Abhang. Jetzt erblickte er zwiſchen dem Laubwerk deutlich den mit einem Tuche umwunde⸗ nen Kopf Cythias, die von Baum zu Baum auf der früher bereits erwähnten Treppe die Felſenwand hinauf⸗ kKetterte. Ohne Zögern wandte er ſich in das Gebüſch zur Seite des Fußpfades zurück, duckte ſich nieder, um ſich zu verbergen, und erwartete ſo, was die Sclavin beab⸗ ſichtige. Vielleicht hatte ſie bereits ihre Aufgabe für dieſe Nacht erfüllt und wollte jetzt nach Hauſe zurück⸗ kehren. Dieſe Vermuthung ſtellte ſich als ganz richtig her⸗ aus und war auch ganz nach dem Wunſche Cubinas. Die Mulattin, nachdem ſie den Kamm der Felſenwand 8 erreicht hatte, ſtand nun einen kurzen Augenblick ſtill, um einen Korb, den ſie mit heraufgebracht hatte und aus deſſen halb geöffnetem Deckel der Hals einer Flaſche hervorſah, anders auf ihren Arm zu hängen. Dann, nachdem dies geſchehen war, ſchlug ſie den in tiefem Schatten liegenden Waldpfad ein und verſchwand bald gänzlich. Sofort, nachdem ſie vorübergegangen war, glitt der vollkommen unbemerkt gebliebene Marone ſtill den Rand der Felſenwand hinab und ließ ſich leiſe an der er⸗ wähnten Treppe hinunter. Das war in der That für ihn nicht ſchwierig und nach wenigen Augenblicken hatte er den Rand des kleinen Sees erreicht. Hier hielt er inne, um ſich davon zu überzeugen, ob der Nachen ſchon am andern Ufer angelangt und ob ſeine Inhaber dort bereits ausgeſtiegen ſeien. Nachdem er hiermit einen Augenblick verbracht, ſcharf um ſich geſehen und genau gehorcht hatte, um ſich zu überzeugen, ob das Ufer drüben bereits von Men⸗ ſchen leer ſei, ließ er ſich mit Behendigkeit ins Waſſer hinab und ſchwamm dem andern Ufer zu. Nur ungefähr zwei Drittel der Oberfläche des Sees waren vom Monde erhellt, auf den übrigen Theil deſ⸗ ſelben warf der Felſen einen dunklen Schatten. Inner⸗ halb dieſes Schattens hielt Cubina ſich vorſichtig, ſchwamm ohne alles Geräuſch und langte glücklich am jenſeitigen Ufer an, ohne bemerkt zu werden. Unter den hohen Bäumen, die den oberen Theil des Gewäſſers beſchatteten, war es eben ſo dunkel, als wenn gar kein Mondlicht vorhanden ſei. Nur auf die Mitte des Sees ſelbſt und hier und da durch eine 9 Oeffnung des dichten Urwaldes vermochten die Mond⸗ ſtrahlen zu dringen. Sonſt herrſchte überall Dunkel⸗ heit. Cubina vermuthete, daß von dem Ankerplatze des Nachens ein Fußpfad irgend wohin führen müſſe und ſuchte deshalb dieſen zuvörderſt aufzufinden. Bald auch fand er den leeren Nachen unter einem großen Baume feſtgebunden liegen. Die von dem offenen Waſſer her hier eindringende Helle des Mondlichtes zeigte ihm deutlich genug den in's 8 Unterholz führenden Pfad, und ohne irgend Zeit zu verlieren, verfolgte er dieſen ſofort. Vorſichtig und leiſe wie eine Katze ſchlich er hin; zuweilen ſtand er ſtill, um aufmerkſam zu horchen, allein er vermochte nur das Rauſchen des Waſſerfalles zu vernehmen, dem er ſich nun näherte. Auf dem Raume vor dem Waſſerfalle ſtanden die Bäume etwas dünner; dieſe Lichtung erreichte der Ma⸗ rone bald. Als er am Rande derſelben angekommen war, hielt er an, um vorſichtig um ſich zu ſpähen. Nur einen kurzen Augenblick brauchte er hier zu verweilen. Licht blitzte ihm durch eine Art Gitter ent⸗ gegen. Es war die Bambusthüre der Obiahütte. Auch Stimmen drangen durch die Stäbe hindurch. Da drinnen befanden ſich die beiden Männer, die er wo möglich zu behorchen beabſichtigte. Im nächſten Augenblicke ſchon hatte ſich Cubina unter den großen Baumwollenbaum dicht bei der Ein⸗ gangthüre der Hütte geſchlichen. Zweites Kapitel. Seltſame Entdeckungen. Die beiden Ränke ſchmiedenden ſonderbaren Männer ſchwatzten laut genug. Hier auf dieſem Platze glaubten ſie ſicher es nicht nöthig zu haben, ihre Stimmen zu mäßigen; der Horcher hätte daher ganz gut jedes Wort hören müſſen, hätte der Waſſerfall nicht ſo überlaut gerauſcht. Dies hinderte ihn zuweilen, vollſtändig zu verſtehen, was geſprochen wurde, ſo daß er nur aus einzelnen Worten und Redensarten den ganzen ununter⸗ brochenen Faden des Geſprächs zu entnehmen vermochte. Dennoch hörte er in der That hinreichend genug, um ihn in die größte Verwunderung zu verſetzen, der es bisher nie geahnt oder nur für möglich gehalten hatte, daß es auf der Inſel Jamaica, ja überhaupt auf der Erde zwei ſolche abgefeimte Schurken geben könne wie Chakra, der Koromantis, und Jeſſuron, der Jude! Cubina konnte die Beiden eben ſo wohl ſehen als hören, da die Spalten zwiſchen den Bambusſtäben ihm die Ausſicht auf ſie gewährten. Der Jude, wohl etwas ermüdet von dem langen und angreifenden Gange über die Berge, hatte ſich in halb ſitzender Lage auf die roh gearbeitete Bettſtelle gelehnt, während der Koromantis vor ihm ſtand und ſich an den großen Baumausläufer lehnte, der in ſeiner Verlängerung die eine Seite ſeiner Wohnung bildete. Die Unterhaltung hatte bereits begonnen, bevor Cubina gekommen war. Lange konnte ſie indeß noch — 11 nicht gedauert haben, da die Schweinſchmalzlampe erſt kurz zuvor angezündet zu ſein ſchien. Die Berathung ihrer ſchändlichen Abſichten konnte daher auch nicht weit gediehen ſein. So wenigſtens dachte der Horcher, doch es zeigte ſich bald, daß es nur die Fortſetzung einer bereits frü⸗ her getroffenen Verabredung war und nicht mehr der erſte Entwurf, deſſen Mitwiſſer er jetzt wurde. Dieſe Verabredungen enthüllten allerdings die fürchterlichſten, ſchwärzeſten Abſichten, ſelbſt einen bis in's Kleinſte vor⸗ bereiteten Mord! Als Cubina den Juden zuerſt ſah, ſchien er gerade eben in heftigem Zorne geſprochen zu haben. Seine dunklen wieſelgleichen Augen funkelten in den tiefen eingeſunkenen Höhlen mit boshaftem, Unheil verkündendem Glanze, die Brille war abgenommen, ſo daß die Augen geſehen werden konnten, und den unzertrennlichen Regenſchirm hielt er mit feſtem Griffe wie zu einer Drohung umfaßt! Chakra dagegen ſchien niedergeſchlagen und ſich zu entſchuldigen. Obwohl noch einmal ſo groß und min⸗ deſtens zweimal ſo ſtark wie der alte Iſraelite, ſo ſah er doch aus, als ob er ihn außerordentlich fürchte. „Es thut mir wahrhaftig leid, Herr Jakob,“ ſagte er in einem Tone, der klar verrieth, daß er ſich zu vertheidigen ſuche;„wie konnte ich nur wiſſen, daß es ſolche Eile mit dem Cuſtos habe? Sie haben mir auch niemals geſagt, daß der Todtengräber ſchneller als ge⸗ wöhnlich wirken ſolle. Hätte ich das nur irgend gewußt, ich hätte den ſakrament'ſchen Cuſtos ja leicht aus der 12 Welt hinausſpazieren laſſen können, in einem Handum⸗ drehen!“ „Ach!“ rief der Jude mit einem unverkennbaren Verdruſſe aus;„ör öntſchlüpft uns ſücher, jo, jo, üch woiß ös jötzt göwüß. Uhnd grade nun, wo üch nöthig hobe dön Sauber möhr alſch jö. Uech hobe göhört öt⸗ waſch von döm Mädchen Cünthü von oiner Vörſchwö⸗ rung gögen müch. Sü hot ſü göhört komplottüren ün dös Kuſchtos ſoin Sommerhauſch.“ „Was wollen ſie gegen Sie, Herr Jakob? Wer ſind die, die gegen Sie complottiren?“ „Dör Kuſchtos üſcht dör Oine, dör Andere üſcht dör Hörumſtroicher, döt Sohn dös Cubüna, dör Marone. Uehr könnt doch dön jongen Cubüna?“ „Den kenne ich ganz wohl.“/ 8 „O, där ſtolſche Kuſchtos woiß ös nücht, wönn ör auch högt oinigen Vördacht, daſch ſoine Frau, dü Quaſchhöba, war dü Gölübte dös Maronen. Ha, ha, ha! Und daßu lübte ſü dön Mulatten vül möhr alſch dön oitlen Harrn Vochan. Ha, ha, ha!“ „Ja, das iſt wirklich wahr,“ bemerkte der Neger, ſcheinbar in Nachdenken verſunken.-— „Dör Kuſchtos dönkt göwüß gar nücht,“ fuhr Jeſſu⸗ ron, ohne Chakras Zwiſchenrede zu bemerken, fort, „daſch düſer jonge Burſche, dör ühn nun gögen müch hötſen wüll, oigentlich üſcht ſoin Stüffohn. Ha, ha, ha!“ 5 Das war eine höchſt überraſchende Neuigkeit für den Horcher draußen an der Thüre, in der That die erſte Nachricht, die der junge Marone darüber erhielt, wer ſeine Mutter geweſen ſei. 13 Einige unbeſtimmte Andeutungen waren ihm freilich in ſeiner früheſten Kindheit zugekommen, allein er hatte ſie bisher für halbe Träume gehalten und hatte ſelbſt nie ſo recht daran geglaubt. Seinen Vater hatte er ganz wohl gekannt, der wie er, Cubina der Marone, genannt ward, allein von ſeiner Mutter hatte er nie⸗ mals gewußt, wer oder was ſie geweſen ſei. War es nun möglich, daß die Quadrone Quasheba, von der er wohl zuweilen gehört, war es möglich, daß dieſe wirklich ſeine eigene Mutter ſei? Und daß die „kleine Quasheba“, die ſchöne, anmuthige und gebildete Tochter des Cuſtos Vaughan, ſeine Halbſchweſter wäre? Er konnte durchaus keinen Zweifel mehr hierüber hegen. Die nachfolgende Unterredung, obwohl eigent⸗ lich gar nicht für ihn beſtimmt, ſetzte ihn in den Beſitz weiterer Einzelheiten und beſtimmterer Beweiſe. Außer⸗ dem waren ſolche Verwandtſchaften auf der Inſel Ja⸗ maica keineswegs ſo höchſt ungewöhnlich, um ihn des⸗ halb ſo ſehr in Verwunderung zu ſetzen. Dennoch war der Horcher von dem höchſten Erſtau⸗ nen erfüllt, denn dieſe Entdeckung regte ihn mit den eigenthümlichſten und ſtärkſten Gefühlen auf. Ganz neue Gedanken entſtanden bei dieſer überraſchenden Enthüllung, neue, nie zuvor geahnte Ausſichten eröffne⸗ ten ſich für ſeine Zukunft, und neue, noch nie gefühlte und ihm vollkommen unbekannte Empfindungen durch⸗ ſtrömten ſein in halber Fiebergluth ſchlagendes Herz. Allein für den Augenblick überwältigte er alle dieſe Erregungen ſo viel wis irgend möglich mit dem Ge⸗ danken, ihnen ſpäter einmal ungeſtört nachhängen zu 14 dürfen, und widmete den nahe bei ihm ungeſtört Reden⸗ den ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit. Er hörte nun hinreichend, um ihn auf's feſteſte zu überzeugen, daß er eine Schweſter, freilich nur eine Halbſchweſter, aber dennoch eine Schweſter beſitze. Die nächſte zwiſchen den beiden Ränkeſchmiedern getroffene Verabredung mußte ihn allerdings eben ſo aufregen und in die höchſte Verwunderung ſetzen, denn ſie ging auf nichts Geringeres hinaus, als die neu er⸗ worbene Schweſter ſo bald als möglich bruderlos zu machen! „ Uehr müſcht wönden dön Sauber auch auf ühn,“ ſagte der Jude;„ör üſcht dör Hauptanſtüfter gögen müch. Sölbſt wann dör Kuſchtos üſcht aus döm Wöge, düſer Strolch, düſer Cubina würd göhen ßu oinem andern Magüſtrat, uhm ſoine Abſüchten ausßuführen gögen müch, und da wörden ſoin gönug ühm ßu hölfen. Döshalb müßt ühr ühn vörzaubern, ſo bald ühr ürgend könnt, Schakra! Da üſcht ßu vörlüren koine Soit, nücht oine Münute, wohrhaftig!“ „Ich will gewiß thun, was ich kann, Herr Jakob; aber das muß ich Ihnen doch ſagen, daß es gar nicht ſo leicht iſt, den Zauber bei einem Maronen anzu⸗ bringen. Mehr als zwanzig Jahre koſtete es mir, den Obiahzauber auf ſeinen alten Vater hinzulenken, und bei dieſem jungen Cubina habe ich es ſchon lange Zeit vergebens verſucht, ſchon ſo kange, als ſein Vater todt iſt. Ich haſſe den jungen Maronen, ganz, wie ich den alten gehaßt habe, und Sie wiſſen auch ganz wohl, warum ich ſie Beide haſſe.“ „lUech woiß daſch Alles, üch woiß daſch längſt.“ —— 15 „Nunwohl, ich will thun, was ich kann. Auf die Mulattin ſetze ich in dieſem Falle gar keine Hoffnung. Gewiß würde ſie ſchon bei dem Maronen gleich den Zauber anwenden, ſobald ſie Gelegenheit hätte, denn ſie meint, ſie giebt ihm den Liebestrank. Allein ſie hat kaum Gelegenheit, da Cubina ſie ſich nicht nahe kommen läßt. Das macht aber Alles nichts, Chakra wird doch ſchon eines Tages Gelegenheit finden, und lange ſoll es gewiß nicht dauern, ſo lenkt er den Todtenzauber auf den Sohn der Quadrone.“ „Hoffentlich noch nicht ſo bald!“ dachte der erſtaunte Horcher, als er dieſes vertrauliche, ihn ſelbſt ſo tief berührende Verſprechen vernahm. „Eſch kommt auch wöniger an auf ühn, alſch auf dön Ahndern!“ ſchrie der Jude, ſich einem abermaligen Ausbruche ſeiner Verdrießlichkeit überlaſſend.„Hölf mür dör Deibel! Wohrhaftig, dör Kuſchtos öntſchlüpft mür zwüſchen dön Füngern, und ſoin Gut müt. O waih, o waih!“ rief er faſt wehmüthig aus, als ihm die Täuſchung ſeiner ſüßeſten Hoffnungen recht lebendig vor die Augen trat,„ühr hobt angöführt müch, üch globe wörklich, ühr hobt angöführt müch!“ Bei dieſer Aeußerung erhob ſich der Jude auf die Füße, packte ſeinen Regenſchirm noch feſter und ſtand vor dem Neger in einer faſt drohenden Haltung. „Nein, Herr Jakob!“ erwiderte der Myarmann, ohne die gehorſame Miene abzulegen, die er zuvor an⸗ genommen hatte.„Nein, nichts der Art, durchaus gar nichts. Sie wiſſen ja auch vollkommen, daß ich ſicher eben ſo viel Urſache habe, wie Sien den Tootengräber 16 wirkſam zu machen; und ich ſage Ihnen noch einmal, er wird gewiß wirken!“ „Jo, wönns üſcht ßu ſpät, vül ßu ſpät! Dann göbe üch nüchts möhr drum! Wann dör Kuſchtos kommt nach Spanüſchſtadt, wönn ör vörſchafft ſüch oine böſondere Acte, o üch bün oin ruünirter Mahn! Döſch öſt mür oinerloi, ob dör Todtenßauber dann müch ſölbſt trüfft! Wohrhaftig!“ Dies wurde halb leiſe, mehr für ſich ſelbſt als zu Chakra geſprochen, der es hörte, ohne eigentlich deſſen volle Bedeutung zu begreifen, denn die Haupttriebfeder des Juden war ihm noch gänzlich unbekannt geblieben. „Uech ſoge Euch,“ fing Jeſſuron wieder in drohen⸗ dem Tone an,„üch globe wörklich, Uehr hobt müch göhabt ßum Narren, Schakra! Uehr hobt Euer oigenes Uentereſſe vülleicht an düſer kloinen Quashöba. Ober üch ſoge Euch jötzt, üch ſoge Euch, wönn dör Sauber ſchlägt föhl— jo wönn ör ſchlägt föhl uhnd dör Kuſchtos örroicht dü Hauptſtadt, wohün ör nun göht — üch ſoge Euch, Schakra, Uehr möcht Euch ün Acht nöhmen! Uehr vörlührt daſch Göld, daſch üch Euch vörſprochen habe, Uehr möcht auch Euer Leben daßu vörlüren, dönn üch hobe nur oin Wort ßu ſogen, uhnd das Deibelsloch würd dorchſucht ſogloich von dön Ge⸗ ſötzhuhnden. Wollt Uehr nun Alles thun, uhm öntförnt ßu halten dön Kuſchtos von dör Hauptſtadt?“ Als Jakob. Jeſſuron dieſe Drohung mit fürchter⸗ lichem Ernſte ausgeſprochen hatte, bewegte er ſich nach der Thür zu, offendar in der Abſicht, fortzugehen. 17 Wie der Marone dieſe Bewegung wahrnahm, trat er etwas in den dichteren Schatten des Baumwoll⸗ baumes zurück, um vollkommen verborgen zu ſein. Dieſe Veränderung der Stellung verhinderte ihn aber, das zu hören, was chließlich zwiſchen den beiden Böſewichtern verabredet wurde, denn es fand noch eine weitere Beſprechung ſtatt, eine Unterredung, die noch einige Minuten dauerte, während welcher der verbor⸗ gene Horcher wohl den Schall der Stimmen zu hören, aber durchaus nicht den Sinn der geführten Reden zu verſtehen vermochte. Das vom Juden Geſprochene war offenbar lediglich eine Wiederholung ſeiner früheren Drohung in den möglichſt nachdrücklichſten Worten, während Chakra mit den feſteſten Verſicherungen ſein Verſprechen gab, die zwiſchen ihnen bereits getroffenen ſchändlichen Verab⸗ redungen ungeſäumt auszuführen. „Ich verſpreche Ihnen feſt, Herr Jakob,“ ſagte der Myalmann ſchließlich,„beim großen und gerechten Accompong! ich will Alles thun, was ich kann. Wenn der Cuſtos wirklich entſchlüpft, dann mögen Sie mit dem alten Chakra thun, was Ihnen gefällt. Liefern Sie ihn aus, wenn Sie dazu Luſt haben. Aber der Cuſtos kann nicht entſchlüpfen! Dieſe Nacht hat Cynthy in ihrem Korbe vom Allerſtärkſten mitgenom⸗ men. Das wirkt gewiß in vierundzwanzig Stunden, das iſt der wahre Todtenzauber! Humm!“ Mit dieſer Zuſicherung des unabwendbaren Mordes endete die Unterredung und der Jude trat aus der Hütte heraus, gefolgt von ſeinem treuen Verbündeten. III. Band.* 2 18 Beide verließen nun den Ort, Chakra voran, wäh⸗ rend der Marone ihre Bewegungen auf's Genaueſte überwachte. Als ſie den Nachen erreicht hatten, ſetzten ſie ſich hinein und darauf wurde über den See gerudert. Cubina wartete ruhig ſeine Rückkehr ab. Dann, als er Chakra wieder in ſeiner Hütte ſah, eilte er an's Waſſer, ſchwamm wie zuvor unter dem Schatten der Felſenwand, erſtieg dieſelbe wieder mit Hülfe der Baumleiter und ſtand abermals oben am Rande des Abhanges.— Drittes Kapitel. Ein ſtürmiſcher Auftritt. Sobald der Koppelhalter aus dem Teufelsloch her⸗ ausgeſtiegen war, wandte er ſich auf dem kürzeſten Wege nach Hauſe. Er ging ſehr ſchnell, als habe er noch irgend etwas auszuführen, bevor er ruhig zu . Bette gehen könne. Obwohl es ſchon ſehr ſpät oder vielmehr ſehr früh war, da der Tag bald anbrechen mußte, ſo war in den Augen des alten Iſraeliten doch noch kein Anzeichen herannahender Schläfrigkeit wahr⸗ zunehmen. Eher konnte man in ihm eine lebhafte — Begierde entdecken, noch ehe er ſich der Ruhe über⸗ ließe, etwas beſonders Dringliches zu vollführen. Die leiſen Reden, die er mit ſich ſelbſt hielt, als er durch den Wald ſchritt, bewieſen klar, daß ſein Miß⸗ vergnügen ſtets noch fortdauerte. Chakras Zuſicherungen, * 19 die einſtweilen ſeine ſchlechte Laune beſeitigt Hatten, vermochten ihm bei weiterem Nachdenken nicht zu ge⸗ nügen, denn der Myalmann hatte ihm früher ſchon mehr als einmal Verſprechungen gemacht, die er nicht gehalten hatte, und ſo konnte es auch jetzt mit dem Verſprechen des Todtenzaubers ſein. Hiermit zugleich ſtellte ſich ihm mit größter Wahrſcheinlichkeit die Mög⸗ lichkeit dar, daß ſein Feind entſchlüpfen könne und daß folglich ſein tief angelegter Plan zu einer ſchmählichen Niederlage für ihn werden könne. Die von dem Myalmann angeordneten Maßregeln, um dem Cuſtos den Zaubertrank beizubringen, die Flaſche mit ſtarkem Waſſer, die Cynthia in ihrem Korbe mitgenommen hatte, das Alles war dem Juden voll⸗ ſtändig erzählt worden. Dieſe Erzählung war in einem dem Gegenſtande entſprechenden leiſen Tone, mit zu⸗ rückgehaltener Stimme gemacht worden, und dieſer Theil des Geſpräches zwiſchen den beiden Verbündeten war es gerade geweſen, den Cubina nicht gehört hatte. Aber konnte der Koromantis ſich nicht ſelbſt in ſei⸗ ner Kunſt täuſchen? Konnte nicht der Trank möglicher Weiſe diesmal die erwartete Wirkung gar nicht hervor⸗ bringen? Und mochte die Selavin nicht vielleicht gar keine paſſende Gelegenheit finden können, um ihn in gehöriger Weiſe beizubringen? Ganz beſonders, wenn man dieſe frühe Stunde in Erwägung zog, in welcher der Reiſende aufzubrechen gedachte— Jeſſuron kannte die Zeit— mochte da nicht Cynthia wirklich jeder Vorwand fehlen, ihm den verhängnißvollen Trank zu reichen? Oder mochte ſie nun, erſchreckt bei der genaueren Ueberlegung der fürch⸗ 2* 20 terlichen unvermeidlichen Folgen, von denen ſie wußte, daß ſie jetzt unmittelbar ſogleich eintreten mußten, mochte ſie da nicht im letzten Augenblicke vor der ge⸗ fährlichen That zurückbeben? Vielleicht konnte mittler⸗ weile das Opfer ſelbſt Verdacht über das von der Mu⸗ lattin bereitete Getränk ſchöpfen und es unter irgend einem Vorwande ablehnen, das letzte todtbringende Glas zu leeren? Das waren alles nicht unmögliche Zufälle, durch die der Cuſtos leicht zu entſchlüpfen vermochte. „Oes ſtöht Manches auf dör Wüppe zwüſchen döm Glaſch und dör Lüppe!“ murmelte der alte Schurke, eines ſeiner Lieblingsſprüchwörter herſagend.„Jo, daſch üſcht nur ßu wohr!“ fügte er mit bitterer und ängſt⸗ licher Betonung hinzu, als die verſchiedenen Möglich⸗ keiten eines gänzlichen Mißlingens ſeiner Pläne ihm noch einmal auf's Deutlichſte vor die Seele traten. „Hälf mür Gott!“ fuhr er fort und verſuchte, ſich ſelbſt zu tröſten;„üch wörde moine Rache göben nücht auf, oll ör nun göht nach Spanüſchſtadt oder bloibt ßu Wüllkommenbarg. Sulötſcht muſch ös mür gölüngen doch! Doch ach!“ rief er mit allen Anzeichen der Be⸗ kümmerniß aus,„waſch hot ßu bödäuten daſch üm Vörgloich müt döm Andern? Wönn ör könnte göhalten wörden föſcht, daſch wäre ötwaſch Graußes für moine Schudith, für müch ſölbſt auch, für müch, dön alten Schakob Schöſſuron! Wüllkommenbarg wär' moin! Oes muſch göhören düſem jongen Mahne, ör göhört Schu⸗ dith, Schudith göhört moin! Wü ſchade, wönn moin Plan ſollte müßlüngen, nach Allem, waſch üch hobe göthan! Wönn ös müßlüngt, do bün üch oin göſchlogener ——⸗—x—xxx 21 Mahn! Schudith würd ſchon hoirathen dön jongen Mahn. Uech glaube gor, ſü lübt ühn, üch förchte, ſü lübt ühn und ör üſſcht vülloicht nücht ſo vül wörth wü ſoine Schuhnägel! Daſch muſch üch vörhündern, boi moiner Söle! Daſch muſch üch vörhündern! Oes darf durchauſch nücht göhen woiter, alſch büſch üch hobe dön Kuſchtos göwüß! Nücht oinen Schrütt— noin, nücht oinen Schrütt! Sü muſch üch ſpröchen uhnd daſch noch ün düſer Nacht. Jo, üch muſch Schudith ſpröchen, bö⸗ vor üch ſchlofe!“ So von dem Wunſche getrieben, ſeine Tochter noch zu ſprechen, beeilte der Jude ſeine Schritte und langte bald unter dem Schatten des großen Gebäudes an, das hauptſächlich den ihm gehörenden Hof bildete. Hier von dem ſchwarzen Pförtner in's Thor einge⸗ laſſen— denn das des innern Hofes, des Sclaven⸗ raumes, war ſtets verſchloſſen— ſtieg der Jude die hölzernen Treppenſtufen hinauf und ſchlich ſich leiſe über die Veranda, als ob er in ſeinem eigenen Hauſe ein Fremder, anſtatt deſſen Beſitzer geweſen wäre. Der Grund dieſer leiſen verſtohlenen Bewegung war, einen Schläfer in der Hängematte nahe am Ende der großen Gallerie nicht aufzuwecken. Der Jude wandte ſich im Hauſe ſofort nach der an⸗ dern Seite deſſelben und ſchritt nach einer Kammer zu, durch deren Gitterfenſter noch ein Licht ſchien. Es war das Schlafgemach ſeiner Tochter, der ſchönen Judith. Als er die Thür erreicht hatte, klopfte er an, jedoch ganz leiſe, und rief zugleich halb flüſternd den Namen „Schudith!“ 4* „Seid Ihr es, alter Rabbi?“ fragte eine Stimme von innen, während ſofort ein Fußtritt in der Kammer anzeigte, daß die Jüdin ſich noch nicht zu Bette begeben, oder wenn dies früher vielleicht geſchehen war, es doch wieder verlaſſen habe. Die Thür wurde nun geöffnet und der würdige Vater der wachſamen Tochter trat bei ihr ein. „Nun, ich will gar nicht fragen,“ ſagte die Tochter zu ihrem, zu ſo ungewöhnlicher Zeit ſie beſuchenden Vater,„zu welchem Zwecke Du eben ausgeweſen biſt; wahrſcheinlich doch eine Sclavenangelegenheit? Aber was habe ich nur damit zu ſchaffen, daß Du mich nöthigſt, Deinetwegen ſo ſpät in die Nacht hinein noch aufzubleiben? Es iſt jetzt ſchon nahe an Morgen heran, und ich bin wirklich ſchläfrig, das kann ich wohl ſagen.“ Sn „Ach, lübe Schudith,“ erwiderte der Vater beküm⸗ mert.„Daſch göht Alleſch ſchlöcht; wohrhaftig, Alleſch!“ „Man könnte wirklich ſo glauben, nach Deinem kläglichen Geſicht zu ſchließen. Was ängſtet Dich denn ſchon wieder, werther Vater?“ 3 „Ach, Schudith! bötrübe müch nücht müt Doinen loichtſünnigen Röden. Uech hobe Dür ßu ſogen ötwas Wüchtiges, bövor üch göhe ßu Bött.“ „Dann ſag es nur ſchnell, denn ich möchte auch ſchlafen. Was iſt es denn? „Nun, Schudith, höre; ös üſcht daſch: Du muſcht nücht möhr ſpülen müt dem jongen Mahne.“ „Welchen jungen Mann meinſt Du denn, Vater?“ „Vochan natürlüch— Hörbört Vochan!“ 4 23 „Ho, ho! Du haſt ja auf einmal Deine Anſicht ganz verändert. Was hat denn das zu bedeuten?“ „Uech hobe Grund daßu, Schudith; üch hobe Grund.“ „Wer ſagt aber nur, daß ich mit ihm geſpielt habe? Ich doch nicht, Vater! ich gewiß nicht, ich ver⸗ ſichere Dir!“ „Daſch üſcht gor nücht, waſch üch moine, Schudith.“ „Nun, was meinſt Du denn eigentlich, alter Zau⸗ derer? Heraus damit! geſchwind! ſag's nur gerade her⸗ aus, ohne alle Umſchweife!“ „Uech moine daſch, Schudith; Du muſcht ös nun müt döm jongen Mahne nücht kommen laſchen woiter, daſch hoißt, ſchuſt nun, büs üch woiß ötwas möhr von ühm. Uech glaubte göwüß, ör würde ſoin oin roicher Mahn. Du woißt ganſch wohl, moine Dochter, üch glaubte ös föſcht, aber nuhn hobe üch göfonden auſch, düſe Nacht ſchuſt, daſch ör vülloicht nücht hot oinen oinzigen Schülling; uhnd döswögen, Schudith, muſcht Du gar nücht daran dönken, ühn ßu hoirathen, nücht öher, alſch büſch wür möhr von ühm wüſſen.“ „Vater!“ erwiderte die Jüdin, während ſie auf ein⸗ mal den gewöhnlichen ſpaßhaften Ton gänzlich aufgab und einen höchſt ernſthaften annahm;„Vater, dazu iſt es bereits zu ſpät! Sagte ich Dir nicht, daß die Ta⸗ randel in ihrer eigenen Falle gefangen werden könne? Das Sprüchwort hat ſich bei mir als wahr bewährt; ich bin ſelbſt ſolch ein unglückliches Geſchöpf!“ Daſch üſcht doch nücht Doin Ernſcht, Schudith?“ fragte der Vater beunruhigt. „Mein voller Ernſt! Dort ſchläft der Mann,“ und die Sprecherin zeigte die Gallerie hinab nach der Hänge⸗ 24 matte hin;„dort ſchläft der Mann, den ich liebe, ſicher vor jedem Leid, das ich ihm zufügen könnte. Und wäre er wirklch ſo arm, wie er zu ſeiin ſcheint, und wäre er auch der niedrigſte und elendſte Sclave auf Deinem Gute, für mich iſt er reich genug! Deine Schuld könnte es ſein, nicht meine, wenn er nicht mein Gatte würde!“ Der ſtolze, eutſchloſſene Ton, mit dem die Iudin ſprach, ward nur bei den letzten Worten etwas gemil⸗ dert. Die unbeſtimmte Redeform in ihnen, ſo wie ein gewiſſer wehmüthiger Ausdruck in ihrem Geſichte zeigten ziemlich deutlich, daß ſie ſich des Herzens Herbert Vaughan's noch keineswegs ganz verſichert hielt. Un⸗ geachtet ſeiner Aufmerkſamkeiten auf dem großen Smythjeballe, ungeachtet vieler Dinge, die ſich ſeitdem ereignet hatten, waltete doch noch immer einiger Zwei⸗ fel ob, beſtand doch noch immer einiges Mißtrauen in die wahrhafte Geſinnung des jungen Engländers. „Daſch kann nümals ſoin, Schudith!“ ſchrie der Vater mit dem vollen Bewußtſein des väterlichen An⸗ ſehens.„Du muſcht gor nücht dönken doran! Du ſollſcht hoirathen nümals oinen Bött nümmermöhr!“ „Mach ihn zum Bettler ſo diel wie Du willſt, Vater; er wird ſich darum nicht quälen, eben ſo wenig wie ich!“ „Uech wörde Düch öntörben dith!“ ſagte der Jude, bei dem jetzt Zorn und Aerger die Ueberhand gewonnen hatten. „Ganz wie es Dir gefällt. Enterbe mich nach Dei⸗ nem Belieben, aber erinnere Dich wohl, alter Mann, Du warſt es ſelbſt, der das Spiel begann, Du, der —“ 25 mich dazu aufgefordert hat, und wenn Du jetzt Gefahr läufſt, das Spiel zu verlieren, wie es vielleicht ſein kann, dann ſage ich Dir, Du läufſt auch Gefahr, mich zu verlieren, mich, Deine Tochter, das heißt, wenn er— Welches auch jetzt der eine Vorausſetzung enthaltene Nachſatz eigentlich ſein ſollte, es war offenbar, daß er ihr ſchwer auszuſprechen ward und tiefen Mißmuth bei ihr verurſachte, denn dies war an dem finſtern, faſt gramvollen Blicke zu erkennen, der nun in ihren ſchönen leidenſchaftlichen Augen erglühte. Indeß kam die Jüdin gar nicht in die Verlegenheit, den ſie quälenden Nachſatz beenden zu müſſen, denn der zornerregte Vater erlaubte dies nicht, ſondern unter⸗ brach ſie: „lUlech wüll jötzt nücht müt Dür ſtroiten, Schudith! Göh ßu Bött, Mädchen! Göh ßu Bött uhnd ſchlof! Ober daſch ſoge üch Dür, wönn düſer jonge Mahn üſcht würklich oin armer Mahn, ſo ſoll ör hoirathen Düch nümalſch müt moiner Oinwülligung; uhnd ohne moine Oinwülligung krügt ör nümalſchvon mür oinen Schülling Göld, nümalſch, ſoge üch Dür, nümalſch! Haſcht Du daſch vörſtänden, Schudith?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, die gewiß eben ſo herausfordernd und trotzig gelautet hätte, als ſeine jetzt gemachte Erklärung, verließ der Jude das Zimmer ſeiner Tochter mit dem höchſten Ungeſtüm und eilte die Veranda entlang. 26 Viertes Kapitel. Wohin zuerſt? Nachdem der Marone die Höhe der Felſenwand er⸗ ſtiegen hatte, hielt er einige Augenblicke an, um darüber nachzudenken, was er thun ſolle. Seine Bruſt durchwogten mancherlei neue Empfin⸗ dungen und Gefühle, die aus den ſo eben erſt gemachten merkwürdigen Entdeckungen entſprangen. Sein Geiſt war dabei in einem ſolchen aufgeregten Zuſtande und ſeine Gedanken ſo verwirrt, daß er wirklich einiger Zeit bedurfte, um ſich zu entſchließen, was er zunächſt thun und wohin er zuerſt gehen ſoulle. Der ihn am meiſten erfüllende Gedanke war die Entdeckung ſeiner mütterlichen Verwandtſchaft mit Fräu⸗ lein Vaughan. Doch dies, wie tief es ihn auch berührte, erforderte kein unverzügliches Handeln von ſeiner Seite, und obwohl die nun zum erſten Male empfundene brü⸗ derliche Zuneigung die romantiſche Freundſchaft noch bedeutend verſtärkte, die er für die junge, in der letzten Zeit zuweilen geſ ehene Dame fühlte, ſo ſchien nach Allem, was er von den Anſchlägen der beiden in dem Teufels⸗ loche Berathenden gehört hatte, ſeine neue Schweſter ſich doch in keiner eigentlichen Gefahr zu befinden, wenigſtens nicht für den Augenblick, wenn auch für die Zukunft einige von Chakra in ſchrecklicſter Weiſe ausgeſtoßene und auf Entſetzliches hindeutende Worte die Möglichkeit einer drohenden Gefahr befürchten ließen. Dagegen konnte Cubina durchaus nicht daran zweifeln, daß ihr Vater ſich in wirklicher Gefahr befinde und daß 27 gegen den Euſtos ein teufliſcher Anſchlag vorbereitet werde, der ihn ſogar des Lebens berauben ſollte. Ja, nach dem, was der Marone aus der nur halb gehörten Unterredung vernehmen konnte, ſollte dieſer Anſchlag bereits ſchon am nächſtfolgenden Morgen in's Werk geſetzt werden. Herr Vaughan beabſichtigte eine längere Reiſe. Dies hatte Yola ihm ſelbſt erzählt und war durch das behorchte Geſpräch zwiſchen Jeſſuron und Chakra beſtätigt worden. Cynthia hatte ſie davon benachrichtigt und war deshalb in der letzten Nacht eigends von Will⸗ kommenberg zu Chakra gekommen. Die von ihr über⸗ brachte Neuigkeit hatte die beiden gegen den Cuſtos Verbündeten außerordentlich in Verwunderung verſetzt und ſie bewogen, den bis zu jener Nacht noch nicht reifen Anſchlag jetzt ſo ſchnell als möglich auszuführen. Das Alles lag vor dem Geiſte des Maronen voll⸗ kommen klar und deutlich. Eben ſo klar war es auch, daß der abſcheuliche An⸗ ſchlag in der Ermordung des Eigenthümers von Will⸗ kommenberg beſtand und daß als ſichere geräuſchloſe Waffe Gift angewandt werden ſollte, denn Cubina ver⸗ ſtand die eigentliche Bedeutung von Obiahs Todtenzauber ganz gut. Schon vor dieſer Nacht hatte er bereits hin⸗ längliche Gründe, um zu argwöhnen, daß ſein eigener Vater in ſolcher geheimnißvollen Weiſe umgekommen und daß Chakra hierbei betheiligt war. Das, was er ſo eben gehört hatte, mußte ſeinen Argwohn zur feſten Ueberzeugung erheben, und nur die Nothwendigkeit, ſo ſchnell als möglich zur Rettung des bedrohten Cuſtos zu eilen, ſo wie die Gewißheit, Chakra zu jeder Zeit 1 28 nicht ſofort noch vor dem Verlaſſen des Teufelsloches zu rächen. Der junge Marone war von ſanftem Charakter, der Klugheit mit Kaltblütigkeit verband, was ihn abhielt, irgend etwas zu unternehmen, was möglicher Weiſe nicht ganz zu Ende geführt werden könnte. Deshalb ſchob er die an Chakra zu nehmende Rache einſtweilen auf, war aber feſt entſchloſſen, ſie baldigſt auszuführen. Die Wiederbelebung des Myalmannes, ſo überraſchend und erſtaunlich ſie ihm auch zuerſt geweſen war, hatte doch ſchon längſt aufgehört, für den Maronen geheim⸗ nißvoll oder gar unbegreiflich zu ſein, da die Gegenwart des Juden ihm dies Wunder ſofort erklärlich gemacht hatte. Cubina nahm nämlich vollkommen richtig an, daß Jeſſuron den verurtheilten Verbrecher von ſeinen Ketten befreit und den Körper eines andern todten Negers untergeſchoben habe, um ſpäter für Chakras Skelett ge⸗ halten zu werden. Zu dieſer That hatte der wegen ſeiner Bosheit und Hinterliſt wohl bekannte Jude gewiß ſeine beſtimmten Gründe gehabt. Der Marone konnte ſich aber jetzt nicht damit aufhalten, weiter über ſie nachzudenken, denn ſeine Gedanken waren viel mehr auf die Gegenwart und Zu⸗ kunft gerichtet, als auf die Vergangenheit, vor Allem auf die dem Cuſtos zu bringende Hülfe, denn dieſer ſchien von einem fürchterlichen Geſchicke bedroht zu ſein. Unläugbar fühlte Cubina eine gewiſſe Freundſchaft für den Pflanzer von Willkommenberg. Freilich war dieſe bisher gerade nicht ſehr groß geweſen; allein die * kürzlich zwiſchen ihm und dem Cuſtos entſtandenen Be⸗ auffinden zu können, hielten ihn ab, ſeines Vaters Tod 8 ͤ— 29 ziehungen in Vorausſicht des gegen ihren gemeinſchaft⸗ lichen Feind, den Koppelhalter, zu führenden Proceſſes hatte bei ihnen höchſt freundſchaftliche Gefühle erweckt. Die merkwürdigen Entdeckungen der letzten Nacht hatten das In tereſſe des Maronen für Herrn Vaughan noch bedeutend vergrößert und deshalb kann es gewiß nicht ſeltſam erſcheinen, daß er jetzt ſehnlichſt wünſchte, den Vater derjenigen zu retten, die er fortan als ſeine eigene Schweſter betrachten mußte. Darum waren alle ſeine Gedanken jetzt einzig auf die unverzügliche Rettung des Cuſtos gerichtet. Ueber die Beweggründe Chakras ſowohl wie Jeſſurons dachte er jetzt auch nicht lange nach. Die des Myal⸗ mannes lagen freilich klar vor Augen: Rache für den Richterſpruch, der ihn zu dem ſchrecklichen Loſe auf dem Jumbéfelſen verurtheilt hatte. Die eigentlichen Beweg⸗ gründe des Juden waren dagegen viel unklarer, ſie hatten ſich in dem von Cubina belauſchten Geſpräche durchaus nicht enthüllt und ſelbſt Chakra ſchien ſie nicht zu kennen. Vielleicht mochte es Furcht vor dem künf⸗ tigen Proceſſe ſein, von dem der Jude bereits etwas erfahren haben konnte.. Doch nein, bei weiterer Ueberlegung begriff Cubina, daß es dies nicht ſein konnte, denn die Unterredung der Beiden hatte deutlich gezeigt, daß ihr abſcheulicher Anſchlag ſchon früher beſtanden, als der Jude irgend eine Nachricht über die Abſichten des Cuſtos haben konnte. Das konnte es alſo nicht ſein. Darauf kam es jetzt auch gar nicht an. Herr Vaughan, der Vater der hochherzigen jungen Dame, die verſprochen hatte, ihm ein Geſchenk mit ſeiner heißgeliebten Braut 30 zu machen, und die jetzt erwieſener Maßen ſogar ſeine Stiefſchweſter war, dieſer von der Tochter geliebte Vater war in äußerſter Gefahr! ſofort Maßregeln ergriffen werden, um die Gefahr zu entfernen und die darin verwickelten Böſewichte zu be⸗ ſtrafen. Sollte er geradezu nach Willkommenberg gehen, den Cuſtos warnen und ihm alles erzählen, was er geſehen und gehört hatte? Das war der erſte ihn erfüllende Gedanke, allein um dieſe Zeit würde Herr Vaughan im Bette und wahr⸗ ſcheinlich wenig aufgelegt ſein, ihn, den armen Maronen, zu empfangen, wenn er nicht ſofort die unaufſchiebbare Dringlichkeit ſeiner Mittheilungen darthun könnte. Dennoch hätte er dies unbezweifelt gethan, hätte er gewußt, daß der Plan der beiden zum Verderben des Euſtos Verbündeten bereits ganz beſtimmt feſtgeſetzt war wie früher erwähnt, Chakra's letzte Worte, die ſich auf Cynthya und die Flaſche mit der ſtarken Medicin bezogen, hindern. Es würde noch Zeit genug ſein, dachte er, dieſe Maßregeln wirkſam zu durchkreuzen, wenn er früh am Morgen nach Willkommenberg ginge. Dort konnte er anlangen, bevor Herr Vaughan auf die Reiſe ginge, um eine ganz frühe Tageszeit, aber doch nicht ſo früh, daß ſein Erſcheinen etwas beſonders Auffallendes hatte. gar nicht gehört, und alles Uebrige, was ſie ſprachen, hatte nur im Allgemeinen darauf hingedeutet, Maßregeln zu ergreifen, um die Reiſe nach Spaniſchſtadt zu ver⸗ Hier war kein Augenblick zu verlieren; hier mußten und nur die letzte Ausführung erwarte. Allein er hatte, 31 Leider fiel es ihm nicht ein, daß die Abreiſe von Willkommenberg, die Cubina nicht erfahren hatte, noch früher als ſeine Ankunft dort ſtattfinden könnte. Der Marone glaubte, daß der große Cuſtos ſich wohl ſchwerlich mit der Ungelegenheit des Frühaufſtehens beläſtigen würde, und dachte deshalb gar nicht daran, daß es möglich ſei, ihn zu verfehlen, ſelbſt wenn er auch ein wenig ſpäter kommen ſollte. Im Vertrauen hierauf beſchloß er jetzt, ſeinen Beſuch zu Willkommenberg bis nach Sonnenaufgang aufzuſchie⸗ ben und mittlerweile noch einen andern Plan auszu⸗ führen, der ſchon am Tage zuvor verabredet worden war. Dieſer Plan war eine Zuſammenkunft mit Herbert Vaughan, die am folgenden Morgen und zwar an der⸗ ſelben Stelle ſtattfinden ſollte, wo die beiden jungen Männer ſich zuerſt kennen gelernt hatten, in der Lichtung unter der großen Ceiba. Die Zuſammenkunft war von Herbert nachgeſucht⸗ worden, denn obwohl ſeit dem Tage, wo damals der Flüchtling eingefangen wurde, Keiner den Andern wieder geſehen hatte, ſo waren ſie doch immer im Verkehr und im Einverſtändniſſe geblieben, wobei Quaco den Ver⸗ mittler gemacht hatte. Herbert wünſchte eine Zuſammenkunft mit Cubina, um von ihm vielleicht etwas Näheres über mehrere Um⸗ ſtände zu erfahren, die ihn in jüngſter Zeit beunruhigt und verwirrt hatten. Seines jetzigen Gönners ſonderbare und verdächtige Erzählung von dem rothen Flüchtling war einer dieſer Umſtände, denn Herbert hatte von Quaco gehört, daß dieſer flüchtige Sclave ſich noch immer bei den Maronen 32 in ihrer Gebirgsſtadt aufhalte, daß er ganz in ihre Gemeinſchaft aufgenommen und thatſächlich ſelbſt ein Marone geworden ſei. Dies ſtimmte nun gar nicht mit der von Jeſſuron gegebenen Auskunft überein. Quaco vermochte nichts über dieſe Angelegenheit zu erzählen, denn Cubina, der dem Cuſtos Verſchwiegenheit gelobt hatte, ſprach nie davon und ſeine Leute kannten durchaus die Abſichten ihres Hauptmanns gegen den Juden nicht. Das war indeß nicht das Einzige, was dem jungen Engländer geheimnißvoll und räthſelhaft erſchien und deſſen Aufklärung er von Cubina wünſchte. Seine eigene Stellung auf dem Judenhofe war ihm in letzter Zeit ſonderbar vorgekommen, hatte ihn ſtutzend gemacht und bedurfte einiger Erläuterung. Es war aber Niemand vorhanden, von dem er etwas hierüber zu erfragen ver⸗ mochte, und doch hatte er noch niemals einen Vertrauten nöthiger gehabt, als gerade jetzt. In dieſer Verlegenheit hatte er an ſeinen alten Be⸗ kannten, den Maronenhauptmann, gedacht, der ihm ganz der rechte Mann zu ſein ſchien, um Alles mit ſcharfem Blicke zu durchſchauen. Herbert erinnerte ſich des beim Abſchiede von dem Maronen gemachten Verſprechens wie ſeiner eigenen Annahme deſſelben, das nun wahrhaft prophetiſch werden ſollte, da das damals vorhergeſehene Ereigniß nun wirklich eingetreten war; denn er war jetzt in der That eines aufrichtigen Freundes bedürftig. Deshalb hatte er dem Maronen den Vorſchlag machen laſſen, unter der Ceiba mit ihm zuſammenzukommen. Dieſer war in derſelben Weiſe begierig, mit dem jungen Engländer zuſammenzutreffen. Er hatte deſſen 33 hochherzige Dazwiſchenkunft in einem ihm ungleich er⸗ ſcheinenden Kampfe keineswegs vergeſſen, und hatte ihn fortwährend im Auge behalten, um ihm gelegentlich ſein Dankgefühl bethätigen zu können. Da nun die Nacht faſt ſchon vorüber war und der Anbruch des Morgens herannahte, entſchloß ſich der Marone, zuerſt nach der Lichtung zurückzukehren, wo er kurze Zeit zuvor mit ſeiner geliebten Yola ſo glücklich geweſen war, und hier die kurze Zeit bis zum wirklichen Morgen unter der großen Ceiba zu verbringen. Nach dieſem Entſchluſſe hielt er ſich bei dem Teu⸗ felsloch nicht länger auf, ſondern wandte ſich nach der Lichtung, wo er mit Herbert Vaughan zuſammenkommen ſollte. Langſam ſtieg er den Bergpfad hinunter, denn Eile war jetzt nicht erforderlich, da es noch einige Stunden dauern mußte, bis der junge Engländer in der Lichtung erſcheinen würde. Ein wenig nach Sonnenaufgang ſollte die Zuſammenkunft ſtattfinden, ſo war es durch Quaco verabredet worden. Die noch übrige Zeit zu verſchlafen, fühlte der Marone durchaus keine Neigung. Wilde Gedanken, die Folge all der merkwürdigen ihn überraſchenden Enthül⸗ lungen, die er dieſe Nacht gehört hatte, ſtürmten durch ſeine Seele und hatten ihm längſt jede Luſt zu ſchlafen geraubt. Als Cubina die Lichtung erreichte, war ſein Erſtes, ein Feuer anzuzünden; denn er wollte nun doch nicht länger in den naſſen Kleidern verweilen, von denen kein Faden nach dem Schwimmen durch den See im Teufelsloche trocken geblieben war. Sonſt hätte er wohl . 3 III. Band. 34 kein Feuer nöthig gehabt, denn zu kochen war nichts da und hungrig war er auch nicht. Des Waidmannes Gewandtheit hatte bald ein Feuer hergeſtellt und der Jäger ſtellte ſich dicht daran, indem er ſich von Zeit zu Zeit umwandte, um auf dieſe Weiſe ſeine noch vom Waſſer faſt triefenden Kleider zu trocknen. Bald dampfte und rauchte er am ganzen Leibe, und um die Zeit doch etwas angenehmer zu vollbringen, begann er noch in anderer Weiſe zu rauchen, nämlich aus ſeiner Tabackspfeife. Vielleicht mochte der belebende Geiſt des Tabacks⸗ rauches auf ſeine Geiſteskräfte beſonders wirken, denn kaum hatte er etwa ein Dutzend Züge aus der Pfeife gethan, als eine plötzliche und haſtige Bewegung anzeigte, daß ihm irgend ein beſonderer und neuer Gedanke ein⸗ gefallen ſein müſſe. Gleichzeitig mit dieſer Bewegung begann ein leiſes Selbſtgeſpräch. „Carambo!“ ſagte er, ſeinen Lieblingsausruf ge⸗ brauchend,„er will erſt eine Stunde nach Sonnenaufgang hier ſein und dann kann ich erſt nach Willkommenberg gehen! Pordios! das möchte am Ende zu ſpät werden! Wer kann wiſſen, um welche Zeit der Cuſtos abreiſen will? Daran dachte ich noch gar nicht! Wie dumm von mir, Yola nicht gefragt zu haben!“ „Carambo!“ rief er wiederum nach einigen in ſchwei⸗ gendem Nachdenken verbrachten Augenblicken aus.„Man darf nichts dem Zufalle überlaſſen, wo ein Menſchenleben in Gefahr iſt! Wer weiß, was dieſe Schelme für einen Plan haben? Ich konnte ja nicht all ihr Geſchwätz hören. Wenn nur der junge Herr Vaughan hier wäre, wir würden ſogleich nach Willkommenberg gehen. Was 3⁵5 er auch immer für einen Streit mit ſeinem Onkel gehabt haben mag, ermorden würde er ihn gewiß nicht laſſen. Uebrigens würde ſeine Dazwiſchenkunft bei einer ſolchen Gelegenheit, wenn ich mich nicht täuſche, bald jedes Mißverſtändniß beſeitigen, und das würde ich wahrhaftig ſehr gern ſehen, ſowohl ſeinetwegen als, auch ihret⸗ wegen— ach! vorzüglich ihretwegen, nach dem, was Yola mir geſagt hat. Santa Virgen! würde das nicht eine bittere Täuſchung für den alten Judenhund ſein? Aber was macht das aus! Ich will ihm doch einen Funken in's Pulver werfen, bevor er wenige Tage älter iſt! Doch der junge Engländer muß Alles wiſſen, ich will ihm Alles erzählen! Und wenn er dann noch daran denken kann, der Schwiegerſohn des Jakob Jeſſuron zu werden, dann iſt er ein ausgemachter Schw——. Doch nein, das kann nicht ſein! Ich kann's nicht glauben, bis er es mir ſelbſt geſagt hat. Und dann——. Pordios!“ rief er aus, unterbrach den bisherigen Ge⸗ dankengang und ging zu einem andern über.„Hier darf ich durchaus nicht warten, bis er kommt! Zwei Stunden nach Sonnenaufgang, und der Cuſtos mag bereits todt ſein! Ich will hinuntergehen nach dem Judenhofe und zuſehen, daß ich den Herrn Vaughan in irgend einer Weiſe zu ſprechen bekomme. Gegen Tages⸗ anbruch wird er wohl aufſtehen und das wird mir un⸗ gefähr eine Stunde erſparen. Ein Wort nur mit ihm, und dann werden wir bald zuſammen nach Willkommen⸗ berg gehen.“ Dieſer Eingebung folgend und ohne ſich damit auf⸗ zuhalten, ſeine Kleider erſt trocknen zu laſſen, verließ der Marone ſofort die Waldlichtung, wandte ſich zu 3* 36 einem nur wenig beſuchten Pfade, der nach dem Glück⸗ lichen Thale hinführte, und eilte auf dieſem ungeſaunt hinweg. Fünftes Kapitel. Ein geheimer Vertrag. Nachdem er das ſtürmiſche Zwiegeſpräch mit ſeiner Tochter ſo plötzlich abgebrochen hatte, ſchritt Jeſſuron nach ſeinem Schlafgemache, das, wie alle andern, von der Veranda aus zugänglich war. Bevor er in ſeine Kammer eintrat, warf er noch einen Blick die Gallerie längs nach einer am Ende derſelben befindlichen Bänge matte. In dieſer Hängematte ſchlief Herbert Vaughan. Die lange Seereiſe hatte ihn an den Gebrauch eines ſolchen Schaukelbettes gewöhnt, ſo daß er es ſehr liebte, und da die Nacht höchſt milde war, ſo hatte er die Hänge⸗ matte ſeinem Bette in der angrenzenden Kammer vor⸗ gezogen. Jeſſuron fürchtete nun, daß die eben beenndete etwas laut und heftig geführte Unterhaltung von dem Inhaber der Hängematte vielleicht gehört worden ſei, denn in der Aufregung hatten Beide durchaus nicht daran gedacht, leiſe zu ſprechen. Indeß, in der Hängematte war es ganz ſtil und ſie wurde nur durch den ſanften Nachtwind bewegt, der über die Veranda hinſtrich. Ihr Inhaber ſchien im tiefſten Schlafe zu liegen. 257 37 Hiervon befriedigt, ging er nun in ſeine eigene Schlafkammer. Licht war keines da und er ſetzte ſich in der Dunkelheit nieder. Der durch das Fenſter ſchei⸗ nende Mond verlieh ihm hinlängliches Licht, um einen Stuhl zu finden und in dieſen ſetzte er ſich unverweilt, anſtatt ſein Bett aufzuſuchen. Eine Zeit lang verrieth er keinerlei Abſicht, ſich auszuziehen oder ſich in's Bett zu legen, ſondern verblieb in dem Stuhle mit hoher Lehne, in den er ſich tief hineingeſetzt hatte, in Gedanken verſunken. „Wohrhaftüg, ſü wüll hoirathen ühn!“ war ſein erſter Ausruf.„Uhnd ſü würd'ſch auch, wohrhaftüg!“ fuhr er fort,„trotſch Allem, waſch üch mag ſogen oder thun, um abßuhalten ſü. Sü üſcht ganſch unlönkſam und wüll haben ühren vigenen Wüllen. O waih, waſch üſcht ßu thun da?— waſch üſcht ßu thun da?“ Hier trat eine ziemliche Pauſe ein, während der Jude nach einer genügenden Antwort auf ſeine eigenen Fragen ſuchte. „Eſch üſcht von keinem Nutſchen!“ fuhr er nach ei⸗ niger Zeit fort, und der Ausdruck ſeines Geſichtes zeigte deutlich, daß er noch immer keine paſſende Antwort ge⸗ funden hatte.„Eſch üſcht von koinem Nutſchen, ßu wüderſpröchen ühr. Sü wüll durchgöhen müt ühm, ganz göwüß! Uech hätte Luſcht wohl, oinßuſpörren ſü, ober daſch thut nücht gut. Sü würde doch mal kommen loß, dönn üch kann nücht halten ümmer ſü unter Schloß uhnd Rügel. Noin— noin, daſch üſcht unmöglich! Uhnd wönn ſü hoirathet ühn ohne daſch Göld, ohne dü große Suckerflanſchung. O waih, da üſcht Alleſch ruünürt!„Daſch kann durchaus nücht ſoin. Wönn ſü 38 hoirathet ühn, muſch ſü hoirathen Wüllkommenbarg! Sü muſch, ſü muſch!“ Aberſcht wü üſcht anßufangen daſch? Wü üſcht ör ßu machen ßum Oerben?“ Aber⸗ mals ſchien ſich der Jude ernſthaft zu quälen, um dies beantworten zu können. „Ha!“ rief er plötzlich laut aus und ſprang zu gleicher Zeit vom Stuhle auf, als ob er die Löſung endlich gefunden habe;„üch hob's! üch hob's!— dü Spanüer! üch hob's! Jo,“ fuhr er fort und ſtieß die Eiſenſpitze ſeines Regenſchirmes auf den Boden,„daſch ſünd dü rechten Körle für daſch Göſchäft! dü ſünd wörth oin ganſches Dutſchend Schakra's ſammt allen ſoinen Sau⸗ berſprüchen uhnd Mödüßünflaſchen! Uehre Mödüßün würd föhlſchlagen nücht. Wohrhoftig, noin! Nun, do üch gedocht daran, üſcht's ſücherlich daſch Beſchte! jo, koin andrer Plan üſcht ſo ſücher uhnd gewüß. Ha, Kuſchtos! jötzt ſollſcht du mür üntwüſchen nücht. Uhnd Du, Schudith, moine Dochter, Du kanntſcht Düch göben ßu Früden jötſcht; Du ſolſcht den jongen Mahn hoben!“ Während der Jude dieſe letzten Reden ausſtieß, war er in den Lehnſtuhl zurückgeſunken und ſaß einige Mi⸗ nuten ſchweigend und in ernſtem Nachſinnen begriffen. Der Erfolg dieſes Nachſinnens zeigte ſich in dem nachfolgenden Handeln. „Do üſcht koine Stunde ßu vörlüren!“ ſprach er für ſich, ſprang in die Höhe und ſtürzte ſich auf die Thür; noin, nücht oine oinßige Münute üſcht ßu vör⸗ lüren. Uech muſch röden müt ühnen ſogloich. Dör Kutſchtos wüll abroiſen um Sohnenaufgang. Daſch Mädchen hat göſogt ös. Sü würden görade hoben Soit, ßu folgen ſoiner Spur. Wohrhaftig,“ fuhr er fort, als 39 er die Thür öffnete und nach dem Himmel ſah,„boi moiner Söle, dü Sohne würd aufgöhen bald!“ Hiermit ſtülpte er ſeinen Biber feſt auf den Kopf, ergriff ſeinen unzertrennlichen Regenſchirm noch ſicherer, eilte im Fluge über die Veranda, durchſchritt den Hofplatz, ging wieder durch die große Hofthür und ſtand dann bald auf dem offenen Felde. Lange ſtand er hier nicht, nur gerade ſo lange, um ſich gehörig umzuſehen, ob Herumſtreifer da ſeien. Als er ſich von deren Nichtvorhandenſein überzeugt hatte, ſchritt er weiter. Ungefähr zwei oder dreihundert Schritte von der äußern Einpfählung entfernt, ſtand eine einzelne, faſt ganz unter Bäumen verborgene Hütte. Nach dieſer richtete er ſeine Schritte. In fünf Minuten hatte er ſie erreicht. Als er vor der Thür derſelben angekommen war, klopfte er mit der Spitze ſeines Regenſchirmes an. „Quien es?“ fragte eine Stimme innen. „Uech bün's, Manuöl, üch, Schöſſuron!“ erwiderte der Jude. „Es iſt der Duenno!“ hörte man den einen Spanier leiſe zum andern reden, denn die Hütte war der Wohnort dieſer bereits bekannten Negerjäger. „Carajol was will der alte Ladron zu dieſer Stunde hier?“ fragte er dann in ſeiner eigenen Sprache, die, wie er wußte, von dem Juden nicht verſtanden wurde. „Maldito!“ fügte er, offenbar mißvergnügt, hinzu; nes iſt gar nicht angenehm, in ſolcher Weiſe geweckt zu werden, Ich träumte juſt von dem gelbhäutigen Kerl, der mir die Hunde getödtet, und ich hatte ihm gerade 40 meine Machete bis zum Heft durch den Leib geſtoßen. Wie ſchade, daß ich nur geträumt habe!“ „Ta-ta!“ unterbrach ihn der andere; ſchweig ſtill, Andres. Der alte Ganadero iſt ungeduldig. Vamos! Ich komme ſchon, Sennor Don Jakob!“ „Dilt Euch nur!“ ſprach der Jude von außen.„Uech hobe wöchtiges Göſchäft müt Euch Boiden.“ In dieſem Augenblick ward die Thür geöffnet und der auf den Namen Manuel geantwortet hatte, erſchien in der Thür. Ohne eine beſondere Einladung abzuwarten, trat Jeſſuron in die Hütte ein. „Haben Sie zu Ihrem Geſchäft ein Licht nöthig, Sennor?“ „Noin, noin!“ antwortete der Jude ſchnell, als wolle er das Anzünden des Lichtes verhüten!„Uech hobe nur ßu ſpröchen oin paar Worte, wür köhnen ös üm Fönſtern abmachen.“ Und Finſterniß, dunkle und tiefe Finſterniß, war freilich höchſt geeignet für die nun folgende Untervedung, denn ihr Gegenſtand war Mord, die Ermordung des Loftus Vaughan! Der den beiden Spaniern, zu ſolchen Zwecken ſehr paſſenden Werkzeugen jetzt gemachte Vorſchlag war, dem Cuſtos auf irgend einem abgelegenem Waldwege, es kam gar nicht darauf an, wo, wenn es nur dieſſeits Spaniſchſtadt geſchähe, aufßulauern und ihm das Leben zu nehmen. „Funfzüg Pfund Jöder!“ das war die angebotene, angenommene und feſt verſprochene Belohnung. 41 Jeſſuron unterrichtete die beiden Unternehmer als⸗ dann in allen Einzelheiten ſeines Planes. Er hatte von Cynthya erfahren, daß der Cuſtos den ſüdlichern Weg über Savanna⸗la⸗Mer nehmen wollte. Das war allerdings nach der Hauptſtadt ein Umweg; allein Jeſ⸗ ſuron vermuthete argwöhniſch, warum dieſer Weg vor⸗ gezogen wurde. Er wußte, daß Sitz Savanna der des Schwurgerichts war, und daß das Geſchäft des Cuſtos dort wahrſcheinlich ihn ſelbſt beträfe, den Fürſten Cingües und ſeine zwei Dutzend Mandingos! In dieſe Einzelheiten die Negerjäger einzuweihen, war vollkommen unnöthig. Auch war nur Zeit genug, ihnen Alles über den Mordanſchlag durchaus Nothwen⸗ dige mitzutheilen, und dies ward ihnen mit der größten Schnelligkeit auseinandergeſetzt. In faſt weniger als zwanzig Minuten nach ſeinem Eintritte in die Hütte verließ der Jude ſie wieder und kehrte mit froher Miene und leichterem Schritte als zuvor nach ſeiner düſtern Wohnung zurück. Sechstes Kapitel. Beſchleichung des Schläfers. Als Cubina dem Judenhofe näher kam, bewegte er ſich mit vermehrter Vorſicht. Er wußte ganz gut, daß der Koppelhalter gewöhnlich Hunde und Nachtwächter auf ſeinem Hofe hielt, theils um das Vieh vom Ver⸗ laufen abzuhalten, hauptſächlich aber, um das ſchwarze Menſchenvieh am Fortrennen zu verhindern. NM 42 Der Marone war ſich außerdem ganz wohl bewußt, daß ſein eigenes Verhalten gegen den Sclavenhändler dieſem gerade jetzt höchſt feindſelig erſcheinen mußte. Seine Weigerung, den Flüchtling wieder herauszugeben, war von ihm als eine offene Kriegserklärung angeſehen worden, und die Schritte, die er nun in Verbindung mit dem Cuſtos ergriffen hatte und die dem Sclaven⸗ händler kein Geheimniß mehr ſein konnten, mußten ihm bei dem Juden zum Gegenſtande des bitterſten Haſſes machen. Das Alles wußte der Marone recht gut und fühlte deshalb die Nothwendigkeit, ſich jetzt dem Orte mit der äußerſten Vorſicht zu nähern, denn ſollten des Koppel⸗ halters Leute ihn in der Nähe des Hofes herumſtreifend finden, ſo würden ſie ihn ganz ſicher, wenn ſie es ver⸗ möchten, ergreifen und alsdann vor den geſtrengen Frie⸗ densrichter Jakob Jeſſuron führen, der ihn wohl nicht gerade am mildeſten behandeln möchte. Mit dieſer Ausſicht im Falle einer Entdeckung nahte er ſich dem Judenhofe ſo vorſichtig, als hätte er da wie ein Dieb einbrechen wollen. Von den Feldern aus nahte er ſich dem Hinterhauſe oder richtiger der Seite des Hauſes, welcher die Vieh⸗ ſtälle und die Sclavenbehälter nicht gegenüber lagen, weil er vermuthete, daß dieſe wohl von den Wächtern behütet würden. Die faſt wieder zu Wald gewordenen Felder ließen ihn leicht ungeſehen im Schutze der Bäume nahe kommen. Ein ziemlich dichter neuer Anwuchs von Kampeſcheholz, Brotnuß⸗ und Kalabaſſenbäumen bedeckte hier den Boden und näher an den Mauern ſtanden in dem alten, gänzlich 43 vernachläſſigten Garten mannigfache wild und üppig aufgewachſene Fruchtbäume, wie Gujanen, Mangos Pawpaws, Orangen und Lemonen, Apfel⸗ und Birn⸗ bäume. Stellenweiſe erhob auch die Cocusnußpalme hoch hinaus über das obere Laubwerk der beſcheideneren Fruchtbäume ihre buſchige Krone, deren lange federgleiche Zweige ſich jetzt in dem ſanften erfriſchenden Nachtwinde auf's Anmuthigſte hin und her bewegten. Wie er dem Hauſe nun auf ungefähr hundert Schritte nahe gekommen war, faßte Cubina den Entſchluß, jetzt nicht näher zu gehen. Er wollte ruhig auf einer Stelle bleiben, von wo auz, er die Veranda zu überſehen ver⸗ möchte, um hier bis Tagesanbruch zu warten. Dann, glaubte er, würde ihm Herbert wohl ſofort bei Tagesanbruch zu Geſichte kommen, wenn er ſeine Schlafkammer verließe, um ſich zu der verabredeten Zu⸗ ſammenkunft zu begeben, denn ſämmtliche Schlafzimmer des Hauſes führten, wie Cubina wohl wußte, einzig auf die Veranda. Wenn er alsdann geſehen wurde, ſo konnte dem jungen Engländer leicht irgend ein Zeichen gegeben oder auch mit Namen gerufen werden, wo durch die Zuſam⸗ menkunft ſelbſt ſo wie auch die Ausführung der vom Maronen gefaßten Abſichten beſchleunigt würde. Eine leichte von den zerſtreuten Ueberbleibſeln einer früheren Mauer gebildete Erhöhung gewährte ihm den zulft Ausſpähen ganz geeigneten Platz. Von hier aus konnte der Marone die lange Gallerie des Hauſes in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Ende zum andern überſehen. 44 Obwohl das Haus ſelbſt im hellſten Mondſcheine, ſo lag doch die Veranda im tiefſten Schatten, wie es auch mit dem vordern Hofplatze der Fall war. Nur an einem Ende war der Boden der Veranda von den Mondſtrahlen auf's Hellſte beleuchtet. Der Marone hatte nur kurze Zeit auf dem erhöhten Platze geſtanden, als ein ſonderbarer Gegenſtand auf der Veranda ſeine Aufmerkſamkeit ganz beſonders feſſelte. Wie ſein Auge ſich nämlich mehr an den tiefen Schatten inwendig gewöhnt hatte, vermochte er etwas zu unter⸗ ſcheiden, das einer kreuzweiſe aufgehängten und oberhalb des Geländers der Veranda befindlichen Hängematte glich, ganz nahe an dem Ende, wo der Mond auf den Boden ſchien. Als der Mond ein wenig niedriger am Himmel ſtand, erſtreckten ſich ſeine Strahlen auch auf der Gallerie weiter, und der Gegenſtand, der Cubinas Aufmerkſamkeit bereits auf ſich gezogen hatte, trat auch mehr an's Licht. Es wurde nun ganz deutlich, daß es eine Hängematte war, die noch dazu beſetzt, was an den ſtraff angezogenen Stricken zu bemerken war. „Sollte das der junge Engländer ſelbſt ſein?“ war der ſofortige Gedanke Cubina's.„Wenn dies der Fall iſt, dann könnte er vielleicht ſofort ſich mit mir in Ver⸗ bindung ſetzen, und ich hätte gar nicht nöthig, erſt bis zum Morgen zu warten.“ Aber wie ſollte er ſich nur davon überzeugen? Es konnte ja auch leicht Jemand anderes ſein? Zum Bei⸗ ſpiel etwa Ravener, der Aufſeher, mit dem er gar nicht zuſammenzuſtoßen wünſchte. Was konnte er nur thun, um dieſe Ungewißheit zu beſeitigen? 45 Während der Marone darüber nachdachte, wie er es anfangen wollte, um ſich davon zu überzeugen, wer in der Hängematte befindlich ſei, bemerkte er, daß die Mondſtrahlen jetzt nahe bei derſelben waren und in wenigen Minuten vollſtändig auf ſie ſcheinen mußten. Bereits vermochte er ſchon, wenn auch erſt ſchwach, das Geſicht und die Umriſſe des Körpers des Schlafenden zu unterſcheiden. Könnte er nur zu einer noch höheren und auch dem Hauſe etwas näheren Stellung gelangen, ſo möchte er vielleicht im Stande ſein, genau zu erkennen, wer der Schläfer ſei. Auch zeigte ſich ihm bald wirklich eine ſolche Stellung, nur war es etwas ſchwierig, dahin zu gelangen. Es ſtand nämlich nahe an der Mauer eine Cocusnußpalme, deren Krone von ſtrahlenförmig ſich ausbreitenden Zwei⸗ gen nicht weit von der Veranda entfernt war. Konnte er dieſen Baum unbemerkt erreichen und dann auf die Spitze hinaufklettern, ſo vermochte er den in der Hänge⸗ matte Schlafenden ganz genau zu ſehen. Im Augenblicke war er entſchloſſen; leiſe ſchlich er vorwärts, umfaßte den Stamm des Cocusnußbaumes und ſtieg hinauf. Das war für Cubina nicht ſchwierig, der wie ein Eichhörnchen klettern konnte. Als er die Spitze erreicht hatte, ſetzte er ſich in die Mitte der Blätterkrone, wo er die Veranda gerade unter den Augen und ſo nahe hatte, daß er auf ſie hätte hinauf ſteigen können. Die Hängematte war nun ungefähr zehn Fuß von ihm etwas niedriger entfernt, und das Mondlicht fiel vollſtändig auf den Schläfer. Es war jetzt gewiß, es war Herbert Vaughan! 46 Cubina erkannte ihn ſogleich und dachte darüber nach, wie er wohl den jungen Engländer aufwecken könne, ohne Lärm zu machen, als er eine Thür ſich öffnen hörte. Der Schall kam vom Hofplatze herauf und wie Cubina dahin ſah, bemerkte er, daß die nach der Vieh⸗ einzäunung führende Thür gerade geöffnet wurde. Alsbald trat ein Mann von außen ein und das Thor wurde von einem Andern, der nicht zu ſehen war, wieder geſchloſſen. Der Eintretende ging geradewegs auf das Wohnhaus zu, ſtieg die Treppen hinan und ſchritt jetzt über die Veranda. Noch während er über den Hof ging, ſiel das Mondlicht einen Augenblick auf ſein Geſicht und Cubina erkannte die widerwärtigen Züge des Juden. „Ich kann ihm doch nicht auf dem Fußſteige vorbei⸗ gegangen ſein?“ war der erſte Gedanke des Maronen. „Doch nein, das kann ja nicht ſein,“ fügte er, ſich ſelbſt verbeſſernd, hinzu.„Ich ſah die Spur ſeiner Rückkehr in der Pfütze hier in der Nähe. Er muß ſchon vor mir hier geweſen ſein. Er iſt wahrſcheinlich ſchon zurück geweſen, aber wegen eines verruchten Geſchäftes wieder ausgegangen. Carambol es iſt alſo doch wahr, was ich von ihm habe erzählen hören, daß er nur ſelten ſchläft! Meine Leute haben ihn in den Wäldern zu allen Stunden der Nacht getroffen. Jetzt begreife ich das auch, da ich ſeinen Gehülfen kenne. Por Dios! der Hund, der Chakra, noch lebendig!“ Der Marone hielt hier in ſeinen Ueberlegungen in inne, und heftete das Auge mit der größten Aufmerkſamkeit auf die dunkle Geſtalt, die wie ein Geiſt der Finſterniß ſchweigend über den Corridor glitt. Er hoffte, daß der ————ͤ“ 47 Jude ſich bald in ſeine Schlafkammer zurückziehen würde, denn ſo lange er draußen verweilte, war in der That für Cubina nicht die geringſte Ausſicht vorhanden, un⸗ bemerkt mit dem Inhaber der Hängematte in irgend eine Verbindung treten zu können. Am allerſchlimmſten war indeß nun, daß der Marone in Gefahr kam, ſelbſt geſehen und entdeckt zu werden, da ihn auf dem Cocusnußbaume wirklich nur die wenigen zerſtreuten Zweige ſchützten. Wenn der Jude zufällig ſeinen Blick erhob, ſo mußte er unbezweifelt die Geſtalt des Maronen ſofort bemerken. Eine ſolche Entdeckung mußte Cubina natzzplich ver⸗ meiden, denn ſie würde nicht nur das beabſichtigte Ge⸗ ſpräch mit dem jungen Engländer vereitelt haben, ſon⸗ dern konnte dann kaum einen andern Ausgang nehmen, als ſeine eigene Gefangennehmung, die alle ſeine Pläne zerſtören mußte. Unter dieſem Gedanken verblieb der Marone jetzt gänzlich und regte weder Hand noch Fuß. In dieſer ruhigen Haltung glich er faſt einer Statue in ſitzender Stellung auf dem Gipfel einer corinthiſchen Säule, deren zierliches Blätterwerk hier von den Zweigen der Cocus⸗ palme gebildet wurde. 48 Siebentes Kapitel. Ein Auftrag für die Menſchenjäger. Cubina bewahrte einige Zeit ſeine höchſt beſchränkte Stellung, denn er wagte es nicht, ſich nur im mindeſten zu rühren, da der Jude ſich ſtets auf dem beſchatteten Gange der Veranda aufhielt. Zumeiſt ſtand er oben auf der hölzernen Treppe und ſpähte über den Hofplatz nach dem Thore hin, durch das er zuvor ſelbſt einge⸗ treten war. Er ſchien zu erwarten,„ daß Jemand hier hereinkommen ſolle. Dieſe, Vermuthung Cubinas war auch ganz richtig, denn bald drehte ſich das große Thor abermals in ſei⸗ nen Angeln und nach einigen draußen von dem ſchwar⸗ zen Pförtner geſprochenen Worten, die von einer ande⸗ ren Stimme beantwortet wurden, traten zwei Männer in den innern Hof. Wie ſie in den Mondſchein kamen, erkannte Cubina ſie ſofort. Ihre biegſame, geſchmeidige Geſtalt und ihre dunkelbraunen, eckigen Geſichtszüge ließen ihn ſogleich die ſpaniſchen Negerjäger erkennen. Sie ſchritten Beide unverweilt gerade nach der Treppe⸗ zu, blieben aber unten ſtehen. Als der Jude die beiden Männer durch das Thor kommen ſah, trat er in ein auf die Veranda führendes Zimmer, blieb aber nur einen Augenblick daſelbſt und kehrte alsdann nach dem oberen Ende der Treppe zurück. Einer der Spanier ſtieg hinauf und empfing etwas aus der Hand des Juden. Was dies war, hätte Cubina ſchwerlich erkennen können, wäre es nicht durch die Rede des Juden angedeutet worden. 49 „Do üſcht dü Flaſche,“ ſagte er;„ös üſcht dör böſchte Branntwoin auf ganſch Schamaika. Und nun,“ fuhr er in einem ernſthaften, ermahnenden Tone fort, „ühr wackern Borſchen, ühr hobt ßu vörlüren koine Münute. Dönkt an daſch vüle Göld, daſch ühr könnt verdünen und laſcht dön Flüchtlüng öntwüſchen nücht!“ „Quält Euch darüber nicht, Sennor Don Jakob,“ erwiderte der, welcher die Flaſche erhalten hatte.„Er muß wahrhaftig lange Beine haben, um uns zu ent⸗ kommen, wenn wir ihm einmal auf der Spur ſind.“ Dann ſtieg der Negerjäger ohne weiteres Reden die Treppe hinab zu ſeinem Genoſſen, und Beide eilten über den Hofplatz und verſchwanden in der Pforte, durch die ſie zuvor hereingekommen waren. „Ein Unternehmen auf irgend einen armen Sclaven!⸗ ſagte Cubina leiſe zu ſich ſelbſt.„Ich hoffe, die Schur⸗ ken werden keinen fangen, und ich bedaure den, den ſie ergreifen. Bei alledem ſind ſie gerade keine großen Helden in ihrem Geſchäfte, trotz ihres Großthuns.“ Mit dieſer auf ſein eigenes Geſchäft Bezug nehmen⸗ den Aeußerung wandte der Marone ſein Auge wieder aufmerkſam auf den im Schatten der Veranda Ver⸗ bliebenen. „Hoffentlich,“ murmelte Cubina,„wird der alte Schuft nun endlich einmal in's Bett kriechen! Oder hat er noch mehr ſolche Geſchäfte? So lange er nicht fort iſt, kann ich mich nicht bewegen. Ich darf mich gar nicht rühren, wenn mir mein Leben lieb iſt.“ Zu Cubinas großer Freude ging der Jude gerade jetzt in ſeine Kammer zurück. „Gut, gut!“ rief der Marone in Gedanken aus; III. Band. 4 50 „ich hoffe jetzt wirklich, er wird einmal in ſeiner Höhle bleiben, da er jetzt darin iſt. Ich habe, offen geſtanden, gar keine Luſt, dieſe Nacht noch etwas von ihm zu ſehen!“ Dieſe Hoffnung war jedoch von kurzer Dauer, denn der Jude kehrte alsbald zurück und zwar nicht in ſeinem kurzen blauen Leibrocke, den er gewöhnlich trug, ſondern in einem weiten Schlafrocke, der bis auf die Füße hinab⸗ reichte. Seinen Hut hatte er ebenfalls abgelegt, obwohl die ſchmutzige weiße Nachtmütze unveränderlich auf ſei⸗ nem Kopfe verblieben war, denn dieſe wurde niemals abgenommen. Zum gößßten Schrecken Cubinas brachte er auch einen Stuhl mit ſich. Dieſen, einen Lehnſtuhl mit hohem Rücken, zog er aus der Kammer bis in die Mitte der Veranda, ſtellte ihn ordentlich zurecht und ſetzte ſich be⸗ quem hinein. Einen Augenblick nachher ſah Cubina Funken und hörte ein Geräuſch, das vom Zuſammenſchlagen von Stahl und Stein herrührte. Der Jude ſchlug Feuer. Zu welchem Zwecke nur? Dieſe Frage wurde bald dadurch beantwortet, daß der Geruch brennenden Tabacks die Veranda hinauf⸗ drang, ſogar bis zum Gipfel der Cocuspalme, wo Cu⸗ bina ſaß. Auch konnte dieſer nun eine glühende Kohle zwiſchen der Naſe und dem Kinne des Koppelhalters wahrnehmen. Er rauchte eine Cigarre. Cubina ſah dies Alles mit größtem Verdruſſe. Wie lange konnte das Rauchen dauern? Eine halbe Stunde, eine Stunde vielleicht; ja, möglicher Weiſe gar bis Tages⸗ anbruch, der nun gar nicht mehr weit entfernt ſein konnte. Die Lage Cubinas war jedenfalls viel ſchlimmer 51 und geradezu höchſt bedenklich geworden. Nicht die ge⸗ ringſte Bewegung konnte er jetzt machen, um Herbert aufzuwecken; ſeine Stellung im Baume durfte er gar nicht ändern, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wollte, vom Juden geſehen zu werden. So mußte er ſich, er mochte wollen oder nicht, entſchließen, ſo lange in derſelben zu bleiben, bis der Jude ſeine Cigarre ver⸗ raucht haben würde, obgleich es auch noch keineswegs gewiß war, daß damit die Sitzung aufgehoben ſei. Trotz ſeiner inneren Unruhe nahm der Marone alle nur mögliche Geduld zuſammen und blieb ſchweigend und unbeweglich auf ſeinem Vogelſitze. Wohl eine ganze Stunde war er hier in der verzweifeltſten Lage, bis ſeine Glieder zu ſchmerzen und zu brennen anfingen und ſeine Geduld und kaltblütige Ruhe auf's Aeußerſte erſchöpft waren. Der Jude blieb inzwiſchen feſt auf ſeinem Seſſel kleben, als wäre er darauf angeleimt, vollkommen ſchweigend und unbeweglich, wie Cubina ſelbſt. Dieſer nahm in ſeiner gewiß nicht beneidenswerthen Stellung gewahr, daß der Jude mehrere Cigarren ſtatt einer rauchte, obwohl er bei dem dunklen Schatten, in dem dieſer ſaß, nicht beſtimmen konnte, wie viele. Zum allergrößten Schrecken aber bemerkte er bereits die erſten Zeichen des anbrechenden Morgens. Bei einer leichten Kopfwendung konnte er ſchon den goldenen Strahl des erſten Sonnenlichtes die Spitze des Jumböfelſens roſig färben ſehen. „Was iſt zu thun?“ war jetzt ſein einziger Gedanke. Wenn er hier noch länger blieb, ſo mußte er ſicher ent⸗ deckt werden, das war ganz gewiß. Die Sclaven muß⸗ 4* 52 ten nun bald an ihre Arbeit gehen und der Auſſeher und ſeine Gehülfen waren dann auch in Bewegung. Der Eine oder der Andere mußte ihn ohne Zweifel auf dem Baume ſehen. Vielleicht konnte er jetzt noch glück⸗ lich genug ſein, hinwegzuſchleichen, wenn er den in der Hängematte Schlafenden gänzlich aufgab. Während er nun bereits darauf dachte, wie er unbemerkt den Baum hinabgleiten könne, ſah er noch einmal nach dem in dem Lehnſtuhle Sitzenden hin. Jetzt begünſtigte ihn der immer mehr hereinbrechende Tag, der ihn ſo eben erſt erſchreckt hatte, denn er befähigte ihn zu der zweifelloſen Wahrnehmung, daß der alte Jude ſchlief.— Jeſſurons Kopf war an das Polſterwerk des Stuh⸗ les gelehnt, und ſo hatte er ſich vor der einflußreichen Macht des Schlafes gebeugt. Seine Brille war abge⸗ nommen und deshalb konnte Cubina genau ſehen, daß die niedergeſchlagenen Lider wirklich die dunklen, unheim⸗ lichen Augen bedeckten. Ganz unbezweifelt ſchlief er, das bewies ſeine ganze Haltung. Seine Beine hingen ſchlaff vom Stuhle herab, ſeine Arme lagen abgeſpannt und der unzertrennliche Regenſchirm war ſeiner Hand entglitten und lag auf dem Boden zu ſeinen Füßen. Dieſer klare Beweis des Schlafzuſtandes wurde auch nicht dadurch entkräftet, daß noch ein kurzer Cigarrenſtummel ſich in ſeinem Munde befand und noch ein wenig brannte. 53 Achtes Kapitel. Eine dringende Aufforderung. Bei Cubina entſpann ſich jetzt ein lebhafter Streit zwiſchen der Klugheit und dem Wunſche, ſeinen urſprüng⸗ lichen Plan auszuführen, nämlich ob er nicht allein fort⸗ ſchleichen, ſondern ſich noch bemühen ſolle, mit dem Schläfer in der Hängematte in Verkehr zu treten. Im erſteren Falle müßte er nach der Lichtung zurückkehren und dort Herberts Ankunft, wie ſie früher beſtimmt war, abwarten. Allein hierdurch würden mindeſtens zwei Stunden verloren gehen, und würde es auch ganz gewiß ſein, daß der junge Engländer zur feſtgeſetzten Zeit wirklich da wäre? Selbſt gegen ſeinen Willen könnte ſich leicht etwas Verzögerndes ereignen! Aber nun gar eine Verzögerung von zwei vollen Stunden! In der Zeit konnte Loftus Vaughan ſchon zu athmen aufgehört haben! Solche Gedanken durchſtrömten raſch den Geiſt des Maronen, der an unmittelbare Wahrnehmungen und Anſchauungen gewöhnt war. Sofort begriff er auch, daß er unverweilt entweder ſelbſt nach Willkommenberg hineilen oder den Schläfer wecken müſſe. Vielleicht hätte er ſich doch für das erſtere Verhalten entſchieden, allein er hatte für die Zuſammenkunft mit Herbert Vaughan noch andere ebenſo dringende Gründe, als die, welche für die Sicherheit des Cuſtos ſprachen. Auch hatte er bis jetzt gar keinen eigentlichen Grund zu dem Glauben, daß die dem Pflanzer drohende Gefahr wirklich ſo nahe ſei, als es der Fall war, denn es fiel ihm durchaus 54 nicht ein, daß der Abmarſch der beiden Spanier etwas Anderes zu bedeuten habe, als was mit ihrem Berufe, flüchtige Sclaven einzufangen, in Verbindung ſtände. Hätte er die Abſicht der beiden Schurken nur irgend geahnt, hätte er gar den Mord gewußt, zu dem ſie der Sclavenhändler ausſandte, er würde ſchwerlich länger, als durchaus nothwendig war, geſäumt haben, um die Mittel vorzubereiten, ihre ſchändlichen Abſichten zu ver⸗ eiteln.. Allein über alles dies vollkommen im Unklaren, glaubte er nicht, daß eine beſondere Eile nothwendig ſei, obwohl er ganz gut einſah, daß gegen den Cuſtos etwas im Werke ſei, das zu verhüten man nicht zögern dürfe. In dieſem Augenblicke drehte ſich der Inhaber der Hängematte gähnend um. „Nun wird er aufwachen!“ dachte Cubina,„nun iſt es Zeit für mich!“ Indeß, zu Cubinas größtem Leidweſen wurden des Schläfers Glieder wieder ſchlaff und bald ſchien er wie⸗ der eben ſo feſt zu ſchlafen, wie zuvor. „Wie ſchade!“ murmelte der Marone für ſich;„wenn ich doch nur ein einziges Wort mit ihm reden könnte! Doch das geht nicht, der alte Hallunke würde es eher als er hören. Ich will etwas hinunter in die Hänge⸗ matte werfen, vielleicht weckt ihn das auf!“ Cubina zog ſeine Tabackspfeife heraus, das einzige, was er in dieſem Augenblicke finden konnte, und warf ſie mit größter Sicherheit in die Hängematte hinein. Wohl fiel ſie auch gerade auf die Bruſt des Schlafen⸗ den, allein ſie war doch zu leicht, um ihn aufzuwecken. 1 5⁵ „Er ſchläft wahrhaftig wie eine Eule zur Mittags⸗ zeit! Was kann ich denn nur thun, um mich ihm be⸗ merkbar zu machen? Wenn ich meine Machete hinunter⸗ werfe, ſo verliere ich meine Waffe; das geht nicht, denn wer weiß, ob ich die nicht noch nöthig habe, bevor ich aus der Klemme herauskomme? Ha, eine von dieſen Cocusnüſſen! Das wird gehen und die wird auch ſchwer genug ſein, um ihn aufzuſchrecken!“ Während er dies leiſe zu ſich ſelbſt ſprach, beugte der Marone ſich nieder, ſtreckte ſeinen Arm durch die Zweige und pflückte eine der an dem Baume hängenden rieſigen Nüſſe. Einen Augenblick wog er ſie in der Hand, um ihr die rechte Richtung geben zu können und dann warf er ſie gerade auf Herberts Bruſt. Glücklicher Weiſe ver⸗ hinderten die Seiten der Hängematte, daß ſie auf den Boden fiel, ſonſt möchte das dadurch verurſachte Geräuſch auch den im Lehnſtuhle Schlafenden geweckt haben. Der junge Engländer war, als ihn die Nuß traf, erſchreckt aus dem Schlafe aufgefahren und hatte ſich auf den Ellenbogen geſtützt. Herbert war nicht ſo ganz leicht aus der Faſſung zu bringen und ſo erhob er auch kein lautes Schreien, wie wohl die Meiſten gethan haben würden. Allein der Anblick der großen braunen Frucht, die auf der Bettdecke lag, ſetzte ihn doch in nicht geringe Verwunderung. „Wo, im Namen der Ceres und Pomona, biſt Du nur hergekommen?“ ſprach er für ſich und ſchlug die Augen auf, um eine Antwort auf ſeine claſſiſche Frage zu erhalten. Im Dämmerlichte gewahrte er die Palme und ihre 56 ſtolz über ihm ſich erhebende Blätterkrone ganz gut. Um ſo mehr fiel ihm ſogleich der dunkle Fleck in ihr auf, der ganz die Geſtalt eines ſitzenden Menſchen hatte. Lange dauerte es jedoch nicht, ſo hatte er in ihr ſeinen früheren liebenswürdigen Wirth unter der großen Ceiba erkannt, den Maronenhäuptling Cubina. Bevor der Engländer noch ein Wort hervorbringen konnte, um ſeine Bewunderung zu erkennen zu geben, ermahnte ihn eine bedeutungsvolle Handbewegung des Maronen, Stillſchweigen zu beobachten. „Still, ſtill! nicht ein lautes Wort, Herr Vaughan!“ ſprach der Marone ſo leiſe als möglich und winkte dabei nach dem Corridor.„Kommen Sie geſchwind aus der Hängematte heraus, nehmen Sie Ihren Hut und folgen Sie mir in den Wald. Ich habe wichtige Neuigkeiten für Sie, höchſt wichtige! Leben und Tod! Kommen Sie heraus, aber, um des Himmels willen, laſſen Sie ſich von ihm nicht ſehen!“ „Von wem?“ flüſterte Herbert. „Sehen Sie dahin!“ antwortete der Marone, auf den im Lehnſtuhle Schlafenden deutend. „Ich verſtehe. Nun, und dann?“ „Treffen Sie mich in der Lichtung. Kommen Sie ſofort! Kein Augenblick iſt zu verlieren! Ihre Ver⸗ wandten ſind in Gefahr!“ „Ich werde gleich kommen,“ ſagte Herbert und machte ſofort Anſtalt, aus der Hängematte herauszu⸗ ſpringen. „Nun genug! Ich muß fort; unter der großen Ceiba werden Sie mich finden!“ Dies ſagend, verließ der Marone ſeinen ſo lange 57 und gefährlich behaupteten Sitz, glitt den ſchlanken Schaft des Cocusnußbaumes hinab, ſetzte ſich dann in einen raſchen, leichten Trab und verſchwand alsbald in dem Unterholze der alten Zuckerpflanzung. Herbert Vaughan zögerte keinen Augenblick, der Auf⸗ forderung des Maronen Folge zu leiſten. Einige gerade erſt am Tage vorher gemachte Entdeckungen hatten ihn bereits auf ein ſonderbares Ende des bisher geführten ſchönen Lebens vorbereitet und er wünſchte ſehnlichſt, von dem Maronen hierüber Aufklärungen zu erhalten. Noch mehr aber trieb ihn zur äußerſten Eile jene ſon⸗ derbare und geheimnißvolle Rede Cubinas:„Ihre Ver⸗ wandten ſind in Gefahr!“ Herbert dachte nicht lange nach, ſein Hut und ſein Stock hingen in der nahen Kammer und waren in we⸗ nigen Augenblicken gefaßt. Dann ergriff er ſofort ſeine Flinte. Kluger Weiſe wollte er die von dem Schläfer halb verſperrte und überwachte Treppe nicht hinunter gehen; deswegen ſtieg er über das Geländer der Veranda, ſprang von da auf den Boden hinab, folgte dem von dem Maronen eingeſchlagenen Wege und war ebenfalls bald in dem neuaufgeſchoſſenen Unterholze des früheren Gartens verſchwunden. 58 Neuntes Kapitel. Der blaue Fritz. Bei ſeinem eiligen Fortgehen vom Glücklichen Thale entſchlüpfte Herbert Vaughan nur ſo eben der Beobach⸗ tung. Ein Aufſchub von nur zehn Minuten würde ſeine heimliche Entfernung vereitelt haben. Jedenfalls würde er wegen ſeines ungewöhnlich frühen Ausgehens befragt worden ſein und wahrſcheinlich wäre man ihm dann gefolgt und hätte ihn beobachtet. Kaum war er etwas weiter von dem Hofe entfernt, ſo hörte er die ſchrillen Töne einer Glocke, die in der ſtillen Morgenluft weithin erſchallten. Herbert wußte ganz wohl, daß dies die Glocke war, welche gewöhnlich die Seclaven zur Arbeit rief. Allein ſie mußte den im Lehnſtuhl Schlafenden ebenfalls aufgeweckt haben und deshalb wünſchte er ſich jetzt Glück dazu, noch vor die⸗ ſem Läuten fortgekommen zu ſein. In der That war der Jude durch das Läuten der Glocke aus ſeinem tiefen Schlafe aufgeweckt worden, erhob ſich etwas in ſeinem Stuhle und blickte unruhig umher. „Boi moiner Söle!“ rief er verwundert und ſpie zugleich den noch immer in ſeinem Munde befindlichen Cigarrenſtummel aus.„Oes üſcht wohrhaftig höller Dag! Uech muſch möhr alſch ßwoi Stunden göſchlofen hoben. Ober daſch ſünd Szoiten, wo man ſollte wachen. Dör Kuſchtos ſollte nuhn ſchon ſoin unterwögs, und wönn düſe ſpaniſchen Körle auſchführen ühre Aufgabe 59 nur halb ſo gut, wü ſü ös vörſprochen hoben, ſo würd ör ſchlofen dü nächſchte Nacht wohl ötwaſch föſchter, alſch ör ös jö göthan! Boi moiner Söle!“ rief er dann wiederum aus, aber in einem etwas veränderten Tone, der eine neue Wendung in ſeinem Gedankengange be⸗ zeichnete.„Wönn ſü machten Föhler boi döm Göſchafte, wönn ſü daboi abgöfaſcht würden? Waſch würde dann do hörauſchkommen? Do üſcht wohrhaftüg Göfahr, grauße Göfahr, und üch hobe gödacht gar nücht daran! Wü loicht können ſü anſchuldügen müch, müch ſölbſt, dön Rüchter! Um ſüch ſölbſcht ßu rötten, ſünd ſü üm Stande, Alleſch ßu thun. Jo, und wönn ſü auch nücht wörden örgrüffen boi dör That, ſo üſcht doch Göfahr. Düſcher Manuöl hat oine Szunge, dü noch ſpützer üſcht, alſch ſoine Maſchöte. Oer üſcht oin ſchwatſchhafter Narr. Uech muſch ſorgen dafür, ühn fortßubrüngen von dör Uenſel, jo, ühn alloin nücht, alle Boide, ſo bald alſch üch kann.“ Bei dieſen Berechnungen dachte der Jude gar nicht mehr an Chakra, denn er glaubte nun, daß die beab⸗ ſichtigte Ermordung von den ſpaniſchen Banditen aus⸗ geführt würde und daß Stahl, nicht Gift, dem Cuſtos das Lebenslicht ausblaſen würde. Denn ſelbſt wenn es Cynthia wirklich geglückt wäre, die tödtliche Gabe unge⸗ hindert beizubringen— worauf allein ſich zu verlaſſen er nun nicht mehr nöthig hatte— und wenn der Cuſtos der Wirkung des Giftes wirklich erliegen ſollte, der Myalmann wurde deshalb nicht gefährlich, und mit Cynthia hatte der Jude eigentlich niemals etwas der Art zu thun gehabt, weshalb ſie ihn der Theilnahme an der Ermordung des Cuſtos bezüchtigen konnte. 60 „Uech muſch doch örgroifen oinüge Maſchrögeln,“ ſagte er, ſtand aus dem Lehnſtuhle auf und ſchien ſich in ſeine Kammer zurückziehen zu wollen, um ſich anzu⸗ kleiden.„Waſch üſcht hür ßu thun? Laſcht müch mol nachdönken!“ fügte er hinzu und ſtand in tiefem Nach⸗ denken vor der Thür ſtill;„jo, jo, ſo üſcht ös. Uech muſch ſönden oinen Boten nach Wüllkommenbarg, oinen, dör kann vorgöben oin andöres Göſchaft, dönn ſonſcht ſüht ös auſch ſöhr mörkwürdig, da wür ün lötſchter Szoit göwöſen waren ſchlöchte Nachborn; aber daſch macht nüchts. Dör Kuſchtos üſcht hofföntlüch fort und do kann Rafener ſönden oinen Boten an Harrn Truſchtü Daſch würd vörſchaffen unſch Neuigkoiten. Rafener!“ rief er dem Aufſeher zu, der mit der Peitſche in der Hand unten im Hofe ging;„üch möchte ſpröchen müt Uehnen, Harr Rafener!“ Ravener ſtieß eine Art Geſtöhn aus, zum Zeichen, daß er ſeines Herrn Ruf gehört habe, ſtieg die Treppe zur Veranda hinauf und ſtand dann ſchweigend ſtill, erwartend, was ſein Herr ihm zu ſagen habe. „Hoben Sü nücht ürgend oin Göſchaft, wöshalb Sü könnten ſchücken an Harrn Truſchtü oinen Boten — nach Wüllkommenbarg, moine üch?“ „Hm! Ja, da iſt Geſchäft genug da. Die verdamm⸗ ten Schweine des Cuſtos ſind in unſerem Reisfelde geweſen und haben da ganz ſchändlich gewühlt. Dafür müſſen Sie Entſchädigung verlangen!“ „Jo, daſch üſcht racht, daſch üſcht racht.“ „Hm! Sie würden gewiß nicht ſagen, daß es recht iſt, wenn Sie ſich nur einmal den Schaden anſähen, der 61 der angerichtet wurde. Da wird es bei der Ernte ſchlecht ausſehen, das verſichere ich Ihnen.“ „Daſch macht nüchts. Wür wörden anſtöllen oine Klage. Aberſcht nun hobe üch ßu thun noch ötwaſch Anderes. Sü ſönden oinen Boten an Harrn Truſchtü und laſchen ſogen ös ühm. Und hören Sü mol, Harr Rafener! Dör Bote muſch ſoin vörſchwügen, dönn ör ſoll machen auſchfündig, ob dör Kuſchtos üſcht ßu Hauſche, ohne darüber oine Frage an ürgend Jömand ßu rüchten. Uech hobe göhört, daſch ör göhen wüll auf oine Roiſe und üch möchte wüſchen, oh ör ſchon üſcht fort. Vör⸗ ſtöhen Sü mür, Harr Rafener?“ „Vollkommen!“ erwiederte der Aufſeher;„ich werde einen Burſchen ſenden, der das auskundſchaften wird, ohne zu fragen. Der blaue Fritz wird das können, denke ich.“ „Jo, ganſch racht, dör blaue Frütſch üſcht gut daßu. Und hören Sü noch, Harr Rafener! Dör Frütſch ſoll böachten wohl, waſch ör ſagt und waſch ör thut. Oer muſch nur ganſch loiſe flüſchtern müt döm Mulatten⸗ mädchen, dör Cünthüa.“ „Ich will ihm das Alles ſchon einprägen,“ erwiderte der Aufſeher im vertrauensvollſten Tone.„Soll ich jetzt ſchon fortgehen?“ „Jo, jötſcht ſogloich— jötſcht ſogloich! Uech hobe Grund ßur Oile. Schücken Sü ühn fort, ſo bald alſch möglich!“ Rayener ging augenblicklich, um den Boten hinzu⸗ ſenden, und kurze Zeit nachher wanderte der gelbe Mer⸗ kur, der unter dem Namen„der blaue Fritz“ allgemein 62 bekannt war, den Fußpfad entlang, der von dem Juden⸗ hofe nach Willkommenberg führte. Zehntes Kapitel. Die geheimnißvolle Abweſenheit. Das kurze Geſpräch zwiſchen Jeſſuron und ſeinem Aufſeher hatte nur ganz leiſe ſtattgefunden, da es doch nicht gerade wünſchenswerth war, daß es von irgend Jemand gehört wurde und am allerwenigſten von dem Neffen des den Hauptgegenſtand des Geſpräches bilden⸗ 1 den Mannes, den ſie noch in der Hängematte, keine zehn Schritte entfernt, vermutheten, obwohl dieſe von der Treppe aus nicht geſehen werden konnte, da ſie auf dem Theil der Veranda hing, welcher ſich an der anderen Seite des Hauſes erſtreckte. Als Ravener fortgegangen war, wollte der Jude ſeine frühere Abſicht ausführen und Toilette machen, Dies nahm nicht viel Zeit in Anſpruch, denn nach einem kurzen Aufenthalte in der Kammer erſchien er wieder auf der Veranda in demſelben Anzuge, blauem Frack, kurzen Hoſen und Stolpenſtiefeln, die er beſtändig trug. Der Rock war auf der Bruſt geknöpft, der weißbraune Biberhut auf dem Kopfe und die große Brille ſaß feſt auf der Naſe. Augenſcheinlich beabſichtigte er auszu⸗ gehen. Deshalb hielt er auch wieder den Regenſchirm in der Hand, der ihm während des Schlafes entfallen war. So ſtand er jetzt oben an der Treppe, im Be⸗ griffe, fortzugehen. 1 63 Wo wollte er nur hin? in welcher Abſicht und wes⸗ halb ſo früh?“ Folgendes Selbſtgeſpräch wird ſeine Abſichten klar machen. „Des muſch noch heute ſoin, jo, üch muſch ſöhen ſü vörhoirathet, und ßwar noch bövor können kommen dü Neuügkeiten. Dü Nachrücht von dem Tode des Kuſch⸗ tos möchte ßerſtören alle moine Plane. Wör kann wüſchen, waſch dör jonge Mahn würd thun, wönn ör hat nur oinen Wünk von ſoinem graußen Glück? Und Schudith üſt auch noch gar nücht ganſch ſoiner göwüſch! Sü hat geſogt ſo ötwaſch lötſchte Nacht. Jo, ös muſch noch heute ſoin. Wönn üch göhe ßu döm Farrer düſer Gömoinde, daſch üſcht von koinem Nutſchen. Oer üſcht Freund dös Kuſchtos und möchte haben oinßuwönden ötwaſch. Daſch hülft dahör nüchts, noin! Uech muſch göhen ßu döm Andern, dör üſcht arm und würd ſchon erkönnen, waſch Gald üſcht! Auch üſcht ſoin Sögen görode ſo röchtskraftig, alſch wönn ühn hätte göſprochen dör Büſchof von Schamaica ſölbſt. Dör würd's thun, und wönn ör wüll nücht, dann woiß üch noch oinen Andern, dör wüll— für Gald, natürlich; jo, Alleſch für Gald!“ Nach dieſem Selbſtgeſpräche war er ſchon im Begriffe, den einen Fuß auf die obere Treppenſtufe zu ſetzen, um hinabzuſteigen, als ihm plötzlich ein beſonderer Gedanke einzufallen ſchien, denn er drehte ſich auf einmal um, wandte ſich von der Treppe ab und glitt mit leiſen Schritten nach dem Theile der Veranda, wo ſich die Hängematte befand. „Dör jonge Harr ſchläft wohl noch! Harr! Jo, 64 wohrhaftig! nun üſcht ör daſch oder würd ſoin ös, wann ör würd göhen wüder ßu Bött. Nun, wönn ör ſchlaft noch, darf üch ühn nücht ſtören. Roicher Harren Schlaf darf nücht wörden onterbrochen. Ach!“ Dieſer letzte Aufruf entſchlüpfte ſeinen Lippen, als er dicht bei der Hängematte angekommen war. „Sü üſt lör. Schon früh aufgeſtanden! Uen ſoiner Kammer vermuthlich!“ Hiermit ging der Jude die Veranda entlang, bis er das Zimmer ſeines Buchfühvers erreicht hatte, wo er ſtill ſtand und in daſſelbe hineinſah, da die Thür halb ge⸗ öffnet war. So konnte er faſt das ganze Zimmer über⸗ ſehen; es war Niemand zu entdecken. „Harr Vochan! Sünd Sü da?“ Dieſe Frage wurde eigentlich nur geſtent, um ſeine eigene Wahrnehmung noch zu beſtätigen, denn er ſah F eits ganz wohl, daß Niemand im Zimmer war. „Wo ſünd Sü dönn, Harr Hörbert?“ fuhr er in anderer Weiſe fort, bog zugleich ſeinen Kopf in das Zimmer hinein und ſah ſich um.„Boi moiner Söle! ös üſcht lör wü dü Hängematte. Oer muſch ſchon ſoin auſchgögangen! Jo, göwüſch! Soin Hut üſcht nücht hür, ſoin Mantel üſcht nücht hür und ſoine Flünte ſöh' üch auch nücht. Wü üſcht ör nur gögangen an mür vorüber, ohne daſch üch ühn gehört! Uech ſchlofe jo ſo loiſe, daſch üch oine Katſche höre! Ueſcht ör nur über⸗ haupt dü Tröppe hünuntergögangen? Boi moiner Söle, noin! Do üſcht oine Spur, alſch ob Jömand wäre göſprungen über daſch Göländer ün dön Garten hün⸗ unter. Wohrhaftig, ös üſcht ſoine Spur! Dü hot nur ör machen können! Waſch Deibel hot dör jonge Mann 65 düſen Morgen vor? Uech wüll hoffen, nüchts Schlüm⸗ mes lügt ßu Grunde!“ Als er den jungen Engländer in ſeiner Hängematte wie in ſeinem Zimmer vermißte, machte dies indeß dem Juden anfänglich gar keine de eideie h he Sein Schützling war ohne Zweifel ausgegangen, um bei der friſchen Morgenluft ein wenig im Walde herumzuſchwei⸗ fen und hatte deshalb ſeine Flinte mitgenommen, um einen ihm etwa begegnenden Vogel ſchießen zu können. Das hatte er ſchon oftmals gethan, wenn auch nicht zu ſo ganz früher Stunde. Dieſe allein war aber kein Grund, um ſeinem Gönner beſonders aufzufallen, und eben ſo wenig ſein Sprung über das Geländer der Veranda. Wie leicht mochte der Engländer nicht den Hausbeſitzer in ſeinem Lehnſtuhle nahe an der Treppe ſchlafend geſehen haben, hatte ihn nicht ſtören wollen und deshalb vorgezogen, in anderer Weiſe fortzugehen. Hierin lag in der That nichts ſo ſehr Auffallendes oder gar Beſorgniß Erregendes. Auch hätte dies ihn keineswegs beunruhigt, wären nicht bald nachher noch verſchiedene andere Umſtände zu ſeiner Kenntniß gekommen, die ſeinen Verdacht erre⸗ gen mußten, daß irgend etwas doch wohl nicht ſo ganz in Ordnung ſei. Der erſte Umſtand dieſer Art war, daß Herbert ſeine Flinte mitgenommen, aber ſeinen Schrotbeutel und ſeine Pulverflaſche zurückgelaſſen hatte. Wenn der junge Mann in der Abſicht ausgegangen war, etwas Wild zu ſchießen, ſo war es doch ſonderbar, daß er die Schießbedürfniſſe zurückgelaſſen hatte. Aber vielleicht hatte er irgend ein Stück Wild nahe beim Hauſe geſehen, war begierig auf's III. Band. 5 66 Schießen geweſen, und war nun im Vertrauen auf die beiden Schüſſe in ſeinen Läufen in größter Haſt hin⸗ weggeeilt. In dieſem Falle konnte er nicht ſo ſehr ent⸗ fernt ſein und mußte in kurzer Zeit zurückkehren. Allein eine ganze Stunde war bald verſtrichen und dennoch war kein Buchhalter zu hören oder zu ſehen, wiewohl Boten ausgeſandt waren, um ihn aufzuſuchen, die ihn aber eine Viertelmeile um den Hof herum nicht aufge⸗ funden hatten. Nun begann Jeſſuron, deſſen früher Beſuch bei dem Prediger in Folge dieſer Begebenheit aufgeſchoben wor⸗ den war, die Sache etwas ernſthafter zu nehmen. „Oes wäre doch ſonderbar,“ ſagte er zu ſeiner Toch⸗ ter, die nun ebenfalls aufgeſtanden, aber ſich keineswegs in roſiger Laune zu befinden ſchien,„ös wäre doch ſon⸗ derbar, wönn ör ſollte auſchgöhen auf längere Szoit, ohne ßu ſogen oin Wort davon ßu uns?“ Judith antwortete nicht, obwohl ihr Stillſchweigen einen gewiſſen Verdruß nicht zu verbergen vermochte. Hatte ſie vielleicht noch mehr Gründe als der Rabbi zu der Annahme, daß nicht Alles vollkommen in Ord⸗ nung ſei? Sicher war irgend etwas Unangenehmes, mindeſtens ein Mißverſtändniß am vorhergehenden Tage zwiſchen ihr und Herbert vorgefallen. Ihre Reden hatten ſo etwas auch bereits angedeutet, aber noch deutlicher ver⸗ kündete dies ihr ganzes Betragen während der Nacht, wie jetzt am Morgen eine gewiſſe Traurigkeit zugleich mit einem nur mühſam unterdrückten Unwillen⸗ Deshalb trug es auch nicht zur Vermehrung gleich⸗ müthigen Frohſinns bei, als das Hausmädchen, das ——— —8 NX‿ 67 die Hängematte, worin Herbert geſchlafen hatte, losge⸗ knüpft hatte, anzeigte, daß ſie darin zwei Gegenſtände gefunden, die man ſchwerlich an ſolch einem Platze ver⸗ muthen dürfte, nämlich eine Eocusnuß und eine Tabacks⸗ pfeife. Noch dazu konnte die Pfeife nicht einmal Herbert Vaughan gehört haben, denn er rauchte nie aus einer Pfeife, und die Cocusnuß war augenſcheinlich von dem naheſtehenden Baume gepflückt worden. Der Stamm des Baumes zeigte Schrammen, als wenn Jemand ihn erklettert hätte, und oben konnte man die friſche Spur ſehen, wo die Cocusnuß am Stengel abgepflückt war. Was hatte Herbert nur oben auf dem Palmbaume ge⸗ than und was damit beabſichtigt, Cocusnüſſe in ſein Bett zu werfen? Seine unverantwortliche Abweſenheit ward durch dieſe ſonderbaren Umſtände unbeſtritten noch viel räth⸗ ſelhafter. Einer der Viehhirten, die ausgeſandt geweſen waren, um ihn zu ſuchen, kehrte jetzt zurück und kün⸗ digte eine neue Thatſache von noch größerer Bedeutſam⸗ keit an. Auf dem ſumpfigen, weichen Boden außerhalb der Gartenmauer hatte der Hirte die Fußſpur des Buch⸗ halters entdeckt, der nach den Bergen zugegangen war, und ganz nahe dabei auf demſelben Fußſteige die Fuß⸗ ſpur noch eines andern Mannes, der hier ſogar zwei⸗ mal gegangen ſein mußte, hingehend und zurückkehrend. Der Viehhirte, obwohl von ſchwarzer Farbe, war ein geübter Pfadſucher und ſeine Ausſage deshalb vollkom⸗ men glaubwürdig. Auch glaubte man ihr unbedingt, obwohl ſie auf Jeſſuron wie auf Judith einen höchſt unangenehmen 5* 68 und peinlichen Eindruck machte, um ſo peinlicher, als Stunde auf Stunde verſtrich und der Buchhalter nicht zurückkehrte. Der Vater rauchte und ärgerte ſich, ja er ſchimpfte und fluchte. Der junge Engländer war ſein Schuldner, nicht nur für reichlich geſpendete Gaſtfreundſchaft, ſon⸗ dern auch für vorgeſchoſſenes Geld. Würde er nun nicht geradezu undankbar ſein? ein Wortbrüchiger und ein Veruntreuer fremden Geldes? Ach, dieſe kleine Geldverpflichtung hat⸗ wenig mit dem Aerger des Juden Jeſſuron zu thun, und noch viel weniger mit allen den heftigen, aufwallenden Empfin⸗ dungen, die wie die tobenden Wogen des ſtürmiſchen Meeres jetzt die erregte Bruſt ſeiner ſchönen Tochter durchbrauſten, und die ſich bei der geringſten Veran⸗ laſſung zu blinder, rückſichtsloſer Wuth umwandelten. * Der blaue Fritz kehrte zurück; er hatte ſeinen Auf⸗ trag in geſchickter Weiſe ausgeführt. Der Cuſtos hatte eine Reiſe unternommen und ſie gerade um Tagesan⸗ bruch angetreten. „Gut!“ ſagte Jeſſuron;„aber wo üſcht ſoin Nöffe?“ Der blaue Fritz hatte Cynthia auch geſehen und ihr das zugeflüſtert, was der Aufſeher ihm geſagt hatte. Sie wollte nach dem Glücklichen Thal kommen, ſobald ſie nur einen Vorwand für ihre Abweſenheit von Will⸗ kommenberg finden könne. „Gut!“ antwortete der Jude,„aber wo üſcht dör jonge Harr Vochan? wo hat ör ſüch bögöben hün?“ „Ja, wo nur hin?“ fragte Judith für ſich, als die 69 Mittagsſonne die düſterſten Wolken auf ihrer ausdrucks⸗ vollen Stirn beſchien. — Elftes Kapitel. Ein niedergeſchlagener Geiſt. Die Sonne war faſt im Begriffe, die Spitze des Jumbéfelſens mit ihren Strahlen zu vergolden, während im Thale noch Finſterniß herrſchte, als durch die Jalouſie⸗ fenſter von Willkommenberg hindurchſchimmernde Lichter anzeigten, daß die Bewohner des Herrenhauſes bereits aufgeſtanden und in Bewegung ſeien. Ein Licht ſchien aus dem Schlafzimmer des Cuſtos zu kommen, ein anderes aus der Kammer der kleinen Quasheba, und das hellſte von allen erleuchtete die Vorderfenſter und kam von dem Kronleuchter in der großen Halle. In Smythjes Zimmer allein ſchien weder Licht noch Bewegung zu ſein, die Fenſter waren dunkel und die Vorhänge herabgelaſſen. Unbezweifelt ſchlief der ariſto⸗ kratiſche Stutzer noch und wiegte ſich in den Träumen ſeiner mannigfachen vermeintlichen Eroberungen, denen die geſtrige, ſo gut ausgefallene Erklärung die Krone aufgeſetzt hatte. Obwohl noch ſo ſehr früh am Morgen, ſo ſaßen der Cuſtos wie Käthchen doch ſchon in der großen Halle beim und zu trinken, Käthchen aber nur damit beſchäftigt zu ſein, ihm ſeinen Kaffee einzuſchenken und ihm in anderer Weiſe zu Hülfe zu kommen. Der Anzug des Cuſtos war von ſeinem gewöhnlichen ſehr verſchieden, denn er war ein vollkommener Reiſe⸗ anzug: ein Ueberrock von ſtarkem Zeuge mit weiten Taſchen, über die Kniee hinaufgehende Stiefeln und ein Paar Piſtolen im Gürtel zur Sicherheit bei einer etwai⸗ gen Begegnung mit weggelaufenen Negern. Ein Filz⸗ hut lag auf einem Stuhle und ein Cammelottmantel hing über der Lehne deſſelben. Alles dies deutete auf eine Reiſe hin, die in wenigen Minuten angetreten werden ſollte, und zwar, wie die an den Stiefeln ange⸗ ſchnallten großen Sporen deutlich zeigten, zu Pferde. Dies wurde dadurch noch klarer, daß am Fuße der großen ſteinernen Treppe zwei geſattelte und gezäumte Pferde hielten, mit einem ſchwarzen Reitknecht, ebenfalls im Reiſemantel, dabei. Hinten auf den Sätteln befeſtigt waren Mantelſäcke und vorn Reiſetaſchen, die das nöthige Gepäck enthielten. Der Zweck dieſer Reiſe iſt eigentlich ſchon längſt bekannt. Herr Vaughan wollte endlich ſeine ſchon lange verſchobene Abſicht ausführen und eine Pflicht erfüllen, die er ſeiner Tochter ſchuldig zu ſein glaubte, deren Nichterfüllung aber die Wohlfahrt und das Glück ihrer ganzen Zukunft auf's Ernſteſte gefährden konnte. Des⸗ halb wollte er jetzt nach der Hauptſtadt der Inſel reiſen, um dort von der geſetzgebenden Verſammlung den be⸗ ſondern Gnadenact zu erlangen, den dieſe allein erthei⸗ len konnte und der ſeine Tochter von den entehrenden Rechtsunfähigkeiten befreien ſollte, die das„Schwarze 3 Geſetzbuch“ auf Alle von dieſem unglücklichen, ſchwarzen Menſchenſtamme gelegt hatte. Sechs Zeilen von der geſetzgebenden Verſammlung und der Regierung ſollten, —— —— 71 wenn ſie auch vielleicht nicht die Farbe oder den mit derſelben verbundenen leichtfertigen Spott Uebelwollender zu beſeitigen vermochten, dennoch alle der Erbſchaft ent⸗ gegenſtehenden Hinderniſſe hinwegräumen, ſo daß Käthchen Vaughan unbeſtritten die geſetzliche Erbin des ganzen Vermögens ihres Vaters würde. Eine ſolche Acte zu erwirken, war der Zweck der Reiſe, die Loftus Vanghan jetzt gerade antreten wollte, und an deren glücklichen Erfolg er durchaus nicht zwei⸗ felte. Freilich, wäre er Buchhalter oder ein kleiner Handelsmann geweſen, ſo hätte er ſeines Erfolges wohl nicht ſo unbedingt gewiß ſein mögen, allein Cuſtos eines bedeutenden Bezirkes, mit vielen Freunden in der Ver⸗ ſammlung ſelbſt, wußte er ganz wohl, daß er nur zu fordern hatte, was ihm ſofort gewährt werden würde. Dennoch war er jetzt beim Antritte ſeiner Reiſe durchaus nicht in munterer Stimmung. Schon der Gedanke, eine lange und anſtrengende Reiſe machen zu müſſen, war an und für ſich genügend, ihn zu verſtim⸗ men, denn er liebte ein ruhiges Leben und die Anſtren⸗ gungen einer Reiſe waren ihm ſehr zuwider. Allein außer dieſem war noch Mehreres, was ſtörend auf ſei⸗ nen friſchen Muth wie auf ſeine ſonſt gewöhnlich heitere Stimmung eingewirkt. Schon ſeit einigen Tagen hatte er ſich nicht ſo ganz wohl befunden, er hatte den Appetit verloren und magerte ſichtlich ab. Ein beſtändiger bren⸗ nender Durſt quälte ihn, den er trotz allen Trinkens nicht zu löſchen vermochte. Der Arzt der Pflanzung war durch die ſich bei Loftus Vaughan einſtellenden merkwürdigen Erſcheinungen ſehr beunruhigt, beſonders, da ſeine Vorſchriften durchaus 72 keine Linderung verſchafften. Die Krankheit war in nur kurzer Zeit in der That ſo hartnäckig geworden und hatte ſo zugenommen, daß er ſeine Reiſe nach Spaniſch⸗ ſtadt aufgegeben oder auf eine gelegenere Zeit verſchoben haben würde, hätte er nicht gehofft, in der Hauptſtadt einen erfahrenen und geſchickten Arzt anzutreffen, der ſeine räthſelhafte Krankheit zu erkennen und dann zu heilen vermöge. Auf dieſe Hoffnung geſtützt, hatte er ſich entſchloſſen, die Reiſe auf alle Fälle anzutreten. Noch ein ganz anderer Druck laſtete aber außerdem auf ſeinem Geiſte, der ihn vielleicht mehr als alles Andere beunruhigte. Seit dem Tode Chakras oder eigentlich ſeitdem ihm der Geiſt Chakras erſchienen war, hatte ſich bei Loftus Vaughan eine Art übernatürlicher Furcht feſtgeſetzt, und oftmals hatte er über die ſchreck⸗ liche Erſcheinung nachdenken müſſen, die ein ſolches Ent⸗ ſetzen bei ihm hervorgebracht hatte. Hätte er allein nur dieſe Erſcheinung wahrgenommen, er hätte vielleicht die durch ſie erzeugte Furcht überwinden mögen, denn er hätte ſie alsdann gänzlich einer ihn trügenden Sinnes⸗ täuſchung zuſchreiben können, einem Blendwerk ſeiner eigenen zu jener Zeit durch den Anblick auf dem Jumbé⸗ felſen ſtark erregten und erhitzten Einbildungskraft. Allein Truſty hatte ebenfalls den Geiſt geſehen und Truſtys Einbildungskraft war ſicher durchaus nicht ſehr lebhaft. Und wie war es überhaupt nur möglich, daß Beide durch dieſelbe Einbildung und zur ſelben Zeit getäuſcht werden konnten? Wie er die Sache auch anſehen und zu erklären ver⸗ ſuchen mochte, immer verblieb etwas Räthſelhaftes, etwas Geheimnißvolles, das des Cuſtos Herz wider Willen mit 73 Furcht erfüllte, wenn er an Chakra und die Erſcheinung ſeines Geiſtes dachte. Der damals auf dem Jumbé⸗ felſen empfangene Eindruck hatte auf ihn ſo ſtark ein⸗ gewirkt, daß er dieſen Felſen nie wieder beſuchte und es vermied, allein auf dem dichtbewaldeten Berge zu ſein, weil er beſtändig eine zweite Begegnung mit der ſchrecklichen Erſcheinung befürchtete. Allein auch dieſ Furcht hätte ihn mit der Zeit wohl verlaſſen, wenn er auch den Myalmann ſelbſt und die ſchrecklichen Umſtände ſeines Todes nimmermehr ganz vergeſſen hätte, wäre ihm nicht an demſelben Tage, an dem Smythje in den hohlen Baum fiel, ein ganz beſonderer Umſtand berichtet worden. An jenem Nachmittage nämlich, da Quashie durch den Wald und über die Berge in größter Aufregung zurückkehrte, erklärte der ſchwarze Bube, daß er, als er eine bekannte,„das Teufelsloch“ genannte Gegend vor⸗ beigekommen ſei,„dort den Geiſt des alten Schakra geſehen!“ Als Quashie das Haus erreicht hatte, erzählte er dieſe ſchreckliche Begebenheit unter Zähneklappern und Heulen und mit gräßlich verdrehten Augen. Von ſeinen Mitſclaven ward der täppiſche und furchtſame Knabe allerdings ausgelacht und verſpottet, allein auf ſeinen Herrn machte deſſen Erzählung einen höchſt unbehag⸗ lichen und peinlichen Eindruck und erneuerte in ihm jenes ſtarre Entſetzen, das ihn lange Zeit erfüllt und von dem er ſich immer nur theilweiſe frei zu machen gewußt hatte. Deshalb hatte dies au ch nicht wenig dazu beige⸗ tragen, das Gefühl der Ni edergeſchlagenheit und Ent⸗ muthigung, das ihn beim Antritte ſeiner Reiſe jetzt be⸗ herrſchte, noch zu verſtärken. —— Zwölftes Kapitel. Der Abſchiedstrunk. War Loftus Vaughan niedergeſchlagen, ſo ſchien ſeine Tochter auch nicht gerade heiter zu ſein, da ſie bei dem Frühſtücke zugegen war, denn auf ihrem holden Angeſichte lagerte tiefe Betrübniß und ſorgenvolle Be⸗ kümmerniß. Ein mit den nüäheren ſie betreffenden Verhältniſſen Unbekannter hätte wohl vermuthen dürfen, es ſei dies lediglich Folge des Mitgefühls mit ihrem Vater, da ſie ihn ſo trübe und niedergeſchlagen ſah, zugleich mit dem für eine zärtliche Tochter ſo natürlichen Bedauern bei der Trennung für eine längere Zeit von ihm. Allein ein aufmerkſamer Beobachter mußte in den holden, rei⸗ nen Geſichtszügen ganz wohl einen Ausdruck ſtiller Trauer wahrnehmen, die aus einer andern, viel tieferen Quelle herſtammte. Theilweiſe mochte der Reiſezweck ihres Vaters wohl zu dieſer trüben Stimmung mitgewirkt haben, denn ſie hatte ihn von ihrem Vater ſelbſt am Abend zuvor gehört.. Da, zum erſten Male in ihrem Leben, hatte ſie alle die ſonderbaren und ungünſtigen mit ihrer Geburt und Abſtammung in Verbindung ſtehenden Umſtände voll⸗ 2 –“ ſtändig kennen gelernt, denn bis dahin war ſie über ihre Stellung in der Geſellſchaft wie vor dem Geſetze gänzlich in Unwiſſenheit geblieben. Da zum erſten Male war ihr ihre eigene geſellſchaftliche Lage mit allen ihren Mängeln und mit der auf ihr beruhenden Erniedrigung wahrhaft und ohne alle verſchönernde Schminke ausein⸗ andergeſetzt worden. Um dieſe Mängel und dieſe Erniedrigung auszu⸗ tilgen, wollte ihr Vater fortreiſen. Dafür empfand das junge Mädchen aufrichtige Dankbarkeit, obwohl dieſe vielleicht wohl noch ſtärker von ihr gefühlt worden wäre, hätte ihr Vater ſich nicht ſo ſehr viel Mühe gegeben, ihr begreiflich zu machen, welchen außerordentlichen Dienſt er ihr leiſten wolle, und hätte er die ganze Angelegen⸗ heit nicht dazu benutzt, ihren ſo klar ausgeſprochenen Widerwillen gegen Smythje damit zu bekämpfen. Während der kurzen Zeit, daß Herr Vaughan jetzt mit dem Frühſtücken beſchäftigt war, wurden nur äußerſt wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt. Die vorhan⸗ denen Fleiſchſpeiſen wurden von dem Reiſeunternehmer kaum verſucht, denn er hatte gar kein Verlangen nach etwas Feſtem und ſchien ſich nur um's Trinken zu be⸗ kümmern. Nachdem er mehrere Taſſen Kaffee hinunter⸗ geſtürzt hatte, um ſeinen Durſt zu ſtillen, und ohne Brod oder ſonſt etwas Anderes zu eſſen, ſtand er vom Tiſche auf und bereitete ſich zur Abreiſe vollſtän⸗ dig vor. Jetzt trat Herr Truſty ein und kündigte an, daß die Pferde und der Reitknecht bereit wären und unten an der Treppe warteten. 4 Der Cuſtos nahm ſeinen Reiſehut und zog mit Hülfe 76 Käthchens und ihrer Dienerin Yola ſeinen Mantel an, da die Luft ſo früh am Morgen rauh und kalt war. Während dieſer Vorbereitungen hatte ſich auch ein Mulattenmädchen im Zimmer befunden, das zuweilen bei der Bedienung des Frühſtückstiſches mitgewirkt, zu⸗ weilen aber auch ſchweigend und ſtill im Hintergrunde geſtanden hatte. Es war die Sclavin Cynthia. In dem ganzen Benehmen dieſes Mädchens lag etwas Beſonderes, und eine eigenthümliche Aufregung zeigte ſich bei ihr dadurch, daß ſie mehrere Male unruhig mit leiſen, verſtohlenen Schritten und unſtäten, heimlich ſpähenden Blicken im Zimmer hin und her ging. Einem aufmerkſamen Beobachter hätte Cynthias Auf⸗ regung nicht entgehen können; allein den drei Anweſen⸗ den, die nichts Arges ahnten, entging ſie doch voll⸗ kommen. Die Bowle mit dem Swizlle, die ſchon früher er⸗ wähnt iſt, ſtand wie gewöhnlich auf dem Seitentiſche. Während das Frühſtück auf den Tiſch geſtellt worden war, hatte Cynthia die Bowle friſch mit dieſem erquicken⸗ den und beliebten Getränke angefüllt, das ſie in einem andern Zimmer gemiſcht hatte. Als ſie Jemand fragte, wozu ſie das Swizzlemachen, ihr tägliches Geſchäft, ſo früh vornehme, beſonders da der Herr doch ſchon vor der heißern Tageszeit, wo der Swizzle getrunken werde, abreiſe, antwortete Cynthia:„Aber vielleicht Maſſa möchte trinken von dem Swizzle, bevor er gehen.“ Dies hatte das Mädchen auch gar nicht unrichtig geahnt, denn gerade als der Cuſtos aus dem Hauſe gehen wollte, um die große Treppe hinunterzugehen und zu Pferde zu ſteigen, überfiel ihn ein abermaliges Ge⸗ 77 fühl brennenden Durſtes und er verlangte noch etwas zu trinken. „Maſſa vielleicht mögen ein Glas Swizzle?“ fragte Cynthia jetzt, die näher an ihn herangetreten war.„Ich haben gemiſcht ſehr guten für Maſſa,“ fügte ſie noch als beſonder Empfehlung hinzu. „Ja, Mädchen,“ antwortete ihr Herr.„Das wird wirklich das Beſte ſein, was ich trinken könnte. Bring mir ein Glas davon.“ Kaum hatte Herr Vaughan Zeit ſich umzudrehen, ſo wurde ihm auch ein bis zum Rande volles Glas ge⸗ reicht. Er bemerkte es nicht, daß der Sclavin Hand beim Hinreichen zitterte, noch daß ihr Geſicht dabei ab⸗ gewandt war, gleich als ſollten ihre Augen etwas Schreck⸗ liches nicht ſehen. Sein arger Durſt hinderte ihn, irgend etwas Anderes zu beachten als gerade das, was dazu beſtimmt war, ihn zu lindern. Mit Gier ergriff er das Glas und ſtürzte deſſen ganzen Inhalt, ohne nur ein⸗ mal abzuſetzen, hinunter. „Du haſt das Getränk zu ſehr geprieſen, Mädchen,“ ſagte er beim Zurückgeben des Glaſes.„Es iſt keines⸗ wegs ſo ſehr gut; es hat einen etwas bittern Geſchmack. Aber vielleicht iſt meine Zunge nicht ſo ganz in Ord⸗ nung, und beim Abſchiedstrunke ſollte man es überhaupt ſo genau gar nicht nehmen.“ Mit dieſem Verſuche, froh und munter zu erſcheinen, ſagte Loftus Vaughan ſeiner Tochter Lebewohl, ſtieg die Treppe hinunter, ſchwang ſich in den Sattel und ritt davon. Armer Cuſtos Vaughan! Der Abſchiedstrunk war der letzte, den zu trinken dir im Leben beſtimmt war! 78 In dieſem perlenden Swizzle war der Aufguß von der ſchrecklichen Savannablume und mit dieſem haſtigen Trunke haſt du eines der tödtlichſten Pflanzengifte ein⸗ geſogen! Wohl mag Chakras Weiſſagung nun bald erfüllt werden, der Todtenzauber wird ſeine unfeh irkung ausüben, in vierundzwanzig Stunden ſ zu hein regungsloſer Leichnam! Dreizehntes Kapitel. Zas Hornſignal. Als Cubina den Judenhof verlaſſen hattte, eilte er unverweilt nach der Lichtung zurück. Hier unter der großen Ceiba angekommen, ſetzte er ſich auf einen Baum⸗ ſtumpf, um den jungen Engländer zu erwarten. So verblieb er einige Zeit lang ruhig, doch dann ergriff ihn eine ganz außerordentliche Unruhe, da eine Minute nach der andern verſtrich, ohne daß Jemand kam. Dazu hatte er nicht einmal eine Tabackspfeife, um ſeine Un⸗ geduld angemeſſen zu vertreiben, denn dieſe war ja in der Hängematte liegen geblieben, in die er ſie von dem Cocusnußbaume aus geworfen hatte. Indeß auch eine Pfeife würde ihn ſchwerlich beruhigt haben, da ſeine Aufregung und Ungeduld mit jedem Augenblicke größer wurden. In der That, das Nichterſcheinen des jungen Engländers begann ihm ernſte Beſorgniſſe einzuflößen. Was mochte ihn jetzt nur zurückhalten? War der 4 ¹ 79 Jude etwa wach geworden, und hatte dieſer Herbert in irgetd einer Weiſe verhindert, fortzugehen? Es war gar kein ordentlicher Grund vorhanden, weshalb der junge Engländer nur zehn Minuten ſpäter als er ſelbſt bei der Ceiba ankommen ſollte. Fünf Minuten wären doch ſicher zu ſeinem Anziehen hinreichend geweſen, und was in aller Welt hielt ihn dann ab, ihm zu folgen? Unbezweifelt waren doch der an ihn ergangene Anruf, die Hinweiſung auf die Gefahr, in der ſeine Verwand⸗ ten ſchwebten, ſowie die Nothwendigkeit der größten Eile gar nicht mißzuverſtehen und auch jedenfalls dringlich genug, um ihn mit aller Haſt ohne alles Säumen in den Wald zu treiben. Warum kam er denn jetzt nicht? Der Marone vermochte ſich dies gar nicht anders zu erklären, als daß er annahm, der Jude ſei aufge⸗ wacht und habe ihn verhindert. Oder konnte es möglich ſein, daß Herbert nicht den richtigen Weg nach der Ceiba gefunden hatte? Der Fußpfad war nicht überall ſo ganz ſichtbar, denn er wurde nur ſehr wenig betreten und es waren viele ſolcher kleinen Wege da, die nach allen Richtungen hin⸗ führten und den richtigen nach der Ceiba mannigfach durchkreuzten, indem die halbwilden Rinder und Füllen des Koppelhalters das Dickicht und die Wieſen nach Willkür durchſtreiften. Deshalb war es gar nicht un⸗ möglich, daß der Engländer den rechten Weg verloren und irre gegangen. Solche Gedanken erfüllten jetzt Cubina; er machte ſich lebhafte Vorwürfe, nicht früher daran gedacht zu haben, in der Nähe des Judenhofes geblieben zu ſein, um dort Herbert zu erwarten. — 80 „Ha, daran nicht zu denken! Carambo! Wie äußerſt dumm von mir!“ ſprach er leiſe für ſich und ging auf⸗ geregt auf und ab, denn ſeine ſich immer mehr ſteigernde Ungeduld hatte ihn längſt von ſeinem Sitze auf dem Baumſtumpfe aufgetrieben. „Am Ende hat er doch den Weg verloren! Ich muß zurückgehen, vielleicht finde ich ihn, und wenn er auf dem rechten Wege iſt, ſo treffe ich ihn ja auf alle Fälle!“ Mit dieſen Worten durchſchritt er eiligſt die Lichtung und ging den nach der Judenkoppel führenden Weg wieder zurück, den er eben erſt gekommen war. Die Annahme, daß Herbert den rechten Weg verfehlt habe, war vollkommen richtig. Der junge Engländer hatte den Platz ſeines merkwürdigen Abenteuers ſeit jenem Tage nicht wieder beſucht, wo er die Bekanntſchaft ſo eigenthümlicher Leute gemacht hatte. Auch war er, wie Cubina bereits vermuthet hatte, gerade nicht ſehr ſtark darin, ſich im Wald zurecht zu finden, noch dazu in einem weſtindiſchen Urwalde. So war er ſchon gleich im Anfange vom rechten Wege abgekommen und wan⸗ derte nun im Walde herum, um die Lichtung aufzuſin⸗ den, wo die Rieſen⸗Ceiba ſtand. Unterdeſſen ging der Marone eilends den nach der Judenkoppel führenden Pfad zurück, ohne jedoch den Engländer oder deſſen Spur auffinden zu können. Be⸗ reits betrat er ſchon die dem Hauſe dort nahe liegenden Felder und ſtieg vorſichtig über die verfallene Mauer des früheren Obſtgartens. Vorſicht war jetzt höchſt noth⸗ wendig, denn es war nun lichter Tag, und wäre das Unterholz nicht geweſen, er hätte keinen Schritt weiter zu machen vermocht, ohne die größte Gefahr, vom Hauſe 81 aus geſehen zu werden. Jetzt erreichte er den Platz, auf dem er einige Stunden zuvor geweſen war und von wo aus er die Veranda zu überſehen vermochte. Jeſſu⸗ ron befand ſich auf ihr, allein er ſchlief nicht mehr in ſeinem Lehnſtuhle, ſondern ging ſchnell, wie in Aufregung, umher. Sein Aufſeher ſtand an der Treppe und ſchien auf einige vom Juden ertheilte Befehle zu hören. Die Hängematte war noch auf ihrem alten Platze, ſie war jedoch leer. Nirgends, weder auf der Veranda noch ſonſt wo in dem ganzen Gebäude, konnte Cubina den jungen Engländer entdecken. 4 Der Marone überlegte nun, ob er noch länger da verweilen und die Bewegungen der beiden Männer be⸗ obachten ſolle, als es ihm einfiel, daß, wenn der junge Engländer wirklich fortgegangen war und den rechten Weg eingeſchlagen habe, er einen etwas ſumpfigen und ſchmutzigen Platz gerade außerhalb der Gartenmauer be⸗ treten haben müſſe. Deshalb ging er unter dem Schutze der Bäume vorſichtig dahin und gewahrte auch ſofort eine friſche Fußſpur in dem weichen Schmutze. Der Hacken war dem Hauſe zugekehrt und die Fußſpitze nach dem Waldpfade gerichtet. Es war unbezweifelt die Spur des jungen Engländers, er mußte in der Richtung nach der Lichtung hingegangen ſein. Aber wo war er jetzt?“ „Vielleicht iſt er nun während meiner Abweſenheit doch auf der Lichtung angekommen und wartet da auf mich?“ war der Gedanke des Maronen, mit dem er nun in größter Eile nach der Lichtung zurücklief. Allein unter der Ceiba war kein Engländer zu ſehen, keine Spur von ihm zu entdecken. Sobald er jetzt wieder hinreichend zu Athem gekommen war, begann er zu III. Band. 6 82 rufen; im Anfange mäßig laut, dann immer ſtärker und zuletzt aus aller Kraft. Allein trotz alles wiederholten Schreiens und Rufens erfolgte keine Antwort, außer dem Echo des Waldes. „Carambo!“ rief der Marone, dem plötzlich ein an⸗ deres Mittel, ſich bemerkbar zu machen, eingefallen zu ſein ſchien.„Vielleicht, wenn er mein Horn hört, erin⸗ nert er ſich daran und kennt es wieder. Wenn er nur im Umkreiſe einer halben Stunde Weges iſt, ſo muß er es hören!“ Der Marone ſetzte ſein Horn an den Mund und blies einen langen lauten Ton, dreimal hinter einander. Auf dies Signal erfolgte ſofort eine Antwort, die aber freilich nicht von dem jungen Engländer herrühren konnte. Sie beſtand in drei halben Hüfthorntönen. Als der Marone dieſe hörte, horchte er aufmerkſam. Da erſchallte ein nur halb ſo ſtarker Ton, aus derſelben Richtung herkommend. „Drei und einen halben!“ rief der Marone für ſich aus.„Richtig, es iſt Quaco! Er kommt von Savanna⸗ la⸗Mer zurück; ich habe ihn nicht ſo früh erwartet, aber es iſt ganz gut, vielleicht werde ich ihn nöthig haben.“ Nach dieſem Selbſtgeſpräche ſtand der Marone in tiefes Nachſinnen verſunken. „Carambo!“ rief er dann höchſt verdrießlich aus. „Was iſt denn nur aus dem Engländer geworden? Ich muß noch einmal blaſen, denn Quacos Horn möchte ihn getäuſcht haben. Diesmal aber, werther Lieutenant, ſchweig ſtill!“ Damit blies er einen einzelnen, aber ganz von dem früheren verſchiedenen Ton. Nach einer Pauſe wieder⸗ 83 holte er dieſen Ruf ganz in demſelben Tone. Allein auf keinen erfolgte jetzt Quacos Antwort; kurze Zeit darauf aber ſtellte ſich der Gerufene ſeinem Hauptmann in eigener Perſon vor. Vierzehntes Kapitel. Auacos ſeltſames Zegegnen. Als Quaco die Lichtung betrat, trug er einen großen Pack, unter dem er ſich's den ganzen Weg von Savanna⸗ la⸗Mer her hatte ſauer werden laſſen. Ausgenommen die ſchweinsledernen Stiefeln an den Füßen und einen alten randloſen Hut auf dem Kopfe trug er nur ein Paar Hoſen. Das war Alles, was Quaco von Klei⸗ dungsſtücken an ſich hatte, ja, was er überhaupt an ſolchen beſaß; denn obwohl des Maronenhauptmanns Lieutenant, ſo war ſeine Kleidung doch nicht vollſtän⸗ diger, als die eines gewöhnlichen Gemeinen der Maro⸗ nenbande. Deswegen war der Hauptmann auch in keiner Weiſe über die kärgliche Bekleidung Quacos verwundert, wohl aber über ſein wildes Ausſehen beim Eintritt in die Lichtung, ſowie ihm ſofort auch noch einiges Andere auffiel. Die ganze dunkle Haut des Rieſen war mit weißem Schweiße bedeckt, der aus jeder Pore hervor⸗ tropfte. Das war jedenfalls in Folge des langen Mar⸗ ſches, zumal in den brennenden Sonnenſtrahlen und wegen des großen von ihm getragenen Gewichtes, denn der Korb auf ſeinem Rücken ſchien mindeſtens funfzig 6* 84 Pfund ſchwer zu ſein, die große oben auf demſelben feſtgebundene Muskete gar nicht mitgerechnet. Alles dies war nichts Ungewöhnliches. Anders war es freilich mit dem unerklärlichen heftigen Ausdrucke ſeines Geſichts, dem wilden Rollen ſeiner gelblichen Augenſterne, den ſchnellen eiligen Schritten und den wunderlichen ſeltſamen Geberden, mit denen er ſeine Ankunft ſchon zuvor ankündigte. Obwohl dies von Cubina ganz gut bemerkt worden war, ſo that dieſer, ſtets an eine gewiſſe⸗Zurückhaltung ſeinen Leuten gegenüber gewohnt, doch ganz, als ob er nichts Beſonderes wahrgenommen habe und ſagte des⸗ halb zu dem näher Herankommenden: „Ich bin froh, Dich hier zu treffen, Quaco.“ „Und ich froh ſein, Capitain Cubina, Sie hier finden! Schnell gelaufen, ſo ſchnell als meine Beine wollen, Sie zu ſuchen!“ „Ha!“ ſagte Cubina,„Neuigkeiten vielleicht? Biſt Du irgend Jemand im Wald begegnet? Vielleicht dem jungen Engländer von dem Judenhofe? Ich erwarte ihn hier, aber er ſcheint den Weg verfehlt zu haben.“ „Keinen Engländer getroffen, Capitain; aber den Cuſſos Vochan geſehen, dem begegnet.“ „Carambo!“ rief Cubina erſtaunt.„Du haſt den Cuſtos Vaughan getroffen? Wann und wo?“ „Wann?— dieſen Morgen. Wo?— ungefähr eine halbe Meile von dem großen Carrion⸗Kreuzwege. Da traf ich ihn!“ Der auf das letzte Wort gelegte Nachdruck fiel Cubina auf, denn er ſchien ihm anzudeuten, daß Quaco auch noch einen Andern angetroffen habe. „Trafſt Du weiter Keinen?“ fragte er ſchnell und offenbar auf eine Antwort höchſt begierig. „Ja— a, Capitäin,“ ſprach der Lieutenant höchſt langſam und ſchleppend, was mit ſeinem beim Eintritte in die Lichtung verrathenen aufgeregten Weſen gar ſehr im Widerſpruche ſtand. Aber Quaco ſah, daß ſein Haupt⸗ mann auf die Ankunft des jungen Engländers warte und glaubte deshalb, nicht nöthig zu haben, ſich mit ſeinen Mittheilungen ſo ſehr zu beeilen.„Ja-a, ich traf den alten Pluto, den Oberkutſcher von Willkommen⸗ berg. Er ritt an der Seite des Cuſſos.“ „Weiter trafſt Du Keinen, Quaco? „Nicht gerade dann,“ antwortete Quaco! der augen⸗ ſcheinlich die intereſſanteſte Neuigkeit, die er mitzutheilen hatte, noch zurückhielt. „Aber ſpäter? Heraus damit, Quaco! Haſt Du irgend Jemand getroffen, der auf demſelben Wege ging?“ Der befehlende Ton, zugleich mit einer ihn unter⸗ ſtützenden, die höchſte Ungeduld verrathenden Handbe⸗ wegung brachte Quaco jetzt zu einem viel ſchnelleren Geſtändniß, als er es ſonſt wohl abgelegt haben würde. „Ich getroffen, Capitain Cubina,“ ſagte er und blies ſeine Backen bei der großen Wichtigkeit der nun zu machenden Mittheilung mächtig auf, während ſeine Augen wie zwei gelbe feurige Kugeln ſchrecklich in ihren Höhlen rollten und fürchterlich verdreht wurden— „ich getroffen keinen Mann, aber einen Geiſt!“ „Einen Geiſt?“ fragte Cubina ungläubig. 1 „Ja, einen Geiſt, ich ſchwör's beim großen Aceom⸗ pong! denſelben Geiſt, den ich ſchon'mal geſehen habe — den Geiſt des alten Chakra!“ 86 Der Maronenhauptmann ſtutzte, was der Lieutenant ſeiner Verwunderung über die ſeltſame Nachricht zuſchrieb. Dieſen Irrthum benahm Cubina ihn aber bald, da er dringend fragte:„Wo haſt Du denn den Geiſt an⸗ getroffen?“ „Ich ihn eigentlich gar nicht getroffen,“ antwortete Quaco,„ich ihn nur geſehen auf dem Wege vor mir, ungefähr hundert Schritte von mir. Aber ich war nahe genug, um gewiß zu ſein— und es war Chakras Geiſt, ganz wie ich ihn ſchon einmal geſehen habe da bei dem Teufelsloch! Der alte Knabe kann nicht ruhig im Grabe ſchlafen, er geht in den Wäldern herum!“ „Wie weit war es von der Stelle entfernt, wo Du Herrn Vanghan angetroffen haſt?“ „Nicht ſo weit, Capitain. Einige tauſend Schritte vielleicht, mein' ich. Sobald der Geiſt mich ſah, ſchlüpfte er in die Gebüſche, und ich ſah nichts mehr davon. Merkwürdig genug, der Tag war ſchon angebrochen und die Hähne hatten auch gekräht. Ich hörte ſie ſchon auf des alten Jobſons Pflanzung dicht dabei krähen, und das hat das Geſpenſt wohl nicht vertragen können und iſt in den Fluß geſprungen.“ „Wir können hier nicht mehr länger auf den jungen Engländer warten— wir müſſen fort, fort von hier, Quaco, ſo ſchnell wie möglich!“ Mit dieſem Ausrufe wollte Cubina unverzüglich forteilen.. „Halt, Capitain,“ ſagte Quaco und unterbrach ihn mit einer Handbewegung, die klar andeutete, daß er noch mehr mitzutheilen habe;„Ihr habt ja nicht Alles gehört, ich habe noch Mehrere angetroffen.“ „Noch Mehrere?“ „Eine gute Viertelmeile hinter der Stelle, wo ich den Geiſt des alten Myalmannes geſehen habe, wer, glaubt Ihr wohl, der mir da begegnet ſei?“ „Wer denn?“ ſorſchte Cubina begierig. „Nun, die Teufelsſöhne, ſchöne Geſellſchaft für das Geſpenſt Chakra, die verdammten Spanier von dem Judenhofe!“ „Ach! Maldito!“ rief der Maronenhauptmann mit lauter, die höchſte Unruhe verrathender Stimme, und machte zugleich eine Geberde, die klar andeutete, daß ihm plötzlich ein Licht aufgegangen war.„Die Spanier, ſagſt Du? ſie ebenfalls hinter ihm her! Komm, Quaco! Setz den Pack nieder, wirf ihn irgendwo in die Gebüſche! Jetzt iſt kein Augenblick zu verlieren! Ich begreife nun ganz wohl alle die Begegnungen, die Du auf Deinem Wege gehabt haſt. Glücklicher Weiſe habe ich mein Schießgewehr und Du haſt das Deine. Wir mögen ſie beide vor Nacht noch nöthig haben. Lege den Pack ab und folge mir!“ „Halt und nehmt mich auch mit!“ rief eine Stimme am Saume der Lichtung;„ich habe auch ein Gewehr.“ Und in demſelben Augenblick trat der junge Eng⸗ länder mit ſeiner Flinte auf der Schulter aus dem Unterholze hervor und ſchritt auf die Ceiba zu. 88 Fünfzehntes Kapitel. Ein Oheim in Gefahr. „Sie ſcheinen große Eile zu haben, Hanptmann Cubina,“ ſagte Herbert, ſchnell zu dieſem herantretend. „Was giebts denn Beſonderes? Etwas nicht in Ordnung?“ b „In Ordnung, Herr Vaughan! Viel mehr als das! Aber wir können hier nicht ſtehen und ſchwatzen, wir müſſen ſofort nach Savanna, ſo ſchnell wir können.“ „Was, ich ſoll mit nach Savanna gehen? Ich gehe ſchon mit Ihnen in jeder vernünftigen Angelegenheit, aber ich bin leider nicht vollkommen Herr meiner Zeit, und da müßte ich für ſolch eine Reiſe doch erſt deren Grund und Abſicht kennen.“ „Ein guter Grund, Herr Vaughan. Ihr Onkel, der Cuſtos, iſt in Gefahr!“ „Ah!“ ſagte der junge Engländer und ſchien etwas enttäuſcht zu ſein.„Das iſt kein ſo gar wichtiger Grund, wie Sie wohl glauben, Hauptmann. Haben Sie ihn gemeint, als Sie vor Kurzem ſagten, Einer, der mir theuer ſein ſollte, ſei in Gefahr?“ „Ja, ihn meinte ich,“ antwortete Cubina. „Hauptmann Cubina,“ ſagte Herbert in einem ſehr gleichgültigen Tone,„dieſer mein Onkel verdient meine Einmiſchung gar nicht.“ „Aber ſein Leben iſt in höchſter Gefahr!“ unterbrach der Marone Herbert in ſeiner weiteren Auseinander⸗ ſetzung. „Ja“ rief der Neffe mit gehobener Stimme aus. 89 „Wenn das der Fall, wenn wirklich ſein Leben in Gefahr wäre, dann—“ ¹ „Gewiß,“ unterbrach der Marone ihn abermals; „und andere mögen auch noch in Gefahr durch denſelben Feind ſein, Sie ſelbſt vielleicht ſogar, Herr Vaughan. Aber ganz ſicher Die, die ihnen das Liebſte auf der Welt ſind. „Ha!“ ſprach Herbert mit der größten Verwunderung. „Sie haben ſehr ſchlechte Nachrichten. Erzählen Sie mir nur Alles auf einmal!“ 3„Nicht hier, Herr Vaughan, nicht jetzt hier. Kein Augenblick iſt mit Reden zu verlieren, wir müſſen ſo⸗ fort aufbrechen. Unterwegs will ich Ihnen Alles er⸗ zählen.“ „Dann nur zu!“ rief Herbert,„wenn's ſich um Leben oder Tod handelt, gehe ich mit Ihnen, ſelbſt nach Savanna! Nun, Herr Jeſſuron, heute wird'mal kein Buch geführt, und“—(den Namen ſprach er nur ganz leiſe und für ſich aus)„Judith kann mich auch einmal einen Tag entbehren, beſonders wenn es die Rettung von Menſchenleben gilt. Nun wohlan, ich ziehe mit Ihnen, Hauptmann Cubina!“ „Vamos!“ rief der Marone und brach haſtig auf. „Da wir keine Pferde haben, ſo müſſen wir unſere Beine wohl noch ſtärker anſpannen, denn dieſe lauernden Schufte haben uns ſchon einen großen Vor⸗ ſprung abgewonnen.“ So redend, ſchlug Cubina den nach den Hügeln aufwärts führenden Pfad ein, gefolgt von Herbert wie von dem ſchweigſamen Quaco, der nun, nicht länger mehr von ſeinem Packe bedrückt, ihnen dicht nachfolgte. 90 Der von Cubina verfolgte Weg ſchien gerade auf Willkommenberg hinzuführen. Deshalb hielt Herbert einen Augenblick ſtill, wandte ſich an ſeinen Führer und fragte bedeutſam:„Sie gehen doch da nicht hin?“ „Nein!“ antwortete der Marone:„wir brauchen jetzt nicht mehr nach dem großen Hauſe zu gehen, da der Cuſtos es nun doch ſchon längſt verlaſſen hat. Da könnten wir auch nicht mehr erfahren, als ich bereits weiß. Uebrigens gingen wir auch bedeutend um. Zeit dürfen wir durchaus nicht verlieren, das iſt das Wich⸗ tigſte. Gleich werden wir uns etwas drehen und einen Weg einſchlagen, der gerade über den Berg neben den Jumbé⸗ felſen führt. Das iſt der kürzeſte Weg, um auf die große Landſtraße nach Savanna zu gelangen. Vamos!, Damit eilte der Marone wieder vorwärts und Herbert ſchritt rüſtig und ſchweigend hinter ihm her. Bis dahin hatte der junge Engländer noch gar keine Aufklärung über den eigentlichen Zweck der jetzt unternommenen Reiſe erhalten, noch hatte er deshalb gefragt. Die frühere Angabe, daß ihm theure Menſchen in Gefahr ſeien, war ihm hinlänglicher Grund geweſen, um dem Maronen vertrauensvoll zu folgen. Indeß fiel es ihm nun doch ein, daß er jetzt wohl über die Art und Weiſe der Gefahr, wem ſie eigentlich drohe und welche Maßregel ſie zur Abwehrung derſelben in dieſem Augenblicke ergriffen, ſich zu unterrichten berecht⸗ igt ſei. Deshalb ſtellte er jetzt an ſeinen Führer, während ſie eilig ohne Aufenthalt vorwärts ſchritten, hierüber verſchiedene Fragen. Mit kurzen Worten machte der Marone ihn nun mit dem Meiſten, wenn auch nicht mit Allem bekannt, 91 was er ſelbſt wußte, beſonders mit der Gefahr, in welcher der Cuſtos ſich zu befinden ſchien. Er erzählte ihm von ſeinem Niederſteigen in das Teufelsloch, von der dort belauſchten Unterredung, und obwohl er die Beweggründe nicht kannte, fagte er ihm doch von dem offenbaren Mordanſchlage, an dem Herberts eigener Brodherr einen ſo hervorragenden Antheil nahm. Der junge Engländer war bei dieſen Enthüllungen begreiflicher Weiſe auf's Aeußerſte erſtaunt und empört. Vielleicht wäre er dies noch mehr geweſen, allein dieſe Aufdeckung niederträchtiger Handlungen war lediglich die Beſtätigung einer ganzen Reihe höchſt verdächtiger Anzeichen, die ihm ſchon ſeit einigen Tagen bekannt geworden und für die er bisher vergeblich nach genü⸗ gender Aufklärung geſucht hatte. Alle Gedanken auf eine Rückkehr unter das Dach des Jakob Jeſſuron gab er jetzt auf; die Gaſtfreund⸗ ſchaft eines ſolchen Mannes, eines Mörders, mindeſtens der Abſicht nach, länger genießen zu wollen, konnte bei ihm gar nicht in Frage kommen. Ohne Weiteres be⸗ griff er vollkommen, daß er ſeine ſchöne angenehme und mühloſe Stelle ſofort aufgeben müſſe, und daß er, abgeſehen von dem durch ſeine plötzliche Entfernung vom Glücklichen Thal vielleicht veranlaßten Aergerniſſe, jetzt ſeinen Aufenthalt nicht wieder daſelbſt nehmen könne. Selbſt die Bezauberungen der ſchönen Judith waren ſicher nicht kräftig genug, um ihn je wieder dahin zurückzuführen. Cubina vernahm dieſe Entſchließungen offenbar mit größter Genugthuung. Dennoch hatte der Marone Herbert bisher nicht mit verſchiedenen andern ihm ganz 9² kürzlich erſt zur Kunde gekommenen Geheimniſſen bekannt gemacht, von denen einige für den jungen Engländer ſicher von dem höchſten Intereſſe ſein mußten. Die Mittheilung dieſer wollte er auf eine künftige paſſende Gelegenheit verſchieben, wenn die Zeit nicht ſo ſehr drängte. Herbert Vaughan, jetzt von der ſeinen Onkel bedro⸗ henden Gefahr vollſtändig unterrichtet, vergaß für den Augenblick alles Uebrige und dachte einzig nur daran, ihm ſobald wie möglich zu Hülfe zu kommen. Alle früheren Beleidigungen und Beſchimpfungen waren voll⸗ ſtändig von ihm vergeſſen und vergeben, ſelbſt ſogar jene, die ihn am meiſten geärgert und verwundet hatten, die kalte froſtige Verbeugung auf dem großen Symthjeballe! Jenſeit's über den Jumbéfelſen hinaus und nicht ſehr weit entfernt von dem Nebenwege, den ſie jetzt verfolgten, lag das eigentliche Land der Maronen. Der Schall eines Hornes mußte hier immer von einigen gehört werden, die in ihrer gewöhnlichen Weiſe, der Jagd des wilden Ebers, beſchäftigt waren. Cubina wußte dies ganz wohl, und ſtand deshalb, wie er an dem zunächſt nach ſeiner Stadt hinführenden Pfade an⸗ langte, ſtill, um einen Augenblick zu überlegen. Dann aber ſchien er ſich ſelbſt in Begleitung des kräftigen jungen Engländers ſo wie ſeines muthigen Lieutenants für hinreichend ſtark zu halten, um den Gedanken, noch einige von ſeinen Leuten zu Hülfe zu rufen, aufzugeben. So ſetzte er mit ſeinen Begleitern den Weg nach der großen nach Savanna führenden Hauptſtraße ungeſäumt in größter Eile fort. Sechszehntes Kapitel. Ein Streifzug zu Pferde. Während des ganzen Tages blieb der Koppelhalter zu Hauſe. Die unerklärliche Abweſenheit ſeines Schütz⸗ lings ließ es gerathen erſcheinen, ſeinen beabſichtigten Beſuch bei dem Prediger noch aufzuſchieben. Im Uebrigen erwartete er auch Cynthia jeden Augenblick. Von der Mulattin würde er ſicher mehr erfahren, denn ſie wußte von den Ereigniſſen der jüngſten Zeit jedenfalls mehr, als ſelbſt Chakra, ſonſt wäre er gern nach dem Teufelsloch gewandert, um das Orakel des Obi zu befragen. Allein Cynthia würde wahrſcheinlich Alles genau wiſſen. Mindeſtens konnte ſie ihm ſagen, ob der Zauber wirklich angewandt worden ſei, und wie und wann. Dies mußte er durchaus wiſſen und deshalb blieb Jeſſuron zu Hauſe, um Cynthias Antwort abzuwarten. Nicht ſo Judith. Von übler Laune und Verdruß gequält, war Unthätigkeit ihr unerträglich. Sie vermochte ſich im Hauſe nicht zu beruhigen und beſchloß deshalb, draußen, wenn auch nicht Troſt und Linderung in ihrem Grame, ſo doch mindeſtens Zerſtreuung und Ablenkung von den ſie peinigenden Gedanken aufzuſuchen. Kurz nach dem Frühſtücke beorderte ſie deshalb, daß ihr Pferd geſattelt würde und bereitete ſich zu einem Ausritte. Immer ſonderbarer kam es ihr vor, daß Herbert gerade an dem Tage, wo ſein Onkel von Willkommen⸗ berg für längere Zeit verreiſte, ſich ſo früh ſchon ent⸗ 94 fernt hatte, ohne bisher zurückzukehren. Sonderbar und auffallend war dies jedenfalls. Judith rief ſich den Hirten, der die Spuren in der Pfütze und der weichen Erde entdeckt hatte. „Seid ihr auch gewiß, daß es wirklich die Spur des jungen Herrn Vaughan war, die Ihr entdeckt habt?“ „Ganz gewiß, Miſſa Jeſſuron, eine war's gewiß.“ „Und die andere? wem ſah die gleich? war ſie auch die Spur eines Mannes?“ „Ja, Miſſa, es war eines Mannes Fußſpur, wenig⸗ ſtens habe ich noch keine ſo große Frauenſpur geſehen, wie die war. Auch war es nicht die Spur eines Herrn, wie die des jungen Maſſa Vaughan.“ Mit der Reitpeitſche in der Hand, ſtand die Jüdin jetzt ſinnend da. War es ein Bote an Herbert geweſen? und von wem anders wohl, wenn nicht von Käthchen Vaughan.“ Denn mit wem war er ſonſt noch bekannt? Dabei überall ſo merkwürdige Umſtände! Die geheimniß⸗ volle Weiſe, in welcher der Bote ſich ihm genaht haben mußte, denn friſcher Schmutz an dem Baume bewies deutlich, daß der Erkletterer des Baumes ganz derſelbe geweſen ſein mußte, der die Fußſpuren im Garten hinterlaſſen hatte. Waren die in der Hängematte aufgefundenen Gegen⸗ ſtände alsdann etwa hinunter geworfen worden, um den Schläfer zu wecken oder zu warnen? Ohne Zweifel und ganz unleugbar eine geheime, von einem höchſt liſtigen und verſchlagenen Boten überbrachte Botſchaft! Auf alle Fälle aber ein verſtohlener Fortgang! Und der Grund zu allem dieſen? Ganz gewiß doch kein gewöhn⸗ licher? Das wäre ja unmöglich. Ein Ausgang auf Wild konnte es durchaus nicht ſein. Zwar war die Flinte mitgenommen, allein das war auch noch kein Beweis, daß er den Tag auf der Jagd zuzubringen beabſichtige. Herbert hatte immer die Gewohnheit gehabt, ſeine Flinte mitzunehmen, wenn er in Feld und Wald umher ſchweifte. Doch diesmal waren die übrigen nöthigen Schießbe⸗ dürfniſſe zurückgelaſſen worden. Ein improviſirter Jagd⸗ ausflug alſo? Nein, ſo etwas konnte hier nicht wohl der Fall ſein. Ein Bote alſo vielleicht mit einer Liebesbotſchaft, eine freudig empfangene Einladung, der auch bereitwillig ſofort gefolgt worden war! „O, wenn das der Fall wäre!“ ſchrie das ſtolze leidenſchaftliche, wie von Wuth getriebene Mädchen und 2 ſchwang ſich auf ihr Pferd;„wenn das der Fall wäre! Ich muß es wiſſen! ich muß Rache haben!“ Das gewiß gänzlich unſchuldige Pferd mußte zu⸗ vörderſt für dieſen Anfall raſender Eiferſucht büßen, denn ein derber vom Aerger hervorgerufener Peitſchen⸗ ſchlag und ein heftiger Stoß von ihren beſpornten Hacken ſetzten das Thier in die ſchnellſte Bewegung und trieben es nach den Hügeln zu. Judith Jeſſuron war in der That eine vortreffliche Reiterin und verſtand ein Pferd eben ſo gut zu be⸗ handeln, wie der beſte Reiter auf ihres Vaters Hofe. Sie galloppirte durch den frühern nun verwilderten Garten, ſetzte in größter Sicherheit mit einem mächtigen Sprunge über die verfallene Mauer, gelangte auf den Platz, wo die verrätheriſchen Spuren noch ſtets vor⸗ handen waren, hielt hier ihr Pferd an und beugte ſich vorn über, um die Spuren genau zu unterſuchen. 96 Ja, das war ſeine Fußſpur, ſein kleiner ſchmaler Fuß konnte deutlich erkannt werden! Aber die andere Fußſpur? Offenbar die eines Negers, denn Weiße tragen keine benagelten Sohlen. Etwa einer der Sklaven von Willkommenberg? Aber warum nur zweimal hin und zurück? War einmal nicht hinreichend geweſen? Vielleicht war zuerſt eine Warnung geſandt worden und dann ein feſt beſtimmter Vorſchlag! Vielleicht wollten ſie ſich im Walde treffen? ja vielleicht gerade jetzt, in dieſem Augenblicke. 4₰ Dieſer für ſie ſo bittere und fürchterliche Gedank machte allen andern Erwägungen und Ueberlegungen ſofort ein Ende. Abermals gebrauchte die über alle Maßen von der brennenſten Eiferſucht gequälte Reiterin Peitſche und Sporn und ſprengte den abſchüſſigen Pfad über Stock und Stein den Berg hinauf. Die Abſichten der Jüden bei dieſem Ritte waren wohl gänzlich unbe⸗ ſtimmt, denn er entſprang einfach aus einer verzehrenden Ungeduld, die ihr keine Ruhe vergönnte, dennoch mochte ſie wohl eine leiſe Hoffnung nähren, während ihres Rittes in irgend einer Weiſe den Schlüſſel zu dem ge⸗ heimnißvollen Verſchwinden zu entdecken. Vielleicht mochte ſie alsdann noch unglücklicher und elender werden, als jetzt; aber was kam darauf an? Die Ungewißheit iſt immer und in allen Dingen am meiſten unerträglich. Die Jüdin ritt keineswegs gerade nach Willkommen⸗ berg, obwohl ihre Gedanken dahin allein gerichtet waren; ſie war niemals bei dem Cuſtos zu Gaſte geweſen und hatte deshalb gar keinen auch nur ſcheinbar hinlänglichen Vorwand, um in's Herrenhaus dort eintreten zu können, ſonſt wäre ſie ſicher geradewegs dahin geritten. So 9 mußte ſie ſich anders entſcheiden. Konnte ſie auch nicht nahe an's Haus hinankommen oder ſogar dort eintreten, ſo vermochten ſie es doch aus einiger Entfernung genau zu beobachten, und das war's, was ſie nun beabſichtigte. Ihren Sinn hatte ſie hierbei auf den Jumbefelſen, als dem beſten Beobachtungspunkt in der ganzen Mach⸗ barſchaft geſtellt, denn ſie wußte ſehr wohl, daß man von ſeiner oberen Platte aus, eine vortreffliche und vollkommene unbehinderte Ausſicht auf das ganze unter dem Berge wie eine Landkarte ausgebreitet liegende „Gut Willkommenberg genoß und daß man jede Bewe⸗ gung neben dem Hauſe und in deſſen Umgebungen genau unterſcheiden und beobachten könne, beſonders wenn man auch noch ein gutes Augenglas zu Hülfe nähme, mit dem ſie ſich vorſichtiger Weiſe verſehen hatte. Mit dieſer Abſicht wandte ſie ihr Pferd dem Jumbé⸗ felſen zu und trieb das gewandte Thier den ſteilen Bergesabhang ohne alle Furcht hinan. Siebzehntes Kapitel. Smythje unter den Zildſäulen. Um dieſelbe Zeit, als Judith Jeſſurons Herz wechſel⸗ weiſe von den wildeſten Leidenſchaften der Liebe und der Eiferſucht zerfleiſcht und verzehrt wurde, glühte auch eine gleich kräftige und tiefe, aber dennoch viel ruhigere Liebesflamme in der reinen jungfräulichen Bruſt der kleinen Quasheba. Der Gegenſtand war bei Beiden derſelbe; Herbert Vaughan! III. Band. 7 98 Unſonſt hatte die junge Kreolin ſich bemüht, gleich⸗ gültig von ihrem Vetter zu denken; umſonſt hatte ſie gekämpft, ihre Liebe vor dem zurückzudrängen, was ihr Vater ihr als Pflicht bezeichnet hatte, und für Herrn Smythje zärtlichere Empfindungen anzunehmen; es war alles ganz umſonſt geweſen, ja der Verſuch und die Anſtregung dazu hatten zuletzt ſogar einen ganz andern Erfolg gehabt, nämlich den, ihre Leidenſchaft für den erſteren nur noch zu ſteigern und ihre Achtung für den letzteren zu vermindern. Das wird immer mit den Zuneigungen des Herzens der Fall bleiben, wie mit den Abneigungen. Der reine Trieb des Herzens wird ſich ſtets empören, wenn er beeinflußt oder beſchränkt werden ſoll. Von jenem Augenblicke an, wo Käthchen ſich dem Willen ihres Vaters unterworfen und eingewilligt hatte, Herrn Montagu Smythje zu heirathen, fühlte ſie noch tiefer als zuvor die Größe des Opfers, das ſie jetzt bringen ſollte. Allein es gab Niemand der ſie etwa retten könnte, keine kräftige Hand und kein ſtarkes muthiges Herz, um ſie aus ihrer jetzigen quälenden Lage zu befreien. Die getroffene Uebereinkunft ſtand jetzt auf alle Fälle feſt, und bei der Aufraffung aller ihrer geiſtigen Kraft blieb ihr gar nichts Anderes übrig, als den Ein⸗ tritt des unglücklichen Ereigniſſes mit ſo viel Entſagung und Seelenruhe abzuwarten, als ſie ſich nur irgend in dem Bewußtſein der Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten zu gewinnen vermochte. Denn dies war ihr einziger Troſt, wenn das in einem ſolchen Falle überhaupt Troſt genannt werden kann, daß ſie ihre kindlichen Pflichten jetzt vollkommen ——Q—.OQꝭꝑ—ę—᷑—ę—ÿ—ꝛ—⸗—⸗ꝛ—xx—ꝛꝛ—— 99 erfülle. Sie war gänzlich und lediglich den Wünſchen ihres Vaters gefolgt, eines Vaters, der, wenn er auch gegen Andere oftmals höchſt ſtrenge, ja vielleicht noch mehr als das geweſen war, doch ſie ſtets liebevoll und gütig behandelt hatte. Gerade jetzt erkannte ſie noch mehr als je zuvor ſeine väterliche gütige Geſinnung, wenn ſie an deſſen Abſichten bei Unternehmung ſeiner jetzigen Reiſe dachte. Obwohl ſie nun vollkommen dem eigentlichen Triebee ihres Herzens entſagt hatte oder ſich jedenfalls bemühte, es dahin zu bringen, ſo vermochte ſie doch nicht, ihre Leidenſchaft für Herbert gänzlich zu erſticken und eben ſo wenig den von ihrer Hoffnungsloſigkeit erzeugten Trübſinn zu verbergen. Dieſer Trübſinn umwölbte ſchon den ganzen Morgen ſeit der Abreiſe ihres Vaters ihr Antlitz mit der allertiefſten Düſterkeit. Ihr verlobter Bräutigam— denn in dieſem Ver⸗ hältniſſe ſtand Smythje nun zu dem ſchönen und gemüth⸗ vollen Käthchen— bemerkte jetzt auch ganz wohl ihren ungewöhnlich tiefen Trübſinn, allein er kannte keines⸗ wegs deſſen richtige Urſache. Ihm ſchien es gerade nicht unnatürlich zu ſein, wenn ſie jetzt bei der Abweſenheit ihres Vaters etwas traurig war, da ſie viele Jahre hindurch nie länger als nur einige wenige Stunden oder allerhöchſtens einen einzigen Tag von ihm getrennt ge⸗ weſen. Aber daran würde ſie ſich wohl ſchon gewöhnen und dann Alles wie zuvor ſein. Mit derartigen Gründen und Erwägungen erklärte Smythje ſich jetzt die außer⸗ ordentliche Zerſtreuung und das düſtere Ausſehen, die er bei ſeiner Verlobten wahrgenommen hatte. 7* ——— 100 Deshalb war er auch bereits den ganzen Morgen viel beharrlicher und unverdroſſener in allen ſeinen Auf⸗ merkſamkeiten gegen Käthchen geweſen, als er es ſonſt wohl zu ſein pflegte. Der Cuſtos hatte ihn in einer bevorzugten Stellung zurückgelaſſen, der eines Beſchützers, und es drängte ihn, Käthchen jetzt zu zeigen, wie äußerſt würdig er eines ſolchen in ihn geſetzten Vertrauens ſei. Ach, in der Meinung Käthchens war er hiernach nur gar zu begierig! Ihrer Anſicht nach ward er jetzt zu zu⸗ dringlich, ſie fühlte ſich von ihm beläſtigt und alle ſeine gutgemeinten Abſichten hatten nur den Erfolg, ſie zu ermüden und zu langweilen. Sie würde äußerſt ver⸗ gnügt geweſen ſein, hätte er ſie ungeſtört ihrem Seuf⸗ zen und ihrem Trübſinne überlaſſen wollen. Bald nach dem Frühſtücke ſchlug Smythje einen Spaziergang vor, aber nur einen kurzen. An weiteren beſchwerlichen Ausgängen fand er kein Vergnügen und ſeit jenem ihn ſo ſehr demüthigenden Jagdabenteuer fühlte er durchaus keine Luſt zu irgend einer längeren Wanderung durch den Wald. Der Ausgang ſollte ſich deshalb auch nur lediglich auf die Spaziergänge zwiſchen den Gartengebüſchen und den dort aufgeſtellten Bildſäulen beſchränken; das Wetter war unübertrefflich ſchön und ſo war in der That gar kein Grund vorhanden, warum Käthchen den Vorſchlag ablehnen ſollte. Darum nahm ſie ihn auch ſoſort ſtill⸗ ſchweigend zuſtimmend an. Während ſie nun mit einander im Garten gingen, ſprach Smythje viel über die Bildſäulen, um die von ihm auf der Univerſität gewonnene claſſiſche Bildung zu zeigen. Dabei verbreitete er ſich weitläufig über Venus, 101 Cupido und Cleopatra, die ihm alle als Sinnbilder und Träger der in ſeiner eigenen Bruſt wohnenden zärtlichen Gefühle dienten und worauf er mit vermeintlicher unge⸗ meiner Geſchicklichkeit mehrere Male hindeutete. Allein trotz aller aufmerkſamen Beobachtung vermochte er doch gar nicht zu entdecken, daß ſelbſt ſeine ſchönſten Reden irgend einen ihm günſtigen Eindruck hervorbrächten. Auf dem Geſichte ſeiner Begleiterin blieb ſtets derſelbe Ausdruck von Befangenheit und Trübſinn bemerklich, der bereits den ganzen Morgen zu ſehen geweſen war. Mitten in einer ſeiner gelehrteſten und geiſtreichſten Erklärungen ward der dieſen Augenblick merkwürdig für's claſſiſche Alterthum ſchwärmende Stutzer durch die An⸗ kunft ſeines Kammerdieners Thoms unterbrochen, der vom großen Hauſe ganz mit dem Ausſehen eines Dieners kam, der ſeinem Herrn eine höchſt wichtige Botſchaft zu überbringen hat. Dieſe beſtand alsdann darin, daß ein Herr, ein Freund von Herrn Smythje— denn er hatte jetzt ſchon deren viele auf der Inſel— nach ihm gefragt habe, um mit ihm zu ſprechen. Geſchäftliches war mit dem Beſuche nicht verbunden, es war lediglich ein Höflichkeitsbeſuch. Wäre der Beſucher ein ganz gewöhnlicher geweſen, ſo würde der ſtolze Beſitzer von Schloß Montagu ſich ſchwerlich entſchloſſen haben, die Geſellſchaft, in der er ſich jetzt befand, ſofort aufzugeben; allein er war von bedeutendem Anſehen und außerdem ein beſonderer Freund. So würde Fräulein Vaughan es ihm wohl nicht übel nehmen, wenn er ſie nur für einige Augen⸗ blicke verlaſſe? 102 „Durchaus gar nicht!“ erwiderte Käthchen ſo eilig, um jeden Unbefangenen zu überzeugen, wie froh ſie ſei, endlich von ihm loszukommen. Smythje folgte nun ſeinem Diener in's Haus und die junge Kreolin verblieb allein mit all den claſſiſchen Statuen, unter denen ſie ſelbſt ſicher das anmuthsvollſte Gebilde war. Achtzehntes Kapitel. Ein ſeltſamer Entſchluß. Nachdem Smythje fortgegangen war, verblieb Käthchen einige Augenhlicke auf dem Platze, wo er ſie verlaſſen hatte, ſchweigend und bewegungslos wie die ausgehauenen Marmorbilder um ſie herum. Unter ihnen befand ſich auch Niobe und zufällig fielen die Augen der jungen Kreolin auf die Statue der jammernden Tochter der Dione. „Ach!“ ſprach ſie für ſich, von einem eigenen Gedanken ergriffen;„du unglückſelige Mutter hingemordeter Kinder! War deine Trübſal je ſo ſchwer zu ertragen wie die meine, gewiß, deine Strafe mußte zur Wolluſt werden. O, könnte doch auch ich, wie einſt du, jetzt plötzlich hier in Stein verwandelt ſein! O weh, mir Armen!“ Als ſie dieſen trüben und ſchwermüthigen Anruf mit einem tiefen Seufzer beendet hatte, ſtand ſie einige Zeit ſchweigend und ſtarrte, in tiefe Gedanken verſunken, auf die Bildſäule. 103 Doch dann nahmen dieſe eine andere Richtung an und mit ihnen wandten ſich ihre Augen ebenfalls von den Bildſäulen und Gebüſchen ab. Ihr Blick glitt in die Höhe nach dem Gebirge und blieb auf deſſen höchſter Spitze, dem Jumbéfelſen, haften, die jetzt lebhaft im vollſten Sonnenſchein erglänzte. „Dort,“ ſprach ſie leiſe murmelnd für ſich,„dort auf jenem kahlen Felſen und dort allein habe ich eine kurze Zeit der Glückſeligkeit genoſſen, jener höchſten Glückſeligkeit, von der ich wohl in Romanen geleſen, doch ohne eigentlich daran zu glauben; aber jetzt weiß ich, ſie iſt wirklich vorhanden— dann, wenn man in die Augen des Geliebten ſchaut und feſt vertraut, wie ich es damals that, wieder geliebt zu werden! O, es war wonnig, es war über Alles wonnig!“ Die Erinnerung an das kurze Zuſammenſein mit ihrem Vetter, denn auf dieſes bezogen ſich ihre ſchwär⸗ meriſchen Ausrufungen, trat ſo lebhaft und überwältigend vor den Geiſt der leidenſchaftlich aufgeregten Kreolin, daß ſie nicht weiter zu reden vermochte und einige Zeit lang gänzlich ſchweigend verharrte. Doch dann fuhr ſie weiter fort: „Eine kurze Zeit der Glückſeligkeit, habe ich geſagt? Ach ja, ſie war ſehr kurz, kaum eine Minute hielt die ſüße Täuſchung an. Doch hätte ich zu wählen, ich wollte lieber noch einmal dieſe einzige Minute durchleben, als mein ganzes übriges vergangenes Leben; ja, meine ganze Zukunft wollte ich für ſie hingeben!“ Abermals hielt ſie inne und ſtarrte unverwandt auf den Felſen, deſſen heller Glanz eigends dazu geſchaffen ſchien, um in ihrem erregten Herzen die dadurch geweckte 104 ſüße Erinnerung fortwährend wieder von Neuem an⸗ zufachen. „O, ich möchte doch wohl wiſſen,“ begann ſie zuletzt, als ſich ihre ſehnſüchtige Erinnerung in Worte auflöſte, „ich möchte doch wohl wiſſen, wie mir zu Muthe ſein würde, wenn ich einmal wieder da oben wäre, wenn ich auf derſelben Stelle ſtände, wo ich damals geſtanden habe! Vielleicht könnte ich mir dann einbilden, er ſtände wieder an meiner Seite! Vielleicht mir gar ſeinen ſüßen, mir ſeine ganze Seele enthüllenden Blick zurück⸗ rufen, ſo wie meine eigenen Gefühle, als ich ihm dieſen Blick wiedergab. O, das müßte in der That ein wunder⸗ barer wonniger Traum ſein!“ Hier hielt ſie, überwältigt von der Gluth ihrer Ge⸗ fühle, abermals inne, doch bald machten ſie ſich wieder Luft. 3 f. und warum ſollte ich mir dieſen Genuß nicht ver⸗ ſchaffen, warum ſollte ich mir dieſen Strahl früherer entſchwundener Wonne nicht gewähren? Warum nicht? Was könnte mir das für Schaden zufügen? was für Unrecht darin liegen? Selbſt wenn die Erinnerung mich noch trauriger machte, meinen Gram zu vergrößern, meinen Schmerz zu vermehren vermöchte ſie ſchwerlich. Nein, nein, davor brauche ich mich nicht zu fürchten! Deshalb will ich hinauf gehen und mich auf denſelben Platz hinſtellen, wo ich damals geſtanden habe! Da will ich die Vergangenheit zurückrufen und mich für einige Augenblicke ungeſtört gänzlich den ſüßen Täuſchungen der Erinnerung und der Phantaſie überlaſſen! Niemand wird da zugegen ſein, nur der reine klare Himmel über mir und der große allgegenwärtige Gott! Sie werden 10⁵5 die Zeugen meines Opfers ſein, des Opfers meines in der Erfüllung ſeiner Pflicht gebrochenen Herzens!“ Nach dieſem leidenſchaftlichen Erguſſe band ſich das junge Mädchen ein weißes Batiſttuch, das ſie in ihrer Hand hielt, raſch um ihr von reichen Haarflechten und Locken umrungenes Haupt und eilte, ohne im Hauſe oder ſonſt etwas von ihrem Vorhaben zu ſagen, mit raſchen Schritten dem hinteren Garten zu. Hier war ein kleines Pförtchen, durch das ſie in den Wald ge⸗ langte, in dem ſich ein Fußpfad durch die Schlucht bis oben auf den Berg hinaufwand. Es war ganz derſelbe Fußpfad, den ſie damals am Tage der Sonnenfinſterniß gegangen waren, aber wie verſchieden waren jetzt ihre Empfindungen von denen, die damals ihr Herz erfüllten! Freilich war ſie auch ſchon damals keineswegs in ganz ungetrübter heiterer Stim⸗ mung, aber ſie war doch noch voller Hoffnungen, ſie fühlte ſich noch nicht davon bedrückt, daß ſie Herberts gänzliche Gleichgültigkeit gegen ſie erkannte, wie ſeine Hinneigung zu einer mehr beglückten Nebenbuhlerin. Allein die ſeit jener Zeit entſtandenen Verhältniſſe, die von ihr ſelbſt geſehenen Thatſachen, die mannigfachen Gerüchte, die ihr zu Ohren gekommen waren und die ſich als nur zu wahr erwieſen, alles dies hatte bewirkt, daß der früher bereits ſchwache Hoffnungsſtrahl nun vollkommen er⸗ loſchen und ihrem Geiſt für immer entſchwunden war. Außerdem erfüllte ſie an dieſem Morgen noch ein anderer Gedanke, der ganz dazu geeignet war, ſie trübe zu ſtimmen und ſchwer zu bedrücken. Die ihr von ihrem Vater vor dem Antritte ſeiner Reiſe nothgedrungen ge⸗ machten Enthüllungen, die in Bezug auf den unterge⸗ 106 ordneten Zuſtand ihrer Race und die damit verbundenen geſellſchaftlichen Nachtheile ihr jetzt zugekommenen Mit⸗ theilungen hatten unbedingt ſchon an und für ſich einen höchſt peinlichen Eindruck auf das Gemüth der jungen Quinterone hervorbringen müſſen. Jetzt mußte ſie ſich aber auch noch fragen, ob Herberts Geringſchätzung etwa hiermit in Verbindung ſtände? ob ihr eigener Vetter ſie wegen des geſellſchaftlichen von ihrer Abkunft hergeleiteten Unterſchiedes mißachte, ob auch er vorur⸗ theilsvoll Anſtoß an der Farbe nähme? Dieſe und ähnliche Fragen hatte Käthchen ſich ſchon den ganzen Morgen ſtellen müſſen, ohne doch zur endlichen Ent⸗ ſcheidung zu gelangen, ob ſie zu bejahen oder zu ver⸗ neinen ſeien. Und was beabſichtigte ſie denn eigentlich jetzt? Nichts als die Erinnerung an einen kurzen Augenblick ſüßer vergangener Wonne wieder zu beleben und freilich damit auch um ihr Herz den unlösbaren Zauberfaden noch feſter zu ſchlingen, der es bereits ſchon zu erdroſſeln und zugleich alles und jedes Glück ihres Lebens für immer zu vernichten drohte. Ach, aber das Glück hatte ſie ja ſchon längſt ver⸗ laſſen! Deshalb war auch jetzt in der trübſeligen Wieder⸗ belebung jener holdſeligen Erinnerung weiter keine Gefahr, keinerlei Verluſt für ſie zu befürchten! Mit dieſen Gedanken ſtieg ſie den ſich mannigfach krümmenden Pfad raſchen Schrittes hinan, im dunklen Waldesgrün eine an Lieblichkeit und bezaubernder An⸗ muth reiche Lichtgeſtalt. 107 Neunzehntes Kapitel. Die Eiferſucht auf der Lauer. Die Waldſchlucht, die zum Jumbéfelſen führte, der einzige Pfad auf dem ſeine Spitze erreicht werden konnte, war, wenn auch für einen Fußgänger nicht gerade ſchwierig zu erklettern, doch für einen Reiter unwegſam. Als ſie daher am Fuße der Felsſpitze angekommen war, ſtieg die eiferſüchtige Reiterin vom Pferde ab, befeſtigte den Zaum an einem Baumaſte, ſchnallte den kleinen Sporn vom Hacken los und ſetzte ihren Weg zu Fuß fort. Auf der Spitze angekommen, ſtellte ſie ſich am Rande der Felsplatte in der Weiſe hin, daß ſie eine vollkommen unbehinderte Ausſicht auf Willkommenberg, deſſen Garten und Umgebungen hatte. Hier begann ſie unverweilt ihre Nachforſchungen anzuſtellen. Zuerſt benutzte ſie ihr Augenglas gar nicht, da alle menſchlichen Geſtalten rund um das Haus mit bloßem Auge wahrgenommen werden konnten. Deshalb blieb immer noch Zeit genug, das Vergrößerungsglas zu brauchen, ſobald irgend etwas Bemerkenswerthes erſchien, was nicht zu unterſcheiden war. Während einer ziemlichen Zeit, nachdem ſie ihren Stand eingenommen hatte, war durchaus Niemand neben oder in der näheren Umgebung des Hauſes zu ſehen. Vollkommene Ruhe herrſchte dort überall; nur zuweilen hüpfte vielleicht ein junges Hirſchkalb über die Wieſe oder bewegte ſich ein Pfau zwiſchen den Gebüſchen oder 108 flog unhörbar ein anderer Vogel. Im Allgemeinen war Alles hier bewegungslos, ruhig und ſtill. Weiterhin in den Feldern waren beim Zuckerrohr arbeitende Negerhaufen, in deren Mitte ein weißer Aufſeher wahrgenommen werden konnte. Dieſe beſaßen für die Beobachterin auf dem Felſen nicht das geringſte Intereſſe; auch verweilte ihr Auge nur einen kurzen Augenblick auf ihnen und kehrte unverzüglich zu dem das große Haus zunächſt umgebenden eingeſchloſſenen Raume mit der Hoffnung zurück, hier irgend etwas zu entdecken, das ihr einen Schlüſſel zu dem räthſelhaften Vorgange am Morgen geben könne. Diesmal ward ſie auch keineswegs gänzlich getäuſcht. Mindeſtens zeigten ſich ihr Gegenſtände genug, die, wenn ſie auch nur wenig dazu beitrugen, das ſonder⸗ bare Räthſel zu löſen, das ſie auf dieſen luftigen Be⸗ obachtungspunkt hingeführt, dennoch die Wirkung aus⸗ übten, ſie in gewiſſer Weiſe zu beruhigen und die ſie auf's Schrecklichſte quälende Eiferſucht zu vermindern. Zuerſt ſah ſie nun einen Herrn und eine Dame aus dem Hauſe kommen und zwiſchen den im Garten ſtehenden Bildſäulen umhergehen. Sofort ergriff ſie eine ihre Eiferſucht auf's Wildeſte aufregende Unruhe, bis ſie durch ihr Augenglas ganz deutlich das heufarbene Haar und einen gleichen Bart wahrnahm, die keinem Andern als dem würdigen Herrn Smythje von Schloß Mon⸗ tagu angehören konnten. Das gewährte ihr bereits viel Befriedigung, doch ward ihr gänzlich von Eiferſucht er⸗ füllter Sinn vollkommen beruhigt, als das Augenglas ihr die Züge Käthchen Vaughans zeigte, die offenbar die Spuren tiefen Mißmuths und bittrer Täuſchung verriethen. ——nnnnnhöhöhömrörömrmrmrmömör,,ͤͤͤſſdſdſſ⁄— 109 „Das iſt gut!“ murmelte erfreut die Späherin; das ſagt mir genug. Sie kann ihn gar nicht geſehen haben, ganz gewiß nicht, denn ſonſt würde ſie jetzt nicht ſo traurig und gramerfüllt ausſehen.“ Nicht lange dauerte es, ſo ſah ſie Jemand durch den Garten nach den beiden zwiſchen den Bildſäulen Stehenden hingehen. Es war ein Mann in dunkler Kleidung und Herbert trug ja gewöhnlich ſchwarz. „Ah, er iſt es nicht! Ein Burſche mit einem gemeinen Geſicht, vermuthlich ein Bedienter, wahrſcheinlich ſein Kammerdiener von dem ich gehört habe. Er hat wohl etwas an Herrn Smythje zu berichten. Ha, jetzt gehen ſie Alle fort! Nein! nur der Herr und der Diener; ſie bleibt. Das iſt doch ſonderbar, daß er ſie allein läßt! In der That, ſehr höflich von Ihnen, verehrteſter Herr Smythje!“ Lächelnd nahm die ſchöne Späherin ihr Fernrohr vom Auge fort und ſchien, nach Dem was ſie jetzt geſehen hatte, höchſt zufrieden und erleichtert zu ſein. Ganz gewiß waren durchaus keine Anzeichen vorhanden, daß Herbert Vaughan ſich irgend in der näheren Umgebung von Willkommenberg befände oder daß er eine Zuſam⸗ menkunft mit ſeiner Couſine gehabt hätte. Und wäre dies wirklich auch der Fall geweſen, dann hätte ſie un⸗ bedingt ganz nach dem Wunſche der Jüdin geendet, denn auf dem Geſichte Käthchens war in keiner Weiſe irgend etwas von freudiger Erregung, ſondern nur Trübſinn und Mißmuth zu entdecken. Froh, ſie in ſo gedrückter Stimmung zu ſehen, brachte die trotz aller bisherigen Wahrnehmungen immer noch eiferſüchtige Nebenbuhlerin ihr Glas wieder an's Auge. 110 „Nun!“ rief ſie mit Verwunderung aus.„Was hat denn das Negermädchen noch immer da bei der Bildſäule zu ſchaffen? Sie ſcheint mit ihr zu ſprechen. Wahrhaftig, das muß ein ſehr intereſſantes Geſpräch ſein! Ha, ha, ha! Viielleicht gehört das Bild zum Negerglauben und ſie betet es an! Ha, ha, ha! Sie iſt dabei auch wie eine Bildſäule!“ „Doch nun!“ ſprach die jetzt ſchon ſich in Scherzen ergehende Beobachterin, ſtets durch ihr Glas ſpähend, „nun wendet ſie ſich von der Bildſäule ab und, bei meiner Seele! ſie ſieht jetzt gerade hier herauf. Mich kann ſie doch nicht ſehen? Nein, nein, mit bloßem Auge iſt das unmöglich! Uebrigens iſt höchſtens nur mein Kopf und mein Hut über dem Felſen zu ſehen, und die kann ſie ſchwerlich erkennen. Wie feſt und ungewandt ſie hinaufſieht! Und dabei ein Lächeln auf ihrem Geſicht! Faſt könnte man glauben, ſie dächte an den ſpaßhaften Vorfall hier oben, als Smythje ihr zu Füßen lag. Ha ha, ha!“ „Und was nun gar?“ ſprach ſie und hörte ſofort zu lachen auf, als ſie geſehen hatte, daß die junge Kreolin ſich ein Tuch über den Kopf band und ſich weiter vom Hauſe entfernte.„Was hat denn das zu bedeuten? Sie ſcheint auf einen Ausflug zu denken! Und ganz allein? Ja wirklich, ganz allein ſcheint ſie gehen zu wollen! Jetzt ſieht ſie ſich nach dem Hauſe um, als fürchtete ſie, es komme Jemand, der ſie in ihrer Abſicht ſtöre. Wo mag ſie nur hingehen? Sieh, jetzt ſchleicht ſie ſich durch die kleine Thür da in der Garten⸗ mauer! Wahrhaftig ſie kommt hier den Berg hinauf!“ —— Wie die Jüdin dies bemerkt, ging ſie auf der Fels⸗ platte einen Schritt vorwärts, um noch beſſer ſehen zu können. Das Fernrohr zitterte dabei in ihrer Hand und ihr ganzer Körper bebte in der heftigſten leiden⸗ ſchaftlichſten Erregung. „Den Berg hinauf!“ rief ſie wie halb wahnſinnig aus.„Ja, den Berg hinauf! und in welcher Abſicht? Nun in welcher andern ſonſt, als um ihn zu treffen— Herbert Vaughan!“ Ein nur halb unterdrückter unwillkürlicher Schrei begleitete dieſen Gedanken, während das Fernglas ihren Fingern entglitt. Zwanzigſtes Kapitel. Bie Späherin im Hinterhalte. Habt ihr jemals einen ſtolzen in den Lüften ſchwe⸗ benden Vogel, von einer Kugel getroffen, mit gebrochenem Flügel plötzlich hilflos zur Erde fallen ſehen? So fiel das Herz Judith Jeſſurons aus der höchſten Höhe der Zuverſicht und des keckeſten Selbſtvertrauens, auf die es ſich noch kurz zuvor mit kühnem Muthe er⸗ hoben hatte. Die Gewißheit, daß Käthchen Vaughan den Berg hinaufkam, raubte ihr ſofort alle kurz zuvor gehegten Hoffnungen, denn zu welchem Zwecke mochte die junge Kreolin nur da hinaufgehen, wenn nicht zu einer ver⸗ abredeten Zuſammenkunft? Und mit wem anders konnte dieſe ſtattfinden, als mit dem ſo räthſelhaft Verſchwun⸗ denen? 112 Ihr verſtohlenes Fortſchleichen aus der Nähe des Wohnhauſes, die dazu gewählte Zeit, während Smythje abweſend, ihre ängſtlich rückwärts gerichteten Blicke, da ſie wie heimlich durch die Gebüſche ging, alles dies ſchien ganz unbezweifelt Furcht, geſehen und gefolgt zu werden, zu verrathen. Was aber hätte ſie nur bei einem gewöhnlichen Ausfluge mit gewöhnlichen Abſichten zu fürchten? Herr Smythje war ja doch nicht ihr Vater oder ihr Ehemann? Warum gab ſie ſich denn nur ſo viel Mühe, ihre Abſichten vor ihm zu verhehlen, wenn ſie nicht ganz heimlicher Art und auf das hinzielten, was die eiferſüchtige Jüdin längſt vermuthet hatte, eine heimliche Zuſammenkunft mit Herbert? Judith war hiervon jetzt vollſtändig überzeugt, ſo vollſtändig, daß ſie, ſobald ſie die junge Kreolin wirklich den abſchüſſigen Weg hinaufkommen ſah, ſie ſich dicht an den Rand der Felſenwand bewegte und aufmerkſam in der Erwartung hinunterſah, den andern Theilnehmer an der verabredeten Zuſammenkunft ebenfalls zu erblicken. Freilich konnte ſie Niemand ſehen, aber dies ver⸗ mochte in keiner Weiſe die außerordentliche, ihr ganzes Weſen erſchütternde Aufregung zu ſtillen. Wohl war er nicht zu ſehen, aber das war von geringer Bedeutung, denn wie leicht konnte er nicht irgendwo in der Nähe im Walde verborgen ſein! Aber wo wollten ſie nur eigentlich zuſammenkommen? Wo mochte der Platz ſein, wo ſie ſich zu treffen verab⸗ redet hatten? Jetzt gerieth die Späherin in große Angſt, ſie möchte ſie aus dem Geſichte verlieren und dann würden ſie unfehlbar ſich eines ganz ruhigen und ununterbrochenen 113 Zuſammenſeins zu erfreuen haben. Beim Himmel! das durfte auf keinen Fall geſchehen! In ihrer fürchterlichen, nun bis zum höchſten Punkte geſtiegenen Eiferſucht war ſie gänzlich rückſichtslos und kümmerte ſich um gar keine Folgen. Deshalb war ſie feſt entſchloſſen, die Zuſam⸗ menkunft unter allen Umſtänden, wenn irgend möglich, zu unterbrechen. Die einzige Art, den Platz, wo ſie ſtattfinden ſollte, zu entdecken, verblieb immer, Käthchen Vaughan in Sicht zu behalten, denn ſollte nicht Herbert bereits längſt ſich in der Nähe befinden? Ganz gewiß, der Liebhaber iſt ſtets zuerſt auf dem Platze! Deshalb beobachtete die Jüdin Käthchen unausgeſetzt ganz genau. Leicht konnte ſie beſtändig die ſchneeweiße Kopfbinde unterſcheiden, die zuweilen unter den hohen Bäumen verſchwand, dann aber auf den mehr offnen Stellen des Weges wieder deutlich zu ſehen war. So verfolgte die Jüdin ihre Nebenbuhlerin mit den aufmerkſamſten Blicken, bis ſie an einer offnen Stelle angelangt war, wo der Weg von unten am eigentlichen Felſen hinauffuhr. Hier erwartete ſie ſicher, daß Herbert irgendwo heraustreten und Käthchen begrüßen würde, allein zu ihrem größten Erſtaunen erſchien Niemand. Noch viel mehr aber wuchs ihr Erſtaunen, als ſie Käthchens Abſicht gewahrte, den Jumbéfelſen ſelbſt zu erſteigen, die jetzt deutlich aus der von ihr eingeſchlagenen Richtung hervorging. 3 Nun trat es ihr jedoch auch auf einmal klar vor die Seele: die Spitze des Felſens ſelbſt, dieſer bereits ſchon durch eine frühere Liebesſcene geweihte Platz, ſollte der Ort der Zuſammenkunft ſein? III. Band. 8 114 Nach dieſer vorher durchaus gar nicht erwarteten Entdeckung verblieb die Jüdin keinen Augenblick länger auf der Felsplatte, denn das hätte zu einer vorzeitigen Begegnung mit Käthchen geführt, und ihr war Alles daran gelegen, die Zuſammenkunft mit Herbert zu be⸗ lauſchen und dann zu ſtören. Gerade wo die Schlucht dicht an die Felsplatte führte, befand ſich auf der einen Seite eine offne Felsſpalte. Ihr Grund war nur wenige Fuß niedriger als die Fels⸗ platte und war dicht mit immergrünen Büſchen beſetzt, deren Spitzen in gleicher Höhe mit der Felsplatte waren. Judith hatte längſt dieſes bequeme Verſteck gekannt, und wollte es jetzt benutzen, um ungeſehen die Zuſam⸗ menkunft der beiden Liebenden zu belauſchen. In dieſe Felsſpalte eilte ſie deshalb, noch bevor Käthchens Auge ſie erreichen konnte, verbarg ſich hier hinter den Ge⸗ büſchen und erwartete nun das Hinaufſteigen ihrer Ne⸗ benbuhlerin auf die Felsplatte. Bei dem wildtobenden Aufruhre aller ihrer Gefühle vermochte ſie durchaus nicht mehr ruhig zu überlegen. Der Verdacht von Herberts Treuloſigkeit, und es ſtand gar nicht zu leugnen, daß der junge Mann ihr Auf⸗ merkſamkeiten bewieſen hatte, die nach ihrer Anſicht keiner Mißdeutung fähig waren, und deren Mißdeutung er auch bewußt und willig zugelaſſen hatte, der Verdacht ſeiner offenbaren Hinterliſt war ihr jetzt zur vollendeten Gewißheit geworden. Denn über die Zuſammenkunft zwiſchen ihm und ſeiner Couſine konnte jetzt doch auch. nicht mehr der geringſte Zweifel obwalten, ſo mindeſtens glaubte die von ihrer Leidenſchaft vollkommen verblendete Judith mit voller Gewißheit. 115 Käthchen war ſchon da und Herbert würde bald nachfolgen. Sonderbar erſchien es freilich, daß er nicht bereits da war, doch war auch dies von keiner großen Bedeutung. Weit mochte er jedenfalls nicht mehr ent⸗ fernt und deshalb gewiß zur rechten Zeit zur Stelle ſein, um ſeine Geliebte einzuholen, bevor ſie noch die eigentliche Spitze des Berges erreicht hatte. Das waren jetzt ungefähr Judiths Erwägungen. Sie horchte daher aufmerkſam und begierig auf Her⸗ berts Stimme und glaubte jeden Augenblick ſie zu ver⸗ nehmen. Sie warf ſpähende ſcharfe Blicke die Schlucht hinab in dem feſten Glauben, ſie würde ihn ſofort in glühendſter Leidenſchaft hinter ſeiner Couſine nachfolgen ſehen, ärgerlich darüber, daß er nicht zuerſt dageweſen war. Einundzwanzigſtes Kapitel. Eine böſe Abſicht vereitelt. Judith wußte bis jetzt eigentlich ſelbſt nicht recht, was ſie in ihrem Verſtecke thun wolle. Sicher beab⸗ ſichtigte ſie nach den Umſtänden zu handeln, und nur über eins war ſie zu einem beſtimmten Entſchluſſe ge⸗ kommen, ſie wollte Beide unbehindert auf den Felſen gehen laſſen und ſich dann erſt ſpäter zeigen. So lange wie irgend möglich wollte ſie ihre Sehnſucht nach Rache unterdrücken; ſie wollte ſie ruhig zuſammen⸗ kommen laſſen, wollte unbemerkter Zeuge ihrer gegen⸗ ſeitigen Zärtlichkeiten ſein und ſich von Allem verge⸗ 8* 116 wiſſern. Aber dann wollte ſie plötzlich hervorbrechen und ſie mit Anklagen und Vorwürfen überſchütten. Das waren ungefähr ihre Abſichten, als ſie ſich in das Verſteck begab. Die junge, die unmittelbare Nähe ihrer heimtückiſchen Nebenbuhlerin durchaus nicht ahnende Kreolin ſtieg die Schlucht hinauf und ging dicht an der Stelle vorüber, wo dieſe verborgen war. Mit leichtem Fuße ſtieg ſie auf die Felsplatte und ging ſofort nach dem entgegen⸗ geſetzten Rande derſelben, gerade auf dieſelbe nun von den ſüßeſten Erinnerungen geheiligte Stelle, wo ſie wäh⸗ rend der Sonnenfinſterniß geſtanden hatte ⸗ Das über ihren Kopf gebundene Tuch band ſie jetzt los und hielt es vor die Augen, um dieſe vor den Strahlen der Sonne zu ſchützen. So ſtand ſie einige Zeit lautlos und ſchweigend und ſchaute in's Thal hin⸗ unter, nicht dahin, wo das Haus ihres Vaters, ſondern dorthin, wo ein wohl noch theurerer Verwandter ſein mußte. Das war der Judenhof, der, obwohl eigentlich düſter und unfreundlich ausſehend, ihren Augen doch im ſchönſten Glanze erſchien, denn er leuchtete ja von der Liebe zu Herbert umfloſſen. Was hätte ſie nicht darum gegeben, um in dieſem Lichte für immer leben zu können? Was, wenn ſie die Begünſtigte ſein könnte, die ſich jetzt darin ſonnte? „O, könnte ich ihn doch nur noch einmal wiederſehen,“ ſprach ſie leiſe für ſich,„nur noch ein einziges Mal, bevor jene Zeit gekommen, wo ich ihn nie wieder treffen darf, denn dann würde der Gedanke hieran ſchon ein Verbrechen ſein. O wenn ich ihn noch einmal ſehen, noch einmal mit ihm reden könnte, ich wollte ihm Alles 4 3 — —,— 117 ſagen. Wenn er mich auch nicht lieben kann, ſo wird er mich doch bedauern müſſen, und ſelbſt das würde mich erleichtern, mir gut thun, wenn es meinen Gram auch nicht eigentlich zu heilen vermöchte. O, warum ſah er mich hier nur ſo an, hier auf dieſer Stelle, mit ſolchen Blicken, die ich nie vergeſſen kann? Noch vermag ich ſie zu ſehen, ſeine Augen waren auf meine gerichtet und ſeine Blicke drangen tief in mein Innerſtes und ſagten mir, daß in unſeren beiden Seelen etwas vor⸗ ginge, etwas, das nie zu vergeſſen und nie wieder aus⸗ zutilgen ſei. O Herbert, warum ſaheſt du mich ſo an? War denn Alles etwa nur ein flüchtiges Traumbild, das vorüberzog? O nein, o nein! Nimmermehr! Ach Herbert! Herbert!“ Die letzten Worte ſprach die junge Kreolin im ſtür⸗ miſchen Drange ihres Herzens faſt laut aus. Freilich wurde nur der Name von Judith Jeſſuron verſtanden, aber er machte einen fürchterlichen Eindruck auf ſie und durchbohrte ihr Herz wie ein vergifteter Pfeil. Hatte ſie bisher noch irgend Zweifel über Käthchens Herkommen gehegt, dieſer Ausruf hatte ſie alle gänzlich beſeitigt. Jetzt hatte die Kreolin ſelbſt Alles mit eigenen Worten eingeſtanden! In dieſem Augenblicke faßte ein gräßlicher ſchauder⸗ hafter Gedanke die von der fürchterlichſten Eiferſucht faſt bis zum Wahnſinn getriebene Seele der Jüdin. Ein Gedanke erfüllte ſie, ein Anſchlag, der wahrhaft der Hölle zu entſtammen ſchien. Er beabſichtete nichts Geringeres als die vollſtändige Vernichtung ihrer Neben⸗ buhlerin, den Tod Käthchen Vaughans. 118 Umſtände und Gelegenheit waren dieſem Anſchlage offenbar günſtig und hatten auch den Gedanken hervor⸗ gerufen. Die junge Kreolin ſtand dicht am Abhange des auf dieſer Seite hohen und ſteilen Felſens, kaum drei Fuß vom eigentlichen Rande entfernt. So konnte ein leichter Stoß von hinten ſie in den Abgrund ſtürzen. Auch war kaum eine Gefahr bei der Ausführung dieſes Verbrechens. Die Gebüſche unten am Abgrunde hätten den Leichnam lange Zeit verborgen gehalten, und wenn er dann gefunden wurde, was mußte die Erklärung der Todtenbeſchauer ſein? was anders als Selbſtmord? Sämmtliche Umſtände würden eine ſolche Annahme begünſtigt haben, ſelbſt der eigene Vater würde leicht an einen Selbſtmord, als an die Folge ſeines Zwanges zu einer Heirath gegen ihren Willen, geglaubt haben. Und hatte ſie ſich nicht ganz geheim und verſtohlen aus dem Hauſe fortgeſchlichen, indem ſie gerade eine Gelegen⸗ heit wahrnahm, wo ſie von Niemanden beobachtet war? Noch andere Umſtände waren dem Unentdecktbleiben einer ſolchen That entſchieden günſtig. Niemand ſchien zu wiſſen, daß Kälhchen auf den Jumbéfelſen gegangen, und auch Niemand konnte vermuthen, daß ſie, Judith, ſelbſt da ſei, denn auf ihrem Wege war ſie von Niemand geſehen worden. So konnte kein Zeuge bei der That ſein. Wohl mochte ihre Geſtalt unten vom Thale aus wahrgenommen werden können, allein zuvörderſt war die Entfernung viel zu groß, um den ganzen Verlauf der Begebenheit überhaupt mit hinreichender Sicherheit erkennen zu laſſen, und dann wäre es noch ein ganz unwahrſcheinlicher, durchaus nicht anzunehmender Zufall⸗ geweſen, wenn — 119 irgend Jemand gerade in dem beſonderen Augenblicke nach der Spitze des Berges hinauf geſehen hätte, denn um dieſe Tageszeit waren die ſchwarzen Arbeiter auf den Feldern viel zu ſehr beſchäftigt, als daß man ihnen erlaubt hätte, müßig nach dem Jumbéfelſen hinauf zu ſtarren. Solche Erwägungen zogen mit größter Schnelle durch den Geiſt der auf Mord ſinnenden Jüdin, und jede derſelben beſtärkte ſie nur in ihrem entſetzlichen Vorhaben und drängte ſie mit Macht zur unverzüglichen Ausführung hin. Ihre außerordentliche Eiferſucht war längſt eine ſtarke, alle andere Gefühle überwältigende Leidenſchaft geworden, der ſich ihre ganze Seele unterworfen hatte. Schon längſt hatte dieſe nach Rache geglüht, und nun jetzt, da die Gelegenheit, ſie zu befriedigen, ſo außer⸗ ordentlich günſtig war, vermochte ſie ihr nicht zu wider⸗ ſtehen. Das hölliſche Gelüſte nach Rache ward allge⸗ waltig und unbeſiegbar. Judith warf einen Blick die Schlucht hinunter, um ſich zu verſichern, daß Niemand da herauf komme, einen andern auf Käthchen, ob ſie das Geſicht noch von ihr abgekehrt habe, und dann ſchlich ſie leiſe aus den Ge⸗ büſchen heraus und klomm behende auf den Felſen. Schweigend wie eine Tigerin, die ſich ihrer Beute naht, ſchlüpfte ſie über die Felſenplatte nach der Stelle hin, wo das unſchuldige Opfer ihrer wüthenden Eifer⸗ ſucht, unbewußt der ihr ſo nahen und ſo drohenden Gefahr, in ſich verſunken ſtand. Gab es denn in dieſem Augenblicke gar keine Stimme der Warnung? 8 120 In der That war eine ſolche vorhanden, und zwar die des jetzt wahrhaft, ohne daß er es ahnte, wie ein Schutzgeiſt herbeieilenden Smythje. „Ahah, theures Käthchen! Da ſünd Sü oben auf döm Felſen? Auf Oehre, bün ich hinter ihnen herge⸗ rannt! O, mir geht der Athem ganz aus, auf Oehre.“ Judith hörte die Stimme und wollte ſich jetzt wieder unbemerkt in ihr Verſteck zurückſchleichen, als Käthchen ſich etwas umwandte und ſie auf dieſe Weiſe zwang, auf dem Platze zu verbleiben. Mit Gedankenſchnelle hatte die Jüdin ihre auf den Mord der Nebenbuhlerin gerichtete Haltung geändert, und als die Kreolin ſie zuerſt erblickte, ſtand ſie bereits mit nachläſſig herab⸗ hängenden Armen, ganz in der Stellung, als wäre ſie eben erſt oben auf dem Felſen angelangt. Käthchen ſah ſie hier mit Erſtaunen und auch nicht ganz ohne Furcht, denn der wilde Blick aus den rollenden, funkelnden Augen der getäuſchten und ſo unerwartet in ihren verbrecheriſchen Abſichten geſtörten Mörderin mußte von ihr durchaus bemerkt werden. Bevor eine von den Beiden ein Wort hervorzubringen vermochte, wurde Smythjes Stimme abermals von unten heraufſchallend vernommen. „Liebes Herz, ich komme ſchon! Gleich werde ich oben bei Ihnen ſein,“ fuhr er fort, während ſeine ſtets aus einer andern Gegend herkommende Stimme anzeigte, daß er jetzt um den Felſen herum nach der eigentlichen Engſchlucht hingehe. „ Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein Vaughan,“ ſagte die Jüdin mit einer raſchen Verbeugung und einem ſtrengen, vornehm thuenden Blick auf Käthchen;„ich A³ 121 bitte Sie in der That ſehr um Verzeihung. Es iſt dies nun ſchon das zweite Mal, daß ich mich bei Ihnen hier auf dieſem prächtigen Platze eindränge! Ich verſichere Sie, ich bin durchaus wirklich nur ganz zufällig hier, und um Ihnen zu zeigen, daß ich nicht die Abſicht habe, zu ſtören, will ich Ihnen einen guten Morgen wünſchen!“ Mit dieſen Worten wandte ſich die Tochter Jakob Jeſſurons und war von der Felsplatte verſchwunden, bevor Käthchen noch Worte finden konnte, um ihr Er⸗ ſtaunen oder ihren gerechten Unwillen auszudrücken. „Boim Jupiter!“ keuchte Smythje, athemlos die Felsplatte erreichend.„Hatten Sie Geſellſchaft hier? Gewiß habe ich Jemand aus der Schlucht herauskommen ſehen und noch dazu eine Dame im Roitkleide.“ „Fräulein Jeſſuron iſt hier geweſen!“ „Ah, Fräulein Jeſſuron, die bemerkenswerthe junge Dame, die ſich jetzt verheirathen ſoll mit ihrem Vetter, wird geſagt! Boim Jupiter, ſie wird eine prächtige Frau für ihn abgeben, wenn ſie nur nicht zu viel ihren eigenen Weg gehen will! Ha, ha, ha! was meinen Sie davon, theures Käthchen?“ „Ich habe gar keine Meinung darüber, Herr Smythje. Bitte, laſſen Sie uns nach Hauſe zurückkehren.“ Smythje mochte doch wohl den ängſtlichen Ton, mit dem dieſe Bitte ausgeſprochen wurde, bemerken, ohne den eigentlichen Grund deſſelben zu begreifen. „Ganz wohl, ich bin bereit, zurückzukehren. Aber, Käthchen, wie ſonderbar Sie doch ſind, Sie haben mir einen kleinen Streich ſpielen wollen, nicht wahr? Ha, ha, ha! Nun das iſt ganz ſpaßhaft. Aber ich hatte Ihr weißes Kopftuch zwiſchen den grünen Bäumen ge⸗ 122 ſehen und das leitete mich hier hinauf zu ihrem Ver⸗ ſtecke. Ha, ha, ha!“ Schwerlich ahnte Smythje, wie nahe ſeine Braut einem höchſt verhängnißvollen Geſchicke geweſen, und eben ſo wenig ahnte Käthchen, daß Smythje ihr Retter war! Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Cynthias Bericht. Cynthia zögerte nicht lange, der Aufforderung des Juden zu entſprechen, denn dieſer übte einen Einfluß auf ſie aus, der, wenn er auch nicht ſo bedeutend und ſo geheimnißvoll war wie der des Myalmannes, ſich doch auf etwas ſehr Weſentliches in der ganzen Welt Verbreitetes gründete, auf die Macht des Geldes. Die Mulattin war ſehr nach Geld begierig, wie leider faſt Jedermann in unſerem vorzüglich nach Sinnengenuß und Ueberfeinerung ſtrebenden Zeitalter. Geld allein gewährte Cynthia die Mittel, das ausgelaſſene Leben, an das ſie gewöhnt war, fortſetzen zu können, und ſo liebte ſie dies über alle Maßen. Deshalb ging ſie auch ſo bald wie irgend möglich nach dem Judenhofe und fand die Gelegenheit abzu⸗ kommen um ſo leichter, da ihr Herr abweſend war. Doch wäre er auch wirklich zu Hauſe geweſen, ſo hätte ſie wohl nur geringe Schwierigkeit gehabt, einen Vor⸗ wand zum Ausgehen aufzufinden, oder vielmehr wäre ſie ohne allen Vorwand davongegangen. 123 In jener Zeit nämlich, in welcher dieſe Geſchichte ſich zutrug, hatte die Sclaverei auf den weſtindiſchen Inſeln, ganz beſonders aber auf Jamaica, eine große Veränderung erfahren. Die beredten Stimmen eines Wilberforce wie eines Clarkeſon waren bereits bis in die entlegenſten Winkel der Inſel Jamaica gedrungen, und die Neger auf den Pflanzungen horchten aufmerkſam auf die erſten Ankün⸗ digungen der künftigen Emancipation. Der Sclaven⸗ handel war geächtet und man erwartete allgemein, daß die Sclaverei alsbald ebenfalls für geächtet erklärt würde. Durch dieſe Ausſicht waren die ſchwarzen Leibeigenen kühner geworden, und die gänzlich regungsloſe Unter⸗ werfung unter den unbeſchränkten Willen des Herrn oder unter die grauſame Peitſche des Aufſehers, wie ſolche ehemals beſtand, war durchaus nicht mehr vor⸗ handen. Daher war es auch für Sclaven keineswegs ſo ungewöhnlich, Urlaub ohne vorherige Erlaubniß zu nehmen, oftmals mehrere Tage lang abweſend zu ſein und dann ohne Furcht vor Strafe zurückzukehren, ja manchmal vielleicht ſogar ganz fortzubleiben. Aufſtände waren auf den Pflanzungen nicht ungewöhnlich geworden und meiſtens endeten ſie mit Brandſtiftung wie mit blutigen Auftritten. Mehr als ein Haufen von Aus⸗ reißern hatte ſich in den entfernteren Gebirgen feſtgeſetzt, wo ſie allen Behörden zum Trotz und ungeachtet der das Fortlaufen hindernden Polizei, die von den Maronen etwas nachläſſig ausgeübt wurde, ihre volle wenn auch höchſt rohe, ſich größtentheils auf Stehlen und Rauben ſtützende Unabhängigkeit fortwährend behaupteten. Dieſe ſchwarzen Ausreißer ſpielten in der That jetzt eine nicht 3 124 unbedeutende Rolle und waren faſt ganz das, was in früheren Zeiten die urſprünglichen Maronen geweſen waren, die nun aber, wie ſchon bereits erwähnt, nach dem ſchlauen wenn auch ſchädlichen Grundſatze,„einen Dieb anzuſtellen um einen Dieb zu fangen,“ die Polizei zur Entdeckung und Wiedereinbringung fortgelaufener Neger auf der Inſel bildeten. Bei ſolchen gelockerten Verhältniſſen der Sclaverei kümmerte ſich ein keckes Frauenzimmer wie Cynthia gar nicht darum, Erlaubniß zum Fortgehen zu verlangen, ſondern nahm dieſe bei paſſender Gelegenheit nach eigenem Gutdünken und Belieben. Deshalb wanderte ſie auch bereits zu einer noch ziemlich frühen Tageszeit, faſt bald nachdem der blaue Fritz bei ihr geweſen war, nach dem Judenhofe hin. Obwohl ſie dem Jakob Jeſſuron nicht die geringſte Auskunft über den Aufenthalt und die Abſichten des ſo räthſelhaft verſchwundenen Buchhalters zu geben ver⸗ mochte, ſo waren ihre Ausſagen dennoch vom höchſten Intereſſe für ihn, da ſie ihm ſehr befriedigende Nach⸗ richten geben konnte. Freilich hatte er ſchon vom blauen Fritz erfahren, der Cuſtos habe die beabſichtigte Reiſe wirklich angetreten, indeß von Cynthia erhielt der Jude nun die ganz be⸗ ſtimmte und verbürgte Nachricht, daß er vor dem Beginne der Reiſe noch den Zaubertrank in dem beim Abſchiede getrunkenen Glaſe„Swizzle“ zu ſich genommen hatte. Dieſe Nachricht war ihm um ſo angenehmer, als er den Erfolgen ſeiner ſpaniſchen Abgeſandten immerhin etwas mißtraute. Wenn nun aber der Zauber ſo raſch wirkte, wie Chakra es verſichert hatte, ſo würde dies den Ban⸗ 125 diten in der Ausführung ihrer jedenfalls gefährlichen Aufgabe zuvorkommen. Noch eine andere wichtige Nachricht ward dem Juden durch Cynthia mitgetheilt. Sie hatte Chakra dieſen Morgen geſehen, gerade nachdem ihr Herr fortgereiſt war. Es war für den Fall der Abreiſe des Cuſtos bereits zuvor eine Zuſammenkunft zwiſchen ihr und dem Myalmanne verabredet worden, und dieſe hatte denſelben Morgen ſtattgefunden. Die Abſicht hierbei war, daß daß das Mulattenmädchen Chakra von allem vor der Abreiſe Vorgefallenen Nachricht geben ſolle. Cynthia wußte zwar nicht beſtimmt, daß Chakra dem Cuſtos nachgeeilt ſei, er hatte ihr von einer ſolchen Abſicht nicht das Geringſte geſagt, allein ſie glaubte dies ſicher. Er hatte während des Geſpräches einige Aeuße⸗ rungen fallen laſſen, die ihr zu einer ſolchen Vermuthung Anlaß gaben, und außerdem, wie er ſie verlaſſen hatte, anſtatt nach ſeinem Schlupfwinkel im Teufelsloche zurück⸗ zukehren, den Weg in der Richtung nach Savanna ein⸗ geſchlagen. Dies war der Hauptinhalt von Cynthias Ausſagen und nachdem ſie für ihre Mittheilungen wohl belohnt worden war, kehrte ſie unverweilt nach Willkommenberg zurück. Jakob Jeſſuron war indeß durch Cynthias Berichte keineswegs gänzlich beruhigt worden. Die fortdauernde Abweſenheit Herbert Vaughans blieb unerklärlich wie zuvor, und als die Zeit verging und die Nacht ohne irgend ein Anzeichen ſeiner Rückkehr immer näher rückte, ward Jeſſuron, und mit ihm die ſchöne Judith vielleicht noch im höheren Maße, über ſein ſpurloſes Verſchwinden höchſt unruhig. Judiths Verdacht, daß Herbert irgend eine Zuſam⸗ menkunft mit ſeiner Couſine Käthchen habe, war durch das, was ſie geſehen hatte, ſo ziemlich entkräftet worden. Als ſie den Jumbéfelſen verlaſſen hatte, war ſie nicht geradewegs nach Hauſe geritten, ſondern hatte noch einige Zeit in der näheren Umgebung des Berges verweilt, um abzuwarten, ob Herbert ſich nicht zeigen würde. Allein da ſie weder ihn ſelbſt noch irgend Spuren von ihm entdeckte, ſo ſchloß ſie mit der höchſten Befriedigung, daß alle früheren Annahmen und Vorausſetzungen über ihn auf Einbildung beruht hätten und falſch geweſen ſeien, und daß gar keine Zuſammenkunft beabſichtigt worden ſei. Käthchens Erſteigung des Jumbéfelſens war allerdings ein wenig ſeltſam, aber Smythje folgte ihr, und Judith hatte den Theil ihrer Unterredung alsdann nicht gehört, der deutlich zeigte, daß ſeine Ankunft dort nur rein zufällig ſei, zufällig nämlich, da er den Ort, wohin die junge Kreolin ſich zurückgezogen hatte, mit dem ihm eigenen Scharfſinn unverzüglich entdeckt hatte. Dieſe Erwägungen beſänftigten immerhin das von der fürchterlichſten Eiferſucht aufgeſtachelte Gemüth der Jüdin, allein eigentlich doch nur in geringem Maße, denn Herberts Abweſenheit ſchien ihr fortwährend ver⸗ hängnißvoll und Unglück verkündend zu ſein, beſonders, wenn ſie ſich eines kürzlich zwiſchen ihnen geführten Geſpräches erinnerte. Irgend eine Reue über ihre ſchwarzen Abſichten auf dem Jumbéfelſen fühlte ſie durchaus gar nicht, vielmehr würde ſie dieſe ganz ſicher und unbedenklich ausgeführt 127 haben, wäre Smythje nicht gerade zu rechter Zeit dort angekommen. Die von Käthchen ſo bedeutungsvoll aus⸗ geſprochenen und von ihr belauſchten Worte hatten ihr deren Gefühle und Empfindungen hinreichend enthüllt, und wenn der, dem ſie galten, jetzt auch nicht perſönlich zugegen oder in der Nähe war, ſo konnte die Jüdin dennoch nicht mehr bezweifeln, daß er ganz allein der Gegenſtand ihres Selbſtgeſpräches geweſen ſei. Vielleicht würde ſie die That, wenn wirklich vollbracht, in irgend einer Weiſe bereut haben, allein die bloße Abſicht bereute ſie nicht oder machte ſich darum keine Gewiſſensbiſſe; das ließ die grenzenloſe Eiferſucht, die noch immer in ihrer Bruſt tobte, durchaus nicht zu. Judiths Rückkehr gewährte dem alten Jeſſuron keine neue Auskunft über Herberts ſpurloſes Verſchwinden, denn ſie wußte wirklich gar nichts zu erzählen, ausge⸗ nommen was zu verſchweigen ſie für klüger hielt. Der Umſtand, daß auch ſie während ihres Rittes ihn nicht aufgefunden, noch irgend eine Spur von ihm entdeckt hatte, machte ſeine Abweſenheit nur noch immer uner⸗ klärlicher und geheimnißvoller. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Allerhand Vermuthungen. Gegen Sonnenuntergang wurden die Fußſpuren noch einmal beſehen und unterſucht; Jakob Jeſſuron war ſelbſt hingegangen. Auch der erfahrene Hirte wurde 5 —— noch einmal befragt und bei dieſer Gelegenheit eine neue Thatſache oder vielmehr eigentlich nur eine neue Ver⸗ muthung an's Licht gebracht, die vorher nicht hinlänglich beobachtet worden war. An der Sohle des Schuhes nämlich, durch den die Fußſpuren gemacht worden waren, wurde eine Beſon⸗ derheit aufgefunden, die den Hirten befähigte, den zu vermuthen, der die Spur hinterlaſſen hatte. Beim Ver⸗ folgen der kleinen Fußpfade im Walde, um ſein Vieh aufzuſuchen, hatte er oft dieſelbe Fußſpur oder eine ganz gleiche bemerkt. „Wenn es dieſelbe iſt, Maſſa,“ bemerkte er bei der Beantwortung der ihm von dem Juden geſtellten Frage, „dann weiß ich, wem dieſe Fußſpur gehört, dann ſtammt ſie von dem Hauptmann der Maronen her.“ „Von düſem Cubüna?“ „Ja, das iſt der Mann, den ich meine.“ Der Jude hörte dieſer Vermuthung mit offenbarer Beſorgniß zu, die durch einen andern ihm jetzt erſt zu Ohren gekommenen Umſtand vermehrt wurde, nämlich daß Quaco, derſelbe Marone, der mit Herbert bei ſeiner erſten Ankunft auf der Judenkoppel gefangen eingebracht war, oftmals mit dieſem und augenſcheinlich in geheimer Weiſe verkehrt hatte. Der blaue Fritz hatte ſich deſſen bei dem jetzigen Vorfalle erinnert und nun erzählt. Schon früh am Morgen war des Koppelhalters Ver⸗ dacht auf Cubina hingelenkt geweſen; durch dieſe ihm bekannt gewordenen Umſtände wurde er noch verſtärkt. Jetzt fehlte zur Vervollſtändigung des Beweiſes des ganzen Thatbeſtandes nur noch ein Glied und dies konnte in der Tabackspfeife gefunden werden, die in 129 der Hängematte lag. Dieſe Pfeife war von eigenthüm⸗ licher Art, denn der Kopf war von Eiſen und das Rohr aus dem Schenkelbein eines Reihers gefertigt. Als ſie dem Hirten gezeigt wurde, erkannte dieſer dieſelbe ſofort als den„Schmöhlſtengel“ des Maronenhauptmanns. Mehr als einmal hatte er Cubina mit einer ganz gleichen im Munde geſehen. Jetzt konnte Jeſſuron durchaus nicht länger daran zweifeln, daß Cubina ſeinen Buchführer mit ſich fortge⸗ nommen hatte. Auch Judith war davon überzeugt, denn ſie hatte thätigen Antheil an der Unterſuchung genommen, die zu dieſem Ergebniſſe geführt hatte. Sie war darüber faſt erfreut, da ſie ſich viel Schlimmeres gedacht hatte. Vielleicht war der junge Engländer jetzt wirklich nur mit dem Maronen auf Beſuch gegangen, mit dem er bekannt war, wie ſie wohl wußte, da ihr alle mit deren erſtem Zuſammentreffen in Verbindung ſtehenden Um⸗ ſtände oftmals weitläufig erzählt worden waren. Eine weitere Annäherung und Freundſchaft war nach einer ſolchen eigenthümlichen erſten Bekanntſchaft gewiß ſehr natürlich, und Neugierde mochte Herbert jetzt getrieben haben, mit dem Maronen nach ſeiner Gebirgswohnung zu gehen. Dies konnte wohl hinreichend ſein, um ſeine Abweſenheit zu erklären. Freilich waren aber auch andererſeits Umſtände vor⸗ handen, die nicht ſo leicht zu erklären waren. Dahin gehörte das Erſcheinen des Maronen auf dem Hofe, ſein zweimaliges Hin⸗ und Hergehen und dann das plötzliche unvorbereitete Forteilen Herberts, ohne irgend Jemand, weder ihr noch ihrem Vater, etwas davon zu ſagen. Unbedingt waren dieſe Umſtände höchſt verdächtig, und 9 III. Band. wenn ſie dieſe gehörig überlegte, ſo erwachten bei Judith dennoch immer wieder auf's Neue die alten Gedanken der Eiferſucht. Auf ihren Vater hatten die neuen Entdeckungen aber einen ganz andern Eindruck gemacht. Er war durchaus nicht damit zufrieden, daß ſein Buchhalter in Geſellſchaft des Maronenhauptmanns war, denn er erinnerte ſich jetzt, wie beſtimmt und ſcharf Herbert ihn in Bezug auf das Schickſal des gepeitſchten und dann fortgelaufenen Afrikaners, des Fellahfürſten, befragt hatte. Er er⸗. innerte ſich auch ſeiner eigenen ausweichenden Antworten, und er ſah jetzt vorher, daß, wenn der Engländer nun mit Cubina zuſammen ſei, dieſer ihm eine ganz andere Auskunft über dieſe Angelegenheit geben würde, eine Auskunft, die auf alle Fälle die ſchlimmſten Folgen nach ſich ziehen mußte. Einmal im Beſitze ſolcher außeror⸗ dentlichen Thatſachen, würde der junge Engländer, deſſen gute moraliſche Grundſätze dem alten Juden hinlänglich bekannt geworden waren, ſchwerlich geneigt ſein, ihn zum Schwiegervater zu nehmen, und die volle Kenntniß aller der verhängnißvollen Umſtände würde ihn unbedingt ſofort aus einem Hauſe vertreiben, deſſen Gaſtfreund⸗ ſchaft er für äußerſt verdächtig halten mußte. War es möglich, daß ſolche Folgen bereits eingetreten waren? War der ganze mühſame Plan des Koppelhal⸗ ters bereits in dieſer Weiſe geſcheitert? War ſogar ein Mord, ein gefährlicher Weiſe zur Entdeckung kommender Mord ganz umſonſt begangen worden? Jakob Jeſſuron konnte nun nicht mehr bezweifeln, daß die verhängnißvolle That nicht ſchon geſchehen ſei. Entweder das Gift des Chakra oder der Stahl der — 131 Negerjäger mußte den Cuſtos erreicht haben, und ſie aufzuhalten war nicht mehr möglich. Aber wie, wann und wo war ſie geſchehen? und war ſie wirklich umſonſt geſchehen? Während des früheren Theiles der Nacht, ſowie während der Mitternachtsſtunden dachte der Jude ernſt⸗ haft hierüber nach. Er ſchlief nicht oder doch nur ab⸗ wechſelnd in kurzen Abſätzen unruhigen Schlummers auf dem Lehnſtuhle auf der offenen Veranda, gerade wie die Nacht zuvor. Indeß hielt ihn nur die Sorge wach, nicht das Gewiſſen, die Furcht vor der Zukunft, keines⸗ wegs Bereuen des in der Vergangenheit Geſ ſchehenen. Nach Mitternacht, bereits gegen Morgen, drängte ſich ihm unwiderſtehlich ein Gedanke auf, der ihn nun ganz erfüllte und ſeine ganze Thätigkeit in Anſpruch nahm. Mußte um dieſe Zeit nicht Chakra aller Wahrſcheinlichkeit nach wieder zu Hauſe ſein und konnte in ſeinem Zufluchts⸗ orte im Teufelsloche wieder zu treffen ſeine ser Jeſſuron wußte nicht, warum Chakra dem Cuſtos gefolgt ſei, konnte nur den Grund vermuthen. Fürch⸗ tete er vielleicht, daß ſein Zauber doch nicht ganz ge⸗ nügend ſei und hoffte nun etwa eine Gelegenheit zu finden, ihn noch zu verſtärken? Oder wünſchte er gar, bei dem Tode des Cuſtos zugegen zu ſein, um über die endliche Vernichtung ſeines gehaßten Feindes zu froh⸗ locken und ſich an ſeinen körperlichen Schmerzen zu weiden? Da der Jude alle die zwiſchen den Beiden ſeit alter Zeit beſtehenden Verhältniſſe, ihren gegenſeitigen Groll, ſo wie Chakras mörderiſche Rachepläne vollkommen kannte, ſo ſchien ihm die letzte Annahme durchaus gar nicht unwahrſcheinlich. Sie war auch wirklich die richtige, 9* 7 * 5 5 obwohl Jeſſuron ebenfalls noch an etwas Anderes dachte, daran, daß der Myalmann ſeinem Opfer nachgefolgt ſei, um es auszuplündern. Um ſich indeß auf alle Fälle darüber ſicher zu ſtellen, ob Chakra ſeinen Hauptzweck, die Ermordung des Cuſtos, wirklich erreicht habe, erhob ſich der Jude aus dem Lehnſtuhle, zog ſich zu einer nächtlichen Wanderung an und ging in der Richtung des Teufelsloches fort. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ber kranke Reiſende. Nachdem er das Gebiet ſeiner eigenen Pflanzung durchritten und einige Zeit auf einem als der Carrion⸗ weg bekannten Nebenwege geblieben war, gelangte Herr Vaughan zuletzt auf die große Heerſtraße, die von Montegobay an der nördlichen Seite der Inſel nach Savanna⸗la⸗Mer an der ſüdlichen führt. Auf dieſer Straße ſetzte er ſeine Reiſe ſüdwärts fort, da Savanna⸗la⸗Mer der Ort war, wohin er die Reiſe zu Pferde zu machen beabſichtigte, denn von dort konnte er zur See nach dem Hafen von Kingſton oder nach dem„Alten Hafen“, oder irgend einem andern Hafen gelangen, der mit der Hauptſtadt in naher Ver⸗ bindung ſtand. Der gewöhnlichere Weg zu Lande für Reiſende aus der Nachbarſchaft von Montegobay nach Spaniſchſtadt iſt der nördliche nach dem Hafen Falmouth und von da 133 über Sanct Anna quer über die Inſel. Zuweilen wird auch wohl die ſüdliche Straße über Lacovia und die Gemeinde St. Eliſabeth benutzt, ohne nach dem Hafen von Savanna zu gehen. Allein Herr Vaughan zog die bequemere Reiſe vor; er beabſichtigte nicht, die ganze Reiſe zu Pferde zu machen, ſondern theilweiſe zu Schiff. Er wußte, daß beſtändig Küſtenſchiffe von Savanna nach allen Häfen der ſüdlichen Seite hingingen und glaubte, dort ohne alle Schwierigkeit eine Ueberfahrt nach Kingſton finden zu können. Dies war ein Grund, warum er nach dem Seehafen von Savanna wollte. Außerdem hatte er aber noch einen anderen wichti⸗ geren Beweggrund, die Reiſe gerade über dieſen Ort zu machen. Savanna⸗la⸗Mer war, wie bereits erwähnt worden iſt, die Aſſiſenſtadt, der Sitz des Schwurgerich⸗ tes des weſtlichen Bezirkes der Inſel, der den Namen einer Grafſchaft Cornwall trägt und fünf große Ge⸗ meinden, St. James, Hanover, Weſtmoreland, Trelaw⸗ ney und St. Eliſabeth, und folglich auch die Stadt von Montegobay, umfaßt. Vor dem Schwurgericht in Sa⸗ vanna mußten deshalb alle wichtigeren Klagen ange⸗ bracht werden, die einen vollſtändig beſetzten Gerichtshof erforderten. Eine ſolche war aber jedenfalls die Klage, welche Herr Vaughan jetzt gegen den Juden einleiten wollte, denn eine heimliche Ergreifung und Beſitznahme von vierundzwanzig Sclaven war gewiß keine geringe Sache und die Anklage mußte unter allen Umſtänden mehr als einen betrügeriſchen Unterſchleif gerichtet ein. Loftus Vaughan hatte ſich noch nicht über die be⸗ ſtimmten Ausdrücke entſchieden, in denen die Klage eigentlich angebracht werden ſollte; allein in Savanna, als dem Sitz des Schwurgerichtes, gab es auch viele Rechtskundige, bei denen er ſich Rath holen konnte. Dies war der Hauptgrund, daß der Cuſtos ſeine Reiſe nach Spaniſchſtadt über Savanna-la⸗Mer machte. Zu einer ſolchen kurzen Reiſe, die in einem Tage voll⸗ endet werden konnte, war ein einziger Diener aus⸗ reichend. Hätte der Cuſtos aber den Landweg nach der Hauptſtadt gewählt, dann freilich wäre dies anders geweſen; dann hätte, den Sitten der Inſel zufolge, ein Haufen Pferde mit zahlreichen Dienern den großen Cuſtos begleiten müſſen. * ** Der Tag wurde einer der heißeſten, die bisher da⸗ geweſen waren, vorzüglich in den Nachmittagsſtunden, und die brennenden Sonnenſtrahlen, die den weißen kreidigen Landweg, über den der Reiſende reiten mußte, mit außerordentlicher Gluth erfüllten, machten die Reiſe nicht bloß höchſt unangenehm, ſondern wahrhaft müh⸗ ſam und beſchwerlich. Der Cuſtos, der ſich ſchon bei der Abreiſe keines⸗ V wegs ganz wohl gefühlt hatte, war von Stunde zu Stun de immer kränker geworden. Ungeachtet der be⸗ deutenden Sonnenhitze war er zwei Mal von einem ſtarken mit innerem Schauder verbundenen Froſte er⸗ griffen worden, dem jedes Mal eine heftige Fieberhitze nachfolgte, die von einem brennenden nicht zu löſchen⸗ den Durſt begleitet war. Mit dieſen Fieberanfällen waren bitterer Geſchmack, Uebelkeit, wirkliches Erbrechen und innere arge Krämpfe verbunden. rini 135 Längſt vor Anbruch der Nacht hätte der Reiſende deshalb wohl ſchon angehalten, hätte er nur irgend ein für ſeine Aufnahme geeignetes Haus aufzufinden ver⸗ mocht. Früh am Tage war er durch mehr angebaute Gegenden gekommen, wo zahlreiche Pflanzungen vorhan⸗ den waren, doch da war er noch nicht ſo krank geweſen und hatte nicht anhalten wollen, ſondern hatte ſich nur an einigen Plätzen ein wenig aufgehalten, um zu trin⸗ ken zu bekommen und die von ſeinem Diener geführte Feldflaſche wieder mit friſchem Waſſer füllen zu laſſen. Es war ſchon ſpät am Nachmittage, als die An⸗ zeichen ſeiner Krankheit auf's Höchſte bedenklich wurden, und da befand er ſich gerade in einem nur ſehr wenig bewohnten Landestheile, einer wilden Gegend der Ge⸗ meinde Weſtmoreland, wo meilenweit an der Landſtraße kein Haus anzutreffen war. Ueber dieſen Landſtrich hinaus konnte er nicht weit von der großen Heerſtraße abſeits die große Zucker⸗ plantage Content treffen. Dort konnte er ſich eine vor⸗ treffliche Aufnahme verſprechen, da der Eigenthümer dieſer Pflanzung, auch ſonſt wegen ſeiner freigebigen Gaſtfreundſchaft bekannt, ſein perſönlicher Freund war. Schon beim Ausreiten war es die Abſicht des Rei⸗ ſenden geweſen, ſeine Reiſe für den erſten Tag nur bis Content auszudehnen. Im Verlangen, dieſe Abſicht auszuführen, war er raſcher geritten, obwohl die außer⸗ ordentliche Schwäche, die ſeinen ganzen Körper ergriffen, das Reiten höchſt angreifend und peinvoll machte. So angreifend und alle ſeine Kräfte erſchöpfend wurde es zuletzt, daß er von Zeit zu Zeit genöthigt wurde, ſein Pferd anzuhalten und ruhig auf demſelben zu ſitzen, 136 bis ſeine Nerven zu neuer Anſtrengung friſch gekräftigt waren. Bei ſolchen Verzögerungen wollte die Sonne bald untergehen, als er Content zu Geſicht bekam. Zuerſt erblickte er es von einem Berge aus, auf deſſen Gipfel er gerade anlangte, als die Sonne in die Karaibiſche See über dem fernen Vorgebirge Point Negrie hinab⸗ ſank. In dem breiten ſich vor ihm ausdehnenden und mit dem Purpurnebel des Abendrothes erfüllten Thale vermochte er das von ausgedehnten Zuckerwerken und maleriſch vertheilten Negerhütten umgebene Haus des Pflanzers zu gewahren. So nah ſchien es zu ſein, daß er das Geräuſch bei der Arbeit, wie den Geſang mun⸗ terer Stimmen, von der ſanften Abendluft getragen, deutlich hören konnte, und daß er ſogar die Geſtalten der Männer und Frauen zu unterſcheiden vermochte, die ſich in hellfarbenen Kleidern zerſtreut in der Gegend der Plantage umherbewegten. Der Cuſtos blickte auf alles dies mit verwirrten und ſchwindelnden Augen, und die Töne drangen ver⸗ worren an ſeine halb betäubten Ohren. Wie der Schiff⸗ brüchige, der das Land vor ſich ſieht, aber ohne Hoff⸗ nung, es je erreichen zu können, ſo ſchaute Loftus Vaughan auf das vor ihm liegende Thal von Content. Denn jede Möglichkeit, es noch dieſen Abend zu er⸗ reichen, war ihm abgeſchnitten, ganz ſo gut, als wenn es noch viele, viele Meilen am äußerſten entgegengeſetz⸗ ten Ende der Inſel gelegen geweſen wäre. Er konnte nicht weiter reiten, er konnte ſich nicht länger im Sattel halten, er glitt aus ihm herunter und fiel in die Arme des herbeieilenden Dieners. 137 Dicht an der Seite des Weges und halb von Bäu⸗ men verborgen, ſtand eine kleine Hütte in einer rohen Einfriedigung, die früher einmal wohl das Häuschen und der Garten eines Negers geweſen waren. Allein die Hütte war nun verlaſſen und halb verfallen und der Garten mit allen jenen üppigen wildwachſenden Gewächſen bedeckt, die in tropiſchen Ländern ſchon ein einziger Sommer hervorzubringen vermag. In dieſe jämmerliche Hütte ward der Cuſtos nun geführt oder vielmehr getragen, denn auch zum Gehen war er bereits vollkommen unfähig. Eine Art Ruhebett von Bambus, die gewöhnliche Schlafſtelle der Neger, ſtand in einer Ecke, ein feſtes Hausgeräth, das ſelten oder nie, ſelbſt beim Verlaſſen einer ſolchen Wohnung, weggeräumt wird. Auf dies Bambusruhebett wurde der Cuſtos von ſeinem Diener hingelegt, nachdem eine Pferdedecke untergebreitet war, und dann wurde er mit ſeinem Camelotmantel zuge⸗ deckt. Auch zu trinken gab ihm noch ſein Diener, der dann auf Befehl des Kranken ſelbſt eins der Pferde beſtieg und im geſtreckten Galoppe nach Content hin⸗ ſprengte. Loftus Vaughan war jetzt allein! 1 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein gräßlicher Eindringling. Lange verblieb Loftus Vaughan nicht allein, obwohl derjenige, der jetzt die ihn umgebende Einſamkeit unter⸗ brach, von einer Beſchaffenheit war, wie ihn kein Leben⸗ der oder Sterbender an der Seite ſeines Bettes zu ſehen wünſcht. Der ſchwarze Reitknecht war fortgeritten, um Hülfe zu holen. Noch bevor der Schall der Hufſchläge ſeines eilfertig galoppirenden Pferdes durch die offenen Spal⸗ ten der armſeligen Hütte durchzudringen aufgehört hatte, fiel ſchon der dunkle Schatten einer menſchlichen Geſtalt, die dicht vor die geöffnete Thür getreten war, in den inneren engen Raum. Der auf das hölzerne Bett hingeſtreckte Kranke litt außerordentliche Schmerzen und gab ſie durch ununter⸗ brochenes ängſtliches Stöhnen kund. Dennoch bemerkte er den in den Raum hineinfallenden Schatten, und dies, zugleich mit der plötzlichen Finſterniß an der Thür, ver⸗ rieth ihm, daß draußen Jemand ſein müſſe, der im Begriffe war einzutreten. Wohl möchte man glauben, daß das Erſcheinen irgend eines lebendigen Weſens ihm gerade jetzt hätte höchſt angenehm und ein Troſt in ſeiner traurigen Ver⸗ laſſenheit ſein müſſen, und vielleicht wäre dies bei dem Auftreten eines wirklich lebenden Weſens auch der Fall geweſen; allein in jenem in die innere Hütte fal⸗ lenden Schatten erkannte oder vielmehr glaubte der Kranke die Geſtalt eines längſt todt Gehaltenen zu er⸗ kennen, die Geſtalt Chakras, des Myalmannes! 139 Der Schatten war genau bezeichnet und beſtimmt umſchrieben; die Thür der Hütte ging nach Weſten, wo die Sonne bald unterging; vor ihr ſtanden keine Bäume, nichts unterbrach die Strahlen der ſinkenden Sonne, die Alles mit röthlichem Glanze umhüllte, nichts als der dunkle Schattenriß, der die Gegenwart Chakras verrieth. Nur das Obertheil des Körpers war im Schatten zu ſehen, der Kopf, die Schultern und die Arme. Der Kopf war im Schatten von ganz ungeheuerlicher Größe, der weit geöffnete Mund zeigte eine Reihe ſchrecklicher Zähne, die Schultern verriethen einen häßlichen Höcker und die Arme waren lang und affenartig. Unbezweifelt war es entweder der Schatten des wirklichen Chakra oder auch ein Abbild ſeines in jüngſter Zeit ſo oft ge⸗ ſehenen Geiſtes! Der Kranke war zu erſchrocken, um reden zu können, zu erſtarrt, um zu denken. Es vermehrte kaum noch ſeine Angſt, als anſtatt des Schattens der Myalmann ſelbſt in ſeiner ihm eigenen ungeſtaltenen Häßlichkeit die Schwelle überſchritt und unverzüglich in die Hütte eintrat. Loftus Vaughan vermochte nun an die wirkliche Exiſtenz des Mannes, der ſich jetzt zu ſo ungelegener Zeit eindrängte, nicht länger mehr zu zweifeln. Obwohl ihm in der Fieberhitze ſchwindelig zu Muthe und obwohl ſeine Denkkraft bereits abgenommen und ſich ſchnell ge⸗ trübt, ſo war ſie doch noch klar genug, um vollkommen zu begreifen, daß die vor ihm ſtehende Geſtalt kein Er⸗ zeugniß der Einbildungskraft, daß ſie kein Geiſt aus einer andern, ſondern aus dieſer Welt, aber daß ſie dennoch ſo verrucht und ſchauerlich, wie nur eine unter den Söhnen der Finſterniß zu finden ſei. Vor Chakras Geiſt hatte er demnach keine Furcht mehr, denn es war unbezweifelt Chakra ſelbſt von Fleiſch und Blut, den er vor ſich ſah, eine für ihn noch fürchterlichere Erſcheinung. Der laute Angſtſchrei, den Loftus Vaughan bei dem Anblicke Chakras ausſtieß, gab von ſeinem Schrecken und Entſetzen Kunde. Dabei machte er eine Anſtren⸗ gung, aufzuſtehen, als beabſichtige er aus der Hütte zu entfliehen; allein von ſeiner Schwäche überwältigt und auch einem Drohblicke des Myalmannes nachgebend, der ihm klar ankündete, daß jede Flucht unnütz und unmöglich ſei, ſank er erſchöpft und von Verzweiflung gelähmt auf das Bambusruhebett zurück. „Ha!“ rief Chakra aus, als er ſich zwiſchen den Sterbenden und die Thür hinſtellte.„Jetzt iſt keine Flucht mehr möglich. Wenn Ihr auch von hier fort⸗ gehen könntet, weit würdet Ihr nicht kommen. Noch ehe Ihr hundert Schritte weit ſeid, fallt Ihr nieder auf Eurem Wege. Es hilft Euch jetzt Alles nichts mehr, Ihr alter Narr! Humm!“ Ein anderer Angſtſchrei war die einzige Antwort, die der ſchwache Mann zu geben vermochte. „Ha, ha, ha!“ brüllte Chakra in wilder Wuth und zeigte ſeine Haifiſchzähne bei einem hölliſchen Gelächter. „Ha, ha, ha! Schr ineur, Cuſtos Vaughan! ſchrei nur, bis Dir der Athem ausgeht. Chakra ſagt Dir, es hilft nichts mehr! Der Todtenzauber hat Dich gefaßt, und noch ehe die Sonne gänzlich niederſinkt, wirſt Du hin⸗ gehen in die andere Welt, wo die beiden anderen Rich⸗ 141 ter ſchon ſind und wo der ſtolzeſte weiße Buckra nicht beſſer iſt als ein armer ſchwarzer Mann! Die beiden Anderen ſind Dir vorausgegangen, Beide durch den Todtenzauber. Chakra iſt es, der ihn Dir auch gebracht hat! Du biſt der Letzte, weil Du der große Cuſtos biſt und weil man ſein beſtes Opfer bis zuletzt aufſpart. Aber ſterben mußt Du nun doch.“ „Erbarmen! Erbarmen!“ flehte der Sterbende „Ha, ha, ha!“ antwortete Chakra höhniſch.„Was Erbarmen? Was ſchreiſt Du um Erbarmen? Haſt Du Erbarmen gehabt mit dem Myalmanne, als Du ihn haſt an den Palmbaum ketten laſſen. Du haſt da⸗ mals kein Erbarmen gehabt, Chakra hat nun auch keins! Du mußt ſterben!“ „O Chakra! guter, lieber Chakra!“ rief der Cuſtos, indem er ſich etwas auf ſeinem Lager erhob und flehent⸗ lich ſeine Arme ausſtreckte.„Rette mich! rette mein Leben! und ich will Dir geben, was Du nur wünſcheſt, Deine Freiheit— Geld—“ „Ha!“ unterbrach ihn Chakra mit freudigem Froh⸗ locken.„Gieb mir die Freiheit, willſt Du? Gieb ſie mir ſogleich! Dein Geld brauche ich nicht, ich habe Geld genug, bekomme genug für den Liebeszauber und den Todtenzauber! Humm! Das Einzige, was Du haſt und was Chakra haben möchte, kannſt Du ihm nicht geben. Das nimmt ſich Chakra ſelbſt.“ „Was?“ fragte der Sterbende mechaniſch und heftete die ſtarren Augen in zitternder Angſt auf die ſchreck⸗ lichen Züge des in wahnſinniger Wuth raſenden Chakra. „Die kleine Quasheba!“ rief das Ungeheuer mit lauter Stimme und lachte gräßlich dazu.„Die kleine — „“‧rͤ Quasheba!“ wiederholte er, als wolle er ſich noch ein⸗ mal an dem entſetzlichen Eindrucke weiden, den ſeine Worte hervorbrachten.„Die Tochter der Quadrone! Das iſt nur in Ordnung, Cuſtos,“ fuhr er höhniſch fort.„Du hatteſt die Mutter, das heißt nach dem Maronen. Das weißt Du ja doch? Nun kommt die Reihe an mich; Du mußt nun ſterben und Chakra er⸗ hält die Tochter! Das iſt ſo ganz in der Ordnung! Ha, ha, ha!“. „Humm!“ rief er dann, den Ton ſeiner Stimme ändernd, aus, und beugte ſich über die platt auf dem Ruhebett liegende Geſtalt des Cuſtos.„Humm! Ich glaube wirklich, der Cuſtos iſt todt!“ Er war in der That todt. Als er den Namen„Kleine Quasheba“ zugleich mit einer ſo ſchrecklichen Drohung gehört, entwand ſich ſei⸗ nem Munde ein wilder herzzerreißender Angſtſchrei. Der war das letzte Lebenszeichen. So wie er ihn aus⸗ geſtoßen hatte, war er bewußtlos auf das Bambusruhe⸗ bett zurückgeſunken und hatte ſich mechaniſch den Mantel über das Geſicht gezogen, als wollte er ſich einem zu gräßlichen Anblicke entziehen. Während der Myalmann ſich über ihn beugte, ihn anſtierte und gern ſeine Qua⸗ len verlängert hätte, hatte das Gift, mitleidiger als jener, ſeine letzte volle Wirkung ausgeübt. Der Cuſtos war in der That todt. Chakra ſtreckte einen ſeiner langen Arme aus, lüftete den das Geſicht des Cuſtos bedeckenden Mantel und ſtierte einen Augenblick in die nun ſtarren, bleichen und blutloſen Züge ſeines verhaßten Feindes. 143 Dann, als wäre ſogar er über das Ausſehen und das plötzliche Eintreten des Todes erſchrocken, deckte das wilde Scheuſal den Leichnam ſchnell wieder mit dem Mantel zu, erhob ſich aus ſeiner gebeugten Stellung und ſchlich ſich leiſe aus der Hütte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Zwei unternehmende Reiſende. Die Sonne war in's blaue Karaibiſche Meer hinab⸗ geſunken, und das Zwielicht, das im Thale bereits voll⸗ ſtändig verbreitet war, umfloß nun auch mit purpurnem Saume die Bergſpitze, auf welcher die Hütte ſtand. Die bisher von den ungeheuren Waldbäumen erzeugten Schatten verwandelten ſich in das ſchwächere Dunkel der anbrechenden Nacht, und die Umriſſe der Hütte, die nun ein Todtenhaus war, wurden nach und nach durch die allgemein herrſchende Dunkelheit unkenntlich. Im Innern der verlaſſenen Wohnung, worin nur der Todte war, herrſchte tiefe und feierliche Stille, die ununterbrochene Ruhe und ungeſtörte Stille des Todes. Außerhalb derſelben erſchallten dem eben Vorgefalle⸗ nen ziemlich entſprechende Töne, das traurige Klagge⸗ ſchrei der Ohreule, die bereits die Hallen des Waldes durchzog, und der wilde Ruf des Potus, der in der nächtigen Dunkelheit nach Inſekten jagte. Einen Gegenſatz hierzu bildete nur das Beißen des am Baume feſtgebundenen Pferdes auf ſeinem Gebiſſe — und ſein ungeduldiges Stampfen mit den Hufen, da das Thier bei den mit dem Hereinbrechen der Nacht immer ſtärker werdenden Mosquitoſtichen ſtets verdrieß⸗ licher wurde. Der Körper des Cuſtos lag auf der Bambusbett⸗ ſtelle, ganz wie Chakra ihn verlaſſen hatte. Hier war noch keine Freundeshand thätig geweſen, um ihm ein Kopfkiſſen zurecht zu legen, oder die noch offenen, aber glaſig und kalt in ihre Höhlen verſunkenen Augen milde zuzudrücken. Bis jetzt war der Diener noch nicht mit der nun zu ſpät ankommenden Hülfe zurückgekehrt. Auch war es unmöglich, daß er nur früher als in einer Stunde zurückkehren konnte. Content, obwohl geradezu eigent⸗ lich nicht ſehr weit entfernt, war dennoch für einen Reiter mindeſtens eine Meile weit entlegen, da die Bergſchlucht, durch welche die Straße führte, einen wei⸗ ten Umweg nöthig machte. Raſch konnte man auf der⸗ ſelben unmöglich reiten, und der ſchwarze Diener war auch keineswegs geneigt, ſeinen Hals daran zu ſetzen, um das Leben eines weißen Cuſtos zu retten. Eine volle Stunde mindeſtens mußte darüber hingehen, bevor der Mann zurückkehren konnte. Bis jetzt waren erſt zwanzig Minuten verfloſſen und ſo jedenfalls noch vier⸗ zig übrig. Allein ſelbſt dieſe vierzig Minuten ſollte die Leiche des Cuſtos Vaughan nicht einmal in Ruhe und Frieden bleiben. Zwanzig Minuten waren kaum verfloſſen, nachdem Chakra ſich von dem Leichnam fortgeſchlichen, als noch Andere anlangten, um ſeine Ruhe zu ſtören und zwar in ſo gewaltthätiger Weiſe, daß man hätte glauben 145 können, ſie vermöge ihn ſelbſt aus dem Todtenſchlum⸗ mer zu wecken. Hätte Chakra beim Verlaſſen der Hütte die Haupt⸗ ſtraße nach Montegobay zurück eingeſchlagen, und ſo beabſichtigte er allerdings zuerſt zu gehen, ſo wäre er zwei Männern begegnet, nicht ſo fremd freilich, daß er ſie nicht hätte kennen ſollen, aber fremdartig genug, um die Aufmerkſamkeit eines gewöhnlichen Reiſenden zu er⸗ regen. Doch zu den Neigungen des Myalmannes ge⸗ hörte es durchaus nicht, auf der großen Landſtraße zu reiſen, falls es nicht unumgänglich nothwendig war. Deswegen hatte er ſich, als er die Negerhütte verlaſſen hatte, bald auf einen Nebenweg begeben, der in die Gebüſche und in den Wald führte, und war dadurch zwei Männern nicht begegnet, die, wenn auch von einer ganz andern Menſchenrace, doch eben ſo große und ab⸗ gefeimte Böſewichter waren wie er ſelbſt. Dieſe beiden ſo bezeichneten Männer ſind bereits hinlänglich bekannt, es waren die Negerjäger des Jakob Jeſſuron. Manuel und Andres, cacadores de cimma- rones von der Inſel Cuba. Von der Abſicht bei ihrer Reiſe auf der Landſtraße nach Savanna iſt der Leſer vollkommen unterrichtet, denn Jeſſurons Geſpräch mit ihnen, wie er ſie aus⸗ ſandte, hat deutlich den ſchauderhaften Plan ſeiner ab⸗ ſcheulichen Werkzeuge dargelegt. Schon den ganzen Tag waren die menſchlichen Blut⸗ hunde dem vorausreitenden Cuſtos nachgefolgt, bald näher, bald entfernter von ihm, je wie der Reiſende anhielt und im Verhältniß zu der verſchiedenen Ge⸗ ſchwindigkeit von Reitern und von Fußgängern. III. Band. 10 * 146 DOftmals auch hatten ſie in der Entfernung auf dem weißen ſtaubigen Wege ihr Opfer ſelbſt geſehen, allein die Begleitung des ſtarken Negers, der ſein Diener, wie das helle Tageslicht hatten ſie von der Ausführung ihres ſchändlichen Unternehmens abgeſchreckt und ſie hatten ſie bis zu einer für einen Mord paſſenderen Zeit verſchoben, bis zum Untergange der Sonne. Dieſe Zeit war nun gekommen und gerade als der eigentliche Mörder vorſichtig und leiſe von der Hütte hinweggeeilt war, ſtürzten die beiden ebenfalls auf Mord ſinnenden Banditen in wilder Haſt auf die Hütte zu. „Carambo!“ rief der Aeltere und deshalb der Lei⸗ ter von den Beiden aus.„Ich würde mich gar nicht wundern, wenn der Ingeniero uns dieſe Nacht ent⸗ ſchlüpfen würde. Content liegt nicht weit entfernt und der Eigenthümer von dem Ingenio iſt ſein Freund. Erinnerſt Du Dich wohl, Sennor Jakob ſagte, er würde da wahrſcheinlich die Nacht bleiben?“ „Ja,“ erwiderte Andres,„der alte Jude ſagte es ganz beſtimmt.“ „Nun wohl, wenn er dort ankommt, bevor wir ihn erreichen, ſo iſt für heute Nacht nichts mehr zu thun und wir müſſen die Gelegenheit auf der Straße zwiſchen Content und Savanna abwarten.“ „Carajo!“ antwortete Andres verdrießlich;„hätte er nicht die verdammten Piſtolen und den ſtarken Neger an ſeiner Seite gehabt, wir hätten ihm ſchon vorher das Licht ausblaſen können. Wenn er nun gar Sa⸗ vanna erreicht hätte, bevor wir ein ernſtes Wort mit ihm reden können? was dann, Compadre?“ 147 „Dann,“ erwiederte der als Gevatter AIngeredete,, „dann ſtände es ſchlecht für uns! Savanna iſt eine große Stadt und es iſt nicht ſo leicht, da Jemand auf der Straße zu packen, wie hier im Walde. Das Volk da in der Stadt iſt geſchwätzig, aber die Bäume ſprechen nicht. Funfzig Pfund iſt auch gar nicht viel, beſonders für einen Cuſtos, wie ſie ihn nennen. Verdammt! Wir müſſen uns in Acht nehmen oder man dreht uns für dieſen Spaß noch den Hals um! Ein Cuſtos iſt hier was bei uns ein Alkade iſt; wenn Du einen tödteſt, ſo ſteht ein Dutzend auf, um Dich zu verfolgen.“ „Aber was,“ fragte Andres, der, wenn auch der Jüngere, doch mehr Klugheit zu beſitzen ſchien, als ſein älterer Gefährte,„was thun wir dann, wenn wir gar keine Gelegenheit finden, ſelbſt nicht in Savanna?“ „Dann,“ erwiederte der Andere,„haben wir wahr⸗ ſcheinlich das Vergnügen, unſere ſunfzig Pfund zu ver⸗ lieren.“ „Warum das, Manuel?“ „Warum das? Weil der Cuſtos in Savanna ein Schiff nehmen und zur See weiter reiſen will. So ſagte mir der alte Jude. Wenn er das thut, können wir ihm nur Lebewohl ſagen, denn eine Seereiſe möchte ich für fünfmal funfzig Pfund nicht machen. An der von Batabano habe ich für mein ganzes Leben genug. Carajo! Ich glaubte ſchon, es ſei der vomito prieto, der mich ergriffen. Fürchtete ich nicht, eben ſolchen Brechanfall wieder zu bekommen, ich wollte wahrhaftig gleich nach Hauſe zurückkehren, anſtatt hier noch länger in dem Judenneſte bei den Negerſchindern zu bleiben. 10* e —— ͤͤͤͤͤͤſſſſſſſ Aber nichts ſoll mich dazu bringen, eine Seereiſe zu machen, um funfzig Pfund—“ Der Cubaner unterließ es, ſeine Rede zu beendigen, nicht weil er Anſtand nahm, ſeine eigentliche Abſicht unverhüllt auszuſprechen, ſondern weil er ganz gut wußte, daß eine weitere Erklärung für ſeinen Gefährten voll⸗ kommen überflüſſig ſei. „Wenn das der Fall iſt,“ ermahnte der ſcharfſinnige Andres,„ſo müſſen wir unſer Geſchäft jedenfalls noch vor Savanna beenden. Vielleicht, Gevatter, wenn wir jetzt recht raſch vorwärts gehen, können wir den Cuſtos noch einholen, bevor er Content erreicht hat.“ „Du haſt Recht. Laß uns raſch vorwärts eilen, und wenn es Dir gefällt wie mir, ſo ſoll jetzt unſer Wahl⸗ ſpruch ſein: Noche o nunca(dieſe Nacht oder niemals)!“ „Vamos!“ erwiederte Andres, und die Mörder eilten in raſchem Laufe fort, von der Furcht, ihre Beute zu verlieren, geſtachelt. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Kein Zlut. Die Sonnenſcheibe war ſchon eine ziemliche Zeit in das Karaibiſche Meer verſunken, als die Menſchenjäger auf dem Berge und bei der Hütte anlangten, wo der Euſtos Vaughan genöthigt geweſen war, Halt zu machen und in der er nun als Leiche lag. „Mira Manuel!“ ſagte Andres, als ſie die Hütte erblickten und zugleich das an dem Baume angebundene 149 Pferd ſtehen ſahen;„un cavallo! geſattelt, gezäumt und mit alforjas!“ „Das Pferd eines Reiſenden!“ erwiederte Manuel, nund zwar ganz deſſelben, dem wir folgen. Ja, es iſt das Pferd des großen Alkalden von Willkommenberg! Erinnerſt Du Dich nicht, daß, als wir ſie dieſen Mittag vor uns ſahen, das eine Pferd ein Fuchs und das andere ein Grauſchimmel war? Da iſt der Grauſchimmel, und auf dem Thiere ritt der Cuſtos.“ „Ganz recht, Compadre; aber wo iſt das andere Pferd?? „Vielleicht hier im Walde oder an der anderen Seite der Hütte angebunden. Die Reiter müſſen darin ſein.“ „Beide, meinſt Du, Manuel?“ „Natürlich, Beide; doch wo das Pferd der Schwarz⸗ haut geblieben iſt, kann ich nicht ſagen. Carambo! Da in der Hütte wohnt ja Niemand. Ich weiß das ganz gewiß, denn ich bin dieſen Weg erſt vor einer Woche gekommen und es war damals Niemand darin. Was in aller Welt hat eigentlich den Cuſtos dazu ge⸗ bracht, hier anzuhalten?“ »Por dios, compadre!“ ſagte der Jüngere der beiden Negerjäger, indem er bedeutungsvoll auf die am Sattel befeſtigten Taſchen hinwies.„Da muß etwas Werthvolles in dieſen alforjas ſein!“ „Caval! Du haſt Recht; aber jetzt dürfen wir daran noch nicht denken, Freund! Erſt wenn das Andere ge⸗ ſchehen iſt, haben wir vielleicht eine Gelegenheit! Ich möchte nur wiſſen, ob die Beiden in der Hütte ſind? Sonderbar iſt's, daß wir des Negers Pferd nicht ſehen!“ ſͤſͤſſſſſſ „Ha!“ rief Andres aus, dem plötzlich eine eigene Vermuthung eingefallen war.„Wie, wenn er nach der Pflanzung hinunter geritten wäre? Geſetzt, dem Pferd des Cuſtos wäre etwas zugeſtoßen oder, geſetzt, der Cuſtos ſelbſt wäre krank geworden? Erinnerſt Du Dich nicht, der Burſche, den wir getroffen und der uns auch von den Piſtolen erzählte, ſagte auch, daß einer der Reiſenden, der weiße Mann, krank ausſähe. Sagte der Burſche nicht auch, daß er ihn habe ſich erbrechen ſehen?“ „Por dios! ja, das ſagte er. Was Du ſo eben geſagt haſt, kann immer richtig ſein. Wenn die Schwarz⸗ haut wirklich fort wäre, da wäre jetzt die beſte Zeit für uns, denn wenn es zum Kampfe kommt, iſt uns der ſtarke Neger viel gefährlicher wie ſein Herr. Sollte der Cuſtos wirklich krank ſein, und beinahe hoffe ich, es iſt ſo, dann wird er wohl auch keinen bedeutenden Gebrauch von ſeinen Waffen zu machen im Stande ſein; und carambo! wir müſſen ſie zu faſſen ſuchen, bevor er noch ahnt, was wir eigentlich vorhaben!“ „Sollte es nicht beſſer ſein, wenn wir zuerſt die Um⸗ gegend der Hütte auskundſchafteten?“ rieth der ſchlauere Andres.„Laß uns zuerſt hinter der Hütte nachſehen, ob das andere Pferd nicht vielleicht zu finden iſt? Iſt es nicht da, dann iſt es wohl gewiß, daß der Neger in irgend einer andern Abſicht fort iſt. Laß uns hier durch die Gebüſche nach der andern Seite hinſchleichen und dann heimlich die Wand erklettern, um zu ſehen, wer ſich eigentlich in der Hütte befindet.“ „Ja, ſo ſei es. Laß uns keine Zeit verlieren, denn wenn die Schwarzhaut wirklich fort iſt, ſo blüht unſer Glück. Wir finden nie eine ſolche Gelegenheit wieder, 151 nicht bis an's Ende der Welt. Folge mir, hombre, und ſei leiſe. Vamos!“ Damit duckte ſich der Führer der beiden Negerjäger unter die Gebüſche und ſchlich, gefolgt von ſeinem Ge⸗ noſſen, verſtohlen in dem Unterholze nach der hinteren Seite der Hütte. Aber kein Pferd war außer dem vorn vor der Hütte angebundenen Grauſchimmel zu finden. Der Fuchs war fort und wahrſcheinlich auch ſein Reiter. Andres wünſchte ſich Glück, ſeine Vermuthung war richtig geweſen. Sie wurde beſtärkt und über allen Zweifel erhoben, als er friſche Pferdeſpuren entdeckte, die den Weg nach Content hinunterführten. Der Diener des Cuſtos war alſo gewiß fortgeritten und es blieb nun nur noch übrig, ſich zu überzeugen, ob der Cuſtos ſelbſt im Innern der Hütte ſei. Vorſichtig kletterten die Negerjäger die Mauer hinauf und ſahen durch die offenen Spalten. Zuerſt hinderte ſie die innen herrſchende Dunkelheit, irgend einen Gegen⸗ ſtand genau zu unterſcheiden, doch dann, als ihre Augen mehr an dieſelbe gewöhnt waren, erkannten ſie die Bam⸗ busbettſtelle im Winkel und auf ihr lang ausgeſtreckt liegend die Geſtalt eines Mannes, der gänzlich, ſelbſt das Geſicht, von einem großen dunklen Mantel bedeckt war, während die geſtiefelten und beſpornten Füße unter der Bedeckung hervorſahen und klar bewieſen, daß hier wirklich ein Mann lag, derſelbe Mann, der ermordet werden ſollte! Er ſchien im tiefſten Schlafe zu ſein, denn es war durchaus keine Bewegung wahrzunehmen und nicht einmal ſein Athem war zu bemerken. Wenig vom Lager entfernt lag ein Hut auf dem Boden und daneben ein Paar Piſtolen in Halftern, als ob der Reiſende ſie vom Gürtel losgeſchnallt und ab⸗ gelegt hätte, bevor er ſich zum Schlafen hingelegt. Auch wenn er aufwachte, vermochte der Schlafende ſchwerlich die Piſtolen zu erfaſſen, bevor die Angreifenden ihn vollſtändig gepackt hatten. Die Meuchelmörder ſahen ſich einander mit bedeu⸗ tungsvollen Blicken an; der Zufall ſchien ſie jetzt ent⸗ ſchieden zu begünſtigen. Von demſelben blutdürſtigen Triebe geſtachelt, ſprangen Beide ſofort ohne alles Säumen von der Mauer herunter, zogen ihre ſcharfen Macheten und ſtürzten durch die Thür in die Hütte. „Tödten wir ihn!“ riefen beide Mörder wie mit einer Stimme, um ſich einander zu ermuthigen, und mit dieſem entſetzlichen Geſchrei ſtießen ſie ihre langen Degen wiederholt durch den Mantel in den widerſtands⸗ loſen Körper des vermeintlich ſchlafenden Reiſenden. Ueberzeugt, ihr blutiges Werk jetzt wohl vollbracht zu haben, wollten die Mörder unverzüglich wieder aus der Hütte forteilen, vielleicht um die Satteltaſchen zu unterſuchen, als es ihnen doch auffiel, daß ihr Opfer ſo ganz ſtill geweſen ſei. In ihrer raſenden Aufregung, während ſie die vermeinten Todesſtöße verſetzten, hatten ſie nichts Beſonderes an dem zu Ermordenden bemerkt, aber jetzt, nach vollbrachter That, da ſie etwas ruhiger geworden waren, packte ſie plötzlich eine außerordentliche Verwunderung darüber, daß der Ermordete auch nicht die geringſte Bewegung verſucht, nicht einmal gezuckt oder gar geſchrieen hatte. War vielleicht ſchon gleich der erſte Stoß durch das Herz gegangen, wie Andres, 4 153 der ihn that, es beabſichtigt hatte? Allein ſelbſt ſolch ein Stoß führt keinen augenblicklichen Tod herbei, wie die beiden Meuchelmörder wohl wußten. Ueberdies klebte an den Macheten der Beiden kein Blut! Das war ganz beſonders merkwürdig und auffallend. Konnten der Mantel und die Unterkleider es etwa ab⸗ gewiſcht haben? Das mochte vielleicht theilweiſe vor⸗ kommen können, aber doch nicht ganz und gar. Ihre Degenklingen waren naß, aber nicht von Blut. „Das iſt doch ſeltſam, Kamerad!“ rief Manuel, auf's Höchſte erſtaunt, aus.„So etwas habe ich noch nie erlebt! Hebe doch den Mantel auf und laß uns ihn beſehen.“ Der Andere trat auf dieſe Aufforderung dicht an das Lager hinan und lüftete den über dem Geſichte des Ermordeten liegenden Camelottmantel. Hierbei kam ſeine Hand mit der kalten Haut in Berührung und ſein Blick fiel ſofort auf die erſtarrten Züge einer Leiche, auf gebrochene Augen, deren trüber glanzloſer Ausdruck deutlich zeigte, daß ſie ſchon lange vom Lichte des Lebens verlaſſen waren. Der Mörder vermochte keinen zweiten Blick auf den Entſeelten zu werfen. Mit einem Schrei des tiefſten Entſetzens ließ er den Mantel wieder fallen und ſtürzte nach der Thür, gefolgt von ſeinem eben ſo erſchrockenen Gefährten. Im nächſten Augenblicke würden wohl Beide hinaus⸗ gerannt ſein und vielleicht ſogar ihren Rückweg ange⸗ treten haben, ohne weiter an die Satteltaſchen zu denken; allein gerade als Andres bereits ſeinen Fuß auf die Thürſchwelle geſetzt hatte, ſah er etwas, das ihn ver⸗ anlaßte, plötzlich zurückzufahren, und zwar ſo ungeſtüm, daß ſein Kamerad heftig mit ihm zuſammenſtieß. Dies waren drei Männer, die ſich kaum fünf Schritte von der Thür entfernt neben einander aufgeſtellt hatten. Jeder von ihnen hielt eine Flinte, deren Lauf gerade in die Hütte hinein auf die beiden Mörder gerichtet war. Die drei Männer waren, merkwürdig genug, alle von verſchiedener Farbe, weiß, gelb und ſchwarz, und den Negerjägern auch hinlänglich bekannt, denn es waren Herbert Vaughan, Cubina, der Maronenhauptmann, und Quaco, ſein Lieutenant. ———— Achtundzwanzigſtes Kapitel. Gefangennahme der Negerjäger. Der Schwarze, obwohl von den drei Männern der Niedrigſte; im Range, ſprach zuerſt. „Nein, das geht nicht!“ rief er und hielt ſeine Muskete feſt auf den Vorderſten der Negerjäger angelegt. „Nein, Herr Spanier, nicht einen Fuß ſetzt Ihr aus der Thür, bis wir geſehen, was Ihr da drinnen gemacht habt! Ruhig ſtehen geblieben, oder Ihr bekommt etwas Blei in Euren Knoblauchbauch! Ruhig ſtehen geblieben!“ „Ergebt Euch!“ befahl Cubina mit feſter und gebie⸗ teriſcher Stimme und machte eine drohende Geberde, die, wenn auch vielleicht etwas weniger augenſcheinlich als die ſeines Lieutenants, dennoch deutlich ſeinen Ent⸗ ſchluß verkündete.„ Legt die Macheten ab und ergebt Euch! Widerſtand wird Euch das Leben koſten!“ 15⁵ „Kommt, ihr ſpaniſchen Edlen!“ ſagte Herbert. Ihr werdet mich wohl kennen, und ich rathe Euch zu thun, was man von Euch verlangt. Wenn nichts gegen Euch vorliegt, ſo ſoll Euch nichts geſchehen, das verſpreche ich Euch! Ha, vorgeſehen!“ fuhr er haſtig fort, indem er bemerkte, daß die Spanier rückwärts ſahen, mit der Abſicht, etwa hinten aus der Hütte zu entfliehen.„Ver⸗ ſucht nicht, fortzulaufen, Ihr werdet doch gefaßt werden. Hier ſind zwei Läufe und jeder iſt gut geladen für ſolche Vögel, wie Ihr ſeid. Wenn Ihr fliehen wollt, ſo ſoll Euer Rücken gehörig gepflaſtert werden, das verſpreche ich Euch.“ „Carajo!“ ſtieß der Aeltere der Negerjäger aus. „Was wollt Ihr von uns?“ „Ja freilich!“ fügte der Andere im unſchuldigſten Tone hinzu;„was haben wir gethan, daß Ihr all dieſen Lärm macht?“ Was Ihr gethan habt?“ erwiederte der Maronen⸗ hauptmann kalt;„das iſt's gerade, was wir wiſſen wollen und zu erfahren entſchloſſen ſind.“ „Da iſt nichts zu erfahren,“ ſagte der Spanier, ſich ganz unſchuldig ſtellend;„wenigſtens nichts⸗ Beſonderes. Wir waren auf dem Wege nach Savanna, ich und mein Kamerad hier, und wir—“ „Haltet Euer Maul!“ rief Quaco, der ungeduldig wurde, dem Spanier zu und ſetzte ihm ſeine Muskete auf die Bruſt.„Habt Ihr nicht gehört, wie der Haupt⸗ mann befahl, die Klingen fortzuwerfen und Euch zu ergeben? Nieder mit den Degen; ſofort, ſage ich und ſchwatzt nachher mehr!“ —— So bedroht ließ Andres mürriſch ſeine Machete auf den Boden fallen, was von dem Aelteren der Beiden alsdann gleich nachgeahmt wurde. „Nun, meine Braven!“ fuhr der ſchwarze Lieutenant fort und hielt fortwährend ſeine große Flinte auf des Spaniers Bruſt,„damit Ihr nicht in Verſuchung kommt, uns das Ferſengeld zu geben, ſo müſſen wir Euch ſchon ein wenig binden. Deshalb fallt jetzt nieder auf die Kniee und rührt Euch nicht, bis ich die Stricke und Speiler bereit habe.“ Die beiden Spanier begriffen den Befehl vollkom⸗ men und da ſie einſahen, daß jeder Widerſtand unnütz ſei, ſo warfen ſie ſich ſofort auf den Boden, ruhig er⸗ wartend, was mit ihnen geſchehen würde. Quaco hob jetzt die beiden Macheten auf und brachte ſie außer den Bereich ihrer früheren Eigner. Dann übergab er ſeine große Flinte an Cubina, der mit Herbert nun die Ge⸗ fangenen bewachen ſollte und ging ein wenig in die Gebüſche fort. Bald kehrte er wieder zurück und ſchleppte eine lange Kriechpflanze mit ſich, die einem Stricke glich, ſo wie zwei drei Fuß lange Stöcke. Dies war in ſo kurzer Zeit geſchehen, als hätte er dieſe Sachen einfach aus einer benachbarten Vorrathskammer geholt. Unterdeſſen hielten Cubina und Herbert ihre Gewehre ununterbrochen auf die beiden Spanier gerichtet, denn es war klar, daß ſie gern die Flucht ergriffen hätten und auch, da es jetzt vollſtändig Nacht war, bei der geringſten Gelegenheit leicht mit Erfolg einen Verſuch dazu machen würden. 157 Weder Herbert noch Cubina vermochten in dem vollſtändigen Dunkel, das in dem Innern der Hütte herrſchte, irgend etwas zu erkennen und ahnten deshalb auch noch keineswegs das ſchreckliche Schauſpiel, das ſie hier erwartete. Dennoch hatten ſie Verdacht, daß die Spanier irgend eine Uebelthat entweder beabſichtigt oder gar ſchon begangen, denn ſie hatten ſchon auf dem Wege Einiges über die Negerjäger erfahren, das Allen, die ihnen begegnet, verdächtig vorgekommen war. Das am Baume angebundene, zu einer Reiſe ge⸗ ſattelte Pferd war der am meiſten verdächtige Gegen⸗ ſtand. Obwohl Keiner von den Dreien eigentlich wußte, daß dies Pferd dem Cuſtos gehörte, ſo hatten doch Alle ſofort, als ſie es erblickt, ein gewiſſes Vorgefühl, daß ſie hier zu ſpät angekommen ſeien. Die wilde Haſt, mit der die Spanier aus der Thüre ſtürtzten, als ſie an der Thüre aufgehalten wurden, ſchien dieſe traurige Ahnung bereits zu beſtätigen, und noch ehe Einer von ihnen die Hütte betreten hatte, waren ſie darauf vorbereitet, hier einen Todten anzu⸗ treffen, vielleicht ſogar mehr als einen, denn Plutos Verſchwinden war noch nicht aufgeklärt. Quaco, geſchickt in der Handhabung von Tauwerk, beſonders in jener Art ſchlanker Flechtwerke, durch welche auf Jamaica die großen Bäume mit einander verbunden ſind, band bald die beiden Spanier mit Händen und Füßen feſt zuſammen. Lange Uebung im Binden fortgelaufener Neger hatte Quaco hierin ſehr erfahren gemacht, da es auch einen Theil der einem Maronen nothwendigen Kenntniſſe bildete. 6 Die drei mit Flinten Bewaffneten traten nun in die vollkommen dunkle Hütte ein, in der Alles ſtill und ruhig wie im Grabe war. Lange vermochten ſie nichts zu erkennen, doch zuletzt konnten ſie in einer Ecke etwas wie die Geſtalt eines auf einer niedrigen Bettſtelle ausgeſtreckten Mannes unterſcheiden. Quaco näherte ſich derſelben, beugte ſich etwas nie⸗ der und berührte ſie vorſichtig mit der Hand. „Ein Mann!“ murmelte er;„entweder ſchlafend oder todt!“ „Todt!“ rief er einen Augenblick ſpäter aus, nach⸗ dem beim Taſten ſeine Finger die kalte Stirn des Leichnams getroffen hatten;„todt und kalt!“ Cubina und Herbert gingen jetzt auch vorwärts, bückten ſich etwas und beſtätigten Quacos Angabe. Weſſen Körper mochte es nur ſein? War es der des Cuſtos Vaughan oder der ſeines ſchwarzen Dieners Pluto? Nein, es war nicht der eines Schwarzen. Um das zu beweiſen, bedurfte es keines Lichtes, denn die Befühlung des Haares war genügend, um zur Ueber⸗ zeugung zu gelangen, daß hier auf der Bettſtelle ein weißer Mann todt lag. 2 „Fange mir einen von den cocuyos!“ ſagte der Maronenhauptmann zu ſeinem Lieutenant. Quaco ging aus der Hütte in's Freie. Am Rande des Waldes flimmerten kleine Funken, die gleichſam eine ſich bewegende Milchſtraße zu ſein ſchienen. Dies waren die lamprydae oder kleineren Feuerfliegen. Mit dieſen hatte Quaco indeß nichts zu ſchaffen. Stellen⸗ weiſe waren aber auch einige viel größere Funken von ſchöner goldgrüner Farbe. Das war der große beflü⸗ 159 gelte Käfer, der cocuyo, der ein angenehmes und helles Licht verbreitete. Mit ſeinem alten Hute als Inſektennetz gelang es Quaco bald, einen ſolchen Käfer einzufangen, mit dem er in die Hütte zurückkehrte und ihn dicht an den Kopf des Leichnams hielt. Dabei begnügte er ſich nicht mit dem gewöhnlichen goldgrünen Lichte, welches das Inſekt aus den beiden augengleichen Erhöhungen auf ſeiner Bruſt ausſtrahlt. Der waldkundige und erfahrene Quaco vermochte dieſes Licht noch bedeutend heller und ſtärker zu machen. Er bog nämlich die Flügel mit den Fingern zurück und den Unterleib mit dem Daumen, und legte dadurch eine länglichrunde Scheibe von roſen⸗ rothem Lichte frei, die eigentlich nur zu ſehen iſt, wenn das Inſekt fliegt. Ein Kreis von ungefähr einer Elle Durchmeſſer iſt auf dieſe Weiſe durch das phosphoriſche Glühen des Inſektes ſtets ganz wohl erhellt. In dieſen Kreis ward das Geſicht des todten Mannes nun gebracht und wirklich war das von dem Käfer ausgeſtrömte Licht hinreichend, um die Zuſchauer zu befähigen, in den geiſterhaft blaſſen Umriſſen des ſtarren Todtengeſichts die Züge des Cuſtos Vaughan zu erkennen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ein Doppelmord. Keiner von den Dreien war eigentlich ſehr erſchrocken; nach und nach hatten ſich ihre früheren Ahnungen und Vermuthungen bereits zur Gewißheit geſteigert. Quaco ſtieß ein paar Ausrufungen aus, die bei ihm ziemlich gewöhnlich waren; Cubina ärgerte ſich und zürnte ſich ſelbſt, trotz aller Anſtrengungen zu ſpät ge⸗ kommen zu ſein, und Herbert war ernſtlich über den Tod ſeines Onkels betrübt, obwohl vielleicht nicht ganz in dem Maße, als wenn dieſer ihn zuvor wirklich als ſeinen Verwandten in liebevoller Weiſe behandelt hätte. Natürlich dachten ſie gleich zuerſt daran, die Urſachen des Todes des Cuſtos aufzuſpüren. Mit dem feſten Glauben, daß er von den beiden Spaniern ermordet worden ſei, begannen ſie, den todten Körper genau zu unterſuchen. Aber wie höchſt ſonderbar und geheimnißvoll! Faſt ein Dutzend mit einem ſcharfen Inſtrumente ausgeführter Stiche und dennoch kein Blut! Wunden in der Bruſt, im Unterleibe, ſelbſt durch das Herz und dennoch nirgends, nirgends geronnenes Blut eine abgeſonderte Feuchtigkeit! „Wer hat ihm dieſe Stiche gegeben? Ihr habt es gethan, Ihr ſpaniſchen Schufte!“ ſchrie Herbert und wandte ſich zornig zu Jeſſurons Abgeſandten. „Caromba! warum ſollten wir ſo etwas thun, Herr?“ fragte Andres unſchuldig.„Der Alkade war ſchon todt, bevor wir kamen.“ „Leeres Geſchwätz!“ rief Quaco.„Seht dieſe Klin⸗ gen!“ fuhr er fort und hob die beiden Macheten auf, 161 „ſie ſind jetzt noch feucht! Es iſt nicht gerade Blut, das iſt wahr, aber immerhin— ſeht!“ und dabei hielt er den Leuchtkäfer nahe an die Wunden und brachte auch eine der Macheten an's Licht,„die paſſen zu den Wunden wie der Pfropfen zur Flaſche! Ihr ſeid es geweſen, Niemand anders als Ihr! Geſteht es ein, verfluchte Hallunken, Ihr habt's gethan!“ „Bei der heiligen Jungfrau, Sennor Quaco!“ er⸗ widerte Andres,„Ihr thut uns Unrecht. Ich ſchwöre es, wir tödteten den Alkalde, Cuſtos mein' ich, nicht! Wir waren eben ſo verwundert, wie Ihr, als wir hierher kamen und ihn hier todt liegen fanden, ganz wie er jetzt daliegt.“ In dieſer Erklärung des Elenden lag ein Anſchein von Aufrichtigkeit, der an ſeine Schuld kaum glauben ließ, das heißt, daß er und ſein Genoſſe wirklich nicht die eigentlichen Mörder geweſen waren, obwohl ihre Abſicht, den Cuſtos zu ermorden, Cubina mindeſtens ganz klar und unbezweifelt erſchien. „Carambo! warum durchſtacht Ihr ihn denn?“ ſagte er zu den beiden Gefangenen.„Ihr könnt doch nicht läugnen, daß Ihr das gethan habt?“ „Sennor Captain!“ antwortete der verſchlagene Andres, der in allen mißlichen Fragen der Vorredner zu ſein ſchien.„Das wollen wir auch gar nicht leug⸗ nen. Es iſt wirklich war, ich muß es mit Scham ge⸗ ſtehen, daß wir unſere Degenklingen ein oder zwei Mal durch den Körper ſtießen.“ „Mindeſtens zwölfmal, Du Hallunke!“ verbeſſerte Quaco. III Band. 11 162 „Wohl, Sennor Quaco,“ fuhr der Spanier fort, darüber will ich nicht ſtreiten. Es mag immerhin ein Stich mehr oder weniger geweſen ſein, denn die ganze Sache war eine Grille, ein wunderlicher Einfall meines Kameraden Manuel hier, eine kleine Wette zwiſchen uns Beiden.“ „Eine Wette? worüber?“ fragte Herbert. „Nun ſehen Sie, Herr, wir reiſten zuſammen, wie ich ſchon geſagt habe, nach Savanna. Wir ſahen das Pferd dort an der kleinen Hütte angebunden, und des⸗ halb gingen wir hinein, um zu ſehen wer darin iſt. Carambo! was ſahen wir? den Körper eines todten Mannes auf der Bambusbettſtelle ausgeſtreckt! San- tissima! Sennores, wir waren eben ſo erſtaunt, wie Ihr es geweſen ſeid.“ „Schrecklich erſtaunt, nicht war?“ ſagte Cubina beißend. „Ja wahrhaftig, über alle Maßen, ich kann's ver⸗ ſichern, Sennor.“ „Fahr fort, Du Schelm!“ befahl Herbert.„Laß uns hören, was Du zu erzählen haſt.“ „Nun wohl!“ nahm der Negerjäger ſeine Erzählung wieder auf;„nach einiger Zeit überwanden wir unſer Erſtaunen und da ſagte Manuel zu mir:„Andres!“ „Was giebt's?“ fragte ich.„Glaubſt Du,“ ſagte er, „daß aus einem todten Körper Blut fließt?“„Nein, gewiß nicht,“ ſagte ich,„nicht ein Tropfen!“„Ich wette fünf Peſos mit Dir, es fließt,“ forderte mich mein Kamerad heraus.„Angenommen,“ ſagte ich, und dann, um die Wette auszumachen, ſtießen wir, ich muß es bekennen, unſere Macheten durch den Leib des Cuſtos, „. 163 denn wir konnten ihm nun ja keinen Schaden mehr zufügen.“ „Ungeheuer!“ rief Herbert mit Abſcheu aus.„Es war gerade ſo gräßlich, als wenn Ihr ihn ermordet hättet! Was für eine fürchterliche Erzählung! Ha, ihr Elenden, wenn das auch wirklich Alles wahr wäre, ſo wird es Euern Hals doch nicht vom Stricke retten!“ „O, Sennor,“ flehte Andres,„wir haben ja gar nichts gethan, um das zu verdienen. Ich verſichere Euch, es thut uns Beiden leid, was wir gethan haben. Thut es Dir nicht leid, Manuel?“ „Carrai! ſehr leid,“ antwortete Manuel. „Wir bereuten es auch ſchon gleich nachher,“ fuhr Andres fort,„und um das einigermaßen wieder gut zu machen, was wir gethan haben, nahmen wir den Mantel und breiteten ihn anſtändig über den Körper aus, damit der arme Alkalde in Frieden ruhen könne.“ „Lügner!“ ſchrie Quaco und brachte das Licht des Käfers nahe an den Todten.„Das habt Ihr nicht gethan, Ihr habt durch den Mantel geſtoßen, ſeht hier!“ Dabei wieß er auf die Löcher im Tuche, um das Falſche in des Spaniers Ausſage ſofort zu beweiſen. „Carrai-ai-o!“ ſtammelte der verwirrte und ſeiner Lügen überführte Andres.„Ja wohl, es ſind wirklich einige Löcher im Mantel. O, ich erinnere mich nun, wir bedeckten ihn gleich zuerſt; erſt nachher machten wir die Wette; war es nicht ſo Manuel?“ Manuels Antwort wurde nicht mehr gehört, denn in demſelben Augenblicke wurden die Hufſchläge von Pferden vor der Hütte vernommen und dicht vor der 11* Thür konnten die dunklen Geſtalten von zwei Reitern unterſchieden werden. Es war der ſchwarze Diener des Cuſtos, der von Content in Begleitung des Gutsaufſehers zurückkehte. Gleich nach ihnen erſchien eine Anzahl Neger zu Fuße, die eine Tragbahre trugen, in der Abſicht, den kranken Mann nach Content zu bringen. Die inzwiſchen eingetretenen Umſtände machten nun eine andere Einrichtung nöthig. Dreißigſtes Kapitel. Chakra auf dem Rückwege. Von den drei Magiſtratsperſonen, die den Koro⸗ mantis verurtheilt hatten, ſchlief der eine ſchon ſechs Monate im Grabe, der zweite eben ſo viele Tage, und der dritte, der große Cuſtos ſelbſt, war jetzt gleichfalls eine Leiche! Alle Drei hatte der Myalmann ermordet, obwohl in den beiden erſten Fällen durchaus kein Verdacht irgend eines unnatürlichen Todes geweckt worden war, wenigſtens nicht hinreichend, um eine gerichtliche Unter⸗ ſuchung zu veranlaſſen. Beide waren an langſamen Krankheiten geſtorben, die eine gewiſſe Aehnlichkeit mit einander beſaßen, und die, wenn ſie auch im Ganzen den Charakter eines zehrenden Fiebers getragen, doch manche ſo neue und ganz fremdartige Erſcheinungen dar⸗ 165 geboten hatten, daß die Kunſt der jamaicaniſchen Jünger Aesculaps gänzlich dadurch getäuſcht worden war. Ueber den Tod dieſer Beiden hatte Chakra nicht die geringſte Beſorgniß gehabt, und würde ſie auch ſchwerlich gehabt haben, ſelbſt wenn eine richterliche Unterſuchung eingeleitet worden wäre. Bei beiden Mordthaten war ſeine Leitung vollkommen geheim ge⸗ blieben, beide waren durch die unſichtbare Vermittlung Obis beſchafft worden, die zu dieſer Zeit auf jeder Pflanzung der Inſeln in geheimnißvoller Weiſe beſtand. Bei der Ermordung des Cuſtos war dies aber alles ganz verſchieden. Die Umſtände hatten es ſo gefügt, daß dies Ereigniß beſchleunigt und überſtürzt werden mußte, und nun war wirklich Gefahr vorhanden, wie Chakra es wohl ſelbſt begriff, daß man in dem Zauber des Obi Gift zu entdecken vermöchte. Ein ſo plötzlicher und durch natürliche Urſachen unerklärbarer Tod, wie der des Cuſtos Vaughan, mußte unbezweifelt Verdacht erregen und zu einer Oeffnung und genauen Unter⸗ ſuchung der Leiche führen. Chakra wußte, daß man im Innern derſelben noch etwas Stärkeres finden könne, als ſelbſt den Saft der „Savannablume oder des Calalue, und daß die Krank⸗ heit, welcher der Cuſtos erlag, aller Wahrſcheinlichkeit nach für Gift erklärt werden würde. Deshalb war er diesmal nicht ohne Befürchtungen, und dieſe wandten ſich vorzugsweiſe auf Cynthia. Der Chrlichkeit dieſer ſeiner Helferin mißtraute er freilich durchaus nicht, wohl aber fürchtete er, daß ihre Feſtig⸗ keit nicht ausreichen möge, und daß ſie zu ſchwach ſei, um die Kreuz⸗ und Querfragen eines die Unterſuchung leitenden geſchickten Mannes aushalten zu können. Kaum war Chakra daher etwas von der Hütte ent⸗ fernt, wo die Leiche des vergifteten Cuſtos lag, als er auch ſchon darüber nachzudenken begann, wie Cynthia zu unverbrüchlichem Schweigen genöthigt werden oder deutlicher, wie die Mulattin am beſten aus dem Wege geräumt werden könne. Wegen des andern Theilnehmers an dem Ver⸗ brechen hatte er eigentlich keine Furcht, er glaubte, daß Jeſſuron ſelbſt zu tief darin verwickelt ſei, um ſeinen Mitverſchwornen je zu verrathen, und dies ließ ihn ganz auf die Verſchwiegenheit des Juden vertrauen. Lange verweilten ſeine Gedanken auch nicht bei der von Cynthia zu befürchtenden Gefahr, denn eine ſo geringfügige Sache wie die, ihre Zunge zum Schweigen zu bringen, wurde bald durch ein viel wichtigeres Vor⸗ haben verdrängt, zu deſſen Ausführung er nun eilte. Als er die Hütte verlaſſen hatte, wo die Leiche ſeines unglücklichen Schlachtopfers lag, nahm er zuerſt ſeinen Weg auf Fußpfaden und in Gebüſchen, allein nur auf kurze Zeit, denn die bald hereinbrechende Dun⸗ kelheit der Nacht geſtattete ihm, ganz ſicher auf der Hauptſtraße zu gehen. Auf ihr wanderte er nun ſchwei⸗ gend, aber mit beträchtlicher Schnelligkeit, denn mit ſeinen unverhältnißmäßig langen Beinen vermochte er über den Boden faſt ſo ſchnell wie ein Maulthier im Trabe hin⸗ zugleiten. Wenn er irgend Jemand auf der Landſtraße ſah, der ihm begegnen mußte, ſo ſchlüpfte er wie gewöhnlich zwiſchen das Buſchwerk und verbarg ſich da, bis er vorüber gegangen war, und wenn Reiſende zufällig den⸗ 167 ſelben Weg wie er gingen, was auch zuweilen vorkam, ſo vermied er dadurch ein Zuſammentreffen, daß er einen Umweg in den Wäldern machte und weit ober⸗ halb dieſer wieder auf die Hauptſtraße kam. Die außerordentliche Haſt, mit welcher der Myal⸗ mann vorwärts eilte, bewies wohl deutlich, daß das ſo eben begangene Verbrechen durchaus noch nicht die letzte Uebelthat Chakras geweſen war, und daß gerade jetzt ihm ein Vorhaben von gleicher oder vielleicht noch größerer Wichtigkeit am Herzen lag. Stets die große Landſtraße von Savanna⸗la⸗Mer nach der Bai verfolgend, erreichte er zuletzt den Carrion⸗ Kreuzweg und konnte dann bald den Jumbefelſen er⸗ blicken, der in dem hellen Mondlichte von ferne faſt wie ein prächtiger Glaspalaſt ausſah. Hier, wo Chakras eigenes Bereich anfing, verließ er die große Hauptſtraße und ſchlug einen durch die Wälder führenden Nebenweg ein. Dieſer Fußpfad, der nahe am Fuße des Jumbefelſens vorüberführte, war derſelbe, den Herbert am vorigen Morgen mit den beiden Maronen benutzt hatte. Von dem Zuge dieſer Drei wußte Chakra eben ſo wenig, als von der auf Jeſſurons Befehl begonnenen Unternehmung der ſpani⸗ ſchen Negerjäger. Der Koromantis hielt ſich für den einzigen Betheiligten in dem Mordanſchlage und ahnte gar nicht, daß noch Andere dabei mitwirken ſollten. Als Chakra unterhalb des Jumbéfelſens angekommen war und ſich in deſſen dunklem Schatten befand, hielt er ſeinen raſchen Lauf etwas an. Offenbar war er unſchlüſſig, was er jetzt thun ſolle. Er blickte aufmerk⸗ ſam nach dem Himmel; hier verkündete ihm das Sinken 1 4 168 des Orion, daß ungefähr in zwei Stunden keine Sterne mehr zu ſehen ſein und der Tag anbrechen würde. „Nur noch wenige Stunden!“ murmelte er, nachdem er ſeine Beobachtung am Himmel gemacht hatte.„Geht nicht an, geht nicht an! In der Zeit ſoll ich nach dem Teufelsloch kommen, um die Lampe zu holen, und dann zurück auf den Felſen, um ſie zu befeſtigen. Das geht nicht! Adam und ſeine Leute brauchen auch nah eine Stunde, bevor ſie auf den Felſen kommen können, und dann iſt es heller Tag. Das geht nicht an! Es muß in der Nacht geſchehen, ſonſt folgt man mir und das Teufelsloch bleibt kein ſicherer Zufluchtsort. Kann's nicht wagen, kann's nicht wagen!“ „Humm!“ fuhr er nach einigem Nachſinnen fort, „es iſt ſchade, daß ich nicht zwei Stunden früher hier geweſen bin! Da hätte ſich Alles noch machen laſſen, doch nun nicht mehr, es iſt zu ſpät. Aber eigentlich ſchadet das gar nichts. Morgen wird es eben ſo gut gehen. In der Zeit erfahren die Neger vielleicht, daß der Cuſtos todt iſt, das giebt Verwirrung und da geht Alles leichter. Ja, morgen wird die richtige Zeit zur Ausführung ſein. Dann um dieſe Zeit gegen Morgen ſchläft die kleine Quasheba, die hübſche Tochter jener ſtolzen Quadrone und des übermüthigen Cuſtos, in den Armen Chakras, des Myalmannes. Humm.“) „Zwei Stunden noch vor Tagesanbruch!“ fügte er nach einer längeren Zeit des Nachſinnens über ſeine entſetzlichen Pläne und Erwartungen hinzu;„zwei Stun⸗ den noch. Ich habe gerade noch Zeit, nach der Juden⸗ koppel hinunterzugehen und dann vor Anbruch des Tages zurück zum Teufelsloch. Der alte Sünder iſt 169 gewiß neugierig, zu wiſſen, was geſchehen iſt, und ich möchte den Reſt von den funfzig Pfund haben. Das Geld habe ich nun ſehr nöthig, da ich mir eine Frau zulegen und mich häuslich einrichten will. Ha, ha, ha!“ Hierbei lachte der ſich mit ſolchen Zukunftsgedanken ſchmeichelnde und darüber entzückte Neger hell auf und erſchien in einer wahrhaft mehr als teufliſchen Häßlich⸗ keit. Dann aber ſetzte er ſich wieder in Bewegung und ſchlug den nach der Judenkoppel führenden Weg ein. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Wacht der Liebe und die Wacht der Eiferſucht. Ihrem Verſprechen gemäß begab ſich Yola auf den Weg, um ihren geliebten Maronen zu treffen. Um Mitternacht wollten ſie zuſammenkommen; allein ſie verließ Willkommenberg ſchon lange zuvor, um zur feſt⸗ geſetzten Zeit ganz ſicher da zu ſein und um gehörig Zeit zum Hingehen zu haben. Fräulein Vaughan wußte von dieſen nächtlichen Ausflügen und kannte auch deren Abſicht. Das junge Fellahmädchen hatte ihrer Herrin die Liebe zu Cubina geſtanden wie die Gewißheit ſeiner Gegenliebe, und hatte ihr die Geſchichte ihrer Liebe erzählt. Der junge Marone ſtand im beſten Rufe, Yola liebte ihn glühend; und da die ganze Liebesangelegenheit in ehrbarſter Weiſe vor ſich gegangen zu ſein ſchien, ſo ſtand Fräu⸗ lein Vaughan den Zuſammenkünften der beiden Liebenden 170 durchaus nicht entgegen, ja ſie empfand mit ihnen ſogar ein höchſt inniges Mitgefühl, um ſo mehr, als ſie ſelbſt in ihrer eigenen Liebe jetzt ſo unglücklich war. Deshalb erhielt die bräunliche Geliebte Cubinas auch zu jeder Zeit die Erlaubniß zu einer Zuſammenkunft mit ihrem Geliebten. In jener Nacht hatte Käthchen Vaughan die Er⸗ laubniß noch bereitwilliger als ſonſt ertheilt, denn ſie wünſchte ſie ſelbſt. Cubina hatte nämlich die Nacht vorher ſeiner Geliebten einen keineswegs genauen, aber dennoch bedeutſamen Wink über Herbert und deſſen Herzenszuſtand gegeben, den Yola ihrer Herrin mitge⸗ theilt und der bei dieſer die zärtlichſten Empfindungen wie das Verlangen nach weiteren Erläuterungen ge⸗ weckt hatte. Käthchen kannte die zwiſchen Herbert und Cubina beſtehende romantiſche Freundſchaft; Yola hatte ihr oftmals davon erzählt, ſo wie auch von dem Zufall, durch den ſie entſtanden war. Dies erklärt gewiß ge⸗ nügend das außerordentliche Intreſſe, welches Käthchen gerade an dieſer nächtlichen Zuſammenkunft nahm, denn der Marone hatte es verſprochen, noch mehr Mitthei⸗ lungen über Herbert zu machen, wenn er mit dieſem, wie er erwarte, geredet habe. Erſt am Nachmittage nach dem Ausfluge auf den Jumböfelſen hatte das Fellahmädchen ihrer Herrin die Aeußerung Cubinas über Herbert mit⸗ getheilt und die in Folge davon veränderte Stimmung Käthchens zeugte ſicher von ihrem großen Intereſſe an dieſer Mittheilung. Ihr ganzes Weſen ſchien ſeitdem nicht mehr ſo trübe, ſondern etwas aufgeheitert zu ſein, gleich als wäre an dem dunklen Horizonte ihrer Zukunft 171 plötzlich ein mild und lieblich ſtrahlender Hoffnungs⸗ ſtern aufgegangen. Yola hatte jedoch Käthchen nicht Alles erzählt, was ſie wußte; von den Cubina entſchlüpften Muthmaßungen hatte ſie nichts geſagt, nichts von deſſen Anſpielungen auf die Heirath Herberts mit Judith, von deren wahr⸗ ſcheinlichem Fehlſchlagen und dem darauf mit vielem Nachdrucke angewandten Sprichworte. Mit feinem weib⸗ lichen Gefühle hatte ſie begriffen, daß die Erzählung hiervon nur falſche Hoffnungen bei ihrer Herrin erwecken könne, der ſie ſo ſehr und aufrichtig zugethan war. Doch wollte ſie ihr von allem dieſen mehr mittheilen, ſobald ſie erſt mehr von ihrem Geliebten erfahren hätte, was, wie ſie hoffte, bei ihrer nächſten Zuſam⸗ menkunft der Fall ſein würde. Auch von der Zuſammenkunft Cynthias mit dem Juden, von deren von Cubina und ihr ſelbſt belauſchtem Ge⸗ ſpräche und von allem hiermit verbundenen Verdachte hatte ſie gar nichts geſagt, weil ſie fürchtete, daß dies ihre außerdem ſchon hinlänglich bekümmerte Herrin nur unnütz aufregen und beunruhigen könne. Als Yola das Haus verlaſſen hatte, begab ſich die junge Kreolin, obwohl es ſchon ſpät war, dennoch nicht zur Ruhe. Sie war zu begierig, noch das Ergebniß der Zuſammenkunft ihres Mädchens mit dem Maronen zu erfahren und blieb deshalb in ihrer Kammer wach, wo ſie die Nachtlampe bis ſpät gegen Anbruch des Tages brennen ließ. 172 Ungeachtet der offen ertheilten Erlaubniß ſchlich ſich die fürſtliche Sclavin doch halb verſtohlen aus dem Hauſe und durchſchritt die nächſte Umgebung deſſelben mit großer Vorſicht. Dies ſtammte theilweiſe noch von den früheren Gewohnheiten des halb barbariſchen Le⸗ bens her, das ſie in ihrem urſprünglichen Vaterlande von früheſter Kindheit an geführt hatte. Theilweiſe hegte ſie aber auch vielleicht einen geheimen Verdacht, daß ihr irgend eine Gefahr drohen könne, oder ſie fürchtete einfach eine Störung, eine Furcht, die bei einem zu einer zärtlichen Zuſammenkunft mit ihrem Geliebten in vollſter Sehnſucht eilenden jungen Mädchen gewiß leicht aufkommen kann. Bei aller angewandten Vorſicht gewahrte Yola nicht die weibliche Geſtalt, die ihr in gemeſſener Entfernung heimlich bis in den Wald nachfolgte, bald in aufrechter Stellung, wenn ſie von den Gebüſchen vorborgen war, bald aber auch zur Erde niedergebückt vorwärts ſchlei⸗ chend, wo ſie geſehen zu werden fürchten mußte. Als das Fellahmädchen den Pimentwald erreicht hatte, ſchritt ſie ungezwungener und freier, da ſie keine Unterbrechung mehr befürchtete. Deshalb vermochte ſie um ſo weniger die Schattengeſtalt zu bemerken, die ihr auch im Walde fortwährend nachſchlich. Bei der Lichtung angelangt, ging das junge Mäd⸗ chen nach der rieſigen Ceiba und ſtellte ſich in ihren dunklen Schatten auf dieſelbe Stelle, die ihr durch ihre Liebe geheiligt erſchien. Heiter blickte ſie umher, um ſich zu überzeugen, daß Cubina noch nicht da ſei, ob⸗ wohl ſie ihn gar nicht ſo früh erwartete, denn es war 173 noch nicht Mitternacht und ſie hatte die große Glocke auf der Pflanzung noch nicht ſchlagen hören. Nachdem ſie ſich genau umgeſehen hatte, überließ ſie ſich einem träumeriſchen Nachdenken, allerdings einer ſüßen und wonnigen Träumerei, wie ſie nur aus der Erwartung der baldigen Ankunft des zärtlichſt Geliebten hervorzugehen vermag. Aus dieſem wonnigen Zuſtande ward ſie durch einen Vogel aufgeweckt, der erſchrocken plötzlich aus einem nur zehn Schritte von der Ceiba entfernten Gebüſche, in dem er ſaß, aufflatterte und mit ängſtlichem Geſchrei in den dichten Wald flog. Yola vermochte nicht zu entdecken, was den Vogel von ſeinem ſtillen Sitze aufgeſcheucht haben mochte. Sie ſelbſt konnte unmöglich die Urſache geweſen ſein, da ſie doch ſchon längere Zeit hier ſtand und ſich ganz ruhig ver⸗ halten hatte. So mußte der Vogel denn wohl vor irgend einem ſeiner natürlichen Feinde geflohen ſein, etwa einer Ratte, einer Eule oder einer Schlange. Mit dieſer Annahme beruhigte ſie ſich. Wäre ſie aber, anſtatt ſich hiermit zu begnügen, nur zehn Schritte vorwärts gegangen und hätte in das kleine Gebüſch geſehen, ſo würde ſie etwas ganz Anderes gewahrt haben, als ſie vermuthete. Sie würde alsdann ein im Schatten ſitzendes Mädchen mit vom Zorne entflammten Augen entdeckt und in ihr ſofort ihre Mit⸗ ſelavin Cynthia erkannt haben. Allein Yola ſah ſie nicht, obwohl Cynthia ſie ganz wohl ſah. So verweilten ſie in dieſer ſonderbaren Ne⸗ beneinanderſtellung mehrere Stunden lang, die Eine auf der Wonnewacht der innigſten verborgenſten Liebe, die Andere auf der Folterwacht der leidenſchaftlichſten, an Wahnſinn grenzenden Eiferſucht. Lange, lange Zeit wartete das Fellahmädchen auf die Ankunft ihres geliebten Cubina; ihr Ohr horchte geſpannt auf jeden Ton, der ſeine Annäherung ver⸗ künden möchte, und ihre Ungeduld ward mit jedem Augenblicke peinlicher. Eben ſo lange blieb das Mulattenmädchen in ſeinem Verſtecke und litt in gleicher Weiſe von den Hirnge⸗ ſpinnſten ihrer Eiferſucht. Beide fühlten ſich deshalb erleichtert und freudig erregt, als Fußtritte auf dem Fußpfade und Raſcheln in den Zweigen die Ankunft eines Mannes anzeigten. Leider war dies indeß nur eine augenblickliche Er⸗ leichterung, welche die Gefühle Beider arg täuſchte, die Freude der Einen eben ſo wohl, wie die rachgierigen Abſichten der Anderen. Denn anſtatt des erwarteten Liebhabers erſchien jemand Anderes, und zugleich mit ihm kam noch Einer, freilich von der ganz entgegen⸗ geſetzten Seite. Beide gingen jetzt zu gleicher Zeit nach der Mitte der Lichtung und ſtanden im nächſten Augenblick, ohne ein Wort zu wechſeln, nahe bei der Ceiba ſich einander gegenüber ſtill, als hätten ſie verabredet, ſich hier zu treffen. Beide Männer befanden ſich auf der Lichtung im hellſten Mondſcheine, ſo daß ihre Geſichter ganz genau geſehen werden konnten. Yola kannte nur einen der beiden Männer, der ſo ſtand, daß er ſie hinderte, den Andern ganz zu ſehen. Sie erblickte deshalb nur ein Geſicht, das gräßlich war und 175 ihr Furcht erregte, obwohl nicht ſo viel Furcht, als der Mann, den ſie bereits deutlich erkannt hatte und deſſen Nähe ſie trieb, ſich ſo ſchnell wie möglich zurückzuziehen und ſo gut wie es ging zu verbergen. Deshalb eilte ſie, ſich ſo zu ſtellen, daß der dicke Baumſtamm zwiſchen ihr und den Neuangekommenen kam, zog ſich dann ganz leiſe in ſeinen Schatten zurück, ſchlich ſich unbe⸗ merkt in das Unterholz des Waldes und war bald fern von den beiden Männern, die ihre lange und vergebliche Wacht in ſo höchſt unliebſamer Weiſe ſtörten. Cynthia hätte dieſem Beiſpiele nicht folgen können, wenn ſie auch große Luſt dazu gehabt hätte, denn die beiden Männer ſtanden nur ſechs Schritte von der Stelle entfernt, wo ſie im Gebüſche verborgen lag. An jeder Seite davon war der Platz offen, im hellſten klaren Mondſcheine. Selbſt eine Katze hätte nicht aus dem Gebüſche fortſchleichen können, ohne die Aufmerk⸗ ſamkeit der beiden Männer zu erregen. Cynthia kannte beide Männer ſehr gut, denn ſie waren ihre Verbündeten, wenn ſie ſich auch jetzt vor ihnen fürchtete. Gleich zuerſt wollte ſie ſich ihnen ent⸗ decken, allein ſie wollte nicht von ihrer Nebenbuhlerin entdeckt ſein. Später, als die beiden Männer ein Ge⸗ ſpräch angeknüpft hatten, hielt Furcht ſie in ihrem Verſtecke zurück. Sie hatte nämlich bereits einen Theil ihres Geſpräches gehört und fürchtete, für ihr Lauſchen beſtraft zu werden, obwohl es unfreiwillig geweſen war. Beſſer hätte Cynthia gewiß gethan, hätte ſie ſich den Männern offen gezeigt, allein da ſie keine Entdeckung befürchtete, und noch irgend das ſchreckliche Schickſal ahnte, das damit verbunden ſein würde, entſchloß ſie ſich, ruhig in ihrem Verſtecke zu bleiben und das ge⸗ heimnißvolle ſchreckliche Geſpräch bis zu Ende zu be⸗ lauſchen. Zweinnddreißigſtes Kapitel. Cynthia in Aengſten. Die beiden Männer, welche das nächtliche Stillleben unter der Ceiba unterbrochen hatten, waren Jakob Jeſſuron und Chakra, der Koromantis. Gerade um dieſelbe Zeit, als Chakra den Jumbé⸗ felſen verlaſſen hatte, um dem Juden einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, entfernte ſich auch dieſer von ſeinem Hofe, um den Myalmann aufzuſuchen. Da Beide denſelben Weg gingen, ſo mußten ſie ſich nothwendiger Weiſe treffen, und dies geſchah mitten auf der Lichtung, wo die große Ceiba ſtand, über die Beider Weg führte. Hier, außerhalb des Schattens des großen Baumes, ſtanden ſie ſich im hellſten Mond⸗ ſcheine auf einmal gegenüber, wenige Schritte von einander entfernt. Nicht die geringſte Begrüßung fand zwiſchen ihnen ſtatt. Sie kamen zuſammen wie zwei Raubthiere, die ſich im Dickicht treffen, denn gleichſam ein geheimer Vertrag unter ihnen ſchloß jede unnütze Begrüßung und alle überflüſſigen Anreden aus, die nicht gänzlich zum Geſchäfte gehörten. 177 „Nun, guter Schakra! habt Uehr Neuigkoiten für müch?“ fragte der Jude, ſobald er dem Myalmanne nahe genug gekommen war.„Soid Uehr gewöſen auf döm Wöge nach Safanna? Ueſcht alles in Ordnung auf dör Landſtraße? „Humm!“ ſtieß der Koromantis aus, hob die breite Bruſt und zog die mächtigen Schultern mit trium⸗ phirendem Geſichtsausdrucke im Bewußtſein ſeines vol⸗ lendeten Sieges in die Höhe. Alles in Ordnung, meint Ihr? Nun, gerade nicht auf der Landſtraße, aber etwas zur Seite, da liegt ein Mann, der um dieſe Zeit jetzt kalt ſein muß wie ein Stein und ſteif wie — ſteif wie— nun, wie das Skelett des alten Chakra! Ha, ha, ha!“ Hier bei dem Gleichniß, das aufzufinden er ſo viel Mühe hatte, doch welches, als er es gefunden hatte, ihm das ſüße Gefühl der vollzogenen Rache im vollſten Maße erweckte, erhob er ein lang anhaltendes, dem Lachen einer Hyäne gleichendes ſchallendes Gelächter. „Boi moiner Söle! Dann üſcht göthan Alles und vorüber?“ „Alles richtig gethan, wie ich vorher geſagt.“ „Und der Szauber that würklich das? Oes war nücht nothwendüg, daß—“ Hier ſtockte der Jude plötzlich in ſeiner Rede, als ſei er im Begriffe, etwas zu ſagen, was er eigentlich nicht beabſichtigt und was ihm beinahe unwillkürlich entſchlüpft wäre. „Oes war nücht nothwöndüg— nücht nothwöndüg, daß Uehr ſölbſcht nachgüngt?“ III. Band. 12 178 Dies war offenbar nicht die urſprünglich beabſich⸗ tigte Frage. „Das war nicht nothwendig!“ ſagte Chakra, über die ſonderbare Frage etwas verwundert.„Der Zauber war kräftig genug, wie ich es vorher geſagt. Deswegen ging ich auch nicht hinter ihm her, ſondern wegen eines anderen Grundes. Wer hat Euch denn davon geſagt, Herr Jakob, daß ich nachgegangen bin?“ „Guter Schakra! büs jötzt wußte ich das nücht ge⸗ wüß. Das Mädchen, dü Cünthüa, glaubte, Uehr wäret gögangen nach döm Kuſchtos Vochan.“ „Humm! Das Mädchen ſchwatz mir zu viel, der muß das Maul geſtopft werden. Der muß das Maul recht bald geſtopft werden, ſonſt bringt ſie uns alle Beide in Gefahr! Nun, das will ich ſchon in Ordnung bringen. Aber, Herr Jakob, ich muß nun die anderen funfzig Pfund haben; das Geſchäft iſt beendet und das Werk vollbracht! Deshalb iſt es nun Zeit, zu zahlen.“ „Das üſcht ganz rüchtig, Schakra. Ich hob das Geld hür ün blankem Golde. Da üſcht's.“ Mit dieſen Worten überreichte der Jude dem Myal⸗ mann einen kleinen Beutel, der offenbar Gold enthielt. „Uehr werdet fünden, daß Alles üſcht rüchtig, wi wür Penach hoben aus ßuvor. Aberſcht vül Gald, vül Gald, wohrhaftig!’“ Auf dieſe letzte Aeußerung gab Chakra gar keine Antwort, ſondern nahm den Beutel, ſteckte ihn ruhig in die Taſche ſeiner Leinenhoſe und ſtieß, mit offen⸗ bärer Befriedigung, ſein beliebtes„Humm!“ aus, deſſen 179 Bedeutung ſich je nach dem ihm verliehenen Ausdrucke veränderte. „Und nun, guter Schakra!“ fuhr der Jude fort, „üch hobe ßu thün für Euch noch möhr. Uech hobe nöthig noch oinen Szauber, für dön Uehr ſollt hoben auch funfzig Pfund. Aberſcht örſt ſagt mür, hobt Uehr göſöhen ürgend Jömand auf Eurer Roiſe?“ „Was, irgend Jemand geſehen? Was für eine Frage iſt das? Ich habe gar Manche geſehen und Manche haben mich geſehen.“ „Aberſch hobt Uehr geſehen ürgend Jömand, dön Uehr könnt?“ „Gewiß! Da iſt vor Allem der Cuſtos, den habe ich gar nicht aus den Augen verloren, bis er ſelbſt nicht mehr ſehen konnte. Nun wird er bald ein Skelett ſein wie der alte Chakra. Ha, ha, ha!“ „Aberſcht habt Uehr nüſcht göſöhen ſonſt noch Jö⸗ mand, dön Uehr könnt?“ „Nein, Niemand, wenn ich nicht den Cuſtos Reit⸗ knecht rechnen wollte. Ich habe wohl noch Andere geſehen, aber immer zu weit entfernt, um ſie erkennen zu können, und ich blieb auch abſichtlich weit entfernt. Doch halt! Einen habe ich in der Nähe geſehen, den ich erkannt habe. Das war einer von den Treladitehe Maronen. Quaco iſt ſein Name.“ „Nur Quaco, ſagt Uehr? Habt Uehr göſöhen nüchts von ſoinem Hauptmann Cubüna oder von döm jongen weißen Harrn, dör üſcht mit ühm?“ 1 „Weder den Einen hab' ich geſehen, noch den An⸗ dern. Warum fragt Ihr darnach, Herr Jakob?“ 12* 180 Uech hobe guten Grund daßu. Dör jonge Mahn, von döm üch ſpröche, üſcht oin Buchhalter von mür. Oer hat hoite früh am Morgen vörlaſſen dön Hof und üch woiß nücht, warum ör üſt gegangen oder wohün? Aberſcht üch habe guten Grund, ßu vörmuthen, daß ör üſcht ün Göſöllſchaft müt döm Hauptmann Cubüna. Oes kann ſoin, daß ös üſcht nücht ſo und daß ör kommt ßurück; aberſcht ös ſüht aus vördächtig, und wönn ör üſcht gögangen ganz, dann üſcht dör Szauber göwöſen umſonſt und nütſcht mir nüchts, wohr⸗ haftig gar nüſcht!“ „Das wäre wirklich ſchade und es ſollte mir ſehr leid thun, Herr Jakob. Aber ich hoffe, er iſt nicht ganz fortgegangen.“ „Nun, das würd fünden ſüch. Aberſcht hört jötzt, Schakra! Uech hobe nöthig noch oinen andern Szauber, möhr nöthig, als alles Andre.“ „Noch einen, Herr Jakob?“ „Jo, guter Chakra.“ „Nun, Obi ſoll bereit ſein. Auf wen ſoll er hin⸗ gewandt werden?“ „Auf düſen Schölm von Maronen, auf düſen Hör⸗ umſtroicher Cubüna.“ „Das iſt recht, der Gott wird ſein Beſtes thun, den Zauber auf ihn zu bringen.“ „Dör Gott hat ßu thun vül für müch; aberſcht ös üſſcht nücht nöthig, daß ör kommt ſo bald, da dör Kuſch⸗ tos üſcht aus dem Wege. Böſſer üſcht ös ümmer, ör kommt bald, als daß dör Szauber muß angewandt wörden auf oinmal. Döshalb guter Schakra, wönn Uehr es könnt machen müt Cubüna ün öben ſo kurzer — 181 Szoit, wü müt döm Kuſchtos, ſo ſollen andere funfzig Pfund ſoin böroit für Euch.“ „Ich will mein Beſtes dabei thun, Herr Jakob, um Ihr Geld zu verdienen. Ich will thun, was ich kann. Mehr vermag ich nicht zu verſprechen.“ „Das üſcht ganz röcht, guter Schakra. Glaubt Uehr nücht daß das Mädchen, dü Cünthüa, Euch helfen kann?“ „Ganz und gar nichts, gewiß nicht. Cubina läßt die Mulattin um keinen Preis nahe kommen. Er kann ſie nicht ausſtehen. Außderdem weiß das Mädchen jetzt ſchon zu viel. Sie wird eines ſchönen Tages die ganze weiße Sippſchaft nach dem Teufelsloch führen, doch das darf nicht geſchehen. Sie iſt weiter von keinem Nutzen mehr, ſie hat jetzt ihre Schuldigkeit ge⸗ than, hat ausgedient und muß bei Seite geſchafft wer⸗ den, muß hingehen, wo die Andern alle hingegangen ſind, wo der Cuſtos nun auch iſt! Das iſt ein gutes Mittel, der einzige Weg, um eine Weiberzunge im Zaume zu halten und ihrem Geſchwätz auf einmal ein Ziel zu ſetzen. Humm!“ Nach dieſer in kalter Ueberlegung ausgeſtoßenen Drohung ſtand der ſchreckliche Menſch einige Augenblicke ſchweigend da, wie in tiefes Nachdenken über die Art und Weiſe verſunken, wie mit dem Leben der Mulattin am Leichteſten fertig zu werden ſei. „Glaubt Uehr, Schakra, Uehr werdet fünden oinen Andern, dör boiſtohen würd Euch beim Szauber?“ „Habt keine Angſt, Herr Jakob. Ueberlaßt das ganz allein dem alten Chakra— dem alten Chakra und dem alten Obi. Die thun das ganz allein ohne fremde Hülfe.“ 182 „Nun, funfzüg Pfund dann, Schakra. O, üch wollte göben doppelt das Gald, jo ßöhnfach, wohrhaftig, wönn üch wüßte, ös wäre ün Ordnung Alles müt döm jongen Vochan. Ach! wo üſcht ör nur gögangen hün?“ Der Ausdruck bitteren Verdruſſes, ja ſelbſt Kummers, mit dem der ſchändliche alte Jude dieſe Frage mindeſtens ſchon zum zehnten Male an dieſem Tage wiederholte, bezeugte, daß von allen den mannigfachen Gegenſtänden, die ſeinen Geiſt beſchäftigten, die räthſelhafte Abweſenheit ſeines Buchhalters ihn am meiſten drückte und daß er ſie für die wichtigſte von allen hielt. „Boi moiner Söle!“ fuhr er fort, hob ſeinen Regen⸗ ſchirm in die Höhe und blieb in dieſer Stellung einige Augenblicke ſtehen.„Boi moiner Söle! wönn er würklich üſcht davongegangen, da hob' üch göhabt umſonſt alle dü Müh' und dü Sorge, da hob' üch bögangen umſonſt alle dü Ver— r— Verfälſchungen.“ Er hatte„Verbrechen“ ſagen wollen, doch er änderte das Wort, nicht weil er auf Chakra irgend Rückſicht nahm, ſondern weil ihn ein innerer Schauder überfiel, den er bei dem Gedanken an die mögliche Fruchtloſigkeit aller ſeiner Beſtrebungen nicht ganz zu überwinden vermochte. „Nun, quält Euch darum doch nicht ſo ſehr, Herr Jakob!“ ſagte ſein Verbündeter ermuthigend.„Einſt⸗ weilen ſeid Ihr von einem großen Feinde befreit, gerade wie ich auch. Das iſt doch auf alle Fälle keine Kleinigkeit. Und ich verſpreche Euch, in kurzer Zeit will ich Euch noch von einem andern befreien. An das Geſchäft will ich recht bald gehen.“ 183 „Jo, bald, guter Schakra, jo recht bald, ſo bald als ürgend möglich! Nun, üch wüll aufhalten Euch nücht länger. Oes würd Tag und üch muß nach Hauſe und ötwas ſchlofen. Uech habe ßugöthan koin Auge dü lötſchte Nacht. Ach, üch kann nücht ſchlofen, ſo lange ör üſcht nücht aufgefunden. Uech muß göhen nach Hauſe und hören, ob da ötwaſch Neues üſcht über ühn.“ Mit dieſen Worten drehte der Jude ſich um, verließ Chakra ohne weiteren Abſchied auf ſeinem Platze und ging gedankenvoll fort. —— Dreiunddreizigſtes Kapitel. Das verhängnißvolle Nieſen. ₰ „Humm!“ ſtieß der Koromantis aus, als ſein Ver⸗ bündeter ihn nicht mehr zu hören vermochte. „Auf den Geiſt des alten Juden drückt irgend etwas ſchwer, noch etwas Anderes, als blos der Tod des Cuſtos Vaughan! Möchte doch wohl wiſſen, was es eigentlich iſt. Mit dieſem Buchführer hängt es zuſammen, das iſt klar. Aber was iſt es nur? Ausfindig werde ich es doch noch machen, bevor ich einige Tage älter geworden bin, das ſteht feſt! Allein jetzt muß ich durch⸗ aus etwas ſchlafen; es geht mir gerade wie dem Juden, habe dieſe Nacht keinen Schlaf bekommen und die vor⸗ hergehende Nacht auch nicht; und morgen werde ich aber⸗ mals nicht ſchlafen können. Ha! morgen Nacht! morgen Nacht! das wird eine Hauptnacht werden! Morgen „ 184 Nacht, wenn Alles gut geht, da ſchläft Chakra nicht mehr allein, da wird er Geſellſchaft haben, ſchöne Geſell⸗ ſchaft! Da wird er zur Bettgenoſſin die erſte Schön⸗ heit von ganz Jamaica haben, die ſchöne„Kleine—“ Bevor noch der volle Name des mit einem ſo fürchterlichen Geſchicke bedrohten unglücklichen Opfers gänzlich ausgeſprochen war, wurde die Drohung des Myalmannes unterbrochen. Dieſe Unterbrechung geſchah durch einen Ton, der aus einem kleinen Gebüſche dicht neben Chakra kam und der ſich ganz ſo anhörte, als wenn Jemand genieſet hätte. Und es war in der That ſo, Cynthia hatte genieſet. Abſichtlich hatte ſie nicht genieſet, denn nach dem, was ſie ſo eben gehört, war es gewiß nicht wahrſchein⸗ lich, daß ſie ihre Gegenwart durch irgend einen Ton verrathen wollte. Gern hätte ſie in dieſem Augenblicke Alles, was ſie auf der Welt beſaß, Alles, was je zu beſitzen ſie hoffen konnte, ſelbſt die Liebe Cubinas, ſofort dafür hingegeben, hätte ſie Meilen weit von dieſem Platze entfernt ſein können, etwa in der ſichern Küche von Willkommenberg oder ſonſt irgendwo. Schon lange bevor das Geſpräch zwiſchen dem Juden und Chakra beendet, hatte ſie feſt beſchloſſen, den Myal⸗ mann nie wieder zu ſehen, niemals mit ihrem Willen. Aber nun war ein Zuſammentreffen ganz unvermeidlich, denn mußte er nicht das Nieſen gehört haben? Hierin hatte das unglückliche Mädchen ganz recht, er hatte das gehört. Ein wildes und ungeſtümes„Humm!“ war die ſo⸗ fortige erſte Antwort auf das verhängnißvolle Nieſen. 185 Dann wandte ſich der Myalmann raſch nach der Rich⸗ tung, woher es gekommen zu ſein ſchien, und ſtand eine kleine Weile ſchweigend und horchend. „Das iſt ſonderbar!“ ſagte er laut;„Das klingt ja ganz wie Nieſen! Die Bäume können doch unmöglich eine Priſe Schnupftaback genommen haben? Wiſſen muß ich, was das für ein Ton war. Ein Baum war es nicht, das iſt nun einmal gewiß. Ein Vogel war es auch nicht. Was war es denn nur? Beinahe klang es wie das verhaltene Nieſen eines Negermädchens. Aber was hätte ein Mädchen nur hier zu thun? Das iſt doch Alles höchſt ſonderbar. Hollah!“ rief er dann mit lauter Stimme,„wer oder was du auch biſt, laß mich den Ton noch einmal hören! Nimm noch eine Priſe, dann kann ich doch wenigſtens ſagen, ob Du ein Mann oder ein Weib biſt.“ Abermals wartete er auf eine etwaige Antwort, aber es erfolgte keine. In dem ganzen Gebüſche blieb es lautlos und ſtill, als wäre kein lebendiges Weſen vor⸗ handen geweſen. „So, Du willſt nicht wieder nieſen,“ fuhr er fort, als gar keine Antwort kam.„Nun, dann muß ich, wenn Du wirklich biſt, was ich erwarte, Dich wohl ſelbſt nieſen machen. Eine Schlange kann nicht ſo nieſen, eben ſo wenig eine Eidechſe. Du mußt entweder ein Mann oder eine Frau oder ein Kind ſein! Und wenn Du das biſt und haſt gehört, was ich geſagt habe, dann, beim großen Accompong! iſt Dein Leben nicht ſo viel werth, als—— Ha, ha!“ Während dieſer Worte hatte er ſich dem Gebüſche genähert, aus dem der nieſenähnliche Ton hergekommen 186 und das nur einige Schritte von dem Platze entfernt war, wo er ſtand. Er war alsdann etwas in das Gebüſch hinein getreten und durchforſchte es genau mit ſeinen langen affenähnlichen Armen. Der letzte Ausruf wurde von ihm ausgeſtoßen, als er eine weibliche Geſtalt in zuſammengekauerter Stellung in dem Dunkel des Ge⸗ büſches antraf. Sofort hatte er die Geſtalt bei der Schulter und ſie mit ſchnellem Griffe in eine aufrechte Stellung ge⸗ bracht. „Cynthy!“ rief der Myalmann verwundert aus, als das volle Mondlicht auf das Geſicht des Mädchens fiel. „Ja, Chakra!“ ſchrie die Mulattin, ſchon weinend und kreiſchend, noch ehe ſie geſprochen hatte,„ich bin's, ich bin's!“ „Humm! Was machſt Du hier? Du haſt gehorcht. urh haſt Du gehorcht?“ O Chakra! Es war nicht meine Abſicht—“ „Wie lange biſt Du hier geweſen? Sag mir's ſchnelll“ „O Chakra— ich kam—“ „Du warſt ſchon hier bevor wir in die Lichtung kamen, ich brauche gar nicht zu fragen, Du konnteſt nachher hier gar nicht kommen. So haſt Du Alles gehört, was geſprochen worden iſt? Du mußt es gehört haben!“ „O Chakra, ich konnte es nicht ändern; ich wäre ja gern fortgegangen—— „Dann darfſt Du niemals wieder etwas Anderes auf dieſer Welt hören. Komm hierher! Da ſtell Dich hin! Da darfſt Du nie wieder fort gehen! Humm!“ 187 Dieſen letzten Ausruf ſtieß er in ſo grimmiger Weiſe aus, daß er mehr wie das Wuthgeheul und Zorngebrüll eines blutgierigen wilden Thieres, als wie von einer menſchlichen Stimme herrührend erklang. Zugleich mit dieſem Ausrufe ſtreckte das Ungeheuer ſeine langen Arme aus und ſtürzte ſich auf ſein Opfer. Im nächſten Augenblicke packte er den Hals der Mulattin, umſpannte ihn mit den Fingern ſeiner rieſigen Hand und hielt ihn feſt umklammert mit der ganzen Kraft eines unbezwing⸗ baren eiſernen Halsringes. Das arme, plötzlich und unerwartet überfallene Ge⸗ ſchöpf, das ſein ſchreckliches Schickſal gewiß keineswegs vollſtändig ahnte, vermochte einem ſolchen fürchterlichen und wilden Gegner nicht den geringſten Widerſtand entgegenzuſetzen; es konnte ſelbſt nicht einmal ſchreien „Chak— ra, lie—ber Chak—r— r— a!“ waren die letzten tief aus ihrer Bruſt hervorgegurgelten, ſchon halb erſtickten, noch einigermaßen vernehmbaren Töne. Darauf folgte ein Todeswürgen, ein letztes Aechzen und Stöhnen, als die Finger in der lang angehaltenen Umſpannung nachgaben, und das unglückliche Opfer fiel entſeelt zwiſchen die Büſche. „Da lieg Du nun!“ ſagte der Mörder, als er ge⸗ wahrte, daß ſein ſchreckliches Werk vollſtändig vollbracht war. Da wirſt Du gewiß nichts ausplaudern! Jetzt aber nach dem Teufelsloch, und einen guten langen Schlaf um mich für morgen Nacht zu ſtärken. Humm!“ Mit dieſen ihn in allen Entſchließungen begleitendem Ausrufe wandte der fürchterliche Koromantis ſich kalt⸗ blütig von dem grauſen, ſo eben von ihm ſelbſt vollen⸗ deten Todesbilde hinweg, zog die Zipfel des Thierhaut⸗ 188 mantels feſter an und ſchritt aus der Lichtung mit eben ſo viel Gemüthsruhe hinweg, als dächte er über irgend einen ſchwierigen und dunkel verbliebenen Gegenſtand in der Sittenlehre des Obi nach. Vierunddreizigſtes Kapitel. Chakra richtet ſeine Tampe zu. Der Tag brach an, als Chakra nach ſeinem Lager im Teufelsloche zurückkehrte. Für ihn war die Nacht Tag und die anbrechende Morgenröthe das dämmernde Zwielicht des Abends. Er war hungrig, denn er hatte, ſeitdem er am Morgen vorher ſeine verhängnißvolle ſchreckliche Wan⸗ derung angetreten, gerade während vierundzwanzig Stunden, nur einen ganz geringen Biſſen zu ſich ge⸗ nommen. Die Ueberbleibſel eines Pfeffertopfes befanden ſich noch in dem eiſernen Keſſel, worin er gekocht hatte. Sie aufzuwärmen und ein Feuer anzumachen, würde zu viel Zeit erfordert haben. Er war zu ſehr ermüdet, um noch lecker zu ſein; deshalb nahm er den Keſſel aus dem Winkel, wo er in der Hütte ſtand, holte das gedämpfte Fleiſch heraus und aß es kalt. Zuletzt nahm er aber noch etwas, um den Pfeffertopf nachträglich zu erwärmen! nämlich die Neige einer Rumflaſche, die noch von der vorherigen Nacht übrig geblieben war. Dann warf er ſich mit ſolcher Heftigkeit auf die Bambusbett⸗ 189 ſtelle, daß die ſchwachen Rohrſtäbchen unter der Wucht ſeines ſtarken Körpers knackten und bebten, und ſofort verſank er in einen tiefen Schlaf. Hier lag nun das Ungeheuer den ganzen Tag und träumte ſüß im Vollgenuß ſeiner befriedigten Rache von allen den bereits begangenen Verbrechen, ſo wie ganz beſonders von dem, was er erſt die nächſte Nacht begehen wollte, ſeiner Einbildung nach das ſüßeſte von allen, die er je begangen hatte, und das die Seele des ſchrecklichen Menſchen mit den angenehmſten Empfin⸗ dungen erfüllte. Als er endlich erwachte, war es Abend geworden und die Sonne war im Teufelsloche bereits nicht mehr zu ſehen, obwohl die rothen, die Spitzen der oben am Felſenrande ſtehenden Bäume vergoldenden Strahlen deutlich erkennen ließen, daß ſie noch nicht untergegangen war.— Der auf ſeinem Lager hingeſtreckte Chakra vermochte hiervon freilich nichts zu bemerken, denn in ſeiner Hütte herrſchte dichte Finſterniß, da die Thür feſt verſchloſſen war, und durch die Zwiſchenräume der Bambusſtäbe konnte er auch nur die unter den mächtigen Bäumen bereits vollſtändig eingebrochene Dunkelheit gewahren, allein der von der Lagune heraufſchallende Ruf der Rohrdommel, das ſelbſt durch das Gebrüll des Waſſer⸗ falles hindurchdringende Schreien des Potus und das von Zeit zu Zeit hörbare Geheul der großohrigen Eule kündigten ihm deutlich das Herannahen der Nacht an und erinnerten ihn, daß für ihn jetzt die Zeit zum Handeln da ſei. 190 Mit dieſem Gedanken ſprang er von ſeinem Lager auf, ſtieß ſeinen Lieblingsruf aus und begann ſich für das Geſchäft der nächſten Nacht vorzubereiten. Zuvör⸗ derſt dachte er daran, etwas zu eſſen und ſein Blick fiel auf den eiſernen Keſſel, der noch auf dem Boden ſtand, wo er ihn am Morgen hingeſtellt hatte. Von dem gedämpften Fleiſch war immer noch genug darin für eine Mahlzeit vorhanden. „Kalt iſt es nicht mehr zu eſſen.“ ſprach Chakra leiſe, während er ſich anſchickte, ein Feuer anzumachen; „nicht zum zweiten Mal. Muß mir den Magen mit etwas Warmem ſtärken, ſonſt bin ich für die Nacht und all die Arbeit, die daran gethan werden ſoll, nicht kräftig genug.“ Das Anmachen des Feuers, das Aufwärmen des Pfeffertopfes und das Verzehren ſeines Inhaltes nahmen bei der Gewandtheit und Eilfertigkeit Chakras nicht gerade viele Zeit in Anſpruch und waren gethan, als die nächtliche Dunkelheit ſich allgemein verbreitet hatte. „Nun muß ich das Zeichen zurecht machen,“ ſprach er für ſich, ging in der Hütte umher und ſah in alle Spalten und Ritzen, als ſuche er etwas. „Glücklicher Weiſe haben wir dieſe Nacht keinen Mondſchein bis nach Mitternacht und wenn er dann kommt, ſo frage ich nichts danach und ſollte er auch ſo hell wie die Sonne ſcheinen. Jetzt iſt es dunkel genug, daß Adam das Zeichen ſehen kann und auch dunkel genug für Alles, was zu Willkommenberg dieſe Nacht geſchehen ſoll. Nun, und wenn wir da fortgehen, wird's auch hell genug ſein! Das wird'mal eine ſchöne Beleuchtung geben! Humm!’“ 191 „Wo hab ich denn nur die Signallampe hingeſtellt?“ ſagte er und ſuchte ungeduldig in der Hütte umher. „Ich habe ganz vergeſſen, wo ſie iſt, ſo lange iſt es her, daß ich ſie nicht gebraucht habe. Vielleicht iſt ſie unterm Bett. Richtig, da iſt ſie!“ Hiermit zog er unter der Bambusbettſtelle einen Kürbis von dem Umfange einer großen Melone hervor. Er hatte einen langen dicken und hinlänglich ſtarken Stiel, durch den ein Strick gezogen war, ſo daß er an einem Nagel aufgehangen werden konnte. Chakra betrachtete dieſen Kürbis bei der Lampe, die er bereits zuvor angezündet hatte, ſehr aufmerkſam. In dem Kürbis befand ſich nämlich ein ziemlich künſtlich angebrachter Apparat. Auf der einen Seite des Kürbis war ein mehrere Zoll breites Loch, das nach dem Stiele zu ſpitz verlief. Unterhalb dieſes Loches, wenn der Kürbis am Stengel gehalten wurde, ſtand in demſelben eine mit Schmalz gefüllte Muſchel, in der ein baumwollener Docht war. Dem Loche gegenüber waren verſchiedene Glasſtückchen angebracht. So hatte das Ganze die größte Aehnlichkeit mit einer Signallampe, und als ſolche ſollte auch in der That dieſes roh gear⸗ beitete Werkzeug dienen. Nach ſorgfältiger Unterſuchung ſchien Chakra mit der Brauchbarkeit dieſer Lampe ganz zufrieden zu ſein. Lediglich fügte er noch etwas friſches Schmalz hinzu und machte den Docht etwas ſtraffer. Doch dann ſtellte er die Lampe zur Seite und beſchäftigte ſich noch mit einigen andern für die nächtliche Unternehmung noth⸗ wendigen Dingen. Zuerſt wurde ein ungefähr vier Fuß langer Stock, ſo wie ein ziemlich ſtarkes Tau bereitet 192 und ebenfalls zur Seite gelegt. Dann ergriff der Koromantis ein Meſſer mit einer langen ſcharfen Klinge und ein großes Piſtol, das er mit vieler Sorgfalt lud und vollſtändig herrichtete. Beide wurden in einen Ledergürtel geſteckt, den er ſich um den Leib unter dem Mantel von Thierfell geſchnallt hatte. „Ich hoffe,“ ſagte er für ſich, als er ſich mit dieſen Waffen verſah,„daß ich ſie gar nicht brauchen werde, denn es iſt ja Niemand da, der etwa Luſt zum Kampfe hätte und dazu geſchickt wäre. Der Cuſtos iſt todt und von dem großen Buckra, der erſt kürzlich nach Willkom⸗ menberg gekommen iſt, wird geſagt, daß er jeder Gefahr aus dem Wege geht. Das ſchwarze Volk aber ſchlägt ſich nicht, ſondern läuft gleich fort. Sollte das aber nicht der Fall ſein, dann nehme ich meine Maske ab. Der Anblick des alten Chakra wird jeden Neger ſo in Schrecken ſetzen, daß er gewiß gleich davon rennt und mehrere Tage nicht wiederkehrt! Humm!“ Noch eine Waffe nahm der Koromantis zu ſich, eine große ſchwarze mit Rum angefüllte Flaſche, die er aus einem Verſtecke hervorholte und gegen das Licht hielt, um ſich zu verſichern, daß ſie ganz voll ſei. „Dieſe Flaſche,“ ſagte er, als er ſie in eine Taſche ſeines Fellmantels ſſteckte,„dieſe Flaſche habe ich mir lange für dieſe beſondere Gelegenheit aufbewahrt. Wenn die Kerle erſt aus dieſer Flaſche geſoffen haben, ſo werden ſie drauf gehen wie die lebendigen Teufel! Wahrhaftig!“ rief er, als er jetzt aus der geöffneten Thür ſah und bemerkte, daß es gänzlich dunkel geworden ſei,„jetzt muß ich gehen. Bis der alte Adam das Sig⸗ nal geſehen hat und mit ſeinen Leuten über die Berge 193 kommt, wird es ſpät genug ſein, um mit dem Geſchäft anfangen zu können.“ Mit dieſer Erwägung ergriff der ſchwarze Zauberer und Hexenmeiſter ſeinen ſelbſt erfundenen und ſelbſt angefertigten telegraphiſchen Apparat, überſchritt die Schwelle ſeiner Hütte und eilte von ihr hinweg. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Zas Signal mird gegeben. Die kurze tropiſche Abenddämmerung war vorüber und die Nacht über die Inſel Jamaica ausgebreitet. Sie mußte eine außerordentlich dunkle werden, denn der Mond ging nicht vor Mitternacht auf und der Himmel war von ſchwarzen Wolken bedeckt, durch die kein einziger Stern hindurchſchimmerte. Berg und Thal waren in gleicher Weiſe von un⸗ durchdringlicher Finſterniß umhüllt und ſelbſt der Jumbé⸗ felſen, meilenweit in der Runde der hervorragendſte und ſtets noch ſichtbare Berg, war nicht zu unterſcheiden. Deshalb war auch die Geſtalt eines den engen Pfad in der Schlucht den Berg hinauftappenden Mannes gewiß nicht zu ſehen und noch viel weniger die ſchwarze Farbe ſeiner Haut, die entſetzliche Häßlichkeit ſeiner ganzen Erſcheinung oder der abſchreckende, abſcheuliche wilde Ausdruck ſeines grauenvollen Geſichtes Ein ſolcher Mann ſtieg eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang in der Finſterniß hinauf, der ſelbſt in dieſer nicht zu erkennen war. III. Band. 13 Als Chakra, der Koromantis, denn er war es, die obere Platte des Jumbfelſens erreicht hatte, löſte er ſeinen Fellmantel von den Schultern und breitete ihn auf dem Felſen aus. Den mitgebrachten Stock legte er darüber und befeſtigte an beiden Enden den Mantel. Dann nahm er beide vom Boden auf, ging nach der Palme und legte den Stock in der Höhe ſeiner Schultern quer über die Palme, an die er ihn mit dem ebenfalls mitgebrachten Stricke feſtband, ſo daß der Mantel nun ausgebreitet am Baume hing. Dies war in der Weiſe gemacht, daß auf der einen Seite des Mantels das Thal von Willkommenberg und die ſämmtlichen angebauten Gegenden der Montegobay lagen, auf der andern die„ſchwarzen Trelawney⸗Gründe“, eine wilde und unangebaute Gegend, wo kein Gut, keine Pflanzung und überhaupt keine Anſiedlung von Weißen vorhanden war. In dieſer Einöde lagen die Zufluchts⸗ orte fortgelaufener ſchwarzer Sclaven, die Schlupfwinkel Geächteter und die Verſtecke von Räubern und Mördern. Vor Allem gab es Räuber in dieſen unzugänglichen Gebirgsgegenden, die ſogar förmlich in ganzen Banden organiſirt den Behörden der Inſel Trotz boten. Mit ſolchen Räubern, und zwar den verwogenſten und gefährlichſten, hatte Chakra Bekanntſchaft und ihnen wollte er jetzt ein längſt verabredetes Zeichen geben. Zu dieſem Zwecke nahm der Koromantis jetzt, nach⸗ dem er den Mantel ausgebreitet hatte, die mitgebrachte Signallampe und befeſtigte ſie am Banme an der nach den Gebirgen hin liegenden Seite des Mantels. Dann ſchlug er mit Stein, Stahl und Zunder Feuer und zündete den Docht in der Schmalzlampe an. 195 Jetzt brannte die Lampe ganz hell und das von den inwendig angebrachten Glasſtücken wiederſtrahlende Licht konnte gewiß mehrere Meilen entfernt in dem gebirgigen Hinterlande geſehen werden, während nach der Seite der Pflanzungen zu vollſtändige Finſterniß herrſchte, da hier der Mantel als Lichtſchirm diente. Auf dieſe Weiſe konnte das Signal von allen Anwohnern der Montegobay gar nicht geſehen werden, ſondern lediglich von den Räubern in den Trelawneybergen, für die es beſtimmt war. „Gerade die rechte Nacht, damit es geſehen werden kann,“ murmelte der Myalmann, als er mit überein⸗ ander gelegten Armen das Licht betrachtete.„Der Himmel iſt düſter wie des Teufels Pechtopf. Adam hat gewiß Jemand auf der Wache ſtehen, der das Signal bald ſieht.“ 3 Vielleicht ſah Chakra niemals widerwärtiger und gräßlicher aus, als gerade in dieſem Augenblicke. Ohne das weite Kleidungsſtück, das ſonſt ſeine Ungeſtaltheit verbarg, und in einem knappen, ſeinen Buckel auffällig zeigenden Hemde von grobem rothen Flanell, während ein großer Theil des Körpers nackt und die ſchwarze runzelige Haut in dem grellen Lichte der Laterne auf's häßlichſte erſchien, dabei die wilden, grimmigen, etwas von der ſchlangenumgürteten, tief auf die Schläfen herabgehenden Mütze verdeckten Geſichtszüge, zugleich das Meſſer wie das Piſtol im Gürtel, ſo bot er einen Anblick dar, der gewiß Jedem, der ihn ſah, Schrecken und Furcht einflößen mußte. Unbeweglich und ſchweigend ſtand er wie ein böſer Dämon beim hellen Scheine der Lampe und blickte mit unverwandten Augen nach der Gegend, wo die Berge 13* 196 in tiefſter Finſterniß lagen. Doch nicht ſehr lange; denn plötzlich ließ er die übereinandergelegten Arme ſinken, gleich als ſollten ſie zu einer raſchen That bereit ſein und rief befriedigt aus:„Humm! ich wußte wohl, ſie würden das Signal bald ſehen. Da iſt ſchon die Antwort!“ Zugleich erſchien in einer großen Entfernung ein plötzlich hell aufloderndes Licht, das eben ſo ſchnell wieder erloſch. Das Licht flammte nach einiger Zeit in gleicher Weiſe zum zweiten und auch zum dritten Male auf. Alle drei Lichte waren offenbar das Aufblitzen loſe auf⸗ gehäuften und angezündeten Pulvers. So wie die dritte Antwort auf ſein Signal gegeben war, blies der Koromantis das Licht in ſeiner Laterne aus. „Du biſt nun von keinem Nutzen mehr,“ redete er ſeine Lampe an;„kannſt nur noch Gefahr bringen. Auch friert mich hier und ich habe meinen Mantel nöthig.“ Damit nahm er die Laterne herunter und eben ſo den Pelzmantel, den er von dem Stock los machte und ihn wieder umhing. Dann ging er nach dem Rande des Felſens und ſetzte ſich hier ſo auf den Stein hin, daß ſeine Beine herunterhingen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Der Ruf des Solitairs. Von ſeinem Sitze am Rande des Felſens hätte Chakra, wäre es Tag geweſen, Willkommenberg ganz genau ſehen können; allein jetzt in der finſtern Nacht, die das ganze 197 Thal einhüllte, hätte ſelbſt die Lage des Hauſes nur vermuthet werden können, wäre nicht durch die Jalouſien des großen Hauſes der Schimmer vieler Lichter zu ſehen geweſen. Beſonders aus den Seitenfenſtern der großen Halle, die Chakra ganz wohl bekannt war, glänzte ſo helles Licht, daß man glauben mußte, es ſei dort Geſellſchaft und gehe ganz munter her. „Humm!“ rief der Myalmann aus, als er das viele Licht im großen Hauſe zu Willkommenberg gewahrte. „Das ſieht wahrhaftig gar nicht aus, als wenn dort Trauer wäre. Da können ſie von dem Tode noch nichts gehört haben. Vielleicht haben ſie den Körper des Cuſtos nach der Pflanzung Content gebracht. Ganz gewiß haben ſie von der ganzen Sache noch nicht das Geringſte er⸗ fahren und laſſen ſich wenig träumen, daß der ſtolze Herr von dem großen Buff da jetzt ſchon längſt ein kalter Leichnam iſt. Nein, das iſt kein Trauerhaus! Aber wenig ſchadet's. Nein, gerade deſto beſſer! Um ſo leichter können wir das Gold und das Silberzeug nehmen, die ſilbernen Löffel und Gabeln. Das wird ein Fang werden! Humm!“ „Doch was kümmern mich die Löffel und Gabeln? Nichts, gar nichts! Ich begehre nur Eins, und das iſt mehr werth, als alles Silber, alles Gold, mehr werth als das ganze Willkommenberg! Das iſt die kleine Quasheba! Humm! Ich habe ſie ſo manches Jahr geliebt und liebe ſie jetzt noch mehr als jel ja, ich liebe ſie mit der ganzen Kraft meiner Seele! Hab⸗ ich nur einmal das hübſche weiße Mädchen in meinen Armen, dann mache ich mir nichts aus allen ſilbernen 198 Löffeln und Gabeln! Den Plunder kann der alte Adam all nehmen!“ „Doch nein,“ fuhr er nach einigem Schweigen fort, offenbar ſeine Freigebigkeit bereuend;„nein, das geht nicht. Ich werde bald die Löffel und Gabeln nöthig haben für meine eigene Haushaltung. Ich habe das Gold und Silber für mich ſelbſt nöthig, um andere Dinge zu kaufen. Deshalb muß ich meinen Antheil haben ſo gut wie die Andern.“ „Wo bringe ich meine Frau nur am beſten hin?“ ſagte der zukünftige Ehemann nach einiger Zeit ernſten Nachdenkens zu ſich ſelbſt.„Das Teufelsloch muß ich verlaſſen, das iſt gewiß. Der Ort iſt nicht mehr ſicher genug für mich, iſt zu nahe bei der alten Pflanzung. Muß ſie weiter fortſchaffen, wo ſie nicht ſo leicht zu finden iſt, wenn ſie geſucht wird. Doch das wird ſich finden, wird ſich ſicher finden, wenn ich ſie nur einmal erſt habe!“ In dieſem Augenblicke wurden die hoffnungsreichen Erwägungen des Koromantis durch einen lauten Ton unterbrochen, der ihn veranlaßte, ſeine Beine auf den Felſen hinaufzuziehen, um ſich ſofort aufrichten zu können. Bei der Wiederholung des zuvor gehörten Tones ſprang er auf, eilte nach der entgegengeſetzten Seite des Felſens und ſtellte ſich da, wo der Fußſteig auf die Felsplatte hinaufführte, hin, um zu horchen. Gleich darauf erſchallte derſelbe Ton zum dritten Male. Im Ganzen hatte dieſer Ton für einen an die Töne eines jamaicaniſchen Waldes Gewöhnten durchaus nichts Fremdartiges, denn es war der gewöhnliche Ruf eines dort ganz gemeinen Vogels, des Solitairs. Nur das 199 war ſonderbar, ihn zu dieſer nächtlichen Zeit zu hören, denn die ſanften Flötentöne des Solitairs werden nur am Tage vernommen. Für Chakra hatte indeß der jetzt in der Nacht gehörte Ruf des Solitairs um dieſe Zeit nichts Verwunderliches, weil er ganz wohl wußte, daß der Ruf nicht wirklich von einem Solitair herrührte, ſondern daß er nachgemacht von ſeinem neuen Verbün⸗ deten herkam, dem Räuberführer Adam! Chakras ſofortige Antwort darauf war ganz verſchie⸗ den, mehr klagend und nicht ſo wohltönend. Sie war eine genaue Nachahmung jenes traurigen, während der Nacht an den ſchilfigen Ufern des Sees im Teufelsloche vernommenen Klagerufes der Rohrdommel. Dieſe ward von Chakra durch ein kleines Rohr hervorgebracht, das er an den Mund ſetzte und worauf er blies. Jetzt ſchallte vom Fuße der Schlucht herauf das Durcheinander verſchiedener Stimmen, als wenn mehrere Männer behutſam mit einander ſprächen. Darauf konnte man Fußtritte auf dem Steingerölle und Raſcheln in den Gebüſchen hören, die mit jedem Augenblicke deut⸗ licher wurden. Bald nachher tauchte eine Männergeſtalt aus der dunklen Kluft hervor, die auf die Felsplatte ſtieg. Dann folgte eine andere und wieder eine andere, bis zuletzt im Ganzen ſechs auf der Felsplatte ſtanden. „Biſt Du das, Bruder Adam?“ ſagte Chakra, indem er etwas vorwärts ging, um den oben an der Felsplatte zuerſt Angelangten zu empfangen. „Ja, ja! ich bin's! Biſt Du Chakra?“ „Ja, ich bin der alte Neger.“ „Nun, da iſt's recht, Kamerad. Wir haben Dein Signal gleich geſehen und ſind auch ſchnell gekommen, nicht wahr, ſehr ſchnell?“ „In der That, ſehr ſchnell. Ich erwartete Euch erſt eine halbe Stunde ſpäter.“ „Na, nun wir hier ſind, was haſt Du denn vor? Ich hoffe, es iſt etwas Hübſches zu gewinnen, denn wir haben's nöthig. Schon ſeit einem Monate haben wir nichts vor uns bringen können. Am meiſten fehlen uns Lebensmittel!“ „Lebensmittel!“ rief der Myalmann mit ſpöttiſchem Nachdruck und verächtlich lächelnd aus.„Hier giebt’s heute Nacht mehr zu holen als Lebensmittel; hier könnt Ihr reich werden, jeder von Euch. Humm!“ „Prächtig, prächtig!“ rief Adam entzückt aus, dem ein ganzer Chor vergnügter Ausrufungen folgte;„die Neuigkeit höre ich gern. Und iſt es etwa das Geſchäft, von dem Du jüngſt geſprochen haſt, Du alter Buckelfritz?“ „Ja, daſſelbe,“ erwiderte Chakra ernſt und im Ge⸗ ſchäftstone,„nur mit dem Unterſchiede, daß ich Euch jetzt zu einem größeren Geſchäfte herberufen habe, anſtatt des kleinen, wie ich damals beabſichtigte.“ „Nun, groß oder klein,“ erwiderte der Andere,„ſie ſind alle hier und zur Ausführung bereit, alſo vorwärts 14 Hierbei deutete der Redner, der unbedingt der Führer der Bande war, auf ſeine Genoſſen. Dieſe waren ſämmtlich, obwohl in der verſchiedenſten und ſonderbarſten Weiſe, bewaffnet. Einer trug eine alte vom Roſte bereits roth gewordene Muskete, ein Anderer eine Vogelflinte von ähnlicher Beſchaffenheit, einige führten Piſtolen, doch faſt Alle beſaßen lange Meſſer oder vielmehr Macheten. Schon hieraus hätte 201 man ſchließen können, daß das Geſchäft, zu dem Chakra dieſe Leute berufen hatte, wohl keineswegs ein fried⸗ liches ſei. 2r Allein eine ſolche Vermuthung mußte noch beſtärkt werden, wenn man den wilden und grauſamen Ausdruck ſämmtlicher Geſichter betrachtete, die alle den verwegenſten Muth wie die größte Entſchloſſenheit zu den ſchrecklichſten Verbrechen verriethen. In der That bildeten dieſe Leute die gefürchtete Bande des ſchwarzen Räubers Adam, die auf der ganzen Inſel als die ruchloſeſten und grau⸗ ſamſten Gurgelabſchneider verrufen waren. Obwohl ſie nun gewiß zu jeder Uebelthat bereit und auf die Ausführung einer ſolchen ſogar erpicht waren, ſo hielt es Chakra doch für angemeſſen, um ſie für ſeine Abſichten noch willfähriger zu machen, ſie mit einigem Rum zu bearbeiten. „Liebe Freunde,“ ſagte er deshalb zutraulich zu den bereits auf den Aufbruch harrenden Räubern.„Ihr habt ſchon viel Anſtrengung gehabt und einen langen mühſamen Marſch gemacht. Hier habe ich jetzt ein paar Tropfen, die ſehr gut gegen die Nachtkälte ſind, und ich denke, wir nehmen alle erſt etwas aus der Flaſche hier. Nicht wahr?“ Einem ſo zweckmäßigen Vorſchlage ſtimmten Alle ohne Ausnahme mit dem lebhafteſten Beifalle zu und Jeder der Räuber erquickte ſich ſofort aus der von Chakra kluger Weiſe mitgebrachten großen Rumflaſche, und ver⸗ ſchaffte ſich dadurch noch größeren Muth zu künftigen Heldenthaten. „Nun, alter Buckelfritz,“ ſagte Adam zu Chakra in der zutraulichſten Weiſe, die eine lange Bekanntſchaft, „ 1 — 202 ſo wie ein oftmaliges freundſchaftliches Zuſammenhandeln bei ähnlichen Angelegenheiten vorausſetzte,„ich denke mir, das Ereigniß, von dem Du damals geſprochen haſt, iſt eingetreten?“ „Ja, Adam, es iſt wirklich eingetreten.“ „Iſt der große Buckra fortgegangen?“ „Ja, er iſt fortgegangen und iſt auch heimgegangen. Ha, ha, ha!“ „Ach, das iſt ein Räthſel, was meinſt Du mit dem Heimgehen?“ „In die ewige Heimath, mein' ich.“ „Ha!“ rief Adam erſtaunt aus;„willſt Du damit ſagen, daß der Cuſtos—“ „Laß den Cuſtos nur jetzt zufrieden, Bruder Adam. Das ſollſt Du ſpäter alles erfahren. Jetzt wollen wir uns mit des Cuſtos Silberzeug beſchäftigen, und da iſt gar keine Zeit mit unnützem Geſchwätze zu verlieren. Denn ſonſt geht der Mond auf und durchſcheint alle dieſe Wolken. Dann aber iſt es mit unſerer Unter⸗ nehmung ganz aus. Die muß noch vor dem Aufgehen des Mondes ausgeführt werden.“ „Das iſt ganz richtig. Nun, ich bin bereit und die Andern auch!“ „Dann folgt mir alleſammt geſchwind! Während wir hinabgehen, beſprechen wir, wie wir den Angriff machen wollen. Dazu iſt dann noch Zeit genug. Nun folgt mir!“ Mit dieſem Befehle ſtieg der Koromantis die Schlucht hinab, gefolgt von Adam und ſeiner Bande. 203 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ein Trauerzug. An demſelben Abende, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang, bewegte ſich ein ſeltſamer Zug auf dem Carrion⸗Kreuzwege nach Willkommenberg hin. Sein langſames Vorwärtsgehen, die ernſthaften Blicke und Geberden der daran Theilnehmenden, eine von vier Männern auf den Schultern getragene rohe Tragbahre, vor Allem aber die auf ihr ausgeſtreckt liegende menſch⸗ liche Geſtalt, die trotz des ſie vollſtändig bedeckenden Camelotmantels leicht als ein Todter zu erkennen war, alle dieſe Anzeichen bewieſen deutlich, daß es ein Leichen⸗ zug war. Er beſtand aus zehn Perſonen; zwei davon waren zu Pferde, den Uebrigen ein wenig voraus. Dann folgten vier, welche die Bahre trugen, und dicht dahinter kamen vier andere Männer, die zu zwei gingen und von denen die vorderſten Zwei offenbar Gefangene waren, da ſie mit den Armen an einander geſchloſſen und ihnen die Hände auf den Rücken feſtgebunden waren. Die beiden Hinterſten waren ihre Wächter. Die beiden Reiter vorn waren Herbert Vaughan und der Maronenhauptmann und die Pferde dieſelben, die den Tag zuvor der Cuſtos und ſein Diener geritten hatten. Die Gefangenen waren die ſpaniſchen Neger⸗ jäger, ihre Wächter Quaco und der Reitknecht des ver⸗ ſtorbenen Cuſtos, und die vier den entſeelten Körper tragenden Sclaven gehörten zur Pflanzung Content. Genau genommen konnte von allen den Leichenzug Begleitenden nicht ein Einziger als wirklich Leidtragender 8— — 5 204 bezeichnet werden, denn Niemand hatte Grund, über das den Eigenthümer von Willkommenberg getroffene Schickſal ſehr tief bekümmert zu ſein, nicht einmal ſein Neffe. Dennoch zeigten die Geſichter Aller, ſelbſt die beiden Gefangenen nicht ausgeſchloſſen, den Ausdruck einer ſtillen, einem Leichenzuge angemeſſenen ernſten Trauer. Vielleicht wäre der Neffe doch noch tiefer und inniger gerührt geweſen; denn jetzt, wo der Onkel todt, war alle Feindſchaft gegen ihn vollkommen erloſchen; vielleicht hätte ſich ſeiner ſelbſt eine aufrichtige und ſein ganzes Weſen in Anſpruch nehmende Trauer um den Verſtor⸗ benen bemächtigt, wären ihm nicht gerade jetzt verſchie⸗ dene Umſtände bekannt geworden, die dazu dienten, in ſeinem Herzen nicht nur jedes trübe und traurige Gefühl zu erſticken, ſondern es ſogar mit der lebhafteſten, ſüßeſten Freude zu erfüllen. Nur mit Anſtrengung vermochte er deshalb in ſeiner Haltung wie in ſeinen Geberden den einer ſolchen Ge⸗ legenheit geziemenden Ausdruck der Trauer zu bewahren. Sein Herz war eigentlich trotz des trüben Leichenzuges von freudigen Hoffnungen gehoben, die durch die Mit⸗ theilungen des Maronenhauptmanns erregt waren. Wäh⸗ rend ihres längeren Zuſammenſeins hatte Cubina ihm nämlich Alles erzählt, was er in jüngſter Zeit erlebt und erfahren hatte, und darunter auch von dem mit ſeiner geliebten Yola zuletzt unter der großen Ceiba ge⸗ führten Geſpräche, das ſich auf Käthchen Vaughan oder die kleine Quasheba bezog. Obwohl Cubinas Kenntniß von ihrem Herzenszuſtande eigentlich nur ſehr unvoll⸗ ſtändig, da ſie nicht unmittelbar und ihm erſt durch Yola 205 zugekommen, ſo war ſie dennoch genügend, um Herbert erneute Hoffnung und wohl noch etwas mehr als bloße Hoffnung zu verleihen, deren lebhafte Aeußerung er nur ſchwer zu unterdrücken vermochte. Auch noch andere Geheimniſſe hatte Cubina ihm enthüllt, unter ihnen den wahren Charakter ſeines bis⸗ herigen Gönners und Schutzherrn Jeſſuron, der ihm freilich längſt verdächtig vorgekommen war, aber den er nun in ſeiner ganzen Niederträchtigkeit erkannte. Die Herbert bis dahin ganz unbekannte Geſchichte des Fellah⸗ fürſten, in Verbindung mit allem Uebrigen, was er in den letzten vierundzwanzig Stunden ſelbſt erlebt, war mehr als nöthig, um jeden ſchon zuvor über Jakob Jeſſuron gehegten Verdacht vollkommen zu beſtätigen. Obwohl es einleuchtend war, daß die beiden in der Obhut Quacos ſich befindenden Gefangenen den Cuſtos nicht wirklich ermordet hatten, ſo war dies doch offenbar ihre Abſicht geweſen, die nur durch einen bereits zuvor in anderer Weiſe bewirkten Mord vereitelt worden, und Herbert wie Cubina vermochten nach allem Vorausge⸗ gangenen durchaus nicht die ſichere Vermuthung zu unter⸗ drücken, daß Beides von derſelben Hand ausgegangen ſei, von der ruchloſen zu jeder Abſcheulichkeit fähigen Hand des früheren Gönners und Wirthes Herberts. Ddceeshalb war Herbert auch ſchon längſt, noch bevor Cubina ihm Alles umſtändlich erzählt hatte, entſchloſſen, nie wieder freiwillig den Bezirk des„Glücklichen Thales“ zu betreten und noch viel weniger je unter das Dach Jeſſurons zurückzukehren. Sollte er noch je irgend etwas mit dem heimtückiſchen Iſraeliten zu thun bekommen, ſo konnte dies jedenfalls nur auf dem Wege der Ge⸗ ſͤſͤſͤſͤͤſͤſͤſͤſſͤſſͤſͤſͤſſſſ 3 4— 206 rechtigkeit, als Rächer ſeines gemordeten Oheims, ſein. An dem Morde ſelbſt war nicht im Geringſten zu zwei⸗ feln, denn die Unterredung zwiſchen Chakra und dem Juden, die der Marone behorcht und die er unglücklicher Weiſe damals nicht vollſtändig verſtanden hatte, enthielt jetzt, nach dem Tode des Cuſtos, leider nichts Geheim⸗ nißvolles mehr, da die ſchreckliche That Alles hinlänglich aufgeklärt hatte. Nur die Bewegungsgründe und Ab⸗ ſichten bei derſelben lagen noch gänzlich im Dunklen. Sowohl Herbert wie Cubina dachten nicht daran, dieſe ganze Angelegenheit in Stillſchweigen zu begraben und ſich etwa nicht weiter darum zu bekümmern. Ein ſo ſchreckliches und nothwendiger Weiſe ſo folgenreiches Ereigniß verlangte die genaueſte Erforſchung und ſorg⸗ ſamſte Unterſuchung. Zu einer ſolchen thaten ſie jetzt den erſten Schritt, indem ſie den Leichnam des Cuſtos nach Willkommenberg geleiteten, damit hier die Behörden eine genügende, den Geſetzen entſprechende Unterſuchung anordnen könnten. Aber wie verſchieden waren Herberts Gefühle jetzt bei der Begleitung der Leiche gegen damals, als er ſich zuerſt dem Wohnhauſe ſeines ſtolzen Verwandten näherte! Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Entführung. 3 Als Chakra von der Spitze des Jumbsfelſens die glänzend erleuchteten Fenſter zu Willkommenberg geſehen, hatte er dort Geſellſchaft vermuthet, allein hierin irrte er ſich. Früher freilich, bis zu der Ankunft des vor⸗ trefflichen Herrn Smythje, hätte der Koromantis ganz richtig geſchloſſen, doch ſeitdem dieſer hier zu Gaſte, war die vollſtändige Beleuchtung des Herrenhauſes mit An⸗ ſteckung aller Kron⸗ und Armleuchter nicht allein nichts Ungewöhnliches, ſondern der regelmäßige Gebrauch jeden Abend. Hieran fand Herr Vaughan Gefallen, und der Hausmeiſter war beauftragt, auch während ſeiner Ab⸗ weſenheit die Beleuchtung gerade wie ſonſt zu beſorgen. Deshalb war die große Halle dieſen Abend wie gewöhnlich beleuchtet, der glänzende Fußboden derſelben ſtrahlte im hellſten Lichte, und auf den Seitentiſchen ſchimmerten geſchliffene Gläſer und Silbergeſchirr, laut den Reichthum des Pflanzers Vaughan verkündend. Die einzigen Perſonen, die ſich in dieſem prächtig ausgeſtatteten Gemache befanden, waren Smythje und die junge Herrin von Willkommenberg, die Beide nichts von dem wußten, was ſich auf der Landſtraße nach Savanna zugetragen hatte, jenem ſchrecklichen Ereigniſſe, das Käthchen Vaughan zur vaterloſen Waiſe machte und ſie zugleich des Titels beraubte, mit dem ſie erſt bezeichnet wurde. Yola, ihre Dienerin, kam und ging von Zeit zu Zeit, und auch der Diener Smythje erſchien zuweilen in dem Gemache, wenn ſein Herr ihm rief. Obſchon keine Geſellſchaft vorhanden, ſo war Herr Smythje doch ganz wie zu einer ſolchen angezogen und geputzt und trug Leibrock, ſeidene Strümpfe und Schuhe mit Silberſchnallen darauf. Es war ſein unabänder⸗ licher Gebrauch, ſich jeden Abend geſellſchaftsmäßig an⸗ zuziehen oder vielmehr anziehen zu laſſen, und dieſen 208 beobachtete er ſo gewiſſenhaft, daß, wäre auch Niemand im Hauſe geweſen, als nur die Dienſt thuenden Neger, er trotzdem doch ganz gewiß im prächtigſten Geſellſchafts⸗ anzuge erſchienen wäre, denn von ihm wurden die An⸗ forderungen der Mode und der Eleganz eben ſo heilig gehalten und eben ſo gewiſſenhaft befolgt, wie von einem heiligen Mönche die Gebräuche ſeiner Religion und die Regeln ſeines Ordens. Herr Smythje war höchſt aufgeräumt und munter, und ſeine Geſellſchafterin, merkwürdig genug, weniger trübſinnig, als ſonſt gewöhnlich in der letzten Zeit. Un⸗ bezweifelt hatte dies auch ihn noch mehr erheitert und in die fröhlichſte Stimmung verſetzt. Smythje wußte keineswegs, weshalb Käthchen nicht ſo niedergeſchlagen wie ſonſt war, doch glaubte er ihre größere Munterkeit der immer näher tretenden Ausſicht auf die frohe Feier, die in wenigen Tagen ſtattfinden ſollte, beimeſſen zu können. In einer Woche oder in höchſtens vierzehn Tagen ſollte Herr Vaughan von ſeiner Reiſe zurückkehren, und dann ſollte, der Verabredung gemäß, zu der das junge Mädchen ihre Einwilligung ſtillſchweigend ertheilt hatte, die Vereinigung von Willkommenberg und Schloß Montagu nicht länger mehr aufgeſchoben werden. Smythje war ſogar ſo verwogen, von der Ausſteuer zu reden, von der Hochzeitsreiſe während der Flitter⸗ wochen, die ſich bis zur großen Weltſtadt jenſeits des großen Oceans ausdehnen ſollte, und als Käthchen auf ſeine Aufforderung ſich zur Harfe ſetzte und Muſik zu machen begann, fing er ein Langes und Breites von der großen Oper und deren unübertrefflichen Genüſſen 209 zu erzählen an. Solch Geſchwätz hatte bei früheren Gelegenheiten ſeine Zuhörerin ſtets noch einſilbiger und ſchweigſamer gemacht, allein dieſen Abend führte es keine ſolche unangenehme Wirkung herbei. Käthchen horchte ſtill, während ihre über die Saiten der Harfe hinglei⸗ tenden Finger eine keineswegs melancholiſche Melodie begannen. In Wahrheit aber hörte die junge Kreolin ganz und gar nicht auf die roſenfarbigen Beſchreibungen und Er⸗ gießungen Smythjes, die ſeiner Meinung nach einen tiefen Eindruck auf ſie hervorbringen mußten. Wenn auch bei der Harfe ſitzend und mechaniſch deren Saiten rührend, waren ihre Gedanken doch ganz anderer Art, denn die wurden durch eine weitere ihr von Yola mit⸗ getheilte Nachricht beherrſcht, welche die eigentliche Quelle ihrer Freude oder vielmehr jenes flüchtigen Freuden⸗ glanzes war, der für eine kurze Zeit ihr Angeſicht mit unvergleichlicher Anmuth umfloß. Ach, Käthchen ahnte nicht, daß die Leiche ihres Vaters, kalt und ſtarr auf einer Tragbahre ausgeſtreckt und von fremden Leuten begleitet, kaum noch eine Meile von ihrem Sitze entfernt, ſich langſam dem nun herrenloſen Willkommenberg nähere! Eben ſo wenig ahnte ſie, daß, während ſie Herrn Smythje auf der Harfe vorſpielte, ſich von einer andern Seite dem friedlichen Wohnhauſe wilde Ungethüme in menſchlicher Geſtalt näherten, deren dunkle Schatten ſich verſtohlen durch das von den Fenſtern aus verbreitete Licht ſchlichen und bereits Anſtalt trafen, in das Haus ſelbſt einzudringen, um dort Raub, Gewaltthätigkeit noch 14 III. Band. viel ſchlimmerer Art, ja, wenn es nöthig, ſelbſt Mord zu begehen. Weder der hoffnungsreiche Smythje, noch ſeine Ver⸗ lobte, noch ſonſt irgend Jemand zu Willkommenberg, ſah oder muthmaßte dieſe unter dem Schleier einer dunklen Nacht geheim und unbemerkt vollzogene Um⸗ ſtellung, als bis ſie vollkommen ausgeführt war. Auch nicht ein Warnungsruf, nicht ein Zeichen oder ein Wink ward den in der hell beleuchteten Halle Sitzenden zu Theil, als ein halbes Dutzend wilder Schreckgeſtalten von ſcheußlichem Ausſehen, einige mit ſchwarzen häßlichen Masken, andere mit noch häßlicheren und Furcht erre⸗ genden bloßen Geſichtern, plötzlich in die große Halle ſtürzten und dort ſofort ihr Plünderungsgeſchäft und Zerſtörungswerk begannen. Einer dieſer Männer von hervorragend rieſiger Geſtalt mit einer gräßlichen Maske vor dem ganzen Geſichte in einem weiten Pelzmantel, der indeß nicht hinreichte, um einen nicht unbedeutenden Buckel zu verbergen, eilte im wilden Grimme allen Andern voran gerade auf das holde, ohne alles Arg noch im Muſiciren begriffene Käthchen, ſtieß die Harfe zur Seite und packte das arme Geſchöpf mit ſeinen mächtigen Händen, bevor ſie noch aus dem Stuhle ſich zu erheben vermochte. „Humm!“ ſtieß er faſt brüllend in wilder Freude hinter der Maske hervor;„endlich habe ich Dich gefaßt, meine kleine Quasheba! nach langen Jahren Wartens habe ich Dich endlich! Deine Mutter, die Quadrone, iſt mir entſchlüpft und hat mich verhöhnt, aber ich will ſchon Acht geben, daß es mit der Tochter nicht eben ſo geht. Du kommſt nun gleich mit mir!“ 211 Während der Räuber dieſe Worte ſchnaubte, ſchleifte er ſein ſchreiendes Opfer durch den Saal nach der großen Treppe. Smythjes nur unentſchloſſene Dazwiſchenkunft war von keinem Nutzen. Mit einem einzigen Hieb ſeiner mächtigen geballten Fauſt warf der Rieſe in dem Thier⸗ felle den ohnmächtigen Stutzer zu Boden, ſo plötzlich und gewaltſam, daß der erſchreckte Cockney nicht mehr an Widerſtand dachte, ſondern ſich heulend auf dem glatten Boden wälzte, bis es ihm zuletzt gelang, wieder auf die Füße zu kommen. Dann aber, ohne einen zweiten Hieb zu erwarten, der ihn abermals zu Boden ſchleudern könnte, lief der geängſtete Haſenfuß ſchleunigſt zur offnen Thür hinaus, flüchtete die ſteinerne Treppe hinab und verſchwand nach wenigen Sprüngen in der Finſterniß. Unterdeſſen war der Lärm und das Geſchrei der Räuber in die Küche wie in die übrigen Theile des Hauſes gedrungen. Auf Ausrufungen der Verwunderung und des Erſtaunens folgte verwirrtes Angſtgeſchrei mit Schreckensrufen. Die Dienerſchaft kam von allen Seiten in die große Halle hineingeſtürzt, allein einige Schüſſe aus den Musketen und Piſtolen der ſchwarzen Räuber, lediglich abgefeuert, um die Verwirrung zu vermehren, zerſtreute ſie bald alle zuſammen, Thoms mit inbegriffen, und trieb ſie zur Flucht nach den Zuckerwerken und nach dem etwas entfernteren Negerdorfe. In wenigen Minuten waren Adam und ſeine Spieß⸗ geſellen vollkommen Herren des Hauſes. Dann wurden die Silberſchränke erbrochen, alle Kiſten und Koffer geöffnet und ihrer werthvollſten Gegenſtände entledigt. 14* In kaum einer Viertelſtunde waren die ſchwarzen Räuber mit dem Plündern fertig und bereiteten ſich vor, wieder fortzugehen Während ſeine Spießgeſellen in dieſer Weiſe beſchäf⸗ tigt waren, hatte Chakra ſein unglückliches Opfer unten an der großen Treppe in Sicherheit gebracht, wo er ungeduldig die Vollendung des Plünderungsgeſchäftes abwartete. Obwohl er entſchloſſen, ſeinen Antheil an der Beute vollſtändig in Anſpruch zu nehmen, ſo war ihm hieran doch viel weniger gelegen, als an der endlichen Befriedigung jenes verruchten Gelüſtes, das ſeine wilde Seele ſchon ſeit langer Zeit erfüllte. Allein ungeachtet der heftigen Leidenſchaft ſeiner teufliſchen Begierde beſaß Chakra doch hinreichend Klug⸗ heit, um ſich für den Augenblick mäßigen zu können. Sobald Adam und ſeine Helfer mit Beute beladen die große Treppe herabkamen, gab er ſeine Gefangene einem der Räuber zur Bewachung, befahl den Andern, ihm zu folgen, ſtieg raſch die Treppe hinauf und ging noch einmal in die ihrer Koſtbarkeiten beraubte und ausge⸗ plünderte Halle. In unglaublich kurzer Zeit wurden die Harfe, die Stühle, die Sophas und Ruhebetten und andere leichte Mobilien inmitten im Saale aufgehäuft, die Jalouſien wurden ausgehoben und auf den Haufen gelegt und dann dieſer angezündet. Das trockene Holz fing Feuer wie Zunder, und in wenigen Augenblicken ſtand das prächtige Herrenhaus von Willkommenberg vollſtändig in Flammen! Kurze Zeit darauf ſuchten die Räuber bei dem weit umher in den Feldern verbreiteten Scheine der rothen 9 213 Flamme ſich in den nahen Gebüſchen zu verbergen. Sechs von ihnen ſchleppten ſchwer an den geraubten Schätzen, während der ſiebente, der Fürchterlichſte von Allen, in ſeinen Armen einen Schatz ganz anderer Art trug, die liebliche Geſtalt eines reizenden Mädchens, die ohnmächtig hingeſunkene„Kleine Quasheba!“ Neuuunddreißigſtes Kapitel. Diebe! Räuber! Mörder! Langſam mit feierlichem Schweigen bewegte ſich der die Leiche des Cuſtos Vaughan begleitende Zug auf der einſamen Landſtraße. Bereits war der von den letzten Strahlen der ſinkenden Sonne röthlich umfloſſenen Jum⸗ béfelſen in Sicht und an der andern Seite deſſelben lag Willkommenberg, wohin dieſer Trauerzug unver⸗ muthet Betrübniß und Wehklagen bringen ſollte, denn die Theilnehmer konnten nicht vermuthen, daß dort bereits durch ein anderes Ereigniß vorher Schrecken und Entſetzen verbreitet würden. O, hätte Herbert nur irgend eine Ahnung davon gehabt, daß in jenem Augenblicke das jetzt von ihm mit der ganzen Kraft ſeines Herzens geliebte Weſen, daß ſie, die ihn, wie er nun erfahren, ſo glühend wieder liebte, ohnmächtig in den Armen— Aber nein! Die ſchreckliche Wahrheit wird ihn nur zu früh erreichen! Eine kleine Stunde noch, und die ſüßen Träume, in denen er ſich den ganzen Tag wäh⸗ rend der langen Reiſe gewiegt hatte, werden urplötzlich zerſtieben! Bei einer Wendung des Weges ſtanden verſchiedene, ein dichtes Laubdach darbietende große Bäume. Unter dieſen hielt der Zug auf Herberts und Cubinas Befehl an, während ſie von den Pferden ſtiegen. Der Schatten des Baumdaches veranlaßte ſie nicht hierzu, denn die Sonne war bereits untergegangen, und eben ſo wenig die Erwägung, daß die Träger vielleicht ausruhen müßten, denn dieſe waren kräftig und die Leiche war keineswegs eine ſehr ſchwere Bürde. Deshalb wurde nicht angehalten, ſondern weil Herbert ſo wohl wie Cubina den ſchrecklichen Eindruck fürchteten, den die plötzlich und gänzlich unvermuthete Ankunft der Leiche des Cuſtos dort hervorbringen würde, vorzüglich bei der gewiß in keiner Weiſe den gewaltſamen Tod ihres geliebten Vaters erwartenden Tochter. Deshalb wollten ſie einen Augenblick ruhig über⸗ legen, wie es am beſten anzufangen ſei, die Tochter auf das ſchreckliche Geſchick des Vaters vorzubereiten. Bald war auch ein Plan entworfen. Ein Bote ſollte auf einem der Pferde vorausgeſandt werden, um die verhängnißvolle Nachricht an Truſty, den Oberaufſeher, zu überbringen und dieſer ſollte alsdann der Tochter die traurige Neuigkeit nach und nach, wie er es für's Beſte hielt, mittheilen. Herbert wäre wohl ſelbſt ſofort nach Willkommen⸗ berg geeilt, allein er ward durch zarte Rückſichten auf den augenblicklichen Widerſtreit der ſein eigenes Innerſtes erfüllenden Gefühle hiervon abhalten. Außerdem ſchien es auch ziemlich gleichgültig zu ſein, wer die Trauer⸗ 215 botſchaft an Truſty überbringe, und ſo wurde der Neger⸗ reitknecht des Cuſtos dazu beſtimmt, der ſofort ſeine Verhaltungsbefehle empfing, ſein eigenes Pferd beſtieg und alsdann ſo ſchnell davon ritt, als es die jetzt ein⸗ getretene Dunkelheit geſtattete. Faſt eine Stunde verblieb der Zug auf dem Platze, wo er Halt gemacht hatte, um dem Boten die nöthige Zeit zur Ausführung ſeines Auftrages zu gewähren. Doch dann zogen ſie ſämmtlich langſam auf dem Wege nach Willkommenberg weiter, Herbert und Cubina zu Fuße voran, während ſie das ledige Pferd führten. Quaco bewachte jetzt die Gefangenen allein, was er um ſo leichter vermochte, da er dem nächſten derſelben einen Strick um den Hals gelegt hatte, den er nun wie eine Halfter in der Hand hielt und durch den er die Beiden verhindern konnte, in der Finſterniß davon zu laufen. Hierzu machte aber Keiner nur den gering⸗ ſten Verſuch, denn Beide wußten ſehr wohl, daß jede kleine hierauf abzweckende Bewegung ihnen ſofort einen anſtändigen Hieb mit einem tüchtigen Prügel von der kräftigen Hand Quacos einbringen würde. In dieſer Weiſe mochte der Zug ſich wohl eine kleine Viertelſtunde vorwärts bewegt haben, als er abermals auf Befehl der ihn Führenden Halt machen mußte. Diesmal jedoch ward der Grund der Unter⸗ brechung Allen ſogleich klar, denn Alle hörten die Huf⸗ ſchläge eines eilig auf derſelben Straße von Willkom⸗ menberg im vollen Galoppe herkommenden Pferdes und der Reiter mußte gleich bei ihnen ſein. War es ein Fremder oder war es ein eigener jetzt zurückkehrender Bote? Er war nicht angewieſen worden, ͤͤſͤſͤſͤſͤſſͤſſͤſſſſſ 8—— — Zurückzukehren, denn es war für genügend gehalten, wenn er Herrn Truſty die ihm aufgetragene Botſchaft ausrichtete. Deshalb waren ſie Alle etwas verwundert, als der Reiter dicht an den Zug hinſprengte und Her⸗ bert wie Cubina den fortgeſandten Reitknecht erkannten. Dieſer ließ ihnen aber keine Zeit, Vermuthungen über ſeine Rückkehr anzuſtellen. Willkommenberg, be⸗ richtete er, wäre ſo eben von einer Bande Dieben, Räubern und Mördern angegriffen! Da wären Männer in Masken und Männer ohne dieſelben, die alle ſchrecklich anzuſehen wären. Sie plünderten die große Halle, hätten Herrn Smythje ermordet, mißhandelten die junge Herrin und feuerten mit Flinten und Piſtolen auf Jeden, der ihnen in den Weg träte! Der Bote hätte ſich nicht aufgehalten, um Herrn Truſty zu ſprechen. Er habe alles dies von den in größter Angſt aus dem Hauſe fliehenden Dienern er⸗ fahren. Verwirrt und erſchrocken durch das Geſchrei und das Schießen, das er ſelbſt gehört habe und mit dem Gedanken, daß die ſchnellſte und wirkſamſte Hülfe von den Theilnehmern des Leichenzuges kommen möge, ſei er ſofort auf demſelben Wege zurückgalopirt. Das waren die hauptſächlichſten Thatſachen der von dem Reitknecht in der unzuſammenhängenſten und ver⸗ wirrteſten Weiſe zugleich mit den mannigfachſten Aus⸗ rufungen des Schreckens und der Angſt untermiſchten Erzählung. Es war eine ſchauderhafte Geſchichte, die einen entſetzlichen Eindruck, vorzüglich bei Herbert und Cubina, hervorbrachte. 217 Diebe! Räuber! Mörder! Herr Smithje ermordet! Die junge Herrin von Willkommenberg auf's Schänd⸗ lichſte mißhandelt! Und Yola? O, ſie auch— 1 „Quaco!“ rief der Maronenhauptmann in der größten Aufregung ſeinem Lieutenant zu.„Quaco, glaubſt Du, daß unſere Leute von hier aus hören kön⸗ nen? Blaſe ſogleich Dein Horn; Dein Ruf iſt ſtärker, als der meinige. Zu Willkommenberg iſt Gefahr und vielleicht haben wir alle Mann nöthig. Schnell! Schnell!“ „Donnerwetter!“ rief Quaco, ließ die Halfter fahren und ſetze ſein Horn an den Mund;„ich will ſie hören machen, wenn ſie nur auf Jamaica ſind Ihr bleibt da ſtehen, Ihr beiden Hallunken!“ fügte er hinzu und ſetzte das Horn für einige Augenblicke ab.„Wenn einer von Euch nur einen Fuß vom Platze weicht, ſo ſchieße ich Euch ein paar Kugel durch Euer ſtinkiges Gehirn, ſo gewiß wie ich hier ſtehe!“ Mit dieſer freundlichen Ermahnung blies der rieſige Quaco einen langen Ton, der weit weg gehört werden mußte. Sein Echo tönte von den Wänden des Jum⸗ béfelſens, wie von manchen andern Bergen zurück und kaum hatte es aufgehört, ſo erſchallten ringsherum aus den verſchiedenſten Gegenden ein halbes Dutzend ähn⸗ licher Töne als Antwort.. „Genug jetzt!“ rief Cubina, es werden hinreichend Leute kommen. Du, Quaco, bleibſt hier, bis ſie ange⸗ langt ſind und folgſt mir dann nach Willkommenberg, aber gieb Acht, daß dieſe beiden Mörder hier nicht ent⸗ wiſchen!“. 3. „Wäre es nicht das Beſte, ich jagte Beiden ein Paar Kugeln durch den Kopf?“ fragte der Maronen⸗ u 218 lieutenant unbefangen.„Das ſpart uns die Mühe, die Schufte zu bewachen. Was meint Ihr dazu, Capitain Cubina?“ „Nein, nein, Quaco! Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf nehmen. Führe ſie mit Dir und folge ſogleich, wenn unſere Leute hier ſind.“ Bevor Quaco noch weitere Fragen zu ſtellen ver⸗ mochte, hatte der Maronenhauptmann ſchon das Pferd des Boten beſtiegen, während Herbert ſich bereits in den Sattel des anderen Pferdes geſchwungen hatte, und ohne irgend ein Wort zu verlieren, ſprengten Beide davon, ſo ſchnell als die Pferde zu laufen vermochten. Vierzigſtes Kapitel. Schlimme Vermuthungen. Schweigend ritten die beiden jungen Männer neben einander, ohne irgend eine Frage zu thun, denn Jeder fürchtete die Antwort des Andern und dachte lediglich an die ſeiner eigenen Geliebten drohenden Gefahr. Möchten ſie nicht zu ſpät zur Rettung kommen? Das war der einzige Gedanke, der ſie beſeelte und der ſie trieb, ihre Pferde zur größten Eile anzuſpornen. Jetzt waren ſie dem Jumbéfelſen ziemlich nahe ge⸗ kommen und hatten den Bergrücken erreicht, der die Güter Willkommenberg und Schloß Montagu von einander trennte. Hier verließ auch der Weg den dichten Wald und man hatte einen offenen Blick in’s Thal von 219 Willkommenberg. Da entfuhr Cubina plötzlich ein lauter Schrei und mit einem Ruck hielt er ſein Pferd an. Herbert ſchrie auch laut auf und hielt ebenfalls ſtill. Deutlich ſahen ſie ein großes Feuer mit heftigen Flammen auflodern. „Feuer!“ rief Cubina.„Zu Willkommenberg! Sancta madre! Das große Haus ſteht ganz in Flammen!“ „O Himmel!“ ſchrie Herbert.„Wir kommen zu ſpät!“ Weiter wurde kein Wort zwiſchen den Beiden ge⸗ wechſelt. Inſtinktmäßig ritten ſie ſchweigend in raſchem Galopp den Hügel vollſtändig hinauf, von wo ſie das Thal wie Willkommenberg ſelbſt noch deutlicher ſehen konnten. Richtig, es war kein Zweifel mehr, das große Haus von Willkommenberg ſtand wirklich in lichten Flammen. Eigentlich gab es gar kein großes Haus mehr zu Will⸗ kommenberg, ſondern nur noch einen Feuerhaufen, der in mächtigen aus Rauch und Funken gebildeten Säulen praſſelnd zum Himmel emporſtieg, während die Balken unaufhörlich kniſterten und krachten, gleich als ob Un⸗ holde hier zur Feier eines ſchrecklichen Verbrechens ein luſtiges Freudenfeuer angezündet hätten. „Zu ſpät!— zu ſpät!“ riefen beide Reiter zu gleicher Zeit, ſpornten mit Verzweiflung im Geſicht und grimmer Furcht im Herzen ihre Pferde zur äußer⸗ ſten Anſtrengung und eilten auf dem kürzeſten Wege nach der Feuersbrunſt hin, ſo daß die erſchrockenen Pferde ſich bald dicht vor dem brennenden Gebäude befanden. mmmnn Beide ſprangen vom Pferde und ſetzten vorſichtig ihre Gewehre in Ordnung, um ſich gegen jeden Feind vertheidigen zu können. Vor dem brennenden Hauſe war Niemand zu ſehen. Sie liefen um daſſelbe herum, fanden aber Niemand. Die nächſte Umgebung wie der Garten ſchien vollſtändig verlaſſen zu ſein. Nach man⸗ nigfachen vergeblichen Verſuchen, irgend einen Menſchen aufzufinden, nach manchem unnützen Rufen und Schreien begannen ſie, die ganze ſchreckliche Verwüſtungsſcene etwas genauer zu betrachten. Offenbar hatte der Brand ſchon einige Zeit ge⸗ dauert. Das obere Stockwerk, das gänzlich aus Holz beſtand, war jetzt bereits ganz von den Flammen ver⸗ zehrt und nur das untere Mauerwerk war ſtehen geblie⸗ ben. Ueber dieſes waren die ſtärkeren Balken hingefallen und lagen nun glühend, verkohlt und rauchend durch einander. Als Herbert und Cubina Niemand bei dem bren⸗ nenden Hauſe fanden, gingen ſie nach den Wirthſchafts⸗ gebäuden, die alle unverſehrt ſtanden und die nieder⸗ zubrennen durchaus kein Verſuch gemacht worden zu ſein ſchien. Hier fingen die Beiden wieder an zu ſchreien, allein ohne wieder eine Antwort zu erhalten. Nirgends war Jemand aufzufinden, weder in der Mühle, noch im Maiſch⸗ oder Trockenhauſe, noch in den ſämmt⸗ lichen Ställen. Jetzt eilten ſie zu den Negerhütten. Da mußte doch Jemand zu finden ſein? Alle konnten doch aus Furcht vor der Räuberbande nicht Reißaus genommen haben? Während ſie auf dem Wege dahin waren, trat eine gerade aus dem Gebüſche vorſichtig herauskriechende ſchwarze Geſtalt in den Weg. Herbert erkannte bei dem Schein des jetzt hell brennenden Feuers in ihr ſofort den echten Sprößling der Finſterniß, ſeinen alten Bekannten Quashie. Auch Quashie hatte den jungen Engländer ſofort erkannt. „O, jonger Harr!“ ſchrie der ſchwarze Bube Herbert entgegen;„den graußen Buff in Feuer!“ „Carambo! Erzähl' uns, was wir nicht wiſſen!“ forderte Cubina ungeſtüm.„Wer hat das Feuer an⸗ gelegt? Weißt Du das?“ „Sahſt Du die Brandſtifter?“ fügte Herbert heftig hinzu. „Geſehen? Wen, Maſſa?“ „Nun, die, welche das Haus angezündet haben,“ ſetzte Herbert mit der größten Ungeduld hinzu. „Ja, Maſea, ich ſie geſehen, als ſie zuerſt die große Treppe hinaufgeſprungen.“ „Dann ſag' geſchwind, wer und was ſie waren, wem ſie ähnlich ſahen.“ „O, Maſſa, die ähnlich ſahen ſo vielen Teufeln. Die alle Neger waren, einige mit Masken vor dem Geſichte. Alle ſagten, es die Maronen ſeien von den Bergen. Die ſchwarze Beß ſagte nein; ſie ſagt, daß es ſeien Räuber von den Bergen und ſie kommen, um wegzuführen.—“ 3 „Deine junge Herrin? Fräulein Vaughan? Wohin? — wohin?“ unterbrach Herbert ihn ungeduldig mit größter Heftigkeit. —— 6 3——— CEubina mit gleicher Leidenſchaftlichkeit hinzu. erſtreckten, wo ſie ſtanden. Im Ganzen ſchienen es ein 222 „Und Yola? Haſt Du ſie geſehen, Burſche?“ fügte „Noin, Harren,“ erwiderte Quashie,„ich geſehen weder jonges Frölen, noch braunes Mädchen Yolaw. Die waren zuſammen in der großen Halle. Da ging ich nicht hinauf, denn die Reiber konnten jongen Bor⸗ ſchen tödten wie mir. Ich unten ſtehen geblieben, bis Harr Mythje die Treppe heruntergeſprungen. Ha, wie er da gelaufen und gerannt, bis er unter dem Schwib⸗ bogen. Da hat er ſich verſteckt, vermuth' ich. Nun ich auch Flucht ergriffen, und wir Alle zuſammen, in die Büſche. Maſſa Thom auch und all das Hausvolk weggelaufen, in die Büſche, und noch nicht wieder zurückgekommen.“ „O Himmel!“ rief Herbert in der höchſten Angſt aus.„Iſt es nur möglich? Biſt Du auch ganz gewiß, daß Du nichts von der jungen Herrin geſehen haſt?“ „Oder von Yola?“ fragte der Marone mit gleicher Verzweiflung. „Noin, ganz gewiß nicht! Ich habe keine von Bei⸗ den geſehen!“ erklärte Quashie mit einer gewiſſen Feierlichkeit.„Aber ſieh' da, ſieh' da!“ fügte er in ſichtlicher Angſt hinzu.„Wahrhaftig, da ziehen ſie jetzt ab, die Reiber!“ Herbert und Cubina, die während der Unterredung mit Quashie dem Feuer den Rücken zugekehrt hatten, ſahen ſich ſofort um und gewahrten verſchiedene dunkle Geſtalten, die ſich zwiſchen ihnen ſelbſt und dem hellen Hintergrunde der Flammen bewegten, während ihre Schatten ſich in rieſiger Größe faſt bis zu dem Platze —,——— v ——8—8ͤ— ⏑——— 223 halbes Dutzend Männer zu ſein, die von dem Mord⸗ brande hinwegzogen. Beide, Herbert wie Cubina, ſprangen, unbekümmert um die Folgen, im wildeſten Muthe auf die Leute, die den Schatten warfen, zu, um entweder ſich zu rächen oder kämpfend zu fallen. 8 Einnnbvietzigſtes Kapitel. Smythje noch am Teben. Den Hahn ihrer Flinten gezogen und bereit zum ſofortigen Kampfe, liefen Herbert und Cubina, um die Räuber in Schußweite zu bekommen, als ſie plötzlich die Töne eines von einem der am Fenſter ſtehenden Männer geblaſenen Hornes hörten. Die Töne wirkten beruhigend, denn Cubina erkannte ſogleich das Signal ſeines Lieutenants, und bald waren ſie auch Beide nahe genug, um den rieſigen Quaco mit ſeinen Genoſſen vollkommen erkennen zu können. Quaco hatte die Leiche, ſo wie die beiden Gefan⸗ fangenen unter der ſicheren Obhut einiger anderen Maronen zurückgelaſſen, da er geglaubt, man möchte ſeiner zu Willkommenberg bedürfen, und war den Rei⸗ tern ziemlich dicht nachgefolgt. Dieſe Kraftvermehrung möchte allerdings ſehr zur rechten Zeit gekommen ſein, wäre nur irgendwo ein Feind aufzufinden geweſen. Allein wo befanden ſich Räuber, die Brandſtifter, ja vielleicht die Mörder? Wo 224 war Fräulein Vaughan? wo war ihr Mädchen Yola? Waren ſie mit dem übrigen Dienſtperſonale geflüchtetze oder— 4 Nein, der Gedanke war zu ſchrecklich, um wirklich ausgeſprochen zu werden. Weder Herbert noch Cubina vermochte dies, ſondern dachten nur für ſich ſelbſt: wäre es möglich, daß ſie in den Flammen umge⸗ kommen? So fürchterlich dieſer Gedanke auch war, ſo mußte er doch nothwendig bei ihnen Platz nehmen, und in der durch ihn verurſachten feierlichen Stille blickten die jungen Männer hoffnunglos und verzweiflungsvoll auf das unerbittliche, erbarmungsloſe Feuer, das nun das prächtige Gebäude in kurzer Zeit in einen mißgeſtalteten, rauchenden Schutthaufen umwandelte. Gerade in dieſem Augenblicke ward die eingetretene Stille durch eine aus einer ganz unerwarteten Gegend hertönende Stimme unterbrochen. Sie ſchien aus dem großen gewölbten Schwibbogen unter der ſteinernen Treppe von einem verhältnißmäßig dunklen und ver⸗ ſteckten Platze zu kommen und theilweiſe ein Rufen, theilweiſe ein Aechzen und Stöhnen zu ſein. Quaco zuerſt begann eine Nachforſchung, ergriff einen Brenner und kroch trotz der bedeutenden Hitze unter den Schwibbogen. Herbert und Cubina folgten ihm raſch und alle Drei ſtanden nun unter dem Gewölbe. Quaco ſchwenkte die Fackel vor ſich, um den Ort beſſer zu beleuchten, und ſofort erblickten alle Drei einen Gegenſtand, der zu jeder andern Zeit bei ihnen ein ſchallendes Gelächter geweckt haben würde. ——,=ä—rüüͤſö(— 225 In der einen Ecke des gewölbten Raumes ſtand eine große Syrupstonne, die zuweilen zur Zuckerberei⸗ tung benutzt worden war. Sie war mit einem ſchweren Deckel zugedeckt und nahe daran war ein großes vier⸗ eckiges Loch ausgeſägt, durch das ein Kopf ganz gut durchgeſteckt werden konnte, ohne den Deckel zu lüften. In dieſer Tonne und gerade vor der Oeffnung war ein Männergeſicht mit Backen⸗ und Schnurrbart zu ſehen, welches— ungeachtet es mit etwas beſchmiert war, das Syrup oder Theer zu ſein ſchien, dennoch ſofort als das holde Antlitz des ariſtokratiſchen Smythje zu erken⸗ nen war. „Herr Mythje!“ rief Quashie, der den Andern in den gewölbten Raum nachgefolgt war. „Ja, ja, moine Froinde, es iſt, beim Jupiter, Nie⸗ mand anders als ich ſelbſt!“ ſagte der poſſirliche, aus dem Loche in der Tonne herausſehende Mann, ſobald er ſeinen alten Befreier Quaco wiedererkannt hatte. „Ich ſuchte hier Zuflucht vor dieſen ſchoißlichen Reibern. Seid ſo gut und hebt den Deckel auf und helft mir aus dieſer verdammten Klemme heraus. Ich habe ſchon Angſt gehabt, hier zu ertränken. Boim Jupiter! ich glaube wirklich, es iſt Syrup!“ Quaco, der nur mit Mühe das Lachen zu unter⸗ drücken vermochte, verlor keine Zeit, den Deckel auf⸗ zuheben und den heldenmüthigen Dulder aus ſeiner ſüßen und dennoch nicht minder unangenehmen Lage zu befreien, denn es war in der That ein mit Zucker⸗ ſyrup angefülltes Faß, in das ſich der über alle Maßen erſchrockene Smythje in der fürchterlichſten Angſt hin⸗ eingeſtürzt hatte und worin er während der ganzen III. Band. 15 Schreckensſcene über ihm bis an den Hals im Syrup hatte ruhig ausharren müſſen. Wie er nun herausgezogen und vom Halſe bis zu den Füßen mit einer glänzenden Kruſte von ſchleimigem und herabtropfendem Syrup bedeckt war, gewährte der ſtolze Eigenthümer von Schloß Montagu wohl einen noch ſpaßhafteren Anblick, als wie damals, wo Quaco ihn aus dem hohlen Baumſtamm zog. Quaco, der ſich an dieſen luſtigen Auftritt erinnerte und keineswegs durch andere Gefühle zurückgehalten wurde, vermochte jetzt nicht ein lautes Lachen zurück⸗ zuhalten, in das Quashie, den ebenfalls kein Kummer drückte, ſofort einſtimmte. Herbert und Cubina dagegen waren durchaus nicht im Geringſten zum Scherz aufgelegt, und ſobald Smythje richtig auf ſeinen Beinen ſtand, fragten ihn Beide begierig nach allem vorher Vorge⸗ fallenen. Smythje geſtand ſeine Flucht ein, indem er zugleich einen ungeſchickten Verſuch machte, ſich zu rechtfertigen. Nach ſeiner eigenen Ausſage— und dieſe Angabe war in der That richtig— hatte er die Flucht erſt ergriffen, nachdem er übermannt und zu Boden geworfen war. Und was hätte er auch anders thun ſollen? Sein Gegner war ein entſchiedener Rieſe, ein Mann von ungeheurer Größe und Kraft. „Din ſchröcklicher Kerl,“ fuhr Smythje fort,„oin Kerl mit langen Armen und einer Mißbildung, einem Buckel auf dem Rücken, wie der Höcker eines Dro⸗ medars.“ „Und was iſt aus Käthchen, meiner Couſine, ge⸗ worden?“ unterbrach Herbert mit auß's Höchſte geſtie⸗ 1O ☛— ———, nS= e te⸗ 227 gener Ungeduld das ihm unausſtehliche Geſchwätz des Stutzers. „Ah, ah, ja! Ihre Couſine!— das arme Käthchen! Nun, ich fürchte wirklich, die Reiber haben ſie entführt. Ich woiß, ſie ward aus dem Hauſe hinaus getragen. Ich hörte ſie ängſtlich ſchreien, als die Reiber ſie die Treppe hinunter ſchleppten. Ich— ich—“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Herbert aus.„Dem Himmel ſei Dank, ſie lebt noch!“ Cubina hatte die Erzählung Smythjes gar nicht bis zu Ende abgewartet. Die Beſchreibung des Räubers hatte ihm ſofort Alles klar gemacht und unverweilt blies er einen einzigen Ton auf ſeinem Horn, um ſeine Bande zuſammen zu rufen. Die um die brennenden Trümmer des großen Hauſes zerſtreut umher ſtehenden Maronen folgten dieſem Signale ſogleich und ordneten ſich alsbald in Reih und Glied. „Auf die Fährte jetzt, Kameraden!“ rief Cubina. Ich kenne den wilden Eber, der all dieſe Verwüſtungen angerichtet, ich weiß auch, wo das Unthier ſeine Höhle hat. Ehe eine Stunde vorüber iſt, ſoll er mit ſeinem verruchten Leben für dieſe Schandthat büßen! Folgt mir!“ mmmmn — kurzer Zeit. Sie war in einer der Kammern geweſen, 228 Zweiundvierzigſtes Kapitel. ZDem Verwüſter auf der S§pur. Als Cubina dieſen Befehl gegeben hatte, wandte er ſich dem Gebirge zu und eilte nach dem Pförtchen in der Gartenmauer. Da erblickte er etwas, was ihm in ſeiner tiefen Niedergeſchlagenheit die größte Freude gewährte.. Unter den mit Quaco gekommenen Maronen befand ſich auch ein junger Mann, der gleiche Angſt und Be⸗ kümmerniß mit Herbert und Cubina empfand, wenn auch nicht über den Verluſt einer Geliebten oder einer Couſine, ſo doch über den eines eben ſo theuren We⸗ ſens, einer Schweſter. Einer Schweſter, derentwegen er über das Weltmeer gefahren, als Sclave verkauft, wie ein Verbrecher gebrandmarkt, mit Geißeln auf’s Grauſamſte gepeiſcht war und jede Unbill, die ein Menſch einem andern Menſchen anthun kann, erduldet hatte. Denn dies war Alles der Fall bei dem jungen Fellahfürſten, dem unglücklichen Cingües. Was vermochte aber nun Cubina wie Cingües ſo hohe Freude zu gewähren? Was konnte es wohl An⸗ deres ſein, als die unverhoffte Auffindung der Braut des Einen und der Schweſter des Andern: Yola! Das Mädchen kam ihnen durch das Gartenpförtchen entgegen, eilte mit der größten Haſt auf die von ihr erblickten Männer zu und ſtand im nächſten Augenblicke zwiſchen ihrem Bruder und ihrem Geliebten, von beiden auf's Zärtlichſte umarmt und geherzt. Was ſie zu erzählen hatte, dazu bedurfte es nur 229 als die Räuber in die große Halle eindrangen. Unbe⸗ kümmert war ſie mitten unter die Räuber in der großen Halle gelaufen. Hier ward ſie wie Smythje zu Boden geſchlagen und lag einige Zeit bewußtlos in Ohnmacht da, ohne zu wiſſen, was neben ihr vorging. Als ihr Bewußtſein zurückkehrte und ſie um ſich zu ſehen vermochte, bemerkte ſie ſogleich, daß ihre junge Herrin nicht mehr in der großen Halle war. In jenem Augenblicke waren die Ungethüme bereits beſchäftigt, das Haus anzuzünden. Ein Schrei außerhalb des Hauſes machte ſie aufmerkſam und ſie erkannte die Stimme ihrer Herrin. Jetzt gelang es ihr, ſich durch die offene Thür hinauszuſchleichen und die große Treppe hinunterzukommen, da die Räuber ſowohl mit der Beute 8 als mit dem Brandſtiften zu ſehr beſchäftigt waren, um ſie zu bemerken oder es auch vielleicht nicht für der Mühe t werth hielten, ſie noch weiter zu verfolgen. n Als ſie draußen war, hatte ſie ihre junge Herrin in den Armen eines rieſigen mißgeſtalteten Mannes o forttragen ſehen. Ueber's Geſicht trug er eine Maske, aober dennoch wollte ſie auf's Beſtimmteſte behaupten, äit daß es ganz derſelbe Mann war, den ſie in der Nacht vorher mit dem Juden zuſammen geſehen hatte. Der n Maskirte, deſſen Aufmerkſamkeit gänzlich von ſeiner —r koſtbaren Beute in Anſpruch genommen zu ſein ſchien, ke ging allein davon und überließ es den Uebrigen, das n. Werk der Plünderung und Zerſtörung zu vollenden. r Das afrikaniſche Mädchen, das in ihrer Heimath , woohl ſchon ähnlichen Auftritten beigewohnt hatte, begriff ſofort die vollkommene Unmöglichkeit, ihrer Herrin in e 230 dieſem Augenblicke zu Hülfe zu kommen; deshalb gab ſie es auf, irgend einen nutzloſen Verſuch zu machen, ſondern entſchloß ſich ebenfalls, dem Räuber zu folgen und ſich zu vergewiſſern, nach welchem Orte er ſie wohl hinſchaffen würde. Dann konnte ſie leicht nach Will⸗ kommenberg zurückkehren und diejenigen führen, die etwa zur Verfolgung ausgeſandt würden. Mit dieſer Abſicht ſchlich ſie ſtill hinter dem Räuber her, trug Sorge, ſich nicht von ihm ſehen zu laſſen und verlor ihn nicht aus den Augen. Die Dunkelheit begünſtigte ſie hierbei ſehr, ſo wie auch der abſchüſſige ſteile Weg, der ſie befähigte, von unten zu ſehen, ohne ſelbſt geſehen zu werden. So folgte ſie dem Räuber den Abhang des Berges hinauf und auch noch auf die Berglehne ſelbſt, immer dicht hinter ihm her, bis ſie ihn zu ihrem größten Er⸗ ſtaunen mit ihrer jungen Herrin auf dem Arme plötzlich in die Erde verſchwinden ſah, ganz wie ein in der Hölle Entwichener, der ein holdes Weſen der Welt geraubt und es nun in ſeine finſtere unterirdiſche Wohnung entführt. Ungeachtet der übernatürlichen Furcht, die ihr das plötzliche Verſchwinden einflößte, war das muthige Mäd⸗ chen doch nicht zurückgeſchreckt, nach der Stelle, wo das Verſchwinden ſtattfand, hinzugehen. Hier freilich ver⸗ ringerten ſich ihr Schrecken und ihr Erſtaunen bald, als ſie, über den Felſenrand blickend, den Schein von Waſſer auf dem Grunde eines düſtern, zu ihren Füßen gäh⸗ nenden Abgrundes gewahrte. auch ganz wohl eine Art Treppe den Felſenhang hin⸗ ¹ Im Zwielichte konnte ſie 231 unter bemerken und dies zerſtörte auf einmal jeden Gedanken an etwas Uebernatürliches. Weiter nachzufolgen verſuchte ſie nicht. Hatte ſie doch vollkommen genug geſehen, um ſpäter eine Ver⸗ folgung führen zu können. Deshalb kehrte ſie ſofort um und eilte denſelben Weg den Bergabhang hinunter. Hierbei mußte ſie an Cubina und die Maronen denken, wie bald ihr muthiger Geliebter mit ſeiner tapferen Schaar ihre unglückliche Herrin befreit haben würde, und gerade jetzt erkannte ſie den Herzgeliebten ſelbſt, der alle ihre Gedanken erfüllte, beim Lichte des flackern⸗ den Feuers. Dieſe ihre Geſchichte ward Cubina und ſeinen Ge⸗ noſſen in raſchen abgebrochenen Sätzen mitgetheilt. Ohne die geringſte Zeit zu verlieren, gingen ſie Alle durch das Gartenpförtchen und ſtiegen den Berg hinan. Yola blieb mit Quashie und den andern Hausbedienien bei dem Feuer zurück. Cubina bedurfte keinen Führer, um ihn nach dem Teufelsloche zu bringen. Durch die von ihm belauſchte geheime Unterredung vorher gewarnt wie durch die Ereigniſſe des vorhergehenden Tages, hatte er längſt den eigentlichen Urheber jener hölliſchen That geahnt, ja er war davon überzeugt, daß, wer auch den Plan zuerſt erſonnen, die Hand, die ihn ausgeführt, doch jedenfalls die Chakras, des Myalmannes, geweſen war. 232 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Zu ſpät! Mit aller Kraft der jungen Glieder ſtiegen die Verfolger den ſteilen Pfad nach dem Teufelsloche hin⸗ auf. Die hierbei in Herbert Vaughans Herzen tobenden ſchmerzlichen Gefühle ſind gänzlich unbeſchreibbar. Er kannte Chakra nicht, hatte ihn niemals geſehen, allein er war ihm am Tage vorher von Cubina moraliſch wie phyſiſch in ſolcher Weiſe beſchrieben worden, daß er jetzt für das Schickſal der armen Unglücklichen, doch ihm ſo Theueren, die in die Gewalt eines ſolchen un⸗ menſchlichen, grimmigen Ungeheuers gefallen war, vor Furcht und Angſt zittern mußte. Jenes ahnungsvolle Wort Herberts:„wir kommen zu ſpät!“ das er früher ſchon mehrere Male in der fürchterlichſten Angſt der Verzweiflung gebraucht hatte, entrang ſich abermals ſeinem gequälten Herzen, aber diesmal mit einer viel größeren Kraft und mit einer noch viel ſchlimmeren Gefahr drohenderen Vorbedeutung. Sein Innerſtes war dabei bis in ſeine tiefſten Tiefen aufgeregt. Wäre das bedauernswerthe Opfer der ſchau⸗ derhafteſten Hinterliſt ihm nichts Weiteres geweſen, als blos eine nahe Verwandte, ſo würde ihn ſchon die ſie bedrohende Gefahr auf's Höchſte geängſtet haben, allein jetzt, wo er Käthchen Vaughan in einem ganz anderen Licht beͤtrachtete, wo er nach Cubinas Ausſagen nicht daran zweifeln durfte, daß ſie ſeine Liebe erwidere und zwar mit der lebendigſten Gluth ihrer Seele, jetzt ſtieg ſeine Angſt noch zehnmal höher, und immer drängte 233 ſich ihm mit der allerſchrecklichſten Vorbedeutung das verhängnißvolle Wort auf:„wir kommen zu ſpät!“ Cubina, obgleich jetzt, nachdem er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß Yola vollkommen unverſehrt war, vielleicht nicht mehr ſo ganz beſorgt wie zuvor, war dennoch bei der Verfolgung vom größten Eifer beſeelt und eben ſo die ſämmtlichen Maronen, welche die junge Dame faſt alle kannten und hochſchätzten. Deshalb ſtiegen ſie trotz der Dunkelheit mit größter Eilfertigkeit den Berg hinauf, wurden aber auf ihrem Marſche noch dadurch begünſtigt, daß der Mond aufging und ihren Pfad hell beleuchtete. Bald auch ſtanden ſie am Rande des Teufelsloches und ſahen in den dunklen Abgrund hinab, wo ſie den Entführer wie ſein Opfer zu finden hofften. Schon im nächſten Augenblicke ſtiegen die Maronen einer nach dem andern, die Baumtreppe hinab. Cubina ging voran, dann folgte Herbert und ihm nach alle Uebrigen mit gleicher Haſt, aber dabei ſo lautlos und ſtill wie nur irgend möglich. Als ſie am Fuße der Felſenwand angekommen waren, entfuhr ihrem Führer ein lebhafter Ausruf der Verwunderung. Er hatte unter den Bäumen, halb im Gebüſche verſteckt, einen Nachen entdeckt und fürchtete jetzt das gänzliche Miß⸗ lingen ſeiner Abſichten. Auch Herbert hatte zur ſelben Zeit den Nachen bemerkt, vermochte aber nicht die Urſache zu begreifen, weshalb Cubina den Ausruf ge⸗ than hatte und wandte ſich um eine Erklärung an ihn. „Der Nachen!“ flüſterte Cubina und zeigte auf den unter Baumzweigen und Büſchen verborgenen Kahn. 234 „Ich ſehe ihn wohl,, erwiderte Herbert ganz leiſe. „Was hat das zu bedeuten?“ „Sie ſind ſchon wieder fort von hier.“ „O Himmel!“ rief Herbert mit dumpfer Stimme in der höchſten Angſt.„Wenn dem ſo iſt, dann kom⸗ men wir zu ſpät! Sie iſt verloren! für immer ver⸗ loren!“ „Geduld, Kamerad, Geduld!“ vielleicht iſt nur Chakra allein fortgegangen, oder vielleicht auch nur einer von den Räubern, der ihm geholfen und deſſen Rück⸗ kehr erwartet wird. Auf alle Fälle müſſen wir das Thal durchſuchen und uns von allen Umſtänden genau überzeugen. Steigen Sie in den Nachen! Sie können mit den Kleidern nicht ſchwimmen, doch meine Leute ſind durch ſo etwas nicht gehindert. Hier, Quaco, laß die Flinten alle in die Nußſchale hineinlegen und dann ſollen alle durch's Waſſer ſchwimmen. Aber ſchwim leiſe. Kein lautes Plätſchern, hört Ihr? Haltet Euch dicht an dem Felſen. Schwimmt im Schatten gerades⸗ wegs nach der andern Seite.“ Ohne Verzug wurden die Flinten von Hand zu Hand gereicht, bis ſie alle im Nachen hingelegt waren. Cubina und Herbert hatten ſich bereits hineingeſetzt und der erſtere das Ruder ergriffen. Im nächſten Augenblick ſchoß das kleine Fahrzeug zwiſchen den Ge⸗ büſchen heraus und glitt unter dem Schatten der Fel⸗ ſenwand lautlos über den See. Ein halbes Dutzend menſchlicher Geſtalten, von denen lediglich die Köpfe oberhalb des Waſſers zu ſehen waren, folgten dem Nachen und ſchwammen mit ſo geringem Geräuſch, als wären ſie echte Nachkommen von Bibern. * 235 Es ſchien nicht nothwendig zu ſein, den Nachen nach dem alten Landungsplatze unter dem Baume zu bringen. Dies war, wie Cubina wußte, lediglich geſchehen, um ihn zu verbergen. Statt deſſen wählte der Maronen⸗ hauptmann den nächſten Punkt an der gegenüber liegen⸗ den Seite für die Landung. Als er das Land erreicht hatte, ſtieg er leiſe aus dem Nachen und machte dem engliſchen Gefährten ein Zeichen, ſeinem Beiſpiele ſofort zu folgen. Einen Augenblick nachher wateten auch die Maronen aus dem See, ergriffen ihre Waffen wieder und folgten ihrem Hauptmanne wie ſeinem Begleiter, die ſchon auf dem Wege nach dem oberen Waſſerfalle waren. Von dem Platze, wo ſie landeten, führte kein Weg, und ſo mußten ſie ſich Alle durch das faſt undurch⸗ dringliche Dickicht hindurcharbeiten. Dabei etwa die Richtung zu verlieren, war durchaus keine Gefahr vor⸗ handen, denn der Schall des Waſſerfalles war ein ganz untrüglicher Führer und außerdem erinnerte ſich Cubina ganz genau, daß die Hütte des Myalmannes, nach der er hin wollte, ganz in der Nähe des oberen Waſſer⸗ falles lag. Wie ſie weiter vorwärts kamen, wurde das Unterholz leichter zu durchbrechen und die Maronen vermochten raſcher zu gehen. In dem herübertönenden einförmigen Schalle des Waſſerfalles lag etwas äußerſt Trauriges und Klagen⸗ des. Cubina wie ſein Genoſſe wurden ſchmerzlich davon berührt; für ſie hatten dieſe Töne etwas Ahnungsvolles, ein fürchterliches Verhängniß Weiſſagendes, da man ſie leicht für die Angſtſeufzer und Klagetöne einer weib⸗ —— 236 lichen Stimme, vereint mit dem Gebrauſe des Gieß⸗ baches, halten konnte. Jetzt erreichten ſie die Lichtung, die ſich unter den rieſigen Zweigen des Baumwollenbaumes ausdehnte, und die Hütte lag vor ihnen. Durch die offene Thür derſelben ſchien ein Licht, das den von dem großen Baume beſchatteten Platz ziemlich erhellte. Den Nahen⸗ den lag in dieſem Lichte die freudige Gewißheit, daß die von ihnen Geſuchten ſich in der Hütte befänden, denn wer anders konnte darin ſein als Chakra und mit ihm ſein unſchuldiges Opfer? O, war ſie wirklich ſchon ſein Opfer? kam die Hülfe bereits zu ſpät? Cubinas Gemüth war von den ſchlimmſten Ahnun⸗ gen erfüllt und Herberts Seele in der ſchrecklichſten Spannung. Beide waren in ſolcher Aufregung, daß es ihnen äußerſt ſchwer fiel, bei der Annäherung die von der Klugheit gebotene Vorſicht genügend zu bewahren. Der Maronenhauptmann machte ſeinen Leuten jetzt ein Zeichen, zwiſchen den Bäumen ſtehen zu bleiben und kroch mit Herbert durch die Lichtung nach dem Baumwollenbaum. Als ſie deſſen dichten Schatten erreicht hatten, richteten ſie ſich wieder auf und ſchlichen ſich leiſe nach dem Eingange der Hütte. So wie ſie vor der offenen Thür der Hütte ange⸗ langt waren und in dieſelbe hineinſahen, entſchlüpfte Beiden gleichzeitig ein lauter Schrei der Verwunderung und der ſchecklichſten Täuſchung. Die Hütte war leer! 237 Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Leiche der Couſine. Ja, in dem Tempel des Obi war wirklich Niemand außer den ſonderbaren Gottheiten, die wunderlich an dieſen Wänden grinſten. Um ſich hiervon zu überzeugen, war es auch eigentlich keineswegs nöthig, in das Heilig⸗ thum des Koromantis⸗Pantheons ſelbſt einzudringen, obwohl Cubina und Herbert durch die offene Thür unverzüglich hineinſtürzten.. Mit forſchenden Blicken ſahen ſie ſich in dem ſon⸗ derbaren Gemache um. Zeichen von erſt kürzlich vor⸗ genommenen Beſchäftigungen wurden darin vorgefunden, die brennende Lampe allein war hierfür hinlänglicher Beweis, denn wer anders als Chakra konnte ſie ange⸗ zündet haben? Es war eine Talglampe, die noch gar nicht lange gebrannt haben konnte, da erſt wenig von dem Talg verzehrt war. Unbezweifelt war Chakra mit ſeiner Gefangenen in der Hütte geweſen, allein eigentlich nützte ihnen dies wenig, da Yola ſein Hinabſteigen in das Teufelsloch deutlich geſehen. Warum hatte dann der Räuber ſeinen ganz ſicheren Schlupfwinkel verlaſſen, und zwar ſo ſchnell, daß die Lampe brennend zurückgeblieben war? Und wo konnte er jetzt nur hingegangen ſein? Cubina wußte dieſe Fragen in keiner Weiſe genügend zu beantworten und war wie Herbert außerordentlich erſtaunt über das räthſelhafte Verſchwinden des Koro⸗ mantis aus der Hütte. 238 War er vielleicht nur noch einmal aus dem Teufels⸗ loch hinausgegangen? Dieſe Annahme wurde dadurch ſehr unterſtützt, daß der Nachen vorn am See ange⸗ troffen worden. Aber weshalb ſollte er wieder fortge⸗ gangen ſein? Hatte er etwa doch das gewandte hinter ihm her ſchleichende Mädchen geſehen? und hatte er alsdann Verdacht geſchöpft, daß ſein Aufenthalt verrathen ſei, und ihn deshalb ſofort verlaſſen, um ihn mit einem von dem Schauplatze ſeines Verbrechens entfernter liegenden Orte zu vertauſchen? Jedenfalls, warum ſollte er in ſolcher Eile fortgegangen ſein, daß er nicht einmal die Lampe ausgelöſcht? „Trotz alledem,“ dachte Cubina,„kann er immer noch im Teufelsloche ſein, der Nachen iſt vielleicht von einem Andern benutzt worden, von einem Verbündeten etwa. Chakra kann immerhin ſeine Verfolger über den See kommend geſehen oder das Dickicht durchbrechend gehört haben, hat dann ſeine Gefangene mitgenommen und ſich haſtig in irgend einen dunklen Winkel unter den urweltlichen Bäumen verborgen.“ Dieſe Vermuthung Cubinas wurde freilich durch das plötzliche Verlaſſen der Hütte höchſt wahrſcheinlich. Schnell wie dieſer Gedanke trat Cubina aus der Hütte heraus, berief ſofort ſeine Leute zu ſich und beauftragte ſie, ſich Fackeln zu verſchaffen und jeden Winkel im Walde zu durchſuchen. Quaco wurde nach dem Nachen zurückgeſandt, um dieſen zu bewachen und jede Entweichung mit ihm zu verhüten. Während die Maronen ſich jetzt das Holz zu den Fackeln zu verſchaffen bemühten, begann ihr Hauptmann in Gemeinſchaft mit Herbert vorläufig die Lichtung 239 genau zu unterſuchen, ob Chakra nicht irgend eine beſtimmte Spur hinterlaſſen habe. Am Rande des Waſſers, wo die Bäume nur dünn ſtanden, gewährte der Mond hinreichend Licht, um Alles deutlich erkennen zu laſſen. Wie ſie ſich dem oberen Waſſerfalle näherten, fiel Cubina ein Gegenſtand in die Augen, der ihn zu einem plötzlichen Ausrufe trieb. Dieſer war etwas Weißes, das hart an der Seite des Beckens lag, in den der Waſſerfall ſich toſend ſtürzte, und das auf dem ſchwarzen Felſen um ſo ſichtbarer wurde. Auch Herbert hatte den weißen Gegenſtand ſofort erblickt und Beide ſtürzten unverzüglich auf ihn, um ihn zu unterſuchen! Es war ein Frauentuch! Offenbar war es zerknittert und zerriſſen, als ſtammte es von Jemand her, der ſich geſträubt und gekämpft habe und dem es hierbei in der Verwirrung entfallen war. Keiner wußte, aber Keiner war einen Augenblick darüber zweifelhaft, wem das weiße Frauentuch zugehört haben mußte. Schon deſſen Feinheit bezeugte, daß es das Eigenthum einer vornehmen Dame geweſen, und wem anders konnte es zugehört haben, als derjenigen, nach der ſie ſuchten? Cubina ſchenkte dem Frauentuche ſelbſt nicht ſo viel Aufmerkſamkeit als hauptſächlich dem Orte, wo es gefunden wurde. Es hatte dicht an der Felſenwand gelegen, am Rande des Beckens, in den ſich der Waſſer⸗ fall ſtürzte. Hinter dieſem Becken ging unter dem Felſenbogen, über den der Waſſerfall ſtürzte, ein Felſen⸗ rand, auf dem man unter dem Waſſerfalle durchgehen 240 konnte. Cubina wußte dies, denn auf ſeinen Jagdzügen war er ſchon ſelbſt hier durchgegangen. Er wußte auch, daß auf dem halben Wege dieſes Durchganges ſich eine nicht unbeträchtliche Höhle oder Grotte im Felſen einige Fuß oberhalb des Waſſers im Becken befände. Als das Frauentuch dicht neben dem zu dieſer Grotte führenden Felſenrande gefunden wurde, erinnerte der Marone ſich ſofort der Höhle und mußte auch ſogleich vermuthen, daß Chakra endlich dort anzutreffen ſei. Durch ihre Annäherung aufgeſchreckt, konnte der Koromantis ſehr leicht dieſe Höhle als Zufluchtsort auf⸗ geſucht haben, jedenfalls der letzte Platz, wo irgend Jemand, der ſie nicht zuvor gekannt, ihn ſuchen konnte. 1 Dies war Cubina ſofort eingefallen, und ſchnell wie dieſer Gedanke eilte er nach der Hütte, ergriff eine bereits angefertigte Fackel und kehrte mit ihr eben ſo raſch nach dem Waſſerfalle zurück. Dann winkte er Herbert und zwei von ſeinen Leuten zu, ihm zu folgen und trat unter das Felſengewölbe hinter dem Waſſer⸗ falle. Hier drang er nicht raſch, ſondern mit großer Vorſicht vorwärts. Denn, konnten in der Höhle nicht noch mehr Leute ſein, außer Chakra? Leicht mochten ſich alle die mit ihm verbündeten Räuber und Brand⸗ ſtifter dort befinden, von denen der Marone wohl wußte, daß ſie Männer von ganz verzweifeltem Muthe waren, Männer, deren Leben längſt verwirkt und die eher ſterben, als ſich gefangen geben würden. Die gezogene Machete in der einen und die Fackel in der andern Hand, ſchritt Cubina leiſe dem Eingange der Höhle zu. Herbert ging mit ſeinem doppelläufigen mnmnmee F 241 und zum Abſchießen bereiten Gewehre dicht hinter ihm her, denn Beide waren auf einen ernſten Widerſtand gefaßt. Cubina trat mit ſeiner Fackel zuerſt in die Höhle ein. Die Fackel ſtrahlte von tauſend glänzenden und funkelnden Tropfſteinen ſo mächtig zurück, daß die beiden Eintretenden wie ihre Nachfolger im erſten Augenblicke vollkommen geblendet waren. Doch bald gewöhnten ſich ihre Augen an das glitzernde Funkeln, und ſie erkannten zu gleicher Zeit im Hinter⸗ grunde der Höhle, auf dem Boden liegend, einen weißen Gegenſtand, der ſie zu einem gemeinſamen Schmerzens⸗ ſchrei trieb, bei dem ſie ſich auf's Aeußerſte erſchrocken gegenſeitig mit der größten Verzweiflung anſahen. Zwi⸗ ſchen zwei großen Tropfſteinmaſſen lag der Körper eines weißgekleideten Mädchens auf dem Rücken der Länge nach ausgeſtreckt, vollkommen regungslos und augen⸗ ſcheinlich todt!— Es war nicht nöthig, die Fackel näher an das bleiche ſtarre Geſicht zu halten, um hiervon überzeugt zu werden; es war nicht erſt nöthig, die lieblichen ſtillen Züge genau zu prüfen; gleich beim erſten Blicke auf die Hingeſtreckte hatte Herbert die traurige Wahrheit eingeleuchtet, daß es die Leiche ſeiner angebeteten Couſine ſei. III. Band. 16 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ber Schlaßauber. Wo war nur Chakra während der ganzen Zeit? Sobald er das Herrenhaus zu Willkommenberg voll⸗ ſtändig in Flammen geſehen, eilte der Koromantis, mit der jungen Herrin in ſeinen Armen, ſchleunigſt hinweg. Außerhalb des Gartenpförtchen ſtand er ſtill, aber nur wenige Augenblicke, lediglich um ſich haſtig mit dem Führer der ſchwarzen Räuber zu berathen. In dem kurzen hier ſtattgefundenen Geſpräche ward Adam angewieſen, die ganze Beute nach ſeiner Gebirgs⸗ wohnung zu bringen, wo Chakra ihn zu rechter Zeit zu treffen verſprach. Der Koromantis dachte nicht daran, ſeinem Antheile an der Beute in irgend einer Weiſe zu entſagen, allein gerade jetzt hatte er gar keine Luſt, die Theilung vorzunehmen, denn jetzt ſtand er vollſtändig unter dem Einfluſſe einer Leidenſchaft, die viel ſtärker war, als die Luſt zum Rauben und Plündern. Adam ging willfährig auf Chakras Vorſchlag ein und die beiden Verbündeten ſchieden im beſten Einver⸗ ſtändniſſe von einander. Der Räuber und ſeine Spieß⸗ geſellen beluden ſich ſofort mit ihrer Beute und eilten nach ihrer Waldwohnung in den Trelawney⸗Bergen. Gleich dem Tiger, der ſeine Beute gepackt, es aber nicht wagt, dieſelbe auf der Stelle zu verzehren, ſondern ſie in's Walddickicht ſchleppt, ſo ſtürmte auch Chakra mit Käthchen Vaughan den Bergpfad hinauf nach dem Teufelsloche, indem er die Unglückliche halb ſchleifte und zog, halb trug. Leblos, wie das Schlachtopfer eines 243 wilden Thieres, ſchien auch die Geſtalt der„Kleinen Quasheba“ zu ſein, denn ſie hing willen⸗ und bewußtlos in den gewaltigen Armen des mit menſchenähnlichem Ausſehen ganz wie der Tiger wilden und grauſamen Ungeheuers. Ihr Schreien hatte längſt aufgehört, der Schrecken hatte ihr alle Kraft dazu genommen, und eine todten⸗ gleiche Ohnmacht war eingetreten. Dieſe hielt auch glücklicher Weiſe für ſie während des ganzen Bergſteigens an. Der wilde Waldpfad konnte ſie daher eben ſo wenig erſchrecken als das Hinabſteigen in das dumpfe und abgelegene Thal des Teufelsloches. Beim Ueberfahren über den düſtern See wurde ſie ebenfalls nicht durch das Geſchrei der auffahrenden Nachtvögel, noch durch das bedrohliche Brüllen des nahen Waſſerfalles geängſtet. Gleich von dem Augenblicke an, wo ſie in den Armen des gräßlichen Unmenſchen bei dem Brande des Hauſes, wo ſie geboren und erzogen, weggeſchleppt worden, fühlte ſie nichts mehr, als bis ſie wieder zum Bewußtſein in einer rohen niedrigen Hütte erwachte, die von einer ſchwachen Lampe erhellt ward, deren Dämmerſchein auf ein ihr früher nicht unbekanntes Geſicht fiel, das Schreckensgeſicht Chakras, des Myalmannes. 2 Die Maske war jetzt abgelegt und der Koromantis ſtand vor ihr in der ganzen widerlichen Abſcheulichkeit ſeiner Seele wie ſeines Körpers. Weiter konnte der Schrecken bei Käthchen ſchwerlich gehen, denn jetzt hatte er ſeinen höchſten Punkt erreicht. Obwohl Käthchens Bewußtſein noch keineswegs voll⸗ kommen klar war, ſo begriff ſie doch ſo viel, daß kein Traum ſie in dieſem Augenblicke umnebeln könne. Und 16* m —-—. —— —ÿ 244 dennoch ſchien es auch faſt unglaublich, daß eine ſolche Schreckensſcene in Wirklichkeit vorhanden ſein ſollte. Allein ſie war wirklich vorhanden. Chakra ſtand in ſeiner ganzen Scheußlichkeit unbezweifelt vor ihr, und ſie hörte deutlich ſeine barſche Stimme, deren Ton jetzt höhnend und frohlockend war. Käthchen lag auf dem Bambusruhebett, wo der Myalmann ſie hingelegt hatte, ganz ruhig, bis ihr Be⸗ wußtſein zurückkehrte und ſie entdeckte, wer ſich bei ihr befand. Dann wollte ſie aufſpringen, allein der Koro⸗ mantis hinderte ſie, eine aufrechte Stellung anzunehmen und hielt ſie in einer etwas zurückgebogenen Lage feſt, in der ſie theils aus Furcht, theils aus Verzweiflung an der Möglichkeit irgend eines Entkommens ohne alle Gegenwehr verblieb. Der Koromantis ſtand aufrecht vor ihr. Auf ſeinem fürchterlichen Geſichte war nichts von Drohung zu ge⸗ wahren und auch in ſeinen Reden lag nichts Drohendes. Nein, im Gegentheil, er war ganz Milde, ganz Sanftmuth und Unterwürfigkeit, denn er war, das Schrecklichſte von Allem, jetzt ein zärtlich um Liebe Werbender. So kniete er vor ihr und gelobte ihr wiederholt Liebe, glühende Liebe! Ein für Käthchen noch viel fürchterlicheres Gelübde, als es alle Drohungen der Rache und Wuth hätten ſein können! O, es war ein entſetzliches, haarſträubendes Bild, dieſe knieende Liebeswerbung einer vom Blute der von ihm Ermordeten triefenden Beſtie um das ſchönſte und unſchuldigſte weibliche Geſchöpf! 4 Das junge Mädchen war viel zu ſehr erſchrocken, um antworten zu können, ſie vermochte nicht einmal —„... 245 vollkommen die ekelhaften Reden Chakras zu hören und zu verſtehen, denn eigentlich beſaß ſie kaum mehr Be⸗ wußtſein und Nachdenken, wie ſie wirklich in Ohnmacht gelegen. Nach einiger Zeit ſchien der Koromantis die Geduld verloren zu haben, ſeine unnatürliche Leidenſchaft reizte ihn zur Wuth über den unerwarteten Widerſtand, denn er begann die Hoffnungsloſigkeit ſeiner zärtlichen Werbung leeinzuſehen. Es ward ihm klar, daß es vergeblich ſei, dem lange von ihm gehegten fieberiſchen Liebestraum nachzuhängen, der ihn hoffen ließ, daß ſeine Liebe er⸗ widert würde, eine Hoffnung, die ſelbſt der abſchreckendſte Satyr im Stillen hegen ſoll. Die zurückſtoßende ab⸗ wehrende Haltung des Gegenſtandes ſeiner dämoniſchen Neigung, der offenbare, vollkommen in dem ängſtlichen Ausdrucke ihres bleichen Geſichtes ſich abſpiegelnde Ekel bewieſen Chakra hinlänglich die gänzliche Nutzloſigkeit ſeiner Liebeswerbung. Plötzlich, wie von einem mächtigen Entſchluſſe ge⸗ trieben, erhob er ſich und nahm eine entſchieden drohende Haltung an, die deutlich eine fürchterliche Abſicht ver⸗ kündete. Allein ein ſchrilles von außen herkommendes Pfeifen verhütete die Ausführung, hielt ihn wenigſtens für den Augenblick davon ab. „Das verdammte Zeichen des alten Juden!“ brummte Ghakra, offenbar zornig über die Unterbrechung.„Was will er nur jetzt, während der Nacht? Gewiß hat er etwas über ſeinen verlorenen Buchhalter erfahren! Aber ich weiß nichts von ihm! Da iſt das Pfeifen noch einmal und zwar ſchon zum dritten Mal! Das bedeutet, daß er Eile hat! Was iſt das? Zum vierten Mal! Dann 246 muß Gefahr ſein, dringende Gefahr! Muß zu ihm hingehen, muß ſogleich gehen! Er giebt nicht viermal das Zeichen, wenn nicht große Gefahr vorhanden iſt. Aber neugierig bin ich doch, zu erfahren, was er will!“ „Nun, meine kleine Quasheba, das macht nichts aus!“ fügte er hinzu, indem er lauter zu der gänzlich Verſtummten ſprach.„Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben! Die Angelegenheit zwiſchen mir und Dir muß warten, bis ich zurückkehre, und dann finde ich Dich vielleicht nicht mehr ſo halsſtarrig. Aber nun komm, hier mußt Du fort, hier darfſt Du nicht geſehen werden, von keinem Menſchen auf der Welt.“ Mit dieſen Worten faßte er das zu allem Widerſtreben unfähige Mädchen bei der Hand und wollte ſie aus der Hütte führen. „Ha!“ rief er plötzlich und ſtand ſtill, um nachzu⸗ ſinnen;„das geht nicht an, nein! Der alte Jude braucht gar nicht zu wiſſen, daß ſie hier iſt, um keinen Preis! Sie wird fortrennen wollen, deshalb muß ſie gebunden werden, und ſchreien wird ſie auch, ſo daß er es hört, und deshalb muß ihr der Mund geknebelt werden.“ Jetzt ſah der ſchreckliche Menſch, während er die Hand der Bedauernswürdigen feſthielt, ſich rings in der Hütte um, als ſuche er nach den Werkzeugen, ſeine gräßlichen Abſichten auszuführen. „Ha!“ rief er alsdann, als ſei ihm plötzlich etwas Anderes eingefallen.„Was zerbreche ich mir den Kopf? Das iſt viel beſſer als alles Binden und Knebeln. Der Schlaftrunk! Das iſt jedenfalls das Beſte, um ſie ruhig zu machen. Wo iſt die Flaſche? Den Schlaftrunk will ich ihr geben!“ 247 So für ſich redend, ſtreckte er die unbeſchäftigte Hand aus und zog etwas aus einer Art von Taſche, die ſich in dem Palmblattdache befand. Es war dies ein langes enges, feſt gekorktes und mit einer dunklen Flüſſigkeit angefülltes Fläſchchen. „Nun, Fräulein!“ ſagte er höhniſch, zog den Pfropfen mit den Zähnen aus und machte Anſtalten, der auf's Neue Geängſteten den Trank aus der Flaſche einzugeben. „Nimm einen kleinen Trunk hier aus dem Fläſchchen. Hab' nur keine Angſt. Es thut Dir keinen Schaden, bekommt Dir gewiß gut und wird Dich in eine ruhige Stimmung bringen. Trinke nur!“ Das arme Mädchen fuhr unwillkürlich zurück, allein das Ungeheuer, das kein Erbarmen kannte, ließ ihre Hand los, ergriff ſie bei den Haaren, wickelte ihre reichen Locken um ſeine knochigen Finger und hielt ihren Kopf ſo feſt wie in einem Schraubſtocke. Dann drängte er mit der andern Hand den Hals des Fläſchchens zwiſchen ihre Lippen, klemmte ihr ihn zwiſchen die Zähne und goß ihr einen Theil der Flüſſigkeit in den Hals. Die junge Kreolin machte keinen Verſuch, zu ſchreien, ja, ſie leiſtete eigentlich kaum einigen Widerſtand und ſchluckte reichlich von dem Trank. Ihr Geiſt war ſo niedergedrückt und entmuthigt, daß ſie ſich ſchwerlich ernſtlich widerſetzt haben würde, hätte ſie ſelbſt gewußt, daß in dem Fläſchchen Gift war. Auch war die Wirkung in der vollkommenen Lähmung der Sinne dem Gifte wirklich gleich, denn was Chakra ihr eingegeben, war der Saft des Calalue, eines der ſtärkſten und betäubendſten Einſchläferungsmittel. 248 In wenigen Secunden, nachdem die Flüſſigkeit ihre Lippen berührt hatte, überzog Todtenbläſſe das Geſicht des ſchönen Mädchens und durch ihren ganzen Körper verbreitete ſich ein ſanftes Schaudern, das von einem ſofortigen Abſpannen und Erſchlaffen aller Muskeln be⸗ gleitet wurde. Ihre Glieder und Muskeln gaben nach, und ſie würde zuſammengeknickt und auf den Boden gefallen ſein, hätte ſie nicht der Arm deſſelben erfahrenen Zauberers gehalten, der dieſen eigenthümlichen Scheintod hervorgebracht. Sie ſank bewußt⸗ und regungslos in ſeine Arme, während ſie mehr einer Todten als einer Schlafenden ähnlich ſah. „Nun denn!“ murmelte der Myalmann und zeigte durchaus keine Verwunderung über die Wirkung ſeines Trankes, da dies derſelbe Schlafzauber war, dem er hauptſächlich ſeinen Ruf verdankte;„nun denn, meine liebe Kleine, magſt Du ruhig ſchlafen, bis ich Dich wieder aufwecke. Aber hier kannſt Du nicht bleiben, Du mußt Dich ſchon bequemen, in friſcher Luft zu ſchlafen. Ich muß Dich irgendwo hinbringen, wo der alte Jude Dich nicht ſehen kann, denn am Ende würde er ſelbſt Dich gar noch haben wollen. Komm nur mit mir!“ So ſein bewußtloſes Opfer anredend, hob er ſie mit beiden Armen auf und trug ſie aus der Hütte fort. Draußen ſtand er eine Weile ſtill und ſah ſich um, als ſuche er nach einem Platze, wo er ſeine Bürde hinlegen könne. 1 Der Mond ſtand nun am Himmel und ſeine Strahlen begannen ſelbſt das einſame Dunkel des Teufelsloches zu erhellen. Einige außerhalb des Schattens des Baum⸗ 249 wollenbaumes gelegene Büſche ſchienen ein paſſendes Verſteck darzubieten, und Chakra ſchritt ſchon auf ſie zu, als er den Waſſerfall ſah. Da änderte er ſeinen Entſchluß, drehte ſich und ging nach dem Waſſerfall. Als er den Felſenrand erreicht hatte, über den der Waſſerſtrom ſtürzt, blieb er einen Augenblick am Rande des toſenden Waſſerbeckens ſtehen. Hier faßte er die bleiche, hülflos in ſeinen Armen liegende Geſtalt auf's Neue, trat dann hinter die vom ſchäumenden Waſſer gebildete Wand und entſchwand dem Blicke, einem Fluß⸗ geiſte alter Zeit nicht unähnlich, dem es gelungen, ein ſchönes Menſchenbild zu verlocken, das er in ſeine feuchte Höhle hinabzieht. Nach einer kleinen Weile kehrte der häßliche Bucklige aus ſeinem geheimen Schlupfwinkel zurück, wo er ſich ſeiner Bürde entledigt hatte. Jetzt hörte er noch einmal das Gekreiſch der Pfeife auf den oberen Felſen und eilte deshalb ſo raſch als möglich ohne weiteren Aufenthalt nach ſeinem Nachen. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Ein neues Stück Arbeit für Chakra. Als Chakra die Felſenwand erreicht hatte, fand er Jakob Jeſſuron in größter Aufregung ungeduldig warten. Der Jude ſchritt unter den Bäumen auf und nieder, ſchlug zuweilen mit dem unzertrennlichen Regenſchirm auf den Boden und ſtieß ſeinen Lieblingsruf:„Boi 250 moiner Söle!“ verſchiedene Male hinter einander mit ganz ungewöhnlicher Heftigkeit aus. „Was fehlt Ihnen, Herr Jakob?“ fragte der Myal⸗ mann beſorgt, als er über den Felſenrand kletterte. „Es iſt wohl irgend etwas nicht richtig? So denk ich mir nach der Weiſe, wie Sie das Signal gegeben haben. Ich hörte viermal pfeifen.“ „Oes üſcht ötwas nücht ganz rüchtig, oin graußes Theil üſcht nücht rüchtig, wohrhaftig, üch ſoge Euch. Aberſcht, was hat Euch abgehalten, Chakra, ßu kommen?“ ſagte der Jude verdrießlich. „Nun, Herr Jakob, ich ſchlief, das hielt mich ab, zu kommen.“ „Wü hobt Uehr hören können dann vürmol den Sügnal?“. Dieſe Frage ſchien Chakra in Verlegenheit zu ſetzen. „Viermal das Signal?“ ſtotterte er und fügte nach einem kurzen Innehalten hinzu:„Ja, ſehen Sie, das erſte Mal hörte ich es im Schlafe, dann beim zweiten Mal wachte ich auf, beim dritten erhob ich mich und beim vierten—“ Hier unterbrach ihn der Jude raſch, entweder durch ſeine Erklärung bereits zufrieden geſtellt oder zu ſehr in Eile, um ihn zu Ende zu hören. „Oes üſt koine Szoit ßum Schwätzen, wenn Wüll⸗ kommenbarg ſteht ün Flammen. Uehr wüßt das doch, moin' üch?“ Chakra zögerte mit der Antwort, gleich als gehe er mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob er die Frage bejahen oder verneinen ſolle. 251 „Ganz gewüß, Uehr wüßt es. Was brauch' üch noch ßu fragen? Wör hat gethan das? Adam üſt ge⸗ weſen da. Hat ör gethan das?“ „Der alte Adam wird dabei wohl eine Hand im Spiele haben, ſo glaub' ich.“ „O, das wüßt Uehr ganz gut, Schakra, und üch woiß auch noch oinen Andern, dör hat oine Hand daboi üm Spüle. Aberſcht, das üſt gar nücht das Geſchäft, wöshalb üch angekommen hür, das üſt ſchlümmer, vül ſchlümmer!“ „Was denn, Herr Jakob?“ forſchte der Myalmann mit erkünſtelter Verwunderung.„Was iſt es denn? Iſt der junge Mann noch immer nicht nach Hauſe gekommen?“ „Ach, das üſt alles nüchts, das üſt vül ſchlümmer; da üſt Gefahr— grauße Gefahr!“ „Gefahr! Von wem, Herr Jakob?“ „Zuerſt ſagt mür, wo üſt Adam jötzt? Uech hob nöthig ühn und alle ſoine Leute.“ 3 „Er iſt in die Berge zurück gegangen.“ „Ach, gegangen ßurück, ſagt Uehr? Wü lange üſt ör fort? Könnt Uehr einholen ühn, Schakra?“ „Möglich wäre es ſchon, denn ſchnell werden ſie wohl nicht gehen, dazu haben ſie zu viel zu ſchleppen. Aber wozu haben Sie denn den alten Adam nöthig, Herr Jakob?“ „O, oine Angelegenhoit von größter Wüchtigkoit. Leben und Tod hängen daran. Der blaue Frütz üſt geweſen nach Wüllkommenbarg und hat gehört Neuig⸗ koiten, o, ſchröckliche Neuigkoiten. Oin Bote, der üſt gekommen von der Landſtraße von Safanna, hat gebracht ſöhr unangenehme Nachrüchten, unter Anderem auch, daß moine Spanier ſind worden gefangen von Cubüna und döm undankbaren Schölm Vochan, döm üch ſo lange gegeben ßu eſſen. Moine Spanier fünd angeklagt, ermordet ßu haben dön Kuſchtos! Boi moiner Söle!“ „Was kümmert das Euch, Herr Jakob? Wo liegt da Gefahr?“ „Gefahr! Begroift Uehr das nücht, Schakra? Wönn düſe Jäger ſünd gebracht ßur Unterſuchung, glaubt Uehr, ſü werden ſchwoigen?— wohrhaftig, noin! Dü werden ſogen Alles, was ſü wüſſen, und dann bün angeklagt auch üch, werde gefangen genommen und bin ruinirt! O, warum hob' üch anvertraut ſö ungeſchückten Bengeln oin ſo wüchtiges Geſchäft?“ „Ja, dumme Bengels ſind ſie, Herr Jakob, da haben Sie ganz recht.“ „Ach, es üſt ßu ſpät jötzt, ßu ſchümpfen auf ühnen. Es üſt nöthig, ßu ergroifen Maßregeln, um ßu verhüten ſolch ein ſchröckliches Unglück! Uehr müßt gehen Adam nach und ſuchen auf ihn ſogloich, ſogloich jetzt, Schakra!“ „Mir ſchon recht, Herr Jakob. Ich thue Alles, was Sie wollen, haben Sie keine Angſt. Ich will Adam auch ſogleich nachgehen; aber was ſoll ich dem alten Neger ſagen, wenn ich ihn gefunden habe?“ „Uehr braucht ßu ſogen nüchts ßu ühm. Brüngt ühn her müt Euch nach dem Schumbfelſen. Uech wüll warten da, büs Uehr kommt. Aber laßt warten müch nücht ſo lange, guter Schakra; oilt ſo vül Uehr könnt. Wenn Uehr ßurückkommt nücht vor Sonnenaufgang, ſo üſt verloren Alles, dann bün üch oin ruinirter Mann, wohrhaftig!“ 253 „Nur keine Angſt, Herr Jakob. Ich will keine Zeit verlieren. Ich glaube gar nicht, daß die Neger jetzt ſehr weit gegangen ſind und will ſie ſchon einholen. Ich gehe jetzt auf der Stelle. Humm!“ Mit dieſem Ausrufe drehte Chakra ſich um und wollte in der Richtung nach dem Jumbéfelſen fortgehen, an dem er vorbei mußte, um nach dem Schlupfwinkel der ſchwarzen Räuber zu gelangen. „Halt!“ ſchrie der Jude,„üch gehe müt Euch büs ßum Schumbéfelſen. Uech kann warten da eben ſo gut als ürgendwo anders. Es nitttt jetzt nüchts, ßu gehen nach Hauſe. Wohrhaftig, üch kann nücht ſchlofen, büs düſe Sache üſt in Ordnung. Uud nun, da üch recht daran denke, ſo laßt wüſſen Adam, woßu üch hobe nöthig ühn, damit er kommt vorberoitet und gerüſttet. Sogt ühm nur, daß er kommt geraden Wegs nach Wüll⸗ kommenbarg. Da üſt's, wo üch hobe nöthig ühn. Soll verſuchen, aufßufünden dü Loiche von döm Kuſchtos. Da würd fünden er dü boiden Spanier. Dü ſoll er ſuchen ßu befroien und brüngen ßu mür. Uehr, Schakra, müßt gehen müt Adam und ſoinen Männern, ſonſt verderben ſü Alles. Soine Männer müſſen ſoin bewaffnet ſehr gut, denn vülloicht werden ſü hoben das nöthig. Der Bote ſagte, da wären auch oinige Nöger daboi von dem Gute Content. Aberſcht das macht nüchts, dü werden rennen, ſobald ſü ſehen, daß Uehr ſoid da. Allein da können ſoin noch Andere, dü ſchlagen ſüch tüchtig. Da üſt Cubüna und der jonge engliſche Lump und dann vülloicht noch Quaco oder ſonſt oiner von den Maronen. Glaubt Uehr wohl, fertig ßu werden mit ühnen, guter Schakra?“ 254 „O, ganz gewiß!“ „Uehr müßt überfallen ſü plötzlich.“ „Vielleicht können wir auch einige tödten.“ „So vül wü Uehr wollt. Nur befroit dü boiden Spanier.“ „Viel würde es auch nicht ſchaden, wenn wir ſie tödten könnten, da ſie ſolche Schafsköpfe geweſen ſind, ſich gefangen nehmen zu laſſen.“ „Noin, noin, guter Schakra! Wür dürfen nücht tödten unſere Freunde. Vielleicht hoben wör nöthig ſü wüder. Uehr könnt verſprechen gute Bezahlung an Adam für dü Arboit, und um dü Koſten wüll üch quälen müch ganz und gar nücht, wenn Alles wird ausgeführt gut.“ „Das, Herr Jakob, überlaßt mir und Adam. Wir wollen Alles auf's Beſte beſorgen.“ Mit dieſer Verſicherung ſtieg Chakra den Berg hinan, nachdem der Jude ihm ſchon vorauf gegangen war. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Todt oder ſchlafend? Als Herbert Vaughan den todten Körper ſeiner Couſine zuerſt erblickte, machte ſich ſein ungeheurer Schmerz in einem wilden Schrei Luft, dem die pein⸗ vollſten Töne der Seelenangſt folgten. Er ſchleuderte ſeine Flinte auf den Felſen, kniete neben dem Körper der heißgeliebten Verblichenen nieder, erhob ihr lockiges Haupt etwas vom Felſen, blickte im Uebermaße ſeines 25⁵ Grames mit ſtarren Augen auf das holde, im Tode ganz wie im Leben ſchöne und ſanfte Antlitz und küßte dann die kalten regungsloſen Lippen, küßte ſie wieder⸗ holt und immer wieder von Neuem mit der ganzen In⸗ brunſt einer leidenſchaftlichen jugendlichen Liebe, gleich als hoffe er durch ſeine Liebesgluth die Huldgeſtalt der Verklärten wieder dem Leben zuzuführen. Einige Zeit dauerten ſolche ſich manchmal faſt zum Wahnſinn ſtei⸗ gernden Ergüſſe der leidenſchaftlichen Liebe wie des ſchmerzlichſten, ſein ganzes Lebensglück vernichtenden Grames. Jeder der Umſtehenden ehrte die Heiligkeit ſeines Schmerzes durch das tiefſte Stillſchweigen, kein Wort, kein Laut ſtörte die allgemein empfundene tiefe Trauer. Cubina ſchluchzte und ſtöhnte freilich laut, denn er hatte Grund genug, auf's Tiefſte von dem Hin⸗ ſcheiden der noch nicht einmal wirklich gewonnenen Schwe⸗ ſter ergriffen zu ſein, allein ſeine Seufzer wurden nicht gehört, ſie wurden von einer ſtärkeren, gewaltigeren Stimme übertönt, dem melancholiſchen und eintönigen Rauſchen des ſchon ſeit Erſchaffung der Welt ununter⸗ brochen klagenden Waſſerfalles. Jetzt war die von Cubina gehaltene Fackel faſt nie⸗ dergebrannt, während Herbert noch immer ſeine leiden⸗ ſchaftlichen, von den bleichen Lippen unerwiderten Küſſe fortſetzte, allein da er das flackernde verglimmende Licht bemerkte, erhob er ſich, machte den Umſtehenden ein ſtummes Zeichen und deutete feierlich auf den Ausgang der Höhle. Er wurde auch verſtanden und ſeinem Winke ſofort Folge geleiſtet, denn ſeinem außerordentlichen Schmerze gemäß ward er von Allen als Hauptleidtragender zu ſolchen Anordnungen vollkommen berechtigt anerkannt. 256 Die Maronen kreuzten deshalb ihre Arme unter der lebloſen Geſtalt, hoben ſie vom Felſen auf und trugen ſie mit ernſtem feierlichen Schweigen, indem ſie dem vorausgehenden Herbert nachfolgten, in die Hütte, wo ſie die holde Leiche ſanft auf die Rohrbettſtelle hinlegten. Nachdem ſie dies gethan, zogen ſich Alle aus urſprüng⸗ lichem Zartgefühle ſofort zurück und ließen Cubina und Herbert mit der Entſeelten allein. Abermals verging einige Zeit, bevor einer von ihnen zu reden vermochte, denn Beide waren durch den tiefen plötzlichen Schmerz der Sprache wie des ſicheren Nach⸗ denkens beraubt. Cubina brach jedoch zuerſt das düſtere Schweigen. „Bei Gott!“ ſagte er leiſe mit vom Schmerz erſtick⸗ ter Stimme,„ich kann eigentlich gar nicht begreifen, woran ſie geſtorben, wenn ſie nicht Chakras Anblick ge⸗ tödtet hat, der freilich dazu wohl genügend iſt.“ Auf dieſe zu einem Geſpräche und einer weiteren Nachforſchung auffordernden Worte erfolgte keine andere Antwort, als ein vom tiefſten Kummer zeugendes Aechzen. „Wenn das Ungeheuer,“ fuhr der Marone fort, „wirklich Gewalt gebraucht hat, ſo kann ich doch keine Spur davon finden. Es iſt keine Wunde da, noch ſonſt irgend etwas zu ſehen, was den Tod herbeigeführt haben könnte. Das arme Geſchöpf! in ihrem Munde iſt etwas Dunkles, aber Blut iſt es nicht.“ „O Gott!“ rief Herbert, den Maronen durch einen neuen Ausbruch ſeines leidenſchaftlichen Schmerzes un⸗ terbrechend.„Zwei Leichen nun aus demſelben Hauſe, Vater und Tochter, faſt am ſelben Tage geſtorben und beide die Opfer der ſchändlichſten Niederträchtigkeit. O Gott!“ — — 257 „Beide die Opfer des nämlichen Schurken, wie ich ſicher glaube,“ erwiderte Cubina.„Dieſelbe Hand die den Cuſtos hingeſtreckt, hat auch, wenn ich mich nicht gänzlich täuſche, bei dieſem ſchrecklichen Verbrechen mit⸗ gewirkt. Chakra iſt nur das Werkzeug, ein ganz Ande⸗ rer hat den eigentlichen Streich verſetzt. Sie werden wohl wiſſen, wen ich meine, Herr Vaughan?“ Herbert ward an der Antwort verhindert; eine in der Thür erſcheinende dunkle Geſtalt zog die Aufmerk⸗ ſamkeit Beider von dieſem Gegenſtande des Geſpräches ab. Quaco hatte die traurigen Nachrichten erfahren und war nachdem er bei der Bewachung des Nachens abge⸗ löſt worden, nach der Hütte geeilt. Er war es, der jetzt in der offenen Thüre ſtand und ſie mit ſeiner Rieſenge⸗ ſtalt faſt gänzlich ausfüllte. Nach einem kurzen Verwei⸗ len trat er in die Hütte ſelbſt und betrachtete das holde ſtarre Antlitz der Entſeelten mit Aufmerkſamkeit wie mit großer Rührung. Merkwürdiger Weiſe ſchien jedoch dies Gefühl der Trauer und der Rührung auf ſeinem Geſichte einem ganz andern Platz zu machen, denn es nahm nach und nach einen unverkennbar fröhlichen Ausdruck an, und zwar ſo entſchieden, daß dieſer, trotz des heftigen ſie ganz in Anſpruch nehmenden Grames, dennoch die Aufmerkſamkeit der beiden Trauernden erregte. Beide bemerkten Quacos frohe Miene zu gleicher Zeit und bei Beiden brachte ſie bitteren Unwillen über ſeinen gänz⸗ lichen Mangel an Gefühl wie über ſeine Rückſichtsloſig⸗ keit hervor. „Quaco!“ ſagte Cubina mit vorwurfsvollem Tone, „hier iſt gewiß nicht die Zeit und der Ort, um munter und froh zu ſein. Was in aller Welt mag Dich hier III. Band. 17 258 zum Lächeln reizen, während Andere neben Dir von der tiefſten Trauer überwältigt ſind?“ „Wie denn Hauptmann!“ erwiderte Quaco,„ich ſehe nicht ein, was hier zu trauern iſt, denn die Trauer über den Euſtos iſt ja doch wohl ſchon zu Ende?“ Dieſe ſeltſame und dabei in heiterer Weiſe ertheilte Antwort mußte die Beiden in die größte Verwunderung ſetzen. War Quaco auf einmal verrückt geworden? „Hier in der Gegenwart des Todes,“ ſagte der junge Maronenhauptmann und warf einen höchſt ſtrengen Blick auf ſeinen Lieutenant,„wünſchte ich doch, Du legteſt Deine gewöhnliche luſtige und ſpaßhafte Stimmung zur Seite. Es ſteht Dir ſchlecht an—⸗ „Todt, ſagt Ihr Hauptmann! todt?“ unterbrach Quaco ihn;„wer iſt hier todt? Auf dieſe ſonderbare Frage erfolgte keine Antwort. Diejenigen, an welche ſie gerichtet, waren in der That zu erſtaunt und verwundert, um irgend eine Antwort finden zu können. 8 „Wenn Ihr etwa die junge Herrin da meint, das junge Fräulein Vaughan,“ fuhr Quaco ruhig fort,„dann ſeid Ihr von einem großen Irrthume befallen; das Fräu⸗ lein iſt nichts weniger als todt, ſo wahr ich Quaco heiße! Todt?— wirklich! Unſinn das! Sie ſchläft nur!“ Herbert und Cubina ſprangen von ihren Sitzen auf und Jeder ſtieß einen lebhaften Schrei der höchſten Ver⸗ wunderung aus, in dem ſich auch offenbar einige Hoff⸗ nung kund gab. „Wer hat ein Stückchen Spiegelglas?“ fuhr Quaco fort und warf einen forſchenden Blick in der Hütte 259 umher.„Ganz gut!“ rief er dann mit Zufriedenheit aus, als er ein Stückchen eines zerbrochenen Spiegels antraf.„Hier iſt ſchon ſo etwas.“ „Nun ſeht mal zu,“ ſagte er, während er ein Stück⸗ chen Spielgeglas nahm und es mit einem baumwollenen Läppchen klar rieb;„Ihr ſeht, es iſt jetzt kein Fleckchen darauf.“ Die Andern, noch immer in größter Verwunderung, bejahten dies durch ein Kopfnicken. „Nun wohl,“ fuhr Quaco fort,„wartet nur einen Augenblick!“ Dann hielt er die glatte Seite des Spiegelglaſes der vermeintlich Todten einige Minuten lang dicht vor die Lippen, drehte das Spiegelglas um und brachte es dicht an das Licht der Lampe. „Seht Ihr!“ rief er triumphirend und deutete auf einen leichten weißen Hauch, der den Glanz des Spie⸗ gels verdunkelte.„Das iſt ihr Athem! Sie iſt nicht todt, wie ſollte ſie ſonſt Athem holen?“ Zu einer eigentlichen Antwort waren die Beiden dieſelbe Beobachtung machenden zu aufgeregt, ſie ver⸗ mochten die Wahrheit von Quacos Beweiſen nur durch die verworrenſten Ausrufungen zu beſtättigen. „Haha!“ rief Quaco aus, ließ das Stückchen Spie⸗ gel plötzlich fallen und langte nach einem auf dem Bo⸗ den liegenden Fläſchen, das jetzt erſt bemerkt worden war. „Was iſt denn das?“ fuhr er fort, zog den Pfropfen mit den Zähnen aus und hielt den Hals des Fläſchchens an die Naſe. Ein Schlaftrunk! Ich dachte es mir gleich! Das iſt alſo der Zauber, der die junge Dame 17* —— 260 da in den Scheintodt gebracht hat. Nun, es giebt etwas Anderes, das wird ſie wieder aufwecken, wenn ich es hier blos finden kann. Vorhanden muß es hier ſein, das iſt gewiß; und wenn ich es nur finden kann, ſo ſoll das junge Geſchöpf in weniger als zehn Minuten mit Euch reden wie ich jetzt mit Euch rede.“ Dabei begann der rieſenhafte Schwarze auf's Auf⸗ merkſamſte in der Hütte umher zu ſuchen und ſah in alle die zahlreichen Ritzen und Spalten hinein, die ſich in den Mauern wie im Dache befanden. Von der höchſten Verwunderung wie von der hoff⸗ nungsreichſten Erwartung ergriffen, wagte weder Herbert noch Cubina die zuverſichtlichen Vorbereitungen Quacos zu unterbrechen. Schweigend und ſtaunend ſaßen Beide da und ſahen ſeinem ihnen noch immer räthſelhaften Beginnen zu. Achtundvierzigſtes Kapitel. Auaco als Myalmann. Für Herbert Vaughan waren dies Augenblicke der ſtürmiſchſten Aufregungen, mitten im tiefſten Herzeleid war plötzlich die höchſte Freude aufgeſchoſſen. An das Athmen ſeiner Couſine vermochte er nach dem von Quaco geführten Beweiſen nicht mehr zu zweifeln, und ſo ſtand es feſt, daß ſie noch lebe, ſo ſehr ihn auch der Schein des Todes bisher getäuſcht hatte. 261 Etwas höchſt Geheimnißvolles lag hier freilich zu Grunde, ein Geheimniß des Myalismus. In dieſer Kunſt beſaß der Maronenlieutenant jedoch eine dem Wiſſen der ſich ausſchließlich mit ihr beſchäftigenden Männer faſt gleichkommende Geſchicklichkeit. Außerdem, daß er Cu⸗ binas Stellvertreter bei allen wichtigeren Angelegenheiten, war er auch der Arzt ſämmtlicher Maronen und hatte bei ſeiner Erfahrung in der Medicin auch eine genügende Kenntniß von den Geheimniſſen und Künſten des Obiah erworben, beſonders von dem Kunſtſtück, wodurch nach dem Glauben des Unwiſſenden ein todter Menſch wieder in’s Leben gerufen werden konnte, und das in Weſtin⸗ dien als Myalismus bekannt und gefürchtet war. „Nur ein Schlafzauber,“ ſagte Quaco zuverſichtlich, während er ſein Nachſuchen in der Hütte mit größter Emſigkeit fortſetzte;„nichts weiter als das, ein ihr von dem Myalmanne eingegebener Trank. Ich kenne ihn ganz gut, und ich kenne auch das Gegenmittel, ohne das ſie für's erſte ſchwerlich wieder zu ſich kommen dürfte. Haha! das iſt es! Da iſt das Gegenmittel!“ Ein kleines Fläſchchen hielt er jetzt in ſeinen Fingern, das bald entkorkt und an die Naſe gebracht war. „Ja, das iſt ganz das Richtige, das den Schlafzau⸗ ber beſeitigt. Nun, in noch nicht zehn Minuten ſollt Ihr ſie aufwachen ſehen, friſch und munter, wie ſie es nur je in ihrem Leben geweſen. Jetzt, junger Herr halten Sie den Kopf des Fräuleins ein wenig in die Höhe, damit ich ihr den Trank einflößen kann.“ Herbert folgte bereitwillig der Aufforderung Quacos und ſtützte den ſchönen Kopf der vermeintlich Todten. Quaco öffnete nun mit aller Zartheit, deren ſeine dicken 262 rauhen Finger fähig waren, die bleichen Lippen, brachte den Hals des Fläſchchens zwiſchen dieſelben und goß der Schlafenden einen Theil ihres Inhalts in den Mund. Dann hielt er ihr das Fläſchchen noch einige Zeit unter die Naſe, worauf er ihr die Hände zwiſchen ſeinen eige⸗ nen breiten und rauhen Händen warm rieb. Mit hoch klopfendem Herzen und abwechſelnd in größ⸗ ter Aufregung auf Quaco wie auf die ſtille Schläferin hingewandten Augen ſtrengte Herbert ſich jetzt in keiner Weiſe an, ſeine innere Unruhe und Beſorgniß irgend zu verbergen, die freilich noch viel bedeutender geweſen wären, hätte der Neger nicht ein ſo außerordentlich zu⸗ verſichtliches Weſen gezeigt und in triumphirendem Tone alle eintretenden Erſcheinungen bis zur vollſtändigen Wiederbelebung vorhergeſagt. Kaum fünf Minuten waren verfloſſen, ſeitdem das Gegenmittel eingegeben, als man ſchon bemerken konnte, daß ſich der Buſen der ſchönen Schläferin etwas zu heben begann, während ſich zu gleicher Zeit ihren nur ganz wenig geöffneten Lippen ein leiſer, kaum hörbarer Seufzer entwandt. Jetzt vermochte Herbert ſeine auf's Höchſte geſtiegene Erregung nicht mehr länger zu bewältigen. Mit einem lauten Freudenſchrei beugte er in der Ueberwallung des Entzückens ſich auf das Antlitz des heißgeliebten, nun wieder zum Leben erwachenden Weſens, drückte die glü⸗ hendſten Küſſe auf ihre noch nicht vollſtändig erwärmten Lippen und rief von Zeit zu Zeit zärtlich ihren Namen. „Seid nur ruhig, junger Herr!“ warnte Quaco, „ſonſt dauert es noch länger, bis ſie erwacht und voll⸗ ſtändig zum Bewußtſein kommt. Habt nur etwas Geduld, ⸗ 263 laßt dem Gegenmittel Zeit, gehörig zu wirken. Sehr lange ſoll es nicht dauern.“ So ermahnt, verhielt Herbert ſich ſchweigend und ruhig und blickte mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit auf das holde Antlitz, das jetzt bereits einige Zeichen der Wiederbelebung zu geben begann. Ganz wie Quaco es vorausgeſagt, traten nach und nach alle durch das Ge⸗ genmittel bewirkten Erſcheinungen auf. Der Buſen des jungen Mädchens fing an, ſich gewiſſermaßen krampfhaft zu bewegen, deutlich darthuend, daß ein regelmäßiges Athemholen wieder eintreten wolle, während ſich von Zeit zu Zeit gebrochene, halb gemurmelte, leiſe Seufzer hören ließen. Nach und nach wurde das Athemholen dann regelmäßiger und ruhiger und ihre Lippen beweg⸗ ten ſich mit leiſem Gemurmel, gleich Jemand, der im Traume ſpricht. Mit jedem Augenblicke wurden die von der Wieder⸗ erwachenden ausgeſtoßenen Töne beſtimmter und wahr⸗ nehmbarer, die Worte konnten zuletzt ſchon ziemlich deut⸗ lich unterſchieden werden und unter dieſen war eines, das Herberts Herz mit unbeſchreiblichem Entzücken er⸗ füllte— ſein eigener Name! Ungeachtet aller weiſen Rathſchläge konnte er nun unmöglich länger widerſtehen; er drückte einen glühenden Kuß auf die Lippen ſeiner angebeteten Couſine, rief laut ihren Namen und verband hiermit die zärtlichſten Liebesworte wie die ermuthigendſten Ausrufungen. Und gleich als ob ſeine Stimme den böſen Zauber gebrochen und die Schlafſucht aus ihren Gliedern vertrieben habe, ſo öffneten ſich auf einmal ihre Augen. Die langen Wimpern hoben ſich und zeigten die lieblichen Sterne, 264 die Herberts Herz mit unendlicher Sehnſucht gefangen hielten. Anfangs freilich war der Ausdruck der dem Lichte entfremdeten Augen noch träumeriſch, ſtarr und bewußt⸗ los, als wenn ſie leuchteten, ohne eigentlich zu ſehen, und ſähen, ohne eigentlich etwas zu erkennen. Doch nach und nach änderte ſich auch dies. Das Auge wurde immer klarer und lebendiger, bis der vollkommen herge⸗ ſtellte geiſtige Ausdruck deſſelben offen bewies, daß es von einem vollſtändigen, durch nichts mehr gefeſſelten Bewußtſein beſeelt ſei. Dicht bei ihrem Geſichte war das, von dem ſie ſo eben geträumt hatte; in ihre Augen ſchauten dieſelben Augen, die ſie ſchlafend geſehen, und mit demſelben ſüßen Blicke, mit dem ſie früher wachend ſie angeſchaut hatten, jenem bei allen Täuſchungen und Leiden tief im Herzen treu bewahrten Blicke! Nun verweilte dieſer bedeutungsvolle Blick wiederum auf ihr, aber diesmal von holden Liebesworten, von den Ausdrücken der innigſten Zärtlichkeit begleitet, die alle aus dem innerſten Weſen eines leidenſchaftlich lie⸗ benden Herzens ſtammten. „Herbert! theurer Vetter!“ rief ſie aus, als ſie die Sprache wiedergewonnen hatte.„Biſt Du es wirklich? Wo bin ich nur? Doch das iſt gleich, wenn Du nur bei mir biſt! Iſt es Dein Arm, der mich umſchließt?“ „Ja, theuerſte Couſine, um Dich nie wieder zu ver⸗ laſſen! O, ſprich zu mir, ſage mir, daß Du lebſt!“ „Lebe! Ach, Du hielteſt mich für todt? Ja, ich glaubte es ſelbſt. Das ſchreckliche Ungeheuer! Iſt es 265 fort? O, ich ſehe es hier nicht und bin gerettet! Ich bin gerettet durch Dich, Herbert! Du biſt es doch, der mich von noch Schlimmerem befreit hat, als es der Tod ſein könnte?“ 1 „Es iſt nicht mein Verdienſt, Couſine. Dieſer brave Mann hier an meiner Seite iſt es, dem wir Beide für dieſe Befreiung verpflichtet ſind.“ „O Cubina! und Yola?— die arme Yola! wo iſt ſie? O, es iſt fürchterlich! Ich kann gar nicht begrei⸗ fen—“ „Theuerſte Couſine, denke jetzt gar nicht mehr daran. Mit der Zeit wirſt Du Alles begreifen. Jetzt ſei es Dir genug, daß Du gerettet biſt und das alle Gefahr vorüber!“ „Mein armer Vater! Wenn er es wüßte, daß Chakra noch am Leben iſt, das ſchreckliche Ungeheuer!“ Herbert ſchwieg hierzu und Cubina ebenfalls, der die Hütte verließ, um ſeinen Leuten einige Befehle zu ertheilen. „Ach Vetter, was iſt das auf Deiner Bruſt?“ fragte das junge Mädchen.„Iſt das nicht daſſelbe Band, das Du damals von dem Geldbeutel losgeriſſen? Haſt Du es die ganze Zeit getragen?“. „Immer ſeit jener Zeit! O, Käthchen! länger kann ich es nicht verſchweigen! ich liebe Dich! ich liebe Dich! Ich habe davon gehört, daß—. Aber ſage es mir jetzt ſelbſt, theuerſte Couſine, erkläre mir mit eigenem Munde, iſt es wahr, iſt es wirklich wahr, daß Du mich wieder⸗ liebſt?“ „Gewiß, gewiß! ich liebe Dich innigſt!“ Irerer gerrder 266 Abermals küßte Herbert jetzt den holden Mund, der ihm dieſe ſüße Gewißheit ertheilt. Mit dieſem Kuſſe waren zwei liebende Seelen für immer verbunden. Neunundvierzigſtes Kapitel. Die Befreiung. Als der Jude ſich vom Teufelsloche entfernte, war es ſeine Abſicht geweſen, am Fuße des Jumbéfelſens auf die Rückkehr Chakras mit den Räubern zu warten; doch noch ehe er an dem Felſen angekommen war, faßte er einen anderen und beſſeren Entſchluß. Es fiel ihm nämlich ein, wie zweckmäßig es wäre, wenn er während der vielleicht ziemlich lange dauernden Abweſenheit Chakras die Zwiſchenzeit dazu verwände, Willkommenberg und deſſen Umgebung auszukundſchaften. Deshalb wurde mit Chakra, bevor dieſer ſich von ihm trennte, ein anderer Ort zum Zuſammentreffen aus⸗ gemacht, ein beſonderer Platz auf dem Pfade in der Gebirgsſchlucht, nicht ſehr weit entfernt von dem hinte⸗ ren Garten von Willkommenberg.. Nachdem dies feſtgeſetzt worden, folgte Chakra eiligſt den mit ihrer Beute in ihre Gebirgsheimath zurückkeh⸗ renden Räubern, während der Jude gradewegs den Berg hinab in's Thal von Willkommenberg ging. Auf einigen Umwegen, da er eine etwaige Begegnung mit den mög⸗ 267 licher Weiſe die Räuber Verfolgenden vermeiden wollte, langte er bald hinten beim Garten an. Hier verbarg er ſich hinter der Mauer, ſah vorſich⸗ tig über dieſe und vermochte ſo den ganzen Platz voll⸗ kommen zu überſehen, auf dem ſich nun kein großes Haus mehr befand, ſondern lediglich ein Haufen rauchen⸗ den und glühenden, bereits halb vom Feuer verzehrten Holzes. Dennoch waren zwiſchen dem Rauche immer noch hinreichend Flammen, um ein fürchterliches Gemälde plötzlicher und gewaltſamer Zerſtörung vollſtändig zu beleuchten. Beim Lichte dieſer Flammen waren auch verſchiedene um eine rohe Tragbahre herum Verſammelte zu erken⸗ nen. Auf der Bahre lag offenbar die Leiche eines wei⸗ ßen Mannes, deren geiſterhaftes ſtarres Antlitz von dem aufflackernden Feuer zuweilen in höchſt ſchauerlicher ge⸗ ſpenſtiger Weiſe beleuchtet wurde. Ein weißer neben der Leiche ſtehender Mann hatte ſich über dieſe hingebeugt und ſah gedankenvoll auf das fahle Geſicht. In ihm erkannte Jeſſuron den Aufſeher des Gutes. Die Uebrigen waren alle Schwarze, Män⸗ ner wie Weiber, die Haus⸗ und Feldſclaven der Pflan⸗ zung. 11 Nicht weit von dieſer Gruppe entfernt befand ſich noch eine andere kleinere. Zwei Männer lagen im Graſe in einer Weiſe, die deutlich zeigte, daß ſie beide feſt gebunden ſeien. Nach der in der Colonie üblichen Sprache waren es Weiße, obwohl ihre dunkelgelbe und braune Haut nur ſehr wenig heller als die der ſie umringenden Neger war. 268 Jeſſuron erkannte in dieſen Beiden ſofort ſeine eige⸗ nen Abgeſandten, die cubaniſchen Negerjäger. Um ſie ſtanden vier Männer, offenbar deren Wächter. Ihre Kleidung, ihre Waffen wie ihre übrige Ausrüſtung, mehr aber noch ihre kühne kräftige Haltung zeigten deutlich, daß ſie von den die Leiche umringenden Negern ſehr verſchieden. Es waren die Maronen die Quaco zur Bewachung der Gefangenen zurückgelaſſen. Sobald Jeſſuron dies Alles hinlänglich geſehen und ausgekundſchaftet hatte, ging er nach dem verabredeten Platze, wo er nicht lange zu warten hatte, bis Chakra mit den Räubern dort ankam, denn dieſe hatten um ſich ein wenig auszuruhen, nicht weit vom Jumbéfelſen Halt gemacht, waren deshalb von dem Myalmann bald eingeholt und unverzüglich zurückgeleitet worden. Jeſſuron theilte Chakra mit, was er geſehen. Alle zuſammen, der Jude, Chakra, Adam und ſeine Bande gingen ohne Aufenthalt nach der Gartenmauer hinab. Die Umſtände erforderten raſches Handeln, denn Cubina und eine größere Abtheilung Maronen, von denen man annahm, daß ſie fortgezogen waren, um ſie ſelbſt zu verfolgen, konnten unvermuthet jeden Augenblick zurück⸗ kehren. Die Neger von der Pflanzung kamen bei einem Angriffe gar nicht in Betracht und die wenigen zur Be⸗ wachung der Spanier zurückgelaſſenen Maronen konnten ohne allzu große Schwierigkeit überwältigt werden. Des⸗ halb begannen Chakra und Adam unverweilt ihr Werk. Jeſſuron ließen ſie zurück, um ihre Rückkehr abzuwarten, und krochen dann mit den übrigen Leuten vorſichtig und langſam durch die im Garten befindlichen Gebüſche. 269 Bald nachher war eine aus einem Hinterhalte abge⸗ feuerte Flintenſalve zu hören, die bewirkte, daß die auf Wache geſtellten Maronen todt zur Erde ſanken und daß der ganze Negerhaufen mit ihrem Aufſeher an der Spitze⸗ die Flucht ergriff. Die gefangenen Negerjäger wurden nun von ihren Feſſeln befreit und dann kehrten ſie ſamm und ſonders auf den Berg zurück. In der Nähe des Teufelsloches trennten ſie ſich wieder. Adam und ſeine Bande ſetzten ihren durch die Befreiung der beiden Spanier unterbrochenen Weg nach ihren Heimathsbergen fort, während Chakra, von dem Inden begleitet und von Manuel und Andres gefolgt, nach dem Teufelsloche gingen. Jeſſurons Abſicht hierbei war, daß Chakra die beiden Cubaner in ſeinem ſicheren Verſtecke als Gäſte bei ſich behalten ſolle, bis er eine paſſende Gelegenheit gefunden, mit der ſie nach ihrer Heimathinſel zurückſchiffen konn⸗ ten. Noch freilich hatte Chakra ſeine Einwilligung hierzu nicht ertheilt, und deshalb begleitete der Jude den Ko⸗ romantis nach dem Teufelsloche. Fünfzigſtes Kapitel. Ben Verg hinunter. Mitternacht war ſchon vorüber, als die Liebenden die ſchauerliche Einſamkeit des Teufelsloches verließen. Aus verſchiedenen Gründen war Herbert ſo lange an dem wilden Orte geblieben. Zuvörderſt fürchtete er die 270 traurige Enthüllung, die nothwendiger Weiſe ſtattfinden mußte, wenn Käthchen nach Willkommenberg zurückkehrte. Was für ein entſetzlich niederdonnernder Schlag mußte die gänzlich unerwartete Nachricht von dem Tode des geliebten Vaters für das jetzt im höchſten Entzücken irdiſcher Glückſeligkeit ſchwelgende Jungfrauenherz ſein! Und dennoch konnte ihr die trübe Wahrheit nicht lange vorenthalten werden, obwohl Herbert ſehr wünſchte, daß ſie ihr ſo lange wie möglich verborgen bliebe, mindeſtens ſo lange, bis ſich ihr Geiſt von all der Angſt und dem Schrecken der letzten Nacht einigermaßen erholt hätte. Mit Cubina ging er deshalb zu Rathe, wie dies am beſten zu erreichen ſei. Nur ein einziger Weg ſchien offen zu ſtehen, nämlich die Couſine in das Haus des Aufſehers zu führen. Da konnte ſie dann jedenfalls ſo lange Zeit ruhig verweilen, als man ſie glauben machen könnte, daß nothwendig ſei, um ihren Vater von dem Brande zu benachrichtigen und um zurückkehren zu können. Hier in dem Hauſe des Aufſehers konnte ſie auch nicht den geringſten Verdacht über das ſchreckliche mit ihrem Vater Vorgegangene ſchöpfen. Weder Herbert noch Cubina wußten, ob die Leiche des Cuſtos bereits den Ort ihrer Beſtimmung erreicht hatte. Quaco, als er ſie ſchnell verlaſſen, hatte darüber weder den Trägern, noch den mit der Bewachung der beiden Gefangenen betrauten Maronen irgend eine An⸗ weiſung ertheilt. Deshalb mochte der Leichenzug auch immerhin noch auf der Landſtraße halten, wo Herbert und Cubina ihn verlaſſen hatten. Wenn dies etwa der Fall, dann war es nicht ſchwierig, an dem niederge⸗ brannten Hauſe vorüber zu kommen und das Haus des 271 Aufſehers zu erreichen, ohne ihr irgend etwas von der Ermordung ihres Vaters mittheilen zu müſſen. Einmal aber unter dem Dache des Herrn Truſty, ließen ſich leicht Maßregeln ergreifen, um Alle, welche mit ihr in Berührung kämen, zum unverbrüchlichen Schweigen über dieſes traurige Ereigniß zu bringen. Das war der haſtig zwiſchen Herbert und Cubina entworfene Plan, den ſie nun dadurch zur Ausführung bringen wollten, daß ſie die junge Kreolin aus dem Teufelsloche herausführten und mit ihr nach dem Thale von Willkommenberg hinabſtiegen. Nur die Beiden begleiteten ſie, die Maronen blieben unter ihrem Lieutenant Quaco mit der wichtigen Abſicht im Teufelsloche zurück, den Koromantis zu fangen. Wohl wäre Cubina gern ſelbſt da geblieben, allein er fühlte Sehnſucht nach ſeiner geliebten Yola, die unter den übrigen Hausdienern des abgebrannten Hauſes zurück⸗ geblieben war. Uebrigens ſetzte er vollkommenes Ver⸗ trauen in die Geſchicklichkeit ſeines Lieutenants wie in den Muth ſeiner Leute. Deshalb, als er von dem Teufelsloche fortging, zweifelte er gar nicht daran, daß Chakra gegen Tagesanbruch oder vielleicht ſchon vorher von Quaco gefangen genommen ſein würde. Herbert und ſeine Couſine ſtiegen den Berg nur langſam hinab, obwohl der jetzt hell ihren Pfad beleuch⸗ tende Mond das Niederſteigen begünſtigte. Cubina ging voran, um ſie vor Ueberraſchung und Gefahr zu ſichern. Das junge Mädchen ſchritt an der Seite Herberts und ſtützte ſich auf ſeinen Arm, denſelben kräftigen Arm, der ihr einſt von ihm ſo zuvorkommend und vertrauensvoll zugeſagt war. Jetzt war die Zeit gekommen, wo das 272 damalige Anerbieten angenommen und als eine Gunſt des Geſchickes begrüßt ward, in der That eine glückliche Zeit für den jungen Engländer, deſſen liebestrunkene Seele jetzt bei jeder Berührung ihres runden, ſich auf den ſeinen ſtützenden Armes vor wonnigem Entzücken ſchauerte. Auch die junge Kreolin fühlte ſich überſelig; den ſchrecklichen von ihr erduldeten Leiden war ein ſtilles und tiefes Gefühl des höchſten Glückes gefolgt. So hatte ſie bald die vorausgegangenen Schrecken vergeſſen, denn ſie befand ſich ja nun in der nächſten Nähe des Geliebten, von deſſen Liebe ſie jetzt vollkommen überzeugt ſein mußte, da er ihr nach ſeinem erſten Geſtändniß noch oftmals in der kurzen Zeit die feſte Verſicherung derſelben wiederholt hatte. Als Antwort auf alle Liebes⸗ geſtändniſſe hatte ſie ihm einfach ohne alle Hinterge⸗ danken, ohne die geringſte Coquetterie, ihr reines un⸗ entweihtes Herz geſchenkt. Aber ihre Hand? war die noch frei? Auf dieſe Frage ſuchte Herbert, während ſie den Berg hinabſtiegen, vor Allem eine Antwort zu erhalten, freilich nur auf Umwegen und in ſo zarter Weiſe, als es die Verhältniſſe ihm geboten.—. War es wirklich wahr, was er gehört hatte, daß dem Smythje ein bündiges Verſprechen gegeben worden? Mit niedergeſchlagenen Augen blieb das junge Mäd⸗ chen einige Augenblicke, ohne eine Antwort hervorzu⸗ bringen, ſchweigſam; ihr zitternder Arm verrieth dabei den ſchmerzlichen in ihrem ſanften Gemüthe ſtattfindenden Kampf. Aber bald ſchien ſich der innere Sturm etwas gelegt zu haben, ihre holden Geſichtszüge hatten einen ————,:— 2—— NAO— d8 1 273 gewiſſen Ernſt, einen feierlichen Ausdruck der Entſagung angenommen, als hätte ſie ſich entſchloſſen, ihrem Ge⸗ liebten ein offenes, rückhaltloſes Geſtändniß abzulegen, und mit leiſer Stimme antwortete ſie: „Ein Verſprechen? Ja, Herbert, mir in einer der trübſten Stunden meines Lebens abgepreßt, zu jener Zeit, als ich glaubte, Du kümmerteſt Dich durchaus nicht um mich, und als ich erfahren, auch Du habeſt ein gleiches Verſprechen gemacht— einer Andern. O Herbert! o Du theuerſter Vetter! glaube mir, es war gegen meinen Willen, es war von mir durch Drohungen, durch Anrufungen erzwungen.“ 4 „Dann iſt es auch nicht bindend!“ unterbrach ſie der Liebende mit Ungeſtüm.„Fand kein Eid zwiſchen Euch ſtatt, kein eigentliches Verlöbniß? Doch ſelbſt, wenn dies ſtattgefunden hätte, ſo—“ „Selbſt wenn dies ſtattgefunden!“ rief das junge Mädchen, ſeine Worte wiederholend, während ihr das heiße Kreolenblut plötzlich in die Wangen ſtieg und ihre Augen eine ernſthafte Entſchloſſenheit verkündeten.„Es wäre doch kein wirkliches Verlöbniß vorhanden, das mich feſt zu binden vermöchte. Nein! Nach dem, was ſich in dieſer Nacht zugetragen, wo ich im Augenblicke der Gefahr von ihm verlaſſen worden— nein, nein! Danach könnte ich nimmermehr einwilligen, die Frau des Herrn Smythje zu werden. Lieber wollte ich den Vorwurf der Untreue und des Meineides ertragen, von dem mich mein eigenes Gewiſſen aber freiſpräche, als dies mir abgedrungene Verſprechen erfüllen! Lieber will ich mich der Enterbung unterwerfen, mit der mich mein Vater bedroht und die er bei ſeiner Rückkehr jetzt III Band. 18 274 unbezweifelt ausſprechen wird. Ja, lieber will ich ſelbſt den Tod erleiden, als das Weib einer ſolchen Memme werden!“ „O, wie wenig Gefahr hat es doch mit der Enterbung!“ dachte Herbert.„Wie ſoll ich ihr nur die ſchreckliche Neuigkeit beibringen? Wie ihr entdecken, daß ſie ſchon jetzt die Herrin von Willkommenberg iſt? Noch nicht, noch nicht!“ Eine Weile ſchwieg der junge Mann ſtill, da er nicht recht wußte, wie er das Geſpräch in geeigneter Weiſe fortſetzen ſolle. Sie bemerkte ganz wohl ſeine ſorgenvolle Zerſtreutheit und dies führte ſie zu ihr höchſt unange⸗ nehmen Vermuthungen. „Vetter! zürnſt Du mir wegen des, was ich geſagt? Tadelſt Du mich?“ „Nein, nein!“ ſagte Herbert mit Nachdruck,„ganz das Gegentheil! Durch das Verhalten dieſes Mannes— Weibes, möchte ich geeigneter ſagen— durch ſein jäm⸗ merliches Betragen gegen Dich würdeſt Du ſelbſt des feierlichſten Eides entbunden ſein, wie viel mehr eines bloßen, ſogar gegen Deinen eigenen Willen ertheilten Verſprechens. Das war es aber auch gar nicht, woran ich gedacht.“ 1 „An was denn, Herbert?“ Wie ſie dieſe Frage erhob, lehnte ſie ſich zutraulich an ihn und ſah ihm dabei forſchend in die Augen. Herbert war wirklich um eine Antwort verlegen, denn ſein nachdenkliches Stillſchweigen hatte bei ihr eine ſich mit jedem Augenblicke mehrende Unruhe geweckt, und ihre Blicke verriethen deutlich einen ſie peinigenden Ver⸗ S==e 275 dacht. Sie wartete indeß ſeine Antwort gar nicht ab, ſondern fügte mit zitternder Stimme die Frage hinzu: „Haſt Du ein Verſprechen gegeben?“ „Wem, meinſt Du?“ „O, Herbert! zwinge mich nicht, den Namen auszu⸗ ſprechen, Du mußt ja wiſſen, welche ich meine.“ Durch dieſe Frage fühlte ſich Herbert ſichtlich erleich⸗ tert. Sie veränderte ſeinen Gedankengang und gewährte ihm zugleich die Gelegenheit, etwas zu reden. „Ha, ha, ha!“ lachte er;„jetzt erſt, Couſine, glaub⸗ ich, verſtehe ich Dich. Ein Verſprechen, meinſt Du? Nichts von dem, ich verſichere Dir, obwohl, nachdem Du ein Geſtändniß abgelegt, ich gewiß nicht verheimlichen würde, was ſich zwiſchen mir und der, auf die Du⸗ anſpielſt, zugetragen hat. Liebe war nicht vorhanden, mindeſtens nicht von meiner Seite, das verſichere ich Dir, Couſine. Aber das muß ich offen geſtehen, daß, gekränkt durch Deine vermeintliche Kälte gegen mich, irregeleitet durch mancherlei jetzt, glücklich genug, ſich als gänzlich falſch erweiſende Berichte, ich faſt dazu getrieben worden wäre, ein verhängnißvolles Wort zu ſprechen, das ich unbezweifelt während meines ganzen übrigen Lebens zu bereuen und zu beklagen gehabt hätte. Doch glücklicher Weiſe, Dank der Vorſehung! haben die Umſtände mich daran verhindert, und wir ſind jetzt Beide vollkommen frei. Nicht wahr?“ „O, Seligkeit! Herbert, Herbert! ſo willſt Du nun mein ſein, mein allein?“ Ueberwältigt von den heißen Trieben der reinſten rückſichtsloſeſten Leidenſchaft hatte die junge Kreolin dieſe entſcheidende Frage geſtellt. 18* 276 „Theuerſtes Käthchen!“ jauchzte der Liebende im höchſten Entzücken eines bisher nimmer geahnten, ſeine kühnſten Hoffnungen erfüllenden Wonnerauſches;„mein Herz iſt ganz Dein, Dein allein, Dein für alle Ewigkeit! Aber meine Hand, Couſine! die darf ich Dir dennoch nicht anbieten. Du biſt reich, vornehm, und ichl ich bin arm, ohne alle Mittel, ſelbſt ohne eine Heimath!“ „Ach, Herbert! Du weißt es nicht. Doch wäre ich wirklich auch zehnmal reicher als Du, glaube mir ſicher, Du würdeſt mir Alles, Alles ſein! Aber nein, vielleicht werde ich arm ſein, wie Du Dich ſelbſt jetzt hältſt. Ach, Du weißt es nicht, doch Du mußt es wiſſen, ich will Dir nichts verhehlen! So erfahre denn, theuerſter Vetter, daß meine Mutter eine Quadrone war und daß ich nur eine Meſtize bin. Ich kann meines Vaters Eigenthum nicht erben, außer durch ein Teſtament, und ſelbſt das nicht einmal, wenn nicht eine Regierungsakte vorliegt. Das iſt der Grund, warum mein Vater jetzt verreiſt iſt. Allein, ob ſeine Reiſe von Erfolg oder nicht, das iſt nun ganz gleich. Enterben wird er mich gewiß, denn niemals werde ich einwilligen, die Gattin des Mannes zu werden, den zu heirathen er mir anbe⸗ fohlen, niemals!“ 3 „O, Couſine!“ rief Herbert, hingeriſſen von dem zuverſichtlichen Tone edelmüthiger Aufopferung, mit dem ſie ihren Entſchluß erklärte,„wenn Du einwilligſt, mein zu werden, was frage ich dann nach Deinen Reichthümern! Dein Herz iſt der einzige Schatz, den ich begehre; der iſt für mich genügend! Was kommt es darauf an, wenn wir auch Beide ganz arm ſind! Ich bin jung, ich kann arbeiten, ich will mich anſtrengen und kämpfen! * 2 —„ 277 Auch mögen wir Freunde finden, und wenn das nicht der Fall, ſo kommen wir auch ohne ſie fort. Sei mein! ſei mein!“ „Dein bin ich für immer, Herbert!— für's ganze Leben, für alle Ewigkeit!“ Einundfünfzigſtes Kapitel. Eine Waiſe. Dieſe zwiſchen den beiden Verwandten ausgetauſchten Liebesſchwüre wurden plötzlich unterbrochen und in der nächtlichen Stille erhob ſich lautes Wehklagen. Sie waren bereits ſo weit vorgeſchritten, daß ſie die Ueberreſte des früheren Hauſes von Willkommenberg zu ſehen vermochten. Durch die am Fußwege ſtehenden Gebüſche konnten ſie rothes, hin⸗ und herflackerndes und manchmal ſelbſt noch als Flamme aufſteigendes Licht wahrnehmen, ſo wie ſie mitunter das Krachen des fallenden Holzes ſammt dem Praſſeln des Feuers in der Stille der Nacht gehört hatten. Auch menſchliche Stimmen hatten ſie mehrfach vernommen, die in gewöhnlicher Unterredung begriffen, jedenfalls nicht in größerer Auf⸗ regung zu ſein ſchienen, als man ſie nach dem Voraus⸗ gegangenen erwarten durfte. Allein plötzlich erſchallten in der verhältnißmäßigen Stille der Nacht ganz andere Laute, die auch zugleich das Geſpräch der Liebenden unterbrachen, nämlich Männergeſchrei, Weibergekreiſch und mit ihnen verbunden Flintenſchüſſe und lautes Rufen, X 2. 278 die alle zuſammen von derſelben Stelle herkamen, wo ſchon einige Stunden zuvor ein wildes Getümmel ge⸗ herrſcht hatte. Cubina, der den Liebenden voraus gegangen war, kam ſchnell zurückgelaufen und ſtand mit aufgeregten wilden Blicken dicht vor ihnen. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte Herbert auffahrend. „Die Räuber! Herr Vaughan; ſie ſind zurückgekehrt, allein weshalb, das weiß ich nicht. Die Räuber müſſen es ſein, ich kenne die Stimme, die ſo laut iſt. Hören Sie ſie wohl? Das iſt die Stimme des Räubers Adam! Carambo! Ich will ſie zum Schweigen bringen, vielleicht noch dieſe Nacht. Horch! noch eine andere Stimme, aber lauter und wilder, als alle übrigen. Ha, die kann ich auch unterſcheiden, es iſt Chakras Höllengebrüll!“ „Aber warum ſollten ſie noch einmal zurückgekehrt ſein? Sie haben ja Alles mitgenommen, was für einen Räuber Werth haben kann. Es iſt nichts mehr da, was—“ „O ja wohl, es iſt noch etwas da!“ rief Cubina haſtig, als ſei ihm dies Räthſel ſo eben klar geworden. „Yola iſt noch da!“ Wie er dies geſagt hatte, machte er Anſtalt, ſich unverzüglich in's tobende Gefecht zu ſtürzen, deſſen Lärmen ſich ſtets noch vergrößerte. Danach zögerte der indeß ein wenig und rief dann plötzlich aus: „Herr Herbert Vaughan! ich habe Ihnen geholfen, Ihre Geliebte zu befreien. Jetzt iſt meine in Gefahr!“ Der junge Engländer bedurfte keiner ſolchen Auffor⸗ derung, bereits hatte er ſeinen Arm dem ſeiner Couſine entzogen und ſtand bereit, am Kampfe Theil zu nehmen. 279 „O, Herbert!“ rief das junge geängſtete Mädchen, auf's Tiefſte betrübt;„dort iſt große Gefahr! geh nicht, geh nicht! O, verlaß mich nicht!“ Cubina ſchien in dieſem Augenblicke ſeine Aufforderung zu bereuen und ſagte durchaus ohne alle Ironie:„Viel⸗ leicht wäre es wirklich beſſer, Sie gingen nicht. Gefahr iſt wirklich da und Sie dürfen ſie nicht theilen; Ihr Leben gehört jetzt einer Andern! Daran habe ich nicht gedacht, Herr Vaughan.“ „In den Augen dieſer Andern,“ erwiederte Herbert, „würde mein Leben werthlos ſein, wie es das für mich ſelbſt wäre, wenn ich eine Memme ſein wollte. Braver Cubina! Ich kann Euch nicht verlaſſen. Theuerſtes Käthchen! Es iſt Yola, die in Gefahr ſchwebt, Yola, der wir Beide ſo viel Dank ſchulden. Ohne ſie würde ich nicht einmal ſo viel wiſſen, daß Du mich liebſt und dann würden wir Beide—“ „Ah, Yola iſt in Gefahr!“ unterbrach ihn die junge Kreolin, deren Liebe zu dem jungen Mädchen die Be⸗ ſorgniß für Herbert unterdrückte.„Ja Herbert, da mußt Du gehen, aber laß mich mit Dir gehen. O, ich würde ſterben, wenn Du nicht zurückkehrteſt. Ja, ja; wenn der Tod Dich nimmt, ſo ſoll er mich auch haben. Herbert, laß mich nicht zurück!“ „Nur für einen Augenblick, Käthchen! Ich werde gleich zurückkehren; fürchte nichts. Mit dem Rechte für uns können der tapfere Cubina und ich ein Dutzend dieſer ſchwarzen Räuber überwältigen. Verſtecke Dich dort hinter das dichte Gebüſch, und warte, bis wir wieder kommen. Ich werde Dich dann rufen. An jenem 280 Platze wirſt Du ſicher ſein. Aber kein Wort, keine Bewegung, bis Du mich Dich rufen hörſt.“ Mit dieſen Ermahnungen führte Herbert ſeine Couſine in's Dickkicht, ließ ſie an einem ganz verſteckten Platze ſich ſetzen, drückte ihr eilig einen Kuß auf die Stirn und folgte Cubina dann unverweilt in's Gefecht. In wenigen Augenblicken rannten ſie nach der Garten⸗ mauer, gelangten durch die offen gefundene Thür in den Garten und durch dieſen nach dem Platze, woher das Schreien und die Schüſſe gekommen waren. Dieſe hatten, ſonderbarer Weiſe, eben ſo ſchnell wieder aufge⸗ hört als ſie begonnen hatten, und auch von dem früheren Männergeſchrei und Weibergeheule war nichts mehr zu hören. Alles war auf einmal wieder vollkommen lautlos und ſtill geworden. Ungeachtet dieſer Veränderung drangen Herbert und Cubina vorwärts, gingen an den rauchenden und glühenden Trümmern des Herrenhauſes vorüber und ſtanden auf dem vor demſelben befindlichen Platze. Hier erwartete ſie bei den noch immer von Zeit zu Zeit wieder auflodernden Flammen wie beim hellen Mondenſcheine ein fürchterlicher Anblick. Zunächſt ſtand eine Tragbahre, auf der die halbbedeckte Leiche eines weißen Mannes und dicht dabei lagen noch drei andere Leichen von ſchwarzen Männern. Alle wurden von Herbert und Cu⸗ bina ſofort erkannt. Es waren ſein Onkel und die zur Bewachung der ſpaniſchen Gefangenen von Quaco zurück⸗ gelaſſenen Maronen. Die ſpaniſchen Gefangenen ſelbſt waren entſchlüpft; das bewieſen die am Boden liegenden, von ihnen zurückgelaſſenen Stricke, mit denen Quaco ſie 281 gebunden hatte. Der Ueberfall und das kurze Gefecht hatten alſo lediglich gedient, um die Menſchenjäger zu befreien und alle waren bereits entſchlüpft. Mit dieſer Ueberzeugung wollten Herbert und Cubina nach der Stelle zurückkehren, wo ſie die junge Kreolin gelaſſen hatten und ſie auch noch vermutheten, doch wie ſie ſich dem dunklen Bergesabhange zuwandten, erblickten ſie ſofort eine weißgekleidete Geſtalt, die ihnen durch die Schatten der Bäume und Gebüſche entgegen kam. Lange war Keiner von ihnen im Zweifel, die junge Kreolin, deren ſorgenvolle Liebe nicht lange die ängſtliche Ungewiß⸗ heit hatte ertragen können, hatte ihren ſichern Platz ver⸗ laſſen und kam, um die ihren Geliebten bedrohende Ge⸗ fahr zu theilen. 4 In wenigen Augenblicken war Käthchen auf der Stelle angelangt, wo die Beiden ſtanden, ohne im Stande geweſen zu ſein, ſie aufzuhalten. Ein heller Freudenſchrei verkündete ihre Seligkeit, ihren Geliebten unverletzt an⸗ zutreffen, allein gleich darauf folgte ein anderer Ruf, ein Ruf tiefſter Verzweiflung, der ſich in höchſter Angſt und Trauer ihrem qualerfüllten Buſen entwand. Käthchen hatte die Leiche ihres Vaters erkannt und wußte jetzt, daß ſie eine Waiſe war. 282 Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Ein unfreiwilliger Helbſtmord. Als Käthchen die Leiche ihres Vaters geſehen, war ſie im Uebermaße des Schmerzes, wenn auch nicht be⸗ wußtlos, auf die Kniee geſunken, beugte ſich über ſie und küßte unter Schluchzen, Stöhnen und Ausrufungen der tiefſten Trauer die kalten ſtummen Lippen. Nur das Geſicht der Leiche war unbedeckt, der Ca⸗ melottmantel verhüllte den Körper wie die klaffenden blutloſen Wunden. Deshalb ſah Käthchen ſie nicht und forſchte auch nicht nach der Urſache des Todes ihres Vaters. Das verzerrte ſchwarzgelbe Ausſehen ſeines Ge⸗ ſichtes brachte ihr ſofort die Krankheit in Erinnerung⸗ an der er ſchon vor ſeiner Abreiſe gelitten; ihr war er unterlegen, ſo glaubte ſie. Herbert machte jetzt auch keinen Verſuch, ſie hierüber aufzuklären, es ſchien ihm nicht an der Zeit zu ſein, ihr alle Einzelheiten des ſchrecklichen Ereigniſſes jetzt mitzutheilen. Das Traurigſte war ihr durch einen Zu⸗ fall unvorbereitet bekannt geworden, warum ſie noch mehr durch die trüben Nebenumſtände bekümmern? Ohne irgend ein Wort zu ſagen oder irgend eine der bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlichen und meiſt ſo gänzlich unnützen Redensarten vorzubringen, ſchlang der junge Mann mit Entſchloſſenheit ſeinen Arm um den Leib ſeiner heißgeliebten Couſine, erhob ſie zu einer auf⸗ rechten Stellung und führte ſie ſanft von der Stelle fort. Langſam ging er mit ihr um das vom Feuer verwüſtete Haus herum und brachte ſie nach dem klei⸗ nen Sommerhauſe, dem für Beide unvergeßlichen Kiosk, 283 der durch ſeine Entfernung vom Feuer ganz unverſehrt geblieben war. Hier ließ Herbert ſeine Geliebte eintre⸗ ten und auf einem Bambusſitze Platz nehmen, während er ſich auf einen neben ihr ſtehenden Stuhl ſetzte. Yola, die ſich ſchon zuvor eingefunden, war ihnen gefolgt, hatte ſich auf den Boden zu den Füßen ihrer Herrin niedergelaſſen und ſah ſie hier ſchweigend mit den theilnehmendſten Blicken an, die deutlich die zärt⸗ lichſte Liebe und das innigſte Mitgefühl des Fellahmäd⸗ chens verkündeten. Cubina war fortgegangen, um den Aufſeher und die wahrſcheinlich in der Nähe ſich verborgen haltenden Hausdiener aufzuſuchen. Eine Zeit lang ſchienen die Drei im Kiosk die ein⸗ zigen Lebenden in der Nähe des niedergebrannten Her⸗ renhauſes von Willkommenberg zu ſein, denn die uner⸗ wartete Rückkehr der Räuber hatte vielleicht noch größeren Schrecken verbreitet, als ihr erſter Ueberfall und die ganze Bevölkerung der Pflanzung, Weiße ſowohl wie Schwarze, hatten ſich nach noch verborgeren Plätzen ge⸗ flüchtet, als vorher. Die Weißen, der Aufſeher, die Buchhalter und alle Uebrigen glaubten ſogar, es ſei ein Sclavenaufſtand ausgebrochen und hatten deshalb die Pflanzung gänzlich verlaſſen und ſich nach Montegobay geflüchtet. Unter dieſen vom paniſchen Schrecken Ergriffenen oder vielmehr an der Spitze von ihnen befand ſich auch der ausgezeichnete, durch ſeine Tapferkeit und Entſchloſ⸗ ſenheit hervorragende engliſche Gaſt auf Willkommenberg, der vortreffliche Stutzer und Cockney Herr Montagu Smythje. Als er nach dem Wegzuge der die Räuber 284 verfolgenden Truppe ſich allein befand, hatte er ſich ſchleunigſt in die Ställe zurückgezogen und ſich hier mit Quashies Hülfe ein geſatteltes Reitpferd zu verſchaffen gewußt. Ohne ſich damit aufzuhalten, ſich von ſeiner zuckerhaltigen Bekleidung zu befreien, hatte er dies be⸗ ſtiegen und war in höchſter Eile nach dem Hafen hinab⸗ geſprengt, in dem er ſeinen feſten Entſchluß verkündete, mit dem erſten Schiffe nach ſeiner„theuern Metropole“ zurückzukehren. Smythje hatte genug geſehen von Ja⸗ maica und ſeinen Kreolen und mehr als genug von ſeinen ſcheußlichen Negern. Cubina, der mit dem ihm ſtets wie ein kleines Teu⸗ felchen in den Weg tretenden Quashie, dem einzigen von ihm zu entdeckenden lebenden menſchlichen Weſen auf ganz Willkommenberg, nach dem Kiosk zurückkehrte, berichtete die Thatſache, daß Smythje ſich davongemacht, die indeß bei allen im Kiosk Befindlichen weder Ver⸗ wunderung noch eine Antwort hervorrief. Ungeachtet der mancherlei Qualen, die er dem eiferſüchtigen Herbert Vaughan bereitet und ungeachtet der wichtigen Rolle, die er in der Lebensgeſchichte der jungen Kreolin geſpielt, wurde der große Herr von Schloß Montagu jetzt doch nicht einmal mehr als noch zu ihnen wirklich gehörig betrachtet. Niemand ſprach von ihm, Niemand dachte an ihn und mit vollkommenſter Gleichgültigkeit hörten Herbert und ſeine Couſine den Bericht, er habe ſich da⸗ von gemacht. Als der Marone ſeinen Bericht im Kiosk abgeſtattet, ging er in Begleitung Quashies nach der Stelle zurück, wo die Leiche des Cuſtos auf der Tragbahre ſtehen blieb, um ſich genauer davon zu überzeugen, welche von ſeinen 285 Leuten im letzten Kampfe gefallen waren und um ſich noch näher davon zu unterrichten, welchen Weg die Räu⸗ ber bei ihrem letzten Abzuge einſchlugen. Gerade als der Marone ſich vom Kiosk entfernte, ſchlich eine menſchliche Geſtalt ganz leiſe und heimlich durch das hintere Gartenpförtchen und näherte ſich ver⸗ ſtohlen dem Sommerhauſe. Ungeachtet eines weiten, ſie umhüllenden Mantels war die Geſtalt doch leicht als eine weibliche von ſehr entwickelten Formen zu erkennen, und zwar, wenn das noch immer von Zeit zu Zeit auf⸗ lodernde Feuer einen friſchen Balken ergriff und dann heller leuchtete, vermochte man ein ſehr ſchönes Geſicht zu unterſcheiden, das indeß durch den offen hervortreten⸗ den Ausdruck von Zorn und Wuth auf's Schrecklichſte entſtellt, ja faſt zu einem häßlichen und abſchreckenden umgewandelt war. Dieſe Geſtalt war die der ſchönen Jüdin Judith Jeſſuron und der Grund ihres plötzlichen Erſcheinens hier iſt gewiß leicht erklärlich, wenn man ſich erinnert, von welcher eiferſüchtigen Wuth ihr ganzes Weſen ſeit dem räthſelhaften Verſchwinden Herberts ergriffen war. Jetzt hatte dieſe Wuth der quälendſten Eiferſucht alles Maß überſchritten und trieb ſie mit blinder rückſichtslo⸗ ſer Gewalt zu dem Aeußerſten. In kurzer Zeit hatte Judith einen Stand eingenom⸗ men, der ihr einen unbehinderten Blick in das Innere des Kiosk gewährte. Was ſie da ſah, war freilich nicht geeignet, das fürchterliche, ſie verzehrende Feuer der Eiferſucht zu veringern oder gar zu löſchen; im Gegen⸗ theil fachte dies die wahnſinnige Raſerei ihrer wüthen⸗ den Leidenſchaft nur noch mehr an und vernichtete auch 286 den letzten Reſt einer einigermaßen ruhigen und kalten Ueberlegung. Käthchen Vaughan hatte ſich bereits ein wenig von dem fürchterlichen Schrecken erholt, den ihr der plötzliche Anblick der Leiche ihres Vaters eingejagt; ſie ſaß auf⸗ recht auf dem Bambusſitze im Kiosk und Herbert ſaß ihr zur Seite, indem er ſeinen Arm um ihren Leib ge⸗ ſchlungen hielt und ihr zärtlich in die milden, thränen⸗ feuchten Augen ſah. Beider Haltung war der Art, daß es auch dem unaufmerkſamſten Beobachter ſofort klar werden mußte, zwiſchen ihren Herzen ſei ein feſtes Band geknüpft, das feſteſte auf Erden, das Band gegenſeitiger Liebe! Dies wurde Judith gleich im erſten Augenblicke voll⸗ kommen klar. Ohne ſelbſt nur ſo lange zu verweilen, daß ſie die ihr nicht unbekannte braune Afrikanerin bemerkt hätte, die den Eingang zum Kiosk zu bewachen ſchien, ſprang ſie wie eine wilde, endlich ihre Beute erblickende Tigerin in den Kiosk und ſtand herausfordernd mit trotzigen, wuthſchäumenden Geberden plötzlich vor den beiden nichts weniger als dies erwartenden Liebenden. „Herbert Vaughan!“ ſchrie ſie im höchſten Sturme ungefeſſelter Leidenſchaft,„Verräther! meineidiger Schurke! Du haſt mich betrogen, Du haſt“ „Das iſt nicht wahr, Judith Jeſſuron!“ rief der junge Mann, ſie unterbrechend, ſobald er ſich von ſeinem erſten Erſtaunen erholt hatte und von ſeinem Sitze auf⸗ geſprungen war.„Das iſt nicht wahr! ich, ich habe nie⸗ mals beabſichtigt—“ 287 „Ha!“ kreiſchte die Jüdin und ihre Wuth ſteigerte ſich offenbar noch bei dieſem Verſuche einer Auseinan⸗ derſetzung;„niemals beabſichtigt, was?“ „Nie beabſichtigt, Sie zu heirathen. Ich habe Ihnen nie verſprochen—“ „Falſch!“ ſchrie Judith im böchſten Zorne, ihn noch⸗ mals unterbrechend.„Aber das iſt jetzt Alles ganz gleich⸗ Alles iſt vorüber! und da Sie nie beabſichtigt, mich zu heirathen, ſo ſoll auch dieſe niemals Ihre Frau werden!“ Bei dieſer keineswegs ganz ſchwer verſtändlichen Dro⸗ hung ſtreckte ſie die rechte Hand unter den ſie umhüllen⸗ den Mantel und zog einen glänzenden Gegenſtand heraus, eine mit Silber und Elfenbein ausgelegte Piſtole, die, wenn auch nur klein, dennoch groß genug war, um in ſolcher Nähe tödtlich wirken zu können. Sofort ward die Piſtole angelegt, nicht auf Herbert, ſondern auf ſeine Genoſſin, und im ſelben Augenblicke fiel auch der Schuß und erfüllte den Kiosk mit Pulver⸗ dampf. Als dieſer ſich verzog und zugleich eine aufflackernde Flamme von dem brennenden Gebäude her das Gemach im Kiosk hell erleuchtete, lag eine weibliche Geſtalt am Boden, die mit dem Tode rang. Wirklich war ſie auch im nächſten Augenblicke bewegungslos und ſtarr, eine Leiche. Wohl hatte der Schuß tödtlich gewirkt, aber ſein Opfer war nicht Käthchen Vaughan, ſondern Judith Jeſſuron ſelbſt! Die Urſache dieſer verhängnißvollen zu Käthchens Heil und zum eigenen Verderben der Mörderin ausfal⸗ lenden Verwechslung war das treue Fellahmädchen. Als ſie das Leben ihrer Herrin von ſo dringender Gefahr bedroht geſehen, war ſie von ihrem Sitze neben der Thüre aufgeſprungen, hatte ſich mit außerordentlicher Schnelligkeit und Behendigkeit auf die Jüdin geſtürzt, deren Arm ergriffen, um ihn von dem beabſichtigten Ziele abzubringen und hierbei die Mündung der Piſtole auf ſie ſelbſt gewendet. Auf dieſe Weiſe hatte Judith Jeſſuron in Folge eines keineswegs von Yola beabſichtigten Zufalles ihr Leben durch einen unfreiwilligen Selbſtmord beſchloſſen. Dreinndfünfzigſtes Kapitel. Auaco im Hinterhalte. Bevor der Maronenhauptmann das Teufelsloch ver⸗ laſſen, hatte er ſeinem Lieutenant hinlängliche Befehle in Bezug auf die Gefangennehmung Chakras ertheilt. Seine Abweſenheit von ſeinem Schlupfwinkel hatte nicht länger mehr bezweifelt werden können, nachdem die Ma⸗ ronen auch noch nach der Auffindung Käthchens ihre Nachforſchungen fortgeſetzt, aber nirgends eine Spur der Gegenwart des Myalmannes gefunden hatten. Chakra war unbezweifelt aus dem Teufelsloche fortgegangen, allein wohin, war nicht zu wiſſen und ſeine Spur konnte in der Nacht auch nicht verfolgt werden. Deshalb blieb den Maronen, um ihn zu fangen, einſtweilen nuv die einzige Möglichkeit, im Teufelsloche bis zu ſeiner Rückkehr zu bleiben. Hier ſollten ſie ſich 289 in Hinterhalt legen, ſich verſteckt halten, bis er über den See gefahren und ihn dann ergreifen; ſo war der von Cubina angeordnete Plan, mit deſſen Ausführung Quaco betraut worden war. Cubina ſah jetzt ganz wohl den vorher begangenen Fehler ein, als er nach Chakra im Teufelsloche mit Fackeln hatte ſuchen laſſen. Wenn er etwa oben auf dem Felſenrande geweſen war, ſo hatte er das Fackellicht ſehen müſſen, und dann würde er dieſe Nacht gewiß nicht wiederkehren und auch ſonſt nur mit der äußerſten Vorſicht ſeinen alten Zufluchtsort wieder aufſuchen. In dieſem Falle hätte die Gefangennehmung Chakras, die nun von der höchſten Wichtigkeit war, vielleicht noch auf lange Zeit hinausgeſchoben werden müſſen. Hatte Chakra aber die Fackeln nicht geſehen und überhaupt das Eindringen Fremder in ſeinen abgelege⸗ nen Wohnplatz gar nicht bemerkt, dann würde er unbe⸗ zweifelt ohne allen Argwohn dahin zurückkehren und zwar aller Wahrſcheinlichkeit nach in der kürzeſten Zeit, da der Zuſtand ſeiner Gefangenen ſeine baldige Gegenwart nothwendig machte. Deshalb hatte der Maronenhauptmann den Hinter⸗ halt angeordnet. Quaco und ſeine Leute waren unter dem großen Baume aufgeſtellt, wo der Myalmann ge⸗ wöhnlich ſeinen Nachen ankerte. Hier, im dunklen Schat⸗ ten verborgen, ſollten ſie ihn ergreifen, ſobald er aus ſeinem Nachen ausgeſtiegen war. Der Nachen wurde am Fuße der nach dem Felſen⸗ rande hinaufführenden Baumtreppe zurückgelaſſen, nach⸗ dem er dort von dem Maronenhauptmann hingebracht worden war, um Herbert und Käthchen beim Verlaſſen III. Band. 19 290 des Teufelsloches über den See zu fahren. Dabei hatte Cubina die größte Vorſicht beobachtet, dem Nachen ganz dieſelbe Stellung zu geben, in der Chakra ihn verlaſſen hatte, damit er nicht den geringſten Verdacht ſchöpfen könne, daß der Nachen in ſeiner Abweſenheit benutzt worden ſei. In dieſer Weiſe erwarteten Quaco und ſeine Genoſ⸗ ſen, unter denen ſich auch der Fellahfürſt Cingües befand, von ihrem Standpunkt am Rande der Lagune die An⸗ kunft des Korom antis. Obwohl die Maronen ſämmtlich mit geladenen Gewehren bewaffnet waren, ſollten ſie Chakra doch nicht tödten. Cubinas ſtrenge Befehle gin⸗ gen dahin, ihn lediglich gefangen zu nehmen. War der längſt verfehmte Myalmann auch offenbar ein fürchter⸗ licher Verbrecher, ſo war es doch nicht das Amt des Maronen, über ſeine Verbrechen zu urtheilen oder ihn gar des Lebens zu berauben. Der gerechten Strafe konnte Chakra, wenn er einmal gefangen, gewiß nicht wieder entgehen, und ſo waren ſie ſämmtlich überzeugt, daß ſeine Gefangennahme nur das Vorſpiel zu ſeiner baldigen Hinrichtung ſei. Um auf ihre Waffen Acht zu geben, hatten die Ma⸗ ronen noch einen anderen höchſt triftigen Grund. Es war immerhin nicht unmöglich, daß der ſchreckliche Koroman⸗ tis nicht allein zurückkehrte, denn wie ſie wußten, war er in Geſellſchaft Adams und ſeiner verwegenen Räuber⸗ bande geweſen. Wenn dieſe aber etwa mit ihm in's Teufelsloch kämen, dann würde ſich der Plan einer ſtil len Gefangennahme Chakras vielleicht in ein blutiges Gefecht verwandeln. — Indeß ſchien es keineswegs nothwendig zu ſein, daß ſämmtliche Maronen wach blieben. Deshalb wurden Schildwachen aufgeſtellt, während die Uebrigen ſchlafen durften. Unter dieſen befand ſich auch der Lieutenant der während zwei Tagen und Nächten kein Auge zuge⸗ than, und der in kurzer Zeit, nachdem er in einen tiefen Schlaf gefallen war, ſo fürchterlich ſchnarchte, daß er die Anweſenheit der Maronen dem herannahenden Chakra gewiß lange vorher verrathen haben würde, hätte das Rauſchen und Brauſen des tobenden Waſſerfalles dies nicht vollſtändig verhindert. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Der Schickſalsſpruch. Bis Tagesanbruch war es Quaco geſtattet, ſeinen Schlaf wie ſein Schnarchen fortzuſetzen, denn bis dahin war von Chakra nichts zu ſehen und zu hören. Doch gerade als das Morgenroth die Spitzen der mächtigen Waldbäume roſig zu umſpielen begann, erſchien auf der Felſenſpitze am Abhange über der Baumgruppe eine dunkle Geſtalt.— Kaum war dieſe geſehen, ſo kam noch eine andere an der Seite der erſten Geſtalt und hinter dieſer folgte eine dritte und ſogar auch noch eine vierte. Ganz am Rande des Abgrundes ſtanden ſie einen Augenblick ſtill, wahrſcheinlich in einem Geſpräch verwickelt, obwohl dies 19* 292 nicht zu beſtimmen war, da ihr Reden vollſtändig vom Brauſen des Waſſerfalles übertönt wurde. Der zuerſt auf dem Felſenrand Erſchienene ſtieg zuerſt den jähen Abhang hinab, von den Andern in derſelben Ordnung, in der ſie oben geweſen waren, gefolgt. Cingües hatte Quaco bereits ſogleich nach dem Er⸗ ſcheinen der erſten Geſtalt aus dem Schlafe geweckt und auch die andern Schlafenden waren geweckt worden und hatten ihre Gewehre mit feſter Hand ergriffen. Obwohl der Tag bereits im Anbruch, ſo war doch noch keine der vier an der dunklen Felſenwand herab⸗ ſteigenden Geſtalten hinlänglich zu erkennen, und ſelbſt unten an dem Felſenrande konnten ſie nicht erkannt werden, da ſie dort das Gebüſch wie das Laubwerk verbarg. Erſt als die beiden Vorderſten ſich in den Nachen geſetzt hatten und dieſer in das offene Waſſer des Sees glitt, vermochte der aufmerkſame Quaco zu beſtimmen, wer die beiden jetzt die Einſamkeit des Teu⸗ felsloches aufſuchenden Männer waren. „Chakra!“ ſagte er flüſternd zu Cingües.„Und der Andere, wenn mich meine Augen nicht ganz trügen, das iſt Eure alte Bekanntſchaft, der Koppelhalter!“ Für den ſcharfſichtigen Fellah war dieſe Bemerkung eigentlich vollkommen überflüſſig; er hatte die ihm wohl bekannten Züge des Mannes, der ihn ſo ſchrecklich miß⸗ handelt, ſofort wieder erkannt, und die Erinnerung alles ihm angethanen Unrechts, aller erlittenen Mißhandlun⸗ gen hatte ſein Herz mit dem heftigſten, ihn unwiderſteh⸗ lich treibenden, ſchneidenſten Durſte nach Rache erfüllt. 293 Mit einem wilden Schrei hob der ſeiner Rache jetzt gewiſſe Fellahfürſt, ſo bald er den Juden erkannt, ſein Gewehr, zielte und drückte los. Der junge Afrikaner war ein ſicherer, nicht leicht ſein Ziel verfehlender Schütze, und hätte Quaco nicht plötzlich ſeinen Arm ergriffen und dadurch die Richtung des den Tod verſendenden Laufes etwas verändert, die letzte Stunde Jakob Jeſſurons hätte gewiß in dieſem Augenblicke geſchlagen. Allein nahe war ſie doch. Ungeachtet Quacos Da⸗ zwiſchenkunft, ungeachtet des Zufalles, der das tödtliche Geſchoß etwas von ſeinem eigentlichen Ziele abgelenkt, hatte das Schickſal doch beſtimmt, ſein unentreißbares Opfer zu haben. Die im Nachen Sitzenden ſchienen durchaus nicht verwundet zu ſein; doch wie der Pulverdampf ſich ver⸗ zogen hatte, konnte man deutlich wahrnehmen, daß der Schuß keineswegs ganz wirkungslos geweſen. Chakras Hände waren leer, das darin befindliche Ruder war von der Kugel getroffen und ihnen entriſſen worden; es ſchwamm nun auf der Oberfläche des Waſſers und trieb ſchnell mit der ſtarken Strömung dem Schlunde des Waſſerfalles zu. Ein geller Angſtſchrei war dem überraſchten Chakra gleich nach dem Schuſſe entwichen. Er allein begriff die Gefahr, der er plötzlich durch dieſen Zufall ausgeſetzt war, er allein kannte die fürchterliche unwiderſtehliche Kraft des wirbelnden Strudels, die ihn ſo wohl wie ſeinen Genoſſen im Kahne zu überwältigen drohte. Ohne Zögern warf Chakra ſich auf ſeine Kniee im Nachen nieder, beugte ſeinen Körper ſo viel wie möglich hinunter, ſtreckte an jeder Seite des Nachens einen Arm 294 aus und begann in dieſer Stellung kräftig mit ſeinen beiden Händen zu rudern, um zu verhüten, daß der Nachen mitten in die Strömung hineingezogen werde. Einige Zeit hielt dieſer eigenthümliche Kampf an, der Nachen blieb wo er war und bewegte ſich weder vorwärts noch rückwärts. Die Maronen betrachteten den Nachen mit ſtummem Erſtaunen und würden unbezweifelt hierin noch länger fortgefahren haben, wären die beiden am Fuße der Baum⸗ treppe an der Felſenwand Zurückgelaſſenen, wahrſchein⸗ lich von Neugierde auf das Schickſal des Nachens getrie⸗ ben, nicht dicht an den Rand des Waſſers vorgegangen, ſo daß ihre Geſichter ganz wohl zu ſehen waren. Sofort waren ſie auch von Jemand erkannt, der noch eine alte Rechnung mit ihnen abzumachen hatte. „Die verdammten Spanier!“ rief Quaco, auf's Aeu⸗ ßerſte verwundert, ſeine früheren Gefangenen jetzt hier zu erblicken;„die haben ſich von ihrer Wache losgemacht. Feuert auf ſie Kameraden! Laßt ſie nicht zum zweiten Mal entſchlüpfen!“ Die Rieſenſtimme des Maronenlieutenants Quaco, die ſelbſt das Brüllen des Waſſerfalles übertönte, weckte bei den Spaniern das beſtimmte Gefühl ihrer äußerſt gefährlichen Lage. Wie ein Paar Paviane, ſo gewandt und geſchmeidig, begannen ſie die Felſenwand mittelſt der Baumleiter zu erklettern. Allein dieſer Entſchluß war zu ſpät gefaßt worden. Noch bevor ſie etwa ein Drittel der Felſenwand zurück⸗ gelegt hatten, waren ein halbes Dutzend Flintenläufe auf ſie gerichtet und ihre Körper fielen, von den Kugeln durchbohrt, mit Gepraſſel in das unten befindliche Waſſer. 1 295 Indeſſen hatte Chakra den Kampf um Leben und Tod im Nachen fortgeſetzt, der zuweilen freilich ſich wohl wieder vor der größeren Gewalt des Strom es zu⸗ rückwich. Für den Augenblick waren die Maronen Chakra gegenüber ganz unthätig, denn ſie waren beſchäftigt, ihre Gewehre wieder zu laden, und ſo konnte der Koroman⸗ tis einſtweilen ganz ungehindert ſeinen Kampf mit dem feuchten Elemente fortſetzen. Obwohl in einer ganz fürch⸗ terlichen Lage, hatte er dennoch an ſeiner glücklichen Rettung noch nicht verzweifelt, während das angſterfüllte, verwirrte und unentſchloſſene Ausſehen des Juden deut⸗ lich zeigte, daß er vom Schrecken vollſtändig gelähmt und keiner bedeutenden Anſtrengung mehr fähig ſei. Ob die langen ſehnigen Armen Chakras zuletzt ſiegen würden oder die unwiderſtehliche Gewalt des nie ermü⸗ denden Stromes, das war einige Zeit hindurch ſchwer zu beſtimmen, denn die Kräfte ſchienen ſich ziemlich gleich zu ſein. Allein die Kraft des Mannes mußte zuletzt 1 etwas Weniges vorwärts zu bewegen ſchien, dann aber jedenfalls abnehmen, während die des Elementes ſtets dieſelbe blieb, und ſo mußte dies zuletzt unbedingt ſiegen. Hiervon überzeugte ſich Chakra jeden Augenblick immer mehr und blickte deshalb in halber Verzweiflung, auf irgend einen andern Ausweg ſinnend, umher. Da ſchien ihm plötzlich ein beſonderer Gedanke einzu⸗ fallen, deſſen Ausführung ihm ein Mittel zur Beſeitigung der zunächſt drohenden Gefahr gewähren mußte. Denn auf einmal gab er die in dieſer Weiſe hoffnungsloſen Anſtrengungen, den Nachen vorwärts zu bringen, gänz⸗ lich auf, wandte ſich nach dem wie erſtarrt im Nachen ſitzenden Genoſſen und beugte ſich zu ihm nieder, als 296 wenn er ihm etwas zuflüſtern wollte, während ſein grim⸗ mer, Unheil drohender Blick einen ganz anderen Ent⸗ ſchluß verkündete. er mit einem plötzlichen Rucke ſeine langen mächtigen Arme aus, packte den Juden bei beiden Schultern und Als Chakra Jeſſuron zu erreichen vermochte, ℳ☛ 4 zwang ihn zum Aufſtehen. Dann umfaßte er mit feſtem Griff ſeinen Leib und ſeine Arme, hob den Körper hoch in die Luft und ſchleuderte ihn mit der größten Anſtren⸗ gung, deren der kraftvolle Mann fähig war, über ſich in den Strom. Ein einziger lauter Angſtſchrei des Juden, der das äußerſte Entſetzen verrieth, erſchallte zugleich mit dem Sturze in's Waſſer, und dann verſchwand der Körper des unglücklichen Mannes alsbald in der dunklen Tiefe des Sees. Sein Hut und ſein Regenſchirm ſchwammen auf der Oberfläche und wurden von der Strömung nach dem Schlunde hin fortgeriſſen. Der ſeinem ſichern Untergange jetzt ganz nahe und dem verhängnißvollen Schluſſe ſeines an Schandthaten reichen Lebens rettungslos entgegen eilende Mann kam noch einmal aus der Tiefe in die Höhe, vermochte aber gewiß keine Möglichkeit ſeiner Rettung zu entdecken. Nur die Befriedigung ward ihm, wenn er überhaupt Bewußt⸗ ſein genug dazu beſaß, aus dem einſtweiligen Auftauchen vielleicht noch zu Theil, daß er deutlich erkennen konnte, der treuloſe Gefährte und hinterliſtige Theilnehmer ſeiner Verbrechen müſſe in kurzer Zeit in derſelben Weiſe um⸗ kommen wie er ſelbſt. 297 Chakra hatte gehofft, daß, wenn er den Nachen er⸗ leichtere, er mit der Strömung erfolgreicher zu kämpfen vermöge, allein in kürzeſter Zeit ward es klar, daß ſeine Hoffnung gänzlich trügeriſch geweſen. Während er ſich von ſeinem Gefährten im Nachen losgemacht und ihn über Bord geworfen, war der Nachen unaufhaltſam durch die Gewalt des Stromes ſo weit vorwärts getrieben, daß er in einen mächtigen Strudel gerieth, aus dem ihn ſelbſt die kräftige Handhabung eines Ruders nicht heraus gebracht haben würde. Jetzt trieb der Nachen, vom Strudel gefaßt, nach wenigen Augenblicken bereits in die Mündung des fürch⸗ terlichen Schlundes und glitt mit der Geſchwindigkeit eines Pfeiles hinab. Den unabwendbaren Tod vor ſich, gelang es Chakra in der höchſten Verzweiflung, mit der größten Anſtren⸗ gung aller ihm gebliebenen Kräfte einen faſt horizontal vom Felſen über den Waſſerſturz hingewachſenen Baum⸗ ſtamm als letzten möglichen Haltpunkt zu erfaſſen. Allein wäre dieſer Buſch auch wirklich im Geſteine ganz feſt gewurzelt geweſen, ſeine Stärke hätte gegen die unwi⸗ derſtehliche Gewalt des heftigen Waſſerſtromes dennoch nicht genügt. Doch nun riſſen die Wurzeln wie ſchwache Fäden vom Geſteine los und im nächſten Augenblicke ſtürzte der Koromantis mit ſeinem Nachen mehr als hundert Fuß durch die ſchwarzen Felſen in den grauſigen Abgrund hinab. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte daſſelbe Geſchick den treulos von ihm preisgegebenen Gefährten erreicht, und die Leichen Beider kamen noch einmal gegen ihren —— ——— —— — 298 eigenen Willen mit einander in nahe Berührung, wäh⸗ rend ſie zwiſchen den ſchwarzen von Schaum bedeckten Felſen in dem weißen Giſcht umhergewirbelt wurden! Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Schluß. An dem, allen jenen tragiſchen Ereigniſſen nachfol⸗ genden Morgen, würde ein durch das große Thor des Gutes Willkommenberg Eintretender, wenn er die lange Palmenallee hinauf geſehen hätte, nur einen Haufen geſchwärzter rauchender Trümmer erblickt haben. Wäre ein ſolcher aber an einem andern Morgen zwölf Monate ſpäter gekommen, er würde durch einen von jenem ganz verſchiedenen Anblick überraſcht und erfreut worden ſein. Denn abermals ſtrahlte am Ende jener Prachtallee das ſtolze wiedererſtandene Herrenhaus von Willkommenberg im vollſten Glanze. Wiedererſtan⸗ den war es in der That in der höchſten Vollendung, denn die noch von früher ſtehen gebliebene ſteinerne Treppe, die weißen Umfangsmauern, die mit grünen Jalouſien verſehenen Fenſter, ſowie überhaupt der ganze mit dem früheren Gebäude übereinſtimmende, phönixgleich aus den Flammen hervorgegangene Bau ließen ſelbſt einem alten Bekannten nicht die geringſte Veränderung entdecken. Von Außen war Alles ganz wie es zuvor geweſen. Nur wenn man in's Haus ſelbſt eintrat, vermochte man 299 einige Veränderung wahrzunehmen, die ſich indeß vor⸗ züglich auf ſeinen jetzigen Bewohner und Inhaber bezog. Anſtatt eines ziemlich ſtarken Herrn von ungefähr fünf⸗ zig Jahren mit etwas geröthetem Geſichte war der ge⸗ genwärtige Eigenthümer von Willkommenberg ein Jüng⸗ ling von edlem Anſtande, dem Alter freilich nach kaum ein Mann, allein der Haltung wie dem Betragen nach vollkommen geeignet, der Herr des ariſtokratiſchen Hauſes zu ſein. Ihm zunächſt und ſicher ganz nahe bei ihm weilt ein holdes, gewiß jedes Auge feſſelndes Frauenbild, das ſchon das alte Haus geziert, dem neuen aber noch zu größerer Zierde gereicht, die Tochter des früheren Eigen⸗ thümers, die Gattin des jetzigen. Sie hat nicht einmal eigentlich ihren Namen verän⸗ dert, nur ihren Stand, denn die kleine Quasheba iſt jetzt nicht mehr Fräulein Vaughan, ſondern Frau Vaughan. Beide ſitzen jetzt in der großen Halle mit dem glatten Fußboden und dem wie früher glänzenden Hausgeräthe. Es iſt bald nach dem Einnehmen des Frühſtücks und, ganz wie vormals, gerade die Zeit, wo die Ankunft der Poſt erwartet wird. Wohl waren ſie hierauf keineswegs beſonders begierig, denn die beiden glücklichen Leute waren gegen die Außenwelt ziemlich gleichgültig und kümmerten ſich wenig um Neuigkeiten. Ihre Liebe, noch in der vollen Blüthe ſüßer, von einer erſt kürzlich ge⸗ ſchloſſenen Ehe geweihter zärtlicher Empfindungen, war ihnen ihre ganze Welt. Welch beſonderes Intereſſe hätten ſie daher an der Ankunft der Poſt nehmen ſollen. Allein der Poſt iſt es vollkommen einerlei, ob ſie erſehnt oder mit Gleichgültigkeit aufgenommen wird. 300 Sie übermacht ihre Botſchaften dem Ernſten wie dem Fröhlichen, ſie bringt dem kummerbeladenen Herzen Freude und verſetzt das noch wenige Augenblicke vor ihrem Ein⸗ treffen von Wonne und Freude erfüllte Gemüth in trübe Angſt und ſchwere Sorgen. Die in der großen Halle von Willkommenberg ſich Befindenden waren ſicher von den ſeligſten Gefühlen er⸗ füllt, das kündeten ihre träumeriſchen Augen, die ſich gegenſeitig mit den traulichſten Blicken inniger Liebe an⸗ ſahen und ſo tief in einander verſenkt waren, daß ſie die dunkle kleine Gnomengeſtalt nicht beachteten, die ſich in der Allee näherte und die der wohlbekannte Poſtbube auf dem zottigen Klepper war, der noch immer als Bote nach der Montegobay benutzte Quashie. Obwohl Briefe von den beiden Glücklichen gewöhnlich nur ſehr wenig beachtet wurden, ſo war dies heute doch anders. Der von Quashie überlieferte Briefbeutel ent⸗ hielt einen ganz beſonderen Brief, deſſen Abſendungsort zur alsbaldigen Oeffnung trieb. Der Brief war nämlich ein Afrikaniſcher und mit dem Namen eines der Mün⸗ dung des Gambia naheliegenden Hafens geſtempelt. Die Adreſſe des Briefes lautete:„Herbert Vaughan, Guts⸗ beſitzer zu Willkommenberg, Jamaica. Der junge Pflanzer öffnete den Brief und durchflog ihn raſch. „Von Deinem Bruder Cubina!“ ſagte er, obwohl er wußte, daß er hierdurch nichts Neues mittheilte.„Er ſchreibt, um uns anzukünden, daß er wieder nach Ja⸗ maica zurückkehren will.“ „O, darüber bin ich ſehr erfreut. Ich wußte wohl, er könne nicht zufrieden unter einem ſolchen wilden Volke 301 * leben, obſchon er da zum Fürſten erhoben worden iſt. Allein Yola—“ „Sie kommt mit ihm, natürlich. Er wird ſie nicht zurücklaſſen können. Sie ſehnt ſich nach ihrer Inſelhei⸗ math und das bewundere ich auch gar nicht, theuerſtes Käthchen! Auf der Erde giebt es immer eine vor allen anderen Plätzen geheiligte Stelle, das iſt die Stelle, wo das Herz ein anderes Herz im offenen Geſtändniſſe ge⸗ genſeitiger Liebe angetroffen. Kein Wunder daher, daß ſich das afrikaniſche Mädchen dahin zurückzukehren ſehnt. Die menſchliche Natur iſt überall ganz dieſelbe. Für mich iſt dieſe Inſel ein Elyſium auf der Erde!“ „Ah, und für mich auch!“ Bei dieſem gegenſeitigen Geſtändniſſe naheten der junge Gatte und ſeine Frau ſich unwillkürlich einander und küßten ſich ſo inbrünſtig, als wären ſie noch gar nicht mit einander verheirathet. Nach dieſer zärtlichen Umarmung fuhr Herbert mit Leſung des Briefes fort. „O!“ rief er aus, als er etwas mehr von dem Briefe geleſen,„Dein Bruder will wiſſen, ob er wohl mein Pächter werden oder auch das Stück Land kaufen kann, das neben dem Jumbefelſen liegt. Der alte König hat ihm ein Capital mit auf die Reiſe gegeben und nun will er Kaffeepflanzer werden.“ „Ich freue mich ſehr, daß er ſolche Abſichten hat. Da will er ſich niederlaſſen und nahe bei uns ſein.“ „Er darf das Land nicht kaufen. Wir müſſen es ihm ſchenken, da wir ja ohnedies genug haben. Was ſagſt Du dazu, Käthchen? Du haſt es zu vergeben, nicht ich.“ d⸗ „Ach!“ erwiderte die junge Frau mit muthwilligem Vorwurfe,„quäle mich doch nicht mit ſolchen Dingen. Du weißt ſehr gut, daß ich es Dir gegeben haben würde, wenn ich mich als die rechtmäßige Eignerin hätte betrach⸗ ten können und daß—“ „Halt, halt, theuerſtes Weſen! Quäle mich auch nicht mit ſolchen Bemerkungen! Du warſt die rechtmäßige Eigenthümerin, hätteſt es wenigſtens ſein ſollen und ſelbſt wenn wir nicht gemeinſchaftliche Eigenthümer ge⸗ worden wären, ich hätte nie daran denken können, Dich aus dem Beſitze zu vertreiben. Aber nun ſage nur, ſoll Cubina das Land haben?“ Eine Wiederholung jener früheren ſanften Umarmung beſiegelte die beiderſeitige Einwilligung zu dem Vorſchlage Cubinas. Herbert begann nun wieder den Brief weiter zu leſen. „Guter Gott!“ rief er, als er ihn zu Ende geleſen, „was für eine merkwürdige Geſchichte! Der Sclaven⸗ ſchiffer, der Nolas Bruder nach Jamaica gebracht, iſt wieder an der Küſte da geweſen. Was für eine ſchreck⸗ liche Vergeltung!“ „Was denn lieber Herbert?“ „Denke Dir nur, ſie haben ihn gefreſſen!“ „O du himmliſcher Vater!“ „So fürchterlich es auch ſein mag, es iſt doch wahr. Sonſt würde Cubina es ſicher nicht geſchrieben haben. Höre nur, was er ſagt: „Jowler— das war der Name des Sclavenſchiffers — kam zu dem alten Futatoro, um von ihm eine neue Ladung Sclaven zu erhalten. Der Fürſt, der bereits 303 von des Schiffers Verrath gegen den Prinzen Cingües wußte, befahl ſofort ſeine Gefangennahme und ließ ihn ohne irgend eine Unterſuchung oder irgend eine andere Formalität auf der Stelle in Stücke zerſchneiden. Dann ward er gekocht und bei dem großen Nationalfeſte ge⸗ geſſen, das zur Feier meiner Hochzeit mit der Prinzeſſin Yola gegeben wurde. Carambo! es war ein peinigender Anblick und man hätte wirklich Mitgefühl für den armen Unglücklichen haben können, wäre er nur etwas Anderes als ein Menſchenfleiſchhändler geweſen; allein da dies der Fall, ſo konnte ich zuſehen, ohne große Luſt zu empfinden, mich für ihn zu verwenden. Uebrigens war mein Fellatah⸗Schwiegervater in der That ſo erzürnt und wüthend über ihn, daß ich den Elenden nicht von einem Schickſale hätte retten können, das er nach allen Unthaten eigentlich ganz wohl verdient hatte, und dem ihn überwieſen zu ſehen die ſämmtlichen von ihm über's atlantiſche Meer geführten armen Opfer unbezweifelt ſehr vergnügt geweſen wären.“ „Es iſt nur gut,“ ſagte Käthchen darauf,„daß Cu⸗ bina ſich entſchloſſen hat, ein Land zu verlaſſen, wo, wie ich fürchte, ſolche Auftritte ganz gewöhnlich ſind. Ich werde ſehr glücklich ſein, ſie Beide wieder hier auf unſrer ſchönen Inſel zu ſehen. Und Du, Herbert, des bin ich gewiß, wirſt Dich auch auf ihre Rückkehr freuen.“ „Ganz gewiß werde ich das. O Käthchen! iſt es Dir wohl je eingefallen, wie ſehr wir den Beiden eigent⸗ lich verpflichtet ſind?“ „Oft, Herbert, oft. Und glaubte ich nicht feſt an eine Vorherbeſtimmung, ich möchte faſt annehmen, daß ſie allein—“ 304 „O Unſinn, Käthchen!“ erwiederte der junge Ehe⸗ mann ſcherzend.„Nur nichts von Deinem Kreolenaber⸗ glauben. Es giebt gar keine Vorherbeſtimmung. Die war es gewiß nicht, die mein Herz zu dem Glauben trieb, daß Du das lieblichſte Geſchöpf auf der Welt, ſondern weil es wirklich ſo iſt. Sei nicht undankbar gegen Cubina und Yola und geſtehe es offen ein, Ge⸗ liebte, daß Du ohne ſie wahrſcheinlich Frau Smythje geworden wäreſt und daß ich— ich—“ „O Herbert! ſprich nicht von der Vergangenheit. Laß die in Vergeſſenheit begraben ſein, da unſere Gegen⸗ wart jetzt ſo ganz nach Wunſch iſt!“ „Ganz recht, Theuerſte! aber laß uns deswegen nicht die Dankbarkeit aus den Augen ſetzen, die wir Cubina und ſeiner treuherzigen Geliebten ſchulden. Um ihnen dies thatſächlich zu beweiſen, ſchlage ich noch etwas mehr vor, als ihnen blos dies Stückchen Land zu ſchenken. Laß uns ein hübſches Haus darauf bauen, ſo daß ſie bei ihrer Ankunft gleich ein eigenes Dach haben, unter dem ſie wohnen können.“ „O, das würde ihnen gewiß eine höchſt angenehme Ueberraſchung bereiten!“ „Dann laß uns dies bald ausführen. Was für ein lieblicher Morgen! Meinſt Du nicht auch ſo, liebes Käthchen!“ Wie Herbert dieſe letzte Frage that, ſah er durch die offenen Jalouſien. Der Morgen war gerade nicht vor⸗ zugsweiſe ſchön, wenigſtens nicht für Jamaica, allein Käthchen ſah mit Herberts Augen und in dieſem Augen⸗ blicke erſchien die ganze Welt beiden in ihrer Liebe glück⸗ lichen Leuten roſenfarbig. 305 „In der That, ein ſehr ſchöner Morgen!“ antwor⸗ tete die junge Frau und blickte forſchend auf ihren Gatten. „Was ſagſt Du denn zu einem kleinen Ausfluge zu Fuß?“ Mir würde ein ſolcher ganz recht ſein. Wo wollteſt Du denn hingehen?“ „Das mußt Du rathen!“ „Nein, Du mußt es mir ſagen.“ Du vergißt ganz Käthchen! Nach Kreolengebrauch dauern unſere Flitterwochen zwölf Monate. Bis dieſe beendigt, biſt Du der Herr, liebes Weibchen! Deshalb frage ich Dich, wo möchteſt Du am liebſten hingehen?“ „Ich weiß wirklich nicht, Herbert. Wohin Du willſt. In Deiner Geſellſchaft iſt es mir ganz einerlei. Du mußt entſcheiden.“ „Nun denn, Theuerſte, da Du es mir durchaus über⸗ laſſen willſt, ſo entſcheide ich mich für den Jumbéfelſen. Von da oben kann man das Stück Land überſehen, das wir unſerm Bruder Cubina verleihen wollen. Da kön⸗ nen wir auch gleich den Platz für ſein Haus ausſuchen. Iſt Dir das ſo recht?“ Qliebſter Herbert!“ erwiederte die junge Frau, ſchlang ihren Arm um ihren Gatten und blickte ihm zärtlich in die Augen,„das iſt ja gerade der Ort, wo ich hinzuge⸗ hen wünſchte.“ „Warum das? Sag es mir, Käthchen!“ „Geh, Herbert! Weshalb ſoll ich es Dir noch ein⸗ mal ſagen? Du weißt ganz wohl, daß ich es Dir ſchon früher geſagt.“ III. Band. 20 —“ 5 „O ſag es noch einmal, ich höre Dich ſo gern von jener ſchönſten Stunde meines Lebens reden.“ „Stunde, Herbert? Kaum eine Minute war es ja nur und doch eine Minute, die mein ganzes übriges Leben aufwiegt! Eine Minute, in der ich erfuhr, die Sprache Deiner Augen ſei viel aufrichtiger und wahrer, als die Deines Mundes! O hätte ich das nicht tief empfunden und hätte ich daran nicht beſtändig feſt ge⸗ glaubt, ich hätte verzweifeln müſſen! Die Erinnerung an jenen holden, mir ewig unvergeßlichen Blick tröſtete mich und hielt mich ſtets aufrecht. Er ließ mich trotz allen Mißgeſchicks immer wieder hoffen!“ „Und mich auch Käthchen. Die Erinnerung daran iſt mir gewiß eben ſo theuer, wie ſie Dir ſein kann. Laß uns darum den von unſerer Liebe geweihten Platz aufſuchen.“ 3** Eine Stunde ſpäter ſtanden Beide mit einander auf dem Jumbefelſen, auf der ihren Herzen über Alles theu⸗ ren Stelle. Herbert ſchien ſeine früher geäußerte Abſicht ganz vergeſſen zu haben. Nicht ein Wort ward jetzt von ihm über Cubina oder über die Lage ſeines künftigen Hauſes geäußert, nicht ein Wort über das glückliche Thal oder die durch deſſen Anblick geweckten unfreundlichen Erinne⸗ rungen. Die ganze Vergangenheit ſchien für jetzt ver⸗ geſſen, ausgenommen jener beiden Liebenden unvergeß⸗ liche ſüße Augenblick, in deſſen ungetrübtem Andenken ihre Seelen wie ihre Geſpräche ſich vereinten. —= ‿ 307 „Und Du liebteſt mich damals wirklich?“ fragte er, lediglich um den Genuß zu haben, die Bejahung dieſer ſonſt gewiß überflüſſigen Frage zu hören.„Du liebteſt mich damals?“ „O Herbert, wie hätte ich Dich nicht lieben ſollen? Waren doch Deine Augen damals ſo ſchön!“ „Nun, ſind ſie es jetzt nicht mehr?“ „Wie grauſam doch eine ſolche Frage iſt! Gewiß ſind ſie jetzt noch viel ſchöner! Damals ſah ich in ſie nur in der Vorempfindung künftigen Glückes, jetzt aber ſeh' ich in ſie im vollen Bewußtſein des wirklichen Be⸗ ſitzes. Jener Augenblick damals verſprach Wonne und Glück, die Gegenwart aber iſt ganz Glückſeligkeit!“ Dieſe Bezeichnung war durchaus angemeſſen, nicht im Geringſten zu viel ſagend, um die wonnigen von Herbert Vaughan und ſeiner holden Frau in ſüßer Ge⸗ genſeitigkeit empfundenen zärtlichen Gefühle paſſend aus⸗ zudrücken. Wie ſie ſich jetzt glühend umarmten und ihre ganz von Liebe und Treue erfüllten Herzen zärtlich an⸗ einander ſchlugen, ſtand bei Beiden die Ueberzeugung feſt, daß es ſelbſt auf dieſer trüben Welt noch Glück⸗ ſeligkeit giebt. Druck von Gebrüder Katz in Deſſau. 5 ſſſſͤſſͤͤſ—* 5 Rſnſffff 7 8 9 10 11 ſſffſſ ——y— 1 ſſ ſnlſiſh 12 13 14