deutſcher, engliſcher und 1. Offensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der B 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. den angenommen. 3. Caution. eines Buches, eine dem Werthe hinterlegen, welche bei deſſen Zu wird. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 2 Bücher: 1 Mct.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſte Leibbibliocher von.„ Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Teſebedingungen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme franzöſiſcher Literatur Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ücher jeden Tag von Morgens deſſelben entſprechende Summe rückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: —— 1 Mt. 50 Pf. —— 2 Mrk.— Pf. „—„ 7„—»„—„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung n und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Gan verpflichtet. en 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 5 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ————L—P— — — Der Narone oder: Pflanzerleben auf Jamaica. Von Capitain Mayne Reid. Vom Verlasser einzig rechtmüssige untorisirte Nebersetzung für Deutschlund von Anna Sievers. Zweiter Band. Altonn. Verlags⸗Bureau. 1863. ——;— ——ꝭ—C—Q——QOCꝑ——Q—᷑O᷑⸗Lpͦᷓ—— Erſtes Kapitel. Ein anderes von derſelben Art. Ein gleicher Auftritt von ähnlichem Charakter wie bei Jeſſuron fand zu derſelben Zeit in Willkommenberg ſtatt. Loftus Vaughan hielt mit ſeiner Tochter eben ein ſolches Geſpräch, wie Jacob Jeſſuron mit Judith; der Gegenſtand war derſelbe, und die Beweggründe des Pflanzers eben ſo niedrig, wie die des Koppelhalters. Smythje war noch im Bette; in ſeiner„deuren Me⸗ tropole“ hatte er Frühſtunden niemals gekannt und viel⸗ leicht hatte er in ſeinem ganzen Leben die Sonne noch nicht aufgehen ſehen. Die gewöhnliche Frühſtückszeit auf Jamaica wäre für ihn viel zu früh geweſen. Des⸗ wegen hatte ſein höflicher Wirth, der ſeine Gewohnhei⸗ ten kannte, bereits jeden Morgen die Aufſchiebung des Frühſtücks angeordnet, bis ſein Gaſt unzweideutige Zei⸗ chen von Wiederbelebung gegeben. Keinem war es er⸗ laubt, ſeine Träume wie ſeinen Schlummer zu ſtören, bis Morpheus freiwillig ſein Schlafzimmer verließ, und dann mußte ſein Kammerdiener Thomas, der die wich⸗ tige Wache verſah, in's Zimmer treten und zurückkeh⸗ rend die höchſt wichtige Nachricht überbringen, daß ſein Herr baldigſt erſcheinen werde.. e ————— In dieſer Weiſe lag der Cockney den zweiten Mor⸗ gen nach ſeiner Ankunft noch ſpäter als gewöhnlich im Bette. Der Pflanzer wie Käthchen hatten die friſche Morgenluft ſchon verſchiedene Stunden vorher genoſſen. Beide waren draußen, wenn auch auf verſchiedenen We⸗ gen, geweſen und trafen ſich nun in der großen Halle zu der Zeit, in welcher ſie ſonſt gewohnt waren, ihr Frühſtück einzunehmen. Aber noch war kein Frühſtück bereit, wenn das Tiſchtuch auch längſt aufgedeckt lag, denn es ſollte erſt aufgetragen werden, ſobald der aus⸗ gezeichnete Gaſt die Gewogenheit haben würde, gütigſt zu erſcheinen. Die junge Kreolin quälte ſich wenig um die ver⸗ änderte Stunde der Morgen⸗ oder irgend einer andern Mahlzeit. Sie war zu jung, um beſtimmte feſte Ge⸗ wohnheiten zu beſitzen, die Berückſichtigung verlangen. Bei Herrn Vaughan war dies aber anders und er große Unbequemlichkeit. Um dieſe wenigſtens etwas zu verringern, hatte er ſich eine Taſſe Kaffee und etwas Zwieback beſtellt, und hiermit war er gerade beſchäftigt, als Käthchen ins Zimmer trat. Gelegentliche, halb erwartungsvolle, halb unrahigr Blicke, die er nach dem großen Gang, den Käthchen kommen mußte, hinaufwarf, zeigten deutlich irgend eine beſtimmte Abſicht an; entweder er erwantete eine beſon⸗ dere Mittheilung, oder er hatte ſelbſt eine ſolche zu machen. Das Letztere war jedenfalls ahrſgeinlche da die empfand die Verſchiebung des Frühſtücks als eine ſehr ——— “ 4—-— junge Kreolin beim Eintreten ſich ſofort mit einer Frage an ihren Vater wandte. „Du haſt nach mir geſandt, Papa? Das Frühſtük iſt ja doch noch nicht fertig!“ „Nein, Katharina,“ erwiederte Herr Vaughan ernſt, „deswegen geſchah es auch nicht.“ Der ernſte Ton war gar nicht nöthig, die Benen⸗ nung„Katharina“ war ſchon hinreichend, um Käthchen anzudeuten, daß ihr Vater in höchſt ernſthafter Stim⸗ mung ſei, denn nur dann pflegte er ſie bei ihrem wirk⸗ lichen vollen Taufnamen zu nennen. „Setz Dich dahin!“ ſagte er und wies auf einen Seſ⸗ ſel, dem er ſelbſt gegenüber ſaß.„Setze Dich, meine Tochter und höͤre mich an, ich habe Dir etwas Wich⸗ tiges zu ſagen.“ Die junge Dame gehorchte ſchweigend, nicht ohne ein wenig von jener widerſtrebenden Verlegenheit, die gewöhnlich Kranke zeigen, wenn ſie ſich dem Arzte gegen⸗ über ſetzen, oder die ein unartiges Kind kund giebt, wenn es ſich vorbereitet, elterlichen Ermahnungen zuzu⸗ hören. Indeß war die natürliche Heiterkeit der„kleinen Quasheba“ nicht ſo leicht zu beſiegen und obwohl der auf ihres Vaters Geſicht ſich abmalende ungewöhnliche Ernſt ſie leicht zurückgedrängt haben könnte, ſo hatte doch die Förmlichkeit, mit der die Unterredung begann, eine ganz entgegengeſetzte Wirkung, denn in den beiden lieblichen Winkeln ihres niedlichen Mundes hätte man eine unverhüllte Neigung zum Lächeln wahrnehmen können. 6 Ihr Vater bemerkte dies, aber anſtatt das Lächeln zu erwiedern, ward er nur noch ernſthafter. „Komm, Katharina!“ ſagte er verweiſend,„ich habe Dich eines ernſthaften Gegenſtandes halber rufen laſſen. Ich hoffe, Du wirſt mir ernſthaft zuhören, wie es dem Gegenſtande angemeſſen iſt, den ich Dir vorführen will. „Aber, Papa, wie kann ich nur ernſthaft ſein, bevor ich den Gegenſtand kenne. Du biſt doch nicht krank, ſo hoff' ich?“ 1 „Ei, was, nein, nein! Dies hat mit meiner Ge⸗ ſundheit gar nichts zu thun, die Gottlob gut genug iſt, und mit Deiner auch nicht. Es betrifft nicht unſere Geſundheit, ſondern unſern Wohlſtand, Katharinal?“ Die letzten Worte wurden mit Nachdruck und zugleich in traulichem Tone geſprochen, als wollte er der Tochter Mitgefühl und Theilnahme für den vorzubringenden Ge⸗ genſtand gewinnen. „Unſern Wohlſtand, Papa? Ich hoffe, es iſt nichts Beſonderes vorgefallen? Haſt Du Verluſte gehabt?“ „Nein, liebes Kind,“ erwiederte Herr Vaughan, nun in einem zärtlichen, väterlichen Tone redend,„Nichts der Art, Dank dem Glücke und vielleicht auch ein wenig meiner eigenen Klugheit. Es ſind keine Verluſte, ſondern Gewinne, an die ich denke.“ 3 „Was, Gewinne?“ „Ja, Gewinne, Du kleiner Schelmt Gewinne, zu denen Du mir helfen kannſt.“ „Ich, Papa? Wie könnt' ich Dir wohl helfen? Ich weiß ja gar nichts von Geſchäften, ganz gewiß, ich weiß gar nichts davon.“ 4 3 „Geſchäft? Ha, hal s iſt ja gar kein Geſchäft, Käthchen. Die Rolle, die Du dabei zu ſpielen haſt, wird Dir Vergnügen machen, ſo wenigſtens hoffe ich.“ „Bitte, ſag' mir doch, was es iſt, Papa? Vergnü⸗ gen hab⸗ ich ja gern, das weiß Jedermann.“ „Katharina!“ ſagte der Vater, noch einmal den ern⸗ ſten Ton anſchlagend,„weißt Du, wie alt Du biſt?“ „Gewiß, Papa! Nach dem, was man von mir ge⸗ ſagt, bin ich am letzten Geburtstage gerade achtzehn Jahre alt geweſen.“ „Und weißt Du auch, was junge Mädchen in dem Alter gewöhnlich thun und woran ſie denken ſollen?“ Käthchen ſtellte ſich entweder ſo oder wußte wirklich nicht, welche Antwort ſie hierauf geben ſollte. „Komm,“ ſagte Herr Vaughan ſpöttiſch,„Du weißt ſchon, was ich meine, Katharina.“ „Nein, Papa, ich weiß wirklich nicht. Du weißt ja wohl, ich habe kein Geheimniß vor Dir. Hätte ich eins, ich würde es Dir ſagen.“ „Ja, ich weiß, Du biſt ein gutes Mädchen und würdeſt mir Alles ſagen. Aber das iſt eine Art Ge⸗ heimniß, das Du freilich wohl Keinem ſagen würdeſt, ſelbſt nicht mir, Deinem Vater.“ „Bitte, was iſt es, Papa?“ „Nun, in Deinem Alter, Käthchen, fangen die mei⸗ ſten Mädchen— und es iſt ganz recht und der Natur gemäß, daß ſie dies thun— an einen jungen Mann zu denken an.“ iſtis das, was Du meinſt? Nun, da kann 7 ich Dir ſagen, Papa, daß ih auch ſchon an einen ge⸗ dacht habe.“ „Ja?“ rief Herr Vaughan verwundert, doch zufrie⸗ den aus;„haſt Du, haſt Du wirklich ſchon?“ „Ja, gewiß,“ antwortete Käthchen mit einer Miene der unſchuldigſten Naivität.„Ich habe wirklich an einen gedacht, und ſo häufig, daß der Gedanke mich kaum wie⸗ der verlaſſen will.“ „Ha!“ erwiederte der Kuſtos, auf's Höchſte verwun⸗ dert über ein ſo unerwartetes und offenes Bekenntniß. „Seit wie lange iſt das geweſen, mein Kind?“ Die Antwort wurde mit einiger Ungeduld und un⸗ ruhig erwartet. „Seit wie lange?“ wiederholte Käthchen ſinnend. „Ja, wann fingſt Du zuerſt an, an den jungen Mann zu denken?“ „O, vorgeſtern, nach dem Mittagseſſen, wie ich ihn zuerſt ſah, Vater.“ „Beim Mittagseſſen ſahſt Du ihn zuerſt,“ ver⸗ beſſerte Vaughan ſeine Tochter,„aber darauf kommt's nicht an,“ fuhr er fort, und rieb ſich froh die Hände, während er das verwirrte Ausſehn Käthchens gar nicht beachtete.„Du haſt vielleicht in den erſten Augenblicken bei der Vorſtellung gar aicht daran gedacht. Das iſt freilich nicht oft der Fall. Das bischen Blödigkeit wird ſchon vorübergehen. Und ſo, Käthchen, Du magſt ihn wirklich leiden— Du denkſt, Du magſt ihn leiden?“ „Ja, Vater, das thue ich wirklich, beſſer als irgend einen, den ich je geſehen, ausgenommen Dich ſelbſt, lieb⸗ ſter Papa.“ —— 9 „Ah, mein kleiner Licblin, das iſt ein großer Un⸗ terſchied. Das eine iſt Liebe, das andere iſt kindliche Zuneigung, beides ganz recht an ſeinem Platze. Nun, Käthchen, da Du ein ſo gutes Mädchen biſt, habe ich auch einige angenehme Nachrichten für Dich.“ „Was denn, Papa?“ „Ich weiß wirklich nicht, ob ich es Dir ſagen ſoll oder nicht,“ ſagte der Kuſtos und klopfte ſeiner Tochter ſpielend auf die Wange;„wenigſtens nicht jetzt, meine ich. Es könnte Dich zu glücklich machen.“ „O, Papa, ich habe Dir geſagt, was Du von mir gewünſcht haſt und ich ſehe, es hat Dich vergnügt ge⸗ macht. Nun wirſt Du mir doch gewiß nicht vorent⸗ halten, was, wie Du ſagſt, mich beglücken wird. Was iſt das für eine Neuigkeit?“ „ Höre denn, Käthchen!“ und Herr Vaughan beugte ſich vornüber, als wolle er ſeine Mittheilung noch ein⸗ dringlicher machen, und flüſterte ihr zu:„Er theilt Deine Gefühle, er mag Dich leiden!“ „Vater, ich fürchte, das iſt nicht der Fall,“ ſagte die junge Kreolin mit ernſthafter Miene. „Ja, jal ich ſage es Dir, Mädchen! Er iſt über die Ohren in Dich verſchoſſen, ich weiß es. Ich ſah es auch von der erſten Minute an. Ein Blinder hätte es ſehen können, aber ein Blinder ſieht auch beſſer, als ein verliebtes Mädchen. Ha, ha, ha!“ Kuſtos Vaughan lachte laut und lange über den ſo unerwartet vorgebrachten Witz, denn in dieſem Augen⸗ blick war er wirklich zur höchſten Fröhlichkeit geſtimmt. —— Sein liebſter Traum ſollte jetzt in Erfüllung gehen. Montagu Smythje liebte ſeine Tochter. Das wußte er zwar ſchon zuvor, aber nun hatte ſeine Tochter ſelbſt es halb zugegeben, ja geradezu eingeſtanden, daß ſie Smythje leiden möge; und war Leidenmögen hier nicht Liebe? 4 „Ja, Käthchen,“ ſagte er, ſobald ſich ſeine übermäßige Freude ein wenig gelegt,„Du biſt blind, Du kleine Einfalt, ſonſt hätteſt Du Alles gleich geſehen. Sein Betragen hätte Dir gleich gezeigt, welche Rückſichten er auf Dich nimmt.“ „Ach, Vater, ich meine, ſein Betragen zeigt vielmehr, daß er auf keinen von uns Rückſicht nimmt. Er iſt zu ſtolz, um auf irgend Jemanden Rückſicht zu nehmen.“ „Was, zu ſtolz? Unſinn! Das iſt nur ſo ſeine Art. Dir hat er ſich gewiß nicht ſo gezeigt, Käthchen?“ „Ich kann ihn eigentlich nicht tadeln,“ fuhr das junge Mädchen in ernſthaftem Tone ſßrechend fort. „Es war nicht ſein Fehler. Deine Behandlung, lieber Vater— Du mußt mir nicht böſe ſein, daß ich dies ſage— war die nicht vollkommen genügend, um ihn dazu zu bringen, was er gethan?“ „Meine Behandlung!“ rief der Kuſtos überraſcht. „Kind, ich glaube, Du faſelſt! Ich konnte ihn doch nicht beſſer behandeln, als ich gethan, ich habe ja Alles ge⸗ than, um ihn zu unterhalten, damit er ſich hier zu Hauſe fühlen ſolle. Nach der Art, wie er ſich gegeben, ſo iſt das alles Unſinn, was Du von ſeinem Stolz geſprochen; gegen uns wenigſtens hat er ihn gar nicht gezeigt; im Gegentheil, er hat ſich ganz bewunderungswürdig gegen uns betragen. Ganz gewiß, kein Mann könnte ſich mit größerer Höflichkeit gegen Dich benehmen, als Herr Smythje gethan.“ Zeichen geweſen, ſich zu zerſtreuen. 11 „Herr Smythje!“ Das Erſcheinen dieſes Herrn in demſelben Augen⸗ blicke hielt Herrn Vaughan ab, die Wirkung zu bemer⸗ ken, welche die Nennung dieſes Namens bei Käthchen hervorbrachte, in Wahrheit eine ganz unerwartete und auffallende Wirkung, die ſich offen in dem Ausdrucke zeigte, den Käthchens Züge plötzlich annahmen. Dieſe Unterbrechung, die nun die weitere Aufklä⸗ rung verhinderte, die ſeine Tochter ſonſt unbezweifelt ſofort herbeigeführt haben würde, ließ Herrn Vaughan ſich unverzüglich zum Früßhſtücke mit beträchtlich ver⸗ mehrtem Appetite ſetzen. Sein Gaſt hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit erfor⸗ dert und hatte ihn auch veranlaßt, das Zwiegeſpräch ab⸗ zubrechen. Er hatte deshalb weder die eigenthümliche Wiederholung des Namens Smythje gehört, noch die von Käthchen mit leiſeſter Stimme, als ſie ſich dem Frühſtückstiſche zuwandte, gemurmelten Worte: „Ich glaubte, es ſei Herbert!“ Zweites Kapitel. Eine Geliebte erwartet. Das Fortgehen des jungen Engländers unter der Führung Quaco's war für die ſchwarze Bande das Auf Befehl des Führers trennten ſie ſich in Hau⸗ fen von zwei oder drei Perſonen, entfernten ſich in ver⸗ ſchiedenen Richtungen und verſchwanden zwiſchen dem Unterholz eben ſo geräuſchlos, wie ſie zuvor aus dem⸗ ſelben herausgetreten waren. Cubina allein verblieb in der Lichtung, während der gefangene Flüchtling auf einem Baumſtamm neben ihm niedergekauert ſaß. Einige Minuten lang ſtand der Maronenhauptmann, ſich auf ſeine Flinte ſtützend, die ihm einer aus ſeinem Gefolge gebracht, die Augen auf den Gefangenen ge⸗ richtet. Er ſchien darüber nachzudenken, welches Ver⸗ fahren er in Bezug auf den unglücklichen Sclaven ein⸗ ſchlagen ſolle, und der finſtere, auf ſeinem Geſichte ruhende Schatten kündete an, daß ihn irgend eine Er⸗ wägung beunruhige. Der Flüchtling, ihm zur Seite, ſah ſeinen Befreier, der ihn zu gleicher Zeit auch eingefangen, mit theils liebevollen, theils beſorgten und furchtſamen Blicken an, da er auf ſeinem Geſichte ähnliche Veränderungen be⸗ merkte. Seine Hoffnungen überwogen indeß ſeine Be⸗ fürchtungen. Obgleich unfähig, den Zuſammenhang zu begreifen, eben ſo wenig wie er die Beweggründe des Maronen kannte, ihn von ſeinen Verfolgern zu befreien, ſo wußte er doch ſo viel, daß er ſchonungsloſen, rauhen Händen entkommen war, um in andere zu fallen, die nicht nur erbarmungsvoll, ſondern mitleidig und freund⸗ lich zu ſein ſchienen. Hätte er irgend geahnt, daß eben ſein Befreier mit ſich ſelbſt überlegte, ob er ihn aus⸗ liefern ſollte, und zwar denſelben Leuten, von denen er 3 5 ———— ihn losgemacht, oder gar ihrem gänzlich erbarmungsloſen Herrn, hätte er irgend vermuthen können, daß dies der Gegenſtand ſeines ſtillen Nachſinnens ſei, deſſen Zeuge er augenblicklich war, ſeine Beſorgniſſe und Befürchtun⸗ gen wären unbezweifelt ſtärker geweſen, als ſeine Hoff⸗ nungen. Der Maronenhauptmann fühlte ſich ſelbſt in Ver⸗ legenheit, daher ſeine zögernde und nachdenkliche Hal⸗ tung. Seine Pflicht war in Zwieſpalt mit ſeinen Wün⸗ ſchen. Gleich zuerſt ſchon hatte ihn das Geſicht des Gefangenen intereſſirt, und nun, da er Zeit gehabt, es genauer zu prüfen und ſeine edlen Züge bemerkt hatte, wurde der Gedanke, ihn einem ſo grauſamen Herrn, deſſen Anfangsbuchſtaben auf ſeiner Bruſt ſtanden, wie⸗ der zu überliefern, ihm immer mehr zuwider. Wohl war einmal eine Zeit, wo ein Maronenhaupt⸗ mann eine Uebertretung dieſes Geſetzes leichter angeſehen haben würde, doch das war noch vor der Eroberung der Stadt Trelawney oder vielmehr vor ihrer verräthe⸗ riſchen Uebergabe, gefolgt von der niederträchtigſten in der Geſchichte bekannten Verbannung. Dieſer Verrath hatte eine große Veränderung her⸗ vorgebracht. Die Maronen, die der gezwungenen Verban⸗ nung entronnen waren und ſtets noch in den Bergfeſtun⸗ gen unter Aufrechthaltung ihrer Unabhängigkeit verweilten, waren keineswegs ein mächtiges Volk mehr, ſondern ledig⸗ lich nur noch ein Ueberbleibſel, deren Schwäche ſie nicht nur den Geſetzen der Inſel, ſondern auch ſelbſt der Tyrannei und den Launen ſolcher Pflanzer und Richter unterwarf, die einen Gefallen daran fanden, ſie zu ver⸗ folgen. Dies war die Lage Cubina's und ſeiner kleinen Bande, die ihre Heimath in den Trelawneybergen aufgeſchlagen hatten. Der Maronenhauptmann war nicht allein verpflich⸗ tet, ſondern ſelbſt gezwungen, den flüchtigen Sclaven auszultefern. Handelte er nicht ſo, würde er ſeine eigene Freiheit gefährden. Er wußte dies ganz wohl, auch ohne die von Ravener in ſo beſtimmten Ausdrücken ausgeſtoßene Drohung. Sein Intereſſe war daher ganz daſſelbe wie ſeine Pflicht, und dieſe konnte daher nur bei ihm in Betracht kommen. Der Gefangene war eine Beute, für die er berechtigt war, eine Belohnung zu verlangen— ein Beutegeld. Dennoch feſſelte ihn dieſe Erwägung keinen Augen⸗ blick gänzlich. Die Ausſicht auf eine Belohnung würde kein Gewicht bei ihm gehabt, ja nicht einmal den ge⸗ ringſten Zweifel bei ihm erregt haben, hätte Cubina nicht gerade jetzt und zu einem ganz beſonderen Zweck Geld nöthig gehabt. So waren nun drei höͤchſt triftige Gründe für die Rückgabe des Sclaven an ſeinen Herrn vorhanden: Pflicht, Nothwendigkeit und eigener Vortheil. Und den⸗ noch regte ſich in der Bruſt des gelben Jägers ein edle⸗ res Gefühl, die Menſchlichkeit. Ob ddſs wohl die übri⸗ gen drei beſegen wird?* die er vor n, nämlich die ———ÿÿ 15 bedingungsweiſe Drohung des Ungehorſams gegen das Geſetz, faſt der Hoffnung Raum geben, daß dies Letz⸗ tere der Fall ſein würde. Wie er nun ſo da ſtand und auf ſeinen Gefange⸗ nen blickte, wurde dieſe Drohung in einer Art unwill⸗ kürlichen Selbſtgeſpräches wiederholt, während ſich noch ein anderer Beweggrund in einigen, ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpfenden kurzen Reden kundgab. „Carambo!l« murmelte er und gebrauchte einen ſpa⸗ niſchen, ſtets in verdorbener Form noch unter den Ma⸗ ronen benutzten Ausruf;„er ſieht Yola ſo ähnlich, als wenn er ihr Bruder wäre! Ich bin ſicher, er iſt vom ſelben Volke, vielleicht von ihrem Stamme. Zwei⸗ oder. dreimal hat er ſchon das Wort Fellah gebraucht. Außer⸗ dem ſind ſeine Farbe, ſeine Geſtalt und ſein Haar ganz wie bei ihr. Unbezweifelt, er iſt ein Fellah!“ Das letzte Wort wurde ſo laut geſprochen, daß der Jüngling es hören konnte. 3 „Ja! Fellah, Fellah!“ rief er aus, indem er die Augen, gleichſam um die Wahrheit ſeiner Ausſage zu 5 beſtätigen, bedeutungsvoll auf ſeinen Gönner und Be⸗. freier warf.„Kein Sclave!— kein Sclave!“ fügte er dann hinzu und ſchlug mit der Hand auf die Bruſt, als er dieſe Worte wiederholte. „Sclave! kein Sclave!“ rief der Marone vor Ver⸗ wunderung ſtutzend:„das iſt Engliſch genug. Das Wort iſt ihm gelehrt, das iſt klar. Kein Sclave! was kann er damit ſagen wollen?“ „Fellah ich— kein Sclave!“ rief der Jüngling mit denſelben Geberden wie zuvor. F Y V . 16 „Das iſt ſonderbar, gewiß!“ murmelte der Marone nachdenklich.„Was kann er damit meinen, wenn er ſagt, daß er kein Sclave— denn das iſt doch gewiß, was er ſagen will. Sclave muß er ſein, wie käme er ſonſt hierher? Ich habe davon gehört, daß vorgeſtern eine Schiffsladung gelandet wurde und daß der alte Jude die meiſten von den Sclaven oder alle gekauft hat. Dieſer arme Burſche muß dazu gehören. Wahrſchein⸗ lich hat er die Worte am Bord des Schiffes gelernt. Vielleicht ſpricht er auch von dem, was er in ſeinem eigenen Lande geweſen. Der arme Teufel! Er wird bald genug den Unterſchied ausgefunden haben! »Carambo!« fuhr der Marone nach einiger Unter⸗ brechung fort, während welcher er die Geſichtszüge des neuangekommenen Afrikaners aufmerkſam betrachtete. „Es iſt eine Schande, einen ſolchen Mann zum Secla⸗ ven zu machen, einen Mann, der einem freigeborenen Menſchen hundertmal ähnlicher iſt, als ſein elender Herr! Ah! Dios! Dios! Das iſt ein hartes Geſchick, das er zu tragen hat. Ich fühle mich mehr wie halb verſucht, die Gefahr zu laufen und ihn von ſolchem Geſchicke zu retten. Nur daß ich das Geld nöthig habe—“ Wie jener halbe Entſchluß die Seele des Maronen erfüllte, war er von einem edlen und ſtolzen Geſichts⸗ ausdrucke begleitet. „Wenn ſie ihn nur nicht in meinem Beſitze geſehen hätten,“ fuhr er fort, zu überlegen;„aber der Aufſeher und die ſpaniſchen Schufte wiſſen Alles und werden —— Nun wolhl, ſo laß ſie— aber auf alle Fälle will ich ihn nicht eher zurück geben, als bis ich Yola 17 geſehen habe. Sie kann gewiß mit ihm reden; wenn er ein Fellah iſt, ſo muß ſie es können. Da wollen wir hören, was er zu ſagen hat, und was das beſtändige: „kein Sclave⸗ bedeutet. Ha!“ rief der Sprecher aus und begann jetzt ein lautes Selbſtgeſpräch,„wie die Zeit hingegangen iſt! Wahrhaftig, in wenigen Minuten iſt es Mittag. Yola muß bald hier ſein. Um zwölf Uhr wollte ſie kommen. O, ich muß ihn fortbringen, daß er nicht zu ſehen iſt, und dieſe todten Hunde auch, oder meine ſchüchterne Kleine wird erſchreckt werden. Hier iſt ſo vielerlei vorgegangen, Blut und Tod und Feuer, daß ſie kaum den alten traulichen Platz wiedererkennen wird. Höre mal, Fellah! komm hierher und quetſche Dich da mal hinein, bis ich Dich wieder herausrufe.“ Für den Flüchtling waren die Geberden ſeines Gön⸗ ners verſtändlicher, als ſeine Worte. Er ſah aus ihnen, daß er ſich zwiſchen den Ausläufen und Strebepfeilern der mächtigen Ceiba verbergen ſollte, ſtand deshalb von dem Baumſtumpfe, auf dem er ſaß, auf und folgte ſofort der ihm gemachten Anforderung. Der Maronenhäuptling ergriff den Schwanz eines der großen Bluthunde, ſchleifte den Leichnam etwas über die Lichtung und warf ihn in ein dichtes Gebüſch. Dann kehrte er zur Ceiba zurück, brachte den andern Leichnam in glei⸗ cher Weiſe fort, ermahnte den Flüchtling, ruhig in ſeinem Verſtecke zu verbleiben, und erwartete nun die Theure, deren Ankunft um die Mittagszeit beſtimmt war. 18 Drittes Kapitel. Eine Liebesſrene unter der Ceiba. Der Liebende, der wirklich geliebt wird, braucht nie eine Täuſchung zu befürchten. Treu ihrer Liebe und pünktlich zur beſtimmten Zeit erſchien die erwartete Herz⸗ geliebte in der Lichtung. Mit etwas furchtſamem, doch anmuthigem Schritte näherte ſie ſich der Ceiba, doch war ihre Miene zuver⸗ ſichtlich und bewies klar, daß ſie in keiner Weiſe zwei⸗ felhaft war. Ein zutrauliches und etwas gefallſüchtiges leichtes Lächeln, das in ihren dunklen Augen flammte und um ihre anmuthig gewölbten Lippen ſpielte, redete deutlich von einem bereits feſt beſchworenen Liebesbunde und verkündete ein unerſchütterliches Vertrauen in die gegenſeitig ausgetauſchten Liebesſchwüre. Cubina eilte ihr raſch entgegen und die Liebenden trafen ſich auf dem offenen Grunde, etwas von dem Rieſenbaume entfernt. Beider Haltung beim Begrüßen zeigte, daß dies wohl nicht mehr ihre erſte Zuſammen⸗ kunft ſei, ſondern daß ſie ſich ſchon oft zuvor auſ dem⸗ ſelben Platze getroffen De Die Gegenwart des Flüchtlings, der aber von der Stelle nicht geſehen werden konnte, hielt Cubina nicht ab, ſeine Geliebte mit einem herzlichen Kuſſe zu empfan⸗ gen und ſie einen Augenblick anſs Zärtlichſte in ſeine Arme zu ſchließen. Als der erſte Rauſch des wonnigſten Entzückens 19 vorüber war, begann das Zwiegeſpräch. Das Mäd⸗ chen redete zuerſt. „O, Cubina! Neues zu erzählen!“ „Komm, mein Lieb! was Neues denn? Ah, Du ſiehſt ernſthaft aus, Yola; Deine Neuigkeiten ſind nicht ſehr gut, nicht wahr?“ „Nein, nicht gute, ſchlechte Neuigkeiten!“ „Laß mich ſie hören, Lieb. Hat Dir Cynthia viel⸗ leicht etwas geſagt? Du ſollteſt gar nicht beachten, was das Mädchen ſagt.“ „Nein, Cubina, ich kümmern nicht, was ſie ſagt. Ich ſie kennen— böſes, ſchlechtes Mädchen. Nicht Cynthia ſagen, was mich nun quält. Fräulein Käth⸗ chen ſagen.“ „O, etwas, was Fräulein Vaughan geſagt, kann nichts Schlimmes ſein. Aber was iſt es denn, liebe Yola? Nach allem dieſen kann es nicht viel ſein.“ „O, Cubina, es wohl etwas ſein. Ich fürchten, ich bleiben müſſen lange Zeit von Dir, ſehr lange Zeitl“ „Von mir entfernt bleiben? Fräulein Vaughan wird doch Deiner Zuſammenkunft mit mir nicht ent⸗ gegen ſein?“ „Nein, das nicht. Etwas Anderes mich hindern, ganz Anderes.“ „Was denn?“ forſchte der Liebende, der jetzt ſah, daß ſeine Geliebte zögerte, ein Wort auszuſprechen, deſſen Erinnerung allein ſie erröthen ließ.„Komm, liebe Yola, fürcht' Dich nicht, es mir zu ſagen. Wir ſind ja Verlobte und da ſollte kein Geheimniß zwiſchen uns ſein. Was wollteſt Du nur ſagen?“ 2* 20 Mit leiſer, flüſternder Stimme, während ſie mit heißer Liebesgluth in ſeine Augen blickte, ſagte das Mädchen das Wort:„Heirathen.“ „Ho, ho!“ rief der Liebende mit zuverſichtlichem Tone aus;„ich hoffe, da will nichts kommen, uns daran zu hindern. Ich habe nun ſchon faſt hundert Pfund aufgeſpart, und ein glücklicher Fang, den ich die⸗ ſen Morgen gemacht, wird dazu beitragen, die Summe voll zu machen. Der Kuſtos wird auch nicht mehr ver⸗ langen als hundert Pfund, obwohl, wenn Du einmal mein,“ fuhr der Liebende fort und richtete einen innigen, mit einem höchſt zärtlichen Lächeln verbundenen Blick auf ſeiner Geliebten holdſeliges Angeſicht,„obwohl dann alles Geld der Welt mich nicht bewegen könnte, wieder von Dir zu laſſen. Doch ich hoffe,“ fügte er in ſcherz⸗ hafter Weiſe hinzu,„hundert Pfund werden genügen, Dich zu meiner Sclavin zu machen.“ „Deine Sclavin, Cubina?“ „Ja, Yola, ſo wie ich jetzt der Deine bin. „Ah, in der Weiſe, Yola Dein, Dein für immer, für alle, alle Zeit!“— „Ich will Dir glauben, theures Mädchen,“ ver⸗ ſicherte der Liebende, mit einem freudigen Blicke die Heißgeliebte anſchauend.„Ich bin überglücklich in dem Gedanken, daß Du auf dieſe Weiſe bereits mein biſt und daß ich Deiner Verſicherung zufolge Dein Herz wie Deine Seele beſitze. Aber, theuerſte Yola, ſo lange noch ein Anderer der Eigenthümer Deines Körpers iſt, und wenn auch nicht mit Recht, doch die Macht beſitzt, ganz nach ſeinem Belieben zu verfahren,— denn wer kann “— —— 21 dieſe ſtolzen Pflanzer hindern, Verbrechen zu begehen, deren Richter ſie ſelbſt ſind? O, Yola, es iſt er⸗ ſchreckend, über ihre ſchändlichen Handlungen nachzuden⸗ ken. Dieſen Morgen noch bin ich auf ein ſchlimmes Beiſpiel ihrer Grauſamkeit geſtoßen, und wenn ich daran denke, daß Du in der Macht eines Solchen biſt, ſo er⸗ greift mich ein Gefühl, als wäre jede Stunde, bis ich Deine Freiheit zu erlangen vermag, ein ganzer, ewig langer Tag. Stets habe ich Furcht, es möge ſich noch etwas ereignen, was mich verhindern könne.. „Gerade heute hatte ich große Hoffnungen,“ fuhr der Liebende dann fort und verſtärkte ſeine Worte durch ein liebevolles Lächeln.„Es iſt mir nämlich geglückt, die hundert Pfund beinahe zuſammen zu bringen, und das Beutegeld, das ich für den aufgefangenen Flüchtling zu bekommen erwarte, wird ſie voll machen.“ Das Maͤdchen gab auf dieſe Rede ihres Geliebten keine Antwort, ſondern blickte ihn ſchweigend und gleich⸗ ſam halb vorwurfsvoll an. Er bemerkte etwas der Art in ihren Blicken oder glaubte es vielmehr zu be⸗ merken. „Was, Yola, Du biſt nicht mit dem, was ich ge⸗ ſagt, zufrieden? Du tadelſt mich? Ja, Du haſt Recht. Ich muß zugeſtehen, es iſt gerade keine ſehr achtbare Weiſe, das Kaufgeld für Dich zu erwerben! Maldito! was kann ich denn nur thun? Wir Maronen haben ja keinen andern Weg, Geld zu verdienen, ausgenom⸗ men durch die Jagd auf wilde Schweine und durch den Verkauf des eingeſalzenen Fleiſches. Doch das giebt uns nicht mehr, als zum Leben nöthig. Carambo! Auf die 22 Weiſe würde ich niemals hundert Pfund zuſammen be⸗ kommen. Deshalb tadle mich nicht, herzliebſte Yola, um das, was ich gethan. Ich verſichere Dir, es iſt mir ſelbſt höchſt zuwider, dieſes Menſchenjägergeſchäft. In Betracht des jungen, heute Morgen eingefangenen Burſchen, ſo würde ich lieber ſchon einige Gefahr lau⸗ fen, als ihn zurückgeben, wäre dies nicht dazu förder⸗ lich, Dir die Freiheit zu verſchaffen. Dazu muß ich die hundert Pfund haben, die hoffentlich genügen werden, Deinen Herrn zu befriedigen.“ „Ach, Cubina,“ erwiederte die Sclavin ſeufzend, „das die ſchlechten Nachrichten, ich bringen. Hundert Pfund nicht genug für Maſſa. Vor zwei Tagen zwei⸗ mal ſo viel geboten für arme Sclavin Yola.“ „Zweihundert Pfund geboten für Dich!“ rief der Marone mit der höchſten Verwunderung aus, während ſeine Stirn ſich mit düſtern Wolken umzog.„Iſt's das, was Du meinſt, Yola?“ „Ach ja!“ antwortete die Sclavin, ihren tiefen Seuf⸗ zer wiederholend. „Und wer— wer iſt es?“ fragte der Liebende ſchnell und ernſt, während ein Strahl der Eiferſucht aus ſeinen dunkeln Augen gleich einem Doppelblitz durch den wolken⸗ ſchwangern Himmel hervorſchoß. Er wußte ganz wohl, daß kein Menſch zweihundert Pfund für eine Sclavin, ſelbſt für Yola, ohne eine ſchlechte Abſicht dabei zu haben, bieten könne. Des Mädchens Schönheit zugleich mit dem übertriebenen An⸗ erbieten würde ſelbſt dem an ihrem Geſchicke gänzlich Theilnahmloſen leicht den Beweggrund an die Hand N N 23 gegeben haben. Wie viel mehr mußte dies Alles den Verdacht eines Liebhabers wecken! „Iſt's ein weißer Mann?“ fuhr er fort, ohne die Antwort auf die erſte Frage abzuwarten.„Eigentlich brauche ich danach nicht zu fragen. Aber ſag' mir, Yola, wer iſt es, der ſo ſchändlich Dein Eigenthümer werden möchte? Du weißt es vermuthlich?“ „Fräulein Käthchen mir Alles ſagen. Er Jude— böſer, weißer Mann! Derſelbe, der mich nahm vom großen Schiffe, der mich zuerſt verkauft an Maſſa Vaughan.“ „Ha!“ ſtieß der Liebende mit ſcharfem, zornigem Tone aus,„der alte Hallunke iſt es. Wohl magſt Du ihn einen böſen weißen Mann nennen. Ich kenne den alten Schurken ganz wohl. Carambo! was kann er mit ihr wollen?“ murmelte der Marone nachſinnend mit bekümmerter Miene.„Irgend eine ſchändliche Ab⸗ ſicht, ja das iſt ganz gewiß, ganz unzweifelhaft!“ Dann wandte er ſich abermals an ſeine Geliebte: „Du biſt doch gewiß, Yola, der alte Jude machte dies Gebot?“ „So Maſſa mir ſagen.“ „Zweihundert Pfund! und Herr Vaughan ſchlug ſie aus?“ „Fräulein Käthchen nicht erlauben Maſſa Vaughan, mich zu verkaufen. Sie ſagen:„Niemals!“ Ach, jun⸗ ges Fräulein ſo gut! ſehr, ſehr gut! Nicht kümmern, wie viel Geld er geben. Sie niemals böſen weißen Mann Nola nehmen laſſen. Sie ſo ſagen alle Zeit.“ „Fräulein Käthchen, ja, es iſt wahr, Yola. Sie iſt 24 gut, ſie iſt edelmüthig! Sie muß es nicht gewollt ha⸗ ben, ſonſt würde der Kuſtos nimmer ſo ein verlockendes Anerbieten ausgeſchlagen haben. Zweihundert Pfund! Es iſt eine große Summe. Nun, ich muß von Neuem beginnen, ich muß Nacht und Tag arbeiten, um ſie zu verdienen; doch dann, wenn ſie mich auch abweiſen würden? ha, was dann?“ Der Redende hielt inne, nicht, als erwarte er eine Antwort von der dicht bei ihm Stehenden, ſondern viel⸗ mehr von ſeinen eigenen Gedanken. „Daran iſt nicht zu denken!“ fuhr er fort und ſeine Geſichtszüge nahmen wieder einen hoffnungsvollen und unbekümmerten Ausdruck an.„Sei für die Zukunft nur nicht bange, Yola. Mag es auch zum Aergſten kommen, Du ſollſt dennoch mein werden. Ja, Theuerſte, Du ſollſt mindeſtens meine Gebirgsheimath theilen, wenn es auch nur die Heimath eines Geächteten iſt!“ „O!“ rief das junge Mädchen aus, geſchreckt durch die wilden Blicke und Worte des Geliebten, und zu glei⸗ cher Zeit die Blutſpuren der erſchlagenen Hunde er⸗ blickend.„Blut, Cubina?“ „Nur das einiger Thiere, ein wilder Eber und zwei Hunde, die gerade hier getödtet wurden. Laß Dich das nicht erſchrecken. Du mußt nun muthig ſein, meine liebſte Yola, da Du die Frau eines Maronen ſein ſollſt. Unſer Leben iſt ſtets voll Gefahren.“ „Mit Dir Yola nichts fürchten. Sie hingehen überall,— weit über die Berge,— ſelbſt nach dem Jumbéfelſen,— überall, wo Du ſie heißt hingehen, Cubina.“ ——— 25 „Vielen Dank, liebe Theure! Vielleicht mögen wir einmal gezwungen ſein, weit über die Berge zu gehen, und noch dazu auf der Flucht, Yola. Aber wir wollen es zu vermeiden ſuchen. Wenn Dein Herr rechtſchaffen handelt, haben wir es nicht nöthig. Wenn nicht, dann wirſt Du mit mir fliehen! Willſt Du nicht?“ „Was Cubina wollen, Yola auch wollen; wohin er gehen, ſie auch gehen!“ Dies leidenſchaftliche, mit aller Gluth der reinſten Liebe ertheilte Verſprechen wurde durch einen heißen Kuß beſiegelt, dem während einiger Augenblicke ein heiliges Stillſchweigen folgte. „Genug nun!“ ſagte der Liebende alsdann.„Als letztes Rettungsmittel mögen wir das immerhin thun, doch wollen wir das Beſte hoffen, und vielleicht kann ja irgend ein glücklicher Zufall eintreten. Die Männer meines Gefolges ſind alle treu und werden mir ſtets helfen, aber leider ſind ſie Alle arme Jäger, wie ich ſelbſt. Wohl mag es noch eine lange Zeit dauern, be⸗ vor ich Dich vor der Welt furchtlos ganz mein eigen nennen kann, länger vielleicht, als ich erwartet. Aber das macht nichts aus, wir können oft zuſammen kom⸗ men. Doch nun, herzliebſte Yola, höre aufmerkſam dem zu, was ich Dir jetzt ſagen werde, höre aufmerkſam zu und behalte es wohl! Wenn je ein weißer Hallunke Dich beſchimpfen will— Du weißt ſchon, was ich meine! — wenn Du Dich jemals in einer ſolchen Gefahr be⸗ findeſt, worin Du gewiß ſein würdeſt, wäre der alte Jeſſuron Dein Herr geworden, und wer mag wiſſen, ob ſo etwas nicht jeden Tag eintreten kann, dann, liebes 26 Herz, dann fliehe nach dieſer Lichtung hier im Walde und warte auf mich. Wenn ich ſelbſt nicht kommen könnte, ſo ſoll ein Anderer für mich kommen. Jeden Tag will ich einen von meinen Leuten hierher ſenden. Fürchte Dich auch nicht, nöthigenfalls ganz allein fort⸗ zugehen. Obgleich ich wegen eines gewöhnlichen Scla⸗ ven nicht gerade in Ungelegenheit kommen möchte, ſo würde ich doch Alles aufbieten, ja ſelbſt mein Leben wagen, um Dich zu beſchützen, theuerſte Yola!“ „O Cubina!“ rief das braungelbe Mädchen in leiden⸗ ſchaftlichſter Bewunderung aus,„Du guter, tapfrer Cu⸗ bina! Du nicht Gefahr fürchten?“ „Es iſt keine überaus große Gefahr dabei,“ verſetzte der Marone zuverſichtlich.„Wenn ich mich einmal ent⸗ 8 ſchloſſen habe, Dich zu entführen, ſo würde ich Dich bald außerhalb aller Verfolgung bringen können. In den ſchwarzen Gründen könnten wir jedenfalls ohne Furcht vor der Tyrannei der weißen Männer leben. Aber ich möchte nicht gern wie ein wilder Eber gehetzt werden.* Ich wollte lieber, Du ſollteſt mein in ehrlicher Weiſe 4 werden, das heißt, ich wollte Dich lieber kaufen, wie ich es beabſichtige, und dann könnten wir uns nahe bei den Pflanzungen anſiedeln und ohne alle Furcht leben. Vielleicht iſt der Cuſtos mit mir nicht ſo hart, wie mit dem alten Juden. Deine junge Herrin iſt jedenfalls gütig, wie Du mir geſagt haſt, ſie würde vielleict etwas für uns thun.“ „Gewiß, Cubina, ſie mich lieben, ſie niemals ſagen, mich zu trennen.“ „Das iſt ſchön; ſie meint, ſie will ſich nie von Dir 2 8 1 27 gegen Deinen Willen trennen. Doch wenn ich mich erbiete, Dich zu kaufen, das wäre doch etwas ganz An⸗ deres. Vielleicht kannſt Du ihr nach und nach Alles mittheilen. Aber zuvor muß ich noch etwas erfahren, und erſt dann wünſche ich, daß Du es ihr ſagſt. So, theure Yola, behalte das Geheimniß noch ein wenig länger für Dich. Und nun!“ fuhr der Marone mit verändertem Tone fort und wandte ſich beim Sprechen nach der Ceiba hin,„hier habe ich etwas Dir zu zei⸗ gen. Haſt Du je ſchon einen Flüchtling geſehen?“ „Flüchtling?“ ſagte das ernſte Mädchen;„nein Cu⸗ bina— noch nie.“ „Wohl, mein Lieb, hier iſt einer, nicht weit von Dir. 1 Dieſen Morgen habe ich ihn eingefangen, nur kurze Zeit vorher. Und nun will ich Dir auch ſagen, warum ich ihn hier feſthalte; weil ich mir einbilde, daß er Dir gleicht, Yola!“ „Mir gleicht?“ „Ja, und das iſt's auch, warum ich für den armen Burſchen ſo etwas wie Mitleiden fühle, da er dieſem grauſamen alten Juden angehört. Wie es mir ſcheint, muß er ſogar einer von Deinem eigenen Volke ſein, und ich bin ſehr neugierig zu erfahren, was für Auskunft er wohl über ſich ſelbſt giebt.“ 4 „Er Fellah, glaubſt Du?“ fragte begierig das afri⸗ 16 kaniſche Mädchen, während ihre Augen bei dem Ge⸗ 6 danken funkelten, Jemand von ihrem eigenen Stamme zu treffen. „ Ja; es ſcheint mir dies faſt gewiß zu ſein. In der That, er hat ſich ſelbſt mehrere Male einen Fellah b 28 geheißen, obgleich ich nicht verſtehe, was er ſagt. Wenn er wirklich von Deinem Stamme iſt, ſo mußt Du mit ihm reden können. Da iſt er!“ Cubina hatte indeſſen die Geliebte um den Baum herum an die Seite deſſelben geführt, wo der junge Mann zwiſchen den beiden mächtigen Wurzelausläufern verborgen war. Der Afrikaner ſaß hier im Winkel an den Stamm der Ceiba gelehnt. Sobald die beiden Geſtalten vor ihn hintraten und ſeine Augen auf das Geſicht des Mäd⸗ chens fielen, ſprang er urplötzlich auf und ſtieß einen hellen Freudenſchrei aus. Wie ein Echo wiederholte Yola dieſen Schrei. Dann redeten ſie heftig verſchiedene Worte in einer unbekann⸗ ten Sprache, ſtürzten auf einander und umſchlangen ſich in gegenſeitiger heißeſter Umarmung. Cubina ſtand wie in den Boden eingewurzelt. Höch⸗ ſtes Erſtaunen, ja vielleicht noch etwas mehr, machte ihn ſprachlos. Er vermochte nur zu denken: „Sie kennt ihn! Vielleicht ihr Liebhaber in ihrem Vaterlande?“ Ein ſchneidendes Gefühl von Eiferſucht begleitete dieſen Gedanken und tobte in der Bruſt des Maronen fort, bis Yola ſich aus der zärtlichen Umarmung los⸗ wand, auf ihn mit freudigſter Geberde hinwies und die beruhigenden Worte ausrief: „Mein Bruder!“ — 29 Viertes Kapitel. Hmythje im Jagdanzuge. Verſchiedene Tage waren bereits ſeit jenem verſtrichen, an welchem Herr Montagu Smythje der Gaſt von Cuſtos Vaughan wurde, und während dieſer Zeit waren weder Mühe noch Koſten geſpart, um ihn zu unterhalten. Pferde wurden ihm zum Ausreiten geſtellt, eine Equipage zum Ausfahren, große Mittagseſſen wurden veranſtaltet und zahlreiche Geſellſchaft für ihn eingeladen. Die beſte Ge⸗ ſellſchaft der Bay und der benachbarten Pflanzungen war dem reichen engliſchen Stutzer vorgeführt worden, dem Eigenthümer einer großen Pflanzung und, wie man ſich bereits heimlich zuzuflüſtern begann, dem wahrſchein⸗ lichen Beſitzer noch einer andern. 3 Die Heirathsentwürfe des würdigen Cuſtos waren von Anfang an vermuthet, und wurden bald der Gegenſtand manches Geſpräches und mancher Erörterung. Es mag hier doch erwähnt werden, obwohl es kaum nothwendig, daß Herr Vaughan in ſeinen Abſichten auf den würdigen Smythje das Feld keineswegs allein behauptete. Es gab noch andere Eltern in der Pflanzerverbrüderung der Nach⸗ barſchaft, die mit gut ausſehenden Töchtern geſegnet waren, und manche von ihnen, Väter wie Mütter, hatten ein Auge auf den Herrn von Schloß Montagu als auf einen höchſt wünſchenswerthen Schwiegerſohn geworfen. Jedes ſolches Elternpaar gab geſchwind ein großes Mittagseſſen, um dem britiſchen Löwen ſo bald wie möglich ihre unſchuldi⸗ 30 gen jungen, aber immer heirathsluſtigen Lämmlein vorzu⸗ führen. Der ſo bevorzugte Londoner Stutzer lächelte freund⸗ lichſt zu allen ſolchen Anſtrengungen, indem er ſeine her⸗ vorragende Stellung als ſich von ſelbſt verſtehend und lediglich ſeinen perſönlichen Begabungen zukommend be⸗ trachtete. So vergingen die erſten vierzehn Tagen von Smythje's Aufenthalt auf Jamaica höchſt angenehm und heiter. An einem wunderſchönen Morgen am Ende dieſer vier⸗ zehn Tage konnte man in einer der größten Schlafkammern von Willkommenberg, die für die Aufnahme des hochſtehen⸗ den Gaſtes auf's Vortrefflichſte hergerichtet war, Herrn Montagu Smythje ſeinem Spiegel gegenüber erblicken. Er war bei dem höchſt wichtigen Geſchäfte, ſich anzuklei⸗ den, begriffen, oder richtiger geſprochen, er erlaubte ſeinem Kammerdiener huldvollſt, ihn anzuziehen. In dem ausgedehnten Kleidervorrathe der Londoner Zierpflanze waren Anzüge für alle Zwecke und für jede Gelegenheit vorhanden, Anzüge für den Morgen, den Mit⸗ tag und den Abend, ein Anzug zum Reiten und einer zum Fahren, ein Anzug für die Jagd und einer für's Fiſchen, ein Anzug zum Rudern à la matelot und ein großes costume de bal. Gegenwärtig ward Herrn Smythje's liebreizende Per⸗ ſönlichkeit in einen Jagdanzug gehüllt, und obwohl ein weſtindiſcher Jäger oder ein engliſcher Förſter über einen ſolchen Firlefanz ſpöttiſch gelächelt haben würde, ſo betrach⸗ tete der Stutzer, der Londoner Cockney, ihn doch mit Selbſt⸗ 31 3 gefälligkeit als höchſt zweckmäßig, ja, als durchaus noth⸗ wendig und unerläßlich. Der Jagdanzug beſtand in einem franzöſiſchen tunika⸗ artigen kurzen Oberrocke von grünem Seidenſammet und mit feinem Pelzwerke beſetzt, in einer helmartigen Jäger⸗ mütze. Anſtatt der kurzen Beinkleider und der Stulpen⸗ ſtiefel, die eigentlich dazu gehörten, hatte er die ganze Tracht nach ſeiner eigenen Erfindung verbeſſert, indem er ſeine Beine in lange und enge bis auf den Fuß hinabgehende Pantalons geſteckt. Dieſe waren aus dem feinſten ſtroh⸗ farbigen Rehleder angefertigt und daher ſanft und zart wie gemſenlederne Handſchuhe. Deshalb ſaßen ſie auch ganz eng um Lenden und Waden und zeigten unverhüllt die Storchbeine des Inhabers in vollendetſter Entwicke⸗ lung. Dazu waren ſie unten mit Riemen über ein Paar glänzender lackirter Stiefeln befeſtigt— ein anderer offenbarer Mißgriff, über den ein wirklicher Jäger ſofort herzlich gelacht haben würde. Dieſe kleinen Neuerungen bei dem Jagdanzuge waren von Herrn Smythje ſelbſt mit dem größten Aufwande von Scharfſinn erdacht worden, der ſich deshalb für ein mo⸗ diſches Original anſah und auch ſtolz darauf war, da ihn ein anſehnliches Vermögen befähigte, ſeine Erfin⸗ dungen unter ſeine ſämmtlich dem Stutzerthum angehö⸗ renden Bekanntſchaften einzuführen.. Theoretiſch ſah der Jagdanzug gar nicht ſo übel aus, aber vom praktiſchen Standpunkte betrachtet, wäre er nur für die Bühne eines Theaters geeignet geweſen, woher auch unbezweifelt der Gedanke dazu gekommen war. Der Anzug des Herrn Smythje hatte noch niemals 32 wirkliche Dienſte geleiſtet, ſondern ward jetzt zum erſten Male angelegt, ſeit er die Hände des kunſtfertigen Schnei⸗ ders verlaſſen. Nicht ein einziges kleines Tüpfelchen entſtellte die reinen rehledernen Beinkleider, nicht eine einzige ungehörige Falte konnte in dem glänzenden, ſammetnen Rocke entdeckt werden. Rock, Weſte und alles Uebrige war neu und friſch, wie eben erſt aus einer Putzſchachtel hervorgeholt.— Der Zweck, weshalb Herr Smythje ſeine werthe Per⸗ ſon ſo ausrüſtete, war ein Jagdausflug auf die Berge, den er machen wollte, um einige Abwechſelung in ſeine Vergnügungen dadurch zu bringen, daß er ein ſchreck⸗ liches Gemetzel unter den wilden Waldtauben und den Perlhühnern, die dort im Ueberfluſſe ſein ſollten, anrich⸗ tete. Sich ſelbſt in dem glänzenden Jagdanzuge, theil⸗ weiſe noch dazu von ſeiner eigenen Erfindung zu zeigen, war ganz ſicher ein anderer eben ſo triftiger Grund, aber dieſer war nur ſeinem Kammerdiener bekannt, einem viel zu gewandten Manne, um je die Ueberzeugung zu ver⸗ rathen, daß in ſeinen Augen ſein Herr längſt aufgehört habe, ein Held zu ſein. Die beabſichtigte Unternehmung war indeß keine lange zuvor beſtimmte und verabredete, ſondern lediglich eine gewöhnliche, rein zufällige. Auch wollte der Jäger allein ausgehen, da der Cuſtos an dem Tage ein wichtiges Ge⸗ ſchäft vorhatte und Herr Smythje nun die Zeit zwiſchen Frühſtück und Mittageſſen nicht beſſer und angenehmer tödten zu können glaubte, als durch eine Wanderung in den benachbarten Wäldern. Dies war ſeine ganze 33 Abſicht, und ein Schwarzer, der ihn begleitete, Alles, was er weiter dazu nöthig hatte. „Wahrhaftig!“ bemerkte er in einem Augenblicke der Begeiſterung vor ſeinem Spiegel ſtehend und ſich an ſeinen Kammerdiener wendend,„dieſe Kreolengeſchöpfe ſind reizend, auf Oehre, wirklich reizend! Nichts auf dem Theater oder in der Oper nur mit ihnen zu ver⸗ gleichen! So ſchöne Augen, ſo himmliſche Geſtalten, und doch ſo leichte Eroberungen! Auf Oehre! ein gutes Dutzend kann ich ſchon aufzählen! Ha, ha, ha!“ fügte er aus vollem Halſe höchſt ſelbſtgenügſam lachend hinzu,„das iſt aber auch nur natürlich— meinſt Du nicht auch ſo, Thoms?“ „Vollkommen natürlich, Ihre Gnoden,“ erwiederte Thoms mit hinlänglich irländiſcher Ausſprache, um ſo⸗ fort darzuthun, daß er ein urſprüngliches Kind der grünen Inſel ſei. Der Mädchenbeſieger und Frauenheld war indeß entweder noch nicht vollkommen mit ſeinen zwölf leichten Eroberungen zufrieden und wünſchte die Anzahl noch höher zu bringen, oder er war auch über eine derſelben keineswegs ganz in Gewißheit, wie aus dem folgenden, zwiſchen ihm und ſeinem Vertrauensmanne ſich entſpin⸗ nenden Geſpräche hervorgeht. 3 „Höre mal, Thoms,“ ſagte er und wandte ſich in ernſterer Weiſe an ſeinen Diener;„Du biſt doch ein außerordentlich geſcheidter Burſche! Das biſt Du, auf Oehre! Wahrhaftig!“ „Danke, Eure Gnoden. Gewiß hat mich Eure Gno⸗ den Geſellſchaft ſo gemacht.“ Der Marone. II. 00 34 „Kann ſoin, kann ſoin! aber ich habe Deine Klug⸗ heit gewiß bemerkt.“ „Dann ſteht ſie auch ſtets zu Eurer Gnoden erge⸗ benſtem Dienſte.“ „Woll, woll, Thoms; ich habe ſie auch allerdings jetzt nöthig.“ „Wozu, Eure Gnoden? iſt irgend etwas, was Eure Gnoden wünſchen, das ich thun ſoll?“ „Ja, Du kennſt doch das Negermädchen? Das braune Mädchen mit dem Turban mein ich?“ „Fräulein Vaghans Kammermädchen?“ „Ja, gerade die. Yolaw oder in der Art iſt des Geſchöpfes Namen.“ „Ja, Eure Gnoden, Yola, das iſt ihr Name.“ „Woll, Thoms; ich denke, Du mußt prächtige Ge⸗ legenheit haben, mit ihr zu ſchwatzen, mit der Negerin mein ich.“ „Gelegeuheit genug, Eure Guoden; ich habe oftmals mit ihr geplaudert.“ „Ganz gut; nun das nächſte Mal, wenn Du mit ihr plauderſt, Thoms, kannſt Du ſie mal auspumpen.“ „Sie auspumpen! was iſt das, Eure Gnoden?“ „Nun, etwas aus ihr herausbringen!“ „Da verſteh' ich Eure Gnoden wirklich nicht.“ „Was verſtehſt Du nicht? Du biſt doch nur ein dummer Kerl!“ „Halten zu Gnoden, Eure Gnoden Geſellſchaft——4 „Was, Burſche! Meine Geſellſchaft macht Dich dumm?“ „Nein, Eure Gnoden, das nicht, Sie haben mich — 35 nicht ganz gehört. Ich wollte ſagen, daß Eure Gnoden Geſellſchaft mir das bald abnehmen würde.“ „Ha, ha! das iſt was ganz Anderes! Nun höͤre mich ordentlich an und verſtehe mich recht. Ich will, Du ſollſt Dich mit dieſer Yola unterhalten und dabei einige Geheimuiſſe aus ihr herausziehen.“ „Oh!“ antwortete Thoms, dieſen Ausruf auf's Längſte ausdehnend und den Zeigefinger flach an die Naſe legend.„Nun verſtehe ich Eure Gnoden erſt.“ „Schon recht— ſchon recht.“ „Das will ich ſchon beſorgen, fürchten Sie nichts; aber was für Art Geheimniſſe ſoll ich für Eure Gno⸗ den aus ihr herausziehen?“ „Ich wollte, Du ſollteſt ausfindig machen, was ſie von mir ſpricht— nicht die Negerin— ſondern ihre Herrin.“ „Was die Negerin von ihrer Herrin ſpricht?“ „Thoms, Du biſt heute Morgen unerträglich ein⸗ fältig. Durchaus nicht, durchaus nicht; ſondern was ihre Herrin von mir ſpricht, von mir!“ „Ohol was Fräulein Vaghan von Eure Gnaden ſpricht?“ „Ja, das iſt's.“ „Meiner Seele, das will ich ausfindig machen, jedes Wort davon.“ „Wenn Du das thuſt, Thoms, will ich Dir eine Guinee ſchuldig ſein.“ „Eine Guinee? Eure Gnoden?“ „Ja, und wenn Du Deinen Auftrag klug und ge⸗ 3*½ 36 ſchickt ausführſt, ſo will ich zwei daraus machen— zwei Guineen, hörſt Du?“ „Fürchten Sie nichts, Eure Gnoden. Ich will es ſchon aus der Negerin herausbringen, und ſollte ich ihr auch die Zunge zwiſchen den glänzenden weißen Zähnen herausreißen!“ „Nein, Thoms— nein, nein guter Burſche, keine Raſerei! Erinnere Dich, wir ſind hier Gäſte und Will⸗ kommenberg iſt kein Wirthshaus. Du mußt mit Klug⸗ heit, nicht mit Gewalt verfahren, wie Shakespeare oder ein anderer von dieſen ſchreibſeligen Burſchen geſagt hat. Ohne Zweifel, Klugheit allein kann den Sieg gewinnen!“ Und mit dieſer zweifelhaften Bemerkung— zweifel⸗ haft nämlich, ob ſie ſich auf Thoms Auftrag oder auf ſeinen eigenen Erfolg in der Werbung um Fräulein Vaughan bezöge— ſchloß Herr Montagu Smythje die Unterredung. Thoms ertheilte der Toilette des Jägers nun die letzte Vollendung, indem er die Jagdmütze auf ſeinen Kopf ſetzte und über ſeine Schultern zahlreiche Koppeln und Gürtel hängte, woran unter Andern eine Jagdtaſche, ein kupfernes Pulverhorn, eine zinnerne Trinkflaſche ſammt Becher und ein großes Jagdmeſſer in lederner Scheide befeſtigt waren. „Auf Oehre! Oein wonderbar kloidendes Koſtüm!“ rief der Londoner Modenarr, ſich ſelbſt bewundernd, aus, und beſah ſich noch einmal vom Scheitel bis zur Zehe in dem großen Spiegel.„Ein Mordkoſtüm— ganz jägermäßig! Meinſt Du nicht auch ſo, Thoms?“ „Ja, gewiß, Eure Gnoden, ganz gewiß!“ —— 37 „Auf Oehre, ich muß mich meinen Freunden zeigen und Abſchied nehmen, bevor ich loslege. Ja, das muß ich thun.“ So redend ſchritt der Stutzer ſtolz und ſteif, da die engen rehledernen Beinkleider jede freie Bewegung un⸗ möglich machten, aus dem Gemache und wandte ſich der großen Halle zu, offenbar in der Hoffnung, ſich dem ſchönen Käthchen in ſeinem Mordkoſtüm zeigen zu können. Fünftes Kapitel. Ein Sonntagsjäger. Daß Herr Montagu Smythje die gewünſchte Zu⸗ ſammenkunft gefunden, und daß ihr Ergebniß ihm höchſt ſchmeichelhaft geweſen, hat man ohne Weiteres aus dem haft g 7 ſelbſtgefälligen Lächeln ſchließen können, das auf ſeinem Geſichte glänzte, als er das Haus verließ. Deshalb ging er auch, während er den zwei⸗ bis dreihundert Schritte offnen Grund zurücklegte, welcher das Wohn⸗ haus von dem bewaldeten Abhange des Bergrückens trennte, mit gemeſſenem ſtolzen Tritte, und ſah ſich zu⸗ weilen um, ob er auch beobachtet werde. Und er ward in der That beobachtet. Zwei Ge⸗ ſichter ſpähten an einem Fenſter; eins von ihnen war das Käthchen Vaughan's und das andere von etwas dunklerer Farbe das des Mädchen Yola. Auf beiden Geſichtern lag ein muthwilliges Lächeln. Ob das Mädchen lächelte oder nicht, war Herrn Smythje 38 gewiß ziemlich gleichgiltig, aber er bildete ſich feſt ein, er könne einen höchſt freundlichen Ausdruck auf dem Antlitz der Herrin wahrnehmen. Freilich war er zu weit entfernt, um hierüber vollkommen in Gewißheit ſein zu können, aber er zweifelte durchaus nicht daran, daß ihm auf ſeinen, mit der anmuthigſten Haltung aus⸗ geführten zierlichen Schritten fortwährend ein ſtiller Blick der lebhafteſten Bewunderung nachfolge. Wäre er indeß nahe genug geweſen, um den wah⸗ ren Geſichtsausdruck erfaſſen zu können, ſo wurde in ihm wohl einiger Zweifel aufgeſtiegen ſein, ob er wirk⸗ lich der Gegenſtand ſolcher Bewunderung ſei, und hätte gar die von Yola ihrer Herrin gemachte Bemerkung zu⸗— gleich mit dem durch ſie hervorgerufenen ſchallenden Ge⸗ lächter ſein Ohr erreicht, ſein Zweifel würde alsdann unbedingt eine niederſchlagende und ſein hohes Selbſt⸗ bewußtſein ſehr herunterdrückende Beſtätigung erfahren haben. „Er ſehr ſtattlich, Maſſa!“ ſagte das Mädchen. „Er wie ein Pfennighahn, der ein Gelbſchwanz gewor⸗ den!“— ein eigenthümliches Pflanzerſprichwort, deſſen Bedeutung iſt, daß der gemeine und gering geſchätzte kleine Fiſch, der„Pfennighahn,“ ſich in den glänzenden und höchſt geſchätzten Prachtfiſch verwandelt habe, der unter den Negern als„Gelbſchwanz“ bekannt iſt. Da der Jäger indeß weder dieſe Bemerkung noch das dadurch hervorgerufene Gelächter hörte, ſo vermochte er auch mit der vollen Würde unverletzten Selbſtbe⸗ wußtſeins in den Wald zu treten. Ihm auf den Ferſen folgte ein Diener, ein Neger⸗ ſchießen, bedarf es nicht der Hilfe eines ſolchen ſcharf⸗ ben, die ſich hatten ſehen laſſen, war freilich geſchoſſen worden, aber der dicke, die Bruſt dieſer hübſchen Vögel 39 burſche, deſſen einziger Anzug in einem Osnabrücker Hemde beſtand, mit einem großen, von ſeinen Schultern bis an ſeine Lenden herabhängenden Wildpretkorbe. Das war der wahrhaftige Quashie, Poſtbube, Pferde⸗ bube und Factotum. Quashie's Aufgabe war es jetzt, den engliſchen Buckra nach dem beſten Schießgrunde zwiſchen den Hügeln zu führen und das getödtete Wild fortzuſchaffen. Da kein Hund vorhanden war— Tauben und Perlhühner zu ſpürenden Thieres— ſollte Quashie auch zugleich den Aufſinder und Zutreiber machen. Eine volle Stunde über Hügel und Thal, durch Dorngebüſch, Dickicht und Sumpf ſchweifte der eifrige Jäger mit ſeinem äthiopiſchen Diener Quashie, der dem großen Buckra wie ſein Schatten nachfolgte. Aber bis jetzt war noch keine Wildpretsfeder erwiſcht worden. Tau⸗ ben waren ſelten und ſehr ſcheu, und von dem ſchönen geſprenkelten Huhn— der exotiſchen Numida meleagris — war auch nicht ein einziges zu erſpähen. Sein gel⸗ les Geſchrei, faſt wie das durchdringende Geräuſch einer großen Holzſäge, konnte zuweilen fern im Walde krei⸗ ſchend gehört werden, und deshalb lockte die Hoffnung, endlich wirklich ein ſolches zu erblicken, den Jäger immer tiefer in den Wald. Abermals ward eine andere Stunde mit gleichen fruchtloſen Anſtrengungen verbracht. Nach einigen Tau⸗ bedeckende Federpanzer ſchien vor dem Schuſſe einer 40 Flinte undurchdringlich zu ſein, wenigſtens waren ſie es vor der doppelläufigen prachtvollen„Mantonflinte“ des Londoner Jägers. Noch eine weitere Stunde ward verbracht, aber nichts getödtet. Dieſe gänzliche Erfolgloſigkeit hinderte indeſſen den Jäger nicht, hungrig zu werden, und nach Ablauf der dritten Stunde fing er an, im Magen eine gewiſſe Leere zu verſpüren, die unbedingt nach einigem Fleiſche ver⸗ langte. Er wußte, daß der von Quashie getragene Korb ein gutes Frühſtück enthielt, das von dem Hausmeiſter von Willkommenberg ſorgfältigſt eingepackt war. Es ſchien ihm jetzt Zeit zu ſein, dies näher zu unterſuchen, und ſo ſetzte er ſich in den Schatten eines mächtigen Baumes und beorderte den Schwarzen, den Korb her⸗ anzubringen. 8— Hierzu war Quashie auch gar nicht abgeneigt, denn das Gewicht des Korbes, das er mehrere Stunden ſehr deutlich empfunden, verſprach auch etwas für ihn zu enthalten, nachdem der große Buckra ſeinen Hunger ge⸗ ſtillt haben würde. Wirke ſchien auch für Beide hinlänglich vorhan⸗ den zu ſein, denn beim Auspacken des Wildpretkorbes erſchien ein ganzer Kapaun mit verſchiedenen Schnitten Brot, Schinken und Zunge, nebſt all' den übrigen nothwendigen Zuthaten, wie Salz, Pfeffer und Senf. Eine Flaſche trefflichen franzöſiſchen Rothweins ward auch im Korbe gefunden. Dieſe und das kleine Fläſch⸗ chen mit Branntwein, das der Jäger ſelbſt bei ſich führte und das er nun der Bequemlichkeit wegen zur 41 Seite legte, enthielten jedenfalls Flüſſiges genug, um die ſchmackhaften, von dem ſorgſamen Hausmeiſter ein⸗ gepackten Dinge gehörig hinunterſpülen zu können. Meſſer und Gabel wurden ebenfalls ausgepackt, und da Herr Smythje in der Handhabung dieſer Waffen unbedingt viel geſchickter war als in der einer Flinte, ſo war der Kapaun auch in einem Nu in geeignete Stücke zerlegt. In eben ſo kurzer Zeit verſchwanden dieſe auch ſofort in Begleitung verſchiedener Schnitte Schinken und Zunge zwiſchen ſeinen Zähnen. Quashie war nicht eingeladen, Theil zu nehmen, ſondern ſaß zu den Füßen des großen Buckra und be⸗ wachte aufmerkſam deſſen Bewegungen, ganz wie ein Hund bei ähnlicher Gelegenheit die ſeines Herrn. Da die Kaukräfte und Verdauungsfähigkeiten des Sonntagsjägers keineswegs gering waren, ſo verrietg Quashie's Blick bald einige Verwunderung, zugleich mit ſtet⸗ wachſender Angſt, daß das Wenige, wozu er etwa e ingeladen werden dürfte, immer geringer und un bedentender, a zuletzt ſich vielleicht gar in Nichts ver⸗ wandeln Vid Halb war der Kapaun mit einem großen Theile der Schinken⸗ und Zungenſchnit bereits ſpurlos verſchwunden. „Ich glaube gar, der Teifelsbuckra ißt das Alles auf, Alles zuſammen,“ war Quashie's nicht gerade ſehr fröhliches Selbſtgeſpräch.„Und trinken thut er dazu, kein Tropfen bleibt übrig!“ fuhr er in Gedanken fort, als er Herrn Smythje ein volles Glas Rothwein ohne abzuſetzen hinunterſtürzen ſah. Bald nachher ward abermals ein Glas voll in den⸗ 42 ſelben geräumigen Schlund hinabgegoſſen, denn die un⸗ gewohnte ſtarke Bewegung, zugleich mit der großen Wärme des Tages, hatte des Jägers Kehle bedeutend ausgedörrt und ihn ſehr durſtig gemacht. Zu großem Verdruß Quashie's und zu nicht gerin⸗ gem Aerger des Herrn Smythje ſelbſt ereignete ſich in⸗ deß mit dem übrig bleibenden Rothweine ein arger Unfall. Beim Niederſetzen der Flaſche nach dem Anfüllen des zweiten Glaſes zeigte ſich der Jäger höchſt ungeſchickt, die Flaſche verlor ihr Gleichgewicht, ſtürzte um und der ganze übrige Reſt Rothwein floß in's Gras. Quashie's Gleichmuth und Geduld wurden bei all' dieſem ſtark auf die Probe geſtellt, allein zuletzt, als des großen Buckra s Apr tit vollſtändig geſtillt war, fielen ihm doch die noch immer anſehnlichen Ueberreſte dieſes luculliſchen Waldmahles zu, denn nun endlich ward er angewieſen, ebenfalls zuzugreifen und ſein Beſtes zu thun. Der Schwarze war auch ſofort hierzu bereit, und aus der Art und Weiſe, wie er hierbei zu Werke ging, ward es unbezweifelt klar, daß, wenn Herr Smythje nach dem Frühſtücke nicht beſſer ſchoß, als vor demſel⸗ ben, der Wildpretkorb ganz ſicher um vieles leichter nach Hauſe gebracht werden würde. Während Quashie noch mit Kauen beſchäftigt war, entſchloß ſich der nun friſch geſtärkte Jäger, deſſen Muth und Kraft durch den genoſſenen Rothwein bedeutend ge⸗ wachſen war, einſtweilen auf eigene Hand umherzuſtrei⸗ fen. Zeit war übrigens nicht mehr viel zu verlieren, da die Nothwendigkeit, mit leerem Korbe nach Willkom⸗ menberg zurück zu kehren, bereits als drohend erſchien, à 43 und da nach den zuverſichtlichen, jedenfalls durch ſeinen großen Jagdanzug erregten, und noch durch einige kleine beim Abſchiede vorgebrachte Prahlereien vermehrten Er⸗ wartungen ein gänzliches Fehlſchlagen, dieſe nur irgend etwas zu erfüllen, unbedingt für ihn demüthigend ſein mußte.. Deshalb wollte er jetzt die Jagd ſogleich wieder be⸗ ginnen und zwar mit größerer Aufmerkſamkeit, um wo⸗ möglich das Fehlgehen am Morgen wieder gut zu machen. Es war ein Uhr, und ſo hatte er noch drei ganze Stunden, bevor er genöthigt war, nach Hauſe zurückzu⸗ kehren. Das Mittagseſſen ſollte um fünf ſein, denn ſeit ſeiner Ankunft zu Willkommenbe z war die für dies wichtige Geſchäft beſtimmt. Ber. ye drei auf fünf verlegt worden, um ſich den modernen Gewohnheiten des ariſtokratiſchen Gaſtes beſſer anzuſchließen. Der Jäger hing ſich Horn und Taſche um, ergriff ſeine Flinte und ging davon, während er ſeinen ihm beigegebenen Auftreiber emſig beſchäftigt zurückließ, die übrig gebliebenen Knochen des Kapauns beſtmöglichſt glatt zu machen. Sechſtes Kapitel. Ein Truthahn belauert. Faſt ſchien es, als ob der göttliche Schutzherr der Jagd, der gute Sanct Hubertus, den verſchütteten Wein als ein ihm dargebrachtes Opfer betrachtet und —-— 44 nun als Vergeltung eigends angeordnet hätte, dem Jä⸗ ger beſſern Erfolg zu gewähren. Denn kaum hatte ſich dieſer etwa zweihundert Schritte von dem Platze, wo er ſo heldenmäßig gefrühſtückt, entfernt, als er auch durch den Anblick einer Schaar großer, ſchön ausſehender Vö⸗ gel entzückt wurde.— Sie befanden ſich in einem offenen Felde oder viel⸗ mehr in einer einige Morgen großen Waldlichtung, an deren Rand der Jäger jetzt angelangt war. Sie ſaßen oder vielmehr ſtanden dicht neben einan⸗ der, und wäre Herr Smythje durch den Anblick nicht ſo außerordentlich aufgeregt geweſen, ſo hätte er ganz wohl bemerken müſſen, daß ſie ſich dicht um das Ge⸗ rippe eines Schweines oder eines anderen Thieres ver⸗ ſammelt hatten, deſſen Knochen ſie ſo gänzlich von allem Fleiſch reinigten, als ſei es für die Ausſtellung in einem Muſeum beſtimmt. Da Smythje's Kenntniß der Naturgeſchichte ſich lediglich darauf beſchränkte, was er bei einem Beſuche einer Londoner Menagerie etwa zufällig gelernt hatte, ſo konnte es ihm auch nicht einfallen, welche Art von Vögeln dies ſei, oder was ſie etwa dort vorhaben möchten. Zuerſt nahm er es für ganz gewiß an, es ſeien Guineahühner, ſo wie er ſie geſucht, doch als er ſie etwas genauer betrachtet, begann er zu zweifeln, ob es wirklich Guineahühner ſeien, denn dieſe— wenigſtens die zahmen, die er zu Willkommenberg geſehen— wa⸗ ren alle bläulich und geſprenkelt, wogegen die nun geſe⸗ henen Vögel alle gleichmäßig ſchwarz waren. Aber . 45 möglicherweiſe konnten die wilden Guinea⸗ oder Perl⸗ hühner eine von ihren zahmen Verwandten ganz ver⸗ ſchiedene Art ſein, und dies erklärte den Mangel an Aehnlichkeit in der Farbe der Federn hinreichend. Während der Aufſtellung dieſer Muthmaßungen be⸗ merkte er indeß eine andere Eigenthümlichkeit an dieſen Vögeln. Sie hatten alle zuſammen nackte federloſe Nacken und Köpfe ven röthlicher Fleiſchfarbe, ganz wie Truthähne. „Ha, beim Hümmel! das ſind Truthähne! wahrhaf⸗ tig, wülde Truthähne!“ Der Londoner Stutzer hatte irgendwo einmal ge⸗ hört, daß der wilde Truthahn in Amerika urſprünglich zu Hauſe ſei, und ſo mußte es alſo auch auf Jamaica ſein, denn dies iſt doch ein Theil Amerika's. Wie irrig nun auch dieſer Schluß war, er gefiel unſerm Smythje, und deshalb jetzt feſt überzeugt, daß er einen Haufen wilder Truthähne vor ſich ſähe, be⸗ ſchloß er, ſofort Maßregeln zu nehmen, ſie ungeſäumt auf's Schlaueſte zu überliſten. Um ſie mit einem Schuſſe zu treffen, waren ſie noch zu weit von ihm entfernt; deshalb, damit er ihnen näher kommen könne, ließ er ſich auf die Kniee nieder und fing durch die um die Lichtung herumſtehenden nie⸗ drigen Büſche ihnen leiſe und unbemerkt näher zu krie⸗ chen an. Seine empfindlichen rehledernen Unausſprechlichen mußten freilich bei dieſer Art der Fortbewegung etwas leiden und eben ſo fühlte er die große Unbequemlichkeit der Fußriemen, allein ſo begierig war er auf einen end⸗ lichen Erfolg, daß er ſelbſt die Zerſtörung ſeiner Fuß⸗ riemen wie ſeiner Hoſen nicht im Geringſten beachtet haben würde. Er dachte jetzt lediglich nur an den Ver⸗ druß, nach Willkommenberg mit einem leeren Wildpret⸗ korbe zurückkehren zu müſſen und an den hohen Ruhm dagegen, mit einem gefüllten zu kommen. Wäre er, anſtatt zwiſchen den Gebüſchen zu krie⸗ chen, gerade auf ſie losgegangen, ſo würde er ſie wahr⸗ ſcheinlich zu Schuß bekommen haben, denn die Vögel, anſtatt Truthühner zu ſein, waren lediglich braſilianiſche Geyer(turquey-burards oder Klashähne, wie ſie in Jamaica genannt werden), und da dieſe auf der Inſel unter dem beſonderen Schutz eines Geſetzes ſtehen, ſo würden ſie den Jäger ſchwerlich mehr beachtet haben, als wenn ſich eine Kuh unter ſie verirrt hätte. Da er aber ein Londoner Stadtkind, ein wirklicher Cockney war, welchen Umſtand die klugen jamaicaniſchen Klashähne unbezweifelt ſofort bemerkt hatten, die liſtige Art ſeiner Annäherung jedoch ihren Verdacht erregte, ſo geriethen ſie in Angſt, erhoben ſich alleſammt in die Luft und flatterten ſchwerfällig davon. Weit flogen ſie nicht, die meiſten ließen ſich auf den naheſtehenden Bäumen nieder und einer ſetzte ſich auf die Spitze eines Baumſtammes, der nicht viel wei⸗ ter als zweihundert Fuß ungefähr von der Stelle ent⸗ fernt ſein konnte, wo Smythje kniete. Dieſer Vogel nun, augenſcheinlich der ſchönſte des ganzen Fluges, zog hauptſächlich die Aufmerkſamkeit des Jägers auf ſich., Er begriff wohl, daß ein ungewiſſer Schuß auf den 1 47 großen Haufen nicht mehr möglich ſei, da die Vögel auf den Bäumen zerſtreut waren. Deshalb hielt er es für beſſer, ſich mit einem einzigen Voögel zu begnügen. Selbſt nur eines von dieſen großen Geſchöpfen würde den Korb wohl gefüllt haben, denn ein wilder Trut⸗ hahn hätte auf alle Fälle doch ein halbes Dutzend Gui⸗ neahühner oder ein Dutzend wilder Waldtauben aufge⸗ wogen. Um ſich einen ganz ſichern Erfolg zu verſchaffen, blieb der unverdroſſene Jäger ſtets auf den Knieen und kroch emſig vorwärts. Wenn er nur ſechzig bis achtzig . Scchritte weiter kommen konnte, ſo wußte er, daß ſeine vortreffliche Flinte den Truthahn erreichen müſſe, da er den Truthahn zweihundert Schritte von ihm entfernt zu ſein ſchätzte. Wirklich wurden die ſechzig Fuß zurückgelegt und der Truthahn verblieb noch immer auf ſeinem frühern Sitze. Jetzt ward das Gewehr auf den Vogel angelegt, die ausgezeichnete Mantonflinte that ihre Schuldigkeit, und gleichzeitig mit dem Schuß fiel der Truthahn und ver⸗ ſchwand von der Spitze des Baumſtammes. Dcer überglückliche Jäge ſtürzte ſogleich hin, um ſeine Beute zu ſichern, und erreichte alsbald die Stelle, wo er ſie zu finden erwartete. Aber zu ſeiner größten Verwunderung war nichts dal Die übrigen Vögel waren alle fortgeflogen; war der angeſchoſſene mit ihnen geflogen? Unmöglich! Er hatte ihn ja ſtürzen ſehen und ohne — konni unmög rogii leben. Er ſuchte nun überall, ging um den Baumſtamm mindeſtens ein Dutzend Mal rund herum und durch⸗ forſchte den Boden überall in der Nähe des Baum⸗ ſtammes, aber nirgends war ein Truthahn zu finden! Wäre der unglückliche Jäger über dieſe gewiſſe That⸗ ſache, den Vogel wirklich getödtet zu haben, nur irgend zw weifelhaft geweſen, ſo würde er die Nachſuchung bald als unnütz aufgegeben haben, aber hierüber war er ſo gewiß, wie über ſein eigenes Daſein, und dies machte ſeine Anſtrengungen, den Vogel zu finden, gerade ſo beharrlich. Er war feſt entſchloſſen, keinen Stock noch Stein ununterſucht zu laſſen, und um ihm hierin bei⸗ beizuſtehen, rief er laut nach ſeinem Quashie. Aber auf all' ſein wiederholtes Rufen erſchien kein Quashie und Herr Smythje mußte daraus ſchließen, daß der Schwarze entweder eingeſchlafen oder daß er von der Stelle, wo er ihn gelaſſen, fortgegangen ſei. Freilich dachte er wohl daran, zurückzugehen und nach Quashie zu ſehen, allein während er noch hier⸗ über nachſann, kam ihm plöͤtzlich ein anderer Gedanke, der das geheimnißvolle Verſchwinden des Vogels voll⸗ ſtändig zu erklären verſprach. Der Baumſtamm, worauf der Vogel geſeſſen, konnte / 1 eigentlich kaum ein ſolcher genannt werden, es war vielmehr der Stamm eines großen Baumes, der plötz⸗ lich unter den Aeſten abgebrochen war, und nun noch ungefähr fünfzehn bis zwanzig Fuß hoch, gerade auf⸗ recht und d ſeſ wie der Thurm eines verfallenen 6 Sehloſ ſſes 49 daſtand. Obwohl vollſtändig todtes abgeſtorbenes Holz und ohne alle Zweige, war er dennoch von ſchönem Grün eingefaßt. Eine vollſtändige Bekleidung von um ſeine Wurzeln emporwachſenden Weinreben und von aus ſeinen verwitterten Seiten hervorſprießenden Schmarotzer⸗ pflanzen umſchloß den ganzen Baumſtamm gleichſam mit einem gewundenen Gitterwerk ſo dicht, daß nur an der Spitze noch der alte Holzſtamm zu erkennen war. Zuerſt glaubte der Jäger, daß ſein Wild wohl zwi⸗ ſchen das knorrige und verwickelte, den Baumſtamm um⸗ ſchlingende Buſchwerk gefallen ſei, aber auch dies hatte er gänzlich mit der groͤßten Sorgfalt durchſucht, und zwar vergeblich. Nun fiel es ihm ein— und das war der bereits erwähnte Gedanke, der ihm vollſtändige Aufklärung zu verſprechen ſchien— daß der Vogel wohl vielleicht gar nicht von dem Stamme heruntergefallen, ſondern todt oben auf der Spitze liegen geblieben ſei und dort noch liegen müſſe. Der Durchmeſſer des abgeſtorbenen Baumſtammes, der an der Spitze oben etwa fünf oder ſechs Fuß be⸗ trug, machte dieſe Vermuthung wahrſcheinlich genug, und Smythie beſchloß, ſie auf die Probe zu ſtellen und deshalb auf die Spitze hinauf zu klettern. Jedenfalls hätte er Quashie hierzu verwandt, aber der war nir⸗ gends zu finden. Einige dicke tauartige Weinſtöcke, die bis zur Spitze des trockenen Baumſtammes hinaufgewachſen waren, ſchienen eine nicht allzuſchwierige Art der Erſteigung darzubieten, und obgleich der Cockney wohl kaum ſo ge⸗ Der Marone. II.— 4 3 50 wandt wie ein geſtiefelter Kater klettern konnte, ſo glaubte er doch, es könne nicht überaus ſchwierig ſein, die Spitze des Baumſtammes zu erreichen. Deshalb ſetzte er ſein Gewehr bei Seite und begann den Verſuch mit großem Eifer. Das Kunſtſtück war jedoch nicht ſo ganz leicht aus⸗ zuführen. Indeß, von dem Wunſche getrieben, ſein Wild⸗ pret zu erlangen, ſowie durch die bereits erwähnten Rückſichten auf den noch leeren Korb, wandte er ſeine äußerſte Kraft an und erreichte glücklich die Spitze. Seine Vermuthung erwies ſich auch als ganz richtig. Da lag der Vogel, nicht auf dem Stumpf, ſondern in demſelben, nämlich auf dem Grunde einer breiten cylin⸗ derartigen Höhlung, die ſich einige Fuß in den trockenen Baumſtamm hinunter erſtreckte. Da lag der Vogel, todt und abgeſtorben wie der Baum. 3 Der Jäger konnte einen lauten Freudenſchrei nicht unterdrücken, als er endlich ſein erſehntes und viel ge⸗ ſuchtes Wildpret ſicher in ſeinem Bereiche ſah. Freilich war es noch nicht ganz in ſeinem Bereiche, da er, als er niederkniete und ſeinen Arm ſo weit als möglich ausſtreckte, fand, daß er den Vogel ſelbſt mit den Fingerſpitzen noch nicht erreichen könne. Doch, das war eigentlich von keiner Bedeutung, denn er mußte nur in die Höhlung des Baumſtammes ſteigen, was leicht ausgeführt werden konnte, da ſie weit genug und nicht über vier Fuß tief war. Ohne weiteres Bedenken erhob er ſich auf ſeinen Füßen und ſprang in die Höhlung hinab. Das war jedenfalls einer der unglücklichſten Sprünge, die Herr Smythje je in ſeinem Leben gemacht hatte. Die braune Oberfläche, worauf der Vogel lag und die ſo betrüge⸗ riſch feſt ausſah, war nichts als eine Maſſe verrotteten faulen Holzes, das vom langen Faulen morſch wie Wachsſcheiben war. So ſchwach war das Holz, daß es, obwohl es den todten Vogel trug, doch unter dem Gewichte des lebenden Mannes ſogleich nachgab und daß der Herr von Schloß Montagu ſo ſchnell in die tiefe innere Baumhöhle verſank und ſo ploͤtzlich dem äußeren Blicke entſchwand, als wäre er von der großen Raa der„Seenymphe“ in die tiefſten Tiefen des Atlan⸗ tiſchen Meeres hinabgeſprungen. * Siebentes Kapitel. Smythje von ſeinen Stiefeln gequält. So plötzlich der Sturz war und ſo dunkel der Ab⸗ grund, in den dieſer gerathen, der Jäger ward keines⸗ wegs dadurch getödtet, nicht einmal ſtark beſchädigt, denn das verfaulte Holz, durch welches er gefallen, war frei⸗ lich nicht mehr feſt genug, um ihn zu tragen, hatte aber der Heftigkeit ſeines Sturzes doch hinlänglichen Wider⸗ ſtand geleiſtet, ſo daß er auf den Grund nur langſam und nach und nach gelangte.. Aber obwohl durch den Fall weder getödtet noch wirklich ernſthaft verletzt, war er doch einige Zeit ſeiner Sinne ſo vollſtändig beraubt, als wäre dies wirklich der Fall geweſen. Der ſchreckliche Sturz hatte ihm 4 52 nicht nur die Sprache, ſondern auch die Beſinnung ge⸗ raubt, und einige Augenblicke hindurch war er deshalb ganz mäuschenſtill, gerade wie ein Schachtelmännchen, das wieder in ſeine Schachtel eingeſperrt iſt. Doch bald fühlte er, daß er, obgleich bös erſchreckt, doch nicht arg beſchädigt ſei; ſein Bewußtſein kehrte wieder und er machte mit ſeinen Beinen eine kräftige Bewegung, um in die Höhe zu kommen, denn bei dem Sturze hatte er wider ſeinen Willen einen ſchneiderarti⸗ gen Sitz eingenommen. Nach verſchiedenen Anſtrengungen ſtand er auch wie⸗ der einigermaßen auf den Füßen und da er bemerkte, daß von oben Licht komme, ſo wandte er ſeine Augen dorthin. Wohl bedurfte er einiger Zeit, um die Eigenthüm⸗ lichkeit des Ortes, an dem er ſich befand, wirklich zu begreifen, denn eine dichte Wolke ſchwamm um ihn herum, die ihn nicht nur am Sehen hinderte, ſondern ihm auch in Mund und Naſe drang und ihn ſo zu ſtarkem Nieſen zwang. Nach und nach jedoch verzog ſich der Staub und der unglückliche Smythje war im Stande, ſeine Lage zu überſehen, Ueber ſeinem Kopfe befand ſich ein lichter runder Fleck, den er als den Himmel erkannte, und rund um ihn herum eine dunkelbraune Wand, die ſich mehrere Fuß über dem Bereich ſeiner ausgeſtreckten Arme erhob. Nun ſah er ein, daß er in der Höhlung eines großen aufrechten Cylinders aus altem verfaultem Holze ſich befand. — — — Wie ſeine Sinne ſich ſtärkten und auch die Luft um ihn klarer und reiner wurde, fing er an, den Unfall, der ihn getroffen, beſſer zu begreifen. Zuerſt ſah er ihn gar nicht als ein ſo großes Mißgeſchick an und war faſt in der Stimmung, darüber als über ein ſpaßhaftes Abenteuer zu lachen. Erſt als er weiter nachdachte, wie er herausklettern wolle und bereits einen wirklichen Verſuch dazu gemacht hatte, gewahrte er die bisher gar nicht in Erwägung gezogene Schwierigkeit und fühlte ſich ſehr dadurch beunruhigt. Ein zweiter Verſuch, aus dem merkwürdigen Gefäng⸗ niſſe herauszukommen, war ohne Erfolg, wie der erſte, ebenſo ein dritter; ein vierter Verſuch hatte keinen beſſe⸗ ren Ausgang, ein fünfter ſchlug ebenfalls fehl und nach dem ſechſten ſank er halb verzweifelt auf den verfaulten Moder zurück. Wohl hätte er hier paſſend ausrufen können: „Facilis descensus Averni, sed revocare gradum.“** Herr Smythje wurde nun von unbeſchreiblicher Furcht ergriffen, die ihn einige Zeit hindurch auch voll⸗ ſtändig überwältigte und an allem Denken verhinderte. Als er aber wieder zu einigem Nachdenken gelangte, machte dieſes die fürchterliche Wirklichkeit ſeiner Lage nur um ſo gewiſſer, denn je mehr er überlegte, deſto mehr wurde er von der wirklich vorhandenen Gefahr überzeugt, in die ihn ſein raſcher, unüberlegter Sprung geſtürzt hatte. *)„Leicht iſt's, den Avernus hinab zu ſteigen, aber ſchwer, einen Schritt zurück zu thun.“ Virgil. v V V 54 Es war deshalb keineswegs nur ein leichtes Miß⸗ geſchick, ein ſpaßhaftes Abenteuer, ſondern geradezu ein Unglück, eine Gefahr, eine entſchiedene Gefahr für ſein Leben. Ja, ſein Leben war unbedingt in Gefahr, und gar raſch erkannte er dies ſelbſt. Die ganze Gefahr ward ſeinem Geiſte jetzt auf einmal vollſtändig klar, denn wenn er ſich ſelbſt aus dem Gefängniſſe, in das ihn ſein unglücklicher Sprung einſperrte, nicht heraushelfen konnte, wer ſollte es dann thun? Auf Quashie konnte er ſchwerlich große Hoffnung ſetzen. Der ſchwarze Bube war eine ziemliche Entfer⸗ nung zurückgelaſſen worden, und da er auf ſein Rufen nicht geantwortet hatte, ſo mußte er ſchlafen oder fort⸗ gegangen ſein und jetzt herumſchweifen. Jedenfalls, durch welches Ungefähr ſollte Quashie ihn finden? Vermochte der Bube ſeinen Spuren bis nach dem Baume hin zu folgen? Das war höͤchſt unwahrſchein⸗ lich, denn Smythje erinnerte ſich, daß der Weg, den er hieher gemacht, meiſt mit wildem Guineagraſe bedeckt geweſen war, worauf weder ſeine Füße noch ſeine Kniee eine Spur zurückgelaſſen haben konnten. Wenn Quashie aber ſeine Spuren nicht entdecken konnte, wie ſollte er ihn auffinden? Und wer ſollte ihn überhaupt nur auf⸗ ſinden, ach, wer ſonſt nur? Wer konnte hier irgend wahrſcheinlicher Weiſe des Weges kommen? D, Niemand, Niemand! Der Baum 4 der ihn um⸗ ſchloß, ſtand in der Mitte einer Wildniß, rundherum einſamer Forſt, keine Wege, keine Fußſteige! Er konnte da einen Monat verweilen, ohne daß ſich ein menſch⸗ 55 liches Weſen dem Platze nahte. Und eine Woche würde ja mehr als genug ſein, um ihn zu todten! Ja, in einer Woche oder in noch kürzerer Zeit mußte er nothwendig hier verhungern! Die Ausſicht war ſchrecklich! Und ſie erfüllte ihn auch in der That mit ſolchem Schrecken, daß ſein Muth gänzlich ſank und er in die äußerſte Betäubung des Verzagens und der Verzweiflung verfiel. Indeß iſt es nicht natürlich, daß Jemand ſich der äußerſten Verzweiflung ſofort überläßt, ohne eine letzte Anſtrengung gemacht zu haben. Der ſelbſt den niedrig⸗ ſten Thieren innewohnende Trieb der Selbſterhaltung beſeelt auch den ſchwächſten menſchlichen Geiſt. Der unſeres Montagu Smythje war nun freilich keiner der ſtärkſten und war auch bereits gleich dem erſten Angriffe unterlogen; doch nach einiger Zeit trat eine Gegenwir⸗ kung ein und ſpornte ihn 3u erneuter Auſtrengung für ſein Leben an. Noch einmal verſuchte er, die ſteile, ihn umringender Wand zu erklettern, doch abermals mißglückte dieſer Verſuch ganz wie zuvor. Bei dieſem letzten Verſuche hatte er indeß bemerkt, daß ſeine Anſtrengungen hauptſächlich durch drei ver⸗ ſchiedene Hinderniſſe zu Nichte gemacht worden, nämlich durch die enganliegenden, von Schweiß feuchten rehleder⸗ nen Beinkleider, durch die Stiefeln, und ganz beſonders durch die, die Beinkleider wie die Stiefeln feſthaltenden Sprungriemen oder Stege. Sich von dieſen Hinderniſſen zu befreien, war nun ſein nächſter Gedanke, und dies ſchien auch nicht ſo 56 ſchwer zu erreichen zu ſein, allein beim wirklichen Ver⸗ ſuche ſtellte es ſich als höchſt ſchwierig heraus. In dem engen Raume, worin er ſtand, kounte er keine gebückte Stellung annehmen, um im Stande zu ſein, die Stege zu faſſen und abzuknöpfen, denn ſo lange dieſe geknöpft verblieben, war es unmöglich, die Stiefel auszuziehen. Freilich konnte er ſich wohl nach Schneider⸗ weiſe niederkauern, wie er ſchon früher gethan, aber in dieſer Stellung wurden die Stege ſo ſtraff angezogen, daß ſie durchaus nicht abzuknöpfen waren. Die zarten Finger des Stutzers wenigſtens waren hierzu vollkom⸗ men unfähig. Allein„Noth macht erfinderiſch“. Dieſes Sprüch⸗ wort bewährte ſich auch in Smythje's Fall, denn nun fiel es ihm ein, die Tragbänder anſtatt der Stege los⸗ zumachen und ſich auf dieſe Weiſe gänzlich von ſeinen Unterkleidern zu befreien. Zu dieſem Ende erhob er ſich wieder auf die Füße, doch während dem fiel ihm noch etwas Beſſeres ein, nämlich ſeine rehledernen Unausſprechlichen gerade über den Knieen abzuſchneiden und ſo alle Hinderniſſe auf einmal zu beſeitigen. Sein Jagdmeſſer hatte er bei der Branntweinflaſche auf dem Frühſtücksplatze zurückgelaſſen, aber das Feder⸗ meſſer, das er glücklicher Weiſe in der Weſtentaſche trug, war hierzu viel geeigneter. Deshalb zog er es heraus, öffnete es und begann, ſeinen letzten Gedanken in's Werk zu ſetzen. Ein Querſchnitt in dem Rehleder gerade über den Knieen war leicht gemacht, und dann wurden mit ab⸗ 7 57 wechſelnder Unterſtützung der Zehen und der Hacken die Stiefeln, die Beinkleider, die Stege mit Allem was daran war, zu gleicher Zeit entfernt und Smythje ſtand nun auf Strümpfen. Lange blieb er jetzt nicht unthätig, die Gefahr zwang ihn zur äußerſten Anſtrengung, und noch einmal ver⸗ ſuchte er, die Wände ſeines Baumgefängniſſes zu er⸗ klettern. Weh!l nach allen heißen Bemühungen, nach manchem oft wiederholten, aber ſtets erfolgloſen Klettern ward er zu der erſchreckenden Ueberzeugung genöthigt, daß ſeine Rettung durch ihn ſelbſt unmöglich ſei. Freilich konnte er bis zu vier Fuß von der Mün⸗ dung der Baumhöhle entfernt die Wand hinaufgelangen, aber hier war die Oberfläche, die lange der Luft und dem Wetter ausgeſetzt geweſen, ſo glatt und außerdem noch vom letzten Regen ſo feucht und ſchlüpfrig, daß er ſich durchaus nicht daran feſtzuhalten vermochte, denn jedesmal, wenn er das verfaulte Holz faſſen wollte, ver⸗ lor er das Gleichgewicht und fiel auf den Grund zurück. Dieſe wiederholten Fälle betäubten und verwirrten ihn, denn ſie geſchahen aus nicht unbeträchtlicher Höhe, zehn oder zwölf Fuß, und wäre der weiche Moder nicht unten geweſen und hätte die Erſchütterung des Falles gemildert, ganz ſicher hätte ein einziger ſolcher Sturz vollkommen genügt, ihn für immer zum Krüppel zu machen. Abermals ſank jetzt ſein Muth, abermals überließ er ſich der grimmigſten Verzweiflung. — —— — — — Achtes Kapitel. Ein tropiſcher Kedrnſchaner I Zeit das Bewußtſein vollkommen zurückkehrte, nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung. Er machte nun keine weiteren Verſuche mehr, hinaus zu klettern; die vielen mißlungenen Anſtrengungen hatten ihn vollkom⸗ men von der Unmöglichkeit überzeugt, und er glaubte nun, daß ſeine einzige Hoffnung darauf beruhe, daß Quashie oder irgend ein Anderer des Weges käme. Solch' ein Zufall war allerdings ſchwerlich zu erwar⸗ ten, denn ſollte ſelbſt wirklich Jemand bei dem verdorr⸗ ten Baume vorübergehen, wie ſollte er es wiſſen, daß Smythje darin ſteckte? Wie ſollte er nur auf den Ge⸗ danken kommen, daß der außen grüne Baum innen hohl und daß in dieſer cylinderiſchen Höhlung gar ein menſch⸗ liches Weſen eingeſchloſſen und in dem aufrechten höl⸗ zernen Sarkophage lebendig begraben ſei? Freilich hätte ein Vorübergehender wohl die auf dem Boden neben dem Baume liegende Flinte ſehen müſſen, aber das allein hätte immer noch nicht zur Entdeckung ihres Eigenthümers führen können. Geſehen zu werden war alſo keine Ausſicht vorhan⸗ den; ſeine einzige Hoffnung mußte daher ſein, daß er vielleicht gehört werden möchte, und ſobald er dieſen Ge⸗ danken gefaßt hatte, begann er aus allen Kräften mit lauteſter Stimme zu ſchreien. Jetzt bedauerte er ſehr, daß er dies nicht ſchon zu⸗ —— 1 ⸗ * 59 vor gethan, da während der Zeit bereits Jemand hätte vorübergehen können. Wohl hatte er gleich nach dem Hereinfallen in den erſten Augenblicken der Ueberraſchung und des Schreckens verſchiedene Male laut und heftig geſchrieen, doch wäh⸗ rend der Verſuche hinauszuklettern, hatte er dies unter⸗ laſſen.— Jetzt, wo er die Nothwendigkeit, Lärm zu machen, noch mehr einſah, beſchloß er, die frühere Nachläſſigkeit gut zu machen und deshalb begann er mit aller Kraft ſeiner Lungen einen Schrei nach dem andern auszuſtoßen. Mehrere Minuten lang ſchrie er jetzt unaufhörlich, aber trotz des gellen Schreiens hatte er immer Angſt, nicht gehört zu werden. Denn ſelbſt wenn Jemand vorüberginge, würde ſeine Stimme ihn wohl erreichen? e Baumrinde um ihn herum war durchaus nicht dünn, denn aus dem Umfange des Stammes zu ſchließen, mußte zwiſchen ihm und der freien Luft eine dicke und feſte Holzmauer vorhanden ſein, gar nicht die Bedeckung von Weinreben und Schlingpflanzen gerechnet, die doch den Schall abſchwächten. Während ſolche Erwägungen an ſeinem Geiſte vor⸗ überzogen, war die Befürchtung, daß er gar nicht ge⸗ hört werden könne, faſt ſchon zur Gewißheit geworden, und das fürchterliche Schreckensbild, das die Verzweif⸗ lung erzeugt, ſtand abermals vor ihm, gräßlicher und entſetzlicher, denn je zuvor. Auch lähmte es ihn vollſtändig und beraubte ihn gänzlich der Stimme, aber die Nothwendigkeit trieb ihn dennoch zu erneuten Anſtrengungen. Die einzige Mög⸗ — 4—, lichkeit, ſein Leben zu retten, lag noch darin, daß er ge⸗ hört wurde, und hiervon überzeugt, erhob er wiederum ſeine Stimme, deren Töne vom Schreien zu einem wah⸗ ren Heulen übergingen. Faſt eine Stunde ſetzte er dieſe melancholiſche Ca⸗ vatine fort, ohne irgend eine andere Antwort als das Echo ſeiner eigenen Stimme zu erhalten, die in der Baumhöhle in dumpfen Klagetönen wiederhallte— ein in der That höchſt klägliches Selbſtgeſpräch aus ab⸗ wechſelndem Stöhnen und Heulen mit zeitweiligen kleinen Pauſen, in denen der Rufer auf eine Antwort horchte. Aber es erfolgte keine Antwort und auch keine Ver⸗ änderung fand in ſeiner ganzen Lage ſtatt, ausgenom⸗ men eine, welche dieſe nur noch erbärmlicher und hilf⸗ loſer machte. Gleich, als hätten ſeine jämmerlichen Klagetöne den Dämon des Sturmes geweckt, ſo wurde der Himmel plöͤtzlich mit dichten ſchwarzen Wolken über⸗ zogen, aus denen ein Regen herabſtrömte, wie er etwa während der vierzig Tage der Sündfluth gefallen ſein mag! Es war einer jener tropiſchen Schauer, wo das Waſſer nicht in einzelnen unterſcheidbaren Tropfen, ſondern in langen zuſammenhängenden Strömen niederfällt, gleich als wäre das Himmelsgewölbe ein großes ungeheures Sturzbad, deſſen Schnur angezogen und feſtgebunden iſt. 8 Obwohl gut vor dem Winde geſchützt, hatte der un⸗ glückſelige Smythje doch kein Dach, keine Bedeckung irgend einer Art, um ſich dem Regen zu entziehen, der auf ſein geweihtes Haupt herabſtürzte, als wäre das Rohr einer mächtigen Pumpe an die Höhlung des abge⸗ ————— 5 — v———— r—-— 61 ſtorbenen Baumſtammes angelegt geweſen. In der That trug die trichterförmige Oeffnung, die bedeutend weiter als das Uebrige der Höhlung war, viel dazu bei, eine größere Maſſe Regen hineinzuleiten, und hätte das Waſſer nicht dadurch einen Ausfluß gefunden, daß es durch die Maſſe trockenen Moders durchſickerte, Herr Smythje hätte wirklich mehr in Gefahr eines plötzlichen Todes durch Ertrinken, als eines langſamen durch Ver⸗ hungern ſich befunden. Venn er indeß auch nicht ertrank, ſo erhielt er doch ein gehöriges Sturzbad; nicht ein trockener Faden ver⸗ blieb ihm, denn er ward bis auf die Haut durchnäßt. Der ſeidenſammetne Jagdrock, die Purpurweſte und was noch von den rehledernen Beinkleidern übrig, Alles war in gleicher Weiſe eingeweicht und vollſtändig naß. Selbſt ſein Backenbart hatte ſeine krauſe Steifigkeit verloren, die gewundenen Locken an den Spitzen des Schnurr⸗ barts waren ausgefallen, das Kopfhaar war ſeines frü⸗ heren Glanzes beraubt und Alles hing tröpfelnd und ſchmutzig herunter. Um in dieſer traurigen Geſtalt, die zitternd und ſchauernd jetzt in dem hohlen Baume ſtand, Herrn Mon⸗ tagu Smythje, den zierlichen und elegant ausgerüſteten Jäger vom ſelben Morgen wieder zu erkennen, wäre fedenfalls eine bedeutende Doſis Einbildungskraft nöthig geweſen. So kläglich und trübe aber auch ſeine Blicke, ſeine Gedanken waren es noch viel mehr. Zu Zeiten freilich wurde er böſe und zornig— zornig auf ſein Mißge⸗ ſchick— zornig auf Quashie— zornig ſelbſt auf Herrn 8 Vaughan, weil er ihm einen ſo unaufmerkſamen Be⸗ gleiter mitgegeben hatte. Dann war er boshaft und trotzig genug, zu ſchimpfen und zu fluchen. Ja, in die⸗ ſer verzweifelten Lage fluchte Smythje ganz gottesläſter⸗ lich und der Eigenthümer von Willkommenberg wie Quashie waren wechſelsweiſe der Gegenſtand ſeiner Ver⸗ wwünſchungen. Auch Jamaica ward von ihm hierbei nicht vergeſſen, ſo wie ſeine Tauben und Perlhühner und vor allen Dingen ſeine wilden Truthähne! „Die ſcheuß— liche Uenſel!“ rief er wiederholt in ſeiner trübſeligen Angſt aus, und verwünſchte den Tag, an dem er zuerſt den Fuß auf ſie geſetzt hatte. Was hätte er jetzt nicht gegeben, um nur einmal wieder in ſeiner„deuren Metropole“ zu ſein. Gern würde er ſein Baumgefängniß für eine Kammer im Königsgefäng⸗ niß(King's Bench) in London ausgetauſcht haben— ja ſelbſt die ſchlechteſte Zelle in Old⸗Bayley, einem der ſchlechteſten Gefängniſſe London’s, wäre ihm lieber ge⸗ weſen. Der arme Smythje! noch hatte er keineswegs den Höhepunkt ſeines Jammers und ſeiner Qualen erreicht! Noch ein neues Leiden erwartete ihn, eins, mit dem die bisherigen im Vergleich höchſt leicht zu ertragen ge⸗ weſen waren. Erſt dann, als das ſchleimige Weſen über ſeine Füße kroch und anfing, ſich um ſeine Knöchel zu winden, während die kalte klebrige Berührung durch die ſeidenen Strümpfe peinvoll fühlbar ward, erſt dann empfand er recht eigentlich ein wirkliches Gefühl wahr⸗ haften Schreckens! Er ſtand in dem Augenblicke ruhig, ſprang aber ſo⸗ 63 gleich in die Höhe, als wenn ihm plotzlich⸗glühende Koh⸗ len unter die Fußſohlen geſchoben wären. Doch das Aufwärtsſpringen half ihm nichts, da er ſogleich an dieſelbe Stelle niederfiel; und hierbei fühlte er jetzt deut⸗ lich, ſich zu ſeinen Füßen krümmend, den ſchlüpfrigen und glatten Körper einer Schlange! Neuntes Kapitel. Ein gefährlicher Tanz. Ohne allen und jeglichen Zweifel ſtand oder viel⸗ nehr tanzte der unglückſelige Smythje auf einer Schlange, denn als er das ſchuppige Geſchöpf unter ſeinen Füßen mit ſtarker Muskelkraft kriechen und ſich winden fühlte, war es gewiß der menſchlichen Natur entgegen, auf einem ſolchen gefährlichen Fußgeſtelle ruhig zu verbleiben. Einige Zeit tanzte er förmlich wie wahnſinnig hin und her, mit der Erwartung, jeden Augenblick den Stich oder Biß des grauſen Thieres zu fühlen. Jeder, der ihn jetzt geſehen, würde ein vom Schrecken leichen⸗ blaſſes Geſicht erblickt haben, mit glaſigen, aus den Höhlen heraustretenden Augen, während ſich das tropfende Haar auf ſeinem Kopfe vor Angſt ſträubte. Indeß plötzlich flog über den dunkelen Himmel ſei⸗ ner Verzweiflung ein heller Lichtſtrom und erleuchtete ſeinen Geiſt: er erinnerte ſich, als ganz gewiß gehört zu haben, daß es auf Jamaika keine giftigen Schlan⸗ gen gäbe. Dennoch war dies nur ein Funke von Troſt. Wenn das Kriechthier auch nicht giftig ſtach, ſo konnte es doch beißen, und da es ſo ungeheuer groß war, daß es mit ſeinen Ringeln den ganzen Boden ſeines cylin⸗ deriſchen Kerkerraumes bedeckte, ſo mußte ſein Biß jeden⸗ falls fürchterlich ſein. Vielleicht war es auch nicht einmal blos eine Schlange? Vielleicht war hier eine ganze Familie von Schlangen vorhanden, von denen eine ſtets über die an⸗ dere kroch und ſich unter ſeinen Füßen wand? Wenn dies der Fall, und es war wahrſcheinlich genug, ſo konnte er von Allen gebiſſen, wiederholt ge⸗ biſſen, in Stücke geriſſen, ja verſchlungen werden! War es denn nicht ganz gleich, ob ſie giftig ſeien oder nicht? Glücklicher Weiſe für Smythje waren die Schlangen — denn ſeine Muthmaßung, daß dort mehrere ſein möchten, war vollkommen richtig— glücklicher Weiſe waren ſie ſämmtlich in halbem Schlafe, ſonſt möchte die gefürchtete Gefahr wirklich haben eintreten können. Jetzt war die ganze Schlangengeſellſchaft aus einem Zuſtande der Erſtarrung aufgeweckt, der kalte Regen hatte ſie nämlich in ihrem Verſtecke erreicht und ſie in ihrem Schlafe geſtört. Erſt halb erwacht und in hal⸗ ber Erſtarrung vermochten ſie nicht, Freund vom Feind zu unterſcheiden, und dieſem Umſtande lediglich verdankte es Smythje, daß ſeine Haut, ja ſelbſt ſeine ſeidenen Strümpfe unverſehrt blieben. Deshalb entkam er auch ohne irgend einen Biß, obwohl er den Grund nicht wußte. Wenn er nun auch lange Zeit gar nicht berührt 65 wurde, ſo verminderte ſich ſeine Furcht doch keineswegs. Im Gegentheil erregte die Furcht, lebendig aufgefreſſen zu werden, immer noch Angſt genug und trieb ihn zu erneuter Anſtrengung, aus ſeiner gefährlichen Lage her⸗ auszukommen. Dies war nur noch in einer einzigen Weiſe möglich, nämlich den Schornſtein, worin er ſich befand, ſoweit als möglich hinaufzuklettern, und hierdurch außer den Bereich der Schlangen zu kommen. Sobald er dieſen neuen Gedanken erfaßt, ſprang er auf, ſchüttelte die Schlangengewinde von ſeinen Füßen und gelangte nach einigem Hin⸗ und Herklettern unge⸗ fähr einige zehn Fuß hoch von dem Boden des hohlen Baumes. Hier gewährte ihm eine geringe Hervorragung einen erträglichen Sitz, indem er ſeine Zehen an die ent⸗ gegengeſetzte Seite ſetzen mußte, um ſich in dieſer Stel⸗ lung halten zu können. Dennoch war dies auf die Länge höchſt ermüdend und nicht auszuhalten, wie er zu ſeinem großen Schrecken bald bemerkte. Seine Kräfte mußten bald erſchöpft und ſeine Füße und Zehen bei der unaufhörlichen Anſtrengung bald von einem Krampf befallen, gänzlich kraftlos werden, dann würde er ſeinen Platz verlieren und unvermeidlich zwi⸗ ſchen die Ungeheuer hinunterfallen müſſen, die zum zwei⸗ ten Mal ſicher ihre Zähne beſſer gebrauchen würden, als das erſte Mal. Die Ausſicht auf ſolch' ein fuͤrchterliches Schickſal Der Marone. II. 5 66 trieb ihn, alle ſeine Kräfte anzuſtrengen, um das Gleich⸗ gewicht und ſeinen Platz zu bewahren, während ſie ihm zugleich das gellendſte Angſtgeſchrei entlockte. Alle ſeine Anſtrengung hätte ihn nicht retten können, aber ſein Angſtgeſchrei erwies ſich ihm in dieſem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke als Retter. Denn als ſeine Kraft faſt ſchon erſchöpft und er beinahe daran war, ſeinen Haltepunkt loszulaſſen, gerade da erſchien vor ſeinen nach oben gerichteten Augen ein Gegenſtand, der ihn trieb, mit der letzten äußerſten Kraftanſtrengung noch ein wenig länger auszuhalten. Ueber ihm nämlich und halb die Mündung der Baumhöhle ausfüllend, erſchien ein rieſiger Kopf mit einem pechſchwarzen Geſicht und zwei gelblichweißen Augen. Nichts Anderes war zuerſt zu ſehen, doch dann zeigte ſich noch eine doppelte Reihe großer weißer Zähne, die zwiſchen einem Paar dicker, knorpelig aufgeworfener Lippen hervorglänzten. In ſeiner vollkommenen Sinnesverwirrung war Smythje den erſten Augenblick geneigt, ſich von zwei Dämonen bedroht zu ſehen, dem einen unten in der Geſtalt ſcheußlicher Schlangen und dem andern über ihm in halb menſchlicher Bildung, denn die grinſenden weißen Zähne und die gelblichen in ſchwarzen Höhlen rollenden Augen gewährten ein wahrhaft dämoniſches Ausſehen. Von den beiden Dämonen zog er indeß doch wohl den einen bei Weitem vor, der in etwas ſeine Geſtalt beſaß, und als ein mächtiger ſchwarzer Arm, der faſt wie ein junger Baumſtamm, mit einer Titanenhand ſich 7 7 1 67 nach ihm hinunterſtreckte, fühlte er ſich mit der größten Leichtigkeit in die Höhe gehoben. Im nächſten Augenblicke befand er ſich auf der Hoͤhe des Baumſtammes und ſein Befreier ſtand ihm zur Seite. Das helle Licht, das jetzt auf einmal die Augen des wunderbar befreiten Smythje traf, machte ihn, anſtatt ihn Alles deutlich ſehen zu laſſen, zuerſt vollkommen blind, und er wußte nur in Folge des kräftigen Hand⸗ griffes, der ihn hielt, daß ein Mann an ſeiner Seite ſtand, ein faſt nackter Mann von rieſiger Größe. Alles dies wußte Smythje nur durch Fühlen, denn ſo ſchwindelig und betäubt war er, als er aus dem hohlen Baum auftauchte, daß der ſchwarze Mann ihn noch einige Minuten lang in einer Art von Umarmung halten mußte, damit er nicht ſchwanke und hinunterfalle. Während Smythje die Bruſt ſeines rieſenhaften Befreiers umfaßte, hatte er verſchiedene Riemen und Schnüre ge⸗ fühlt, an denen Hörner und Taſchen hingen, und hier⸗ aus ſchloß er, daß der Mann ein Jäger ſei. Doch bald wurden Smythje's Augen wieder ſtark genug, um das Licht zu ertragen, und nun ſah er den Mann, der ihn aus der gefährlichen Klemme errettete, deutlich vor ſich. Zugleich bemerkte er auch, daß dieſer nicht allein war, denn als er von ſeinem hohen Rande hinunterblickte, ſah er ein Dutzend Andere um den Baum ſtehen, alle oder wenigſtens die Mehrzahl mit pechſchwarzer Haut, und faſt in gleicher Weiſe bewaffnet, bekleidet und ausgerüſtet. Die konnten doch nicht alle Jäger ſein? Sicher war 5* 68 er bei ſeiner erſten Vermuthung fehl gegangen? Sein Befreier war am Ende kein Jäger, ſondern ein entlau⸗ fener Neger, ein Räuber? Er war unter eine Bande Räuber gekommen, denn was anderes konnten ſie ſonſt hier in den jamaicaniſchen Bergen ſein? „RReiber ſünd ſü, ſücherlich!“ ſprach Smythje leiſe zu ſich ſelbſt. Waren ſie wirklich Räuber, ſo waren ſie mindeſtens doch eine muntere, luſtige Bande, denn, ſobald der Jä⸗ ger aufrecht auf der Spitze des Baumſtammes ſtand und Anſtalt machte, hinunter zu ſteigen, ſo begrüßte ihn ein voller Chor hellen und lauten Gelächters, an wel⸗ chem ſein rieſiger Befreier nicht nur Theil nahm, ſon⸗ dern ſelbſt die erſte Baßpoſaune blies. Obwohl er nun faſt glauben mußte, daß die ſpaß⸗ hafte Fröhlichkeit ſich auf ſeine Koſten erhob, ſo war Smythje dennoch höchſt zufrieden, die Räuber in ſo hei⸗ terer Laune anzutreffen. Von ſolchen munteren Geſellen brauchte er nichts zu fürchten, als höchſtens ſeiner Geld⸗ börſe, ſeiner Waffen und ſonſtigen Sachen beraubt zu werden. Seine Kleider in ihrem jetzigen Zuſtande wür⸗ den ſie ohnehin ſchwerlich begehren. Um ihren Anforderungen zuvorzukommen und ſie ſich freundlichſt zu verbinden, zog Smythje, ſobald er ebenen Grund und Boden erreichte, ſeine Börſe und be⸗ gann ihren Inhalt ſofort unter ſeiner neuen Bekannt⸗ ſchaft zu vertheilen, während er ſeinem Befreier, unter deſſen beſonderen Schutz er ſich jetzt ſtellte, den doppel⸗ ten Antheil gab. Dieſe wohl gänzlich unerwartete Freigebigkeit ſchien 69 den glücklichſten Eindruck hervorzubringen. Die Räuber lachten nicht mehr über ihren Gefangenen, ſondern beeil⸗ ten ſich, ihm alle nur mögliche Höflichkeit zu erweiſen. Einer von ihnen, ein junger Mann von lichtgelber Farbe, der ihr Hauptmann zu ſein ſchien, ſchlug es ſo⸗ gar ab, irgend etwas anzunehmen und gab das ange⸗ botene Geld mit einer ſo anmuthigen Würde zurück, daß ſelbſt Smythje darüber verwundert war. Er wollte ſich von dem Räuberhauptmann nicht an Höflichkeit übertreffen laſſen, und da er glaubte, daß ſeine Gabe zurückgewieſen wurde, weil ſie in Geld beſtand, ſo bot er ihm unverzüglich ſeinen Londoner Schrotgürtel und ſein Pulverhorn an, die während aller Kämpfe über ſeinen Schultern hängen geblieben waren. Dies ſchien dem Räuberhauptmann eine annehmbare Gabe zu ſein, denn er behielt nicht blos das Geſchenkte, ſondern dankte auch dafür in höchſt geeigneter Rede. Smythje, der nun deutlich ſah, daß ihm weiter kein Leid zugefügt werde, erlangte jetzt bald ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gleichmuth wieder und ſetzte auf den Wunſch des Räuberhauptmanns weitläufig auseinander, wie er in dem hohlen Baume gefangen worden ſei, indem er ihm alle ſeine Abenteuer von der Beſchleichung des wil⸗ den Truthahns an bis zu ſeiner Befreiung erzählte. Die eigenthümlichen Zuhörer lauſchten mit der leb⸗ hafteſten Theilnahme ſeiner Erzählung, vorzüglich aber auf den Theil derſelben, wo er der wilden Truthähne in den Wäldern von Jamaica erwähnte, einer Sache, worüber ſie ſehr ungläubig zu ſein ſchienen. Sobald Smythje ſeine Erzählung beendet, machte 70 ber Räuberhauptmann ein Zeichen und flüſterte einige Male zu Einem aus ſeinem Gefolge, dem Kleinſten von der ganzen Bande. Dieſer zog in Folge des ihm gegebenen Auftrags ein Paar große bocklederne Handſchuhe an, die ihm bis zum Ellenbogen reichten, und kletterte dann behende auf die Spitze des dürren Baumes hinauf. Hier befeſtigte er einen mit hinaufgenommenen Strick oben an dem Stamme und ließ ſich furchtlos in den dunklen ſchlangenbewohnten Raum hinab, dem zu ent⸗ gehen Smythje ſo froh geweſen war! Der kleine Burſche war kaum eine halbe Minute in dem hohlen Baume geweſen, als aus der Mündung deſſelben ein glänzender Gegenſtand geworfen wurde, der von Schlangengeſtalt und hellgelber Farbe war. Sich windend und krümmend, blieb dies Geſchöpf einige Augen⸗ blicke in der Luft hängen, fiel aber dann mit einem hör⸗ baren Schlage auf den Raſen. Seine bedeutende Größe, wie die goldenen und ſchwarzen Linien ließen es leicht als die„gelbe Schlange“ Jamaica's(chilabothrus inor- natus) erkennen. Kaum war dieſe erſte auf dem Boden, als eine zweite, eben ſolche, aus dem hohlen Baume heraus⸗ geworfen wurde, und dann gar noch eine dritte und noch eine und abermals eine, bis nicht weniger als ein Dutzend dieſer gräßlichen Thiere rings auf dem Raſen zerſtreut lagen! Die Schwarzen tödteten die Schlangen, wie ſie nieder⸗ ſielen, nicht weil ſie dieſelben beſonders haßten oder weil ſie dieſelben als Ungeziefer vertilgen wollten, ſondern im 8 4 71 Gegentheil, jede getödtete Schlange wurde ſorgſam in einen der weidengeflochtenen Körbe oder Cutacvos ein⸗ gepackt, worin die Lebensmittel dieſer Waldſtreicher be⸗ findlich waren. Nachdem der hohle Baum ganz von Schlangen aus⸗ geleert war, kam noch ein ganz verſchiedenartiger Gegen⸗ ſtand aus demſelben heraus. Dieſer war eine ungeſtal⸗ tete Maſſe von ſchmutziger gelber Farbe, die ſofort als einer von Herrn Smythje's Stiefeln, noch in der reh⸗ ledernen Bedeckung ſteckend, erkannt wurde. Der andere Stiefel folgte bald nach, und dann zum unendlichen Vergnügen der Schwarzen der„wilde Truthahn“, der den Jägersmann eigentlich in die klägliche Lage geführt und der nun, theils ſeines Gefieders beraubt, theils zu⸗ ſammengequetſcht und beſchmutzt, nur wenig geeignet er⸗ ſchien, ſeinen Wildkorb zu zieren. Smythje indeß, vollkommen zufrieden, wenigſtens ſein Leben gerettet zu haben, dachte gar nicht mehr an den Wildpretkorb noch an irgend etwas anderes, als auf dem kürzeſten Wege nach Willkommenberg zurück⸗ zukehren... 3 Die nun wieder erhaltenen Stiefeln zog er ohne Zeitverluſt an, indem er die unteren Enden ſeiner reh⸗ ledernen Beinkleider bei dem werthloſen Truthahn zurück⸗ ließ, von dem die mit der Ornithologie Jamaica's beſſer vertrauten Räuber ihm verſicherten, daß es durchaus kein Truthahn, ſondern nur ein Klashahn, kurzum ein ſtinkender Geier ſei. Zu ſeiner größten Freude und nicht geringen Ver⸗ wunderung machten die ſchwarzen Banditen gar keine Anſtalt, ihm etwas anderes als ſein Geld fortzunehmen, und das hatte er ihnen freiwillig gegeben, ohne ihre Forderung abzuwarten. Selbſt ſeine ſo werthvolle gol⸗ dene Repetiruhr ward ihm nicht genommen, und nicht nur ward ihm ſeine Flinte wiedergegeben, ſondern der höfliche Räuberhauptmann wollte ihm auch noch einen Führer zuweiſen, welcher ihn auf den rechten Weg nach Willkommenberg hinbrächte. So dankbar war der ſonſt ſo hochmüthige, doch jetzt arg gedemüthigte Smythje für die gütige Behandlung, die ihm von den ſchwarzhäutigen aber großmüthigen Räubern zu Theil geworden, daß er beim Fortgehen förmlich gerührt Abſchied nahm und Jedem von der ſchwarzen Bande die Hand ſchüttelte. Hierbei verſprach er Allen, daß, wenn er je davon hören ſollte, daß ſie ſich in einer ihren Hals bedrohenden Gefahr befänden, er ſeinen ganzen Einfluß anſtrengen wolle, um ein ſol⸗ ches ſchreckliches Ende abzuwenden. Die Maronen(denn dies waren die Räuber, in deren Hände Smythje gefallen, und Quaco war ſein Befreier) dankten höflichſt für ſeine Zuſicherungen, ob⸗ wohl dieſe ihnen ziemlich unverſtändlich blieben. Noch einmal ſchüttelte Smythje dem Hauptmanne die Hand, und dann ging der vielgeprüfte Sonntagsjäger davon. — Zehntes Kapitel. Auashie weiß ſich nicht zu helfen. Wo, während dieſer ganzen Zeit, wo nur war Quashie? Was war aus ihm geworden? Herr Smythje wußte nichts davon und kümmerte ſich jetzt auch gar nicht darum. Zu froh, von dem Schauplatze ſeines unbequemen Abenteuers ſo bald als möglich hinwegeilen zu können, ſtellte er gar keine Nach⸗ forſchungen nach ſeinem höchſt nachläſſigen Knappen an, noch dachte er daran, nach dem Platze zurück zu gehen, wo er ihn gelaſſen. Der Weg, den ſein neuer Beglei⸗ ter ihn jetzt führte, war in ganz anderer Richtung und über den leeren V Wildpretkorb, der bei Quashie gelaſſen war, machte er ſich keine weitern Sorgen. Sein Jagd⸗ meſſer aber und die Branntweinflaſche würde der Schwarze wohl in Obacht nehmen. Hierin traf Herr Smythje auch wirklich den Nagel auf den Kopf, wenigſteus vollkommen, was die Braunt⸗ weinflaſche anbelangt, denn dieſe hatte Quashie ſo gut in Obacht genommen und ſo oft nach ihr geſehen und ſo tief in ſie hineingeguckt, daß er an alles Andere auf dem ganzen Erdenrund gar nicht mehr dachte. Der „große Buckra“ war noch keine zwanzig Minuten von ihmn fort geweſen, als Quashie durch oft wiederholtes Anſetzen der Branntweinflaſche an ſeine Lippen ſeine Sehkräfte bereits in eine ſolche Verfaſſung verſetzt hatte, daß er einen Truthahn von einem jamaicaniſchen Klas⸗ hahn gewiß eben ſo wenig hätte unterſcheiden können, als Herr Smythje ſelbſt. Das Trinken des Branntweins hatte nämlich auf den Negerbuben gerade die entgegengeſetzte Wirkung ausgeübt, die ſo etwas bei einem Irländer haben würde. Anſtatt wie jener dadurch redſelig, lärmend und zank⸗ ig zu werden, hatte es Quashie ruhig gemacht und zwar ſo ruhig, daß er fünf Minuten nach dem letzten Zuge aus der Flaſche wie ein Stein auf's Gras ſiel und feſt ſchlief. n ſo tieſem Schlafe lag er, daß er nicht nur den Knall von Smythje's Flinte gar nicht hörte, ſondern daß ſicher das Abſchießen einer ganzen Feldbatterie dicht vor ſeinen Ohren ihn in dem Augenblicke nicht geweckt haben würde. Schwer wohl möchte es zu beſtimmen ſein, wie lange Quashie in dieſem Zuſtande von Schlaftrunken⸗ heit gelegen haben würde, wäre er nicht geweckt worden. Erſt der Regen, der wie ein kaltes Sturzbad auf ſeine halbnackte Haut fiel, brachte ihn zu ſich ſelbſt, machte ihn wach und auch theilweiſe nüchtern, und trieb ihn, ſich wieder auf ſeine, Füße zu ſtellen. Länger als eine ganze Stunde hatte Quashie jeden⸗ falls den allerſüßeſten Schlaf genoſſen, als der Regen begann, und er wachte eigentlich auch wohl nur auf, weil der Branntwein nach und nach ſeine volle Wir⸗ kung verloren hatte. Er war ſich jetzt ſeines Unrechts, den Branntwein des Buckra ausgetrunken zu haben, wohl bewußt und fürchtete nun, da der durch den Branntwein erregte ———— † —— 7⁵ zeitweilige Muth gänzlich verſchwunden war, ein Zu⸗ ſammentreffen mit dem weißen„Harren“. Gern wäre eer dieſem ausgewichen, hätte er nur gewußt, in welcher Weiſe; ganz wohl aber wußte er, daß, wolle er ſich allein nach Hauſe ſchleichen, dies ihm den Zorn des Maſſa zu Willkommenberg zuziehen würde, der vielleicht gar von einem Dutzend Hieben mit der Peitſche begleitet ſein könnte. Nach einigem Nachdenken kam er indeß zu der Ueber⸗ zeugung, daß es für ihn am beſten ſein würde, auf die Rückkehr des jungen Buckra zu warten und ihm irgend etwas, ſo gut es ginge, vorzuerzählen, zum Beiſpiel, daß er ihn eifrig geſucht und damit die Zeit verbracht hätte. In Bezug auf das Verſchwinden des Branntweins, denn er hatte ihn bis zum letzten Tropfen ausgetrun⸗ ken, hatte der ſchwarze Negerbube eine andere kleine Ge⸗ ſchichte erdacht, die unbezweifelt durch das mit der Roth⸗ weinflaſche vorangegangene Unglück veranlaßt worden war. Er wollte nämlich dem großen Buckra erzählen, daß er, der Buckra, den Stöͤpſel nicht wieder in die ranntweinflaſche geſteckt habe und daß der Branntwein deshalb dem ihm vom Rothweine gegebenen Beiſpiele gefolgt ſei. So mit einer nicht ganz unglaublichen Geſchichte ausgerüſtet, wartete Quashie ruhig die Rückkehr des Buckra ab. e 1 Der Himmel klärte ſich bald wieder auf, aber es kam kein Buckra. Quashie wurde ungeduldig und auch etwas ängſt⸗ 2 — 76 lich. Vielleicht hatte der engliſche„Harre“ ſich im Walde verirrt und wenn das der Fall war, was würde man dann mit ihm, dem Führer, anfangen? Ja, er bildete ſich wirklich ſchon ein, fern über den Hügeln das Klat⸗ ſchen der gefürchteten Peitſche zu hören. Nachdem er noch etwas länger gewartet, entſchloß er ſich, ſeiner Beſorgniß dadurch ein Ende zu machen, daß er den Jäger ſuche. Deshalb nahm er den leeren Korb zugleich mit der ebenfalls leeren Flaſche und dem Jagdmeſſer und ſetzte ſich in Bewegung. Er hatte Herrn Smythje nach der Lichtung gehen ſehen und ſo weit konnte er auch ſeine Spur verfolgen, doch auf dem offenen Felde angekommen, war er in der größten Verlegenheit. Er wußte ganz und gar nicht, welche Richtung er einſchlagen ſollte. Nach einigem Nachdenken wandte er ſich zur Rech⸗ ten, wo er nach dem hohlen Baume hingekommen wäre, deſſen Spitze da, wo er die Lichtung betreten, ganz gut zu ſehen war. Uebrigens war es keineswegs bloßer Zufall, der ihn dahin führte, ſondern er glaubte, in der Richtung Stim⸗ men zu hören. Als er näher zu dem großen abgebrochenen Baum⸗ ſtamme kam, gewahrte er auf dem Boden einen glän⸗ zenden Gegenſtand. Er ſtand ſtill, indem er glaubte, daß es eine Schlange ſei, ein Geſchöpf, vor dem die Neger auf den Pflanzungen eine erſtaunliche Furcht be⸗ ſitzen. Als er aber genauer hinſah, war Quashie höchſt ——P—P————— 77 erſtaunt, zu entdecken, daß der glänzende Gegenſtand eine Flinte ſei, die ſich bei noch näherer Unterſuchung als das Gewehr des großen Buckra herausſtellte. Es lag auf dem Graſe, nahe am Fuße des trocke⸗ nen Baumes. Wie kam es dahin? Wo war der Buckra ſelbſt? War ihm ein Unglück zugeſtoßen? Warum hatte er ſeine Flinte zurückgelaſſen? Hatte er ſich ſelbſt todtgeſchoſſen? Oder hatte ein An⸗ derer ihn erſchoſſen? Oder was auf der Welt war ihm nur zugeſtoßen? Gerade in dieſem Augenblicke drang ein höchſt kläg⸗ licher Ton an ſein Ohr. Es war ein lang gezogenes, dumpfes Aechzen, als wenn ein gequälter Geiſt von der Erde Abſchied nehmen wollte! Es glich einer menſchlichen Stimme und war doch ganz verſchieden davon! Es hatte entſchiedene Aehnlichkeit, als wenn Jemand aus der Tiefe des Grabes ſpräche! Der ſchwarze Bube ſtand vor Schrecken erſtarrt— ſeine ebenholzfarbige Haut nahm ſchnell wie ein Cha⸗ mäleon ein aſchgraues Ausſehen anu. 3 Er würde auf's Schnellſte die Flucht ergriffen und ſich auf die Socken gemacht haben, allein ein beſonde⸗ rer Gedanke hielt in ab. Sollte es nicht der Buckra, noch lebendig, aber in Bedrängniß, ſein können? In die⸗ ſem Falle würde er dafür beſtraft werden, ihn verlaſ⸗ ſen zu haben. Die Stimme ſchien hinter dem trockenen Baum her⸗ vorzukommen. Lag der Jäger etwa verwundet an der anderen Seite? Quashie ſchraubte ſeinen Muth ſo hoch wie mög⸗ 78 lich hinauf und begann rund um den Baum nach der anderen Seite hinzugehen. Langſam ging er vor, Schritt für Schritt und unterſuchte dabei den Boden. Nachdem er die andere Seite erreicht hatte, ſah er ſich überall um. Da war Niemand zu ſehen, weder ein Todter noch ein Verwundeter! Kein Buſchwerk war in der Nähe, um einen ſo großen Gegenſtand, wie einen menſchlichen Körper, ver⸗. bergen zu können, wenigſtens nicht innerhalb vierzig Schritte von dem Baumſtumpf, und ſo weit her konnte das Aechzen gar nicht gekommen ſein. Auch konnte durchaus Keiner unter dem Gitterwerk der verſchiedenen Schlingpflanzen verborgen ſein. Quas⸗ hie beſaß Muth genug, ſelbſt dieſes genau durchzuſehen, aber es war wirklich Niemand da. In dieſem Augenblicke ſchallte ein zweites Aechzen in des ſchwarzen Buben Ohren und vermehrte ſeinen Schrecken. Es war ganz ſo, wie das erſte Mal, lang gezogen wie Sterbegewimmer, aus der Tiefe eines Brun⸗ nens hervorkommend. 3 Wiederum kam es hinter dem Baumſtamme hervor, doch diesmal von der Seite, die er gerade verlaſſen und wo er Niemanden geſehen hatte! War der Verwundete etwa nach der andern Seite des Baumſtumpfs hingekrochen, während er, Quashie, nach der entgegengeſetzten Seite hingegangen war? Dies war jetzt ſein Hauptgedanke und um dies zu unterſuchen, ging er nach der Seite zurück, wo er zuerſt war, diesmal in ſchnellerem Schritt, damit der geheim⸗ nißvolle Wehklagende ihm nicht wieder entſchlüpfen könne. Als er wieder auf dieſe Seite de 8s Baumſtumpfs kam, war er noch mehr verwundert als zuvor. Die Flinte lag noch an demſelben Platze, wo er ſie Penlaſſn hatte. Keiner ſchien ſie berührt zu haben, Keiner war Abermals die Stimme, diesmal in einem hohen und ſchrillen Tone, der mehr einem lauten Aunſgeſchre glich! Das war ein neuer Schrecken für Quashie. Der Schweiß ſtand ihm auf ſeiner Stirn tend rann ſeine Backen gleich großen Thränen hinunter. Das Angſtgeſchrei war in der That mehr das eines lebenden Menſchen als wie zuvor und dies verlieh dem ſchwarzen Buben auch hinreichenden Muth, noch länger auszuhalten, denn noch immer zweifelte er nicht, daß die Stimme von der andern Seite 2 trockenen Baumes käme und deshalb verſuchte er es noch einmal, den Schreier zu entdecken. Stets noch in dem Glauben, daß der Menſch, dem die Stimme angehöre, in welcher Abſicht es auch ge⸗ ſchehe, rund um den Baum herumgehe, um ihn zu är⸗ gern, war Quashie jetzt entſchloſſen, nicht eher einzu⸗ halten, als bis er den ihm Ausweichenden eingeholt. Deshalb lief er im Trabe um den Baum herum, doch da er von Zeit zu Zeit das Aechzen und Stöhnen im⸗ mer wieder hörte, ſo beſchleunigte er noch ſein Laufen, ſo daß er zuletzt aus allen Kräften rannte. So lief er mehrere Male um den Baum herum, bis ſich endlich bei ihm die volle Ueberzeugung feſtſetzte, daß gar kein menſchliches Weſen vor ihm herrennen könne, ohne daß er es ſehen müſſe. Dieſe Ueberzeugung ließ ihn ſofort Halt machen, 80 denn ein ſchrecklicher Gedanke hatte ſich plötzlich ſeiner bemächtigt.„Wenn es kein menſchliches Weſen iſt, dann muß es unbedingt ein Geſpenſt oder gar der Teufel ſelbſt ſein!“ Dieſer Gedanke, der ſeine ganze Seele mit Furcht und Schrecken erfüllte, wurde jetzt überwältigend, Quas⸗ hie vermochte ihm nicht länger Widerſtand zu leiſten. „Geſpenſt! Jumbé? der Deibel!“ ſchrie er im fürch⸗ terlichſten Schrecken mit klappernden Zähnen und aus ihren Höhlen heraustretenden Augen, ſchoß von dem verzauberten Baume fort und rannte ſo ſchnell, als ſeine zitternden Beine ihn fortzubringen vermochten, ſchnur⸗ ſtracks nach Willkommenberg. Elftes Kapitel. Die defecten Hoſen. Smythje war dem Führer gefolgt, den ihm der Räuberhauptmann beigegeben hatte, und quälte ſich in trübſter Stimmung nach Hauſe. Wie verſchieden war jetzt ſein verzagtes, nieder⸗ geſchlagenes Ausſehn von dem modiſchen pochenden Jä⸗ ger von heute Morgen! Die Vergangenheit drückte ihn eigentlich nicht ſo ſehr ſchwer, denn er hatte ſich über keine wirklich kör⸗ perliche Beſchädigung zu beklagen. Der ſeinem ſchönen Kleide zugefügte Schaden, ſo wie das Geld, was er unter die vermeintlichen Räuber vertheilt hatte, waren 81 für einen reichen Mann, wie er, wahre Kleinigkeiten. Darüber quälte er ſich nicht, noch galt ſeine Sorge überhaupt der Vergangenheit. Nein, dieſe war lediglich auf die Zukunft, auf etwas, was noch vor ihm lag, gerichtet. Und was mochte dieſe Sorge nur ſein? Jedenfalls war es nicht mehr die Unannehmlichkeit, mit einem leeren Wildpretkorbe zurückkehren zu müſſen, ſondern ganz allein der Verdruß, den er erwartete, wenn er ſich zu Willkommenberg in dem jämmerlichen Zuſtande ſehen laſſen müßte, in den ihn ſein Abenteuer verſetzt hatte. Jetzt, wo er dem Hauſe näher kam, ſah er ſogar nooch ſpaßhafter und lächerlicher aus, als wie er die * muntere Bande im Walde verlaſſen hatte, denn dem ſtarken Regen war eine ſtarke Sonnenhitze gefolgt und dieſe hatte durch ihre Einwirkung auf die Ueberbleibſel ſeiner durchnäßten rehledernen Hoſen dieſe ſo zuſammen⸗ gezogen, daß die abgeſchnittenen Ränder bis zur Mitte der Schenkel hinaufgezogen waren, und auf dieſe Weiſe einen großen Theil von den dünnen und etwas ſchie⸗ fen Beinen bis zu den Stiefeln herab vollkommen bloß ließen. Trotz aller Eitelkeit auf ſein Aeußeres, wußte Smythje doch ganz wohl, daß es mit ſeinen Beinen nur ſchlecht beſtellt war. Dieſe waren unbedingt nur ſpärlich ausgerüſtet und deshalb hatte er ſchon lange die Mode heſſiſcher Stiefeln vermieden, wohl die anmuthigſte aller Fußbekleidungen, wenn man die Sandalen aus⸗ nimmt. Aber Smythfe liebte ſie nicht, wie jeder mit Storchbeinen Begabte, und trug ſie deshalb gar nicht. Der Marone. I. 6 82² Ebenſo haßte er die engen Hoſen, die gleichfalls ſeinen ſchwachen Theil zur Schau ſtellten. Dieſer Widerwillen hatte ihn unbedingt auf die früher bereits beſchriebene Neuerung in ſeinem Jagd⸗ anzuge geführt, die ſich aber bei der letzten Gelegenheit als ein entſchiedener Mißgriff herausgeſtellt hatte. Wären die rehledernen Enden auf der Stelle geblie⸗ ben, wo er ſie abgeſchnitten hatte, man würde kaum etwas Beſonderes bemerkt haben, jedenfalls nichts Lächer⸗ liches. Sie hätten dann den Hoſen der ſchottiſchen Hochländer geglichen oder auch weiten bockledernen, die einem Jäger ganz vortrefflich ſtehen. Doch zuſammen⸗ geſchrumpft, wie jetzt, und dadurch die ſchiefe, ſkelettartige Geſtalt der Beine des Cockney vollkommen zur Schau ſtellend, machten ſie ihn zum ſchönen Ideal eines ſpindel⸗ beinigen Nußknackers. Smythje war ſich deſſen ſo ziemlich bewußt und hätte jetzt gern Jeden zum Buchhalter auf ſeinem Gute gemacht, der ihm ein Paar Pantalons verſchafft hätte. Denn nur dieſe hatte er nöthig, da ſein übriger Anzug, wenn auch bedeutend verſchlechtert, ſeitdem er am Mor⸗ gen ausgegangen, noch ganz gut, jedenfalls aber nicht lächerlich war. Die Beinkleider allein ſahen geradezu lächerlich aus. Dies war es, was er fürchtete. Ein leerer Jagd⸗ korb, ein höchſt unangenehmes Abenteuer, das damit geendet hatte, ihn in einen ſo lächerlichen Zuſtand zu verſetzen, wahrlich, ſeine Lage war höchſt unangenehm, ja erſchreckend. Wie ſollte er in dieſem Zuſtande nur vor ſeinen Freunden zu Willkommenberg erſcheinen? Um Herrn Vaughan kümmerte er ſich nicht viel, aber Fräu⸗ lein Vaughan, Käthchen— ach, Käthchen! wie ſollte er ſeinen Zuſtand vor ihr verbergen? Das war das Ge⸗ heimniß ſeiner Unruhe und ſeiner Beſorgniß, ſeines vorausſichtlichen Verdruſſes. Sollte es möglich ſein, das Haus zu erreichen und ſich ungeſehen in ſeine Schlafkammer hineinzuſchleichen? Was für Ausſicht war dafür da, daß dies gelingen könnte? In der That, keine ſehr große. Willkommenberg, wie alle Herrenhäuſer auf Jamaica, war wie ein Vogel⸗ bauer, nach allen Seiten hin offen. Deshalb lag es auch außerhalb aller Wahrſcheinlichkeit, daß er unbemerkt in'’s Haus kommen könnte. Aber er konnte es doch verſuchen und auf dem Er⸗ folge dieſes Verſuches beruhte ſeine einzige Hoffnung. O, das große, einzig der eiferſüchtigen Juno bekannte Geheimniß, ſich unſichtbar zu machen, was würde Smythje jetzt nicht dafür gegeben haben, hätte er nur für zehn Minuten die karthagiſchen Wolken miethen können! Doch wenn es auch durchaus nicht wahrſcheinlich für ihn war, mit dem Nimbus der Juno ausgerüſtet zu werden, ſo war doch jedenfalls die Möglichkeit vor⸗ handen, ſich unter dem Schatten der Nacht zu verber⸗ gen. Wenn die Finſterniß eingetreten, konnte er viel⸗ leicht ungeſehen in's Haus, wie in ſeine Kammer gelan⸗ gen und ſo der unangenehmen und ſo ſehr gefürchteten Bloßſtellung entgehen. Smythje ſtand ſtill, ſah nach dem Führer, ſah nach 6* 84 der Sonne und zuletzt auf ſeine nackten Kniee, die in der That ſehr ſchwach geworden waren. Willkommenberg war in Sicht, der Führer im Begriffe, ihn zu verlaſſen, unnd deshalb war er, was er auch immer thun mochte, ggewiß, ohne weitere Zeugen zu ſein. Gerade nun beurlaubte der Marone ſich von ihm, und Smythje war ſich ſelbſt überlaſſen. Noch einmal blickte er nach der Sonne und zog ſeine Uhr zu Rathe. In zwei Stunden mußte die Sonne untergehen, die kurze Dämmerung würde ihm genügen, um dem Hauſe ganz nahe zu kommen, und in den erſten Augenblicken der Finſterniß, noch ehe Licht angeſteckt wurde, könnte er dann unbemerkt in's Haus eintreten oder jedenfalls würde ſein Zuſtand nicht vollſtändig be⸗ merkt werden. Der Plan war ausführbar, Smythje entſchloß ſich, ihn zu befolgen, legte ſich im Dickicht nieder und war⸗ tete den Untergang der Sonne ab. Er zählte die Stunden und Minuten, er horchte auf die aus dem Negerdorfe hervordringenden Töne, er beob⸗ achtete die Vögel mit den glänzenden Flügeln, die in den Zweigen über ſeinem Kopfe umherflogen und beneidete ihnen ihr vollſtändiges Gefieder. Ungeachtet mancher ſeltenen Anblicke und ſanften ihn erreichenden Töne, verliefen die zwei in dem geheimen Schlupfwinkel verbrachten Stunden keineswegs ange⸗ nehm, da die Unruhe über den Erfolg ſeines Planes ihm allen Sinn für den Genuß an der ſchönen ihn umgebenden Naturſcene raubte. Endlich aber rückte die Zeit zum Handeln heran. Die Sonne ſank hinter dem entgegengeſetzten Bergrücken hinunter, dort, wo Schloß Montagu liegt, ſein eigener Beſitz. Die Dämmerung war bereits wie eine Pur⸗ 4 purgardine ſanft auf das Thal von Willkommenberg hinabgezogen und nun war es Zeit, aufzubrechen. Smythje erhob ſich, ſah ſich zuvor noch etwas um und ging dann in der Richtung nach Willkommenberg. So viel wie möglich hielt er ſich noch immer im Schutze des Waldes, und dies vermochte er leicht zu thun, da die Pimenthaine ſich an jener Seite bis an die Gebüſche hinab erſtreckten, die das Wohnhaus um⸗ gaben. Bereits war er an dem zu ſeiner Rechten liegenden Negerdorfe vorübergegangen, ohne bemerkt worden zu ſein, und erreichte auch unbemerkt die Ebene, auf der das Haus ſtand. Doch damit war die Gefahr für ihn noch nicht vor⸗ über. Der gefährliche Boden lag noch vor ihm und mußte noch erſt überſchritten werden. Dies war der of⸗ fene, freie Platz vor dem Hauſe, denn er kam von vorne. Es war jetzt ziemlich dunkel und Niemand, wenig⸗ ſtens ſo viel er ſehen konnte, war weder auf dem Trep⸗ penabſatz, noch in den Fenſtern der großen Halle zu ge⸗ wahren. So weit ging Alles gut. Jetzt nur noch ein raſcher Gang die Treppe hinauf zu der offenen Thür und dann nach ſeinem Zimmer, wo Thoms ihn bald mit einem paſſenden Anzuge ver⸗ ſehen würde. Nun begann er eiligſt den kurzen Weg zurückzule⸗ gen und hatte auch bereits die Hälfte des offenen freien 86 Platzes durchmeſſen, als plötzlich ein Haufen Volks mit brennenden Fackeln aus dem Hintergrunde des Hauſes heraustrat. Es waren die Bedienten des Hauſes und einige Feldarbeiter von der Pflanzung mit Herrn Truſty, dem Aufſeher, an ihrer Spitze. Man hätte immerhin glauben können, daß ſie alle⸗ ſammt ſich zu einer feierlichen Prozeſſion begeben woll⸗ ten, aber ſie ſtürzten in größter Haſt vorwärts, Quas⸗ hie voran, und dies ſchien doch eine ganz andere Ab⸗ ſicht anzudeuten. Smythje ahnte ihre Abſichten ſogleich, ſie ſollten nach ihm ſelbſt ſuchen! Dies erfüllte ihn mit Verzweiflung. Die Fackel⸗ träger waren ihm zuvorgekommen. Sie waren bereits auf dem Platze vor dem Hauſe und der Glanz ihrer großen Fackeln beleuchtete jeden Gegenſtand ſo deutlich, als wenn plötzlich eine neue Sonne hoch am Himmel ſtände. Smythje war ſofort ſtillgeſtanden. Gern hätte er ſich in die Gebüſche zurückgezogen und dort das Weg⸗ gehen der Fackelträger abgewartet, aber er fürchtete, daß ſein Rückzug ſofort ihre Augen auf ihn ziehen würde, und dann würde Alles verloren und ſein Abenteuer in der unangenehmſten Weiſe beendet ſein. Anſtatt des Rückzuges blieb er daher ſtehen, ſtarr und unbeweglich, wie angenagelt. In dieſem Augenblicke erſchienen oben auf der Treppe zwei Geſtalten, welche in dem hellen Glanz leicht als der Pflanzer und ſeine Tochter zu erkennen waren. Das 87 Mädchen Yola war hinter ihnen. Herr Vaughan war herausgekommen, um noch einige Anordnungen in Be⸗ zug auf die Nachforſchung zu geben. Alle drei ſtanden neben dem Haufen der Fackelträ⸗ ger, und auf dieſe Weiſe Smythje, wenn auch etwas entfernter, gegenüber. Gerade als der Pflanzer den Mund zur Rede öff⸗ nen wollte, unterbrach ihn ein plötzlicher Schrei Yola's, der von ſeiner Tochter wiederholt wurde. Die ſcharfen Augen des Fellahmädchens waren auf Smythje gefallen, deſſen leichenblaſſes Geſicht bei dem Fackellichte faſt ganz den Geſichtern der Statuen glich, die auf dem Platze zer reni ſtanden. Smythje war nämlich noch halb im Gebüſche, und da das Mädchen wußte, daß dort gar keine Statue ſtand, ſo hatte die unerwartete Erſcheinung ihren Auf⸗ ſchrei veranlaßt. Alle Augen waren ſofort der Stelle zugewandt und die Fackelträger, mit Truſty an ihrer Spitze, ſtürzten ſich auf die vermeintliche Bildſäule. Nun war keine Ausſicht mehr, zu entrinnen; unglückliche Jäger ward entdeckt, und in's gebracht, in den Bereich aller Au die Augen ſeiner geliebten richtiges Mitgefühl für ſei empfinden, vi der 88 ſich in ſeine Kammer zu begeben, wo er bei den tröſt⸗ 4 lichen Ermuthigungen des mitfühlenden Thoms bald— wieder ſo ausgerüſtet wurde, um ſich zeigen zu können. 1½ Zwölftes Kapitel. Herbert im Glücklichen Thale. Für ſo ungeeignet auch Jacob Jeſſuron's Nachbarn den Namen ſeines Gutes— das Glückliche Thal— halten mochten, Herbert Vaughan ſelbſt hatte durchaus keinen Grund, den Namen als falſch zu bezeichnen. Von n der Stunde an, wo er die Stelle als Buchhalter an⸗ 1 getreten hatte, war für ihn eine größere Abwechſelung von Vergnügungen als von zu erfüllenden Pflichten da⸗ 1 geweſen, und ſein neues Leben war, anſtatt unter be⸗ ſtändiger Arbeit geführt zu ſein, lediglich eine unaus⸗ geſetzte Folge angenehmen Zeitvertreibes. Statt Bücher zu führen oder nach den Sclaven zu ſehen, oder ſonſt „Mützliches zu verrichten, wurde ſeine meiſte wandt, die keinen andern Zweck en hatten. Ausfahrten nach Jeſſuron ſelbſt, der ihn bei 4 Beſuche auf C — — zu Außerordentliches, etwas, zs ihn nicht wenig in 89 Er ward mit einem ſchönen Reitpferde verſehen, mit Hunden und anderen Ausrüſtungen zur Jagd, kurz mit allem Nöthigen, um ihn in Stand zu ſetzen, das Leben eines feinen und gebildeten, nur auf ſeine Unterhaltung bedachten, unabhängigen Mannes zu führen. Ein hal⸗ bes Jahrgehalt war ihm freiwillig im Voraus aus⸗ gezahlt worden, um ihm ſo in zarter und anſtändiger Weiſe die Mittel zu gewähren, ſeinen Kleidervorrath zu vervollſtändigen und bei jeder Gelegenheit in geeignetem Anzuge zu erſcheinen. Unbedingt ſchienen die Ausſichten des armen Zwiſchendeckspaſſagiers eine Wendung zum Beſſern angenommen zu haben, denn durch die Frei⸗ gebigkeit ſeines unerwarteten Gönners und Schutzherrn ſpielte er auf dem Iudenhofe faſt eine gleiche Rolle wie ſein Reiſegenoſſe zur ſelben Zeit zu Willkommenberg, und da zwiſchen den verſchiedenen Geſellſchaftskreiſen, in denen ſich Beide bewegten, gerade kein ſehr großer Rang⸗ unterſchied war, ſo war es keineswegs unmöglich, daß ſich die Beiden eines ſchönen Tages irgendwo treffen und jetzt mehr auf gleichem Fuße wie früher mit ein⸗ ander verkehren würden.— Um indeß Herbert Vaughan Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß bemerkt werden, daß er von dem guten Leben, das er führte, mehr überraſcht als entzückt war. In der freigebigen Gönnerſchaft des Juden lag etwas Verlegenheit ſetzte. Wie ſollte gütige Gaſtfreundſchaft erklär* Mittlerweile gingen die, nachdem Herbert das Glückliche Thal zu ſinem Mnthalte genommen hatte, r ſich nur eine ſolche 90 höchſt angenehm und ruhig vorüber. Kleine Unfüglich⸗ keiten, die von Zeit zu Zeit vorkamen, wurden leicht und anſtändig beſeitigt und der junge, nichts Arges ver⸗ muthende Engländer bemerkte außer der ungewöhnlichen, ihm erwieſenen Gaſtfreundſchaft gerade nichts Beſonderes in ſeinen Umgebungen. Wäre er von ſeinem iſraeliti⸗ ſchen Gönner weniger rückſichtsvoll behandelt und we⸗ niger geehrt worden, vielleicht wäre er dann bei ſeinen Beobachtungen und Wahrnehmungen ſcharfſichtiger und bedenklicher geweſen. Doch die Araber beſitzen ein Sprich⸗ wort:„Es iſt dem Menſchen nicht eigen, von dem Pferde ſchlecht zu reden, das ihn aus Noth und Gefahr gerettet“; und die menſchliche Natur iſt überall ganz dieſelbe, im Oſten wie im Weſten. So edel daher auch der Charakter des jungen Engländers war, ſo war er doch rein menſchlich, und ſchlecht von der Brücke zu denken und zu reden, die ihn ſoeben erſt von der trau⸗ rigen Küſte, an der er kürzlich geſtrandet war, fort⸗ geholfen hatte, würde wider alles menſchliche Gefühl geweſen ſein. Wenn er aber wirklich irgend einen Verdacht über hatzherrn Lauterkeit und Rechtſchaffenheit hegte, ſo behielt er dieſen für ſich ſelbſt, ohne doch dabei nur daran zu denken, ſeine Unabhängigkeit oder ſeine Selbſtachtung dadurch in irgend einer Weiſe beeinträch⸗ tigen zu können. Jedenfalls wollte er die Aufflärung über die etwas unbegreifliche und räthſelhafte Höflichkeit, deren Gegenſtand er mar, ruhig abwarten. Dieſe Höflichkeit indeß keineswegs blos auf ſei⸗ nen Wirth beſchränkt. Wir Herbert längſt wußte, übte 4³⁴ 91 ſeine ſchöne Tochter dieſelbe in ganz gleicher, nur in noch anmuthigerer Weiſe aus. In der That, unter an⸗ deren im Glücklichen Thale vorgegangenen und bemerk⸗ baren Veränderungen ſchien auch der Geiſt der ſchönen Jüdin eine nicht unbedeutende Veränderung erlitten zu haben. Obſchon ſich ihre ſtolze und herrſchſüchtige Sinnesart gelegentlich wohl zeigte, ſo war Judith jetzt gewöhnlich doch mehr in einer ſentimentalen Stimmung, die manchmal ſogar an Schwermuth ſtreifte. Freilich zu anderen Zeiten zeigte ſich auch die alte Bosheit wie⸗ der unverhüllt. Dann wurde die Naſe wieder vor Zorn und Verachtung gerümpft und ihre dunklen Augen fun⸗ kelten von einem unheimlichen, boshaften Feuer. Glücklicherweiſe kamen ſolche widrige und aller An⸗ muth hohnſprechende Aeußerungen, gerade wie die Tor⸗ nados ihres Heimathslandes, nur höchſt ſelten vor, denn ein gewiſſer Name, der ſie ſo gewaltig aufregte, wurde von ihr auch nur höchſt ſelten ausgeſprochen. Dieſer Name war Käthchen Vaughan. Ihre Abneigung gegen die junge Kreolin ſtammte aus der Nebenbuhlerſchaft ihrer perſönlichen Reize. Beide beſaßen einen ausgebreiteten Ruf wegen ihrer Schönheit, die oft von den Müßiggängern und Stutzern der Bay beſprochen und verglichen worden war. Leider waren die Entſcheidungen nicht immer zu Gunſten der Jüdin, und das war der eigentliche Urſprung ihrer Feindſchaft. Bisher hatte ſie ihren Grund nur im Neide gehabt, und der unliebſame Gegenſtand wurde jedesmal mit Kopfſchütteln und leichtem Naſenrümpfen abgefertigt, in neuerer Zeit hatte ſich aber eine ſtärkere Regung zu —ööſſſſͤſͤſ ö 8 5 — * 92 zeigen angefangen, und wenn immer nur Käthchen Vaughan's Name im Geſpräche ſelbſt ganz zufällig und unabſichtlich vorkam, ſo flammte das Auge der Jüdin von eiferſüchtigem Feuer, ihre Lippen zuckten und bebten, als ſprächen ſie Verwünſchungen aus, und ſie, die noch kurz zuvor ein wahrer Engel von Sanftmuth und Hold⸗ ſeligkeit zu ſein geſchienen hatte, wurde auf einmal in einen wuthſchnaubenden Dämon verwandelt. Man hätte wohl annehmen können, daß die Gegen⸗ wart von Käthchen's Vetter ſolche ungeziemliche Aeuße⸗ rungen der Leidenſchaft im Zaume halten würde, aber im Gegentheil, dieſe ſchien ſie lediglich noch mehr her⸗ vorzurufen, denn nur wenn Herbert zugegen war, nahm die Tochter Jeſſuron's ſolch ein Anſehen an, und wenn zufällig der junge Mann von ſeiner Couſine günſtig ſprach, und anders ſprach er wirklich niemals, dann beſchränkte die ſchöne Jüdin ihren Aerger nicht länger mehr auf bloße ſtumme Zeichen, ſondern brach ſofort in die härteſten Schmähungen aus. Dann konnte Her⸗ bert ſonderbare Enthüllungen hören, dann erfuhr er zuerſt, daß Käthchen Vaughan, ſeine ſchöne, reizende und gebildete Couſine, die Tochter einer Quadronenſclavin ſei. So ward er nun befähigt, den Beinamen„kleine Quasheba“ zu verſtehen, den Käthchen ſelbſt nicht zu erklären vermochte, ſo begriff er jetzt auch vollſtändig die Klagen über freundloſe Vereinzelung, die ſeine Cou⸗ ſine ihm in ihrer unſchuldsvollen Offenheit bekannt hatte. Obwohl dies Alles eigentlich nur wenig beachtend, ging Herbert auf ſolche Aeußerungen weder ein, noch widerſprach er. Vollkommen mit der Lebensgeſchichte 93 ſeiner Couſine unbekannt, vermochte er wirklich nicht irgend etwas gegen die angeführten Thatſachen zu ihrer Vertheidigung vorzubringen. Auch wagte er es kaum, ſie zu vertheidigen, denn, um die Wahrheit zu ſagen, hatte der herrſchſüchtige Geiſt der Jüdin bereits eine gewiſſe Ueberlegenheit über den ſeinigen gewonnen. Nur wenn Käthchen Vaughan's Namen oft genannt wurde, begann Judith, wenigſtens vor Herbert Vaughan, düſter auszuſehen, zu allen anderen Zeiten war ihr Ge⸗ ſicht ſtets vom ſanfteſten und verführeriſchſten Lächeln erfüllt.— Das Betragen der Jüdin iſt freilich leicht zu er⸗ klären. Sie liebte Herbert Vaughan. Der Jude Jeſſuron hatte ein Spiel zu ſpielen be⸗ gonnen, wobei ſeine Tochter den Lockvogel machen ſollte. Herbert Vaughan war der zu erlangende Gewinnſt. Welche auch ſeine Abſicht ſein mochte, das Spiel war tief angelegt und für den Lockvogel nicht ohne Gefahr. Wurde es gewonnen, was war alsdann der Vortheil? Welchen Zweck konnte er bei dem Wunſche haben, daß ſeine Tochter das Herz Herbert Vaughan's gewinnen möge? Hier lag das Geheimnißvolle, das Räthſelhafte des Spiels. Wurde es verloren, ſo war der Köder, der Lockvogel, ebenfalls verloren. Da lag die Gefahr. Trotz ſeiner gewöhnlichen Vorſicht hatte Jacob Jeſſuron dieſe Gefahr nicht vorausgeſehen. Im Vertrauen auf die ſonſtige kühle Umſicht und die ſchlaue Erfahrung ſeiner Tochter hatte er das Spiel ohne alle Furcht angefangen. Judith ſelbſt hatte das Spiel in gleicher Weiſe unternommen, unbekümmert um die Folgen. Ihre Ab⸗ ſichten und Neigungen wichen ſehr von denen ihres Va⸗ ters ab, denn dieſe hatte ſie eigentlich erſt ſpät in ihrem ganzen Umfange erfahren, als die ihrigen bereits ſo ſtark und überwiegend geworden, ſie blindlings zu treiben, das Spiel für eigene Rechnung fortzuführen. Ihre erſten Triebfedern waren zumeiſt Eitelkeit und Coquetterie, allerdings mit einer ernſthaften Bewunde⸗ rung verbunden. Hierzu kam dann noch der Wunſch, Käthchen Vaughan zu ärgern, denn vom erſten Augen⸗ blick an hatte ſie hier eine Nebenbuhlerſchaft vermuthet. Sogleich, als ſie die ſo kurze Zuſammenkunft der beiden Verwandten erfahren hatte, hatte ſie eingeſehen, daß dort etwas Beſonderes vorgegangen ſein müſſe. Darauf deu⸗ tete auch das kleine Stückchen Band hin, das Herbert ſo werth hielt und deſſen Bedeutung zu erfahren ſie ſich vergebens bemüht hatte. Ihr Verdacht in dieſer Beziehung erloſch nicht, wie man hätte vermuthen dürfen, da von Herbert's Seite jede weitere Annäherung an ſeine Couſine unterblieb. Im Gegentheil, er ward nur noch ſtärker, ſo wie ihre Theilnahme an dem jungen Engländer wuchs, denn jetzt konnte ſie erſt recht nicht mehr begreifen, wie ein jun⸗ ges Mädchen, mochte es Käthchen Vaughan oder eine andere ſein, den Mann, der auf ſie ſolchen Eindruck gemacht hatte, ſehen könne, ohne daß bei ihr ein glei⸗ cher Eindruck hervorgerufen würde. Bei ihr hatte Herbert Vaughan jedenfalls einen tie⸗ fen Eindruck hervorgebracht, und zwar nicht langſam und nach und nach, ſondern ploͤtzlich und auf einmal, ſo daß ihre Liebe ſofort zur glühenden Leidenſchaft ge⸗ ———— worden war, etwas in der Art, wie ſie eine Tigerin für ihren braungelben Gefährten in ſich trägt. Herbert Vaughan hatte kaum eine Woche im Hauſe des Juden verbracht, als ſeine Herrin ſich vollſtändig in ihn verliebt hatte, bis über die Ohren, bis zum in⸗ nerſten tiefſten Herzen, bis zur äußerſten Grenze der brennendſten Eiferſucht. Indeß war der Gegenſtand dieſer glühenden Leiden⸗ ſchaft, der junge Mann ſelbſt, zu jener Zeit vollkommen unfähig, ſich Rechenſchaft von ſeinen eigenen Gefühlen zu geben, und noch ſchwieriger mußten dieſe für einen fremden Beobachter zu erklären ſein. Einige wenige Thatſachen werden dies bald erläutern. Während des kurzen Zuſammenſeins Herbert Vaug⸗ han's mit ſeiner Couſine Käthchen hatte dieſer zum erſten Male in ſeinem Leben ein weibliches Weſen geſehen, die anzublicken, auch zu gleicher Zeit lieben hieß. Die blau⸗ äugige Schöne ſeines heimathlichen Dorfes, die hübſche Kellnerin im Wirthshauſe, die liebliche Sängerin in der vielbeſuchten Kirche, zugleich mit andern knabenhaften, durch zweimonatliche Abweſenheit bereits größtentheils verwiſchten Erinnerungen, waren durch ihre liebenswür⸗ dige Erſcheinung ſofort ſämmtlich in's Meer der Ver⸗ geſſenheit verſenkt worden. Hier endlich ſtand er einem ſeiner Liebe wahrhaft würdigen Geſchöpfe gegenüber, einem reinen und gebildeten Mädchen, das jede zärtliche Regung ſeiner Seele vollkommen verdiente. Das hatte er inſtinktmäßig gleich im erſten Augenblicke gefühlt, und fühlte es noch tiefer und eindringlicher, als er die trüben, doch glühenden Worte beim ſchmerzlichen Ab⸗ 96 ſchiede an ſie richtete. Aus dieſem Gefühle entſprang das treuherzige Anerbieten eines ſtarken Armes und eines kräftigen Herzens, aus ihm auch das ritterliche Ausſchlagen ihrer Börſe und das Vorziehen eines Stück⸗ chen Bandes. Dennoch hatte er gar keinen Grund, das letztere als ein Zeichen der Liebe zu betrachten, denn er wußte ſehr wohl, daß die ſanften, in jener kurzen aber ſtürmiſchen Unterhaltung geſprochenen Worte, ſo wie das dieſelbe beendende Anerbieten des Geldes lediglich Eingebungen eines mitleidsvollen Herzens und viel mehr Zeichen einer nicht mehr vorhandenen, als einer wirklich beſtehenden Liebe geweſen waren. Wenn er zuerſt auch erfreut war, das Stückchen Band als Liebespfand erhalten zu haben, ſo konnte er bei näherer Erwägung es eigentlich doch nur für ein der Freundſchaft geweihtes Andenken hal⸗ ten, das offenbar keine größere Bedeutung beſaß, als die Börſe, zu der es gehört hatte, oder als der goldene Inhalt der Börſe ſelbſt. Obwohl Herbert alſo ganz gut fühlte und es ſich bewußt war, daß er durchaus weiter gar keine An⸗ ſprüche an ſeine ſchöne Couſine zu machen habe, als le⸗ diglich die der Verwandtſchaft, obwohl von ihr auch nicht ein einziges Wort geſprochen worden, das irgend ein anderes Gefühl für ihn als nur das der Achtung hätte ausdrücken mögen, dennoch hatte er, merkwürdig genug, einige Hoffnung gefaßt, daß doch einmal ein engeres zärtlicheres Verhältniß zwiſchen ihnen Beiden werde an⸗ geknüpft werden können. Worauf war indeß nur dieſe angenehme Erwartung begründet? Das vermochte er ſelbſt nicht zu ſagen, da in allen ihren Reden auch nicht das Geringſte war, das eine ſolche Hoffnung nur irgend beſtätigen konnte. Oder hatte vielleicht etwas der Art in ihrem Betragen gelegen? Obwohl dieſes auf's Höchſte ſittſam, zart und fein ge⸗ weſen, in ihm wollte Herbert dennoch ein gewiſſes Etwas gefunden haben, das ihm ſtets im Gedächtniſſe verblie⸗ ben war. Hierauf allein gründete ſich unzweifelhaft die angenehme Einbildung, der er nachzuhängen liebte. Allein nicht lange erfreute ihn eine ſo ſüße Erinne⸗ rung, ſie war doch zu flüchtig geweſen, um die Probe eine längere Zeit aushalten zu können. Auch erreichten ihn täglich Gerüchte von den Freudenfeſten und Luſt⸗ barkeit zu Willkommenberg und ganz beſonders kam ihm das Einverſtändniß ſeiner Couſine Käthchen mit dem neuen Genoſſen, dem Herrn Smythje, zu Ohren. Die Wirkung ſolcher Nachrichten war ein allmähliches, wenn auch ſchmerzliches Erlöſchen aller früher von Her⸗ bert gepflegten Hoffnungen. Unter den Umſtänden indeß, in die ihn der Zufall jetzt gebracht, war das Aufgehen früherer Hoffnungen jedenfalls weniger qualvoll. War doch eine Schönheit von nicht gewöhnlichem Glanze, die ihn mit ganz be⸗ ſonders anziehenden Blicken und freundlichem Lächeln überſchüttete, nun an ſeiner Seite, und zwar beſtändig an ſeiner Seite. Wären ihm ſolche Blicke und ſolch ein holdes Lächeln nur einen Tag früher zu Theil geworden, bevor das Bild Käthchen Vaughan's Eindruck auf ihn gemacht, er Der Marone. II. 7 5 hätte ſich ihren Einflüſſen wahrſcheinlich bereitwillig gänzlich hingegeben. Und hätte er dagegen nur ahnen können, wie ſein Bild ihr Herz getroffen und ſich darin feſtgeſetzt, er würde ſicher den bezaubernden, ſich ihm aufdrängenden Neigungen einen ſtärkeren Wider⸗ 8 ſtand entgegengeſetzt haben. Aber liebende Herzen ſind keineswegs von Glas, und wenn ſie auch zu Zeiten Spiegeln gleichen, die ſich ihre geiſtigen Bilder einander zurückwerfen, dennoch wer⸗ den dieſe Spiegel oftmals durch fortgeſetzte Widerwär⸗ tigkeiten umgekehrt, mit dem Rücken einander zugewandt, und die ſich früher einander beſpiegelnden Bilder ver⸗ blaſſen vollſtändig. 31 Dies war der Fall mit Herbert Vaughan's Herzen.. Kein Wunder deshalb, daß weder er ſelbſt, noch ſonſt Jemand es richtig zu verſtehen vermochte. Käthchen Vaughan war hierbei durchaus nicht in Unwiſſenheit über die äußeren Begebenheiten. Ihr Mäd⸗ 1 chen Yola machte ſie mit Allem vollſtändig bekannt. Durch ſie hatte ſie auch von Herbert's wahrem Aufent⸗ 12 halte, von ſeinem Glücke und ſeinem Wohlergehen ge⸗ 4 hört. Dieſe Nachricht würde ihr große Freude verur⸗ ſacht haben, aber leider hatte ſie gehört, er ſei zu glück⸗ 46 lich! Sonderbar genug, daß dies jetzt Veranlaſſung zum Kummer geben ſollte. Faſt in gleicher Lage wie Herbert's Herz befand ſich auch das ſeiner Couſine, obwohl dieſes viel leichter zu verſtehen war, denn es klopfte und zitterte lediglich un⸗ ter der Einwirkung einer erſten jungfräulichen Liebe. Ihr hatten ſich zu gleicher Zeit zwei Geſtalten darge⸗ 99 boten, beide in der Blüthe jugendlicher Männlichkeit— der eine ein unabhängiger, vom Glücke Begünſtigter— der andere ein armer, vom Mißgeſchicke verfolgter Aben⸗ teurer. Der Erſtere von ihnen hatte noch den nicht unbe⸗ trächtlichen Vortheil, früher eingeführt zu ſein, der An⸗ dere war eigentlich gar nicht eingeführt worden. Allein der äußerlich Begünſtigte gewinnt keineswegs immer, der früheſte beim Wettlauf mag am Ziel zuletzt ankom⸗ men, und obwohl das Herz der jungen Kreolin auf ſeinem reinen unentweihten Grunde das Bild der Liebe ſogleich beim erſten Anblicke in ſich ſchloß, ſo war es doch nicht das Bild desjenigen, der zuerſt gekommen. Alle die hierauf folgenden, ſich jagenden und kreu⸗ zenden Gedanken— alle die Hoffnungen und Befürch⸗ tungen— alle die trüben Zweifel bei Tag und bei Nacht— alle die oft betrüglich glänzenden Träume— alles dies bedarf keiner umſtändlichen Beſchreibung. Es giebt wohl Keinen, der nicht eine erſte Liebe ge⸗ kannt, und gewiß ſehr Wenige, die nicht deren ver⸗ ſchiedenartig abwechſelnde Gefühlsaufregung empfunden haben. Sogar der durch die Kühle ſeiner Gefühle für An⸗ dere bevorzugte Smythje war nicht immer in derſelben gleichen Stimmung, auch er ward abwechſelnd von Hoff⸗ nungen wie von Befürchtungen beunruhigt. Die erſte⸗ ren herrſchten aber jedenfalls vor und meiſtentheils er⸗ füllte ihn die ſtolze Zuverſicht eines unwiderſtehlichen Eroberers. Oftmals, wenn Thoms allein ihm zuhörte, . 7*¾ “ wiederholte Smythje vor ſeinem Spiegel mit triumphi⸗ rendem Frohlocken den etwas ruhmredigen Spruch Cäſars: »Veni, vidi, vici!«*) Dreizehntes Kapitel. Aufſuchen der Gerechtigkeit. Der Widerwillen und der Groll zwiſchen dem Pflanzer und dem Koppelhalter waren ſchon ſehr alt und ſtamm⸗ ten von ihrer erſten Bekanntſchaft mit einander her. Einige unter ihnen beim Kaufe und Verkaufe von Scla⸗ ven angewandten ſchlauen Kunſtgriffe hatten wohl die erſte Veranlaſſung gegeben und dann trugen verſchiedene Umſtände dazu bei, den Groll nicht ausſterben zu laſſen. Dies war beſonders der Fall, ſeitdem der Jude durch Ankauf des Gutes„das Glückliche Thal“ der nächſte Nachbar und hinſichtlich ſeines Reichthums auch der Nebenbuhler des Beſitzers von Willkommenberg gewor⸗ den war. Die gegenſeitig von ihnen gefaßte Feindſchaft beſaß eigentlich mehr den Charakter natürlichen Widerwillens. Obwohl auf beiden Seiten heftig empfunden, wurde dieſer gegenſeitige Widerwille doch gewöhnlich verborgen gehalten. Lediglich bei ſehr ſeltenen Gelegenheiten hatte er unter ihnen irgend einen Ausdruck gefunden und 2) Ich kam, ſah und ſiegte! — — — — 4 101 ſelbſt dann nur oberflächlich. Dennoch war es wohl Keinem von ihnen gelungen, ſein Uebelwollen vor dem Andern zu verbergen, denn Jeder wußte, daß der An⸗ dere ihn haſſe, eben ſo wohl, als hätten ſie ſich jeden Tag während ihres Lebens ausdrücklich dies Geſtänd⸗ niß abgelegt. Die gegenſeitige Abneigung war eigentlich mehr ab⸗ wechſelnd als beſtändig, das heißt, ſie war je nach den Umſtänden ſtärker oder ſchwächer; zuweilen erreichte ſie den Gipfel offener Feindſchaft, zuweilen ſank ſie zu bloßer Unfreundlichkeit herab, aber ganz im Abſterben war ſie niemals. Auf den Cuſtos hatte einige Zeit hindurch noch ein anderes Gefühl gegen den jüdiſchen Nachbarn zugleich mit ſeiner Abneigung eingewirkt, nämlich ein unbeſtimm⸗ tes Gefühl der Furcht. Dieſes war neueren Urſprungs, erſt ſeit der Hinrichtung Chakras, des Myalmannes; ſie gründete ſich auf einige Bemerkungen, die, wie Herrn Vaughan berichtet worden war, der Iſraelit in Bezug auf jenen ſchändlichen Vorfall geäußert hatte. Wenn nun in der letzten Zeit auch eigentlich nichts Beſonderes vorgekommen war, um die früher gehegte Furcht des Cuſtos zu vermehren, ſo war die ſtille Feind⸗ ſchaft doch noch vermehrt worden. Der ſeinem bei Seite geſchobenen Neffen gewährte Schutz und die auffallende Schauſtellung, zu der ihn ſein Nachbar offenbar benutzte, gaben dem Cuſtos fortwährend Anlaß zum Aerger und Verdruß, denn faſt täglich erfuhr er irgend eine unan⸗ genehme, mit dieſer Angelegenheit im Zuſammenhange — —— 102 ſtehende Klatſchgeſchichte. Durch dieſe beſtändig ihn er⸗ reichenden Berichte und Gerüchte war er ſo gereizt wor⸗ den, daß jetzt ſein Haß gegen den Juden noch viel ſtär⸗ ker als je zuvor geworden war. Gern würde er deshalb Jedem ein Dutzend Oxrhöfte ſeines beſten Muscovado gegeben haben, der ihm Mittel und Wege gezeigt hätte, den verabſcheuten Koppelhalter zu demüthigen. Und gerade jetzt führte der Zufall oder das Glück ihm die Gelegenheit zu, ſeinen Wunſch zu erfüllen, und zwar in einer Weiſe, welche, anſtatt ihm ein Dutzend großer Fäſſer mit Zucker zu koſten, ihn vielleicht noch viel mehr, als dies gewinnen laſſen konnte. Den Tag, bevor Smythie in den vertrockneten Baum fiel, ſaß der Cuſtos, eine feine Eigarre von ſeiner Pflanzung rauchend, allein in ſeinem Kiosk und grü⸗ belte über die Statuten des„Schwarzen Codex“, unbe⸗ dingt ſein Lieblingsſtudium, das aber auch für ihn höchſt nothwendig war, da er die bedeutende Würde einer erſten Magiſtratsperſon des ganzen Bezirks errungen hatte. Eben jetzt fiel unerwartet Herrn Truſty's, des Auf⸗ ſehers, Schatten in's Sommerhaus hinein. „Nun, Truſty, was giebt's?“ „Es iſt ein Mann da, der Euer Gnaden zu ſpre⸗ chen wünſcht.“ „Was will er?“ „Weiß nicht,“ antwortete der lakoniſche Aufſeher; „wollt' es nicht ſagen. Sagt, es ſei wichtig, könne nur Ihnen ſelbſt mitgetheilt werden.“ „Was für ein Mann iſt es? ein Neger oder ein Weißer?“ 103 „Keins von Beiden, Euer Gnaden! Er iſt ein reiner Mulatte. Ich habe ihn wohl ſchon früher ge⸗ ſehen. Er iſt einer von den Maronen, die ihre An⸗ ſiedelungen in den Trelawney⸗Bergen haben. Er nennt ſich Cubina.“ „Ahl“ ſagte der Cuſtos und verrieth eine leichte Er⸗ regung, als der Name ausgeſprochen wurde;„Cubina! Cubina! den Namen habe ich ſchon gehört und ich meine, ich habe auch wohl ſchon den Mann geſehen, von Weitem. Ein junger Burſche noch, nicht wahr?“ „Sehr jung, obgleich er der Hauptmann der Bande ſein ſoll.“ „Was auf der Welt kann der Marone nur von mir wollen?“ murmelte Herr Vaughan halb für ſich ſelbſt.„Er hat wohl einen Negerflüchtling eingebracht, nicht wahr?“ „Nein,“ antwortete der Aufſeher.„Dank Euer Gnaden guten Verwaltung, wir haben lange keinen Flüchtling gehabt, nicht einen einzigen, ſeitdem der alte ränkeſüchtige Chakra aus dem Wege geräumt worden iſt.“ „Dank Ihrer guten Aufſicht, Herr Truſty,“ ſagte der Pflanzer, ſeines Aufſehers Compliment zurückgebend, nicht ohne zugleich unwillkürlich ein nervöſes Zucken im Geſichte bei der Erinnerung an Chakra zu verrathen. „Da iſt es wohl nichts der Art, meinen Sie nicht?“ fügte er haſtig hinzu, als wünſche er, den Gegenſtand des Geſpräches zu verändern. „Nein, Ew. Gnaden, das kann nicht ſein. Ich habe gar keinen Flüchtling auf der Liſte,“ erwiederte Truſty mit triumphirendem Blicke. . ſſ— ———*— ——— 104 „Ganz gut, das höre ich gern,“ ſagte der Cuſtos und rieb ſich die Hände als Ausdruck ſeiner Zufrieden⸗ heit.„Nun, dann wird der junge Mann mich wohl in meiner Eigenſchaft als obrigkeitliche Perſon zu Rathe ziehen wollen. Unbezweifelt iſt er in irgend einer Ver⸗ legenheit. Denn dieſe Maronen fangen immer Streit mit unſeren Pflanzern an. Ich bin neugierig, wen er wohl verklagen wird?“ „Nun, das kann ich Ihnen wohl ſagen,“ verſetzte der Aufſeher, der augenfällig mehr von des Maronen Abſichten wußte, als er bisher hatte merken laſſen, denn Herr Truſty war ein höchſt ſchweigſamer und auch ver⸗ ſchwiegener Mann.„Sollte es mir erlaubt ſein, meine Muthmaßung zu äußern, ſo mochte ich wohl glauben, es betrifft unſern Nachbarn im Glücklichen Thal.“ „Was, den Juden?“ „Ja, den Gutsbeſitzer Jacob Jeſſuron.“ „Glauben Sie das wirklich, Truſty?“ fragte Vaughan mit ernſtem, aber zufriedenem Blicke.„Hat der junge Mann irgend etwas geſagt?“ „Nein,“ antwortete der Aufſeher;„er hat davon nichts geſagt. Ich hörte nur vor einigen Tagen etwas von einem Flüchtling, den die Maronen aufgenommen haben, einem Sclaven, der dem Juden gehört. Es ſcheint, ſie wollen ihn nicht herausgeben.“ „Von wem haben Sie das gehört?“ „Nun, eigentlich von gar Keinem, Ew. Gnaden; und ich ſollte eigentlich ſagen, ich hörte es durch einen Zufall, horchend. Einer von den Trelawney⸗Maronen, ein großer dicker Burſche, der hier zuweilen die ſchwarze 10⁵ Betty beſuchte, erzählte ihr davon. Ich ging gerade bei Betty's Hütte vorbei und hörte ſie darüber reden.“ „Wollen ihn nicht herausgeben! Und aus welchem Grunde?“ „Ich konnte nur einen Theil ihrer Unterredung ver⸗ ſtehen.“ „Alſo das, meinen Sie, iſt's, weshalb der junge Mann kommt?“ „Mir iſt es wahrſcheinlich, Ew. Gnaden. Er iſt ſehr verſchwiegen und ich konnte über ſein Geſchäft kein Wort aus ihm herausbekommen. Er ſagt, er muß Sie ſelbſt ſprechen.“ „Nun, wohlan denn! Sie können ihn hier hineinführen, ein ganz guter Platz dazu. Und hören Sie mal, Herr Truſty! Reden Sie doch mit der ſchwarzen Betty und bringen Sie aus ihr heraus, was Sie können. Denn dies iſt jedenfalls eine intereſſante Geſchichte: ein Ma⸗ rone, der es abſchlägt, einen Flüchtling auszuliefern! Da muß doch etwas Beſonderes dabei ſein. Vielleicht erzählt mir der Mulatte ſchon Alles; aber es iſt immer gut, Sie reden mal mit Betty. Dabei können Sie ihr ein neues Kleid oder ſonſt etwas verſprechen. Aber nun führen Sie den jungen Burſchen ſofort ein; ich bin be⸗ reit, ihn zu empfangen.“ Herr Truſty machte eine Verbeugung und ging nach den Werkſtätten, wo der Marone geblieben war, wäh⸗ rend der Cuſtos eine gewichtige Amtsmiene annahm und den Eintritt des Beſuchenden erwartete. „Ich wollte wahrhaftig ein hübſches Stückchen Geld ausgeben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn ich erführe, ——= ———— 106 daß der alte Schurke einen Streit mit dieſen Maronen hat. Wunderbar wäre es mir gerade nicht!“ fügte er im Voraus vergnügt hinzu.„Nein, wunderbar nicht. Ich weiß, ſie können ihn nicht recht leiden, ſeitdem er die Spanier in Sold genommen hat und ich habe Ver⸗ dacht genug, er hat erſt kürzlich einige heimliche Ge⸗ ſchichten gehabt. Jeden Tag iſt er größer geworden und kein Menſch begreift, wo all das Geld herkommt. Viel⸗ leicht weiß der Herr Marone etwas davon zu erzählen; und wenn dies gegen Jeſſuron iſt, dann, in der That, hat er eine gute Gelegenheit zum Erzählen getroffen. Ah, da kommt er ſchon! Wirklich ein kräftiger, hübſcher Burſche! Das iſt alſo der junge Mann, mit dem meine Tochter Yola neckt! Nun, ich kann mich gar nicht wun⸗ dern, daß das Fellahmädchen ihn leiden mag, aber ich muß danach ſehen, daß er ſie nicht zum Narren hält. Dieſe Maronen ſind für die Frauen auf den Pflanzun⸗ gen ganz gefährliche Kerle; und Yola, mag ſie nun in ihrer Heimath eine Prinzeſſin ſein oder nicht— Prin⸗ zeſſin! ha, ha, ha!— aber auf alle Fälle iſt das Mäd⸗ chen keine gewöhnliche Negerin, und dieſer Herr Ma⸗ rone ſoll ſie nicht an der Naſe führen. Da ich ihn gerade hier habe, will ich's ihm ſchon ſagen, aber ich hoffe, er hat noch ein anderes Geſchäft.“ Jetzt war der Maronenhauptmann, wie er zuerſt im Walde aufgetreten, vor dem Kiosk angekommen, machte eine begrüßende Verbeugung, ohne ſeine Kopfbedeckung abzunehmen, denn dieſe war das Kopftuch, das wohl nicht fortgenommen werden konnte— und ſtand darauf wartend, daß der Cuſtos ihn anreden möchte. ſtumm, ohne ſich zu weiterem Reden fortzulaſſen, als zu der mechaniſchen Begrüßung:„Guten Morgen!“ In der Geſichtsbildung ſeines Beſuchers lag etwas, das augenſcheinlich einen großen Eindruck auf ihn machte, und der Blick, mit dem er ihn lange und auf⸗ merkſam betrachtete, verrieth ein von bloßer Neugierde oder Bewunderung gänzlich verſchiedenes Gefühl. Das war ein eifrig forſchender Blick, ganz als ob das Ge⸗ ſicht des jungen Mannes eine alte Erinnerung wach⸗ gerufen hätte, und noch dazu eine, die gerade nicht an⸗ genehm war. Dies zeigte ſich in einer leichten Wolke, die ſich beim Anblicke des Maronen auf die Stirn des Pflanzers legte. Welchen Grund dieſe auch haben mochte, Herr Vaughan ſchien zu wünſchen, ſie zu unterdrücken, was ihm auch nach geringer Anſtrengung gelang, denn die Wolke auf der Stirn verſchwand ſofort, und mit einem vornehmen, aber doch freundlichen Lächeln begann er die Unterhaltung. Vierzehntes Kapitel. Obrigkeit und Marone. „Nun, junger Mann,“ begann der Cuſtos mit leut⸗ ſeligem, mildem Tone,„wenn ich nicht irre, ſeid Ihr einer von den Trelawney⸗Maronen?“ „Ja, Ew. Gnaden,“ antwortete Cubina einſach. Dieſer blieb indeß eine nicht unbeträchtliche Zeit 108 „Der Hauptmann einer Ortſchaft, nicht wahr?“ „Nur von wenigen Familien, Ew. Gnaden. Un⸗ ſere Niederlaſſung iſt nur ſehr klein.“ „Und Euer Name?“ „Cubina?“ „Ah, den Namen habe ich ſchon gehört,“ ſagte der Cuſtos.„Ich meine,“ fügte er mit bedeutungsvollem Lächeln hinzu,„wir haben hier auf der Pflanzung ein junges Mädchen, die Euch kennt?“ Cubina erröthete, als er die Frage ſtammelnd be⸗ jahte. „Ohl da iſt Alles in Ordnung,“ ſagte der Cuſtos er⸗ munternd.„So lange man nichts Unrechtes beabſich⸗ tigt, iſt auch nichts Unrechts gethan. Herr Truſty ſagte mir, Ihr hättet ein Geſchäft mit mir. Hat es hierauf Bezug?“ „Worauf, Ew. Gnaden?“ fragte der Marone, ein wenig über die ihm unerwartete Frage verwundert. „Auf Eure Geliebte?“ „Meine Geliebte, Ew. Gnaden?“ „Ja, Yola! Iſt ſie nicht Eure Geliebte?“ „Ja wohl, Herr Vaughan,“ verſetzte der Marone, nich will durchaus nicht läugnen, daß Einiges zwiſchen mir und dem jungen Mädchen vorgegangen ſei, aber das war es eigentlich nicht, worüber ich mit Ihnen reden wollte, obgleich nun, da ich jetzt einmal hier bin, es mir gar nicht unlieb wäre, auch hierüber mich aus⸗ zuſprechen, wenn es Ew. Gnaden angenehm iſt.“ „Ganz wohl, Hauptmann Cubina, ich bin bereit, zu hören, was Ihr zu ſagen habt.“ 109 „Nun denn, Ew. Gnaden, es iſt wahr, ich möchte Yola gern kaufen.“ „Was, Eure eigene Geliebte kaufen?“ „Ja, gewiß, Ew. Gnaden. Natürlich, ſo bald ſie mein iſt, gebe ich ſie frei.“ „Das heißt, Ihr wollt die Feſſeln, die ſie nun trägt, in Ehefeſſeln verwandeln?— ha! ha! ha! Iſt es ſo, Cubina?“ und der Cuſtos lachte herzlich über dieſen Einfall. „Etwas der Art wohl, Ew. Gnaden,“ erwiederte Cubina, in des würdigen Magiſtrates Spaß eingehend. „Und glaubt Ihr wirklich, daß Yola wünſcht, Frau Cubina zu werden?“ Wenn ich nicht ſo glaubte, Ew. Gnaden, ſo würde ich ſchwerlich den Vorſchlag machen, ſie zu kaufen, wenn ſie nicht damit einverſtanden wäre.“ „Alſo iſt ſie bereits damit einverſtanden?“ „Ich glaube ſo, Ew. Gnaden. Nicht, weil ſie ihre jetzige junge Herrin nicht lieb hätte, Ew. Gnaden, aber—. „Aber, da iſt noch ein Anderer, den ſie noch lieber hat, als ihre Herrin und das ſeid Ihr wohl ſelbſt, werther Cubina?“ „Ja, Sie ſehen, Gnaden, das iſt eine ganz ver⸗ ſchiedene Art von Liebhaben, und—“ „Wohl wahr, wohl wahr!“ unterbrach Herr Vaug⸗ han ihn, als wünſche er das Ende herbeizuführen, we⸗ nigſtens über dieſen Gegenſtand.„Nun, Hauptmann Cubina,“ fügte er hinzu,„vorausgeſetzt, ich wollte mich dbbͤb—bbdbbͤ von Yola trennen, wieviel könntet Ihr wohl für ſie — — 110 aufwenden? Ich willige aber damit noch gar nicht ein, denn zuvörderſt gehört das Mädchen meiner Tochter und ſie hat hierüber unbedingt ein Wort mitzureden.“ „Ah! Herr!“ rief Cubina ſanft und zuverſichtlich aus,„Fräulein Vaughan iſt gut und edelmüthig, ſo habe ich oft ſagen hören. Ich bin überzeugt, ſie wird Yola's Glück niemals im Wege ſein.“ „Glaubt Ihr denn gewiß, es würde Yola glücklich machen, wirklich?“ „Ich hoffe es, Ew. Gnaden,“ antwortete der Ma⸗ rone, beſcheiden die Augen niederſchlagend. „Vor Allem,“ ſagte der Pflanzer,„würde das eine reine Geſchäftsſache ſein. Meine Tochter, wenn ſie es auch wünſchte, könnte das Mädchen doch nicht unter dem Marktpreiſe fortgeben, der bei Yola ſchon ein ſehr hoher ſein würde. Wie viel glaubt Ihr wohl, daß mir für das Mädchen geboten worden iſt?“ „Ich habe von zweihundert Pfund gehört, Ew. Gnaden.“ „Ganz richtig, und ich ſchlug das hohe Gebot aus.“ „Aber vielleicht, Herr Vaughan, würden Sie es einem Andern nicht abgeſchlagen haben, zum Beiſpiel mir?“ „Das weiß ich noch nicht! Aber könnt Ihr die hohe Summe aufbringen?“ „Jetzt gerade nicht, Ew. Gnaden. Leider koͤnnte ich es nicht. Ich hatte bereits an hundert Pfund zuſam⸗ mengekratzt und geſcharrt, in der Meinung, das würde genug ſein, als ich zum größten Schrecken erfuhr, ich hätte erſt die Hälfte. Doch, wenn Ew. Gnaden mir nur einige Zeit laſſen wollen, ſo hoffe ich, ich werde in ein paar Monaten wohl die andern Hundert zuſam⸗ menbringen und dann—“ „Dann, werther Hauptmann, wird es Zeit ſein, über Yola's Kauf zu reden. Einſtweilen kann ich auch nur verſprechen, daß ſie an weiter keinen Andern ver⸗ kauft werden ſoll. Seid Ihr damit zufrieden?“ „Dank, vielen Dank, Ew. Gnaden! Es iſt ſehr gütig von Ihnen, Herr Vaughan. Ich werde Ihnen ſtets dankbar ſein. So lange, als Yola—“ „Yola wird bei meiner Tochter ganz ſicher ſein. Aber nun, mein junger Freund, da Ihr geſagt habt, dies ſei nicht das eigentliche Geſchäft, das Euch herge⸗ führt hat, ſo habt Ihr noch ein anderes. Bitte, laßt mich jetzt hören, was es iſt.“ Als der Cuſtos dies Geſuch ſtellte, ſetzte er ſich, um noch aufmerkſamer, als bisher, zuhören zu können. „Ganz wohl, Ew. Gnaden!“ begann Cubina.„Ich kam eigentlich, um Sie in einer Angelegenheit um Rath zu fragen, die ich mit Herrn Jeſſuron habe, dem Kop⸗ pelhalter, Ihrem Nachbarn.“ Herr Vaughan wurde noch viel aufmerkſamer. „Warum handelt ſich's?“ fragte er kurz, damit kein Umſchweif den Redner von ſeiner freiwilligen Erklärung abziehen möge. „Es iſt eine böſe Angelegenheit, Ew. Gnaden, und ich würde vielleicht gar nicht davon reden, wenn der arme junge Mann, der aller ſeiner Rechte auf's Schänd⸗ lichſte beraubt worden iſt, nicht zufällig der Bruder von Yola ſelbſt wäre. Es iſt eine durchaus ſeltſame Ge⸗ ſchichte, und wäre es nicht der alte Iunde, der es ge⸗ than hat, man möchte es kaum glauben.“ „Nun, was denn? ſprecht doch deutlich, mein Freund!“ „Ganz wohl, Ew. Gnaden; wenn Sie Geduld ha⸗ ben wollen, mich anzuhören, ſo will ich Ihnen die ganze Geſchichte von Anfang bis zu Ende erzählen, das heißt, ſo weit, als ſie jetzt ſpielt, denn noch iſt ſie nicht zu Ende.“ „Nur immer zul!“ befahl der Cuſtos.„Ich will geduldig zuhören. Und habt keine Angſt, Hauptmann Cubina!“ fügte er ermunternd hinzu.„Erzählt mir Alles, was Ihr wißt, jeden Umſtand. Iſt es ein Rechtsfall, ſo verſpreche ich Euch, das Recht ſoll zur Geltung kommen.“ Und mit dieſem, allen obrigkeitlichen Perſonen eige⸗ nen Gemeinplatze nahm der Cuſtos wieder ſeine vorige Haltung großer Aufmerkſamkeit an. „Ich will nichts verſchweigen, Ew. Gnaden, mag es mir Unannehnlichkeiten verurſachen oder nicht. Ich will Ihnen Alles erzählen, wenigſtens Alles, was zu meiner Kenntniß gekommen iſt.“ Mit dieſem Vorbehalte begann der Maronenhaupt⸗ mann die ſämmtlichen, mit der Gefangennahme des Flüchtlings in Verbindung ſtehenden Umſtände genau zu erzählen, die merkwürdige Begegnung des Bruders und der Schweſter und ihre gegenſeitige Wiedererkennung. Dann wurden die Eröffnungen des jungen Fellah ſelbſt mitgetheilt: wie er ein afrikaniſcher Fürſt war, wie er ausgeſandt wurde, um ſeine Schweſter aufzu⸗ ſuchen; die mitgebrachte Auslöſung; ſeine Landung vom — “ Schiffe, wo er vom Capitain Jowler der Sorge Jeſſu⸗ ron's übergeben worden war; die Behandlung und die Verrätherei des Juden; das Brennen ſeiner Perſon und der Raub all' ſeines Eigenthums; ſeine Flucht aus der Koppel; ſeine bereits vorher erzählte Gefangennahme durch Cubina; und endlich ſeine Zurückhaltung durch dieſen, trotz verſchiedener, von dem Juden geſandter Bot⸗ ſchaften und Drohungen, den Mann herauszugeben. „Gut!“ ſchrie Loftus Vaughan, vom Stuhle auf⸗ ſpringend und augenſcheinlich über die von dem Maro⸗ nen in höchſt dramatiſcher Weiſe vorgetragene Erzählung erfreut.„Ein Melodrama, wahrhaftig! dem nur ein Aect zur Vollendung fehlt. Ich habe große Luſt, an dem Schauſpiele thätigen Antheil zu nehmen, bevor es zu Ende geht. Hoho!“ rief er dann aus, als ergriffe ihn plötzlich ein beſonderer Gedanke;„das erklärt es auch, warum der alte Schurke das Mädchen kaufen wollte, obwohl ich ſeine Abſicht hierbei nicht ganz be⸗ greife. Das wird ſich aber auch aufklären.“ Dann veränderte er ſeine halb für ſich geſprochene Redeweiſe und wandte ſich wiederum an den Maronen. „Vierundzwanzig Mandingos, ſagt Ihr, vierund⸗ zwanzig gehörten dem Fürſten?“ „Ja, Euer Gnaden. Zwanzig wirkliche Sclaven und noch vier Andere, die ſeine perſönlichen Diener waren. Es waren noch viel mehr Sclaven da, aber die waren das geſetzmäßige Eigenthum des Schifß⸗ kapitains für ſeine Ueberfahrt.“ „Und die wurden Alle nach der Judenkoppel ge⸗ bracht?“ Der Marone. II. 8 „Alle zuſammen mit den Andern. Die ganze La⸗ dung kam dahin, der Jude kaufte Alles. Es waren auch einige Koromantis darunter, und einer von meinen Leuten, Quaco, der mit dieſen geſprochen, hörte genug, um des jungen Mannes Erzählung vollkommen zu be⸗ ſtätigen.“ „Hal wie ſchade nur, daß Schwarze gar kein Zeug⸗ niß ablegen können! Alle ihre Ausſagen haben gar keinen Werth. Aber ich will zuſehen, was ohne ſie zu machen iſt. Nannte Euer Prinz beſtimmt den Namen des Schiffscapitains, der ihn über's Meer brachte?“ fragte der Cuſtos nach kurzem Nachſinnen. „O ja, Euer Gnaden, Jowler iſt ſein Name. Er fährt immer nach Gambia, wo des Fürſten Vater lebt. Der junge Fellah kennt ihn ganz gut.“ „Ich glaube, ich weiß auch etwas von ihm, von demſelben Jowler. Ich möchte ihn gern noch wegen etwas Anderem faſſen, den werthvollen Ausreißer! Aber großen Vortheil würde es doch nicht gewähren, wenn wir ihn auch wirklich hätten. Die Zwei haben unbe⸗ zweifelt bei dem Geſchäfte gemeinſchaftlich gewirkt und die ganze Sache iſt zwiſchen ihnen abgekartet.— Hum, hum! was iſt da zu thun, um einen weißen Zeugen anzuſchaffen?“ fuhr der Cuſtos fort, mehr zu ſich ſelbſt, als zu ſeinem Beſucher redend.„Das, fürchte ich, wird eine verhängnißvolle Schwierigkeit ſein. Halt! Ravener, Jeſſuron's Aufſeher, ſagt Ihr, war bei der Landung der Schiffsladung zugegen?“ „O ja, Euer Gnaden! der würdige Mann nahm an 115 der ganzen Sache einen ſehr thätigen Antheil. Er war es, der den Fürſten aller ſeiner Kleider beraubte und ihm alle ſeine Juwelen fortnahm.“ „Auch Juwelen?“ „Carambo! ja gewiß! Er beſaß viele, ſehr werth⸗ volle Sachen!“ 4 „Das iſt Raub! wahrhaftig, offener, großartiger Raub! Nun wohl, Hauptmann Cubina!“ fuhr der Cuſtos fort und erhob ſeine Stimme zu einem mehr geſchäfts⸗ mäßigen, wichtigen Ton,„ich verſpreche Euch, daß dies nicht ſo ruhig hingehen ſoll. Freilich ſehe ich noch nicht recht ein, wie es richtig anzufangen iſt, denn bei der⸗ artigen gerichtlichen Verfolgungen ſind immer viele Schwierigkeiten. Wir werden große Mühe mit den Zeu⸗ gen haben, vorzüglich, da Jeſſuron ſelbſt eine obrigkeit⸗ liche Perſon iſt. Aber das ſoll Alles nichts ausmachen. Gerechtigkeit ſoll hier Platz greifen, ſelbſt wenn er der Höchſte im ganzen Lande wäre. Aber für den Augen⸗ blick kann eigentlich Nichts gethau werden, denn einen Monat dauert es noch, bis das Geſchwornengericht zu Havannah zuſammentritt, und dahin müſſen wir uns mit dieſer Sache wenden. Unterdeſſen aber kein Wort zu irgend Jemand ſagen, nicht ein leiſes Wörtchen von Allem, was Ihr wißt!“, „Das verſpreche ich, Euer Gnaden.“ „Den Fellah müßt Ihr behalten, wo Ihr ihn habt. Um keinen Preis liefert Ihr ihn aus. Ich werde zu⸗ ſehen, daß Ihr darin beſchützt werdet, ihn zu behalten. Es iſt übrigens gar nicht wahrſcheinlich, daß der Jude 8*¾ ſſ 116 es mit Euch auf's Aeußerſte kommen laſſen wird. Doch, er hat ein Glashaus über ſeinem Kopfe und wir ſind in der Lage, Steine darauf werfen zu können. So habt auch Ihr nicht gerade viel zu fürchten.— Und nun, junger Mann!“ fügte der Cuſtos hinzu und ſchlug einen Ton an, der zeigen ſollte, wie freund⸗ lich er gegen den geſonnen war, der ihm ſo angenehme Nachrichten mitgetheilt hatte,„wenn Alles gut geht, wer⸗ det Ihr keine große Schwierigkeit haben, die hundert Pfund für den Kauf Eurer Geliebten voll zu machen. Das bedenket wohl!“ „Danke vielmals, geehrter Herr Cuſtos!“ ſagte Cu⸗ bina, ſich freundlich verbeugend;„ich verlaſſe mich ganz auf Ihr Verſprechen.“ „Das thut nur. Und jetzt geht ruhig nach Hauſe und wartet, bis ich nach Euch ſchicke. Morgen will ich mit meinem Anwalt reden. Vielleicht haben wir Euch bald nöthig.“— Und Loftus Vaughan ſprach am nächſten Tage ſchon mit ſeinem Anwalte. Das war ſein Geſchäft in Mon⸗ tego⸗Bay an jenem Tage, als Smythje ſo unglücklich in den trockenen Baum fiel. Fünfzehntes Kapitel. Smythje’'s Sonnenfinſterniß. Die berühmte Sonnenfinſterniß des Columbus, wo⸗ durch dieſer gewandte Seemann die einfältigen Wilden ——— 117 von Don Chriſtopher's Bucht ſo vortheilhaft für ſich täuſchte, iſt nicht die einzige, weshalb die Inſel Ja⸗ maica berühmt ſein ſollte. Meine Pflicht wenigſtens iſt es, noch eine andere anzuführen, die, wenn auch nicht werth, in den Annalen der Weltgeſchichte erwähnt zu werden, dennoch wohl ein Kapitel in unſerer Geſchichte verdient. Die fragliche Sonnenfinſterniß nämlich, obwohl in ihren Folgen durchaus nicht ſo wichtig, als die, welche den großen Weltentdecker begünſtigte, war dennoch von beträchtlichem Intereſſe, ganz beſonders für einige der in unſerer Geſchichte mitwirkenden Perſonen, deren Ge⸗ ſchick nicht wenig durch ſie beeinflußt wurde. Da ſie ſich ungefähr zwei Wochen nach der Ankunft des vortrefflichen Herrn Smythje ereignete, ſo ſchien es wirklich, als hätte die Sonne ſich gerade für dieſe Ge⸗ legenheit verfinſtert, gewiſſermaßen als eine Steigerung aller der glänzenden Feſte und Unterhaltungen, die dem Herrn von Schloß Montagu zu Theil geworden waren. Deshalb verdient ſie auch unbedingt die„Smythje⸗ Sonnenfinſterniß“ benannt zu werden. In der durch dieſe Naturerſcheinung hervorgebrach⸗ ten Wirkung war Smythje freilich nicht ſo vom Glücke begünſtigt, als Columbus, denn anſtatt einige zuvor ge⸗ hegte Hoffnungen noch glänzender zu machen, diente ſie vielmehr dazu, ſie ganz, wie die Sonne ſelbſt, zu ver⸗ dunkeln. Am Tage, bevor die Sonnenfinſterniß ſtattfinden ſollte, hatte der Cockney einen eigenthümlichen Plan ent⸗ worfen, nämlich den, die Sonnenfinſterniß von der Höhe 118 eines Berges mit anzuſehen, und zwar von der Spitze des Jumbéfelſens! Fvreilich lag in dieſem Plane etwas verwegen Ori⸗ ginelles, und deswegen entwarf Smythje denſelben. Käthchen Vaughan ſollte ihn alsdann begleiten. Er hatte Herrn Vaughan's Zuſtimmung bereits gefordert und natürlich auch erlangt, und ebenſo die Käthchen's, denn Käthchen hatte in letzter Zeit mehr denn je vorher gefunden, daß ihres Vaters Wille ihr Geſetz ſei. Smythje hatte bei dieſer Beſteigung des Jumbé⸗ felſens— als eines von der Natur dargebotenen, vor⸗ trefflichen Obſervatoriums— noch eine ganz beſondere Abſicht. Die Kühnheit des Gedankens, der ganz ſein eigen war, ſo wie das bei dieſer Gelegenheit beabſichtigte Auskramen ſeiner aſtronomiſchen Kenntniſſe, wozu er ſich eigens vorbereitet hatte, mußten ihn in den Augen der jungen, in dieſer Wiſſenſchaft gerade nicht ſehr be⸗ wanderten Creolin als höchſt intereſſant und geiſtreich erſcheinen laſſen. Aber er hatte dabei noch eine ganz andere Abſicht von viel größerer Wichtigkeit, eine Abſicht, die er ſchon längſt ausführen wollte, aber ſtets für eine außerordent⸗ liche Gelegenheit aufgeſpart hatte, gerade eine ſolche Ge⸗ legenheit, wie ſie ihm die erwartete Sonnenfinſterniß nun in bequemſter Weiſe darbieten mußte. Zu der Zeit nämlich, wenn die ganze Erde im Halbdunkel lag — gleichſam verhüllt von dem dunklen Schleier der Un⸗ ermeßlichkeit— in jener ſtillen und feierlichen Stunde hatte Smythje beſchloſſen, er wolle die Frage auf ein⸗ mal zur Entſcheidung bringen. — — 1¹9 Warum er gerade ſolch' einen Platz und ſolch' eine Zeit— beide vorwiegend düſter— gewählt hatte, das muß leider wohl für immer ein Geheimniß verbleiben. Vielleicht trugen zu dieſer Wahl verſchiedene Erwägun⸗ gen bei, vielleicht glaubte er, daß der poetiſche Ruf des Platzes, in Verbindung mit der romantiſchen Feierlichkeit der ganzen Umgebung und des großartigen Naturſchau⸗ ſpieles, einen ganz beſonderen Einfluß auf das Herz der jungen Creolin ausüben und ſie zu einer rückhaltlos bejahenden Antwort beſtimmen würde. Oder vielleicht auch— da er mit theatraliſchen Kunſtgriffen und Vor⸗ kommniſſen ſo genau Beſcheid wußte— mochte er die ganze Idee aus irgend etwas auf der Bühne Geſehenem hergenommen und demgemäß nun dieſe merkwürdige Wahl getroffen haben. Mit ſolchen wichtigen Entſchlüſſen im Geiſte erwartete Smythje die herannahende Sonnenfinſterniß, die nach den Geſetzen des Sonnenſyſtems ſich am nächſten Tage ein wenig vor der Mittagsſtunde ereignen ſollte. Als Herr Smythje an jenem Morgen erwachte, be⸗ mächtigte ſich der große Gedanke ſeines ganzen Weſens. Er beſaß hinlänglich aſtronomiſche Kenntniſſe, um zu wiſſen, daß weder die Sonne noch der Mond ihn käu⸗ ſchen könnten. Die Sonne ſchien prachtvoll. Nicht der geringſte Flecken vermochte auf dem dunkelblauen Grunde des weſtindiſchen Himmels entdeckt zu werden, und es ſtand deshalb gar nicht zu erwarten, daß nur irgend eine Wolke weder dem großartigen Naturſchauſpiele, noch den Abſichten des verliebten Smythje hinderlich ſein könne. 120 Ungefähr zwei Stunden, bevor die Sonnenfinſterniß eintreten ſollte, Zeit genug, um gemächlich auf den Berg ſteigen zu können, machte ſich Smythje, von Käthchen Vaughan begleitet, auf den Weg. Diener folgten keine, denn der vortreffliche Smythje war bei ſolchen Gelegeuheiten lieber allein und hatte dies ausdrücklich ſo beſtimmt, indem er die ihm von ſei⸗ nem Wirthe zugedachte Begleitung ablehnte. Der Morgen war wunderbar klar und die Gegend, in der jetzt Smythje mit ſeiner liebenswürdigen Gefähr⸗ tin dahinzog, eine der lieblichſten und ſchönſten, die nur im Reiche der Natur anzntreffen ſein mögen. In den Gärten und auf den Blumenbeeten rund um das Herrenhaus von Willkommenberg herum ergötzte ſich das Auge an den verſchiedenſten, ſowohl einheimi⸗ ſchen wie auswärtigen Pflanzengeſtalten, von denen einige wegen ihres Schattens, andere wegen der Schönheit ihrer Blüthen und noch andere wegen ihrer Früchte angebaut wurden. Da waren der Genziabaum, die orientaliſche Tamarinde, verſchiedene Arten Palmen, der einheimiſche Pawpaw(Carica papaja) und der ſonderbare Trom⸗ petenbaum(Cecropia pellata). Wegen ihrer wunder⸗ ſchönen Blüthen ausgezeichnet waren hauptſächlich die Cordia, der Oleander, die Südſeeroſe, die große Magnolie und die äußerſt wohlriechende perſiſche Lilie(Media are- darasa). Köſtlich ſchmackhafte Früchte trugen der Nie⸗ renbaum, der Mango und der malayiſche Aepfelbaum; außerdem waren noch Gujawen und alle Arten vom Citronengeſchlechte vorhanden, wie Orangen, Lemonen und der gewaltige Pampelnußbaum. . ———£ — —2 ☛‿ 121 Die Hauptſtämme der hohen Bäume erklommen mannigfaltige Schmarotzerpflanzen von den verſchiedenſten Arten, die dann die Aeſte in den ſeltſamſten Formen umſchlangen und die ſchönſien, ſeltenſten Blüthen trugen; ſolche waren die wachsgleiche Hoja carnosa, der car⸗ moiſinrothe Quamoklit, Braſſavolen, Ipomäen und an⸗ dere prachtvolle Orchideen. Solch' eine Gegend, die einem großen botaniſchen Garten glich, einem prachtvollen Palmenhauſe, mit dem dunkelblauen Himmelsgewölbe als Dach, würde einen pflanzenkundigen Botaniker in die begeiſtertſte Aufregung verſetzt haben. Für die junge Kreolin, die ihr ganzes Leben lang gewohnt geweſen war, dieſe ſchönen Pflanzenformen zu betrachten, lag in dieſem Anblick gerade nichts Be⸗ ſonderes, um ihr Erſtaunen zu erregen, und der Cock⸗ ney kümmerte ſich überhaupt wenig um Pflanzen. Sein letztes Abenteuer hatte ihn von aller Neigung für's Waldleben gänzlich geheilt und in ſeinen Augen war eine Kohlpalme ſicherlich von keinem höheren Intereſſe, als ein gemeiner Kohlkopf. Smythje war nicht ohne muſikaliſches Gefühl; dey fortwährende Beſuch der Oper hatte ihn für Muſik und Geſang empfänglich gemacht, und ſo mußte er ſeine Verwunderung über die hübſchen Melodien der weſt⸗ lichen Singvögel ausdrücken, die ſo oft durch faſche Berichte verleumdet worden ſind. In der That ſchienen ſie an jenem Morgen eines ihrer ſchönſten und großartigſten Concerte zu geben. In den Gartengebüſchen ertönte die klare Stimme des 122 Bananenvogels(Icterus leucopterus) gleich einer Kla⸗ rinette, zuſammen mit den Wirbeltönen der blauen Droſ⸗ ſel(Euphonia Jamaicus). Dort ließ ſich auch der kleine buntfarbige Honigſauger(Mellisuga humilis) auf der Spitze eines hohen Mangobaumes ſehen, während er ſein zartes feenhaftes Lied mit ſolcher lebhaften Be⸗ geiſterung trillert, als ſolle ſeine kleine liederreiche Seele im Geſange ausſtrömen. In den dunkeln Gebirgswäldern ließen ſich noch ganz andere Sänger hören; die glasäugige Amſel(Me- rula Jamaicensis) ſang ihre volle und langgehaltene Weiſe und von Zeit zu Zeit erſcholl der wilde Klage⸗ ruf des„Einſiedlers“(Philogonis armillatus) in ſüßen, doch feierlichen Tönen, einem Feſtpſalme gleich, ganz in Uebereinſtimmung mit der Einſamkeit, die dieſer eigen⸗ thümliche Sänger vorzugsweiſe liebt. Doch vor allen Andern war die mächtige Stimme der Nachtigall der neuen Welt— der weltberühmten Spottdroſſel— zu unterſcheiden, die allen übrigen Vo⸗ gelgeſang übertönte, ausgenommen, wenn von Zeit zu Zeit der ſeltene Maivogel(Turdus mustelinus) ſein Lied den friſchen Lüften anzuvertrauen geruht und dann ſelbſt ſogar die Spottdroſſel ſich unterbricht, um ſchwei⸗ gend zuzuhören! Fügt man zu dieſen Tönen nun noch das Geſumme der Bienen hinzu, das ununterbrochene Geſchrei der Grashüpfer, Eidechſen und Cicaden, das glockenartige Locken der Baumfröſche(Hylades), das Rauſchen des leichten Windes in den lanzenförmigen Blättern der ho⸗ hen Bambusrohre und das Seufzen eines Waſſerfalls 4 — —— 123 in den entfernten Bergen, fügt man alles dies zuſam⸗ men, ſo kann man ungefähr einen Begriff von der man⸗ nigfaltigen Vereinigung harmoniſcher Töne bekommen, die das Ohr des Herrn Montagu Smythje an jenem Morgen begrüßten, als er mit ſeiner holden Gefährtin den Berg hinanſtieg. Wie die Vögel munter und die Bienen lebhaft, ſo munter und lebhaft ſchien auch Smythje zu ſein. Er war in der That heiter, ſo wohl was ſeinen Geiſt be⸗ trifft, als ſeinen Anzug; denn Thoms hatte ihn heute in einen ſeiner Lieblingsanzüge eingekleidet und ſein Geiſt war von ſeinen ſichern Hoffnungen belebt und gehoben. Dieſe Hoffnungen waren nämlich während mehrerer Tage bedeutend höher durch den Glauben oder die Ein⸗ bildung geſtiegen, daß Käthchen gegen ihn freundlicher geſinnt ſei, als jemals. Er hatte bei der jungen Kreolin ein ſo ernſthaftes Benehmen gemerkt, wie nie zuvor mit ihrer erſten Bekanntſchaft, und ebenſo eine täglich wach⸗ ſende gewiſſe Zerſtreutheit, die er beide nur durch die Annahme zu erklären vermochte, daß ſie ernſthaft liebe. Und wen anders ſollte ſie lieben, als ihn ſelbſt? So deutete er ſich das veränderte Benehmen Käth⸗ chen Vaughan's und ſo erklärte ſeine Eitelkeit den Grund deſſelben. Kein Wunder daher, daß er ſich ent⸗ ſchloß, einen förmlichen Heirathsantrag zu machen, und daß er ſich vollſtändig mit der Hoffnung ſchmeichelte, ihn ſofort angenommen zu ſehen. Wahr war es allerdings, daß die junge Kreolin lei⸗ dend erſchien. Ihre ſorgloſe Heiterkeit und ihre fröh⸗ 124 liche Munterkeit waren vollſtändig dahin, und anſtatt deſſen konnte man ſie oft tief in Gedanken verſunken bemerken, denen gewöhnlich lange und ſchwere Seufzer nachfolgten. Das edelmüthige und mitfühlende Herz des unüber⸗ trefflichen Smythje konnte einem ſolchen Zuſtande nicht mehr ruhig zuſehen, er mußte beendet werden. Käthchen Vaughan's Seufzer mußten aufhören und die Ruhe ihres Herzens, wie der Gleichmuth ihrer Seele waren wieder hergeſtellt. Ein einziges Wort würde dies alles bewirken und dies Wort mußte noch heute, am ſelben Tage, geſpro⸗ chen werden. So hatte Smythje großmüthig beſchloſſen. In dieſer Abſicht beſtieg er jetzt den Berg und plau⸗ derte beim Gehen höchſt munter, während ſeine Gefähr⸗ tin ſchweigend an ſeiner Seite ging. Am Fuße der Schlucht, durch die der Pfad auf den Gipfel führte, angelangt, zeigte Smythje ſeinen Muth, indem er kühn voranging, um den jähen Abhang zu erklettern. Gern hätte er ſeiner holden Begleiterin hier⸗ bei eine Hand zur Unterſtützung angeboten, doch er fand beim Erklimmen hinreichende Beſchäftigung für beide Hände und war deshalb genöthigt, während der Be⸗ ſteigung des Abhanges in dieſer unhöflichen Situation zu verbleiben. Käthchen, die an den ſteilen Weg gewöhnt war und allenfalls ihm hätte Beiſtand gewähren können, fand durchaus keine Schwierigkeit, ihm zu folgen. So waren Beide in wenigen Minuten auf der Höhe des Felſens —-— 125 angelangt und ſtanden nun im Schatten der Palme ganz oben. Das menſchliche Skelett, das früher an dem Baum angekettet geweſen, war jetzt nicht mehr da und konnte ſie nicht mehr erſchrecken. Es war in geheimnißvoller Weiſe entfernt worden, wie auch eine Anzahl von Schä⸗ deln, die irgend ein furchtloſer Wagehals fortgenommen hatte. So war auf dem ganzen Felſen, die einſame Palme ausgenommen, nicht das Geringſte vorhanden. So war auch Niemand vorhanden, der Smythje hören oder ſehen konnte, wenn er die hochwichtige Frage end⸗ lich zur Entſcheidung brachte, ausgenommen Käthchen allein, der alles dieſes galt. Herr Smythie zog jetzt ſeine prachtvolle Repetiruhr zu Nathe und fand, daß ſie gerade zur rechten Zeit an⸗ gelangt waren, denn in fünf Minuten ſollte die Sonnen⸗ finſterniß beginnen und die Scheiben der beiden großen Himmelskörper ſollten ſich berühren. Dies war noch nicht der Zeitpunkt, den Smythie für den Beginn ſeiner wichtigen Rede beſtimmt hatte. Eben ſo wenig ſollte es zur Zeit der tiefſten Dunkel⸗ heit geſchehen, ſondern erſt dann, wenn die Sonne im Begriff wäre, wieder zu erſcheinen und ihr erneuter, Glanz alsdann den glühenden Zuſtand der Gefühle des Liebenden prächtig verſinnlichte. Er hatte hierzu einige ſehr hübſche Redensarten aus⸗ gedacht, die er anbringen wollte, um die Erklärung paſ⸗ ſend einzuleiten: wie ſein eigenes Herz mit der Sonne verglichen werden könne, bald in glühendſter Leidenſchaft flammend, und von tiefſter Verzweiflung verdunkelt, 126 dann aber wiederum in erneuter Hoffnung aufleuchtend und erglänzend, wenn Käthchen's Anblick ihn zum Glück⸗ lichſten aller Sterblichen mache. Alle dieſe und manche andere höchſt ſinnvoll erdachte Redensarten beabſichtigte er bei dieſer Gelegenheit an⸗ zubringen. Die Nacht zuvor hatte er ſie mit vieler Mühe vorbereitet, dieſelben auswendig gelernt und am Morgen vor Thoms deklamirt. Vielleicht ein dutzend⸗ mal hatte er ſie vor ſeinem Spiegel wiederholt herge⸗ ſagt, und zuletzt noch einmal, kurz vor dem Verlaſſen des Hauſes. Wenn nicht die Sonnenfinſterniß ihn der Macht ſeiner Zunge auf unerklärliche Weiſe berauben ſollte, ſo war eine Gefahr für ſein Durchfallen kaum denkbar. Mit vollkommenem Vertrauen auf ſeine Redekunſt und ſeines Erfolges vollſtändig ſicher, ſteckte Smythje ſeine Uhr wieder in die Taſche, um mit dem Fernrohr in der Hand die Sonnenfinſterniß abzuwarten. Sechszehntes Kapitel. Ein aufgeſchobener Antrag. Langſam, ſchweigend und ungeſehen war der ſanfte Lichtkörper der Nacht ſeiner glänzenden Tagesgöttin ent⸗ gegengerückt, bis ein leichter Schatten an ihrem äußern Rande die wirkliche Berührung anzeigte. — ——— 4ℳ 127 „Dos üſt es nuhn!“ ſagte Smythje und hielt das Glas an's Auge.„Sie küſſen ſich jetzt wie zwoi Lübende. Wü ſchön das üſt! Moinen Sü nücht auch ſo, ſchönes Käthchen?“ „Leider ein für Liebende etwas entfernter Kuß, meine ich— ungefähr zwanzig Millionen Meilen zwiſchen ihnen.“ „Ah, ahl ſöhr gut, wahrhaftig, ſöhr gut! Und ge⸗ rade hürboi verloiht die Oentfernung durchaus koinen Zauber. Da üſt's beſſer, nah zu ſoin, ſo wü Sü und üch. Moinen Sü nicht auch ſo, ſchönes Käthchen?“ „Das hängt freilich wohl von Umſtänden ab, ob die Liebe auch gegenſeitig iſt.“ „Gögenſoitig!— ja, wahr genuhg, da lügt würk⸗ lich ötwas Wahres d'rin.“ „Sehr viel, meine ich, Herr Smythje. Zum Bei⸗ ſpiel, wäre ich ein Mann und meine Geliebte machte mir ein finſteres Geſicht, wie dort der Mond ihrer Majeſtät der Sonne zu machen ſcheint, ich würde mich entfernt halten und wären es zwanzig Millionen Meilen.“ Hätte der würdige Smythje gerade in dieſem Augen⸗ blicke das Glas vom Auge entfernt und ſich nach ſei⸗ ner Geliebten hingewandt, er hätte vielleicht aus ihren Blicken leſen können, daß ihre Rede eine beſtimmte Be⸗ deutung habe, die von der von ihm beliebten Erklärung gänzlich verſchieden war. „Ah, ahl ſöhr ſchön von Uehnen, auf Oehre! Aber Sü müſſen ſich erünnern, daß der Mond zwoi Geſüch⸗ ter hat. Hürün gloicht er würklich ganz dön Frauen. Soin höll ſtrahlendes Geſücht iſt der Sohne zugewandt 21 und ſü lächelt unbezwoifelt düſen Augenblick dem Bur⸗ ſchen froindlich zu. Soine düſtere Soite aber iſt für uhns und für die ganze weſtliche Mönſchhoit. So hat dör Mond zwoi ganz verſchüdene Soiten, gerade wü oin jonges Mädchen. Moinen Sü nücht auch ſo, ſchö⸗ nes Käthchen?“ Käthchen war wirklich zu lächeln genöthigt und ſah Smythje kurze Zeit mit einem Blicke an, der leicht hätte für Bewunderung gehalten werden können. In dem von dem Stutzer durchgeführten Gleichniſſe lag wirklich viel Sinniges, das um ſo ſchlagender war, da es aus ſol⸗ cher Quelle gar nicht erwartet wurde. Uebrigens kün⸗ dete der Blick auch ſicher mehr Verwunderung als Be⸗ wunderung an, obwohl Smythje ihn offenbar in der letzten Weiſe auslegte, worauf ihn ſein Selbſtgefühl und der hohe Werth, den er auf ſich ſelbſt legte, hinwies. Bevor Käthchen zu antworten vermochte, wiederholte er ſofort die Frage. „O ja,“ antwortete ſie dann, während das Lächeln allmählich auf ihrem Geſichte erloſch;„ich kann mir wohl vorſtellen, Herr Smythje, daß Ihre Vergleichung nicht ſo ganz unrichtig iſt. Ich denke mir, daß eine Frau, die wahrhaft liebt, ihr Lächeln gar keinem Andern, als ihrem Geliebten zuwenden würde, und ſollte er auch ſelbſt ſo weit entfernt ſein, wie der Mond von der Sonne, im Herzen würde ſie doch nur ihm zulächeln können.“ Die junge Kreolin ſchlug beim Sprechen die Augen nieder und ſah nicht länger mehr nach der Sonnen⸗ finſterniß, ſondern ſenkte unwillkürlich den Blick. 129 „Ach, ja wohl!“ fuhr ſie in Gedanken verſunken fort,„und ſelbſt wenn es für ſie unmöglich wäre, ihn je zu treffen, dennoch würde ihr Lächeln ſtets nur ihm gehören. O, ganz gewiß!“ Einige Augenblicke verblieb ſie jetzt ſchweigend und in ſich gekehrt, während Smythje, durch den veränderten Ton ihrer Stimme aufmerkſam geworden, das Teleſkop vom Auge nahm und ſich zu ihr hinwandte. Da er nun das ſchon oft zuvor bei ihr bemerkte zerſtreute Weſen wahrnahm, ſo glaubte er es auch dies Mal keiner anderen Urſache zuſchreiben zu müſſen, als der, welche ſeine Eitelkeit herausgegrübelt hatte. Sein mitfühlendes Herz war bereits auf dem beſten Wege, vollſtändig gerührt zu werden, und faſt war er auf dem Punkte, von dem Programme abzuweichen, das er doch ſo höchſt ſinnig entworfen hatte, allein die Er⸗ innerung an die ſchönen und anmuthigen Reden, die er Thoms bereits vorgetragen hatte, ſo wie die Erwägung, daß jedes Abweichen von dem urſprünglichen Plane ihn des Vergnügens berauben würde, die ganz unbe⸗ zweifelt zu erreichenden Wirkungen ſeiner Reden deutlich zu erkennen, hielten ihn von einer voreiligen Erklärung ab; er ſchwieg ſtill, brachte das Glas wieder an's Auge und beſchäftigte ſich abermals damit, nach der Sonnen⸗ finſterniß zu ſchielen. Als die junge Kreolin ihn ſo beſchäftigt ſah, ging ſie ein wenig zur Seite, ſtellte ſich an den jähen Rand des Felſens und blickte um ſich und unter ſich herum. Offenbar zog ſie die große Himmelserſcheinung nicht be⸗ ſonders an, denn ſie ſah weder nach der Sonne, noch Der Marone. II. 9 130 nach dem Monde, noch nach den Sternen, die nun bald an dem verdunkelten Himmel ſichtbar ſein ſollten. Ihre Augen wie ihre Gedanken waren auf die Erde gerichtet, und wie das holde Antlitz der Natur von einem pur⸗ purnen Halbſchatten verhüllt wurde, ſo konnte man auch ihr ſchönes Angeſicht von einer fiuſtern Wolke bedeckt ſehen. Tiefes Schweigen herrſchte in der Natur, in wenigen Augenblicken hatte eine vollſtändige Veränderung ſtatt⸗ gefunden; die vorher ſo lauten Stimmen des Waldes wurden nicht mehr gehört, die Vögel hatten plötzlich zu ſingen aufgehört, und wenn ſie ſich zuweilen noch hören ließen, ſo war es ihre Furcht und ihre Angſt verrathen⸗ des Geſchrei und Gekreiſch. Selbſt die Inſekten und Schlangen waren aus einem gleichen Gefühle der Furcht ganz ſtill geworden, und nur die ſchwermüthigſten und traurigſten Naturtöne, wie die Seufzer der Bäume im Winde und das Stöhnen des entfernten Waſſerfalles waren vernehmbar.. Dieſe plötzliche Umgeſtaltung erinnerte Käthchen Vaughan unwillkürlich an die in ihrem eigenen Herzen ſtattgefundene traurige Umwandlung. Sie war in glei⸗ cher Weiſe plöͤtzlich ſtill geweſen, das Ergebniß nur we⸗ niger Tage, vielleicht nur weniger Stunden, denn das kurz zuvor ſo muntere und luſtige Mädchen war jetzt gewöhnlich ernſt und ſchweigſam. Wohl konnte ſie paſ⸗ ſend ihre Gedanken mit den Waldſtimmen vergleichen, die freudigen und melodiſchen Töne waren verhallt und nur die trüben und düſteren waren ihr allein verblieben! Die Urſache dieſer Veränderung war auch nicht ſo deeeeren —— — —— 131 ſehr von der verſchieden, die Smythje angenommen, denn er hatte ganz recht, ſie einer Leidenſchaft zuzuſchreiben, der mächtigſten im Frauenherzen. Lediglich im Betreff des Gegenſtandes dieſer Leiden⸗ ſchaft hatte der gute Smythje ſich vollſtändig geirrt. Sein Eigendünkel hatte ihm hier einen böſen Streich geſpielt und ihn zu einer gänzlich verkehrten Annahme verleitet. Hätte er aber in dieſem Augenblicke die im Geiſte ſeiner ſchönen Begleiterin ſich jagenden Gedanken ahnen können, er wäre ſicher bald von dem ihm ver⸗ hängnißvollen Mißverſtändniſſe befreit worden: daß er ſelbſt die Veranlaſſung zu dieſer trüben Stimmung Käthchens ſei. Das Herrenhaus von Willkommenberg war vom Jumbéfelſen aus ganz deutlich zu ſehen, freundlich aus den grünen Luſthainen hervorſchimmernd. Aber nicht darauf waren Käthchen Vaughan's Augen gerichtet, ſon⸗ dern auf ein dunkles, von großen Baumwollbäumen be⸗ ſchattetes Gebäude, das in dem benachbarten Thale lag. Ihr Herz folgte der Richtung ihrer Augen. „Glückliches Thal!“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, und ihre Gedanken entſchlüpften leiſe ihren Lippen.„Glück⸗ lich für ihn, unbezweifelt. Da hat er ein Willkommen, und eine Heimath gefunden, die ihm von denen verwei⸗ gert wurde, deren Pflicht es geweſen wäre, ſie ihm liebe⸗ voll anzubieten. Da hat er Gaſtfreundſchaft bei gänz⸗ lich Fremden gefunden und da hat er auch—“ Das junge Mädchen hielt inne, gleichſam unwillig, dem ihre ganze Seele erfüllenden Gedanken offene Worte verliehen zu haben. v 9* „Nein,“ fuhr ſie fort, unfähig, dieſe qualvolle Er⸗ wägung zu verbannen;„ich darf der Wahrheit meine Augen nicht verſchließen. Es iſt wahr, was man mir erzählt hat, vollkommen wahr, ich bin davon überzeugt! Da hat er ein Weſen gefunden, dem er ſein Herz ge⸗ ſchenkt hat!“ Ein tiefer Angſtſeufzer entwand ſich hierbei ihrer gepreßten Bruſt. „Ach!“ rief ſie, das trübe Selbſtgeſpräch fortſetzend, aus.„Mir verſprach er beim Scheiden einen ſtarken Arm und ein treues Herz, wenn ich deren je bedürftig wäre. Und nun? des Verſprechens wird ſchwerlich noch erinnert werden, ſeine Erfüllung iſt jetzt unmöglich! Ach, und das Band, auf das er ſo ſtolz war, das mir ſolche Freude bei ſeinen Verſicherungen gewährte? Armes kleines Andenken, unbeſchriebenes Zeichen der Erinne⸗ rung! Längſt wohl biſt du bei Seite geworfen und gänzlich vergeſſen! O weh mir Armen! Auch dies Ge⸗ fübde gebrochen!“ Wiederum unterbrach ein tiefer Seufzer ihr melan⸗ choliſches Selbſtgeſpräch. Dann, nach einiger Zeit, fuhr ſie fort: „»Wir werden uns wohl niemals wiederſehen!⸗ Das waren ſeine letzten Worte. Ach, nur zu prophe⸗ tiſch! Doch jetzt wäre es wirklich beſſer, käme es ſo. Nur nicht ihn wieder treffen— mit ihr an ſeiner Seite, mit ihr, Judith Jeſſuron, ſeiner Geliebten, ſeiner Gattin! O Gott!“ Der letzte Ausruf wurde ziemlich laut ansgeſtoßtn, und in einem unverkennbar ängſtlichen Tone. X 133 Smythje hatte ihn gehöͤrt, ſtutzte und ließ das Fern⸗ glas aus der Hand gleiten. 4 Sich umſehend, gewahrte er ſeine Begleiterin zur Seite ſtehend und ſich unbemerkt glaubend, mit leicht geſenktem Haupte und auf den Felſen niedergeſchlagenen Augen, während ihr Antlitz die tiefſte, innigſte Betrüb⸗ niß ausdrückte. Smythje's Herz begann bei dieſem Anblicke völlig zu ſchmelzen; er kannte ihren Schmerz und er kannte auch deſſen Heilung. Das Heilmittel lag in ſeinen Hän⸗ den. War es nun recht, es ihr noch länger vorzuent⸗ halten? Ein Wort von ihm und ihr betrübtes Angeſicht 1 mußte ſofort vom holdeſten Lächeln übergoſſen ſein! Sollte dies Wort jetzt geſprochen oder noch aufgehoben werden? Geſprochen! rief die Menſchlichkeit laut; geſprochen! wiederhallte es in Smythje's mitfühlendem Herzen. Ja, fort mit allem Theatraliſchen, fort mit dem Effect der Sonnenfinſterniß, fort mit den ſchönen, von Thoms überhörten Reden, und nur das theure Weſen von der Herzensangſt gerettet, an der es leidet! Mit dieſem edelmüthigen Entſchluſſe wandte ſich der zuverſichtlich Liebende nach ſeiner Geliebten hin, unge⸗ fähr nur drei Schritte von ihm entfernt. Seine Be⸗ „ wegungen waren ganz die eines Mannes, der eine Cere⸗ monie von der höchſten Wichtigkeit und Feierlichkeit vor⸗ nehmen will, und bei Herrn Smythje war dies in der That auch der Fall. Der verwunderte Blick, mit dem die junge Kreolin ihn betrachtete, ſchreckte ihn weder von ſeinem Vorhaben — —— “ —— 134 ab, noch ſtörte er ihn irgendwie in dem Ausdrucke feier⸗ lichen Ernſtes, den ſeine ganze Haltung angenommen hatte. Mit einem Knie auf den harten Felſen hinabgelaſſen, wo das ſeiner Hand entfallene Fernrohr lag, und mit der linken Hand auf dem Herzen, während die rechte den Hut einige ſechs Zoll hoch über ſeinen parfümirten Kopf erhob, ſo war er im Begriff, die eigens für dieſe Gelegenheit mit Hilfe des braven Thoms einſtudirte Rede loszulaſſen und Käthchen Vaughan ſeine Hand, ſein Herz, ſeine ganze Liebe und all ſein Gut anzutra⸗ gen— als gerade in dieſem entſcheidenden Augenblicke der Kopf und die Schultern eines Mannes über dem Rande des Felſens erſchienen und hinter ihnen ein ſchwarzbefederter Caſtorhut, der das Geſicht eines ſchönen Mädchens beſchattete. Es waren: Herbert Vaughan und Judith Jeſſuron! Siebenzehntes Kapitel. Die Verſinſterung. „Onterbrochen!“ rief Smythje aus und ſtellte ſich ſo ſchnell als irgend möglich wieder aufrecht hin.„Welch ein ſcheußliches Onglück,“ fuhr er fort, zog ſein Taſchen⸗ tuch heraus und wiſchte den Staub von dem Knie ab, auf dem er gelegen.„Möchte wüſſen, wör dü Zudrüng⸗ lichen ſünd, auf Oehre! Ah, ah, ös üſt dör jonge Mann, ühr Conſin, glaub' üch. Ja, ja, ör üſt ös uhnd ⸗ 2 — ☛ — — N oin hübſches Mädchen müt ühm, oin toifelm ſches Mädchen, auf Oehre!“ Ein ſpöttiſches Kichern, laut genug, um faſt ein Lachen genannt zu werden, drang zwiſchen den blendend weißen Zähnen der Jüdin hervor. Dies demüthigte Smythje ſehr, da er einſah, daß dies Hohnlächeln nur der gerade geſtörten und wirklich höchſt lächerlichen Scene gelte, in der er ſelbſt die Hauptfigur geweſen. Sein kaltes Blut verließ ihn aber dennoch nicht gänz⸗ lich, denn der Cockney beſaß nicht unbedeutende Geiſtes⸗ gegenwart, das Erzeugniß eines ungebändigten Hoch⸗ muthes. Dieſe kam ihm diesmal zur rechten Zeit zu Hilfe und gab ihm einen Gedanken ein, der ihn aus der Verlegenheit reißen ſollte. Das auf dem Felſen lie⸗ gende Fernrohr gewährte ihm die erwünſchte Gelegenheit. Smythje ließ ſich nämlich abermals auf's Knie nie⸗ der, in einer der erſten, von der er ſich gerade erhoben, ganz ähnlichen Stellung, ergriff das Fernrohr, ſtand wieder auf und reichte es Käthchen Vaughan, die ver⸗ legen erröthend daſtand. Dies war allerdings ganz wohl ausgedacht und auch nicht gerade ſchlecht ausgeführt, aber Smythje hatte mit Jemand zu thun, der eben ſo gewandt und verſchlaßen war, wie er ſelbſt; denn es war in der That von kei⸗ nem Nutzen, Staub in die durchdringenden, beweglichen Augen Judith Jeſſuron's zu werfen, und ihr Lachen wurde nur noch lauter und ſpöttiſcher wiederholt. Zuletzt mußte Smythie ſelbſt in das Gelächter mit einſtimmen, unter den obwaltenden Umſtänden ſicher das Beſte, was er thun konnte. —— “ Ungeachtet der Lächerlichkeit und Albernheit der gan⸗ zen Lage ſchien Herbert ſeiner Gefährtin ſpöttiſche Mun⸗ terkeit doch nicht zu theilen. Im Gegentheil war eine dunkle Stelle auf ſeinem Geſichte bemerklich, die keines⸗ wegs von dem jetzt immer ſtärkeren Halbdunkel der Sonne herſtammte, ſondern die urplötzlich beim Anblick des knieenden Smythje entſtanden war. „Fräulein Vaughan!“ rief die Jüdin aus, ſprang mit Leichtigkeit auf den Felſen und wandte ſich mit einem Blicke der Wiedererkennung an die Kreolin und ihren Gefährten,„ein gänzlich unerwartetes Vergnügen, wirklich! Ich hoffe, wir ſtören doch nicht?“ „Ganz und gar nücht— durchaus gar nücht, üch verſüchere Uehnen,“ erwiederte Smythie mit einer ſeiner tiefſten Verbeugungen. „Herr Smythje!— Fräulein Jeſſuron!“ fiel Käth⸗ chen ein und erfüllte die Pflicht der Vorſtellung mit würdevoller, aber freundlicher Höflichkeit. „Wir ſind hier hinaufgeklettert, um die Sonnen⸗ finſterniß zu ſehen,“ fuhr Judith fort.„Derſelbe Zweck, den Sie hier auch haben, denke ich mir?“ fügte ſie mit einem boshaft ſpöttiſchen, auf Käthchen gerichteten Blicke hinzu. „Ja wohl, gewüß!“ ſtotterte Smythje in ſeiner eigenthümlichen, alle Wörter etwas entſtellenden modi⸗ ſchen Redeweiſe, und ward dabei nicht wenig durch die in die Frage hineingelegte Anſpielung verlegen.„Das üß grade du Abſücht, dü uns hörgeführt, uhm düſes Hümmelsphönomön vom Jumbéfelſen aus zu ſöhen! Oine prachtvolle Störnwarte, auf Oehre!“ — — — — 137 „Sie ſind früher her gekommen als wir,“ verſetzte Judith.„Ich fürchtete ſchon, wir würden hier zu ſpät kommen. Vielleicht iſt es nun doch zu früh geweſen?“ Der ſatyriſche Ton und Blick wurde hierbei wie⸗ derholt. Vielleicht verſtand Käthchen Vaughan den Sinn di⸗ ſer zweideutigen Frage gar nicht, obwohl ſie noch ſpitzi⸗ ger und ſchärfer hervorgebracht wurde, als die frühere; jedenfalls antwortete ſie nicht darauf, denn ihre Augen und Gedanken waren anderswo. 2— „Ganz zur röchten Zeit, Fräulein Jeſſuron!“ ant⸗ wortete Smythje.„Dü Fünſternüß nümmt nun örſt grade oine üntereſſante Phaſe an. In wönigen Minuten würd dü Sohne üm Halbſchatten ſoin. Wohllen Sü nücht hürher kohmen, hür haben Sü oinen böſſern Stand. Oerlauben Sü mür, Uehnen das Fernrohr anzubüten. Ah, ſüh da!“ fuhr er fort und wandte ſich an Herbert, der gerade vorwärts getreten war,„ah, nuhn, wüh göht's, moin Freund? Söhr vörgnügt, Sü wüder zu treffen.“ Indem er dies ſagte, reichte er ſeine Hand hin, mit einem einzigen, allen andern vorausgeſtreckten Finger., Obwohl Herbert dieſen Finger nicht annahm, ſo er⸗ wiederte er die Begrüßung doch mit genügender Höf⸗ lichkeit. Smythje wandte ſich dann zu Judith und ge⸗ leitete ſie zu dem nach der Sonnenfinſterniß hinliegen⸗ den Rande der Platte. Durch dieſes vielleicht keinem der beiden Verwandten gerade unangenehme Zurückziehen waren ſie verhältniß⸗ mäßig allein gelaſſen. — ——— 138 Bisher war eine etwas ſteife und formelle Verbeu⸗ gung die einzige Begrüßung zwiſchen ihnen geweſen und ſelbſt jetzt, nachdem die Anderen zur Seite getreten, ver⸗ blieben ſie mehrere Angenblicke, ohne mit einander zu reden. Endlich unterbrach Herbert zuerſt das peinliche Still⸗ ſchweigen. „Fräulein Vaughan!“ ſagte er und bemühte ſich, die Bewegung zu verbergen, die ſeine zitternde Stimme den⸗ noch genugſam verrieth,„ich fürchte, unſre Dazwiſchen⸗ kunft, ſie wird als aufdringlich angeſehen werden? Ich würde mich jedenfalls zurückgezogen haben, aber meine Begleiterin wollte anders.“ „Fräulein Vaughan!“ wiederholte die junge Kreolin in Gedanken für ſich, da dieſe Anrede ſie höchſt befrem⸗ dend berührte und ſie zu einer andern Antwort trieb, als ſie ſonſt wohl gegeben haben würde. „Da Sie Ihrer eigenen Neigung nicht folgen konn⸗ ten, ſo war es wohl beſſer, zu bleiben. Ihr Erſcheinen hier iſt, was mich anbetrifft, durchaus nicht aufdring⸗ lich, das verſichere ich Ihnen. Und was meinen Be⸗ gleiter anbetrifft, ſo erſcheint er ja ganz zufrieden, nicht wahr?“ Der raſche Wortwechſel, zugleich mit gelegentlichem lautem Gelächter, die von der andern Seite des Felſens her gehört wurden, bezeugten, daß zwiſchen Smythje und der Jüdin bereits eine lebhafte Unterhaltung ſtattfand. „Ich muß ſehr bedauern, wenn unſere Dazwiſchen⸗ kunft anch nur eine kurze Trennung herbeigeführt haben ſollte. Soll ich Herrn Smythje's Platz einnehmen, da⸗ mit er bei Ihnen ſein kann?“ —— — Dieſe Antwort war ganz dazu geeignet, den zwiſchen den beiden Verwandten entſtandenen Riß noch zu er⸗ weitern. Sie ging aus der Deutung hervor, die Herbert der letzten Frage Käthchens verliehen hatte. „Gewiß würde dies Ihnen viel angenehmer ſein,“ erwiederte Käthchen ſpitzig in einem herausfordernden und bitteren Tone. Hier trat eine Pauſe in der Unterhaltung ein, die vom erſten Augenblicke an von beiden Seiten ſcharf und geſchraubt war. Herbert war jetzt an der Reihe zu ſprechen, aber die in Käthchens letzten Worten enthal⸗ tene Herausforderung hatte ihn in eine Lage verſetzt, wo eine geeignete Antwort zu ertheilen nicht leicht war, und ſo ſchwieg er lieber ſtill. Gerade jetzt war die Verfinſterung der Sonne am ſtärkſten, der Augenblick der größten Dunkelheit. Die Sonnenſcheibe war von dem undurchſichtigen Mondkörper faſt gänzlich verhüllt, und die Erde lag nun ſchwarz⸗ gelb und düſter in finſterm Schatten. Sterne erſchienen am Himmelsgewölbe und faſt nur während der Nacht gehörte Stimmen des Waldes ſchallten nach der Fels⸗ ſpitze herauf, zum Zeichen, daß das Leben auf der Erde noch nicht ganz erloſchen ſei. Zugleich trat auch bei zwei ſich früher zärtlich lie⸗ benden Herzen eine gänzliche Verfinſterung ein. Ob⸗ wohl ſich einander nahe ſtehend, hatten doch die gewech⸗ ſelten ſcharfen Worte ſie weiter von einander getrennt, als wenn zehntauſend Meilen zwiſchen ihnen lägen. Die äußere Dunkelheit war in der That nichts, verglichen mit dem Innern ihrer Seelen. Am Himmel glänzten 140 die Sterne wunderbar, um das Auge zu erfreuen, aus dem Walde tönten Stimmen des Troſtes, aber am Ho⸗ rizonte ihrer Herzen leuchtete kein Stern in Hoffnungs⸗ ſtrahlen und kein freudiger Ton erheiterte den ſtillen, trüben Kummer, der ſie ſo bitter umfaßt hielt. Mehrere Augenblicke lang wurde nicht ein einziges Wort zwiſchen den beiden Verwandten gewechſelt, noch ſprachen ſie mit den beiden andern an dem großen Schauſpiele Theilnehmenden. Und auch dieſe ſchwiegen, ſolchen Eindruck hatte die außerordentliche Feierlichkeit der ſeltenen Naturbegebenheit auf Alle gemacht. So ſtanden ſie wohl mehrere Minuten lang ſchwei⸗ gend, ohne irgend zu ſprechen. Dicht neben einander ſtanden ſie, ſo bewegungslos und ſtill, daß jeder den Athemzug des Andern hätte hören können. Dies war eine Lage der peinigendſten Verlegenheit und wäre es noch viel mehr geweſen, wenn die gerade nun vollſtändige Sonnenfinſterniß nicht Beide in das tiefe Dunkel ihres ſchwarzen Schattens eingehüllt und ſie ſo verhindert hätte, ſich gegenſeitig genauer zu beob⸗ achten. Nur eine kurze Weile dauerte die tiefe Dunkelheit noch, denn bald nahm die Sonnenfinſterniß wieder den Charakter eines Halbſchattens an. Einer nach dem andern verſchwanden die Sterne wieder vom Himmelszelte, das auch bald wieder ſeine dunkelblaue Farbe bekam. Die Geſchöpfe der Finſterniß, verwundert über die vorſchnelle Rückkehr des Tages, verſanken in ein vom Schrecken erzeugtes Stillſchweigen und der ſtrahlende Himmelsgott trat triumphirend aus 141 der Wolke hervor, die ihn nur kurze Zeit verhüllt hatte, und goß abermals ſein glänzendes Freudenlicht auf die dunkle Erde aus. Das wiederkehrende Sonnenlicht fand die beiden Verwandten noch ganz in derſelben Stellung, wie zuvor. Während der Finſterniß hatte Herbert ſich weder geregt, noch geſprochen, und nach der ſtrengen Antwort, die Käthchen ihm in ihrer gereizten Stimmung zuletzt ertheilt hatte, konnte ſie die Unterhaltung nicht wohl fortſetzen. Obwohl auf's Schmerzlichſte durch ſeiner Couſine Antwort verletzt, vergaß Herbert doch nicht, was er ihr ſchuldig ſei, die ihr gemachten Gelübde und ſein ſtolzes Anerbieten beim Scheiden. Sollte er jetzt die Schuld der Dankbarkeit gänzlich zurückweiſen und ſich ſeinem Verſprechen ſofort untreu zeigen? Sollte er das ſeidene Andenken von ſeiner Bruſt reißen, das dort noch ſtets vorhanden war, wenn auch heimlich und ungeſehen? Freilich war es eigentlich nur ein Andenken an eine Handlung der Freundſchaft, bloßer verwandtſchaftlicher Zuneigung, er hatte durchaus gar keinen Grund, es in irgend einem andern Lichte zu betrachten, und jetzt war er mehr wie je zuvor davon überzeugt, daß es nie eine andere Bedeutung gehabt habe. Niemals hatte ſie ihm geſagt, daß ſie ihn liebe, nie⸗ mals irgend ein Wort geſprochen, das ihm ein Recht gäbe, ſie zu tadeln. Von ihrer Seite konnte gar keine Zurückweiſung kommen, da gar kein Verhältniß zuvor ſtattgefunden. Es war deshalb vollkommen ungerecht, ſie zu verdammen und ſie grauſam zu verhöhnen, wie er es gethan. Daß ſie einen Andern liebte, war das ein Ver⸗ brechen?— Herbert wußte jetzt, daß ſie einen Andern liebe; er war deſſen eben ſo gewiß, als er auf dem Jumbé Fel⸗ ſen ſtand. Die kurz zuvor unterbrochene Scene konnte ihm hierüber gar keinen Zweifel laſſen; die ganze Lage, in der ſie oben getroffen wurden, zeigte an, daß ein An⸗ trag ſtattgefunden hatte. Vielleicht hatte der Liebende noch keine beſtimmte Antwort erhalten, aber wer konnte darüber nur zwei⸗ felhaft ſein, wie dieſe ausfallen müſſe? So bitter dieſe Erwägungen auch für Herbert waren, ſo gab er ſich doch Mühe, ſie zu unterdrücken. Er be⸗ ſchloß, alle ſeine früheren Einbildungen zu überwälti⸗ gen, ſeine trübe Stimmung zu beſiegen und auf den Trümmern ſeiner einſtigen Hoffnungen das einzige Ver⸗ hältniß, das in Zukunft allein zwiſchen ihm und ſeiner Couſine beſtehen konnte, wieder herzuſtellen: das einer offenen, warmen Freundſchaft. Mit einer faſt übermenſch⸗ lichen Anſtrengung gelang ihm dies auch und dieſer Sieg der Tugend über den durch die ſtärkſten Herzensgefühle hervorgehobenen Groll tröſtete ſeinen Geiſt und beruhigte ihn ſofort. Ach, warum muß ſolch' ein Sieg nur ein vorüber⸗ gehender ſein? Der Kampf, den er jetzt begann, iſt ein ſolcher, in dem ein Menſch mit menſchlichen Gefühlen noch niemals geſiegt hat. Unbeſtrittene offene Liebe 143 mag in Freundſchaft enden, doch unerwiederte, beſtrittene oder verkannte Liebe niemals!. Achtzehntes Kapitel. Die Augen begegnen ſich. Während dieſer Erwägungen Herbert's begann das Licht wieder zu dämmern und umfloß auch Käthchens Angeſicht wieder mit hellerem Glanze. Er konnte nicht umhin, er mußte jetzt auf dies Geſicht blicken. Des jungen Mädchens Antlitz hatte ſich indeß wäh⸗ rend der Finſterniß ſowohl in Farbe wie in Ausdruck ſehr verändert. Herbert bemerkte die Veränderung ganz wohl und ſie überraſchte ihn. Vor und während des unheilvollen Geſpräches hatte er eine glühende Wange, ein ſtolzes und trotziges Ausſehen mit allen Anzeichen herausfordernder Gleichgiltigkeit wahrgenommen. Das war jetzt alles verſchwunden; Käthchens Auge glänzte noch, aber in viel milderem Lichte; eine tiefe Bläſſe hielt ihre Wangen vollſtändig bedeckt, als hätte die Sonnenfinſterniß ſie aller ihrer Roſen beraubt; das ſtolze Ausſehen war gänzlich gewichen und hatte einem trüben, ja ſchmerzvollen Ausdruck Platz gemacht. Dennoch war das Antlitz ſchön und lieblich wie immer, ſchöner, meinte Herbert, als je zuvor. Woher kam dieſe plötzliche Veränderung? Was war die Urſache derſelben? Woraus entſprang der ſchmerz⸗ liche Gedanke, der ſich in der bleichen Wange und den ————,. 144 zuſammengepreßten Lippen verrieth. War es etwa das Glück eines Andern, das dieſen Kummer verurſachte? Smythje ſchien glücklich zu ſein, ſehr glücklich ſogar, nach ſeinem oft wiederholten„ha, ha, ha!“ zu urtheilen. War dies wirklich die Urſache des tiefen Trauer⸗ ausdruckes? Herbert legte es wenigſtens ſo aus. Während er hierüber nachdachte und ſeine innere Bewegung zu unterdrücken ſuchte, ſchwieg er ſtill, obwohl er ſeinen Blick nicht von ihrem trüben und doch ſo lieblichen Antlitze abzuwenden vermochte. So blickte er noch, da entſchlüpfte ihm unwillkürlich ein Seufzer. Er mochte wohl kaum von ihr gehört worden ſein, obwohl ſie ganz nahe bei ihm ſtand, und eben ſo wenig ihre Seufzer von ihm, denn auch ſie ſeufzte tief, ganz zur ſelben Zeit! Waren beide vielleicht doch von einem geheimen Triebe gegenſeitigen Mitge⸗ fühls erregt? Herbert war es gelungen, abermals einen zeitweili⸗ gen Sieg über die ihn beſtürmenden Gefühle zu errin⸗ gen und er wollte gerade einige freundliche Worte vorbrin⸗ gen, als das junge Mädchen aufſah und ſeinen Blick erwiederte. Zum erſten Mal während dieſes Zuſam⸗ menſeins begegneten ſich ihre Blicke, denn bis zu jenem Augenblicke hatte Käthchen ihren Vetter nur verſtohlen angeſehen. Einige Augenblicke ſtanden ſie ſo und ſahen ſich einander in die Augen, wie von einem unwiderſtehlichen Zauber ergriffen. Nicht ein Wort wurde zwiſchen ihnen getauſcht, und —— — 145 ſelbſt ihr Athem war leiſe. Beide ſchienen die Zeit für zu koſtbar und für zu ernſt zu halten, um ſie mit Re⸗ den zu verlieren, denn ſie ſuchten in ihren Augen, die⸗ ſen wahrhaften Spiegeln der Seele, dieſen getreuen Er⸗ klärern aller Herzensgefühle, die Löſung des wunderba⸗ ren Räthſels ihres Daſeins. Dieſes ſprachloſe Befragen war ſo u nwillkürlich wie gegenſeitig und von keiner Coquetterie irgend welcher Art begleitet; in gleicher Weiſe vertrauensvoll und ſorglos, ſelbſt um die Beobachtung Anderer. Was kümmerten ſie ſich auch um die S Sonnenfinſter⸗ niß? Was um die Sonne ſelbſt oder den Mond oder die verſchiedenen Sterne? Weniger noch, viel weniger kümmerten ſie ſich um die Menſchen, die ihnen zufällig ſo nahe waren! Schöpften ſie Troſt, efriedigung und Vergnügen aus ſolchem gegenſeitigen Irbin Anblicken? Das muß⸗ ten ſie wohl, denn warum hätten ſie es ſonſt ſo lange fortgeſetzt? Aber leider doch nicht lange, nicht gar ſehr lange ward ihnen dies gewährt. Ein Auge gewahrte und beobachtete ſie, das durchdringende An ige des ſchönen jü⸗ diſchen Dämons. da, ſchöne Judith, Deine Eiferſucht, Deine Coquet⸗ terie erwieſen ſich jetzt als gänzlich fehlgeſchlagen, und alle Deine Kunſtgriffe ſielen auf D ich ſelbſt zurück! Das goldene Sonnenlicht umſtrahlte den Jumbfel⸗ 25 — — —. ſen ſee wieder im hellſten Glanze, aber es ben tte Judith 7 keine Freude gebracht, denn es verrieth ihr jenen Blick gegenſeitiger Verzauberung, den ſie mit dum A herient Der Marone. II.— 10 ſcharfen, wenn auch nicht ſehr lauten Aufſchrei unter⸗ brach. Ein bitteres Gefühl der Täuſchung bemächtigte ſich ihrer ſtolzen Seele und drückte ſie in den Staub. Wohl bewandert in der ſtummen Sprache der Augen, hatte ſie in Herbert's Augen, als er dieſe auf ſeine Couſine ſo lange und ausdrucksvoll gerichtet hielt, einen Ausdruck erkannt, der ſie tief verwundete und ſie ſelbſt dazu brachte, plötzlich einen leichten Schrei auszuſtoßen! Von dieſem Augenblicke an hörte die Coquetterie mit Herrn Smythje auf und der höchſt vortreffliche und auserleſene Cockney wurde ohne alle Umſtände höchſt rück⸗ ſichtslos aufgegeben und bei ſeinen teleſkopiſchen Beob⸗ achtungen allein gelaſſen. Die Unterhaltung war nun nicht mehr zu zweien, ſondern zu dreien und zuletzt, wie ſie es urſprünglich geweſen war, zu vieren. Dann aber wurde ſie als⸗ bald durch eine plötzliche und eilige Trennung abge⸗ brochen. Die Jüdin ſchlug zuerſt ein Fortgehen vor und ging auch wirklich zuerſt fort. Sie ſtieg vom Jumbéfelſen unbezweifelt in weniger heiterer Laune hinunter, als ſie hinauf geſtiegen, denn heimlich verwünſchte und verfluchte ſie die Sonnenfinſterniß wie den Einfall, der ſie auf die Wahl eines ſo unglücklichen Beobachtungsplatzes gebracht hatte. 3 Herbert Vaughan mußte ſie natürlich begleiten. Gern hätte der junge Mann die ſchweigende Augen⸗ unterhaltung fortgeſetzt, gern wäre er noch länger auf dem Felſen geblieben, aber die Theilnehmerin ſeines Aus⸗ fluges war, mindeſtens in einem Sinne, ſeine Herrin ——— 4 147 und deshalb war es noch etwas mehr, als bloße Höf⸗ lichkeit, was ihn zur ſofortigen Erfüllung ihrer Wünſche trieb. Dennoch verrieth ein unſchlüſſig zögerndes Weſen, als er vom Felſen hinabſtieg, einen durch den plötzlichen Aufbruch bereiteten Mißmuth hinlänglich. Hätte die Zuſammenkunft noch etwas länger ge⸗ dauert, ſo würden die beiden Verwandten ſich vielleicht in beſſerem Einverſtändniſſe von einander getrennt haben, als ſich in dem kalten ceremoniellen Lebewohl kund gab, das ſie jetzt trennte. Smythje und Käthchen waren nun wieder allein auf der Höhe des Felſens und der hochmüthige Liebhaber hatte jetzt volle Freiheit, in ſeiner Erklärung fortzufahren. Vielleicht möchte man glauben, er wäre nun ſofort wieder auf die Kniee geſunken und hätte die in ſo är⸗ gerlicher Weiſe unterbrochene Vorſtellung beendet. Aber dies war nicht der Fall. Auch Smythje's Stimmung war mittlerweile eine andere geworden. Sein ungeheures Selbſtvertrauen war bedeutend ge⸗ ſunken, gerade wie das Ereigniß vorübergegangen, auf deſſen Unterſtützung er gerechnet hatte; denn die Son⸗ nenſcheibe war nun wieder eben ſo klar, wie vor der Finſterniß, und alle die ſchön gedrechſelten, aber für eine leider ungenützt verfloſſene Zeit beſtimmten Reden waren nun vollkommen unbedeutend und unpaſſend geworden. Ob nun dieſe Erwägung ſolchen Einfluß ausübte, oder ob es das Vorgefühl war, daß das Anerbieten ſeines Herzens und ſeiner Hand vielleicht einige Gefahr laufen möge, zurückgewieſen zu werden, kann mit Sicher⸗ 10* 148 heit nicht behauptet werden, da Smythje, der dies allein angeben könnte, hierüber nie etwas Genaueres verlau⸗ ten ließ. Soviel ſteht aber immerhin feſt, daß der beabſichtigte Antrag nicht an dem Tage auf dem Jumbefelſen ſtatt⸗ fand, ſondern auf irgend eine künftige Gelegenheit auf⸗ geſchoben wurde. Neunzehntes Kapitel. Der große Smythje-Ball. Als ob die große Sonnenfinſterniß die vielen für das beſondere Vergnügen des Herrn Smythje gegebenen Feſtlichkeiten noch nicht auf's Höchſte gehoben hätte, wurde einige Tage nach derſelben abermals ein anderes Feſt zu Ehren dieſes jungen britiſchen Löwen veranſtaltet. Diesmal war es aber keius vom Himmel, ſondern auf der Erde, und zwar eine der gewöhnlichſten irdiſchen Unterhaltungen, nämlich ein Ball, ein Bewillkommnungs⸗ ball, lediglich um den großen Herrn Smythje zu be⸗ glückwünſchen. Zu Montego⸗Bay ſollte es ſtattfinden, das, obwohl nur eine Provinzialſtadt, doch ſchon lange wegen ſeiner glänzenden Geſellſchaften berühmt war, von der Zeit her, wo die alten ſpaniſchen Schweineſchlächter hier ihre Fandango's tanzten, bis jetzt, wo Herr Montagu Smythje e ſich herabgelaſſen hatte, ſeine Säle durch die Einführung 149 einiger neuen, höchſt modiſchen Tänze aus der Welt⸗ metropole zu verherrlichen. Der Ball ſollte ein ſehr großartiger werden, einer der größten je in der Bai gegebenen, und die ſämmt⸗ lichen Pflanzer aus der ganzen Umgegend wurden dazu erwartet. Natürlich ſollte Käthchen Vaughan da ſein und eben ſo der Cuſtos ſelbſt, denn Herr Smythje mußte der Held der Ballnacht werden, wo er von den Schönſten aus dem ſchönen Geſchlechte umrungen werden ſollte, wie von einem Haufen ſpekulirender Eltern, die alle einen Mann für ihre Töchter mit demſelben Eifer ſuch⸗ ten, wie Loftus Vaughan. Unter dieſen Umſtänden war es denn auch nur der einfachſten Klugheit gemäß, daß Käthchen Vaughan dort anweſend war, um nach ihm zu ſehen, denn der wür⸗ dige Cuſtos kannte das Sprichwort ſehr wohl:„Die Blume riecht am ſchönſten, die der Naſe ſtets am näch⸗ ſten iſt.“. Herr Vaughan würde ſich ſehr über die dargebotene Gelegenheit gefreut haben, der ganzen feinen Welt von Jamaica die neue Verwandtſchaft mit dem hervor⸗ ragenden Manne wiſſen zu laſſen, dem zu Ehren dieſes Feſt gegeben wurde. Er zweifelte nämlich durchaus nicht daran, daß Käthchen zu ſeiner Lebensgefährtin ge⸗ wählt werde, denn er kannte Herrn Smythje's Abſichten ganz gut. Ihm hatte dieſer nie ein Geheimniß aus ſeiner Liebe gemacht und der ſchlaue Cuſtos war längſt davon überzeugt, daß das Herz des Herrn von Schloß Montagu unwiederbringlich an ſeine Tochter verloren ſei, in ſoweit nämlich ein ſolches Herz überhaupt durch Liebe verloren gehen konnte. Unbezweifelt würde Herr Vaughan deswegen mit großer Befriedigung dem Balle entgegen geſehen haben, der ihm einen geſellſchaftlichen Triumph bereiten ſollte, wäre ihm nicht unglücklicherweiſe in letzter Zeit ein eigentlich geringfügiger Umſtand bekannt geworden, näm⸗ lich der Vorfall auf dem Jumbéfelſen, das Zuſammen⸗ treffen zwiſchen ſeiner Tochter und ſeinem Neffen am Tage der Sonnenfinſterniß. Hierüber hatte der Cuſtos die einzelnen Umſtände bis in's Kleinſte ſich von ſeinem muthmaßlichen Schwie⸗ gerſohne zu verſchaffen gewußt, da bei ihm ein ſtarker Verdacht über die Herzensneigungen ſeiner Tochter ent⸗ ſtanden war. Einige von ihr nach Herbert's rauher Fortſchickung von Willkommenberg hingeworfene Worte, einige von ihr gebrauchte, ein ſtarkes Mitgefühl ver⸗ rathende, im Ganzen wohl unbemerkte und überhörte Ausdrücke, hatten bei dem aufmerkſamen und mißtraui⸗ ſchen Vater ſchon damals ſogleich dieſen heimlichen Ver⸗ dacht erregt. Deshalb war er nun auch über Käthchen’s Begeg⸗ u it Herbert auf dem Jumbéfelſen ganz beſonders verdrießlich und ging ſogar ſo weit, es für möglich zu halten, daß er dahin lediglich in der Hoffnung, ſeine Couſine anzutreffen, gekommen ſei. Zu Willkommenberg hörte man Herbert Vaughan’s Namen niemals. Selbſt Käthchen, ſei es nun, daß ſie klüger geworden war— denn ſie war mehrere Male hart getadelt worden, ihn in's Geſpräch eingemengt zu —— U * — 8 haben— oder ſei es, daß ſie wirklich aufgehört hatte, an ihn zu denken, ſelbſt ſie ſprach ſeinen Namen nie⸗ mals aus. Dennoch konnte Herr Vaughan einen unbeſtimmten Verdacht nicht völlig los werden, daß hier immer noch eine gewiſſe Gefahr vorhanden ſei, und dies beſtimmte ihn, ſoweit als irgend möglich, jede fernere Zuſammen⸗ kunft zwiſchen ſeiner Tochter und ſeinem Neffen zu verhüten. Nach der Begegnung auf dem Jumbéfelſen hatte er ſeine Tochter zur Rede geſtellt und ſie mit Anwendung ſeines väterlichen Anſehens im vollſten Umfange zu einem feierlichen Verſprechen gezwungen, niemals mit ihrem Vetter zu reden, noch ſelbſt ſeine Gegenwart irgendwie zu bemerken. Das war gewiß ein hartes Verſprechen für das arme Mädchen, aber vielleicht wäre es noch härter ge⸗ weſen, hätte ſie Herbert's wirkliche Geſinnung gekannt. Unbezweifelt hatte ihr Vater, als er ihr dies Ver⸗ ſprechen abnahm, bereits das nächſte kommende Ereigniß berückſichtigt, den großen Smythje⸗Ball. Hier war Begegnung zwiſchen den Verwandten nicht blos m ſondern ſogar wahrſcheinlich genug, um Herrn hans Befürchtungen hinlänglich zu erregen, denn Jüdith Jeſſuron würde gewiß da ſein, vielleicht auch der Jude ſelbſt und Herbert alsdann mit ihnen. Der Neffe war ihm nun aufrichtig zuwider, ja, von den herausfordernden Reden des jungen Mannez am Tage ſeiner Ankunft auf's Aeußerſte verletzt und ge⸗ kränkt, verabſcheute der Onkel ihn, denn der ſtolze Pflan⸗ 4 zer war doch zu geiſtesarm, um den gerechten Stolz eines Andern würdigen zu können. Der Cuſtos hatte viel von der Gaſtfreundſchaft ge⸗ hört, die der Nachbar ſeinem Neffen erwies, und von den vielen Freundlichkeiten, mit denen der Gönner ſeinen Günſtling überſchüttete. Obwohl hierüber allerdings ſehr verwundert, da es ihm höchſt räthſelhaft erſchien, ſo hielt er ſich doch an die ziemlich allgemein geglaubte Erklärung, daß dies lediglich geſchähe, um ihn zu är⸗ gern. War dies wirklich der Fall, ſo erwies ſich die Hinterliſt des Juden als vollkommen erfolgreich, denn Herr Vaughan ärgerte ſich in der That hierüber im tiefſten Innern ſeines Herzens. Die für den Smythje⸗Ball beſtimmte Nacht war jetzt da. Der große Tanzſaal in der Bay war der feier⸗ lichen Gelegenheit angemeſſen reich ausgeſchmückt; Flag⸗ gen, Wimpel, Blumengewinde und Inſchriften waren reichlich an den Mauern angebracht und über der Haus⸗ thür ein großes, von den Emblemen der engliſchen Na⸗ tionalflagge und dem Banner des Heiligen Georg ge⸗ haltenes, von den Farben der Colonie überragtes Transparent, das in achtzehn Zoll hohen Buchſtaben die Worte zeigte:„Willkommen für Smythjel!“ Zur rechten Zeit fand ſich das Muſikeorps ein, gleich darauf folgte eine große Reihe verſchiedenartiger Wagen, alle mit geputzten Tänzern und Tänzerinnen angefüllt. Drei bis vier Meilen zurückzulegen, um einen Ball zu beſuchen, war auf Jamaica nicht viel. Willkom⸗ menberg, obwohl mehr als zehn engliſche Meilen ent⸗ fernt(denn Quashie's Angabe von vier Meilen war ganz unrichtig), war verhältnißmäßig nah im Vergleich 5 mit den Entfernungen, die Einige zurücklegen mußten, um auf dem Smythje⸗Ball erſcheinen zu können. Herrn Vaughan's große Staatschaiſe langte endlich auch an mit dem würdigen Cuſtos ſelbſt, ſeiner in der That reizenden und wahrhaft ſchönen Tochter und vor Allem mit dem hochgeprieſenen Helden des ganzen Feſtes. „Willkommen für Smythje!“ Wie ſein ſtolzes Herz, im Siegesbewußtſein ſeiner 5 vollendeten Perſönlichkeit, unter den gefalteten Buſen⸗ ſtreifen ſeines überfeinen Hemdes beim Erblicken dieſer ſchmeichelhaften Inſchrift ſchwoll! Wie frohlockend und triumphirend war ſein Lächeln, als er ſich nach Käth⸗ 1 chen Vaughan hinwandte, um die Wirkung zu beobach⸗ ten, welche dies Transparent nothwendig auf ſie her⸗ vorbringen mußte! „Willkommen für Smythje!“ tönte es von hundert Lippen, als der Wagen vor der Hausthür hielt; dann erſchallte bei der erſten Begrüßung ein lautes fröhliches Zujauchzen und darauf ward der hervorragende Fremde in den Ballſaal geführt. Hier verblieb er einige Augen⸗ blicke in einer gewählten Stellung, der Zielpunkt von mindeſtens zweihundert Augenpaaren, und dann gab der „ große Mann das allgemein befolgte Beiſpiel, ſich mit einer Tänzerin zu verſehen. Das Muſikcorps fing an zu ſpielen und der Ball begann. Kaum braucht es wohl noch beſonders erwähnt zu werden, wer Smythje's erſte Tänzerin war. Natürlich Käthchen Vaughan, dafür war von dem Cuſtos längſt geſorgt. Smythje ſah wirklich prachtvoll aus; Thoms war den ganzen Nachmittag mit ihm beſchäftigt geweſen; ſein Haar war auf's Reichſte gelockt, ſein großer Backen⸗ bart auſ's Zierlichſte geordnet, ſein Schnurrbart an den Enden ſchneckenförmig gewunden und gekräuſelt, und ſeine ſonſt vollkommen blaſſen und erdfarbigen Wangen waren ganz leicht und kaum merkbar geſchminkt. Dabei trug er einen Ballanzug von der höchſten Eleganz. Ein durch und durch mit weißer Seide ge⸗ fütterter, burgunderfarbiger Rock, eine Weſte vom ſelben Stoff, wie das Unterfutter des Rockes, aber reich mit Goldfäden geſtickt, enge Beinkleider, ebenfalls von wei⸗ ßer Seide, fleckenloſe ſeidene Strümpfe und glänzende, lackirte Tanzſchuhe mit goldenen Schnallen bildeten nebſt einer weißen Halsbinde und einem ſchwarzen zuſammen⸗ geklappten Hute ein nach der Mode der Zeit gewiß eben ſo elegantes als koſtbares Ballkoſtüm. Vielleicht könnte man nach dem über Herrn Smythje's Beinſchwäche früher Erwähnten auf den Gedanken ge⸗ rathen, daß der beſcheidene Anzug dieſe Schwächen allzu ſehr bloßgeſtellt haben müßte; aber dem war keineswegs ſo. Hierfür hatte Thoms geſorgt, denn ſowohl die engen Beinkleider wie die Seidenſtrümpfe waren vor⸗ trefflich wattirt und Smythje konnte dadurch eben ſo ſtarke und volle Beine aufweiſen, wie der beſtgebaute Mann in dem ganzen Saale. Eben ſo hätte man auch wohl glauben mögen, daß erwähnte Schwäche ſeinem Tanzen merklichen Eintrag thun müſſe; allein auch dies war keineswegs der Fall. Im Gegentheil war er in jedem Zweige der anmuthigen Kunſt Terpſichore's ſo bewandert und gewandt, daß er ganz ſicher einen Walzer mit vollkommenſter Anmuth ſelbſt in ſamojediſchen Schneeſtiefeln hätte tanzen können. Mit einem ſolchen Tänzer nicht gut zu tanzen, wäre eine Unmöglichkeit geweſen, ſelbſt wenn die junge Kreo⸗ lin keine ſo gewandte Tänzerin geweſen wäre, wie ſie es wirklich war. In ihrem einfachen Kleide von wei⸗ ßer Seide, wobei die Umriſſe ihrer ſchönen Geſtalt nicht in ungeſchickter Weiſe durch eine Schnürbruſt oder gar durch eine Crinoline entſtellt waren, erſchien ſie in der That wie die Verkorperung jener Goitheit, der Poeſie der Bewegung, die bei den Griechen Terpſichore genannt wurde, oder vielmehr ſie glich einer Göttin, die das Tanzen von Terpſichore ſelbſt gelernt hatte. Indeß waren außer ihr noch manche ſchöne Tän⸗ zerinnen da, und eine der ſchönſten von dieſen war ſicher Judith Jeſſuron. Ein wenig ſpäter angelangt, hatte die Jüdin den erſten Tanz nicht mitgemacht, allein in dem darauf fol⸗ genden war ſie bemerklich und hervorragend. Nicht we⸗ gen ihres reichen Anzuges aus Purpurſammet, nicht we⸗ gen des prachtvollen, auf dem Hintergrunde ihres glän⸗ zenden rabenſchwarzen Haares ſtrahlenden Perlenturbans, nicht wegen der blendenden Weiße ihrer Zähne, die zwiſchen zwei friſchen Purpurlippen ſchimmerten, nicht wegen des roſigen Hauches auf ihren Wangen, noch wegen des funkelnden Blickes, der ununterbrochen in ihrem dunk⸗ len orientaliſchen Auge flammte, nicht wegen aller ſolcher 156 Einzelheiten war ſie hervorragend, ſondern wegen aller dieſer Eigenſchaften zuſammen genommen, die in ihrer Vereinigung wirklich ein großartiges und Bewunderung erregendes Bild ausmachten. Der Tänzer Judith's war einer ſolchen Schönheit keineswegs unwürdig. Er war den meiſten Anweſen⸗ den vollkommen fremd, allein die auf ihn aus ſchönen Augen gerichteten, theils fragenden, theils verſtohlenen, theils aber auch offene Bewunderung verkündenden Blicke verſprachen ihm leichten Zutritt zu jeder, die er kennen zu lernen wünſchen möchte. Der Fremde ſchien ſich der ihm von der Natur reich⸗ lich verliehenen Vorzüge nicht ſo recht bewußt zu ſein, noch ſchien er das Glück vollkommen zu würdigen, das ihm eine ſo bezaubernde Tänzerin zugeführt hatte, denn er tanzte mit niedergeſchlagenem Blicke und einer gefalte⸗ ten düſtern Stirne, die ſelbſt der aufregende Wirbel des leidenſchaftlichen Walzers nicht zu glätten vermochte. Der Tänzer Judith Jeſſuron's war Herbert Vaughan. Ein Ballſaal kann füglich mit einem Kaleidoſkope verglichen werden; die Perſonen ſind ſtets dieſelben, aber ihre gegenſeitigen Stellungen verändern ſich fortwährend. Uuabſichtlich befindet man ſich entweder im Tanze oder in der Pauſe einmal ganz nahe mit jeder tanzenden Perſon im Saale. So kamen auch in dem Ballſaale zu Montego⸗Bay zwei walzende Paare dicht bei einander, nämlich Smythje mit Käthchen und Herbert mit Judith. 8 8 Dies ereignete ſich zufällig, als ſie ſich von einem raſchen Walzer ausruhten. Smythje klappte ſeinen Hut zuſammen und machte eine tiefe Verbeugung, die von Judith mit einer vor⸗ nehm⸗gebieteriſchen, leichten Verneigung erwiedert wurde. Herbert verbeugte ſich vor ſeiner Couſine mit einem halb zweifelhaften, halb fragenden Blicke, allein das ihm als Erwiederung zu Theil gewordene Kopfnicken war ſo leicht, ſo ſchwach und ſo zurückhaltend, daß ſelbſt der ſcharfſichtige Cuſtos, der dicht daneben jede Bewegung überwachte, es nicht zu gewahren vermochte. Das arme Käthchen! Sie wußte ganz wohl, daß das Auge ihres Vaters ſtarr auf ſie gerichtet war, und ſie erinnerte ſich des ihm gegebenen, ſie jetzt auf's Schrecklichſte drückenden und quälenden Verſprechens. Nicht ein Wort wurde zwiſchen den Paaren gewech⸗ ſelt, und auch nur einen ganz kurzen Augenblick ſtanden ſie neben einander. Herbert, tief durch Käthchens ganz unerwartet kalte, ja beleidigend zurückhaltende und fremd thuende Begrüßung gekränkt, ſchlang ſeinen Arm um die Taille ſeiner willfährigen Tänzerin und walzte im heftigſten Wirbel davon. Obwohl Smythje und Käthchen, Herbert und Judith dieſelbe Nacht noch oftmals mit einander tanzten, ſo oft, daß es allgemein auffiel, ſo kamen die vier doch nie wieder ſo nahe bei einander zu ſtehen. Wenn auch der Zufall ſie zuſammen zu bringen drohte, ſo ſuchten ſie doch gefliſſentlich die Annäherung zu vermeiden. Zwanzigſtes Kapitel. Verloren und gewonnen. Faſt die ganze Nacht tanzte Herbert mit der Jüdin, und zwar nicht mehr mit trüben, niedergeſchlagenen Blicken, ſondern mit dem Anſcheine luſtiger und maß⸗ loſer Freude. Noch nie bisher war Judith von dem jungen Engländer eine ſolche eifrige Aufmerkſamkeit ge⸗ widmet worden, und zum erſten Mal jetzt ſeit ihrer Bekanntſchaft fühlte ſie, daß ein wirkliches Einverneh⸗ men zwiſchen ihm und ihrer eigenen heftigen Liebe be⸗ ſtehe. Ihr ſtolzes, grauſames Gemüth löſte ſich ſogar, wenn auch nur für den Augenblick, ganz in eine wahr⸗ haft weibliche Zärtlichkeit auf, und in den Drehungen des Walzers ruhte ihre Wange manchmal ſelbſtvergeſſen auf ſeiner Schulter, als wünſche ſie dort ihre Seele im Augenblicke höchſter Wonne auszuhauchen. Sie fragte jetzt durchaus nicht nach der Urſache von Herberts Ergebenheit. Ihr durch die Liebe erblin⸗ detes und einzig nach Gegenliebe verlangendes Herz empfing das ihr jetzt Dargebotene ohne alle Bedenklich⸗ keit und ohne weitere Prüfung, ohne zu erwägen, ob es auf Wirklichkeit beruhe oder nur zum Scheine ſei. Freilich würde ſie wohl in die wildeſte Angſt und in den heftigſten Zorn gerathen ſein, hätte ſie irgend geahnt, was in Herberts Bruſt vorging. Sie argwöhnte nicht, daß ſeine Hingebung, ſein Bemühen um ſie ledig⸗ lich zur Schau geſtellt würden, um auf eine ganz Andere — 159 einzuwirken. Sie ließ es ſich nicht träumen, daß wirk⸗ liche, wahrhafte und innige Liebe für eine Andere die eigentliche Urſache und der Urſprung dieſer ſcheinbaren, unechten und untergeſchobenen Liebe ſei, durch die ſie nun getäuſcht werde. Glücklicher Weiſe für den Frie⸗ den ihres Herzens wußte ſie nichts von allem dieſen. Herbert wußte es ganz allein. Wie das Kaleido⸗ ſkop des lebhaften Balles die Tänzer und Tänzerinnen nach einander zu Geſicht brachte, ſo erſchien auch zu⸗ weilen, wenn auch nur auf ganz kurze Zeit, das Ant⸗ litz Käthchen Vaughan's den Blicken ihres Vetters und umgekehrt. Bei ſolchen Gelegenheiten verrieth der flüch⸗ tig ausgetauſchte Blick lediglich eine gegenſeitige trotzige Gleichgiltigkeit, denn beide ſpielten hier ein geheimniß⸗ volles verdecktes Spiel. Die kalte Begrüßung von ihrer Seite hatte ihn dazu aufgefordert, da er deren Grund nicht ahnen konnte. Sie hatte das Spiel alsdann ein wenig ſpäter begonnen, erſt als ſie die außerordentlich zufriedene und freudig aufgeregte Haltung gewahrte, die Herbert gegen ſeine Tänzerin angenommen hatte. Ihr fiel es nicht ein, daß dieſe erkünſtelt und blos Verſtel⸗ lung ſein könne; obwohl ſie Coquetterie genug beſaß, um den Schein der Gleichgiltigkeit anzunehmen, war ſie hierin doch nicht erfahren genug, um den bloßen Schein auch bei ihm wahrzunehmen. So täuſchten ſie ſich ge⸗ genſeitig und thaten Beide ganz, als wäre ihnen an ihrer Liebe nicht das Mindeſte gelegen. Noch bevor ſie den Ballſaal verließen, erhielt der Glaube an ihre gegenſeitige Gleichgiltigkeit, ſo falſch dieſer auch eigentlich war, eine weitere Beſtätigung, ja, er ward durch einen beſonderen Umſtand zur vollkom⸗ menen und feſten Ueberzeugung. Aus dem leichten Geſchwätz eines beſuchten Balles iſt oftmals manch' Geheimniß zu erfahren. In dieſen ſpäten nächtlichen Stunden, wenn der Champagner die Zungen gelöſt hat und die Tänzer ſich einbilden, daß Andere taub ſind, mag der ſchweigend ſeinen Weg Ver⸗ folgende oder der ruhig im dichteſten Haufen Verwei⸗ lende Manches auffangen, was nicht darauf berechnet war, gehört zu werden und am wenigſten von ihm ſelbſt. Das iſt ſchon oft einem unfreiwilligen Horcher begeg⸗ net, und ereignete ſich auf dem Smythje⸗Balle zum min⸗ deſten in zwei Fällen, und zwar gerade bei den zwei Perſonen, an denen wir wahrſcheinlich den meiſten An⸗ theil nehmen. Herbert war nämlich einige Zeit allein, denn Ju⸗ dith, nicht, weil ſie ihres Tänzers überdrüſſig war, ſondern blos des äußern Scheines wegen, tanzte mit einem Andern. Smythje war es nicht, denn dieſen hatte ſie den ganzen Abend abſichtlich vermieden. Sie erinnerte ſich der Umſtände auf dem Jumbéfelſen und fürchtete, daß, wenn ſie mit ihm tanze, dies vielleicht zu ähnlichem Zuſammentreffen zweier Anderer führen möge, wie damals bei der Sonnenfinſterniß. Herbert ſtand deshalb allein in einem dichten Hau⸗ fen; zwei junge Pflanzer waren dicht neben ihm im Geſpräch begriffen und ſprachen, vom Trinken ſtark er⸗ regt, ſehr laut. So mußte Herbert, ſelbſt wenn er nicht gewollt hätte, jetzt ihre Unterhaltung hören, und ſie alsdann auch in Erwägung ziehen. Der Gegenſtand 161 der Unterhaltung war der allgemeine auf dem Balle während des ganzen Abends und der Nacht, nämlich Smythje, zuſammen mit Käthchen Vaughan. Als er dieſe beiden Namen hörte, blieb er freilich kein unfreiwilliger Zuhörer mehr, und ſpannte die Ohren, um kein Wort zu verlieren. Den Anfang des Ge⸗ 5 äches hatte er zwar nicht gehört, aber dennoch war das Verſtändniß leicht. „Wann wird die Hochzeit ſeanſſinden?e fragte der am wenigſten Unterrichtete der Pflanze r den, der ihm bereits Mehreres mitgetheilt hatte. „Noch keine Zeit feſtgeſetzt, weni niede noch keine öffentlich genannt. Aber bald, vermt dihe „Da werden wohl bei der Gelege Feierlichkeiten losgelaſſen werden, Frühfi Abendeſſen und Ball, nicht w ahr?⸗ „Wahrſcheinlich wohl. Der Cuſtos iſt nicht der Mann, um eine ſolche Feier ohne allen Glanz vorüber⸗ gehen zu laſſen.“ „Hochzeitsreiſe während der Flitterwochen?“ „Natürlich, er nimmt ſie mit nach London, da wer⸗ ſie wohnen, glaube ich. Herrn Smythje gefällt Leben hier in der Kolonie gerade uin ſehr, ihm 3* hier die Oper. Es iſt ſchade, denn es wird die iſel um ein ſchönes Weib ärmer machen.“ un. Alles, was ich dazu ſagen kann, iſt, daß Loff Vaughan ſeine Negerin wirklich gut erkant 1 hat. „O, abſcheulich! ſolche Ausdrücke zu ged auchen, wenn man von dem ſchönen, von dem gebildeten Käth⸗ Der Marone. II. 11 — 2 S 8 — = 5 2 . en As ₰ 5 80 9 —, — —— ₰ o ———— 162 chen redet. Komm, Thorndyke! ich bin über Dich em⸗ pört!“ Thorndyke lief bei dieſer Aeußerung allerdings Ge⸗ fahr, den Hirnſchädel eingeſchlagen zu bekommen, frei⸗ lich nicht gerade von ſeinem Gefährten, ſondern von einem nahe ſtehenden Fremden. Allein Herbert zügelte ſeinen Unwillen. Was küm⸗ merte ihn auch Käthchen? Vielleicht hätte ſie ihn ſpä⸗ ter gar nicht einmal als ihren Verfechter und Ehren⸗ retter anerkannt. Faſt zur ſelben Zeit hörte auch ſie ein ähnliches, eben fo peinliches Zwiegeſpräch mit an. Smythje konnte die ganze Nacht nicht fortwährend mit ihr tan⸗ zen, manche Andere hatten gleichfalls dieſe Ehre; des⸗ halb war ſie für einen oder zwei Tänze von ihm unter der Hut ihres Vaters, des Cuſtos, gelaſſen worden. „Wer mag er nur ſein?“ fragte eine von zwei hüb⸗ ſchen Schwätzerinnen, ſo daß Käthchen es zu hören ver⸗ mochte. „Ein junger Engländer, hat man mir geſagt, ein Verwandter der Vaughans zu Willkommenberg, obwohl aus gewiſſen Gründen vom Cuſtos nicht anerkannt.“ „Das kecke Mädchen da ſcheint bereit genug, ihn anzuerkennen. Wer mag ſie ſein?“ „Ein Fräulein Jeſſuron. Sie iſt die Tochter des alten jüdiſchen Koppelhalters, der große Geſchäfte in ſchwarzem Fleiſche macht.“ „Pfuil ſie benimmt ſich, als gehörte ſie zu einem—“ Das letzte Wort wurde ſo leiſe geflüſtert, daß Käth⸗ chen es nicht zu hören vermochte. „Wahr genug!“ verſicherte die Andere;„doch, da ſie verlobt ſind, ſo geht das Niemand etwas an, als ſie nur allein. Er iſt hier auf der Inſel und kennt wahr⸗ ſcheinlich gewiſſer Leute Stellung gar nicht, wie es mir vorkommt. Wirklich ſchade um ihn! Er ſcheint gar kein übler junger Menſch zu ſein. Allein, wie er ſich bettet, ſo muß er dann auch liegen. Ha, ha, ha! Wenn man von Judith Jeſſuron wirklich richtig ſpricht, ſo wird er bei ihr gerade nicht auf Roſen gebettet ſein. Ha, ha, hal“ Was den Einen zur Heiterkeit anregt, macht den Andern elend. Das war jedenfalls von den eben ge⸗ ſprochenen Worten wahr. Der Sprecherin und ihrer Gefährtin entlockten ſie ein fröhliches Lachen, Käthchen Vaughan aber trieben ſie zu einem tiefen, ſchweren Seufzer. Sie verließ den Ball mit gebrochenem, blutendem Herzen. „Verloren! für immer verloren!“ ſeufzte ſie gram⸗ erfüllt, als ſie ſchlaflos die Wange auf's Ruhekiſſen legte. „Gewonnen!“ rief Judith Jeſſuron triumphirend aus, und ſtreckte ihre majeſtätiſche Geſtalt auf das La⸗ ger.„Herbert Vaughan iſt mein!“ „Verloren! für immer verloren!“ ſagte Herbert in verzweifeltem Tone zu ſich ſelbſt, als er die Thür ſei⸗ nes einſamen Schlafgemaches ſchloß. „Gewonnen!“ rief der ſiegreiche Smythje, als er in ſeine elegante Kammer eintrat und in der Gluth der 11* —— 164 Begeiſterung ſogar ſeinen hauptſtädtiſchen Modeaccent vergaß.„Käthchen Vaughan iſt mein!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Nach dem Valle. Die Zeit rückte ſehr ſchnell heran, wo der ehrgei⸗ zige Plan des Cuſtos Vaughan entweder mit Erfolg gekrönt oder als verunglückt angeſehen werden ſollte; das letztere befürchtete er freilich gar nicht. Obwohl Smythje, nachdem er die ſchöne Gelegenheit bei der Sonnenfinſterniß hatte vorübergehen laſſen, ſich bei Käth⸗ chen noch nicht näher erklärt hatte, ſo wußte Vaughan doch, daß es die feſte Abſicht des Erſteren war, bei der erſten beſten Gelegenheit ſeinen Antrag zu erneuern. Die Erklärung war nur auf den eigenen Wunſch des Cuſtos aufgeſchoben worden, deſſen Rath von ſeinem künftigen Schwiegerſohn in Anſpruch genommen war. Dies geſchah nicht etwa deshalb, weil Vaughan eine abſchlägige Antwort Käthchens befürchtete, denn der ſtolze Vater wußte, daß ſeine Tochter dafür viel zu ſehr in ſeiner Hand war und daß ſein Wunſch bei ihr immer maßgebend ſein würde. Hierüber hegte er nicht den ge⸗ ringſten Zweifel; allein einige andere Gründe hinderten ihn, die Angelegenheit ſofort zur Entſcheidung zu bringen. Herr Smythje ſelbſt dachte gar nicht an die Mög⸗ lichkeit eines Abſchlagens von Käthchens Seite. Käth⸗ 165 chens Benehmen auf dem Balle hatte ihm die feſte Ueberzeugung beigebracht, daß ſie ihm gänzlich angehöre, und daß ohne ihn ihre Zukunft nur eine elende und jämmerliche ſein würde. Ihre bleiche Wange, wie ihr düſteres, gedankenvolles Ausſehen, als ſie den nächſten Morgen am Frühſtückstiſche erſchien, verkündeten es ihm zu deutlich, daß ſie niemals unter einem andern Namen, als dem einer Frau Smythje, glücklich ſein werde. Deshalb ſollte noch an demſelben Morgen der feier⸗ liche Antrag gemacht werden. Das würde dann auch ein höchſt geeigneter Schluß des großes Feſtes der ver⸗ floſſenen Nacht geweſen ſein.. Wie ein zweiter Antonius, mit glühender, von friſchen Lorbeeren umwundener Stirn, wollte er ſich ſeiner Kleopatra triumphirend und unwiderſtehlich nahen. Nach dem Frühſtück zog Smythje den Cuſtos in eine Ecke und gab ihm noch einmal ſein entſchiedenes Verlangen zu erkennen, ſein Schwiegerſohn ſo bald wie möglich zu werden. Er fand ihn auch ganz bereit hierzu, nur wünſchte er als Vater zuvor noch einen Augenblick mit ſeiner Tochter zu reden, um ſie auf die außerordentliche Ehre, der ſie nun theilhaftig werden ſollte, vorzubereiten. Käthchen war in den Kiosk gegangen. Hier ſuchte Herr Vaughan ſie auf, um ihr die vorgeſchlagene Zu⸗ ſammenkunft anzukündigen. Auch Smythje war in den Garten hinab gegangen, aber anſtatt dem Sommerhauſe nahe zu kommen, ſchlenderte er etwas entfernter neben den Gartenmauern umher und pflückte gelegentlich eine 166 Blume oder jagte Schmetterlinge, die glänzend und fröh⸗ lich, wie ſeine eigenen Gedanken waren. Käthchens Geſicht zeigte noch das melancholiſche Aus⸗ ſehn, von dem es bereits den ganzen Morgen umſchleiert geweſen war, und das Eintreten des CEuſtos war nicht geeignet, es zu erheitern. Seine düſteren Wolken wur⸗ den nur noch trüber, gerade als wenn die Ankunft des Vaters auch das letzte kleine in ihrem Herzen noch ſchimmernde Hoffnungslicht auslöſchen ſollte. Nach dem, was ſie dieſen Morgen gehört hatte, ſetzte ſie ganz richtig voraus, daß jetzt die Zeit gekom⸗ men ſei, wo ſie ſich entweder den Wünſchen ihres Va⸗ ters unterwerfen und ſich auf ein unglückliches Leben gefaßt machen müſſe, oder wo ſie durch Ungehorſam ſei⸗ nen Zorn erregen und dann vielleicht, ſie wußte ſelbſt nicht was, zu erdulden haben würde. Sie war ſich nur bewußt, daß ſie Smythje nicht liebe und nie lieben könne. Sie haßte den Mann nicht, noch verabſcheute ſie ihn. Ihr Gefühl zu ihm trug den Charakter vollkommener, mit ein wenig Gering⸗ ſchätzung verbundener Gleichgiltigkeit. Für harmlos und wohlgeſinnt hielt ſie ihn im Allgemeinen, und unbezwei⸗ felt würde er auch ein ganz gutmüthiger Ehegatte ſein; allein das war doch nicht ausreichend, um das Gemüth und den Geſchmack der jungen Kreolin zu befriedigen. Der wirkliche Held ihres Herzens war hiervon ganz verſchieden. Der Liebende ſowohl wie ſein künftiger Schwieger⸗ vater hätten kaum eine günſtigere Zeit für ihre Abſich⸗ ten wählen können. Obwohl Käthchen gegen Smythje 6 95 8 6 — 167 gleichgiltiger als je geſtimmt war, ja ihn vielleicht mehr als je geringſchätzte, ſo war ſie doch gerade jetzt in ihrem frühern Vorhaben, ihn auszuſchlagen, ſchwankend geworden. Liebhaber wie Vater hatten ſich freilich beide ihr niedergeſchlagenes Ausſehn in ganz irriger Weiſe er⸗ klärt, denn es war ganz und gar nicht Liebe zu Smythje, durch die ſie jetzt litt, ſondern durch Leidenſchaft für einen Andern erzeugte Verzweiflung. Nur in dieſer Verzweiflung lag die einzige Hoffnung, die der Herr von Schloß Montagu haben konnte. Dieſe Verzweiflung war mit Groll und Zorn ver⸗ bunden, jener ſtolzen Leidenſchaft, die, das Herz mit Pein erfüllend, es zu verwegenen und verzweifelten Ent⸗ ſchlüſſen, ja ſelbſt zur gänzlichen Vernichtung aller künf⸗ tigen Hoffnungen treibt, als ob das Glück durch die Zerſtörung des Lebensglückes, des einzigen Weſens, das es zu geben vermag, begründet werden könnte! In der That, das Herz Käthchen Vaughans war bereits an jenem fürchterlichen Zuſtande angelangt, wo die von ihrer Nichterwiederung überzeugte Liebe ihren einzigen Troſt in der Nache ſucht. Unbezweifelt hatte ſie früher ſichere Hoffnung auf“ Herbert Vaughan geſetzt, denn ohne dieſe hätte ſich ſchwerlich eine Liebe bei ihr entzünden können. Sie war wohl zumeiſt auf jene beim erſten Abſchiede ge⸗ ſprochenen zärtlichen Worte gegründet. So ſchwach dieſe Begründung auch war, ſo hatte ſie doch bis zur Nacht des großen Smythje⸗Balles angedauert, denn ſie —— *————— ————— 168 hatte ſie trotz Abweſenheit, Verleumdung und falſcher Berichte gepflegt und genährt. Mit der Zeit war dieſe Hoffnung dennoch nach und nach ſchwächer geworden, bis zu jenem Tage, wo die unerwartete Begegnung mit Herbert auf dem Jumbé⸗ felſen ſtattfand. Jetzt, ungeachtet der mannigfachen Umſtände, die wohl eine entgegengeſetzte Wirkung hätten hervorbringen können, waren die Hoffnungen der jungen Kreolin, an⸗ ſtatt zu erlöſchen, hedeutend größer geworden. Hatte es ihr hier eine innere Stimme geſagt, daß Herberts Zunge viel weniger aufrichtig war, als ſeine Augen? Oder war dieſer Glaube etwa auf ihre eigenen Gefühle be⸗ gründet, da ſie eine ganz ähnliche Täuſchung anwandte? Jedenfalls kann als ſicher angenommen werden, daß ſie bei dieſer Gelegenheit weniger den Worten, als den Blicken ihres Vetters traute, denn bei jener früher er⸗ zählten langen und beredten Begeguung ihrer Augen hatte ſie etwas wahrgenommen, das ihre Hoffnungen auf's Neue wieder belebte. So hatten dieſe Hoffnungen mit größerer oder ge⸗ ringerer Unterbrechung bis zu jener verhängnißvollen Nacht angedauert, jener Nacht des Smythje⸗Balles, wo ſie ſämmtlich vollſtändig vernichtet und vertilgt wurden. Die ganze Nacht war er nur ein einziges Mal nahe zu ihr heran gekommen, und das eine Mal auch nur lediglich durch Zufall. Und die Verbeugung, die ein⸗ zige Begrüßung, wenn ſie auch wirklich freundſchaftlich gemeint war, ſie vermochte ſie doch nur als höchſt kalt, ja als rauh und zurückſtoßend zu betrachten. 2 — 2 169 Freilich vergaß ſie dabei gänzlich, wie kalt und zu⸗ rückhaltend ihre eigene Begrüßung geweſen war, wenig⸗ ſtens wie Herbert dies vorgekommen ſein mußte. Ob⸗ wohl ihre Augen ihn oftmals unter der großen Geſell⸗ ſchaft geſucht und auch gefunden hatten, ſo wußte ſie doch nicht, daß die ſeinigen ſie gleichfalls verfolgt und oftmals auf ihr geruht hatten. Beide vermutheten nichts von ihrem gegenſeitigen Beobachten, da ſie es ſorgfältig vermieden hatten, ihre Blicke zu erwiedern. Die ganze Nacht hatte er die zarteſten Aufmerkſam⸗ keiten einer Andern erwieſen, die ihn offenbar mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln angezogen hatte. Und dieſe Andere war ein kokettes, ſchönes Mädchen, ganz wie es Herbert lieben mußte. „Er liebt ſie, ganz gewiß, er liebt ſie!“ war der einzige Gedanke, der Käthchens Seele mit aller Bitter⸗ keit getäuſchter Liebe durchzuckte, wenn ihr Auge den dicht gefüllten Ballſaal durchſchweifte. Und dann kam zuletzt noch das Schlimmſte, jenes halb geflüſterte Geſpräch, das ihr Ohr erreichte und ihr wie Grabgeläute klang. Sie ſollten ſich heirathen, ſie waren bereits ſogar verlobt! Mehr bedurfte es nicht. In jenem Augenblick wur⸗“ den die Hoffnungen der jungen Kreolin zermalmt, ſo grauſam und vollſtändig zermalmt, daß in der finſtern vor ihr liegenden Zukunft kein Lichtſtrahl, auch nicht der geringſte, zu ihrer Wiederbelebung aufſtieg. Kein Wunder daher, daß die Morgenſonne eine bleiche, abgehärmte Wange beſchien, kein Wunder, daß tiefe, traurige Niedergeſchlagenheit das einſt ſo heitere 170 Antlitz des nun bis zum Tode betrübten, in ihrer Liebe betrogenen Käthchens dicht umzogen hielt. In ſolcher ſchwermüthigen Stellung fand der Vater ſeine Tochter, als er in den Kiosk trat. Sie machte keinen Verſuch, ihre Stimmung zu ver⸗ bergen, nicht einmal durch ein erzwungenes verſtelltes Lächeln. Vielmehr empfing ſie ihn mit einem finſtern, kummervollen Blicke, und in dem Ausdrucke ihrer Augen hätte man wohl eine leichte Anwandlung von Aerger wahrnehmen können. Und warum ſollte ſie nicht düſter und kummervoll erſcheinen? Erwartete ſie doch jetzt einen Vorſchlag, der ſie auf immer von dem Geliebten ihres Herzens trennen mußte! Niemals, darauf mußte ſie ſich gefaßt machen, nie⸗ mals ſollte ſie das höchſte auf der Erde bekannte Glück kennen lernen; niemals ſollte ſie ſich dem Zaubertraume hingeben dürfen: einer jungfräulichen, auf Erwiederung hoffenden Liebe. Ihre Liebe ſollte indeſſen wie eine Blume abwelken, die ihren Duft verloren hatte; für ſie gab es keine ſüße Leidenſchaft mehr, ſondern nur noch eine einzige trübe und bittere Empfindung ohne Hoff⸗ nung und ohne Freude ihr ganzes Leben lang! O, Cuſtos Vaughan, ſtolzer, thörichter Vater! Hät⸗ teſt Du es irgend begriffen, wie Du jetzt behilflich biſt, das Glück Deines Kindes für immer zu zerſtören, wie Du dazu beiträgſt, ſein junges unſchuldiges Herz zu zermalmen, Du hätteſt, um das Opfer von ihr zu for⸗ dern, Dich ihr ſicher minder fröhlich und zuverſichtlich genähert! — 171 ⸗ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Weg wird gebahnt. „Katharina!“ begann der Vater ernſthaft, als er in den Kiosk eintrat. „Vater!“ Dieſer Anruf ward mit leiſer Stimme geſprochen, während die Sprecherin ihre Augen nicht von dem Ge⸗ genſtande, auf den ſie ſah, fortwandte. Der Gegenſtand war ein kleiner ſeidener Geldbeutel, der auf dem Tiſche lag. Er war ohne Schnur, obwohl die noch daran ſitzenden abgeriſſenen Enden eines blauen Bandes zeigten, daß er nicht immer ſo geweſen war. Loftus Vaughan kannte weder die Geſchichte des Geldbeutels, noch den Grund, weshalb er dalag, weder die Veranlaſſung, die ihn der Schnur beraubte, noch die Urſache, warum ſeine Tochter ihn ſo traurig anſah. Auch hätte er ſich ſchwerlich um den Geldbeutel irgend⸗ wie bekümmert, hätte er nicht die trüben Blicke ſeiner Tochter bemerkt. „Ah, Dein Geldbeutel!“ ſagte er, nahm ihn in die Hand und beſah ihn genauer.„Jemand hat das Band abgeriſſen. Wie ſchade! Wer hat es nur gethan?“ Um die Antwort kümmerte er ſich wenig, da er auch durchaus nicht vermuthete, daß das fortgenommene kleine Stück Band mit der bei ſeiner Tochter bereits den gan⸗ zen Morgen bemerkten Traurigkeit in Verbindung ſtände. Die ausgedrückte Verwunderung, wie die geſtellte Frage 172² ſollten nur zur Einleitung der von ihm beabſichtigten ernſtern Unterhaltung dienen. „O Papa! das hat nichts zu bedeuten,“ ſagte Käth⸗ chen, eine beſtimmte Antwort vermeidend,„es iſt ja nur ein Stückchen blaues Band, das kann ich leicht durch ein anderes erſetzen, das ebenſo gut iſt.“ Ach, Käthchen! Wohl mochteſt Du leicht das Band an Deinem Geldbeutel erſetzen, aber nicht ſo leicht den Seelenfrieden wieder gewinnen, der zu gleicher Zeit aus Deiner Bruſt ſchied. Als das Band zerriſſen wurde, ward auch zugleich Dein armes Herz für alle Zeit zer⸗ riſſen! Irgend ein ähnlicher Gedanke mochte ſie wohl bei der Antwort erfüllen, denn ihr Geſicht nahm noch ein viel düſteres und traurigeres Ausſehn an, als es ſchon zuvor hatte. Herr Vaughan ſetzte das Geſpräch über den Geld⸗ beutel nicht länger fort, ſondern ſah durch die Fenſter⸗ gitter, wo er Smythje in der Verfolgung einiger Schmet⸗ terlinge gewahrte, auf den er jetzt die Aufmerkſamkeit ſeiner Tochter hinzulenken beabſichtigte. Dies war um ſo leichter, als Smythje gerade jetzt ein Lied vor ſich hinſummte, und eben ſo gut gehört, als geſehen werden konnte. „Ich wollt', ich wäre ein Schmetterling,“ ſang der heitere und kurzweilige Smythje, „Ich wollt', ich wäre ein Schmetterling, Von Veilchen und Roſen und Lilien umgeben; An jede Blum' ich dann koſend mich hing', Und—“ 2 — — 173 Und dann, als wollte er die geprieſene Annehmlich⸗ keit des Inſektenlebens ſofort thatſächlich erläntern, haſchte er plötzlich einen prachtvollen Schmetterling und hielt das arme ſchwache Geſchöpf zappelnd zwiſchen den mit den feinſten Glacéhandſchuhen bedeckten Fingern. „Iſt er nicht ein prächtiger Kerl?“ ſagte Vaughan, ſah zuerſt bewundernd auf Smythje und heftete dann die Augen auf ſeine Tochter, ihre Antwort erwartend. „Das muß er wohl ſein, da Jedermann ſo ſagt, Papa!“— In Käthchens Antwort lag gewiß durchaus keine Bewunderung für Smythje und nichts, was den Cuſtos irgend zu Weiterem ermuntern konnte. „Iſt das nicht auch Deine Anſicht, Käthchen?“ Dies traf ſchon mehr den eigentlichen Kern, allein die Antwort war eben ſo ausweichend. „Das iſt Deine Anſicht, Papa, und die ſollte uns Beiden genügen.“ Abermals unterbrach hier Smythje's klangvolle Stimme das Geſpräch und leitete es auf einen andern Gegenſtand. Smythje ſang: „Nie wollt' ich trachten nach Reichthum und Macht, Nie wollt' ich Sclaven zu Füßen mir ſeh'n!“ „Ach, Freund Smythje!“ rief der Cuſtos, für ſich ſelbſt redend, aus, obwohl es für Käthchen berechnet war;„das iſt Alles gar nicht mehr nöthig, Du haſt die Sclaven ja ſchon! Fünfhundert in Allem! Und Reichthum und Macht haſt Du auch, wahrhaftig! Du 3 -———— ———— haſt das Alles Dir nicht erſt zu wünſchen nöthig. Schloß Montagu giebt Dir das Alles, Freundchen!“ Smythje ſang wieder: „Der Reichthum ſchafft Sorgen nur, Kummer und Angſt, Und die Macht verleihet gewißlich kein Glück!“ „Hörſt Du wohl, Käthchen? Was er für ſchoͤne Gedanken vorbringt!“ „Sehr ſchön, wirklich, und ganz wie für ihn ge⸗ macht,“ erwiederte Käthchen ſarkaſtiſch.„Denn eigent⸗ lich ſind es nicht ſeine eigenen, aber er fühlt ſie doch, und das iſt eben ſo gut.“ „Ein prächtiger Beſitz!“ fuhr Vaughan fort und kehrte zu dem zurück, was ihn viel mehr intereſſirte, als alle ſchönen Stellen des Smythje'ſchen Liedes, wäh⸗ rend er den in den Worten ſeiner Tochter enthaltenen bittern Spott vollkommen unbeachtet ließ.„Ein pracht⸗ voller Beſitz, ſag' ich Dir, und mit dem meinigen ver⸗ einigt, wird es das größte Beſitzthum auf der Inſel ſein. Auf der Inſel, ſage ich? O, in ganz Weſtindien — ja, in der ganzen weſtlichen Welt! Hörſt Du wohl, meine Tochter?“ „Ja, Papa, ich höre,“ erwiederte die junge Kreolin. „Aber, Du ſprichſt ja ganz, als ob die beiden Güter zuſammenkommen ſollten? Beabſichtigt Herr Smythje, Willkommenberg zu kaufen? Oder willſt Du Schloß Montagu kaufen?“ Dieſe Fragen wurden mit offenbar nur angenom⸗ mener Einfalt geſtellt, deun in Wahrheit wußte die Fra⸗ gerin nur zu gut, worauf ihres Vaters Rede eigentlich hindeutete. Deshalb wünſchte ſie, ungeduldig über die 4 8 ihr jeden Augenblick drückender werdende Zweideutigkeit, den eigentlichen Gegenſtand ſo bald als möglich offen zur Sprache zu bringen. Auch der Cuſtos ſchien daſſelbe zu wünſchen, wie dies ſeine Antwort bewies. „O, Käthchen, Du kleiner Schelm!“ ſagte er, froh über die ihm nun gebotene Gelegenheit, ſich deutlicher auszuſprechen.„Du haſt den Nagel wirklich gerade auf den Kopf getroffen, Du haſt ganz recht vermuthet, nur daß wir Beide die Käufer ſind. Herr Smythje will in der That Willkommenberg kaufen, und was meinſt Du wohl, was er dafür bezahlen will? Das rathe mal!“ „Aber Vater, das kann ich wirklich nicht. Wie ſollte ich das wohl können? Gewiß, das kann ich nicht. Ich weiß nur ſo viel, es würde mir ſehr leid thun, wollteſt Du Willkommenberg verlaſſen. Obwohl ich nun gerade nicht erwarte, hier je glücklich zu ſein, ſo meine ich doch, ich würde anderswo auch wohl nicht glücklicher werden.“ Herr Vaughan war zu ſehr mit ſeinen eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, um die Betonung des„nun“ zu be⸗ merken oder den ganzen Doppelſinn der Worte ſeiner Tochter. „Ha, ha, ha!“ lachte er;„Herrn Smythje's Kauf würde uns aus Willkommenberg nicht vertreiben. Da⸗ vor habe nur keine Angſt, mein Kind! Aber verſuch's doch mal, den Preis zu errathen, den er zahlen will?“ „Vater, das brauche ich gar nicht zu verſuchen, denn 176 ich bin gewiß, ich kann's nicht rathen, nicht auf tauſend Pfund.“ „Was, tauſend Pfund! Nicht ein einziges Pfund, außer, daß ſein großes, edelmüthiges Herz ſo viel wiegt, wozu noch ſeine Hand gerechnet werden muß, denn das, Katharina, das iſt der Preis, den er bezahlen will!“ Vaughan hielt dieſe Rede mit bedeutungsvollem Blicke und einer triumphirenden Handbewegung, die offenbar ſein Erſtaunen über ſeine eigene Beredtſamkeit ausdrücken ſollte. Er wartete auf eine Antwort, eine ſein freudiges Lächeln und die frohe von ihm mitgetheilte Botſchaft er⸗ wiedernde Antwort. Er wartete vergeblich. Ungeachtet der Verſtändlich⸗ keit ſeiner Auseinanderſetzungen wollte Käthchen ihn ab⸗ ſichtlich nicht verſtehen. Ihre Antwort war ein offenbares und ärgerliches 4 Ausweichen auf die eigentliche Frage. „Sein Herz und ſeine Hand, ſagſt Du? Beide wiegen wohl gerade nicht ſchwer. Dennoch, iſt das nicht zu wenig für ein Gut, wo ſo manche Hände und ſo manche Herzen vorhanden ſind? Wem will er denn dieſe geben? Das haſt Du mir noch nicht geſagt, Papa!“ „Ich will es Dir jetzt mittheilen,“ erwiederte der Vater und ſprach in einem viel ernſtern Tone, als ſei er über Käthchens offenbar abſichtliches Mißverſtehen erzürnt.„Ich will es Dir mittheilen, indem ich Dir ſage, was ich ihm für Schloß Montagu zu geben beab⸗ ſichtige. Ich ſagte Dir ſchon, wir wären bei dieſem Geſchäfte beide Käufer. Das iſt ein ehrlicher Handel, 5 177 . äthchen; Hand für Hand und Herz für Herz! Herr buhce giebt ſeines und ich gebe Deines!“ „Meines!“ „Ja, Deines! Gewiß, Käthchen, ich täuſche mich nicht darüber, gewiß wirſt Du mit dem Austauſch zu⸗ frieden ſein?“ „Vater,“ ſagte das junge Mädchen im ernſteſten und entſchiedenſten Tone, wie ihn eine Frau haben kann, nein Austauſch der Herzen kann zwiſchen Herrn Smythje und mir nicht ſtattfinden. Er mag mir vielleicht ſchon ſeines gegeben haben, ich weiß es nicht und kümmere mich nicht darum. Aber Dich will ich nicht täuſchen, Vater! Mein Herz kann er niemals haben, denn das ihm zu geben ſteht nicht mehr in meiner Macht.“ „Unſinn!“ rief Herr Vaughan, über dieſe gänzlich unerwartete Erklärung ſtutzig;„Du täuſcheſt Dich ſelbſt, mein Kind, wenn Du ſo ſprichſt. Ich wenigſtens ſehe nicht ein, warum Du Herrn Smythje nicht leiden ſoll⸗ teſt, ſo ein edelmüthiger, gebildeter und ſchöner Mann wie er iſt! Komm, Du ſpaßeſt doch nur blos, Käth⸗ chen? Du magſt ihn leiden; Du haſſeſt ihn nicht, nicht wahr?“ „Nein, nein! ich haſſe ihn nicht! warum ſollte ich das? Herr Smythje hat mir nichts zu Leide gethan, mich nie beleidigt, und ich glaube, er iſt gewiß ſehr ehrenwerth.“ G „Nun, iſt das nicht gerade ſo viel, als wenn Du ſagſt, daß Du ihn leiden magſt?“ verſetzte der Vater im Ton wiederkehrender Begütigung. Der Marone. II. 12 178 munternd.„Das iſt oft der Fall, beſonders wenn Zwei Mann und Frau werden. Uebrigens iſt es gar nicht einmal gut für junge Eheleute, wenn ſie zuerſt vernarrt in einander ſind. Wie in meiner alten Fibel ſtand!„Heiße Liebe bald wird kalt!“ Hab' nur keine Angſt, kleines Käthchen, Du wirſt ſchon Herrn Smythje gut leiden mögen, wenn Du erſt Herrin von Schloß Montagu biſt und Deinen Platz zwiſchen den erſten Damen der Inſel einnimmſt. Sollte das nicht Glück genug ſein, kleines Käthchen?“ „Ach,“ dachte die junge Kreolin,„eine Hütte, mit ihm getheilt, würde ein größeres Glück ſein, ein viel, viel größeres!“ Es iſt ſicher unnöthig, noch zu bemerken, daß das „ihm“, auf den ſich dieſer Herzenswunſch bezog, nicht Herr Smythje war. 4 „Als Frau Montagu Smythje,“ fuhr der Cuſtos in der Abſicht fort, die ſchonen Ausſichten der Tochter in den lebhafteſten Farben auszumalen,„wirſt Du viele angeſehene Freunde haben, die angeſehenſten im ganzen Lande. Und erinnere Dich wohl, mein Kind, jetzt iſt es nicht ſo. Du weißt es ja wohl ſelbſt, Katharina?“ Dieſe letzten Worte waren in der Vorausſetzung eines geheimen Einverſtändniſſes zwiſchen Vater und Tochter geſprochen. Seine Abſicht dabei war, mit Ge⸗ walt dem jungen Mädchen gewiſſe Thatſachen und Ver⸗ 179 hältniſſe in's Gedächtniß zu rufen, damit ſie um ſo be⸗ gieriger die Gelegenheit ergreifen möge, aus der demü⸗ thigenden, ihr erſt in letzter Zeit bekannt gewordenen Lage herauszukommen. Ob dieſe zutraulichen Worte nun den gewünſchten Eindruck wirklich hervorbrachten, dies wahrzunehmen, ließ der Sprecher ſich nicht die gehörige Zeit, ſondern fuhr in demſelben Athem fort, das roſenfarbige Ge⸗ mälde zu vollenden, das zu entwerfen er bereits begon⸗ nen hatte. 1 „Ja, mein kleines Käthchen! Du wirſt dann von allen Beobachtungen beachtet werden, wirſt der Gegen⸗ ſtand aller möglichen Aufmerkſamkeiten ſein, Pferde, Selaven, Anzüge, Equipagen, Alles wirſt Du nach Herzensluſt haben. Auch die große Reiſe nach London wirſt Du machen. Wahrhaftig, ich hätte ſelbſt Luſt, dahin zu gehen! In der großen Weltſtadt wirſt Du mit den höchſten Perſonen verkehren, Opern und Bälle beſuchen, wo Du eine Schönheit ſein wirſt, mein Käth⸗ chen, eine gefeierte Schönheit; hörſt Du wohl? Jeder⸗ mann wird von Frau Montagu reden. Wie gefällt Dir denn das jetzt?“ 8 „Ach, Papa!“ erwiederte die junge Kreolin, offenbar gänzlich ungerührt durch alle die Vorſpiegelungen von Glanz und Größe;„mir würde das alles nicht gefal⸗ len, ich bin feſt davon überzeugt. Ich habe niemals viel auf ſolche Dinge gegeben, Du weißt es ja; ſie kön⸗ nen kein Glück verſchaffen, mir wenigſtens nicht! Fern von unſerer eigenen Heimath würde ich niemals glück⸗ lich ſein können! Was für Vergnügen könnte ich in 12* 180 einer großen Stadt haben? Keines. Ganz das Gegen⸗ theil. Ich würde überall unſere großen Berge und Wälder vermiſſen, unſere wundervollen Bäume mit ihren prächtigen, wohlriechenden Blüthen, unſere glän⸗ zend gefiederten Vögel mit ihrem ſanften Geſange. Opern und Bälle! Ich kann die Bälle nicht leiden; und gar eine Schönheit zu ſein, Papa, das verabſcheue ich gänzlich!“ Käthchen dachte hierbei an den Smythje⸗Ball und ſeine unangenehmen Ereigniſſe, die vielleicht jetzt um ſo un⸗ angenehmer in der Erinnerung waren, als ſie während jener Nacht mehr als einmal den Ausruf„erſte Ball⸗ ſchönheit“ gehört hatte, und zwar auf eine angewandt, die zur Vereinſamung ihres Herzens ſo weſentlich bei⸗ getragen hatte! „O, das wird ſich Alles bald geben,“ erwiederte Vaughan,„wenn Du nur erſt einmal in die feine Ge⸗ ſellſchaft eingeführt biſt. Das iſt bei den meiſten jun⸗ gen Mädchen der Fall. Aber nun, Käthchen,“ fuhr der Cuſtos fort, jetzt eine nicht geringe heimliche Un⸗ geduld verrathend,„müſſen wir unbedingt zu einem Ver⸗ ſtändniß kommen. Herr Smythje wartet.“ „Worauf wartet dpapar“ „Aber höre mal, M die ſagte Herr Vaughan, gereizt durch ſeiner Tochter vorgebliche und offenbar nur angenommene Unfähigkeit, dhn zu verſtehen,„das mußt Du jetzt doch wiſſen? Habe ich es Dir eigentlich nicht ſchon geſagt? Herr Smythje bietet Dir jetzt ſein Herz und ſeine Hand an und verlangt als Erwiederung die Deinige. Und Du wirſt ſie ihm nicht ausſchlagen! Du kannſt nicht, Du darfſt nicht!“ — 181 N Loftus Vaughan hätte jedenfalls freundlicher ge⸗ ſprochen, hätte er den letzten Satz ganz weggelaſſen, denn dieſer klang faſt wie ein mit einer Drohung ver⸗ bundener Befehl, der diejenige, für die er beſtimmt war, offenbar verletzen, ja ſie ſogar zum Widerſtande auf⸗ regen mußte. Das wäre auch ganz ſicher der Fall ge⸗ weſen, wäre dies am Abende des Smythje⸗Balles, anſtatt nun am Morgen nachher, geſprochen worden. Allein das dort Vorgefallene hatte in der Bruſt der jungen Kreolin alle Hoffnung ausgetilgt, je mit Herbert Vaughan glücklich werden zu können, hatte auch zugleich jeden Gedanken an Widerſtand gegen den Willen ihres Vaters zerſtört, und deshalb unterwarf ſie ſich mit einer Art von fühlloſem Verzweifeln dem bereits von ihr gefaßten Entſchluſſe, das von ihrem Vater von ihr verlangte Opfer ohne allen weitern Aufſchub zu bringen. „Ich habe Dir die Wahrheit geſagt,“ ſagte Käth⸗ chen jetzt und blickte dabei feſt in das Geſicht ihres Vaters, als wolle ſie ihm die Unzulänglichkeit aller von ihm vorgebrachten Gründe und Umſtände recht begreif⸗ lich machen.„Ich kann Herrn Smythje mein Herz nicht geben, und werde ihm ſelbſt daſſelbe ſagen.“ „Nein, nein!“ fiel der ungeſtüme Vater plötzlich ein;„das darfſt Du durchaus nicht thun. Gieb ihm Deine Hand und ſage nichts von Deinem Herzen. Das kannſt Du ihm nachher geſtehen, wenn Du erſt richtig verheirathet biſt.“ „Niemals— niemals!“ ſagte das junge Mädchen und ſeufzte dabei tief und angſtvoll.„Eine ſolche Täu⸗ ſchung kann ich nicht ausführen. Nein, Vater, ſelbſt 182 nicht für Dich. Herr Smythje ſoll Alles wiſſen, und wenn er meine Hand ohne mein Herz haben will—“ „Dann verſprichſt Du ihm Deine Hand zu geben?“ unterbrach ſie der Cuſtos, hoch erfreut über dieſe, frei⸗ lich nicht ohne eine Bedingung gewährte Einwilligung. „Du biſt es, Vater, der ſie ihm giebt, nicht ich!“ „Genug jetzt!“ rief Herr Vaughan und wandte die Augen haſtig nach dem Garten, um den Inſektenjäger aufzuſuchen.„Ich will ſie ihm geben,“ fuhr er fort, „und zwar jetzt ſogleich!— Herr Smythje!“ Smythje ſtand nahe bei dem Cuſtos in höchſter Er⸗ wartung und antwortete ſofort auf den Ruf. In kur⸗ zer Zeit erſchien er in der offenen Thür. „Herr Smythje!“ ſagte der Cuſtos, der eine der wichtigen Angelegenheit entſprechendes Ausſehn prun⸗ kender und hochtrabender Feierlichkeit angenommen hatte. „Sie haben um meiner Tochter Hand angehalten; und jetzt, Herr, bin ich ſo glücklich, Ihnen ihre Einwilligung dazu mitzutheilen, daß Sie mein Schwiegerſohn werden! Ich muß Ihnen geſtehen, Herr, ich bin ſtolz auf dieſe Ehre!“ Hier machte Herr Vaughan eine Pauſe, um Athem zu holen. „Ah, ah!“ ſtammelte Smythje jetzt.„Das üß oin großes Glück für mich, würklich unerwartet, wahrhaf⸗ tig! ah, ahl Fräulein Baughan, üch habe nie Reträunt. noin, wahrhaftig niemals— „Nun Kinder,“ unterbrach ihn der Cuſtos ſcherzend und verſuchte durch die Unterbrechung Smythje's offen⸗ bare Verlegenheit zu verbergen,„ich habe Euch mit einander verlobt, und will Euch jetzt mit meinem beſten Segen allein laſſen.“ So redend verließ der zufrieden geſtellte Vater den Kiosk, ging den Fußſteig entlang und verſchwand in der Thür des großen Hauſes. Wir wollen uns bei den nun allein gelaſſenen Lie⸗ benden nicht eindrängen, noch ein einziges zwiſchen ihnen gewechſeltes Wort wiederholen. Möge deshalb der Bericht genügen, daß, als Smythie aus dem Kiosk kam, ſein Ausſehn mehr ruhig, als eigentlich triumphi⸗ rend erſchien. Ein Theil des düſtern Ausdruckes in Käthchens Geſicht ſchien auf ihn übertragen zu ſein, und faſt hätte man glauben mögen, er wäre in ſeinem Antrage vollkommen unglücklich geweſen, ſtände nicht dem das zwiſchen ihm und ſeinem künftigen Schwieger⸗ vater bald nachher bei ihrem Begegnen in der großen Halle geführte kurze Geſpräch entgegen. „Nun?“ fragte Herr Vaughan neugierig. „Ja, Alles in beſter Ordnung; Verlobte, aber doch, ſonderbar das, unwillkürlich ſonderbar!“ „Wie ſo ſonderbar?“ fragte Herr Vaughan. „Ja nun, üch erwahrtete, ſie würde vielleicht in Ohnmacht fallen, aber nichts von dehm, gar nichts, auf Oehre! Sie empfüng moine Erklärung mit der äußerſten Kälte!“ Sie hatte in der That noch mehr gethan, ſie hatte ihm ihre Hand ohne ihr Herz gegeben, und Smythje wußte das ganz wohl, denn Käthchen Vaughan hatte ihr Verſprechen gehalten. —yö 184 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Das Teufelsloch. An der Seite des„Berges“, die über das glückliche Thal emporragt, nicht weit vom Jumbéfelſen, befand ſich eine ſtarke Quelle, die, während ſie in die Schlucht niederſtrömte, ſich mit anderen verband, und hierdurch bald zum Gießbach wurde, der im wilden Laufe ſchäu⸗ mend von einem Felſen auf den andern ſtürzte. Ungefähr auf halbem Wege zwiſchen der Spitze und dem Fuße des Berges lag auf ſeinem Wege eine tiefe, längliche Höhle, in die der klare Strom ſich mit mäch⸗ tigem Falle hineinſtürzte. Dieſe ſonderbare Höhle glich dadurch dem Krater eines erloſchenen Vulkanes, daß ſie inwendig von allen Seiten von einem hohen Abhange umgeben war, der ſich ſteil vom Boden aufwärts zweihundert Fuß hoch erhob. Sie war dabei keineswegs rund, wie Krater gewöhnlich gebildet ſind, ſondern mehr in Geſtalt eines Schiffes, über deſſen Hintertheil der Strom hineinſtürzte und über deſſen Bucht er dann wieder durch eine enge Felſenſpalte herausfloß. Die Aehnlichkeit mit einem Schiffe beibehaltend, rann der Gießbach in gerader Richtung von hinten nach vorn und theilte das mehrere Morgen große Thal in zwei Hälften. In Folge eines Hemmniſſes ſeines Lau⸗ fes beim Ausfluſſe aus der großen Thalhöhe bildete der Wildbach eine Lagune, einen kleinen See, der den vor⸗ — 4 — 4 —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛꝛꝛxÿÿõß nn 185„ dern Theil des Thales überfluthete, während der mitt⸗ lere und hintere deſſelben von einheimiſchen Baumſtäm⸗ men bewachſen waren, die der Urwelt anzugehören ſchie⸗ nen. Das Waſſer floß aus dem See durch einen ſchwarzen und ſchmalen Schlund, der auf jeder Seite durch dieſelben hervorragenden Felſenmaſſen beengt wurde, die das ganze Thal umſchloſſen. Am untern Ende die⸗ ſes Schlundes war alsdann ein zweiter Waſſerfall, deſſen Strom ſich abermals über einen mehr als hun⸗ dert Fuß hohen Abhang hinabſtürzte, dann eine Berg⸗ ſchlucht hinunterfloß und ſich zuletzt mit dem Montego⸗ fluſſe vereinte. Der obere Waſſerfall ſtürzte ſich auf ein Lager von düſteren ſchwarzen Felſen, durch die der ſchäumende Waſſerfall brauſend und kochend unten in den See floß. Ueber dieſen Felſen ſchwebte beſtändig eine weiße Dunſtwolke, die wie aus einem ungeheuren Ofen oder aus einer Rieſenfabrik aufſteigender Dampf ausſah. Schien die Sonne auf dieſe Seite des Berges, ſo war ein Regenbogen auf den wolkigen Waſſerdünſten zu ſehen, doch wohl nur äußerſt ſelten mochte ein menſch⸗ liches Auge dieſe wunderbare Naturerſcheinung erblicken, denn das Teufelsloch— ſo wurde der Platz von den Negern genannt— theilte den Ruf des Jumbéfelſens; wohl nur ſehr wenige Neger hätten es gewagt, ſich demſelben oder ſelbſt gar nur dem Rande dieſes Höhlen⸗ ſchlundes zu nahen, und noch weniger ſich entſchloſſen, dort wirklich hinabzuſteigen. Hieran hätte ſie auch ſicher noch Anderes, als bloße abergläubiſche Furcht gehindert, denn ein Niederſteigen 4 3 1 186 in das Teufelsloch ſchien in der That eine wahre Un⸗ möglichkeit zu ſein. Die ſteil aufſtrebenden Felſen, die es umſchloſſen, hinunter war wirklich weder Steg noch Pfad, ſelbſt nicht einmal ein vorſtehender Rand, auf dem ein Fuß mit Sicherheit ruhen konnte. Nur an einer einzigen Stelle und zwar, wo die Felſenwand ſich unmittelbar aus dem See erhob, konnte man mit Hilfe einiger in den Felſenſpalten wurzelnden und an ver⸗ ſchiedenen Stellen einen Abſatz und Haltepunkt bilden⸗ den, verkrüppelten Bäume hinunterſtiegen. Hier ver⸗ mochte ein gewandter und im Klettern geübter Mann wohl hinunterzukommen, allein das von Felſen ein⸗ gedämmte, tiefe und dunkle Waſſer hätte ihn alsdann doch verhindert, nach dem hintern Ende der großen Höhlenſchlucht zu gelangen, wenn er nicht hätte ſchwim⸗ men wollen. Dies aber war durch die Gewalt des nach dem Ausgangsſchlunde mächtig hindrängenden Waſſerſtromes höchſt ſchwierig und gefahrdrohend. Dennoch war es klar, daß irgend Jemand dieſer Gefahr getrotzt haben mußte, denn bei genauerer Unter⸗ ſuchung der an der Felſenwand vereinzelt ſtehenden Bäume konnte eine Art von Treppe bemerkt werden, der die vorſtehenden Stämme und Wurzeln als Stufen dienten, während die nebenſtehenden Schlingpflanzen die nothwendigſte Verbindung bildeten. Außerdem konnte man auch zuweilen am Tage eine dünne, aus dem Teufelsloche aufſteigende Rauchſäule bemerken, die ſich über den Spitzen der hohen Bäume, aus denen ſie hervorkam, kräuſelte, ſich dann ausbrei⸗ tete, zertheilte und unſichtbar wurde. Nur Jemand, 187 . der auf dem Felſen gerade dicht darüber ſtand, hätte indeß dieſen Rauch bei ganz aufmerkſamer Beobachtung wahrzunehmen vermocht, denn bei nur oberflächlicher Beobachtung hätte man ihn leicht für einen bloßen Ne⸗ belſtreifen halten können, einen Theil des dichten Schaum⸗ nebels, der ſtets über dem Waſſerfalle ganz nahe dabei ſchwebte. Wenn man jedoch ganz genau aufmerkte, ſo mußte die blaue Farbe es bald verrathen, daß es der Rauch eines Holzfeuers, und zwar eines von Menſchen⸗ hand angemachten, ſein müſſe. Jeden Tag war dieſer Rauch drei Mal zu ſehen, am Morgen, am Mittag und am Abend, gleich als wenn das Feuer benutzt würde, um die drei regelmäßi⸗ gen Mahlzeiten zu kochen. Dieſe tägliche Wiederkehr des Rauches bezeugte un⸗ bedingt das Daſein eines menſchlichen Weſens, welches, die mit dem Platze allgemein verbundene abergläubiſche Furcht mißachtend, das Teufelsloch zu ſeinem gewöhn⸗ lichen Aufenthalte gemacht hatte. Bei genaueſter Durchforſchung des ganzen Thales konnten jedoch noch mehrere und ſicherere Anzeichen vom Vorhandenſein von Menſchen aufgefunden werden. Un⸗ ter den Zweigen eines großen, am Rande des Sees ſtehenden Baumes, von dem die Gewinde der ſilbernen Tillandſia auf die Oberfläche des Waſſers hinabfielen, konnte man ein kleines, rohgezimmertes Kanoe nur we⸗ nige Schritte von ſeinem bemooſten Stamme entfernt liegen ſehen. Eine gedrehte Weidenruthe, womit das Boot an dem Baume befeſtigt war, bezeugte, daß es nicht durch bloßen Zufall hier angetrieben war, ſondern 188 daß es hier abſichtlich und ſicher von Jemandem unter⸗ gebracht ſei, der zurückzukehren beabſichtige. Vom Rande des Sees bis zum obern Ende des Thales hin war, wie auch ſchon bereits erwähnt, der Boden dicht von großen und dicken Urwaldbäumen be⸗ deckt. Hier ſtand die rieſige Ceder und ihre Verwandte, die Baſtard⸗Ceder mit ulmenartigen Blättern(Guazuma), die tropiſche Birke(Hibiscus tiliaceus) und der all⸗ bekannte Mahagonibaum(Bavseva). An einigen Stellen waren lanzengleiche hohe Bam⸗ busrohre noch über die Spitzen hinauf geſchoſſen und bildeten ſo längs den Felſenſpitzen oben eine Art von leichtem Gitterwerk. Dazwiſchen ſtanden dann Trom⸗ petenbäume(Cereopias) mit den ſonderbaren filzartigen Blättern und mächtigen auf ihnen wachſenden Farren⸗ kräutern, deren zarte ſeidengleiche Blattzweige an dem blauen Hintergrunde des Himmels ein netzförmiges Schnörkelwerk, ähnlich den Verzierungen an gothiſchen Fenſtern, bildeten. In dem fruchtbaren Thalboden wucherte die edle Kohlpalme, die Königin des jamaicaniſchen Waldes, während an ihrer Seite der Patriarch der weſtindiſchen Bäume ſtand, die wegen der ungeheuren erhältniſſe ihrer Geſtalt viel bewunderte Ceiba, von deren weit ausgebreiteten Zweigen das weißliche ſpaniſche Moos wie ein einem ſolchen Rieſen angemeſſener Bart herun⸗ terhing. Jeder Aſt hatte ſeine Schmarotzerpflanzen, nicht nur eine Art, ſondern hundert verſchiedene von den wunder⸗ lichſten Bildungen. Einige dieſer Schmarotzerpflanzen ““ 189 wanden ſich ſpiralförmig um die Stämme und Zweige wie ungeheure Schlangen, andere wuchſen auf den Aeſten ſelbſt oder zwiſchen denſelben, und noch andere hatten ſich an den höchſten Zweigen aufgehängt und wehten im Winde wie die Wimpeln eines Schiffes. Manche von ihnen, die ſich von einem Baume zum andern er⸗ ſtreckten, waren mit Büſcheln oder Trauben der glän⸗ zendſten und prachtvollſten Blumen beſetzt und verwan⸗ delten ſo den ganzen Wald in ein einziges ununter⸗ brochenes Blüthengewebe. Dicht unter dem Felſenabhang und nahe, wo der Waſſerfall von dem hohen Geſtein herabſtürzte, ſtand ein beſonders bemerkenswerther Baum, eine Ceiba von ganz ungeheurer Größe, mit einem Rieſenſtamme, der eine Oberfläche von mehr als funfzig Fuß Durchmeſſer bedeckte. Dieſer koloſſale Baum, der ſich faſt bis zum obern Rande des Felſens erhob, breitete ſich mit ſeinen Zweigen über eine Oberfläche aus, auf der fünfhundert Mann bequem hätten lagern können, während das in größter Ueppigkeit auf den Aeſten wuchernde und überall verbreitete ſpaniſche Moos ſie noch mehr vor der Sonne geſchützt und ſie vor den von oben her gerichteten Blicken bewahrt haben würde, als ihr eigenes, etwas dünnes und zerſtreutes Laubwerk. Deshalb war aber dieſer Baum keineswegs von den übrigen in den Gebirgswäldern Jamaica's ange⸗ troffenen Rieſenbäumen ausgezeichnet; ihn unterſchied hauptſächlich nur, daß ſich zwiſchen zwei ſeiner großen Wurzelausläufer, die ſich dann am Hauptſtamme pfeiler⸗ 190 artig wie Nebenwände erhoben, etwas befand, das un⸗ bezweifelt die Gegenwart von Menſchen bekundete. Dies war eine in höchſt einfacher Weiſe erbaute Hütte, deren Seitenwände die bereits bezeichneten Ne⸗ benwände des Baumes waren, während nach vorn ein Pfahlwerk von Bambusſtämmen die Einfaſſung vervoll⸗ ſtändigte. In der Mitte des Bambuspfahlwerks war ein ſchmaler Eingang gelaſſen werden, der nöthigenfalls durch eine ſich auf Angeln von Weidenruthen drehende, aus geſpaltenen Bambusſtöcken verfertigte Thür geſchloſ⸗ ſen werden konnte. Das Dach erſtreckte ſich vom Hauptſtamme zwiſchen den Nebenwänden bis auf die Bambuswand, und ſeine Sparren mochten etwa ſieben Fuß hoch vom Boden ſein. Es war in der allereinfachſten Weiſe erbaut, nur we⸗ nige Stangen waren querüber befeſtigt und über dieſe eine Decke von den langen Federblättern der Kohlpalme gelegt. Inwendig hatte die Hütte eine dreieckige Geſtalt, war indeß keineswegs ſo ſehr klein, da die ihre Seiten⸗ wände bildenden und zuſammenlaufenden Pfeiler des Rieſenbaumes ſich volle zwölf Fuß vom Hauptſtamme erſtreckten. Unbezweifelt war ſie für einen Bewohner groß genug, und die ſchmale, aus Bambusſtäben zu⸗ ſammen gefügte Bettſtelle bewies auch klar, daß nur eine Perſon die Nacht unter dieſem Dache zu verbrin⸗ gen pflege. Dieſe Perſon mußte ein Mann ſein, nach den verſchiedenen, auf dem Bambusbette liegenden Ge⸗ genſtänden zu ſchließen. Die Meublirung der Hütte war eben ſo ärmlich 191 als einfach, denn das erwähnte Bambusbett mußte auch als Tiſch und Stuhl dienen, und mit Ausnahme eines alten zinnernen Keſſels, einiger Schüſſeln und Becher aus Kalabaſſenholz war in dem ganzen Raume ſchwer⸗ lich irgend etwas zu entdecken, das ein Geſchirr oder Geräth genannt werden konnte. Dennoch waren in der Hütte noch mancherlei andere Gegenſtände, die indeß weder ganz einfach, noch deren Nutzen und Gebrauch ſo ganz leicht zu begreifen war. An den Wänden hingen verſchiedene, höchſt ſonderbare Dinge, von denen einige Lachen, andere aber vielmehr Ekel und Abſcheu erregen mußten. Unter dieſen letz⸗ teren waren vorzüglich bemerkenswerth: die Haut der 8 gefürchteten Gallenwespe, die zweiköpfige Schlange(Ty- phops), der Schädel und die Hauer eines wilden Ebers, getrocknete Glieder der häßlichſten Eidechſen und Molche, ungeheure Fledermäuſe mit menſchenähnlichen Geſichtern und andere eben ſo abſchreckende Geſchöpfe. Kleine an den Dachſparren aufgehängte Säcke ent⸗ hielten noch viel ſonderbarere und geheimnißvollere Ge⸗ genſtände: Kugeln von weißlichem Ton, Klauen der großöhrigen Eule, Papageien⸗Schnäbel und Federn, Zähne von Katzen, Stücke zerbrochenen Glaſes nebſt vielen anderen nur durch ihre Seltſamkeit und Häßlich⸗ keit bemerkenswerthen Dingen. In einer Ecke ſtand ein Weidenkorb(der Cutacoo) mit verſchiedenartigen Wurzeln und Pflanzen angefüllt, unter denen das gefährliche Caladium(Caladium se- guinum), die Savannenblume(Echitis suberecta) und andere verdächtige Kräuter zu bemerken waren. —mimi———j—— 192 Ein auf der Inſel Jamaica gänzlich Fremder, wenn er die Hütte betreten und die ſonderbare Samm⸗ lung der darin befindlichen verſchiedenartigen, höchſt ſelt⸗ ſamen Gegenſtände betrachtet hätte, würde ſicher in Ver⸗ legenheit geweſen ſein, ihren Zweck und ihre Bedeutung anzugeben, aber nicht ſo Jemand, der mit den Gebräuchen des äthiopiſchen Schlangendienſtes, dem Glauben der Koromantis, bekannt war. Die wunderlichen Gegen⸗ ſtände waren lediglich Symbole des afrikaniſchen Feti⸗ ſches, und die Hütte war ein Tempel des Obi, oder richtiger die Wohnung eines Obiahmannes. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Chakra, der Myalmann. Die Sonne ſank gerade in das blaue karaibiſche Meer hinab und erfüllte die ſtrahlende Oberfläche des Jumbéfelſens mit roſenfarbigem Lichte, als Jemand den zu jener verrufenen Felſenſpitze führenden ſchmalen Fuß⸗ ſteig hinaufſtieg. Ungeachtet der in dem Urwalde herrſchenden Dun⸗ kelheit, die beim ſchnellen Sonnenuntergange jeden Augen⸗ blick ſtärker wurde, war es jedoch genau zu unterſchei⸗ den, daß dies eine Frau ſei, und zwar zeigte das dunkle 4 Ausſehen ihres Geſichtes und ihres nackten Halſes, ihrer bloßen Hände und ihrer ſchuh⸗ und ſtrümpfeloſen Füße ganz deutlich, daß es eine Farbige, eine Mulattin war. Ihr Anzug war in Uebereinſtimmung mit ihrer 193 Farbe. Ein baumwollener buntfarbig bedruckter, an der Bruſt halb offener Rock, und ein ſchimmerndes Kopf⸗ tuch von Madraszeug waren ihre ganze Bekleidung, ausgenommen ein Baumwollenhemd, deſſen mit der Na⸗ del geſtickte Einfaſſung an der Oeffnung des Kleides zu ſehen war. 3 Sie war eine Frau von großer Geſtalt und von keckem, leidenſchaftlichem Geſichtsausdruck; ihr Ausſehen war durchaus nicht unangenehm, entbehrte aber alles Zarten und Feinen, da er lediglich ſinnlich war. In welcher Abſicht ſie auch jetzt ging, ihr Schritt wie ihre Blicke verriethen die muthigſte Entſchloſſenheit, und ſicher war es ſchon ein Beweis von Muth, zu ſo ungewöhnlicher Zeit auf dem„Berge“ und ſo nahe bei dem Jumbéfelſen zu ſein. Allein es giebt Leidenſchaften, die ſtärker ſind als Furcht. Selbſt die Angſt vor dem Uebernatürlichen wird von einem von Liebe geſpornten oder von Eiferſuchts⸗ qualen getriebenen Herzen überwunden. War es viel⸗ leicht eine ſolche Leidenſchaft, welche die einſame Wan⸗ derin auf dem Waldpfade erfüllte? Ein gewiſſer Ausdruck von Beklommenheit, die ſich zuweilen ſogar bis zur Angſt zu ſteigern ſchien, hätte es wohl bald klar gethan, daß Eiferſucht ſie zumeiſt be⸗ herrſchte, denn Liebe würde ſie gewiß ſanfter und hoff⸗ nungsvoller geſtimmt haben.. Obwohl es offenbar war, daß ſie wegen keines all⸗ täglichen Geſchäftes jetzt unterwegs war, ſo war doch nichts Beſonderes an ihr, um ihre eigentliche Abſicht zu verrathen. Ein in ihrer Hand hängender Korb aus Der Marone. II. 13 194 Palmenflechtwerk ſchien mit Lebensmitteln gefüllt zu ſein, denn der nur halb geſchloſſene Deckel ließ darin einen Haufen Piſange, Tomatos und ſpaniſchen Pfeffer nebſt einem prächtigen Perlhuhne wahrnehmen. Dies hätte vielleicht eine beſtimmte Abſicht, etwa einen Gang zum Markte anzeigen können, allein die ungewöhnliche Zeit, die eingeſchlagene Richtung, vor Allem aber die Miene und Haltung der Mulattin, während ſie den Bergpfad hinaufſchritt, mußten dieſe Annahmen ſofort zu Nichte machen. Der Jumbéfelſen war ſicherlich kein geeigneter Platz für den Verkauf eines Korbes mit Lebensmitteln. Uebrigens wollte ſie da auch gar nicht hin, denn als ſie in die Nähe der Bergſpitze gelangte, hielt ſie auf dem Pfade etwas an, ſah ſich einige Augenblicke um, als wolle ſie etwas ausſpähen, wandte ſich dann zur Linken und ſchritt ſchräg an der Seite des Berges hin. Aus Furcht hatte ſie ſich wohl jedenfalls nicht von dem Jumbéfelſen abgewandt, da die nun eingeſchlagene Richtung ſie zu einem von Abergläubiſchen eben ſo ge⸗ fürchteten Platze hinleitete, zum Teufelsloch. Hier wollte ſie offenbar jetzt hin. Freilich führte kein beſtimmter Fußſteig dahin, allein die Sicherheit, mit der ſie ihren Weg einſchlug und das Selbſtvertrauen, das ſie auf ihre Ortskenntniß ſetzte, bewieſen klar, daß ſie hier ſchon früher geweſen war. Sie machte ſich unbeirrt durch Weinreben, Gebüſch, Schlingpflanzen und Zweige Bahn, ſchritt muthig wei⸗ ter und langte zuletzt am Rande des Teufelsloches an. i Dieſes erreichte ſie gerade oberhalb des Schlundes, da, wo die bereits beſchriebene, von Bäumen, Wurzeln und Schlingpflanzen gebildete Gruppe nach dem See hinabführte. Aus Allem war erſichtlich, daß ihr der Weg wohlbekannt ſei und daß ſie beabſichtigte, auf den Grund des Felſenthales hinabzuſteigen. Eben ſo erſichtlich war es, daß ſie es ganz wohl wußte, ſie könne dies nicht allein mit eigener Kraft voll⸗ bringen, und daß ſie deshalb noch Jemand zu ihrer Hilfe erwartete, denn ſobald ſie am Felſenrand ange⸗ kommen war, begann ſie ein Zeichen zu machen. Sie zog nämlich aus einer Taſche ihres Kleides ein kleines weißes Tuch hervor, breitete, es über den Zweig eines ſichtbar oberhalb des jähen Abgrundes wachſenden Bau⸗ mes aus, und wartete dann, während ſie ihre Hand gegen den Baum ſtemmte, mit feſtem und aufmerkſamem Blicke, ſtets auf das unter ihr befindliche Waſſer ſehend. In der jetzt bereits ziemlich ſtark eingetretenen Abend⸗ dämmerung wäre das weiße Tuch möglicher Weiſe leicht gar nicht geſehen und bemerkt worden; allein das Mädchen ſchien dies durchaus nicht zu befürchten, denn ihr Blick war voll Erwartung und Vertrauen, ganz als ob das von ihr gegebene Zeichen ein vorher genau ver⸗ abredetes und ſie feſt verſichert war, daß der, dem es galt, bereits voll Ungeduld auf ſie harre. Auch ward ſie wirklich nicht getäuſcht. Kaum fünf Minuten mochten ſeit dem Aushängen des Taſchentuches verfloſſen ſein, als ein Nachen unter den ummooſten, am obern Rande des Sees ſtehenden Bäumen hervor⸗ 13* 196 kam und ſich dem Fuße des Felſens näherte, auf dem ſie ſtand. Nur eine Perſon befand ſich im Nachen, die trotz der jetzt immer ſtärker werdenden Dunkelheit als ein Mann von widerlichem und Furcht einflößendem Aeuße⸗ ren zu erkennen war. Es war ein Neger von rieſenhaftem Wuchſe, obwohl das kaum zu bemerken geweſen wäre, da er zuſammen⸗ gekauert in dem Nachen ſaß, wenn nicht die außerordent⸗ liche Breite ſeiner Schultern, zwiſchen denen ein koloſſaler Kopf ſaß, dies ſofort bewieſen hätte. Sein wie ein Bogen gekrümmter Rücken zeigte einen bedeutenden Höcker, der theils die Folge des Alters, theils aber auch eine urſprüngliche Mißbildung war. Seine Haltung im Boote verlieh ihm ein ſehr zuſammengedrücktes Ausſehen, ſo daß, wenn er ſich vornüber auf das Ruder beugte, ſein Geſicht ebenfalls niedergebeugt war, als ſehe er nach einem Gegenſtande auf dem Boden des Kahnes. Des Mannes Kleidung war ſeltſam und wild. Der einzige Theil derſelben, der einer civiliſirten Sitte ent⸗ ſprach, war ein Paar weite Hoſen von grobem Osna⸗ brücker Leinen, wie ſie von den Feldarbeitern auf den Zuckerpflanzungen getragen werden. Ihre ſchmutzig gelbe Farbe zeigte deutlich, daß ſie ſeit langer Zeit nicht gewaſchen waren, während verſchiedene rothe Flecke be⸗ wieſen, daß ſie das letzte Mal von Blut befeuchtet ge⸗ weſen waren, nicht von Waſſer. Eine Art von Mantel, aus Thierfellen gemacht, hing über ſeinen Schultern und war ſein einziges übri⸗ ges Kleidungsſtück. Dieſer, um ſeinen dicken kurzen — 197 Hals mit einem ledernen Riemen befeſtigt, bedeckte ſei⸗ nen ganzen Körper bis zu den Lenden. Seine Füße waren nackt. Auch hatten ſie den Schutz der Schuhe gar nicht nöthig, da die Fußſohlen dick mit einer horn⸗ artigen Schwiele bedeckt waren, die ſich von dem Ballen der großen Zehe bis weit hinten nach den breiten Hacken und noch darüber hinaus erſtreckte. Seine Kopfbedeckung war ebenfalls wunderlich. Sie beſtand in einer Art aus dem Felle eines wilden Thie⸗ res geſchnittener Kappe, die dicht anliegend den unge⸗ heuren von ihr umſchloſſenen Negerſchädel in ſeiner gan⸗ zen Groͤße hervorhob. Ein eigentlicher Rand war nicht an der Kappe, ſondern ſtatt deſſen war die getrocknete Haut der großen gelben Schlange rund um die Schläfen gewunden, mit dem Kopf nach vorn, wobei zwei glän⸗ zende Kieſelſteinchen in die Augenhöhlen eingeſetzt wa⸗ ren, um dem Ganzen den Anſchein des Lebens zu ver⸗ leihen. Das Geſicht des Negers hatte dieſen ſchrecklichen Zierrath keineswegs nöthig, um die ihn Erblickenden mit Furcht zu erfüllen. Der düſtere Glanz ſeiner tief⸗ liegenden Augäpfel, die breiten, weit geöffneten Naſen⸗ flügel, die regelmäßigen, großen und haifiſchähnlich hin⸗ ter den dunkelrothen Lippen in blendendſter Weiße ſchimmernden Zähne, die rothe Tätowirung auf den Wangen und auf der breiten Bruſt, dies Alles war für ſich ſchon ſchreckend und furchterregend genug, um der Hilfe der Schlangenumwindung des Kopfes ſelbſt zu den gräßlichſten Zwecken gar nicht zu bedürfen. Auch ſchien es ſogar die wilden Bewohner des Teufelsloches zu er⸗ 198 ſchrecken. Der im Schilfrohre ſitzende Reiher flatterte mit einem hellen Angſtſchrei auf, und der Flamingo breitete ſeine Scharlachflügel voll Furcht aus, erhob ſich kreiſchend über die Felſen und entfloh. Selbſt das ihn erwartende Mädchen, ſo muthig und keck ſie auch zu der freiwillig von ihr geſuchten Zuſammenkunft zu kommen ſchien, konnte ſich eines Schauders nicht erweh⸗ ren, als der Nachen näher kam, und ſchien einen Augen⸗ blick ſogar unentſchloſſen zu ſein, ob ſie ſich wirklich einem ſo unheimlichen Manne anvertrauen ſolle. Indeß ſtand ihr von einer heftigen Leidenſchaft ein⸗ gegebener Entſchluß bald wieder feſt, und als der Nachen Zwiſchen das am Fuße des Felſens, wo ſie ſtand, wur⸗ zelnde Gebüſch lief, und ſie die Stimme des darin ſitzen⸗ den Mannes ſie auffordern hörte, herabzuſteigen, nahm ſie das Zeichen von dem Baume fort, hing den Korb über ihren Arm und ließ ſich an den Zweigen und Bäumen die Felſenwand hinunter. Bald erſchien der Nachen bei ſeiner Rückkehr auch wieder auf dem offenen Waſſer des Sees. Das Mulat⸗ tenmädchen ſaß hinten und der Mann, das Ruder füh⸗ rend, vorn im Nachen. Dieſer mußte jetzt alle ſeine Kraft aufwenden, um zu verhüten, daß das leichte und 2 gebrechliche Fahrzeug nicht vom Strome ergriffen und den Waſſerfall hinunter gezogen werde, deſſen lautes Aechzen und Stöhnen durch den Felſenſchlund herauf⸗ ſchallte. Als er wieder unter dem Baume, von dem er zu⸗ erſt ausgefahren, angekommen war, knüpfte der Jäger ſeinen Kahn an einen der großen Baumzweige feſt, 199 ſprang an's Land und ging, von dem Mädchen gefolgt, nach dem Tempel des Obi, deſſen Orakel und Wrieſte er ſelbſt war. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Auferſtehung. Bei der Hütte im Baumwollenbaum angelangt, kroch der Myalmann— denn das war der Neger— ſofort durch die Thür, deren ſchmale Oeffnung kaum ſeine breiten und noch dazu buckeligen Schultern durchzulaſ⸗ ſen vermochte. In befehlendem Tone forderte er dann das Mäd⸗ chen auf, ebenfalls einzutreten. Die Mulattin ſchien zu zögern. In der Hütte war es vollkommen finſter, obgleich es auch draußen nicht gerade hell war, denn der Schatten der Ceiba und ihrer dichten Mooshülle hielt jeden Strahl des nun über den Baumſpitzen glänzenden ſchimmernden Mondlichtes ab. Der Neger bemerkte das Zögern des Mädchens. „Komm herein!“ rief er befehlend mit derſelben rau⸗ hen und mürriſchen Stimme.„Folge mir nur. Was fürchteſt Du denn?“. „Ich nicht bange, Chakra,“ erwiederte ſie, obwohl ihre zitternde Stimme der Verſicherung offenbar wider⸗ ſprach;„nur,“ fügte ſie noch zögernd hinzu,„es iſt da ſo dunkel.“ „Nun, dann bleibe draußen,“ ſagte der Andere nach⸗ — 200 gebend;„bleib' da, wo Du biſt, ich will gleich Licht machen.“. Man konnte Taſten und Tappen hören und dann das Schlagen eines Stahles gegen einen Feuerſtein, worauf Funken folgten. Ein Stückchen Schwamm fing dieſe auf und hiermit ward eine Art Lampe angezün⸗ det, die aus einer mit Schmalz vom wilden Schweine angefüllten Schildkrötſchale beſtand, worin ein aus wei⸗ cher Baumwolle gedrehter Docht befindlich waor. 4 „Nun, komm herein, Cynthy,“ wiederholte der Nr ger und ſetzte die Lampe auf den Boden.„Was, Du furchtſam? Du, die Tochter von Juno Vaghn?— Deine Mutter fürchtete den alten Chakra nicht.* Ja, die fürchtete ſelbſt den Teufel nicht!“ Die ſo angeredete Cynthia mochte leicht denken, daß in der Furcht vor Beiden gerade kein bedeutender Un⸗ terſchied vorhanden ſei, denn der Teufel ſelbſt hätte ihr ſchwerlich in häßlicherer und abſchreckenderer Geſtalt er⸗ ſcheinen können, als der nun vor ihr ſtehende Mann. „O, Chakra!“ ſagte ſie, als ſie in die Thür trat und all' die Zauberapparate an den Wänden gewahrte; „Frauen mögen ſchon erſchrocken ſein. Dies iſt ein fürchterlicher Ort!“ „Nicht ſo fürchterlich, als der Jumbéfelſen!“ war die Antwort des Myalmanns, von einem bedeutungs⸗— vollen Blicke und einem grinſenden Lächeln begleitet. „Wohl wahr!“ ſagte die Mulattin, die nun allmäh⸗ lich das Gefühl der Furcht überwunden hatte:„Du Ur⸗ ſache haben, ſo zu ſagen, Chakra.“ „Das gewiß, Cynthy.“ 6 201 „Aber ſag' mir mal, guter Chakra,“ fuhr die Mu⸗ lattin fort, von einem weiblichen Gefühle, der Neugierde, ergriffen,„wie biſt Du nur vom Jumbfelſen fortgekom⸗ men? Die Leute ſagen, Dein Skelett ſei noch immer dort an den Palmbaum gekettet.“ „Die Leute ſagen wahr. Mein Skelett iſt noch dort.“ Das Mädchen warf auf den Redenden einen halb verwunderten, doch noch mehr Furcht verrathenden Blick. Dein Skelett?“ fragte ſie leiſe murmelnd. 18„Dieſelben alten Knochen, ja; der Schädel, die Rip⸗ pen, die Keulen, alles miteinander. Wie, Jungfer Cynthy! das ſcheint Dir wunderbar? Weshalb? Da iſt nichts, Wunderbares dabei! Nicht für den alten Chakra! Du kennſt doch den Myalmann? Wofür Myalmann, wenn nicht Todten lebendig machen kann? So Chakra nimmer ſterben, ſo lange er weiß, wie todten Körper zum Leben bringen. Alter Chakra all' das wiſſen. Sie ihn nicht tödten, niemals! Nicht die Weißen und nicht die Schwarzen! Die mögen ihn mit Flinten ſchießen, die mögen ihn beim Hals aufhängen, die mögen ihm den Kopf abſchneiden, er doch zum Le⸗ ben wieder kommen, wie die blaue Eidechſe und die Glasſchlange. Sie verſuchten ihn zu tödten, Du weißt es ja. Sie ließen ihn Noth leiden, bis er ſtarb vor Hunger und Durſt. Die Krähen und Klashähne pick⸗ ten ihm Augen aus und fraßen altem Neger das Fleiſch vom Leibe, ließen nichts übrig, als die bloßen Knochen! Ja, Chakra noch leben! Chakra neues Gebeine haben, neues Fleiſch! Mädchen, Du ihn ſehen? Er ſtark, er fett, wie er je geweſen! Ha, ha, ha!“ 202 Und während der häßliche Neger jetzt frohlockend lachte, hob er ſeine Arme in die Höhe und wandte ſeine Augen auf ſeine eigene Perſon, als rufe er dieſe zum Zeugen der Auferſtehung an, die er vollbracht zu haben behauptete. Die Mulattin ſtand wie verſteinert bei der Erzäh⸗ lung des Myalmannes, von der ſie jedes Wort blind⸗ lings glaubte. Sie war zu erſchrocken, um reden zu können, und ſchwieg, offenbar tief ergriffen und gepackt von dem Einfluſſe einer ehrfurchtsvollen Scheu vor dem Uebernatürlichen und Wunderbaren. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Cynthya's Veichte. Der Myalmann gewahrte den von ihm hervor⸗ gebrachten Eindruck ganz wohl, und da er ſah, daß die Neugierde ſeiner Zuhörerin bereits befriedigt war— denn ſie verlangte in Wahrheit durchaus nichts mehr von der wunderbaren Schreckenserzählung zu hören— ſo verließ er den bisherigen Gegenſtand des Geſprächs und ging zu einem natürlichern und leichter zu begrei⸗ fenden über. „Den Korb mitgebracht, Cynthy?“ „Ja, Chakra, da iſt er.“ „Gut, Mädchen, ſehr gut! Guineahuhn und reich⸗ lich Gemüſe für den Pfeffertopf. Nichts zu trinken, ———————— 203 Mädchen? Haſt'’s vergeſſen! Will's nicht hoffen. Iſt's Beſte von Allem.“ „Nichts vergeſſen, Chakra! Da iſt eine Flaſche Rum, da unten im Korbe. Große Mühe gemacht, ſie zu ſtehlen.“ „Wem haſt Du ſie geſtohlen?“ „Nun, dem Herrn, wem ſonſt? Er iſt in letzter Zeit ſehr eigen geworden, nimmt die Schlüſſel alle ſelbſt und läßt uns farbige Leute gar nicht mehr zur großen Speiſekammer, als wenn wir Alle ſtehlen wollten!“ „Macht nichts, Cynthy, macht nichts; Chakra wird ihn ſchon kriegen. Ha, da!“ ſagte er vergnügt, zog die Rumflaſche aus dem Korbe und hielt ſie gegen das Licht.„Der weiße Prieſter ſagte, geſtohlenes Waſſer ſei ſüß; ich denke, geſtohlener Rum iſt es auch. Muß mal ſehen, ob es wahr iſt.“ So redend, zog der Neger den Pfropfen aus, brachte die Flaſche an die Lippen und ſteckte den Hals derſelben tief in ſeinen mächtigen Schlund. Verſchiedenes Glucken zeigte deutlich an, wo die Flüſſigkeit hinkomme, und nicht früher ſetzte er die Flaſche vom Munde ab, als bis er einen großen Theil ihres feurigen Inhalts hatte verſchwinden laſſen. „Humm!“ rief er in einem Ton aus, der vollkom⸗ men dem Grunzen eines wilden Schweines glich.„Humm!“ wiederholte er und ſtrich ſich den Bauch mit der unge⸗ wöhnlich großen Hand.„Der weiße Prieſter hat ſchön reden, daß geſtohlen Waſſer ſüß, aber laßt mir den ge⸗ ſtohlenen Rum. Du gutes Mädchen, Cynthy; Du ſehr gutes Mädchen, dem alten Chakra dieſen ſchönen Korb 204 voll zu bringen. Er oft hungrig, ſehr hungrig; kann Alles brauchen!“ „Ich will mehr bringen, wenn ich aus dem Buff wegkommen kann.“ „Das iſt recht, mein Täubchen! Aber nun, Mäd⸗ chen,“ fuhr der Myalmann fort, veränderte den Ton und ſah die Mulattin mit fragendem Blicke an;„wes⸗ halb beſuchſt Du mich eigentlich heute Nacht? Du haſt doch einen beſondern Zweck? Nicht wahr, Mädchen?“ Cynthya zögerte mit der Antwort. Es giebt Ge⸗ heimniſſe, die eine Frau ſtets nur ungern, ja nur mit äußerſtem Widerſtreben eingeſteht. Ein ſolches Geheim⸗ niß iſt ihre Liebe; und dieſe will ſie nur dem allein eingeſtehen, der ein Recht hat, das Geſtändniß zu hören. Dies der Grund von Cynthia's Zögern und Still⸗ ſchweigen. „Warum Du nicht ſprechen?“ fragte der grimmige Beichtvater.„Haſt Du Furcht vor altem Chakra? Haſt gar nicht nöthig, ihm zu ſagen, er weiß Dein Geheim⸗ niß ſchon; Du liebſt Cubina, den Maronenhauptmann? Iſt es nicht ſo? Heh?“ „Ja, Chakra, es iſt wahr, Dir will ich nichts ver⸗ hehlen.“ „Das iſt recht, denn Du kannſt dem alten Chakra auch nichts verhehlen, er weiß Alles! Kleiner Vogel ſagt's ihm. Und nun, was iſt denn aber jetzt zu thun? Du glaubſt, Cubina liebt Dich nicht?“ „Ach, leider bin ich deſſen gewiß,“ erwiederte die Mulattin und ihr keckes Ausſehn nahm einen höchſt 20⁵ betrübten Ausdruck an.„Einſt glaubte ich, er liebe mich, jetzt glaube ich es nicht mehr.“ „Du glaubſt, er liebt ein anderes Mädchen?“ „Ich bin deſſen gewiß. O, ich habe Grund dazu.“ „Wer iſt die Andere?“ „Yola.“ „Yola! Der Name iſt mir neu. Wo gehört ſie hin?“. „Sie gehört nach Willkommenberg, ſie Fräulein Käthe’'s Mädchen.“ „Kleine Quasheba nenne ich ſie,“ murmelte der Myalmann, liſtig grinſend.„Aber dieſe Yola?“ fügte er hinzu;„wo kommt ſie her? Dieſen Namen habe noch nie gehört.“ „Es iſt wahr, Chakra, ich habe Dir noch nie von ihr erzählt. Sie ward von dem Juden Jeſſuron ge⸗ kauft und kam nach Willkommenberg, nachdem Du die Pflanzung verlaſſen hatteſt.“ „Nachdem ich die Pflanzung verlaſſen, um auf dem Jumbéfelſen zu ſterben; ha, ha, ha! Das meinſt Du, Cynthy?“ „Ja, ſie kam bald nachher.“ „Und Du meinſt, Cubina liebt ſie?“ „Ja, das weiß ich.“ „Und ſie erwiedert ſeine Liebe?“ „O, ganz gewiß! Wie ſollte ſie auch anders?“ Dieſe letzte Frage verrieth den Glauben der Mu⸗ lattin, daß der Maronenhauptmann unwiderſtehlich ſei. „Wie denn, Cynthy, was ſoll ich dabei thun? Willſt 206 Du Dich an Cubina rächen? Soll ich den Todten⸗ zauber auf ihn legen?“ „O, nein, nein! Das nicht, Chakra, um des Him⸗ mels willen nicht! Das nicht!“ „Da willſt Du wohl den Liebeszauber haben?“ „Ach, wenn er dazu gebracht werden könnte, mich wieder zu lieben, wie er mich einſt geliebt, das heißt, wie ich es von ihm geglaubt hatte. Iſt es möglich, guter Chakra, ihn mich wieder lieben zu machen?“ „Alles iſt altem Chakra möglich; und um das zu beweiſen,“ fuhr er mit entſchloſſener Miene fort,„ver⸗ ſpricht er Dir, den Liebeszauber auf Cubina zu legen.“ „O, Dank, Dank!“ rief das Mädchen und ſtreckte ihm ihre Hände entgegen und ſprach mit der tiefgefühl⸗ teſten Dankbarkeit.„Was kann ich für Dich thun, Chakra? Ich Dir bringen, was Du ſo gern trinkſt, Rum und Wein; ich jede Nacht kommen mit etwas Gutem zu eſſen.“ „Nun, Cynthy, das iſt ſehr gut von Dir; aber Du mußt noch mehr thun, als das.“ „Alles, was Du willſt. Was denn mehr?“ „Du mußt bei dem Zauber helfen. Du biſt eben ſo nöthig dabei, wie ich.“ „Sag' mir nur, was zu thun iſt und vertraue mir, Chakra, ich will Deinen Befehlen folgen.“ „Nun denn, höore, ich will Dir Alles darüber ſagen. Aber ſetze Dich da auf die Bambusbank. Es braucht Zeit.“ Das Mädchen nahm auf der Rohrbettſtelle Platz und verblieb ſchweigend und aufmerkſam, während ſie 207 jede Bewegung des fürchterlichen Mannes beobachtete, da ſie nicht ganz ohne Mißtrauen war bei dem jetzt zwiſchen ihnen feſtzuſetzenden Uebereinkommen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der Tiebeszauber. Das Ausſehn und die ganze Haltung des Myal⸗ mannes hatten einen feierlichen Ernſt angenommen, der auf etwas höchſt Wichtiges ſchließen ließ, und der Mu⸗ lattin bemächtigte ſich ein dunkles Vorgefühl, daß als Gegenleiſtung für ſeine Dienſte von ihr jetzt etwas ge⸗ fordert werden würde, das viel mehr war, als eine bloße Lieferung von Gegenſtänden zum Eſſen und Trinken. Sein geheimnißvolles Betragen, während er in der Hütte umherging, bald vor dem einen der ſeltſamen die Mauer zierenden Gegenſtände ſtehen blieb und dann vor dem andern, bald die kleinen Beutel und Körbe befühlte und betaſtete, als ſuche er nach einem ganz beſondern Zauber, dabei aber ein feierliches Schweigen herrſchte, das nur durch die ſchwermüthigen Seufzer des Waſſer⸗ falles draußen unterbrochen wurde: alles dies machte auf den Geiſt der Mulattin einen höchſt unheimlichen Eindruck, und trotz ihres natürlichen, noch dazu durch eine glühende, ſie verzehrende Leidenſchaft vermehrten Muthes ergriff ſie doch ſchnell eine ganz unbeſchreibliche Furcht. 208 Nachdem der Prieſter des Obi jeden Fetiſch nach einander verehrt zu haben ſchien, widmete er ſeine Ver⸗ ehrung zuletzt der Rumfaaſche, vielleicht dem mächtigſten Gotte im ganzen Pantheon. Abermals nahm er aus der Rumflaſche einen tüch⸗ tigen Schluck, dem das gewöhnliche grunzende„Humm“ folgte, ſtellte ſie alsdann wieder auf ihren Platz, ſetzte ſich auf eine große Schildkrötenſchale, die einen Theil ſeiner Tempelgeräthe bildete, und begann ſeiner Jünge⸗ rin Belehrungen zu geben. „Nun denn,“ ſagte er,„um auf Jemand— ſei es Mann oder Frau— den Liebeszauber wirkſam zu le⸗ gen, iſt es durchaus nöthig, zu gleicher Zeit auch den Todtenzauber anzuwenden.“ „Was!“ rief die Zuhörerin höchſt beunruhigt aus; „den Todtenzauber?— auf Cubina, meinſt Du?“ „Nein, nicht auf ihn, das iſt keine Nothwendigkeit. Aber bevor Cubina dazu gebracht werden kann, Dich zu lieben, muß irgend ein Anderer dazu gebracht wer⸗ den, zu ſterben.“ „Wer?“ fragte ſchnell die Mulattin, der ſofort Je⸗ mand eingefallen war, den ſie wohl geopfert wünſchte. „Wen meinſt Du wohl? wer iſt Dein größter Feind, deſſen Tod Du wünſcheſt?“ „Yola,“ antwortete das Mädchen mit ſchwacher, leiſer Stimme, aber ohne irgend zu zögern. „Geht nicht— Frau geht nicht— es muß ein Mann ſein, und noch mehr, es muß ein freier Mann ſein. Negerſklave geht auch nicht. Gott Obi hat es mir gerade vorher ſelbſt geſagt. Es muß ein Herr ſein, 209 ein weißer Herr. Nur wenn auf weißen Herrn der Todtenzauber, kann ich auf Cubina Liebeszauber legen, und er liebt Dich dann gewiß.“ „O, wenn er das wollte!“ ſtieß die leidenſchaftliche Mulattin in der höchſten Entzückung wonniger Erweckung aus;„dafür wollte ich Alles thun, Alles.“ „Dann mußt Du helfen, den Todtenzauber auf einen von den Weißen zu legen. Du haſt einen weißen Feind?— Chakra hat denſelben.“ „Wen?“ fragte das Mädchen nachdenkend. „Wen! Iſt's nöthig zu ſagen, wer Chakra's Feind iſt und Dein Feind auch! Wer hat Dich lange Zeit zum Narren gehabt? wer täuſchte Dich, als Du ein junges Mädchen warſt? Das iſt doch wohl nicht nö⸗ thig, Dir erſt zu ſagen, Cynthy?“ Die Mulattin ſah den Redenden mit bedeutungs⸗ vollen Blicken an. Eine alte Erinnerung ſchien bei ſeinen Worten aufzutauchen, die offenbar keine ange⸗ nehme war. „Maſſa Loftus?“ ſagte ſie halb flüſternd. „Gewiß, Maſſa Loftus!— das iſt der Weiße, der Dein Feind und meiner auch iſt.“ „Und Du willſt— 2“ „Den Zauber auf ihn lenken,“ ſagte der Neger, die Frage ſchon im Voraus beantwortend, welche die Andere ohne Umſchweife vorzubringen gezögert hatte. Das Mädchen gab keine Antwort und ſchien tief in Nachdenken verſunken zu ſein. Der Ausdruck auf ihrem Geſicht war dabei aber keineswegs ein ruhiger, ſondern der einer wild aufgeregten Leidenſchaft. Der Marone. II. 14 210 „Er muß es ſein!“ fuhr der Verſucher fort, um ſie vollſtändiger für ſeine ſchwarzen Abſichten zu gewinnen; „kein Anderer iſt ſo geeignet. Gott Obi hat ſo geſagt, es muß der Pflanzer von Willkommenberg ſein.“ „Wenn Cubina mich nur lieben wird, mir iſt's gleich, wer es iſt!“ erwiederte die Mulattin mit unbe⸗ kümmerter Entſchloſſenheit. „Nun iſt's genug,“ ſprach der Myalmann ernſt. „Der Todtenzauber des Obiah ſoll geſetzt werden auf den ſtolzen weißen Herrn Loftus Vaughan, und Du, Cynthy, mußt helfen, daß der Zauber erkenntlich wirkt.“ „Wie kann ich helfen?“ fragte das Mädchen, deren zitternde Stimme einige Unentſchloſſenheit verrieth.„Wie, Chakra?“ „Das ſoll Dir nach und nach geſagt werden, nicht dieſe Nacht. Der Zauber erfordert Zeit. Gott Obi thut nicht Alles auf einmal, ſelbſt nicht für den alten Chakra. Du kommſt wieder, wenn ich das Zeichen für Dich auf dem Trompetenbaum gebe. Bis dahin ſchweigſt Du ganz ſtill über alles dies. Du biſt die einzige, außer einem Andern, die es weiß, daß der alte Chakra noch lebt. Alle anderen ſehen den Myalmann in der Maske, aber erblicken nie ſein Geſicht, noch ahnen ſie, wer er iſt. Wenn Du ſagſt, wo der Myalmann eigent⸗ lich iſt, dann—“ „O, niemals, Chakra,“ unterbrach ihn das ſtau⸗ nende Mädchen,„niemalsl“ „Nein, niemals! Wenn Du es erzählſt, Cynthy, dann fühlſt Du ſofort den Todtenzauber auf Dich ſelbſt gerichtet. Nun, Mädchen,“ fuhr der Neger fort, ſtand —— 211 von ſeinem Sitze auf und winkte der Mulattin, auch aufzuſtehen,„es iſt Zeit für Dich zu gehen. Ich rede bald wieder mit Dir, bis dahin thuſt Du nichts und ſchweigſt. Nimm Deinen Korb und folge mir.“ So redend leerte Chakra den Korb, gab ihn dem Mulattenmädchen und führte ſie aus der Hütte heraus. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Dbiahhandel. Einige Zeit lang nach dem Weggange Cynthya's war Niemand im Tempel des Obi, mit Ausnahme der ſtummen Gottheiten, da ſein Prieſter ſeine Jüngerin über den See fuhr. 4 Dieſer kehrte jedoch in wenigen Minuten allein zu⸗ rück, nachdem er die Mulattin verlaſſen hatte, die auf den Felſen hinaufſtieg und nach ihrer Heimath Will⸗ kommenberg zurückkehrte. Es war klar, daß der Beſuch der Mulattin ihm große Freude gemacht hatte. Selbſt bei dem ſchwachen Lichte der äußerſt rohen Lampe vermochte man bei ſei⸗ ner Rückkehr in die Hütte auf ſeinem wilden Geſichte ganz deutlich den Ausdruck einer dämoniſchen Freude zu erkennen. „Einer todt!“ rief er frohlockend,„der Andere liegt auf dem Sterbebette, und der Dritte nun, der Letzte, aber der Schlimmſte von allen— ha, ha, hal— er ſoll bald fühlen die Rache Chakra's, des Myalmannes!, 14* die einzige Möglichkeit zum Niederſteigen mit Hilfe der 212 Dreimal erſchallte hierauf das wilde, wahnſinnige Lachen unter den weithin ausgebreiteten Aeſten der gro⸗ ßen Ceiba und hallte von den das Teufelsloch umfaſſen⸗ den Felſen wieder. Es erſchreckte ſogar die Bewohner des düſtern Sees, und zugleich mit dem Echo wurde durch die Schlucht das Geſchrei des Kranichs und der durchdringende Ruf des Waldibis vernommen. Dieſe Töne waren indeß kaum erſtorben, als ein anderer von ganz verſchiedenem Charakter vom Felſen herab gehört wurde. Er glich einem Schrei, oder er war vielmehr, als wenn Jemand auf den Fingern pfiff. Der Mann, der dies that, mußte auf dem Felſen, und zwar gerade oberhalb der Hütte ſein. Chakra war darüber nicht ſehr verwundert. Er wußte, es ſei ein verabredetes und von dem Gaſte, den er erwartete, gegebenes Zeichen. „Das iſt der alte Jude!“ murmelte er, nahm die Rumflaſche und verbarg ſie unter der Bettſtelle.„Da ſteh' Du nur, bis ich Dich wieder brauche,“ fügte er hinzu und richtete dieſe Worte vertrauensvoll an den Gegenſtand ſeiner innigſten Verehrung. „Nun der Negerhändler! für den habe ich Neuig⸗ keiten, die ſollen ihm wie eine alte Kopfeidechſe in die Gedärme fahren! Horch, da pfeift er ſchon wieder!“ Dieſer letzte Ausruf bezog ſich auf die Wiederholung des frühern Zeichens weiter die Höhle hinunter, da der Pfeifende längs des Randes der großen Höhle näher nach dem Schlunde hingegangen war. Ein dritter Ruf kam alsdann von der Stelle, wo 213 Baumſtämme war. Er zeigte Chakra an, daß ſein Be⸗ ſucher ſchon auf ihn warte. Ohne weitern Aufſchub kehrte der grimmige Fähr⸗ mann, grimmiger vielleicht als ſelbſt Charon, jetzt zu ſeinem Nachen zurück und ruderte mit ihm abermals über den See. Ganz zur ſelben Zeit ſtieg ein Mann mühſam durch die verwickelten Schlingpflanzen den Felſen hinunter und ſtand bei der Ankunft des Nachens halb verborgen zwiſchen den Büſchen unten am Rande des Sees bereit, in ihm Platz zu nehmen. Der Mond beſchien einen blauen Leibrock mit blanken Knöpfen, einen braunen Biberhut und darunter eine weiße Nachtmütze, glanz⸗ loſe Stulpenſtiefeln, eine große grüne Brille und einen großen Regenſchirm. Chakra hatte durchaus nicht nöthig, die ſcharfen iſraelitiſchen Züge des Mannes zu betrachten, um zu wiſſen, wer er ſei. Jakob Jeſſuron war einer frühern Verabredung zu⸗ folge hier, und der Myalmann kannte auch ſeine Ab⸗ ſichten bei ſeinem Herkommen ganz genau. Eine beſondere Begrüßung fand gar nicht ſtatt; le⸗ diglich, als der Jude ſich von einem Baumaſte etwas heftig in den Nachen ſchwingen wollte, ſagte Chakra: „Setzen Sie ſich leiſe hin, Herr Jakob, und ſtoßen Sie den Kahn nicht den Strom hinunter. Ich muß mich ſchon anſtrengen, daß er nicht dahin treibt, und daß wir nicht Beide zu Schaden kommen.“* „Soi moiner Söle gnädig! Waſch ſagt Uehr da?“ erwiederte der Jude, ſah ängſtlich nach dem Schlunde 214 hin und ſchauderte, als er das Toben und Brauſen des Waſſers zwiſchen den düſteren Felſen gewahrte.„Wohr⸗ haftig, üch wuſchte nücht, daſch ös gefährlich ſoi. Fürch⸗ tet nüchtſch, Chakra, üch wüll ſoin loicht wü oine Föder.“ Mit dieſen Worten warf der Jude ſeinen Regen⸗ ſchirm zuerſt in den Nachen und glitt ſelbſt mit ſolcher Behendigkeit und Leichtigkeit in das Vordertheil deſſelben, als ſetzte er ſich auf einen Korb mit Eiern. Als der Fährmann ſeine Ladung ſicher eingenommen hatte, ruderte er nach dem Ankerplatze zurück, befeſtigte ſeinen Nachen wie vorher und führte ſeinen Beſucher das Thal hinauf, der Hütte zu. Als er in den Tempel des Obi eintrat, zeigte Jeſ⸗ ſuron, ganz verſchieden von der Verehrerin des Obi, die ihn erſt kurz zuvor verlaſſen hatte, durchaus keine Furcht oder Verwunderung über ſeine phantaſtiſchen Zierrathen. Es war klar, er war kein wirklicher Ver⸗ ehrer des Obi, aber ſchon früher in ſeinem Tempel ge⸗ weſen. Er ſetzte ſich ſofort ohne alle Umſtände auf die Bambusbettſtelle, ſtieß ein tiefes„Ach!“ aus, das wahr⸗ ſcheinlich ſeine Zufriedenheit ausdrücken ſollte, und zog aus ſeiner großen Taſche einen glänzenden Gegenſtand, der ſich beim Lampenlichte als eine Flaſche erwies, und zwar, wie die Etiquette mit ſymboliſchen Trauben zeigte, als eine Flaſche mit Cognac. Der bei dem Anblicke der Cognacflaſche ausgeſtoßene Ruf des Myalmannes bewies wohl zur Genüge ſeine Zufriedenheit mit dieſer Art, die Zuſammenkunft zu er⸗ öffnen. 110518. 215 „Hobt Uehr oin Glas unter Euren Sachen?“ fragte der Jude und ſah ſich in der Hütte um. „Nein, aber das wird's ſchon thun,“ antwortete der ſchwarze Wirth und reichte ihm eine kleine Calabaſſe mit einem Henkel. „Daſch Götränk läſcht ſüch trünken aus Allem. Uech hob ös von Captin Showler auf ſoiner lötzten Roiſe. Vörſucht's oinmal, guter Schakra, bövor wür bögünnen daſch Göſchäft.“ Ein Grunzen des Negers gab ſofort ſeine Einwilli⸗ gung zu dieſem Vorſchlage zu erkennen. „Humm!“ ſtieß er dann aus, nachdem er das für ihn in die Calabaſſe Gegoſſene begierig hinuntergeſtürzt hatte. „Ah, daſch üſcht gut!“ ſagte der Jude, indem er eine gleiche Portion von dem Cognac verſchluckte, dann aber die Flaſche ſammt Calabaſſe zur Seite ſetzte. Die beiden ſeltſamen Männer, doch auch Beide liſtig und verſchlagen, begannen nach dieſen Vorbereitungen nun mit einander ihre eigentliche Unterhaltung; der Jude fing zuerſt zu reden an. „Uech hob Neuigkoiten für Euch,“ ſagte er,„ſonder⸗ bohre Neuigkoiten, wenn Uehr ſü noch nücht gehört habt, Schakra. Wör, glaubt Uehr wohl, daſch todt üſch?“ „Ha!“ rief der Myalmann aus und ſein Auge leuchtete dabei in wilder Freude ſtrahlend auf; iſt er todt? wirklich?“ 1 „Wör? üch hobe ja nüchts geſogt,“ verſetzte der Jude, deſſen Züge einen Ausdruck von angenommener Verwunderung ausdrückten.„Aberſcht rüchtüg,“ fuhr er nach einem kurzen Stillſchweigen fort,„Uehr wuſch⸗ tet, daſch ör krank wor, Uehr wuſchtet, daſch dör Rüch⸗ ter Bailey krank wor und nücht wohl wüder böſſer wörden konnte. Nun, dör arme Mahn iſcht todt und jötſcht ſchon üm Sarge; göſchtern iſcht ör geſtorben.“ Ein langes und ſtark betontes„Humm!“ war die einzige von dem Myalmann ertheilte Antwort. Dieſer Ausruf drückte indeſſen gerade keine beſondere Betrüb⸗ niß darüber aus, ſondern im Gegentheil verrieth er durch ſeine eigenthümliche Betonung mehr Genugthuung, als Worte vielleicht ausgedrückt hätten. „Eſch üſch doch ſonderbohr,“ fuhr der Koppelhalter im ſelben Tone angenommener Einfalt fort;„ſo korze Zoit örſcht, nachdöm Herr Ridgely geſtorben iſcht. Zwoi von dön droi Rüchtern, dü über Düch göſöſſen hoben ßu Görücht, guter Schakra! Oes iſcht wörkluch, alſch wönn dü Vorſöhung hätte oine Hand darün, wörklüch!“ „Oder auch wahrſcheinlicher der Teufel!“ verſetzte Chakra mit bedeutungsvollem Blicke. „Jo, Gott oder dör Deubel, dör oine oder der an⸗ dere. Nun, Schakra, Du hoſt auf alle Fälle Doine Rache, wör auch ümmer geholfen daboi. Zwoi von Doinen Foinden können anhaben Dür nüchts möhr und waſch dön drütten bötrüfft, ſo— 3 „Wird er mir auch nicht ſo ſehr lange mehr ſcha⸗ den, hoffe ich,“ unterbrach ihn der Neger mit bedeu⸗ tungsvollem Grinſen. „Waſch Uehr da ſagt!“ rief der Jude mit ernſter und tiefer Stimme aus.„Hobt Uehr waſch gehört? 2 Hot daſch Mädchen Euch hür böſucht?“ 217 „Alles mit ihr in Ordnung, Herr Jakob.“ „Gut, ſü üſt alſo hür gewöſen?“ „Gerade weggegangen, vor einer Viertelſtunde.“ „Und ſü ſogt, ſü wüll hölfen Euch, anßuwenden dön Obüahßauber?“ „Habt keine Angſt, ſie wird das Alles thun. Obi's Zauber ruht auf ihr, der treibt ſie, Alles zu thun, ah, Alles auf der Welt, ganz gewiß. Obi's Gewalt über das Mädchen iſt unbegrenzt.“ „Jo, jo,“ ſtimmte der Jude zu,„üch woiß daſch Alles. Und wönn Obü alloin nücht ſollte ſoin würk⸗ ſam und möchtig gönug,“ fügte er liſtig lächelnd hinzu, „dann, guter Schakra, haſcht Du oinen Trank, üch woiß es, Du haſcht oinen Trank, der öben ſo mächtig iſcht wü Obü oder ürgend oin anderer von Euren Göt⸗ tern.“ Hier wurde ein Blick geheimen Einverſtändniſſes zwiſchen den Beiden gewechſelt. „Wü lange braucht Euer Sauber, uhm ßu ſoin vollkommen?“ fragte der Koppelhalter nach einigem Still⸗ ſchweigen, während deſſen er einige Berechnungen anzu⸗ ſtellen ſchien. „Das,“ erwiederte der Neger,„hängt ganz von den Umſtänden ab, in welcher Zeit es verlangt wird, daß der Zauber wirken ſoll. Wird es verlangt, ſo kann Chakra es wohl machen, daß der ſtärkſte Mann in drei Tagen nicht mehr in ſeinen Schuhen ſteht; in drei Stunden kann er es auch, aber das iſt zu ſchnell. Ein Zauber von drei Stunden iſt zu ſchnell. Das iſt keine Obiaharbeit mehr, das ſieht ganz wie Gift aus.“ 218 „Güft, jo, jo, daſch üſcht wohr.“ 8 „Drei Tage iſt zu kurz, drei Wochen iſt die rechte Zeit. Dann wirkt der Zauber ganz wie ein Typhus⸗ fieber und Niemand ſchöpft dabei Verdacht.“ „Droi Wochen, ſagt Uehr? Und koine Sümptome, dü errögen Aufſöhen oder Verdacht? Soid Uehr gewüß, daſch düs auch genug üſcht? Erünnert Euch, der Kuſch⸗ toſch üſcht oin ſtarker, kräftiger Mahn.“ „Das iſt alles gleich. Wenn er auch noch ſo ſtark und kräftig iſt, in der Zeit wird er ſchwach und hin⸗ fällig! Aber das weiß Jeder, Obi thut nichts umſonſt, Herr Jakob! Bei Negern iſt das etwas Anderes. Ne⸗ ger ſind nur ſchwarze Leute. Allein bei Weißen wirkt Obi nur, wenn er bezahlt wird.“ „Jo, jo, daſch üſcht nur büllig und recht. Obü muß bözahlt wörden; darum ſogt mür, guter Schakra, ſogt mür nur gleich, wü vül koſtet oin Sauber düſer Art in baarem Geld?“ „Wenn Obi ſelbſt kein Intereſſe bei der Anwendung des Zaubers hat, ſo muß er hundert gute Pfund haben. Wenn er aber ſelbſt ein Intereſſe daran hat, ſo iſt das verſchieden; dann muß er funfzig Pfund haben.“ „Funfzig Pfund! Daſch üſcht doch wohl zu vül Geld, guter Schakra! Uen düſem beſondern Fall hat Obü wörklich oin oigenes Intereſſe, möhr noch als jö⸗ 4 der Andere. Oer hat oinen Foind und wüll Rache.— Ueſcht daſch nücht rüchtig, guter Schakra?“ „Das iſt ganz richtig, Chakra will es nicht läugnen. Aber gerade nur deshalb willigt Obi ein, den Zauber für funfzig Pfund auszuführen. Obi's Feind iſt der — 219 große Buckra, und der iſt ſtark und kräftig, wie Ihr ſelbſt geſagt habt; es iſt deshalb ſehr ſchwer, ihn zu verzaubern. Jeder andre Myalmann würde volle hun⸗ dert Pfund nehmen; aber kein Anderer würde es über⸗ haupt nur unternehmen, kein Anderer hat die Macht dazu, nur der alte Chakra allein.“ „Sprecht nücht möhr vom Proiſe. Funfzig Pfund ſoll oͤr ſoin? Hür üſcht die Hälſte gloich.“ Der Ver⸗ ſucher drückte mit dieſen Worten einen Beutel mit Geld in die bereits ausgeſtreckte Hand des Obiahmannes. „Alleſch, waſch üch dafür vörlange, üſcht, daſch Uehr bekommt ün droi Wochen dü andere Hälfte; dann wollen wür freuen uns boide über dön Kuſchtoſch Vochan, dönn üch hobe ßu üben eben ſo gut moine Rache hür, wü Uehr ſelbſt, Schakra.“ „Genug geſprochen, Herr Jakob! Noch ehe drei Tage vergangen ſind, ſoll der Zauber ihn faſſen. Kehrt hier in die Höhle in der vierten Nacht nach dieſer zu⸗ rück und Ihr ſollt hören, wie der Zauber wirkt. Humm!“ Die Kalabaſſe ward jetzt wieder in Bewegung ge⸗ ſetzt, der Cognac noch einmal probirt, und dann ver⸗ ließen Beide die Hütte und traten wieder in's Freie. Der Prieſter des Obi führte ſeinen Mitverſchwo⸗ renen über den See, kehrte alsdann zu ſeinem Tempel zurück und ſetzte ſich, um mit Muße das zu ſich zu nehmen, was noch in der Cognacflaſche übrig geblie⸗ ben war. „Humm!“ ſtieß er in einer zwiſchen zwei kräftigen und lang andauernden Zügen aus der Flaſche entſtan⸗ 220 denen Pauſe aus;„der alte ſchlaue Jude hat den Cha⸗ kra zum Narren, hat den Teufel ſelbſt zum Narren! Weiß nicht, wofür er Rache haben will. Nun, was kümmert's mich! Ich wil Rache nehmen, und, beim großen Aecompong! ich habe Urſache, ſie zu nehmen! Wenn dies Mädchen ſich lau erweiſt, wie die anderen — und ſie muß lau ſein— dann, in drei Wochen, wird der große, dicke Buckra, der ſtolze Richter, der mich zum Jumbéfelſen verurtheilt hat— Custos rotu- lorum, wie ſie ihn nennen— dann wird er nicht mehr Fleiſch auf ſeinen Knochen haben, als das Skelett, das ſie für das meinige hielten. Und dann, wenn er todt iſt, ha! wird die Tochter der Quasheba, die vor zwan⸗ zig Jahren die Liebe des Koromantis wegen des gelben Maronen verſchmähte, wird dieſe kleine Quasheba in den Armen Chakra's, des Myalmannes, ſchlafen! Humm!“ Wie der Prieſter des Obi dieſe ſchreckliche Erwar⸗ tung mit der größten Zuverſicht ausſprach, flammte ein düſteres unheimliches Feuer in ſeinen eingeſunkenen, tief⸗ liegenden Augen, und ſeine großen weißen Zähne zeig⸗ ten ſich bei einem frohlockenden Gelächter, das ſo gräß⸗ lich klang, als wenn der Böſe ſelbſt über einen fürch⸗ terlichen Anſchlag jubelnd lache. Nun wurden die Cognacflaſche wie die Rumbouteille wiederholt eine nach der andern probirt, bis der kräf⸗ tige Körper des Koromantis dem noch kräftigern Geiſte des Alkohols unterlag, und er zuletzt, während er die ſchrecklichſten Verwünſchungen und Drohungen ausſtieß, bewußtlos auf den Boden fiel. —— 221 Da lag er nun bei dem Lichte der nur ſchwach flimmernden Schmalzlampe wie ein häßlicher, abſchrecken⸗ der Satyr, den Baecchus mit einem zornigen Stoße auf die Erde niedergeworfen hat. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die geheime Triebfeder. Der urſprüngliche Grund, weshalb der Myalmann den Tod des Cuſtos Vaughan betrieb, wäre gewiß al⸗ lein ſchon ſtark genug geweſen, ihn zu dieſer That auch ohne dieſen neuen Antrieb zu bringen, denn dieſe war eine einfache, leicht zu begreifende Rache. Nicht ſo leicht war die eigentliche Triebfeder des Inden zu begreifen. Er hatte ſeine Abſichten ſtets ſo geheim gehalten, daß kein Lebender, ſelbſt nicht einmal Chakra, darum wußte. Bis zu dieſer Zeit mußten ſie jedenfalls höchſt geheimnißvoll erſcheinen, doch jetzt dürfte es wohl an der Zeit ſein, ſie aufzudecken. Ihre Er⸗ läuterung wird zeigen, daß ſie ganz natürlich, vollkom⸗ men in Uebereinſtimmung mit dem Charakter dieſes ver⸗ ſchmitzten und unbarmherzigen Mannes war. „Dabei iſt es wohl kaum nöthig, zu bemerken, daß Jakob Jeſſuron keineswegs ein eigentliches Urbild ſei⸗ nes, noch irgend eines andern Stammes war. Obwohl von Geburt ein portugieſiſcher Jude, ſo machte ihn dies doch nicht zum Sclavenhändler oder Sclavenſtehler. Chriſten haben ſtets an dieſem ſchmachvollen Handel ‿‿‿᷑ 222 Theil genommen und haben ſich zugleich mit Juden und Mohamedanern die ſchauderhafteſten Schändlichkeiten zu Schulden kommen laſſen. Nicht weil Jakob Jeſſuron zufällig ein Jude war, machte er Handelsgeſchäfte in menſchlichem Fleiſch und Blut und war ein durch und durch ſchändlicher Mann, ſondern lediglich, weil er Ja⸗ kob Jeſſuron, ein Vertreter keines beſondern Stammes oder Volkes, ſondern ein ganz eigenthümlicher Charak⸗ ter war.— Ohne bei ſeinen allgemeinen Frevelthaten zu ver⸗ weilen, wollen wir zu den ganz beſonderen Triebfedern zurückkehren, die ihn dazu brachten, ſeinen Nachbar Vaughan zum Opfer, ja zum Todtenopfer zu machen, denn ſeine Unterredung mit Chakra hatte bereits deutlich genug gezeigt, daß dies das eigentliche Ziel ſeiner hin⸗ terliſtigen Abſichten war. Vor Allem war er mit der häuslichen Geſchichte des Pflanzers ſehr bekannt, mindeſtens mit einem Theil der⸗ ſelben, den er erfahren, ſeitdem dieſer in Beſitz von Will⸗ kommenberg gekommen war. Er wußte außerdem auch noch Einiges über Herrn Vaughan, als dieſer noch Wirthſchaftsführer von Schloß Montagu geweſen war, allein erſt nachdem der Cuſtos ſein näherer Nachbar ge⸗ worden, hatte der Jude alle ſeine Privatangelegenheiten ganz genau und bis in’s Einzelne kennen gelernt. Dieſe Kenntniß hatte er in verſchiedener Weiſe er⸗ langt, theils in Folge eines freilich nie ſehr herzlichen und freundſchaftlichen, geſelligen Verkehrs, theils bei ge⸗ ſchäftlichen Verhandlungen, und dann vor Allem, min⸗ 223 deſtens was einige geheimere Theile der Lebensgeſchichte Vaughan's betrifft, von dem Myalmann Chakra.. Trotz ſeiner außerordentlichen Häßlichkeit war der Koromantis nämlich mit einem ſeltenen, wenn auch höchſt gefährlichen Scharfſinne begabt. Er wußte Alles ganz genau, was ſich auf der Pflanzung Willkommen⸗ berg ſeit länger als vierzig Jahren zugetragen hatte. Wie ſchon früher einmal bemerkt, er wußte nur zu viel, und dieſe läſtige und unbequeme Mitwiſſenſchaft hatte hauptſächlich ſeine Verurtheilung zum Jumbkfelſen her⸗ beigeführt. Zu mehr als einem Zwecke hatte der Jude bereits oftmals den Myalmann benutzt, und wenn dieſer ihm jetzt bei ſeinen ſchwarzen Abſichten zu Hilfe kam, ſo war dies ſicherlich nicht die erſte dunkle That, an der Chakra einen hervorragenden Antheil nahm. Im Ge⸗ heimen waren ſie ſchon ſeit ſehr langer Zeit Verbün⸗ dete geweſen. Des Juden Kenntniß der Angelegenheiten Loftus Vaughan's erſtreckte ſich indeß auch auf manche, ſelbſt Chakra unbekannte Thatſachen. Eine ſolche war die, daß ſein Nachbar mit einem Bruder in England ge⸗ ſegnet ſei, der einen einzigen Sohn beſäße. Dieſer engliſche Bruder ſei ein Künſtler ohne alles Vermögen und auch ohne beſondern Ruf. Noch andere ſich auf dieſen beziehende Umſtände waren zur Kenntniß Jeſſurons gekommen, unter anderen, daß der ſtolze Cuſtos nur ſehr wenig von ſeinen armen engliſchen Verwandten wußte, ſich wenig um ſie bekümmerte und auch nur höchſt ſelten mit ihnen in Briefwechſel ſtand. 224 In welcher Art vermochte nun eine ſolche Kenntniß Jakob Jeſſuron zu intereſſiren, wie dies wirklich der Fall war? Das werden wir gerade jetzt ſehen. Viel⸗ leicht mag der eigentliche Grund von dem Aufmerk⸗ ſamen auch ſchon geahnt werden, denn darauf hingedeu⸗ tet iſt bereits ſchon früher. Dennoch möge dies noch einmal ausführlicher auseinandergeſetzt ſein. Wie wohl bekannt, war Loftus Vaughan niemals mit der Quadrone Quasheba verheirathet geweſen. Die⸗ ſer Umſtand hätte freilich nur wenig Bedeutung gehabt, wäre Quasheba eine Weiße geweſen oder ſelbſt nur eine „Quinterone“— in Jamaica eine Meſtize genannt und von einigen wunderlichen Nachbetern kürzlich auch wohl als„Okterone“ bezeichnet worden— eine Bezeichnung, die nirgends wirklich vorhanden iſt, außer in den ro⸗ mantiſchen Köpfen ſolcher nicht gut unterrichteter Schrift⸗ ſteller. Um es zu wiederholen, wäre die Sclavin Quasheba entweder eine Weiße oder ſelbſt nur eine Meſtize gewe⸗ ſen, ſo würde der Umſtand, ob ſie wirklich verheirathet oder nicht verheirathet war, eigentlich von keiner we⸗ ſentlichen Bedeutung inſofern geweſen ſein, als es das Erbfolgerecht ihrer Kinder auf die Landgüter des Vaters betroffen hätte. Wohl iſt es richtig, daß, wäre ſie nicht verheirathet geweſen, die Tochter nach den Geſetzen Ja⸗ maica's wie nach denen anderer Länder ſtets unehelich geweſen ſein würde, aber dennoch hätte ſie ihres Vaters Eigenthum ganz gut erben können, wenn ihr dies durch letztwillige Verfügung vermacht worden wäre, da es auf Jamaica kein Fideicommiß gab. d 225 So wie indeß die Dinge jetzt ſtanden, war die Sache für die kleine Quasheba— Käthchen Vaughan— in gefährlicher Weiſe anders. Ihre Mutter war nur eine Quadrone, und ob dieſe verheirathet oder nicht verhei⸗ rathet war, die Tochter konnte ſelbſt durch ein Teſta⸗ ment nicht mehr erben, als ein armſeliges Legat von höchſtens 1500 Pfund Sterling. Käthchen Vaughan war aber nur eine Meſtize und es fehlte ihr ſtets ein von der Selaverei noch entfern⸗ terer Grad, um ſie in den ſchützenden Bereich der voll⸗ kommenen Freiheit zu bringen und ihr den ungeſchmä⸗ lerten Genuß aller Rechte derſelben zu ſichern. Keine teſtamentariſche Beſtimmung, keine von Loftus Vaughan angeordnete Verfügung vermochte ſeine Toch⸗ ter in irgend einer Weiſe zu ſeiner Erbin zu machen. Wohl konnte er ſein Eigenthum letztwillig irgend einem Andern nach Belieben vermachen, wenn dieſer ein ſogenannter Weißer geweſen wäre; da er aber vielleicht kein ſolches Teſtament gemacht hatte, ſo fiel das Gut Willkommenberg mit Allem, was er außerdem noch be⸗ ſaß, rechtlich an den nächſten Verwandten ſeines eigenen Stammes, alſo an ſeinen Neffen Herbert. Gab es denn aber gar kein Mittel gegen eine ſolche ¹höchſt verhängnißvolle Verlegenheit? Gab es gar keine Auskunft, um die junge Kreolin vor Enterbung zu ſchützen?. Dieſe Frage iſt bereits ſchon früher einmal beant⸗ wortet worden: allerdings gab es ein Auskunftsmittel. Loftus Vaughan kannte dies Mittel ganz wohl und beabſichtigte ernſthaft, es in's Werk zu ſetzen. Jeden Der Marone. II. 15 Tag wollte er nach Spaniſchſtadt(Spanish Town) rei⸗ en, um die Specialakte zu erlangen, und jeden Tag wurde die Reiſe wieder aufgeſchoben. Die Ausführung dieſer Abſicht war es, die der Jude Jeſſuron vor Allem am meiſten fürchtete, und ſie zu verhindern, war der Zweck ſeines Beſuches im Tem⸗ pel des Obi. Seine Furcht bedarf kaum einer weitern Erklärung. Konnte Loftus Vaughan ſeinen Entſchluß nicht aus⸗ führen, ſo war Herbert Vaughan der unbeſtrittene Erbe von Willkommenberg, und Herberts Herz lag vollkom⸗ men in den Feſſeln Judith Jeſſurons. So glaubte wenigſtens die Jüdin ganz gewiß und auf ihre feſte Verſicherung hin ebenfalls der Jude. Der von Judith aus den feinſten Fäden weiblicher Koketterie gewobene Llebeszauber war der erſte Schritt geweſen, um die große Erbſchaft zu ſichern, der zweite ſollte der von Chakra und ſeiner Gehilfin angewandte Todtenzauber ſein. * Dreißigſtes Kapitel. Der Todtenzauber. 4 In der Nacht nach jener, in welcher Chakra Jeſſu⸗ ron's Beſuch erhalten hatte, und um dieſelbe Stunde war der Koromantis in ſeiner Hütte mit einer offenbar höchſt wichtigen Arbeit beſchäftigt, da ſie ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nammä. In der Mitte auf dem Fußboden der Hütte ein Feuer in einem rohen Ofen, der aus dem Stegr durch vier große, einen kleinen viereckigen Raum um⸗ ſchließende Steine gebildet war. Das Feuer gab ſehr viel Rauch, brannte aber den⸗ noch mit heller, klarer Flamme. Das Brennmaterial war kein Holz, ſondern beſtand aus ſchwarzen, zuſam⸗ men geſchmolzenen Stücken, die eine große Aehnlichkeit mit Torf oder Kohlen hatten. Ein auf Jamaica Fremder wäre ſicher in Verlegen⸗ heit geweſen, hätte er beſtimmen ſollen, was dies eigent⸗ lich war; jedoch ein auf dieſer Inſel Eingebürgerter hätte gleich auf den erſten Blick erklärt, daß die ſchwar⸗ zen Stücke, die erſt friſch auf dem Feuer aufgehäuft zu ſein ſchienen, Bruchſtücke von den Neſtern gewiſſer gro⸗ ßer Ameiſen waren, die oftmals in großen Klumpen an den Bäumen eines tropiſchen Waldes feſtſitzen. Da der Rauch dieſes Brennmaterials den Augen minder unangenehm, als der von Holzfeuer und dennoch wirkſamer bei der Vertreibung der Mosquito's, jener entſetzlichen Plage eines ſüdlichen Klima's, war, ſo hatte der Koromantis es deshalb gewählt. Jedenfalls diente es zu dieſem Zwecke ganz vortrefflich.. Ein kleiner eiſerner Topf ſtand auf den Steinen des Herdes, und die ſorgſamen Blicke, mit denen der Neger deſſen kochenden Inhalt betrachtete, während er ihn zu⸗ weilen ein wenig umrührte, zuweilen aber auch etwas davon in einem Holzlöffel genau beim Lichte der Lampe unterſuchte, verriethen, daß das zu Kochende wohl nicht gerade ein Nahrungsmittel, ſondern vielmehr ein chemi⸗ 15* hes Präparat ſei. Wie der Neger ſich jetzt von Zeit zu Zeit über das Feuer beugte, ganz wie die einen Hexentrank bereitende Hekate, ſo kündeten ſein ganzes ernſtes und heimlich feierliches Benehmen, ſeine katzen⸗ gleichen, leiſen und ſtets von Berechnung und Nachden⸗ ken zeugenden Bewegungen, ſo wie ſeine verſtohlenen Blicke offenbar irgend eine hölliſche Abſicht an. Der Gedanke hieran ward noch beſtärkt, wenn man die ihm nahe liegenden Gegenſtände ſah, von denen ein Theil bereits in den Topf hinein gethan war. Ein auf dem Boden ſtehender Cutacco enthielt verſchiedenartige Pflanzen, unter denen ein Kenner ſofort den aſtigen Calalue, das Teufelsrohr und mehrere andere tödtliche Kräuter und Wurzeln erkannt haben würde. Am ſicht⸗ lichſten war jedoch die„Sawannahblume“ mit krumm⸗ gewundenem Stengel und goldiger Blüthenglocke, die eines der wirkſamſten Pflanzengifte iſt. Daneben war aber auch das Gegengift, die ſonder⸗ baren Nüſſe der Nhandiroba(Fevillea cordifolia); denn der Myalmann vermochte eben ſo wohl zu heilen, als zu tödten, wo dies in ſeinem Intereſſe lag. Solchen Vorräthen ua war es wohl klar, daß der Neger jetzt nicht mit der Bereitung ſeines Abendeſſens beſchäftigt ſein könne, denn Gifte, nicht Speiſen waren der Inhalt ſeines Topfes. Was er jetzt zuſammenkochte, war aus verſchiedenen Kräutern, doch vorzüglich aus dem Saft der Sawan⸗ nahblume, es war Obiah's Todtenzauber! Für wen bereitete der Koromantis dieſen hͤftien Höllentrank? 229 Seine Ausrufungen, wenn er ſich über den Topf beugte, verriethen den Namen des von ihm beabſichtig⸗ ten Opfers. „Wohl magſt du ſtark und kräftig ſein, Cuſtos Vaughan! das bezweifle ich nicht. Aber, bei der Macht Obiahs! du ſollſt bald in deinen Schuhen wackeln. Obiah! ha, ha, hal der iſt gut für die dummen, ein⸗ fältigen Neger! Mein Obiah iſt die Sawannahblume, der aſtige Calalue und der Alligatorapfel! Das iſt der Zauber, der noch mächtiger iſt als Obiah ſelbſt, das iſt der Stoff, der den Körper hinfällig und die Glieder lahm macht! Humm!“ Abermals tauchte er den Löffel in den Topf, holte ein wenig von der kochenden Flüſſigkeit heraus und be⸗ ſah dieſe auf's Genaueſte. „Jetzt iſt's genug!“ rief er aus.„Gerade die rechte Farbe, gerade die rechte Dickigkeit! Nun in die Flaſche!“ Hiermit nahm er den Topf vom Feuer, goß die Flüſſigkeit zuerſt in eine Kalabaſſe, ließ ſie darin ab⸗ kühlen und brachte ſie dann in die längſt ihres urſprüng⸗ lichen Inhalts entleerte Rumfaaſche. Nachdem er nun den Pfropfen ſorgfältig hinein⸗ gepreßt hatte, ſetzte er die Flaſche zur Seite, doch nicht ſo, daß ſie verborgen war, ſondern als wenn ſie in nicht langer Zeit gebraucht werden ſollte. Hierauf ſammelte er die zerſtreut liegenden Pflan⸗ zen, legte ſie alle in den Cutacco, trat dann in die ge⸗ öffnete Thür der Hütte, ſtemmte eine Hand gegen den Thürpfoſten und ſtand jetzt in horchender Stellung. Offenbar erwartete er einen Beſuch, und wer dieſer 230 ſein würde, ward bald aus ſeinem leiſe gemurmelten Selbſtgeſpräche klar: die Seclavin Cynthya ſollte ihm abermals ihre Aufwartung machen. „Zeit, daß das gelbe Mädchen kommt, muß nahe an Mitternacht ſein. Vielleicht hat ſie ſchon gerufen und ich habe ſie vor dem Waſſerfall nicht gehört! Will lieber da hinunter gehen. Möglicher Weiſe finde ich ſie da!“ Als er über die Thürſchwelle ſchritt, um ſeine Ab⸗ ſicht auszuführen, kam von oben, von dem Felſenrande, ein heller hochtönender Frauenſchrei, der trotz dem brau⸗ ſenden Schalle des unaufhörlich tobenden Waſſerfalles gerade noch hörbar war. „Das iſt das Mädchen!“ rief der Myalmann aus, als er den Schrei hörte.„Ich wußte gewiß, ſie würde kommen. Liebe führt die Weiber durch Feuer und Waſ⸗ ſer und führt ſie auch dem Teufel zu! So iſt das gelbe Mädchen auch! Nun keine Sorge mehr! Nur noch eine Sorge für Chakra, in ihren Armen zu wei⸗ len! Nur einmal ſie umfaſſen und dann willig ſterben!“ Mit ſolchen leidenſchaftlichen Ausrufungen trat der Koromantis jetzt aus der Thür und ſchritt in großer Aufregung eilig hinweg, wie Jemand, der von der Aus⸗ ſicht auf die baldige Erreichung eines ſchrecklichen, ihm ſehr am Herzen liegenden und ſeit langer Zeit vor⸗ bereiteten Anſchlages getrieben wird. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Berufung Accompongs. Der Nachen war bald in Bewegung geſetzt und kehrte mit Cynthya, im Vordertheil ſitzend, zurück. Sie hatte, wie früher, einen Korb bei ſich, der mit Eß⸗ waaren und der nicht vergeſſenen köſtlichen Rumflaſche gefüllt war. Wie früher auch, folgte ſie dem Myalmann in ſeine Hütte, trat aber diesmal mit etwas mehr Selbſtvertrauen ein und ſetzte ſich unaufgefordert auf die Bambusbett⸗ ſtelle hin. Dennoch war ſie keineswegs ganz ohes Furchtgefühl, wie ſich an einem leichten Zittern bemerken ließ, das ſie ergriff, als ihre Augen ſich auf die erſt kürzlich ge⸗ füllte Flaſche wandten, die ſo hingeſtellt war, daß ſie dieſelbe gleich ſehen mußte. Die auf ſie gerichteten Blicke verriethen, daß ſie wohl ſchon vorher Einiges über ihren Inhalt wußte, auf alle Fälle aber ahnte. „Das iſt die Flaſche für Dich,“ ſagte der Myal⸗ mann, der ihren Blick bemerkte,„und dieſe hier,“ fuhr er fort und zog die Flaſche aus Cynthya's Korb her⸗ vor,„dieſe iſt gewiß für—“ „Mich,“ wollte er gewiß ſagen, doch bevor er dies Wort herausbrachte, hatte er ſchon den Hals der Rum⸗ flaſche in den Mund geſteckt und das Gluckgluck der verſchluckten Flüſſigkeit wurde anſtatt des ermich ver⸗ nommen. Das gewöhnliche„Humm“ endigte dieſe wichtige Verrichtung und öffnete ſeinen Schlund wieder. Dann gab er Cynthya durch eine Handbewegung zu verſtehen, daß er nun bereit ſei, das ernſthaftere eigentliche Ge⸗ ſchäft der Zuſammenkunft zu beginnen. „Die Flaſche da,“ ſagte er und zeigte dabei auf die, welche ſein Gekochtes enthielt,„das iſt der Obiahzauber. Er bewirkt, daß Cubina Dich liebt, ſo lange auf ſeinem Kopfe noch ein Schopf Haare ſind, und das, denke ich, wird lange genug für Dich ſein.“ „Iſt das wirklich der Liebeszauber, von dem Ihr geſprochen habt?“ fragte die Mulattin mit einem Ge⸗ ſichte, in welchem ſich Hoffnung im Kampfe mit Zwei⸗ feln abſpiegelte. „Der Liebeszauber? Nein— das gerade nicht. Der Liebeszauber iſt etwas ganz Anderes, der iſt in der Form einer Salbe. Hier! ich habe ihn in eine Kokosnußſchale gethan.“ Dies ſagend, erhob Chakra ſeine Hand und zog aus einer Spalte im Stroh des Daches eine Kokosnußſchale hervor, in der ſich anſtatt ihres weißen geronnenen Saftes ein röthlicher Teig befand, der einem Brei aus der Frucht des Mammaibaumes glich, der es auch wirk⸗ lich war. 4 „Das iſt der Liebeszauber!“ fuhr der Obiahmann mit triumphirendem Tone fort;„das iſt für Cubina!“ „Ah, das ſoll Cubina nehmen?“ „Gewiß ſoll er es, er muß es nehmen, ich will es ihm ſelbſt geben und dann wird er in Dich wie ver⸗ * 233 narrt ſein. Du liebſt ihn und er liebt Dich wieder, gerade wie zwei Turteltauben im Frühjahr! Humm!“ „Guter Chakra, ſeid Ihr auch gewiß, daß es Cu⸗ bina keinen Schaden thut?“ Dieſe Frage zeigte deutlich, daß die Eiferſucht der Mulattin noch nicht den Höhepunkt blinder und wahn⸗ ſinniger Rachſucht erreicht hatte. „ Nein,“ antwortete der Neger,„es thut ihm gut, es thut ihm gewiß gut, wie ſonſt nichts auf der Welt. Nun aber höre, Cynthy. Mädchen,“ fuhr er fort und richtete die Augen auf die Flaſche;„das hier iſt für den alten Cuſtos zu Willkommenberg, nimm es und lege die Flaſche in Deinen Korb.“ Das Mädchen gehorchte, obwohl ihre Finger zitter⸗ ten, als ſie die Flaſche berührten, die den geheimniß⸗ vollen Zaubertrank enthielt. „Und was ſoll ich nun damit thun, Chakra?“ fragte ſie unſchlüſſig. „Was damit zu thun iſt? Das habe ich Dir eigent⸗ lich ſchon geſagt. Du giebſt es Deinem Herrn, Deinem und meinem Feind.“ „Aber was iſt es?“ „„Warum fragſt Du danach? Ich ſagte Dir ja ſchon, es ſei der Todtenzauber.“ „O, Chakral iſt es Gift?“ „Nein, Du Närrin! Wenn es Gift wäre, würde es den Buckra geradezu tödten. Es tödtet ihn aber nicht, es macht ihn nur krank, und freilich, dann kann er vielleicht ſterben. Das iſt kein Gift! Willſt Du es ihm nicht geben?“ 234 Das Mädchen ſchien zu zögern, als wenn noch einige Funken einer beſſern Natur in ihrer Seele auf⸗ blitzten. Waren ſolche indeß wirklich noch vorhanden, ſo erloſchen ſie doch bald. „Willſt Du es ihm nicht geben?“ wiederholte der Verſucher und fuhr dann in drohendem Tone fort: „Wenn Du es ihm nicht geben willſt, wenn Du Dich weigerſt, Mädchen, dann wende ich den Liebeszauber gar nicht auf Cubina an; ja noch mehr, ich will den Obiah⸗ zauber auf Dich hinlenken, auf Dich ſelbſt!“ „O nein, nein, Chakra!“ ſchrie ſie, ſank auf die Kniee und wand ſich flehend vor den Füßen des Koro⸗ mantis;„ich weigere mich nicht, ich will es ihm geben, ich will Alles thun, was Ihr befehlt.“ „Ganz gut, das iſt recht von Dir, Cynthy! Nun will ich die Anweiſung geben, wie Du den Zauber an⸗ wenden ſollſt. Merke jetzt wohl auf und präge Dir Alles gut ein, was ich Dir ſage.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſich der ſchreckliche Zau⸗ berer gerade vor ſeine folgſame Schülerin und heftete ſeine Augen feſt auf die ihrigen, als wolle er ihr da⸗ durch ſeine Worte beſſer in's Gedächtniß prägen. „Nun ſag' mir zuerſt, ob der Buckra von Will⸗ kommenberg nicht jede Nacht, bevor er zu Bette geht, ein Glas mit Rumpunſch zu ſich nimmt? Ich glaube, er nimmt gewöhnlich eines, nicht wahr?“ „Ja, gewöhnlich,“ antwortete die Mulattin me⸗ chaniſch. „Das iſt eine von den Gewohnheiten, die weder ein — ᷣ—— — — — 235 Weißer noch ein Schwarzer ſo leicht aufgiebt. Jede Nacht, ſagſt Du?“ „Ja, jede Nacht; ein Glas, zuweilen auch zwei.“ „Nun, das iſt ganz gut; und nun, Mädchen, ſag' mir, wer miſcht gewöhnlich das Getränk? Thuſt Du das nicht in der Regel, Cynthy?“ „Es iſt ſtets meine Beſchäftigung. Ich mache das Getränk jede Nacht für ihn.“ 3 „Gut, das iſt die Hauptſache. Humm! Nun weiß ich's, wie wir ihm den Obiahzauber beibringen. Siehſt Du dies hier? Es iſt die Scheere eines Gebirgskrebſes. Siehſt Du die Schramme da inwendig drin? Nun, bis zu dieſem Zeichen, das iſt gerade das rechte Maß. Jede Nacht, wenn Du den Punſch machſt, füllſt Du aus der Flaſche ſo viel, bis dahin. Du nimmſt wie gewöhnlich Zucker, Citronen, Waſſer und Rum, der viel ſtärker ſchmeckt, als das Waſſer aus dieſer Flaſche; dann gießt Du den Zauber dazu, ſo viel wie ich Dir ſchon geſagt habe. Verſtehſt Du mich und willſt Du Alles merken, was ich Dir geſagt habe?“ „Alles will ich gut im Gedächtniß behalten,“ erwie⸗ derte das Mädchen mit großer Feſtigkeit der Stimme, „die größtentheils nur angenommen war, weil ſie ſich fürchtete, irgend eine Unentſchloſſenheit zu verrathen. „Wenn Du nicht Alles ordentlich machſt, dann dreht ſich der Zauber um und wirkt auf Dich ſelbſt. Wenn der Obi einmal in Wirkſamkeit iſt, ſo ſteht er nicht ſtill und hört nicht eher auf, als bis er ſein Opfer erfaßt hat. Nun will ich Gott Accompong anrufen. Er kommt, wenn Chakra ihn ruft, und erſcheint dann 236 in dem Schaume des Waſſerfalles dort. Aber es darf ihn kein Sterblicher rufen, wenn nicht einer als Opfer für ihn ſtirbt. Bleib' Du nur hier drinnen, der Gott will kein Weib ſehen. Du hörſt zu und wirſt ſeine Stimme hören.“ Hierauf ſtand der Myalmann mit geheimnißvoller Miene auf, nahm eine alte Taſche aus Palmblättern vom Nagel, worin ſich etwas Schweres zu befinden ſchien, ging aus der Hütte und ſchloß die Thür hinter ſich zu, weil ſonſt, ſo ſagte er der Mulattin mit leiſer Stimme, der Gott ſie ſehen und darüber in Wuth ge⸗ rathen könne. Cynthya ſchien dieſe Vorſicht noch nicht für genügend zu halten, denn im ſelben Augenblicke, wo die Thür ge⸗ ſchloſſen wurde, ſchlich ſie ſich zu dem Lichte und löſchte es aus, damit der eifrige und geſtrenge Gott ſie ganz gewiß nicht erblicken könne. Dann tappte ſie nach der Bettſtelle zurück, ſank auf dieſelbe hin und ſaß nun er⸗ wartungsvoll da, zitternd und ſchaudernd bei dem Ge⸗ danken an die unmittelbare Nähe des übernatürlichen Weſens. Ganz, wie der Myalmann es ihr anbefohlen hatte, horchte ſie und ganz, wie er es vorherſagte, hörte ſie, wenn auch vielleicht nicht gerade die Stimme Accom⸗ pong's, ſo doch jedenfalls Töne, die in Wahrheit wür⸗ dig waren, aus dem Munde jener äthiopiſchen Gottheit hervorzukommen. Zuerſt vernahm ſie eine Stimme, die ſie als eine menſchliche erkannte, da es die Stimme Chakra's ſelbſt war. Dennoch war auch dieſe ſchon ſonderbar und faſt 8* 48* 237 übernatürlich tönend, da ſie ſich jeden Augenblick ver⸗ änderte. Doch dann ſchallte es durch die Zwiſchenräume der Bambusſtäbe wie eine Art langgezogenen und ge⸗ tragenen Geſanges, gleich als begönne der Myalmann ſeine Ceremonien mit den feierlichen Verſen eines Pſal⸗ mes. Jetzt wurde der Geſang ſchneller und lebendiger, ſo wie er ſich auch zu größerer Stärke erhob; faſt nahm er hierbei die Weiſe eines begeiſterten Recitatives an. Doch gleich darauf erſchallten wieder hiervon gänzlich verſchiedene Töne, die faſt mehr dem dumpfen Brum⸗ men eines Kuhhorns oder einer Schneckenmuſchel glichen und nach und nach in einem tiefen Baß verhallten, der dem Aechzen einer zerriſſenen Poſaune ähnlich war. Nachdem dies einige Zeit fortgedauert hatte, folgte ein Zwiegeſpräch, in dem die Zuhörerin nur eine der Stimmen zu erkennen vermochte, nämlich die Chakra's. Wer mochte die andere Stimme ſein? Nur die des Gottes Accompong. Der Gott war leibhaftig in ihrer Nähe. Cynthya zitterte bei dem Gedanken, daß ihr der Gott jetzt ſo nahe ſei. Wie glücklich ſchätzte ſie ſich, das Licht ausgeblaſen zu haben! Wenn es noch brannte, wie leicht konnte ſie geſehen werden, denn ſowohl Cha⸗ kra wie der Gott ſtanden außen vor der Thür, und zwar ſo nahe, daß ſie nicht nur ihre Stimmen unter⸗ ſcheiden konnte, ſondern ſogar ſelbſt die Worte, die ge⸗ ſprochen wurden. Einige von dieſen waren in einer ihr unbekannten Sprache und nicht zu verſtehen. Andere waren engliſch oder vielmehr größtentheils in halb verdorbenem Engliſch, 238 in der Negerſprache. Dieſe verſtand ſie ganz wohl und ihr Sinn war keineswegs der Art, um ſie zu beruhigen. Chakra ſang: „Oeffne die Flaſche, gieß aus den Saft, Der Zauber ſchafft mit aller Kraft, Der Buckramann muß ſterben!“ „Muß ſterben!“ wiederholte Accompong mit dumpf erſchallender Stimme, als käme ſie aus dem Innern eines großen Faſſes. „Das gelbe Mädchen ihm giebt den Trank, Er macht ihn ſtarr, er macht ihn krank, Er ſendet ihn bald in's Grab!“ „In's Grab!“ ertönte die Antwort Accompong's. „Und will's das gelbe Mädchen nicht thun, So ſchreitet ſie in des Buckra's Schuh'n, Muß ſelber hinab in Buckra's Grab!“ „Buckra's Grab!“ wiederholte es aus dem Munde des afrikaniſchen Gottes mit feſter und nachdrücklicher Stimme, die deutlich verkündete, welches Geſchick hier zur Wacht ſtände. Jetzt trat ein kurzer Augenblick des Schweigens ein und dann erſchallte abermals ein dumpfer, aus einer Muſchel kommender, langgezogener Ton, gerade wie zu⸗ vor, der mit einem gellenden, kreiſchenden Pfiffe endete. Mit dieſen Tönen entfernte ſich der Gott wieder, wie er früher, bei denſelben Tönen angerufen, ſich ge⸗ naht hatte. Hiermit war die große und feierliche Ceremonie be⸗ endet, denn gleich nachher riß Chakra die Thür der Hütte auf und ſtand im Eingange. „Cynthy, Mädchen!“ ſagte er ernſt und mit geheim⸗ 239 nißvollem Blicke,„warum haſt Du das Licht ausgebla⸗ ſen? Aber das iſt ganz gleich. Haſt Du den Gott reden hoͤren?“ „Ja, ich habe,“ murmelte die Mulattin leiſe, noch zitternd und erſchüttert von dem, was ſie gehört hatte. „Haſt Du gehört, was der Gott ſagte?“ „Ja, ja!“ „Er ſpricht die Wahrheit, die reine Wahrheit! D'rum nimm Dich in Acht, ich rathe es Dir als Freund. Der Zauber iſt jetzt gewoben und wenn Du ihn nicht ausführſt, ſo iſt Dein Leben nicht ſo viel werth wie ein Abfall vom Zuckerrohr. Mehr will ich nicht ſagen. Jede Nacht ein Glas, die Krebsſcheere voll bis zum Zeichen. Nun, Mädchen, komm jetzt mit.“ Dieſe Aufforderung wurde um ſo ſchneller befolgt, als das Mädchen nur zu froh war, einen Platz ver⸗ laſſen zu dürfen, deſſen Schrecken ihren Muth auf's Tiefſte erſchüttert hatten. Sie nahm deshalb ſofort den Korb, in welchen die das gefährliche und verhängnißvolle Getränk enthaltende Flaſche ſchon läͤngſt hineingelegt war, verließ die Hütte und folgte abermals dem Koromantis zu ſeinem Nachen. „ Zweiunddreißigſtes Kapitel. Chakra auferſtanden. Der Auftritt, der ſich ſo eben in den Tiefen des Teufelsloches zugetragen hat, bedarf einiger Erklärun⸗ 240 gen. Das Zwiegeſpräch Cynthia's mit dem ſchrecklichen Koromantis kündete, wenn auch in zweideutige Redens⸗ arten eingehüllt, doch die klare Abſicht an, den Cuſtos Vaughan zu ermorden und zwar in einer Weiſe, welche dieſe entſetzlichen Menſchen als Todtenzauber bezeichneten. Bei dieſem teufliſchen Anſchlage war das Mädchen mehr Helferin, als wirkliche Anſtifterin, mehr blindes Werkzeug, als eigentliche Leiterin, und der Beweggrund für ihre Theilnahme an dieſem Mordunternehmen war, wenn auch ſchlecht und verabſcheuungswerth, dennoch vielleicht einigermaßen zu entſchuldigen und ſelbſt ver⸗ zeihlich. Ein Weniges aus der Lebensgeſchichte der Mulattin wird die Beweggründe zu dieſer Handlung vollkommen begreiflich machen, wenn ihre Unterredungen ſie auch bereits faſt hinlänglich klar dargelegt haben. Cynthia war eine Sclavin zu Willkommenberg, eines der Hausmädchen der zum Hausweſen dort gehö⸗ renden Dienerinnen, von denen es in einer großen Haushaltung auf Jamaiea, wie die des Cuſtos Vaughan, gewöhnlich eine große Anzahl giebt. Im früheren Lebensalter hatte das Mädchen wirk⸗ lich ſehr gut ausgeſehen; auch konnte man ſchwerlich behaupten, daß dies jetzt nicht mehr der Fall ſei; allein ihre Schönheit beſtand durchaus nicht mehr in dem Reize unſchuldiger Jungfräulichkeit, ſondern vielmehr lediglich in den ſinnlichen Vorzügen eines kecken und leichtſinnigen Frauenzimmers. Wäre Cynthia keine Sclavin geweſen und hätte ſie in andern Ländern gelebt, ſo wäre ihre Lebensgeſchichte 241 auch ſicher eine ganz andere geweſen. Allein in dieſem ihrem Vaterlande und in dienſtbaren knechtiſchen Ver⸗ hältniſſen, die ſowohl den Körper wie den Geiſt in Feſſeln legten, mußte ihr gutes Ausſehen ihr nur zum Verderben gereichen. Bei keinem hinreichend ſtarken Antriebe, ununter⸗ brochen den Pfad der Tugend inne zu halten, allein bei tauſend Verlockungen von ihm abzuweichen, hatte Cynthia, wie leider nur zu viele ihres Geſchlechts, ſich einer ausgelaſſenen Leichtfertigkeit überlaſſen. Vielleicht mochte die Sclavin auch, wie Chakra dies angedeutet hatte, verführt und getäuſcht worden ſein; wer auch die Schuld trug, ſie war jedenfalls leichtſinnig und ſittenlos geworden.. Ihrer Zeit war Cynthia indeß der Gegenſtand man⸗ nigfacher Verehrer und Bewunderer geweſen. Sie hatte jedoch ihre Liebe oder vielmehr ihre Leidenſchaft zuletzt auf einen Einzigen hingewandt und zwar mit ſolcher Heftigkeit und Ausdauer, daß ſie lediglich mit ihrem Leben enden zu können ſchien. Dieſer Eine war der junge Maronenhauptmann Cubina, und obwohl dieſe Liebe eigentlich erſt in neuerer Zeit entſtanden war, ſo hatte ſie doch bereits den höchſten Punkt wilder Leiden⸗ ſchaft erreicht, die bei dem verdorbenen Sinn des von Natur ſinnlichen Mädchens ſo mächtig und ungeſtüm wurde, daß ſie zuletzt zu Allem bereit war, was ihr in irgend einer Weiſe deren Erwiederung und Befriedigung zu verſchaffen verſprach, bereits ſogar zu dem abſcheu⸗ lichen Vorhaben Chakra's. N9 Um Cubina Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, Der Marone. II. 16 fühlende Mulattin zur rückſichtsloſeſten Rache, und ſo 242 wurde die Liebe der Sclavin Cynthia durchaus nicht von ihm erwiedert. Cubina machte von den übrigen Maronen, die meiſtentheils leichte Reden in ihrem Um⸗ gange mit der Bevölkerung der Pflanzungen führten und ſich auch oftmals leichtfertig betrugen, eine beſon⸗ dere Ausnahme, und Cynthia's Angabe, daß er einſt ihre Liebe erwiedert habe, obwohl auch dieſe als etwas zweifelhaft vorgetragen war, hatte keinen andern Grund, als ihre eigenen, ganz haltloſen Vermuthungen, bei denen der Wunſch allein die Natur des Gedankes war. Einige freundliche Worte mochten allerdings zwiſchen dem Maronen und der Mulattin gewechſelt worden ſein, denn ſie hatten ſich auf ihren Wanderungen oft begeg⸗ net, allein das Mädchen hatte ſie, ihrem eigenen Wunſche folgend, für Liebesworte genommen und, ſchlimm genug für ſie ſelbſt, ihren Sinn vollkommen mißdeutet. In letzter Zeit war ihre Leidenſchaft noch viel grö⸗ ßer geworden, als je zuvor, da ſie noch von Eiferſucht geſtachelt wurde, Eiferſucht auf die Nebenbuhlerin Yola. Die Zuſammenkünfte und das ganze Einverſtändniß des Maronen mit dem Fellahmädchen waren freilich neueren Urſprunges, allein Cynthia hatte dennoch hin⸗ reichend gehört und geſehen, um bei ihr die feſte Ueber⸗ 44 zeugung zu ſchaffen, daß ſie in Yola ihre gefährlichſte Nebenbuhlerin gefunden habe. Mit der dem gemiſchten Blute eigenen Leidenſchaftlichkeit trieb die wahnſinnigſte Eiferſucht jetzt die ſich auf's Aergſte verletzt und gekränkt 1— ——— hatte ſie bereits begonnen, ſich den wildeſten, mit aben⸗ —— 243 teuerlichen Plänen verbundenen Rachegedanken zu über⸗ laſſen, als zufällig Chakra ihren Weg durchkreuzte. Cynthia war eine von den als„Nachtſchwärmer“ bekannten Sclavinnen; ſie war gewohnt, gelegentlich des Nachts Ausflüge in den Wäldern in verſchiedenartiger Abſicht zu machen, in jüngſter Zeit hauptſächlich in der Hoffnung, Cubina zu treffen und ſich ſelbſt von den vermutheten Zuſammenkünften des Maronenhäuptlings mit Yola zu überzeugen. Auf einer dieſer nächtlichen Wanderungen war ſie einem Manne begegnet, deſſen Erſcheinung ſie mit Schrecken erfüllt hatte, da es eigentlich kein Mann war, den ſie geſehen, ſondern ein Geiſt, der Geiſt des alten Chakra, des Myalmannes! Daß es wirklich der Geiſt des alten Chakra, davon war Cynthia auf's feſteſte überzeugt, und wäre auch ſicher in dieſer Ueberzeugung verharrt, hätte ſie von der Stelle ſo ſchnell, als ſie beabſichtigte, fortkommen kön⸗ nen. Allein die affenartigen Arme des Myalmannes umſchlangen ſie unverzüglich und hielten ſie von der Flucht zurück. Und ſo ward ſie thatſächlich überführt, daß es nicht Chakra's Geiſt, ſondern der leibhaftige Chakra ſelbſt war, aus Fleiſch und Bein beſtehend, der ſi jetzt umarmte! Dies Zuſammentreffen war nicht ganz zufällig, min⸗ deſtens nicht von Chakra's Seite. Er hatte ſchon lange Zeit zuvor ſich nach Cynthia umgeſehen; er hatte ſie zu einem beſtimmten Zwecke nöthig. Die Mulattin verrieth nichts von dem, was ſie ge⸗ ſehen hatte. Bei all' ſeiner Häßlichkeit war der Myal⸗ 16* 244 mann der Freund ihrer Mutter geweſen und hatte ſie, als ſie noch ein kleines Kind war, auf ſeinen Knieen geſchaukelt. Allein die Zunge Cynthia's war doch noch durch ſtärkere Banden als die einer langjährigen Zunei⸗ gung und Freundſchaft gefefſelt. Furcht war unbedingt eine derſelben, doch war auch noch eine andere vorhan⸗ den. Wenn Chakra Cynthia zu einem beſtimmten Zwecke nöthig hatte, ſo ſagte ihr ein gewiſſer Inſtinkt, daß ſie ihn vielleicht ebenfalls einmal nöthig haben würde. Er war gerade ein vortrefflich paſſender Mann, um mög⸗ licher Weiſe ihrer Rache zu Hilfe zu kommen. Deshalb wurden die Mulattin und der Myalmann ſofort Freunde und Verbündete. Dies gegenſeitige Einverſtändniß war aber erſt in neueſter Zeit entſtanden, eigentlich erſt wenige Tage oder vielmehr Nächte vor jener, wo Cynthia ihren erſten Beſuch bei Chakra im Tempel des Obi gemacht hatte. Der Zweck, zu dem der Myalmann die Hilfe der Mulattin nöthig hatte, hat ſich bereits hinlänglich in den zwiſchen den Beiden ſtattgefundenen Unterredungen gezeigt. Er verlangte ihre Hilfe, um den Todtenzauber auf den ihm verhaßten Loftus Vaughan zu legen. Der von Chakra ganz wohl begriffene Charakter Cyythia's, zugleich mit den ſich ihr als Hausmädchen im Hauſe des Loftus Vaughan darbietenden Gelegenheiten, verſprach dem auf die Ermordung ſeines Todfeindes Sinnenden, ihm bei der Ausführung ſeiner verbrecheriſchen Abſich⸗ ten eine höchſt gewandte und geſchickte Helferin zuzu⸗ führen, und der angebliche Liebeszauber, den er auf Cubina anwenden ſollte, hatte dem hinterliſtigen und 245 ſchlauen, ſich unter den perſönlichen Schutz einer vom Aberglauben angebetenen Gottheit ſtellenden Neger ein Mittel in die Hand gegeben, durch das ſeine Helferin nothwendiger Weiſe perleitet und ſelbſt gezwungen wer⸗ den mußte, die Ausführung ſeiner teufliſchen Abſichten bereiwillig zu übernehmen. Unter verſchiedenen andern Plänen gleicher Art war es auch Chakra's Abſicht, gelegentlich den Todtenzauber auf den Maronen ſelbſt zu legen, den jungen Cubina ebenfalls dem Obiah zu weihen, wie er im Verdacht ſtand, es mit ſeinem Vater vor zwanzig Jahren gemacht zu haben. Einzig der Mangel an Gelegenheit hatte ihn verhindert, nicht ſchon längſt ſeine ſcheußlichen Ab⸗ ſichten bei dem Sohne in derſelben Weiſe durchzuführen, wie bei dem Vater, lediglich um eine Genugthuung zu haben für ein Ereigniß, das noch äller war, als Cu⸗ bina's Geburt, obwohl hiermit zuſammenhängend. Natürlich wurde dieſe Abſicht Cynthia nicht mitge⸗ theilt. Der Beweggrund zur Bewirkung des Todes Loftus Vaughan war freilich durchaus nicht geheimnißvoll. Seine grauſame Verurtheilung und nachherige Ausſtel⸗ lung auf dem Jumbéfelſen war in der That ein hin⸗ reichender Sporn, um auch einen ſanfteren Charakter als den Chakra's, des Koromantis, zur unerbittlichſten Rache aufzuſtacheln. Die Wiederauferſtehung des Myalmannes möchte Manchem wohl wahrhaft geheimnißvoll und wunderbar erſcheinen, wie dies bei Cynthia der Fall war; doch gab es Einen, der dies Wunder ganz gut begriff. Keinem 246 afrikaniſchen Gotte war der Priſter des Obi für ſeine Wiederbelebung verpflichtet, ſondern einem iſraelitiſchen Manne, dem Jakob Jeſſuron. Es war nur ein einfacher Pfiff, anſtatt des ver⸗ meintlichen todten Körpers des Myalmannes einen an⸗ dern Leichnam unterzuſchieben, der dann ſpäter ein Ge⸗ rippe wurde. Die Baracke des Selavenhändlers hatte gewöhnlich irgend einen Negerleichnam in Vorrath, und wäre dies wirklich nicht der Fall geweſen, Jeſſuron hätte ſich auch keine großen Gewiſſensbiſſe gemacht, eigends für dieſe Gelegenheit einen ſolchen zu bereiten. Menſchlichkeit hatte nicht das Geringſte mit der Un⸗ terſchiebung des Stellvertreters zu thun. Wäre dieſe die einzige Triebfeder geweſen, die den Juden in Bewe⸗ gung geſetzt, Chakra hätte ganz ſicher unter dem Schat⸗ ten der Kohlpalme verfaulen können. Aber Jeſſuron hatte ſeine beſondere Abſicht dabei, das Leben des verurtheilten Verbrechers zu retten und er hatte es auch wirklich gerettet. Seit ſeiner Auferſtehung hatte Chakra nun ſeinen ſchrecklichen Beruf mit noch größerem Eifer und in grö⸗ ßerer Ausdehnung betrieben, als je zuvor, aber freilich in der allergeheimſten und verſtohlenſten Weiſe. Es dauerte auch nicht lange, ſo hatte er ſich unter einem neuen Namen viele Hilfsgenoſſen verſchafft, mit denen er nun während der Nacht und mit entſtellter Geſtalt und verlarvtem oder verändertem Geſichte zuſam⸗ mentraf. Niemals aber wurden ſie in das„Teufels⸗ loch“ geführt, denn nur ſehr Wenige waren in die Ge⸗ heimniſſe des Myalmannes hinlänglich eingeweiht, um — 2.—*—.—— 247 in den in tiefſter Abgeſchiedenheit gelegenen ſichern Tem⸗ pel eintreten zu dürfen. Chakra begriff die Nothwen⸗ digkeit vollkommen, ſich ſo viel wie irgend möglich von Allem zurückzuhalten und in der Verborgenheit zu blei⸗ ben. Kein Flüchtling hätte vorſichtiger bei ſeinen Aus⸗ gängen ſein können, als er. Er wußte, daß ſein Leben bereits durch den frühe⸗ ren Urtheilsſpruch verwirkt ſei und daß, wenn auch ein⸗ mal der Hinrichtung entgangen, er bei einer zweiten ſolchen Gelegenheit nicht ſo glücklich ſein würde; denn, wieder gefangen, würde gewiß eine ſichere Todesart bei ihm angewandt werden, etwa ein Strick ſtatt der frühe⸗ ren Kette, und anſtatt mit dieſem an einen Baumſtamm gebunden zu ſein, würde man ihn hübſch beim Halſe an einen Baum aufhängen. Das wußte der auferſtandene Chakra ganz gut und deshalb betrat er die Waldpfade ſtets nur mit der größ⸗ ten Vorſicht nnd ſcheute ſich ganz beſonders vor der Pflanzung von Willkommenberg. An den Seiten des Berges hatte er nur wenig zu fürchten, denn der Ruf des Jumbéfelſens wie der des Teufelsloches hielten deren Nachbarſchaft von allen ſchwarzhäutigen Herumſtreifern frei. Hier das Gebiet hatte Chakra ganz für ſich allein. In dunkeln Nächten konnte er jedoch nach Herzens⸗ luſt und gewiſſermaßen ſicher herumſtreifen, vorzüglich auf den Negerdörfern der entfernteren Pflanzungen, da der geringe, den Sclaven erlaubte Verkehr auf den ver⸗ ſchiedenen Pflanzungen das Anknüpfen von Bekannt⸗ ſchaften unter ihnen ſehr erſchwerte, ja, faſt unmöglich machte. Deshalb hielt Chakra ſeine Zuſammenkünfte 248 mit ſeinen Bundesgenoſſen, Helfershelfern und Anhän⸗ gern vorzugsweiſe auf den entlegeneren Pflanzungen und Gütern. 1 Bereits war es jetzt ſchon länger als ein Jahr her, daß ſeine angebliche Auferſtehuug vor ſich gegangen war, und doch hatte er ſich ſtets ſo vorſichtig herum⸗ geſchlichen, daß nur ſehr Wenige davon wußten, daß er noch am Leben ſei. Andere hatten ſeinen Geiſt geſehen! Verſchiedene Neger von Willkommenberg hätten darauf geſchworen, daß ſie während eines nächtlichen Ganges durch die Wälder den Geiſt des alten Chakra erblickt hätten, und dieſer erſchreckende und für ſie gräßliche Anblick hatte ſogar Manche von ihrer Neigung für nächtliche Wanderungen vollkommen geheilt. Dreinnddreißigſtes Kapitel. Mitternachtswanderer. Abermals ſtand der Marone mit ſeiner Geliebten unter der Ceiba, dem bereits bekannten Rieſenbaum, diesmal nicht, wie früher, am hellen Mittage, ſondern kurz vor Mitternacht. Das Fellahmädchen hatte muthig den Gefahren des Waldes getrotzt, um ihren heißgelieb⸗ ten Cubina zu treffen. Und wohl gab es Gefahren im Walde, die mehr zu fürchten waren, als wilde Thiere und gefräßige Schlangen, die noch viel ſchlimmer waren als die Hauer des wilden Ebers oder die Zähne des ſchuppigen Alli⸗ 249 gators. Ungeheuer in menſchlicher Geſtalt waren dort anzutreffen, die gewiß viel gefährlicher und gerade jetzt nicht weit von der Stelle entfernt waren, wo ſich die Liebenden ihr Stelldichein gaben. Liebe kümmert ſich wenig um Gefahren, Cubina kannte überhaupt keine und nach Yola's Glauben gab es niemals Gefahr, wenn Cubina zugegen war. Der Mond ſtand hoch am Himmel, voll, ruhig und klar; ſeine Strahlen füllten die Waldlichtung mit ſilber⸗ nem Glanze, der faſt die Helle des Tages erreichte. Sämmtliche Blumen auf der Erde und die Blüthen auf den Bäumen ſchienen in höchſter Prachtentwickelung zu ſein und ihre Kelche geöffnet zu haben, um den köſt⸗ lichen erfriſchenden Thau der prachtvollen Sommernacht im vollſten Maße einzuſaugen. Vom milden, ſanften Nachtwinde fortgetragen, rauſchte das leiſe Flüſtern des Waldes im Vereine mit den nächtlichen Sängern deſ⸗ ſelben ſehnſüchtig durch die balſamiſche Luft, während die Nachtigall des Weſtens alle anderen Töne mit größ⸗ ter Geſchicklichkeit in munterſter Weiſe nachahmte. Die Liebenden ſtanden im Schatten der großen Ceiba und fühlten ſich außerordentlich glücklich, denn es war vielleicht eine der glücklichſten Zuſammenkünfte, die ſie bisher gehabt hatten. Jeder hatte dem andern gute Neuigkeiten zu verkünden gehabt, Cubina, daß ihr Bru⸗ der noch unverſehrt unter ſeinem Schutze, frei, geſund und wohl ſei, Yola, daß ihre junge Herrin ihr ver⸗ ſprochen habe, ihr die Freiheit zu ſchenken. In den wenigen Tagen, ſeit ſie ſich zuletzt geſehen, hatte ſich Manches ereignet, was ihr Intereſſe auf's 250 Höchſte in Anſpruch nehmen mußte. Jeder hatte daher etwas zu erzählen. Yola berichtete, wie die Geſchichte von ihres Bru⸗ ders Unglück, obwohl ſtreng vor den Dienſtboten von Willkommenberg verſchwiegen, dennoch ihrer Herrin be⸗ kannt geworden ſei, wie Fräulein Vaughan, als ſie dies gehört, ihren Vater gebeten habe, ihre(Yola's) Freiheit zu bewilligen und wie der Cuſtos auf dies Begehren unter der Bedingung eingegangen ſei, ihr Freilaſſungs⸗ ſchein ſolle an dem Tage ausgeſtellt werden, an welchem ihre junge Herrin Braut werde; allein dieſer Tag müſſe in kürzeſter Zeit eintreten. Das waren freudige Nachrichten für den Maronen, denn nun mochte er ſeine mühſam erworbenen hundert Pfund wohl behalten und auf die beſſere Herſtellung ſeiner Gebirgswohnung dieſelben verwenden können! Cubina wäre über dieſe Nachricht wahrſcheinlich noch mehr verwundert geweſen, hätte nicht jetzt zwiſchen ihm und dem Cuſtos ein Einverſtändniß beſtanden, weshalb er ihn in letzter Zeit oftmals beſuchte. Zwiſchen der vornehmen obrigkeitlichen Perſon und dem Maronen waren gewiſſe Beſtimmungen feſtgeſtellt worden, die die⸗ ſen für die Zukunft weniger beſorgt gemacht hatten. Herr Vaughan hatte ihm in dieſem Sinne mancherlei in Bezug auf die gänzliche Freilaſſung Yola's verſprochen, freilich auch nur unter gewiſſen Bedingungen, denn ihre Erfüllung ſollte größtentheils von dem Erfolge der ge⸗ richtlichen Belangung abhängen, die gegen den Juden einzuleiten war. Allein mit dem mächtigen Cuſtos ſelbſt als Verfolger durfte Cubina, ohne zu weit zu 251 gehen, wohl hoffen, daß dieſe Bedingungen alle in kur⸗ zer Zeit erfüllt werden möchten. Alle dieſe Verhältniſſe ſollten indeß einſtweilen ein tiefes, ſtrengbewahrtes Geheimniß bleiben; ſelbſt ſeiner Geliebten ſollte der Liebende nichts von der ganzen An⸗ gelegenheit vertrauen. Einzig durfte er ihr mittheilen, daß Schritte geſchähen, um ihrem Bruder ſein Eigen⸗ thum wieder zu verſchaffen, doch wie, wo und wann, könnte nicht früher bekannt gemacht werden, als bis der Kampf gegen den Feind offen begonnen ſei. So hatte der Cuſtos es auf's Beſtimmteſte angeordnet. Dennoch konnte Cubina nicht anders als durch die ihm von Yola überbrachte Nachricht höchſt erfreut ſein, denn das Verſprechen des Fräulein Vaughan enthielt nur eine Bedingung, ihren eigenen Hochzeitstag, und der war feſtgeſetzt und beſtimmt. „Ah!“ rief Cubina freudig aus und wandte ſich mit ſtolzem zuverſichtlichen Blicke zu ſeiner Geliebten, „das wird für uns Alle ein höchſt glücklicher Tag wer⸗ den. Doch nein, nicht für Alle,“ fügte er langſam hinzu, während ſein Geſicht plötzlich einen trüben und bedenklichen Ausdruck annahm;„nicht für Alle. Da iſt Einer, dem, fürchte ich, wird der Tag kein Glück ver⸗ leihen!“ „Ich weiß auch Jemand, Cubina,“ erwiederte das Mädchen mit einem Geſichtsausdrucke, der das Spiegel⸗ bild des ſeinigen war. „Was, Du weißt es auch? Fräulein Vaughan hat es Dir wohl ſelbſt geſagt? Aber ich will nicht hoffen, daß ſie ſtolz darauf iſt?“ 252² „Worauf ſtolz, Cubina?“ „Nun darauf, daß ſie ihm das Herz gebrochen, ganz wie Du es mir thun würdeſt, wenn Du einen Andern heirathen wollteſt. Der arme junge Menſch! Carambo! Wenn ich mich nicht ſehr irre, das wird ein höchſt trauriger Tag für ihn ſein!“ Das Mädchen blickte ganz erſtaunt auf. „Trauriger Tag für ihn! Nein, Cubina, für ihn ſehr glücklich, aber für ſie, das arme Fräulein! der Tag ſehr traurig.“ „Vayatel was meinſt Du eigentlich, Yola?“ „Nicht mehr, als was ich ſage, Cubina. Fräulein Käthchen ſehr traurig ſein an dem Tage, wo ſie Herrn Mongou heirathet, ſie ſchon jetzt ſehr traurig.“ „Was!“ rief Cubina mit plötzlich vermehrter Auf⸗ merkſamkeit und gänzlich veränderter Haltung aus; „verſteh' ich Dich recht? Willſt Du ſagen, daß Fräu⸗ lein Vaughan den Herrn Smythje eigentlich nicht zu heirathen wünſcht?“ „Sie ihn nicht lieben, Cubina! Warum ſie denn wünſchen, ihn zu heirathen?“ „Ha!“ rief der Marone bedeutungsvoll aus und über ſein Geſicht flog unverkennbar ein heller Ausdruck lebhafteſter Freude;„warum glaubſt Du, daß ſie ihn nicht liebt? Was für Grund haſt Du dazu, Yola?“ „Fräulein mir ſo ſagen, Cubina.“. „Biſt Du gewiß, daß ſie geſagt, daß ſie ihn nicht liebt?“ „Sie lacht über ihn— ſie giebt nichts auf ihn. Mädchen nicht lieben, über den ſie lachen, niemals.“ 253 „Vaja! da hoffe ich, daß Du nie über mich lachen wirſt! Aber ſag' einmal, Theuerſte, weißt Du, warum ſie Herrn Smythje heirathen will?“ „Maſſa ſie heirathen machen. Herr Mongeu ſehr reich, er großer Pflanzer. Das iſt's, warum ſie ihn heirathet.“ „Ja, ja!“ ſagte der Maronenhauptmann gedanken⸗ voll.„Ich dachte es mir wohl, daß einiger Zwang zum Grunde läge.“ Dies ſprach er gleichſam zu ſich ſelbſt und fuhr dann zu ſeiner Geliebten hingewendet fort:„Kannſt Du mir nicht ſagen, Yola, weißt Du nicht, warum Deine Herrin dieſen reichen und großen Gutsbeſitzer nicht leiden kann? Hat ſie Dir irgend einen Grund geſagt?“ „Einen ſehr guten Grund, Cubina. Sie liebt einen Andern. Das iſt's, warum ſie Herrn Mongou nicht leiden kann.“ „Ah, ſie liebt einen Andern! Haſt Du nicht gehört, wer es iſt, Yola?“ „O ja, Du kennſt ihn ſelbſt; er Fräulein Käthchens Vetter, den ſie lieben.“ 5 „Ihren Vetter, Herbert Vaughan?“ „Ja, ſein Name Herbert; er kam einmal, nie wie⸗ der gekommen. Aber ſie liebte ihn gleich, ſie liebt ihn noch! Ganz wie ich Dich, Cubina; ich Dich lieben gleich Anfangs und für alle Zeit!“ „Weißt Du alles dies gewiß?“ forſchte Cubina, be⸗ gierig, mehr zu erfahren und deshalb der Verſuchung widerſtehend, ihre liebevolle Rede zu erwiedern;„biſt 254 Du gewiß, daß Fräulein Vaughan ihren Vetter Herbert wirklich liebt?“ „Ganz gewiß, Cubina! Fräulein oft ſo ſagen, ſehr oft. Sie hat vielen Gram ſeinetwegen. Sie hört, er heirathet ein ſchönes, aber böſes Mädchen. Du kennſt ja den alten Juden; ſeine Tochter ſoll er heirathen.“ „Ich habe davon gehört,“ erwiederte Cubina, der offenbar von ſeiner Geliebten hierüber mehr und Ge⸗ naueres erfuhr, als er bereits wußte;„ich habe davon gehört. Aber nach Allem,“ fuhr er nachdenklich fort, „mag es vielleicht zu keiner dieſer Heirathen wirklich kommen. Es giebt ein Sprichwort, Yola, das ich un⸗ ter den Weißen gehört:„Es ſteht Manches auf der Wippe zwiſchen dem Glas und der Lippe.“ Ich hoffe, das findet auf Dich und mich keine Anwendung, aber wohl möchte dies leicht der Fall ſein bei dem Verhält⸗ niß zwiſchen dem jungen Herrn Vaughan und Judith Jeſſuron. Wer mag das wiſſen? Ich weiß ein wenig davon. Por Dios! Du haſt mir gute Nachrichten ge⸗ bracht für einen andern armen Menſchen. Aber, Yola, ſag' mir nun, haſt Du nicht etwas darüber gehört, wann Deine Herrin und dieſer engliſche Herr ſich hei⸗ rathen werden?“ „Maſſa ſagen, bald. Er Fräulein Käthchen ſagen, er große Reiſe machen muß. Wenn er zurückgekommen, dann gleich Hochzeit machen. So er Fräulein Käthchen geſtern ſagen.“ 3 „Der Cuſtos will eine Reiſe machen? Haſt Du nicht gehört, wohin?“ „Spaniſchſtadt. Fräulein mir ſagen, große, ſchöne Stadt, weit weg.“ „Möchte wiſſen, was das zu bedeuten hat,“ ſagte Cubina zu ſich ſelbſt und fügte dann nach einigem Still⸗ ſchweigen in⸗ ernſthafterem und entſchiedenerem Tone „Wohl, merkſam an. So⸗ Haſt Du nicht gehört, „Er morgenfrüh gehen.“ „Wie, ſo zald² Um ſo beſſer für uns und viel⸗ leicht auch noch für Jemand anders. Du mußt mich hier ſchon morgen in der Nacht treffen. Sag' nur Deiner Herrin, es beträfe ſie ſelbſt. Nein, ſage nichts,“ ſetzte er ſich verbeſſernd hinzu,„ſie wird Dich auch ohne dieſe Entſchuldigung gehen laſſen und außerdem— aber das macht nichts aus. Komm' auf jeden Fall! Ich will hier auf Dich um dieſelbe Zeit warten!“ Yola bewilligte gern eine ihren eigenen Neigungen ſo ſehr zuſagende Zuſammenkunft. Die Liebenden ſprachen dann noch längere Zeit und theilten ſich die gewöhnlichen Tagesneuigkeiten ihres Le⸗ bens mit, denen zuletzt lediglich Worte der Liebe und Zärtlichkeit folgten. Cubina ſchwur ewige Treue um ſie herum, beim k Wohl „aber Liebende wer⸗ nie müde. 256 Das afrikaniſche Mädchen antwortete mit gleichen, eben ſo glühenden Verſicherungen unverbrüchlicher Liebe und Treue. Sie ſehnte ſich jetzt nicht mehr nach ihrer Gambiſchen Heimath, noch beklagte ſie länger das Schick⸗ ſal, das ſie einem Hofe entführt und⸗ he in Sel verei gebracht hatte. Die düſteren Stum 84 ihres Le ens ſchienen vorüber zu ſein und ere Brunft mis Air Gegenwart nur erfüllt von Hoffeag 152 Wunne! Wohl länger als eine Stunde genoß d. libeſelige Paar jetzt das ungeſtörte Glück der tsirtichi en Unter⸗ haltung, bis es daran denken mußen e, dieſe Mit einem ſüßen Abſchiedskuſſe zu beſchließen. Der Marone hielt ſeine Geliebte mit ſeinem kräf⸗ tigen Arme feſt umſchlungen, was dieſe ihm nicht nur geſtattete, ſondern auch in brünſtiger Umarmung erwie⸗ derte. Ihre feine ſchlanke Geſtalt erſchien dabei unter dem Schatten der Ceiba wie eine antike bronzene Statue eines ägyptiſchen Mädchens. Mehr als einmal hatten ſie ſich bereits einander Lebewohl geſagt, aber immer zögerten ſie noch, ſich den allerletzten Scheidekuß zu geben. Doch jetzt mußte auch endlich dieſer ſtattfinden. Bevor es jedoch noch hierzu kam und ihre Lippen ſich zum letzten Male begegneten, fand plötzlich eine Unterbrechung ſtatt. Von den Liebenden wurden menſch⸗ liche Stimmen vernommen, zwei Geſtalten erſchienen im hellen Mondlichte, an der andern Seite der Lichtung aus dem Walde hervortretend, und bewegten ſich raſch nach der Ceiba hin. Unwillkürlich traten Cubina und ſeine Geliebte ſchwei⸗ gend etwas bei Seite und zogen ſich zwiſchen die großen Ausläufer des Rieſenbaumes in eine Ecke zurück, wo es dunkel genug war, um verborgen zu bleiben, und wo ſie nur ein abſichtlich Suchender zu entdecken ver⸗ mochte. Die Geſtalten kamen jetzt näher, offenbar ein Mann und eine Frau. Das voll auf ſie ſcheinende Mondlicht ließ ſie leicht erkennen, wenn ihre Stimmen ſie nicht bereits verrathen hätten. Beide Ankömmlinge waren den Liebenden ganz wohl bekannt, denn es waren Ja⸗ kob Jeſſuron, der Jude, und Cynthya, die Sclavin. „Carambo!“ flüſterte der Marone, als er ſah, wer ſie waren.„Was auf der Welt haben die mit einan⸗ der? Zu dieſer nächtlichen Zeit und hier, ſo weit von Hauſe entfernt! Maldito! irgend eine böſe Abſicht, gewiß!“ In dieſem Augenblicke waren die beiden Nacht⸗ ſchwärmer an der andern Seite des Baumes angelangt und des Juden Rede konnte ganz deutlich von den im tiefen Schatten Stehenden gehört werden.. „Nun, Cünthüa, gutes Mädchen! Du haſcht mür noch gar nücht göſagt, worum ör oigentlüch ſchückt nach mür. Woiſcht Du ös nücht?“ „Ich weiß es nicht, Maſſa Jeſſuron, wenn es nicht—“ „Waſch dönn, Mädchen?“ „Nun, etwas von den Nachrichten, die ich ihm ge⸗ bracht habe, bevor ich zu Euch kam, als ich ihm den Korb mit Lebensmitteln brachte.“ Der Marone. II. 17 —— ͤͤſſſſnſnſn—— „Waſch, waſch, Du haſcht ühm Neuigkoiten ge⸗ bracht? Waſch für Neuigkoiten, Mädchen?“ „Nur, daß Maſſa Vagh'n morgen früh ausreiß.“ „Boi moiner Söll“ rief der Jude erſtaunt aus, hielt im Gange inne und wandte ſich nach der Mu⸗ lattin mit einem Blicke höchſter Verwunderung.„Boi moiner Söl! Ueſcht daſch Doin wörklicher Ernſcht?“ „Auf dem Buff wird ſo geſagt, Maſſa Jeſſuron. Uebrigens weiß ich ſelbſt es auch, daß er fortgeht. Ich habe ihm ſeine Hemden in den Mantelſack packen helfen. Er reiſt zu Pferde.“ „Aberſcht wohün, Mädchen? wohün?“ ſtöhnte der Jude beſorgt und ängſtlich. „Sie ſagen, nach Spaniſchſtadt, an der andern Seite der Inſel.“ „Spaniſchſtadt!“ ſchrie der Koppelhalter in einer Weiſe, die deutlich zeigte, daß dieſe Worte eine ihm höchſt unwillkommene Nachricht enthielten.„Spaniſch⸗ ſtadt! Jo, gewüß, ös üſcht ſo! Uech wuſchte ös wohl, üch wuſchte ös wohl!“ Während er dieſe ſtark betonten Ausrufungen in leidenſchaftlichſter Erregung vorbrachte, ſtieß er ſeinen unzertrennlichen Regenſchirm feſt auf den Boden, als wolle er den über die letzte Antwort der Mulattin empfundenen Verdruß dadurch noch eindringlicher und deutlicher machen. Nur wenige Augenblicke verweilte er noch auf dem Flecke ſtehend. Dann bewegte er ſich plötzlich von dem Baume vorwärts und rief:„Geſchwünd! geſchwünd, Mädchen! Wönn daſch würklüch dör Fall üſcht, wü Du ſogſt, dann üſcht ßu vörlüren gar koine Zoit!“ Hiermit ſchritt er ſchnell nach der andern Seite der Lichtung, das Mädchen dicht hinter ihm herfolgend. „Demonios!“ murmelte der Marone, als ſie fort⸗ gingen.„Der ſchändliche Kerl und ſein ſauberer Spieß⸗ geſelle ſind gewiß auf ſchlechten Wegen! Es ſcheint der Cuſtos zu ſein, gegen den ſie ſich verſchworen haben. Carambo! Was ſie wohl nur gegen ihn machen wol⸗ len? Was kann der alte Jude wohl nur damit zu thun haben, daß er nach Spaniſchſtadt geht? Ich muß ihnen folgen und zuſehen, ob ich das nicht entdecken kann. Es ſcheint da ein Plan ausgeheckt zu werden, der Herrn Vaughan nichts Gutes bringt. Wo können ſie nur bei dieſer nächtlichen Zeit hingehen? Von der Judenkoppel ſich entfernen, anſtatt dahin zurückzukehren!“ Dieſe verſchiedenen Fragen ſtellte der Marone ſich ſelbſt, dann wandte er ſich abermals zu ſeiner Geliebten mit einer Bewegung, die ſeine Abſicht, fortzugehen, an⸗ deutete und ſagte: „Wir müſſen ſcheiden, Yola, und das ſogleich, Ge⸗ liebte! Sonſt möchte ich leicht ihre Spur verlieren. Lebe wohl! lebe wohl!“ Und mit einem flüchtigen Kuſſe und einer raſchen Umarmung trennten ſich die Liebenden jetzt unverweilt. Yola kehrte auf einem ihr wohlbekannten Pfade nach Willkommenberg zurück, während der Marone ſchleunigſt dem Koppelhalter und ſeiner Begleiterin auf dem von ihnen eingeſchlagenen Pfade nachfolgte. 17* —†;——— Vierunddreißigſtes Kapitel. Zie Verfolgung der Uachtſchwärmer. Der Marone brauchte nur wenige Augenblicke, um die Spur der beiden Nachtſchwärmer vollkommen aus⸗ findig gemacht zu haben. An dem Punkte, wo ſie die Lichtung verließen, führte ein Pfad die Höhen hinauf nach dem Jumbé⸗ felſen hin. Es war eigentlich blos ein Weg für Vieh, der wohl nur ſelten von Menſchen benutzt wurde. Da dies jedoch der einzige gangbare Weg hier war, und da Cubina nicht wohl annehmen konnte, daß der Jude und ſeine Begleiterin blindlings das Dickicht zu durchbrechen verſuchen würden, ſo war er überzeugt, daß ſie dieſen Weg eingeſchlagen haben mußten. Wie er ſchnell, aber dabei doch leiſe, auf dieſem Wege fortſchritt, bekam er ſie beide bald zu Geſichte. Der tiefe Schatten der ungeheuren Rieſenbäume des dichten Urwaldes, den die beiden Nachtſchwärmer jetzt durchſchritten, war ſeinen Abſichten durchaus günſtig, und ohne alle Gefahr, geſehen zu werden, vermochte er ſie in Sicht zu behalten und ſie auch ganz gut zu hören. Des Juden Aufmerkſamkeit war für den Augenblick viel zu ſehr mit ſeinen eigenen Planen und Abſichten beſchäftigt, als daß er jetzt hätte irgend argwöhniſch ſein ſollen, und die Mulattin qnälte ſich wohl niemals ſehr viel darum, ob man ihr nachfolge oder nicht. Hätte ſie es indeß gewußt, ja hätte ſie nur irgend geahnt, daß ihr Gang jetzt nachgeſpürt werde, und noch dazu von Cubina, dem Maronen, ſo würde dies ihre Sinne bedeutend verſchärft haben. „Sie ſcheinen wirklich nach dem Jumböfelſen hin zu wollen!“ dachte Cubina, als die Beiden die Bergſchlucht zu erklimmen begannen.„Carambo! Das iſt ſonder⸗ bar genug! Was wollen die da um dieſe Stunde in der Nacht machen? Und wer iſt der, der nach Jeſſu⸗ ron geſandt hat? für ihn trug ſie einen Vorrathskorb! Danach muß es wohl ein weggelaufener Neger ſein? Aber was hat der alte Jude mit einem weggelaufenen Neger zu thun? Aus ſeinem Bette aufſtehen um dieſe nächtliche Zeit und drei Meilen weit durch die Wälder laufen! Deswegen ſagt man auch, daß er gar nicht ſchläft, und die Nacht ihm wie der Eule die liebſte Zeit iſt! Irgend Etwas muß gegen den Cuſtos in Anſchlag ſein und vorbereitet werden, denn das Mädchen iſt ein wahrer Teufel. Eigentlich würde ich mich um ihn gerade nicht ſo ſehr viel bekümmern, er iſt nicht viel, und hilft mir jetzt nur, weil er den Juden haßt. Für jhn würde ich wahrhaftig nichts thun, aber für ſeine Tochter, da wollt' ich nach dem, was Yola mir geſagt hat, bis an's Ende der Welt rennen. Ja! vielleicht kann ich ihr auch hier einen Dienſt erweiſen. Valga me Dios! Was iſt nun da? Sie ſtehen ſtill!“ Der Jude und ſeine Gefährtin hatten, ungefähr hundert Fuß von ihm entfernt, plötzlich Halt gemacht und ſchienen den Weg zu prüfen. Cubina hielt ebenfalls an, duckte ſich geſchwind in 262 den dunkelſten Schatten der nächſten Büſche und war⸗ tete, bis die Anderen vorwärts gehen würden. Das thaten ſie auch nach einiger Weile mit eiligen Schritten wie zuvor, nur in einer ganz andern Rich⸗ tung. „Ho, ho!“ murmelte der Marone;„nicht nach dem Jumbéfelſen, ſondern nach dem Teufelsloch! Ich weiß es nun wohl, der Weg theilt ſich da, und ſie haben jetzt den nach dem Teufelsloch eingeſchlagen! Nun wohl, da weiß ich noch nicht mehr. Carrai! Das Teufels⸗ loch! Erzählten mir nicht letzthin einige von meinen Burſchen, daß ſie da ſo ſonderbare Stimmen vernommen hätten? Quaco will ja ſogar beſchwören, daß er den Geiſt des alten Chakra, des Myalmannes, am Rande des Felſens habe ſtehen ſehen! Die gehen dahin, ſo ge⸗ wiß mein Name Cubina iſt!“ Mit dieſer Muthmaßung verließ der Marone den dunkeln Schatten, unter den er ſich zuvor geflüchtet hatte, und eilte den Beiden auf dem nun eingeſchlagenen Wege nach. Ungefähr tauſend Fuß weiter wurde ſeine Muth⸗ maßung auf's Vollkommenſte beſtätigt. Die von ihm Ueberwachten hatten den Rand des Abgrundes erreicht, der das Teufelsloch überragte und ſtanden dort ſtill. Cubina ſtand ebenfalls ſtill und verbarg ſich wie zuvor in den dunkeln Schatten der Büſche. Kaum hatte er ſich indeß niedergekauert, ſo hörte er einen durchdringenden, aber doch behutſamen Pfiff, der nicht mit dem Munde allein gemacht ſein konnte, ſon⸗ dern von einem Inſtrumente herkam, einem Schilfrohr — ——= — 4 8 oder auch einer gewöhnlichen Hundepfeife. Es war of⸗ fenbar ein Zeichen, das von Cynthya oder auch von dem Juden gegeben wurde. Wer es geweſen, konnte Cubina nicht wiſſen. Nur ein Zeichen war gegeben worden und keine Antwort erfolgte darauf, denn der gleiche Ton, der wie ein Echo aus dem fernen Walde kam, war nachgemacht und lediglich der untergeſchobene und verſtellte Ruf des Spottvogels.. Cubina, wohl erfahren und geübt, die verſchieden⸗ artigen in der Nacht erſchallenden Töne zu unterſcheiden, beachtete dieſen entfernten Schall nicht weiter, ſondern verwandte ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf, die Bewe⸗ gungen der beiden am Felſenrande Stehenden zu beob⸗ achten.— Nachdem ſie mehrere Augenblicke gewartet, ſah er ſie beim Mondlichte deutlich ſich bewegen und dann auf einmal vor ſeinen Augen verſchwinden, freilich nicht in die Luft zerfließend, ſondern in den Abgrund verſinkend, als wenn eine Fallthüre ſie in's Innere der Erde auf⸗ genommen hätte! Dies ſah er ohne beſondere Verwunderung, denn er ’wußte, ſie mußten den Felſenabhang hinunter gegangen ſein; nur wie ſie dies angefangen, erregte ein wenig ſein Erſtaunen. Dieſes dauerte aber auch nicht gar lange, denn bald ſtand er am Rande des Abgrundes auf derſelben Stelle, wo ſie eben verſchwunden waren. Er ſah ſofort hinunter, und konnte, wenn auch nur ſchwach, doch hinlänglich deutlich zwiſchen dem Flecht⸗ 264 werk der Zweige und den die Felſenwand bekleidenden, wild verſchlungenen Baumwurzeln, Kriech⸗ und Schling⸗ pflanzen eine Art von hinabführendem Pfad gewahren und vermochte ſogar beim täuſchenden Mondlichte ganz wohl zu unterſcheiden, daß menſchliche Hände die natür⸗ liche Leiter noch verbeſſert hatten. Lange verweilte er bei dieſer Unterſuchung nicht, da ein wichtigerer Gegenſtand ſeine ungetheilte Aufmerkſam⸗ keit ſofort anzog. Auf der Oberfläche des Sees, der im ſilbernen Mondenſcheine klar wie ein glänzender Spiegel in einem dunklen Mahagonirahmen dalag, be⸗ wegte ſich etwas von deutlich länglichrunder Geſtalt, offenbar ein kleiner Nachen. In dem Nachen lag eine Geſtalt niedergekauert. War dies eine menſchliche oder ein böſer Geiſt? Das Ausſehn war offenbar mehr das eines böſen Geiſtes, die Geſtalt kaum eine menſchliche. Lange, af⸗ fenähnliche Arme, ein krummer Rücken, Zähne, die im Mondſcheine faſt wie die Schneidezähne eines Haies glänzten und Geſichtszüge, die nur dem, der ſie ſchon früher geſehen, menſchlich erſcheinen konnten! Cubina hatte ſie allerdings ſchon früher geſehen; ihm waren ſie, wenn auch nicht beſonders vertraut, doch hinlänglich bekannt, um ſie ſofort wieder zu erkennen. Es war nicht der Geiſt Chakra's, aber Chakra ſelbſt von Fleiſch und Bein. ——)— Druck von Carl Nöhring in Berlin, Prinzenſtr. 27. —— 14 ſſnſſſſſſſſinſſſſſſſſſſſiſiſiſſnſſnſſſnſnſinſſſn 12 13 14 15 16 17 18 20