Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: L Mer.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Hier fand ich eine prachtvolle halbkreisförmige Mee⸗ resbucht, von lieblichen, mit hohen Wäldern bewachſe⸗ nen Hügeln umſchloſſen. In der Mitte dieſes Hügel⸗ halbkreiſes lag eine Stadt, deren weiße Mauern und Fenſterjalouſien freundlich durch das Laubwerk tropiſcher Bäume hindurchſchimmerten. Dieſe beſtanden aus Pal⸗ men und Plantanen, Citronen und Cecropien, Wunder⸗ bäumen und Chriſtpalmen. An den nach dem Janern des Landes gelegenen Hügelabhängen erſchienen Zucker⸗ felder, Kaffeepflanzungen und die Einfriedigungen der Viehzüchter, in denen auf hervorragender Stelle ſtets ein großes Haus lag, das von ſchattigen Veranden um⸗ geben, von Orangenbäumen umlaubt und von den dufti⸗ gen Wäldern der einheimiſchen Gewürznelke umringt war. So ruhig und ſtill war die ganze Umgegend, daß, wenn ich auf die Stadt in der Montegobucht blickte 1* ich leicht hätte vermuthen können, ſie ſei ein kleines Landſtädtchen, hätten nicht einige hohe, am Horizonte erſchienene Maſtbäume deutlich dargethan, daß ſie ein Seehafen ſei. Im Hafen ſelbſt war kaum mehr als ein Dutzend ſolcher hohen Spitzen zu erblicken, und dieſe geringe Anzahl, zugleich mit der außerordentlichen Ruhe in der ganzen Bay, wo unſer Schiff das einzigſte in Bewegung, bewies deutlich den Mangel aller Handels⸗ thätigkeit an dem Platze, ſowie deſſen ſichtlichen Verfall. Und ſo war es auch wirklich. Wäre ich indeß men, ich hätte ſicher einen ganz andern Anblick gehabt. Da hätte ich an hundert große Schiffe auf den Werf⸗ ten und vor Anker liegend oder im Hafen ſelbſt mit vollen Segeln aus⸗ und einfahrend wahrnehmen können, daneben ſchnell hin⸗ und herrudernde Boote und Barken, am Ufer ſich ergehende Menſchenmaſſen, überhaupt eine Scene lebhafteſten Geſchäftsverkehrs, wie er in einem in fortſchreitendem Gedeihen ſich befindenden Handels⸗ hafen gewöhnlich iſt. 8 Damals war die Zeit jener großen geiſtigen Bewe⸗ gung, die wohl beiſpiellos in der ganzen Menſchenge⸗ ſchichte, wo das Herz der Chriſtenheit von wilden und heftigen Beſtrebungen für Freiheit erfüllt, und wo die Geiſter, gleichſam mit Elektricität überladen und wie das unterirdiſche Feuer eines Erdbebens ſich zu einer furchtbaren Erſchütterung aufſammelnd, mächtig aufge⸗ regt waren, um die rieſenmäßigen Kämpfe für die Sache der Freiheit zu beſtehen, die manche Ketten an beiden Seiten des Atlantiſchen Meeres geſprengt haben. 1 1 In gleicher Weiſe war dies aber auch eine Zeit großartiger Handelsunternehmungen, auf Jamaica wie anderswo, obwohl der Handel längſt ſeine größte Höhe erreicht hatte. Eine Kriſis war deshalb herangenaht, der bald ein ſchneller Verfall nachfolgte. Und wer möchte auch wohl wahrhaft den Untergang eines Handelsverkehrs bedauern, deſſen reichlichſter Ge⸗ genſtand Menſchenfleiſch war? Ich ſicher nicht! Die Menſchheit aber hat im Gegentheile ſich über einen ſol⸗ chen Verfall nur zu freuen. Als das Schiff der Küſte näher kam und die Um⸗ riſſe aller Gegenſtände genauer unterſchieden werden konn⸗ ten, wurde der ganze Schauplatz ſtets noch anziehender. Die lebendigen Geſtalten der am Strande oder in den nahe liegenden Feldern ſich bewegenden Menſchen und Thiere, die verſchiedenartigen buntfarbenen Anzüge, der glänzende Schimmer der tropiſchen Laubhölzer, die liebliche Symmetrie der Palmen und Wunderbäume, alles bildete eine Landſchaft, welche mit Recht die Be⸗ zeichnung„anmuthig“ verdiente. Indeß blieb mein Auge doch nicht ſehr lange auf dieſen reizenden Gegenſtänden haften, da einige blaue, in größerer Entfernung ſichtbare und ſich auf dem noch blaueren Himmel abzeichnendere Bergſpitzen noch viel anziehender waren, indem ich von ihnen wußte, daß es die Trelawneyberge ſeien. An und für ſich hätten dieſe Berge meine Aufmerkſamkeit ſchwerlich in hohem Grade anzie⸗ hen können, denn ich hatte früher zu lange Zeit auf die Cordilleren der Anden geblickt, um über die blauen Berge Jamaica's erſtaunt zu ſein; aber an dieſen Bergen hing eine Geſchichte, die, obgleich der Welt wohl nur wenig bekannt, dennoch für mich höchſt anziehend, deren ro⸗ mantiſches Interreſſe aber vielleicht viel reichhaltiger war als das, welches die verſchwundenen Hallen Mon⸗ tezumas oder die zerſtörten Paläſte der Incas ge⸗ währen. Von allen den höchſt verſchiedenen Menſchenracen und Nationen, die in den Annalen der neuen Welt auf⸗ treten, giebt es nämlich keine, die für mich anziehender wäre, als die der Maronen von Jamaica. Jeder Freund der Freiheit, jeder Vertheidiger der Gleichheit der Menſchen muß enthuſiaſtiſche Bewunderung für dieſe tapferen ſchwarzen Männer fühlen, die während zwei Jahrhunderten ihre Unabhängigkeit gegen die ganze weiße Bevölkerung der Inſel aufrecht hielten. Als ich jetzt auf die Trelawneyberge blickte, mußte ich mir nnwillkürlich die Geſchichte jener unerſchrockenen Saujäger in's Gedächtniß rufen. In jenen fernen Ge⸗ birgen hatten ſie ihre Wohnſitze, dort ſtanden die zer⸗ ſtreuten Hütten ihrer Bergſtadt, jede von einem kleinen Ba⸗ nanenhain umſchattet; dort unter dem Schatten der Ta⸗ marinden mag die dunkelhäutige Mutter in Friedenszei⸗ ten in der Mitte ihrer ſchwarzen Kinder geweilt haben, den Thaten ihres Vaters nachzueifern, während der Va⸗ ter ſelbſt fern im Walde den wilden Eber verfolgte. Dort mögen an einem ſtets noch heißen Abende mun⸗ tere Gruppen neben ihren maleriſchen Wohnungen geſtan⸗ den haben, um einem kriegeriſchen koromantiſchen Geſang oder dem melancholiſchen Liede des Ebo zuzuhören, oder 4 4 7 auch um den Congotanz bei den aufregenden Tönen des Goombay und des Merriwang) zu tanzen. Dort auch, wenn ſie zum Kriege gezwungen, war der Schauplatz ihrer kühnen Heldenthaten; dort lagen die„Hahnengänge“, jene merwürdigen natürlichen Feſtun⸗ gen, die ſie ſo erfolgreich gegen eine zehnmal ſtärkere Zahl von Angreifern vertheidigten, während jeder zu ihnen führende Pfad von dem Blute der überwundenen Feinde triefte und jede Bergſchlucht durch Thaten ritterlicher Wagniſſe bezeichnet war, die mit denen aller Zeiten und aller Völker wetteifern. Rühmt deshalb nicht Thermopylä, redet nicht vom Tell und dem Grütli und übergeht dabei die Maronen Jamaica's. In dieſem kleinen Haufen, der zwei Jahr⸗ hunderte lang die„blauen Berge“ vertheidigte, waren Helden, des Ruhmes ebenſo würdig als die Sparta's oder der Schweiz. Nein, die Maronen waren niemals beſiegt, ihr ſtolzer Geiſt hat niemals die Schmach der Niederlage gekannt! Mit der Geſchichte dieſes einzig merkwürdigen Vol⸗ kes friſch im Gedächtniſſe war es kein Wunder, daß meine Aufmerkſamkeit ſoſort nach den Trelawneybergen hingezogen wurde, noch mag es ſonderbar ſcheinen, daß ich ſogleich dahin wanderte, ſobald ich meinen Fuß auf den Boden Jamaica's geſetzt hatte. Ich wollte aber nicht blos aus der ſüßen Quelle der hiſtoriſchen Vor⸗ zeit trinken, ſondern mich auch vergewiſſern, ob auf den durch Heldenthaten geheiligten Stätten nicht noch einige *) Beides mufikaliſche Inſtrumente afrikaniſcher Negerſelaven. 8 Ueberbleibſel dieſes bemerkenswerthen Volkes vorhanden. — Hierin ward ich nicht getäuſcht. In den wilden Trelawneybergen fand ich bald, daß weder die Maronen ſelbſt noch ihr Andenken gänzlich in Vergeſſenheit gerathen. Obwohl gar nicht mehr als ein beſonderes Volk angeſehen— denn die Emancipa⸗ tion hatte die Scheidewand zwiſchen ihnen und den an⸗ deren Schwarzen der Inſel vollkommen beſeitigt— traf ich dennoch manche ihrer Abkömmlinge. Ich war ſogar ſo glücklich, einen ihrer wirklichen Stammväter anzutreffen— einen echten und wahrhaf⸗ ten Maronen,— einen weißwolligen ſiebenzigjährigen Veteranen, der einer ihrer kühnſten Krieger geweſen. Betrachtete ich die mächtigen Ueberbleibſel dieſes einſt rie⸗ ſigen Mannes, ſo konnte ich wohl glauben, daß er der Held mancher verwegenen Kriegsthat geweſen ſei, und ich vermochte mir die Größe des Gebäudes vorzuſtel⸗ len, das eine ſolche Ruine hinterlaſſen. Ein beſonderer, nicht erzählenswerther Zufall hatte mich mit dieſem merkwürdigen Siebenziger in Verbin⸗ dung gebracht und mich zum ſtets willkommenen Gaſte ſeiner Gebirgswohnung gemacht, wo mehr als eine Un⸗ terredung über die Großthaten früherer Zeiten ſtatt⸗ fand, ein Gegenſtand, der für ihn eben ſo intereſſant war wie für mich. Außer manchen anderen abenteuerlichen Begebenhei⸗ ten, die ich aus dem Munde des alten Maronen er⸗ fuhr, ſchulde ich ihm auch die näheren Umſtände der nun hier dem Publiknm dargebotenen Geſchichte; und ſollte dieſes ſich beim Durchleſen derſelben angenehm be⸗ 3. 3 rührt fühlen, ſo müßte deshalb ſein Dank weniger dem Verfaſſer der Geſchichte, als dem alten ehrwüdigen Quaco gelten. Erſtes Kapitel. Eine Zucker-Plantage auf Jamaica. Eine Zuckerplantage, und zwar eine der ſchönſten im„Lande der Quellen“, iſt das Gut„Willkommen⸗ berg“. Es liegt etwas weiter als anderthalb Meilen von der Montegobucht entfernt in einem breiten Thale zwiſchen zwei Berggeländen. Dieſe Berggelände ziehen ſich länger als eine Viertelmeile parallel neben einan⸗ der hin, wachſen allmählich in die Höhe und laufen zu⸗ letzt zu einer Krümmung zuſammen; auf dieſem Punkte erhebt ſich plötzlich ein wirklicher Hügel, der ganz wohl den Namen verdient, den er auf dem Gute führt:— der„Berg“. Beide Hügelgelände ſind faſt bis zum Thalgrunde bewaldet, und die Holzungen, die größtentheils aus glän⸗ zenden Pimentbäumen beſtehen, endigen ſich auf beiden Seiten in Schattengängen und niedrigen Gebüſchen, die freundlich über einen parkartigen Raſengrund ausge⸗ breitet ſind. Das„große Haus“ oder in der Negerſprache: das „Buff“ des Gutes Willkommenberg ſelbſt liegt am Fuße des Berges, gerade am Vereinigungspunkte der beiden Gelände, wo eine natürliche, einige Fuß über den Grund des Thales —— —— 10 erhobene Platte oder Terraſſe dem Erbauer eine höchſt bequeme und anmuthige Lage dargeboten. In architektoniſcher Beziehung war es nicht ſehr von anderen Häuſern dieſer Art verſchieden und ganz in derſelben Weiſe wie das wohlbekannte Pflanzerhaus überall in Oſtindien. Ein Stockwerk, natürlich das untere, iſt von ſtarkem Mauerwerk, das zweite und ein⸗ zige andere iſt einfach ein hölzernes, auf das Mauer⸗ werk errichtetes und mit amerikaniſchen Schindeln ge⸗ decktes Balkenhaus. Die Seiten⸗ und Endmauern dieſes zweiten Stock⸗ werkes können kaum Mauern genannt werden, da der größte Theil davon aus einer Reihe von venetianiſchen Fenſterläden, den Jalouſien Jamaica's beſteht. Dieſe verleihen dem Hauſe ein vogelbauerartiges Anſehen, während ſie bedeutend zu ſeiner Kühlung beitragen, al⸗ lerdings eine Sache von höchſter Wichtigkeit in einem tropiſchen Klima. Auswärts in der Mitte der Vorderſeite führt eine breite, ſteinerne, auf gemauerten Bogen ruhende und mit ſtarkem eiſernen Gitterwerk eingeſchloſſene Treppe in's zweite Geſchoß, das eigentliche Wohnhaus, da das Erd⸗ geſchoß gänzlich von Vorrathskammern, Magazinen und anderen Nutzräumen angefüllt iſt. Die Eintrittsthür am obern Ende der großen Treppe führt unmittelbar in die„Halle“, ein geräumiges Ge⸗ mach in kreuzförmiger Geſtalt, das mitten durch das ganze Gebäude von einer Seite zur andern und von einem Ende zum andern läuft. Der durch die offenen Jalonſien hereindringende und dies Gemach beſtändig — 11 durchkreuzende Luftſtrom macht es zu allen Zeiten angenehm kühl, und das Gitterwerk der Fenſter dient, um den übermäßigen Lichtglanz abzuſchwächen, der unter tropi⸗ ſchem Himmel faſt eben ſo unangenehm iſt wie die Hitze. Der Fußboden, ganz ohne Teppich, aber aus den här⸗ teſten inländiſchen Holzarten zuſammengeſetzt und täglich polirt, trägt weſentlich zur Vermehrung der Kühlung bei. Dieſe große Halle iſt der Hauptraum des ganzen Wohnhauſes. Sie iſt zu gleicher Zeit Beſuch⸗ und Eß⸗ zimmer, worin Seitentiſche und Schränke neben Faul⸗ ſeſſeln, Lehnſtühlen und Ruhebetten ſtehen, während ein großer Kronleuchter in der Mitte aufgehängt iſt. Die Schlafkammerl! nehmen den Raum an einer Seite des Hauſes ein und haben ebenfalls Jalouſie⸗ fenſter, um die kühle Luft einzulaſſen und ſo viel wie möglich die glühenden Sonnenſtrahlen abzuhalten. Im Herrenhauſe Willkommenberg, wie in allen an⸗ deren Landhäuſern auf Jamaica, würde ein Fremder bald den Mangel aller Uebereinſtimmung zwiſchen dem Ge⸗ bäude ſelbſt und den darin befindlichen Mobilien be⸗ mexken. Das erſtere könnte außerdem als nicht feſt genug oder ſogar als ſchwach angeſehen werden, denn es iſt wirklich ſo; aber gerade dieſe Eigenſchaft macht es dem Klima angemeſſen, und deshalb die gänzliche Entfernung aller Feſtigkeit und Koſtbarkeit im Style wie im Materiale des Gebäudes. Die Mobilien dagegen,— die maſſiven Tiſche aus Mahagoni und anderen Zierhölzern,— die glänzenden geſchnitzten Seitentiſche,— der Reichthum an Silber und geſchliffenem Glaſe auf ihnen,— die eleganten ₰ 12 Ruhebetten und Stühle,— die glänzenden Lampen und Candelaber, alles dies vereint führte den Beweis, daß die Aermlichkeit des Jamaica⸗Pflanzerhauſes ſich ledig⸗ lich auf ſeine Mauern erſtreckt. Mag der Kaſten auch ein gewöhnlicher und wohlfeiler ſein, die Juwelen, die er enthält, ſind von der ſeltenſten und koſtbarſten Art. Von außen ſieht das„große Haus“ oder das„Buff“ von Willkommenberg wirklich groß genug aus. Die lange Facade, an der das dunkle Grün der Jalouſien ſehr hübſch gegen das Weiß der Umfaſſungsmauern abſticht,— vorn die feſte ſteinerne Treppe,— der be⸗ waldete, ſanft anſteigende, und einen Hintergrund von dem verſchiedenartigſten Grün bildende Berg,— die prachtvolle, faſt eine Viertelmeile lange, gerade auf das Haus hinführende Allee mit doppelten Reihen von Ta⸗ marinden und Kokosnußpalmen,— Alles trug dazu bei, der Beſitzung, beſonders wenn man ſie vom untern Ende aus ſah, ein entſchieden ſchloßartiges Ausſehn zu verleihen. Aber auch ein näherer Anblick vermöchte dieſem Bilde nichts von ſeinem Glanze zu rauben. Die Ter⸗ raſſe, auf der das Haus erbaut, gewährt hinlänglichen Raum für einen großen Garten nebſt Park, die ſich hinterwärts bis an den Fuß des Berges erſtrecken, von dem ſie durch eine hohe Steinmauer getrennt ſind. Dieſer Berg iſt der bemerklichſte Theil der ganzen Landſchaft, nicht ſo ſehr wegen ſeiner Höhe, denn es giebt neben ihm noch andere von gleicher Höhe, und entfernter liegend, obwohl ſtets noch deutlich ſichtbar, manche noch höhere. Selbſt die berühmte„Blaue Spitze“ 1 iſt vollkommen zu ſehen, d Fußen über die ſie he der Inſel, die a he rieſenhafter doch was ihn be die geometriſche Regelmäßigkeit ſ mehr ſein ganz regelmäßi Vom Thale unten ge eines genauen und etwas funfzig Ellen von de ſchiefe und abhängend Seiten ſenkrecht auf g gebildeter Gipfel. ſehen, gewährt er den Anblick ſpitzigen Kegels bis ungefähr r Spitze entfernt. e Linie, der Berg ſteigt von allen wärts und ſchließt plötzlich in einer vierzig oder fünfzig Fuß im rt von Tiſchplatte. Beim erſten Anblicke iſt 8 haltenden A a ſie ſich viele Hunderte von umgebenden Gipfe alb iſt der erw merkenswerth, weil er etwa theil, er iſt nur eine Spi gelkette, die, durch tiefe ſ der getrennt und die karaibiſche l erhebt. ähnte Berg nicht gerade be⸗ vereinzelt läge; im Gegen⸗ tze der mächtig erhobenen Hü⸗ chlundartige Thäler von einan⸗ ſich oftmals Tauſende von Fußen über See erhebend, unter dem Namen der„Blauen Berge von Jamaica“ bekannt ſind. die ganze Oberflä einer endloſen Rei Jamaica beſitzt d regelmäßige Ober ungen auf einem Koh würde„Land der Berge“ Name für Jamaica diſche:„Land der Q Der Berg, welcher das mr überſchaut, iſt nur ceesfliche hoch, . Dieſe bedecken faſt uf dieſe Weiſe von Furchen durchſchnitten aher eine höchſt rauhe und un⸗ chſam wie die krümpeligen bblatte geſtaltet. Inſofern gewiß ein eben ſo geeigneter ſein, wie in alten Zeiten der in⸗ Gut Willkommenberg gleich⸗ Fuß über der Mee⸗ ſonders auszeichnet, iſt einer Umriſſe und noch Da endet die Durchmeſſer 14 dieſe abgeſtumpfte Bergſpitze der des berühmten„Cofre di Peroté“ in Mexico höchſt ähnlich. Die ſchiefen Seiten des Berges ſind dicht bewaldet, vorzüglich die nach dem Gute Willkommenberg hin ge⸗ legenen, die wie eine breite und düſtere, mit einem dichten Urwalde bekleidete Fagade ausſehen. Nur auf der Spitze ſelbſt iſt der Berg gänzlich baum⸗ los. Da iſt er kahl und nackt wie die Platte eines Franziskanermönches, denn die Felſenmaſſe, aus welcher die einem Kaſten ähnliche Bergplatte beſteht, leiſtet jeder Annäherung der Rieſenbäume, die ihren Grund dicht umgeben, und von denen einige ihre ungeheuren Arme ausſtrecken, als wollten ſie dieſelbe umarmen und er— droſſeln, den hartnäckigſten Widerſtand. Nur einem rie⸗ ſigen Baume iſt es gelungen, die ſteile wallartige Mauer zu erklimmen. Eine edle Palme— die Areka— hat dies Kunſtſtück ausgeführt und ſteht hervorragend auf der Platte, während ihre federartigen Blätter in ſiche⸗ rem Stolz in der Luft wehen, wie ein triumphirendes Banner über einer eroberten Burg. Der Felſen ſelbſt gewährt ebenfalls einen ſeltſamen Anblick. Seine verſchrammte und vernarbte Oberfläche iſt mit einem dunklen Glanze überzogen, der bei Son⸗ nenſchein oder ſelbſt bei den ſanfteren Strahlen des Mon⸗ des ein Funkeln von ſich giebt, als wenn das Licht von einer polirten ſtählernen Rüſtung zurückgeſtrahlt würde. Unter den Eingebornen unten im Thal iſt dieſer Berg als der Jumbéfelſen bekannt— ein wegen der damit verbundenen abergläubiſchen Idee höchſt bezeich⸗ nender Name,— da Jumbé die koromantiſche Benen⸗ —— , ſondern eine wahrhaftige Geſchichte und von ſolch' gräß⸗ 15 nung ſeiner ſataniſchen Majeſtät iſt. Obgleich er be⸗ ſtändig vor ihren Augen und in einer Stunde durch Erklimmung des Waldpfades erſtiegen werden kann, ſo giebt es doch keinen Neger auf dem Gute Willkommen⸗ berg, noch irgendwo ſonſt meilenweit in der Runde, der es wagen würde, den Jumpbkfelſen allein zu beſteigen, und ſo bleibt den meiſten, wenn nicht Allen dieſer Berg ſo unbekannt, wie die Spitze des Chimborazzo! Dieſe Furcht vor dem Jumbéfelſen verdankt ſeinen Urſprung indeß keineswegs gänzlich dem Aberglauben, ſondern iſt größtentheils durch die Erinnerung an eine ſchreckliche Begebenheit hervorgerufen worden; denn der Felſen iſt der Schauplatz einer Hinrichtung geweſen, die in Anbetracht ihrer wilden und kaltblütigen Grau⸗ ſamkeit ein Verbrechen genannt zu werden verdient. Dieſe hohe Steintafel iſt, wie die blutbefleckten Tempel des Montezuma, als Altar benutzt worden, auf welchem ein Menſchenopfer dargebracht, und dies nicht in längſt ver⸗ gangenen Zeiten, noch von einer blutdürſtigen aztekiſchen Prieſterſchaft, ſondern von Männern mit weißer Haut und von europäiſcher Race, aber grauſam und wild wie jene. Ein ſchwarzes Opfer hat hier ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht. Vermöchte dieſe einzelne Palme zu reden, ſie würde eine ſchreckliche Schmerzensgeſchichte erzählen, deren Zeugen, die um ihre Wurzeln umherlie⸗ genden und modernden Gebeine, jetzt die Hauptnahrung ihres kräftigen Wuchſes bilden! Der Baum ſchweigt, aber dennoch wird die Geſchichte überall erzählt, keine erfundene, 16 licher Natur, daß ſie nothwendig in einem beſondern Kapitel erzählt werden muß. Zweites Kapitel. Der Myal-Mann. Auf Jamaica war, wenige Jahre vor der Zeit, wo dieſe Erzählung beginnt, große Aufregung in Bezug auf den Obiahismus. Die Ausübung dieſer fürchterlichen Kunſt war er⸗ ſchreckend gewöhnlich geworden, ſo gewöhnlich, daß auf jedem größern Gute der Inſel ein„Profeſſor“ war oder ein Obiahmann. Dieſe geheimnißvollen Doctoren waren ſtets Männer, ſehr ſelten Frauen, und gewöhn⸗ lich Eingeborene Afrika's von vorgerücktem Alter und häßlichem Ausſehn. Je häßlicher, deſto erfolgreicher in der Ausübung ihres verbrecheriſchen Berufs. Eine beſtimmte Klaſſe von ihnen wurden Myal⸗Leute genannt, deren Hauptkunſt darin beſtand, daß ſie fähig waren, einen todten Körper wieder zum Leben zu erwecken. So war wenigſtens der Glaube ihrer unwiſſenden Ge⸗ noſſen unter den Seclaven, die keinen Argwohn hegten, daß der Verſtorbene nur ſchlafend ſei, nicht todt, und daß ſein todtengleicher Schlaf in geheimnißvoller Weiſe durch den Myal⸗Mann ſelbſt bewirkt worden,. nachdem er ihm etwas Caladium verordnet. Es kann hier nicht füglich näher auf eine Ausein⸗ anderſetzung der Geheimniſſe des Obi eingegangen wer⸗ den, die einfach genug, ſo wie ſie verſtanden ſind. Ich habe den Obiahismus faſt in jedem Lande angetroffen, wo ich gereiſt, und obgleich er eine hervorragendere Stel⸗ lung im ſocialen Leben der Wilden einnimmt, ſo wird er doch auch auf den Nebenwegen der Civiliſation angetrof⸗ fen. Der Leſer, der vielleicht im Ungewiſſen über ſeine Bedeutung ſein könnte, wird ſie vollkommen begreifen, wenn ihm geſagt wird, daß der Obiahmann Weſtin⸗ diens einfach das Duplikat des„Medicinmannes“ der nordamerikaniſchen Indianer, das„Piuche“ des Südens, des„Regenmachers“ des Kaps, des Fetiſchmannes der Küſte von Guinea, und faſt unter eben ſo vielen ver⸗ ſchiedenen Namen bekannt iſt, als es unciviliſirte Völ⸗ kerſtämme giebt. Es iſt dies die allererſte Morgendämmerung der Re⸗ ligion für die Seele der Wilden; doch ſelbſt wenn ſeine boshaften Abſichten ſich bereits in Sehnſucht nach dem ewigen Leben umgewandelt haben, ſo verweilt er noch ſtets in den Schlupfwinkeln der Unwiſſenheit und er⸗ hält ſich ſeine urſprüngliche Geſtalt als— Hexerei. In Bezug auf die vorher gemachte Angabe, daß auf jeder größeren Pflanzung ein Obiahmann war, machte das Gut Willkommenberg keine Ausnahme. Auch dies war geſegnet oder vielmehr beſtraft mit einem Jünger dieſer Kunſt, einem alten koromantiſchen Neger, mit Namen Chakra, einem Manne, deſſen grimmig⸗wildes Ausſehn ihn zu einem der beliebteſten Ausuͤber derſel⸗ ben machen mußte. Und ein ſolcher war er leider zu ſeinem eigenen Unglücke geworden. Er hatte lange im Verdachte geſtanden, den früheren Beſitzer des Gutes Der Marone. I. 2 — 18 vergiftet zu haben, der ganz plötzlich und geheimnißvoll aus der Welt geſchieden war. Sein Schickſal ward in der That nicht ſehr beklagt, da er im Rufe ſtand, ein höchſt grauſamer Sclavenherr zu ſein, und auch der ge⸗ genwärtige Beſitzer hatte geringen Grund, es zu be⸗ dauern, da es ihn in den Beſitz eines Gutes brachte, wonach er lange getrachtet. Großen Aerger verurſachte es ihm jedoch, daß, ſeit⸗ dem er in den Genuß dieſes Beſitzthums getreten, ver⸗ ſchiedene ſeiner werthvollſten Sclaven plötzlich geſtorben waren und zwar in einer Weiſe, die zu der Annahme führen mußte, daß Obi zu ihrem Geſchicke weſentlich beigetragen. Chakra, der Myal⸗Mann, ſtand im Verdachte, ihren Tod verurſacht zu haben; er ward angeklagt und zur Unterſuchung gezogen. Der Richter waren drei,— drei Gerichtsperſonen aus der Nachbarſchaft, denn dieſe Anzahl wurde für hinreichend erachtet, um ein Todes⸗ Urtheil über einen Sclaven auszuſprechen. Der Vor⸗ ſitzende des Gerichtshofs war des Mannes eigener Herr, Loftus Vaughan, Gutsbeſitzer, Eigenthümer von Will⸗ kommenberg und custos rotulorum des Bezirkes. Das Verbrechen, deſſen Chakra bezüchtigt, war die „Ausübung der Künſte des Obi“. Dieſe Anklage be⸗ zog ſich nicht auf den Tod des früheren Herrn von Willkommenberg, ſondern auf den der Selaven, der erſt neuerdings auf dem Gute, wie auch auf den Pflanzun⸗ gen der beiden andern Richter ſtattgefunden, die bei der Unterſuchung thätig waren. Die Beweiſe waren allerdings nicht ganz klar, — 19 wurden aber von den Richtern doch für zureichend er⸗ kannt, um eine Ueberführung zu begründen. Merkwürdiger Weiſe ſchien von den drei Richtern des Angeklagten eigener Herr— der Vorſitzende des Gerichtshofes— am meiſten bemüht, die Unterſuchung zu dieſem Ausgange zu führen, und zwar mit ſolchem Eifer, daß er jede Anſtrengung machte, die Meinungen der beiden andern zu beherrſchen, wobei ihm ſeine be⸗ vorzugte Stellung die Macht gab, die Entſcheidung vollſtändig zu beeinfluſſen. Einer von ihnen hatte ſich wirklich für eine Freiſprechung ausgeſprochen, aber nach einer flüſternden Berathung mit dem Cuſtos zog er plötzlich ſeine frühere Meinung zurück und gab ſeine Stimme für die Verurtheilung. Zu jener Zeit erzählte man ſich, daß Loftus Vaug⸗ han bei der Unterſuchung von niedrigeren Gründen ge⸗ leitet worden, als blos von ſtrenger Gerechtigkeitsliebe oder dem Wunſche, die Kunſtgriffe des Obi zu zerſtö⸗ ren. Wohl raunte man ſich Geheimniſſe zu, Familien⸗ geheimniſſe, mit denen der Koromantiſche bekannt ge⸗ worden, ein eigenthümliches Ereigniß, deſſen einziger lebender Zeuge er geweſen. Auch ſollte dies von ſolcher Art ſein, daß ſelbſt das Zeugniß eines Negers Ungele⸗ genheit gebracht hätte. Deshalb ſagte man, daß dies und nicht der Obiahismus das Verbrechen ſei, wofür Chakra mit ſeinem Leben büßen ſollte. Dies Gerücht mag indeß, wie es nur zu oft der Fall, eine Läſterung geweſen ſein, eine reine Ver⸗ leumdung. 2* Ob jedoch wahr oder nicht, der Koromantiſche ward zum Tode verurtheilt. 3 Das Urtheil ſelbſt war nicht unregelmäßiger, als die Art und Weiſe der Vollſtreckung, die dem armen Verbrecher beſtimmt wurde. Er ward auf die Spitze des Jumbefelſen gebracht, dort an dem Palmbaum ſenaeluebeſt und ſo dem Ver⸗ derben preisgegeben. Man könnte fragen, warum wurde dieſe eigene Art der Gerichtsvollſtreckung gewählt? Warum ward er nicht an den Galgen gehangen oder am Schandpfahl ver⸗ brannt?— eine nicht ungewöhnliche Art, mit ſolchen Verurtheilten zu verfahren!— Die Antwort iſt leicht. Wie bereits angeführt, herrſchte zu dieſer Zeit eine höchſt mißfällige Meinung in Bezug auf den Obiahismus vor. Faſt in jedem Bezirke hatten geheimnißvolle Todesfälle ſtattgefunden und fanden fortwährend ſtatt, nicht nur bei ſchwarzen Selaven, ſondern auch bei weißen Herren und ſelbſt Herrinnen, die alle dem verderbenbringenden Einfluſſe des Obi zugeſchrieben wurden. Der afrikaniſche Dämon war allenthalben, aber un⸗ ſichtbar; überall konnte ſeine Knochenhand bemerkt wer⸗ den. Deshalb war es nothwendig geworden, ſeinen Verehrern ein hervorragendes und abſchreckendes Bei⸗ ſpiel zu geben. Die Stimmen aller Pflanzer erhoben ſich hierfür und der Myal⸗Mann Chakra ward in der Vorausſetzung dazu auserleſen, daß ſein fürchterliches Geſchick die Anhänger des ſchmählichen Aberglaubens bis tief in's innerſte Herz ſchrecken würde. 21 Der Jumbéfelſen war als der geeignetſte Platz für die Hinrichtung des Koromantiſchen auserſehen. Die Schrecken, die dieſem Platze bereits eigen, zu denen hin⸗ zugefügt, die nun durch die fürchterliche Art der Be⸗ ſtrafung, deren Schauplatz er ſein ſollte, erregt wurden, mußten einen wohlthätigen Einfluß auf die abergläubi⸗ ſchen Begriffe der Sclaven ausüben und für immer ih⸗ ren Glauben an Obiah und Obboney zerſtören. In dieſer Abſicht war der Myal⸗Mann auf die Spitze des Jumbéfelſen geführt und dort gleich einem modernen Prometheus angekettet. Keine Wächter wurden bei ihm hingeſtellt, und es waren auch keine nöthig. Seine Ketten und der durch den Akt der Hinrichtung eingeflößte Schrecken wurden für genügend erachtet, jede Zwiſchenkunft in ſein Schick⸗ ſal zu verhüten. In wenigen Tagen würden Hunger und Durſt mit Hilfe der Geier die letzte und ſchreckliche Feierlichkeit gewiß eben ſo ſicher vollführen, wie der Strick des Hen⸗ kers oder das Beil des Nachbars. Es dauerte lange, bis Loftus Vaughan den Berg beſtieg, um ſich von dem Schickſale des unglücklichen Negers, ſeines früheren Sclaven, zu überzeugen. Als er zuletzt, von Neugierde und auch von einem andern Beweggrunde getrieben, von ſeinem Aufſeher begleitet, bis an die Spitze des Jumbéfelſen klomm, waren ſeine Hoffnungen und Erwartungen vollkommen erfüllt. Ein von den Geiern und Raben glatt gefreſſenes Skelett war an dem Baumſtamme aufgehängt. Eine roſtige, um die Gebeine gewickelte Kette hielt das Skelett feſt, obgleich die Vorderarme aus den El⸗ lenbogengelenken losgegangen und zur Erde gefallen waren. Loftus Vaughan fühlte in der That keine Neigung, lange auf dem Platze zu verweilen. Für ihn hatte der Anblick etwas Fürchterliches. Ein Blick, und er ſtürzte fort; doch noch viel fürchterlicher, noch viel ſchrecklicher war, was er ſah oder zu ſehen glaubte, als er heim⸗ wärts den Waldpfad hinuntereilte:— entweder den Geiſt des Myal⸗Mann dder den Mann ſelbſt!. Drittes Kapitel. Loftus Vanghan, Gutsbeſitzer. Loftus Vaughan war Wittwer und hatte, wie man allgemein annahm, nur ein Kind, eine Tochter, Käthehen war der Name dieſes jungen Mädchens, wenigſtens war es der, den ſie unter ihren Freunden und Bekannten führte. Ein anderer wurde allerdings gelegentlich ge⸗ hört:—„Kleine Quasheba.“ Dieſer Name kam frei⸗ lich nur von den Lippen einiger älterer Gutsneger und niemals, wenn der Herr Vaughan gegenwärtig, der es ſtrenge verboten, ihn auszuſprechen. Man bezweifelte ſehr, ob das junge Mädchen nur je einen von dieſen Namen in der Taufe empfangen hätte. Das rührte theilweiſe von dem Umſtand her, daß Keiner von Herrn Vaughan's Freunden der Feier beigewohnt hatte, und theilweiſe auch davon, daß man allgemein wußte, die Mutter von Vaughan’'s ſen, auch die Zweifel über die V daher ſelbſt noch andere Zweife han— nach der gewöhnlichen Be — wirklich ein Wittwer ſe heba todt war, ſchon ſeit langer Zeit. demſelben Tage, gerade vor kleine Quasheba zuerſ ein Ereigniß, das Jed kommen bekannt, der alt genug, es wußte— daß ſchon vor nen Quasheba und noch bev 23 Tochter ſei eine Sclavin gewe⸗ — die Sclavin Quasheba. Daher ſtammte der andere Name, daher ſtammter Vollziehung der Taufe, und fel, ob nämlich Herr Vaug⸗ deutung des Wortes, f.. s feſt, daß die Selavin Quas⸗ Sie ſtarb an achtzehn Jahren, als die ſt das Licht erblickte. Das war z Jedem auf dem ganzen Gute voll⸗ ſich deſſen zu erinnern. Es war aber nicht Jedem bekannt— obwohl Einer der Erſcheinung der klei⸗ or Willkommenberg ſammt Beſitz des Herrn Vaughan Deſſenungeachtet ſtand e ſeinem Menſchenvieh in den gekommen, ein„Kleiner Cubina“ von derſelben Mutter dageweſen war, ein Knabe, ungeachtet des weiblich ſchei⸗ nenden Namens. Es war derſelben Perſon auch wohl bekannt, daß das Kind dunkler als ſeine Mutter, die Quadrone Quasheba, geweſen war. In dieſem Umſtande lag nichts nahm an, daß ſein Vater entweder ſelbſt ein Quadrone oder ein Mulatte geweſen. Im erſteren Falle wäre das Kind, nach der genauen, im ſpaniſchen Amerika beobachteten Unterſcheidung der Racen, ein Quadrone von der Art geweſen, die tente en al aire(in der Luft aufgehängt) genannt wird; nahme wäre es ein„Sambo“— n 0 f 1 Beſonderes. Man nach der zweiten An⸗ salto atras geweſen,— ſſſſſſſſſſſſſ — — das iſt: anſtatt weiß von ſeinem Vater zu ſein, hätte er einen Rückſchritt zum Neger gemacht. Ob der Vater des Kindes ein Mulatte oder ein Quadrone, und ob ſeine Hautfarbe dunkler als die ſei⸗ ner Mutter, war nur einer einzigen Perſon auf der Pflanzung von Willkommenberg bekannt, und dieſe war keineswegs Herr Vaughan ſelbſt. Erſt verſchiedene Jahre nach ſeiner Geburt wurde dieſer Herr Eigen⸗ thümer des Gutes und damit auch der Sclavin Quasheba.* Er wußte auch nichts davon, daß die ſchöne Qua⸗ drone, die ſein Herz gewonnen, einzige Herrin ſeiner Liebe und ſpäterhin Mutter ſeines Kindes wurde, jemals in dieſer Art geirrt, jemals in den Armen eines Andern, und gar eines Mulatten, eines Sclaven wie ſie ſelbſt, gelegen hatte. Als Vaughan Herr und Meiſter der. Sclavin Quasheba ward, war kein Beweis dieſer böſen That mehr vorhanden, kein„Kleiner Cubina“ mehr, der ſeine Mutter rufen konnte,— denn der Knabe war ſofort nach ſeiner Geburt geheimnißvoll verſchwunden. Wohl möchte es für Herrn Vaughan gut geweſen ſein, wenn er ſtets in glücklicher Unwiſſenheit über dieſe gräßliche Wahrheit verblieben, und beſſer noch für Cha⸗ kra, hätte er ſie für ſich behalten, denn es war der Myal⸗Mann, der Alles genau wußte. Das Verbrechen der Quadronenmutter, ſelbſt ihr doppelter Fehltritt, muß mit mildem Auge betrachtet werden; es würde durchaus nicht richtig ſein, ſie nach den Anſichten anderer Länder und anderer Zeiten zu beurtheilen und ſie vorſchnell eine Gefallene zu nennen. 25⁵ Sie folgte nur der Gewohnheit, der allgemein! herrſchenden Sitte der Zeit und des Ortes, und dieſe iſt ſtets wich⸗ tiger als ſelbſt die tugendhafteſten Grundſätze. Wenn irgend Schuld in ihrem Verhalten, ſind ſicher nur die Weißen zu tadeln, da ſie es ſind, welche den Gebrauch eingeführt haben, wodurch ſie fiel. Die Lebensgeſchichte des Herrn Vanghan ſelbſt unterſcheidet ſich nur wenig von der von hundert Anderen, die ſich in Jamaica nie⸗ dergelaſſen haben. Seine Verſchuldung in obiger Be⸗ ziehung war auch kkeinesfalls größer, als ſie bei den meiſten ſeiner Mitpflanzer zu jener Zeit geweſen ſein mag. Urſprünglich nur ein armſeliger Abenteurer, der Sohn eines engliſchen Krämers in der Provinz, war er nach Jamaica als Buchhalter gekommen; mit andern Worten, er war von einem alten Freunde ſei⸗ nes Vaters mitgebracht worden, nicht um Buch zu füh⸗ ren, ſondern lediglich, um ein Mitglied jenes ſonderbaren Haufens von Müßiggängern und Faullenzern zu ſein, die auf jedem größeren Gute geſehen werden und deren Daſein ſofort durch ein beſonderes Geſetz auf der Inſel erklärt wird, das den Pflanzer zwingt, ſtets einen wei⸗ ßen Mann auf je funfzig Sclaven ſeines Gutes zu halten. 3 Der Krämerſohn blieb aber nicht lange Buchführer. Da er thätig und vom Ehrgeiz getrieben, ſtieg er bald zum Range eines Aufſehers, und ward beim Tode ſei⸗ nes Gönners als Gutsadvokat angeſtellt, eine jamaica⸗ niſche Phraſe von keiner eigentlich geſetzlichen Bedeu⸗ tung, ſondern die einfach einen Verwalter oder bevoll⸗ mächtigten Geſchäftsführer bezeichnet. * Der natürliche Wunſch eines jamaicaniſchen Guts⸗ advokaten iſt demnach dem ſeines ſtreitſüchtigen Namens⸗ genoſſen vollkommen gleich, nämlich Reichthümer aufzu⸗ häufen, und dies gewöhnlich auf dem leichteſten, be⸗ quemſten und nicht gerade gewiſſenhafteſten Wege. Von dieſer Regel machte der frühere Buchhalter auch gerade keine Ausnahme, und nach wenigen Jahren, die er in der Wirthſchaft auf ſeines verſtorbenen Gön⸗ ners Gute verbracht, war er reich genug geworden, eine eigene Plantage zu kaufen und noch dazu eine ſehr ſchöne, Willkommenberg. Ungeachtet der Schnelligkeit, mit der ſein Glück gemacht war, hatte er doch ſtets ſeinen Ruf von dem Verdachte irgend einer bedeutenden Veruntreuung frei gehalten. Nichts konnte weiter gegen ihn vorgebracht werden, als die geſetzmäßigen ſechs Procent und andere Kleinigkeiten, die unter den Advokaten von Jamaica als ganz ehrlich angeſehen werden. In der That, Jemand, der nicht in wenigen Jahren das ganze Eigenthum ſei⸗ nes Herrn vollſtändig verſchleudert, vorzüglich wo die⸗ ſer Herr vielleicht ſogar ein Vormund iſt und die Vor⸗ mundſchaft für einen Minderjährigen verwaltet wird, — iſt eine große Seltenheit auf dieſer Inſel und gilt als ein bemerkenswerth ehrlicher Mann. Und ſolch ein Mann war Loftus Vaughan; er hatte nicht nur bei der Verwaltung des Gutes ſeines früheren Herrn denſelben vollkommen befriedigt, ſondern der Minderjährige, für den er es dann verwaltet und“ der nun volljährig, hatte ihn ſelbſt noch gebeten, ſeine Oberaufſicht fortzuſetzen. —— 27 Herr Vaughan ſelbſt bedurfte nun der Gönnerſchaft nicht mehr. Willkommenberg, unverſchuldet und unbe⸗ ſchwert, war ſein freies Eigenthum und eines der ſchön⸗ ſten Güter der ganzen Inſel, dem ganz gleich, deſſen Verwaltung er immer noch fortführte.— Ebenſo wie er reich geworden, war er auch im Range geſtiegen. Zuerſt Kirchenvorſteher in der Ge⸗ meinde, dann Friedensrichter, war er zu der Zeit, wo unſere Geſchichte beginnt und ſchon einige Zeit zuvor, Hauptmagiſtrat des Bezirkes mit dem Titel eines„Cu- stos rotulorum'. Das war gewiß eine anſehnliche Würde für den Sohn eines Provinzial⸗Krämers! Die häuslichen Verhältniſſe Vaughans waren frei⸗ lich weniger ehrenwerth geweſen, wenigſtens würden ſie ſo der Anſchauung eines Europäers erſchienen ſein. Aber in jenen Tagen waren die geſelligen Kreiſe Jamaica's äußerſt tolerant, und ſolch ein Verhältniß wie das, was zwiſchen ihm und der Quadronen⸗Sclavin be⸗ ſtand, gab nur ſehr geringen, wenn überhaupt irgend einen Anſtoß. So lange die Quadrone im Lichte einer nur für kurze Zeit beſtimmten Frau angeſehen wurde, gab das Verhältniß nicht den geringſten Anlaß zum Skandal. Hätte Vaughan aber dies Verhältniß durch „eine Heirath zu einem fortdauernden machen wollen, was anderwärts wohl ſeinem Rufe zu Gute gekommen, dann freilich wäre er unbedingt ſofort in den Bann gethan und auf's Strengſte aus der Geſellſchaft aus⸗ geſchloſſen worden. In der That wäre er zu einer Zeit faſt das Opfer einer ſolchen geſellſchaftlichen Ausſchließung geworden, — da nämlich ein Gerücht umlief, daß er ſeine Sclavin heimlich geheirathet. Es war nicht wahr, aber um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, es war wirklich ſeine Abſicht, ſie ſowohl zu heirathen wie auch freizulaſſen. Die Ausführung dieſer löblichen Abſicht hatte er aber ſtets aufgeſchoben, bis der Tod dazwiſchen trat und ſie außer dem Bereiche ſeiner Macht brachte. Dann fühlte er, mehr denn je vorher, tiefes inni⸗ ges Bedauern über ſeine Vernachläſſigung, ja noch mehr als Bedauern, reumüthige Gewiſſensbiſſe. Denn dieſe Vernachläſſigung hatte ſein innigſt ge⸗ liebtes Kind illegitim und als unehrlich hinterlaſſen, auf Jamaica zu der Zeit eine Sache von eigener Be⸗ deutung und von viel größerer als irgendwo auf der Welt. Wäre die Mutter weiß geweſen, würde es nicht ſo viel ausgemacht haben. Die Tochter würde allerdings immer unehrlich geweſen ſein, aber ſie hätte doch des Vaters Eigenthum in Folge einer teſtamentariſchen Be⸗ ſtimmung erheben können. Das war bei der kleinen Quasheba nicht der Fall. Kein letzter Wille ihres Vaters vermochte Käthchen Vaughan zur Erbin ſeines Gutes zu machen! Sie war eine Meſſtize(zuweilen Ouinterone genannt) und deshalb allen Rechtsunfähig⸗ keiten der Neger unterworfen. Das grauſame Statut von 1762 bezog ſich auch auf ihren Fall. Mehr als 2000 Lſtr. an Geld konnte ſie von ihrem Vater nicht erben, ſelbſt nicht durch ein Teſtament. Alles Uebrige von ihres Vaters Vermögen mußte auf den 29 geſetzlichen Erben übergehen, den nächſten Verwandten ſeines eigenen Stammes. Da er ſeine Tochter wirklich zärtlich liebte und entſchloſſen war, ſie um jeden Preis zu ſeiner Erbin einzuſetzen, ſo wäre dies eine ſchreckliche Verlegenheit für ihn geweſen, hätte es hierin gar keinen Ausweg gegeben. Glücklicher Weiſe war ein ſolcher vorhanden und Herr Vaughan kannte ihn auch ganz wohl. Die⸗ ſelbe Verſammlung, die jenes ſchlimme Geſetz gegeben, hatte auch für einen Ausweg geſorgt, durch den es in gewiſſen Ausnahmsfällen umgangen werden konnte: das heißt, ein Mann von großem Vermögen und Einfluß konnte durch eine Specialakte begünſtigt werden. Da Loftus Vaughan gerade ſo ein Mann war, ſo wußte er ſehr wohl, daß er ſich eine ſolche Akte zu jeder Zeit verſchaffen könne, und hatte auch die volle Abſicht, ſo zu verfahren; aber derſelbe Geiſt der Ver⸗ zögerung, der ihn abgehalten, ſeine Pflicht gegen die Mutter zu erfüllen, war auch wiederum die Urſache, daß er ſeine Pflicht gegen das Kind vernachläſſigte. Um ſich dieſes Specialſtatut zu verſchaffen, hätte er eine Reiſe nach der Hauptſtadt machen und vielleicht ſogar dort länger verweilen müſſen, um die Verſamm⸗ lung deshalb anzugehen, vas ihm vielerlei Plackerei und Koſten verurſacht hätte. Dieſe Ausſicht auf alle die Unbequemlichkeiten ließ ihn ſtets die Ausführung dieſes Vorhabens verſchieben, und obgleich er nie auch nur einen Augenblick daran dachte, ſeine Abſicht gänz⸗ lich aufzugeben, ward ſie doch niemals in's Werk geſetzt. In ſolcher Lage waren ſeine Familienangelegenheiten zu der Zeit, wo unſere Erzählung beginnt. Die kleine „Quasheba“ war, obgleich von der Natur mit jedem Reize ausgeſtattet, obgſeich vortrefflich erzogen, ausge⸗ bildet und veredelt, dennoch ſtets die Tochter einer Sclavin! Viertes Kapitel. Ein Trühſtück auf Jamaica. An einem ſtillen Morgen des ſchönen Monats Mai — ſchön in Jamaica wie ſonſt wo auf der Erde— kündigte die große Glocke in der großen Halle von Will⸗ kommenberg die Stunde des Frückſtücks an. Bis dahin waren keine Gäſte weder um die Tafel noch überhaupt in der Halle verſammelt, ausgenommen die ſchwarzen und farbigen Hausdiener, die, ein halbes Dutzend ſtark, gerade aus der Küche mit Speiſebrettern und Schüſſeln kamen. Mit einer Ausnahme hatten die Diener, ſämmtlich Knaben und junge Männer, ſehr wenig Kleider an; ſchlechte Beinkleider von Osnabrücker Leinwand und ge⸗ ſtreifte Baumwollenhemden waren ihre ganze Bekleidung. Eine Ausnahme hiervon machte ein dicker und aufgebla⸗ ſener ſchwarzer Mann mit einem dichten glänzenden Backenbart, der mit gebieteriſcher Stimme und Geberde die Bewegungen der Uebrigen lenkte. Die volle Livree⸗ bekleidung, die er trug, bezeichnete ihn als den Tafel⸗ decker und Kellermeiſter des Hauſes, der, wie ſonſt alls⸗ ——— ——— ——— K—— —“ 31 andern ſeines hohen Standes, unbedingten Gehorſam von den Untergebenen verlangte. Obwohl nur zwei Stühle an die Tafel geſtellt wa⸗ ren und die Vertheilung der Teller, Meſſer und Ga⸗ beln anzeigte, daß ſie lediglich nur für dieſe Anzahl Gäſte gedeckt ſei, hätte doch der Reichthum und die Anzahl der Schüſſeln zu dem Glauben verleiten können, daß eine große Geſellſchaft erwartet werde. Es war ein vollkommenes déjeuner à la fourchette mit trefflichen Coteletts à une sauce piquante mit marinirten Fiſchen, mit entrées von jungen Hühnern und Enten, mit geröſtetem Salmon und dergleichen mehr. Dieſe Gerichte waren rund um den Tiſch ge⸗ ſtellt, während ein kalter Schinken auf der einen Schüſ⸗ ſel und eine Zunge auf der andern den Mittelpunkt einnahmen. Als Brot waren mehlige Yams vorhanden, einige davon gemiſcht mit Milch und Butter und in Figuren gebracht— geröſtete Piſange, heiße Wecken, Traſts, Maniok⸗Kuchen und ſüße Kartoffeln. Wäre nicht ein prachtvolles ſilbernes Theeſervice und ein großer ſtrahlender Krug auf dem Tiſche ſicht⸗ bar geweſen, die Mahlzeit hätte mehr für ein Mittag⸗ eſſen als für ein Frühſtück gehalten werden können. Doch der Gedanke hieran mußte ſofort durch die Zeit — es war neun Uhr Morgens— beſeitigt werden. Welche indeß auch die an dieſer Tafel erwarteten Gäſte ſein mochten, ſo viel war klar, ſie verſtanden gut zu leben. So ſpeiſten ſie alle Tage und bei dem Früh⸗ — ſtück war nichts Außerordentliches, was nicht jeden Morgen vorhanden geweſen wäre. Bald nachdem die Töne der Glocke durch die Halle zu zittern aufgehört, erſchienen auch die, an welche dieſe Ladung gerichtet, und traten in die Halle ein, nicht zu gleicher Zeit, ſondern einer etwas hinten dem andern. Der erſte war ein Herr von etwas mehr als mitt⸗ lerem Alter und Größe, von geſunder Geſichtsfarbe und voller ſtattlicher Geſtalt. Er war in Nankingkleidern, Jacke und Hoſen von weitem Schnitt. Die Jacke war vorn offen und ließ ein Hemde vom feinſten weißen Leinen ſehen, deſſen breite Streifen von keiner Weſte bedeckt. Ein weißer nach hinten umgeſchlagener Kragen zeigte den bloßen nackten Hals, zugleich mit den breiten Backen von röthlicher Geſichtsbarbe rein und friſch raſirt. Aus der Uhrtaſche im Gürtel ſeiner Hoſen hing eine ſtarke goldene Kette mit einem Bund Siegel und Uhr⸗ ſchlüſſel an dem einen Ende, und an dem andern ein ungeheurer Chronometer aus altnordiſchem Guinea⸗ Gold mit weißem Zifferblatt, worauf die ſchwarzen Ziffern deutlich eingegraben. Die Uhr ſelbſt war zu ſehen, da ihr Träger ſie beim Eintreten aus der Taſche gezogen hatte, um ſich zu verſichern, ob ſeine Diener auch auf die Minute pünktlich ſeien, denn der fragliche Herr, kein anderer als Loftus Vaughan ſelbſt, war ſehr ſtreng in ſolchen Dingen.. Nachdem er einen prüfenden Blick auf das aufge⸗ ſtellte Fleiſch geworfen und augenſcheinlich von dem Ge⸗ ſehenen befriedigt war, ſetzte ſich der Herr von Will⸗ 47 4 4 33 kommenberg an den Tiſch mit dem Vorgefühle der ihn erwartenden Genüſſe und lächelndem Antlitze. Kaum hatte er Platz genommen, als vom obern Ende der Halle eine ſchöne Geſtalt näher trat, ein jung⸗ fräuliches Weſen mit friſchen und roſigen Blicken wie die erſten Strahlen der Morgenſonne. Sie war in einem Kleide oder vielmehr in einem Negligee vom reinſten Weiß, einer Morgenhülle von der feinſten Schleierleinwand(Linon), die hinten feſt anſchließend den chwellenden Umriß ihres Rückens verrieth. Das Kleid lag vorn in loſen Falten, kaum die vollen und kecken Wölbungen des Buſens verhüllend, und fiel dann anmuthig herab, ſo daß nichts weiter ſichtbar wurde, als die Spitzen eines. Paares kleiner ſeidener Pantoffeln, die ſich abwechſelnd wie zwei kleine weiße Mäͤuſe zeig⸗ ten, wenn ſie über den ſpiegelgleich glänzenden Fußbo⸗ den hinglitten. Ihr voll und doch fein gerundeter Hals war von einer Schnur Bernſtein⸗Korallen umſchlungen und eine karminrothe Blume— die wunderbare Blüthe des Quamodit— glänzte zwiſchen den breiten Flächten ihres reichen Haares, das von dunkler kaſtanienbrauner Farbe, vorn am Kopf getheilt, ſich in ſanfter Biegung über klare, roſige Wangen ergoß. Nur ein erfahrenes Auge, auf das Genaueſte mit den phyſiologiſchen Keunzeichen der Racen bekannt, hätte hier erkennen mögen, daß das junge Mädchen nicht vom reinſten kaukaſiſchen Blute. Und doch war die ge⸗ ringe wellenförmige Krümmung des lockigen Haares, ein mehr rundes als längliches Geſicht, Augen von der Der Marone. I. 3 allerſchwärzeſten Färbung mit einem unausgeſetzten lich⸗ ten Strahl in ihren Sternen— ain eigenthümlicher ge⸗ mäldeartiger Ausdruck in der Färbung der Wangen, al⸗ les entſchiedene Merkmale, die ein gemiſchtes Blut kund⸗ gaben. In der That war der eigentliche Makel ihrer Farbe nur geringfügig, und es dürfte wirklich ruchlos er⸗ ſcheinen, wenn man von gemiſchtem Blut bei einem ſo anmuthigen und ſchönen Geſchöpfe reden wollte, denn wahrhaft anmuthig und ſchön war die Tochter des Lof⸗ tus Vaughan jedenfalls. Das war nun die„Kleine Quasheba“, die Tochter der mißleiteten und unglücklichen Quadrone. Klein war jetzt gerade kein geeignetes Wort mehr für ein junges Mädchen, das im Begriffe, die Schwelle der Weiblich⸗ keit zu überſchreiten und durch ſeine kräftig, wenn auch anmuthig entwickelten Formen mehr den Eindruck des Majeſtätiſchen als des Kleinen hervorrief. Beim Eintritte in die Halle ſetzte das junge Mäd⸗ chen ſich nicht ſogleich auf ſeinen Platz, ſondern ſchlüpfte hinter den Stuhl, wo ihr Vater ſaß, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. Das war ihr gewöhnlicher Morgengruß, welcher klar bewies, daß ſie ſich dieſen Morgen jetzt zuerſt ſahen. Nicht, daß ſie erſt jetzt aufgeſtanden wären, denn beide waren ſchon viel früher draußen geweſen und mit der Sonne auf, wie der allgemeine Gebrauch auf Jamaica. Herr Vaughan war in die Halle von der großen Außenthür aus eingetreten, und der italieniſche Stroh⸗ hut wie der Stock in ſeiner Hand bewieſen, daß er ſchon ——— —— 3⁵ einen Spaziergang gemacht, vielleicht um die Arbeit in den Mühlen nachzuſehen oder um ſich von den Fort⸗ ſchritten auf ſeinen ausgedehnten Zuckerfeldern zu über⸗ zeugen. Käthchen war eine halbe Stunde zuvor in's Haus gekommen im Reitanzuge, Hut, Reitkleid und Peitſche, 5 welche zeigten, daß ihre Morgenbewegung zu Pferde ge⸗ weſen. Nach der bereits erwähnten Begrüßung ihres Vaters nahm das junge Mädchen ſeinen Sitz vor dem großen Theekeſſel ein und begann das Frühſtück zu bereiten. Hierin ſtand ihr ein Mädchen bei von offenbar dem⸗ ſelben Alter, aber von ganz verſchiedenem Ausſehn. Es war ihre Dienerin, die mit ihr zuſammen gekommen und ihren Platz hinter dem Stuhle ihrer Herrin eingenommen. In der Erſcheinung dieſes jungen Mädchens lag eiwas eigenthümlich Beſonderes, ſowohl in ihrer Geſtalt als in der Farbe ihrer Haut. Sie beſaß jenen ſchlan⸗ ken klaſſiſchen Wuchs, den wir bei antiken Bildwerken treffen, zugleich mit den Formen der indiſchen Frauen, die in England Ajahs genannt werden und die ſehr vom Negertypus verſchieden ſind. Ihre Geſichtsfarbe war auch nicht die einer Negerin, noch weniger die einer Mulattin oder einer Quadrone. Es war eine Miſchung von Schwarz und Roth, woraus eine lichte Kaſtanien⸗ oder Mahagoni⸗Farbe entſtanden, die in Verbindung mit einem röthlichen Anfluge auf den Wangen einen nicht unangenehmen Eindruck hervorbrachte. Auch die Geſichtszüge waren keineswegs die einer Negerin, im Gegentheil ſehr davon verſchieden. Die 3* Lippen waren dünn, das Geſicht länglich und die Naſe von adlergleichem Schnitt, wie es bei egyptiſchen Stein⸗ bilderwerken angetroffen oder noch jetzt lebendig bei den Arabern geſehen wird. Ihr Haar war nicht wollig, obgleich von dem eines Europäers ſehr verſchieden. Es war ſchlicht und doch ſchwarz, reichte aber kaum auf ihre Schultern, obgleich es nicht abgeſchnitten war, denn es ſchien im vollſten Wachsthum zu ſein und ertheilte, während es leicht über die Ohren fiel, dem braunhäu⸗ tigen Mädchen einen eigenthümlichen Glanz. Sie war durchaus nicht häßlich, und einem an den Ausdruck ihres Geſichtes Gewöhnten möchte ſie ſelbſt ſehr hübſch geſchienen haben. Ihre feine Geſtalt, noch mehr gehoben durch die außerordentlich knappe Kleidung, ein ärmelloſes Gewand mit einem Madras⸗Schleiertuch um ihren Kopf à la toque gewunden, die anmuthige Haltung, die ihr angeboren, ſowohl wenn ſie in Bewe⸗ gung war, als wenn ſie hinter dem Stuhle ihrer Herrin ſtand, der flüchtige Blick ihres ſchönen ſtolzen Auges und die perlengleiche Weiße ihrer Zähne, Alles trug dazu bei, ein Gebilde herzuſtellen, das keineswegs ge⸗ wöhnlich war. Dieſes junge Mädchen war eine Sclavin, die Scla⸗ vin Yola. Anſtatt gerade in die Mitte des Raumes, war der Frühſtückstiſch ein wenig zur Seite der Eingangsthür geſtellt, damit die durch die offenen Jalouſien eindrin⸗ gende friſche Luft beſſer empfunden werden konnte, wäh⸗ rend man auch zugleich einen freieren Blick auf die Landſchaft draußen genoß. In der That, es war ein — 37 ſchöner Anblick, das ganze Thal von einem Ende zum andern umfaſſend mit ſeinem langen palmenbeſchatteten Baumgange, die Krümmung des Montegofluſſes, die Dächer und Thürme der Stadt, die Schifffahrt in der Bay und auf der Rhede, die Bay ſelbſt und fern⸗ hin den blauen Karaibiſchen See. So ſchön die Landſchaft, fühlte Herr Vaughan doch gerade keine Neigung, darauf zu ſehen. Er war zu emſig mit dem ſchönen Fleiſch auf dem Frühſtückstiſche beſchäftigt, und wenn er Zeit fand, einen Blick durch's Fenſter zu werfen, ſo erſtreckte ſich dieſer kaum weiter als auf den im Zuckerfelde beſchäftigten Negerhaufen, um zu ſehen, ob ſeine Sclaventreiber auch ihre Schul⸗ digkeit thäten. Die Augen des Fräulein Vaughan waren deſto öfter nach außen hin gerichtet, denn gerade jetzt mußte, wie gewöhnlich, einer von Herrn Vaughan's Dienern von Montegobay zurückkehren und die Briefe von der Poſt mitbringen. Deſſenungeachtet verrieth ihr Weſen nicht eine beſondere innere Aufgeregtheit, ſondern es war lediglich das lebendige Intereſſe, welches junge Da⸗ men in allen Ländern bei Erwartung des Briefträgers fühlen, wenn ſie auf einen jener kleinen Briefe von mindeſtens zwölf eng und zuweilen noch ſelbſt in die Linien beſchriebenen Bogen hoffen, die allerdings oft höchſt ſchwierig zu enträthſeln, aber für ſie dennoch viel intereſſanter ſind, als ſelbſt die Seiten des neueſten Romans.— Noch mehr Anziehungskraft ſchien die Landſchaft für das Mädchen, die Sclavin Yola, zu ha⸗ ben, oder vielmehr das vor ihren Augen offen liegende Meer. Wenn ihre Aufmerkſamkeit auf den Frühſtücks⸗ iiſch nicht erforderlich, wandten ſich ihre Augen zuwei⸗ len auf die entfernte See mit einem fremdartigen, träu⸗ meriſchen Ausdrucke, als wenn ihre Gedanken weit, weit fort in das ferne Land ihrer Geburt ſchweiften,— jene afrikaniſche Heimath, aus der ſie mit Gewalt in die Ge⸗ fangenſchaft getrieben und als Sclavin verkauft. Welche Ungeduld Fräulein Vaughan übrigens nach der Ankunft der Poſt empfunden haben mochte, ſie ward bald geſtillt, denn nur wenige Minuten nach dem Tönen der Früh⸗ ſtücksglocke verkündete ein dunkler Gegenſtand in der großen Allee das Herannahen von Ouashie, dem Brief⸗ boten, und bald nachher galoppirte ein gnomenartiger Negerbube auf einem gewöhnlichen kleinen Klepper dicht bis an den Hauseingang, warf ſeinen Beutel dem Die⸗ ner zu, der unten auf der Treppe ſtand, und wandte ſich dann nach dem Stalle. Hatte das ſchöne Käthchen wirklich einen Brief er⸗ wartet, ſo ward ſie arg getäuſcht, denn es waren nur zwei Briefe da und eine Zeitung, und alle drei Sachen waren für Herrn Vaughan ſelbſt. Beide Briefe trugen den engliſchen Poſtſtempel; die Aufſchrift des einen ward von ihm ſofort erkannt und ein gefälliges Lächeln flog über ſeine Züge, als er das Siegel erbrach. Wenige Minuten genügten, um ihn den Jahalt des Briefes kennen zu lehren, während das Lächeln zu einem Blicke lebhafter Befriedigung anwuchs. Er erhob ſich vom Stuhle, ſchritt einige Zeit auf und nieder, ſchnippte verſchiedentlich mit den Fingern und rief aus:„Gut, ſehr gut! Ich wußte es vorher!“ 3 2 82 39 Seine Tochter betrachtete ſein Benehmen mit Ver⸗ wunderung. Ihr Vater war gewöhnlich höchſt ernſt, ja zu Zeiten ſogar finſter, und ſolche Aeußerungen der Fröhlichkeit waren bei Loftus Vaughan äußerſt ſelten. „Angenehme Nachrichten, Papa?“ „Ja, Du kleiner Schelm, ſehr angenehme.“ „Kann ich ſie nicht wiſſen?“ „Ja— nein, nein!— jetzt noch nicht.“ „Aber, Papa, das iſt ja recht grauſam von Dir, es mir nicht zu ſagen. Ich verſpreche, ich wil Deine Freude theilen.“ „Das wirſt Du ſchon, wenn Du die Neuigkeit hörſt — das heißt, wenn Du nicht eine kleine Närrin biſt, Käthchen.“ „Ich eine Närrin, Papa? So werde ich ſchwerlich genannt ſein, wenn Fröhlichkeit genügt, um mir dieſen Vorwurf zu erſparen.“ „O, Du würdeſt eine Närrin ſein, wenn Du nicht fröhlich wäreſt.— Doch nun laß es gut ſein, Kind. Ich will Dir Alles nach und nach ſagen, ganz gewiß.“ Dann fuhr er fort, indem er beſtändig mit ſeinen Fin⸗ gern wie in einer Art von wirrer Entzückung knackte, wiederholt zu ſagen:„Wohl, wohl, ganz wohl! Ich wußte es vorher, ich wußte, er würde kommen.“ „Erwarteſt Du Jemand, Papa?“ „Ja,— rathe, wer es iſt!“. „Wie könnt' ich das? Du weißt ja, ich kenne Deine engliſchen Freunde nicht, und ich ſehe, der Brief trägt einen engliſchen Poſtſtempel.“ 40 „Kennſt Du ihre Namen nicht? Du haſt ihre Na men gehöxt und Briefe von einigen geſehen.“ „O ja, ich höre Dich oft von einem reden— von einem Herrn Smythje— ein komiſcher Name, wahr⸗ haftig. Ich möchte nicht Smythje heißen, für Alles in der Welt!“ „Was, was? Smythje iſt ein ſehr hübſcher Name, beſonders mit Montagu davor. Montagu iſt prächtig, und Herr Smythje iſt der Eigenthümer von Schloß Montagu.“ „Aber, Papa, wie kann das den Namen beſſer klin⸗ gen machen? Iſt er's, den Du erwarteſt?“ „Ja, liebes Kind. Er ſchreibt mir, daß er mit dem nächſten Schiffe kommen will, die Seenymphe iſt ſein Name. Es ſollte eine Woche, nachdem der Brief ge⸗ ſchrieben, abſegeln, ſo daß wir ſeine Ankunft in weni⸗ gen Tagen erwarten können. Wahrhaftig, ich muß Vorbereitungen treffen. Du weißt, Schloß Montagu iſt etwas baufällig, er muß mein Gaſt ſein, und höre mal, Käthchen!“ fuhr der Pflanzer fort, indem er ſich abermals an den Tiſch ſetzte und ſich zu ſeiner Tochter hinbeugte, damit ſeine Stimme nicht von den Bedienten gehört werden möchte,„Du mußt Dein Beſtes thun, dieſen jungen Fremden zu unterhalten. Er ſoll ein ſehr feiner Mann ſein, und ich weiß, er iſt reich. Es iſt in meinem Intereſſe, freundlich gegen ihn zu ſein,“ fügte Herr Vaughan mit viel ſchwächerer Stimme und gleichſam mit ſich ſelbſt redend hinzu, aber immer laut genug, daß ſeine Tochter ihn verſtehen konnte. „Lieber Papa!“ war die Antwort,„wie könnte ich 41 denn anders als höflich gegen ihn ſein? Wenn ſelbſt blos Deinetwegen—“ „Wenn blos Deiner ſelbſt wegen,“ unterbrach der Vater ſie und begleitete dieſe Bemerkung mit einem ſchlauen Blicke und Lächeln.„Aber, liebes Käthchen,“ fuhr er fort,„wir werden wohl noch Zeit haben, hier⸗ über weiter zu ſprechen; ich muß den andern Brief leſen. Von wem auf der Welt der nur ſein mag? Freilich, nie zuvor ſah ich die Handſchrift.“ Die Ankündigung des bevorſtehenden Beſuches des Herrn Montagu Smythje mit dem Trompetenvorſpiele ſeiner mannigfachen Vortrefflichkeiten— deren hohe Lob⸗ preiſung Käthchen nun freilich nicht zum erſten Male gehört hatte— ſchien in dem Herzen der jungen Qua⸗ drone gerade keine ſo ſehr lebhafte und freudige Erre⸗ gung hervorzubringen, wenigſtens war nichts davon wahrzunehmen. Sie hatte die Nachricht mit vollkom⸗ mener Gleichgiltigkeit aufgenommen, indem ſie ſich wenig um ihn kümmerte. Wenn ſie überhaupt eine Meinung über ihn hegte, ſo war dieſe eher gegen ihn, denn zu⸗ fällig war Vieles von dem, was ſie über dieſen Herrn gehört, durchaus nicht geeignet, ſie zu ſeinen Gunſten einzunehmen. Und ſie hatte vielerlei über ihn ſowohl von ihrem Vater, wie von ihres Vaters Bekanntſchaften gehört, da der Herr von Schloß Montagu oftmals der Gegenſtand des Geſpräches nach dem Mittageſſen geweſen. Auf Jamaica war Herr Montagu Smythje nur dem Namen nach bekannt, denn während der ganzen Zeit ſeiner Minderjährigkeit von der früheſten Kindheit an hatte er ſich in London aufgehalten. Er war ein wahrhaftes Londoner Stadtkind(cockney), nicht nur durch Erzie⸗ hung, ſondern auch von Geburt, denn er war nicht der Sohn des verſtorbenen Eigenthümers von Schloß Mon⸗ tagu, ſondern nur ſein Neffe und Erbe. 62 iſt bereits erzählt, daß Käthchen Vaughan gerade nichts von dieſem jungen Mann gehört, was im Stande geweſen, irgend ein beſonderes Intereſſe zu ſeinen Gun⸗ ſten zu erregen, ſondern gerade das Gegentheil. Sie hatte gehört, daß er ein Exquiſiter— ein wahrhafter Laffe— vielleicht von allen Charakteren der einer jun⸗ gen Creolin am meiſten widerliche, denn ungeachtet ihrer natürlichen lebhaften Neigung, ſich in eine ſchöne per⸗ ſönliche Erſcheinung zu verlieben, ſo muß dieſe doch ſtets von gewiſſen geiſtigen Eigenſchaften, von der größ⸗ ten Moralität, ja ſelbſt von der höchſten Verſtandsüber⸗ legenheit begleitet ſein, was allerdings gänzlich verſchie⸗ den iſt Ion der frivolen Bildung des bloßen Stutzerthums. Die Natur, die ein Creolenmädchen treibt, ihr ganzes Herz ohne allen Rürkhalt wrgzugeben, hat ſie auch ge⸗ lehrt, es mit Ueberlegung zu verſchenken, und ein ge⸗ wiſfer Inſtinkt warnt ſie, ihre koſtbare Gabe nicht auf einen des Opfers unwürdigen Altar uiederzulegen. Noch ein anderer Umſtand trug dazu bei, in Käth⸗ chen Vaughan's Herzen ein gewiſſes zurückſtoßendes Gefühl gegen den Herrn von Schloß Montagu zu er⸗ zeugen, und dieſer war das Betragen ihres eigenen Va⸗ ters in Bezug auf ihn. Von Zeit zu Zeit, wenn er von Herrn Montagu Smythie geſprochen, hatte er ſich gewiſſer Ausdrücke und Anſpielungen bedient, die, wenn 43 auch in zweideutiger Sprache vorgebracht, dennoch von dem jungen Mädchen ganz wohl verſtanden waren. Das Herz der Frau verſteht ſchnell und leicht, ſelbſt ſchon im früheſten Jungfrauenalter ſehr wohl Alles, was ſich auf die Verfügung über ſich ſelbſt bezieht. Es iſt außerordentlich geneigt, jedem Bemühen zu widerſtehen, das darauf hinzielt, es von ſeinen natürlichen Zunei⸗ gungen abzuziehen und es ſeines Rechtes der gänzlich freien Wahl zu berauben. Vaughan hatte, da er dieſe geheimen Wahrheiten durchaus nicht kannte, ſelbſt einen Wall gegen ſeine eigenen Abſichten errichtet, während er gerade vermeinte, vollkommen erfolgreich bei Hinweg⸗ räumung der ihm entgegenſtehenden Hinderniſſe, ſo wie beim Ebenen und Verkürzung des Weges zu ſein. Im Eheſtiften war Herr Vaughan daher offenbar nur ein Stümper, denn es war wohl klar, daß er hier eine Ehe zu ſtiften beabſichtigte. „Niemals zuvor die Handſchrift geſehen,“ ſagte er, als er das Siegel des zweiten Briefes erbrach. Hatte der Inhalt des erſten Briefes ihn mit Freude erfüllt, ſo erzeugte der des zweiten eine ganz entgegen⸗ geſetzte Wirkung. „Iſt todt!“ rief er aus, indem er den Brief zu⸗ ſammenlegte, als er ihn zu Ende geleſen, und dann noch einmal leidenſchaftlich vom Stuhle aufſprang. „Todt oder lebend, der unglückſelige Bruder ſcheint für mich als Fluch geboren zu ſein! Als er noch lebte, hatte er immer Geld nöthig, und nun er todt iſt, ſchickt er ſeinen Sohn, einen Thunichtgut, wie er ſelbſt, um mich zu ſtören, ja vielleicht um mich zu entehren.“ —— — „Nun, lieber Vater!“ ſagte das junge Mädchen, maehr über ſein wild auffahrendes Verhalten beſtürzt, als über das, was er geſagt, denn die Worte waren mit ſchwacher Stimme, gleichſam im Selbſtgeſpräche her⸗ gemurmelt,—„hat der andere Brief unliebſame Nach⸗ richt gebracht?“ „Ja, wahrhaftig! Du magſt ſelbſt leſen!“ Und wiederum ſetzte er ſich, ſchleuderte das unwill⸗ kommene Schreiben quer über den Tiſch und begann mit augenſcheinlicher Gierigkeit wieder zu eſſen, als ob er hierdurch ſein aufgeregtes Gemüth beruhigen wollte. Käthchen nahm den hingeworfenen Brief und durchflog, während ſie die Falten glättete, deſſen Inhalt. Das Durchleſen erforderte nicht ſo ſehr viele Zeit, denn im Verhältniß, daß der Brief einen ſo langen Weg gemacht, war ſein Inhalt wirklich ſehr kurz:— London, den 10. Juni 18—. Lieber Onkel! Ich habe Ihnen die traurige Nachricht mitzutheilen, daß Ihr Bruder, mein theurer Vater, nicht mehr iſt. Seine letzten Worte waren, ich ſollte zu Ihnen gehen, und in Erfüllung dieſes ſeines Wunſches habe ich die Ueberfahrt nach Jamaica beſchloſſen. Das Schiff iſt die Seenymphe und wird am 18. dieſes abſegeln. Ich weiß nicht, wie lange wir auf See ſind,— doch ich hoffe, es wird nur eine kurze Fahrt werden, da des ar⸗ men Vaters Sachen alle vom Gerichtsdiener fortgenom⸗ men worden und ich aus Mangel an Geld gezwungen bin, die Fahrt als Zwiſchendeckspaſſagier zu machen, 45 was durchaus keine ſehr angenehme Art zu reiſen ſein ſoll. Doch ich bin jung und ſtark und werde es ohne Zweifel gut aushalten. 8 Ihr zärtlicher Neffe 3 Herbert Vaughan. Sechſtes Kapitel. ZHer arme Menſch. Welchen Eindruck das Leſen des Briefes auch auf Käthchen Vaughan hervorgebracht haben mochte, ſicherlich war es nicht Unwillen. Im Gegentheil, ein Ausdruck des Mitgefühls ſchlich über ihr Geſicht, als ſie den In⸗ halt des Briefes muſterte; und als ſie ihn beendet, ent⸗ ſtrömte ihren Lippen gleichſam unwillkürlich und nur gerade noch hörbar der Ausruf:„der arme Menſch!“ Sie wußte in der That von Herbert Vaughan kaum etwas Weiteres als den Namen, und daß er ihr Vetter ſei; aber das Wort Vetter beſitzt beſonders in dem Ohr zunger Leute einen anziehenden Ton, der an Intereſſe dem einer Schweſter oder eines Bruders gleichkommt, ja ihn zuweilen noch übertrifft. Unbezweifelt iſt die für einen Blutsverwandten ge⸗ fühlte Neigung ein Inſtinkt der Natur, und wenn er zeitweiſe auch verläugnet und zur Abneigung, ja ſelbſt zum Haſſe verkehrt wird,— wo etwa Geiz oder eine andere Leidenſchaft die Oberhand gewinnt,— die Ab⸗ neigung iſt die Ausnahme, nicht die Regel. Bei Loftus Vaughan hatte weltlicher Ehrgeiz zuſam⸗ men mit Geldgier die volle Herrſchaft über ſein Herz gewonnen und jede Spur brüderlicher Zuneigung zer⸗ ſtört. Unter dem Einfluſſe dieſer giftigen Leidenſchaften hatte er längſt aufgehört, ſich um ſeine Verwandten zu bekümmern, und ſelbſt die kleinen armſeligen Summen, die er von Zeit zu Zeit ſeinem weniger beglückten Bru⸗ der zugeſandt, waren von ihm nur durch wiederholtes und ernſthaftes Anflehen erlangt und mit grollendem Widerſtreben gegeben worden. Solche Leidenſchaften waren in dem Herzen ſeiner Tochter nicht vorhanden, die ihre Triebe mißleiten und ſie aus ihrer wahren Natürlichkeit irre zu führen ver⸗ mochten, und obgleich ſie nur ſehr wenig von ihrem Verwandten wußte, ſo hatte doch die Bezeichnung Vetter alle die natürlichen Triebe der Zärtlichkeit in ihr geweckt, die gewöhnlich dadurch hervorgerufen werden. Herbert Vaughan war der einzige, der mit ihr in dieſer Weiſe verwandt war, und überhaupt wußte ſie mit Ausnahme dieſes jungen Mannes und ihres eigenen Vaters— nun, da des Vaters Bruder todt— von kei⸗ nem andern Verwandten auf der weiten Erde, da weder ihre Mutter noch ihrer Mutter Verwandtſchaft ihr jemals bekannt geweſen. Sie hatte weder Bruder noch Schweſter gehabt, und Herbert Vaughan war nicht nur ihr Vetter, ſondern ihr einziger Vetter. Dies Gefühl, eine halbe Waiſe zu ſein, mag das inſtinktmäßige Band, das die Natur gewoben, wohl noch verſtärkt haben. Noch ein anderer Umſtand konnte vielleicht gleichen 4 47 Einfluß ausüben. Obgleich von jedem Luxus umgeben— und von einer Maſſe von Sclaven bedient, fehlte ihr doch immer Etwas, deſſen Entbehrung ſie tief fühlen mußte. Ihres Vaters Freunde waren nur Tiſchfreunde und ſämmtlich nicht von ihrem Geſchlechte. Ihre Frauen, Schweſtern und Töchter wurden ſelten auf Willkom⸗ menberg geſehen, und wenn ſie zufällig dort erſchienen, ſo zeigte ihr Betragen offenbar, daß ſie die Freunde des Herrn Vaughan, nicht die ſeiner Tochter waren. Zwi⸗ ſchen ihnen und Fräulein Vaughan war eine gewiſſe Zurückhaltung, eine gewiſſe Kälte des Betragens, die, obgleich vielleicht für einen mit jamaicaniſcher Geſellſchaft nicht Vertrauten unbemerkbar, dennoch wirklich vorhan⸗ den waren. Das junge Mäͤdchen wußte es ſelbſt, ob⸗ wohl ſie den Grund davon nicht kannte und ſich in ihrer einfachen Unſchuld gar nicht darum bemühte, ihn zu er⸗ fahren. Denn glücklicher Weiſe hatte man niemals von dem Makel ihres Blutes geredet und ſie wußte gar nicht, daß mit der Benennung„kleine Quasheba“ eigentlich ein Schimpf verbunden ſei. So lange hatte ein gün⸗ ſtiges Geſchick dieſe demüthigende Kunde von ihr fern gehalten. Dennoch fühlte ſie ſtets eine gewiſſe geſellige Jſoli⸗ rung, einen Mangel an wirklichen Freuden; und dies hatte unbezweifelt dazu beigetragen, ihr Herz ſowohl wie ihre Geſichtszüge mit einem Charakter von Selbſtbeherr⸗ ſchung und Selbſtvertrauen zu erfüllen, der ihrem ju⸗ gerndlichen Alter wenig entſprach. Dies hatte auch die Bande der Zärtlichkeit, die ſie an ihren Vater knüpften, verſtärkt. Und ſollte es nicht ch der Benenung„Vetter“ ein größeres Jutereſſe ver⸗ liehen haben? War dies wirklich ber Fall oder war es lediglich kindliches Mitgefühl mit dem Mißgeſchick; ſo viel iſt gewiß, daß Käthchen Vaughan, als ſie den Brief wieder auf den Tiſch legte, die Worte entſchlüpften:„der arme Menſch!“ Obſchon, wie bereits erwähnt, in einem kaum hör⸗ baren Tone vorgebracht, erreichten dieſe Worte doch das Ohr ihres Vaters. „Der arme Menſch!“ wiederholte er, ſich heftig nach ſelner Tochter hinkehrend und ſie mit einem mißvergnüg⸗ ten Blicke betrachtend.„Ich bin verwundert, Käthchen, Dich in ſolchem Tone von Jemandem ſprechen zu hören, der nichts gethan, um Dein Mitleid zu verdienen. Ein fauler Burſche, ein Thunichtgut, gerade wie ſein Vater auch geweſen. Und wenn ich nur daran denke,— kommt hierher als Zwiſchendeck⸗Paſſagier, in demſelben Schiffe mit Herrn Montagu Smythje! Teufel nochmal! Was für eine Schande! Herr Smythje wird gewiß er⸗ fahren, wer er iſt, obwohl er ſich eigentlich mit ſolcher Kanaille nicht einläßt. Er muß den Burſchen ſehen, und wenn er ihn dann hier wiederſieht, wird er ſich ſei⸗ ner ſchon erinnern. Ja, ich muß Maßregeln nehmen, das zu verhüten.»Der arme Menſch!« in der That, arm genug, aber nicht in dem Sinne. Ganz wie ſein Vater, wahrhaftig, der zwiſchen Malerpinſel und Palette in den Tag hinein lebte, anſtatt ein einträgliches Ge⸗ ſchäft zu ergreifen, blos um ein Känſiler genannt zu werden. Arm! Poſſen das! Pah, laß mich das nicht wieder hören!“ Und als Herr Vaughan ſo ſein böswilliges und übel gelauntes Geſchwätz beendet, zog er den Umſchlag von der Zeitung ab und ſuchte durch deren Inhalt ſeinen Geiſt von dem unangenehmen Gegenſtande des Briefes wie ſeines Schreibers abzuziehen. Das junge Mädchen, durch die ganz ungewohnte Heftigkeit des Verweiſes beſchämt und außer Faſſung gebracht, ſaß mit niedergeſchlagenen Augen und ohne weiter eine Antwort zu geben. Die rothe Farbe ihrer Wangen war dunkler geworden und bis an ihre Stirn gedrungen, aber ungeachtet der ihren Gefühlen angethanen Gewalt, war es leicht zu bemerken, daß das Mitgefühl, 8 welches ſie für ihren armen und unbekannten Vetter ge⸗ zeigt, noch eben ſo tief wie zuvor empfunden wurde. Weit entfernt, daſſelbe erſtickt oder unterdrückt zu haben, hatte des Vaters Benehmen es vielmehr noch vergrößert und verſtärkt, denn das Sprichwort von dem geſtohlenen Waſſer bleibt ſtets wahr, und die verbotene Frucht iſt heute noch gerade ſo verlockend, als ſie es am Schöpfungsmorgen geweſen. Wie es zu Anfang war, ſo wird es ewig bleiben. Siebentes Kapitel. Das Selavenſchiff. Die glühe weſtindiſche Sonne ſank ſchnell hinab in die Kar See, gleich als wollte ſie eilen, ihre Der Marone. 4 4 feurige Scheibe im blauen Waſſer abzukühlen, da um⸗ —— fuhr ein Schiff Pedro Point auf der Inſel Jamaica, ſtlich von der Montegobay. Es war ein dreimaſtiges Schiff, eine Barke, wie an dem dreieckigen Segel ihres Beſanmaſtes erkannt werden konnte, und augenſcheinlich einige drei⸗ bis vierhundert Tonnen groß. Da es bei einem ſehr ſanften Winde fuhr, waren alle ihre Segel ausgebreitet und das vom Winde ver⸗ witterte Ausſehen derſelben bezeugte, daß es nun nach Beendigung einer langen Seereiſe am Lande anlegen wollte. Dies ward noch bemerkbarer durch die ver⸗ blichene Farbe ſeiner Seitenwände und durch die dunklen ſchmutzfarbigen Stellen, welche die Lage ſeiner Klüs⸗ löcher und Speigaten bezeichneten. Außer der Privatflagge, die wimpelgleich von der Spitze flatterte, wehte noch eine andere über dem Taff⸗ rail, die, durch die Bewegung des Schiffes ausgebreitet, ein blaues Sternenfeld mit weißen und hochrothen Streifen zeigte. Dieſe Flagge, obwohl ſtolz als die Fahne der Freien geprieſen, deckte hier eine Ladung Sclaven: das Schiff war ein Sclavenſchiff. Nachdem es gerade in die Bucht einfuhr, doch ſtets noch in großer Entfernung von der Stadt, konnte man es ploͤtzlich wenden ſehen. Anſtatt weiter in den Hafen aufwärts 3 zu gehen, bewegte es ſich nach einem Punkte an der 4 Südſeite, wo die Küſte unbewohnt und einſam war. Als das Schiff ungefähr eine Meile vom Lande war, zog es die Segel ein, bis alle Leinwand an der Segelſtange zuſammengewickelt war. kündigte das — — 51 durchdringende eiſernen Ring der Klüslöcher gezogen wurde, derlaſſen des Ankers an. Wenige Augenblicke ſpäter ſchwang ſich das Schiff herum, trieb vor dem Strome, bis die Ankerkette ſich ſtraff zog, und lag dann bewe⸗ gungslos auf dem Waſſer. Den Grund, warum das Sclavenſchiff ſo dicht vor dem Hafen Anker geworfen, werden wir kennen lernen, wenn wir bei ihm an Bord gehen, obwohl dies eine Erlaubniß war, die dem Müßigen und Neugierigen nicht gegeben wurde.„Nur die Eingeweihten durften dem Schauſpiele, deſſen Bühne jetzt das Schiffsdeck wurde, beiwohnen, nur ſolche, die bei der Verfügung über die Ladung ernſtlich intereſſirt waren. ſchien auf dem Selavenſchiff Von fern betrachtet, ſ Alles vollkommen ruhig zu ſein; dennoch fand auf ſeinem Decke ein Auftritt von ſeltenem und peinlichen Intereſſe ſtatt. Die Barke führte eine Ladung von zweihundert menſchlichen Weſen,„Ballen“, nach der Redensart der Sclavenhändler. Dieſe Ballen waren nicht alle gleich. Es war, wie der Schiffer es im Scherz nannte, eine „aſſortirte Ladung“, d. h. eine, die an verſchiedenen Plätzen der afrikaniſchen Küſte eingenommen war und demnach mancherlei Verſchiedenheiten der äthiopiſchen Race enthielt. Da war der braungelbe oder verſtändige Mandingo, und ihm zur Seite der Jolof, ſchwarz wie Ebenholz; dort der ſtolze und kriegeriſche Koromantis neben dem gelehrigen und unterwürfigen Pawpaw; des⸗ gleichen der gelbe Ebo mit dem Geſichte eines Pavians, elend und verzagend beim Anblick eines menſchenfreſſenden 5 4 Geraſſel der Kette, wie ſie durch den — Moco, oder bei den Handgelenken zuſammengekettet mit dem leichtherzigen Eingeborenen Congo's und Angola's. Doch am Bord des Selavenſchiffes ſchien in der That Keiner leichtherzig zu ſein. Die Schrecken der Ueber⸗ fahrt im Mitteldeck hatten Alle gleich angegriffen, und ſelbſt die tanzenden Bewohner Congo's, wie die zum Selbſtmorde ſo geneigten Lucumen, ſchienen alle unter gleicher Niedergeſchlagenheit zu leiden. Das glänzende, ſich ihren Augen darbietende Gemälde, eine in allen Farben der tropiſchen Pflanzenwelt ſtrahlende Landſchaft, ward von ihnen mit ſehr verſchiedenen Gefühlen be⸗ trachtet. Einige ſchienen mit vollkommener Gleichgiltig⸗ keit darauf zu ſehen, Andere erinnerten ſich dabei ihrer eigenen afrikaniſchen Heimath, von der ſie durch rauhe und gewaltſame Männer fortgeſchleppt waren; während nicht Wenige auf Alles mit Gefühlen höchſt ſchlimmen Verdachts blickten, nämlich glaubend, daß es das Land der gefürchteten Koomi, das Land der gigantiſchen Men⸗ ſchenfreſſer ſei, und daß ſie hierher gebracht wären, um nun gefreſſen zu werden! Einiges Nachdenken mochte ſie alsdann wohl bald überzeugen, daß dies ſchwerlich die Abſicht der Tobon⸗ doo ſei— dieſer weißen Tyrannen— von denen ſie über’s Meer geführt wurden. Der harte, unausgehülſ'te Reis und grobes Mais⸗ korn— ihre einzige Nahrung während der langen Reiſe— waren indeß in der That keine geeignete Speiſe, um ſie für ein Feſt von Anthropophagen fett zu machen; und ihre einſt ſo glatte und glänzende Haut war nun trocken, runzelig und zuſammengeſchrumpft, bedeckt mit Schorf und den Schrammen der abſcheulicher 53 Cra-cra. 4 Die Schwarzen unter ihnen waren durch die Leide der ſchreckenvollen Reiſe aſchgrau geworden, und die Gelben hatten eine kränkliche und gallige Farbe ange⸗ nommen. Männer wie Frauen— denn unter ihnen befanden ſich auch viele Frauen— ſchienen in gleicher Weiſe der Gegenſtand der allerſchlimmſten Behandlung geweſen zu ſein, alleſammt Opfer eines vom Hunger gepeinigten Magens und einer erſtickenden Atmoſphäre. Ein halbes Dutzend Frauen in der Nähe der Kajüte gewährte freilich einen etwas verſchiedenartigen Anblick. Dies waren junge, wegen ihrer hervorſtechenden Vorzüge perſönlicher Reize aus dem großen Haufen ausgewählte Mädchen, und ihre prunkenden, mit der vollkommenen Nacktheit ihrer Reiſegenoſſen im grellſten Widerſpruche ſtehenden Kleider, mit denen ihre Körper geſchmückt waren, verriethen ſehr deutlich, warum ſie ſo ausge⸗ zeichnet worden. Ein Abſcheu erregender Gegenſatz— Eitelkeit und Leichtfertigkeit inmitten des ſchrecklichſten Jammers! Auf dem Hinterdeck ſtand der Sclavenſchiffer,— ein langer, dünner Menſch von bleicher Farbe, und ne⸗ ben ihm ſein Oberſteuermann, ein ſchwarzbärtiger, roh ausſeheuder Strolch, während einige Dutzend Männer vom ſelben Schlage, nur niedriger im Range, an ver⸗ ſchiedenen Plätzen des Schiffes vertheilt waren. Dieſe ſtießen, während ſie auf dem Deck hin⸗ und herwanderten, zuweilen ſchreckliche Flüche aus und wa⸗ ren oft gewaltthätig gegen den einen oder andern ihrer —— — — unglücklichen Gefangenen, offenbar nur aus bloßer Luſt an Grauſamkeiten. Gleich nachdem der Anker gefallen und die Taue aufgewickelt und an ihren Platz gelegt waren, begann ein neuer Aufzug Ekel erregenden Schauſpiels. Die le⸗ bendigen Ballen, bisher unten zurückbehalten, wurden nun auf's Deck gebracht oder vielmehr getrieben,— nicht Alle zugleich, ſondern in Abtheilungen von drei und vieren. Jeder der den Weg durch die Luken aus dem Unterdeck Heraufkommenden ward ſofort von einem Matroſen ergriffen, der mit einer ſanften Bürſte in der Hand und einem Eimer zu Füßen dabei ſtand. Der Eimer enthielt eine ſchwarze Miſchung von Schießpulver, Citronenſaft und Palmenöl. Von dieſer Miſchung bekam der gänzlich widerſtandsloſe Gefangene einen kleinen Theil, der dann von einem andern Matroſen mit der Hand eingerieben und mit einer feinen Bürſte geglättet wurde, bis die ſchwarze Hautoberfläche wie ein friſch gewichſter Stiefel glänzte. Für die, welche dies geſehen, ohne die Abſicht und den Zweck zu kennen, möchte es allerdings ein höchſt befremdendes Bild geweſen zu ſein, aber den jetzt Zu⸗ ſehenden war dies keineswegs ein ſo ungewöhnlicher An⸗ blick, denn es war jedenfalls nicht das erſte Mal, daß dieſe gefühlloſen Leute dabei waren, wenn eine Fracht Sclaven für den Markt bereit gemacht wurde! Einer nach dem andern wurden dieſe dunkelhäutigen Opfer menſchlicher Habſucht von unten heraufgebracht und der Teufelsſalbung unterworfen,— die ſie Alle ohne Ausnahme mit vollkommener, gegen Alles gleich⸗ 55⁵ giltiger Entſagung duldeten, gleich wie Schafe unter der Hand ihrer Scheerer. In den Blicken Mancher von ihnen konnte man noch Einiges von jener Vorſtellungsweiſe erkennen, die ſie in den erſten Stunden ihrer Gefangenſchaft gehabt und die ſie noch nicht ganz verlaſſen hatte. Sollte dies Verfahren nicht das Vorſpiel zu einem fürchterlicheren Opfer ſein? Selbſt die Frauen wurden von dieſer Ekel erregenden Entweihung des Ebenbildes Gottes keineswegs ausge⸗ ſchloſſen, und eine nach der andern ging durch die Hände der Arbeiter unter Begleitung roher Späße und laut ſchallenden gemeinen Gelächters! ——— Achtes Kapitel. gJowler und Zeſſuron. Faſt zur ſelben Zeit, als das Sclavenſchiff Anker auswarf, verließ ein kleines Boot die ſtille Küſte; ſobald es in's Fahrwaſſer gekommen, ward es nach dem kürzlich geankerten Schiffe hingeſteuert. Drei Männer ſaßen im Boote, von denen zwei die Ruder führten. Beide waren Schwarze, beide nackend, mit Ausnahme von ſchmutzigen weißen Hoſen, die ihre Glieder nur wenig bedeckten, und groben Hüten von Palmenblättern auf den Köpfen. Der Dritte im Nachen, denn das Boot war kaum etwas Anderes— war ein Weißer, oder richtiger, ein weißlicher Mann. Er ſaß auf den Rudertaljen mit — 5 —— einem Steuerreep in jeder Hand; ſo ſteuerte er das Fahr⸗ zeug, wie die in die Seite geſtemmten Ellenbogen und die gelegentliche Bewegung der Arme bewieſen. Er hatte nicht die geringſte Aehnlichkeit mit den Bootsleuten, weder in der Hautfarbe noch in der Kleidung, die er trug. Unbedingt würde es ſchwer gehalten haben, einen eben ſolchen Mann, ſei es zu Lande oder zu Waſſer, aufzufinden. Beim erſten Blick würde ein Fremder ihn ſofort für ein Original erklärt haben, indeß die, welche ihn näher kannten, nicht anſtanden, ihn als einen ſelt⸗ ſamen Sonderling zu bezeichnen. Er ſchien etwas mehr oder weniger als ſechszig Jahre alt zu ſein, und war einmal weiß geweſen; aber die lange Zeit, daß er der weſtindiſchen Sonne bloßge⸗ ſtellt, zugleich mit zahlreichen von Schmutz angefüllten Falten und Ficen in ſeiner Hau, hatte dieſelbe ſo das Alterf ſo v roff geworden, daß die Vorderſeite ſeines Geſicts uur wenig he rrae darbot. Um war es nothwendig, zur G zu treten und deſſelbe chten. n höchſt merkwürdiger Bildung,— ſe wie die Scheere eines Hummer, gebogenes Kinn, mit einer tiefen welche die Stelle der Lippen be⸗ — ein ſcharf vo Höhlung dazwiſ zeichnete; die U lichkeit mit dem * ecig, waren durch ar Breite genug vorhanden, und es im Ganzen hatten große Aehn⸗ rofile eines Papagei's, aber t noch viel 57 mehr mit denen eines Juden,— und das war auch wirklich ſein wahrhaftes Gepräge. Wurde der Mund zum Lächeln geöf ein ſeltener Fall— dann konnten darin nur noch zwei Zähne entdeckt werden, die einzeln, weit von einander ſtehend, zweien Schildwachen glichen, um den dunklen Eingang zu bewachen. Dieſe ſonderbare Geſichtsbildung wurde durch ein Paar ſchwarze Augen erhellt, die wie die Augen einer Fiſchotter ſchimmerten, und wirklich fortwährend ſchim⸗ merten, ausgenommen, wenn ihr Eigenthümer ſchlief,— ein Zuſtand, in welchem er wohl nur ſehr ſelten oder niemals angetroffen wurde. Die natürliche Schwärze ſeiner Augen wurde noch durch den Gegenſatz der langen weißen Augenbrauen ter als die Hälſte um ſie herum liefen Auf vergrößert, die wei und ſich auf dem ſchmalen Naſenrücken begegneten. 5. dem Kopfe war kein Haar, das heißt, es war keines 6 ſichtbar,— eine Nachtmütze von einſt weiß geweſenem Baumwollenſtoffe bedeckte die ganze Glatze und war 7 über beide Ohren gezogen. Ueber der Nachtmütze ſaß ein weißer Kaſtorhut, deſſen kahles Aeußere und ge⸗ brochene Ränder von langjährigen Dienſten zeugten. Eine große grüne Reiſebrille, die auf ſeinem Naſen⸗ böcker lag, beſchützte ſeine Augen vor der Sonne, ob⸗ woohl ſie auch möglicher Weiſe eines andern Zweckes wegen getragen werden mochte, nämlich um. den in ſei⸗ nen Augen leuchtenden ſpitzbübiſchen und gemeinen 4 Ausdruck zu verbergen. Ein himmelblauer, vom langen Tragen weit gewordener Tuchrock mit metallenen Knöpfen, fner— allerdings 58 die, einſt glänzend, jetzt eine Bronzefarbe angenommen hatten; Beinkleider von büffellederartigem Caſhimir, die von Fett glänzten, lange Strümpfe und glanzloſe Stulpen⸗ ſtiefel, machten den Anzug dieſes einzig merkwürdigen und ſonderbaren Mannes aus. Ein großer, blauer, baumwollener Regenſchirm wurde zwiſchen ſeinen Knieen gehalten, da beide Hände beſchäftigt waren, den Nachen zu ſteuern. Das hier gegebene Bild— oder vielleicht ſollte es wohl nur Profil genannt werden— iſt das des Jacob Jeſſuron, des Sclavenhändlers, eines Iſraeliten von portugieſiſcher Abkunft, von dem man aber jedenfalls nicht behaupten konnte, daß er ohne alle Argliſt war. Die beiden Ruderknechte waren einfach ſeine Sclaven. Der kleine Nachen hatte die Küſte an einem ſtillen, faſt geheimen Winkel in einiger Entfernung von der Stadt, aber doch noch in Sicht derſelben, verlaſſen. Er war augenſcheinlich nach der kürzlich erſt vor Anker ge⸗ gangenen Barke hingerichtet und wurde ſo ſchnell als möglich fortgerudert. Der Steuermann ſchien wirklich ſeine Schwarzen zur Anwendung ihrer äußerſten Kräfte anzutreiben, als wünſchte er aus irgend einem Grunde ſo bald als irgend möglich an Bord der Barke anzu⸗ langen. Von Zeit zu Zeit konnte man ihn ſich mit ſeinem Körper halb herumdrehen und nach der Stadt zurück⸗ blicken ſehen, als ob er erwartete oder fürchtete, daß ein anderes Boot von dort kommen könne, das ſeinen Nachen überholen möchte. Er ſchien jedoch in ſeinem Vorhaben vom Glück be⸗ 59 günſtigt zu ſein, denn obſchon ſein kleiner Nachen eine anſehnliche Zeit brauchte, um von der Küſte an's Schiff zu kommen, eine Entfernung von mindeſtens einer Meile, langte er doch an ſeinem Beſtimmungsorte an, ohne daß irgend ein anderes Boot zu ſehen geweſen wäre. „Schiff, halloh!“ ſchrie er, als der Nachen an die Backbordſeite der Barke lief. „Ja, ja!“ erwiederte eine Stimme von oben. „Is daſch Captin Showler, den ich höre?“ „Gott verdamm mich! Wer da?“ fragte Einer auf dem Hinterdeck, und einen Augenblick ſpäter zeigte ſich das bleiche Geſicht des Capitain Aminidab Jowler ſelbſt auf der Fallreepstreppe. „Ahl Herr Jeſſuron! Sie ſind's, wahrhaftig! Wol⸗ len wohl einen Ueberblick machen über meine Schwarzen? Wohl, wohl, raſch angepackt, raſch bedient; das iſt meine Regel ſo! Froh, Sie zu ſehen, wahrhaftig! Was machen's?“ „Ganz gut!— ganz gut! danke.— Hoff', Sie ſind auch auf dem Damme, Captin Showler. Wie ſteht's denn mit der Ladung?“ „Sehr ſchön, ſehr ſchön, alter Kauz! Zog ein Haupt⸗ loos, wahrhaftig. Alle Größen, alle Farben, alle Ge⸗ ſchlechter, gewiß!— Sie können ſuchen und wählen, ganz nach Herzensluſt, ich rechne d'rauf. Kommen’s ſchnell! Klettern's herauf, und ſchielen's dann mal hin nach ihnen!“ Der Selavenhändler ergriff die zu ſeiner Bequem⸗ lichkeit niedergelaſſene Strickleiter, erkletterte die Schiffs⸗ ſeite mit der Behendigkeit eines Affen und betrat das Deck des Sclavenſchiffes.. Nach einigen Minuten, die auf Handſchütteln und an⸗ dere Begrüßungsformeln verwandt wurden und zum Beweiſe dienten, daß der Händler und der Kaufmann alte Freunde ſeien und zwar ſo treue, als es zwei Diebe nur immer ſein können, ſetzte der alte Schlaukopf die große Brille noch etwas feſter auf ſeinem Naſendamm und begann die Beſichtigung der Ladung. Neuntes Kapitel. Der Tellahfürſt. Auf dem Hinterdeck des Sclavenſchiffes ſtand ein Mann von beſonderem Ausſehn, ganz verſchieden nicht nur von den die Schiffsmannſchaft bildenden Weißen, ſondern auch von den die Ladung ausmachenden Schwarzen, Gel⸗ ben und Braunen. Sein Anzug, ſeine Haltung und manche andere ge⸗ ringere Umſtände kündeten an, daß er weder zu den einen noch zu den anderen gehörte. Er war gerade aus der Kajüte gekommen und begab ſich nach dem Hinterdeck. Da er aus der erſten Kajüte kam, konnte er keiner von den Ballen Menſchenwaare ſein und doch ließen ſein Anzug und ſeine Geſichtsbildung nicht die Aunahme zu, daß er zu der Mannſchaft des Selavenſchiffes gehöre. Alles an ihm deutete afrikaniſchen Urſprung an, obgleich ſeine „ 61 Geſichtszüge gerade keinen ſtark ausgeprägten afrikani⸗ ſchen Typus trugen. Viel eher wären ſie wohl aſiatiſch oder richtiger noch arabiſch geweſen. Faſt waren ſie ganz europäiſch, aber die Geſichtsfarbe widerſprach ſo⸗ fort vollkommen jeder Annahme, daß dieſer Mann irgend einer europäiſchen Nationalität angehören könne. Die Farbe ſeiner Haut war die einer hellen florentiniſchen Bronze mit einem Anflug von Kaſtanienbraun. Er ſchien ungefähr achtzehn oder neunzehn Jahre alt zu ſein, war hoch und wohl gewachſen und mit folgen⸗ den Merkmalen ausgeſtattet: Schöne gewölbte Augen⸗ brauen, freiſehende, ſeelenvolle, doch rundliche Augen, eine nur wenig adlerartig gekrümmte Naſe, dünne, wohlge⸗ formte Lippen, weiße Zähne— noch weißer durch den dunklen Schatten auf der Oberlippe,— und über Alles ein prächtiger Kopfputz vom ſchönſten rabenſchwarzen, leicht gelockten, aber in keiner Weiſe wolligen Haar. In nichts unterſchied er ſich mehr von den dunkel⸗ häutigen Unglückſeligen des Schiffsraumes als in ſeinem Anzuge. Während von dieſen kein Einziger irgend eine Bedeckung ſeines Leibes beſaß, war er dagegen glänzend gekleidet, und nur ſein Geſicht, ſein Hals, ſeine Arme und ſeine Beine vom Kniee bis zum Knöchel waren un⸗ bedeckt. Eine Art ärmelloſer Tunica von gelber Seide, mit einer Borte, die kurz unter ſeinen Knieen aufhörte, war um ſeinen Leib mit einer Schärpe von carmoiſin⸗ rothem chineſiſchen Krepp gebunden, deren herunterhän⸗ gende Enden mit goldenem Franſenwerk verziert waren. Veber die linke Schulter war leicht eine andere Schärpe von blauem Burnustuch geworfen, die den 3 Arm, über welchen ſie hing, verhüllte, während halb unter der Gewandung verborgen ein Scimetar in einer reich mit getriebener Arbeit verſehenen Scheide und mit einem Griff von geſchnitztem Elfenbein wahrgenommen wurde. Ein Turban auf dem Kopfe und Sandalen von Corduan⸗Leder an den Füßen vervollſtändigten ſeinen Anzug. Ungeachtet des aſiatiſchen Charakters ſeines Anzuges und der Aehnlichkeit ihres Trägers mit den als Laskaren bekannten Oſtindiern, war er doch ganz ſicher ein Afrikaner, wenn auch nicht von jener Körper⸗ bildung, die wir gewöhnlich mit dem Worte verbinden und die ſtets etwas Negerartiges in ſich ſchließt. Er war von einem gänzlich vom Neger verſchiedenen Volke— von der großen Nation der Fellahs(Fellattas, Fuhlahs)— einem Volke von kriegeriſchen Schafern, deren Land ſich von den Grenzen Darſurs bis an die Küſten des Atlantiſchen Meeres erſtreckt— den Herren von Sockatu und Timbuctu— jenen fanatiſchen An⸗ hängern des falſchen Propheten, die den Tod Laings vollführten und Mungo Park auf der Quorra ermor⸗ deten. Von welchem Stamme war der Mann, der jetzt auf dem Hinterdeck des Sclavenſchiffes ſtand? Er war nicht allein. Drei oder vier Andere waren um ihn, die auch ſehr verſchieden von den elenden und bemitleidungswürdigen Geſchöpfen im Schiffsraume ſich ausnahmen. Indeß zeigten ihre Kleider von gewöhnliche⸗ ren Stoffen, ſowie andere Merkmale bald, daß ſie nie⸗ driger im Range, kurz, daß ſie ſeine Diener waren. Die unterwürfige Miene, mit der ſie auf ihn ſahen und die wachſame Aufmerkſamkeit auf jeden Blick und verdammten Lan 63 jede Bewegung verriethen den ſteten Gehorſam, an den ſie gewöhnt; während die Turbane, die ſie trugen, ſo wie die Art und Weiſe der Begrüßung— der Salaam— orientaliſchen und ſelaviſchen Gehorſam bezeugten. Zu dem Kleiderreichthum des jungen Mannes kam noch ein gewiſſer Stolz in ſeiner Geſichtsbildung hinzu, der deutlich ſagte, daß er eine Perſon von hohem Range — vielleicht der Häuptling eines afrikaniſchen Stam⸗ mes war. Und ſo war es auch in der That; er war— ein Fellah⸗Fürſt von den Ufern des Senegal. Dort freilich würde weder ſeine Gegenwart noch ſein Aeuße⸗ res mehr als eine vorübergehende Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen haben, aber hier an der andern Seite des Atlantiſchen Meeres, an Bord eines Sclavenſchiffes, forderte er die lebhafteſte Neugierde heraus. Soviel war klar, er gehörte nicht in dieſelbe Kate⸗ gorie wie ſeine unglücklichen, zu ewiger Gefangenſchaft dsleute in den Zwiſchendecken. Keine Zeichen verriethen, daß er als Gefangener behandelt wurde. Was war es dann, was ihn an Bord des Sclaven⸗ ſchiffes geführt? War er ein Reiſender? und in welcher Beziehung ſtand er zu dem ihn umgebenden Volke? Solcher Art, obgleich wohl anders ausgedrückt, waren die dringenden Fragen des Sclavenhändlers, als er vom Vorderdeck zurückkehrte, wo er die Fracht vollſtändig be⸗ ſichtigt hatte, und ſeine Augen nun zum erſten Mal auf den jungen Fellatan fielen. „Hilf meinen Augen, Captin Showler!“ ſchrie er, beide Hände aufhebend und verſteinert vor Verwunde⸗ rung auf die beturbanten Männer auf dem Hinterdeck blickend.„Hilf meinen Augen!“ wiederholte er;„waſch iſch alles daſch? Helf mir Gott! Die Kerls ſind keine Sclaven, nicht wahr?“ „Nein, Herr Jeſſuron, nein; ſind keine Sclaven, ganz und gar nicht. Sind ſchöne, hübſche Leute in Sammet und Seide, iſt ſelbſt Eigenthümer von Sclaven. Das da iſt ein Fürſt.“ „Waſch ſagt Ihr da, Captin Showler? ein Fürſcht?“ „Seid verwundert darüber, nicht wahr? Meint, es wär' das erſte Mal, daß ich einen afrikaniſchen Förſchten als Paſſagier? Das da iſch Seine Königliche Hoheit der Förſcht Cingues, Sohn des Großſultans von Fou⸗ tatoro. Die andern Burſchen, die Ihr da bei ihm ſeht, ſind ſeine Diener,— dienſtthuende Höflinge. Der da mit dem gelben Turban führt den»goldenen Stab«; der da in blau den„Silberſtab⸗, und die andern Bur⸗ ſchen ſind Kammerdiener, glaub' ich.“ „Sultan von Foutatoro!“ rief der Sclavenhändler aus, indem er verwundert ſeinen blauen Regenſchirm in die Höhe hielt;„König der Kannibaleninſeln! Wahr⸗ haftig, ein guter Spaß, Captin Showler! Aber, ernſcht⸗ haft nun, Freundchen, weſchhalb habt Ihr all' daſch Fleiſch ſo herauſchgeputzt? Wollt' kein ſchwarzes Har„ mehr auf dem Markt kaufen, könnt' ich daſch da haben.“ „Aber im Ernſt, Freund Jeſſuron, die ſind nicht für den Markt, ich ſchwör' Euch, eſch iſcht ein wahr⸗ haftiger afrikaniſcher Prinſcht.“ „Afrikaniſche Poſſen!“ ſpottete der Sclavenhändler 6⁵ mit ungläubigem Achſelzucken.„Kommt, werther Kap⸗ tin, woßu nur all' die Maſchkerade?“ „Niſcht nich von dem, alter Freund! Der Neger iſcht wirklich ein Förſcht und mein Paſſagier— niſcht mehr und niſcht weniger.“ „Helf Euch Gott, iſch es wirklich ſo?“ „Helf mir der Teufel!“ erwiederte der Schiffer nach⸗ drücklich.„Es iſcht Alles, wie ich geſagt, Jeſſuron!“ „Sei meiner Seele gnädig— ein Paſſagier, ſagt Ihr?“ „ Ja, und er hat ſein Paſſagegeld gezahlt, auch wie ein Förſcht.“ „Waſch iſch denn ſein Geſchäft? Waſch will er auf Shamaica?“. „Ah! das iſt eine merkwürdige Geſchichte, Freund Jeſſuron. Ihr werdet ſein Geſchäft ſchwerlich ahnen, 1 darauf wett' ich.“ 1„Nun, laßt mal hören, Freund Showler.“ „Wohl denn, die Geſchichte iſt ſo: Ungefähr vor zwölf Monaten griff eine Armee von Mandingo's die Hauptſtadt des alten Foutatoro an und führte mit anderm Plunder auch eine von ſeinen Töchtern fort— die eigene Schweſter von dem jungen Burſchen da. S ie verkauften ſie an einen weſtindiſchen Händler, der das Mädchen hier nach einer der Inſcheln brachte, nach welcher, iſt nicht bekannt. Der alte Foutatoro meint, die Sclaven kämen alle nach einem Platze; und da er (halb närriſch über den Verluſcht ſeiner Tochter iſt— ie war ſein Liebling und eine Art von Hofſchönheit— Der Marone. I. 5 — ÿ.— ———— —-üÿ 66 ſo hat er den Bruder ausgeſandt, um ſie aufzuſuchen und ſie zurück zu bringen, wer ſie auch hier gekauft haben mag. Daſch iſch die ganze Geſchichte.“ Der Ausdruck, der ſich in der ganzen Haltung des Juden während dieſer Erzählung zeigte, bewies etwas mehr als ein gewöhnliches Intereſſe an der Erzählung— eetwas mehr als eine bloße Neugierde, obgleich er ver⸗ ſuchte, dadurch, daß er ſo viel wie möglich die Strenge ſeiner Züge bewahrte, jedes äußere Zeichen von Bewe⸗ gung zu verhehlen. „Hilf meiner Seele!“ rief er aus, als der Schiffer zu reden aufgehört.„Wie ich lebe, eine wunderbare Geſchichte! Aber wie will er je ſeine Schweſter finden? Eben ſo gut möchte er eine Nadel in einem Heuſchober ſuchen.“ „Ja, daſch iſch wahr genug,“ erwiederte der Sclaven⸗ ſchiffer.„Aber daſch,“ fügte er mit einer Miene ſtoi⸗ ſcher Gleichgiltigkeit hinzu,„daſch is nich mei Sach. Mein Geſchäft war, den jungen Mann über's Atlan⸗ tiſche Meer zu bringen, und ich will'n wieder mitneh⸗ men in derſelben Weiſe und zum ſelben Preis, wenn er zahlen kann.“ „Hat er auch einen guten Preiſch gezahlt?“ forſchte der Jude mit augenſcheinlicher Gier auf die Antwort. „Er zahlte wie ein Förſcht, wie ich ſchon hab' ge⸗ ſagt. Seht Ihr da den gelben Mandingoburſchen bei der Winde?“ „Ja, ja, ganz wohl.“ „So ſind vierzig da, alle gezählt.“ „Iſt's möglich!“ 7 4 67 „Zwanzig von ihnen ſoll ich haben, um ihn über's Meer zu bringen. Wohlfeil genug, was meint Ihr?“ „Den Teufel, wohlfeil, Freund Showler. Nun, und die andern zwanzig?“ „Die ſind ſeine! Die hat er mitgenommen, um ſie für die Schweſter zu zahlen, wenn er ſie findet.“ „Ja, ja, wenn er das Mädchen findet.“ „O, die wird er ſchon finden.“ „Ah!“ rief der Jude mit einem bedeutungsvollen Schulterzucken aus,„daſch iſch kei leicht Geſchäft, Cap⸗ tin Showler.“ „Beim Chriſtoph Columbus, alter Knabe!“ ſagte der Schiffer, offenbar von einem beſondern Gedanken ergriffen;„nun denk' ich d'ran, Ihr könntet ihm viel⸗ leicht helfen, ſie aufzufinden! Ich wüßte gar Keinen, der mehr geſchickt wäre, als Ihr, ihn zu ſteuern, denn Ihr kennt Jeden auf der ganzen Inſel, ſo rechne ich. Unbezweifelt, er wird Euch gut für Eure Mühe beloh⸗ nen. Ich wünſche, daß ſeine Reiſe erfolgreich iſt. Der alte Foutatoro iſt eine meiner beſten Vorrathsquellen, und wenn das Mädchen aufgefunden und zurückgebracht werden könnte, da weiß ich wohl, daß er beim nächſten Ausfluge an die Küſte dort Alles thun würde, was nur in ſeinen Kräften ſteht.“ „Wohl, wohl, werther Captin, ich ſehe da eigentlich keine Hilfe und wüßte nicht, was ich für Seine könig⸗ liche Hoheit den Förſchten thun kann; ich kann nicht mehr ſo auf den Beinen ſein, wie früher, aber für Euch will ich thun, was in meinen Kräften ſteht. Wie Ihr ſagt, vielleicht könnte ich was thun, um ihn auf den 5* öͤͤ 3“ 68 Weg zu bringen. Wohl, wohl, wir wollen das be⸗ ſprechen. Aber erſt laßt uns unſer andres Geſchäft abmachen, oder die werden bald Alle hier an Bord ſein. Zwanzig von ihnen, ſagt Ihr, ſind ſein?“ „Zwanzig von ihnen ſind Mandingo's.“ „Hat er ſchonſt noch was?“ „Baar Geld? nein, nicht einen rothen Heller. Män⸗ ner und Weiber ſind die Thaler ſeines Landes. Er hat die vier Diener, ſeht Ihr, die ſind ſeine Sclaven, wie die andern.“ „Vierundzwanzig dann im Ganzen. Bei meiner Seele! Waſch für ein glücklicher Kerl iſcht dieſer Förſcht. Vielleicht kann ich doch waſch für ihn thun; aber dar⸗ über könnten wir wohl in der Kajüte reden und ich möchte wirklich gern eiwas trinken, werther Showler.“ „Ha!“ rief er aus, als er beim Umdrehen die vor⸗ her erwähnte Gruppe Mädchen gewahrte.„Gott ſei mir gnädig! Wahrhaftig, hübſche Dirnen das! Grade die Art für Kammermädchen,“ ſetzte er mit einem ab⸗ ſcheulich gemeinen Blick hinzu.„Wie viele von der Art habt Ihr aufgegabelt, mein guter Showler?“ „Ungefähr ein Dutzend,“ antwortete der Schiffer grinſend;„einige prachtvolle Mütter unter ihnen, wenn Ihr ſie brauchen könnt.“ „Wohl, wohl!— Großer Gott! iſch das'ne werth⸗ volle Ladung— eins wie das andre! Wohl, laſcht uns unten gehen,“ ſetzte er hinzu, ſich an ſeinen Gefährten wendend.„Waſch iß in Eurem Schrank? Ich muß waſch zu trinken haben, ehe ich Geſchäfte mache. Hübſche — 48 69 Dirnen, wahrhaftig! Großer Gott, eine werthvolle La⸗ dung, Freund Showler!“ Mit den Lippen ſchmatzend und mit den Fingern während des Redens ſchnalzend, ſtieg der alte Schurke die Treppe hinab, während der Capitain des Sclaven⸗ ſchiffes dicht hinter ihm folgte. Wir wiſſen nur aus den Folgen die Einzelheiten des Handels, der unten ſtattfand. Die Verhandlung war eine geheime, wie es ja auch nicht anders ſein konnte zwiſchen zwei ſolchen verdächtigen Charakteren, einem Sclavenhehler und einem Sclavenſtehler. Das Endergebniß war in der That der Ankauf der ganzen Ladung, und in ſo kurzer Zeit, daß, als die Sonne in die See ſank, das Gig, der Kutter und das Langboot des Sclavenſchiffs in das Waſſer gelaſſen und die„Ballen“ alsdann unter der Dunkelheit der Nacht ſämmtlich an's Ufer gebracht und in der kleinen Bucht gelandet wurden, wo der Nachen des Sclavenhändlers ausgelaufen war. Dieſer Nachen kehrte zur Küſte zurück, eine Kabel⸗ länge hintem Kielwaſſer der andern Boote. Aber jetzt war eine vierte Geſtalt darin, die am Hintertheil ſaß, dem Beſitzer des Bootes dicht gegenüber. Die hellfar⸗ bige Kleidung, die ſelbſt in der Dunkelheit über die ru⸗ hige, ſchattige Oberfläche der See leuchtete, machte es leicht, dieſe Geſtalt als den Fellahfürſten wieder zu er⸗ kennen. Der Jude und der Moslem— der Wolf und das Lamm fuhren in demſelben Boote. Zehntes Kapitel. Ein ſchönes Anerbieten. Am Tage, nachdem das Sclavenſchiff ſeine Ladung gelandet, und zu einer ſehr frühen Morgenſtunde, nahm Herr Vaughan, als er aus einem vordern Fenſter ſeines Hauſes herausſah, einen fremden Reiter wahr, der ſich durch die lange Allee näherte. Als der Fremde näher kam, ſchien ſich ſein Pferd in einen Mauleſel zu verwandeln und der Reiter erſchien als ein alter Herr in einem blauen Rock mit metallenen Knöpfen und breiten äußeren Taſchen— worunter Ho⸗ ſen und Stulpenſtiefeln, beide höchſt ſchmutzig vom lan⸗ gen Tragen. Ein ſchadhafter brauner Caſtorhut auf dem Kopfe, der den Rand einer weißen, baumwollenen Nachtmütze darunter ſehen ließ; eine grüne Reiſebrille auf der Naſe und ein großer, blauer Regenſchirm ſtatt der Peitſche in der rechten Hand, ließen Herrn Vaughau einen ſeiner nächſten Nachbarn erkennen, den vortreff⸗ lichen Jeſſuron, der außer in anderem lebendigen Vieh auch bekannt war, großartig in Sclaven zu ſpeculiren. „Der Jude!“ murmelte Herr Vaughan, ſobald er die ſcharfen Geſichtszüge des Israeliten erkannt hatte. „Was in aller Welt kann er hier ſo früh ſchon wollen? Vielleicht hat er Sclaven zu verkaufen, ſo vermuthe ich. Das ſah wie ein Sclavenſchiff aus, was ich auf hoher See ſah, und er hat gewiß einen Theil davon gekauft. Nun, hier kann er nichts anbringen. Glücklicher Weiſe bin ich genügend verſehen. Guten Morgen, Herr Jeſ⸗ K 71 ſuron!“ fuhr er fort, ſeinen Beſuch oben von der Treppe aus begrüßend.„Wie gewöhnlich, früh auf und draußen. Immer Geſchäfte, wie?“ „Ah, ah, Herr Vaughan!'s Geſchäft muß werden betrieben. Ein armer Mann, wie ich, kann nicht ſchla⸗ fen lange bei dieſen ſchlechten Zeiten.“ „Ha, ha! Armer Mann, Siel wahrhaftig! Das iſt ein guter Spaß, Herr Jeſſuron! Kommen Sie herein! Haben Sie ſchon gefrühſtückt?“ „Ja, danke, Herr Vaughan. Ich frühſtücke immer um ſechs Uhr.“ „O, das iſt früh! Nun denn, ein Glas Swizzle?“ „Ja, Herr Vaughan, warum nicht? Ein Glas Swizzle wird beſſer als ſonſt was ſein. Es iſch ſöhr warm heute morgen.“ Der Swizzle, eine Miſchung von Rum, Zucker, Waſſer und Limonenſaft, war in einer großen Punſch⸗ bowle vorhanden, die auf dem Nebentiſche ſtand, mit einem auf dem Rande liegenden ſilbernen Fülllöffel und herumſtehenden Gläſern. Dies iſt ein ſtehendes Ge⸗ tränk im Hauſe des Jamaica⸗Pflanzers— eine nie vertrocknende Quelle, da ſie ſtets erneut wird, wenn ſie erſchöpft. Jeſſuron ging zum Seitentiſch, wo ihm von dem Bedienten eingeſchänkt wurde, und ſtürzte ſchnell ein großes Glas von dem Swizzle hinunter. Dann ſchmatzte er mit den Lippen, und die Bemerkung hinzufügend: „S'iſch gud!“ kehrte er nach dem Fenſter zurück, wo ein Stuhl für ihn neben den ſeines Wirthes hingeſtellt worden. — —yy — — Er hatte längſt ſeinen Hut abgenommen, obwohl die weiße Nachtmütze— die keineswegs ganz rein— ihren Platz auf ſeinem Kopfe behielt. Herr Vaughan war ein Mann von außerordentlicher Höflichkeit, oder wenigſtens nahm er ſtets den Schein derſelben an. Deshalb verblieb er ſchweigend und war⸗ tete höflich, daß ſein Gaſt das Geſpräch anfangen möge. „Wohl, Herr Vochan,“ begann der Jude,„ich bin gekommen hierher, um zu ſprechen mit Ihnen über ein kleines Geſchäft,— ein ſehr kleines Geſchäftchen nur, und wahrhaftig, kaum werth, Sie deshalb zu ſtören.“ Hier zögerte der Jude, wie um einen Vorſchlag vor⸗ zubringen. „Etwas ſchwarze Waare zum Verkauf? Ich meine, ich habe gehört, daß geſtern eine Ladung angekommen. Sie haben gewiß davon gekauft?“ „Joh, joh! ich kaufte eine Kleinigkeit, wirklich nur 'ne Kleinigkeit. Ich hatte das Geld nicht, mehr ßu kaufen, wahrhaftig! Dies Geſchwätz, ganz aufzuheben den Handel, wird uns noch alle veroujeniren. Meinen Sie nicht auch ſo, Herr Vochan?“ „O, deshalb habt nur keine Furcht. Wenn die bri⸗ tiſche Regierung wirklich die Bill annimmt, ſo wird das Geſetz doch nur ein todter Buchſtabe bleiben. Sie kön⸗ nen niemals die ganze afrikaniſche Küſte bewachen— nein, und auch die von Jamaica nicht. Ich meine, Herr Jeſſuron, Sie würden ſchon etwas anſſinden, um einige zu landen, wie?“ „Ach nein, Herr Vochan! nein, gewiß nicht! ich möchte unternehmen nichts gegen die Geſetze. Wenn ————— ⁰ 73 1— der Handel iſt verboten, muſch ich aufgeben mein Ge⸗ 2 ſchäft. Selaven würden viel ßu theuer ſein für einen * armen Juden, wie ich, um damit ßu handeln. Helf mir— l ſie ſind ſchon jetzt ßu theuer, wie ſie ſind.. 1„Oh, das iſt Alles Unſinn, was man da immer 1 von Theuerwerden redet! Sie thun ganz wohl, ſo zu ſprechen, Herr Jeſſuron, Sie haben gewiß welche zu verkaufen, denk' ich.“. „Jetzt nicht, Herr Vochan, jetzt nicht. Vielleicht habe ich eine kleine Parthie in zwei oder drei Tagen, aber gerade jetzt habe ich nicht einen einzigen Kopf für 1 den Markt. Heute Morgen möchte ich kaufen anſtatt zu verkaufen.“ „Kaufen! Von mir wollen Sie kaufen?“ „Ja, Herr Vochan, wenn Sie verkaufen wollen.“ „Sieh mal an, das iſt ja etwas ganz Neues, Nach⸗ 8 bar Jeſſuron! Ich weiß wohl, Sie verkaufen viel, aber dies iſt das erſte Mal, daß ich davon höre, daß Sie Sclaven von einer Pflanzung kaufen.“ „Wohl, die Wahrheit iſt, Herr Vochan, ich hab' einen Kunden, der ein hübſches Mädchen zum Aufwar⸗ ten an ſeinem Tiſch nöthig hat. Unter meinem Vor⸗ rath iſt keine, die für ihn gut genug. So dachte ich, Sie hätten wohl eine, die ihm paſſen würde, wenn Sie 8 ihr entböhren könnten.“ 1„Welche meinen Sie?“ „Ich meine das junge Fellahmädchen, das ich Ihnen letztes Jahr verkauft habe, juſt nach der Erntezeit.“ „Oh, das Mädchen Yola?° „Ja, das waſch ihr Name. Da Sie ihr wohlfeil ——“ — — gekauft, ſo moß ich Ihnen wohl noch ßulegen, und ich will ſagen, zehn Pfund baar?“ „Pah, pahl“ antwortete der Pflanzer mit ablehnen⸗ der Geberde.„Das wäre wahrhaftig nicht genug, ſelbſt wenn ich das Mädchen wirklich verkaufen wollte; aber ich wünſche gar nicht, ſie gehen zu laſſen.“ „So will ich ſagen zwanzig, hem?“ „Nicht zweimal zwanzig, Nachbar. Auf keinen Fall würde ich Yola für weniger als zweihundert Pfund weggeben. Sie iſt eine ſehr brauchbare Dienerin ge⸗ worden, und——“ „Zweihundert Pfund!“ unterbrach der Jude, von ſeinem Stuhle in die Höhe fahrend.„Oh! Herr Vochan, es giebt gar kaine ſchwarze Dirne auf der ganzen Inſel, die halb das Geld wörth iſcht. Zweihundert Pfund! Gott ſegne mich, iſch das ein Preis! Ich wollte, ich könnte verkaufen welche von meinen eigenen Sclaven zu ſolchem Preiſe! Ich gebe zwei, wahrhaftig zwei für ſolchen Preis.“ „Wie denn, Herr Jeſſuron, ich glaubte, Sie ſagten ſoeben, Sclaven würden jetzt ſehr theuer!“ „Theuer, ja; aber das iſt doppelt theuer. Straf mich Gott! Das iſt auch nicht Ihre wirkliche Meinung, Herr Vochan?“ „Aber es iſt meine wirkliche Meinung; und ſelbſt, wenn Sie mir zweihundert bieten wollten——“ „Sprechen Sie nur gar nicht mehr davon,“ ſagte der Sclavenhändler, haſtig die vorausgeſetzte Rede un⸗ terbrechend;„ſprechen Sie nur nicht mehr davon, ich 75 willige ein, ſie ßu geben. Zweihundert Pfund!— Großer Gott! ich werde noch werden banquerott.“ „Nein, das geht nicht, ich kann nicht darin willigen, ſie zu nehmen.“ „Nicht zweihundert Pfund?“ „Nein, nicht doppelt die Summe, wenn Sie mir ſie auch anbieten wollten.“ „Gott helf mir! Herr Vochan, Sie ſind ja ganz abſcheulich. Warum wollen Sie es nicht annehmen? Ich habe das Geld in der Taſche.“ „Es thut mir wirklich leid, Sie zu täuſchen; aber die Sache iſt: ich könnte das Mädchen Yola wirklich um keinen Preis verkaufen, ohne die Einwilligung mei⸗ ner Tochter, der ich ſie gegeben.“ „Fräulein Vochan?“ „Ja,— ſie iſt ihr Mädchen, und ich weiß, daß meine Tochter ſie gern hat. Ich glaube gar nicht, daß ſie ihre Einwilligung zum Verkaufe des Mädchens ge⸗ ben würde.“ „Aber, Herr Vochan, Sie wollen doch nicht Ihre Tochter einen guten Handel vereiteln laſſen? Zweihun⸗ dert Pfund iſt viel Geld,— viel Geld, Herr Vochan! Die Dirne iſt wirklich nicht halb ſo viel Geld werth; ich würde für mich ſelbſt wahrhaftig nicht die Hälfte geben, aber ich möchte einem guten Kunden einen Dienſt leiſten, der nicht gerade ſehr genau mit dem Preiſe iſt.“ „Aha, Ihr Kunde mag das Mädchen leiden, wie?“ ſagte Herr Vaughan, indem er bedeutungsvoll auf ſeinen Gaſt blickte.„Sie ſieht ſehr gut aus, da iſt's kein Wunder. Doch wenn das der Fall wäre, dann möchte — ———— — .—— — 76 ich Ihnen wohl ſagen, daß ich ſelbſt mich nicht gern von ihr trennen möchte; und ſollte meine Tochter ja ſolche Abſicht ahnen, ja dann würde all' Ihr Geld, Herr Jeſſuron, nicht genügen, nein, wahrhaftig nicht!“ „Gott helf mir! Herr Vochan, Sie irren ſich ſehr. Der Kunde, von dem ich rede, hat noch niemals ſeine Augen auf die Dirne geworfen. Er hat nur ein Auf⸗ wartemädchen an ſeinem Tiſch nöthig, und ich dachte an ſie, weil ſie gerade das iſt, was er wünſcht. Wie wiſ⸗ ſen Sie denn, daß Fräulein Vochan nicht einwilligen ſollte, ſie gehen zu laſſen? Ich verſpreche, Ihnen ein anderes junges Mädchen ßu verſchaffen, ſo gut und noch beſſer als Yola.“ 8 „Wohl,“ erwiederte der Pflanzer nach einem Augen⸗ blick des Nachſinnens und offenbar durch das ſchöne Aner⸗ bieten gelockt, nda Sie ſo entſchloſſen ſcheinen, ſie zu kau⸗ fen, ſo will ich meine Tochter darum befragen, aber ich kann nur wenig Hoffnung auf Erfolg geben. Ich weiß, ſie liebt das Fellahmädchen ſehr. Ich habe gehört, das Mädchen ſei eine Königstochter in ſeinem Vaterlande geweſen, und ich bin ganz ſicher, Käthchen wird ihren Verkauf nicht bewilligen.“ „Nicht, wenn Sie es wünſchen, Herr Vochan?“ „O, wenn ich darauf beſtände, gewiß; aber ich gab meiner Tochter eine Art von Verſprechen, ſie von dem Mädchen nicht gegen ihren Willen zu trennen, und ich breche niemals mein Wort, Herr Jeſſuron, und meinem eigenen Kinde gewiß nicht“. Mit dieſer ausdrücklichen Verſicherung verließ der 77 Pflanzer das Zimmer und überließ den Sclavenhändler ſeinen eigenen Betrachtungen. „Mag der Teufel mich hängen, wenn der Mann nicht verrückt iſt!“ ſprach der Jude zu ſich ſelbſt, als er allein war.„Wahrhaftig, er iſt es! Zweihundert Pfund ausſchlagen für eine Negerdirne, die ſo braun iſt wie eine Kokosnußſchale! Gott verdamm' mich!“ „Wie ich Ihnen geſagt, Herr Jeſſuron,“ ſagte der Pflanzer, als er in die Halle zurückkehrte,„meine Toch⸗ ter iſt unerbittlich. Yola kann nicht verkauft werden.“ „Guten Morgen, Herr Vochan,“ ſagte der Sclaven⸗ händler, ſeinen Hut und Regenſchirm ergreifend und nach der Thür gehend.„Guten Morgen, Herr! ich hab' heute kein ander Geſchäft.“ Dann ſetzte er ſeinen Hut auf, packte ſeinen Regen⸗ ſchirm mit einer Miene verdrießlicher, nicht zu unter⸗ drückender Heftigkeit, ſtürmte die ſteinernen Treppen hinab, kletterte auf den Rücken ſeines Mauleſels und ritt in ſtummem Trotze davon. „Ungewöhnlich freigebig mit ſeinem Gelde heute mmorgen,“ ſagte der Pflanzer, ihm nachblickend.„Irgend ein böſes Vorhaben, unbezweifelt. Nun, ich hoffe, ich habe es durchkreuzt; übrigens bin ich froh über die Gelegenheit, dem alten Schurken entgegenzutreten; oft genug hat er es mir ſchon ſo gemacht.“ ¹ — Elftes Kapitel. Judith Jeſſuron. In der unliebenswürdigſten Laune ritt der Sclaven⸗ ſpeculant die große Allee hinunter. So verdrießlich und außer ſich vor Aerger war er über das Ergebniß ſeines Beſuches, daß er nicht daran dachte, ſeinen blauen Re⸗ genſchirm aufzuſpannen, um ſich vor den heißen Strah⸗ len der Sonne zu ſchützen, die nun faſt ſenkrecht nieder⸗ fielen, ſondern er benutzte ihn dazu, um von Zeit zu Zeit die Seiten ſeines Mauleſels zu bearbeiten, gleichſam, als wollte er ſeinen Aerger an dem armen Thiere aus⸗ laſſen. Auch ſchwieg er nicht ſtill, obgleich er allein war. In einer Art von unfreiwilligem Selbſtgeſpräch mur⸗ melte er beim Reiten lange Redensarten von Schelt⸗ und Schimpfworten gegen den Wirth, deſſen Dach er ſoeben verlaſſen. Auch die Tochter deſſelben erhielt ihren Theil von dieſen gemurmelten Verwünſchungen, die zu⸗ weilen ſelbſt Drohungen glichen. Einiges von ſeinen Reden war deutlich und mit Nachdruck geſprochen: „Möge der Staub meiner Schuhe auf Dich kommen, Loftiſh Vochan— ich tränke es Dir doch noch mal ein! Gott verdamm' mich! Es war eine Zeit, wo Du froh geweſen wäreſt meiner zweihundert Pfund wegen. Nicht für alles Geld? Pahl iſt'ne große Dame, die Fräulein Käthchen— die kleine Quasheba! Haha, ich weiß a wenig— ja, ja, ich weiß wirklich etwas. Vielleicht 1 * 4 4 ¹ 4— 79 mag ſie ſelbſt noch einmal verkauft werden für weniger als zweihundert Pfund. O, ich wollte das Doppelte nicht achten, wahrhaftig, könnt' ich den Tag erleben!“ „Der Staub meiner Schuh auf Euch Beide!“ wie⸗ derholte er, als er die Eingangspforte durchritt.„Ich verwünſch' Euren Boden, nun hier, und wenn ich Euch hier hätte, ſo wollte ich Euch etwas ſagen— etwas, das Euch bewegen ſollte, Eure Dirne noch für weniger als zweihundert Pfund zu verkaufen.— Wahrhaftig, das will ich noch mal thun, bei Gott!“ Als er dieſe letzte Ausrufung mit einer verlänger⸗ ten Betonung hervorgebracht hatte, erhob er ſich hoch in den Steigbügeln, wandte ſeinen Mauleſel halb um und ſchüttelte ſeinen großen Regenſchirm in drohender Weiſe gegen Willkommenberg, während ſeine Augen einen giftigen, geheime und rachſüchtige Abſicht verkün⸗ denden Blick nachſchleuderten. Als er nun weiter ritt, geſellte ſich eine neue Er⸗ ſcheinung zu ihm; eine Reiterin trabte heran, wandte ſchnell ihr Pferd und blieb an ſeiner Seite. Sie war ein junges Mädchen, ein ſchönes, lieb⸗ liches Geſchöpf, die wie ein Engel an der Seite des dämongleichen alten Mannes ausſah. Sie ſchien augenſcheinlich auf ihn an der Drehung des Weges gewartet zu haben, und die Art und Weiſe der Vertraulichkeit ohne alle weitere Begrüßung, zeigte deutlich, daß ſie nicht lange getrennt waren. Wer war nur dieſe reizende Reiterin? So würde ein Fremder ganz ſicher gefragt haben, während ſeine Augen ſie mit gemiſchten Gefühlen der Bewunderung und Verwunderung betrachtet hätten: Be⸗ wunderung über eine ſolche ſeltene Schönheit, und Ver⸗ wunderung, ſie in ſo grober Geſellſchaft zu ſehen! Es war eine Schönheit, die eigentlich nicht im Ein⸗ zelnen ausgemalt werden ſollte. Die edel geformte Stirn, die geſchwungenen Augenbrauen von ebenholzartiger Schwärze, die dunkel blitzenden Augenſterne, das ſcharfe Hervortreten der Naſe und der etwas hinaufgezogene Mund waren alles entſchiedene Merkmale einer jüdiſchen Schönheit, ein Schrein, vor dem ſchon oftmals Mos⸗ lems wie Chriſten ihre Kniee in tiefer Verehrung ge⸗ beugt haben. Zwanzig Cyelen ſind bereits vorübergezogen— zwanzig Jahrhunderte der Schmach, des Schimpfes und des Elends, und verborgen in jammervollen Schlupf⸗ winkeln— beraubt und verfolgt— oftmals zur äußer⸗ ſten Verzweiflung getrieben— haus⸗ und heimathslos gemacht— dennoch und trotz alledem verblieben Juda's dunkeläugige Töchter lieblich und ſchön, ähnlich wie ſie zur Muſik der Cymbel und des Tymbals tanzten oder zur Begleitung der goldenſaitigen Harfe die Lieder einer glücklicheren Zeit ſangen. Hier in der neuen Welt, unter dem glänzenden weſt⸗ lichen Himmel war ein wahres Prachtſtück jüdiſcher Schönheit entſtanden, denn nie zuvor war wohl eine Tochter Juda's anmuthiger als die Tochter des Jacob Jeſſuron, die nun an ſeiner Seite ritt. Wohl bildeten ſie hierbei einen eigenthümlichen Gegenſatz, dies wun⸗ derbar ſchöne Mädchen und der häßliche Mann mit den harten, ſchroffen Geſichtszügen. 81 Allein dieſer Gegenſatz war leider nur rein koͤrper⸗ lich; geiſtig war die Tochter wie der Vater. Der äußer⸗ lichen Erſcheinung nach war Judith Jeſſuron ein wah⸗ rer Engel, dem Geiſte nach war ſie vollkommen das Kind ihres Vaters. Die Wahrheit hiervon wird ſofort aus dem Zwie⸗ geſpräch einleuchten, das ſich zwiſchen ihnen im Augen⸗ blicke ihres Zuſammentreffens entſpann. „Fehlgeſchlagen?“ fragte ſie, zuerſt das Wort neh⸗ mend.„O, ich brauchte Dich nicht gefragt zu haben; es ſpricht klar genug aus Deinen Blicken,— wenn auch ſonſt Deine ruhige Haltung Deine Gedanken nicht gerade verräth. Nun, was ſagt der ſaubere Herr Vaug⸗ han? Will er Dir die Dirne verkaufen?“ „Nein.“ „Wie ich erwartet!“ „Wahrhaftig, er wollte nicht.“ „Wie viel haſt Du für ſie geboten?“ „O, ſchäme mich,'s Dir zu ſagen, Schudith.“ „Komm, alter Rabbi, brauchſt nicht ſo ſcheu vor mir zu ſein. Wie viel denn? ſag's.“ „Zweihundert Pfundſch.“ „Zweihundert Pfund! Das iſt wirklich viel Geld. Wenn, was Du mir geſagt, richtig, ſo iſt ja ſeine eigene Tochter nicht mal ſo viel werth. Ha, ha, ha!“ „Still, Schudith, ſtill! ſprich nicht ſo davon— um Deines Lebens willen, ſprich nicht ſo. Sonſt zerſtörſt Du all' meine Pläne!“ „Keine Furcht, guter Vater. Ich habe noch niemals Deine Pläne geſtört, nicht wahr?“ Der Marone. I. 6 82² „Nein, nein! 5 iſcht ſchon wohr, Du biſt geweſen immer ein gutes Kind, liebe Tochter!— ein gutes Kind, wahrhaftig, ja wohl!“ „Aber nun ſage mir, warum wollte der custos ro- tulorum nicht verkaufen? Geld hat er ſonſt gern, gerade wie Du. Zweihundert Pfund iſt wirklich ein hoher Preis für die kupferfarbige Dirne— gewiß das Dop⸗ pelte, was ſie werth.“ „O, Schudith, Vochan ſelbſt war es ja nicht, der es abſchlug.“ „Wer denn?“ „Nun, ſeine Tochter, von der Du ſchon vorhin ge⸗ ſprochen.“ „Diel“ rief die Jüdin, indem ſie verächtlich die Oberlippe aufwarf und die Naſe rümpfte, wodurch ſie, ſonſt ſo ſchön, auf einmal fürchterlich, ja grauenhaft häßlich wurde.„Die, ſagſt Du? die Meſtize, die ſelbſt eine Selavin!“ „Halt, halt, Schudith,“ unterbrach der Jude mit einem unruhigen Blick.„Das behalt für Dich, Kind. Sprich nicht mehr davon— wenigſtens nicht jetzt, nicht jetzt. Die Bäume könnten Ohren haben, Schudith.“ Das Aufwallen der heſtigſten Leidenſchaft hinderte die ſchöne Judith zu antworten und einige Augenblicke ritten Vater und Tochter ſchweigend neben einander. „Du hatteſt Unrecht, lieber Vater,“ ſagte ſie,„dies Mädchen überhaupt kaufen zu wollen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ forſchte der alte Jude, als wenn die Frage ein Echo ſeiner eigenen Ge⸗ danken geweſen wäre.„Was willſt Du damit ſagen?“ 1 ———————— 4 — 83 „Ich wollte nur ſagen, daß Du Unrecht hatteſt, alter Rabbi Jacob; und das ſage ich noch.“ „Bei meiner Seel', waſ ſch meinſcht Du denn eigent⸗ lich, Schudith?“ „Nun, Vater, Du warſt nicht immer ſo ſchwer von Begriffen. Sag' mir nur: wozu haſt Du denn das Fellahmädchen nöthig?“ „O, Du weiſcht recht gut, wozu ich ſie nöthig. Dieſer Prinz will ſeine zwanzig Mandingos für ſie geben. Kein Zweifel mehr, ſie iſt ſeine Schyeſter. Zwanzig gute ſtarke Mandingos, unbezweifelt zweitau⸗ tend Pfund werth. Bei meiner Seel', das iſcht ein Vermögen!“— „Nun, und wenn es ein Vermögen, was dann?“ „Wenn es das iſt? Bei unſern Vätern! Du ſprichſt von zweitauſend Piund, als wenn es Dreck wäre.“ „Lieber Vater, Du mißverſtehſt mich.“ „Mißverſtehen? Schudith?“ „Ja, ganz gewiß. Ich habe mehr Achtung vor zweitauſend Pfund, als Du mir wohl zutrauſt. Und zwar ſo viel, Dir zu rathen, daß Du ſie nehmen ſollſt.“ „Nehmen? Wier daſch is ja ſchuſt, was ich thun möchte.“. „Das wohl, aber Du haſt es in ſo verkehrter Weiſe angefangen, daß Du Gefahr läufſt, es zu verlieren.“ „Und wie denkſt Du es anzufangen, liebe Schudith?“ „Ich würde es in Beſitz nehmen.“ Der Sclavenhändler zog plötzlich heftig am Zügel und riß ſeinen Mauleſel ſo, daß er ſinſand⸗ Zugleich 84 einen halb verwirrten, halb durchbohrenden warf er Blick auf ſeine Tochter. „Nun, guter Vater Jaco ſie ihr Pferd ebenfalls anhielt,„Du pflegſt doch ſonſt 5,“ fuhr dieſe fort, indem nicht ſo ſchwerfällig zu ſein. Während ich an der Pforte dieſer prächtigen Zuckerpflanzung wartete, mußte ich ein wenig nachdenken, und dies brachte mich unmit⸗ telbar zu der Frage: was auf der Welt hat Dich nur in dies Haus geführt?“ „Und welche Antwort gabſt Du Dir, Schudith?“ „O, gerade keine beſondere; nur daß Du auf einem ſehr vergeblichen und unnützen Wege wareſt.“ „Ja, es iſt wirklich ein unnützer geweſen, es iſt wahr; ich erreichte nicht, was ich wollte.“ „Nun, und was macht denn das aus?“ „Was das ausmacht? Zwanzig Mandingos machen aus viel, machen aus zweitauſend Pfund Münze. Das macht es aus, Schudith, mein Liebling!“ „Nicht den Abfall von dem Schuhnagel eines Man⸗ dingo macht es aus, mein guter Rabbi Jeſſuron.“ „Horch, was ſagſt Du da, meine weiſe Schudith?“ „Was ich ſage? Einfach, daß dieſe Mandingos ganz gut Dein ſein könnten, ohne alle dieſe Mühe. Noch jetzt könnten ſie es— und ihr Herr dazu, wenn Du einen Fürſten zum Selaven haben magſt. Ich möͤchte das ſchon.“ „Sprich Dich offen aus, Schudith; ich verſtehe Dich nicht.“ „Das wirſt Du gleich. Sagteſt Du nicht, duß * 85⁵5 Captin Jowler Urſache hat, nicht an's Land zu kommen?“ 8„Captin Showler! Er würde wahrhaftig lieber auf der Cannibaleninſel landen, als auf der Montego⸗Bay. Und was ſoll das, Schudith?“ „Rabbi Jeſſuron, nun geht meine Geduld zu Ende. Für den Fellahfürſten biſt Du nur dem Capitain Jow⸗ ler verantwortlich. Capitain Jowler kömmt nicht an' Land.“ „Das iſt gewiß, ganz gewiß,“ bejahte der Jude mit einer Handbewegung, welche andeutete, daß er das eben Geſagte vollkommen begriffen. „Nun, und wer will Dich dann abhalten, mit die⸗ ſen Mandingos nach Belieben zu ſchalten?“ „Wunderbar, Schudith!“ rief der Vater aus, ſeine Arme hoch erhebend.„Wunderbar, Schudith! Gerade das Rechte getroffen!— Bei meiner Seel'! und ich habe nicht einmal daran gedacht.“ „Ja, Vater; glücklicher Weiſe iſt es noch nicht zu ſpät. Ich habe daran gedacht. Ich wußte ganz wohl, daß Käthchen Vaughan ſich von der Yola nicht trennen würde. Ich ſagte es Dir vorher; aber dennoch hoffe ich, Du haſt nicht geſagt, wozu Du ſie eigentlich haben wollteſt? Wenn Du es aber hätteſt, ſo—— ¹ „Nicht ein Wort, Schudith, nicht ein Wort!“ „Dann braucht es auch Niemand zu wiſſen. Was Capitain Jowler betrifft, ſo—— „Showler darf ſein Geſicht hier in der Bay gar nicht zeigen. Deswegen landete er ſeine Ladung ſo im — näbann—— — 8—— Stunden Dein ſein, der Fürſt, ſeine Dienerſchaft und Stillen. In vierundzwanzig Stunden iſt er auch wie⸗ der fort.“ „Dann können die Mandingos in vierundzwanzig 4 alle zuſammen. Aber die Zeit iſt koſtbar, Papa. Wir thäten beſſer, ſogleich nach Hauſe zu eilen und ſeiner königlichen Hoheit die ſchönen Federn abzunehmen, bevor einige unſerer neugierigen Nachbarn dazu kommen, denn man wird ſich bald allerhand Aergerliches erzählen. 41 Was unſern würdigen Aufſeher anbetrifft—— „Ja, Ravener! Er weiß Alles hierüber. Ich war genöthigt, ihm Alles zu ſagen, als wir landeten.“ „Warſt Du wirklich genöthigt? Nun, das wird Dir wohl ein oder zwei Mandingos koſten, um ſeine Zunge+. im Zaume zu halten; ja, das wird es. Aber übrigens 5 kann kaum irgend ein Hinderniß vorkommen. Es kommt glücklicher Weiſe nicht darauf an, was dieſe Wilden unter ſich erzählen. Eines Schwarzen Zunge kann gar nicht Schaden bringen.“ „Wunderbar, Schudith!“ rief der bewundernde Vater abermals aus.⸗„Meine koſtbare Tochter, Du viſt Dein Gewicht wahrhaftig in reinem Guineengold werth! Vierundzwanzig Selaven für nichts, und immer noch dazu ein geborner Fürſcht! Zweitauſend baar! Bei meiner Seel', es wird einen glänzenden Gewinn ge⸗ ben,— werth den Kauf und Verkauf eines ganzen Jahres.“ Und mit dieſer ehrlichen Erwägung ſetzte der Scla⸗ venhändler ſeinen Mauleſel in Trab und folgte ſeiner 87 koſtbaren Schudith, die ebenfalls ihr Pferd mit der Peitſche antrieb und auf's Schnellſte nach Hauſe eilte. Zwölftes Kapitel. Der Zwiſchenderks-Paſſagier. Am dritten Tage, nachdem das Sclavenſchiff in der Bay von Montego Anker geworfen, erſchien ein großes Schiff unter vollen Segeln auf der hohen See, lief der Küſte zu und fuhr dann in den Hafen hinein. Die engliſche Nationalflagge wehte hoch über dem Taffrail des Schiffes und ſpielte munter in der Luft. Die ver⸗ ſchiedenen Kiſten, Ballen, Koffer und Mantelſäcke, die auf dem Decke zu ſehen und für die Ausladung hin⸗ auf gebracht waren, ſowie die freie männliche Hal⸗ tung der Matroſen zeigten an, daß es ein ſtattliches Kauffartheiſchiff ſei. Die Inſchrift am Hintertheil zeigte an, daß es die„Seenymphe von Liverpool“ ſei. Obwohl mit Kaufwaaren befrachtet und in der That nur ein Kauffahrer, zeigte doch die Gegenwart verſchie⸗ dener Perſonen in gewöhnlicher bürgerlicher Tracht, daß die Seenymphe auch Paſſagiere aufgenommen. Die meiſten derſelben waren weſtindiſche Pflanzer mit ihren Familien, die von einem Beſuche im Mutter⸗ lande zurückkehrten, nachdem ihre Söhne vielleicht aka⸗ demiſche Würden auf einer engliſchen Univerſität erlangt und ihre Töchter die letzte feine Ausbildung in einer beliebten Erziehungsanſtalt erhalten hatten. Dieſe ſſſͤſſſſ“ hauptſächlich, zugleich mit einigen wenigen jungen Rechts⸗ gelehrten, ſo wie auch einigen Jüngern des Aeskulap, welche alle ihr Glück in der an Verbrechen wie an Krankheiten reichen Colonie verſuchen wollten und es wahrſcheinlich auch fanden, bildeten die Paſſagiere der erſten Cajüte der Seenymphe. Zwiſchendeckspaſſagiere waren nur wenige unter ihnen. Alle, die genöthigt wären, eine ſolche unbequeme Reiſe Über das Atlantiſche Meer zu wählen, haben in Weſt⸗ indien, wie in allen andern tropiſchen Ländern, wenig Ausſichten, wo die Arbeit einzig von den Muskeln und Sehnen der Sclaven betrieben wird. Nur drei oder vier hatten deshalb das Zwiſchendeck am Bord der See⸗ nymphe eingenommen. Dennoch war einer von dieſen beſcheidenen Reiſenden beſtimmt, eine hervorragende Rolle in unſerer Geſchichte zu ſpielen. Dies war ein junger Mann, dem Aeußern nach im Alter von zwanzig oder einundzwanzig Jahren, von mittelhohem Wuchs mit wohl gerundeten und fein ge⸗ bauten, Kraft und Gewandtheit verkündenden Gliedma⸗ ßen. Sein Ausſehn, obwohl keineswegs vollkommen brünett, war dennoch viel dunkler, als dies bei einem Eingeborenen Großbritanniens gewöhnlich der Fall iſt. Das Geſicht war höchſt edel gebildet und ſeine ganze Erſcheinung bedeutend genug, um die Aufmerkſamkeit auch des gleichgiltigſten Beobachters auf ſich zu ziehen. Dunkle, braune Augen und im reichſten Ueberfluſſe ſeine Wangen umſpielendes Haar von gleicher Farbe, verlie⸗ hen ſeinem Geſichte eine ganz beſondere Anmuth. Ueber⸗ 5 — 5 89 haupt konnte er als ein hübſcher junger Mann be⸗ zeichnet werden. Seine Kleidung, obwohl ſie weder reich noch vom neueſten Schnitte war, ſaß ihm dennoch gut und entzog ihm nichts von der Anmuth, mit welcher die Natur ihn beſchenkt hatte. Die Tracht war nicht gerade länd⸗ lich, ſondern vielmehr die eines jungen Studenten, deſſen arme, aber liebevolle Eltern ſich ſelbſt beſchränkt hätten, um ihm eine der gewöhnlichen Kirchſpielſchule überle⸗ gene Erziehung angedeihen zu laſſen, ſo wie auch ein Kleid, welches der für ihn geſuchten Stellung entſpräche. Die Kſeider, welche er trug, waren ſeine beſten, die er jetzt zum erſten Male während der Reiſe und ganz beſonders für die Landung angelegt. Der junge Mann ſah darin auch keineswegs übel aus. Ihre außeror⸗ dentliche Knappheit diente lediglich dazu, die ſchöne Tournüre ſeines Körpers wie die natürliche Anmuth ſeiner Gliedmaßen hervorzuheben, und der kurze, blaue Ueberrock mit ſchwarzen Aufſchlägen, der über ein Paar enganſchließende Beinkleider auf ſogenannte heſſiſche Stiefeln fiel, verlieh ihm, ungeachtet einer, jedoch nur geringen, Fadenſcheinigkeit längs der Nähte, ein gewiſſes diſtinguirtes Ausſehn. Die Beſchäftigung des jungen Mannes verrieth ebenfalls einen Grad von höherer Bildung. Auf der Spitze des Fockmaſtes ſitzend, zeichnete er auf einem weißen Blatte eines Buches, das ſein Tagebuch zu ſein ſchien, den Hafen, in den das Schiff eben einlief, und die Zeichnung, obwohl nur eine leicht hingeworfene Skizze, verrieth keine ganz gewöhnliche künſtleriſche Bildung. Dennoch war der junge Mann durchaus kein Künſt⸗ ler. Berufsmäßig war er, leider zu ſeinem eigenen Schaden, ſo gut wie gar nichts. Als armer Student, ohne eine Kunſt oder ein Handwerk zu beſitzen, um ſeinen Lebensunterhalt zu gewinnen, war er jetzt nach Weſtindien gekommen, in der Meinung,— gleich andern jungen Leuten, welche mit unbeſtimmten Hoffnungen nach fremden Colonien gehen— daß das Glück ſich in ir⸗ gend einer Weiſe freundlicher in der Fremde zeigen möge, als es dies daheim gethan. Welche Hoffnungen auf Erfolg indeß auch der junge Coloniſt gehegt, ſie waren keineswegs ſanguiniſch oder übertrieben. Obwohl von Natur von heiterem Geiſte, wie ſeine ganze Geſichtsbildung verkündete, ſo konnte ein genauer Beobachter doch zuweilen einen gewiſſen, ſich auf ihn lagernden düſtern Schatten bemerken. Als das Schiff näher zur Küſte kam, ſchloß er das Buch und beobachtete ſinnend das glänzende Gemälde der tropiſchen Welt, das ſich jetzt zum erſten Male vor ſeinen Augen entrollte. Trotz der angenehmen Gefühle, die eine ſo ſchöne Landſchaft erwecken mußte, verrieth ſein Geſicht einige Aengſtlichkeit, vielleicht einige Zweifel in die Art des Empfanges, der ihm in dieſem herrlichen, vor ſeinen “ Blicken ſich entfaltenden Lande zu Theil werden ſollte. 2 2 ₰ 91 Dreizehntes Kapitel. Der Cajüten-Paſſagier. Ein anderer Paſſagier der Seenymphe, mit dem unſer Leſer nothwendig bekannt gemacht werden muß, war ebenfalls ein junger Mann, augenſcheinlich von demſelben Alter, wie der bereits erwähnte. Nur hierin und in ihrer Eigenſchaft als Engländer glichen ſie ſich, in allen andern Beziehungen waren ſie einander ſehr unähnlich. In Bezug auf Geſichtsbildung, auf die Farbe der Haare, der Augen und des Bartes war Jeder ſogar ein vollkommener Gegenſatz des Andern. Jener war von dunklem Teint, dieſer aber von vor⸗ zugsweiſe heller Haut mit Haaren von ganz heller, gelblicher Farbe, die ausſahen, als wenn ſie künſtlich gelockt und leicht durch Einreiben mit parfümirtem Oele gedunkelt wären. Der Backen⸗ wie der Schnurrbart waren faſt von derſelben Farbe und ſchienen mit einem un⸗ verdroſſenen Fleiße gepflegt zu ſein, der verrieth, daß der Beſitzer nicht wenig eitel darauf war. Die Augenbrauen waren ebenfalls ganz hell, wäh⸗ rend die Farbe der Augen nicht ſo ganz leicht zu be⸗ ſchreiben iſt, indem das eine von ihnen gewöhnlich ge⸗ ſchloſſen gehalten und der klare Anblick des andern durch ein kleines Augenglas in einer ſchildpattenen Ein⸗ faſſung verhindert wurde. Durch das Glas ſchien es ſehr hellgrau und entſchieden ein„Schweinsauge“ zu ſein. Seine Geſichtszüge waren jedoch regelmäßig genug, aber ohne allen hervorragenden Charakter und von mehr 8 —— ſͤſͤſͤſ 5—.— weibiſcher, als gerade niedriger Form. Ihr vorzugs⸗ weiſer Ausdruck war allerdings der eines gewiſſen Hoch⸗ muthes, der ſich zuweilen ſelbſt bis zum offenen Hohne erhob. Die Kleidung des jungen Mannes ſtand ganz im Verhältniſſe zu der Ziererei, die ſich bereits in den par⸗ fümirten Locken wie in dem Augenglaſe kund gab. Sie beſtand in einem Ueberzieher aus ſehr feinem Tuche, einem weißen Biberhut, Weſte und Pantalons von un⸗ tadelhaftem Büffelcaſhemir, feinen Glacéhandſchuhen an den Händen und Stiefeln ſo glänzend, wie Lack und Firniß ſie nur machen können. Alle dieſe Kleidungs⸗ ſtücke waren in der modernſten Weiſe angefertigt und wurden auch mit einer Miene von avoir faire getragen, die laut den Londoner Stutzer verkündete. Das affectirte Ziehen der Wörter, womit dieſer Herr ſprach, wenn er ſich jemals herabließ, mit ſeinen Mitpaſſagieren zu verkehren, beſtätigte vollkommen die⸗ ſen Charakter:— ein Zieraffe vom reinſten Waſſer. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß dieſer Stutzer ein Cazütenpaſſagier und alſo auch in dieſer Beziehung ſehr von ſeinem minder glücklichen Reiſe⸗ gefährten verſchieden war. Die aufmerkſame Zuvor⸗ kommenheit, die ihm vom Aufwärter und den Cajüten⸗ dienern der Seenymphe bewieſen wurde, bezeugte ſeine Neigung, ſich freigebig gegen ſie zu zeigen. Selbſt der ſonſt barſche Schiffer behandelte ihn mit einer ſehr gro⸗ ßen Ehrerbietung, die wohl klar bewies, daß ſein Paſ⸗ ſagier ein Mann von großem Vermögen oder von gro⸗ ßem Anſehn, vielleicht auch beides wäre. ——— “ 93 Doch genug von ſeiner äußeren Erſcheinung, wir wollen auf ſeine Verhältniſſe etwas näher eingehen. Yelept Montagu Smythie, jedenfalls eine Verbeſſerung des gewöhnlichen Shmith, war ein junger Mann aus guter Familie wie von Vermögen. Das letztere beſtand in einer prachtvollen Zuckerplantage auf Jamaica, die ihm von einem verſtorbenen Verwandten hinterlaſſen und die zu beſuchen der Zweck ſeiner Reiſe war. Das Gut hatte er noch nicht geſehen, da dies ſeine erſte Reiſe über das Atlantiſche Meer war; aber er hatte jedenfalls keinen Grund, an dem Vorhandenſein deſſelben zu zweifeln. Das ſchöne Einkommen, welches es ihm während verſchiedener Jahre ſeiner Minderjäh⸗ rigkeit gewährte und das ihn befähigt hatte, im Weſt⸗ ende Londons in einem großartigen Style zu leben, war gewiß ein thatſächlicher Beweis, daß Schloß Montagu (der Name des Gutes) etwas mehr als ein bloßes Luftſchloß war. Er war deſſen Eigenthümer ſchon ver⸗ ſchiedene Jahre geweſen, aber bis zur Erlangung ſeiner Volljährigkeit, die erſt kürzlich ſtattgefunden, war die Beſitzung durch einen auf der Inſel wohnenden Bevoll⸗ mächtigten verwaltet worden: einen Herrn Vaughan, der ebenfalls ein Zuckerpflanzer und nächſter Nachbar des wirklichen Herrn von Montagu war. Herr Smythje war über das Weltmeer gewiß nicht in der Abſicht gekommen, ſich auf ſeinem Jamaica⸗Gute niederzulaſſen.„Solch' eine närriſche Idee,“ um ſeine eigenen Ausdrücke zu gebrauchen,„kam noch niemals in mein Gehirn. London und ſeine Vergnügungen mit einem Aufenthalte unter dieſen ſchmuhzigen Negern ver⸗ tauſchen— nihmermöhr, nein, warraftig! Ich köhnte niemals ahn eine ſolche freiwihllige Verbahnung denken, das würde ja eine Duhmheit ſrin⸗ eine koloſſale Duhm⸗ heit, auf Oehre!“ In dieſer Weiſe erklärte ſich Hert Montagu Smythje gegen ſeine Mitpaſſagiere auf der Seenymphe, als er ihnen den Zweck ſeiner Reiſe auseinanderſetzte. „Ein bloßer Ausflug, uhm etwas von den troopi⸗ ſchen Ländern davon zu ſehen, von dönen ich ſo gaanz Außerordentliches gehört— uhm oinen Blück zu wör⸗ fen auf moine Suckerpflahnzung und moine Nögers; ſehr hübſches Schlooß ſoll da ſein, aber banfähllig und hoiß— ja hoiß, wie die haülliſcen Gögenden!“ Um die Wahrheit zu ſagen, Herr Smythje vermochte wohl kaum ſelbſt anzugeben, warum er ſeinen Ausflug unternommen. Er folgte keineswegs den Eingebungen irgend einer Neigung oder Leidenſchaft, als er einwil⸗ ligte, ſich für einige Zeit von ſeinem theuren London und ſeinen frohen Vergnügungen zu trennen, noch be⸗ ſaß er die geringſte Neugierde, die Gänſe zu ſehen, die ihm die goldenen Eier legten, ſo lange die Eier immer richtig an ſeinen Bankier in London abgeliefert wurden. Es war indeß theils das Drängen ſeiner Freunde, die der Meinung waren, daß eine Abwefenheit. von der Metropole dazu beitragen würde, ihn von gewiſſen Hin⸗ neigungen zu Ausſchweifungen zu befreien, denen er zu ſorglos ergeben war, theils aber auch das ſtete Anlie⸗ gen ſeines Bevollmächtigten auf Jamaica, das ihn be⸗ wogen hatte, die Reiſe zu unternehmen. Ein anderer Grund, den er ſelbſt angab und der . 95 vielleicht eben ſo triftig als irgend ein anderer ſein mochte, war ſein„Wonſch, einige von düſen Crüuolen⸗ mädels zu ſehen, von dönen er gehört, daß ſie ſo»ganz verteifelt hübſche Dinger« wären.“ Selbſt der verſtändige und geſetzte Vormund, Herr Vaughan, der den Charakter ſeines Mündels, obgleich er ihn nie geſehen, doch wohl begriffen zu haben ſchien, hatte dieſe Verlockung in ſeinem Einladungsbriefe be⸗ nutzt, wenn auch nur wie zufällig und in höchſt zurück⸗ haltender Weiſe. Freilich ſprach es ſehr für des Vormunds Recht⸗ ſchaffenheit, daß er ſo eifrig eine perſönliche Beſichti⸗ gung des verwalteten Gutes verlangte. Und dennoch war es möglich, daß er hierbei keineswegs von ſo rei⸗ nen Beweggründen geleitet würde. Nur eine Thatſache mag hier erwähnt werden: der zjunge Gutsbeſitzer ſollte während ſeines Aufenthaltes auf der Inſel der Gaſt des Herrn Vaughan ſein, da Schloß Montagu, das Jahre lang unbewohnt geweſen, nicht im geeigneten Zuſtande zur Aufnahme ſeines durch⸗ lauchtigen Herrn Eigenthümers ſei. Der Vormund hielt es des kurzen Aufenthaltes wegen für unnöthig, das Schloß in Stand ſetzen zu laſſen und ſo jede un⸗ nütze Ausgabe zu ſparen. Sein eigenes Haus wurde deshalb zur Verfügung ſeines Mündels während deſſen Aufenthalt auf der Inſel geſtellt. Hier konnte er auch in der That alle möglichen Bequemlichkeiten haben, in⸗ dem das Wohnhaus zu Willkommenberg eines der größ⸗ ten auf ganz Jamaica, die Familie des Herrn aber eine , der kleinſten war, indem Herr Vaughan ja nur ein Kind, eine einzige Tochter, hatte.— — Vierzehntes Kapitel. Toftus Vaughan auf der Tauer. An jedem Tage nach Empfang der beiden Briefe von England und faſt jede Stunde des Tages konnte man Loftus Vaughan mit dem Teleſkope in der Hand an einem der offenen Fenſter ſeines Hauſes ſehen, um vermittelſt deſſelben die Rhede und das offene Meer vor der Montegobay zu durchforſchen. Der Zweck ſeiner teleſkopiſchen Betrachtungen ging dahin, die„Seenymphe“, bevor ſie in den Hafen fuhr, zu erſpähen, damit ſein Wagen am Hafen den vortreff⸗ lichen Herrn Smythje bei ſeiner Landung ſofort empfan⸗ gen könne. Zu jener Zeit fuhren über das Atlantiſche Meer noch keine Dampfſchiffe, die pünktlich am beſtimm⸗ ten Tage, ja faſt auf die Minute eintreffen. Obgleich der Anmeldungsbrief zehn Tage vor dem Abſegeln der „Seenymphe“ geſchrieben war, ſo war doch bei ſo un⸗ gewiſſen Dingen wie Wind und Wetter kaum eine feſte Berechnung möglich, und das Schiff, mit dem Herr Montagu Smythje fuhr, konnte faſt jeden Augenblick eintreffen. Daß irgend ein hervorragender Gaſt erwartet wurde, war eine Thatſache, die keinem einzigen Diener in der Haushaltung zu Willkommenberg unbekannt bleiben 1 ———— 97 bleiben konnte. Jeden Tag ſah man irgend ein koſt⸗ bares Hausgeräth von der Bay bringen und die Zim⸗ mer auf Schloß Willkommenberg wurden zu ſeinem Empfange neu verziert. Die Hausmädchen wie die Diener im Hauſe wurden mit neuen Kleidern, einige ſogar mit Livreen— ein auf Jamaica ganz ungewöhn⸗ licher Staat— ausgeſtattet, auch Schuhe und Strümpfe wurden auf die Füße gezwängt, deren Eigenthümer bis dahin wohl nie mit ſolchen Unbequemlichkeiten zu kämpfen hatten und ſicher wünſchten, ſehr bald von dieſer Qual befreit zu werden. Es braucht wohl kaum noch erwähnt zu werden, daß der Pflanzer alle dieſe ganz außerordentlichen Aus⸗ gaben für den Empfang des Herrn Montagu Smythje und nur für ihn machte. Hätte er nur ſeinen Neffen erwartet, ſicher hätte er dann nicht ſolche unausgeſetzte Nachforſchungen auf der See angeſtellt und ſicher wären auch nicht ſolche Vorbereitungen zur Ehre ſeines Empfan⸗ ges getroffen worden. Herrn Vaughan's eigentliche Beweggründe hierzu bedürfen ebenfalls wohl kaum einer Erläuterung, der Leſer wird ſie ſchon längſt errathen haben. Er war der Vater einer heirathsfähigen Tochter und Herr Montagu Smythje war in ſeinen Augen nicht nur ein paſſender, ſondern ein höchſt wünſchenswerther Schwiegerſohn. Der junge Mann beſaß ein ſehr ſchönes Vermögen, wie Vaughan genau wußte, denn der würdige Pflanzer war nicht nur custos rotulorum, ſondern auch lange . Zeit hindurch Cuſtos von Schloß Montagu geweſen und kannte deſſen Werih bis auf den litten Heller. Der Marone. I. Die Beſitzung grenzte dicht an die ſeine, und oft hatte er einen Sehnſuchtsblick auf deren ausgedehnte Aecker und die dazu gehörigen Schwarzen geworfen und hatte den Wunſch genährt, der ſich zur wahrhaften Leiden⸗ ſchaft ſteigerte, dies Alles zu beſitzen, wenn nicht in ſeinem eigenen Namen, ſo doch in dem ſeiner Tochter. Die Vereinigung der zwei Beſitzungen, Willkommenberg und Schloß Montagu, würde eine prachtvolle Herr⸗ ſchaft, eine der reichſten und ausgedehnteſten auf der Inſel, ausgemacht haben. Dies zu erreichen war lange der Wunſch unſeres Loftus Vaughan⸗ geweſen. Er war in ihm mehr und mehr gewachſen, bis er das Hauptſtreben ſeines Lebens und die Lieblingsabſicht ſeines Herzens⸗ wurde. Indeß darf auch ein anderer mehr achtungswerther Beweggrund nicht verſchwiegen werden, den Vaughan für die Vereinigung hegte. Er war zu lange in Jamaica geweſen, um die wahre Stellung ſeiner Tochter in der Geſellſchaft zu verkennen. Wie ſchön, verſtändig und wohlerzogen Käthchen Vaughan auch immer war, wie ſehr ihr Vater ſie auch liebte— und, um ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſeine väterliche Liebe wahr wirklich ſehr innig,— er hatte oft beobachtet und in Folge deſſen wußte er genau, daß zwiſchen ihr und den jungen Herren ſeiner Bekanntſchaft— das heißt denen, die paſſend für ſie geweſen wären— ſtets eine geſellſchaftliche Scheidewand beſtehen würde: die Farbe. Oftmals hatte er hierüber nachgedacht und zwar mit großem Kummer. Er wußte aber auch, daß junge Eng⸗ länder, vorzüglich bei ihrer erſten Ankunft auf der —— 99 Inſel, es mit dieſer Scheidewand nicht ſo genau neh⸗ men, ja ſie ganz und gar nicht beachten, bis auch ſie von den geſellſchaftlichen Vorurtheilen der Inſel ange⸗ ſteckt ſind. Bei ſeinen eheſtiftenden Abſichten fehlte wohl der Jamaicapflanzer gewiß nicht mehr als hundert andere Väter, und außerdem ſpricht es ſehr für ihn, daß ſeine Liebe zu ſeiner Tochter und der Wunſch, ſie gleichſam zu adeln— denn durch eine ſolche Verbindung wäre der Flecken der Farbe ſofort vertilgt geweſen— die Hauptbeweggründe ſeines ganzen Strebens waren. Unglücklicher Weiſe müſſen jedoch noch andere Charakter⸗ züge von ihm mit den daraus hervorgehenden Handlun⸗ gen berichtet werden, die nicht anders als ſchlecht ge⸗ nannt werden können. Vaughan war trotz ſeiner lebhaften Thätigkeit in den Geſchäften des Lebens, trotz der Energie, die ihm zum Reichthum verhalf, ſtets nur ein Schwachkopf. Wie viele Leute von niedriger Geburt, die zu Anſehn und Vermögen gelangen, ſo war er auch, er war„der auf's Pferd geſtiegene Bettler“ geworden, deshalb viel eiferſüchtiger auf ariſtokratiſche Ehren, als die zu ihnen Geborenen; ein Vertheidiger aller ererbten Vorrechte und immer bereit, für ſie zu kämpfen, kurzum, das wahrhafte Bild eines„Parvenu.“ Die geſuchte Höflichkeit, die Vaughan bei den Vor⸗ bereitungen für den Empfang des Herrn von Schloß Montagu zeigte, ſtand deshalb im größten Widerſpruch mit der Unhöflichkeit, die er ſeinem Verwandten gegen⸗ über bewies. — —— Beide waren die Ergebniſſe niedriger Charakter⸗ züge, aber im letzteren Falle waren ſowohl die Hand⸗ lung, wie die damit verbundene Geſinnung beiſpiellos erbärmlich und jämmerlich. Die Ankündigung in des Neffen Briefe, daß er ein Paſſagebillet für's Zwiſchen⸗ deck genommen, war für ſeinen Onkel eine Quelle bit⸗ teren Aergers geworden. Wohl würde er ſich nicht im Geringſten darum gequält haben, hätte der junge Mann die Reiſe in einem andern Schiffe als der„Seenymphe“ gemacht, oder wäre er unerkannt gereiſt. Vaughan fürchtete vor Allem, daß dies Herr Montagu Smythje erfahren werde und daß dadurch ſeine Achtbarkeit für ihn in einem bedenklichen Grade abnehmen könne. Dieſe Furcht verurſachte ihm ſo viel Qualen, daß, wäre es möglich geweſen, er die Verwandtſchaft abge⸗ läugnet hätte. Einige Hoffnung hegte er jedoch, daß die Bekannt⸗ ſchaft der Beiden nicht während der Reiſe ſtattfinden würde, indem er hierbei auf den Charakter des ariſto⸗ kratiſchen„Cockney“ rechnete, von dem er wußte, daß er ein Muſterbild hochmüthigen Stolzes ſei. Deshalb ſicher darauf vertrauend, daß ſich am Bord des Schif⸗ fes nichts ereignen würde, was den Herrn Smythje mit der Verwandtſchaft bekannt mache, war er entſchloſſen, hierzu auch keine Gelegenheit am Lande zu geben. Um ſelbſt die Möglichkeit hiervon auszuſchließen, hatte er einen Plan entworfen, der eben ſo kindiſch als grau⸗ ſam war: ſein Neffe ſollte von jedem Zutritt abgehal⸗ ten werden.. Einen ſolchen Plan hatte er lange vor der Ankunft 101 der„Seenymphe“ entworfen. Herr Montagu Smythje ſollte ſofort bei der Landung aufgeſucht und alsbald nach Willkommenberg gebracht werden. Herbert Vaug⸗ han ſollte unmittelbar ebenfalls dahin gebracht werden. Es ſchien durchaus nicht wünſchenswerth, ihm Zeit zu laſſen, um Nachforſchungen in der Stadt anzuſtellen, wo ſein Onkel allgemein bekannt war und wo die Ent⸗ deckung ſeiner Verwandtſchaft mit dem armen Zwiſchen⸗ deckspaſſagier dem ſtolzen Pflanzer eben ſo unangenehm geweſen wäre. Deshalb waren für die erwarteten Beſuche verſchie⸗ denartige Transportmittel auserſehen und ihre Ankunft ſollte auch zu verſchiedenen Zeiten ſtattfinden, um die Möglichkeit eines Zuſammentreffens ſelbſt auf der Hee⸗ resſtraße abzuſchneiden. Ueberdies ſollte Herbert bei der Ankunft auf der Plantage nicht nach dem Hauſe ſeines Onkels gebracht werden, ſondern auf einem be⸗ ſondern Wege nach dem Hauſe des Plantagenaufſehers, das in einer beſondern Ecke des Thales ſtand und faſt eine Viertelmeile von dem Herrenhauſe oder dem„Buff“ entfernt lag. Hier ſollte er als Gaſt des Aufſehers bis zu einer Zeit verweilen, wo ſein Onkel in irgend einer Weiſe über ihn verfügen würde, indem er ihm entweder eine Anſtellung zu Montegobay oder auch eine Stelle als Buchhalter auf einer entfernten Pflanzung verſchaffte. Die Ausführung dieſes ſo angelegten Vorhabens ward dem Aufſeher des Gutes Willkommenberg anver⸗ traut, einem Manne, der in jeder Hinſicht eines ſolchen Vertrauens würdig und, wie die meiſten ſolchen Schla⸗ 10² ges, ſelbſt noch für viel weniger löbliche Zwecke brauch⸗ bar geweſen wäre. Mit dieſem ſcharfſinnigen Entwurfe erwartete Herr Vaughan getroſt die Ankunft ſeiner Gäſte. * * 5* Acht Tage nach Empfang der Anmeldungsbriefe, zur Mittagszeit, gewahrte der Pflanzer, der wie gewöhnlich mit einem Teleſkope ſpielte, auf dem offenen Meere vor der Montego⸗Bay ein großes Schiff mit langen und breiten Raaſegeln, das nach dem Hafen ſegelte. Das konnte die Seenymphe, ſein aber eben ſo gut auch ein anderes Schiff, allein in Anbetracht der Zeit und einiger anderer, dem Herrn Vaughan bekannter Um⸗ ſtände, war es höchſt wahrſcheinlich das von ihm er⸗ wartete. Deshalb war der Pflanzer entſchloſſen, das von ihm ſo klug entworfene Programm nicht durch irgend einen Fehler in der Ausführung verderben zu laſſen, und ordnete daher deſſen ſofortige Ausführung an. Es ward nun zu einer allgemeinen Muſterung ſämmtlicher Hausdiener geläutet; ein Horn rief den Aufſeher herbei und in weniger als einer halben Stunde war die Familien⸗Barutſche, ein ſchöner, von einem Paare prachtvoller Staatspferde gezogener Wagen, auf dem Wege nach der Bay begriffen, während der Aufſeher als eine Art Escorte hinterher ritt. Hiernach kam ein mit acht großen Ochſen beſpannter Wagen, und dieſem folgte eine Escorte ganz eigener Art, ein plumper Ne⸗ gerjunge auf der langhaarigſten, zottigſten und magerſten . Mähre, die ſich denken läßt. Der Negerjunge war kein anderer, als der bereits erwähnte Poſtbube Quashie. Quashie war jetzt nicht in ſeiner gewöhnlichen täg⸗ lichen Arbeit, ſein jetziger Auftrag war wirklich von viel wichtigerer Art. Die große Halle von Willkommenberg zeigte nun ein Bild, das Jedem, der mit weſtindiſchen Sitten nicht vertraut, höchſt auffallend ſein mußte. Auf dem Fußboden lagen in verſchiedenen Entfer⸗ nungen von einander ſechs bis acht Negermädchen oder Dirnen zerſtreut, von denen die meiſten zu der jüngeren Aufzucht der Pflanzung gehörten. Alle lagen auf den Knieen und jede hatte an ihrer Seite eine friſche in Hälften geſchnittene Orange, etwas Bienenwachs und einen kleinen Haufen von der faſerigen Fruchthülſe der Kokosnuß. Der Fußboden war ohne Teppich und getäfelt. Das Moſaik beſtand aus Mahagoni, Herzholz, Brotnuß und Kernapfel. Dieſem gewürfelten Fußboden einen ſchönen Glanz zu geben, war das Geſchäft der ſchwarzen Fräulein, und zu dieſem Zweck waren auch die Orangen wie die Hülſen der Kokosnuß vorhanden. Einem Inſelbewohner iſt ein ſolcher Anblick aller⸗ dings etwas Alltägliches. Die Politur des Fußbodens ſeiner Halle iſt für den Jamaica⸗Pflanzer ein Gegen⸗ ſtand des Stolzes, und jeden Tag zur ſelben Stunde kamen die ſchwarzhäutigen Hausmädchen und erneuerten den Glanz der Oberfläche, deren Firniß ſeinen Schimmer 3 durch die Feſtgelage der letzten Nacht verloren hatte. Die für dieſe ſonderbare Sitte beſtimmte Zeit iſt kurz vor dem Decken des Mittagstiſches um drei oder vier Uhr, und damit die Politur nicht wieder verdorben wird, wenn ſie die Schüſſeln hereintragen, ſo bedienen ſich die barfüßigen Kammerjungfern einer eigenen Weiſe, die ihrer Originalität wegen wohl eine Erwähnung verdient.— Jede verſieht ſich mit zwei kleinen leinenen oder baumwollenen Tuchſtücken, breitet ſie auf den Boden aus und ſetzt auf jeden Lappen einen Fuß. Da die Zehen einer weſtindiſchen Hausmagd ſich faſt eben ſo zum Faſſen eignen, wie ihre Finger, ſo findet ſie wenig Schwierigkeiten, das Stück Tuch zu faſſen und es zwiſchen dem großen Zehen und ſeinem nächſten Nachbar feſtzuhalten. Mit dieſer höchſt einfachen Beſchuhung iſt ſie im Stande, über den Boden hinzugleiten, ohne im mindeſten den Firniß zu verdunkeln, oder nur irgend eine Spur ihres Trittes auf der glänzenden Oberfläche zurückzulaſſen. Während nun ein ſolcher geſchäftiger Auftritt in der großen Halle von Willkommenberg vor ſich ging, fand in verſchiedener Weiſe ein eben ſo lebhafter in der Küche des Hauſes ſtatt. Dieſe Abtheilung des Haus⸗ weſens ſtand ein wenig zur Seite des Haupthauſes und war mit deſſen unterem Stockwerk durch einen bedeckten Gang verbunden. In dieſem konnte man ſtets ſchwarze und gelbe Dirnen kommen und zurückkehren ſehen, eine jede mit einer Bürde von einem Wildpretſchenkel, einer Schildkröte, wilden Tauben und Gebirgskrebſen, Alles 105 4 auf dem Wege zum Spieß, zur Bratpfanne oder zum Kohlenbecken. Einen ähnlichen Anblick mochte man zu Willkom⸗ menberg vielleicht jeden Tag haben können, aber doch wohl mit einer weniger reichen Verſchiedenheit in den Gegenſtänden und mit nicht halb ſo großer Aufregung unter dem zur Küche gehörenden Mägdeperſonal, deſſen raſchere Bewegung bei der Ausführung ſeiner Verrich⸗ tungen ſowohl, als auch die mannigfache Verſchie⸗ denheit der umherliegenden Leckerbiſſen bewieſen, daß an dieſem Tage ein Mittagseſſen der prächtigſten und koſt⸗ barſten Art von ihren Händen bereitet wurde. Der Cuſtos erlaubte nicht, daß dieſe Vorbereitungen ohne ſeine perſönliche Oberaufſicht gemacht wurden. Von der Zeit an, wo das Schiff ausgeſpäht worden war, befand er ſich überall: im Stalle, um nach den Stallknechten zu ſehen, in der Küche, um den Köchen einen Auftrag zu geben, in der großen Halle, um die Politur des Fußbodens in Augenſchein zu nehmen, und zuletzt an der Auffahrtsſeite des Hauſes, wo er mit dem Teleſkope in der Hand ſtand und die lange Allee hin⸗ abſah, in welcher der ſeinen ausgezeichneten Gaſt ent⸗ haltende Wagen jeden Augenblick erſcheinen konnte. — rnꝛ—— 106 Fünfzehntes Kapitel. Käthchen und Vola. In einer dem Getöſe und dem Geräuſche der Küche am weiteſten entlegenen Ecke des Herrenhauſes von Willkommenberg befand ſich eine kleine, auf's Reichſte und Zierlichſte ausgeſtattete Kammer. Das Licht fiel von zwei Seiten durch die mit Jalouſien verſehenen Fenſter hinein, die, wenn ſie geöffnet, freien Zutritt auf einen kleinen Baleon geſtatteten, der an der Außenſeite vor jedem der Fenſter angebracht war. Eins der Fenſter ging nach hinten hinaus, wo man den Hinterhof, einen Theil des Gartens und dabei den bewaldeten Abhang erblickte; das andere gewährte den Blick auf die linke Seite des Hauſes, wo die Zierge⸗ büſche ſich bis zum Fuße des Berggipfels erſtreckten. Wäre ſelbſt Niemand in dieſer kleinen Kammer an⸗ weſend geweſen, die Art und Weiſe ihrer ganzen Ein⸗ richtung und Ausſtattung würde alsbald gezeigt haben, daß ihr Bewohner dem ſchönen Geſchlechte angehöre. In einer Ecke ſtand ein zierliches Bett mit geſchnitz⸗ ten Pfoſten aus gelbem Lanzenholz, von denen Vorhänge herunterhingen, die beim erſten Anblick für weiße Mouſſelinegardinen gehalten werden konnten, die aber bei näherer Beſichtigung offenbar ein gazegleiches Mos⸗ quitonetz waren. In einer Fenſterniſche ſtand ein Putztiſch von Pa⸗ piermaſché, der mit Perlmutter ausgelegt war, und auf demſelben befand ſich ein runder Spiegel vom feinſten ſpaniſchen Mahagoni. ———— 107 Vor dem Spiegel befanden ſich ſehr viele Gegen⸗ ſtände der verſchiedenſten Art, worunter die gewoͤhnlichen Toilettenbedürfniſſe zugleich mit allen jenen kleinen Sachen und Sächelchen der Mode und des Luxus ſich zeigten, welche einer feinen und gebildeten Frau zukommen. Noch andere Stücke des Ameublements in dieſem Gemache waren drei oder vier chineſiſche Rohrſtühle, ein kleiner hölzerner Tiſch von eingelegter Arbeit, ein Näh⸗ tiſch von Schildkrötenſchale auf einem eben ſolchen Fuße, und ein kleiner reich verzierter Schrank von Ebenholz. Im Zimmer war weder ein Kamin noch ſonſt der⸗ gleichen, um ein Feuer zu machen, da dies Alles in einem ſolchen Klima ununterbrochenen Sommers voll⸗ kommen überflüſſig iſt. Die Fenſtergardinen beſtanden aus dünnem durch⸗ ſichtigen Mouſſeline mit in den Stoff eingewobenen ro⸗ then Blümchen, umfaßt von einer Franſe aus abwech⸗ ſelnd rothen und weißen Quaſten. Der durch das offene Gitterwerk der Jalouſien ein⸗ dringende Luftzug bewegte leiſe dieſe Vorhänge und ver⸗ lieh auf dieſe Weiſe der ganzen Räumlichkeit eine lieb⸗ liche Kühlung, die durch die glänzende ſpiegelgleiche Glätte des harten Holzbodens noch bedeutend gehoben wurde. Gewiß Keiner hätte in dies kleine Gemach geſchaut, der nicht über deſſen koſtbare, doch zugleich einfache Aus⸗ ſtattung geſtaunt hätte. Jedoch war es des Gegen⸗ ſtandes würdig, den es gewöhnlich enthielt, es war dies nämlich die Schlafkammer und das Boudoir der„klei⸗ J 108 nen Quasheba“, der muthmaßlichen Erbin von Schloß Willkommenberg. . Nur wenige waren ja mit einem Einblick in dies einfache und koſtbare Gemach beglückt worden, denn es war gleichſam ein geweihtes Gebiet, wohinein neugierige Augen nicht dringen durften. Sein glänzender Fußbo⸗ den war niemals von gemeinen Füßen betreten; mit Ausnahme ihres Vaters war noch niemals ein Mann in dieſes jungfräuliche Heiligthum eingedrungen und ſelbſt er nur ſelten und bei beſonderen Gelegenheiten; ja ſelbſt den Dienern ſtand der Zutritt nicht frei, und nur eine einzige durfte es ohne weitere Erlaubniß be⸗ treten— die braune Dienerin der ſchönen Herrin. Am ſelben Tage, kurz nachdem das Läuten der Glocken die Ankunft des engliſchen Schiffes angekündigt, und während die ſchwarzen Diener bei den beſchriebenen Vorbereitungen beſchäftigt waren, hielten ſich zwei Per⸗ ſonen in jener Kammer auf. Die eine war die junge Dame, der das Gemach gehörte, die andere ihre Dienerin Yola; die erſtere ſaß auf einem der chineſiſchen Stühle dem Fenſter gegen⸗ über, während das Mädchen hinter ihr ſtand und be⸗ ſchäftigt war, ihrer Herrin Haar zu ordnen. Das Mädchen war gerade beim Beginne ihrer Ar⸗ beit, wenn das überhaupt Arbeit genannt werden kann, was ganz ſicher ein Vergnügen für ſie ſein mußte. Bereits lagen die verſchiedenartigen Kämme und Haar⸗ nadeln auf dem Tiſche zerſtreut, und die langen kaſta⸗ — 109 nienbraunen Locken hingen in reichſter Verwirrung um die ſchneeweißen Schultern, daß auf ihrer zarten Sam⸗ metfläche gewiß nicht die geringſte Spur von„Farbe“ entdeckt werden konnte. Unwillkürlich hörte das Mädchen in der Arbeit auf und ſah ihre Herrin mit aufrichtigen und bewundernden Blicken au. „O, wie ſchön!“ rief ſie murmelnd mit leiſer Stimme aus;„Sie ſind ſchön, ſehr ſchön, Miſſa!“ „Still, Yola, ſtill! Es iſt von Dir nur Schmei⸗ chelei. Du biſt gerade ſo hübſch wie ich, nur daß Deine Schoͤnheit ganz anderer Art iſt. Unbezweifelt würdeſt Du wohl in Deinem Vaterlande eine große Schönheit ſein.“. „O, Miſſa, Sie ſind überall ſchön— ſchwarzer Mann— weißer Mann, Alle halten Sie ſchön, be⸗ wundern Sie.“ „Danke Dir, Yola! Aber mein Wunſch iſt es gar nicht, ſo allgemein bewundert zu werden. Ich weiß wirklich gar kein männliches Weſen, in deſſen Augen ich irgend Anziehungskraft beſitzen möchte.“ „Vielleicht Miſſa nicht ſo ſagt, wenn junger Mann kommt von England.“ „Welcher Herr?— es werden ja zwei erwartet aus England?“ „Yola nicht gehört, daß zwei kommen. Maſſa nur von einem geſprochen.“ „O, Du hörteſt nur von einem ſprechen? Hörteſt Du vielleicht ſeinen Namen?“ 110 „Ja; er großer Mann!— Sultan von Mongou! Yola auch andern Namen gehört, ſie nicht ausſprechen kann.“. „Ha, ha, ha! Das ſetzt mich nicht in Verwunderung. Ich weiß ihn ſelbſt kaum auszuſprechen, den zweiten Namen, aber ich meine, er iſt Smythje. Iſt das der Name, den Du gehört?“ „Ja, das iſt er, Miſſa!— Er ſehr feiner Herr, er ſchöner Mann. Der Aufſeher hat's gehört von Maſſa.“ „O, Yola! Dein Herr iſt ein Mann, und Männer ſind immer die beſten Beurtheiler von Perſonen ihres eigenen Geſchlechts. Vielleicht iſt der Sultan von Mon⸗ tagu, wie Du ihn nennſt, keineswegs ſolch ein Muſter von Vollkommenheit, wie Papa ihn beſchreibt. Aber wir werden nun bald Gelegenheit haben, ſelbſt zu ur⸗ theilen. Haſt Du den Aufſeher nicht von noch einem andern Herrn reden hören, der auch erwartet wird?“ „Nein, Miſſa. Er ſprach nur von einem, und das war der von Schloß Mongou.“ Ein leiſer, ihre Täuſchung anzeigender Ausruf ent⸗ ſchlüpfte den Lippen der jungen Creolin, ihr Haupt ſank etwas nieder in einer Haltung ſtummen Nachdenkens und ihre Augen blieben auf dem glänzenden Fußboden zu ihren Füßen haften. Wohl dürfte es nicht leicht zu ſagen ſein, warum ſie die letzte Frage an ihr Mädchen ſtellte. Vielleicht hatte ſie bereits einigen Verdacht in die Pläne ihres Vaters. Auf alle Fälle indeß wußte ſie, daß irgend ein 111 Geheimniß obwaltete, und war begierig, es zu er⸗ gründen. Das Mädchen ſah ſie noch immer ſtaunend an, als ihre arabiſchartigen dunkeln Geſichtszüge plötzlich einen gänzlich veränderten Ausdruck annahmen, und der frü⸗ here bewundernde Blick ſich in tiefes Forſchen verſenkte, als wenn irgend ein neuer Gedanke ſie erfaßt hätte. „Allahl“ murmelte das Mädchen, ernſthaft in das Geſicht ihrer Herrin ſtarrend. „Wohl, Yola,“ ſagte ſie dann, über den Ausruf verwundert und zu ihrer Dienerin aufſehend,„warum rufſt Du Allah an? Iſt Dir irgend etwas Beſonderes begegnet?“ „O, ſchöne Miſſa! Sie ſo ähnlich einem Mann!“ „Ich einem Manne ähnlich? Ich ſoll einem Manne gleichen? Iſt es das, was Du meinſt?“ „Ja, Miſſa.“ „Nun, Yola, ſchmeichelſt Du mir ganz gewiß nicht. Wer iſt der Mann? Bitte, ſag' es mir.“ „Er Mann aus den Bergen— Marone.“ „O, immer ſchlimmer. Ich einem Maronenneger ähnlich? Gütiger Gott! Nun ſpaßt Du doch gewiß, Yola?“ „O, Miſſa, er ſehr ſchöner Mann; runde, ſchwarze Augen, die wie die Feuerfliegen glänzen— Augen wie Ihre, wirklich, wirklich, ganz wie Ihre, Miſſa.“ „Geh, geh, Du albernes Mädchen!“ ſagte die jung Dame in einem mehr angenommenen als wahrhaft Tone des Tadels;„weißt Du wohl, daß es ſehr un⸗ artig von Dir iſt, mich mit einem Maronen zu ver⸗ gleichen?“ „O, Miſſa Käthchen, er ſchöner Mann— ſehr ſchöner Mann.“ 1 „Das muß ich ſehr bezweifeln; doch ſelbſt, wenn es wahr wäre, ſo ſollſt Du doch nicht von ſeiner Aehn⸗ lichkeit mit mir ſprechen.“ „Verzeihung, Miſſa! Ich nun nicht mehr ſo ſagen.“ „Ja, Du thuſt beſſer, nicht ſo zu reden, gute Yola. Wenn Du es wieder thuſt, werde ich Papa bitten, Dich zu verkaufen.“ Dies ward in einem ſanften und ſpaßhaften Tone geſagt, der anzeigte, daß die Abſicht, die Drohung aus⸗ zuführen, der Sprecherin ſehr entfernt lag. „In der That, Yola,“ fuhr die junge Dame fort, „ich könnte einen guten Preis für Dich bekommen. Was glaubſt Du wohl, daß mir jüngſt für Dich ge⸗ boten?“ „Miſſa Käthchen, ich weiß nicht. Möge Allah ver⸗ hüten, daß ich Sie je verlaſſen muß. Wenn Sie nicht meine Miſſa, ſo will ich nicht mehr leben.“ „Danke Dir, Yola,“ ſagte die junge Creolin, offen⸗ bar auf's Innigſte von den Worten ihres Mädchens gerührt, deren Aufrichtigkeit durch den Ton, in dem ſie geſprochen, bezeugt wurde.„Sei nicht bange, daß ich mich je von Dir trennen werde. Deshalb ſchlug ich eine ſehr hohe Summe für Dich aus. Kannſt Du wohl rathen, wie viel?“ „Ach, Miſſa, ich habe für keinen Andern Werth, als für Sie. Wenn Sie mich verlaſſen, ſo ſterbe ich.“ 113 „Nun, da iſt Jemand, der Dich zweihundert Pfund werth hält und ſie für Dich geboten hat.“ 4 „Wer iſt das, Miſſa?“ „Ja, der, der Dich an Papa verkauft hat Jeſſuron.“ „Allah beſchütze arme Yola! O, Miſſa Käthchen! Er ſehr ſchlechter Herr! Er ſehr böſer Mann. Yola ſterben— Cubina ſie tödten, Yola ſich ſelbſt tödten, wenn ſie zurückverkauft an den böſen Sclavenhändler! Gute Miſſa!— ſchönſte Miſſa!— Sie nicht verkaufen arme Sclavin?—“ Das Mädchen fiel auf die Kniee zu den Füßen ih⸗ rer jungen Herrin, ſchlug die Hände über dem Kopf zuſammen und verblieb einige Augenblicke in dieſer Stellung. „Fürchte nicht, daß ich Dich verkaufe,“ ſagte die junge Dame, indem ſie die Flehende aufforderte, aufzu⸗ ſtehen;„am allerwenigſten an ihn, den ich ganz dafür halte, wie Du ihn bezeichnet, für einen böſen Mann. Habe keine Furcht mehr. Aber ſage mir, was war das für ein Name, den Du nun gerade ausgeſprochen? Cubina, nicht wahr?“ „Ja, Miſſa, Cubina.“ „Und wer iſt Cubina?“ Das braune Mädchen zögerte zu antworten, wäh⸗ rend eine dunkle, tiefe Röthe ſich auf ihren kaſtanien⸗ braunen Wangen zeigte. „Nun, nichts für ungut!“ ſagte ihre junge Herrin, die ihr Zögern bemerkte.„Wenn dabei irgend ein Ge⸗ Der Marone. I.. 8 1 Herr 114 heimniß, Yola, ſo will ich Deine Antwort gar nicht verlangen.“ „Miſſa, vor Ihnen Yola kein Geheimniß haben. Cubina Gebirgsmann— Marone.“ „Was, iſt er der Maroneneger, dem ich ähnlich ſein ſoll?“ „Ja, Miſſa, ja, derſelbe.“ „O, ich ſehe nun wohl, wie das Alles zuſammen⸗ hängt. Deswegen hältſt Du mich alſo für ſo ſchön? Dieſer Cubina iſt unbezweifelt ein Anbeter von Dir?“ Yola ſenkte ihren Kopf, ohne Antwort zu ertheilen, und die Röthe ihrer Wangen bewältigte vollkommen das Kaſtanienbraun derſelben. „Du brauchſt gar nicht zu antworten, gute Yola,“ ſagte die junge Creolin mit bedeutungsvollem Lächeln. „Ich weiß ſchon, was Du antworten würdeſt, wenn Du Dich ausſprechen wollteſt. Ich glaube, ich habe von dieſem Cubina gehört. Aber nimm Dich in Acht! Dieſe Maronen ſind eine ganz andere Art von Män⸗ nern, als die farbige Bevölkerung auf der Pflanzung. Er iſt wie ich! ha, ha, ha!“ und die junge Schönheit warf einen ſchüchternen und ſittſamen Blick in den Spiegel.„Nun, Yola, ich bin Dir nicht böſe, da es Dein Geliebter iſt, dem ich ähnlich ſein ſoll. Liebe ſoll wunderbar verſchönern, und unbezweifelt iſt Cu⸗ bina in Deinen Augen ein wahrhafter Endymion.“ „Komm!“ fügte ſie nach einiger Unterbrechung und nach einem kurzen Lächeln hinzu,„ich fürchte, wir ha⸗ ben ſchon zu viel Zeit verſäumt. Wenn ich nicht fertig bin, um dieſen hohen Gaſt zu empfangen, ſo habe ich 115 Verdruß von Papa. Darum eile, Yola! und zieh' mich an, wie es der Herrin von Willkommenberg zukommt.“ Mit heiterm, ſchallendem Gelächter und einem im Scherz angenommenen vornehmen Anſtande beugte die junge Dame ihren Kopf und unterwarf ihr prachtvolles Haar der ſorgſamen Behandlung ihrer Dienerin. Sechzehntes Kapitel. Zwei Reiſende nach derſelben Auelle. Herr Montagu Smythje hatte den ganzen Weg von Liverpool nach Jamaica zurückgelegt, ohne je ſeinen Fuß nur einen Zoll über die Linie geſetzt zu haben, die das geheiligte Gebiet des Hinterdecks von dem minder geach⸗ teten Mittel⸗ und Vordertheil des Schiffes trennt. Ueber den Hauptmaſt hinaus war er nie gekommen. Da die Seenymphe kein eigentlich regelmäßiges Pa⸗ auetſchiff oder gar ein königliches Poſtſchiff war, ſon⸗ dern nur ein gewöhnliches Kauffahrteiſchiff, das gelegent⸗ lich einige Paſſagiere mitnahm, ſo wurden gerade keine ſo ſehr ſtrengen Geſetze in Betreff der Vorrechte des Hinterdecks beobachtet. Die gemeinen Matroſen durften freilich das gewöhnliche Vorrecht nicht verletzen und ſie betraten das Hinterdeck nur, wenn der Dienſt, der ge⸗ bieteriſcher als der despotiſchſte Schiffer, ihre Gegenwart dort nothwendig machte. Die Zwiſchendeckspaſſagiere jedoch konnten, mit der Ausnahme, daß ſie nicht die erſte Kajüte betreten durf⸗ 116 ten, überall auf dem Schiffe ſich aufhalten, und ſich auf dem Hinterdeck nach Belieben ergehen. Die Meiſten von ihnen, faſt Alle mit einer einzigen Ausnahme, hatten von Zeit zu Zeit die ihnen einge⸗ räumte Erlaubniß benutzt und bei ſchönem Wetter den größern Theil ihrer Zeit in der Nähe des Steuerruders oder an andern Plätzen in der Nähe der Hauptkajüte zugebracht. Die einzige Ausnahme von dieſer Gewohnheit machte der bereits erwähnte und beſchriebene junge Mann— der Kunſtdilettant. Während der langen ſechswöchentlichen Reiſe hatte er niemals das Hinterdeck betreten, noch ſich überhaupt öfters auf irgend einem Decke ſehen laſſen. Gewöhnlich hatte er ſich unten aufgehalten, obgleich man ihn bei vorzüglich ſchönem Wetter auch wohl ſchweigend die Strickleiter erklettern und ſich ganz vorn auf dem Vor⸗ dermaſt niederlaſſen ſehen konnte, wo er mit einem Buche Stunden lang verweilte.. Die Sprietſegelraa war ebenfalls einer ſeiner Lieb⸗ lingsplätze und hier, auf dem zuſammengerollten Segel ausgeſtreckt, ſah er gern in das blaue Waſſer hinunter, als wollte er die Bewegungen der türkisfarbenen Del⸗ phine beobachten, die fortwährend das Schiff umſchwärm⸗ ten, als wären ſie Abgeſandte Neptuns, um das Schiff ſchützend zu begleiten. Dennoch ſchien der junge Mann keineswegs eine vorzugsweiſe Neigung zur Trauer und zur Einſamkeit zu haben, denn zu andern Zeiten kroch er den Weg durch die Klappen und Luken von einem Verdecke des — B „ — 2 ———— —%₰§———— ——— nicht empfehlenswerthes Gefühl. Er wußte ſehr wohl, 117 Vordercaſtells in das andere und der helle Klang ſeiner Stimme, der ſich in Spaß und Eelächter den muntern Ergüſſen der luſtigen Theerjacken anſchloß, bewies deut⸗ lich, daß ſeine natürliche Stimmung durchaus nicht fin⸗ ſter, ſchwermüthig oder ungeſellig ſei. Sicher war er ein großer Liebling aller Matroſen. Ein Beweis hiervon iſt, daß beim Durchſegeln der Linie (der Matroſe betrachtet den Wendekreis des Krebſes wie die Linie, wenn die wirkliche, der Aequator, nicht auf ſeiner Reiſe erreicht wird) Neptun nicht darauf beſtand, ihn mit ſeinem großen Meſſer zu raſiren, obwohl er zu arm, um dieſem Verfahren dadurch zu entgehen, daß er die Bartſcheerer des Seegottes beſtochen. Weniger nachſichtig war der Gott jedoch mit Herrn Montagu Smythje, der genöthigt wurde, nicht weniger als ſechs Flaſchen Rum zugleich mit verſchiedenen Paqueten Tabak zu bezahlen, um ſeinen prächtigen Backenbart wie ſeinen geſchniegelten Schnurrbart vor der Verunreinigung von Theer und Tonnenfett zu be⸗ wahren. Warum der junge Zwiſchendeckspaſſagier ſich in dieſer Weiſe vom Hinterdeck fern hielt und der Gemein⸗ ſchaft mit den Kajütenpaſſagieren auswich, blieb denen ein Geheimniß, die hierüber ihre Vermuthungen anſtell⸗ ten, obgleich ſonſt in ſeinem ganzen Betragen gar nichts Geheimnißvolles lag. Unbezweifelt ward er durch einen perſönlichen Stolz hierzu veranlaßt und fühlte ſich durch ſeine untergeordnete Stellung als Zwiſchendeckspaſſagier gedemüthigt, ein allerdings ſehr begreifliches, aber doch daß die Zulaſſung zum Hinterdeck für Paſſagiere ſeiner Klaſſe nur eine Höflichkeit, aber keine Berechtigung ſei, und da er eines jener unabhängigen Gemüther war, welche das nicht annehmen wollen, was ſie nicht als Recht beanſpruchen können, ſo hatte er das höflichkeits⸗ halber eingeräumte Hinterdeck lieber gar nicht betreten. Da er niemals hinten geweſen und Herr Montagu Smythje gefliſſentlich nie nach vorn gekommen, ſo hatte alſo kein Geſpräch zwiſchen Beiden ſtattfinden können. Wirklich war während der ganzen Reiſe nicht ein einzi⸗ ges Wort zwiſchen ihnen gewechſelt worden. Die beiden jungen Leute hatten ſich allerdings oft genug geſehen und kannten ſich von Anſehn ganz wohl; Smythje hatte ſelbſt das beſondere Weſen ſeines Reiſe⸗ genoſſen, ſich von den Uebrigen fern zu halten, bemerkt und hatte ihn einen„verteufelten Sonderling“ genannt, — eine Bezeichnung, die der letztere unbezweifelt im Geiſte, wenn auch nicht in Worten jedenfalls hinreichend erwiedert hatte. Ungeachtet ſeines nur geringen Denkvermögens war der Cockney⸗Stutzer ſogar von einer gewiſſen Neugierde erfüllt, zu erfahren, wer und was dieſer„Sonderling“ eigentlich ſein möge. Mehr als ein Mal hatte er den Capitain und Andere gefragt, doch wußten dieſe Alle nichts von dem früheren Leben des Mitteldeckpaſſagiers. „Weiß nichts von ihm,“ ſagte der barſche Schiffer; „ganz und gar nichts. Kam an Bord den Tag bevor wir abſegelten, hatt' einen alten Mantelſack, zahlte ſein Paſſageld und nahm Beſitz von ſeiner Koje— das iſt Alles, was ich weiß.“ V. „Ein verteufelter Sonderling!“ wiederholte Herr Smythje zum zwanzigſten Male.„Ah, ah! ſollte ihn in der That ſelbſt fragen, wenn nur eine Gelegenheit da wäre, aber der närriſche Kerl kommt niemals hieher, und ich kann vorn nicht hingehen, denn es ſtinkt da abſcheulich nach Theer.“ Die ſo ſehr gewünſchte Gelegenheit ſollte aber doch kommen, wenn auch erſt in der elften Stunde. Wirk⸗ lich in der letzten Stunde der Reiſe, als die Seenymphe ſchon dicht vor dem Hafen war, gingen alle Paſſagiere nach der Spitze des Schiffes, um dort einen beſſern Ueberblick über die prächtige, ſich nun vor ihren Blicken entrollende Landſchaft zu haben, und der Stutzer, der die allgemeine Neugierde theilte, ging diesmal ebenfalls dahin. Nachdem er einen erhöhten Stand auf der Spitze der Ankerwinde eingenommen, brachte er ſein Glas an's Auge und begann die Landſchaft zu beſichtigen, deren Einzelheiten nun dicht genug waren, um unterſchieden werden zu können. Herr Smythje blieb nicht lange ſtumm, denn er gehörte keineswegs zu den Schweigſamen. Die ſchöne Gegend hatte ihn zu einer Art poetiſcher Begeiſterung angeregt, die ſich bald in charakteriſtiſchen Ausdrücken Luft machte. „Sehr ſchön, wahrhaftig, auf Oehre!“ rief er aus; „würde eine prächtige Scene machen auf einem Theater. Meinen Sie nicht auch, guter Freund?“ fügte er hinzu, indem er ſich auf's Gerathewohl an einen neben ihm Stehenden wandte. „Ja, mein guter Freund,“ erwiederte der Angere⸗ —— dete, der in der That kein Anderer als der junge Zwiſchen⸗ deckspaſſagier war,„nach meiner Meinung hängt das ganz von dem Gegenſtande ab.“ Ungeachtet der etwas ſatyriſchen Antwort, wurde ſie doch ohne alles Uebelwollen vorgebracht. Im Gegen⸗ theil ſchwebte ein wohlwollendes Lächeln auf der Lippe des Sprechers, während er ſeine Augen mit einem etwas ſpaßhaften Ausdruck auf den Stutzer richtete. „Ah,— ja,— Sie ſind es, mein Herr,“ ſagte der letztere, der nun erſt bemerkte, wen er angeredet. „Ja, gewiß!“ fuhr er fort, indem er die cyniſche Hal⸗ tung, die der Andere angenommen, nicht bemerken zu wollen ſchien.„Ah, ſehr eigenthümlicher Mann! unbe⸗ greiflich, eigenthümlich!—— Darf ich fragen— ent⸗ ſchuldigen Sie die Freiheit— was führt Sie nur eigentlich hierher, nach Jamaica, mein' ich?“ „Daſſelbe,“ erwiederte der Zwiſchendeckspaſſagier, etwas ärgerlich über die faſt an Unverſchämtheit gren⸗ zende Weiſe, ihn ſo zu befragen,„was Sie ſelbſt hieher geführt, das gute Schiff, die Seenymphe.“ „Ah, ja, in der That! Gut— ſehr gut! Aber, werther Herr, das iſt's nicht, was ich gemeint!“ „Nicht?“ „Nein, ich verſichere Ihnen. Ich meinte, welches Geſchäft Sie hieher führt. Vielleicht haben Sie einen beſtimmten Beruf?“. „Nein, ganz und gar keinen; ich verſichere Ihnen.“ „Vielleicht ſind Sie dann Kaufmann?“ „Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich nicht einmal Kaufmann bin.“ . 4 ——— 121 „Was, keinen Beruf und auch kein Kaufmann! Was der Tauſend wollen Sie denn in Jamaica machen? Vielleicht ſuchen Sie eine Stelle als Buchhalter auf einer Pflanzung oder auch vielleicht als Aufſeher? Das erfordert nicht gerade viel Erfahrung, wie ich gehört, denn der Buchhalter hat gar keine Bücher zu führen, ha, ha, ha! und einen Neger kann ja ein Jeder beauf⸗ ſichtigen. Iſt's das, was Sie erwarten, werther Freund?“ „Ich erwarte hier gar nichts, in keiner Weiſe,“ er⸗ wiederte der junge Mann in einem Tone ſorgloſer Gleich⸗ giltigkeit.„In Betreff des Geſchäfts, das ich hier be⸗ treiben will, ſo dürfte das wohl von dem Willen eines Andern abhängen.“ „Eines Andern? So!— weſſen denn? wenn ich fragen darf.“ „Meines Onkels.“ „So, wirklich? Alſo Sie haben einen Onkel hier auf Jamaica?“ „Ja, wenn er noch lebt.“ „Wie? Sie ſind nicht einmal ſicher, ob er noch lebt? Sie haben vielleicht lange nichts von ihm gehört?“ „Mehrere Jahre nicht,“ erwiederte der junge Zwi⸗ ſchendeckspaſſagier, indem ſeine bedenkliche Lage ihn nun veranlaßte, den früher angenommenen ſatyriſchen Ton zu verlaſſen.„Mehrere Jahre nicht,“ wiederholte er,„obgleich ich ihm geſchrieben, daß ich mit dieſem Schiffe kommen würde.“ „Merkwürdig! und darf ich fragen, was für ein Geſchäft Ihr Onkel treibt?“ „Er iſt ein Pflanzer, glaub' ich.“ „Ein Zucker⸗Pflanzer?“ „Ja, das war er wenigſtens, als wir zuletzt von ihm gehört.“ „Ah, dann iſt er wohl ein Gutsbeſitzer? In dem Fall wird er ſchon etwas Beſſeres für Sie finden, als Neger zu beaufſichtigen. Darf ich etwa Ihren Namen wiſſen?“. „Ganz gern. Meine Name iſt Herbert Vaughan.“ „Vaughan,“ wiederholte der Stutzer in einem neues Intereſſe verrathenden Tone,„Vaughan? Verſtehe ich Sie recht?“ „Herbert Vaughan,“ erwiederte der junge Mann feſt und nachdrücklich. „Und Ihres Onkels Namen?“ „Er heißt auch Vaughan. Er iſt meines Vaters Bruder, oder war es vielmehr, da mein Vater todt iſt.“ „Doch nicht Loftus Vaughan, Gutsbeſitzer auf Will⸗ kommenberg?“ „Loſtus iſt meines Onkels Taufname und Willkom⸗ menberg iſt, glaube ich, der Name ſeines Gutes.“ „Sehr merkwürdig! Unbegreiflich merkwürdig! Wiſ⸗ ſen Sie wohl, werther Herr, daß Sie und ich nach demſelben Platze gehen? Loftus Vaughan von Willkom⸗ menberg iſt der Verwalter meines eigenen Grundbeſitzes, — derſelbe, bei dem ich angemeldet bin. Wie eigen doch! Sie und ich, wir ſollen nun Gäſte unter demſel⸗ ben Dache ſein!“ Die Bemerkung war von einem hochmüthigen und anmaßenden Blicke begleitet, der von dem jungen Zwi⸗ — — ſchendeckspaſſagier keineswegs unbemerkt blieb. Dieſer Blick war es auch, der die wahre Bedeutung jener Worte anzeigte, die Herbert Vaughan nun nicht anders als für eine Beleidigung nehmen konnte. Er war im Begriff, hierauf eine derbe Entgegnung zu machen, als der Stutzer ſich plötzlich entfernte, indem er beim Fortgehen einige halb unverſtändliche Abſchieds⸗ worte hervorſtieß. Herbert Vaughan ſah ihm einen Augenblick mit einem Lächeln tiefſter Verachtung auf den Lippen nach. Freilich war dies nur eine kurze Zeit zu bemerken, denn ſeine Haltung nahm bald wieder ihren gewöhnlichen gutmüthigen Ausdruck an, und er ſtieg in's Zwiſchen⸗ deck hinunter, um ſein nur geringes Gepäck für die Ausſchiffung bereit zu halten. Siebzehntes Kapitel. Anashie. In weniger als einer halben Stunde nach dem kur⸗ zen Geſpräche zwiſchen Herrn Montagu Smythje und dem jungen Zwiſchendeckspaſſagier war die Seenymphe in den Hafen eingelaufen und lag am Landungsdamm Ein breites Legebrett ward von der Küſte an das Schiff gelegt, und über dieſes kam ſofort ein großer Haufen von Maͤnnern und Frauen von allen möglichen Farbenverſchiedenheiten an Bord, während die des Schiffes müden Paſſagiere und Alles, was dazu gehörte, ſich beeilten, ſo bald als möglich an's Land zu kommen. Halbnackte ſchwarze, braune und gelbe Träger riſſen ſich um das Gepäck, riſſen Kiſten, Koffer und Felleiſen umher und ſchleppten ſie überall hin, nur nicht nach dem rechten Platze, während ſte in dem ihnen eigenen Negergeſchwätz mit ſolcher Heftigkeit ſchrieen und kreiſch⸗ ten, daß es faſt dem Geſchnatter der Affen glich. ꝛAuf dem Quai hielten verſchiedene Wagen, die augen⸗ ſcheinlich auf die Ankunft des Schiffes gewartet hatten, nicht Miethwagen, wie dies in einem europäiſchen Ha⸗ fen wohl der Fall geweſen wäre, ſondern Privatfuhr⸗ werke, worunter einige ſehr ſchöne, von einem Paar hübſcher Pferde gezogene und von einem ſchwarzen Li⸗ vreekutſcher geführte Chaiſen. Außerdem waren noch einige Gigs nur mit einem Pferde da oder zweiräderige Wagen von niedrigerer Gattung, nach Beſchaffenheit des Vermögens und des Ranges derjenigen, für deren Weg⸗ führung ſie am Hafen warteten. Auch mit Ochſen beſpannte Wagen hielten nahe am Landungsplatze, um das ſchwere Gepäck aufzunehmen; die nackten ſchwarzen Ochſenführer lagen faullenzend und ſchweigend um die Thiere herum oder riefen ſie auch zuweilen beim Namen und ſprachen mit ihnen, als ob dieſe ihre Reden vollkommen verſtänden. Unter den verſchiedenen auf dem Quai haltenden Wagen war eine ſehr hübſche Barutſche beſonders auf⸗ fallend. Sie war mit zwei milchweißen und prachtvoll angeſchirrten Pferden beſpannt, ein Mulatte ſaß als Kutſcher in einer Livree vom hellſten Grün mit gelben Aufſchlägen auf dem Bocke, während ein Bedienter in — 125 Kleidern von derſelben Farbe an dem Wagentritte ſtand V und die Thür für Jemanden zum Einſteigen offen hielt. 3. Herbert Vaughan, der auf dem Vorderdeck der See⸗ nymphe ſtand und unentſchieden war, wohin er ſich auf dem Lande wenden ſollte, hatte die prachtvolle Equipage wohl bemerkt. Er ſah noch nach ihr, als ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf zwei Herren hingezogen wurde, die vom Schiffe ſofort heruntergegangen und nun bei dieſem Wa⸗ gen angelangt waren. Ein weißer Diener folgte ihnen und hinter ihm waren zwei Neger, die eine Anzahl leichter Gepäckſtücke fortbrachten. Einer der Herren und der . weiße Diener wurden von Herbert leicht wieder erkannt, denn ſie hatten die Ueberfahrt mit ihm gemacht. Es 1 waren Herr Montagu Smythie und ſein Kammerdiener. Der andere Herr, der ihn begleitete, war von der Inſel und die beiden das Gepäck tragenden Neger gehörten ihm an. — Herbert erinnerte ſich nun des eigenthümlichen Aus⸗ drucks, den der Zierlaffe ganz kurz zuvor gebraucht, daß er nämlich bei dem Eigenthümer von Willkommen⸗ berg angemeldet ſei. War das der Wagen von Willkommenberg? und war der ſo ergebenſt ausſehende Herr, der ihn jetzt be⸗ gleitete, ſein Onkel? Nein, der Mann war dafür zu jung und außerdem 7 würden ſein nur gewöhnlicher Rock wie ſeine gemeinen i. Leinenhoſen wohl kaum für den Eigenthümer einer ſolchen glänzenden Equipage geeignet geweſen ſein. Herbert wandte ſich nun um und ſuchte Jemanden, den er befragen könnter 3 126 Viele Inſelbewohner waren am Bord, weiße ſowohl wie farbige; indeß die meiſten waren entfernt, entweder in der Mitte des Schiffes oder auf dem Hinterdecke. Nur ein einziger wirklicher Eingeborner war ſo in der Nähe, um mit ihm ſprechen zu können,— ein Neger⸗ knabe von ſolchem plumpen, knorpeligen und ungeſchlach⸗ teten Ausſehn, daß der junge Mann Anſtand nahm, eine Frage an ihn zu richten, da er kaum hoffen durfte, eine verſtändliche Antwort zu erhalten. Als er den ſchwarzen Buben mit etwas mehr Auf⸗ merkſamkeit betrachtete, verrieth ein gewiſſes Blinzeln ſeiner Augen allerdings mehr Verſtand und Einſicht, als Herbert ihm zuerſt zugetraut hatte. Außerdem ſah der Knabe ihn ſtets mit feſtem Blicke an, als erwarte er eine Frage oder ſei begierig, ſelbſt zu fragen. Herbert entſchloß ſich, an dieſer Quelle die nöthige Erkundigung einzuziehen. „Wohl, mein Junge,“ ſprach er in einem freund⸗ lichen Tone,„kannſt Du mir ſagen, wem der Wagen da zugehört, der mit den milchweißen Pferden und dem Kutſcher in grüner Livree?“ „Jo, jo!“ erwiederte der ſchwarze Bube und zeigte grinſend eine ganze Reihe elfenbeinerner Zähne;„dos iſcht Maſſa ſeine Barouche. Jödermann kennt die Barouche— Jödermann in der Bay.“ „Wer iſt Maſſa?“ „Nun, mein Maſſa, gewiß.“ „Und wie iſt denn Deines Maſſa Namen?“ „Sej Nohm? das große Haus iſt ſei Nohm— Willkommenberg— groß Zuckerpflanzung.“ — 127 „Iſt denn das da Herrn Vaughan's Wagen?“?“? „Jo, Harrn, Maſſa Va'n— großer Gutsbeſitzer.“ „Iſt da Herr Vaughan ſelbſt, der nun auf ſein Pferd ſteigt?“ „Maſſa Va'n, nein. Das iſt nur der Auſfſeher. Er treffen großen Harrn, der mit großem Schiff ge⸗ kommen. Gehen nach Schloß Willkommenbarg; da wollen ſie hin.— Guck, wie Cudjo auf die Pferde haut!“ Der Wagen hatte indeſſen Herrn Montagu Smythje aufgenommen, der Bediente beſtieg den Bock, indem er den Hinterſitz dem engliſchen Kammerdiener überließ, und fort ging's mit größter Eile, während der Aufſeher als Begleitung zu Pferde nachfolgte. Herbert ſah dem ſich entfernenden Wagen nach, bis eine Biegung der Straße ihn ſeinen Augen entzog. Dann ſeine Augen auf's Deck kehrend, ſtand er einige Augenblicke in nachdenkender Haltung, im Geiſte ver⸗ ſchiedene Erwägungen, die keineswegs angenehm waren. Er hatte während dieſer Zeit den ſchwarzen Buben ganz vergeſſen, obgleich dieſer ſtets an ſeiner Seite ver⸗ weeilte und ihn mit einem offenbar fragenden Blick anſah. DHerbert dachte über ſeine eigene Lage nach. Keiner da, um ihn zu treffen und ihn zu begrüßen! Was mochte das bedeuten? Hatte ſein Onkel ſeinen Brief nicht erhalten? Ge⸗ wiß mußte es ſo ſein. Was ſollte er denn nun thun? Nach dem Wege nach Willkommenberg fragen und dort ſogleich hingehen? Sogleich mußte es jedenfalls ſein, 128 denn er hatte kein Geld, nicht einen Rappen, um ein Zimmer in der Stadt bezahlen zu können. Er hätte zu Fuß gehen müſſen, denn er hatte auch kein Geld, 4 um ein Pferd zu miethen. Und wie würde er nun wohl bei ſeiner Ankunft empfangen werden? Würde er zu Willkommenberg wirklich ein Willkommen finden? Er wußte gar nichts von ſeines Onkels Geſinnungen gegen ihn. Jahre lang hatte der Pflanzer es nicht für der Mühe werth gehalten, mit ſeinem Vater Briefe zu wech⸗ ſeln und mit ihm ſelbſt niemals; er wußte gar nichts von ihm; und nun, da er ganz ohne Geld kam, arm⸗ ſelig und, ſchlimmer noch als das, ohne einen Beruf, ohne irgend etwas zu können,— welche Aufnahme konnte er wohl erwarten? Unter dem Einfluſſe dieſer Gedanken wurde das Ausſehn des jungen Mannes mit düſtern Wolken um-: zogen und er ſtand ſchweigend und ſtarrte mit offenen, 3 aber nicht ſehenden Augen auf das Schiffsverdeck, Harr!“ ſagte der Negerbube, ſeine Gedanken unte: brechend. „Ha, Du biſt da?“ verſetzte Herbert, indem er auf⸗ „ſah und mit einigem Erſtaunen bemerkte, daß der Ne⸗ gerbube ihn mit feſtem Blicke anſtarrte.„Was willſt Du haben, mein Burſche? Wenn es Geld iſt, ich habe keins, um es Dir zu geben.“ „Geld? Quashie braucht kan Geld. Er kann Maſſa bitten. Der Harr nun färtig, mitzugehen?“ „Fertig, zu gehen? Wohin? Was meinſt Du, Burſche?“ „Gehen nach dem großen Hauſe?⸗ ——— — ————— 129 „Großes Haus! Von welchem großen Hauſe ſprichſt Du?“ „Willkommenbarg, Harr, Maſſa Va'n. Sie zu Maſſa Va'n, Harr?“ „Was!“ rief Herbert verwundert aus, indem er zu⸗ gleich den ſchwarzen Jungen vom Kopf bis zu den Fü⸗ ßen maß,„woher weißt Du das?“ „Quashie das gut genug wiſſen. Mit dem großen Schiff gekommen, hat der Aufſeher geſagt. Aufſeher jungen Harrn vom Quai aus gezeigt, Quashie geſchickt, Harrn nach Willkommenbarg zu bringen. Färtig nun, zu gehen, Harr?“ „Du biſt alſo von Willkommenberg?“ „Jo, jo,— mir Pferdeknabe da und Poſtknabe auch. Nun Pony bringen für jungen engliſchen Harrn? Aufſeher Barouche gebracht für großen engliſchen Harrn. Gepäck alles im Ochſenwagen.“ „Wo iſt Dein Pony?“ „Auf dem Kai, Harr! Bereit zu gehen?— Harr?“ „Alles in Ordnung,“ ſagte Herbert, der nun den Stand der Angelegenheiten vollkommen begriff.„Nimm den Mantelſack mit, Burſche, und wirf ihn in den Wa⸗ gen. Welchen Weg muß ich einſchlagen?“ „Können Weg gar nicht fehlen, Harr! Grad auf den Fluß, bis Sie kommen zum Kreuzweg. Da neh⸗ men Sie Weg, der zur Linken führt; bald dann Will⸗ kommenbarg ſehen, Harr!“ „Wie weit iſt es?“ „Ungefähr vier Meilen, Harr— kommen da lange Der Marone. I. 9 130 vor Sonnenuntergang an. Pony geht wie der Blitz. Halten Sie ſich nur rechts beim Kreuzweg.“ So unterwieſen, verließ der junge Zwiſchendecks⸗ paſſagier das Schiff, nachdem er den freundlichen Theer⸗ jacken noch Lebewohl geſagt, die ihn während ſeiner mühſeligen Reiſe ſo außerordentlich gut behandelt hatten. Mit ſeinem Gewehre, einer einläufigen Vogelflinte, auf der Schulter überſchritt er das Verdeck und betrat den Quai. Dann löſte er den Pony von dem Ochſen⸗ wagen ab, an den er angebunden, ſchwang ſich in den Sattel und trabte dann den Weg, der ihm als der ein⸗ zige nach Willkommenberg führende bezeichnet wor⸗ den war. Achtzehntes Kapitel. ZBie Reiſe am Schwanze. Die durch die plöͤtzliche Verſetzung vom Schiffe an's Land hervorgebrachte Aufregung,— das Getümmel der Straßen, die er nun durcheilte,— die bei jedem Schritte ſeine Augen und Ohren trafen,— alles dies verhin⸗ derte Herbert, an irgend etwas zu denken, was ihn ſelbſt betraf. Indeß ward ſein Geiſt doch nur eine kurze Zeit von der Betrachtung ſeiner eigenen Abgelegenheiten ab⸗ gezogen. Bevor er noch weit geritten, führte der vor⸗ her von Häuſern eingefaßte Weg unter einen Baldachin 131 von Waldbäumen, und der junge Reiſende befand ſich auf einmal in vollkommenſter Einſamkeit. Unter dem dunkeln Schatten der Bäume kehrte ſein Geiſt zu ſeinen früheren Unglücksahnungen zurück, und während er eine Strecke Weges, wo der Boden feucht und ſumpfig, langſamer ritt, verfiel er in Gedanken, die keineswegs zu den heiterſten gehörten. In der That zeigte der traurige Ausdruck, der ſich über ſeine Züge verbreitete, daß ſie wohl höchſt ſchmerzlich ſein mochten. Der Gegenſtand ſeiner Gedanken kann leicht erra⸗ then werden. Jedenfalls war es ſehr natürlich, daß ſein Geiſt bei der Aufnahme verweilte, die er von ſei⸗ nem Verwandten wohl zu gewärtigen haben möchte. Von dem, was ſich bisher ereignet, konnte er gerade kein ſehr günſtiges Anzeichen für die Zukunft ent⸗ nehmen. Er hatte ſehr wohl— und wie hätte er es nicht ſollen— den Unterſchied bemerkt, der zwiſchen ihm ſelbſt und ſeinem Reiſegenoſſen gemacht worden. Wäh⸗ rend den Letzteren eine prachtvolle Equipage erwartet und ſeine Landung unter der Aufſicht des Oberverwal⸗ ters des Gutes ſeines Onkels, mit Hinzuziehung von zahlreichen Dienern in glänzenden Livreen, gleichſam zu einer Art Ovation gemacht worden war; wie verſchie⸗ den waren dagegen die ihm zu Gebote geſtellten Trans⸗ vortmittel! Kein Wort des Willkommens, nicht einmal eine Begrüßung von Seiten des Aufſehers, der ſo u terthänig gegen ſeinen Reiſegenoſſen! Und daumn es nicht zweifelhaft, d 4 Das Daſein des 132 ten Kleppers, zugleich mit den Nachrichten, die er von dem ungeſchlachteten Stallburſchen, der ihn nach der Bay gebracht, erhalten, war hinreichender Beweis von der Art und Weiſe, wie der Onkel ihn erwartete. Der junge Mann fühlte die ihm zu Theil werdende Erniedrigung nicht leicht und oberflächlich, ſondern tief und einſchneidend; je länger er über die einzelnen Um⸗ ſtände nachdachte, deſto empörter wurde ſein Sinn. „Bei dem Andenken meines Vaters!“ murmelte er beim Reiten,„es iſt eine Beleidigung, die ich nicht überſehen kann, eine Beleidigung mehr gegen ihn, als gegen mich ſelbſt! Aber jetzt ſollte ich auch der Erfül⸗ lung ſeines Strebewunſches wegen nicht einen Schritt weiter gehen!“ Wie er dies ſagte, hielt er ſeinen Klep⸗ per an, ſo daß er ſtille ſtand, gleich als ſei er halb entſchloſſen, ſeine Drohung ſofort in's Werk zu ſetzen. „Vielleicht,“ fuhr er dann fort und ritt mit einem hoff⸗ nungsvolleren Blick weiter,„vielleicht möchte bei dem allen doch irgend ein Verſehen zu Grunde liegen? Doch nein!“ fügte er dann mit ſtärkerem Nachdruck auf die Verneinung hinzu,„es kann gar keines ſein! Dieſer einfältige Geck iſt ein reicher junger Mann,— ich ein armer Teufel;“ und er lächelte bitter zu dieſem Gegen⸗ ſatz;„das iſt die Urſache, weshalb ſolch' ein Unterſchied zwiſchen uns gemacht wird. Mag es ſo ſein!“ fuhr er nach einer Unterbrechung fort.„Wenn ich auch arm bin, dieſer ungeſchliffene Verwandte ſoll mich ſo ſtolz inden, wie er ſelbſt iſt. Ich will ihm Hohn für Hohn ich will eine Erklärung über ſein Betragen r 4 133 Von dem Gefühle der Schmach getrieben, wie von dem faſt ſchon feſtſtehenden Vorſatze der Wiedervergel⸗ tung, gab der junge Abenteurer ſeinem zottigen Gaul die Peitſche und ſprengte in vollem Galopp vorwärts. Der Klepper hatte gar kein ſtarkes Antreiben nöthig, denn das Thier wußte ganz gut, daß es nach Hauſe ging, und die Anziehungskraft ſeiner eigenen Krippe brachte ihn zu viel ſchnellerem Lauf, als es je Peitſche und Sporn vermocht hätten. Eine ganze Stunde wurde dieſer Galopp ohne Auf⸗ enthalt fortgeſetzt. Der Weg war breit, hatte viele Räder⸗ ſpuren, und da er grade auslief, ſo hielt der Reiter es für gewiß, daß er der rechte ſei. Dann und wann ſah er zwiſchen den Bäumen durch Waſſer, unbezweifelt den Fluß, den der ſchwarze Burſche bei ſeiner Wegebeſchrei⸗ bung erwähnt hatte. Zuletzt kam der Kreuzweg und bewog ihn, in dem raſchen Galopp einzuhalten, damit der Gaul den Fluß durchwaten könne, denn eine Brücke ſchien nicht vorhan⸗ den zu ſein. Das Waſſer war nur knietief, der Pony ging ohne Zaudern hinein und watete nach der andern Seite. Hier hielt Herbert ſtill, denn er gerieth in eine nicht geringe Verlegenheit. Der Weg theilte ſich. Der Negerbube hatte ihn allerdings gewarnt und ihm geſagt, er ſolle den zur Linken nicht nehmen, doch nun waren anſtatt zweier gar drei Wege da. Da war offenbar ein Zweifel. Es war freilich leicht zu wiſſen, welcher Weg nicht einzuſchlagen, der, welcher zur Linken führte; doch welchen von den beiden — 134 andern ſollte er wählen? Beide waren ſchöne breite Wege und jeder von ihnen mochte ihn nach Willkommenberg bringen. Hätte der Reiter dem Pony ſeinen eigenen Willen gelaſſen, ſo würde dieſer wohl den rechten Weg gewählt haben. Zuletzt würde er dies auch wohl gethan haben, doch bevor er ſich zu etwas entſchloß, hielt er es für beſſer, nach den Spuren des Wagens zu ſehen, der hier vor ihm geweſen ſein mußte. Während er noch berathſchlagte, wurde die durch ſein Halten hervorgebrachte Stille plötzlich durch eine Stimme unterbrochen, die ihm nicht ganz unbekannt zu ſein ſchien. Als er ſich nun plötzlich im Sattel umdrehte und nach der Richtung ſah, woher die Stimme zu kommen ſchien, wie groß war ſein Erſtaunen, da er den Neger⸗ jungen ſah— den ſchwarzen Quashie! „Da, Harr! Das der Kreuzweg, ich Sie geſagt; den links nicht nehmen, der führt zu Judenkoppel; ganz rechts auch nicht, geht nach Schloß Montagu; der mitt⸗ lere iſt Maſſa Va'ns Weg; führt grad hinauf nach Willkommenbarg.“ Der junge Reiſende war einige Augenblicke faſt ſprachlos vor Verwunderung; er hatte den Buben auf dem Vorderdeck des Schiffes verlaſſen, um das Gepäck zu beſorgen, und er hatte ihn auch wirklich— er konnte darauf ſchwören— noch am Bord deſſelben geſehen, als er von dem Quai fortritt. Nun hatte er bereits eine Strecke von mehreren Meilen durchritten, meiſten⸗ theils in vollem Galopp, gewöhnlich aber doch viel a 135 ſchneller, als ein Fußgänger hätte gehen können. Wie ſollte er ſich nun die Nähe des Quashie erklären? Dies war die erſte Frage, die er ſich ſelbſt ſtellte und die er auch an den ſchwarzen Buben richtete, ſobald er ſich von ſeiner Ueberraſchung ſo weit erholt, um ſprechen zu können. „Quashie folgen jungem Harrn auf ſeinen Pony⸗ hacken.“ Die Antwort vermochte den jungen Herrn nur we⸗ nig zu befriedigen, da er es für irgend ein menſchliches Weſen ganz unmoͤglich hielt, eben ſo ſchnell gelaufen zu ſein, als er geritten. „Auf den Pferdehacken! Was, Du Schwarzhaut! Willſt Du ſagen, daß Du den ganzen Weg vom Lan⸗ dungsplatz aus hinter mir hergelaufen?“ „Ja, Harr, das Quashie gethan.“ „Aber ich ſah Dich ja am Bord des Schiffes, als ich fortritt. Wie auf der Welt haſt Du mich einholen können?“ „Ja, Maſſa, das war ſehr leicht. Junger Harr ritt fort, Quashie legt Mantelſack in Ochſenkarren und 3 folgt. Harr langſam geht, Quashie bald bei ihm und leicht mit dem Pony rann— nicht wunderbar das.“ „Nicht wunderbar! Was, Du Sprößling der Fin⸗* ſterniß, ich habe äußerſt raſch geritten, und wie Du mit mir fortgekommen, iſt mir unbegreiflich. Ja, Du biſt ein guter Läufer, das muß ich ſagen. Ju der That, bei einem Wettlaufen würde ich auf Dich halten gegen alle Andern, Schwarze wie Weiße. Den mittle⸗ ren Weg, ſagſt Du?“ 136 „Ja, Harr, das der Weg nach Willkommenbarg; Sie bald ſehen das große Thor der Pflanzung.“ Herbert führte ſeinen Klepper auf den angegebenen Weg, während ſeine Gedanken noch bei dem merkwürdigen Vorfalle verweilten. Er war nur wenige Schritte vorwärts geritten, als er ſich rückwärts umſah, theils um ſich zu vergewiſſern, ob Quashie ihm nachfolge und theils, um an dieſe ſonderbare Begleitung eine Frage zu richten. Eine neue Ueberraſchung war ihm indeß bereitet. Der ſchwarze Burſche war nirgends zu ſehen! Weder zur Rechten noch zur Linken, noch hinten konnte er ihn erblicken. „Wo, den Teufel, mag der Bengel nur hingegangen ſein?“ fragte Herbert mechaniſch, indem er zugleich das Unterholz an beiden Seiten des Weges durchforſchte. „Hier, Harr!“ antwortete eine Stimme, die unten aus dem Grunde hervorzukommen ſchien, während zu⸗ gleich der braune, gerade über dem Rücken des Pferdes ſichtbare Hut Quashie's ſeine nächſte Nähe verrieth. Nun war es klar, wie der Burſche mit dem Pony hatte fortkommen tonnan er hatte ſich an ſeinem Schwanze feſtgehalten! Es lag wirklich etwas ſo Spaßhaftes in dieſem An⸗ blick, daß der junge Engländer einen Augenblick alle die ernſten Gedanken vergaß, die ihn gequält, und, abermals ſeinen Klepper anhaltend, in ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach. Der ſchwarze Burſche theilte ſeine Luſtigkeit durch ein ſeinen Mund von einem Ohre zum andern aus⸗ —jj] 137 dehnendes Grinſen, obwohl er durchaus nicht begreifen konnte, weshalb der junge Herr ſo gewaltig lache. Er 1 vermochte durchaus nichts Lächerliches in einem Ge⸗ brauche zu ſehen, den er täglich ausübte, denn es war nicht das erſte Mal, daß Quashie eine Reiſe am 1 Schwanze eines Pferdes gemacht. Neunzehntes Kapitel. Nach Willkommenberg. Ungefähr eine halbe Stunde weiter auf dem Haupt⸗ wege kam das Eintrittsthor von Willkommenberg in Sicht. Hier war keine Wohnung, nur zwei große ſtei⸗ nerne Pfeiler mit einem Flügel aus ſtarkem Mauer⸗ werk auf jeder Seite und eine„ſchwere Flügelpforte. dazwiſchen. 1 Den bereits erhaltenen Weiſungen zufolge konnte 8 Herbert ganz gut wiſſen, daß dies der Eingang zu ſei⸗ nes Onkels Pflanzung ſei, aber Quashie, der ſich fort⸗ während an den Ponyſchwanz anklammerte, entfernte jeden möglichen Zweifel, indem er ausrief: „Das ſein der Thor, das ſein der Weg nach Will⸗ kommenbarg!”“ Als er durch das Thor ritt, war das große Wohn⸗ haus ſelbſt zu ſehen. Seine weißen Mauern und grü⸗ nen Jalouſien erſchienen deutlich am Ende der langen Allee, die mit ihren langen Reihen von Palmen und 138 Tannainden dem Zugange ein höchſt ariſtoriatiſcha⸗ Aus⸗ ſehn gaben. Herbert war auf etwas Derartiges gefaßt. Er hatte zu Hauſe gehört, daß ſeines Vaters Bruder ein Mann von großem Vermögen ſei, und dies war faſt Alles, was ſein Vater über ihn ſelbſt wußte. Die glänzende Equipage, die ſeinen mehr begünſtig⸗ ten Reiſegenoſſen aufgenommen und die vielleicht eine Stunde zuvor denſelben Weg befuhr, bewies ſchon ge⸗ nügend, in welch' großartiger Weiſe ſein Onkel lebte. Das Wohnhaus vor ſeinen Augen entſprach voll⸗ kommen Allem, was er bisher gehört und geſehen. Kein Zweifel konnte obwalten, ſein Onkel gehörte zu den„Großen“ der Inſel. Dieſer Gedanke erregte bei ihm weit weniger Ver⸗ gnügen, als vielmehr Sorge. Sein Stolz war bereits arg verletzt worden, und jetzt würde er wahrlich eine Hütte und ein herzliches Willkommen aller Gaſtfreund⸗ ſchaft eines ihn unfreundlich aufnehmenden Palaſtes vorgezogen haben. Selbſt ſchon vor der Landung, vielleicht ſchon vor der Einſchiffung, hatte er nicht gerade beſondere Erwar⸗ tungen für ſeine gute Aufnahme gehegt. Damals konnte er nur nach ſeines Vaters Erfahrungen urtheilen, doch nun beſaß er bereits andere Anhaltspunkte in der Ver⸗ ſchiedenheit des erſten Empfanges, die ſeinem Reiſege⸗ noſſen und ihm ſelbſt gewährt worden waren. Als er daher die prachtvolle Allee hinaufſah, ward er von einem Vorgefühl bedrückt, daß ihn noch eine gröͤßers Demüthi⸗ gung erwarte. — 139 Er wußte nicht, ob ſein Onkel Familie beſaß; ſein Vater hatte nie davon gehört, auch nicht einmal, ob er verheirathet ſei.— Den engliſchen Verwandten war ſein Verhältniß mit der Quadrone niemals berichtet worden, noch ſonſt etwas, was ihn ſeit ſeiner Auswanderung nach Jamaica betraf. Herbert näherte ſich deshalb dem Hauſe in äußerſter 1 Ungewißheit über dieſe Dinge, da ihm gänzlich unbe⸗ kannt war, ob ſein Onkel kinderlos ſei oder ob er bei ſeiner Ankunft einen großen Familienkreis antreffen 4 würde. Natürlicher Weiſe dachte er auch an die Möglich⸗ keit, Vettern und Couſinen anzutreffen, und war des⸗ halb neugierig, hierüber aufgeklärt zu werden. Konnte Quashie ihm nicht vielleicht die gewünſchte Auskunft ertheilen? Der Burſche hielt ſich noch immer an dem Ponyſchwanz, und Herbert entſchloß ſich, ihn zu be⸗ fragen. 6 „Quashie!— das iſt Dein Name, nicht wahr?“ 6 „Jo, Harr! Quashie, der Poſtburſche.“ „Poſtburſche! Bringſt Du denn die Briefe?“ „Jo, Harr! Nach dem Poſthauſe in der Bay, und da bringen nach dem großen Hauſe.“ „Weſſen Briefe bringſt Du?“ „Maſſa ſeine Briefe, Harr; zuweilen auch an jun⸗ ges Frölen.“ „Welches junge Fräulein?“ „Nun, Harr, was fragen? Da nur ein einziges Frölen ſein. Frölen Kähte, Miſſa's einzige Tochter.“ „Eine Couſine wenigſtens,“ ſagte Herbert zu ſich — ſelbſt, ſehr wohl zufrieden mit dem Erfolge ſeiner ver⸗ ſteckten Fragen. Ich bin doch neugierig, ob da auch ſonſt noch männliche Familienglieder vorhanden ſind.— „Quashie!“ „Hier, Harr!“ „Haſt Du auch zuweilen Briefe für Fräulein Käth⸗ chens Bruder?“ „Frölen Kähtens Bruder? Sie hat keinen Bruder, Harr. Ich nie geſehen.“ „O, ich meinte ihren Vater.. „Jo, gewiß, Harr! Quashie ſchon geſagt, Briefe bringen für Maſſa Va'n. Faſt alle Briefe für Maſſa.“ „Alſo nur eine Couſine!“ ſagte Herbert wieder zu ſich ſelbſt.„Unter andern Umſtänden wäre dies viel⸗ leicht ganz intereſſant, aber nun?—— Sag' mir, Quashie, war es denn Herr Vaughan ſelbſt, der Dich beauftragte, mich nach Willkommenberg zu bringen? Oder haſt Du Deine Befehle vom Aufſeher erhalten?“ „Maſſa nicht mit mir geſprochen von Ihnen, Harr! Ich nichts gehört von ihm.“ „Der Aufſeher dann?“ „Jo, Herr! Der Aufſaher.“ „Was hat er Dir aufgetragen? Sag' es mir ſo genau, wie Du kannſt, und ich will Dir ſpäter ein Geſchenk machen.“ „Wol, wol, Maſſa! Ich Alles erzählen, genau, wie er geſagt. Quashie, ſagte er, Quashie, befahl er, Du gehſt hinunter an Bord des großen Schiffes, Du ſiehſt, daß da ein jonger Harr— das waren Sie ſelbſt, Harr!— Du bringen ihn zum Ochſenwagen, Du neh⸗ 141 men ſein Gepäck dazu; dann Du ſteigen ihn auf Coco— des Pony's Namen— und dann bringen hier in mein Haus. Das Alles, er geſagen, jedes Wort.“ „Nach ſeinem Hauſe? Willkommenberg meinſt Du?“ „No, jonger Harr kommen nach Aufſahers Haus. Und nu ſind wür grade bei dem Wege, der dahin führt. Dieſen Weg, Harr! Dieſen Weg!“ Der ſchwarze Burſche zeigte hinten auf einen Neben⸗ weg, der von der Hauptallee abgehend nach dem Berg⸗ rücken führte, wo er ſich in dickem Gehölze verlor.. Herbert hatte den Pony angehalten und ſaß, in ſtum⸗ mer Verwunderung auf ſeinen Führer ſtarrend. „Dieſen Weg, Harr!“ wiederholte der Knabe.„Das da iſt der Haus! Sie ſehen, da, wo der Rauch auf⸗ ſteigt, grad' über den großen Baum.“ „Was meinſt Du denn, mein Freund? Von welchem Hauſe ſprichſt Du denn eigentlich?“ „Des Aufſahers Haus, Harr!“ „Was kümmert mich des Aufſehers Haus?“ „Wir Alle da, Harr!“ „Wer? Du?“ „Beide, Harr! und der Pony auch.“ „Biſt Du verrückt geworden, Du Sprößling der Finſterniß?“ „Nein, Harr! Quashie nur thun, was ihm befohlen. Aufſaher Quashie befohlen, jongen Harrn nach ſeinem Haus zu bringen. Das hier iſt der Weg.“ „Ich ſage Dir, Burſche, Du mußt Dich ſehr irren. Ich will nach Willkommenberg, nach meines Onkels Haus.“ 142 „Nein, nein, Harr, wir nicht irren. Der Aufſaher mir ganz genau ſagen. Mir ſagen, Sie nicht für den großen Haus, den Buff. Er ſagen, Sie bringen zu ſeinem eigenen Hauſe.“ „Biſt Du deſſen ganz gewiß?“ Während Herbert dieſe Frage ſtellte, beugte er ſich im Sattel über und hörte aufmerkſam auf die Antwort. „O, Harr! ich weiß es ganz gewiß, ſo gewiß wie die Sonne da am Himmel ſtehen. Ich es beſchwören, wenn Sie wollen.“ Als er dieſe feſte Verſicherung hörte, ſaß der junge Engländer einen Augenblick in tiefes und peinliches Nachdenken verſunken. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich in wildeſter Aufregung, als ob eine fürchterliche Wahr⸗ heit, die er bisher nicht glaubte, ſich ihm nun voll⸗ ſtändig enthülle. Jetzt ergriff Quashie den Zaum und wollte den Pony in den Nebenweg lenken. „Nein!“ rief der Reiter mit donnergleicher Stimme aus.„Laß mich gehen, Burſche, laß mich gehen, oder Du bekommſt Prügel! Das da iſt mein Weg.“ Und ſofort entzog er die Zügel der Hand des Füh⸗ rers und lenkte den Pony in die große Allee zurück. Dann gab er dem Pferde einen kräftigen Hieb und ſprengte im vollen Galopp auf das große Haus zu 143 Zwanzigſtes Kapitel. Ein ſchlüpfriger Fußboden. Der den Herrn Montagu Smythje von Montego⸗ Bay nach Willkommenberg bringende Wagen kam die große Allee herauf und langte vor dem großen Hauſe gerade eine Stunde vorher an, ehe Herbert Vaughan auf ſeinem elenden Klepper und von Quashie begleitet an dem Eingangsthore der Pflanzung war. Herbert, der beim Vorwärtsreiten ſeine Augen feſt auf das Haus gerichtet hielt, vermochte keinen einzigen Menſchen, weder vor dem Hauſe, noch vor der Thür, noch an den Fenſtern zu erblicken, obgleich die venetia⸗ niſchen Fenſterläden weit aufſtanden. Dieſer Umſtand, daß nicht ein einziges menſchliches Weſen vor dem Hauſe zu finden war, erregte natürlich bei dem jungen Manne ganz eigene Gedanken. Sein Onkel, wie alle Dienſtleute waren ſämmtlich im Hauſe ſelbſt mit dem ariſtokratiſchen und geehrten Gaſte be⸗ ſchäftigt, Niemand bekümmerte ſich um ihn. Die Wahrheit lag in der That dieſer Annahme nicht fern. Sein Onkel dachte wirklich nicht an ihn. Nach⸗ dem er die bereits erwähnten Vorkehrungen getroffen hatte, befürchtete der Pflanzer gar keinen unangenehmen Zwiſchenfall mehr. Herr Smythje war um halb vier am Nachmit⸗ tage angelangt. Vier Uhr war die gewöhnliche Mit⸗ tagszeit zu Willkommenberg, ſo daß gerade hinreichende Zeit für den Kammerdiener vorhanden war, die man⸗ 144 nigfachen Koffer und Mantelſäcke auszupacken und ſeinen ſtutzerhaften Herrn zum Mittageſſen anzukleiden. Alles dies war geſchehen, bevor der junge Zwiſchen⸗ deckspaſſagier bei dem Hauſe ankam,— alles dies und noch viel mehr. Das Mittagsmahl war auf den Tiſch geſtellt worden, die Glocke hatte die Gäſte geladen, Herr Vaughan hatte den geehrten Gaſt ſeiner Tochter Käthchen vorgeſtellt, und alle drei, Vater, Tochter und — nach Herrn Vaughan's Anſicht— der muthmaß⸗ liche Schwiegerſohn hatten ſich an den Tiſch geſetzt. Da nur drei Couverte gelegt waren, ſo war die Anzahl der Gäſte vollſtändig und das Mahl begann. Es ſchien weiter kein Gaſt erwartet zu werden und es ward auch keiner als fehlend erwähnt. In der Abſicht des Herrn Vaughan hatte es gele⸗ gen, die Vorſtellung des Herrn Smythje bei ſeiner Tochter von ſo großer Wirkung als möglich zu machen. Er war klug genug, um die Macht der erſten äußern Erſcheinung zu kennen. Aus dieſem Grunde hatte er es ſo eingerichtet, daß Beide ſich nicht vor dem Mittageſſen zu Geſichte beka⸗ men, wo ſie in gewähltem und vollſtändigem Anzuge er⸗ ſcheinen mußten. In ſoweit als ein günſtiger Eindruck auf Herrn Smythje hervorgebracht werden ſollte, war dieſe Ab⸗ ſicht des Herrn Vaughan auch vollſtändig erreicht. Seine Tochter erſchien in der That prächtig— ſtrah⸗ lend wie der Edelſtein, der in ihrem Haare ſchimmerte — anmuthig, wie nur die Natur und zierlich, wie die Kunſt allein ein Mädchen auszuſtatten vermag. 145 Selbſt das Herz des Cockney empfand, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben, jenes wahrhafte Gefühl der Bewunderung, das Schönheit im Verein mit jung⸗ fräulicher Beſcheidenheit ſtets ſicher iſt, einzuflößen. Für den Augenblick wenigſtens waren alle Erinnerungen an die gewohnten Balletmädchen, ſowie alle die verwor⸗ renen Eindrücke der Freudenhäuſer vollſtändig verwiſcht und ein ernſteres und edleres Gefühl hatte Raum ge⸗ wonnen. Selbſt der niedrig geſonnene Loftus Vaughan hatte Einſicht genug, dieſe Wirkung zu bemerken; doch wie lange ſie anhalten, wie lange die Pflanze einer reinen Leidenſchaft in dieſem unangemeſſenen Boden fortgrünen möchte, dies war freilich eine Frage, deren Entſcheidung einen geſchickteren Phyſiologen erfordert haben würde, als Loftus Vaughan. Der Zuckerpflanzer frohlockte, als er ſeinen Erfolg gewahrte. Smythje war unbezweifelt breit geſchlagen. Wäre der berechnende Vater indeß in gleicher Weiſe bemüht geweſen, die Wechſelſeitigkeit dieſes ſchönen erſten Eindruckes zu beobachten, ſo würde er bald enttäuſcht worden ſein. Denn ſo gewiß als bei Herrn Smythje ein Gefühl der Bewunderung vorwaltete, ſo gewiß hatte bei Käthchen Vaughan eine gewiſſe Abneigung Platz ge⸗ wonnen, oder, etwas gemäßigter ausgedrückt, eine voll⸗ kommene Gleichgiltigkeit. Das ſchlimmſte Zeichen von allen, das ſchlimmſte, mindeſtens für die Hoffnungen des Beſitzers von Mon⸗ tagu, war, daß Käthchen von dem Augenblicke an, wo ſie bei Tiſche ſaß, ganz Fröhlichkeit und Lächeln war. Der Marone. J.— 10 146 Der Gaſt ſchien allerdings ganz entzückt über dieſe muntere Liebenswürdigkeit zu ſein. Aber, Smythje, Du ſtandeſt dann ſicher nicht hinter den Couliſſen oder im Garderobezimmer, Deine Schlüſſe täuſchen Dich ſelbſt, denn hätteſt Du ſo viel wie ich gewußt, Du hätteſt wahrlich lieber einen finſtern und mürriſchen Blick vor⸗ gezogen! In der That, der Londoner hatte wirklich höchſt un⸗ glücklich debütirt. Eine großartige Ungeſchicklichkeit war bei der Vorſtellung vorgekommen, gerade in dem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke, wo alle Augen und alle Ohren weit offen für eine gegenſeitige erſte Begrüßung waren. Herr Vaughan hatte einen großen Fehler begangen, als er die Vorſtellung in der großen Halle ſtattfinden ließ. Selbſt Eis war nicht glatter als ihr Fußboden und die Folge davon war unvermeidlich. Wäre der Cockney auf Schlittſchuhen geweſen, ſo würde er ſich vielleicht höchſt geſchickt benommen haben, denn viele Winter hatten ihn auf der Serpentine geſehen, wo er Figuren gleich einer Achte lief. Nun aber gewährten ſeine feinen Glanzſtiefeln durch⸗ aus gar keinen Haltepunkt auf dem polirten glänzenden und ungeheuer glatten Fußboden eines jamaicaniſchen Eß⸗ zimmers, und ſo fiel er, während er eine ſeiner anmuthig⸗ ſten Stellungen verſuchte, wie ein Stein zu den Füßen der⸗ jenigen, die er blos zu begrüßen beabſichtigt hatte. Mit dieſem Falle hatte er Alles verloren, jede Mög⸗ lichkeit, Käthchen Vaughan's Herz zu gewinnen. Tauſend tugendhafte, tauſend heroiſche Thaten hätten ihn bei ihr nimmer wieder aufrichten koͤnnen. 147 Herr Montagu Smythje war viel zu ſehr von ſich ſelbſt eingenommen, um durch einen ſo unbedeutenden Unfall aus der Faſſung gebracht zu werden. Sein Kam⸗ merdiener hatte ihn im Nu wieder auf die Füße ge⸗ ſtellt, und mit einem kleinen Fluche und der hinzuge⸗ fügten Bemerkung, daß der Fußboden„verdammt glip⸗ perig“ ſei, ſchnurrte er vorſichtig nach ſeinem Stuhle hin und ſetzte ſich ſofort. Das Mittagseſſen nahm nun ſeinen Anfang. Obgleich der Londoner ſein ganzes Leben lang ge⸗ wohnt geweſen war, auf's Beſte zu ſpeiſen, ſo konnte er doch ein aufrichtiges Gefühl der Bewunderung bei der reichlichen und üppigen Mahlzeit, die jetzt vor ihn hingeſtellt war, nicht unterdrücken. Vielleicht in keinem Theile der Welt zittert der Eß⸗ tiſch ſo unter der Laſt der vortrefflichſten Fleiſchſpeiſen, als auf den weſtindiſchen Inſeln. In den Zeiten, wo die Zuckerpflanzungen noch ſo außerordentlich einträglich waren, mochte man auf Jamaica ein ganz gewöhnliches Mittagseſſen ganz wohl als ein reiches Feſteſſen bezeich⸗ nen. Schildkröten⸗Suppe war die gewöhnlichſte und die koſtbarſten Gerichte ſtanden in der größten Mannigfal⸗ tigkeit auf der Tafel. Selbſt das gewöhnliche alltägliche Deſſert war ein des Apicius würdiger Genuß und die Weine waren leicht und milde, Champagner, Bordeaux und klare Rheinweine. Das waren noch ſchöne Zeiten für die weiße Oli⸗ garchie der Zuckerinſeln, Tage der Luſtbarkeiten und des üppigſten Lebens, bevor der Donnerkeil des edlen Wil⸗ 1 10* 54 berforce die dunkle Grundlage zertrümmerte, worauf ſich ihr Gepränge und ihr glänzender Wohlſtand ſtützten. Das von Loftus Vaughan für den engliſchen Gaſt hergeſtellte Mittagseſſen war ganz in dieſer alten Weiſe und ließ in der That nichts zu wünſchen übrig. Hinter den Stühlen erſchienen Haufen von farbigen Dienern, die ſchweigend und ohne alles Geräuſch über den ſpie⸗ gelhellen Fußboden hinglitten. Junge Mädchen von ver⸗ ſchiedener Farbe und Körperbildung, einige von ihnen ſchon faſt ganz weiß, ſtanden in Zwiſchenräumen um den Tiſch, fächelten die Gäſte mit langen Pfauenfedern und füllten die große Halle mit einer künſtlichen Strömung friſcher, kühler Luft. Montagu Smytje war entzückt. Selbſt in ſeiner „deuren Metropole“ hatte er niemals ſo vortrefflich geſpeiſt. „Prachtig, prachtig— auf Oehre! ein Kaſtmahl für einen Fürſten!“ So rühmte und pries er ſeinen weſtindiſchen Wirth. Herr Vaughan war ſeinerſeits über das Gelingen aller der von ihm mit großem Fleiße betriebenen Vor⸗ bereitungen hoch erfreut. Es war ihm offenbar gelungen, einen erſten, höchſt günſtigen Eindruck auf ſeinen Gaſt hervorzurufen, und ſo weit als menſchliche Einſicht in die Zukunft zu ſchauen vermag, mußte nun Alles gut und vortrefflich von Statten gehen. Deshalb zweifelte er auch nicht länger— und wie ſollte er es unter den obwaltenden Umſtänden auch?— daß die prächtigen Be⸗ 4 1 ſitzungen von Schloß Montagu und Willkommenberg in — 149 nicht gar zu langer Zeit zu einer einzigen großartigen Herrſchaft vereinigt ſein würden. 8 Käthchen benahm ſich bewunderungswürdig, obgleich er hierüber weniger Beſorgniſſe gehegt hatte. Bei allen ſeinen Berechnungen war es ihm nie eingefallen, ihren Willen mit in Anſchlag zu bringen. Als ſeine Tochter war ſie ihm Gehorſam ſchuldig, und vielleicht glaubte 3 er ſogar, daß ſie ihm dieſen doppelt ſchuldig ſei, da er nicht nur ihr Vater, ſondern auch ihr Herr war. Käthchen gab ihm keineswegs irgend einen Grund, 1 ſich über ihr Betragen zu beklagen. Sie benahm ſich ganz nach ſeinem Wunſch, und dieſelbe anmuthig lächelnde Freundlichkeit, die einen ſolchen günſtigen Eindruck auf 9 den neu angekommenen Gaſt hervorbrachte, täuſchte in gleicher Weiſe den Vater. . Ah, Loftus Vaughan! Du mochteſt es wohl verſtehen, 1 die Schößlinge Deines Zuckerrohrs zur rechten Zeit zu beſchneiden— du mochteſt die Kryſtalliſation des Zuckers 1 vielleicht auf's Pünktlichſte kennen— doch ſolche An⸗ zeichen, welche die bewußtloſe Zuneigung eines jungen Mädchenherzens verkünden, waren viel zu feine Dinge, um je von Dir begriffen zu werden. Einundzwanzigſtes Kapitel. Die herannahende Wollke. Das Mittagseſſen verlief auf's Angenehmſte. Die ſchmackhaften Gerichte waren nach einander durchgeprobt 150 und dann weggenommen worden, und der Sgpeiſetiſch, der nun für das Deſſert zugerichtet war, bot einen ſchimmernden Ueberfluß dar, wie ihn allein ein tropiſches Klima hervorzubringen vermag, in dem jede Gattung der Pflanzenwelt eine Frucht oder eine Beere von der höchſten Vortrefflichkeit erzeugt. Nur in den tropiſchen Gegenden der neuen Welt kann ſolch' eine reiche Man⸗ nigfaltigkeit gefunden werden, ein Deſſerttiſch, auf den Pomona wirklich ihr goldenes Füllhorn ausgegoſſen zu haben ſcheint. Das Tiſchtuch war von der glatten, polirten Tafel entfernt worden, und abermals wurden die ſchimmernden Gläſer mit dem edelſten Weine gefüllt. Der Pflanzer war zu Ehren ſeines Gaſtes ſehr freigebig mit ſeinen Weinen geweſen, die allerdings alle ohne Ausnahme höchſt ausgezeichnet waren, und ſo ſchien er ſich jetzt auf der höchſten Höhe einer glücklichen, freudeerregten Stimmung zu befinden. Aber gerade jetzt, in dieſem Angenblice, zeigte ſich eine Wolke am Himmelsrande. Freilich war es nur eine ſehr kleine Wolke und auch noch ſehr weit entfernt, aber dennoch möchte ein auf⸗ merkſamer Beobachter bald bemerkt haben, daß ihr Schat⸗ ten ſich bereits düſter auf Loftus Vaughan's Augen⸗ brauen zu legen begann. Dieſe Wolke erſchien an dem äußerſten Ende der langen Allee und bewegte ſich gerade auf das Haus zu. Als Loftus Vaughan ſie zuerſt bemerkte, war ſie noch ſehr entfernt, obgleich nicht ſo weit, daß er nicht mit 151 bloßem Auge einen Mann zu P können. Dieſe Erſcheinung brachte im Augenblicke eine merk⸗ würdige Veränderung bei Loftus Vaughan hervor; denn ſeine Stirn wurde düſter, er drehte ſich oftmals auf ſeinem Stuhle unruhig hin und her und warf heimliche, aber ſinſtere Blicke auf die Reitergeſtalt, die immer grö⸗ ßer und deutlicher wurde, je näher ſie kam. Dieſe ſo geheimnißvoll ſcheinende Veränderung in Loftus Vaughan's Haltung war allerdings leicht zu er⸗ klären. Er hatte den näher kommenden Reiter oder vielmehr den Pony, auf welchem er ritt, ganz wohl er⸗ kannt, er wußte auch recht gut, der Reiter mußte ſein ferde hätte unterſcheiden Neffe ſein, denn der Auffeher hatte die Ankunft Herbert Vaughan's mit der Seenymphe bereits berichtet. Einige Zeit lang war indeß die Veränderung bei dem Pflanzer keineswegs ſehr bemerkbar, ſelbſt ſeine heimlichen Blicke wären von einem oberflächlichen Beob⸗ achter vielleicht nicht beachtet worden, denn ſie waren wirklich ſeiner Tochter wie ſeinem Gaſte entgangen. Erſt als der Reiter an dem Nebenwege in der Allee ſtille gehalten und nun geraden Weges auf das Haus zukam, wurde die Aufmerkſamkeit auf das ſonderbare Benehmen des Herrn Vaughan hingelenkt. Jetzt nämlich trat ſeine ängſtliche Aufgeregtheit ſo deutlich und un⸗ verkennbar hervor, daß Käthchen Vaughan einen leichten Schrei der Verwunderung ausſtieß, während der Cockney unwillkürlich ausrief:„Bei meiner Seele!“ und ſogleich die Frage hinzufügte: „Etwas nicht recht, Herr?“ t„O, nichts!“ ſtammelte der Pflanzer;„nur— nur eine kleine Ueberraſchung, das iſt Alles!“ „Ueberraſchung, Papa! worüber? O, ſieh' mal, da unten iſt Einer zu Pferde, ein Mann, ein junger Mann! Ich meine, es iſt unſer eigener Pony, worauf er reitet; und das iſt Quashie, der hinter ihm herläuft. Wie ſonderbar! Papa, was hat das nur zu bedeuten?“ „Still, ſetz' Dich, Kind!“ befahl der Vater in einem Tone peinlichſter Verlegenheit.„Setz' Dich, ſag' ich! Wer es auch ſein mag, es iſt immer noch Zeit genug, zu erfahren, wenn er hier iſt. Käthchen, Käthchen! das iſt gar nicht hübſch von Dir, ſo unſer Deſſert zu unterbrechen! Herr Smythje, ein Glas Madeira!— trinken Sie doch, Herr!“ „Wie Sie wünſchen!“ antwortete der Stutzer, indem er ſich abermals zum Speiſetiſche hinwandte und ſich gänzlich mit ſeinem Glaſe beſchäftigte. Der Pony und ſein Reiter waren nun nicht mehr zu ſehen, da ſie zu nahe am Hauſe waren, aber die Hufſchläge konnten gehört werden, deren Schall näher und näher kam. Herr Vaughan bemühte ſich, gefaßt zu ſcheinen und etwas zu reden; aber ſein ruhiges Blut war offenbar nur künſtlich angenommen und unnatürlich, und da er zur Fortführung des Geſpräches wirklich unfähig war, ſo trat ein bedeutungsvolles Stillſchweigen ein. Jetzt hörte der Schall der Hufſchläge auf, der Pony war unter den Fenſtern angelangt und hielt ſtill. Dann wurden verſchiedene Stimmen in ernſtem und lautem Tone gehört und hierauf erfolgte das Geräuſch —— 153 von Fußtritten auf der großen ſteinernen Treppe. Es kam offenbar Jemand die Treppe herauf. Herr Vaughan ſah erſchrocken aus, alle ſeinen ſchö⸗ nen Pläne waren nun zerſtört, in ſein ganzes Pro⸗ gramm war ein Riß gekommen. Der kleine Poſtburſche hatte unbedingt ſeine Rolle ſehr ſchlecht ausgeführt. „Haha!“ rief der Pflanzer freundlich, als das freund⸗ lich glatte Geſicht ſeines Aufſehers oben auf dem Trep⸗ penabſatze erſchien.„Herr Truſty will mit mir reden. Bitte um Entſchuldigung, Herr Smythje— nur einen Augenblick!“ Dies ſagend erhob er ſich von ſeinem Sitze und beeilte ſich, dem Aufſeher, noch bevor er vollſtändig eintrat, zu begegnen. Dieſer war indeß bereits ſchon etwas in's Haus hinein gekommen und hatte ohne Um⸗ ſchweife ſeine Botſchaft verkündet, freilich mit halber Stimme, aber immer noch laut genug, um einen nicht unbedeutenden Theil ſeiner Nachrichten hören zu laſſen. Unter andern Worten erreichte auch der Ausdruck„Ihr Neffe“ das Ohr des hellhörigen Käthchens, die entſchloſ⸗ ſen ſchien, womöglich jedes Wort aufzufangen. Auch die Antwort, obwohl ſehr leiſe und mit zit⸗ ternder Stimme gegeben, vermochte theilweiſe gehört zu werden:—„Zeig ihm— Kiosk— Garten— ſag' ihm— dort— ſogleich.“ Herr Vaughan kehrte alsdann mit halb befriedigten Blicken zum Speiſetiſche zurück. Er bildete ſich ſicher ein, daß er nun der unangenehmen Verlegenheit wenig⸗ ſtens für einige Zeit entſchlüpft ſei. Nur der Ausdruck in der ganzen Haltung ſeiner Tochter floͤßte ihm Ver⸗ neugierig, ob der Vetter wirklich angekommen iſt!“ 154 dacht ein, daß doch wohl nicht Alles ſo ganz in Ord⸗ nung ſei.— Nicht eine Secunde ward er hierüber im Zweifel gelaſſen, denn ſofort, als er ſich wieder geſetzt hatte, rief Käthchen in einem Tone heiterer Verwunderung aus: „O, Papa, was hör' ich da? Sagte Herr Truſty nicht etwas von Deinem Neffen? In der That, iſt der Vetter angekommen? Iſt er es, der—“ „Käthchen, mein Kind,“ unterbrach der Vater ſie raſch und that, als ob er ihre Frage gar nicht gehört habe,„Du kannſt Dich jetzt auf Dein Zimmer zurück⸗ ziehen. Herr Smythje und ich, wir wollen eine Cigarre rauchen, und Du kannſt ja den Rauch nicht leiden. Geh', Kind, geh!“ 1 Das junge Mädchen erhob ſich ſofort von ihrem Stuhle und beeilte ſich, dem Befehle des Vaters Folge zu leiſten, ungeachtet der Einwände des Herrn Smythje, der ihre Geſellſchaft der Cigarre ſicher vorgezogen haben würde. Aber ihr Vater wiederholte ungeſtüm:„Geh, Kind, geh!“ und begleitete dieſe Worte mit einem andern jener ſtrengen Blicke, durch die ſie bereits ſchon früher ein⸗ geſchüchtert worden war. Noch bevor ſie die große Halle verlaſſen hatte, kehr⸗ ten ihre Gedanken wieder zu der unbeantworteten Frage zurück, und als ſie die Schwelle ihrer Kammer über⸗ ſchritt, konnte man ſie murmeln hören:„Ich bin doch 15⁵ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. . Der Kiosk. Ein Theil der Hochebene, auf der Willkommenberg erbaut war, dehnte ſich hinter dem Wohnhauſe aus und war zu einem mit ſeltenen und ſchönen Pflanzen beſetzten Garten benutzt worden. Faſt in der Mitte dieſes Gar⸗ tens und ungefähr nur ein Dutzend Schritte vom Hauſe, ſtand ein kleines abgeſondertes Häuschen. Es war ganz aus verſchiedenen, auf der Inſel einheimiſchen und we⸗ gen ihrer Schönheit berühmten Zierhölzern erbaut. Die dieſes Häuschen oder den„Kiosk“, wie. es gewöhnlich genannt wurde, bildenden Hölzer waren alle ſehr ſorg⸗ fältig geſchnitten und geſchnitzt, und das Gebäude ſtellte einen Miniaturtempel mit einer Kuppel und einer dar⸗ auf befeſtigten vergoldeten und glitzernden Wetter⸗ fahne vor. Im Innern waren weder Treppen noch Abtheilun⸗ gen, ſondern der ganze Raum bildete nur ein einziges Gemach. Auch waren keine Glasfenſter da, alle rund herum an der Wand waren offen oder mit venetianiſchen Jalouſien geſchloſſen, deren Leiſten aus dem ſchönſten Mahagoni waren. Eine chineſiſche Matte bedeckte den Fußboden, und ein ländlicher Tiſch von Bambusrohr, ſowie ein halbes Dutzend Stühle derſelben Holzart bil⸗ deten den Hauptbeſtandtheil des einfachen Ameublements. Auf dem bemerkten Tiſche ſtand ein ſilbernes, ſorgfältig getriebenes Tintenfaß mit den dazu gehörenden Federn. Einiges Schreibpapier lag daneben und in einem kleinen ſilbernen Teller lagen Oblaten, rothes Siegellack und Petſchaft. Alles Uebrige zum Schreiben Nothwendige war ebenfalls vorhanden und zwei oder drei Dutzend Bände, die dort lagen, zuſammen mit einigen andern auf den Stühlen umherliegenden, bildeten die Bibliothek von Willkommenberg. Einige wenige Flugſchriften und Journale lagen ebenfalls umher, während ein offenes, mit den beſten Havannah⸗Cigarren angefülltes Käſtchen deutlich zeigte, daß der Kiosk auch zuweilen als Rauchzimmer benutzt wurde. Obgleich dies Gemach oft die Bibliothek genannt wurde, ſo diente es doch zu ſehr verſchiedenen Zwecken. Herr Vaughan bediente ſich deſſelben mitunter auch, um ſolche Beſucher zu empfangen, die irgend eine Ge⸗ ſchäftsbotſchaft brachten, oder vielmehr, die nicht für anſtändig genug gehalten wurden, um in die große Halle geführt zu werden. Gerade zur ſelben Zeit, als Käthchen Vaughan die Mittagstafel verließ, ward ein junger Mann von Herrn Truſty, dem Oberaufſeher und Verwalter, in dies ab⸗ gelegene Gemach hineingeführt. Es iſt wohl kaum nöthig zu bemerken, daß dieſer junge Mann Herbert Vaughan war. Wie es kam, daß Herbert hier hinein geführt wurde, iſt leicht erklärt. Als er von Quashie erfuhr, wo er hingebracht werden ſollte, war er, gekränkt und erzürnt durch eine ſolche Behandlung, in größter Haſt nach dem großen Hauſe hinauf geeilt, hatte dem Herrn Truſty, der ſich unten an der großen Treppe befand, ſeine Ver⸗ . In der That war Herbert ſo empört, daß er die 157 wandtſchaft mit Herrn Vaughan angekündigt und ihn zu ſprechen verlangt, indem er ſein Begehren in ſo nach⸗ drücklicher Weiſe vorbrachte, daß er ſelbſt die gewöhn⸗ liche langſame Ruhe des Aufſehers beſiegte und ihn be⸗ zwang, ihn ſofort ohne allen Aufſchub bei Herrn Lof⸗ tus Vaughan anzumelden. Treppen hinaufgeſtiegen und in das Haus ohne Weite⸗ res hineingegangen ſein würde, hätte Herr Truſty nicht die mildeſten Worte gebraucht, um ſolch' eine merkwür⸗ dige Kataſtrophe zu verhüten. „Geduld, verehrter Herr!“ ſagte der Aufſeher mit der größten Freundlichkeit, indem er ſich zwiſchen den Neuangekommenen und die Treppe ſtellte.„Herr Vau han wird Sie ſogleich ſehen,— aber nicht gerade dieſem Augenblick, es iſt Geſellſchaft da und die Famili iſt beim Mittageſſen.“ Weit entfernt, den gereizten und entrüſteten jungen Mann zu beruhigen, war dieſe Nachricht nur eine neue Kränkung. Beim Mittageſſen und in Geſellſchaft, Kajütenpaſſagier, natürlich,— der Mündel,— einmal ein Verwandter,— während er, ſein Ne aber kein Mittagseſſen für ihn! Unbezweifelt, Herbe ſah dies als eine neue Beſchimpfung, eine abermalige grobe Beleidigung an! 8 Mit einiger Selbſtüberwindung gab er indeß den Gedanken auf, ſofort die Treppe hinaufzuſteigen. Ob⸗ gleich arm, war er doch ein feiner, gebildeter Mann, und gute Lebensart bewog ihn, von einem gewaltſamen Eindringen abzuſtehen, obwohl er tiefer denn je davon 158 überzeugt war, daß ihm eine arge Beleidigung und noch dazu eine lange vorher überlegte widerfahren ſei. Er prüfte ernſtlich auf der Wage ſeines Geiſtes, ob er nicht ſofort umkehren und ſeines Onkels Haus ver⸗ laſſen ſollte, ohne es noch betreten zu haben. Ein Strohhalm fiel auf die uerrJends Se und beſtimmte ihn zu bleiben. Als er nach dem Kiosk gebracht und ſich ſebſt Kerlaſſe war, vermochte er nicht, ſich zu ſetzen, ſondern durch⸗ ſchritt das kleine Gemach in höchſtär Aufregung vor⸗ wärts und rückwärts. Er betrachtete Alles, was da war, nur höchſt ober⸗ flächlich, denn er befand ſich in einer Stimmung, die ihm jede genaue Beſichtigung unmöglich machte. Den⸗ noch mußte er bald die ihn umgebende prunkhafte Ele⸗ ganz bemerken, das großartige Ausſehn des Wohnhau⸗ ſes ſelbſt, und den mit Pflanzen und Blumen von vor⸗ züglichſter Schönheit und von dem feinſten Dufte ange⸗ füllten Garten. Dieſer ſchöne Anblick ließ ihn jedoch, aanſtatt ſeine Aufregung und Entrüſtung zu beſänftigen, ſeine eigene Armuth nur noch tiefer und bitterer empfin⸗ den, ſowie den unermeßlichen Abſtand, der ihn von ſei⸗ nem ſtolzen und reichen Onkel trennte. Durch die offenen Fenſter des Kioskes überblickte er flüchtig die nächſten Umgebungen und dann blieben ſeine Augen auf dem großen Hauſe haften, vor Allem auf der großen Thür, von der eine große Treppe in den Garten führte. Hier— ſo vermuthete er nämlich— würde ſein Onkel herauskommen, deſſen Erſcheinen er nun in heftigſter Ungoduld erwartete. Hätte er die ſanften Augen geſehen, die gerade in dieſem Augenblicke hinter den Gittern des gegenüberlie⸗ genden Fenſters auf ihn gerichtet waren, vielleicht hätte ein ſolcher Anblick elpſt ſeine ſtürmiſche Seele etwas beruhigt. Aber er ſah ſie nicht; die Jalouſien waren dicht geſchloſſen, und obpohl von dem ſchattigen Innern der Kammer aus der Kiosk und ſein zeitweiliger Inha⸗ ber vollkommen geſehen werden konnten, ſo hatte der junge Engländer doch nicht die geringſte Ahnung, daß er jetzt der Gegenſtand der Betrachtung, vielleicht ſogar der Bewunderung des ſchönſten Augenpaares auf ganz Jamaica war. Nachdem er vielleicht zwanzig Mal in der heftigſten Ungeduld in dem Gemache auf⸗ und niedergegangen war, ergriff er grollend und verdrießlich eines der umherlie⸗ genden Bücher und öffnete es in der Hoffnung, damit vielleicht die Zeit vertreiben zu können. Das Buch, das zufällig in ſeine Hände gerieth, war indeß wenig geeignet, ſeine aufgeregten Geiſter zu beru⸗ higen, denn es war eine Sammlung aller auf Sclaverei ſich beziehenden und auf Jamaica geltenden Geſetze— es war das berühmte oder vielmehr berüchtigte„ſchwarze Geſetzbuch“ der Inſel. Da las er nun, daß ein Menſch ſein eigenes Eben⸗ bild in der Perſon ſeines Nebenmenſchen verſtümmeln dürfe, daß er ihn quälen, ſelbſt zu Tode guilen und dann doch nur mit einer geringen Geldſtrafe belegt wer⸗ den könne! Daß ein Mann mit einer ſchwarzen Haut oder ſelbſt mit einer weißen, wenn er nur etwas von afrikaniſchem Blute in ſeinen Adern habe kein wirkliches 160 Eigenthum erwerben, kein Amt irgend welcher Art be⸗ kleiden dürfe, daß er durchaus kein Zeuge vor Gericht ſein könne, ſelbſt dann nicht, wenn er offenbar bei einem Morde zugegen war! Daß ſolch' ein Mann ein Pferd weder halten, noch reiten dürfe; daß er kein Schieß⸗ gewehr oder eine andere Waffe tragen dürfe; daß er ſich nicht vertheidigen ſolle, wenn er angegriffen werde, und daß er nicht einmal ſeine Schweſter oder ſeine Tochter beſchützen dürfe, ſelbſt wenn räuberiſche Hände ſie ihm zu den abſcheulichſten Abſichten entreißen wollten! Kurzum, daß ein farbiger Mann nichts thun müſſe, um ſich von einem gelehrigen und unterwürfigen Vieh in irgend etwas zu unterſcheiden! Dem jungen Engländer, der fremd aus einem Lande kam, das gerade zu jener Zeit von den beredten Erklä⸗ rungen eines Wilberforce und den philantropiſchen An⸗ rufungen eines Clarkſon wiederhallte, flößte das Leſen in dieſem abſcheulichen Geſetzbuch, anſtatt ihm Ruhe zu bringen, nur neue Bitterkeit ein, und heftig mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend, ſchleuderte er das ver⸗ abſcheuungswürdige Buch auf ſeinen Platz zurück. Gerade jetzt, als ſein rückſichtsloſer und trotziger Unwillen auf's Höchſte geſtiegen war, wurde ein Ge⸗ 8 räuſch vom großen Hauſe herſchallend gehört, und die große Thür oben an der Treppe drehte ſich in den Angeln. Er erwartete einen mürriſchen alten Onkel zu er⸗ blicken und war entſchlof ſſen, eben ſo mürriſch zu ſein wie er. 8 Aber im Gegentheil und zur hoͤchſten, zugleich jedoch 8 161 auch angenehmſten Ueberraſchung, ſah er ein ſchönes, junges Mädchen, das ſeine glänzenden Augen mit liebe⸗ vollen Blicken auf ihn richtete, als wolle es Anerken⸗ nung erbitten. Eine plötzliche Veränderung aller Gefühle fand un⸗ mittelbar in ſeinem Gemüthe ſtatt, ſein Geſichtsausdruck verwandelte ſich vom Zorn in ſanfte Bewunderung, und unfähig, ein Wort hervorzubringen, verblieb er ſchwei⸗ gend, dieſe liebliche Erſcheinung anſtarrend. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Ein herzhafter Entſchluß. Für Herrn Vaughan— wenigſtens für den Erfolg ſeiner Abſichten in Bezug auf das Zuſtandekommen einer ehelichen Verbindung— wäre es ſicher viel vortheil⸗ hafter geweſen, hätte er ſeinen Neffen in verſtändiger Weiſe behandelt und ihn ohne Weiteres ganz offen und ohne Scheu an ſeinem Mittagstiſche bei ſeiner Tochter wie bei ſeinem ariſtokratiſchen Gaſte eingeführt. Hätte er vor dem Mittagseſſen gewußt, was er kurze Zeit nach demſelben erfuhr, er würde wahrſchein⸗ lich ein ſolches Verfahren eingeſchlagen haben. Dies hätte ihm dann den Verdruß erſpart, den er empfand, als Herr Smythje ihm das Zuſammentreffen am Bord des Schiffes erzählte, was dieſer ſogleich that, nachdem Der Marone. 1I. 11 162 Käthchen ohne Weiteres aus der Halle fortgeſchickt wor⸗ den war. Smythje hatte nämlich auch die Mittheilung des Aufſehers halb gehört, wenigſtens das Wort„Neffe“, und dies rief ihm nicht ohne eine unbequeme Rückerin⸗ nerung die von ihm ganz wohl begriffene Satyre des Zwiſchendeckspaſſagiers zurück, der ihn am Bord der Seenymphe ſo keck behandelt hatte. Der erbärmliche Anſchlag war demnach gärzlich fehlgeſchlagen und die Laſt einer lediglich durch leere Ausflüchte beſchönigten Entſchuldigung drückte den ſtol⸗ zen Pflanzer nicht wenig, in deſſen Herz durch dieſe Enthüllung ein höchſt bitterer Tropfen Galle geflößt wurde. Da eine Verläugnung durchaus nicht länger möglich war, ſo mußte die Verwandtſchaft ſofort anerkannt wer⸗ den; aber der hierbei erglimmende Zornesfunken berei⸗ tete dem unglücklichen Neffen einen noch unwillkomme⸗ neren Empfang. Der Pflanzer ſuchte ſich aus dieſer Verlegenheit durch eine Lüge zu retten, indem er vorgab, daß ſein „Neffe nicht erwartet worden ſei. Smythje wußte wohl, daß Vaughan log, ſagte aber nichts, und ſo wurde das Geſpräch über dieſen für den Pflanzer ſo peinlichen Ge⸗ genſtand nicht weiter gefuͤhrt. Loftus Vaughan war ein ganz gewöhnlicher Menſch und die hier von ihm befolgte einfältige und ſich ſogar ſelbſt vernichtende Handlungsweiſe ſtellte leider ſeinen Verſtand als auf eben ſo niedriger Stufe dar, wie ſeine Moralität. 8 ““ 163 Durch dieſe üble Behandlung ſeines Neffen beklei⸗ dete er ihn in Käthchens Augen mit einem romantiſchen Intereſſe, das vielleicht nie oder jedenfalls nicht ſo ſchnell empfunden worden wäre. Unglück, beſonders wenn es von Verfolgung herrührt, erzeugt unfehlbar Mitgefühl bei allen unverdorbenen Herzen, und das Herz Käthchen Vaughan's war unbezweifelt ein ſolches. Außerdem war auch die heimliche, verſtohlene Weiſe, den Neffen zu behandeln und ihn in's Haus wie einen Ballen verbotener Waaren einzuſchmuggeln, an und für ſich ſchon hinreichend, die Neugierde derer zu erregen, die dadurch getäuſcht werden ſollten. Bei Käthchen wenigſtens war dies vollkommen der Fall; denn als ſie das Eßzimmer verließ, dem entrin⸗ nen zu können ſie in Wahrheit ſich ſehr glücklich fühlte, eilte ſie ſofort an das nach dem Garten hin liegende Fenſter, theilte die Traljen des Gitters etwas mit ihren Fingern und ſah neugierig durch.. In der leiſen Unterhaltung zwiſchen ihrem Vater und dem Aufſeher hatte ſie ſehr wohl den Befehl ge⸗ hört:„Führt ihn nach dem Kiosk“, und ſie wußte, daß man in denſelben von ihrem Kammerfenſter aus ſehen konnte. Sie war ſehr neugierig, das zu ſehen, was ſie in ihrem ganzen Leben bisher noch nicht ſah: einen Vetter; und ihre Neugierde ward auch nicht getäuſcht, ihr Vetter war deutlich vor ihren Augen und ſchritt in dem kleinen Gemache auf und ab. Im blauen, über die Bruſt eng zugeknöpften Rocke, mit glänzenden heſſiſchen Stiefeln an den wohlgeformten 11* Beinen und mit einem zierlichen dreieckigen, leicht auf ſeine braunen Locken gedrückten Hute, war er keineswegs eine Erſcheinung, die ein junges Mädchen zu erſchrecken vermochte und am wenigſten eine nahe Verwandte. Selbſt der kühne, etwas wilde Geſichtsausdruck, worin ſich ſeine ganze innere zornige Aufregung kundgab, that der außerordentlichen Anmuth ſeiner Erſcheinung nicht den mindeſten Abbruch. 8 Doch welchen Eindruck machte dieſe auf das junge Mädchen? Sicherlich nicht den des Schreckens und eben ſo wenig den des Widerwillens. Sie ſchien im Gegen⸗ theil darüber erfreut zu ſein, denn warum fuhr ſie ſonſt fort, dahin zu blicken und noch dazu mit der größten Aufmerkſamkeit? Warum nahmen ihre Augen einen ſolchen feurigen Glanz an und ſtarrten wie verzaubert? Warum hob und ſenkte ſich ihr junger Buſen, als entwickelte ſich in ihm ein ganz neues, bisher noch nie geahntes Gefühl? Einige Augenblicke verblieb ſie in derſelben Haltung, unverwandt und ſchweigend bleibend. Dann, ohne ſich umzuwenden, entſchlüpfte ihren Lippen, nur leiſe, gleich⸗ ſam unfreiwillig herausgeſtoßen, die Frage: „Nola, iſt er nicht ſchön?“ „Schön, Miſſa,“ wiederholte das Mädchen, die den Gegenſtand, dem dieſe Bewunderung galt, noch nicht geſehen hatte;„wer iſt ſchön?“ „Wer? Mein Vetter, Yola.“ „Ihr Vetter?— was iſt Vetter, liebe Miſſa?“ „Blicke hin und ſieh'! Das iſt ein Vetter.“ „Ich ſehe einen Mann.“ — —— — 4 165⁵ „Ja, und ſahſt Du je ſolch' einen Mann?“ „Nein, Miſſa; nie einen Mann geſeh'n mit ſolchen Blicken. Er iſt gewiß zornig, Miſſa?“ „Zornig?“ „Sehr zornig. Er rückwärts und vorwärts gehen wie Hyäne im Käfig.“ „Er iſt nur ungeduldig, weil er warten muß. Wirklich, ich meine, er ſieht deshalb nur noch beſſer aus. Sieh' mal, wie ſein Auge flammt! O, Yola, wie ſchön er iſt— wie verſchieden von den jungen Män⸗ nern hier auf der Inſel! Iſt er nicht ein wirklich ſchö⸗ ner Mann?“— „Er hat lockiges Haar, wie Cubina!“ „Cubina! Ha, ha, ha! Dieſer Cubina muß ein wahrer Proteus ſein und auch ein rechter Adonis. Bemerkſt Du noch andere Aehnlichkeit als das Haar? Dann würde mein Vetter vielleicht mir ähnlich ſehen?“ „Cubina viel dunklere Haut, Miſſa.“ „Haha! Das kann wohl ſein.“ „Cubina dieſelbe Größe— derſelbe Wuchs— ganz genau derſelbe Wuchs.“. „Dann muß Cubina einen ſehr ſchönen Wuchs ha⸗ ben; denn wenn ich je einen geſehen, der ganz gewachſen war, wie ein Mann ſein ſoll, ſo iſt es wirklich mein Vetter da. Sieh' mal die Arme an! Die ſehen aus, als könnte er den großen Tamarindenbaum damit aus⸗ reißen! Wahrhaftig, er ſieht aus, als wollte er es wirk⸗ lich thun! Gewiß, er muß ſehr ungeduldig ſein. Und nun läßt Papa ihn, nachdem er ſo weit hergekommen iſt, auch noch ſo lange warten! Ich meine wirklich, ich 22 166 ſollte zu ihm hinuntergehen. Was meinſt Du dazu, Yola? Würde es wohl angehen, daß ich zu ihm ginge und mit ihm ſpräche? Es iſt ja mein Vetter.“ „Was iſt Vetter, Miſſa?“ „Nun, Vetter! Vetter iſt— beinahe wie ein Bruder — nicht ganz genau ſo— aber doch— es iſt nicht ganz daſſelbe.“. „Bruder! O, Miſſa! Wenn er Yola's Bruder, ſie ſpricht mit ihm, ſie ſich nicht kümmert um irgend einen Zorn.“ „Ganz recht, Yola, und wenn er mein Bruder wäre — ach, ich habe ja keinen— dann würde ich ungezö⸗ gert daſſelbe thun. Aber bei einem Vetter iſt es doch etwas Anderes. Auch kann Papa den Vetter nicht recht leiden, ich weiß freilich nicht, warum. Ich möchte ſelbſt wohl wiſſen, was er eigentlich gegen ihn hat. Ich ſehe es nicht ein, und für mich kann das doch kein Grund ſein, daß ich ihn nicht leiden ſollte. Gewiß, daß er mein Vetter, iſt Grund genug, hinunter zu ge⸗ hen und mit ihm zu ſprechen.“ „Uebrigens,“ fuhr das Mädchen fort, indem ſie mehr mit ſich ſelbſt, als mit ihrer Dienerin ſprach, „ſcheint er wirklich ſehr ungeduldig zu ſein. Papa kann ihn noch lange warten laſſen, da er ſo mit dem Herrn Montagu— ja, was iſt noch ſein Name? be⸗ ſchäftigt iſt. Nun, es mag nicht ganz recht ſein, viel⸗ leicht wird Papa auch etwas böſe, vielleicht erfährt er auch gar nichts davon! Recht oder Unrecht, ich will gehen, ich muß jetzt gehen.“ So redend, nahm die junge Kreolin ein Mäntelchen vom Stuhle, warf es über ihre Schultern, eilte aus der Kammer und ſchritt ſchweigend den Gang entlang nach dem Hinterhauſe zu. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Zas Zuſammentreffen des Vetters mit der Couſine. Als ſie die Thür öffnete und aus dem Hauſe trat, hielt Käthchen ſchüchtern auf dem Abſatze der nach dem Graben führenden Treppe inne. Ihre Schritte wurden von einem Gefühle ſchamhafter Zurückhaltung gehemmt, das ſie trieb, von einem zu haſtig gefaßten Beſchluſſe abzuſtehen. Doch nur einen Augenblick zögerte ſie, denn bald ſtand ihr Entſchluß vollkommen feſt, ſie ſtieg die Treppen hinab und ging erröthend nach dem Kiosk. Herbert hatte ſich kaum von ſeinem Erſtaunen bei der unerwarteten Erſcheinung erholt, als er mit der angenehmen Frage begrüßt wurde: „Sind Sie mein Vetter?“ Dieſe ſo naiv geſtellte Frage blieb einen Augenblick unbeantwortet, denn der milde und gütige Ton, mit dem ſie geſprochen ward, hatte ihm neue Ueberraſchung bereitet und er war zu verwirrt, um ſofort zu antwor⸗ ten. Dennoch vermochte er aber doch bald die Antwort zu ertheilen: „Wenn Sie die Tochter des Herrn Loftus Vaug⸗ han ſind—“ 168 „Die bin ich.“* „Dann bin ich allerdings ſtolz, mich Ihren Vetter nennen zu dürfen. Ich bin Herbert Vaughan aus England.“ Stets noch unter dem Einfluſſe der ihm nach ſeiner Meinung zu Theil gewordenen Vernachläſſigung gab Herbert dieſe Erklärung in ſo ſteifer und zurückhaltender Weiſe, daß das junge Mädchen ſie unfehlbar bemerken mußte. Dies bewirkte eine augenblickliche Mißſtimmung, die ſich leicht in vollſtändige Kälte hätte verwandeln können, und Käthchen, die unter der Eingebung eines unwillkürlichen Zärtlichkeitstriebes gekommen war, zit⸗ terte jetzt vor einer Zurückſtoßung, deren Urſache ihr unbegreiflich war. Dennoch hielt ſie dies nicht ab, freundlichſt zu er⸗ wiedern: „Wir erwarteten Sie, da der Vater Ihren Brief erhalten hat, aber nicht heute. Papa ſagte, nicht vor morgen. Erlauben Sie mir nun, Vetter, Ihnen ein Willkommen auf Jamaica zu wünſchen.“ Herbert verbeugte ſich tief. Abermals fühlte die junge Kreolin ihr herzliches Entgegenkommen in peinlichſter Weiſe zurückgeſtoßen und ſtand nun in unentſchiedener Haltung, verlegen er⸗ röthend. Herbert, deſſen Herz bereits wie Schnee unter einer tropiſchen Sonne geſchmolzen war, fühlte jetzt ſehr wohl, daß er rauh und unhöflich geweſen ſei, was ihm eigent⸗ lich gar nicht eigen war und ihm hier, wie es ſchien, Anſtrengung gekoſtet hatte. ——-—— 169 Warum ſollten auch des Vaters Sünden an dem Kinde heimgeſucht werden, und an ſolch' einem herzigen, un⸗ ſchuldigen Kinde? Mit ſolchen Gedauken beeilte der junge Mann ſich, ſein zurückhaltendes Weſen abzulegen. 4 „Vielen Dank für Ihr freundliches Willkommen!“ ſagte er nun im Tone liebevoller Offenherzigkeit.„Aber, ſchöne Couſine, Sie haben mir Ihren Namen noch nicht genannt.“ „Katharina, obgleich ich gewöhnlich kürzer Käthchen genannt werde.“ „Katharina! das iſt bei uns der Familienname; meines Vaters und auch Ihres Vaters Mutter— un⸗ ſere Großmutter— hieß Käthchen. War das Ihrer Mutter Name auch?“ „Meine Mutter hieß Quasheba.“. „Quasheba! das iſt ein ganz eigener Name.“ „Meinen Sie das, Vetter? Ich werde auch zuweilen ſelbſt Quasheba genannt,— nur von den alten Leuten der Pflanzung, die meine Mutter noch gekannt haben. Kleine Quasheba nennen ſie mich. Papa hat es nicht gern und hat es deshalb verboten.“ „War Ihre Mutter eine Engländerin?“ „O nein, ſie war auf der Inſel geboren und ſtarb, als ich noch ſehr jung war, zu jung, um mich ihrer zu erinnern. In Wahrheit, Vetter, faſt möchte ich ſagen, ich habe nie gewußt, was es heißt, eine Mutter zu be⸗ ſitzen!“— „nund ich auch nicht, Couſine Käthchen. Meine Mut⸗ 170 ter ſſuarb ebenfalls früh. Doch, ſind Sie meine einzige Couſine?— haben Sie enn Schweſtern oder Brüder?“ „Gar keine, leider. O, ich moͤchte wohl, ich hätte Geſchwiſter.“ „Warum wünſchen Sie das?“ „O, wie können Sie nur ſo fragen? Der Geſell⸗ ſchaft wegen, natürlich.“ „Schöne Couſine, ich dächte, Sie koͤnnten auf dieſer ſchönen Inſel Geſellſchaft genug ſinden.“ „Ach ja, vielleicht genug, aber keine, die ich gern habe— jedenfalls nicht ſolche, wie ſie nach meiner Meinung eine Schweſter oder ein Bruder gewähren würde. Wirklich,“ fügte das Mädchen nachdenklich hinzu,„ich fühle nnich manchmal einſam genug!“ „Oh!“ „Vielleicht wird es nun, wo wir Gäſte haben, etwas anders ſein. Herr Smythje iſt ganz amüſant.“ „Herr Smythje? Wer iſt das?“ „Was, Sie kennen Herrn Smythje nicht? Ich habe geglaubt, Sie wären mit ihm in demſelben Schiffe an⸗ gekommen? Papa ſagte ſo, und daß Sie hier nicht vor morgen eintreffen werden. Ich vermuthe, Sie haben ihn überraſchen wollen, indem Sie ſchon hente gekom⸗ men ſind. Aber warum ſind Sie nicht mit Herrn Smythje gefahren? Er kam ſchon eine Stunde vor Ihnen an, und hat gerade mit uns zu Mittag gegeſſen. Ich habe den Tiſch ſo eben verlaſſen, damit Papa und er ihre Eigarren rauchen können. Aber, mein Himmel, Vetter! Entſchuldigen Sie, daß icj noch nicht gefragt — “““ -“ —O%ͦ%ů-—— 171 — vielleicht haben Sie noch nicht zu Mittag ge⸗ geſſen?“ „Nein, Conſine Käthchen,“ erwiederte Herbert mit ernſtem Tone,„auch habe ich keine Luſt, heute hier zu eſſen.“* Der Sturm von Fragen, mit denen die junge Kreolin ihn in der Einfachheit ihres Herzens überſchüttete, führte ihn abermals zu jenen bitteren Gedanken zurück, von denen ihre Gegenwart und ihre ſanfte Rede ihn für einige Zeit befreit hatten. Dies war der Grund jener . g h Antwort. „Und warum, Vetter Herbert?“ fragte ſie mit Ver⸗ wunderung.„Wenn Sie noch nicht zu Mittag gegeſſen haben, ſo iſt es doch nicht zu ſpät. Warum denn nicht hier?“ „Weil“— und der junge Mann richtete ſich ſtolz auf—„ich es vorziehe, lieber gar nicht zu eſſen, als da, wo ich nicht willkommen bin. In Willkommenberg, ſcheint es, bin ich nicht willkommen.“ „O, Vetter—“ Dieſe im mildeſten, aber auffordernden Tone ge⸗ ſprochenen Worte wurden ſofort unterbrochen. Die Thür auf dem Treppenabſatze drehte ſich in ihren An⸗ geln und Loftus Vaughan trat heraus. „Ihr Vater?“ „Ja, mein Vater!“ „Käthchen!“ rief der Pflanzer mit einer Mißver⸗ gnügen andeutenden Stimme,„Herr Smythje möchte Dich auf der Harfe ſpielen hören. Ich habe Dich in 172 Deinem Zimmer geſucht und im ganzen Hauſe. Was machſt Du denn hier draußen?“ Die Sprache war roh und gemein, ganz die eines gewöhnlichen, vom Wein glühenden Mannes. 3 „O, Papal Vetter Herbert iſt hier. Er wartet auf 8 Dich!“ „Komm geſchwind hierher!“ war die gebieteriſche Antwort;„komm, Herr Smythje erwartet Dich.“ „Vetter, ich muß Sie verlaſſen!“ „Ja, ich begreife das. Ein Würdigerer als ich verlangt Ihre Geſellſchaft. Gehen Sie denn, Herr Smythje iſt ungeduldig.“ „Es iſt ja Papa.“ „Käthchen! Käthchen! Kommſt Du gleich? Beeile Dich doch, Mädchen, beeile Dich!“ „Gehen Sie, Fräulein Vaughan! Leben Sie wohl!“ „Fräulein Vaughan? Leben Sie wohl?“ Betrübt über dieſe ſo ſonderbar lautenden räthſel⸗ haften Worte ſtand Käthchen Vaughan einige Secunden unentſchieden und ſprachlos da, bis die Stimme ihres Vaters abermals erſchallte, jetzt in einem gereizten und ſtreng befehlenden Tone. Der mußte ſofort befolgt werden, und ſo entfernte ſich das junge Mädchen, eigentlich ganz gegen ihren eigenen Willen mit halb verwirrtem, halb vorwurfsvollem Blicke auf ihren Vetter. ——— — — * ————— abhängigen Geſinnung Worte zu leihen, da dies die Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein rauher Empfang. Nachdem die junge Kreolin am Eingange verſchwun⸗ den, war Herbert vollkommen unentſchieden, was er thun ſolle. Um Aufklärung zu haben, bedurfte es nun einer Zuſammenkunft mit dem Onkel nicht mehr. Dieſe neue Geringſchätzung hatte ſeine Ueberzeugung, daß er hier ein unwillkommener Gaſt ſei, nur beſtätigt und keine Entſchuldigung vermochte die bereits erlittene üble Behandlung wieder gut zu machen. Er wollte deshalb jetzt ſofort ohne ein weiteres Wort davon gehen, allein der über die mannigfachen Beleidigungen empfundene tiefe Schmerz, ſowie der in ihm erwachende heiße Trieb nach Wiedervergeltung, brachten ihn zu dem Entſchluſſe, zu bleiben— jedenfalls bis er ſeinen Verwandten von Angeſicht geſehen und ihm ſein grobes Betragen vorge⸗ worfen hatte. Mit ſolchen Gedanken verblieb er in dem Kiosk, da ſich ſeine Geduld nur durch die Ausſicht auf die ſchwache Genugthuung vergrößert hatte. Er wußte ſehr wohl, daß ſich ſein Onkel ſchwerlich viel daraus machen werde, was er ihm auch ſage, da es unwahrſcheinlich war, daß ein ſolcher Charakter ſich irgend ernſtlich von einem Vorwurfe getroffen fühlen würde. Dennoch vermochte der ſtolze junge Mann nicht der Verſuchung zu widerſtehen, ſeiner trotzigen und un⸗ 174 einzige Weiſe war, wie er die ſo tief empfundene Krän⸗ kung in etwas mildern konnte. 3 Die Laute einer fern durch das Innere des Wohn⸗ hauſes tönenden Harfe erreichten den Kiosk und ſchlu⸗ gen an Herberts Ohr, ohne ihn zu beſänftigen. Viel⸗ mehr erhöhten ſie ſeine Reizbarkeit, da er ſich einbilden konnte, die Muſik wolle ihn in ſeinem Elend noch ver⸗ höhnen. Doch bei weiterm Nachdenken begriff er wohl, daß dies nicht ſein könne. Gewiß, dieſe ſanften Töne waren nicht darauf berechnet, ihn hämiſch zu quälen. Jetzt erkannte er das Lied, das dem Inſtrumente wie ſeiner Lage entſprach. Es war„der irländiſche Flüchtling.“ Nun wurde eine die Harfe begleitende Stimme ge⸗ hört, eine Frauenſtimme, die leicht als die Käthchen Vaughan's zu erkennen war. Er horchte aufmerkſam. Zuweilen konnte er die Worte hören. Wie entſprechend ſeinen eigenen Ge⸗ danken!. „Trüb' mein Geſchick,“ ſprach herzkrank der Flüchtling, „Der Hirſch und der Wolf nennt das Walddickicht ſein, Doch mich ſchützt nichts vor Hunger und Sorgen,— Denn Heimath und Glück ſind nimmermehr mein.“ Sollte das Lied nach der Abſicht der Sängerin etwa ein Zeichen des Mitgefühls ſein? Sicherlich übte es großen Einfluß auf ſeinen Geiſt aus, rührte ihn tief und beſänftigte ihn in ſüßer Zärtlichkeit. Aber nicht ſehr lange hielt dies Gefühl an. Wie die letzten Töne des Liedes auf dem entfernten Corridor erſtarben, vereinigten ſich die rauhen Stimmen des — 175 Pflanzers und die ſeines Gaſtes zu einem lauten Ge⸗ lächter— vielleicht ein Spaß über ihn ſelbſt, den ar⸗ men Flüchtling? Kurz darauf ward ein ſchwerer Fuß⸗ tritt auf dem Pfade gehört, die Thür öffnete ſich und Herbert ſah, daß es ſein Onkel war, der nun endlich Zeit gefunden hatte, ihm die Ehre einer Unterredung zukommen zu laſſen. 7 Obgleich den Augenblick zuvor noch ſo fröhlich, ſo waren nun, da er vor ſeinem Neffen erſchien, doch alle Spuren der Fröhlichkeit aus Loftus Vaughan's Geſicht verſchwunden. Dies, gewöhnlich ſchon ſtark geröthet, hatte jetzt von dem Weine, den er getrunken, eine Scharlachfarbe angenommen. Dennoch verkündete eine eigenthümliche, noch dunklere Färbung über ſeinen breiten und ſtarken Brauen den unfreundlichen Empfang, deſſen ſich ſein Verwandter zu gewärtigen habe. Seine erſten Worte wurden in einem Tone anma⸗ ßender Kälte ausgeſprochen: „Alſo Sie ſind meines Bruders Sohn, nicht wahr?“ Kein Handreichen dabei, keine bewillkommende Be⸗ wegung, ſelbſt nicht einmal ein Lächeln der Begrüßung. Herbert unterdrückte ſeinen Aerger und antwortete einfach: „Ich glaube es zu ſein.“ „Und welche Abſicht führt Sie nach Jamaica?“ „Wenn Sie meinen Brief erhalten haben, wie ich wohl annehmen darf, ſo muß dieſer die Frage eigentlich ſchon beantwortet haben.“ „So, wirklich!“ rief Herr Vaughan in barſcher Weiſe aus, doch augenſcheinlich durch die unerwartete Weiſe der Antwort zurückgehalten.„Und was wollen Sie hier anfangen?“ „Weiß ich wirklich nicht zu ſagen,“ antwortete Her⸗ bert mit herausfordernder Miene. „Haben Sie irgend einen Beruf?“ „Unglücklicher Weiſe gar keinen.“ „Irgend ein Geſchäft? Ich vermuthe, kaum?“ „Ihre Vermuthungen ſind vollkommen richtig.“ „Dann ſagen Sie mir nur, wie wollen Sie Ihr Brot erwerben?“ „Es verdienen, ſo gut es geht.“* „Oder vielmehr es erbetteln, wie Ihr Vater es Ih⸗ nen vorgemacht hat, ſein ganzes Leben lang bettelnd und immer von mir.“ „Darin werde ich ihm ſchwerlich gleichen und Sie werden ganz gewiß der Letzte ſein, den ich anbettele, darauf verlaſſen Sie ſich.“ „Teufel, Herr! Sie werden unverſchämt! Das ſind ſchöne Reden nach dem Schimpfe, den Sie mir be⸗ reits angethan!“ „Schimpf?“ „Ja, Herr, Schimpf, ſage ich. Hierher ſchon wie ein Bettler zu kommen, als Zwiſchendeckspaſſagier! Und dann ſich der Verwandtſchaft rühmen, damit Jedermann weiß, daß Sie mein Neffe ſind!“ „Sich der Verwandtſchaft rühmen!“ wiederholte Herbert mit verächtlichem Lächeln.„Ha, ha, ha! Sie meinen gewiß meine Antwort auf eine Frage von dieſem naſeweiſen Narren, den Sie ſo verehren. Sich der Verwandtſchaft rühmen! Wahrhaftig, hätte ich Sie da⸗ 177 mals ſo gekannt, wie ich Sie jetzt kenne, ich hätte mich geſchämt, die Verwandtſchaft einzugeſtehen!“ „Aber Herr,“ ſchrie Herr Vaughan und ward feuer⸗ roth vor Wuth,„aber Herr, nun weiter keine Worte mehr, verlaſſen Sie ſofort mein Haus, in dieſer Mi⸗ nute!“ „Ich hatte ſchon einige Minuten zuvor die Abſicht, es zu verlaſſen und blieb einzig nur, um eine Gelegen⸗ heit zu haben, Ihnen zu ſagen, was ich von Ihnen halte.” „Was iſt das? Was iſt das?“ Der zornige Jüngling hatte einige der ſtärkſten nur denkbarſten Ausdrücke auf der Zunge und wollte ſie bereits ſeinem Onkel entgegenſchleudern, als er, etwas aufblickend, einen Gegenſtand gewahrte, deſſen Anblick ihn ſofort davon abzuſtehen bewog. Es war das rei⸗ zende Geſicht der jungen Kreolin, das durch das halb offene Gitterwerk des gegenüberliegenden Fenſters im großen Hauſe erſchien. Sie ſah auf ihn und ihren Vater nieder und hörte dem Zwiegeſpräche mit ängſt⸗ licher Spannung zu. „Es iſt ihr Vater,“ murmelte Herbert zu ſich ſelbſt, „ihretwillen will ich kein Wort mehr ſagen.“ Und ohne irgend eine Antwort auf die letzte Frage des On⸗ kels zu ertheilen, ſchritt er aus dem Kiosk und ging davon. „Halt, Herr!“ rief der Pflanzer, erſtaunt über die Wendung, welche die ganze Angelegenheit genommen hatte.„Ein Wort, bevor Sie gehen,— wenn Sie überhaupt gehen wollen.“ Der Marone. I. 12 178 7 Herbert wandte ſich um und horchte. „Ihr Brief benachrichtigt mich, daß Sie ohne Mit⸗ tel ſind. Es ſoll nimmermehr geſagt werden, daß ein Verwandter von Loftus Vaughan je ſein Haus ohne Geld und unverſorgt verlaſſen habe. Hier in dieſer Börſe ſind zwanzig Pfund hieſigen Geldes. Nehmen Sie das, aber unter der Bedingung, daß Sie nichts von dem hier Vorgefallenen ſagen, und daß Sie außer⸗ dem es für ſich behalten, daß Sie Loftus Vaughan’'s Neffe ſind.“ Ohne ein Wort zu ſagen, nahm Herbert die ange⸗ botene Börſe, aber im nächſten Augenblick ward auf dem kiesbeſtreuten Fußpfade der Klang der Goldſtücke gehört— er hatte den Beutel mit dem Gelde dem On⸗ kel vor die Füße geworfen. Dann wandte er ſich zu dem vor Verwunderung faſt erſtarrten Pflanzer, maß ihn mit einem jede Be⸗ günſtigung verhöhnenden Blicke und ging ſtolz davon. Das zornig ihm nachgerufene:„Hinweg von hier!“ erreichte ſein Ohr nicht mehr und blieb vollkommen un⸗ beantwortet, da die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes gr bereits anderweitig gefeſſelt war. —xqxqx; Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Indenkoppel. Als er nach dem großen Hauſe in der Abſicht zu⸗ ſchritt, um daſſelbe herumzugehen und ſo in die große n(9 2n4 He. Allee zu gelangen, war ſein Blick in die Höhe nach dem Fenſter hin gerichtet, wo eben zuvor das ſchöne Geſicht zu ſehen war. Das Gitterfenſter war nun ge⸗ ſchloſſen und er bemühte ſich deshalb vergeblich, etwas dahinter zu erſpähen. Ach, nur ein einziges Wort, nur einen einzigen Blick, mag dieſer dann auch ein ſorgenvoller, vielleicht ſogar ein vorwurfsvoller ſein! Aber kein Blick traf den ſeinigen— keine Augen leuchteten durch das Gitter. Er ſah zurück, ob er wohl einen Augenblick länger verweilen könne. Sein Onkel ſtand in gebückter Stel⸗ lung und ſammelte die zerſtreuten Goldſtücke auf. In dieſer Stellung verbarg ihn das niedrige Gebüſch. Herbert wollte jetzt gerade dem Fenſter näher treten und den Namen Käthchen Vaughan's rufen, als er ſei⸗ nen eigenen ſanft geflüſtert und mit dem holden Bei⸗ wort„Vetter“ verſchönert hörte. Deutlich hörte er nun:„Vetter Herbert!“ Nicht von dem Fenſter oben ſchien der Ruf zu kommen, ſon⸗ dern von der andern Seite des Hauſes. Als er nun um die Ecke des Hauſes ging, ſah er auf und erblickte ein anderes Fenſter deſſelben Zimmers geöffnet. Von hier war der ſanfte Ruf gekommen und dort war auch das holde Antlitz, das er ſuchte. „O, Vetter Herbert, geh' nicht im Zorne fort! Papa hat unrecht gethan— ſehr unrecht, das ſehe ich ein, aber er hat zu viel Wein getrunken— er iſt nicht zurechnungsfähig. Guter Vetter, willſt Du ihm nicht verzeihen?“ 12* 180 Herbert wollte gerade antworten, als die junge Kreolin fortfuhr: „Du ſagteſt in Deinem Briefe, Du hätteſt kein Geld, Du haſt Vaters Geld ausgeſchlagen, aber das meinige wirſt Du nicht ausſchlagen? Wohl iſt es nur wenig, aber es iſt Alles, was ich habe. Nimm es, ich bitte Dich!“ 1 Ein glänzender Gegenſtand ſchimmerte und fiel zu den Füßen des jungen Mannes nieder. Er ſah hin; es war ein kleiner, einiges Geld enthaltender, ſeidener, mit einem blauen Bande umwundener Beutel, der auf der Erde lag. Er hob ihn auf und ſchien zweifelhaft zu ſein, ob er ihn nehmen ſolle. Indeß beſchäftigte ihn ein ganz anderer Gedanke, und ſein Entſchluß war bald gefaßt. „Danke!“ ſagte er.„Danke vielmals, Couſine Käthchen,“ fügte er mit großer Wärme hinzu.„Du haſt es gewiß gut gemeint, und da wir uns wohl nie wieder treffen werden—“ 3 „O, ſage das nicht!“ unterbrach ihn das junge Mädchen mit einem bittenden Blicke. „Ja,“ fuhr er fort,„es wird wahrſcheinlich ſo ſein. Hier iſt für mich kein Aufenthalt, ich muß von dannen ziehen; doch wo ich auch immer hingehen mag, ich werde dieſe liebenswürdige Freundlichkeit nimmermehr vergeſſen. Vielleicht habe ich nie eine Gelegenheit zur Wiederver⸗ geltung, Du wirſt auch ſchwerlich Etwas nöthig haben, das ein armer ergebener Verwandter für Dich thun könnte; doch ſollteſt Du jemals eines kräftigen Armes und eines muthigen Herzens bedürftig ſein, dann, Käth⸗ —— ————— 181 chen Vaughan, erinnere Dich, daß es Jemanden Deines Namens giebt, der Dich nicht im Stiche läßt. Danke nochmals!“ wiederholte er, löſte das Band von dem Beutel und warf den letzteren mit ſeinem Inhalte durch das Fenſter zurück. Dann befeſtigte er das Band auf ſeiner Bruſt an ſeinem Rock und rief aus:„Im Beſitze dieſes Zeichens werde ich mich reicher fühlen, als wenn ich alle Güter Deines Vaters beſäße. Lebe wohl! Gott erhalte Dich, meine edelmüthige Couſine!“ Noch ehe die junge Kreolin ihr Anerbieten wieder⸗ holen oder ein anderes tröſtliches Wort hinzufügen konnte, hatte Herbert Vaughan ſich von dem Hauſe ent⸗ fernt und war ihren Blicken entſchwunden. Während dieſer Vorgänge zu Willkommenberg er⸗ eigneten ſich andere, viel umfangreichere auf der benach⸗ barten Pflanzung, dem Eigenthume des Sclavenhänd⸗ lers Jacob Jeſſuron. Außexr einer Baracke in der Bay, wo ſeine Sclaven gewöhnlich zum Verkauf ausgeboten wurden, war der Jude auch Eigenthümer einer großen Pflanzung auf dem Lande, wo er gewöhnlich wohnte. Sie lag dicht neben dem Landgute des Cuſtos Vaughan, von dieſem nur durch eine jener bereits erwähnten bewaldeten Hö⸗ hen getrennt, die das Thal von Willkommenberg um⸗ rahmten. Gleich dieſem war ſie früher eine ausgedehnte Zucker⸗ pflanzung geweſen, freilich bevor Jeſſuron ihr Eigen⸗ thümer wurde, denn jetzt war ſie vollkommen, was man ruinirt nennt. Die Felder, wo früher die goldenen Rohre in der tropiſchen Luft geweht, waren nun mit andern 182 wild aufgeſchoſſenen Gewächſen bedeckt und geradezu eine Wildniß. Mit jener der Pflanzenwelt in der Nähe des Aequators eigenthümlichen Schnelligkeit waren be⸗ reits große Bäume aufgeſchoſſen und ſtanden maſſenhaft auf dem fruchtbaren Boden, Campeſcheholz, Brotnüſſe, Baumwollenſtauden und Calabaſſenbäume, die zugleich mit den hängenden Schmarotzerpflanzen die vollſtändige Herrſchaft über den Boden gewonnen hatten. An eini⸗ gen Stellen, wo die Felder wirklich noch offen geblieben waren, wuchſen doch nur wilde und verwilderte Pflan⸗ zen als Unkraut, wie mexicaniſcher Ackermohn, Schwal⸗ benwurz, großes Schellkraut, weſtindiſches Eiſenkraut und kleine Paſſionsblumen. Zuweilen, wo das Unterholz es erlaubte, kamen Stellen eines Erdwalles oder einer alten Steinmauer zum Vorſchein, die aber gewöhnlich eingeſtürzt waren und deren Ruinen dann dicht mit Kriechpflanzen beklei⸗ det waren, wie Winden, Cereus, Ariſtolachia, die lieb⸗ lich blühende Lantana und die, Alles gleich dem Ge⸗ webe einer rieſigen Spinne überziehenden gelben, blatt⸗ loſen Stengel des amerikaniſchen Dotter. In der Mitte dieſer bereits von der Natur wieder eroberten Sitzung ſtand das große Haus, nun freilich, außer was ſeinen Umfang aubelangt, kaum mehr dieſe Benennung verdienend. Auch war es mehr ein großer Steinhaufen, als ein einzelnes Gebäude, da die alten Zuckerwerke mit dem Hauptgebäude unter ein Dach ge⸗ bracht waren. Dies, ſowie Negerhütten, Ställe, Geſchäfts⸗ ſtuben und andere Nebengebäude, Alles war von einer ſehr hohen Mauer umſchloſſen, die dem Ganzen mehr 188 n. ek, das Ausſehn eines Zuchthauſes oder einer Baracke, als das eines Landhauſes ertheilte. Die Umfaſſungs⸗ mauer war ein neuerer, für einen von der früheren Zuckerbereitung ſehr verſchiedenen Zweck aufgeführter Bau. Ein Garten war nicht vorhanden, obgleich man wohl bemerken konnte, daß ein ſolcher da geweſen war, denn es wuchſen ſtets noch einige Zierbäume, die mit prachtvollen ſchmackhaften Früchten beladen waren oder auch mit reichlichen, weit umher ihren Wohlgeruch aus⸗ duftenden Blüthen. Halb wild wuchſen ſo Citronen, Lorbeerbirnen, Ochſenherzen, Weinäpfel, Mangos, Gu⸗ javen und Pawpaws, während die hohen Kronen der Kokospalme ſich weit über die niedrigeren Inhaber die⸗ ſes wilden Baumgartens erhoben und ihre zurückgebo⸗ genen Zweige hängen ließen, als trauerten ſie über die ſie umgebende Verwüſtung. Den Gebäuden nahe ſtanden mehrere mächtige Bäume, deren gekrümmte, jetzt blattloſen Aeſte ſie leicht erkennen ließen. Es war der Rieſe der weſtindiſchen Wälder, der Seidenwollenbaum(Eriodendron anfractuosum). Die Aeſte dieſer Pflanzenungeheuer, von denen jeder ſo groß wie ein gewöhnlicher Baum, waren mit Schma⸗ rotzergewächſen mancherlei Art beſetzt. Unter dieſen mö⸗ gen ſtachelige Cactus mit verſchiedenen Arten wilder Ananas hervorgehoben werden. Von der edlen Vrieſia bis zu dem weißen, bartähnlichen ſpaniſchen Mooſe, deſſen lange fliegende Gewinde wie Grabtücher in der Luft wehen, eine höchſt geeignete Polſterung für das in feierlicher Stille auf den höchſten Zweigen erbaute Neſt der ſchwarzen Geier. 184 In alten Zeiten trug die Pflanzung den Namen „glückliches Thal“, aber ſeit Jeſſuron ihr Eigenthümer geworden, war dieſer Name, nun wohl vollſtändig un⸗ geeignet, in Vergeſſenheit gerathen und dies Gut ward nicht anders genannt als„die Judenkoppel“. In eine Koppel(Graspflanzung) hatte Jeſſuron es allerdings verwandelt und zu dieſem Zwecke war es auch ganz geeignet, da die früheren, nun mit dem werth⸗ vollen Guinea⸗Graſe überzogenen Zuckerfelder jetzt eine vortreffliche Weide für Pferde und Rindvieh gewährten. In der Aufzucht der erſteren für den Gebrauch der Zuckerpflanzungen und in der Mäſtung der letzteren für die Ochſenmärkte der Bay hatte der betriebſame Iſrae⸗ lite einen eben ſo raſchen Weg zu Reichthümern gewon⸗ nen, als wenn er als Selavenhändler umherreiſte, und in den letzten Jahren hatte er deshalb das letztere Ge⸗ ſchäft nur als ein untergeordnetes Gewerbe angeſehen. In höherem Alter war er auch nach einer höheren ge⸗ ſellſchaftlichen Stellung begierig geworden und hatte ſich deshalb bemüht, den Slcavenhändler in den angeſehenen Stand eines Koppelhalters zu verwandeln. Außerdem war es ihm noch gelungen, ſich als Friedensrichter an⸗ geſtellt zu ſehen, ein Amt, das in Jamaica wie an⸗ derswo auch mehr auf Reichthum als auf unantaſtbarer Ehrenhaftigkeit beruht. Hierzu war der Jude auch noch ein großer Pfeffer⸗ bauer oder vielmehr Einſammler, denn die einheimiſchen, die Hügel ſeiner Beſitzung bedeckenden Pimentwälder bedurf⸗ ten keines eigentlichen Anbaues und verlangten weiter —— — — — —— — 185⁵ nichts, als daß die aromatiſchen Beeren eingeſammelt und in der Barbacao eingemacht wurden. Obgleich aus einer Pflanzung in eine Koppel ver⸗ wandelt, war auf dem Gute Jacob Jeſſurons doch ein ſehr thätiges und betriebſames Leben. In den dem Hauſe nahe liegenden Feldern und auf den Triften von Guinea⸗Gras konnte man Pferde und halbwildes Rindvieh wiehern und brüllen hören, die von berittenen ſchwarzen und halbnackten Hirten gehütet wurden. Zwiſchen den Pimentbäumen gingen Negermädchen umher, fortwährend bei dem Pflücken der Gewürznelken von den Bäumen plappernd und kreiſchend; ſpäter ſetz⸗ ten ſie dann die gefüllten Körbe auf den Kopf und tru⸗ gen ſie ſingend und in langen Reihen gehend nach der Barbacao. Außerhalb des großen Thores auf dem breiten Wege, der zur Hauptſtraße führte, konnte man täglich Nege⸗ reiter gewahren, die den rohen, friſch von der Weide 8 geholten Füllen Unterricht ertheilten, während innerhalb der großen Einfaſſung fette Ochſen geſchlachtet wurden, um die Märkte in der Bay zu verſorgen. Hier ver⸗ zehrten große mächtige Hunde die Fleiſchabfälle und ſchwarze, bis zum Gürtel nackte Schlächter, die brau⸗ nen Arme dampfend von dem geronnenen Blute, ſchwenk⸗ ten blutige Meſſer und andere für ihren Mordberuf geeignete Inſtrumente. Solche Auftritte fanden auf Jacob Jeſſurons Gute täglich ſtatt, allein an dem Tage, der dem mißlungenen Verſuche des Sclavenhändlers auf Willkommenberg „ 186 nachfolgte, ſollte auf dem Hofe noch ein anderes, viel ſeltſameres Schauſpiel aufgeführt werden. Die für dies Schauſpiel auserſehene Bühne war eine Einfaſſung oder ein dicht am Wohnhauſe liegender Hoſfplatz, deſſen eine Seite das große Haus ſelbſt bil⸗ dete, an dem eine breite, auf den Hof hinabführende Veranda von ſchmutzigem Ausſehn ſich herumzog. Dem Wohnhauſe gegenüber befand ſich ein anderes großes Gebäude, das die eutgegengeſetzte Seite des Ho⸗ fes begrenzte. Hohe, dicke Mauern verbanden die bei⸗ den Gebäude mit einander und umſchloſſen das Viereck. In der Mitte einer dieſer Mauern führte ein ſtarkes, doppeltes Thor hinaus in die groͤßere Einfaſſung der Viehkoppel. Lulet 4 Dem Mangel aller Schornſteine und Fenſter als auch der Bauart nach, hätte man das dem Wohnhauſe gegenüberſtehende Gebäude ganz wohl für einen geräu⸗ migen Speicher oder eine Scheune halten können, aber ein Blick in's Innere mußte dieſen Gedanken bald be⸗ ſeitigen. Innerhalb waren Gruppen menſchlicher We⸗ ſen von allen Farben, vom Ebenholzſchwarz bis zum hellſten Gelb, in allen Stellungen— ſitzend, ſtehend oder auf dem Boden liegend— und nicht wenige von ihnen paarweiſe mit Handſchellen an einander gefeſſelt. Ihre Haltung war eben ſo verſchieden, wie der Ausdruck ihrer Geſichtszüge. Einige ſahen traurig und finſter aus, andere blickten furchtſam umher, als wären ſie aus ſchrecklichen Träumen erwacht und glaubten nun an deren Wirklichkeit, noch andere hatten den leeren, nichtsſagenden Blick vollſtändigen Blödſinns, während hier und da weite Meer gekommen war, und der, nachdem er ſelbſt 187 eine Gruppe, gänzlich unbekümmert um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, in ihrer barbariſchen Sprache mit heiterem Ausſehn ſchwatzte, und die größte philoſo⸗ phiſche Sorgloſigkeit zeigte. Das Gebäude, das dieſe unglücklichen Willenloſen enthielt, war die Baracke, das Vorrathshaus des Scla⸗ venhändlers, und ſeine Bewohner waren ſein Vorrath! Dieſer Vorrath war erſt kürzlich durch die Ladung eines Sclavenſchiffes vervollſtändigt worden, aber es waren auch noch einige alte Ballen vorhanden, und dieſe unterhielten die neu Angekommenen und erzählten ihnen von ihrem jetzigen Aufenthalte. Ihre Mittel, Gaſtfreundſchaft auszuüben, waren dabei freilich ſehr beſchränkt, wie die leeren Calabaſſen und rein geputzten hölzernen Schüſſeln bezeugten, die auf dem Boden zer⸗ ſtreut umher lagen. Nicht ein Körnchen Reis, nicht eine Pfefferſchaale, nicht ein einziges Stückchen Piſang war übrig gelaſſen worden. Die vollſtändige Leere ſämmtlicher Geſchirre bewies ſicher, daß die ausgetheil⸗ ten Portionen eben ſo klein geweſen waren, als die Ge⸗ richte ſelbſt ſchlecht und grob. Draußen im Hofe waren ebenfalls manche Gruppen, die glücklich genug waren, der verdorbenen und erſticken⸗ den Luft ihres überfüllten jetzigen Aufenthaltes entrückt zu ſein, obwohl dieſer ſchon eine Art Freiheit gewährte im Vergleich mit den Zwiſchendecken während der Ueber⸗ fahrt. Faſt jede Gruppe hatte ſich um einen Aelteren ver⸗ ſammelt, einen Landsmann, der ſchon früher über's Zöͤ““ 188 ſchon vor längerer Zeit die Sclaverei des Weſtens ken⸗ nen gelernt hatte, den Neuangekommenen einige Mit⸗ theilungen über das machte, was ſie zu erwarten hätten. Die begierigen, von Zeit zu Zeit nach der Veranda hin gerichteten Blicke Aller veykündeten, daß ſie augenblicklich etwas beſonders Ungewöhnliches erwarteten. Auch weiße Männer waren auf dem Hofplatze, drei im Ganzen. Zwei waren von ſehr dunkler Geſichts⸗ farbe, ſo ſchwärzlich, daß mancher der farbigen Selaven im Vergleich zu ihnen als hell bezeichnet werden konnte. Dieſe Beiden faullenzten in der Nähe der Treppe der Veranda, und einer von ihnen ſaß auf den Stufen. Beide waren ärmlich in bunte Hemden und Hoſen ge⸗ kleidet und trugen breitkrämpige Palmenhüte auf dem Kopfe und roh gearbeitete Schnürſtiefeln an den Füßen. Jeder trug eine lange rapiergleiche Klinge, eine Machete, die in einer ledernen Scheide über ſeiner Hüfte hing, während ein Paar feuriger Hunde, die an baumwolle⸗ nen Leinen aufgekoppelt und ſo an um ihren Leib ge⸗ wundenen Gürteln befeſtigt waren, auf dem Boden zu ih⸗ ren Füßen niedergekauert lag. Die Geſichter dieſer Männer waren glatt raſirt— nur ein kleiner Büſchel am Kinne war ſtehen geblieben — und ihr Kopfhaar war dicht abgeſchnitten. So wurden ihre ſcharfen eckigen Geſichtszüge vollſtändig ge⸗ zeigt und verkündeten viel Geiſt, was auch ſicher einen angenehmen Eindruck hervorgebracht hätte, wäre dieſer nicht von einem eigenthümlichen Ausdruck von Grau⸗ ſamkeit begleitet geweſen. Die von Zeit zu Zeit ihren Lippen entſchlu üpfenden 189 Ausrufungen, zugleich mit den wenigen Worten des von ihnen geführten Geſpräches, zeugten für eine ſpa⸗ niſche Abkunft. Ihre Tracht, ihre Waffen und Rü⸗ ſtungen, ſowie ihre Begleiter, die grimmigen Hunde⸗ erklärten indeß ihren Beruf, wie das Land, aus dem ſie ſtammten, hinlänglich. Es waren caçadores de ne- gros, Negerjäger von Cuba. Der dritte Weiße auf dem Hofe war weſentlich von dieſen verſchieden, nicht gerade ſo ſehr durch die Farbe — denn auch er beſaß eine ſchwärzliche Haut— als vielmehr durch die Größe, die Kleidung und den Beruf. Ein Paar roßlederner Reitſtiefeln ging bis zu den Len⸗ den hinauf und an den Hacken klirrten mächtige Sporen mit drei Zoll im Durchmeſſer haltenden Rädern. Eine lange Jacke von dickem Tuch— keineswegs dem Klima ſehr gemäß— ging bis zu den Hüften herab. Unter dieſer war eine Weſte von Scharlachplüſch mit ſchmutzi⸗ gen metallenen Knöpfen und ein wollener Halsſhawl von derſelben ſchreienden Farbe. Die ganze Geſtalt krönte ein Filzhut, der, wie auch die andern Gegen⸗ ſtände ſeiner Bekleidung, deutlich zeigte, daß er allen Wettern ausgeſetzt geweſen war, Sonne und Regen, Sturm und Tornado. Ein dicker Wulſt krauſen Haares, das ſo ſchwarz war wie das eines Negers, ein ſtarker, ſchwarzer und den Mund dicht umziehender Bart, bernſteinfarbige Augen mit einem finſtern, wohl nie erbleichenden Strahle, durch den ſchwarzen Bart hindurchſcheinende Lippen voſt ganz ungewöhnlicher Röthe und eine hohe Adlernaſe waren die hervorragendſten und auffallendſten Eigen⸗ ſchaften in der Erſcheinung dieſes Mannes. In ihrer Vereinigung riefen ſie ſofort die Ueberzeugung hervor, daß dieſer Mann ganz derſelben Nationalität angehöre, wie der Eigenthümer des Hofes. Dies war auch wirk⸗ lich ſo, denn der bärtige Mann war ebenfalls ein An⸗ gehöriger des Volkes Abrahams, aber unbedingt einer der am wenigſten liebenswürdigen deſſelben. Sein Name war Ravener, ſein Beruf der eines Sclavenaufſehers bei Jeſſuron. Das Zeichen ſeines Amtes trug er unterm Arm: eine große, mächtige Peitſche. Dieſe hatte er zu jeder Zeit bei ſich, bei Nacht wie bei Tage, denn bei Nacht wie bei Tage war er ſie zu gebrauchen gewohnt, und die Opfer derſelben waren keine Ochſen noch Pferde, ſondern Menſchen, wirklich lebende, unſchuldige Menſchen! Auch machte er keineswegs einen nur ſparſamen Ge⸗ brauch von ſeinem ſcheußlichen Werkzeuge.„Klatſch, klatſch!“ konnte man vom Morgen bis zum Abend hö⸗ ren;„klatſch, klatſch!“ vom Abend bis zur Mitternacht, ja ſelbſt von Mitternacht bis wiederum zum Morgen, denn es wurde behauptet, der Aufſeher ſchlafe niemals. „Klatſch, klatſch!“ ging's, wenn er den Hof durchſchritt, ſtolz darauf, ſeine Macht vor den neuangekommenen Negern zu zeigen, und er ſchwang ſeine lange grauſame Peitſche unter den Seclavengruppen, als wolle er ſie im Uebermuthe ſämmtlich vernichten und vertilgen! Fnelil, 191 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Eine Peuertaufe. Gegen zwölf Uhr deſſelben Tages kamen Jeſſuron und ſeine Tochter auf die Veranda und nahmen ihren Platz nahe an der Baluſtrade ein, ſo daß ſie in den Hof hinabzuſehen vermochten. Beider Ausſehn verrieth einige Unruhe, als wenn ſie ein Schauſpiel von mehr als gewöhnlichem Intereſſe mit anſehen ſollten. Auch die Hausmädchen und andere hinter ihnen mit neugierigen Augen ſtehende Diener zeigten, daß etwas Beſonderes vor ſich gehen ſolle. Ein kleiner eiſerner, mit brennenden Kohlen ange⸗ füllter Keſſel war auf dem Hofplatze nahe unten an der Treppe aufgeſtellt. Drei oder vier mürriſch ausſehende Männer, Schwarze und Mulatten, ſtanden müßig um denſelben herum. Einer von ihnen beugte ſich über den Keſſel und drehte in dem Feuer eine Art Lötheiſen oder irgend ein anderes Inſtrument eines Kupferſchmiedes. Doch das war es keineswegs, wie die Zuſchauer wohl wußten, denn Alle, die es ſahen, erkannten darin das⸗ gefürchtete Brenneiſen, und Alle, die Weißen und erſt neuangekommenen Afrikaner ausgenommen, hatten früher ſeine verſengende Gluth an ihrem eigenen Fleiſche gefühlt. Indeß hatten auch die Neuangekommenen bereits er⸗ fahren, was für ſie vorbereitet werde und betrachteten dieſe Vorkehrungen zumeiſt ſchweigend, mit furchtſamen Blicken. Einige Koromantis unter ihnen ſahen auch mit 192 ſorgloſer Gleichgiltigkeit zu, plauderten munter und lach⸗ ten zuweilen ganz laut, als erwarteten ſie den Anfang eines luſtigen Spieles. Dieſe muthigen Söhne Aethio⸗ piens, deren ſchwarze Haut die Narben manches früher in der Heimath beſtandenen Gefechtes zeigten, machten ſich wenig aus dem Brande eines ſolchen glühendrothen Eiſens. Lange ſollte es auch nicht dauern, bis das un⸗ menſchliche Schauſpiel begann. Der Eintritt Jeſſurons und ſeiner Tochter war das Zeichen zum Anfange, denn der bärtige Aufſeher hatte als Ceremonienmeiſter nur auf ihre Ankunft gewartet. Dieſer Mann wußte aus Erfahrung ganz wohl, daß ſein Herr ſelbſt die Oberaufſicht bei einem ſolchen Vorgange übernahm, und er wußte auch, daß ſeines Herrn Tochter es ebenfalls liebte, bei dieſen intereſſanten Auftritten zugegen zu ſein. „Fangen Sie an, Herr Ravener!“ ſchrie der Jude von der Veranda herab.„Dieſche zuerſcht,“ fügte er hinzu und zeigte auf eine Gruppe von Ebos, die in einem Winkel des Hofes zitternd vor Furcht ſtanden. Auf ein Zeichen des etwas ſchweigſamen Aufſehers legte eine Anzahl der offenbar ſchon früher zu ſolchem Geſchäfte verwandten Neger Hand an die Ebos und brachte ſie nach dem Feuerkeſſel hin. Als die Unglücklichen nahe an das Feuer gebracht waren und nun das rothe Eiſen zwiſchen den Kohlen glühen ſahen, malte ſich auf ihren Geſichtern die lebhaf⸗ teſte Furcht ab und ihr ganzer Körper zitterte krampf⸗ haft vor Furcht. Die jüngeren von ihnen ſchrien laut auf und würden ſicher die Flucht ergriffen haben, wären X 193 ſie nicht feſtgehalten worden. Ihre durch die erbar⸗ mungswürdigſten Blicke und Geberden gemachten An⸗ rufungen wurden lediglich mit gefühlloſen Sticheleien und rohem Gelächter beantwortet, woran der alte Jude ſelbſt Theil nahm und ſogar auch— ſaſt iſt es un⸗ glaublich, zu erzählen— ſeine ſchöne Tochter! Dabei zeigte ſich keineswegs bloßes Lächeln auf dem Geſichte der ſchönen Judith, nein, ſie lachte hell auf und zeigte dabei ihre regelmäßigen weißen Zähne, ganz als wenn ein Unhold die Geſtalt eines Engels angenommen hätte. Die Ebos wurden vorwärts geführt und dabei von den Weißen feſtgehalten, während ſie ihre bloße Bruſt dem Brande darbieten mußten. Das glühende Eiſen blitzte einen Augenblick vor eines Jeden Auge und traf dann die trockene, zähe Haut mit dumpfem Klatſchen. Ziſchend ſtieg ein Dampf auf, dem der Geruch ver⸗ brannten Fleiſches folgte. Ein Kampf dann, wilder Schmerzensſchrei und das Verfahren war beendet. Der Sclave war nun mit den unvertiſgbaren Anfangsbuch⸗ ſtaben bezeichnet, die er bis an ſein Grab tragen mußte. Einer nach dem andern erlitten die Ebos dieſe fürch⸗ terliche Feuertaufe und wurden alsdann hinweggeführt. Ein Haufen Pawpaws aus dem Weddah⸗Lande kam zunächſt daran. Sie wurden wie die Ebos einer nach dem andern herangeführt, doch ihre Haltung war gänz⸗ lich verſchieden, denn ſie fürchteten ſich weder beſonders, noch zeigten ſie einen gewöhnlichen Muth. Sie ſchie⸗ nen ſich mit einer Art gelehriger Ergebung zu unter⸗ werfen, als betrachteten ſie die ihnen widerfahrene Miß⸗ handlung wie ein vorher beſtimmtes Geſchick oder wie Der Marone. I. 13 194 eine unumgängliche Pflicht. Das Verfahren, ſie zu brennen, war deshalb von kurzer Dauer und gewährte den Zuſchauern kein beſonderes Vergnügen, da über keinen ſpaßhaften Schrecken dabei gelacht werden konnte. Dieſer nachgiebige und lenkſame Charakter macht das Weddah⸗Volk zu den geſchätzteſten und werthvollſten Sclaven. Ein Haufe Koromantis ſollte ſich nun der Feuer⸗ probe unterziehen. Dieſe kühnen und kriegeriſchen Ein⸗ gebornen Afrika's entwickelten in ihrer Haltung und in ihren Geberden wieder ganz andere, von denen der Paw⸗ paws oder Ebos höchſt verſchiedene moraliſche Eigen⸗ ſchaften. Anſtatt zu warten, bis ſie hingeführt würden, trat Jeder kühn und muthig vor und entblößte ſeine Bruſt, um das Brandmal zu erhalten, auf das er mit einer Miene großartiger Verachtung blickte. Ein junger Burſche entriß das Eiſen ſogar dem dieſe Verrichtung Ausführenden, wandte es in ſeiner Hand um und ſetzte den glühenden Stempel auf ſeine eigene Bruſt, wo er ihn ſo lange feſt hielt, bis das verſenkte dampfende Fleiſch verrieth, daß ein tiefes Zeichen eingebrannt war. Dann ſchleuderte er das Brandwerk⸗ zeug in den Keſſel zurück und ſchritt mit der Miene eines triumphirenden Gladiators hinweg! Jetzt erfolgte eine Unterbrechung. Das Schauſpiel war freilich noch nicht zu Ende, ſondern nur ein Akt. Es ſollte noch ein anderer folgen. Ravener erſtieg die dem Platze gegenüber liegende Veranda, wo Jeſſuron und ſeine Tochter ſtanden, mit welchen Beiden er alsdann in kaum hörbarer Weiſe ſprach, nicht weil er beabſichtigte, das Geſagte geheim zu halten, ſondern weil er zu keiner Zeit ſehr laut zu reden pflegte. Die beiden Menſchenjäger wären übrigens wohl die einzigen geweſen, wegen deren er etwa hätte vorſichtig ſein müſſen, aber dieſe waren gerade mit den Hunden beſchäftigt und beachteten nichts, was um ſie her vor⸗ ging. Das Brennen eines Haufens Neger war für ſie durchaus kein neuer Anblick und ſie ſahen nur zu, weil ſie in dieſem Augenblicke gerade nichts Beſſeres zu thun hatten. „Welche ſollen nun kommen?“ fragte Ravener jetzt den Juden.„Die Mandingos?“ „Entweder die oder der Förſcht,“ erwiederte Jeſſuron; „es kommt nicht darauf an, welcher zuerſcht gezeichnet wird.“„ „O, der Fürſt zuerſt, auf jeden Fall!“ ſchlug die liebenswürdige Judith mit einem ſelbſtzufriedenen Lächeln vor.„Bringen Sie ihn zuerſt her, Herr Ravener; ich bin doch wirklich neugierig, wie Seine königliche Hoheit das Feuer verträgt.“ Der Aufſeher antwortete gar nicht, ſondern nahm den Wunſch der jungen Dame für Befehl und ſchickte ſich an, demſelben ſofort zu gehorchen. Er ſchritt unverweilt quer über den Hof und öffnete in der einen Ecke eine Thür, die in ein Gemach führte, das von den größeren abgetrennt war, worin ſich die Sclaven ſämmtlich befanden. Nach wenigen Minuten kam er wieder heraus und brachte einen Menſchen mit ſich, den man ſeinem Anzuge nach ſchwerlich für den 13 196 jungen Fellah wiedererkannt haben würde, der ſich am Bord des Sclavenſchiffes befand, deſſen edle Haltung aber machte es dennoch möglich, ihn ſofort als dieſen wieder zu erkennen, denn er war es in der That. Sein Anzug war wirklich ganz verändert. Der Turban war fort, die reiche ſeidene Tunica, die San⸗ dalen und der Säbel, all' ſein glänzender Staat war ihm entriſſen, und ſtatt deſſen erſchien er in einem ge⸗ meinen Hemd aus Osnabrücker Leinwand, der gewöhn⸗ lichen Kleidung eines Negers auf den Pflanzungen. Er ſah blaß und elend, aber nicht entmuthigt oder gede⸗ müthigt aus. Unbezweifelt hatte er bereits das ihn erwartende Geſchick erfahren oder geahnt, aber dennoch zeigten ſeine Züge das ſtolze Ausſehn eines Fürſten, und die kühnen, unverzagten Blicke, die er auf den Aufſeher an ſeiner Seite, doch noch öfter auf Jeſſuron warf, von dem er wußte, daß der Andere nur ſein Werkzeug ſei, verrie⸗ then den tiefſten Zorn, wie den lebhafteſten, kühnſten Trotz. Nicht ein Wort, weder des Widerſpruchs noch des Vorwurfs, entwich jetzt ſeinen Lippen. Das hatte bereits zuvor ſtattgefunden, als der erſte rohe Angriff auf ihn gemacht wurde, um ihn ſeiner prächtigen Ge⸗ wänder und ſeines Schmuckes zu berauben. Die Zeit des Widerſpruches, der Verwahrungen und Einreden war vorüber; er ſah, er hatte vor der Hand keinen an⸗ dern Ausweg, als ſich der Gewalt zu unterwerfen, und er that dies, obwohl zornig und ſchweigend. Er wußte gar nicht, was jetzt mit ihm vorgenom⸗ men werden ſollte. In einem fenſterloſen Gemache ein⸗ 197 geſperrt, hatte er nichts von den letzten Vorgängen ge⸗ ſehen. Allerdings vermuthete er irgend eine neue Ge⸗ waltthätigkeit, aber er vermochte nicht zu ahnen, welcher Art ſie ſein könne. Lange freilich ſollte er hierüber nicht in Ungewiß⸗ heit bleiben. Ravener faßte ihn barſch an der Hand und führte ihn nach dem Feuerkeſſel. Das Eiſen war hier bereit und lag rothglühend zwiſchen den Kohlen. Der Handhaber deſſelben wartete nur auf das Zeichen, um es anzuwenden, dann, als dies ge⸗ geben war, ergriff er das Inſtrument und hob es in die Höhe. Der Fürſt gewahrte die Abſicht jetzt ganz wohl, bebte aber nicht kleinmüthig zurück. Seine Augen waren nicht auf das Eiſen gerichtet, ſie ſtarrten blitzend und funkelnd, wie das Feuer im Keſſel, bald auf das Ge⸗ ſicht des alten Juden, bald auf das des engelgleichen Dämons an ſeiner Seite. Der Jude allein zuckte vor ſeinen Blicken zuſammen, ſeine Tochter gab ſie mit höhniſcher, unerſchütterlicher Ruhe zurück. Einen Angenblick ſpäter ziſchte das rothe Eiſen, das ſich tief in das Fleiſch der Bruſt des Fellah einbrannte. Fürſt Cingües war der Sclave des Jacob Jeſſuron! Als wenn ihm die ſchreckliche Wahrheit jetzt plötzlich klar geworden wäre und ſeinen Geiſt mit aller Gewalt ergriffen hätte, ſprang der junge Mann mit einem lau ten Schrei des Entſetzens vorwärts, ſtürzte, bevor irgend Jemand ihn aufzuhalten vermochte, die Treppenſtufen hinauf und rannte auf die Veranda. Hier durchflog er 198 die Gallerie bis zu der Stelle, wo Jeſſuron und ſeine Tochter ſaßen und ſchoß, wie ein Tiger in die Höhe ſpringend, auf den Inden. Als er dieſen nun bei der Gurgel gepackt hatte, fielen Beide auf den Boden nieder und rollten ſich hier in den Anſtrengungen eines wilden, verzweifelten Kampfes. Glücklich genug für den Sclavenhändler, war ſein Opfer nicht bewaffnet, ſonſt wäre dieſer Augenblick ſicher ſein letzter geweſen. Schon ſo war er nahe daran, er⸗ droſſelt zu werden, und wären Ravener und die beiden Spanier ihm nicht zu Hilfe geeilt, der Verrath des Fellahfürſten wäre ſicher die letzte Unthat in ſeinem Leben geweſen. Ueberwältigt durch die Uebermacht der Anzahl und durch die gewaltige Kraft des Aufſehers, ward Cingües zuletzt ergriffen und die Gurgel des Sclavenhändlers — wurde von ſeinem mörderiſchen Griffe befreit. —„Tödtet ihn!“ rief der Jude, ſobald er Athem zum Sprechen gewonnen hatte.„Nein, tödtet ihn noch nicht,“ fügte er ſich verbeſſernd hinzu,„noch nicht, büß ich ühn örſt beſtraft habe!“ „Peitſcht den wilden Hund!“ kreiſchte die ſchöne Jüdin;„macht ein Beiſpiel aus ihm, ſonſt werden alle die Andern in derſelben Weiſe gegen uns aufſtehen.“ „Jo, jo, poitſcht ihn! Daſch wird für's örſte gönug ſoin! Poitſcht ihn gloich, guter Ravener! Gebt ihm hun⸗ dert Hübe, jetzt ſogloich!“ „Gewiß, gewiß!“ antwortete der Aufſeher und ſchleifte das unglückliche Opfer die Treppenſtufen hinab; 199 „ich will ihm ſchon ſein richtiges Theil geben— habt keine Angſt!“ Ravener war ein Mann von Wort. Das nun folgende Schauſpiel war jedenfalls noch ſchrecklicher an⸗ zuſehen, als das zuvor bereits beſchriebene, denn die Peitſchenſtrafe iſt gewiß eine der gräßlichſten, die es ge⸗ ben kann. Der junge Fellah ward nun an einen Pfoſten ge⸗ bunden, der eigens zu dieſem Zwecke daſtand. Ein ausgeſuchter kräftiger Mann ſchwang die grauſame Geißel, und wie der letzte Hieb, der die ſchrecklichen Hundert voll machte, gefallen war, ſank das erbarmens⸗ werthe unglückliche Opfer ohnmächtig und blutend an dem Pfeiler nieder! Die Inhaber der Veranda zeigten nicht die gering⸗ ſten Anzeichen, daß durch dies fürchterliche Schauſpiel ihr Mitleid irgendwie erregt worden wäre. Im Ge⸗ gentheil, ſowohl Vater wie Tochter ſchienen ſich daran zu vergnügen, und anſtatt ſich zurück zu ziehen, als die grauſame Strafvollſtreckung vorüber war, verblieben Beide, augenſcheinlich mit vollkommener Gleichgiltigkeit, um das Ende des Tagesgeſchäftes mit anzuſehen, das Brandmarken der Mandingos! Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ein Lager aus Heidenwollenblättern. Als Herbert Vaughan von ſeiner ſchönen und lie⸗ benswürdigen Couſine und zugleich von dem Hauſe ſei⸗ 200 nes ungaſtfreundlichen Verwandten ſchied, ging er durch das Gebüſch, das ſich am Abhange zur Rechten aus⸗ dehnte. Ungeachtet des in ſeiner Bruſt tobenden Sturmes war ihm dennoch eine Ueberlegung verblieben, die ihn abhielt, die große Allee hinab zu gehen. Von einem tiefen Gefühle ſeiner Demüthigung durchdrungen, wünſchte er nämlich nicht, irgend einem der Leute ſeines Onkels zu begegnen, da die Sclaven ſelbſt um ſeine Erniedri⸗ gung wiſſen mußten. Noch viel weniger verlangte er aber danach, bei einem langen Gange in der großen Allee von Augen beobachtet zu werden, die aus den Fenſtern des großen Hauſes auf ihn gerichtet ſein möchten. Als er die Grenzen der Ebene erreichte, überſprang er eine niedrige Mauer, die das Gebüſch von den äußern Feldern trennte, und dann begann er die Abdachung des Bergrückens im Schatten von Pimentwäldern zu erſteigen. Einige Zeit hindurch hinderten ihn die ſich wider⸗ ſtreitenden und alle ſeine Gefühle auf's Tiefſte aufre⸗ genden Gemüthsbewegungen an jeder Art ruhiger Ueber⸗ legung. Zwei ſehr verſchiedene Gefühle waren jeden⸗ falls in ſeiner Seele durch die beiden Perſonen entſtan⸗ den, die er ſo eben geſehen hatte, ſo verſchieden und einander entgegengeſetzt, wie Tag und Nacht, wie Trauer und Freude, ja vielleicht wie Haß und Liebe. Dieſer Widerſtreit in ſeinem Innern hätte vielleicht noch länger gedauert, wäre die Gelegenheit für unnütze Gefühlserregungen irgend günſtig geweſen, allein das 201 war keineswegs der Fall. Der junge Mann fühlte ſich zu verlaſſen und zu freundlos, um ſich lediglich leiden⸗ ſchaftlichen Gedanken hinzugeben, und deshalb legte ſich der Sturm ſeiner Seele auch viel früher, als dies ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Sein erſter Gedanke, nachdem wieder einige Ruhe in ſeine Seele eingezogen, war nun:„Wohin!“ und die Antwort darauf:„Nach Montego⸗Bay.“ Was er dort bei ſeiner Ankunft machen wolle, war freilich nicht ſo leicht beantwortet. Er hatte kein An⸗ recht mehr, ſich am Bord des Schiffes aufzuhalten, ob⸗ gleich die freundlichen Genoſſen des Vordereaſtells ihn unbezweifelt willkommen heißen würden, um mit ihnen ihre„bunks“ und ihren Schiffszwieback zu theilen. Allein Herbert wußte ſehr wohl, daß die Gaſtfreund⸗ ſchaft der„Seenymphe“ nicht von ihnen abhänge, und daß, ſelbſt wenn es der Fall geweſen wäre, dies ihm doch nicht lange nützen könne. 1 Nach England ſofort zurück zu kehren, vielleicht ſo⸗ gar mit demſelben Schiffe, mochte ihm wohl in den Sinn kommen, aber hieran konnte er im Ernſte gar nicht denken. Es hatte ihm zwanzig Pfund und ſeinen letzten Schilling gekoſtet, um nach Jamaica zu kommen, es würde daſſelbe Geld für ſeine Rückreiſe erforderlich geweſen ſein; deshalb konnte dieſer Gedanke keinen Augenblick gefaßt werden. Oder kam ihm vielleicht der Gedanke an die Rück⸗ kehr gar nicht in den Sinn? Oder wäre er ſogar nicht einmal zurückgekehrt, ſelbſt wenn ihm eine freie Rück⸗ fahrt angeboten wurde?. G 202 Keine dieſer Annahmen iſt ganz unwahrſcheinlich. Ungeachtet der ihm von ſeinem Onkel widerfahrenen Beleidigung, ungeachtet ſeiner jetzigen verzweifelten Lage war doch etwas vorhanden, und er ſelbſt wußte kaum was, das ihn abhielt, Jamaica oder auch nur Will⸗ kommenberg zu haſſen, das doch der Ort ſeiner größten Enttäuſchung und Demüthigung geweſen war! Als er den Kamm der Hügelkette erreicht hatte, wünſchte er, bevor er ſich in den tiefen, an der andern Seite des Berges ſich ausdehnenden Wald begab, durch die Oeffnung der Bäume nach einmal die weißen Mauern und grünen Jalouſien von Willkommenberg zu erblicken. In dieſem Blicke lag wirklich mehr Bedauern als Zorn, ein gewiſſer Ausdruck von Bekümmerniß, wie er ſich wohl auf dem Geſichte des gefallenen Engels kund ge⸗ geben haben mag, als er über die goldenen Pfähle des Paradieſes danach zurückſah. Als der junge Mann tiefer in die dunklen Waldes⸗ ſchatten eindrang, ward der Ausdruck ſeines Geſichtes immer bekümmerter und ſorgenvoller. Er wollte nach Montego⸗Bay, dort ein möglichſt beſcheidenes Unterkommen ſuchen und warten, bis ſein nur ärmlich ausgeſtatteter Mantelſack, der nach Will⸗ kommenberg gekommen war, ihm wiedergebracht worden ſei— das waren die erſten einfachen Pläne, die ſich ihm aufdrangen. Sein Geiſt wurde noch viel zu ſehr von ſich einander jagenden leidenſchaftlichen Gedanken gefoltert, um auf irgend Weiteres für die Zukunft zu denken. Jetzt wandarte er durch den Wald, ohne gerade viel — 203 Acht auf die eingeſchlagene Richtung zu geben, und jeder, der ihn geſehen, würde geglaubt haben, daß er ſeinen Weg verloren habe. Dies war gerade nicht der Fall. Er wußte, oder vielmehr glaubte zu wiſſen, daß, wenn er ſich zur Lin⸗ ken halte, er auf die Hauptſtraße kommen müſſe, auf der er nach dem Eingangsthore von Willkommenberg gekommen war. Auf alle Fälle mußte er den Fluß finden, über den er damals kam, und dieſen verfolgend, mußte er früh genug nach der Stadt gelangen können. Mit dieſer feſten Ueberzeugung ſchritt er in Ge⸗ danken vertieft und halb geiſtesabweſend vorwärts, allein dieſer Zuſtand dauerte ſo lange, daß er darüber die Richtung wirklich verlor. Die Bäume hinderten ihn namentlich, die ſchon nie⸗ drig ſtehende Sonne zu ſehen. Aber ſelbſt wenn er ſie hätte vollſtändig ſehen können, ſo hätte ihm dies nur wenig genützt, da er bei dem Ritte nach Willkommen⸗ berg die Himmelsgegend, nach welcher die Bay lag, gar nicht beachtet hatte. Indeß wurde er durch die Entdeckung, daß er ſeinen rechten Weg verloren habe, nicht gerade ſehr aus der Faſſung gebracht, und der Gedanke, daß er ſich in Montego⸗Bay nicht viel beſſer befinden würde, ließ ihn dies wenig bedauern. Er hatte ja nicht die Mittel, ſich ein hübſches Zimmer und ein bequemes Bett zu verſchaffen, und ſo mochte er vielleicht kein anderes Un⸗ terkommen finden, als das, was er jetzt auch hatte, die ausgebreiteten Zweige einer rieſenmäßigen Ceiba oder eines Baumwollenbaums.* 204 Während ſolcher Ueberlegungen war die Sonne ganz herunter geſunken, denn der Baumwollenbaum ſtand am Rande einer Waldesöffnung, wo er den Himmel ſehen konnte, und er gewahrte, daß dieſer bereits vom Abend⸗ roth erfüllt war. Seinen Weg in der Dunkelheit zu finden, wäre vollſtändig unmöglich geweſen und ſo be⸗ ſchloß er, für dieſe Nacht ſein Unterkommen unter der gaſtfreundlichen Ceiba zu ſuchen. Auch hatte ſie ſelbſt bereits ein Lager für ihn zu⸗ gerichtet, denn ihre Samenkapſeln waren auf ihren Zwei⸗ gen abgebrochen und die halbbraunen Faſern bedeckten den Boden unter ihr ſo dicht, daß ſie unter dem Pracht⸗ himmel einer weſtindiſchen Sommernacht ein mehr als bequemes und behagliches Lager darboten. Aber war denn nicht auch ein Abendeſſen vorhan⸗ den? Herbert ſah ſich um, denn er war wirklich hung⸗ rig. Seit dem Frühſtücke hatte er keinen Biſſen gegeſ⸗ ſen, nur ein Stückchen Matroſenſpeck und etwas brau⸗ nen, harten Schiffszwieback, als er das Schiff verließ. Deshalb fühlte er ſchon ſeit längerer Zeit ſtarken Hun⸗ ger. Auch hatte er während ſeiner Wanderſchaft ſich ſchon nach Wild umgeſehen, da er ſeine Flinte mit ſich führte. Wäre irgend etwas erſchienen, ſo war er ein zu guter Schütze, als daß es hätte entwiſchen können. Aber er hatte nichts angetroffen, weder ein Vieh noch einen Vogel. Die Wälder ſchienen verlaſſen zu ſein wie er ſelbſt. 4 Nun, da er Halt gemacht und nichts Beſſeres zu thun hatte, ſtellte er ſich auf den Anſtand und über⸗ wachte die Waldeslichtung vor ihm. Vielleicht mochte A 205 ſich ein Vogel zeigen, der von einem Baum zum andern flog oder irgend eine Beute verfolgte. Es war jetzt die Zeit der Eulen und er war hungrig genug, um ſelbſt eine ſolche zu eſſen im Stande zu ſein. Aber weder eine Eule noch ein Nachtrabe kam ihm zu Geſichte. Seine Aufmerkſamkeit ward jedoch auf einen weit eßbareren und ſchmackhafteren Gegenſtand hingezogen, der ihm auch verſprach, ihn vollſtändig von allen Hungerqualen zu befreien. 3 Dicht bei dem Baumwollenbaum ſtand ein anderer Waldesrieſe, der dem erſteren an Höhe gleichkam, im übrigen indeß von ihm verſchieden war, wie ein Pfeil von einem Bogen. Schlank und gerade aufwärts wie eine Lanze, ſtieg dieſer Rieſe zu einer Höhe von unge⸗ fähr hundert Fuß, zweiglos und glatt wie eine Säule von polirtem Malachit oder Marmor bis zur oberſten Spitze, wo grüne, federgleiche, nach außen hin gebogene Zweige überhingen wie ein Kreis überhängender Strauß⸗ federn. Ein Kind hätte den Baum etwa für eine Palme halten mögen, aber Herbert wußte es beſſer, er hatte oft genug von dem Gebirgskohl Jamaica's gehört, von der königlichen Areca oredoxia. Er wußte ganz wohl, daß im Mittelpunkte des Kreiſes jener ſich weit er⸗ ſtreckenden Zweige, daß in jener Krone ein Schatz ver⸗ borgen ſei, der ſich oftmals köſtlicher erwies, als Edel⸗ ſtein und Gold, denn ſchon oft hatte er ein menſchliches Leben gerettet. Aber wie war dieſer Schatz nur zu erlangen? Wie alle Kronen war er hoch, weit über dem Bereiche ge⸗ 206 wöhnlicher Sterblichen. Obwohl jung und kräftig und ein geſchickter Kletterer, vermochte er doch nicht, das ſah er wohl ein, jenen ſchlanken, glatten Schaft zu er⸗ ſteigen. Ohne eine hundert Fuß lange Leiter würde es unmöglich ſein, die Spitze zu erreichen. Doch ſieh! dieſer Baumrieſe ſtand nicht allein. Eine große, ſchwarze Liane, eine gewaltige ſchmarotzerartige Schlingpflanze, wand ſich von der Erde bis zu deſſen Krone empor, wo ihre Spitze zwiſchen die federartigen Zweige eindrang, als wäre ſie ein großer, ſeine Beute verſchlingender Drache. Herbert betrachtete einige Augenblicke dies große Seil, das, ſich von der höchſten Spitze der Palme hin⸗ abziehend, eine natürliche Leiter zu ihrer Beſteigung darbot. Der Hunger trieb ihn zu einem Verſuche; ſo ſtellte er die Flinte gegen den Stamm der Ceiba und begann hinauf zu klettern. Ohne allzu große Schwierigkeit erreichte er die Spitze und konnte zwiſchen die ungeheuer großen Blät⸗ ter eindringen, von denen jedes mehrere Fuß lang war Zuletzt konnte er das jüngſte aller dieſer Blätter er⸗ reichen, das noch in der Knospe eingeſchloſſen und das Ziel ſeines Kletterns war. Mit ſeinem Meſſer ſchnitt er das junge Blatt ab, warf es zuſammengewickelt auf die Erde, ſtieg wieder von dem Baume herunter und genoß nun als Abend⸗ brot die rohen, doch ſüßen und ſaftigen Schößlinge des Gebirgskohles. Nach dem Abendbrot ſammelte er eine Maſſe von den zerſtreuten Fließen der Seidenbaumwolle, legte ſie zwiſchen zwei der großen pfeilerartigen Wurzeltriebe des mächtigen Baumes und bereitete ſo für ſich ein Lager, worauf er, wären nicht einige bittere Gedanken da⸗ zwiſchen gekommen, wohl eben ſo ſanft und tief geſchla⸗ fen hätte, als auf weichen Gänſefedern oder auf Eider⸗ daunen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Baumquelle. Daß er dennoch nicht ſo ganz ruhig ſchlief, muß lediglich ſeinen Sorgen über den morgenden Tag bei⸗ gemeſſen werden, denn die Nacht war ganz milde, und ſeine Stegreifdecke hielt ihn auch hinlänglich warm. Doch die ihn bedrängenden Sorgen hielten ſeinen Geiſt in Unruhe, und ſie waren in der That auch ſchwer ge⸗ nug, um ſelbſt auf ſeine Träume einzuwirken, von denen er mehrere Male während der Nacht erwachte und zu⸗ letzt gerade nach Tagesanbruch. Als er nun die Augen öffnete, gewahrte er, daß die Waldeslichtung von einem ſanften, blauen Lichte erfüllt war, und daß die zitternden Zweige des Kohlpalmen⸗ baumes, der von ſeinem Lager aus gerade geſehen wer⸗ den konnte, von den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne beglänzt waren. Nur hier und zwiſchen den alleroberſten Zweigen der die übrigen Bäume des Waldes weit überragenden Ceiba war die Sonne bereits ſichtbar. Alles Uebrige 208 war von dem blauen Grau der Morgendämmerung umhüllt.. Herbert vermochte nicht länger zu ſchlafen und er⸗ hob ſich von ſeinem Waldlager mit der Abſicht, ſofort aufzubrechen und den Platz zu verlaſſen. Toilette hatte er nicht zu machen und nichts weiter zu thun, als die Seidenflocken des Baumwollenbaums fortzunehmen, die ſich auf ſeinen Kleidern angehängt hatten, ſeine Flinte zu ſchultern und davon zu gehen. Indeß fühlte er Hunger, noch mehr als den Abend zuvor, und, obgleich der rohe Gebirgskohl gerade kein ſehr lockendes Frühſtück verſprach, beſchloß er doch, vor dem Fortgehen noch eine andere Mahlzeit davon einzu⸗ nehmen, indem er ſich dabei des Sprichworts von dem Vogel in der Hand erinnerte und ſehr weislich auch danach handelte. Es war noch genügend vom Abendbrote für ſein Frühſtück vorhanden und es gelang ihm auch, ſeinen Hunger vollſtändig damit zu ſtillen. Aber nun ergriff ihn ein anderes noch viel ſchlim⸗ mer auszuhaltendes Verlangen. Eigentlich hatte er es ſchon längſt gefühlt, aber nach und nach war es viel ſtärker und jetzt faſt unerträglich geworden. Es war des Hungers ſtärkexer Bruder, der Durſt, den der Palmenkohl, anſtatt zu kindern, nur noch durch eine gewiſſe Schärfe ſeines Saftes verſtärkt hatte, bis er nun eine fürchterliche Folter wurde. Der Dürſtende wollte ſchon in die Wälder eilen, um nach Waſſer zu ſuchen, aber er hatte auf ſeiner Wanderung den Tag vorher gar keins geſehen. Nun 209 hatte er freilich Hoffnung, den Fluß aufzufinden und würde deshalb ſofort aufgebrochen ſein, hätte ihm nicht ein unbeſtimmter Gedanke vorgeſchwebt, daß nahe bei der Stelle, wo er ſchlief, Waſſer ſein müſſe. Wo aber nur? Er hatte weder einen Fluß, noch eine Quelle, noch einen Teich oder nur einen Sumpf geſehen, und doch glaubte er, irgendwo Waſſer geſehen zu haben, ja er war feſt davon überzeugt. Freilich hatte er es in eigenthümlicher Weiſe geſehen, ſo erinnerte er ſich jetzt, da es ſich hoch ͤber ſeinem Kopf in der Spitze des Baumwollenbaumes befand. Am vorhergehenden Abend hatte er, als er oben in der Krone der Kohlpalme war, quer hinüber zwiſchen die Zweige der Ceiba geſehen, die, wie alle größeren Bäume der tropiſchen Wälder, mit Schmarotzerpflanzen beſetzt waren, wie lange ſtachelige Cactus, Bromelien, angewachſene Orchideen und dergleichen mehr. Auch Tillandſien, von der als weiße Ananas bekannten Art, ſaßen zwiſchen den Zweigen verborgen oder hingen an der Oberfläche der Aeſte und blühten ſo üppig, als ob ihre Wurzeln ihre Nahrung in dem nächſten Erdboden fänden. Beſonders hervorragend unter dieſen war die prachtvollſte des ganzen Geſchlechts, die edle Tillandsia lingulata mit einer aus der Mitte ihrer breiten ſchei⸗ denartigen Blätter hervorwachſenden Aehre von ſchim⸗ mernden hochrothen Blumen. Gerade in den hohlen Wölbungen dieſer großen Blätter hatte Herbert etwas bemerkt, das nicht eigentlich zu der Pflanze zu gehören ſchien und das er für Waſſer hielt. Nur wenige Minuten waren erforderlich, um Her⸗ Der Marone. I. 14 210 bert's Glauben an Waſſer zu beſtätigen oder zu wider⸗ legen, eine Erkletterung der Zweige der Ceiba. Eine andere ungeheure Schmarotzerpflanze aus derſelben Wurzel, wie die frühere, wand ſich in Krümmungen nach den Zweigen des Seidenwollbaumes hinauf, indem ſie ihn ſtellenweiſe umwunden und umflochten hielt. Ihre ſchräge Lage machte die Erſteigung leicht, und Herbert, vom Durſt getrieben, begann ſie ſofort zu er⸗ klettern. Bald war es ihm gelungen, einen der Hauptäſte der Ceiba zu erreichen, auf dem eine der größten wilden Ananas war. Auch hatte er ſich gar nicht getäuſcht. In der durch die großen bauchigen Blätter gebildeten Höhlung befand ſich das natürliche Waſſerbecken, das er früher bemerkt hatte, und worin ſich die Anſammlungen von Thau und Regen befanden, die von den Sonnenſtrahlen nie erreicht werden konnten. Bei ſeiner Annäherung ſprang die grüne Hyla aus dieſem luftigen Teiche hervor, hüpfte froſchgleich von Blatt zu Blatt, da ſie vor dem Falle durch die klebri⸗ gen, ſchwammartigen Auswüchſe ihrer Füße geſchützt iſt, und verſchwand darauf in dem Laubwerke. Die Stimme dieſes ſonderbaren Geſchöpfes war es geweſen, die Herbert während der Nacht beſtändig gehört und die im Vereine mit andern gleichen Stimmen ihm das Aechzen und Stöhnen der Seenymphe im Sturme in die Erinnerung zurückgerufen hatte. 1 Uebrigens hielt das Vorhandenſein der Baumkröte in ihrem natürlichen Schlupfwinkel den jungen Mann — — 211 durchaus nicht vom Trinken ab. Raſender Durſt hat keine Bedenken, und ſo beugte er ſich über eins der Blätter der Tillandſia, netzte ſeine Lippen in dem küh⸗ len Waſſer und löſchte ſeinen brennenden Durſt. Die Anſtrengung, die Liane zu erklettern, hatte ihn etwas athemlos gemacht und ihn auch etwas ermüdet. Deshalb beſchloß er, anſtatt ſofort hinabzuſteigen, was ihm eben ſo viele Kraft koſten würde, als das Hinauf⸗ ſteigen, noch einige Augenblicke auf dem großen Zweige der Ceiba zu verweilen, auf den er ſich hingeſetzt hatte. „Wohl!“ ſprach er zufrieden hier zu ſich ſelbſt, „wenn die Menſchen dieſer Inſel ſich auch ungaſtlich gegen mich erwieſen haben, ſo kann ich das von ihren Bäumen doch nicht ſagen. Hier ſind zwei von ihnen — drei, wenn ich die Schmarotzerpflanzen hinzurechne, die erſten dazu, die ich getroffen, und die haben mir die drei zum Leben nothwendigen Dinge gewährt, Eſſen, Trinken und Wohnung, die Wohnung noch dazu mit einem vortrefflichen Bette, wie es nur ſelten in einem Gaſthauſe gefunden wird. Was braucht man da mehr? Unter einem ſolchen Himmel, was hat man Mauern um ſich oder ein Dach über ſich nöthig? In der That, hier zu ſchlafen, sub Jove, iſt mehr ein Genuß, als eine Unbequemlichkeit! Und wahrlich,“ fuhr er fort, „würde ich mich nicht gar zu ſehr allein fühlen, und wäre der Menſch nicht dazu beſtimmt, ein geſelliges Thier zu ſein, ich möchte wirklich wohl mein ganzes Leben in dieſen großen Wäldern verbringen, ohne Ar⸗ beit und ohne jegliche Sorge. Hier muß auch Wild ſein, und in England ſagte man mir, hier wären gar 14 212 keine Jagdgeſetze;— ſo könnte ich hier nach meinem Vergnügen jagen. Ha, Wild? Was ſeh' ich da? Ein Hirſch? Nein, ein Wildſchwein? Ja, ein Schwein iſt es, aber was für ein merkwürdiges Thier— ſpitze Ohren, rothe Borſten, lange Beine und Hauer. Ein Eber! und ganz gewiß ein wilder Eber!“ jamaicaniſchen Waldes, ein echter Abkömmling des ca⸗ nariſchen, von den Spaniern nach Jamaica hingebrach⸗ ten Ebers. Der junge Engländer, der in ſeinem Geburtslande niemals einen wilden Eber ſah, war zuerſt über ihn zweifelhaft, aber ein kurzes Beobachten des Thieres überzeugte ihn, daß ſeine Annahme ganz richtig ſei. Die kurzen, aufrecht ſtehenden Ohren, der lange Kopf, die langen Lenden und Beine, der borſtige Nacken, die fuchſige, rothe Farbe, der ſchnelle„kurze Schritt, wenn er vorwärts ging,— alle dieſe Zeichen, zugleich mit einem höchſt wilden Ausſehn, überzeugten ihn, daß das Thier vor ſeinen Augen kein zahmes Schwein, ſondern ein echter, wilder Waldeber war. Auch das Grunzen, welches das Thier ausſtieß, als es durch die Lichtung heraus kam, ein kurzes, ſcharfes und muthiges Grun⸗ zen, glich dem Quiken auf einem Pachthofe nur ſehr wenig. Unbezweifelt war es ein wilder Eber! Als Herbert dies edle Wild ſo dicht bei ſich ge⸗ wahrte, war ſein erſter Gedanke ein ganz außerordent⸗ liches Bedauern, daß er unglücklicher Weiſe auf dem Baume und ſeine Flinte drunten auf der Erde ſei. Hätte er die Flinte bei ſich gehabt, er hätte den Eber Es war wirklich ein Eber, ein wilder Eber des von ſeinem Sitze aus ſehr leicht treffen können, denn das Thier hatte gerade unter der Ceiba Halt gemacht und ſo dicht unter ihm ſelbſt, daß, wenn er einen Stein gehabt, er ihn auf den Rücken des Thieres hätte wer⸗ fen koͤnnen. Es war höchſt verführeriſch, aber der junge Mann ſah ein, daß es unmöglich ſein würde, ſeine Flinte zu ergreifen, ohne daß das Thier es gewahr würde. Ein Herunterſteigen vom Baume, ja ſelbſt ſchon eine Bewe⸗ gung auf dem Aſte, würde wahrſcheinlich genügt haben, den Eber ſofort zu verſcheuchen, um ihn nie wieder zu Geſichte zu bekommen. Hiervon überzeugt, zog Herbert es vor, auf feinen Aſte als ſtummer Zuſchauer eines wilden Naturbildes zu verbleiben, das ihm der Zufall ſo merkwürdig zu⸗ geführt. Dreißigſtes Kapitel. Der Saujäger. Der wilde Eber war bei den Ueberreſten von Her⸗ bert's Frückſtück ſtehen geblieben, die aus einigen von ihm auf dem Boden liegen gelaſſenen Stücken Gebirgs⸗ kohl beſtanden. Das Thier wedelte mit dem haarigen Schwanze, ſtieß ein kurzes, ſeine Zufriedenheit bezeugen⸗ des Grunzen aus, und fuhr fort, die zerſtreuten Stücke Kohl zu freſſen und ſie zwiſchen ſeinen mächtigen Zäh⸗ nen zu zermalmen. 214 Plötzlich wurde dies ruhige Bild in einen höchſt aufregenden Auftritt umgewandelt. Während Herbert den Eber aufmerkſam betrachtete, ſah er, wie dieſer auf einmal ſtutzte, ſeinen Rüſſel hoch in die Luft hob und zugleich ein eigenthümliches Geſchrei ausſtieß. Es war unbezweifelt ein mit einer zornigen Drohung verbunde⸗ nes Angſtgeſchrei, das bezeugten die Borſten auf ſeinem Rücken, die unverzüglich zu einer aufrecht ſtehenden Stachelmähne angeſchwollen waren. Herbert ſpähte nach dem Feinde des Ebers aus. Es war keiner zu gewahren. Doch der Eber hatte je⸗ denfalls Etwas geſehen oder gehört, denn er war im Begriff, fortzuſpringen. 4 Eben jetzt wiederhallte ein lauter Knall im Walde, eine Kugel pfiff durch die Luft und das Thier fiel mit gellendem Schrei auf den Rücken, während das Blut aus einer Wunde in ſeiner Lende hervorſpritzte. Herbert ſah gleich, daß der Eber nicht getödtet, ſondern nur durch den Verluſt eines Beines gelähmt worden ſei.. Im Augenblicke ſtand das Thier wieder auf den Beinen und hätte auf den drei ihm verbliebenen 5 leicht entfliehen können, hätten Zorn und Wuth es nicht 4 davon zurückgehalten. Es wich nur wenige Schrite zurück und nahm ſeinen Stand zwiſchen zwei der großen Wurzelausläufe der Ceiba, ganz auf derſelben Stelle, wo Herbert die Nacht zugebracht hatte. Hier, die bei⸗ den Seiten und den Rücken von dem Baume gedeckt, ſtand das Thier muthig, grunzte kühn und trotzig nd erwartete furchtlos ſeinen Feind.. — — 215 Herbert ſah nach der Richtung, woher der Schuß gekommen, in der Erwartung, den Mann zu ſehen, der geſchoſſen habe. Lange hatte er nicht zu warten, denn einen Augen⸗ blick ſpäter ſtürzte ein Jäger über die Lichtung nach dem angeſchoſſenen Wilde. Er kam mit einem Schwerte in der Hand, aber ohne Flinte. Herbert nahm daher an, daß er das leere Gewehr zurückgelaſſen haben müſſe. Der junge Engländer ward von dem eigenthümlichen Ausſehn des jamaicaniſchen Jägers betroffen, doch hatte er wenig Zeit zur Beobachtung, bis er gerade dicht unter ihm war. Mit einem Dutzend ſchneller und weiter Schritte durcheilte der Jäger die Lichtung, erreichte die Wurzeln der Baumwollenbaumes und war ſofort in einen tödt⸗ lichen Kampf mit dem verwundeten Eber verwickelt. Ungeachtet der erlittenen Verwundung war der Eber immer noch ein furchtbarer, nicht zu verachtender Geg⸗ ner, und es erforderte die ganze Geſchicklichkeit des Jä⸗ gers, ſo gewandt er auch zu ſein ſchien, um ſeinen fürchterlichen Hauern auszuweichen. 4 Abwechſelnd griff Einer den Andern an, indem der Jäger ſich bemühte, das Thier mit ſeinem langen Schwerte zu durchbohren, und der Eber dagegen meh⸗ rere Male auf ſeinen Gegner einrennen, ſich plötzlich auf ſeinen Hinterfüßen aufrichten und dann mit ſeinem bewaffneten ſcharfen Rüſſel nach oben ſtoßen wollte. Einer der Vorderfüße des Thieres war freilich von dem Schuſſe getroffen und gelähmt, doch hinderte dieſe Wunde, wenn ſie das Thier auch bedeutend ſchwächte, 216 daſſelbe durchaus nicht, ſich lange Zeit in der verzwei⸗ feltſten Weiſe zu vertheidigen. Die großen Wurzelaus⸗ 4 läufer des Baumwollenbaumes waren dabei ſeine beſten Vertheidiger, da ſie ſeinen Angreifer verhinderten, ſeine Seeiten zu bedrohen und es nach einer raſchen Wendung von der Seite zu durchbohren. Deshalb war der Kampf ganz von vorne, von Angeſicht zu Angeſicht, und der wiederholte raſche Degenſtoß des Jägers glitt, ohne dem Thiere zu ſchaden, ſtets von deſſen harter Hirnſchale ab oder ſtreifte nur ſeine mächtigen Fangzähne. Mehrere Minuten bereits dauerte dieſer eigenthüm⸗ liche Kampf, dem der junge Engländer mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit folgte, aber dabei nicht das geringſte Zeichen ſeiner Gegenwart von ſich gab. In der That war das Schauſpiel ſo aufregend und ſo plötzlich vor ſeinen Augen entſtanden, daß er einige Zeit, durch die Ueberraſchung faſt ſprachlos, nur hinzuſtarren ver⸗ mochte. Sobald er ſich indeſſen von der Ueberraſchung er⸗ holt, würde er ſeine Gegenwart kund gethan haben und dem Jäger ſſofort zu Hilfe geeilt ſein, hätte ihn nicht die Erwägung abgehalten, daß jede Bewegung von ſeiner Seite die Aufmerkſamkeit des Jägers ablenken und ihn den Angriffen ſeines wüthenden Gegners bloßſtellen müſſe. Sein plötzliches Herabſteigen von dem Baume — und er wäre noch dazu gerade auf die Schultern des fremden Mannes gekommen— mußte dieſen als⸗ dann ſicher aus der Faſſung bringen und hätte vielleicht ſogar ſein Leben gefährden können, denn hätte der Jäger nur einen Augenblick geſchwankt oder in ſeinem An⸗ — — 217 griffe nachgelaſſen, der Eber würde ihn unbezweifelt ſo⸗ fort zerfleiſcht haben. Herbert, ſelbſt ein Jäger, begriff dies Alles auf's Schnellſte, und entſchloß ſich deshalb klüglichſt, ſtill ſitzen zu bleiben, wo er war. Jetzt war aber auch der Kampf bereits beendet. Der Jäger, der alle Geſchicklichkeit zu beſitzen ſchien, die ſein gefährlicher Beruf erfordert, wandte einen ſchlauen Kunſtgriff an und vermochte in Folge davon ſeinem⸗ Gegner alsbald den Gnadenſtoß zu ertheilen. Dieſer Kunſtgriff war durchaus nicht ohne Gefahr, wurde aber von dem Jäger ſo gewandt ausgeführt, daß er bei dem ihn ganz wohl begreifenden Engländer in höchſter Weiſe Verwunderung wie Bewunderung erregte. Das Kunſtſtück wurde folgendermaßen ausgeführt: Während er vorwärts auf ſeinen menſchlichen Gegner eindrang, hatte ſich der Eber unvorſichtig über die ihn deckenden Wurzelausläufer des Baumes hinausgewagt. Der Jäger hatte das Thier abſichtlich herausgelockt, in⸗ dem er im Kampfe zurückzuweichen ſchien. Doch gerade nun, bevor das Thier ſeine Abſicht irgend zu merken vermochte, ſtürzte der Jäger plötzlich vorwärts und ſprang mit der äußerſten Kraftanſtren⸗ gung hoch in die Luft. Auf dieſe Weiſe das Thier überflügelnd, gelangte er in den von den zuſammenlau⸗ fenden großen Baumwurzeln gebildeten Winkel. Der Eber hatte nun ſeine vortreffliche Vertheidi⸗ digungsſtellung vollſtändig verloren, der Jäger aber alle Umſtände ganz. richtig berechnet, denn bevor noch das wüthende Thier, durch ſein lahm niederhängendes 218 Bein gehindert, ſich umzudrehen vermochte, um ihn auf's Neue anzugreifen, hatte er mit ſeinem langen Degen weit ausgeholt und ihn dem Thiere faſt bis an's Heft zwiſchen die Rippen geſtoßen. Mit einem gellenden Schrei fiel der Eber ausgeſtreckt auf die Erde hin, das rothe Blut ſprang hell aus ſei⸗ ner Seite hervor und befleckte die Stegreifmatratze aus Baumwollenbaumflocken, worauf Herbert die Nacht ver⸗ bracht hatte. . Einunddreißigſtes Kapitel. Der Flüchtling. Bis jetzt hatte der junge Engländer nichts gethan, um ſeine Gegenwart zu erkennen zu geben. Nun war er im Begriff, hinabzuſteigen und dem Jäger zu ſeiner That, die ihn mit Bewunderung erfüllt, Glück zu wün⸗ ſchen. Indeß beſtimmte ihn eine gewiſſe Neugierde, da, wo er ſich befand, noch länger zu verweilen, und ſo beobachtete er den glücklichen Jäger am Fuße des Bau⸗ mes noch länger. Um das Mindeſte zu ſagen, war die Erſcheinung des Jägers jedenfalls maleriſch, vor Allem in den Augen des mit weſtindiſchen Koſtümen unbekannten Engländers; aber außer dem maleriſchen Anzuge lag auch noch etwas Beſonderes in dem Geſichte des Mannes, das einen tiefen Eindruck auf jeden daſſelbe Betrachtenden machen mußte. 3 219 Dieſer Eindruck war auch entſchieden ein günſtiger, obwohl das Geſicht keineswegs das eines weißen Man⸗ nes war. Eben ſo wenig war es aber auch das eines Schwarzen, noch von der gelblichen Bildung eines Mu⸗ latten. Ein wenig weißer war es allerdings, als das des letzteren, und doch nicht ganz ſo weiß, wie die Haut eines Quadronen, obgleich es, wie dies auch bei Qua⸗ dronen gefunden wird, einen rothen Anflug auf den Backen beſaß. Dieſe Färbung der Backen hauptſächlich, zuſammen mit einem wohlgebildeten, glänzenden und Funken ſprühenden Auge verlieh dem Geſichte einen höchſt lieblichen angenehmen Ausdruck. Der Mann war offenbar noch jung. Herbert Vaug⸗ han hätte ihn von demſelben Alter gehalten, wie er ſelbſt, ohne gerade ſehr fehl zu gehen, und in der Größe, im Wuchs und in der Geſtalt war faſt gar keine Ver⸗ ſchiedenheit unter ihnen. Dagegen war auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit im Haare, in der Geſichtsfarbe und in den Geſichtszügen ſelbſt. Während das Geſicht des jungen Engländers länglich, war das des weſtindi⸗ ſchen Jägers vollkommen rund, wobei ihm ein bedeu⸗ deutend hervortretendes und wohlgebildetes Kinn jeden etwaigen Ausdruck des Schwächlichen benahm. Im Ge⸗ gentheil war Feſtigkeit ein entſchiedener Zug des ganzen Geſichtes, während der kühne, ſchwellende Nacken ein offenbares phyſiſches Zeichen ungebeugten Muthes ver⸗ rieth. Seine Geſichtsfarbe verkündete eine Miſchung von afrikaniſchem Blute mit kaukaſiſchem, was auch noch durch die leicht gekräuſelten, pechſchwarzen, ſeinen Kopf 220 dicht bedeckenden Haarlocken beſtätigt wurde. Dieſe reichen Locken wurden theilweiſe durch einen Kopfputz zuſam⸗ mengehalten, den Herbert Vaughan mit geringerer Ver⸗ wunderung in einem orientaliſchen Lande erblickt haben würde, denn beim erſten Anſehn hielt er es für einen Turban. Bei näherer Betrachtung erſchien er freilich als ein prächtiges Kopftuch, das Madrastuch, das künſt⸗ lich um die Stirn gefaltet wird, ſo daß es zierlich auf dem Scheitel mit dem Knoten ein wenig auf einer Seite ſitzt. Es war eine Art Netz, kein Turban. Die übrigen von dem jungen Jäger getragenen Kleidungsſtücke waren: ein Rock oder ein Hemde von himmelblauem Baumwollenzeuge, nach Art einer Blouſe angefertigt; dann ein Unterhemd von feinem, weißen Leinen, auf der Bruſt in Falten gelegt und offen; Bein⸗ kleider von demſelben Stoffe wie der Rock, und gelbe Stiefeln von halbgegerbtem Kuhleder. Auch trug er Gurten und Riemen über den Schultern, die ſich alle auf der Bruſt kreuzten.. An den beiden Riemen zur rechten Seite hingen ein Pulverhorn und eine lederne Schießtaſche. Auf derſel⸗ ben Seite hing noch eine große calabaſſene Feldflaſche, die mit einem ſtarken Netzwerk aus Waldweidenruthen umflochten war, um ſie vor Beſchädigung zu ſchützen. Unter dem linken Arme befand ſich ein geſchnitztes und gekrümmtes Kuhhorn, offenbar nicht für Pulver be⸗ ſtimmt, da es an beiden Enden offen war. Unter die⸗ ſem noch, an der Hüfte, hing eine ſchwarze, lederne Scheide, der Behälter für den langen Degen, noch trie⸗ fend von dem Blute des erlegten Ebers. 221 Dieſe Waffe war die Machete, halb Schwert, halb Jagdmeſſer, die mit ihrer geraden, kurzen Klinge und ihrem Hefte von grauem Horn in jeder Hütte des ſpa⸗ niſchen Amerika von Californien bis zum Feuerlande gefunden wird. Selbſt wo die Spanier geweſen, doch nun nicht mehr waren, wie auf Jamaica, konnte man überall die Machete in den Händen des Jägers und des Bauers ſehen, ein Ueberbleibſel der üheren Er⸗ oberer der Inſel. ** * Bis zu dem Augenblicke, wo der Eber todt am Bo⸗ den lag, war der Jäger mit dem Netze auf dem Kopfe zu ſehr beſchäftigt geweſen, um Zeit zu haben, noch nach etwas Anderem zu ſehen. Erſt nachdem er ſeinen Gegner erlegt, vermochte er, aufrecht ſtehend, ſich ge⸗ nauer umzublicken. Sofort fiel ſein Auge auf das Gewehr des jungen Engländers und dann auf die weißen Stücke Palmkohl, wovon der Eber gefreſſen hatte. „Haha!“ rief er aus, noch immer nach Luft ſchnap⸗ pend, mit höchſt verwundertem Blicke;„eine Flintel und weſſen? Irgend ein flüchtiger Sclave, der ſeines Herrn Vogelflinte geſtohlen? Nichts wahrſcheinlicher als dies. Aber warum hat er die Flinte zurückgelaſſen? Und was hat ihn nur von hier verſcheucht? Sicherlich nicht der Eber! Er muß ſchon fortgegangen ſein, bevor das Thier hierher gedrungen war. Carambol eine reichere Beute, als das Schwein; wenn ich es nur vor⸗ her erblickt hätte! Nach welcher Richtung er wohl ent⸗ flohen iſt? Horch, was iſt das? Der Flüchtling! ja, ja, er iſt es! Er kommt wegen ſeiner Flinte zurück. Carambo! das iſt ein unverhofftes Glück, ſo früh am Morgen, ein Sclavenfang, eine Beute!“ Als der Jäger die letzten Worte in ſchnellſter Weiſe ausgeſtoßen hatte, ſchlich er mit leiſem Tritte zwiſchen die heiden, dem Seidenwollenbaume als Strebepfeiler dienenden Wurzelausläufe. Hier ſtellte er ſich in den äußerſten Winkel, wo ſie zuſammenliefen, und blieb vollkommen ſtill, als wolle er Jemanden erwarten, der auf den Baum losſchritt. Von ſeinem Baumaſte ſah Herbert ſich nach dem ſo angekündigten Ankömmling um und erblickte ihn mit größtem Erſtaunen, nicht über ſein Aeußeres, das hatte er erwartet, ſondern über die Haltung, in der er vor⸗ wärts ſchritt, und über das wilde Ausſehn des Menſchen. Ein junger Mann von kupferrother Farbe, mit ſchlichtem ſchwarzen Haar, in der höchſten Verwirrung und in Zotteln über ſein Geſicht hängend, als ob es ihm zuvor Jemand hätte ausreißen wollen. Sein Ge⸗ ſicht ſelbſt, ungeachtet ſeiner hellbraunen Farbe ein wirklich ſchönes, ſchien ganz friſch zerfleiſcht und zer⸗ fetzt, und ſein ganzer übriger Körper trug ebenfalls die Spuren unmenſchlicher Mißhandlungen! Das grobe, ſeine Schultern bedeckende Baumwollenhemde war überall mit Blut befleckt, und über ſeinen Rücken zogen ſich lange dunkelrothe Streifen hin, die wie die Spuren einer im Blute getränkten Peitſche ausſahen. Das Hemde war ſeine einzige Bekleidung, vollkom⸗ 223 men Alles, womit er bekleidet war. Kopf, Hals, Beine und Füße waren ganz unbedeckt. ie Haltung, in der er vorwärts kam, war eben ſo eigenthümlich, wie ſeine Kleidung. Als Herbert ihn zuerſt gewahrte, kroch er auf Händen und Knieen, be⸗ wegte ſich aber mit ziemlicher Schnelle vorwärts. Dies ließ vermuthen, daß er mehr deshalb kroch, um verbor⸗ gen zu ſein, als weil er unfähig ſchien aufrecht zu gehen. Dies wurde auch ſogleich dadurch beſtätigt, daß der junge Mann, als er die Lichtung erreichte, ſich auf ſeine Füße erhob und nach der Ceiba, wenn auch mit nieder⸗ gebogenem Körper, hinlief. Was konnte er da wollen? Wollte er den großen Baum als einen ſichern Zu⸗ fluchtsort vor geiährlichen Verfolgern erreichen? Herbert vermuthete ſo. Der Jäger dagegen glaubte, er käme der Flinte wegen zurück, da er keine Ahnung davon haben konnte, daß der wirkliche Eigenthümer derſelben ſich gerade über ſeinem Kopfe befand. In geringer Zeit hatte der Flüchtling, denn Alles bezeichnete ihn als ſolchen, den Fuß des Baumes er⸗ reicht. „Halt!“ ſchrie der Jäger, der nun aus ſeinem Ver⸗ ſtecke hervortrat und ſich dem Neuangekommenen entge⸗ genſtellte.„Ein Flüchtling und mein Gefangener!“ Der Flüchtling fiel auf die Kniee nieder, kreuzte ſeine Arme über die Bruſt und ſtieß einige Worte in einer fremden Sprache aus, unter denen Herbert das Wort„Allah“ zu unterſcheiden vermochte. Sein Einfänger ſchien ebenfalls über die Bedeu⸗ tung der ausgeſprochenen Worte in Ungewißheit zu ſein, allein die ganze Haltung des Sprechenden, wie der Ausdruck auf ſeinem Geſichte konnte ſchwerlich mißdeu⸗ tet werden: es war ein Anruf um Gnade. „Carambo!“ rief der Jäger aus, beugte ſich vor⸗ über und ſah einen Augenblick auf die Bruſt des Flücht⸗ lings, auf der die Buchſtaben„J. J.“ deutlich einge⸗ brannt waren—„mit der Tätowirung auf der Haut, bin ich nicht verwundert, daß Du Deinem Herrn Fer⸗ ſengeld gegeben haſt. Armer Teufel! ſie haben Dich auf dem Rücken noch viel ſchändlicher tätowirt.“ Als er dies ſagte, wobei er mehr zu ſich ſelbſt als zu dem vor ihm Knieenden redete, ſtreckte der Jäger ſeine Hand aus, hob das Hemde von den Schultern des Flüchtlings und ſah eine Zeit lang auf ſeinen nack⸗ ten Rücken. Die Haut war mit rothen Striemen be⸗ deckt, die ſich einander wie auf einem anatomiſchen Kupferſtiche kreuzten.. „Gott der Chriſten!“ rief der gelbe Jäger mit of⸗ fenbarem Zorn bei dem Anblicke aus,„iſt das Dein Geſetz, dann gieb mir den Fetiſch meiner afrikaniſchen Vorfahren wieder. Doch nein,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„J. J.“ iſt kein Chriſt, er kümmert ſich um keinen Gott.“ Das Selbſtgeſpräch des Jägers ward hier durch eine zweite in derſelben unbekannten Sprache vorgebrachte Anrede des Flehenden unterbrochen. 225 Diesmal bedeuteten ſeine Mienen und Geberden, wie ſehr wohl zu ſehen war, einen Anruf um Schutz gegen einen zu erwartenden Feind, denn die mitleidigen Blicke ſeines Ergreifers hatten augenſcheinlich das Ver⸗ trauen des Flüchtlings gewonnen. „Die ſind hinter Dir her, ganz unbezweifelt,“ ſagte der Jäger.„Nun wohl, laß ſie nur kommen, wer auch immer Deine Verfolger ſein mögen. Diesmal ha⸗ ben ſie die Gelegenheit verſäumt, und die Beute gehört mir, nicht ihnen. Armer Teufel! Wahrlich, es wider⸗ ſteht mir, Dich auszuliefern, und wäre es nicht wegen des Geſetzes, das mich bindet, ich wollte wahrhaftig ihre lumpige Belohnung verſchmähen. Horch, da kom⸗ men ſie ſchon! Hunde, bei meiner Seel’! Das Gebell und Geheul der Bluthunde! Ha, ha, ha! dieſe ſchänd⸗ lichen Menſchenjäger von Batabano! Ich weiß es wohl, der alte Jeſſuron hat ſie im Sold. Hier, mein armer Burſche, hier hinein!“ und der Jäger führte und zog den Flüchtling über den Körper des wilden Ebers hin, und ſtellte ihn zwiſchen die beiden Strebepfeiler der Ceiba.„Stelle Dich nur ganz in den Winkel,“ fuhr er fort,„laß mich die Vorderſeite bewachen. Hier iſt Dein Gewehr; ich ſehe, es iſt geladen. Hoffentlich verſtehſt Du, es zu gebrauchen! Gieb nicht eher Feuer, als biſt Du ſicher biſt, zu treffen. Wir brauchen ge⸗ wiß Hieb und Schuß, um uns vor dieſen ſpaniſchen Hunden zu retten, die keinen Unterſchied zwiſchen Dir und mir machen werden. Carambo! da kommen ſie ſchon!“ Dieſe Worte waren kaum den Lippen des Redenden Der Marone. I. 15 226 entflohen, als zwei große Hunde mit entſetzlichem Ge⸗ heule aus dem Gebüſche an der entgegengeſetzten Seite der Lichtung hervorbrachen, unbezweifelt auf der Fährte des Flüchtlings.— Die dunkelrothe Farbe ihrer Mäuler bezeugte, daß ſie mit Blut geködert waren. Dies angetrocknete, dunkle Blut machte die weißen, gewaltigen Fangzähne in ihren Kinnladen noch viel furchtbarer. Sie waren halb Jagdhunde, halb Bullenbeißer und verfolgten nun als gut gezogene Hunde die friſche Spur. Freilich konnte kaum eine Spur friſcher ſein, als die des gepeitſchten Flüchtlings, und in wenigen Augen⸗ blicken, nachdem ſie die Lichtung betraten, waren die Hunde auch ſchon bei der Ceiba, der dreieckigen Kam⸗ mer gegenüber, worin der Flüchtling und ſein Beſchützer ſtanden. Dieſe Hunde beſitzen nicht den Inſtinkt der Selbſt⸗ erhaltung, nur den, aufzuſpüren und dann zu zerſtören. Ohne ſich mit Heulen und Bellen aufzuhalten, ohne ſelbſt etwas langſamer zu laufen, ſchoſſen beide vor⸗ wärts und ſtürzten ſich mit einem mächtigen Sprunge vorwärts auf die vermeinten Gegenſtände ihrer Ver⸗ folgung. Der erſte ſpießte ſich ſelbſt auf der ausgeſtreckten Machete des gelben Jägers auf, und wie das Thier zur Erde fiel, ſtieß es das letzte Geheul aus. Der andere Hund ſprang auf den nackten Flücht⸗ ling und erhielt den ganzen Inhalt der Vogelflinte. Obgleich das Gewehr nur mit kleinem Vogelhagel ge⸗ 227 laden, ſo war die Wirkung bei der großen Nähe doch die einer Kugel, und der zweite Hund ſank leblos zur Seite ſeines Gefährten hin. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ein verweigerter Kampf. Der Zuſchauer auf dem Baume glaubte jetzt wirk⸗ lich zu träumen. In dem kurzen Zeitraum von zwan⸗ zig Minuten hatte er einer größeren Anzahl von auf⸗ regenden Begebenheiten beigewohnt, als er in ſeinem eigenen Vaterlande während derſelben Anzahl von Jah⸗ ren geſehen hatte! Und doch war das Ende des Schau⸗ ſpiels noch keineswegs gekommen! Die Geberden des Flüchtlings und die Reden ſeines Ergreifers hatten ihm bereits angedeutet, daß noch ein anderer Auftritt kom⸗ men würde, und jetzt war es aus der Haltung Beider einleuchtend, daß dieſer Auftritt ſich bald auf derſelben Bühne ohne Veränderung der Scene abſpielen werde. Bis jetzt ſah der junge Engländer keinen beſonde⸗ ren Grund, weshalb er bei dieſem weſtindiſchen Schau⸗ ſpiele aufhören ſolle, Zuſchauer zu bleiben und Mit⸗ wirkender zu werden. Daß der gelbe Jäger einen wil⸗ den Eber getödtet, einen flüchtigen Sclaven ergriffen und dann ſeinen Gefangenen ſowohl wie ſich ſelbſt vor einem Paar Bluthunde durch die Toͤdtung dieſer wü⸗ thenden Thiere geſchützt hatte, das ging ihm alles gar nichts an. Das Einzige, was ihn betraf, war höch⸗ 3 3 3 15* 228 ſtens die Art, ohne alle Umſtände ſeine Vogelflinte zu benutzen; doch hätte der junge Engländer, wäre er ge⸗ fragt worden, wohl gern freiwillig das Gewehr zu ſol⸗ chem Gebrauche hergeliehen. So hatte ſich bisher eigentlich nichts ereignet, um ihn aus ſeiner ſtrengen Neutralität heraus zu bringen, und, bis ſo etwas käme, war er entſchloſſen, die bis dahin durchgeführte unthätige und lediglich beobachtende Haltung vollkommen zu bewahren. Indeß war er kaum zu dieſem Entſchluſſe gelangt, als neue handelnde Perſonen auf der Bühne erſchienen. Offenbar waren ſie ſowohl von dem Flüchtlinge wie von ſeinem Vertheidiger erwartet worden, da beide nach der Beſeitigung der Hunde ſtets auf das Dickicht hin⸗ blickten, aus dem die Thiere gekommen. Der nun Neuangekommenen waren Drei. Der erſte voran und jedenfalls der Führer war ein großer, ſchwarzbärtiger Mann in einer rothen Plüſchweſte und hohen Stiefeln von Pferdeleder. Die beiden anderen waren magere, geſchmeidig ausſehende Burſchen in ge⸗ ſtreiften Hemden und Beinkleidern, von denen jeder einen breitkrämpigen Palmblatthut trug, der eine ſcharfe ſpa⸗ niſche Phyſiognomie überſchattete. Der Bärtige war mit Flinte und Piſtolen bewaff⸗ net. Die beiden Andern ſchienen aber ohne alle Feuer⸗ waffen zu ſein, doch führte jeder einen rapierähnlichen Degen in der Hand, deſſen Scheide an ſeiner Hüfte hing. Es war die Machete, dieſelbe Art Waffe, die der gelbe Jäger wenige Augenblicke zuvor ſo äußerſt ge⸗ ſchickt gehandhabt hatte. 229 1 Als ſie die unter dem Baume ſich Befindenden ge⸗ wahrt hatten, machten die Neuangekommenen mit nicht geringer, ſich in ihren Blicken ausdrückender Verwun⸗ derung Halt. Indeß ſchienen dieſe Männer von ſpani⸗ ſchem Geſichtsſchnitte noch viel mehr verwundert, und Unwillen miſchte ſich in ihre Verwunderung, als ſie die Körper ihrer eigenen Bluthunde todt auf dem Raſen hingeſtreckt ſahen. Der bärtige Mann, der als Führer zu gelten ſchien,] gab den ſie alle drei beſeelenden Gefühlen zuerſt Aus⸗ druck. 3 „Was iſt das für eine Geſchichte?“ ſchrie er. mit vor Wuth hochrothem Geſichte.„Wer ſeid Ihr, der es gewagt, ſich in unſere Verfolgung zu miſchen?“ 8 „Carajo! Wer hat unſere Hunde getödtet?“ brüllte einer von den Spaniern. „Demonios! Dafür wirſt Du mit Deinem Leben zu bezahlen haben!“ kreiſchte der Dritte und erhob drohend ſeine Machete. —„Und wie nun, wenn ich wirklich Eure Hunde ge⸗ tödtet?“ erwiederte der gelbe Jäger mit kalter Miene, die den ſtillen Beifall des Zuſchauers auf dem Baume gewann.„Wie, wenn ich es gethan? Hätte ich ſie nicht getödtet, ſo hätten ſie mich getödtet.“ 4„Nein,“ ſagte einer der Spanier;„ſie würden Euch gar nicht berührt haben. Carambo! Sie waren dafür zu wohl abgerichtet, ſie waren ihm nach. Warum ſtell⸗ tet Ihr Euch in den Weg, um ihn zu beſchützen? Das iſt ja nicht Euer Geſchäft.“ „Das, werther Freund, iſt ein Irrthum,“ erwie⸗ — 230 derte der in dem Haarnetze ſpöttiſch hohnlächelnd.„Es iſt wohl mein Geſchäft, ihn zu beſchützen, und außer⸗ dem mein Vortheil, da er mein Gefangener iſt.“ „Euer Gefangener!“ rief einer der Männer mit unruhigem Blicke. „Gewiß iſt er mein Gefangener, und es war mein Intereſſe, ihn nicht von den Hunden zerreißen zu laſ⸗ ſen. Todt würde ich nur zwei Pfund für ſeinen Kopf bekommen. Lebend iſt er mir das Doppelte werth, und Meilengeld obendrein, obwohl ich mit Bedauern an dem J. J. auf ſeiner Bruſt geſehen, daß das Meilengeld nicht viel ſein wird. Nun, was habt Ihr nun noch mehr zu ſagen, meine guten Herren?“ „Nur das,“ ſchrie der Mann mit dem ſchwarzen Barte,„daß wir auf ſolchen Unſinn, wie der hier, gar nicht hören. Wer Ihr auch ſein mögt, ich kümmere mich nicht darum. Ich vermuthe, wer Ihr ſeid, aber das haͤlt mich nicht ab, Euch zu ſagen, Ihr habt gar kein Recht, Ench in dieſe Angelegenheit zu miſchen. Dieſer Flüchtling gehört dem Jacob Jeſſuron. Ich bin ſein Aufſeher. Er iſt auf Jeſſuron's eigenem Grund und Boden ergriffen, Ihr könnt deshalb weder den Ge⸗ fangenen, noch den Preis fordern. So werdet Ihr ihn uns überliefern.“— „Carambo sil“ brüllten beide Spanier in einem Athem, während die drei zu gleicher Zeit ſich dem Flüchtling näherten, der bärtige Aufſeher mit einer Piſtole in der Hand, und ſeine beiden Gefährten ihre Machetes gezogen und bereit, ſie zu gebrauchen. „Kommt heran denn!“ rief der Jäger mit höhni⸗ 231 -„ ſchem Toue, und machte beim Sprechen dem Flüchtlinge, deſſen Flinte er wieder geladen, ein Zeichen, zur Ver⸗ theidigung bereit zu ſein.„Kommt heran, aber erin⸗ nert Euch, der erſte, der Hand an ihn oder an mich legt, iſt ſofort des Todes. Ihr ſeid Eurer drei und wir nur zwei, der eine noch dazu ſchon halb todt durch Eure unmenſchliche Grauſamkeit!“ „Drei gegen zwei! das iſt kein ehrlicher Kampf!“ ſchrie der junge Engländer, ſprang vom Baum herun⸗ ter und ſtellte ſich auf die ſchwächere Seite.„Vielleicht wird der Kampf nun gleicher ſein,“ fügte er hinzu, zog ſein Piſtol aus der Bruſt heraus und ſpannte den Hahn, offenbar um es gegen die Perſon des Aufſehers zu gebrauchen, ſollte dieſer es verſuchen, den Streit 4 weiter zu führen. Dieſe Vermehrung der Anzahl der Streitenden, bei⸗ den Parteien ſicher in gleicher Weiſe vollkommen uner⸗ wartet, erregte bei beiden Verwunderung. Doch als es ſich herausgeſtellt, auf welche Seite ſich der Neuan⸗ gekommene geſtellt, nahmen andere Regungen die Stelle der Verwunderung ein. Die eine Partei betrachtete ihn mit Blicken freudiger Dankbarkeit, während die andere ihn mit Gefühlen ingrimmiger Feindſchaft anſah. Seine Zwiſchenkunft hatte die Kraft der entgegen⸗ ſtehenden Parteien ſo ziemlich gleich gemacht, wie ihre An⸗ zahl, und dies führte, wie oftmals in ſolchen Fällen, ein Zurückziehen vom Kampfe herbei, indem der bärtige 3 Aufſeher und ſeine beiden ſchwarzbraunen Gehilfen ſich ſofort von ihrer drohenden Haltung zur Unterhandlung herabließen. 232 „Und wer ſind Sie, Herr?“ fragte der Erſte mit ſo viel Anmaßung, als er nur in ſeine Rede zu legen wußte.„Wer, frage ich, Herr, iſt der Weiße, der ſich auf dieſe Weiſe den Geſetzen der Inſel widerſetzt? Sie kennen die Strafe, Herr; und bei meinem Wort, Sie ſollen ſie bezahlen!“ „Wenn ich wirklich die Geſetze verletzte,“ erwiederte Herbert,„ſo werde ich freilich wohl dafür verantwort⸗ lich ſein. Aber einſtweilen möchte ich wiſſen, welches Geſetz ich verletzte, und Sie werden hoffentlich nicht mein Richter ſein.“ „Sie leiſten Hilfe bei der Flucht eines Sclaven!“ „Das iſt nicht wahr,“ unterbrach ihn der gelbe Jäger.„Der Sclave iſt bereits eingefangen, er hätte nicht entwiſchen können, und dieſer junge Herr, der mir eben ſo fremd iſt, wie Euch, hat ſicherlich gar nicht die Abſicht, ihm bei einer Flucht beizuſtehen.“ „Pah!“ rief der Aufſeher aus;„wir kümmern uns um Euer Geſchwätz nicht, wir läugnen Euer Recht, ihn feſtzuhalten, und es iſt gar nicht Eure Sache, ſich hinein zu miſchen. Wir hatten ihn bereits mit den Hunden aufgeſpürt und würden ihn auch ohne irgend eine Hilfe von Euch gefaßt haben. Deswegen iſt er unſere Beute, und ich verlange wiederholt von Euch, ihn aufzugeben.“. „Wirklich!“ erwiederte der gelbe Jäger hohnlächelnd. „Ich ſtelle dieſe Forderung,“ fuhr der Andere, ohne das Lächeln zu berückſichtigen, fort,„im Namen Jacob Jeſſuron’s, deſſen Aufſeher ich bin.“ „Und wenn Ihr Jacob Jeſſuron ſelbſt wäret, ich 233 würde es verweigern,“ verſetzte der Jäger kalt, ohne allen Anſchein von Großſprecherei. „Ihr verweigert alſo wirklich, ihn auszuliefern?“ ſagte der Aufſeher, gleichſam ſeine letzte Forderung ſtellend. 4„Ja, das thue ich,“ war die feſte Antwort. „Genug, Ihr werdet es zu bereuen haben; und Sie, Herr,“ fuhr der Bevollmächtigte Jeſſuron’s fort und warf einen wilden Blick auf Herbert,„Sie werden den Antheil, den es Ihnen beliebt hat, an dieſer Verhand⸗ lung zu nehmen, vor der Obrigkeit verantworten. Ein hübſcher, weißer Mann, Sie, hier für Jamaica! Nur noch ein Paar mehr von Ihrer Art, und wir würden hier eine ſchöne Geſchichte mit unſern Negern erleben. Fürchten Sie nicht, Herr, Sie ſollen mich wiederſehen.“ „Danach habe ich gar kein beſonderes Verlangen,“ erwiederte Herbert;„denn wahrhaftig,“ fuhr er mit herausfordernder Heiterkeit fort,„ein häßlicheres Ge⸗ 3 ſicht, als das Ihre, iſt mir noch nie vorgekommen, und es würde mir gar kein Vergnügen machen, es noch einmal zu ſehen.“ „Donnerwetter!“ ſchrie der Aufſeher.„Die Frech⸗ heit ſollen Sie bereuen, bevor Sie einen Monat älter werden. Der Teufel ſoll mich holen, wenn Sie das 8½ nicht thun!“ Und mit dieſer ſchrecklichen Drohung wandte ſich der Raufbold um und ging trotzig fort. „Cospita!“ rief einer der Spanier, als ſie beide ih⸗ rem Führer unverzüglich folgten.„Meine braven Hunde! 234 Ah, Demonio! Du ſollſt ſie theuer bezahlen. Zweihun⸗ dert Pesos für jeden— nicht einen Cuartito weniger!“ ‚Nicht einen Cuartito für jeden!“ erwiederte der gelbe Jäger mit höhniſchem Gelächter.„Hab' ich nicht klar bewieſen, daß ſie nichts werth waren? Mit allem Euren Prahlen, was Eure Hunde leiſten könnten, ſeht ſie jetzt an! Vaja! Ihr lieben Herren! Geht nach Eurem Vater⸗ lande zurück und jagt da Negerflüchtlinge. Hier müßt Ihr das Vergnügen denen überlaſſen, die es verſtehen, den Maronen!“ Herbert bemerkte, daß der Jäger ſich beim Aus⸗ ſprechen des letzten Wortes mit einer Miene würdevol⸗ len Stolzes höher erhob und verächtlich auf die Caga⸗ dores hinabſah. Ein zorniges„Carrai!“ flog zu gleicher Zeit von beider Lippen und war die einzige Antwort der Spa⸗ nier, die ſich ebenfalls von der Ceiba wegwandten und ihrem Führer folgten. Wenige Augenblicke ſpäter hatten die drei, die Lich⸗ tung verlaſſend, bereits das Unterholz erreicht und ent⸗ ſchwanden den Augen derer, die bei dem Baume ver⸗ blieben, der junge Engländer, der gelbe Jäger und der rothe Flüchtling.— 235⁵ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Maronen. Sobald ſie fortgegangen waren, wandte ſich der Jä⸗ ger zu Herbert mit von Dankbarkeit glänzenden Augen. „Herr!“ ſagte er und machte eine tiefe Verbeugung beim Sprechen.„Nach dem, was geſchehen, ſind Worte nur ein ſehr geringer Dank. Doch wenn der tapfere, weiße Herr, der ſein Leben für einen farbigen Ausge⸗ ſtoßenen gewagt, mir ſeinen Namen wiſſen laſſen will, er ſoll wahrhaftig nimmer vergeſſen werden von Cu⸗ bina, dem Maronen.“ „Cubina, der Marone!“ Verwundert über den eigenthümlichen Namen, wie er es ſchon zuvor über die ganze Erſcheinung und die Haltung ſeines Trägers geweſen, wiederholte Herbert den Namen gleichſam mechaniſch. „Ja, das iſt mein Name, Herr.“ Der junge Engländer, obgleich über die ſonderbare Benennung nicht aufgeklärt, war doch zu wohl erzogen, um eine weitere Erklärung zu verlangen. „Entſchuldigen Sie mich,“ ſagte er,„daß ich Ihr Anſuchen nicht gleich erfüllt habe. Ich bin ein Eng⸗ länder; mein Name iſt Vaughan— Herbert Vaughan!“ „Dem Namen nach, Herr, muß ich glauben, daß Sie hier auf der Inſel Verwandte haben. Der Eigen⸗ thümer des Gutes Willkommenberg—“ „Iſt mein Onkel.“ „O, dann, Herr, iſt Alles, was ein armer Marone 236 für Sie thun kann, niemals zu viel. Nichts deſto weni⸗ ger empfangen Sie meinen beſten Dank; und wenn—; doch, Herr,“ fuhr der Sprecher in plötzlich veränder⸗ tem Tone fort, als folge er einem unwiderſtehlichen Triebe der Neugierde,„entſchuldigen Sie meine Frage, was bringt Sie ſo früh ſchon in Bewegung? Die Sonne iſt noch nicht zehn Minuten oberhalb der Bäume und Willkommenberg iſt drei Meilen entfernt. Sie müſſen hier im Dunkeln hergekommen ſein, und das iſt gar nicht leicht durch dieſe verwirrten, dichten Wälder.“ „Ich brachte die Nacht hier zu,“ erwiederte der Engländer lächelnd;„das da war mein Bett, wo nun der Eber ſchläft.“ „Dann gehört die Flinte wohl Ihnen, nicht ihm?“ Der Jäger winkte hierbei dem Flüchtling fragend zu, der einige Schritte davon ſtand, und beide Spre⸗ chenden mit dankbaren Blicken anſah, die indeß zugleich einige Anzeichen der Unruhe verriethen. „Ja, es iſt meine Flinte und ich bin froh, daß ſie geladen war, da dies ihn befähigt hat, das wilde Thier zu vernichten, das ihn ſonſt wohl ſicher bei der Gurgel gefaßt hätte. Obwohl der arme Kerl elend und jäm⸗ merlich ausſieht, die Waffe handhabte er ganz gut. Was iſt er nur und was hat man ihm gethan?“ „O, Herr Vaughan! Nach dieſen beiden Fragen iſt es leicht zu ſagen, daß Sie fremd hier auf der Inſel ſind. Ich glaube, ich kann beides beantworten, obwohl ich den jungen Mann nie zuvor geſehen. Der arme Kerl! Die Antworten ſind auf ſeine Haut geſchrieben, 237 mit Buchſtaben, die gerade keine große Gelehrſamkeit erfordern, um ſie zu leſen. Dieſe Buchſtaben auf ſei⸗ ner Bruſt beſagen, daß er ein Sclave iſt,— der Sclave des J. J.: Jacob Jeſſuron. Sie werden mich wohl entſchuldigen, nicht meine weitere Meinung über ihn abzugeben, da er eine Magiſtratsperſon und ein Freund Ihres Onkels, des Cuſtos, iſt.“ „Was haben ſie Dir gethan, mein armer Burſche?“ fragte Herbert den Flüchtling, indem ſein Mitgefühl ihn hinderte, die weitere Auseinanderſetzung des Ma⸗ ronen abzuwarten. Der blutbeſudelte Mann, als er gewahrte, daß die Rede an ihn gerichtet ſei, machte eine lange Erwiede⸗ rung, aber in einer Beiden, ſowohl dem Jäger wie Herbert, vollkommen unbekannten Sprache. Doch ver⸗ mochte der letztere zwei Wörter zu unterſcheiden, näm⸗ lich:„Fellah“ und„Allah“, die beide wiederholt in der Rede vorkamen. „Es nützt nichts, ihn zu fragen, Herr Vaughan! Wie Sie ſelbſt, iſt auch er ein Fremdling hier auf der Inſel, obgleich man ihn ſchon in einige von Ihren Ge⸗ bräuchen eingeweiht hat. Dieſer Brand hier auf der Bruſt iſt faſt friſch, das kann man an der entzündeten Haut um die Buchſtaben herum ſehen. Er muß, ſo ſcheint es faſt, erſt gerade von Afrika gelandet ſein. Die Zeichen da auf ſeinem Rücken, die ſind von einem Spielwerk gemacht, das die weißen Pflanzer und ihre Aufſeher in dieſen Gegenden nur gar zu ſehr zu ge⸗ brauchen lieben— die Peitſche! Sie haben den armen 238 Teufel gepeitſcht, und, Carambol ſie haben's ihn arg genug fühlen laſſen.“ Bei dieſer Bemerkung erhob der Marone das blut⸗ befleckte Hemd des Bemitleidenswerthen und zeigte ſei⸗ nen ſo ſchrecklich zugerichteten Rücken. Der Anblick war in der That fürchterlich und Abſcheu erregend. Herbert konnte es nicht aushalten, darauf zu ſehen, ſondern kehrte ſeine Augen ſofort ab. „Friſch von Afrika, ſagten Sie? Er hat die eigent⸗ lichen Negerzüge gar nicht.“ „Was die Geſichtszüge betrifft, das macht nichts aus. Es giebt manche afrikaniſche Stämme, die keine Negerzüge haben. Von ihm kann ich behaupten, daß er ein Fellaka ſein muß. Ich hörte ihn das Wort beim Sprechen gebrauchen.“ „Joi,— Fellah! Fellah!“ rief der arme junge Mann, als er den Namen ſeines Volkes ausgeſprochen hörte, und fuhr dann in derſelben Sprache fort, beglei⸗ tet von mancherlei Geberden. 4 „Ich wollte, ich verſtände ſeine Sprache,“ ſagte der Jäger.„Ich weiß, er iſt ein Fellah. Es iſt etwas vorhanden, warum ich ein beſonderes Intereſſe an ihm nehmen ſollte, und deswegen möchte ich vielleicht—“ Der Sprechende hielt inne, als hätte er mit ſich ſelbſt geſprochen, und ſetzte das Selbſtgeſpräch dann nur in Gedanken fort. Nach einer Pauſe begann er wieder: „Carambo! nur wenig gehört dazu, mich dahin zu bringen, ihn ſeinem Herrn nicht wieder zu geben.“ „Und müſſen Sie das?“ 4 „Ich muß es. Wir Maronen ſind durch eine 239 Vertrag verpflichtet, alle Flüchtlinge, die wir ergreifen, auszuliefern;— das heißt, wenn es bekannt wird; doch dieſe Spitzbuben des alten Jeſſuron wiſſen, daß ich ihn habe.“ „Sie werden eine Prämie bekommen, ſagten Sie?“ „Ja, aber ſie wollen verſuchen, mich derſelben zu berauben; doch die Prämie reizt mich diesmal nicht. Es iſt etwas mit dem jungen Burſchen— wahrhaf⸗ tig! er iſt ihr gleich, er ſieht ihr ähnlich, als wenn er ihr Bruder wäre!“ 1 Die letzten Worte ſprach er faſt unwillkürlich und mit ſich ſelbſt redend. „Ihr ähnlich! Wem ähnlich?“ fragte Herbert mit verwirrtem Blicke. „Entſchuldigen Sie,“ verſetzte der Jäger.„Ich war über die große Aehnlichkeit zwiſchen dieſem armen Bur⸗ ſchen und Einer, die ich kenne, betroffen;— aber, Herr Vaughan,“ fuhr er fort, als wünſche er, den Gegen⸗ ſtand des Geſprächs zu verändern,„Sie haben mir noch nicht geſagt, wie Sie dazu kamen, die ganze Nacht hier im Walde zu ſein? Sie jagten geſtern und verloren den Weg?“ „Ja, ich verlor meinen Weg, doch nicht gerade bei der Jagd.“ „Das iſt am Ende Ihr ganzes Frühſtück geweſen?“ und der Marone zeigte auf einige noch auf dem Raſen liegende Kohlſtücke. „Ich habe von der Palme ſowohl zu Abend ge⸗ geſſen wie auch gefrühſtückt. Ich hatte gerade den 240 ⸗ Baum erklettert, um Waſſer zu ſuchen, als der Eber kam und die Ueberbleibſel fraß.“ Der Marone lächelte bei dieſer Erklärung von Um⸗ ſtänden, durch die auch er getäuſcht worden war. „Wohl,“ ſagte er,„wenn Sie nicht ſehr große Eile haben, ſofort nach Willkommenberg zurück zu kehren und mir ungefähr fünf Minuten Zeit gewähren wollen, ſo kann ich Sie vielleicht mit etwas Beſſerem als rohem Kohl verſorgen.“ „Ich habe gerade nicht ſolche Eile, nach Willkom⸗ menberg zurück zu kehren. Vielleicht— gehe ich gar nicht wieder dahin zurück!“ Dieſe Worte zuſammen mit der Art, wie der junge Engländer ſie vorbrachte, entgingen dem aufmerkſamen und geſcheidten Maronen keineswegs. „Etwas Beſonderes in des jungen Mannes Ge⸗ ſchichte!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, obwohl er Zartgefühl genug beſaß, keine Erläuterung dieſer zweideutigen Rede zu verlangen.„Aber das geht mich ja nichts an!“ Dann wandte er ſich an Herbert und ſagte laut: „Wollen Sie ein Waldfrühſtück von meiner Zurü⸗ ſtung eſſen, Herr Vaughan?“ „Mit großem Vergnügen,“ antwortete Herbert. „Dann muß ich meine Diener rufen.“ Wie er dies ſagte, erfaßte der Jäger das ausgelegte Horn, das unter ſeinem linken Arm gehangen, ſetzte es an ſeine Lippen und blies einen langen und zittern⸗ den Ton. Kaum war er in den Wäldern verhallt, als ähn⸗ liche Töne erſchallten, die dem von dem gelben Jäger — — 241(ere, hervorgebrachten ſo gleich waren, daß Herbert ſie einen Augenblick für Echo's halten konnte. „Das wird uns Geſellſchaft verſchaffen und auch etwas zu eſſen, Herr,“ ſagte der Marone und brachte das Horn wieder an ſeinen Platz. „Horch l* fuhr er einen Augenblick uachher fort, „da ſind ſchon einige von meinen Genoſſen! Ich wußte wohl, weit konnten ſie nicht entfernt ſein. Sie ſehen nun wohl, ganz freies Spiel hätten dieſe Geier ſchwer⸗ lich gehabt, da meine Fallen ſo nahe ſind. Deswegen bin ich Ihnen aber nicht weniger verpflichtet, Herr Vaughan. Ich hielt es eigentlich nicht ganz der Mühe werth, meine Genoſſen zu rufen, denn ich wußte recht gut, dieſe drei Memmen würden ſich über ein wenig prahleriſches Geſchwätz kaum hinaus wagen. Sehen Sie, dort kommen ſie!“ „Wer denn?“ „Die Maronen.“ Herbert hörte ein Raſcheln zwiſchen den Büſchen an der entgegengeſetzten Seite der Lichtung und gleich darauf traten ungefähr ein Dutzend bewaffnete Männer aus dem Unterholze hervor und ſchritten eilends auf die Ceiba zu. Der Marone. I. 16 —— — Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein Maldfrühſtück. Der junge Engländer blickte mit heftiger Neugierde auf den herannahenden Haufen. Es waren ihrer un⸗ gefähr ein Dutzend, alle ganz ſchwarz oder beinahe ſchwarz, ausgenommen einer oder auch zwei, die eine gemiſchte Farbe hatten. Kein Zwerghafter oder Miß⸗ gebildeter war unter ihnen, ſondern Jeder von hoher, kräftiger Geſtalt, von ſtarken, muskulöſen Gliedern, einer von Geſundheit glänzenden Haut und mit im muthigſten Glanze leuchtenden Augen, die ein angebore⸗ nes, urſprüngliches Gefühl für Freiheit und Unabhän⸗ gigkeit verkündeten. Ihre gerade und aufrechte Haltung, ſo wie ihr feſter, ungehemmter Schritt beſtätigten Herbert's Glauben, daß dieſe Schwarzen keine Leibeigenen ſeien. In ihren Blicken und Geberden lag ihm nichts Sclaviſches, und lediglich nur ihrer Hautfarbe wegen hätte er ſolche Män⸗ ner mit irgend einem Gedanken an Selaverei in Ver⸗ bindung zu bringen gewußt. Bewaffnet mit langen Meſſern und Flinten, einige auch mit ſtarken Spießen, konnten ſie in Allem keine Sclaven ſein. Außerdem be⸗ wies ihre Ausrüſtung deutlich, daß ſie Jäger und erfor⸗ derlichen Falls auch Krieger waren. Alle hatten Hörner und Jagdtaſchen über den Schultern hängen und Jeder war mit einer umflochtenen Waſſer⸗Calabaſſe ausgerüſtet, ganz wie die bereits beſchriebene des gelben Jägers. 243 ℳ Einige wenige hatten eine ganz verſchiedenartige Aus⸗ rüſtung, die in einem nicht ſehr großen, aus Weiden oder aus Palmfaſern zierlich gewobenen Korbe beſtand. Dieſer war auf dem Rücken durch ein die Bruſt kreu⸗ zendes Band von demſelben Palmgeflechte befeſtigt und durch ein anderes, über die Stirne gehendes, das ſo einen Theil des Gewichtes hielt. Dieſer Korb war der Cutacoo, der Raum für die Vorräthe oder andere bei ihren wilden Waldwanderungen nothwendige Gegenſtände. Ihre Kleidertracht war freilich ſonderbar, aber nicht unmaleriſch. Nicht zwei waren gleichmäßig gekleidet, ob⸗ wohl doch eine gewiſſe Uebereinſtimmung vorherrſchte, die anzeigte, daß ſie Alle zuſammen gehörten. Die netz⸗ artige„Bandanna“ war der gemeinſchaftliche Kopfſchmuck, nur Wenige hatten Hüte von Palmblättern. Einige hatten Hemden mit Aermeln an, Einigen dagegen fehlten die Beinkleider und einer oder zwei waren vom Gürtel aufwärts und von den Schenkeln abwärts vollkommen nackend, da das weiße Lendentuch alsdann ihr einzigſtes Kleidungsſtück war. Alle hatten Füße und Knöchel be⸗ deckt, wie es die ſteinigen und dornigen Fußpfade, die ſie gewoͤhnlich beſchreiten mußten, erforderten. Das Schuhwerk war bei Allen gleich und eine Art von eng anſchließendem Steifſtiefel aus rohem, ungegerbtem Felle, ohne allen Saum und ohne irgend einen Stich. Die röthlichen, nur einzeln auf der Oberfläche ſtehenden Borſten zeugten von der Art des Materials, die Haut des wilden Schweines. Die Haut vom Hinterfuße eines Ebers wurde, wenn ſie noch friſch und warm war, über den Fuß gezogen, trocknete dann und zog ſich über 16* dem Spann und Knöͤchel wie ein elaſtiſcher Strumpf zu⸗ ſammen. Ein geringes Zurichten mit dem Meſſer iſt Alles, was für die Anfertigung dieſer Mokkaſſins noth⸗ wendig iſt, und einmal angezogen, werden ſie niemals wieder abgelegt, als bis die Abnutzung der Sohle eine Ausbeſſerung erforderlich macht. Das Anziehen der Stieſel iſt deshalb kein Theil der täglichen Laſten eines Jamaicajägers. Zu verwundern war es nicht, daß Herbert die Neuangekommenen mit Neugierde und mit Staunen be⸗ trachtete. Die Art und Weiſe, wie ſie berufen worden, ihre ſofort wiederhallenden Antworten auf das Horn⸗ ſignal und ihre ſchnelle, faſt augenblickliche Erſcheinung waren allerdings Begebenheiten, die viel eher auf der Bühne eines Theaters vorkommen, als im wirklichen Leben. In der That, wäre der gelbe Jäger ein weißer Mann und er und ſein Gefolge in Lincolngrün geklei⸗ det geweſen, der junge Engländer hätte ſich in den Sher⸗ woodforſt verſetzt glauben können, wo der kühne Robin Hood mit ſeinen fröhlichen Geſellen um ihn herum ver⸗ ſammelt war. Wer konnten dieſe Männer eigentlich ſein? So fragte Herbert Vaughan ſich ſelbſt. Räuber mit ſchwar⸗ zer Haut? Waffen und Rüſtung ließen allerdings die Vermuthung aufkommen, daß ſie eine Bande ſchwarzer Räuber ſein könnten.„Maronen“ hatte ſie der gelbe Jäger genannt und für ſich ſelbſt dieſelbe Bezeichnung in Anſpruch genommen. Marone? Gewöhnlich ward darunter ein Negerflüchtling verſtanden, aber die Män⸗ ner vor ihm entſprachen dieſem Begriffe durchaus nicht. 245 Obwohl Neger, hatten ſie nicht das Ausſehn von Fluͤcht⸗ lingen, und der gelbe Jäger hatte ſich auch ſo geäußert, daß dies nicht anzunehmen war. Flüchtige Sclaven konnten ſie auf alle Fälle nicht ſein. „Dieſer weiße Herr hat noch kein Frühſtück gegeſſen,“ ſagte Cubina, als ſie näher kamen.„Wohlan, Quaco! was haben die Leute in ihren Cutacoos vorräthig?“ Der ſo Angeredete war ein pechſchwarzer, großer und ſtarker Neger mit einer ernſten, doch geheimniß⸗ vollen Miene und ſchien eine Art von Lieutenant bei der Bande zu ſein. 3 „Nun, würdiger Hauptmann,“ antwortete er und grüßte den gelben Jäger mit einer etwas plumpen Be⸗ wegung,„ich glaube, es wird genug da ſein, das heißt, wenn der Herr einen guten Appetit hat und nicht zu wähleriſch bei ſeinem Eſſen iſt.“ „Was iſt denn vorhanden? Laßt mich ſehen?“ unter⸗ brach Cubina und beſah ſich den Inhalt der Körbe. „Ein Schinken von einem ganzen gebratenen Schwein,“ fuhr er fort und packte einen Cutacoo aus.„Das iſt zum Anfang ſchon gut; Ihr Weißen habt ja eine be⸗ ſondere Vorliebe für unſer gebratenes Wildſchwein. Was noch weiter? Ein Paar Bernhardskrebſe. Nun, das iſt auch gut; aber das da iſt noch beſſer, ein Paar wilde Tauben und ein wildes Guineahuhn. Wer trägt den Kaffee und Zucker?“ „Hier, Hauptmann,“ rief ein anderer der Cutacoo⸗ leute, der ſeinen Korb auf den Boden ſetzte und die zum Kaffeemachen nothwendigen Geſchirre herausnahm. „Mach' ein Feuer und eile Dich!“ befahl Cubina, augenſcheinlich der Hauptmann der ſchwanzen Bande. Auf den Befehl hin ward Zunder angebrannt, trockene Blätter und Zweige wurden ſchnell geſammelt, und bald loderte ein funkenſprühendes, kniſterndes Feuer auf dem Boden. Darüber ward ein ſich auf zwei gabelförmige Stöcke ſtützender Spieß gelegt, der bald eine Anzahl in den Flammen hängender eiſerner Töpfe trug. Bei ſo vielen Köchen war die Arbeit, das Fleiſch für die Töpfe zuzubereiten, nur gering und ging ſchnell von Statten. Die Tauben und das Guineahuhn wurden ſo ſchnell abgeſengt, als die Federn nur brennen wollten, wurden ausgenommen und zertheilt und dann in Stücke zerſchnitten in den größten Topf geworfen. Die Bern⸗ hardskrebſe theilten daſſelbe Schickſal und ebenſo einige Stücke von dem wilden Schweineſchinken. Dann ward eine Handvoll Salz hinzugethan, etwas Waſſer, einige wenige Schnitte Piſang, etwas Kakakun und etwas rother Spaniſcher Pfeffer, was Alles aus den Cuta⸗ coos genommen wurde. f. Ein lebhaftes Feuer brachte den Topf bald zum höchſten Kochen, und Lieutenant Quaco, der als Küchen⸗ vorſtand wirkte, erklärte, nachdem er wiederholt den In⸗ halt probirt, daß der Pfeffertopf fertig ſei, um aufge⸗ tragen zu werden. Schüſſeln, Teller, Gläſer kamen nun zum Vorſchein, alle aus Kalabaſſenholz verfertigt, und ſobald Herbert und der Hauptmann ſich die beſten Stücke von dem ſchmackhaften, gedämpften Fleiſche genommen hatten, wurde das Uebrige unter die Leute vertheilt, die ſich in 247 Gruppen auf den Boden geſetzt hatten und das allge⸗ mein beliebte Fleiſchgericht mit einer Begierde verzehrten, die bewies, daß es auch ihr Frühſtück ſei. Der Pfefſertopf war indeß nicht das einzige Gericht des Waldfrühſtücks. Schweinefleiſchſchnitte von dem friſch erlegten Eber wurden außerdem gereicht, während Piſange und Cocosnüſſe, die in der Aſche geröſtet wur⸗ den, kein zu verachtendes Erſatzmittel für Brod ge⸗ währten. Der zweite über dem Feuer kochende Topf enthielt den Kaffee, der, aus den Kalabaſſen geſchlürft, ſicher⸗ lich eben ſo fein ſchmeckte, als würde er aus Taſſen vom reinſten Sevresporzellan getrunken. Bei dieſem improviſirten Waldfrühſtücke wurde auch der arme Gefangene keineswegs vergeſſen, ſondern mit den Uebrigen geſpeiſt, indem der rieſige Quaco ſeine Wünſche mit einer Miene ſtillen Lächelns befriedigte. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Hauptmann Cubina. Als das Frühſtück eingenommen war, ſchickten ſich die Maronen an, fort zu gehen. Bereits war der Eber zerlegt und, in geeignete Stücke zertheilt, in die ver⸗ ſchiedenen Cutacoos verpackt worden. Die blutrünſtigen Striemen auf dem Rücken des Flüchtlings waren von Quaco mit einer balſamiſchen Wundſalbe eingerieben worden, und durch Zeichen wurde —— —y ͤͤͤIͤͤͤ 248 3 dem unglücklichen Manne zu verſtehen gegeben, daß er die Maronen begleiten ſolle. Anſtatt ſich zu weigern, leuchteten ſeine Augen von der lebhafteſten Freude, denn nach der ihm von ihnen erwieſenen freundlichen Be⸗ handlung konnte er nichts Schlimmes erwarten. Was auch immer in Zukunft ihre Abſichten mit ihm ſein mochten, ihr Führer hatte ihn von Feinden befreit, deren grauſame Behandlung unauslöſchlich auf ſeine eigene Haut abgeſtempelt war, und er wußte, daß er kaum in gefühlloſere Hände gerathen könne, als die ge⸗ weſen, denen er ſo eben entwiſcht war. Hierüber be⸗ ruhigt, betrachtete er ſeine neuen Bekanntſchaften ganz als Befreier. Hätte er indeſſen ihren wahren Charak⸗ ter wie ihren eigentlichen Beruf vollkommen gekannt, er würde ſich kaum einer ſo glücklichen Täuſchung über⸗ laſſen haben. Die Maronen waren aus Achtung vor ihrem Füh⸗ rer, den ſie mit unterwürfiger Ehrerbietung zu behan⸗ deln ſchienen, etwas vorausgegangen und hatten den Hauptmann Cubina mit ſeinem Engliſchen Gaſte allein gelaſſen, der, ſeine Flinte auf der Schulter, bereit ſtand, ebenfalls weiter zu ſchreiten.. „Sie ſind fremd hier auf der Inſel?“ ſagte der Marone halb fragend.„Ich denke mir, lange ſind Sie noch nicht bei Ihrem Onkel geweſen?“. „Nein,“ antwortete Herbert.„Vor geſtern Nach⸗ mittag habe ich meinen Onkel niemals geſehen.“ „Carambo!“ rief der Jägerhauptmann verwundert aus;„da ſind Sie gerade erſt angekommen? In dieſem Falle, Herr Vaughan— und das iſt der Grund, warum 249 * ich ſo küͤhn war, Sie zu fragen— werden Sie den Weg nach Willkommenberg zurück kaum zu finden im Stande ſein. Einer von meinen Leuten ſoll mit Ihnen gehen.“ „Nein, ich danke Ihnen, ich werde ihn ſchon allein finden.“ Herbert zögerte zu ſagen, daß er gar nicht nach Willkommenberg gehen wolle. „Es iſt ein ſehr krummer und verwickelter Weg,“ verſetzte der Marone,„obwohl er für denjenigen, der ihn kennt, nicht ſchwer zu finden iſt. Sie brauchen den Führer nicht bis zum großen Hauſe mit ſich zu nehmen, wenn ſchon Herr Vaughan, wie ich glaube, gar nichts dagegen hat, daß einer von unſern Leuten ſeinen Grund und Boden betritt, wie dies freilich einige andere Pflan⸗ zer thun. Sie können den Führer entlaſſen, wenn Sie den Ort ſehen. Doch ohne denſelben, fürchte ich, wer⸗ den Sie den Weg nicht finden.“ „Aber wirklich, Hauptmann Cubina,“ ſagte Herbert, der ſich jetzt nicht weiter darum kümmerte, was ſeine neue Bekanntſchaft davon denken möge;„ich wünſche gar nicht den Weg einzuſchlagen, von dem Sie reden, ich will gar nicht dahin gehen.“ „Nicht nach Willkommenberg?“ „Nein.“ Der Marone ſchwieg einen Augenblick ſtill, wäh⸗ rend ein Ausdruck des Erſtaunens über ſein Geſicht glitt.„Erſt geſtern ſpät angelangt— die ganze Nacht draußen im Walde geweſen— und nicht zurück gekehrt! Das iſt allerdings etwas ſonderbar!“ Solche Erwägungen füllten plötzlich des Maronen Kopf. Bereits hatte er wohl das etwas Verwirrte und Niedergeſchlagene in dem Betragen des Fremden bemerkt, aber welchen Grund mochte das haben? Das hellfarbige Band gar im Knopfloche ſeines Rockes, was mochte das zu bedeuten haben? Hauptmann Cubina war in dem Alter und auch gerade in der Stimmung, um Alles, was auf ſanſtere, zärtlichere Gefühle hindeutete, ſofort zu bemerken. So⸗ wohl das blaue Band, wie das ſorgenvolle Ausſehn ſchienen dergleichen zu verrathen. Der Marone war ziemlich bekannt mit den Verhältniſſen der weißen Be⸗ wohner von Willkommenberg, noch mehr aber wohl mit denen einiger farbigen. Mochte das ſonderbare Beneh⸗ men des jungen Engländers etwa irgend einem Familien⸗ zwiſte zuzuſchreiben ſein, der dort entſtanden war? Der Marone ſuchte ſich dieſe Fragen ſtillſchweigend ſelbſt zu beantworten und gelangte zu dem Schluſſe, daß irgend etwas Beſonderes vorgefallen ſein müſſe. Vielleicht muthmaßte Hauptmann Cubina nicht blos, vielleicht hatte er ſogar bereits etwas von dem Geſchwätz und Geklatſch auf der Pflanzung vernommen, denn die Elektricität ſelbſt iſt wohl kaum ſchneller, als die Ver⸗ breitung eines Gerüchtes unter den Negern. Hätte übrigens der Jäger wirklich irgend Verdacht über die Verhältniſſe ſeines Waldgaſtes gehegt, er wäre dennoch zu höflich geweſen, um jenen auszudrücken. Deshalb benutzte er ſogar die ihm durch Herbert's aus⸗ weichende Antwort gegebene Gelegenheit gar nicht und ſagte einfach: 251 „Wenn Sie auch anderswo hingehen, ſo haben Sie doch einen Führer eben ſo ſehr nöthig. Die Lichtung hier iſt von dichter Waldung umgeben und nirgends iſt ein offener, guter Fußſteig.“ „Sie ſind wirklich ſehr gütig,“ antwortete Herbert, von der zarten Aufmerkſamkeit des farbigen Mannes gerührt.„Ich wünſchte, mich nach Montego⸗Bay zu begeben, und wenn einer von Ihren Leuten mich auf die große Landſtraße bringen könnte, ſo würde ich Ihnen ganz außerordentlich verpflichtet ſein. Leider kann ich ihm aber ſeine Mühe nicht anders als mit einem Danke vergelten, denn die Umſtände erlauben es mir nicht, mehr zu thun.“ „Herr Vaughan!“ ſagte der Marone, höflich lächelnd, „wären Sie hier nicht fremd und mit unſern Sitten unbekannt, ich würde mich wirklich beleidigt fühlen. Sie ſprechen faſt, als erwarteten Sie, ich würde Ihnen eine Rechnung für das genoſſene Frühſtück machen, und ſchei⸗ nen dabei ganz zu vergeſſen, daß Sie kaum eine Stunde zuvor ſich vor die Mündung einer Piſtole ſtellten, um das Leben eines Maronen, eines armen Mulattenflücht⸗ lings von den Bergen, zu beſchützen. Und nun—— doch ich will Ihnen verzeihen, Sie kennen mich ja nicht—“ „Vergeben Sie mir, Hauptmann Cubina: ich ver⸗ ſichere Ihnen—“ „Sagen Sie nichts mehr! Ich kenne Ihr Engliſches Herz, das noch nicht von den elenden Vorurtheilen der Kaſte und der Farbe verdorben iſt. Möge es lange ſo verbleiben, und wenn Hauptmann Cubina Sie auch ſobald nicht wiederſehen ſollte, vergeſſen Sie niemals, daß dort auf den„Blauen Bergen“— und der Ma⸗ rone deutete beim Reden auf den purpurnen Umriß einer gerade über den Baumſpitzen ſichtbaren Bergkette— dort oben ein Mann lebt, ein farbiger Mann freilich, deſſen Herz aber in Dankbarkeit eben ſo aufrichtig und warm für Sie ſchlägt, wie das des weißeſten Mannes. Und ſollten Sie dieſen Mann je mit Ihrem Beſuche beehren wollen, ſo ſollen Sie unter ſeinem niedern Dache ſtets einen Freund und einen herzlichen Will⸗ kommen finden.“ „Danke, danke vielmals!“ rief der junge Englän⸗ der, von Begeiſterung erfaßt über des Maronen freie und ungeheuchelte Freundſchaft.„Wohl möchte ich noch einmal mir Ihr gaſtfreundliches Anerbieten zu Nutze machen. Leben Sie wohl!“ „Leben Sie wohl!“ erwiederte der Mulatte und drückte die ihm von Herbert dargebotene Hand unge⸗ ſtüm.„Quaco!“ rief er ſeinem Lieutenant zu,„bringe dieſen Herrn auf die nach der Bay führende Haupt⸗ ſtraße. Leben Sie wohl, Herr Vaughan, möge das Glück Ihnen hold ſein!“ Nicht ohne Bedauern ſchied Herbert von ſeinem neuen Freunde und folgte lange Zeit dem ihn führen⸗ den Quaco, bevor er über die ſeltſamen Umſtände nach⸗ zudenken aufhörte, die ihn dazu gebracht hatten, dieſe merkwürdige Bekanntſchaft zu machen. 253 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Auaco, der Jührer. Quaco war höchſt ſchweigſamer Natur und machte deshalb durchaus keinen Verſuch, Herbert's Nachdenken zu unterbrechen, bis ſie zuſammen mehr als eine Vier⸗ telmeile gegangen waren. Dann brachte eine beſondere Erwägung den Neger zum Stillſtehen und führte fol⸗ gende Unterhaltung herbei: 3 „Zwei Wege von hier, Buckra, beide können wir einſchlagen, aber dieſer zur Rechten iſt der kürzeſte und auch der beſte Weg.“ „Warum denn dieſen nicht nehmen?“ „Oh, Herr, dafür ſprechen verſchiedene Gründe.“ „Wie ſo? Warum ihn vermeiden?“ „Ja— al“ erwiederte Quaco mit nachdenklichem, ge⸗ dehntem Tone. „Was für Gründe denn, Freund?“ „Sehen Sie da nicht das Dach eines Hauſes— gerade über den Spitzen jener Pawpaws?“ „Ja, was iſt damit?“ „Das iſt die Baracke.“ „Die Baracke?“ „Ja— das Haus des Juden Jeſſuron.“ „Und was macht das aus?“ „Oh, Buckra, was das ausmacht? Wenn wir den Weg zur Rechten einſchlagen, müſſen wir bei des Juden Haus vorbei, und einige von ſeinen Leuten werden uns gewiß ſehen. Der Jude iſt Friedensrichter und wir können viel Unannehmlichkeiten haben.“ „Oh, wegen des Flüchtlings, meinſt Du? Der Haupt⸗ mann ſagte, er gehöre einem Herrn Jeſſuron.“ „Eben ſo viel wegen der Hunde, als wegen des Menſchen. Der Hauptmann hatte ein Recht, den Flücht⸗ ling als ſeinen Fang zu betrachten; aber dieſe ſpani⸗ niſchen Schufte werden Lärm wegen der Hunde machen. Sie werden ſagen, der Hauptmann tödtete ſie ihnen zum Schabernack, und ſie werden das beſchwoͤren; da es überhaupt bekannt iſt, daß wir Gebirgsmänner ſolche Thiere nicht leiden können, die ſich in unſer Geſchäft hinein miſchen.“ „Aber weder ich noch Du haben ja die Hunde ge⸗ tödtet?“ „Oh, Buckra, das iſt Alles gleich— Sie halfen — Ihre Flinte half die Hunde tödten; und außerdem haben Sie die Schelme abgehalten, dem Adler ſeinen Fang abzujagen.“ „Was ich that, kann ich ganz gut vor einem Frie⸗ densrichter verantworten, mag es nun dieſer Jeſſuron oder irgend ein anderer ſein,“ ſagte der junge Engläu⸗ der im Bewußtſein, durch Theilnehmen an dem Streite recht gethan zu haben. „Vom Richter Jeſſuron wird gerade nicht viel Ge⸗ rechtigkeit zu erwarten ſein. Mein Rath iſt, ſich von der Gerichtsbarkeit ſo lange als möglich fern zu halten, und das können wir nur, wenn wir den Weg zur Linken einſchlagen.“ „Iſt denn der Umweg bedeutend?“ fragte Herbert, der nicht gerade ſehr viel Gewicht auf die von ſeinem Begleiter vorgebrachten Gründe legte. 25⁵ „Nicht bedeutend,“ antwortete Quaco, obgleich er keineswegs ganz die Wahrheit redete, denn der Weg, den er einſchlagen wollte, war in der That viel länger, als der, welcher bei Jeſſuron's Hauſe vorbei führte. „In dieſem Falle,“ erwiederte Herbert,„nimm den Weg, der Dir gefällt.“ Ohne weiteres Reden ſchritt Quaco auf dem zur Linken abführenden Wege fort, ganz, wie zuvor, ſchwei⸗ gend von Herbert gefolgt. 5 Der nun eingeſchlagene Weg führte unausgeſetzt durch Wälder und war ſtellenweiſe wegen des dornigen Dickichts, ſo wie wegen der Unebenheit des Bodens ſchlecht zu gehen. Endlich erreichten ſie den Gipfel eines hohen Bergrückens und gingen nun zwiſchen Pi⸗ menthainen hin, die nicht ſo dicht als der frühere Wald waren. Von dem Gipfel des Bergrückens ſah Herbert ein großes, aus der grünen Landſchaft hervorſchimmerndes Haus, das er ſofort als das Gutshaus von Willkom⸗ menberg wiedererkannte. Auf dieſes Haus gingen ſie nicht gerade zu, ſon⸗ dern in einer davon ſchrägen Richtung, die ſie nach der großen Allee nahe bei dem Eingangsthore hinfüh⸗ ren mußte. Herbert rief ſeinem Führer zu, Halt zu machen. Der junge Mann wollte nicht gern in die Allee gehen, weil er leicht Jemandem von ſeines Onkels Leuten be⸗ gegnen konnte, und er nicht wünſchte, daß dies dann im großen Hauſe erzählt würde. Er forderte deshalb Quaco auf, ihn auf einem etwas mehr zur Rechten liegenden Wege zu führen, ſo daß er die Hauptſtraße erreichen könne, ohne von Willkommenberg aus geſehen zu werden. 1 Der Führer willigte ein, aber nicht ohne einiges widerſtrebendes Murren, denn beim Drehen murmelte er einige Worte über die„Baracke“, und daß man ihr ſo weit wie möglich entfernt bleiben müſſe. Deſſenun⸗ geachtet ſchlug er eine andere Richtung ein, und nach einem abermaligen Gange durch die Wälder befand Herbert ſich zu ſeiner Zufriedenheit auf der nach Mon⸗ tego⸗Bay hinführenden Hauptſtraße. Er würde dies ſchwerlich gewußt haben, hätte der Führer es ihm nicht geſagt, da er auf dieſer Haupt⸗ ſtraße nur bis zum Thor von Willkommenberg geritten war und der Punkt, auf welchem er ſie nun erreichte, eine ziemliche Strecke weiter entfernt lag. Jedenfalls hätte er beſſer gethan, er hätte Quaco Alles anheim⸗ gegeben und ſich von ihm auf dem urſprünglich von ihm beabſichtigten Wege führen laſſen. Auf dieſe Weiſe würde er die Hauptſtraße auf einem der Stadt näher gelegenen Punkte erreicht und wahrſcheinlich einen höchſt unangenehmen Vorfall vermieden haben. Auf der Hauptſtraße bedurfte er nun des Führers nicht mehr, und Quaco war gerade im Begriff, ihn zu verlaſſen, als in dem Augenblicke plötzlich ein Trupp Reiter um eine Biegung des Weges herumkam, als hät⸗ ten ſie ein höchſt dringendes Geſchäft. So wie er dieſe Fremden erblickte, ſchoß Quaco wie ein Pfeil in das Unterholz und rief dem Buckra zu, daß er ihm folgen möchte. Herbert verſchmähte, ſich zu rkesdef, und blieb mitten auf dem Wege ſtehen. Als Quaco dieſen Entſchluß ſah, kehrte er an ſeine Seite zurück, nicht ohne gegen die Unklugheit ſeines Schützlings laute Einſprache zu thun. „Mag ihr Ausſehn nicht leiden,“ murmelte der Marone, als er vorſichtig nach den Reitern ſah.„Das muß— nein, das iſt wahrhaftig der gierige Ravener, der Aufſeher Jeſſuron's. Nun, Buckra, nun ſitzen wir in der Patſche! Es hilft nichts, ihnen entfliehen zu wollen!“ Während Quaco dies ausrief, hatten die Reiter ſich genähert und hielten ſämmtlich auf dem Platze ſtill, wo die Fußgänger ſtanden. „Hier iſt unſer Mann!“ ſchrie der bärtige Mann an ihrer Spitze, den Herbert ſofort erkannte.„Juſt ihn getroffen, wie die Ente den Maikäfer! Nun, Herr Tharpey, thun Sie Ihre Schuldigkeit! Wir wollen doch einmal hören, was dieſer junge Mann wohl vor Gericht ſagen wird.“ „Ich verhafte Sie, Herr,“ ſagte die als Mr. Thar⸗ pey angerufene Perſon.„Ich bin Ober⸗Conſtabler der Gemeinde, ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes.“ „Auf welchen Grund?“ fragte Herbert unwillig. „Herr Ravener hier wird die Anklage machen. Ich habe damit nichts zu thun. Sie müſſen ſich vor dem nächſten Richter ſtellen, und ich denke, der nächſte hier wird wohl der Cuſtos Vaughan ſein?“ Dieſe halbe Frage des Conſtablers war nicht an Herbert, ſondern an ſeine eigenen Begleiter gerichtet. Der Marone. I. 17 1 Obgleich nur mit leiſer Stimme geſprochen wurde, hörte der junge Mann es doch ganz genau und zwar mit gro⸗ ßem Mißvergnügen. Zu ſeinem Onkel zurückgeführt zu werden, dem er erſt geſtern Trotz geboten, und zwar als ein Miſſethäter zurückgeführt zu werden; unter ſol⸗ chen neuen dringenden Umſtänden den ſchönen Augen ſeiner reizenden Couſine ausgeſetzt zu ſein, wie dem ein⸗ gekniffenen Augenglaſe ſeines früheren Reiſegenoſſen, das waren in der That alles höchſt unangenehme Aus⸗ ſichten. Darum gewährte es ihm wirklich einige Er⸗ leichterung, als Ravener, der auf den Conſtabler und ſein bewaffnetes Gefolge keinen geringen Einfluß aus⸗ zuüben ſchien, die Behauptung, daß Herr Vaughan die nächſte Gerichtsperſon ſei, als unbegründet beſtritt, und dieſe Ehre entſchieden für Jacob Jeſſuron, Gutsbeſitzer in dem Glücklichen Thal, beanſpruchte. Nach einigem Hin⸗ und Herreden zwiſchen beiden Theilen über dieſen wichtigen Geſetzespunkt, wurde zu⸗ letzt die Meinung des Aufſehers als richtig anerkannt und demzufolge beſchloſſen, daß die Angelegenheit vor den Richter Jeſſuron gebracht werden ſolle. Sowohl Herbert wie Quaco wurden nun förmlich im Namen des Königs feſtgenommen und dann unter Bedeckung abgeführt, nicht ohne daß der Letztere einige ſehr laute Einwendungen erhob, indem er zugleich hef⸗ tig drohte, daß er deu Conſtabler ſowohl wie den Auf⸗ ſeher ſchon einmal für dieſe Gewaltthat gegen einen freien Maronen zur Verantwortung ziehen werde. Gutsbeſitzer Jeſſuron hielt Gericht auf derſelben Veranda ſeines ſchmutzigen Wohnhauſes, auf der wir 259 ihn bereits bei Gelegenheit eines von dieſem gänzlich ver⸗ ſchiedenen Schauſpiels geſehen haben. Jetzt ſaß er an einem kleinen runden Tiſche, der von einem Stücke grünen Wollenzeuges bedeckt war und worauf ſich eine goldene Schnupftabaksdoſe, ein Tin⸗ tenfaß, Federn und einige Bogen Papier befanden. Zwei Bücher lagen ebenfalls auf dem Tiſche, von denen eines in deutlichen Buchſtaben auf dem Einbande den Titel trug:„Der Jamaicaniſche Richter“. Es war in ſchwarzes Leder gebunden, eine dem Hauptgegen⸗ ſtande, worüber es handelte, entſprechende Farbe, denn mindeſtens vier Fünftel der Geſetze und Verordnungen, die es enthielt, bezogen ſich auf Geſchöpfe mit ſchwarzer Haut. Der Richter war, wie es die Gelegenheit erheiſchte, im vollen Koſtüme, das heißt, er trug ſeinen beſten blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, dicke Tuchhoſen und Stolpenſtiefeln. Der weiße Biberhut war bei Seite gelegt, da das Anſehn des Gerichtes erfordert, daß ſelbſt des Richters Haupt unbedeckt bleibt. Indeß auch nur ſo weit, lediglich auf den Hut, erſtreckte ſich die Rück⸗ ſichtnahme des Richters Jeſſuron, denn die weiße baum⸗ wollene Nachtmütze verblieb auf ſeinem Schädel, weil das Geſetz auf Jamaica nicht ſo ſtrenge iſt, um ihre Entfernung als nothwendig erſcheinen zu laſſen. Mit wohl auf der Naſe befeſtigter Brille und das dünne, magere Geſicht zu einem Ausdrucke der höchſten Wichtigkeit aufgeſtutzt, ſaß Gutsbeſitzer Jeſſuron hinter dem grünbedeckten Tiſche, der das Gericht vorſtellte. Er war freilich der einzige anweſende Richter, aber 17* 260 2 es ſollte ja auch nur eine vorläufige Unterſuchung vor einer Amtsperſon ſtattfinden. Und einen weißen Ver⸗ brecher wegen einer ſo ſchweren Beſchuldigung, wie die gegen Herbert Vaughan vorgebrachte, wirklich vor Ge⸗ richt zu ſtellen, wäre ein voller Gerichtshof erforderlich geweſen, mindeſtens drei Magiſtratsperſonen, von denen einer ein Cuſtos war. Jeſſuron's Macht konnte niemals weiter gehen, als den vermeintlichen Verbrecher in's Gefängniß zu ſchicken, bis ein förmlicher Prozeß gegen ihn eingeleitet wurde. Herbert war vor den Tiſch hingeſtellt worden, und der Conſtabler, ſo wie Einige aus deſſen Gefolge, ſtan⸗ den hinter ihm. Zur rechten Seite erſchien Ravener mit den beiden Spaniſchen Caçadores, die nun aber nicht mehr, wie früher, von ihren Hunden begleitet waren. Quaco war unbewacht unten im Hofe gelaſſen wor⸗ den, da gegen ihn wirklich nicht das Geringſte vorlag. Noch ein anderer Zeuge war bei dieſer Amtshand⸗ lung zugegen— die Tochter des Richters ſelbſt. Ja, die ſchöne Judith war hier zugegen, wie bei allen wich⸗ tigeren Vorkommniſſen, aber diesmal nicht ganz offen⸗ ſichtlich, denn ſie ſaß in einem nach der Veranda zu ge⸗ öffneten Fenſter, das ſchöne Geſicht halb hinter dem netzartigen Franſenzeug der Gardinen verborgen. Dieſe Stellung ließ ſie alles Vorhergehende beobachten, ohne ſich ſelbſt den Blicken Anderer auszuſetzen. Ihr Geſicht war keineswegs gänzlich verborgen, denn ihre glänzend weiße Stirn und ihre dunkel leuch⸗ tenden Augen ſtrahlten durch den florähnlichen, ſie 261 verſchleiernden Mouſſelin und erſchienen ſo noch reizen⸗ der und verführeriſcher. Aus ihren Bewegungen war es auch klar, daß die ſchöne Judith gar nicht die Abſicht hatte, ungeſehen zu bleiben. Es waren verſchiedene gut ausſehende junge Leute in der den Conſtabler begleitenden Geſellſchaft, kecke, verwegene Burſchen, die er auf ſeinem Wege zu⸗ ſammengerafft hatte und die nichts mehr liebten, als einen Vogel der Art. Von dem Augenblicke an, wo dieſe in den Hofplatz eingetreten, war die ſchöne Herrin des Hauſes beſtändig am Fenſter geweſen. Erſt nachdem ſämmtliche Anweſende ſich auf der Gal⸗ lerie vertheilt hatten, nahm ſie ihren Sitz hinter der Gardine und beſah ſich die verſchiedenen Perſonen und Geſichter etwas genauer. Hiermit war ſie noch nicht lange beſchäftigt, als man auf ihrem Geſichte und in ihrem Betragen eine große Veränderung hätte wahrnehmen können. Anfänglich waren ihre Augen von einem Geſichte zum andern mit einem faſt ſpöttiſchen Lächeln gewan⸗ dert, wie es die Jüdin ſehr wohl anzunehmen verſtand. Jetzt plötzlich blieb ihr Blick an einem Gegenſtande hängen, und das verächtliche Lächeln machte einem ern⸗ ſteren und milderen Blicke Platz. Leicht mochte der Gegenſtand dieſer Blicke entdeckt werden. Es war der vor Gericht ſtehende„Gefangene““ Was hatte dieſer Blick aber nur zu bedeuten? Etwa Mitgefühl mit dem Angeklagten? 3 Sie wußte ſehr wohl, warum der junge Mann hier vorgeführt wurde; Ravener hatte ihrem Vater von Al⸗ lem berichtet, ſo viel er ſelbſt wußte, und die Tochter hatte die Erzählung mit angehört. Regte ſich jetzt in der Bruſt der ſchönen Judith ein edelmüthiges Mitleid mit der traurigen Lage, in der ſich dieſer unbekannte Jüngling befand, und hatte dies eine ſolche plötzliche Veränderung in ihrem ganzen Weſen hervorgebracht? Eines ſolchen Gefühls war ihr Herz wohl kaum fähig. Aber dennoch war ſie offenbar von einer außer⸗ gewöhnlichen Regung ergriffen, denn im Verlauf des Verhörs blickte ſie nicht mehr verſtohlen hinter der Gardine hervor, ſondern zog dieſe auf die Seite, ſah den Fremden gerade an, und hielt ihre Augen feſt auf ihn gerichtet, vollkommen unbekümmert über alle Bemerkungen, die ihr Betragen hervorrufen mußte. Ihr Vater, der ihr den Rücken zukehrte, ſah nichts davon, obwohl es von den Andern nicht unbeachtet blieb, beſonders von Ravener, den es ſehr zu verdrießen ſchien. Der junge Engländer, wenn auch für den Augen⸗ blick wenig aufgelegt, irgend etwas anderes, als ſeine eigene trübe Lage zu betrachten, mußte dennoch das ſchöne Geſicht, das ſich ihm gerade gegenüber befand, bemerken, und eben ſo den beſondern Blick, mit dem er angeſehen wurde. Wer war der alte Mann, vor dem er zum Verhöre ſtand? War er der Vater des holdſeligen Geſchöpfes am Fenſter? So mußte er ſich unwillkürlich ſelbſt fragen, während er Beide wechſelweiſe betrachtete. War dies wirklich der Fall, ſo waren die Drohblicke des Vaters im grellſten Widerſpruche mit den ſanften, fühlenden, 263 von der Tochter ihm zugeſandten Blicken. Dieſe Be⸗ merkung mußte Herbert nothgedrungen ſich ſelbſt machen. Einige Zeit war damit hingegangen, daß der Auf⸗ ſeher die Thatſache erzählte, um die Anklage zu begrün⸗ den. Hierauf ſollte der Gefangene ſich nun vertheidigen. „Jonger Mann!“ ſagte der Richter,„Sü hoben ge⸗ hört, waſch dieſcher Zeuge gögen Sü vorgebracht hat. Waſch haben Sü nun ßu Uehrer Vertheidigung ßu ſagen? und ßuerſcht: waſch iß Uehr Name?“ „Herbert Vaughan.“— Jeſſuron ſetzte ſeine Brille beſſer zurecht und ſah auf den Gefangenen mit ſichtlichem Erſtaunen. Sämmt⸗ liche Anweſende, Conſtabler ſowohl wie die Uebrigen, ſchienen ein wenig unangenehm überraſcht. Quaco, deſ⸗ ſen Rieſengeſtalt hoch über die der Andern hinausragte, ſtieß dagegen ein Befriedigung verrathendes Grunzen aus, als er des jungen Mannes Namen hörte, den er zuvor noch nicht gewußt, und der nun gar der des in dieſem Bezirke allmächtigen Cuſtos ſelbſt war. Auf einen Anweſenden allein ſchien dieſe Enthüllung einen von bloßer Verwunderung gänzlich verſchiedenen Eindruck hervorzubringen. Ein Blick des Zornes ſchoß aus den dunklen Augen der Jüdin, als ſie den verhaß⸗ ten Namen vernahm, und das bis dahin in ihnen vor⸗ herrſchende Mitgefühl erloſch einen Augenblick. „Herbert Vochan?“ wiederholte der Richter,„Sünd Sü etwa irgend ein Verwandter von Herrn Vochan in Willkommenbarg?“ „Ja, ſein Neffe,“ war die kurze und trockene Ant⸗ wort. 264 „Ah, ſoin Neffe! Boi moiner Söle, iſcht daſch woahr?“ Dieſe unerwartete Entdeckung brachte bei dem Juden plötzlich eine außerordentliche Aufregung hervor. Nach dem Wenigen, was über ſeine geheime Feindſchaft mit ſeinem Nachbar von Willkommenberg bekannt war — Ravener wußte mehr davon— hätte man erwarten ſollen, daß die Entdeckung der Verwandtſchaft des Ge⸗ fangenen ihn in große Freude verſetzt haben würde. Zu Gericht über den nächſten Verwandten des Cuſtos zu ſitzen, eines ſchweren Verbrechens angeklagt, war für Jacob Jeſſuron jedenfalls eine ſeinen Stolz befriedi⸗ gende Lage, da er ſich mancher von dem ſtolzen Herrn von Willkommenberg ihm widerfahrenen Geringſchätzung erinnern mußte. Und nun, welche glänzende Vergel⸗ tung! Offenbar ſchien das ganze Betragen des Richters, als er in Erfahrung gebracht, wer vor ihm ſtand, der⸗ gleichen Ueberlegungen zu verrathen. Er rieb ſich die mageren Hände, nahm eine Priſe aus ſeiner goldenen Schnupftabaksdoſe, lächelte grinſend, ſchielte fröhlich hinter den Brillengläſern, die noch einmal auf den ſchar⸗ fen Naſenrücken geſchoben waren, hervor, beugte dann ſein Geſicht vorwärts über den Tiſch und verblieb einige Augenblicke lächelnd und freundlich, aber unverkennbar darüber nachdenkend, wie er nun weiter verfahren ſolle. Nach einer Weile erhob er ſeine Augen und muſterte abermals den Gefangenen, der auf ſeine letzte Frage be⸗ reits eine bejahende Antwort ertheilt hatte. „Boi moiner Söle!— Uech wußte gar nicht, daß 265 Harr Vochan oinen Neffen hat! Sü ſünd von Eng⸗ land, jonger Mann? Hat Uehr Onkel noch möhr Nef⸗ fen in England?“ 1 „Nicht daß ich weiß,“ erwiederte Herbert unumwun⸗ den.„Meiner Meinung nach bin ich ſein einziger Verwandter, in England wenigſtens.“ Dieſer Vorbehalt ſeiner Anwort verrieth eine nicht unbedeutende Thatſache, daß der junge Mann nämlich mit den Familienangelegenheiten ſeines Verwandten in der Colonie keineswegs ganz ausreichend bekannt war. Der ſcharfſehende Richter bemerkte dieſen Mangel an Kenntniß des Neffen ſogleich ganz wohl. „Wü lang ſünd Sü ſchon auf Schamaica gewöſen?“ fragte er, als wünſche er eine Erklärung über etwas ihm räthſelhaft Verbliebenes. „Eine Nacht und einen Theil von zwei Tagen, im Ganzen ungefähr ſechszehn Stunden,“ erwiederte Her⸗ bert mit gewiſſenhafter Genauügkeit. „Boi moiner Söle!“ rief der Richter wieder aus. „Nur ſechszöhn Stunden! Wonderbar, daſch Sü nücht ün Uehres Onkels Hauſche ſünd? Sünd Sü dageweſen?“ „O ja,“ antwortete Herbert ſorglos. „Sü nwollen ſüch zu Willkommenberg aufhalten, nücht woahr, he?“ Herbert antwortete auf dieſe Frage gar nicht. „Sü ſchlüfen die lötzte Nacht da. Entſchuldigen Sü mür, jonger Mann, wögen dieſer Frage, aber alſch Magiſtratsperſon—“ „O, Sie können die Antwort gern hören, Ew. Ge⸗ ſtrengen,“ ſagte Herbert und legte einen ſatyriſchen 266 Nachdruck auf die eigenthümliche Titulatur,„ich ſchlief die letzte Nacht dort nicht?“ „Wo ſchlüfen Sü denn?“ „Im Walde,“ antwortete Herbert. „Moſeſch!“ rief der Jude aus und ſchob ver⸗ wundert ſeine Brille in die Höhe.„Uem Walde, ſa⸗ gen Sü?“ „Ja, im Walde,“ wiederholte der junge Mann, „unter einem Baume; auch ein vortreffliches Bett fand ich dort,“ fügte er ſcherzhaft hinzu. „Und wuſchte Uehr Onkel davon?“ „Ich glaube, mein Onkel wußte nichts davon und würde ſich wohl auch wenig darum gekümmert haben,“ erwiederte Herbert mit vollkommener Sorgloſigkeit über die gegebenen Antworten. Der bittere Ton, in welchem die letzten Worte nach⸗ drücklich geſprochen waren, entſchlüpften der ſcharfen Beobachtungsgabe Jeſſurons nicht. Es ſtieg in ihm ſofort der Verdacht auf, daß in der Verwandtſchaft zwiſchen dem jungen Manne und ſeinem Onkel wohl etwas nicht ganz richtig ſein müſſe, wozu ihm die Ant⸗ wort des erſteren, zuſammen mit der Kenntniß des Charakters und der Verhältniſſe des letzteren, den rich⸗ tigen Schlüſſel verlieh. Deshalb glänzte eine heimliche Freude in ſeinen eingeſunkenen Augen, als er die zu⸗ letzt gegebene Antwort hörte. Sofort unterbrach er die Befragung des Gefange⸗ nen, gab Ravener und dem Conſtabler einen Wink, näher heranzutreten, und war mit dieſen beiden würdi⸗ 267 gen Leuten alsdann bald in einem leiſen Geſpräch be⸗ griffen. Was unter dieſen Dreien vorging, vermochte weder der junge Engländer, noch irgend jemand Anderes der zufällig Gegenwärtigen zu ſagen. Das Ergebniß war indeß für Herbert eben ſo angenehm als unerwartet. Als Jeſſuron ſich nun wieder zu ihm wandte und ihn anredete, ſchien eine vollkommene Umänderung in ſeinem Benehmen ſtattgefunden zu haben, und an der Stelle des drohenden Richters ſah Herbert jetzt mehr einen freundſchaftlichen Beſchützer vor ſich, mild, ſanft lächelnd, ja faſt gehorſam. „Harr Vochan,“ ſagte er, ſtand von ſeinem Magi⸗ ſtratsſitze auf und reichte ſeine Hand dem Gefangenen, „Sü müſſen die grobe Behandlung, dü Sü von dem Volk erfahren hoben, entſchuldigen. Eſch iſcht froilich oin großes Verbrechen hür ßu Lande, einem flüchtigen Selaven ßu helfen, aber da Sü gerade örſt hier gelan⸗ det ſünd und man nücht wohl annöhmen kann, daſch Sü unſre Geſötze gloich kennen, ſo behandelt das Ge⸗ ſötz oine ſolche örſte Uebertretung ſöhr mülde. Uebri⸗ gens iſt in düſem Falle der Flüchtling, der oiner moi⸗ ner Selaven iſcht, nicht entwiſcht. Er iſcht in den Händen der Maronen und wird hür wohl bald wüder oingebracht werden. Die Strafe, die üch Uehnen auf⸗ erlöge, und üch muß auf Uehre genaue Vollſtreckung be⸗ ſtehen, iſcht, daſch Sü boi mür eſſen zu Mittag, und üch denke, daſch iſcht hünroichend beſtraft. Harr Ra⸗ vener,“ fügte er hinzu, rief ſeinen Aufſeher und zeigte zugleich auf Quaco,„nehmt den guten Burſchen mit —— 268 Euch und ſorgt für ühn. Nun, Harr Vochanl tröten Sü gefälligſt in moin Hauſch und erlauben Sü mür, Sü moiner Tochter Schudith vorßuſtellen.“ Sicher wäre es allem menſchlichen Weſen entgegen geweſen, hätte Herbert Vaughan ſich nicht ſehr über die glückliche Wendung befriedigt gefühlt, die dieſe unange⸗ nehme Angelegenheit für ihn genommen hatte. Dieſe Befriedigung wurde indeß durch die ihm vorgeſchlagene Vorſtellung vielleicht noch vergrößert, denn wohl kein Mann, wie kalt er auch ſonſt von Natur ſein mochte, hätte auf dieſe bezaubernden, ihn ſchon ſo lange vom Fenſter aus bewachenden Augen blicken können, ohne eine Bekanntſchaft mit deren Beſitzerin zu wünſchen. Dceer zornige Blick war bereits verſchwunden, ſchon lange vor dem Schluſſe der Unterſuchung, und als der junge Engländer, der Einladung ſeines frühern Unter⸗ ſuchungsrichters Folge leiſtend, über die Veranda zu ihr hinſchritt, erſchien ihr ſchönes Geſicht von dem ſüßeſten und theilnehmendſten Lächeln übergoſſen. Achtunddreißigſtes Kapitel. Ein unerwarteter Gönner. So hatte eine Kette von eigenthümlichen und un⸗ berechenbaren Zufällen Herbert Vaughan in die Juden koppel des Jacob Jeſſuron und damit zugleich zu einem höchſt unerwarteten Schluſſe ſeiner Mißgeſchicke geführt. Der Gefangene war der Gaſt des Richters gewor⸗ 269 den, nachdem er von ihm eigens dazu verurtheilt wor⸗ den, mit ihm zu Mittag zu eſſen. Auch fand Jener die Strafe keineswegs hart, wie ſein Wirth geäußert hatte. Im Gegentheil, der junge Engländer befand ſich vor einer viel beſſer beſetzten Tafel, als er vielleicht bisher je geweſen, einer Tafel, die faſt eben ſo reich war, als die, welche er in Willkommenberg gefunden haben würde, wäre es ihm geſtattet geweſen, dort zu ſpeiſen. Ein gutes Mittagseſſen war übrigens keine Selten⸗ heit auf dem Speiſetiſche des Jacob Jeſſuron. Obwohl dieſer Weſtindiſche Iſraelit geldgierig und geizig war, und auch ſein Aeußeres vernachläſſigte, ſo war er doch keineswegs einem guten, ja ſelbſt üppigen Leben abhold, und liebte deshalb, vielleicht mit weniger Schauſtellung, gut zu eſſen und zu trinken, ganz wie der Beſitzer von Willkommenberg. Auch verſchmähte er in ſeinem Hauſe den Schmuck durchaus nicht gänzlich. Seine Einrichtung war ſauber und bequem, ſeine Dienerſchaft zahlreich und wohl ge⸗ kleidet, in den letzten Jahren noch mehr, als früher, im Verhältniß, wie er an Reichthum und geſellſchaftlicher Stellung höher geſtiegen war.. Deshalb aß Herbert vortrefflich zu Mittag und war über die unerwartete, ihm von dem Juden erwieſene Gaſtfreundſchaft nicht wenig erfreut, um ſo mehr, wenn er ſie mit dem knickerigen Betragen ſeines eigenen On⸗ kels verglich. Er ſah es dabei für ſicher an, daß es nur ſeines Onkels Namen ſei, dem er die ihm erzeigten Ehren zu ———— ——— 270 verdanken habe— lediglich nachbarliche Rückſichten des Koppelhalters für den großen Zuckerpflanzer. „Sie ſind Freunde,“ dachte Herbert,„und dieſe Güte für mich iſt die Folge ihrer Freundſchaft.“ Dieſe Erwägung war ihm keineswegs angenehm. Er fühlte ſich in einer zweideutigen, unbequemen Lage, denn er genoß eine Gaſtfreundſchaft, die ihm ſelbſt eigent⸗ lich nicht zugedacht war, ſondern die ihm nur eines Mannes wegen erwieſen wurde, der ihn beleidigt hatte und den er, obwohl er ſein naher Verwandter war, nun doch als ſeinen Feind betrachten mußte. Wäre dieſer Gedanke ſchon früher bei ihm aufge⸗ ſtiegen, er würde wahrhaftig jede Einladung zum Mit⸗ tagseſſen ſofort abgelehnt haben, ſelbſt auf die Gefahr hin, anzuſtoßen. Aber die Einladung war ihm ſo un⸗ erwartet gekommen, daß er gar nicht an die eigenthüm⸗ liche Lage gedacht hatte, in die er ſich durch deren An⸗ nahme in Bezug auf ſeinen Onkel verſetzen würde. Jetzt wurde dieſer Gedanke lebendig in ihm und beunruhigte ihn ſehr. Sein Onkel würde unzweifelhaft davon hören und ihn dann beſchuldigen können, Vor⸗ theil aus ſeinem Namen gezogen zu haben. Dieſe Vor⸗ ſtellung erweckte bei Herbert ein höchſt unangenehmes und peinliches Gefühl. Vielleicht würde er ſich auch hierüber nicht gerade ſo ſehr gequält haben, hätte außer ſeinem Onkel nicht noch Jemand anders etwas von ſeiner jetzigen falſchen Lage erfahren. Aber dies mußte nothwendiger Weiſe eintreten. Sein kurzer und unruhiger Beſuch auf Will⸗ kommenberg hatte Herbert Vaughan dort mit einem — 5 2 271 Weſen bekannt gemacht, deſſen Erinnerung auf lange Zeit einen mächtigen Einfluß auf alle ſeine Gedanken ausüben ſollte, ſelbſt wenn auch eben ſo friſche Lippen und vielleicht eben ſo ſtrahlende Augen ihm jetzt freund⸗ lich entgegen lächelten. Ein zartes Erinnern an ſeine Couſine Käthchen be⸗ herrſchte ihn noch vollſtändig, ihre ſanfte, ſüße Stimme klang noch in ſeinem Ohre und die milde Gluth ihrer jungfräulichen Holdſeligkeit erfüllte ſein Herz. Dies drängte ihn, den früheren heldenmüthigen Charakter un⸗ geſchmälert zu bewahren, wäre es auch nur, um nicht in ihrer Achtung zu ſinken. Von ſolchen Erwägungen geleitet, beſchloß er, die Maske, welche ihm die Umſtände für den Augenblick verliehen hatten, abzulegen und das wahre Verhältniß, in welchem er zu ſeinem ſtolzen Verwandten ſtand, aus⸗ einander zu ſetzen. Aber erſt nach dem Schluſſe des Mittagseſſens, nachdem die Tochter ſeines Wirthes ſich freundlich von der Mittagstafel entfernt hatte, vermochte der junge Engländer ſich auszuſprechen. Dann freilich, vielleicht auch ein wenig von dem genoſſenen Wein erregt, legte er ein vollſtändiges Geſtändniß des unangenehmen, zwi⸗ ſchen ihm und dem Herrn von Willkommenberg beſtehen⸗ den Verhältniſſes ab. War es etwa der ihm höchſt freigebig dargebotene Wein, der ihn verhinderte, das Mißvergnügen, welches dieſe Mittheilung bei ſeinem Zu⸗ hörer hervorbringen mußte, zu bemerken? Herbert ver⸗ mochte kein ſolches zu entdecken. Hätte aber der junge Mann auch wirklich genau 272 und richtig beobachtet, er hätte immer nur eine ganz entgegengeſetzte Wirkung wahrnehmen müſſen. Hinter der grünen Brille hätte er alsdann bei der ihm gemach⸗ ten Enthüllung die tiefdunkeln jüdiſchen Augen von einer hölliſchen Freude erglühen ſehen können. Obwohl Herbert ſo etwas nun keineswegs bemerkte, ſo mußte er ſich doch ſelbſt ſagen, daß ſein Geſtändniß ihm in den Augen ſeines Gaſtgebers nicht gerade gro⸗ ßen Schaden gethan habe. Der Jude war durchaus nicht weniger höflich als zuvor, ſondern nur noch ver⸗ ſchwenderiſcher mit den Beweiſen ſeiner Gaſtfreundſchaft. In der That, bevor noch eine andere Stunde verfloß, ſollte der heimathloſe Abenteurer erkennen, daß er in ſeinem Wirthe, in demſelben Richter, der noch kurz zu⸗ vor die Unterſuchung gegen ihn wegen eines ſchweren Vergehens geführt hatte, nur einen mitfühlenden Freund gefunden habe, auf alle Fälle mindeſtens einen Gönner und Beſchützer. Der junge Engländer mußte hiervon durch die nach⸗ folgende Unterhaltung und die daraus hervorgehenden Folgen überzeugt werden. „Daſch thut mür würklich ſöhr loid, jonger Harr Vochan,“ ſagte der Jude, nachdem Herbert ſeine Eröff⸗ nungen beendet hatte,„auſcherordentlich loid, muß üch ſogen, ßu hören, daß Sü und Uehr Onkel ſüch nücht gut müt oinander ſtöhen. Aberſcht wür müſſen daſch Beſchte hoffen, und da üch dü Oehre habe, oiner von Harrn Vochans Freunden ßu ſoin, ſo mag ös mür vülloicht möglich wörden, Uehren kloinen Stroit boißu⸗ lögen. Wollen Sü nücht nach Wüllkommenbarg ßurück⸗ kehren?“ „Niemals! Nach dem, was vorgefallen iſt, nie⸗ mals!“. „Aberſcht Sü müſſen nücht ßu rachſüchtig ſoin. Harr Vochan üß oin ſtolzer Mahn, und üch muſch ſelbſt ſogen, ör hot gehahndelt ſchlöcht, ſöhr ſchlöcht; ober ör üß doch ümmer Uehr Onkel.“ 4 „Er hat nicht als ein ſolcher gehandelt.“ „Daſch üß woahr, ſöhr woahr. Dör foine Harr von döm Sü geſprochen, daſch iß koin Gruhnd, worum Harr Vochan behahndelt ſoinen oigenen Neffen ſo lum⸗ — pi. Jo, ös thut mür würklich loid, außerordentlich loid. Aberſcht, Harr Hörbert,“ fuhr der Jude mit augenſcheinlichem Intereſſe fort, ſeinen Gaſt zu befra⸗ gen,„waſch böabſüchtigen Sü nun ßu thun? Uech hoffe, Sü hoben Geld genuhg?“ „Leider habe ich gar nichts, Herr Jeſſuron, nicht das Geringſte.“ „Gar koin Geld?“ „Nicht einen Heller,“ beſtätigte Herbert mit ſorg⸗ loſem Lächeln. „Daſch iſcht ſc=hfümm. Wo wollen Sü dönn hün⸗ göhen, da Sü ſogen, Sü wollen nücht göhen hün, nach Wüllkommenbarg?“ „Ja,“ ſagte Herbert, der ſein ſpaßhaftes Ausſehen bemerkte,„ich wollte nach dem Hafen zurückkehren, als Ihr würdiger Aufſeher und ſein Freund mich auffiſch⸗ ten; glücklicher Weiſe, möchte ich wohl ſagen, denn ohne ihre Dazwiſchenkunft wäre ich heute gewiß ganz ohne Der Marone. I. 18 5 274 Mittagseſſen geblieben, jedenfalls aber hätte ich nicht o prächtig geſpeiſt.“— „Oin lumpiges Eſſen, Harr Vochan, oin jämmer⸗ liches Mittogseſſen, vörglüchen müt döm, waſch Uehr Onkel Uehnen hätte vorſetzen können. Uech bün nur oin armer nüdriger Mahn gögen dön Kuſchtos, aber waſch üch habe, üſt jöder Zoit ün Uehren Dünſten.“ „Danke!“ ſagte Herbert;„ich weiß wirklich gar nicht, wie ich Ihnen jemals Ihre Gaſtfreundlichkeit ver⸗ aelten ſoll. Auch darf ich Sie nicht länger in Anſpruch nehmen, denn ich ſehe es deutlich an der Sonne, es iſt Zeit, daß ich nach der Bay aufbreche.“ Als Herbert ſo geſprochen hatte, wollte er aufſtehen, um Abſchied zu nehmen. „Halt, Halt!“ rief ſein Wirth und drückte ihn wie⸗ der in ſeinen Stuhl zurück;„nücht heute Nacht, Harr Vochan, nücht düſe Nacht. Froilich kann üch Uehnen verſprechen koin ſo ſchönes Bett alſch Sü vülloicht ßu Wüllkommenbarg haben möchten, aber oin beſſeres hoffe üch Uehnen doch göben ßu können, alſch worauf Sü ge⸗ ſchlofen ün dör lötzten Nacht, ha, ha, ha! Sü müſſen düſe Nacht durchaus boi uhns bloiben und Schudith macht uhns ötwas Muſik. Sogen Sü nur koin Wort, üch nöhme gar koinen Abſchlag ahn.“ Das Anerbieten war verlockend und nach einigem weiteren Drängen willigte Herbert ein. Theilweiſe wurde er hierzu wohl durch die trübſelige Ausſicht auf eine armſelige Wohnung in der Bay bewogen, theil⸗ weiſe vielleicht auch ein wenig durch das Verlangen, die verſprochene Muſik zu hören. Die Unterhaltung ward dadurch fortgeführt, daß ſein Wirth einige weitere Fragen ſtellte. In welcher Art Herbert ſich in der Bay zu beſchäftigen denke? Welche Ausſicht er zu einer Anſtellung habe, und in welchem Fache? „Ich fürchte faſt, in keinem einzigen Fache,“ erwie⸗ derte der junge Mann, beide Fragen zugleich in einem Tone ſarkaſtiſcher Verzweiflung beantwortend. „Hoben Sü nücht ürgend oinen Beruf oder ein Gewerbe?“ „Leider nicht,“ verſetzte Herbert.„Wohl war mei⸗ nes Vaters Abſicht, ich ſolle etwas ergreifen, aber er ſtarb, bevor meine Erziehung noch vollendet war, und auf der hohen Schule hat man mich, wie dies nur zu oft der Fall iſt, wenig mehr als einige todte Sprachen gelehrt.“. „Nüchts Nützliches? gar nüchts Nützliches?“ wieder⸗ holte der erfahrene Iſraelit. „Ich kann eine Landſchaft zeichnen,“ fuhr der junge Mann beſcheiden fort,„oder ein erträgliches Portrait malen; mein Vater ſelbſt lehrte mich dieſe Fertig⸗ keiten.“ „Ah, Harr Vochan! Boides üſt von gor koinem Nutzen hür auf Schamaica. Wenn Sü oin Haus aus⸗ molen oder oinen Wagen anpünſeln könnten, das würde Uehnen möhr Gald oinbringen, alſch wönn Sü jödes Geſücht auf der ganzen Uenſel molen. Waſch ſogen Sü aber ßu oiner Stölle als Buchhalter?“ „Unglücklicher Weiſe weiß ich von Rechnungen gar nichts. Die höchſt nützliche Kenntniß des Buchführens, 18* 276 leider nicht gelehrt.“ „Ha, ha, ha!“ erwiederte Jeſſuron mit ermuntern⸗ dem Gelächter.„Sü ſünd wahrhaftig, was wür auf Schamaica„grün“ nönnen, Harr Vochan. Sü müſſen wüſſen, daß oin Buchhalter hür koine Bücher ßu halten hat, wöder Tagebücher noch Hauptbücher. Oer ſetzt nücht oinmal oine Föder auf döm Papür!“ „Wie iſt das, Herr Jeſſuron? Ich habe ſchon ſo etwas gehört, tonnte aber nicht begreifen, was damit gemeint ſei.“ „Dann muß üch Uehnen düs erklären, Harr Vochan. Hür üß oin Geſötz, das zwüngt alle Selavenböfüber, auf jö funfzig Schwarze oinen woißen Mann auf ührem Gute ßu halten. Oin ſöhr duhmes Geſötz üſt es, aber es üſt Geſötz. Düſe woißen Ueberzöhligen wörden Buchhalter genannt, obgloich, wü üch Uehnen geſagt habe, ſü gar koine Bücher führen. Verſtöhen Sü nun die Bedoitung?“ „Was für Geſchäfte haben ſie dann zu thun?⸗ „Oh, das hängt Ahlles von Umſtänden ab. Oinige ſöhen nach dönen Sclaven, oinige thun düs und andere das. Nun hören Sü wohl, Harr Vochan! üch habe ſölbſt oinen Buchhalter nöthig; ich habe ſchuſt oinen Haufen Schwarzer gekauft und üch darf das Geſötz nücht übertröten. Uech göbe gewöhnlich moinen Buchhaltern funfzig Pundſch jöhrlich, aber wenn Sü ſolch oine Stöllung annöhmen wollten, ſo würde üch dön Gehalt, ün Rückſicht auf Uehren Onkel, auf hondert Pundſch jöhrlich erhöhen. Waſch ſogen Sü daßu, Harr Vochan?“ ſowohl des einfachen, wie des doppelten, hat man mir 1 277 Der gänzlich unerwartete Vorſchlag machte den jun⸗ gen Engländer zögernd und nachdenkend. Freilich nicht lange. Seine verlaſſene, hilf⸗ und heimathloſe Lage ſtellte ſich ſeinem Geiſte zu offenſichtlich dringend dar, um ihn lange in Zweifel zu laſſen, welche Antwort er geben ſolle. Hundert Pfund jährlich war ſicherlich mehr, als er ſonſt irgendwo bekommen konnte, weit mehr, als er er⸗ wartet hatte. Und dafür ſchienen keine ſehr ſchwierigen Pflichten zu übernehmen zu ſein. Freilich wußte er gar nichts von dem Mannoe, der ihn anſtellen wollte. Auch hatte er ganz wohl ſein jüdiſches und etwas abſchrecken⸗ des Geſicht bemerkt, doch nach der bereits erfahrenen freundlichen Behandlung des Mannes konnte er nichts Uebles von ihm erwarten. Was kam es übrigens darauf an, wer ſein Herr war, ob ein Jude oder ein Chriſt? Er war ja durch⸗ aus nicht in der Lage, es ſo genau damit zu nehmen, weſſen Brod er eſſe. Dieſe Gründe und Erwägungen drängten ſich mit größter Schnelligkeit ſeinem Geiſte auf und trieben ihn zur Annahme des ihm von ſeinem Wirthe gemachten Vorſchlages. Noch eine andere Erwägung trieb ihn ebenfalls, und obwohl ſie ſo höchſt unbeſtimmt und ſchwankend war, daß er ſich ſelbſt ihrer wohl kaum ganz bewußt ward, ſo war dieſe doch ein triftigerer Grund ſeines Bleibens, als alles Andere, denn dieſer allein würde ihn zu einer bejahenden Antwort beſtimmt haben. Nach einigen weiteren Hin⸗ und Herreden über die 278 geſtellten Bedingungen, die Herbert für nur zu günſtig hielt, nahm er die ihm angebotene Stellung an, und von dieſem Augenblicke an wurde das„glückliche Thal“ ſeine neue Heimath. Neununddreißigſtes Kapitel. Ein Ränke ſchmiedender Vater. Jacob Jeſſuron war gewiß niemals freigebig gewe⸗ ſen, ohne dafür alsbald einen Lohn zu erwarten. Wohl niemals in ſeinem Leben hatte er ein Vögelchen fliegen laſſen, ohne die Erwartung, dafür eine gebratene Gans wieder einzufangen.— Welchen Gegenſtand hatte er aber nun in⸗Ausſicht, da er der Gönner und Beſchützer des jungen Englän⸗ ders geworden war, eines flüchtigen Abenteurers, der offenbar nicht die geringſte Wiedervergeltung leiſten konnte? Warum ſolche freigebige, freiwillige und offen⸗ bar unverdiente Bedingungen? Denn in Wahrheit, Herbert war doch gewiß kein geeignetes Holz, um einen Sclaventreiber daraus ſchnitzen zu können, eine Bezeich⸗ nung, die ziemlich gleichbedeutend mit der eines Buch⸗ halters war. Unbezweifelt hatte der Jude einen tief angelegten Plan, aber ſowohl hierin, wie auch in anderen Dingen behielt er ſeine Gedanken für ſich. Selbſt ſeine„koſt⸗ bare Schudith“ war diesmal nur halb in ſeine Abſich⸗ ten eingeweiht, obwohl eine zwiſchen Vater und Tochter ₰ —— 4 ———— 279 ſtattgefundene Unterredung der Letzteren einige Halte⸗ punkte gegeben hatte, dieſelben muthmaßen zu können. Dieſe Unterredung fand am Morgen nach Herbert's Ankunft auf dem Judenhofe ſtatt und bezog ſich haupt⸗ ſächlich auf die Behandlung, die der neue Buchhalter von den Bewohnern des„glücklichen Thales“, doch ganz beſonders von Judith ſelbſt genießen ſollte. „Erwoiſe döm jungen Manne jöde Gefälligkoit, lübe Schudith! Güb Dür alle Mühe, ühm ßu gefallen.“ „Warum denn nun gerade ihm, mein werther Vater?“ „Stüll, Schudith, ſprüch loiſe, um Gottes Wüllen. Laß ühn Düch nücht ſo ſprechen hören. Uech hobe oinen Gruhnd, gögen ühn freundlich ßu ſoin.“ „Warum? Weil er der Neffe des ſaubern Cuſtos iſt? Iſt das Dein Grund, Rabbi?“ „Sprüch doch loiſe! Er üß in ſoinem Schlofzüm⸗ mer und kann uns hören. Oin oinziges Wort, wü daſch von Dür geſagte, kann alle moine Pläne ver⸗ nüchten.“ 1 „Wohl, Vater, ich will ganz leiſe ſprechen, wenn Du es wünſchſt. Doch was ſind Deine Pläne? Willſt Du ſie mir nicht mittheilen?“ „Jo, daſch wüll üch ſchon, aber nücht grode jetſcht. Uech hobe oinen Gedanken, moine Dochter, oinen großen Gedanken, würklich. Und wönn Ahlles göht recht, Du, Schudith, würſt dann doch ſoin dü roichſte Frau auf Schamaica!“ „O, dagegen hätte ich gar nichts, die reichſte Frau auf Jamaica zu ſein mit einem Fürſten als Bedienten! ———ÿ,⁰,, 280 Wer würde da nicht Judith Jeſſuron beneiden, des Sclavenhändlers Tochter?“ „Halt, hierüber grode nur oin Wort, lübe Schu⸗ dith. Uen ſoiner Gögenwart müſſen wür ſo wönig als möglich von Selaven reden. Oer muß auch koin Poit⸗ ſchen ſehen, als büs ör ſchon daran gewöhnt iſcht. Ra⸗ vener muß ſüch mäßigen. Uech könne möhr alſch oinen jongen Engländer, dör ſoinen Platz grode döshalb ver⸗ laſſen hat. Oer braucht gar nücht unter dü Sclaven ßu kommen. Dafür wüll üch ſorgen. Aber, lübe Schudith, Ahlles hängt von Dür ab und üch woiß, Du kannſcht, wönn Du nur wüllſcht.“ „Was können, lieber Vater?“ „Mache düſen jongen Mann genoigt, boi uns ßu bloiben.“ Der dieſe Worte begleitende ſchlaue Blick verrieth einen ganz andern Sinn, als den ſie buchſtäblich ent⸗ hielten. „Wohl,“ erwiederte Judith und ſchien ſie nur buch⸗ ſtäblich zu nehmen,„ich denke, das wird keine großen Schwierigkeiten machen. Wenn er wirklich ſo arm iſt, wie Du geſagt haſt, ſo wird er mit ſeiner jetzigen Stel⸗ lung wohl zufrieden ſein und wird ſich dieſelbe zu er⸗ halten ſuchen.“ „Daſch iſcht mür noch nücht ſo ganz gewüß. Oer iſcht oin jonger Mahn von ſtolzem Goiſt. Daſch hot ör dadurch bewüſen, daſch er ſoinen Onkel verließ, ohne oinen Heller in dör Taſche, und dön Kuſchtos ſoin Geld verſchmähte. Boi moiner Söle! Waſch oin närriſcher Kerl daſch iſcht! Oer muß behandelt wörden, Schu⸗ 281 dith, ör muß behandelt wörden, und Du büſt görade dü röchte, daſch ßu thun!“ „Wie, Vater, wenn man Dich hört, ſo könnte man glauben, dieſer arme, junge Engländer wäre eine reiche Zuckerpflanzung, die für einen großen Gewinn erhandelt werden müßte—“ „ Ha, ha!“ rief der Andere, ſie unterbrechend,„die⸗ ſches könnte ja auch ſoin, daſch ör würklich oine roiche Suckerpflanzung iſcht. Wür wörden ſöhn, wür wör⸗ den ſöhn.“ „Nun, wenn es der große Gaſt von Willkommen⸗ berg wäre,“ fuhr Judith, ohne die Uuterbrechung zu beachten, fort,„oder wenn es der Herr von Schloß Montagu geweſen wäre, den ich behandeln ſollte,“ und hierbei lächelte die Jüdin bedeutungsvoll,„dann hätte ich Dich vielleicht ſchon etwas beſſer verſtanden.“ „Ach, daßu üſt ja gor koine Auſchſücht da, nücht dü gerüngſchte Auſchſücht, Schudith.“ „Keine Ausſicht, wozu?“ fragte die ſchöne Jüdin plötzlich. „Koine Auſchſücht, daſch hoißt—* „Komm, werther Rabbi, ſprich Dich aus! Du brauchſt nicht bange zu ſein, mir zu ſagen, was Du denkſt, denn ich weiß es bereits.“ „Waſch dachte üch dönn, Schudith? Der Vater that dieſe Frage mehr in der Abſicht, einer weiteren Auseinanderſetzung zu entgehen, aber die Tochter antwortete auf der Stelle. „Du dachteſt und denkſt auch noch, daß ich, Deine DTochter, das Kind eines alten Negerhändlers, keine Montagu Smithje. Nicht wahr, das denkſt Du, Jacob Jeſſuron?“ Ausſicht auf den Neuangekommenen hätte, dieſen Herrn „Jo, Schudith, jo! Du woißt, ör üſt der Gaſcht des Kuſchtos, und der Kuſchtos, wü üch habe Grund ßu glauben, hat oin Auge auf ühn für ſoine Toch⸗ ter. Fröle Vochan würd für oine Schönhoit gehalten, und ös würde uns von koinem Nutzen ſoin, ühn ßu gewünnen.“ „Sie eine Schönheit!“ rief die Jüden aus, indem ſie ſtols den Kopf in die Höhe warf und ihre ſchöne Naſe leicht rümpfte.„Sie war nicht die Schönſte auf dem letzten Balle in der Bay, ſie nicht, gewiß nicht; und was nun noch das Gewinnen anbelangt, ſo iſt die Tochter eines Sclavenhändlers mindeſtens eben ſo gut, wie die Tochter einer Sclavin,— die ſogar ſelbſt eine Sclavin iſt, wie ich Dich habe ſagen hören.“ „Stüll, Schudith! nüchts möhr davon, nücht oin loiſes Wort, daſch dör jonge Mahn hören könnte, denn Du woißt ja, ör üſt ühr Vetter! Stüll!“ 8 „Mir iſt's gleich, ob er ihr Bruder iſt,“ verſetzte die Jüdin mit einem Tone trotzigen und verachtungs⸗ vollen Unwillens, denn Käthchen Vaughan's Schönheit war Judith Jeſſurons Hauptfeind,„ich würde ihn ſchlechter behandeln, als ich jetzt thun will. Glücklicher Weiſe für ihn iſt er nur ihr Vetter, und er mit ihnen allen im Streite, ſo vermuthe ich;— hat er irgend etwas von ihr geſagt?“ „Von ſoiner Couſüne Käthchen, moinſt Du?“ „Wen ſollte ich ſonſt meinen?“ fragte die Tochter * 283 barſch.„Es giebt ja kein anderes weibliches Weſen zu Willkommenberg, von dem der junge Engländer etwa reden könnte. Aber Du haſt noch immer das kupfer⸗ farbige Mädchen im Kopfe. Natürlich meine ich Käth⸗ chhen Vaughan. Was ſagt er von ihr? Er muß ſie geſehen haben, wenn ſein Beſuch auch noch ſo kurz ge⸗ weſen. Deshalb haſt Du letzte Nacht gewiß mit ihm über ſie geſprochen, denn Du haſt lange genug mit ihm aufgeſeſſen, um allen möglichen Schandkram auf der ganzen Inſel zu beſprechen. Nun wohl, was ſagt er von ihr?“ Bei all' dieſem Geſchwätz ſchien die Jüdin doch nicht die urſprüngliche Frage außer Acht gelaſſen zu haben, und deren oftmalige Wiederholung war lediglich darauf berechnet, das große Intereſſe zu verbergen, mit dem ſie die Antwort erwartete. Verriethen ihre Worte auch nicht dies Intereſſe, ihre Blicke thaten dies gewiß, denn wie ſie ſich vorwärts beugte, um genauer zu hören, hätte ein geübter Beobachter in ihren Augen ganz ſicher die Art ihrer Beunruhigung entdecken können, die von einem Herzen ſtammt, wo die Leidenſchaft der Liebe gerade im Beginne zu erwachſen,— knospend, aber noch nicht in voller Blüthe. „Jo, Schudith, jo,“ gab der Sklavenhändler zu, ſo von ſeinem eigenen Kinde verſpottet,„dör jonge Mann ſprach froilich von ſoiner Coſüne Käthchen, denn üch wünſchte ßu wüſſen, waſch wohl ſoine Moinung von ühr ſoi und frogte ühn. Uech hoffte ſöhr, ör hätte mit ühr auch gezankt, aberſcht noin, ör hat düſes nücht gethon.“ — m—‧‧— 3 284 „Und was machte Dir das aus?“ vül!“— „Du biſt ein ſonderbarer, geheimnißvoller alter Mann, Vater Jacob, und obwohl ich Dich nun ſchon beinahe zwanzig Jahre ſtudire, ſo verſtehe ich Dich jetzt doch nicht halb. Aber was ſagte er von der Käthchen Vaughan? Er ſah ſie doch?“ „Jo, ör hatte oine Suſammenkunft mit ſoiner Cou⸗ füne. Oer ſogt auch, ſü wor ſöhr froindlich gögen ühm. Oer üſt nücht böſe auf ſü, durchaus gor nücht.“ Dieſe Nachricht ſchien gerade keinen angenehmen Ein⸗ druck auf die Jüdin zu machen, welche die Augen auf den Boden niederſchlug und einige Augenblicke in ge⸗ dankenvoller Haltung blieb.— „Vater,“ ſagte ſie mit einem halb ernſten, halb ſcherzhaften Tone,„der junge Mann hat ein Stück blaues Band im Knopfloche. Du haſt es gewiß auch bemerkt. Ich bin neugierig zu wiſſen, was das bedeu⸗ tet. Iſt es ein Orden oder was ſonſt? Erzählte er's Dir nicht?“ „Noin. Uech bemörkte ös wohl, doch da ör nüchts darüber ſogte, ſo hob üch ühn nücht gefrogt. Oes üſt koin Orden, nüchts der Art. Soin Vater war nur oin armer Künſtler.“ „Ich möchte doch wohl wiſſen, wo er das Band her hat?“ ſagte Judith mit leiſem Tone, halb mit ſich ſelbſt redend. „Du kannſt ühn ſölbſt frogen, Schudith. Da üſt nüchts daboi.“ „Vül, ſöhr vül, Tochter Schudith! würklich ſöhr 4 8 3 1 — 285 „Nein, nicht ich,“ antwortete Judith und wechſelte die Farbe, als ſchäme ſie ſich, ſich neugierig und ſchwach gezeigt zu habeu.„Was kümmere ich mich auch um ihn oder um ſein Band!“ „Daſch macht nüchts, Schudith, daſch macht gor nüchts, wenn Du nur machen kannſcht, daſch ör ſüch um Düch bekümmert.“ „Daß er ſich um mich bekümmert! Was, Vater, willſt Du, daß er ſich in mich verliebt?“ „Schuſt daſch,— ſchuſt ſo.“ „Warum denn das, ſag'?“ 3 „Frog jötzt nücht. Uech habe oin Vorhaben und Du ſollſt ös ßur röchten“ üſſen, Schudith. Mach ühn nur ün Düch z über dü Ohren wo⸗ möglich.“ Der RN⸗ empfangenden nicht gerade zu mie„een Blicken war, als ſie ihn ver⸗ 1. Mißvergnügen zu bemerken. c,“ fragte ſie, nach einer Pauſe des Nach⸗ und beim Sprechen lächelnd,„wie, wenn, um einzufangen, ich ſelbſt in die Falle geriethe? Sagt man nicht, daß die Tarantel oft in ihrer eigenen Falle gefangen wird?“ „Wönn's Dür gelüngt, oinßufangen dü Flüge, moine kloine Spünne Du, ſo hat daſch nüchts ßu bö⸗ deuten. Dann üſt ös um ſo böſſer. Aberſcht örſt oin⸗ fangen Doine Flüge. Güb Doin Hörz jo nücht früher fort, alſch büs Du hoſt ſoins gewüß, und dann thu, wü Du Luſt hoſt. Doch nun ſoi ſtüll, üch höre ühn kommen aus ſoiner Kammer. Uech muß hün und ühn brüngen ßu ſoinem Frühſtück. Nun, Schudith, erwois ühm alle Achtung und zoig ühm auch doin beſtes, freundlüchſtes Lächeln.“ 1 So mit dieſer väterlichen Einſchärfung das Geſpräch beendend, ſchritt Jacob Jeſſuron davon, um ſeinen Gaſt in die große Halle zu führen. „O, Du würdiger Vater!“ ſagte Judith, während ſie ihm mit einem ganz beſondern Lächeln nachblickte, „diesmal noch ſollſt Du mich als gehorſame Tochter finden, wenn auch nicht Deinetwegen oder Deiner Ab⸗ ſichten wegen, was ſie auch immer ſein mögen. Halb kann ich ſie mir ſchon denken. Nein, ihretwegen, und des großen damit verbundenen Glückes wegen, wofür es abgeſehen wird, gewiß nicht. Es giebt doch noch etwas Größeres: das Spiel mit einer gefährlichen Lei⸗ denſchaft; und gerade der Gefahr wegen will ich damit ſpielen. Ja— er kommt! Wie ſtolz ſein Schritt! Er ſieht wie der Herr aus, und Ou, alter Iſraelite, wie ſein Aufſeher— ha! hal hal“ „Ach!“ rief ſie aus, hemmte plötzlich ihr Lachen und verwandelte ihr Lächeln in einen Drohblick;„das Band! er trägt es noch! Was kann es nur bedeuten? Doch jetzt iſt keine Zeit dazu. Lange darf es aber nicht dauern, bis ich dies ſeidene Geheimniß entwirre, ſelbſt wenn das Herz dabei zerriſſen werden ſollte!“ 1 8 4 1 ſſninſ feſſenftſffif ſſniſſſſf 7 8 9 10 11 12 13 14 1 8 19 ſiſſſn 5 1 47 1 6 1 2.