„hier engliſcher und franzöſiſcher Sduard Ottmann in Gießen, ſf Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und Ceſebedingungen. dis der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ mne und Rückgabe der Bücher jeden Tig von Morgens bends 8 Uhr offen. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 2. Lesepl bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 22 St n⸗ jedem Tag 5 den angenommen. 3.(aution, Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgeg nahme eines Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprchende e Ainterlegei⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſt tret 4 Abonne beträgt: für acenu ſ n Daſſelbe muß voraus bezahl! werden un . 2 Bücher: 4 Bücher: öc 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Hunenfen haben für Hin⸗ und Zurückſen aeneh Koſten und Gefahr felbe Für beſchmutzte e entlich bei ſolchen werd. n.— Iſt das Buch ein Theil eines g26 9 tz des Ganzen verpſlichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſen erkſam gemacht, daß das W refenden darf, indem Dieſentgen 7 3 en, auch dafür zu ſtehen 1 5. 3 715 der Bücher 36. chch der 4 nicht ſelhen von mir Die wilde Jägerin. —— Roman von Capitain Mayne⸗Reid, Verf. von„Der weiße Häuptling“,„Am Lagerfeuer“,„Oceolg“ ac. ꝛc. —=— 4 — Deutſch 4 *— von 5 W. E. Drugulin. VDierter Band. Leipzig, 1861. Verlag von Chr. E. Kollmann. 8 8 I. Rapitel. Der Todtengeſang. A Illuthlos und niedergeſchlagen ſank ich zwiſchen die Felsblöcke und bedeckte mein Geſicht mit den Händen. Ich war in meine düſteren Gedanken ſo vertieft, daß ich die Weiber der Utha's nicht das Thal hinunter ziehen ſah. Sie näherten ſich nicht dem Granitkegel, noch hielten ſie in der Nähe deſſelben, ſondern ritten weiter nach dem Schlachtfelde. Ich dachte im Augenblicke nicht mehr an ſie und wurde erſt durch die Todtenklage, die das Thal entlang zu mir drang, an ihre Nähe gemahnt. Bald erhoben ſich die Töne in vollem kläglichem Chore, welchen nur hin und wieder ein Schrei unter⸗ Die wilde Jägerin. IV. 1 2 brach, der die Entdeckung eines Verwandten unter den Todten verkündete, ſei es ein Vater, Bruder, Mann, oder der noch bitterere Verluſt eines angebeteten Lieb⸗ habers den die Speere der Arapaho's getödtet hatten. Befand ſich Ma⸗ra⸗nee unter der Zahl der kla⸗ genden Weiber? Der Gedanke riß mich aus meiner Träumerei. Ein Strahl der Hoffnung leuchtete plötzlich in mir auf. Die wilde Jägerin hatte denſelben heraufbeſchworen, auf ſie gründete ich neue Hoffnung. Ich mußte ſie ſehen, ich mußte ohne Zeitverluſt mit ihr ſprechen. Hatte ſie die Weiber des Stammes begleitet, be⸗ fand ſie ſich auch auf dem Schlachtfelde?— Ich ſtand auf und ging zu meinem Pferde. Ich ſah Wingrove auf mich zukommen. Auf ſeiner Stirne ruhte die frühere Wolke. Ich durfte mich dem frohen Bewußtſein überlaſſen, dieſelbe augenblicklich und auf ewig verſcheuchen zu können. Der glückliche Menſch! Er ließ ſich nicht träumen, daß ich ſein Glück in meiner Hand hatte und ſein Herz durch ein Wort von einer Laſt befreien konnte, die ſeit ſechs Monaten ſchwer auf demſelben ruhte.. Ja— eine angenehme Pflicht lag mir ob. Wenn auch mein eignes Herz blutete, konnte ich die Wunde des ſeinigen— des ihrigen, beider, mit einem Worte heilen. Thue ich es jetzt, oder nicht? 3 Ich zauderte, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum. Viel⸗ leicht, weil ich hoffte, doppeltes Entzücken zu genießen, indem ich beiden zugleich die frohe Entdeckung machte. Für beide hatte ich eine frohe Ueberraſchung in Bereit⸗ ſchaft. Ohne Zweifel mußten beide in das über⸗ ſchwänglichſte Entzücken gerathen. Sollte ich ſie einander zuführen und es ihnen über⸗ laſſen, ſich gegen einander auszuſprechen? Das war die Frage, die mir vorſchwebte und mich unſchlüſſig machte. Nein. Ich konnte kein ſolches Spiel mit den Herzen derjenigen, die ich liebte, treiben. Ich konnte das ſüße Glück, das ſo nahe lag, nicht länger hinausſchieben. Ich muß ſie mit ihrem Glücke ungeſäumt überraſchen. Aber es konnten nicht beide im ſelben Augenblicke glücklich gemacht werden. Der eine oder andere mußte die frohe Botſchaft zuerſt erfahren. Ich muß ſie jedem allein überbringen, wem ſollte ich den Vorzug geben? Ich beſchloß der Vorſchrift der Höflichkeit zu folgen, welche dem ſanfteren Geſchlechte den Vorzug geſtattet. Wingrove muß warten. Nur mit Mühe konnte ich an mich halten und ihm die Nähe ſeines Glückes verſchweigen. Die Art und Weiſe aber, wie er auf mich zukam, bekräftigte mich in meinem Vorſatze. Offenbar hatte er mir irgend etwas in Bezug auf unſere Bewegungen mitzutheilen. Bisher hatten wir wenig Zeit gehabt, von der Zukunft zu ſprechen, oder darüber nachzudenken. 1* 4 „Ich habe Euch etwas zu ſagen, Capitain,“ ſagte er, näher tretend, in ernſtem Tone,„es iſt aber vielleicht beſſer, wenn Ihr es wißt, ehe wir weiter gehen. Das Mädchen hat mir einige Einzelnheiten über die Cara⸗ vane mitgetheilt, die ich Euch noch nicht erzählt habe.“ „Welches Mädchen?“ „Die Chicaſſaw⸗Indianerin Su⸗wa⸗nee.“ „Es iſt ja wahr. Nun, was ſagt ſie? Ich darf mich wohl auf etwas Angenehmes vorbereiten, da die Nachricht von ihr kommt.“ Ich bediente mich der ironiſchen Form in meiner Frage nicht aus übermüthiger Laune, weit entfernt davon. „Ja, Capitain,“ fuhr mein Kamerad fort,„es ſind freilich unangenehme Nachrichten, die der rothe Satan gebracht hat, ich weiß aber nicht, was Wahres daran ſein wird, denn ich habe ſie in dieſer Angelegenheit bei mehr, als einer Lüge ertappt. Sie iſt indeſſen bei der Caravane geweſen.“ „Worüber?“ fragte ich. „Nun, Su⸗wa⸗nee ſagt, daß ſich die Caravane in zwei Theile getrennt hat.“ „Jal“. „Der eine Theil iſt mit den Dragonern ſüdwärts gezogen nach Santa Fe, der andere Theil, der haupt⸗ ſächlich aus Mormonen beſteht, hat ſich auf einem anderen Wege nördlich gewendet und die Richtung nach ihrer neuen Niederlaſſung am Salzſee eingeſchlagen.“ „Das iſt nichts beſonders Neues, denn wir waren bereits darauf gefaßt.“ 2 „Es kommt noch ſchlimmer, Capitain.“ „Schlimmer! Was iſt es denn, Wingrove?“ Ich richtete die Frage mit erwachender Sorge an ihn.— „Holt iſt mit den Mormonen gegangen.“ „Auch darauf war ich vorbereitet. Es wundert mich nicht im geringſten.“ „Ach, Capitain!“ fuhr der Hinterwäldler ſeufzend fort, während ſich die tiefſte Trauer in ſeinen Zügen malte,„es kommen noch ſchlimmere Nachrichten!“ „Ha!“ rief ich unwillkürlich aus und gedachte ihrer. 5„Sind es Nachrichten von ihr? Schnelll ſagt ſie mir! Iſt ihr etwas zugeſtoßen?“ „Das Schlimmſte, was ihr geſchehen konnte— ſie iſt todt!“ Ich ſchrak zuſammen, als ob mich eine Kugel in's Herz getroffen hätte und die krankhaften Schläge des⸗ ſelben verhinderten mich am Reden. Ich war keines Wortes mächtig, mein Athem keuchte und ich ſtarrte meinen Gefährten ſprachlos und entſetzt an. „Uebrigens“, fuhr er im Tone ernſter Ergebung fcort,„weiß ich wirklich nicht, ob es das Schlimmiſte iſt. Ich habe früher geſagt und wiederhole es jetzt, daß ich ſie lieber todt, als in den Armen dieſes nichtswürdigen Mormonen wiſſen möchte. Die arme Marian! ſie hat nur kurz gelebt und nicht viel Freude erfahren.“ 6 „Wie, Marian? Sprecht Ihr von Marian?“ „Gewiß, Capitain. Von wem ſonſt ſollte ich ſprechen?“ „Marian wäre todt?“ „Ja— das arme Mädchen hat es nicht erlebt, den Salzſee zu erblicken, wohin ſie der Schuft bringen wollte. Sie iſt unterwegs geſtorben und liegt irgendwo in der Prairie begraben. Ich wollte, ich wüßte den Ort, ſo würde ich hingehen und ihn beſuchen.“ „Ha, ha, ha! Wer hat das Märchen erfunden?“ Mein Gefährte blickte mich beſtürzt an. Meine Heiterkeit mußte ihm in einem ſolchen Augenblick ſeltſam genug vorkommen. „Die Indianerin hat es von Lil erfahren“, erwiderte Wingrove, der ſich von ſeinem Erſtaunen über mein ſonderbares Benehmen noch nicht erholt hatte.„Stebbins hat es Holt geſagt und ihr ebenfalls. Das arme, junge Blut! Wahrſcheinlich wird er, nun er die andere ver⸗ loren hat, Lil haben wollen. Die arme, kleine Lil!“ „Munter, Kamerad, munter! Entweder Su⸗wa⸗nee oder Stebbins hat gelogen— vielleicht beide, indem beide einen Vortheil dabei bezweckten: Der Mormone wollte den Vater hintergehen und die Indianerin hatte mit Euch dieſelbe Abſicht. Die Geſchichte iſt erlogen. Marian Holt iſt nicht todt.“ „Marian wäre nicht todt?“ „Nein, ſie lebt und iſt Euch getreu. Hört mich an!“ 3 7 Ich konnte ihm das frohe Geheimniß nicht länger vorenthalten. Die Reaction, welche nach dem ſcharfen Schlage, den ich eben erfahren, als ich meinte, Lilian ſei todt, empfand, belebte mich mit neuer Kraft und er⸗ füllte mein Herz mit unbegrenztem Entzücken. Ich ſehnte mich danach, meinem leidenden Freunde dasſelbe Glück zu bereiten; ich erzählte daher in Kürze die Er⸗ eigniſſe, welche ſich ſeit unſerer Trennung zugetragen hatten. Wingrove hörte die Erzählung des Mexikaners mit ſichtbarem Entzücken an und unterbrach mich nur von Zeit zu Zeit mit leidenſchaftlichen Ausrufen, die ſein innig empfundenes Glück verriethen. Als ich geendet hatte, rief er aus: „Sie iſt alſo gezwungen worden, zu gehen? Dachte ich's doch! Ich war davon überzeugt! Wo iſt ſie, Capitain! Ach, führt mich zu ihr! Ich möchte vor ihr niederknieen und ſie tauſendmal um Vergebung bitten. Es war die Schuld der Indianerin. Ich kann beſchwören, daß ſie allein ſchuldig iſt. Sie hat unſer beider Unglück veranlaßt. Ach, wo iſt Marian? Ich liebe ſie mehr, als je! Wo iſt ſie?“ „Geduld!“ ſagte ich,„Ihr ſollt ſie bald erblicken. Sie muß unten im Thale bei den übrigen Indianerinnen ſein. Steigt auf Euer Pferd und folgt mir!“ 2. Capitel. Ma⸗ra⸗nee. TMMi waren um den Hügel herumgeritten und er⸗ blickten die Schaar der wehklagenden Weiber vor uns, als ein Reiter aus ihrer Mitte herausſprengte und auf uns zukam. An der Kleidung des Reiters erkannte man, daß es eine Frau war. An der Navaja⸗Schürze und dem mit Federn geſchmückten Kopfputze ſah ich, daß es die wilde Jägerin war. ZJa, ſie war es, welche aus der Menge heraustrat. Hätte ich eines anderen Beweiſes dafür bedurft, ſo würde mich das wolfähnliche Thier, das ihr in großen Sätzen folgte und mit dem Pferde Schritt hielt, vollends überzeugt haben. 4 — —— 9 „Seht!“ ſagte ich,„dort iſt Marian, Eure Ge⸗ liebte!“ „Das iſt ſie, ſo wahr ich lebe! Wenn ich ſie auch in dem ſonderbaren Anzuge nicht gleich erkannt hätte, würde mir es ihr Hund verrathen haben, denn Wolf hätte ich unter tauſenden erkannt.“ „Wenn ich mir's recht bedenke“, bemerkte ich,„iſt es vielleicht das Beſte, wenn ich ſie erſt ſpreche und darauf vorbereite, Euch zu ſehen. Was meint Ihr dazu?“ „Wie Ihr wollt, Capitain. Mag ſein, daß es das Beſte iſt.“ „So reitet hinter den Wagen und bleibt dort, bis ich Euch winke, her zu kommen.“ Meinem Rathe gemäß kehrte mein Gefährte um und verſchwand hinter der weißen Leinwand des Ver⸗ deckes. Ich ſah, daß die Jägerin auf den Hügel zukam; ſtatt ihr entgegen zu gehen, blieb ich daher an der Stelle, wo wir Halt gemacht hatten. In wenigen Minuten war ſie bei mir und die unge⸗ wöhnliche Schönheit des ſeltſamen Mädchens fiel mir von Neuem auf. Sie ritt auf indianiſche Weiſe, ein weißes Ziegenfell diente ihr als Sattel und ein einfacher Riemen als Steigbügel; die kecke Art, mit welcher ſie ihr Pferd regierte, bewies, daß, welches auch früher ihre Erziehung 10 geweſen ſein mochte, ſie doch in der letzten Zeit bedeu⸗ tende Uebung im Reiten erlangt haben mußte. Das Thier, welches ſie ritt, war ein großer, hell⸗ brauner Muſtang; und während das feurige Thier über den Raſen tanzte und ſprang, hob ſich die volle Geſtalt der Reiterin auf das Vortheilhafteſte hervor. Sie trug noch immer ihren Rifle und war auch ſonſt auf dieſelbe Weiſe ausgerüſtet, wie am Morgenz ſie ſchien aber jetzt die übermüthige Laune ihres Renners zu theilen und die Aufregung der ſpannenden Ereigniſſe, inmitten welcher wir noch immer ſtanden, verlieh ihrer Schönheit einen Ausdruck von Keckheit und Ungebundenheit, die dem Character derſelben keineswegs unangemeſſen war. Sie verdiente in der That das begeiſterte Lob, was ihr der junge Hinterwäldler geſpendet hatte und ſelbſt der ſtrengſte Kenner weiblicher Schönheit hätte ſeinen Worten die vollſte Anerkennung zollen müſſen. Es war kein Wunder, daß Wingrove im Stande geweſen, den Lockungen der ſchmachtenden Sirenen von Swamp⸗ ville zu widerſtehen— kein Wunder, daß Su⸗wa⸗nee nicht erhört wurde. Jene wilde Jägerin war in der That ein äußerſt anziehendes Weſen, deſſen Reize diejenigen der Göttin von Epheſus bei Weitem überſtrahlten. Kein Jäger konnte ſich eine wünſchenswerthere Gefährtin denken und Wingrove durfte ſich wohl des Glückes, das ſeiner harrte, erfreuen. * 11 Ihre Stimme riß mich aus meinen bewundernden Betrachtungen. „Sieh da, Fremder!“ rief ſie mir entgegen, indem ſie ihr Pferd an meine Seite lenkte,„Sie ſind unver⸗ ſehrt, wie ich ſehe! Es iſt Alles gut gegangen?“ „Ich habe keine Gefahr gelaufen: denn es fand ſich keine Gelegenheit kür mich, an dem Kampfe Theil zu nehmen.“ „Deſto beſſer! Es waren deren genug ohne Sie. Wie ſteht es aber mit Ihren Reiſegefährten? Leben ſie noch? Ich bin gekommen, mich nach ihnen zu erkundigen.“ 1 „Dank Ihnen und ihrem guten Sterne, ſind ſie noch am Leben— ſogar der Scalpirte, welchen wir für todt hielten.“ „So, der Sealpirte lebt noch?“ „Ja, er iſt zwar übel zugerichtet und mehrfach ver⸗ wundet, doch hoffen wir auf ſeine Geneſung.“ „Führen Sie mich zu ihm! Ich habe von meinen indianiſchen Freunden einige chirurgiſche Kenntniſſe er⸗ lernt. Laſſen Sie mich Ihren Kameraden ſehen, viel⸗ leicht kann ich ihm von einigem Nutzen ſein.“ „Wir haben ſeine Wunden bereits verbunden und ich glaube, daß wir Alles Uebrige der Zeit überlaſſen müſſen. Ich habe aber einen anderen Kameraden, der an Wunden leidet, die Sie allein zu heilen ver⸗ mögen.“ 12 „Welche Wunden?“ fragte ſie, über meine dunkle Rede offenbar verwundert,„welcher Art ſind jene Wun⸗ den, wenn ich fragen darf?“ Ich zauderte, ehe ich antwortete. Ich wußte nicht zu ſagen, ob ſie den Doppelſinn meiner Worte errieth. Wenn es der Fall war, ſo wich ſie mir nicht entſchieden aus, verbarg aber ihre Kenntniß ſehr geſchickt durch folgende Worte: „Während meines Aufenthaltes unter den Utha's“, ſagte ſie,„habe ich Gelegenheit gehabt, mancherlei Wunden zu ſehen und die Art, wie ſie behandelt werden, zu beobachten. Vielleicht könnte ich Ihrem Kameraden rathen und helfen. Aber ſagten Sie nicht, daß ich allein ihn heilen könne?“ „Ja, nur Sie, Sie allein.“ „ Wie ſoll ich das verſtehen, Fremder? Ich geſtehe, daß ich es nicht begreife!“ „Die Wunden, von welchen ich rede, ſind keine körperlichen.“ „Was ſind es denn für Wunden?“ „Des Herzens.“ „Ach, Fremder, Sie ſprechen in Räthſeln! Wenn Ihr Kamerad in's Herz getroffen iſt, ſei es von einer Kugel oder einem Pfeile— „Ja, von einem Pfeile.“ 13 „Dann muß er ſterben: Niemand iſt im Stande, ihn zu retten.“ „Sie ſind es aber doch. Sie können den Pfeil aus der Wunde ziehen und ihn retten!“ Von meiner bildlichen Rede betroffen, blickte ſie mich eine Zeit lang ſchweigend an und heftete in ihrer Verwunderung ihre großen Antilopenaugen fragend auf mich. Dieſelben waren ſo lieblich, daß ich, wenn die Sterne derſelben nicht braun, ſondern blau geweſen wären, hätte wähnen können, es ſeien Lilian's Augen! Nur die Farbe war anders, ſonſt glichen ſie den Sternen, welche ich einſt erblickt hatte, auf das Täu⸗ ſchendſte. Die Aehnlichkeit übte einen ſolchen Zauber auf mich, daß ich ſtumm und ſo angelegentlich und lange in dieſelben ſchaute, daß ſie meine Abſicht leicht verkennen konnte. Vielleicht that ſie es auch, denn ſie ſenkte den Blick, während die Farbe ihrer Wangen ſich höher färbte und ſich über ihr Geſicht verbreitete. „Verzeihen ſie mir“, ſagte ich,„wenn ich unhöflich erſcheinen ſollte. Ich war in eine Aehnlichkeit ver⸗ tieft.“ „Eine Aehnlichkeit?“ „Ja, die mich zugleich an die ſchönſte Stunde meines Lebens erinnert.“ „Ich gleiche alſo irgend Jemand?“ 14 „Ja, auffallend.“ „Iſt es Jemand, der Ihnen theuer war?“ „Der mir es war und noch iſt.“ „So, und wem habe ich das Glück, ähnlich zu ſehen?“ „Jemandem, den auch Sie lieben— Ihrer Schweſter!“ „Meiner Schweſter!“ „Lilian.“ 3. Capitel. Das Erwachen alter Erinnerungen. Der Zügel entſank ihrer Hand ſie ließ den Rifle auf den Hals des Pferdes fallen und ſchaute mich ſprach⸗ los und verwundert an. Endlich flüſterte ſie halb willenlos die Worte: „Meine Schweſter Lilian?“ „Ja, Marian Holt— Ihre Schweſter.“ „Woher wiſſen Sie meinen Namen? Kennen Sie meine Schweſter?“ „Ich kenne und liebe ſie— ja, ich habe ihr mein ganzes Herz geſchenkt.“ „Und ſie? Erwidert ſie Ihre Liebe?“ „Wollte Gott, ich könnte es bejahen! Leider ſchwebe ich darüber noch in Zweifel.“ 16 „ Sie reden ſonderbar. Ach, Herr, ſagen Sie mir, wer Sie ſind! Ich ſetze keinen Zweifel in das, was Sie geſagt haben, denn ich ſehe wohl, daß Sie meine Schwe⸗ ſter kennen— und wiſſen, wer ich bin. Es iſt wahr, ich bin Marian Holt— und Sie? Sind Sie aus Tenneſſee?“ „Ich komme geraden Weges von dort.“ „Vom Ohio? Vielleicht von „Von der Lichtung Ihres Vaters am Mud Creek, Marian.“ „Ach, welche Ueberraſchung! Welch ein Glück, daß ich Ihnen begegnet bin! Sie haben alſo meine Schwe⸗ ſter geſehen?“ „Allerdings.“ „Und mit ihr geſprochen? Wie lange iſt es hers „Kaum einen Monat.“ „So kurze Zeit! Wie ſieht ſie aus? War ſie wohl?“ „Wie ſie ausſieht? Schön, Marian, ſchön, wie Sie ſelbſt, auch war ſie wohl, als ich ſie zuletzt ſah.“ „Meine liebe Lilian! Ach, Herr, wie freue ich mich zu hören, ich weiß, daß ſie ſchön— ſehr, ſehr ſchön iſt. Ach Gott! man ſagte mir früher, daß ich es auch wäre, doch habe ich meine Schönheit in der Wildniß eingebüßt. Ein Leben wie das, was ich geführt habe, benimmt dem Geſichte eines Mädchens bald die Zart⸗ heit. Aber reden ſie von Lilian! Ach, Fremder, er⸗ zählen Sie mir von ihr. Wie ſehne ich mich, von ihr 17 zu hören, ſie zu ſehen. Wir ſind erſt ſeit ſechs Mona⸗ ten getrennt, doch kommt es mir vor, als wären es ſechs Jahre. Ach, wie ſehne ich mich, ihr um den Hals zu fallen, ihr ſchönes, goldenes Haar um meine Finger zu ſchlingen und in ihre unſchuldigen, blauen Augen zu ſchauen.“ Wie aufrichtig empfand mein Herz ihre Sehn⸗ ſucht nach! „Meine ſüße, kleine Lilian! Ich ſage klein, vielleicht iſt ſie es nicht mehr. Nicht wahr, mein Herr, ſie iſt gewachſen, iſt zur Frau heran geblühet, wie ich?“ „Sie iſt beinahe erwachſen?“ „Sagen Sie mir, Herr, hat ſie von mir geſprochen? Ach, erzählen Sie mir, was ſie von ihrer Schweſter Marian geſagt hat?“ Der Ton ihrer Stimme verrieth Beſorgniß. Ich ließ ſie nicht lange in Ungewißheit, ſondern beeilte mich, die zärtlichen Aeußerungen zu wiederholen, welche Lilian über ſie gethan hatte. „Die gute, freundliche Lil! Ich weiß, daß ſie mich liebt, wie ich ſie. Wir haben Jahrelang keine andere Geſellſchaft gehabt, als den Vater und uns. Geht es dem Vater gut?“ „In dem Tone dieſer Frage lag eine gewiſſe Kälte, die mit der Innigkeit ſcharf kontraſtirte, mit der ſie von ihrer Schweſter ſprach. Ich wußte nur zu gut, warum. Die wilde Jägerin. IV. 2 18 „Ja,“ antwortete ich,„Ihr Vater war ebenfalls ge⸗ ſund, als ich ihn zuletzt ſah.“ Es trat eine Pauſe ein, die peinlich zu werden drohte. Eine Frage, welche mir einfiel, machte dem verlegenen Schweigen ein Ende. 3 „Giebt es ſonſt Niemand, von dem Sie hören möchten?“ Ich blickte ihr bei dieſen Worten ſcharf in's Ge⸗ ſicht. Ihre Farbe wechſelte, gleich der des ſchillernden Chamäleons. Ihr Athem flog fieberhaft und wie viel Mühe ſie ſich auch deshalb gab, konnte ſie einen Seuf⸗ zer nicht unterdrücken. Dieſe Merkmale genügten mir. Ich bedurfte keiner weiteren Beſtätigung meiner Vermuthung. In jenem Herzen lebte ein Bild, deſſen Glanz die Erinnerung ſowohl an die Schweſter, als den Vater weit über⸗ ſtrahlte. Die Glut ihrer Wangen, der heftig wogende Buſen und der halb unterdrückte Seufzer waren unzwei⸗ deutige Beweiſe dafür. Die Erinnerung an den ſchö⸗ nen Jäger Frank Wingrove war tief und unverlöſchlich in ihrem Herzen eingegraben. „Warum fragen Sie?“ erwiederte ſie endlich mit erheuchelter Ruhe.„Wiſſen Sie etwas von meiner Ge⸗ ſchichte? Faſt ſcheint es, als wüßten Sie Alles. Hat Jemand von mir geſprochen?“ „Ja, häufig— Jemand, der nur an Sie denkt.“ „Und wer iſt es, wenn ich fragen darf, der einem 19 armen, ausgeſtoßenen Mädchen ſo ausſchließliche Theil⸗ nahme widmet?“ „Fragen Sie Ihr Herz, Marian! Oder wünſchen Sie, daß ich ihn nenne?“ „Nennen Sie ihn!“ „Frank Wingrove.“ Sie fuhr nicht auf, zeigte keine Ueberraſchung, ſie mußte den Namen erwartet haben, denn welchen an⸗ deren hätte ich nennen können? Sie erbebte nicht, aber in ihrem Geſichte zeigte ſich eine merkliche Ver⸗ änderung. Eine leichte Wolke auf ihrer Stirn, ihr Er⸗ blaſſen und ihre zuſammengepreßten Lippen verriethen ihren Schmerz. „Frank Wingrove,“ wiederholte ich, da ich ſah, daß ſie ſchwieg. „Ich bin mir nicht bewußt, wodurch ich Sie aufge⸗ fordert habe, ihn zu nennen,“ antwortete ſie mit derſel⸗ ben ſtrengen Miene.„Jetzt muß ich beklagen, daß es geſchehen iſt. Ich hatte gehofft, ſeinen Namen nicht wieder zu hören, auch war derſelbe in der That faſt ganz vergeſſen.“ Ich glaubte nicht an die Aufrichtigkeit ihrer Be⸗ hauptung, denn in dem Tone ihrer Stimme lag ein An⸗ flug von Gezwungenheit, der ihre Worte Lügen ſtrafte. Nur die Lippen hatten geſprochen, nicht das Herz. Es war ein Glück, daß uns Wingrove nicht hören konnte, denn ihre Worte würden ihn vernichtet haben. 2* 20 „Nicht doch, Marian!“ drängte ich,„hat er doch den Ihrigen nicht vergeſſen.“ „Nein, wahrſcheinlich führt er ihn an, um ſich damit zu brüſten.“— „Sagen Sie lieber, um darüber zu weinen.“ „Weinen? Wahrhaftig! Und weshalb? Weil es ihm nicht gelungen iſt, mich zu hintergehen?“ „Weit entfernt davon— er iſt Ihnen treu ge⸗ blieben!“ „Das iſt erlogen, Herr! Vielleicht wiſſen Sie nicht, daß ich ſelbſt Zeugin ſeiner nichtswürdigen Falſchheit war! Ich habe geſehen— „Was Sie geſehen haben, war ein rein zufälliger Vorfall, den er keineswegs herbei geführt hatte. Die Chicaſſaw war Schuld daran, das kann ich Sie ver⸗ ſichern.“ „Ha, ha, ha! Ein reiner Zufall!“ entgegnete ſie mit verächtlichem Lachen;„ein ſeltener Zufall in der That! Es war ein Vergehen, Herr, denn ich habe mit meinen eignen Augen geſehen, wie er ſie mit ſeinen Armen umfaßte. Bedurfte es fernerer Beweiſe ſeiner Treuloſigkeit?“ „Ich gebe zu, daß Sie das Alles geſehen haben, aber— „Ich habe ſeine Treuloſigkeit nicht nur geſehen, ſondern auch davon gehört. Hat ſie doch ſelbſt in Swamp⸗ ville und allenthalben davon geſprochen, ja, ſich deſſen gegen meine eigene Schweſter gerühmt. Noch mehr: ein —— 21 dritter war Zeuge ſeiner Niederträchtigkeit und hat ihn häufig in ihrer Geſellſchaft geſehn. Hal er ließ ſich freilich nicht träumen, als er mit ſeiner rothen Squaw in den Wäldern umhertändelte, daß die Erde Ohren hat und die Bäume reden können! Das hat der Falſche freilich nicht bedacht.“ „Schöne Marian, das ſind ſchändliche Verleum⸗ dungen, und wer dieſelben immer gegen Sie aus⸗ geſprochen, hat es gethan, um Sie zu täuſchen.“ „Ach, jetzt liegt wenig daran; ein Schurke, wie er ſelbſt— einer, welcher— ach Gott! Ich kann Ihnen die furchtbare Geſchichte nicht erzählen— ſie überſteigt allen Glauben.“ „Erzählen Sie mir dieſelbe immerhin. Zum Theil kenne ich ſie bereits, über etliche Punkte aber möchte ich aufgeklärt ſein, um Ihretwillen— um Wingroves— um Ihrer Schweſter willen.“ „Meine Schweſter! In wiefern iſt ſie im Spiele? Erklären Sie ſich deutlicher, Herr.“ Ich verſuchte ihrem ängſtlich forſchenden Blicke aus⸗ zuweichen, denn ich war auf eine Beantwortung ihrer Frage noch keineswegs gefaßt. „Sie ſollen bald alles erfahren, was ſeit ihrer Ab⸗ reiſe von Tenneſſee an den Tag gekommen iſt. Erzäh⸗ len Sie mir aber erſt von ſich ſelbſt. Sie haben mir es verſprochen und ich frage nicht aus müßiger Neu⸗ gierde. Ich habe Ihnen meine Liebe zu Ihrer Schwe⸗ 2 22 ſter offen bekannt. Sie iſt es, die mich hierher ge⸗ führt— ſie iſt es, die mich drängt, Sie zu fragen.“ „Das ſind mir alles Räthſel,“ erwiderte die Jä⸗ gerin mit betroffener Miene.„Es ſcheint in der That, Herr, als ob Sie Alles wüßten— mehr, wie ich ſelbſt — aber, was mich betrifft, halte ich Sie für unpar⸗ theiiſch und bin bereit, jede Frage zu beantworten, die Sie mir vorlegen werden. Fangen Sie an, ich will nichts verſchweigen.“ „Tauſend Dank!“ erwiderte ich.„Ich glaube, Sie verſichern zu können, daß Sie keinen Grund haben wer⸗ den, Ihr Vertrauen zu mir zu bereuen.“ 4. Capitel. 3 Die Beichte. Ihre Willfährigkeit erweckte eine Vermuthung in mir, ich glaubte, ſie zu verſtehen. Tcrvotz ihrer entſchiedenen Ablehnung der Wahrheit bemerkte ich, daß meine Vertheidigung Wingroves Ein⸗ druck auf ſie machte. Dieſelbe hatte ihr offenbar Freude gemacht und ſie übertrug ihre Dankbarkeit auf mich. Es war natürlich, daß ihr freundliches Entgegenkommen aufrichtig erwidert wurde. Ich hatte, indem ich mich zum Beichtiger des Mädchens aufwarf, zweierlei Abſichten. Erſtlich geſchah es im Intereſſe Wingroves, denn trotz allem, was ge⸗ ſchehen und geſagt worden war, konnte ihre Liebe zu ihm verflogen ſein. War das der Fall, ſo mußte ich, ſtatt ₰ 24 wie ich gehofft hatte, dem frohen Wiederſehn zweier Liebenden beizuwohnen, Zeuge einer höchſt peinlichen Begegnung ſein. Wer vermag, die Tiefe eines weiblichen Herzens zu ergründen? Wer kann die ſeltſamen Launen deſſelben verfolgen? Wer ihr Herz errathen, das den gewöhn⸗ lichen Regungen unſerer Natur ſtolz und kalt wider⸗ ſtand? Es war tief verletzt worden. Wer bürgte mir da⸗ für, daß der Schlag, den ihre Liebe erlitten hatte, die⸗ ſelbe nicht für immer vernichtet habe? Zwar glaubte ich es nicht, aber ich wünſchte Ge⸗ wißheit zu haben und die konnte ich mir leicht genug verſchaffen. Das war aber nur mein Nebenzweck. Die wich⸗ tigere Abſicht, welche ſich direct auf das Schickſal Li⸗ lians bezog, war, zu ergründen, welche Gefahr ihr wahr⸗ ſcheinlich drohen könne. Die ſeltſame Geſchichte des Trappers war es, die mich quälte. Hatte er wahr ge⸗ ſprochen? Nur Marian konnte ſeine Worte beſtätigen, oder widerlegen. Ich ſchritt ohne weiteren Verzug zum Verhöre. Meine Fragen wurden mit Offenheit und unumwunden beantwortet. Aus denſelben ging her⸗ vor, daß die Erzählung des Mextkaners buchſtäblich wahr ſei! „Wurden Sie von Ihrem Vater zu der Heiralß gezwungen 2„ 2 25 Sie zögerte mit der Antwort, bejahte aber endlich. „Allerdings.“ „Aus welchem Grunde that er es?“ „Das habe ich nie entdeckt. Der Mann hatte eine gewiſſe Herrſchaft über ihn, doch wußte ich damals ebenſo wenig, wie jetzt, in wiefern und aus welchem Grunde. Der Vater ſagte mir, es ſei eine Schuld— eine be⸗ deutende Summe, die er von ihm geliehen habe und nicht zurückzahlen könne. Ich weiß nicht, ob dem ſo war. Ich will es hoffen.“ 8 „Sie glauben alſo, daß ſich Stebbins ſolcher Mittel bedient hat, um die Einwilligung Ihres Vaters zu erzwingen?“ „Ich bin deſſen gewiß. Der Vater hat mir es ſelbſt geſagt. Er meinte, daß ich ihn durch meine „Heirath mit Stebbins vor Schmach und Schande ret⸗ ten könne und drang viel mehr mit Bitten in mich, als mit Drohungen. Sie werden begreifen, mein Herr, daß ich nicht weiter forſchen konnte; war er doch mein Vater. Ich glaube gewiß, daß es nicht ſein Wunſch war, mich dem Manne auszu⸗ liefern, er wurde aber gewiſſermaßen dazu ge⸗ zwungen.“ „Wußte Ihr Vater, daß es eine Scheinheirath war?“ „Nein, nein, das glaube ich nimmermehr. Ich bin ₰ 26 überzeugt, daß ihn der Schuft in dieſer Hinſicht eben ſo gut hintergangen hat, wie mich. Nein, das hätte der Vater nimmermehr gethan!“ „Ich glaube, daß ihn die Leute für ſchlecht hielten, weil er kurz angebunden mit ihnen war und ihnen rauh begegnete. Er war aber nicht ſchlecht. Irgend etwas war ihm fehl geſchlagen und er trank. Zu Zeiten fühlte er ſich unglücklich und grollte vielleicht mit der Welt, aber nicht mit uns. Gegen die Schweſter und mich war er ſtets freundlich und ſchalt uns nie. Nein, nein, mein Herr, ich glaube nimmermehr, daß er es wußte.“ „Es war ihm aber bekannt, daß Stebbins ein Mormone ſei— nicht wahr?“ „Ich habe verſucht, mir einzureden, daß es nicht der Fall geweſen ſei— obwohl mir es Stebbins ſpäter verſichert hat.“ Ich wußte zwar ſehr gut, daß er davon gewußt habe, ſagte aber nichts. „Seine Verſicherung,“ fuhr ſie fort,„beweiſt nichts. Wenigſtens, wenn der Vater wußte, daß er ein Mor⸗ mone ſei, war ihm jedenfalls die Schlechtigkeit jener Leute unbekannt. Es waren zwar Gerüchte über ſie im Umlauf, welche aber von Anderen widerlegt und 1 für Verleumdung ausgegeben wurden— ſo wenig weiß die Welt; die Lüge von der Wahrheit zu unter⸗ 1 — ———— 27 ſcheiden. Später habe ich erfahren, daß ſelbſt das Schlimmſte, was man ihnen vorwirft, die Wahrheit noch nicht erreicht.“ „Sie wußten natürlich nicht, daß Stebbins ein Mormone ſei?“ „Ach, Herr, wie hätte ich es wiſſen ſollen? Davon war nie die Rede geweſen. Er gab vor, daß er nach Oregon auswandere, wohin bereits Viele gegangen waren. Wenn ich es gewußt hätte, würde ich mich lieber ertränkt haben, als daß ich mit ihm ge⸗ gangen wäre.“ „Sie würden jedenfalls dem Willen Ihres Vaters widerſtanden haben, wenn nicht etwas Anderes dazu gekommen wäre. Sie gaben ſeinen Bitten nach; hat aber der Vorfall auf der Waldwieſe keinen Einfluß auf ihre Entſcheidung gehabt?“ „Fremder! Ich habe Ihnen verſprochen, nichts zu verſchweigen und werde mein Wort halten. Als ich die Treuloſigkeit desjenigen, der mich ſeiner Liebe verſichert hatte, entdeckte, war ich mehr als wahn⸗ witzig— ich glühte nach Rache. Ich werde nicht leugnen, daß ich Groll empfand. Es lag mir wenig daran, was aus mir wurde— wie hätte ich ſonſt einwilligen können, einen Mann zu heirathen, für den ich weder Liebe, noch Neigung empfand? Im Ge⸗ gentheile, ich kann faſt behaupten, daß ich ihn haßte.“ „Und Sie liebten den Anderen? Seien Sie offen, ₰ Marian! Sie haben es mir verſprochen Sie lieb⸗ ten Frank Wingrove?“ „Sa.“ Ein tiefer Seufzer begleitete ihr Geſtändniß. „Antworten Sie mir noch einmal ſo aufrichtig— lieben Sie ihn noch?“ „ZJa, wenn er treu geweſen wäre!“ „Wenn er ſich als treu erweiſt, würden Sie ihn noch lieben?“ 3 „Ja, ja!“ erwiderte ſie in einem Tone, der nicht mißverſtanden werden konnte. Glückliche Marian! Welchen Gefahren biſt Du entronnen! Du haſt die ſturmbewegte See durch⸗ ſchifft und weißt jetzt nicht, wie nahe Dir der Hafen des Glückes iſt. Wollte Gott, daß Lilian ebenſo glück⸗ lich durchgekommen wäre! Soll ich ihr die gefährliche Lage ihrer Schweſter entdecken? Nein, noch nicht, noch nicht! ich will ihr einen Strahl ungetrübter Freude gönnen, ehe ich ihr die neue Sorge bereite. „Lieben Sie ihn, Marian! Lieben Sie ihn wieder! Frank Wingrove iſt treu!“ Hierauf zählte ich ihr die Beweiſe ſeiner Aufrichtig⸗ keit von Anfang bis zu Ende auf. Ich hatte alle Ein⸗ zelnheiten von Wingrove ſelbſt erfahren und war daher im Stande, ſie mit überzeugender Klarheit aufzuzählen. 3 Ich ſprach ſo eifrig, als müßte ich meine eigene Sache verfechten, ich fand aber williges Gehör und meine Für⸗ 29 ſprache fand Eingang. Es gelang mir ſogar, den un⸗ heilvollen Kuß zu erklären, der ſo viel Unglück veran⸗ laßt hatte. Meine Feder iſt nicht im Stande, das Wiederſehen der Liebenden zu ſchildern. Es würde mir ohnedem unmöglich ſein, weil ich demſelben nicht beiwohnte. Es fand, vor meinen Blicken verborgen, hinter dem weißen Verdeck des Wagens ſtatt, wahrſcheinlich zu der großen Verwunderung des Infanteriſten, der mit offenem Munde und weit aufgeriſſenen Augen unter dem Schat⸗ ten des Wagens lag. In einer Weile ſtieg ich den ſteilen Pfad zur Höhe des Hügels hinan, in der Abſicht, zu ſehen, ob die Uthas von ihrer Verfolgung noch nicht zurückkehrten. Ich blickte mich um. Die wiedervereinigten Liebenden ſtanden nicht mehr am Fuße des Hügels. Sie waren abgeſtiegen und ſchlenderten neben einander nach dem Ufer des Fluſſes hinunter. Dort ſtanden ſie— der ſchmucke Jäger und die ſchöne Jägerin Auge in Auge— und neigten ſich zu einander auf eine Weiſe, welche das ungetrübte Glück beider verrieth. 5. Capitel. Fernere Betrachtungen. TUler hätte mich tadeln dürfen, wenn ich ſie um jenes Entzücken beneidet hätte, was mir ſo fern lag. Wie ganz anders und ſchmerzlich erregt ſchlug mein Herz im Buſen. Die Wolke, welche die Enthüllungen des Mexikaners in mir heraufbeſchworen hatte, ſchien durch die Beſtäti⸗ gung, welche ich dafür erhalten, noch düſterer geworden zu ſein, und jetzt, wo die Aufregung des Kampfes vor⸗ über war und ich Muſe hatte, die Zukunft kaltblütiger in's Auge zu faſſen, wurde die Qual meines Herzens ſtärker und brennender. Kaum vermochte ich mich zu freuen, daß mein Leben gerettet war; ja ich wünſchte faſt, unter den Hän⸗ den der Indianer umgekommen zu ſein. 31 Die ſeltſame Erzählung des Trappers, welche durch die Heldin derſelben ſelbſt beſtätigt wurde, war nur zum Theil Schuld an den ſchrecklichen Vorſtellungen, die meiner Phantaſie jetzt vorſchwebten. Ich konnte mir die Abſicht Stebbins nur auf eine Weiſe erklären; nämlich dadurch, daß der Nichtswürdige ſeinem tyran⸗ niſchen Herrn als Vermittler diente, wahrſcheinlich zum Zwecke ſeiner eigenen Beförderung: denn es war mir wohl bekannt, daß der Mormonen⸗Despot nur ſolche Anſprüche auf Beförderung anérkenne. Da ich das Beiſpiel der Schweſter friſch vor Augen hatte, konnte ich nicht umhin zu glauben, daß Lilian gleichfalls ge⸗ opfert werden ſolle. Wie ſollte ich das Opfer verhindern? Wie das ſchreckliche Schickſal von ihr abwenden? Indem ich mich bemühte, dieſe Fragen zu beant⸗ worten, wurde mir meine Ohnmacht klar. Häüiütte es ſich nur darum gehandelt, die Karavane zu überholen, ſo würde ich keinen Grund zur Beſorgniß gehabt haben. Es mußten noch viele Tage, ja Wochen vergehen, ehe der nach Norden ziehende Theil der Ka⸗ ravane ſein Ziel erreichen konnte, und wenn meine Vermuthungen über die Abſicht Stebbins gegründet waren, lief Lilian vor ihrer Ankunft in der Mormonen⸗ ſtadt keine Gefahr. Dort— innerhalb des Bereiches jenes modernen Gomorrha— auf einem Altare, welcher der Verhöhnung jedes beſſeren Gefühles geweiht war, ſollte die Tugend geopfert werden— dort harrte der ₰ 32 Wolf des Lammes, um es ſeinen Gelüſten zu unter⸗ werfen. Ich wußte, daß wir, wenn uns kein Hinderniß, etwa wie das gegenwärtige, aufhielt, die Mormonen⸗ Auswanderer leicht würden einholen können. Wir hatten aber keinen zweiten, derartigen Unfall zu befürch⸗ ten. Das ganze Gebiet jenſeits der Berge war Eigen⸗ thum der Utha's, und wir konnten auf die Freundſchaft jener Indianer rechnen. Von dorther hatten wir nichts zu fürchten und die Karavane konnte daher leicht ein⸗ geholt werden. Was aber dann? Selbſt wenn ich mich bei der⸗ ſelben befand, war ich zur Erreichung meines Zweckes ſo ohnmächtig wie je. Mit welchem Rechte durfte ich mich zwiſchen den Squatter und ſein Kind drängen? Es war jedenfalls ihr freier Wille, mit den Mor⸗ monen nach der Mormonenſtadt zu ziehen— wenig⸗ ſtens was den Vater betrifft. Das ſtand nicht länger zu bezweifeln; und was konnte ich thun, ſie daran zu verhindern? Ich wußte keinen Grund anzugeben— hatte nicht das entfernteſte Recht, mich einzumiſchen! „ Ja, noch mehr, es ſchien mehrmals wahrſcheinlich, daß ich den Mormonen⸗Pilgern— ganz beſonders Stebbins, vielleicht auch Holt eine ſehr unwillkommene Erſcheinung ſein würde. Ich durfte von ihnen keinen ſehr höflichen Empfang erwarten. Da Stebbins— was ich jetzt mit Beſtimmtheit wußte— der Führer des Zuges war— konnte ich der Rache der Daniten 33 gewärtig ſein, deren eine Anzahl, ohne Zweifel, die Karavane begleiteten und beaufſichtigten. Solche Rückſichten durfte ich nicht unbeachtet laſſen. Ich wußte, wie feindſelig jene Fanatiker, ſchon unter gewöhnlichen Umſtänden, diejenigen betrachten, welche nicht zu ihrem Glauben gehören; ich hatte aber über⸗ dies gehört, daß ſie nicht verſäumten, jene Geſinnung thatſächlich zu beweiſen, wo ſie die Macht dazu hatten. Der Abtrünnige, welcher den Fuß in die heilige Stadt ſetzt, oder mit einer Mormonen⸗Geſellſchaft reiſt, wird wohlthun, ſeine abweichende Ueberzeugung für ſich zu behalten. Wehe ihm, wenn er ſich derſelben zu offen rühmt! Mein Ziel war alſo nicht allein ſchwer, ſondern nur mit Gefahr zu erreichen; doch machten mir die Schwierig⸗ keiten bedeutend mehr Sorge, wie die Gefahr. Wäre ich des Beiſtandes— der Zuſtimmung Holt's verſichert geweſen, ſo hätte ich mich um die mögliche Gefahr, die mit einer Entführung verbunden war, wenig gekümmert: denn das war der Plan, mit welchem ich umging. Ja, wenn ich nur überzeugt geweſen wäre, daß Lilian ein⸗ willigen würde, ſo hätte ich der Gefahren gelacht und die Hoffnung nicht aufgegeben, meinen Zweck zu er⸗ reichen.. Jetzt erſchienen mir aber die Verhältniſſe ſo un⸗ günſtig wie möglich: denn der Vater würde ſeine Zu⸗ ſtimmung verweigern— und die Tochter konnte ein Gleiches thun. Die wilde Jägerin. IV. 3 Letzterer Zweifel verſtimmte mich am meiſten. Ich ſetzte meine Betrachtungen fort— beleuchtete die Frage von allen Seiten— prüfte ſie von jedem Geſichts⸗ punkte aus. Sicherlich würde Holt das Verderben ſeiner Tochter nicht fördern wollen— denn anders konnte ich ihren Eintritt in den Mormonen⸗Bund nicht anſehen. Es lag männliche Geſinnung in dem Squatter— in einem Winkel ſeines Herzens ſchlummerten edlere Gefühle— vielleicht noch einige Ueberbleibſel aus beſſeren Zeiten. Das hatte ich ſelbſt erfahren, und wenn ich mich auf das Zeugniß ſeiner Tochter verlaſſen, konnte, war er keineswegs ein ſo verwahrloſter Menſch, als es den Anſchein hatte. War es denkbar, daß er die wirklichen Abſichten des Betrügers kenne, der ihn in ſein Ver⸗ derben lockte? Möglich, daß er ſie nicht kannte. Er wußte frei⸗ lich, daß Stebbins ein Mormone ſei; aber wie Marian ſagte— als das arme Mädchen bemüht war, ihn zu rechtfertigen— kannte er wahrſcheinlich den wahren Charakter jener ſelbſt kanoniſirten Schufte nicht. B Das Mährchen von dem Tode Marian's bewies, daß Holt in dieſer Beziehung ſchändlich hintergangen worden war. Die Vermuthung, daß es in anderer Hinſicht ebenfalls geſchehen ſei, erſchien dadurch glaub⸗ würdiger. 4 Ich hatte ja Marian nur in der Hoffnung ausge⸗ fragt, daß ſich ſeine Unſchuld herausſtellen würde; —— 35 denn eine innere Stimme flüſterte mir zu, daß von ihm mehr, als von Jemand ſonſt mein Glück oder Unglück abhänge. Aus dem Grunde hatte ich mich ſo eifrig bemüht, ſeine wahre Geſinnung zu ergründen. Es unterlag keinem Zweifel, daß er von dem Pſeudo⸗ Apoſtel gewiſſermaßen abhängig ſei. Nicht nur wegen einer Verbindlichkeit, ſondern aus Furcht, wie ich ſelbſt geſehen hatte. Wahrſcheinlich waltete zwiſchen Beiden ein düſteres Geheimniß. Wie düſter daſſelbe auch ſein mochte— ja ſelbſt wenn es ſich um eine ſchwere Mordthat handeln ſollte— ſchien Holt die Herrſchaft ſeines Freundes nicht aus freiem Willen zu dulden. Marian hatte bereits darauf hingedeutet. Hier in Mitten der Wildniß, fern von den Ausübern menſchlicher Gerechtigkeit, war die Be⸗ ſtrafung eines alten Vergehens vielleicht weniger zu fürchten, und ein Mann von dem Schlage des uner⸗ ſchrockenen Squatters aus Tenneſſee durfte ſich der Hoffnung überlaſſen, dem Joche zu entgehen, welches ſeine Seele ſo lange unter ſeinem ſchrecklichen Drucke geknechtet hatte. Solche und ähnliche Gedanken drängten ſich in raſchem Wechſel in meinem Kopfe und trugen dazu bei, meine Stimmung etwas heiterer zu machen. Zunächſt ſetzte ich meine Hoffnung auf Marian. Sie war mir eine kräftige Bundesgenoſſin, denn ihr Intereſſe bei der Rettung ihrer Schweſter war eben ſo groß, als das meine. 3* ₰ Das arme Mädchen! Noch ſchwelgte ſie in dem wiedergefundenen Glücke! Sie ahnte nicht, welches Elend ihrer noch harrte. Wingrove hatte mir verſpre⸗ chen müſſen, über den Gegenſtand zu ſchweigen— ein Verſprechen, welches er in der Fülle ſeines Entzückens um ſo bereitwilliger halten würde. Es war gewiß keine angenehme Pflicht, den Becher der Wonne von ihrem Munde zu reißen; aber die Zeit drängte und da der ſchwere Schritt unvermeidlich war, mußte er je eher, je lieber gethan werden. Ich ſah, daß die Utha's die Verfolgung der Feinde eingeſtellt hatten. Die meiſten von ihnen waren auf den Schauplatz ihres kurzen Kampfes zurückgekehrt; indeſſen andere, entweder einzeln oder in Gruppen, auf den Hügel zukamen. Auch die Weiber kamen herbei: einige derſelben führten die Verwundeten, während andere die Leichen der Erſchlagenen trugen und alle ſtimmten, während ſie feierlich einherſchritten, ein düſteres Todten⸗ lied an. Nachdem ich einen Blick auf die Schaar der Weh⸗ klagenden geworfen hatte, ſtieg ich von dem Felſen her⸗ unter und begab mich ſchnell in die Ebene. 6. Capitel. Eine wahre Tigerin. —o ſchritt nach dem Fluß hinunter. Die Liebenden kamen mir auf halbem Wege ent⸗ gegen. Als ich in ihr von der Wonne der Liebe leuch⸗ tendes Auge ſchaute, zögerte ich einen Augenblick, meinen Vorſatz auszuführen. Es wird am Ende nicht mehr Zeit ſein, die ganze Geſchichte zu erzählen. Die Indianer werden bald hier ſein, man wird unſere Gegenwart im Rathe verlangen, es iſt daher vielleicht beſſer, die Entdeckung zu verſchie⸗ ben, bis derſelbe vorüber iſt. Ich will ihr das neu er⸗ erſtandene Glück noch eine Zeit lang gönnen. So dachte ich, indem ich zugleich der ſchönen Jä⸗ gerin in's Geſicht ſchaute, als ich ſie plötzlich zuſammen⸗ ₰ 38 ſchrecken und die Hand, welche ſie zärtlich umfaßt hielt, wegſchleudern ſah! Sowohl der Blick ihres Liebhabers, als der meinige drückten Beſtürzung und Verwunderung aus. Nicht ſo der ihrige. Sie erblaßte, erröthete und erblaßte wieder, während ihre Augen ſtolz und zornig blitzten. Ihr Blick war in die Ebene gerichtet, worauf ſie Wingrove anſah, und wieder raſch und forſchend in die Ebene blickte. Da mich ihre Miene eben ſo ſehr Wunder nahm, wie ihr Benehmen, drehte ich mich nach der Richtung um, nach welcher ich ſchaute. Da war mir ihr Weſen ſofort erklärt. Der Häuptling Wa⸗ka⸗ra war beim Hügel ange⸗ kommen und hielt, auf ſeinem Schlachtpferde ſitzend neben dem Wagen. Zwei bis drei andere Indianer, theils zu Pferde, theils zu Fuß, umringten ihn; aber einer der Reiter unterſchied ſich von den übrigen. Es war nämlich eine Frau. Obwohl ſie nicht gebunden war, konnte man leicht ſehen, daß ſie eine Gefangene war. Das ging ſowohl aus der Art und Weiſe hervor, wie ſie die Indianer umringten, als wie ſie ihr begegneten. Sie faß wie geſagt zu Pferde und ſtand dem Häupt⸗ ling der Utha's gegenüber. Weder Wingrove, noch ich ſchwebten in Ungewiß⸗ heit darüber, wer die Gefangene ſei; denn wir er⸗ 39 kannten ſofort Su⸗wa⸗nee, die Chickaſſaw⸗Indianerin in ihr. Das Auge der Eiferſucht hatte ſie gleichfalls erkannt, ja noch früher geſehen, als wir. Die flammenden Blicke Marians waren auf ſie gerichtet. Ihr Anblick machte die Jägerin erbeben und beſchwur den furchtbaren Sturm herauf, den die Miene des jungen Mädchens bereits verkündete. Bald brach er los. „Du Heuchler und Meineidiger! Iſt das die Liebe, die Du mir geſchworen haſt— deren Schwur noch auf Deinen Lippen brennt? Abermals betrogen! Ach, Mann! Du haſt mich abermals betrogen. Ach, Gott! Hätte ich Dich doch Deinem Schickſale überlaſſen!“ „Ich verſichere Dich, Marian—“ „Berſichere nichts mehr! Genug— dort iſt Dein Magnet— dort! Ach! Wenn ich die Schmach be⸗ denke! Selbſt hierher— hier in die Einöde hat er ſie mitgebracht— ſie, die an allem Unglücke Schuld iſt— hal Jetzt kommt ſie auf Dich zu! Treten Sie ihr doch unter die Augen, Herr— helfen Sie ihr vom Pferde, warten Sie ihr auf! Geh! Nichtswürdiger, geht „Marian, ich ſchwöre Dir beim lebendigen— Er konnte nicht ausreden, denn Su⸗wa⸗nee, die ſich von ihren Wächtern befreit hatte, kam jetzt heran⸗ geſprengt. Ich war über dieſes Benehmen ſelbſt ſo betroffen, daß ich nicht im Stande war, mich von der Stelle zu ₰ 40 rühren und mich nicht eher, als bis die Indianerin vor uns Halt machte, überzeugen konnte, daß es Wirklichkeit ſei und kein Traum. Auch Wingrove ſchien vor Be⸗ ſtürzung und Verwunderung ganz ſtarr geworden zu ſein. Als Su⸗wa⸗nee herankam, ſtieß ſie einen durch⸗ dringenden Schrei aus, glitt vom Pferde herunter und eilte auf Marian zu. Letztere hatte ſich, nachdem ſie die leidenſchaftlichen Worte ausgeſtoßen, abgewandt und ſtand jetzt mit dem Rücken zu uns gewendet, dicht am Ufer des Fluſſes. Die Abſicht der Indianerin war nicht zu verkennen Der abſchreckende Ausdruck ihres Geſichtes, das düſtere Feuer, das in ihren ſchiefgeſchnittenen Augen glühte, der grinſende Mund, welcher das weiße, wolfähnliche Gebiß zeigte, Alles verrieth ihre verruchte Abſicht, welche durch die Klinge eines langen Meſſers, die in ihrer Fauſt blitzte, noch deutlicher verrathen wurde. Mit Anſtrengung meiner ganzen Kraft ſtieß ich einen Schrei der Warnung aus. Wingrove folgte meinem Beiſpiele, ſowie die Utha's, welche ihrer Ge⸗ fangenen nachgeſprengt kamen. Der Schrei wurde vernommen und berückſichtigt. Das war ein Glück, denn eine Minute ſpäter kam jede Warnung zu ſpät und die rachſüchtige Indianerin über⸗ fiel ihr ahnungsloſes Qpfer. Als die Jägerin den Schrei vernahm, drehte ſie ſich um und gewahrte die Gefahr. Mit der raſchen Be⸗ ———d, 5 41 ſonnenheit, die den Indianern, von welchen beide ab⸗ ſtammten, eigen iſt, bereitete ſie ſich vor, ſich zu ver⸗ theidigen. Sie hatte keine Waffe bei ſich. Bei der jüngſt er⸗ lebten Liebesſcene hatte ſie keiner ſolchen bedurft. Ihr Rifle war am Fuße des Hügels liegen geblieben und kein anderes Vertheidigungsmittel zur Hand. Aber blitzſchnell wand ſie ihren mexikaniſchen Zarape um ihr Handgelenk und ſtreckte den Arm vor, um den Streich, der ihr drohte, aufzufangen. Die Chicaſſaw⸗Indianerin hielt inne, als wolle ſie ſich ihres Zieles vergewiſſern; und einen Augenblick ſtanden ſich die beiden gegenüber und maßen ſich mit den gehäſſigen Blicken, welche die Eiferſucht verrieth, die in beiden wohnte. Es ſchien, als ob die wüthende Tigerin im Begriffe ſei, auf den ſchönen Panther zu ſpringen, der ihr in den Weg gekommen. Der ganze Auftritt ereignete ſich ſo ſchnell, daß weder Wingrove, noch ich Zeit hatten, herbei zu eilen, um der Angreiferin zu wehren. Wir beſtrebten uns ſo ſchnell es möglich war, dazwiſchen zu treten, würden aber zu ſpät gekommen ſein, wenn der Schlag ſicherer geführt, oder weniger gewandt abgewehrt worden wäre. Der Streich erfolgte; die Chicaſſaw that einen Satz und begleitete ihren Angriff mit einem wilden Schrei. Die Jägerin fing aber den Hieb geſchickt mit ihrem Zarape auf und die Klinge glitt unſchädlich ab. Wir eilten herbei, um die Kämpfenden zu trennen, ₰ 42 als ein dritter Fechter auf den Schauplatz erſchien und Marian in Schutz nahm. Es war keine menſchliche Hand, die ihr zu Hülfe eilte; aber ein Freund, den ſie vielleicht für noch zuver⸗ läſſiger hielt: nämlich Wolf, ihr Hund. Der Anlauf, welchen die Indianerin genommen hatte, um ihren Hieb zu führen, ſowie die Erfolgloſig⸗ keit desſelben hatten bewirkt, daß ſie weit über ihr be⸗ abſichtigtes Ziel hinausgeeilt war. Sie drehte ſich eben um, in der Abſicht, ihren Angriff zu wiederholen, als der Hund herbeigeſprungen kam. Mit zornigem Knurren ſprang das Thier heran, that einen gewaltigen Luftſprung und warf ſich an die Bruſt der Indianerin, indem er ſie zugleich an der Gurgel packte! In dieſer Stellung klammerte er ſich an ihr feſt, biß ſeine ſcharfen Zähne tief in ihr Fleiſch und zerriß mit den Tatzen den Buſen der Indianerin. Es war ein ſchrecklicher Anblick und da Wingrove und ich ſahen, daß Marian außer Gefahr war, eilten wir herbei, um die Frau von dem Hunde zu befreien. Ehe wir zu ihr gelangen konnten, war ſowohl das Opfer wie der Rächer unſeren Blicken entſchwunden. Die Indianerin war in ihrem Schrecken zurückge⸗ wichen, hatte auf ſolche Weiſe das Ufer des Fluſſes er⸗ reicht, verlor dort plötzlich ihren Halt und ſtürzte rück⸗ lings in's Waſſer. Als wir an den Rand desſelben gelangten, war 43 ſowohl die Frau als der Hund verſchwunden, beide waren auf den Grund geſunken. Aber im nächſten Augenblicke tauchte erſt der Hund, dann die Indianerin wieder auf und wir ſahen, daß er ſein Opfer noch immer mit den Zähnen an der Gurgel feſthielt. Ein halbes Dutzend Leute ſprangen in's Waſſer und nach einiger Anſtrengung gelang es endlich, das tolle Thier los zu reißen. Es war zu ſpät. Die ſcharfen Zähne hatten ihr Zerſtörungswerk vollbracht und diejenigen, welche den Körper der Unglücklichen an das Ufer zogen, überzeugten ſich bald, daß das Leben aus demſelben gewichen war. Die Glieder hingen ſchlaff herab und der Puls hatte aufgehört zu ſchlagen. Su⸗wa⸗nee war todt. 7. Capitel. Ein trügeriſcher Schein. Die Indianer, ſowohl Krieger als Weiber, ſtrömten herbei und verſammelten ſich um die Leiche. Ihre Aeußerungen verriethen kein Bedauern. Selbſt die Squaws ſchauten theilnahmlos darein, obwohl die Ver⸗ unglückte ihrem eigenen Volk und Geſchlecht angehörte. Sie wußten, daß ſie ſich mit dem Feinde verbündet habe und waren Zeuge des wilden Angriffes auf Marian geweſen, deſſen Beweggrund ſie aber nicht kannten. Einige derſelben, welche Verwandte beim Kampfe ver⸗ loren und durch Kummer und Sorgen bereits gereizt waren, ſchickten ſich an, den lebloſen, verſtümmelten Körper zu ſchänden und noch mehr zu verſtümmeln. Ich wandte mich ab von dem widerwärtigen An⸗ e 8— 45 blicke, weder die lebenden, noch die todten Theilnehmer an jenem unheimlichen Schauſpiele vermochten mich länger zu feſſeln. Indem ich mich nach anderen Geſtalten umſah, fiel mein Blick zuerſt auf Wingrove. Er ſtand, ſowohl geiſtig als körperlich niederge⸗ ſchlagen, in der Nähe. Sein Kopf hing auf die Bruſt herab, doch haftete ſein Blick nicht am Boden, ſondern an einer Geſtalt, die ſich raſch entfernte. Es war die Jägerin. Das Mädchen war zu ihrem Pferde geeilt und ſprengte in Begleitung ihres Hundes davon. Sie ritt langſam, als ſei ſie unſchlüſſig, ob und wohin ſie gehen ſolle. Sie ſchien dem Pferde die Ent⸗ ſcheidung über beides zu überlaſſen, denn die Zügel ruhten ſchlaff auf ſeinem Halſe, während die Reiterin in tiefe Gedanken verſunken zu ſein ſchien. Ich eilte zu meinem Araber, in der Abſicht ihr zu folgen, als ich bemerkte, daß man mir zuvorkam. Ein anderer, nämlich Wa⸗ka⸗ra, hatte denſelben Gedanken gefaßt. Ich ſah den jungen Häuptling aus der Mitte ſeiner Leute treten und ſein Schlachtroß nach der Jägerin hin⸗ lenken. Ehe ich mich in den Sattel geſchwungen hatte, jagte er Marian nach und ritt dann in gemäßigterem Schritte an ihrer Seite weiter. Ich verſuchte nicht, ihnen zu folgen. Wie unwillkommen mir die Zuſam⸗ menkunft der beiden war und was auch der Zweck ₰ kaum denkbar, daß ihn der Anblick ſeiner Begleiterin 46 derſelben ſein mochte, ziemte es mir nicht, dazwiſchen zu treten. Hätte ich auch die Unhöflichkeit eines ſolchen Schrittes nicht berückſichtigt, ſo war auch die Ange⸗ meſſenheit desſelben ſehr zweifelhaft, und das Bedenken war es hauptſächlich, was mich zurückhielt. Etwas verſtimmt über die Vereitelung meiner Ab⸗ ſicht, gab ich es auf, mein Pferd zu beſteigen, und wandte mich wieder zu Wingrove. Sobald ich nahe genug gekommen war, um den Ausdruck ſeiner Züge zu erkennen, bemerkte ich, daß er meine Betrübniß in hohem Grade theilte. Ein Gefühl des bitterſten Grolles nagte am Herzen des jungen Hinterwäldlers. Sein Blick war auf die beiden Geſtalten gerichtet, die ſich langſam über die Ebene entfernten, und er folgte den Bewegungen beider mit dem ſcharfen, raſt⸗ loſen Blicke, welcher der Eiferſucht eigen iſt. „Beruhigt Euch, Wingrove!“ ſagte ich, indem ich die Gedanken ſeiner Seele errieth.„Laßt Euch das nicht kümmern zich kann Euch verſichern, daß kein Ein⸗ verſtändniß zwiſchen beiden herrſcht.“ 8 Ich war, als ich die Verſicherung ausſprach, von der Wahrheit derſelben keineswegs überzeugt. Für den Indianer konnte ich mich nicht verbürgen. Obwohl er einer der kälteſten unter ſeinem kalten Volke war— ja, von Erz und Marmor zu ſein ſchien— war es 47 ganz gleichgültig gelaſſen habe. Vielleicht war von ihrer Seite keine Neigung vorhanden, obwohl im Grunde der Utha⸗Häuptling ein prachtvolles Muſter⸗ bild eines Menſchen war. Allem Anſcheine ſowohl, als allen Berichten über ihn nach, beſaß er eine edle, ritter⸗ liche Geſinnung— während über ſeinen Muth und ſeine Schönheit kein Zweifel obwalten konnte, denn ſeine Geſtalt wurde von der des Apollo kaum erreicht und ſeine Züge erſchienen ſelbſt unter der entſtellenden, kriegeriſchen Malerei zart und regelmäßig. Mußte das erregbare Mädchen, das ſelbſt eine Halbindianerin war und heftige Leidenſchaften und Triebe beſaß, ſolche Vorzüge nicht anerkennen? Schien es unwahrſcheinlich, daß ſie dieſelben mit Wohlgefallen betrachte? Ohne die vor Kurzem ſtattgefundene Liebesſcene würde ich es nicht nur für möglich, ſondern für wahr⸗ ſcheinlich angeſehen haben. Selbſt jetzt konnte ich, wenn ich die beiden Geſtalten beohachtete und ſah, wie der wilde Häuptling in eifriger Unterhaltung begriffen, ſich galant zu dem Ohre ſeiner ſchönen Schutzbefohlenen neigte, welche ihrerſeits nicht ſehr niedergeſchlagen ſchien, nicht umhin, zu fürchten, daß eine Annäherung zwiſchen ihnen der Ruhe meines Freundes gefährlich werden könne. Aber nein— nein! Der Auftritt, welchen ich ſo kürzlich zwiſchen ihr und Wingrove angeſehen * hatte, zeichnete ſich durch weit zärtlichere Worte und Geberden aus. Der zärtliche Druck der Hände— die Liebe, die ſich in den Blicken beider ausſprach und ebenſo unverhohlen als gegenſeitig war— waren Beweiſe wahrer Zuneigung— einer Zärtlichkeit, waidr ſelbſt die abgefeimteſte Kokette nicht würde o ſchnell haben verläugnen können. Unmöglich! dei Annäherungen hatten eine gewiſſe Aehnlichkeit, doch konnten ſie unmöglich beide aufrichtig ſein. Der arme Wingrove! Er war nicht im Stande, ſich das zu überlegen, ſo wenig wie es irgend ein anderer in gleicher Lage geweſen ſein würde. Das Herz des Liebhabers war von Zweifeln zerriſſen, ſelbſt da die Verſicherung ihrer Liebe in ſeinen Ohren wieder⸗ hallte. „Es iſt freundlich von Euch, Capitain“, rief er mir entgegen,„aber nachdem, was geſchehen iſt, weiß ich nicht, was ich denken ſoll. Wenn ſie jetzt noch falſch ſein kann und noch dazu um eines Indianers willen, ſo möchte ich mich beim Himmel unrs Leben bringen.“ Er begleitete dieſe Worte mit einem tiefen Seufzer. „Auf, Kamerad! Beruhigt Euch. Von ihrer Seite wenigſtens habt ihr keinen Grund zum Zweifel. Sie hat es Euch ja ſelbſt verſichert.“ „Auf keinen Fall, Capitain, kann ſie uns beide lieben.“ 49 Ich konnte nicht umhin, über die Bemerkung zu lächeln— denn er ſprach im Tone argloſer, eifriger Verſicherung. Ich verneinte raſch. „Sie hat mir erſt vor einem Augenblicke geſagt, daß ſie mich liebe; nicht nur geſagt, ſondern würde es beſchworen haben, wenn ich es verlangt hätte. Ich war ſo glücklich, wie eine Blume des Frühlings: denn es war das erſte Mal, daß ſie es ſelbſt ausſprach; und jetzt, ſehet, dort reitet ſie!“ Die Wolke auf ſeiner Stirne verdüſterte ſich, indem er auf die beiden Davonreitenden deutete. Der Anblick genügte allerdings, um den Verdacht eines weniger eiferſüchtigen Liebhabers zu erregen, wenn auch nicht zu rechtfertigen. Beide Reiter hatten in einem entfernten Theile der Ebene Halt gemacht. Sie waren nicht ſo weit entfernt, daß man ihre Hal⸗ tung nicht hätte beobachten können. Sie ſaßen noch beide zu Pferde, hatten aber ihre Thiere ſo nahe an einander gedrängt, daß die Körper der Reiter ſich faſt zu berühren ſchienen. Der Kopf des Häuptlings war nach vorn geneigt, während ſeine Hand ausgeſtreckt zu ſein ſchien, als ob er die der Jägerin in der ſeinen halte.. Für einen Liebhaber war es ſelbſt aus der Ferne ein peinlicher Anblick und die farbloſen Lippen, zu⸗ ſammengebiſſenen Zähne und die raſchen, unregelmäßigen Herzſchläge Wingrove's, die ich deutlich vernehmen Die wilde Jägerin. IV. 4 „. 50 konnte, verriethen mir den Sturm, der in ſeinem Inneren gährte. Ich war über die Stellung des Utha⸗Häuptlings ſelbſt verwundert, ſowie über die ſtillſchweigende Will⸗ fährigkeit, mit welcher ſie ſeine Aufmerkſamkeiten ent⸗ gegen zu nehmen ſchien. Es hatte unſtreitig das Anſehen einer Liebes⸗ tändelei— obwohl ich mich dagegen ſträubte, es zu glauben, ja einem ſolchen Gedanken durchaus nicht Raum geben mochte. Es lag nicht in der menſch⸗ lichen— nicht in der weiblichen Natur, ſo ohne alle Umſtände treulos zu ſein. Der Schein mußte jedenfalls täuſchen. Ich bemühte mich, noch eine Erklärung des Vor⸗ ganges aufzufinden, als ein beweglicher Gegenſtand meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Es war ein Reiter, der ſich in der Ebene jenſeits der Stelle zeigte, wo die Jägerin und der Häuptling Halt gemacht hatten. Uns ſchien er in einer Linie mit ihnen zu ſein und ritt aus dem oberen Kanon, aus welchem er offenbar gekommen war, das Thal hinauf. Er befand ſich noch in ziemlicher Entfernung von den beiden, doch ſah man, daß er mit verhängtem Zügel gerade auf ſie zu kam. In wenigen Augenblicken mußte er ſie erreicht haben. Ich beobachtete den Reiter mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit, denn ich hoffte, daß er ſeinen Weg fortſetzen und dem Auftritte ein Ende machen werde, der mich bekümmerte und meinen Gefährten peinigte. Dieſe Hoffnung ſollte erfüllt werden. Der Reiter ſetzte ſeinen Weg eilig fort und als er die beiden bis auf wenige Schritte erreicht hatte, machte er Halt. In demſelben Augenblicke ſahen wir, daß ſich der Utha⸗Häuptling von ſeiner Begleiterin trennte, zu dem Fremden hinritt und ſich in ein Geſpräch mit ihm vertiefte. Es ſchien für beide eine eben ſo ſpannende, als geheime Unterredung zu ſein, denn ſie blieben in eifrigem Geſpräche zur Seite ſtehen. Nach einiger Zeit wendete ſich der Häuptling zu der Jägerin, verabſchiedete ſich, wie es ſchien, bei ihr, wandte dann ſein Pferd nach dem Hügel und kam mit dem Fremden herangeſprengt. Die Jägerin blieb an der Stelle, doch ſah ich ſie vom Pferde ſteigen und ſich liebkoſend zu ihrem Hunde niederbücken. Ich beſchloß, die Gelegenheit zu benutzen, um mit ihr allein zu ſprechen; nachdem ich daher Wingrove gebeten, meine Rückkehr zu erwarten, eilte ich von Neuem, mich auf's Pferd zu ſchwingen. Vielleicht begegnete ich dem Häuptling unterwegs. Vielleicht war ihm meine Annäherung nichts weniger als willkommen. Ich mußte aber, abgeſehen von der 4* „ 52 Herzensangelegenheit meines Freundes mit Marian ſprechen und meine lautere Abſicht verlieh mir Muth, jeder etwaigen falſchen Auslegung zu trotzen, die der Wilde meinem Benehmen beilegen konnte. Mit Entſchloſſenheit beſtieg ich daher mein Pferd und eilte, meine Abſicht auszuführen. 8. Capilel. Eine neue Aufklärung. Da wir von entgegengeſetzter Richtung kamen, begeg⸗ naeete ich dem Häuptlinge ſehr bald. Es wunderte mich einigermaßen, ihn ſtumm an mir vorüberreiten zu ſehen! Es konnte ihm nicht entgangen ſein, nach welchem Ziele ich ritt, indem ich die Richtung gerade auf die Jägerin einſchlug und mich kein anderer Gegenſtand dahin locken konnte. Er ſchien mich nicht einmal zu ſehen! Er ritt, mit dem Blicke auf den Hügel gerichtet, an mir vorüber, und wandte ſich von Zeit zu Zeit zu dem Reiter an ſeiner Seite. Vielleicht beſchäftigte ihn die von demſel⸗ ben erhaltene Nachricht ſo ausſchließlich, daß es ihm gleichgültig war, welche Richtung ich verfolgte? ₰ 54 Der fremde Reitersmann war ein Indianer. Da er nicht kriegsmäßig gekleidet war, konnte ich daraus entnehmen, daß er an dem letzten Kampfe keinen Antheil genommen, ſondern wahrſcheinlich eben von einer weiten Reiſe zurückgekehrt ſei— vielleicht ein Bote war, der Nachricht aus der Ferne brachte. Da ich eine Begegnung gleichfalls gern vermeiden wollte, ritt ich ſchweigend an den beiden Reitern vor⸗ über und ſetzte meinen Weg eilig fort. Als ich an die Jägerin herankam, überlegte ich, wie ſie mich wohl empfangen würde, und wie ich meine Annäherung rechtfertigen ſolle. Ich fürchtete, kein ſehr warmes Entgegenkommen zu finden, jeden⸗ falls nicht, ehe ſie vernommen, was ich ihr zu ſagen hatte. Die zweideutige und unzeitige Mühe der Chi⸗ caſaw⸗Indianerin mußte, verbunden mit dem unheil⸗ vollen, tragiſchen Auftritte, der eben ſtatt gefunden hatte, eben ſo irrige, als unerfreuliche Gedanken in ihr erregt haben. In Folge deſſen, würden ihr nicht nur die Betheuerungen ihres Liebhabers, ſon⸗ dern mein eignes Zeugniß zu Gunſten deſſelben, und überhaupt Alles, was wir geſagt oder gethan hatten, in einem falſchen Lichte erſcheinen. Es gehörte daher kein großer Scharfblick dazu, um mir eine unfreundliche Aufnahme zu prophezeien. Als ich näher kam, hörte ſie auf, den Hund zu 5⁵ liebkoſen und ſchwang ſich wieder auf ihr Pferd. Ich fürchtete, ſie werde mir ausweichen und davon eilen, und obwohl ich ſie leicht hätte überholen können, lag doch ein ſolcher Wettlauf gar nicht in mei⸗ ner Abſicht. Sie griff nach ihrem Zügel und ſchien einen Augenblick unſchlüſſig zu ſein, aber die Neugierde, zu hören, was ich zu ſagen habe, vielleicht auch ein ſtärkerer Trieb, gewann die Oberhand; der Zügel entſank ihrer Hand, und ſie erwartete mein Kommen mit dem Anſcheine gedankenloſer Gleichgül⸗ tigkeit. Selbſt als ich bereits neben ihr angelangt war, gönnte ſie mir weder einen Blick noch ein ſonſtiges Zeichen des Erkennens; ſondern murmelte einige zärtliche Worte, die dem Hunde galten, dem ihre ganze Aufmerkſamkeit zugewendet zu ſein ſchien. „Marian Holt!“ ſagte ich in ſanft zurecht wei⸗ ſendem Tone—„Ihr Mißtrauen iſt ungerechtfertigt— ich bin gekommen, mich mit Ihnen darüber zu ver⸗ ſtändigen.“ „Ich verlange nicht danach,“ fiel ſie mir mit ruhi⸗ gem Tone in's Wort, doch ohne mich anzuſehen. Sie begleitete die Worte mit einer ſanft abwehrenden Hand⸗ bewegung. Sowohl ihr Ton, als ihre Geberde kam mir ab⸗ ₰ 56 weiſend vor, doch wurde ich bald inne, daß ich mich ge⸗ irrt hatte. „Ich bedarf keiner Erklärung,“ fügte ſie hinzu,„es iſt bereits alles klar.“ „Klar? Wie ſo?“ fragte ich, über die ſeltſame Aeußerung verwundert. „Wa⸗ka⸗ra hat mir alles geſagt.“ „Was?— die Geſchichte Su⸗wa⸗nees?“ Sie nickte bejahend. „Das freut mich. Aber wie kommt Wa⸗ka⸗ra dazu, das Nähere zu wiſſen?. „Zum Theil hat er es von dem Mexikaner er⸗ fahren, der es von Euren Leuten weiß— zum Theil von den gefangenen Arapahos. Genug— ich bin befriedigt. „Und Sie verzeihen Wingrove?“ „Es ziemt ihm jetzt, mir zu verzeihen. Ich habe ihm durch mein Mißtrauen nicht nur Unrecht gethan, ſondern ihn auch in ſeiner Ehre gekränkt. Ich ver⸗ diene ſeine Verachtung, denn ich darf kaum hoffen, Ver⸗ gebung zu finden. Jetzt wurde es hell in mir— es dämmerte neue Hoffnung für Wingrove! das verdächtige Geſpräch mit dem Häuptling der Uthas ward erklärt. Die Unſchuld deſſelben ging ferner aus ei⸗ nem Umſtande hervor, den ich jetzt bemerkte. In⸗ 57 dem die Jägerin den Arm erhob, ſah ich, daß ihr Hand gelenk mit einem Streifen Baumwollenzeug umwickelt war. An der Binde war eine leichte Blutſpur zu ſehen! „Ha! Sie ſind verwundet?“ fragte ich, auf den Verband deutend. „Es iſt nichts, als eine unbedeutende Verletzung, die mir die Spitze des Meſſers beigebracht hat. Wa⸗ka⸗ra hat mich verbunden und obwohl die Wunde noch ein wenig blutet, hat es doch nichts zu ſagen.“ Der Häuptling verſah alſo das Amt eines Chirur⸗ gen, als wir ihn in der vermeintlich zärtlichen Stellung ſahen! Immer heiterer wurde Wingroves Himmel. „Welch ein Satan!“ ſagte ich mit Bezug auf Su⸗ wa⸗nee.„Sie hat den Tod verdient.“ „Ach— die Unglückliche! Sie hat ein ſchreckliches Schickſal erfahren und ſie mag es verdient haben oder nicht, jedenfalls kann ich mich nicht enthalten, ſie zu bedauern. Ich wünſchte von Herzen, daß es ihr erſpart geblieben wäre: aber mein treuer Gefährte nahm den Angriff auf mein Leben wahr; und wenn er mich in Gefahr ſieht, vermag ihn niemand zu bändigen. Es i*ſt nicht das erſte mal, daß er mich vor einem Feinde beſchützt, denn während der verfloſſenen ſechs Monate war mein Leben eine Kette ſchwerer Prüfungen und trauriger Erlebniſſe.“ Ich verſuchte, ſie von dieſen düſteren Gedanken ab zu ziehen. Das Ende ihrer Prüfungen war nahe und ich ſuchte, ihr das klar zu machen. Es wurde mir leicht, ermunternde Worte zu finden, denn da ich wußte, wie bereitwillig ihr Liebhaber ihr entgegen kommen würde, konnte ich ihr die volle Ver⸗ zeihung deſſelben im Voraus verſprechen. „Ach, Marian,“ ſagte ich,„eine heitere Zukunft harrt Ihrer. Ich wollte, ich könnte von mir und Ihrer Schwe⸗ ſter Lilian ein Gleiches behaupten!“ „Ha!“ vief ſie mit plötzlich erwachtem Intereſſe aus, „erzählen Sie mir von meiner Schweſter! Sie haben mir es bereits verſprochen und ich kann mir nicht den⸗ ken, daß ihr eine Gefahr drohen könnte.“ Ich theilte ihr hierauf alles mit— meine eigene Geſchichte— meine erſte Begegnung mit Lilian— meine Liebe zu ihr und die Urſachen, welche ich hatte, an ihre Gegenliebe zu glauben— die in Begleitung des Mor⸗ monen erfolgte Abreiſe von Tenneſſee— unſeren Ver⸗ ſuch, die Carawane einzuholen und die Gefangenneh⸗ mung durch die Indianer— mit einem Worte alles, was ſeit meiner Begegnung mit Lilian geſchehen war. Ich fügte die traurigen Vermuthungen hinzu, welche ich in Hinſicht auf das Schickſal ihrer Schweſter hegte, indem mich die innere Sorge trieb, ihr nichts zu verſchweigen. Nachdem ſie ſich den Empfindungen überlaſſen, die eine ſolche Entdeckung nothwendig in ihr erregen 59 mußten, gewann das Jägermädchen plötzlich die Ent⸗ ſchloſſenheit und Faſſung wieder, die ihr eigen waren und half mir einen Plan entwerfen, der zur Rettung Lilians führen könne, denn ihre eigene Erfahrung ſagte ihr, daß auch ihrer Schweſter ein ſchmachvolles Schick⸗ ſal vorbehalten war. „Ja!“ rief ſie in ihrer Herzensangſt aus,„die Ab⸗ ſicht jenes meineidigen Schurken iſt mir nur zu wohl bekannt. Ach, ſoll ich den Vater dem Verderben und der Schande und die Schweſter der Argliſt und dem Betruge anheim fallen ſehen! Ach, meine arme Lilian!“ „Nicht doch, verzweifeln Sie nicht, es iſt noch Hoff⸗ nung da. Wir dürfen aber keine Zeit verlieren, ſon⸗ dern müſſen ſofort aufbrechen und der Carawane folgen.“ „Ganz recht, und ich werde Sie begleiten. Sie haben mir verſprochen, mich nach meiner Heimath zu bringen. Nehmen Sie mich jetzt mit, wohin Sie wol⸗ len, wenn ich nur helfen kann, meine Schweſter zu retten. Gerechter Gott! mußte auch ſie in die Hände jenes boshaften Menſchen gerathen?“ Wingrove, der übermäßig Glückliche, der Verzeihung erhielt und gab, wurde jetzt in unſeren Rath gezogen. Auch dem treuen Zielegut wurde nichts verheimlicht, denn wir konnten in den Fall kommen, ſeines geſchickten Armes zu bedürfen. Wir hatten Muße, uns zu berathen, ohne von ₰ 60 den Indianern geſtört zu werden, die der Scalptanz gegenwärtig ausſchließlich in Anſpruch nahm. Fern von der lärmenden Feier beriethen wir, auf welche Weiſe es uns gelingen würde, Lilian Holt aus den Händen des Schurken zu reißen, in deſſen Gewalt das ſchutzloſe, unſchuldige Mädchen gerathen war. -—— 9. Capitel. Der Plan einer Entführung. Unſere Verhandlung dauerte nicht lange. Ich hatte die Frage bereits von allen Seiten erwogen und war zu der Ueberzeugung gelangt, daß die einzige Möglich⸗ keit, Lilian zu retten, darin beſtehe, wenn wir ſie der Mormonen⸗Karavane entführten. Ihre Schweſter war vollkommen meiner Meinung. Sie wußte, daß es vergebens ſein würde, den Wolf zu beſtimmen, ſeine Beute freiwillig her zu geben und ſie konnte ſich der ſchmerzlichen Ueberzeugung nicht erwehren, daß ihr eigner, verblendeter und von Heuch⸗ lern umringter Vater die Gelegenheit, ſein Kind zu retten, abweiſen werde. Er wäre nicht der einzige Verwandte geweſen, der von den ſchändlichen Betrügern ₰ 62 getäuſcht, ähnliche Opfer auf dem unheiligen Altare des Mormonismus niedergelegt hätte. Dieſe betrübende Thatſache war Marian nicht un⸗ bekannt. Ihre unglückliche Wanderung durch die großen Ebenen hatte ſie mit manchem merkwürdigen Falle— manchem Zuge menſchlicher Bosheit bekannt gemacht. Wir ſtimmten Alle darin überein, daß Lilian den Mormonen entweder mit Gewalt oder Liſt entriſſen werden müſſe und zwar auf jeden Fall, ehe ſie die Stadt am Salzſee erreicht hatte. War ſie an den Ufern des überſeeiſchen Jordan erſt angelangt, ſo waren die Pſeudo⸗Heiligen vor jeder Einmiſchung, ſelbſt von Seiten ihrer mächtigſten Feinde, ſicher. Dann würde eine Entführung unmöglich ſein oder wenigſtens zu ſpät erfolgen. Die Fragen, welche uns beſchäftigten, waren: konnten wir die Entführung unterwegs berwertſtligen und auf welche Weiſe? Wir waren nur drei männliche Theilnehmer, denn der vollſtändig kampfunfähige Irländer mußte zurück⸗ bleiben. Das Jägermädchen hatte zwar ihren Entſchluß, uns zu begleiten, ausgeſprochen und konnte wohl als vierte im Bunde gerechnet werden; was konnten aber unſere vier Flinten gegen eine zehnmal überlegene Zahl ausrichten? Wingrove hatte von der verunglückten Chicaſſaw⸗ Indianerin erfahren, daß mehr als hundert Mann bei dem Zuge der Mormonen ſeien. Es wäre daher thöricht 63 geweſen, daran zu denken, ſie mit Gewalt entführen zu wollen. Eine ſolche Unbeſonnenheit mußte für uns alle ein trauriges Ende nehmen. Würde aber der Verſuch, ſie mit Liſt zu entführen, nicht ebenſo unglücklich ausfallen? Leider ſchien es faſt ſo. Wie ſollten wir der Schaar der Mormonen beikommen— wie in ihr Lager dringen, welches die ſcharfſichtigen Buben mit eiferſüchtiger Sorgfalt bewachen würden. Bei Tage war es unmög⸗ lich, bei Nacht ebenſo gewagt, als unausführbar. Wir konnten uns der Geſellſchaft der Auswanderer nicht ohne Vorwand anſchließen. Welches Vorwandes ſollten wir uns bedienen? Wären wir ihnen völlig fremd geweſen, ſo hätten wir leicht eine glaubwürdige Ge⸗ ſchichte erfinden können; unglücklicher Weiſe war es aber nicht der Fall. Wir waren ſämmtlich dem Führer des Zuges, bis auf Zielegut, bekannt. Meine Gegen⸗ wart würde, wie unerwartet ſie auch war, dem durch⸗ triebenen Schurken meine Abſicht ſofort verrathen haben, während Marian Holt dadurch in eine ebenſo gefähr⸗ liche Lage gerathen mußte, wie die, in welcher ſich ihre Schweſter gegenwärtig befand. Stebbins konnte, wenn auch nicht als rechtmäßiger Ehemann, doch in Gemäß⸗ heit der Ehegeſetze der Mormonen Anſprüche an ſie er⸗ heben und nach welchem anderen Rechte konnte inmitten des Mormonenlagers und unter der Führung des Apoſtels der Fall entſchieden werden? Durch die Begleitung Marians hoffte ich in den ₰ 64 Stand geſetzt zu werden, Lilian zu einer freiwilligen Flucht, wenn nöthig, zum Verlaſſen ihres Vaters zu beſtimmen. Mein Plan war unbeſonnen, denn ich hatte die Gefahr nicht bedacht, welche Marian ſelbſt dabei lief. Jetzt leuchtete uns allen dieſelbe ein und wir er⸗ kannten, daß Marian das Lager der Mormonen nicht ungefährdet betreten könne. Wir durften nicht daran denken, ſie einer Gefahr auszuſetzen, welche nur zu wahrſcheinlich ein doppeltes Opfer herbeiführen und zwei Weſen ſtatt einem treffen würde. Wir richteten daher unſer Augenmerk auf den ge⸗ weſenen Schützen. Er war der einzige von uns, der dem Führer der Mormonen und Holt ſelbſt unbe⸗ kannt war. Unſere Hoffnung war mithin zunächſt auf Zielegut geſtellt. Er konnte ſich dem Zuge unter irgend einem Vorwande anſchließen. Durch ſeine Vermittlung konnte eine Zuſammenkunft ſelbſt bewirkt werden; durch ihn ſollte ſie von der Nähe ihrer Schweſter, ſowie von der Gefahr, in welcher ſie ſchwebe, unterrichtet werden: denn ohne Zweifel war das junge Mädchen völlig un⸗ bekannt mit derſelben. War es uns erſt gelungen, ihr Vertrauen durch die Kenntniß der Gefahr zu gewinnen, ſo würde ſie uns ſelbſt behülflich ſein, einen Rettungs⸗ plan zu erſinnen. Zu dieſem Zwecke war Zielegut der rechte Mann— 65 ebenſo gewandt, wie ſchlau und muthig. Das war das Ergebniß unſerer Berathung. Man wird ſich vielleicht wundern, daß wir uns bei der Gelegenheit nicht an Wa⸗ka⸗ra wendeten, deſſen Beiſtand uns jedenfalls von weſentlichem Nutzen geweſen wäre. Konnte er mit ſeinen berittenen Kriegern die Mormonen doch leicht einholen, ſie umzingeln und dem Führer derſelben Geſetze vorſchreiben. Wir wußten es recht gut und dachten auch daran, ihn um ſeinen Beiſtand anzugehen, obwohl wir bereits wußten, daß unſer Verlangen ſchwerlich erhört werden würde, denn Marian hatte uns über die Meinung aufgeklärt, die der Utha⸗Häuptling von den Mormonen hegte. Jene argliſtigen Diplomaten hatten von der erſten Zeit ihrer Niederlaſſung auf dem Gebiete der Utha's um die Freundſchaft Wa⸗ka⸗ra's und ſeiner Truppe gebuhlt. Sie hatten den kriegeriſchen Häuptling ſo ge⸗ ſchickt zu ſchmeicheln gewußt, daß ſie ſich ſein Vertrauen und ſeine Zuneigung erworben hatten und gegenwärtig die vertrauteſten Beziehungen zwiſchen ihm und dem Mormonenpropheten beſtanden. Aus dem Grunde glaubte Marian, daß es eines ſtärkeren Beweggrundes, als der perſönlichen Freundſchaft bedürfen würde, damit er ihnen als Feind entgegentrete. Vielleicht, dachte ich, iſt ein ſolcher Beweggrund aufzufinden; oder ſollte der Häuptling der Utha's ſeine ſchöne Schutzbefohlene während der ganzen Zeit nur mit dem Auge der Freundſchaft betrachtet haben? In dem Falle Die wilde Jägerin. IV. 5 „* 66 muß ſein Herz kälter ſein, als der Schnee auf jener Bergſpitze! Ich äußerte meine Vermuthung nicht. Letztere Annahme war theilweiſe richtig. Das erſte und zweite hingegen, wie ich ſpäter in Erfahrung brachte, irrig. Es war ein Glück für Frank Wingrove, daß es ſich ſo verhielt. Bei einem ſo wichtigen Unternehmen ſollte kein Mittel unverſucht bleiben. Ich war entſchloſſen, nichts zu verſäumen und forderte daher Marian auf, ſich an den Häuptling zu wenden. Sie williigte ein. Der Verſuch war wohl der Mühe werth; denn für den Fall, daß die Antwort günſtig lautete, ſchwanden die Schwierigkeiten von ſelbſt und wir durften auf einen ſicheren Erfolg rechnen. Im entgegengeſetzten Falle waren wir nicht ſchlimmer daran: denn das war kaum denkbar. Marian verließ uns und ging, dem Häuptling ihr Anliegen vorzutragen. Wir ſahen, wie er ſich von der Ceremonie entfernte und abſeits ging, um mit dem Mädchen, wie es ſchien, eine eben ſo angelegentliche, als lebhafte Unterredung zu führen. Wir harrten mit hoffnungsvollem Herzen. Wingrove war nicht mehr eiferſüchtig. Ich hatte ihn mit einem Worte davon geheilt und der verbundene Arm ſeiner Verlobten erklärte ihm die 67 zarte Aufmerkſamkeit, welche ihr der Indianer ſcheinbar gewidmet hatte. Die Unterredung, während welcher das Paar von Zeit zu Zeit nach uns hinüberblickte, dauerte ungefähr zehn Minuten und da wir den Gegenſtand derſelben kannten, erwarteten wir geduldig den Ausgang. Bald hatten wir ihn erfahren. Wir ſahen, wie der Häuptling— zum Zeichen, daß das Geſpräch zu Ende ſei— mit der Hand winkte, worauf ſich die beiden trennten. Wa⸗ka⸗ra kehrte zu ſeinen Kriegern zurück, während Marian bald in unſeren Rath zurückkehrte. Wir muſterten, als ſie näher kam, ihre Miene und beſtrebten uns, die Erfüllung unſeres Wunſches, nämlich die Zuſage unſerer Bitte, darin zu leſen. Ihr Schritt war elaſtiſch und ihr Blick, wenn nicht heiter, doch nicht niedergeſchlagen. Dennoch war es unmöglich, die Ant⸗ wort des Häuptlings eher zu ergründen, bis wir ſie aus ihrem eigenen Munde vernommen hatten. Er hatte ſich, wie Marian vorher geſagt, nicht ent⸗ ſchließen können, offen gegen die Mormonen aufzutreten. Der Fall hatte aber ſeine Theilnahme erweckt und er ließ uns einen Plan mittheilen, der uns in den Stand ſetzen würde, unſeren Zweck auch ohne ſeine Hülfe zu erreichen. Sein Plan war folgender: Es traf ſich zufällig, daß der Reiter, welcher eben eingetroffen, ein Bote der 5* ₰ 68 Mormonen war. Dieſelben hatten den Coachetopa⸗Paß nicht finden können und lagerten daher noch im großen Thale von San Luis an den Ufern des Rio del Norte. Der einzige, welcher die Prairien früher durchwandert hatte, war Stebbins und da derſelbe über den Weg von Cherokee und Bridger⸗Paß gegangen war, kannte er den, welchen ſie jetzt verfolgten, nicht. Sie bedurften daher eines Führers und da ſie in dieſer Verlegenheit den Indianer getroffen und erfahren hatten, daß er zur Truppe Wa⸗ka⸗ra's gehöre, welche, wie ſie von dem Manne erfahren hatten, nicht weit entfernt ſei, ſo ſchickten ſie ihn mit der Bitte an den Häuptling, ihnen einen Führer und zwei bis drei ſeiner zuverläſſigſten Jäger zu ſenden. 2e Ehe Marian zu Ende war, hatte ich den Plan durchſchaut. Wir ſollten die Rolle des Führers und der Jäger ſpielen. Das war der Vorſchlag des Utha⸗Häuptlings. Derſelbe war vollkommen ausführbar, denn nichts iſt leichter, als das Ausſehen eines amerikaniſchen Indianers anzunehmen. Die Farbe der Haut thut nichts zur Sache, denn Ocker, Kohle und Carmin machen den weißen und rothen Menſchen einander ſo ähnlich wie nur möglich, und was das Haar betrifft, ſo liefert ein ſchwarzer Pferdeſchweif, den die große Federmütze zugleich feſthält und halb bedeckt, das 69 paſſendſte Material. Der ſtolze Wilde neigt ſeine Adlerfedern vor keinem Menſchen der Welt, und ſelbſt der neugierigſte Mormone würde nicht wagen, den Haarſchmuck eines indianiſchen Kriegers zu genau zu muſtern..— Die Zugabe eines neuen, klugen Bundesgenoſſen ließ den Plan noch annehmbarer erſcheinen. Der Trapper Archilete nämlich hatte ſich auf einen Wink des Utha⸗Häuptlings ſofort bereit erklärt, die Rolle des Führers zu übernehmen. Der Mexikaner hatte bereits ein Vorurtheil gegen die Mormonen⸗Hetärie gefaßt und wir konnten uns daher auf ſeine Hingebung für unſere Sache verlaſſen. Der Plan ſagte der Neigung des ſeltſamen Mannes zu und er trat ſein Amt ungeſäumt und mit Ver⸗ gnügen an. Mit ſeiner Hülfe waren bald die erforderlichen Kleider und Farben herbeigeſchafft, doch wurde keines von beiden in Gegenwart der Utha's angelegt. Wa⸗ ka⸗ra durfte durch keine zu enge Mitwiſſenſchaft ge⸗ fährdet werden. Der wohlwollende Häuptling gab Marian ferner das Verſprechen, ſich nöthigen Falles ſogar ſelbſt thätig für uns zu verwenden. Er wollte dem Zuge der Mormonen auf dem Fuße folgen und ſich, wenn unſer Zweck vereitelt werden ſollte, mit ſeinem Einfluſſe für uns verwenden. „₰ 70 Das war das beſte an der ganzen Sache. Mit einer ſolchen Ausſicht brauchten wir am glücklichen Er⸗ folge nicht zu zweifeln. Aber ehe wir die Ebene ver⸗ ließen, trug ſich etwas zu, was unſerem großmüthigen Bundesgenoſſen an der Erfüllung ſeines Verſprechens zu hindern drohte, wie feierlich er ſein Wort auch gegeben hatte. 10. Capitel. Der Beſchützer und die Schutzbefohlene. Das erwähnte Hinderniß entſtand durch die Mit⸗ theilung eines Kundſchafters, der nach beendetem Kampfe die Spur der Arapahos verfolgt hatte. Jener Mann meldete uns, daß ſich der flüchtige Feind wieder geſammelt habe— auf der Flucht einer großen Kriegerſchaar ſeines eigenen Stammes, in Begleitung eines anderen befreundeten Volkes, der Chayennes, begegnet ſei, daß beide eine Truppe von mehreren hundert Kriegern bildeten und auf dem Wege nach dem Thale des Huerfano ſeien, um den Tod der rothen Hand und die Niederlage ſeiner Genoſſen zu rächen. Dieſe unerwartete Nachricht machte dem Scalp⸗ „₰ 72 7 tanze ein plötzliches Ende und gab der Lage der Dinge ein anderes Anſehen. Die Weiber eilten mit lautem Geſchrei nach ihren Pferden, in der Abſicht, ſich nach einem ſicheren Zu⸗ fluchtsorte zu retten— während die Männer ihre Waf⸗ fen muſterten und entſchloſſen waren, dem nahenden Feinde tapfer entgegen zu treten. Es ſtand nicht zu erwarten, daß der Angriff bald erfolgen werde, auf keinen Fall vor Anbruch der Nacht; vielleicht nicht unter mehreren Tagen. Die Vorbereitungen zum Empfange des Feindes wurden daher mit aller Kalt⸗ blütigkeit und Umſicht getroffen, der jene Vertheidigung erforderte. Die Begegnung fand wirklich ſtatt, doch erfuhr ich den Ausgang derſelben erſt ſpäter. Die Uthas blieben Sieger und Wa⸗ka⸗ra legte bei der Gelegenheit einen ferneren Beweis für ſeine ſtrategiſchen Kenntniſſe ab. Er ſtellte ſich in der Nähe des Hügels, doch nur mit einem Theile ſeiner Krieger, auf, welche aber dergeſtalt geordnet waren, daß es die ganze Truppe zu ſein ſchien. Dieſelben vermochten mit ihren Rifles leicht den Hügel gegen die Pfeile des Feindes zu ſchützen und thaten es während eines Sturmes, der mehrere Stunden dauerte. Unterdeſſen hatte ſich die andere Hälfte der Truppe auf die Felsſtücke hinter den Cedern verborgen aufgeſtellt; während der Nacht ſtiegen die Krieger hinunter, ſchli⸗ chen ſich verſtohlen in die Nähe der Allirten und grif⸗ 73 fen ſie im Rücken an. Ein vorher verabredeter Aus⸗ fall vom Hügel herab brachte die größte Verwir⸗ rung in die Reihen der Feinde, und die Uthas tru⸗ gen nicht allein den Sieg, ſondern auch Menſchenhaar genug davon, um Monate lang den Scalptanz auffüh⸗ ren zu können. Jene Einzelheiten erfuhr ich, wie geſagt, erſt ſpäter, und ich habe ſie hier nur erwähnt, um zu zeigen, daß wir auf kein thätiges Einſchreiten des Uthahäupt⸗ lings mehr rechnen durften. Wir waren uns ſchmerz⸗ lich bewußt, daß wir einzig und allein auf unſere eigne Kraft angewieſen blieben. Die Uthas zeigten kein Verlangen, uns zurück zu halten. Sie vertrauten ihrer eigenen Kraft und ihren Schießgewehren, die ſie gut zu handhaben verſtanden. Nachdem wir daher ihrem wohlwollenden Häuptling für den uns erwieſenen, großen Dienſt gedankt und un⸗ ſern verwundeten Kameraden ſeinem Schutze empfohlen hatten, entfernten wir uns ohne Weiteres. Ich war nicht Zeuge des Abſchiedes Wa⸗ka⸗ras von Marian. Sie hatten eine Zuſammenkunft, deren Verlauf ich nicht weiß. Die Jägerin war zurück geblieben, wäh⸗ rend wir übrigen alle voranritten, es wohnte daher niemand dem Abſchiede bei. Vielleicht gaben ſie ſich das Verſprechen, ſich wieder zu ſehen, denn das hofften wir alle, doch habe ich nie etwas Näheres darüber er⸗ ₰ 74 fahren, ob und was der Indianer fühlte, als er ſich von ſeiner weißen Schutzbefohlenen trennte. Es war ſchwer zu glauben, daß der junge Häupt⸗ ling ſo lange mit dem ſchönen Mädchen verkehrt hatte, ohne eine glühende Leidenſchaft für ſie zu empfinden. Ebenſo unwahrſcheinlich war es hingegen, daß er, wenn wirklich eine ſolche Leidenſchaft vorhanden ſein ſollte, ſie ſo bereitwillig einem anderen überlaſſen würde. Ein ſolcher Act der Großmuth würde ihn in der That zu einem Rolla des Nordens erhoben haben. Wenn wirklich eine Leidenſchaft vorhanden war, wußte ich, daß ſie nicht erwiedert werden konnte. Die Art und Weiſe, wie Marian dem ſchmucken Jäger in's Auge blickte, der jetzt ihr ausſchließliches Eigenthum war, verrieth, daß Wingrove der ſtolze Beſitzer des wunderſchönen Mädchens ſei. Marian ſetzte ſich, indem ſie ſich unſerem Zuge anſchloß, einer bedeutenden Gefahr aus. Unſere eigne Lage war, im Vergleich zu der ihrigen, nur Kinderſpiel, denn wir hatten im Grunde nichts anderes zu fürchten, als das Scheitern unſerer Abſicht, nebſt einer gewiſſen Strafe, wenn wir bei der Entführung ertappt wurden. Aber ſelbſt in dem Falle ſtand unſer Leben nicht auf dem Spiele, wir müßten denn in der erſten Hitze auf der Stelle erſchlagen werden. Sie befand ſich hingegen in einer ganz anderen Lage. Der Apoſtel der Mormonen würde, ob recht⸗ 75 mäßiger Weiſe oder nicht, Anſprüche auf ſie erheben. In jenem Lande beſtand kein Geſetz, wenigſtens keine Gewalt, die ihn hätte hindern können, zu thun, was ihm beliebte, und es war leicht zu errathen, was ſein apoſtoliſcher Wille ſein würde. Die Gegenwart Wingrove's mußte ſeine Rachgier herausfordern; wenn daher Marians indianiſche Verkleidung ent⸗ deckt wurde, ging ſie einem Schickſale entgegen, was, ihrem eigenen Ausſpruche nach, ſchlimmer war, wie der Tod. Sie war ſich deſſen wohl bewußt, ließ ſich aber dadurch von ihrem Entſchluſſe nicht abbringen. Ihre zärtliche Liebe zu Lilian und der eifrige Wunſch, ſie vor einer Gefahr, welcher ſie nur zu gewiß entgegen ging, zu retten, ließ ſie der eigenen Sicherheit vergeſſen, und das kühne Mädchen hatte den heroiſchen Entſchluß gefaßt, alles zu wagen, und verließ ſich auf den Zufall und ihren energiſchen Willen, um ihren Zweck glücklich zu erreichen. Ich verſuchte nicht länger, ihr abzureden, uns zu begleiten. Wie konnte ich? Ohne ihren Beiſtand wür⸗ den vielleicht meine eigenen Beſtrebungen erfolglos bleiben. Vielleicht würde Lilian auf mich nicht hören, vielleicht beſtand das geheime Einverſtändniß, auf welches ich ſo zuverſichtlich zählte, nur in geringem Grade, oder war völlig geſchwunden. Sonderbarer Weiſe verurſachte mir die Erinnerung an das Bou⸗ quet, obwohl ich aus der Vernachläſſigung der Blu⸗ men ſo ſüße Schlüſſe gezogen hatte, ſtets einen merklichen Schmerz! Wer ſo geſchickt zu werben ver⸗ ſtand, durfte auf einigen Erfolg rechnen. Hatte ſie den ſüßen Schmeicheleien, die gefährlicher wir⸗ ken, als ungeſtüme Bitten— den fortgeſetzten Bemühungen eines kundigen Verführers— hart⸗ näckig widerſtanden? War mein Bild nicht längſt er⸗ loſchen, oder, wenn es noch in ihrem Herzen lebte, würde es ihr den Muth verleihen, ihrem Vater— — jenem ſchrecklichen Vater!— zu widerſtehen? Warum ſollte er das eine Kind ſchützen wollen, nachdem er das andere bereits der Schande Pren ge⸗ geben hatte. Von ſolchen Gedanken verfolgt, wagte ich nicht, Marian von ihrem Vorſatze abzurathen. Im Gegen⸗ theil, ich beſtärkte ſie in demſelben. Meine ganze Hoffnung beruhte jetzt auf ihrem Einfluſſe über Lilian. Ohne denſelben wäre mir faſt kein Anhalt ge⸗ blieben. Es war möglich, daß mich Lilian nicht mehr liebte. Die Zeit und die Abweſenheit konnten die Erinnerung an mich in ihrem empfänglichen Herzen verlöſcht und eine andere Geſtalt meinen Platz in demſelben eingenommen haben. Wenn dem ſo war, ſo würde ich es ſicherlich tief beklagen, aber ſelbſt in dem Falle wollte ich ſie nicht dem Verderben Preis 77 geben. So lange ich es hindern konnte, ſollte ſie nicht das Opfer eines Schurken werden. Nein, Lilian! Wenn auch geliebt und für mich verloren, will ich den Schmerz, den mir Deine Un⸗ treue verurſacht, nicht verſchärfen.*Der Kelch meiner Leiden wird bitter genug ſein, auch ohne den herben Zuſatz der Rachgier. UI. Capitel. Das Nachtlager. Tli ritten wieder den Canon des Huerfano hinauf, und hielten uns längs des Ufers des Fluſſes. Weiter⸗ hin gelangten wir an eine Stelle, wo ſich die Wege trennten— der ſüdliche führte am Cuchada entlang nach dem Paſſe des Sangre de Chriſto. Dieſen Weg hatten die Goldſucher in Begleitung der Dragoner ge⸗ wählt, welche nach ihren neuen, militairiſchen Poſten Fort Maſſachuſetts zogen— erſtere ohne Zweifel in der Abſicht, über den Gila oder Mohave nach ihrem fernen Ziele, den Goldfeldern von Californien zu gehen, eingeſchlagen. Oberhalb des oberen Canon wendet ſich der Huer⸗ fano plötzlich nach Norden, an ſeinem Ufer entlang läuft 79 die Straße des Robideauspaß, welchen der Zug der Mormonen verfolgt hatte. Wir konnten der Spur derſelben leicht folgen. Die Spur der Räder und die Pferdehufe hatten eine breite Bahn hinterlaſſen und die Zahl beider bewies, daß die Geſellſchaft zahlreich war— viel zahlreicher, als wir nach den früheren Nachrichten erwartet hatten. Doch lag wenig daran, indem wir zur Erreichung unſeres Zweckes auf keinen Fall Gewalt anwenden konnten. Ich betrachtete es vielmehr als einen gün⸗ ſtigen Umſtand, je größer die Zahl, um ſo weniger war es anzunehmen, daß der einzelne ſtreng bewacht, oder bald vermißt werden würde. Wir erreichten Robideauspaß bei Sonnenunter⸗ gang, deſſen letzten Schein wir eben am Horizonte der großen Ebene von San Luis beobachten konnten. Innerhalb des Paſſes ſtießen wir auf die Spuren des Mormonenlagers. Es war in der verfloſſenen Nacht ihr Ruhepunkt geweſen. Die Wölfe ſchlichen um die verglimmenden Feuer, deren halbverkohlte Reiſer noch dichte Rauchſäulen emporwirbelten. Jetzt erfuhren wir auch die Geſchichte des erbeuteten Wagens und der erſchlagenen Wagenlenker. Unſer Führer hatte ſie vom Uthaboten erfahren. Das Fuhr⸗ werk gehörte den Mormonen, welche zu der Zeit, wo die Arapahos ihren Angriff unternahmen, nur wenig voraus waren. Anſtatt aber umzukehren, um ihren un⸗ glücklichen Kameraden bei zu ſtehen, ließen ſie ſich durch ₰ 80 ihren Schrecken vor den Indianern verleiten, dem napoleoniſchen Grundſatze zu folgen und: sauve qui peut zu ſpielen; unaufhaltſam eilten ſie von dannen, bis ſie die Nacht in Robideauspaß überraſchte. Dieſe Erklärung enträthſelte mir auch, was mir bisher von Seiten der Dragoner unbegreiflich geweſen war. Die Eigenſchaft der Opfer des Angriffes hätte die Gleichgültigkeit der Dragoner einigermaßen ent⸗ ſchuldigen können, denn für die Sicherheit der Mormo⸗ nen hatten ſie nicht zu ſorgen und würden ſie daher wahrſcheinlich ihrem Schickſale überlaßen haben. Der Führer hatte aber erfahren, daß ſowohl die Goldſucher, als die Dragoner ihrer frommen Reiſegefährten über⸗ drüſſig, ſich von denſelben getrennt hatten, und da ſier weit voraus waren, wußten ſie wahrſcheinlich nichts von dem blutigen Auftritte, der im Thale des Huerfano ſtattgefunden hatte. Wir beſchloſſen, die Nacht an der Stelle des ver⸗ laſſenen Lagers zuzubringen. Wie uns unſer Führer, der es von dem Mormonenläufer wußte, ſagte, war uns der Zug um dreißig Stunden voraus. Die Ge⸗ ſellſchaft lagerte am Ufer des Rio del Norte und er⸗ wartete dort die Antwort des Häuptlings. Jene Ant⸗ wort ſollten ſie am folgenden Tage von uns erhalten. Nachdem wir die Wölfe vertrieben hatten, ſchickten wir uns an, unſere Zelte von Büffelfell aufzuſchlagen. Eine Anzahl derſelben war uns von den Uthas freund⸗ lich überlaſſen worden und bildete einen Theil der Laſt 41 1 — 81 unſerer Maulthiere. Eins war zum Gebrauche für die Jägerin— das andere zur Benutzung für die übrigen beſtimmt. Wohl hätten wir alle, ſelbſt Marian nicht ausge⸗ nommen, eines ſolchen Schutzes entbehren können, doch hatten wir, als wir uns damit verſahen, noch einen anderen Zweck im Auge. Vielleicht wurden wir ge⸗ zwungen, einige Tage mit der frommen Geſellſchaft zu reiſen. In dem Falle ſollten uns die Zelte nicht nur ſchützen, ſondern auch verbergen. Die dichten Felle konnten uns vor den allzuſcharfen Blicken unſerer Rei⸗ ſegefährten ſchützen und wahrſcheinlich würden wir, die Jäger der Geſellſchaft, eines ſolchen Verſteckes bedür⸗ fen, um unſere auf der Jagd in Unordnung gerathene Verkleidung wieder in Stand zu ſetzen. Unter dem Schutze der Zelte konnten wir unſeren Anzug ungeſtört wieder ordnen und das war der hauptſächlichſte Grund, weshalb wir uns mit den ledernen Häuſern befrachtet hatten. So weit waren wir ungefährdetund ohne Aufenthalt gekommen, und obwohl der Weg, welchen wir verfolgt hatten, ſowohl von den Indianern, als den Weißen häufig betreten wird, waren wir weder den einen, noch den anderen begegnet. Außer unſerer eigenen Geſellſchaft kam uns weder Roß noch Reiter zu Geſicht. Trotzdem verſäumten wir die gebotene Vorſicht nicht. Es war noch eine Möglichkeit vorhanden, in Gefahr zu gerathen und wir waren uns deſſen wohl bewußt, Die wilde Jägerin. IV. 6 „ 82 ergriffen daher alle Vorſichtsmaßregeln, welche geeignet ſchienen, uns vor derſelben zu bewahren. Die Gefahr beſtand nämlich in einer möglichen Be⸗ gegnung mit unſeren alten Feinden, den Arapahos. Nicht diejenigen, welche eben eine Niederlage erlitten hatten, ſondern mit einem Theile meiner Verfolger von der verfloſſenen Nacht. Einige derſelben waren, wie ſchon erwähnt wurde, nach dem Hügel zurückgekehrt, ob aber alle wiedergekommen, wußten wir nicht. Konnten nicht einige, entweder aus Rachgier oder von dem Ver⸗ langen getrieben, ſich durch eine Heldenthat, wie meine Gefangennehmung, Ruhm zu erwerben, die Verfolgung länger fortgeſetzt haben? War das der Fall, ſo muß⸗ ten wir darauf gefaßt ſein, ſie auf dem Rückwege zu treffen, oder, wenn ſie uns erblickten, in einen Hinter⸗ halt gerathen. In beiden Fällen war, wenn ſie uns einigermaßen an Zahl überlegen, ein Zuſammenſtoß unvermeidlich und bedenklich. War eine Anzahl jener Indianer vor uns, was keineswegs unmöglich ſchien, ſo wußten wir, daß ſie von der Niederlage, welche ihre Genoſſen erlitten hat⸗ ten, nichts wiſſen konnten und daher durch ihr eignes Mißgeſchick nicht gewitzigt, unerſchrocken auf den Kampf eingehen würden. Auch war es nicht wahrſcheinlich, daß ihre Zahl ſehr klein ſein würde— wenigſtens gewiß nicht kleiner, als die unſrige. Es würden ſchwerlich weniger als ein Dutzend Krieger wagen, ein Gebiet zu durchſtrei⸗ 8⁵ „Amantes?“ fragte Archilete flüſternd, indem er dem Jäger mit ruhigem, bedeutſamen Lächeln nachſchaute. „Ja, Liebende, welche lange getrennt waren.“ „Carrambo! Wirklich? Das iſt alſo der Neben⸗ buhler des falſchen Ehemannes?“ Ich nickte bejahend. „Per Dios, Sennor, ich wundere mich nicht mehr, wenn der pſalmodirende Heredico bei der Gelegenheit hätte zurückſtehen müſſen, wenn ehrlich Spiel geſpielt worden wäre. Ich begreife jetzt, wie es kommt, daß die Jägerin keine Augen für unſere Bergbewohner hier hatte. Kein Wunder, daß ſie nach ihrer fernen Wald⸗ heimath ſeufzte. Ay de mi, Cavallero! Die Liebe iſt ein mächtiger Trieb, den ſelbſt die Einöde nicht zu er⸗ ſticken vermag. Nein, nein, valga me dias! Nein!“ Der Ton, in welchem der Mexikaner die letzten Worte ſprach, klang ſchwermüthig und ſeine Blicke ruh⸗ ten mit trübem Ausdrucke auf dem Feuer. Man konnte leicht merken, daß, ſo ſeltſam und lächerlich die Er⸗ ſcheinung des Mannes auch war, er ein Opfer der Liebe geweſen, oder noch war. Ich bildetete mir ein, daß er eine Geſchichte— ein Liebesabenteuer zu erzählen habe und war in dem Augenblicke in der Stimmung, mir etwas derartiges erzählen zu laſſen. Zielegut hatte uns gleichfalls verlaſſen, um ſich der Pflege der Thiere zu unterziehen, die in der Nähe aus⸗ ₰ 86 gepflöckt ſtanden, ſo daß wir beide allein an dem Feuer zurückgeblieben waren. Sollte die Geſchichte des Trappers ſo empfindſam und romantiſch ſein, wie dergleichen Abenteuer an der Grenze Mexikos häufig zu ſein pflegen, ſo war der Augenblick günſtig, ſich auszuſprechen. Da ich ſah, daß mein neuer Bekannter in Gedanken verloren da ſaß, ver⸗ ſuchte ich, ihn aus ſeiner träumeriſchen Stimmung zu reißen. „Ihr redet wahr,“ ſagte ich.„Die Gewalt der Liebe iſt in der That ſehr groß und trotzt ſogar dem abenteuer⸗ lichen Leben in der Wildniß. Ihr habt dieſe Erfahrung ſelbſt gemacht, wie ich lauhe, und hängt jetzt Euren Erinnerungen nach?“ „Ja, Sennor, das thue ic, und zwar traurigen Erinnerungen obendrein.“ „Traurigen?“ „Sehr bitteren— Carrai!“ „Iſt Euch das Liebchen untreu geworden?“ „Nein.“ „Dann ſind wohl ihre Eltern hindernd dazwiſchen getreten, wie es häufig geſchieht? Oder hat man ſie gezwungen, gegen ihren Willen einen anderen zu hei⸗ rathen?“ „Ach nein, Sennor! Sie war nie verheirathet. 6 „Nicht verheirathet, was denn?“ „Sie iſt ermordet worden.“ Ich war ſo beſtürzt darüber, ſo ſchmerzliche Erin⸗ . 87 nerungen wach gerufen zu haben, daß ich nicht antwor⸗ ten konnte, ſondern ſchweigend da ſaß. Mein Schwei⸗ gen ſtörte ihn indeſſen nicht in ſeiner Erzählung. Viel⸗ leicht empfand mein Gefährte das Bedürfniß, ſich aus⸗ zuſprechen, oder gewährte es ihm einen Troſt, ſich einem theilnehmenden Herzen an zu vertrauen? Nach kurzem Schweigen fuhr er in der Geſchichte ſeiner Liebe fort und erzählte die traurigen Ereigniſſe, die das unheilvolle Ende herbeigeführt hatten. 12. Capitel. Gabrielle Gonzales. „Puez, Sennor!“ hub der Mexikaner an,„Ihr habt, wie ich von Euren Kameraden höre, dort unten jenſeits des Rio Grande gekämpft.“ „Das habe ich allerdings.“— „Dann kennen Sie das Leben an der mexikaniſchen Grenze ein wenig— wiſſen, wie wir ſeit einem halben Jahrhundert von den Indios Bravos heimgeſucht wer⸗ den— die unſere Ranchos einäſchern— unſere großen Haciendas plündern und verwüſten und ſogar unſere Städte nicht verſchonen, deren viele zerſtört und aus⸗ geräumt wurden?“ „SIch habe von ſolchen Verwüſtungen gehört, ja, bin drüben in Texas ſelbſt Augenzeuge ähnlicher Vorfälle geweſen.“ 89 „Ganz recht, Sennor. Drüben in Texas und A4 Tamaulipas ſteht es, wie ich gehört habe, ſchlimm genug. Carrai! Aber hier in Neu⸗Mexiko bei weitem ſchlim⸗ mer. Dort haben ſie die Comanchen und Sipanos, während wir hier von allen Seiten von Feinden um⸗ ringt ſind. Im Oſten bedroht uns der Caygua und Comanche, im Weſten der Apache und Navajo. Im Süden greift uns der Wolf und Mezealero⸗Apache, im Norden ſein Verwandter, der Jicarillas, an. Außer⸗ dem gefällt es zuweilen unſeren gegenwärtigen Bun⸗ desgenoſſen, den Utha's, ihre Schilder mit unſeren Scalps, und ihre Wigwams mit unſeren ſchönſten Frauen zu zieren. Carrambo, Sennor! Ein glückliches Land, das unſrige, nicht wahr?“ Die höhniſchen Worte dienten viel mehr als Ein⸗ gang, als daß ſie eine Frage enthielten, bedurften daher keiner Erwiderung. Auch antwortete ich nicht. „Puez, amigo!“ fuhr der Mexikaner fort,„es be⸗ darf kaum der Verſicherung, daß es am Rio del Norte, von Taos bis El Paſo, kaum eine Fanille gibt, die nicht gegründete Urſache hätte, dieſe Lage der Dinge zu beklagen; kaum eine, die unter den Ueberfällen jener Wilden nicht gelitten hätte. Was ſoll ich von einge⸗ äſcherten und geplünderten Häuſern, oder verwüſteten Maisfeldern, welche den Pferden der umherſtreifenden Landſtreicher als Weide dienen, oder von Schaafen und Viehheerden ſagen, die ſie in ihre wilde Heimath trei⸗ ben? Was liegt darand Was iſt ein ſolcher Verluſt 90 gegen das weit größere Unglück, das faſt jede Familie betroffen hat, nämlich die Entführung eines oder mehrer Mitglieder der Familie— ſei es Weib, Tochter, Schweſter oder Kind— die einer endloſen Knechtſchaft anheimgefallen ſind und die Laune oder Begierde jener unbarmherzigen Barbaren befriedigen müſſen.“ „In der That, eine ſchreckliche Lage!“ „Ay, Sennor! hat man doch ſelbſt die Braut vom Altare weggeriſſen und den Armen des Bräutigams entzogen, noch ehe er Zeit gefunden, ſie an ſein Herz zu drücken! Ay, demi, Cavallero! Ich kann der Wahrheit gemäß behaupten, daß mir es ſelbſt ſo ge⸗ gangen iſt.“ „Euch?“ „Ja— mir. Ihr wollt wiſſen, woran ich denke, wohlan, ſo ſollt Ihr erfahren, was mir ſtets unver⸗ geßlich bleiben wird!“ Hierauf deutete der Mexikaner auf ſein verſtümmeltes Bein und fuhr fort:„Carrambo! das iſt noch nichts. Da— in meinem Herzen trage ich eine Wunde, die ich zu gleicher Zeit empfing und die ſo lange ausharren wird, als die Verſtümmelung meines Beines, aber noch weit ſchmerzlicher iſt.“ Bei dieſen Worten legte der Trapper die Hand auf ſein Herz und verharrte in der Stellung, bis er aus⸗ geredet hatte, als wolle er die bangen Seufzer unter⸗ drücken, die ihn zu erſticken drohten. Seine gewöhnlich ſo muntere, faſt komiſche Miene hatte einen Ausdruck tiefen Kummers angenommen. Es war leicht zu 91 ſehen, daß er das Opfer eines grauſamen Schickſals geworden war. Meine Neugierde war erwacht und ich empfand das größte Verlangen, eine Geſchichte zu erfahren, welche zwar jedenfalls ſehr traurig, aber ſicherlich ebenſo ro⸗ mantiſch, als intereſſant ſein mußte. „Eure Lahmheit ſteht alſo im Zuſammenhang mit der Geſchichte Eurer unglücklichen Liebe? Beide Schick⸗ ſalsſchläge haben Euch zu gleicher Zeit betroffen?“ Ich that die Frage in der Abſicht, ihn aus der Träumerei zu reißen, in welche er verfallen war. Das gelang mir und er ſetzte ſeine Erzählung fol⸗ gendermaßen fort! „Gewiß, Sennor, trafen mich beide zu gleicher Zeit; aber Ihr ſollt alles erfahren. Ich erwähne zwar die Sache nicht oft, obwohl ſie mir ſelten aus dem Sinne kommt. Ich habe mich bemüht, zu vergeſſen. Carrambo! Wie konnte ich, wenn ich ein ſolches Erin⸗ nerungszeichen an mir trage?“ Bei dieſen Worten deutete der Trapper mit bitterem, bedeutſamem Lächeln auf ſein entſtelltes Bein.„Per dios! Cavallero, ich denke oft genug daran, gegenwärtig aber mehr, als je. Die Gegenwart jener“— ſagte er, auf die beiden Liebenden deutend, die im ſanften Abendſcheine jetzt ſicht⸗ bar wurden—„und das Glück, was ich ſie genießen ſehe, mahnt mich an mein eigenes Mißgeſchick. Ganz beſonders erinnert ſie mich an mein Unglück, die wilde Jägerin, die freilich auch ſchwere Prüfungen beſtanden 92 hat. Abgeſehen davon, Sennor, mahnt mich, ſo ſeltſam es auch klingen mag, ihre Campaiſana merkwürdig an ſie.“ „Wen?“ „Ach ja, Sennor! Ich habe es Ihnen ja noch nicht geſagt. Sie, die ich von Herzen geliebt habe— die ſchöne Gabriella Gonzales.“ Die Nachkommen der Spanier beſitzen, wenn auch aus niedrigem Stande, eine gewiſſe Beredſamkeit und im gegenwärtigen Falle verlieh die Leidenſchaft der Er⸗ zählung des Mexikaners einen poetiſchen Anſtrich. Kein Wunder, daß mich die Erzählung im hohen Grade intereſſirte und ich Verlangen trug, mehr über Gabriella Gonzales zu hören. „En verdad“, fuhr der Mexikaner nach einer Pauſe fort,„vieles im Charakter ihrer Landsmännin, ja ſogar in ihrem Aeußeren, erinnert mich an die verlorene Ge⸗ liebte. Gabriella war ſchön, gleich ihr. Vielleicht wird Ihr Kamerad dort die Zägerin für ſchöner halten und das finde ich natürlich. Mir war Gabriella Alles in Allem. Sie hatte indianiſches Blut in den Adern, wie es bei den meiſten von uns, die ſich hier zu Lande ihrer ſpaniſchen Abkunft rühmen, der Fall iſt. Gleichviel. Gabriella war weiß genug— mir erſchien ſie ſo weiß, wie die Waſſerlilie, die auf dem See ſchimmert. Gleich jenem Mädchen hatte ſie von ihren Ahnen einen kecken, unternehmenden Geiſt geerbt. Sie fürchtete ſich weder vor unſeren Feinden, den Indianern, noch vor 93 irgend einer anderen Gefahr— Per dios! Das that ſie nicht.“ „Es verſteht ſich, daß ſie Euch liebte?“ „Gewiß— von ganzem Herzen. Warum hätte ſie ſonſt darein gewilligt, mich zu heirathen? Wer war ich? Ein armer Cibolero— zuweilen ein Jäger oder Trapper, gerade wie jetzt. Ich beſaß auf der Welt nichts, als mein Pferd und meine Fallen, während ſie— Carrambo, Sennor! Stolze Rivos bewarben ſich um ihre Hand!“ Drückte meine Miene etwa Unglauben aus? Aller⸗ dings war es ſchwer zu begreifen, wie der winzige Mexikaner in der Geſtalt, wie ich ihn jetzt erblickte, die Liebe einer ſo hohen Schönheit, wie er ſie an Gabriella rühmte, hatte erwerben können. Er war bei alledem nicht ohne perſönliche Vorzüge und mochte vielleicht in früherer Zeit, ehe ihn das ſchwere Unglück betroffen hatte, etwas Anziehendes gehabt haben. Bereits früher hatte ich gehört, daß er hervorragende Eigenſchaften, namentlich den unerſchrockenſten Muth, beſitze und in jenen Grenzländern, die den beſtändigen Ueberfällen der Indianer ausgeſetzt ſind und wo das menſchliche Leben faſt täglich in Gefahr geräth, iſt jene Tugend von Allen, beſonders von denjenigen hochgeſchätzt, die des Schutzes am meiſten bedürfen, nämlich den Frauen. Sehr häufig wird dort, mehr als anderswo, der Muth einem gefälligen Aeußeren vorgezogen und der Tapfere erfreut ſich der Gunſt der Schönheit. 94 Vielleicht hatte jener Vorzug des Pedro Archilete das Herz der ſchönen Gabriella beſtochen und ihre Neigung zu ihm ſchien dadurch erklärt. Der Mexikaner hatte, wie aus ſeinen Worten her⸗ vorging, meine Gedanken zum Theil errathen, denn er ſagte: „Ja, Amigo! Mancher reiche Haciendado würde ſich nur zu glücklich geſchätzt haben, wenn er Gabriella hätte heimführen können; trotzdem willigte ſie ein, mein Weib zu werden, obwohl ich derſelbe war, der ich jetzt bin. Vielleicht ſah ich zu jener Zeit ein wenig beſſer aus, obwohl ich mich wohl zu keiner Zeit für einen Apollo halten durfte. Nein, nein, Sennor, nicht durch mein Aeußeres gewann ich das Herz des Mädchens.“ „Durch Ihre guten Eigenſchaften wahrſcheinlich.“ „Ich wüßte nicht, daß ich mich ſolcher Vorzüge zu rühmen hätte, Cavallero. In meiner Jugend ſtand ich freilich im Rufe, der beſte Reiter des Dorfes zu ſein— gleich wie man mich für den beſten Raſtreador und den geſchickteſten Trapper hielt. Ich konnte den Stier bändigen und vielleicht etwas gewandter als meine Mitbewerber die Schleife eines Mädchens im vollen Galopp aufheben, doch glaube ich, daß es etwas anderes war, wodurch ich das Wohlwollen des Mädchens ge⸗ wann. Ich hatte das Glück, ihr das Leben zu retten, als ſie ſich einſt unbeſonnener Weiſe zu weit vom Dorfe entfernt hatte und von einem grauen Bären angefallen wurde. Ay de mi! Was half es dir, arme Ninal! 95 Es wäre ebenſo gut geweſen, wenn dich das Thier da⸗ mals zerriſſen hätte, denn ſchlimmere Ungeheuer haben dich umgebracht!— Ja, ſie ſtarb eines entſetzlichen Todes, wie Ihr bald hören ſollt.“ „Fahrt fort! Das, was ich bereits gehört habe, bewegt mich zur ſchmerzlichſten Theilnahme.“ 13. Rapitel. Eine blutige Hochzeit. „Phuez, Sennor! Was ich Euch erzählen werde, hat ſich bereits vor zehn Jahren ereignet, obwohl es mir ſo lebhaft vor Augen ſteht, als wäre es erſt geſtern ge⸗ ſchehen. Vielleicht haben Sie von dem Dorfe Valverde gehört? Es liegt ungefähr fünfzig Meilen von Santa Fe am Rio del Norte und zwar in einem Theile des Thales, welches wir Rio Abajo nennen. Es war einſt eine ziemlich bedeutende Niederlaſſung— ſo reich und blühend, wie nur irgend eine in Neu⸗Mexiko— aber in Folge der Ueberfälle der Apachen gerieth ſie in Ver⸗ fall und iſt gegenwärtig öde und gänzlich verlaſſen.“ „Dort, Amigo, wurde ich geboren und lebte daſelbſt bis zu meinem fünf und zwanzigſten Jahre, zu welcher Zeit mich eben das Unglück traf, von welchem ich gerade erzählen will. Ich bin zwar noch zwei Jahre nachher dort verblieben, hielt mich aber nur ſo lange auf, bis ich mich an denjenigen, die mein Unglück verſchuldet hatten, gerächt.“ „Ich habe Gabriella Gonzales bereits genannt und geſagt, daß ich ſie liebte, werde aber nimmer im Stande ſein, mit Worten auszuſprechen, in wie hohem Grade es der Fall war. Ihr, die Ihr ſelbſt die weite Reiſe unternommen habt, um Euer Lebchen aufzuſuchen, Ihr, Cavallero, werdet mich ohne weitere Verſicherungen verſtehen. Gleich Ihnen hätte auch ich Gabriella folgen können, bis an's Ende der Welt!“ „Puez, amigo! Gleich Euch hatte ich das Glück, wieder geliebt zu werden.“ Ich errieth nicht, aus welchem Grunde der Mexi⸗ kaner jene Parallele zog. Vielleicht geſchah es, um mir Muth einzuſprechen, denn der ſcharfſichtige Menſch hatte meine Niedergeſchlagenheit wohl wahrgenommen. Es konnte übrigens von ſeiner Seite nur eine Ver⸗ muthung ſein, denn was wußte er weiter von Lilian, als daß ich ſie liebe und ſie der Grund unſerer Reiſe ſei? Natürlich war ihm, ſo gut wie den übrigen, der Zweck unſerer Wanderung bekannt. Möglicherweiſe hatte er von Zielegut oder Wingrove noch einiges Nähere erfahren; doch konnte weder er, noch ſonſt Je⸗ mand über eine Erwiderung meiner Liebe im Klaren ſein, indem ich ſelbſt darüber im Zweifel ſchwebte, 7 Die wilde Jägerin. IV. 3 ₰ 98 welche Ungewißheit eben der Grund meiner Nieder⸗ geſchlagenheit war. Seine darauf bezügliche Hindeutung konnte alſo nur eine Vermuthung ſein. Wie gern hätte ich an die Richtigkeit derſelben geglaubt; doch diente ſeine Bemer⸗ kung, ob wahr, ob unwahr, dazu, mich zu beruhigen, ich nahm ſie daher ſtillſchweigend hin und ließ ihn weiter reden. „Es iſt überflüſſig, meine Werbung um Gabriella ausführlich zu erzählen. Sie lebte auf einem Hato in einiger Entfernung unterhalb Velverde und in der Nähe der Einöde, die den Namen der Reiſe des Todten (ornado del muerto) führt, von welcher Ihr ſicherlich gehört habt. Ihr Vater war ein Hatero und beſaß zahlreiche Schaafheerden. Er weidete ſie auf den großen Ebenen an der Oſtſeite der Sierra Blanca, wo ich in meiner Eigenſchaft als Cibolero hinzugehen pflegte, um den Büffel zu jagen. Der Hatero und ich machten Bekanntſchaft und wurden Freunde. Er lud mich zu ſich ein und ich folgte ſeiner Aufforderung. Da erblickte ich Gabriella zum erſten Male und ihr ſchönes Geſicht verfolgte mich allerwärts.“ 4 „Ich ging, wie Ihr leicht denken könnt, Cavallero, häufig hin, war aber im Zweifel, ob ich gern geſehen war, wenigſtens von Gabriella, denn ihr Vater war und blieb mein Freund. Erſt nach jenem Abenteuer mit dem grauen Bären, welches ich bereits erwähnt 99 habe, erlangte ich die Gewißheit, daß meine Liebe er⸗ widert wurde.“ „Sie hatte ſich zu tief in das Gebirge gewagt, wo ich damals zufällig umherſchweifte. Ich hörte ihren Hülferuf, ſprang über die Felsblöcke und erreichte ſie in dem Augenblicke, wo ſich ein gewaltiger Bär über ſie herſtürzte. Ich war ein guter Schütze und meine Kugel warf das Thier zu Boden und ſtreckte es leblos zu ihren Füßen nieder. Gabriella dankte mir mit holden Worten und einem noch holderen Lächeln, das mich noch mehr errathen ließ. Von Stunde an wußte ich, daß ſie die meine war und bald darauf willigte ſie darein, mich zu heirathen.“ „Ihr waret alſo verheirathet?“ „Ja, aber nur auf die Dauer einer Stunde.“ „Nur eine Stunde!“ „Ja, Sennor! So iſt es. Eine Stunde waren wir Mann und Weib und wurden dann auf ewig ge⸗ trennt. Der Tod— ihr Tod— der mir bitterer war als mein eigener, trennte uns. Das iſt der Kummer, der mich nie verlaſſen hat— mich nie verlaſſen wird.“ Die Stimme des Mexikaners war ſchmerzlich bewegt und ſein Kummer ging offenbar zu tief, als daß ich im Stande geweſen wäre, ihm Troſt zu ſpenden. Ich ent⸗ hielt mich deſſen und harrte ſchweigend und aufmerkſam der Entwickelung eines Dramas, deſſen Anfang ein ſo tragiſches Ende verhieß. „Puez, Sennor“, fuhr der Erzähler nach kurzer 7* 2₰ 100 Pauſe fort,„Gabriella willigte, wie geſagt, darein, mich zu heirathen und wir wurden getraut. Der Tag un⸗ ſerer Hochzeit war da. Wir hatten die Kirche verlaſſen und waren zu einem Dia de campo mit unſeren Freun⸗ den hinaus in's Freie gegangen. Wir mochten ungefähr zwanzig junge Leute und Mädchen, welche beide in ziemlich gleicher Zahl vertreten waren, ſein und trugen ſämmtlich unſere Feſtkleider, mit welchen wir die Kirche beſucht hatten. Die meiſten der Mädchen waren Gabriella's Brautjungfern und waren noch mit den Blumen und Juwelen geſchmückt, die ſie während der Feier getragen hatten.“ „Die Stelle, welche wir zu unſerem Dia de campo erwählt hatten, war ein hübſcher Punkt, ungefähr eine Stunde von der Stadt entfernt. Es war eine von ſchönen Bäumen eingefaßte und mit ſüßduftenden Blu⸗ men überſäete Waldwieſe des Chapparal. Wir wan⸗ derten zu Fuß hin, indem es bei der geringen Entfer⸗ nung nicht der Mühe werth war, zu reiten und wir es vorgezogen, uns des Spazierganges zu erfreuen, ohne nöthig zu haben, uns um die Pferde zu kümmern.“ „Wir waren eben an Ort und Stelle angekommen, hatten die mitgebrachten Lebensmittel ausgepackt, die Weinflaſchen geöffnet und überließen uns, fröhlich ſchwatzend und lachend, unſerm Vergnügen, als wir plötzlich den Tritt von Pferden vernahmen und zwar nicht einzeln, ſondern den Hufſchlag einer zahlreichen Truppe. Anfangs meinten wir, es ſei die Cavalkade 101 irgend eines reichen Grundbeſitzers, welche vorüber trabe; denn wir wußten, daß Pferde in der Nähe weideten und die Annahme, daß eine halb wilde Heerde durch den Chapparal jage, hatte daher etwas für ſich. Dennoch waren wir nicht ohne Beſorgniß, indem es auch eine Anzahl Apachen ſein konnten, die zu jener Zeit häufige Raubzüge nach den ſchutzloſen Niederlaſſungen unternahmen.“ „Ach, Cavallero! Unſere Befürchtung beſtätigte ſich nur zu bald. Wir ſaßen im Kreiſe auf dem Raſen und verzehrten unſere Mahlzeit und waren kaum aufgeſprungen, als ſchon das durchdringende Geſchrei der Wilden zu uns drang und im nächſten Augenblicke füllte ſich die Wieſe mit den Geſtalten der dunklen Krieger. Sie ſaßen ſämmtlich zu Pferde, ſchwangen ihre langen Lanzen und ließen ihre Laſſo's über ihrem Kopfe flattern. Mit ihrer ſchauderhaften Malerei und ihrem raſenden Geſchrei glichen ſie einer Schaar von Teufeln.“ „Wir konnten weder flüchten, noch uns vertheidigen. Es wäre thöricht geweſen, ohne Waffen, wie wir waren, daran zu denken. Bei einer Gelegenheit, wie die, welche uns in's Freie gelockt hatte, denkt man ſelten daran, ſich auf ſolche Fälle vorzubereiten. Wenn ich auch zugeben will, daß es unvorſichtig war, uns un⸗ bewaffnet hinaus zu wagen, beſonders da es in der Gegend von Novedades⸗Indianern wimmelte, hätte ſich doch gewiß Niemand ſo leicht träumen laſſen, daß 10² unſer fröhliches Dia de Campo ein ſolches Ende nehmen würde.“ „Ay de mi! Ich darf wohl behaupten, daß es furchtbar war. Wenige unſerer jungen Leute über⸗ lebten jenen Tag. Zwei oder drei der jungen Männer flüchteten ſich in das Gebüſch und entkamen ſpäter. Die übrigen wurden auf der Stelle umgebracht und die meiſten von den Apachen aufgeſpieſt.“ „Die Frauen blieben unverſehrt, denn die In⸗ dianer tödten ſelten Frauen. Sie beſtimmen ſie einem anderen Schickſale, welches, ach, weit ſchlimmer iſt, als der Tod.“ „Keine von ihnen entkam. Die armen Nina's wurden alle gefangen genommen und eine jede in den Armen eines Wilden auf's Pferd geſchleppt und ent⸗ führt.“ „Gabriella, die Königin von Allen, weil ſie die ſchönſte war, wurde vom Häuptling erwählt. Ich ſah, wie ſie ſich ſträubend von ihm fortſchleppen laſſen mußte und auf ſein Pferd gehoben wurde, ſah, wie er ſich hinter ihr aufſchwang und ſich anſchickte, mit meiner geliebten Gabriella, meiner Braut davon zu reiten!“ Hier hielt der Trapper inne, als überwältige ihn die Erinnerung an jene Ereigniſſe, und es dauerte einige Zeit, ehe er ſich hinreichend gefaßt hatte, um in ſeiner Erzählung fortfahren zu können. M. Capitel. Eine gofährliche Schleiferei. Nlachdem ſich der Erzähler wieder gefaßt hatte, fuhr er fort:. „Ihr werdet fragen, Sennor, wie es kam, daß ich Zeuge jener Mißhandlungen war.“ „War ich nicht gleich meinen Gefährten von ſeiner Lanze durchbohrt? Hatte man mich nicht gleich ihnen auf der Stelle umgebracht?“ „Nein, ſage ich. Ich lebte noch und kann faſt ſagen, daß ich unverſehrt war. Ich hatte freilich beim Hand⸗ gemenge einige Quetſchungen und Verletzungen davon getragen, denn ich machte einen ohnmächtigen Verſuch, mich zu wehren, aber ſie hatten mich nicht getödtet. Ich blieb eine Zeit lang betäubt und bewußtlos liegen, doch und befeſtigte das andere Ende deſſelben an den 104 *½ kehrte meine Beſinnung zurück, ehe der Tumult vorüber war, und ich war Zeuge des letzten Auftrittes, und ſah, wie die Mädchen von den Räubern entführt wurden. Da wurde mir der ſchmerzliche Anblick, Gabriella in den Armen des Häuptlings zu ſehen.“ „Ich war nicht im Stande, ihm zu wehren, denn ich lag an der Erde unter den nervigen Fäuſten der Wilden, von welchen einer zu beiden Seiten neben mir kniete., „Ich war jeden Augenblick darauf gefaßt, von ihnen umgebracht zu werden, und harrte des Todesſtoßes, ſei es der Hieb eines Tomahawk oder ein Lanzenſtich. Ich wunderte mich nur, daß man ſo lange damit zauderte.“ „Als ich endlich einen Blick auf das Geſicht des Hãupt⸗ lings werfen konnte, hörte ich auf, mich darüber zu wundern. Ich erkannte nämlich einen alten Feind in ihm, den ich in den Prairien früher getroffen hatte, und ſah, daß das Erkennen gegenſeitig war. Nun begriff ich, warum man mich nicht auf der Stelle getödtet hatte; man ſchonte mein Leben nur, um mir einen grauſameren Tod zu bereiten.“ „Bald ſollte ich erfahren, welche Abſicht man mit mir hatte. Ich ſah, wie der Häuptling den In⸗ dianern, welche mich bewachten, gewiſſe Befehle zu⸗ winkte, die einer derſelben ſchleunig vollſtreckte.“ „Man ſchlang einen Laſſo um mein Fußgelenk 105 Schwanz eines Pferdes. Dann ſchwang ſich der Indianer auf den Rücken deſſelben. Der andere ſetzte ſich gleichfalls auf ein Pferd und die ganze Truppe ſchien nun aufbrechen zu wollen.“ Ich ſah, daß die Indianer ihren Abmarſch betrie⸗ ben, es waren deren nur wenige, und da wir uns in der Nähe einer Stadt befanden, mußten ſie befürchten, verfolgt zu werden. Diejenigen von uns, die entkom⸗ men waren, hatten ſich jedenfalls ſofort nach der Stadt begeben, und die Hülfe der daſelbſt garniſonirenden Truppen angeſprochen. Dadurch war die Haſt, welche ich an den Indianern bemerkte, vollſtändig erklärt.“ „Carrambo, Sennor! ich hatte nicht lange Muſe, über die Möglichkeit, von meinen Freunden gerettet zu werden, nach zu denken. Ich ſah, welches Schickſal man mir zugedacht hatte, und dieſe Ausſicht genügte, um mein ganzes Sinnen und Denken in Anſpruch zu nehmen. Ich ſollte an dem Schwanze des Pferdes fort⸗ geſchleift werden.“ „So, Cavallero, und der teufliſche Plan wurde ungeſäumt ausgeführt, denn im nächſten Augenblicke gab der Häuptling das Zeichen zum Aufbruche und die ganze Truppe ſprengte im geſtreckten Galopp davon.“ Dcerjenige, an deſſen Pferd ich gebunden war, bil⸗ dete den Schluß des Zuges, ſo daß ich fortgeſchleppt wurde, ohne mit den Uebrigen in Berührung zu kom⸗ 106 men, denn der lange Laſſo trennte mich auf mehr als zwanzig Ellen von meinem Führer.“ „Glücklicherweiſe hatte der Boden, über welchen ich geſchleift wurde, weder Steine, noch ſonſtige Uneben⸗ heiten, ſonſt würde ich in Stücken zerriſſen worden ſein. Es war aber ein glatter, weicher Raſen, und meine lederne Jaqucta nebſt Calzoneros ſchützten mich einiger⸗ maßen, ſo daß ich weniger verwundet wurde, als man hätte denken ſollen. Mein Fußgelenk litt am meiſten, denn die Schleife glitt bald unterhalb des Gelenkes herab und riß mir faſt das Bein aus den Bändern. Auf ſolche Weiſe, Sennor, wurde ich zu dem Saß als welchen Ihr mich jetzt erblickt.“ Bei dieſen Worten deutete der Trapper mit bitterem Lächeln auf ſeinen verſtümmelten Fuß und kühr dann fort: „Wahrſcheinlich würde ich aber doch ſchleßlich um⸗ gekommen ſein, indem der weiche Raſen bald aufhörte. Da kam mir aber ein Gedanke, der mich hoffen ließ, mich aus meiner gefährlichen Lage zu befreien.“ „Nachdem die Wilden die erſten hundert Schritt weiter geritten waren, bemerkte ich, daß ſie nicht mehr auf mich achteten. Sie waren alle zu eifrig auf ihre ſchnelle Entfernung bedacht und hatten überdies mit ihren weiblichen Gefangenen genug zu thun. Ich über⸗ legte, daß, wenn es mir nur gelänge, meinen Fuß aus der Schlinge zu ziehen, ich mich von meinen Häſchern würde unbemerkt befreien können. Ich beſann mich, 107 daß ich ein Meſſer in der Taſche hatte, und glaubte, da meine Hände frei geblieben waren, daſſelbe herauss ziehen zu können, trotz der Schnelligkeit, mit welcher ich fortgeſchleift wurde.“ „Ich griff nach dem Meſſer und es gelang mir, daſſelbe herauszubringen.“ „Zum Glück traf es ſich, daß meine Häſcher jetzt eben einen von dichten Bäumen eingefaßten Weg ver⸗ folgten, der eine Art von enger Gaſſe bildete. Die Truppe mußte hier einer hinter dem andern im ſoge⸗ nannten indianiſchen Zuge reiten und mein ſpecieller Hüter bildete noch immer den Nachtrab. Hier wurde auch der raſche Schritt gemäßigt und die letzten beweg⸗ ten ſich nur ſehr langſam fort.“ „Dadurch bot ſich mir die erſehnte Gelegenheit; mit verzweifelter Anſtrengung krümmte ich mich derge⸗ ſtalt zuſammen, bis ich mein Bein erreichen konnte.“ „Ein raſcher Schnitt mit dem Meſſer trennte meine Bande und ich war frei.“ „Ich blickte den davon reitenden Indianern angſt⸗ voll nach, denn ich fürchtete, ſie würden meine That entdecken, zurückkehren und mich mit einer Lanze durch⸗ bohren; zu meiner großen Freude ſah ich ſie aber weiter reiten, bis auch der letzte meinen Blicken ent⸗ ſchwunden war.“ „Ja, Cavallero!“ fuhr der Mexikaner fort,„ich ſah den Reiter, ſah den Schweif des Pferdes, an welchen ich gebunden geweſen, verſchwinden. Das Pferd hatte 108 ſicherlich gemerkt, was geſchehen war, der Reiter aber nicht. Keiner von der ganzen Truppe ſchien zu ahnen, daß etwas vorgefallen ſei— bis ich in das Gebüſch gekrochen und mich ein wenig vom Wege entfernt hatte. Dann hörte ich ſie zurückkehren und heulend durch den Wald jagen, um mich zu ſuchen.“ „Carrambo, Sennor! da erfaßte mich die Angſt ſtärker wie je. Bis dahin hatte ich nur gefürchtet, um⸗ gebracht zu werden, was ich vom erſten Augenblicke an, wo wir angefallen wurden, erwartet hatte. Jetzt aber, wo ich angefangen, zu hoffen, entkommen und zur Ret⸗ tung Gabriellas herbeieilen zu können, wäre eine zweite Gefangennehmung viel ſchrecklicher geweſen, wie die erſte, denn ich hatte dann weder Ausſicht auf meine eigne Rettung, noch Mittel, für Gabriella zu handeln. Jetzt, wo ich mich mit neuer Hoffnung an das Leben klammerte, wäre mir der Verluſt deſſelben weit ſchmnarz⸗ licher geweſen.“ „Ich konnte nur langſam fortkommen, ſo verlest und verwundet war ich, doch arbeitete ich mich halb hinkend, halb kriechend in der Richtung nach der Stadt durch das Dickicht. Ich konnte die Wilden dicht hinter mir das Gebüſch durchſtöbern hören und war jeden Augenblick darauf gefaßt, ſie auf mich zu kommen zu ſehen.“ „Sie hätten mich jedenfalls bald genug aufſpüren und einfangen können, wenn ſie ſich ernſtlich darum be⸗ müht hätten. Es ſchien ihnen aber nicht viel an ihrem 109 Gefangenen zu liegen. Sie hatten die Beute gewonnen, nach welcher ſie am eifrigſten trachteten und bedachten wahrſcheinlich, daß ſie Gefahr liefen, dieſelbe wieder ein zu büßen, wenn ſie noch mehr Zeit damit verlören, mich zu ſuchen. Aus dieſem, oder irgend einem ähnli⸗ chen Grunde gaben ſie die Verfolgung auf, und ihre Stimmen, welche in größerer Entfernung zu mir dran⸗ gen, verriethen mir, daß ſie weiter fortritten.“ „Ohne mich damit aufzuhalten, Gewißheit darüber zu erlangen, ſetzte ich meine Wanderung nach der Stadt fort, welche ich endlich erreichte. Zwei meiner Freunde, welche während der erſten Verwirrung entkommen waren, hatten ſich bereits vor mir eingeſtellt. Die Nachricht von dem beklagenswerthen Unfalle verbreitete ſich wie ein Lauffeuer. Sämmtliche Einwohner waren über eine ſolche Unthat empört, denn die jungen, gefangenen Mäd⸗ chen hatte viele Freunde und Verwandte im Orte. Die gemordeten Männer gleichfalls.“ Man berief die Truppen unter die Waffen. Es war zufällig eine Schwadron Lanciers— welche zu den beſten der damaligen Streitkräfte der Regierung gehörte. Ohngefähr hundert Freiwillige ſchloſſen ſich den Solda⸗ ten an, worauf alle aufſaßen und davon ſprengten, um Jagd auf die Wilden zu machen. Trotzdem mich mein Fußgelenk heftig ſchmerzte, war ich doch im Stande, auf s Pferd zu ſteigen und mich der Truppe anzuſchließen.“ „Faſt fürchte ich, Americano, Euch mit meiner Er⸗ zählung zu ermüden, ich werde daher die Verfolgung & 110 nicht umſtändlich berichten. Genug, daß es uns gelang, die Räuber einzuholen. Es war beinahe Mitternacht, als wir ſie erreichten; ſie befanden ſich bereits in ihrem Lager, in welchem mehrere gewaltige Feuer brannten.“ „Wir hatten uns bis auf Schußweite genähert, ehe ſie ein Zeichen der Unruhe gaben. Sie thaten ſich beim Mezeal gütlich, und hatten keine Schildwachen aufge⸗ ſtellt. Bei demſelben Scheine der Feuer konnten wir ſehen, was ſie trieben. Die Frauen ſaßen hie und da umher und einige derſelben lagen am Boden ausge⸗ ſtreckt. Ihre zerriſſenen Kleider und aufgelöſten Haare verriethen, daß ſie das Opfer der Rohheit ihrer Ent⸗ führer geworden waren.“ „Wir konnten den Anblick nicht länger ertragen. Vor Rache glühend, ſtürzten ſich ſowohl die Soldaten, als die Städter über die ſchändlichen Räuber her und das Werk der Wiedervergeltung begann.“. „Gabriella war die erſte, welche unſere Nähe be⸗ merkte; ſie ſprang ſofort auf und eilte, ſich ihren Hä⸗ ſchern dadurch zu entziehen, daß ſie auf uns zueilte. Ay demi! Es war der letzte Wettlauf ihres Lebens. Ein indianiſcher Pfeil erreichte ſie, und durchs Herz getroffen, ſank ſie auf der Stelle todt zu Boden. Pobrecita! ich fing ſie in meinen Armen auf und küßte den letzten Hauch von ihren Lippen— es war unſer Scheidekuß!“ Ein langer, tiefer Seufzer, und die gebückte Stel⸗ — — 111 lung, in welche der Erzähler geſunken war, verrieth mir, daß er geendet habe. Sein Schmerz war mir zu heilig, als daß ich im Stande geweſen wäre, in dem Augenblicke mit Fragen in ihn zu dringen. Erſt ſpäter erfuhr ich einige fernere Umſtände aus ſeinem Munde, nämlich wie die meiſten der Wilden auf der Stelle erſchlagen und die gefange⸗ nen Mädchen erlöſt wurden; obwohl ſie aber mit dem Leben davon kamen, waren ſie alle das Opfer roher Begierde geworden, und viele von ihnen ſanken in Folge der erlittenen Mißhandlung in ein frühzeitiges Grab! Die Geſchichte mag faſt unglaublich klingen, und wenn man derſelben auch den Namen einer Legende von Neu⸗Mexiko beilegen könnte, enthält ſie auf der an⸗ deren Seite nur zu traurige Wahrheiten über den Zu⸗ ſtand des unglücklichen Landes. 15. Capitel. Die Verkleidung wird angelegt. Unſer Feuer fing an zu verglimmen, ehe ſich die Liebenden wieder bei uns einfanden. Ohne Zweifel hatten ſie während ihrer Mondſcheinpromenade manche angenehme Erinnerung gefeiert; es war daher kein Wunder, daß ſie die Wanderung auszudehnen wünſchten. Doch bedurften wir alle einiger Ruhe und es war hohe Zeit, unſere Vorbereitungen für die Nacht zu treffen. Obwohl wir unſere Befürchtung wegen einer Be⸗ gegnung mit den Araphos aufgegeben hatten, war es doch kein Grund, deshalb die nöthige Vorſicht zu ver⸗ ſäumen. Wir hielten uns daher auf Alles gefaßt. 113 Auf jenem neutralen, unciviliſirten Gebiete, das von ſo vielen Stämmen betreten wird, muß man ſtündlich darauf gefaßt ſein, auf einen Feind zu ſtoßen. Wir kamen überein, daß einer wachen ſolle, wäh⸗ rend die übrigen ſchliefen und uns während der Dauer der Nacht darin ab zu löſen. Marian war dieſer Pflicht natürlich nicht unterworfen und nachdem uns das Jä⸗ germädchen eine gute Nacht gewünſcht hatte, zog ſie ſich in ihr Zelt zurück, vor deren Eingang ſich der wach⸗ ſame, treue Wolf poſtirte. Der große Hund ſtreckte ſich mit ſo grimmiger Miene und cerberusartiger Stellung auf ſeinem Wachpoſten aus, daß ſogar Wingrove nicht gewagt haben würde, die Schwelle des Heiligthumes zu überſchreiten. 1 Bis jetzt hatten wir unſere indianiſche Verkleidung noch nicht angelegt. Die Coſtümirung ſollte am näch⸗ ſten Morgen erfolgen, und nachdem wir uns wegen der Stunden der gegenſeitigen Wache geeinigt hatten, wobei der Trapper die erſte und längſte übernahm, begaben wir übrigen uns unter den Schutz des ledernen Zel⸗ tes und überließen uns einer Ruhe, deren wir dringend bedurften, um den bevorſtehenden Ereigniſſen entgegen treten zu können. Sobald das Tageslicht dämmerte und lange, ehe die Sonne die ſchneebedeckten Gipfel der ſpaniſchen Peaks vergoldete, waren wir alle auf den Beinen. Ein Frühſtück, das ſo ziemlich aus demſelben Material be⸗ ſtand, wie unſer Abendeſſen vom vergangenen Abend, Die wilde Jägerin. IV. 8 114 war raſch bereitet und noch ſchneller verzehrt. Hierauf ſchritten wir zu unſerer Verkleidung. Holzbein übernahm die Stelle eines Coſtümier's und entledigte ſich ſeiner Aufgabe zur allgemeinen Zu⸗ friedenheit. Er war vollkommen vertraut mit der Tracht der Uthas, ſowohl der Jäger, als der Krieger und wir hatten nicht zu fürchten, daß er auf irgend eine Weiſe gegen das Herkömmliche verſtoßen werde. Er kannte jedes Zeichen der Malerei jenes Volkes ſo ge⸗ nau, daß er einen Wappenkönig hätte beſchämen können. Er ſelbſt bedurfte keiner Verkleidung. Als ein Trap⸗ per von Taos konnte er ſich den Utha⸗Jägern füglich anſchließen und da er den Mormonen perſönlich fremd war, würden ſie in Bezug auf ihn keine andere Ver⸗ muthung hegen, als daß er von ihrem Freunde Wa⸗ka⸗ra beauftragt ſei, ſie durch die Einöden des Colorado zu geleiten. Er durfte ſich daher in ſeiner mexikaniſchen Tracht im Lager der Mormonen zeigen, ohne den geringſten Verdacht über ſeinen wahren Zweck bei denſelben zu erregen. Er war dadurch in den Stand geſetzt, uns übrigen bei der Arlegung der üblichen Ma⸗ lerei bei zu ſtehen. Seinen erſten Verſuch machte er an mir. Da meine Züge ziemlich ausgeprägt waren, wurde es ihm leicht genug, mich in einen Indianer zu ver⸗ wandeln, und eine gleichmäßige Lage Karmoiſinroth, die meinen Hals, mein Geſicht und meine Hände be⸗ „* 115 deckte, machte mich zu einem hinreichend grimmigen Krieger. Ein Jagdhemd und Beinkleider von Buckskin ver⸗ hüllten nebſt Mokkaſſins den übrigen Theil meiner Perſon, während lange Haarflechten, die der Mähne meines Arabers entriſſen, geſchickt mit meinem dunk⸗ len Haare vermiſcht und mit dem tief herabwallen⸗ den Federſchmucke halb verdeckt wurden. Das Ganze war ſo gelungen, daß ich auf einem pariſer Masken⸗ balle die größte Senſation gemacht haben würde. Die Umwandlung des jungen Hinterwäldlers ging eben ſo leicht von Statten, aber die Verkleidung Ziele⸗ gut's machte größere Schwierigkeiten. Die aufgeworfene Naſe, das dünne, gelbliche Haar und die grünlich ſchimmernden Augen ſchienen ſeine Um⸗ geſtaltung unmöglich zu machen. Holzbein bewährte ſich aber als Meiſter in ſeiner Kunſt, Die Haare Zielegut's nahmen, nachdem ſie mit Steinkohlenteig gehörig eingerieben worden, eine andere Färbung an. Ein ſchwarzer Ring wurde um die Au⸗ gen gezogen und gab ſowohl dem Augapfel, als der Pupille einen anderen Schein. Das Geſicht erhielt eine Grundfarbe von rothem Ocker, während ein halbes Dutzend dunkler Streifen der Länge nach parallel mit der Naſe über daſſelbe liefen und die Stumpfnaſe ver⸗ deckten— ſo daß der Yankee ein ebenſo tadelloſer In⸗ dianer wurde, wie irgend einer von uns. Marian beſorgte ihren Anzug ſelbſt und kleidete ſich 82 ₰ 116 in ihrem Zelte um, während wir übrigen im Freien Toilette machten. Ihr Anzug bedurfte nur geringer Umänderung, indem er bereits indianiſch war. Nur ihr Geſicht bedurfte einer Maske. Wie ſollte aber eine ſolche herbeigeſchafft werden? Die Wahrheit zu geſtehen, war ich wegen ihrer Verkleidung in Sorge. Ich konnte mich nicht enthalten, des furchtbaren Schickſales zu gedenken, was ihrer harrte, wenn ſie entdeckt wurde und man das Mädchen in ihr erkannte. Schon unterwegs hatte ich mir deshalb Ge⸗ danken gemacht und mich bemüht, eine Liſt zu erſinnen, die ihr den Beſuch des Mormonenlagers erſparen könne. Aber der Gedanke an Lilian, an die Gefahr, in welcher ſie ſchwebte— vor allem vielleicht die Selbſt⸗ ſucht der Liebe, hatten mich verhindert, den Gedanken feſt zu halten. f. Als ich das Mädchen aus ihrem Zelte treten ſah und ihr mit dem Safte der Allegriabeeren geröthetes Geſicht, die mit rothen Punkten kreisförmig bedeck⸗ ten Wangen und eine ähnliche punktirte Linie auf ihrer Stirn erblickte, fühlte ich mich von meiner Sorge be⸗ freit. Trotz der ſcheußlichen Tättowirung leuchtete der Zauber ihrer ausdrucksvollen Miene hindurch; ſie war aber doch ſo umgewandelt, daß ſelbſt Wingrove ſie nicht würde erkannt haben. Um wie viel leichter konnte ſie den Scharfblick des Vaters und des falſchen Ehegatten täuſchen. Wir waren alle zu rechter Zeit fertig, und nachdem 117 wir unſere abgelegten Kleider in einem Verſtecke unter⸗ gebracht hatten, brachen wir unſere Zelte ab und ſchick⸗ ten uns an, die Vorſtellung zu beginnen. Der treue Wolf begleitete uns. Es geſchah zwar gegen meinen Wunſch und gegen den Rath unſeres Führers, aber Marian konnte ſich nicht entſchließen, ſich von einem Freunde zu trennen, der ſie ſchon oft vor grauſamen Feinden geſchützt hatte. Der Hund wurde verkleidet, wie wir alle. Sein ſtarres Haar wurde abgeſchoren und ſein Schwanz ſo glatt raſirt, wie der eines Windhundes. Ueberdieß be⸗ malten wir ſein Fell auf indianiſche Weiſe, ſo daß wir nicht glaubten befürchten zu müſſen, daß er erkannt werden könne. 16. Capitel. Die Mormonen⸗Karavane. „ 4 Nach einem Ritte von wenigen Stunden erreichten wir das weſtliche Ende des Paſſes und als wir um einen Felſenvorſprung kamen, breitete ſich plötzlich eine weite Ebene vor uns aus. „Mira!“ rief der Mexikaner aus,„el campamento de los Judios!(Sehet! das Lager der Juden!)“ Bei dieſen Worten machte der Führer Halt. Wir folgten alle ſeinem Beiſpiele und blickten nach der angedeuteten Richtung. Die Ebene, welche wir ſahen, war das große Thal von San Luis, doch zeigte ſie keines jener charakteriſti⸗ ſchen Merkmale, welche man gewöhnlich mit dem Be⸗ griffe Thal verbindet. Im Gegentheil ſchien es eine 119 vollkommen flache Ebene zu ſein, die viel Aehnlichkeit mit einem todten See hatte. Der weiße, neblige Dunſt, welcher über derſelben ſchwebte, konnte leicht für ein Stück Waſſer angeſehen werden. Auf den erſten Blick ſchien die Fläche nur durch den Horizont begrenzt zu werden, aber ein ſcharfes Auge konnte an der weſtlichen Grenze die unbeſtimmten Umriſſe der Sierra San Juan erkennen, hinter welcher ſich die helleren Spitzen der Silberberge(Sierra de la plata) erhoben. Die bewaldeten Abhänge der Sierra's Mojada und Sawatch traten im Norden deutlicher hervor, während ſich rechts und links die ſchneebedeckten Spitzen des Pike und Watoyah gleich Rieſen erhoben, die den Ein⸗ gang des ſchönen, bergumſchloſſenen Thales bewachten. Ein flüchtiger Blick zeigte uns jene Einzelnheiten und zu gleicher Zeit feſſelte der Schimmer eines wirk⸗ lichen Gewäſſers, das ſich wie ein glänzender Faden mitten durch die Ebene ſchlängelte, den Blick. Unter dem beweglichen Sonnenlichte glaubten wir die Strö⸗ mung wahrnehmen zu können und ſie wand ſich ſo vielfach über die Ebene hin, daß ſie einer großen, mit blitzenden Schuppen bedeckten Schlange glich, welche die geheimnißvollen Silberberge eben verlaſſen hatte, um nach dem fernen Meere zu ziehen. Von der Anhöhe aus, auf welcher wir ſtanden, konnte man die Windungen des Fluſſes bis zu der fernen Sierra San Juan perſolgen n und in einer jener — 120 Biegungen, faſt an der Grenze des Horizontes, erblickten wir el campamento de los Judios. Wären wir nicht darauf vorbereitet geweſen, ſo hätten wir keine Spur, weder eines Mormonenlagers, noch menſchliche Nähe überhaupt entdeckt. Unter dem weiten Nebelſchleier, der über der Fläche ſchwebte, er⸗ blickte man nur ungefähr ein halbes Dutzend kleiner, weißer Punkte von etwas lebhafterem Weiß. Und das war es, was der Mexikaner„los carros“(die Wagen) nannte. Ich hatte mein Taſchenfernglas wieder gefunden und bediente mich desſelben jetzt. Ein Blick durch das⸗ ſelbe beſtätigte die Behauptung des Trappers. Die weißen Punkte waren die Planen der Wagen, welche niemand anderem, als der Mormonen⸗ Karavane ge⸗ hören konnten. Ich konnte nur ungefähr ſechs derſelben entdecken, doch ſtanden noch etliche dahinter. Die Fahrzeuge waren in Reihen auf der Ebene geordnet, oder vielmehr auf einen Punkt verſammelt. Die, welche wir ſehen konnten, ſtanden regelmäßig auf⸗ gereiht, mit der Seite zu uns gewendet und bildeten wahrſcheinlich ein beſpnderes Viertel oder Corral des Lagers. Ich blickte mich nach menſchlichen Geſtalten um. Sowohl Menſchen als Thiere traten mir aus dem Glaſe entgegen. Von letzterem entdeckte ich eine große 121 Heerde, von allen Farben und Gattungen, die auf der Ebene verſtreut waren. Die Männer bewegten ſich in der Nähe der Wagen. Die Weiber erkannte ich an ihrer Kleidung, doch war die Entfernung zu groß, als daß ich hätte ſehen können, womit ſie ſich beiderſeitig beſchäftigten. Sie waren, ſelbſt durch das Glas geſehen, nicht größer wie die Lilliputaner, während die Pferde und das Vieh faſt ausſah wie eine Heerde Hunde. Es war nicht nöthig, daß wir nähere Beobachtungen anſtellten, denn für unſere Zwecke kam nichts darauf an, zu wiſſen, was ſie jetzt thaten oder thun würden, wenn wir kämen. Wir hatten nicht die Abſicht, ſie zu überrumpeln. Im Vertrauen auf unſere gelungene Verkleidung gedachten wir keck vorzudringen, ja, wenn es nöthig ſein ſollte, mitten in das Lager hinein zu reiten. Es war jetzt um die Mittagszeit, wir machten daher Halt und lagerten uns. Obwohl die Entfernung, welche uns vom Mormonenlager trennte, noch bedeutend war, hatten wir doch keine große Eile und beſchloſſen, die fromme Geſellſchaft nicht eher, als bei Sonnenunter⸗ gang aufzuſuchen. Wir wußten, daß uns neugierige Blicke folgen würden und in der Stunde der Dämme⸗ rung die Muſterung weniger gefährlich für uns ſein würde. Wir konnten ſie allerdings auch erſt während der Nacht aufſuchen, wo unſere Verkleidung noch weni⸗ ger Gefahr lief, entdeckt zu werden. Der Morgen 122 ⸗ brachte aber der unbefriedigten Neugierde helleres Licht, und das würde noch bedenklicher für uns ſein. Nach einer ungefähr halbſtündigen Muſterung würde die Neuheit der Erſcheinung ihren Reiz verloren haben und für die Dauer jener halben Stunde war die Dämme⸗ rung die günſtigſte Zeit. Ohne Zweifel hatten ſie auf ihrer Wanderung zahlreiche Truppen befreundeter In⸗ dianer getroffen. Es waren ſogar einige in ihrer Reiſe⸗ geſellſchaft. Sie würden daher ſchwerlich übergroße Neugierde an den Tag legen. Wir hatten einen beſonderen Grund, weßhalb wir wünſchten, das Lager vor einbrechender Dunkelheit zu erreichen: wir wünſchten, mit Hülfe des Tageslichtes die Eintheilung des Lagers, ſo wie die Topographie der Ebene rings umher zu recognosciren. Wir konnten ja nicht wiſſen, welche günſtigen Umſtände das Ergebniß unſerer Forſchungen ſein würden. Es konnte ſich in der nächſten Nacht ebenſo gut wie ſpäter eine Gelegenheit zur Ausführung unſerer Abſicht bieten, vielleicht ſogar unter erleichternden Umſtänden. Wir trugen kein Ver⸗ langen, unſer Führeramt wirklich anzutreten und waren nur zu bereit, die übernommene Rolle aufzugeben, noch ehe wir ſie geſpielt hatten. ** * Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne funkelten auf dem Selenit⸗Geſtein der Silberberge, als wir das Lager der frommen Geſellſchaft betraten. 123 Wir waren nahe genug herangekommen, um uns von der Stärke der Karavane zu überzeugen. Wir ſahen, daß ungefähr ein Dutzend große, verdeckte Wagen von Troja und Coneſtoga, ſowie mehrere kleinere Fuhrwerke von Dearborns und Jerſey’s vorhanden waren. Dite letzteren, mit Federn verſehen, dienten wahr⸗ ſcheinlich denjenigen Mitgliedern der Geſellſchaft, die ſich in ihrer Heimath in guten Umſtänden befunden hatten, als Reiſewagen, während die mit Ochſen be⸗ ſpannten Coneſtoga's dem gemeinen Volke gehörten. Mit den größeren Wagen hatte man, wie es bei den Karavanen in der Prairie üblich iſt, einen Corral gebildet. Die Einfriedigung wird folgendermaßen hergeſtellt Die beiden Wagen, welche die Front bilden, werden mit den Seitenwänden dicht an einander geſchoben. Die beiden zunächſt in der Reihe ſtehenden werden der⸗ geſtalt außerhalb der beiden erſten aufgeſtellt, bis die Vorderräder derſelben die Hinterräder der anderen be⸗ rühren, in welcher Stellung ſie ſtehen bleiben. Die jetzt folgenden zwei begegnen einander mit ihren Deich⸗ ſeln und ſo fort, bis die Hälfte der Reihe aufgeſtellt iſt. Damit iſt aber die Einfriedigung noch keineswegs fertig. Sie bildet jetzt eine Ellipſe oder Halbkreis und die entgegengeſetzte Hälfte wird ergänzt, indem man die Fuhrwerke in veränderter Weiſe aufſtellt. Dieſelben werden ſo aufgefahren, daß die Vintere Seite eines * 2— 124 jeden nach innen gekehrt iſt— im Gegenſatze zu der Art, wie man auf der andern Seite verfuhr— und der Kreis, welcher erſt nach außen divergirte, läuft nun nach innen zu. Wenn ſämmtliche Wagen aufgeſtellt ſind, ſchließt ſich der Kreis, doch pflegt man an der äußeren Seite eine Art Ausgang oder Gaſſe offen zu laſſen, die zum Ein- und Ausgehen dient. Wenn es nöthig iſt, die Pferde und das Vieh einzuhegen, ſo wird jene Oeffnung einfach vermittelſt eines davor ge⸗ ſpannten Strickes geſchloſſen. Fürchtet man Gefahr, ſo können die Reiſenden innerhalb jener Einzäunung weilen, indem die Wagenwerke vortreffliche Vertheidi⸗ gungswerke bilden. Der verdeckte Raum des Wagens dient als Zelt und die weiblichen Mitglieder der Aus⸗ wanderer⸗Familie pflegen unter der geräumigen Be⸗ dachung ruhig und ſicher zu ſchlafen. Von außen auf⸗ geſtellte Schildwachen und berittene Vorpoſten melden das Nahen des Feindes. Je näher wir dem Lager kamen, um ſo deutlicher erkannten wir, daß die Mormonen ihren Corral auf ſolche Weiſe errichtet hatten. Die meiſten der leichteren Fuhrwerke befanden ſich in der Mitte der Einfriedigung und dort ſahen wir auch die Weiber und Kinder in haſtiger Bewegung, als ob ſie ſich vor uns verbergen wollten. Die Männer blieben draußen und weder die Pferde, noch das Hornvieh wurde in ihrer Ruhe geſtört. Un⸗ ſere Zahl war nicht bedeutend genug, um Furcht ein⸗ 125 zuflößen, ſelbſt wenn wir unerwartet gekommen wären. Das konnte aber ſchwerlich der Fall ſein und jedenfalls ſahen ſie uns für das an, was wir waren— die Boten des Utha⸗Häuptlings. Als wir bis auf einige hundert Schritt herange⸗ kommen waren, kam uns eine Anzahl Reiter aus dem Lager entgegen. Archilete hatte ein Stück weißes Hirſchleder an ſeinem Ladeſtock gebunden, was in der ganzen Welt für ein Zeichen des Friedens gilt und auch von den rothen Amerikanern ſo angeſehen wird. Man antwortete uns mit einem Tuch, einem Tafeltuche oder etwas dergleichen, und nachdem dieſe Zeichen ausgetauſcht waren, kamen die Reiter raſch auf uns zu. 1— Als wir einander auf einige Dutzend Pferdelängen erreicht hatten, machten beide Truppen Halt; hierauf trennten ſich ſowohl der mexikaniſche, als Mormonen⸗ anführer von ihrer Begleitung, ritten einander halb⸗ wegs entgegen, ſchüttelten ſich die Hände und begannen das Geſpräch. Der Inhalt desſelben war einfach genug. Ich hörte, wie der Trapper in gebrochenem Engliſch den Zweck unſeres Kommens erklärte und ſagte, daß ihn Wa⸗ka⸗ra geſchickt habe, um ihnen als Führer zu dienen und daß wir, ſeine Companeros, die Utha⸗ Jäger ſeien, welche die Karavane mit Wildpret ver⸗ ſorgen ſollten. 126 Die Mormonen, welche uns entgegen gekommen waren, zählten ungefähr ſechs Mann und ich war geneigt, zu glauben, daß es nicht die vorzüglichſten unter der Geſellſchaft ſeien. Ich irrte mich darin nicht, wie ich ſpäter in Er⸗ fahrung brachte. Es waren die Daniten oder Engel der Vernichtung, welche den Zug begleiteten. Man hätte ſie richtiger Teufel der Vernichtung nennen können, denn es waren mir noch nie ſechs verworfener ausſehende Menſchen vorgekommen. Das Engelhafte verrieth ſich weder in ihren Blicken, noch in ihren Zügen, während ſie im Gegentheile als eingefleiſchte Teufel vollkommen an ihrem Platze ge⸗ weſen wären. Fünf derſelben hatte ich früher nie geſehen— beſann mich wenigſtens nicht auf ſie. Der ſechſte war mir nur einmal begegnet, doch beſann ich micch voll⸗ kommen auf ihn. Derjenige, welcher das Geſicht des geweſenen Advokatenſchreibers und Exſchulmeiſters von Swamp⸗ ville nur einmal geſehen hatte, konnte es nicht leicht vergeſſen. Es war Stebbins, welcher ſich mit dem 1 Mexikaner unterhielt. Das Geſpäch dauerte nicht lange. Die Mel⸗ dung des Trappers kam nicht unerwartet und wurde daher ohne Mißtrauen aufgenommen. 127 Schließlich wies uns der Mormonenführer einen Platz an, wo wir unſere Zelte aufſchlagen könnten, der außerhalb der Wagenburg und in der Nähe des Fluſſes lag. Das ſtimmte mit unſeren Wünſchen vollkommen überein, wir nahmen daher ſofort Beſitz von dem Platze und fingen an, unſere Habſeligkeiten auszu⸗ packen. 17. Capitel. Das eingefriedigte Lager. Sobald es bekannt wurde, wer wir ſeien, kamen die Mormonen herbeigeſtrömt und umringten uns. Das Lager entleerte ſeinen Inhalt und bald ſtanden neun Zehntheile der ganzen Karavane, Männer, Weiber und Kinder, um uns herum und ſtarrten uns mit dem halb blödſinnig verwunderten Blick, der den niedrigen Ständen der ſogenannten civiliſirten Länder eigen iſt, an. Wir bemühten uns, die Feuerprobe ihrer Blicke mit einer echt indianiſch, gleichgültigen Miene zu beſtehen. Indeſſen koſtete es uns einige Mühe, indem —— es ſchwer war, ſich des Lachens über die ſeltſanen Ausrufe der Perwunderung zu enthalten, die unſer 1 — 129 Aeußeres und jede unſerer Bewegungen der gaffenden Menge entlockte. Wir hüteten uns, zu zeigen, daß wir ihre Worte verſtanden. Holzbein war vermöge des anglo⸗ameri⸗ kaniſchen Dialektes, den er ſich unter den Bergbewoh⸗ nern angeeignet hatte, im Stande, ihnen zuweilen eine Antwort zuzurufen. Wir übrigen ſagten nichts, ſon⸗ dern lagen mit Eifer unſeren Vorbereitungen ob und warfen nur zuweilen einen Blick auf die Zuſchauer. Ich bemerkte, daß die Jägerin das Hauptaugen⸗ merk aller Blicke war und eine Zeit lang ſchwebte ich in bedeutender Angſt. Das Mädchen hatte ihr Geſicht nicht verborgen— und ihre Verkleidung erſtreckte ſich nur auf ihr Geſicht und ihre Züge. Natürlich war ihr Hals, ihre Hände und Handgelenke, kurz alles, was von ihrer Haut ſichtbar war, nach indianiſcher Sitte bemalt; es ſtand daher nicht leicht zu befürchten, daß man bei ober⸗ flächlicher Beobachtung ihre wahre Hautfarbe entdecken werde. Wäre ſie ein gewöhnliches Mädchen geweſen, ſo hätte ſie leicht für eine Indianerin gelten können. So aber zog ihre üppige Schönheit die Aufmerkſamkeit der Menge an und trootz ihres entſtellten Geſichts bemerkte ich, daß leidenſchaftliche und prüfende Blicke auf ſie gerichtet waren. 1 Einige der Umſtehenden ſprachen ihre Bewunderung unverholen aus. Die wilde Jägerin. IV.. 9 130 „Verteufelt hübſche Squaw!“ bemerkte einer.„Wer i*ſt ſie, alter Stelzfuß?“ fragte er den Führer. „Squaw— Utha⸗Mädchen“, antwortete der Mexi⸗ kaner in ſeinem Trapperdialekte. Auf mich deutend, fügte er hinzu;„Sie, Schweſter vom Jägerhäuptling — auch Jägerin— tödtet Großhorn, Büffel, Wild. Carrambo! Sieh! Sie große Cazadora!“ „Hole der Teufel Ihre Cazadora. Ich verſtehe nicht, was das heißt; was ich aber weiß und vermuthe iſt, daß, wenn man jener Squaw mit der Scheuer⸗ bürſte und ein wenig Seife über das Geſicht führe, eine verteufelt hübſche kleine Hexe darunter ſtecken würde.“ Der Burſche, welcher ſich dahin äußerte, war einer der ſechs, die uns bei unſerer Ankunft begrüßt hatten. Zwei bis drei ſeiner Gefährten ſtanden in der Nähe und ſtarrten das Mädchen mit den Blicken des Luchſes oder vielmehr des gierigen Wolfes an. Selbſt Stebbins hatte ihr, ehe er ſich entfernte, einen ſeltſamen Blick zugeworfen, der weniger ein Wiedererkennen, als ſinn⸗ liche Begierde ausſprach. Auch die übrigen äußerten ihre rohe Bewunderung und ich war eben ſo froh, wie es das Mädchen ſelbſt zu ſein ſchien, als das Zelt errichtet war und ſie ſich vor den Augen ihrer ungehobelten Anbeter verbergen konnte. Wir hatten jetzt Gelegenheit, die Mormonen in ihrer Häuslichkeit zu belauſchen; denn keiner von — — 131 ihnen hatte die leiſeſte Ahnung, daß wir ihre Reden verſtanden. Die meiſten ſchienen dem niederen Stande der Auswanderer anzugehören— entweder der Farm⸗ oder Handarbeiter— Gewerbtreibende untergeordneter Art, als Schuhmacher, Schmiede, Tiſchler und der⸗ gleichen. Ihre Mienen verriethen weder beſonderen Hang zur Frömmigkeit, noch große Verderbtheit. Die meiſten ſahen einfach, dumm und verwahrloſt aus und ſtellten offenbar das Rindvieh der Heerde vor. Man bemerkte noch eine andere Gattung von Frommen unter ihnen, die zwar geweckteren Geiſtes ſchienen, aber von innen und außen verderbt, von ihrem, vielleicht angeſehenen Stande herabgeſunken und dem neuen Planeten nur deßhalb zugethan waren, um ihrer weltlichen Lage eher, wie ihrer geiſtigen Verfunken⸗ heit aufzuhelfen. Der Einfluß der letzteren über die erſteren war unverkennbar. Offenbar bekleideten ſie die Aemter von Biſchöfen, Diakonen— Zehnern oder Sech⸗ zigern. Es war ſonderbar genug, daß ſich Dandies unter ihnen befanden, und ſo unpaſſend und lächerlich die Ziererei in ſolcher Umgebung erſchien, hatten ſie ihre Anhänger unter denſelben. Mehr als ein„Elegant“ tänzelte mit Patent⸗Lederſtiefeln, einem ſeidenen Pariſer Hute und einem Rocke von glänzendem, feinem Tuche durch die Menge! Die augenblickliche Ruhe bot ihnen 9546 ₰ 13² Muſe, ſich mit Putz und Tand zu beſchäftigen und jene Schmetterlings benutzten die Gelegenheit, um die Raupenhülle ihrer Reiſekleider auf wenige Stunden abzuſtreifen. Es waren Weiber von jedem Alter bei der Geſell⸗ ſchaft, ja, wir können dreiſt hinzufügen, von jedem Volke. Etliche europäiſche Zungen miſchten ſich in die allgemeine Sprachverwirrung; die vorherrſchendſte Mundart war aber jener Dialekt ohne Vokale— das Kauderwelſch von Wales. Das fortwährende Geziſch jener undenkbarſten aller Sprachen verrieth, daß die Söhne und Töchter des Fürſtenthums Wales am zahlreichſten unter den Auswanderern vertreten waren, Viele der letzteren trugen ihr maleriſches Nationalkoſtim— den rothen Mantel mit der Kapuze und das knappe Mieder; viele unter ihnen waren ungemein hübſch mit ihren regel⸗ mäßigen, weißen Zähnen, der zarten Farbe, den blü⸗ henden Wangen, die der celtiſchen Race im allgemeinen eigen, aber nirgends ſo häufig, iſt als unter den ſchönen Töchtern von Cambrien. Wahrſcheinlich hatten jene hold lächelnden Geſichter mit dem offenen, arg⸗ loſen Lächeln die Herzensſieger veranlaßt, ihre Herrlich⸗ keiten auszupacken. Ich ſelbſt richtete mein Augenmerk nicht auf ſie: ſeit unſerer Ankunft an Ort und Stelle hatte ich den Ausgang der Einzäunung ſcharf beobachtet und jeden Mann oder jede Frau, ſo heraustrat, genau gemuſtert. 4 133 Immer blieb mein Suchen vergeblich und wurde nicht durch das Erkennen eines einzigen, bekannten Ge⸗ ſichtes belohnt. Der Eingang des Lagers mochte von der Stelle, wo wir unſer Lager aufgeſchlagen hatten, etwa ein⸗ hundert Schritt entfernt ſein, doch würde ich ſelbſt in ſolcher Entfernung den koloſſalen Squatter erkannt haben. Was Lilian betrifft, ſo würde mir mein Herz, ſelbſt auf den flüchtigſten Blick, ihre Gegenwart v ver⸗ rathen haben. Weder Vater noch Tochter waren bis jetzt zum Vorſcheine gekommen, obwohl alle übrigen ungehindert aus dem Lager geſtrömt waren und viele bereits dahin zurückkehrten. 6 Es war wenigſtens ſehr ſonderbar, daß ſie ſich von den anderen ſo auffallend abſonderten. Ich wußte freilich nur zu gut, wie wenig ſie zu dem Geſindel paßte, was ſich um ſie her bewegte; dennoch hätte man denken ſollen, daß ſchon die einfache Neugierde hin⸗ reichen müſſe, ſie heraus zu locken— jener natürliche, kindliche Trieb, der ein ſo junges Weſen in der Regel drängt, alles Fremdartige, ſei es eine ſeltſame Tracht, ein bunter Federſchmuck, oder die Malerei, welche uns zierten, anzuſtaunen. Daß Holt für ſolche Lockungen weniger empfänglich war, wunderte mich nicht; von ihr kam es mir aber unerklärlich vor. 8 134 Mein Erſtaunen wuchs, als ich eine Geſtalt nach der anderen herauskommen ſah, nur nicht die eine, nach welcher meine Augen ausſchauten. Jetzt hörte ich auf, mich zu wundern, und fing an, beſorgt zu werden, bis ſich meine Sorge in Angſt verwandelt hatte. Schon früher war ein Zweifel in mir aufgeſtiegen, doch ohne ſo beſtimmte Geſtalt anzunehmen. Jetzt fol⸗ terte er mich mit grauſamer Heftigkeit— ich fürchtete, daß ſie überhaupt nicht da wären, weder inner⸗ halb des Lagers, noch außerhalb deſſelben. Hatten wir die falſche Fährte verfolgt? Konnte nicht Holt mit den Goldſuchern gegangen ſein? Die Nachrichten der Chicaſſaw⸗Indianerin bewieſen nichts. Oder befand ſich Lilian vielleicht unter dem Schutze des galanten Dragoners, deſſen Silbertreſſe ihre Blumen umwunden hielt— konnte ſie nicht mit ihm fort⸗ gegangen ſein? Es iſt wahrſcheinlich, murmelte ich in mich hinein, ja, mehr als wahrſcheinlich, daß ſie nicht hier ſind. Vielleicht hatte der Squatter, dem Willen ſeines apo⸗ ſtoliſchen Gefährten trotzend, ſich von ihm und ſeiner Mormonentruppe entfernt, um ſich den Goldſuchern anzuſchließen. Nein! Dort! Da ſteht Holt, er iſt es, ſo wahr ich lebe! Die Erſcheinung eines großen Mannes, der durch den Eingang zwiſchen den Wagen ſichtbar wurde, erpreßte mir jene Ausrufungen, denn es war wirklich Holt. 135 Er ſtand unbeweglich und mußte ſich erſt im Augen⸗ blicke hingeſtellt haben, während der kurzen Zeit, wo ich die Augen abwendete. Die herkuliſche Geſtalt ſo⸗ wohl, als der lange, wirre Bart, der auf ſeine Bruſt herabrollte, geſtattete keinen Zweifel an der Perſönlich⸗ keit des Squatters von Tenneſſee; ſeine Kleidung be⸗ ſtätigte meine Annahme vollſtändig. Es war genau dieſelbe, welche er an jenem denkwürdigen Morgen trug, als er mir mit ſeinem langen Rifle gegenüberſtand und es auf mein Leben abgeſehen hatte. Derſelbe grünliche, weite Ueberrock von grobem Tuche, der noch etwas fadenſcheiniger ausſah— das rothwollene Hemd, welches darunter hervordlickte— die hohen, pferdeledernen Stiefeln, die bis an die Kniee reichten— das rothe Tuch, das turbanartig um ſeinen Kopf geſchlungen war und deſſen flatternde Enden über ſeine buſchigen Augen⸗ braunen hingen— alles ſtimmte mit dem Bilde über⸗ ein, welches ich von ihm bewahrte. Ich muſterte ihn mit ſcharfen Blicken. Hatte er die Abſicht, näher zu treten und uns zu betrachten, oder führte ihn ein anderes Geſchäft her? Es kam mir vor, als ob er ernſt und traurig aus⸗ ſähe, obwohl die Entfernung zu groß war, um den Ausdruck ſeiner Züge genau zu ſehen. Er zeigte keine Neugierde, ſondern wandte, nachdem er uns flüchtig angeſehen, den Blick ab. Daraus ging hervor, daß er ſich weder um unſere Nähe viel kümmere, noch beſon⸗ dere Theilnahme für uns empfinde. Dem Anſcheine 136 nach theilte er die kindiſche Neugierde ſeiner Reiſege⸗ fährten nicht, mit welchen er auch in anderer Beziehung wenig Aehnlichkeit hatte. Wie er in ihrer Mitte ſtand, glich er einem von Schakals umringten grimmigen, majeſtätiſchen Löwen. Sein Weſen erinnerte auch in anderer Beziehung an den König der Wälder. Er ſchien mit ſeiner Um⸗ gebung nicht zu verkehren, ſondern ſtand, wenigſtens für den Augenblick, abgeſondert und regungslos da, wie ein ſteinernes Bild. Nur einmal ſah ich ihn gähnen und die Arme aus⸗ ſtrecken, als wolle er die unwillkürliche Anwandlung da⸗ durch unterſtützen. Er ſchien zu keinemn anderen Zwecke herausgetreten zu ſein, denn kurz nachdem er jene An⸗ ſtrengung gemacht hatte, kehrte er in das Lager zurück und verſchwand hinter der Wagenburg. 2 18. Capitel. Je Neife Eine ſonnenverbrannte Schönheit. Die Erſcheinung, denn eine ſolche ſchien es in der That geweſen zu ſein, gab mir die gewohnte Gemüthsruhe wieder. Holt war bei der Caravane, Lilian mußte folglich auch da ſein. Es mag ſeltſam erſcheinen, daß mich dieſe Gewiß⸗ heit beruhigte und mich eine Ueberzeugung, die mir erſt geſtern Sorge machte, heute beglückte! Der ſcheinbare Widerſpruch läßt ſich leicht erklären. Er entſprang aus der veränderten Lage der Dinge. Mein Vertrauen zu dem Gelingen unſeres Planes hatte ſich jetzt faſt in Ge⸗ wißheit verwandelt. Unſere Maßregeln waren ſo um⸗ ſichtig getroffen worden, daß wir nicht zu fürchten brauchten, den beabſichtigten Zweck zu verfehlen. Die 4 1— b 138 fromme Geſellſchaft hegte über unſeren Beruf nicht den geringſten Zweifel— wir hatten wenigſtens bis jetzt noch kein Mißtrauen wahrgenommen. Da die Beſchaf⸗ fenheit unſerer Dienſte ein freies Kommen und Gehen erheiſchte, durften wir erwarten, in der Hinſicht keine Einſchränkung zu erfahren. Das Lager und ſeine Be⸗ wohner mußten uns zu jeder Zeit zugänglich ſein, es konnte daher an einer Gelegenheit zur Ausführung un⸗ ſerer Abſicht nicht fehlen. Nur ein Bedenken ſtand uns im Wege: ob Lilian ſelbſt einwilligen werde? Es war nicht undenkbar, daß ſie ſich weigern könne, die Flucht zu ergreifen, ſowie ſie viilleicht ſich nicht entſchließen würde, ihren Vater zu verlaſſen. In dem Falle mußten allerdings unſere Be⸗ mühungen vergebens ſein. Hatte ich Grund, ein ſolches Hinderniß zu erwar⸗ ten? Gewiß nicht. Wenn auch mein Einfluß nichts mehr vermochte, ſo würde doch ihre Schweſter im Stande ſein, ſie zu überreden. Sobald man ihr über die Ab⸗ ſicht, die man auf ſie hatte, die Augen würde geöffnet haben, konnte in ihrem unſchuldigen Herzen nur der eine Gedanke aufkommen, nämlich, wie ſie ſich der Ge⸗ fahr entziehen könne. „Nein, nein, ſagte ich ſchließlich zu mir ſelbſt, ich habe von der Seite keinen Widerſpruch zu fürchten. Lilian iſt allerdings noch ein Kind, doch beſitzt ſie ein jungfräulich unverdorbenes Herz. Die Geſchichte ihrer Schweſter wird ſie, ſobald ſie dieſelbe erfährt, zum 139 Bewußtſein der eigenen Gefahr erwecken und ſie wird bereit ſein, unſeren Rettungsplan zu unterſtützen. Solche Betrachtungen gewährten mir Troſt und ich ging, um nach meinem Pferde zu ſehen. Das wackere Thier war in der letzten Zeit arg vernachläſſigt worden und bedurfte meiner Pflege. Ein ungeheurer, mexikani⸗ ſcher Sattel, deſſen Verzierungen es halb verdeckten, ſchien mir genügend, das Pferd unkenntlich zu machen, indem ich ohnedies nicht beſonderen Grund hatte, zu fürchten, daß es erkannt werden würde. Sowohl Steb⸗ bins, als Holt hatten es nur einmal und zwar unter Umſtänden geſehen, die kaum erwarten ließen, daß ſie demſelben große Aufmerkſamkeit geſchenkt haben würden. Wäre das nicht der Fall geweſen, ſo hätten ſie ſich ſei⸗ ner allerdings leicht genug entſinnen können, denn die edle Geſtalt deſſelben war nicht leicht zu vergeſſen. Ich hegte keine Beſorgniß und war im Begriffe, den Sattel weg zu nehmen, als ein Gegenſtand meine Auf⸗ merkſamkeit dergeſtalt feſſelte, daß ich ſtarr und unbe⸗ weglich ſtehen blieb. Auf dem offenen Raume, kaum zwanzig Schritt von der Stelle, wo ich ſtand, zeigte ſich wie ein Strahl himmliſchen Lichtes inmitten der Dunkelheit eine Geſtalt— ein roſiges, golden leuchten⸗ des Mädchen, deren lichtes Haar in üppigen Locken bis auf ihre Hüften herunter fiel. 8 Kaum zwanzig Schritt trennten mich von Lilian Holt, denn es bedarf wohl kaum der Verſicherung, daß ſie es war, die vor mir ſtand. 140 Faſt unwillkührlich bemerkte ich einige Veränderun⸗ gen an ihr. Die wachsartige Durchſichtigkeit und blen⸗ dende Weiße ihrer Haut hatte den Einfluß der Prairie⸗ ſonne erfahren, doch war die leichte Sonnenſchminke ein neuer Reiz, wie der Hauch der Pfirſiche oder der gol⸗ dene Schein der Weintraube, der die Reife der vor⸗ züglichen Frucht verräth. Die Röthe ihrer Wangen er⸗ ſchien dadurch gemildert, obwohl ſie friſch genug glühten. An ihrer Geſtalt bemerkte ich, oder glaubte ich zu bemerken, daß auch ſie ſich umgewandelt hatte. Sie ſchien ſowohl größer, als voller geworden zu ſein und glich in Beidem ihrer Schweſter, deren üppige Formen⸗ bildung, die ein charakteriſtiſches Merkmal der im⸗ poſanten Schönheit derſelben war, ſie ebenfalls er⸗ reicht hatte. Das waren die einzigen Ceriderungrt in ihrem Aeußeren, denn ſie trug noch das einfache, gelbgeſtreifte Kleid von Hausgeſpinnſt, das ſie aber nicht mehr loſe umflatterte, ſondern ihre voller gewordene Geſtalt enger umſchloß. Die Schnur von falſchen Perlen— der wohlbekannte einzige Schmuck der Armen— ſchmiegte ſich noch immer um ihren Hals, deſſen kräftigere Um⸗ riſſe den Schmuck beſſer zur Geltung brachten. In dem Augenblicke drängte ſich mir die Frage auf, ob ſie keinen Grund habe, ſich jetzt reicher zu ſchmücken? Ihre kleinen Füße waren nackt wie früher und ſchim⸗ —HN˖—·ʃP‧⸗⏑O⏑—B—:—.— 4 141 merten roſig und durchſichtig auf dem grünen Raſen⸗ teppich. Sie ſtand aber nicht in ruhender Stellung, ſondern auf den einen Fuß auftretend, während der andere leicht erhoben war, als ſei ſie eben im Fortſchreiten be⸗ griffen. Sie war nicht mit dem Geſicht zu mir gewen⸗ det, ſondern drehte ſich halb nach der Seite. Sie ſchien das Ziel ihrer Wanderung erreicht zu haben und noch Willens zu ſein, nach der entgegengeſetzten Seite zurück zu kehren, gleich der ſcheuen Antilope, die trotz ihrer Schüchternheit inne hält, um den Gegenſtand, der ſie geſchreckt hat, zu betrachten. Ich hatte die Seite, von welcher ſie hergekommen ſein mußte, nur ſo kurze Zeit aus den Augen verloren, daß ich faſt hätte meinen können, ſie ſei aus dem Boden geſtiegen, wie Aphrodite aus den Wellen! Die Er⸗ ſcheinung war ebenſo blendend— für mich aber von weit größerem Intereſſe. Sie heftete ihre großen Augen mit Neugierde und Verwunderung auf mich, welche der maleriſche Schnitt und der wilde Anſtrich meines Anzuges erklärlich genug erſcheinen ließ.. Ihre Muſterung war bald beendet und ſie entfernte ſich in der Richtung, der ſie bereits zugewendet war. Sie ſchien aber noch nicht befriedigt zu ſein, denn ich bemerkte, daß ſie ſich wiederholt umſchaute. Was veranlaßte ſie dazu? Die Frauen haben ſcharfe Sinne und ein Ahnungsvermögen, das faſt ſo unfehl⸗ 142 bar iſt, wie der Inſtinkt der Thiere. Sollte ſie Ver⸗ dacht geſchöpft haben? Nein, nein, das war unwahr⸗ ſcheinlich— ja, unmöglich! Der Weg, welchen ſie eingeſchlagen hatte, führte V. nach dem Ufer des Fluſſes— ungefähr zweihundert Schritt oberhalb der Stelle, wo unſere Zelte ſtanden und in ziemlich gleicher Entfernung von dem nächſten Wagen. Die Abſicht, welche ſie dorthin führte, war leicht zu errathen, indem ein zinnerner Waſſerkrug, deſ⸗ ſen eiſernen Henkel ſie in der Hand hielt, deutlich ge⸗ nug bewies, was ſie dort wolle. Als ſie den Fluß erreicht hatte, füllte ſie ihr Ge⸗ fäß nicht, ſondern ſetzte es auf den Rand des Ufers und ließ ſich neben demſelben nieder. Das Ufer erhob ſich ein wenig über dem Waſſer, und bildete eine Art überhängende Raſenbank. Sie ließ ihre Beine ſo tief herunter hängen, daß einer ihrer Füße vom Waſſer beſpült war. Ihr langes Haar wallte hinter ihr auf das Gras hernieder und mit vor⸗ gelehntem Kopfe ſchien ſie ſo aufmerkſam in die durch⸗ ſichtige Tiefe des Waſſers zu blicken, als ob ſie den Gegenſtand ihrer liebſten Gedanken darin ſchaue. Bisher hatte ich jede ihrer Bewegungen beobachtet, wenn auch nur verſtohlen und ſtumm, weil ich daß Augen auf mich gerichtet waren. In dem Augenblicke aber hatten ſich die meiſten Neugierigen aus unſeren Zelten entfernt, der Ruf zum Abendeſſen innerhalb des Lagers hatte ſie dazu veranlaßt. Trotzdem wagte ich — 143 nicht, an das Mädchen heran zu treten. Der Schritt hätte ſonderbar erſcheinen können und ſie ſelbſt konnte die zu unmittelbare Nähe einer ſo wilden Erſcheinung vielleicht ſcheuen und die Flucht ergreifen. Indeſſen war die Gelegenheit, mit ihr zu reden, verführeriſch genug. Vielleicht fand ſich nicht ſo bald eine zweite. Ich zitterte bei dem Gedanken, ſie zu ver⸗ ſäumen. Was war zu thun? Ich hätte Marian ſchicken können, welche noch immer in ihrem Zelte war, wohin ſie ſich vor den Blicken ihrer rohen Bewunderer geflüchtet hatte. Sie wußte noch nicht, daß Lilian außerhalb des Lagers ſei. Ich hätte ihr es mittheilen und ſie fortſchicken können, um „ mit ihrer Schweſter zu reden; ich hatte aber gewiſſe Gründe, es nicht zu thun. In der Verlegenheit kam mir ein Gedanke, der ge⸗ eignet ſchien, mir zu der erſehnten Unterredung zu ver⸗ helfen. Mein Pferd war noch nicht auf die Weide ge⸗ führt worden. In der Nähe Lilians war das Gras üppiger, als an einer anderen Stelle. Ich konnte daher mein Pferd entweder dort auspflöcken oder es beim Zügel halten, bis es ſatt war. Ich nahm ungeſäumt den Sattel ab, befeſtigte die S ne und näherte mich der Stelle, wo das junge ädchen ſaß. Ich verfuhr dabei indeſſen mit gebüh⸗ render Vorſicht, weil ich fürchtete, ſie durch eine zu plötzliche Annäherung zu verſcheuchen. Ich ließ mein ₰ . 144 Pferd weiden und zog es nur gelegentlich beim Zügel weiter, den ich in der Hand behalten hatte. Das junge Mädchen ſah mich allmählich näher kommen und ſchaute ſich zwei bis dreimal nach mir um, jedoch ohne Furcht an den Tag zu legen. Vielmehr ſchien ſie mich mit Theilnahme zu betrachten, was in⸗ deſſen vielleicht nur eine Einbildung von mir war. Mein Pferd ſchien ihre Aufmerkſamkeit ebenfalls zu erregen, ja, ſie noch ausſchließlicher zu beſchäftigen, wie ich, denn ſie blickte es häufiger und länger an. Feſſelte die edle Geſtalt deſſelben ihre Blicke? Oder erweckte es Erinnerungen in ihr? Sie hütte ſich des Pferdes entſinnen können. Wcoollte Gott, Lilian! daß ich mich Dir in meiner wahren Geſtalt nähern könnte! Wie ſehnlich verlangt mein Herz nach einem Zeichen gegenſeitigen Erkennens. Aber nein— noch nicht. Ich wollte mich nicht eher ausſprechen, bis ich mich überzeugt hatte, daß ihr ein ſolches Erkennen willkommen wäre. Nicht bevor ich er⸗ gründet hatte, ob das zarte Band unſerer Herzen noch beſtehe— ob die all zu vergängliche Feſſel noch un⸗ verſehrt ſei. Ich hatte beſchloſſen, die geheimſten Tiefen ihres Herzens zu erforſchen und aus dem Grunde wünſchte ich einer Zuſammenkunft mit ihrer Schweſter zuvor zu kommen. Vielleicht ſollte ich die gewünſchte Ge⸗ wißheit nur zu bald erhalten, vielleicht nur, um darüber zu trauern. ’ — 145 Je näher ich kam, je zuverſichtlicher hoffte ich, ſie anreden zu dürfen. Sie war ſitzen geblieben und machte keinen Verſuch, mir aus zu weichen. Jetzt war ich nahe genug, um ſie anreden zu kön⸗ nen und die Worte ſchwebten mir bereits auf der Zunge, als eine rauhe Stimme hinter mir laut wurde und ſo⸗ wohl meine Worte, als meine Abſicht vereitelte. Die wilde Jägerin. IV. 10 ————— 19. Capitel. Die gelbe Duenna. „Großer Gott, Mädchen! Was thuſt Du da? Weißt Du nicht, daß Meiſter Holt und Meiſter Stebbins auf ihren Kaffee warten? Warum bringſt Du das Waſſer nicht?“ drehte mich bei dem Klange der Stimme um. Ton und Dialekt hatten mir bereits verrathen, daß der Sprecher weder ein Weißer, noch ein Indianer ſei, ſon⸗ dern jenem dritten Menſchenſtamm angehöre, der im ſocialen Leben der überſeeiſchen Welt ſo zahlreich ver⸗ treten iſt, dem afrikaniſchen. Der rauhe Ton der Stimme ließ mich einen Mann und zwar einen Neger vermuthen, als ich mich aber umdrehte, gewahrte ich, daß ich mich ſowohl über das — 5 147 Geſchlecht, als über die Farbe getäuſcht hatte. Die Sprecherin war eine Mulattin, eine große, dicke, plumpe und fette Frau. Ihr Kleid beſtand aus hellfarbigem, gemuſtertem Muſſelin; es war mit bunten Bändern beſetzt und über der Bruſt ſo nachläſſig geöffnet, daß die gewaltige Rundung ihres Buſens vollkommen ſicht⸗ bar war. Auf ihrem Kopfe wiegte ſich eine bunt ge⸗ muſterte Bandana und umſchloß die kurzen, ſchwarzen Ringel ihres Haares, die kaum bis an ihr Ohr reich⸗ ten; loſe, herabhängende Strümpfe und herunter ge⸗ tretene Schuhe vervollſtändigten ihren Anzug. Trotz ihrer nachläſſigen Kleidung ſchien ſie eine ge⸗ wiſſe Eitelkeit auf ihre perſönlichen Vorzüge zur Schau zu tragen. Schnittz und Ausputz derſelben ſtand nicht im Einklange mit der Sitte ihres ausgeſtoßenen Volkes, und die Art, wie der Kopfputz geordnet war, verrieth eine gewiſſe Koketterie. Die kleinen, ziemlich regelmä⸗ ßigen Züge mochten früher einmal hübſch geweſen ſein, doch waren dieſelben in der Fleiſchmaſſe untergegangen, die ihr Geſicht zu einem echten Vollmonde machte. Auch die Augen hatten allen Reiz verloren, wenn ſie je hübſch zu nennen geweſen waren. Selbſt in ihrer Blüthezeit konnten ſie nur ſinnlichen Reiz beſeſſen haben, denn ſie ſahen noch jetzt ziemlich lüſtern aus, obwohl ſie etwas Scheeles und Mürriſches hatten. Die Stimme der Frau hatte mich bereits ebenſo unangenehm berührt, wie ihre Worte. Als ich ſie vor mir ſtehen ſah, mit eingeſtemmten Armen und miß⸗ 105 148 muthiger Miene, wurde der erſte, unerfreuliche Eindruck verſtärkt und durch den Umſtand, daß ſie auf Lilian einen ähnlichen Eindruck zu machen ſchien, noch mehr beſtätigt. Ich bemerkte, daß ſogar jenes holde Ange⸗ ſicht ſich verdüſterte und ſich immer mehr umwölkte. „Sage mir, Mädchen, was Du hier treibſt? Fülle jetzt den Krug raſch, ſonſt ſollſt Du ſehen!“ Drohungen? Lilian hört und gehorcht. „Ich komme ſchon, Tante Lucy,“ antwortete das Mädchen mit bebender Stimme, während ſie zugleich den Krug füllte. Ich hoffte, daß die unterwürfige Antwort die Mu⸗ lattin veranlaſſen werde, nach dem Lager zurück zu kehren. Leider erfolgte das Gegentheil; denn ſobald die Frau die Worte des jungen Mädchens vernom⸗ men hatte, kam ſie mit raſchen Schritten heran ge⸗ watſchelt. Sie ſchritt gerade auf die Stelle zu, wo Lilian ihren Krug füllte, und ſowohl ihre raſchen, krampfhaf⸗ ten Geberden, als das unheimliche Glühen ihrer klei⸗ nen, halb in Fett vergrabenen Augen verrieth, daß ein heftiger Zorn in ihr tobe. Lilian hatte ſie bereits herankommen ſehen und ſtand wartend, offenbar erſchrocken, da. Als ſie nur noch wenige Schritt von dem Mädchen entfernt war, fing die fette Furie in einem Tone, der ebenſo boshaft, als rauh und widrig klang, an zu keifen: 149 „Warum nennſt Du mich Tante Lucy, Mädchen? Warum, frage ich Dich? Wahrhaftig, wenn Du mich wieder ſo nennſt, kratze ich Dir die Augen aus, ſo wahr ich lebe, werde ich Dich erwürgen!“ Die Xantippe begleitete dieſe Worte mit einer be⸗ deutſamen Geberde und fuhr dann in demſelben giftigen Tone fort: „Ich reiße Dir das Haar aus, auf welches Du ſo eitel biſt— Dein goldenes Haar, wie die Leute ſagen. Bah! Dein gelbes Flachshaar. Ich raufe Dir es hän⸗ deweiſe vom Kopfe, wenn Du mich noch einmal Tante Lucy nennſt.“ „Ich habe nicht gewußt, daß es Sie beleidigt,“ antwortete das junge Mädchen ſanft.„Nennen Sie nicht die anderen ſo?“ fragte ſie zögernd.„Thut es nicht Mr. Stebbins?“) „Was kümmert es Dich, was Mr. Stebbins thut? Das iſt meine Sache. Du haſt darauf zu achten, daß Du mich nicht ſo nennſt, und das iſt gleichfalls meine Sache. Wenn Du noch einmal Tante Lucy ſagſt, will ich Deine Schönheit bald zu Grunde richten, Du naſe⸗ weiſes Ding.“ „Ich werde es nicht wieder thun, Lucy,“ antwor⸗ tete das junge Mädchen ſchüchtern. „Miß Lucy, das bitte ich mir aus. Bilde Dir nicht ein, noch in Tenneſſee zu ſein! Du wirſt ſchon bald zu beſſerer Einſicht kommen. Hier gelten die gel⸗ ben Frauen eben ſo viel, wie die weißen. Heirathen 150 eben ſo gut weiße Männer— ſtehen bei den Mormo⸗ nen in demſelben Anſehen, ha, ha, ha!“ Ein ſcheeler Blick auf Lilian begleitete das Geläch⸗ ter und ließ den widrigen Ausdruck deſſelben bedeut⸗ ſamer erſcheinen. Ich war über das rohe Benehmen der gelben Hexe ſo empört, daß ich mich mit Mühe enthielt, ſie von dem Uferrande, auf welchem ſie ſtand, hinunter in das Waſ⸗ ſer zu ſtoßen. Nur die bittere Nothwendigkeit, mein Incognito zu bewahren, verhinderte mich, ſie nach Ver⸗ dienſt zu ſtrafen und faſt überſtieg die Ueberwindung meine Kräfte. Fernere Beobachtungen zeigten mir, daß das junge Mädchen unter den Drohungen der Megäre erbebte, welche eine gewiſſe Herrſchaft über ſie erlangt zu haben ſchien und vielleicht von Stebbins ſelbſt angewieſen war, in der doppelten Eigenſchaft als Spionin und Hüterin auf zu treten. Trotz der furchtbaren Gedanken, welche die Gegen⸗ wart jenes Weibes in mir erweckte, gelang es mir, meinen Zorn zu bezwingen und mich ſtumm zu verhal⸗ ten. Mein guter Stern ließ mich alſo handeln und bald ſollte ich für meine Mäßigung belohnt werden. „Sprich Mädchen!“ fuhr die Mulattin fort,„wes⸗ halb ſitzeſt Du hier und ſieheſt in das Waſſer, meinſt Du etwa, ſeinen Schatten ſehen zu können? Ha, ha, ha!“ „Weſſen Schatten?“ fragte das Mädchen arglos. — ——— —.—— 151 Ich zitterte, während ich auf die Antwort wartete. „Himmel, ſtelle Dich nicht ſo unſchuldig, Mädchen! Meinſt Du, ich hätte es nicht geſehen, wie Du ſeinen Namen in das Buch, was Du haſt, geſchrieben haſt? Meinſt Du, ich hätte nicht geſehen, wie Du den Namen in den Sand geſchrieben haſt, als wir am Arkanſas lagerten? Schreibſt Du doch den Namen überall hin, ſogar auf den großen Kaſten, in Mr. Stebbins Wagen. Du thäteſt wahrlich beſſer, Mr. Stebbins den Namen nicht dort leſen zu laſſen!“ In jenem Augenblicke hätte ich mein Pferd darum gegeben, um in das Buch und auf den Kaſten ſehen zu dürfen. Aber bald bedurfte es deſſen nicht mehr, und obwohl ich die Nachricht aus einem unreinen Munde erhielt, war ſie meinem Herzen nicht minder willkom⸗ men. Was kümmerte mich die unheilige Quelle, wenn ich nur den glühendſten Wunſch meines Herzens erfüllt ſehen konnte. „Meinſt Du, daß Niemand ſonſt leſen könne, wie Du ſelbſt?“ fuhr die Mulattin in demſelben, höhniſchen Tone fort.„Meinſt Du, daß Niemand verſteht, was E. W. heißen ſoll? Ha, ha! Willſt Du etwa leugnen, daß es Edward Warfield heißt? Wie, Fräulein Gelb⸗ haar, iſt das ſein Name?“ Das junge Mädchen antwortete nicht, aber ihre Wangen erglühten tiefer und ich nahm ihr Erröthen mit heimlichen Entzücken wahr. „Ha, ha, ha!“ fuhr die Peinigerin fort,„ſieh Dich 15² immer im Waſſer nach ſeinem Schatten um, iſt es doch das einzige, was Du jemals von Edward Warfield wiederſehen wirſt. Wer der Burſche auch immer ſein mag, werden ihn deine Augen doch nie wieder ſchauen! — Nein, nimmer!“ Eine Wolke umdüſterte das Geſicht des Mäd⸗ chens und verrieth, daß ihr die Worte Kummer verurſachten. Ich empfand in demſelben Maße neue Wonne. „Du biſt eine Närrin, Fräulein Goldhaar! Du hätteſt beſſer gethan, dem jungen Dragonerofficier zu folgen, der Dich mitnehmen wollte, d. h., wenn Du einen Mann für Dich allein haben willſt. Ha, ha, ha! Gräme Dich nicht, Mädchen! Du wirſt trotzdem einen Mann bekommen. Mr. Stebbins wird Dir einen ver⸗ ſchaffen, er hat ſchon einen für Dich, der Dich in der Mormonenſtadt erwartet, Du wirſt ihn bald ſehen! Einen Mann, der fünfzig andere Weiber hat, ha, ha, ha!“ Lilian ſchien mit leiſer Stimme und halb unver⸗ ſtändlich etwas zu erwidern. Ich konnte ihre Antwort aber nicht verſtehen, doch ſchien ſie ſich nicht auf die Worte der gelben Hexe zu beziehen, vielmehr ſchienen ſie eine unwillkürliche Aeußerung der Qual zu ſein, die ſich in ihren Zügen ausſprach. Die Mulattin ſchien weder eine Antwort zu erwar⸗ en, noch zu wünſchen, denn nachdem ſie ihre höl⸗ 153 liſchen Anſpielungen angebracht hatte, drehte ſie ſich auf ihren Ferſen herum und watſchelte zurück nach dem Lager. Ich wandte das Geſicht ab, als ſie an mir vorüber ging, weil ich fürchtete, daß ſie inne halten möchte, um mich zu muſtern und ich hatte Grund zu wünſchen, daß ſie weiter gehen möge. 4 Ihre Neugierde ſchien aber nicht ſehr erregbar zu ſein. Dieſelbe äußerte ſich nur durch einen Ausbruch der Heiterkeit, wie mir das rauhe ha, ha, ha, ver⸗ rieth, was ihr entſchlüpfte, als ſie vorüberging. Das immer entfernter klingende Lachen war mir ein Zeichen, daß ſie ohne Aufenthalt weiter gegan⸗ gen war. 8 Lilian folgte ihr in einer Entfernung von unge⸗ fähr zehn Schritt. Die Laſt der. Waſſerkanne zog ſie auf die eine Seite und ihr langes, goldenes Haar, das wirr über ihren herabhängenden Arm fiel, berührte faſt den Raſen zu ihren Füßen. Die mühſelige Stel⸗ lung zeichnete die Vollendung jener prachtvollen weib⸗ lichen Geſtalt noch deutlicher, welche mein eigen zu nen⸗ nen mich nur der Tod hindern ſollte. Ich hatte meine Handlungsweiſe bereits überlegt und harrte nur einer Gelegenheit, ſie aus zu führen. Ich wünſchte nicht länger unerkannt von ihr zu blei⸗ ben. Die Schranke, welche mich bisher verhindert hatte, mich ihr durch Worte oder ſonſtige Zeichen zu nähern und mich ferner zurückgehalten hatte, war jetzt ebenſo 154 unerwartet, als glücklich beſeitigt. Mein entzücktes und beſeligtes Herz ſah keinen Grund zur Verheim⸗ lichung mehr, und ich war daher entſchloſſen, mich ſo⸗ fort zu erklären. Doch ſollte es nicht offen und weder durch Worte noch durch Geberden geſchehen. Beides konnte einen lauten Ausruf veranlaſſen und ſpähende Blicke auf uns lenken, die unſerer in geringer Entfernung harrten. Ich hatte meinen Plan, wie geſagt, bereits ent⸗ worfen, und harrte ſeit einiger Zeit auf die Gelegen⸗ heit, welche ſich jetzt bot. Ich war während der eben ſtatt gehabten Unter⸗ haltung kein müßiger Zuſchauer geweſen, ſondern nahm ein Stück Papier aus der Taſche und ſchrieb mit Bleiſtift drei einfache Worte darauf. Das Papier hatte ich mit Bedacht gewählt, es war der halbe Bogen eines ſehr hoch gehaltenenen Briefes. Der Brief ſelbſt ſtand nicht darauf, ſondern ſteckte in der Taſche meiner Brief⸗ taſche, doch war das fliegende Blatt beſchrieben, und zwar auf beiden Seiten. Auf einer Seite ſtanden die lieblichen Worte, deren holder einfacher Klang immer noch in mei⸗ nen Herzen widerhallte und die ich wieder her ſchrei⸗ ben muß: — Dein denke ich, wenn der Morgen ſpringt Vom Schlummerlager feucht von Thau Und gleich dem Vöglein leicht beſchwingt, Emporſchwebt zu des Himmels Blau. Und wenn am Tag der Liebe Hauch Schweift freudig über Wieſ' und Hain, Wenn Lieder tönet jeder Strauch Dann denk' ich Dein— dann denk' ich Dein. Dein denke ich, wenn weich und warm Umhüllt von ſeinem Purpurkleid Der Abend ſchließt in ſeinen Arm Die Nacht, die bräutlich zage Maid, Und wenn der Mond das Himmelsmeer Durchpflügt mit keuſchem Silberſchein Und golden glänzt der Sterne Heer: Dann denk ich Dein— dann denk ich Dein. „Ach, Herr! es iſt ſehr, ſehr wahr! Ich denke Ih⸗ rer und werde es thun, ſo lange ich lebe.“ Lilian Holt. Auf die Rückſeite hatte ich eine Antwort mit Blei⸗ ſtift geſchrieben und zwar ſchon früher, während einer freien Stunde auf der Reiſe, indem mir ahnte, daß ſie einſt in die Hände derjenigen gelangen würden, für welche ſie beſtimmt waren. Jetzt war ich entſchloſſen, ſie ihr zu überreichen, und das Reſultat der geſchriebenen Antwort zu er⸗ warten. Sie lautete folgendermaßen: 156 An Lilian. Dein Lied fand wie mit Zaubermacht Bei mir den ſchnellſten Widerhall; In meinem Herzen Tag und Nacht Vernehm' ich ſeinen ſüßen Schall.* Ich hör's in jedes Lüftchens Hauch, Das ſäuſelt über Feld und Hain, Es flüſtert jeder Halm und Strauch, Ich denke Dein! Ich denke Dein! Vielleicht haſt Du, ſeit ich Dir ferne, 3 Aus Deiner Bruſt mein Bild verbannt, Denn Zeit und Ferne gehen gerne, Mit dem Vergeſſen Hand in Hand. O Lilian, wenn Dein ſüßer Mund, 1 Das Schlimmſte mir geſtände ein,. f Ich läge bald im kühlen Grund, Doch ſelbſt im Tode dächt ich Dein. Edward Warfjeld, der indianiſche Jäger. Ich fügte nur die Bezeichnung unter meinem Na⸗ men hinzu, in der Abſicht, ihre Aufmerkſamkeit auf 5 mich zu lenken. 4 Wie mangelhaft das Mittel, mich in ihr Gedächt⸗ niß zurück zu rufen, auch ſein mochte, fehlte es mir an Zeit ein anderes zu erſinnen. Das Dazwiſchenkommen 4 der Mulattin hatte mich verhindert, mich mündlich zu erkennen zu geben, was ich ſonſt gethan haben würde, doch war die Gelegenheit dazu nun verloren. Ein ein⸗ ziges Wort konnte mich verrathen. —— * 157 Dieſe Furcht beſtimmte mich, ſtumm zu bleiben, und auf eine günſtige Gelegenheit zu warten, um ihr das Papier heimlich zu überreichen. Als das junge Mädchen näher kam, trat ich an ſie heran und gab ihr, indem ich auf meinen Mund deutete, zu verſtehen, daß ich trinken wollte. Die Geberde erſchreckte ſie nicht. Sie blieb viel⸗ mehr ſtehen, lächelte den durſtigen Wilden freundlich an und reicht ihm die Kanne mit Waſſer hin. Ich faßte das Gefäß mit beiden Händen und ſchob zu gleicher Zeit das zuſammen gefaltete Papier ſo durch meine bemalten Finger, daß ſie es ſehen mußte. Nur ſie konnte es ſehen, denn die Kanne mit. Waſſer verdeckte es vor allen anderen Blicken— ſelbſt vor den⸗ jenigen der ſeltſamen Duenna, die ſich umgedreht hatte, und noch in der Nähe ſtand. Während ich mich ſtellte, als ob ich tränke, ent⸗ ſchlüpfte mir kein Wort, ſondern ich nickte nur, auf das Papier deutend, und erhob das Gefäß zu meinem Munde. Ach, des untrüglichen Inſtinktes eines weiblichen— eines liebenden Herzens! Wie gern belauſchte ich die leiſen Aeußerungen deſſelben, um ſo mehr, als das ver⸗ ſteckte Spiel meinem eigenen Intereſſe galt. Ich ſah weder den Ausdruck, noch das Mienenſpiel jenes leuchtenden Antlitzes, denn meine Augen waren abgewendet. Ich wagte nicht, ihre Züge zu beobachten. Ich war mir nur bewußt, daß mir die Kanne zugleich 158 mit dem Papier abgenommen ward, worauf die ſchöne Waſſerträgerin wie ein Traumbild an mir vorüber ſchwebte und mich allein ließ. Meine Augen folgten der enteilenden Geſtalt, die jetzt neben ihrer ſcheltenden Hüterin fortging. Sie betraten das Lager zu gleicher Zeit— Lilian befand ſich auf der mir zunächſt liegenden Seite und ehe das Mädchen hinter dem dunklen Walle der Wagen verſchwand, verrieth mir ein verſtohlener Blick, der hin⸗ ter den goldenen Locken hervorleuchtete, daß meine Liſt gelungen. 20. Capitel. Die Bitten einer Schweſter. Joch kehrte nach unſeden Zelten zurück, ohne das ge⸗ ringſte äußere Zeichen der Unruhe zu geben, die ich im Herzen trug und eilte, Marian von dem zu unterrichten, was geſchehen war. Warum nicht noch heute Nacht, warum nicht jetzt, noch in dieſer Stunde? dachte ich für mich, indem ich zurückging. Obwohl die Jägerin noch immer in ihrem Zelte weilte, geſtatteten mir meine brüderlichen Rechte, ſie dort aufzuſuchen und ich bückte mich daher und trat unter das Dach von Fellen. „Sie haben die Schweſter Lilian geſehen!“ rief ſie mir, als ich eintrat, in überzeugtem Tone entgegen. 160 „Das habe ich.“ „Und mit ihr geſprochen?“ „Nein— das habe ich nicht gewagt; ich habe ihr aber ein Zeichen des Erkennens gegeben.“ „Schriftlich? Ich habe Sie geſehen. Sie weiß alſo jetzt, daß Sie hier ſind?“ „Sie wird es gegenwärtig wohl wiſſen— voraus⸗ geſetzt, daß ſie eine Gelegenheit gefunden hat, das Blatt zu leſen.“ „Ich bin überzeugt, daß ſie eine ſolche finden wird. Ach! Sie iſt ſchön— ſehr ſchön und ich wundere mich nicht, daß Sie ſie lieben! Wäre ich ein Mann— weiß ſie auch, daß ich hier bin?“ „Noch nicht. Ich fürchtete, es ihr mitzutheilen, ſelbſt ſchriftlich. Ich fürchtete, daß ſie in ihrer Freude über eine ſolche Nachricht ſie ihrem Vater, vielleicht ſogar ihm mittheilen könnte.“ „Sie haben Recht— es wäre allerdings zu fürch⸗ ten. Sie darf von meinem Hierſein nicht eher erfahren, bis wir ſie warnen können, es nicht weiter zu ſagen. Wie denken Sie zu handeln?“ „Ich bin gekommen, mich deshalb mit Ihnen zu berathen. Wenn wir ihr nur beibringen könnten, daß Sie hier ſind, würde ſie vielleicht eine Gelegenheit finden, ſich her zu ſchleichen und wir würden während der Dunkelheit alles übrige leicht vollbringen kön⸗ nen. Ja, ſelbſt heute Nacht— warum nicht gleich heute?“ 161 Gewiß!“ antwortete die Jägerin, eifrig auf meinen Vorſchlag eingehend.„Je eher, je beſſer. Wie ſoll ich ſie aber ſehen? Wenn ich in das Lager könnte. Viel⸗ leicht—“ „Wenn Sie ihr ſchreiben wollten, ſo würde ich— „Wollten— Frender, ſagen Sie lieber, könnten. Das Schreiben iſt nicht mein Fach. Mein Vater hat ſich wenig Mühe gegeben, mich zu unterrichten— meine Mutter noch weniger— ſie konnte es in der That gar nicht, ſo daß ich armes, unwiſſendes Mädchen nicht einmal meinen eignen Namen ſchreiben kann!“ „Das thut nichts: dictiren Sie mir, was Sie ihr mitzutheilen wünſchen, ich habe Papier und Bleiſtift bei mir und will ſtatt Ihrer ſchreiben. Wenn ſie mein erſtes Blatt geleſen hat, wird ſie aufmerkſam ſein und uns gewiß eine Gelegenheit bieten, ihr den Brief zu überreichen“ „Sie wird Ihr Blatt gewiß geleſen haben. Ja, es ſcheint in der That das beſte Mittel zu ſein— das ſicherſte und unfehlbarſte. Gewiß hat mich Lilian nicht vergeſſen und wird den Rath einer Schweſter, welche ſie zärtlich liebt, gern befolgen.“ Ich zog meinen Bleiſtift, riß ein Blatt aus meiner Brieftaſche und war bereit, als Secretair zu dienen. Das kluge, wenn auch unbeleſene Mädchen ſtützte den Kopf in ihre Hand, um ihre Gedanken zu ſammeln und fing an zu dictiren: Die wilde Jägerin. IV. 11 „Liebe Schweſter! Ein Freund, welchen Du kennſt, ſchreibt für mich. Es iſt Marian, die zu Dir redet— Deine treue Schweſter Marian welche noch lebt und wohl auf iſt. Ich bin mit anderen hier— als Indianer ver⸗ kleidet— dieſelben, welche Du geſehen haſt. Wir ſind nur um Deinetwillen hier. Wir wollen Dich einer. Gefahr entreißen— ach Schweſter! Einer ſchrecklichen Gefahr! die ſich Dein argloſes Herz nicht träumen läßt!“ Ich war davon keineswegs überzeugt. Die Wolke, welche in Folge der höhniſchen Reden der Mulattin Lilian's Miene verdüſtert hatte, bewies mir, daß das junge Mädchen eine, wenn auch ſehr unbeſtimmte Ah⸗ nung der Gefahr, welche ihr bevorſtand, hatte. Das war unſeren Zwecken nur förderlich, und da ich Marian meine Wahrnehmung bereits mitgetheilt hatte, unter⸗ brach ich ſie jetzt nicht. Sie fuhr fort: „Wenn Du gegenwärtige Zeilen geleſen haſt, ſo zeige ſie Niemand. Verſchweige den Inhalt derſelben, ſogar—“ Hier hielt das Mädchen kurze Zeit inne, denn ihre kindliche Liebe war zu grauſam getäuſcht worden und ihre Stimme bebte, als ſie leiſe und zagend hinzu fügte:. „Unſerem Vater!“ „Liebe Lil!“ fuhr ſie in feſterem Tone fort,„Du weißt, wie zärtlich ich Dich immer geliebt habe. Ich 163 thue es noch und würde, wie früher, mein Leben wagen, um das Deinige zu retten. Ich wage jetzt nicht nur mein Leben, ſondern weit mehr— ach! wenn Du wüßteſt; Du ſollſt aber einſt alles erfahren. Und Du, liebe Lill läufſt Gefahr, mehr als Dein Leben zu ver⸗ lieren, nämlich— Deine Ehre!“ „Höre daher auf mich, theure Schweſter, und wei⸗ gere Dich nicht, meinen Rath zu befolgen! Stiehl Dich, ſobald es dunkel iſt— wo möglich noch heute Abend— aus dem Lager. Scheide von der unwürdigen Geſellſchaft, welche Dich umgiebt— verlaß— ach, Schweſter! das Wort wird mir ſchwer zu ſagen— ihn, der uns hätte beſchützen ſollen, unſeren Vater, der, wie ich fürchte— ach! erlaß mir, es in Worten aus⸗ zuſprechen.“. „Heute Abend, kiebe Lil! Heute Abend, wenn es möglich iſt! Morgen iſt's vielleicht zu ſpät. Unſere Verkleidung kann entdeckt und alle unſere Pläne ver⸗ eitelt werden. Alſo heute Abend— heute Abend! Fürchte nichts! Sowohl Dein Freund, als Dein alter Liebling, Frank Wingrove, und andere wackere Ge⸗ fährten harren Deiner. Deine Schweſter wird Dich mit offenen Armen empfangen. Marian.“ Gewiß würde Lilian einer ſolchen Aufforderung nicht widerſtehen. Gewiß würde ſie nicht zaudern, ſelbſt denjenigen zu verlaſſen, deſſen Vernachläſſigung ihm kaum einen Anſpruch auf den ehrwürdigen Namen Vater gab. 11* ——— ———— — Weiſe der Brief überreicht werden ſolle. Wir dachten an Archilete, der allerdings im Stande geweſen wäre, den Brief an ſeine Adreſſe zu befördern. Der Mexikaner war aber eben abweſend. In ſeiner Eigenſchaft als Führer hatte er ſich in das Lager be⸗ geben, um ſich mit den angeſehenſten Männern der Karavane zu beſprechen und ſie über den Weg zu unter⸗ richten, welchen ſie einſchlagen müßten und zugleich die⸗ jenigen Punkte zu verheimlichen, die dem Gelingen un⸗ ſeres Planes hätten Eintrag thun können. Ich hatte keinen Grund, an der Aufrichtigkeit des Mannes zu zweifeln. Sein Verrath hätte uns freilich großen Schaden bringen können, wenn er auch ſpäter in Folge deſſen der gerechten Strafe nicht entgangen wäre; indeſſen fiel es mir nicht ein, ſeine Treue in Zweifel zu ziehen. Er hatte ſeinen Haß gegen die Mormonen⸗Hereticos offen und wiederholt ausgeſprochen und ich vertraute der Aufrichtigkeit ſeiner Verſicherungen vollkommen. Als ich die Abweſenheit Archilete's inne wurde, dachte ich, daß es vielleicht nicht nöthig wäre, ſeine Rück⸗ kehr nach den Zelten abzuwarten. Die Zeit war zu koſtbar, um verſchwendet zu werden. Die Sonne war bereits am Horizonte der großen Einöde des Colorado untergegangen und der dunkle Schatten der Sierra San Juan erſtreckte ſich weit hinein in die Ebene, ja faſt bis an das Lager. In jener Gegend dauerte die Es handelte ſich jetzt zunächſt darum, auf welche 165 Abenddämmerung nur wenige Minuten und die Nacht breitete bereits ihren dunklen Mantel aus. Schon ſchimmerten die weißen Planen der Wagen matter im Dämmerlichte und der rothe Schein der Feuer im In⸗ nern des Lagers malte ſich auf der hellen Leinwand und kämpfte mit dem letzten Abendſchimmer. In einer Mi⸗ nute— kaum einer Minute, war der Tag entſchwunden. „Kommen Sie!“ ſagte ich zu meiner Gefährtin, „wir können mit einander gehen. Der Führer hat uns für Bruder und Schweſter ausgegeben— möchten es prophetiſche Worte ſein. In der Vorausſetzung einer ſolchen Verwandtſchaft werden ſich die Leute nicht wun⸗ dern, wenn ſie uns einen Spaziergang mit einander machen ſehen. Vielleicht bietet ſich innerhalb des Lagers die erſehnte Gelegenheit.“ Marian hatte nichts dagegen einzuwenden; wir verließen daher das Zelt und wanderten in der Rich⸗ tung der Wagenburg von dannen. 21. Capitel. Ein Karavanen⸗Ball. Die Nacht ſchien unſere Abſicht begünſtigen zu wollen, denn ſie ſenkte ſich ſchwarz und undurchdringlich herab. Die Spitzen des San Juan verſchwanden und ver⸗ ſchmolzen ſich mit dem dunklen Hintergrunde des Him⸗ mels. Die düſteren Abhänge der Sierra Majoda waren bereits ſchon längſt verſchwunden. Selbſt hellfarbige Gegenſtände ſchimmerten nur undeutlich durch die Dunkelheit, z. B. die weißen Ver⸗ decke der Wagen, unſere eignen verbleichten und ver⸗ witterten Büffelfellzelte, der ſilberne Glanz des Waſſers und die weißgefleckten Ochſen, die an den Ufern des⸗ ſelben graſten. Der Raum zwiſchen jenen Gegenſtänden war mit b b der Utha ſicher vor einem feindlichen Angriffe. 167 einer dichten, gleichmäßigen Dunkelheit bedeckt und dunkle Geſtalten, wie die unſrigen, waren nur im Scheine der hellbrennenden Feuer ſichtbar. Einige derſelben waren außerhalb der Einfriedigung angezündet worden und zwar in der Nähe des Ein⸗ ganges; die meiſten aber brannten im Innern des Lagers und beleuchteten die Schaar der Auswanderer, welche ſich um dieſelben lagerten und bald leuchteten helle, heitere Frauen⸗ oder Kindergeſichter, bald die ſchärfer geſchnittenen und von Sorgen und Erfah⸗ rungen durchfurchten Züge der Männer im rothen Scheine der Feuer. Das röthliche Licht verbreitete ſich unter den Wagen, von dem Schatten der Speichen der Räder nnterbrochen, in hellen Strahlen und draußen umhergehende Männer warfen rieſenhafte Schatten in die Ebene. Wenn ſie ſich der Einfriedigung näherten, war nur noch der Schatten ihrer Beine ſichtbar, indem der obere Theil ihrer Geſtalt durch die Wagen vor dem Scheine der Feuer geſchützt war. Unter jenem freundlichen Schutze waren wir im Stande, dicht an die Fuhrwerke heranzutreten, ohne eine Entdeckung zu fürchten zu haben. Nur wenige Men⸗ ſchen befanden ſich außerhalb des Lagers— nur die Hirten der Heerde und andere im Dienſte der Karavane ſtehende Reiſeofficianten, die ſämmtlich ihrer Pflichten uneingedenk waren. Sie wußten ſich auf dem Gebiete 168 Ueberdieß war es die angenehmſte Stunde des all⸗ täglichen Lebens der Karavane: jetzt ſchaarten ſich die Reiſenden um die Lagerfeuer, welche ihr Licht auf manches holde Geſicht warfen; nach beendeter Abend⸗ mahlzeit ſtimmte man Lieder an, erzählte Geſchichten und lachte froh und ſorglos; aus den Pfeifen ſtiegen die aromatiſchen Düfte in blauen Rauchſäulen empor und die kräftigen, von der Arbeit des Tages bereits ausgeruhten Glieder folgten dem Drange, ſich auf leicht beſchwingten Sohlen zu drehen. Auch an jenem Abende hatten die Mitglieder der Mormonengeſellſchaft jenem Verlangen nachgegeben. Kaum waren die Ueberreſte der Mahlzeit weggeräumt und zwiſchen den lodernden Feuern ein Raum frei ge⸗ macht worden, als die Geige, das Horn und die Clari⸗ nette ihre melodiſchen Töne anſtimmten und ein halbes Dutzend Paare zu einer Quadrille zuſammentrat und anfing, die Füße im Tacte zu bewegen. Der Anblick war ſeltſam genug, denn die Tänzer waren keineswegs beſonders gewandt; indeſſen fiel es uns nicht ein, über eine Unterhaltung zu ſpotten, die unſerer Abſicht ſo förderlich war. Die lauten Klänge der Inſtrumente begünſtigten leiſe geführte Unterhal⸗ tungen, und ſowohl das Geſumme vieler Stimmen, als der Reiz des Tanzes waren Umſtände, welche uns eben ſo plötzlich, als unerwartet zu Statten kamen. Meine Gefährtin und ich hatten nicht mehr zu fürchten, daß unſere Bewegungen beobachtet werden könnten. 169 In der That hätten uns nur ſolche, die ſich im Inneren der Wagen befanden und durch die Spalten des an der hinteren Seite zugeſchnürten Verdeckes be⸗ merken können. Aber die meiſten jener Oeffnungen waren zuge⸗ hangen, entweder vermittels eines gewöhnlichen Leinwand⸗ vorhanges, oder mit einer alten Bettdecke, einem Tuche oder ſonſtigen Lappen, der ſich dazu eignete. Wir bemerkten keine ſpähenden Blicke. Die Auf⸗ merkſamkeit aller war dem heiteren Kreiſe der Tänzer zugewendet, die ſich im hellen Scheine des Feuers hüpfend bewegten und auf und nieder ſchwebten. Die Wagen, welche die eine Seite der Einfriedigung bildeten, waren dergeſtalt neben einander aufgeſtellt, daß die Planen an einander ſtießen, ſo daß es unmöglich war, zwiſchen denſelben durch zu ſehen Mit den zweien aber, welche das Ende der Einfriedi⸗ gung bildeten, verhielt es ſich anders. Dieſelben ſtan⸗ den in gleicher Linie neben einander und obwohl ſich ihre Räder berührten, blieb doch noch ein Raum ober⸗ halb der Räder frei, der uns geſtattete, einen Blick in das Innere der Einfriedigung zu werfen. Jene Stelle hatten wir gewählt. Es erwies ſich als der günſtigſte Punkt, den wir wählen konnten. Wir konnten von der Seite den ein⸗ gefriedigten Kreis vollſtändig überblicken und jede Be⸗ wegung, die im Innern vor ſich ging, bemerken. Selbſt wenn man uns ſah, konnte niemand unſere eigentliche 170 Abſicht durchſchauen. Was war natürlicher, als daß wir den Anblick des Tanzes zu genießen wünſchten? Man würde einen ſolchen Schritt nur der bekannten Neugierde der Wilden zuſchreiben. Nachdem wir die Verſammlung überblickt hatten, feſſelten baß zwei Geſtalten unſere ausſchließliche Auf⸗ merkſamkeit. Es waren Männer, die neben einander, etwas abſeits von der Schaar der Tänzer, ſaßen und wir erkannten ſie für Holt und Stebbins. Beide ſaßen an einem großen Feuer, das ſie mit ſeinem röthlichen Lichte hell beſchien, ſo daß wir nicht nur ihre Geſtalt, ſondern auch den Ausdruck ihrer Züge genau erkennen konnten. h. Der Squatter ſaß mit der Pfeife im Munde, den Kopf faſt bis auf die Knie geſenkt, da und ſchaute finſter in's Feuer. Er ſchenkte den Vorgängen um ihn her keine Aufmerkſamkeit. Seine Gedanken ſchienen ander⸗ wärts umher zu ſchweifen. Stebbins ſchien hingegen die Tänzer eifrig zu be⸗ obachten. Er war mit einer gewiſſen Sorgfalt gekleidet und zeigte eine Gönnermiene, als ob er Herr und Ge⸗ bieter des Vergnügens und der Unterhaltung wäre. Männer und Weiber kamen und gingen und ſchienen ihm ihre Huldigung darzubringen; er hielt jeden eine Weile mit herablaſſenden Worten feſt und entließ ſie dann huldreich mit der ganzen lächerlichen Feierlichkeit einer Vorſtellung bei Hof. Ich ſchaute mich unter den Tänzern um und be⸗ V — 171 obachtete die Geſichter nach der Reihe, wenn ſie vom Feuer beſchienen wurden. Es waren Frauen und Mädchen jeden Alters da, ſogar die fette Mulattin war auf dem Platze und wiegte ſich in den Bewegungen des Tanzes. Wo war aber Lilian? Ich war ver ahdert, ſie nicht zu ſehen— verwundert, aber erfreut! Wo war ſie? Unter den Zuſchauern?. Ich muſterte den Kreis derſelben flüchtig und er⸗ blickte ſchöne, jugendliche Geſichter mit Perlenzähnen und Roſenwangen, aber das ihrige nicht. Sie war nicht unter ihnen. Ich wandte mich zu ihrer Schweſter, um mich mit ihr zu beſprechen, als ich bemerkte, daß Marian ihre Augen auf ihren Vater gerichtet hielt. Sie ſchaute ihn mit ſeltſamem Ausdrucke an. Es ſchien mir, als ob beſondere Vorſtellungen in ihrer Seele auftauchten und eine heftige Bewegung ihr Herz erfaßt habe. Ich enthielt mich, den Lauf ihrer Gedanken zu unterbrechen. Bis jetzt war der Wagen neben uns finſter geblie⸗ ben. Plötzlich leuchtete, wie auf einen Zauberſchlag, ein Licht im Innern desſelben auf und ſchimmerte durch die dünne Leinwand. Ein Licht war unter dem Verdecke angezündet worden und brannte nun hell und gleichmäßig. Ich konnte der Verſuchung, unter die Plane zu ſchauen, nicht widerſtehen. Vielleicht leitete mich eine dunkle Ahnung. — 3—— 5 6 2 ————— .—-————— Ich durfte das Verdeck zu dem Zwecke nicht berüh⸗ ren, ſondern brauchte nur auf die eine Seite, dem hin⸗ teren Vorhange des Fuhrwerkes gegenüber, zu treten; denn der dünne, grobe Vorhang war nur nachläſſig verſchloſſen und eine Spalte geſtattete mir, einen Blick in das Innere zu werfen. Der Wagen war mit einer Anzahl großer Kaſten und verſchiedenem Hausgeräthe angefüllt. Ueber die⸗ ſelben waren etliche grobe Kleidungsſtücke und etliche Beſtandtheile eines Bettes: ein Bettuch, eine Decke und ein bis zwei Pfühle gebreitet. Am vordern Ende des Wagens ſtand ein großer Kaſten, der die übrigen über⸗ ragte und auf dem Deckel desſelben brannte ein im Halſe einer Flaſche ſteckendes Talglicht. Zwiſchen der Flamme des Lichtes und meinem Auge befand ſich eine Geſtalt, die mir der hintere Theil des Wagens verdeckte. Es war eine weibliche Geſtalt und trotz der mangelhaften Beleuchtung konnte ich die lieblichen Umriſſe eines Profiles erkennen, das niemand anderem, als Lilian Holt gehören konnte. Eine leichte Wendung des Kopfes ließ das Licht auf goldene Haarlocken fallen; zu gleicher Zeit erkannte ich die Züge Lilians in dem Profile. Sie war es, die ſich im Wagen befand. Sie war allein, obwohl ich in geringer Entfernung Geſtalten vor dem Wagen erblickte. Es waren junge Männer, welche da herumſchlenderten. Glühende Blicke trafen ſie, doch ſchien ſie dieſelben meiden zu wollen. 173 Sie hielt ein Buch in der Hand und ſchien in dem⸗ ſelben zu leſen, denn es war aufgeſchlagen. Das Licht fiel aber nur ſchwach auf die Seiten und die verſtoh⸗ lenen Blicke, welche ſie darauf warf, verriethen, daß etwas anderes, als das Buch, ihre Aufmerkſamkeit feſſele. Offenbar war ein fliegendes Blatt, das weißer zwi⸗ ſchen den Seiten des Buches ſchimmerte, der Gegenſtand ihrer Betrachtung. Es war die Schrift auf demſelben, welche ſie bemüht war, zu entziffern. Ich beobachtete ſie mit aufmerkſamen Blicken und folgte jeder Bewegung der ſchönen Leſenden. Marian hatte ſich zu mir geſellt und wir ſetzten unſere Beobach⸗ tungen gemeinſchaftlich fort. Es koſtete uns ſelbſt Ueber⸗ windung, uns zu enthalten, zu ſprechen. Ein Wort wäre mehr werth geweſen als alles Geſchriebene; doch konnte es auch alles verderben. Diejenigen, welche an den Wagen ſtanden, hätten es hören können. Es ward daher nicht geſprochen. Lilian war über die Nähe der jungen Männer offen⸗ bar verlegen und warf während des Leſens unruhige Blicke auf ſie. Vielleicht verhinderte ſie der dadurch entſtandene Zwang, irgend eine heftige Aeußerung der Ueberraſchung, welche der Inhalt des Schreibens wohl⸗ hervorrufen konnte, zu äußern. Als ſie geendet hatte, entſchlüpfte ihr ein kurzer, halb unterdrückter Seufzer; ein flüchtiger, forſchender Blick auf die vor dem Wagen Verſammelten— ein . 174 zweiter, verſtohlen auf die hintere Seite des Wagens — das war alles, wodurch ſie ihre Bewegung an den Tag legte. Ich wartete, bis ihre Augen wieder hinterwärts gewendet waren; dann ſchob ich leiſe den Leinwandvor⸗ hang zur Seite und ſteckte den Brief Marian's in die Spalte. Die Erſcheinung meiner rothen Hand erſchreckte ſie nicht. Das Gedicht hatte der proſaiſchen Epiſtel den Weg gebahnt und die Ueberreichung derſelben erpreßte ihr weder einen Schrei, noch eine Geberde der Ueber⸗ raſchung. Sobald ich das Blatt von ihr bemerkt ſah, ließ ich es zwiſchen die Kaſten gleiten und zog meine Hand zurück. 2 Die Furcht, daß ein zu langes Verweilen an einer Stelle bemerkt worden ſein könnte, veranlaßte uns, uns zu entfernen.. Geſtattete das Glück, daß ſie jenen Brief las, ſo war bei unſerer Rückkehr unſer Plan ſeiner Verwirk⸗ lichung bedeutend näher gebracht worden. Mit dieſer Beruhigung ſtahlen wir uns geräuſch⸗ los fort. 22. Capitel. Auf's Pferd und fort. Unſere Abweſenheit währte nicht lange— wir gingen nur nach unſeren Zelten und wieder zurück. Ich beſprach mich mit Wingrove und Zielegut, denn Archilete war noch nicht zurück. Ich hatte meinen Kameraden anempfohlen, die Pferde nicht zu weit von den Zelten auszupflöcken, indem wir nicht wiſſen konnten, wie bald wir ſie brauchen würden. Ich ließ mir nicht träumen, als ich dieſe Maß⸗ regel anempfahl, daß wir ſchon binnen der nächſten Stunde, ja, im nächſten Augenblicke herübereilen und aufſitzen würden. 3 Wir erwarteten, daß vielleicht Lilian gegen nacht— vielleicht noch ſpäter— wenn alles im Lager ſchlafe— da ſie jetzt wußte, daß wir ihrer harrten, ſich herausſtehlen und nach unſeren Zelten kommen würde. Da wir uns auf die Schrelligkeit unſerer Pferde verlaſſen konnten, ſo ſtand unſerer Flucht von dort aus nichts mehr im Wege und wir durften hoffen, glücklich zu entkommen, ſelbſt wenn man uns ſofort nachſtellte. Wir waren ſämmtlich gut beritten— wenig⸗ ſtens eben ſo gut, als es die Mormonen ſein konnten, und mit einem Führer, der alle Wege kannte, hatten wir einen bedeutenden Vortheil vor ihnen. Es fiel weder Marian, noch mir ein, daß der gegen⸗ wärtige Augenblick vielleicht der günſtigſte zur Flucht ſei— weit beſſer als Mitternacht oder jede andere Zeit. In mitten des lärmenden Vergnügens, wenn aller Augen auf den Tanz gerichtet und alle Sinne im Taumel des Vergnügens verſunken waren— wo ein leichtes Geräuſch keine Beachtung fand unter dem ver⸗ einten Getöſe der Stimmen und der Muſik— wo ſelbſt der Hufſchlag eines davonſprengenden Pferdes ungehört und unbemerkt verhallen würde— das war unzweifelhaft die günſtigſte Zeit zu der beabſichtigten Entführung. Keinem von uns kam der Gedanke: ich weiß nicht warum, wenn es nicht war, daß wir über Lilian's Geſinnung zweifelhaft geblieben und ihre Einwilligung jetzt die wichtigſte Bedingung unſeres Gelingens war, ſo wie ihre Weigerung das unüberſteiglichſte Dhndernſß desſelben. Es war kaum wahrſcheinlich, daß ſie nicht einwil⸗ ligen würde: wir überließen uns der Befürchtung keinen Augenblick. Jetzt konnte ſie den Brief geleſen haben. Wir konnten jetzt ruhig vor ſie hintreten, um mit ihr zu reden— vorausgeſetzt, daß ſich Gelegenheit dazu fand. Wir kehrten hauptſächlich in der Abſicht, eine ſolche zu ſuchen, nach dem hinteren Theile des Wagens zurück. Das Licht brannte immer noch unter der Plane. Der Schein desſelben drang matt durch die Lein⸗ wand.. Wir ſtahlen uns behutſam näher und waren vor etwaigen Spähern auf unſerer Hut. Jetzt ſtanden wir wieder hinter dem unförmlichen Fuhrwerke. Wir ſchauten auf, um durch die Leinwand zu blicken, als das Licht im ſelben Augenblicke verlöſchte. Es war plötzlich von Jemandem ausgeblaſen worden. Man hätte den Umſtand vielleicht für eine üble Vorbedeutung halten können; im nächſten Augenblicke hörten wir aber ein leiſes Rauſchen, als ob ſich jemand unter der Leinwandplane bewege und längs derſelben nach dem hinteren Ende gehe. Wir ſtanden ſtumm und lauſchten dem Geräuſche. Es hörte plötzlich auf; doch wurde jetzt der Zipfel des Vorhanges behutſam und lautlos aufgehoben. Ein Geſicht zeigte ſich in der Oeffnung! 1 Die wilde Jägerin. IV. 12 178 Es herrſchte faſt undurchdringliche Dunkelheit, doch ſchimmerte ſelbſt durch die dichte Finſterniß das lieb⸗ liche Geſicht zart und weiß. Marian ſtand zunächſt und erkannte es ohne 1 Mühe. In zärtlichem Tone ſprach ſie das Zauber⸗ wort: Schweſter! „Ach, Marian! Schweſter, biſt Du es?“ „Ja, liebe Lil! Aber ſtill, ſprich leiſe!“ „Du lebſt alſo noch, liebe Marian? Oder iſt alles nur ein Traum?“ „Kein Traum, Schweſter, ſondern Wahrheitſe „Ach Gott, Schweſter, ſage mir— „Alles, alles! Aber nicht jetzt— jetzt haben wir nicht Zeit.“ „Aber er, liebe Schweſter? Wer iſt der Mann, der bei Dir ſteht?“ Ich trat nahe genug, um⸗ flüſternd antworten zu können: „Einer, Lilian, welcher denket Dein!“ „Ach, Herr Edward— Edward— ſind Sie es?“ „Still!“ flüſterte Marian mit einer raſchen, war⸗ nenden Geberde,„ſprecht nur leiſe. Lilian!“ fuhr ſie in entſchloſſenem Tone fort,„Du mußt mit uns fliehen!“ „Soll ich unſeren Vater verlaſſen? Iſt das Dein Wille, Marian?“ „Unſeren Vater— ja auch ihn!“ Ach, liebe Schweſter, was wird er Was 179 wird er thun, wenn ich ihn verlaſſe? Unſer armer Vater!“ Im Tone ihrer Stimme lag eine bange Sorge, welche bewies, daß ihre kindliche Liebe, wie ſehr ſie auch mißachtet worden ſein mochte, noch aufrichtig und ſtark genug war. „Was er ſagen, was er thun wird?“ fiel ihr Ma⸗ rian in's Wort.„Er wird ſich freuen, ſollte ſich we⸗ nigſtens freuen, wenn er die Gefahr kennt, welcher Du entgangen biſt. Ach, Schweſter, liebe Schweſter! Glaube mir— glaube Deiner treuen Marian! Ein furchtbares Schickſal harrt Deiner. Nur wenn Du mit uns flüchteſt, kannſt Du demſelben entgehen. Selbſt der Vater wird bald nicht mehr im Stande ſein, Dich zu ſchützen, wie dr auch nicht vermocht hat, mich zu retten. Zögere nicht länger, ſondern komm mit uns. Biſt Du erſt außerhalb des Bereiches jener Schufte, ſo wird alles gut werden.“ „Und unſer Vater, Marian?“ „Ihm wird kein Leid geſchehen. Nicht auf ſein Verderben iſt es abgeſehen, ſondern auf das Deine, Schweſter, auf das Deine.“ Ein ſchluchzender Seufzer war die einzige Antwort, welche ich vernahm. Er ſchien anzudeuten, daß der Zauber gebrochen war und das Herz ein Joch abſtreife, unter welchem es lange geſchmachtet habe. Hatten ſie die Worte Marians überzeugt? Oder hatten dieſelbe eine ſchon vorhandene, bange Ahnung 12 180 beſtätigt? War die Seite ihrer kindlichen Liebe in ihrem Herzen geſprungen, als ſie den Seufzer aus- ſtieß. Sowohl der Seufzer, als das Schweigen, das demſelben folgte, ſchien ihre Zuſtimmung anzudeuten. Um mich genauer zu überzeugen, war ich im Be⸗ griffe, meinen Einfluß auf ſie zu verſuchen und mit der ganzen Gluth eines Liebhabers in ſie zu dringen. Leidenſchaftliche Worte ſchwebten mir auf der Zunge, als ſonderbare Laute an mein Ohr drangen. Sie ſchienen aus dem Innern der Einfriedigung zu kommen. Ich trat raſch zur Seite und blickte über die Räder des Wagens. Da bot ſich meinen Blicken ein Schauſpiel, welches mir das Blut in den Adern erſtarren machte. Marian erblickte es zu gleicher Zeit mit mir. Holt hatte noch vor einem Augenblicke am Feuer geſeſſen; wie wir aber jetzt hinſchauten ſahen wir, daß er aufgeſprungen war und in einer Stellung, welche eine außerordentliche Aufregung verrieth, daſtand! Er war es, der jene Laute ausgeſtoßen hatte. Die Urſache war bald erklärt. Wolf, der Hund, ſprang an ſeinen Beinen in die Höhe, heulte zum Zei⸗ chen des Wiedererkennens und legte ſonſtige Zeichen der Freude an den Tag. Das Thier hatte ſeinen alten Herrn herausgefunden. Trotz des bemalten und kurz abgeſchorenen Felles — trotz Pinſel und Scheere— war auch der Hund 181 erkannt worden. Das Erkennen zwiſchen ſeinem Herrn und ihm war gegenſeitig. Ich ſah es auf den erſten Blick und die Worte des Squatters be⸗ ſtätigten nur, was aller Augen bereits offenbar war. „Verwünſcht, wenn es nicht mein alter Hund iſt!“ rief er aus, nachdem er ſich bereits durch andere Laute Luft gemacht hatte—„mein alter Hund Wolf! Holla, Stebbins!“ fuhr er fort, indem er ſich raſch zu dem Apoſtel wandte,„was bedeutet das? Habt Ihr mir nicht geſagt, daß er todt wäre?“ Stebbins war leichenblaß geworden und ich ſah, daß ſeine dünnen Lippen vor innerer Aufregung bebten. Der Ausdruck ſeiner Miene verrieth weniger Furcht, als irgend eine andere Leidenſchaft und ich konnte nur zu gut errathen, welche Gedankenverbindung in ihm aufſtieg. Die Gegenwart des Thieres mußte eine weit ſeltſamere und erſchütternde Gedankenreihe in ihm heraufbeſchwören, als in dem Squatter, und ich ſah, daß er ſich bemühte, ſeine Bewegung zu be⸗ zwingen. 3 „Es iſt ein ſehr merkwürdiger Vorfall“, fue er im Tone erheuchelten Erſtaunens—„ſehr merkwürdig in der That! Trotzdem das Thier entſtellt worden iſt, muß es jedenfalls Euer Hund ſein. Ich habe ihn 3 todt geglaubt. Die Leute unſerer Frühjahrskara⸗ A ſagten mir, daß ihn die Wölfe umgebracht ätten.“ 18ä28 „Die Wölfe! Unſinn, ich wußte, daß ſie ihn nicht umbringen konnten— alle Wölfe der Prairie hätten es nicht vermocht! Es iſt jer auch nicht die Spur einer Kralle an ihm zu Wo kommt er aber her? =Wer hat ihn dn nachtd⸗ Ich bemerkte, daß Stebbins der Frage auszu⸗ weichen wünſche. Er gab eine unbeſtimmte Antwort. „Wer weiß? Wahrſcheinlich war er in den Händen der Indianer geweſen— das ſieht man an der Ma⸗ lerei— und da ihm die Geſellſchaft der Weißen lieber iſt, folgte er unſerer Spur und verirrte ſich ſo in das Lager.“ 8 „Iſt er mit den Indianern gekommen, die draußen ſind?“ fragte Holt raſch. 8 „Nein— das glaube ich nicht, antwortete Steb⸗ bins, deſſen Blicken man die Lüge anſah. „Wir wollen gehen und ſehen!“ ſchlug der Squat⸗ ter vor, indem er nach dem Eingange des Lagers ſchritt. ein— nicht heute Abend, Holt!“ fiel ihm jener raſch in's Wort und legte durch ſein Weſen an den 24 wie viel ihm daran gelegen ſei, Aufſchub zu er⸗ langen.„Wir wollen ſie heute Abend nicht ſtören. Morgen können wir mit ihnen reden und alles erfahren, was wir zu wiſſen wünſchen.“ „Weshalb ſollten wir ſie ſtören! Warum könnten. wir nicht heute Abend ebenſo gut gehen, wie morgen. 9 3 ——— 183 „Nun, wenn Ihr darauf beſteht, es heute Abend zu wiſſen, ſo will ich ſelbſt gehen und mit dem Führer ſprechen. Wahrſcheinlich wird er uns, wenn der Hund mit ihm gekommen iſt, alles Nähere darüber ſagen können. Bleibt hier, bis ich wiederkomme.“ „So bleibt nicht lange. Hier, Wolf, alter Burſche, haben Dich die Indianer gehabt, wie? Ich will ver⸗ dammt ſein, alter Junge! Wenn ich nicht ſo erfreut bin, Dich wieder zu ſehen, als ob—“ Ein plötzlicher Gedanke wurde durch die Worte in ihm erweckt— nicht der, welchen er eben ausſprechen wollte— ſondern einer, deſſen Bitterkeit ihn nicht nur verhinderte, zu ſagen, was er beabſichtigt hatte, ſondern machte, daß er plötzlich aufhörte, den Hund zu liebkoſen. Er ſchwankte zurück auf ſeinen Sitz, auf den er ſchwer niederſank, während er zugleich das Geſicht in den Händen verbarg. Der Ausdruck der Züge des Mormonen, als er das Feuer verließ, verrieth eine teufliſche Abſicht. Offen⸗ bar hatte er alles durchſchaut! Ich ſah ihn ſtumm und geräuſchlos drc das Lager ſchleichen, gleich irgend einem ruheloſen Geiſte der Finſterniß. Er blieb hie und da ſtehen und ſprach mit dem einen oder andern ein paar Worte, worauf er zu einem dritten ging. 1 184 Der Zweck jener Bewegungen war leicht zu er⸗ rathen. Ich durchſchaute ihn ſo ſicher, als hätte ich ihn in Worten ausſprechen hören. Er berief die Schaar der Zerſtörer! Es war kein Augenblick zu verlieren. Ich eilte zurück nach der Hinterſeite des Wagens und gab mit ausgebreiteten Armen das Zeichen zum Aufbruch. Es bedurfte deſſen aber nicht. Marian war mir zuvor gekommen. Sowohl ſie, als ihre Schweſter hatten den Auftritt im Carral geſehen. Beide ſahen den bevorſtehenden Sturm voraus und ich hatte kaum meinen dringenden Ausruf ausge⸗ ſprochen, als Lilian Holt ſchon an meiner Bruſt lag. Es war das erſte Mal, daß ſich die zarte Wange an meine Schulter ſchmiegte— das erſte Mal, daß jene weichen Arme meinen Hals umſchlangen! Ich wagte es nicht, mich nur einen Augenblick dem Genuſſe der ſeligen Umarmung zu überlaſſen. Wenn wir zauderten, konnte es zu ſpät ſein!. Zu den Zelten! Zu den Zelten! Ich wußte, daß die Pferde bereit ſtehen würden. Meine Freunde mußten durch ein Zeichen, welches be⸗ reits erfolgt war, gewarnt worden ſein und ich zwei⸗ felte oder fürchtete keinen Augenblick, daß ſie nicht bereit ſtehen würden. Das war in der That der Fall— ſowohl die Männer, als die Pferde waren marſchfertig— und 185 letztere ſtanden geſattelt und gezäumt, unſerer haus rend, da. Der Mexikaner befand ſich unter ihnen. Die Er⸗ ſcheinung des Hundes war ihm ein Wink geweſen und er hatte daher ſchleunigſt ſeinen Rückweg nach den Zel⸗ ten angetreten. 3 Der letzteren gedachten wir nicht, ſo wenig wie der übrigen Habſeligkeiten: Maulthiere nebſt ihren Laſten. Wir waren nur auf die Sicherung unſeres Lebens und unſerer Freiheit bedacht. Mein Araber wieherte vergnügt, als ich in den Sattel ſprang. Er war ſtolz darauf, eine zweite, ſchön Laſt zu tragen; und als er über die Ebene jagte, v rieth ſein triumphirendes Schnauben, daß er den ehren⸗ vollen Dienſt zu würdigen verſtehe, den man von ihm verlangte. Als wir unſere Zelte verließen, bemerkten wir, daß eine Anzahl dunkler Geſtalten aus dem Eingange des Lagers trat. Der rothe Schein des Feuers ſtreckte die Schatten derſelben weithin in die Ebene, ja, über unſere Pferde hinaus. Es waren die Schatten von Leuten zu Fuße, welche wir bald hinter uns ließen. Die Muſik war plötzlich verſtummt und dem mur⸗ melnden Geſumme der Tänzer folgten Rufe und lautes Geſchrei, welches verrieth, daß das Lager in Auf⸗ ruhr ſei. Wir hörten männliche Stimmen, welche die Pferde⸗ 186 hirten riefen und bald darauf die raſchen Hufſchläge der Thiere, welche nach dem Lager getrieben wurden. Die Furcht, verfolgt zu werden, vexurſachte uns keine große Unruhe. Wir waren zu gut beritten, als daß man uns leicht hätte einholen können; und wäh⸗ rend wir durch die Nacht dahin ſprengten, konnten wir in den Ausruf des kühnen Auswanderers ein⸗ ſtimmen: Es werden ihnen flüchtige Renner folgen! 23. Rapitel. Das Suchen eines Verſteckes. WMli ritten geraden Weges nach Robideau's Paß. Die Nacht war immer noch finſter, doch fanden wir den Weg ohne Mühe. Selbſt in der Dunkelheit waren die tiefen Radſpuren der ſchweren Auswandererwagen ſichtbar genug, und wir waren im Stande, die Spur rückwärts genau zu verfolgen. Unſer erfahrener Füh⸗ rer würde uns auch ohnedem auf den richtigen Weg ge⸗ führt haben. Es ſtand nicht zu bezweifeln, daß wir verfolgt, und zwar heftig verfolgt würden. Ich meines Theils war davon überzeugt. Die Beute, welche Stebbins bisher in ſeinen Händen gehabt hatte, war zu koſtbar, um ſo leicht aufgegeben zu werden. Die eiferſüchtige * 188 M Wachſamkeit, mit welcher man Lilian unterwegs gehütet und die, wie ich mich zufällig ſelbſt überzeugt hatte, in ein vollſtändiges Spionirſyſtem ausartete, denn ihre gelbe Duenna hatte zu gleicher Zeit das Amt einer Späherin mit dem einer Beſchützerin verbunden; alles bewies, daß wir richtig vermuthet hatten, während das junge Mädchen ſelbſt vielleicht in glücklicher Unwiſſen⸗ heit über das ihr zugedachte Schickſal lebte. Das abermalige Fehlſchlagen des Pſeudo⸗Apoſtels mußte ihm nicht geringen Verdruß verurſachen, wäh⸗ end zugleich ſeine gehoffte Beförderung dadurch wahr⸗ cheinlich gefährdet werden würde. Ueberdieß mußte er glauben, oder wenigſtens ver⸗ muthen, daß Marian Holt noch lebe und die Entdeckung, welche ihre Flucht von der erſten Carawane herbei ge⸗ führt hatte, überlebt habe; die Rückkehr des Hundes mußte jenen Glauben oder jene Vermuthung beſtätigen. Ja, es iſt faſt ſo gut, wie gewiß, daß ihm, ſobald er das Thier erkannte, die Wahrheit klar wurde und er die Gegenwart Marian's ſelbſt in der Nähe nicht nur vorausſetzte, ſondern ahnte, daß das buntgemalte Ge⸗ ſicht, welches ihn kurze Zeit getäuſcht hatte, ieinerVraut aus Tenneſſee gehöre. Die im nächſten Augenblicke erfolgte Entführung mußte ihn in dieſer Annahme nicht nur beſtätigen, ſon⸗ dern eine Verfolgung eifrig betreiben laſſen, welche ihm die Wiedererlangung der beiden Opfer in Ausſicht ———,— —— 8⏑—— — 189 ſtellte, die ſich ſeiner Gewalt ſo unerwartet entzogen hatten. Auch Holt würde, wenn auch aus anderen Beweg⸗ gründen, eifrig auf der Verfolgung beſtehen. Er wußte wahrſcheinlich noch nichts von der Gegenwart Marians und ihrer Verkleidung, ſondern er würde einfach glau⸗ ben, daß man ihm ſein Kind aus dem Lager geraubt — daß es von Indianern entführt worden ſei, und das mußte genügen, um ihn anzuſpornen, die Wiederer⸗ langung deſſelben mit der äußerſten Anſtrengung zu verſuchen. Das waren die Gründe, welche es uns unzweifel⸗ haft erſcheinen ließen, daß man uns verfolgen werde, und zwar mit all' dem Eifer und der Energie, deren unſer apoſtoliſcher Feind und ſeine Helfershelfer fähig waren. Das Lager der Mormonen war vom Eingange des Robideauspaß zwanzig Stunden entfernt. Wir leg⸗ ten ziemlich die ganze Strecke im ſchnellſten Galopp zurück. Bis jetzt hatten wir keine Furcht gehabt, als wir aber den Paß betreten hatten, fingen unſere dampfenden Pferde an, Zeichen der Ermüdung an den Tag zu legen. Die Thiere Zielegut's und Wingrove's, welche ſchwä⸗ cher waren, als die Uebrigen, ſchienen vollſtändig fertig zu ſein und drohten, liegen zu bleiben. Beide waren offenbar ſo abgehetzt, daß ſie, ohne Serußt zu haben, nicht weiter gehen konnten. 8 190 Das verurſachte uns neue Sorge. Wir vermuthe⸗ ten, daß die Pferde unſerer Verfolger friſch ſein wür⸗ den, weil ſie im Lager bereits lange geruht hatten, wäh⸗ rend die unſrigen nicht nur am vorhergehenden Tage eine anſtrengende Reiſe überſtanden hatten, ſondern an demſelben Tage bereits eine Strecke von fünfzig Stun⸗ den, wobei zwanzig im Galopp zurückgelegt hatten. Es war daher kein Wunder, daß ſie Zeichen der Er⸗ ſchöpfung gaben. Kurz nachdem wir den Paß betreten hatten, mach⸗ ten wir Halt, um Rath zu pflegen. Wenn wir weiter ritten, ſo konnten wir beinahe ver⸗ ſichert ſein, das man uns einholen werde. Der Eifer, mit welchem vermuthlich die Verfolgung betrieben wer⸗ den würde, ließ es um ſo wahrſcheinlich erſcheinen. Blieben wir hingegen, wo wir waren, ſo geriethen wir ohne Frage mit dem Feinde zuſammen, der in ſolcher Ueberzahl erſcheinen würde, daß unſere Gefangenneh⸗ mung außer Frage ſtand und jeder Verſuch, uns zu vertheidigen, ebenſo vergeblich, als unheilvoll ausfal⸗ len mußte. Wir hatten es nicht mehr mit Indianern zu thun— nicht mit Lanzen und Pfeilen würden wir angegriffen werden, ſondern von ſtarken, unerſchrockenen Männern, welche wie wir bewaffnet waren und uns an Zahl weit übertrafen. Hätte ſich hinreichender Schutz geboten, ſo bannen wir uns in der Schlucht verſtecken und unſere Verfolger vorüber laſſen, ſo erreichten wir wenigſtens vorüber⸗ 191 gehend unſeren Zweck. Aber weder die Felſen, noch die Bäume boten einen paſſenden Verſteck für unſere Pferde. Die Gefahr, dieſelben entdeckt zu ſehen, ſchien uns zu groß. Wir wagten nicht, unſer Heil auf eine uns ſo unſicher ſcheinende Hoffnung zu ſtellen. Innerhalb des Paſſes war es nicht möglich, der Wagenſpur aus zu weichen und als wir daher den Zu⸗ ſtand unſerer Pferde bemerkten, bedauerten wir, dieſelbe nicht früher verlaſſen zu haben, ehe wir in den Engpaß kamen. Wir erwogen ſogar die Möglichkeit, eine Strecke zurück zu gehen, indem wir, wenn wir einen Ausläufer des Gebirges hinter uns erſtiegen, den Pfad verlaſſen konnten. Das kam uns aber zu gewagt vor. Vielleicht flogen bereits bewaffnete Schaaren über das Feld, ob⸗ wohl unſere Ohren noch keinen Hufſchlag ver⸗ nahmen. Glücklicher Weiſe fiel unſerem mexikaniſchen Ka⸗ meraden in dieſer Verlegenheit etwas ein, was eine Rettung aus unſerer peinlichen Lage verſprach. Er beſann ſich, auf einem ſeiner Trapperſtreifzüge einen Hohlweg entdeckt zu haben, der aus Robideau's Paß hinaus führte und ſich an der Nordſeite deſſelben befand. Es war nur eine Spalte in der Felſenwand, die eben breit genug war, um einen Reiter mit ſeinem Pferde durch zu laſſen— weiter hin aber mündete ſie in ein kleines Thal, welches, wie der Mexikaner ver⸗ ſicherte von Felſen rings eingeſchloſſen war. Dieſelben 192 erhoben ſich von allen Seiten ſo ſteil über der Ebene, daß ſie ein Mann zu Pferde unmöglich erſteigen konnte. Der Trapper war ſelbſt genöthigt geweſen, durch den Paß zurück zu kehren, nachdem er ſich vergebens nach einem anderen Auswege umgeſehen hatte. Das Thal war mithin ein ſogenannter Sack, oder wie der Trapper in ſeiner Mutterſprache gleichbedeutend ſagte, ein Bolſon. Unſer Führer war der Anſicht, daß uns jener Bolſon als Verſteck dienen könne, bis unſere Pferde ausgeruht hatten. Er war überzeugt, daß der Eingang zu der Schlucht nicht weit von der Stelle entfernt ſei, an wel⸗ cher wir hielten und glaubte überdies, daß er denſelben leicht werde finden können. Er rieth daher, alle auf die Entdeckung der Schlucht aus zu gehen und wenn wir ſie gefunden hätten, hin⸗ auf in das Thal zu reiten und dort bis zur nächſten Nacht zu bleiben. Die Verfolger konnten während der Zeit vorüber gekommen und wieder umgekehrt ſein, dem mochte übrigens ſein, wie ihm wollte, ſo würden unſere Thiere jedenfalls ausgeruht ſein und ſollten wir dann wirklich den Verfolgern wieder begegnen, ſo konn⸗ ten wir vermöge der Schnelligkeit unſerer Pferde hoffen, ihnen zu entkommen. Der Plan ſchien ausführbar zu ſein, nur ein Ein⸗ wand konnte dagegen erhoben werden und ich machte im Intereſſe des Führers darauf aufmerkſam. Das Thal war, wie bereits geſagt, ein Sack. Wenn wir bis da⸗ 193 hin aufgeſpürt wurden, ſo gab es kein Rettungsmittel, denn wir würden wie in einer Falle gefangen ſein. „Carrambo!“ erwiderte der Mexikaner auf meine Bemerkung,„von ſolchen Spürhunden haben wir das nicht zu befürchten. Sie verſtehen nichts von dem Handwerke. Nicht einer von der ganzen Geſellſchaft würde im Stande ſein, während der Schneezeit einen Büffel aufzuſpüren. Carrambo! Nein.“ „Es iſt einer dabei, der es allerdings könnte,“ er⸗ widerte ich,„einer, der ſelbſt eine ſchwächere Spur, als die unſere verfolgen könnte.“ „Was! Sollte ein Raſtreador unter jenen Indias ſein? Wer das, Cavallero?“ „Der Vater der Mädchen.“ Ich flüſterte ihm die Bemerkung ſo leiſe zu, daß ſie die Mädchen nicht hören konnten. „Ach, das iſt wahr,“ murmelte der Mexikaner,„der Vater der Jägerin, wahrſcheinlich ſelbſt Jäger. Carrai! das iſt wahrſcheinlich genug. Gleichviel, ich will Euch auf ſolche Weiſe hinauf in die Schlucht befördern, daß auch der erfahrenſte Raſtreador der Prairien keine Ahnung haben würde, daß wir dort vorüber gekommen ſind. Der Grund des kleinen Hohlweges iſt mit Fels⸗ ſtücken bedeckt, auf welchen die Hufe der Pferde keine Spur zurücklaſſen.“ „Bedenkt, daß mehrere unſerer Pferde beſchlagen ſind. Die Hufeiſen werden uns verrathen.“ „Nein, Sennor, wir werden ſie umwickeln: nos Die wilde Jägerin. IV. 13 194 vamos con los pies en medias!“(Wir wollen in Strümpfen reiſen.) Die Idee war mir nicht neu und wir ſchritten daher ungeſäumt zur Ausführung derſelben. Mit Stücken Leinwand und Streifen, welche wir aus unſeren Bukskinkleidern ſchnitten, umwickelten wir die Hufe der beſchlagenen Pferde und nachdem wir der Wagenſpur gefolgt waren, bis wir eine geeignete Stelle fanden, verließen wir ſie und drehten uns in ſchräger Richtung gegen die Felswand, welche die nördliche Grenze der Schlucht bildete. Längs jener Felswand folgten wir ſchweigend un⸗ ſerem Führer, und nach ungefähr einer viertel Stunde erlebten wir die Befriedigung, ihn links abſchwenken und vor unſern Blicken verſchwinden zu ſehen, als ob er in den ſtarren Felſen hinein gedrungen wäre. Wir würden uns vielleicht noch mehr verwundert haben, aber wir bemerkten im ſelben Augenblicke einen dunklen Spalt und wußten, daß es die Schlucht ſei, von welcher unſer Führer geſprochen hatte. Ohne ein Wort zu ſprechen, wendeten wir nßeie Pferde und ritten in den Spalt hinein. Unter dem Schiefer, über welchen unſere Pferde ſchritten, befand ſich Waſſer, welches aber flach war und ſie nicht hinderte, weiter zu gehen. Daſſelbe konnte fer⸗ ner dazu dienen, die Spuren derſelben zu verwiſchen, für den Fall, daß es unſeren Verfolgern gelingen ſollte, unſere Spur weiter, als bis zum betretenen Wege aus 195 zu wittern. Wir hatten aber unſere Fährte, als wir den Fahrweg verließen, ſo ſorgfältig verſteckt, daß wir keinen Grund hatten, es zu fürchten. Sobald wir das kleine Thal erreicht hatten, dachten wir an keine Gefahr weiter, ſondern ritten bis an das äußerſte Ende deſſelben, ſtiegen vom Pferde und trafen unſere Vorbereitungen für den Reſt der Nacht, ſo gut es die Umſtände geſtatten wollten. In Büffelfelle gehüllt, ruhten die Schweſtern, etwas abgeſondert von dem übrigen Theile der Geſellſchaft unter einer Silberpappel. Es war lange Zeit verſtrichen, ſeitdem jene ſchönen b Geſtalten nicht neben einander geruht hatten und das leiſe Gemurmel ihrer Stimmen, das durch das Rau⸗ ſchen des Abendwindes und das Rieſeln des Bergbaches zu uns drang, verrieth uns, daß eine jede der anderen das ſüße Geheimniß ihres Herzens anvertraute. 13* 24. Capiteſ. Un Paraiſo. Mir ſind an den letzten Act unſeres Drama's ge⸗ diehen. Zum vollſtändigen Verſtändniß deſſelben iſt es er⸗ forderlich, die Anordnung der Bühne oder den Schau⸗ platz mit einiger Genauigkeit zu beſchreiben. Die kleine Thalebene oder Vallon, in welche wir uns geflüchtet hatten, war nicht länger, als ſechshundert Ellen und hatte eine halb kreisförmige Geſtalt. Wire ſie anders gebildet geweſen, ſo würde ſie einem in den Felſen gehauenen Krater zu vergleichen geweſen ſein, denn von allen Seiten ragten die Berge über dieſelbe empor. 3 Die Abhänge des Berges ſtiegen von der Fläche 197 nicht ſanft, ſondern ſchroff und ſteil empor. Nirgends aber hatten die Wände die Beſchaffenheit von Felſen⸗ riffen. Ein Mann zu Fuße würde ſie, wenn auch mit Schwierigkeit, haben erſteigen können, beſonders wenn er ſich der Stütze der Bäume— der Tannen und Wachholderſträucher— bedient hätte, welche die ſteile Wand ſo dicht bedeckten, daß ſie dieſelbe faſt überwuchert hat⸗ ten. Nur hier und da konnte man den kahlen Stein durchblicken ſehen und einen kleinen Fleck blätterigen, weißen Gypſes oder blitzenden Selenites bemerken, in⸗ deſſen an anderen Stellen ein unſcheinbares Gewäſſer, das über die Felſen hüpfte und zwiſchen den Cedern hindurch blitzte, einen ſehr ähnlichen Eindruck machte. Jene kleine Sturzbäche, die hinunter in das Thal rieſelten, bildeten zahlreiche kryſtallne Bänder, die das Thal durchſchnitten. Gleich den Armen eines ſilbernen Candelabers vereinigten ſich alle ungefähr in der Mitte derſelben und bildeten dort einen klaren Fluß, der wei⸗ ter ſtrömte und ſich durch die Schlucht in Robideau's Paß ergoß. In Folge jenes Ueberfluſſes an Waſſer erfreute ſich das Thal einer reichen Vegetation, welche aber nicht die Geſtalt eines Waldes angenommen hatte. Einige hübſche Silberpappeln, welche in kleinen Gruppen umherſtanden, waren die einzigen Bäume, aber ein friſcher, grüner Raſen, in welchem manche holde Blüthe prangte, die beſtimmt war, ungeſehen in jener Abgeſchiedenheit zu blühen, bedeckte den Boden. 198 Längs des Ufers des Baches breiteten Waſſerpflan⸗ zen ihre runden Blätter träumeriſch über das Waſſer und an den Stellen, wo die kleinen Waſſerfälle am Felſen herunter rieſelten, ſchimmerten Orchideen und andere ſeltene Blüthen unter dem Staubregen hervor. Viele derſelben ſchmiegten ſich an die Coniferae und vereinigten auf ſolche Weiſe faſt die entgegengeſetzteſten Erzeugniſſe der botaniſchen Welt. Der Bolſon, in welchen uns unſer Führer, der Trapper, gebracht hatte, bot unſeren entzückten Blicken eine überaus reizende Landſchaft. So lieblich ſie uns erſchien, als wir ſie beim bläulichen Lichte der Däm⸗ merung betrachteten, kam ſie uns noch weit anziehender vor, als die Sonne anfing, die Gipfel der Mojata⸗ Berge, die es einſchloſſen, zu vergolden und die ſchneeigen Spitzen des Watoyeh, welche durch die Schlucht eben ſichtbar waren, mit ihren Purpurroſen zu ſchmücken. „Eſta un Paraiſo!“(Es iſt ein Paradies) rief der Mexikaner aus, in welchem die poetiſche Gluth ſeines Volkes wohnte.„En verdad un Paraiſo!“ Sogar beſſer bevölkert, als das Paradies der Vorzeit. Mira! Cavalleros!“ fuhr er fort,„ſehet dort, nicht eine Eva, ſondern zwei, von welchen jede, wie ich glaube, eben ſo ſchön iſt, wie die Mutter der Menſchen.“ Bei den Worten deutete der Trapper auf die jun⸗ gen Mädchen, welche Hand in Hand vom Fluſſe zurück⸗ kamen, wo ſie ſich gebadet hatten. Die rothen Punkte waren von den Wangen Marians verſchwunden, welche p. 199 wieder in ihrem natürlichen Purpur glühten. Das war eine Augenweide für Wingrove, während meine Blicke mit Entzücken auf der roſigen Blondine weilten. Als ich in ihr Geſicht ſchaute, konnte ich mich nicht enthalten, mit dem enthuſiaſtiſchen Mexikaner aus zu rufen: „Schön wie die Mutter der Menſchen!“ Wingrove und ich hatten uns ſchon früher abge⸗ waſchen und es war uns einigermaßen gelungen, den rothen Anſtrich von unſerer Haut herunter zu bringen. In der Vorausſicht einer ſo angenehmen Begegnung war es natürlich, daß wir uns einer Maske zu entle⸗ digen ſuchten, die einem weiblichen Auge nur Wider⸗ willen verurſachen mußte. Ebenſo natürlich war der Wunſch, daß ſich die in einander geſchränkten Hände der Schweſtern von ein⸗ ander trennen und die jungfräulichen Geſtalten ſich ver⸗ einzeln möchten. Das Glück ließ ſich herab, unſere Wünſche zu er⸗ hören. Eine Blume, die von einem Baumzweige herab⸗ hing, feſſelte die Blicke Lilians, ſie ließ daher die Hand ihrer Schweſter los und eilte, dieſelbe zu pflücken. Marian, welche keine ſo große Blumenfreundin war, folgte ihr nicht. Vielleicht trieb ſie ihre Neigung nach einer anderen Richtung? Lilian fandaber die Begleitung eines Mannes, welcher ſich unfähig fühlte, der Gelegenheit, ſich ungeſtört mit ihr unterhalten zu können, zuwiderſtehen, um ſomehr, als es die erſte war, welche ſich ſeit jener erſten Zuſammenkunft bot. 200 Wie ſtürmiſch ſchlug mein Herz, als ich die Blüthe der Pignolia erblickte; denn eine ſolche war es, welche von dem hängenden Zweige einer Silberpappel herab⸗ ſchimmerte, welche ſie mit ihren glänzenden Blättern zärtlich umrankt hatte! Welche überſchwengliche Wonne durchbebte mich, als ich jene zierlichen Finger nach der Blume ausgeſtreckt ſah, welche ſie behutſam pflückte und in ihrem Buſen verbarg! Wenn es auf Erden Seligkeit giebt, ſo iſt ſie mir in jenem Augenblicke zu Theil geworden! Wir ſchlenderten unter den einzeln daſtehenden Bäu⸗ men längs der Ufer des Fluſſes und am Rande der kleinen Gießbäche weiter. Wir gingen um das Thal herum und ſtanden bei dem Bergwaſſer, das ſchäumend die Worte zu flüſtern ſchien, welche uns beiden ſo theuer waren:„Ich denke Dein!“ „Wirſt Du ſtets mein gedenken, Lilian?“ „Ja, Eduard!— ewig, ewig!“ War der Kuß, mit⸗welchem wir das Verſprechen beſiegelten, unheilig? Nein— er galt ſowohl unten auf der Erde, als oben im Himmel für ein Gelübde. Während wir in den ſüßen Träumen der Liebe ſchwelgten, fiel es uns nicht ein, an Trug oder Falſchheit zu glauben. Wie hätten wir ahnen ſollen, daß die Schlange ſich in unſer Paradies ſchleichen und uns ſchrecken würde? 201 Leider lauerte ſie bereits unter den Blumen— ſchon ſchlich ſie ſich heran! * 2* Die Stelle, welche wir für unſer Nachtlager ausge⸗ wählt hatten, befand ſich am oberen Ende des kleinen Thales und dicht an der Felſenwand. Wir hatten die⸗ ſelbe deshalb gewählt, weil der Boden dort etwas er⸗ höhet und infolge deſſen trockener war, als im übrigen Theile der Ebene. Einige Silberpappeln beſchatteten die Stelle, welche überdieß noch durch etliche überhän⸗ gende Felsſtücken geſchützt wurde, die ſich von der oberen Klippe losgelöſt hatten und ziemlich tief unten lagen. Die männlichen Mitglieder unſerer Geſellſchaft hatten während der Nacht hinter jenen Felsſtücken ge⸗ ſchlafen; nicht wegen der größeren Sicherheit, ſondern nur aus einer Rückſicht des Zartgefühles— weil ſie auf ſolche Weiſe von dem Gemache getrennt waren, welches unſere ſchönen Schutzbefohlenen inne hatten. Es war uns keinen Augenblick eingefallen, daß unſer Zufluchtsort während der Nacht entdeckt werden könne und wir fühlten uns ſo ſicher, daß wir, ſelbſt als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, weder nach einem Auswege in den Spalten der Felſen ſuchten, noch darauf bedacht waren, uns für den Fall eines Angriffes zu vertheidigen. So weit Wingrove und ich betheiligt waren, habe ich bereits den Grund jener Nachläſſigkeit erklärt, denn es war ebenſo nachläſſig, als unvorſichtig. 202 Der Mexikaner war ſo feſt überzeugt, daß es ihm gelungen ſei, unſere Spur zu verwiſchen, daß er dadurch verleitet wurde, weniger auf ſeiner Hut zu ſein, wie gewöhnlich; und Zielegut verließ ſich vollſtändig auf ſeinen neuen Kameraden, von deſſen Umſicht und Klug⸗ heit er die beſte Meinung hatte. Trotzdem bemerkte ich, daß Archilete nicht ganz ohne Beſorgniß war. Er hatte ſein künſtliches Bein angelegt, indem ſein eignes durch zu angeſtrengtes Reiten ermüdet war und ich bemerkte, daß er, während er in dem Thale auf und ab hinkte, von Zeit zu Zeit fragende Blicke thalabwärts richtete. Da ſich jene Zeichen der Ungeduld von Zeit zu Zeit wiederholten, fing ich an, unruhig zu werden. Die Vorſicht verlangte, daß unſere Liebesunterhal⸗ tung beendet wurde, wenigſtens für den Augenblick, wie ich hoffte, bis wir irgend einen Plan entworfen hätten, der uns gegen die Gefahr, entdeckt zu werden, ſicher ſtellte. Ich verließ mit meiner ſchönen Begleiterin den mur⸗ melnden Waſſerfall und wendete mich nach der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Thales, als ich plötzlich ein ſeltſames Manöver Holzbeins bemerkte. Der Trapper hatte ſich flach auf den Raſen geworfen; legte das Ohr an die Erde und ſchien aufmerkſam 7 lauſchen. Die Bewegung war zu bedeutſam, um nicht Jeder⸗ manns Aufmerkſamkeit zu erwecken. Meine Begleiterin 203 war die einzige, welche es nicht verſtand; ſie bemerkte aber, welchen Eindruck die Bewegung auf die übrigen hervorbrachte; und ein Ausruf des Schreckens entſchlüpfte ihr, als ſie ſah, wie alle nach der Stelle eilten, wo der Trapper am Boden lag. Ehe wir ihn erreicht hatten, war er bereits wieder in die Höhe geſprungen und indem er mit dem hölzernen Beine heftig auf die Erde ſtampfte, rief er uns entgegen: „Carrambo, Kamerados, die Hunde ſind auf unſerer Spur! Oige los?— el perro— el perro!“(Hört Ihr ſie?— Der Hund— der Hund.) Kaum hatte er die Worte geſprochen, als uns ein Laut, der in dem Thale wiederhallte, die Erklärung der⸗ ſelben brachte. Vom leiſen Winde herüber getragen, vernahmen wir ihn durch das Brauſen des Waſſerfalles — vernahmen ihn nicht nur deutlich, ſondern verſtanden ihn ſofort. Es war das Gebell eines Hundes, der knurrend einer Fährte folgte. Ja, wir erkannten ſogar die tiefen Töne des Thieres, deſſen erſte Laute die Jägerin zuerſt entdeckt und erkannt hatte, wie ihr raſcher Ausruf: „Wolf! Mein Hund Wolf!“ verrieth. Sie hatte kaum ausgeredet, als auch der Hund be⸗ reits erſchien und die Richtigkeit der Vermuthung be⸗ ſtätigte. Sobald uns das Thier erblickt hatte, hörte es auf, der Witterung zu folgen und ſprang mit erhobenem 204 Kopfe in weiten Sätzen über die Ebene, um die Lieb⸗ koſungen ſeiner Herrin zu empfangen. Wir eilten nach unſeren Waffen und ſobald wir dieſelben an uns genommen hatten, ſprangen wir hinter die Felsſtücke. Es wäre vergeblich geweſen, uns in den Sattel zu ſchwingen, denn wenn unſere Verfolger dem Hunde nachgingen und ſich von ihm führen ließen, mußten ſie bereits nahe genug ſein, um uns den Rückweg aus dem Thale abzuſchneiden. Vielleicht befanden ſie ſich be⸗ reits in der Schlucht. Es blieb uns nur noch eine Hoffnung, daß der Hund nämlich allein wäre. Vielleicht hatte er Ma⸗ rians Abweſenheit im Lager bemerkt, hatte ſie auf ge⸗ ſpürt und war während der ganzen Nacht der Fährte gefolgt. Dieſe Annahme war aber nicht ſehr glaubwürdig, indem ihn Holt nicht nur aufhalten konnte, ſondern es auch jedenfalls gethan haben würde. Die Bewegungen des Hundes, welche wir beobach⸗ teten, widerlegten jene Vermuthung noch entſchiedener, denn ſtatt bei Marian zu bleiben und ſich von ihr lieb⸗ koſen zu laſſen, bemerkten wir, daß er in kurzen Zwi⸗ ſchenräumen nach der Richtung fortſprang, von welcher er gekommen war, als ob er die Ankunft Jemandes erwarte, der ihm auf dem Fuße folgte. Der Schimmer der Hoffnung, an welchem wir feſtgehalten hatten, wurde dadurch vernichtet, und der 205 Klang menſchlicher Stimmen, die uns aus der Schlucht dumpf entgegen tönten, beſtätigte uns die traurige Wahrheit. Ohne Zweifel waren es unſere Verfolger, die von dem Hunde geleitet, herbeikamen, der weit entfernt war, zu ahnen, welcher Gefahr er auf ſolche Weiſe den Gegenſtand ſeiner inſtinktiven Neigung aus⸗ ſetzte. Ein unerwarteter Abfall. 25. Capitel. Jaſt in demſelben Augenblicke, als wir die Stimmen vernahmen, wurden auch die Sprechenden ſelbſt ſichtbar. Es zeigte ſich ein Reiter zwiſchen den Wänden des Felſenſpaltes— dann noch einer und wieder einer, bis deren acht in das Thal hinein defilirt waren. Sie waren alle bewaffnet— mit Flinten, Piſtolen und Meſſern verſehen. Den Vordermann erkannten wir ſofort. Die rieſen⸗ 4 hafte Geſtalt, der grüne Rock, das rothe Hemd und das turbanartig um den Kopf geſchlungene Tuch zeigte uns Holt ſelbſt in dem erſten unſerer Verfolger. Unmittelbar hinter ihm ritt Stebbins und den Schluß des Zuges bildeten die Strafwerkzeuge des Mormonen⸗ glaubens— die Engel der Vernichtung. 4. 207 Als ſie in die Ebene traten, ritt Holt allein im Galopp näher. Stebbins folgte im langſamen Schritte und in einer Entfernung von mehreren Pferdelängen. Die Daniten hingegen machten, als ſie unſerer Thiere, ſowie unſerer ſelbſt anſichtig wurden— denn ſie muß⸗ ten uns unfehlbar hinter den Felsſtücken kauern ſehen — nicht plötzlich, aber allmählig Halt, als ſeien ſie unſchlüſſig, ob ſie weiter ziehen, oder bleiben ſollten, wo ſie waren. Sogar Stebbins folgte dem Squatter nur mit ſicht⸗ lichem Widerſtreben. Er ſah den Lauf unſerer Flinten über den Felsſtücken blitzen und als er ſich uns bis auf ungefähr funfzig Schritt genährt hatte, hielt auch er inne und war darauf bedacht, ſich ſo zu ſtellen, daß ſich Holt zwiſchen ihm und unſeren Flinten befand. Der Squatter kam unerſchrocken näher, ja, ſtand bereits ſo nahe, daß wir den Ausdruck ſeiner Mienen erkennen, wenn auch nicht begreifen konnten. Es lag kecke Entſchloſſenheit in ſeinen Zügen, die wahrſcheinlich ſeinen unerſchütterlichen Willen verrieth, ſein Kind den Händen der Wilden zu entreißen, die es entführt hatten: denn bis jetzt hatte er keinen Grund, uns für etwas anderes, als Indianer zu halten. Es fiel natürlich keinem von uns ein, auf Holt zu ſchießen; wäre aber Stebbins nur einen Schritt näher gekommen, ſo würde ſich mehr als ein Rifle drohend gegen ihn gerichtet haben. — ——ꝛ——ÿ—;— 208 Holt, deſſen Pferd im ſcharfen Trabe näher kam, hatte uns faſt erreicht. Er hielt ſeine lange Flinte mit beiden Händen ſchräg vor ſich, als ſei er bereit, ſofort los zu drücken. Plötzlich hielt er ſein Pferd an, ließ ſein Gewehr auf den Sattelknopf fallen und ſtarrte uns betroffen und verwundert an. Es waren weiße Geſichter, welche ſtatt der erwarteten, rothen über die Felsſtücke blick⸗ ten und das war der Grund ſeines veränderten Be⸗ nehmens. Ehe er Zeit gefunden, ſeiner Verwunderung Worte zu geben, trat Lilian hinter einem Felsſtück vor, breitete die Arme aus und rief ihm entgegen: „Ach, Vater! Es ſind keine Indianer! Es iſt Marian! Es iſt—“ Im ſelben Augenblicke erſchien ihre Schweſter an ihrer Seite. „Marian lebt!“ rief Holt aus, als er die verloren geglaubte Tochter erblickte.„Mein Kind, meine Ma⸗ rian lebt! Gott ſei Dank! Eine ſchwere Laſt fällt miv vom Herzen und jetzt ſoll auch die zweite abgeſchüttelt werden!“ 48. Bei dieſen Worten wandte er ſein Pferd halb u und glitt raſch auf der uns zunächſt liegenden Seite vom Sattel herunter. Dann lehnte er raſch ſeinen Rifle auf den Sattelbug und richtete die Mündung desſelben auf die Bruſt Stebbins, der, kaum zwanzig Schritt ent⸗ fernt, auf ſeinem Pferde ſaß. 209 „Jetzt, Joſh Stebbins!“ rief ihm der Squatter mit Donnerſtimme entgegen,„iſt die Stunde der Abrechnung mit Euch gekommen.“ 4 „Was wollt Ihr damit ſagen, Holt?“ fragte der Mormone, vor Verwunderung bebend, faſt willenlos. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Ich will ſagen, Du hölliſches Stinkthier, daß Du, ehe Du die Stelle verläßt, Rede zu ſtehen und mich von dem Verbrechen des Mordes frei zu ſprechen haſt.“ „Welchen Mord?“ fragte Stebbins argliſtig. „Ach, Du weißt, was ich meine! Es war kein Mord, ſyndern ein Selbſtmord, der mir, wie ich bei Gott verſichern kann, faſt ſelbſt das Herz gebrochen hat.“ Holt's Stimme verrieth ſeine innere Bewegung. Nach einer Weile fuhr er fort: „Trotzdem war der Schein gegen mich und Du haſt Zeugniſſe erfunden, die von dem Geſetze anerkannt worden wären, trotzdem ſie falſch ſind, wie Diin eigenes Herz. Du bedrohſt mich ſeit Jahren mit den⸗ ſelben, um Deine ſpitzbübiſchen Abſichten zu erreichen. Hier giebt es aber weder Geſetze, noch Richter, um Dir länger beizuſtehen. Es ſind von beiden Seiten Zeugen vorhanden— Deine eigenen Schergen da drü⸗ ben und hier ein paar Weſen beſſerer Art, wie ich be⸗ haupte. In Gegenwart derſelben fordere ich Dich auf, Die wilde Jägerin. IV. 14 * 210 zu erklären, daß Deine Beweiſe falſch ſind und ich des Mordes unſchuldig bin!“ Als der Redner zu Ende war, folgte ein tiefes Schweigen. Das Seltſame und Unerwartete ſeines Verlangens perſetzte Jedermann in athemloſe Span⸗ 6 nung. Sogar die bewaffneten Männer am Ende des Thales ſagten kein Wort und da ſie inne wurden, daß in Folge des Abfalles Holt's die Kräfte ſo ziemlich 3 von beiden Seiten gleich waren, ſchienen ſie Luſt zu 1 haben, zum Schutze ihres apoſtoliſchen Führers herbei zu eilen. Letzterer ſchien einen Augenblick zu ſchwanken. Die Furcht, welche ſich in ſeinen Zügen malte, war mit einem Ausdrucke giftigen Grolles gepaart,— und er. glich einem Tyrannen, der ſich gezwungen ſieht, ein despotiſches Vorrecht aufzugeben, deſſen er ſich lange Zeit bedient hat. Allerdings konnte ihm jetzt nicht viel mehr daran liegen. Die auserwählten Opfer ſeiner Ränke ſchienen ihm auf andere Weiſe entgehen zu ſollen; trotzdem ſchien er ſich gegen den Gedanken zu ſträuben, auch auf den letzten Schein ſeiner Gewalt— verzichten zu ſollen. Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, ja, kaum Muſe, ſich nach ſeinen Daniten umzuſchauen, was er aber doch in einer Weiſe that, als habe er Luſt, ſich zu ihnen zu flüchten. 4„Halte Stand!“ ſchrie ihm der Squatter drohend entgegen.„Unterſtehe Dich nicht, das Geſicht weg zu wenden! Wenn Du es thuſt, ſo erſchieße ich Dich von hinten. Geſtehe jetzt, ſonſt ſollſt Du nicht mehr lange in Deinem Sattel ſitzen, das ſchwöre ich beim ewigen Gotte!“ Die haſtige, drohende Art, in welcher der Squatter bei dieſen Worten nach ſeiner Flinte griff, bewies Stebbins, daß Ausflüchte vergebens ſein würden, er antwortete daher haſtig: „Ihr habt keinen Mord begangen, Hickmann Holt, und ich habe Euch deſſen nie angeklagt!“ „Nein! Du haſt aber geſagt, daß Du es thun wollteſt und haſt zu dem Zwecke Beweisſtücke geſchmie⸗ det. Widee daß Du die Beweiſe erlogen haſt, um mich damit zu ſchrecken und ſie gleichſam wie einen dunklen Schatten über meinem Kopfe zu halten. Be⸗ kenne!“ Stebbins Fendae „Schnell, ſonſt biſt Du ein Kind des Todes!“ „Ja, das that ich“, murmelte der ſchulvunnnge⸗ Elende mit bebender Stimme. „Und die Beweiſe waren erlogen?“ „Sie waren falſch, ich bekenne es.“ „Genug!“ rief Holt, indem er ſein Gewehr ſenkte. „Genug für mich. Und jetzt Du hinterliſtige Schlange, kannſt Du mit Deinen Schergen dort abziehen, Sie werden Dich deshalb nicht weniger verehren. Du kannſt gehen und Deim ſchlechtes Gewiſſen mit Dir nehmen, wenn es Dir ſonſt zum Troſte gereicht. Fort mit Dirk 14 — 212 „Nein!“ rief plötzlich eine Stimme von hinten, während zu gleicher Zeit Wingrove hinter einem Fel⸗ ſenſtücke vorſprang.„Noch nicht, ich habe mit dem Schuft auch eine Abrechnung zu halten. Derfjenige, welcher ſich gegen einen andern verſchworen hat, ver⸗ liert das Recht zu leben; und wenn Ihr ihn freigebt, Hick Holt, ſo thue ich es nicht und Ihr würdet mir Recht geben, wenn Ihr wüßtet—“ „Was?“ fiel ihm der Squatter in's Wort. „Was er mit Eurer Tochter zu thun beab⸗ ſichtigte.“ „Er iſt der Mann meiner Tochter“, entgegegnete Holt in einem Tone, in welchen ſich Beſchämung und Bitterkeit ausſprach.„Ich bin Schuld daran und Gott mag mir's verzeihen!“ „Er iſt nicht ihr Mann, hat keinen Anſorugh an ſie. Die Heirath war ein Betrug und er nahm die arme Marian ſowohl, als auch ſpäter Lilian in einer ganz anderen Abſicht mit ſich.“ „ n welcher Abſicht?“ rief Holt aus, dem plötzlich ein neues Licht aufzugehen ſchien. „Um—“. Wingrove zauderte.„Ich kann das Wort in Gegenwart der Mädchen nicht ſagen, Hick Holt. Er wollte Weib er des Mormonenpropheten aus ihnen machen. Das war ſeine Abſicht mit beiden.“ Der Schrei, welcher gleich dem Gewieher eines wüthenden Pferdes dem Munde des Squatters ent⸗ 213 ſchlüpfte, erſtickte die letzten Worte der Rede Wingrove's, während zu gleicher Zeit ein Flintenſchuß knallte. Eine Rauchwolke hüllte eine Zeit lang ſowohl Holt, als ſein Pferd ein, und aus derſelben tönte uns abermals der wilde, rachſüchtige Schrei entgegen. Im ſelben Augenblicke ſahen wir das Pferd Steb⸗ bins ohne Reiter durch das Thal jagen, während der Mormone ſelbſt mit dem Geſichte nach oben auf dem Raſen ausgeſtreckt lag! Er blieb regungslos liegen. Er war todt— ein rother Punkt auf ſeiner Stirn deutete die Stelle an, wo ihn die unheilvolle Kugel getroffen hatte! Die Schweſtern hatten eben Zeit, ſich hinter die Felsſtücke 3 flüchten, um einer Salve zu entgehen, welche die Daniten nuf uns abfeuerten. Ihre Kugeln flogen unſchädlich um uns her, während die Schüße, mit welchen wir ihnen antworteten, beſſer gezielt waren und noch einer jener furchtbaren Männer vom Sattel herunterſchwankte und ſeinen Geiſt auf der Stelle aufgab. Die übrigen Fünf ſahen ein, daß ſich das Glück gegen ſie erklärt habe und ſie wandten ſich daher zum Gehen— bald ſprengten ſie die Schlucht hinunter und zwar zehnmal ſchneller, als ſie gekommen waren! Es war das letzte Mal, daß wir die Engel der Vernichtung erblickten. „Ach, meine Kinder!“ rief Holt in flehendem Tone aus, indem er auf ſie zuwankte und beide in ſeine Arme ſchloß,„wollt,— koͤnnt Ihr mir vergeben? O, Gott! Ich bin Euch kein guter Vater geweſen; ich kannte aber die Verworfenheit der Mormonen nicht. Nein— auch ſeine Bosheit kannte ich nur halb und lernte ihn erſt kennen, als es zu ſpät war; und jetzt—“ „Und jetzt Vater!“ ſagte Marian, ſeine reuige Rede unterbrechend, mit troſtreichem Lächeln,„ſprich nicht von Vergebung! Wir haben nichts zu vergeben und viel⸗ leicht wenig zu beklagen, indem die Gefahren, welche wir beſtanden haben, uns nur näher zu einander geführt haben. Wir werden alle glücklicher heimkehren, nach⸗ dem wir ſo ſchwere Prüfungen beſtanden häben, lieber Vater.“ 3 „Ach, Marian, mein Mädchen, Du weißt noch nicht Alles— wir haben keine Heimath niehr.“ „Ihr habt noch immer die alte Heimath,“ fiel ich — “ ihm in's Wort,„wenn Ihr darein willigt, ſie anzuneh⸗ men. Die alte Hütte am Mud Creek iſt groß genug, um uns Alle zu faſſen, bis wir ein beſſres Haus bauen können. Aber nein,“ fügte ich, mich verbeſſernd hinzu — hier ſind zwei, die ſchwerlich geneigt ſein dürften, von unſerer Geſellſchaft Gebrauch zu machen. Eine andere Hütte, die weiter oben am Waſſer liegt, wird ſie wahrſcheinlich als Bewohner aufnehmen.“ Marian erröthete, während der junge Hinterwäldler über meine Anſpielung zwar ebenfalls roth wurde, aber ———( , den Muth hatte, zu ſtammeln, daß er ſtets der Mei⸗ nung geweſen, daß ſeine Hütte geräumig genug ſei für zwei. „Fremder!“ ſagte Holt zu mir gewendet, indem er mir herzlich die Hand reichte,„ich habe Euch viel ab⸗ zubitten und Euch viel zu danken; ich nehme aber Euren freundlichen Vorſchlag an. Ihr habt das Land gekauft und ich würde Euch das Geld wieder zurückgeben, wenn es nicht bereits verthan wäre. Ich glaubte, Euch dafür entſchädigen zu können, indem ich Euch etwas gab, was Euch lieber iſt. Ich ſehe aber jetzt, daß ich es auch nicht) kaun, indem es Euch bereits zu gehören ſcheint. Ihr hal ſie Euch errungen, Fremder, und ſollt ſie haben und ich kann weiter nichts thun, als Euch ver⸗ ſichern, daß ich es von Herzen zufrieden bin, wenn Ihr ſie behaltet.“ „Dank— Dank!“ Lilian war mein auf ewig. * 5* Der Vorhang fällt über unſerem Drama und die Nachſchrift iſt nur kurz. Auf die kriegeriſchen und wilden ungehungen folgten friedliche, civiliſirte Gegenden— gleichwie der unge⸗ ſtüme Sturzbach, nachdem er ſein Bergbett verlaſſen hat, glatt und gleichmäßig durch die Triften der Ebene ſtrömt. d nächſten Tage begegneten, rüſteten uns aus, um die Unſere Bundesgenoſſen, die Utha's, velche wir am Rückreiſe durch die Prairien anzutreten, zu welchem Zwecke der verlaſſene Wagen, mit indianiſchen Maul⸗ thieren beſpannt, ein geeignetes Transportmittel bot. Wir trennten uns nicht ohne Bedauern von dem freundlichen, mexikaniſchen Trapper und unſeren wackeren Genoſſen, dem Exſchützen und Exinfanteriſten. Wir hatten die Befriedigung, ſpäter zu erfahren, daß der ſcalpirte Mann ſeine furchtbare Verſtümmelung überlebte und ſowohl er, als Zielegut unter dem Schutze des mexikaniſchen Trappers nach dem Thale von Taos ge⸗ bracht wurden, von wo aus ſie mit dem nächſten Trans⸗ port der Goldſucher über den Colorado nach den Gold⸗ feldern Californiens wanderten. 85 Es wäre eine erfreuliche Aufgabe für meine Feder, die Ereigniſſe unſerer Rückreiſe nach der⸗ Heimath um⸗ ſtändlich zu berichten. Doch dürfte eine ſolche Erzählung den Leſer wenig intereſſiren. Der rieſige Sqatter übernahm ſchweigend, aber vergnügt die Leitung des Wagens und der Maul⸗ thiere. Dadurch waren der junge Hinterwäldler und ich vollkommen frei mit unſeren gegenſeitigen Liebchen, jene überſchwänglich zärtlichen Reden und ſüßen, himmliſchen Blicke auszutauſchen, welche nur die Augen gegenſeittig Liebender verklären. Der Monat nach der Verheirathung genießt den ſprüchwörtlichen Ruf der Süßigkeit, doch war der Ho⸗ nigmond mit allen ſeinen Freuden kaum ſo wonnig, wie jene bräutliche Fahrt, belche wir heimwärts durch die Prairien machten. Der Himmel unſerer Liebe war ebenſo klar, wie die blaue Kuppel über uns; alle Zweifel und Befürchtungen waren beſeitigt und in unſerer Zukunft verdunkelte kein Schatten das vollſtändige Glück, welches wir genoßen. In unſerem Falle konnte die frohe Er⸗ wartung nicht durch die Ausſicht auf den wirklichen Beſitz geſteigert werden, indem wir einander bereits beſaßen.. Wir gelangten wohlbehalten nach Swampville. Auf dem Poſtamte jenes intereſſanten Dorfes harrte meiner ein Brief mit ſchwarzem Siegel. Im gewöhn⸗ lichen Laufe der Dinge würde mein Glück dadurch ge⸗ trübt worden ſein; doch muß ich aufrichtig bekennen, daß das Leſen jenes Briefes eine entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervorbrachte. Der Brief meldete mir das Ableben einer achtzig⸗ jährigen, weiblichen Verwandten, welche ich zwar nie geſehen, die aber volle zehn Jahre über die gewöhnliche Lebenszeit, ſowohl der Männer, als der Frauen, hart⸗ näckig zwiſchen mir und einer beſcheidenen Erbſchaft g ge⸗ ſtanden, ſo daß ich aufgehört hatte, auf dieſelbe zu rechnen. Dieſelbe war zwar unbedeutend genug, kam aber eben zu gelegener Zeit und war daher doppelt will⸗ kommen. Mit Hülfe jenes Zaubermittels verſchwand eine große Menge überflüſſigen Waldes von den Ufern von Mud Creek. — 218 Ach, was iſt aus der Lichtung des Squatters mit ihrer, im Zickzack laufenden Einfriedigung, ihren ein⸗ gekerbten Bäumen und abgeſtorbenen Stämmen ge⸗ worden? Sie iſt völlig umgewandelt. Die hölzerne Hütte hat einem ſtattlichen, aus Balken errichteten Hauſe mit Vorplatze und einem Unterbaue— beinahe ein Schloß— Platz gemacht. Das kleine Fleckchen Maisfeld, was kaum einen Acker umfaßte, iſt jetzt eine blühende, aus vielen Feldern beſtehende Pflanzung, auf welcher die goldenen Aehren des indianiſchen Kor⸗ nes, die breitblättrigen Stauden eines anderen ein⸗ heimiſchen Gewächſes, der aromatiſche, indianiſche Tabak und die zarten, flockigen Büſchel der koſtbaren Baumwollenſtaude gedeihen. Sogar den t Squatter würde man ſchwerlich in dem anſtändig ausſehenden, alten Herrn erkennen, der auf ſeinem Hengſte ſitzend, mit dem langen Rifle über der Schulter, umherreitet, die Arbeiten auf der Pflanzung beaufſichtigt und die Eichhörnchen wegſchießt, welche die junge Frucht mit ihrem verwüſtenden Einfluſſe bedrohen. Auch iſt die unfrige nicht die einzige Pflanzung von Mud Creek. Ein Stückchen weiter ſtromaufwärts findet man eine zweite, faſt eben ſo große und in glei⸗ cher Weiſe angebaute. Iſt es nöthig, den Beſitzer der⸗ ſelben zu nennen? Wer anders könnte es ſein, als der junge Hinterwäldler, aus welchem jetzt ein ſtrebſamer Pflanzer geworden iſt. Die beiden Grundſtücke grenzen an einander und 219 kein neidiſcher Zaun trennt ſie von einander. Beide erſtreckten ſich bis zu jener blumigen Waldwieſe, einiger⸗ maßen traurigen Andenkens, deren angrenzende Wal⸗ dungen von der Axt noch unberührt ſind. Nicht dort, aber an einer andern, eben ſo blumen⸗ reichen und anmuthigen Stelle könnte das Auge des hoch in der Luft kreiſenden Adlers eine heitere Geſell⸗ ſchaft verſammelt ſehen— die Beſitzer der beiden Pflan⸗ zungen mit ihren jungen Frauen Marian und Lilian. Beide Schweſtern prangen noch in der Blüthe ihrer unvergleichlichen Schönheit. Keine iſt vom Mädchen zur Matrone herangereift, obwohl beide ihr Ebenbild in manchem zarten, lächelnden Antlitze zu ihren Füßen erblicken, und mehr als eine kindliche Stimme das zärt⸗ liche Wort in ihr Ohr flüſtert, was der Menſch zuerſt ausſprechen lernt. Ach, geliebte Lilian! Deine Schönheit iſt nicht der Art, daß ſie nur eine kurze Stunde blüht. In meinen Augen kann ſie nie vergehen, ſondern wie die Blüthe der Orange nur um ſo holder erſcheinen, weil ihre Frucht neben ihr reift. Ich überlaſſe es einem andern Munde, das Lob Deiner Schweſter zu ſingen— der wilden Jägerin. Ende des vierten und letzten Bandes. 8 5 = 8 8 G * 2 3 5 S 4 8 5 — 8 S — 2 8 5 8 8 ſinſnſſſſſcſſſſfnſinnſiniſſ 8 9 5 6 7