9„-ↄCa------ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ Eduard Ofkmann in Gießen, 4 . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Jeſebedingungen. 3 = 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Aiſdſat der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von(. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſß den angenommen.— 3 d 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf.£ Mk.— Pf. —— d — 3— „ „ 7„ 1„ t- 7„„—„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muf der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Kusſuinezcite Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen — der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ]— —— für wöche pfangnahn 7 Uhr bis 2. Lese jedem Tag den angen . Cau eines Buc hinterlege unf 3 3 Aus der Seh 1 defecte B Ladenpre lorene od der Leſer Inerikanische Bibliothek. 410. Band. Meiſter Braun oder Bie große Bärenjagd. Von Capitain Mayne⸗RNeid, Verf. von„Der weiße Häuptling“,„Am Lagerfeuer“,„Oceola“,„Die wilde Jägerin“ ꝛc. ꝛc. Dritter Band. NVUNNO Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1862. Reiſter Braun oder Die große Bärenjagd. Von Capitain Mayne-Reid, Verf. von„Der weiße Häuptling“,„Am Lagerfener“,„Oceola“,„Die 5 wilde Jägerin“ ꝛc ꝛc. Aus dem Engliſchen. Dritter Band. Oeen— Leipzig, 1862. Verlag von Chr. E. Kollmann. 45. Capitel. Man erlegt eine ganze Familie. BDie Jäger hatten kaum zehn oder zwölf Schritte auf dem Lande zurückgelegt, als ihnen ein neuer Gegen⸗ ſtand vor die Augen kam, der ſie bewog, Halt zu machen. Dieſer Gegenſtand war ein zweiter Vierfüßler, der in dieſem Augenblick unter den Weiden hervorge⸗ ſtürzt kam und auf den Kampfplatz zueilte. Was für ein Thier dies war, darüber konnte un⸗ möglich lange Zweifel obwalten. Unſere Jäger ſahen auf einen Blick, daß es ein großer weißer Bär war — viel größer als der von den Wölfen umringte. Es war in der That das Männchen, welches in dem Weidendickicht ſpazieren gegangen war oder auch geſchlafen und erſt dieſen Augenblick bemerkt hatte was Meiſter Braun. III. vorging, und daß ſein Weib und ſeine Kinder in ſo tödtlicher Gefahr ſchwebten. Vielleicht war es der Lärm, der ihn aufgeweckt hatte, und er ſtand nun im Begriff, ihnen zu Hülfe zu eilen. Mit ſchlurfendem, ſchwerfälligem Galopp rannte er über die Ebene dahin— ſo ſchnell wie ein Pferd— und binnen wenigen Secunden war er dicht bei dem Schauplatze des Kampfes, welchem durch ſein Erſcheinen ſofort ein Ende gemacht ward. Die Wölfe rannten, als ſie ihn mit offenem Rachen auf ſie zugeſtürzt kommen ſahen, ſammt und ſonders davon und ſo ſchnell ſie konnten über die Ebene, wäh⸗ rend ihre langen Schwänze hinter ihnen herzufliegen ſchienen. Die jedoch, welche verwundet waren, kamen nicht ſo davon, denn der wüthende Bär kehrte ſich nun gegen dieſe, ſtürzte von einem zum andern und machte ihnen mit einem einzigen Hiebe ſeiner ſchweren Tatzen nach der Reihe den Garaus. In weniger als zehn Secunden war der Platz von den gierigen Wölfen vollſtändig geräumt. Nur die todten blieben noch darauf liegen, während die anderen nachdem ſie ſich weit genug davon entfernt, in verein⸗ zelten Gruppen Halt machten, die Schwänze auf das Gras hevabhängen ließen und mit wehmüthigen Blicken getäuſchter Erwartung zurückſchauten. Nachdem der Bär mittlerweile ſeine Rechnung mit den verwundeten Wölfen ausgeglichen, rannte er auf ——— —,— 3 ſein Weibchen zu, ſchlang ſeine Tatzen um ihren Hals und ſchien ihr zu ihrer Rettung Glück zu wünſchen! Und nun ſahen unſere Jäger, daß wirklich zwei Junge, anſtatt eines einzigen, vorhanden waren— das, welches ſich noch feſt an den Rücken ſeiner Mutter angeklammert hielt, und ein zweites, welches man jetzt unter ihrem Bauche ſah und welches ſie ebenfalls gegen die Menge der ſie umringenden Angreifer vertheidigt hatte. Die beiden kleinen Burſchen— ſie waren ungefähr ſo groß wie Füchſe— gewahrten jetzt, daß ſie einer Gefahr entronnen waren, die ſie ohne Zweifel voll⸗ kommen verſtanden hatten. Der auf den Schultern der Alten Sitzende ſprang jetzt auf den Boden herab, während der andere unter ihr hervorgekrochen kam, und beide begannen nun mit einander zu ſpielen und im Graſe Purzelbäume zu ſchlagen, während die Eltern dieſen grotesken Poſſen mit großem Intereſſe zuſahen. Trotz der wohlbekannten Wildheit dieſer Thiere, hatte dieſes Schauſpiel doch etwas ſo Rührendes, daß die Jäger ſich nicht ſogleich entſchließen konnten, weiter vorzurücken. Alexis ganz beſonders, deſſen Gemüth etwas ſanfter war als das ſeiner Gefährten, fühlte eine gewiſſe Um⸗ wandlung von Mitleid, als er dieſe Kundgebung von Gefühlen und Neigungen mit anſah, welche faſt menſch⸗ lich zu ſein ſchienen. Selbſt Jwan war ergriffen und ſicherlich würden weder er noch ſein Bruder dieſe Thiere zur bloßen Kurz⸗ weil erlegt haben. Unter gewöhnlichen Umſtänden wäre es ihnen nicht eingefallen, ſo etwas zu thun, und blos in Folge der Nothwendigkeit, in der ſie ſich befanden, ſich die Haut zu verſchaffen, dachten ſie überhaupt daran. Vielleicht hätten ſie ſelbſt dieſe Gruppe unbehelligt gelaſſen und gewartet, bis ſie auf eine andere ſtießen, welche ihr Mitleid weniger in Anſpruch nähme, in dieſer Beziehung aber wurden ſie von Puſchkin über⸗ ſtimmt. Der alte Gardiſt war nicht mit ſo weichem Gefühl behaftet und alle Bedenklichkeiten bei Seite ſetzend näherte er ſich, ehe ſeine jungen Herren etwas thun konnten, um ihn zurückzuhalten, einige Schritte und feuerte ſeine Muskete auf den größten der Bären ab. Ob er den Bären getroffen hatte oder nicht, ward nicht ſofort klar. Gewiß war wenigſtens, daß das Thier dadurch in keinerlei Weiſe kampfunfähig gemacht worden war, denn ſobald als der Pulverdampf ſich vor Puſchkin's Augen verzogen hatte, ſah er den rieſigen Vierfüßler ſich von ſeiner Genoſſin trennen und grim⸗ mig zum Angriff heranſchreiten. Puſchkin war einen Augenblick lang unſchlüſſig, ob er dem Angriff die Spitze bieten ſollte, und hatte ſein Meſſer gezogen um bereit zu ſein; die furchtbare Er⸗ ſcheinung ſeines Gegners aber, ſeine ungeheure Größe und ſein grimmiges Ausſehen bewogen Puſchkin, zu 5 bedenken, daß in dieſem Falle Klugheit der beſſere Theil der Tapferkeit ſei, und er gab dieſer Erwägung nach. Die beiden Voyageurs in dem Boote ſchrieen ſchon allen Dreien die Mahnung zu, ſchleunigſt die Flucht zu ergreifen, und warnten ſie durch die eindringlichſten Worte und Geberden vor der Gefahr, in welcher ſie ſchwebten. Zwan und Alexis hielten aber Stand bis Puſchkin ſie wieder erreicht hatte, und dann gaben beide Feuer auf den Bären. Es war zwar möglich, daß ſie ihn ge⸗ troffen hatten, aber das wilde Ungeheuer verrieth dies durch nichts, ſondern ſchien nur um ſo ſchneller zum Angriff angerückt zu kommen. Nun liefen alle drei nach dem Boot. Es war ihre einzige Zuflucht, denn hätte es ſich blos um Schnellig⸗ keit gehandelt und wäre die Strecke eine weitere ge⸗ weſen, ſo würde der Bär ſie ſicherlich eingeholt haben, und einige Hiebe mit ſeiner Tatze hätten dem Leben des Einen oder des Andern, vielleicht auch aller dreier ein Ende gemacht. Es war ein Glück, daß ſie das Boot hatten, in welches ſie ſich flüchten konnten, denn ſonſt hätte Puſch⸗ kin's Unklugheit, womit er den Bären gereizt, leicht zu einem ſchlimmen Ende führen können. So ſchnell als ihre Beine ſie tragen konnten, rann⸗ ten ſie nach dem Boot und ſprangen einer nach dem andern hinein. Ohne auch nur zu warten bis die Jäger ſich geſetzt hatten, ſtießen die Voyageurs von ———õõʒõõ des Stromes hinausſchoß. dem Ufer ab, ſo daß das Fahrzeug raſch in die Mitte Dies machte jedoch der Verfolgung des wüthenden Bären kein Ende, auch hielt es ihn keinen Augenblick lang auf. Als er das Ufer erreichte, machte er nicht Halt, ſon⸗ dern ſprang, ohne ſich zu beſinnen, in das Waſſer. Dann ſtreckte er ſeinen Körper zu ſeiner vollen Länge aus und ſchwamm direct dem Boote nach. Dieſes hatte nun die Richtung ſtromabwärts ge⸗ nommen und ſchoß jetzt, von Stömung und Ruder⸗ ſchlag getrieben, pfeilſchnell dahin. Dennoch zeigte ſich ſehr bald, daß der Bär immer näher kam. Seine breiten Tatzen ſetzten ihn in den Stand, mit der Schnelligkeit eines Fiſches zu ſchwim⸗ men— während er von Zeit zu Zeit ſogar über den Waſſerſpiegel emportauchte und einen Sprung von mehreren Fuß durch die Luft vorwärts that. Die Voyageurs handhabten ihre Ruder mit ihrer ganzen Kraft und Geſchicklichkeit, denn die Todesangſt trieb ſie, das äußerſte Maß ihrer Kräfte aufzubieten. Sie wußten wohl, daß, wenn es dem Bären gelang, das Boot einzuholen, er entweder hineinklettern und ſie alle in das Waſſer treiben, oder— was noch wahr⸗ ſcheinlicher war— das Fahrzeug umwerfen und die ganze Bemannung herausſchleudern würde. In dem einen wie in dem andern Falle war Ge⸗ fahr vorhanden, mit ſeinen Klauen in Berührung zu ₰— 7 kommen, und dies war, wie ſie wohl wußten, ſo gut wie ſicherer Tod. Die Jäger waren alle drei emſig beſchäftigt, ihre Gewehre wieder zu laden und ſich ſchußfertig zu machen, ehe der Feind ſie erreichte. Aber ſie wurden nicht zeitig genug fertig. Bei der Bewegung des Bootes und der beengten Haltung, in welche ſie dadurch verſetzt wurden, ging es mit dem Laden ſehr langſam, und ehe noch einer der drei Jäger eine Kugel in den Lauf hinein hatte, war der Bär dicht an dem Hintertheil des Bootes. Nur Iwan hatte noch einen Lauf geladen, unglück⸗ licherweiſe aber mit Schrot, den er für Waſſervögel aufgeſpart. Nichts deſtoweniger feuerte er ihn ab, dem Ver⸗ folger gerade in's Geſicht; anſtatt ihm aber Einhalt zu thun, ſteigerte dies ſeine Wuth nur und ſtachelte ihn zu noch größeren Anſtrengungen, das Boot einzu⸗ holen, auf. Puſchkin warf verzweiflungsvoll ſeine Muskete von ſich und ergriff eine Axt, welche ſich glücklicherweiſe in dem Boot vorfand. Dieſe feſt in der Fauſt hal⸗ tend und in dem Hintertheil des Bootes niederknieend, er⸗ wartete er die Annäherung des wüthenden Schwimmers. Der Bär war ganz dicht hinter dem Boote und kaum noch eine Länge ſeines Körpers davon entfernt. Als er ſich nahe genug glaubte, that er einen ſeiner furchtbaren Sprünge und ſchwang ſich vorwärts. Seine — 8 ſcharfen Klauen ſchlugen raſſelnd gegen die Birkenrinde und riſſen ein großes Stück davon ab. Hätte dieſes nicht nachgegeben, ſo wäre das Boot aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach, mit dem Hintertheil zuerſt, unter das Waſſer gezogen worden. Das Mißlingen dieſes erſten Griffs aber brachte den Kopf des Ungeheuers wieder in gleiche Ebene mit dem Waſſerſpiegel, und ehe er ihn wieder emporheben konnte um einen zweiten Sprung zu thun, fuhr der wuchtige, ſcharfe ſtählerne Keil auf ihn herab und ſpaltete ihm krachend den Schädel. Beihnahe in demſelben Augenblick ſah man ihn ſich im Waſſer auf den Rücken herumwälzen. Seine Beine bewegten ſich nur noch krampfhaft, er zuckte ein paar mal matt mit ſeinen langen Hinterbeinen und dann ſchwamm ſein rieſiger Leichnam auf der Waſſerfläche dahin wie eine Maſſe weißer Schaum. Man wand ſeiner ſehr bald habhaft und zog ihn an's Land um ihm ſein ſchneeweißes Gewand aus⸗ zuziehen. Unſere jungen Jäger hätten die andern gern unbe⸗ helligt gelaſſen, denn ſie trugen weder nach dem Weib⸗ chen, noch nach ihren Jungen Verlangen. Die Voya⸗ geurs aber, welche wünſchten, die Felle ſämmtlicher drei Thiere für ihre eigne Rechnung zu erlangen, ſchlugen vor, umzukehren, um auch dieſe zu erlegen, und dieſer Vorſchlag ward von Puſchkin, der eine angeborene Antipathie gegen alle Bären hatte, aufs Nachdrücklichſte unterſtützt. —z ——————.,——4 — ——— — ——y———.—— —““-— — 9 Die Sache endete damit, daß die alte Bärin erlegt und ihre Jungen lebendig gefangen wurden, denn die Alte, mit ihren Jungen beladen, ward ſehr bald eingeholt und fiel eben ſo raſch unter der Salve von Kugeln, die von allen Seiten zugleich auf ſie abge⸗ feuert wurden. Mit den Häuten der alten Bären und den Jungen auf dem Boden des Bootes angebunden, fuhren unſere Jäger wieder ſtromabwärts, aber kaum hatten ſie den Platz verlaſſen, ſo kehrten auch die heißhungerigen Wölfe wieder zurück— nicht blos um die Leichname der Bären zu freſſen, ſondern auch die ihrer eignen Kameraden, welche in dem Kampfe gefallen waren! —x 46. Capitel. Der„kahle Grund.“ Der Bär vom„kahlen Grunde“ war der nächſte, den unſere Freund aufzuſuchen hatten; um aber den Aufent⸗ haltsort dieſes Thieres zu erreichen, mußte eine lange und beſchwerliche Reiſe gemacht werden. Der unter dem Namen des„kahlen Grundes“ be⸗ kannte Theil des Gebiets der Hudſons⸗Bay erſtreckt ſich von der Küſte des Eismeeres ſüdlich bis zur Breite des Churhill⸗Fluſſes. Nach Oſten wird er von der Hudſons⸗Bay ſelbſt begrenzt und nach Weſten von einer Kette Seen, unter welchen der große Sklavenſee und der Athapeskow die bemerkenswertheſten ſind. Dieſes unermeßliche Gebiet iſt bis zur gegenwärti⸗ gen Stunde faſt noch ganz unerforſcht. Selbſt die — 11 Trapper der Hudſons⸗Bay haben nur eine ſehr un⸗ vollkommene Kenntniß davon. An einer oder zwei Stellen iſt es durchwandert und an den Grenzen von Erforſchungsgeſellſchaften bereiſt worden, aber dennoch iſt es beinahe eine terra incognita, ausgenommen für die vier oder fünf Indianerſtämme, welche an den Grenzen wohnen, und die Eskimos, welche ſich die Küſte des Eismeeres entlang eine kleine Strecke weit hineinwagen. Ehe wir die Jagd des„Kahlen⸗Grund⸗Bären“ erzählen, wollen wir ein Wort über die Gattung ſagen, welcher er angehört. Sowohl von alten als von neuern Schriftſtellern iſt er verſchiedenen Klaſſen zugetheilt worden. Selbſt der tüchtigſte Naturforſcher, welcher über ihn geſchrieben, iſt in Bezug auf ſeine Gattung in Verlegenheit. Wir ſprechen von Sir John Richardſon, dem Be⸗ gleiter des vielbeklagten Franklin und ſelbſt einer der großen Männer ſeines Jahrhunderts. Sir John betrachtete dieſen Bären anfänglich, ob⸗ ſchon ſehr zweifelhaft, als eine Abart des Ursus ame- reianus oder amerikaniſchen ſchwarzen Bären. Spätere Beobachtungen bewogen ihn, dieſe Mei⸗ nung zu ändern und er ſtellt nun, abermals mit dem beſcheidenen Zweifel— der ihn überhaupt charakteri⸗ ſirt— die Meinung auf, daß dieſes Thier eine Ab⸗ art des Ursus arctos ſei. Wir werden uns erlauben, zu behaupten, daß er — eine Abart von keinem von beiden iſt, ſondern vielmehr eine ganz beſondere Gattung. Wir werden unſere Gründe hierfür angeben— erſtens in Bezug auf ſeinen Unterſchied von dem Ursus americanus. Er gleicht letzterem weder an Farbe, Körperform, Größe, Profil und Phyſiognomie, noch an Länge der Füße oder des Schweifes. In allen dieſen Beziehungen hat er größere Aehn⸗ lichkeit mit dem Ursus arctos, oder auch mit ſeinem näheren Nachbar dem grauen(Ursus ferox). Von dieſen beiden unterſcheidet er ſich jedoch wieder in an⸗ deren Punkten, wie man ſogleich ſehen wird. Ferner iſt er von wilderer Art als der ſchwarze Bär und für den Jäger gefährlicher— beinahe eben ſo gefährlich als der graue und vollkommen ſo wie der braune. Ueberdies wohnt er in einem Lande, in welchem der ſchwarze Bär nicht heimiſch werden könnte. Für die. Exiſtenz dieſes letztern iſt der Wald weſentlich und man findet ihn niemals in weiter Entfernung davon. Es iſt nicht der höhere Breitegrad, welcher ihn von dem „kahlen Grunde“ zurückhält, ſondern der Mangel an Waldung.. Dies wird durch die Thatſache bewieſen, daß man ihn eben ſoweit nordwärts findet als irgend einen Theil der Barren Grounds, aber nur da, wo die Kalkſtein⸗ formation das Wachsthum der Bäume begünſtigt, wo⸗ gegen unter den Primärfelſen auf der Nordſeite des 13 Nelſonfluſſes der ſchwarze Bär nicht exiſtirt— gerade in der Region, welche für die Exiſtenz des„Kahlen⸗ Grund⸗Bären“ die günſtigſte iſt, denn er macht ſich nichts aus Bäumen und kann ſie auch gar nicht er⸗ klettern. Noch ein anderer weſentlicher Unterſchied verdient hervorgehoben zu werden. Der ſchwarze Bär iſt in ſeinem Normalzuſtande ein ächter Pflanzenfreſſer. Der andere iſt Fleiſch⸗ und Fiſchfreſſer— zu einer Jahreszeit erlegt und frißt er Murmelthiere und Mäuſe, zu einer andern beſucht er die Seeküſte und nährt ſich von Fiſchen. Mit einem Worte, die beiden Bären ſind ſo ver⸗ ſchieden als ſie nur ſein können— es ſind verſchiedene Gattungen. Vergleichen wir nun den„Kahlen⸗Grund⸗Bären“ mit dem Ursus arctos. Der erſtere iſt dieſer Gattung ganz gewiß ähnlicher als dem Ursus americanus, dennoch aber ſtoßen wir auch hier auf bemerkenswerthe Unterſcheidungspunkte, und wäre nicht eine gewiſſe Aehnlichkeit der Farbe vor⸗ handen, ſo wäre es möglich, daß man ſie überhaupt gar nie mit einander verglichen hätte. Es iſt jedoch leicht, auch in Bezug auf ſie zu be⸗ weiſen, daß ſie verſchiedenen Gattungen angehören. Der Ursus arctos iſt ein Baumkletterer, der„Kahle⸗ Grund⸗Bär“ aber nicht. Der erſtere giebt der Pflan⸗ zenkoſt den Vorzug— der letztere liebt mehr Fiſche, — — — ———— — 14 legentlich auch mit einem Gemengſel von vegetabiliſchen Stoffen füllt. Abgeſehen aber von den verſchiedenen Lebensge⸗ wohnheiten der beiden Thiere, hat auch der Pelz der amerikaniſchen Gattung einen gelblichen Schein, den man an den braunen Bären europäiſcher Länder— ausgenommen vielleicht an denen der Pyrenäen— nicht bemerkt, und zu gewiſſen Zeiten wird dieſer Schein ſo licht, daß er dem Thiere ein weißliches Anſehen giebt, weshalb die Indianer dieſe Bären oft auch „weiße Bären“ nennen. Ueberdies iſt es ganz unwahrſcheinlich, daß der braune Bär Europa's in dem„kahlen Grund“ des Ge⸗ biets der Hudſons⸗Bay vorkommen ſollte— einer iſolirten, baumloſen Wüſte, die mit ſeinem Wohnort in der alten Welt keine Aehnlichkeit hat und nach wel⸗ cher keine Wanderlinie auch nur mit einiger Wahr⸗ ſcheinlichkeit gezogen werden könnte. Durch Sibirien und Ruſſiſch⸗Amerika könnte man allerdings eine ſolche Wanderung vorausſetzen und dieſe Anſicht hat ſicherlich einige Wahrſcheinlichkeit für ſich, denn obſchon es bis jetzt nachgewieſen iſt, daß der „Kahle⸗Grund⸗Bär“ nur innerhalb der Grenzen des beſonderen ſogenannten Diſtricts anzutreffen iſt, ſo iſt es doch gewiß, daß ſein Bereich ſich über dieſe Grenzen hinaus erſtreckt. Der braune Bär des Ruſſiſchen Amerika und der Fleiſch und Inſeeten— obſchon er ſeinen Magen ge⸗ — — 15 aleutiſchen Inſeln ſcheint mit dieſer Gattung identiſch⸗ zu ſein und es ſteht zu vermuthen, daß die braune Gattung von Kamtſchatka keine andere iſt als der „Kahle⸗Grund⸗Bär“ der Hudſons⸗Bay. Die Fiſchgewohnheiten des erſtern deuten aller⸗ dings auf eine Aehnlichkeit zwiſchen dieſen beiden Gattungen hin, während ſie gleichzeitig beide von dem Ursus arctos Scandinaviens ſcheidet. Es braucht kaum bewieſen zu werden, daß der „Kahle⸗Grund⸗Bär“ ein ganz anderes Thier iſt als der Grisly oder amerikaniſche graue(eigentlich„entſetz⸗ liche, gräßliche“) Bär. Sie ſind verſchieden an Größe und Farbe. Obſchon der Grisly zuweilen braun iſt, ſo iſt er es doch mit einer Beimiſchung von an den Spitzen weißem Haar; der hauptſächlichſte Unterſchied aber iſt in der größern Wildheit des letzteren und in ſeinen weit längeren und mehr gekrümmten Klauen zu finden. Es könnten noch viele andere Punkte hervorgehoben werden, welche beweiſen, daß es Thiere von zwei ver⸗ ſchiedenen Gattungen ſind, überdies iſt auch ihr Be⸗ reich ein ganz getrenntes. Der„Kahle⸗Grund⸗Bär“ iſt alſo nicht der Ursus arctos, americanus oder ferox. Aber was iſt er denn? Hat er von den Naturforſchern noch keinen ſpecifiſchen Namen erhalten? Noch nicht. Alexis je⸗ doch gab ihm einen. Er nannte ihn nach dem Manne, 16 der von ſeinem Vaterland und ſeinen Lebensgewohn⸗ heiten den vollſtändigſten Bericht geliefert hat und welchen Alexis dieſer Ehre am würdigſten erachtete. 4 In ſeinem Tagebuche finden wir es. Da ſteht ge⸗ 3 ſchrieben, daß der„Kahle⸗Grund⸗Bär“ der Ursus ¹ Richardsonii iſt. 8 * 1 e f 4 1 47. Rapitel. Meiſter Braun nimmt ein Bad. Jo habe geſagt, daß unſere Jäger um den Aufent⸗ haltsort dieſer neuen Gattung Bären aufzuſuchen eine weite Reiſe zu machen hatten— bis nach dem großen Sklaven⸗See— denn obſchon die Barren Grounds ſich viele Grad nach Süden dieſes Waſſers hinziehen, ſo wandert der Ursus Richardsonii doch nur ſelten nach einem tieferen Breitegrade. An den Ufern des Sklaven⸗Sees jedoch, konnten ſie ſicher darauf rechnen, ihm zu begegnen, und dorthin begaben ſie ſich. In Bezug auf die Jahreszeit trafen ſie es gerade ſehr gut. Die der Großen Pelz⸗Compagnie gehörende „Brigade“ von Booten brach eben von der York⸗Fac⸗ tory nach Norway⸗Houſe am See Winnipeg auf, und Meiſter Braun. III. 2 von dort wollte eine Abtheilung nach den noch weiter nördlich befindlichen Poſten— am See Athapeskow und den Quellen Mackenzie⸗Fluſſes— gehen und da⸗ bei den Sklaven⸗See ſelbſt paſſiren. Der Zweck dieſer jährlichen Reiſe iſt natürlich, auf den Pelzſtationen die von den Schiffen der Compagnie aus England gebrachten Waaren zu vertheilen und da⸗ gegen die während des Winters geſammelten Pelz⸗ waaren abzuholen. Mit der Brigade alſo gingen unſere Jäger, und nachdem ſie gemeinſchaftlich mit den Andern die Be⸗ ſchwerden und Gefahren, von welchen eine lange Land⸗ reiſe begleitet zu ſein pflegt, ertragen hatten, ſahen ſie ſich endlich am Ort ihrer Beſtimmung— Fort⸗Reſolu⸗ tion an dem großen Sklaven⸗See nahe an der Mün⸗ dung des Fluſſes, welcher denſelben Namen trägt. Das Boot eines indianiſchen Fiſchers— es woh⸗ nen deren mehrere an den Ufern dieſes großen Binnen⸗ ſees— ward bald in den Dienſt gepreßt, und mit dem Fiſcher(der natürlich auch Jäger war) als Führer und Begleiter konnten ſie bequeme Ausflüge die Ufer des Sees entlang machen, nach Belieben an's Land ſteigen und Meiſter Braun in den Oertlichkeiten ſuchen, wo er am wahrſcheinlichſten anzutreffen war. Hierin wurden ſie von ihrem gemietheten Führer treulich unterſtützt und es dauerte nicht lange, ſo brachte er ſie auf die Fährte eines Bären. In der That ward 19 gleich bei dem erſten Ausflug einer von der echten Race entdeckt und erlegt. Die Umſtände, welche dieſen Fang begleiteten, waren von keinem beſonderen Intereſſe, da ſie aber eine der Lebensgewohnheiten dieſer Gattung veran⸗ ſchaulichen, ſo werden wir ſie mittheilen, wie wir ſie in Alexis' Tagebuch aufgezeichnet finden. Sie paddelten langſam an dem Ufer hin— durch Waſſer, welches ſo ruhig war wie ein Teich— als in großer Entfernung vor ihnen der Indianer ein leichtes Kräuſeln auf dem Waſſerſpiegel bemerkte und unſere Freunde darauf aufmerkſam machte. Durch den Wind ward es nicht verurſacht, denn es rührte ſich gerade jetzt kein Lüſtchen. Es glich mehr einer Reihe kleiner Wellen, wie ſolche entſtehen, wenn man einen Stein in einen tiefen Tümpel wirft, oder wenn das Waſſer durch die Bewegung eines Thieres geſtört wird. Der Indianer ſagte, es ſei ein Bär, obſchon weder ein ſolcher noch ſonſt ein lebendes Geſchöpf zu ſehen war. Als das Boot näher kam, bemerkten unſere Jäger, daß hier das Ufer einen kleinen Einſchnitt hatte, und eine kleine Bucht oder Bai bildete, von welcher die wellenförmige Bewegung des Waſſers ausging. Der Führer wußte, daß hier eine ſolche Bai vorhanden war, und glaubte, daß man den Bären irgendwo darin im Waſſer herumſchwimmend antreffen würde. Die Jäger fragten nicht erſt lange nach dem Grunde, 2* weshalb Meiſter Braun ſich auf dieſe Weiſe badete. Es war auch gar keine Zeit dazu, denn gerade in die⸗ ſem Augenblick ſtieß das Boot innerhalb der kleinen Bucht an's Land und der Indianer forderte die Jäger auf, auszuſteigen und den Weiſungen zu folgen, die er ihnen geben würde. Ohne Zögern geyprußlen ſie dieſer Aufforderung und waren bereit, auch ferner zu thun, was man von ihnen verlangen würde. Nachdem der Indianer ſein Boot feſtgemacht, ſchlug er ſich landeinwärts, während die andern drei ihm folgten. Als ſie etwa vier⸗ bis fünfhundert Schritt gegangen waren, wendete er ſich links und führte die Ruſſen um das halbrunde oder vielmehr hufeiſenför⸗ mige Ufer der Bai herum. Er führte ſie aber nicht alle dieſen Weg, ſondern blos einen, dem er ſeinen Standpunkt auf der entgegen⸗ geſetzten Seite anwies. Dieſer war Puſchkin. Jwan hatte er ſchon vorher auf die andere Seite und Alexis in die Mitte poſtixt, ſo daß ſie auf dieſe Weiſe an den drei Winkeln eines faſt gleichſeitigen Dreiecks ſtanden. Indem der Indianer auf dieſe Weiſe jedem ſeinen Standpunkt anwies, inſtruirte er ſie weiter, ſich behut⸗ ſam dem Gebüſch zu nähern, welches ſie noch von dem Waſſer trennte. Zugleich ermahnte er ſie, dies ohne das mindeſte Geräuſch zu thun, bis ſie einen lauten Ruf von ihm ſelbſt hören würden. Dies ſollte für ſie das Signal ſein, ſich am Nande 21 der Bucht zu zeigen, in deren Waſſer, wie der India⸗ feſt überzeugt war, ſich ein Bär badete. Der Indianer ſelbſt kehrte in ſein Boot zurück. Seinen Inſtructionen gemäß ſchlichen die Jäger vorwärts— jeder auf der ihm angewieſenen Linie und während alle die größte Behutſamkeit und Stille be⸗ obachteten. Sobald ihre Augen auf dem Waſſer ruheten, ge⸗ wahrten ſie die Richtigkeit der Muthmaßung des Indianers. Es war wirklich ein Bär da! Sie ſahen blos ſeinen Kopf, dies war aber genug, um Meiſter Braun zu erkennen, denn einen ähnlichen Schädel hätte man an einer ſolchen Stelle wohl nicht wieder angetroffen.. Der Bär ſchwamm, wie der Indianer vorausge⸗ ſagt, in der Bucht umher, zu welchen Zwecke aber, war anfangs ein wenig ſchwer zu ſagen. Zu ihrem Erſtaunen ſchwamm er mit weitgeöffne⸗ tem Rachen, ſo daß ſie das Innere ſeines dunkelrothen Gaumens ſehen konnten, während ſeine lange Zunge dann und wann ſich herausſtreckte und auf der Fläche hinzuſtreichen ſchien. In gewiſſen Zwiſchenräumen ſah man ihn auch ſeinen Rachen wieder ſchließen, wobei die rieſigen Kinnladen mit einem lauten Schlage zu⸗ ſammenklappten, deſſen Eihs weithin über den See zu hören war. Er ſchwamm nicht lange in einer und derſelben Richtung, ſondern lenkte dann und wann um und durch⸗ kreuzte die Bucht nach allen Himmelsgegenden. Es dauerte ziemlich lange ehe die Zuſchauer eine Erklärung dieſer ſeltſamen Manöver von Seiten des Bären fanden. Sie hätten glauben können, er nähme blos ein kaltes Bad, um ſich zu erfriſchen, denn der Tag war außerordentlich heiß und die Luft wimmelte von Mus⸗ quitos, wie unſere Jäger ſchon zu ihrem großen Miß⸗ behagen erfahren hatten. Um ſich vielleicht dieſer Quäl⸗ geiſter zu entledigen, hatte Meiſter Braun ſeinen Körper in das Waſſer getaucht. 4 Dies vermuthete Puſchkin und eben ſo auch Iwan, obſchon ſie ſich das ſonderbare Benehmen des Bären, ſo mit offenem Rachen umherzuſchwimmen und von Zeit zu Zeit mit den Kinnladen zu ſchnappen, immer noch nicht erklären konnten. Alexis war jedoch ein ſcharfſinniger Denker und ermittelte bald das Wie und Warum dieſer räthſel⸗ haften Kundgebungen. Alexis ſah, daß die Oberfläche des Waſſers dicht mit etwas überzogen war, und als er dieſes Etwas näher in's Auge faßte, ſah er, daß es Schwärme von Inſecten waren. 1„ e Es ſchien mehr als eine Gattung zu ſein. Es waren auch in der That zwei Gattungen— beide un⸗ gefähr von der Größe gewöhnlicher Wespen, in Bezug —— 23 auf Farbe und dchanshewohheiten aber gänzlich ver⸗ ſchieden von einander. Die eine war eine Art Waſſerkäfer, welcher naßs an der Oberfläche ſchwamm, während die andere ein geflügeltes Inſect war, welches dann und wann in die Luft emporſtieg, gewöhnlich aber ſich auf dem Waſſer umherbewegte, indem es ſchnell von einem Punkte zum andern rannte, Halt machte und dann wieder eine kurze Strecke weiterſchoß. Die ganze Fläche der Bucht— bis ziemlich weit in den See hinein— wimmelte förmlich von dieſen Geſchöpfen und eben um ſie zu verfolgen, hing Meiſter Braun die Zunge ſo weit heraus und ſchnappte ſo ge⸗ waltig und laut mit den Kinnladen. Er hielt blos eine ſeiner Lieblingsmahlzeiten, die ihm im Sommer nicht blos an dem Ufer des großen Sklaven⸗Sees, ſondern auch der meiſten kleinern Seen im ganzen Umfange der Barren Grounds geliefert wird. Kaum hatte Alexis dieſe Beobachtungen gemacht, als man einen lauten Ruf von dem See her vernahm, und beinahe in demſelben Augenblick ſah man das Boot des Indianers durch das Waſſer gerade anij a den Ein⸗ gang der Bucht zuſchießen. Dem Signalrufe gehorſam, ſtürzten die deei Jäger aus ihrem Verſteck hervor und an den Rand der Bucht, indem jeder ſich zugleich ſchußfertig hielt. Als der Bär ſich auf dieſe plötzliche und unerwar⸗ tete Weiſe umzingelt ſah, gab er ſeine Fliegenjagd ſofort auf; da er aber nicht wußte, in welcher Richtung er fliehen ſollte, ſo drehete er ſich im Kreiſe herum und ſchwamm eine kurze Strecke bald da, bald dorthin. Endlich bäumte er ſich hoch über dem Waſſerſpiegel empor, zeigte ſeine ſcharfen Zähne, ließ ein dumpfes Wuthgebrüll hören und ſchoß ohne Weiteres auf das Ufer zu. Zuerſt⸗ war es Zwams Seite, nach welcher er die Richtung nahm, Jwan aber war auf ſeiner Hut, trat dicht an den Rand des Waſſers, zielte und gab Feuer. Seine Kugel traf den Bären gerade auf die Schnauze und ſchien ihn förmlich herumgedrehet zu haben— ſo ſchnell ſah man ihn nach der entgegen⸗ geſetzten Richtung davon ſchießen. Nun war Puſchkin an der Reihe und eine Sekunde ſpäter dröhnte der laute Knall ſeiner Muskete über den See, während die Kugel dem Bären das Waſfe gerade in die Augen ſpritzte. Obſchon ſie keinen Theil ſeines Körpers traf, ſo äußerte ſie doch die Wirkung, daß ſie ihn halb herum⸗ drehete, und er nun auf den am Ende der Bucht ſirhen⸗ den Alexis zuſchwamm. Alexis bewies die größte Kaltblütigkeit. Hinter ihm ſtand in ſehr bequemer Nähe ein Baum, hinter welchen er ſich zu retiriren gedachte, im Fall ſeine Kugel den Bären fehlte. Dies bewog ihn, auf ſeinem Poſten ruhig ſtehen zu bleiben, bis der Bär nahe genug kom⸗ men würde, um ein ſicheres Zielen möglich zu machen. 25 Der Bär ſchwamm gerade aus bis er von dem Platze, auf welchem Alexis ſtand, nicht ganz mehr zehn Schritt entfernt war, wo er dann plötzlich ſich anders zu beſinnen ſchien und ſich nach der einen Seite hin⸗ wendete. Dies war gerade das, was Alexis wünſchte. Die breite Seite des Kopfes des Thieres ward dadurch nach ihm zugekehrt, und feſt und ſicher zielend ſchoß er dem Bären ſeine Kugel ein wenig unter dem linken Ohr in den Kopf. Der Schuß war ein entſcheidender. Das durch ſein Fett ſchwergemachte Thier ſank ſofort zu Boden, glück⸗ licherweiſe aber war das Waſſer ſeicht und da der Indianer jetzt mit ſeinem Boot herbeikam, ſo ward die Bärenleiche bald herausgefiſcht und an das Ufer ge⸗ zogen, wo man ihr ſofort das Fell abzog. 8. Capitet Der große Grisly. Der Grisly⸗Bär(Ursus ferox), der grimmigſte und furchtbarſte der Bären⸗Familie, war der nächſte, wel⸗ cher erlegt und abgehäutet werden ſollte. Das Bereich des Grisly iſt, obſchon weiter als das des„Kahlen⸗Grund⸗Bären“, doch nicht ſo ausgedehnt als das des Ursus americanus. Die große Kette oder Cordillere der Felſengebirge (Rocky Mountains) kann als die Axe ſeines Bereichs angenommen werden, denn man findet ihn in der ganzen Ausdehnung derſelben, von Mexiko bis an die Küſten des Eismeeres. Einige Schriftſteller haben behauptet, er ſei auf dieſe Gebirge beſchränkt, aber dies iſt ein Irrthum. 27 Weſtlich davon trifft man ihn in allen Ländern, die zwiſchen den Felſengebirgen und der Küſte des Stillen Meeres liegen— überall, wo die Umſtände ſeiner Exiſtenz günſtig ſind; und nach Oſten erſtreckt er ſeine Wanderungen eine bedeutende Entfernung in die großen Ebenen hinein— obſchon nirgends bis zu den waldi⸗ gen Gegenden in der Nähe des Meridians des Miſſiſippi. In dieſen iſt der ſchwarze Bär der einzige Wald⸗ gänger dieſer großen Familie. Wälder ſind nicht der Lieblingsaufenthalt des Grisly⸗Bären und obſchon er in ſeiner Jugend einen Baum erklettern kann, ſo hindern ihn doch, wenn er erwachſen iſt, ſeine ungeheuern, an den Spitzen ſtets abgeſtumpften Krallen am Klettern. Niedriges dichtes Gebüſch mit offenen Lichtungen dazwiſchen— beſonders wo das Unterholz aus Beerentragenden Gebüſchen beſteht, iſt ſein bevorzugter Zufluchtsort. Oft geht er auch in's Freie hinaus, und auf den Prairien, wo die pomme blanche oder„indianiſche Rübe“(psoralea esculenta) wächſt, ſieht man ihn die Erde mit ſeinen Krallen aufreißen und förmliche Fur⸗ chen hineinziehen, als ob eine Heerde Schweine den Bo⸗ den aufgewühlt hätte. Auf dem Boden der Flüſſe gräbt er auch die Ka⸗ mas⸗Wurzel(Camassia esculenta), die Dampah(Ane- thum graveolens), die Kooyah(Valeriana edulis) ——— — und die Wurzel einer Diſte giti(Gircium vir- ginianum) aus. Viele Gattungen Früchte und Beeren liefern ihm ebenfalls dann und wann eine Mahlzeit, und die ſüßen Schoten der Mesquiten(einer Akaziengattung) und die Zapfen des Pinnonbaumes(pinus edulis) bilden Be⸗ ſtandtheile ſeines an Abwechſelung ſo reichen Küchen⸗ zettels. Aber er beſchränkt ſich nicht auf Pflanzenkoſt allein. Wie die meiſten ſeiner Gattung iſt er auch ein Fleiſch⸗ freſſer und ſchmauſt den Cadaver eines Pferdes oder eines Büffels. Das letztere Thier fällt trotz ſeiner ungeheuern Größe und Stärke dem Grislybären häufig zur Beute. Die langen Haarmaſſen, welche dem Büffel über die Augen herabhängen, hindern ihn, die Nähe eines Fein⸗ des zu bemerken, und wenn er nicht durch die Witterung gewarnt wird, ſo kann man ſich ihm leicht nähern. Der Bär, welcher dies weiß, ſchleicht ſich gegen den Wind heran, ſpringt, ſobald er ſich weit genug ge⸗ nähert hat, dem Wiederkäuer von hinten auf den Rücken, ſchlägt ihm ſeine großen Klauen in's Fleiſch und zerrt ihn endlich zu Boden. Er iſt ſogar im Stande, den rieſigen Cadaver eine bedeutende Strecke weit fortzuſchleppen, um ihn in irgend einem Dickicht zu derſt aet und dann mit aße zu verzehren. Der Grislybär hat mit dem braunen europäiſchen ,— 29 Bären größere Aehnlichkeit als mit irgend einer andern Species des ganzen Genus. 2ia aln raii⸗ Sein Pelz iſt lang und zottig und bietet nicht die glatte Fläche dar, welche den Pelz des ſchwarzen Bären charakteriſirt. Siaich 2gnr Gewöhnlich iſt ſie von dunkelbrauner Farbe— an den Spitzen aber ſieht das Haar weißlich aus, beſonders während der Sommermonate, wo es ſich noch heller färbt. Der Kopf iſt ſtets graugeſprenkelt, und dieſer Um⸗ ſtand hat dem Thiere auch den ſpecifiſchen Namen des „grauen Bären“ gegeben. 3 Es giebt braune, röthlichbraune, lorbeer⸗ oder zimmetfarbene, und auf der Bruſt weißgefleckte Abar⸗ ten des ſchwarzen Bären, die Indianer können dieſe alle auf einen Blick von dem echten Grisly unter⸗ ſcheiden. Bei dieſem letzteren iſt da, wo weißes Haar ſich mit dem Pelze miſcht, ſtets zu bemerken, daß dieſe ver⸗ einzelten Haare bis an die Wurzeln weiß ſind, wäh⸗ rend das graue Anſehen des Grisly daherrührt, daß nur die Spitzen des Haares weiß ſind. Dieſes charakteriſtiſche Kennzeichen iſt ein ſtehendes und würde an und für ſich eine Unterſcheidung zwiſchen den beiden Gattungen rechtfertigen; aber es giebt auch noch mehr andere Punkte von weit größerer Wichtigkeit. Die Ohren des Grisly ſind kürzer, mehr kegelför⸗ mig und ſtehen weiter von einander, als bei dem Ursus americanus oder arctos. — ———— Seine Klauen ſind weiß, gebogen, weit länger und breiter als die anderer Bären— ihre größte Breite iſt quer über die obere Fläche. Nach unten zu bilden ſie ein ſcharfe Kante und weit über das Haar des Fußes hervorragend, ſchneiden ſie wie Meißel, wenn das Thier einen Schlag damit thut. Seine rieſige Tatze iſt ſowohl breiter wie auch län⸗ ger als die anderer Bären, während ſein Schwanz da⸗ gegen kurz und kaum ſichtbar iſt, weil er vollſtändig im Haar ſeiner Hinterbacken begraben liegt. So charakteriſtiſch iſt die außerordentliche Kürze dieſes Anhängſels, daß es unter den Indianern— wenn ſie einen Grislybären erlegt haben,— ein ſtehender Witz iſt irgend Jemanden, der dieſe Eigenheit des Thieres nicht kennt, aufzufordern, es bei dem Schwanze zu faſſen! Bei dem Ursus americanus und Ursus arctos da⸗ gegen iſt dieſes Anhängſel ziemlich erſichtlich und bei dem„Kahlen⸗Grund⸗Bären“ iſt es noch länger als bei den eben genannten beiden Gattungen. Es iſt nicht möglich, einen alten oder völlig ausge⸗ wachſenen Grisly mit einer der verwandten Gattun⸗ gen zu verwechſeln. Beide unterſcheiden ſich ſowohl der Größe als auch der Form nach. Nur bei jungen oder halb ausgewachſenen Exemplaren kann ein Jer⸗ thum dieſer Art vorkommen. Die ungeheure Größe der alten Männchen— welche oft 1000 Pfund wiegen und den größten Exem⸗ plaren des Ursus maritimus völlig gleichkommen— 8&☛ 8 ᷣ 9 31 macht ſie leicht erkennbar, obgleich es gewiß iſt, daß unter günſtigen Umſtänden der Ursus aretos oft einen gleichen Umfang erlangt. An Wildheit jedoch, an Neigung zum Fleiſchfreſſen und an Stärke und Muth zur Befriedigung ſeiner heißhungerigen Gelüſte, ſcheint kein Bär, ſelbſt nicht der Ursus maritimus, dieſem Ungeheuer der Felſenge⸗ birge an die Seite geſtellt werden zu können. Dem Jäger fällt es nicht ein, ihn anzugreifen, wenn er nicht von einer Anzahl Kameraden unterſtützt wird, und ſelbſt dann kann es für einen oder mehrere derſelben ein verderbliches Zuſammentreffen werden. Hätten die Jäger nicht dadurch, daß ſie beritten ſind, einen Vortheil vor dem Grisly voraus, ſo wür⸗ den ſie ihm ſicherlich allemal weit aus dem Wege gehen. Zum Glück aber iſt dieſer grimmige Vier⸗ füßler nicht im Stande, den berittenen Jäger einzu⸗ holen, obſchon ihm dies bei einem Fußgänger ein Leichtes iſt. Was die Furcht oder Flucht vor einem menſchlichen Gegner betrifft, ſo mag ſo etwas wohl bei den jünge⸗ ren Bären dieſer Gattung vorkommen, wenn aber ein altes Männchen angegriffen wird, ſo ſteht die Sache anders. Ein völlig ausgewachſenes Thier dieſer Art, bietet einer ganzen Menge von Angreifern die Spitze — ſtürzt ſich von einem auf den andern und wehrt ſich bis zum letzten Athemzuge. Die Anzahl der indianiſchen und weißen Jäger, welche von Grislybären getödtet oder doch übel zuge⸗ richtet worden ſind, iſt faſt unglaublich. Wären dieſe Leute nicht gewöhnlich mit guten Pfer⸗ den verſehen, ſo würde dieſes Regiſter noch viel länger ſein, und ſeine beabſichtigten Opfer finden auch oft ein anderes Mittel, ſeinen Klauen zu entrinnen— näm⸗ lich indem ſie ſich auf einen Baum flüchten. Ein Glück iſt es, daß die Natur dem Grislybären nicht auch die Fähigkeit verliehen hat, Bäume zu er⸗ klettern, ſonſt würde mancher verfolgte Jäger, welchem es gelang, die Aeſte eines rettenden Baumes zu errei⸗ chen, in dieſem Aſyl ein nichts weniger als ſicheres ge⸗ funden zu haben. In der That iſt das Erklettern eines Baumes— wenn ein ſolcher zu erreichen iſt— die gemeinſame Rettung Aller, die von dem Grislybären verfolgt wer⸗ den, und auf dieſe Weiſe gelang es auch unſern Jägern einem Paar wüthender Grislybären zu entrinnen, wäh⸗ rend ſie auf dieſe furchtbaren Thiere Jagd machten. 49. Capitel. Ein Pelzhändler⸗Fort. Nachdem unſere Reiſenden mit Meiſter Braun vom „Kahlen⸗Grunde“ ihre Rechnung abgeſchloſſen, gingen ſie den Mackenzie⸗Fluß hinunter nach Fort⸗Simpſon, einem Poſten der Hundſons⸗Bay. Von hier fuhren ſie einen großen Nebenſtrom des Mackenzie, unter dem Namen des„Gebirgsfluſſes“ oder, wie die canadiſchen Reiſenden ihn nennen „Rivièré aux Liards“ bekannt, hinauf. Dieſer große Fluß hat ſeine Quellen weit jenſeit der höchſten Spitzen der Felſengebirge und zeigt ſo das merkwürdige Phänomen eines Fluſſes, welcher in ſchrä⸗ ger Richtung ſich durch eine Gebirgskette hindurch Bahn bricht, obſchon daſſelbe an mehreren andern Meiſter Braun. III. 3 ——— —— ——, Theilen der Felſengebirge und eben ſo auch in den Anden von Südamerika der Fall iſt. An dem Rivière aux Liards hat die Hudſons⸗Bay⸗ Compagnie mehrere Poſten, wie z. B. die Forts Simp⸗ ſon, Liard und Halkett. Das letzte liegt hoch oben im Gebirge. Weſtwärts, auf der Seite des Stillen⸗Meeres, hat ſie ebenfalls mehrere Handelsſtationen. Die wichtigſte davon iſt die Station: Pelly's⸗Banks, an dem Zuſam⸗ menfluſſe der Flüſſe Lewis und Pelly. Dieſe Flüſſe fallen nach ihrer Vereinigung in das Stille⸗Meer, nicht weit von dem Berge St. Elios, der den Schiffern auf dem nördlichen Theile des Stillen⸗ Meeres ſeit langer Zeit als Landmarke bekannt iſt. Von dem Fort⸗Halkett führt eine Straße nach dem Poſten Pelly's⸗Banks mittels des Deaſe⸗Fluſſes— der einer der Nebenſtröme des Rivière aux Liards iſt — und theils durch Bootſchifffahrt, theils über Trag⸗ ſtellen kann der Continent unter dieſem nördlichen Brei⸗ tengrade überſchritten werden. Von Pelly's⸗Banks nach der Küſte des Stillen⸗ Meeres iſt der Weg noch bequemer— denn nicht blos die Ruſſen beſuchen dieſe Gegenden, ſondern es giebt auch einheimiſche indianiſche Handelsleute, welche jedes Jahr zweimal von Pelly's⸗Banks nach Sitka— dem Entrepot der ruſſiſchen Pelz⸗Compagnie— reiſen, und der Lynn⸗Kanal, ein wenig nördlich von Sitka, — 3⁵ wird ebenfalls von den Dampfbooten der Hndſons⸗ Bay⸗Compagnie ſelbſt beſucht. Unſern Reiſenden konnte es daher keine große Mühe koſten, Sitka zu erreichen und von da hinüber nach Kamtſchatka, der Halbinſel an der aſiatiſchen Küſte, zu gelangen. Auf ihrem Wege über die Felſengebirge konnten ſie darauf rechnen, auf den Grislybären zu ſtoßen, und in den Ländern längs des Stillen⸗Meeres konnten ſie jene Abart des Ursus americanus treffen, welche un⸗ ter dem Namen des„Zimmetbären“ bekannt iſt— denn im Weſten der Felſengebirge— in Californien, Oregon, Britiſch⸗Columbia und Ruſſiſch⸗Amerika— iſt dieſe gewürzfarbene Gattung am häufigſten an⸗ zutreffen. Eine Geſellſchaft Pelzhändler und Trapper ſtand eben im Begriff, von Fort⸗Simpſon aufzubrechen, um Vorräthe nach den Poſten Liard und Halkett zu bringen — und dieſer Geſellſchaft ſchloſſen unſere Reiſenden ſich an. Als ſie die letztgenannte Station erreicht hatten, machten ſie hier Halt, um eine Jagd nach dem Grisly⸗ bären anzuſtellen. Es dauerte nicht lange, ſo ſtießen ſie auf ihr Wild; denn dieſes wilde Ungeheuer der Gebirge iſt weit ent⸗ fernt, ein ſeltenes Thier zu ſein. In den Diſtrikten, welche unſere Jäger zum Schau⸗ platz ihrer Thaten gewählt hatten, ſind die Grislybären 3* ſogar zahlreicher als die meiſten andern Vierfüßler, und nicht ſelten ſieht man ein halbes Dutzend oder noch mehr beiſammen. Der Grund hiervon liegt nicht darin, daß dieſe Thiere gewöhnlich in Geſellſchaften beiſammen lebten, ſondern es kommt daher, daß ſie in irgend einer Gegend ganz beſonders häufig ſind und der Zufall ſie deshalb zuſammen führt. Trupps von vier beiſammen zu ſehen, iſt etwas ſehr Gewöhnliches, dieſe aber ſind blos die Mitglieder einer Familie— Männchen, Weibchen und die noch nicht ein Jahr alten Jungen— denn zwei iſt die Zahl ihrer jedesmaligen Nachkommen. Der Grislybär gleicht in dieſer Beziehung ſeinem Vetter, dem Ursus maritimus, und unterſcheidet ſich weſentlich von dem ſchwarzen und dem braunen Bären — bei welchen drei die gewöhnliche Zahl der Jungen von einem Wurfe iſt. Es ſind gute Gründe vorhanden, aus welchen der Grislybär nicht ſonderlich in Gefahr ſchwebt, ausge⸗ rottet zu werden. Erſtens iſt ſein Fleiſch von ſchlechter Beſchaffenheit. Sogar die Indianer eſſen es nicht, während ſie an dem der ſchwarzen Gattung vielen Geſchmack finden. Zweitens iſt ſein Fell von faſt gar keinem Werth und wird auf dem Pelzmarkte mit einem ganz gering⸗ fügigen Preiſe bezahlt. Drittens— und dies iſt vielleicht der vollwichtigſte 37 Grund— liegt dem Jäger nichts daran, ſein Leben durch einen Kampf mit dieſen Thieren auf's Spiel zu ſetzen, weil er weiß, daß er keinen einer ſolchen Gefahr angemeſſenen Lohn zu erwarten hat. Aus dieſem Grunde läßt man den„alten Ephraim“ — wie die Trapper den Grisly ſcherzweiſe nennen— in der Regel unbeläſtigt ſeines Weges gehen und an⸗ ſtatt daher durch einen Vertilgungskrieg— wie er gegen den Büffel, oder auch den ſchwarzen Bären, deſſen Fell die Händler gut bezahlen, geführt wird— der Zahl nach vermindert zu werden, behauptet der Grisly an den meiſten Orten, wo er gefunden wird, ſeine numeriſche Stärke. In Fort⸗Halkett waren— in Folge des Mangels an Arbeitskräften und des großen Dranges der Ge⸗ ſchäfte, um die Brigade weiter nach der Pelly⸗Station zu befördern— unſere jungen Jäger nicht im Stande, einen Führer zu bekommen, und machten ſich deshalb allein zur Jagd auf— Puſchkin war natürlich dabei. Da die Handelsſtation Fort⸗Halkett mitten in der wildeſten Region lag— ohne irgend ein angebautes Grundſtück oder eine andere Niederlaſſung in der Nähe — ſo brauchten ſie nicht weit zu gehen, ehe ſie einen Grisly fanden. Es war ſogar möglich, daß ſie noch im Angeſicht des Fort einem begegneten, und von dem Augenblick an, wo ſie das Thor der Palliſaden paſſirten, waren ſie auf ihrer Hut und ſchauten ſich fleißig nach allen Seiten um. 4 Sie waren aber dennoch nicht ſo glücklich, auf ſo leichte Weiſe einem zu begegnen, denn obſchon ſie auf die Fährte von Bären ſtießen und zahlreiche Spuren von ihnen ſahen, ſo konnten ſie doch keinen zu Geſicht bekommen und kehrten von ihrem erſten Ausfluge ziem⸗ lich entmuthigt wieder zurück. In einer Beziehung jedoch fanden ſie ihren Lohn. Es war ihnen gelungen, eins der ſelteſten Thiere Ame⸗ rika's zu ſchießen, ein Geſchöpf, welches nur in den nördlicheren Diſtrikten der Felſengebirge angetroffen wird — nämlich die„Felſengebirg⸗Ziege“(capra ame- ricana). Dieſer ſeltene Vierfüßler, deſſen langes, ſchnee⸗ weißes, ſeidenartiges Haar ihn zu einem der anziehend⸗ ſten Thiere macht, iſt eine echte wilde Ziege und die einzige Gattung dieſes in Amerika einheimiſchen Genus. Sie iſt ungefähr von derſelben Größe wie die ge⸗ wöhnliche Hausziege und eben ſo gehörnt wie dieſe, das glänzende Haar aber an Seiten und Rumpf iſt häufig ſo lang, daß es beinahe bis auf die Hufe herab⸗ fällt und dem Thiere das Anſehen giebt, als habe es einen weit ſchwereren Körper und viel kürzere Beine als dies wirklich der Fall iſt. Eben ſo wie der europäiſche Steinbock wird die „Felſengebirg⸗Ziege“ nur auf den höchſten Berges⸗ gipfeln, auf faſt jedem anderen Vierfüßler— mit allei⸗ ᷣ 8 u.—— —. 39 niger Ausnahme des Gebirgsſchafes— unzugänglichen Spitzen und Klippen angetroffen. Sie iſt aber weit ſcheuer als letzteres und weit ſchwieriger zu beſchleichen. Die Folge hiervon iſt, daß ihr ſchönes Fell, obſchon hoch geſchätzt und auf dem Pelzmarkte gut bezahlt, ſelbſt von den erfahrenſten Jägern nur ſelten erbeutet wird. Nachdem es unſern jungen Jägern gelungen war, eins dieſer koſtbaren Thiere zu erlegen, ſo waren dieſelben mit ihrem Tagewerk faſt eben ſo zufrieden, als ob ſie einen Grisly erlegt hätten. Bei dem Ausfluge, den ſie am zweiten Tage unternahmen, ward jedoch auch dieſe Heldenthat voll⸗ bracht, wie wir nun ſofort erzählen werden. 50. Capitel. Der„alte Ephraim“. Sie waren ungefähr eine engliſche Meile von dem Fort hinweg und bewegten ſich vorſichtig durch ein hügeliges Land, wo dickichtähnliche Wäldchen mit offe⸗ nen, freien Wieſen abwechſelten und auf dieſe Weiſe eine parkähnliche Landſchaft bildeten. Es giebt in den Thälern der Felſengebirge viele Landſchaften dieſer Art und unter den nördlichen Breite⸗ graden beſtehen dieſe Wäldchen oft aus Beerentragen⸗ den Gebüſchen— wie z. B. wilde Johannisbeeren, Vogelkirſchen, der Amelanchier und die Hippophäe canadensis. Alle dieſe Früchte genießt der Grislybär außer⸗ ordentlich gern und da die Dickichte, welche unſere 41 Jäger betraten, viele Bäume und Sträucher der eben⸗ genannten Gattungen enthielten und dieſe jetzt ſich unter der Laſt ihrer reifen Früchte bogen, ſo ließ ſich mit gutem Grund erwarten, daß ſie einige Grislybären mit dem Abernten dieſer Früchte beſchäftigt finden würden. In dem Fort hatte man ihnen geſagt, daß dies ein Lieblingsaufenthalt des Bären ſei, und als ſie hin⸗ kamen, fanden ſie Beweiſe von der Richtigkeit dieſer Mittheilung. An den Kirſchbäumen waren die Aeſte zerbrochen und einige der Stämme ganz ſchief gezerrt. Dies war augenſcheinlich von den Bären geſchehen, damit ſie beſſer zu den Früchten gelangen könnten. Von den Bäumen, die auf dieſe rauhe Weiſe be⸗ handelt worden, waren alle Früchte ſo rein abgeſtreift, als ob eine Geſellſchaft Kirſchpflücker hier thätig geweſen wäre. Die Verheerungen waren, wie man deutlich ſah, erſt ganz kürzlich angerichtet worden. Die meiſten mußten binnen einer Woche geſchehen ſein, und einer der Bäume ſah ſo friſch zerriſſen aus, als ob erſt dieſen Morgen daran herumgezauſt worden wäre. Bei ſolchen Anzeichen bewegten ſich unſere Jäger natürlich mit der größten Umſicht vorwärts, denn ſie kannten ja nicht den Augenblick, wo Meiſter Braun hervorbrechen würde. Es iſt indeſſen nicht ganz richtig, wenn wir ſagen, ſie hätten ſich mit der größten Umſicht bewegt. Wären ſie mit hinreichender Umſicht zu Werke gegangen, ſo wären ſie nicht zu Fuße hier geweſen. Natürlich waren ſie zu Fuße, da in dieſer Gegend keine Pferde zu haben waren. Zu Fuße aber ein Wild wie den Grislybären verfolgen zu wollen, war die größte Unvorſichtigkeit, und die Pelzhändler hatten ihnen dies auch geſagt. Sie nahmen aber dieſe Warnungen, wie man zu ſagen pflegt, auf die leichte Achſel, und zwar aus zwei Gründen— erſtens weil es für ſie unbe⸗ dingt nothwendig war, einen Grisly zu erlegen und ihm das Fell abzuziehen, und zweitens weil unſere jungen Jäger, eben ſo wie auch Puſchkin, von der Ge⸗ fahr, welcher ſie ſich ausſetzten, einen nur ſehr unvoll⸗ kommenen Begriff hatten. Sie hatten allerdings gehört, daß der Grisly einer der grimmigſten ſeiner Art ſei, aber da er ein Bär hieß, und ſie ſchon ſo viele andere Bären gejagt und er⸗ legt hatten, ſo glaubten ſie, dieſer werde eben ſo leicht zu beſiegen ſein als irgend einer ſeiner Vettern. Sie hatten ferner auch gehört, daß dieſe Thiere oft beim Anblick des Menſchen Reißaus nehmen, aber dieſe Geſchichten ſind trügeriſch. Die Bären, welche dies thun, ſind entweder junge Grislybären oder braune Exemplare des Ursus americanus, den man oft fälſch⸗ lich für den Grisly hält. Mit dem„alten Ephraim“ ſelbſt iſt die Sache eine ganz andere, wie wir ſchon geſagt haben. Beim An⸗ blick eines menſchlichen Feindes rennt der Grisly, an⸗ 43 38 ſtatt fortzulaufen, häufiger auf ihn zu, und greift ihn mit weit geöffnetem Rachen an, oft ohne auch nur im Mindeſten dazu gereizt worden zu ſein. Von dieſer Thatſache erhielten unſere Jäger faſt augenblicklich einen Beweis. Sie hatten einen weiten nur dünn mit Bäumen beſetzten Strich betreten. Dieſe Bäume waren aber ſo klein und ſtanden ſo weit aus einander, daß die Jäger hätten glauben können, ſie ſeien gepflanzt wor⸗ den und bildeten die Grenze irgend eines alten Obſt⸗ gartens. 1 Der auf dieſe Weiſe ſich auszeichnende Strich hatte ungefähr fünf bis ſechs Acker Flächeninhalt und war von derſelben Art Gebüſch umgeben, welches den größ⸗ ten Theil des Bodens dieſer Gegend bedeckte. Unter den dünnſtehenden Bäumen gab es weder Unterholz noch langes Gras, und ſie konnten zwiſchen den Stämmen nach jeder Richtung hin ſehen bis an den Rand des ringsumher wachſenden Geröhrichts. Während ſie ſo ruhig entlang gingen, ſchlug ein eigenthümliches Geräuſch an ihr Ohr und bewog ſie, plötzlich Halt zu machen. Es bewog ſie aber auch, ſich herumzudrehen, denn das Geräuſch ſchien von hinten zu kommen. Es glich dem haſtigen Athmen einer ſchwer an Engbrüſtigkeit leidenden Perſon, aber um ſo viel lauter, daß— wenn es von einer menſchlichen Lunge ausgegangen wäre, es die eines engbrüſtigen Rieſen hätte ſein müſſen! Und es war in der That ein rieſiges Geſchöpf, wel⸗ ches das Geräuſch hervorbrachte, denn es war nichts mehr und nichts weniger als ein Grislybär. Auch war es nicht einer allein, ſondern ein paar dieſer ungeheuern Thiere— ein Männchen und ein Weibchen ohne Zweifel— zeigte ſich in dieſem Augen⸗ blick am Rande des Dickichts, aus welchem die Jäger ſo eben herausgekommen waren. Beide ſtanden auf den Hinterbeinen und beide gaben das ſeltſame ſchnaubende Geräuſch von ſich, welches die Aufmerkſamkeit der Jäger erweckt hatte. Auch noch andere Töne miſchten ſich jetzt mit die⸗ ſem— ein lautes und zorniges Brummen und Knur⸗ ren— und aus den Geberden, welche die Bären mach⸗ ten, ging hervor, daß ſie die drei Jäger auf dem freien Platze nicht blos ſahen, ſondern ſie vielleicht in der Ab⸗ ſicht recognoscirten, einen Angriff auf ſie zu machen! Unſere Jäger waren nicht wenig verblüfft. Sie hatten wenigſtens erwartet, daß ihnen bei einem etwa ſtattfindenden Kampfe die Initiative überlaſſen bleiben werde, jetzt aber ſahen ſie, daß ſie anſtatt die Angreifer zu ſein, höchſt wahrſcheinlich die Angegriffenen werden würden. Sie hatten aber keine Zeit zu langer Ueberlegung, denn die Bären fielen, nachdem ſie anſcheinend genug drohende Demonſtrationen gemacht zu haben glaubten, auf alle Viere nieder und kamen herangaloppirt— ſaſ ſo ſchnell als Pferde hätten thun können. 3 45 Die drei Jäger gaben alle gleichzeitig Feuer und nicht ohne Wirkung, denn einer der Bären fiel unter ihren Kugeln. Es war der kleinere— der vorderſte. Ohne ſich vorher beſprochen zu haben, hatten ſie alle auf ein und daſſelbe Thier gezielt und das gewählt, welches das nächſte war, und dies war ein Unglück, denn hätte einer von ihnen auf den andern und größe⸗ ren gezielt, ſo hätten ſie ihm vielleicht eine Wunde bei⸗ gebracht, die ihn wenigſtens kampfunfähig gemacht hätte. So aber war weder nach ihm geſchoſſen, noch er getroffen worden und der Fall ſeiner Genoſſin— denn es war das Männchen, welches noch lebte— ſetzte ihn in ſolche Wuth, daß er heranſtürzte mit dem feſten Vorſatze, Tod und Verderben unter den Feinden zu verbreiten, die ihn auf dieſe Weiſe beraubt hatten. Es war ein Glück, daß er einen Augenblick bei ſeiner Genoſſin ſtehen blieb. Er that dies, wie um ſich zu überzeugen, daß ſie todt ſei. Es war blos einen Augenblick, aber ein koſtbarer Augenblick für alle drei Jäger. Sie erhielten dadurch hinreichend Zeit, ſich auf einen Baum zu retten, indem jeder auf den zuſprang, der ihm der nächſte war. Alexis und Iwan, die jung und behend waren, führten dies mit leichter Mühe aus, Puſchkin aber koſtete es keine kleine Anſtrengung, die er überdies noch beinahe ganz vergebens gemacht hätte. Er hatte ſeine Arme um einen Aſt geſchlungen und zog ſeine großen geſtiefelten Beine nach; ehe er ſie aber noch hoch genug bringen konnte, war der Bär auch ſchon da und bäumte ſich in die Höhe, um ihn zu packen. Zwan und Alexis ſtießen gleichzeitig einen Ruf des Schreckens aus. Sie ſahen die zottigen Arme des Vierfüßlers die Beine ihres treuen Dieners und Be⸗ gleiters umſchlingen und erwarteten, Puſchkin im näch⸗ ſten Augenblick von dem Baume herunter gezerrt zu ſehen. Wie groß war daher ihre Freude und ihr Erſtau⸗ nen, als ſie auf einmal den Bären rücklings niederſtür⸗ zen ſahen, und zwar mit einem der großen Stiefel des ehemaligen Gardiſten feſt zwiſchen den Tatzen, während Puſchkin ſelbſt weiter hinauf bis unter die oberſten Aeſte des Baumes kletterte. Ein Freudenruf folgte auf den Angſtſchrei, den ſie ſo eben ausgeſtoßen, und ohne weiter ein Wort zu ver⸗ lieren, beeilten ſich alle drei, ihre Gewehre wieder zu laden. Mittlerweile ſchien der in ſeiner Erwartung ge⸗ täuſchte Bär entſchloſſen, ſich an dem Stiefel zu rächen, und fuhr einige Secunden lang fort, daran herumzu⸗ reißen— mit den Zähnen ſowohl als Klauen— bis nichts mehr von der urſprünglichen Form zu ſehen war. Dann ſtreuete er die Bruchſtücke auf dem Boden umher, ſtand von dieſer zwecklofen Beſchäftigung ab und rannte wieder nach dem Stamme des Baumes zu⸗ rück, auf welchen Puſchkin geklettert war. Er wußte— denn er hatte es oft verſucht— daß 47 er nicht klettern konnte, auch verſuchte er nicht es zu thun, ſondern faßte den ſchlanken Stamm in ſeine mäch⸗ tigen Tatzen und ſchüttelte den Baum hin und her, als ob er ihn mit der Wurzel herausreißen oder umbrechen wollte. Eine Zeit lang waren unſere Jäger nicht ohne Be⸗ ſorgniß, daß es ihm gelingen möchte. Der Baum war nicht ſtärker als ein gewöhnlicher Birnbaum und ſein Stamm vibrirte von einer Seite zur andern und bog ſich ſo weit über, daß man die Wurzeln unter der Erde knacken und reißen hörte. Puſchkin, der hoch oben ſaß, ward hin und her⸗ geſchleudert— ein Federball zwiſchen zwei Schlägern — und er hatte alle Hände voll zu thun, um ſich unter den Aeſten feſtzuhalten, ſo daß er nicht daran denken konnte, ſeine Flinte fertig zu laden, womit er erſt halb zu Stande war, als das Schütteln begann. Wäre er allein geweſen, ſo hätte er ſicherlich in großer Gefahr geſchwebt, denn im Laufe der Zeit würde der Bär den Baum ſicherlich umgeriſſen haben. Meiſter Braun's Bemühungen nahmen jedoch ein plötzliches Ende, denn Iwan und Alexis, welche ihre Gewehre nun wieder geladen hatten, zielten ſorgfältig, und ſendeten beide ihre Kugeln in den Körper des Thieres. Einer der beiden Schüſſe mußte ihn tödtlich ge⸗ troffen haben, denn als er ihn erhielt, ließ er den Baum los, ſiel aus ſeiner aufrechten Haltung nieder, ——, rollte ſich am Fuße des Baumes zuſammen und ſah aus, als ob er plötzlich eingeſchlafen wäre! Der rothe Strom aber, der aus ſeinem noch offen⸗ ſtehenden Rachen hervorquoll, verrieth, daß es der Schlaf des Todes war, der ihn ereilt hatte. Unſere Jäger, die überzeugt waren, daß beide Bären ſich nicht wieder rühren würden, ſtiegen nun von ihren Bäumen herunter, der Anblick Puſchkin's aber, mit einem Bein im bloßen Strumpf und das andere bis an den Schenkel in einem großen Stiefel ſteckend, wäre ſelbſt für den Ernſt eines Vehmrichters zu viel geweſen, und die jungen Herren machten ſich abermals auf ſeine Koſten luſtig. Nachdem ſie die Bären abgehäutet, kehrten ſie mit ihrer Beute nach dem Fort zurück— zum nicht ge⸗ ringen Erſtaunen einiger der alten Trapper, die hier ſtationirt waren. Sie konnten kaum glauben, daß dieſe jungen Fremdlinge im Stande geweſen ſeien, eine ſolche Heldenthat, wie das Erlegen zweier völlig aus⸗ gewachſener Grislybären, zu vollbringen. Dennoch aber war es— wie die Trophäen be⸗ zeugten— geſchehen, und wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß unſere jungen Jäger durch dieſe tapfere That ſich die„goldene Meinung“ der„Gebirgs⸗ männer“ erwarben. Sie empfanden indeſſen keinen Wunſch, noch einen Kampf dieſer Art zu verſuchen. Sie waren nun voll⸗ kommen von der großen Gefahr überzeugt, die bei 49 einer Begegnung mit dem„alten Ephraim“ zu erwarten ſtand, und freueten ſich nur zu ſehr, daß es in ihrer Macht ſtand, bei allen künftigen Gelegenheiten das Beiſpiel anderer Reiſenden nachzuahmen und dem Grisly ſo weit als möglich aus dem Wege zu gehen. Ueberhaupt würden ſie auch, ſelbſt wenn ſie es ge⸗ wünſcht hätten, nun keine Gelegenheit mehr gehabt haben, der Bärenjagd in dieſer Gegend obzuliegen, denn die„Boot⸗“ brigade, mit welcher ſie reiſten, brach am nächſten Tage nach Fort⸗Pelly auf und es war für ſie nothwendig, dieſelbe zu begleiten, da ſie die Reiſe auf keine andere Weiſe machen konnten. Wohlbehalten langten ſie an dem letztgenannten DOrte an und konnten mit einigen eingeborenen Handels⸗ leuten, die zufällig in dem Fort waren, weiter nach der ruſſiſchen Niederlaſſung Sitka reiſen, wo der magiſche Brief, den Alexis in ſeiner Taſche trug, ihnen die gaſt⸗ freieſte Aufnahme verſchaffte, die ein ſo abgelegener Platz bieten konnte. Sie waren unterwegs ſo glücklich geweſen, ſich ein Fell von dem Zimmet⸗Bären zu verſchaffen— eben ſo wie eins von ſchwarzer Farbe mit einer weißen Bruſt, welche Alexis beide als bloße Abarten des Ursus ameri- canus erkannte. Dieſe Abarten ſieht man zuweilen in den öſtlichen Diſtrikten der Felſengebirge, aber noch weit häufiger ſind ſie in allen Ländern längs des Stillen⸗Welt⸗ meeres— und beſonders in Ruſſiſch⸗Amerika, wo die Meiſter Braun. III. 4 50 zimmetbraune Art gewöhnlich der„rothe Bär“ ge⸗ nannt wird. Sie kommen übrigens auch auf den Aleutiſchen Inſeln vor, und ſehr wahrſcheinlich auch in Japan und Kamtſchatka— in welchem letztern Lande die Bären außerordentlich zahlreich ſind— augenſcheinlich von mehreren Gattungen, die aber in verworrener Weiſe be⸗ ſchrieben und claſſificirt worden ſind. Unglücklicherweiſe haben die ruſſiſchen Phyſiker— deren beſondere Aufgabe es geweſen iſt, die Naturge⸗ ſchichte der an der Nordküſte des Stillen⸗Meeres liegen⸗ den Länder bekannt zu machen— dieſer Pflicht nur auf oberflächliche und kindiſche Weiſe genügt. 51. Capitel. Die Kamtſchadalen. Der Bär von Kamtſchatka war nun der nächſte, der ab⸗ gehäutet werden mußte. Ehe man aber einen abhäuten kann, muß man einen erlegen, und bevor man einen ſolchen erlegen kann, muß man nach Kantſchatka gehen. Nach Kamtſchatka zu gelangen, war nicht ſo ſchwer, wie es dem Ohre vielleicht klingt. Unſere Reiſenden befanden ſich gerade an dem Orte, von wo es möglich war, direct nach dieſer aſiatiſchen Niederlaſſung zu kommen. Der ruſſiſchen Pelz⸗Compagnie gehörige Schiffe ſammeln alle Jahre die Pelze längs der nordweſtlichen Küſte von Amerika und unter den Fuchs⸗ und Aleuti⸗ ſchen Inſeln. Sitka iſt der Hafen, wo ſie ſich treffen. 4* 52 Von hier nach dem Hafen von St. Peter und St. Paul(Petropawlowski) an der Küſte von Kamt⸗ ſchatka gehend, vervollſtändigen ſie ihre Ladungen mit der„Fell⸗Ernte“, welche während des Winters auf der ganzen Halbinſel geſammelt worden iſt. Von hier wird ein Theil dieſer Felle nach China gebracht— beſonders Zobelfelle, welche die chineſiſchen Mandarinen zum Verbrämen ihrer koſtbaren Gewänder verwenden, und wofür Thee, Seidenſtoffe, lackirte Waaren und andere chineſiſche Producte eingetauſcht werden. Auch die Japaneſen und andere wohlhabende orienta⸗ liſche Nationen kaufen bedeutende Quantitäten koſtbarer Pelze; der bei weitem größere Theil dieſes Produkts aber wird von den Ruſſen ſelbſt conſumirt, in deren kaltem Klima irgend eine Art Pelzrock faſt eine Noth⸗ wendigkeit iſt. Selbſt die meiſten der von der Hudſon's⸗Bay⸗Com⸗ pagnie geſammelten Pelze finden den Weg nach Ruß⸗ land, denn in Großbritannien iſt der Verbrauch dieſer Waaren, im Vergleich zu dem vieler anderer Luxus-⸗ artikel, außerordentlich beſchränkt. In dem Pelzſchiff reiſten unſere Freunde von Sitka nach dem Hafen Petropawlowski, welcher an der Awatſcha⸗ Bay, nahe am ſüdlichen Ende der Halbinſel, liegt. Da die Awatſcha⸗Bay beinahe ringsum von Land umſchloſſen iſt, ſo bildet ſie einen der ruhigſten und ſicherſten Häfen auf dieſer Seite des Stillen⸗Meeres. * 53 Unglücklicherweiſe aber gefriert ſie während des Win⸗ ters zu, und dann können Schiffe weder hinein noch heraus. Das Schiff, auf welchem ſich unſere Abenteurer be⸗ fanden, kam ſpät im Frühling in Petropawlowski an, da aber der Winter ungewöhnlich lange gedauert hatte, ſo war die Bay noch vom Eis verſperrt, und das Schiff konnte nicht ganz bis an die kleine Stadt hinankommen. Dies hinderte ſie jedoch nicht, zu landen. Hunde⸗ ſchliiten wurden von den Einwohnern auf das Eis herausgebracht, und auf dieſen unſere Reiſenden nach der Stadt oder dem„Oſtrog“, wie man es nennt, transportirt. In Petropawlowski boten ſich der Beobachtung un⸗ ſerer Reiſenden viele ſeltſame Gegenſtände und Ge⸗ bräuche dar.— So ſahen ſie z. B. nicht weniger als drei Arten Häuſer. Erſtens die„Isbas“, von rohen Baumſtäm⸗ men erbauet und den amerikaniſchen Blockhäuſern nicht unähnlich. Dies ſind die beſten Wohnungen und ge⸗ hören den hier ſich aufhaltenden Kaufleuten und Be⸗ amten, eben ſo wie den Koſackenoffizieren, welche auf Befehl der ruſſiſchen Regierung in Kamtſchatka ſtatio⸗ nirt ſind. Die eingeborenen Kamtſchadalen haben zwei Arten von Häuſern— eins für den Sommer, den„Balagan“, und ein zweites, in welches ſie ſich während des Win⸗ ters zurückziehen, und welches der„Dſchurt“ genannt wird.. Der Balagan iſt von Stangen und einem Stroh⸗ dach auf einer hohen Platform erbauet, zu welcher der Kamtſchadale mittelſt eines mit Kerben verſehenen Baum⸗ Stockwerk. Dieſes beſteht einfach aus dem ſchrägen Strohdach— mit einem Loch oben, um den Rauch hindurchzulaſſen. Ein ſolches Haus hat viel Aehnlich⸗ keit mit einem einfachen Zelt oder einem auf ein hohes Gerüſt gebauten Heuhaufen. Der Raum unter der Platform bleibt offen und dient als Magazin für die getrockneten Fiſche, welche das Hauptnahrungsmittel aller Einwohnerklaſſen von Kamtſchatka ſind. Hier werden auch die Schlitten und das Schlittengeſchirr aufbewahrt, und die Hunde, von welchen jede Familie eine zahlreiche Meute beſitzt, be⸗ nutzen dieſes untere Stockwerk als Schlafgemacht anderer Bauart. Es iſt ein großes, acht bis zehn Fuß tief in den Boden gegrabenes Loch, rund herum an den Wänden mit Holz ausgeſchlagen, und oben, ober⸗ halb der Bodenfläche, mit einem Dache verſehen, ſo daß es wie die runde Kuppel eines großen Backofens aus⸗ ſieht. Ein ganz oben angebrachtes Loch dient als Schorn⸗ ſtein, aber auch als Thür, denn es giebt keinen andern Zugang zu dem Dſchurt, und in das Innere gelangt 1 ſtammes hinaufklettert. Das Haus ſelbſt hat nur ein 2 Das Winterhaus, der„Dſchurt“, iſt von ganz 55 man, indem man einen mit Einſchnitten verſehenen Baum hinabſteigt— gerade ſo, wie man bei dem Ba⸗ lagan an einem ſolchen Baume hinaufſteigt. Die ſeltſamen Pelztrachten der Kamtſchadalen,— ihre mageren gelblich⸗weißen Hunde, die viel Aehnlichkeit mit der pommerſchen Race haben; ihre Hundeſchlitten, deren ſie ſich zum Reiſen im Winter bedienen; die Sitten und Gebräuche dieſes eigenthümlichen Volks— alles dies war ein intereſſantes Studium für unſere Reiſenden und bereicherte ihr Tagebuch mit Notizen und Bemerkungen. Wir finden hier aufgezeichnet, wie dieſe Leute ihre Zeit zubringen und ihren Lebensunterhalt erwerben. Ackerbau wird von ihnen ſehr wenig getrieben, denn das Klima iſt dem Anbau von Brodfrüchten nicht günſtig. In einigen Gegenden bauet man Gerſte und Roggen, aber nur in ſehr beſchränktem Maße. Das Zuchtvieh iſt auch ſelten— nur einige ruſſi⸗ ſche und koſackiſche Anſiedler halten ſolches— und Pferde ſind ebenſo rar. Letztere gehören faſt ausſchließlich den Beamten der Regierung und werden zu Regierungs⸗ zwecken verwendet. Das gemeine Volk oder die Eingeborenen nähren ſich faſt ausſchließlich von Fiſchen. Ihre Seen und Flüſſe liefern ihnen dieſelben im Ueberfluß und der ganze Sommer wird zum Einfangen und Trocknen dieſer Thiere zum Vorrath für den Winter verwendet. Hierzu kommen auch noch verſchiedene vegetabiliſche 56 Erzeugniſſe— Wurzeln und Beeren und ſelbſt die Rinde von Bäumen, welche alle mit den getrockneten Fiſchen genoſſen werden. Wilde Thiere liefern ebenfalls einen Theil ihres Lebensunterhalts, und mit den Fellen derſelben— be⸗ ſonders des Zobels— bezahlen die Bewohner ihre * jährliche Abgabe oder Steuer an die ruſſiſche Regie⸗ rung.— Auch ihre Kleidung wird ihnen hauptſächlich von dem Thierreiche geliefert, eben ſo wie viele andere Gegenſtände, deren ſie in ihrer Haushaltung bedürfen. Die Halbinſel iſt reich an pelztragenden Vierfüß⸗ lern, und einige derſelben liefern die allerbeſte Qualität von Pelzen, welche der Handel kennt. Der Zobel von Kamtſchatka iſt von der vorzüglichſten Art, eben ſo wie auch viele Fuchsarten. Außerdem giebt es hier den Wolverin und den Wolf, den Hermelin und Polarfuchs, das Murmel⸗ thier und den Polarhaſen und verſchiedene kleinere Thiere, welche Pelze von commerziellem Werthe liefern. —— Die Meerotter iſt an den Küſten von Kamtſchatka ſehr häufig und iſt ebenfalls ein Gegenſtand der Jagd, denn ihr Fell gehört mit zu den koſtbarſten und theuer⸗ ſten Pelzwaaren. 3 Das große Argali oder wilde Schaf und das Renn⸗ thier liefern Fleiſch und Felle; einer der Hauptgegen⸗ ſtände der Jagd aber iſt jener große Vierfüßler, um —— 57 2 deſſen willen Puſchkin und ſeine Herren dieſe ganze weite Reiſe nach Kamtſchatka gemacht hatten— der Bär. Es konnte ihnen nicht ſchwer fallen, ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen, denn vielleicht in keinem anderen Lande der Welt iſt Meiſter Braun's Familie verhältnißmäßig ſo ſtark vertreten, als eben auf dieſer Halbinſel. — 52. Capitel. Fiſchfangende Bären.* Chhe unſere Jäger ſich aufmachten, um den Bären von Kamtſchatka aufzuſuchen, ſammelten ſie Alles, was ſie in Bezug auf den Aufenthalt und die Lebensgewohn⸗ heiten dieſes Thiers erfahren konnten. Sie erfuhren, daß es wenigſtens zwei Arten gab, die den Kurilski⸗ und Koriac⸗Jägern bekannt waren. Die eine davon war— die gewöhnlichere Art— ein brauner Bär, der viel Aehnlichkeit mit dem Ursus arctos hat; und die andere ebenfalls ein brauner Bär, aber mit einer weißlichen Bläſſe, die ſich von dem unteren Theile des Halſes heraufzieht, und wie ein Kragen oder eine Krauſe über ſeinen Schultern zuſammenſtößt. Dieſe letztere Art war unzweifelhaft die, welche unter — 59 dem Namen des„ſibiriſchen Bären“(Ursus collaris) bekannt iſt und ein ausgedehntes Bereich in den meiſten Ländern des nördlichen Aſiens hat. Die eingeborenen Jäger erklärten, dieſe beiden Arten hätten beinahe ganz gleiche Lebensgewohnheiten. Beide ſchlafen während des Winters, wobei ſie ſich ſchlau in Höhlen und Felſenſpalten oder zwiſchen umgefallenen Bäumen verbergen, wo ſich deren in hinreichender Quan⸗ tität vorfinden, um ihnen Schutz zu gewähren. Eine bemerkenswerthe Gewohnheit dieſer Bären deutet auf einen ſehr erheblichen Unterſchied zwiſchen ihnen und dem Ursus arctos, mit welchem ſie gewöhn⸗ lich in eine Klaſſe zuſammengeworfen worden, und dieſe Gewohnheit beſteht darin, daß ſie fiſchfangende Bären ſind, d. h. ſich faſt ausſchließlich von Fiſchen nähren, welche ſie ſich ſelbſt fangen. Da ſie während des Winterſchlafes natürlich nichts freſſen, begeben ſie ſich im Frühling, ſobald ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen, ſofort nach einem der zahlreichen Flüſſe oder Seen, an welchen dieſes Land Ueberfluß hat, und an den Ufern derſelben auf⸗ und abſchweifend oder in das Waſſer ſelbſt hinein⸗ watend, verbringen ſie ihre ganze Zeit mit Angeln nach Forellen und Lachſen. Hier ſind die Bären durch die ungeheuere Anzahl der Fiſche und durch die Seichtigkeit des Waſſers in den meiſten Seen und Flüſſen in den Stand geſetzt, faſt nach Auswahl und ſo viel ſie wollen zu fangen. — 60 Sie waten in das Waſſer mitten in die hin⸗ und herſchießenden Fiſche hinein und ſchlagen ſie mit ihren Tatzen todt. Die Fiſche ſind augenblicklich eben ſo leblos als ob ſie geſpießt worden wären, und die Bären fangen ſie zu gewiſſen Zeiten in ſolchen Maſſen, daß ſie wähleriſch werden und blos einen Theil von jedem Fiſch verzehren! Eine ſeltſame Vorliebe zeigen ſie dabei gerade für den Theil, welcher gewöhnlich als ungenießbar betrach⸗ tet wird, nämlich den Kopf, während ſie den Schwanz, nebſt einem beträchtlichen Theile des Körpers, unbe⸗ rührt laſſen. Die verſchmäheten Theile gehen deswegen jedoch nicht verloren, denn ein anderes Thier, welches noch hungriger iſt als die Bären und in der Kunſt des Fiſch⸗ fangs weniger geübt, ſucht zu dieſer Zeit ebenfalls einen Fiſchſchmaus. Dieſes Thier iſt der kamtſchatkiſche Hund— nicht eine wilde Gattung, wie man vielleicht vermuthet, ſon⸗ dern der dreſſirte Schlittenhund der Kamtſchadalen ſelbſt, der zu dieſer Zeit die„Oſtrogs“ oder Dörfer verläßt und ſich an die Ufer der Seen und Flüſſe begiebt. Hier bleibt er während des ganzen Sommers, nährt ſich von Fiſchen— die er auch zu fangen verſteht— und frißt zumeiſt die Theile, welche die Bären verſchmähen. Es iſt dies überhaupt die einzige Nahrung, welche dieſe armen Hunde bekommen können, und da ſie wäh⸗ rend des Sommers nicht gebraucht werden, ſo fällt es 61 ihnen nicht ein, eher nach Hauſe zu gehen, als bis der Froſt ſich einſtellt. Dann kehren ſie ſeltſamerweiſe ſammt und ſonders freiwillig zurück und überliefern ſich ihren alten Herren, und zwar ſtrengen Herren, die ſie nicht blos den ganzen Winter hindurch zur Arbeit anhalten wie Sklaven, ſon⸗ dern auch halb verhungern laſſen. Dieſe freiwillige Unterwerfung unter ihr„Joch“ iſt als ein Beweis der vollendeten Dreſſur und treuen An⸗ hänglichkeit des kamtſchatkiſchen Hundes angeführt wor⸗ den, aber ſie hat ihren Urſprung in einem ganz anderen Beweggrunde als bloßer Treue. Ihre Rückkehr zu dem gemüthlichen Obdach des „Balagan“ iſt einfach ein Inſtinkt der Selbſterhaltung, denn die klugen Thiere wiſſen recht wohl, daß im Win⸗ ter die Seen und Flüſſe vollſtändig zufrieren, und woll⸗ ten ſie draußen im Freien bleiben, ſo müßten ſie vor Hunger oder Kälte unbedingt umkommen. Selbſt die elende Winterkoſt von Fiſchköpfen und Eingeweiden— die einzigen Broſamen, die für ſie ab⸗ fallen— iſt beſſer als gar nichts, wenn ſie draußen unter den kahlen Schneehügeln und Thälern von Kamt⸗ ſchatka bleiben wollten. Die Kamtſchadalen haben verſchiedene Methoden, den Bären zu erlegen. Zu Anfange des Winters fin⸗ den ſie ſeine Spur zuweilen im Schnee, verfolgen ihn dann mit Schießgewehr und Bärenſpieß, und tödten ihn ſo gut ſie können. 62 Später, wenn er in ſeinem Lager eingeſchlafen iſt,. findet man ihn oft auf dieſelben Andeutungen hin, welche die Lappländer, nordamerikaniſchen Indianer und Eski⸗ mos leiten— wie z. B. die durch ſeinen Athem er⸗ zeugte, über dem Platze ſchwebende Wolke von ge⸗ frorenem Dunſt, oder dadurch, daß ihre Jagdhunde ihn auswittern und an dem Eingange des Verſtecks bellen. Auch die ſogenannte Klotzfalle iſt bei den kamtſchat⸗ kiſchen Jägern im Gebrauch, eben ſo wie der um die Höhle eines Bären errichtete Palliſadenzaun, durch wel⸗ chen er abgeſperrt wird, bis ein Eingang in die Höhle von oben hinein gegraben werden kann. Im Sommer dagegen befolgt man eine andere Me⸗ thode. Dann liegt der Jäger im Hinterhalt mit ge⸗ ladener Büchſe— denn der Kamtſchadale führt dieſe Waffe— und lauert dem Bären an den Orten auf, welche er zu paſſiren pflegt.— Dieſe Orte ſind an den Ufern der Flüſſe und Seen, welche Ueberfluß an Fiſchen haben, und da die Bären fortwährend ſich am Rande des Waſſers herumtreiben, oder auch darin herumſchwimmen oder waten, ſo kann der geduldige Jäger mit Sicherheit darauf rechnen, zum Schuß zu kommen. Sollte es ihm indeſſen nicht gelingen, Meiſter Braun auf den erſten Schuß zu erlegen, ſo wird die Beute unſicher und zuweilen gefährlich, da das Thier dann oft auf den Jäger losgeht. Obſchon ſelbſt der Letztere unter dem hohen Schilf 63 und Geröhricht verſteckt iſt, ſo findet doch der kluge Bär, von dem Rauch und dem Pulverblitz geführt, ſeinen Angreifer ſehr bald. Der Jäger feuert jedoch niemals, ohne vorher ruhig und beſonnen gezielt zu haben. Er führt ſtets einen gabelförmigen Stock, auf welchen er ſein Gewehr auf⸗ legt, und ſchießt nie aus freier Hand. Fehlt er, ſo ge⸗ fährdet er nicht blos ſein Leben und riskirt den Verluſt ſeiner Beute, ſondern auch— was für einen Kamt⸗ ſchadalen von Wichtigkeit iſt— den Verluſt ſeines Pul⸗ vers und Bleies, was in dieſem abgelegenen Winkel der Erde koſtbare Artikel ſind. Im Falle, daß ſein Schuß fehlt, hat er noch ſeinen Bärenſpieß und ein langes Meſſer als letzte Hülfsmittel. Mit dieſen vertheidigt er ſich, ſo gut er kann— ob⸗ ſchon Meiſter Braun nicht ſelten der Sieger und der Jäger das Opfer wird. Es giebt gewiſſe Zeiten, wo es außerordentlich ge⸗ fährlich iſt, den ſibiriſchen Bären zu nahe zu kommen. Die Brunſtzeit— welche in den letztern Theil des Sommers fällt— iſt eine dieſer Perioden; aber es giebt auch noch eine andere, die jedoch nicht alle Jahre vorkommt. Wenn der Frühling nämlich— in Folge eines langen Winters— ſehr ſpät eintritt und, nachdem die Bären bereits aus ihren Verſtecken hervorgekommen, die Flüſſe und Ströme noch zugefroren ſind, dann thut 64 man wohl, Meiſter Braun weit aus dem Wege zu gehen. Die grimmigen, aus Mangel an ihrer gewöhnlichen Fiſchkoſt halb verhungerten Thiere durchſtreifen das Land nach allen Richtungen und nähern ſich furchtlos den „Oſtrogs“, wo ſie ſich bis an die Balagans und Dſchurts wagen, um etwas zu freſſen zu ſuchen. Wehe dem Kantſchadalen, der ihnen zu dieſer Zeit in den Weg kommt, denn der Bär wird, anſtatt zu warten, bis man ihn angreift, ſelbſt der Angreifer, und da dieſe Thiere oft in großer Anzahl mit einander herumſchweifen, ſo iſt eine Begegnung mit ihnen na⸗ türlich nur um ſo gefährlicher. Gerade ein ſolcher Frühling war es, in welchem unſere jungen Jäger in Petropawlowski ankamen, und Geſchichten von zahlreichen Bärenkämpfen, welche kürz⸗ lich in dieſer Gegend ſtattgefunden, wurden im Dorfe erzählt, während die Anzahl friſcher Häute, welche die Kurilski⸗Jäger jeden Tag einbrachten, bewieſen, daß die Bären in der Umgegend nicht anders als ungemein zahlreich ſein konnten. Von einem dieſer Jäger geführt, machte unſere Ge⸗ ſellſchaft ſich zu einer Suche auf. Der Schnee bedeckte noch den Boden und ſie reiſten natürlich in Schlitten. Jeder hatte einen für ſich allein, der nach dem Gebrauche des Landes von fünf Hunden gezogen ward. 3 Die Hunde werden zwei und zwei neben einander — — geſpannt und der letzte voran. Jeder hat ſein Kummet von Bärenfell mit einem Lederriemen als Strang, und fünf ſind hinreichend, um den kleinen Schlitten mit einem Mann darin zu ziehen. Der Schlitten, Saunka genannt, iſt nicht ganz vier Fuß lang und, da er von dem leichteſten Birkenholz gefertigt iſt, von ſehr geringem Gewicht. Ein krummer Stecken, der Oschtol genannt— mit einer eiſernen Spitze und kleinen Klingeln am anderen Ende— dient, um die Hunde zu lenken, und dadurch, ſo wie durch die wohlbekannten Ausrufungen ihres Füh⸗ rers angetrieben, legen ſie in einer Stunde mehrere Meilen zurück. In dieſem gebrechlichen Fuhrwerk geht es über Hügel, Thäler, Seen und Flüſſe, ohne daß an etwas wie eine Straße zu denken wäre, und wenn die Hunde gut ſind und reichlich gefüttert werden, ſo kann man mit ihnen in einem Tage eine ganz unglaubliche Entfernung zurück⸗ legen. In weniger als einer Stunde nach ihrer Abfahrt von Petropawlowski hatten unſere Jäger ſchon die wil⸗ deſte Umgebung erreicht, wo nicht die mindeſte Spur von Cultur oder menſchlicher Wohnung zu ſehen war, und wo ſie jeden Augenblick erwarten konnten, ihres großen Wildes anſichtig zu werden. Meiſter Braun. III. —· 53. Napitel. Das Hundefuhrwerk. — Der Führer führte ſie zu einem Fluſſe, welcher zehn oder zwölf engliſche Meilen von dem Oſtrog entfernt in die Bai fiel. An dieſem Fluſſe, ſagte er, könnten ſie mit ziem⸗ licher Sicherheit darauf rechnen, einen Bären, wo nicht deren mehrere zu finden, da an einer Stelle, wie ihm bekannt, das Waſſer nicht zugefroren ſei, und die Bären doort vielleicht Fiſche zu fangen ſuchten. Als man ihn fragte, warum dieſer beſondere Fluß nicht auch zugefroren ſei, wie die andern, ſagte er, daß in einiger Entfernung weiter hinauf warme Quellen ſeien— eine auf der Halbinſel Kamtſchatka ſehr häufig vorkommende Erſcheinung—, daß dieſe Quellen das 67 meiſte Waſſer des Fluſſes lieferten, und daß mehrere hundert Schritt lang der Fluß von dieſer Stelle an ſelbſt während des ſtrengſten Winters durch die Wärme dieſer Quellen offen gehalten würde. Dies iſt jedoch nicht während ſeines ganzen Laufes der Fall. Weiter hinunter, wo das Waſſer kühl ward, gefror es gerade wie in andern Flüſſen, und daß dies der Fall war, davon überzeugten ſich die Jäger, welche von der Eisfläche der Bai her die Mündung der Flüſſe erreichten und in ihren Schlitten das zugefrorene Bett hinaufglitten. Nachdem ſie dieſen zugefrorenen Fluß, welcher durch Kein ſchmales Thal mit ſteilen Abhängen führte, drei oder vier engliſche Meilen weit hinaufgefahren waren, machte der Führer ſie darauf aufmerkſam, daß ſie ſich nun dicht an der Stelle befänden, wo das Waſſer offen ſei. An dieſem Punkte zog ſich ein niedriger Hügelkamm quer durch das Thal und der Fluß hatte ſich im Laufe der Zeit einen Kanal hindurch gebahnt, dennoch aber entſtand durch dieſes Hinderniß ein Teich oder kleiner See von etwa ſechs Acker Flächeninhalt, der gerade darüber lag. Der Teich ſelbſt gefror nur ſelten; da aber das Waſſer längere Zeit darin verweilte oder träg hindurch⸗ floß, wodurch es Zeit gewann, abzukühlen, ſo gefror der unmittelbar darunter befindliche Fluß ſchon weit leichter. 68 Der See lag gleich auf der anderen Seite des Hügelkammes und ward den Blicken der Jäger nur durch die Anſteigung des Terrains entzogen. War er, wie der Führer vermuthete, nicht zugefroren, ſo ließ ſich vermuthen, daß ſich ein Bär am Rande deſſelben herumtreiben würde. Sie beſchloſſen daher, bei ihrer Annäherung die größte Vorſicht zu beobachten. Die Schlitten wurden nicht weiter mitgenommen. Unſere Jäger hatten nun ſowohl Hundeſchlitten als Schlittenhunde regieren gelernt. Ihre Erfahrung in Finnland ſowohl, als in den Ländern des Gebietes der Hudſon's⸗Bai hatte ſie dies gelehrt und in der Behand⸗ lung dieſer Thiere geſchickt gemacht, ſonſt würden ſie kaum im Stande geweſen ſein, ſo ſchnell von der Stelle zu kommen, wie dies jetzt der Fall war. Ja, ſie würden überhaupt gar nicht von der Stelle gekommen ſein, denn es bedarf einer ziemlichen Uebung, um einen Hundeſchlitten zu fahren. Dieſe Uebung hatten ſie ſich jedoch angeeignet— die Jünglinge ſowohl als Puſchkin— und dies war ein Glück, denn bald ſollten ſie in eine Lage verſetzt werden, in welcher ihr Leben von ihrer Geſchicklichkeit als Schlittenführer abhing. Die Hunde wurden hinter dem Hügelkamm, nahe am Boden des kleinen Abhangs zurückgelaſſen. Es ward ihnen ein Zeichen, welches dieſe wohldreſſirten Thiere vollkommen verſtanden, gegeben, daß ſie ruhig hier bleiben ſollten, und die Jäger— der Kurilski und 69 die Uebrigen— ſtiegen, ſich ſchußfertig haltend, nach der Höhe des Abhangs hinauf. Es war keine andere Deckung da, als welche durch die Ungleichheit des Terrains gewährt ward. Es gab keine Bäume in dem Thal nur verkümmerte Ge⸗ büſche, von kaum halber Manneshöhe und obendrein faſt bis an die Gipfel in Schnee begraben. Einige jedoch ſtanden auch längs des Kammes der Anhöhe. Die Jäger krochen auf allen Vieren bis an dieſe Sträucher hin und lugten vorſichtig durch die Zweige derſelben hindurch. Der ungeduldige Jwan war der Erſte, der hin⸗ durchſchaute, und das, was er ſah, überraſchte ihn der⸗ maßen, daß er faſt keines Wortes mächtig war. Er war in der That nicht im Stande, zu erklären, was er ſah,— bis die anderen Drei zur Stelle kamen und ebenfalls Augenzeugen des Schauſpiels wurden, welches ihn in ſo großes Erſtaunen geſetzt hatte. Der See war, wie der Führer vermuthete, nicht zugefroren. Es ſchwammen einzelne Eisſtücken auf der Oberfläche herum, der größte Theil des Waſſers aber war offen und der Strom, der langſam auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite floß, war völlig frei von Eis oder Schnee. Der Führer hatte auch geſagt, daß ſie einen Bären, vielleicht ſogar zwei, ſehen würden. Es war dieſem Manne von beſcheidenen Anſprüchen nicht eingefallen, ——— 70 daß ſie zwölf ſehen könnten— und dennoch waren hier nicht weniger als zwölf Bären in Sicht! Ja, zwölf Bären— ſie ließen ſich ſo leicht zählen, wie Rinder— zeigten ſich an dem Ufer dieſes abge⸗ ſchloſſenen See's und an den Ufern des kleinen Fluſſes, der ſich in dieſen See ergoß— alle zuſammen nicht fünfhundert Schritt weit von einander entfernt. Es wäre in der That möglich geweſen, ſie für eine Heerde brauner Kühe oder Ochſen zu halten, hätten ſie ſich nicht in ſo vielen verſchiedenen Attitüden gezeigt. Einige ſtanden auf allen Vieren, andere aufrecht wie Menſchen, oder auf ihrem Hintertheile ſitzend wie rieſige Eichhörnchen— andere im Waſſer mit dem Körper halb darin— andere ſchwammen umher, ſo daß nur ihre Rücken und Köpfe über dem Waſſerſpiegel ſichtbar waren, und noch andere trieben ſich gemächlich an den Ufern oder auf dem Streifen ebenen Wieſenlandes herum, welcher das Ufer des See's bildete. Ein ſolcher Anblick hatte ſich unſern Bärenjägern — noch nicht dargeboten und bot ſich ihnen vielleicht auch nicht wieder dar— wenigſtens in keinem Lande außer Kamtſchatka ſelbſt. Hier iſt es keineswegs etwas Ungewöhnliches, und zwanzig Bären, anſtatt zwölf, ſind oft in einer einzigen Heerde beiſammen geſehen worden— nämlich zu der Zeit, wo ſie aus ihren Schlupfwinkeln im Gebirge herabkommen, um ihre Lieblingsplätze an den Seen — 71 und Strömen aufzuſuchen und hier dem Fiſchfang ob⸗ zuliegen. Unſere Jäger wurden durch ein ſo unerwartetes Schauſpiel nicht wenig verblüfft und einige Augenblicke lang waren ſie unentſchloſſen, wie ſie zu Werke gehen ſollten. Zum Glück dienten die ſchon erwähnten Sträucher dazu, ſie den Blicken der Bären zu verbergen, und der Wind kam den Jägern entgegen— ſonſt würden die Bären, die eine ſehr ſcharfe Witterung haben, ihre Nähe bald entdeckt haben. So aber ſchien auch nicht einer von ihnen— obſchon mehrere ganz dicht an dem Hügel⸗ kamme waren— eine Vermuthung davon zu haben, daß der Feind ſo nahe war. Die rieſigen Vierfüßler ſchienen zu ſehr mit ihren eigenen Angelegenheiten— dem Fiſchfange— beſchäf⸗ tigt zu ſein. Einige verſchlangen begierig das, was ſie bereits gefangen, und andere wanderten unruhig hin und her, oder beobachteten aufmerkſam die Be⸗ wegungen der Fiſche im Waſſer. Alle ſahen ſehr grimmig und verhungert aus. Ihre Körper waren abgemagert und ihre ungeheuern Beine hatten ein dürres, knochiges Anſehen, was ihnen eine noch größere Aehnlichkeit mit Kühen verlieh,— aber mit halbverhungerten! zu. Capitet. 5 Eine Schlittenjagd. Jo habe geſagt, daß unſere Jäger eine Zeit lang unentſchloſſen waren, wie ſie zu Werke gehen ſollten. Der Kurilski war geneigt, ſich von dem Platze zurückzuziehen und die Bären in Ruhe zu laſſen, und dies war natürlich der Rath, den er den Anderen gab. Er ſagte, es möchte gefährlich ſein, ſie zu behelligen, da ſo viele beiſammen wären und auf ſo grimmiger Laune zu ſein ſchienen. Er wußte aus Erfahrung, daß ſie unter ſolchen Umſtänden einen Angriff auf eine große Anzahl Menſchen gemacht und ſie verfolgt hatten. Konn⸗ ten ſie daſſelbe nicht auch jetzt thun? Unſere Jäger maßen jedoch dieſer Geſchichte ihres Führers nicht vollſtändig Glauben bei und meinten, 73 dieſelbe habe ihren Urſprung wahrſcheinlich in der Furcht des Kurilski, der, wie ſie wußten, von einem ſchüch⸗ ternen Menſchenſchlage ſtammte. Deshalb beſchloſſen ſie, ſich nicht ſo ohne Weiteres wieder zurück zu ziehen. Die Gelegenheit war zu ver⸗ lockend, um auf einen ſo geringfügigen Grund hin und ohne einen Kampf aufgegeben zu werden. Es waren mehrere Bären von dem Platze aus, wo die Jäger knieeten, innerhalb ganz bequemer Schußweite! Eine ſolche Gelegenheit konnte man unmöglich un⸗ genützt laſſen. So trafen es die Jäger vielleicht nie wieder, oder auf alle Fälle konnte es lange dauern, ehe ſich wieder eine ſolche Gelegenheit darbot, und der Aufenthalt in Petropawlowski, ſelbſt in der„Isba“ des Gouverneurs— der ſelbſt blos Koſackenunteroffizier war und in einer bloßen Hütte wohnte— war nicht ſo angenehm, daß ſie ihn länger auszudehne gewünſcht hätten, als unbedingt nothwendig war. Sie waren nun ſchon lange durch mit Eis und Schnee bedeckte Länder gereiſt und ſehnten ſich, jene tropiſchen Inſeln zu erreichen, die ſo berühmt ſind wegen ihrer Gewürze und Naturſchönheiten, und welche die nächſte Station auf ihrer großen Reiſe um die Welt ſein ſollten. Von dieſen Gedanken beſeelt, beſchloſſen ſie daher, es auf alle Gefahren ankommen zu laſſen und einen Schuß auf die Bären zu verſuchen. Als der Kurilski ſie ſo feſt entſchloſſen ſah, gab er 74 nach, geſellte ſeine Büchſe zu den ihrigen, und eine Salve von vier gleichzeitigen Schüſſen krachte durch die Gebüſche. Zwei Bären ſtürzten und lagen dann ſtrampelnd auf dem Schnee, ob ſie aber ihr Strampeln noch lange fortſetzten, dies war eine Frage, worüber unſere Gäger keine beſtimmte Auskunft geben konnten. Sie verweilten nicht, um es zu ſehen, denn in dem Augenblick, wo der Pulverdampf ſich verzogen hatte, ſahen ſie die ganze Bande der Bären in Bewegung und von allen Seiten des See's auf ſie zuſtürzen. Das gellende wüthende Gekreiſch der Thiere und die Haſt, mit welcher ſie auf den Hügelkamm zugeeilt kamen, verrieth ihre Abſichten. Sie ſtürzten zum An⸗ griff! Die Bäger ſahen dies auf den erſten Blick und dachten nu⸗, blos an Flucht. Aber wohin ſollten ſie fliehen? Bäume waren nicht vorhanden, und wenn deren auch vorhanden geweſen wären, ſo hätten die Bären ſie ja noch beſſer zu erklettern verſtanden, als die Jäger ſelbſt. Zu beiden Seiten der Schlucht gab es nichis als ſteile kahle Felſenwände, die ihnen keinen Schutz ge⸗ währen konnten, ſelbſt wenn ihre mit Eis überzogenen Mauern hütten erklettert werden können. Aber dies konnten ſie nicht, und wäre es der Fall geweſen, ſo hätten die Bären ja die zelſenwünde ebenfalls erklettern können. 75 Unſere ruſſiſchen Jäger waren in größter Beſtürzung und würden vielleicht nicht gewußt haben, wie ſie ſich retten ſollten, wenn ſie nicht ihren Begleiter, den Ku⸗ rilski, mitgehabt hätten. Dieſer hatte eine Idee, oder es war vielmehr eine Frucht früherer Erfahrung— und gerade in dieſem Augenblick ſtürzte er den Abhang hinunter, indem er, während er dies that, den Andern zurief, ſo ſchnell als möglich nach ihren Schlitten zurück⸗ zueilen, weil dies die einzige Möglichkeit für ſie ſei, ſich zu retten. Natürlich fiel es Keinem ein, dieſem Rath zu wider⸗ ſprechen oder auch nur die Zweckmäßigkeit deſſelben in Zweifel zu ziehen. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſtürzte Jeder nach ſeinem Schlitten, ſprang auf die Kufen, ſetzte ſich raſch in die kleine halbmondförmige Wiege, ergriff die Zügel und trieb das Geſpann an. Wären die Hunde nicht gut dreſſirt und ihre Führer nicht eben ſo gut an die Handhabung eines Schlittens gewöhnt geweſen, ſo hätten ſie in der äußerſten Gefahr geſchwebt. Auch ſo hatten ſie— obſchon alle in beſter Ordnung und ohne Verwirrung ihre Plätze einnahmen— keine Secunde übrig. Die Bären galoppirten ſchon den Abhang herunter, und ſo wie der letzte Schlitten— welches der Puſchkin's war— ſich von dem Fuße des Hügelkammes entfernte, war der vorderſte der ſchnau⸗ benden Verfolger kaum noch zehn Schritt weit ent⸗ fernt! Nun galt es ein Wettrennen zwiſchen Bären und 76 Schlittenhunden, denn die Letztern wußten, daß ſie in eben ſo großer Gefahr ſchwebten als ihre Herren, und bedurften weder des Ausrufs: Ha! noch des Oſchtol, um ihre äußerſte Schnelligkeit aufzubieten. Dahin feg⸗ ten ſie über die feſtgefrorene Schneerinde und bewegten ihre Beine und Krallen mit der ihrer Race eigenthüm⸗ lichen Geſchwindigkeit. 84 Die Bären folgten mit einem gewiſſen ſchwerfälligen Galopp, aber trotz ihrer plumpen Bewegungen hielten ſie ſich lange dicht hinter den Flüchtlingen. Zum Glück beſaßen ſie nicht die Schnelligkeit der Hunde, und als ſie ſahen, daß ſie immer weiter zurück⸗ blieben, gaben ſie endlich einer nach dem andern die Jagd auf und begannen, obſchon langſam und an⸗ ſcheinend mit Widerſtreben, nach dem See zurückzu⸗ kehren. Gerade in dieſer Kriſis begegnete Puſchkin ein Un⸗ fall— oder er beging vielmehr einen Fehler— wel⸗ cher, wenn er ihn fünf Minuten früher begangen hätte, ihm ganz gewiß das Leben gekoſtet haben würde. Der Fehler, welchen Puſchkin beging, beſtand darin, daß er das eiſerne Ende ſeines Oſchtol auf die Schnee⸗ rinde zwiſchen ſeinen Schlitten und den demſelben am nächſten befindlichen beiden Hunden— den„Sattel⸗ pferden“, wie wir ſie nennen können— fallen ließ. Die Folge hiervon bei den kamtſchadaliſchen Schlitten⸗ hunden iſt, daß das ganze Geſpann Halt macht, und 7 4— dies thaten auch die Hunde, mit welchen Puſchkin fuhr, indem alle fünf mit einem Male ſtehen blieben. Puſchkin bemühete ſich, ſie wieder anzutreiben, in⸗ dem er das gewöhnliche Signal Ha! ſchrie. In ſeinem Eifer aber ſetzte er das hnach dem a, anſtatt vor daſſelbe, und anſtatt Ha! rief er ſonach Ah! Da nun der letztere Ruf für die Hunde der Befehl zum Haltmachen iſt, ſo blieben ſie natürlich nur deſto unverbrüchlicher ſtehen und rührten ſich nicht von der Stelle. Glücklicherweiſe hatten die Bären die Verfolgung ſchon aufgegeben und waren nicht Augenzeugen dieſer Unterbrechung, ſonſt wäre es dem alten Gardiſten trüb⸗ ſelig ergangen. Die Hunde ſetzten ſich endlich wieder in Gang, und Puſchkin, der ſie zu ihrer größten Schnelligkeit antrieb, holte bald die übrigen Schlitten ein, die nicht eher Halt machten, als bis ſich eine Meile ſchneebedecktes Land zwiſchen ihnen und den Bären befand. Nun hielten die Jäger eine kurze Weile an, um ihre keuchenden Hunde ein wenig verſchnaufen zu laſſen. Nachdem dies geſchehen, ſetzten ſie ſich wieder auf ihren Schlitten zurecht und fuhren weiter nach dem Oſtrog, ohne daß es ihnen eingefallen wäre, noch einmal nach den Bären umzukehren. Dennoch aber hatten ſie auch nicht die Abſicht, ganz auf ſie zu verzichten. Sie fuhren blos nach dem Dorfe zurück, um Beiſtand zu holen, und ſobald ſie hier er⸗ 78 zählt, was ſie geſehen, machten ſich ſämmtliche Männer der Niederlaſſung— Koſacken, Kurilskis und Miſch⸗ linge— bis an die Zähne bewaffnet, zu einer großen Treibjagd auf, und ſetzten ſich, mit dem Gouverneur ſelbſt an der Spitze, in Bewegung nach dem See. Die Bären waren noch an Ort und Stelle— die lebenden ſowohl als die todten— denn jetzt erſt ſah man, daß zwei von ihnen von den Kugeln unſerer Jäger niedergeſtreckt worden— und es ward auf die erſtern ſofort ein allgemeines Feuer eröffnet, welches mit ihrer gänzlichen Niederlage endete. Noch fünf wurden auf der Stelle getödtet, und mehrere andere, welche die Flucht ergriffen, wurden mittelſt ihrer Fährte durch den Schnee verfolgt und in ihren Verſtecken erlegt. Eine ganze Woche lang nachher wurden in dem Oſtrog Petropawlowski ſehr wenig Fiſche gegeſſen, denn ein ſolcher Carneval war ſeit langer Zeit nicht dageweſen. Natürlich erhielten unſere ruſſiſchen Jäger ihren Antheil an den Trophäen, und nachdem ſie die Haut eines der von ihnen ſelbſt erlegten Bären ausgewählt, übergaben ſie dieſelbe dem Gouverneur, damit er ſie über Ochotsk und Irkutsk nach der fernen Hauptſtadt Petersburg befördern möchte. Kurz darauf brachte das Pelzſchiff die Reiſenden nach Canton, von wo ſie hoffen konnten, mit einem chineſi⸗ ſchen Kauffahrer nach der großen Inſel Borneo zu ge⸗ langen. V 55. Capitel. Die„Sonnenbären.“ Es giebt in verſchiedenen Gegenden von Borneo chineſi⸗ ſche Niederlaſſungen, deren Bewohner größtentheils in den Gold⸗ und Antimoniumbergwerken arbeiten. Dieſe chineſiſchen Anſiedelungen ſtehen eben ſo, wie viele andere, auf den orientaliſchen Inſeln unter dem Schutze und der Leitung einer großen Handelsgeſell⸗ ſchaft, Namens Kung⸗-⸗Li, die einige Aehnlichkeit mit der engliſch-oſtindiſchen Compagnie hat. Auf Borneo iſt das Hauptquartier dieſer Handels⸗ geſellſchaft der Chineſen der Hafen und Fluß Sambos an der weſtlichen Küſte, obſchon ſie in verſchiedenen Theilen der Inſel auch noch viele andere Nieder⸗ laſſungen haben. 80 Natürlich findet zwiſchen dieſen Kolonien und Canton ein regelmäßiger Verkehr ſtatt, und es koſtete daher unſern Reiſenden keine große Mühe, mit einer chineſi⸗ ſchen Dſchonke, welche direct von Canton nach Sambos ging, nach Borneo zu gelangen. In Sambos giebt es auch eine holländiſche Nieder⸗ laſſung oder Factorei, welche der holländiſch⸗oſtindiſchen Compagnie gehört; dieſelbe hat auch noch zwei andere Stationen auf der. Inſel, die aber alle im Vergleich mit dem großen Umfange der Inſel ſelbſt ein ſehr be⸗ ſchränktes Gebiet einnehmen. Andere europäiſche Niederlaſſungen giebt es auf Borneo nicht, ausgenommen eine engliſche Agentur, die kürzlich auf der kleinen Inſel Labuan errichtet worden, und eine Niederlaſſung in Sawarak unter einem eng⸗ liſchen Abenteurer, welcher ſich Radſchah Brooke nennt. Dieſer Radſchah gründet ſeinen Anſpruch hinſicht⸗ lich des Titels und Gebietes von Sawarak auf eine Verleihung von dem Sultan von Borneo(Bruni), dem er bei Beſiegung der Dyak⸗Piraten beigeſtanden haben will. Dies iſt der bis jetzt dem britiſchen Publikum gegen⸗ über aufgeſtellte Vorwand; bei näherer Unterſuchung der Thatſachen aber gewinnt dieſe Geſchichte eine ganz andere Geſtalt, und anſtatt der Seeräuberei in den bor⸗ neiſchen Gewäſſern ein Ende machen zu helfen, beſtand die erſte That des philanthropiſchen Engländers darin, daß er dem Sultan der Malayen mehrere Stämme der ———O˖—O——O—ę—ę—ę—ę—QꝭOꝭO——— 81 harmloſen Dyaks unterjochen und zwingen half, ohne Lohn in den Antimoniumbergwerken zu arbeiten! Dies ſcheint die Art und Weiſe der Dienſte geweſen zu ſein, für welche er Sawarak erhalten hatte. Er hatte die Seeräuber unterſtützt, anſtatt ſie be⸗ zwingen zu helfen, denn der Sultan von Borneo war ſelbſt der Gönner und Beſchützer derſelben, anſtatt ihr Feind zu ſein. Der Patriot und Staatsmann Hume bemühete ſich, eine nähere Unterſuchung dieſer orientaliſchen Flibuſtier⸗ thaten herbeizuführen; der verſtohlene Einfluß einer gewiſſenloſen Adminiſtration aber, in Verbindung mit dem Handelsintereſſe, ſtellte ihm unüberſteigliche Hin⸗ derniſſe entgegen und die ſchmachvolle Uſurpation iſt ſanctionirt worden. 1 Trotzdem, daß ſchon ſeit Jahrhunderten es auf den Inſeln des europäiſchen Archipels europäiſche Anſiedler giebt, welche denſelben ſo zu ſagen beherrſchen, ſo iſt doch die große Inſel Borneo nur noch ſehr wenig bekannt. Nur ihre Küſten ſind ukorſcht worden, und auch dieſe ſehr unvollkommen. Don Holländer haben einige Expeditionen in das Innere unternommen, aber von dergleichen Krämerſeelen iſt für die Wiſſenſchaft keine große Ausbeute zu erwarten. Ihre Energie im Orient iſt ſeit zwei Jahrhunderten, wie es ſcheint, blos darauf gerichtet geweſen, überall, wo es ihnen möglich war, Uneinigkeit zu ſtiften, und unter den Völkerſtämmen, welche das Unglück ge⸗ 6 Meiſter Braun. III. — 82² habt haben, mit ihnen in Berührung zu kommen, jeden Funken Freiheit und Edelſinn zu erſticken. Trotz der vielen Gelegenheiten, die ſich ihnen dar⸗ geboten, haben ſie doch wenig gethan, um unſere Kennt⸗ niß von Borneo zu vermehren— einem Lande, welches vor hundert Jahren ungefähr eben ſo bekannt war, wie zur gegenwärtigen Stunde. Gleichwohl war nie ein Gegenſtand einer ausführlichen Beſchreibung würdiger, als dieſe herrliche Inſel. Sie verdient eine Mono⸗ graphie, ſo wie wir ſie über Sumatra von Marden, über Ceylon von Tennant und über Java von Sir Stamford Raffles beſitzen.. Wimmelnd von den üppigſten Geſtaltungen des tropiſchen Lebens— in Bezug auf Fauna und Flora ſo reich, daß ſie bein che als ein großer vereinigter zoologiſcher und botateſcher Garten betrachtet werden kann,— wird dieſe Inſel den wiſſenſchaftlichen Forſcher — der kaum auf der ganzen Erde ein zweites derarti⸗ ges Feld für ſeine Studien finden würde— reich be⸗ lohnen. A Unſere jungen Jäge wurden, als ſie die große tropiſche Scenerie Borneo's betrachteten, von Bewunde⸗ rung erfüllt. Die Sylva kam vollkommen jener gleich, welche ſie an dem Amazonenſtrome geſehen, während die Fauna— beſonders an Vierfüßlern und Vierhänd⸗ lern— noch weit reicher war. 4 Auf einen Vierfüßler war ihre Aufmerkſamkeit ganz beſonders gerichtet, und ich brauche kaum zu ſagen, 83 daß dies der borneiſche Bär war— bei weitem das ſchönſte Thier der ganzen Familie Braun. Der borneiſche Bär iſt auch der kleinſte der ganzen Familie— ſogar noch kleiner als ſein naher Ver⸗ wandter, der malayiſche Bär, obſchon er mit dieſem in vielen Punkten große Aehnlichkeit hat. Sein Pelz iſt kohlſchwarz, ſeine Schnauze orange⸗ gelb, und auf der Bruſt hat er einen runden Flecken von noch dunklerer Orangefarbe, der eine gewiſſe Aehn⸗ lichkeit mit der Figur eines Herzens hat. Das Haar iſt über den ganzen Körper ganz dicht und bietet dieſelbe gleichförmige Fläche, welche den ſchwarzen Bären von Nordamerika, die beiden Gat⸗ tungen von Südamerika, ſo wie auch ſeinen malayiſchen Vetter charakteriſirt, welcher die benachbarten Inſeln Sumatra und Java bewohnt. Oft wird er ſogar mit letzterm verwechſelt, und viele Naturforſcher betrachten beide als eine und dieſelbe Gattung, obſchon dies gonz gewiß ein Irrthum iſt. Der borneiſche Bär iſt nicht allein viel kleiner, ſon⸗ dern der dunkelgelbe Flecken auf ſeiner Bruſt iſt ein permanentes Unterſcheidungszeichen. Der malayiſche Bär hat auch eine Abzeichnung auf der Bruſt, ſie iſt aber halbmondförmig und von weiß⸗ licher Farbe. Ueberdies iſt die Farbe der Schnauze bei der letztern Gattung blos gelblich, nicht gelb, und das ganze Thier weit entfernt, ſo ſchön zu ſein, wie der Bär von Borneo. 3 ér 84 DPr. Horsfield, welcher gute Gelegenheit hatte, ſie deeide zu beobachten, hat auch noch andere weſentliche Kennzeichen angedeutet, welche auf das bündigſte be⸗ weiſen, daß es getrennte Gattungen ſind. Von ſeiner Liebe zu generiſchen Unterſcheidungen verführt, iſt er jedoch hierbei noch nicht ſtehen geblieben, ſondern hat ſogar für dieſe beiden Gattungen ein neues Genus unter dem Namen Helarctos aufgeſtellt. Zu einer ſolchen Sündfluth von generiſchen Namen iſt aber durchaus kein Grund vorhanden. Dieſelbe hat auch durchaus nichts genützt, ſondern ſie macht im Gegentheil das Studium der Naturgeſchichte nur com⸗ plicirter und ſchwieriger. Auf keine Thierfamilie erleiden übrigens dieſe Be⸗ merkungen eine vollgültigere Anwendung, als eben auf die der Bären. So ähnlich ſind alle dieſe Vierfüßler einander und ſo vollkommen iſt die Familien ähnlich⸗ keit zwiſchen ihnen, daß eine Trennung in verſchiedene Genera weiter nichts iſt, als zine pedantiſche Grille der Anatomen.—. Es giebt ungefähr im Ganzen ein Dutzend Species oder Gattungen, und die ſyſtematiſchen Naturforſcher — die nicht einmal dieſe Zahl einräumen— haben für die Bären beinahe eben ſo viele Genera aufgeſtellt, als es Species giebt— unter welchen wir nur die lächer⸗ lichen Benennungen Prochillus, Melursus, Helarctos und dergleichen erwähnen. 8 Der Bär von Borneo iſt eben ſo gut eine echte 85⁵ Species des Genus Ursus, als der braune Bär Eu⸗ ropa's, der ſchwarze Bär Nordamerika's, oder die ſchwarzen Bären der Cordilleren. Mit dieſen letztern hat er auch in Folge ſeiner Lebensgewohnheiten große Aehnlichkeit, denn er iſt eben ſo wie dieſe der Regel nach Pflanzenfreſſer und ein großer Freund von Süßig⸗ keiten. Von ſeiner Vorliebe für den Honig hatten unſere jungen Jäger einen Beweis, denn eben, während er mit der Plünderung eines Bienenſtocks beſchäftigt war, ſahen ſie den erſten borneiſchen Bären. Gleichzeitig gelang es ihnen auch, ihn zu erlegen, und dies wollen wir nun ausführlich erzählen. 56. Capiteſ. Der hohe Tapang. Pei ihrer Ankunft in Sambos verſchafften ſich unſere jungen Jäger, ihrem gewöhnlichen Gebrauche gemäß, einen eingeborenen Führer, der ſie nach den Aufenthalts⸗ orten ihres Wildes geleiten ſollte.. In dem gegenwärtigen Falle war es ein Dyak, der ihr Führer ward— einer pon denen, welche das Ge⸗ ſchäft eines Bienenjägers betreiben, und eben in Folge dieſes Erwerbs mit den Bären eben ſo gut in Berüh⸗ rung kommen, als mit den Bienen. Unter der Leitung des Dyak machten unſere Jäger nun einen Ausflug nach einer waldigen Hügelkette nicht weit von Sambos, wo der Sonnenbär in großer An⸗ zahl vorhanden war, und wo man faſt zu jeder Zeit darauf rechnen konnte, einen anzutreffen. 87 Während ſie durch die Wälder ſtreiften, bemerkten ſie eine ſehr eigenthümliche Gattung von Bäumen. Allerdings bemerkten ſie viele Gattungen, die eigen⸗ thümlich genannt werden konnten, aber eine war dies in ſo hohem Grade, daß ſie die Aufmerkſamkeit unſerer Freunde ganz beſonders feſſelte. Dieſe Bäume wuchſen nicht in großer Menge bei⸗ ſammen, ſondern zwei oder drei an einer Stelle, und größtentheils ſtanden ſie einzeln— abgeſondert von denen ihrer eigenen Art, und von andern Bäumen des Waldes umgeben. Obſchon aber von andern Arten umgeben, wurden ſie doch von keiner überragt. Im Gegentheil erhoben ſich ihre eigenen Gipfel über ſämmtliche anderen zu einer ungeheuern Höhe und), was das Sonderbarſte war, ſie ſtreckten keinen Aſt von ihrem Stamme eher heraus, als bis der letztere das Laub des ihn umgeben⸗ den Waldes um einige Fuß überragte. Dieſe Eigenthümlichkeit war es, welche die Auf⸗ merkſamkeit unſerer Jäger auf ſich zog. Sie hätten vielleicht nichts davon bemerkt, wenn ſie ſich fortwäh⸗ rend unter den Bäumen aufgehalten hätten; als ſie aber eine kleine Anhöhe— wo das Terrain frei war— überſchritten, erblickten ſie zufällig eine Anzahl dieſer hohen Bäume und ſahen, daß dieſelben weit über alle anderen in die Höhe ragten. Selbſt die Gipfel hatten das Anſehen hoher Bäume, die vereinzelt auf dem Boden umher ſtanden, während —————Y—P——— 88 der Boden ſelbſt nichts Anderes war, als die einander berührenden Gipfel der den Wald bildenden Bäume. Wäre dieſer Wald ein niedriges Dſchungel ge⸗ weſen, ſo hätte der Anblick, der ſich ihnen darbot, nichts Außerordentliches gehabt; unſere Jäger aber hatten ſchon bemerkt, daß es ein Wald von großen Bäumen war, von welchen die meiſten ihre hundert Fuß maßen. 64 1 TDa die Bänme,, welche ihre Bewunderung erregt, ſich noch volle /fünfßig Fuß über die Gipfel der andern erhoben, ſo kann man ſich leicht denken, was für lange Individuen es waren.—— 24 F) 1 ) . Dabei waren ſie auch im Verhältniß zuͦ ihrer Höhe ſehr ſchlank, und da dieſe Stämme ſich zweihundert Fuß hoch erhoben, ehe ſich ein Aſt oder Zweig an ihnen zeigte, ſo ſahen die Bäume noch weit höher aus, als ſie wirklich waren— gerade ſo, wie ein kahler dünner Balken, aufrecht geſtellt, weit höher ausſieht, als ein Berg oder Haus von derſelben Höhe. Wir haben geſagt, daß es in der Höhe der erſten hundert Fuß hinauf am Stamme keine Aeſte gab. Wei⸗ ter hinauf aber gab es viele und große Aeſte, welche nur leicht und in zugeſpitzter Form divergirend den Baum beinahe noch einmal ſo hoch führten. Dieſe Zgweige ſtanden regelmäßig neben und über einander, waren mit kleinen hellgrünen Blättern bedeckt, und bil⸗ deten einen ſchönen runden Kopf. Die Rinde dieſes Baumes war weich, und als unſere Jäger ſie mit einem Meſſer anbohrten, bemerkten 5 3 89 ſie, daß ſie weich und milchhaltig war. Auch das Holz war einige Zoll tief ſo ſchwammig, daß die Klinge des Meſſers faſt eben ſo tief hineindrang, wie in eine Kohl⸗ ſtaude. Das Holz in der Nähe der Rinde war von weißer Farbe. Nach innen ward es härter, und wären ſie im Stande geweſen, bis in den Kern einzudringen, ſo wür⸗ den ſie gefunden haben, daß derſelbe ſehr hart und von dunkler Chokoladenfarbe war. Setzt man dieſes Kernholz der Luft aus, ſo wird es ſo ſchwarz wie Ebenholz, und die eingeborenen Dyaks und Malayen verwenden es auch zu ähnlichen Zwecken, indem ſie Armbänder und andere Bijouterieartikel da⸗ raus fertigen. Als die Jäger ihren Dyak⸗Führer nach dem Namen dieſes merkwürdigen Baumes fragten, ſagte er, er heiße der Tapang. Dies gab jedoch keinen Aufſchluß in Bezug auf ſeine Species; als aber Alexis kurz darauf unter einem dieſer Bäume vorüberging, bemerkte er einige von dem Gipfel herabgefallene Blüthen, und nachdem er eine derſelben unterſucht, erklärte er, daß der Baum eine Species von Ficus ſei— einem auf den Inſeln des A indiſchen Archipels ſehr häufigen Genus. Wenn unſere jungen Jäger durch den Anblick dieſes ſchönen Baumes mit Verwunderung erfüllt wurden, ſo bemerkten ſie kurz darauf etwas, was dieſe Verwunde⸗ rung in Neugierde verwandelte. 90 Als ſie nämlich auf einen der Tapangs zugingen, wurden ſie von einem eigenthümlichen gekerbten An⸗ ſehen betroffen, welches ſich den Rand des Stammes entlang zeigte— vom Boden an bis zum Beginne der den Kopf bildenden Aeſte. Es ſah aus, als wenn eine hohe Leiter mit der Kante an den Stamm des Baumes angelegt und die eine Seite unter der Rinde verborgen wäre. Als ſie näher kamen, erklärte ſich dieſes Anſehen. Es war in der That eine Leiter, aber eine von ſeltener Art, und die nicht von dem Baume hätte hinwegge⸗ nommen werden können, ohne in ihre einzelnen Theile zerlegt zu werden. Bei genauerer Beſichtigung ergab ſich nämlich, daß dieſe Leiter aus einer Reihe Bambus⸗ ſtücken beſtand, die in etwas ſchräger Richtung und un⸗ gefähr zwei Fuß von einander in den weichen Stamm hineingetrieben waren. 3 Dieſe, die Sproſſen bildenden Bambusſtücken waren ungefähr einen Fuß lang und wurden durch eine Bam⸗ busſchiene, an der ſie an den äußern Enden mittels dünner Baſtſtreifen befeſtigt waren, feſt an ihren Plätzen gehalten. Dieſe Schiene reichte, aus einzelnen Stücken zuſammengeſetzt, vom Boden bis zum Beginn der Aeſte. Es war augenſcheinlich, daß dieſe extemporirte Lei⸗ ter zu dem Zwecke gefertigt worden, um das Erklettern des Baumes zu ermöglichen— aber in welcher Abſicht? In dieſer Beziehung war der Dyak⸗Führer gerade der rechte Mann, um vollſtändigen Aufſchluß zu geben, 6 91 denn er ſelbſt war es, der die Leiter gemacht hatte. Die Verfertigung ſolcher Leitern und ſpäter das Er⸗ klettern derſelben waren die weſentlichſten Zweige ſeines Berufs, der, wie ſchon erwähnt worden, in dem eines Bienenjägers beſtand. Seine Erklärung der Sache war folgende: Eine große, wespenähnliche Biene, Lanyeh genannt, baut ihre Neſter auf dieſen hohen Tapangs. Das Neſt be⸗ ſteht aus einer Anhäufung von blaßgelblichem Wachſe, welches die Bienen an der unteren Seite der dicken Aeſte befeſtigen, damit dieſe den Stock vor Regen ſchützen. Um dieſe Neſter zu erreichen, wird die Bambus⸗ leiter gefertigt, und man ſteigt hinauf— nicht blos um den Honig zu erlangen— ſondern mehr wegen des Wachſes, aus welchem die Waben geformt ſind. Da die Lanyeh eben ſo ſehr Wespe iſt als Biene, ſo producirt ſie eine ſehr geringe Quantität Honig, das Wachs aber iſt ein werthvoller Artikel, und ein einziger Stock liefert davon für mehrere Dollars an Werth. Es iſt dies aber ein ſauer— in der That ſehr ſauer verdientes Geld, aber der arme Dyak⸗Bienen⸗ jäger betreibt ſeinen Erwerb aus Gründen, die ſich nicht wohl begreifen laſſen, da ihm beinahe jeder andere ſeinen Lebensunterhalt ebenfalls gewähren würde, und zwar mit weniger Arbeit und ſicherlich weniger Mühe und ſogar Schmerzen. Es gelingt ihm nämlich nie, f 92 den Vorrath von dieſen Lanyehs zu plündern, ohne von dieſen Inſekten tüchtig zerſtochen zu werden, und obſchon ihr Stich eben ſo ſchmerzhaft iſt, als der der gemeinen Wespe, ſo ſcheint doch die Erfahrung den Dyak faſt gleichgültig dagegen gemacht zu haben. Er erſteigt die ſchwankende Leiter ohne Furcht mit einer brennenden Fackel in der Hand und einem Binſen⸗ korb auf dem Rücken. Mittelſt der Fackel vertreibt er die Bienen aus ihren luftigen Wohnſitzen, und nachdem er die Waben von den Aeſten abgeriſſen, legt er ſie in ſeinen Korb, während die wüthenden Inſekten ihm um die Ohren herumſummen, und ſeinem Geſichte und Hals eben ſo wie ſeinen nackten Armen zahlreiche Wunden beibringen. 4 Sehr oft kommt er mit einem Kopfe wieder herunter, der zum zwiefachen Umfange deſſen angeſchtwollen iſt, mit dem er hinaufgeſtiegen! Das Handwerk eines borneiſchen Bienenjägers iſt daher keineswegs ein angenehmes. 57. Capitel. Der„Bruang.“ So wie die Jäger weiter kamen, bemerkten ſie noch mehrere andere Tapangbäume mit daran befeſtigten Lei⸗ tern, und an dem Fuße eines derſelben— des höchſten, den ſie bis jetzt geſehen— machte der Führer Halt. Seinen„Kris“ ziehend und eine Art, die er mitge⸗ bracht, auf den Boden werfend, begann er den Baum zu erſteigen. Unſere Jäger fragten ihn, aus welcher Abſicht er dies thäte. Auf Honig oder Wachs konnte, wie ſie wußten, dieſelbe nicht gerichtet ſein. Ein Bienenneſt war— wie die Leiter verrieth— allerdings auf dem Baume geweſen, aber dieſes war ſchon längſt entfernt worden, und es ſchien jetzt nichts oben vorhanden zu 94 ſein, was die Mühe des Hinaufkletterns verlohnen konnte. Die Antwort des Bienenjägers erklärte ihnen jedoch ſeinen Zweck. Er kletterte blos hinauf, um über den Wald einen Ueberblick zu haben, der in dieſer Gegend auf keine andere Weiſe erlangt werden konnte, als durch das Erklettern eines Tapang. Es war furchtbar, dem Manne zuzuſehen, wie er zu einer ſo ſchwindeligen Höhe emporſtieg und auf einer ſo gebrechlichen, unſichern Stütze unter ſeinen Füßen. Es erinnerte ſie an die Palombisre, die ſie in den Py⸗ renäen geſehen hatten. Es dauerte nicht lange, ſo erreichte der Dyak den Gipfel der Leiter und hielt ſich zehn Minuten oder noch länger daran angeklammert, indem er den Kopf rund um bewegte und den Wald nach allen Seiten hin in Augenſchein zu nehmen ſchien. Endlich hielt er den Kopf ſtill und ſein Blick ſchien einer beſondern Richtung zugewendet zu ſein. Er war für die am Fuße des Baumes Stehenden zu fern, äls daß dieſe den Ausdruck ſeines Geſichts hätten beobachten können, ſeine Haltung aber verrieth ihnen, daß er irgend eine Entdeckung gemacht hatte. Es dauerte nicht lange, ſo kam er wieder herunter und berichtete ſeine Entdeckung mit wenigen lakoniſchen Worten, indem er einfach ſagte: „Bruang— ſehe ihn!“ Die Jäger wußten, daß„Bruang“ der malayiſche 95 Ausdruck iſt, womit man den Bären bezeichnet, und das Aehnlichklingen dieſes Wortes mit dem Spitznamen „Braun“ hatte ſie ſchon auf die Vermuthung geführt, daß dieſe Benennung der europäiſchen nachgebildet ſei. Jetzt dachten ſie jedoch weiter nicht darüber nach, denn der Führer machte ſich, ſobald er wieder den feſten Boden erreicht hatte, auf den Weg, indem er die Jäger aufforderte, ihm zu folgen. Nachdem ſie ungefähr eine Viertelmeile durch den Wald raſch zurückgelegt, begann der Dyak vorſichtiger weiter zu gehen, indem er ſorgfältig jeden der Stämme der Tapangs betrachtete, welche unter den andern Bäu⸗ men dünn umhergeſtreut ſtanden. An einem derſelben ſah man ihn plötzlich ſtehen bleiben, während er gleichzeitig die Augen emporrichtete. Die jungen Jäger, welche dicht hinter ihm waren, ſahen, daß an der weichen ſaftigen Rinde des Baumes gewiſſe Riſſe bemerkbar waren, die von den Krallen eines Thieres herzurühren ſchienen. Beinahe eben ſo ſchnell aber, als ſie dieſe Be⸗ merkung machten, hafteten ihre Augen auf dem Thiere ſelbſt. Hoch oben an dem rieſigen Tapang— gerade da, wo die niedrigen Aeſte von dem Hauptſtamm aus⸗ gingen— zeigte ſich ein ſchwarzer Körper. In dieſer Entfernung ſchien er nicht größer zu ſein als ein Eich⸗ hörnchen, trotzdem aber war es ein borneiſcher Bär, 1 4 ——— 96 und der hell orangengelbe Flecken auf ſeiner Bruſt glänzte wie eine glühende Kohle. Dicht neben ſeiner Schnauze zeigte ſich unter den Aeſten eine weißliche Maſſe befeſtigt. Dies war die wächſerne Wohnung der Lanyeh⸗Bienen, und eine dünne nebelartige Wolke, welche über dieſer Stelle ſchwebte, war der Schwarm ſelbſt und ohne Zweifel in einem hitzigen Kampfe mit dem Plünderer des Honigvorrathes begriffre 1 Der kleine Bär war mit dem Genuſſe ſeines leckern Mahles zu ſehr beſchäftigt— wenn nämlich die Stacheln der Lanyehs ihm einen ſolchen Genuß geſtatteten— um von ſeinem hohen Standpunkte herabzublicken, und die Jäger ſtanden mehrere Minuten lang da und ſchau⸗ ten zu ihm hinauf, ohne eine Bewegung zu machen. Endlich ſchickten ſie ſich an, Feuer auf ihn zu geben; der Dyak aber hinderte ſie daran, indem er ſie durch eine Geberde aufforderte, ſich ruhig zu verhalten, und ſie alle von dem Baume hinwegführte. Als ſie eine Stelle erreicht hatten, wo ſie den Bären nicht mehr ſahen, rieth er ihnen, ein anderes Verfahren einzuſchlagen. Er ſagte— und dies war auch ſehr richtig— daß ſie in einer ſolchen Höhe den Bär leicht fehlen könnten, oder daß, ſelbſt wenn ſie ihn träfen, eine Kugel ihn ſchwerlich herabholen würde, wenn ſie ihn nicht in einen zum Leben nothwendigen Theil träfen. Im Fall ſie ihn fehlten, oder nur leicht verwun⸗ deten, würde das Thier ſofort auf dem Tapang weiter 976 hinaufſteigen, und hinter den Blättern und Aeſten ver⸗ ſteckt, ihren fernern Angriffen trotzbieten. Er würde auf dieſer Stelle ſo lange bleiben, bis der Hunger ihn zwänge, herunterzukommen, und da er jetzt gerade luſtig ſchmauſte und vielleicht ſchon lange zuvor, ehe die Jäger ihn erblickten, damit angefangen hatte, ſo war er ſicher⸗ lich recht wohl im Stande, ſo lange auf dem Baume zu bleiben, daß die Geduld der Jäger nothwendig er⸗ ſchöpft werden mußte. Allerdings konnten ſie den Baum fällen; ſie hatten eine Axt mit und konnten den Baum ſehr bald um⸗ hauen, denn das Holz war ſehr weich— der Dyak aber ſagte, daß es dem Bruang in ſolchen Fällen ge⸗ wöhnlich gelingt, zu entwiſchen. Der Tapang fällt nämlich ſelten ſeiner ganzen Länge nach auf den Boden nieder, ſondern blos auf die Gipfel der dicht umher ſtehenden Bäume, und da der borneiſche Bär klettert wie ein Affe, ſo wird er niemals aus den Aeſten herausgeſchüttelt, ſondern ſpringt von ihnen hin⸗ weg auf einen andern Baum— unter deſſen dichten Blättern er ſich verbergen kann. Oft klettert er auch von dieſem zweiten Baume herab und ſtiehlt ſich davon. Der Rath des Führers ging daher dahin, daß die Jäger ſich hinter den Stämmen der nächſtſtehenden Bäume verſtecken und ſtrenges Schweigen beobachten ſollten, bis der Bruang ſein Honigmahl beendet hätte und Luſt bekommen würde, herunterzuſteigen. Der Dyak meinte noch, der Bär werde dies nach Meiſter Braun. III. 7 98 ſeiner gewohnten Weiſe, nämlich rückwärts, thun, und wenn ſie vorſichtig zu Werke gingen, ſo würden ſie ihn aus nächſter Nähe niederſchießen können. Nur einer von den drei Jägern wollte mit dieſem Verfahren ſich nicht einverſtanden erklären. Es war dies der ungeduldige Jwan, doch ließ er ſich endlich von ſeinem Bruder überreden und willigte ebenfalls ein. Die drei Jäger nahmen nun ihren Standpunkt hin⸗ ter drei verſchiedenen Bäumen, die eine Art Dreieck um den Tapang herum bildeten, und der Führer, der kein Schießgewehr hatte, ſtellte ſich ein wenig auf die Seite und hielt ſein„Kris“ in Bereitſchaft, um dem Bären den Nickfang zu geben, im Fall die Kugeln der Jäger ihn blos verwundeten. Eine Gefahr war hierbei weiter nicht zu fürchten. Der kleine Bär von Borneo iſt blos den Bienen und weißen Ameiſen oder andern Inſekten gefährlich, welche er mit ſeiner langen Zunge aufzulecken pflegt. Der menſchliche Jäger hat von ihm nicht mehr zu fürchten als von einem ſchüchternen Reh, obſchon er natürlich, wenn er zu ſehr in die Enge getrieben wird, knurrt, kratzt und beißt. Es kam ganz ſo, wie der Dyak vorhergeſagt hatte. Als der Bruang ſeine Mahlzeit beendet hatte, ſah man ihn, mit dem Schwanz nach unten, den Baum herab⸗ kommen, und auf dieſe Weiſe würde er ohne Zweifel bis auf den Boden heruntergeklettert ſein. Ehe er aber noch bis auf die Hälfte des Stammes herab war, ließ 99 Iwan ſich von ſeiner Ungeduld hinreißen, und der laute Knall ſeines Gewehrs erfüllte den Wald mit ſeinem Echo.— Natürlich war es eine Kugel, die Iwan abgefeuert, aber er ſchien gefehlt zu haben und es konnte nichts nützen, daß er auch den andern, mit Schrot geladenen Lauf abſchoß, obſchon er dies unmittelbar darauf that. Die Wirkung dieſer Schüſſe beſtand blos darin, daß der Bruang wieder den Baum hinaufgeſcheucht ward, denn gleich beim erſten Knalle begann er wieder aufwärts zu ſteigen. Er that dies faſt mit der Schnellig⸗ keit einer Katze, und einen Augenblick lang ſchien er für die Jäger ſo gut wie verloren zu ſein. Alexis aber, der die unruhigen Bewegungen ſeines Bruders im Auge behalten, hatte ſich auf einen ſolchen Fall gefaßt gemacht, und nachdem er gewartet, bis der Bruang dicht unter den Aeſten eine kleine Pauſe machte, feuerte er eine beſſer gezielte Kugel auf ihn ab. Der Bär, welcher ſich mit einem ſeiner Vorderbeine eben weiter bewegen wollte, ſtreckte ſeinen Körper lang aus, und dies eben gab dem Schützen Gelegenheit, ihm nach dem Kopfe zu zielen. Die Kugel mußte getroffen haben, denn der Bär blieb, anſtatt noch höher hinaufzuklettern, nur noch an ſeiner Vordertatze hängen, als ob er ſich mit erſchlaffen⸗ der Kraft feſtkrallte. In dieſem Augenblicke erfüllte der kanonendonner⸗ ähnliche Knall von Puſchkin's Muskete den Wald mit 100 ſeinem Echo, und Meiſter Braun ließ plötzlich los und kam nur einen Achtelzoll an Puſchkin vorbei unter die Jäger heruntergeplumpſt. Es war ein Glück für den alten Grenadier, daß G der Körper des Bären ihm nicht auf den Kopf fiel, denn dann hätte er ſicherlich daſſelbe Schickſal gehabt, wie das Thier ſelbſt. Puſchkin ſah die Gefahr, der er mit ſo genauer Noth entgangen, auch recht wohl ein und machte ein ſo verblüfftes und erſchrockenes Geſicht, als ob ihm ein großes Unglück wirklich zugeſtoßen wäre. 58. Capitel. Der„Kohlfreſſer.“ Da unſere Helden nun ihre Miſſion in Borneo erfüllt, ſo ſtanden ſie im Begriff, ihre Reiſe nach der Inſel Sumatra weiter fortzuſetzen, auf welcher ſie— eben ſo wie in Java oder auf dem Feſtlande von Malaga— den andern Sonnenbären, als der Ursus malayanus bekannt, anzutreffen hofften. Vor ihrer Abreiſe nach Sambos aber erhielten ſie MMitttheilungen, welche ſie zu dem Glauben bewogen, daß dieſe Gattung auch die Inſel Borneo bewohne. B Allerdings ward er ſeltener angetroffen, als der mit der orangegelben Bruſt; die Eingeborenen aber, die in der Regel, was ſpecjfiſche Unterſcheidungen betrifft, zuverläſſigere Autoritäten ſind als die Anatomen, be⸗ 10² haupteten ſtandhaft, es gäbe zwei verſchiedene Gattungen, und der Dyak⸗Bienenjäger— deſſen Intereſſe ſie ſich ſchon durch die ihm verabreichte freigebige Belohnung geſichert— verſprach ihnen, wenn ſie mit ihm nach einem gewiſſen Diſtrikt gehen wollten, auch die größere Bruang⸗Gattung zu zeigen. An der Beſchreibung des Mannes erkannte Alexis mit leichter Mühe den Ursus malayanus, denn die Gattung, welche ſie erlegt, war der Ursus euryspilos. Hätte übrigens noch irgend ein Zweifel in dieſer Beziehung beſtanden, ſo würde er durch das beſeitigt worden ſein, was unſere Reiſenden in den Straßen von Sambos ſahen. Hier wurden von herumziehenden Gauklern beide Sorten zur Schau geſtellt, denn beide Sonnenbären laſſen ſich ſehr leicht zähmen und dreſſiren, und dieſe Leute erklärten, daß ſie ſich den„großen Bruang“ in den Wäldern von Borneo verſchafft. Da das Thier ſonach hier zu finden war, warum ſollten ſie es dann in Sumatre ſuchen? Sie hatten ohnedies noch Reiſen genug vor ſich und fingen jetzt an, allmälig derſelben müde zu werden. Es war ganz natürlich, daß ſie nach ſo langer Abweſenheit, und nach⸗ dem ſie ſo viele Gefahren und Beſchwerden durchzu⸗ machen gehabt, ſich nach Hauſe und nach der Bequem⸗ lichkeit des ſchönen Palaſtes an den Ufern der Newa ſehnten. Deshalb beſchloſſen ſie, den Dyakführer auf einer neuen Expedition zu begleiten. 103 Sie waren einen ganzen Tag unterwegs und er⸗ reichten kurz vor Einbruch der Nacht den Platz, wo der Mann die großen Bruangs anzutreffen hoffte. Natür⸗ lich konnten ſie ihre Nachforſchungen nicht eher beginnen, als bis es wieder Tag ward. Deshalb machten ſie Halt, und lagerten ſich, nach⸗ dem ihr Dyak⸗Führer in weniger als einer Stunde eine Bambushütte errichtet und mit den rieſigen Blättern der wilden Musaceae gedeckt hatte. Die Stelle, an der ſie Halt gemacht hatten, befand ſich in der Mitte eines prachtvollen Hains, oder viel⸗ mehr eines Waldes von Palmen, und zwar von jener Art, welche von den Eingebornen Nibong genannt wird und die eine Gattung von dem Genus Arenga iſt. Es iſt dies eine der ſogenannten„Kohlpalmen,“ deren junge Blätter, ehe ſie ſich völlig entwickeln, von den Einge⸗ borenen als Gemüße gegeſſen werden— ſo ziemlich in der Art und Weiſe, wie die Europäer den Kohl zu ge⸗ nießen pflegen. Dieſe Blätter ſind ſchön zart und weiß und haben einen ſüßen nußartigen Geſchmack. In dieſer Beziehung übertreffen ſie ſogar die weſtindiſche Kohlpalme(Areca oleracea). Der Nibong wird von den Einwohnern von Bor⸗ neo und andern Eingebornen der indiſchen Archipels aber auch auf noch andere Weiſe benutzt. Sein runder Stamm wird zu Balken und Dachſparren beim Häuſer⸗ bau verwendet. In Breter geſägt, dient dieſes Holz ———ÿ— ——— — 1 1 8* Ä 3 3. 8 4 — 104 zum Dielen des Fußbodens. Aus dem ſüßen Safte, den man auch zu einem berauſchenden Getränk gähren laſſen kann, wird Zucker bereitet, und im Innern des Stammes findet man Sago in Menge. Aus den Rippen der Blätter macht man Schreibfedern und Bolzen für Blas⸗ röhre— mit einem Worte, die Arenga saccharifera dient wie viele andere Palmen zu einer unendlichen Menge von Zwecken. Alexis' Aufmerkſamkeit ward durch die äußere Er⸗ ſcheinung dieſes ſchönen Baumes in hohem Grade er⸗ regt, aber es war, als ſie an Ort und Stelle ankamen, ſchon zu ſpät, als daß er noch Gelegenheit hätte haben können, den Baum genauer zu unterſuchen. Die halbe Stunde vor Eintrttt der völligen Dunkelheit war zur Erbauung der Hütte, wobei alle mitgewirkt, verwendet worden. Zeitig am Morgen ging Alexis, der fortwährend an die Arengabäume dachte und zu ermitteln wünſchte, welchem Palmengenus ſie angehörten, aus der Hütte fort, in der Hoffnung, ſich eine Blüthe zu verſchaffen. Die Andern blieben in der Nähe der Hütte und berei⸗ teten das Frühſtück. Alexis ſah aber keinen dieſer Bäume in der Blüthe, denn die großen Knospen waren noch feſt geſchloſſen. In der Hoffnung jedoch, einen, der weiter gediehen ſei als die übrigen, zu finden, ging er noch eine beträchtliche Strecke tiefer in den Wald hinein. Als er ſo gemächlich dahinſchlenderte und dann und 10⁵ wann ſeine Augen hinauf nach den großen Blättern der Palmen richtete, ſah er, daß einer der Stämme un⸗ mittelbar vor ihm ſich bewegte. Er blieb ſtehen und horchte. Er hörte ein Geräuſch, als wenn etwas zerriſſen würde, gerade als ob Jemand Blätter von den Bäumen pflückte. Das Geräuſch kam von dem Baume her, welcher ſich bewegte; Alexis aber ſah blos den Stamm und das, was das Geräuſch und die Bewegung verurſachte, ſchien oben unter den großen Zweigen oder vielmehr Blättern an der Krone zu ſtecken. Alexis bedauerte, daß er nicht ſeine Büchſe mitge⸗ nommen hatte. Er hatte keine Waffe weiter bei ſich, als ſein Jagdmeſſer. Nicht, als ob er ſich gefürchtet hätte, denn das Thier auf dem Gipfel eines Palmbaums konnte weder ein Elephant, noch ein Rhinoceros ſein und dieſe waren die einzigen Vierfüßler, die in einem Walde von Borneo ſehr zu fürchten waren, denn der Königstiger, obſchon in Java und Sumatra nicht ſel⸗ ten, iſt kein Bewohner von Borneo. Es war alſo nicht Furcht, was ihn bewog, zu be⸗ reuen, daß er ſeine Büchſe vergeſſen, ſondern vielmehr Aerger, daß er ſich dadurch der Möglichkeit beraubt, ein Thier— und zwar vielleicht ein ſeltenes— zu ſchie⸗ ßen. Daß es ein ziemlich großes ſein mußte, verrieth die Bewegung des Baums, denn kein Eichhörnchen oder kleines Thier hätte den Stamm der Palme auf ſolche Weiſe erſchüttern können. ————— —————˖—Q—Q—ꝭ—ZBZ&Lů—— — — — —— — 106 Ich brauche nicht zu ſagen, wie ſehr der Aerger des jungen Jägers geſteigert ward, als er ſich dem Baume näherte und, als er hinauf blickte, ſah, was für ein Thier es wirklich war, nämlich ein Bär, und dieſer Bär der ächte Ursus malayanus! Ja, hier war er mit ſeinem ſchwarzen Körper, ſei⸗ ner gelblichen Schnauze und dem weißen Halbmond an ſeiner Bruſt, und emſig beſchäftigt, die zarten Blätter der jungen Arenga zu ſchmauſen, deren weiße Bruch⸗ ſtücken fortwährend aus ſeinem Rachen fallend, am Fuße des Baumes den Boden beſtreueten. Alexis beſann ſich jetzt, daß dieß eine wohlbekannte Gewohnheit des malayiſchen Bären war, deſſen Lieb⸗ lingsſpeiſe der„Kohl“ der Palmbäume iſt und der ſeine Räubereien auch oft auf die Cacaopflanzungen aus⸗ dehnt, wo er Hunderte von Bäumen ruinirt, ehe er ent⸗ deckt und erlegt werden kann. Natürlich war dieſer Arenga⸗Wald, der dem Bären ſo viel Kohl lieferte als er nur wünſchen konnte, gerade der rechte Ort für ihn, und Alexis begriff nun, weshalb der Dyak ihn hierher geführt hatte. Da der junge Naturforſcher wußte, daß dieſe Art Bär ſeltener iſt, als die andere Gattung— das heißt auf Borneo— ſo war er jetzt ärgerlicher als je, daß er ſeine Kugelbüchſe nicht bei ſich hatte. Das Thier mit ſeinem Meſſer angreifen zu wollen, wäre eben ſo abgeſchmackt als gefährlich geweſen, denn der malayiſche 107 Bär weiß eher einen Kampf zu beſtehen, als ſein bor⸗ neoiſcher Vetter. Aber wenn auch Alexis es gewünſcht hätte, ſo wäre doch für ihn keine Möglichkeit vorhanden geweſen, dem Thiere mit ſeinem Meſſer beizukommen, dafern er nicht ſelbſt die Palme hinaufkletterte, und dieß konnte er we⸗ der noch hätte er es gewagt. Der Bär hatte natürlich ſchon längſt ſeinen Feind am Fuße des Baumes bemerkt, und, ein anhaltendes, leiſes, zorniges Knurren hören laſſend, in ſeinem Kohl⸗ freſſen eine Pauſe gemacht, um ſich auf die Defenſive zu ſtellen. Aus der Haltung, die er demzufolge annahm, ging klar hervor, daß er durchaus nicht die Abſicht hatte, herunter zu kommen, ſo lange der Jäger am Fuße des Baumes verweilte. Auch wünſchte der Jäger dies durchaus nicht. Im Gegentheil ſchlug er mit einem Stecken an den Baum und machte mehrere andere De⸗ monſtrationen, in der Abſicht, den Bären abzuhalten, das Herabklettern zu verſuchen. Daran aber dachte das Thier auch gar nicht. Ob⸗ ſchon die Palme keine der höchſten war, ſo war ſie doch hoch genug, um es dem Bereich jeder Waffe zu ent⸗ rücken, welche dem Jäger zur Hand war, und der Bär, welcher dieſe Thatſache recht wohl zu wiſſen ſchien, blieb auf ſeinem Standpunkte, mit einer zuverſichtlichen Miene, welche verrieth, daß er durchaus nicht die Abſicht hatte, dieſe ſichere Poſition mit einer andern zu vertauſchen. ——— 4 4 — 108 Alexis begann nun zu überlegen, was er thun ſolle. Wenn er ſich ſeinen Begleitern hörbar machen konnte, ſo war damit jedem Zwecke entſprochen. Natürlich ka⸗ men ſie dann herzu, und brachten ihre Schießge⸗ wehre mit. Dies war ſonach das beſte Verfahren, welches er einſchlagen konnte, und Alexis beeilte ſich, es in Aus⸗ führung zu bringen, indem er aus Leibeskräften ſchrie. Nachdem er aber beinahe zwanzig Minuten lang ge⸗ ſchrieen und noch zehn gewartet hatte, erfolgte immer noch keine Antwort, eben ſo wenig als Jemand zum Vorſchein kam. Wieder erhob Alexis die Stimme und ſchrie, daß der Wald wiederhallte. Dieſer Wiederhall war aber die ganze Antwort, die er auf ſein Rufen bekommen konnte. Es war augenſcheinlich, daß er, ohne darauf zu achten, ſich viel zu weit von dem Lager entfernt hatte, als daß ſeine Kameraden ihn noch hätten hören können. Was war zu thun? Wenn er wieder nach dem La⸗ ger zurückging, um ſeine Begleiter und ſeine Büchſe zu holen, ſo benutzte höchſtwahrſcheinlich der Bär dieſe Ge⸗ legenheit, um vom Baume herabzuſteigen und die Flucht zu ergreifen. In dieſem Falle entkam er ganz ſicherlich, da keine Möglichkeit vorhanden war, durch einen ſolchen Wald ſeine Fährte zu verfolgen. Andererſeits aber konnte Alexis auch nicht bleiben, 109 wo er war. Er konnte warten bis zum jüngſten Tage ehe es Meiſter Braun beliebte, von ſeinem Baum her⸗ unterzukommen, und ſelbſt wenn dies der Fall war, welche Ausſicht hatte der junge Jäger dann, das Thier zu erlegen? Während er dies bei ſich überdachte, fiel ihm ein glücklicher Gedanke ein, und plötzlich ſah man ihn ein paar Schritte zurücktreten und ſich hinter die breiten Vlätter eines Piſang verſtecken, wo er vor den Augen des Bären verborgen war. Da der Morgen ein wenig rauh war, ſo hatte Alexis ſeinen Mantel umgenommen, und dieſen warf er jetzt ab. Den langen ſtarken Stecken, womit er an der Palme herumgehämmert, hatte er ſchon in den Händen und dieſen ſpitzte er nun an dem einen Ende mit ſeinem Meſſer zu. Auf das andere Ende ſteckte er ſeine Mütze und darunter befeſtigte er ſeinen Mantel, indem er letz⸗ teren um den Stecken herum drapirte, ſo daß derſelbe ſo gut als möglich eine Menſchengeſtalt vorſtellte. Als er dieſen Strohmann zuſammengebaut hatte, bog er ſich behutſam vorwärts, ſo daß die breiten Blätter des Piſang ſich immer noch zwiſchen ihm und dem Bä⸗ ren befanden. In dieſer Poſition hielt er die Vogel⸗ ſcheuche ſo weit von ſich, als er mit ausgeſtrecktem Arm reichen konnte, und pflanzte mit einem kräftigen Stoße den zugeſpitzten Stecken in den Boden, ſo daß er auf⸗ recht ſtehen blieb. Der Bruang konnte von ſeinem hohen Standpunkte 110 von dem Baume aus, nicht verfehlen, den Gegenſtand zu ſehen, obſchon der Jäger ſelbſt noch durch die rieſi⸗ gen Blätter verdeckt ward, die über ſeinen Kopf herab⸗ fielen. Nun ſtahl Alexis ſich vorſichtig und ohne das min⸗ deſte Geräuſch zu machen, von dem Platze hinweg. Als er weit genug zu ſein glaubte, um von dem Bären nicht mehr gehört zu werden, beſchleunigte er ſeinen Schritt und eilte nach dem Lager zurück. Es war für ſämmtliche Jäger nur das Werk einer Minute, ſich zu bewaffnen und auszurücken, und ehe zehn Minuten vergingen, befanden ſie ſich am Fuße des Arenga und hatten die Freude, zu finden, daß Alexis' éeiſt ſich als vollkommen erfolgreich erwieſen. Der Bruang ſaß immer noch in der Krone der Palme, aber er blieb nun nicht lange mehr an dieſem Platze, denn eine gegen ſeine weiße Bruſt abgefeuerte Salve warf ihn von ſeinem hohen Standpunkte herab, ſo daß er todt auf den Boden herunterplumpte. Der Dyak ärgerte ſich ein wenig, daß er das Wild nicht ſelbſt entdeckt hatte; als er aber hörte, daß er trotz⸗ dem die verſprochene Prämie erhalten ſollte, vergaß er ſeinen Aerger ſehr bald wieder. Da unſere Jäger einmal an Ort und Stelle wa⸗ ren, ſo beſchloſſen ſie, noch länger hier zu verweilen, und nach dem Frühſtück ſetzten ſie ihre Jagd fort. Es gelang ihnen auch, im Verlaufe derſelben nicht blos noch einen Bruang aufzuſpüren und zu erlegen, ſondern auch 111 einen Rimau dahan oder gefleckten Tiger(Felis ma- crocelus)— das ſchönſte Thier des ganzen Katzenge⸗ ſchlechts, deſſen Haut eine der Trophäen ſein ſollte, wel⸗ che man in dem Muſeum des Palaſtes Grodonoff auf⸗ zuſtellen gedachte. Dieſe Jagd war das Ende ihrer Abenteuer in dem orientaliſchen Archipel, und von Sambos reiſten ſie di⸗ rekt weiter durch die Meerenge von Malaga und die von Bengalen hinauf nach der großen Stadt Calcutta. 59. Capitel. Der Faulthierbär.0 Naun ging es vorwärts nach den großartigen Gebirgen von Imaus— der wunderbaren Kette der Hima⸗ laias. Hier erwarteten unſere Jäger nicht weniger als drei Gattungen Bären zu finden— jede von der andern in Bezug auf Form, Anblick, gewiſſe Lebensgewohnheiten und ſelbſt Wohnſitz verſchieden, denn obſchon alle drei in den Himalayas angetroffen werden, ſo hat doch jede Gattung in Bezug auf Höhe ihre eigenthümliche Zone, in welcher ſie ſich faſt ausſchließlich bewegt. Dieſe drei Bären ſind der Faulthierbär(Ursus labiatus), der thibetaniſche Bär(Ursus thibetanus), und der Schneebär(Ursus isabellanus). 113 Der zuerſt erwähnte iſt der, welchem ſowohl von Naturforſchern als Reiſenden die meiſte Beachtung ge⸗ ſchenkt worden iſt. Es iſt dieſelbe Gattung, welche von gewiſſen, ſich klug dünkenden Stubengelehrten lange Zeit als ein Faulthier(Bradypus) betrachtet ward. Andere Syſtematiker befreiten es von dieſer Klaſſifica⸗ tion, begnügten ſich aber nicht damit, es dahin zu thun, wohin es wirklich gehört— in das Genus Ursus— ſondern ſchufen für dieſen Bären ein ganz neues, ſodaß er jetzt in zoologiſchen Katalogen als ein Prochilus— als der Prochilus labiatus figurirt! Wir verwerfen dieſen abgeſchmackten Titel und nennen dieſes Thier bei ſeinem wirklichen Namen— Ursus labiatus— was buchſtäblich überſetzt der „Lippenbär“ bedeutet, was freilich auch gerade keine ſehr ſpecifiſche Benennung iſt. Dieſer Name hat ſeinen Grund in einer Eigenthüm⸗ lichkeit des Thieres, welcher zufolge es ſeine Lippen aus⸗ dehnen oder vorſtrecken kann, um ſeine Nahrung damit zu faſſen, ſo daß es in dieſer Beziehung Aehnlichkeit mit dem Tapir, der Giraffe und einigen andern derar⸗ tigen Thieren hat. Der Trivialname„Faulthierbär“ iſt weit bezeich⸗ nender, denn das eigenthümliche Anſehen des Thieres in Folge der langen zottigen Haarmaſſen, welche ſeinen Hals und Körper bedecken, giebt ihm eine auffallende Aehnlichkeit mit dem Faulthier. Meiſter Braun III. 8 114 Seine langen halbmondförmigen Krallen erhöhen dieſe Aehnlichkeit noch. Ein weniger bezeichnender Name iſt der, unter wel⸗ chem dieſes Thier den franzöſiſchen Naturforſchern be⸗ kannt iſt, die es den Ours de Jongleurs oder den „Gauklerbären“ nennen. Sein groteskes Aeußere macht ihn nämlich zu einem großen Lieblinge der indiſchen Gaukler und Tonkünſtler; da aber zum Tanzen und an⸗ dern dergleichen Künſten auch noch viele andere Gattun⸗ gen abgerichtet werden, ſo iſt der Name kein charakte⸗ riſtiſcher. Dieſer Bär iſt nicht ganz ſo groß als der Ursus arctos, obſchon zuweilen Exemplare angetroffen werden, die dem Umfange des letztern beinahe gleichkommen. Der Pelz iſt länger und zottiger als bei irgend einer andern Gattung, denn auf dem Rücken des Halſes iſt er volle zwölf Zoll lang. In dieſer Maſſe langen Haares findet ſich eine ſon⸗ derbare Trennungslinie, welche ſich quer über den Rücken des Halſes zieht. Die vordere Abtheilung fällt vorwärts über die Stirn, ſodaß ſie über die Augen herabhängt, und der Phyſiognomie des Thieres ein ſchwerfällig dum⸗ mes Ausſehen giebt. Die andere Abtheilung fällt zurück und bildet auf den Schultern eine dicke Mähne oder einen Höcker. Bei alten Individuen wird das Haar außerordent⸗ lich lang und da es zu beiden Seiten und längs des Halſes faſt bis auf den Boden herabhängt, ſo erhält 115 das Thier dadurch das ſeltſame Anſehen, als hätte es keine Beine. Die allgemeine Farbe des Felles iſt ſchwarz und hier und da iſt auch eine Beimiſchung von Braun zu bemerken. Auf der Bruſt befindet ſich eine weiße Ab⸗ zeichnung von dreieckiger Form und die Schnauze iſt ebenfalls von ſchmuzig⸗gelbweißer Farbe. Es iſt keine Gefahr vorhanden, daß man die Gat⸗ tung fälſchlich für irgend einen andern der ſchwarzen aſiatiſchen Bären oder überhaupt irgend einen andern ſchwarzen Bären halte. Das lange, zottige, ſchlicht herabhängende Haar hat ein ganz anderes Anſehen als die gleichformige bürſtenähnliche Fläche, welche das Fell des Ursus malayanus, curyspilus, americanus, orna- tus und frugilegus charakteriſirt. Die größte Eigenthümlichkeit des Faulthierbären iſt vielleicht die Fähigkeit, die er beſitzt, die Lippen vorzu⸗ ſtrecken, was er bis zu einer Länge von mehreren Zoll thun kann, ſo daß ſie dann die Form einer Röhre an⸗ nehmen. Dies nebſt der langen dehnbaren Zunge, welche an dem Ende flach und viereckig iſt, deutet auf eine der Le⸗ bensgewohnheiten des Thieres entſprechende eigenthüm⸗ liche Beſtimmung. Ohne Zweifel iſt ihm die außeror⸗ dentliche Entwickelung der Zunge zu demſelben Zwecke gegeben, wie den Freßwerkzeugen der Ameiſen freſſenden Thiere, damit ſie die Thermiden„auflecken“ können. Die großen krummen Klauen des Thieres, die eine 8*† —— — 4 — 116 auffallende Aehnlichkeit mit denen der Ameiſenfreſſer— beſonders des großen Tamanoir von Südamerika— haben, werden zu demſelben Zwecke gebraucht, nämlich zum Aufreißen der klebrigen Maſſe, von welcher die Thermiden ihre merkwürdigen Wohnungen erbauen. Dieſe Inſekten machen einen Theil der Subſiſtenz⸗ mittel des Faulthierbären aus; er frißt aber auch Obſt und ſüße ſaftige Pflanzen. Daß er auf Honig ganz er⸗ picht und ein regelmäßiger Plünderer der Bienen⸗ ſtöcke iſt, brauchen wir wohl kaum erſt zu erwähnen. Trotz der komiſchen Rolle, die er oft in den Hän⸗ den der Gaukler ſpielen muß, führt er doch nicht ſelten auch ein kleines Trauerſpiel auf. Dies geſchieht, wenn er ſich in ſeinem wilden oder natürlichen Zuſtande befindet. Er macht allerdings nicht muthwillig einen Angriff auf menſchliche Weſen und geht, wenn man ihn unbe⸗ helligt läßt, ruhig ſeines Weges; wird er dagegen ver⸗ wundet, oder auf andere Art gereizt, ſo verſteht er ungefähr auf dieſelbe Weiſe zu kämpfen, wie der ame⸗ rikaniſche ſchwarze Bär. Die Eingeborenen von Indien fürchten ihn hauptſächlich wegen des Schadens, den er ihren Feldfrüchten zufügt, beſonders ihren Zuckerrohrpflanz⸗ ungen. Wir haben ſchon angeführt, daß der Faulthier⸗ bär nicht ausſchließlich auf die Himalayas beſchränkt iſt. Im Gegentheile ſind dieſe Gebirge nur nördliche Grenze ſeines Bereichs, welches ſich über die ganze Grenze von Hindoſtan und ſelbſt darüber hinaus bis auf die Inſel Ceylon erſtreckt. Er kommt häufig im Deccan vor, eben ſo im Lande der Mahratten, in Sylhet und höchſt wahrſcheinlich im ganzen Indien jenſeit des Ganges. In den Gebirgen, welche die Oſt- und Weſtgrenze der Provinz Bengalen bilden, ſo wie längs der Ausläufer der Himalayas von Nepaul gegen Norden, iſt der Faulthierbär der hän⸗ figſte Vertreter der Familie Braun. Bis in die höheren Zonen hinauf aber erſtreckt er ſeine Wanderungen nicht. Dieſes ſein Bereich beweiſt, daß er mehr ein heißes als ein kaltes Klima liebt— trotz der großen Länge ſeines Pelzes. 2 Noch eine andere Eigenthümlichkeit muß hier er⸗ wähnt werden. Anſtatt ſich in von menſchlichen Wohnungen abgelegenen Einöden zu verbergen, ſucht er mehr die Geſellſchaft des Menſchen— nicht als ob er den letztern liebte, ſondern einfach, um ſich die Ergebniſſe des menſchlichen Fleißes zu Nutzen machen zu können. Zu dieſem Zwecke ſucht er ſeinen Schlupfwinkel allemal in der Nähe einer Niederlaſſung, von wo aus er mit aller Bequemlichkeit ſeine Raubzüge gegen die Feldfrüchte ausführen kann. Er iſt ſtreng genommen kein Waldthier. Das nied⸗ ige Dſchungl iſt ſein Aufenthalt und ſein Lager iſt ein Loch unter irgend einer überhängenden Wand— ent⸗ weder eine natürliche Höhle, oder eine, die von ei⸗ nem unter der Erde lebenden Thiere angelegt worden. Wohl wiſſend, daß der Faulthierbär in jedem Theile des Landes nördlich von Calcutta anzutreffen iſt, beſchloſſen unſere Jäger, ſich nach ihm umzu⸗ ſchauen, während ſie ſich auf dem Wege nach den Hi⸗ malayas befänden, welches Gebirge ſie entweder durch den kleinen Staat Sickim, oder das Königreich Nepaul zu erſteigen beabſichtigten. Ihr Weg von Calcutta nach den Bergen führte ein wenig nach Nordweſt und an vielen Orten unterwegs hörten ſie nicht blos von dem Faulthierbären, ſondern ſahen auch die Verheerungen, welche dieſes ſchädliche Thier unter den Feldfrüchten der Landwirthe angerich⸗ tet hatte. Es gab Zuckerplantagen, auf welchen ſie hohe hölzerne Thürme mitten in dem Felde errichtet ſahen, welche die ſie umgebende Vegetation bedeutend über⸗ ragten. Als ſie nach dem Zwecke dieſer ſonderbaren Ge⸗ bäude fragten, ward ihnen geantwortet, daß es Wacht⸗ thürme ſeien, und daß während der Zeit, wo die Ern⸗ ten reiften, auf dieſen Thürmen Tag und Nacht Schild⸗ 119 wachen ausgeſtellt würden, um nach den Bären auszuſchauen und ſie fortzuſcheuchen, ſo oft dieſe Räuber ſich innerhalb der Grenzen des Feldes ſehen ließen. Trotz der vielen Beweiſe von der Nähe des Faul⸗ thierbären, auf welche unſere Jäger in der ganzen Provinz Bengalen ſtießen, gelang es ihnen doch nicht, mit dieſem grotesken Individuum eher zuſammenzutreffen, als bis ſie ſich dicht am Fuße der Himalaya⸗Gebirge in jenem eigenthümlichen Diſtrikt befanden, welcher als das Teräi bekannt iſt. Es iſt dies ein Gürtel von Dſchungel und Wald⸗ land, im Durchſchnitt etwa zwanzig engliſche Meilen breit und ſich längs der ſüdlichen Baſis des Himalaya⸗ Gebirges ſeiner ganzen Länge nach Afghaniſtan bis China hinſtreckend. Das Teräi iſt ſeiner ganzen Ausdehnung nach ſo ungeſund, daß man davon kaum ſagen kann, es ſei be⸗ wohnt, denn die einzigen menſchlichen Weſen die die hier angetroffen werden, ſind einige wenige zer⸗ ſtreute Stämme Eingeborener(Mechs) welche, an die miasmatiſche Atmoſphäre gewöhnt, von derſel⸗ ben nichts zu fürchten haben. Wehe dagegen dem Europäer, der längere Zeit in dem Teräi zu verweilen wagt— er wird hier bald ſein Grab ſinden! Trotz dieſes ungeſunden Klimas aber, iſt es den⸗ —— — 120 noch der Lieblingsaufenthalt vieler der größten Vier⸗ füßler. Man findet hier den Elephanten, das ko⸗ loſſale indiſche Rhinoceros, den Löwen und den Ti⸗ ger, den Dſchungel⸗Ghau oder wilden Stier, den Sambur⸗Hirſch, Panther, Leoparden und Oſchitahs. Der Faulthierbär durchſchweift die Dickichte und Lich⸗ tungen, wo ſeine Lieblingsſpeiſe, die weiße Ameiſe, in Menge vorhanden iſt, und als unſere Jäger dieſen Diſtrikt erreichten, richteten ſie ihre Aufmerkſamkeit ganz beſonders auf das Auffinden eines Exemplarg dieſes un⸗ geſchlachteten Geſchöpfes. Zum Glück brauchten ſie nicht lange zu ſuchen, denn ſonſt würde das Klima des Teräi ſie bald ſo ab⸗ gemattet haben, daß ſie vielleicht niemals im Stande geweſen wären, die jenſeits gelegenen ungeheuern Berge zu erſteigen. Beinahe gleich nachdem ſie die Grenze dieſer tödt⸗ lichen Wildniß überſchritten, ſtießen ſie auf den Faul⸗ thierbären und obſchon das Zuſammentreffen ein rein zufälliges war, ſo endete es doch damit, daß Braun ſeines Lebens und ſeines langhaarigen Kleides beraubt wurde. Der Faulthierbär ließ dieſe doppelte Plünderung nicht ruhig über ſich ergehen, denn er ſelbſt war der Angreifer, und der Erſte, welcher rief:„Steht und ergebt Euch!“ Auch ward ſeine Beſiegung nicht ohne einen perſönlichen Kampf bewirkt, welcher die ungleiche 121 Zahl unſerer Helden beinahe in eine gleiche verwan⸗ delt hätte. Wir wollen jedoch den Bericht hierüber mittheilen, wie wir ihn in Alexis' Tagebuche aufgezeichnet finden. 60. Capitel. . nar Braun wird bei der Zunge gepackt. lie Reiſenden hatten Halt gemacht, um einen Imbiß einzunehmen, und ihre Pferde an einige Bäume ge⸗ bunden. Während Puſchkin beſchäftigt war, die Mundvor⸗ räthe auszupacken, und Alexis die Ereigniſſe des Tages in ſein Buch eintrug, hatte Jwan— von einem ſchönen Vogel verlockt— ſeine Doppelflinte genommen und war, in der Hoffnung, ihn zu erlegen, dem Vogel durch das Dſchungel gefolgt. Wir begleiten Iwan, denn er war es, welcher den Gauklerbären aufſcheuchte, der beinahe gleich im Augen⸗ blick ihres Zuſammentreffens eins ſeiner Gauklerkunſt⸗ ſtückchen mit ihm angeſtellt hätte. 123 Iwan ging vorſichtig eine Erdwand entlang, die beinahe bis zur Höhe ſeines Kopfes emporſtieg, die aber an manchen Stellen wie durch die Wirkung von flie⸗ ßendem Waſſer unterminirt war— obſchon kein Waſſer zu ſehen war. Der Boden jedoch, auf welchem er ging, war mit Kies und grobem Sande bedeckt, woraus hervorging, daß zu irgend einer frühern Zeit Waſſer darüber ge⸗ floſſen ſein mußte. Auch war hier in der That augen⸗ ſcheinlich das Bett eines Fluſſes, der während der Re⸗ genzeit voll geweſen, jetzt aber vollſtändig ausgetrock⸗ net war. Daran aber dachte Iwan weiter nicht. Er dachte blos an den ſchönen Vogel, welcher unter den Bäumen herumflatterte, aber ſich fortwährend noch außerhalb ſei⸗ ner Flinte hielt. Er kroch daher in geduckter Stellung die Erdwand entlang, um dieſe als Deckung zu benutzen und ſich auf dieſe Weiſe ſeiner Beute näher zu ſchleichen. Plötzlich ſchlug ein eigenthümliches Geräuſch an ſein Ohr. Es war eine Art eintöniges Schnurren wie von einer Spinnmaſchine, oder einem ſehr großen Kater her⸗ rührend. Dabei war es anhaltend und ununterbrochen. Dieſes Geräuſch war für Iwan's Ohr nicht gerade angenehm, denn es verrieth die Nähe eines Thieres, und obſchon der Ton nicht laut war, ſo lag doch etwas darin, was ihm ſagte, daß das Thier, von welchem er ausging, ein Geſchöpf ſei, welches er Urſache habe, zu fürchten. 124 Das Geräuſch ſchlug gewiſſermaßen wie eine War⸗ nung an Zwan's Ohr und bewog ihn, die Verfolgung des Vogels aufzugeben, ſtill zu ſtehen, und mit großer Aufmerkſamkeit zu horchen. Einige Augenblicke lang war er nicht im Stande, zu ermitteln, von wo das Geräuſch ausging. Es ſchien den ganzen Raum um ihn her auszufüllen— als ob es aus der Luft ſelbſt käme— denn der ſchnurrende Ton hielt die Atmoſphäre in einer forwährenden Vib⸗ ration, und da keine eigentliche Erſchütterung da war, ſo war es um ſo ſchwieriger, dieſes Vibriren auf ſeine Quelle zurückzuverfolgen. Iwan dachte zuerſt, es könne das Schnurren eines Tigers ſein, welches er hörte, und dennoch ſchien es ihm nicht laut und rauh genug dazu zu ſein, denn er kannte das eigenthümliche Geraſſel, welches häufig aus dem Rachen der königlichen Katze von Bengalen zu verneh⸗ men iſt.— Er überlegte jedoch ſchnell, daß, möchte es nun ein Tiger ſein oder nicht, es für ihn nicht gerathen ſein würde, Lärm zu machen oder ſchnell nach dem Bivouak zurückzueilen, obſchon dieſer kaum dreißig Schritt von der Stelle ntfernt war. Wenn er einen ſolchen Verſuch zum Rückzuge machte, ſo konnte er entweder das Thier hinter ſich her⸗ locken, oder darauf ſtoßen, da er ja nicht wußte, in wel⸗ cher Richtung es ſich befand. Eben um dieſe Richtung zu ermitteln, war er ſtehen geblieben und horchte. 125 Wußte er einmal dieſe, ſo konnte er Stand halten, oder die Flucht ergreifen, je nachdem die Umſtände es gebie⸗ ten würden. Beinahe eine Minute blieb er in dieſer unentſchloſ⸗ ſenen Haltung, während er nach jener Seite und über die Erdwand hinweg in das daran ſtoßende Dſchungel ſchauete. Er konnte aber keinerlei lebendes Weſen ent⸗ decken, denn ſelbſt der Vogel hatte ſich ſchon lange aus dieſer Nähe entfernt. Aber immer noch dauerte das Schnurren fort und ein oder zwei Mal ward der Ton ſtärker, ſo daß er faſt ein Knurren genannt werden konnte. Plötzlich jedoch verſtummte es und ſtatt ſeiner ließ ſich ein raſches ſcharfes, mehrmals wiederholtes Schnau⸗ ben vernehmen. Dies war ein beſtimmterer Ton und leitete Zwan's Augen nach einer Richtung, nach welcher es ihm bis jetzt noch nicht eingefallen war hinzuſchauen. Bis jetzt hatte er rund um ſich herum und über die Erdwand hinweg recognoscirt, aber es war ihm nicht eingefallen, unter dieſelbe zu ſehen. Nach dieſer Richtung hin wendete er jetzt ſeine Au⸗ gen und ſich bückend ſchauete er in die finſtere unterir⸗ diſche Höhlung, welche das Waſſer in dem Alluvialbo⸗ den gebildet hatte. Hier ſah er zu ſeiner Ueberraſchung den Urheber des Geräuſches, welches ihn ſo verblüfft hatte. Anfangs ſah er blos ein Geſicht ſchmuzig weißer Farbe, mit einem Paare häßlich blickender Augen; als —— · 126 er aber genauer hinſchauete, ſah er, daß dieſes Geſicht aus einer ungeheuern Umgebung von ſchwarzem, zotti⸗ gem Haar hervorragte, welches die Bedeckung keines an⸗ dern Thieres als eines Bären und zwar eines Faul⸗ thierbären ſein konnte. Als Iwan dieſe Entdeckung machte, wußte er nicht, ob er ſich darüber freuen ſollte oder nicht. Er würde ſich unbedingt gefreut haben, wenn er den Bären in ei⸗ niger Entfernung geſehen hätte; in ſeiner gegenwärtigen Lage aber, wo die große Beſtie nahe genug war, um ihn mit einem einzigen Sprunge zu erreichen, hatte er nur wenig Urſache, ſich zu ſeinem Funde Glück zu wünſchen. Auch that er dies nicht. Im Gegentheil, er ward von einem raſchen Bewußtwerden der Gefahr ergriffen und dachte an weiter nichts, als wie er entrinnen könnte. Er würde demgemäß ſich auch ſofort herumgedreht und die Flucht ergriffen haben; es fiel ihm aber ein, daß er, wenn er dies thäte, den Bären hinter ſich her⸗ locken würde, und er wußte, daß trotz des tölpiſchen Schlurfens, welches ein Bär beim Laufen macht— und der Faulthierbär iſt der größte„Schlurfer“ der Familie — er für einen Menſchen immer noch zu ſchnell laufen kann. Drehete daher Jwan ſich herum, ſo konnte der Bär ihm auf den Rücken ſpringen und ihn auf dieſe Weiſe in ſeine Gewalt bekommen. Anſtatt daher das Geſicht abzuwenden, hielt Iwan 127 es fortwährend auf die Erdwand gerichtet, und indem er die Augen feſt auf das Thier heftete, begann er lang⸗ ſam und ſchweigend ſich rückwärts fortzubewegen. Gleich⸗ zeitig hatte er vorſichtig ſeine Flinte gehoben— nicht in der Abſicht, um Feuer zu geben, ſondern blos um bereit zu ſein, im Fall der Bär der Angreifer würde. Außerdem war Iwan vollkommen einverſtanden, wenn die Sache vor der Hand unentſchieden blieb. Meiſter Braun jedoch war nicht gemeint, das Spiel auf dieſe Weiſe aufzugeben, denn das grimmige Knur⸗ ren, welches er in dieſem Augenblicke hören ließ, bedeu⸗ tete etwas ganz Anderes. Es war das Vorſpiel zum Kampfe und verkündete ſeine Abſicht, denſelben zu be⸗ ginnen. Beinahe gleichzeitig mit dem Knurren ſprang der Bär auf ſeine Füße, und ehe Iwan abdrücken, ja ehe ehe er noch das Gewehr ordentlich anlegen konnte, kam eine rieſige Maſſe ſchwarzen zottigen Haares gleich einem Bündel ruſiger Lumpen direct durch die Luft auf ihn zu⸗ geflogen. Man ſpricht viel von dem plötzlichen Sprunge des Tigers, und dem raſchen ungeſtümen Angriff des Löwen, aber, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, weder das eine noch das andere dieſer Thiere kann auf ſein beabſichtig⸗ tes Opfer mit größerer Schnelligkeit losſtürzen, als ein Bär— ſo tölpiſch und plump Meiſter Braun auch er⸗ ſcheinen mag. Seine Fähigkeit, ſich aufrecht emporzurichten, giebt 128 ihm dieſen Vortheil, und in Folge ſeiner großen platten Hintertatzen, in Verbindung mit ſeinen gewaltigen mus⸗ kelſtarken Beinen, kann er mit einer Schnelligkeit vor⸗ wärts ſchießen, die eben ſo überraſchend als unerwar⸗ tet iſt. Dies weiß der Bärenjäger von Profeſſion recht wohl und dieſe Kenntniß macht ihn vorſichtig, ſo daß er ſich wohl hütet, einem liegenden Bären allzunahe zu kommen. Auch Jwan wußte es, und eben aus dieſem Grunde bemühete er ſich, die Entfernung zwiſchen ſich ſelbſt und Braun zu vermehren, ehe er ſich herumdrehete um ſchnell die Flucht zu ergreifen. Unglücklicherweiſe war es ihm noch nicht gelungen, hinreichendes Terrain zu gewinnen. Er befand ſich noch innerhalb Angriffsweite von dem Thiere, als das⸗ ſelbe ſich auf ſeine Füße erhob, noch ein Schritt rückwärts aber, ſo wie der Bär ſprang, entrückte ihn dem Bereich des Sprunges, und Meiſter Braun ſprang zu kurz. 3 Im nächſten Augenblick aber richtete er ſich wieder empor und that einen zweiten Sprung vorwärts. Diesmal aber war der Schwung, den er ſeinem Kör⸗ per gegeben, nicht ſo groß, und obſchon es ihm gelang, den jungen Jäger zu packen, ſo war der letztere doch im Stande, ſich auf den Füßen zu halten, und in auf⸗ rechter Stellung den Ringkampf zu beginnen. Wäre er 129 zu Boden gefallen, ſo würde der Bär kurzen Proceß mit ihm gemacht haben. Jwan hatte ſeine Flinte fallen laſſen, denn da er keine Zeit hatte ſie anzulegen oder zu zielen, ſo war ihm die Waffe von keinem Nutzen. Seine Hände waren deshalb frei, und ſo wie der Bär ſich auf ihn ſtürzte, ſtreckte er die Arme aus, packte das lange Haar welches über die Stirn des Thieres herabhing und hielt aus Leibeskräften den Kopf des Ungeheuers mit dem drohenden Rachen rückwärts. Der Bär hatte ſeine beiden Tatzen um den Kör⸗ per des jungen Jägers geſchlagen; ein breiter dicker Gürtel aber, den der letztere zufällig trug, ſchützte ſeine Haut vor den Krallen des Thieres. So lange er dieſen offenen Rachen mit der Doppel⸗ reihe weißer ſcharfer Zähne zurückhalten konnte, hatte er nicht gar ſo viel zu fürchten, aber ſeine Kräfte konn⸗ ten gegen einen ſo gewaltigen Feind nicht lange aus⸗ halten. Seine einzige Hoffnung war, daß das Geſchrei, welches er erhob, die andern Jäger zu ſeinem Beiſtand herbeilocken würde, und daran zweifelte er auch nicht, denn er hörte ſchon Puſchkin und Alexis herzugeeilt kommen. Es war ein gefährlicher Augenblick. Der weit auf⸗ geſperrte Rachen des Bären befand ſich kaum zwölf Zoll weit von dem Geſicht des jungen Jägers. Er fühlte den heißen Athem an ſeinen Wangen und die Meiſter Braun. III. 9 130 lange dehnbare Zunge des Thieres berührte beinahe ſeine Stirn und vibrirte raſch hin und her, als ob das Thier auf dieſe Weiſe ſeinen Kopf nahe genug zu brin⸗ gen hoffte. Der Kampf war kein langer. Er dauerte bis Alexis und Puſchkin zur Stelle kamen, aber nicht ſechs Se⸗ kunden länger. Das Erſte was Puſchkin that, war, daß er die hervorragende Zunge des Bären mit ſeiner lin⸗ ken Hand faßte und halb um dieſelbe herumwickelte, während er mit der rechten ſein langes Meſſer dem Thiere zwiſchen die Rippen ſtieß... Alexis führte auf der andern Seite einen Stoß ähn⸗ licher Art und ehe noch einer von beiden ſeine Klinge aus der behaarten Scheide ziehen konnte, ließ der rie⸗ ſige Gaukler ſeine Beute los und ſtürzte zuſammen un⸗ ter die Kieſel.. Hier blieb er nach einigen grotesken Zuckungen ſei⸗ ner rieſigen Glieder ausgeſtreckt und regungslos liegen und ſtellte es außer allem Zweifel, daß bei ihm„Tanz und Spiel“ vorbei war. 61. Capitel. Ein Extra⸗Fell. Anſere Jäger blieben in ihrem Bivouak nicht länger als unbedingt nothwendig war, um eine eilige Mahlzeit zu ſich zu nehmen. Man hatte ſie vor dem gefährlichen Klima des Teräi gewarnt und ſie bemüheten ſich daher, ſo ſchnell als möglich aus demſelben hinauszukommen, ſo daß ſie noch vor Einbruch der Nacht die höhere ge⸗ birgige Region erreichten. Ihre Reiſe fortſetzend, betraten ſie das Königreich Nepaul, in deſſen Bergen ſie den thibetaniſchen Bär (Ursus thibetanus) zu finden erwarteten. Dieſes Thier iſt gewöhnlich als eine bloße Abart des Ursus arctos betrachtet worden, aber ohne den minde⸗ ſten Grund. Er iſt ein Thier von ſanftexer Art und 9*½ 13² ausſchließlich Pflanzenfreſſer. Von Farbe iſt er ſchwarz, hat aber auf ſeiner Bruſt eine weiße Abzeichnung, die wie ein I geformt iſt. Die beiden Arme des Buchſtaben gehen über die Schultern des Thieres hinauf, während der untere Theil ſich zwiſchen den Vorderbeinen und den halben Bauch entlang zieht. Die Krallen des Thieres ſind klein und ſchwach und ſein Profil bildet beinahe eine gerade Linie, ſo daß er ſich von dem Ursus arctos weſentlich unterſcheidet. Auch iſt er ein viel kleineres Thier und erreicht kaum mehr als die halbe Größe der letzteren Gattung, ſo daß er nicht viel größer iſt, als der Ursus malaya- nus, mit welchem er eine weit größere Aehnlichkeit hat. Man findet ihn in den Bergen von Sylhet und in jenem ganzen Theile der Himalayas, der innerhalb der großen Biegung des Brahmaputra in Thibet liegt, von wo er ſeinen ſpecifiſchen Namen hat. Er iſt aber eben⸗ falls ein Bewohner des Hügellandes Nepaul, und dort⸗ hin begaben ſich unſere Jäger, um ihr Exemplar auf⸗ zuſuchen. Mit Hülfe eines von ihnen gemietheten Ghurka⸗ Führers brauchten ſie nicht lange Zeit, einen zu finden. Da indeſſen an ſeine Erlegung ſich kein beſonders merk⸗ würdiger Vorfall knüpfte, ſo ſchweigt Alexis' Tagebuch hierüber. Es wird blos erwähnt, daß das Thier aus einem Dickicht von Rhododendron⸗Gebüſchen aufge⸗ ſcheucht und niedergeſchoſſen ward, während es zu ent⸗ fliehen ſuchte. 133 Nachdem unſere Jäger auf dieſe Weiſe ihre Rech⸗ nung mit dem Thibetaniſchen Bären ausgeglichen, hätten ſie ſich innerhalb des Gebiets von Nepaul auch noch eine andere Gattung verſchaffen können, nämlich den braunen oder Iſabellenbären(Ursus isabellinus). Die⸗ ſen hätten ſie finden können, wenn ſie nach den höhern Regionen der großen Schneegebirge hinaufgeſtiegen wären, welche Nepaul überragen. Da ſie aber wußten, daß ſie dieſe Gattung auch an den Quellen des Ganges antreffen würden und da ſie dieſe merkwürdige Oertlichkeit zu beſuchen wünſchten, ſo ſetzten ſie ihre Reiſe weſtlich durch Nepaul und Delhi weiter fort und langten an der Sanitätsſtation Mu⸗ ſuhri in dem ſchönen Thale des Dehra Duhn an. Nachdem ſie hier einige Tage ausgeruht, begannen ſie das Gebirge zu erſteigen, deſſen untere und mittlere Zone ſie mit Wäldern prachtvoller Eichen von mehrern verſchiedenen Arten bedeckt fanden. In dieſen Eichenwäldern hörten ſie zu Alexis' großer Ueberraſchung von dem Vorhandenſein eines großen ſchwarzen Bären, der von dem Ursus thibetanus und ebenſo von dem Ursus isabellinus gänzlich verſchieden iſt und eine ganz beſondere Gattung bildet, welche, ob⸗ ſchon anglo⸗indiſchen Jägern wohlbekannt, doch der Aufmerkſamkeit der Naturforſcher entgangen zu ſein ſcheint. Ueberdies erfuhren ſie, daß er weit entfernt war, 134 ein ſeltenes Thier oder ein unbedeutendes Mitglied der Familie Braun zu ſein. In Bezug auf Größe, furcht⸗ bare Stärke und Wildheit ſteht er blos dem Ursus ferox und dem Ursus maritimus nach, dem Ursus arctos aber in allen dieſen Eigenſchaften vollkommen gleich. Von ſeiner Wildheit und Furchtbarkeit ſahen unſere Reiſenden faſt in jedem Dorfe, welches ſie Puſſitten, die augenſcheinlichſten Beweiſe. Sie begegneten hier einer Menge Perſonen, die von dieſen ſchwarzen Bären zerkratzt und verwundet, und einigen, die auf das Furchtbarſte verſtümmelt wor⸗ den waren. Sie ſahen Leute, denen die ganze Haut von Schädel und Geſicht abgeriſſen worden, und deren Züge einen entſetzlichen Anblick darboten. Dieſe eigenthümliche Gewohnheit, auf welche ſie ihre menſchlichen Feinde züchtigen, ſcheint allen Bären gemeinſam zu ſein— ich meine die Gewohnheit, ihre Opfer zu ſkalpiren und ihnen womöglich das Geſicht zu entſtellen. Nicht blos die ſchwarzen und braunen Bären der Himalayas haben dieſe Gewohnheit, ſondern auch der Ursus arctos, der Grisly und der weiße. Sie zielen allemal nach dem Kopfe, aber ganz beſonders nach dem Geſicht und reißen mit einem einzigen Ruck ihrer ausgebreiteten Tatzen gewöhnlich Haut und Fleiſch herunter. Nachdem der Bär dies gethan, ſteht er oft von weiterer Mißhandlung ſeiner Opfer ab, und wenn die 135 letzteren nur ſtill liegen und ſich todt ſtellen, ſo hört das Ungeheuer auf, ſie zu verſtümmeln und verläßt den Kampfplatz, anſcheinend ſchon zufrieden damit, ſeinen Feind ſkalpirt zu haben. Dieſe grauſame Gewohnheit von Seiten der Bären hatten unſere jungen Jäger ſchon längſt bemerkt und daß der ſchwarze Bär der Himalayas dieſer lobens⸗ werthen Gewohnheit ebenfalls huldigte, davon hatten ſie nun ausreichende Beweiſe. In ſeinen übrigen Gewohnheiten— welche die jungen Jäger von den Schikkaries oder Dorfjägern er⸗ fuhren— hat dieſer Bär große Aehnlichkeit mit dem Ursus arctos des nördlichen Europa. Bei gewöhnlichen Gelegenheiten beſteht ſein Futter aus Früchten, Wur⸗ zeln und Inſekten aller Art, ſo weit er deren habhaft werden kann— ſogar Scorpione und Käfer verzehrt er— und da, wo der Urwald ihm nicht volle Ration gewährt, bricht er in die angebauten Felder ein, wo er großen Schaden anrichtet. Weizen läßt er ſeltſamer⸗ weiſe unberührt, während er die Gerſten⸗ und Buch⸗ weizenfelder auf das Entſetzlichſte verwüſtet. Des Nachts dringt er auch in die an die Häuſer grenzenden Gärten und beraubt ſie des Obſtes und der Küchengewächſe. Er kommt ſogar noch näher und ſtiehlt den Honig der zahmen Bienen, deren Stöcke einer ſeltſamen Gewohnheit der Bergbewohner zufolge in kleinen Niſchen in den Wänden der Wohnhäuſer auf⸗ geſtellt ſind. 136 Der ſchwarze Bär kühlt ſich dann und wann den Gaumen durch das Verzehren von Melonen und Gurken, ganz beſonders aber liebt er ein Deſſert von Aprikoſen, welche die gewöhnlichſte in ſämmtlichen mitt⸗ leren Regionen der Himalayas angebaute Frucht iſt. Der Bär bricht während des Nachts in den Aprikoſen⸗ garten, erklettert die Bäume und richtet während eines einzigen derartigen Beſuches mehr Schaden an, als ein halbes Schock Schulbuben. In allen Obſtgärten ſind daher erhöhete Krähen⸗ neſter oder Schilderhäuſer angebracht, um die Bären zu überwachen, und während dieſer Zeit werden viele von ihnen auf friſcher That ertappt und erlegt. Der ſchwarze Bär vom Himalaya frißt Fleiſch— mag es friſch ſein oder ſchon halb verfault— und ſo⸗ bald er einmal dieſe Gewohnheit angenommen hat, giebt er ſie auch nie wieder auf, ſondern bleibt ein fleiſch⸗ freſſendes Thier, ſo lange er lebt. Er überfällt Ziegen und Schaafe auf den Weideplätzen im Gebirge und bricht ſogar in die Gehöfte ein und erwürgt die Thiere in den Ställen. Wenn ihm eine Heerde Schaafe in den Weg kommt, ſo begnügt er ſich, wenn er nicht von dem Hirten ver⸗ jagt wird, nicht damit, blos eins zu erwürgen, ſondern verwandelt zuweilen ein halbes Schock in Schöpſen⸗ fleiſch. Dieſe Bären aber, welche einen ſo überwiegenden 137 Hang zum Fleiſchfreſſen beſitzen, führen dadurch ihren eigenen Untergang herbei. Die Dorfbewohner werden aufmerkſam auf ſie und legen ihnen überall Schlingen und Fallen, eben ſo wie ſie auch von den mit ihren Luntenflinten bewaffneten Schikkaries verfolgt werden. Dieſe Bären erlangen oft eine ungeheure Größe und kommen in dieſer Beziehung beinahe dem Ursus arctos gleich, von dem ſie jedoch nicht als eine Abart gelten können. Acht Fuß iſt die gewöhnliche Länge eines völlig ausgewachſenen Exemplars und wenn es in gutgenährtem Zuſtande iſt, ſo bedarf es einer ganzen Menge Leute, um den Cadaver von dem Boden auf⸗ zuheben. Der Herbſt iſt die Zeit, wo ſie am fetteſten ſind und beſonders wenn die Eicheln reif werden, aber ehe ſie vom Baume fallen. Dann kommen die ſchwarzen Bären in ſehr großer Anzahl aus allen Richtungen um⸗ her in die Eichenwälder und erklettern die Bäume, um ſich ihr Lieblingsfutter zu verſchaffen. Sie knabbern dabei nicht etwa die Eicheln eine nach der andern, ſondern brechen erſt die Aeſte ab, die mit dieſen Früchten beladen ſind und tragen ſie alle auf einen Ort— gewöhnlich auf eine Gabel des Baums, wo ſie dann wie Eichhörnchen auf ihrem breiten Hinter⸗ theil ſitzend ihre Mahlzeit in Ruhe und Muſe zu ſich nehmen können. Wenn man durch dieſe Eichenwälder kommt, ſieht 138 man große, auf dieſe Weiſe zuſammengetragene Stöße Aeſte und Reiſer auf den Gipfeln der Bäume liegen, ſo daß man ſie, ſo lange man nicht von ihrer Entſtehung unterrichtet iſt, für rieſige Krähen⸗ oder Elſternneſter zu halten geneigt iſt. Wenn der Wald in einem Diſtrict liegt, wo auf dieſe Bären häufig Jagd gemacht wird, ſo ziehen ſie ſich gewöhnlich bei Tage zurück und verbergen ſich in ihren Schlupfwinkeln in den Dickichten, aber ſelbſt in ſolchen Wäldern ſieht man die Thiere vor Sonnen⸗ untergang und noch lange nach Tagesanbruch am Morgen herumſchleichen. In den höheren, von den Dörfern weit entlegenen Bergen und Wäldern der Khurſo⸗Eiche gebrauchen ſie nicht einmal die Vorſicht, ſich zu verſtecken, ſondern bleiben den ganzen Tag lang unter den Bäumen, um der Eichelernte nachzugehen. Zu dieſer Zeit kann man mit dem meiſten Erfolg Jagd auf ſie machen, denn der Jäger iſt dann nicht genöthigt, ihre Spur aufzuſuchen, ſondern findet ſein großes Wild, wenn er einfach ganz ruhig durch den Wald geht und fleißig über ſich ſchaut, gerade als ob er Eichhörnchen ſuchte. Es war im Monat October, als unſere Jäger in dieſem Theile der Himalayas ankamen, und nachdem ſie die Region der größeren Eichenwälder erreicht hatten, begannen ſie demgemäß ihre Nachforſchungen. Es lag ihnen ſehr viel daran, daß dieſelben von 139 Erfolg begleitet ſein möchten, denn ſie wußten, wie ſehr ihr Vater ſich freuen würde, das Fell dieſes ſchwarzen Bären zu erlangen, welcher, da er einer noch nicht beſchriebenen Gattung angehörte, als eine„Extra⸗ Art“ betrachtet werden konnte. 62. Capiteſ. Ein unglückliches Roß. Anſere jungen Jäger begannen ihre Nachforſchung in einem Walde von Khurſo⸗Eichen, welche, mit Cedern und andern Bäumen untermiſcht, einen hohen, oben runden Berg bedeckten, welcher über dem kleinen Dorfe empor⸗ ſtieg, wo ſie ihr Hauptquartier aufgeſchlagen hatten. Als ſie die flache Höhe des Bergrückens erreichten, fanden ſie, daß ſie ohne ihre Pferde beſſer vorwärts kommen konnten, weil ſie, wenn ſie im Sattel ſaßen, nicht ſo gut die Gipfel der Bäume recognosciren konn⸗ ten, wo ſie ihr Wild zu ſehen erwarteten. Sie ſtiegen daher ab, banden ihre Pferde an die Aeſte einer ſich weit ausbreitenden Ceder und gingen zu Fuße weiter. 141 Das Glück ſchien ihnen an dieſem Tage nicht hold zu ſein, denn obſchon ſie eine Menge Spuren ſahen— wo die Bären die Aeſte der Bäume abgebrochen hatten — und auch viele friſch gemachte„Krähenneſter“ erblick⸗ ten, ſo konnten ſie doch Meiſter Braun's ſelbſt nicht an⸗ ſichtig werden. Es war möglich, daß die eingeborenen Schikkaries ſelbſt ſehr häufig in dieſem Walde jagten, und dies er⸗ klärte dann allerdings die Abweſenheit der Bären wäh⸗ rend des Tages. Ohne Zweifel hatten ſie ſich in ihre Verſtecke zurückgezogen. Dies war der Schluß, zu welchem unſere Jäger kamen, nachdem ſie ſich müde gelaufen hatten, ohne einen einzigen Bären zu Geſicht bekommen zu haben. Es war jetzt die Mittagsſtunde und da ihnen ge⸗ ſagt worden war, daß ſie wahrſcheinlich des Abends Meiſter Braun auf ſeinen Schleichgängen antreffen würden, ſo beſchloſſen ſie, nach der Stelle zurückzukehren, wo ſie ihre Pferde gelaſſen hatten, und dort zu bleiben, bis es Abend würde. Sie waren hungrig geworden und fielen, da ſie viele Meilen marſchirt waren, vor Müdigkeit faſt um. Eine kleine Mahlzeit und ein paar Stunden Ruhe unter der großen Ceder, konnte ihre Kräfte wieder her⸗ ſtellen und ſie in den Stand ſetzen, vor Sonnenunter⸗ gang mit beſſerer Ausſicht auf Erfolg wieder in's Feld zu rücken. Ihrer Rückſpur durch den Wald folgend, begaben 142 ſie ſich daher nach dem Platze, wo ſie ihre Pferde zu⸗ rückgelaſſen hatten. Ehe ſie derſelben noch anſichtig wurden, hörten ſie ſchon ſie in kurzen Zwiſchenräumen wiehern. Was ſie aber noch mehr überraſchte, war, daß ſie ein fortwäh⸗ rendes Stampfen vernahmen, als ob die Pferde wieder⸗ holt und fortwährend mit ihren Hufen auf den Boden ſchlügen!— Als ſie endlich näher kamen, ſtieg ihr Erſtaunen noch höher, als ſie gewahrten, daß die drei Pferde ſich bäumten und hin und her tanzten, als ob ſie ſich los⸗ reißen wollten. Jedes war an einen beſondern Aſt gebunden und die Zügel einfach über die Reiſer an dem äußerſten Ende der Aeſte geſchlungen, ſo daß ſie bis zur vollen Länge des Zügels freien Spielraum hatten. Demzufolge waren die drei Pferde viele Schritte von einander entfernt, aber alle waren gleichmäßig in Bewegung und wieherten und ſtampften, als ob ſie toll geworden wären. „Sind vielleicht Bremſen oder andere Inſekten daran ſchuld?“ dachten die Jäger. Sie wußten, daß es in den Himalayas eine Gattung Bremſen oder Pferde⸗ fliegen giebt, welche von allen Thieren und ſelbſt von den Menſchen ſehr gefürchtet werden. Die Jäger wußten dies, denn ſie hatten ſchon von dem Stiche dieſer Inſekten zu leiden gehabt. Dies war aber in den tiefern Thälern geweſen und es war nicht 1 143 wahrſcheinlich, daß dieſe Inſekten auch in der Höhe dieſer Khurſo⸗Wälder— volle 10,000 Fuß über der Meeresfläche— anzutreffen ſein würden. Oder waren es vielleicht Bienen geweſen! Es konnte irgendwo in der Nähe ein Neſt wilder Bienen geben — warum nicht auf dieſer Ceder ſelbſt— und wenn dies der Fall war, ſo konnten die Pferde allerdings von ihnen angegriffen worden ſein. Daraus ließ ſich aller⸗ dings erklären, weshalb ſie ſich ſo toll geberdeten. Sie hatten beinahe ſchon die Ueberzeugung ge⸗ wonnen, daß dies die richtige Erklärung dieſer ſonder⸗ baren Erſcheinung ſei, als ihnen plötzlich ein Gegen⸗ ſtand vor die Augen kam, der dem Räthſel eine ganz andere Löſung gab. Eins der Pferde ſchien nämlich ängſtlicher zu ſein, als die andern beiden— wenigſtens winſelte und bäumte es auf die heftigſte Weiſe. Während es ſo hin⸗ und hertanzte, ſchien es ſeine Blicke ſcheu nach der Höhe zu richten. Seine großen Augäpfel funkelten dabei und ragten hervor, als ob ſie aus ihren Höhlen ſpringen wollten. Dies leitete die Blicke der Jäger und als ſie unter die Zweige der Ceder hinaufblickten, gewahrten ſie jetzt eine große ſchwarze Maſſe von länglicher Form, die auf einem der untern Aeſte ausgeſtreckt lag und zwar gerade über der Stelle, wo das Pferd angebunden ſtand. Sie hatten kaum Zeit, die Form dieſes dunkeln Gegenſtands zu erkennen und ſich zu überzeugen, daß 144 es der Körper eines Bären war, als das rieſige Ge⸗ ſchöpf ſich von dem Aſt herabſchwang und dann wie eine Katze auf den Rücken des Pferdes niederfiel! Dieſes letztere ſtieß ein Gekreiſch des Entſetzens aus und, als ob die Angſt ſeine Kräfte ſteigerte, gelang es ihm, den Aſt, an welchem der Zügel angeſchlungen war, zu zerbrechen, und es rannte fort durch den Wald, während der Bär ihm noch auf dem Rücken ſaß! Die Bäume, welche ringsumher ſtanden, waren ziemlich alle von ſchlankem Wuchs, da aber ihre Stämme dicht beiſammen ſtanden, ſo konnte das Pferd mit ſeinem ſeltſamen Reiter nur langſam dazwiſchen vorwärts kommen und dann und wann rannte es, vor Angſt halb blind, mit den Flanken gegen die Stämme, die bei jedem Stoße krachten und zitterten. Plötzlich ſah man das Pferd Halt machen, als ob es durch die Gewalt eines Mamelucken⸗Gebiſſes ge⸗ bändigt worden wäre. Die Zuſchauer ſahen dies mit verwunderten Augen und waren für den Augenblick nicht im Stande, ſich es zu erklären. Da ſie ſich aber ganz in der Nähe des Platzes be⸗ fanden, wo dieſe Unterbrechung im Laufe des Pferdes ſtattfand, ſo gewahrten ſie die Urſache hiervon ſehr bald. Der Bär hatte einen ſeiner großen Vorderarme um einen Baum geſchlungen, während er mit dem andern noch das Pferd gepackt und feſt hielt! Die Abſicht Meiſter Braun's war vollkommen klar: 145 Er hatte den Baum gefaßt, um das Pferd zum Stehen zu bringen. Dies gelang ihm auch für den Augenblick. Mit dem einen Arm war er im Stande, den Baum umklammert zu halten, während er mit dem andern das Pferd hielt, denn ſeine rieſige Tatze mit ſcharfen Krallen ſtak feſt unter dem Sattelknopf. Nun folgte ein eigenthümlicher Kampf, der einige Sekunden lang dauerte. Das Pferd machte die ge⸗ waltigſten Anſtrengungen zu entrinnen, während der Bär eben ſo eifrig bedacht war, es zurückzuhalten. Es war ein Glück für das Pferd, daß ſein Herr in Bezug auf den Sattelgurt ein wenig nachläſſig geweſen und daß entweder der Riemen oder die Schnalle in ſchlechtem Zuſtande war. Welches von beiden es auch ſein mochte, ſo gab wenigſtens eins davon nach und das auf dieſe Weiſe freigewordene Pferd verſäumte nicht, den günſtigen Zufall zu benutzen. Ein freudiges Gewieher ausſtoßend, ſprang es davon und ließ Bären und Sattel hinter ſich. So weit das Pferd in Frage kam, war die Gefahr vorüber. Nicht ſo aber war es mit dem Bären, deſſen Drangſale nun erſt begannen. Während er das Pferd mit ſeinem muskelſtarken Arme feſt⸗ und den Baum mit dem andern umklammert hielt, hatte letzterer ſich gebogen, bis ſein Gipfel faſt den Sattel berührte. Als daher der Gurt riß, ſchnellte der elaſtiſche junge Baum zurück wie ein Stück Fiſch⸗ Meiſter Braun. III. 10 146 bein und zwar mit ſolchem Ungeſtüm, daß Meiſter Braun nicht blos losgeſchüttelt, ſondern mehrere Schritt weit nach der entgegengeſetzten Seite geſchleudert ward — wo er betäubt, oder auf alle Fälle ſo erſtaunt liegen blieb, daß er einen Augenblick lang vom Leben Abſchied genommen zu haben ſchien. Dieſer Augenblick der Verlegenheit des Bären blieb von den Jägern nicht unbenutzt. Sie rannten ſchnell hinzu— bis auf zehn Schritt— ſchoſſen ihre Kugeln dem ausgeſtreckt daliegenden Thiere in den Leib, ſo daß ihm die Luſt verging, jemals wieder aufzuſtehen. Seine Haut war der einzige Theil von ihm, der ſpäter wieder eine aufrechte Haltung erlangte, nämlich als ſie in dem Muſeum des Palaſtes Grodonoff auf⸗ geſtellt ward. 7 63. Capitel. Der Schneebär. Pöher am Himalaya hinauf wohnt der„Schneebär.“ Dieſe Gattung hat von den Naturforſchern den ſonderbaren Namen des„Iſabellenbären“(Ursus isa- bellinus) erhalten. Die Urſache hiervon iſt ſeine Farbe, welche als die„Iſabellenfarbe“ bekannt iſt und deren Typus das ſehr ſchmutzig gewordene Hemd war, wel⸗ ches die Königin Iſabella während der Belagerung von Oſtende trug. Es ſteht indeſſen zu bezweifeln, daß irgend ein leben⸗ der Menſch genau ſagen könnte, was eine Iſabellen⸗ farbe iſt und der Gebrauch eines ſolchen Ausdrucks zur Bezeichnung der Farbe einer Thierhaut iſt vollkommen unklar und, gelind geſagt, abgeſchmackt. 10* 148 Die„Iſabellenbären“ ſind überdies nicht immer von der ſogenannten Iſabellenfarbe. Im Gegentheile giebt es einige von dunklem Braun, einige graubraune und andere faſt weiße, und den himalayaiſchen Jägern ſind ſie unter den verſchiedenen Benennungen braun, roth, gelb, weiß, grauſilber⸗ und ſchneeweiß bekannt, welche die zahlreichen Farbenvarietäten bezeichnen, die man in dieſer Gattung antrifft. Einige dieſer Varie⸗ täten haben ihren Entſtehungsgrund in den verſchiedenen Zeiten des Jahres und in dem Alter des Thieres. Von allen dieſen Bezeichnungen ſcheint die des „Schneebären“ die charakteriſtiſchſte zu ſein, denn ſie vermeidet die Gefahr einer Verwechſelung der verſchie⸗ denen Namen, da die andern auch gewiſſen Abarten des Ursus americanus und des Ursus ferox beigelegt werden. Auch in anderer Beziehung paßt dieſer Name für das Thier des Himalaya, denn ſein Lieblingsaufenthalt iſt längs der Linie des ewigen Schnees oder in den graſigen baumloſen Strecken, die zwiſchen der Schnee⸗ linie und den waldigen Abhängen liegen, zu welchen er blos zu einer gewiſſen Zeit des Jahres herabſteigt. Die Farbe giebt bei Feſtſtellung dieſer Species keinen zuverläſſigen Anhalt. Im Frühling iſt der Pelz lang und zottig— gelblich-⸗braun in verſchiedenen Nü⸗ ancen, zuweilen röthlich braun und nicht ſelten ſogar von grauer oder Silberfarbe. Im Sommer geht dieſer lange gelbliche Pelz aus —,— 149 und wird durch einen kürzern und dunklern erſetzt, wel⸗ cher allmälig, ſo wie der Winter herankommt, länger und heller wird. Die Weibchen haben eine etwas lichtere Farbe als die Männchen und die Jungen einen breiten weißen Ring um den Hals, der allmälig, ſo wie ſie zu ihrer vollen Größe heranwachſen, verſchwindet. Der Schneebär überwintert, indem er ſich in einer Höhle verſteckt und man ſieht ihn erſt wieder, wenn die Frühlingsſonne den Schnee auf den mit Gras be⸗ wachſenen Strichen nahe an der Grenze des Waldes ſchmilzt. Hier findet man ihn während des ganzen Sommers und er nährt ſich von Gras und Wurzeln nebſt den Reptilien und Inſekten, die ihm in den Weg kommen. Im Herbſt geht er in die Wälder und ſucht Beeren und Nüſſe und zu dieſer Zeit dehnt er— wie ſein Vetter, der ſchwarze Bär— ſeine Raubzüge ſogar bis auf die angebaueten Felder und Gärten der Dorf⸗ . bewohner aus, um Obſt und Körner zu ſuchen. Buch⸗ weizen iſt eine beſondere Lieblingsſpeiſe von ihm. Obſchon er in der Regel von Pflanzenkoſt lebt, ſo nährt er ſich doch gelegentlich auch von Fleiſch und rich⸗ tet dann und wann große Verheerungen unter den Schaf⸗ und Ziegenheerden an, welche im Sommer auf die vorhin erwähnten Grasflächen auf die Weide ge⸗ trieben werden. Während er ſo beſchäftigt iſt, ſcheuet 150 er nicht die Nähe des Menſchen, ſondern geht auf die Schäfer los, welche vielleicht ihn zu verjagen ſuchen. Unter den vielen ſeltſamen Dingen, aus welchen die Speiſekammer des Schneebären zuſammengeſetzt iſt, nehmen Erdwürmer und Scorpione einen hervorragen⸗ den Platz ein. Er verwendet einen großen Theil ſeiner Zeit auf das Suchen nach dieſen Thieren, indem er ſie aus ihren Löchern hervorzieht und Steine umwendet, um dazu zu gelangen. Große Felſenſtücken, die ein Menſch nicht von der Stelle bewegen könnte, rollt er mit ſeinen muskelſtarken Armen von ihrer Stelle, und oft ſieht man lange Strecken, auf welche die Steine in dieſer Weiſe umgewälzt ſind. Unſere Jäger ſtießen auf einen mit dieſer ſonder⸗ baren Arbeit beſchäftigten Schneebären, während wel⸗ cher es ihnen gelang, ihn zu tödten. Er war nicht der erſte, dem ſie begegneten. Sie hatten ſchon mehrere aufgeſcheucht und zwei verwundet, aber beide waren ihnen entronnen. Der jetzige jedoch fiel ihnen zur Beute und zwar auf etwas unerwartete Weiſe. Sie bahnten ſich eben mühſam den Weg durch eine enge Schlucht, welche, obſchon man jetzt im Herbſt ſtand, noch von Schnee angefüllt war, der auf dem Boden der Schlucht in bedeutender Höhe lag. Es war Schnee, der das ganze Jahr dagelegen hatte; und obſchon nicht gefroren— war doch ſeine Oberfläche feſt und ſteif und nur mit Mühe konnten ſie einen Stützpunkt für ihre Füße darauf gewinnen. —,— — 151 Hier und da ſahen ſie ſich genöthigt, ſtehen zu blei⸗ ben und Stufen in den Schnee zu hauen, da die Fläche in einem Winkel von vollen 50 Grad emporſtieg, ſo daß ſie in der That eher kletterten als marſchirten. Ihr Zweck, aus welchem ſie dieſe mühſame Er⸗ ſteigung unternahmen, war einfach, weil ſie nur wenige Minuten zuvor einen Bären denſelben Weg hatten gehen ſehen und die Spuren ſeiner Krallen waren dicht vor ihren Augen deutlich ſichtbar. So wenig Geräuſch als möglich machend, arbeiteten ſie ſich weiter und erreichten endlich die Mündung der Schlucht. Als ſie vorſichtig hinausſchaueten, ſahen ſie eine kleine Hochebene von einigen Ackern Flächeninhalt. Dieſelbe war vollkommen frei von Schnee und mit grünem Graſe bedeckt. Eine Anzahl großer Felſenſtücke lag darauf umher⸗ geſtreuet und dieſe waren augenſcheinlich von dem Berg⸗ abhang heruntergerollt, welcher noch höher als die Hoch⸗ ebene emporſtieg. Der Anblick aber, welcher ihnen die meiſte Freude machte, war der Bär ſelbſt— ohne Zweifel derſelbe, den ſie hatten die Schlucht hinauf gehen ſehen. Jetzt entdeckten ſie ihn auf ebenem Boden, nicht dreißig Schritt von dem Ort, wo ſie ſtanden. In einer ſeltſamen Haltung ſahen ſie ihn. Zwiſchen ſeinen Vordertatzen hielt er einen ungeheuern Stein, beinahe eben ſo groß als ſein eigener Körper, und den 152 er eben im Begriff ſtand, aus ſeinem ſeitherigen Bett fortzuwälzen! Sie wurden jedoch durch das, was ſie ſahen, gerade nicht in großes Erſtaunen geſetzt, denn da ſie dieſe eigenthümliche Gewohnheit des Schneebären bereits kannten, ſo wußten ſie, was er vorhatte. Sie blieben deshalb nicht ſtehen, um ſeinen herku⸗ liſchen Arbeiten zuzuſehen, ſondern legten alle drei ihre Gewehre an und drückten gleichzeitig ab. Die Kugeln— wenigſtens eine oder zwei derſelben — trafen den Bären, obſchon er aber den großen Stein — der ſofort wieder an ſeine Stelle zurückfiel— los⸗ ließ, ſo fiel er ſelbſt doch nicht. Im Gegentheile drehete er ſich ſofort herum, ließ ein wildes Knurren hören und ſtürzte unmittelbar auf die Jäger los. Den letztern blieb, da ſie keine Zeit hatten, wieder zu laden, weiter nichts übrig, als die Flucht zu er⸗ greifen. Es ſtand ihnen hierzu kein anderer Weg offen, als durch die Schlucht, welche ſie heraufgekommen waren, denn hätten ſie über die Ebene zu laufen ver⸗ ſuchen wollen, ſo wären ſie mit dem Bären gerade zu⸗ ſammengetroffen. Deshalb dreheten ſie ſich um und be⸗ gannen ſich nach der Schlucht zurückzuziehen. Nun aber kam die Schwierigkeit. Sie hatten noch nicht drei Schritte gethan, ſo bemerkten ſie, daß ſie auf der glatten ſteilen Schneefläche nicht feſten Fuß faſſen konnten. Sie hatten keine Zeit, um friſche Stufen ein⸗ ——— ——y—— 153 zuhauen oder die alten aufzuſuchen, weil ſie dann zu langſam vorwärts gekommen wären, während der Bär ſich den Schnee hinab eben ſo ſchnell bewegen konnte, wie auf ebenem Boden. Es gab demzufolge für ſie keine andere Wahl, als ſich auf ihre posteriora niederzuwerfen und in dieſer Weiſe den Abhang hinunterzurutſchen. Schnell wie der Gedanke fielen daher alle drei auf ihre Hintertheile nieder und indem ſie ſich ihrer Flinten bedienten, um ihre Schnelligkeit ein wenig zu mäßigen, rutſchten ſie hinab bis auf den Boden der Schlucht. Als ſie dieſen erreicht hatten, ſprangen ſie wieder auf ihre Füße, dreheten ſich herum und ſchaueten die Schlucht hinauf zurück. Der Bär war eben an dem obern Ende angelangt und ſtand mit ſeinen Vordertatzen über den Rand her⸗ vorragend und auf dem Schnee ruhend. Er ſchien un⸗ entſchloſſen zu ſein, ob er herunter ihnen nachkommen oder die Verfolgung aufgeben ſollte. Er befand ſich jetzt wieder in bequemer Schußweite und ſie gedachten eben, wieder zu laden und ihm eine friſche Salve zu⸗ zuſenden, als ſie zu ihrem Verdruß bemerkten, daß die Läufe ihrer Gewehre voll Schnee waren, der ſiche bet dem Herabrutſchen hineingeſchoben hatte. Während ſie dieſen unglücklichen Zufall beklagten — in dem feſten Glauben, daß der Bär ihnen nun entrinnen würde— ſahen ſie das Thier eine ſeltſame Bewegung machen. Dieſe Bewegung geſchah vorwärts 154 und nach ihnen zu, als ob der Bär ſich entſchloſſen hätte, den Abhang herunterzukommen. Sie bemerkten jedoch bald, daß dies nicht ſeine Ab⸗ ſicht ſein konnte, denn während er ſo herabgeglitten kam, war zuweilen ſein Kopf, zuweilen ſein Hintertheil nach vorn gewendet, und es war augenſcheinlich, daß die Be⸗ wegung, anſtatt eine freiwillige zu ſein, gerade das Gegentheil war. Die Kugeln, welche auf ihn abgefeuert morden, hatten ihm nämlich einen gewaltigen Blutverluſt zuge⸗ zogen, und da er ſo lange an dem Rande des Schnee⸗ abhanges geſtanden, ſo war er endlich vor Mattigkeit umgefallen und kam nun die Schlucht heruntergepurzelt, ohne ſich Einhalt thun zu können. Einen Augenblick ſpäter lag er beinahe zu den Füßen der Jäger ausgeſtreckt, denn bei der Wucht ſeines rieſigen Körpers war er mit ſolcher Gewalt an einen großen Felsblock angeprallt, daß er auch des letzten ihm noch übrigen Reſtes von Blut und Athem verluſtig ging. Die Jäger machten ſhc die Sache vollends gewiß, indem ſie ihre langen Meſſer zogen und ihm noch ein paar Luftlöcher zwiſchen den Rippen öffneten, ſo daß alle Gefahr ſeines Wiedererwachens beſeitigt war. Nun waren ſie mit den himalaya'ſchen Bären von bekannten und unbekannten Arten fertig, Alexis aber erfuhr von Jägern, mit denen ſie während ihres Ver⸗ weilens in den Bergen zuſammentrafen, genug, um die 155 Ueberzeugung zu gewinnen, daß in Bezug auf die ver⸗ ſchiedenen Gattungen und Abarten, welche die Himalayas bewohnen, unter den Naturkundigen große Verwirrung herrſcht. Von dem„Schneebären“ ſelbſt giebt es eine Abart in den Bergen von Kaſchmir, welche, ſoviel Alexis er⸗ fahren konnte, von der Art, die er erlegt, weſentlich ver⸗ ſchieden war. Die Abart von Kaſchmir iſt von dunkel⸗ röthlichbrauner Farbe, mit viel längerer Schnauze als der Schneebär und auch ein gefährlicherer Gegner für den Menſchen, denn er iſt überwiegend Fleiſchfreſſer und daher wild und grimmig. „Es iſt ſehr wahrſcheinlich“, bemerkt Alexis in ſei⸗ nem Tagebuch,„daß anſtatt dreier Arten von Bären, welche das Himalayagebirge bewohnen, eine doppelt ſo große Anzahl von„Species“— oder auf alle Fälle permanenten Varietäten— innerhalb des umfang⸗ reichen Flächenraums zu finden iſt, den dieſe gewaltigen Gebirge bedecken.“ 4 64. Capitel. Die letzte Jagd. Nnſere Reiſenden ſtiegen nun wieder nach den Ebenen Hindoſtan's hinab und gingen über die Halbinſel nach Bombay. Von Bombay ſegelten ſie durch den indiſchen Ocean und den perſiſchen Meerbuſen hinauf nach dem Hafen von Buſſora am Euphrat. Den unter dem Namen Tigris bekannten Arm die⸗ ſes aſiatiſchen Fluſſes hinauffahrend, erreichten ſie die berühmte Stadt Bagdad. Nun waren ſie auf dem Wege nach den Wohnſitzen des ſyriſchen Bären unter den ſchneeigen Gipfeln des Berges Libanon. Mit einer türkiſchen Karawane brachen ſie demge⸗ mäß von Bagdad auf und erreichten nach vielen Stra⸗ 157 pazen und Beſchwerden die große Stadt Damascus— den Schauplatz ſo vieler Unruhen und durch religiöſen Fanatismus herbeigeführten Metzeleien. Mit dieſen Fragen hatten jedoch unſere Reiſenden nichts zu thun, auch verweilten ſie nicht lange in den Mauern dieſer unglücklichen Stadt. Bald nach ihrer Ankunft erlangten ſie alle ge⸗ wünſchte Auskunft über den Aufenthalt des ſyriſchen Bären, und ihre Schritte lenkten ſich nun nach den ſchneeigen Gipfeln des Libanus, der den Chriſten beſſer unter ſeinem bibliſchen Namen als Berg Libanon be⸗ kannt iſt. In dieſem Gebirge wird der ſyriſche Bär(Ursus syriacus) gefunden, den man erſt ſeit einigen Jahren hier entdeckt hat. Alle Naturforſcher haben ſeither das Vorhandenſein von Bären in irgend einem Theile Sy⸗ rien's bezweifelt— eben ſo wie ſie jetzt noch läugnen, daß es deren in Afrika gebe. Die, welche es zugeben, ſind geneigt, den ſyriſchen Bären als eine bloße Varietät des Ursus arctos zu be⸗ trachten, aber dieſe Theorie iſt durchaus unrichtig. An Geſtalt, Farbe und vielen ſeiner Lebensgewohnheiten iſt der ſyriſche Bär von ſeinem braunen Vetter weſentlich verſchieden und ſein Wohnplatz iſt— anſtatt in mit Wald bedeckten Strichen— gewöhnlicher im Freien oder unter Felſen. Sein Bereich auf dem ſyriſchen Ge⸗ birge hat in der That viel Aehnlichkeit mit dem des 158 „Schneebären“ auf den Himalayas— in der Nähe der Linie des immerwährenden Schnees. Die Farbe des Ursus syriacus iſt hellgelblich braun, oft mit einem grauen oder ſilberartigen Schein— doch iſt die Farbe zu Zeiten bald heller, bald dunkler. Das Haar liegt dicht an der Haut an, und unter⸗ ſcheidet ſich in dieſer Beziehung von den meiſten andern Gattungen, bei welchen der Pelz aufrecht oder perpen⸗ dikulär mit den Umriſſen des Körpers ſteht. Dies giebt dem ſyriſchen Bären das Anſehen, als wäre er ein magreres und kleineres Thier als viele Bären mit auf⸗ rechtem Pelz, die gleichwohl nicht größer ſind als er. Ein charakteriſtiſches Merkmal hat er, an welchem er leicht zu erkennen iſt, nämlich einen aufrechtſtehenden Kamm Pelz, welcher ſich von ſeinem Halſe den Rücken entlang zieht, und große Aehnlichkeit mit der Mähne eines Eſels hat. Der ſyriſche Bär kann aber auch überhaupt ſchon leicht von jedem andern Mitglied ſeiner Familie unter⸗ ſchieden werden; und ihn als eine bloße Abart des Ursus arctos zu halten, heißt blos zu dem alten Syſtem zurückkehren, welches alle Bären als eine und dieſelbe Gattung betrachtet. Der ſyriſche Bär bewohnt nicht das ganze Bereich der Berge, welche man mit dem allgemeinen Namen Libanon bezeichnet. Blos auf den höhern Gipfeln findet man ihn— beſonders auf dem, welcher als der Berg Makmel bekannt iſt. 6 159 Dieſer Gipfel iſt mit Schnee bedeckt und oben unter der Schneelinie hat der Bär ſeinen gewöhnlichen Auf⸗ enthaltsort. Zuweilen jedoch ſteigt er auch tiefer herab und in den Dorfgärten richtet er— gerade wie der Schneebär der Himalayas— unter dem Obſt und Küchengewächſen große Verheerungen an. Sowohl Hirten als Jäger ſind von ihm getödtet worden; und dies beweiſt, daß er immer noch die Wild⸗ heeit beſitzt, die ihm in der Bibel zugeſchrieben wird, 7 wo von mehrern dieſer Art es waren Bärinnen— Gperzählt wird, daß ſie von den Verſpottern des Propheten Eliſa nicht weniger als zweiundvierzig zerriſſen. Auch während den Zeiten der Kreuzzüge ſcheint der ſyriſche Bär ſich durch Wildheit ausgezeichnet zu haben, denn es wird erzählt, daß der tapfere Gottfried von Bouillon einen dieſer Bären, der einen armen Holz⸗ hauer von Antiochien angefallen hatte, erſchlug, was von jenen excentriſchen Kämpen des Kreuzes als eine große Heldenthat betrachtet ward. Daß der ſyriſche Bär noch eben ſo wild und grimmig iſt, als er jemals geweſen ſein kann, davon überzeugten ſich unſere Jäger durch eigene Erfahnung, denn obſchon ſie nicht ſelbſt in die Gewalt eines dieſer Thiere fielen, ſo würde dies doch— wenigſtens mit einem von ihnen— der Fall geweſen ſein, wenn ſie nicht ſo glücklich geweſen wären, den Bären zu erlegen, ehe er ſie mit ſeinen Tatzen packen konnte. Wir wollen jedoch dieſes Abenteuer kurz erzählen. 6 1„ 2 Es war das letzte, welches unſere Jäger zu beſtehen hatten— wenigſtens iſt es das letzte, welches wir in Alexis' Tagebuch aufgezeichnet finden. Biſcherre, ein kleines Gebirgsdorf nahe an der Schneelinie auf dem Berge Makmel, war ihr zeitweiliges Hauptquartier geworden. Die Umgegend war wegen der großen Anzahl Bären bekannt, die ſich hier herum⸗ zutreiben pflegten. Dieſe Thiere, welche von den umliegenden höheren Bergrücken herabkommen, brechen häufig in die Gärten der Dorfbewohner ein und berauben ſie ihrer Gemüſe und Schoten(cicer arietinus)— letztere ſind das Lieb⸗ lingsfutter des ſyriſchen Bären. Von Biſcherre aus machten die Jäger ihre Ausflüge zu Fuße, denn die Beſchaffenheit des Bodens geſtattete nicht den Gebrauch von Pferden, und es war ihnen ge⸗ lungen, einige ſehr gute Bärenjagden zu halten und ein Paar dieſer Thiere zu erlegen. Beide waren jedoch noch ſehr jung und ihre Felle genügten nicht, ſo daß man ſich noch nach einem beſſern Exemplar umſehen mußte. Dieſes kam ihnen auf folgende Weiſe in die Hände. Es war ihnen gelungen, die Spur eines Bären eine Fellſenſchlucht hinauf zu verfolgen, deren Mündung nicht über zehn bis zwölf Fuß breit war. Die Schlucht ſelbſt war ein ſteiler, in das Gebirge hinauf führender Weg und ihr Boden oder Bett mit einem Conglomerat von großen runden Steinen bedeckt, welche ausſahen, als „. 8 161 ob ſie durch fließendes Waſfe dieſe Geſtalt erhalten hätten. Sie glichen den runden Steinen, die man zuweilen in Flüſſen ſieht; und ohne Zweifel floß hier auch zu ge⸗ wiſſen Zeiten ein Strom. Jetzt jedoch war das Bett trocken und kein Tropfen Waſſer irgendwo zu ſehen. Auch Schnee war nicht da, denn der Ort befand ſich unterhalb der Schneelinie, und ſie hatten den Bären blos auf die Mittheilung hin verfolgt, die ihnen von einigen Hirten gemacht worden, welche das Thier nicht lange erſt hineingehen geſehen haben wollten. Auf dieſe Mittheilung bauend, drangen ſie durch den Engpaß immer weiter hinauf und bahnten ſich mit Mühe den Weg über die lockeren Kieſel. Sie hofften, daß der Bär noch irgendwo in der Schlucht ſtecke und daß ſie ihn in irgend einer Grotte oder Höhle finden könnten. Zu beiden Seiten erhoben ſich ſteile Felſenwände, die oben einander faſt berührten, und unſere Jäger faß⸗ ten, als ſie die Schlucht hinaufkletterten, dieſe Klippen ſorgfältig in's Auge, weil ſie die Mündung einer Höhle zu entdecken hofften. Der Ort ſah auch ganz darnach aus, denn alle fünf bis ſechs Schritte weit bemerkten ſie Spalten und tiefe Höhlungen, aber in keiner derſelben konnten ſi eine Spur von Meiſter Braun entdecken. Sie hatten nun ungefähr die Hälfte der Schkucht hinter ſich und kletterten immer noch weiter, als ein Meiſter Braun. III. 11 2* 8* 162 lautes Schnauben ihre Aufmerkſamkeit erregte, und als ſie nach der Richtung hinſchaueten, von welcher es her⸗ zukommen ſchien, erblickten ſie in der That das Thier, welchem ſie nachſpürten— Meiſter Braun in eigener Perſon. Sie ſahen blos ſeine Schnauze, welche etwa zwanzig Fuß hoch über dem Bett der Schlucht aus der Felſen⸗ wand hervorragte. Es dauerte nicht lange, ſo kam auch der ganze Kopf zum Vorſchein und glich, von unten geſehen, einem an die flache Felſenwand angeklebten Bärenkopfe, gerade wie man zuweilen Hirſchköpfe zur Zierde an den Wänden und über den Thüren von Jagdſchlöſſern befeſtigt ſieht. Unſere Jäger wußten jedoch, daß hier eine Höhle dahinter ſein mußte, in welcher ſich der Körper des Bären befand, obſchon er vor ihren Augen verborgen war. Nachdem der Bär auf die Eindringlinge, die ihn geſtört, einen haſtigen Blick geworfen, zog er ſeinen Kopf ſo plötzlich zurück, daß kein Schuß zeitig genug auf ihn abgefeuert werden konnte. Die Jäger eilten, um einen beſſern Standpunkt zu gewinnen, unter der Höhle hinweg und faßten mehrere Schritt weiter hinauf Poſto, wo ſie in den Stand ge⸗ ſetzt waren, den Eingang der Höhle beſſer ins Auge zu faſſen. Sie befanden ſich jetzt in gleicher Höhe mit der Höhle, aus welcher ſie den Kopf hatten zum Vorſchein kommen ſehen, und ohne ein Wort zu ſprechen, höchſtens 163 einander zuflüſternd, warteten ſie auf das Wieder⸗ erſcheinen der Schnauze. Es dauerte nicht lange, ſo hatten ſie das Vergnügen, ſie zu ſehen. Ob nun aus Neugier, zu wiſſen, ob ſie fort wären, oder ob in der Abſicht herauszukommen und ſie zu verfolgen— kurz der Bär ſtreckte wieder ſeine Schnauze aus der Höhle. Aus Furcht, daß er ſie wieder zurückziehen und ihnen dann keine zweite Ge⸗ legenheit geben würde, gaben alle drei Feuer und zwar ſo eilig, daß zwei von ihnen das Ziel vollſtändig ver⸗ fehlten. Nur Alexis' Kugel war richtig gezielt worden und traf den Bären gerade in die Zähne, ſo daß ihm mehrere rund und rein aus dem Rachen herausgeſchoſſen wurden. Als der Pulverdampf ſich verzog, ſahen die Jäger den gelben Körper des Bären außerhalb der Höhle auf dem kleinen Felſenvorſprunge vor derſelben und mit einem lauten Gekreiſch, welches ſowohl Wuth als Schmerz ausdrückte, ſprang das zornige Thier auf die Rollſteine herab. Anſtatt aber, wie unſere Jäger er⸗ wartet hatten, die Schlucht hinabzulaufen, wendete er ſich aufwärts und kam gerade auf ſie zu geſtürzt. Wieder gab es keine andere Wahl als Flucht, und ſie mußten die ſteile Schlucht weiter hinauf. Hätten ſie abwärts gehen wollen, ſo wären ſie dem wüthenden Thiere gerade in die Klauen gerannt. Alle drei Jäger machten ſich auf und rannten ſo ſch nell als ſie konnten, und eine Weile ho ten ſie, ihrem 9 1 11* 164 Verfolger den Vorſprung abzugewinnen. Weiter hinauf aber ward der Abhang immer ſteiler und die lockern Steine wurden immer ſchwieriger zu überklettern. Auch waren die Jäger nun ganz außer Athem und keuchten alle drei wie engbrüſtige Pferde. Es war ihnen unmöglich, bche einen Schritt weiter zu gehen. Verzweiflungsvoll machten ſie Halt und dreheten ſich herum, dem Verfolger entgegen, während alle in einem und demſelben Augenblicke ihre Meſſer zogen und ſich auf den zu erwartenden Kampf gefaßt machten. Der Bär kam, immer noch knurrend und brüllend, heran, indem er ſich viel ſchneller über die Steine fort⸗ bewegte, als dies von den Jägern geſchehen war. Er würde ſie auch ganz gewiß eingeholt haben, wenn ſie ihre Flucht fortgeſetzt hätten, denn er war, als ſie Halt machten, kaum noch ſechs Schritte hinter ihnen. Ohne Zweifel wäre es ein gefährlicher Kampf ge⸗ worden, wenn derſelbe wirklich ſtattgefunden hätte, und da die Jäger ganz außer Athem waren, ſo hätten ſie den Angriff nimmermehr aushalten können. Zeit zum Wiederladen ihrer Gewehre hatten ſie natürlich nicht und dachten auch gar nicht daran. Ihr Vorſatz war, ſich mit ihren Meſſern zu vertheidigen, und vielleicht wäre es ihnen gelungen, es zu thun, wenn ſie Gelegen⸗ heit dazu gehabt hätten. Aber ſie hatten keine. Ehe der Bär ſie noch völlig erreicht hatte, durch⸗ 4 165 zuckte Puſchkin's Gehirn ein beſſerer Gedanke und er verlor keinen Augenblick, denſelben in Ausführung zu bringen. Sich plötzlich bückend und das Meſſer aus der Hand werfend, packte er einen großen Rollſtein von wenigſtens einem halben Centner Gewicht, hob ihn bis zur Höhe ſeiner Schulter empor und ſchleuderte ihn dann äna6 auf den Bären. Der ſchwere Stein traf das Thier gerade auf die Bruſt und in Folge der Kraft, womit er von Puſch⸗ kin's Arm geſchleudert worden, und der Wucht, die er durch den Fall bekam, wirkte er auf Meiſter Braun wie ein Blitzſtrahl, indem er ihn nicht blos niederſtreckte, ſondern auch volle zehn Schritt mit ſich die Schlucht hinabriß! Als die Jäger endlich ihre Büchſen wieder geladen hatten und nach der Stelle hinabgingen, wo Meiſter Braun unter den Felſen lag, fanden ſie ihn zuſammen⸗ gerollt und mauſetodt. Nachdem ſie ihm ſein gelbbraunes Fell abgezogen, kehrten ſie nach Biſcherre zurück und als ſie am nächſt⸗ folgenden Tage ihr Reiſegepäck in Ordnung gebracht, nahmen ſie ihren Weg durch die Päſſe des Berges Li⸗ banus und dann weiter nach der Küſte des mittelländi⸗ ſchen Meeres. „Nach Hauſe!“ hieß es nun, und angenehm berührte der Klang dieſer Worte ihr Ohr. Die„große Bären⸗ —— 166 jagd“ war zu Ende. Sie hatten die ihnen geſtellte Auf⸗ gabe gelöſt und jede Bedingung des geſchloſſenen Ver⸗ trages erfüllt. Natürlich erwarteten ſie bei ihrer Rückkehr einen großartigen Willkommen, und in dieſer Erwartung ſahen ſie ſich auch nicht getäuſcht, denn viele Tage und Nächte nachher hallten die Säle des Palaſtes Grodonoff wieder von den Klängen heiterer Feſte und froher Gelage. In dem Muſeum trafen unſere jungen Jäger ihre alten Bekannten aus allen Weltgegenden wieder. Sie begegneten ihnen hier in verſchiedenen Haltungen, denn alle waren nach der zweckmäßigſten Weiſe ausgeſtopft und möglichſt treu die Natur nachahmend aufgeſtellt. Der ſyriſche Bär war der einzige, der ſich noch nicht unter ihnen befand, denn das Fell dieſes hatten ſie ſelbſt mitgebracht, während die andern ſämmtlich ſchon früher mit verſchiedenen Gelegenheiten nach Hauſe geſendet worden waren. Nach wenigen Tagen aber ſtand auch der Ursus syriacus auf den Beinen und die Sammlung war nun vollſtändig. Die Kunde der„großen Bärenjagd“ mit ihren ſeltſamen Bedingungen verbreitete ſich bald in weiteren Kreiſen und machte die Runde durch alle geſellſchaft⸗ lichen Cirkel von Petersburg. Bildlich geſprochen ſahen unſere jungen Jäger ſich 167 jetzt ſelbſt in Thiere verwandelt, nämlich in„Löwen“, und blieben dies während dieſer Saiſon; aber auch noch zur gegenwärtigen Stunde iſt in den Salons der großen ruſſiſchen Hauptſtadt der„Baron und ſeine Bären“ ein beliebtes Thema der Converſation. 6—. 4 * 7 Endee. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig erſchien ferner: der . weiße Zäuptling. Eine Sage von Nord⸗Mexico. Beon Cap. Nayne-Reid. Aus dem Engl. 4 Bände. 8. geheftet. 1856. 2 Thlr. Die Kriegsführte oder Die Jagd des wilden Roſſes. Eine Erzählung aus der Praierie. Von Capif. Nayne-Reid. Aus dem Engl. 4 Bände. 8. geh. 1858. 2 Thlr. An Lagerfeuer oder Die Buttelfäger. Von Capit. MNayne-Reid. Aus dem Engl. von W. E. Drugulin. 3 Bde. 8. geheftet. 1857. 1 Thlr. 15 Ngr. Druck von umlauf& Lüder in Leipzig. ———————;O;-— 9 3 Tinnnnininif ſün 1 ſinſfff ſ 10 1 12 13 16 17 19 2