7 „ —--—--———y Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur* Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 97 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e⸗ — den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme! eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1 für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 2Eichere 4 Picher.. Pücher⸗ Iauf 1 Monat: 1 Tf 1 N. 30 Tf. 2 M. F. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Kollmann. V 1. Capitel. Die Bären der Pyrenäen. Gs war gut, daß ſie den Gemſenjäger zum Führer hatten, denn ohne dieſen hätten ſie lange ſuchen können, ehe ſie einen Bären gefunden hätten. Dieſe Thiere ſind, obſchon ſie in den Pyrenäen vor einem halben Jahrhundert noch ziemlich zahlreich waren, doch jetzt nur noch an den einſamſten und abge⸗ legenſten Orten anzutreffen. Die Waldungen, welche in den innern Schluchten des Gebirges liegen, und wo die Axt des Holzhauers niemals zu hören iſt, ſind der Winteraufenthalt des Bären der Pyrenäen, während er im Sommer ſich höher hinauf verſteigt— bis an den untern Rand der Schneegefilde und Gletſcher, wo er die Wurzeln und Meiſter Braun. II. 1 2 Knollen vieler Alpenpflanzen und ſogar einiger ſeinem Geſchmacke zuſagenden Moosgattungen findet. Zuweilen ſtiehlt er ſich in die tiefern Thäler herab, wo dieſelben nur dürftig angebaut ſind, und verſpeiſt eine Mahlzeit jungen Mais oder Kartoffeln, wo der⸗ gleichen gepflanzt ſind. Die Trüffeln liebt er ebenſo ſehr wie ein Pariſer Gourmand. Er wittert ſie mit einer Schärfe, welche die des beſten Trüffelhundes weit übertrifft und wühlt ſie im Schatten der großen Eichen heraus, wo dieſe ſeltenen Leckerbiſſen auf ſo unerklärliche Weiſe von der Natur erzeugt werden. Eben ſo wie ſein naher Verwandter, der braune Bär, iſt er vorzugsweiſe Fruchtfreſſer. Wie die meiſten andern Mitglieder ihrer gemeinſamen Familie liebt er die Süßigkeiten und beraubt die Bienen ihres Honigs, ſo oft er einen Stock finden kann. Zu manchen Zeiten iſt er aber auch Fleiſchfreſſer und richtet nicht ſelten große Verwüſtung unter den Heerden an, welche im Sommer weit hinauf auf die Abhänge der Berge getrieben werden, um hier zu wei⸗ den. Doch haben die Hirten bemerkt, daß nur dann und wann dergleichen Blutthaten vorkommen und der Bär im Allgemeinen ihre Schafe nicht beläſtigt. Aus dieſem Grunde herrſcht unter den Gebirgs⸗ bewohnern der Glaube, daß es zwei Arten Bären in den Pyrenäen gebe— eine, welche ſich von Früchten, Wurzeln und Larven nähre, und eine zweite, welche & 4 3 Fleiſch frißt und die Thiere, welche ſie erhaſchen kann, zu ihrer Beute macht. 4 Die letztere Art iſt, wie ſie behaupten, größer, wil⸗ der und ſcheuet ſich, wenn ſie angegriffen wird, auch nicht vor einem Kampfe mit dem Menſchen. Die Thatſachen mögen wahr ſein, aber die daraus gezogenen Schlüſſe ſind irrig. Die Meinung des Gemſenjägers war, daß die Bä⸗ ren der Pyrenäen alle von einer einzigen Gattung ſeien, und daß, wenn es zwei Arten gebe, die eine: eine jüngere und unſchuldigere Art, die andere dagegen ein Bär ſei, welchen ſein/ höheres Alter wilder und grimmi⸗ ger gemacht habe. Dieſelbe Bemerkung, welche von Ursus arctos gilt, leidet auch auf den Bär der Pyrenäen Anwendung, nämlich daß er, nachden er einmal Fleiſch gekoſtet, Ge⸗ ſchmack daran finden lernt, und um dieſen zu befriedi⸗ gen, werden natürlich die grimmigſten Leidenſchaften ſeiner Natur ins Spiel gerufen. Der Hunger treibt ihn vielleicht zu ſeiner erſten Fleiſchmahlzeit und ſpäter ſucht er ſie aus eigener Wahl. Der Vater des Gemſenjägers erinnerte ſich noch der Zeit, wo die Bäreu in den tiefen Thälern ziemlich häufig waren, und damals hatten nicht blos die Schaf⸗ und Ziegenheerden viel von ihnen zu leiden, ſondern auch die größeren Hausthiere wurden von den grimmi⸗ gen Bären oft niedergeriſſen— ja ſogar Menſchen ver⸗ loren ihr Leben im Kampfe mit ihnen. 1* 4 In neuern Zeiten waren ſolche Vorfälle ſelten, denn die Bären hielten ſich höher oben in den Gebir⸗ gen, wo das Vieh nie hingetrieben wird und wo Men⸗ ſchen nur ſelten hinkommen. Der Jäger bemerkte noch, die Bären würden von Jägern, wie er ſelbſt, ſehr geſucht, denn ihr Fell werde ſehr geſchätzt und gut bezahlt; die jungen Bären ſeien auch ſehr werthvoll, und eine Höhle mit Jungen zu fin⸗ den, gelte für einen großen Glücksfang, weil dieſe jungen Bären zu allerhand Kunſtproductionen abgerichtet wür⸗ den, welche in den franzöſiſchen Grenzſtädten immer ein ſchauluſtiges Publikum fänden. Eine beſondere Art und Weiſe, die Bären zu fangen oder zu erlegen, war ihm nicht bekannt. Ihre Jagd ſei zu ſelten lohnend, um ſie der Mühe werth zu ma⸗ chen, und ſie würden nur zufällig von den Gemſen⸗ jägern angetroffen, wenn dieſe ihrem gewöhnlichen Wild nachgingen. Dann würden ſie, wenn es alte wären, niedergeſchoſſen, und wenn es junge wären, mit Hülfe von Hunden gefangen genommen. „Sie ſind ſo ſelten,“ ſetzte der Jäger hinzu,„daß ich dieſes ganze letzte Jahr nur drei erlegt habe; ich weiß aber, wo ein vierter iſt— ein tüchtiger Burſche dazu, und wenn Sie vielleicht Luſt haben, meine Her⸗ ren—“ Die jungen Ruſſen verſtanden den Wink. Das Geld iſt überall allmächtig und ein Goldſtück führt nach der Höhle des Pyrenäenbäres, wo der Hund mit der . 5 ſchärfſten Witterung und der Jäger mit dem ſicherſten Blicke verfehlen würde, ihn zu finden. Beinahe in einem Augenblicke war der Handel ge⸗ macht. Zehn Dollars für den Schlupfwinkel eines Bären! Der Pic⸗du⸗Midi⸗d'Oſſau war jetzt in Sicht und den gebahnten Weg, der nahe an ſeinem Fuße hin⸗ führte, verlaſſend bogen unſere Jäger in eine Seiten⸗ ſchlucht ein. Die Wände und der Boden dieſer Schlucht waren mit einer verkümmerten Art Tannen bewachſen; ſobald die Jäger aber weiter hineinkamen, gewannen die Bäume größere Dimenſionen, bis man endlich durch einen ho⸗ hen, ſtattlichen Wald hinritt. Derſelbe war allem Anſcheine nach noch ebenſo wild und urſprünglich, als ob er an den Ufern des Amazo⸗ nenfluſſes oder mitten in den Cordilleren der Anden geſtanden hätte. Weder Spur noch Fährte war zu ſehen— nur die Pfade, welche von wilden Thieren oder von den kleinen Nagethieren herrührten, die hier ihre Heimath hatten.— Der Gemſenjäger ſagte, er habe ſchon mehrere Luchſe in dieſem Walde erlegt, und des Nachts würde er keine Luſt verſpüren, allein darin zu ſein, denn es ſei ein Lieblingsaufenthalt der ſchwarzen Wölfe. In einer Geſellſchaft wie ſeine jetzige jedoch fürchte er nichts, denn ſie könnten ja Feuer anzünden und die Wölfe fern halten. ———— b 6 4 Die Gegend, wo er den Bär zu finden erwartete, war über zwei engliſche Meilen von dem Platze ent⸗ fernt, wo ſie den Wald zuerſt betraten. Er kannte genau den Ort, wo das Thier in dieſem Augenblick lag, das heißt, er kannte ſeine Höhle. Er hatte es nur erſt vor wenigen Tagen hineingehen ſehen; da er aber keinen Hund mitgehabt und auch kein ande⸗ res Mittel beſeſſen, um den Bären herauszulocken, ſo hatte er ſich die Stelle blos gezeichnet, um dann ſpäter mit einem Kameraden dahin zurückzukehren. Ein Geſchäft hatte ihn in Eaux Bonnes bis zur An⸗ kunft der Fremden zurückgehalten und als er ihre Ab⸗ ſichten erfuhr, hatte er die Beute für ſie aufgeſpart. Jetzt hatte er daher auch ſeine Hunde mitgebracht — zwei große Thiere waren es, augenſcheinlich von Wölfen abſtammend— und mit dieſen konnte Meiſter Braun geneckt werden, bis er aus ſeiner Höhle heraus⸗ kam. Dies ſollte jedoch nur als letztes Mittel verſucht werden. Die beſſere Methode war, zu warten, bis der Bär von ſelbſt herauskam, um ſeinen mitternächtlichen Streifgang zu machen— was er ganz gewiß that— dann die Mündung ſeiner Höhle zu verſtopfen und ſich in den Hinterhalt zu legen, um ſeine Rückkehr abzu⸗ warten. Er würde nicht eher nach Hauſe kommen, als am frühen Morgen, ſagte der Gemſenjäger, und es würde ihnen dann leicht ſein, von ihren verſchiedenen Plätzen 7 aus ihn aufs Korn zu nehmen und ihn dann niederzu⸗ ſchießen. Der Plan ſchien ausführbar und da unſere Aben⸗ teurer ſich nun einmal der Führung des eingeborenen Jägers überlaſſen hatten, ſo ward beſchloſſen, da, wo ſie waren, Halt zu machen, ein Feuer anzuzünden und es ſich ſo bequem als möglich zu machen, bis die Stunde kommen würde, wo Meiſter Braun ſeine mitternächt⸗ liche Expedition anträte. Es dauerte nicht lange, ſo praſſelte ein luſtiges Feuer und nachdem Puſchkin's geräumiger Ranzen aus⸗ gepackt worden, labten alle Vier ſich an ihrer Abend⸗ mahlzeit mit jenem Hochgenuß, der denen, welche zwan⸗ zig Meilen einen ſteilen Gebirgspfad heraufgeritten ſind, wohlbekannt iſt. 2. Capitel. Der Gemſenjäger. Hie verbrachten die Zeit ziemlich angenehm und hör⸗ ten die Geſchichten des Gemſenjägers an, der ihnen eine Menge der unter dem Landvolke der Gebirge le⸗ benden Sagen erzählte. Meiſtens waren es Geſchichten, die ſich auf die Jagd und auf den Schmuggelhandel zwiſchen Frank⸗ reich und Spanien bezogen, und außerdem viele Anek⸗ doten aus der Zeit des Halbinſelkrieges, wo die fran⸗ zöſiſchen und engliſchen Armeen in den Pyrenäen lager⸗ ten und kämpften. An dieſer Converſation nahm Puſchkin lebhaften Antheil, denn nichts war für den alten Soldaten in⸗ tereſſanter, als Erinnerungen an jene großen Zeiten, wo er mit in Paris eingezogen war. —,— —,—— —.,— ——ÿ—ÿ—ꝛ— —,—— 9 Die Unterhaltung des Gemſenjägers bezog ſich haupt⸗ ſächlich auf ſeinen eigenen Beruf, und für dieſes Thema war er enthuſiaſtiſch und unerſchöpflich. Er erzählte ihnen von allen den ſeltſamen Lebens⸗ gewohnheiten der Gemſe und unter andern, daß ſie fich ihrer krummen Hörner bediene, um ſich von den ſteilen Klippen herabzulaſſen— ein Glaube, der auch unter den Gemſenjägern. der Alpen verbreitet iſt, den aber Alexis nicht theilte, obſchon er dies nicht ſagte, denn er wünſchte nicht, die Wahrhaftigkeit ihres Führers in Zweifel zu ziehen. Als letzterer jedoch näher über dieſen Punkt befragt ward, gab er zu, daß er ſelbſt niemals Augenzeuge die⸗ ſer Gemſenturnkünſte geweſen ſei, ſondern ſie blos von andern Jägern gehört habe, welche ſie geſehen haben wollten. Aehnlich würde ohne Zweifel die Antwort eines jeden Wahrheitsfreundes über dieſe vermeinte Gewohn⸗ heit der Gemſe gelautet haben. Auch bedarf dieſes flinke und gewandte Thier der Hülfe ſeiner Hörner gar nicht. Seine Hufe ſetzen es in den Stand, die ſchmalſten Vorſprünge zu paſſiren, und die ungeheuren Sprünge, die es ſowohl auf⸗ als abwärts thun kann, laſſen ſich mit nichts vergleichen, als mit dem Fluge eines mit Flügeln ausgerüſteten Thieres. Sein Huf iſt eben ſo ſicher, als ſein Auge untrüglich. Die Gemſe gleitet auf dem glatteſten Fel⸗ 10 ſen ebenſowenig aus, als ein Eichhörnchen auf dem Aſte eines Baumes. Unſere Reiſenden befragten den Gemſenjäger auch über die Einträglichkeit ſeines Berufs. Sie waren überraſcht, zu hören, daß dieſe ſehr gering war. Für eine abgehäutete Gemſe bekam er nicht mehr als zehn Francs und für das Fell etwa zwei bis drei Francs mehr! Das Fleiſch oder Wildpret ward hauptſächlich von den Gaſtwirthen gekauft, von welchen es in den ver⸗ ſchiedenen Badeorten auf franzöſiſcher Seite der Pyre⸗ näen hunderte giebt. Die Gäſte, ſagte der Gemſenjäger, ſeien große Freunde von Gemſenfleiſch und verlangten es bei Tiſche. Wahrſcheinlich fänden ſie keinen ſo großen Geſchmack daran, als ſie vorgäben, da ſie aber aus großen Städten und Orten kämen, wo nie eine Gemſe zu ſehen ſei, ſo wünſchten ſie bei ihrer Rückkunft ſagen zu können, daß ſie von dem Fleiſch dieſes Thieres gegeſſen hätten. Mit dieſer Vermuthung hatte der Gemſenjäger viel⸗ leicht auch gar nicht ganz Unrecht, und eine bedeutende Quantität anderer Wildpretarten wird wahrſcheinlich aus gleichen Gründen conſumirt. Iwan meinte, daß bei ſo ſtarker Nachfrage nach dem Fleiſch die Gemſe eigentlich beſſer bezahlt werden müßte. Zehn Franes ſei ja gar nichts. „Ach,“ entgegnete der Jäger ſeuſzend,„das läßt ſich leicht erklären, junger Herr. Die Hötelwirthe ſind 6 — — 11 zu ſchlau für uns ſowohl, als für ihre Gäſte. Wenn wir mehr verlangen wollten, ſo würden ſie uns dieſes Wildpret gar nicht abkaufen.“ „Aber ſie müſſen es doch haben, da die Gäſte es verlangen!“ „Ja freilich, wenn es keine Ziegen gäbe, dann würden wir unſere Gemſen theurer verkaufen können.“ „Wie ſo?“ fragte Jwan, der nicht errieth, was die Ziegen mit dem Gemſenfleiſch zu ſchaffen haben könnten. „Ziegen und Gemſen ſind einander zu ähnlich, junger Herr,“ antwortete der Jäger,„das heißt nachdem ſie abgehäutet und aufgeſchnitten worden ſind. Der Gaſtwirth weiß das und läßt oft die erſteren die Stelle der letzteren vertreten. Mancher Hötelgaſt in Eaux⸗ Bonnes lobt vielleicht unſer Gemſenfleiſch, während er doch blos ein Stück von einer jungen Ziege verſpeiſt— ha! ha! ha!“ Und der Jäger lachte über den Betrug, obſchon er recht wohl wußte, daß die Ausübung deſſelben den Er⸗ trag ſeines Handwerks weſentlich beeinträchtigte. Im Grunde genommen aber betrieb dieſer Mann die Jagd auch weniger deshalb, weil er ſie für ein ge⸗ winnbringendes Handwerk gehalten hätte, ſondern mehr aus einer angebornen Liebe zum Jägerleben. Er ſprach ſich darüber ſehr enthuſiaſtiſch aus und es war leicht zu ſehen, daß er ſeinen Beruf mit keinem andern vertauſcht haben würde, ſelbſt nicht, wenn der Tauſch ihn zum reichen Manne hätte machen können. 12 Es iſt Gleiches mit Jägern von Profeſſion in allen Theilen der Welt der Fall. Sie ertragen Beſchwerden und oft die größten Entbehrungen um des Hochgenuſſes willen, in Wäldern und Wildniſſen nach Belieben um⸗ herzuſchweifen und frei zu ſein von den Sorgen und Beengungen, welche nur zu oft mit dem geſellſchaftlichen Leben verbunden ſind. So ſich mit einander unterhaltend ſaßen die Jäger um ihr Lagerfeuer herum bis nach Sonnenuntergang, wo ihr Führer ſie daran erinnerte, daß ſie wohlthun würden, nun einige Stunden zu ſchlafen. Es war nicht nöthig, den Bären nicht eher als bis zu einer ſehr ſpäten Stunde— das heißt bis gegen Morgen— aufzuſuchen, denn dann konnte man am wahrſcheinlichſten darauf rechnen, das Thier außerhalb ſeiner Höhle anzutreffen. Gingen ſie zu bald und fanden ihn noch in ſei⸗ ner Höhle, ſo war nicht mit Gewißheit darauf zu rech⸗ nen, daß es ihnen ſelbſt mit den Hunden gelingen würde, ihn herauszulocken. Die Höhle konnte leicht eine ſehr große ſein. Dann konnte er mit den Hunden inwendig einen Kampf be⸗ ginnen und ſo groß auch dieſe waren, ſo kamen ſie doch dabei nicht ohne Schaden davon, denn ein einziger Hieb von der Tatze eines Bären iſt vollkommen hinreichend, um den ſtärkſten und muthigſten Hund für immer zum Schweigen zu bringen. Die Hunde ſollten, wie der Jäger nochmals wieder⸗ 13 holte— blos als letztes Hülfsmittel gebraucht werden. Der von ihm vorgeſchlagene Plan verſprach ein beſſeres Reſultat, weil der Bär, ſobald er einmal von ſeiner Höhle ausgeſchloſſen war, ſich genöthigt ſehen mußte, ſich in den Wald zu werfen. Dann konnten die Hunde ihn mit Hülfe der friſchen Witterung verfolgen und wenn es ihm nicht gelang, ir⸗ gend eine andere Höhle ausfindig zu machen, in welcher er ſich verſchanzen konnte, ſo konnten ſie darauf rechnen, mit ihm zuſammenzutreffen. Es iſt bei dem Bären der Pyrenäen nichts Unge⸗ woöhnliches, daß, wenn er von Menſchen und Hunden verfolgt wird, er ſich auf einen Baum flüchtet, und dies wäre gerade das geweſen, was unſere Jäger wünſchten, da auf einem Baume der Bär leicht von den Kugeln ihrer Feuergewehre erreicht werden konnte. Ueberdieß hatten ſie auch, wenn er nach ſeiner mitt⸗ lerweile verſchloſſenen Höhle zurückkehrte, vielleicht Ge⸗ legenheit, ihn ſofort niederzuſchießen, und das hätte der Sache ohne weitere Bemühung ein Ende gemacht. Es war nicht nothwendig, eher nach der Höhle zu gehen als bis gegen Morgen, gerade noch Zeit genug, um den Eingang verſchließen und ſich vor Tagesan⸗ bruch in den Hinterhalt legen zu können. Deswegen empfahl ihnen der Führer, erſt ein wenig zu ſchlafen. Er machte ſich anheiſchig, ſie zeitig genug zu wecken. ——— G 1 14 Dieſer Rath ward gern amgenommen und befolgt. Selbſt Puſchkin bedurfte, nach der rauhen Behandlung, die ihm von den Mäulern der Maulthiere wider⸗ fahren, der Ruhe und war eben ſo bereit, als ſeine jungen Herren, ſich in ſeinen weiten Mantel zu wickeln und in die Arme des Pyrenäen⸗Morpheus zu werfen. 3. Capiteſ. Der Hinterhalt. Seinem Verſprechen getreu erwachte der Gemſenjäger ungefähr eine Stunde vor dem Beginn der Morgen⸗ dämmerung, und nachdem die Jäger ihre Thiere geſat⸗ telt und gezäumt hatten, ſtiegen ſie auf und ritten fort. Unter den großen Baumſtämmen war es ſehr finſter, der Gemſenjäger aber kannte das Terrain, und nachdem ſie ungefähr eine halbe Meile vorſichtig und langſam ſich fortgetaſtet hatten, erreichten ſie den Fuß eines ſteilen Felſens. An dieſem noch eine Strecke weiter hinreitend, kamen ſie endlich an den Platz ihrer Beſtimmung— an die Mündung der Höhle. Selbſt durch das Dunkel hindurch ſahen ſie an der Fläche des Felſens eine noch dunklere Stelle, welche den Eingang bezeichnete. Dieſer war nicht ſehr groß, ungefähr groß genug, um den Körper eines Mannes in gebückter Haltung aufzunehmen— der e äger aber war der Meinung, daß die Mündung ſich nac Innen bedeutend erweitere und in eine ſehr große Höhle führe. Dieſen Schluß zog er nicht daraus, daß er jemals dieſe Höhle durchforſcht hätte, ſondern weil er wußte, daß es noch viele andere ähnlicher Art in dieſem Theile des Gebirges giebt, wo die Kalkſteinformation derglei⸗ chen Höhlungen günſtig iſt. Wäre es blos ein Loch— groß genug zum Schlupf⸗ winkel eines Bären— geweſen, ſo würde der Jäger anders zu Werke gegangen ſein. Dann wäre Hoffnung vorhanden geweſen, Meiſter Braun durch die Hunde herauszulocken. War der Ort dagegen eine wirkliche Grotte, in welcher das Thier ſich frei bewegen und herumlaufen konnte, ſo wußte der Jäger, daß es nicht möglich ſein würde, ihn herauszubringen. Sobald der Bär ihre Anweſenheit draußen einmal argwohnte, ſo blieb er vielleicht tagelang in ſeiner ſichern Feſtung, und man hätte dann eine Belagerung beginnen müſſen, die eine langweilige Geſchichte geweſen wäre und zuletzt doch zu keinem Ergebniß geführt hätte. Aus dieſem Grunde hatten ſie bei ihrer Annäherung an die Höhle große Vorſicht beobachtet. Sie fürchteten, 17 daß ſie auf den im Walde herumſchweifenden Bären ſtoßen könnten, daß er ſie hören und, die Gefahr ahnend, in ſeine Höhle zurückeilen würde. Von dieſer Beſorgniß bewogen, hatten ſie ihre Pferde und Maulthiere, nachdem ſie ſie an Bäumen angebunden, eine gute Strecke weit zurückgelaſſen und ſich der Höhle zu Fuße genähert, ohne das mindeſte Geräuſch zu machen. Der Gemſenjäger begann nun ſeine Abſichten in Ausführung zu bringen. Während die Andern geſchla⸗ fen, hatte er aus trocknen Splittern der Steintanne eine große Fackel gefertigt, und nachdem er dieſelbe jetzt in aller Ruhe angezündet, ſteckte er ſie nahe am Fuße der Felſenwand in den Boden. In dem Augenblick, wo die helle Flamme den Ein⸗ gang der Höhle beleuchtete, machten ſich ſämmtliche Jä⸗ ger ſchußfertig. Sie wußten nämlich nicht gewiß, ob Meiſter Braun überhaupt ausgegangen ſei. Es war möglich, daß er noch im Bette lag. War dies der Fall, ſo weckte ihn vielleicht der Schein der Fackel und lockte ihn heraus. Deshalb war es am beſten, auf einen ſolchen Fall vor⸗ bereitet zu ſein. Der Gemſenjäger ließ nun ſeine Hunde los, die er bis jetzt ſicher an der Leine geführt. Sobald ſie frei waren, ſtürzten die wohldreſſirten Thiere, recht wohl wiſſend, was man von ihnen erwartete, ſtracks in die Höhle hinein. 5 Meiſter Braun. II. 2 18 Einige Secunden lang unterhielten die Hunde ein raſches anhaltendes Gekläff und ihr aufgeregtes Ge⸗ müth verrieth, daß ſie wenigſtens einen Bären witter⸗ ten. Die nun zu entſcheidende Frage war ſonach, ob das Thier noch in ſeiner Höhle ſei. Die Vermuthung des Jägers war eine ganz rich⸗ tige. Die Oeffnung führte in eine wirkliche Grotte und zwar eine ſehr große, wie ſich aus der Entfernung ſchließen ließ, in welcher man das Bellen der Hunde hörte. 4 Aus einer ſolchen Höhle wäre es vergeblich gewe⸗ ſen einen Bären locken zu wollen, und man konnte nicht eher hoffen ihn zu ſehen, als bis es ihm beliebte, freiwillig herauszukommen. Mit nicht geringer Spannung horchten daher die Zäger auf das Anſchlagen der Hunde, welches laut die Grotte durchdröhnte. Sie wußten alle, daß, wenn der Bär darin wäre, die Hunde dieſe Thatſache ſehr bald durch ihr Gebell und andere grimmige einen Kampf verrathende Töne verkünden würden. Sie blieben nicht lange in Ungewißheit, denn kaum war eine Minute vergangen, ſo kamen beide Hunde herausgerannt mit jenem Ausdruck der getäuſchten Er⸗ wartung, welche verrieth, daß ſie einen vergeblichen Gang gemacht hatten. Ihre aufgeregten Bewegungen jedoch bewieſen, daß die Witterung des Bären friſch war— daß er erſt 19 kürzlich ſeine Höhle verlaſſen hatte— denn man hatte die Hunde unter den Reiſern und dem Gras herum⸗ kratzen hören, aus welchen ſeine Lagerſtätte beſtand. Dies bewies aber auch deutlich, daß die Wohnung leer und Meiſter Braun nicht zu Hauſe war. Dies war gerade, was der Gemſenjäger wünſchte, und ſämmtliche Jäger legten nun ihre Gewehre bei Seite und begannen den Eingang zu verſtopfen. Dies war eine leichte Aufgabe. Ringsherum lagen einzelne große Steine und von dieſen erbaute man bald eine Barrikade quer vor die Mündung der Höhle, durch welche kein Thier ſich den Weg zu bahnen vermocht hätte. Nun athmeten die Jäger frei auf. Sie waren nun überzeugt, daß ſie dem Bären den Rückzug abgeſchnitten, und wenn er nicht Unrath merkte und gar nicht wieder zur Höhle zurückkehrte, ſo konnten ſie mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen, daß er ihnen vor den Schuß kommen würde. Es blieb ihnen nun weiter nichts zu thun übrig, als ſich in Hinterhalt zu legen und auf die Ankunft des Bären zu warten. Auf welche Weiſe ſie ſich verbergen ſollten, ward nun Gegenſtand der nächſten Erwägung. Es war dies auch eine Frage von Wichtigkeit. Sie wußten nicht, von welcher Richtung her der Bär kommen würde. Er konnte ſie, während er ſich näherte, ſehen und dann wie⸗ der abtraben, ehe ſie einen Schuß thun konnten. 2* 20 Um dies zu verhindern, mußte eine außerordentliche Maßregel getroffen werden. Dem erfahrenen Jäger der Pyrenäen bot ſich bald ein Auskunftsmittel zu dieſem Zwecke dar. Unmittelbar vor der Felſenwand ſtanden mehrere große Bäume. Es waren Tannen mit ſtarken Aeſten und dichtem Nadelwuchſe. Wenn die Jäger auf dieſe Bäume klettern konnten, ſo waren ſie dann hinreichend verborgen und der Bär argwohnte ſchwerlich ihre Ge⸗ genwart in einer ſolchen Situation. Der Vorſchlag des Führers ward ſofort in Aus⸗ führung gebracht. Jwan und Puſchkin ſtiegen auf den einen Baum, während der Gemſenjäger und Alexis einen zweiten wählten, und nachdem ſie ſich ſo plaeirt, daß ſie die Ausſicht auf den verbarrikadirten Eingang der Höhle hatten, ohne ſelbſt geſehen zu werden, warteten ſie auf den Anbruch des Tages und die Heimkunft des Bären. 4. Capitel. Ein Bär in einem Vogelneſte. Auf das Tageslicht brauchten ſie nicht lange zu war⸗ ten. Der Tag brach faſt eben ſo bald an wie ſie ſich an ihren Plätzen zurechtgeſetzt hatten, der Bär aber hielt ſie wahrſcheinlich ein wenig länger auf. Wie lange dies dauern würde, war jedoch unmög⸗ lich zu errathen, da ſeine Rückkehr in ſein Nachtquartier von vielerlei Zufällen abhängen konnte. Früher wurden, wie der Gemſenjäger erzählte, die Bären der Pyrenäen auch oft am Tage umherſtreifend angetroffen, dies war aber noch zu der Zeit, wo ſie zahlreicher waren und ihnen weniger nachgeſtellt ward. Jetzt dagegen, wo ſie ſelten waren und ihr Fell ſo gut bezahlt ward, verließen ſie der häufigen Nachſtel⸗ — ͤ—ͤͤͤͤſͤſͤſͤſͤſſ 22 lungen wegen ihr Verſteck ſelten als während der Nacht, und auf dieſe Weiſe gelang es ihnen, der Wachſamkeit der Jäger zu entrinnen. Was den einen betraf, auf welchen ſie jetzt warte⸗ ten, ſo ſagte der Jäger, daß derſelbe früher oder ſpäter nach Hauſe kommen werde, je nachdem ihm in der letzten Zeit mehr oder weniger nachgeſtellt worden. Dennoch aber blieben ſie über die genaue Zeit ſei⸗ ner Rückkehr nicht lange in Zweifel, denn der Bär ſelbſt kam unmittelbar unter ihnen zum Vorſchein. Plötzlich und auf die unerwartetſte Weiſe kam näm⸗ lich der große Vierfüßler an die Mündung der Höhle herangeſchlürft. Er war augenſcheinlich in einiger Auf⸗ regung, als ob er verfolgt— oder über etwas erſchrocken wäre, was er in dem Walde geſehen. Vielleicht war es der Anblick der Pferde oder die Witterung der Jä⸗ ger ſelbſt, denn er kam in derſelben Richtung, in wel⸗ cher dieſe zur Stelle gelangt waren. Was es aber auch ſein mochte, ſo nahmen ſich die auf den Bäumen ſitzenden Jäger nicht erſt Zeit darüber nachzudenken oder vielmehr der Bär ließ ihnen nicht die Zeit dazu, denn in dem Augenblicke, wo er den Eingang ſeiner Höhle erreichte und ſah, daß ſie verbarrikadirt war, erhob er ein entſetzliches Gebrüll der Wuth und getäuſchter Erwartung, drehte ſich herum und rannte eben ſo ſchnell als er gekommen war, wieder davon. Die vier von den Bäumen herab auf ihn fallenden Schüſſe blieſen ihm einige Haare vom Pelze und man ſah, daß er taumelte, als wenn er ſtürzen wollte. Die Jäger erhoben ein Triumphgeſchrei in der Meinung den Sieg errungen zu haben. Ihre Freude war aber von kurzer Dauer, denn ehe noch das Echo ihrer Stim⸗ men die Felſenwand entlang verhallte, ſo ſchien der Bär wieder das Gleichgewicht zu gewinnen und rannte rüſtig weiter.. Ein oder zwei Mal ſah man ihn Halt machen und ſich nach den Bäumen herumdrehen, als ob er einen Angriff auf die Jäger zu machen drohte. Dieſe Ab⸗ ſicht, wenn er ſie hatte, gab er jedoch ſofort wieder auf, rannte im ſchwerfälligen Galopp nur um ſo ſchneller weiter und war den Blicken ſeiner Verfolger bald ent⸗ ſchwunden. Die getäuſchten Jäger ſtiegen raſch von ihren Bäu⸗ men herunter, ließen die Hunde los und begannen die Fährte zu verfolgen. Zu ihrer Ueberraſchung und Freude führte dieſelbe in die Nähe des Ortes, wo ſie ihre Pferde und Maul⸗ thiere zurückgelaſſen und als ſie dieſe erreichten, ſahen ſie den Beweis, daß der Bär hier vorbeigekommen war, darin, daß alle vier Thiere, Pferde ſowohl als Maul⸗ thiere, wild umhertanzten, als ob ſie plötzlich überge⸗ ſchnappt wären. Die Pferde wieherten und die Maulthiere quiekten, ſo daß ihre Beſitzer ſie ſchon lange zuvor hörten, ehe ſie ihrer anſichtig wurden. Zum Glück waren die Thiere feſt angebunden, ſonſt hätte man nicht wiſſen können, 43 —— ———õõÿõÿõõ 24 wohin ſie in ihrem paniſchen Eührnen gerannt ſein würden. Unſere Jäger hielten es für einen glücklichen Ulm⸗ ſtand, daß der Bär dieſe Richtung eingeſchlagen, denn der Führer verſicherte ihnen, daß man nicht wiſſen könne, wo er nun Halt machen werde, und da die Hatz ſie meilenweit durch das Gebirge führen konnte, ſo waren ſie auf jeden Fall genöthigt, erſt ihre Thiere zu beſtei⸗ gen, ehe ſie die Fährte des Bären verfolgen konnten. Die Richtung, welche dieſer eingeſchlagen, war deshalb für ſeine Verfolger gerade die bequemſte. Ohne länger zu verweilen, als nöthig war um ihre Thiere loszubinden, ſchwangen ſie ſich in den Sattel und ſprengten den Hunden nach, deren Gekläff ſie ſchon in einiger Entfernung vor ſich vernahmen. Wie der Gemſenjäger geſagt hatte, durchläuft der Bär der Pyrenäen gerade ſo wie ſein norwegiſcher Vet⸗ ter, wenn er von ſeinem Lager aufgeſchreckt wird, oft eine große Strecke, ehe er Halt macht. Nicht ſelten ver⸗ läßt er auch die Schlucht oder den Felſenabhang, wo er zu wohnen gepflegt und wählt einen andern Ort, wo er größere Sicherheit zu finden erwartet. Auf dieſe Weiſe bringt er ſeine Verfolger oft in Verlegenheit, indem er über Felſengeröll, Felſenvor⸗ ſprünge entlang und ſteile Abhänge hinauf geht, wohin weder Menſchen noch Hunde ihm ohne Gefahr folgen können. Dies war es, was auch unſere Jäger jetzt zu fürch⸗ 25 ten hatten, denn der Führer wußte wohl, daß der Wald, in welchem ſie ſich befanden, faſt auf allen Seiten von ſteilen Felſenwänden umgeben war und wenn es dem Bären gelang, dieſe hinauf und auf das kahle Gebirge darüber zu kommen, ſo ſtand zu befürchten, daß er ihnen gänzlich entrinnen würde. Eine Hoffnung aber hatte der Gemſenjäger noch, er hatte eben ſo wie die Uebrigen bemerkt, daß mehrere der Schüſſe den Bären getroffen hatten, und daß er ſchwer verwundet ſein mußte, um ſo zu taumeln, wie er gethan. Aus dieſem Grunde ſuchte er vielleicht ein Verſteck in dem Walde oder flüchtete ſich auf einen Baum. Von dieſer Hoffnung ermuthigt drangen die Verfolger immer weiter vor. Die Vermuthung erwies ſich als richtig, denn ehe ſie noch eine halbe engliſche Meile weiter gekommen waren, ſchlug ein ununterbrochenes Gebell an ihr Ohr, welches, wie ſie ſogleich erkannten, von ihren Hunden herrührte. Ueberdies verrieth ihnen das Signal, daß der Bär von drei Dingen eins gethan hatte. Entweder hatte er ſich auf einen Baum geflüchtet oder in eine Höhle verkrochen oder ſich im Freien aufgeſtellt und hielt die Hunde im Schach. Sie wünſchten, daß von dieſen drei Vermuthungen ſich die erſte als die richtige erweiſen möchte, und nach der Art und Weiſe zu ſchließen, auf welche die Hunde anſchlugen, hatten ſie Grund dies zu hoffen. 26 Und die Sache verhielt ſich auch wirklich ſo, denn als ſie ein wenig näher kamen, ſahen ſie, wie die Hunde um die Wurzeln eines ungeheuern Baumes herum und von Zeit zu Zeit gegen den Stamm deſſelben ſprangen und einen Gegenſtand anbellten, der ſich in die Zweige hinauf geflüchtet hatte. Natürlich konnte dieſer Gegenſtand blos der Bär ſein und in dieſer Vorausſetzung näherten ſich die Ver⸗ folger dem Baume, während jeder ſein Gewehr ge⸗ ſpannt und ſchußfertig hielt. Als ſie vollends zu dem Baume hinkamen und unter demſelben ſtanden, war gleichwohl kein Bär zu ſehen. Eine große ſchwarze Maſſe war allerdings unter den oberſten Aeſten ſichtbar, aber der Körper eines Bären war es nicht, ſondern etwas ganz Anderes. Der Baum war, ein rieſig großer— der aller⸗ größte, den ſie in dem ganzen Walde geſehen. Es war eine Tanne mit ungeheuren ſich ausbreitenden Aeſten und dicht mit langen Nadeln bewachſen. An vielen Stellen waren dieſe ſo groß und dicht genug, um einen Verſteck zu gewähren, aber doch hätte es nicht ſo um⸗ fangreich ſein dürfen wie ein Bär und hätte es nichts weiter gegeben als die Blätter und Aeſte, um ihn zu verbergen, ſo hätte er auf dieſem Baume keinen Schutz finden können, ohne von unten ſichtbar zu ſein. Und dennoch war wirklich ein Bär darauf— der⸗ ſelbe Bär, den ſie verfolgten— obſchon kein Theil ſei⸗ 27 nes Körpers— nicht einmal die Spitze ſeiner Schnauze den Augen der Jäger ſichtbar war. Ganz ſicherlich war er da, denn die Hunde, welche nicht ihren Augen trauten, ſondern dem, worauf ſie weit mehr Vertrauen ſetzten— ihre Naſe— verriethen durch ihre Bewegungen und ihr ſonſtiges Benehmen ihren unbedingten Glauben, daß Meiſter Braun auf dem Baume ſei. Vielleicht wird man glauben, die Tanne ſei hohl geweſen und der Bär hineingekrochen. Aber dies war nicht der Fall. Der Baum war vollkommen geſund— nicht einmal ein Aſtloch war weder an ſeinem Stamme, noch an ſeinen Zweigen ſichtbar. Meiſter Braun hatte hier nicht die Möglichkeit gehabt, ſich in einem hohlen Raume zu verbergen. Dennoch aber hatte der Umſtand, daß ſie ihn nicht ſahen, durchaus nichts Räthſelhaftes, denn ſobald als ſie richtig unter dem Baume ſtanden und hinauf ſahen, gewahrten ſie unter den oberſten Aeſten den ſchon er⸗ wähnten dunkeln Gegenſtand und da der Bär nirgends anders auf dem Baume zu ſehen war, ſo erklärte dieſer Gegenſtand ſeine Unſichtbarkeit. Man wird neugierig ſein, zu hören, was es eigent⸗ lich war und dies war auch mit unſern jungen Jägern der Fall, als ſie zuerſt ihre Augen darauf emporrichteten. Es ſah mehr wie ein Haufen Reisholz, als etwas An⸗ deres aus und würde auch ein ſehr gutes Feuerungsma⸗ terial geliefert haben, denn es beſtand aus einer großen 28 Maſſe ſtarker Aeſte und dürrer Reiſer, die auf einer hohen Gabel des Baumes ruhten und zu einer feſten Maſſe verbunden waren. Es waren ihrer genug, um eine gewöhnliche Wagenladung, auszumachen und ſo dicht über und durcheinander geſchoben, daß nur um die Ränder herum der Himmel geſehen werden konnte. Ge⸗ gen die Mitte und in einem Durchmeſſer ſo groß wie ein Mühlſtein erſchien die Maſſe vollſtändig feſt und ſchwarz und kein Lichtſtrahl fiel durch die in einander verflochtenen Reiſer. „Das iſt das Neſt eines Lämmergeiers!“ rief der Gemſenjäger in dem Augenblick, wo ſein Auge es ge⸗ wahrte.„Ja, ja, meine Hunde haben Recht— der Bär hat ſich in das Neſt geflüchtet.“ 5. Rapitel. Die Lämmergeier. Dies war allen vollſtändig klar. Meiſter Braun hatte den Baum erklettert und ſtak jetzt gemüthlich verſchanzt in dem Neſte der großen Vögel, obſchon kein Haar ſei⸗ nes zottigen Felles von unten zu ſehen war. Die Jäger zweifelten nicht daran, daß er wirklich da ſei. Der Gemſenjäger baute zu feſt auf den In⸗ ſtinkt ſeiner wohldreſſirten Hunde, als daß er nur einen Augenblick lang daran hätte zweifeln ſollen, und ſeine Begleiter hatten keinen Grund, eine ſo wahrſcheinliche Sache ihrerſeits in Zweifel zu ziehen. Wäre übrigens noch irgend ein Zweifel vorhanden geweſen, ſo würde er ſehr bald durch einen Vorfall wi⸗ 30 derlegt worden ſein, der ſich im Augenblick ihrer An⸗ kunft unter dem Baume erreignete. Als ſie nämlich ſo da ſtanden und hinaufſchauten, ſah man plötzlich zwei große Vögel raſch aus der Höhe herabgeflogen kommen. Es waren Lämmergeier und augenſcheinlich die Eigenthümer des in Beſchlag genommenen Neſtes. Daß der Eindringling ein durchaus nicht willkommner Gaſt war, zeigte ſich im nächſten Augenblick, denn beide Vö⸗ gel ſchoſſen in raſchen Curven um die oberſten Aeſte des Baumes herum, klatſchten mit ihren Flügeln über dem Neſte und kreiſchten mit der ganzen concentrirten Wuth von Geſchöpfen, welche im Begriff ſtehen, beraubt oder ausgeplündert zu werden. Ob Braun außer ſeiner unwillkommenen Gegen⸗ wart auch noch einen Einbruchdiebſtahl begangen und die Lämmergeier ihrer Eier oder ihrer Jungen beraubt hatte? Wenn er dies gethan hatte, ſo hätten ſich die wüthenden Vögel nicht ſchlimmer geberden können, und ſie ſetzten ihre geräuſchvollen Demonſtrationen fort, bis ein Schuß von unten ſie an die Gegenwart jenes zwei⸗ füßigen Feindes erinnerte, den ſie noch weit mehr fürch⸗ ten, als den Bären. Dennoch machten ſie den Kreis ihres Fluges nur ein wenig umfangreicher und fuhren dann fort, auf das Neſt niederzuſchießen und ihr Geſchrei hören zu laſſen, welches ein Gemiſch von Wuth und Wehklage aus⸗ drückte. — 31 Der Schuß fiel aus der Büchſe des Gemſenjägers, aber erſt, nachdem dieſer einige Zeit an Ort und Stelle war, hatte er ihn abgefeuert. Alle vier waren vorher abgeſtiegen und hatten ihre Thiere an naheſtehenden Bäumen befeſtigt. Sie wußten, daß der Bär in dem Neſte war, aber obſchon ihm nun der Rückzug abgeſchnitten, ſo war es doch noch nicht ſo gewiß, daß es ihnen gelingen würde, ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Hätte ſich der Bär auf eine Gabel oder auch nur unter dichte Aeſte geflüchtet, wo ihre Kugeln ihn hätten erreichen können, ſo wäre dies etwas ganz Anderes ge⸗ weſen. Sie hätten ihn dann ganz mit Muße herunter⸗ bringen können, denn wenn ihre Kugeln ihn verwunde⸗ ten oder tödteten, ſo mußte er herunterſtürzen. Aber nun— ach nun, was war da zu thun? Die breite Platform des Neſtes gab dem Thiere nicht nur eine bequeme Fläche, auf welcher er liegen konnte, ſondern die dichte Maſſe der Reiſer bildete auch einen Wall, durch welchen wahrſcheinlich nicht einmal eine Kugel bis zu dem Körper des Bären hindurch⸗ drang! Wie ſollten ſie ihn nun mit ihren Kugeln erreichen? Dies war die nächſte Frage, welche erwogen ſein wollte. Der bis jetzt gefallene Schuß war auf's Ge⸗ rathewohl und blos in der Hoffnung abgefeuert worden, daß er den Bären erſchrecken und veranlaſſen möchte, den Platz zu wechſeln— wenn auch nur ein wenig— 32 ſo daß ein Theil ſeines Körpers ſich blosſtellte, und während der Gemſenjäger ſein Gewehr abſchoß, hatten die Andern ſich bereit gehalten, um die erſte ſich ihnen darbietende Gelegenheit zu benutzen. Es bot ſich ihnen aber keine dar. Man hörte die Kugel an die Reiſer anſchlagen, ſo daß der Staub em⸗ porflog, aber eine weitere Wirkung äußerte ſie nicht— der Inſaſſe des Horſtes rührte ſich nicht. Noch zwei oder drei Schüſſe wurden mit derſelben Wirkung abgefeuert, und nun ward Puſchkins Muskete in Requiſition geſetzt und auf das Neſt gerichtet. Die ſchwere Kugel ſchmetterte unter die trockenen Reiſer hinein, ſchleuderte die Bruchſtücke nach allen Sei⸗ ten umher, und trieb eine Staubwolke empor, welche den ganzen Gipfel des Baumes einhüllte. Aber von Meiſter Braun war nichts zu ſehen und zu hören, was verrathen hätte, daß der Schuß ihn be⸗ unruhigte— nicht einmal ein Brummen belohnte Puſchkin für ſeinen Aufwand an Pulver und Blei. Es war augenſcheinlich, daß dieſe Verfahrungsweiſe nichts nützen könne, und das Feuer ward ſofort einge⸗ ſtellt, um einen andern Angriffsplan in Erwägung ziehen zu können. Anfangs ſchien es kein Mittel zu geben, um den Bären aus ſeinem ſichern Quartier herauszutreiben. Sie konnten ſchießen bis ihre Pulverhörner und Schieß⸗ taſchen leer waren, und alles ohne Erfolg. Ebenſo gut konnten ſie ihre Schüſſe ſogleich in die Luft abfeuern. 33 Was ihre Kugeln betraf, ſo konnte der Bär ihnen ruhig Trotz bieten— nur ein Kanonenſchuß hätte ſei⸗ nen ſtarken Wall von trockenen Aeſten zerſtören können. Was konnten ſie alſo thun, um zu ihm zu gelangen? Hinaufzuklettern und ihn da anzugreifen, wo er lag, daran war nicht zu denken— ſelbſt wenn ſie hätten in das Neſt hineinklettern können. Schon auf dem feſten Boden würde keiner von wih⸗ nen Luſt gehabt haben, einen Kampf mit dem Feinde zu riskiren, geſchweige denn auf einem ſo unſichern Stand⸗ punkte wie ein Neſt von trocknen, halbverfaulten Reiſern. Aber ſie hätten auch gar nicht in das Neſt hinein⸗ gekonnt, wenn dies auch ihre Abſicht geweſen wäre. Der umfangreiche Rand erſtreckte ſich weit über die das Neſt tragenden Aeſte hinaus, und nur ein Affe oder der Bär ſelbſt hätte über dieſen Rand klettern können. Für ein menſchliches Weſen wäre das Hinaufſteigen zu dem Neſte nicht blos ſchwierig, ſondern geradezu un⸗ möglich geweſen, und ohne Zweifel hatte der Inſtinkt der Lämmergeier ſie geleitet, während ſie ihr Neſt bauten. Unſere Jäger dachten daher keinen Augenblick daran, dieſen Horſt erklimmen zu wollen. Aber was ſollten ſie ſonſt thun? Das Einzige, was ihnen einfiel, war, den Baum um⸗ zuhauen. Das wäre aber ein ſchwieriges Unternehmen geweſen, denn der Stamm hielt mehrere Fuß im Durch⸗ meſſer, und da ſie blos eine einzige Axt hatten, die oben⸗ Meiſter Braun. II. 3 4 34 drein nicht ſehr ſcharf war, ſo würde dieſe Arbeit nicht wenig Zeit in Anſpruch genommen haben. Sie konnten mehrere Tage damit zubringen, ehe es ihnen gelang, dieſe rieſige Tanne zu fällen und dann konnte der Bär ihnen immer noch entrinnen— denn es folgte nicht, daß der Fall des Baumes zur völligen Erlegung des Thiers führen müſſe. Der Baum konnte allmälig und langſam umbrechen oder auch gegen andere anſchlagen, ſo daß der Bär herunter kam, ohne den mindeſten Schaden zu nehmen, und in der auf ſeinen Fall folgenden Verwirrung hatte er vielleicht Gelegenheit zu entrinnen. Dieſe Erwägungen veranlaßten die Jäger, mit dem Umhauen des Baumes noch Anſtand zu nehmen und zu überlegen, ob es nicht vielleicht eine leichtere und wirk⸗ ſamere Methode gäbe, um ſich das Fell des Bären zu verſchaffen. 27. Capitel. Der Horſt wird in Brand geſteckt. Nachdem die Jäger eine Zeit lang vergebens ſich den Kopf zerſonnen, verrieth endlich ein Ausruf des Gemſen⸗ jägers, daß ihm ein glücklicher Gedanke eingefallen war. Aller Augen richteten ſich fofort auf ihn, während Zwan ihn raſch fragte, was ſein Ausruf bedeuten ſolle. „Es iſt mir etwas eingefallen, junger Herr,“ ent⸗ gegnete der Gemſenjäger,„etwas, wodurch ich den Bä⸗ ren entweder zwinge, herunter zu kommen, oder, da wo er liegt, bei lebendigem Leibe brate. Parbleul es iſt ein ganz vortrefflicher Einfall.“ „Was meint Ihr, was meint Ihr?“ fragte Jwan begierig, obwohl er nach dem, was der Gemſenjäger ge⸗ ſagt, ſeine Abſicht ſchon halb errieth. 3* 36 „Geduld, junger Herr! Sie ſollen ſogleich ſehen.“ Alle drei drängten ſich nun näher an den Gemſen⸗ jäger, begierig, was er vornehmen würde. Sie ſahen ihn eine Quantität Schießpulver in ſeine flache Hand ſchütten und dann einen Streifen von einem großen Stück Kattun reißen, welches er aus ſeiner Schießtaſche gezogen. Dieſen Streifen benetzte er mit Speichel und über⸗ zog ihn dann mit dem Pulver. Dann begann er ſowohl den Kattunſtreifen als das Pulver mit einander zu rei⸗ ben, bis nach bedeutender Friction mit den beiden Händen der Baumwollenſtreifen wieder trocken war. war nun von dem Pulver vollſändig durchdrungen und ganz ſchwarz davon. Das nächſte was der Gemſenläger that, war, daß er ſich eine kleine Quantität trocknes Moos verſchaffte, welches an den Stämmen der naheſtehenden Bäume leicht zu finden war. Dieſes Moos miſchte er mit einer Hand voll trocknem Gras, ſo daß es eine Art Knäuel 4 bildete. Nun griff er in ſeine Schießtaſche und brachte, nach⸗ dem er ein wenig darin geſucht, eine kleine Büchſe heraus, welche Zündhölzchen enthielt. Durch die Beſichtigung derſelben anſcheinend zufrieden geſtellt, ſteckte er die Büchſe wieder ein und machte dann den Zweck bekannt, zu welchem er alle dieſe vorläufigen Operationen aus⸗ geführt hatte. Unſere jungen Jäger hatten es ſchon mehr als halb 37 errathen und ſahen ihre Vermuthungen beſtätigt, als der Jäger ſeine Abſicht erklärte, den Baum zu erklettern und das Neſt in Brand zu ſtecken. Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß die Jäger ſammt und ſonders dieſes Mittel billigten, während ſie zugleich die Eigenthümlichkeit und Schlauheit deſſelben bewunderten. Auch die Kühnheit deſſelben entging nicht ihrer Bewunderung, denn es war offenbar eine kühne und gefahrvolle That. Der Boden des Neſtes war vielleicht mit leichter Mühe zu erreichen, denn obſchon der Baum hoch war, ſo war er doch keineswegs ſchwierig zu erklettern. Es gab Aeſte längs des ganzen Stammes von unten bis oben, und für einen Jäger der Pyrenäen, der als Knabe, wie er erzählte, die Rollen einer Taubenvedette in einem der Krähenneſter, die ſie geſehen, geſpielt hatte, war das Erklettern eines ſolchen Baumes ſo gut wie nichts. Hierin lag alſo die Gefahr nicht, ſondern in etwas ganz Anderem. Sie lag in dem möglichen Falle, d während er oben auf, dem Baume war und ehe er ſeine Abſicht in Ausführung bringen konnte, der Bär auf den Einfall kommen möchte, wieder herunter zu klettern. That er dies, dann gerieth das Leben des kühnen Si⸗ gers ſicherlich in äußerſte Gefahr.* Er kehrte ſich jedoch hieran weiter nicht, und na dem er die Andern aufgefordert, ſich ſchußfertig und auf 3 ihrer Hut zu halten, eilte er auf den Baum zu und be⸗ gann ihn zu erklettern. 38 Beinahe ſo ſchnell, wie der Bär ſelbſt hinaufgeſtiegen ſein konnte, bemegte der Gemſenjäger ſich den Baum hinauf, indem er ſich von Aſt zu Aſt ſchwang und ſeine nackten Füße— denn ſeine Schuhe hatte er abgewor⸗ fen— auf Knoten und andere Ungleichheiten ſetzte, wo kein Aſt ſich darbot. Auf dieſe Weiſe kam er endlich dem Neſt ſo nahe, daß er ohne Mühe ſeine Hand in den Boden deſſelben ſtoßen konnte. Nun ſah man ihn eine Anzahl der trocknen Reiſer herausziehen und an dem andern Theile der unförmli⸗ chen Maſſe eine Höhlung bilden. Er ging mit großer Ruhe und Umſicht zu Werke, indem er ſich ſo viel wie möglich hütete, dem Bären ſeine Gegenwart zu verrathen, oder die Träume oder Betrachtungen zu ſtören, denen Meiſter Braun viel⸗ leicht jetzt nachhing. In kurzer Zeit hatte er eine kleine Kammer unter den Reiſern— gerade groß genug für ſeinen Zweck— ausgehöhlt, und nachdem er den Knäuel trocknes Gras 6 aus ſeiner Schießtaſche genommen, lockerte er denſelben 6 ein wenig und ſteckte ihn dann in die Höhlung 4 hinein. 1 Es war blos das Werk einer zweiten Minute, ein — Schwefelhölzchen zu entzünden und die langen ſchwarzen Zunderſtreifen, welche von dem Gras herabhingen, in Brand zu ſetzen. ———— 39 Nachdem dies geſchehen war, ſchwang ſich der Gemſen⸗ jäger auf den nächſten Aſt unterhalt, und kam noch ſchneller, als er hinaufgeklettert war, wieder an dem Stamme herunter. Gerade als er den Boden erreichte, ſah man das Gras Feuer fangen und mitten unter dem blauen Rauche der aus der kleinen Höhlung hervor⸗ qualmte und ſich langſam um die Ränder des Neſtes emporkräuſelte, ſah man eine rothe Flamme, die von jenem Gekniſter begleitet war, welches die Entwickelung eines Feuers verkündet. Die vier Jäger ſtanden bereit. Sie beobachteten das Umſichgreifen der kleinen Flamme, während ſie gleich⸗ zeitig ihre Blicke auf den Rand des Neſtes gerichtet hielten. Sie brauchten nicht lange auf die Entwickelung zu warten. Der Rauch hatte ſchon die Aufmerkſamkeit des Bären erregt, und das Kniſtern der trockenen Reiſer, als ſie mit dem brennenden Gras in Berührung kamen, hatte ihn zum Bewußtſein ſeiner gefährlichen Lage er⸗ weckt... Lange zuvor ehe die Flamme bis zu ihm emporge⸗ gedrungen war, ſah man ihn ſeinen Hals über den Rand des Neſtes ſtrecken, erſt auf der einen auf der andern. Augenſcheinlich gefiel ihm ſah, durchaus nicht. Ein oder zwei Mal hätte er b in den Kopf bekommen, aber ſeine Raß 40 Jäger ab ordentlich zu zielen, und er blieb daher vor der Hand noch verſchont. Aber nicht auf lange Zeit, denn er blieb nun nicht mehr lange auf ſeinem hohen Standpunkte. Ob es nun der Rauch war, den er nicht länger ertragen konnte, oder ob er wußte, daß der Ausbruch der Feuersbrunſt nahe bevorſtand, läßt ſich nicht mit Gewißheit behaup⸗ ten, wohl aber ging aus ſeinen Bewegungen klar hervor, daß das Neſt zu heiß ward, um ihn noch ländtr zu halten. Und ohne Zweifel war es in dieſem Augenblicke zu heiß. Wäre der Bär nur noch zwei Minuten darin ge⸗ blieben, ſo würde ein Ereigniß eingetreten ſein, welches alles ruinirt hätte. Der Bär wäre entweder zu einer Schlacke gebraten oder auf alle Fälle ſein Fell verſengt und natürlich für den Zweck, zu welchem man es haben wollte, gänzlich verdorben worden. Bis zu dieſem Augenblick hatten die jungen n Jäger hieran noch gar nicht gedacht und jetzt, wo ſie daran dachten, beobachteten ſie die Bewegungen des Bären mit dem Gefühl banger Beſorgniß. Ein Freudenſchrei entrang ſich Alexis ſowohl als s ſie den großen Vierfüßler aus dem Rauche 5 ingen und lich an einen dicken Aſt anklammern — beſchieden.— 41 gann er rücklings an dem Stamme herunterzuklettern, aber es war ihm ein noch raſcheres Herunterkommen Von den vier Kugeln, die auf ihn abgefeuert wur⸗ den, mußte wenigſtens eine einen tödtlichen Punkt ge⸗ troffen haben, denn ſeine Arme ließen den Stamm des Baumes los, ſeine Hinterbeine glitten von der Rinde ab, und ſein rieſiger Körper kam auf den Boden herunter⸗ geplumpt, wo er regungslos liegen blieb wie ein Klotz und eben ſo leblos. a Mittlerweile umhüllten die Flammen das Neſt, und binnen fünf Minuten ſtand die ganze Maſſe in Brand und loderte empor wie ein Feuerſignal. Die trocknen Reiſer kniſterten, die harzigen Aeſte der Tanne ziſchten und ſprudelten— die rothen Schlacken ſchoſſen empor wie Sterne und kamen als Feuerre auf den Boden herab— während hoch oben mg wüthende Gekreiſch der Geier hörte, als ſie di rung ihrer luftigen Wohnung ſahen. Die Jäger aber achteten auf alles Aufgabe war gelöſt oder doch beinahe ter nichts mehr zu thun übrig, als 2 ner vielbegehrten Haut zu entkleiden, dies auf geſchickte und geeignete Weiſe ſie wieder ihre Thiere und ſetzten ihren Gebirge weiter fort. Als ſie das erſte Dorf auf der ſp 42 erreichten, trennten ſie ſich von dem erfahrenen Gemſen⸗ jäger und ſeinen gemietheten Thieren, nachdem ſie ihn für ſeine dreifachen Dienſte, die er in jeder Beziehung zu ihrer vollen Zufriedenheit verrichtet, freigebig be⸗ lohnt hatten. 28. RKapitel. Südamerikaniſche Bären. Nnſere Reiſenden gingen nun ſüdlich nach Madrid, wo ſie nur ſo lange blieben, um Zeuge jenes auf⸗ regenden aber nicht ſehr humanen Schauſpiels, eines Stiergefechts, zu ſein. Von Madrid reiſten ſie nach Liſſabon und ſchifften ſich hier direct nach Para oder Gran Para, wie es ge⸗ nannt wird, ein— einer blühenden braſilianiſchen Nie⸗ derlaſſung an der Mündung des Amazonenfluſſes, welche beſtimmt iſt, in nicht ſehr ferner Zeit eine große Stadt zu werden. Die Abſicht unſerer Jäger war, den Amazwnenſtuß hinaufzufahren und auf einem ſeiner zahlreichen Quellen⸗ ſtröme den öſtlichen Abhang der Andengebirge zu errei⸗ 4½ chen— welche, wie ſie wußten, der Wohnſitz des „Brillenbären“ ſind. Als ſie in Para ankamen, waren ſie nicht blos über⸗ raſcht, ſondern auch erfreut, zu finden, daß der Ama⸗ zonenfluß wirklich ſchon mit Dampfbooten beſchifft ward, und daß, anſtatt ſechs Monate mit der Fahrt nach dem obern Theile dieſes gewaltigen Fluſſes— wie in der alten Zeit, zubringen zu müſſen— jetzt dieſe Reiſe in weniger als zwanzig Tagen zurücklegen konnten! Dieſe Dampfboote ſind Eigenthum der braſiliani⸗ ſchen Regierung, welcher der größere Theil des Ama⸗ zonenfluſſes gehört und welche in Entwickelung ſeiner Hülfsquellen bedeutenden Unternehmungsgeiſt bewieſen hat— weit mehr als irgend einer der ſpaniſch⸗amerika⸗ niſchen Staaten, welche die an den oberen Nebenſtrömen des Amazonenfluſſes liegenden Regionen beſitzen. Es muß indeſſen, um gerecht zu ſein, hier erwähnt werden, daß die Peruvianer einen Verſuch gemacht ha⸗ ben, den Dampf auf dem Amazonenfluſſe einzuführen, und daß ihnen dies nur aus Urſachen nicht gelungen i*ſt, deren Beherrſchung nicht in ihrer Macht ſtand. Die wichtigſte dieſer Urſachen ſcheint in der Unred⸗ lichkeit gewißer amerikaniſcher Lieferanten zu beſtehen, wel⸗ che ihnen Dampfſchiffe— es waren deren drei— beſorg⸗ ten, welche, als ſie an die Spitze der Dampfſchifffahrt auf dem Amazonenfluſſe geſtellt wurden, ſich als gänzlich untauglich erwieſen, abgetakelt werden mußten. — — 45 Dieſe von den Amerikanern verübte Schwindelei iſt um ſo mehr zu bedauern, als ſeine ſchlimmen Wirkun⸗ gen nicht allein die Bewohner von Peru ſondern die ganze ciwiliſirte Welt berühren, denn es giebt kein Land auf dem ganzen Erdball, welches von der Entwickelung der Hülfsquellen dieſes gewaltigen Flußhes keinen Ge⸗ winn haben würde. Unſere jungen Ruſſen hatten wie die meiſten Leute geglaubt, die Ufer des Amazonenfluſſes ſeien ganz ohne civiliſirte Niederlaſſungen— der große Fluß ſei bis jetzt kaum erforſcht nur wenige Reiſende ſeien auf dieſem gewaltigen Strome herabgefahren, und er ſei im Ganzen genommen noch eben ſo unbekannt als in den Tagen Orellana's. Sie fanden aber, daß dieſe Anſichten vollſtändig un⸗ richtig waren, daß es dort nicht blos die große Stadt Para an der Mündung des Amazonenfluſſes, ſondern auch auf dem ganzen Wege hinauf nach Peru noch an⸗ dere bedeutende Niederlaſſungen an ſeinen Ufern in ver⸗ ſchiedenen Entfernungen von einander giebt. Selbſt an einigen ſeiner Nebenſtröme— wie z. B. an dem Rio Negro und Madeira— giebt es Dörfer und Pflanzungen von einiger Wichtigkeit. Barra an dem erſtern Fluſſe iſt an und für ſich eine Stadt von 2000 Einwohnern. In dem Theile des Amazonengebietes, welcher inner⸗ halb der Grenzen liegt, ſind die Niederlaſſungen na⸗ türlich braſilianiſch, und die Anſiedler ein Gemiſch von 46 portugieſiſchen Negern und zum Chriſtenthum bekehrten Indianern. Der Theil des großen Thales, welcher höher hinauf nach den Cordilleren der Anden liegt, gehört den ſpa⸗ niſch⸗amerikaniſchen Regierungen— größtentheils Peru. Es giebt auch von Miſſionären gegründete Niederlaſſun⸗ gen, deren Bevölkerung faſt gänzlich aus Indianern be⸗ ſteht, welche ſich der Herrſchaft der ſpaniſchen Prieſter unterworfen haben. Vor mehrern Jahren befanden ſich viele der Niederlaſſungen in einer ſehr blühenden Ver⸗ faſſung, gegenwärtig aber ſind ſie in einem Zuſtande völligen Verfalls. Unſere jungen Ruſſen fanden daher, daß der große ſüdamerikaniſche Fluß keineswegs unbekannt oder uner⸗ forſcht war, obſchon bis jetzt noch kein großer Beobachter eine Beſchreibung davon geliefert hat. 4 Die verſchiedenen Reiſenden, welche den Amazonen⸗ fluß hinuntergefahren ſind und Bücher darüber geſchrie⸗ ben haben, ſind alle Männer von geringer Fähigkeit geweſen, denen es an wiſſenſchaftlicher Beobachtungsgabe gefehlt hat, und man kann nicht umhin, zu bedauern, daß Humboldt nicht anſtatt des Orinoco den Amazonen⸗ fluß zur Baſis ſeiner wichtigen Forſchungen in Bezug auf die Kosmographie von Südamerika gewählt hat. Ein ſo großartiger Gezeuſten, 2 eines ſolchen Man⸗ 1 nes würdig geweſen. 4 Bei der Hinauffahrt auf dem Amazonenſtrome, die unſere Reiſenden mittelſt des braſilianiſchen Dampf⸗ 3 47 ſchiffes machten, waren ſie ſo glücklich, an Bord einen ſehr intelligenten Reiſegefährten zu finden, der ihnen über das große Thal und deſſen Hülfsquellen vielerlei werthvolle Aufſchlüſſe mittheilte. Dieſer Mann war ein alter portugieſiſcher Handels⸗ mann, der beinahe ſein ganzes Leben mit Beſchiffung nicht blos des Amazonenſtromes ſelbſt, ſoudern auch vie⸗ ler ſeiner größeren Nebenſtröme zugebracht hatte. Sein Geſchäft beſtand darin, daß er von den ver⸗ ſchiedenen Indianerſtämmen die einheimiſchen Produkte des Waldes— oder der Montana, wie man es nennt — ſammelte, welche ſich beinahe ohne Unterbrechung von den Anden bis an das atlantiſche Meer erſtreckt. In dieſem ungeheuern tropiſchen Walde giebt es viele Erzeugniſſe, welche den Weg in die Kanäle des Handels gefunden haben, aber auch viele andere, die noch unbekannt ſind, oder keine Beachtung gefunden haben. Die hauptſächlichen Artikel welche die Handelsleute hier ſuchen, ſind: Sarſaparilla, Chinarinde, Annatto und andere Farbehölzer, Vanille, braſilianiſche Nüſſe, Tonkabohnen, Hängematten, Palmfaſern und verſchie⸗ dene andere Arten vegetabiliſcher Produkte. Affen, Toucans, Macaws, Papageien und andere ſchöne Vögel gehören ebenfalls in das Regiſter der Aus⸗ fuhrerzeugniſſe des Amazonenthals, während die Ein⸗ fuhr aus allerhand Fabrikaten, welche die Habgier der 48 Wilden verlocken, oder aus den Waffen beſteht, deren er zum Kriege oder zur Jagd bedarf. Miitdieſem Handelhatte ihr Reiſegefährte dreißig Jahr ſeines Lebens zugebracht, und da er ein Mann von In⸗ telligenz war, ſo hatte er nicht blos ein bedeutendes Ver⸗ mögen, ſondern auch einen großen Vorrath geographiſcher Kenntniſſe erworben, von welchen die tejungen Ruſſen ſich beeilten, Nutzen zu ziehen. In der Naturgeſchichte der Montana war er gut bewandert und kannte die verſchiedenen Thiere und ihre Lebensgewohnheiten aus eigener Beobachtung, wozu dreißigjährige Reiſen ihm natürlich vollauf Gelegenheit gegeben hatten. Es war ein reicher Schatz von Kenntmiſſen, den die⸗ ſer Mann beſaß, und unſere Reiſenden, beſonders der die Naturſtudien liebende Alexis verfehlte nicht, ihn ſich zu Nutzen zu machen.. Durch die Mittheilungen, welche dieſer intelligente Handelsmann ihnen machte, ward Alexis in den Stand geſetzt, verſchiedene bis jetzt zweifelhaft geweſene Thatſachen in Bezug auf die Bären Amerika's feſtzu⸗ ſtellen. Er erfuhr, daß es wenigſtens zwei ganz verſchiedene Arten derſelben giebt— den„Brillenbären“(Ursus ornatus)— ſo genannt, wegen der weißlichen Ringe um ſeine Augen, die an eine Brille erinnern— und eine zweite Art ohne die weißen Kennzeichen, welche in der neuern Zeit ein ausgezeichneter deutſcher 49 Naturforſcher mit dem Namen des Ursus frugilegus belegt hat. Die erſtere Art iſt in allen peruvianiſchen Ländern als derHucumari“ bekannt— und obſchon er die Cordille⸗ ren bewohnt, ſo verſteigt er ſich doch nicht bis zu jenen be⸗ kannten Höhen, welche unter dem Namen der„Para⸗ mos“ und„Puna“ bekannt ſind. Im Gegentheile liebt er ein wärmeres Klima und man findet ihn nicht ſelten in den angebauten Thälern umherſchweifen, welche man gewöhnlich die„Sierra“ nennt. Der Ursus frugilegus beſucht hauptſächlich die dich⸗ ten Wälder, welche die öſtlichen Ausläufer der Anden bedecken. Oft verſteigt er ſich bis hinab zur Montana aber niemals bis in die ſteilen Abhänge hinauf, welche an die Schneeregion grenzen. Dieſe Gattungen ſind eine wie die andere ſchwarze Bären und werden von den ſpaniſchen Amerikanern Oso negro genannt; der Hucumari dagegen unter⸗ ſcheidet ſich durch eine weiße Bleſſe unter dem Halſe, eine weiße Bruſt, eine Schnauze von graugelber Farbe und die ſchon erwähnten halbmondförmigen Augenringe. Er iſt auch von ſanfterer Gemüthsart als ſein Vetter, von geringerer Größe und macht nie Jagd auf andere Thiere. 1 Der andere thut dies und richtet häufig große Ver⸗ heerungen unter den Schafheerden an und mücht ſo⸗ Meiſter Braun. II. gar Angriffe auf die Rinder und Pferde der Haciendas. Der Ursus frugilegus kehrt ſich, wenn er gereizt oder durch Verfolgung wüthend gemacht wird, ſelbſt gegen den Menſchen. 4 Dieſe Gattungen ſind, wie man glaubt, beide auf die Anden von Chili und Peru beſchränkt, dies iſt aber eine irrige Vorausſetzung. Sie ſind eben ſo häufig in Bolivia und in den Sierras von Neugranada und Ve⸗ nezuela. Eben ſo findet man ſie auch zu beiden Seiten des See's Maracaibo— in den Sierras Perija und Merida. Eine Gattung wenigſtens iſt auch in den Ber⸗ gen von Guyana beobachtet worden, obſchon nicht von Naturkundigen. Humboldt ſah allerdings am oberen Orinoco die Spuren eines Thieres, von welchem die Eingeborenen ihm ſagten, es ſei ein Bär und nach ihrer Größe ur⸗ theilend zog er den Schluß, daß es eine viel kleinere Gattung geweſen ſein müſſe, als der Ursus americanus. In dieſer Sache aber ließ der große Naturforſcher ſich durch einen falſch angewendeten Namen zu einem Irr⸗ thum verleiten. Man ſagte ihm, das Thier ſei der Oso carnero. oder fleiſchfreſſende Bär— ein Name, welchen die Miſſions⸗Indianer ihm geben, um ihn von zwei anderen Thieren zu unterſcheiden, welche ſie ebenfalls irrthümli⸗ cher Weiſe Bären nennen— den Oso palmero oder großen Ameiſenfreſſer(Tamanoir), und den Oso hor- 51 miguero(Tamandua). Das Thier, durch deſſen Spu⸗ ren Humboldt irre geleitet ward, war ohne Zweifel einer der kleinern Plattfüßler(Coatis oder Grisons), von denen es in den Wäldern Südamerika's mehrere Gatt⸗ ungen giebt. Unſere Jäger erfuhren von ihrem Reiſegefährten genug, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß ſie, in welchem Breitegrade ſie ſich auch von Oſten her den An⸗ den nähern möchten, gewiß darauf rechnen könnten, beide Arten des ſüdamerikaniſchen ſchwarzen Bären zu finden, daß aber dennoch der beſte Weg den ſie ein⸗ ſchlagen könnten, der große Napo⸗Fluß ſein würde, der nicht ſehr weit von der alten peruvianiſchen Hauptſtadt Quito entſpringt. In den wilden Provinzen Quixos und Macas, öſt⸗ lich von Quito, und wohin der Napo⸗Fluß ſie führen würde, könnten ſie mit Beſtimmtheit erwarten, die Thiere zu treffen, welche ſie ſuchten.. Eben ſo ſicher hätten ſie darauf rechnen können, Bä⸗ ren in dem Gebiet Jaen de Bracamoros anzutreffen, und dies wäre leichter zu erreichen geweſen, Alexis aber wußte, daß ſie, wenn ſie dieſen Weg über die Cordille⸗ ren einſchlugen, ſie zu weit öſtlich von der Landenge ver⸗ ſchlagen werden würden, die ſie doch paſſiren mußten, um ſpäter nach der nördlichen Hälfte des nordamerika⸗ niſchen Continents zu gelangen. Wenn ſie dagegen den Napo bis an deſſen Urſprung hinaufführen und dann die Cordilleren von Neu⸗Gra⸗ nada paſſirten, ſo waren ſie immer noch im Stande, weſtlich bis Panama zu gelangen, nach welchem Hafen ſie in einem der granadiſchen Küſtenfahrer gelangen konnten. Bei der Ankunft an der Mündung des Napo mie⸗ theten ſie daher eine Periagua mit ihrer indianiſchen Mannſchaft und ſetzten ihre Reiſe dieſen Strom hinauf nach den noch fernen Cordilleren von Quito fort. 29. Rapitel. Der Amazonenwald. Ver Fluß Napo iſt einer der größten der Quellen⸗ ſtröme des Amazonenfluſſes und einer der intereſſante⸗ ſten, da auf demſelben die meiſten der frühern Ent⸗ deckungsreiſenden herabfuhren, um das Land der golde⸗ nen Könige und der mit Gold gedeckten Tempel von Manoa aufzuſuchen. Obſchon dieſe Dinge als fabelhaft ſich ervisſen, ſo war doch das Vorhandenſein von Goldſtaub unter den In⸗ dianern des Napo ſehr wahr und iſt es noch bis auf die gegenwärtige Stunde. An dieſem Fluſſe und ſeinen zahlreichen Armen ſind Goldwäſchereien oder Placers ſehr häufig, und die Wil⸗ den, welche in dieſer Region umherſtreifen, ſammeln dann und wann den Goldſtaub und vertauſchen ihn an die Handelsleute, welche ſich unter ſie wagen. Die Indianer ſind jedoch zu träge, um dieſe In⸗ duſtrie mit einem gewiſſen Grade von Energie zu be⸗ treiben, und wenn ſie einen Federkiel voll des metalli⸗ ſchen Sandes zuſammengebracht haben— gerade genug, um ſich irgend eine erſehnte Tändelei von eiviliſirter Fabrikation zu kaufen— hören ſie auf zu arbeiten, und die koſtbaren Schätze bleiben unentdeckt in ihrem Bett liegen. Trotz der Länge ihrer Fahrt den Napo hinauf, kam dies unſern Reiſenden durchaus nicht langweilig vor. Die herrliche Tropenlandſchaft, die ſich ſtets ihren Augen darbot, nebſt den zahlreichen kleinen Vorfällen, welche ſich beſtändig ereigneten, brachten Abwechſelung in die Eintönigkeit ihres täglichen Lebens und hielten ſie in einem fortwährenden Zuſtand von Aufmerkſamkeit und Spannung. Bei jeder Biegung des Fluſſes zeigte ſich ein neuer der Bewunderung würdiger Gegenſtand— irgend eine tropiſche großartige Pflanze oder ein Baum, ein ſeltſamer Vierfüßler oder ein Vogel mit rächtallen Gefieder. Das Fahrzeug, mit welchem ſie reiſten, war das auf den Nebenſtrömen des Amazonenfluſſes in der Regel gebräuchliche, nämlich ein großes Canve aus dem aus⸗ gehohlten Stamme des rieſigen Bombyx ceiba oder Seidenbaumwollenbaums gefertigt und gewöhnlich unter dem Namen einer Periagua bekannt. Ueber dem Hintertheil oder dem Quarterdeck iſt ein kleines„Rundhaus,“ welches der Plane eines Wagens gleicht. Anſtatt aber aus Reifen und Leinwand iſt es von Bambus und Baumblättern gefertigt. Die Blätter bilden ein Dach, um Schatten in der kleinen Kajüte zu geben, und ſind gewöhnlich die großen Blätter der Vihai, einer Art Heliconia, welche in den Tropenländern Südamerika's in großer Menge wächſt. Die Blätter der Musacaae(Platanen und Bananen), dienen zu einem ähnlichen Zwecke, und beide Arten wer⸗ den ebenfalls zum Bedachen der Hütten verwendet, in welchen die Eingeborenen wohnen. Die auf dieſe Weiſe hergerichtete kleine Kajüte heißt ein Toldo. Inwendig iſt ſie hoch genug, daß ein Mann aufrecht darin ſitzen, obſchon nicht ſtehen kann, und wird gewöhnlich blos zum Schlafen oder als Ob⸗ dach gegen den Regen benutzt. Zu andern Zeiten giebt der Reiſende der freien Luft den Vorzug und ſitzt oder liegt auf dem Dache des Toldo, welches hinreichend feſt iſt, um ſeine Laſt zu tragen. Der vorderſte Theil der Periagua bleibt völlig offen und hier nehmen die Ruderer Platz, ſo daß ihre Bewegungen die Bequemlichkeit der Reiſenden nicht ſtören. Durch Vermittelung unſeres portugieſiſchen Han⸗ delsmannes waren unſere Reiſenden ſo glücklich, eine ſehr gute Periagua mit einer ſehr guten Mannſchaft zu 56 bekommen. Letztere beſtand aus zum Chriſtenthum be⸗ kehrten Indianern, die zu einer der hoch oben am Napo gelegenen ſpaniſchen Miſſion gehörten. Sie waren mit einer Ladung Produkte der Miſſion den Fluß herabgekommen und ſtanden eben im Begriff den Rückzug anzutreten, als unſere Reiſenden an der Mündung des Fluſſes anlangten. Man traf ſehr bald ein Abkommen mit dem Capafaz oder Führer der Periagua, und da unſere Reiſenden ſolche Dienſte ſtets freigebig bezahlten und der Mann⸗ ſchaft gute Koſt verabreichen ließen, ſo fanden ſie ſo viel Aufmerkſamkeit und Bequemlichkeit, als die Umſtände erlaubten. Hier und da an den Ufern des Fluſſes— obſchon durch ſehr lange Zwiſchenräume getrennt— gab es Niederlaſſungen der wilden Indianer des Waldes, und da faſt alle Indianerſtämme von Amazonia ſich mehr oder weniger mit Feldbau und Handel beſchäftigen, ſo waren unſere Reiſenden in den Stand geſetzt, von Zeit zu Zeit ihre Speiſekammer zu füllen. Auch ihre Schießgewehre trugen weſentlich dazu bei, den Vorrath nicht ausgehen zu laſſen. Als Brod halten ſie Farinha, wovon ſie auf dem Dampfſchiffe von Para einen tüchtigen Vorrath mitge⸗ bracht hatten. Es iſt dies die geröſtete Wurzel der Manioc⸗Pflanze(Jatropha manihot) und bildet das Hauptnahrungsmittel aller Volksklaſſen in ſämmtlichen Ländern des Amazonenthales. 13p 57 Alexis fand ganz beſonderes Intereſſe an allem, was ſie hier ſahen. Nie hatte ein Freund der Naturkunde ein ſchöneres Feld zu Beobachtungen. Hier bot ſich die Natur dem Auge in ihren normalſten Verhältniſſen dar. Hier konnte der Tropenwald in ſeiner ganzen urſprüng⸗ lichen, nie von der Axt des Holzhauers geſtörten und an vielen Orten ſelbſt noch nicht von dem Fuße des Jägers betretenen Jungfräulichkeit beobachtet werden. Hier ſieht man ſeine Bewohner— Vierfüßler, Vierhänder, Vögel, Amphibien und Inſekten— ihren verſchiedenen Lebensgewohnheiten oder nur den Leidenſchaften und Inſtinkten folgen, die ihnen von der Natur ſelbſt eingepflanzt und von den Menſchen nur wenig gezügelt worden ſind. Bald zeigte ſich eine Heerde Capivaras oder Chi- guires, wie ſie auch genannt werden— die größten aller Nagethiere, die ſich hier an dem ſonnigen Ufer wärmten, ihre großen kaninchenartigen Köpfe empor⸗ hoben und die vorüberfahrende Periagua neugierig an⸗ gafften.. Vielleicht noch ehe die Reiſenden ſie aus den Augen verloren hatten, ſah man die ganze Heerde plötzlich aus ihrer ruhigen Haltung auffahren und mit verzweifelter Schnelligkeit nach dem Waſſer zuſtürzen. Hinter ihnen erſchien dann der gelbgefleckte Leib des Jaguars— des ächten Tyrannen des Amazonenwaldes, der mit einem einzigen Schlage ſeiner mächtigen Tatze einen Chiguire niederſtreckte, ſich dann über ſein Opfer herwarf, es in Stücken riß, ſein warmes Blut trank und ſein Fleiſch mit Muße verzehrte. Entkam glücklicher Weiſe die ganze Heerde und er⸗ reichte das Waſſer, ſo gab der Jaguar, die Gewandt⸗ heit dieſer Thiere in dieſem Elemente wohl kennend, die Verfolgung ſofort auf, kehrte in ſeinen Hinterhalt zu⸗ rück und legte ſich auf die Lauer nach einer friſchen Ge⸗ legenheit. Nichtsdeſtoweniger aber waren die armen Chiguires ihres Lebens doch nicht ſicher, denn ſelbſt im Waſſer begegneten ſie zuweilen einem andern Feinde, der ebenſo grauſam und furchtbar iſt, nämlich dem rieſigen Jacare dem Krokodill des Amazonenfluſſes und ſeiner Neben⸗ ſtröme. So in beiden Elementen angegriffen, ſehen ſich die armen unſchuldigen Nagethiere vom Lande ins Waſſer und aus dem Waſſer wieder ans Land getrieben, und be⸗ finden ſich in einem fortwährenden Zuſtande von Furcht und Zittern. Auch der Puma ſtellt ihnen nach, eben ſo wie der Jaguarundi und der grimmige Coatimundi und nicht ſelten ſchließt ſie die ungeheure Anacontaſchlange in ihre tödtliche Umarmung, denn die unſchuldigen Geſchöpfe können ſich gegen ihre zahlreichen Feinde nicht verthei⸗ digen und ohne die Fruchtbarkeit, welche die Familie, der ſie angehören— die ſogenannten Guinea⸗Schweine— charak⸗ teriſirt, wären ſie in Gefahr, gänzlich ausgerottet zu werden. 59 Die Chiguires waren nicht die einzigen heerdenweiſe lebenden Thiere, die unſere Reiſenden während ihrer Fahrt auf dem Napo bemerkten. Andere von ſehr verſchiedener Art zeigten ſich in den Beccaries oder wilden Schweinen der Montana. Dieſe ſind ächte Pachydermen und wirkliche Schweine, obſchon die Naturforſcher es angemeſſen erachtet haben, ſie von dem Genus Sus zu trennen und ſie ein Genus für ſich allein bilden zu laſſen. Wir brauchen kaum erſt zu ſagen, daß dies eine ſehr überflüſſige Procedur iſt, denn die Beccaries ſind nichts mehr und nichts weniger als ächte wilde Schweine, die einheimiſchen Repräſentanten der Suidae auf dem ame⸗ rikaniſchen Continent. Die Klaſſification in ein beſonderes Genus hat auch nichts genützt, ſondern eher das Gegentheil herbeigeführt und ohne Noth die Anzahl der zoologiſchen Namen ver⸗ mehrt, wodurch das Studium dieſer intereſſanten Wiſſen⸗ ſchaft noch ſchwieriger gemacht worden iſt. Dieſes endloſe Wörterbuch haben wir hauptſächlich den Hypotheſen der Thieranatomen zu danken, welche, da es ihnen an Gelegenheiten zu perſönlicher Beobach⸗ tung fehlt, dieſe durch Muthmaßungen zu ergänzen ſu⸗ chen, die ſich auf irgend eine kleine Zahntuberkel grün⸗ den! Trotz ihrer gelehrten Abhandlungen ſtellt ſich ſehr oft heraus, daß dieſe Tuberkeln blos ein Beweis ſind, wie wenig Haare dieſe Herren ſelbſt auf den e Zäͤhnen haben. 60 Das Beccarie— welches die alten Schrifſteller ſich begnügten, als ein wildes Schwein zu betrachten und in ſehr angemeſſener Weiſe unter das Genus Sus rechne⸗ ten— wird jetzt Dicotyles genannt. Bis jetzt ſind den Naturkundigen blos zwei Gattungen bekannt— das „weislippige“ und das„geringte“(Dicotyles labritus und collaris) und obſchon ſie ſelten in einem und dem⸗ ſelben Diſtrikt heimiſch ſind, ſo findet man doch eine oder die andere Art in allen wilderen Theilen Ameri⸗ ka's— von Californien, im Norden bis zu dem Brei⸗ tengrade des La Plata im Süden. Sie ſind beinahe von einerlei Geſtalt und Farbe. Letztere iſt eine Art geflecktes Graubraun. Die geringte Gattung hat dieſen Namen von einem weißen Streifen, das ſich über die Schultern herum zieht und beinahe ausſieht wie ein Kragen oder eine Krauſe, während die weißlippige ſeinen ſpecifiſchen Na⸗ men dem Umſtande verdankt, daß es Väühen von grau⸗ weißer Farbe hat. In Bezug auf die Größe jevoch, walte ein bedeu⸗ tender Unterſchied zwiſchen den beiden Gattungen ob, denn das weißlippige Beccarie wiegt gegen hundert Pfund oder beinahe zwei Mal ſo viel als die andere Gattung. Die erſtere iſt dabei auch von verhältnißmäßig ſtär⸗ kerem Körperbau und im Ganzen genommen ein kräf⸗ tigeres und wilderes Thier, denn obſchon Wildheit keine charakteriſtiſche Eigenſchaft ihres Weſens iſt, ſo zeigen 61 ſie doch wie andere Thiere der Schweinefamilie, wenn ſie gereizt werden, eine Wildheit und Furchtloſigkeit, welche der der ächten Fleiſchfreſſer gleichkommt. Beiden Gattungen Beccarie wird von dem Jaguar nachgeſtellt. Dieſer Tyrann der Wildniſſe nähert ſich ihnen, aber mit mehr Vorſicht und weit weniger Selbſt⸗ vertrauen, als wenn er ſeinen Angriff auf die wehrloſen Chiguires macht, und kommt in Kämpfen mit den Bec⸗ caries oft ſehr ſchlecht weg. Von dieſer Thatſache hatten unſere Reiſenden mehr⸗ fache Beweiſe, denn ſie waren während der Fahrt den Napo hinaufoft Augenzeuge von Kämpfen zwiſchen Bec⸗ caries und Jaguars. Einem dieſer Kämpfe ſahen ſie mit mehr als ge⸗ wöhnlichem Intereſſe zu, denn es hing von dem Aus⸗ gange deſſelben ihre eigene Sicherheit ab und eben die gefährliche Stellung, in welche ſie ſich verſetzt ſahen, machte es ihnen möglich, das ganze Schauſpiel vollſtän⸗ dig und vollkommen mit den Augen zu verfolgen. Das von Alexis geführte Tagebuch theilt uns einen Bericht hierüber mit. 30. Capitel. Der peruvianiſche Zimmtbaum. Die Reiſenden hatten einen Diſtrikt erreicht, welcher zwiſchen zwei großen Armen des Napofluſſes liegt und den Namen Canelos oder das Zimmtland führt. Dieſen Namen erhielt es von den ſpaniſchen Ent⸗ deckern Peru's— weil ſie in dieſer Region Bäume fan⸗ den, deren Rinde große Aehnlichkeit mit dem oſtindiani⸗ ſchen Gewürz hat. Canela iſt das ſpaniſche Wort für Zimmt, und die ungebildeten Abenteurer Pineda und Gonzalez Pizzaro, welche glaubten, es ſei der ächte Zimmtbaum ſelbſt, nannten ihn ſo. Deshalb erhielt der ganze Diſtrict in welchem er ſich am häufigſten vorfand, den Namen Canelos. Der Baum, welcher ſpäter von dem ſpaniſchen Bo⸗ 63 taniker Mutis klaſſificirt und beſchrieben ward, iſt nicht der Laurus cinnamomum Ceylon's, ſondern eine Art dem amerikaniſchen Continent eigenthümlicher Laurus, welchem dieſer Botaniker den Namen Laurus cinnamo- moides gegeben hat. Er iſt jedoch nicht auf die Region Rio Napo herum beſchränkt, ſondern wächſt in vielen Theilen der großen Montana und in allen Ländern des tropiſchen Amerika. Bonpland fand ihn auch am obern Orinoco und ferner in Carraccas, obſchon er nirgends in ſolcher Menge vorhanden zu ſein ſcheint, als auf der Oſtſeite der Cordilleren von Ecuador und Peru— in den Pro⸗ vinzen Quixos, Macas und Jaen de Bracamoros. In dieſen Provinzen bildet er ausgedehnte Waldungen und erfüllt die Luft mit dem köſtlichen Aroma ſeiner Blüthen. Die Rinde des Laurus cinnamomoides kommt an zartem Wohlgeſchmack dem des orientaliſchen Zimmt⸗ baums jedoch nicht gleich. Sie iſt auf der Zunge heißer und beißender— außerdem aber iſt die Aehnlichkeitzwiſchen den beiden Bäumen ſehr bedeutend, denn ihre Blätter ſind faſt ganz gleich und auch die ſich abſchälende Rinde iſt faſt von gleicher Stärke. Die amerikaniſche wird jedoch, wenn ſie getrocknet iſt, mehr bräunlich und obſchon ſie der Zimmtrinde von Ceylon nicht gleichkommt, ſo werden doch bedeutende Maſſen davon geſammelt, ſowohl zum Gebrauche in den ſpaniſch⸗amerikaniſchen Ländern als auch zur Aus⸗ fuhr nach Europa, wo ſie oft als echter Zimmt ver⸗ kauft wird. Wäre die Provinz Canelos für den Handel nicht ſo unzugänglich, ſo würde ohne Zweifel noch eine weit größere Quantität den Weg auf die europäiſchen Märkte finden, aber das Einſammeln dieſer Rinde iſt mit Ge⸗ fahren und Beſchwerden verbunden, welche es nicht ge⸗ winnbringend machen, damit zu handeln, ſelbſt wenn dafür der volle Preis des echten Zimmts gezahlt wird. Die Peruvianer glauben, daß, wenn der Baum auf geeignete Weiſe und ſo wie der orientaliſche Zimmt cultivirt würde, ſeine Rinde der des letzteren ſicherlich gleich käme, und dies kann auch wahr ſein, da dann und wann Proben davon geliefert worden ſind, welche das ganze Aroma des Gewürzes von Ceylon beſaßen. Dieſe rühren von Bäumen her, die an günſtigen Plätzen wachſen, das heißt allein ſtehen und wo die Sonne zu den Blättern und Blüthen freien Zutritt hat. Die Blätter ſelbſt haben den eigenthümlichen Zimmt⸗ geruch und die Blüthen auch, aber in weit ſtärkerem Grade. Die Blüthen ſind ſogar noch aromatiſcher als die des Laurus cinnamomum. Man ſagt, die wilden Schweine oder Beccaries fräßen ſehr gern dieſe Blüthen ſowohl als den Samen, wenn er reif iſt, und einige der erſten peruvianiſchen Reiſenden, zum Beiſpiel der Jeſuit Ovalle erzählen eine eigenthümliche Gewohnheit dieſer Thiere. Der genannte 65 Schriftſteller behauptet nämlich, daß, wenn eine Heerde dieſer Schweine den Blüthen des Canelabaumes nach⸗ gehen, ſie ſich in zwei Abtheilungen von ziemlich gleicher Anzahl trennen. Die Individuen der einen Abtheilung ſtemmen ihre Schultern an die verſchiedenen Bäume und rütteln heftig daran, ſodaß die Blüthen auf die Erde herunterfallen. Mittlerweile ſtehen die Schweine der an⸗ dern Abtheilung unter dieſem Blüthenregen und freſſen ununterbrochen, bis ſie ſatt ſind. Dann nehmen ſie die Stelle der hungrigen Schweine ein und vergelten den ihnen geleiſteten Dienſt dadurch, daß ſie nun ihrerſeits die Bäume ſchütteln und die andern Schweine ſich ſätti⸗ gen laſſen. Es iſt nicht leicht dieſe Geſchichte des Jeſuiten hin⸗ unterzuſchlucken, obſchon er ſelbſt ein Eingeborener des Landes war, wo dieſelbe angeblich ſpielt. Der Theil davon, welcher behauptet, die Schweine ſchüttelten die Bäume für einander, iſt wahrſcheinlich nicht wahr, ob⸗ ſchon möglicher Weiſe alle andern Einzelnheiten richtig ſind. Es kann ganz wahr ſein, daß die Thiere die Bäume ſchütteln, um die Blüthen herunter zu bringen, denn dies würde einen Scharfſinn beweiſen, der nicht größer wäre, als Schweine anderer Gattungen an den Tag legen, aber es ſtimmt nicht mit den Geſetzen ihrer mo⸗ raliſchen Natur überein, dieſen Dienſt für einander zu leiſten. Daß ſie in großen Heerden durch die Zimmtwälder Meiſter Braun II..5 66 ſchwärmen und die Blüthen dieſer Bäume gierig ver⸗ ſchlingen, iſt allerdings eine unzweifelhafte Thatſache, von welcher unſere Reiſenden ſich während ihrer Fahrt den Napo hinauf, durch eigene Anſchauung überzeugten. Sie kamen an einer Stelle vorbei, wo dieſe wilden Zimmtbäume die Ufer des Fluſſes einſäumten, und um dieſe intereſſante Baumgruppe näher zu unterſuchen, ſtieg Alexis von der Periagua ans Land. Zwan begleitete ihn und nahm ſeine Doppelflinte mit, in der Hoffnung, daß ihnen etwas vor den Schuß kom⸗ men werde. In dem einen Lauf hatte er eine Kugel, während der andere mit Schrot geladen war. Alexis führte wie gewöhnlich ſeine Kugelbüchſe. Es war ihre Abſicht, eine Strecke weit das Ufer hinauf zu gehen. Zwiſchen dem Waſſer und den Bäumen befand ſich ein ſandiger Streifen, der die jungen Leute in den Stand ſetzte, ohne große Mühe vorwärts zu kommen, denn nur da, wo dies der Fall iſt, können die Ufer der Amazonenflüſſe zu Fuße begangen werden. In der Rogel reicht der dichte Wald bis an den äußerſten Rand des Waſſers, und es giebt dann keinen Pfad, als höchſtens einen Spurweg, welchem die Chi⸗ guires, Tapirs und andere Thiere folgen. Da dieſe Geſchöpfe aber blos das Unterholz in der Höhe ihres eigenen Körpers durchbrechen, ſo iſt alles oben darüber ein dicht verſchlungenes Labyrinth von Blättern und Ranken, die allem, was von der Höhe eines Menſchen iſt, eine undurchdringliche Schranke ent⸗ 67 gegen ſtellen. Die Indianer ſelbſt folgen dieſen Pfaden nur ſelten, ſondern bleiben in ihren Canoes und Pe⸗ riaguas. Als unſere jungen Reiſenden dieſe ſchöne Sandbank, die ſich meilenweit hinaufzuziehen ſchien, ſahen, beſchloſſen ſie, des langen Sitzens auf dem Toldo müde, ſich ein wenig zu ergehen. Sie befahlen daher dem Capataz, immer weiter den Fluß hinaufzufahren, und ſie oben wieder einſteigen zu laſſen, ſtiegen dann aus und gingen die Sandbank entlang. Dann und wann, wo ſich eine Oeffnung zeigte, gingen ſie in den Wald hinein, um die ſeltenen Naturgegenſtände, welche ihre Aufmerk⸗ ſamkeit anzogen, näher zu unterſuchen. Puſchkin ging nicht mit, und zwar aus dem Grunde, weil ihm vor einigen Tagen ein Unfall zugeſtoßen war, in Folge deſſen er einen lahmen Fuß bekommen hatte. Die Urſache dieſer Lahmheit beſtand einfach darin, daß ihm einige Chigas oder Sandflöhe zwiſchen die Zehen gekrochen waren und ſich eingebiſſen hatten, und da er ſie nicht zeitig genug herausgezogen, ſo hatten ſie ihre Eier in die Wunde gelegt und dadurch eine furcht⸗ bare Entzündung der Füße verurſacht. Es iſt dies ein Uebel, welchem der Menſch in den Tropenländern häufig ausgeſetzt iſt. Die von dem Chiga verurſachte Wunde iſt, obſchon nicht unbedingt von be⸗ denklichen Folgen, doch zu gefährlich, als daß ſie ver⸗ nachläſſigt werden dürfte, denn ſie führt dann oft zu der 1 538 68 Nothwendigkeit einer Amputation des von dieſen kleinen Inſecten angegriffenen Gliedes. Puſchkin, der den kleinen Feind als einen zu unbe⸗ deutenden betrachtete, hatte es verſäumt, geeignete Vor⸗ ſichtsmaßregeln anzuwenden, trotzdem, daß die indiani⸗ ſchen Bootruderer ihn auf die Gefahr aufmerkſam ge⸗ macht hatten. Die Folge war eine Anſchwellung der betreffenden Theile, und eine Entzündung, die den alten Grenadier ſo vollſtändig lähmte, als ob ihm das Bein von einer Kanonenkugel weggeriſſen worden wäre, und er lag jetzt auf dem Dache des Toldo, nicht im Stande, auf den Füßen zu ſtehen. 3 Aus dieſem Grunde, und da es ihm nicht möglich war, ſich ſeinen jungen Herren auf ihrem Ausfluge an⸗ zuſchließen, blieb er nothwendig zurück. Es war dies vielleicht ein Glück für ihn, denn er gerieth auf dieſe Weiſe nicht mit in eine ſehr gefährliche Lage, welche den beiden jungen Jägern beſchieden war, und die vielleicht, wenn Puſchkin dabei geweſen wäre, einen ſchlimmeren Ausgang genommen hätte, da ſie nicht viel beſſer hätte enden können. 31. Capitel. Eine Flucht über eine Sandbank. In der ſchon beſchriebenen Weiſe die Sandbank ent⸗ lang marſchirend, hatten Alexis und Jwan etwa zwei oder drei engliſche Meilen zurückgelegt. Sie fingen ſchon an, ihres Marſches müde zu wer⸗ den, denn der Sand war ziemlich weich und ſank bei je⸗ dem Schritt unter ihren Füßen ein. Es dauerte nicht lange, ſo erblickten ſie ein wenig vor ihnen einen langen Arm oder Ausläufer der Sand⸗ bank, welcher beinahe bis in die Mitte des Fluſſes hin⸗ einragte. Sie beſchloſſen ſogleich weiter zu gehen, bis ſie dieſe Querbank erreichten, denn die äußerſte Spitze deſſelben ſchien ihnen ein geeigneter Ort zu ſein, wo 70 die Periagua anlegen, und ſie wieder an Bord nehmen könnte. Das Boot fuhr mittlerweile immer ſtromaufwärts und befand ſich ihnen gegenüber, ſo daß ſie es anrufen konnten. Sie thaten es und forderten den Popero oder Steuermann auf, an der äußerſten Spitze der Sandbank anzulegen. Nachdem dies beſorgt war, ſetzten ſie ihren Weg das Ufer hinauf, gemächlich weiter fort. Als ſie an dem Theile des Ufers ankamen, wo die Sandbankin den Fluß hinausragte, ſtanden ſie im Begriff dieſelbe zu betreten, als Iwans leiſes Ohr das Geräuſch einiger Thiere vernahm, die ſich im Unterholze hin be⸗ wegten. Iwan betrachtete alles, was ihm in den Schuß kam, als eine willkommene Beute, und da er während ihres langen Marſches noch nichts geſehen hatte, was einen Schuß Pulver werth geweſen wäre, ſo wünſchte er ſehr, etwas zu erlegen, ehe ſie wieder in die Peria⸗ gua ſtiegen. Was er hörte, war das Raſcheln von Blättern. Es ſchien nicht von einem beſondern Punkte, ſondern von allen Theilen des Waldes auszugehen. Dann und wann miſchte ſich das Raſcheln mit einem gewiſſen halb quikenden halb grunzenden Tone, der die Gegenwart von Thieren, und zwar einer großen Menge verrieth, denn dann und wann ließen ſich wohl zwanzig dieſer quikenden und grunzenden Töne gleichzeitig hören. Alexis hörte das Geräuſch auch, da er aber ein we⸗ niger eifriger Jäger war, als ſein Bruder, ſo lag ihm 71 weniger daran, den Geſchöpfen, von welchen es ausging, nachzuſpüren. Er hatte jedoch nichts dawider, daß Iwan ein we⸗ nig in den Wald hineinginge, und verſprach auf dem offenen Ufer auf ihn zu warten. Hätte er gewußt was für ein Wild es war, dem ſein Bruder nachſpürte— das heißt, hätte er die Ge⸗ wohnheiten der Thiere gekannt, welche ſich hören ließen, ſo würde er Iwan begleitet, oder wahrſcheinlicher, ihn abgehalten haben, überhaupt hinzugehen. Alexis war jedoch der Meinung, daß das ſeltſame Geräuſch von Affen verurſacht werde, denn es giebt nicht blos viele Gattungen dieſer Thiere in den Wäldern des Napo, ſondern auch einige, welche die Stimmen an⸗ derer Thiere nachahmen können. Von Affen war natürlich keine Gefahr zu befürchten, denn keiner der amerikaniſchen Quadrumanen iſt groß oder ſtark genug, um einen Angriff auf den Menſchen zu verſuchen. Jwan war kaum fünf Minuten fort, als ein lauter, unter den Bäumen wiederhallender Knall verrieth, daß er ſein Gewehr abgeſchoſſen hatte, und beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick verkündete ein zweiter Knall, daß nun beide Läufe leer waren. Alexis ſtand im Begriff, ſich an Ort und Stelle zu begeben, um zu ſehen, was ſein Bruder geſchoſſen habe, als er plötzlich einen lauten Chor von Stimmen— ein Kreiſchen, Schnauben und Grunzen vernahm, welches 72 von allen Theilen des Waldes auszugehen ſchien, wäh⸗ rend das Kniſtern von Aeſten und Reiſern und das Rauſchen von Zweigen eine eigenthümliche Bewegung verrieth, als ob einige hundert Thiere durch das Ge⸗ röhricht hin⸗ und herrennten. In demſelben Augenblick hörte er auch Jwan's Stimme im Tone des Schreckens und der Angſt, wäh⸗ rend der Jüngling ſelbſt auf einmal durch das Gebüſch hervorgebrochen, und ſo ſchnell er konnte, auf ſeinen Bruder zugeeilt kam. Seine Blicke verriethen Angſt, als ob ein gefürchteter Verfolger hinter ihm wäre. „Lauf Bruder, lauf,“ rief er, als er aus dem Un⸗ terholze heraus war;„lauf, wenn Dir Dein Leben lieb iſt— ſie kommen hinter mir her— ſie kommen hinter mir her.“ Es war keine Zeit, zu fragen, was für Verfolger hinter ihm ſeien. Augenſcheinlich waren ſie von einer Art, der man aus dem Wege gehen mußte, da ſie dem muthigen Jwan ſo großen Schrecken eingejagt hatten; Alexis drehete, ohne erſt nähere Erklärungen zu ver⸗ langen, ſich herum und ſchloß ſich der Flucht ſeines Bruders an. Beide lenkten ihre Schritte nach der offenen Sand⸗ bank, in der Hoffnung, die Periagua zu erreichen, wel⸗ che eben im Begriff ſtand, an der Spitze der Sandbank anzulegen. Sie hatten aber noch nicht ein Dutzend Schritte auf dem freien Boden zurückgelegt, als das Gebüſch, wel⸗ 73 ches ſie ſoeben verlaſſen, zu erzittern begann, und aus demſelben heraus eine Schaar ſeltſamer Geſchöpfe her⸗ vorſchoß— buchſtäblich eine Schaar, denn binnen we⸗ nigen Secunden kamen wenigſtens zweihundert von ih⸗ nen zum Vorſchein. Es waren Vierfüßler von graubrauner Farbe, nicht größer als halbausgewachſene Schweine, und Schweine waren es auch wirklich— das heißt, es waren Bec⸗ caries. 1 Sie waren von der Gattung labiatus, wie man an ihren weißen Lippen ſehen konnte. Dieſe Lippen waren ganz beſonders erſichtlich, denn jedes dieſer Thiere rannte mit offener Schnauze und emporgerichtetem Rüſſel, während zugleich alle mit den Zähnen klapper⸗ ten, wie mit Kaſtagnetten, und dabei ein verworrenes, kurz abgeſtoßenes Grunzen und Quieken hören ließen, welches Zorn und Wuth ausdrückte. Sobald Alexis ſie ſah, erkannte er das Gefährliche der Lage, in welche er und ſein Bruder ſich nun ver⸗ ſetzt ſahen. Er hatte geleſen, und überdies von dem portugieſi⸗ ſchen Handelsmann ſowohl, als von den indianiſchen Ruderern gehört, wie gefährlich ein Angriff von dieſen grimmigen kleinen Thieren iſt, und daß der Jäger, um ihnen zu entrinnen, ſich oft gezwungen ſieht, ſich auf einen Baum zu flüchten. Hätte er und Iwan ſich die Sache nur einen Augenblick überlegt, ſo hätten ſie wahr⸗ ſcheinlich lieber den Wald zu erreichen geſucht, anſtatt 74 auf die offene Sandbank hinauszulaufen, wie ſie jetzt thaten. Nun aber war es zu ſpät. Die Beccaries bedeckten die ganze Linie des Ufers hinter ihnen und unſere jun⸗ gen Freunde hätten keinen Baum erreichen können, ohne erſt mitten durch die Heerde hindurchzupaſſiren. Ihr Rückzug in der Richtung des Waldes war ih⸗ nen daher vollſtändig abgeſchnitten, und es ſchien keine andere Wahl zu geben, als ſo ſchnell wie möglich wei⸗ ter zu laufen, um womöglich an Bord der Periagua zu kommen. 3 In dieſer Abſicht eilten ſie über die Sandbank wei⸗ ter, während die Beccaries dicht hinter ihnen drein kamen. 32. Capiteſ. Die Beccaries. Tli brauchen nicht erſt zu ſagen, daß unſere Jäger ſo lange Schritte machten, als die Beſchaffenheit des Bodens es geſtattete, unglücklicherweiſe aber waren ſie nicht lang genug. Der Sand war weich und ſchwer, und an manchen Stellen, da wo die Schildkröten ihre Eier gelegt hatten, ſo voll jetzt leerer Löcher, daß die Flüchtlinge nur lang⸗ ſam vorwärts kamen, obſchon die Furcht ſie antrieb, ihr Aeußerſtes zu thun. Auch die Verfolger kamen nicht ſo ſchnell vorwärts, wie dies auf feſterem Boden der Fall geweſen ſein würde, dennoch aber liefen ſie ſchneller, als die Verfolgten, und 76 die Jünglinge begannen zu fürchten, daß ſie nie im Stande ſein würden, die Periagua noch zeitig genug zu erreichen. Eingeholt zu werden, hieß allerdings eben ſo viel, als auf den Sand niedergezerrt und von den ſcharfen Hauern der Beccaries in Stücken geriſſen zu werden. Die Periagua war noch gegen vierhundert Schritt entfernt. Die Indianer ſahen die Hatz und kannten die Gefahr. Sie kannten ſie ſo gut, daß ſie ſich höchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht an das Ufer wagten, um die jungen Jä⸗ ger vertheidigen zu helfen, und was Puſchkin betraf, ſo war dieſer nicht im Stande, ſich auch nur einen Zoll weit zu rühren, ſelbſt wenn es kein anderes Mittel ge⸗ geben hätte, ſeine jungen Herren zu retten. Es war ein Augenblick furchtbarer Verzweiflung für den armen Puſchkin. Er packte ſeine Muskete und wand und krümmte ſich, aber er war nicht im Stande, mehr zu thun. In dieſem Augenblick der Gefahr fielen Alexis' Augen auf einen Gegenſtand, welcher Rettung verſprach. Wenigſtens bot er Ausſicht auf einen zeitweiligen Schutz gegen die Gefahr, obſchon nicht gewiß war, ob es ihnen gelänge, dieſes Aſyl zu erreichen. Dieſer Gegenſtand war ein Baum— nicht ein ſtehender und wachſender, ſondern ein gefallener und todter Baum, der ſeiner Blätter, ſeiner Rinde und auch des größten Theils ſeiner Aeſte beraubt war. Er lag auf der Sandbank, wo er ohne Zweifel während der Zeit der Ueberſchwemmungen von dem Waſ⸗ ſer ausgeworfen worden war, nicht gerade in der Linie, in welcher die jungen Jäger flohen, ſondern einige Schritte rechts von der Richtung, der ſie auf dem geraden Wege nach der Periagua gefolgt ſein würden. Dabei aber war der Baum ihnen ume volle zwei⸗ hundert Schritt näher, als das Boot, und als Alexis dies bemerkte, faſſte er ſchnell die Hoffnung, daß ſie noch den Baum erreichen, und entweder auf dem Stamme oder unter den Aeſten deſſelben, Schutz finden könnten. Von dieſen Aeſten waren die größeren noch vorhan⸗ den. Sie ragten viele Fuß hoch über die Fläche des Sands empor und waren mit einer Menge Waſſerkräu⸗ tern und verwelktem Gras bedeckt, welche bei dem Fallen des Waſſers daran hängen geblieben waren. Alexis erwog jedoch kaum die Möglichkeiten, welche der Baum in Bezug auf ein ſicheres Aſyl gewährte, er hatte keine andere Wahl. Es war, als wenn ein Er⸗ trinkender nach einem Strohhalme haſcht. Er warf blos einen Blick hinter ſich, um zu ſehen, wie viel Zeit er noch übrig hätte, und mit einem raſchen Blicke die Entfernung von den Verfolgern berechnend, ſchrie er Swan zu, ihm zu folgen, und rannte in ſchräger Rich⸗ tung auf den Baum los. „Sie hatten den Baum ſchon bemerkt, als ſie ihre Flucht begannen, aber denſelben nicht als eine Zu⸗ flucht betrachtet. Sie hatten überhaupt an nichts weiter gedacht als wieder in das Boot zu gelangen, und erſt 78 jetzt, als dies ſich als unmöglich erwies, beſchloſſen ſie nach dem Baume zu eilen. Als ſie nun ihre Blicke in gerader Richtung darauf wendeten, bemerkten ſie ſofort die Möglichkeiten, welche der Baum ihnen zu ihrer Rettung darbot. Sie ſahen auch, daß dieſelben durchaus nicht zu verachten waren, und von Hoffnung ermuthigt, boten ſie ihre äußerſten Anſtrengungen auf und liefen, was ſie laufen konnten. Dieſe Anſtrengungen waren nöthig, glücklicherweiſe aber erwieſen ſie ſich als hinreichend, ſie zu retten. Aber blos eben hinreichend, denn kaum war es ihnen gelun⸗ gen, auf den Stamm zu ſpringen, als die wüthende Schaar auch ſchon zur Stelle war, und ſie binnen we⸗ nigen Sekunden von allen Seiten umringte. Ein Glück war es, daß der Baumſtamm ein ſehr ſtarker war. Es war der Stamm eines rieſigen Seiden⸗ baumwollenbaumes— die Bombyx ceiba der Tropen⸗ wälder— und da dieſer Stamm volle fünf Fuß im Durchmeſſer hielt, ſo gewannen die jungen Jäger einen Standpunkt, der um ſo viel höher war, als die Sand⸗ fläche. 1 Trotzdem aber ſahen ſie, daß ihre Rettung noch nicht vollkommen geſichert war, denn die wüthenden Beccaries begannen, anſtatt von ihrem wüthenden Angriffe abzu⸗ ſtehen, an dem Stamme in die Höhe zu ſpringen und hier ihren Angriff fortzuſetzen. Dann und wann gelang es auch einem, welches be⸗ hender war, als die übrigen, wirklich mit ſeinen Vorderfüßen 79 über den Rand des Stammes hinaufzukommen, und würde ſich ohne den raſchen Gebrauch, den unſere Jäger von den Kolben ihrer Schießgewehre machten, ohne Zwei⸗ fel vollends hinaufgeſchwungen haben. Beide Jünglinge hielten ihre Gewehre feſt am Laufe gefaßt und droheten damit bald der andringenden Schaar, bald ſchlugen ſie einem, welches nahe genug kam, den Schädel ein, während die Beccaries fortwährend ihr grimmiges Grunzen hören ließen und mit den Zähnen klapperten, als ob viele tauſend Knallerbſen mit einem Male losgelaſſen würden. Auf dieſe Weiſe dauerte der Kampf weiter, und die Jäger arbeiteten ſich Schritt um Schritt den Stamm entlang nach den oberſten Aeſten hin, welche, da ſie höher emporragten, ein ſichreres Aſyl darzubieten ſchienen. Nur in Zwiſchenräumen rückten ſie auf dieſe Weiſe vor, denn ſie ſahen ſich fortwährend genöthigt, Halt zu machen und einen friſchen Hagel Hiebe unter ihre An⸗ greifer auszutheilen, welche noch fortwährend von unten nach ihnen herauf ſprangen. Endlich gelang es den Jünglingen die hervorragen⸗ den Aeſte des Baumes zu erreichen, und indem jeder einen wählte, der ſtark genug war, ihn zu tragen, klet⸗ terten ſie daran hinauf. Dadurch erlangten ſie eine Po⸗ ſition, wo ſie den Beccaries Trotz bieten konnten, denn obſchon die grimmigen Thiere nun auf den Hauptſtamm heraufgeſprungen kamen— was mehrere von ihnen ſchon vorher gethan— ſo vereitelten doch die ſchlankeren Aeſte 80 alle ihre Bemühungen, ſie zu erklettern, und die, welche es verſuchten, ſtürzten ſofort wieder hinunter und auf die Sandbank hinab. Die jungen Jäger, die ſich nun ſicher fühlten, konn⸗ ten ſich nicht enthalten, einen Freudenruf auszuſtoßen, welcher von der Periagua aus beantwortet ward, wobei Puſchkin's gewaltiger Baß deutlich hindurchzuhören war. Unſere Helden, die ſich nun in Belagerungszuſtand verſetzt glaubten, begannen zu überlegen, wie ſie dem⸗ ſelben auf die beſte Weiſe ein Ende machen könnten, als ſich ihnen plötzlich ein Anblick darbot, der ihren Gedan⸗ ken mit einem Male eine ganz andere Richtung gab. 33. Rapitel. Scylla und Charypdis. Der Rückzug der jungen Jäger auf die ſchrägen Aeſte des Baumes hinauf, hatte eine große Anzahl ihrer An⸗ greifer nach dieſer Seite gelockt und gerade, als ſie ihren Freudenruf erhoben, ſahen ſie die Beccaries unter den Zweigen herumtanzen, welche der Länge nach auf der Sandbank lagen. Viele derſelben waren durch die ſchon erwähnten Grasbüſchel verdeckt, aber auch noch ein zweites furcht⸗ bares Geſchöpf war zufällig hier ebenfalls verſteckt und kam jetzt in ſeiner ganzen Majeſtät zum Vorſchein— 5 nicht blos für die Augen der Belagerten, ſondern auch für die der Belagerer. Meiſter Braun. II. 6 82 Dieſes Thier war ein Vierfüßler von furchtbarem Anſehen und einer Größe, welche die der kleinen Bec⸗ caries weit übertraf. Es war ihr natürlicher Feind— der Jaguar. Ob es nun der Schrei war, der ihn aufgeſchreckt, oder ob die Beccaries ihn aus ſeinem Lager aufge⸗ ſcheucht hatten, dies läßt ſich nicht genau beſtimmen, gewiß aber iſt, daß er plötzlich hervor und mit einem einzigen Satz auf den liegenden Baumſtamm hinauf⸗ ſprang. Einen Augenblick lang ſtand er unſchlüſſig da, und wendete ſeine Augen zuerſt nach den Aeſten, auf welche die Jünglinge ſich geflüchtet, und dann in der entgegen⸗ geſetzten Richtung nach dem Walde. Er ſchien nicht zu wiſſen, was er thun ſollte, und dieſe Unentſchloſſenheit äußerte, ſo lange ſie dauerte, eine unangenehme Wirkung auf unſere jungen Jäger. Wenn der Jaguar ſie angriff, ſo war ihr Tod als gewiß anzunehmen, denn die große Katze holte ſie ent⸗ weder von ihrem unſichen Standpunkt herunter, oder riß ſie nach und nach in Stücken, wenn ſie fortfuhren, ſich feſtzuklammern. Unter die Beccaries hineinzufallen, wäre natürlich ein eben ſo ſicherer und eben ſo furchtbarer Tod ge⸗ mweſen. Glücklicherweiſe jedoch ward der Jaguar, in dem Augenblick wo er zum Vorſchein kam, von den wilden ————— 83 Schweinen hitzig angegriffen, und um dieſem Angriffe zu entgehen, war er eben auf den Baumſtamm herauf⸗ geſprungen. Auch hierher verfolgten ihn die Beccaries und be⸗ müheten ſich jetzt ebenfalls, auf den Baumſtamm hinauf zu gelangen, gerade wie ſie gethan, als ihr Angriff auf die beiden Jäger gerichtet war. Der Jaguar ſtand nun nicht mehr ſtumm und un⸗ entſchloſſen da, ſondern begann mit lautem Gekreiſch ſich gegen die ihn angreifende Schaar zu vertheidigen, indem er mit ſeinen breiten ſcharfen Krallen unter ſie hineinſchlug und einen nach dem andern wieder hinab auf den Boden ſchleuderte, wo ſie zappelnd und mit dem Tode ringend liegen blieben. Vielleicht war es Alexis' Geiſtesgegenwart, welche die Sache zur Entſcheidung brachte und ihm und ſeinem Bruder das Leben rettete. Seine Büchſe war noch geladen, denn es war ihm nutzlos erſchienen, mitten unter zweihundert Angreifer hineinzufeuern. Er wußte, daß er nur einen oder zwei davon hätte erlegen können und dies würde, anſtatt die übrigen zurückgeſchreckt, ſie noch zu grimmigerer Wuth gereizt haben. Theils aus dieſem Grunde, und theils weil er fort⸗ während mit dem Kolben dareingeſchlagen, hatte er ſein Feuer geſpart. Jetzt war nun die Zeit, davon Gebrauch zu ma⸗ chen. Der Jaguar war noch mehr zu fürchten, als die 668 84 Beccaries. Vor den Angriffen dieſer letztern waren die jungen Jäger jetzt ſicher, wogegen ſie von dem erſtern nicht blos erreicht werden konnten, ſondern auch ſich ge⸗ rade an der Stelle befanden, wohin die große Beſtie ſelbſt ſich zurückzuziehen wünſchte. Um dieſem letztern Falle aber vorzubeugen, beſchloß Alexis, ſeine Kugel dem Jaguar zu widmen. Es war für ihn nur das Werk eines Augenblicks, das Gewehr in ſeiner Hand umzudrehen, und zu zielen. Der Schuß krachte und die Jäger hatten ſofort die Freude, den großen Vierfüßler von dem Baumſtamme herunter, und auf den Sand ſpringen zu ſehen, wo er ſofort von der ſchwarzen Schaar umringtward, die von allen Sei⸗ ten kreiſchend und grunzend auf ihn losſtürzte. Es war ein Glück, daß die Kugel des jungen Jä⸗ gers den Jaguar blos verwundet hatte, anſtatt ihn auf der Stelle zu tödten. Wäre er getödtet worden, ſo würden die Beccaries ſein ſchönes Fell in Fetzen und ſein noch zitterndes Fleiſch in Stücken geriſſen haben, und zwar binnen we⸗ nigen Secunden. Glücklicherweiſe aber war der Ja⸗ guar, wie geſagt, blos verwundet. Es war ihm nur ein Bein zerſchoſſen und die un⸗ verletzt gebliebenen drei benutzend, begann er ſich nuach dem Walde zurückzuziehen. Dorthin verfolgten ihn die dickhäutigen Beccaries, welche in ihrer Wuth über ihren neuen Angreifer, ihre unglücklichen Gegner, ganz zu vergeſſen ſchienen, ſodaß 85⁵ dieſe ganz ruhig auf den Aeſten des Baumes ſitzen blei⸗ ben konnten. Eine Zeit lang war weiter nichts zu ſehen, als eine verworrene ſich über den Sand dahin bewegende dunkle Maſſe, in deren Mitte dann und wann ein hellgelber Gegenſtand zum Vorſchein kam und dann wiederum ver⸗ ſchwand. So wogte gleich einer rollenden Welle die große Heerde grunzend, kreiſchend und mit den Zähnen klappernd dahin, bis ſie den Rand des Unterholzes er⸗ reichte, und dann plötzlich den Augen der Nachſchauen⸗ den entſchwand! Ob es den Beccaries endlich wirklich noch gelang, den Jaguar zu zerreißen, oder ob der verwundete Tyrann des Waldes ihren furchtbaren Zähnen entrann, darüber ließ ſich natürlich keine Gewißheit erlangen. Unſere Jäger empfanden durchaus keine Luſt den Thieren nachzufolgen und Augenzeugen des Ausgangs dieſes ſeltſamen Kam⸗ pfes zu ſein. 3 Eben ſo wenig fiel ihnen ein, die Leichen der Er⸗ ſchlagenen aufzuheben. Jwan war von dem Appetit, den er vielleicht nach Beccariesfleiſch gehabt, vollſtändig geheilt, und ſobald ihre zeitherigen Angreifer ihnen völlig aus den Augen entſchwunden waren, ſprangen beide von den Aeſten des Baumes herab und rannten, ſo ſchnell ſie konnten, nach dem Boote. Dies erreichten ſie ohne weitere Beläſtigung, und ſchnell ſchoß das Fahrzeug hinaus auf die Mitte des 86 breiten Flußes, wo ſie vor allen Angriffen, ſowohl wil⸗ der Schweine, als wilder Katzen vollkommen ſicher waren. Wahrſcheinlich flüchtete der Jaguar ſich auf einen Baum,, wie er in der Regel zu thun pflegt, wenn er von einer Heerde wüthender Beccaries umringt wird, und zum Beweis, daß er dies auch jetzt gethan, hörten unſere Rei⸗ ſenden das laute Grunzen der wilden Schweine noch lange, nachdem das Boot die Sandſpitze verlaſſen hatte und den Fluß weiter hinauf ſteuerte. — 34. Capitel. Die alten Miſſionen. Nachdem unſere Reiſenden viele intereſſante Gegenden geſehen, und verſchiedene andere ſeltſame Abenteuer be⸗ ſtanden hatten, erreichten ſie endlich Archidona— eine kleine Stadt am Beginne der Bootſchifffahrt auf dem Napo, und der gewöhnliche Einſchiffungshafen für Reiſende, die ſich aus den Landſtrichen um Quito herum nach den Regionen am Amazonenſtrome begeben. Bis zu dieſem Punkte waren ſie durch eine vollſtän⸗ dige Wüſtenei gereiſt— die einzigen Ausnahmen hier⸗ von waren einige Miſſionärſtationen, in deren jeder ein mönchiſcher Prieſter eine Art Herrſchaft über zwei bis 88 dreihundert halb zum Chriſtenthum bekehrte Indianer ausübte. Es wäre abgeſchmackt, dieſe Miſſionen civiliſirte Niederlaſſungen zu nennen, denn ſie ſtehen weder in Bezug auf Civiliſation, noch hinſichtlich ihres Wohlſtan⸗ des auch nur um einen Grad höher, als die Maloccas oder Dörfer der wilden Indianer— der„Ungläubi⸗ gen,“ wie es den Mönchen beliebt, jene Stämme zu nennen, die ſich ihren kindiſchen Lehren noch nicht unter⸗ worfen haben. Welcher Unterſchied auch zwiſchen den beiden In⸗ dianern beſtehen mag, ſo ſpricht er entſchieden zu Gun⸗ ſten der unbekehrten Stämme, welche wenigſtens die Tugenden der Tapferkeit und der Liebe zur Freiheit be⸗ ſitzen, während die armen Neophyten der Miſſionen, durch ihre Bekehrung zu dieſer ſogenannten„chriſtlichen Religion“, eine unleugbare Verſchlechterung erlitten haben. Alle dieſe mönchiſchen Niederlaſſungen— nicht blos am Napo, ſondern auch an den anderen Nebenflüſſen des Amazonenſtromes— befanden ſich früher einmal in einem Zuſtande ziemlichen Gedeihens. Die durch ein wenig militäriſche Hülfe, von dem ſpaniſchen Gou⸗ vernement unterſtützten Miſſionäre waren beſſer im Stande, ihre indianiſchen Bekehrten zu überwachen und zur Arbeit zu zwingen— ſo daß ein gewiſſer Grad von Wohlſtand in den Niederlaſſungen der Miſſion ſicht⸗ bar war und einige derſelben faſt reich zu nennen waren. Dies war jedoch blos eine ſcheinbare Civiliſation, und ihr Nutzen erſtreckte ſich blos auf die Mönche ſelbſt. Die indianiſchen Neubekehrten hatten von dem Reichthum, den ſie ſchufen, für ſich ſelbſt keinen Ge⸗ winn. Ihr Zuſtand war ein Zuſtand reiner Sklaverei — die Mönche waren ihre Herren, und erwieſen ſich oft als ſehr harte Zuchtmeiſter. Sie lebten in bequem klöſterlicher Weiſe von dem Schweiße und der Arbeit ihrer braunhäutigen Bekehrten. Die einzige Wohlthat, welche ſie den Indianern dafür erwieſen, beſtand darin, daß ſie die letztern in jenen Handfertigkeiten unterrichteten, durch deren Aus⸗ übung ſie ſich Nutzen ſchaffen konnten. Dies war ihr einziger Beweggrund, aus welchem ſie das Civiliſationswerk unternommen hatten. Anſtatt aber andererſeits ſich auch zu bemühen, den Geiſt dieſer armen Leute auszubilden, waren ſie viel⸗ mehr bedacht, denſelben auf alle nur erdenkliche Weiſe niederzuhalten, indem ſie ihnen jene Lehren der Pflicht und des Gehorſams einprägten, welche unter den Prie⸗ ſtern und Fürſten der Welt ſo beliebt ſind. Sie lehrten ihnen eine Religion der Lippen und nicht des Herzens— eine Religion eitler Ceremonien von der prahleriſchſten Art, und vor allen Dingen eine Religion, bei welcher die Beobachtung eines jeden 90 Gebots noch mit Zoll und Zehnten bezahlt werden muß. Auf dieſe Weiſe fuhren ſie fort dem armen Einge⸗ borenen jede Stunde ſeiner Arbeit abzuſtehlen und ihn in jeder Beziehung im Zuſtande eines unterwürfigen Skla⸗ ven zu erhalten. Kein Wunder, daß, als die ſpaniſche Macht in Ver⸗ fall kam, und der Soldat nicht mehr entbehrt werden konnte, um die Autorität des Prieſters zu unterſtützen 4 — das ganze Syſtem zuſammenbrach und die Miſſio⸗ nen von Spaniſch⸗Amerika— von Californien bis zu den patagoniſchen Ebenen— in Verfall kamen. Hunderte dieſer Niederlaſſungen ſind gänzlich aufe gegeben worden— die ſogenannten Bekehrten ſind wie⸗ der in den Zuſtand der Wildheit zurückgekehrt— und nur die Trümmer von Klöſtern und Kirchen ſind noch übrig, um zu bezeugen, daß ſie jemals exi⸗ ſtirten. Die noch vorhandenen zeigen nur noch die Ueber⸗ reſte ihres frühern Gedeihens, und werden nur noch durch die Bemühungen der Mönche ſelbſt, zuſammenge⸗ 3 halten, wobei ſie noch ein wenig durch den Schatten von Autorität unterſtützt werden, die ihren Grund in dem Aberglauben hat, den ſie im Stande geweſen ſind, einzupflanzen.. 4** In der That haben in den jetzt noch beſtehenden Miſſionen die Mönche keine andere Gewalt als die, weellche ihnen durch die Schrecken der Kirche in die 91 Hände gegeben worden, und in den meiſten Fällen bil⸗ den dieſe padres eine Art hierarchiſche Häuptlingſchaft, welche an die Stelle des alten Syſtems der Caracas oder Kaziken getreten iſt. Zu einer gewiſſen Zeit waren die Miſſionen am Napo nicht blos zahlreich, ſondern auch mächtig. Es war dies zu der Zeit, wo ſie unter der Oberaufſicht je⸗ ner thätigen Apoſtel, der Jeſuiten ſtanden. Die meiſten ihrer Niederlaſſungen ſind aber ſchon lange verſchwun⸗ den, und jetzt giebt es nur noch einige wenige zer⸗ ſtreuete Stationen längs der Grenze der großen Mon⸗ tana. Während der Fahrt den Napo hinauf, hatten un⸗ ſere Reiſenden Gelegenheit, einige dieſer alten Miſſions⸗ Niederlaſſungen zu beſuchen und das ſeltſame Gemiſch von Aberglauben zu beobachten, welches hier unter dem Namen der Religion geübt wird— ein ſeltſames Ge⸗ mengſel von heidniſchen Gebräuchen mit chriſtlichen Ce⸗ remonien— nicht unähnlich jenen buddhiſtiſchen For⸗ men, von welchen dieſe ſeltenen Ceremonien entlehnt worden ſind. Einen Vortheil wenigſtens hatten unſere Reiſen⸗ den von dem Vorhandenſein dieſer Stationen. Sie konnten ſich von ihnen die Lebensmittel verſchaffen, de⸗ ren ſie auf ihrer langen Flußreiſe bedurften, und ohne dieſe weſentliche Hülfe würden ſie es weit ſchwie⸗ riger gefunden haben, eine ſolche Reiſe durchzu⸗ führen. 15* 92 Jenſeits Archidona hätte der noch übrige Theil der Reiſe nach Quito zu Pferde oder vielmehr zu Maul⸗ thier zurückgelegt werden müſſen, aber ſie wollten nicht direct nach Quito gehen. Zwiſchen ihnen und der alten peruvianiſchen Hauptſtadt lag die öſtliche Cor⸗ dillere der Anden, und die Abhänge dieſer entlang und den Thälern zwiſchen ihren ſich kreuzenden Ausläufern, der Montana gegenüber, hatten ſie den Aufenthalt des Bären zu ſuchen. Am Napo ſelbſt, noch höher hinauf als Archidona — wo der von dem Schnee des großen Vulkans Coto⸗ paxi angeſchwellte Fluß aus den Ausläufern der Anden hervortritt— ſollten ſie wahrſcheinlich den Zweck ihrer Expedition erreichen, und dorthin beſchloſſen ſie zu gehen. Nachdem ſie ſich Maulthiere und einen Führer verſchafft, ſetzten ſie ihren Weg weiter fort und nach einer Reiſe von drei Tagen— während welcher Zeit ſie in Folge der ſchlechten Straßen weniger als fünfzig engliſche Mei⸗ len zurückgelegt hatten— ſahen ſie ſich an den erſten Höhen der Anden, während der Rieſe Cotopaxi mit ſei⸗ nem ſchneebedeckten Gipfel dräuend über ihren Däuplern emporragte. Hier waren ſie in dem eigentlichen Bereich der Bä⸗ ren— in dem Theile des Landes, welcher wegen der großen Anzahl dieſer Thiere berühmt war— und ſie hatten nun weiter nichts zu thun, als ihr Hauptquartier in irgend einem Dorfe aufzuſchlagen und Anſtalten zur Fortſetzung der Jagd zu treffen. 93 Die kleine Stadt Napo, nach dem Fluſſe ſo genannt und mitten in einer Waldwildniß gelegen, bot alle Vor⸗ theile, deren ſie bedurften, und nachdem ſie dieſelbe zu ihrem einſtweiligen Wohnſitze gewählt, waren ſie bald beſchäftigt, den ſchwarzen Bären der Cordilleren aufzu⸗ ſuchen. 35. Capitel. Ein Negerkopf als Mahlzei Ibrer Gewohnheit gemäß hatten ſie einen der einge⸗ borenen Jäger des Diſtrikts gemiethet, damit derſelbe die Dienſte eines Führers verrichten und ihnen Braun's Schlupfwinkel aufſuchen helfen möchte. In Napo fanden ſie glücklicherweiſe einen hierzu vollkommen paſſenden Mann in der Perſon eines M ſtizen oder Halbblut⸗Indianers, welcher die d Jagd als ſeinen einzigen Beruf oder Erwerb betrieb. Er war, was man einen Tigrero oder igerjiger nennt— welches Prädicat er dem Umſtande verdankte, daß der Jaguar der Hauptgegenſtand ſeiner Verfolgun⸗ gen war. Unter allen ſpaniſchen Amerikanern— mit Einſchfuß 95 der Mexikaner— wird der ſchön gefleckte Jaguar irr⸗ thümlicher Weiſe Tigre(Tiger) genannt, eben ſo wie man den Luma oder Cuguar Peon(Löwe) nennt. Ein Jäger des Jaguar wird deshalb ein„Tigerjäger“ oder Tigrero genannt. Es giebt keine Puma⸗ oder Löwenjäger von Pro⸗ feſſion— denn dieſes Thier bietet nichts, was der Mühe verlohnte, darauf Jagd zu machen— die Jagd auf den Jaguar aber iſt in vielen Gegenden von Spaniſch⸗Ame⸗ rika ein beſonderer Beruf, und Viele verdienen ihren Lebensunterhalt einzig und allein dadurch, daß ſie die⸗ ſer Beſchäftigung nachgehen. Die erſte Verlockung hierzu iſt, in den Beſitz der Haut zu gelangen, welche gemeinſchaftlich mit denen der großen gefleckten Katzen der alten Welt ein Handelsar⸗ tikel iſt und wegen ihrer vorzüglicheren Schönheit ſehr gut bezahlt wird. Dennoch würde der Tigrero kaum im Stande ſein, von dem Verkauf der Häute allein zu leben, denn ob⸗ ſchon ein Londoner Pelzhändler für ein Jaguarfell zwei bis drei Guineen verlangt, ſo kann doch der arme Jä⸗ ger auf dem abgelegenen Markte ſeiner Wildniß wenig mehr als den zehnten Theil dieſes Preiſes erlangen— trotzdem, daß er ſein Leben auf's Spiel ſetzen muß, ehe er den ſchönen Mantel von den Schultern des urſprüng⸗ lichen Trägers ſtreifen kann. Es iſt daher augenſcheinlich, daß die Jaguar⸗Jagd ſich nicht bezahlt machen würde, wenn man ſich blos 96 auf das Fell verlaſſen müßte; der Tigrero faßt aber noch eine andere Erwerbsquelle in's Auge, nämlich die Prämie. An den heißern Gegenden des ſpaniſchen Amerika — eben ſo auch in Braſilien— giebt es viele Nieder⸗ laſſungen, für welche der Jaguar nicht blos eine Peſt, ſondern ein Schrecken iſt. Hunderte von Zuchtthieren werden von dieſen großen Raubthieren erwürgt und zer⸗ riſſen; ſogar völlig ausgewachſene Pferde werden von ihnen getödtet und fortgeſchleppt. Aber iſt dies alles? Werden die Bewohner ſelbſt unbeläſtigt gelaſſen? Nein, im Gegentheile. Eine große Anzahl Men⸗ ſchen fallen jedes Jahr dem Heißhunger und der Wild⸗ heit der Jaguare zum Opfer. Niederlaſſungen, die man am Rande der großen Montana— in derſelben Ge⸗ gend, wo unſere Jäger jetzt angelangt waren— zu gründen verſucht, ind nach einiger Zeit blos aus dieſem Grunde wieder aufgegeben worden. Es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß da, wo eine Niederlaſſung ſich gebildet hat, die Jaguars in dieſer Um⸗ gegend ſehr bald viel zahlreicher geworden ſind. Die vermehrte Leichtigkeit, Nahrung zu erlangen— durch Raubzüge gegen das Zuchtvieh der Anſiedler oder auch gegen die Beſitzer ſelbſt— erklärt dieſe Vermehrung ih⸗ rer Anzahl. Ganz daſſelbe iſt mit dem Königstiger Indien's der 97 Fall und die Geſchichte der neuern Niederlaſſung Sin⸗ gapore erzählt viele Beiſpiele davon. Um die Vermehrung der Jaguars zu vermindern, iſt daher auf das Erlegen eines jeden eine Prämie ge⸗ ſetzt. Dieſe Prämie iſt zuweilen das Geſchenk der Re⸗ gierung des Landes und zuweilen der Gemeindebehör⸗ den des Diſtrikts. Oft ſetzen auch Privatperſonen, die bedeutende Viehheerden haben, aus ihren eigenen Mit⸗ teln eine Prämie auf jeden Jaguar, der innerhalb der Grenzen ihrer Beſitzungen erlegt wird. Es iſt ſogar für den wohlhabenden Beſitzer einer Zuchtvieh⸗Farm(hacienda de ganados) gar nichts Un⸗ gewöhnliches, einen oder mehrere Tigreros in ſeinem Dienſte zu haben— gerade ſo wie europäiſche Granden ſich Förſter und Wildhüter halten— deren ein Auf⸗ gabe im Jagen und Erlegen des Jaguars he Dieſe Leute ſind zuweilen reire Indianer, gewöhn⸗ lich aber von der gemiſchten Rage, oder mit andern 3 Worten: Meſtizen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß es Jäger vom größten Muthe ſind. Dies müſſen ſie aber auch ſein, denn ein Zuſammen⸗ treffen mit einem völlig ausgewachſenen Jaguar, iſt kaum weniger gefährlich, als mit ſeinem geſtreiften Vetter in den indiſchen Dſchungels. Bei dieſen Kämpfen bekommen die Tigreros von den Zähnen und Klauen ihres furchtbaren Gegtend oft Meiſter Braun. II. 98 ſchwere Wunden, und nicht ſelten wird der Jäger ſelbſt das Schlachtopfer. Man könnte ſich deshalb wundern, daß ſich immer wieder Menſchen finden, welche ſich einem ſo gefährli⸗ chen Berufe widmen— denn ſelbſt die Prämie iſt blos eine Kleinigkeit von einem oder zwei Dollars und diffe⸗ rirt in ihrem Betrage je nach den verſchiedenen Diſtrik⸗ ten und je nach der Freigebigkeit des Schenkers. Es iſt aber in dieſer Sache, wie in allen anderen derſelben Art, wo eben die Gefahr an und für ſich die Verlockung zu ſein ſcheint. Der Tigrero bedient ſich gewöhnlich der Feuerwaffe, um ſein edles Wild zu erlegen; fehlt aber ſeine Kugel, und wird es nothwendig, dem Thiere näher auf den Leib zu rücken, ſo greift er den Jaguar ſogar mit ſeiner Machete an— einer Waffe, die halb Meſſer halb De⸗ gen iſt, und ſich von Californien bis Chili in jeder ſpa⸗ niſch⸗amerikaniſchen Hütte vorfindet. Sehr oft wird der Jaguar auch ohne Feuergewehr gejagt. In dieſem Falle bewaffnet der Tigrero ſich mit einem kurzen Spieß, deſſen Schaft von feſtem, hartem Holz— entweder einem Guaiacum oder einem Stückvon dem geſpaltenen Stamme einer der harten Palmen gefertigt iſt. Die Spitze dieſes Speeres iſt häufig ohne Eiſen — blos im Feuer geſchärft und gehärtet— und mit dieſem in ſeiner linken und ſeinem kurzen Degen in der 99 rechten Hand geht der Jäger zuverſichtlich auf ſeinen furchtbaren Gegner los. Dieſe Zuverſicht iſt durch eine Vorkehrung beſtärkt worden, welche er klugerweiſe getroffen. Dieſe Vorkeh⸗ rung beſteht darin, daß er ſeinen linken Arm in die weiten Falten ſeines Mantels— serape, wana, oder poncho, je nach dem Lande, welchem er angehört— hüllt, und ſich desſelben wie eines Schildes bedient. Der linke Arm wird vorgeſtreckt, ſo daß die wollene Maſſe ſeinen Körper gegen den Sprung des Thieres deckt, und auf dieſe Weiſe wird der Angriff empfangen. Der Jaguar ſpringt, wie alle zum Katzengeſchlecht gehörigen Vierfüßler, direct auf ſeine Beute zu. Der hierauf vorbereitete Tigrero empfängt den Angreifer mit der Spitze ſeines kurzen Speeres. Sollte der Jaguar zu⸗ gleich mitſſeinen Klauen zuſchlagen, ſo packt er blos das wollene Tuch, und während er an dieſem herumzauſt, — denn er hält es für den Körper ſeines beabſichtigten Schlachtopfers— bleibt der rechte Arm des Jägers frei, und mit der ſcharfen Klinge feines Machete kann er ja nach ſeinem Belieben hauen oder ſtoßen. Nicht immer gelingt es dem Tigrero, ſeinen Feind zu erlegen, ohne ſelbſt einige Rißwunden davon zu tra⸗ gen; ein kühner Jäger aber macht ſich aus ſolchen Wun⸗ den weiter nicht viel, denn dieſe Narben werden Ehren⸗ zeichen und verleihen ihm in den Dörfern der Montana ein erhöhetes Anſehen. Gerade ein ſolcher Mann war der Führer, den un⸗ 7* 100 ſere jungen Jäger gemiethet hatten, und welcher, obſchon von Profeſſion Tigerjäger, doch auch in dem Erlegen des Bären gleiche Erfahrung beſaß, denn es geſchah oft, daß eins dieſer Thiere ſich von den höhern Abhängen der Gebirge in die wärmeren, von den Jaguaren be⸗ wohnten Regionen, herab verirrte. Bären waren in dieſen tiefern Regionen natürlich nicht immer anzutreffen, wohl aber giebt es eine beſon⸗ dere Zeit des Jahres, wo der ſchwarze Bär(ursus fru- gilegus) weit unter ſein gewöhnliches Bereich herab⸗ ſteigt, und ſelbſt bis weit hinaus in die Wälder der Montana ſtreift. Natürlich muß es eine Veranlaſſung geben, welche ihn bewegt, dieſe jährliche Wanderung aus ſeiner Ge⸗ birgsheimath zu machen, denn der ursus frugilegus liebt, obſchon er innerhalb der Wendekreiſe wohnt, doch ein tropiſches Klima keineswegs. Eben ſo wenig iſt er ein ſtehender Bewohner der ſehr kalten Ebenen— der paramos— die ſich unter den Höhen des ewigen Schnees hinziehen. Eine mittlere Temperatur iſt ſeine Wahl, und dieſe findet er, wie wir ſchon geſagt, unter den Hügeln, wel⸗ che die untere Zone der öſtlichen Anden bilden. Hier verbringt er die meiſte Zeit ſeines Lebens, und dies iſt der Platz ſeiner Geburt und folglich ſeine wahre Heimath. Zu einer beſondern Zeit des Jahres, welche dem Sommer unſeres Vaterlandes entſpricht, macht er einen 101 Ausflug nach den tiefer gelegenen Regionen— und zu welchem Zweck? Dies war gerade die Frage, welche Alexis an den Tigrero ſtellte. Die Antwort war eben ſo ſeltſam als lakoniſch. „Comer la cabeza del negro?“(Um den Neger⸗ kopf zu ſchmauſen.) „Ha, ha! Um den Negerkopf zu ſchmauſen!“ wieder⸗ holte Iwan mit ungläubigem Gelächter. „Ja wohl, Sennorito!“ entgegnete der Mann!„das iſt es, was ihn hier herunter lockt.“ „Das gefräßige Thier!“ ſagte Zwan.„Ihr wollt damit doch nicht ſagen, daß er die Köpfe der armen Ne⸗ ger zu ſeiner Lieblingsſpeiſe wählt?“ „O nein!“ entgegnete der Tigrero, ſeinerſeits lä⸗ chelnd,„das iſt es nicht.“ „Nun, was denn ſonſt?“ fragte Iwan ungeduldig, „Ich habe von Negerkopf⸗Tabak gehört— er iſt doch nicht etwa ein Tabakskäuer, wie?“ „Carrambo, nein, Sennorito,“ entgegnete der Tigerjäger, jetzt geradeaus lachend,„das iſt nicht die Nahrung, welche der Burſche liebt. Ihr werdet es ſo⸗ gleich ſehen. Zum Glück iſt gerade jetzt die Zeit— ſo wie der Bär ſie liebt— ſonſt brauchten wir nicht zu erwarten ihn hier zu ſehen. Wir würden weiter in die Berge hinauf gehen müſſen, wo es ſchwieriger iſt, ihn aufzuſpüren und zu verfolgen. Ohne Zweifel aber wer⸗ den wir bald einen aufſcheuchen, wenn wir unter die 102 cabezas del negro hineinkommen. Die Nüſſe ſind ge⸗ rade jetzt voll von ihrem ſüßen, milchigen Teige, den die Bären ſo ſehr lieben, und ungefähr eine Meile von hier giebt es ganze Aecker voll ſolcher Bäume. Ich wette, daß wir dort einen Bären antreffen.“ Obſchon durch dieſe halbe Erklärung noch nicht zu⸗ frieden geſtellt, folgten unſere jungen Jäger dem Füh⸗ rer— in der zuverſichtlichen Hoffnung, bald den„Ne⸗ gerkopf“ zu Geſicht zu bekommen. 36. Capitel. Der Taguabaum. Nlachdem ſie noch ungefähr eine Meile weitergegangen waren, kamen ſie, wie ihr Führer ihnen geſagt, in Sicht eines ebenen Thales oder vielmehr einer mit einer eigen⸗ thümlichen Vegetation bedeckten Ebenve. Sie ſah aus, als wäre ſie früher ein Wald von Pal⸗ men geweſen, deren Stämme in die Erde hineingeſunken wären und blos die Köpfe mit ihren großen ſtrahlen⸗ förmigen Blättern über dem Boden ſtehen gelaſſen hätten! Einige davon ragten noch ein paar Fuß hoch über die Oberfläche hervor, die meiſten aber ſahen aus, als ob ihre Stämme vollſtändig begraben wären! Dennoch aber wuchſen ſie, und an dem untern Ende 8 104 eines jeden großen Blätterbüſchels ſah man eine An⸗ zahl großer, faſt runder Gegenſtände, die augenſcheinlich die Früchte der Pflanze waren. In Bezug auf die in dem Boden begraben ſcheinen⸗ den Stämme löſte ſich das Räthſel ſehr bald. Es waren gar keine Stämme da, und waren nie dageweſen — mit Ausnahme derer, welche man ungefähr eine Elle hoch über die Bodenfläche emporragen ſah. Eben ſo hörte auch das Räthſel hinſichtlich der „Negerköpfe“ ſehr bald auf, ein ſolches zu ſein, denn die runde Frucht mit ihrer runzligen Schale, die einige Aehnlichkeit mit den kleinen, krauſen, wolligen Knoten auf dem Kopfe eines Afrikaners hatte— war augen⸗ ſcheinlich der Gegenſtand, auf welchen der Tigrero die doppelſinnige Benennung angewendet hatte. Was unſere Jäger ſahen, war nichts mehr und nichts weniger als ein Wäldchen Taguabäume, noch beſſer als das„vegetabiliſche Elfenbein“ bekannt. Dieſer eigenthümliche Baum ward lange Zeit als eine Pflanze der Cycas-Familie betrachtet und von einigen Botanikern iſt er unter die Pandanaceae oder wohlriechenden Pandanen claſſificirt worden. Da die Blätter beinahe aus der Erde, oder mit nur einem kurzen Stamme wachſen, ſo hat der Baum eine ſehr auffallende Aehnlichkeit mit den Cycaden, aber nichtsdeſtoweniger iſt er eine ächte Palme. Daß er keinen hohen Stamm hat, iſt kein Grund, daß er keine Palme 105 ſein ſollte, da ja viele andere Gattungen Palmaceae ebenfalls eines ſichtbaren Stammes entbehren. Gegenwärtig iſt es jedoch von den erfahrenſten Botanikern anerkannt, daß der Tagua oder Cabeza del Negro, wie die Peruvianer ihn nennen, eine Palme iſt, und man ehrt ihn als den Repräſentanten eines Genus (Phytelephas), von welchem es nur zwei bekannte Spe⸗ cies giebt— die große fruchttragende und die kleine fruchttragende(Macrocarpa und Microcarpa). Beide ſind in den heißen Thälern der Anden heimiſch und unterſcheiden ſich ſehr wenig von einander, es iſt aber die Gattung mit der größeren Frucht, welche mit der bildlichen Benennung des„Negerkopfes“ belegt wird. Die peruvianiſchen Indianer bedienen ſich der Blätter beider Gattungen zum Dachen ihrer Hütten, es ſind aber die Nüſſe des größeren, welche dem Baume ſeine große Berühmtheit verſchafft haben. Sie ſind von länglich dreieckiger Form, und die ſchon beſchriebene runzige Schale enthält eine große Anzahl derſelben. So lange ſie noch jung ſind, ent⸗ halten ſie eine wäſſerige Flüßigkeit, die keinen beſonderen Geſchmack hat, obſchon ſie von den Indianern als ein höchſt erfri es Getränk betrachtet wird. Ein wenig älter gewinnt dieſe kryſtallähnliche Flüßig⸗ keit eine milchartige Farben und Conſiſtenz, und noch ſpäter wird ſie ein weißer Teig. Iſt die Frucht völlig reif, ſo erlangt dieſer Teig die Weiße und Härte des Elfenbeins, und wenn man ihn vor der Berührung mit 106 Waſſer bewahrt, ſo iſt ſein Gewebe ſogar noch ſchöner als das der Elephantenzähne. Die Indianer haben ihn ſeit undenklichen Zeiten zur Verfertigung von Knöpfen, Pfeifenſpitzen und vielen andern Zwecken verwendet. In der letzten Zeit hat er den Weg auch in die Hände civiliſirter Künſtler gefunden, und da er wohl⸗ feiler zu bekommen, und zur Verfertigung von vielen nützlichen und zum Schmuck dienenden Gegenſtänden dem Elfenbein völlig gleich iſt, ſo iſt er ein ſehr wich⸗ tiger Handelsartikel geworden.* „Wie hoch aber auch das vegetabiliſche Elfenbein von 89 Indianern oder von Zweifüßlern irgend einer Art geſchätzt werden mag, ſo giebt es doch einen Vierfüß⸗- ler, der eben ſo hohen Werth darauf legt, und dieſer iſt der ſchwarze Bär der Anden(Ursus frugilegus). Aber nicht wenn die Frucht den Zuſtand des Elfen⸗ beins erreicht, liebt Meiſter Braun ihren Genuß. Dann wäre ſie ſelbſt für ſeine gewaltigen Kinnladen zu ſchwer zu knacken. Nur wenn ſie in milchartigem Zuſtande — oder vielmehr wenn ſie zu einem Teige geronnen iſt — findet er Geſchmack daran, und verzehrt dann die ſüße Frucht mit ſolcher Gier, daß er 3 leicht ausfindig zu machen iſt, und ſich ſe beim Er⸗ ſcheinen des Jägers kaum von ſeiner Mahlzeit entfernt. So lange er mit dem Verzehren ſeines beliebten Neger⸗ kopfes beſchäftigt iſt, ſcheint er gegen jede Gefahr, die ihm drohen kann, vollſtändig gleichgültig zu ſein. 107 Davon ſich zu überzeugen, hatten unſere Jäger Ge⸗ legenheit, und zwar kurz darauf, nachdem ſie unter die Taguabäume gelangt waren. Wie der Tigrero vorhergeſagt, ſtießen ſie ſehr bald auf die Spur eines Bären, und entdeckten beinahe in demſelben Augenblick Meiſter Braun ſelbſt an den Nüſſen herumknabbernd. Die jungen Jäger und auch Puſchkin wollten ſich eben fertig machen, Feuer auf den Bären zu geben, als ſie zu ihrer Ueberraſchung den Tigrero, der ein bäumen⸗ des kleines Pferd ritt, ihnen voranſprengen, und auf den Bären zu galoppiren ſahen. Sie wußten, daß das Erlegen des Thieres ihnen hätte überlaſſen bleiben ſollen, da ſie aber ihrem Führer nichts davon geſagt hatten, ſo erhoben ſie weiter keinen Einſpruch, ſondern ſahen zu und ſtellten es dem Tigrero anheim, die Sache nach ſeiner eigenen Weiſe zu beſorgen. Es war augenſcheinlich, daß er die Abſicht hatte, den Bären anzugreifen, und zwar auf eigenthümliche Weiſe. Sie ſahen dies daran, daß er einen zuſammen⸗ gewickelten Riemen von roher Haut, an deſſen einem Ende ſich ein Ring und eine Schlinge befand, über den Arm hängen hatte. Ueberdies wußten ſie, daß dies eine berühmte Waffe der Südamerikaner— mit einem Worte der Laſſo— war; da ſie aber noch niemals die Anwen⸗ dung derſelben geſehen hatten, ſo waren ſie ſehr neu⸗ 108 gierig darauf, und dies beſtimmte ſie ebenfalls, ruhig auf ihren Plätzen zu bleiben. Binnen wenigen Minuten war der Reiter bis auf etwa zwanzig Schritt an den Bären herangaloppirt. Dieſer ward nun unruhig und begann davonzutraben, aber mit mürriſchem Widerſtreben, welches bewies, daß er keine große Luſt hatte, dem Kampfe aus dem Wege zu gehen. Das Terrain war ſo ziemlich frei, die Taguas ſtanden weit aus einander, und viele waren nicht höher als der Rücken des Bären. Dies gab den Zuſchauern Gelegenheit, die Jagd mit anzuſehen. Sie dauerte nicht lange. Als der Bär bemerkte, daß der Reiter ihm näher kam, drehete er ſich plötzlich herum, hob ſich mit zornigem Grunzen kerzengerad auf ſeine Hinterfüße, und ſtand ſeinem Verfolger in heraus⸗ fordernder Haltung gegenüber. So wie der Reiter aber noch näher kam, ſchien der Bär wieder den Muth zu verlieren, drehete ſich aber⸗ mals herum, und watſchelte durch das Gebüſch. Dies⸗ mal aber lief er nicht weit, denn das Geſchrei der Jäger reizte ihn zu einem neuen Wuthausbruch und bewog ihn, wieder Halt zu machen und ſich in die Höhe zu richten wie vorher. Dies war eben die Gelegenheit, auf welche der Jäger lauerte, und ehe der Bär ſich wieder auf alle Viier herablaſſen konnte, um ſich vorwärts auf das Pferd 4 109 zu ſtürzen, ſauſte der lange Riemen wirbelnd durch die Luft, und die Schlinge fiel dem Bären über die Schulter. Der durch dieſe ſeltſame Angriffsmethode verblüffte rieſige Vierfüßler bemühete ſich, den Riemen zu packen, dieſer aber war ſo dünn, daß der Bär ihn mit ſeinen großen ungeſchickten Tatzen nicht packen konnte, ſo daß er durch ſeine Bemühungen ſich die Schlinge nur feſter um den Hals zog. Mittlerweile hatte der Jäger, gleich nachdem er den Laſſo geſchleudert, mit der Schnelligkeit des Gedankens ſein Pferd herumgeworfen, ſtieß ihm die ſcharfen Sporen in die Rippen, und ließ es in entgegengeſetzter Richtung davongaloppiren. Man hätte meinen ſollen, er habe einen plötzlichen Schrecken vor dem Bären bekommen, und ſuche die Flucht vor ihm zu ergreifen. Dem war aber nicht ſo, und ſeine Abſicht vielmehr eine ganz andere. Der Laſſo bildete noch ein Verbindungsglied zwiſchen dem Jäger und ſeinem Wild. Das eine Ende war an dem Holz des Sattels befeſtigt, während das andere, wie wir geſehen haben, um den Bären geſch hlungen war. So wie das Pferd ſich herumdrehete, zog ſich der Riemen Mit einem plötzlichen Zuck ſtraff, und Meiſter Braun ward nicht blos aus ſeiner aufrechten Haltung geriſſen, ſondern verlor auch den Boden unter den Füßen, ſo daß er zappelnd auf dem Rücken lag. In dieſer Poſition ward er übrigens auch nicht 110 lange gelaſſen, denn du das Pferd ſeinen Galopp fortſetzte, ſo ward er an dem Laſſo auf dem Boden hingeſchleift, ſo daß ſein koloſſaler Körper bald einige Fuß hoch von der Erde emporhüpfte, bald mit einem Gekrach durch das Gebüſch hindurchbrach, wie er es ſelbſt bei ſeinen ungeſtümſten Angriffen niemals zuwege gebracht. Auf dieſe Weiſe bewegten ſich Pferd und Bär eine halbe Meile über die Ebene. Die Zuſchauer folgten, um zu ſehen, wie die Sache endlich ablaufen würde. In dieſer Beziehung fand jedoch weiter nichts be⸗ ſonderes ſtatt, denn als der Tigrero endlich Halt machte, und die Geſellſchaft zur Stelle kam, ſah ſie blos eine unbewegliche Maſſe zottigen Haares, die ſo mit Staub, und Schmutz überzogen war, daß ſie einem Haufen Erde glich. Es war der Bär, der keinen Zug Athem mehr im Leibe hatte, damit er ſich aber nicht erſt wieder erholen möchte, ſprang der Tigrero von ſeinem Pferd, ging auf den daliegenden Bären zu, und ſtieß ſeinen Machete zwiſchen die Rippen des bewußtloſen Thieres. Dies, ſagte er, ſei die Art und Weiſe, auf welche ſie in ſeiner Heimath Bären zu erlegen pflegten. Mit Jaguars dagegen machten ſie es nicht ſo, weil dieſe Thiere, ihrer Gewohnheit ge ziß auf der Erde hin⸗ kriechend, keine Gelegenheit boten, die Schlinge über ſich werfen zu laſſen. Ueberdies halten ſich die Jaguars auch blos in dichten Waldungen auf, wo der Laſſo ſich nicht mit Vortheil in Anwendung bringen läßt. 3 111 Natürlich war das Fell dieſes jetzt erlegten Bären zu dem Zwecke, für welchen man eins verlangte, nicht geeignet, und der Tigrero behielt es deshalb für ſich. Dies hatte jedoch weiter nichts zu bedeuten. Es dauerte nicht lange, ſo entdeckte man einen zweiten Bären unter den Taguabäumen, und da dieſem durch einen Schuß aus Alexis; Büchſe, vielleicht auch noch durch eine Kugel aus dem Feuerrohr des ehemaligen Gardiſten, der Garaus gemacht ward, ſo waren ſie nun im Beſitz einer vertragsmäßig erlangten Haut. In ſo weit Ursus frugilegus in Frage kam, war ſonach ihre Bärenjagd in dieſer Umgegend zu Ende. Um ſeinen Vetter mit den„Glotzaugen“ zu finden, mußten ſie weiter, und höher hinauf reiſen, und das anregende Wort„Excelsior!“ zu ihrem Wahlſpruch nehmend, begannen ſie die furchtbaren Cordilleren der Anden zu erſteigen. In einem der höhern Thäler, unter den Peruvianern als die„Sierra“ bekannt, erlangten ſie ein Exemplar des„Hucumari.“— Auf dieſes Thier ſtießen ſie zufällig, während es beſchäftigt war ein Maisfeld zu plündern— ganz dicht neben einem„Tambo“ oder Reiſeſchuppen, unter welchem ſie ſich gelagert hatten, um zu übernachten. Es war ganz früh des Morgens als der Maisdieb entdeckt ward, da man ihn aber auf friſcher That ertappte, und ſeine ganze Aufmerkſamkeit durch die ſüßen milchhaltigen Aehren des Mais in Anſpruch genommen ward, ſo halfen ihm ſeine„bebrillten“ Augen nichts. Unſere Jäger, die ſich ihm mit gebührender Vorſicht näher⸗ ten, konnten ſich ſo nahe heranſchleichen, daß er gleich auf den erſten Schuß in die langen Halme hineinſtürzte. Nachdem ſie ihm das Fell abgezogen, beſtiegen ſie ihre Maulthiere, und ſetzten auf der großen Cordilleren⸗ ſtraße ihre Reiſe nach der alten Hauptſtadt des nörd⸗ lichen Peru weiter fort. 37. Luſle Nordwärts! Nachdem unſere Reiſenden einige Tage in der alten Hauptſtadt Quito ausgeruht, begaben ſie ſich weiter nach dem kleinen Hafen Barbacoas an der Weſtküſte von Equa⸗ dor, und ſchifften ſich hier nach Pangma ein. Nachdem ſie die berühmte Landenge überſchritten, und Porto⸗Bello erreicht hatten, gingen ſie wieder zu Schiff nach New⸗Orleans am Miſſiſippi. Ihr nächſter Zweck war natürlich, ſich die nord⸗ amerikaniſchen Bären zu verſchaffen— mit Einſchluß des Eisbären, der allerdings ebenfalls ein Bewohner des nördlichen Aſiens iſt, den ſie aber den Bedingungen ihrer Marſchroute zufolge auf dem Continent von Nord⸗ 4 amerika auf bequemere Weiſe erreichen konten. 8 Meiſter Braun. II. 8 Alexis wußte, daß der ſchwarze Bär(Ursus ame- ricanus) auf dieſem Continent überall anzutreffen iſt— von den Küſten der Hudſon's⸗Bay bis an den Iſthmus von Panama, und von der Küſte des atlantiſchen Meeres an bis zu der des Stillen⸗Oceans. Keine andere Gattung hat ein ſo weites Bereich wie dieſe— vielleicht mit Ausnahme des braunen euro⸗ päiſchen Bären, der, wie wir geſagt haben, auch ein aſiatiſches Thier iſt. Innerhalb der ſämmtlichen ſo eben angegebenen Länderſtrecken iſt der ſchwarze Bär anzutreffen, denn er beſchränkt ſich nicht auf Gebirgsketten. In den be⸗ völkerteren Diſtrikten iſt er allerdings dazu genöthigt, in ſeinem Normalzuſtande aber iſt er keineswegs ein in den Gebirgen wohnendes Thier. Im Gegentheil liebt er die niedrigbewaldeten Schluchten ebenfalls, und iſt in einem Klima von tropiſchem oder ſubtropiſchem Cha⸗ rakter eben ſo zu Hauſe wie in den kalten Wäldern Canada's. Mr. Spencer Baird— der Naturforſcher, welchen die amerikaniſche Regierung mit der Beſchreibung der Fauna beauftragte, und dem ſie zu ſeinem Text eine der prachtvollſten Sammlungen lieferte, die je gemacht worden — bemerkt in dem Kapitel über das Genus Ursus Folgendes: „Die Gattungen oder Species der Bären ſind nicht zahlreich, auch ſind ſie nirgends weiter zu finden als in den gemäßigten Regionen der nördlichen Hemiſphäre. aacht aſiatiſche Gattungen. 115 Nordamerika beſitzt mehr Species als ein anderer Theil der Welt, nämlich wenigſtens vier, ja vielleicht fünf. Mit Ausnahme der ſehr müßigen Behauptung, daß die„Gattungen der Bären nicht zahlreich“ ſind, iſt jeder in dieſer kategoriſchen Erklärung ausgeſprochene Gedanke gerade das Gegentheil von dem, was wahr iſt. Iſt der Eisbär vielleicht blos in den gemäßigten Regionen der nördlichen Hemiſphäre zu finden? Iſt der Ursus arctos Europas auf dieſe Grenzen beſchränkt? Iſt es der Fall mit den Bären von Südamerika?— der faule Bär von Indien und Ceylon?— der Bruang von Borneo?— und ſein naher Verwandter, der Bruang von Java und Sumatra? Dieſe letzteren wohnen ſogar unmittelbar unter Palmen, wie die Kokospflanzer, die den Schaden davon haben, leider recht wohl wiſſen! Mr. Baird's amerikaniſcher ſchwarzer Bär ſelbſt iſt in ſeinen Gewohnheiten nicht ſo ſehr„gemäßigt,“ ſondern liebt das halbtropiſche Klima von Florida und Texas eben ſo ſehr als die kalten Abhänge der Alleg⸗ hany⸗Gebirge. Und wie kommt es denn, daß Nordamerika mehr Gattungen beſitzen ſoll als irgend ein anderer Theil der Welt? Selbſt wenn man die zweifelhafte fünfte zugeben will, giebt es doch auf dem Continent Aſiens aller⸗ wenigſtens ſechs Gattungen, und wenn wir die orienta⸗ liſchen Inſeln dazu rechnen dürfen, ſo haben wir ſogar 8* 116 In den Himalayagebirgen allein giebt es drei Species— die ſich auf unzweifelhafte Art von ein⸗ ander unterſcheiden und in Bezug auf die Höhe in verſchiedenen Zonen leben, obſchon ſich das Gebiet aller drei mit einem einzigen Blick überſchauen läßt. Mr. Baird iſt ein Naturkundiger, der in Amerika große Berühmtheit genießt. Er iſt Secretair des Smithſon'ſchen Inſtituts und ſollte von den Büchern, welche die herrliche Bibliothek deſſelben ihm zur Ver⸗ fügung ſtellt, einen beſſeren Gebrauch machen. Die Regierung der Vereinigten Staaten iſt in der Wahl ihrer wiſſenſchaftlichen Beamten ſehr unglücklich — beſonders was die Fächer der Naturwiſſenſchaften betrifft. 1 Die freigebigſte Bewilligung, die vielleicht jemals zu ethnologiſchen Zwecken gemacht worden— die zur Sammlung eines vollſtändigen Berichts über die nord⸗ amerikaniſchen Indianer— iſt vergebens aufgewendet worden, weil das„Geſchäft“ in die Hände eines Stellenjägers gerieth— eines Mannes, der weder Gelehrſamkeit noch Intelligenz beſaß. Mit Ausnahme der von indianiſchen Agenten ge⸗ lieferten ſtatiſtiſchen Angaben hat das umfangreiche Werk von Schoolcraft nicht den mindeſten Werth, und der Freund der Ethnologie kann eine ſolche Vergeudung nur mit Bedauern betrachten. Zum Glück hatte der amerikaniſche Ureinwohner chon einen echten Schilderer und Geſchichtſchreiber ge⸗ 117 funden. Ein Privatunternehmen hat, wie dies nicht ſelten der Fall iſt, es bei Löſung dieſer Aufgabe den Bemühungen der Regierung zuvorgethan. In den anſpruchsloſen Bänden von Georg Catlin finden wir die vollſtändigſte ethnologiſche Monographie, 1 womit die Welt jemals beſchenkt worden, aber eben aus dieſem Grunde hätte Catlin und nicht Schoolcraft zu dieſem„Geſchäft“ gewählt werden ſollen. Da unſere jungen Jäger wußten, daß das Bereich des ſchwarzen Bären einen ſo bedeutenden Umfang hat, ſo hatten ſie die Auswahl unter den Orten, wo ſie einen ſuchen konnten. Da es aber keinen Ort giebt, wo dieſe Thiere häufiger vorkommen als in Louiſiana ſelbſt, ſo glaubten ſie nicht beſſer thun zu können, als wenn ſie hier ihr Jagdrevier wählten. In den großen Wäldern, welche noch einen bedeu⸗ tenden Theil von Louiſiana bedecken, und ganz beſon⸗ ders an den Ufern der träg fließenden Bagous, wo der ſumpſige Boden und die mit ſpaniſchem Moos durch⸗ wachſenen ungeheuern Cypreſſenbäume allen Verſuchen der Cultur Trotz bieten, ſchweift der ſchwarze Bär noch nach Belieben umher. Hier findet man ihn in hinreichender Anzahl, um ſich ein Exemplar ohne beſonders große Mühe ver⸗ ſchaffen zu können. Die Jäger in dieſen Gegenden haben verſchiedene Methoden, ihn zu fangen oder zu erlegen. Die Klotzfalle iſt eine ſehr gewöhnliche Methode, 3 die Pflanzer machen ſich aber lieber das Vergnügen, ihn mit Hunden niederzuhetzen, oder vielmehr au fzu⸗ hetzen, denn die Hätz endet gewöhnlich damit, daß Meiſter Braun ſich auf einen Baum flüchtet und ſich auf dieſe Weiſe, ohne es zu wiſſen, in das Bereich der niemals fehlenden Kugelbüchſe begiebt. Dieſe Methode war auch die, mit welcher unſere jungen Jäger ihr Glück zu verſuchen beſchloſſen, und es koſtete ihnen keine große Mühe ſich das zu ver⸗ ſchaffen, was zu einem günſtigen Erfolge ihrer Be⸗ mühungen erforderlich war. Der große, überall mächtige Czaar hatte⸗ auch in New⸗Orleans ſeinen Vertreter. Von dieſem erhielten unſere Freunde einen Empfehlungsbrief an einen Pflan⸗ zer, der an einem der innern Bayous lebte, und unſere Helden wurden, nachdem ſie ſich dorthinbegeben, ſofort in den Stand geſetzt, ihr Werk zu beginnen, denn der Pflanzer ſtellte ihnen ſich ſelbſt, ſein Haus, ſeine Hunde, und ſeine Pferde bereitwilligſt zur Verfügung. 38. Capitel. Die nördlichen Wälder. Der gaſtfreundliche Pflanzer ſchickte nach Ankunft der jungen Ruſſen zu ſeinen Nachbarn und arrangirte eine große Jagd, die an einem in der Einladung bezeichne⸗ ten Tage abgehalten werden ſollte. Jeder ſollte ſeine ſämmtlichen Hunde mitbringen, und auf dieſe Weiſe konnte eine tüchtige Meute zu⸗ ſammengebracht und eine weite Fläche des Waldes durchſtöbert werden. Unter den Pflanzern der ſüdlichen Staaten iſt dies ein ſehr gewöhnlicher Gebrauch. Nur wenige hatten eine regelmäßige dreſſirte Meute, viele von ihnen aber beſitzen zehn bis zwölf einzelne Hunde, und in einer für die Jagd günſtigen Gegend kann durch Ver⸗ 120 einigung einer Anzahl dieſer kleinen Koppeln, eine Meute zuſammengebracht werden, welche für jeden Zweck groß genug iſt. Das gewöhnliche Wild, welches man in den ſüd⸗ lichen Staaten jagt, iſt der amerikaniſche Hirſch(cer- vus virginianus), der in den einſameren Waldſtrichen der ganzen Vereinigten Staaten noch in zahlreichen Maſſen angetroffen wird. 8 Es iſt dies die einzige in Louiſiana einheimiſche Rothwildgattung, denn der edle Hirſch oder das„Elk“, wie es irrthümlicher Weiſe genannt wird(cervus cana- densis) verirrt ſich nicht ſo weit ſüdlich. An der Küſte des Stillen⸗Meeres findet man dieſes Thier unter weit tieferen Breitegraden als an der des atlantiſchen. 3 Außer dem Rothwild giebt es für den Jäger von Louiſiana auch noch den Fuchs. Dies iſt der graue Fuchs(vulpes virginianus). Auch der braune Luchs, oder die wilde Katze, wie das Thier genannt wird (lynx rufus), und dann und wann, aber ſeltener, der Cougar(felis concolor) geben den Hunden Ge⸗ legenheit zu einer Hatz, ehe ſie ſich auf den Baum flüchten. Waſchbären, Opoſſums und Stinkthiere ſind in den Wäldern von Louiſiana ziemlich häufig. Dieſe Thiere betrachtet man aber als„Ungeziefer“ und läßt die Hunde nicht dadurch irre führen. 121 Was die andern der genannten Thiere betrifft, ſo ſtehen ſie alle im Range des„edlen Wildes“— be⸗ ſonders der Cougar, von dem Hinterwäldler„Panther”“ genannt— und die Meute kann dem folgen, welches zuerſt aufgeſcheucht wird. Das Hauptwild aber iſt der Bär und das Erlegen deſſelben eine Heldenthat, die nicht jeden Tag vor⸗ kommt. Um ſeinen Aufenthaltsort zu finden, iſt es noth⸗ wendig, einen Ausflug in die unbeſuchteren und unzu⸗ gänglicheren Einöden des Waldes zu machen— an Stellen, die oft viele Meilen weit von einer Nieder⸗ laſſung entfernt ſind. Nicht ſelten jedoch verläßt Meiſter Braun ſeinen unbekannten Schlupfwinkel und ſucht die Plantagen auf, wo er bei nächtlicher Weile um die Ränder der Felder herumſchleicht und hier unter den jungen Maispflanzen oder den ſaftigen Stengeln des Zuckerrohrs großen Schaden anrichtet. Gleich ſeinem braunen Vetter in Europa iſt er ein Süßmaul und ein großer Freund von Honig. Um zu dieſem zu gelangen, Krklelleri er die Bienenbäume und Gattung bedeutend und zwar ſo bedeutend, daß man ſich nur wundern lunng wie ein Naturkundiger auf den 122 Gedanken kommen konnte, ſie als ein und daſſelbe Thier zu betrachten. Niiccht blos in Farbe, ſondern auch in Bezug af Geſtalt, und ſonſt ſind ſie gänzlich verſchieden von einander. Während der Pelz des braunen Bären das iſt, was man gewöhnlich zottig nennt, iſt das Haar des amerikaniſchen ſchwarzen Bären von gleichförmiger Länge und liegt, oder ſteht vielmehr, in einer und derſelben Richtung und bietet eine glatte Fläche dar, welche dem Umriß ſeines Körpers entſpricht. In dieſer Beziehung iſt er mit den Bären der aſia⸗ tiſchen Inſeln weit näher verwandt als mit dem Ursus arctos. Auch hinſichtlich der Geſtalt unterſcheidet er ſich weſentlich von Letzterem. Sein Körper iſt ſchlanker, ſein Schnauze länger und ſpitzer, und ſein Profil iſt eine Curve mit der hohlen Seite nach oben. Dieſes letzte Kennzeichen, welches bei allen Exemp⸗ laren vorkommt, macht ihn unzweifelhaft zu einer von dem braunen Bären Europa's verſchiedenen Gattung, und er iſt auch im Ganzen genommen ein kleineres und bei weitem weniger grimmiges Thierr. 123 Erwartung, einen Bären zu finden— denn ihr Wirth glaubte nicht, daß einer in ſolcher Nähe anzutreffen ſei — ſondern mehr zu dem Zweck, um ſich mit dem Tharakter der nordamerikaniſchen Sylva bekannt zu machen. Die ſüdamerikaniſche hatte Alexis auf ihrer langen Reiſe über dieſen Continent ſorgfältig beobachtet und ſtudirt. Er hatte die großartigen tropiſchen Bäume geſehen — die Palmen und die Pothospflanzen— die Mimo⸗ ſen und Muſaceen— die herrlichen Formen der Bom⸗ bix und Bertholletia— die ſeltſamen Cecropias und Feigenbäume— die rieſigen Cedrelas und die Gummi ſpendenden Siphonias. Auf den Anden hatte er die Agaven, die Cycaden und Cactaceen— alle merkwürdig für das Auge eines Ruſſen— beobachtet. Jetzt wünſchte er ſich mit den Wäldern Nordameri⸗ ka's vertraut zu machen, welche, obſchon in Louiſiana von ſubtropiſchem Charakter, doch Formen enthielten, welche von denen der Regionen am Amazonenſtrom gänzlich verſchieden waren. Hier gab es die berühmte Magnolia und ihren Verwandten, den Tulpenbaum; die Catalpa, die rieſige Cypreſſe und Sycomore, die immergrüne Eiche, den waſſerliebenden Tupelo und den ſeltſamen, fächerähn⸗ lichen Palmetto. 124 Alexis hatte von dieſen und vielen andern der nordamerikaniſchen Sylva angehörenden ſchönen Bäu⸗ men geleſen— in botaniſcher Beziehung kannte er ſie bereits, aber er wünſchte noch eine angenehmere Be⸗ kanntſchaft mit ihnen dadurch zu machen, daß er ſie in ihrer Heimath aufſuchte. Zu dieſem Zweck machten er und Iwan ſich auf den Weg. Nur ein Neger begleitete ſie als Führer, denn der Pflanzer war beſchäftigt, bei ſeinen verſchie⸗ denen Freunden die Runde zu machen und ſie zu der großartigen Jagd einzuladen. Puſchkin blieb zu Hauſe. Er hatte verſchiedene Reparaturen an ſeiner Reiſerüſtung ſowohl als an der ſeiner jungen Herren vorzunehmen, was nun nach ihrer langen ſüdamerikaniſchen Expedition unumgäng⸗ lich nothwendig war. Bei dieſer Arbeit ließ man Puſchkin, umringt von einem Kreiſe feixender Neger, in deren Geſellſchaft der alte Gardiſt Stoff genug zur Unterhaltung und zur Kurzweil finden konnte. Nur zum Zwecke eines Spazierganges hatten unſere jungen Jäger ſich aufgemacht und ohne die mindeſte Abſicht, der Jagd obzuliegen. Sie waren indeſſen ſo daran gewöhnt, ihre Feuergewehre über⸗ allhin mitzunehmen, daß ſie dies auch jetzt thaten. Es konnte ihnen irgend ein merkwürdiger Vogel oder * 8 125 ein vierfüßiges Thier in den Wurf kommen— deſſen Federn oder Pelz ſie vielleicht näher in Augenſchein zu nehmen wünſchten. Aus dieſem Grunde nahmen ſie beide ihre Gewehre auf die Schultern. 39. Rapitel. 4 Die einſame Lagune. Gs dauerte nicht lange, ſo waren ſie über die Grenzen der Plantagen hinaus und wandelten in dem dunkeln majeſtätiſchen Wald, während der Neger ihnen den Weg zeigte. Sie hatten von einem merkwürdigen See oder einer Lagune gehört, welche ungefähr eine engliſche Meile von der Plantage entfernt war.— Hier hofften ſie ein die Sümpfe Louiſiana's charak⸗ teriſirendes Schauſpiel zu genießen und dorthin lenkten ſie ihre Schritte. Und allerdings, als ſie an den Rand der Lagune kamen, bot ſich ihren Augen ein eigenthümlicher An⸗ blick dar. 127 Die ganze Fläche des Sees ſchien von Vögeln und Amphibien mannichfacher Art zu wimmeln. Hunderte von Alligatoren lagen wie Baumſtämme auf dem Waſſer, ſo daß nur ihre gepanzerten Rücken über der Ober⸗ fläche ſichtbar waren. Die meiſten davon waren jedoch in Bewegung, und ſchwammen hin und her oder raſch von einem Punkt zum andern als ob ſie eine Beute verfolgten. Dann und wann ſah man ihre rieſigen Schwänze ſich hoch in die Luft emporrichten, und dann, auf das Waſſer niederſchlagend eine Erſchütterung hervorbringen, die weithin durch den Wald hallte. Dann und wann ſah man einen von ihren Schwän⸗ zen emporgeſchleuderten glänzenden Gegenſtand einen Augenblick lang in der Luft unter dem zugleich mit emporgeworfenen Waſſerſchaum. Es war leicht zu ſehen, daß die auf dieſe Weiſe geworfenen glänzenden Gegen⸗ ſtände Fiſche waren, und daß eben die Verfolgung dieſer die Bewegung unter den kolloſſalen Amphibien ver⸗ anlaßte. Waſſervögel von einer großen Anzahl verſchiedener Gattungen waren ebenfalls eifrig in Verfolgung der Fiſche begriffen. Rieſige Pelikane ſtanden in dem Waſſer — tauchten dann und wann ihre langen Schnäbel ein, und ſchleuderten ihre befloßten Schlachtopfer hoch in die Luft. Auch Kraniche und Reiher waren da— unter anderen der hohe Kranich von Louiſiana, der die kleineren 128 Gattungen hoch überragt— ſchneeweiße Waſſerhühner, der Waldibis und andere von weißer und blaßrother Farbe— der Schlangenfreſſer mit langgeſpitztem Schnabel und gebogenem ſchlangenähnlichen Hals— der Quavogel mit ſeinem unheimlichen Geſchrei und ſeiner traurigen Erſcheinung— und der ſchönſte von allen, der ſcharlachrothe Flamingo. Auch andere Vögel außer den im und vom Waſſer lebenden nahmen Theil an dem ſeltſamen Schauſpiele. 8 der Luft ſchwebten ſchwarze Geier— die Aaskrähe und der Bußard— und auf den Gipfeln hoher abge⸗ ſtorbener Bäume ſah man den König der gefiederten Menge, den großen weißköpfigen Adler. Sein Vetter, der Fiſchadler, ſchwebte lauernd hoch⸗ oben in der Luft und ſchoß dann und wann herab, um 4* ſeine Krallen in die von den Alligatoren emporgeſchleu⸗ derten Fiſche zu bohreu, ſo daß er die Amphibien ihrer Beute beraubte, um dann ſeinerſeits von ſeinem wachſamen Vetter auf dem Baume ebenfalls beraubt zu werden. Das Schauſpiel war weit entfernt, ein ſtummes zu ſein. Im Gegentheile war der verworrene Chor von Stimmen und Klängen für die Ohren der Zuſchauer wahrhaft betäubend. Das heiſere Gebell der Alligatoren— die Schläge, ddie ſie mit ihren großen Schwänzen auf das Waſſer thaten— das Krächzen der Pelikane und das Klappern ihrer ungeheuren Schnäbel— das klägliche Kreiſchen der Reiher, Kraniche und Quavögel— das Geſchrei 129 des Fiſchadlers— und das gellende wahnſinnige Ge⸗ lächter des weißköpfigen Adlers, welches durch jedes andere Geräuſch hindurchdrang— alles dies bildete ein Gemiſch von Stimmen, welches eben ſo ſchauerlich als mißtönend war. Ein Schuß aus Jwan's Flinte, welcher ein pracht⸗ volles Exemplar des weißköpfigen Adlers aus der Luft herabholte— ſo wie das Erſcheinen der Jäger am Rande des Waſſers machte dieſem großartigen Drama der Wildniß plötzlich ein Ende. Die Vögel flogen in die Luft empor und in ver⸗ ſchiedenen Richtungen über die Gipfel der hohen Bäume davon, während die koloſſalen Amphibien, welche durch die Alligatorjäger die Nähe des Menſchen fürchten ge⸗ lernt haben, ihre Beute eine Weile in Ruhe ließen und ſich in die Binſen am entgegengeſetzten Ufer zurückzogen. Das Schauſpiel war wohl des Sehens werth, denn es iſt nicht jeden Tag zu haben— ſelbſt nicht in den Sümpfen von Louiſiana. Daß es zu der jetzigen Zeit vorkam, hatte ſeinen Grund in dem Austrocknen des See's, ſo daß die Fiſche ihren zahlreichen Feinden preis⸗ gegeben waren. Nachdem die jungen Jäger den von Zwan ge⸗ ſchoſſenen Adler aufgehoben hatten, ſetzten ſie ihren Ausflug an dem Rande des ſumpfigen See's weiter fort. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ſie auf eine Schlammbank ſtießen, die früher vom Waſſer be⸗ deckt geweſen war. Das Waſſer war hier erſt vor ſo Meiſter Braun. II. 9 130 kurzer Zeit aufgetrocknet, daß, obſchon die heiße Sonne „ddearauf ſchien, der Schlamm doch noch weich war. Sie waren noch nicht viele Schritte weiter gegangen, ſo be⸗ merkten ſie auf der Oberfläche des Schlammes etwas, was ſie anfangs für die Fußſtapfen eines Menſchen hielten. Als ſie jedoch ein wenig näher kamen, bezweifelten ſie dies und ſich der Aehnlichkeit zwiſchen den Fußſtapfen eines Menſchen und denen eines Bären, die ſie in dem Schnee Lappland's bemerkt, erinnernd, fiel ihnen ein, daß dies auch Bärenſpuren ſein könnten, obſchon ſie wußten, daß die Spuren des amerikaniſchen Bären von denen ſeines europäiſchen Vetters ein wenig verſchieden ſein mußten. Um ſich zu überzeugen, eilten ſie näher, um die Spuren genau zu beſichtigen, ihr Führer aber, der Neger, war ihnen zuvorgekommen und rief jetzt, das Weiße ſeiner Augen fürchterlich herausdrehend: „Ach Gott, junge Maſſas— das ſein Spur von Bär!“ „Eines Bären?“ „Ja, ja, Maſſas! Ein große Bär— ich kenne Spur— hab vielmal geſehen— alte Thier iſt geweſen nach Fiſche— hat wollen ſchmauſen Fiſch— ha! ha! ha!“ 8* Und der Neger lachte über ſeinen vermeinten ganz vortrefflichen Witz.— Als Alexis und Iwan die Spuren näher in Augen⸗ 131 ſchein nahmen, ſahen ſie, daß es in der That die Spuren eines Bären waren, obſchon viel kleiner als die, welche ſie in Lappland verfolgt hatten. Sie waren ganz friſch und ſchienen erſt ſo kürzlich hinterlaſſen worden zu ſein, daß beide junge Männer gleichzeitig und von einem un⸗ willkürlichen Impuls getrieben ihre Augen vom Boden emporrichteten und ſich umſahen, als ob ſie erwarteten, den Bären ſelbſt zu ſehen. Es war jedoch kein ſolches Thier zu erblicken. Wahr⸗ ſcheinlich war der Bär zur Stelle geweſen, als ſie zu⸗ erſt an den See gekommen waren; der Knall von JZwan's Schuß hatte ihn erſchreckt und er ſich in den Wald ge⸗ flüchtet. Dies war ganz wahrſcheinlich. „Wie ſchade,“ dachte Iwan,„daß ich den Adler nicht in Ruhe ließ! Dann hätten wir Meiſter Braun zu Geſicht bekommen und dieſem mit dem Schuſſe auf⸗ warten können. Und nun,“ ſetzte er hinzu,„was iſt zu thun? Es iſt kein Schnee hier, deshalb können wir die Fährte des Thieres nicht verfolgen. Die Schlammbank reicht nicht weiter, und er iſt wahrſcheinlich denſelben Weg zurückgegangen, den er gekommen iſt. Oder ſteht er vielleicht hinter jenen Baumſtämmen?“ Während Jwan ſprach, zeigte er auf eine kleine Halbinſel, die etwa nwand g Peer dreißig Schritt von der Stelle, wo ſie ſtanden, in den See hinausragte. Mit dem Feſtland hing ſie durch eine ſchmale Landenge von Schlamm zuſammen, an dem dem Waſſer zuge⸗ 9* 13²2 kehrten Ende aber war ein Raum von mehreren Schritten mit abgeſtorbenen Bäumen bedeckt— welche bei hohem Waſſerſtande hierher geſchwemmt worden ſein mußten und jetzt, unregelmäßig auf einander gethürmt, hoch und trocken lagen. 3 Alexis ſchauete in der Richtung dieſer aufgethürmten Baumſtämme, als Iwan darauf zeigte. „Das weiß ich doch nicht ſo gewiß“, antwortete er, nachdem er einen forſchenden Blick auf die Baumſtämme geworfen.„Es iſt allerdings ein guter Ort zum Ver⸗ ſteck für ein Thier. Der Bär könnte wirklich dort ſein!“ „Nun, ſo laß uns hingehen und nachſehen!“ ſagte Jwan.„Wenn er dort iſt, ſo kann er uns nicht ent⸗ rinnen, ohne daß wir ihm eins auf den Pelz brennen, und Du ſagſt, daß dieſe amerikaniſchen Bären ſich weit leichter erlegen laſſen, als die unſrigen. Mit den ſüd⸗ amerikaniſchen wenigſtens war dies der Fall. Ich hoffe, daß ihre nordiſchen Brüder eben ſo leicht ſterben.“ „Nicht alle“, entgegnete Alexis.„Wir können uns auf einige tüchtige Kämpfe gefaßt machen, wenn wir es mit dem großen grauen Bären und mit dem Eisbären zu thun bekommen, mit den ſchwarzen Bären aber iſt, wie Du ſehr richtig vermutheſt, weit leichter fertig zu werden. Wenn ſie jedoch verwundet werden, ſo ſetzen ſie ſich auch zur Wehr, und obſchon ihre Zähne und Klauen weniger gefährlich ſind, als die der andern, ſo können ſie doch, wie ich gehört habe, einem Menſchen eine furchtbare Umarmung zu Theil werden laſſen. 133 Doch laß uns gehen, wie Du ſagſt. Wenn er nicht da drüben ſteckt, ſo muß er ſich in den Wald geflüchtet haben. In dieſem Falle iſt es nicht anders möglich, ihn zu verfolgen, als mit Hunden, und dieſe müßten wir erſt holen.“ Während ſie noch ſo ſprachen, näherten ſie ſich der ſchmalen Landzunge, welche die kleine Halbinſel mit dem Feſtlande verband. „Wie ſchade“, bemerkte Jwan,„daß dieſer große Stamm hier liegt! Wäre dieſer nicht da, ſo könnten wir die Spur des Bären im Schlamme ſehen.“ Iwan meinte den gewaltigen Baumſtamm, welcher der Länge nach über die Landenge hinweg lag und von dem Feſtland bis an das höhere Terrain der Halbinſel reichte, ſo daß er eine Art Brücke oder Straße bildete. Allerdings, hätte er nicht dagelegen, ſo wären die Spuren des Bären im Schlamme ſichtbar geweſen oder nicht— im letztern Falle hätte kein Bär nach der Halb⸗ inſel hinüberpaſſirt ſein können und ihre Nachforſchung wäre überflüſſig geweſen. Obſchon ſie aber keine Spuren ſahen, ſo hatten ſie ſich doch einmal aufgemacht, um den Holzſtoß zu unter⸗ ſuchen, und ſie ſetzten daher ihren Weg weiter fort, ſtiegen auf den Baumſtamm hinauf und ſchritten auf demſelben entlang. Plötzlich ſah man Alexis ſtehen bleiben und ſich mit dem Körper vorwärts und abwärts bücken. „Was giebt's?“ fragte Jwan, welcher dahinter her⸗ 134 kam, als er ſeinen Bruder in dieſer gebückten Stellung ſah, gerade als ob er etwas auf dem Baumſtamme ſähe. „Die Spur des Bären!“ antwortete Alexis in leiſem, aber ernſtem Tone. „Ha! Glaubſt Du? Wo denn?“ Alexis zeigte auf den Baumſtamm, auf deſſen Rinde nicht Spuren eines Bären, ſondern Schlammklümpchen ſich befanden, welche erſt kürzlich hier zurückgelaſſen wor⸗ den ſein mußten— entweder von den Füßen eines Bären oder eines andern Thiers. „Bei Peter dem Großen!“ ſagte Iwan, indem er trotz ſeines unſchuldigen Schwures ſehr leiſe und vor⸗ ſichtig ſprach;„das müſſen ſeine Spuren ſein? Es iſt ganz dieſelbe Art von Schlamm, wie die, in der wir ſo eben ſeine Spur verfolgt haben— beinahe ſo ſchwarz wie Dinte. Dieſe Klümpchen rühren von ſeinen großen Tatzen her— meinſt Du nicht auch, Bruder?“ „Ich halte es allerdings für wahrſcheinlich,“ ſtimmte Alexis bei, und gleichzeitig ſahen beide Brüder nach den Schlöſſern ihrer Gewehre und überzeugten ſich, daß die Zündhütchen gehörig aufgeſteckt waren. Ein wenig weiterhin auf dem Baumſtamme war die Rinde glatter und hier die Spur noch weit deutlicher. Der Abdruck war icarſs und entſprach der Fußſtapfe eines Bären. Hier waren die nackte Pfote und die Ballen der fünf Zehen— alles vollſtändig. Es entſtand nun die Frage, ob das Thier über den Baumſtamm hinüber und auch wieder zurückgelaufen ſei. 135 Dieſe Frage ward jedoch durch genauere Beſichtigung entſchieden, oder doch beinahe. Es war keine Rückſpur vorhanden. Allerdings konnte der Bär in der Zwiſchenzeit ſeine Tatzen gewaſchen, oder an dem Baumſtamme abgerieben und geſäubert haben, dies war aber kaum wahrſcheinlich und unſere Jäger glaubten es auch nicht. Sie waren vollkommen überzeugt, daß der Bär vor ihnen ſei, und dieſer Ueberzeugung gemäß, ſpannten ſie ihre Gewehre und fuhren fort, ſich dem Holzſtoße zu nähern. 40. Capitel. Ein Neger als Bärenreiter. GEs gelang den beiden jungen Jägern, über den Baum⸗ ſtamm hinüberzukommen, und ſie hatten bereits den Fuß auf die Halbinſel geſetzt, während der Neger, der hinter ihnen herkam, ſich noch auf dem Baumſtamme befand. Gerade in dieſem Augenblicke hörte man ein Ge⸗ räuſch, welches große Aehnlichkeit mit dem hatte, wel⸗ ches ein Schwein macht, wenn es plötzlich von ſeiner Streu aufgeſcheucht wird. Es war halb Schnauben, halb Grunzen, und zugleich mit dem Geräuſch ſah man einen rieſigen ſchwarzen Körper unter den über einander gethürmten Baumſtämmen hervorſpringen, ſo daß mehrere derſelben unter ſeiner Wucht erzitterten und polterten. 3 Unſere Jäger ſahen auf einen Blick, daß es der Bär war, und legten ſofort ihre Gewehre an, um Feuer auf ihn zu geben. Das Thier hatte ſich auf ſeine Hinterbeine empor⸗ gerichtet— wie um das Terrain zu recognosciren— und während er ſich in dieſer Stellung befand, nahmen beide Jäger ihn auf's Korn und ſtanden im Begriff ab⸗ zudrücken. Ehe ſie jedoch dies thun konnten, fiel der Bär wie⸗ der auf alle Viere nieder. Dieſe Bewegung geſchah ſo plötzlich, daß die jungen Jäger beide ganz irre wurden und ihre Gewehre ſenkten, um vom friſchen zu zielen. Dieſer Verzug erwies ſich jedoch ihrer Abſicht ſehr nachtheilig. Ehe einer von den beiden wieder ordent⸗ lich auf den Bären zielen konnte, ſprang letzterer mit wildem Schnauben vorwärts, und rannte gerade zwi⸗ ſchen beiden hindurch, ſo daß es keinem von ihnen mög⸗ lich war, anders als auf's Gerathewohl zu feuern. Zwan gab auch wirklich Feuer, aber ohne Erfolg, denn ſeine Kugel ſchlug weit von dem Bären hinweg in den Baumſtamm hinter ihm, ſo daß die Rinde nach al⸗ len Richtungen in Splittern umherflog. Der Bär machte keinen Verſuch, ſich auf die Jäger zu ſtürzen, ſondern rannte geradeaus weiter— augen⸗ ſcheinlich in keiner andern Abſicht als um ſich in den Wald zu retten. Alexis drehete ſich herum, um ihm eine Kugel nach⸗ zuſenden, als er aber ſeine Büchſe emporhob, ſiel ſein 138 Auge auf den Neger, der noch im Begriff war, über den Baumſtamm herüberzukommen, und jetzt ungefähr die Mitte desſelben erreicht hatte. Der Bär war mittlerweile auf das andere Ende des Baumſtammes hinaufgeſprungen und rannte im ſchnellſten Galopp— der durch den Knall von Jwan's Gewehr noch mehr beſchleunigt ward— gerade in ent⸗ gegengeſetzter Richtung davon. Der Neger, welcher den rieſigen zottigen Vierfüßler gerade auf ſich zugerannt kommen ſah, erhob ſofort ein lautes Geſchrei und verſuchte, während ihm die Augen vor Angſt faſt aus dem Kopfe ſprangen, ſich zurückzu⸗ ziehen und aus dem Wege zu kommen. Seine Bemühungen erwieſen ſich fruchtlos, denn ehe er noch drei Schritt rückwärts gethan hatte, kam der Bär— der ſich vor ſeinen beiden Gegnern hinter ihm mehr fürchtete als vor dem einen, den er vor ſich ſah— herangeſtürzt und fuhr im nächſten Augenblick mit Schnauze, Kopf und Hals dem Neger zwiſchen die Beine. Schon lange zuvor hatte der Neger ſeine Beſonnen⸗ heit verloren, nun aber verlor er auch noch den Boden unter den Füßen, denn ſo wie ihm der dicke Leib zwi⸗ ſchen den Beinen hindurchfuhr, wurden dieſe von dem Baumſtamm emporgehoben und hingen baumelnd in der Luft. Mehrere Schritte weit ward der Neger, mit dem Geſicht nach dem Schwanze des Bären gewendet, auf 139 dem Rücken des Thieres fortgetragen, und hätte er das Gleichgewicht bewahrt, ſo hätte er ſeinen Ritt noch eine Strecke weiter ausdehnen können. 4 Da er jedoch durchaus keine Luſt verſpürte, ſich in dieſer Weiſe als Kunſtreiter auszuzeichnen, ſo war er im Gegentheil bemüht, ſo ſchnell als möglich von dem Thiere herunterzukommen. Endlich ward ſein Körper mit einem Ruck auf die Seite geworfen und ſein Ge⸗ wicht auf den Bären wirkte wie eine Hebel, ſo verlor das Thier ſelbſt das Gleichgewicht und taumelte von dem Baumſtamm herunter, ſo daß beide— Mann und Bär— kopfüber in den Schlamm hineinpurzelten. Einen Augenblick lang ſah man ein verworrenes Gezappel, Geſtrampel und Geplätſcher in dem weichen Schlamme— und hörte ein wildes Schnauben und Brummen von Seiten des Bären und ein wildes Ge⸗ kreiſch von Seiten des angſterfüllten Negers. Alles dies erreichte dadurch ein Ende, daß Braun — deſſen Körper jetzt über und über mit ſchwarzem Schlamme bedeckt war— wieder auf ſeine Füße kam und ſo ſchnell als ſeine Beine ihn tragen konnten, da⸗ vonrannte. Nun gab Alexis Feuer und traf den Bären in das Hintertheil. Weit entfernt aber, ſeiner Flucht Einhalt zu thun, beſchleunigte dieſer Schuß dieſelbe vielmehr, und ehe noch der Neger ſich wieder aufgerafft hatte, war die zottige Beſtie unter die Bäume hinein und den Augen Aller entſchwunden. G 140 Das groteske Ausſehen des Negers als er ſich aus dem Schlamme, in welchem er ſich gewälzt, emporrich⸗ tete— der ſchwarze Schlamm, mit dem er über und über bedeckt war, war gleichwohl noch um eine Schat⸗ tirung heller als ſeine natürliche Farbe— war zu ſpaßhaft, als daß Jwan umhin gekonnt hätte, laut dar⸗ über zu lachen, und ſelbſt der ernſtere Alexis ſah ſich genöthigt, ſeiner Heiterkeit Raum zu geben. Es dauerte daher einige Minuten, ehe ſie daran dachten, ihre Gewehre wieder zu laden und weitere Jagd auf den Bären zu machen. Nach einiger Zeit thaten ſie dies jedoch, und nach⸗ dem ſie den Rückweg über den Baumſtamm genommen, ſchlugen ſie die Richtung ein, in welcher Meiſter Braun ſich entfernt hatte. Sie glaubten nicht, daß ſie im Stande ſein wür⸗ den, ihn ohne Hunde zu hetzen, und ſie hatten daher die Abſicht, einen oder zwei von der Plantage holen zu laſſen, als ſie plötzlich bemerkten, daß die Fährte des Bären— wenigſtens eine Strecke weit— ſich auch ohne Hunde verfolgen laſſen würde. Das dintenſchwarze Waſſer, welches ſeinen langen Pelz reichlich geſättigt, war, während er auf ſeiner Flucht vorwärts trabte, fortwährend heruntergetroffen, was auf dem Gras, über welches ſein Weg ihn geführt, leicht zu ſehen war. Sie beſchloſſen deshalb, dieſer Fährte ſo weit als 141 möglich zu folgen. Hörte ſie auf, ſo war dann immer noch Zeit, nach den Hunden zu ſchicken. Sie waren noch nicht viel über hundert Schritt weit gekommen als die Fährte plötzlich nach dem Fuße eines großen Baumes abbog. Sie hätten das Terrain noch weiter unterſuchen können, aber dies war nicht nöthig, denn als ſie an dem Stamme des Baumes hinaufſchaueten, bemerkten ſie große Schlammklumpen und mehrere Riſſe an der Rinde, die augenſcheinlich von den Krallen eines Bären herrührten. Dieſe Riſſe waren meiſtentheils alt, einige davon aber noch ganz friſch. Ueberdies war der naſſe Schlamm ſchon an und für ſich hinreichender Beweis, daß der Bär den Baum hinaufgeklettert war und noch in dem obern Theile desſelben verſteckt ſein mußte. Der Baum war ein wilder Feigenbaum und des⸗ halb nur dürftig mit Blättern bedeckt; von ſeinen Aeſten herab aber hingen lange Guirlanden von ſpaniſchem Moos(Tillandsia usneoides), welches büſchelweiſe in den Gabeln wuchs, in deren einigen es ſelbſt für einen Bären möglich geweſen wäre, ſich verſteckt zu halten. Nachdem unſere Jäger jedoch die Runde um den Baum gemacht und ihn von allen Seiten in Augen⸗ ſchein genommen hatten, bemerkten ſie, daß der Bär nirgends unter dem Mooſe ſaß, ſondern ſich in eine Höhle des Stammes geflüchtet haben mußte— deren Mündung blos von einem beſondern Platze aus geſehen 142 werden konnte. Von allen übrigen Seiten ward ſie durch die beiden daraus hervorragenden großen Aeſte verdeckt. Zwiſchen dieſen beiden Aeſten war die Höh⸗ lung durch das Verfaulen des Kernholzes entſtanden. Es ließ ſich nicht bezweifeln, daß Meiſter Braun in die Baumhöhle hineingekrochen war, denn rings um die Oeffnung herum war die Rinde zerkratzt und zer⸗ bröckelt, und der ſo eben erſt daran hängen gebliebene naſſe Schlamm war von unten ſichtbar. 4I. Capitel. Der Bär wird herausgeſchnitten. Die Frage war nun, wie der Bär herauszubekommen ſei. Vielleicht konnte man ihn durch Geräuſch heraus⸗ locken.. Dieſes Mittel ward ſofort verſucht, aber ohne Er⸗ folg. Während der Neger mit einer Stange an der Rinde herumraspelte und gegen den Baum ſchlug, ſtan⸗ den die Jäger mit geſpannten Büchſen daneben, behiel⸗ ten die Höhle ſcharf im Auge und waren bereit, dem Bären, ſobald er zum Vorſchein käme, einen gebühren⸗ den Empfang angedeihen zu laſſen. Aber es fruchtete alles nichts. Meiſter Braun war ihnen zu ſchlau und reckte nicht einmal die Spitze ſeiner Schnauze aus ſeinem ſichern Verſteck heraus. 144 Nachdem ſie das Raspeln und Anſchlagen wieder⸗ holt, daß der Wald davon wiederhallte, gewannen ſie die Ueberzeugung, daß dieſes Mittel ihnen nichts nützen würde; ſie ſtanden deshalb davon ab. Als ſie die Fährte genauer unterſuchten, bemerkten ſie, daß Blutflecken ſich mit dem Schlamme miſchten, welchen der Bär an der Rinde abgerieben hatte. Dies überzeugte ſie, daß das Thier verwundet und daß deshalb keine Ausſicht vorhanden war, es aus ſeinem Loche hervorzutreiben Ohne Zweifel war es die Wunde, welche den Bä⸗ ren bewogen hatte, ſich auf dieſen Baum in ſo großer Nähe des Ortes, wo er angeriffen worden, zurückzu⸗ ziehen, denn ſonſt würde er erſt einen viel weitern Weg durch den Wald gemacht haben, ehe er verſucht hätte, ſich zu verbergen. Wenn der ſchwarze Bär ſchwer verwundet ſich in den erſten beſten hohlen Baum, den er finden kann, flüchtet und ſich darin verbirgt, ſo bleibt er auch darin und ſtirbt darin, wenn die Wunde eine tödtliche iſt. Dieſe Gewohnheit des Thieres kennend, begriffen unſere Jäger, daß ſie keine Ausſicht hatten, den Bären anders wieder zu Geſicht zu bekommen als dadurch, daß ſie den Baum umhieben, und ſie beſchloſſen, dieſes Mittel in Anwendung zu bringen und den großen Fei⸗ genbaum zu fällen. Der Neger ward nach der Pflanzung abgeſchickt und kam bald darauf mit einem halben Dutzend ſeiner Brü⸗ 145 der zurück. Alle waren mit Aexten verſehen und Puſch⸗ kin war der Anführer der ſchwarzen Schaar. Das An⸗ hacken des Baums begann ohne weitern Verzug und die weißen Späne flogen von dem dicken Stamme aus nach allen Richtungen umher. Ehe noch eine Stunde vergangen war, ſtürzte der Baum krachend nieder und ſchlug zugleich eine Anzahl kleinerer Bäume mit ſich zu Boden. Die Jäger, welche erwarteten, daß der Bär ſofort herausſpringen würde, hatte ſich ſo poſtirt, daß ſie die Mündung der Höhlung mit ihren Büchſen beſtrichen, zu ihrer Ueberraſchung aber fiel der Baum und blieb lie⸗ gen, ohne daß Meiſter Braun zum Vorſchein kam. Dies war ſehr ſeltſam, denn wie die Neger behaup⸗ teten, kommt in allen ähnlichen Fällen der Bär bei dem Falle eines Baumes, in welchem er ſich verſteckt hält, ſofort heraus. Man hieb nun eine Stange ab und fuhr damit in die Höhlung— anfangs vorſichtig, nach einiger Zeit aber mit aller Kraft, die Puſchkin's Arm beſaß. Er fühlte auch den Bären ganz deutlich, aber er mochte das Thier ſtoßen, wie er wollte, es rührte ſich nicht. Nun ſchlug man vor, einen Einſchnitt an der ent⸗ gegenſetzten Seite des Stammes zu machen und den Bären dann nach Belieben herauszuzerren. Obſchon dies natürlich viel Mühe koſtete, ſo ſchien es doch der einzige Weg zu ſein, zu dem hartnäckigen Thier zu ge⸗ langen. Meiſter Braun. II. 10 146 Dieſes Verfahren ward demnach eingeſchlagen und nachdem man einen Kreuzſchnitt in den hohlen Stamm gemacht, erreichte man endlich das zottige Haar und dann Meiſter Braun. Er war mauſetodt! Nun wunderten ſie ſich uatürlich nicht mehr, daß er auf das Stoßen mit der Stange nicht geachtet hatte. Alexis' Kugel hatte ſeinen rieſigen Körper der Länge nach durchbohrt, bis ſie in einem zum Leben unentbehrlichen Organ ſitzen geblieben war. Dies hatte ihm den Tod gebracht. Er wäre daher auf jeden Fall geſtorben und auch in ſeiner Baumhöhle, ob ſie ihn nun verfolgt hät⸗ ten oder nicht. Von den Negern erfuhren unſere Jäger in Bezug auf den ſchwarzen Bären eine eigenthümliche Thatſache, nämlich, daß die Baumhöhle, in welcher das Thier oft Schutz ſucht oder ſich ſchlafen legt, ſelten von größerer Breite iſt als ſein eigener Körper! In den meiſten Fällen iſt ſie ſo eng, daß er ſich nicht darin herumdre⸗ hen kann, auch iſt ſie auf dem Boden nicht breit genug, daß er ſich niederlegen könnte. 3 Daraus folgt, daß er in ſtehender Stellung, oder auf ſeinem Hintertheil kauernd, ſchlafen muß. In die⸗ ſer Haltung ſteigt er in den hohlen Baum hinein und auf dieſelbe Weiſe kommt er den Stamm des Baumes herunter wenn er ſeine Höhle wieder verläßt. Es ſcheint ſonach, daß die aufrechte Haltung dieſem Thier eben ſo natürlich iſt, als die auf allen Vieren 147 oder auch ausgeſtreckt auf dem Boden zu liegen, denn es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß weiter nach Norden— wo die Winter ſtrenger ſind und wo der ſchwarze Bär eine kurze Zeit lantti Winterſchlafe liegt— er ſein Schläfchen in e hohlen Baume macht, den ſein Körper Nuen allsfüllt, ohngt daß es ihm möglich wäre, ſich darin umzudrehen! Eine Vorſicht gebraucht er, und dieſe beſteht da⸗ rin, daß er alles verfaulte Holz ringsum an den Wu, er den ſeiner Höhle abkratzt; zu welchem Zwecke er ab dieſen ſonderbaren Inſtinkt ausübt, weiß weder der Jäger noch der Naturforſcher zu fagen. Vielleicht thut er es, damit die Vorſprünge nicht gegen ſeinen Körper drücken und dadurch ſein Lager unbehaglich machen. Unſere jungen Jäger fanden in dieſem Bären einen der größten ſeiner Gattung und ſein Fell erwies ſich, nachdem man den Schlamm und Schmutz davon abge⸗ waſchen, als ein ganz vortreffliches Exemplar. Natürlich begehrten ſie kein zweites, trotzdem aber hatten ſie das Vergnügen, bei dem Tode mehrerer Bä⸗ ren zugegen zu ſein, die bei der großen, am beſtimmten Tage abgehaltenen Bärenjagd erlegt wurden. Auch eine Rothwildjagd ward ihnen zu Ehren ver⸗ anſtaltet und dabei ein Cougar oder Panther auf einem Baum in die Enge getrieben und erlegt— ein Ereig⸗ niß, welches noch ſeltener vorkommt als das Erlegen eines Bären, denn der Cougar iſt jetzt eins der ſelten⸗ 10* 8 148 ſten Thiere, welche in den Wäldern von Nordamerika anzutreffen ſind. Eine andere rgötzlichkeit, welche der Pflanzer ſei⸗ Feſt awelches, ebet ſeiner Elenthümlichkeit wegen, eine nähere Beſchreibung verdienk. A 42. Rapitel. * Der Handel des Squatters. Das Barbecue iſt, wie wir ſo eben ſagten, ein Feſt, welches ganz beſonders den Hinterwädler⸗Niederlaſſun⸗ gen angehört, obſchon es jetzt auch ſelbſt in den ältern Staaten bekannt geworden iſt und oft bei den großen politiſchen Verſammlungen eines Wahlfeldzugs vor⸗ kommt, obſchon es dabei durch die geſuchten Ausſchmü⸗ ckungen und Verbeſſerungen, die man zuweilen dabei anbringt, viel von ſeinem wahren Charakter verloren hat. Als Alexis und Zwan am frühen Morgen nach der ſtillen Waldwieſe hinabſchlenderten, welche zum Schau⸗ platz dieſer ländlichen Feſtlichkeit auserſehen worden, fanden Sie hier ſchon eine geräuſchvolle, geſchäftige Menge verſammelt. 150 . Ein ungeheures Holzfeuer, welches groß genug war, nicht blos einen einzelnen Ochſen, ſondern eine ganze „ Hekatombe O zu braten, loderte am Rande der Waldwieſe, end ſchwatzende Neger beſchäft roße Grube zu graben. Dieſe Grube maß, ſie fertig war, zehn oder zwölf Fuß in der Länge, fünf oder ſechs in der Breite und vielleicht drei in der Tiefe, und war mit glatten flachen Steinen ausgelegt. Sobald als die Holzklötze aufgehört hatten, zu flammen und zu dampfen, und allmälig zu einem ge⸗ waltigen Haufen glühender Kohlen zuſammenzufallen begannen, wurden dieſe Kohlen ſchnell in die Grube geſchaufelt. Eine andere Anzahl Neger war im Walde be⸗ ſchäftigt geweſen, die langen zarten Schößlinge des Pawpaw(Asimina triloba) auszuſuchen, und kamen jetzt mit ihrer Beute wieder zurück. Die Schößlinge oder jungen Bäume wurden quer über die Grube gelegt und bildeten auf dieſe Weiſe einen ungeheuren Roſt. Der Ochſe, welcher den Hauptkern des Feſtes oder Schmauſes bilden ſollte, war geſchlachtet und zugerichtet und ward nun, nach der bei dem Barbecue üblichen Weiſe in Hälften geſpaltet, auf die Stangen gelegt um zu braten. Der Hausmeiſter des Pflanzers leitete ſtolz die 151 Operationen, während mehrere berühmte Köche der Nachbarſchaft und etwa zwanzig Sklaven der Farm, die von Zeit zu Zeit das Fleiſch umwenden mußten, 2 ihn unterſtützten.„Dabei befahl er friſches Begießen e 1) oder beſprengte ſelbſt die ſich bräunende Fläche mit einer⸗. a ſchmackhaften Würze von Pfeffer, Salz und feinen Kräutern, durch deren Zuſammenſetzung er ſich einen bedeutenden Ruf erworben. Der Morgen verging ſchnell während der Beobach⸗ tung dieſer neuen Manövers und mit dem Mittag kamen die Gäſte in großer Anzahl von den benachbar⸗ ten Pflanzungen und Niederlaſſungen. Selbſt der entſchloſſene Widerſtand des zäheſten Rindfleiſches hätte vor dem heißen Angriff einer ſolchen Armee glühender Kohlen, wie ſie in der tiefen Feuer⸗ grube verſchanzt lagen, weichen müſſen, und die zarten Stücken des ungeheuern Boeuf réti waren nun bereit, beinahe eben ſo ſchnell als die eingeladene Geſellſchaft ihren Antheil an den Feſtlichkeiten zu nehmen. Mit großen Fleiſcherbeilen auseinandergehauen und in weiße zu dieſem Zweck ausgehöhlte ſaubere hölzerne Mulden gelegt, wurden ſie nun raſch nach dem ſchatti⸗ gen Platze getragen, den man zum Speiſeſaale auser⸗ ſehen, und dann folgten ungeheure Vorräthe von ſüßen in der Aſche gebratenen Kartoffeln und von köſtlichem, goldenem Maisbrod. Ein Faß guter Aepfelwein ward angezapft, während gute altmodiſche Puddings und die leckeren Früchte 4½ Pen 15² dieſes Landſtriches den Küchenzettel zu Ehren des Tages vervollſtändigten. Die Freude kannte natürlich keine Grenzen. Jeder „erklärte den Braten für höchſt gelungen und die jungen Ruſſen glaubten, niemals ein ſo köſtliches Mahl gekoſtet Pewan zu haben.= Die erheiternde Einwirkung der friſchen, klaren Luft, die Befriedigung eines tüchtigen Appetites und der duftige Geruch des Fleiſches— denn es iſt eine wohl⸗ bekannte Thatſache, daß der Saft, welcher aus dem Paw⸗ paw⸗Holze, wenn es auf dieſe Weiſe dem Feuer ausge⸗ ſetzt wird, ausſchwitzt, Allem, was daran gebraten wird, einen ganz beſondern Wohlgeſchmack giebt— alles dies bildete zuſammen einen Schmaus, der ſelbſt des Czaren würdig geweſen wäre, und unſere jungen Freunde nahmen ſich vor, ſpäter einmal unter dem kältern Himmel Rußlands eine Nachahmung des ſüdlichen Barbecue zu verſuchen. Es herrſchte die ausgelaſſenſte Luſtigkeit,— Ge⸗ ſundheiten wurden getrunken, Lieder geſungen, komiſche Vorträge gehalten und Geſchichten erzählt. Eine der letzteren machte ganz beſonders Eindruck auf unſere Helden, theils weil es eine Bärengeſchichte war, theils weil ſie eine ſehr charakteriſtiſche Phaſe des Squatterlebens und handgreiflichen Humors veran⸗ ſchaulichte. Zwei Squatter hatten Ländereien nicht weit von einander und innerhalb etwa acht oder zehn engliſchen 153 Meilen von einer kleinen Stadt in Beſitz genommen. Mit dem Klären des Waldlandes beſchäftigt, war jeder bedacht, ſich außer dem Ertrage ſeines Ackerlands noch eine anderweite Einnahmequelle zu verſchaffen. Deshalb fuhr er dann und wann, wenn er nichts anderes zu thun hatte, die Baumſtämme, welche er ge⸗ fällt und in Stücken geſägt, nach der Stadt, um ſie als Feuerholz zu verkaufen. Dieſes beiderſeitige Geſchäft machte natürlich die beiden Squatter zu Concurrenten. Die Zahl der Holz⸗ käufer in der kleinen Kolonie war nicht groß und es entſtand daher zwiſchen den beiden Squattern eine immer bitterer werdende Eiferſucht, als ſich plötzlich ein ſelt⸗ ſamer Vorfall ereignete. Jeder beſaß ein einziges Joch Ochſen, deſſen er ſich regelmäßig bei ſeiner Feldarbeit bediente, eben ſo wie um ſein Holz zu Markte zu bringen. Innerhalb einer und derſelben Woche verlor jeder einen Ochſen. Der eine ſtarb an einer Rinderkrankheit und der andere ward durch den Sturz eines Baumes ſo beſchädigt, daß ſein Beſitzer ſich genöthigt geſehen hatte, ihn zu ſchlachten. Da ein Ochſe eine Wagenladung nicht ziehen konnte, ſo war es mit dem Erwerbe beider Squatter als Holz⸗ händler aus, und ſelbſt die Beſtellung ihrer Felder mußte darunter leiden. Jeder hörte bald von der Lage, in der ſich der andere befand, und nahm ſich vor, den noch übrigen 154 Ochſen an ſich zu bringen, um auf dieſe Weiſe in den Beſitz beider zu gelangen, ſeine Feldarbeiten fördern und den Holzhandel beherrſchen zu können. In einem ſolchen Falle aber, wo beide Parteien ſo erpicht waren, ihren Zweck zu erreichen, war das Ge⸗ ſchäft, nachdem ein Dutzend Unterhandlungen ſtattge⸗ funden hatten, von dem Abſchluß natürlich noch eben ſo weit entfernt, wie bei der erſten. So blieben die Dinge im statu quo, die Tage ver⸗ gingen und unſere beiden Squatter fanden, daß ihre Lage eine immer verzweifeltere ward. Eines ſchönen Morgens machte der erſte Squatter ſich auf den Weg, um noch einen letzten Verſuch zu unternehmen— entſchloſſen, den Handel womöglich in friedlicher Weiſe, oder auch, wenn es ſein müßte, mit Gewalt zu Stande zu bringen. Ein Project nach dem andern überdenkend, hatte er die zwei oder drei Meilen Holzland, welche zwiſchen ihm und der Klärung ſeines Nachbars lag, zurückgelegt und ſtand eben im Begriff, dieſelbe zu betreten, als ein plötzliches Raſcheln und ein bedeutſames Grunzen, welches von hinten kam, ihn aus ſeinem Hinbrüten aufſchreckte. Er drehete ſich ſchnell herum und ſah faſt unmittel⸗ bar hinter ſich einen Bären von durchaus nicht ange⸗ nehmem Aeußern. Das Blockhaus des Nachbarn zu erreichen, ehe Meiſter Braun ihn einholen konnte, war unmöglich und dem Thiere die Spitze bieten zu wollen, wäre Wahnſinn geweſen, denn nur an ſeinen beabſich⸗ 155 tigten Handel denkend, hatte er bei ſeinem Fortgange von daheim vergeſſen, irgend eine Waffe mitzunehmen. Einige abgeſtorbene Bäume ſtanden noch in der Nähe und auf einen derſelben eilte er mit fliegenden Schritten zu— in der Hoffnung, dahinter Schutz zu finden, bis Hülfe herbeikäme. Auf dieſen Schutz hoffte er nicht vergebens. Er fand, daß er durch flinkes gewandtes Ausweichen immer den Stamm des Baumes zwiſchen ſich und dem Bären halten könne, deſſen Gehirn kaum den zahlreichen Wen⸗ dungen und Drehungen folgen konnte, welche der Squatter machte, um den häufigen Hieben und Griffen ſeiner Tatzen zu entſchlüpfen. Sich entrüſtet auf ſeine Hinterbeine emporrichtend, machte der Bär einen wüthenden Angriff auf den Squat⸗ ter, umarmte aber blos den zähen alten Baum, in deſſen Rinde er ſeine ſpitzigen Klauen tief hineingrub. Plötzlich kam dem Squatter ein Gedanke ein. Er ſah, wie der Bär ſeine Nägel nur langſam und mit Mühe aus der Rinde herauszog, und indem er Meiſter Brauns Beine dicht über den Tatzen feſtpackte, ſtemmte er ſich gegen den Baum, entſchloſſen, die Krallen in ihren hölzernen Höhlen feſtzuhalten, bis ſein Nachbar ſeinen Hülferuf hören und zu ſeinem Beiſtand herbei⸗ eilen würde. Der andere Squatter hörte ſein Geſchrei auch wirk⸗ lich, anſtatt aber zum Entſatz herbeizueilen, kam er lang⸗ ſam und gleichgültig mit der Axt auf der Schulter da⸗ 156 hergeſchlendert. Als er die ſchlimme Lage ſeines Nach⸗ bars ſah, war ihm nämlich eine neue Löſung der Ochſen⸗ frage eingefallen und er gab daher auf die wiederholten Bitten um Hülfe ruhig zur Antwort: „Unter einer Bedingung, Nachbar.“ „Was für einer?“ fragte der Andere begierig. „Wenn ich Euch von dem Bären befreie, ſo verkauft Ihr mir Euern Ochſen.“ Es half weiter nichts und mit einem ſchweren Seuf⸗ zer erklärte der Gefangene ſich einverſtanden. „Halt!“ rief er, ehe noch die Art fallen konnte. „Dieſe alte Beſtie hat mich halb todt gemartert und ich muß nun auch ſelbſt die Freude haben, ihm das Lebens⸗ licht auszublaſen. Kommt her und haltet den Hallunken, während ich ihm mit Eurer Axrt den Todesſtreich verſetze.“ Der zweite Squatter, der ſich nicht wenig freuete, ſeine längſtgehegte Abſicht erreicht zu haben, war ganz arglos mit dem Wunſche ſeines Nachbars einverſtanden, ließ die Axt fallen, packte vorſichtig die ſehnigen Tatzen und wendete ſeine ganze Kraft dem augenblicklichen Kampfe zu. Zu ſeinem Entſetzen aber ſah er, wie ſein Nachbar die Axt ganz gelaſſen ſchulterte und von dem Platze hinwegging! „Halt! halt!“ ſchrie er;„wollt Ahr denn den Bäͤren nicht todtſchlagen?“ 157 „Na, jetzt nicht gleich, denke ich. Ihr werdet ihn doch auch erſt eine Weile halten wollen.“ Da das Blatt ſich auf dieſe Weiſe gewendet hatte, ſo blieb dem überliſteten Squatter nichts weiter übrig, als ſich mit ſeinem ſchadenfrohen Nachbar zu verſtän⸗ digen, der endlich einwilligte, dem Leben des wilden Thieres ein Ende zu machen, dafern er nicht blos ſeines oben gegebenen Verſprechens entbunden, ſondern auch zum Eigenthümer des vielbegehrten Ochſen gemacht würde. Betrübt und ergrimmt willigte der zweite Squatter ein, doch tröſtete er ſich mit dem Gedanken an eine kleine Rache, die ihm gerade noch einfiel. Die Gelegen⸗ heit erlauernd, als der Andere nahete, um den tödtlichen Streich zu führen, riß er mit einer verzweifelten An⸗ ſtrengung die Klauen des Bären aus der Rinde heraus, machte auf dieſe Weiſe das wilde Thier frei und floh dann, ſo ſchnell er konnte, in ſein Blockhaus, indem er den beiden urſprünglichen Kämpfern überließ, den Streit zwiſchen einander auszufechten. Die nähern Umſtände dieſes Kampfes hat ſelbſt die Tradition nicht bewahrt— die Fortſetzung der Geſchichte erzählt blos, daß eine halbe Stunde ſpäter der erſte Squatter, zerkratzt und blutig, langſam nach dem Block⸗ haus gehumpelt kam und, indem er die zerbrochene Axt hinwarf, in ſatyriſchem Tone bemerkte: „Da, Nachbar— ich glaube, ich habe Eure Axt ruinirt, daß ich aber auch den Bären ruinirt habe, das 158 weiß ich gewiß. Vielleicht ſeid Ihr ſo gut und laßt von einem Eurer Knaben den Ochſen nach meinem Hauſe hinübertreiben, nicht wahr?“ ** * Nachdem unſere Reiſenden die Gaſtfreundſchaft ihres Pflanzers noch einige Tage genoſſen, ſetzten ſie ihren Weg weiter fort und begaben ſich den großen Miſſiſſippi hinauf nach den alten Ländern des Nordens. 43. Capitel. Der Eisbär. Eiinige Wochen, nachdem unſere Jäger den Pflanzer in Louiſiana verlaſſen hatten, empfingen ſie die Gaſt⸗ freundſchaft einer ganz entgegengeſetzten Gattung von Wirth, nämlich eines„Pelzhändlers.“ Ihr Hauptquartier war Fort⸗Churchill, am weſtlichen Ufer der Hudſon's⸗Bay und einſt die Hauptniederlage der berühmten Handelsgeſellſchaft, welche ſo lange die Geſchicke jener faſt unermeßlichen Regionen gelenkt, welche zuweilen„Prinz⸗Rupert's⸗Land“ genannt wird, allge⸗ meiner aber unter dem Namen des„Hudſon's⸗Bay⸗ Gebietes“ bekannt iſt. Nach Fort⸗Churchill waren ſie in beinahe ganz gerader nördlicher Richtung gereiſt— erſt den Miſſiſſippi 160 hinauf, dann landeinwärts nach dem Obern⸗See und direct über den See nach einem der Poſten der Com⸗ pagnie am nördlichen Ufer. Dann war es über eine Kette von Seen, Flüſſen und ſogenannten„Tragſtellen“ oder Uebergängen nach der Factorei⸗York gegangen und nördlich weiter nach Fort⸗Churchill. In Fort⸗Churchill befanden ſie ſich natürlich inner⸗ halb des Bereichs des großen weißen oder Eisbären (Ursus maritimus), welcher der nächſte Gegenſtand ihrer Jagd ſein ſollte. In der Umgegend der Factorei⸗York und ſogar noch weiter nach Süden hätten ſie Bären dieſer Gattung finden können, denn der Ursus maritimus erſtreckt ſeine Wanderungen rund um die Küſten der Hudſon's⸗Bay — obſchon nicht nach denen weiter ſüdlich von James'⸗ Bay gelegenen.. Der fünfundfünfzigſte Breitegrad iſt ſeine ſüdliche Grenze auf dem amerikaniſchen Continent, doch bezieht ſich dies blos auf die Küſten von Labrador und die der Hudſon's⸗Bay. An der weſtlichen Küſte ſcheint die Behringſtraße ſeine ſüdliche Grenze zu bilden, und ſelbſt innerhalb dieſer iſt er eine Strecke, ſowohl die aſiatiſche als die amerikaniſche Küſte entlang, einer der ſeltenſten Wanderer. Sein Lieblingsaufenthalt iſt unter der ungeheuern Menge Inſeln und Halbinſeln, die ſich um Hudſon's⸗ und Baffin's⸗Bay her erſtrecken— mit Einſchluß der von Eis bedeckten Küſten von Grönland und Labrador 161 — während weſtlich von der Behringſtraße der große Vierfüßler wohl noch zuweilen, aber viel ſeltener ange⸗ troffen wird. 3 In der öſtlichen Hemiſphäre ſind die weißen Bären beinahe auf dieſelbe Weiſe vertheilt. Während man ſie auf dem Eismeere, in den mittlern und öſtlichen Gegen⸗ den, in großer Menge antrifft, ſind ſie gegen Weſten, an den nördlichen Küſten Rußlands und Lapplands nie⸗ mals zu ſehen, ausgenommen wenn ſie ſich zufällig hier⸗ her verirrt haben, oder auf ſchwimmenden Eismaſſen hierher getrieben worden ſind. Wir brauchen nicht erſt zu bemerken, daß dieſe Gat⸗ tung Bären beinahe ausſchließlich in der Nähe des Meeres und vom Meere lebt. Man kann von dem Eisbär faſt ſagen, er wohne darauf, da von den zwölf Monaten des Jahres wenigſtens zehn von ihm auf den Eisfeldern zugebracht werden. Während des kurzen Sommers der Polargegenden macht er einen Ausflug landeinwärts, der ſich ſelten über fünfzig engliſche Meilen, niemals aber über hun⸗ dert erſtreckt und wobei er ſich nach dem Laufe der in das Meer fallenden Flüſſe richtet. Die Abſicht, in welcher er dieſe Landexpeditionen unternimmt, iſt, Süßwaſſerfiſche zu fangen, welche er am bequemſten in den zahlreichen„Fällen“ oder ſeichten Stellen dieſer Flüſſe erbeutet. Zu dieſer Zeit bringt er auch einige Abwechſelung in ſeine Fiſchdiät, indem er dann und wann eine Mahl⸗ Meiſter Braun. II. 11 162 zeit von den Wurzeln und Beeren hält, die er an den Ufern findet. Zu andern Zeiten des Jahres, wenn alles Binnen⸗ waſſer und ſelbſt das Meer bis zu einer großen Ent⸗ fernung vom Lande zugefroren iſt, hält er ſich längs des äußerſten Randes der gefrorenen Fläche und findet ſeine Nahrung in dem offenen Waſſer des Meeres. Seefiſche von verſchiedenen Gattungen, Seehunde, das junge Wallroß und zuweilen ſelbſt die Jungen des großen Wallfiſches werden ſeine Beute und er jagt und fängt ſie alle mit einer Geſchicklichkeit und Schlauheit, welche mehr das Ergebniß des Nachdenkens, als eines bloßen Inſtinkts zu ſein ſcheint. Seine Schwimmfähigkeit ſcheint keine Grenge zu haben. Auf alle Fälle hat man ihn in offenem Waſſer, volle zwanzig Meilen von Eis oder Land entfernt an⸗ getroffen. Auf Eismaſſen treibend hat man ihn oft noch viel weiter von der Küſte geſehen, aber es iſt zweifel⸗ haft, ob ihm an dem Boden, der ihm auf dieſe Weiſe gewährt ward, viel gelegen war. Es iſt ſehr leicht möglich, daß er ſo lange ſchwimmen kann, als es ihm beliebt, oder bis ſeine Kräfte durch den Hunger erſchöpft werden. Während ſeiner Bewegung im Waſſer ſcheint er nicht die mindeſte Anſtrengung zu machen zu brauchen und er kann ſogar über den Waſſer⸗ ſpiegel empor vorwärts ſpringen— nach Art der Del⸗ phine und anderer Cetaceen. Wenn irgend ein Vierfüßler jemals den Pol erreich 163 hat, ſo iſt es der Eisbär und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſein Bereich ſich bis an dieſen merkwürdigen Punkt der Erdoberfläche erſtreckt.. Ganz gewiß iſt dies der Fall, wenn wir annehmen, daß um den Pol herum offenes Waſſer iſt— eine An⸗ nahme, welche ſich durch die Analogie als richtig be⸗ weiſen läßt. Der kühne Parry fand weiße Bären unter dem zwei⸗ undachtzigſten Grade und es iſt kein Grund vorhanden, weshalb ſie nicht die dazwiſchen liegende Zone von etwa fünfhundert Meilen eben ſo leicht durchſchneiden ſollten, als die Vögel der Luft oder die Fiſche des Meeres. Ohne Zweifel giebt es Eisbären in der Nähe des Pol's. Das Weibchen des Eisbären iſt kein ſo großer Freund des Seelebens, wie ihr Herr und emahl. Erſtere bleibt, ausgenommen wenn ſie nufeuſe iſt, auf dem Lande, und auf dem Lande bringt ſie ihre Jungen zur Welt. Wenn ſie trächtig iſt, wandert ſie eine Strecke weit von der Küſte hinweg, wählt ihr Bett, legt ſich nieder, ſchläft ein und bleibt hier bis zum Frühling. Sie ſucht ſich nicht, wie andere überwinternde Bären, eine Höhle oder einen hohlen Baum, denn in dem öden Lande, welches ſie bewohnt, iſt oft weder die eine noch der andere zu finden. Sie wartet blos auf den Beginn eines großen Schneeſturmes— den ihr Inſtinkt ihr verkündet— und 11* 164 dann, nachdem ſie ſich auf der vor dem Winde geſchütz⸗ ten Seite eines Felſens, oder an einer andern Stelle, wo ſich vermuthen läßt, daß der Schnee eine tiefe Wehe bilden werde, niedergeſtreckt— bleibt ſie regungslos liegen, bis ſie vollſtändig eingeſchneiet iſt, ſo daß der Schnee ihren Körper oft mehrere Fuß hoch bedeckt. Hier bleibt ſie den ganzen Winter hindurch, voll⸗ kommen regungslos und anſcheinend in einem Zuſtand von Erſtarrung. Die Wärme ihres Körpers, welche den unmittelbar mit ihr in Berührung kommenden Schnee ſchmilzt, nebſt einiger Wärme von ihrem be⸗ ſchränkten Athmen, erweitert mit der Zeit den Raum um ſie herum, ſo daß ſie wie in einer Eisſchaale liegt. Es iſt ein Glück, daß die Umſtände ihr dieſen Zu⸗ wachs an Raum verſchaffen, weil ſie im Laufe der Zeit deſſen für die Geſellſchaft bedarf, welche ſie erwartet. Und im Laufe der Zeit wird davon Gebrauch ge⸗ macht. Wenn die Frühlingsſonne den Schnee draußen zu ſchmelzen beginnt, wird die Bärin Mutter und ein paar kleine weiße Junge kommen zum Vorſchein, jedes ungefähr ſo groß wie ein Kaninchen. Die Mutter führt ſie nicht ſofort aus ihrem Schnee⸗ hauſe hinaus, ſondern fährt fort, ſie hier zu ſäugen, bis ſie ſo groß ſind wie Füchſe und ſtark genug, um einen Marſch zu machen. Dann durchbricht ſie die Eis⸗ rinde, welche das Gewölbe ihrer Wohnung bildet, und beginnt ihre Reiſe nach dem Meere. Es giebt Zeiten, wo der Schnee um ſie herum ſo 165 feſtgebacken iſt, daß ſie mit ihrer durch das Säugen ihrer Jungen erſchöpften Kraft nicht im Stande iſt, ſie zu durchbrechen. In dieſem Falle iſt ſie gezwungen, in unfreiwilliger Gefangenſchaft zu bleiben, bis die Sonne allmälig das ſie umgebende Eis ſchmilzt und ſie in Freiheit ſetzt. Dann kommt ſie aus ihrem langwierigen Gefängniß heraus, iſt aber nur noch der Schatten ihres frühern Ich und kaum im Stande, ſich auf den Füßen zu halten. Die Indianer des Nordens und die Eskimos erlegen jedes Jahr Hunderte von dieſen überwinternden Bärin⸗ nen mit ſammt ihren Jungen. Sie finden das Aſyl auf verſchiedene Weiſe— zuweilen durch ihre Hände, welche daran herumkratzen, um hineinzugelangen, und zuweilen durch das Wahrnehmen des weißen Reifes, der über einem kleinen Loche ſchwebt, welches die Wärme von dem Athem der Bärin in dem Schnee offen ge⸗ halten hat. Die Jäger graben, nachdem ſie die Poſition des Thieres genau ermittelt, entweder von oben hinein und ſpießen die Alte in ihrem Wochenbett, oder ſie machen einen Tunnel in horizontaler Richtung, werfen der Bärin eine Schlinge um den Kopf oder um eine ihrer Tatzen und zerren ſie auf dieſe Weiſe heraus. Eine Beſchreibung der vielen intereſſanten Lebens⸗ gewohnheiten des Eisbären— nebſt andern, welche dieſe Gattung mit der Familie Braun gemeinſchaftlich hat— würde ein Buch für ſich allein füllen. Dieſe 166 Lebensgewohnheiten ſind von vielen glaubwürdigen Schriftſtellern, wie zum Beiſpiel Lyon, Hearne, Richard⸗ ſon und eine lange Reihe von andern Nordpolfahrern ſehr gut geſchildert worden. Es iſt deshalb nicht nöthig, hier dabei zu verweilen, da wir blos Raum haben, ein Abenteuer zu erzählen, welches unſern jungen Bären⸗ jägern begegnete, während ſie ſich die Haut dieſes intereſ⸗ ſanten Vierfüßlers verſchafften. 4¹. Capitel. Das Umzingeln einer Bärin. Vie jungen Ruſſen hatten ſich ſchon mehrere Tage lang nach einem weißen Bären umgeſchauet und mehrere Ausflüge aus dem Fort gemacht, indem ſie bis an die Mündung des ſogenannten Seehundsfluſſes gingen, der ein wenig weiter nach Norden in die Hudſon's⸗Bay fällt. Auf allen dieſen Ausflügen hatten ſie kein Glück, denn obſchon ſie mehrmals auf die Spur von Bären geſtoßen waren, ſo waren ſie doch niemals im Stande geweſen, ſich bis auf Schußweite zu nähern. Die Schwierigkeit hatte ihren Grund in der ebenen Beſchaffenheit des Terrains und darin, daß es völlig entblößt von Bäumen oder anderer Deckung war, unter welcher ſie ſich den Thieren hätten nähern können. 168 Das Land um Fort⸗Churchill herum iſt von dieſer Art— wie überhaupt die ganze Weſtküſte von Hud⸗ ſon's⸗Bay, wo der Boden eine niedrige Anſchwemmung iſt, ohne Felſen oder Hügel. Dieſe Bodenformation zieht ſich gegen hundert eng⸗ liſche Meilen weit landeinwärts und bildet einen Streifen ſumpfigen Bodens, welcher das Meer von einer noch weiter landeinwärts gelegenen parallelen Kalkſteinforma⸗ tion ſcheidet. Dann folgen die Primärfelſen, welche einen langen Strich des Binnenlandes bedecken, der als der„kahle Grund“(Barren Grounds) bekannt iſt. Nur auf dem an die Küſte angrenzenden niedrigen Gürtel iſt der Eisbär zu finden, die Weibchen aber ver⸗ irren ſich bis an die Grenzen der Wälder, welche die Kalkſteinformation bedecken. Unſere Jäger wußten daher, daß ſie entweder an der Küſte ſelbſt, oder auf dem daran grenzenden Allu⸗ vialbodenſtrich, ihr Wild ſuchen mußten, und auf dieſen Diſtrikt beſchränkten ſie daher ihre Nachforſchungen. Am fünften Tage machten ſie einen weiteren Aus⸗ flug nach dem Innern. Es war jetzt die Zeit des Sommers, wo die alten Männchen ſich an den Ufern der Flüſſe hinauf herumtreiben— theils in der Abſicht, einen Süßwaſſerfiſch zu fangen, theils um an den ſüßen Beeren herumzuknabbern, vor allen Dingen aber um die Weibchen zu treffen, welche jetzt mit ihren halb er⸗ wachſenen Jungen ſchüchtern ſeewärts kommen, um 169 ihren alten Freunden vom vorigen Jahre zu begegnen und ihre Kleinen den Vätern vorzuſtellen, welche ſie bis zu dieſer Stunde noch mit keinem Auge geſehen. Bei dem gegenwärtigen Ausflug waren unſere Jäger glücklicher als zuvor, denn ſie waren nicht blos Augen⸗ zeugen einer ſolchen Verſammlung, ſondern es gelang ihnen auch, die ganze Familie— Vater, Mutter und Junge— zu erlegen. Sie waren bei dieſer Gelegenheit den Churchill⸗Fluß hinaufgegangen und gingen nun einen Nebenſtrom ent⸗ lang, welcher einige Meilen oberhalb des Forts in den Churchill fällt. Ihr Transportmittel war ein Boot von Birkenrinde, denn Pferde ſind in dem Gebiete der Hudſon's⸗Bay⸗ Compagnie faſt unbekannt— ausgenommen in den Theilen, welche aus Prairie beſtehen. In dem größten Theile dieſer Regionen beſteht das einzige Transportmittel in Kanoes und Booten, welche von Leuten geführt werden, die daraus einen Beruf machen und voyageurs genannt werden. Sie ſind bei⸗ nahe alle von canadiſcher Abkunft— viele davon Miſch⸗ linge und außerordentlich geſchickt in dem Befahren der Seen und Flüſſe dieſer noch unerforſchten Wildniſſe. Natürlich ſtehen die meiſten im Dienſte der Hud⸗ ſon's⸗Bay⸗Compagnie und wenn ſie nicht mit Schiff⸗ fahrt zu thun haben, ſo beſchäftigen ſie ſich auf eigene Fauſt mit Jagen und Fallenſtellen. Zwei von dieſen Voyageurs— welche der Ober⸗ 170 factor des Forts beſorgt hatte— ſetzten das Boot, welches unſere jungen Jäger trug, in Bewegung, ſo daß mit Puſchkin ſich fünf Mann in dem kleinen Fahr⸗ zeuge befanden. Dies iſt jedoch noch nichts, denn es giebt auch Birken⸗ boote von weit größeren Dimenſionen, die ganze Tonnen Waare und eine Menge Menſchen tragen. An dem Ufer des Fluſſes, auf welchem ſie jetzt da⸗ hinſteuerten, ſtanden zahlreiche Weiden, die hier und da laubreiche, für das Auge undurchdringliche Dickichte bildeten, an andern Stellen dagegen wieder ſo dünn ſtanden, daß die jenſeits gelegenen Ebenen dazwiſchen hindurch von dem Boote aus geſehen werden konnten. Dies war ein Platz, an welchem man wohl hoffen konnte, weiße Bären anzutreffen— beſonders zu dieſer Jahreszeit, wo, wie ſchon bemerkt worden, die alten Männchen landeinwärts gehen, ſowohl um mit den Weibchen zuſammenzukommen, als auch um ſich an ein wenig vegetabiliſcher Koſt zu laben, nachdem ſie das ganze übrige Jahr auf Fiſche und Seehundfleiſch be⸗ ſchränkt geweſen ſind. Die Voyageurs ſagten, es wüchſen in dieſen Nieder⸗ ungen viele ſaftige Wurzeln, welche die Bären ſehr gern freſſen. Auch gäbe es Larven von gewiſſen Inſekten, die man jetzt in Haufen fände, wie Ameiſenhaufen, und welche die Bären als eine der außerordentlichſten Deli⸗ kateſſen betrachteten. Aus dieſem Grunde nahmen unſere Jäger das Land — 171 zu beiden Seiten des Fluſſes in genauen Augenſchein und ſtanden dann und wann in dem Boote auf, um über die Weiden hinweg, oder da, wo ſie dünn ſtanden, zwiſchen ihnen hindurchzuſchauen. Während ſie ſo an einer der Oeffnungen in dem Weidenhaine vorüberkamen, bot ſich ihren Augen ein Schauſpiel dar, welches ſie bewog, das Boot anhalten und die Voyageurs die Ruder einziehen zu laſſen. Alexis, welcher eben Umſchau gehalten, wußte an⸗ fangs nicht, was er aus dem Anblick machen ſollte— ſo ſeltſam war die Gruppirung der Figuren, aus wolchen er zuſammengeſetzt war. Er ſah nämlich eine große Anzahl Thiere von der Form der Vierfüßler, aber von verſchiedenen Farben. Einige waren beinahe weiß, andere braun oder röthlich braun, und mehrere waren ganz ſchwarz. Alle ſchienen langes zottiges Haar, ſpitzige Ohren und große buſchige Schwänze zu haben. Sie ſtanden nicht ſtill, ſondern bewegten ſich hin und her, indem ſie bald ſchnell von einem Punkte nach dem andern rannten, bald in die Luft emporſprangen, während wieder andere im Kreiſe umherliefen! Es ſchienen im Ganzen ihrer dreißig bis vierzig zu ſein und ſie bedeckten einen Flächenraum, der unge⸗ fähr ſo groß war, wie der Fußboden eines Geſellſchafts⸗ ſalons. Es hing ein leichter Dunſt oder Nebel über der Wieſe, welcher Alexis hinderte, dieſe Thiere genau in's 172 Auge zu faſſen, und durch den vergrößernden Einfluß dieſer Art von Atmoſphäre erſchienen ſie ſo groß wie junge Ochſen. Ihre Geſtalt jedoch war verſchieden von dieſen und nach ihren ſpitzen Ohren, langen Schnauzen und voll⸗ buſchigen Schwänzen, konnte Alexis ſie mit nichts anderem vergleichen, als mit Wölfen. Ihre verſchiedenen Farben bedeuteten nichts, denn in den nördlichen Ländern giebt es Wölfe von vielen Varietäten— von weiß bis ſchwarz— und es waren auch wirklich Wölfe— nur durch den Nebel zu rieſigen Dimenſionen vergrößert. Alexis hatte ſie noch nicht lange betrachtet, ſo be⸗ merkte er, daß es nicht lauter Wölfe waren. In ihrer Mitte befand ſich ein Thier von ganz anderer Art— viel größer, als irgend eins von ihnen; aber was für ein Geſchöpf es war, das war der junge Jäger zu erſpähen nicht im Stande. Iwan, der ſich ebenfalls erhoben hatte, war auch nicht im Stande, es zu ſagen. Es ſchien ſo groß zu ſein, wie ein halbes Dutzend der Wölfe in einen einzigen zuſammengeſchmolzen, und war weißer als der weißeſte von ihnen, aber es ſah aus, als hätte es einen Höcker auf dem Rücken, und im Ganzen genommen mehr wie eine formloſe Maſſe von weißem borſtigen Haar als ein regelmäßig geſtaltetes vierfüßiges Thier. Ein Thier mußte es jedoch ſein, dies bewieſen ſeine Bewegungen, denn man ſah es ſich wiederholt im Kreiſe 173 herumdrehen und dann und wann ein paar Schritte vorwärts ſchießen, als ob es ſich in der Richtung des Fluſſes den Weg zu bahnen beabſichtige. Was für ein Thier es aber auch ſein mochte, ſo ward doch bald klar, daß es mit den Wölfen kämpfte, die es umzingelt hielten, und daraus erklärten ſich die eigenthümlichen Bewegungen, welche dieſe letztern machten, eben ſo wie ihr grimmiges Bellen und Knurren, welches in verworrenem Chor die Luft erfüllte. Dann und wann, und noch lauter, ließ ſich ein ſehr verſchiedener Schrei hören— gellend und kläglich, wie das Wiehern eines Maulthiers— und augenſcheinlich nicht von den Wölfen ausgehend, ſondern von dem rieſigen weißen Thier, welches von den Wölfen ange⸗ griffen ward. Die Voyageurs erkannten das Geſchrei ſofort. „Ein Bär— ein Eisbär!“ riefen Beide gleichzeitig. Einer von ihnen ſtand auf und ſchauete über die Ebene. „Ja“, ſagte er ſeine erſte Behauptung beſtätigend, „es iſt eine alte Bärin, von Wölfen umringt. Ha, ſie wollen einem ihrer Jungen zu Leibe. Voilà, messieurs! Sie hat eins davon auf ihrem Rücken. Enfant de garce, wie die Alte ſie im Schach hält! Sie ſucht ſich nach dem Waſſer durchzuſchlagen!“ Von den Worten des Voyageur geleitet, gewahrten nun unſere Jäger ganz deutlich, daß der weiße Gegen⸗ ſtand, der über die Wölfe emporragte, nichts mehr und 174 nichts weniger war, als ein großer Bär, und daß das, was ſie für einen Höcker auf ſeinem Rücken gehalten, ein zweiter Bär war— ein junger, welcher der Länge nach auf dem Rücken ſeiner Mutter ausgeſtreckt lag und ſich mit den Vordertatzen um ihren Hals heuumn feſtgeklammert hielt. Es war auch augenſcheinlich, daß, wie der Voyageur geſagt hatte, die alte Bärin ſich den Weg nach dem Fluß zu bahnen ſtrebte— ohne Zweifel in der Hoffnung, ſich nach dem Waſſer zurückzuziehen, wohin, wie ſie wußte, ihr zu folgen, die Wölfe nicht wagen würden. Dies war augenſcheinlich ihre Abſicht, denn während die Reiſenden in ihrem Boote ſtanden und ſie beobachte⸗ ten, kam ſie dem Fluß allmälig um mehrere Schrin näher. Trotz des grimmigen Eifers, womit die Wölfe den Angriff fortſetzten, beobachteten ſie doch bei dem Kampfe bedeutende Vorſicht. Sie hatten auch guten Grund dazu, denn vor ihren Augen lag ein Beiſpiel von dem, was ſie zu erwarten hatten, wenn ſie mit ihrer Feindin in aln nahe Be⸗ rührung kamen. Auf dem Boden, über welchen hin der Kampf ge⸗ raſt hatte, lagen drei oder vier von ihnen anſcheinend todt— während andere umherhinkten, oder ſich winſelnd davonſchlichen und die Wunden leckten, die ſie von den langen Krallen ihrer gewaltigen Gegnerin erhalten. Es war ein ziemlich ſeltſamer Umſtand, daß die 82 4 175 Wölfe auf dieſe Weiſe einen Eisbären angegriffen hat⸗ ten— einen Gegner, vor welchem ſie ſonſt die größte Furcht haben. Die Sache ward jedoch durch einen der Voyageurs erklärt, welcher ſagte, der fragliche Bär ſei ein ſchwacher — vielleicht halb verhungert und abgemattet vom Säugen der Jungen. Auch hätten ſie es nicht auf die alte Bärin ſelbſt, ſondern auf die Jungen abgeſehen, die ſie von ihrer Mutter zu trennen und auf dieſe Weiſe zu erlegen und zu zerreißen ſuchten. Vielleicht war ſchon eins davon zerriſſen worden, da man blos noch eins ſah, und eine Bärin wirft alle⸗ mal zwei Junge. Unſeren jungen Jägern fiel es nicht ein, dem ſelt⸗ ſamen Kampfe noch länger unthätig zuzuſchauen. Ihr ganzes Dichten und Trachten war darauf gerichtet, in den Beſitz der Bärin und ihres Jungen zu gelangen, und in dieſer Abſicht befahlen ſie den Voyageurs, das Boot dicht an das Ufer zu rudern und ſie an's Land ſteigen zu laſſen. Sobald als das Boot an das Ufer ſtieß, ſprangen beide hinaus und begaben ſich in Puſchkin's Begleitung nach dem Kampfplatze, während die Voyageurs in dem Boote zurückblieben. Ende des zweiten Bandes. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig erſchien ferner: Dreola oder Die aufgehende Sonne. 5 Von Capif. Nayne-Neid. 4 Aus dem Engl. 1 5 Bände. 8. geh. 1858. 2 Thlr. 15 Ngr. Quadrone oder Abentener in Loniſiana. 4 Von. Capit. Mayne-Reid. Aus dem Engl. 4 Bände. 8. geheftet. 1857. 2 Thlr. Die Verbannten oder Naturbilder ans den Wildnissen um Amazmuenstrume. Von Capif. Mayne-Neid. Deutſch von W. E. Drngulin. 2 Bände. 8. geheftet. 1855. 1 Thlr. Druckl von umlauf& Luͤder in Leipzig. —— 10 1 ſſſin 1 ſſ 12 1 Hqrrraqgaaaaaauumömun 6 17 18