Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 „ 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. K— 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1— Pf. 1 NMr. 50 Pf. 2 Mt. pf. -——-—-—: — 4———y ͤſͤſſſ— „ Amerikamische Viblithen. 408. Band. Meiſter Braun oder Zie große Bärenjagd. Von Capitain Mayne⸗Neid, Verf. von„Der weiße Häuptling“,„Am Lagerfeuer“,„Ocevla“,„Die wilde Jägerin“ ꝛc. ꝛc. Erſter Band. —AAANN Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann. 1862. Neiſter Braun oder Die große Bärenjagd. Von Capitain Mayne-Reid, Verf. von„Der weiße Häuptling“,„Am Lagerfeuer“,„Oceola“,„Die wilde Jägerin“ ꝛc. ꝛc. Aus dem Engliſchen. Erſter Band. eA e Leipzig, 1862. Verlag von Chr. E. Kollmann. -— * 2— ——— 1. Capitel. Der Palaſt Grodonoff. An den Ufern der Newa, in der Nähe der großen Stadt Petersburg ſteht ein prachtvoller Palaſt, unter dem Namen des Palaſtes Grodonoff bekannt. Derſelbe iſt das Eigenthum eines ruſſiſchen Edelmanns dieſes Namens, wie er auch der Wohnſttz deſſelben iſt. Wenn man an dem großen Hauptthore dieſes groß⸗ artigen Palaſtes vorfährt, ſo ſieht man über dem Ein⸗ gange ein in Granit gemeißeltes Wappen. Die hauptſächlichſte und auffälligſte Figur dieſes Wappens iſt ein Bär, in deſſen Bruſt ein Meſſer ſteckt, deſſen Heft von einer Menſchenhand gefaßt gehalten wird! Man öffne das Thor und trete in den umfang⸗ Meiſter Braun. I. 1 9 reichen Hofraum. Rechts und links inwendig ſieht man ſodann zwei lebendige Bären, beide von kaſtanienbrauner Farbe und jeder ſo groß wie ein Büffel. Der Eintretende kann nicht verfehlen, ſie zu be⸗ merken, denn es ſteht zehn gegen eins zu wetten, daß ſie mit wildem Gebrumm auf ihn zuſtürzen, und wür⸗ den ſie nicht durch eine ſtarke feſte Kette abgehalten, ihn zu erreichen, ſo möchte er wohl Grund haben, es zu bereuen, den Hof des Palaſtes Grodonoff betreten zu haben. Wenn er ſich in dem Hofraum umſchaut und einen Blick über die verſchiedenen Thüren deſſelben wirft, ſo wird er abermals das in Stein gemeißelte Bärenwappen ſehen, und über den Ställen, der Wagenremiſe, dem Getreideſpeicher und dem Küchenhauſe— überall wird er es gleichfalls erblicken. Alles dies wird ihm ſagen, daß es das Wappen des Barons Grodonoff iſt. Natürlich wird man hieraus ſchließen, daß irgend eine Geſchichte ſich an dieſes eigenthümliche Bild knüpft — daß es die Verewigung einer von einem Grodonoff verrichteten That iſt, die ihn berechtigt, den Bären im Wappen zu führen. Dies iſt auch vollkommen wahr und wenn man in die Bildergallerie des Palaſtes tritt, ſo ſieht man hier die That ausführlicher auf einem großen Oelgemälde dargeſtellt, welches auf in die Augen fallende Weiſe mitten an der Wand befeſtigt iſt. — 3 Der Schauplatz dieſes Gemäldes iſt ein Wald von alten Bäumen, deren graue knotige Stämme dicht bei⸗ ſammen ſtehen. Blos in der Mitte befindet ſich ein kleiner offener Raum und dieſer wird von drei Geſtalten eingenommen — zwei Männern und einem Bären. Der Bär ſteht zwiſchen den beiden Männern— oder vielmehr einer der Männer liegt auf dem Boden ausgeſtreckt— ein Schlag von Braun's Tatze hat ihn niedergeſtreckt— während das rieſige Thier auf ſeinen Hinterbeinen auf⸗ gerichtet neben ihm ſteht. Der zweite Mann ſteht noch auf ſeinen Füßen, im Kampfe mit der grimmigen Beſtie begriffen, und hat die Wahrſcheinlichkeit des Sieges für ſich, denn ſchon hat er ihr ſein langes und breites Jagdmeſſer gerade über der Gegend des Herzens in die Bruſt geſtoßen. In der That zeigt das zottige Ungeheuer, daß es nahe daran iſt, zu unterliegen. Seine Tatze iſt von der Schulter ſeines Gegners herabgeſunken, ſeine lange Zunge hängt heraus, das Blut ſtürzt ihm aus Maul und Nüſtern, und es iſt augenſcheinlich, daß die Kräfte es verlaſſen und daß es bald leblos zur Erde nieder⸗ ſinken wird. Man wird bemerken, daß die beiden Männer, welche auf dem Gemälde figuriren, ihrer äußern Erſcheinung nach ſehr verſchieden von einander ſind. Beide ſind junge Männer und beide tragen Jagd⸗ kleidung, die aber dennoch ſo verſchieden iſt, daß die 1* 3 4 Standesungleichheit der beiden Mäͤnner ſofort ins Auge ſpringt. Der auf dem Boden liegende ſt fehr reich gekleidet. Er trägt einen kurzen Rock von dem feinſten grünen Tuch, an den Säumen, dem Kragen und den Aermeln mit Zobelpelz beſetzt. Seine Beinkleider ſind von weißem Wildleder und die weichen, oben weiten Stiefeln reichen beinahe bis an ſeine Schenkel herauf. Sein Gürtel iſt reich geſtickt und der Griff ſeines kurzen, aus der Scheide hervorragenden Hirſchfängers iſt fein ciſelirt und mit Juwelen beſetzt. Ein leichter Federhut liegt auf dem Boden in der Nähe ſeines Kopfes. Augenſcheinlich iſt er bei dem Kampfe herunter⸗ gefallen— und daneben liegt ein Sauſpieß, der dem Jäger beim Sturze aus der Hand geſchnellt iſt. Das ganze Coſtüm des Daliegenden gleicht dem, wie wir es auf dem Theater zu ſehen pflegen, wenn ein junger deutſcher oder ſlaviſcher Fürſt auf der wilden Eberjagd in den Wäldern Litthauens dargeſtellt wird. In der That iſt es auch ein Fürſt, der auf dieſem Gemälde der Gallerie Grodonoff ſich den Augen des Beſchauers zeigt— aber es iſt kein deutſcher Fürſt— es iſt ein Ruſſe und der Bär iſt der ruſſiſche Bär. Der andere Jäger— der, welcher dem grimmigen Vierfüßler den Todesſtoß verſetzt hat— iſt auf ganz andere Weiſe gekleidet. Er trägt das Coſtüm eines Pelzjägers— eines — 5 Zobelfängers.— Es beſteht in einem Pelzrock mit einer Pelzmütze, mit einem ſtarken ledernen Gürtel um den Leib und Stiefeln von ungegerbtem Leder. Dieſe Tracht iſt eine gemeine und verräth einen Bauer, das Geſicht aber, ſo wie der Maler es darge⸗ ſtellt hat, iſt weder gemein noch häßlich. Es iſt aller⸗ dings nicht ſo ſchön wie das des Fürſten, denn es müßte ein ungeſchickter Künſtler ſein, welcher ſich überdies durchaus nicht auf ſeinen eigenen Vortheil verſtünde, wenn er das Geſicht eines Bauern eben ſo ſchön malte wie das eines Fürſten. In Rußland wäre eben ſo wie anderwärts ein ſo unkluger Maler eine höchſt ſeltene Erſcheinung. Das Gemälde, von welchem wir ſprechen, iſt der Stolz der Galerie Grodonoff. Seine Größe und in die Augen fallende Poſition deuten dies hinreichend an, und die Geſchichte, welche ſich daran knüpft wird zeigen, daß es dieſe Auszeichnung verdient. Ohne dieſes Ge⸗ mälde, oder vielmehr ohne die Scene, welche es dar⸗ ſtellt, gäbe es weder eine Galerie Grodonoff, noch einen Palaſt, noch einen Baron dieſes Namens. Gemälde, Palaſt, Titel— alles hat ſeinen Urſprung in dem hier dargeſtellten Ereigninß— dem Kampfe mit dem Bären. Die Geſchichte iſt einfach und läßt ſich in kurzen Worten erzählen. Der auf dem Rücken liegende Jäger, dem Hut und Speer entfallen ſind, iſt, wie ſchon erwähnt worden, ein ruſſiſcher Prinz, oder er war vielmehr einer, denn 6 zu der Zeit, wo unſere Geſchichte beginnt, iſt er ein Kaiſer. Er hatte einen wilden Eber gehetzt und ſich, wie dies jagdluſtigen Fürſten oft begegnet, dabei von ſeinen Höflingen und Begleitern entfernt. Die Hitze der Jagd hatte ihn immer weiter geführt bis in das Innerſte des Waldes hinein, wo er ſich plötz⸗ lich einem Bären gegenüber ſah. Fürſten haben ihren Jägerehrgeiz eben ſo gut wie andere Leute, und in der Hoffnung, eine Trophäe zu erobern, griff er den Bären mit ſeinem Sauſpieß an. Der Stoß aber, welcher durch das Fleiſch eines Ebers gedrungen ſein würde, äußerte keine Wirkung auf die zähe, dicke Haut des Bären. Er reizte ihn nur zur Wuth und, wie der braune Bär oft zu thun pflegt, ſtürzte er ſich grimmig auf ſeinen Angreifer und ver⸗ ſetzte mit ſeiner rieſigen Tatze dem Prinzen einen ſolchen „Patſch“ auf die Schulter, daß ihm nicht blos der Spieß aus der Hand geſchleudert, ſondern auch ſeine kaiſerliche Hoheit ſelbſt der Länge nach auf das Gras niederge⸗ ſtreckt ward. Seinen Vortheil verfolgend, hatte der Bär ſich über den Niedergeſtreckten hergeworfen und würde ihn ohne Zweifel binnen wenigen Augenblicken in eine Leiche ver⸗ wandelt haben, indem er ihn entweder durch eine ſeiner furchtbaren Umarmungen erſtickt, oder mit ſeinen ſcharfen Zähnen in Stücken geriſſen hätte. Im nächſten Augenblicke wäre, wie geſagt, die Hoff⸗ 7 nung Rußlands vernichtet geweſen, gerade in dieſer entſcheidenden Kriſis aber erſchien eine dritte Geſtalt auf dem Schauplatze und zwar in der Perſon eines jungen Jägers— eines wirklichen— der dem Bären ſchon nachgeſtellt und ſeine Spur bis hierher verfolgt hatte. Als der Jäger zur Stelle kam, legte er ſeine Kugel⸗ büchſe an und gab Feuer auf den Bären, da er aber ſah, daß der Schuß nicht genügte, ſo zog er ſein Meſſer und ſtürzte ſich auf das Thier. Es folgte nun ein verzweifelter Kampf, aus welchem, wie ſchon früher angedeutet worden, der junge Jäger als Sieger hervorging, denn es gelang ihm, ſeine Klinge dem Bären ins Herz zu ſtoßen, ſo daß der grimmige Vierfüßler ins Gras beißen mußte. Weder der Prinz noch der Bauer gingen ganz un⸗ verſehrt aus dem Kampfe hervor. Beide waren tüchtig zerkratzt, aber keiner hatte eine Wunde von ernſter Be⸗ ſchaffenheit davongetragen, und der Jagddilettant raffte ſich wieder auf mit dem Bewußtſein, daß er dem Tode nur mit genauer Noth entronnen war. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß der Fürſt ſehr verſchwenderiſch in dem Ausdrucke ſeiner Dankbarkeit gegen den Mann war, der ihm das Leben gerettet hatte. Der junge Jägersmann gehörte nicht mit zu dem Gefolge des Fürſten, ſondern war ihm völlig fremd und ſeine Heimath war der Wald, in welchem der Vor⸗ fall ſich ereignete. 8 Ihre Bekanntſchaft war jedoch begreiflicherweiſe mit dem Abenteuer ſelbſt nicht zu Ende. Der Prinz ward Kaiſer— der Jägersmann ward Offizier in der kaiſer⸗ lichen Garde, ſpäter Hauptmann, Oberſt, General und endlich Baron. Und wie hieß er? Grodonoff— derſelbe, in deſſen Palaſt das vorhin beſchriebene Gemälde hängt. — 2. Capitel. Der Barxon Grodonoff. In einem der Gemächer des Palaſtes Grodonoff ſehen wir den Beſitzer deſſelben, den Baron ſelbſt. Er ſitzt in einem alten Lehnſtuhle von Eichenholz, vor einem ſchwerfälligen Tiſche von demſelben Material. Auf dem Tiſche liegt eine Landkarte und neben dem Stuhl ſteht ein großer Globus. Mehrere an den Wänden ſtehende Bretgeſtelle enthalten Bücher und dennoch iſt das Zimmer nicht eine Bibliothek im eigentlichen Sinne des Wortes. Es iſt vielmehr ein großer, länglich runder Saal. Drei Seiten deſſelben werden von geräumigen Glas⸗ ſchränken eingenommen, in welchen naturgeſchichtliche Gegenſtände— Vögel, Vierfüßler, Reptilien und In⸗ 10 ſekten— alle gehörig präparirt und ſyſtematiſch geord⸗ net— zur Schau geſtellt ſind. Es iſt in der That ein Muſeum— eine Privat⸗ ſammlung— von dem Baron ſelbſt angelegt, und die Bücher, welche die Bretgeſtelle füllen, ſind Werke, die ſich ausſchließlich auf Naturwiſſenſchaften beziehen. In einem Manne von militairiſchem Aeußern— einem alten Veteran mit ſchneeweißem Haar und einem großen Schnurrbart von derſelben Farbe— und ein ſolcher iſt der Mann, der an dem Tiſche ſitzt— ſollte man kaum erwarten, den Freund eines Studiums von ſo friedlicher Art, wie die Naturgeſchichte iſt, zu finden. Man würde eher erwarten, ihn über Feſtungsplänen oder über einem Werke von Vauban brüten, oder ein Buch leſen zu ſehen, welches die Feldzüge eines Suwa⸗ roff, Diebitſch, Paskiewitſch oder Potemkin erzählt. In dem vorliegenden Falle aber bewährte ſich das Sprichwort: Der Schein trügt. Obſchon der Baron ein ausgezeichneter Offtzier ge⸗ weſen war und gute Dienſte geleiſtet hatte, ſo war er doch ein eifriger Freund der Naturſtudien. Seine Jugend, die er als Jäger verlebt, hatte in ihm eine Vorliebe zur Naturgeſchichte erzeugt, und dieſer Hang war, ſobald die Gelegenheit ſich dazu darbot, durch Studium und Forſchungen weiter entwickelt worden. Es war jetzt nicht mehr eine Vorliebe, ſondern eine Leidenſchaft, und in ſeiner Zurückgezogenheit ward bei⸗ nahe ſeine ganze Zeit dieſem Lieblingsſtudium gewidmet. 11 Ein bedeutendes Vermögen, welches ſein dankbarer Monarch ihm geſchenkt, ſetzte ihn in den Stand, über die Mittel zur Befriedigung ſeines Lieblingshanges zu verfügen, und die prachtvolle Sammlung, von welcher er umringt war, gab Zeugniß, daß er bei dieſer Be⸗ friedigung keine Koſten ſparte. Es war eine Landkarte und ein Globus, was jetzt ſeine Aufmerkſamkeit beſchäftigte. Konnten dieſe Gegen⸗ ſtände auf eine naturgeſchichtliche Frage Bezug haben? Auf indirekte Weiſe allerdings und aus dem Nach⸗ folgenden wird ſich die Anweſenheit dieſer Gegenſtände erklären. Eine Handklingel ſtand auf dem Tiſche. Der Baron ließ ſie ertönen und ehe noch ihr Schall verhallt war, öffnete ſich die Thür und ein Diener trat in das Gemach. „Rufe meine Söhne herbei!“ Der Diener verneigte ſich und verſchwand. Wenige Minuten darauf traten zwei Jünglinge in das Gemach. 1 Sie ſchienen ſechszehn und achtzehn Jahre zu zählen. Dceer eine, der ältere und größere, war von etwas dunkler Geſichtsfarbe mit braunem, langlockigem Haar und hellbraunen Augen. Der Ausdruck ſeines Geſichts war der eines jungen Mannes von feſtem und faſt ernſtem Charakter, während ſeine Kleidung oder viel⸗ mehr die Art und Weiſe, wie er dieſelbe trug, verrieth, daß er in Sachen der äußern Erſcheinung nicht ganz ohne Eitelkeit war. Dabei war er ſchön und beſaß jene 12 ariſtokratiſche Miene, welche dem ruſſiſchen Adel gemein⸗ ſam zu ſein pflegt. Dies war Alexis. Der jüngere Bruder unterſchied ſich von ihm ſo ſehr, als ob gar keine Verwandtſchaft zwiſchen ihnen exiſtirte. 3 Er war mehr der Sohn ſeiner Mutter, der Baronin, während Alexis die Züge und auch zum großen Theil die Gemüthsart ſeines Vaters geerbt hatte. Iwan war ein blonder Jüngling, deſſen goldene Locken über eine weiße Stirn und Wangen herabfielen, welche mit der Farbe der Roſe überhaucht waren. Seine Augen waren dunkelblau, ſo wie man ſie unter den ſlaviſchen Völkerſtämmen oft ſieht, und ihr raſches Fun⸗ keln verrieth, daß in der Bruſt Iwan's ein Herz ſchlug, welches von muntern Gedanken erfüllt und ſtets zu Muthwillen und Heiterkeit, aber ohne irgend eine Bei⸗ miſchung von Bosheit, aufgelegt war. Beide näherten ſich ihrem Vater mit einem ernſten Ausdruck des Geſichts. Der des ältern Bruders ver⸗ rieth Aufrichtigkeit, während Iwan ſich mit der Miene eines Menſchen heranſtahl, der ſo eben mit irgend einem liſtigen, muthwilligen Streich beſchäftigt geweſen iſt und eine ſchüchterne Haltung annimmt, um es zu verbergen. Noch ein Wort über dieſe beiden Jünglinge und den Zweck, um deſſen willen ihr Vater ſie hatte zu ſich rufen laſſen. Sie waren jetzt beide ſeit länger als zehn Jahren 13 unter einem der fähigſten Lehrer, welche Rußland be⸗ ſaß, mit dem Studium von Büchern beſchäftigt geweſen. Ihr Vater hatte ſelbſt viel Zeit auf ihren Unterricht verwendet, und ſie hatten natürlich eine ähnliche Richtung genommen wie die, welche ihren Vater charakteriſirte. Ganz beſonders war dies bei Alexis der Fall. Dieſer hatte eine außerordentliche Vorliebe für das Studium der Natur eingeſogen, während IJwan mehr die Berichte von großen aufregenden Ereigniſſen liebte und einen überwiegenden Hang zu dem Glanze des Weltlebens beſaß, in welchem er ſehnlich eine Rolle zu ſpielen wünſchte. Der Inhalt der Bücher, welche durch ihre Hände gegangen waren— eine große Anzahl derſelben hatte in Reiſebeſchreibungen beſtanden— hatte in dieſen Jünglingen den Wunſch erzeugt, die Welt zu ſehen— einen Wunſch, der mit jedem Tage ſtärker und heftiger ward. Dieſer Wunſch war ihrem Vater durch allerlei Winke und Andeutungen oft zu erkennen gegeben worden. End⸗ lich jedoch war dies auf beſtimmtere Weiſe mittelſt einer ſchriftlichen Petition geſchehen, welche die Jünglinge nach langer Berathung aufgeſetzt und ihm überreicht hatten, und welche jetzt aufgeſchlagen vor ihm auf dem Tiſche lag. Dieſe Petition enthielt einfach die vereinte Bitte der Jünglinge, daß ihr Vater die Güte haben möchte, 14 ihnen zu erlauben, auf Reiſen zu gehen und fremde Länder zu ſehen. Wohin und wie ſie reiſen ſollten, dies ſtellten ſie ſeinem weiſen Rathe und ſeiner Umſicht gänzlich anheim. Um dieſe Petition zu beantworten, hatte er jetzt ſeine Söhne vor ſich rufen laſſen. 3. Capitel. Der verſiegelte Befehl. „Alſo, Jungens,“ ſagte der Baron, ſeinen Blick auf ſie heftend,„Ihr wünſcht auf Reiſen zu gehen— Ihr wünſcht die Welt zu ſehen— nicht wahr?“ „Allerdings, Papa,“ antwortete Alexis beſcheiden. „Unſer Lehrer ſagt uns, daß wir nun hinreichend mit Kenntniſſen ausgeſtattet ſind, um auf Reiſen gehen zu können, und wenn Du nichts dagegen einzuwenden haſt, ſo würden wir ſehr gern eine Tour machen.“ „Wied ehe Ihr die Univerſität beſucht habt?“ „Aber, Papa, ich glaubte, Du wollteſt uns jetzt noch nicht auf die Univerſität ſchicken. Sagteſt Du nicht, ein Jahr Reiſen ſei eben ſo viel werth als zehn Jahr auf einer Univerſität?“ 16 „Das kann ich vielleicht geſagt haben, aber es kommt darauf an, wie man reiſt. Wenn Ihr blos reiſt, um Euch zu amüſiren, ſo könnt Ihr die ganze Welt durch⸗ reiſen und dennoch nicht klüger zurückkommen als Ihr fortgegangen ſeid. Ich habe Manchen gekannt, der eine Seereiſe um die ganze Erde gemacht hatte, ohne die Kenntniß einer einzigen Thatſache mitzubringen, die er nicht auch zu Hauſe hätte erlangen können. Ihr er⸗ wartet vielleicht, in bequemen Eiſenbahnwagen und ſchön eingerichteten Dampfſchiffen zu reiſen und in prächtigen Hotels zu ſchlafen. Iſt dies wirklich der Fall?“ „O nein, Papa. Was Du mir auch vorſchreiben magſt, das wird mir angenehm ſein,“ ſagte Alexis. „Was mich betrifft,“ ſetzte Jwan hinzu,„ſo bin ich auch durchaus nicht eigenſinnig. Ich kann mich mit Wenigem behelfen und bin durchaus nicht verwöhnt.“ Es lag in Jwan's Redeweiſe ein gewiſſer Anflug von Prahlerei, welcher verrieth, daß er gerade keine große Luſt hatte, ſich mit Wenigem zu behelfen, und daß er blos ſo that, weil er nicht glaubte, daß ſein Vater ihn beim Wort halten würde. „Wenn ich Euch erlaube, auf Reiſen zu gehen,“ fuhr der Baron fort,„wo möchtet Ihr dann hingehen? Du, Alexis— nach welchem Theile der Welt würde Deine Neigung Dich führen?“ „Ich möchte die neue Welt, Amerika, ſehen— ihre ſtattlichen Flüſſe, Wälder und Gebirge. Ja, ich würde Amerika beſuchen, wenn es meiner Wahl überlaſſen * — — 17. bliebe. Ich werde mich jedoch ganz nach Dir richten, Papa, und thun, was Du wünſcheſt.“ „Und wohin möchteſt Du, Iwan?“ „Ich möchte vor allen Dingen nach Paris,“ ent⸗ gegnete Jwan, ohne zu ahnen, daß dieſe Antwort ſeinem Vater unangenehm ſein würde. „Das hätte ich mir denken können,“ murmelte der Baron, während ein leichtes Zürnen ſeine Stirn um⸗ wölkte. „O Papa,“ ſetzte Iwan hinzu, als er den Schatten von Unmuth bemerkte,„es liegt mir durchaus nichts Beſonderes an Paris. Ich bin bereit, irgend wohin zu gehen— nach Amerika— wenn dies Alexis am liebſten iſt— ich will eine Reiſe um die Welt machen, wenn es gewünſcht wird.“ „Hal hal ha!“ lachte der Baron,„das klingt beſſer, Iwan, und da Du nichts dagegen haſt, ſo ſollt Ihr wirklich eine Reiſe um die ganze Welt machen.“ „Wirklich? Ich freue mich ſehr, dies zu hören,“ ſagte Alexis. 4 „Wiel wir ſollen alle großen Städte der Welt be⸗ ſuchen!“ rief Iwan, deſſen Gemüth augenſcheinlich mit den Vergnügungen und Freuden großer Städte be⸗ ſchäftigt war. „Nein,“ entgegnete ſein Vater,„das ſollt Ihr meiner Abſicht zufolge gerade nicht thun. Man kann in großen Sctädten allerdings Vieles lernen, aber auch Vieles, was man beſſer gar nicht lernt. Ich habe nichts dawider, 2 Meiſter Braun. I. 18 daß Ihr auch große Städte paſſirt— denn es wird auf Eurer Reiſe ſehr oft gar nicht anders geſchehen können— aber eine der Bedingungen, die ich vor⸗ ſchreiben werde, beſteht darin, daß Ihr in keiner großen Stadt länger verweiſt als Ihr Zeit braucht, um wieder hinauszukommen. Länder ſollt Ihr bereiſen— Natur⸗ ſcenen ſollt Ihr ſehen— aber nicht größere oder kleinere Städte, wo Ihr wenig mehr ſehen würdet, als Ihr hier in Petersburg ſelbſt ſehen könnt. Die Natur ſollt Ihr kennen lernen, und Ihr müßt ſie daher in ihren urſprüng⸗ lichſten Formen ſehen. Nur dann könnt Ihr ſie in ihrer ganzen Größe und Erhabenheit würdigen.“ „Abgemacht, Papa!“ riefen beide Jünglinge gleich⸗ zeitig.„Wohin wünſcheſt Du, daß wir reiſen?“ „Um die ganze Welt herum, wie Iwan ſich vorhin erbot.“ 4 „O, das iſt eine lange Reiſe. Dann ſegeln wir wohl über das atlantiſche Meer, gehen über die Landenge von Panama und ſetzen unſere Reiſe auf dem ſtillen Welt⸗ meere weiter fort? Oder ſollen wir, wie Magellan, die Reiſe um das Kap Horn machen?“ „Keins von beiden— ich wünſche mehr, daß Ihr große Reiſen zu Land als zur See macht. Die erſteren ſind weit lehrreicher, obſchon ſie mehr Zeit und An⸗ ſtrengung koſten werden. Bedenket wohl, meine Söhne, ich ſchicke Euch nicht hinaus, damit Ihr ohne einen Zweck Euer Leben auf's Spiel ſetzt. Ich habe mehr als einen Zweck. Erſtens wünſche ich, daß Ihr Euer Stu⸗ — uU u—2— u 8 ₰ A+8 u—8 α₰( 19 dium der Naturwiſſenſchaften beendet, deren Elemente ich Euch gelehrt habe. Die beſte Schule hierzu iſt das Bereich der Natur ſelbſt, welche Ihr auf Euern Reiſen erforſchen ſollt. Zweitens bin ich, wie Ihr Beide wißt, ein großer Freund von allen Naturgegenſtänden, ganz beſonders von denen, welche Leben haben— den Thieren der Erde und den Vögeln der Luft. Dieſe müßt Ihr in ihren heimiſchen Bereichen mit ihren Gewohnheiten und Lebensweiſen beobachten. Ihr werdet ein Tage⸗ buch über alle Thatſachen und Ereigniſſe führeit, welche des Niederſchreibens werth ſind, und ausführlich alle Abenteuer ſchildern, die Euch auf Eurer Reiſe zuſtoßen und von welchen Ihr glaubt, daß ſie zu leſen mir nach Eurer Rückkehr intereſſant ſein werden. Mit den Mitteln zur Ausführung Eurer Reiſe werde ich Euch reichlich verſehen, aber Ihr ſollt kein Geld durch müßiges Verweilen in großen Städten verſchwenden, ſondern da⸗ mit blos die nothwendigen Koſten Eurer Reiſen be⸗ ſtreiten. Der Kaiſer iſt ſo gnädig geweſen, Euch ein Circular ausfertigen zu laſſen, welches Euch die nöthigen Fonds und jeden Beiſtand, deſſen Ihr ſonſt bedürfen mögt, bei ſeinen Vertretern in allen Theilen der Welt verſchaffen wird.“ „Wir verſprechen, uns ſtreng an Deine Inſtructionen zu binden, lieber Vater. Aber wohin wünſcheſt Du, daß wir gehen?“ Es war Alexis, welcher dieſe Frage that. Der Baron ſchwieg einige Augenblicke, ehe er ant⸗ 2* 20 wortete. Dann nahm er aus ſeinem Pult ein verſiegel⸗ tes Papier, welchem man anſah, daß es vor Kurzem erſt zuſammengebrochen worden. Dieſes Blatt hielt er empor und ſagte in ernſtem Tone: „In dieſem Document werdet Ihr die Bedingungen finden, unter welchen ich Euch erlaube, zu reiſen. Ich verlange nicht von Euch, daß Ihr Euch eher damit ein⸗ verſtanden erklären ſollt, als bis Ihr dieſelben ſorgfältig geprüft und überlegt habt. Ihr werdet Euch deshalb auf Euer Zimmer begeben, dieſes Document durchleſen und, nachdem Ihr den Inhalt gebührend erwogen, wiederkommen und mir ſagen, ob Ihr auf dieſe Be⸗ dingungen eingeht, denn wenn dies nicht der Fall iſt, ſo findet die Reiſe nicht ſtatt.“ „Bei Peter dem Großen,“ flüſterte Jwan ſeinem Bruder zu,„es müßten ſehr harte Bedingungen ſein, wenn wir nicht darauf eingingen.“ Alexis nahm das Papier in Empfang und beide Brüder verneigten ſich dann vor ihrem Vater und be⸗ gaben ſich auf ihr Zimmer. Das Siegel ward ſofort erbrochen und nicht ohne einige Ueberraſchung laſen ſie den Inhalt des Docu⸗ ments. Es war in der Form eines Briefes abgefaßt und lautete folgendermaßen: „Meine Söhne Alexis und Iwan! „Ihr habt den Wunſch ausgeſprochen, auf Reiſen zu gehen und mich erſucht, Euch meine Erlaubniß hier⸗ zu zu geben. 21 „Ich gehe auf Euer Verlangen ein, aber nur unter den folgenden Bedingungen: „Ihr müßt mir ein Fell von jeder auf der Erde bekannten Bärengattung verſchaffen. „Ich meine damit nicht ſolche Gattungen, welche man zufällige nennt und die ihren Entſtehungsgrund in Albinismus oder ähnlichen Umſtänden haben, ſondern jede Art oder Gattung, welche den Naturforſchern be⸗ kannt und als auf die Dauer beſtehend anerkannt iſt. „Die Bären, von welchen dieſe Felle zu erbe ten ſind, müſſen in ihren heimiſchen Regionen u Euren eigenen Händen erlegt werden— ohn einen Beiſtand als den eines Begleiters, den mitgeben werde. „Um die Euch von mir geſtellte Aufgabe zu löſen⸗ wird es für Euch nothwendig ſein, die Reiſe um die Welt zu machen; doch füge ich die weitere Bedingung hinzu, daß Ihr ſie blos ein Mal macht. „Was die Breitengrade betrifft, ſo laſſe ich Euch freien Spielraum— von Pol zu Pol, wenn es Euch beliebt“—(dies war eine ſo ausgedehnte Freiheit, daß beide Jünglinge darüber lachen mußten)—„in Bezug auf die Längengrade aber nicht. „Ihr dürft denſelben Meridian nicht zwei Mal. paſſiren, ehe Ihr nach Petersburg zurückkehrt. „Es iſt nicht meine Abſicht, dieſe Bedingung auf ſolche Querwege anzuwenden, die zu machen Ihr viel⸗ leicht gezwungen ſeid, während Ihr auf der wirk⸗ 22 lichen Verfolgung eines Bären Euch befindet, oder wenn Ihr der Spur des Thieres nach ſeiner Höhle nachgeht— ſondern blos, wenn Ihr auf Eurer Reiſe unterwegs ſeid. „Ihr werdet von Petersburg abreiſen und Euch öſtlich oder weſtlich wenden, wie es Euch beliebt. Aus den Bedingungen, die ich Euch geſtellt habe, werdet Ihr hoffentlich abnehmen, daß Euch ein Weg vorge⸗ zeichnet iſt, und daß Ihr bei Eurem Aufbruche denſelben entweder öſtlich oder weſtlich verfolgen könnt. Dies nebſt allem Anderen, was ſich auf Eure Art und Weiſe zu reiſen bezieht, ſtelle ich Eurer eigenen Wahl anheim, und ich hoffe, daß die praktiſche Er⸗ ziehung, die Ihr erhalten, Euch in den Stand ſetzen werde, Eure Tour mit der gebührenden Umſicht zu machen.“ —„Eine Tour!“ rief Iwan.— „Seid Ihr einmal aus meinem Palaſt hinaus, ſo bekümmere ich mich weiter nicht um Euch. Ihr werdet wahrſcheinlich einige Jahr älter ſein, ehe ich Euch wieder⸗ ſehe— ich hoffe aber, daß dieſe Zeit nicht weggeworfen ſein wird, und daß Ihr bei Eurer Rückkehr im Stande ſein werdet, gehörige Rechenſchaft darüber zu geben. „Dies iſt die innige Hoffnung und der angelegent⸗ liche Wunſch „Eures „Euch liebenden Vaters „Michael Grodonoff.“ 4. Capitel. Beſprechung der Bedingungen. Die beiden Jünglinge wurden durch den Inhalt dieſes eigenthümlichen Briefes in nicht geringes Erſtaunen ge⸗ ſetzt, nichtsdeſtoweniger aber erſchienen ihnen die geſtell⸗ ten Bedingungen weder hart noch unbillig, und ſie waren nur zu gern bereit, darauf einzugehen. Den Beweggrund ihres Vaters erriethen ſie zum Theil. Sie wußten, daß er ihnen Beiden mit wahrhaft väterlicher Liebe zugethan war, aber ſeine Liebe war nicht von der Art, daß er gewünſcht hätte, ſeine Kinder innerhalb des Umkreiſes ſeines bequemen Palaſtes zu verhätſcheln und zu verweichlichen. Er hatte von dem, was ihren künftigen Intereſſen zuträglich ſein würde, einen ganz andern Begriff. Er glaubte an die Erziehung, welche in der Schule der 24 rauhen Natur und der Reiſen erlangt wird, mehr als an die Bücherweisheit klaſſiſcher Univerſitäten, und er hatte ſich vorgenommen, daß ihnen dieſe Ausbildung in vollem Maße zu Theil werden ſollte. Er hatte beſchloſſen, daß ſie die Welt ſehen ſollten — nicht in dem Sinne, welchen man mit dieſer Redens⸗ art gewöhnlich verbindet— nicht die Welt der großen Städte mit ihrem gehaltloſen Schaugepränge und ihren Laſtern— ſondern die Welt der Natur; und damit ſie Gelegenheit haben ſollten, dieſe Art Welt durch und durch kennen zu lernen, hatte er ihnen einen Weg vor⸗ gezeichnet, der ſie in deren wildeſtes Bereich führen und ihnen deren ſeltenſte und urſprünglichſte Formen er⸗ ſchließen ſollte. „Auf mein Wort, Bruder,“ rief IZwan, als Alexis den Brief zu Ende geleſen hatte,„wir werden uns nach Herzensluſt ſatt reiſen können. Unſer Papa hat ein ſeltſames Mittel ergriffen, um uns von den Mauern großer Städte entfernt zu halten.“ „Ja,“ antwortete Alexis ruhig,„es giebt nicht viele große Städte, in welchen Ueberfluß an Bären wäre.“ „So ſeltſame Bedingungen!“ ſetzte Iwan hinzu. „Ich möchte wiſſen, was unſer Vater damit beabſichtigt, daß er ſie uns auferlegt.“ 3 „Das weiß ich allerdings ſelbſt nicht recht. Nur ein einziger Umſtand ſcheint es zu erklären.“ „Und was für ein Umſtand iſt das, Bruder?“ „Du kennſt, Jwan, das Intereſſe, welches Papa an 25 Allem nimmt, was Bezug auf Bären hat. Es iſt dies, wie die Leute ſagen, faſt eine Manie bei ihm geworden.“ „Das iſt wahr; dies iſt vielleicht der Grund, der ihn zuerſt bewogen hat, ſich für dieſe Thiere zu intereſ⸗ ſiren.“ „Aber uns dieſe ſonderbaren Bedingungen zu ſtellen!“ fuhr Iwan fort.„Sieht dies nicht ein wenig excentriſch aus?“ „Ohne Zweifel hat Papa ſeine Abſichten,“ entgeg⸗ nete Alexis.„Wer weiß, ob er nicht mit dem Plane umgeht, eine Monographie über die Bären zu ſchreiben? Deshalb wünſcht er vielleicht eine vollſtändige Samm⸗ lung ihrer Häute zu haben— das vollſtändige Coſtüm eines jeden Mitglieds von Meiſter Braun's Familie. Wohlan, wir müſſen unſer Möglichſtes thun, um ihm dieſelben zu verſchaffen. Es kommt uns nicht zu, die Be⸗ weggründe unſers theuern Vaters erörtern zu wollen. Unſere Pflicht iſt, ſeinen Befehlen zu gehorchen— mag die Aufgabe auch noch ſo widerwärtig oder ſchwierig ſein.“ „O ganz gewiß, Bruder; das gebe ich zu, und ich bin vollkommen bereit, zu gehorchen und mich jeder Auf⸗ gabe zu unterziehen, welche unſer guter Papa uns zu ſtellen geeignet finden mag.“ Ganz gewiß war Grund zu dem Erſtaunen vor⸗ handen, womit die Zünglinge den Brief geleſen hatten. Der Inhalt deſſelben wäre ihnen vielleicht noch wunder⸗ licher erſchienen, wenn nicht ihr Vater ihn geſchrieben hätte. 26 Uebrigens würden ſie auch, wenn ſie nicht ſchon einen gründlichen Unterricht in den Naturwiſſenſchaften von ihm erhalten hätten, es ſchwierig— wo nicht ganz unmöglich gefunden haben, ſeinen Inſtructionen nach⸗ zukommen. Ein Bär von jeder bekannten Gattung ſollte erlegt und abgehäutet werden— noch dazu in ſeiner Heimath und von ihren eigenen Händen, was natürlich bedeutete, daß ſie jedes Land, wo Bären zu finden ſind, beſuchen und ein Fell von jeder Art ſich verſchaffen ſollten. Trotz ihrer Jugend waren beide Jünglinge gute Jäger und ganz vorzügliche Schützen. Selbſt zu dieſem Berufe erzogen, hatte ihr Vater ſie frühzeitig in das Jägerhandwerk eingeweiht, und außer den naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Kenntniſſen, die er ihnen mitgetheilt, hatte er ſie auch Selbſtvertrauen gelehrt, ſo wie es ſonſt nur Menſchen im vollen gereiften Mannesalter zu beſitzen pflegen. Beide waren an die Gefahren und Beſchwerden ge⸗ wöhnt, von welchen das Leben eines Jägers begleitet zu ſein pflegt. Beide waren recht wohl im Stande, ein paar Tage ohne Speiſe oder Trank zuzubringen; ſie konnten unter freiem Himmel ſchlafen, ohne Zelt und ohne ein anderes Lager als die Grasdecke der Erde. Alle dieſe Erfahrungen hatten ſie bereits in dem kalten Klima ihres eigenen Vaterlandes durchgemacht, und es war nicht wahrſcheinlich, daß ſie irgendwo auf der ganzen Erde ein ſtrengeres antreffen würden. 27 Die jungen Grodonoffs hatten eine beinahe ſpar⸗ taniſche Erziehung genoſſen und fürchteten weder Be⸗ ſchwerden noch Gefahren. Sie waren gerade die jungen Männer, welche das ihnen von väterlicher Hand vor⸗ gezeichnete eigenthümliche Programm durchführen konnten. Aber war dies auch wirklich möglich? Dies war die erſte Frage der beiden Brüder. Das kurze Kapitel dieſer Inſtructionen enthielt einige ſehr ſonderbare Punkte. Den Breitegraden nach konnten ſie ſich, ganz wie die Umſtände es ver⸗ langten, bewegen, aber nicht den Längengraden nach. War es unter dieſen Beſchränkungen wohl möglich, die Schlupfwinkel aller Bären aufzuſuchen und gleichſam die ganze Fläche von Meiſter Braun's geographiſcher Verbreitung zu durchwandern? Daß es möglich war, ließ ſich aus der Thatſ ſache ſchließen, daß ihr Vater den Befehl dazu gegeben hatte; dennoch aber war es für die jungen Reiſenden noth⸗ wendig, vorſichtig zu Werke zu gehen, weil ſie ſonſt leicht einen falſchen Weg einſchlagen konnten und dann ganz außer Stande waren, ſeine Inſtructionen auszu⸗ führen. Sie ſollten einen und denſelben Meridian nicht zwei Mal paſſiren. Dies war eine ſeltſame Bedingung, die ihnen viel Kopfzerbrechens verurſachte und es nothwendig machte, ſich vor einem Aufbruch nach falſcher Richtung hin zu hüten. Zum Glück war Alexis ein vollendeter Zoolog und 28 hatte die geographiſche Verbreitung des Genus Ursus vollkommen inne. Ohne dieſe Kenntniß würden ſie ſehr in Verlegenheit geweſen ſein, welche Richtung ſie ein⸗ zuſchlagen hätten. „Wohlan, Bruder Jwan,“ ſagte Alexis lächelnd, „wären dieſe Inſtructionen ausgefertigt worden, als der große Schwede ſein Systema Naturae veröffentlichte, ſo wäre unſere Aufgabe ſehr leicht zu löſen geweſen. Wie weit glaubſt Du wohl, daß unſere Reiſen ſich dann zu erſtrecken gebraucht hätten?“ „Ich verſtehe Dich nicht recht, Alexis. Wie weit, ſagſt Du?“ „Ja, wie weit?— Nicht weiter als bis in den Hof unſeres Palaſtes. Es wäre blos nöthig geweſen, einen der an unſerm großen Thore angeketteten Bären zu tödten und abzuhäuten und dies würde alle Bedingungen erfüllt haben, welche unſer Papa uns auferlegt hat.“ „Und dennoch verſtehe ich Dich noch nicht,“ ent⸗ gegnete Iwan mit verlegenem Blicke. „Wie ſchwer begreifſt Du doch, Bruder! Lies den Brief noch einmal und achte wohl auf die Ausdrücke deſſelben.“ „Wohlan, ich verſtehe ſie. Wir ſollen immer weiter⸗ reiſen und nicht eher wieder nach Hauſe kommen, als bis wir einen Bären von jeder bekannten Gattung er⸗ legt haben.“ „Ganz richtig. Natürlich meint Papa jede den Naturforſchern, das heißt der wiſſenſchaftlichen 29. Welt, wie man es nennt, bekannte Gattung. Verſtehſt Du nun, was ich meine?“ „Ja wohl,“ antwortete Jwan,„Du meinſt, daß, als Linné ſein Syſtem der Natur veröffentlichte, den Naturforſchern blos unſer brauner europäiſcher Bär be⸗ kannt war.“ „Ganz richtig. Man kannte damals blos den Ursus arctos, und demzufolge hätten wir im Verhältniß mit der Reiſe, die jetzt vor uns liegt, eine nur ſehr kurze zu machen gehabt. Allerdings machte der ſchwediſche Naturforſcher vor ſeinem Tode noch die Bekanntſchaft des Eisbären(Ursus maritimus), ſeltſamerweiſe aber betrachtete er dieſen blos als eine Abart des Ursus are- tos— ein Irrthum, über den man ſich bei einem Linné mit Recht wundern muß.“ „O, da beſteht allerdings ein großer Unterſchied— das weiß ich ſelbſt. Abgeſehen von der Farbe ſind ſie auch hinſichtlich der Geſtalt einander unähnlich und ihre Lebensgewohnheiten ſind, wie Jedermann weiß, ſehr verſchieden. Der eine lebt in Wäldern und nährt ſich hauptſächlich von Früchten, während der andere auf den Schnee⸗ und Eisgefilden wohnt und faſt ausſchließlich von Fleiſch oder Fiſchen lebt. Eine Abart— das wäre noch beſſer! Nein, ſie ſind ganz gewiß zwei verſchiedene Species.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Alexis,„aber wir werden Gelegenheit haben, ſie ſpäter mit einander zu vergleichen. Vor der Hand müſſen wir den Gegenſtand 30 fallen laſſen und den Reiſeweg ausfindig zu machen ſuchen, welchen Papa uns vorgezeichnet hat.“ „Aber er hat ja gar keinen Weg vorgezeichnet, wie?“ „Nein, er hat ja gar keinen beſtimmten Weg vorge⸗ zeichnet. Er erlaubt uns zu gehen, wohin wir wollen, dafern wir nur die Bärenhäute erlangen und unſern Meridian nicht zum zweiten Male paſſiren. Wir ſollen unſere Spur niemals zurückverfolgen— ha! ha! ha!“ „Verſteht ſich. Aber Du wirſt finden, daß wir, um dies zu vermeiden, eine beſtimmte Richtung einſchlagen müſſen und keiner andern folgen dürfen.“ „Auf mein Wort, Bruder, ich begreife nicht, was Du meinſt. Ich werde alles Dir anheimſtellen. Führe mich wohin Du willſt. Welchen Weg werden wir alſo einſchlagen?“ „Ja, das muß erſt noch beſtimmt werden. Ich kann es ſelbſt nicht ſagen und werde einige Zeit brauchen, ehe ich gewiß weiß, welche Richtung wir beim Antritt unſerer Reiſe zu nehmen haben— ob nach Oſt, Weſt, Nord oder Süd. Ich werde erſt eine Landkarte zu Rathe ziehen und die Grenzen der verſchiedenen Länder aufſuchen müſſen, in welchen König Braun unumſchränk⸗ ter Herrſcher iſt.“ „Ah, das wird eine intereſſante Lection für mich ſein! Hier iſt die Landkarte; laß mich ſie ausbreiten und thun, was ich kann, um Dir den Weg ausfindig machen zu helfen.“. Indem Zwan dies ſagte, zog er eine große Reiſe⸗ * 4 4 —— 31 karte aus ihrem Futteral, ſchlug ſie auseinander und legte ſie auf den Tiſch. Beide Jünglinge ſetzten ſich, ließen ihre Augen über die Karte ſchweifen und begannen die Richtung zu be⸗ ſprechen, welche ſie den ihnen auferlegten Bedingungen zufolge nothwendig einſchlagen mußten. 4 5. Capitel. Das Aufſuchen des Weges. „ Erſtens, ſagte Alexis,„giebt es den braunen Bären (Ursus arctos). Dieſen könnten wir in vielen Theilen unſeres Vaterlandes finden, denn er wird auch der ruſ⸗ ſiſche Bär genannt; aber es giebt auch einen ſchwarzen Bären, der, wie einige Naturkundige ſagen, eine Abart des Ursus arctos iſt, während Andere glauben, er ſei eine beſondere Species, weshalb ſie ihm den beſondern Namen Ursus niger gegeben haben— zuweilen nennt man ihn auch Ursus ater. Mag er nun aber eine Species oder blos eine Abart ſein, ſo müſſen wir auf alle Fälle eine Haut von ihm bekommen, denn Papa hat dies ganz beſtimmt ausgedrückt.“ „Dieſer ſchwarze Bär iſt alſo in unſeren eigenen nördlichen Wäldern zu finden, nicht wahr?“ —-õ-———— 33 „Ja, er iſt dort beobachtet worden, häufiger aber in den Gebirgen Scandinaviens, und da wir den ganzen Norden Rußlands durchwandern könnten, ohne einen zu finden, ſo wird es das Beſte ſein, wenn wir uns ſofort nach Norwegen oder Lappland begeben. Dort werden wir die Gewißheit haben, auch den braunen Bären anzutreffen und auf dieſe Weiſe zwei Fliegen mit einer Klatſche zu erlegen.“ „Alſo nach Lappland! Die kleinen Lappen zu ſehen, wird mir Vergnügen machen; aber wohin dann? Nach Nordamerika wohl?“ „Keineswegs. In den Pyrenäen und andern ſpa⸗ niſchen Gebirgen— beſonders in Aſturien— giebt es auch einen Bären. Die meiſten Naturkundigen halten ihn ebenfalls blos für eine Abart des Ursus arctos, aber er iſt ganz gewiß eine beſondere Species, und Papa iſt derſelben Meinung. Einige Naturkundige behaupten, daß es in der ganzen Welt blos drei oder vier unter⸗ ſchiedene Species gebe. Eben ſo gut aber könnten ſie auch ſagen, es gebe blos eine. Ich halte es für beſſer, Papa's Anſichten in dieſer Beziehung zu folgen und alle Bären, welche dauernde Unterſcheidungszeichen beſitzen — gleichviel ob in Bezug auf Größe, Farbe oder ſonſt — als eben ſo viele beſondere Species zu betrachten, wie ähnlich ſie auch hinſichtlich ihrer Lebensweiſe einan⸗ der ſein mögen. Manche Naturkundige nennen ſogar den amerikaniſchen ſchwarzen Bären blos eine Abart unſeres braunen, und, wie ich vorhin ſagte, Linné glaubte, Meiſter Braun. I. 3 3 34 der Eisbär gehöre derſelben Gattung oder Species an. Dies iſt, wie man nun eingeſehen hat, eine irrthümliche Theorie. Da Papa dem Studium der Bären vielleicht eben ſo viel Zeit gewidmet hat, als irgend Jemand, ſo werde ich ſeiner Theorie folgen und den ſpaniſchen Bären(Ursus pyrenaicus, wie er genannt wird) als eine beſondere Gattung betrachten.“ „Du ſchlägſt alſo vor, zunächſt nach Spanien zu gehen und den ſpaniſchen Bären zu erlegen?“ „Wir müſſen. Nachdem wir nach Lappland ge⸗ gangen und deshalb in weſtlicher Richtung aufgebrochen ſind, ſo müſſen wir dieſe Richtung auch ferner ein⸗ halten.“ „Aber wie ſteht es dann mit dem weißen Bären der Alpen? 29 „Du meinſt den Ursus albus Leſſon's?“ „Ja. Um die Alpen zu erreichen, wo er, wie man ſagt, zu finden iſt, müßten wir einen Längenmeridian zurückpaſſiren.“ „Das müßten wir allerdings, wenn ein ſolches Thier in den Alpen zu finden wäre, aber dies iſt nicht der Fall. Der weiße Bär Buffon's und Leſſon's(Ursus albus) war blos eine zufällige Abart oder ein Albino des braunen Bären, und Papa wünſcht nicht, daß wir die Häute ſolcher Thiere ſammeln ſollen. Er hat dies ausdrücklich geſagt. Wäre dieſe Aufgabe uns geſtellt, Zwan, dann würden wir beide alte Männer werden, ehe wir ſie vollſtändig löſen und wieder nach Hauſe 35 kommen könnten. Nur die Häute der dauernden oder permanenten Abarten ſollen wir herbeiſchaffen, und des⸗ halb iſt der Ursus albus von unſerer Liſte zu ſtreichen.“ „Weg mit ihm alſo! Wo gehen wir zunächſt hin? Nach Nordamerika ohne Zweifel?“ „Nein.“ „Vielleicht nach Afrika?“ „Nein.“ „Giebt es in Afrika keine Bären?“ „Dies iſt unter den naturwiſſenſchaftlichen Schrift⸗ ſtellern ein ſtreitiger Punkt und ſeit den Tagen des Plinius ein ſolcher geweſen. Bären werden allerdings erwähnt, als ſeien ſie unter dem Namen numidiſche Bären in dem römiſchen Circus mit vorgekommen, und Herodot, Virgil, Juvenal und Martial ſprechen alle in ihren Schriften von lybiſchen Bären. Plinius aber leugnet hartnäckig, daß es jemals dergleichen Thiere in Afrika gegeben habe, freilich aber darf nicht unerwähnt bleiben, daß er in gleicher Weiſe behauptet, es habe auf dem afrikaniſchen Continent niemals Ziegen, Hirſche und Wildſchweine gegeben, und deshalb iſt ſeine Angabe wegen des Nichtvorhandenſeins der numidiſchen Bären durchaus keine glaubwürdige. Seltſamerweiſe iſt dieſer Punkt jetzt eben noch ſo ſtreitig wie in den Tagen des Plinius. Der engliſche Reiſende Bruce erklärt ganz beſtimmt, daß es in Afrika keine Bären gebe. Ein anderer Engländer, Namens Salt, welcher Abyſſinien bereiſt, erwähnt gar nichts davon, während der Deutſche 4 3*. 36 Ehrenberg ſagt, er habe deren in den Gebirgen Abyſſi⸗ niens geſehen und auch im glücklichen Arabien davon gehört. Verſchiedene franzöſiſche und engliſche Reiſende — Dapper, Shaw, Poncet und Poiret— geben Zeug⸗ niß in Bezug auf die Exiſtenz von Bären in verſchie⸗ denen Theilen Afrika's— in Nubien, Babur und Congo. In den Atlasgebirgen zwiſchen Algier und Marokko ſind die Bären, wie Poiret erzählt, ziemlich häufig, und dieſer Schriftſteller führt ſogar mehrere Einzelnheiten in Bezug auf ihre Lebensweiſe an. Er ſagt, ſie ſeien außerordentlich wild und fleiſchfreſſend, und die Araber glauben, ſie könnten in ihren Tatzen Steine aufheben und damit nach ihren Verfolgern werfen. Er erzählt, daß ein arabiſcher Jäger ihm die Haut eines dieſer Bären brachte und ihm auch eine Wunde an ſeinem Bein zeigte, die davon herrühren ſollte, daß das Thier, während er es verfolgte, ihn mit einem Steine ge⸗ worfen! Poiret bürgt jedoch natürlicherweiſe nicht für die Wahrheit dieſes Steinwurfes, obſchon er das Vor⸗ handenſein afrikaniſcher Bären zuverſichtlich behauptet.“ „Was meint denn Papa dazu?“ fragte Jwan. „Daß es Bären in Afrika giebt— vielleicht in allen gebirgigen Theilen Afrika's— in den Gebirgen des Atlas und von Tetuan aber ganz beſtimmt. In der That hat ein glaubwürdiger engliſcher Reiſender die Frage außer Zweifel geſetzt, indem er eine nähere Be⸗ ſchreibung dieſer afrikaniſchen Bären giebt. Die Natur⸗ forſcher glaubten, wenn es wirklich ein ſolches Thier in 37 Afrika gäbe, ſo müſſe es derſelben Gattung angehören wie der ſyriſche Bär, obſchon aber die Bären, welche in den arabiſchen und abyſſiniſchen Gebirgen vorkommen, höchſt wahrſcheinlich dieſer Gattung angehören, ſo unter⸗ ſcheiden ſich doch die des Atlasgebirges augenſcheinlich nicht blos von den ſyriſchen Bären, ſondern auch von allen andern bekannten Gattungen. Einer, der bei Tetuan, ungefähr fünfundzwanzig engliſche Meilen von den At⸗ lasgebirgen, erlegt ward, war ein Weibchen und von ge⸗ ringerer Größe als der amerikaniſche ſchwarze Bär. Er war ebenfalls ſchwarz, oder vielmehr ſchwarzbraun, und ohne eine weiße Zeichnung um die Schnauze herum; unter dem Bauche jedoch war der Pelz röthlichgelb. Das Haar war zottig und vier oder fünf Zoll lang, während Schnauze, Zehen und Klauen alle kürzer waren, als bei dem amerikaniſchen ſchwarzen Bären. Der Körper war ebenfalls kürzer und ſtärker. Der Engländer hatte auch etwas von der Lebensweiſe des Thieres gehört. Die Araber ſagten, in der Nähe von Tetuan träfe man ihn ſelten; er nähre ſich von Wurzeln, Eicheln und andern Früchten, ſei aber ein ſchlechter Kletterer. Es wäre in der That ſehr unwahrſcheinlich,“ fuhr Alexis fort,„daß die großen Gebirgsketten des Atlas und Abyſſinien ohne dieſe Säugethiere ſein ſollten, während ſie in beinahe allen andern Gebirgen der Erde anzutreffen ſind. Ueberdies darf man nicht vergeſſen, daß die Bären des Himalaya⸗Gebirges, der großen Anden von Amerika und die der oſtindiſchen Inſeln— ja ſogar der Bär 1 38 des Libanon⸗Gebirges— auch erſt ſeit einigen Jahren der wiſſenſchaftlichen Welt bekannt geworden ſind. Wa⸗ rum ſollte es daher in Afrika nicht eine, ja vielleicht mehr als eine Species geben, obſchon civiliſirte Völker noch unbekannt damit ſind?“ „Aber Du ſagſt ja, daß wir nicht nach Afrika gehen würden.“ „Nein, wir werden auch nicht hingehen. Unſere Inſtructionen beziehen ſich blos auf jede den Natur⸗ kundigen bekannte Bärenart, und der afrikaniſche Bär gehört nicht unter dieſe Kategorie, da er bis jetzt noch von keinem Naturkundigen beſchrieben worden iſt. Aus dieſem Grunde werden wir in Afrika nichts zu ſuchen haben.“ „Dann iſt alſo doch wohl Nordamerika unſere nächſte Station?“ „Nein, durchaus nicht. Du weißt doch, daß es auch einen ſüdamerikaniſchen Bären giebt.“ „Ja, den Brillenbären, wie man ihn nennt.“ „Ganz richtig, den Ursus ornatus. Ich glaube, wir werden ſogar zwei Gattungen in Südamerika finden, obſchon auch dies ein ſtreitiger Punkt iſt.“ „Nun, Bruder, wenn dies nun der Fall wäre?“ „Nun, dann würden wir beide in den Anden von Chili und Peru finden. Aber nicht in den öſtlichen Theilen von Südamerika.“ „Und welchen Einfluß würde dies auf die Richtung unſerer Reiſe haben?“ 39 „Einen ſehr weſentlichen allerdings. Wollten wir zuerſt nach Nordamerika gehen, ſo würden wir nicht weniger als fünf Gattungen, oder wenigſtens vier Gat⸗ tungen und eine ſehr entſchiedene Abart, finden. Um die Heimath einer dieſer Gattungen— ich meine die des grauen oder grimmigen Bären(Ursus ferox)— zu er⸗ reichen, müßten wir weiter gehen, als irgend ein Theil der ſüdamerikaniſchen Anden liegt. Wie könnten wir folglich ſpäter den Brillenbär erlangen, ohne unſern Meridian noch einmal zu paſſiren?“ „Das iſt wahr, Bruder— ein Blick auf die Karte überzeugt mich davon. Du ſchlägſt alſo vor, erſt nach Südamerika und dann nach der nördlichen Abtheilung des amerikaniſchen Continents zu ſteuern?“ „Wir können nicht anders. Schon die Beſchaffen⸗ heit unſeres Vertrages zwingt uns dazu. Nachdem wir uns die Häute des Ursus ornatus und einer andern Ab⸗ art, die wir in den Anden antreffen werden, verſchafft haben, können wir dann in faſt ganz gerader nördlicher Richtung weiter reiſen. Am Miſſiſſippi werden wir im Stande ſein, eine Haut des amerikaniſchen ſchwarzen Bären(Ursus americanus) mitzunehmen und mit Hülfe der Reiſenden der Hudſon's⸗Bai die Küſten des großen Meerbuſens erreichen, von welchem dieſes Gebiet den Namen hat. Dort iſt der Eisbär(Ursus maritimus) zu finden. Weiter weſtlich und nördlich können wir hoffen den„Wüſtenbär“ zu erlegen, welcher, wie der engliſche Reiſende Sir John Richardſon glaubt, nur 40 eine Abart unſeres europäiſchen braunen Bären iſt, ob⸗ ſchon Papa mit gutem Grunde dieſer Anſicht nicht bei⸗ ſtimmt. Bei der Wanderung über die Felſengebirge werden wir, hoffe ich, Gelegenheit bekommen, den be⸗ rühmten und furchtbaren„grauen Bären“(Ursus ferox) zu erlegen, und in Oregon oder Britiſch⸗Columbia wer⸗ den wir dem„Zimmetbären“(Ursus cinnamonus) das Fell über die Ohren ziehen. Dann werden wir mit den amerikaniſchen Bären fertig ſein.“ „Und dann kommt wohl Aſien daran?“ „Ja, allerdings; dann geht es geraden Weges hin⸗ über nach Kamtſchatka. Dort treffen wir den ſibiriſchen oder ſogenannten„Krauſenbären“(Ursus collaris). Von dieſen ſoll es zwei Abarten geben, von welchen die eine, unter dem Namen Ursus sibiricus bekannt, auch in Lappland und Sibirien angetroffen wird.“ „Weiter, Bruder! Wo geht es dann hin?“ „Von Kanttſchatka machen wir einen weiten Abſtecher nach Südweſten. Unſer nächſtes Jagdrevier wird näm⸗ lich Borneo ſein.“ „Ah, dort treffen wir den ſchönen kleinen Bären mit der orangefarbenen Bruſt!“ „Ja, dies iſt der„bornöiſche Bär“(Ursus curys- pilus) oder„Bruang“, wie er von den Malayen ge⸗ nannt wird.“ „Aber es giebt wohl noch einen Bruang?“ „Ja— den malayiſchen„Sonnenbären“,(Ursus malaganus). Dieſen werden wir auf Sumatra oder 4 3 — 98m— n 41 Java treffen, je nachdem wir die eine oder die andere dieſer Inſeln beſuchen.“ „Die Liſte iſt in der That weit länger, als ich er⸗ wartete, und hat ſeit den Tagen des guten alten Linné bedeutend zugenommen.“ „Wir ſind noch nicht damit zu Ende.“ „Wo geht es denn noch hin, Bruder?“ „Die Bai von Bengalen hinauf und weiter nach dem Himalaya⸗Gebirge. An dem Fuße dieſer Gebirge werden wir zuerſt den ſeltſamen„faulen Bären“ oder „Gauklerbären“(Ours de jongleurs)— wie franzö⸗ ſiſche Schriftſteller ihn nennen— aufzuſuchen haben. Er iſt der Ursus labiatus der Naturforſcher und wir können ihn in den Ebenen Indiens finden, ehe wir das Himalaya⸗Gebirge erreichen. Nachdem wir ihn abge⸗ häutet haben, werden wir die großen Gebirge erklettern und können überzeugt ſein, höher oben auf den thibeta⸗ niſchen Bär(Ursus thibetanus) zu ſtoßen, der von Einigen ſehr irrthümlicherweiſe als eine der zahlreichen Abarten des europäiſchen braunen Bären beſchrieben wird. Noch höher hinauf werden wir, hoffe ich, das Glück haben, ein Exemplar des Iſabellenbären(Ursus isabelinus) zu erlegen, der dieſen Namen von ſeiner Farbe hat, von den anglo⸗indiſchen Jägern aber der Schneebär genannt wird, weil er die Abhänge in der Nähe der Schneelinie dieſer furchtbaren Gebirge zu be⸗ ſuchen pflegt.“ „Das iſt nun aber alles, nicht wahr?“ 42 „Nein, Jwan— es fehlt noch einer, aber dies iſt der letzte.“ „Und was iſt das für einer?“ „Der ſyriſche(Ursus syriacus), und obſchon in unſerm Regiſter der letzte, iſt er doch der allererſte, von dem die Geſchichte erzählt, denn es waren Bären dieſer Gattung, welche aus dem Walde kamen und zweiund⸗ vierzig von den Knaben zerriſſen, welche den Propheten Eliſa verhöhnten. Wir werden demnach Syrien beſuchen müſſen, um uns ein Fell von dem Ursus syriacus zu verſchaffen.“ „Na, ich hoffe, daß ihre Wildheit ſich ſeit den Zeiten Eliſa's ein wenig vermindert hat, ſonſt hätten wir am Ende Ausſicht, auf ähnliche Weiſe traktirt zu werden.“ „Ohne Zweifel werden wir auch manche Ritzwunde davon tragen, ehe wir auf die Bären vom Libanon ſtoßen. Wenn wir von einem von dieſen ein Fell er⸗ langt haben, dann wird uns weiter nichts zu thun übrig bleiben, als den geradeſten Weg nach Hauſe einzu⸗ ſchlagen. Dann werden wir einmal die Runde um die Erde gemacht haben.“ „Sehr richtig,“ rief Iwan lachend,„und dann iſt alles vorüber! Großer Czar! Ich glaube bis dahin, wo wir einen von Eliſa's Bären erlegt haben, werden wir das Reiſen ſo ziemlich ſatt haben.“ „Das läßt ſich nicht bezweifeln. Nun aber, Bruder, nun wir wiſſen, wohin wir gehen, wollen wir keine Zeit weiter verſchwenden, ſondern erklären, daß wir mit — 89 ⁸8 B⁸ ◻ , e 4 43 den Bedingungen einverſtanden ſind und uns dann ſo⸗ fort auf den Weg machen.“ „Einverſtanden!“ ſagte Jwan und beide Brüder be⸗ gaben ſich wieder zu ihrem Vater und erklärten ihm, daß ſie bereit ſeien, die Reiſe anzutreten. „Werden wir allein reiſen, Papa?“ fragte Iwan. „Wenn ich nicht irre, ſprachſt Du von einem Begleiter.“ „Ja, einem einzigen. Ich darf Euch nicht mit zu vielen Dienern beläſtigen. Einer iſt vollkommen hin⸗ reichend.“ „Und wer ſoll es ſein?“ fragte Iwan. „Der Baron klingelte und ein Diener trat ein. „Korporal Puſchkin ſoll zu mir kommen.“ „Es dauerte nicht lange, ſo öffnete ſich wieder die Thür und ein Mann von etwa fünfzig Jahren trat ein. Die lange gerade Geſtalt und Haltung— das kurz geſchorene Haar und der rieſige ergrauende Schnurrbart verriethen, in Verbindung mit den ernſten Zügen, einen Veteran der kaiſerlichen Garde— einen jener impo⸗ nirenden, furchtbaren Soldaten, welche unter den Augen eines Kaiſers gefochten haben. Obſchon er nicht mehr die Uniform trug, ſondern wie ein Jagd⸗ oder Forſtbedienter gekleidet war, ſo ver⸗ riethen doch der ſtumme Gruß und die ſtraffe ehrfurchts⸗ volle Haltung hinreichend den Beruf, welchem Puſchkin früher angehört, denn es war der wirkliche und leibhafte Puſchkin, der das Zimmer betreten hatte. 8 44 4 Er ſprach kein Wort und ſchauete weder rechts noch links, ſondern geradaus auf den Baron. „Korporal Puſchkin!“ „Herr General!“ „Ich wünſche, daß Ihr eine Reiſe macht. 7 „Ich bin bereit dazu.“ „Nicht ganz, Korporal. Ich gebe Euch eine Suunde. Zei, um Eure Zurüſtungen zu treffen.“ „Was für eine Reiſe ſoll ich machen, Herr General?“ „Um die Erde.“ „Dann wird eine halbe Stunde genug ſein.“ „Um ſo beſſer. Macht Euch bereit, in einer halben Stunde aufzubrechen.“ Puſchkin verneigte ſich und verließ das Zimmer. en 6. Capitel. Nach Tornea. Mli wollen die letzte Unterredung zwiſchen dem Baron Grodonoff und ſeinen Söhnen nicht ausführlich er⸗ zählen. Es fand der gewöhnliche Austauſch von liebe⸗ vollen Ausdrücken mit ſo innigem Gefühl ſtatt, wie dies bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich geſchieht. Eben ſo wenig brauchen wir die gewöhnlichen Reiſe⸗ vorfälle zu erzählen, welche unſere jungen Freunde auf ihrem Wege nach den Gebirgen Lapplands erlebten. Es genüge, wenn wir ſagen, daß ſie ſich direct mit der Poſt von Petersburg nach Tornea an der Spitze des großen bothniſchen Meerbuſens begaben. Von hier reiſten ſie weiter nördlich den Fluß Tor⸗ nea hinauf, bis ſie die gebirgige Region erreicht hatten, wo dieſer Fluß ſeinen Urſprung hat. 46 Mit Allem, was ſie zur Reiſe bedurften, waren ſie aufs Beſte ausgerüſtet, ohne deswegen viel Gepäck mit ſich ſchleppen zu müſſen. Ein Sack Rubel, welchen Puſchkin in einer ſichern Taſche bei ſich führte, erwies ſich als der bequemſte Artikel, den ſie hätten mitnehmen können, denn er ſetzte ſie in den Stand, ſich mit ihren Bedürfniſſen von Tag zu Tag zu verſehen, ohne daß ſie ſich mit unbequemem Gepäck zu bemühen brauchten. Es giebt wenig Länder der Welt, in welchen man ſich nicht für baares Geld die Bedürfniſſe des Lebens verſchaffen könnte, und da dies alles war, wonach unſere Jäger fragten, ſo hatten ſie keine Schwierigkeit, ſich Lebensmittelvorräthe zu verſchaffen— ſelbſt nicht in den abgelegenen Regionen des unciviliſirten Lappland. Der halbwilde Lappe verſteht den Werth einer Münze recht wohl und liefert dafür ſein Rennthierfleiſch, ſeine Rennthiermilch, oder was ſonſt von ihm verlangt wird. Unſere jungen Jäger reiſten daher ſehr leicht und hatten faſt weiter gar kein Gepäck, als ein paar Torniſter, die ſie auf dem Rücken trugen, und welche blos einen kleinen Vorrath an Wäſche und einige andere zur Be⸗ quemlichkeit unumgänglich nothwendige Gegenſtände enthielten. Ein Torniſter von weit gesgeren Dimenſionen war Gegenſtand der ganz beſondern Aufmerkſamkeit Puſch⸗ kin's, und obſchon dieſer Torniſter mit ſeinem Inhalte für einen gewöhnlichen Manu eine ſchwere Bürde ge⸗ ——-——— ₰——⁸ 0— & 00 A. n—— * n— 47 weſen wäre, ſo ſchien der Veteran der Kaiſergarde ihn doch ſo leicht zu tragen, als wenn es ein Sack Bett⸗ federn geweſen wäre. Jeder trug außerdem noch einen weiten Pelzmantel, der auf dem Marſche zuſammengewickelt und auf den Torniſter geſchnallt ward, des Nachts aber als Matratze und Deckbett zugleich diente. Alle drei waren auf die tüchtigſte Weiſe bewaffnet und ausgerüſtet. Sie trugen Feuergewehre, obſchon von verſchiedener Art. Alexis führte eine ſchöne Jagdbüchſe, Iwan eine Doppelflinte und Puſchkin trug auf ſeiner Schulter eine ungeheure Muskete, deren Kugel über zwei Loth wog. Außerdem waren alle mit Hirſchfängern oder Jagd⸗ meſſern verſehen. Auf dieſe Weiſe betreten unſere jungen Jäger die Gebirge Lapplands und beginnen ihre Nachforſchungen nach dem„alten Mann im Pelzrocke,“ wie die Lapp⸗ länder den Bären nennen. Sie hatten geeignete Maßregeln getroffen, um ſich den Erfolg zu ſichern, und zu dieſem Zwecke einen Führer angenommen, der ſich verbindlich machte, ſie in einen Diſtrikt zu bringen, wo es Bären in großer Menge gab und wo der Führer ſelbſt in einem faſt eben ſo wilden Zuſtande lebte, wie die Bären— denn er war ein ächter Lappländer und wohnte in einem Zelte mitten in den Gebirgen. 48 Er war einer von denen, welche keine Rennthiere haben, und ſah ſich deshalb genöthigt, ſich ſeine Sub⸗ ſiſtenzmittel durch Ausübung der Jagd zu erwerben. Er fing Hermeline und Biber— erlegte das wilde Rennthier, wenn er konnte, verbrachte ſein ganzes Leben im Kampfe mit Wölfen und Bären und die Häute dieſer Thiere, welche er an die Pelzhändler verkaufte, ver⸗ ſchafften ihm die Mittel, um ſich mit den wenigen Be⸗ dürfniſſen verſorgen zu können, die eine ſolche Exiſtenz nöthig machte. Unter ſeinem Zelt von grobem Wadmal⸗ Tußhe fanden die Reiſenden Obdach und die einfache Gaſt⸗ freundſchaft, welche der arme Lappe ihnen gewähren konnte. Dafür mußten ſie aber auch mitten in einem Rauche wohnen, der ſie beinahe blind machte. Sie wußten aber, daß ſie eine Expedition angetreten hatten, bei welcher ſie ſich auf viele Beſchwerden gefaßt machen mußten, und ſie ertrugen die Unbequemlichkeit mit geziemender Ausdauer. Es iſt nicht meine Abſicht, die Einzelnheiten des Alltaglebens der jungen Jäger zu erzählen, oder auch 3 nur die vielen ſeltſamen Vorfälle zu berichten, welche ihnen während ihres Aufenthalts in Lappland begegneten. Viel ward in ihr Tagebuch— aus welchem dieſe Erzählung gezogen iſt— eingetragen, was blos für ſie, oder vielleicht noch mehr für ihren Vater, den Baron Intereſſe hatte. Für ihn ſchrieben ſie einen Bericht über alles Eigenthümliche nieder, was ſie beobachteten— wie 49 zum Beiſpiel über die ſeltſamen Sitten und Gebräuche der Lappländer— ihre Art und Weiſe, in Schlitten mit Rennthieren zu reiſen— ihr Schneeſchlittſchuhfahren auf den Skidors und Skabargers— kurz eine 8 vollſtändige Schilderung der Lebensweiſe dieſes eigen⸗— thümlichen Volkes. 6 Ganz beſonders aber beſchrieb Alexis die ihm vor⸗ kommenden naturgeſchichtlichen Gegenſtände und führte alle Einzelnheiten an, die er durch perſönliche Beobach⸗ tung ermittelte, oder von den eingeborenen Jägern er⸗ fuhr, von welchen er während dieſer Bärenjagd viele kennen lernte.* Dieſe Einzelnheiten würden, wenn man ſie voll⸗ V ſtändig mittheilen wollte, ſchon für ſich allein ein dickes Buch füllen. Wir müſſen uns deshalb mit Erzählung der intereſſanteren Begegniſſe und der bemerkens⸗ wertheren Abenteuer begnügen, welche unſere Helden ¹zu beſtehen hatten. 4 Wir müſſen hier bemerken, daß es in den erſten Tagen, des Frühlings war, als ſie in Lappland ankamen, der vielmehr in den letzten Tagen des Winters, wo der Boden noch mit tiefem Schnee bedeckt iſt. Zu dieſer Jahreszeit ſtecken die Bären in ihren ööhlen— in Felſenſpalten oder hohlen Bäumen, aus welchen ſie erſt herauskommen, wenn die Frühlingsſonne ſiich fühlbar macht und der Schnee von den Abhängen ddeer Berge zu verſchwinden beginnt. Jedermann hat von dieſem Winterſchlaf der 4 Meiſter Braun. I. 4. 3 * 50 Bären gehört, und man hat denſelben den Bären aller Gattungen beigelegt. Dies iſt jedoch ein Irrthum, denn der Winterſchlaf i*ſt nur einigen wenigen Gattungen eigen, und das Klima und die Beſchaffenheit des Landes, welches der Bär be⸗ wohnt, hat mit dieſer Ueberwinterung mehr zu ſchaffen, als irgend ein natürlicher Inſtinkt des Thieres, denn man hat bemerkt, daß Bären in der einen Gegend eines Landes den Winterſchlaf halten, während Individuen derſelben Gattung in einer andern Gegend den ganzen Winter hindurch umherſchweifen. Der Zuſtand der Erſtarrung ſcheint bei dieſen Thieren ein freiwilliger zu ſein und nur in Gegenden, wo ſie ſich keine Nahrung verſchaffen können, halten ſie dieſe langandauernde Sieſta. Wie dem jedoch auch ſein mag, ſo haben die braunen Bären Lapplands jedenfalls eine Schlummerzeit, wäh⸗ rend welcher ſie ſehr ſchwer zu finden ſind. Da ſie nie aus ihren Verſtecken herauskommen, ſo hinterlaſſen ſie auch keine Spur im Schnee, mittels deren ſie verfolgt werden könnten. Zu ſolchen Zeiten entdeckt der Lappe nur durch Zu⸗ fall, oder mit Hülfe ſeines Hundes, den Schlupfwinkel eines Bären, und wenn einer auf dieſe Weiſe entdeckt wird, ſo bedient man ſich verſchiedener Methoden, um ſich der werthvollen Haut und des Fleiſches des Thieres zu verſichern. Es traf ſich, daß vor der Ankunft der jungen Ruſſen 51 in ihrem Ja ô revier ein Vorſpiel des Frühlings ſtatt⸗ gefunden hatte— das heißt, es war einige Tage lang warmer Sonnenſchein geweſen, worauf aber wieder kalte Witterung und friſcher Schneefall gefolgt war. Die trügeriſche Wärme hatte jedoch viele Bären aus ihrer Schlafſucht aufgeweckt. Einige hatten ſich aus ihren Höhlen herausgewagt und kurze Ausflüge unter die Berge vorgenommen, ohne Zweifel, um die Beeren zu ſuchen, welche, durch den Schnee den ganzen Winter hindurch friſch erhalten, zu dieſer Jahreszeit ſüß und mürbe und deshalb eine Lieblingsſpeiſe der Bären ſind. Dieſes trügeriſche Erſcheinen des Frühlings war für unſere Jäger gerade ſehr gut, denn es ſetzte ſie in den Stand, in ſehr kurzer Zeit die Spur eines Bären bis in ſeine Höhle zu verfolgen. Einige Tage nach ihrer Ankunft in dem Jagdrevier ſtießen ſie auf die Fußſtapfen eines Bären, welche, nach⸗ dem ſie ihnen ungefähr eine halbe Stunde weit durch den Schnee gefolgt waren, zu dem Lager des Thieres führten. Sie wurden dadurch aber auch zu einem Abenteuer geführt, dem erſten, welches ihnen bis jetzt begegnet war, und welches auch beinahe das letzte geworden wäre, das Puſchkin jemals in dieſer Welt haben ſollte. Puſchkin war ſicherlich in großer Gefahr, und wie er derſelben entrann, wird man aus der Erzählung des Abenteurers ſelbſt erſehen. 4* 7. Capitel. Das Doſenmännchen. Gs war früh am Morgen, kurz nachdem ſie das Zelt des Lappländers verlaſſen, als unſere Freunde zufällig auf die Spur des Bären ſtießen. Nachdem ſie derſelben ungefähr eine halbe Stunde weit gefolgt waren, wurden ſie von ihr in eine ſchmale Schlucht hineingeführt, die zwiſchen zwei felſigen Hügele kämmen lag. Die Schlucht ſelbſt war nicht mehr als zehn bis zwölf Schritt breit und der Boden verſelben war mit mehrere Fuß tiefem Schnee bedeckt. An den Wänden der Schlucht lag der Schnee nur dünn, und wäre viel⸗ leicht an dieſer Stelle gar nicht vorhanden geweſen, wenn nicht in der Nacht vorher friſcher gefallen wäre. 53 Dieſer hatte den Boden nur einige Zoll hoch be⸗ deckt, aber er genügte, um die Fußſtapfen des Bären 3 ſichtbar zu machen, und unſere Freunde waren im Stande, der Spär— ſo nennen die ſkandinaviſchen Jäger die Spuren eines Thiers— ſo ſchnell zu folgen, als es ihnen zu gehen beliebte. Ihr folgend betraten unſere Jäger alſo die Schlucht. Sie hielten ſich eine Strecke lang auf der einen Seite — dicht am Rande des tiefen Schnees, endlich aber verrieth die Spur die Stelle, wo der Bär auf die andere Seite hinüber gegangen war, und ſie mußten natürlich ebenfalls hinübergehen. Dieſer tiefe Schnee war das aufgehäufte Ueber⸗ bleibſel von verſchiedenen Schneeſtürmen, die während des Winters getobt hatten, und da er durch die langen Zweige der immergrünen Tannen, die ſich von beiden Seiten über die Schlucht hinüberſtreckten, vor der Sonne geſchützt ward, ſo war er liegen geblieben ohne zu ſchmelzen. Es hatte ſich eine Rinde darüber gebildet, die feſt genug war, um einen Mann auf Skidors zu tragen, aber nicht ohne dieſelben, wenn er nicht mit Vorſicht und Behutſamkeit zu Werke ging. Der Bär war darüber gegangen; dieſe Thiere aber können, trotz ihrer bedeutenden Größe und ihres beträcht⸗ lichen Gewichts, über Eis oder gefrorenen Schnee gehen, der keinen Mann trägt.— Ihr Gewicht ruht auf vier Punkten anſtatt auf 54 zweien, und da ſie blos einen Fuß auf einmal aufzu⸗ heben brauchen, ſo haben ſie immer noch drei Stütz⸗ punkte. Der Menſch muß auch einen Fuß emporheben, hat dann aber nur noch einen übrig, auf dem er ſteht. Seine ganze Laſt drückt daher auf einen einzigen Punkt und ſetzt ihn der Gefahr des Einbrechens aus. Beberdies hat der Bär noch einen Vortheil durch die bedeutende Länge ſeines Körpers und den großen Abſtand zwiſchen ſeinen Vorder⸗ und Hinterbeinen. Hierdurch wird er in den Stand geſetzt, ſein Gewicht über eine große Fläche zu vertheilen. Deshalb kann er über eine Eis⸗ oder Schneerinde ſchlurfen, die viel zu ſchwach iſt, um ein menſchliches Weſen zu tragen. Jeder Knabe— wenigſtens jeder Knabe, der Schlitt⸗ ſchuh gelaufen iſt oder ſich auf einen zugefrorenen Teich gewagt hat— weiß, daß, wenn man auf Händen und Knien kriecht, oder noch ſicherer, wenn man ſich auf dem Bauche fortſchiebt, man über eine Eisfläche hinüber⸗ kommen kann, welche denſelben Knaben in aufrechter Stellung nie tragen würde. Alle dieſe Vortheile hatte folglich auch der Bär ge⸗ habt, deſſen Spur unſere jungen Jäger verfolgten, und es wäre für ſie— wenigſtens für Puſchkin— gut ge⸗ weſen, wenn ſie daran gedacht hätten. Aber ſie dachten nicht daran. Sie glaubten, da, wo ein großes ſchweres Thier wie ein Bär gegangen ſei, könnten auch ſie gehen, und ohne weiter darüber nachzudenken, betraten ſie die iefe Schneeſchicht. 55 Alexis und Iwan, die nicht ſchwer waren, kamen ganz gut über den Schnee hinweg, Puſchkin aber, der beinahe eben ſo viel wog, wie ſie alle beide und über⸗ dies mit einer ſchweren Holzaxt und ſeiner großen Mus⸗ kete belaſtet war, abgeſehen von mehrern wohlgefüllten großen und kleinen Taſchen— war für die Schneerinde zu ſchwer. Gerade, als er ungefähr halb hinüber war, hörte man ein lautes Krachen, und ehe die Jünglinge ſich noch herumdrehen konnten, um die Urſache zu er⸗ forſchen, war Puſchkin verſchwunden und Alles, was er an und bei ſich trug, mit ihm. Nein, nicht alles. Ein ungefähr zwei Fuß langes Stück von dem Lauf ſeiner Muskete war noch über dem Boden ſichtbar und da es aufwärts gerichtet war, wäh⸗ rend es ſich um das kreisförmige Loch, in das der Gar⸗ diſt hineingeſtürzt war, herumbewegte, ſo ſchloſſen die Jünglinge daraus, daß das Gewehr noch in ſeinen Händen ſei und daß Puſchkin noch auf ſeinen Füßen ſtehe. In demſelben Augenblick ſchlug eine Stimme an ihr Ohr— in hohlem Grabestone, gleich dem eines Men⸗ ſchen, der von dem Boden eines Brunnens herauf oder durch das Spundloch eines leeren Faßes ſpricht. Trotz der tiefen Töne bemerkten die Knaben doch, daß die Ausrufungen, die von der Stimme ausgingen, nicht die der Angſt, ſondern mehr der Ueberraſchung waren und daß ein leiſes Gelächter darauf folgte. Natürlich hatte alſo ihr Begleiter weder Schaden 56 . genommen, noch ſchwebte er in irgend einer Gefahr, und davon überzeugt brach erſt Iwan und dann Alexis in ein lautſchallendes Gelächter aus. Als ſie ſich dem einer Falle ähnlichen Loch, in wel⸗ chem Puſchkin verſchwunden war, vorſichtig näherten, brach ihre Heiterkeit bei dem drolligen Anblick, der ſich ihnen darbot, von Neuem aus. Hier ſtand der alte Gardiſt wie ein Doſenmännchen in der Mitte eines trichterförmigen Cylinders, den er in den Schnee gemacht hatte. Das Seltſamſte von allem aber war, daß er nicht im Schnee, ſondern im Gegentheile bis an die Knie im Waſſer ſtand, und zwar nicht in ſtehendem Waſſer, ſondern in einem Strome, der raſch unter dem Schnee dahinfloß und die zerbröckelte Schneerinde von dem Punkte, wo er ſtand, ſchon hinweggeſpült hatte! Es floß in der That ein Bach in die Schlucht hin⸗ ab und obſchon der Schnee ihn vollſtändig unſichtbar machte, ſo war er doch da und rauſchte gleichſam unter⸗ irdiſch durch einen Tunnel dahin, den er ſich ſelbſt ge⸗ höhlt, während der Schnee eine zuſammenhängende Brücke darüber bildete. Alles dies wußten die Jünglinge nicht, denn ſie konnten eben nur den obern Theil von Puſchkin's Kopf mit ſeinen langen, die Muskete haltenden Armen ſehen; aber ſie hörten das Rauſchen des Waſſers und Puſcm erzählte das Uebrige. Es ſchien nicht ſo leicht zu ſein, ihn aus ſeiner angenehmen Lage zu ziehen, denn die Aehnlichkeit zwiſchen ſeiner Situation und der eines Doſenmännchens ging nicht weiter. Es war keine Federkraftmaſchinerie vor⸗ handen, durch welche der ehemalige Gardiſt aus ſeiner Doſe herausgeſchnellt werden konnte, und da ſein Kopf ſich volle drei Fuß unterhalb der Schneerinde befand, ſo bedurfte es einiger Ueberlegung, wie er wieder auf die Oberfläche emporgehoben werden ſollte. Keiner der jungen Jäger wagte, ſich dem Rande des runden Loches zu nähern, durch welches Puſchkin hinabgeſunken war. Sie hätten leicht ſelbſt durchbrechen können und dann wären alle drei in derſelben ſchwierigen Lage geweſen. Von dieſer Furcht beſeelt, wagten ſie natürlich nicht, nahe genug zu gehen, um ihn mit den Händen herauszuziehen— ſelbſt wenn ſie im Stande geweſen wären, bis zu ihm hinabzureichen. Allerdings hätte er nach einiger Zeit herauskommen können, wenn er den vor ihm befindlichen Schnee durch⸗ brochen und ſich in einem rechten Winkel mit dem Laufe des Waſſers weiter Bahn gebrochen hätte, denn es war klar, daß der Boden nach dieſer Richtung ziemlich ſteil aufwärts ging und der Schnee folglich ſeichter ward. Ausgenommen über dem Waſſer, war er auch feſt genug, um ſeine Laſt zu tragen, und nach einiger Zeit hätte Puſchkin ſich heraushaspeln können; Alexis aber verfiel auf eine Methode, die einen raſcheren Erfolg verſprach und für Puſchkin weit weniger läſtig war. Einer der Gegenſtände, welche der alte Gardiſt auf 58 ſeinen Schultern trug, war ein zuſammengewickelter feſter Strick— beinahe ein Seil zu nennen. Sie hatten dieſes mitgebracht, weil ſie ſich von ihrer Jagd Erfolg verſprachen und weil ſie glaubten, daß ſie deſſen beim Abhäuten des Bären ſo wie beim Zuſammenpacken des Felles oder zu einem ähnlichen Zwecke bedürfen würden. Das Vorhandenſein dieſes Strickes gab Alexis das Mittel an die Hand, um ſeinen treuen Begleiter aus ſeiner unglücklichen Lage zu befreien, und die Methode ſelbſt wird man verſtehen, wenn wir ihre Ausführung beſchreiben, welche nun ſofort ſtattfand. Alexis rief Puſchkin zu, er ſolle das eine Ende des Stricks um ſeinen Körper binden und dann das andere Ende heraus auf den Schnee werfen— ſo weit als er es ſchleudern könnte. Dieſem Verlangen ward ſofort entſprochen und das Ende des Stricks fiel vor Alexis' Füßen nieder. Alexis ergriff es, eilte das Ufer hinauf bis an den nächſten Baum, ſchlang es einigemal um den Stamm herum und händigte es dann Zwan ein, indem er ihn zugleich aufforderte, es feſtzuhalten, damit es nicht wieder losginge. Ein Knoten würde demſelben Zweck entſprochen haben, aber die ganze Sache war das Werk von nur wenigen Augenblicken, und da Iwan daſtand und nichts zu thun hatte, ſo glaubte ſein Bruder, er könne auch eben ſo gut das Seil halten, um Zeit zu erſparen. Nun ſchlich Alexis wieder zurück und ſo nahe an ⸗ 59 den Rand der Falle, als es mit Sicherheit geſchehen konnte. Er nahm dabei eine lange Stange mit, die er in Folge eines glücklichen Zufalls unter den Bäumen liegend gefunden hatte. Dieſe Stange unter den Strick ſchiebend und ſie in die Quere legend, ſchob er ſie dem Rande des Loches noch näher, denn ſeine Abſicht war, dem Strick einen feſten Stützpunkt zu geben und zu verhindern, daß er in den Schnee einſchnitte. Die Vorrichtung war vollkommen zweckmäßig, und ſobald als Alexis alles fertig hatte, ſchrie er Puſchkin zu, er ſolle ſich an dem Seile in die Höhe ziehen und ſich ſelbſt helfen. Mittlerweile hatte der alte Gardiſt ſeine Muskete über den Rücken geworfen und begann ſofort, als er das Signal hörte, ſich an dem Seile heraufzuhaspeln, in⸗ dem er durch Anſtemmen der Füße an die Schnee⸗ mauern das Werk zu unterſtützen und zu fördern ſuchte. In dem Augenblick, wo ſein Kopf wieder über der Oberfläche erſchien, brach das Gelächter ſeiner jungen Herren, welches eine Weile geſchwiegen, von Friſchem los; und das war kein Wunder, denn der Ausdruck auf dem Geſicht des alten Soldaten, als es über der weißen Rinde emporſtieg, ſeine gebeugte Haltung und die ver⸗ zweifelten Anſtrengungen, die er machte, um herauszu⸗ klettern— alles dies bot einen höchſt drolligen An⸗ blick dar. Iwan kreiſchte, bis ihm die Thränen über die K 60 Wangen herabrannen. Seine Heiterkeit war ſo gewaltig, daß er möglicherweiſe den Strick los und Puſchkin wieder in das Loch hinabfallen gelaſſen hätte; der be⸗ ſonnenere Alexis aber, der eine ſolche Möglichkeit voraus⸗ ſah, kam herbeigeeilt und ergriff das Seil. Auf dieſe Weiſe ward Puſchkin endlich wohlbehalten auf die Oberfläche des Schnee's heraufgehißt, aber ſelbſt ſeine langen Juchtenſtiefel hatten ſeine Beine und Füße vor dem Durchnäßtwerden nicht geſchützt, ſo daß er jetzt von den Schenkeln abwärts von ſchlammigem Waſſer triefte. Es war jetzt jedoch keine Zeit, ein Feuer anzuzünden und ihn zu trocknen. Sie dachten auch gar nicht an ſo etwas, ſondern waren alle drei ſo erpicht auf die Bären⸗ jagd, daß ſie, gleich nachdem ſie das Seil wieder zu⸗ ſammengewickelt, ihren Weg weiter fortſetzten. 8. Capitel. Die ſkandinaviſchen Bären. „ Mlirklich,“ ſagte Zwan, indem er auf eine der Spuren zeigte,„wenn ich nicht die Spuren von Klauen anſtatt von Zehen ſähe, ſo würde ich glauben, wir verfolgten einen Menſchen anſtatt einen Bären— einen barfüßigen Lappländer zum Beiſpiel. Wie groß iſt die Aehnlichkeit dieſer Spuren mit denen eines menſchlichen Fußes!“ „Das iſt ſehr richtig,“ entgegnete Alexis.„Es be⸗ ſteht eine merkwürdige Aehnlichkeit zwiſchen den Fuß⸗ ſtapfen des Bären und denen eines menſchlichen Weſens, beſonders wenn die Spuren eine Weile geſtanden haben. Jetzt zum Beiſpiel ſiehſt Du ganz deutlich die Abdrücke der Klauen; in ein paar Tagen aber, wenn die Sonne oder der Regen auf den Schnee gefallen iſt und ihn ein 62 wenig geſchmolzen hat, werden die Klauenſpuren ausge⸗ füllt, verlieren ihre ſcharfen Umriſſe und ſehen dann weit mehr aus wie die Spuren von menſchlichen Zehen. Aus dieſem Grunde iſt eine alte Bärenſpur in der That, wie Du ſagſt, der eines Menſchenfußes ſehr ähnlich.“ „Und auch eben ſo groß?“ „Eben ſo groß— die Fußſtapfen einiger Gattungen ſind ſogar noch größer, als die der meiſten Menſchen. Dies iſt zum Beiſpiel mit der weißen und grauen Gat⸗ tung der Fall, von welchen viele Exemplare Füße haben, die über zwölf Zoll lang ſind.“ „Der Bär tritt beim Gehen nicht erſt auf die Zehen, ſondern legt gleich die ganze Sohle ſeines Fußes auf, nicht wahr?“ fragte Iwan. „Ganz richtig,“ entgegnete Alexis,„und deshalb nennt man ihn einen Plantigradus oder Plattfüßler, zum Unterſchied von andern Thieren, wie Pferden, Ochſen, Schweinen, Hunden, Katzen und dergleichen, die alle in der That zuerſt auf die Zehen treten.“ „Es giebt wohl auch noch andere Thiere außer den Bären, die gleich mit ganzem Fuße auftreten?“ ſagte — Fwan fragend;„unſer Dachs und Vielfraß zum Bei⸗ ſpiel, nicht wahr?“ „Ja,“ antwortete Alexis,„auch dieſe gehören zu dieſer Klaſſe und aus dieſem Grunde begreift man ſie mit dem Bären unter dem allgemeinen Namen Ursidae. Nach der Anſicht unſers Vaters aber und auch nach der T meinigen,“ ſetzte Alexis mit einem leichten Anflug von wiſſenſchaftlichem Dünkel hinzu,„iſt dieſe Klaſſification eine ganz irrthümliche und beruht auf der ſehr unbe⸗ deutenden Grundlage der Plattfüße. In allen andern Beziehungen ſind die verſchiedenen Genera kleiner Thiere, welche man auf dieſe Weiſe in die Familie der Bären eingeſchmuggelt hat, den letztern faſt eben ſo unähnlich als der Bär der Schmeißfliege.“ „Den europäiſchen Vielfraß und den amerikaniſchen Wolverene(Gulo), die Dachſe beider Cone inente und Aſiens(Meles), den Waſchbären(Procyon), den Cap⸗ Ratel(Mellivora), den Panda(Ailurus), den Bentu⸗ rong(Ictides), den Coati(Nasua), den Paradoxur(Pa- radoxurus), und ſelbſt den ſonderbaren kleinen Teledu von Java(Mydaus). Es war Linné ſelbſt, der dieſe Thiere zuerſt unter die Hauptbenennung Bären brachte — wenigſtens diejenigen, die zu ſeiner Zeit bekannt waren— und der franzöſiſche Anatom Cuvier dehnte dieſes widerſinnige Regiſter auch auf die andern aus. Umn ſie von den wahren Bären zu unterſcheiden, theilte er die Familie in zwei Linien— die Ursinae oder eigentlich ſogenannten Bären, und die Subursinae oder kleinen Bären. Nun aber iſt nach meiner Meinung,“ fuhr Alexis fort,„nicht die mindeſte Nothwendigkeit vorhanden, dieſe zahlreichen Gattungen Thiere auch nur kleine Bären zu nennen. Sie ſind in keiner Bedeu⸗ tung des Wortes Bären, denn ſie haben mit dem edlen Braun faſt weiter keine Aehnlichkeit, als ihre planti⸗ 63 64 graden Füße. Alle dieſe Thiere— mit Ausnahme des javaneſiſchen Teledu— haben lange Schwänze und einige davon ſogar ſehr lange und ſehr buſchige— ein charakteriſtiſches Kennzeichen, welches den Bären gänz⸗ lich mangelt, denn von dieſen kann man kaum ſagen, daß ſie überhaupt Schwänze haben. Aber es giebt auch noch andere Eigenthümlichkeiten, welche die Bären noch viel ſchroffer von den ſogenannten kleinen Bären trennen, und ſo viele weſentliche Unterſcheidungspunkte, daß ihr Zuſammenwerfen in eine Klaſſe faſt nur als anato⸗ miſcher Unſinn betrachtet werden kann. Es iſt eine Be⸗ leidigung des geſunden Menſchenverſtandes,“ fuhr Alexis wärmer werdend fort,„einen Raccoon— ein Thier, welches zehnmal mehr einem Fuchs ähnlich iſt und dem Genus Canis ſicherlich weit näher ſteht, als dem Genus Ursus— als einen Bären zu betrachten. Andererſeits iſt es eben ſo gbgeſchmackt, die wahren Bären in ver⸗ ſchiedene Genera zu theilen, wie ebendieſelben Anatomen gethan haben, denn wenn es irgend eine Familie in der Welt giebt, deren einzelne Mitglieder eine genaue Familienähnlichkeit mit einander haben, ſo iſt es die Familie Meiſter Braun's. Die verſchiedenen Gattungen ſind einander ſogar ſo ähnlich, daß andere gelehrte Anatomen in die entgegengeſetzte Abgeſchmacktheit ver⸗ fallen ſind und behauptet haben, ſie gehörten alle einer und derſelben Gattung an! Indeſſen, wir werden, ſo wie wir mit den verſchiedenen Mitgliedern dieſer aus⸗ gezeichneten Familie bekannt werden, ſehen, in welchen 65 Beziehungen ſie ſich von einander unterſcheiden und in welchen ſie einander ähnlich ſind.“ „Ich habe gehört,“ ſagte Zwan,„daß es hier in Norwegen und Lappland zwei verſchiedene Gattungen des braunen Bären giebt, außer der ſchwarzen Abart, welche ſo ſelten iſt, und ich habe auch ſagen hören, daß die Jäger zuweilen eine Abart von weißgrauer Farbe erlegen, welchen ſie den Silberbären nennen. Ich dächte, Papa hätte ſelbſt dieſe Thatſachen erwähnt.“ „Sehr richtig,“ entgegnete Alexis.„Schwediſche Naturforſcher haben geglaubt, daß es drei oder wenig⸗ ſtens zwei permanente Abarten des braunen Bären im nördlichen Europa gäbe. Sie ſind ſogar ſo weit ge⸗ gangen, ihnen verſchiedene ſpecifiſche Namen beizulegen. Der eine iſt der Ursus arctos major, während der andere der Ursus arctos minor i*ſt. Der erſtere iſt das größere Thier, wilder in ſeinem Weſen und nährt ſich faſt ausſchließlich von Fleiſch. Die andere oder kleinere Art iſt von ſanfterem Weſen— oder auf alle Fälle furchtſamer— und begnügt ſich, anſtatt Rinder und andere Hausthiere zu zerreißen, mit Würmern, Ameiſen, Wurzeln, Beeren und vegetabiliſchen Subſtanzen. In der Farbe iſt zwiſchen den beiden vermeinten Abarten kein bemerkbarer Unterſchied— wenigſtens iſt er nicht größer, als man ihn oft zwiſchen zwei Individuen von einer und derſelben Art findet, und es iſt eigentlich blos in Bezug auf Größe und Lebensart eine Abweichung be⸗ obachtet worden. Die neueſten und gewiſſgihafteſten Meiſter Braun. I. 1 66 Schriftſteller über dieſen Gegenſtand glauben, daß der große und der kleine braune Bär nicht einmal Varietäten oder Abarten, und daß die unterſcheidenden Kennzeichen blos die Wirkungen von Alter, Geſchlecht und anderen zufälligen Umſtänden ſeien. Es iſt ſehr natürlich, zu vermuthen, daß die jüngeren Bären nicht ſo fleiſchbe⸗ gierig ſind als die älteren. Es iſt eine bekannte Sache, daß das Zerreißen anderer Thiere und das Freſſen ihres Fleiſches kein natürlicher Inſtinkt des braunen Bären iſt. Es iſt vielmehr eine Gewohnheit, die ihren Urſprung erſtens in dem Mangel an anderer Nahrung hat, aber dann ſehr bald ſich zu einem ſtarken Hange entwickelt, welcher dem der Felidae beinahe gleichkommt. „Was die Frage betrifft, ob der ſchwarze Bär eine beſondere Gattung ſei, ſo iſt unter Jägern ſowohl als Naturkundigen viel darüber geſtritten worden. Die Jäger ſagen, der Pelz des ſchwarzen europäiſchen Bären beſitze niemals jene tiefe Schwärze, welche die wirklichen ſchwarzen Bären amerikaniſcher und aſiatiſcher Länder charakteriſirt, ſondern blos eine ſehr dunkle Schattirung von Braun, und ſie glauben, daß es weiter nichts iſt, als der braune Pelz ſelbſt, der blos durch das Alter dunkler geworden. Ganz gewiß haben ſie Grund zu dieſem Glauben, denn es iſt eine wohlbekannte Thatſache, daß die braunen Bären wirklich mit den Jahren dunkler werden.“ „Ha!“ ſagte Jwan lachend,„da iſt es bei den Meiſchen gerade umgekehrt. Sieh einmal Puſchkin an. . — 67 Euere Haare waren früher einmal ſchwarz, nicht wahr, Alter?“ „Ja, junger Herr, ſchwarz wie Adlerfedern.“ „Und jetzt ſind ſie ſo grau wie ein Dachs. Es wird vielleicht nicht lange dauern, ja vielleicht noch ehe wir wieder nach Hauſe kommen— wird Euer Schnurrbart ſo weiß ſein, wie ein Hermelin.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich, junger Herr— wir werden bis dahin alle ein wenig älter werden.“ „Hal hal ha!“ lachte Iwan,„da habt Ihr Recht, Puſchkin; doch fahre fort, Bruder,“ ſetzte er, ſich zu Alexis wendend hinzu,„laß uns Deinen vollſtändigen Vortrag über die ſkandinaviſchen Bären hören. Du haſt noch nicht von dem Silberbären geſprochen.“ „Nein,“ ſagte Alexis,„und auch noch nicht von einer andern Art, welche in dieſen Ländern angetroffen wird und welche einige Naturkundige zu einer beſondern Gattung erhoben haben— den„Ringbären.“. „Du meinſt wohl die Bären mit einem weißen Ring um den Hals? Ja, von dieſen habe ich auch ge⸗ hört.“ „Ganz richtig,“ entgegnete Alexis. „Nun, Bruder, was meinſt Du dazu? Iſt es eine beſondere Gattung oder eine permanente Abart.“ „Weder die eine noch die andere. Es iſt blos eine zufällige Abzeichnung, welche einige junge Exemplare des braunen Bären haben und die ſich ſchon in den erſten Jahren wieder verliert. Nur ſehr junge Bären 5* 68— ſieht man von dieſer Farbe, und der weiße Ring ver⸗ ſchwindet, ſo wie ſie älter werden. Allerdings treffen die Jäger dann und wann einen ſonderbar geringten Bären von leidlicher Größe und ziemlichem Alter, aber alle ſtimmen dahin überein, daß es der braune Bär iſt und keine beſondere Art. Dieſelben Bemerkungen gelten von dem„Silberbären“ und Jäger ſagen, daß ſie in einem Lager von drei Jungen alle drei Farben gefunden haben— den gewöhnlichen braunen, den geringten und den ſilberfarbenen— während die Alte ſelbſt ein ächter Ursus arctos war.“ „Wohlan,“ ſagte Iwan,„da Papa uns nur an den braunen und ſchwarzen bindet, ſo wäre es ſehr nett, wenn wir auch ein Fell von der geringten und von der ſilberfarbenen Abart erlangen könnten. Er würde ſich ſehr darüber freuen. Ich bin neugierig, was für ein Burſche der iſt, dem wir jetzt nachſpüren. Nach der Größe ſeiner Füße zu urtheilen, muß er ein tüchtiger Kerl ſein.“ „Ohne Zweifel iſt es ein altes Männchen,“ ent⸗ gegnete Alexis,„aber wenn ich mich nicht irre, ſo wer⸗ den wir bald im Stande ſein, uns über dieſen Punkt völlige Gewißheit zu verſchaffen. Die Spär wird immer friſcher und friſcher. Er muß hier erſt vor ſehr kurzer Zeit vorbeigekommen ſein, und ich würde mich nicht wundern, wenn wir ihn noch in dieſer Schlucht anträfen.“. „Schau!“ rief Jwan, der ſeine Augen von der 69 Fährte empor und ungeduldig vorwärts gerichtet hatte; „ſchau! Bei Peter dem Großen! dort drüben unter der Wurzel jenes Baumes iſt ein Loch! Warum ſollte das nicht ſeine Höhle ſein?“ Allerdings ſieht es ſo aus. Still! Laß uns auf der Fährte bleiben und ihr vorſichtig folgen— kein Wort!“ Alle drei ſtahlen ſich nun, kaum Athem holend damit das Geräuſch nicht gehört werden möchte— ſchweigend die Fährte entlang weiter. Der friſchgefallene Schnee— noch weich wie Eiderdaunen— ſetzte ſie in den Stand, beim Gehen auch das geringſte Geräuſch zu vermeiden, und ſo ſchlichen ſie näher, bis ſie ungefähr noch ein halbes Dutzend Schritt von dem Baume ent⸗ fernt waren. Jwan’'s Muthmaßung ſchien ſich als richtig erweiſen zu ſollen. Es führte eine Reihe von Fußſpuren die Wand der Schlucht hinauf, und um die Mündung der Höhle herum war der Schnee bedeutend niedergetram⸗ pelt, als ob der Bär ſich vor dem Hineingehen zwei oder drei Mal herumgedreht hätte. Daß er wirklich hineingegangen war, daran zweifel⸗ ten die Jäger nicht im mindeſten. Es waren keine Rück⸗ ſpuren in dem Schnee ſichtbar— blos die einzelne Linie, die nach der Mündung der Höhle hinaufführte, und dies ſchien aufs Bündigſte zu beweiſen, daß Meiſter Braun zu Hauſe ſei. 9. Capitel. Die Ueberwinterung der Bären. TMlie ſchon erwähnt worden, hat der braune Bär eben ſo wie verſchiedene andere Gattungen die Gewohnheit, mehrere Monate lang jeden Winter zu ſchlafen, oder mit andern Worten: zu überwintern. Wenn der Bär im Begriff ſteht, dieſes lange Schläf⸗ chen zu machen, ſo ſucht er ſich eine Grotte oder Höhle, in welcher er ſich von allerhand weichen Subſtanzen— trocknen Blättern, Gras, Moos oder Binſen— ſein Bett bereitet. Er ſammelt hiervon jedoch keinen großen Vorrath. Sein dicker Pelz dient ihm zugleich als Unterbett und als Deckbett, und ſehr oft macht er auch gar keine weitern Umſtände, ſondern kriecht in das Loch, welches er ſch 71 auserſehen, legt ſich nieder, ſteckt den Kopf in das lange warme Haardickicht, welches ſeine Schenkel bedeckt, und überläßt ſich ſo dem Schlafe. Einige Naturkundige haben behauptet, dieſer Schlaf ſei ein Zuſtand von Erſtarrung, aus welcher das Thier weder von ſelbſt erwache noch erweckt werden könnte, ſo lange nicht die von der Natur dazu beſtimmte Zeit abgelaufen ſei. Dies iſt jedoch nicht der Fall; denn oft werden Bären in ihrem Schlafe überraſcht und verfahren dann, wenn ſie von den Jägern aufgeſchreckt ſind, gerade ſo, wie ſie zu andern Zeiten zu thun pflegen. Es muß jedoch bemerkt werden, daß das Zurück⸗ ziehen des Bären in Winterquartiere nicht als daſſelbe zu betrachten iſt, wie der Winterſchlaf der Murmelthiere, Eichhörnchen und anderer Nagethiere. Dieſe Thiere ſchließen ſich blos von der Kälte ab, und um die Bedürfniſſe ihrer freiwilligen Gefangenſchaft befriedigen zu können, haben ſie in ihren Zellen ſchon einen großen Vorrath ihrer gewöhnlichen Nahrung an⸗ geſammelt. Bienen und viele andere Inſekten thun ganz genau daſſelbe. Nicht ſo aber iſt es mit dem Bären. Ob er nicht mit dem Inſtinkt der Sorge für die Zukunft begabt iſt, das iſt ſchwierig zu ſagen, gewiß aber iſt, daß er keinen Vorrath für dieſe langen finſtern Tage ſammelt, 72 ſondern ſich dem Schlafe überläßt, ohne weiter an den morgenden Tag zu denken. Wie er mehrere Monate lang, ohne etwas zu ſich zu nehmen, am Leben bleiben kann, dies iſt eins der Ge⸗ heimniſſe der Natur. Jedermann hat die abgeſchmackte Sage gehört, der Bär ernähre ſich während dieſer Zeit dadurch, daß er an ſeinen Tatzen ſauge, und der geniale Buffon hat dieſes Mährchen nicht blos geglaubt, ſon⸗ dern ſich auch bemüht, es dadurch glaubhafter zu machen, daß er erklärt, die Tatzen des Bären gäben, wenn ſie aufgeſchnitten würden, eine milchartige Subſtanz. Es iſt eine ſeltſame Thatſache, daß dieſes Mährchen überall zu hören iſt, wo Bären überwintern. Die Ein⸗ wohner von Kamtſchatka erzählen es, eben ſo wie die Indianer und die Eskimos im Gebiete der Hudſonsbai, und die norwegiſchen und lappländiſchen Jäger Europa's. Woher haben dieſe ſo weit von einander zerſtreuten Völkerſtämme dieſe gemeinſame Idee einer Gewohnheit, welche, wenn die Sache wahr wäre, auch Bären von ſehr verſchiedenen Gattungen gemeinſam ſein müßte. Dieſe Frage läßt ſich beantworten. Im nördlichen Europa hatte das Mährchen ſeinen erſten Urſprung und zwar unter den Jägern Skandi⸗ naviens. Die ſonderbare Geſchichte war, ſobald ſie ein⸗ mal erzählt worden, zu gut, um verloren zu gehen, und jeder Reiſende hat ſeit dem erſten Erzähler Sorge ge⸗ tragen, ſeinen Bericht über Bären mit dieſem Unſinn auszuſchmücken, ſo daß gleich der Geſchichte von den Amazonen in Südamerika die Eingeborenen ſie von den Reiſenden gelernt haben, aber nicht die Reiſenden von den Eingeborenen. Wie abgeſchmackt iſt es, zu glauben, daß ein rieſiger Vierfüßler, deſſen tägliche Nahrung mehrere Pfund Ge⸗ wicht von animaliſcher oder vegetabiliſcher Subſtanz be⸗ trägt— ein Bär, der ein Kalb auf eine einzige Mahl⸗ zeit verſpeiſen kann— möglicherweiſe zwei Monate lang von der Tatzenmilch leben könnte, welche Buffon beſchrieben hat! Wie läßt ſich aber nun erklären, daß er dennoch am Leben bleibt? Ddiies iſt vielleicht nicht ſo ſchwierig, als es ausſieht. Es iſt ſehr leicht möglich, daß während dieſes langen Schlafes die Verdauungskraft oder der Verdauungs⸗ prozeß ſuspendirt iſt, oder doch nur in unendlich ge⸗ ringem Umfange ſtattfindet, und daß überdies mittels der bedeutenden Quantität Fett, welche der Bär, ehe er zu Bett geht, angeſammelt hat, das Leben erhalten und das Blut fortwährend in Umlauf geſetzt wird. Gewiß iſt, daß gerade zu ihrer jährlichen Bettzeit die Bären fetter ſind, als zu irgend einer andern Zeit des Jahres. Das Reifen der Waldfrüchte und das Ab⸗ fallen verſchiedener Saamenkörner von Maſtkräutern, wovon die Bären während des Herbſtes hauptſächlich leben, verſchaffen ihnen dann vollauf Nahrung und nichts hält ſie ab, fett zu werden und dann ſich ſchlafen zu legen. 3 74 Sie hätten auch durchaus keine Veranlaſſung, wach zu bleiben. Wollten ſie dies thun, ſo müßten ſie in den Ländern, wo ſie den Winterſchlaf ausüben, ſicherlich verhungern, denn da der Boden hart gefroren iſt, ſo könnten ſie nicht nach Wurzeln graben, und unter der tiefen Schneedecke würden ſie vergebens nach ihren Kräutern und Beeren ſuchen. Was das Erbeuten von Vögeln und andern Vier⸗ füßlern betrifft, ſo taugen die Bären dazu nicht. Sie ſind zu ſo etwas nicht behend genug. Sie freſſen die einen wie die andern, wenn ſie der⸗ ſelben habhaft werden können, aber dies iſt nicht immer der Fall, und wenn ſie in der Schneezeit keine andere Zuflucht hätten, ſo müßten ſie ſicherlich verhungern. Um ſie gegen dieſe Zeit des Mangels zu ſchützen, hat die Natur ihnen die eigenthümliche Gabe der Schlaf⸗ ſucht verliehen. Daß dies der Zweck iſt, läßt ſich leicht beweiſen, und geht ſchon aus der einfachen Thatſache hervor, daß die Bären, welche warmen Breitegraden angehören, wie zum Beiſpiel der borneiſche, malayiſche und ſelbſt der ſchwarze amerikaniſche Bär der ſüdlichen Staaten, gar keinen Winterſchlaf halten. Es iſt für ſie keine Nothwendigkeit dazu vorhanden. Die vom Froſte nicht berührten Wälder liefern ihnen das ganze Jahr hindurch ihr Futter, und man ſieht ſie daher auch das ganze Jahr hindurch umherſchweifen, um es zu ſuchen. Selbſt in den Polarländern bleibt der Eisbär das * * 75 ganze Jahr hindurch auf den Beinen, denn da ſeine Nahrung keine vegetabiliſche iſt, ſo wird ſie auch im Winter hindurch nicht verſchneiet. Das Weibchen dieſer Gattung verbirgt ſich allerdings, dies geſchieht aber zu einem andern Zwecke und nicht blos, um ſie vom Hunger⸗ tode zu retten. Daß der Vorrath von Fett, der ſich anſammelt, ehe der Bär ſich ſchlafen legt, etwas mit ſeiner Erhal⸗ tung zu thun hat, geht augenſcheinlich aus der That⸗ ſache hervor, daß dieſes Fett zu der Zeit, wo er wieder erwacht, vollſtändig verſchwunden iſt. Dann, oder kurz darauf, iſt Meiſter Braun ſo dünn wie eine Latte, und könnte er dann in einen Spiegel ſehen, ſo würde er ſich ſelbſt kaum wieder erkennen, ſo verſchieden iſt ſein langer abgemagerter Leib von dem ungeheuern runden fetten Wanſt, mit welchem er ſich vor zwei Monaten kaum durch die Mündung ſeiner Höhle quetſchen konnte! Während ſeines langen Schlafes geht auch noch eine zweite große Veränderung mit ihm vor. Wenn er zu Bett geht, iſt er nicht blos ſehr fett, ſondern auch ſehr faul, ſo daß der größte Neuling von Jäger ihn dann beſchleichen und erlegen kann. Schon von Natur ein gutmüthiges Thier— wir ſprechen hier blos von dem braunen Bären(Ursus arctos), obſchon dieſe Bemerkung auch von mehrern andern Gattungen gilt— iſt er zu dieſer Zeit mehr als gewöhnlich artig und ſanftmüthig. Er hat vollauf vegetabiliſche Nahrung gefunden, welche ſeinem Geſchmack mehr zuſagt, als 76 animaliſche Koſt, und er beläſtigt zu dieſer Zeit kein lebendes Weſen, dafern nur dieſes ihn ungeſchoren läßt. Wenn er dagegen aus ſeinem Schlafe erwacht, ſo zeigt er eine ganz andere Gemüthsart. Er ſcheint, ge⸗ rade wie manche Menſchen,„verkehrt aufgeſtanden zu ſein“. Der Kopf thut ihm weh, der Magen knurrt, und er iſt geneigt zu glauben, es habe Jemand ſeinen Schlaf benutzt, um ihm ſein Fell zu ſtehlen. Mit ſolchen Gedanken kommt er aus ſeinem finſtern Gemach hervor und iſt dann ſehr ſchlechter Laune. Dieſe wird er auch längere Zeit nicht los, und wenn ihm während dieſer Zeit auf ſeinen Morgenſpazier⸗ gängen Jemand begegnet, der ihm nicht ſchleunigſt aus dem Wege zu kommen ſucht, ſo wird der ihm auf dieſe Weiſe Begegnende einen ſehr ſchlimmen Kunden an ihm finden. Zu dieſer Zeit richtet er große Verwüſtungen unter den Heerden der ſkandinaviſchen Hirten an, denn er begeht wirklich dergleichen Räubereien, und ſelbſt der Jäger, der ihm zu dieſer Zeit begegnet, wird wohlthun, wenn er ſich vor ihm in Acht nimmt. Dies thut der Jäger auch und dies thaten auch Alexis, Jwan und Puſchkin. Alle drei kannten die Art und Weiſe des Bären— ihres einheimiſchen ruſſiſchen Bären— genau genug, um zu wiſſen, daß ſie, indem ſie ſich ihm näherten, mit Vorſicht zu Werke gehen müßten. Und auf dieſe Weiſe verfuhren ſie auch, denn anſtatt 77 ſofort auf die Mündung der Höhle zuzueilen und großen Lärm zu machen, ſtahlen ſie ſich behutſam und ſchwei⸗ gend heran, jeder mit geſpanntem Gewehr und bereit, Meiſter Braun in dem Augenblick zu begrüßen, wo er ſeine Schnauze außerhalb des Portals ſeiner Höhle zeigen würde. Hätten ſie nicht ſeine Fährte bis an ſeine Höhle verfolgt, ſo würden ſie ganz anders zu Werke gegangen ſein. Hätten ſie eine Bärenhöhle gefunden, innerhalb deren das Thier im Winterſchlafe gelegen hätte, ſo würden ſie ſich nicht mit ſo vieler Vorſicht genähert haben. Dann würde es ſchon einer tüchtigen Anregung bedurft haben, um ihn nur zu bewegen, überhaupt zum Vorſchein zu kommen, ſo daß ſie ihn ganz bequem hätten niederſchießen können. Die Fährte aber ſagte ihnen, daß dieſer hier auf den Beinen und aus geweſen war— vielleicht mehrere Tage lang. Und da der friſchgefallene Schnee höchſt wahrſchein⸗ lich ihn gehindert hatte, viel Nahrung zu finden, ſo war er ſicherlich jetzt, wie das Sprichwort ſagt,„grimmig wie ein Fleiſcherbeil“. In der Erwartung, ihn faſt augenblicklich heraus⸗ ſpringen zu ſehen, faßten die Drei in einiger Entfernung von der Mündung der Höhle Poſto und erwarteten, ihre Schußwaffen bereit haltend, das Erſcheinen des Thieres. 10. Capitel. Iſt Meiſter Vraun zu Hauſe? Der Eingang der Höhle, wenn es eine Höhle war, be⸗ ſtand in einer Oeffnung von eben nicht großen Dimen⸗ ſionen. Sie war ungefähr groß genug, um den Körper eines völlig ausgewachſenen Bären hindurchzulaſſen, aber nicht größer. Es ſchien mehr ein Loch oder ein Bau zu ſein, als eine wirkliche Höhle, und befand ſich unter einer großen Fichte, unter deren Wurzeln ohne Zweifel auch de ⸗ enthaltsort des Bären gelegen war. Der Baum ſelbſt ſtand an der ſchrägen chlu 1 wand und ſeine gewaltigen Wurzeln erſtreckte ſich übe einen weiten Raum, während viele davon über die Fläche des Bodens hervorragten. Vor der Oeffnung befand ſich ein kleiner Vorfprung, — 79 wo der Schnee von den Tatzen des Bären zerſtampft war, unterhalb dieſes Vorſprungs aber fiel die Wand ziemlich ſteil ab und endete, wie ſchon beſchrieben wor⸗ den, nach unten mit der tieferen Schneeſchicht. Die drei Jäger hatten, wie geſagt, Poſto gefaßt, aber nicht alle bei einander. Unmittelbar vor der Höhle, und natürlich wegen der ſchrägen Wand unterhalb derſelben, ſtand Puſchkin. Er ſtand etwa ſechs Schritt von der Oeffnung. Rechts war Jwan poſtirt worden, während Alexis weitergegangen war und jetzt auf der linken Seite ſtand. Die drei Jäger bildeten gewiſſermaßen ein Dreieck — Puſchkin war die Spitze und die untere Linie der Schluchtwand die Baſis. Eine ſenkrechte Linie von Puſchkin's Flinte gezogen, würde die Mündung der Höhle getroffen haben. Natürlich war Puſchkin's Poſten der gefährlichſte, aber das war zu erwarten. So ſtanden ſie eine ziemliche Weile ſchweigend und regungslos. Von Meiſter Braun war immer noch nichts zu ſehen oder zu hören. Nun beſchloß man, ſich einigermaßen zu rühren und ein Geräuſch irgend einer Art zu machen, welches das Thier herauslocken würde; deshalb huſteten ſie und ſprachen laut, aber alles vergebens. Endlich ſchrieen ſie; aber mit demſelben Mangel an Erfolg— Braun rührte ſich nicht. Daß er wirklich in der Höhle ſei, daran zweifelte 80 keiner. Wie hätten ſie auch daran zweifeln können? Die Spuren, welche nach der Höhle führten, während keine davon herkam, entſchieden dieſe Frage. Ganz ge⸗ wiß war er in ſeiner Wohnung. Mochte er nun aber ſchlafen oder nicht, ſo war es augenſcheinlich, daß er von ihrem Lärmen und Schreien keine Notiz nahm. Es mußten daher andere Mittel angewendet werden, um ihn herauszulocken. Man mußte ihn mit einer Stange aufſtören. Dies war das Mittel, welches ſich zunächſt darbot und man beſchloß, es in Anwendung zu bringen. Puſchkin machte ſich auf, um eine Stange zu holen. Die Andern hielten Wache und ſich ſchußfertig, im Fall der Bär vielleicht in Puſchkin's Abweſenheit heraus⸗ geſtürzt käme. Meiſter Braun aber hatte durchaus keine ſolche Ab⸗ ſicht, und ſeine Anweſenheit gab ſich weder auf ſichtbare noch auf hörbare Weiſe kund. 8* Es dauerte nicht lange, ſo kam Puſchkin wieder. Er hatte mit ſeinem Beile eine Stange abgehauen und da⸗ bei die Vorſicht gebraucht, eine recht lange auszuwählen. Es war ein junger Baum, der, nachdem man ihn von ſeinen Zweigen geſäubert, ſo lang war wie ein Hepſen⸗ ſtange. Puſchkin kannte den Vortheil dieſer Länge. Er hegte durchaus keinen Wunſch, mit dem Bären in llsunahe Berührung zu kommen. Sich beinahe ganz auf ſeinen früheren Bun zurück⸗ ——,—— woollt 81 ſchleichend, ſchob er das Ende der Stange in die Oeff⸗ nung, raſſelte dann damit gegen die Seitenwände und wartete ein wenig. Meiſter Braun gab keine Antwort!. Abermals ward die Stange hineingeſchoben; dies⸗ mal ein wenig weiter und wieder von ähnlichen geräuſch⸗ vollen Demonſtrationen begleitet.’ Meiſter Braun ließ ſich weder hören noch ſehen. „Er muß ſchlafen! Schiebt die Stange noch ein wenig weiter hinein, Puſchkin.“ Dieſe Aufforderung erfolgte durch den ungeduldigen Jwan. Durch die Worte ſeines jungen Herrn ermuthigt, trat Puſchkin der Mündung der Höhle näher und ſchob die Stange bis zur Hälfte hinein. Dann drehete er ſie herum und ſtieß damit rechts und links, konnte aber nichts berühren, was ſich anfühlte wie ein Bär. Zuverſichtlicher werdend trat er noch näher und ſchob die Stange ſo weit hinein, daß er den Boden der Höhle berühren konnte. Dann fühlte er mit der Spitze wieder nach allen Richtungen umher— die Wände entlang, aufwärts und abwärts, kurz überall hin. Immer noch berührte er nichts Weiches— nichts, was ſich anfühlte wie das zottige Fell eines Bären— nichts in der That als harte Felſen, gegen welche er die Stange klappern hörte, mochte er ſie ſchieben wie er Dies war ſehr räthſelhaft. Puſchkin war ein u Meiſter Braun. I. 6 82 Bärenjäger. Er hatte ſeine Stange in manche Bären⸗ höhle geſchoben und wußte recht wohl, wann er den Boden berührte. Ueberdies wußte er auch, daß die Höhle, die er jetzt unterſuchte, blos aus einem Raume beſtand, daß ſie ein Haus mit einem einzigen Zimmer war. Wäre ein zweites oder inneres Gemach vorhanden geweſen, ſo hätte er eine in dieſes hineinführende Oeff⸗ nung gefunden, aber es ſchien keins vorhanden zu ſein. Um ſich vollſtändig davon zu überzeugen, näherte er ſich nun dem Eingange ganz und fuhr fort, die Höhle mit ſeiner Stange zu durchmeſſen. Alexis und Jwan näherten ſich ebenfalls— einer von rechts, der andere von links— und die Unterſuchung hatte ihren Fortgang. Nach kurzer Zeit jedoch ward Puſchkin faſt voll⸗ ſtändig überzeugt, daß kein Bär in der Höhle war. Er hatte mit ſeiner Stange mehrmals den ganzen Raum durchforſcht und war mit nichts Weicherem in Berührung gekommen, als mit einem Felſen oder einer Wurzel des Baums. Um von dem letzten ihm bekannten Mittel Gebrauh zu machen, legte er ſich nun auf den Boden, um zu horchen, indem er ſein Ohr dicht an die Mündung ſer Höhle brachte. Nachdem er ſeine jungen Herren du rch eine Geberde aufgefordert, ſich ganz ruhig zu verhalten, verharrte er in dieſer Poſition mehrere Secunden lang. Vielleicht war es ein Glück für die jungen Leute, wo nicht für Puſchkin ſelbſt, daß ſie ſeiner eerung gehorchten. Ihr Schweigen ſetzte ſie in den ————— 83 etwas zu hören, was Puſchkin in ſeiner jetzigen Poſition nicht hören konnte, und dies war ein Geräuſch, welches die jungen Bärenjäger bewog, zurückzuprallen und auf⸗ wärts zu blicken, anſtatt in die Höhle. Indem ſie dies thaten, bot ſich ihren Augen ein Anblick dar, der beiden einen gleichzeitigen Schrei ent⸗ lockte, während ſie zugleich einige Schritte zurücktraten und dabei ihre Gewehre anlegten. 8 Langſam ſich den Stamm der großen Fichte herab⸗ bewegend, zeigte ſich ein Thier von ungeheurer Größe Hätten ſie nicht etwas der Art erwartet, ſo hätte keiner von ihnen ſagen können, daß dieſer ſich bewegende Gegen⸗ ſtand ein Thier ſei, denn auf den erſten Anblick waren weder Kopf noch Beine zu ſehen, ſondern nur eine un⸗ geheure formloſe Maſſe von braunem zottigen Haar. Einen Augenblick ſpäter aber ſtreckte ſich ein rieſiges behaartes Bein nach unten heraus und dann ein zweites, eben ſo wie das erſte in einer breiten, mit Krallen ver⸗ ſehenen Tatze endend, welche abwechſelnd mit der andern in die rauhe Rinde des Baumes eingriff, ſo daß praſſelnd ſich ganze Stücken davon abſchälten und herunterfielen. So eigenthümlich die Geſtalt auch war, ſo konnte man doch das Thier, welches dieſe retrograde Bewegung ausführte, doch unmöglich verkennen. Es war Meiſter Braun ſelbſt, welcher mit dem Hintertheile nach unten den Baum herabkletterte! I. Capiteſ. Hand gegen Tatze. Ileris und Zwan ſtießen, während ſie zurückprallten, einen lauten Schrei aus, um Puſchkin zu warnen. Bei⸗ nahe in demſelben Augenblick legten beide ihre Gewehre an und ſchoſſen den Bären in den Rücken. Puſchkin hatte wohl ihren Schrei gehört, aber nicht das demſelben vorausgegangene Schnauben, welches das Thier ausgeſtoßen hatte. Er war zu eifrig bedacht ge⸗ weſen, in die Höhle hineinzuhorchen, als daß er etwas hätte hören können, was außerhalb derſelben vorging. Den Warnungsruf und den Knall der Schüſſe hörte er jedoch, obſchon nicht zeitig genn um beiſeite ſpringen zu können. Gerade in dem Agenblick, wo die Schüſſe felen, ——— 2o—— 85 hatte er ſich halb aus ſeiner liegenden Stellung empor⸗ gerichtet. Gerade in dieſem Augenblick aber plumpte auch der Bär von dem Baume herab und auf den Rücken des alten Gardiſten, ſo daß dieſer mit dem Geſicht ab⸗ wärts wieder platt zur Erde niederſtürzte. Vielleicht wäre es für Puſchkin gut geweſen, wenn er ruhig in dieſer Lage geblieben wäre, denn der Bär hatte ſich ſchon von ihm abgewendet und verri h die Abſicht, die Flucht zu ergreifen. Puſchkin aber, welcher glaubte, er befände ſich in der ſchlimmſten Lage, in die er möglicherweiſe gerathen konnte, raffte ſich ſo ſchnell als möglich auf und griff nach ſeiner Muskete. Dieſe feindſelige Bewegung von Seiten ſeines Gegners und vielleicht die Meinung, daß Puſchkin es geweſen ſei, der ihm auf ſo unhöfliche Weiſe den Rücken gekitzelt, reizte den Bären zur Wuth, und anſtatt ſein Hintertheil einem zweiten Angriffe auszuſetzen, kam er mit weit⸗ geöffnetem Rachen auf den ehemaligen Gardiſten los. Letzterer hatte mittlerweile ſeine Muskete aufgerafft und raſch angelegt, leider aber verſagte der Schuß! Das Schloß war in der Schneefalle naß geworden. Es war ein Steinſchloß und das Zündkraut war feucht ge⸗ worden. Das Verſagen des Schuſſes ſteigerte die Wuth des Bären nur noch höher und eine Ladung Schrot, welche Zwan in demſelben Augenblick aus dem zweiten Laufe ſeiner Doppelflinte abfeuerte, reizte ihn noch mehr. Puſchkin zog ſeinen langen Hirſchfänger. Es war 86 die einzige Waffe, die er jetzt zur Hand hatte, denn das Beil, welches ihm jetzt vielleicht weit beſſere Dienſte ge⸗ leiſtet hätte, war oben an der Stelle liegen geblieben, wo er die Stange abgehauen hatte. Deshalb zog er ſein Jagdmeſſer und machte ſich ge⸗ faßt, ſich in einem Kampfe Hand gegen Tatze zu vertheidigen. Noch hätte er die Flucht ergreifen können, wenn auch nicht mit Gewißheit der Rettung, denn in der Haſt des Augenblicks war der Bär auf die ſteile Wand über ihm gelangt und hätte er ihm den Rücken gewendet, ſo hätte der grimmige Vierfüßler ihn nach Belieben ein⸗ holen und niederſtrecken können. Puſchkin hielt es daher für beſſer, ſich dem Bären gegenüber zu ſtellen und ſeinen Angriff muthig zu em⸗ pfangen.. Es gab blos eine Richtung, in welcher er ſich zu⸗ rückziehen konnte, nämlich rückwärts den Abhang hinun⸗ ter. In dieſer Richtung konnte er ſich eine Strecke weit entfernen und er gedachte auch dies zu thun, um auf einer etwas ebneren Fläche feſten Fuß faſſen zu können. Da der Bär einen Augenblick ſtehen geblieben war, um ſich die Stelle zu lecken, wo ihn die Büchſenkugel getroffen, ſo gewann Puſchkin dadurch Zeit, ſich einige Schritte zurückzubewegen, aber nur einige Schritte, denn dieſer ganze Vorgang nahm nicht den zehnten Theil der Zeit in Anſpruch, welche wir zur Beſchreibung deſſelben gebraucht haben. — ⏑—— 87 Gerade in dem Augenblick, wo Puſchkin den Boden der Schlucht erreicht hatte, kam ſein grimmiger Gegner mit fürchterlichem Grunzen aus dem Pulverdampfe her⸗ aus und gerade auf ihn zugeſtürzt. Als er noch unge⸗ fähr drei Fuß von dem Jäger entfernt war, richtete er ſich auf ſeine Hinterbeine empor, in der Haltung eines Fauſtkämpfers. Puſchkin ſtürzte, die rechte Hand, in welcher er ſein Jagdmeſſer hielt, ausſtreckend, vorwärts und einen Augenblick ſpäter hielten ſich Mann und Thier in grimmiger Umarmung umſchloſſen. Auf dieſe Weiſe walzten ſie über den Schnee hin⸗ weg, der, von ihnen emporgeſtampft, ſie umgab wie eine Wolke, und eine Weile lang ſah man ſie nur wie eine einzige dunkle aufrechte Geſtalt in verworrener und heftiger Bewegung. Zwan ſtieß ein lautes Angſtgeſchrei aus. Er fürchtete für das Leben ſeines inniggeliebten Puſchkin, während Alexis, kaltblütiger, raſch ſeine Büchſe wieder lud, denn er wußte, daß das ſicherſte Mittel, das Leben ihres treuen Dieners zu retten, darin beſtünde, daß man den Tod des Bären herbeiführte. Es war ein Augenblick wirklicher Gefahr für Puſch⸗ kin. Der Bär war einer der größten und grimmigſten, mit welchen er je zuſammengerathen war, und hätte er vielleicht das Thier genauer betrachtet, ehe der Kampf begann, ſo würde er es ſich zweimal überlegt haben, ehe er ihm die Spitze geboten hätte. Der Pulverdampf .* 88 von den Schüſſen aber ſchwebte in der feuchten Luft noch über und um den Platz herum. Bis zu dem Augenblicke, wo Puſchkin beſchloß Stand zu halten, hatte er noch gar keinen deutlichen Anblick von ſeinem zottigen Gegner gehabt. Als er endlich die furchtbare Größe und Stärke des Thieres ſah, war es zu ſpät, um zurückzutreten, und der Kampf begann wie ſchon beſchrieben. In kurzer Zeit hatte Alexis— der in dieſer Be⸗ ziehung flink war wie ein Tirailleur ſeine Büchſe wieder geladen und eilte nun zur Rettung herbei. Ohne ganz nahe zu gehen, wagte er nicht, Feuer zu geben, denn bei der Art und Weiſe, wie Mann und Bär umhertanzten, konnte er eben ſo leicht den einen treffen als den andern. Plötzlich jedoch ſchienen ſie ſich loszulaſſen. Puſchkin hatte ſich aus den Klauen des Bären herausgeriſſen und zog ſich, augenſcheinlich nicht geneigt, die Umarmung zu erneuen, rückwärts über den Schnee zurück, während das Thier ihn noch grimmig verfolgte. In dieſem Augenblick hätte Alexis gern Feuer ge⸗ geben, unglücklicherweiſe aber hielt die Richtung, in welcher Puſchkin ſich bewegte, ſeinen Körper in beinahe gleicher Linie mit der des Thieres, und Alexis konnte nicht ſchießen, ohne Gefahr zu laufen, ihn zu treffen. Die Hatz führte nun quer über die Schlucht und natürlich auch über die Schneeſchicht. Der Verfolgte that ſein Möglichſtes, um zu entrinnen. Der Verfolger 89 aber war im Vortheile, denn während der Mann bei jedem Schritte durchbrach, glitt der Vierfüßler mit ſeinen breiten Tatzen über die gefrorene Schneekruſte dahin, ohne auch nur einen Zoll einzuſinken. Puſchkin hatte allerdings einen kleinen Vorſprung, ſein Verfolger aber kam ihm immer näher. Ein oder zwei Mal war der Bär ſogar dicht genug hinter ihm, um ihn mit ſeiner ausgeſtreckten Schnauze am Rockſchooße zu berühren; die Nothwendigkeit aber, ſich auf die Hinterfüße emporzurichten, ehe er mit ſeiner Tatze einen Streich führen konnte, nöthigte ihn, erſt noch näher zu kommen, und Meiſter Braun wußte das. Endlich jedoch war er zu dieſem Zwecke nahe ge⸗ nug gekommen und hatte ſich auf ſeine Hinterfüße er⸗ hoben, in der Abſicht, ſein Opfer niederzuſtrecken. Iwan und Alexis ſtießen gleichzeitig einen Schrei des Entſetzens aus, aber ehe noch der tödtliche Streich fallen konnte, war der Mann, dem er zugedacht war, plötzlich Aller Augen entſchwunden. Anfangs glaubten die jungen Jäger, der Streich ſei wirklich gefallen, und Puſchkin demſelben erlegen. Sie ſahen den Bären vorwärts ſpringen, wie um über den Gefallenen herzuſtürzen, im nächſten Augenblick aber miſchte ihr Schrecken ſich mit Erſtaunen, als ſie plötz⸗ lich weder Mann noch Bär mehr ſahen. Beide waren mit einem Male verſchwunden. 12. Capitel. Ein geheimnißvolles Verſchwinden. Das plötzliche Verſchwinden ſowohl des Mannes als des Bären würde unſere jungen Jäger nicht wenig ver⸗ blüfft haben, wenn ſie nicht ſchon Puſchkin's erſtes Aben⸗ teuer erlebt hätten. Dieſes aber lebte noch friſch in ihrer Erinnerung und ſie begriffen daher ſofort, was geſchehen war. Während Puſchkin eifrig bedacht war, ſeinem Gegner zu entrinnen, hatte er ohne Zweifel die gefährliche Schneebrücke vergeſſen und war, gerade wie zudoi⸗ durchgebrochen. Diesmal jedoch war die Sache nicht zum Lochen Puſchkin ſpielte jetzt nicht mehr ein einſames Doſen⸗ männchen, ſondern lag höchſt wahrſcheinlich unter dem 91 rieſigen Körper des wilden Ungeheuers, welches ihn mit ſeinen Zähnen in Stücken riß, oder er mußte vielleicht in dem unter dem Schnee hinfließenden Waſſer ertrinken. Ob der Bär freiwillig ihm nachgeſprungen, oder in ſeinem wilden Ungeſtüm in die Schneekluft geſtürzt war, ohne es verhindern zu können, dies konnte man für den Augenblick nicht wiſſen. Die jungen Jäger vermutheten, daß der Bär mehr gegen ſeinen Willen hineingeſtürzt ſei, denn ſie hatten ihn auf ziemlich unbeholfene und tölpiſche Weiſe ver⸗ ſchwinden ſehen, und ſeine Hinterbeine ſchlugen auf⸗ wärts, während er durch den Schnee brach. Ob aber der Sprung nun ein frewwilliger oder ein unfreiwilliger geweſen war, darauf konnte wenig an⸗ kommen. Der Bär mußte jetzt nothwendig auf dem Gardiſten liegen und da die jungen Jäger die unver⸗ ſöhnliche Wuth dieſer Thiere, wenn ſie einmal zum Zorne gereizt ſind, kannten, ſo glaubten ſie nicht anders, als daß ihr Begleiter entweder ertrinken oder in Stücken geriſſen werden müſſe. Noch eine letzte Hoffnung nicht aufgebend, eilte Alexis über den Schnee, indem er ſeine Kugelbüchſe be⸗ reit hielt, um ſie in dem Augenblicke, wo er den Bären zu Geſicht bekommen würde, auf dieſen abzufeuern. So wie er näher kam, hörte er ein Schlagen und Plätſchern nebſt anderem Geräuſch, wie zum Beiſpiel das Schnauben und Grunzen des Bären und das Kni⸗ ſtern und Krachen des gefrorenen Schnees. In der 9² Meinung, daß dieſes Geräuſch durch den noch zwiſchen dem Manne und dem Bären ſtattfindenden Kampf hervorgebracht werde, eilte er immer weiter. Puſchkin's Stimme war ſeltſamerweiſe nicht zu hören. Als er ſich dem Rande der Kluft bis auf ungefähr drei Schritt genähert hatte, erblickten ſeine Augen einen Gegenſtand, der ihn bewog, Halt zu machen. Dieſer Gegenſtand war die Schnauze des Bären, welcher über die Fläche des Schnees emporragte. Die Augen des Thieres waren nicht ſichtbar, eben ſo wenig als irgend ein anderer Theil deſſelben— weiter nichts als, wie ſchon bemerkt, die Schnauze in einer Länge von ungefähr ſechs Zoll. Alexis glaubte ſofort, der Bär habe ſich auf ſeine Hinterfüße emporgerichtet und bemühe ſich, herauszu⸗ klettern. Dies war auch vollkommen wahr, denn einen Augen⸗ blick darauf ſah er den Bären ſenkrecht emporſpringen, ſo daß ſein ganzer Kopf und ein Theil ſeines Halſes ſichtbar ward. Dies geſchah jedoch nur einen Augen⸗ blick lang, denn Meiſter Braun, welcher jetzt die Rolle des Doſenmännchens zu ſpielen ſchien, verſchwand ſofort wieder mit Schnauze und allem. Der junge Jäger bereuete natürlich, daß er nicht ſofort auf den Kopf des Thieres Feuer gegeben, ehe aber noch zehn Secunden vergangen waren, kam die Schnauze am Rande des Loches wieder zum Vorſchein. 93 Aller Wahrſcheinlichkeit nach wollte der Bär einen zweiten Verſuch machen, herauszuſpringen. Alexis wartete daher, bis der ganze Kopf hervor⸗ ragen würde, aber blitzſchnell fiel ihm ein, daß es dem Thiere bei dieſer zweiten Anſtrengung gelingen könnte, die Oberfläche des Schnees zu erreichen, wo er dann ſelbſt in Gefahr kommen würde. Um dies zu vermeiden, beſchloß er, ſofort Feuer zu geben— nicht auf die Schnauze, denn obſchon er nicht verfehlt haben würde, dieſelbe zu treffen, ſo wußte er doch, daß dies den Bär nicht tödten, ſondern nur noch wüthender machen würde. Der Schädel des Bären war es, auf den er zu zielen wünſchte. Nach der Poſition, in welcher ſich die Schnauze des Thieres befand, konnte er natürlich ganz genau ſagen, wo der Kopf ſein mußte, obſchon er den⸗ ſelben nicht ſehen konnte. Wäre Alexis ein ungeübter Schütze geweſen, ſo wäre er auf ſeinem Platze ſtehen geblieben und hätte, die Poſition des Kopfes des Bären vermuthend, durch den Schnee hindurch darauf geſchoſſen. Aber auf dieſe Weiſe verfuhr er nicht. Er beſaß genug phyſikaliſche Kenntniſſe, um zu wiſſen, daß ſeine Kugel, wenn er ſie in ſchräger Richtung abfeuerte, von der gefrorenen Schneerinde abſpringen und das Ziel ganz und gar verfehlen könnte. Um ſich der Richtung daher zu verſichern, ſchlich er ſofort noch zwei Schritte weiter vorwärts, ſchob den Lauf ſeiner Flinte durch den 94 Schnee, bis die Mündung beinahe den Kopf des Bären berührte und gab dann Feuer. Einige Secunden lang ſah er nichts. Der Pulver⸗ dampf ſowohl als der vor der Mündung der Büchſe in die Höhe getriebene Schneeſtaub bildete eine dichte Wolke über dem Platze. Obſchon aber Alexis die Wirkung ſeines Schuſſes nicht ſehen konnte, ſo ſchloß er doch aus dem, was er hörte, daß ſeine Kugel gute Wirkung gethan hatte. Ein lautes Plätſchern auf dem Boden der Kluft verrieth, daß der Bär in dem Waſſer herumſtrampelte, während ſein klägliches Winſeln und mattes Grunzen verrieth, daß ſeine wilde Kraft ſchnell dahinſchwand. Sobald als der Rauch ſich verzogen hatte, rutſchte Alexis auf den Knieen bis an den Rand der Kluft und ſchauete darüber hinab. Es war Blut auf dem Schnee; die Seite, an welcher der Bär geſtanden hatte, war ganz karmoiſinroth davon und unten in dem Waſſer, unter den Klumpen von zerbrochener Schneerinde, zeigte ſich eine dunkle braune Maſſe, welche, wie Alexis wußte, der Körper des Thieres war. Es bewegte ſich noch; da es aber ausgeſtreckt lag und nur noch ſchwache Anſtrengungen machte, ſo wußte der junge Jäger, daß das Leben beinahe entſchwunden ſei. Dies war daher natürlich nicht der Grund, der ihn jetzt bewog, mit ſo ängſtlicher, unruhiger Miene hinunter⸗* zuſchauen. Der Grund lag vielmehr in ſeiner Beſorg⸗ niß um Puſchkin. Wo war dieſer? Auf dem Boden der 95 kraterähnlichen Kluft ſah Alexis wohl den Körper des Thieres, aber nichts von einem Menſchen— weder Arme, noch Beine, noch Körper. Konnte er unter dem Bären liegen, ſo daß er von dem zottigen Haar deſſelben verdeckt ward? Oder lag er in dem ſchwarzen Waſſer, welches den Boden der Schlucht füllte. Oder— ſchrecklicher Gedankel— war er todt und war ſein Körper durch die raſch unter dem Schnee dahin brauſende Strömung fortgeführt worden? Dies war nicht unwahrſcheinlich, denn Alexis ſah, daß zwiſchen dem Schnee und dem Waſſer ſich eine Art gewölbter Tunnel befand, der groß genug war, um dem Körper eines Menſchen Eingang zu geſtatten. Angſtvoll ſchrie er nun laut und rief Puſchkin beim Namen. Eben wollte er ſeinen verzweifelten Ruf wieder⸗ holen, als plötzlich ein lautes dicht hinter ihm ausge⸗ ſtoßenes Gelächter an ſein Ohr ſchlug. In dieſem Ge⸗ lächter erkannte er die Stimme Jwan's. Alexis ſprang ſchnell auf ſeine Füße empor und wunderte ſich, was in aller Welt die Urſache dieſer un⸗ zeitigen Heiterkeit ſein könne. Er wendete ſich nach Iwan herum, in der Abſicht ihn auszuſchelten. In dieſem Augenblick aber erblickte er einen Gegenſtand, der ihn hinderte, ſeine Abſicht in Ausführung zu bringen. Im Gegentheile erweckte das, 3 was er ſah, ſolche Freude in ihm, daß er ſich nicht ent⸗ halten konnte, in Iwan's Gelächter einzuſtimmen. Es war dies auch kein Wunder. Der Anblick war 96 ſeltſam genug, um ſelbſt einem Sterbenden ein Lächeln zu entlocken. Man konnte ſich kaum ein drolligeres Schauſpiel denken. Ein wenig weiter die Schlucht hinab und ungefähr zehn Schritt von der Stelle, wo die Jünglinge ſtanden, ſah man einen Gegenſtand aus dem Schnee herausragen. Dieſer Gegenſtand hielt ungefähr zehn Zoll im ſenk⸗ rechten Durchmeſſer, wagerecht etwas weniger, und war von länglich runder Form. An Farbe war er faſt ſo weiß wie der Schnee ſelbſt, denn er war auch mit die⸗ ſem, aus deſſen Schooße er ſo eben aufgetaucht war, über und über bedeckt. Ein Fremder, der jetzt erſt zur Stelle gekommen wäre, würde nicht gewußt haben, was er daraus machen ſollte. Jwan dagegen erkannte, als der Gegenſtand durch die Schneerinde auftauchte, ſofort Puſchkin's Kopf. Allxis erkannte ihn ebenfalls auf den erſten Blick und das komiſche Blinzeln in Puſchkin’s Augen, welches verrieth, daß er keinen großen Schaden genommen, war es, was Alexis bewog, in das Gelächter ſeines Bruders einzuſtimmen. Ihre Heiterkeit war jedoch von kurzer Dauer. Es war blos ein unwillkürlicher Ausbruch, denn reiflicheres Nachdenken ſagte ihnen ſofort, daß Puſchkin, obſchon ſie ihn am Leben ſahen, doch nichtsdeſtoweniger eine ernſte Beſchädigung erlitten haben könnte, und beide eilten, von dieſem Gedanken getrieben, auf den Kopf zu. Als ſie jedoch dicht hinzukamen, war Iwan nicht im 9ʃ Stande, ſich zu beherrſchen, ſondern brach abermials in ein lautes unwillkürliches, Gelächter aus. Der Kopf des alten Gardiſten, der wie eine Sphinx auf der gefrorenen Fläche ſtand— ſein graues, über und über mit Schnee gepudertes Haar— ſein langer damit belaſteter Schnurr⸗ bart— ſeine funkelnden blinzelnden Augen und der ernſtkomiſche Ausdruck ſeiner Züge— alles dies zu⸗ ſammen bildete ein Gemälde, wuälchen man kunam ine Lachen betvachten konnte. Alexis jedoch, dem viel daran lag zu wiſſen, ob Puſchkin eine gefährliche Wunde davon getragen, ſtimmte diesmal in die Heiterkeit ſeines Bruders nicht ein, und ſobald als ſie nahe genug kamen, waren ſeine Fragen auf dieſen Punkt gerichtet. „Blos ein bischen zerkratzt, meine jungen Herren,“ antwortete der alte Gardiſt;„blos ein bischen zerkratzt — weiter nichts— aber der Bär— der Bär— wo iſt das Thier hin?“ 3 „In ſeine letzte Heimath,“ antwortete Alexis.„Ihr braucht ſeinetwegen weiter nicht in Sorge zu ſein. Ich glaube, Euer Meſſer muß ihm ſchon ſo ziemlich den Reſt gegeben haben— denn er war nicht im Stande, wieder aus dem Loch herauszukommen. Zum Glück aber habe ich ihm mit einer Kugel den Garaus gemacht, und wir haben weiter nichts zu thun, als ſeinen Leichnam heraufzuhiſſen und abzuhäuten. Vor allen Dingen aber wollen wir uns bemühen, Euch wieder herauszuhelfen, mein guter Puſchkin, und dann werdet Ihr uns erzählen, Meiſter Braun. I. 7 98 auf welche Art es Euch gelungen iſt, in ſo wunder⸗ barer Weiſe dem Tode zu entrinnen.“ Mit dieſen Worten begann Alexis, von Jwan unter⸗ ſtützt, die harte Schneerinde, welche Puſchkin's Hals um⸗ gab, loszueiſen, und ſie fuhren damit fort, bis ſie ſeine Schultern freigemacht hatten. Dann faßten ſie ihn bei den Armen— einer auf jeder Seite— und zogen ihn herauf, bis ſeine Füße abermals auf der Oberfläche des Schnee's ſtanden. u. capitet. Unter dem Schnee. Puſchtin begann nun die Art und Weiſe ſeines Ent⸗ rinnens zu beſchreiben und ſeine jungen Herren hörten mit großer Aufmerkſamkeit zu, obſchon ſie ſo ziemlich erriethen, wie die Sache zugegangen war. Dennoch aber waren ihnen einige Punkte nicht ganz klar und der alte Gardiſt mußte ihnen darüber nähern Auf fſchluß geben. Erſtens war er vor dem Bären geflohen, nicht weil er ſich beſiegt glaubte, ſondern weil er ſein Meſſer ver⸗ loren hatte. Der von dem Blute naßgewordene⸗ Griff deſſelben war ſeiner Hand entglitten, und er wußte nicht, was daraus geworden war. Als er ſich auf dieſe Weiſe unbewaffnet ſah, war ſein nächſter Gedanke natürlich, 7 100 Braun aus dem Wege zu kommen, denn was konnte ein Unbewaffneter in der Umarmung eines Bären thun — und zwar eines ſolchen Bären? Er wendete ihm daher den Rücken und gab Ferſen⸗ geld, aber er hatte dabei ganz die gefährliche Beſchaffen⸗ heit der Schneeſchicht vergeſſen— der Brücke, welche ihn ſchon vorher nicht zu tragen vermocht, obſchon dies die einzige Richtung war, die er einſchlagen konnte. Hätte er verſucht, rechts oder links zu entfliehen, ſo wäre ſein Weg nothwendig bergauf gegangen und der Bär hätte ihn dann gewiß mit wenigen Sprüngen ein⸗ geholt. Im Grunde genommen hat er daher doch die rechte Richtung eingeſchlagen und ſein Einbrechen war, wie ſich zuletzt ergab, der glücklichſte Zufall, der ihm möglicherweiſe hätte begegnen können. Wäre es nicht geſchehen, ſo würde er aller Wahrſ ſcheinlichkeit nach in die Klauen des Bären gefallen und von dem tmüchenden Thier in Stücken geriſſen worden ſen. Als er den Boden berührte, fühlte er das Waſſer unter ſeinen Füßen und beſann ſich nun, wie es vorher geweſen war. Er beſann ſich auf den Hohlweg unter dem Schnee, und als er den Bär über ſich im Begriff ſah, ihm nachzuſtürzen, duckte er ſich ſchnell und kroch in den Tunnel hinein. Er fühlte, wie der Bär hinter ihm niederplumpte, und die Wucht des Thieres trieb ihn noch weiter unter die Schneebrücke hinein. Subalde er einmal ordentlich hinein war, arbeitete 101 er ſich ſtromabwärts mit— weiter und ſchaffte ſich ſo viel Raum, daß ſein Körper hindurch⸗ konnte. Der weiche Schnee ließ ſich leicht auf die Seite drängen, und nachdem Puſchkin ſo weit vorgedrungen war, als er es für nothwendig hielt, wendete er ſich rechts und arbeitete ſich aufwärts nach der Oberfläche. Während er ſo beſchäftigt war, hatte Alexis dem Buären den Garaus gemacht. Das grimmige Thier war⸗ Puſchkin nicht unter den Schnee nachgefolgt. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war Braun über ſeinen plötz⸗ lichen Sturz in das Waſſer ſelbſt erſchrocken. Von die⸗ ſem Augenblick an waren alle ſeine Gedanken darauf gerichtet, ſeine eigene Rettung zu bewerkſtelligen und in dieſer Abſicht bemühete er ſich, auf die Oberfläche der Schneebrücke zurückzugelangen, als Aleris ſeine Schnauze das erſtemal erblickte. In dem Augenblick, wo Alexis den letzten Schuß that, oder gleich darauf, war Puſchkin mit ſeinem Kopfe durch die Schneerinde gefahren und hatte Jwan da⸗ durch zu dem Gelächter gereizt, welches ſeinen Bruder in ſo großes Erſtaunen geſetzt hatte. Puſchkin war indeſſen nicht ganz unverſehrt aus dem Kampfe hervorgegangen. Als man den alten Gar⸗ diſten näher unterſuchte, fand ſich, daß der Bär ihm tüchtig zugeſetzt und von der linken Schulter ein Stück Haut von mehrern Quadratzoll abgeriſſen hatte. Auch das Fleiſch war ziemlich zerfetzt. Alexis beſaß einige wundärztliche Geſchiclichkei und 10² verband, ohne einen 1neue zu verlieren, die Wunde auf die unter den obwaltenden Umſtänden beſtmögliche Weiſe. Ein reines Taſchentuch, welches Iwan zufällig bei ſich führte, diente als erſte Bedeckung der Wunde, und nachdem es mit einem von Puſchkin's Aermel ge⸗ riſſenen Streifen feſtgebunden worden, befand ſich der verwundete Gardiſt in dem geeigneten Zuſtande, um die Wunde ſo ſchnell heilen zu laſſen, als es der Natur gefallen möchte. Auch der geſchickteſte Chirurg hätte nicht mehr thun können. Ihr nächſtes Geſchäft war, nach dem Bären zu ſehen. Als ſie wieder an das Loch kamen und hinabſchaue⸗ ten, war das Thier, wie Alexis ſchon vermuthet, voll⸗ ſtändig todt und das durch den rieſigen Leichnam zum Theil eingedämmte Waſſer floß darüber hinweg. Zwan, der bis jetzt von allen am wenigſten zur Er⸗ langung der Beute beigetragen hatte, ward jetzt der rührigſte von den dreien, und nachdem er auf den Kör⸗ per des großen Thieres hinabgeſprungen war, ſchlang er das Seil um eins der Hinterbeine und trat dann auf die Seite, um bei dem Hinaufziehen des Thieres be⸗ hülflich zu ſein. 41 Alexis und Puſchkin begannen an dem andern Ende des Seiles zu ziehen und die unförmliche Maſſe ſtieg langſam aufwärts. Jwan ſchob von unten und lenkte ſie an den holprigen Vorſprüngen des Schnees vorbei. Drei Monate früher wäre es eine ganz andere Auf⸗ 103 gabe geweſen, Meiſter Braun e einer ſolchen Tiefe emporzuziehen— das heißt zu der Zeit, wo er ſich zu ſeiner Winterſieſta niedergelegt hatte. Damals würde er ſeine ſechs bis ſiebenhundert Pfund gewogen haben, während er jetzt kaum die Hälfte dieſes Gewichts hatte. Seine Haut war jedoch in ganz eben ſo gutem Zu⸗ ſtande, als wenn er fett geweſen wäre, und unſern Jägern war an dieſer, aber nicht an dem Fleiſche ge⸗ legen. Nach angeſtrengtem Ziehen, während deſſen Iwan auf dem Boden der Schlucht es an Schreien nicht fehlen ließ, war der koloſſale Leichnam endlich heraus und lag der Längelang auf dem gefrorenen Schnee. Nun war es noch nothwendig, ihn an dem Aſte eines Baumes zu befeſtigen, um ihn auf geeignete Weiſe abhäuten zu können. Dies ließ ſich jedoch mittelſt des Seiles leicht ausführen. Bis jetzt konnte Puſchkin ſich immer noch nicht der Verluſt ſeines Meſſers erklären. Er ſuchte es überall, aber es war nirgends zu finden. Die ganze Fläche, über welche er mit dem Bären getanzt war, ward ſorgfältig unterſucht und der Schnee mehrere Zoll tief weggekratzt. Blut von dem Bären fand man und auch einiges von Puſchkin, aber kein Meſſer. Konnte es in das Waſſer gefallen ſein? Nein. Puſchkin erklärte, daß er es nahe am Rande der Schneeſchicht habe fallen laſſen, denn dieſer Unfall war überhaupt die Urſache ſeines Rückzugs von dem Kampfe geweſen. 104 Erſt als der große Leichnam an dem Aſte aufge⸗ hängt ward, kam das verlorene Meſſer wieder zum Vorſchein. Zum Erſtaunen der jungen Jäger ſowohl als Puſchkin's ſelbſt ſah man nämlich nun das Meſſer in der Schulter des Bären ſtecken! In dieſer hatte es geſteckt, als das Heft ſeinen Händen auglite war und hier war es geblieben. 3n Ohne Zweifel würde auch ſchon ditſer Stic den Tod des Bären herbeigeführt haben, noch unmittelbarer tödtlich aber war die Kugel aus Alexis’ Büchſe ge⸗ weſen, denn dieſe war Meiſter Braun durch das Gehirn gegangen und hatte ſeihet Schädel zerſchmettert wie eine Schale. Das Abhäuten des Thieres ward mit großer Sorg⸗ falt vorgenommen, denn das Fell war eins der ſchönſten und die Jünglinge wußten, mit welchem Intereſſe es bei ſeiner Ankunft in dem Palaſte Grodonoff betrachtet awerden würde. Sie ſparten deshalb keine Mühe, es von dem Rumpfe abzutrennen, und nachdem die Arbeit beendet war, ward es ſauber zuſammengefaltet und mit dem Stricke wie ein Torniſter auf Puſchkin's Schultern befeſtigt. Von dem übrigen Cadaver nahmen ſie weiter keine Notiz, ſondern überließen ihn den Wölfen, den Viel⸗ fraßen und andern fleiſchfreſſenden Thieren, die der Zu⸗ all vielleicht an dieſe Stelle führte. Hierauf machten ſie ſich auf den Rückweg durch die 105 Schlucht und indem ſie dann in einen Pfad einbogen, welcher nach dem Zelte des Lappländers führte, erreich⸗ ten ſie ihr von Rauch und Qualm erfülltes Quartier gerade noch zur rechten Zeit, um ſich zum Mittagseſſen niederſetzen zu können. M. Capiteſ. Das„Umringen“ des Bären. Der auf dieſe Weiſe erlegte Bär war der ächte Ursus arctos, oder braune Bär. Den letzteren Namen hat er von der Farbe ſeines Pelzes, die in neunundneunzig Fällen von hundert ein gleichförmiges Braun iſt. Der Name iſt indeſſen kein ganz angemeſſener, weil es auch noch andere braune Bären giebt, die ſehr ver⸗ ſchiedenen Gattungen angehören. Nachdem unſere Jäger, wie wir geſehen haben, ſein Fell in Sicherheit gebracht, war ihre nächſte Sorge, ein Fell von dem Körper ſeines ſchwarzen Bruders zu erlangen. Sie wußten recht wohl, daß dies ſich nicht leicht bewerkſtelligen laſſen würde, und zwar aus dem hn Grunde, weil der Ursus niger, oder euro⸗ 107 päiſche ſchwarze Bär, eins der ſeltenſten Thiere iſt. Es werden in der That ſo wenige von dieſen Thieren er⸗ legt, daß von tauſend Häuten des europäiſchen Bären nicht mehr als zwei oder drei der ſchwarzen Gattung angehören. Allerdings waren ſie gerade in dem Lande, wo ſie die meiſte Ausſicht hatten, auf einen zu ſtoßen, denn nur in der nördlichen Zone Europa's und auch Aſiens — ſind die ſchwarzen Bären zu finden. In den ſüdlichen Gebirgsketten— den Alpen, Py⸗ renäen und Karpathen— trifft man dieſe Gattung nicht an. Ob dieſer ſchwarze Bär eine beſondere Gattung iſt, konnte für ſie weiter nicht Gegenſtand einer Erörterung ſein. Sie wußten, daß er von den meiſten Natur⸗ kundigen als eine Abart— von einigen als eine per⸗ manente— anerkannt wird. Deshalb war er ſicherlich mit in die in dem Briefe ihres Vaters aufgeſtellten Bedingungen eingeſchloſſen, und ein Fell mußte daher geſchafft werden, mochte es koſten was es wollte. War dies geſchehen, ſo hatten ſie dann weiter nichts in Lappland zu verrichten, ſondern konnten ſofort weiter reiſen nach den Pyrenäen. Es war nicht nothwendig, daß ſie ſich Häute von dem„grauen“ oder„Silberbär“ verſchafften, eben ſo wenig als von dem mit dem weißen Ring um den Hals, der unter dem Namen des„geringten“,„Krauſen“⸗ oder„Kragenbären“ bekannt iſt. 108 Wie Alexis geſagt hatte, wird von Allen, die den Ursus arctos kennen, anerkannt, daß dies alles blos zufällige Abarten ſind. Der ächte Kragen⸗ oder Krauſen⸗ bär(Ursus collaris) wird in Lappland nicht gefunden, ſondern blos im nördlichen Aſien und Kamtſchatka, und er iſt es auch, der unter dem Namen des„ſibiriſchen Bären“ bekannt iſt. 2e Die Jünglinge waren deshalb durch ihren Vertrag nit verbunden, auch dieſe Gattungen zu beſchaffen, nichtsdeſtoweniger aber freuten ſie ſich, über den ſtrengen Buchſtaben ihres Uebereinkommens hinausgehen zu können, und das Glück begünſtigte ſie in dieſer Be⸗ ziehung, denn während ſie das Land des Drsus niger durchſtreiften, ſtießen ſie auf einen zweiten braunen Bär, ein Weibchen mit drei Jungen, von welchen das eine braun war wie die Mutter, das zweite den weißen Ring um den Hals hatte und das dritte grau war wie ein kleiner Dachs! Alle vier wurden erlegt und die jungen Jäger hatten nicht blos die Freude, die verſchiedenen Arten Häute an das Muſeum ihres Vaters abſenden zu können, ſon⸗ dern Alexis, der Naturforſcher, ſchöpfte aus dieſem großen Familienfang noch eine anderweite Genugthuung. Es ward dadurch unbeſtreitbar bewieſen, was er ſchon vermuthet und was überdies die eingeborenen Bauern und Jäger ihm geſagt hatten, nämlich, daß der„Silber⸗ bär“ und der„geringte Bär“ mit dem Ursus arotos identiſch ſind. 19 109 Trotz ihrer Freude über den Fang der alten Bärin und ihrer bunten Kinder machte ihnen doch der„ſchwarze Bär“ viel Sorge. Sie hatten alle Wälder und Ge⸗ birge meilenweit umher durchſucht und es war ihnen ſogar gelungen, noch mehrere andere Exemplare des braunen Bärs zu erlegen, aber ein chänge war nicht ausfindig zu machen. Es war nun unter den einheimiſchen Jägern bekannt geworden, was ſie ſuchten, und da ſie eine gute Be⸗ lohnung für Jeden ausgeſetzt hatten, der ſie nach dem Aufenthaltsorte oder der Höhle eines wirklichen ſchwar⸗ zen Bären führen würde, ſo war es nicht unwahrſchein⸗ lich, daß ſie bald von einem hören würden. In dieſer Erwartung ſahen ſie ſich auch nicht ge⸗ täuſcht. Ungefähr eine Woche, nachdem das Anerbieten be⸗ kannt gemacht worden, erſchien ein finniſcher Bauer— ein Quän, wie man ſie nennt— in ihrem Haupt⸗ quartier und meldete, daß er einen ſchwarzen Bären „umringt“ hätte. Ddies war eine willkommene Nachricht und die jungen Ruſſen machten ſich ſofort auf den Weg vuch dem be⸗ zeichneten Orte. Es wird hier nothwendig ſein, zu eilären, was der Mann meinte, als er ihnen ſagte, er habe den Bären „umringt“, weil dies ein Ausdruck iſt, der in allen ſkandinaviſchen Ländern eine beſondere Bedeutung hat. In dieſen Ländern wird, wenn man die Spur eines 110 Bären in dem Schnee entdeckt hat, dieſelbe von der Perſon, die ſie entdeckt hat, weiter verfolgt und zwar in der Abſicht, ihn zu„umringen“, das heißt, ſo genau als möglich den Ort zu ermitteln, an welchem er Halt gemacht und ſich zur Ruhe niedergelegt hat. Iſt der dem Bären auf dieſe Weiſe Nachſpürende ein Jäger, oder ſind es eine wirklich auf der Jagd be⸗ griffene Anzahl von Jägern, ſo ſetzen ſie ihre Nach⸗ forſchungen natürlich fort, bis ſie den Bären in ſeiner Höhle gefunden haben. In neun Fällen von zehn aber werden die Bären nicht auf dieſe Weiſe verfolgt. In den meiſten Fällen iſt ihr Aufenthaltsort— mag es nun ein zeitweiliger ſein oder nicht— ſchon vorher durch einen Hirten oder Holzhauer ermittelt worden, und eine Anzahl Jäger be⸗ giebt ſich dann an Ort und Stelle und umzingelt das Thier, ehe man es aus ſeinem Lager aufſcheucht. Dieſes Umzingeln hat jedoch durchaus nichts mit dem„Umringen“ des Bären zu thun, welches eine Operation von ganz anderer Art iſt und von der Perſon ausgeführt wird, welche zuerſt auf die Spur geſtoßen iſt. Die Art und Weiſe, auf welche hierbei verfahren wird, beſteht einfach darin, daß der Betreffende der Fährte oder Spär des Bären ſo leiſe und behutſam als möglich folgt, bis er Grund hat, zu glauben, daß das Thier nicht mehr weit iſt. Dies entdeckt er dadurch, daß die Spär nicht mehr in gerader Linie fortgeht, ſondern ſich im Zickzack und 111 rückwärts mehrmals um ſich ſelbſt herumbewegt, denn wenn ein Bär die Abſicht hat, ſich niederzulegen, ſo pflegt er erſt das Terrain nach jeder Richtung zu be⸗ gehen, gerade ſo wie der Haſe zu thun pflegt, ehe er ſich ſeinem Lager anvertraut. Viele andere Thiere be⸗ obachten eine ähnliche Vorſicht, ehe ſie ſich zur Ruhe begeben. Nachdem der Bärenſpürer dieſe Stelle erreicht hat, verläßt er die Fährte gänzlich und macht einen Rund⸗ gang um den Theil des Waldes, innerhalb deſſen ſeiner Vermuthung zufolge Meiſter Braun ſich gelagert hat. Dieſe Runde hat einen größern oder geringern Durchmeſſer, je nach den Umſtänden, wobei es auf die Jahreszeit, die Beſchaffenheit des Terrains und eine Menge andere Rückſichten ankommt. Wenn während dieſes Rundgangs ſich zeigt, daß die Fährte des Bären darüber hinausführt, ſo wird dieſer„Ring“ aufgegeben und ein anderer weiter vor⸗ wärts angefangen. Kommt aber der Fährteſucher wieder an denſelben Punkt, von welchem er erſt ausgegangen iſt, ohne noch⸗ mals auf die Spär geſtoßen zu ſein, ſo ſchließt er da⸗ raus, daß der Bär irgendwo innerhalb des Unkreiſes, welchen er gezogen hat, liegen und zu finden ſein muß. Dies nennt man alſo das„Umringen“ des Bären. Man wird ſich wundern, warum der Mann die Spär nicht weiter verfolgt, bis er das Lager oder die Höhle des Thiers vollends erreicht. 112 Dies läßt ſich leicht erklären. Der Spürer iſt nicht allemal ein Bätenjüger, und ſaliſt wenn er einer wäre, ſo würde es nicht klug von ihm gehandelt ſein, wenn er ſich einem Bären ohne Ge⸗ hülfen nähern wollte, welche das Thier vuningeln und ihm den Rückzug abſchneiden. 3 Wollte er direkt auf das Verſteck des Bäre 4 gehen, ſo würde Meiſter Braun aller— nach ihn eher entdecken, als er ſich auf Schußweite nähern könnte, und, die Flucht ergreifend, ihn zu einer Hatz von zehn bis zwölf Meilen nüthigen, ehe er wieder Halt machte. Der braune Bär thut d das fehr oft. Nachdem der Spürer den Umtkreis ermittelt hat, 3 innerhalb deſſen das Thier ſeinen einſtweiligen Ruhe⸗ platz genommen, ſetzt er die Jäger ſeines Dorfes oder feiner Niederlaſſung in Kenntniß, und dann macht ſich eine zahlreiche Geſellſchaft auf, um dem Betnainſaium 1 Feinde den Untergang zu bereiten. Um den Ring herum entfalten ſie ſich, vücken dann nach Innen zuſammen und können dann ſicher darauf rechnen, den Bären entweder ſchlafend in ſeiner Höhle zu finden, oder während er gerade im Begriff iſt, Jer Honzuhnaihen und die Flucht zu ergreifen. Rb Der„Ring“ bleibt Pnuhnüi mehrere Tage— zuweilen wochenlang— denn der Bär bleibt, beſonders zur Winterzeit, gewöhnlich ſehr lange in der Nähe ſeines Lagers. Oft vergehen einige Tage, ehe Jäger 113 an Ort und Stelle ankommen können, ſollte aber der Bär mittlerweile weitergelaufen ſein, ſo werden ſie durch ſeine Fährte im Schnee dennoch in den Stand geſetzt, ihn zu verfolgen und ihn ausfindig zu machen. Sollte dagegen, nachdem der Bär den bezeichneten Ring überſchritten hat, friſcher Schnee gefallen fein, ſo iſt dann natürlich die fernere Nachforſchung vergeblich, und Meiſter Braun entrinnt— wenigſtens aus dieſem „Ringe“. Einer der eigenthümlichſten Umſtände bei dieſem Gebrauche iſt, daß Der, dem es gelungen iſt, einen Bär zu„umringen“, als der rechtmäßige Eigenthümer des Töhieres— oder vielmehr des„Ringes“ betrachtet wird und ſein Recht an irgend eine beliebige Jagdgeſellſchaft abtreten kann. Natürlich kann er für das Erlegen des Bären nicht bürgen— dies bleibt der Geſchicklichkeit der Jäger an⸗ heimgegeben, welche es darauf ankommen laſſen müſſen. Der Spürer ſteht blos dafür, daß innerhalb eines vor⸗ geſchriebenen Cirkels ein Bär zu finden iſt, was er durch die Spär nachweiſt. Unter dieſen durch lange und treu beobachtete Ge⸗ wohnheit geheiligten Bedingungen machen, wie man ſich leicht denken kann, die Holzhauer und andere Leute oft ein gutes Geſchäft und verkaufen den von ihnen ge⸗ machten Ring für eine ziemlich bedeutende Summe an die kampf⸗ und beutegierigen Jäger. Meiſter Braun. I. 8 114 Eben in dieſer Abſicht hatte der finniſche Bauer ſich mit unſeren jungen Ruſſen in Mittheilung geſetzt und da die Prämie, welche ſie ſchon geboten, das gewöhnliche Kaufgeld bei weitem überſtieg, ſo ging der Quän ſo⸗ fort auf ihr Anerbieten ein und führte ſie nach dem „Ringe“. e 15. Capitel. Der alte„Nalle.“ Mlährend ſie auf dem Wege nach dem Revier waren, wo ſie den Bären zu finden erwarteten, theilte ihr Führer ihnen mit, daß er das Thier nicht blos„umringt“ habe, ſondern auch die Höhle wiſſe, in welcher es läge. Dies war noch beſſer. Es erſparte ihnen nicht blos das Nachſuchen, ſondern ſetzte ſie auch in den Stand, das Thier von allen Seiten zu umzingeln und ihm den Rückzug abzuſchneiden, im Fall es verſuchen ſollte, die Flucht zu ergreifen, ehe ſie in ſeine Nähe gelangten. Als ſie ſich daher dem Platze näherten, ſchlug Puſch⸗ kin vor, daß die drei Jäger ſich trennen und, nachdem ſſiie ſich in einem Cirkel aufgeſtellt, von verſchiedenen Riichtungen nach innen vorrücken ſollten. 8* 116 Dieſem Vorſchlage aber widerſetzte ſich der Führer, indem er mit einem bedeutſamen Lächeln ſagte, es be⸗ dürfe ſolcher Vorſichtsmaßregeln nicht, denn er ſtünde dafür, daß der Bär ſeine Höhle nicht eher verlaſſen würde, als bis ſie alle ſo nahe gekommen wären, wie ſie nur wünſchen könnten. Die Jäger wunderten ſich über dieſe Zuverſicht von Seiten ihres Führers, nach wenigen Minuten aber ward ihnen die Sache klar. Auf eine Art Klippe zugehend, welche die Wand eines kleinen ſteinigen Hügels bildete, zeigte der Quän auf ein Loch in dem Felſen und ſagte, indem er dies that: „Da drinnen ſteckt der alte Nalle.“ „Nalle“ iſt nämlich der Spitzname des Bären in allen ſkandinaviſchen Ländern, und unſere ruſſiſchen Jäger wußten dies recht wohl. Daß aber ein Bär in dem kleinen Loche ſtecken könne, auf welches ihr Führer gezeigt hatte, ſchien ganz unglaublich zu ſein, und Iwan und Alexis brachen in ein lautes Gelächter aus, wäh⸗ rend Puſchkin mehr geneigt war, ein wenig ärgerlich zu werden. Das Loch, auf welches der Quän gezeigt hatte, war eine Spalte zwiſchen zwei großen Felsſtücken. Es befand ſich ungefähr eine Elle hoch über dem Boden, auf welchem ſie ſtanden, und hielt ſicherlich nicht mehr als etwa ſechs oder acht Zoll im Durchmeſſer. Um die ganze Oeffnung herum war der Felſen dick mit Eis überzogen und von dem obern Rande der Klippe — 117 hingen zu beiden Seiten ungeheure Eiszapfen herab, ſo daß die Spitzen die Erde berührten und ausſahen wie ungeheure Elephantenrüſſel oder wie deren die Mam⸗ muths gehabt haben mögen. Einer dieſer ungeheuern Eiszapfen hing gerade vor der Oeffnung, während auf dem Boden, unmittelbar hinter der Spitze, eine unförmliche Maſſe von unregel⸗ mäßiger, kegelförmiger Form und Geſtalt ſich befand, deren oben vertiefte Fläche mit kürzlich gefallenem Schnee überzogen war. Die erſte Idee unſerer Jäger war, daß ſie von dem hinterliſtigen Quän betrogen worden ſeien. Puſchkin erklärte, daß ſie dies nicht leiden würden, und verlangte ſofort die zehn Reichsthaler zurück, welche ſeine jungen Herren für den„Ring“ des Bären bezahlt hatten. Es ſei dummes Zeug, ſagte er. Selbſt wenn eine Höhle da ſei, ſo könne doch kein Bär darin ſein und zwar aus dem einfachen Grunde, weil keiner, ſelbſt nicht der kleinſte, ſeinen Leib durch ein ſolches Loch hätte quetſchen können, denn kaum eine Katze könnte ſich durch eine ſolche Oeffnung zwängen. Wo waren übrigens die Spuren des Bären? Es waren keine zu ſehen, weder an der Mündung der Höhle, noch in dem Schnee außerhalb. Alte Spuren von dem Bauer ſelbſt und einem Hunde waren wohl zu ſehen, aber nicht von einem Bären. „Es iſt eine Prellerei und weiter nichts,“ murmelte Puſchkin. 118 „Nur Geduld, Meiſter,“ ſagte der Quän.„Es iſt auf jeden Fall ein Bär darin, und ich will es beweiſen oder Euch Euer Geld zurückgeben. Sehet meinen kleinen Hund hier— er wird Euch zeigen, daß der alte Nalle darin iſt. Er hat es mir auch erſt geſagt.“ Mit dieſen Worten ließ der Quän einen winzig kleinen Hund, den er bis jetzt an der Leine geführt, los. Das Thier rannte, ſobald es ſich frei ſah, ſofort auf das Loch zu und begann an dem Eiſe herumzukratzen und auf die wüthendſte und heftigſte Weiſe zu bellen. Es bewies dies ſicherlich, daß ein lebendes Geſchöpf darin war, aber wie konnte der Quän ſagen, daß es ein Bär ſei?— und vor allen Dingen ein ſchwarzer Bär? Man befragte ihn über dieſen Punkt. 4 „Hieran,“ entgegnete der Bauer, indem er ein Büſchel langes ſchwarzes Haar, welches augenſcheinlich von einem Bären herrührte, aus ſeiner Taſche zog,„hieran habe ich geſehen, daß der alte Nalle in der Höhle iſt, und die Farbe des Haars ſagt mir, daß es ein ſchwarzer Nalle iſt.“ „Aber wie ſeid Ihr dazu gekommen?“ fragten alle drei in einem Athem, als der Bauer ihnen das Bären⸗ haar vor die Augen hielt. „Nun ſehet,“ antwortete der Quän,„dort oben an dem Loche werdet Ihr einige zackige kleine Vorſprü⸗ in dem Felſen bemerken. Dort fand ich das Haar un 119 der Bär muß es daran hängen gelaſſen haben, als er ſich in ſeine Höhle hineinzwängte— ſo iſt die Sache.“ „Aber,“ ſagte Alexis,„Ihr wollt doch nicht be⸗ haupten, daß ein Bär durch ein ſolches Loch kriechen könne? Da könnte ja kaum ein Dachs hinein, lieber Freund.“ 1 „Jetzt allerdings nicht,“ ſagte der Quän,„das gebe ich zu. Er iſt aber ſchon ſeit drei Monaten hinein. Damals war das Loch größer.“ „Damals war es größer?“ „Allerdings, Ihr Herren. Der Haufen, den Ihr unten ſehet, iſt blos Eis. Es iſt das abgethaute Waſſer von dem großen Eiszapfen, welches beim Herabfallen wieder gefroren iſt, und wenn er nicht da wäre, ſo würdet Ihr einen Platz ſehen, der groß genug iſt, um einen Bären einzulaſſen. Ach, er iſt darin— das ver⸗ ſichere ich Euch.“ „Aber dann könnte er ja gar nicht allein heraus!“ „Das iſt ſehr wahr,“ entgegnete der Bauer.„Er müßte hier bis weit hinein in den Frühling ſtecken bleiben, wenn wir ihn nicht gefunden hätten— wenig⸗ ſtens bis die Sonne ihm dieſen großen Eishaufen aus dem Wege gethaut hätte. Es paſſirt dies den Bären in unſerer Gegend ſehr oft,“ ſetzte der Quän hinzu, 3 ohne, wie es ſchien, dies für etwas Seltſames oder Un⸗ gewöhnliches zu halten. Was der Mann ſagte, war buchſtäblich wahr. Der Bär war in dieſe Spalte oder Höhle gekrochen, um ſein 120 Winterſchläfchen zu halten, und während der langen Wochen, die ſeit dieſer Zeit verfloſſen waren, hatte das Waſſer, von Regen und geſchmolzenen Schnee von dem Rande der Klippe heruntertröpfelnd, ungeheure Stalak⸗ titen von Eis, ſo wie auch Stalagmiten gebildet, denn eine dieſer letzteren war es, welche den Eingang zu der Höhle verſperrte und den Bären gewiſſermaßen in ſei⸗ nem eigenen Hauſe eingeſchloſſen hatte. Dieſer merkwürdige Zufall begegnet ſkandinaviſchen Bären nicht allein ſehr häufig, ſondern dieſe Thiere wer⸗ den trotz ihrer ſprichwörtlichen Klugheit oft auch ihre eigenen Kerkermeiſter⸗ Sie haben nämlich die Gewohnheit, große Quanti⸗ täten Moos und Gras vor ihren Höhlen zu ſammeln, welche ſie gerade vor der Oeffnung, anſtatt inwendig zu einem Bett, worauf ſie ſich legen könnten, anhäufen. Warum ſie das thun, iſt ſchwer zu begreifen. Die ſkandinaviſchen Jäger ſagen, die Bären thäten es, um ſich vor dem kalten Winde zu ſchützen, der außerdem in ihr Gemach blaſen würde, und in Ermangelung einer beſſern Erklärung hat dieſe auch allgemeine Annahme gefunden. Der Haufen wird ſehr bald von Regen und geſchmolzenem Schnee geſättigt und gefriert zu einer ſo feſten Maſſe, daß ſie mit einer Art zerhauen werden muß, ehe man ſie aus dem Wege ſchaffen kann, und der Bär ſelbſt iſt gänzlich außer Stande, ſie zu ent⸗ fernen. Die Folge hiervon iſt, daß dieſelbe oft den Ein⸗ 5 121 gang zu Meiſter Braun's Winterwohnung verſperrt, und wenn er aus ſeinem Schlafe erwacht, ſo ſieht er ſich in einer von ihm ſelbſt gebauten Falle gefangen. Er hat dann keine andere Zuflucht, als ruhig ſtecken zu bleiben, bis die Wärme des Frühlings die Maſſe aufgethaut hat, ſo daß er ſie mit ſeinen Klauen in Stücken reißen und ſich dadurch den Ausweg bahnen kann. Bei ſolchen Gelegenheiten kommt er in einem Zu⸗ ſtande von außerordentlicher Schwäche und Magerkeit heraus. Nicht ſelten iſt er auch gar nicht im Stande, das Hinderniß hinwegzuräumen, und muß dann elendig⸗ lich in ſeiner Höhle umkommen. Als die jungen Jäger von dem Quän, welcher Meiſter Braun's Lebensgewohnheiten ſehr genau zu kennen ſchien, dieſe Erklärungen hörten, waren ſie über⸗ zeugt, daß wirklich ein Bär in der Höhle ſei. In der That waren ſie auch noch nicht lange an Ort und Stelle, als ſie einen noch genügenderen Be⸗ weis von dieſer Thatſache erhielten, denn ſie hörten deutlich das Schnauben des Thiers und dann und wann ein ärgerliches zänkiſches Grunzen, wie zur Ant⸗ wort auf das Bellen des Hundes. Ohne Zweifel war ein Bär in der Höhle. Aber wie ſollte man ihn herausbringen? Dies war nun die wichtige Frage. 16. Capitel. Der Paliſadenzaun. Sie warteten einige Zeit, in der Hoffnung, daß der Bär an der kleinen Oeffnung ſeine Schnauze zeigen würde, und alle drei ſtanden da und lauerten mit ge⸗ ſpannten Gewehren und ſchußfertig. Es verging jedoch eine ziemliche Weile und da keine Schnauze zum Vorſchein kam, ſo gelangten ſie zu dem Schluße, daß der Bär auf dieſe einfache Weiſe nicht erbeutet werden könne. An dem Schnauben und Grunzen erriethen ſie, daß er nicht weit von dem Eingange lag, und ſie glaubten, daß ſie ihn mit einer Stange vielleicht erreichen könnten. Sie verſuchten dies, fanden aber, daß die Stange blos in ſchräger Richtung hineingeſchoben werden konnte, 123 und obſchon Puſchkin damit ſo viel wie möglich nach allen Richtungen herumfuhr und ſie wie ein ſpaniſches Rohr bog, ſo konnte er doch nirgends etwas Weiches oder Haariges damit berühren, während der Bär, trotz⸗ dem er ſich dann und wann hören ließ, fortwährend ſeinen Platz an dem entgegengeſetzten Ende der Höhle behauptete. Es ſchien ſich kein anderes Mittel darzubieten, als die eiſige Maſſe wegzuhauen und die Mündung der Höhle frei zu machen. Stand aber, wenn dies geſchehen war, wohl zu er⸗ warten, daß Meiſter Braun herauskommen würde? Der Quän hoffte beſtimmt, daß dies der Fall ſein würde, und führte als Grund an, daß in Folge des warmen Wetters der Bär ſeinen Winterſchlaf ſchon völlig abgeſchüttelt haben müſſe und ohne Zweifel ſchon längſt ſeine Höhle verlaſſen haben würde, wenn das Eis ihn nicht daran gehindert hätte. Sobald als dies hinweggeſchafft wäre, würde er ganz gewiß heraus⸗ kommen—„denn der Hunger,“ ſagte der Bauer,„wird ihn heraustreiben— wenn auch nicht augenblicklich, doch ſicherlich binnen ungefähr einer Stunde.“ Im ſchlimmſten Falle könnten ſie ja eine Weile warten. Ueberdies wären ſie vielleicht auch, ſobald das Eis hin⸗ weggeſchafft wäre, im Stande, dem Bären mit einer Stange beizukommen, und dies würde ihn ſicherlich in ſolche Wuth verſetzen, daß er ganz gewiß verſucht werden würde, einen Ausfall zu machen. 124 Auf dieſe Bemerkungen hin ergriff Puſchkin ſeine Axrt, ſchlug den großen Eiszapfen in Trümmer und ſtand im Begriff, daſſelbe mit dem den Eingang verſperren⸗ den Stalagmiten zu thun, als er von dem Quän unterbrochen ward. „Mit Eurer Erlaubniß, Meiſter,“ ſagte er, indem er ſeine Hand auf Puſchkin's Arm legte.„Nicht ſo ſchnell, wenn's beliebt.“ „Warum?“ fragte der ehemalige Gardiſt.„Habt Ihr denn nicht die Abſicht, das Thier herauszutreiben?“ „Ja wohl, Meiſter,“ entgegnete der Quän,„aber erſt muß etwas geſchehen. Dies iſt ein ſchwarzer Bär, müßt Ihr wiſſen.“ „Nun, und was iſt mit einem ſchwarzen Bären Be⸗ ſonderes? fragte Puſchkin ein wenig überraſcht, denn in den Wäldern Rußlands, wo er Bären gejagt, gab es keine ſchwarzen. 64 „Wißt Ihr denn nicht,“ ſagte der Finne,„daß der ſchwarze Nalle ſtets größer iſt, als ſein brauner Bruder? Ueberdies wird er gerade jetzt vor Hunger ſo unbändig ſein, daß er in dem Augenblick, wo er herauskäme, einen von uns zerreißen und freſſen würde. Wenn dieſes Eis nicht da wäre, ſo möchte ich nicht hier ſtehen! Nehmt Euch daher Zeit, Meiſter. Ich glaube, ich kann Euch ein beſſeres Mittel zeigen, oder doch iſt es auf alle Fälle ein ſichreres. Es iſt eine Methode, die wir hier in An⸗ wendung bringen— wenn wir überzeugt ſind, daß ein 125 Bär ſchläft und uns nicht unterbricht, während wir uns zu ſeinem Empfange in Bereitſchaft ſetzen.“ „Nun gut,“ entgegnete Puſchkin,„ich bin mit Allem, was Ihr vorſchlaget, einverſtanden. Es liegt mir durch⸗ aus nichts daran, es auf eine abermalige Balgerei an⸗ kommen zu laſſen— ich habe an der neulichen noch hinreichend genug.“ Und indem der alte Gardiſt dieſe Bemerkung machte, zuckte er bedeutſam mit ſeiner Schulter, deren Wunde noch nicht ganz vernarbt war und ihn zuweilen noch recht nachdrücklich an die rauhe Behandlung erinnerte, die er damals erlitten. „Wohlan denn,“ ſagte der Quän,„wenn Ihr mir einige ſtarke Pfähle oder Stangen abſchneiden helfen wollt, ſo werde ich Euch ein Mittel zeigen, durch welches Ihr den alten Nalle ohne Gefahr für einen von uns auf den Schädel ſchlagen, oder ihn auch niederſchießen könnt, wenn Ihr ihn lieber auf dieſe Weiſe erlegen wollt. Natürlich waren alle mit dem Vorſchlage des Quän einverſtanden, denn wenn der ſchwarze Bär, wie der Bauer geſagt, wilder war als ſeine braunen Brüder, ſo war es für ſie keine angenehme Ausſicht, ihn plötzlich unter ſie losgelaſſen zu ſehen. Waren ſie nicht im Stande, ihn auf der Stelle, ſo wie er herausſtürzte, todtzuſchießen, ſo waren ſie nicht blos in Gefahr, tüchtig zerkratzt und gebiſſen zu werden, 126 ſondern auch— was ſie beinahe eben ſo ſehr fürchteten — ihrer Beute ganz verluſtig zu gehen. Der Bär konnte in den Wald entrinnen, und da jetzt die Abhänge der Hügel entlang ganze Strecken völlig frei von Schnee waren, ſo konnte er ſich von ihnen hinwegſchleichen, ohne daß es ihnen möglich war, ſeine Spur wieder zu entdecken. Dies wäre eine Täuſchung von nicht gewöhnlicher Art geweſen. Sie konnten dadurch vielleicht wochenlang, ja vielleicht Monate von der weitern Fortſetzung ihrer Reiſe abgehalten werden, denn es konnten Wochen oder Monate vergehen, ehe ſich ihnen wieder eine Gelegen⸗ heit darbot, ein ſchwarzes Bärenfell zu erlangen, und ehe ſie ein ſolches ſich verſchafft, konnten ſie ſich nicht auf den Weg nach Spanien machen. Aus dieſem Grunde waren ſie daher ſehr gern be⸗ reit, auf alle Bedingungen einzugehen, unter welchen der Bär auf ſichere Weiſe erlegt werden konnte. Der Quüän ſetzte ſeinen Plan ſofort auseinander, und ſobald als er ihn mitgetheilt, machten ſich alle drei an's Werk, um ihn bei der Ausführung zu unterſtützen. Es wurden demgemäß eine Anzahl ſtarker Pfähle abgeſchnitten— jeder ungefähr ſechs Fuß lang und an dem einen Ende zugeſpitzt. Dieſe wurden rings um den äußern Rand der Eismaſſe in halbrunder Reihe in den Boden hineingetrieben, ſo daß dadurch ein kleiner Raum vor der Oeffnung eingehegt oder umzäunt ward. Um die Pfähle deſto feſter zuſammenzuhalten, wurden dieſelben durch die breiten flachen Aeſte der in der Nähe wachſenden Harztannen dicht an einander ge⸗ flochten, und große Steine daran aufgethürmt. Auf dieſe Weiſe ſtellten ſie einen Zaun her, durch welchen keine Katze hätte hindurchkriechen können, ge⸗ ſchweige denn ein Bär. Nur eine einzige Oeffnung ward darin gelaſſen und zwar gerade vorn— ein Loch, ungefähr in der Höhe des Knies eines Mannes vom Boden und gerade groß genug, um den Kopf eines Bären aufzunehmen— denn dies war der Zweck, zu dem es beſtimmt war. Das Nächſte, was geſchehen mußte, war, dieſe ganze Paliſadeneinhegung mit einem Dache zu ver⸗ ſehen. Dies geſchah, indem man lange Stangen wage⸗ recht darüber legte, dieſelben an den Enden feſt mit den Pfählen verband, und ſie dann dicht mit Tannenreiſern bedeckte. Nun blieb weiter nichts mehr zu thun übrig, als das Eis aus dem Wege zu räumen und den Bären herauskommen zu laſſen. Dies wäre nicht ſo leicht aus⸗ zuführen geweſen, wenn das Eis nicht ſchon theilweiſe hinweggeſchafft geweſen wäre. Ehe das Dach vollends zugemacht ward, hatte Puſch⸗ kin nämlich auf Geheiß des finniſchen Bauern den größ⸗ ten Theil der Eismaſſe hinweggehauen und gleichſam blos eine Hülle oder Schale ſtehen laſſen, welche, ob⸗ ſchon ſie noch wie vorher den Eingang ausfüllte, doch 128 mit leichter Mühe zuſammengeſchlagen, oder von außer⸗ halb der Einhegung eingeſtoßen werden konnte. Während der Zeit, wo der ehemalige Gardiſt das Eis unterminirte, hatte er die Mündung der Höhle fortwährend im Auge behalten. Er ward dazu durch ein gewiſſes Geräuſch veranlaßt, welches dann und wann ſich aus der Höhle hören ließ, und da er von ſeiner Sicherheit nicht vollkommen überzeugt war, ſo hatte er ſich einer gewiſſen Beſorgniß nicht ganz erwehren können. Der Bär konnte, wenn er ſich mit ſeinem ganzen Gewicht gegen die dünngewordene Eismaſſe warf, recht wohl herausbrechen; und da durch das fortwährende Meißeln die Eiswand immer ſchwächer und dünner ward, ſo ſtiegen Puſchkin's Befürchtungen in demſelben Verhältniß. Er war daher ſehr froh, als er, nachdem er die gefrorene Maſſe nach ſeiner Meinung hinreichend aus⸗ gehölt hatte, von ſeiner Arbeit abſtand und aus der Einhegung durch den für ihn offen gehaltenen Raum hinauskroch. Dieſe Oeffnung ward nun eben ſo feſt zugemacht, wie der übrige Zaun, und es blieb nichts weiter zu thun übrig, als die Eisbarrikade vollends zu zertrümmern und Meiſter Braun herauszulocken. Die Eismauer konnte mittelſt eines langen Sau⸗ ſpießes eingeſtoßen werden, womit der finniſche Bauer ſich verſehen hatte. Dieſer Spieß war mit einer ſchweren, mit dem beſten ſchwediſchen Stahl belegten Spitze ver⸗ 129 ſehen, und damit war es leicht, das noch ſtehende dünne Eis in Trümmer zu ſtoßen. Sobald als der Quän ſah, daß er ein Loch gemacht, welches weit genug war, um den Körper des Bären durchzulaſſen, forderte er die Jäger auf, nun wohl Acht zu geben. Während des Einſtoßens der Eiswand hatten ſchon ſämmtliche drei Jäger durch Ritzen der Palliſadenmauer gelugt, während ſie ihre Gewehre auf die Oeffnung ge⸗ richtet und ſich bereit hielten, den Bären in dem Augen⸗ blick, wo er mit ſeiner Schnauze zum Vorſchein käme, mit einer wohlgezielten Salve zu begrüßen. Meiſter Braun. I. 9 17. Capitet Der„Speiteufel.“ Zu ihrem Aerger aber weigerte ſich der Bär, auch nur die Spitze ſeiner Naſe zu zeigen, nicht blos während ſeine Thür geöffnet ward, ſondern auch nachher, und die Jäger begannen zu glauben, daß er am Ende gar nicht herauskäme. Der Quän verſicherte ihnen aber, daß er dies mit der Zeit ganz gewiß thun würde, vielleicht aber erſt in einigen Stunden, nachdem ſie ſich eine Weile ruhig ver⸗ halten hätten, und wenn der alte Nalle deshalb glauben würde, ſie ſeien fortgegangen. „Er hat lange nicht gefrühſtückt,“ ſetzte der Quän hinzu,„und der Hunger wird ihn heraustreiben, um irgendwo eine Mahlzeit zu ſuchen. Seid daher nur nicht ängſtlich, Ihr Herren.“ 4 131 „Aber zu welchem Zwecke habt Ihr dieſes Loch ge⸗ laſſen?“ fragte Iwan, indem er auf die kleine Oeffnung zeigte, welche in der Umzäunung gelaſſen worden. „O,“ entgegnete der Bauer,„auf dieſe Weiſe er⸗ legen wir zuweilen Bären, beſonders wenn wir nicht reich genug ſind, ein Feuergewehr zu haben. Sobald als der alte Nalle aus ſeiner Höhle herauskommt, rennt er vor allen Dingen im Kreiſe herum und ſucht eine Oeffnung, durch welche er vielleicht hindurchbrechen kann. Natürlich findet er das Loch und zwängt ſeinen Kopf hindurch. Einer von uns ſteht außerhalb, wie Ihr mich jetzt ſehet, mit gehobenem Beile und müßte ein großer Tölpel ſein, wenn er dem Bären nicht den Schädel ſpaltete oder ihm einen ſolchen Hieb darauf verſetzte, daß er ſofort zuſammenbricht. Ihr werdet ſehen, wie der Bär in dem Augenblick, wo er herauskommt, auf dieſes Loch zuſtürzen wird, und dann, Ihr Herren, dann ſollt Ihr ſehen.“ Hier hob der Quän mit bedeutſamer Geberde ſein Beil und ſchwang es mit der ſeinen Berufsgenoſſen eigenthümlichen Gewandtheit, denn er war ſeines Zeichens ein Holzhauer. Unſere Jäger jedoch ſahen, daß dies ihrem Zweck nicht entſprechen würde. Den Bedingungen, unter wel⸗ chen ſie reiſten, gemäß, mußte der Bär von einem von ihnen ſelbſt erlegt werden, und der Quän gab daher, nachdem man ihm die Sache auseinander geſetzt, ſeine Abſicht auf und trat auf die Seite. 9* 13² Seine Stelle ward jedoch nun von dem ehemaligen Gardiſten eingenommen, welcher, ſeine gewaltige Axt hebend, bereit ſtand, einen weit furchtbareren und tödt⸗ licheren Streich zu führen, als von irgend einem Holz⸗ hauer Skandinavien's geführt werden konnte. Alexis nahm Puſchkin's Muskete in der Abſicht, ſie unmittelbar nach ſeiner Büchſe abzufeuern, und da Iwan einen Lauf mit Kugeln und den andern mit Schroten geladen hatte, ſo war es nicht wahrſcheinlich, daß Meiſter Braun gegen eine ſo furchtbare Batterie lange Stand würde halten können. Es entſtand nun die Frage: ob ſie geduldig warten ſollten, bis der Bär herauskäme, oder ob ſie nicht, um ihn herauszulocken, ein Mittel in Anwendung bringen ſollten, welches raſcher auf ihn wirkte, als das Knurren ſeines Magens? Es konnte nichts ſchaden, wenn ſie ihn mit einer Stange zu erreichen und aufzuſtören ſuchten, und zu dieſem Zwecke ging der Holzhauer auf die Seite, um eine zu ſuchen. Es gelang ihm ſehr bald, einen langen Birkenſchöß⸗ ling— ſo lang wie eine gewöhnliche Angelruthe— ſich zu verſchaffen, und nachdem er dieſen von Reiſern und Blättern geſäubert, ſchob er ihn in die Höhle. Zur Freude der Jäger war die Stange lang genug für dieſen Zweck, denn, wie man deutlich fühlte, konnte es nur Braun's Pelz ſein, in welchen die Spitze hinein⸗ fuhr. 133 So weit, aber nicht weiter reichte die Stange, und da ſie ein ziemlich dünner Schößling war, ſo waren die Jäger nicht im Stande, damit einen kräftigen Stoß zu führen. Wäre der Eingang zu der Höhle weiter gewefen, ſo würde allerdings ſchon das Kitzeln mit der Stange den Bären bewogen haben, herauszukommen, denn ein Bär läßt ſich, wenn er nicht ſehr ſchwer verwundet iſt, nicht lange necken. In dem gegenwärtigen Falle war es möglich, daß Meiſter Braun argwohnte, man habe ihm draußen eine Falle geſtellt. Das Geräuſch, welches er ſeit länger als einer Stunde gehört, mußte ihm allerdings verrathen haben, daß nicht alles ſo war, wie es ſein ſollte, und dies machte ihn vielleicht vorſichtiger, als er ſonſt zu ſein pflegte. Vielleicht wußte er auch noch gar nicht, daß ſeine Thür offen war, denn die mit einem Dach verſehene Einhegung hielt das Licht eben noch ſo ab, als der Eis⸗ hügel gethan, und obſchon er vielleicht gehört hatte, wie die Eismaſſe von Beil und Speer zertrümmert ward, ſo hatte er dies doch alles vielleicht nicht verſtanden. Deshalb war es nothwendig, ihn bis an die Schwelle zu locken, damit er dann gewahrte, daß die Thür ſeines Gemachs ihm geöffnet worden. Das Kitzeln mit der Stange erwies ſich jedoch als vergeblich, denn obſchon es dem Thiexe ein wiederholtes 1 134 Schnauben entlockte, ſo blieb es doch noch hartnäckig auf ſeinem Lager. Was war nun zu thun? Sollten ſie ſich zurück⸗ ziehen und geduldig warten, bis der Hunger den Bären heraustrieb? Es war fürchterlich kalt, und noch lange an dieſer Stelle auszuharren, wäre ſehr unangenehm geweſen. Sie konnten vielleicht den ganzen Tag und auch viel⸗ leicht die ganze Nacht bei der Höhle Wache halten müſſen, denn die Einhegung war nur leichthin gefertigt, — blos um dem Bären auf einige Minuten Einhalt zu thun, und wenn ſie ihn die ganze Nacht ſich ſelbſt überließen, ſo konnte er mit leichter Mühe die Pfähle umreißen und entrinnen. Deshalb konnten ſie nicht daran denken, den Platz auch nur auf einen Augenblick zu verlaſſen, um aber einer langen Tag⸗ und Nachtwache auszuweichen, be⸗ gannen ſie nun über ein Mittel nachzudenken, durch welches Meiſter Braun veranlaßt werden könnte, aus ſeinem unzugänglichen Schlupfwinkel herauszukommen. Zwan, der überhaupt einen erfinderiſchen Kopf hatte, verfiel auf ein Mittel, welches guten Erfolg ver⸗ ſprach und darin beſtand, einen ſogenannten Sprüh⸗ oder Speiteufel zu machen und denſelben in die Höhle zu werfen. Dieſe Idee ſchien eine gute zu ſein— auf alle Fälle war es nicht ſchwer, einen Verſuch damit zu machen. 135 An Schießpulver hatten ſie keinen Mangel, denn es fehlte ihnen nicht an ruſſiſchen Rubeln, und Puſchkin ſchüttete beinahe ein Viertelpfund auf ſeine breite flache Hand, ſpuckte darauf, und verwandelte durch Umrühren das Pulver zu einem Teig. Jwan, der dieſe Operation leitete, war entſchloſſen, daß ſein Mittel nicht etwa durch Knauſerei in Be⸗ zug auf die dazu nöthigen Materialien fehlſchlagen ſolle. Nach kurzer Zeit hatten Puſchkin's geübte Finger den Pulverteig in eine Rolle, ſo groß wie eine Cigarre, verwandelt, und nachdem ſie an einem Feuer, welches ſie ſchon lange vorher angezündet, ein wenig getrocknet worden, war ſie fertig. Dem alten Grenadier ward die Handhabung der kleinen Rakete anvertraut, und während die jungen Jäger wieder zu ihren Gewehren griffen, begann er das Mittel in Anwendung zu bringen. Nachdem er den Kopf durch das für den Bären be⸗ ſtimmte Loch und ſeinen Arm durch ein zweites, welches er für ſich ſelbſt gemacht, geſteckt, hielt er den Sprüh⸗ teufel mit ausgeſtrecktem Arm zwiſchen Daumen und Zeigefinger. Nun nahm der Quün ein brennendes Scheit aus dem Feuer, fuhr damit zwiſchen dem Pfahl⸗ und Flecht⸗ werk hindurch und entzündete die Lunte, welche der Grenadier ſinnreicherweiſe in dem Schwanze des Teufels angebracht. Sobald als Puſchkin bemerkte, daß die Rakete richtig * 136 brannte, warf er ſie in die Höhle ſoweit als möglich hinein, fuhr dann xaſch zurück und griff nach ſeiner Arxt. Es trat ein Augenblick der Ungewißheit und Er⸗ wartung ein— aber auch nur ein Augenblick— denn gleich darauf erleuchtete ein helles Licht die Höhle und war von einem Sprudeln, Ziſchen und Knallen be⸗ gleitet, als ob ein halbes Dutzend Lärmkanonen nach einander abgefeuert würden. Mitten in dieſem Getöſe und lauter noch als dieſes hörte man ein mehrmals wiederholtes gellendes Ge⸗ kreiſch, und ehe die Rakete noch halb verbrannt war, ſah man Meiſter Braun über die Eistrümmer heraus⸗ geſtürzt kommen. Zwei Schüſſe fielen faſt gleichzeitig, beide aber waren nicht im Stande, ihm Einhalt zu thun, und mit furchtharer Gewalt kam er gegen die Palliſaden ange⸗ rannt, ſo daß dieſe krachten und erbebten, als ob ſie zuſanuenbrechen wollten. 66 Es war ein Glück für die Jäger, daß die Pfähle den Anprall aushielten, denn ein ſolches Gebiß, wie dieſer Bär zeigte, hatten ſie noch nie zuvor geſehen. Ein einziger Hieb mit ſeinen Tatzen wäre vollkommen hinreichend geweſen, den dickſten Schädel zu zerſchlagen, welchen die Schöpfung aufzuweiſen hatte. Zwan feuerte ſeinen zweiten Lauf— den mit groban Schrot geladenen— auf ihn ab, dies diente aber nur dazu, ſeine Wuth noch höher zu ſteigern. Bald ſich emporrichtend, bald auf allen Vieren laufend, rannte er 3. 137 in der Einhegung hin und her, während er ein fort⸗ währendes wildes Brummen und Knurxen hören ließ. Alexis hatte mittlerweile ſeine Büchſe auf die Erde niedergelegt und Puſchkin's Muskete zur Hand genom⸗ men. Sein Platz war an der einen Seite der Ein⸗ hegung. Er hatte den Lauf ſchon durch die eingefloch⸗ tenen Tannenzweige hindurchgeſteckt und bemühete ſich, ihn auf den Bären zu richten, indem er zugleich eine tödtliche Stelle ſuchte, auf die er zielen könnte. 1 Die Dunkelheit jedoch— denn das Dach der Palli⸗ ſaden machte die Einhegung dunkel— in Verbindung mit den vaſchen Bewegungen des Thieres, hinderte ihn, letzteres ſo auf's Korn zu nehmen, wie er es wünſchte. Er wußte, wie viel darauf ankam, dieſen Schuß zu einem tödtlichen zu machen. Zog ſich der Bür— ver⸗ wundet wie er jetzt war— in ſeine Höhle zurück, ſo war dann keine Ausſicht vorhanden, ihn wieder heraus⸗ zubekommen. Das bedachte Alexis wohl und beſchloß daher, nicht auf's Geradewohl zu feuern, wie er erſt gethan. Er wußte, daß ein ausgewachſener Bär, wenn er nicht in das Gehirn oder in das Herz getroffen wird, wohl zwanzig Kugeln vertragen kann, ohne große Unbequem⸗ lichkeit davon zu verſpüren. Da Alexis dies wußte, ſo wartete er ſeine Zeit ab, als er plötzlich bemerkte, daß der Bär an der Vorder⸗ ſeite der Einhegung Halt machte. Nun zielte er auf das Herz des rieſigen Thieres; ehe er aber noch ab⸗ 138 drücken konnte, ſchlug ein lautes Krachen an ſein Ohr und Braun ſtürzte nieder und blieb liegen, faſt ohne ein Glied zu zucken. Es war Puſchkin's Axt, von welcher dieſes Krachen ausging, als ihre ſtählerne Schneide auf den Schädel des Bären herabfuhr und ihn zerſchmetterte, als ob es eine Eierſchale geweſen wäre. Wie der Quän vorausgeſagt, hatte das Thier un⸗ vorſichtigerweiſe den Kopf durch die Oeffnung geſteckt, wo Puſchkin ihm mit gehobener Axrt auflauerte. Damit war die Sache natürlich zu Ende. Es blieb nun weiter nichts mehr zu thun übrig, als die Palliſaden zu entfernen, den Bären an einem Baume aufzuhängen, und ihn dann ſeiner vielbegehrten Haut zu entkleiden. Alles dies ward raſch nach einander beſorgt, und nachdem die zuſammengewickelte Haut abermals Puſch⸗ kin's Schultern aufgepackt worden, kehrten die Jäger nach ihrem Hauptquartier zurück. Es war— wie der Quän ihnen verſprochen— wirklich ein ſchwarzer Bär. Nicht als ob ſein Pelz ganz ſchwarz geweſen wäre, wie dies bei dem Ursus americanus und den ſchwarzen Bären Indien's der Fall iſt. Im Gegentheile war das Haar an den Wurzeln braun und nur an den Spitzen dunkler, was ihm das Anſehen gab, als wäre es auf der ganzen Oberfläche ſchwarz, und Alexis wußte, daß dies die Bärenart war, welche ſie ſuchten. 139 Ueberzeugt, daß ſie die Haut des Ursus niger er⸗ beutet, blieb unſern Jägern nun weiter nichts übrig, als ihre Koffer zu packen, dem kalten Klima Skandi⸗ navien’s Lebewohl zu ſagen und nach dem ſonnigen Süden— den weitberühmten Pyrenäen Spanien's— aufzubrechen. 18. Capitel. Der Palombisre. Es iſt nicht unſere Abſicht, die vielen Vorkommniſſe zu erzählen, welche unſere Freunde unterwegs erlebten, eben ſo wenig als das Geplauder der Paſſagiere der Dampfboote, Eiſenbahnen und Hotels. Ihrem Vater lag nichts daran, dieſe Geringfügig⸗ keiten zu hören; dergleichen köſtlichen Stoff konnte er in den Büchern ganzer Legionen von Reiſenden genug leſen, und da ſie in ihr Tagebuch nichts der Art ein⸗ trugen, ſo können wir annehmen, daß ihnen die gewöhn⸗ lichen Freuden und Leiden beſchieden waren, welche alle Wanderer auf dergleichen Reiſen erfahren müſſen. Da Geld für ſie kein Gegenſtand war, ſo reiſten ſie ſehr ſchnell. In den großen Hauptſtädten, welche 141 ſie paſſirten, hielten ſie ſich nur kurze Zeit auf, um ihre Päſſe viſiren zu laſſen, zuweilen auch um Gebrauch von dem Brief des großen Kaiſers zu machen und ihre Reiſe⸗ kaſſe von Friſchem zu füllen. Dieſes magiſche Document erwies ſich allmächtig überall, wohin ſie kamen, und da ſie wußten, daß dies in allen Winkeln der bewohnbaren Erde der Fall ſein würde, ſo konnten ſie ſich mit vollkommener Zuverſicht darauf verlaſſen. Puſchkin's Ledertaſche war ſtets gut gefüllt mit dem gelben Metall, und baares Geld gilt, was für ein Ge⸗ präge es auch tragen möge, in der ganzen Welt. Das Tagebuch unſerer Freunde erwähnt blos die Marſchroute, welcher ſie folgten. Von ihrem Jagdrevier kehrten ſie zurück, indem ſie den Tornea⸗Fluß hinabfuhren, welcher, da er in gerader Richtung von Norden nach Süden fließt, die Bedin⸗ gungen ihres Vertrags nicht gefährdete. Auch wurden dieſe Bedingungen durchaus nicht verletzt, wenn ſie auf der Jagd denſelben Weg zurückmachten, denn dies war, wie wir wiſſen, in dem Briefe des Barons ausdrücklich geſtattet und mußte geſtattet ſein. Es ward weiter nichts von ihnen verlangt, als daß ſie, während ſie auf der wirklichen Reiſe begriffen waren, nicht einen und denſelben Meridian zwei Mal paſſiren ſollten. Ein Schiff brachte ſie von Tornea nach Danzig. Von hier reiſten ſie nach Berlin und dann weiter über Frankfurt, Stuttgart und Straßburg nach Paris. 142 Paris lag allerdings nicht ganz im geraden Wege, aber welcher Ruſſe könnte eine Reiſe in Europa machen, ohne einen Beſuch in Paris abzuſtatten? Puſchkin machte ſich nicht viel daraus. Der alte Grenadier war ſchon einmal hier geweſen— im Jahre 1815— wo er weit entfernt war, den Pariſern will⸗ kommen zu ſein, und Alexis hätte lieber einen andern und geradern Weg, nämlich durch die Schweiz, einge⸗ ſchlagen; der lebensluſtige Iwan aber wollte davon nichts hören. Er war feſt entſchloſſen, Paris zu ſehen, und er ſah es, obſchon das, was er oder ſeine Begleiter dort machten, in dem Tagebuch unſerer jungen Bären⸗ jäger nicht angegeben iſt. Von Paris reiſten ſie mit der Eiſenbahn direct ſüd⸗ lich, obſchon immer noch ein wenig weſtlich, nach den berühmten Bädern von Bagndres. Hier befanden ſie ſich nicht blos in Sicht, ſondern ſchon wirklich am Fuße dieſer Gebirge, welche für den Touriſten an Intereſſe kaum den Alpen ſelbſt nachſtehen, für den Naturfreund aber vielleicht ſogar noch intereſ⸗ ſanter ſind, als dieſe. In Bagnoͤres hielten ſie ſich nur kurze Zeit auf, blos lange genug, um ſich durch das Bad in den warmen Quellen zu ſtärken und um ein Schauſpiel mit anzu⸗ ſehen, welches als die größte Merkwürdigkeit dieſes Ortes betrachtet wird. Wir meinen den Palombidre. Da der Leſer vielleicht noch nie etwas von dem Pa⸗ lombidre gehört, und doch neugierig ſein wird, zu wiſſen, 143 was dieſes Wort bedeutet, ſo theile ich hierüber mit, was ich in Alexis' Tagebuch aufgezeichnet finde. Ungefähr zwei Meilen von Bagnores erhebt ſich ein ziemlich hoher Bergrücken, ziemlich parallel mit der allgemeinen Richtung der Pyrenäen, von welchen er gleichſam eine Stufe oder den Fußberg(pied mont) bildet. Den Kamm dieſes Berges entlang ſteht eine Reihe von ſehr hohen Bäumen, von welchen die Aeſte ſorg⸗ fältig abgehauen ſind, ſo daß nur an dem Gipfel eines jeden ein kleiner Büſchel ſtehen geblieben iſt. Wenn man ſich dieſen Bäumen nähert— voraus⸗ geſetzt, daß es in den Monaten September und October geſchieht— ſo wird man etwas dazwiſchen bemerken, was einem dünnen Gazeſchleier von grauweißer Farbe gleicht. Kommt man noch näher, ſo wird man bemerken, daß dieſer Schleier ein Netz iſt— oder vielmehr eine Reihe von Netzen— die ſich von Baum zu Baum ziehen und alle Zwiſchenräume ausfüllen— von dem höchſten Punkte, an welchem die Zweige abgehackt wor⸗ den, bis auf innerhalb drei Fuß vom Boden herab. Ein anderer eigenthümlicher Gegenſtand oder eine Reihe von Gegenſtänden wird ſchon vorher die Aufmerk⸗ ſamkeit des Reiſenden auf ſich gezogen haben. Er ſieht in gewiſſen Zwiſchenräumen für ſich allein und ungefähr dreißig Schritt vor den Bäumen eine Reihe von hohen zugeſpitzten Stangen— die ſo hoch 144 ſind, daß ihre Spitzen über ſiebzig Ellen hoch über dem Boden ſtehen. Man würde dabei an die Maſten eines Schiffes denken, wenn nicht allemal zwei davon beiſammen ſtün⸗ den, die eine ſenkrecht und die andere mit einer leichten Krümmung darnach hin gebogen. Deswegen haben ſie mehr Aehnlichkeit mit den ſo⸗ genannten Scheeren, die man auf Schiffswerften ſieht, und mit deren Hülfe die Maſten eingeſetzt werden. Dieſe Maſten, wie wir ſie nennen können, ſind nicht aus dem Ganzen gefertigt, ſondern aus mehrern Stücken zuſammengeſetzt, und trotz ihrer ungeheuern Länge — ſiebzig bis achtzig Ellen— ſind ſie nicht ſehr ſtark. In der That, obſchon die beiden an der Spitze zu⸗ ſammengefügt ſind— wie wir ſogleich Gelegenheit haben werden, näher zu zeigen— ſo biegen ſie ſich doch, wenn ein ſtarker Wind weht, beide hin und her und ſchwanken wie eine elaſtiſche Angelruthe. Unten ſtehen ſie blos fünf Fuß auseinander und die gebogene iſt zur Stübe der andern beſtimmt. Beide treffen, wie ſchon bemerkt worden, oben zu⸗ ſammen, und wenn man hinaufblickt, ſieht man— wäh⸗ rend der Anblick ein wenig Schwindel erregt— an dem Vereinigungspunkte einen kleinen runden Gegen⸗ ſtand. Dieſer runde Gegenſtand iſt ein hier feſt angebrach⸗ ter Korb, welcher gerade groß genug iſt, um den Körper eines Menſchen zu faſſen. 145 4 Sieht man noch ſorgfältiger hinauf, ſo bemerkt man, daß wirklich ein Menſch darin ſitzt, der aber, um Shak⸗ ſpeare's Gleichniß anzuführen, den Augen des Beſchauers kaum halb ſo groß erſcheint, wie ein Käfer. Aller Wahrſcheinlichkeit nach iſt es kein Mann, ſon⸗ dern blos ein Knabe, denn Knaben ſind es, die man zur Verrichtung dieſes hohen und anſcheinend gefähr⸗ lichen Dienſtes auswählt. „Wie kommt aber der Knabe hinauf?“ wird man wahrſcheinlich fragen. Wenn Du aber, lieber Leſer, Dein Auge die krumme Stange entlang laufen läſſeſt, ſo wirſt Du eine Reihe hervorragender Pflöcke bemerken, die von unten bis oben hinaufgehen. Sie ſtehen volle zwei Fuß auseinander; wäreſt Du aber zugegen ge⸗ weſen, während dieſer Knabe hinaufſtieg— was er mit Hülfe dieſer Pflöcke that— ſo würdeſt Du ihn eben ſo raſch und eben ſo dreiſt haben hinaufklettern ſehen, wie ein Matroſe die Strickleiter eines Schiffes erklettert. Es iſt ſein Handwerk, dies zu thun, und die Ge⸗ wohnheit hat ihn eben ſo gewandt gemacht, als er un⸗ erſchrocken iſt; Du aber, der Du nicht daran gewöhnt biſt, ſo hohe Turnkünſte zu ſehen, kannſt wieder nicht umhin, an Shakſpeare zu denken und mit dem großen Dichter auszurufen:„Welch ein furchtbares Handwerk!“ — ja, es iſt in der That eben ſo furchtbar, als das Sammeln der Eiderdunen. Aber worin beſteht dieſes Handwerk? Wozu dient dieſe ganze Vorrichtung— dieſe Netze und hohen Maſten Meiſter Braun. I. 10 146 mit ihren Krähenneſtern an der Spitze? Was machen die Knaben da oben? Und was machen jene Leute unten — jene Männer, Frauen und Kinder— eine aus allen Lebensaltern und allen Geſchlechtern zuſammengeſetzte bunte Menge? Was machen ſie? Sie fangen Tauben. Das iſt es, was ſie machen, oder vielmehr was ſie zu machen beabſichtigen, ſobald als die Gelegenheit ſich dazu darbietet. Dieſe Leute ſind einfach Taubenfänger. Aber was für eine Art von Tauben fangen ſie? Und wo kommen dieſe Tauben her? Dieſe Fragen müſſen beantwortet werden. Die Antwort auf die erſte Frage iſt: Die gemeine europäiſche wilde Taube(Columba palumbis). Dieſe iſt in England und in Deutſchland unter dem Namen der Holz⸗ oder Waldtaube bekannt und wird in Frank⸗ reich ramier genannt. In England iſt die Waldtaube kein Zugvogel. In dieſem Lande herrſcht ein weit milderer Winter als in denſelben oder ſogar noch ſüdlicheren Breite⸗ graden auf dem Continent. Dies ſetzt die Waldtaube in den Stand, das ganze Jahr hindurch Nahrung zu finden, und deshalb bleibt ſie in England. In den Ländern des Continents dagegen— auch in Frankreich — zwingt die Strenge des Winters ſie, nach Süden zu ziehen, und ſie wandert alljährlich nach Afrika. Die vermuthliche Grenze ihres Fluges iſt die Kette der Atlasgebirge 147 Natürlich iſt die Waldtaube nur einer von den vielen Vögeln, welche dieſe jährliche Reiſe machen, wo⸗ bei ſie allemal, eben ſo wie die übrigen, ein„Retour⸗ billet“ nimmt. Die Waldtauben Frankreichs müſſen, wenn ſie ſüd⸗ lich ziehen, ihre Flügel ein wenig mehr anſtrengen, um über die ſchneeigen Gipfel der Pyrenäen hinweg zu kommen; zu dieſer höheren Richtung aber fangen ſie erſt an emporzuſteigen, wenn ſie ſich ſchon in der Nähe der Gebirge befinden. Der vorhin erwähnte Berg bei Bagnores liegt nun zufällig in der Richtung ihres Fluges— natürlich nicht aller dieſer Vögel, ſondern ſo vieler als zufällig unter dieſen ſpeziellen Meridian gerathen, und wenn ſie zwi⸗ ſchen den ſchon erwähnten hohen Bäumen hinfliegen, ſo fangen ſie ſich in den Maſchen der Netze. In dem Augenblick, wo ſie an dieſe anſchlagen— es geſchieht dies allemal von mehrern zugleich— wird von den Männern, welche unten unter Schirmen ſich verſteckt halten, ein Drücker in Bewegung geſetzt, welcher, mit einer Schnur in Verbindung ſtehend, ein Netz herab⸗ fallen läßt, in deſſen Maſchen die Opfer ſich gefangen ſehen. Wenn der Schwarm vorüber iſt, ſo ſtürzen die Frauen, Mädchen und Knaben aus ihren Verſtecken hervor, ergreifen die ſich ſträubenden Vögel und machen ihren fruchtloſen Anſtrengungen ſchnell dadurch ein Ende, daß ſie einen nach dem andern in den Hals beißen. 10* 148 Alte halb zahnloſe Weiber— denn dies iſt beſonders ihre Rolle bei dieſer Vorſtellung— ſieht man auf dieſe Weiſe den ſchönen, aber unglücklichen Wanderern den Nickfang geben. Immer noch aber haben wir nicht erklärt, was die Knaben da oben auf den Stangen machen. Wohlan, wir wollen nun ihr Handwerk verrathen. Jeder von ihnen hat eine Anzahl kleiner geſchnitzter Hölzer mit hinaufgenommen, die ungefähr wie der Buchſtabe X ge⸗ formt und etwa ſechs Zoll lang ſind. Wenn dieſes Holz in die Luft emporgeworfen wird und wirbelnd wieder herabfällt— ſo hat es einige Aehnlichkeit— obſchon keine ſehr täuſchende— mit einem fliegenden Habicht. Dennoch aber iſt die Aehnlich⸗ keit groß genug, um die albernen Tauben zu täuſchen, denn wenn ſie ſich den Krähenneſtern bis auf ungefähr hundert Schritt genähert haben, wirft der Knabe ſein Holz in die Luft und die Vögel, welche glauben, es ſei ein Habicht, tauchen ſofort in ihrem Fluge mehrere Ellen tiefer, gerade wie man ſie kann thun ſehen, wenn 3 ein wirklicher Habicht zum Vorſchein kommt. f Dieſes Herabtauchen bringt ſie gewöhnlich ſo tif daß ſie zwiſchen den Bäumen hindurchfliegen, und es dauert natürlich nicht lange, ſo probiren die alten Weiber ihre Zähne an ihnen. Dieſer Taubenfang ſteht nicht Jedem frei, der viel⸗ leicht Luſt und Belieben dazu hegt. Es giebt vielmehr Taubenfänger von Ppoofeſſion, welche nebſt ihren 149 Familien aus dieſem Geſchäft,— ſo lange die Zeit dauert, nämlich, wie ſchon erwähnt worden, in den Monaten September und October— einen regelmäßigen Erwerb machen. Der Palombidre oder Taubenberg gehört der Com⸗ munalbehörde, welche ihn in Sectionen an die Leute verpachtet, die den Taubenfang zum Geſchäft machen, und dieſe verkaufen ihrerſeits den Ertrag ihrer Netze auf den Märkten von Bagnoͤres und anderen benach⸗ barten Städten. Jedermann weiß, ein wie vortreffliches Gericht das Fleiſch dieſes ſchönen Vogels iſt. Es wird ſo hoch ge⸗ ſchätzt, daß ſelbſt in Bagnères zur Zeit des größten Ueberfluſſes das Paar auf dem Markte mit zwölf bis zwanzig Sous bezahlt wird. 19. Capiteſ. Die Pyrenäen. In geologiſchem Sinne ziehen ſich die Pyrenäen durch das ganze nördliche Spanien, von dem mittelländiſchen Meere bis in die Provinz Galicien am atlantiſchen Meere, und in dieſem Sinne kann man dieſer Gebirgs⸗ kette eine Länge von ſechs⸗ bis ſtebenundent engliſchen Meilen zuſchreiben. Eigentlich jedoch gilt der Ausdruck Pyrenäen dem Theil der Gebirgskette, welcher zwiſchen Frankreich und Spanien liegt, oder, mit andern Worten, die ſich über die Landenge der ſpaniſchen Halbinſel zieht. So beſchränkt, iſt ihre Länge ungefähr nur die Hälfte der ſo eben angegebenen, während ihre Breite im Durchſchnitt fünfzig engliſche Meilen beträgt. 151 Obſchon weniger hoch als die Alpen ſind doch die Pyrenäen durchaus keine Maulwurfshaufen. Ihre höchſte Spitze, die Maladetta, ragt über eilftauſend Fuß empor, und mehrere andere ſind von beinahe gleicher Höhe, während mehr als vierzig Gipfel die Höhe von neuntauſend Fuß erreichen. Die höchſten Spitzen ſind ziemlich in der Mitte der Pyrenäen und die Kette ſenkt ſich, ſo wie man ſich beiden Enden nähert, immer tiefer. Aus dieſem Grunde findet man die gangbarſten Päſſe nahe an dem öſtlichen und weſtlichen Ende, obſchon auch viele in dem mittlern Theile der Gebirgskette vorhanden ſind. In allem giebt es fünfzig Päſſe, die von der franzö⸗ ſiſchen nach der ſpaniſchen Seite führen, aber nur fünf davon ſind für Räderfuhrwerk zu paſſiren, und eine große Anzahl nur den Schmugglern oder contraban- distas bekannt— einer Menſchenklaſſe, die auf beiden Seiten der Pyrenäengrenze ſehr zahlreich vertreten iſt. Der Flächeninhalt dieſer Gebirge beträgt ungefähr vier⸗ bis fünfhundert geographiſche Quadratmeilen— ein Theil davon iſt franzöſiſches und das übrige ſpa⸗ niſches Gebiet. Als allgemeine Regel bildet die Haupt⸗ achſe des Gebirgskammes die Grenzlinie, in der öſtlichen Abtheilung aber iſt das franzöſiſche Gebiet über die natürliche Grenze hinaus erweitert worden. Die geologiſche Formation der Pyrenäen beſteht ſo⸗ wohl aus Primär⸗ als aus Secundär⸗Felſen. Die 152 erſtern ſind der Maſſe nach die überwiegenden und be⸗ ſtehen aus Thonſchiefer, Grauwacke und Kalkſtein. Man findet in dieſer Formation Blei⸗, Eiſen⸗ und Kupferlager. Das Blei iſt ſilberhaltig. Die Primär⸗Felſen ſind Granit und ziehen ſich in Gürteln, der Länge der Gebirgskette nach, und in dem Bruche zwiſchen dieſen und den Uebergangsſchichten haben die chemiſchen Quellen, wegen deren die Pyrenäen ſo berühmt ſind, ihren Urſprung. 64 Von dieſen merkwürdigen Quellen— deren Hitze bei vielen faſt den Siedepunkt erreicht— ſind in ver⸗ ſchiedenen Theilen der Gebirgskette nicht weniger als zweihundertdreiundfünfzig entdeckt worden. Eine große Anzahl von ihnen ſind berühmt wegen ihrer heilkräftigen Eigenſchaften und der Lieblingsſommeraufenthalt von Kranken ſowohl als von Vergnügungsſüchtigen aus allen Ländern der Welt, beſonders aber aus Frankreich und Spanien.- In botaniſcher Beziehung ſind die Pyrenäen eben⸗ falls höchſt intereſſant. Man kann ſie als eine Muſter⸗ karte der ganzen europäiſchen Flora betrachten, denn es giebt von dem mittelländiſchen bis zum Eismeere kaum eine Pflanze, welche nicht in irgend einem Theile dieſer Gebirgskette durch eine Species vertreten würde. In den Thälern und an den Abhängen beſteht der Wald hauptſächlich aus italieniſchen Pappeln und wilden Feigenbäumen. Ein wenig höher finden ſich die ſpaniſche Kaſtanie, Eichen, Haſelbüſche, die Gebirgseſche und 153 Birken in großer Menge, und noch weiter hinauf kommt man in die Region der Tannen. Die Waldtanne(Pinus sylvestris) wächſt in dichten zuſammenhängenden Wäldern, während die graziöſere Steintanne blos in vereinzelten Gruppen oder zerſtreuten Bäumen zu ſehen iſt. Ueberall begegnet eine reiche Flora dem Auge. Blumen von den lieblichſten Farben ſpiegeln ſich in kryſtallenen Bächen. Die Gewäſſer der Pyrenäen ſind über allen Vergleich rein und klar, und ein trüber Strom in dieſem ganzen Bereich iſt etwas völlig Un⸗ bekanntes. Oberhalb der Tannenwälder kommt eine Zone von nackten ſteilen Höhen, die bis an die Schneelinie reichen, welche in den Pyrenäen höher liegt, als in den Alpen. Die erſtere iſt verſchieden geſchätzt worden. Manche ſetzen ſie auf 8300 Fuß feſt, während andere ſie bis auf 9000 Fuß ſteigern. Richtiger wäre es aber ſicher⸗ lich, zu ſagen, daß die Schneelinie in hohem Grade von der Oertlichkeit des betreffenden Berges und ſeiner ſüd⸗ lichen oder nördlichen Blosſtellung abhängt. Auf jeden Fall liegt ſie über tauſend Fuß höher, als auf den Alpen. Dieſer höhere Stand erklärt ſich durch den ſüdlicheren Breitegrad der franzöſiſch⸗ſpaniſchen Gebirgskette. Vielleicht aber hat die Nähe des Meeres mit dieſer Erſcheinung mehr zu thun, als der gering⸗ fügige Unterſchied der geographiſchen Breite. Auf den höheren Abhängen und Gipfeln giebt es Schneefelder und Gletſcher in Menge, gerade wie auf 154 den Alpen, und ſelbſt in einigen der Päſſe ſtößt man auf dieſe Erſcheinungen. Die meiſten dieſer Päſſe ſind höher als die der Alpen, in Folge der größern Höhe der Schneelinie aber bleiben ſie den ganzen Winter hindurch offen. Dennoch aber ſind ſie keineswegs zu allen Zeiten leicht zu paſſiren und die kalten Winde, welche durch ſie hindurchpfeifen, ſind kaum zu ertragen. Die Spanier, welche faſt für jeden Gedanken einen ſprüchwörtlichen Ausdruck beſitzen, haben auch dieſen nicht vergeſſen. „In den Päſſen der Pyrenäen“, ſagen ſie,„wartet der Vater nicht auf den Sohn, noch der Sohn auf den Vater.“ Wenn die Päſſe über dieſe Gebirge höher ſind, als die der Alpen, ſo iſt dagegen mit den Thälern das Gegentheil der Fall, denn die der Pyrenäen ſind im Allgemeinen viel tiefer. Die Folge iſt, daß von dem Boden dieſer Thäler aus die Berge weit höher er⸗ ſcheinen, als irgend einer der Alpengipfel, weil das Auge mit einem Blick einen größeren Elevationswinkel durchmißt. Die Fauna der Pyrenäenkette iſt, obſchon weniger vollſtändig und mannigfaltig als die Flora, nichts⸗ deſtoweniger von großem Intereſſe. In den dichter bewaldeten Einöden und Gebirgs⸗ abhängen findet man einen großen Bären, deſſen hell⸗ brauner Körper und ſchwarze Tatzen in ihm ein von dem Ursus arctos verſchiedenes Thier verrathen. Wenn er auch dieſelbe Species ſein ſollte, wie die Natur⸗ forſcher behaupten, ſo macht er wenigſtens Anſpruch darauf, eine permanente Abart zu ſein, und verdient ſeine unterſcheidende Benennung Ursus pyrenaicus. Wölfe ſind in Menge vorhanden— ſpaniſche Wölfe— wegen ihrer Wildheit ſchon längſt bekannt; der gemeine weißlichbraune Wolf(Canis lupus) und eine dunklere und noch größere Art— kurz ein ſchwarzer Wolf, welcher gewöhnlich der Pyrenäenwolf genannt wird, obſchon er in gleicher Weiſe ein Bewohner der andern Gebirgsketten Portugals und Spaniens iſt. Der europäiſche Luchs(Felis lynx) und die wilde Katze ſchleichen beide in den Wäldern der Pyrenäen herum, doch iſt der erſtere jetzt nur ſelten noch zu ſehen. Auf den ſteilen nackten Klippen ſpringt die Gemſe, welche mit der der Alpen(Antelope rupicapra) identiſch i*ſt, und in denſelben Oertlichkeiten, aber ſeltener, ſieht man den Bouquetin oder„Tur“(Aigocerus pyrenai- cus)— eine Art Steinbock, der aber mit der Capra ibex Linnè's und der Alpengebirge nicht identiſch iſt. Vögel von vielen europäiſchen Gattungen leben in den tiefer gelegenen Wäldern der Pyrenäen, oder er⸗ füllen die gegen die rauhen Winde geſchützten Thäler mit ihrem Geſange, während, hoch über den Berges⸗ gipfeln ſchwebend, der große Adler oder Lämmergeier zu ſehen iſt, der mit begierigem Auge das ſchwache Lännnchen oder das neugeborene Zickelchen des Stein⸗ bocks oder der Gemſe belauert. 156 So von der Naturgeſchichte dieſer Regionen unter⸗ richtet, nahmen unſere jungen Jäger mit nicht gewöhn⸗ lichem Intereſſe die Richtung nach jenem ungeheuren enggeſchloſſenen Wall, welcher das Land des Galliers von dem Lande des Iberiers trennt. Durch das Val-d'Ossau, buchſtäblich das„Bären⸗ thal“, näherten ſie ſich den Gebirgen. Dieſes Thal iſt berühmt als der Aufenthaltsort und das Jagdrevier Heinrichs von Navarra, in neuern Zeiten aber mehr wegen ſeiner herrlichen Heilquellen, unter den Namen Eaux bonnes und Eaux chaudes bekannt. Dieſe Gebirgsſchlucht hinauf gingen unſere Helden, ihre Geſichter ſüdlich und ihre Augen hoch hinauf nach dem Pic⸗du⸗Midi⸗d'Oſſau— dem„Bärenberge“— gewendet, deſſen Name allerdings ihnen als ein ſehr angemeſſener und verlockender erſcheinen mußte. 20. Capitet Eine ſeltſame Lawine. Mlir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß die jungen Ruſſen höchlich erfreut waren über die Scenen, die ihren Augen in dieſem ſchönen Thale des Südens be⸗ gegneten, und viele davon finden ſich treulich in ihrem Tagebuche beſchrieben. Sie ſahen die maleriſchen Trachten des pyrenäiſchen Landvolks— ſo verſchieden von der ewigen blauen Blouſe, welche ſie im nördlichen und mittlern Frank⸗ reich geſehen. Hier ward das ſcharlachrothe oder weiße Barret ge⸗ tragen, die ſchön geſtickte braune Jacke und die rothe Schärpe— das eigenthümliche Coſtüm der baskiſchen 158 und bearniſchen Bauern— eines ſchönen und auch hiſtoriſch merkwürdigen Menſchenſchlages. Sie ſahen Karren von hochbeinigen hellgelben Ochſen gezogen, und kamen an Heerden von Schafen und Milch⸗ ziegen vorüber, die von Hirten in maleriſcher Tracht gehütet und von einer großen Anzahl Pyrenäenhunde bewacht wurden, deren Hauptaufgabe war, ihre Schütz⸗ linge gegen die Wölfe zu vertheidigen. Sie ſahen Männer, welche bis an die Knie im Waſſer ſtanden, von Heerden Schweine umringt, welche letztere ſich freiwilli ig einem Waſchprozeſſe unterwarfen, durch welchen ihrs Hant ein zartes roſiges Anſehen erhielt. Ebenſo konnte man auch ſehen, daß dieſe Thiere ſich nicht blos freiwillig, ſondern auch mit einem wirklichen Genuß dieſer Operation unterwarfen, wie dies aus dem behaglichen Grunzen und aus der Art und Weiſe her⸗ vorging, wie ſie ihre langen Schwänze herabhängen ließen, während die großen Kübel Wiſſer ihnen Pber den Rücken gegoſſen wurden. 8 Vielleicht verdanken die ſchönen Bayonner Sthinte ihren Ruhm dieſer ſorgfältigen Behandlung und Ab⸗ wartung der Pyrenäenſchweine. Weiterhin kamen unſere Reiſenden an einem Plu⸗ mire oder„Hühnerbad“ vorbei. Dies war ein Waſſer⸗ behälter, in welchem eine warme Quelle ſprudelte, deren Waſſer aber etwas mehr als„lau“ war. Es war in der That faſt dem Siedepunkt nahe, und dennoch tauchten 159 4 in dieſem Behälter eine Anzahl Frauen ihre Hühner unter— nicht, wie man glauben könnte, todte, um ihnen die Federn abzubrühen, ſondern lebendige Hühner, um ſie, wie ſie ſagten, von Ungeziefer zu ſäubern und damit ſie ſich dann deſto behaglicher fühlten! Da das Waſſer faſt heiß genug war, um die armen Vögel zu kochen und da die Weiber ſie bis an die Hälſe hineintauchten, ſo ſtand— dies dachten wenigſtens unſere Reiſenden— die Behaglichkeit dieſer Operation wohl ein wenig zu bezweifeln.— Ein wenig weiter hin bot ſich ein anderer Gebrauch in den franzöſiſchen Pyrenäen den Augen der Reiſege⸗ ſellſchaft dar.— Eines Tages hörten ſie nämlich ein eigenthümliches Gemiſch von Tönen, welches aus einem kleinen Thale dicht neben der Landſtraße heraufkam. Als ſie in dieſes Thal hinabſchaueten, ſahen ſie eine Anzahl von vierzig oder fünfzig Weibern, die alle mit einer und derſelben Verrichtung beſchäftigt waren, nämlich der des Flachs⸗ hechelns. Dies belehrte ſie, daß in den Gegenden der Pyre⸗ näen das Flachshecheln von den Frauen beſorgt wird, und daß, anſtatt daß jede dieſe Arbeit zu Hauſe ver⸗ richtete, eine große Anzahl von ihnen ſich an irgend einem ſchattigen Ort verſammelt und den ungehechelten Flachs mitbringt. Hier wird nun unter Scherzen, Lachen und Singen das rohe Naturprodukt in glänzende, ſeiden⸗ weiche Faſern verwandelt.. 160 Auch noch eine anderweite ſeltſame Gewohnheit ward beobachtet— dies war aber weiter hin und höher in dem Gebirge. Die Beobachtung derſelben war von einem gewiſſen Grad von Gefahr begleitet und ſtreifte daher ziemlich nahe an ein Abenteuer. Aus dieſem Grunde fand es auch einen Platz unter den in dem Tagebuch der Jäger aufgezeichneten Ereig⸗ niſſen. Es muß hierbei bemerkt werden, daß alle drei Reiſende beritten waren— Alexis und Zwan auf ſtarken behenden kleinen Pferden von jener Raſſe, wegen deren die Pyrenäen— beſonders die weſtliche Abtheilung derſelben— berühmt ſind. Puſchkin's Thier aber ge⸗ hörte nicht dem Genus Equus, und auch eben ſo wenig dem Genus Asinus an, ſondern war ein Baſtard beider — oder mit einem Worte ein Maulthier. Es war ein franzöſiſches Maulthier und zwar ein ſehr großes und ſtarkes, denn es bedurfte eines tüchtigen Vierfüßlers dieſer Art, um ein angemeſſenes Transport⸗ mittel für den ehemaligen Gardiſten abzugeben. Es war jedoch kein ſehr feiſtes Thier, ſondern ſtarkknochig und hager wie ein Pyrenäenwolf. Natürlich waren dieſe Thiere ſämmtlich gemiethet. Man hatte ſie ſich in Eaux⸗bonnes verſchafft, und zwar für die Reiſe über die Pyrenäen nach der ſpaniſchen Seite; doch war dabei ausgemacht, daß man ſich ihrer auch auf allen Abſtechern bedienen dürfte, welche die — 161 Jäger bei Verfolgung des Bären zu machen ſich ver⸗ anlaßt ſehen würden. Von dem nächſten Dorfe auf der ſpaniſchen Seite ſollten die Thiere ihrem Eigenthümer zurückgeſendet werden, denn unſere Reiſenden hatten nicht die Abſicht, wieder in das franzöſiſche Gebiet zurückzukehren. Nachdem ſie die Berge überſchritten und den Zweck, zu welchem ſie dieſelben beſucht, erreicht hätten, wollten ſie ihre Reiſe ſüdlich durch Spanien weiter fortſetzen. Begleitet waren ſie von einem ebenfalls auf einem Maulthier reitenden Individuum, deſſen Dienſte ſie ge⸗ miethet. Die Aufgabe deſſelben war eine mehrſeitige und entſprach bei dieſer Gelegenheit wenigſtens drei ver⸗ ſchiedenen Zwecken. Erſtens ſollte dieſer Mann den Reiſenden als Führer dienen; zweitens ſollte er die gemietheten Thiere zurück⸗ bringen, und drittens ſollte er unſern Freunden den Bäxen jagen helfen, denn zufällig war dieſes Factotum zugleich einer der berühmteſten Gemſenjäger der Pyrenäen. Der Ausdruck„zufällig“ iſt eigentlich nicht richtig. Es war hierbei mehr Abſicht als Zufall im Spiele, denn eben wegen der Berühmtheit dieſes Mannes als Jäger war er für das dreifache Amt engagirt worden, welches er jetzt bekleidete. Die vier Reiſenden ritten alſo einen ſehr ſteilen Abhang hinauf. Sie hatten das letzte Dörfchen— und auch das letzte Haus— hinter ſich und erkletterten nun Meiſter Braun. I. 11 * 162 einen der Ausläufer, welche viele Meilen lang von der Hauptachſe des Gebirges ſich abzweigen. Die Straße, welcher ſie folgten, verdiente kaum den Namen einer ſolchen, denn ſie war blos ein Saum⸗ oder Reitweg und ſo ſteil, daß man ſich beinahe ein Dutzend Mal im Zickzack hin und her bewegen mußte, ehe man den Gipfel des Bergrückens erreichte. Als die Reiſenden dieſen Pfad betraten und ſich noch am Fuße deſſelben befanden, hatten ſie die Ge⸗ ſtalten von Männern hoch oben bemerkt, die ſich hin und her bewegten, als wenn ſie mit einer Arbeit be⸗ ſchäftigt wären. Ihr Führer ſagte ihnen, daß dieſe Leute Holzhauer wären, welche Feuerholz für die Städte im Thale lieferten. In dieſer Mittheilung lag natürlich nichts, was Erſtaunen hätte erregen können, was aber unſere Reiſen⸗ den dennoch in Erſtaunen ſetzte, war die Art und Weiſe, auf welche dieſe Leute ihr Feuerholz den Berg herab⸗ transportirten, wovon ſie kurz darauf ein Beiſpiel mit anſahen. Während ſie ſich, wie ſchon bemerkt, im Zickzack den Gebirgspfad hinaufbewegten, vernahmen ſie plötz⸗ lich ein Geräuſch, welches dem Krachen von Steinen mit dürren Reiſern gemiſcht glich. Dieſes Geräuſch ſchien von oben her zu kommen, und als ſie in die Höhe ſahen, erblickten ſie eine Anzahl dunkler Gegenſtände, welche mit raſender Schnelligkeit den Abhang heruntergerollt kamen. Dieſe Gegenſtände 163 waren von runder Form— es waren nämlich Reis⸗ bündel, und ſie kamen ſo raſch den Berg heruntergerollt, daß, wenn unſere Reiſenden zufällig ſich in derſelben Richtung befunden hätten, ſie es ſchwierig gefunden haben würden, ſchnell genug aus dem Wege zu kommen. Dies war ihr Gedanke in dieſem Augenblick und ſie waren froh, der Gefahr entronnen zu ſein, als plötz⸗ lich eine neue Lawine von Reisbündeln oben losgelaſſen ward, welche augenſcheinlich geraden Weges in wilden Sprüngen auf die Reiſenden zukam. Es war unmöglich, zu ſagen, welche Richtung unſere Freunde nehmen— ob ſie ſchnell vorwärts eilen oder zurückweichen ſollten, denn in Folge der Ungleich⸗ heit des Bergabhanges und des unregelmäßigen Rollens der Reisbündel ließ ſich nicht genau die Richtung be⸗ ſtimmen, welche ſie nehmen würden. Alle machten daher Halt und erwarteten mit ſtummer Bangigkeit den Ausgang. Natürlich brauchten ſie nicht lange zu warten— kaum eine Secunde— denn die rieſigen Bündel, die jeden Augenblick mit größerer Wucht den Abhang her⸗ unterſprangen, bewegten ſich mit Blitzesſchnelligkeit und ſauſten mit ſolcher Gewalt an ihnen vorüber, daß, wenn eins davon Maulthier oder Roß getroffen hätte, dieſe ſowohl als der Reiter in den Abgrund hinab geſchleu⸗ dert worden wären. Nur ihr gutes Glück rettete ſie, denn an einer ſol⸗ chen Stelle wäre es ſelbſt dem geſchickteſten Reiter un⸗ 11* * 164 möglich geweſen, der Gefahr auszuweichen. Der Pfad war nur für ein Pferd breit genug, und darauf umzu⸗ lenken, oder auch nur das Thier rückwärts gehen zu laſſen, wäre ſchon an und für ſich eine Gefahr geweſen. Sie ritten weiter, ſich nochmals zu ihrer Rettung 8 Glück wünſchend, aber man denke ſich ihre Beſtürzung, als ſie ſich abermals und zwar zum dritten Male ganz derſelben Gefahr ausgeſetzt ſahen! Wiederum kam eine Anzahl Reisbündel krachend den Abhang herabgerollt; wieder ſauſten ſie vorbei— und wieder rein zufällig ohne Schaden an den Reiſenden vorüber, welche abermals Halt gemacht hatten. Man könnte nun glauben, daß die Reisbündel längs* des ganzen Bergabhanges heruntergerollt worden und unſere Reiſenden, in welcher Richtung ſie ſich auch hätten bewegen mögen, fortwährend der Gefahr ausge⸗ ſetzt geweſen wären.— Dies war aber nicht der Fall. Die Bündel wurden alle an einer beſondern Stelle— da wo der Abhang* zu dieſem Zwecke am günſtigſten war— herabgerollt, und es war vielmehr der zickzackförmige Weg, der die, Richtung der Holzlawine mehr als einmal kreuzte, was 9 4 die Reiſenden auf ſo wiederholte Weiſe in Gefahr ge⸗ bracht hatte. Da ſie dieſe Linie übrigens noch mehrmals zu d ſiren hatten, ehe ſie den Gipfel der Höhe erreichten, ſo näherten ſie ſich ihr allemal mit der größten Vorſicht 165 und ritten, ſobald ſie ſie einmal erreicht hatten, ſo ſchnell als möglich darüber hinweg. Obſchon es allen vieren gelang, die Höhe zu er⸗ reichen, ſo hielt dies doch Puſchkin nicht ab, die Schale ſeines Zorns auf die Häupter der unglücklichen Holz⸗ hauer auszugießen, und wenn ſie ſein Ruſſiſch verſtan⸗ den hätten, ſo würden ſie ſich mit manchem eben nicht j ſchmeichelhaften Titel belegt und mit einem zweiten Rück⸗— zuge von Moskau bedroht gefunden haben.„Elende Froſchfreſſer!“ war die mildeſte Benennung, welche der ehemalige Gardiſt ihnen zu Theil werden ließ, da aber ſein Ruſſiſch nicht überſetzt ward, ſo äußerte dieſes Schimpfwort weiter keine Wirkung, ſonſt wäre es ohne Zweifel durch eine Anſpielung auf die vermeinte Talg⸗ freſſerei der Ruſſen erwidert worden. Die Zornesausbrüche des Gemſenjägers waren da⸗ gegen weniger in den Wind geſprochen, denn da er natürlich dieſelbe Gefahr zu beſtehen gehabt, wie die übrigen Reiſenden, ſo hatte er auch eben ſo guten Grund, unwillig zu ſein, und indem er mit der ganzen Zungenfertigkeit eines Bearners eine Reihe von Ver⸗ wünſchungen hervorſprudelte, drohete er den Holzhauern noch ferner mit den Schrecken des Geſetzes. Da die Holzhauer, durch dieſen unerwarteten An⸗ griff ein wenig verblüfft, dieſe Schmähungen über ſich ergehen ließen und nichts darauf antworteten, ſo be⸗ ruhigte ſich der Gemſenjäger endlich, und die Reiſenden ſetzten ihren Weg weiter fort. 166 Nur Puſchkin drohete, als er weiter ritt, den ihm mit verwunderten Blicken nachſchauenden Holzhauern nochmals mit der geballten Fauſt und ziſchte in ſeiner unnachahmlichen Sprache noch ein ruſſiſches Kraftwort, welches ſich weder überſetzen läßt, noch den Geboten des Anſtandes gemäß überſetzt werden dürfte. 21. Capitel. Ein Zuſammentreffen mit Maulthiertreibern. Ein wenig jenſeit des Schauplatzes der Begegnung mit den Holzhauern führte der Weg in die Schluchten des Gebirges hinein, und die weitgeſtreckten Ebenen Frankreichs entſchwanden auf einige Zeit den Blicken der Reiſenden. Die Straße, welcher ſie folgten, war ein bloßer Reitweg, für Räderfuhrwerk völlig ungangbar, und führte in einen der ſchon erwähnten Päſſe hinein, auf welchen man nach der ſpaniſchen Seite gelangte. Durch dieſen Paß findet ein bedeutender Verkehr zwiſchen den beiden Ländern ſtatt. Der größte Theil des Transports wird durch ſpaniſche Maulthiertreiber beſorgt, welche die Gebirge mit langen Reihen von ————— —— 168 Maulthieren paſſiren, die alle, mit Ausnahme deſſen, auf welchem ſie ſelbſt reiten, mit Packeten und Waaren⸗ ballen beladen ſind. Daß ein ſolcher Verkehr auf dieſer Reiſe ſtattfand, davon bedurften unſere ruſſiſchen Reiſenden keinen andern Beweis, als der ſich ihren eigenen Blicken dar⸗ bot, denn kurz nachdem ſie um eine Felſenſpitze gebogen waren, ſahen ſie vor ſich eine zahlreiche Heerde Maul⸗ thiere, die ſchön mit rothem Tuch und geprägten Leder aufgezäumt waren und jedes ſeinen Pack trugen. Der Zug hatte auf einer nicht ſehr breiten Platt⸗ form Halt gemacht und die Treiber— ungefähr ein Dutzend im Ganzen lagerten auf den Felſen, ein wenig näher an der Straße, als die Thiere. Jeder trug einen weiten Mantel von braunem Tuch— die Lieblings⸗ farbe der Pyrenäen⸗Spanier— und in Anbetracht ihrer dunkeln Geſichtsfarbe, ihrer Bärte und ihres wild⸗ romantiſchen Coſtüms wäre es ſehr verzeihlich geweſen, wenn man ſie für eine Räuberbande oder wenigſtens für eine Geſellſchaft Schmuggler gehalten hätte. Sie waren aber weder die einen noch die andern, ſondern ehrliche ſpaniſche Maulthiertreiber, auf dem Wege nach einer franzöſiſchen Marktſtadt, mit Waaren und Produkten von der ſüdlichen Seite des Gebirges. Als unſere Reiſenden mit ihnen zuſammentrafen, waren ſie eben im Begriff, einen Imbiß zu ſich zu nehmen, der einfach aus ſchwarzem Brod, Ziegenkäſe und verdünntem Malaga beſtand. Den letzteren führten ——y — —————j— 169 ſie in einem Lederſchlauche bei ſich, aus welchem Jeder nach der Reihe trank, indem er einfach den Schlauch emporhielt und ſich den Wein in kleinen Quantitäten in den Mund goß. Es waren gutmüthige Leute und ſie luden unſere Reiſenden ein, ihren Wein zu koſten. Es wäre von letzteren unhöflich geweſen, wenn ſie dieſe Einladung hätten zurückweiſen wollen. Jwan und Alexis goſſen ſich von dem Wein in ihre ſilbernen Becher, welche ſie bequem an ihren Gürteln hängend trugen, Puſchkin aber, der ſein Gefäß nicht ſo ſchnell bei der Hand hatte, verſuchte den Wein nach Art der Maulthiertreiber zu trinken. Der lederne Schlauch aber, von dem alten Gardiſten ungeſchickt gehandhabt, entſendete ſeinen Strom, anſtatt ihm in den Mund, über das ganze Geſicht und in die Augen, ſo daß er halb geblendet ward und erſticken zu müſſen glaubte. Während er ſo verblüfft mit dem Weinſchlauch in der Hand da ſtand, während die koſtbare Flüſſigkeit ihm an der Naſe herablief und von den Spizen ſeines großen Schnurrbartes heruntertroff, bot er einen Anblick dar, über welchen die Maulthiertreiber lachten, daß ihnen die Thränen die Wangen herabrannen, während ſie zugleich ein lautes Bravo! anſtimmten, als ob ſie einer unge⸗ wöhnlich gelungenen Vorſtellung im Theater beiwohnten. Puſchkin nahm dies durchaus nicht übel und die Maulthiertreiber forderten ihn auf, es noch einmal zu 170 verſuchen. Da ihm indeſſen nichts daran lag, ſich noch einmal zum Gegenſtand des Gelächters zu machen, ſo borgte er ſich den Becher eines ſeiner jungen Herren und beſorgte mit dieſem die Sache mehr nach ſeinem Geſchmack. Da ihm der Wein ſehr wohl ſchmeckte und die gaſt⸗ freien Maulthiertreiber ihn aufforderten, ſo viel zu trinken, als ihm beliebte, ſo gab er den Lederſchlauch ſeinen Eigenthümern in einem in Bezug auf den Inhalt be⸗ deutend reducirten Zuſtand zurück. Hätte Puſchkin dem verführeriſchen Malaga nicht ſo derb zugeſprochen, ſo hätte er vielleicht ein ſehr gefähr⸗ liches Abenteuer vermieden, welches ihm beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick zuſtieß, und welches wir nun erzählen wollen. Unſere Reiſenden hatten, nachdem ſie noch einige weitere Artigkeiten mit den Maulthiertreibern ausge⸗ tauſcht, wieder ihre Thiere beſtiegen und ſtanden im Be⸗ griff, ihren Weg weiter fortzuſetzen. Puſchkin, der ſein großes franzöſiſches Maulthier ritt, bildete den Vortrab. Gerade vor ihm aber ſtanden die Packmaulthiere in einer Gruppe beiſammen und ver⸗ ſperrten nicht blos den eigentlichen Weg, ſondern auch den Raum zu beiden Seiten, ſo daß man, um vorbei⸗ zukommen, nothwendig mitten durch ſie hindurchpaſſiren mußte. Die Thiere ſchienen alle ganz ruhig zu ſein. Einige knabberten an den Gebüſchen, welche ſie erreichen konn⸗ — 4 171 ten, die meiſten aber ſtanden vollkommen ſtill, indem ſie dann und wann ihre langen Ohren ſchüttelten oder ein Bein wechſelten, um die Laſt auf das andere zu werfen. Puſchkin ſah, daß es nothwendig ſein würde, unter die Thiere hineinzureiten, und hätte er ſich ruhig hin⸗ durchgedrängt, ſo wären ſie wahrſcheinlich ganz gelaſſen ſtehen geblieben, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen. Erhitzt aber von dem Weine, den er getrunken, gab der alte Gardiſt, anſtatt auf ſo gemäßigte Weiſe zu ver⸗ fahren, ſeinem großen franzöſiſchen Maulthier die Sporen und ſprengte mit einem lauten Schlachtrufe— wie man ihn aus der Kehle eines Koſaken zu hören er⸗ wartet hätte— mitten in den Trupp hinein. Ob nun der Grund darin lag, daß das Thier, welches er ritt, ein franzöſiſches war, oder ob Puſchkin's Stimme für ſie einen mißtönenden Klang hatte, dies läßt ſich weiter nicht erörtern, wohl aber gerieth mit einem Male die ganze ſpaniſche Mulada in Bewegung, indem jedes einzelne Maulthier die Ohren ſpitzte, den Schwanz emporwarf und mit offenem Maule auf ihn zuſtürzte. Es war für ihn zu ſpät, den Ruf des Gemſenjägers „Prenez garde!“ oder den gleichbedeutenden der Maul⸗ thiertreiber„Guarda te!“ zu hören. Vielleicht hörte er auch dieſe Warnungsrufe, aber ſie erreichten ihn zu ſpät, um ihm von Nutzen ſein zu können, denn ehe er noch ſechs hätte zählen können, hatten ihn wenigſtens zwei⸗ mal ſo viel Maulthiere umringt und begannen mit —y— — — 172 gleichzeitigem Gekreiſch nach ihm und ſeinem franzöſiſchen Roß zu ſchnappen und zu beißen, wie eben ſo viele hungrige Wölfe! Vergebens vertheidigte ſich ſein muthiges Thier mit ſeinen beſchlagenen Hufen; vergebens hieb der Reiter mit ſeiner Peitſche um ſich herum, denn die ſpaniſchen Maulthiere griffen ihn nicht blos mit ihren Zähnen an, ſondern dreheten ihm auch das Hintertheil zu und ſchlugen mit ihren Hufen nach ihm, ſo daß ſeine leder⸗ nen Stiefel und Beinkleider von dieſen wiederholten Püffen knallten und krachten. Die Maulthiertreiber rannten, als ſie Puſchkin's Gefahr ſahen, natürlich ſogleich herbei und bemüheten ſich mit lautem Geſchrei, und indem ſie mit ihren Peit⸗ ſchen knallten— wie nur Maulthiertreiber damit knallen können— die Angreifer von dem Gegenſtande ihrer Wuth hinwegzutreiben. Trotz aller ihrer Bemühungen und trotz ihrer Autori⸗ tät über die Thiere aber wäre doch Puſchkin wahr⸗ ſcheinlich ſehr ſchlecht weggekommen, wenn ſich ihm nicht eine Gelegenheit geboten hätte, ſich der Gefahr zu entziehen. Sein Thier war nämlich, um der Verfolgung ſeiner ſpaniſchen Feinde zu entrinnen, unter einige Felsblöcke hineingerannt. Hierher ward es auch hitzig verfolgt, und Puſchkin würde abermals eingeholt worden ſein, wenn er nicht einen ſehr geſchickten Sprung aus dem Sattel gethan und ſich damit auf einen Felſenvorſprung —y—;ʒõ⸗—ᷣᷣↄↄ 2 173 geflüchtet hätte. Von hier aus war er in den Stand ge⸗ ſetzt, noch höher zu klettern, bis er einen Punkt erreicht hatte, der ihn dem Bereiche der Gefahr vollſtändig entrückte. Das franzöſiſche Maulthier jedoch hatte immer noch den Angriff ſeiner wüthenden Feinde auszuhalten, jetzt aber, wo es die Laſt ſeines ſchweren Reiters los war, gewann es Vertrauen auf ſeine langen Beine, und in⸗ dem es mitten durch die Mulada hindurchſchoß, rannte es den Gebirgspfad hinauf und galoppirte davon, bis man es nicht mehr ſah. Die durch ihre Ladung an einer eben ſo ſchnellen Bewegung verhinderten Maulthiere verriethen keine Luſt, ihm nachzufolgen, und das Drama erreichte auf dieſe Weiſe ſein Ende. Der klägliche Anblick, welchen der alte Gardiſt, als er ſo hoch oben auf ſeiner Felſenſpitze ſtand, darbot, reizte wieder die Heiterkeit der Maulthiertreiber, und ſie brachen alle nochmals in ein ſchallendes Gelächter aus. Seine jungen Herren waren jedoch um ihren treuen Puſchkin zu ſehr beſorgt, als daß ihnen die Sache lächerlich erſchienen wäre. Als ſie ſich indeſſen über⸗ zeugten, daß er— Dank dem Umſtande, daß die ſpa⸗ niſchen Maulthiere nicht beſchlagen waren— nur einige unbedeutende Beulen davongetragen hatte, waren auch ſie ſehr geneigt, ein wenig auf ſeine Koſten zu lachen. Alexis war der Meinung, daß Puſchkin dem Wein⸗ ſchlauche ein wenig zu viel zugeſprochen habe, und be⸗ 174 trachtete die Züchtigung, die er empfangen hatte, mehr als eine gerechte Vergeltung. Es koſtete dem Gemſenjäger eine kleine Hatz, ehe Puſchkin's davongelaufenes Thier wiedererlangt werden konnte; doch endlich ward das franzöſiſche Maulthier wieder eingefangen, und nachdem alles wieder in Ord⸗ 8 nung gebracht worden, ward ein Abſchiedsgruß mit den Maulthiertreibern gewechſelt und die Jäger ſetzten ihren Weg weiter fort. Ende des erſten Bandes. ſſſſſſſ 1 ſnſf 2 13 j ſinſſfnſnfff 1 14 15 16 17 Tſmnſfff 7 8 9 10 1 1b