iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Seſebedingungen. 1. Cffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: für u hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. „ 8 —— 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten bhaben für Hin⸗ und 3 G der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Meine Leſer dürfen nicht glauben, daß ich mit Geringſchätzung von Mynheer van Bloom ſprechen will, wenn ich ihn einen Boer oder Bauer nenne. In der Colonie des Caps der guten Hoffnung iſt ein Boer daſſelbe, was man in Amerika einen Farmer oder in Deutſchland einen Landwirth nennt, und Nie⸗ mand wird ez als einen Schimpf betrachten, ein Farmer oder Landwirth genannt zu werden. Van Bloom war alſo einer, ein holländiſcher Landwirth am Cap der guten Hoffnung— ein Boer. Die Boers der Capcolonie haben in der neueren Geſchichte eine bedeutende Rolle geſpielt. Obſchon 1* ein von Natur friedliebendes Völkchen, haben ſie ſich doch zu verſchiedenen Kriegen ſowohl mit eingebornen Afrikanern als auch mit Europäern genöthigt geſehen. In dieſen Kriegen haben ſie ſich ſtets bewunderns⸗ würdig gezeigt und den Beweis geliefert, daß ein friedliches Volk, wenn es ſein muß, eben ſo tapfer zu fechten weiß als ein anderes, welches aus Krieg und Raubzügen ein förmliches Gewerbe macht. Dabei hat man aber auch die Boers der Grau⸗ ſamkeit in ihren Kriegen beſchuldigt, beſonders in denen, welche ſie gegen die einheimiſchen Völker⸗ ſtämme geführt haben. Vom Geſichtspunkte der Ab⸗ ſtraction aus kann dieſe Anklage allerdings gerecht erſcheinen; wenn man aber die von jenen barbariſchen Feinden vorausgegangenen Aufreizungen und Heraus⸗ forderungen in's Auge faßt, wird man geneigt, die Handlungsweiſe der Capholländer mit t nachſichtigeraun Blicke zu betrachten. Es iſt ganz wahr, daß ſie die gelben Hotten⸗ totten in einen Zuſtand von Sclaverei verſetzt haben, aber zu jener ſelben Zeit ſchafften die Engländer ganze Schiffsladungen Neger über das Atlantiſche Meer, während die Spanier und Portugieſen den rothen Mann von Amerika in eben ſo enge und drückende Feſſeln ſchlugen. Ein anderweiter hierbei zu erwägender Punkt 5 iſt der Charakter der Ureinwohner, mit welchen die holländiſchen Boers es zu thun hatten. Die größte Grauſamkeit, welche ihnen von den Coloniſten zuge⸗ fügt ward, konnte immer noch als Milde betrachtet werden, wenn man ſie mit der Behandlung verglich, welche dieſe Wilden von ihren eigenen Despoten zu ertragen hatten. 3 Allerdings rechtfertigt dies immer noch nicht das Verfahren, durch welches die Holländer die Hot⸗ tentotten zu ihren Sclaven gemacht haben; aber wenn man alle Umſtände erwägt, ſo giebt es unter den ſeefahrenden Nationen nicht eine einzige, welche be⸗ rechtigt wäre, als Ankläger gegen die Holländer auf⸗ zutreten und ſie der Grauſamkeit zu beſchuldigen. Bei ihrem Verkehr mit den Ureinwohnern des Caps haben ſie es mit Kannibalen der ſcheußlichſten und verworfenſten Art zu thun gehabt und die Geſchichte der Coloniſation konnte unter ſolchen Umſtänden nicht anders als voll von unerfreulichen Epiſoden ſein. Es würde mir nicht ſchwer werden, die Hand⸗ lungsweiſe der Boers der Capcolonie noch ausführ⸗ licher zu vertheidigen, aber ich habe hier keinen Raum dazu. Deßhalb ſpreche ich meine Meinung nur kurz dahin aus, daß ſie ein wackeres, rüſtiges, geſundes, moraliſches, friedliebendes, betriebſames Volk ſind, Freunde der Wahrheit und republikaniſchen Freiheit— — 6— mit Einem Worte, ein edler, achtungswerther Men⸗ ſchenſchlag. Iſt daher wohl anzunehmen, daß ich, als ich Hendrik van Bloom einen Boer nannte, mit Gering⸗ ſchätzung von ihm ſprach? Gewiß nicht, vielmehr gerade das Gegentheil. Mynheer Hendrik war aber nicht immer ein Boer geweſen. Er konnte ſich eines etwas höheren Ranges rühmen, das heißt, er beſaß eine beſſere Erziehung, als der gewöhnliche Capfarmer in der Regel beſitzt, und hatte auch einige Erfahrung in Führung des Degens. Er war kein Eingeborner der Colonie, ſondern des Mutterlandes, und hatte den Weg nach dem Cap nicht als ein armer, ſein Glück ſuchender Abenteurer gefunden, ſondern als Offizier eines damals dort ſtationirten holläindiſcheu Regimentes. Sein Militairdienſt in der Colonie war nicht von langer Dauer. Eine gewiſſe rothwangige, flachs⸗ haarige Gertrud— die Tochter eines reichen Boers — fand Gefallen an dem jungen Leutnant und er lernte ſie ſeinerſeits ebenfalls lieb gewinnen. Die Folge war, daß ſie einander heiratheten. Da Ger⸗ trud's Vater bald nachher ſtarb, ſo ward die große Farm mit allen ihren Pferden, Hottentotten, breit⸗ ſchwänzigen Schafen und langhörnigen Ochſen ihr 7 Eigenthum. Dies war für den jungen Militair eine vollwichtige Veranlaſſung, den Degen niederzulegen und„Veeboer“ oder Viehzüchter zu werden, was er demzufolge auch that. Dieſe Vorfälle ereigneten ſich viele Jahre vor⸗ her, ehe die Engländer Herren der Capcolonie wurden. Als dieſes Ereigniß eintrat, war Hendrik van Bloom bereits ein ſehr angeſehener Mann in der Colonie und ein Würdenträger in ſeinem Diſtricte, der in der ſchönen Grafſchaft Reinet lag. Er war damals Witwer und Vater mehrerer Kinder. Das Weib, welches er ſo innig geliebt, die rothwangige, flachs⸗ haarige Gertrud, war nicht mehr am Leben. Die Geſchichte erzählt uns, wie die mit der engliſchen Herrſchaft unzufriedenen Coloniſten ſich dagegen empörten. Der vormalige Leutnant war unter dieſen Rebellen einer der thätigſten und her⸗ vorragendſten. Die Geſchichte erzählt uns auch, wie dieſe Empörung bezwungen ward und wie mehrere der dabei Betheiligten hingerichtet wurden. Van Bloom entging dieſem Schickſale durch die Flucht; ſein ſchönes Beſitzthum in der Grafſchaft Reinet aber ward confiscirt und einem Andern gegeben. Viele Jahre ſpäter finden wir ihn in einem entlegenen Diſtricte jenſeits des großen Orangefluſſes, das Leben eines„Trekboer“ führend, das heißt, eines Nomadenfarmers, der keinen feſten oder dauernden Wohnplatz hat, ſondern mit ſeinen Heerden von einer Stelle zur andern und überall hin zieht, wo frucht⸗ bare Weideplätze und gutes Waſſer ihn hinlocken. Von ungefähr dieſer Zeit an ſchreibt ſich meine Bekanntſchaft mit Hendrik van Bloom und ſeiner Familie. Von ſeiner früheren Geſchichte habe ich Alles angeführt, was ich weiß; dagegen lernte ich ſeine fernere Lebensgeſchichte während eines Zeit⸗ raumes von vielen Jahren viel ausführlicher kennen. Die meiſten Angaben hierüber erfuhr ich aus dem Munde ſeines eigenen Sohnes. Dieſe Mittheilungen gewährten mir großes Intereſſe und wichtige Beleh⸗ rung und waren meine erſten Lectionen in der afri⸗ kaniſchen Zoologie. Der Politik überdrüſſig, wohnte Hendrik van Bloom jetzt an der äußerſten Grenze, oder vielmehr jenſeits der Grenze, denn die nächſte Niederlaſſung war ziemlich hundert engliſche Meilen weit entfernt. Sein„Kraal“ lag in einem Diſtricte, welcher an die große Wüſte Kalihari— die Sahara von Südafrika — grenzte. Die Gegend rings umher war auf Hun⸗ derte von Meilen unbewohnt, denn die weit aus ein⸗ ander geſtreuten halbmenſchlichen Buſchmänner, die innerhalb dieſes Umkreiſes wohnten, verdienten den 9 Namen von Einwohnern faſt eben ſo wenig, als die wilden Thiere, die ſie umheulten. Ich habe bereits geſagt, daß Hendrik van Bloom jetzt das Gewerbe eines Trekboer trieb. Die Land⸗ wirthſchaft der Capeolonie beſteht hauptſächlich in der Aufzucht von Pferden, Rindvieh, Schafen und Ziegen, und dieſe Thiere bilden den Reichthum des Boers. Hendrihs Viehſtand war jedoch jetzt ein ſehr kleiner. er ihn verhängte Aechtung hatte ſeinen ganzen um verſchlungen und ſeine erſten Verſuche als nadiſirender Viehhändler waren nicht vom beſten * Erfolge begleitet geweſen. Das von der britiſchen Regierung erlaſſene Emancipationsgeſetz erſtreckte ſich nicht bloß auf die Neger der weſtindiſchen Inſeln, ſondern auch auf die Hoottentotten des Caps, und die Folge davon war, daß Mynheer van Bloonts Dienſtleute ihn verlaſſen hatten. Sein nicht mehr gehörig verſorgtes Vieh hatte ſich verlaufen. Einige Stück wurden wilden Thieren zur Beute, andere ſtarben an der Seuche. Auch ſeine Pferde wurden durch jene räthſelhafte ſüdafrikaniſche Krankheit, die ſogenannte Pferdekrank⸗ heit, decimirt, während ſeine Schafe und Ziegen durch den Erdwolf, den wilden Hund und die Hyäne fortwährend angegriffen und an Zahl vermindert wurden. öböͤöoöööböͤöͤöͤͤͤͤͤ — 10— So hatte er eine Reihe von Verluſten erlitten, 3 bis ſeine Pferde, Ochſen, Schafe und Ziegen, Alles zuſammengenommen, kaum hundert Stück zählten, was für einen Veeboer oder ſüdamerikaniſchen Vieh⸗ züchter allerdings ein ſehr unbedeutender Beſtand iſt. Trotzdem aber war unſer Freund nicht unglück⸗ lich. Er ſchaute rings herum auf ſeine drei wackeren Söhne— Hans, Hendrik und Jan. Er ſchaute auf ſeine rothwangige, flachshaarige Tochter Gertrud, das leibhafte Ebenbild ihrer Mutter, und aus dieſem Anblicke ſeiner Kinder ſchöpfte er die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft. 5 Seine zwei älteſten Söhne unterſtützten ihn bereits als rüſtige Gehilfen bei ſeinen täglichen Be⸗ ſchäftigungen, und von dem jüngſten ſtand bald daſſelbe zu erwarten. An Gertruden oder Trudchen, wie ſie liebkoſend genannt ward, mußte er bald eine tüchtige Wirthſchafterin bekommen. Deßhalb fühlte er ſich nicht unglücklich, und wenn ihm dann und wann ein Seufzer entſchlüpfte, ſo geſchah es, wenn das Geſicht des kleinen Trudchens die Erinnerung an jene Ger⸗ trude wach rief, welche jetzt im Himmel wohnte. Hendrik van Bloom aber war nicht der Mann, der ſo leicht verzweifelte. Allen Täuſchungen war es nicht gelungen, ihm ſeinen Lebensmuth zu rauben. Er widmete ſich nur um ſo eifriger der Aufgabe, — — 11— ſich wieder zu einem wohlhabenden Manne empor zu arbeiten. 1 Er für ſeine eigene Perſon ſuchte keinen Ehr⸗ geiz darin, reich zu werden. Er hätte ſich recht wohl mit dem einfachen Leben begnügen können, welches er führte, und würde wenig nach Vermehrung ſeiner Habe gefragt haben. Andere Rückſichten aber waren es, die ihm das Herz ſchwer machten— die Zukunft ſeiner Familie. Er konnte nicht zugeben, daß ſeine Kinder mitten in der Wüſte ohne alle Erziehung und Belehrung aufwüchſen. Nein, ſie mußten dereinſt zu den Wohnungen der Menſchen zurückkehren, um in dem Drama des ſocialen und civiliſirten Lebens ihre Rolle zu ſpielen. Dies war ſeine Abſicht. Aber wie ſollte dieſe Abſicht erreicht werden? Obſchon er wegen des nach dem herrſchenden Geſetze von ihm begangenen Hochverraths Begna⸗ digung erlangt hatte und es ihm jetzt freiſtand, in die Colonie zurückzukehren, ſo war er doch durchaus nicht darauf vorbereitet. Sein geringer Viehſtand war nicht hinreichend, ihm eine ſelbſtſtändige Stellung in den Niederlaſſungen zu gewähren. Er hatte kaum die Mittel, ſeinen Unterhalt einen Monat lang zu beſtreiten, und wäre er daher zurückgekehrt, ſo hätte er dies nur als Bettler thun können. Betrachtungen dieſer Art verurſachten ihm Un⸗ ruhe, aber ſie ſteigerten auch die ihm inwohnende Energie und machten ihn um deſto eifriger, die ihm im Wege ſtehenden Hinderniſſe zu überwinden. Während des gegenwärtigen Jahres war er ſehr fleißig geweſen. Um ſein Vieh während der Winterzeit gut füttern zu können, hatte er eine bedeutende Maſſe /Mais und Buchweizen gepflanzt, und jetzt berechtigte die Ernte von beidem zu den ſchönſten Hoffnungen. Sein Garten verſprach eben⸗ falls eine Menge Obſt, Melonen und Küchengemüſe zu liefern. Mit Einem Worte, die kleine Heimath, in wel⸗ cher er ſich auf einige Zeit feſtgeſetzt, war eine kleine Oaſe und erfüllte ihn jeden Tag mit neuer Freude, wenn ſeine Augen ſich an dem Anblicke der mannig⸗ faltigen zur Reife gedeihenden Früchte ergötzten. Wieder begann er von Wohlſtand zu träumen— wieder begann er zu hoffen, daß ſeine ſchlimmen Tage nun zu Ende ſeien. Ach, leider war es eine irrige Hoffnung! Eine Reihe von Prüfungen erwartete ihn noch— eine Reihe von Unglücksfällen, die ihn faſt alles Deſſen beraubte, was er noch beſaß, und der Art und Weiſe ſeiner Exiſtenz eine ganz andere Richtung gab. — 13— Vielleicht aber konnten dieſe Vorfälle dennoch kaum Unglücksfälle genannt werden, da ſie zuletzt doch noch zu einem glücklichen Ergebniſſe führten. Der Leſer wird indeſſen hierüber ſelbſt urthei⸗ len, wenn er die Geſchichte und Abenteuer des Trek⸗ boers und ſeiner Familie vernommen hat. * — Bweites Kapitel. Der Kraal. Hendrik van Bloom ſaß vor ſeinem Kraal, denn dies iſt der Name der Wohnung eines ſüdafrikaniſchen Nomaden. Aus ſeinem Munde ragte eine große Pfeife M einem ungeheuer großen Meerſchaumkopfe. Alle ders ſind leidenſchaftliche Tabaksraucher. Trotz der vielen Verluſte und Unfälle ſeines vergangenen Lebens ſtrahlte aus ſeinem Auge dennoch der Ausdruck der Zufriedenheit. Er freute ſich über das hoffnungsvolle Ausſehen ſeiner Ernten. Sein Mais ſtand jetzt, wie man zu ſagen pflegt,„in der Milch“, und die in die papyrusähnlichen Hülſen ein⸗ geſchloſſenen Aehren waren voll und groß. Es war wonnig, das Rauſchen der langen grünen Halme zu hören und die blanken goldenen Quaſten im Luft⸗ hauche wogen zu ſehen. 1 — 15— Aber es gab für ihn auch noch eine andere hoffnungsvolle Ernte, welche ſein Herz noch mehr erfreute— ſeine ſchönen Kinder. Hier ſtehen ſie Alle um ihn herum. Hans— der älteſte— der geſetzte, ernſte Hans, arbeitet in dem wohlangebauten Garten, während der kleine, aber muntere Jan, der jüngſte, zuſieht und dann und wann ſeinem Bruder hilft. Hendrik— der raſche Hendrik mit dem heitern Geſicht und dem blonden krauſen Haar— iſt unter den Pferden im Pferdekraal beſchäftigt, und Trudchen— das ſchöne, rothwangige, flachshaarige Trudchen— ſpielt mit ihrem Lieblinge, einer jungen Gazelle, deren helle Augen in ihrem Ausdrucke der Unſchuld und Liehens⸗ würdigkeit mit denen ihrer Herrin wetteifern.*— ** Ja, das Herz des Vaters iſt freudevoll, wäh⸗ rend er ſo auf ſeine Kinder von einem zum andern blickt— und zwar mit Grund. Sie ſind alle ſchön, und alle loweiſen, daß ſie ein gutes Herz beſitzen. Wenn der Vater dann und wann einen Stich im Herzen fühlt, ſo geſchieht es, wie wir ſchon geſagt haben, wenn ſein Auge auf der rothwangigen, flachs⸗ haarigen Gertrud ruht. Die Zeit aber hat dieſen Gram ſchon längſt zu einer ſanften Melancholie herabgeſtimmt. Die Schmerzen, welche dieſe verurſacht, ſind nur von † — 16— kurzer Dauer, und das Antlitz des Vaters erheitert ſich bald wieder, wenn er auf ſeine theuren ſo hoff⸗ nungsvollen Kinder ſchaut. Hans und Hendrik ſind ſchon ſtark genug, um ihn bei ſeinen Beſchäftigungen zu unterſtützen,— ja, mit Ausnahme von Swartboy ſind ſie die einzige Unterſtützung, die er überhaupt hat. Wer iſt Swartboy? Schau in den Pferdekraal, lieber Leſer, und Du wirſt hier Swartboy zugleich mit ſeinem jungen Herrn Hendrik beſchäftigt finden, ein paar Pferde zu ſatteln. Du wirſt bemerken, daß Swartboy unge⸗ fähr dreißig Jahre alt zu ſein ſcheint, und er iſt dies auch; wenn Du aber einen Meßſtab an ihn legen woollteſt, ſo würdeſt Du finden, daß er nicht viel ber vier Fuß lang iſt! Dabei iſt er jedoch ſehr 3½ ſtark gebaut und eine Meſſung nach horizontaler Richtung würde vielleicht mehr zu ſeinem Vortheil ausfallen. Du wirſt ferner bemerken,„daß ſeine Farbe eine ſchmuzig⸗gelbe iſt, obſchon ſein Name Dich auf die Vermuthung bringen könnte, er ſei ſchwarz, denn„Swanthoye heißt ſo viel als„ſchwar⸗ zer Knabe“. Seine Naſe iſt flach und liegt tiefer als die hervorſtehenden Backenknochen, ſeine Lippen ſind ſehr dick, die Naslöcher weit, das Geſicht bart⸗ los und der Kopf faſt nackt, denn die kleinen dünn — 17— über den Schädel geſäeten Wollknötchen können kaum mit dem Ausdrucke Haar bezeichnet werden. Dabei iſt ſein Kopf ungeheuer groß mit verhältnißmäßig großen Ohren, und die Augen ſtehen ſchräg im Kopfe und erinnern an die eines Chineſen. Man bemerkt ſtiſchen Kennzeichen, welche die Hottentotten Süd⸗ afrika's von andern Menſchenracen unterſcheiden. Und doch iſt Swartboy kein Hottentott, obſchon er dieſer Race im Allgemeinen angehört. Er iſt ein Buſchmann. Wie aber kam dieſer wilde Buſchmann in den Dienſt des Holländers van Bloom? Daran knüpft ſich eine kleine romantiſche Geſchichte, welche folgen⸗ dermaßen lautet. Unter den wilden Stämmen des füdlichen Afrika herrſcht eine ſehr grauſame Gewohnheit, nämlich die, daß ſie ihre alten oder gebrechlichen Leute und oft auch ihre Kranken oder Verwundeten dem Tode in der Wüſte preisgeben. Kinder verlaſſen ihre Eltern und die Verwundeten werden oft von ihren Kamera⸗ den liegen gelaſſen, die weiter keine Fürſorge für ſie treffen, als daß ſie ihnen auf einen Tag Speiſe reichen und einen Becher Waſſer neben ſie ſtellen. Der Buſchmann Swartboy war auch das Opfer dieſer Gewohnheit geworden. Er hatte mit einigen Die Buſchknaben. 1. 2 2 an Swartboy mit Einem Worte alle jene charaktert⸗ . 18— Leuten ſeines Stammes einen Jagdausflug unter⸗ nommen und war von einem Löwen arg verſtümmelt worden. Seine Kameraden, die nicht glaubten, daß er mit dem Leben davonkommen könne, ließen ihn auf der Ebene liegen, und er hätte ganz gewiß um⸗ kommen müſſen, wenn unſer wackerer Hendrik van Bloom nicht geweſen wäre. Dieſer Letztere fand auf ſeinem Zuge durch die Ebenen den verwundeten Buſch⸗ mann, hob ihn auf ſeinen Wagen, nahm ihn mit in ſein Lager, verband ihm ſeine Wunden und pflegte ihn, bis er wiederhergeſtellt war. Auf dieſe Weiſe kam Swartboy in den Dienſt des Holländers. . Obſchon Dankbarkeit keine charakteriſtiſche Eigen⸗ ſchaft ſeines Volksſtammes iſt, ſo war Swartboy doch nicht undankbar. Als alle anderen Dienſtleute fort⸗ liefen, blieb er allein ſeinem Herrn treu und war ſeit dieſer Zeit ein ſehr nützlicher und thätiger Ge⸗ hilfe geweſen. Er war, wie geſagt, jetzt nur noch der einzige übriggebliebene Diener, mit Ausnahme der Magd Totty, die natürlich eine Hottentottin und ungefähr von derſelben Größe, Form und Farbe war, wie Swartboy ſelbſt. Wir haben geſagt, daß Swartboy und der junge Hendrik ein paar Pferde ſattelten. Sobald als ſie damit fertig waren, ſtiegen ſie auf, ritten aus dem Kraal hinaus und nahmen ihren Weg direct über — 19— die Ebene. Dicht hinter ihnen folgten ein paar große ſtarke Hunde. Ihr Zweck war, die Ochſen und die übrigen Pferde, die in ziemlicher Entfernung weideten, nach Hauſe zu treiben. Sie waren gewohnt, dies alle Abende zu derſelben Stunde zu thun; denn in Süd⸗ afrika iſt es nothwendig, alles Zucht⸗ und Hausvieh des Nachts einzuſchließen, um es gegen Raubthiere zu ſchützen. Zu dieſem Zwecke werden mehrere Ein⸗ hegungen mit hohen Mauern, ſogenannte Kraals, erbaut. Es hat dies Wort dieſelbe Bedeutung, wie das ſpaniſche„corral“, und iſt, wie ich mir denke, durch die Portugieſen nach Afrika gebracht worden, da es keiner der einheimiſchen Sprachen angehört. Dieſe Kraals ſind wichtige Bauwerke in der Niederlaſſung eines Boers, faſt eben ſo wichtig als ſein eigenes Wohnhaus, welches ebenfalls mit dem Namen Kraal bezeichnet wird. Während der junge Hendrik und Swartboy fort⸗ ritten, um die Pferde und Rinder zu holen, verließ Hans ſeine Arbeit im Garten und begann die Schafe zuſammen⸗ und ebenfalls heimzutreiben. Dieſe graſſten in einer andern Richtung; da ſie aber in der Nähe waren, ſo ging er zu Fuße und nahm den kleinen Jan mit. Trudchen war, nachdem ſie ihre Gazelle an 2* — 20— einen Pfahl gebunden, in das Haus hineingegangen, um Totty das Abendbrot bereiten zu helfen. Auf dieſe Weiſe blieb der Boer ſich ſelbſt und ſeiner Pfeife überlaſſen, die er noch immer zu rauchen fortfuhr. Er ſaß in vollkommenem Schweigen da, wie⸗ wohl er ſich kaum enthalten konnte, der Genugthuung, die er empfand, als er ſeine Familie ſo emſig be⸗ ſchäftigt ſah, Worte zu leihen. Obſchon er mit allen ſeinen Kindern zufrieden war, ſo läßt ſich doch nicht leugnen, daß er einige Vorliebe für den kecken Hendrik empfand, der ſeinen Namen trug und ihn mehr an ſeine eigene Jugend erinnerte, als einer der heiden andern Brüder. Er war ſtolz auf Hendrik als gewandten, kühnen Reiter, und ſeine Augen folg⸗ ten ihm über die Ebene, bis er mit Swartboy bei⸗ nahe eine Meile weit fort war und ſich ſchon unter die weidenden Rinder hineinverlor. In dieſem Augenblicke fiel van Bloom ein Gegenſtand in's Auge, der ſeine Aufmerkſamkeit ſo⸗ fort feſſelte. Es war eine ſeltſame Erſcheinung längs des untern Theils des Himmels, in der Richtung, welche Hendrik und Swartboy eingeſchlagen, aber anſcheinend noch über ſie hinaus. Sie glich einem dunkelbraunen Nebel oder Rauche, als ob die Ebene in weiter Ferne in Feuer ſtünde. — 21— Konnte das wirklich der Fall ſein? Hatte Je⸗ mand die Käruhbüſche in Brand geſteckt? Oder war es eine Staubwolke? Der Wind war kaum ſtark genug, um einen ſolchen Staub in die Höhe zu treiben, und dennoch hatte er dieſes Anſehen. Rührte ſie von Thieren her? War es nicht vielleicht der Staub, den eine große Heerde Antilopen, eine Wanderung von Spring⸗ böcken zum Beiſpiel, aufwirbelte? Die Wolke zog ſich meilenlang am Horizonte hin, van Bloom aber wußte, daß dieſe Thiere oft in Heerden wandern, die wirklich einen meilenweiten Flächenraum einneh⸗ men. Aber immer noch u nicht denken, daß es dies wäre. Er ſchaute unverwandt m C Phänomen hin und bemühte ſich eelbe auf ver⸗ ſchiedene Weiſe zu erklären. Es ſchien immer höher an dem blauen Himmel emporzuſteigen und ſah bald aus wie Staub, bald wie der Rauch einer immer weiter um ſich greifenden Feuersbrunſt, bald wie eine röthliche Wolke. Sie kam von Weſten her gezo⸗ gen und ſchon ward die untergehende Sonne dadurch verdunkelt. Sie war über die Sonnenſcheibe hinweg⸗ dem ſeltſamen gegangen wie ein Vorhang, und das Sonnenlicht fiel nicht mehr auf die Ebene. War dieſe räthſelhafte — 22— Erſcheinung der Vorläufer irgend eines furchtbaren Ungewitters?— eines Erdbebens? Ein ſolcher Gedanke durchzuckte das Gemüth des Boers. Die Wolke war nicht wie eine gewöhn⸗ liche Wolke, ſie war auch nicht wie eine Staubwolke, ſie war auch nicht wie Rauch. Sie glich Nichts von Allem, was er jemals vorher geſehen. Kein Wunder, daß er ängſtlich und unruhig ward. Mit Einem Male ſchien die dunkelrothe Maſſe die auf der Ebene graſenden Rinder einzuhüllen und man ſah ſie wie erſchrocken hin und her rennen. Plötzlich verſchwanden auch die beiden Reiter unter dem dunkeln Schatten.. Nun ſprang van Bloom ernſthaft beunruhigt auf ſeine Füße* Was hatte dieſe ganze Erſcheinung) zu bedeuten? Der Ausruf, der ihm unwillkürlich entſchlüpfte, lockte Trudchen und Totty aus dem Hauſe, und Hans war mit Jan ſo eben mit den Schafen und Ziegen nach Hauſe zurückgekommen. Alle ſahen das eigenthümliche Phänomen, aber Niemand wußte, was es eigentlich ſei, und Alle waren in einem Zuſtande großer Aufregung. Als ſie noch ſo daſtanden und mit furchterfüll⸗ ten Herzen in die Ferne hinausſchauten, kamen die beiden Reiter plötzlich aus der Wolke heraus und in — 23— — geſtrecktem Galopp auf das Haus zugeſprengt. Es dauerte nicht lange, ſo hörte man ſchon von Weitem Swartboy mit lauter Stimme rufen: 4 „O Baas van Bloom! Die Springhahns kont⸗ men!— Die Springhahns!— Die Springhahns!“ Drittes Kapitel. Die„Springhahns“. „Ah, die Springhahns!“ rief van Bloom, als er die holländiſche Benennung der weit berüchtigten Wanderheuſchrecke vernahm. Nun war das Geheinmiß erklärt. Die ſeltſame Wolke, die ſich über die Ebene breitete, war nichts mehr und nichts weniger als ein Schwarm Heu⸗ ſchrecken! Es war ein Anblick, den mit Ausnahme von Swartboy noch keiner von ihnen jemals gehabt. Van Bloom hatte allerdings ſchon oft Heuſchrecken, aber in geringer Anzahl und von verſchiedenen Gat⸗ tungen geſehen, denn es giebt in Südafrika viele Arten von dieſen ſeltſamen Inſekten. Die aber, welche ſich jetzt zeigte, war die ächte Wanderheuſchrecke(Grillus devastatorius) und auf einer ihrer großen Wanderungen begriffen— ein Ereig⸗ niß, welches weit ſeltener vorkommt, als Reiſende uns glauben machen möchten. Swartboy kannte ſie wohl, und obſchon er ihre Annäherung in einem Zuſtande von großer Auf⸗ regung verkündete, ſo war dies doch nicht die Auf⸗ regung der Furcht. Gerade das Gegentheil. Seine großen dicken Lippen verzerrten ſich zu einem grotesken Ausdrucke der Freude. Die Inſtinkte ſeines wilden Stammes waren in ihm thätig. Für dieſen iſt ein Schwarm Heuſchrecken nicht ein Gegenſtand von Furcht, ſon⸗ dern eine Quelle der Freude, und ihre Ankunft eben ſo willkommen, wie ein Zug Häringe für einen ſchot⸗ tiſchen Fiſcher oder wie eine reichliche Ernte für den Landmann. Auch die Hunde bellten und heulten vor Freu⸗ den, und ſprangen umher, als ob es auf die Jagd gehen ſollte. Als ſie die Wolke bemerkten, erkannten ſie in Folge ihres Inſtinkts ſofort die Heuſchrecken. Sie betrachteten ſie mit ähnlichen Empfindungen, wie die, welche Swartboy's Herz bewegten, denn ſowohl Hunde als Buſchmänner verzehren dieſe Inſekten mit heißhungriger Gier. Bei der Verkündung, daß es bloß Heuſchrecken ſeien, erholten ſich Alle ſaſo wieder von ihrem Schrecken. Trudchen und Jan lachten, klatſchten in die Hände und warteten neugierig, bis die ſeltſamen Thiere näher kommen würden. Alle hatten genug von Heuſchrecken gehört, um zu wiſſen, daß es weiter Nichts, als eine Art Heupferde wären, die den Menſchen weder biſſen noch ſtächen, und deßhalb fürchtete ſich Niemand vor ihnen. Auch van Bloom ſelbſt machte ſich anfangs ſehr wenig daraus. Nach ſeinen anfangs gehegten Be⸗ fürchtungen war die Kunde, daß es ein Schwarm Heuſchrecken ſei, gewiſſermaßen ein Troſt für ihn, und eine Zeitlang dachte er weiter nicht über das Weſen einer ſolchen Erſcheinung nach, ſondern be⸗ trachtete ſie bloß mit Gefühlen der Neugier. Plötzlich aber nahmen ſeine Gedanken eine an⸗ dere Richtung. Sein Auge ruhte auf ſeinen Mais⸗ und Buchweizenfeldern, auf ſeinem Melonen⸗, Obſt⸗ und Gemüſegarten. Ein neuer Schrecken bemächtigte ſich ſeiner. Die Erinnerung an viele Geſchichten, die er in Bezug auf dieſe verheerenden Geſchöpfe vernommen, er⸗ wachte in ihm, und ſo wie die ganze Wahrheit ſich in ihm entwickelte, ward er bleich und gab ſeine — 27— Befürchtungen durch unzuſammenhängende Worte zu erkennen. Die Kinder wechſelten auch die Miene. Sie ſahen, daß ihr Vater ängſtlich ward, obſchon ſie nicht wußten, warum, und ſie ſammelten ſich fragend um ihn. „Ach, wir ſind verloren!“ rief er.„Unſere ganze Ernte— unſere ganze Arbeit für dieſes Jahr iſt verloren! O meine lieben Kinder!“ „Wie ſo verloren, Vater?“ riefen mehrere von ihnen in Einem Athem. „Seht doch die Springhahns! Sie werden unſere Ernte mit Stumpf und Stiel auffreſſen— Alles— Alles!“ „Das iſt allerdings wahr,“ ſagte Hans, der in Büchern ſchon oft Erzählungen von den Verheerun⸗ gen geleſen hatte, welche die Heuſchrecken zuweilen anrichteten. Die freudigen Mienen Aller nahmen wieder einen bangen Ausdruck an und ſie ſchauten nicht mehr mit Neugier auf die ferne Wolke, welche ihre Freude ſo plötzlich verdüſtert hatte. Van Bloom hatte vollen Grund, beſorgt zu ſein. Kam der Schwarm wirklich heran und ließ ſich auf ſeinen Feldern nieder, ſo konnte der wackere Boer ſeinen Ausſichten auf eine Ernte nur immer — 28— Lebewohl ſagen. Binnen wenigen Augenblicken hat⸗ ten ſie dann Alles aufgezehrt und ließen weder Sa⸗ menkorn, noch Blatt, noch Halm hinter ſich. Alle ſtanden da und beobachteten den Flug des Schwarmes mit peinlichen Empfindungen. Er war jetzt noch eine volle halbe Meile entfernt und ſchien ſeit einigen Minuten nicht mehr näher zu kommen. Ein Hoffnungsſtrahl dämmerte in dem beſorg⸗ ten Gemüthe des wackern Boers auf. Er nahm ſeinen breiten Filzhut ab und hielt ihn mit ausge⸗ ſtrecktem Arme von ſich. Der Wind wehte von Norden und der Schwarm befand ſich gerade weſt⸗ lich vom Kraal. Die Heuſchreckenwolke war von Norden gekommen, wie das in den ſüdlichen Theilen von Afrika faſt ſtets der Fall iſt. „Ja,“ ſagte Hendrik, der, da er in der Mitte des Schwarmes geweſen, auch ſagen konnte, nach welcher Richtung derſelbe ſich bewegte,„die Heu⸗ ſchrecken kamen von Norden her auf uns herab. Als wir unſere Pferde heimwärts lenkten, galoppir⸗ ten wir bald aus dem Schwarme heraus und dieſer ſchien uns nicht nachzufliegen. Ich bin deßhalb über⸗ zeugt, daß er ſüdwärts zieht.“ Van Bloom hoffte nun, daß, da in gerad⸗ nördlicher Richtung vom Kraal keine Heuſchrecken zu ſehen waren, der Schwarm vorüberfliegen würde, — 29— ohne ſich bis an die Grenzen ſeiner Farm zu er⸗ ſtrecken. Er wußte, daß ſie gewöhnlich der Richtung des Windes folgten. Wenn der Wind ſich nicht änderte, ſtand daher nicht zu erwarten, daß ſie von ihrer Richtung abweichen würden. Er fuhr fort, ſie ängſtlich zu beobachten. Er ſah, daß der Saum der Wolke nicht näher kam. Seine Hoffnung ſtieg. Seine Mienen erheiterten ſich. Die Kinder bemerkten dies und freuten ſich, ſagten aber Nichts. Alle ſtanden da und ſchauten ſchweigend zu. Es war ein ſeltſames Schauſpiel. Es war nicht bloß der nebelige Schwarm der Inſekten, was es hier zu ſehen gab. Die Luft über ihnen war mit Vögeln angefüllt— mit ſeltſamen Vögeln und von vielen Arten. Auf langſamem, ſchweigendem Fittig ſchwebte der braune Oriku, der größte von Afrika's Geiern, und neben ihm der gelbe Chasse fiente, ebenfalls eine Geierart. Auf breiten, ausgeſtreckten Flügeln rauſchte der bärtige Lamvanger. Dort kreiſchte der große Kafferadler und neben ihm der kurzgeſchwänzte, ſelt⸗ ſam geformte Bateleur. Hier ſah man ferner Habichte von verſchiedenen Größen und Farben, Falken, Krähen und Raben und viele andere Gattungen von Inſekten⸗ freſſern. Weit zahlreicher aber als alle übrigen ſah man den kleinen ſogenannten Springhahnvogel, einen ge⸗ ſprenkelten Vogel von beinahe der Größe und Form einer Schwalbe. Myriaden von dieſen Vögeln ver⸗ finſterten die Luft oben— Hunderte von ihnen ſchoſſen fortwährend unter die Inſekten herab und flatterten dann jeder mit einem Schlachtopfer im Schnabel wieder in die Höhe. Man nennt ſie auch zuweilen Heuſchreckengeier, obſchon ſie durchaus nicht zur Gattung der Geier gehören. Sie nähren ſich ausſchließlich von dieſen Inſekten und ſind niemals zu ſehen, wo die Heuſchrecken nicht ſind. Sie folgen ihnen auf allen ihren Wanderungen und bauen ihre Neſter und ziehen ihre Jungen mitten unter ihrer Beute. Es war in der That intereſſant, dieſen Schwarm geflügelter Inſekten und ihre zahlreichen und mannig⸗ faltigen Feinde zu betrachten, und Alle ſtanden in ſtiller Verwunderung da und ſchauten. Immer noch kam die lebende Wolke nicht näher und van Bloom's Hoffnung ſtieg immer höher. Der Schwarm ſtreckte ſich immer weiter nach Süden und bedeckte jetzt faſt den ganzen weſtlichen Horizont. Alle bemerkten gleichzeitig, daß er all⸗ mählig immer tiefer ſank. Wollten die Heuſchrecken vielleicht nach Weſten abſchwenken? Nein. „Sie machen Nachtquartier und wir wollen uns — 31— nun einige Säcke voll holen,“ ſagte Swartboy mit vergnügter Miene, denn Swartboy war ein leiden⸗ ſchaftlicher Heuſchreckeneſſer, eben ſo leidenſchaftlich als Adler oder Habicht, ja, eben ſo ſehr als der Springhahnvogel ſelbſt. Es war, wie Swartboy geſagt hatte; der Schwarm ließ ſich wirklich auf die Ebene nieder. „Ohne Sonne können ſie nicht fliegen,“ fuhr der Buſchmann fort.„Es iſt jetzt zu kalt. Bis morgen früh ſind ſie wie todt.“ 4 Und ſo war es auch. Die Sonne war unter⸗ gegangen. Die kühle Luft machte die Flügel der wandernden Inſekten kraftlos, und ſie waren deß⸗ halb genöthigt, Halt zu machen, um auf Bäumen, im Gebüſch und im Graſe zu übernachten. Nach wenigen Minuten war der dunkle Nebel, welcher den blauen Rand des Himmels verdeckt, nicht mehr zu ſehen, die ferne Ebene aber ſah aus, als ob ein Feuer darüber hingegangen wäre. Sie war dicht mit den Leibern der Inſekten bedeckt, die ihr, ſo weit das Auge reichte, ein geſchwärztes Anſehen verliehen. Die den Schwarm begleitenden Vögel kreiſchten, als ſie den Einbruch der Nacht gewahrten, noch eine Weile und zerſtreuten ſich dann nach allen Himmels⸗ gegenden. Einige ſetzten ſich auf die Felſen, während — 32— andere ſich unter den Mimoſendickichten niederließen, und ſowohl auf der Erde als in der Luft trat nun auf kurze Zeit Ruhe und Stille ein. Van Bloom dachte nun wieder an ſeine Rinder, die man noch, wiewohl undeutlich, in der Ferne ſich auf der mit Heuſchrecken bedeckten Ebene herumbe⸗ wegen ſah. „Laßt ſie noch eine Weile freſſen, Baas,“ rieth Swartboy. „Was denn?“ fragte ſein Herr.„Siehſt Du nicht, daß das Gras ganz mit Heuſchrecken bedeckt iſt?“ „Nun, eben die Heuſchrecken ſelbſt laßt ſie freſſen, Baas,“ entgegnete der Buſchmann.„Heu⸗ ſchrecken taugen zur Rindviehmaſt noch viel beſſer als Gras.“ Jedoch es war nun ſchon zu ſpät, als daß man die Rinder noch länger hätte draußen auf der Ebene laſſen können. Es konnte nicht lange mehr dauern, ſo fanden ſich die Löwen ein, und zwar um ſo eher, weil die Heuſchrecken da waren, denn auch der König der Thiere verſchmäht nicht, ſeinen Magen mit dieſen Inſekten zu füllen, wenn er deren ſinden kann. Van Bloom ſah die Nothwendigkeit ein, ſeine Rinder ſofort in ihren Kraal treiben zu laſſen. Ein drittes Pferd ward geſattelt, welches der — 33— Boer ſelbſt beſtieg, worauf er, von Hendrik und Swartboy begleitet, davonritt. Als ſie ſich den Heuſchrecken näherten, bot ſich ihnen ein ſeltſamer Anblick dar. Der Boden war mit dieſen röthlich⸗braunen Geſchöpfen an einigen Stellen mehrere Zoll hoch bedeckt. Alle Gebüſche, alle Blätter und Zweige hingen voll davon, als ob Bienenſchwärme ſich darauf niedergelaſſen hätten. Sie regten ſich nicht, ſondern verhielten ſich ganz ruhig, als ob ſie erſtarrt wären oder ſchliefen. Die Abendkühle hatte ſie der Fähigkeit des Fliegens beraubt. Das Merkwürdigſte von Allem für den Boer und ſeinen Sohn war das Verhalten ihrer Pferde und Rinder. Letztere waren noch in einiger Entfernung draußen mitten unter dem ſchlafenden Schwarme; anſtatt aber durch ihre ſeltſame Umgebung beunruhigt zu werden, rafften ſie mit den Mäulern die Inſekten begierig vom Boden auf und zermalmten ſie, als ob es Korn geweſen wäre. Es koſtete einige Mühe, ſie von deß Platze hinwegzubringen, das Brüllen eines Löwen aber, welches ſich in dieſem Augenblicke über die Ebene herüber vernehmen ließ, und die wiederholte Anwen⸗ dung von Swartboy's Peitſche machten ſie lenkſamer, Die Buſchknaben. I.. 3 k — 34— und endlich ließen ſie ſich nach Hauſe in ihre Kraals treiben. Swartboy hatte ſich mit einem Sacke verſehen, den er mit Heuſchrecken gefüllt wieder mit zurück⸗ nahm. Man bemerkte, daß er, indem er die Inſekten in den Sack raffte, mit einiger Vorſicht zu Werke ging und ſie ſehr behutſam angriff, als ob er ſich vor ihnen fürchtete. Es waren aber nicht die In⸗ ſekten, was er fürchtete, ſondern Schlangen, die bei ſolchen Gelegenheiten ſehr zahlreich zum Vorſchein kommen und ſehr gefährlich ſind, wie dem Buſch⸗ manne aus Erfahrung ſehr wohl bekannt war. D 1 Viertes Kapitel. Ein Geſpräch über Heuſchrecken. Die Nacht war in dem Kraal des Boers eine ſehr unruhige. Wenn der Wind nach Weſten um⸗ ſprang, ſo ließ ſich mit Gewißheit erwarten, daß die Heuſchrecken gleich nach Sonnenaufgang van Bloom's Felder bedecken und alle ſeine Früchte total vernich⸗ ten würden. Vielleicht ward die Sache noch ſchlim⸗ mer. Es war möglich, daß die ganze Vegetation rings umher, vielleicht auf fünfzig Meilen in die Runde, vernichtet ward, und wie ſollte er dann ſein Vieh füttern? Es wäre dann ſogar eine ſchwierige Aufgabe geweſen, es nur am Leben zu erhalten, denn es konnte umkommen, ehe er noch im Stande war, es auf einen andern Weideplatz zu treiben. So etwas war durchaus nicht ungewöhnlich 4 — 36— oder unwahrſcheinlich, und die Geſchichte der Cap⸗ colonie erzählt von manchem Boer, der ſeine Heerden gerade auf dieſe Weiſe verlor. Kein Wunder daher, daß dieſe Nacht in dem Kraal des wackern van Bloom eine Nacht der Unruhe und ängſtlicher Beſorgniß war. Von Zeit zu Zeit ging er hinaus, um ſich zu überzeugen, ob eine Veränderung in dem Winde ein⸗ getreten ſei. Bis zu einer ſpäten Stunde konnte er keine bemerken. Ein ſanfter Wind wehte immer noch von Norden— von der großen Wüſte Kalihari, von woher die Heuſchrecken ohne Zweifel gekommen waren. Der Mond ſtand am Himmel und ſchien hell und klar auf die ungeheure Maſſe Inſekten herab, welche dunkel die Ebene bedeckten. Man hörte das Brüllen des Löwen, welches ſich mit dem gellenden Gekreiſch des Schakals und dem wahnſinnigen Gelächter der Hyäne miſchte. Alle dieſe Thiere und noch viele andere erfreuten ſich einer reichlichen Mahlzeit. Da van Bloom keine Veränderung in dem Winde bemerkte, ſo ward er allmählig weniger un⸗ ruhig und man unterhielt ſich durch allerhand Ge⸗ ſpräche über die Heuſchrecken. Swartboy ſpielte bei dieſer Converſation eine hervorragende Rolle, weil er den Gegenſtand beſſer kannte als die Uebrigen. Es war keineswegs der erſte Heuſchreckenſchwarm, den Swartboy geſehen, — 37— und er hatte ſchon manchen Scheffel von dieſem Lecker⸗ biſſen verzehrt. Man konnte daher mit gutem Grunde annehmen, daß er ſehr viel von dieſen Thieren zu erzählen wußte. Woher ſie aber kamen, wußte er doch nicht. Es war dies ein Punkt, über welchen Swartboy ſich noch niemals den Kopf zerbrochen. Der gelehrte Hans dagegen war im Stande, eine Erklärung ihres Ur⸗ ſprungs zu geben. „Sie kommen aus der Wüſte,“ ſagte er.„Die Eier, aus welchen ſie hervorgehen, liegen in dem Sande oder im Staube, bis einmal Regen fällt und Gras hervorſprießen läßt. Dann werden die Heu⸗ ſchrecken durch die Sonne ausgebrütet und ernähren ſich während der erſten Zeit ihres Lebens von dieſem Graſe. Wenn es verzehrt iſt, ſind ſie gezwungen, fortzuwandern, um anderwärts Nahrung zu ſuchen.“ Dieſe Erklärung ſchien ziemlich deutlich und ein⸗ leuchtend zu ſein. „Ich,“ ſagte Hendrik,„habe gehört, daß manche Farmer Feuer rings um ihre Felder und Gärten anzünden, um die Heuſchrecken abzuhalten. Ich kann aber nicht einſehen, wie dies möglich iſt— nicht ein⸗ mal, wenn ein förmlicher Zaun von Feuer rings um ein Feld gezogen würde. Dieſe Geſchöpfe haben ja — 38— Flügel und können mit leichter Mühe über das Feuer hinwegfliegen.“ „Das Feuer,“ entgegnete Hans,„wird ange⸗ zündet, damit der Rauch die Thiere abhalte, ſich niederzulaſſen. Die Heuſchrecken aber, von welchen in dieſen Berichten gewöhnlich die Rede iſt, haben keine Flügel und werden vom gemeinen Manne Fuß⸗ gänger genannt. Sie ſind nämlich nichts Anderes, als die Larven der völlig ausgebildeten Heuſchrecken, und haben noch keine Flügel. Dabei aber haben ſie auch ſchon ihre Wanderungen, die oft noch verheeren⸗ der ſind, als die der vollkommenen Inſekten, ſo wie wir ſie hier ſehen. Sie kriechen und ſpringen über den Boden hin wie Heupferde, denn ſie ſind auch in der That eine Gattung dieſer Thiere. Sie bewegen ſich immer in einer und derſelben Richtung fort, als ob ſie vom Inſtinkt geleitet würden, einen beſonderen Weg zu verfolgen. Nichts als das Meer oder ein breiter reißender Fluß kann ſie auf ihrem Marſche hemmen. Ueber kleine Flüſſe ſchwimmen ſie und über große auch, wenn die Strömung eine langſame iſt. Ueber Mauern und Häuſer, ja ſogar über Schornſteine klettern ſie hinweg, und in dem Augen⸗ blicke, wo ſie die andere Seite irgend eines Hinder⸗ niſſes erreicht haben, ſetzen ſie ihren Weg in der alten Richtung gerade aus weiter fort. Bei dem — 39— Verſuche, über breite reißende Flüſſe zu ſchwimmen, erſaufen ſie in zahlloſen Myriaden und werden bis in's Meer fortgeſchwemmt. Wenn es bloß ein klei⸗, ner Schwarm iſt, ſo gelingt es den Farmern zu⸗ weilen, ſie, wie Ihr gehört habt, durch Feuer ab⸗ zuhalten. Kommen ſie aber in großen Maſſen, ſo helfen ſelbſt die Feuer nichts.“ „Aber wie geht das zu, Bruder?“ fragte Hendrik.„Ich kann mir recht gut denken, daß das Feuer die Heuſchrecken, von welchen Du ſprichſt, auf⸗ hält, da Du ſagſt, ſie hätten keine Flügel. Wenn dem aber ſo iſt, wie kommen ſie dann durch das Feuer? Springen ſie darüber hinweg?“ „Nein,“ entgegnete Hans.„Dazu iſt das Feuer viel zu breit angelegt.“ „Aber wie machen ſie es denn, Bruder?“ fragte Hendrik.„Ich kann mir's nicht denken.“ „Ich auch nicht,“ ſagte der kleine Jan. „Und ich auch nicht,“ ſetzte Trudchen hinzu. „Nun denn,“ fuhr Hans fort,„ich will es Euch ſagen. Millionen von dieſen Inſekten kriechen in das Feuer hinein und löſchen es aus.“ „Oho!“ riefen Alle erſtaunt.„Verbrennen ſie denn nicht?“ „Das verſteht ſich,“ entgegnete Hans.„Myria⸗ den von ihnen verbrennen, aber ihre dicht ſich auf — 410— das Feuer häufenden Körper erſticken daſſelbe. Die vorderſten Reihen des großen Schwarmes opfern ſich auf dieſe Weiſe und die übrigen paſſiren dann wohl⸗ behalten und unverſehrt darüber hinweg. Ihr ſeht galſo, daß ſogar Feuer den Warſch der Heuſchrecken nicht hemmen kann, wenn ſie in großen Maſſen an⸗ rücken. In vielen Gegenden Afrika's, wo die Ur⸗ einwohner den Boden anbauen, verbreitet ſich ein paniſcher Schrecken unter ihnen, wenn ſie eine Wan⸗ derung dieſer Inſekten entdecken, und bemerken, daß ſie die Richtung nach ihren Feldern und Gärten nehmen. Sie wiſſen mit Beſtimmtheit, daß ſie ihrer Ernten verluſtig gehen, und fürchten daher eine Heimſuchung von Heuſchrecken eben ſo ſehr, als ein Erdbeben oder ein anderes großes unheilvolles Natur⸗ ereigniß.“ „Ich kann mir recht wohl denken, wie es ihnen in einem ſolchen Falle zu Muthe iſt,“ ¹ bemerkte Hendrik mit bedeutſamem Blicke. „Die fliegenden Heuſchrecken,“ fuhr Hans fort, „ſcheinen einer beſonderen Richtung weniger zu fol⸗ gen, als ihre Larven. Die Erſteren ſcheinen von dem Winde geleitet zu werden. Sehr häufig wirft dieſer ſie Alle in das Meer, wo ſie in ungeheuern Maſſen umkommen. In manchen Küſtenſtrichen hat man ihre Leichen in unglaublicher Menge wieder an's 2 4 * - u—. Land geſpült gefunden. An einer Stelle warf das Meer ſie in ſolcher Menge aus, daß ſie einen Hügel von vier Fuß Höhe und fünfzig Meilen Länge bilde⸗ ten. Mehrere wohlbekannte Reiſende haben verſichert, daß die Ausdünſtung dieſer verweſenden Maſſe die Luft in ſo hohem Grade verpeſtete, daß man es in einer Entfernung von hundert und fünfzig Meilen landeinwärts bemerkte.“ „Was 1“ rief der kleine Jan.„Ich hätte nicht gedacht, daß der Menſch eine ſo gute Naſe hätte.“ Ueber dieſe Bemerkung des kleinen Jan ward viel gelacht. Van Bloom ſtimmte jedoch in die all⸗ gemeine Heiterkeit nicht mit ein. Er war dazu noch viel zu ernſt geſtimmt. „Papa,“ fragte Trudchen, als ſie bemerkte, daß ihr Vater nicht mit lachte, und um ihn mit in das Geſpräch zu ziehen,„Papa, waren dies dieſelbe Art von Heuſchrecken, welche Johannes der Täufer aß, als er in der Wüſte war? Seine Nahrung beſtand, wie die Bibel ſagt, aus Heuſchrecken und wildem Honig.“ „Ich glaube, es ſind dies dieſelben geweſen,“ entgegnete der Vater. 3 „ Ich, Papa,“ hob Hans in beſcheidenem Tone an,„glaube dagegen, es ſind nicht ganz dieſelben geweſen, ſondern eine verwandte Gattung. Die — 2— Heuſchrecke, von welcher die heilige Schrift ſpricht, war der ächte Gryllus migratorius und verſchieden von denen Südafrika's, obſchon in ihren Eigenſchaften ſehr ähnlich. Einige Schriftſteller,“ fuhr er fort, „machen jedoch dieſen Punkt ganz und gar ſtreitig. Die Abyſſinier ſagen, es ſeien Bohnen vom Heu⸗ ſchreckenbaume, aber nicht Inſekten geweſen, wovon Johannes der Täufer ſich genährt habe.“ „Was iſt Deine Meinung, Hans?“ fragte Hendrik, der von der Bücherweisheit ſeines Bruders eine hohe Meinung hatte. „Nun, ich glaube,“ entgegnete Hans,„daß die Sache eigentlich'gar nicht in Zweifel gezogen zu werden braucht. Es heißt, glaube ich, der Bedeu⸗ tung eines Wortes Gewalt anthun, wenn man an⸗ nimmt, daß Johannes die Heuſchrecken frucht und nicht das Inſekt ſelbſt gegeſſen habe. Ich bin ent⸗ ſchieden der Meinung, daß in der heiligen Schrift das Letztere gemeint iſt, und ich glaube dies vorzüg⸗ lich auch deßhalb, weil dieſe beiden Nahrungsmittel, Heuſchrecken und wilder Honig, auch noch gegen⸗ wärtig in Verbindung mit einander die Hauptſpeiſe vieler Völkerſtämme ſind, welche die Wüſte bewohnen. Außerdem fehlt es auch nicht an Beweiſen, daß ſchon im Alterthume dieſe beiden Gegenſtände den in der Wüſte Wohnenden zur Nahrung dienten. Aus dieſen — 43— Gründen iſt es deßhalb ganz natürlich, anzunehmen, daß Johannes während ſeines Aufenthaltes in der Wüſte genöthigt war, dieſe Speiſe zu genießen, gerade ſo wie mancher Reiſende der Neuzeit ſie auf der Reiſe durch die Wüſten genoſſen hat, die uns hier in Süd⸗ afrika umgeben. Ich habe ſehr viel Bücher über Heuſchrecken geleſen,“ fuhr Hans fort,„und jetzt, wo die Bibel erwähnt worden iſt, muß ich für meine Perſon ſagen, daß ich keine Schilderung von dieſen Inſekten kenne, die ſo wahr und ſchön wäre wie die, welche wir in der Bibel finden. Soll ich ſie vor⸗ leſen, Papa?“. „Ja wohl, mein Sohn,“ ſagte der Boer, dem dieſer Vorſchlag ſeines Sohnes eben ſo gefiel, wie die ganze Unterhaltung. Trudchen lief ſogleich in das Nebenzimmer und yoelte ein ungeheures, in Gemsleder gebundenes, mit ſtarken Meſſinghaspen verſehenes Buch. Dies war die Familienbibel, und ich will hierbei bemerken, daß in dem Hauſe faſt jedes Boers ein ſolches Buch zu finden iſt, denn dieſe holländiſchen Coloniſten ſind Proteſtanten, die ihre Bibel lieben und überhaupt ſo religiös ſind, daß ſie es für keine Beſchwerde erachten, vier Mal jährlich hundert engliſche oder zwanzig deutſche Meilen weit zu reiſen, um das heilige Abendmahl zu genießen. — 44— Hans ſchlug die Bibel auf und ſuchte ſofort das Buch des Propheten Joel. Die Schnelligkeit, mit welcher er die Stelle fand, verrieth, daß er mit dem Buche, welches er in ſeinen Händen hielt, ſehr vertraut war. Er las wie folgt: „Ein finſterer Tag, ein dunkler Tag, ein wol⸗ kigter Tag, ein nebligter Tag, gleich wie ſich die Morgenröthe ausbreitet über die Berge; nämlich ein großes und mächtiges Volk, desgleichen vorhin nicht geweſen iſt und hinfort nicht ſein wird zu ewigen Zeiten für und für. Vor ihm her gehet ein ver⸗ zehrend Feuer und nach ihm eine brennende Flamme. Das Land iſt vor ihm wie ein Luſtgarten, aber nach ihm wie eine wüſte Einöde, und Niemand wird ihm entgehen. Sie ſind geſtaltet wie Roſſe und rennen wie die Reuter. Sie ſpringen daher oben auf den Bergen wie die Wagen raſſeln und wie eine Flamme lodert im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Streite gerüſtet iſt.— Vor ihm erzittert das Land und bebet der Himmel; Sonne und Mond werden finſter und die Sterne verhalten ihren Schein.— O wie ſeufzet das Vieh! Die Rinder ſehen kläglich, denn ſie haben keine Weide, und die Schafe ver⸗ ſchmachten.“ Selbſt auf den rohen Swartboy verfehlte die A — 45— poetiſche Schönheit dieſer Schilderung ihren Eindruck nicht. Seine Begeiſterung ſprach ſich jedoch in ganz anderem Sinne aus, als die des Propheten Joel, denn er ſagte: „Buſchmann fürchtet ſich nicht vor Springhahn. Buſchmann hat nicht Garten— nicht Mais— nicht Buchweizen— Nichts, gar Nichts, was Springhahn freſſen kann. Buſchmann frißt ſelbſt Heuſchreck— Buſchmann wird fett von Heuſchreck. Alles frißt Springhahn. Alles wird fett in Heuſchreckzeit. Hurrah, Springhahn ſoll leben!“ Dieſe Bemerkungen Swartboy's waren in ihrer Art ganz richtig. Die Heuſchrecken werden faſt von jeder in Südafrika bekannten Thiergattung verzehrt. Nicht bloß die fleiſchfreſſenden verſchlingen ſie begie⸗ rig, ſondern auch andere, die ſich ſonſt bloß von Vegetabilien nähren, wie zum Beiſpiel Antilopen, Rebhühner und andere Vögel, ja, ſogar der Rieſe von allen, der ungeheure Elephant, rennt meilenweit, um einen Heuſchreckenſchwarm einzuholen. Haushüh⸗ —ner, Schafe, Pferde und Hunde verzehren ſie mit gleicher Gier. Die ſeltſamſte Thatſache aber iſt, daß dis Heu⸗ ſchrecken einander ſelbſt freſſen. Wenn eine von ihnen ſich beſchädigt, ſo daß ſie nicht mehr gut mit fort kann, ſo werfen ſich die andern ſofort über ſie her und freſſen ſie auf. Die Buſchmänner und andere eingeborne Völ⸗ kerſtämme Afrika's unterwerfen die Heuſchrecken erſt einer Küchenoperation, ehe ſie dieſelben eſſen, und Swartboy war den ganzen Abend hindurch beſchäftigt, den von ihm eingeſammelten Sackvoll zuzubereiten. Dies geſchah auf folgende Weiſe: Erſt kochte oder vielmehr dämpfte er ſie, denn es ward nur eine kleine Quantität Waſſer in den Topf gethan. Dieſe Operation dauerte zwei Stunden. Hierauf ſchüttete er ſie aus und ließ ſie trocknen, und dann ſchüttelte er ſie in einer Pfanne, bis ſämmtliche Beine und Flügel von den Rümpfen abgebrochen waren. Dieſe wurden dann von Swartboy's dicken Lippen fortgeblaſen und die Heuſchrecken waren nun zum Verſpeiſen fertig. Man brauchte weiter Nichts als ein wenig Salz, um ſie noch ſchmackhafter zu machen. Alle koſteten davon, und vorzüglich die Kinder fanden großen Ge⸗ ſchmack daran. Zuweilen werden ſie, wenn ſie ganz trocken ſind, zu einer Art Mehl geſtampft, mit Waſſer ver⸗ miſcht und als Brei genoſſen. Wenn ſie gut getrock⸗ net ſind, halten ſie ſich ſehr lange und ſind häufig das einzige Nahrungsmittel, von welchem die ärmeren — 51— halbe Stunde ſpäter ſtieg die Sonne in afrikaniſchem Glanze empor und ihre heißen, ſchräg auf das ſchla⸗ fende Heuſchreckenheer fallenden Strahlen erwärmten es zu Leben und Thätigkeit. Die ſcheußlichen In⸗ ſekten begannen zu kriechen, umherzuhüpfen, und plötzlich wie auf Commando ſtiegen ſie zu Millionen in die Luft empor. Der Luftzug trieb ſie nach der Richtung hin, in welcher er wehte— in der Rich⸗ tung der dem Untergange geweihten Maisfelder. In weniger als fünf Minuten von dem Augen⸗ blicke an, wo ſie aufgeflogen waren, ſchwebten ſie über dem Kraal und ſenkten ſich zu Zehntauſenden auf die umliegenden Felder herab. Ihr Flug war langſam und ihr Herabſenken ein ſanftes, ſo daß ſie den Augen der unter ihnen ſtehenden Zuſchauer faſt erſchienen, wie in großen leichten Flocken fallender ſchwarzer Schnee. Binnen wenigen Minuten war der Boden voll⸗ ſtändig damit bedeckt, bis jeder Maisſtengel, jede Pflanze und jeder Buſch Hunderte zu tragen hatte. Auch auf den äußeren Ebenen ſo weit als das Auge ſehen konnte waren die Weideplätze dicht beſäet, und da der große Schwarm nun auf die Oſtſeite des Hauſes hinüber war, ſo ward die Sonnenſcheibe durch ſie abermals verhüllt wie durch eine Finſterniß. Ihre Fortbewegung erfolgte ganz regelmäßig. 4* — 3 4 8 — 52— Die zuletzt befindlichen Maſſen flogen bis vor die vorderſte und machten dann Halt, um zu freſſen, bis ihnen wieder andere vorankamen, die auf dieſelbe Weiſe über ſie hinwegflogen. Das Geräuſch, welches ſie mit ihren Flügeln machten, war ein ſehr eigenthümliches und glich einem unter den Blättern des Waldes ſpielenden Winde oder dem Rauſchen eines Waſſerrades. Zwei Stunden lang dauerte der Vorübermarſch. Während des größten Theils dieſer Zeit waren van Bloom und ſeine Leute bei verſchloſſenen Thüren und Fenſtern im Hauſe geblieben. Sie thaten dies, um der unangenehmen Berührung mit den unheil⸗ vollen Gäſten zu entgehen, denn die von dem Winde getriebenen Thiere ſchlagen oft ſo heftig in das Ge⸗ ſicht, daß man den Schmerz längere Zeit empfindet. Ueberdies wollten unſere Freunde nicht unwillkommenen Eindringlinge treten und ſie unter ihren Füßen zermalmen, was ſie doch hätten thun müſſen, wenn ſie ſich außerhalb des Hauſes bewegt hätten, wo der Boden dicht beſäet war. Viele der Inſekten kamen ſogar durch die Ritzen der Thür und der Fenſter gekrochen und verzehrten begierig jede vegetabiliſche Subſtanz, die zufällig auf dem Fußboden umherlag. Als zwei Stunden vorüber waren, ſchaute van Bloom hinaus. Der dichteſte Schwarm war vorüber. Die Sonne ſchien wieder, aber worauf ſchien ſie? Nicht mehr auf grüne Felder und einen blumenreichen Garten. Nein. Rings um das Haus herum, auf allen Seiten, nach Norden, Süden, Oſten und Weſten, ſah das Auge Nichts als ſchwarze Verwüſtung. Kein Grashalm, kein Blatt war zu ſehen, ſogar die Rinde war von den Bäumen abge⸗ ſchält, die jetzt daſtanden wie von der Hand Gottes getroffen. Wäre Feuer über die Erde hingegangen, ſo hätte es dieſelbe nicht nackter und öder verlaſſen können. Es gab jetzt keinen Garten mehr, keine Mais⸗ oder Buchweizenfelder, keine Farm, ſondern der Kraal ſtand mitten in einer Wüſte. Worte ſind licht im Stande, zu ſchildern, was der ehrliche Boer in dieſem Augenblicke empfand. Welch' eine Veränderung binnen zwei Stunden! Er konnte kaum ſeinen Sinnen trauen, er konnte kaum an die Wirklichkeit des Geſchehenen glauben. Er wußte, daß die Heuſchrecken ſeinen Mais und ſeinen Weizen und die Gemüſe ſeines Gartens auf⸗ zehren würden, aber ſeine Phantaſie hatte ſich noch lange nicht dieſe totale Verheerung vorgeſtellt. Die ganze Landſchaft war verändert— von Gras war keine Rede— Bäume, deren zartes Laubwerk vor nur noch zwei kuͤrzen Stunden im ſanften Lufthauche — 54— geſpielt hatte, ſtanden jetzt nackt und kahl da wie mitten im Winter. Sogar der Boden ſchien eine andere Form angenommen zu haben. Ganz gewiß, wäre der Boer zu der Zeit des Heuſchreckenüberfalles. . abweſend geweſen und dann, ohne von dem Ge⸗ ſchehenen Nachricht erhalten zu haben, zurückgekom⸗ men, ſo würde er ſeinen eigenen Wohnſitz nicht wieder erkannt haben. Mit dem ſeiner Nation eigenthümlichen Phlegma ſetzte der Boer ſich nieder, und ſaß ſo lange Zeit, ohne ſich zu rühren oder ein Wort zu ſprechen. Seine Kinder ſammelten ſich um ihn und ihre jungen Herzen pochten ungeſtüm und ſchmerzlich. Sie konnten die ſchwierigen Umſtände, in welche dieſes Ereigniß ſie verſetzt, nicht in ihrem vollen Umfange 8* ermeſſen, und ſelbſt ihr Vater konnte es anfangs nicht. Er dachte bloß an den Verluſt, den er durch die Vernichtung ſeiner ſchönen Ernten erlitten, und dies war, wenn wir ſeine iſolirte Lage in's Auge faſſen, ſchon hinreichend, ihn mit dem tiefſten Kdum⸗ mer zu erfüllen. 1¹ „Dahin! Alles iſt dahin!“ rief er in kummer⸗ vollem Tone.„O Schickſal! Schickſal! Wie grauſam biſt Du wieder gegen mich!“ „Gräme Dich nicht, Papa,“ ſagte eine ſanfte Stimme;„wir leben ja Alle noch und ſind bei Dir.“ — 585— Und mit dieſen Worten legte ſich eine kleine weiße Hand auf ſeine Schulter. Es war Trudchens Hand. Es ward ihm zu Muthe, als ob ein Engel ihm zugelächelt hätte. Er hob das Kind in ſeinen Armen empor und drückte es in überwallender Zärt⸗ lichkeit an ſeine Bruſt. Sein Herz fühlte ſich erleichtert. „ ‚Bringe mir das Buch,“ ſagte er zu einem der Knaben gewendet. Die Bibel ward gebracht, der ſchwere Einband aufgeſchlagen, ein Vers gewählt, und ein Lob⸗ und Danklied ſtieg aus der Mitte der Wüſte zum Himmel empor. Das Buch ward wieder geſchloſſen und einige Minuten lang lagen Alle betend auf den Knieen. Als van Bloom wieder auf ſeinen Füßen ſtand und ſich umſchaute, ſchien die Wüſte wiederum„zu blühen wie eine Roſe“. So gewaltig iſt der zauberiſche Einfluß der Ergebung und Demuth auf das menſchliche Herz. Sechſtes Kapitel. „Inspann en trek!“ Bei all' ſeinem Vertrauen auf den Schutz eines höchſten Weſens wußte van Bloom doch, daß er nicht Alles der Hand Gottes anheimgeben dürfe. Er be⸗ gann daher ſofort geeignete Schritte zu thun, um ſich der unangenehmen Lage, in die er ſich verſetzt ſah, zu entreißen. Der unangenehmen Lage! Ha! ſie war mehr als unangenehm, wie der Boer jetzt zu bemer⸗ ken begann. Sie war gefahrvoll! Je mehr van Bloom nachdachte, deſto mehr ward er davon überzeugt. Hier ſtanden ſie mitten in einer ſchwarzen nackten Ebene, die ohne einen einzigen grünen Punkt ſich weit über den Geſichts⸗ kreis hinaus erſtreckte. Wie viel weiter ſie reichte, 5 8 — 57— konnte er nicht errathen, aber er wußte, daß die Verheerungen der Wanderheuſchrecke zuweilen einen Flächenraum von mehreren tauſend Quadratmeilen einnehmen.. Es war klar, daß er nicht in ſeinem Kraal bleiben konnte. Seine Pferde, ſeine Rinder und ſeine Schafe konnten ohne Futter nicht leben, und kamen ſie um, wovon ſollte er dann mit ſeiner Familie leben? Er mußte den Kraal verlaſſen. Er mußte einen Weideplatz aufſuchen, ohne Zeitverluſt,— ſo⸗ fort. Schon erhoben die Thiere, die ſich über die gewohnte Zeit hinaus eingeſchloſſen ſahen, ihren viel⸗ ſtimmigen Ruf und verlangten ungeſtüm, heraus⸗ gelaſſen zu werden. Bald mußten ſie Hunger haben, und es war ſchwer zu ſagen, wann ihnen Futter verſchafft werden könnte. Es war daher keine Zeit zu verlieren. Jede Stunde war von großer Wichtigkeit. Selbſt Minuten durften nicht in zweifelhaftem Zögern verſchwendet werden. 4 Der Boer überlegte nur wenige Minuten lang. Sollte er eins ſeiner beſten Pferde beſteigen und allein fortreiten, um einen Weideplatz aufzuſuchen? Oder war es nicht beſſer, wenn er ſeinen Wagen anſpannte und ſogleich Alles mit ſich nahm? Er entſchied ſich bald zu Gunſten des letzteren — 58— Verfahrens. Auf jeden Fall ſah er ſich gezwungen, ſeinen Wohnſitz anderswohin zu verlegen und den Kraal zu verlaſſen. Da dies der Fall war, ſo konnte er ja gleich Alles mitnehmen. Ging er allein fort, ſo koſtete es ihm vielleicht eine lange Zeit, Gras und Waſſer— denn Beides war nöthig— ausfindig zu machen, und mittlerweile mußte ſein Vieh hungern und dürſten. Dieſe und andere Rückſichten beſtimmten ihn ſofort, anſpannen zu laſſen und mit ſeinen Wagen, ſeinen Pferden, ſeinen Rindern, ſeinen Schafen, ſei⸗ nen Hausgöttern und ſeinem ganzen Familienzirkel fortzuziehen oder zu treken, wie die Holländer ſagen. „Inspann en trek!“ lautete daher das Commando, und Swartboy, der ſtolz auf den Ruf war, den er ſich als Wagenlenker erworben, ſchwenkte ſeine Bam⸗ buspeitſche wie eine große Fiſchangel. „Inspann en trekl“ wiederholte Swartboy, indem eer an ſeinen zwanzig Fuß langen Peitſchenriemen eine neue Schmitze knüpfte, die er aus der Haut der Hartebeeſt⸗Antilope gedreht hatte. „Iuspann en trek!“ ſagte er noch einmal und ließ ſeine ungeheure Peitſche knallen wie einen Piſto⸗ lenſchuß;„ja, Baas, ich will ſogleich anſpannen.“ Und nachdem er ſich überzeugt, daß ſeine Schmitze gehörig feſtgemacht war, lehnte Swartboy den Bam⸗ —— busſtiel an die Wand des Hauſes und begab ſich nach dem Kraal, um die Zugochſen herauszuholen. Ein großer Wagen, von einer Art, welche der Stolz und das Eigenthum eines jeden Capländers iſt, ſtand an der einen Seite des Hauſes. Es war ein Fuhrwerk erſten Ranges— ein Planwagen, den ſich der Boer zur Zeit ſeines Wohlſtandes hatte bauen laſſen und in welchem er gewohnt geweſen, ſeine Frau und Kinder zum heiligen Abendmahl oder auch zu Ver⸗ gnügungspartieen zu fahren. Zu jener Zeit ward dieſer Wagen von einem Geſpann von acht ſchönen Pferden pfeilſchnell über Berg und Thal gezogen. Leider waren jetzt Ochſen an ihre Stelle getreten, denn van Bloom hatte nur fünf Pferde in ſeinem ganzen Stalle und dieſe wurden als Reitpferde ge⸗ braucht. Der Wagen aber war faſt noch eben ſo gut, wie er je geweſen,— faſt noch eben ſo gut, als da er der Neid aller Nachbarn van Bloom's, der Boers in der Grafſchaft Reinet, zu ſein pflegte. Alles war daran noch vollſtändig und ganz. Alles war an ſei⸗ nem Orte— Vorderkaſten, Hinterkaſten und Seiten⸗ kaſten. Die ſchneeweiße Plane mit ihrem Vorder⸗ unnd Hintertheil und ihren inwendig angebrachten Taſchen war ebenfalls vollſtändig. Daſſelbe war der⸗ Fall mit den nettgeſchnitzten Rädern, dem glatt⸗ gehobelten Kutſcherſitze und Deichſelbaume und dem ſtarken Zugſtrange von Büffelhaut. Nichts fehlte, was an einem Wagen zu finden ſein ſoll. Es war mit Einem Worte der beſte Theil des Beſitzthums, welches dem Boer noch geblieben, denn es war eben ſo viel werth, als alle ſeine Ochſen, Rinder und Schafe zuſammengenommen. Während Swartboy, von Hendrik unterſtützt, die zwölf Zugochſen zuſammenholte und an den Deichſel⸗ baum ſpannte, war der Baas ſelbſt mit Hans, Totty, Trudchen und dem kleinen Jan beſchäftigt, Haus⸗ geräth und Werkzeuge aufzuladen. Es war dies keine ſehr ſchwere Aufgabe. Die Penaten des kleinen Kraals waren nicht zahlreich und bald ſammt und ſonders in das geräumige Fuhrwerk hineingepackt oder außen herum an demſelben befeſtigt. Binnen ungefähr einer Stunde war der Wagen geladen, die Ochſen angeſpannt, die Pferde geſattelt und Alles zum Aufbruche fertig. Und nun entſtand die Frage, wohin? Bis zu dieſem Augenblicke hatte van Bloom nur daran gedacht, von dieſem Orte hinwegzukom⸗ men, der nackten Wüſte, die ihn hier umgab, zu entrinnen. Nun aber ward es nöthig, die Richtung zu — 61— beſtimmen, in welcher ſie reiſen ſöllten= eine höchſt wichtige Erwägung. Wichtig in der That, wie ſich beim weiteren Nachdenken darüber ſofort herausſtellte. Sie konnten entweder in der Richtung reiſen, in welcher die Heu⸗ ſchrecken fortgegangen, oder in der, in welcher ſie gekommen waren. Nach beiden Richtungen hin konn⸗ ten ſie vielleicht viele Meilen weit reiſen, ohne eine Handvoll Gras für die hungrigen Thiere anzutreffen, und in einem ſolchen Falle mußten dieſe nothwendig liegen bleiben und umkommen. Oder die Reiſenden konnten auch eine andere Richtung einſchlagen und wohl Gras, aber kein Waſſer finden. Ohne Waſſer aber hatten ſie nicht bloß für ihr Vieh, ſondern auch für ſich ſelbſt, für ihr eigenes Leben zu fürchten. Wie wichtig war es daher, zu wiſſen, nach welcher Richtung ſie ſich wenden ſollten. Anfangs gedachte der Boer den Weg nach den Niederlaſſungen einzuſchlagen. Das nächſte Waſſer in dieſer Richtung war beinahe neunzig engliſche Meilen, von welchen, wie ſchon bemerkt, fünf auf eine deutſche Meile gehen, entfernt. Es lag öſtlich von dem Kraal. Die Heuſchrecken waren gerade in dieſer Richtung weiter gezogen. Wahrſcheinlich hatten ſie mittlerweile ſchon dieſe ganze Gegend verwüſtet— — 62— vielleicht bis an das Waſſer oder noch darüber hinaus.* Es war daher ein großes Wagſtück, dieſer Richtung zu folgen. Nördlich lag die Wüſte Kalihari. Van Bloom kannte keine Oaſe in dieſer Wüſte. Ueberdies waren die Heuſchrecken auch von Norden gekommen. Sie flogen ſüdwärts, als er ſie zuerſt erblickte, und hat⸗ ten ohne Zweifel die Ebenen weit nach Süden hinein ſchon verheert. Die Gedanken des Boers wendeten ſich nun dem Weſten zu. Allerdings war der Schwarm zuletzt von Weſten her gekommen, van Bloom aber meinte, ſie ſeien urſprünglich aus Norden gekommen und bloß das plötzliche Umſpringen des Windes habe ſie veranlaßt, die Richtung zu wechſeln. Er glaubte deßhalb, daß er, wenn er weſtwärts zöge, bald über die von den Heuſchrecken verwüſtete Fläche hinauskommen würde. Er kannte einigermaßen die nach Weſten zu gelegenen Ebenen, allerdings nicht genau, aber doch wußte er, daß in einer Entfernung von ungefähr vierzig Meilen eine Quelle mit guter Weide rings umher ſich befand und daß dieſes Waſſer niemals verſiegte. Er war früher einmal dort geweſen, — 69— während er einige ſeiner Kühe ſuchte, die ſich ſo weit verlaufen hatten. 1 8 Ueberhaupt war ihm ſchon damals jener Platz als ein weit beſſerer erſchienen, als der, den er jetzt inne hatte, und er war oft mit dem Gedanken um⸗ gegangen, dorthin zu ziehen. Die große Entfernung von allen civiliſirten Niederlaſſungen aber war der Grund, weßhalb er es nicht gethan. Obſchon er nämlich bereits weit jenſeits der Grenze wohnte, ſo unterhielt er doch immer noch einen gewiſſen Verkehr mit den Niederlaſſungen, wo⸗ gegen an jenem noch entfernteren Punkte ein ſolcher Verkehr außerordentlich ſchwierig geweſen wäre. Jetzt jedoch, wo andere Rückſichten vorwalteten, fiel ihm wieder jene Quelle ein, und nachdem er noch einige Minuten reiflich nachgedacht, entſchloß er ſich, weſtwärts zu„treken“. Swartboy erhielt Befehl, dieſe Richtung einzu⸗ ſchlagen. Der Buſchmann ſprang ſchnell auf den Vorderkaſten, knallte mit ſeiner gewaltigen Peitſche, ließ ſein langes Geſpann die Riemen anziehen und fuhr über die Ebene dahin. Hans und Hendrik ſaßen ſchon im Sattel, und nachdem ſie den Kraal von all' ſeinem lebenden Beſitz⸗ thume geräumt, trieben ſie mit Hilfe der Hunde die blökenden und meckernden Thiere vor ſich her. — 64— Tdrrudchen und der kleine Jan ſaßen neben Swartboy auf dem Vorderkaſten des Wagens und die großen runden Augen des zierlichen Springbockes lugten neugierig unter dem Zeltdache des Wagens hervor. Einen letzten Blick auf ſeinen verödeten Kraal werfend, lenkte der Boer ſein Pferd herum und ritt dem Wagen nach. Siebentes Kapitel. „Waſſer! Waſſer!“ Weiter zog die kleine Karavane, aber nicht ſchweigend. Swartboy's Stimme und Peitſche mach⸗ ten einen faſt ununterbrochenen Lärm. Die letztere hörte man deutlich weiter als eine engliſche Meile über die Ebene hinweg gleich dem wiederholten Knalle einer Muskete. Auch Hendrik leiſtete im Schreien nichts Geringes, und ſelbſt der ſonſt ſo ruhige Hans ſah ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, ſeine Stimme zu gebrauchen, um die Viehheerde in der rechten Richtung weiter zu treiben. Dann und wann wurden beide Knaben aufge⸗ fordert, Swartboy hinſichtlich der vorderſten Zug⸗ ochſen zu unterſtützen, wenn dieſe hartnäckig oder ſtätiſch wurden und vom Gleiſe abweichen wollten. Die Buſchknaben. I. 5 8 — 66— Dann ſprengte entweder Hans oder Hendrik hinzu, ſetzte den Thieren im buchſtäblichen Sinne die Köpfe zurecht und bearbeitete ihre Seiten mit dem„Scham⸗ bocke“. Dieſer Schambock iſt für einen halsſtarrigen Ochſen ein ſehr wirkſames Züchtigungswerkzeug. Es beſteht in einer elaſtiſchen, aus Rhinoceros⸗ oder Nilpferdhaut— Nilpferd iſt am beſten— gefertig⸗ ten Peitſche von beinahe ſechs Fuß Länge und von unten bis oben regelmäßig ſpitz zulaufend. So oft die vorderſten Ochſen ſtörrig wurden und Swartboy ſie mit ſeiner langen Schmitze nicht erreichen konnte, war Hendrik ſtets bereit, ſie mit ſeinem zähen Schambocke zu kitzeln und ſie auf dieſe Weiſe zum Gehorſam zu zwingen. Ueberhaupt mußte einer der Knaben ſich faſt fortwährend dicht in ihrer Nähe halten. Die meiſten Ochſengeſpanne werden in Süd⸗ afrika von einem Führer begleitet. Die unſeres Boers aber waren ſeit der Zeit, wo die dienenden Hotten⸗ totten davongelaufen, gewohnt geweſen, ihren Wagen ohne Führer zu ziehen, und Swartboy war oft ohne andere Hilfe als ſeine lange Peitſche viele Meilen weit gefahren. Das ſeltſame Ausſehen der ganzen 8 Umgebung, ſeitdem die Heuſchrecken vorübergezogen, hatte die Ochſen ſcheu und wild gemacht, und über⸗ — 67— dies hatten die verheerenden Inſekten auch jeden Pfad und jedes Gleis verwiſcht, welchem die Ochſen hätten folgen können. Die ganze Fläche war gleich und von betretenen Wegen keine Spur mehr zu ſehen. Van Bloom ſelbſt vermochte nur mit Mühe ſich zu orientiren und mußte die Sonne zum Führer nehmen. Hendrik hielt ſich größtentheils neben den vor⸗ derſten Zugochſen. Hans ward es nicht ſchwer, die Heerde zu treiben, ſobald ſie einmal ordentlich im Gange war. Ein dunkles Gefühl von Furcht hielt die Thiere beiſammen, und da weder rechts noch links Gras oder ſonſt Etwas zu ſehen war, was ſie hätte verlocken können, vom Wege abzuweichen, ſo beweg⸗ ten ſie ſich regelmäßig weiter. Van Bloom ritt als Führer der Karavane voran. Weder er noch irgend einer ſeiner Begleiter hatte eine Veränderung in ſeinem Coſtüm vorgenommen, ſondern reiſ'te in ſeiner Alltagskleidung. Der Boer war nach der Art und Weiſe der meiſten ſeiner Standesgenoſſen gekleidet und trug weite Lederhoſen, eine große weite Jacke von grü⸗ nem Tuch mit auswendig angebrachten geräumigen Taſchen, eine Weſte von Rehfell, einen großen wei⸗ ßen Filzhut mit ungeheuer breiter Krämpe und an ſeinen Füßen ein paar Schuhe von afrikaniſchem 5 z — 68— ungegerbten Leder, die inter den Boers mit dem Namen Feldſchuhe bezeichnet werden. Ueber ſeinem Sattel lag ein„Karoß“ oder Ueberwurf von Leopardenfell und auf ſeiner Schulter trug er ſein„Rohr“— eine große, ziemlich ſechs Fuß lange Flinte mit einem altmodiſchen Feuerſchloſſe. Dies iſt die Waffe, auf welche der Boer ſein ganzes Vertrauen ſetzt, und obſchon ein amerikaniſcher Hinterwäldler auf den erſten Anblick geneigt ſein würde, darüber zu lachen, ſo würde er doch, nachdem er das Land des Boers ein wenig kennen gelernt, ſeine Meinung bald ändern. Das Schießgewehr des Hinterwäldlers, die enggebohrte Büchſe mit einer Kugel kaum ſo groß als eine Erbſe, würde gegen die großen wilden Thiere, welche das Land des Boers bewohnen, faſt gar Nichts ausrichten, und auf den Käruhs des heißen Afrika giebt es eben ſo kühne Jäger und ſicher treffende Schützen, wie in den Ur⸗ wäldern oder auf den Prairien Amerika's. Unter dem linken Arme des Boers, gekrümmt und an ſeiner Seite ruhend, hing ein ungeheures Pulverhorn, von einer Größe, wie ſie nur der Kopf eines afrikaniſchen Ochſen erzeugen konnte. Es war aus dem Lande der Bechuanas, obſchon beinahe alle Capochſen mit Hörnern von ungemeinen Dimenſionen ausgeſtattet ſind. Das Pulverhorn unſeres Freundes enthielt, wenn es ganz gefüllt war, nicht weniger als ſechs Pfund Pulver. Eine unter ſeinem rechten Arme hängende Schießtaſche von Leopardenfell, ein in ſeinem Gürtel ſteckendes Jagdmeſſer und eine große, an dem Bande ſeines Hutes befeſtigte Meerſchaum⸗ pfeife vervollſtändigten die Ausrüſtung des Trekboers van Bloom.. Hans und Hendrik waren ziemlich eben ſo ge⸗ kleidet und bewaffnet. Ihre Beinkleider waren von gegerbtem Schafleder und weit, wie die Beinkleider aller jungen Boers, und ſie trugen ebenfalls Jacken, Feldſchuhe und breitkrämpige weiße Hüte. Hans führte eine leichte Vogelflinte, während Hendrik eine ſchwere Büchſe von der Art trug, wie man ſie zur Jagd auf großes Wild braucht. Hendrik war ſehr ſtolz auf dieſe Waffe und hatte gelernt, auf beinahe hundert Schritte damit einen Nagel auf den Kopf zu treffen. Hendrik war par excellence der Schütze der Geſellſchaft. Jeder der Knaben führte ebenfalls ein großes halbmondförmiges Pulverhorn mit einer Ku⸗ geltaſche und über den Sattel eines jeden war der Ueberwurf oder Karoß geſchnallt, welcher ſich von dem ihres Vaters bloß darin unterſchied, daß der ſeine von dem ſelteneren Leopardenfelle, dagegen die ihrigen von gewöhnlicherer Art, der eine von Antilopen⸗ und der andere von Schakalfell gefertigt waren. Der kleine Jan trug ebenfalls weite Hoſen, eine Jacke, Feldſchuhe und einen breitkrämpigen Filz⸗ hut, und war, obſchon kaum fünf Fuß hoch, doch, was das Coſtüm betraf, das Ebenbild ſeines Vaters — eine Miniaturausgabe des alten Boer. Trudchen trug einen Rock von blauwollenem Zeuge mit einem netten, nach holländiſcher Art ſchön geſteppten und geſtickten Leibchen, und auf ihren blonden Locken ſaß ein leichter Strohhut mit Band und Bindeſchnuren. Totty war ganz einfach in grobe Leinwand ge⸗ kleidet, ohne irgend einen Kopfputz. Was Swartboy betraf, ſo machten ein Paar alte Lederhoſen und ein geſtreiftes Hemd, abgeſehen von ſeinem ſchafledernen Karoß, ſeine ganze Klei⸗ dung aus. Dies war das Coſtüm unſerer Reiſenden. Volle zwanzig Meilen weit war die Ebene rund und rein abgenagt. Nicht ein einziges Grashälmchen bot ſich den Thieren dar und Waſſer gab es auch nicht. Die Sonne ſchien während des Tages ſehr hell, faſt zu hell, denn ihre Strahlen waren ſo heiß wie innerhalb der Wendekreiſe. Die Reiſenden hät⸗ ten die Hitze kaum zu ertragen vermocht, wenn nicht —— ö —— — 71— den ganzen Tag ein ziemlich ſtarker Wind gegangen wäre. Dieſer aber kam ihnen unglücklicher Weiſe ge⸗ rade entgegen und die trockenen Käruhs ſind niemals ohne Staub. Das fortwährende Hüpfen der Heu⸗ ſchrecken mit ihren Millionen dünner Füße hatte die Erdrinde gelockert und nun jagte der Wind den Staub in die Höhe. Ganze Wolken davon hüllten die kleine Karavane ein und machten ihr Fortſchreiten ſowohl ſchwierig als unangenehm. Lange noch vor Einbruch des Abends waren ihre Kleider über und über mit Staub bedeckt, der ihnen auch in Mund und Naſe drang und die Augen wund machte. Aber alles Dies war noch Nichts. Noch lange zuvor ehe es Abend ward, machte ſich ein weit grö⸗ ßerer Uebelſtand fühlbar,— der Mangel an Waſſer. In ihrer Eile, den Schauplatz der Verwüſtung zu verlaſſen, hatte van Bloom nicht daran gedacht, einen Waſſervorrath im Wagen mitzunehmen— eine beklagenswerthe Verſäumniß in einem Lande wie Südafrika, wo Quellen ſo rar und fließende Waſſer ſo ungewiß ſind. Eine in der That beklagenswerthe Verſäumniß, wie die Reiſenden jetzt einſahen, denn lange zuvor ehe es Abend ward, ſchrieen ſie Alle nach Waſſer und Alle litten, Eins wie das Andere, die brennenden Qualen des Durſtes. — 22— Van Bloom dürſtete, aber er dachte nicht an ſich ſelbſt, ausgenommen inſofern, als er ſich bittere Selbſtvorwürfe machte, weil er verſäumt, den ſo nöthigen Vorrath an Waſſer mitzunehmen. Er war die Urſache des Leidens aller Uebrigen, er fühlte ſich niedergeſchlagen und durch den Gedanken an ſeine Uebereilung und Nachläſſigkeit gedemüthigt. Er konnte ſeinen Leuten keine Linderung ver⸗ ſprechen, wenigſtens nicht eher, als bis ſie die Quelle erreichen würden. Er kannte kein Waſſer in größerer Nähe. Die Quelle aber noch in dieſer Nacht zu errei⸗ chen, war unmöglich. Es war ſchon ſpät, als ſie aufbrachen. Ochſen gehen nicht raſch. Die Hälfte der Entfernung war das Aeußerſte, was ſie bis Sonnenuntergang zurücklegen konnten. Um das Waſſer zu erreichen, hätten ſie die ganze Nacht reiſen müſſen, aber aus vielen Gründen war dies nicht thunlich. Die Ochſen bedurften Ruhe, um ſo mehr, als ſie hungrig waren, und nun, wo es zu ſpät war, beſann ſich van Bloom auf eine zweite Verſäumniß, die er begangen, indem er wäh⸗ rend der Anweſenheit der Heuſchrecken unterlaſſen, eine hinreichende Quantität von ihnen inzuſaunnlr, um ſein Vieh damit zu füttern. Dieſes Auskunftsmittel wird unter ähnlichen — —— — 73— Umſtänden oft angewendet, der Boer aber hatte nicht daran gedacht, und da nur wenig Heuſchrecken in die Kraals fielen, wo die Thiere eingeſperrt geweſen, ſo waren dieſe ſeit dem vorigen Tage ohne Futter. Die Ochſen ganz beſonders verriethen Anzeichen von Schwäche und zogen den Wagen nur noch träge und langſam, ſo daß Swartboy's Stinme und lange Peitſche in fortwährender Thätigkeit erhalten wurden. Es waren aber auch noch andere Gründe vor⸗ handen, aus welchen die Karavane mit Einbruch der Nacht Halt machen mußte. Der Boer war in Bezug auf die Richtung ſeiner Sache nicht ganz ſicher. Er wäre nicht im Stande geweſen, ſie während der Nacht weiter zu verfolgen, da auch nicht der Schimmer von einer Spur da war, wonach er ſich hätte richten können. Ueberdies wäre es auch gefährlich geweſen, des Nachts zu reiſen, weil dann der nächtliche Räuber Afrika's— der grimmige Löwe— umherſtreift. Aus allen dieſen Gründen ſahen ſie ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, während der Nacht liegen zu bleiben, mochten ſie nun Waſſer haben oder nicht. Es fehlte noch eine halbe Stunde bis zu Son⸗ nenuntergang, als van Bloom zu dieſem Beſchluſſe kam. Er ritt noch ein wenig weiter, in der Hoff⸗ nung, einen Platz zu erreichen, wo Gras wäre. Sie hatten nun mehr als zwanzig Meilen zurück⸗ — 22— gelegt, und immer noch bedeckte die ſchwarze Spur der Heuſchrecken die Ebene. Immer noch war kein Gras zu ſehen, immer noch waren die Gebüſche ihrer Blätter und Rinde entblößt. Der Boer begann zu glauben, daß er gerade in der Richtung zöge, in welcher die Heuſchrecken gekommen ſeien. Nach Weſten zu bewegte er ſich, das wußte er. Aber er wußte noch nicht gewiß, ob der Schwarm nicht von Weſten anſtatt von Norden gekommen wäre. War das Erſtere der Fall, ſo konnten ſie tagelang reiſen, ehe ſie ein grünes Plätz⸗ chen erreichten. Dieſe Gedanken beunruhigten ihn und mit ſehn⸗ ſüchtigen Augen überflog er die Ebene nach vorn ſowohl als nach rechts und links. Ein lauter Ruf des ſcharfſehenden Buſchmannes brachte eine freudige Wirkung hervor. Er ſah Gras in der Ferne vor ihnen. Er ſah einige Büſche mit Blättern. Sie waren noch eine Meile davon ent⸗ fernt, aber die Ochſen bewegten ſich, als ob ſie die frohe Kunde verſtanden hätten, ſofort raſcher vor⸗ wärts. Die Meile ward zurückgelegt und ſie ſtießen allerdings auf Gras. Es war jedoch eine ſehr dürf⸗ tige Weide— einige wenige zerſtreute Halme, die auf einem röthlichen Boden wuchſen, aber an keiner Stelle ſo viel, als zu einem Maulvoll für einen Ochſen hingereicht hätte. Es reichte bloß eben hin, um den Hunger der armen Thiere noch mehr aufzu⸗ ſtacheln, ohne ihren Magen zu füllen. Van Bloom gewann jedoch dadurch die Ueberzeugung, daß ſie nun über den Bereich des Heuſchreckenzuges hinaus ſeien, und er ritt deßhalb noch ein wenig weiter, in der Hoffnung, daß die Weide beſſer werden würde. Dies war aber durchaus nicht der Fall. Die Gegend, durch welche ſie zogen, war eine wilde, un⸗ fruchtbare Ebene und von Begetation faſt eben ſo entblößt wie die, über welche ihr Weg ſie bis jetzt geführt. Ihre Kahlheit rührte nicht von der Thätig⸗ keit der Heuſchrecken her, ſondern von dem Mangel an Waſſer. Es war nun übrigens auch keine Zeit mehr, einen Weideplatz zu ſuchen. Die Sonne war ſchon unter den Horizont hinabgeſunken, als ſie Halt mach⸗ ten, um auszuſpannen. Man hüätte eigentlich nun einen Kraal für die Rinder und einen zweiten für die Schafe und Ziegen bauen ſollen, es war auch Buſchholz genug dazu da; aber wer von der ermüdeten Reiſegeſellſchaft hätte wohl noch Luſt und Kraft genug gehabt, um das nöthige Holz zu fällen und an Ort und Stelle zu ſchleppen? — 76— Es gab ohnedies Arbeit genug. Man mußte ein Schaf zur Abendmahlzeit ſchlachten und Feuerholz zuſammentragen. Deßhalb ward kein Kraal gebaut. Die Pferde wurden um den Wagen herum ange⸗ bunden. Die Ochſen, Kühe, Schafe und Ziegen ließ man laufen, wohin ſie wollten. Da keine Weide in der Nähe war, welche ſie hätte verlocken können, ſo hoffte man, daß ſie nach der langen ermüdenden Tagereiſe ſich nicht weit von dem Lagerfeuer entfer⸗ nen würden, welches man die ganze Nacht brennen ließ. Achtes Kapitel. Das Schickſal der Heerde. Aber dennoch verlief ſie ſich. Als der Tag anbrach und die Reiſenden ſich nach ihren Thieren umſahen, war kein einziger Ochſe und keine einzige Kuh mehr zu ſehen. Eine jedoch war noch da, aber bloß eine— die Milchkuh. Totty hatte ſie, nachdem ſie ſie am Abend vorher gemolken, an einen Buſch angebunden gelaſſen, wo ſie auch jetzt noch ſtand. Alle übrigen waren fort und die Schafe und Ziegen ebenfalls. Wo aber waren ſie hin? Der Boer und ſeine Söhne ſtiegen zu Pferde und begannen ihre Nachforſchungen. Die Schafe und Ziegen fand man in kurzer Entfernung in dem Ge⸗ büſch, die andern Thiere dagegen waren rund und rein weg. — 6— Man verfolgte ihre Spur ein paar Meilen weit. Sie führte auf den Weg zurück, den ſie gekommen, und es ließ ſich nicht bezweifeln, daß ſie nach dem Kraal zurückgekehrt waren. Sie einzuholen, ehe ſie wieder bis dahin gelang⸗ ten, wäre ſehr ſchwierig, vielleicht geradezu unmög⸗ lich geweſen. Die Spuren verriethen, daß ſie zu einer ſehr frühen Stunde der Nacht fortgegangen waren und ſich ſehr raſch entfernt hatten, ſo daß ſie mittlerweile höchſt wahrſcheinlich in ihrer alten Heimath bereits wieder angelangt waren. Dies war eine ſchlimme Entdeckung. Den ent⸗ flohenen Rindern auf den dürſtenden und hungrigen Pferden nachzureiten, wäre ein vergebliches Unter⸗ nehmen geweſen, und dennoch, wie ſollte ohne Zug⸗ ochſen der Wagen weiter bis an die Quelle befördert werden? Die Schwierigkeit war keine kleine, nach kurzer Berathung aber ſchlug der überlegende Hans einen Ausweg vor. „Können wir nicht die Pferde an den Wagen ſpannen?“ fragte er.„Unſere fünf Pferde können ihn doch ganz gewiß bis an die Quelle ziehen.“ „Was! Und die Rinder ſollen wir zurück⸗ laſſen?“ ſagte Hendrik.„Wenn wir ihnen nicht nacheilen, ſo gehen ſie Alle zu Grunde, und dann—⸗ — — — 79— „Wir können ſie ja ſpäter holen,“ entgegnete Hans.„Iſt es nicht viel beſſer, wenn wir erſt die Quelle zu erreichen ſuchen und dann, nachdem wir die Pferde ein wenig ausruhen gelaſſen, zurückkehren, um die Ochſen zu holen? Jetzt haben ſie wahr⸗ ſcheinlich den Kraal ſchon wieder erreicht. Jedenfalls haben ſie dort wenigſtens Waſſer, und dieſes wird ſie am Leben erhalten, bis wir hinkommen.“ Das von Hans vorgeſchlagene Verfahren ſchien ganz gut ausführbar zu ſein. Auf alle Fälle war es der beſte Plan, den ſie verfolgen konnten, und ſie begannen daher ſofort ihn in Ausführung zu bringen. Die Pferde wurden, ſo gut als es ſich thun ließ, an den Wagen geſpannt. Zum Glück hatte man einiges alte Pferdegeſchirr mit in den Wagen geworfen, und dieſes ward jetzt hervorgeholt und ſo gut als möglich paſſend gemacht. Zwei Pferde wurden an den Deichſelbaum ge⸗ ſpannt, zwei andere an den auf angemeſſene Weiſe verkürzten Lederſtrang, und das fünfte Pferd erhielt ſeinen Platz ganz vorn als Führer. Als Alles fertig war, ſtieg Swartboy wieder auf den Vorderkaſten, raffte ſeine Zügel zuſammen und ſetzte ſein Geſpann in Bewegung. Zur Freude Aller rollte der große ſchwerbeladene Wagen ſo leicht dahin, als ob ein volles Geſpann daran gezogen hätte. — 80— Van Bloom, Hendrik und Hans ſtimmten einen ermuthigenden Freudenruf an, als der Wagen an ihnen vorüberrollte, ſetzten die Milchkuh und die Schaf⸗ und Ziegenheerde in Bewegung und eilten dem Wagen nach. Der kleine Jan und Trudchen ſaßen noch in dem Wagen, die Andern aber reiſ'ten jetzt zu Fuße, theils, weil ſie die Heerde zu treiben hatten, theils, weil ſie den Wagen nicht noch ſchwerer für die Pferde machen wollten. Sie litten Alle ſehr vom Durſte, würden aber noch weit mehr gelitten haben, wenn ſie nicht jenes unſchätzbare Thier gehabt hätten, welches hinter dem Wagen hertrabte— die Milchkuh. Sie hatte ſowohl am Abend vorher als auch dieſen Morgen mehrere Kannen Milch gegeben. Und dieſe zu ſo gelegener Zeit geſpendete Gabe hatte den Reiſenden eine be⸗ deutende Stärkung gewährt. Die Pferde hielten ſich bewunderungswürdig. Trotzdem, daß ihr Geſchirr nicht bloß unvollſtändig war, ſondern auch ſchlecht paßte, zogen ſie doch den Wagen entlang, als ob kein Riemen und keine Schnalle fehlte. Sie ſchienen zu wiſſen, daß ihr guter Herr ſich in einer ſchwierigen Lage befand, und waren entſchloſſen, ihn herauszuziehen. Vielleicht witterten ſie auch das ihrer harrende Quellwaſſer. Auf alle Fälle zogen ſie, ehe ſie noch viele Stunden — 81— in dem Geſchirr zugebracht, den Wagen durch ein ſchönes kleines, mit grünem, wieſenähnlichem Raſen bedecktes Thal, und ehe noch weitere fünf Minuten vergangen waren, ſtanden ſie an einer kühlen, kryſtall⸗ hellen Quelle. Bald hatten Alle tüchtig getrunken und fühlten ſich erfriſcht und erquickt. Die Pferde wurden aus⸗ geſchirrt, um ſie eben ſo wie die andern Thiere weiden zu laſſen. Dicht neben der Quelle ward ein Feuer angezündet und eine Schöpskeule gebraten, welche den Reiſenden zum Mittagsmahl diente, und dann wartete man, bis die Pferde ſich ſatt gefreſſen haben würden. Der auf einer der Wagenkiſten ſitzende Boer rauchte ſeine große Pfeife. Er hätte gewiſſermaßen zufrieden ſein können, wenn ihn nicht ein einziger Umſtand beunruhigt hätte— die Abweſenheit ſeines Viehes. Er war nun hier in einem ſchönen Weidelande 3 angelangt— einer Art Oaſe in den wilden, kahlen Ebenen. Es gab hier Holz, Waſſer und Gras,— Alles, was das Herz eines Veeboer wünſchen konnte. Dieſer fruchtbare Strich ſchien gerade nicht ſehr groß Ju ſein, aber doch groß genug, um viele hundert Stück Vieh zu ernähren. Die Buſchknaben. I. — 82— Van Bloom würde ihn ſich nicht beſſer gewünſcht haben, und wäre es ihm gelungen, ſeine Ochſen und Kühe mit hierher zu bringen, ſo hätte er ſich in die⸗ ſem Augenblicke ziemlich glücklich gefühlt. Aber was half ihm der ſchöne Weideplatz ohne ſie? Sie waren ſein Reichthum— wenigſtens hatte er gehofft, daß mit der Zeit ihre Vermehrung ſein Reichthum werden würde. Sie waren Alle von ganz vortrefflicher Race und mit Ausnahme ſeiner zwölf Zugochſen und einiger langhörniger Bechuana⸗Stiere lauter ſchöne junge Kühe, von denen ſich erwarten ließ, daß ſie bald eine zahlreiche Heerde hervor⸗ bringen würden. Natürlich machte die Beſorgniß des Boers um dieſe Thiere es ihm unmöglich, einen Augenblick Ruhe zu genießen, und er dachte an weiter Nichts, als ſich wieder auf den Rückweg zu machen und ſie zu ſuchen. Er hatte bloß ſeine Pfeife zur Hand ge⸗ nommen, um die Zeit hinzubringen, während die Pferde ſich an dem ſchönen ſaftigen Graſe ſättigten. Sobald ſie ſich wieder ein wenig gekräftigt hätten, beabſichtigte er die drei ſtärkſten von ihnen zu nehmen und mit Hendrik und Swartboy nach dem alten Kraal zurückzureiten. Sobald daher die Pferde wieder in dienſtfähigem Stande waren, wurden ſie feſtgenommen und geſattelt, 8 — 83— und van Bloom, Hendrik und Swartboy brachen auf, während Hans als Hüter des Lagers zurückblieb. Sie ritten ziemlich raſch und hatten ſich vorge⸗ nommen, die ganze Nacht durch zu reiten und wo möglich den Kraal noch vor Tagesanbruch zu errei⸗ chen. An dem letzten Punkte, wo noch Gras war, ſattelten ſie ab und ließen ihre Pferde ausruhen und ſich erquicken. Sie hatten einige Schnitten von dem Hammelbraten mitgenommen und diesmal auch nicht vergeſſen, ihre Kürbißflaſchen mit Waſſer zu füllen, um nicht wieder vor Durſt halb zu verſchmachten. Nachdem ſie eine Stunde Halt gemacht, ſetzten ſie ihre Reiſe fort. Es war ſchon völlig Nacht, als ſie an der Stelle ankamen, wo die Ochſen ſie verlaſſen hatten; es ſtand aber der helle Mond am Himmel, und ſie waren daher recht wohl im Stande, die Räderſpuren des Wagens zurück zu verfolgen, die im Mondſcheine deutlich ſichtbar waren. Dann und wann forderte der Boer den treuen Swartboy auf, die Spur zu unterſuchen und nach⸗ zuſehen, ob die Rinder richtig auf dem Wege geblie⸗ ben ſeien. Die Beantwortung dieſer Frage machte dem Buſchmanne keine große Mühe. Er ſprang vom Pferde herunter, neigte ſich bis auf den Erdboden 6* — 84— nieder und antwortete ſodann augenblicklich. Die Antwort lautete allemal bejahend und die Thiere waren ganz gewiß nach ihrer früheren Heimath zu⸗ rückgekehrt. Van Bloom glaubte deßhalb ſicher, ſie dort zu finden. Fand er ſie aber auch noch am Leben? Dies war die Frage, die ihn beunruhigte. Waſſer konnten die Thiere allerdings unmittel⸗ bar aus der dort ſprudelnden Quelle trinken, wo aber ſollten ſie Futter hernehmen? Auch nicht die mindeſte Quantität davon konnten ſie dort finden, und mußte daher nicht der Hunger ſie mittlerweile ſchon aufgerieben haben? Der Tag brach eben an, als ſie des alten Kraals wieder anſichtig wurden. Derſelbe bot einen ſehr ſeltſamen Anblick dar. Nicht Einer von den 3 Dreien würde ihn wiedererkannt haben. Schon nach dem Ueberfalle durch die Heuſchrecken hatte er ein ganz verändertes Anſehen gewonnen, jetzt aber gab es auch noch etwas Anderes, was die Eigenthünllich⸗ keit dieſes Anblicks erhöhte. Eine Reihe ſeltſamer Gegenſtände ſchien oben auf dem Dache und auf den Mauern des Kraals zu ſitzen. Was für ſeltſame Gegenſtände aber waren dies? Denn daß ſie den Gebäuden nicht angehörten, dies war keinem Zweifel — 85— unterworfen. Dieſe Frage that van Bloom gewiſſer⸗ maßen an ſich ſelbſt, aber dabei doch ſo laut, daß ſeine Begleiter ihn hören konnten. „Es ſind Vögel!“ rief Swartboy. Und allerdings war es auch eine Reihe von Geiern, die ſich längs der Mauern zeigte. Der Anblick dieſer ſchmuzigen Vögel war eine böſe Vorbedeutung und erfüllte den Boer mit bangen Befürchtungen. Was machten dieſe Vögel hier? Ganz gewiß mußte Aas in der Nähe ſein. Man ritt weiter vorwärts. Der Tag war mittlerweile vollſtändig angebrochen und die Geier begannen munter zu werden und ſich zu regen. Sie klatſchten mit ihren grauen Flügeln, flogen von den Mauern herab und ließen ſich auf verſchiedenen Punkten rund um das Haus nieder. „Ganz gewiß muß Aas da ſein,“ murmelte van Bloom. Allerdings war Aas vorhanden, und zwar in Menge. So wie die Reiter näher kamen, ſtiegen die Geier in die Luft empor und etwa zwanzig zur Hälfte ſchon aufgefreſſene Kadaver wurden nun auf dem Boden liegend ſichtbar. Die langen gekrümmten Hörner, welche zwiſchen jedem Kadaver ſich zeigten, machten es ſehr leicht, zu ſagen, welcher Gattung von Thieren ſie angehörten. In den zerriſſenen und verſtümmelten Leichnamen erkannte der arme Boer die Ueberreſte ſeiner verlorenen Heerde. Nicht ein einziges ſeiner Rinder war am Leben geblieben. Man ſah die Ueberreſte von allen, von Kühen ſowohl als Ochſen, in der Nähe der Ein⸗ hegungen und auf der angrenzenden Wieſe liegen, jedes, wo es gefallen war. Aber wie waren die Thiere gefallen? Dies war das Geheimniß. Verhungert konnten ſie ſo ſchnell nicht ſein. Der Durſt konnte ebenfalls nicht die Urſache ihres Todes geweſen ſein, denn die Quelle ſprudelte gerade da, wo ſie lagen. Die Geier hatten ſie auch nicht umgebracht. Aber auf welche Weiſe war dies denn geſchehen? 3 Van Bloom that nicht viele Fragen und hatte auch keinen Grund dazu, denn als er mit ſeinen Begleitern noch ein Stück weiter ritt, erklärte ſich das Geheimniß von ſelbſt. Die Spuren von Löwen, Hyänen und Schakals machten die Sache vollkommen klar. Ein großer Trupp dieſer Thiere war im Kraal geweſen. Der durch die Wanderung der Heuſchrecken herbeigeführte Mangel an Beute hatte ſie ohne Zweifel heißhungriger als gewöhnlich gemacht, und die Folge davon war, daß ſie ſich auf van Bloom's Thiere geſtürzt hatten. ☛——— — 87— Wo aber waren ſie jetzt? Das Morgenlicht und vielleicht der Anblick des Hauſes hatten ſie hin⸗ weggeſcheucht. Ihre Spuren aber waren noch ganz friſch. Sie mußten in der Nähe ſein und kamen in der nächſtfolgenden Nacht ſicherlich wieder. Van Bloom empfand großes Verlangen, ſich an den Raubthieren zu rächen, und würde unter anderen Umſtänden dageblieben ſein, um ihnen Eins auf's Fell zu brennen. Jetzt jedoch wäre dies unklug und zugleich unnütz geweſen. Sie konnten ihren Pferden nicht wohl mehr zumuthen, als noch an dem⸗ ſelben Tage wieder in das Lager zurückzukehren, und ohne deßhalb in das alte Haus hineinzugehen, tränk⸗ ten ſie die Pferde, füllten ihre Kürbißflaſchen an der OQuelle und ritten mit ſchwerem Herzen wieder von dem Kraal hinweg. Neuntes Kapitel. Ein liegender Löwe. Sie waren noch nicht hundert Schritte weit ge⸗ kommen, als vor ihnen ein Gegenſtand erſchien, der ſie alle Drei bewog, plötzlich und gleichzeitig den Zügel anzuziehen. Dieſer Gegenſtand war ein Löwe. Er lag auf der Ebene, gerade auf dem Wege, den ſie einzuſchlagen beabſichtigten— demſelben, auf welchem ſie gekommen waren. Wie war es denn zugegangen, daß ſie ihn nicht vorher geſehen? Er lag hinter einem niedrigen Ge⸗ büſche, aber Dank den Heuſchrecken war dieſer Buſch ohne Laub und ſeine dünnen nackten Zweige waren kein Verſteck für ein ſo großes Thier wie ein Löwe. Seine dunkelgelbe Haut ſchimmerte paher deutlich ſicchtbar hindurch. — 89— Das Wahre an der Sache iſt, daß er wirklich nooch nicht hier geweſen war, als die Reiter ſich dem Kraal näherten. Er war von den Kadavern hinweg⸗ geflohen, als er die Reiter kommen ſah, hatte ſich um die Mauern herum und auf die Hinterſeite ge⸗ ſchlichen. Dieſes Manöver hatte er in der Abſicht ausgeführt, um ein Zuſammentreffen mit den Rei⸗ tern zu vermeiden, denn ein Löwe überlegt eben ſo wie ein Menſch, wenn auch nicht in demſelben Grade. Als er die Reiter kommen ſah, ſagte ihm ſeine Ueberlegungsgabe, daß ſie wahrſcheinlich nicht auf demſelben Wege zurückkehrten. Weit natürlicher war es, daß ſie in dieſer Richtung weiter vorwärts ritten. Ein Menſch, der mit den Ereigniſſen, die mit dieſer Reiſe zuſammenhingen, unbekannt geweſen wäre, würde ganz auf dieſelbe Weiſe gefolgert haben. Wer Beobachtungsgabe beſitzt, wird andere Thiere, wie zum Beiſpiel Hunde, Rehe, Haſen, ja, ſogar Haſen gerade ſo haben handeln ſehen, wie der Löwe bei dieſer Gelegenheit handelte. Nun aber handelt ein Löwe nicht allemal ſo, obſchon er es vielleicht in ſechs Fällen fünf Mal ſo macht. Man hat überhaupt in Bezug auf den Muth dieſes Thieres ſehr irrige Begriffe. Einige Natur⸗ forſcher, die ſich, wie es ſcheint, durch ein Gefühl des Neides oder Aergers beſtimmen laſſen, beſchul⸗ digen den Löwen geradezu der Feigheit und wollen ihm auch nicht eine einzige der edeln Eigenſchaften zugeſtehen, die ihm von den früheſten Zeiten zuge⸗ ſchrieben worden ſind. Andere dagegen behaupten, er kenne keine Furcht, weder vor Menſchen noch vor Thieren, und dieſe Vertheidiger ſeines Muthes legen. ihm auch außerdem noch viele andere Tugenden bei. Beide Theile unterſtützen ihre Anſicht nicht durch bloße Behauptungen, ſondern durch ausführliche Er⸗ zählung beſtätigter Thatſachen. Wie aber geht dies zu? Beide können doch nicht zu gleicher Zeit Recht haben? Und dennoch, ſo ſeltſam es auch klingen mag, haben in gewiſſem Sinne wirklich alle Beide Recht. Das Wahre an der Sache iſt, daß manche Löwen feig, andere dagegen muthig ſind. Die Wahrheit dieſes Ausſpruchs ließe ſich durch eine Menge Thatſachen darthun, für welche wir aber in dieſem Buche keinen Raum haben. Indeſſen glaube ich den Leſer durch einen Vergleich über⸗ zeugen zu können.. Antworte mir, lieber Leſer— kennſt Du irgend eine Gattung von Thieren, deren einzelne Individuen hinſichtlich ihres Charakters einander ganz genau gleich ſind? Denke nur zum Beiſpiel einmal an ſämmtliche Hunde, die Du näher zu kennen Gelegen⸗ —— heit gehabt haſt. Sind ſie einander gleich oder auch nur immer ähnlich? Sind nicht manche von ihnen großmüthig, treu und tapfer bis in den Tod? Und ſind nicht dagegen andere feig, tückiſch und furcht⸗ ſam? So iſt es auch mit den Löwen, und Du wirſt nun ſelbſt zugeben, daß meine Behauptung hinſicht⸗ lich dieſer in Wahrheit beruhen kann. 3 Es giebt ſehr viele Urſachen, welche auf den Muth und die Wildheit des Löwen einwirken können. Sein Alter— der Zuſtand ſeines Magens— die Jahreszeit— die Stunde des Tages— vor allen Dingen aber die Art von Jägern, welche dem Diſtrikte, den er bewohnt, angehören, ſind die hauptſächlich⸗ ſten dieſer Urſachen. Dieſe letzte Thatſache erſcheint gewiß ganz na⸗ türlich für Die, welche an die Intelligenz der Thiere glauben, wie ich. Es iſt ganz natürlich, daß der Löwe, eben ſo wie andere Thiere, ſehr bald den Charakter ſeines Feindes kennen lernt und ihn fürch⸗ tet oder nicht, je nachdem der Fall ſein mag. Iſt dies nicht auch bei dem Menſchen eine alte Geſchichte? In einem meiner früheren Werke habe ich ſchon Einiges über dieſen Punkt bei der Gelegenheit ge⸗ äußert, wo ich von den Krokodilen Amerika's ſprach. Ich bemerkte dort, daß der Alligator des Miſſiſippi in neueren Zeiten den Menſchen nur ſelten angreift, — 92— daß es aber nicht immer ſo geweſen iſt. Die Kugel⸗ büchſe des Alligatorfelljägers hat die Wildheit dieſes Thieres gedämpft, während ganz dieſelbe Gattung in Südamerika alljährlich die Indianer zu Schocken auffrißt und das afrikaniſche Krokodil in einigen Gegenden noch mehr gefürchtet wird, als der Löwe. Man behauptet, die Löwen des Caps ſeien in manchen Diſtrikten feiger als in anderen, und es iſt vollkommen gegründet, daß ſie am wenigſten muthig in den Diſtrikten ſind, wo ſie von dem kühnen Boer mit ſeinem langen, lautknallenden Feuerrohre ver⸗ folgt werden. Jenſeits der Grenze, wo ſie keinen Feind haben als den zerbrechlichen Pfeil des Buſchmanns, der gar nicht einmal wünſcht, ſie zu erlegen, und den dünnen „Aſegai“ des Bechuana, hat der Löwe wenig oder gar keine Furcht vor dem Menſchen. Ob der, welcher ſich jetzt unſeren Reitern zeigte, von Natur ein muthiger war, ließ ſich noch nicht ſagen. Er hatte eine ungeheure ſchwarze Mähne, und Löwen mit einer ſolchen gelten allgemein für die wildeſten und gefährlichſten. Die Löwen mit gelber Mähne— denn in der Farbe der Caplöwen herrſcht eine bedeutende Verſchiedenheit— werden als weni⸗ ger muthig betrachtet, doch laſſen ſich gegen die Wahrheit dieſer Meinung bedeutende Zweifel geltend — 93— machen. Die jungen ſchwarzmähnigen Löwen kön⸗ nen ſehr leicht fälſchlich für die ächte gelbe Varietät gehalten und dem herrſchenden Vorurtheile gemäß nicht richtig beurtheilt werden, denn die wirklich ſchwarze Farbe der Mähne findet ſich erſt ein, nach⸗ dem der Löwe ſchon viele Jahre alt iſt. Van Bloom überlegte natürlich nicht lange, ob der Löwe mit ſchwarzer Mähne, den er hier vor ſich ſah, ein wilder und muthiger ſei oder nicht. Es war klar, daß das Thier jetzt keinen großen Hunger mehr hatte. Eben ſo klar war, daß es nicht mit dem Gedanken an einen Angriff umging, und hätte es den Reitern beliebt, einen Umweg zu machen und friedlich weiter zu reiten, ſo hätten ſie ihre Reiſe fortſetzen können, ohne den Löwen jemals wieder zu ſehen oder von ihm zu hören. Dieſe Abſicht aber hatte der wackere Boer durchaus nicht. Er hatte ſeine Ochſen und Kühe ein⸗ gebüßt. Dieſer Löwe da hatte wenigſtens Einige davon zu Boden geriſſen. Das holländiſche Blut gerieth in Wallung, und wenn der Löwe der ſtärkſte, grimmigſte ſeines ganzen Stammes geweſen wäre, ſo hätte er nicht ungeſtört hinter dieſem Gebüſch lie⸗ gen bleiben dürfen. Van Bloom befahl demgemäß ſeinen Begleitern, zu bleiben wo ſie waren, und ritt allein näher, bis — 94— er noch ungefähr fünfzig Schritte von der Stelle entfernt war, wo der Löwe lag. Hier machte er Halt, ſtieg kaltblütig ab, warf den Zügel über den Arm, ſteckte ſeinen Ladeſtock in den Boden und kniete dahinter nieder. Der Leſer wird glauben, es wäre für den Boer ſicherer geweſen, auf ſeinem Pferde ſitzen zu bleiben, weil der Löwe ein Pferd nicht einholen kann. Dies iſt ſehr richtig, aber der Löwe wäre dann auch ſicherer geweſen. Es iſt nicht leicht, vom Pferde herab ſchul⸗ gerecht zu ſchießen; wenn aber das Ziel vollends ein grimmiger Löwe iſt, dann müßte es ein ſehr gut dreſſirtes Roß ſein, welches feſt genug ſtünde, um richtiges Zielen möglich zu machen. Ein Schuß vom Sattel aus iſt unter ſolchen Umſtänden ein Schuß auf's Gerathewohl, und der Boer war nicht gemeint, ſich mit einem ſolchen zu begnügen. Seine Büchſe auf den Ladeſtock legend, zielte er daher lange und bedächtig durch das elfenbeinerne Viſir hindurch. Während dieſer ganzen Zeit hatte der Löwe ſich nicht gerührt. Der Buſch befand ſich zwiſchen ihm und dem Jäger, aber er konnte ſchwerlich glauben, daß er hinreichen würde, ihn zu verbergen. Nichts weniger als dies. Seine gelben Flanken waren durch die Lornigen Zweige hindurch deutlich ſichtbar und — — 95— man ſah ſeinen Kopf mit der Schnauze und dem mit dem Blute der Rinder rothgefärbten Barte. Nein— der Löwe glaubte nicht, daß er gedeckt ſei. Ein dumpfes Grunzen und ein paarmaliges Hin⸗ und Herſchlagen des Schweifes bewies das Gegentheil. Er blieb jedoch ſtill liegen, wie die Löwen gewöhnlich thun, bis ihr Feind ihnen noch näher kommt. Der Jäger war, wie ſchon bemerkt, volle fünfzig Schritte von ihm entfernt. Mit Ausnahme der Bewegung des Schwanzes machte er keine andere, bis van Bloom abdrückte, und dann ſprang er mit lautem Gekreiſch mehrere Fuß hoch in die Luft empor. Der Jäger hatte ge⸗ fürchtet, daß die Kugel an den Zweigen abprallen könnte, aber es war klar, daß ſie getroffen hatte, denn er ſah die Haut von der Seite des Löwen an der Stelle des Löwen hinwegfliegen, wo die Kugel „eingedrungen war. Es war nur eine Wunde, und zwar keine tödt⸗ liche, wie ſich bald zeigte. 6 Mit gewaltigen Sätzen kam das gereizte Thier heran, ſich die Flanken mit dem Schweife peitſchend und ſeine furchtbaren Zähne zeigend. Seine ſich emporſträubende Mähne ſchien plötzlich noch ein Mal ſo groß geworden zu ſein, und er ſah aus, als hätte er die Größe eines Stieres. Binnen wenigen Secunden — 96— hatte er die Entfernung zurückgelegt, die ihn von dem Jäger trennte, dieſer aber war ſchon weit fort. In dem Augenblicke, wo er Feuer gegeben, ſprang er auf ſein wohldreſſirtes Pferd und ſprengte fort zu ſeinen Begleitern. Alle Drei waren einige Augenblicke beiſammen. Hendrik hielt ſeine Büchſe geſpannt und bereit, wäh⸗ rend Swartboy nach Bogen und Pfeil griff. Der Löwe aber war da, ehe Einer von Beiden ſchießen konnte, und ſie ſahen ſich genöthigt, ihren Pferden die Sporen zu geben und rechts und links zu galop⸗ piren. Swartboy war auf die eine Seite geritten, während van Bloom und Hendrik die entgegengeſetzte Richtung einſchlugen, und der Löwe befand ſich nun zwiſchen den beiden Parteien, welche beide in einiger Entfernung Halt machten. Der Löwe blieb ebenfalls ſtehen und ſah erſt nach der einen und dann nach der andern Seite hin, als ob er nicht wüßte, nach welcher er ſich zuerſt wenden ſollte. 3 Der Anblick des Thieres war in dieſem Augen⸗ blicke über alle Beſchreibung entſetzlich. Sein Grimm hatte den furchtbarſten Grad erreicht. Seine Mähne ſtand aufrecht— ſein Schweif peitſchte noch fort⸗ während die Flanken— ſein weitgeöffneter Rachen — 92— ließ die gierigen Zähne ſehen, deren weiße Spitzen gegen das rothe Blut abſtachen, welches ihm an der Schnauze klebte, während ſein wüthendes Gebrüll das Grauen, welches ſein Anblick erweckte, noch er⸗ höhte. Aber Keiner von den Dreien verlor deßwegen die Faſſung. Hendrik legte kaltblütig ſeine Büchſe an, zielte und gab Feuer, während Swartboy gleich⸗ zeitig einen Pfeil ziſchend durch die Luft ſendete. Beide hatten richtig gezielt, ſowohl Kugel als Pfeil trafen und der Schaft des letzteren ragte aus dem Schenkel des Löwen heraus. Das grimmige Thier, welches bis zu dieſem Augenblicke den ent⸗ ſchloſſenſten Muth an den Tag gelegt, ſchien jetzt von plötzlicher Furcht gepackt zu werden. Entweder der Pfeil oder eine der Kugeln mußte ihm die Luſt zum weiteren Kampfe benommen haben, denn indem er den Schweif ſchlaff niederhängen ließ, drehte er ſich um, trabte langſam hinweg und eilte dann zu der Thür des Kraals hinein. Die Buſchknaben. 1. Behntes Kapitel. Der Löwe in der Falle. . Es lag etwas Sonderbares darin, daß ein Löwe an einem ſo ungewöhnlichen Orte Schutz ſuchte, aber er bewies eben dadurch ſeine Klugheit. Es war in bequemer Entfernung kein anderer Schlupfwinkel zu finden, und ein Gebüſch zu erreichen, welches ihm nach dem Durchzuge der Heuſchrecken ein Verſteck gewährt hätte, würde ſehr ſchwierig geweſen ſein. Die berittenen Jäger hätten ihn leicht einholen kön⸗ nen, wenn er verſucht hätte, zu entrinnen. Er wußte, daß das Haus unbewohnt war. Er war die ganze Nacht um daſſelbe herumgeſchlichen— vielleicht auch ſchon darin geweſen, und wußte daher, was für ein Platz es war. 3 Der Inſtinkt des Thieres war ganz richtig. Die Mauern des Hauſes ſchützten ihn vor den Kugeln — 99— ſeiner Feinde, ſo lange ſie ſich ihm fern hielten, und kamen ſie näher, ſo war dies ſein Vortheil und ihre Gefahr. Als der Löwe in den Kraal eindrang, ereignete ſich ein ſeltſamer Vorfall. An dem einen Ende des Hauſes befand ſich ein großes Fenſter. Natürlich war es nicht verglaſ't und war es nie geweſen. Ein Glasfenſter iſt in jenen Gegenden eine Seltenheit. Es ward mit einem ſtarken hölzernen Laden ver⸗ ſchloſſen. Dieſer hing noch in ſeinen Angeln, bei dem ſchnellen Fortziehen aber war das Fenſter offen ſtehen geblieben. Die Thür hatte ebenfalls angelehnt geſtanden. So wie der Löwe zu der letzteren hinein⸗ ſprang, kamen eine Reihe kleiner, wolfsähnlicher Thiere durch das erſtere heraus und rannten, ſo ſchnell ſie konnten, querfeldein. Es waren Schakals. Wie ſich ſpäter zeigte, war einer der Ochſen entweder von Löwen oder von Hyänen in das Haus hineingetrieben und hier zerriſſen worden. Die grö⸗ ßeren Fleiſchfreſſer hatten ſich nicht lange mit ſeinem Kadaver beſchäftigt und die ſchlauen Schakals ruhig an ihm gefrühſtückt, als ſie auf ſo plötzliche Weiſe geſtört wurden. Der Eintritt ihres Königs in ſo grimmiger Laune zur Thür herein bewog die Fuchs⸗ wölfe, ſich ſchleunigſt durch das Fenſter zu flüchten, und das Erſcheinen der Reiter draußen hatte dieſe 7*½ — 100— feigen Thiere noch mehr erſchreckt, ſo daß ſie mit der größten Schnelligkeit aus dem Kraal davoneilten, bis ſie nicht mehr zu ſehen waren. Die drei Jäger konnten ſich des Lachens nicht enthalten, bis ſie plötzlich durch ein anderes Ereigniß in Anſpruch ge⸗ nommen wurden, das faſt in demſelben Augenblicke ſtattfand. Van Bloom hatte ſeine beiden ſchönen Hunde mitgebracht, damit ſie ihm die Rinder mit nach dem Lager treiben helfen ſollten. Während des kurzen Haltes, den die Reiter an der Quelle gemacht, hatten die Hunde an einem ſchon halb verzehrten Kadaver hinter den Mauern ge⸗ ſchmauſ't und waren, da ſie ſehr viel Hunger hatten, dabei geblieben, ſelbſt als die Reiter ſich wieder auf den Rückweg machten. Keiner der beiden Hunde hatte den Löwen geſehen, bis zu dem Augenblicke, wo das wilde Thier hervorbrach und nach dem Kraal rannte. Die Schüſſe, das Brüllen des Löwen und das laute Flügelklatſchen der Geier, welche erſchrocken davonflogen, verriethen den Hunden, daß Etwas vor⸗ gehe, wobei ſie eigentlich zugegen ſein ſollten, und ihr angenehmes Mahl verlaſſend, kamen ſie Beide über die Mauern geſprungen. Sie erreichten den offenen Raum gerade, als der Löwe zur Thür hineinſprang, und ohne zu — 14101— zögern, ſtürzten die beiden muthigen Thiere ihm nach und folgten ihm in das Haus hinein. Einige Augenblicke lang hörte man ein verwor⸗ renes Getöſe— das Bellen und Balgen der Hunde, das Grunzen und Brüllen des Löwen. Dann folgte ein dumpfer Ton, als ob ein ſchwerer Gegenſtand an die Mauer geſchmettert würde. Dann vernahm man ein klägliches Geheul— ein zweites, ein drittes — dann ein Geräuſch, als ob Knochen zerbrochen würden— das Schnurren des großen Thieres mit ſeinem lauten, rauhen Baſſe, und dann ein tiefes Schweigen. Der Kampf war vorüber. Dies ging daraus hervor, daß die Hunde Nichts mehr von ſich hören ließen. Höchſt wahrſcheinlich waren ſie getödtet. Die Jäger machten Halt und bewachten die Thür mit der größten Spannung und Unruhe. Das Gelächter war auf ihren Lippen erſtorben, während ſie dieſen gräßlichen Klängen, den Zeichen des furcht⸗ baren Kampfes, lauſchten. Sie riefen ihre Hunde beim Namen. Sie hofften, ſie, wenn auch verwundet, herauskommen zu ſehen. Aber ſie kamen nicht heraus — ſie kamen nie wieder heraus— ſie waren todt. Ein langandauerndes Schweigen folgte auf das Getöſe des Kampfes. Van Bloom konnte nicht länger daran zweifeln, daß ſeine ſo werth gehaltenen und einzigen Hunde getödtet waren. — 192— Durch dieſes neue Mißgeſchick noch mehr auf⸗ geregt, ſetzte er faſt die Klugheit aus den Augen. Er ſtand ſchon im Begriff, ſich der Thür zu nähern, um ſo nahe als möglich auf den verhaßten Feind zu feuern, als Swartboy plötzlich Etwas einſiel und er ausrief: „Baas, Baas! Wir wollen ihn einſchließen! Wir wollen den Schuft einſperren!“ Es lag etwas ſehr Kluges und Plauſibles in dieſem Vorſchlage. Van Bloom ſah es ein, und von ſeiner erſten Abſicht zurücktretend, beſchloß er, auf Swartboy's Idee einzugehen. Aber wie ſollte dieſe ausgeführt werden? Die Thür hing noch an den Angeln, eben ſo wie der Fenſterladen. Konnten ſie dieſe erfaſſen und zu⸗ ſchlagen, ſo hatten ſie den Löwen allerdings ſicher und konnten ihm mit Muße den Garaus machen. Aber wie ſollte man ohne Gefahr Thür oder Fenſter ſchließen? Das war die Schwierigkeit, die ſich jetzt zeigte. Näherten ſie ſich der Thür oder dem Fenſter, ſo ließ ſich erwarten, daß der Löwe ſie von innen ſehen würde, und ganz gewiß hätte er ſich in ſeiner Wuth ſofort auf ſie geſtürzt. Auch wenn ſie ſich zu Pferde näherten, um ihre Abſicht auszuführen, waren ſie nicht viel ſicherer. Die Pferde würden nicht ruhig — 193— geſtanden haben, während die Reiter die Hände aus⸗ geſtreckt hätten, um die Künke oder den Griff zu faſſen. Sämmtliche drei Thiere tanzten und bäumten ſchon vor wilder Erregung. Sie wußten, daß der Löwe im Hauſe war. Ein gelegentliches Grunzen verkündete ſeine Gegenwart— es ließ ſich nicht er⸗ warten, daß ſie ſich der Thür oder dem Fenſter mit hinreichender Kaltblütigkeit nähern würden, und ihr Stampfen und Schnauben würde weiter Nichts ge⸗ nützt haben, als daß ſie das wüthende Thier ſich auf den Hals gelockt hätten. Es war ſonach klar, daß das Schließen der Thür oder des Fenſters eine ſehr gefährliche Opera⸗ tion ſein würde. So lange die Reiter im Freien und in einiger Entfernung von dem Löwen waren, hatten ſie keinen Grund, Etwas zu fürchten. Näher⸗ ten ſie ſich jedoch und geriethen ſie in die Mauern hinein, ſo war es höchſt wahrſcheinlich, daß Einer von ihnen dem blutdürſtigen Thiere zum Opfer fallen würde. So gering auch der Maßſtab ſein mag, den man an die Intelligenz eines Buſchmanns zu legen hat, ſo giebt es doch eine ihm eigenthümliche Gat⸗ tung, in welcher er wirklich zu excelliren ſcheint. In Allem, was Jagdliſt betrifft, i*ſt ſeine Intelligenz, oder man könnte es faſt ſeinen Inſtinkt nennen, dem — 104— höher entwickelten Geiſte des Kaukaſiers vollkommen gewachſen. Es hat dies ohne Zweifel ſeinen Grund in der öfteren Ausübung dieſer beſonderen Fähig⸗ keiten, von deren erfolgreicher Anwendung ſehr oft ſein Leben abhängig iſt. In dem großen, unförm⸗ lichen Kopfe, den Swartboy auf ſeinen Schultern trug, ſtak eine nicht unanſehnliche Maſſe Gehirn, und ein Leben voll Mühen und Gefahren, obſchon es keinen anderen Zweck hatte, als ſeinen Magen zu füllen, hatte ihn gelehrt, dieſes Gehirn zu üben und zu gebrauchen, und in dem gegenwärtigen Augen⸗ blicke leiſtete es ihm und ſeinen Begleitern abermals weſentliche Dienſte. „Baas!“ ſagte er, indem er ſich bemühte, die Ungeduld ſeines Herrn zu zügeln,„wartet ein wenig, Baas. Ueberlaßt es dem alten Buſchmanne, die Thür zuzumachen— er wird es beſorgen.“ „Aber wie denn?“ fragte ſein Herr. „Wartet nur— ſollt es gleich ſehen.“ Alle Drei waren mit einander ſo nahe an den Kraal herangeritten, daß ſie nicht mehr ganz hundert Schritte davon entfernt waren. Van Bloom und Hendrik verhielten ſich ſchweigend und warteten, was der Buſchmann beginnen würde. Ddieſer Letztere zog einen Knäuel Bindfaden aus deer Taſche, wickelte ihn ſorgfältig auf und knüpfte — 1905— das eine Ende an einen Pfeil. Dann ritt er bis auf dreißig Schritte an das Haus heran und ſtieg ab— dem Eingange nicht gerade gegenüber, ſondern ein wenig auf der Seite— ſo daß die Fläche der hölzer⸗ nen Thür, welche glücklicher Weiſe nur drei Viertel offen ſtand, ſich gerade vor ihm befand. Den Zügel ſeines Pferdes über den Arm werfend, ſpannte er nun ſeinen Bogen und ſchoß den Pfeil in das Holz⸗ werk der Thür. Nicht weit vom Rande, dicht unter der Klinke, blieb er ſtecken. Sobald als Swartboy den Pfeil abgeſchoſſen hatte, ſprang er wieder in den Sattel, um zum ſchleunigſten Rückzuge bereit zu ſein, im Fall der Löwe einen Ausfall machte. Dabei aber hielt er immer noch den Bindfaden feſt, deſſen eines Ende an dem Pfeile befeſtigt war. Das Anſchlagen des Pfeils, als derſelbe in die Thür hineinfuhr, hatte die Aufmerkſamkeit des Löwen erweckt. Natürlich ſah ihn keiner der Reiter, ſein zorniges Grollen aber verrieth ihnen, daß dem ſo war. Er zeigte ſich indeſſen nicht und verſtummte wieder. Nun zog Swartboy die Schnur an— anfangs vorſichtig, um ſich vom Feſthalten zu überzeugen, und dann that er einen ſtärkeren Ruck damit und warf die Thür zu. Die Klinke ſchnappte ein und die — 196— Thür blieb zu, ſelbſt nachdem die Schnur nicht mehr angeſpannt war. Um die Thür wieder zu öffnen, hätte der Löwe ſo viel Verſtand haben müſſen, daß er die Klinke gehoben hätte, oder es wäre ihm Nichts übrig geblie⸗ ben, als durch die dicken, ſtarken Planken hindurch⸗ zubrechen, und davon ſtand weder das Eine noch das Andere zu befürchten. Nun aber war noch das Fenſter offen, und durch dieſes hätte der Löwe mit leichter Mühe heraus⸗ ſpringen können. Swartboy faßte natürlich den Ent⸗ ſchluß, es auf dieſelbe Weiſe zu ſchließen wie die Thür. Dabei aber ſtellte ſich eine eigenthümliche Ge⸗ fahr heraus. Er hatte nur ein einziges Stück Schnur. Dieſes war noch an dem Pfeile befeſtigt, der noch feſt in der Thür ſtak; wie ſollte er es losmachen und wieder in den Beſitz des Fadens gelangen? Es ſchien kein anderer Ausweg vorhanden zu ſein, als ſich der Thür zu nähern und die Schnur von dem Pfeile abzuſchneiden. Hierin aber lag eben die Gefahr; denn gewahrte ihn der Löwe und ſtürzte zu dem Fenſter heraus, ſo war der Buſchmann ver⸗ loren. 3 Wie die meiſten Individuen ſeines Volksſtam⸗ mes, war Swartboy mehr liſtig als tapfer, obſchon — 197— er weit entfernt war, ein Feigling zu ſein. Dennoch aber empfand er in dieſem Augenblicke keine Luſt, ſich der Thür des Kraals zu nähern. Das zornige Grollen, welches ſich von innen hören ließ, würde ſelbſt ein tapfereres Herz als Swartboy's vor Furcht haben erbeben laſſen. In dieſer Verlegenheit kam Hendrik ihm zu Hilfe. Hendrik hatte ſich ein Mittel ausgeſonnen, in den Beſitz der Schnur zu gelangen, ohne ſich der Thür zu nähern. Nachdem er Swartboy zugerufen, auf ſeiner Hut zu ſein, ritt er bis auf dreißig Schritte auf den Eingang zu— aber auf der Seite, die der, auf welcher Swartboy ſich befand, entgegengeſetzt war, und machte dann Halt. An dieſer Stelle ſtand ein Pfahl mit mehreren Gabeln, welcher zum Anbinden der Pferde gedient hatte. Hendrik ſtieg ab, legte den Zügel ſeines Pferdes über eine dieſer Gabeln, ſeine Kugelbüchſe auf eine zweite, zielte nach dem Schafte des Pfeiles und gab Feuer. Die Büchſe knallte, der zerſchoſſene Stecken flog aus der Thür heraus und die Schnur war los. Alle machten ſich fertig, in's Weite hinaus zu galoppiren, der Löwe aber blieb, obſchon er furcht⸗ bar brüllte, als er den Schuß hörte, in ſeinem Verſteck. — 108— Nun zog Swartboy die Schnur an ſich, befeſtigte ſie an einen friſchen Pfeil und ritt dann ein Stück weiter, um das Fenſter richtig vor ſich zu haben. Binnen wenigen Minuten pfiff der Pfeil durch die Luft und fuhr tief in das weiche Holz hinein, und dann drehte ſich der Laden in ſeinen Angeln herum und ward zugeworfen. Nun ſtiegen alle Drei von den Pferden, eilten ſtill und raſch hinzu und befeſtigten Thür und La⸗ den mittelſt ſtarker Riemen von ungegerbtem Leder. Hurrah! der Löwe war im Käfig. Elftes Kapitel. Der Tod des Löwen. Ja, das wüthende Thier war nun richtig in der Falle. Die drei Jäger athmeten frei auf. Wie aber ſollte die Sache enden? Sowohl die Thür als auch der Fenſterladen ſchloſſen dicht und feſt, und obſchon es möglich war, durch die Ritzen zu ſehen, ſo konnte man doch Nichts erſpähen, da es in Folge des Schließens der Thür und des Ladens im Innern vollſtändig finſter war. Aber wenn man auch den Löwen hätte ſehen können, ſo war doch kein Loch vorhanden, durch welches man die Mündung eines Gewehres hätte hineinſtecken und auf ihn feuern können. Er war gerade eben ſo ſicher als ſeine Feinde, und ſo lange als die Thür geſchloſſen blieb, konnten ſie ihm nicht mehr Schaden thun als er ihnen. — 110— Sie konnten ihn eingeſperrt laſſen und dem Hungertode preisgeben. Eine Weile hatte er allerdings noch an dem zu zehren, was die Schakals übrig gelaſſen, ſo wie an den Kadavern der beiden Hunde. Dies konnte ihn jedoch nicht lange erhalten und am Ende hätte er elend umkommen müſſen. Reiflich erwogen, ſchien dies jedoch dem Boer und ſeinen Begleitern nicht ſo ganz ausgemacht zu ſein. Wenn der Löwe merkte, daß er in allem Ernſte eingeſperrt war, ſo machte er vielleicht einen Angriff auf die Thür und bahnte ſich mit ſeinen ſcharfen Klauen und Zähnen einen Ausweg. Der erbitterte Boer aber beabſichtigte nicht im Mindeſten, dem Löwen eine ſolche Gelegenheit übrig zu laſſen. Er war entſchloſſen, das Thier zu tödten, ehe er vom Platze ginge, und begann zu überlegen, wie dies auf die ſchleunigſte und wirkſamſte Weiſe in's Werk geſetzt werden könnte. Anfangs dachte er mit ſeinem Meſſer ein Loch in die Thür zu ſchneiden, welches groß genug wäre, um hindurch ſehen zu können, und den Lauf ſeiner Büchſe hindurch zu ſtecken. Gelänge es ihm nicht, durch dieſes eine Loch das Thier zu Geſicht zu bekom⸗ men, ſo wollte er ein zweites in den Fenſterladen machen. Da beide ſich auf an einander ſtoßenden 3 — 111— Seiten des Hauſes befanden, ſo mußte er dadurch einen Ueberblick über das ganze Innere erhalten, denn die frühere Wohnung des Boer beſtand aus einem einzigen Gemache. Während ſeines Aufent⸗ haltes hier war mittelſt einer Scheidewand von Zebra⸗ fellen der Raum in zwei Gemächer getheilt geweſen. Dieſe Scheidewand aber war jetzt entfernt, und es „war nun wieder nur ein einziges Gemach vor⸗ handen. Anfangs konnte van Bloom ſich auf kein anderes Mittel beſinnen, um ſeinem Feinde Etwas anzuhaben, und dennoch gefiel ihm dieſes eine nicht ſo recht. Es war allerdings ein ziemlich ſicheres, und konnte, wenn es ausgeführt wurde, nur den Tod des Löwen zur Folge haben. Ein Loch ſowohl in Thür als in Fenſterladen mußte ſie in den Stand ſetzen, ſo viele Kugeln, als ihnen beliebte, auf das Thier abzufeuern, während ſie gegen einen Angriff von ihm vollkom⸗ men ſichergeſtellt waren. Die Zeit aber, welche nöthig war, um dieſe Löcher zu ſchneiden— dies war es, weßhalb der Plan dem Boer nicht gefiel. Er und ſeine Begleiter hatten keine Zeit zu ver⸗ lieren; ihre Pferde waren kraftlos vor Hunger und ſie hatten noch eine lange Reiſe vor ſich, ehe ein Biſſen Futter erlangt werden konnte. Nein,— es war nicht ſo viel Zeit übrig, als zum Einſchneiden — — 112— der Löcher nöthig war, und man mußte daher auf eine ſchleunigere Angriffsmethode ſinnen. „Vater,“ ſagte Hendrik,„wie wäre es, wenn wir das Haus in Brand ſteckten?“ Gut. Der Vorſchlag war gar nicht übel. Van Bloom richtete ſeine Blicke auf das Dach hinauf. Es war ein ſchräg ablaufendes Bauwerk mit langen Traufen. Es beſtand aus ſchweren Balken trockenen Holzes mit Latten und Querſparren und war mit einer einen Fuß hohen Binſenſchicht gedeckt. Es mußte eine furchtbare Flamme geben, und wahr⸗ ſcheinlich erſtickte der Rauch den Löwen, ehe noch das Feuer ihn wirklich erreichen konnte. Hendrik's Vorſchlag ward deßhalb angenommen und Anſtalt getroffen, das Haus in Brand zu ſtecken. Es war noch eine große Quantität Feuerholz da, welches die Heuſchrecken nicht verzehrt hatten. Dieſes ſetzte ſie in den Stand, ihre Abſicht auszu⸗ führen, und alle Drei begannen ſofort das Holz herbeizuſchleppen und vor der Thür aufzuthürmen. Man hätte meinen ſollen, der Löwe habe ihre Abſicht errathen, denn obſchon er ſich eine lange Weile vollkommen ruhig verhalten, begann er doch jetzt von Neuem zu brüllen. Vielleicht hatte das Geräuſch der außen an die Thür anſchlagenden Holz⸗ ſcheite ihn herbeigelockt und er hatte nun geſehen, — 113— daß die Thür zu und er eingeſperrt war. Der Ort, den er zum Schutze aufgeſucht, war in eine Falle verwandelt worden, und es lag ihm natürlich alles Mögliche daran, herauszukommen. Dies verrieth ſich durch die Demonſtrationen, die er zu machen begann. Man hörte ihn hin und her rennen— von der Thür nach dem Fenſter, und an beide mit ſeinen ungeheuren Tatzen anſchlagen, ſo daß ſie in ihren Angeln erzitterten, während er ein ununterbrochenes hölliſches Gebrüll hören ließ. Obſchon nicht ohne einige Befürchtungen, ſetzten die Drei doch ihre Arbeit fort. Sie hatten ihre Pferde zur Hand und hielten ſich bereit, ſofort auf⸗ zuſitzen, im Fall der Löwe ſich den Weg durch das Feuer bahnte. Ueberhaupt hatten ſie die Abſicht, ſich, ſobald das Feuer ordentlich brannte, in den Sattel zu werfen und den Brand des Hauſes aus ſicherer Entfernung zu beobachten. Sie hatten nun alles trockene Holz herbeige⸗ ſchleppt und vor der Thür aufgehäuft. Swartboy hatte Stahl und Stein aus der Taſche gezogen und ſtand im Begriff, Feuer anzuſchlagen, als man ein lautes Kratzen inwendig hörte, welches ganz verſchie⸗ den von dem war, welches bis jetzt zu ihren Ohren gedrungen. Es war das Scharren der Löwentatzen an der Mauer, aber es hatte einen ſeltſamen Ton, Die Buſchknaben. I. 8 — 114— ſo, als ob das Thier ſich heftig ſträubte, und gleich⸗ zeitig ſchien ſeine Stimme heiſer und gedämpft zu ſein und aus weiter Ferne zu kommen. Was machte denn das Thier? Der Boer und ſeine Begleiter ſtanden einen Augenblick lang da und ſahen einander fragend an. Das Kratzen oder Scharren dauerte fort— das heiſere Grollen oder Grunzen ließ ſich ebenfalls in Zwiſchenräumen vernehmen, endlich aber verſtummte es, und dann ließ ſich ein Schnauben und gleich darauf ein ſo lautes und helles Gebrüll hören, daß alle Drei erſchrocken zuſammenfuhren. Sie konnten nicht glauben, daß die Mauern ſich noch zwiſchen ihnen und ihrem gefährlichen Feinde befänden. Wieder hallte das entſetzliche Gebrüll. Großer Himmel! Es kam nicht mehr von innen— ſondern von oben, über ihnen! War der Löwe auf dem Dache? Alle prallten einige Schritte zurück und ſchauten hinauf. Ein Anblick bot ſich ihnen dar, der ihnen vor Ueberraſchung und Schrecken faſt die Sprache raubte. 4 Oberhalb des Eſſenkopfes zeigte ſich der Kopf des Löwen, und ſeine funkelnden gelben Augen und weißen Zähne traten im Gegenſatze mit dem ſchwar⸗. zen Ruße, mit dem er bedeckt war, nur um ſo greller 2 7 — 115— hervor. Er zerrte ſeinen Leib nach. Eine Tatze hatte er ſchon auf den Eſſenrand herausgelegt und mit dieſer und ſeinen Zähnen erweiterte er die Oeff⸗ nung, die ihn eingeſchloſſen hielt. Es war ein furchtbares Schauſpiel— wenig⸗ ſtens für Die, welche unten ſtanden. Sie waren in der That erſchrocken, wie bereits geſagt worden, und würden ſich ſofort auf ihre Pferde geworfen haben, wenn ſie nicht bemerkt hät⸗ ten, daß das Thier feſtſtak. Es war augenſcheinlich, daß dies der Fall war, aber eben ſo augenſcheinlich war, daß es ihm binnen wenigen Minuten gelingen würde, ſich aus dem Schornſteine herauszuarbeiten. Seine Zähne und Tatzen waren mit Erfolg thätig und die Steine und der Mörtel flogen nach allen Richtungen umher. Es konnte nicht lange dauern, ſo war der Eſſenkopf bis unterhalb der breiten Bruſt des Thieres zertrümmert, und dann— Van Bloom überlegte nicht lange, was dann geſchehen würde. Er und Hendrik eilten, mit den Büchſen in der Hand, ſofort an den Fuß der Mauer. Der Schornſtein war nur etwa zwanzig Fuß hoch und das lange Feuerrohr des Boers reichte, als es emporgerichtet ward, beinahe bis auf die Hälfte dieſer Diſtanz hinauf. Hendrik legte ſeine Büchſe ebenfalls an. Beide feuerten zu gleicher Zeit. Die Augen des — 116— Löwen ſchloſſen ſich plötzlich, ſein Kopf zitterte krampf⸗ haft, ſeine Tatze ſank kraftlos über den Eſſenrand herab, ſeine Kinnbacken öffneten ſich und Blut tröpfelte ihm die Zunge herab. In wenigen Augenblicken war er todt. Dies war Allen klar. Swartboy jedoch war nicht eher zufriedengeſtellt, als bis er ungefähr ein halbes Schock ſeiner Pfeile nach dem Kopfe des Thieres abgeſchoſſen, ſo daß es bald ausſah wie ein Stachelſchwein. Das ungeheure Thier hatte ſich ſo feſt einge⸗ zwängt, daß es ſelbſt nach dem Tode in ſeiner dägen⸗ thümlichen Situation verharrte. Unter anderen Umſtänden würde man den ge⸗ tödteten Löwen um ſeiner Haut willen hinuntergezerrt haben. Es war jedoch keine Zeit übrig, ihn abzu⸗ häuten, und ohne weiteren Verzug ſtiegen van Bloom und ſeine Begleiter auf ihre Pferde und ritten fort. Zwölftes Kapitel. Ein Geſpräch über Löwen. Als die Reiter ſich wieder auf dem Rückwege nach ihrem Lager befanden, unterhielten ſie ſich mit einander über Löwengeſchichten, um die Zeit zu ver⸗ treiben. Alle wußten Etwas von dieſen Thieren zu erzählen, Swartboy aber, der im Walde gleichſam mitten unter den Löwen geboren und erzogen worden, kannte natürlich die Lebensweiſe dieſer Thiere am beſten, beſſer ſogar als der große Naturforſcher Buffon. Die perſönliche Erſcheinung eines Löwen be⸗ ſchreiben, wäre eine Vergeudung von Worten. Jeder, welcher leſen kann, muß den Löwen von Anſehen kennen, entweder weil er einen lebendigen in einer Menagerie oder wenuigſtens einen ausgeſtopften in * — 118— einem Muſeum geſehen. Jeder kennt die Geſtalt dieſes Thieres und ſeine große zottige Mähne. Jeder weiß überdies, daß das Weibchen ohne dieſes An⸗ hängſel iſt und in Größe und Form ſich weſentlich von dem Männchen unterſcheidet. Obſchon es nicht zwei Species von Löwen giebt, ſo giebt es doch mehrere ſogenannte Varietäten, die ſich aber ſehr wenig von einander unterſcheiden— weit weniger als die Varietäten der meiſten andern Thiere. Es giebt ſieben anerkannte Varietäten. Dieſe ſind: der Löwe der Berberei, der Löwe vom Senegal, der indiſche Löwe, der perſiſche Löwe, der gelbe Cap⸗ löwe, der ſchwarze Caplöwe und der mähnenloſe Löwe. Der Unterſchied unter dieſen Thieren iſt nicht ſo groß, daß man nicht auf das flüchtige Anſehen hin ſie Alle für einer und derſelben Gattung angehörig halten ſollte. Die perſiſche Varietät iſt etwas kleiner als die andern. Der Löwe der Berberei iſt dunkel⸗ brauner mit einer ſchweren Mähne; der Löwe vom Senegal iſt von hellglänzender gelber Farbe mit einer dünnen Mähne, während der mähnenloſe Löwe, wie ſchon ſein Name andeutet, dieſes Schmuckes entbehrt. Das Vorhandenſein dieſer letzten Gattung wird von — — 119— einigen Naturforſchern bezweifelt; ſie ſoll aber, wie man ſagt, in Syrien gefunden werden. Die beiden Caplöwen unterſcheiden ſich haupt⸗ ſächlich durch die Farbe der Mähne. Bei dem einen iſt ſie ſchwarz oder dunkelbraun— bei dem andern ſchmutzig⸗gelb, wie der übrige Theil des Körpers. Von allen Löwen ſind die ſüdafrikaniſchen vielleicht die größten und die ſchwarze Varietät die wildeſte und gefährlichſte. Die Löwen bewohnen den ganzen afrikaniſchen Continent und die ſüdlichen Länder Aſiens. Auch in gewiſſen Gegenden Europa's waren ſie früher heimiſch, wo ſie jedoch jetzt nicht mehr an⸗ getroffen werden. In Amerika giebt es keine Löwen. Das in ſpaniſch⸗amerikaniſchen Ländern als Löwe bekannte Thier iſt der Cougar oder Puma(felis concolor), der kaum das Drittel der Größe des Löwen erreicht und dem Könige der Thiere nur darin gleicht, daß er von derſelben dunkeln Farbe iſt. Der Puma gleicht einem jungen Löwen von etwa ſechs Monaten. Afrika iſt vorzugsweiſe das Land des Löwen. Man findet ihn in der ganzen Ausdehnung dieſes Continents, natürlich mit Ausnahme einiger dicht⸗ bewohnten Gegenden, wo er durch den Menſchen verſcheucht worden iſt. Man hat den Löwen den König des Waldes 8.‿ 4 — 120— genannt. Dieſe Benennung iſt jedoch eine nicht recht paſſende. Er iſt eigentlich kein Waldthier. Er kann nicht die Bäume erklettern, und würde ſich daher im Walde weniger bequem ſeine Nahrung verſchaffen, als auf der offenen Ebene. Der Panther, der Jaguar und der Leopard ſind ſämmtlich Baumkletterer. Sie „können den Vogel bis in ſein Neſt und den Affen bis zu ſeinem höchſten Sitze verfolgen. Der Wald iſt ihre eigentliche Heimath. Sie ſind Waldthiere. Nicht ſo iſt es mit dem Löwen. Die offenen Ebenen, wo die großen Wiederkäuer umherſtreifen, und die niedrigen buſchigen Dickichte, welche dieſe Ebenen einſäumen, ſind die Regionen, in welchen der Löwe ſich am liebſten aufhält. Er nährt ſich von Fleiſch— dem Fleiſche vieler Arten von Thieren, obſchon er, je nach dem Lande, in welchem er gefunden wird, ſeine beſonderen Lecker⸗ biſſen hat. Er tödtet dieſe Thiere ſelbſt. Die Ge⸗’ ſchichte von dem Schakal, von welchem man ſagt, er ſei ſein Lieferant und tödte ihm die Thiere, die er freſſen will, iſt nicht wahr. Weit öfter verforgt er die herumſchleichenden Schakals mit einer Mahlzeit. Dies iſt der Grund, weßhalb man ſie oft in ſeiner Geſellſchaft ſieht, welche ſie lieben, um die Broſamen aufzuleſen, die von ſeinem Tiſche fallen. Der Löwe ſchlachtet alſo, wie geſagt, ſeine Beute — 121— ſelbſt, obſchon er Nichts dagegen hat, wenn ein anderes Thier dies für ihn thut, ſo daß er dem Wolfe, dem Schakal oder der Hyäne, ja ſelbſt dem Jäger, wenn es ihm möglich iſt, die gemachte Beute ohne weitere Umſtände abnimmt. Der Löwe iſt kein ſehr ſchneller Läufer und faſt alle wiederkäuenden Thiere thun es ihm in dieſer Beziehung zuvor. Aber auf welche Weiſe fängt er ſie denn? Durch Liſt, durch die Schnelligkeit ſeines An⸗ griffs und durch die Länge ſeines gewaltigen Sprunges. Er liegt auf der Lauer oder ſchleicht ſich an ſie heran. Aus ſeinem Verſteck ſpringt er hervor. Sein eigen⸗ thümlicher anatomiſcher Bau ſetzt ihn in den Stand, eine ungeheure, faſt unglaubliche Diſtanz zu über⸗ ſpringen. Reiſende behaupten, ein ſolcher Sprung betrage zuweilen ſechzehn Schritte in der Länge, und wollen ſelbſt Augenzeugen davon geweſen ſein und die Diſtanz ſorgfältig gemeſſen haben. Gelingt es dem Löwen nicht, ſeine Beute auf den erſten Sprung zu faſſen, ſo verfolgt er dieſelbe nicht weiter, ſondern dreht ſich herum und trabt in entgegengeſetzter Richtung davon. Zuweilen jedoch verlockt ihn die gewünſchte Beute, einen zweiten, ja ſogar einen dritten Sprung zu thun. — 122— Gelingt es ihm ſelbſt dann nicht, die Beute zu faſſen, ſo verzichtet er ganz gewiß darauf. Der Löwe lebt nicht in Heerden„obſchon man oft deren zehn bis zwölf beiſammen ſieht. Zuweilen jagen ſie in Geſellſchaft und treiben einander die Beute zu.. Sie überfallen und tödten alle anderen Gat⸗ tungen von Thieren, welche das Land um ſie herum bewohnen, und ſelbſt das ſtarke Rhinoceros fürchten ſie nicht, obſchon dieſes ſie oft beſiegt. Junge Ele⸗ phanten fallen ihnen ebenfalls zuweilen zur Beute. Der wilde Büffel, die Giraffe, das große Elenthier und das ſonderbar geſtaltete Gnu müſſen Alle der gewaltigeren Kraft und dem ſcharfen Gebiſſe des Loöwen unterliegen. Dennoch iſt er nicht ſtets Sieger über dieſe Thiere. Zuweilen wird er durch Eins oder das Andere von ihnen überwunden und wird ſelbſt zum Schlachtopfer. Zuweilen verenden beide Kämpfer auf dem Platze. Einen Erwerbszweig macht Niemand aus der Löwenjagd. Das, was man von ihm erbeutet, hat keinen Werth. Für die Haut wird nur ſehr wenig bezahlt und andere Trophäen von irgend einem Werthe ſind von ihm nicht zu erlangen. Da die Jagd auf ihn von vielen Gefahren begleitet iſt und 1 8 1 — 123— der Jäger, wie ſchon geſagt worden, ihm, wenn er ſonſt wünſcht, aus dem Wege gehen kann, ſo würden ee Löwen erlegt werden, wenn ſie nicht einer mißliebigen Gewohnheit ergeben wären, nämlich den Veeboer ſeiner Pferde und Rinder zu be⸗ en. Dies natürlich ruft eine neue Leidenſchaft 1 ch— die Rache des Landwirths, und aus dieſem Grunde wird der Löwe in manchen Gegenden mit großem Eifer und unerbittlicher Ausdauer gejagt. Wo jedoch keine Viehwirthſchaften beſtehen, iſt auch kein ſolcher Grund vorhanden und man hat an der Jagd dieſes Thieres nur wenig Intereſſe. Noch ſeltſamer iſt, daß die Buſchmänner und andere arme Völkerſtämme den Löwen gar nicht oder doch nur ſehr ſelten tödten. Sie betrachten ihn überhaupt nicht als einen Feind, ſondern als einen Verſorger und Lieferanten. Hendrik, der hiervon gehört hatte, fragte Swartboy, ob es wahr wäre. Der Buſchmann ant⸗ wortete ſofort bejahend. Seine Stammesgenoſſen, ſagte er, pflegten den Löwen zu belauſchen oder ſeiner Spur zu folgen, bis ſie ihn entweder ſelbſt oder die Beute erreichten, die er getödtet. Zuweilen wären die Geier ihre Führer. Wenn der Tao, wie der Löwe in der Buſchmann⸗ ſprache heißt, noch zur Stelle oder mit ſeiner Mahl⸗ — 122— zeit noch nicht fertig ſei, pflegten ſeine Nachſpürer zu warten, bis er fortgehe, worauf ſie ſich dann näher ſchlichen und ſich den Ueberreſt der Beute an⸗ eigneten. Oft ſei dies die Hälfte, manchmal auch drei Viertheile irgend eines großen Thieres, deſſen Tödtung ihnen viel Mühe verurſacht haben würde. Da die Buſchmänner wiſſen, daß der Löwe ſie ſelten angreift, ſo fürchten ſie ſich auch nicht ſehr vor ihm. Im Gegentheil freuen ſie ſich vielmehr, die Löwen in ihrem Diſtricte recht zahlreich zu ſehen, weil ſie dann mit Jägern verſehen ſind, die recht wohl dazu taugen, ihnen ihren Bedarf an Fleiſch zu liefern. Dreizehntes Kapitel. — Die Reiſenden werden von der Nacht überraſcht. Unſere Reiſenden würden ſo noch weit mehr über Löwen geſprochen haben, wenn der Zuſtand ihrer Pferde ein beſſerer geweſen wäre. Dieſer aber erfüllte ſie mit Unruhe. Mit Ausnahme eines kurzen Graſens von wenigen Stunden hatten die armen Thiere ſeit dem Erſcheinen der Heuſchrecken kein Futter gehabt. Pferde, die bloß mit Gras gefüttert worden, ſind nicht wohl im Stande, auf der Reiſe lange auszuhalten. Es ließ ſich erwarten, daß die Nacht ſchon weit vorgerückt ſein würde, wenn die Reiter ihr Lager wieder erreichten, obſchon ſie ſo raſch ritten, als die Pferde zu gehen vermochten. Es war ſchon ganz fitiſter, als ſie an der Stelle anlangten, wo ſie am Abend vorher Halt gemacht. — 126— Es war wirklich ſehr finſter. Weder Mond noch Sterne waren am Himmel zu ſehen und dicke ſchwarze Wolken bedeckten den ganzen Himmel. Es ſah aus, als wenn ein heftiger Regen zu erwarten ſtünde, doch war bis jetzt noch keiner gefallen. Die Abſicht der Reiſenden war, an dieſem Platze Halt zu machen und ihre Pferde ein wenig graſen zu laſſen. In dieſer Abſicht ſtiegen Alle ab, konnten aber, trotzdem ſie an mehrern Stellen ſuchten, kein Gras finden. Dies ſchien ſehr ſeltſam zu ſein, da ſie doch am Tage zuvor gerade an dieſer Stelle deſſen bemerkt hatten. Jetzt dagegen war keins mehr da. Die Pferde hielten die Naſen auf den Boden nieder, hoben ſie aber wieder in die Höhe und ſchnaubten mit dem unverkennbaren Ausdrucke der getäuſchten Erwartung. Sie waren ſo hungrig, daß ſie ſelbſt das kümmerlichſte Gras gefreſſen hätten, wenn welches dageweſen wäre, denn ſie haſchten be⸗ gierig im Vorbeigehen nach den Blättern der Büſche. Waren die Heuſchrecken auch hier geweſen? Nein. Die Mimoſenbüſche hatten noch ihr zartes Laubwerk, was nicht der Fall geweſen wäre, wenn die Heuſchrecken den Platz beſucht hätten. Unſere Reiſenden waren erſtaunt, daß kein Gras vorhanden war. Am Tage zuvor war deſſen da⸗ — 127— geweſen. Waren ſie vielleicht auf einen Abweg ge⸗ rathen? 1 Die Finſterniß erlaubte ih rain genau in Augenſchein zu neh konnte van Bloom ſich nicht geir, denn er war dieſen Weg ſchon vier Mal gereiſ't. Obſchon er die Fläche des Bodens nicht ſehen konnte, ſo er⸗ blickte er doch hier und da einen Baum oder einen Buſch, den er auf ſeinen früheren Reiſen bemerkt, und dieſe Kennzeichen machten ihn ſicher, daß er noch auf dem richtigen Wege ſei. Erſtaunt über den Mangel an Gras an einer Stelle, wo ſie noch kürzlich dergleichen bemerkt hat⸗ ten, würden ſie die Fläche des Bodens gern noch ſorgfältiger unterſucht haben. Vor allen Dingen aber lag ihnen daran, ihren Weg nach der Quelle weiter fortzuſetzen, und ſie gaben daher den Ge⸗ danken, hier Halt zu machen, endlich ganz auf. Das Waſſer in ihren Kürbißflaſchen war ſchon längſt ausgetrunken und ſie litten eben ſo wie ihre Pferde wieder großen Durſt. Ueberdies war van Bloom nicht ohne Beſorgniß wegen der bei dem Wagen zurückgebliebenen Kinder. Er hatte ſie nun ſeit anderthalb Tagen verlaſſen, und in dieſer Zeit konnte ſo Manches ſich ereignet, ſo manche Gefahr ſich herausgeſtellt haben. Er begann icht, das Ter⸗ aber dennoch er zu machen, daß er ſie er wäre es geweſen, ſein Vieh ken. So dachte er jetzt. Eine ind Etwas vorgegangen ſein müſſe, Gemüthe immer mehr Raum, und er ſuchte daher ſo raſch als möglich vorwärts zu kommen. Sie ritten ſchweigend weiter. Erſt als Hendrik einen Zweifel in Bezug auf die Richtung des Weges ausſprach, begann die Unterredung wieder. Swartboy meinte ebenfalls, daß ſie ſich nicht mehr auf dem richtigen Wege befänden. Anfangs verſicherte ihnen van Bloom, daß ſie noch immer die rechte Richtung hätten. Nachdem ſie aber noch eine Strecke weiter geritten waren, gab er ſelbſt zu, daß die Sache ihm zweifelhaft erſcheine, und nachdem ſie eine fernere halbe Meile zurückgelegt, erklärte er geradezu, daß er die Spur verloren. Er war nicht mehr im Stande, eins der Kennzeichen zu bemerken, nach welchen er ſich ſeither gerichtet. Das Beſte, was unter ſolchen Umſtänden geſchehen konnte, wax, die Pferde ſich ſelbſt zu überlaſſen. Die Thiere litten aber großen Hunger, und hätte man ſie ſich ſelbſt überlaſſen, ſo würden ſie nicht weiter gegangen ſein, ſondern ſich auf die Mimoſenbüſche geſtürzt haben, um heißhungrig die Blätter derſelhen zu ver⸗ dehren⸗ allein gelaſſen. umkommen zu Ahnung, da gewann in — 129— Die Folge hiervon war, daß die Reiter ſie mit Peitſche und Sporn in Gang halten mußten und deßhalb nicht die Gewißheit hatten, daß die Pferde auch die rechte Richtung verfolgten. Nachdem man ſo mehrere Stunden auf's Unge⸗ wiſſe hin weiter geritten war und noch immer weder Wagen noch Lagerfeuer ſich zeigte, beſchloſſen die Reiſenden, Halt zu machen. Es konnte Nichts nützen, weiter zu reiſen. Sie glaubten nicht mehr weit vom Lager zu ſein, konnten aber nicht wiſſen, ob ſie ſich, wenn ſie weiter ritten, ihm näherten oder davon ent⸗ fernten, und kamen daher zu dem Schluſſe, daß es klüger ſein würde, zu bleiben wo ſie wären, bis der Tag anbräche. Sie ſtiegen daher Alle ab und banden ihre Pferde an die Büſche, um ſie bis zum Morgen, der nun nicht mehr fern ſein konnte, an den Blättern nagen zu laſſen. Dann wickelten ſie ſich in ihre Karoſſe und legten ſich auf den Boden nieder. Hendrik und Swartboy ſchliefen ſehr bald ein. Van Bloom würde auch geſchlafen haben, denn er war ſehr müde, aber ſein Vaterherz war zu voll von bangen Befürchtungen, als daß die Ruhe ſich auf ſeine Augen hätte niederſenken können, und er war daher wach und wartete auf den Tagesanbruch. Die Buſchknaben. I. 9 — 130— Endlich kam dieſer, und bei dem erſten Licht⸗ ſchimmer überſchaute der Boer die Fläche des um⸗ liegenden Landes. Sie hatten zufällig auf einer Anhöhe Halt gemacht, welche eine meilenweite Auss⸗ ſicht nach allen Seiten hin geſtattete; aber kaum hatte ſein Auge die Hälfte dieſes Ringes durchlaufen, als ſich ihm ein Gegenſtand zeigte, der ſein Herz mit Freuden erfüllte. Es war die weiße Plane des Wagens. Der Freudenruf, den er ausſtieß, erweckte die Schläfer, welche ſofort aufſprangen, und dann ſtan⸗ den alle Drei neben einander und weideten ſich an dem willkommenen Anblicke. Während ſie ſo hinſchauten, gab ihre Freude allmählig Gefühlen der Ueberraſchung Raum. War es auch wirklich ihr Wagen? Allerdings ſah er wie der ihre, aber er war eine volle halbe Meile entfernt, und in einer ſolchen Entfernung ſieht ein Wagen ſo ziemlich wie der andere. Was aber bewog ſie, zu bezweifeln, daß dies der ihrige ſei? Es war dies das Ausſehen des Platzes, auf welchem ſie ihn erblickten. Ganz gewiß war dies nicht derſelbe Platz, auf wel⸗ chem ſie ausgeſpannt hatten. Ihren Wagen hatten ſie in einem länglichen — 4131— Thale zwiſchen zwei ſanften Anhöhen ſtehen laſſen, und in einem ſolchen Thale ſtand auch dieſer. Nicht weit davon hatte ſich ein kleiner, von einer Quelle gebildeter Teich befunden. Ein ſolcher war auch hier vorhanden, denn ſie bemerkten, wie das Waſſer glänzte. In jeder anderen Hinſicht aber war die Umgebung eine andere. Die Fläche des Thales, in welchem ſie ihren Wagen verlaſſen, war ſowohl an den Abhängen als auf dem Boden mit einem grünen Grasteppich bedeckt geweſen, wogegen das jetzt vor ihren Augen liegende Thal braun und nackt war. Nicht ein einziger Grashalm war zu ſehen und die Bäume ſchienen noch die einzigen Gegenſtände zu ſein, die etwas Grünes aufzuweiſen hatten. Selbſt die niedrigen Gebüſche ſchienen ihres Laubes beraubt zu ſein. Die Gegend hatte deßhalb keine Aehnlichkeit mit der, wo ſie ausgeſpannt hatten, und ſie meinten, es müſſe das Lager irgend einer anderen Reiſegeſellſchaft ſein. Eben waren ſie zu dieſem Schluſſe gekommen, als Swartboy, deſſen Augen nach allen Richtungen umhergerollt waren, ſie jetzt auf den Boden zu ſei⸗ nen Füßen heftete. Nachdem er einen Augenblick herabgeſchaut, was ihm durch das immer höher ſtei⸗ gende Tageslicht erleichtert ward, wendete er ſich plötzlich zu den Anderen und lenkte ihre Aufmerkſam⸗ 9 ½ N — 132 keit auf die Bodenfläche der Ebene. Dieſe war, wie ſie nun bemerkten, mit Spuren bedeckt, als ob tau⸗ ſend Hufe darüber hin gegangen wären. Das Aus⸗ ſehen des Bodens war mit Einem Worte wie das einer ungeheuern Schafhürde, einer ſo ungeheuern, daß, ſo weit ihr Auge reichte, ſie überall dieſe Spu⸗ ren von Huftritten ſahen. Was hatte dies zu bedeu⸗ ten? Hendrik wußte es nicht. Van Bloom war in Zweifel. Swartboy dagegen konnte es auf den erſten Blick ſagen. Ihm war die Sache nichts Neues. „Es iſt Alles richtig, Baas,“ ſagte er, zu ſei⸗ nem Herrn aufblickend.„Das dort iſt der alte Wagen — es iſt dieſelbe Quelle und daſſelbe Thal— der⸗ ſelbe Ort— es iſt ein Zug Springböcke dageweſen.“ „Springböcke!“ riefen van Bloom und Hendrik in Einem Athem. „Ja, Baas— und nicht wenige. Das ſind die Spuren von Antilopen— ſchauet nur her!“ Nun war van Bloom Alles klar. Die Nacktheit des Landes, der Mangel an Laub an den niedrigeren Gebüſchen, die Millionen kleiner Hufſpuren— Alles war jetzt erklärt. Eine Wanderung der Springbock⸗ antilope, ein ſogenannter Boken-trek, wie die Hollän⸗ der es nennen, war hier vorübergegangen. Dieſer war es, was dieſe gewaltige Veränderüng herbei⸗ geführt, und der Wagen, den ſie ſahen, war wirklich . * — 133— der ihre. Sie verloren keine Zeit, ſondern banden ihre Pferde los, zäumten ſie auf und ritten raſch den Hügel hinunter. Obſchon durch den Anblick des Wagens erfreut, hegte van Bloom doch immer noch bange Befürch⸗ tungen. So wie ſie näher kamen, erblickten ſie die bei⸗ den Pferde, welche, an die Räder gebunden, neben dem Wagen ſtanden. Die Kuh war ebenfalls da, aber von den Ziegen oder Schafen war Nichts zu ſehen. 3 Hinter dem Wagen brannte ein Feuer und unter dem Wagen lag eine ſchwarze Maſſe, von menſch⸗ lichen Geſtalten jedoch war Nichts zu ſehen. Den Reitern klopfte das Herz gewaltig, als ſie vollends heranritten. Ihre Augen waren unver⸗ wandt auf den Wagen geheftet. Sie waren jetzt nur noch etwa dreihundert Schritte entfernt, und immer noch rührte ſich Nichts und keine menſchliche Geſtalt kam zum Vorſchein. Ban Bloom und Hendrik waren außer ſich vor Angſt. 4 In dieſem Augenblicke begannen die beiden an den Wagen angebundenen Pferde laut zu wiehern. Die dunkle, unter dem Wagen liegende Maſſe wälzte ſich hervor und richtete ſich auf. Es war Totty. Und jetzt ward auch der Hintertheil der Wagen⸗ 1 — 134— plane raſch beiſeite gezogen und es ſchauten drei jugendliche Geſichter heraus. Die Reiter ſtimmten einen Freudenruf an, und einen Augenblick ſpäter ſprangen der kleine Jan und Trudchen aus dem Wagen heraus in die Arme ihres Vaters, während die wechſelſeitigen Begrüßungen zwiſchen Hans und Hendrik, Swartboy und Totty einige Augenblicke lang einen Auftritt von ganz un⸗ beſchreiblicher freudiger Verwirrung hervorbrachten. Vierzehntes Kapitel. Die Wanderung der Antilopen. Die in dem Lager Zurückgebliebenen hatten eben⸗ falls ihre Abenteuer gehabt, und ihre Geſchichte war keineswegs eine erfreuliche, denn ſie enthielt die ſehr unangenehme Thatſache, daß die Schafe und Ziegen Alle fort waren. Dieſe Heerde war auf eine höchſt eigenthümliche Weiſe entführt worden, und es war wenig Hoffnung vorhanden, daß man ſie jemals wiederſehen würde. 3 Hans begann ſeinen Bericht folgendermaßen: „An dem Tage, wo Ihr uns verließet, fiel nichts Ungewöhnliches vor. Ich war den ganzen Nachmittag beſchäftigt, einige Weißdornſtangen zum Herrichten eines Kraals abzuſchneiden. Totty half ſie mir mit zur Stelle ſchleppen, während Jan und — 136— Trudchen die Heerde hüteten. Die Thiere gingen nicht aus dem Thale hinaus, denn das Gras war gut und ſie waren in der letzten Zeit ja ohnehin genug gelaufen. „Alſo, Totty und ich machten den Kraal, wie Ihr ſehet, fertig. Als der Abend kam, trieben wir die Heerde hinein, und nachdem wir die Kuh gemol⸗ ken und unſer Abendbrot verzehrt, gingen wir Alle zu Bette. Wir waren ſehr müde und ſchliefen die ganze Nacht, ohne geſtört zu werden. Sowohl Scha⸗ kals als Hyänen waren in der Nähe, aber wir wuß⸗ ten, daß ſie nicht in dieſen Kraal brechen würden.“ Hans zeigte die ſehr gut gebaute kreisförmige Einhegung, welche geſchickt aus Weißdornäſten zu⸗ ſammengefügt war. Dann fuhr er in ſeiner Ge⸗ ſchichte weiter fort: „Am Morgen fanden wir Alles in Ordnung. Totty molk wieder die Kuh und wir frühſtückten. Die Heerde wurde wieder auf die Weide hinaus⸗ gelaſſen und daſſelbe geſchah mit der Kuh und den beiden Pferden. „Gerade um Mittag begann ich zu überlegen, was wir wohl eſſen ſollten, denn beim Frühſtück hatten wir Alles aufgezehrt, was wir noch an Speiſe⸗ vorrath beſaßen. Noch ein Schaf wollte ich nicht gern ſchlachten, wenn es ſich umgehen ließ. Ich . — 137— trug daher Jan und Trudchen auf, in unmittelbarer Nähe des Wagens zu bleiben, befahl Totty, die Heerde im Auge zu behalten, nahm dann meine Flinte und machte mich auf den Weg, um Etwas zu ſchießen. Reiten wollte ich nicht, denn ich glaubte einige Spring⸗ böcke auf der Ebene wahrzunehmen, die man beſſer zu Fuße beſchleichen kann. „Allerdings waren auch wirklich Springböcke da. Als ich aus dem Thale hier herauskam und mich beſſer umſehen konnte, bot ſich mir ein Anblick dar, der mich in nicht geringes Erſtaunen verſetzte. „Ich konnte kaum meinen Augen trauen. Die ganze Ebene nach Weſten zu ſchien eine einzige un⸗ geheure Maſſe von Thieren zu ſein, und an ihren hellgelben Seiten und dem ſchneeweißen Haar auf dem Rücken ſah ich, daß es Springböcke waren. Sie waren Alle in Bewegung, Einige graſ'ten, wäh⸗ rend Hunderte fortwährend volle zehn Fuß hoch in die Luft emporſprangen. Ich verſichere Euch, es war das ſeltſamſte Schauſpiel, welches ſich mir je dargeboten, und auch eins der amüſanteſten, denn ich wußte, daß die Thiere, welche die Ebene bedeck⸗ ten, anſtatt grimmige, reißende Thiere zu ſein, nichts Anderes waren als ſchöne ſchlanke kleine Gazellen. „Mein erſter Gedanke war, mich ihnen zu nähern und eine zu ſchießen, und ich ſtand ſchon im ——— — 138— Begriff, auf die Ebene hinabzueilen, als ich bemerkte, daß die Antilopen auf mich zukamen. Ich ſah, daß ſie ſich mit bedeutender Schnelligkeit näherten, und wenn ich blieb wo ich war, ſo erſparten ſie mir die Mühe des Hingehens. Deßhalb legte ich mich hinter einen Buſch und wartete. „Ich brauchte nicht ſehr lange zu warten. In weniger als einer Viertelſtunde näherten ſich die vorderſten der Heerde und nach noch weiteren fünf Minuten waren etwa zwanzig Stück bis auf Schuß⸗ weite herangekommen. „Ich feuerte immer noch nicht. Ich wußte, daß ſie noch näher kommen würden, und belauerte die Bewegungen dieſer niedlichen Geſchöpfe. Ich ſah ihre ſchlanken, ſchönen Geſtalten, ihre geſchmeidigen Gliedmaßen, ihren zimmetfarbenen Rücken und wei⸗ ßen Bauch mit den kaſtanienbraunen Streifen an der Seite. Ich ſah die lyraförmigen Hörner der Böcke und vor allen Dingen die ſonderbaren Lappen auf ihrem Rücken, die jedes Mal, wenn ſie in die Höhe ſprangen, ſich entfalteten und eine Fülle langen, ſeidenartigen Haares zeigten, welches weiß war wie friſchgefallener Schnee. „Alles Dies beobachtete ich, und endlich der Bewunderung überdrüſſig, nahm ich eine ſchöne Ziege auf's Korn— denn ich dachte an mein Mittageſſen — —. 139— und wußte, daß das Fleiſch der Antilopenziegen ein ungemein ſchmackhaftes iſt. „Nachdem ich ſorgfältig gezielt, feuerte ich. Die Ziege ſtürzte; zu meinem Erſtaunen aber liefen die andern nicht davon. Einige der vorderſten prallten bloß ein wenig zurück oder ſprangen in die Luft empor, gleich darauf aber fuhren ſie fort, ganz un⸗ befangen zu graſen, und die Hauptmaſſe rückte immer weiter vor, wie vorher. „Ich lud, ſo geſchwind als ich konnte, mein Gewehr wieder und ſchoß eine zweite Gazelle— dies Mal einen Bock— jedoch abermals, ohne daß die Uebrigen weiter darüber erſchrocken wären. „Ich begann zum dritten Male zu laden; ehe ich aber damit fertig war, waren die vorderſten Reihen an beiden Seiten an mir vorüber und ich ſah mich mitten in der Heerde. „Ich ſah nun nicht mehr die Nothwendigkeit ein, mich länger hinter dem Buſche zu verbergen, ſondern richtete mich auf die Kniee empor, feuerte auf das Thier, welches mir am nächſten war, und es ſtürzte ebenfalls. Seine Kameraden blieben aber deßwegen nicht ſtehen, ſondern liefen zu Tauſenden über ſeine Leiche hinweg. „Ich lud wieder und ſtand vollends ganz auf. „Jetzt erſt fiel mir ein, über das ſeltſame Ver⸗ — 140— halten der Springböcke nachzudenken, denn anſtatt bei meinem Erſcheinen die Flucht zu ergreifen, ſprangen ſie bloß ein wenig auf die Seite und ſetzten dann ihren Weg weiter fort. Sie ſchienen wie in einer gewiſſen Verblendung befangen zu ſein. Ich entſann mich, gehört zu haben, daß dies alle Mal der Fall wäre, wenn ſie eine ihrer Wanderungen unternähmen, und dies, dachte ich, mußte alſo eine ſolche Wan⸗ derung ſein. „Davon gewann ich bald feſte Ueberzeugung, denn die Heerde ward jeden Augenblick dichter und dichter um mich herum, bis ich endlich mich in eine ſehr eigenthümliche Lage verſetzt ſah. Nicht, als ob ich mich vor den Thieren gefürchtet hätte, denn ſie verriethen durchaus keine Abſicht, ſich ihrer Hörner gegen mich zu bedienen, ſondern thaten alles Mög⸗ liche, um mir aus dem Wege zu gehen. Dies aber waren nur die nächſten, und da meine Gegenwart die, welche hundert Schritte und noch weiter von mir entfernt waren, in keiner Weiſe erſchreckte, ſo machten die letzteren auch keinen Verſuch, auf die Seite zu weichen. Natürlich konnten die nächſten dadurch, daß ſie die anderen dichter zuſammendräng⸗ ten oder ihnen auf den Rücken ſprangen, nur wenige Schritte Platz machen, ſo daß ich mich fortwährend in einen höchſt ſeltſamen Ring eingeſchloſſen ſah. — 141— „Ich bin nicht im Stande, die ſonderbaren Ge⸗ fühle zu ſchil dern, die ich in dieſer ungewöhnlichen Lage empfand, oder wie lange ich in derſelben aus⸗ gehalten haben würde. Vielleicht hätte ich noch eine Zeitlang geladen und drauf los gefeuert, aber gerade in dieſem Augenblicke fielen mir unſere Schafe ein. „„Die werden ſicherlich mit fortgeriſſen,“ dachte ich. Ich hatte ſchon gehört, daß ſo etwas gar nicht ſelten vorkomme. „Ich ſah, daß die Antilopen den Weg nach dem Thale einſchlugen— die vorderſten waren ſchon darin und mußten bald den Platz erreichen, wo ich ſo eben noch unſere kleine Heerde graſen geſehen. „In der Hoffnung, den Springböcken noch vorauszukommen und die Schafe in den Kraal hinein⸗ zutreiben, ehe die Erſteren ſie erreichten, machte ich mich auf den Weg nach dem Thale. Zu meinem Aerger aber konnte ich nicht ſchneller vorwärts kom⸗ men, als die Heerde ging. „ Als ich mich den Thieren näherte, um mir durch ihre Maſſe Bahn zu brechen, ſprangen ſie durch und über einander, konnten mir aber doch nicht ſo ſchnell einen Durchgang verſchaffen, als ich einen brauchte. Ich war Einigen davon ſo nahe, daß ich ſie mit dem Kolben meines Gewehrs hätte nieder⸗ ſchlagen können. — u2— „Ich begann nun zu ſchreien, mein Gewehr zu ſchwingen, und kam doch dadurch etwas raſcher vor⸗ wärts, als ich weiter vorn einen, wie mir ſchien, großen offenen Raum bemerkte. Ich ſteuerte darauf zu; je näher ich aber dem Rande dieſes Raumes kam, deſto dichter fand ich die Thiere zuſammen⸗ gedrängt. Ich konnte nur dadurch, daß ich in die Höhe ſprang, ſehen, daß es ein offener Raum war. Ich wußte nicht, wodurch derſelbe hervorgebracht ward. Ich überlegte auch nicht lange, ſondern wünſchte nur ſo ſchnell als möglich vorwärts zu kommen und dachte an Nichts als an unſere Heerde. „Ich fuhr fort, mich weiterzudrängen, und ſah mich endlich an der Stelle, nach der ich getrachtet, während die Gaſſe, die ich, um dahin zu gelangen, mir gebahnt, ſich augenblicklich wieder hinter mir ſchloß. Ich ſtand im Begriff, mich weiterzudrängen und den freien Raum zum raſcheren Vorwärtskommen zu benutzen, als ich auf einmal in der Mitte deſſel⸗ ben und unmittelbar vor mir einen großen gelben Löwen erblickte. 8 „Daraus erklärte ſich dieſe Unterbrechung in der Heerde. Hätte ich gewußt, wodurch ſie herbei⸗ geeführt ward, ſo hätte ich mir nach jeder anderen Richtung hin, nur nicht nach dieſer einen Weg ge⸗ bahnt. Aber hier ſtand ich nun in dem freien Raume, — 143— der Löwe nicht zehn Schritte von mir und ein dichter Ring von Springböcken um uns Beide herum. „Ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, wie ſehr ich erſchrak. Einige Augenblicke lang wußte ich nicht, was ich thun ſollte. Mein Gewehr war noch geladen, denn von dem Augenblicke an, wo mich die Rettung unſerer kleinen Heerde beſchäftigte, lag mir Nichts mehr an dem Schießen von Antilopen. Ich könnte, dachte ich, allemal noch eine bekommen, ſobald ich nur erſt die Schafe in ihren Kraal getrieben hätte. Das Gewehr war daher noch geladen, und zwar mit Kugeln. „Sollte ich auf den Löwen zielen und Feuer geben? Dieſe Frage that ich an mich, und ſtand eben im Begriff, ſie bejahend zu beantworten, als ich bedachte, daß es unklug ſein würde. Ich bedachte, daß der Löwe, der mir den Rücken zukehrte, mich entweder noch nicht geſehen hatte, oder keine Notiz von mir nahm. Wenn ich ihn bloß verwundete— und bei der Richtung, in der er ſich zu mir befand, war es wahrſcheinlich, daß ich ihm nicht mehr an⸗ haben würde— was hatte ich dann zu erwarten? Jedenfalls ward ich von ihm zerriſſen. „Dies waren meine Gedanken, die mir aber alle in kaum einer Secunde Zeit durch den Kopf gingen. Ich wollte eben mich wieder unter die — 144— Springböcke zurückdrängen, um mir einen Ausweg nach einer anderen Richtung hin zu bahnen, und hatte ſchon wieder den Rand des offenen Raumes erreicht, als ich, über die Schulter blickend, ſah, daß der Löwe plötzlich ſtehen blieb und ſich herumdrehte. Ich blieb ebenfalls ſtehen, denn ich wußte, daß dies das Gerathenſte ſei, und während ich dies that, ſchaute ich nach den Augen des Löwen. „Zu meiner Herzenserleichterung ſah ich, daß ſie nicht auf mich gerichtet waren. Er ſchien ſich eine Grille in den Kopf geſetzt zu haben. Vielleicht war ſein Appetit zurückgekehrt, denn im nächſten Augenblicke rannte er einige Schritte, ſtieg dann mit einem furchtbaren Sprunge empor, ſtürzte ſich weit hinein in die Heerde und fiel gerade auf den Rücken einer der Antilopen nieder. Die anderen ſprangen rechts und links auf die Seite und bald hatte ſich ein neuer freier Raum um ihn gebildet. „Er war jetzt dem Platze, wo ich ſtand, näher als vorher, und ich koͤnnte ihn deutlich ſich über ſein Schlachtopfer niederducken ſehen. Seine Klauen hiel⸗ ten den zuckenden Leib der Gazelle gefaßt und ſeine langen Zähne packten das arme Geſchöpf am Halſe. Ausgenommen mit dem Schwanze aber machte er nicht die geringſte Bewegung, und dieſer vibrirte leicht von einer Seite zur andern, gerade wie bei einer — 145— Katze, welche eine Maus gefangen hat. Auch bemerkte ich, daß ſeine Augen dicht geſchloſſen waren, gerade als ob er ſchliefe.— „Nun hatte ich gehört, daß man unter ſolchen Umſtänden ſich dem Löwen ohne große Gefahr nähern kann. Nicht, als ob ich gewünſcht hätte, noch näher zu gehen, denn ich war für mein Gewehr nahe genug, aber dennoch war es, glaube ich, dieſe Erinnerung, welche mich auf den Gedanken brachte, nun zu ſchie⸗ ßen. Auf alle Fälle flüſterte mir Etwas zu, daß es mir gelingen würde, und ich konnte nicht der Luſt widerſtehen, einen Verſuch zu machen. „Die breite Kinnlade des grimmigen Thieres lag dicht vor mir. Ich zielte und feuerte; anſtatt aber zu warten und die Wirkung meines Schuſſes zu ſehen, rannte ich in entgegengeſetzter Richtung ſo ſchnell als möglich davon. „Ich blieb nicht eher ſtehen, als bis ich mehrere Acker Antilopen zwiſchen mich und den Platz gebracht, wo ich zuletzt geſtanden, und dann eilte ich ſofort wieder weiter nach dem Wagen. „Lange zuvor, ehe ich denſelben erreicht hatte, ſah ich, daß Jan, Trudchen und Totty wohlbehalten unter der Plane ſaßen. Dies freute mich, aber gleichzeitig bemerkte ich auch, daß die Schafe und Die Buſchknaben. I. 3 10 — u— Ziegen ſich unter die Springböcke gemiſcht hatten und mit denſelben fortzogen, als ob ſie derſelben Gattung an ſehörten. Ich fürchte, ſie ſind Alle ver⸗ loren.“— „Und der Löwe?“ fragte Hendrik. „Da drüben liegt er!“ antwortete Hans und zeigte beſcheiden auf eine gelbe Maſſe draußen auf der Ebene, über welche die Geier bereits zu ſchweben begannen.„Da drüben liegt er; Du ſelbſt hätteſt es kaum beſſer machen können, Bruder Hendrik.“ Als Hans dies ſagte, lächelte er auf eine Weiſe, welche verrieth, daß es ihm nicht einfiel, ſich ſeiner Heldenthat rühmen zu wollen. . Hendrik geſtand ſofort zu, daß der Schuß ein Meiſterſchuß geweſen ſein müſſe, und bedauerte nur, daß er nicht an Ort und Stelle geweſen, um die wunderbare Wanderung der Springböcke ebenfalls mit anſehen zu können. Indeſſen, es war jetzt keine Zeit zu langem, müſſigem Geſchwätz. Van Bloom und ſeine Leute befanden ſich in einer ſehr unangenehmen Lage. Seine Heerden waren nun Alle dahin. Nur noch die Kuh und die Pferde waren da, und für dieſe hatten die Antilopen auch nicht einen einzigen Gras⸗ halm übrig gelaſſen. Womit ſollte er ſie nun füt⸗ tern? — 147— Der Spur der wandernden Springböcke in der Hoffnung zu folgen, die Heerde wieder zu erlangen, wäre ein ganz nutzloſes Unternehmen geweſen. Dies verſicherte ihm Swartboy. Die a Thiere konn- ten Hunderte von Meilen weit mit fortgeriſſen wer⸗ den, ehe es ihnen möglich ward, ſich von der großen Heerde zu trennen oder ihre unfreiwillige Reiſe zu beenden. Die Pferde konnten nicht viel weiter. Es gab für ſie Nichts als die Blätter der Mimoſen, und dieſe waren ein armſeliges Futter für hungrige Pferde. Es war ſchon ein Glück, wenn ſie nur am Leben erhalten werden konnten, bis ſie einen ordentlichen Weideplatz erreichten, und wo war jetzt ein ſolcher zu finden? Heuſchrecken und Antilopen ſchienen ge⸗ „ meinſam ganz Afrika in eine Wüſte verwandelt zu haben. Der Boer war jedoch bald mit ſich einig. Er nahm ſich vor, hier zu übernachten, aber früh am nächſten Morgen aufzubrechen, um eine andere Quelle zu ſuchen. Zum Glück hatte Hans nicht verſäumt, ein paar erlegte Springböcke in den Wagen zu legen, und ihr fettes Fleiſch ward ſehr wohlſchmeckend gefunden. Ein tüchtiges gebratenes Stück von dieſem und ein 3 10* — 148 Trunk friſches Waſſer aus der Quelle gab den drei müden Reiſenden bald wieder Kräfte. Man! Pferde unter die Mimoſen laufen und für ſich ſelbſt ſorgen. Obſchon ſie unter ge⸗ wöhnlichen Umſtänden über ein ſolches Futter nicht wenig die Naſen gerümpft haben würden, ſo ſchienen ſie doch jetzt froh zu ſein, daß ſie es hatten, und fraßen die dornigen Zweige ſo rein von den kleinen Blättchen, wie man es ſonſt nur von Giraffen zu ſehen gewohnt iſt. Ein gewiſſer Naturforſcher aus der Schule Buffon's hat behauptet, daß weder Wolf, noch Fuchs, noch Hyäne, noch Schakal den Kadaver eines Löwen verzehre und daß die Furcht dieſer Thiere vor ihrem königlichen Despoten ſelbſt nach ſeinem Tode noch fortdauere. Der Boer und ſeine Leute ſahen jetzt den Be⸗ weis von der Irrigkeit dieſer Behauptung. Schon binnen wenigen Stunden ſielen Schakals und Hyänen über den Kadaver des Königs der Thiere her, und es dauerte nicht lange, ſo war Nichts mehr von ihm übrig als die Knochen. Selbſt ſeine dunkelfarbene Haut ward von dieſen gierigen Geſchöpfen mit ver⸗ ſchlungen und viele der Knochen von den ſtarken — 149— Kinnladen der Hyänen zerbrochen. Der Reſpect, welchen dieſe Thiere für den Löwen hegen, endet mit ſeinem Leben. Sobald er todt i rvvon ihnen eben ſo keck und dreiſt verzehrt, b er das ge⸗ meinſte aller Thiere wäre. 1 ———,— Fünfzehntes Kapitel. Aufſuchung einer Quelle. Zu früher Stunde ſaß van Blvom bereits im Sattel. Swartboy begleitete ihn, während alle Uebri⸗ gen beim Wagen zurückblieben, um ſeine Rückkehr abzuwarten. Sie nahmen die beiden Pferde, welche beim Wagen zurückgeblieben waren, weil dieſe friſcher waren als die andern. Sie ritten in beinahe ganz weſtlicher Richtung. Dieſe einzuſchlagen, ſahen ſie ſich durch die Wahr⸗ nehmung veranlaßt, daß die Springböcke von Norden gekommen waren, weßhalb ſie glaubten, daß ſie in weſtlicher Richtung eher über das verheerte Terrain hinauskommen würden. Zu ihrer großen Freude kamen ſie ſchon nach einem einſtündigen Ritte über die Spur der Antilopen⸗ — 151— wanderung hinaus, und obſchon ſie noch kein Waſſer fanden, ſo gab es doch hier ganz vortreffliches Gras. Der Boer ſchickte nun Swartboy ick, um die anderen Pferde und die Kuh zu holen, und bezeich⸗ nete ihm einen Platz, auf dem er. ſie graſen laſſen ſollte, während er ſelbſt ſeinen Weg weiter fortſetzte, um Waſſer zu ſuchen. Nachdem van Bloom einige Meilen weiter ge⸗ ritten war, bemerkte er nördlich eine lange Hügelkette, welche unmittelbar von der Ebene aufſtieg und ſich weſtwärts ſo weit hinzog, als ſein Auge reichte. In der Meinung, daß in der Nähe dieſer ſteilen An⸗ höhen wahrſcheinlich Waſſer zu finden wäre, lenkte er ſein Pferd darnach hin. Als er dem Fuße dieſer Anhöhen näher kam, ward er entzückt von der ſchö⸗ nen Landſchaft, welche ſich vor ſeinen Augen zu öffnen begann. Er durchritt graſige Ebenen von ver⸗ ſchiedener Größe, die durch Gebüſche zartblätteriger Mimoſen von einander getrennt waren. Einige derſelben bildeten ziemlich große Dickichte, während andere nur aus wenigen niedrigen Büſchen beſtan⸗ den. Hoch über die Mimoſen emporragend, wuchſen viele Bäume von gigantiſcher Größe und von einer Art, welche van Bloom noch nie zuvor geſehen. Sie ſtanden ziemlich weit aus einander, aber jeder ſchien — ,“ — 152— mit ſeinem ungeheuren belaubten Haupte ein kleiner Wald für ſich zu ſein. Die ganze Gegend rings umher hatte ein mil⸗ liches Anſehen, was zu den dunkeln An⸗ höhen einen ſchönen Gegenſatz bildete. Dieſe letzteren erhoben ſich mehrere Fuß hoch von der Ebene und anſcheinend ſo ſenkrecht wie die Mauern eines Hauſes. Die ſchöne Landſchaft war angenehm für die Augen des Reiſenden, denn ſie war gleichſam eine herrliche Oaſe in der Mitte unfruchtbarer Wüſten, und van Bloom wußte, daß der größte Theil der umliegenden Gegend wenig beſſer ſei als eine wilde Käruh. Die ganze Strecke mehrere Hundert Meilen weit nördlich war eine Wüſte in beſter Form— die Wüſte Kalihari und dieſe Felſenhöhen bildeten einen Töheil ihrer ſüdlichen Grenze. Unter anderen Umſtänden würde ein ſolcher Anblick für den„Veeboer“ ein ſehr erfreulicher ge⸗ weſen ſein, aber was halfen ihm jetzt alle dieſe ſchönen Weideplätze, da er kein Vieh mehr hatte? Trotz der Schönheit der Landſchaft waren ſeine Gedanken daher peinlich und ſchmerzlich. Indeſſen gab er doch nicht der Verzweiflung Raum. Seine gegenwärtigen Bedrängniſſe waren drückend genug und geſtatteten ihm nicht lange bei der Zukunft zu verweilen. Seine erſte Sorge war, — 183— einen Platz zu finden, wo ſeine Pferde ſich wieder ausfüttern und zu Kräften kommen könnten, denn ohne ſie konnte er ja nirgends hin, und verlor er ſie, dann war er in der That ganz hilflos. Waſſer war der gewünſchte Gegenſtand. Wenn kein Waſſer zu finden war, ſo war dieſer ganze ſchöne Park, welchen er jetzt durchritt, für ihn eben ſo werthlos als die von der Sonne braun gebrannte Wüſte. Doch eine ſo herrliche Landſchaft konnte ja ohne dieſes höchſt weſentliche Element ſicherlich nicht exiſtiren. So dachte der Boer, und an der Biegung eines jeden neuen Hains ſchweiften ſeine Augen über den Boden und ſpäheten nach einer Quelle. „Ho!“ rief er freudig, als ein Volk großer Ranaqua⸗Rebhühner vor ihm in die Höhe ſchwirrte. „Das iſt ein gutes Zeichen; dieſe Vögel ſind ſelten weit vom Waſſer.“ Nicht lange darauf ſah er einen Schwarm wun⸗ derſchöner Pintados oder Guineahühner in ein Gebüſch hineinrennen. Dies war ein fernerweiter Beweis, daß Waſſer in der Nähe wäre. Der ſicherſte aber war das glänzende Gefieder eines Papagei's, der auf der äußerſten Spitze eines hohen Kameeldorn⸗ baumes ſaß. „Nun,“ murmelte van Bloom bei ſich ſelbſt, — 154— „nun muß ich einer Quelle oder einem Teiche ſehr nahe ſein.“ Er ritt muthig weiter und gelangte nach einer kleinen Weile auf den Kamm einer Anhöhe. Hier machte er Halt, um den Flug der Vögel zu beob⸗ achten. Es dauerte nicht lange, ſo ſah er ein Volk Rebhühner in weſtlicher, und kurz darauf ein zweites in derſelben Richtung fliegen. Beide ſchienen ſich in der Nähe eines rieſigen Baumes niederzulaſſen, der ungefähr fünfhundert Schritte von dem Fuße der Felſenhöhen entfernt auf der Ebene ſtand. Dieſer Baum ſtand getrennt von allen übrigen, und war der größte, welchen van Bloom je geſehen. Während er ſo daſtand und die ungeheuren Dimenſionen des Baumes betrachtete, bemerkte er, daß mehrere Papageienpaare ſich darauf niederließen. Nachdem ſie hier eine Weile unter den Zweigen mit einander geſchwatzt, flogen ſie nicht weit vom Fuße des Baumes auf die Ebene hinab. „Ganz gewiß,“ dachte van Bloom,„muß dort Waſſer ſein. Ich werde ſogleich hinreiten und nach⸗ ſehen.“ 4 Sein Pferd wartete jedoch kaum, bis er es in Bewegung ſetzte. Es hatte ſchon mehrmals an dem Zügel gezerrt, und ſobald er es in der Richtung nach dem Baume hinlenkte, galoppirte es ſchnaubend und mit ausgeſtrecktem Halſe dahin. Der Reiter ließ, dem Inſtinkte ſeines Pferdes vertrauend, dieſem den Zügel ſchießen, und ehe fünf Minuten um waren, tranken ſowohl Roß als Mann das ſüße Waſſer einer kryſtallenen Quelle, welche in einer Entfernung von etwa zwölf Schritten von dem Baume aus dem Erdboden hervorſprudelte. Der Boer wäre nun am liebſten ſofort wieder zu ſeinen Leuten zurückgeeilt, aber er dachte, daß, wenn er ſein Pferd erſt eine Stunde lang in dem ſchönen Graſe weiden ließe, es dann die Rückreiſe mit mehr Luſt und eben ſo raſch zurücklegen würde. Deßhalb nahm er ihm den Zügel ab, ließ es frei laufen und ſtreckte ſich ſelbſt in den Schatten des großen Baumes.. Während er ſo dalag, konnte er nicht umhin, das wundervolle Naturprodukt zu bewundern, welches majeſtätiſch über ihm emporragte. Es war einer der größten Bäume, die er je geſehen. Er war von der Gattung, die als der Nwanabaum bekannt iſt, eine Art Feigenbaum mit großen dichten Blättern. Sein Stamm hielt volle zwanzig Fuß im Durchmeſſer, und mehr als zwanzig Fuß hoch über dem Boden begannen erſt die Aeſte, die ſich dann ringsum weit in horizontaler Richtung ausbreiteten. Durch das — 156— dichte Laubwerk hindurch bemerkte van Bloom glän⸗ zende eiförmige Früchte, ſo groß wie Kokosnüſſe, und an dieſen ſchienen die Papageien und mehrere andere Arten Vögel zu ſchmauſen. Noch mehrere Bäume von derſelben Gattung ſtanden in ziemlichen Entfernungen aus einander auf der Ebene, und obſchon ſie alle höher waren als die Bäume anderer Gattungen, ſo war doch keiner ſo umfangreich und hervorragend wie der, welcher an der Quelle ſtand. Der Boer konnte, während er ſich an dem kühlen Schatten labte, nicht umhin, zu bedenken, was für ein bewundernswürdiger Platz hier zur Erbauung eines Kraals wäre. Die Bewohner eines Platzes unter dem freundlichen Schirmdache dieſes Baumes brauchen niemals die heißen Strahlen der afrikani⸗ ſchen Sonne zu fürchten, und ſogar der Regen konnte kaum den blattreichen Baldachin durchdringen, denn dieſer bildete ſchon an und für ſich gewiſſermaßen ein feſtes Dach. 4 Hätte van Bloom ſein Vieh noch gehabt, ſo hiütte er ſich ohne Zweifel ſofort entſchloſſen, dieſen Ort zu ſeiner künftigen Heimath zu machen. Was aber ſollte er, ſo verlockend dieſe Umgebung auch war, jetzt hier thun? Für ihn war ſie weiter Nichts als eine Wildniß. Es gab keinen Erwerbszweig, den — 157— er in einer ſo entlegenen Gegend betreiben konnte. Allerdings konnte er ſich und ſeine Familie durch die Jagd erhalten, und er ſah, daß ringsum an Wild aller Art Ueberfluß vorhanden war. Dies aber war doch nur eine traurige Exiſtenz, welche keine Ver⸗ heißung für die Zukunft in ſich ſchloß. Was ſollte ſpäter aus ſeinen Kindern werden? Sollten ſie ohne eine andere Beſtimmung aufwachſen, als arm⸗ ſelige Jäger zu werden, die nicht viel beſſer waren als die wilden Buſchmänner? Nein! nein! nein! Hier eine Heimath zu gründen— davon konnte keine Rede ſein. Nur wenige Tage wollte er hier zu⸗ bringen, um ſeine müden Pferde wieder zu Kräften kommen zu laſſen, und dann wollte er verſuchen, ob er nicht nach den Niederlaſſungen zurückkehren könnte. Was aber ſollte er thun, wenn er wieder dort⸗ hin zurück war? Er wußte es nicht. Seine Zukunft war dunkel und ungewiß. Nachdem er ſich über eine Stunde lang mit ſolchen Gedanken herumgeſchlagen, beſann er ſich, daß es Zeit ſei, nach dem Lager zurückzukehren, und nachdem er ſein Pferd herbeigerufen und gezäumt, ſetzte er ſich auf und ritt wieder davon. Das durch das ſüße Gras und kühle Waſſer erquickte Thier trug ihn raſch entlang, und nach weniger als zwei Stunden ſtieß er auf Swartboy * — 158— und Hendrik, welche die Pferde beaufſichtigten. Dieſe letzteren wurden nun nach dem Wagen zurückgeführt und angeſchirrt, und dann begann das große Fuhr⸗ werk ſich abermals über die Ebenen zu bewegen. Ehe noch die Sonne untergegangen war, ſchim⸗ merte die lange weiße Plane des Wagens unter dem laubreichen Dache des rieſigen Nwana. Sechszehntes Kapitel. Die furchtbare„Tſetſe“. Der grüne Teppich, der ſich rund um ſie aus⸗ breitete— die grünen Blätter auf den Bäumen— die Blumen an der Quelle— das kryſtallene Waſſer in dem Bette derſelben— die ſchwarzen kühnen Fel⸗ ſen, die in der Ferne emporragten— Alles ver⸗ einigte ſich zu einem herrlichen Bilde. Die Augen der Wanderer weideten ſich daran, und während der Wagen ausgeſpannt ward, gab Jeder ſeine Freude in mehr oder minder enthuſiaſtiſchen Worten zu er⸗ kennen.. Der Platz ſchien Allen zu gefallen. Hans liebte die ruhige Waldſchönheit. Es war dies gerade ſo ein Platz, wie er ſich gewünſcht hatte, um mit einem 0 Buche in der Hand darauf umherzuſchweifen und manche angenehme Stunde zu verträumen. Hendrik gefiel es hier ebenfalls, denn er hatte ſchon die Spuren von vielen der größten und wildeſten Thiere Afrika's entdeckt. Trudchen freute ſich, ſo viele ſchöne Blumen zu 3 Man ſah hier ſchöne ſcharlachrothe Geranien, kernhnlichen, ſüßduftenden Jasmin und die pracht⸗ volle Belladonnalilie mit ihren großen roſenfarbenen und weißen Blüthen. Aber nicht bloß kleinere Pflan⸗ zen ſtrahlten in dieſem Farbenſchmucke, ſondern auch Büſche und ſogar Bäume waren mit bunten wohl⸗ riechenden Blüthen bedeckt. Hier ſah man den Zucker⸗ buſch(Protea mellifera), den ſchönſten ſeiner Familie, mit ſeinen großen becherförmigen blaßrothen, weißen und grünen Blüthen; ferner den Silberbaum(Leu- codendron argenteum); deſſen weiche ſilberne Blätter, in dem Lufthauche ſpielend, ausſahen wie eine unge⸗ heure Maſſe ſeidener Blumen, und die mit ſchönen goldgelben Blüthen bedeckten Mimoſen, welche die Luft mit ihrem ſtarken, angenehmen Dufte erfüllten. Ueberall ſah man hier Formen der Vegetation, die anderwärts nur ſelten vorkommen, wie zum Bei⸗ ſpiel die baumähnliche Alos mit ihren langen korallen⸗ rothen Blumenſpitzen und Euphorbien von vielen Ge⸗ ſtalten, ferner die Zamia mit ihren palmenähnlichen Zweigen und die weichblätterige Strelitzia reginae. — 161— Alle dieſe ſah man in der Umgebung dieſer neuent⸗ deckten Quelle. Die Blume aber, welche von Trudchen mehr bewundert ward als irgend eine andere, war die ſchöne blaue Waſſerlilie(Nympha caerulea), die auch in der That eine der lieblichſten von den Blumen Afrika's iſt. Dicht neben der Quelle, aber ein wenig weiter in der Richtung der Ebene, befand ſich ein großer Teich, oder, wie man ihn wohl hätte nennen können, ein kleiner See, und auf den ſpiegelglatten Fluthen deſſelben wiegten ſich die himmelblauen Co⸗ rollas in ihrer ganzen prachtvollen Schönheit. Trudchen, welche ihre kleine Gazelle an einem Bande führte, war hinab an den Rand des Sees gegangen, um ſich die Blumen anzuſehen, und konnte ſich gar nicht wieder davon trennen. „Ich hoffe, daß Papa recht lange hier bleiben wird,“ ſagte ſie zu ihrem Begleiter, dem kleinen Jan. „Das hoffe ich auch. O, Trudchen, welch' ein herrlicher Baum iſt dieſer dort! Siehe, Nüſſe wachſen darauf ſo groß wie mein Kopf. Wie werden wir nur einige davon herunterſchlagen?“ Und ſo unterhielten ſich die Kinder mit einan⸗ der, eins ſo erfreut wie das andere über die neuen Umgebungen, in welche ſie ſich verſetzt ſahen. Ob⸗ ſchon die ſämmtlichen jungen Leute zum Frohſinn Die Buſchknaben. I. 11 — 162— aufgelegt waren, ſo ſcheuten ſie ſich doch, demſelben Worte zu leihen, weil ſie bemerkten, daß auf der Stirn ihres Vaters noch eine Wolke ruhte. Er hatte ſich unter den großen Baum geſetzt, aber ſeine Augen waren auf den Boden geheftet, als ob ihn ſchmerz⸗ liche Gedanken beſchäftigten. Sie bemerkten dies Alle. Seine Betrachtungen waren in der That pein⸗ lich und konnten auch nicht gut anders ſein. Es blieb ihm nur ein Weg übrig— nach den Nieder⸗ laſſungen zurückzukehren und das Leben wieder von vorn zu beginnen. Aber wie ſollte er dies anfangen? Was konnte er thun? Da er ſein ganzes Beſitzthum verloren hatte, ſo konnte er bloß bei einem ſeiner reicheren Nachbarn in Dienſte gehen, und für einen Mann, der ſein ganzes Leben hindurch an Unab⸗ hängigkeit gewöhnt geweſen, war dies etwas ſehr Schweres. Er ſchaute nach ſeinen fünf Pferden, die jetzt begierig das üppige Gras abfraßen, welches in dem Schatten der Felſenhöhlen wuchs. Wann waren ſie wohl im Stande, die Rückreiſe zu beginnen 5 Biel⸗ leicht in drei oder vier Tagen. Schöne Thiere waren ſie faſt Alle, und es ließ ſich erwarten, daß ſie den Wagen leicht und raſch über dis Ebene ziehen würden. Von dieſer Art waren die Betrachtungen des ſinnenden Boers. Er ahnte in dieſem Augenblicke ———V—ʒ—᷑—᷑—S˖—˖—P—’—.2„2 2 2 2 2 2————— 1663— nicht, daß dieſe Pferde nie wieder einen Wagen oder irgend ein anderes Fuhrwerk ziehen ſollten. Er ahnte nicht, daß dieſe fünf edeln Thiere dem Untergange geweiht waren. Und doch war es ſo. Binnen weniger als einer Woche ſtritten ſich Schakals und Hyänen um ihre Kadaver. Gerade in dem Augenblicke, wo er ſie weiden ſah, drang das Gift in ihre Adern und wurden ihnen die tödtlichen Wunden zugefügt. Ach, leider war es ſo, und ein fernerweiter Schlag harrte des unglücklichen Boers. Der Boer hatte dann und wann bemerkt, daß die Pferde beim Graſen unruhig zu werden ſchienen. Zuweilen ſchraken ſie plötzlich zuſammen, peitſchten ſich mit ihren langen Schweifen und rieben die Köpfe an den Büſchen. „Die Fliegen werden ihnen läſtig,“ dachte er und beunruhigte ſich daher weiter nicht über die Sache. Allerdings war es dies— eine Fliege ward ihnen läſtig. Hätte aber van Bloom gewußt, was für eine Fliege es war, ſo würde es ihm um ſeine Pferde weit banger geweſen ſein. Hätte er die Eigenſchaften der kleinen Fliege gekannt, ſo wäre er mit allen ſeinen Söhnen hinzugeeilt, hätte die Pferde in der größten Eile weggeholt und weit von dieſen 11* — 164— dunklen Felſenhöhen hinweggeführt. Aber er kannte die Tſetſefliege nicht. Es fehlten noch einige Minuten bis zu Sonnen⸗ untergange und die Pferde graſ'ten immer noch. Van Bloom aber bemerkte dabei, daß ſie mit jedem Augen⸗ blicke aufgeregter wurden— bald mit den Hufen auf den Raſen ſchlugen, bald ein paar Schritte weit liefen und dann und wann zornig ſchnaubten. Bei der Entfernung, in der ſie ſich befanden— ungefähr eine Viertelmeile— konnte van Bloom nicht ſehen, was ſie eigentlich plagte; ihr ſonderbares Benehmen aber bewog ihn endlich, doch zu ihnen hinzugehen. Hans und Hendrik begleiteten ihn. Als ſie an Ort und Stelle gelangten, erſtaun⸗ ten ſie nicht wenig über den Anblick, der ſich ihnen darbot. Jedes Pferd ſchien von einem Bienenſchwarme umgeben zu ſein. Sie ſahen jedoch, daß es nicht Bienen, ſondern etwas kleinere Inſekten von brauner Farbe, den Bremſen ähnlich und in ihrem Fluge außerordentlich geſchwind waren. Tauſende von ihnen ſchwebten über jedem Pferde, und Hunderte ſah man ſich auf Kopf, Hals, Leib und Beine ſetzen. Augenſcheinlich wurden die Pferde von ihnen entweder gebiſſen oder geſtochen, und es war daher kein Wunder, daß die armen Thiere ſich ungeduldig geberdeten. — 165—. Van Bloom ſchlug vor, die Pferde weiter hinaug in die Ebene zu treiben, wo dieſe Fliegen ſich nicht aufzuhalten ſchienen. Es lag ihm bloß daran, die Pferde dieſer Beläſtigung zu überheben. Hendrik hatte ebenfalls Mitleid mit ihren Qualen. Hans aber allein von allen Dreien errieth die Wahrheit. Er hatte von einem ſchädlichen Inſekte geleſen, wel⸗ ches in einigen Diſtrikten des Innern von Südafrika heimiſch war, und gleich der erſte Anblick diefer Fliegen erweckte in ihm den Argwohn, daß dieſe zu dieſen Inſekten gehörten. Er theilte ſeine Gedanken den Anderen mit, welche ſofort ſeine Unruhe theilten. „Ruft Swartboy her!“ ſagte van Bloom. Der Buſchmann ward gerufen und erſchien ſehr bald, von der Quelle herkommend. Er war während der letzten Stunde mit dem Auspacken des Wagens beſchäftigt geweſen und hatte daher von den Pferden und der Theilnahme, welche ſie erweckten, keine Notiz genommen. Sobald er jedoch näher kam und den beflügelten Schwarm die Pferde umſchwirren ſah, öffneten ſeine kleinen Augen ſich, ſo weit ſie konnten, ſeine dicken Lippen verzerrten ſich und in ſeinem ganzen Geſichte malte ſich der Ausdruck des Schreckens und der Unruhe. — 166— „Nun, was giebt es, Swartboy?“ fragte ſein Herr. „Ach, Baas, ach, Baas— dieſes verteufelte Ungeziefer iſt die Tſetſe!“ „Nun, und wenn es nun auch die Tſetſe iſt?“ „Ach, mein Gott, das iſt der Tod für die Pferde!“ Swartboy erklärte hierauf, ſo gut er vermochte, daß der Biß der Fliege, welche ſie hier ſahen, tödt⸗ lich ſei, und daß die Pferde ſterben müßten, früher oder ſpäter, je nach der Anzahl von Stichen, die ſie ſchon bekommen. Nach dem zahlreichen Schwarme, der ſie umgab, bezweifelte der Buſchmann nicht, daß ſie ſehr viele Stiche bekommen hätten und wahrſchein⸗ lich alle fünf Pferde binnen einer Woche todt ſein würden. „Wartet nur, Baas; morgen wird es ſich zeigen.“ Und am nächſten Tage zeigte es ſich wirklich, denn noch vor Mittag waren die Pferde am ganzen Leibe und ganz beſonders am Kopfe geſchwollen. Die Augen waren ganz zu. Die Thiere fraßen nicht mehr, ſondern taumelten unter dem üppigen Graſe herum und gaben dann und wann den Schmerz, den ſie fühlten, durch ein leiſes Wimmern zu erkennen. — 167— Es war nun Jedem deutlich, daß ſie nicht lange mehr leben würden. Van Bloom verſuchte Aderlaß und verſchiedene andere Mittel, aber Alles war vergebens. Für den* Biß der Tſetſefliege giebt es keine Heilung. Ende des erſten Bandes. E 5 g S S S 8 5 4 Z 8 — 3 1.* ſſſſſiſſſſſſſſſiſſſſſſſſſiſſſſſſfſſſſſſſſiiſiſſſſſſinninnemſſſnnſm 15 1 ſſſſf ſſ 10 11 12 13 14 6 17 18 19 20 *⁴ 3 4„ 1 1 4 1 I— — 1 8 p⸗ 5