T 11 773 770 30Ck-NR. 11.773. 770 V —,— —4 — n der 4 oder Abenteuer einer Familie, die ſich in der Wüſte verirrte 8 ¹ Von 4 1 lapitän. Maxne Reis — Aus dem En gliſchen von 2 Dr. d. Diezmann. „ MWlit vier Srenenbildern. ei Leopold Sommer in Wien. Erſtes Capitel. Die große amerikaniſche Wüſte. Im Innern Nordamerikas liegt eine große Wüſte, die faſt ſo groß iſt als die Wüſte Sahara in Afrika, fünfzehnhun⸗ dert(engliſche) Meilen lang und tauſend breit. Hätte ſie eine regelmäßige Geſtalt, ſo würde ſich ihr Flächenraum leicht berechnen laſſen; aber ihre Grenzen ſind erſt ſehr un⸗ vollkommen bekannt und ſo nimmt man ihre Fläche zu einer Million(engliſcher) Meilen an, alſo fünfundzwanzig⸗ mal ſo groß als England. Wenn man nun von einer Wüſte hört, denkt man ſich gewöhnlich eine weite mit Sand bedeckte flache Ebene ohne Bäume, ohne Gras, ohne irgend eine Spur von Vegetation. 8 Man denkt ſich dieſen Sand in großen gelblichen Wolken umhergetrieben und meint, nirgends finde ſich Waſſer da⸗ Dieſe Vorſtellung iſt jedoch nicht richtig. Allerdings gibt es faſt in jeder Wüſte ſolche Sandebenen, aber auch Strecken von ganz anderem Ausſehen, die nichtsdeſtoweniger eben⸗ falls den Namen einer Wüſte verdienen. Obgleich die große afrikaniſche Wüſte noch nicht vollſtändig erforſcht iſt, weiß man doch ſo viel, daß ſie große Strecken hügeligen, ja gehirgigen Landes, mit Felſen und Thälern, Seen, F iſſe und Quellen enthält. Auch fruchtbare weiten Entfernungen freilich von einand Das Haus in der Wüſte. 6 Gebüſchen und ſchönem Pflanzenwuchſe bedeckt ſind. Einige dieſer Stellen ſind klein, andere dagegen groß und werden voon unabhängigen Volksſtämmen bewohnt, ja bilden ganze Königreiche. Ein ſolcher fruchtbarer Strich heißt eine Oaſe. Eben ſo iſt es nun auch mit der großen amerikaniſchen Wüſte, nur daß ſie noch mehr Eigenthümlichkeiten beſitzt. Es gibt in ihr Ebenen, von denen manche über hundert Mei⸗ len breit ſind; wo man nichts als weißen Sand ſieht, der oft von dem Winde hin und her getrieben und in lange Wehen geworfen wird wie der Schnee. Andere eben ſo große Ebenen haben gar keinen Sand, ſondern braune kahle Erde ohne allen Pflanzenwuchs. Auf wieder andern wächſt ein verkrüppelter Strauch mit Blättern von blaſſer Silberfarbe und zwar an manchen Stellen ſo dicht, ſo mit den kanti⸗ gen und gedrehten Zweigen unter einander geſchlungen, daß ein Reiter kaum hindurch zu gelangen vermag. Dieſer Strauch iſt die Artemisia, eine Art wilder Wermuth und die Ebenen, auf welchen er vorkommt, werden von den Jägern Wermuth⸗ Prairien genannt. Noch andere Ebenen gewähren dem teiſenden einen ſchwarzen Anblick; ſie ſind mit Lava bedeckt, eelche in längſt vergangener Zeit aus Vulkanen ausgeworfen wurde und nun verſteinert und in kleine Stücke zerbrochen, wie die zerklopften Steine auf einer Chauſſee, daliegt. Aber es kommen in der amerikaniſchen Wüſte auch noch andere Gbenen vor. Einige ſind weiß, als ob eben friſcher Schnee auf ſie gefallen wäre, aber es iſt nicht Schnee, ſondern Salz; ja reines weißes Salz, das ſechs Zoll hoch den Bo⸗ den bedeckt und zwar in Strecken von fünfzig(engliſchen) Mei⸗ rreit und lang. Wieder andere ſehen eben ſo aus, aber man— ihnen kein Salz, denn das Weiße, das ſie bedeckt, e ſchönſte Soda. 7 Auch Berge gibt es,— ja die Hälfte der Wüſte iſt ſehr gebirgig und die große Kette der Felſengebirge läuft gerade hindurch von Norden nach Süden, ſo daß ſie die Wüſte in zwei faſt gleiche Hälften theilt. Aber ſie hat auch noch andere Berge, Berge von jeder Hohe, die bisweilen in ihrer Geſtalt und Farbe ein höchſt ſeltſames und auffal⸗ lendes Ausſehen haben. Einige laufen Meilen weit in hori⸗ zontalen Satteln hin wie Hausdächer und ſind ſcheinbar oben auf der Spitze ſo ſchmal, als könnte man drauf wirklich reiten oder rittlings ſitzen. Andere von kegelförmiger Geſtalt ſtehen vereinzelt, getrennt von den andern in der Wüſte drau⸗ ßen und ſehen aus wie umgekehrte Kaffehtaſſen auf einem Ti⸗ ſche. Ferner ſindet man ſcharfe Zackenberge, die wie Nadeln emporſteigen, und noch andere, welche wie die Kuppel einer großen Kirche ausſehen. Alle dieſe Berge haben verſchiedene Farben. Einige ſind dunkel oder dunkelgrün oder blau, wenn man ſie von weitem ſieht. Dieſe Farbe haben ſie, wenn ſie mit Fichten⸗ oder Cederwald bedeckt ſind, denn Fichten und Cedern findet man in Menge auf den Bergen der Wüſte. Viele andere Berge aber gibt es, an deren Seiten man keine Bäume, ja keine Spur von Vegetation findet. Ungeheure kahle Granitmaſſen ſcheinen auf einander ge⸗ thürmt zu ſeyn oder ragen über finſtere gähnende Abgründe. Andere Spitzen ſind vollkommen weiß, weil ſie einen dicken Mantel von Schnee tragen. Dieſe ſieht man immer aus der größten Entfernung, weil ſie ſehr hoch ſind, was eben der Schnee beweiſt, der das ganze Jahr hindurch auf ihnen liegt, ohne zu ſchmelzen. Andere Spitzen ſind eben ſo weiß, ohne daß ſie Schnee tragen. Sie haben eine Milchfarbe und verkrüppelte Cedern wachſen an ihnen in Ritzen und Spal⸗ ten. Sie ſind Berge von reinem Kalkſtein oder von weißem Quarz. Noch andere gibt es, an denen man weder Blatt noch Baum ſieht, wohl aber das hellſte Roth und Grün, Gelb und Weiß, das in Streifen an ihren Seiten ſich hin⸗ zieht, als wären ſie eben friſch angeſtrichen worden. Dieſe Streifen bezeichnen die Schichten verſchiedenfarbiger Felſen⸗ partien, aus denen die Berge beſtehen. Ganz ſeltſam ſehen endlich noch andere Berge in der amerikaniſchen Wüſte aus, ſo daß ſie den Reiſenden gewaltig überraſchen— die nem⸗ lich, welche von Glimmer und Selenit glänzen. Wenn man ſiie aus der Ferne im Sonnenſcheine erblickt, ſehen ſie aus, als wären ſie von Gold oder Silber. Auch Flüſſe hat die Wüſte und zwar ſeltſame Flüſſe. Einige laufen in breiten flachen Betten von hellem Sand, — große Flüſſe, Hunderte von Ellen breit, mit blitzendem Waſſer. Aber was findet man, wenn man ihnen folgt? Statt größer zu werden wie alle andern Flüſſe, werden ſie immer kleiner und kleiner, bis ihr Waſſer endlich im Sande verſchwindet und man viele Meilen weit nichts ſieht als das dürre trockene Bett. Geht man noch weiter, ſo erſcheint das Waſſer wieder, nimmt an Menge mehr und mehr zu, bis— Tauſende von Meilen von dem Meere— große Schiffe auf hrem Rücken ſchwimmen können. Solcher Art ſind der Ar⸗ canſas und der Platta. Andere Flüſſe ſtrömen zwiſchen felſigen Ufern, die wwoohl tauſend Fuß hoch ſind und die einander in ihrer Kahl⸗ bei anſtarren, über den tiefen Schlund hinweg, auf deſſen nd das Waſſer rauſcht. Oftmals ziehen ſich dieſe Ufer te von Meilen hin und ſind an jeder Stelle ſo ſteil, ——— —— 9 er fortwährend das Waſſer zu ſeinen Füßen unten rauſchen höͤrte. So ſind der Colorado und der Schlangenfluß. 4 Noch andere ziehen durch weite Ebenen, nehmen den Lehm von ihren Ufern mit hinweg und graben ſich von Jahr zu Jahr andere Betten, bis ſie endlich Hunderte von Mei⸗ len von dem erſten ſtrömen. Hier und da rauſchen ſie Mei⸗ 3 len weit unter dem Boden hin— unter ungeheuren Lagern von Baumſtämmen, die ſte hinweggeriſſen und weit hinun⸗ ter getragen haben. Dort winden ſie ſich in tauſend Krüm⸗ mungen wie eine ungeheure Schlange und ihr Waſſer fließt träge, roth und trübe dahin, als wären ſie Blutflüſſe. So ſind der Bragos und der Red River(der rothe Fluß). So ſeltſam ſind die Flüſſe, die ſich durch die Berge, die Thäler und die Hochebenen der großen amerikaniſchen Wüſte ihren Weg bahnen; aber nicht weniger ſeltſam ünd die Seen. 4 Einige liegen in tiefen Schluchten der Berge, die ſo ſteil abfallen, daß man nicht zu ihren Ufern gelangen kann, während die Berge umher ſo kahl und nackt ſind, daß nicht einmal ein Vogel über die ſtille Flut hinweg fliegt. Andere Seen ſieht man in großen dürren Ebenen, und doch findet ſie der Reiſende nach wenigen Jahren nicht mehr, denn ſie ſind ausgetrocknet und verſchwunden. Einige ſind ſüß wie das reinſte Quellwaſſer, andere ſchmutzig und bitter, während nche in ihrem Waſſer mehr Salz enthalten als ſeſ das zu verbrühen. 10 Es finden ſich ferner gewaltige Höhlen in den Seiten der Berge, ſo wie tiefe Schlünde, die ſich in den Ebenen 8 öffnen und von denen manche ſo tief ſind, daß man glau⸗ ben könnte, man habe große Berge da heraus gegraben. Sie nennt man Barrancas. Ein anderes Mal gelangt man an Felſenwände, die tauſend Fuß hoch gerade von der Ebene und ſteil wie eine Mauer emporſteigen, und durch die Berge ſelbſt ziehen ſich große Einſchnitte, welche von den Flüſſen gemacht worden ſind, gleich als hätten dieſelben einen Tunnel ausgegraben, deren obere Decke dann einge⸗ ſtürzt ſey. Sie heißen Canons. 4 Die amerikaniſche Wüſte, in welcher man alle dieſe ſeltſamen Bildungen findet, hat auch ihre Bewohner. Es gibt 3 Oaſen in ihr, deren einige groß und von civiliſirten Men⸗ ſchen bewohnt ſind. Eine ſolche Oaſe iſt Neu⸗Mexico mit vielen Städten und etwa 30,000 Bewohnern von ſpaniſcher und gemiſchter indianiſcher Herkunft. Eine andere Oaſe iſt das Land um den großen Salzſee und den Utahſee. Auch hier iſt im Jahre 1840 eine Niederlaſſung gegründet wor⸗ den von Amerikanern und Engländern. Es ſind dies die Mormonen und ob ſie gleich Hunderte von Meilen von einem Meere wohnen, werden ſie doch mit der Zeit ein großes und 4 mächtiges Volk werden. Außer dieſen beiden großen Oaſen gibt es Tauſende Gruppen von drei oder vier Familien finden, 11 und elend von Wurzeln, Samen, Gras, Reptilien und In⸗ 4 ſecten leben. Außer den erwähnten großen Niederlaſſungen unndd den Indianern leben in dieſer Gegend vereinzelt auch noch andere Menſchen, weiße Menſchen,— Jäger, welche den Büffel und andere Thiere jagen und namentlich Biber in Fallen fangen, weshalb ſie auch meiſt Trappers(Fallen⸗ ſteller) heißen. Ihr Leben iſt eine ununterbrochene Reihe von Gefahren vor wilden Thieren, denen ſie auf ihren einſamen Wanderungen begegnen, oder von feindlichen Indianern, mit denen ſie zuſammentreffen. Dieſe Jäger ſammeln die Felle des Bibers, der Otter, der Moſchusratte, des Marders, des Hermelins, des Luchſes, des Fuchſes und vieler Anderer. Dies 4 iſt ihr Gewerbe und davon leben ſie. Wagluſtige Handels⸗ leute haben Forts oder Handelspoſten in weiten Entfernun⸗— 1 gen von einander angelegt, und in dieſen Forts tauſchen die Jäger und Fallenſteller die Felle gegen die nöthigen Be⸗ dürfniſſe bei ihrem gefährlichen Berufe aus.“ Aber auch noch Andere ziehen über die große Wüſte Anmerikas. Seit vielen Jahren beſteht ein Handelsverkehr zwiſchen der Oaſe Neu⸗Mexico und den Vereinigten Staa⸗ ten. Es iſt in dieſem Handel ein bedeutendes Capital ange⸗ legt und er beſchäftigt viele Menſchen, namentlich Amerika⸗ 4 ner. Die Waaren werden auf großen Wägen von Maul⸗ thieren oder Ochſen befördert, und ein Zug von ſolchen Wägen heißt eine„Caravane.⸗ Andere Cavaranen— ſpani⸗ ſche— gehen über den weſtlichen Theil der Wüſte, von So⸗ nora nach Californien und von da nach Neu⸗Mexico. Die amerikaniſche Wüſte hat alſo ihre Caravanen ſo gut wie die 5 afrikaniſche. Dieſe Caravanen reiſen Hunderte von M Gegenden ohne alle Bewohner außer einz nen heru —— 12 den Indianerhaufen und manche Strecken ſind ſo unfrucht⸗ bar, daß ſelbſt dieſe nicht da ausdauern können. Die Caravanen folgen gewöhnlich einer Richtung, gewiſſermaßen einem Wege, welcher bekannt iſt, und wo man zu gewiſſen Zeiten des Jahres Gras und Waſſer 4 ſinden kann. Solcher Richtungen oder Wege von den Grenz⸗ niederlaſſungen in den Vereinigten Staaten zu denen in Neu⸗Mexico gibt es mehre. Zwiſchen dieſen Richtungen und Wegen alſo liegen weite Strecken wüſtes Landes, die völlig unbekannt und unerforſcht ſind, aber auch gar manche fruchtbare Stellen, die noch niemals ein Menſchenfuß betrat. 5 In dieſe große amerikaniſche Wüſte führe 16 den 4 Leſer. Zweites Capitel. Der weiße Gipfel. 3 Vor einigen Jahren gehörte ich zu einer Geſellſchaft von b „Prairie⸗Handelsleuten,« welche mit einer Caravane voen b St. Louis vom Miſſiſſippi nach Santa⸗Fé in Neu⸗Mexico zogen. Wir folgten dem gewöhnlichen»Santa⸗Fé⸗ Wege. Da wir unſere Wagreni in Neu⸗Mexico nicht vollſtändig ver⸗ ertheten, reiſte n wir weiter nach der großen Stadt Chi⸗ fuahua, die weiter nach Süden liegt. Dort wickelten wir 3 eſchäfte vollſtändig ab, und wir wollten auf dem +½ — El Paſo gehörte. Zu den Maulthieren gehörten vier Trei⸗ der, Mericaner. Natürlich waren wir ſämmtlich gut be⸗ baren Aehnlichkeit der Spitzen mit Orgelpfeit 4 Geſtalten erſcheint. Dieſe Degelhedlehs teſth 13 einen neuen Weg über die Prairien zu ſuchen, da wir nichts mehr bei uns hatten als unſere Geldſäcke. Wir Alle wünſch⸗ ten einen beſſern als den gewöhnlichen Weg zu finden, und meinten es gäbe vielleicht einen ſolchen zwiſchen der Stadt El Paſo(am del Norte) und irgend einem Punkte ver Grenze von Arkanſas. In El Paſo verkauften wir unſere Wagen und kauften mericaniſche Gepäck⸗Maulthiere, wo wir einige Leute in Lohn nahmen, welche dieſelben zu lei⸗ ten hatten,— Maulthier treiber. Wir kauften auch Reitef pferde, kleine, ausdauernde Pferde von Neu⸗Mexico, wel che ſich für eine Reiſe durch die Wüſte vortrefflich eignen. Ueberdies verſorgten wir uns mit den Kleidungsſtücken undf Lebensmitteln, die wir auf unſerem unbekannten Wege brauch⸗ ten. Nachdem alle Vorbereitungen zu Ende waren, nahmen wir Abſchied von El Paſo und wendeten uns gegen Oſten. Wir waren im Ganzen unſer zwölf— Handelsleute und Jä⸗ ger, die uns über die Ebene begleiten wollten. Auch ein Bergmann war dabei, der zu einer der Kupfergruben bei waffnet und hatten die beſten Pferde, die für Geld zu erlan⸗ gen geweſen waren. Vor allem hatten wir die Felſenberge zu überſteigen, die von Norden nach Süden durch das ganze Land ziehen. Die Kette, welche öſtlich von El Paſo lauft, heißt die Sier ra de Organos oder das»Orgelgebirge,- von einer ſchein⸗ Spitzen ſind von Baſalt, der bekanntlich in de hat wie das Meer. Dieſe merkwürdige Erſcheinung hat noch Niemand zu erklären vermocht, und iſt darum bis zum heu⸗ tigen Tage ein ungelöſetes Räthſel geblieben. Dieſer See ſſt ein Lieblingsaufenthalt der wilden Thiere in der Umge⸗ gend, und Hirſchen wie Elenns findet man in großer Menge an ſeinen Ufern, wo ſie nicht einmal von den mexicaniſchen Jägern beläſtigt werden, weil dieſelben eine abergläubiſche Furcht vor den Geiſtern der Orgelberge zu haben ſcheinen, und ſelten an den ſteilen Hängen hinaufſteigen. Unſere Geſellſchaft fand einen bequemen Weg durch dieſe Bergkette, die uns in das offene Land an der andern Seite brachte. Nachdem wir mehre Tage über die öſtlichen Ausläufer der Felſengebirge gereiſet waren, trafen wir auf einen kleinen Fluß, dem wir hinabwärts folgten, und der uns endlich an einen großen brachte, welcher von Nor⸗ 3 den nach Süden ſtrömt, und der berühmte Pecos oder Puerco war. Ueber dieſen ſetzten wir und einige Tage hielten wir uns an ſeinem linken Ufer, weil wir hofften an einen und dem wir dann folgen könnten. Aber es zeigte ſich kein ſolcher Fluß und wir mußten gelegentlich den Pecos ſelbſt ver⸗ laſſen und mehre Meilen weit in das offene Land hin⸗ aus, ehe wir wiederum an ſein Waſſer zurückzukehren ver⸗ ten, und zwar wegen des tiefen Bettes, das ſich der im Laufe der Jahrhunderte durch die ihm entgegenſte⸗ kamen auf dieſem Wege weiter nach Norden als Gbene zu einchen, welche ſich ſo weit 138 andern Fluß zu gelangen, der von Oſten her in ihn fließe und ſo beſchloſſen wir endlich den Uebergang 8 1 4 15 —; Unternehmen den Fluß zu verlaſſen ohne zu wiſſen, ob wir weiter hin wieder Waſſer finden würden. Reiſende halten ſich unter ſolchen Umſtänden gewöhnlich nahe an einem Fluſſe ſobald er in der Richtung ſtrömt, in welcher ſie reiſen; aber wir hatten die Geduld verloren, da wir keinen fanden, der von Oſten her mit dem Pecos ſich ver⸗ band. Wir füllten deshalb unſere Kürbiißflaſchen, ließen unſere Thiere ſo viel trinken als ſie wollten und wendeten uns der offenen Ebene zu. Nachdem wir mehre Stunden geritten waren, befan⸗ den wir uns mitten in einer großen Wüſte, die völlig flach war ohne irgend einen Hügel oder irgend ein anderes Zei⸗ chen, nach dem wir uns hätten richten können. Auch zeigte ſich um uns her kaum eine Spur von Vegetation. Hier und ſachelige Cactus, aber keinen Grashalm, welcher das Auge anſerer Thiere hätte erfreuen können. Auch trafen wir kei⸗ nen Tropfen Waſſer, noch eine Spur davon, daß jemals Regen auf dieſe vertrocknete und verbrannte Ebene aufwühlten, hing in dicken ſchweren Wolken um uns. Dazu war die Hitze unerträglich, die in Verbindung mit dem Staube und der Reiſeanſtrengung ſo heftigen Durſt in uns 1. erregte, daß wir das mitgenommene Waſſer austranken. Lange vor Anbruch der Nacht waren unſere Gefäße leer und Jeder Durſt. Unſere Thiere litten noch weit— mehr, denn wir hatten doch wenigſtens Lebensmittel, wäh⸗ von uns klagte über rend die armen Thiere gar nich da erblickten wir Stellen verkrüppelten Wermuths oder 5 gefallen. Der Boden war ſtaubtrocken, und der Staub, den die Thiere 16 weiter. Spät am Nachmittag erfreuten ſich unſere Augen an einem Anblicke, der uns veranlaßte vergnügt uns in den Sätteln aufzurichten. Waſſer war es indeß nicht, wie der Leſer vielleicht erwartet, ſondern ein weißer Gegenſtand, der in großer Ferne ſich an dem Himmel zeigte, ein Gegenſtand von dreieckiger Geſtalt, der in der Luft zu ſchweben ſchien. Wir wußten alle auf den erſten Blick, was es war; wir Koppe eines Schneeberges vor uns ſahen. Der Leſer wundert ſich vielleicht, warum ein ſolcher Anblick uns ſo hoch erfreute, da ein ſchneebedeckter Berg doch gar nichts Erfreuliches an ſich habe. Wir erkannten aber, daß der Berg einer von denen ſey, auf welchen das ganze Jahr hindurch der Schnee liegt und die deshalb in ganz Merxico Nevada heißen. Wir wußten ferner, daß an 3 den Seiten dieſer Berge Flüſſe herabkommen, faſt in jeder Jahreszeit, gewiß aber bei heißem Wetter, in welchem der Scchnee ſchmilzt. Dies erfreute uns und obgleich der Berg ſehr weit entfernt zu ſeyn ſchien, ſetzten wir doch nun un⸗ ſere Reiſe mit neuer Hoffnung und neuer Kraft fort. Auch unſere Thiere ſchienen die Sache zu verſtehen, denn ſie wie⸗ herten laut und griffen raſcher aus. Das weiße Dreieck wurde größer, je weiter wir kamen. Als die Sonne unterging, konnten wir bereits die bräunli⸗ 3 chen Stellen an dem untern Theile des Berges erkennen, und die gelben Strahlen, die auf den Schneekryſtallen ſpielten, ließen den Gipfel wie eine große goldene Krons erſcheinen. 4 — und der Mond nahm ihre Die Sonne ging unter Stelle am Himmel ein. In dem blaſſen Lichte desſelben ſetz⸗ ten wir un zanderung weiter A 58» wußten, daß wir die weiße und weiter fort, währendh 1 . .. der Schneegipfel ununterbrochen in kaltem Glanze uns winkte. Wir reiſeten ſo die ganze Nacht— warum nicht? 5. Nichts konnte uns veranlaſſen Halt zu machen, als auhr Vorſatz— zu ſterben. Der Morgen fand uns müde und erſchöpft. Wir muß⸗ ten wenigſtens hundert(engliſche) Meilen weit geritten ſeyn, ſeit wir den Pecos verlaſſen hatten und doch war der Berg zu unſerem Entſetzen noch immer ziemlich weit von uns 5 entfernt. Als es heller wurde, konnten wir ſeine unrere Seite deutlicher erkennen und ſo bemerkten wir denn auch, daß an ſeiner ſüdlichen Seite eine tiefe Schlucht ihn bis faſt zum Gipfel hinauf zerriß. An der weſtlichen Seite, der uns zunächſt liegenden, zeigte ſich nichts der Art und wir vermutheten deshalb, daß ſich am wahrſcheinlichſten in der Schlucht nach Süden hin Waſſer finden werde, da ſich dort ſicherlich durch den geſchmolzenen Schnee ein Fluß ge⸗ bildet. Wir richteten unſern Weg nach dem Punkte hin, wo 3 ddie Schlucht ihren Ausgang in die Ebene zu haben ſchien.— 4 Auch hatten wir richtig geſchloſſen; als wir näher kamen, 1 und an dem Fuße des Berges herumzogen, erblickten wir einen hellgrünen Streifen, der in die vraune Wüſte hinein⸗ . lief. Er ſah aus wie eine niedrige he in der hier und da große Bäume ſtehen. Das alles war uns ſehr wohl be⸗ 3 kannt. Es war ein Wäldchen von Weidenbäumen, unter die ſich einzelne Baumwollbäume miſchten— ſichere Anzeichen von Waſſer, die wir jetzt mit Entzücken begrüßten. Die Menſchen riefen mit heiſerer Stimme Hurrah, die Pferde wieherten und nach einigen Minuten knieten Menſch d Thiere neben einem kryſtallhellen Flüßchen, Zügen das kühlende Waſſer einzuſchlürfen. ” ———— —— ————j ͦ ͦ— —, Das Haus in der Wüſte. 4 . 18 Drittes Capitel. Die CThal- Oaſe. Wir bedurften nach einem ſo langen und beſchwerlichen Ritte alle der Ruhe und Stärkung, und nahmen uns des⸗ halb vor, die ganze Nacht, ja vielleicht noch einen Tag oder aauch mehre Tage an dem Fluſſe zu bleiben. Die Weidenbäume erſtreckten ſich auf den beiden Ufern vielleicht fünfzig Schritte weit in die Ebene hinein und im Schatten dieſer Bäume wuchs Gras, das in Mexico unter dem Namen Gramma ge⸗ baute Gras, das ſehr nahrhaft und wohlſchmeckend ſeyn muß, weil es von Pferden und Rindern begierig aufgeſucht wird. Wir ſahen dies auch an unſern Thieren, denn ſobald ſie ihren brennenden Durſt gelöſcht hatten, fielen ſie mit offenem Maule und freudeglänzenden Augen über dasſelbe her. Wir nahmen ihnen die Sättel und Päcke ab, pflöckten ſie an, und ließen ſie dann nach rzensluſt weiden. Wir ſelbſt ſahen uns aber auch nach etwas für unſer Abendeſſen um. Noch hatten wir allerdings nicht Hunger ge⸗ litten, da wir während des Rittes über die öde Ebene gele⸗ ten dasſelbe roh eſſen müſſen und tasajo— ſo heißt ſol⸗ ches Fleiſch— iſt weder roh noch gebraten etwas Gutes. gentlich ein Stück gevbfktes Fleiſch gekauet; aber wir hat⸗ Ueber eine Woche lang hatten wir davon gelebt, und wir ſehnten uns Jar k ſehr nach kiwas Friſchem. Auf der danzen 19 nahme von einem halben Dutzend dürren Antilopen, von deenen wir überdies nur eine ſchießen konnten. Während wir unſere Pferde und Maulthiere anpflöͤck⸗ ten und Anſtalt machten unſern Kaffeh und das gedorrte Fleiſch zum Abendeſſen zu kochen, hatte ſich einer der Jäger, ein ruhe⸗ loſer Menſch Namens Lincoln, hinweg und in der Schlucht hinaufgeſchlichen. Bald darauf hörten wir auch den ſchar⸗ fen Knall ſeiner Büchſe, und als wir an dem Berge hinauf⸗ ſahen, erblickten wir eine Herde»Dickhörner«— wie die wilden Schafe in dem Felſengebirge genannt werden— die voon Klippe zu Klippe ſprangen und faſt ſo geſchwind wie Vögel vor unſern Augen verſchwanden. Es dauerte nicht lange, ſo erſchien Lincoln am Eingange der Schlucht mit einem ſchweren Gegenſtande auf den Achſeln, mit einem Mitgliede der Heerde, die wir hatten entfliehen ſehen, wie wir an den dicken, halbmondförmig gebogenen Hörnern ſehr bald erkannten. Das Thier war groß und fett und die Meſ⸗ ſer der geſchickten Jäger hatten es bald abgehäutet und zer⸗ lexgt. Andere kräftige Hände hatten unterdies ein paar Beile Meergriffen, und nach wenigen Hieben ſtürzte ein Baumwol⸗ lenbaum praſſelnd nieder, der, in Stücke zerſpalten, bald im Feuer kniſterte. Ueber dieſen traten die Rippen und an⸗ deere Fleiſchſtücke des„Dickhorns,« der Kaffehkeſſel dampfte, ſang und brodelte und ſein brauner Inhalt verbreitete den lieblichſten Geruch. Es ſchmeckte uns allen ſo vortrefflich, wie es nur erſchöpften Reiſenden ſchmecken kann, und ſobald 8 wir geſättiget waren, wickelten wir uns in unſere Decken und vergaßen im füßeſten Schlummer die überſtandenen Gefahren. Am nächſten Morgen ſtanden wir erfr auf und pultem nach dem Frühſtück NRath, iſcht und geſta 20 Weg weiter fortſetzen ſollten. Gern wären wir dem kleinen Fluſſe gefolgt, aber er ſchien nach Süden zu ſtrömen und das war unſere Richtung nicht. Wir mußten nach Oſten weiter. Während wir noch darüber ſprachen, erregte ein Ausruf des Jägers Lincoln unſere Aufmerkſamkeit. Er ſtand im Freien, in einiger Ent⸗ fernung von den Weiden und wies nach Süden. Wir ſchau⸗ ten alle in dieſer Richtung hin und ſahen zu unſerer großen Verwunderung eine blaue Rauchſäule, die offenbar aus der Ebene herauskam, zum Himmel emporſteigen. »Es müſſen Indianer ſeyn!« ſagte Einer. »Geſtern Abend,« bemerkte dagegen Lincoln,»als ich dem Dickhorn auflauerte, fiel mir eine ſeltſam ausſehende Vertiefung in der Ebene auf. Der Rauch dort kommt aus ihr. Da nun, wie es heißt, Feuer ſeyn muß, wo Rauch iſt, und da das Feuer von Jemanden angemacht ſeyn muß, ſo werden Menſchen bei ihm ſeyn, Indianer oder Weiße.⸗ 4 Natürlich Indianer,« ſielen Mehre ein.»Wer ſonſt ännte ſich hier aufhalten, mehre Hunderte von Meilen mit⸗ ten in der Wüſte? Es müſſen Indianer ſeyn.⸗ 3 Wir beriethen uns ſofort, was wohl zu thun wäre. Unſer Feuer wurde zuerſt erſtickt, dann zogen wir die Pferde und Maulthiere unter die Weiden, damit ſie nicht ſogleich geſehen werden konnten. Einige ſchlugen dann vor, es ſoll⸗ ten Mehre an dem Fluſſe hinabgehen und Muſterung hal⸗ ten, während Andere meinten, es würde beſſer ſeyn, wenn wir an dem Berge hinaufſtiegen, von dem aus man die Stelle würde erblicken können, von welcher der Rauch auf⸗ ftieg. Dies war offenbar das Beſte, denn wenn es uns ge⸗ nügende Ansrunſt verſchaffte, blieb uns der zuerſt angege⸗ e Pl imer. Ein halbes Dubenbe⸗ von uns a mach —————n 21 ten ſich denn ſofort auf den Weg, um den Berg zu erſtei⸗ gen, während die Uebrigen zur Bewachung des Lagers zu⸗ rückblieben. Wir kletterten in der Schlucht hinan und blieben biswei⸗ len ſtehen, um über die Ebene hin zu blicken. So gelangten wir ziemlich hoch hinauf und ſahen endlich einen Einſchnitt, eine Art Barranca, in welche der Fluß ſtrömte; erkennen konn⸗ ten wir aber darin nichts wegen der großen Entfernung. Darüber hin dehnte ſich die Ebene kahl und unfruchtbar. Auf einer Seite nur und zwar nach Oſten zeigte ſich ein grüner Gürtel hier und da mit einem einſamen Baume oder höchſtens einer Gruppe von zwei oder dreien, die verkrüp⸗ pelt und buſchig ausſahen. In der Mitte dieſes Gürtels konn⸗ ten wir eine Linie oder einen Spalt in der Ebene erkennen. Dies war offenbar das Bett, in welchem der Fluß hin⸗ ſtrömte, nachdem er die Barranca verlaſſen hatte. Da wir durch längeres Verweilen auf dem Berge nichts Weiteres 8 zu ermitteln vermochten, ſo ſtiegen wir wieder hinab und kehrten zu unſeren Gefährten zurück. Nun wurde beſchloſſen, daß Mehre am Fluſſe hingehen ſollten, bis ſie den Rand jenes ſeltſamen Thales erreichten, um dasſelbe vorſichtig zu muſtern. Sechs von uns brachen auf. Wir ſchlichen uns ſtill und leiſe hin und blieben un⸗ ter den Weiden, auch ſo nahe als möglich an dem Ufer des Baches. So gingen wir etwa anderthalb(engliſche) Meilen weit, bis wir in die Nähe des Endes der Barranca gekom⸗ mien waren. Wir hörten etwas rauſchen wie einen Waſſer⸗ all, den wahrſcheinlich der Fluß da bildete, w er ſich in die ſeltſame Schlucht hinabſtürzte, die ſich vor un bereits zu erweitern begann. Dieſe ſich, denn gleich darauf krochen wir an d n R. 22 baren Klippe, über welche das Waſſer des Flüßchens hin⸗ wegſchoß, um mehre hundert Fuß tief hinabzuſtürzen. Es war ein herrlicher Anblick auf den langen Waſſer⸗ ſtrahl, der ſich wie der Schweif eines Pferdes krümmte, und in die ſchäumende Flut unten hinabgoß und dann in ſeinen Millionen ſchneeigen Schaumperlen ſich erhob, die 3 mit allen Farben des Regenbogens in den Sonnenſtrahlen glänzten. Es war ein herrlicher Anblick, aber unſere Augen verweilten nicht lange dabei, denn andere Gegenſtände er⸗ füllten uns mit Staunen und Verwunderung. Weit unten — weit unten von da, wo wir uns befanden— lag ein liebliches Thal, das in aller Pracht und Ueppigkeit einer reichen Vegetation lachte. Es hatte ſo ziemlich eine eirunde Form und war auf allen Seiten von hohen ſteilen Wänden eingeſchloſſen. Die Länge mußte zum wenigſten zehn(engliſche) Meilen betragen und die Breite vielleicht die Hälfte. Wir pefanden uns am obern Ende und ſahen es deshalb der Länge nach. An dem Rande der Wand, die von dem Boden des Thales zu uns heraufſtieg, wuchſen zum Theil Bäume ho⸗ rizontal hinaus, Cedern und Fichten. Auch bemerkten wir in den Felſenritzen die knorrigen Aeſte rieſiger Cactus. Wir ſahen die wilde Magurypflanze an der Felſenmauer wach⸗ ſen und ihre ſcharlachrothen Blätter ſtachen angenehm von den dunkelgrünen Cedern und Cactus ab. Unten im Thale dagegen ſchien Alles ſchoͤn, reizend, lieblich zu ſeyn. Wir erkannten breite Strecken Wald, wo das dichte Laub der Bäume ſich ſo zuſammendrängte, daß es von oben wie eine grüne Bodenfläche ausſah. Wir wußten aber, daß es nur grüne Blätter waren, denn hier und da zeigte ſich helleres Grün dazwiſchen, in welchem wir Roſen vermutheten. Die Blätter der Bäume waren übrigens verſchieden gefärbt, denn ————; 23 1 wir ſtanden bereits im Spätherbſt. Einige waren gelb, an⸗ dere hellroth oder ſchön braun, andere grün in verſchiedenen Nuancen, einige ſelbſt ſilberſcheinend weiß. Alle dieſe Far⸗ ben waren ſo untereinander gemiſcht wie die Blumen auf einem reichen Teppich. In der Mitte des Thales zeigte ſich ein großer glän⸗ zender Gegenſtand,— Waſſer, offenbar ein See, von kry⸗ ſtallklarer Reinheit, glatt wie ein Spiegel. Die Sonne ſtand in der Mittagshöhe und in ihren Strahlen blitzte das Waſ⸗ ſer wie eine große Goldplatte. Den Umkreis des Waſſers oermochten wir nicht genau zu erkennen, da uns Bäume dasſelbe zum Theil verdeckten, aber wir ſahen, daß der Rauch, der zuerſt unſere Aufmerkſamkeit erregt hatte, irgend wo am weſtlichen Ufer aufſtieg. Wir kehrten in das Lager zurück, wo wir unſere Ge fährten zurückgelaſſen hatten, und wir kamen überein, alle mit einander au der Barranca hinzureiten, bis wir eine Stelle fänden, wo wir hinabkommen könnten. Eine ſolche V Stelle mußte es geben; denn wie wären ſonſt diejenigen hin⸗ 4 abgelangt, welche das Feuer angezündet hatten.* Wir ließen deshalb die Mexicaner mit den Maulthie⸗ ren in dem Lager zurück, und ritten davon an der öſtlichen Seite hin und nicht nahe am Ufer, ſo daß wir nicht geſe⸗ hen werden konnten, bis wir ermittelt hatten, was für Leute in dem Thale waren. Als wir der Stelle gegenüber gekom⸗ men waren, wo der Rauch aufſtieg, machten wir Halt, zwei von uns ſtiegen ab und ſchlichen ſich bis an d Rand Schlucht. Auch hielten wir uns hinter einigen Büſchen ſteckt. Endlich erlangten wir einen gute (Thales unten, und der Anblick war ein h⸗ wenigſtens an dieſem Orte, wo er am alle 24 wartet werden konnte. Es befand ſich da, wie bereits er⸗ wähnt, ein großer See, und an dem uns entgegengeſetzten Ufer, nicht hundert Schritte von demſelben, ſtand ein ganz hübſches Blockhaus nebſt einigen kleinern dahinter. Rund herum liefen Zäune, und ein urbar gemachtes Stück Land war in Felder getheilt, deren einige grün und mit Vieh be⸗ deckt waren. Das Ganze ſah wie ein nettes Landhaus aus mit Ställen und Scheunen, Gärten und Feld, Pferden und Rin⸗ dern. Die Entfernung war zu groß, als daß wir hätten er⸗ kennen können, was für Vieh es war, nur bemerkten wir verſchiedene Sorten an demſelben. Wir ſahen auch Leute vier im Ganzen— in den Einzäunungen umhergehen und in der Nähe der Hausthür befand ſich eine Frau. Ob ſie Weiße waren, ließ ſich aus der Entfernung nicht erkennen, aber es ſiel uns doch keinen Augenblick ein, ſie für India⸗ naer zu halten. Kein Indianer hätte ein ſolches Haus bauen önnen. Es war uns als träumten wir, als wir ein ſolches Bild an einem ſolchen Orte vor uns ſahen, aber es er⸗ freute unſere Augen, da wir ſo eben aus der dürren Wüſte kamen. Der See war ſpiegelglatt und am Ufer konnten wir mehre Thiere bis an die Knie in dem Waſſer ſtehen ſehen. 3 Noch viele andere Gegenſtände fielen uns auf, aber wir hatten keine Zeit lange bei denſelben zu verweilen und ſo krochen wir zu unſeren Gefährten bei den Pferden zurück. Wir eilten weiter, um wo möglich einen Weg hinab in dieſe ſeltſame Oaſe zu finden. Nachdem wir noch einige (engliſche) Meilen weit gekommen waren, erreichten wir die Stelle, an welcher der Fluß in öſtlicher Richtung heraus⸗ trat, und richtig da fand ſich auch der Weg, den wir ſuch⸗ de ſich, wie in den Felſen gehauen, allmälig hin⸗ 1 25 abſchlängelte. Er war nicht viel breiter als eine Wagen⸗ ſpur, aber ziemlich bequem. Wir zögerten keinen Augenblick, ſondern ritten hinab. Viertes Capitel. Die ſeltſame Anſiedlung. Wir befanden uns bald unten im Thale und folgten da einem Wege, welcher an dem Ufer des kleinen Fluſſes hin führte. Wir wußten, daß er uns an den See führen würde, wo wir dann das Haus ſehen konnten. Wir ſtaun⸗ ten zunächſt über die große Menge verſchiedener Bäume, die wir in der Waldung ſahen; aber eben ſo verſchieden und zahlreich ſchienen auch die ſchönen Vögel zu ſeyn, die auf den Zweigen umherflogen, als wir vorüberritten. Endlich erblickten wir die freie Lichtung, in welcher der See und das Haus befanden. Jedenfalls gebot es ie Vorſicht, noch eine Muſterung vorzunehmen, ehe wir weiter vorrückten; zwei von uns ſtiegen deshalb ab und ſchli⸗ chen ſich vorſichtig durch ein Dickicht vollbelaubter Büſche. Das Haus mit dem ganzen Zubehör lag vor uns. Es war ein Blockhaus— ſo wie man ſie in den weſt⸗ lichen Staaten von Nordamerika findet— und gut ge⸗ baut. An dem einen Ende lag ein Garten, rund umher Feld, das zum Theil bebaut war. Auf einem Stücke be⸗ merkten wir Mais, auf einem andern Weizen. Am meiſten überraſchten uns aber die Thiere, die ſich in den Einzaͤu⸗ ungen befanden, Wir alle hatten geglaubt, es wären ſolche, „ 26 wie man ſie gewöhnlich auf Landgütern findet, nemlich Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner. Man denke ſich alſo unſere Ueberraſchung, als wir bei näherer Beobachtung uns überzeugten, daß keines der ſich hier be⸗ findlichen den genannten glich, mit Ausnahme der Pferde, und ſelbſt dieſe waren von den gewöhnlichen abweichend, nemlich kleiner und über den ganzen Körper gefleckt wie Hunde,— alſo Muſtangs, wilde Pferde aus der Wüſte. Wir ſahen die Thiere an, welche wir für ſchwarze Rinder gehalten hatten. Sie waren— Büffel, Büffel in Einzäunungen, die auf die umhergehenden, ſprechenden und rufenden Menſchen gar nicht achteten. Da, zwei Thiere, welche an einen Pflug geſpannt waren, mußten unbedingt auch Büffelſtiere ſeyn, und ſie arbeiteten ſo ruhig und ge⸗ duldig wie Ochſen. Noch andere Thiere, die größer waren als die Büffel, erregten unſere Aufmerkſamkeit und Neugierde. Wir ſahen mehre derſelben ruhig in dem Waſſer des Sees ſtehen, in welchem ſich ihre gewaltigen Leiber und ihr zackiges Geweih abſpiegelten. Es mußten Elennthiere, große amerikaniſt Elenns ſeyn. Ferner erblickten wir mehre Arten S und Antilopen mit kurzem Geweih, ſo wie Thiere, die an Größe den letztern glichen, aber ungeheure gebogene Hörner hatten wie Ziegen oder Schafe. Wir ſahen einige ohne Schwanz, die Schweinen glichen, während andere mehr Aehnlichkeit mit Füchſen oder Hunden hatten. Auch Geflü⸗ gel mancherlei Art bewegte ſich umher und darunter erkann⸗ ten wir die große Geſtalt des wilden Truthahns. Das Ganze ſah aus wie ein Thiergarten oder eine Menagerie. 1 Ein Mann, den wir ſahen, war groß und ein Weißer, ein anderer ein kleiner unterſetzter Neger, welcher letztere den Pflug leitete. Zwei andere waren ziemlich erwachſene Jünglinge. An der Thür ſaß eine Frau, die irgend etwas arbeitete und neben ihr ſpielten zwei kleine Mädchen, ohne Zweifel ihre Töchter. Das Auffallendſte aber, das wir bemerkten, zeigte ſich vor dem Hauſe und um den Thüreingang her, an welchem die Frau ſaß. Es war ein grauenhafter Anblick. Es waren nemlich zwei große ſchwarze Bären, die ganz frei umherlie⸗ fen und eben miteinander ſpielten. Außerdem befanden ſich⸗ kleinere Thiere da, welche wir anfänglich für Hunde gehal⸗ ten hatten, die aber nach ihren buſchigen Schwänzen, ſpitzen Schnauzen und aufrechtſtehenden Ohren eben ſo viel von dem 3 Wolfe als von dem Hunde an ſich haben mußten. Sie ge⸗ hörten alſo jedenfalls zu der Art, welche man häufig bei den In⸗ dianern findet und die wohl richtiger Hundewölfe genannt würden als Wolfshunde. Wenigſtens ſechs liefen umher. Noch entſetzlicher erſchienen uns indeß zwei Thiere von braun⸗ rother Farbe, welche zuſammengekauert innerhalb der Thür, faſt zu den Füßen der Frau lagen. Ihre runden katzenarti⸗ gen Köpyfe und Ohren, ihre langen ſchwarzen Schnauzen, die weiße Kehle und die blaßrothe Bruſt ſagten uns auf den erſten Blick was ſie waren. »Panther!« ſagte mein Begleiter, indem er tief Athem olte und mich verlegen anſah. Ja, es waren Panther— wie die Jäger ſie nennen— oder eigentlich Cuguars, ame⸗ rikaniſche Löwen.. Mitten unter allen dieſen wilden Thieren beweg⸗ ten ſich die beiden jungen Mädchen umher, als wären die⸗ ſelben gar nicht vorhanden und die Thiere ſchienen ſich ebenfalls um die Kinder und die Frau nicht zu bekümmern. Das Ganze erinnerte an die Schilderungen jener 3 —. welcher die Bibel ſpricht,»-und in der Friede herrſchen wird. auf der ganzen Erde, und der Löwe liegen neben dem Lamme.“«. Wir hielten uns nicht länger auf, denn wir hatten ge: nug geſehen und kehrten zu unſern Gefährten zurück. Fünf Minuten ſpäter erſchien unſere ganze Schaar auf dem freien Platze und ritt nach dem Hauſe hin. Unſer plötzliches Er⸗ f ſcheinen brachte große Beſtürzung hervor. Die Männer rie⸗ fen einander an— die Pferde wieherten— die Hunde 3 heulten und bellten heiſer und auch die Hühner miſchten f ihre Stimmen in den allgemeinen Lärm. Offenbar wurden 3 wir für einen Haufen Indianer gehalten, aber wir gaben er bald genug zu verſtehen wer und was wir waren. Nach ſfe ddieſer Erklärung forderte uns der Weiße ſehr freundlich auf ge abzuſteigen und einzutreten. Gleichzeitig gab er Befehle we⸗ w gen des Mittageſſens; dann rief er uns an, die Pferde in oo eine Einzüunung zu führen, wo er ihnen in einem großen wi hölzernen Troge Körner vorſchüttete. Dabei unterſtützten ihn zu der Neger, der ſein Diener war, wie die beiden Jünglinge, trr welche ſeine Söhne zu ſeyn ſchienen.—— 5 unſere Verwunderung war indeß noch nicht zu Ende, venn Alles um uns her erſchien uns neu, ſeltſam und un⸗ erklärlich. Die Thiere, welche wir nie anders als in ihrem fo wilden Zuſtande geſehen hatten, waren zahm und ſanft wie fe Hausthiere, und überall bemerkten wir neue Arten. Auch unge⸗ woöhnliche Pflanzen wuchſen auf den Feldern und in dem Gar⸗ en. Reben waren an Spalieren hingezogen. Tauben flogen umher und Schwalben zwitſcherten. Wir waren etwa eine Stunde umhergewandert, uns zum Eſſen rief. Folgen Sie mir,“ ſagte unſer — als 8 Wirth, indem er nach 8 29 dem Hauſe voranging. Wir traten ein und ſetzten uns um einen ziemlich großen Tiſch, auf welchem mehre appetitlich duftende Gerichte ſtanden. In einigen derſelben erkannten wir alte Bekannte, während andere uns ganz fremd waren. Wir fanden Wildpretſtücke neben Büffelzungen und Buckel⸗ ſtreifen— das Wohlſchmeckendſte von dem Thiere— dann friſch gekochte Hühner⸗ und Truthühnereier als Omeletten. Es gab ferner Brot und Butter, Milch und vortrefflichen Käſe, und Niemand wird ſich wundern, daß wir mit gro⸗ ßem Appetite aßen. Wir waren alle ſehr hungrig. Am Feuer ſang und brodelte ein großer Keſſel. Was mochte der enthalten? Gewiß weder Thee noch Kaffeh. Bald wurde un⸗ ſere Neugierde auch hier befriedigt. Es wurden Taſſen vor uns geſtellt und in dieſe goß man uns eine heiße Flüſſigkeit, in welcher wir ein ſehr angenehmes Getränk fanden,— Thee von der Saſſafraswurzel, der durch Ahornzucker verſüßt wurde, während ſich jeder nach Belieben von dem Rahm zulangte. Wir alle hatten ſolchen Thee ſchon früher ge⸗ runken und Manchem unter uns ſchmeckte er ſo gut wie — chineſiſcher. Auch während des Eſſens ſiel uns gar mancherlei des ⸗ Seltſamen umher auf. Alle Geräthe im Hauſe waren ein⸗ n fach, ja plump, offenbar zumeiſt an Ort und Stelle ver⸗ ie fertiget. Die Taſſen, Teller und Schüſſeln beſtanden meiſt aus Flaſchenkürbiß und die Löffel und Gabeln waren von ddemſelben Stoffe gemacht. Andere Teller und Schüſſeln en hatte man aus feſtem Holze geſchnitzt. Noch zahlreicher wa⸗ ſen dig Geſchirre von rothem Thon in verſchiedener Form and zu verſchiedenem Gebrauche. Es fanden ſich darunter roße Töpfe zum Kochen und Krüge zur Aufbewahrung von fr. 1 30 Auch die Stühle waren roh gearbeitet, aber ſonſt ga 3 zweckmäßig, meiſt mit roher Haut überzogen, die ſchief nat der Lehne hin geſpannt worden. Leichtere Stühle Dat Sitze von geflochtenen Palmblättern.. Verzierungen und Ausſchmückungen an den Wände Aießen ſich wenige bemerken, mit Ausnahme etwa einig Merkwürdigkeiten, die man da aufgehangen hatte und 8. 8 3 ffenbar ſämmtlich aus dem Thale ſelbſt herrührten. D 3 ſah man denn ausgeſtopfte Vögel mit ſchönem ſeltenen G ſieder, ſo wie ſehr große Thierhörner nebſt einigen Schi den von Landſchildkröten. Spiegel und Bilder gab es türlich gar nicht, eben ſo menig Bücher, mit Ausnah Tiſchchen lag und offenbar ſehr hoch gehalten wurde, da zierlich in die Haut einer jungen Antilope gebunden wat Mich trieb die Neugierde bald dieſes Buch aufzuſchlagen und ich las auf dem Titelblatte: Die heilige Schri 4 Dieſer Umſtand erhöhte noch die Theilnahme, die ich f a unſern Wirth und ſeine Familie bereits euſan und i 1 ſetzte mich mit noch größerem Vertrauen nieder, eit ich wu 1 h daß wir ſelbſt an dieſem entlegenen und verſteckten Ort in dem Hauſe eines Chriſten befanden. Während der Mahlzeit war unſer Wirth nebſt inen Familir zugegen. Wir hatten alle berefts bei unſerer 25 uns zu begrüßen und zu gewillkommuen; aber das Ge der Kinder bunie uns doch in Verlegenheit. Wi iit beinahe zehn dahren geſehen. Die Kinder waren üͤb h üb c. geſund und lebensbräftig ig, zwei Kuaben chen. Eine der letzten hatte eine ſehr dunkle Geſichtsfarb n mit ſchwarzen Haaren und einen ganz ſpaniſchen Geſichtsaus⸗ 1 druck. Die andere war aber ſo weiß und blond wie die andere d dunkel, mit dunkelblauen Augen und ſchwarzen langen Wimpern. Sie hieß Marie, die andere Louiſe. Beide waren ſehr hübſch, doch einander völlig unähnlich und was mir 3 veſonders auffiel, von gleichem Alter und gleicher Größe. Sie ſchienen etwa ſiebzehn Jahre oder etwas drüber zu zäh⸗ d len, doch ließ ſich unmöglich errathen, welche die ältere 3 ſey. Heinrich mit dem blonden Lockenhaar und dem rothen männlich ſchönen Geſicht ſah ſeinem Vater ungemein ähnlich während der Andere dunkel war und ganz und garder Mut⸗ 1 ter glich. Sie ſelbſt ſchien nicht viel über fünfundreißig e Zahre alt zu ſeyn und war noch immer eine ganz hübſche Frau. af 1 Unſer Wirth war ein Mann von etwa vierzig Jahren, en groß und wohlgebaut, mit blühend rother Geſichtsfarbe und SHaar, das früher blond und lockig geweſen ſeyn mochte, jetzt f aber etwas grau geworden war. Bart trug er gar nicht; in ſein Kinn ſah im Gegentheil aus, als ſey an dieſem Tage ßte ſchon das Raſirmeſſer darüber gegangen, wie er denn über⸗ un haupt auf ſein Aeußeres alle Sorgfalt zu verwenden ſchien. Auch hatte er etwas an ſich, in ſeinem Benehmen und ne ſeinem Geſpräche, das den Gebildeten verrieth. Die Kleidung der ganzen Familie war eigenthümlich. un Der Mann ſelbſt trug ein Jagdhemd und Strümpfe vor iit gegeröter Hirſchhaut ſo ziemlich wie die amerikaniſchen Jä⸗ 1 ger. Die Knaben waren ähnlich gekleidet, aber ſie ſchienen 3 unter ihrem Lederanzug eine Art ſelbſt geſponnener und ge⸗ endt wobener Leinwand zu haben. Die weiblichen Glieder der ant. Familie trugen theils eben ſolche ſelbſtgefertigte Zeuge, . 4 A 3 1 4- theils feine Häute, die weich wie Handſchuhleder waren. Umher lagen mehre Hüte, die, wie wir bemerkten von Palm⸗ blättern geſchickt geflochten waren. Während wir noch aßen, erſchien der Neger in det Thür und ſchautemit außerordentlich neugierigem Blicke herein. Er war ein kleiner, ſehr kräftiger Mann, rabenſchwarz und Ulem Anſchein nach gegen vierzig Jahre alt. Seinen Kopf ein Wald von kleinen Locken, die eine glatte Fläche zu bilden ſchienen, ſo daß ſein Kopf rund wie eine Kugel ausſah. Seine Zähne waren ſehr groß und weiß, aber er zeigte ſie nur, wenn er lachte, was freilich faſt ununterbrochen geſchah. In ſeinen tief ſchwarzen Augen lag eiwas ſeht Gutmüthiges und Gefälliges, aber ſie blieben nie in Ruhe ſondern drehten und rollten ſich fortwährend zu beiden Seiten ſeiner großen, breit gedrückten Naſe hin und her. eudjo, jage die Thiere hinaus,« ſagte die Frn der vielmehr die Dame, wie wir ſie wohl nennen ſollten denn ſie hatte auf dieſen Titel gewiß Anſpruch. Ih Befen der vielmehr ihr Geſuch— denn als ſolches theilte ſie di Worte mit— wurde ſofort ausgeführt. Cudjo kam bruß nd bald gelang es ihm die Wolfshunde, die Panther um. undere wilde Thiere hinauszubringen, welche bis vahin 1 ſern Füßen einander angeknurrt hatten, zu nicht geringu 1 Entſetzen Mancher unter uns.. 1 Alles dies war ſo ungewöhnlich, daß wir mit großh Neugierde zuſahen. Endlich ging unſere Mahlzeit zu G und da wir von allem gar gern eine Erklärung gehabt h ſprachen wir dieſen unſern Wunſch gegen unſern Wirth „Warten Sie bis zum Abende,“ antwortete er am Feuer will ich Ihnen meine Geſchichte erzähle dahin bedürfen Sie anderer Erholung als das Eſſen. Lincoln —x 4 ar falbſ, — Lns — 33 men Sie an den See und nehmen Sie ein Bad. Die Sonne ſteht hoch und ihre Strahlen ſind warm. Ein Bad wird Sie nach ſo ſtaubiger Reiſe erfriſchen.⸗ Wir gingen aus dem Hauſe hinaus nach dem See hin und nach wenigen Minuten befanden wir uns in dem kühlen 4 kryſtallhellen Waſſer. Den Tag über beſe rend wir Andern in dem Th da auf neue Gegenſtände d Wir alle wünſchten denn unſere Neugierde hat nung erreicht und wir ſe Räthſel um uns her. Endlich brach der Abend an, und nach einem vortreffe lichen Abendeſſen ſetzten wir uns um das wohlthuende Feuer her, um die ſeltſame Geſchichte Robert Rolfe's zu hören, 8 denn ſo hieß unſer Wirth. Fünftes Capitel. Nolfe's Ingendgeſchichte. Brüder,“ begann er, vich gehöre zu eurem Volke, obgleich ich kein Amerikaner bin, .. ſe wollte er, daß i 34 dürfniſſe und Geſchicklichkeiten erlange, welche alle ohne großes Vermögen ſicher zum Verderben und Verarmen führen. Das war nicht klug, nicht wohlbedacht von meinem Vater, aber mir ziemt es nicht, tadelnd bei dieſem Fehler zu verweilen, der nur aus ſeiner zu großen Liebe zu mir floß. Auch war er gewiß der einzige, den mein guter lieber Vater ſich jemals hat zu Schulden kommen laſſen. Sein Charakter war, abgeſehen von dieſem thörichten Ehrgeiz, rein und makellos unter den Menſchen. Ich wurde in die Schule geſandt, in welcher ich mit den jungen Sprößlingen der Ariſtokratie zuſammen kommen mußte. Ich lernte tanzen, reiten, ſpielen. Ich durfte ſo viel Geld verthun als ich wollte und ſo gut wie meine Schul⸗ cameraden Champagner beſtellen und trinken. Nach meinen UMniverſitätsjahren wurde ich auf Reiſen geſchickt. Ich beſuchte, wie die Andern auch den Rhein, Frankreich und Italien und nach einigen Jahren kehrte ich nach England zurück, weil man mich zurückrief, damit ich meinen Vater— ſterben ſähe. Ich war der einzige Erbe ſeines Beſitzes, das für einen Mann ſeines Ranges gar nicht unbedeutend war, den ich aber bald geringer machte. Ich mußte nothwendig in London leben, um mit meinen frühern Schul⸗ und Univerſitäts⸗ freunden umgehen zu können. Sie ſahen mich auch gern, äterlichen Erbes Ich ſtand dem Bankerott nahe, nur Eines ſie rettete mich.⸗ —— 35 Dabei deutete er auf ſeine Frau, die, von ihren Kindern umringt, neben dem großen Herde ſaß. Sie hielt die Augen niedergeſchlagen und lächelte, während die Kinder, welche alle aufmerkſam zugehört hatten, mit theilnehmenden, neu⸗ gierigen Blicken ſie anſahen. »Ja,“« fuhr er fort,„»Marie rettete mich. Wir waren früher Spielgenoſſen geweſen und trafen um dieſe Zeit wiederum mit einander zuſammen. Wir liebten einander und zuletzt heiratheten wir einander. Zum Glück hatte mein ausſchweifendes Leben nicht alle Tugend, nicht alle guten Grundſätze in mir zerſtört, wie es leider häufig genug geſchieht. Gar manche Lehren, die mir in der frühern Jugend eine gute Mutter gegeben hatte, ſtanden noch friſch und lebendig in meinem Herzen. Sobald wir verheirathet waren meine Lebensweiſe ganz und gar zu ändern. Das iſt freilich nicht ſo leicht als man es ſich gemeiniglich einbildet. Iſt man einmal von Genoſſen umgeben, wie es die Meini iſt man in Schulden und Verbindli Muth und feſte Tugend hinzu, von den erſten ſich zu trennen unnd von den letzten ſich frei zu machen. Eserfordert einen ge⸗ waltigen Entſchluß, von böſen Gefährten ſich loszureißen, in deren Intereſſe es liegt, daß man ihnen gleich bleibe. Ich war entſchloſſen und mit Hilfe des guten Rathes Mariens gelang es mußte ich Alles aſſen hatte. Als tilgt war, „nahm ich mir vor, gen waren, chkeiten gerathen, ſo gehöͤrt durchzuführen. 36 noch dreitauſend Pfund unſer nennen konnten. In England von einer ſolchen Summe zu leben iſt ſchwer, das heißt unter der Claſſe, mit welcher ich bisher umgegangen war. Nachdem ich mehre Jahre lang mich bemüht hatte, dieſe Summe zu erhöhen, überzeugte ich mich, daß ſie von Tag zu Tage geringer wurde. Ich betrieb drei Jahre lang die Land⸗ wirthſchaft und ſetzte dabei eintauſend Pfund Sterling zu. Die übrigen zweitauſend, ſagte man mir, würden mich in Amerika weiter bringen; dort könnte ich dafür eine ſchöne Beſitzung kaufen; um ſo gut als möglich für meine Familie zu ſorgen, ſchiffte ich mich mit Weib und Kindern nach New⸗ York ein. Dort fand ich den rechten Mann, den ich brauchte, neemlich Einen, der mir mit Rath beiſtand, wie ich in der Neuen Welt es am beſten anfange. Ich hatte noch immer eine Vorliebe für den Landbau und darin unterſtützte mich mein Rathgeber. Er ſagte mir zugleich, es würde unklug ſeyn, mein Geld in ein noch ungebautes Land zu ſtecken, da ich bei meinem Mangel an Erfahrung wahrſcheinlich für das Wegſchaffen der Bäume mehr bezahlen müßte als für das geſammte Land.»Es würde für Sie weit beſſer ſeyn,« ſagte mein Bekannter,»wenn Sie bereits urbar gemachtes und eingezäuntes Land mit einem hübſchen Hauſe darauf kauften, in dem Sie bald eingewöhnen würden.“ Der Wahrheit dieſer Anmerkung ließ ſich nichts entge⸗ genſetzen; aber würde mein Geld ausreichen?—»Ach ja,“ verſicherte er und er ſetzte hinzu, daß er„eine Farm im Staate Virginien« kenne, eine Pflanzung, wie er es nannte, die gerade für mich paſſen dürfte. Sie könnte für fünfhundert Dollars gekauft werden, ſo daß mir noch Geld genug bliebe, 7 8 37 3 Nach einigem weitern Hin⸗ und Herreden ergab es ſich daß jene Pflanzung ihm ſelbſt gebörte. Um ſo beſſer, dacht . ich; ich kaufte ſie ihm ab und machte mich dann gleich darauf * auf den Weg nach meiner neuen Heimat.⸗ 1 3 V Sechſtes Capitel. — Die Pflanzung in Virginien. 3 1»Ich fand die Farm ganz ſo, wie der Mann ſie mir beſchrieben hatte, groß, mit einem guten hölzernen Hauſe t und vortrefflich eingezäunten Feldern. Auch machte ich mich ſogleich daran, von meinem übrigen Gelde das mir Fehlende 4 4 anzuſchaffen. Zu meiner großen Verwunderung freilich fand ſich, daß ich den größten Theil davon hinzugeben hatte, um Menſchen zu kaufen. Ja,— es blieb mir keine Wahl. Arbeiter außer Sclaven gab es nicht und dieſe mußte 3 ich entweder ſelbſt kaufen oder von ihren Herren miethen, was in Sachen der Moral keinen Unterſchied macht. . In der Meinung nun, daß ich ſie mindeſtens eben ſo 4 menſchlich behandeln könnte, als ſie von Andern behandelt zu werden ſchienen, wählte ich das Erſtere, kaufte eine Anzahl Schwarzer, Männer und Frauen, und begann ſo mein Pflanzerleben. Aber nach einem ſolchen Handel verdiente ich es nicht Glück zu haben und wie Sie ſehen werden, ich hatte wirklich kein Glück. 8 Meine erſte Ernte ſchlug fehl; ich beka Ausſaat zurück. Die zweite war noch ſchlechter fannte nun zu meinem Ver uſſe au e U —— verkaufen,— Farm, Vieh und Neger. Doch nein, alle terung der Andern dem unfruchtbaren Boden wenigſtens etwas abzunöthigen. Seine Bemühungen waren vergeblich geweſen, 38 eine„ausgeſogene,« ausgebeutete Pflanzung übernommen. Der Boden ſah ganz gut aus, ſo daß man ihn auf den erſten Anblick für recht fruchtbar hätte halten können. Als ich ihn ſelbſt zum erſten Mal ſah, war ich von meinem Kaufe entzückt, der ein höchſt günſtiger für die kleine Summe zu ſeyn ſchien. Aber der Schein trügt bekanntlich und es gab keinen ärgern Trug als meine ſchöne Pflanzung in Virginien. 4 Sie war ſo gut als gar nichts werth. Sie hatte mehre Jahre hinter einander Mais, Baumwolle und Tabak tragen müſſen. Dieſe hatten den Boden ſo ausgeſogen, daß auch nicht ein Stengel mehr darauf wuchs. Ich erhielt alſo in den erſten zwei Jahren keine oder vielmehr ſehr ſchlechte Ernten. Im dritten war es wo 1 möglich noch ſchlimmer, im vierten und fünften nicht beſſer. * —.,— Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß ich in dieſer Zeit 4 verarmt war, oder doch beinahe. Die Koſten für den Unter⸗ halt und die Kleidung meiner armen Neger hatten mich tief in Schulden geſtürzt und ich konnte auf meiner werth⸗ loſen Pflanzung nicht länger leben, wenn ich es auch gewollt hätte. Um meine Schulden zu bezahlen, mußte ich alles ——— verkaufte ich nicht. Da iſt noch ein braver, ehrlicher Schwar⸗ zer, an den wir, Marie und ich, uns gewöhnt hatten. Ich war entſchloſſen ihn nicht wieder in die Sclaverei zu verkau⸗ fen. Er hatte uns treu gedient. Er ſagte mir zuerſt, daß ich betrogen worden ſey; er hatte Mitleid mit meinem Unglück und bemühte ſich, durch eigene Anſtrengung wie durch Ermun⸗ ich nahm mir vor, ihm ſeine Redlichkeit und Anhäng⸗ n Ich gab ihm die deeihag —— — — 39 aber er wollte ſie nicht annehmen, er wollte uns nicht ver⸗ laſſen und ſo iſt er noch bei uns.⸗ Während er dies erzählte, wies er auf Cudjo, der an einer Thürſäule lehnte und aus Freude über die Lobeserhe⸗ bungen, die ihm gemacht wurden, den Mund lachend weit aufzog und alle ſeine weißen Zähne zeigte. Rolfe fuhr dann fort:— ⸗Als der Verkauf erfolgte und alles bezahlt war, blie⸗ ben mir gerade noch fünfhundert Pfund Sterling. Ich hatte jetzt ziemliche Erfahrung in der Landwirthſchaft und nahm mir vor, nach dem Weſten zu gehen, in das große Miſſiſ⸗ ſippi⸗Thal. Ich wußte, daß ich dort für meine fünfhun⸗ dert Pfund eine Farm erhalten konnte, ſo groß als ich ſie nur wünſchte, auf der freilich noch alle Bäume ſtanden. Gerade um dieſe Zeit fielen mir einige lockende An⸗ kündigungen in den Zeitungen von einer neuen Stadt in die Augen, welche an dem Zuſammenfluſſe des Ohio und Miſſiſſippi angelegt werden ſollte. Sie erhielt den Namen „Cairo,« und da ſie auf der Gabel zwiſchen den zwei größ⸗ ten und ſchiffbarſten Flüſſen in der Welt lag, mußte ſie natürlich binnen wenigen Jahren eine der größten und blühendſten werden. So ſagten nemlich die Ankündigungen. Ueberall befanden ſich Karten und Pläne von der neuen Stadt, und auf dieſen ſah man Theater, Banken, Ge⸗ richtshoͤfe und Kirchen. Es wurden Stücke von Grund und Boden zum Verkauf ausgeboten, zugleich andere in der Nähe der Stadt, ſo daß die Bewohner ſtädtiſche und länd⸗ liche Beſchäftigungen zugleich treiben konnten. Meiner Mei⸗ hang 19 u wurde ein ſehr geringer Preis dafür gefordert, 4 40 in der neuen Stadt, ſo wie eine Farm in ihrer Nähe ge⸗ kauft hatte. Sobald der Kauf abgeſchloſſen war, brach ich auf, um Beſitz davon zu nehmen. Natürlich nahm ich Frau und Kin⸗ der mit mir. Ich hatte deren drei,— die beiden älteſten waren Zwillinge und etwa neun Jahre alt. Nach Virginien mochte ich nie mehr zurückkehren und unſer treuer Cudjo 4 begleitete uns zu unſerer neuen Heimat im fernen Weſten.. Es war eine beſchwerliche Reiſe, aber doch lange nicht ſo ſchwer als die Prüfung, die uns bei der Ankunft in Cairo erwartete. Sobald ich den Ort erblickte, erkannte ich auch, daß ich wiederum betrogen ſey. Es ſtand nur ein einziges Haus da und zwar an der einzigen Stelle, die nicht Sumpf war. Faſt der ganze Raum, den die neue Stadt einnehmen ſollte, ſtand unter Waſſer und der nicht gänzlich überſchwemmte Theil war nichts als ſchwarzer mit Bäumen und rieſigen Binſen bewachſener Moraſt. Theater, Ban⸗ ken, Gerichtshöfe und Kirchen gab es nicht, auch ſchien es durchaus nicht wahrſcheinlich zu ſeyn, daß irgend etwas da gebaut werden würde, als etwa— ein Damm zum Ab⸗ halten des Waſſers von dem einzigen Hauſe, einer Art Gaſt⸗ haus, in dem ſich fluchende Schiffer umhertrieben. Ich g g ans Land und ſuchte mein»Eigenthum.«Dies lag in einem Sumpf, in welchem ich bis an die Knöchel einſank. Um meine„Farm« zu beſichtigen, mußte ich eiin Boot nehmen, und nachdem ich über die ganze Ausdehnung dderſelben gerudert war, ohne an einer einzigen Stelle Grund zu finden, kehrte ich niedergeſchlagen und vollſtän- dig entmuthigt in das Gaſthaus zurück. Mi 4 5 t dem nächſten Dampfboot, das ankam, fuhr 69 41 nach St. Louis, wo ich den Platz in der Stadt und vor derſelben für eine Kleinigkeit wieder verkaufte. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß alles dies mich in eine trübe Stimmung verſetzt hatte. Das Herz wollte mir faſt brechen, wenn ich an meine Frau, meine Kinder und an mein nie enden wollendes Unglück dachte. Hätte es et⸗ was genützt, ich würde Amerika und die Amerikaner ver⸗ flucht haben, und doch wäre dies eben ſo ungerecht als ſünd⸗ haft geweſen. Allerdings war ich zweimal frech betrogen worden; dasſelbe war mir in meinem Vaterlande aber auch widerfahren und zwar von Leuten, die ſich für meine Freunde ausgaben. Schlechte Menſchen gibt es in jedem Lande, die Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit zu ihrem Vortheile ausbeuten. Es folgt daraus aber keineswegs, daß alle ſo immer weit mehr als von den Vorzügen. Wenn ich auf die Pläne und Speculationen blicke, die in meinem Vaterlande erſonnen worden ſind und einige wenige kluge Schurken auf Koſten von ehrlichen Tauſenden bereichert haben, kann ich die Amerikaner unmöglich für größere Schwindler und Be⸗ trüger halten als meine Landsleute. Allerdings bin ich von ihnen getäuſcht und betrogen worden, aber nur weil es⸗ ſind, und von den Uebelſtänden einer Gegend 9 man mir in Folge der verkehrten Erziehung an eigenem ichtigen Urtheile fehlte.« —— Siebentes Capitel. Die Caravane und ihr Schichſal. »Ich langte in St. Louis an und von meinen dreitau⸗ ſend Pfund Sterling waren mir kaum noch hundert übrig geblieben. Auch dieſe mußten bald vollends verſchwinden, wenn ich müßig blieb. Aber was ſollte ich thun? In dem Gaſthauſe, in welchem ich abgeſtiegen war, befand ſich unter andern ein junger Schotte, der gleich mir in St. Louis fremd war. Wir wurden als Landsleute bald mit einander bekannt und theilten einander unſere Lage mit. Ich erzählte ihm meine Irrthümer in Virginien und Cairo und er nahm, glaube ich, aufrichtig an mir Antheil. Da⸗ gegen erzählte er mir einen Theil ſeiner Lebensgeſchichte, ſo wie er mich in ſeine Pläne für die Zukunft einweihte. Er 8 war mehre Jahre in einem Kupferbergwerk etwa in der Mitte der großen amerikaniſchen Wüſte beſchäftiget geweſen, in den Los Mimbros genannten Birgen, die weſtlich bon dem del Norte liegen. Die Schaflen ſind merkwürdige Menſchen. Obwoh! ſie nur ein kleines Volk ausmachen, läßt ſich ihr Einfluß doch überall auf der Erde erkennen. Wohin man ſich auch beg 8 überall wird man ſie in wichtigen Stellungen finden, G auf Vertrauen gründen, und überall in guten Wer⸗ 4 7 43 Handelsgeſchäfte in London, in Indien, den Pelzhandel in Amerika, die Bergwerke in Mexico. In der ganzen ameri⸗ kaniſchen Wildniß findet man ſie neben den Hinterwäldern, die ſie ſogar nicht ſelten verdrängen. Von dem Meerbuſen von Merico an bis zum Polarmeere haben ſie Felſen, Flüſſen und Gebirgen ſchottiſche Namen gegeben; ja in manchem Indianerſtamme iſt der Häuptling ein Schotte. Ich ſage es noch einmal, die Schotten ſind ein merkwürdiges, wunder⸗ bares Völkchen. Mein Schotte in St. Louis war aus ſeinem Bergwerke zu einem Beſuche in den vereinigten Staaten gekommen und befand ſich eben auf dem Rückwege über St. Louis nach Santa⸗Fé. Er hatte ſeine Frau bei ſich, eine hübſche junge Mexicanerin, mit einem Kinde, und wartete auf eine kleine Caravane von Spaniern, welche ſich nach Neu⸗Mexico be⸗ geben wollten. Dieſen gedachte er ſich anzuſchließen, um vor den Angriffen von Indianern ſicherer zu ſeyn. Sobald er meine Lage erfahren hatte, rieth er mir ihn zu begleiten und er bot mir eine einträgliche Stellung in dem Bergwerke an, das er allein verwaltete. Da die Behandlung, welche ich erfahren, die vereinig⸗ ten Staaten mir verleidet hatte, nahm ich ſeinen Antrag ſo⸗ gleich an und unter ſeiner Leitung machte ich die Vorberei⸗ tungen zu der langen Reiſe, welche wir vor uns hatten. Das Geld, das mir noch übrig geblieben, ſetzte mich in den Stand, mich erträglich einzurichten und auszuſtatten. Ich kaufte einen Wagen und zwei Paar Ochſen, um meine Frau, meine Kinder mit dem Geräthe und Lebensmitteln fortzubringen, die wir auf der Reiſe brauchen mußten Fuhrmann bedurfte ich nicht, da unſer treu begleiten ſollte und ich recht wohl wußte, Ochſengeſpann ſo gut zu leiten verſtand als er. Für mich ſelbſt kaufte ich ein Pferd, eine Büchſe und alles, was ſonſt noch die hedürfen, welche über die großen Prairien reiſen 3 wollen. Meine Knaben Heinrich und Frank erhielten jeder ⸗ ebenfalls eine Büchſe, die ich von Virginien her noch beſaß, und der erſtere ſchoß bereits recht gut. Als alle Vorbereitungen beendiget waren, nahmen wir Abſchied von S. Louis und brachen auf nach den wil⸗ den Prairien. Unſere Caravane war nur klein, da die große, welche jährlich einmal nach Santa⸗Fé geht, ihre Reiſe bereits vor einigen Wochen angetreten hatte. Wir zählten etwa zwan⸗ zig Menſchen und nicht halbſoviel Wagen. Die Männer wa⸗ xen faſt alle Mericaner, welche nach den vereinigten Staaten gekommen waren, um im Auftrage ihrer Regierung einige Kanonen zu kaufen. Dieſe Geſchütze hatten ſie bei ſich, nem⸗ lich zwei Meſſinghaubitzen mit Lafetten und Allem. Die verſchiedenen Ereigniſſe, welche uns auf der Reiſe über die großen Ebenen und Flüſſe zwiſchen S. Louis und Santa⸗Fé zuſtießen, brauche ich wohl nicht zu erzählen. In den Ebenen trafen wir mit Pawin⸗Indianern zuſam⸗ zuen und als wir über den Arkanſas ſetzen wollten, ſtießen wir auf eine kleine Anzahl Cheyennes; aber weder die er⸗ ſtern noch die letztern beläſtigten uns. Als wir beinahe zwei Monate unterwegs geweſen waren, verließen wir den ge⸗ wöhnlichen Weg der Handelscaravanen und gingen über einen der Hauptzuflüſſe des Canadian. Wir thaten dies, um den Arapares auszuweichen, welche ſich in Feindſchaft mit den Mexicanern befanden. Wir zogen an dem Ufer hin⸗ und gingen dann an das andere hinüber; bald aber wir die Bemerkung, daß wir in ein ſehr rauhes — 45 Land gekommen waren. Wir kamen nur ſehr langſam wei⸗ ter, da wir oftmals über tiefe Hohlwege und andere Hin⸗ derniſſe hinweg mußten. Bisweilen ſahen wir uns ſogar ge⸗ nöthiget Halt zu machen und eine Schlucht auszufüllen, um einen Weg für die Wagen drüberhin zu erhalten. Bei einer ſolchen Gelegenheit brach der Langbaum an meinem Wagen und wir mußten ihn ſo gut als möglich zu⸗ ſammenbinden und zu befeſtigen ſuchen. Die Andern waren bereits voraus und zogen immer weiter. Mein Freund, der junge Schotte, kam indeß ſofort zurück, als er dies ſah, und erbot ſich bei uns zu bleiben und uns beizuſtehen. Ich lehnte dies Anerbieten ab und forderte ihn auf mit den Andern immer weiter zu gehen, da ich ſie bald einholen, jedenfalls nachkommen würde, wenn ſie Halt für den Abend machten. Es war gar nichts Ungewöhnliches, daß ein Wa⸗ gen hinter den andern zurück blieb, weil etwas an ihm ausgebeſſert werden mußte. Erſchiene ich in dem Nachtlager nicht, ſo könnten ja Einige am andern Morgen früh zurückkommen, um zu ſehen was uns aufgehalten habe. Mehre Jahre lang vor der Zeit, von welcher ich ſpreche, waren bei den Reiſen über die Prairien keine Unfälle durch Indianer vorgekommen, was die Caravane minder vorſichtig gemacht hatte. Außerdem befanden wir uns auch in einer Gegend, in welcher Indianer ſelten geſehen worden waren, da es weder Gras noch Wild irgend einer Art in dieſer Wüſte gab. Deshalb und weil ich wußte, daß Cudjo ein vortrefflicher Zimmermann war, fürch⸗ tete ich gar nicht die Andern vor Einbruch der Nacht einzu⸗ holen. Der junge Schotte verließ mich dann auch auf mein Zureden und ritt wieder vor, um nach ſeinem eigenen Wa⸗ gen zu ſehen.— Nachdem wir etwa eine Stunde lang tüchtig gearbeitet hatten, brachten wir unſern Wagen wieder in guten Zuſtand, ſpannten die Ochſen von neuem vor und fuhren den Uebri⸗ gen nach. Noch waren wir kaum tauſend Schritte weit ge⸗ kommen als der Reifen von einem Rade abging, das in der großen Hitze außerordentlich zuſammen getrocknet war. Die Felgen flogen auch beinahe mit heraus. Dies verhinderten wir indeß zum Glücke noch dadurch, daß wir ſogleich an⸗ hielten und eine Stütze unter die Achſe ſchoben. Das war ein ernſtlicherer Unfall als das Zerbrechen des Langbaumes und im Anfange wollte ich vorwärts jagen, um Einige un⸗ ſerer Freunde aufzufordern mit mir zurückzukommen, um uns beizuſtehen. Durch meine gänzliche Unkenntniß des Le⸗ bens in den Prairien hakte ich indeß ſchon manchen Aufent⸗ halt und manche Unannehmlichkeit herbeigeführt, ſo daß die Meiſten— Mexicaner— mir nicht wohl wollten, jä bereits ein paarmal ſich geradezu geweigert hatten mir Hilfe zu leiſten. Allerdings konnte ich den jungen Schotten gewiß beſtimmen mit mir umzukehren,»„aber Cudjo,⸗ ſagte ich, 4 ves iſt doch noch nicht ſo ſchlimm wie in Cairo. Wir wol⸗ len uns denn auch ſelbſt zu helfen ſuchen und Niemanden Dank ſchuldig ſeyn.⸗ 5 .»Das iſt Recht, Maſſa Roff,« antwortete Cudjo; wwenn nicht jeder ſelbſt an ſeinem Rade ſchiebt, läuft das Rad nicht gut.⸗ 1 Wir zogen unſere Röcke aus und fingen alſo von neuem an zu arbeiten. Meine gute Marie hier, die vornehm er⸗ zogen und verzärtelt worden war, ſich aber in jede Lage zu finden wußte, ſtand uns bei wo ſie konnte und ermuthigte lins durch eine gelegentliche Hindeutung auf Cairo und un⸗ fere Farm unter dem Waſſer. Für Perſonen, die ſich i 47 —— gu ſchwierigen oder gefährlichen Umſtänden befinden, hat der Gedanke immer etwas Tröſtliches, daß es noch ſchlimmer ſeyn könnte, und ein ſolcher Gedanke hält gar oftmals den ſinkenden Muth aufrecht, ſo daß die Schwierigkeit oder Ge⸗ fahr überwunden wird.»Nicht locker laſſen!« iſt ein alter guter Spruch und Gott hilft denen immer, welche Muth und Ausdauer zeigen. So erging es auch uns. Wir brachten endlich den eiſer⸗ nen Reifen wieder ſo feſt auf das Rad als er jemals darauf geweſen war, freilich kam die Nacht faſt heran, ehe wir fertig wurden. Als wir wieder aufbrechen wollten, erkann⸗ ten wir nicht ohne Beſorgniß, daß die Sonne eben unter⸗ ging. Daß wir in der Nacht nicht reiſen konnten, verſtand ſich von ſelbſt, da wir den Weg nicht kannten, und da wir Waſſer in ziemlicher Nähe hatten, beſchloſſen wir bis zum nächſten Morgen zu bleiben. Vor Tagesanbruch waren win munter, kochten und ver⸗ . Zehrten unſer Frühſtück und folgten nun der Spur der Ca⸗ ravane. Allerdings wunderten wir uns, daß keiner unſerer Freunde in der Nacht zu uns zurückgekommen war— wie das in ſolchen Fällen doch meiſt geſchieht— aber wir erwarteten jeden Augenblick Einigen zu begegnen. Wir fuhren indeß bis zum Mittag weiter und noch immer zeigte ſich Niemand. Vor uns ſahen wir eine rauhe Gegend mit felſigen Bergen 1 und einigen Bäumen in den Thälern, nach denen die Spu⸗ ren unſere Caravane offenbar hinführten. Während wir weiter fuhren, hörten wir in den Bergen einen ungeheuren Knall, als wenn eine Bombe zerſpringe. Was war das? Wir wußten, daß ſich einige Bomben bei den Haubitzen befanden. Waren unſere Freunde von India⸗ nern abesfalen worden und hatten ſie eines der Geſchütze 5. 8 8 4 auf dieſelben abgefeuert? Nein; das konnte es nicht ſeyn. Wir hörten ja nur einen Knall und wenn eine Bombe aus — einer Haubitze abgeſchoſſen wird, knallt es zweimal, ein⸗ mal bei dem Abſchießen und das zweitemal bei dem Sprin⸗ 1 gen der Bombe. War eine Bombe zufällig geſprungen? Das wahr allerdings wahrſcheinlicher. Wir hielten an, um Wei⸗ teres zu hören. Wir warteten faſt eine halbe Stunde, da wir aber nichts vernahmen, brachen wir wieder auf, unter allerlei Beſorgniſſen, weniger wegen des Knalles, den wir gehört hatten, als wegen des unerklärlichen Umſtandes, daß Niemand zurück⸗ gekommen war, um nach uns zu ſehen. Noch immer folgten wir den Wagengeleiſen. Sie mußten am vorigen Tage eine weite Strecke zurückgelegt haben, denn die Sonne ging faſt un⸗ ter als wir unter die Berge gelangten und noch immer hatten wir ihren Lagerplatz von der vergangenen Nacht nicht erreicht. Endlich erblickten wir denſelben, aber— mein Gott! welch ein Anblick war es! Das Blut erſtarrt mir heute noch in den Adern, wenn ich daran zurückdenke. Da lagen und ſtanden die Wagen, meiſt mit abgebrochenen Deichſeln und ihre Ladung war am Boden umher zerſtreut. Auch die Ka⸗ nonen ſtanden noch da und von einem großen Feuer glüh⸗ ten noch Kohlen neben denſelben; aber von Menſchen keine Spur; doch, doch— Todte lagen am Boden und— Wölfe biſſen ſich untereinaader und zerrten das Fleiſch von den Leichen ab. Auch einige der Thiere, welche zu der Caravane gehört hatten, lagen todt da. Die Andern waren nir ends zu ſehen. 3 8 Wir waren ſtarr vor Entſetzen bei dem Anblicke un erkannten ſofort, daß unſere Gefährten durch ein Schaa wilder Indianer überfallen und ermordet worden. Wir waͤ 49 — ren gern umgekehrt, aber das war zu ſpät, denn wir be⸗ fanden uns dicht bei dem Lager, das wir vorher nicht geſehen hatten. Waren die Wilden noch zugegen, ſo nützte uns die Umkehr nichts. Nach den Verwüſtungen aber, welche die Wölfe bereits angerichtet hatten, mußten ſie ſich ſchon vor einer ziemlich langen Zeit entfernt haben. Ich ließ meine Frau auf dem Wagen zurück, wo auch Heinrich und Frank mit ihren Büchſen blieben, um ſie zu vertheidigen, und ging mit Cudjo näher, um den blutigen Schauplatz zu betrachten. Wir verjagten die Wölfe, deren wohl mehr als fünfzig waren und die ſich nicht weit entfern⸗ ten. Als wir hinzu kamen, ſahen wir wohl, daß die Tod⸗ ten unſere Gefährten waren, aber ſie waren alle ſo ſehr verſtümmelt, daß wir auch nicht Einen unter ihnen zu er⸗ kennen vermochten. Alle waren von den Indianern jealpirt worden und ſo gewährten die Unglücklichen einen gräßlichen Anblick. Ich ſah auch die Bruchſtücke der Bombe, die in der Mitte des Lagers geplatzt war und ein paar Wagen zer⸗ riſſen hatte. Auf denſelben hatten ſich nicht viele Waaren befunden, da unſere Caravane keine Handelscaravane war; alles aber, was für die Indianer irgend wie von Werth ge⸗ weſen, hatten ſie mit fortgenommen. Die andern Gegenſtände, meiſt große, ſchwere Gegenſtände, lagen am Boden umher, meiſt zerbrochen. Offenbar hatten ſich die Indianer in großer Eile auf und davon gemacht. Vielleicht waren ſie durch das Zerſpringen der Bombe erſchreckt worden, da ſie nicht gewußt, was das bedeute, ſo wie durch die furchtbaren Wirkungen der⸗ ſellben— die ſie ohne Zweifel geſehen und empfunden hatten. Ich ſah mich nach allen Seiten nach meinem Freunde, jungen Schotten, um, konnte aber ſeinen todten Kör⸗ r unter den umherliegenden nicht hergusfinden. Auch nach Das Haus in der Wüſte. 4½ 4 ſeiner Frau ſah ich mich um, welche außer Marie die ein⸗ zige Frau bei der Caravane geweſen war. Auch ihre Leiche war nicht zu finden.»Gewiß,“ ſagte ich zu Cudjo,„iſt die Frau von den Wilden mit fortgeſchleppt worden.“ In dieſem Augenblicke hörten wir das Knurren und Bellen von Hunden, ſo wie gellenderes Knurren von Wölfen, als kämpften erſtere mit letzteren. Dieſer Lärm kam aus einem Gebüſche in der Nähe des Lagers. Wir wußten, daß der Bergmann zwei große Hunde von S. Louis mitgenommen hatte. Dieſe mußten es ſeyn. Wir eilten in der Richtung des Dickichts hin und drangen in das Gebüſch ein, auch er⸗ blickten wir bald die Gegenſtände, die unſere Aufmerkſam⸗ keit erregt hatten. Zwei große Hunde, die mit Schaum und Blut bedeckt, auch gar zerbiſſen waren, kämpften gegen mehre Wölfe und hielten dieſelben von etwas Dunklem fern, das unter Blättern lag. Das Dunkle war eine Frau und um den Hals derſelben hatte ein ſchönes Kind, das vor Angſt laut ſchrie, die Arme geſchlungen. Auf den erſten Blick er⸗ kannten wir, daß die Frau todt war und— Hier wurde die Erzählung unſeres Wirthes plötzlich unterbrochen. MeKnight, der Bergmann, der zu unſerer Geſellſchaft gehörte und den die Erzählung lange ſchon in eine außeror⸗ dentliche Unruhe und Aufregung gebracht hatte, ſprang mit einemmale auf und rief aus: „Herr Gott im Himmel, meine Frau, meine arme Frau! Rolfe, Rolfe, kennen Sie mich nicht?⸗— 3 „»MKnight?« entgegnete unſer Wirth, der huchſt vor⸗ enfalls aufſtand.»M'Knight! Sind Sie les „»Meine Frau, meine arme Frau!« wiederholte der Bergmann im Tone des tiefſten Schmerzes.»Ich wußte, daß ſie die Unglückliche ermordet hatten. Ich ſah ihre Ueber⸗ * reſte ſpäter,— aber mein Kind, Rolfe, was iſt aus 3 meinem Kinde geworden?« 3»Da iſt es,« entgegnete unſer Wirth und zeigte auf 4 das dunkelfarbigſte der beiden Mädchen. Im nächſten Augen⸗ blicke hatte der Bergmann die kleine Louiſe in ſeinen Armen und bedeckte ſte mit Küſſen. Er war ihr Vater. 5 „ Achtes Capitel. Die Geſchichte des Bergmanns. Ich vermag es nicht den Auftritt zu beſchreiben, der auf dieſes unerwartete Wiedererkennen und Wiederfinden 1 folgte. Die ganze Familie war aufgeſtanden und drängte 6 ſich mit Thränen in den Augen um die kleine Louiſe, als ſollten ſie dieſelbe für immer verlieren. Sie dachten wohl auch wirklich an eine ſolche Trennung als ſie ſahen, daß ſie nicht länger die Schweſter war, denn ſie hatten faſt ver⸗ geſſen, daß ſie es nicht ſey und liebten ſie als Schweſter. Seinrich, deſſen Liebling ſie vor allen war, nannte ſie gar naicht anders als die„braune“ Schweſter, während Marie ddie Jüngere, die„blonde⸗ hieß. MNMNNittten in der Gruppe ſtand die Brunette Andern von ſeltſamen Gefühlen erſch und mit vollſtändigerer Selb Wir Alle wünſchten gle gen geſehen ſer Lager u deſſen Gattin die Hand, da die Meiſten von dieſem ſchreck⸗ lichen Vorfalle gehört hatten. Der alten Cudjo ſprang in der Stube umher, peitſchte die Panther und Wolfshunde und ſchnitt die ſeltſamſten Capriolen, während ſelbſt die Thiere in wilder Freude zu heulen ſchienen. Unſer Wirth ging dann in die anſtoßende Kammer und kehrte gleich dar⸗ auf mit einem großen irdenen Kruge zurück. Taſſen oder Becher aus Flaſchenkürbiß wurden auf den Tiſch geſtellt; in dieſe goß Rolfe eine rothe Flüſſigkeit aus dem Kruge und wir ſollten trinken. Wie wunderten wir uns, als wir in dem Getränke Wein erkannten,— Wein mitten in der großen Wüſte! Es war wirklich ſo— vortreftlicher Wein — ſelbſt gebauter, ſelbſt gekelterter Wein aus den wilden Trauben, die in Menge in dem Thale wuchſen. Nachdem wir getrunken und wieder Platz genommen hatten, nahm M Knight, auf das Erſuchen Rolfe’s, den Faden der Geſchichte wieder auf, um zu erzählen, wie er in jener ſchrecklichen Nacht den Indianern entkommen ſey. Sein kurzer Bericht lautete alſo: „»Nachdem ich Sie da, wo Sie Ihren Wagen gebro⸗ chen, verlaſſen hatte,“ begann er zu Rolfe gewendet,„ritt ich ſcharf weiter und holte die Caravane bald ein. Der Weg wurde, wie Sie ſich erinnern werden, glatt und eben und da kein guter Lagerplatz für die Nacht ſich zu finden ſchien auß bei den Bergen, fuhren wir ohne anzuhalten fort bis wir dieſelben erreichten. Die Sonne wollte untergehen, als wir an den kleinen Fluß gelangten, an dem Sie die Wa⸗ haben. Da machten wir Halt und ſchlugen un vei Stunden, weil ich berechnete, daß Sie mit der ung des Wagens ſo viel Zeit verbringen w ür⸗ f. Ich erwartete Ihre Ankunft erſt nach einer 8 den. Wir zündeten Feuer an, kochten und verzehrten unſer Abendeſſen, lagerten uns bequem, plauderten, rauchten, und einige Mexicaner ſpielten, wie ſie bei jeder Gelegenheit ſpie⸗ len. Eine Wache hatten wir nicht ausgeſtellt, weil wir durch⸗ aus nicht glaubten, daß in dieſer Gegend Indianer ſich aufhal⸗ ten könnten. Einige erzählten, ſie hätten dieſen Weg ſchon einmal gemacht und keine Spur von Indianern bemerkt. Endlich wurde es finſter und meine Beſorgniß um Sie wuchs, weil ich fürchtete, ſie würden im Dunklen unſere Spur nicht finden. Ich ließ deshalb Weib und Kind an dem Feuer und ſtieg auf einen Hügel, von dem aus ich nach der Rich tung hin ſehen konnte, aus welcher Sie kommen mußten; kber der Dunkelheit wegen konnte ich nichts erkennen. Ich blieb eine Zeit lang ſtehen und horchte, weil ich das Kuar⸗ 3 ren Ihrer Räder oder Jemanden von Ihnen ſprechen zu hö-⸗ ren glaubte. Mit einem Mal vernahm ich ein entſetzliches Geſchrei, ſo daß ich mich in größter Beſtürzung nach unſerm Lager hin umdrehte, denn ich kannte die Bedeutung dieſes Geſchreies nur zu gut. Es war das Kriegsgeſchrei der Ara⸗ pahres. Ich ſah Wilde bereits in dem Lichte unſerer Feuer ſich hin und her bewegen, ich hörte ſchießen, rufen, ächzen und wimmern und darunter erkannte ich auch die Stimme meiner Frau, die meinen Namen rief. Ich zögerte keinen Augenblick, eilte den Hügel hinun⸗ ter und ſtürzte mitten in den Kampf hinein, der ebe heſtigſten wüthete. In den Händen hatte ich nichts großes Meſſer, mit dem ich aber nach allen Seiten um mi herumſtach und auch einige der Wilde Si 4 kümpfte ich, dann lief ich wieder eine S meiner Frau. Ich drängte mich zwiſchen den und rief immer und immer: Louiſe! Ich — 54⁴4 wort und ich ſah ſie nirgends. Wiederum ſtand ich den Wilden gegenüber und kämpfte verzweiflungsvoll mit den⸗ ſelben. Die meiſten meiner Cameraden waren bald gefallen und ich wurde durch einen der Indianer, der mich mit ſei⸗ nem Speere verfolgte, in das Gebüſch und das Dunkel ge⸗ drängt. Bald fühlte ich die Spitze in meinem Schenkel und der Wilde ſtürzte auf mich; aber ehe er mich zu faſſen ver⸗ mochte, hatte ich ihm mein Meſſer in die Bruſt geſtoßen, ſo daß er leblos neben mir lag.. Ich ſprang auf und konnte glücklich den Speer aus der Wunde herausziehen. Der Kampf um die Feuer her war zu Ende und da ich fürchten mußte, daß alle meine Reiſe⸗ gefährten wie mein Weib und Kind ermordet ſeyen, ver⸗ ſteckte ich mich in dem Gebüſch und ſuchte ſo weit als mög⸗ lich von dem Lager hinweg zu kommen. Noch war ich wohl nicht dreihundert Schritte weit, als ich in Folge von Blut⸗ verluſt und Schmerz in der Wunde umſank. Ich befand mich naeben mehren Felſenſtücken und ſah, daß eine kleine Höhle ganz in der Nähe war. So viel Kraft beſaß ich noch, um dieſe Höhle erreichen zu können und ſo kroch ich hinein, aber —— Schmerzen hervor. Ich hatte nicht zwanzig Schrit 5⁵ ſchallte durch die Berge ein furchtbarer Knall, der nur von dem Platzen einer Bombe herrühren konnte. Darauf hörte ich lautes Geſchrei und bald raſche Hufſchläge; dann war Alles ſtill. Ich glaubte die Indianer wären abgezogen, konnte mir aber nicht erklären, was ſie in ſo wilder Flucht fort⸗ getrieben hatte. Später löſete ſich auch dieſes Räthſel und Sie haben das Richtige vermuthet. Sie hatten eine Bombe in das Feuer geworfen, ſie war geſprungen und hatte mehre getödtet; da ſie nun glaubten, die Hand des großen Gei⸗ ſtes habe das gethan, rafften ſie ſo raſch als möglich ihren Raub zuſammen und jagten von dannen. Ich lag unterdeß ſtill in meiner Höhle. Mehre Stunden lang blieb alles ſtill, als aber die Nacht anbrach, glaubte ich wiederum Lärm in dem Lager zu hören und meinte, die Indianer wä⸗ ren doch noch nicht fort oder zurückgekommen. Als es finſter war, wollte ich mich nach dem Lager hin ſchleichen, aber ich vermochte es nicht; ſo lag ich denn die ganze Nacht hindurch unter heftigen Schmerzen in meiner Wunde und hörte auf das Geheul der Wölfe. Es war eine entſetzensvolle Nacht. Wiederum brach der Morgen an und ich hörte nichts mehr. Ich litt nun Qualen des Hungers und Durſtes. Vor der Höhle wuchs ein mir wohlbekannter Baum, der auch in dem Mimbres⸗Gebirge, in der Nähe unſerer Kupfer⸗ grube wuchs, eine Art Fichte, welche die Mexicaner pin- non nennen und deren Zapfen Tauſenden der armen Wilden, die in der großen weſtlichen Wüſte umherſtreifen, Nahrung gewähren. Wenn ich dieſen Baum erreichen konnte, fand i wwmahrſcheinlich einige ſeiner»Nüſſe« auf dem und in dieſer Hoffnung ſchleppte ich mich u 56 dem Baume, brachte aber wohl eine halbe Stunde zu, ehe ich ihn erreichte. Zu meiner großen Freude lagen ungemein viele ſolche Nüſſe umher: ich aß begierig davon und ſtillte meinen Hunger. Aber der Durſt peinigte mich noch weit mehr als der Hunger. Konnte ich bis zu dem Lager kriechen? Dort fand ich ſicherlich Waſſer in dem Fluſſe. Ich mußte es zu errei⸗ chen ſuchen oder ſterben und ſo begann ich denn die kurze Wanderung von dreihundert Schritten, freilich ohne die Ueberzeugung zu haben, daß ich an das Ende gelangen werde. Kaum war ich ſechs Schritte weit durch das Gebüſch⸗ gekrochen, als ein Büſchel kleiner weißer Blumen meine Auf⸗ merkſamkeit erregte. Es waren die Blüthen der ſchönen Lyonia und ihr bloßer Anblick erfüllte mich mit Freuden. Bald befand ich mich unter dem Baume, griff nach einem der unterſten Zweige, ſtreifte die glatten zackigen Blätter ab und kauete ſie begierig. So aß ich die Blätter von zwei⸗ drei Zweigen, bis der Baum ausſah, als hätten Ziegen ihr Frühſtück an ihm gehalten. Faſt eine Stunde lang kauete ich an den weichen Blättern und ſog den köſtlichen ſäuer⸗ lichen Saft ein. Mein Durſt wurde ſo allmälig gelöſcht und in dem kühlen Schatten des Baumes ſchlief ich ein. Alrs ich wieder erwachte, fühlte ich mich um vieles ge⸗ nirn und neuen Appetit. Das Fieber, das mich bedroht hatte, war ſehr geſchwächt und zwar, wie ich wohl wußte, in Folge der Heilkraft der Blätter, die ich verzehrt hatte, denn der Saft dieſes Baumes löſcht nicht nur den Durſt, er iſt auch das wirkſamſte Mittel gegen das Fieber. Ich ſam⸗ melte mir iocj eine Maxi Blätter, band ſie zuſamtmen 57 . eine Tagereiſe beſchwerlicher geworden, denn bei jeder Be⸗ wegung fühlte ich den ſtechendſten Schmerz. 5 Die nächſte Nacht verbrachte ich unter dem mich näh⸗ renden Baume; am andern Morgen aber, nachdem ich ge⸗ frühſtückt hatte, ſteckte ich mir die Taſchen voll Rüſſe und wendete mich von neuem zu dem Baume, deſſen Blätter mir den Durſt löſchen ſollten. Hier verbrachte ich den Tag, um gegen Abend zu den Rüſſen zurückzukehren und die Nacht dort zu ſchlafen. So bewegte ich mich vier Tage lang zwiſchen den bei⸗ den vortrefflichen Bäumen hin und her, die mich erhielten. Das Fieber wurde ganz beſeitiget. Die Wunde fing an zu heilen und der Schmerz ließ nach. Bisweilen erſchienen Wölfe; wenn ſie aber mein langes Meſſer ſahen und er⸗ kannten, daß ich noch lebte, hielten ſie ſich klüglich in ſiche⸗ rer Ferne. Obgleich nun die erwähnten Blätter zur Noth meinen Durſt löſchten, ſehnte ich mich doch nach einem herzhaften Trunk Waſſer und am vierten Tage machte ich mich auf nach dem Fluſſe, 3 konnte nur auf den Händen und einem Knie kriechen und ſo das verwundete Bein nachſchleypen Als ich die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, gelangte ich im Gebüſch an einen Gegenſtand, bei deſſen Anblick d in meinen Adern faſt erſtarrte. Es war ein menſe ches Gerippe und zwar nicht das Geripde eines Mannes mußte alſo das meiner— ⸗ 3 Die Stimme des Bergmanns wurde hier von Schluf zen erſtickt und er war nicht im Stande die Wo *hinzuzuſetzen. Faſt alle Anweſenden ger— weinten als ſie ihn ſo tief ergriffen ſahen. Endlich ſammelte er ſich indeß wieder und fuhr fort: »Ich ſah, daß ſie begraben geweſen war und darüber wunderte ich mich, da ich gar wohl wußte, daß die India⸗ ner ſie nicht begraben hatten. Auch habe ich mir erſt in die⸗ ſer Stunde erklären können, wer ihr dieſen letzten Liebes⸗ dienſt erwieſen. Allerdings glaubte ich bisweilen, daß Sie es wohl geweſen ſeyn könnten, denn nachdem ich mich ganz wieder erholt hatte, ging ich auf unſerer Wagenſpur zurück und da ich Ihren Wagen nirgends ſah, ſchloß ich, daß Sie in das Lager gekommen und weiter gezogen wären. Ich blickte mich um nach allen Richtungen hin, um zu entdecken, wo⸗ hin Sie ſich wohl gewendet haben möchten; aber, wie Sie ſich vielleicht erinnern, bald nachher hatte es ſehr ſtark ge⸗ regnet und jede Spur verwiſcht. Alles dies geſchah nachdem ich wieder ſtehen und gehen konnte, was wohl einen ganzen* Monat nach jener Mordnacht mir möglich wurde. Aber ich kehre in meiner Erzählung zu dem Augenblicke zurück, in welchem ich die Ueberreſte meiner armen Frau fand. Ddie Wöoͤlfe hatten den Leichnam aus dem Grabe her⸗ 3 ausgeſcharrt. Ich ſah mich nach irgend einer Spur von mei⸗ nem Kinde um. Mit den Händen kratzte ich die lockere Erde u die Blätter auf, welche Sie über die Leiche meiner Frau orfen hatten; aber ein Kind war nicht da. Ich kroch in ager umher und fand dasſelbe ſo wie Sie es eben be⸗ ſchrieben haben, mit dem Unterſchiede, daß die Leichen jetzt bleichende Gerippe waren und die Wölfe ſich entfernt hat⸗ ten. Ich ſuchte überall, weil ich hoffte irgend eine Spur von meiner kleinen Louiſe zu finden; vergebens.„Die In⸗ dianer haben entweder das Kind fortgeſchleppt,⸗ dachte ich, 4 ölfe haben es ganz und gar aufgefreſſen. 181 59 In einem der Wagen fand ich eine alte Vorrathskiſte, welche der Plünderung entgangen war. Ich offnete ſte und ſah, daß ſie unter andern Dingen Kaffeh und einige Pfund gedörrten Fleiſches enthielt. Das war für mich ein außer⸗ ordentlich glücklicher Fund, denn ich erhielt mich dapon bis ich eine hinreichende Menge von Fichtennüſſen Phenein konnte. 4 In ſolcher Weiſe verbrachte ich einen ganzen Monat. Die Nacht ſchlief ich in einem der Wagen, während ich den Tag über Nüſſe ſammelte. Daß die Indianer zurückkehren würden, fürchtete ich nicht, denn ich wußte, daß kein Stamm dieſen Theil des Landes eigentlich bewohnte. Wir mußten mit einer Schaar von Arapahres zuſammengetroffen ſeyn, die außerhalb ihres gewöhnlichen Gebietes umher ſtreiften. Sobald ich ſtark genug geworden war, grub ich ein Grab, in welches ich die Ueberreſte meiner Frau legte; dann ge⸗ dachte ich Abſchied von dem traurigen Schauplatze meiner größten Leiden zu nehmen. Ich wußte, daß ich höchſtens hundert(engliſche) Mei⸗ len von den öſtlichen Anſtedlungen in Neu⸗Mexico entfernt ſey; aber eine Strecke von hundert Meilen unbewohnter Wildniß und zu Fuße war eine Schranke, die eben ſo un⸗ überſteiglich zu ſeyn ſchien als der Ocean ſelbſt. Dennoch entſchloß ich mich den Verſuch zu machen; ich nähte meine geröſteten Nüſſe in einen Sack, um die alleinigen Lebens⸗ mittel, die ich beſaß, beſſer tragen zu können. 24 Noch war ich mit dieſer Arbeit beſchäftigt, als ich Schritte in der Nähe hörte. Beſtürzt ſah ich raſch auf, aber wie groß war meine Freude, als ich ein— Maulthier er⸗ annte, das langſam zu dem Lagerplatze kam. Ich 60 in ihm ſofort eines von denen, die zu unſerer Caravane ge⸗ hört hatten. Das Thier hatte mich noch nicht bemerkt und ich fürch⸗ tete, es würde davon laufen, wenn ich mich ſchnell zeigte. Ich nahm mir deshalb vor, das Thier durch Liſt zu fangen. Ich kroch in den Wagen, auf dem ſich ein Laſſo befand, nahm dieſen und ſtellte mich in einen Hinterhalt, an welchem das Thier jedenfalls vorüber kam. Kaum hatte ich die Schlinge bereit gemacht, als zu meiner großen Freude das Thier ge⸗ rade auf die Stelle zukam, wo ich verſteckt war. Im näch⸗ ſten Augenblicke hatte ich den Hals feſt in der Laſſoſchlinge und das Thier wurde an den Wagen angebunden. Das 3 Thier war offenbar den Indianern entkommen, wochenlang in der Umgegend herumgezogen, und hatte die Spur wieder gefunden und wäre ſicherlich nach S. Louis zurückgekehrt; denn dies iſt gar nichts Seltenes bei den Thieren, die ſich von den Caravanen verirren. Es wurde ſehr bald wieder ganz zahm und nach einigen Tagen batte ich mir einen Sat⸗ tel und Zaum verfertiget. Meinen Sack mit Nüſſen nahm ich vor mich und ſo ritt ich auf dem Wege nach Santa⸗Fé fort. Nach etwa einer Woche erreichte ich wohlbehalten die⸗ fen Ort und ſetzte meine Wanderung ſüdlich nach der Grube fort. Meine Geſchichte ſeit jener Zeit kann für Sie kein In⸗ tereſſe haben, denn ſie iſt die eines Mannes, der über den Verluſt feines Theuerſten auf Erden trauerte. Rolfe, haben mir neues Leben gegeben, indem Sie mir mein Kind, meine Louiſe, wieder zuführen und jedes Ca⸗ pitel aus Ihrer Geſchichte wird meine Aufmerkſamkeit erre⸗ ſie ja auch die Geſchichte meines Kiudes iſt. Erzäh⸗ — * 61 Damit ſchloß der Bergmann und unſer Wirth, der uns aufgefordert hatte, die Becher nochmals mit Wein gu füllen, wie unſere Pfeifen zu ſtopfen, nahm ſeine Erzählung da wieder auf, wo er ſie abgebrochen hatte. *₰‿ Neuntes Capitel. Verirrt in der Wüſte. »Ja, lieben Freunde,« fuhr unſer Wirth fort,„es war ein ſchrecklicher Anblick, die gierigen Wölfe, die ſchaum⸗ bedeckten wüthenden großen Hunde, die todte Mutter und das ſchreiende angſterfüllte Kind. Die Wölfe entflohen na⸗ türlich, als ich mit Cudjo erſchien, und die Hunde winſelten vor Freude, und mit Recht, denn wenn wir ihnen nicht zu Hilfe gekommen wären, würden ſie die zahlreichen Feine nicht lange mehr haben zurückhalten können. Obgleich der Kampf allem Anſchein nach nicht lange gewährt und erſt begonnen hatte, als wir die Wölfe aus dem Lager vertrie⸗ ben, bluteten doch die armen Hunde bereits aus vielen Wun⸗ den. Ich bückte mich nieder, um die kleine Louiſe aufzuhe⸗ ben, welche die Arme noch immer feſt um den Hals der Mut⸗ ter geſchlungen hatte und die»Mama⸗ durch ihr Rufen zu eerwecken verſuchte. Ich ſah, daß ſie nie wieder erwachen könnte. Sie war bereits kalt und ſtarr. Ihre Bruſt hatte ein Pfeil durchbohrt. Sie war jedenfalls, nachdem ſie di eupfangen. in das Gebüſch entflohen, wohin hr die afeaa * 4 8 Ich ließ Cudjo bei der Todten zurück und trug das Kind auf meinen eigenen Wagen. Obgleich aber die Kleine Lurch den ſchrecklichen Kampf zwiſchen den Wölfen und Hun⸗ den geängſtiget worden war, weinte ſie doch laut, als ich ſie von der Mutter trennen mußte und ſträubte ſich in meinen Armen.⸗ Rolfe's Erzählung wurde hier wiederum durch das Schluchzen M Knight's unterbrochen, der zwar ein fe⸗ ſter löwenmuthiger Mann war, aber dieſe ſchmerzlich er⸗ greifenden Einzelnheiten doch nicht ohne tiefe Rührung an⸗ hören konnte. Auch die Kinder Rolfe's weinten laut. Die braune Schweſter⸗ ſchien am wenigſten ergriffen zu ſeyn. Vielleicht hatte eben jener Vorfall in ihrer frühen Jugend ihrem Charakter die Stählung gegeben, die ihn ſpäter aus⸗ 8 zeichnete. Bisweilen beugte ſie ſich zu der„blonden,⸗ ſchlang ihren Arm um dieſelbe und ſuchte deren Thränen zu ſtillen. 24 »Ich gab das Kind meiner Frau,« fuhr Rolfe nach eeiner Pauſe fort,„und bei meiner kleinen Marie, die ſo iemlich mit ihr von gleichem Alter war, hörte ſie bald auf zu weinen. Nach einiger Zeit ſchlief ſie in den Armen mei⸗ ner Frau ſogar ein. Ich ſelbſt nahm einen Spaten von meinem Wagen und ging zurück, um ein Grab zu graben, in das ich mit Cudjo's Hilfe die Todte legte. Unſere Arbeit ſcheint freilich vergebens geweſen zu ſeyn; wir würden in⸗ deß doch gethan haben was wir thaten, wenn wir auch ge⸗ wußt hätten, daß es nichts helfe. Es lag für uns ſelbſt eine Beruhigung in der Erfüllung der letzten Ehriſtenuhicht gege unſere Freundin. Wir blieben an der keeumigen Stelle de niſ länger uis — 63 zurück, um die Ochſen unter die Bäume zu führen, damit ſie nicht ſogleich geſehen werden könnten. Dann empfahl ich mein Weib und die Kinder Gott, nahm meine Büchſe und . ging fort, um mich zu überzeugen, ob die Wilden den Ort verlaſſen und nach welcher Richtung hin ſie ſich entfernt ltten. Konnte ich das Letztere ermitteln, ſo wollte ich einen 38 andern Weg einſchlagen, doch ſo, daß ich auf den gewöhn⸗ lichen zurückkäme und nach Neu⸗Merxico gelangt, denn ich mwußte recht gut, daß ich in ſo ſpäter Jahreszeit und mit ſo abgematteten Ochſen, wie es die meinigen waren, nach dem e faſt achthundert Meilen entfernten S. Louis nicht zurückzuge⸗ langen im Stande ſey. Nachdem ich ſehr vorſichtig eine oder zwei(engliſche) Nieellen gegangen war, fand ich den Weg, welchen die In⸗ dianer genommen hatten und der ſich gerade nach Weſten i ddie offene Ebene hineinzog. Sie mußten ſehr zahlreich und ſämmtlich beritten geweſen ſeyn, wie die große Menge von Eindrücken von Pferdehufen zeigte. Da ſie nach Weſten gezogen waren, beſchloß ich zwei oder drei Tage mich nach Süden zu wenden und dann erſt die weſtliche Richtung wie⸗ der zu ſuchen. Dadurch entging ich jedenfalls einem Zuſam⸗ mentreffen mit den Wilden und gelangte meiner Vermu⸗ 4 thung nach zu den öſtlichen Zügen der Felſenberge und ſo⸗ in das Thal von Neu⸗Mexico. Ich hatte meine frühern Ge⸗ fährten von einem ſüdlicheren Paſſe als jenem bei Santa⸗Fé ſprechen hören und hoffte denſelben zu erreichen, ob er gleich⸗ wohl zweihundert Meilen entfernt ſeyn mochte. 3 SCs war völlig Nacht als ich zu den Meinigen zurück kam und ich fand Frau und Kinder höchſt beſorgt über mein langes Ausbleiben; aber ich brachte ja Nachricht mit, daß die Indianer fort waren. 4 64 Anfänglich war es meine Abſicht geweſen die ganze Nacht über hier zu bleiben, da ich aber nicht wiſſen konnte, ob die Indianer weit hinweg wären oder nochmals zurück kämen, ſo änderte ich meinen Vorſatz. Der Mond ging auf; nach Süden hin zog ſich eine flache Ebene und ſo hielt ich es für gerathener eine Nachtreiſe zu machen und eine Ent⸗ 4 fernung von etwa zwanzig(engl.) Meilen zwiſchen uns und das Lager zu bringen. Alle waren damit einverſtanden, denn Alle ſehnten ſich von dem grauenhaften Orte fort zu kommen. Wären wir geblieben, hätte wahrſcheinlich Nie⸗ mand von uns geſchlafen. Wir warteten alſo nur auf den Aufgang des Mondes. Müßig waren wir auch nicht. Sie alle wiſſen recht wohl, daß in dieſen Wüſten an Waſſer großer Mangel iſt. Wir wußten nicht wo und wann wir Waſſer finden würden, brauchten alſo die Vorſicht unſere Gefäße in dem Fluſſe z8uu füllen. Leider dennoch nicht in hinreichender Menge, wie Sie hoͤren werden. Der Mond ging endlich auf und ſchien gar freundlich auf das grauenhafte Bild des verlaſſenen Lagers herab. Wir holten unſere Ochſen aus ihrem Verſteck heraus und fuhren in genan ſüdlicher Richtung in die Ebene hinein. Ich ſah dabei nach Norden nach dem Stern im Schwanze des klei⸗ nen Bär— nach dem Polarſtern. Dieſen behielten wir dann genau hinter uns und ſo ging es vorwärts. So oft die Unebenheiten des Bodens uns nöthigten unſere Richtun zu verlaſſen, ſahen wir nach dem kleinen Sterne, wieder zurecht zu finden. Er blitzte an dem blauen Himm wie das Auge eines Freundes. Er war der Finger Gottes der uns leitete. Und weiter ging es, immer weiter, hier um eine g ——-—. * — dens iſt. ———y— 65 nende Schlucht herum, welche ſich quer über unſern Weg legte, dort über einen Sandhügel, am öfterſten ziemlich raſch auf der glatten grasloſen Ebene hin, denn die Ge⸗ gend, in welcher wir uns befanden, war eine kahle baum⸗ loſe Wüſte. — MWir kamen in dieſer Nacht eine ziemliche Strecke weit und fühlten uns erleichtert durch die Hoffnung, den Indianern nun gewiß zu entgehen. Als der Tag anbrach, waren wir zwanzig(engliſche) Meilen von dem Lagerplatze entfernt. Die Sügel, welche denſelben umgaben, waren aus unſern Augen gänzlich verſchwunden und daraus konnten wir abnehmen, daß wir weit hinweg gekommen, weil manche der Hügel oder vielmehr Berge ziemlich hoch waren. Jedenfalls konnten uns die Wilden, wenn ſie zu dem Lager zurück gekommen waren, durchaus nicht ſehen. Es blieb nur die einzige Be⸗ ſorgniß, daß ſie unſere Spur fänden und dieſer folgten. Deshalb machten wir auch nicht Halt als der Tag anbrach, ſondern ſetzten die Reiſe fort bis Mittag, um die ganz er⸗ müdeten Thiere ausruhen zu laſſen. Die Ruhe war freilich eine ſehr armſelige, da ſie weder Gras noch Waſſer fanden. Es wuchs da weit und breit kein Halm außer dem wilden Wermuth und dieſen mochten ſte nicht anrühren. Er wuchs umher in niedrigem Gebüſch und die knotigen krummen Zweige mit den ſilber⸗ weißen Blättern erfreuten das Auge ganz und gar nicht, im Gegentheil ſie machten das Ausſehen der Gegend nur noch rauriger und öder, denn wir wußten, daß eben dies Gewächs das Zeichen gänzlicher Unfruchtbarkeit des Bo⸗ Die Ruhe war eine armſelige für die erſchöpſten Thiere, denn die heiße Sonne brannte in den Mittagsſtunden Das Haus in der Wüſte. 5 66 ſie herab und reizte ihren Durſt noch mehr. Wir konnte ihnen keinen Tropfen von dem koſtbaren Waſſer geben, denn wir ſelbſt litten vom Durſt und unſer Vorrath wurde von Stunde zu Stunde geringer. Nur den beiden Hunden, Caſtor und Pollux, gaben wir etwas. Lange vor Anbruch der Nacht ſpannten wir die Ochſen wieder an den Wagen und iſetzten unſere Wanderung fort, in der Hoffnung, einen Fluß oder eine Quelle zu finden. Als die Sonne unterging, waren wir noch zehn(engliſche) Meilen weiter nach Süden gekommen, aber nirgends zeigte ſich ein Berg, ein Baum,— eine Andeutung von Waſſer. Wir erblickten ringsum nichts als die dürre Ebene, die ſich nach allen Seiten bis zum Horizonte erſtreckte; kein Buſch, kein Fels, kein Thier unterbrach die gleichförmige Ebene. Wir waren eben ſo völlig einſam und allein als hätten wir uns in einem Boote mitten im Ocean be⸗ funden. Wir wurden allmälig beſorgt und wußten nicht mehr recht was wir thun ſollten. Sollten wir umkehren? Das ließ ſich unmöglich thun. Selbſt wenn die Ausſichten am Ende einer Rückreiſe erfreulicher geweſen wären, wußten wir nicht einmal ob wir den Fluß würden erreichen können, den wir eben verlaſſen. Gewiß trafen wir eben ſo bald auf Waſſer, wenn wir weiter zogen und in dieſen Gedanken reiſeten wir die ganze Nacht weiter. Als der Morgen anbrach, muſterte ich von Neuem den Horizont, konnte aber an deſſen gerader Linie keinen Gegenſtand erkennen. Ich ritt düſter geſtimmt neben den armen Ochſen und beobachtete ihre Anſtrengungen, als ich eine Stimme vernahm. Frank ſtand nemlich vorn auf Wagen und ſah unter der Plaue hervor. xᷣn 67 »Vater! Vater!« rief er mir zu.„Sieh einmal die hübſche weiße Wolke.« Ich ſah mich nach dem Knaben um, um zu erfahren was er meinte. Er wies nach Südoſt und ich blickte auch in dieſer Richtung hin. Zugleich ſtieß ich aber auch einen Freudenruf aus, denn was Frank für eine Wolke gehalten hatte, war der Schneegipfel eines Berges. Einer ganz gewoͤhnlichen Erfahrung nach wußte ich, daß Waſſer da ſeyn mußte, wo Schnee war und ohne weiter ein Wort hinzu zu ſetzen, forderte ich Cudjo auf, nach dem Berge hin zu fahren. Er lag allerdings von un⸗ ſerem Wege ganz ab, aber daran dachten wir in dieſem Augenblicke nicht, da die Hauptſache war unſer Leben zu retten. Der Berg war wohl noch zwanzig(engliſche) Meilen ent⸗ fernt und wir hätten ihn längſt ſehen können, wenn wir nach dieſer Richtung hingeblickt hätten. Auch waren wir in der Nacht gereiſet. Jetzt fragte es ſich nur, würden die Ochſen ihn erreichen können? Sie wankten bereits. Wür⸗ den wir dahin gelangen können, wenn die Thiere ſielen? Unſer Waſſervorrath war zu Ende und wir litten großen Durſt als die Sonne aufging. Ein Fluß, dachte ich, muß von dem Berge beginnen. Vielleicht erreichten wir dieſen, ehe wir zu dem Berge gelangten. Aber nein; die Ebene ſiel offenbar nach dem Berge hin ab. Kam ein Fluß vom Berge herab, ſo mußte er in anderer Richtung fließen. So wankte der Wagen unter unſerm Hoffen und Bangen weiter. Gegen Mittag konnten die Ochſen nicht mehr weiter. Einer ſiel todt nieder. Alle Gegenſtände, die wir fü Augenblic nur irgend nibehren ko Wagen herab geworfen, um ihn zu erleichtern; aber die Thiere konnten ihn auch dann noch nicht ziehen. Vielleicht hätten ſie ſich durch eine kurze Raſt erholt, aber ich konnte mich nicht entſchließen, noch einmal Halt zu machen, da meine Kinder unter den Qualen des Durſtes jammerten. Marie hielt ſich muthig aufrecht; auch von den ſagen. Ich ſelbſt konnte kein Wort Knaben kann ich das ſ des Troſtes bieten, denn ich wußte recht wohl, daß wir 3 wenigſtens noch zehn(engliſche) Meilen von dem Fuße des Berges entfernt waren. Einmal fiel mir ein, ob ich wohl 1 voraus reiten und etwas Waſſer in Gefäßen zurückbringe⸗ ſollte; aber bald erkannte ich auch, daß es mein Pferd nicht aushalten werde. Es konnte mich nicht einmal mehr tragen und ich ging langſam zu Fuße neben ihm. Eben ſo ging 6. Cudjo neben den langſam wie Schnecken ſchleichenden Ochſen.. Von dieſen ſiel bald darauf noch einer, ſo daß uns nur zwei 1 übrig blieben. In dieſem ſchrecklichen Augenblicke erſchienen vor uns. auf der Ebene verſchiedene Gegenſtände, bei deren Anblick ich laut aufjubelte. Es waren dunkelgrüne Maſſen von ver⸗ ſchiedener Größe und ſie ſahen aus wie zuſammen gerollte rieſige Igel, die nach allen Seiten ihre Stacheln ausſtreckten. Ich ließ ſofort mein Pferd los, nahm das Meſſer und eilte voraus. Die Meinigen hielten mich für wahnſinnig, da ſie nicht begreifen konnten, warum ich das Meſſer gegen dieſe harmloſen Dinge gezogen und weil ſie nicht wußten, was 4 es war. Es waren Kugelcactus. In einem Augenblick hatte ich die Stacheln von einigen abgeſchält und als die Meinigen heran kamen und die dun⸗ kelgrünen ſaftigen Gewächſe und das klare Waſſer ſahen, So nahmen wir Abſchied von dem Wagen und das aus ihnen herausfloß, erkannten ſie den Grund meiner Eile wohl. Sehr bald hatten wir die großen Kugeln in Scheiben geſchnitten, die wir gierig kauten. Einige derſelben gaben wir auch dem Pferde und den Ochſen, die ſie mit Strunk und Stiel verzehrten, während die Hunde den kühlen Saft aufleckten. Allerdings löſchte das den Durſt nicht ſo wie es Waſſer gethan haben würde, aber es linderte doch die Pein in etwas und ſetzte uns vielleicht in den Stand den Berg zu erreichen. Wir beſchloſſen deshalb eine kurze Zeit Halt zu machen, um die Ochſen ausruhen zu laſſen. Unglücklicherweiſe kam die Erquickung für einen der beiden letztern zu ſpät. Als wir wieder aufbrechen wollten, konnte er nicht aufſtehen. Wir mußten ihn im Stiche laſſen, ſpannten das Pferd ſo gut es gehen wollte an ſeiner Statt an und begannen unſere trau⸗ rige Wanderung von Neuem. Wir hofften gelegentlich einen zweiten kleinen Cactusgarten zu finden, aber es erſchien keiner. Als wir vielleicht noch fünf Meilen weit zu dem Berge hatten, ſtürzte auch der letzte Ochſe todt nieder. So konnten wir den Wagen nicht weiter mitnehmen. Es war aber keine Zeit zu zögern und zu halten; wir mußten zu Fuße weiter zu kommen ſuchen oder ſterben wo wir waren. Ich ſchirrte das Pferd ab und überließ es ſeinem Willen, da es doch Niemanden von uns tragen konnte. Von dem Wagen nahm ich eine Art, einen Blechtopf und ein Stück gedörrten Fleiſches. Cudjo trug die Art und die kleine Ma⸗ ie; ich trug das Fleiſch, den Topf, die kleine Louiſe und meine Büchſe, während meine Frau die beiden Knabe .— dem Berge zu. Die Hunde folgten uns und auch das arme Pferd, das nicht zurück bleiben wollte, wankte nach. Viel mehr iſt von dieſer traurigen Wanderung nicht zu berichten. Wir ſchlichen weiter und weiter. Als wir dem Berge näher kamen, erkannten wir tiefe Schluchten an den Seiten desſelben und auf dem Grunde einer derſelben er⸗ blickten wir einen ſilberglänzenden Faden— den Schaum 8 von Waſſer, das über Felſen brauſte. Dieſer Anblick gab uns neue Kräfte; nach einer Stunde hatten wir das Ufer 3 eines kryſtallhellen Fluſſes erreicht und dankten Gott für unſere Errettung.“ Zehntes Capitel. Abenteuer mit einem Armadill. An dem kleinen Fluſſe löſchten wir zunächſt unſern Durſt; dann ſahen wir uns um. Der Fluß war nicht der, welcher hier im Thale fließt; er befindet ſich an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Berges. Es war eigentlich auch kein Fluß, ſondern ein kleiner Bach. Ich ſah, daß mehre derſelben von dem Berge herab kamen, eine kleine Strecke in die Ebene hinausfloſſen, dann ſich nach Südoſten wen⸗ deten und mit andern ſich vereinigten. Spater kamen ſie alle zuſammen und bilden ſo einen — anſehnlichen Fluß, der nach Oſten ſtrömt und den ich für die eigentliche Quelle des großen rothen Fluſſes(Red Ri- ver) in Louiſtana oder des Brazos oder des Colorado in Teras halte. Einen anſehnlichen Fluß habe ich ihn genannt, her dies iſt nicht ganz richtig, denn zwanzig Meilen weiter en 71 hin iſt ſein Bett drei Viertheil des Jahres über völlig auss⸗ getrocknet. Nur bei ſtarkem Regen, der hier ſelten vor⸗ kommt oder wenn bei ſehr heißem Wetter ungewöhnlich viel Schnee ſchmilzt, iſt ſo viel Waſſer in dem Fluſſe, daß es auch jene meiſt trockenen Stellen ausfüllt. Alles dies ermit⸗ 4 telte ich ſpäter. Da wo wir waren, hatten wir wenig Ausſicht etwag 5 zu eſſen zu erhalten. An dem Berge zeigte ſich nur hier und da eine verkrüppelte Ceder unter Felſenmaſſen. Die ſchma⸗ 1 len Streifen Gras und Weiden an den Ufern der kleinen Bäche erfreuten allerdings das Auge in Vergleich zu der braunen Oede der Wüſte, aber etwas Eßbares ließ ſich ſchwerlich da erwarten. Wenn die Wüſte ſich auch nach Süden hin weiter zog, wie nach Norden, Oſten und We⸗ 4 ſten, ſo hatten wir nur einen zeitweiligen Ruhepunkt ge⸗ funden und mußten dennoch umkommen, wenn niche mehr 4 aus Durſt, ſo— aus Hunger. 4 An etwas Anderes dachten wir vor der Hand nicht, denn wir hatten den ganzen Tag über keinen Biſſen ge⸗ geſſen. Wir nahmen unſere Zuflucht zu dem gedürrten Fleiſche. »Wir wollen es kochen und eine Suppe machen, 4 2 4 3 ſagte Marie.»Das wird für die Kinder beſſer ſeyn. 3 Ich ſah wohl, daß die arme Frau ganz ermattet und erſchöpft war und doch bemühte ſie ſich noch immer freund⸗ lich zu ſeyn. »Ja, Vater, eine Suppe!“ meinte auch Frank. „Meinetwegen,« antwortete ich.»Komm, nimm die Art, wir wollen auf dem Berg Dort ſtehen am Fuße ein paar Fichten, die treffliches Feuer geben. n —y— 72 3 Wir machten uns auf nach den Bäumen, die dicht an der Stelle ſtanden, wo das Waſſer von dem Berge herab kam. Als wir die Bäume faſt erreicht hatten, ſah ich, daß es keine Fichten, ſondern ganz andere waren. Die Stämme wie die Aeſte hatten lange Stacheln gleich den Stachel⸗ ſchweinen und die Blätter waren von hellgrüner glänzender Farbe, das Seltſamſte daran aber die langen bohnenför⸗ migen Schoten, die in Menge von den Aeſten herabhingen, anderthalb Zoll breit und theilweiſe zwölf Zoll lang waren. Sie hatten eine röthlichbraune Farbe. Ich wußte recht wohl, welcher Art die Bäume ange⸗ „horten, denn ich hatte ſie ſchon früher geſehen. Es war die Honigcocus⸗ oder Stachelacazie, der Johannisbrotbaum des Morgenlandes und der berühmte Algarobo der Spanier. Auch kannte ich ſeinen Nutzen recht wohl, denn ich wußte, daß von dieſem Baume(wie Manche meinen) Johannes der Täufer in der Wüſte ſich genährt hatte, wo es von ihm heißt:»ſeine Nahrung waren Heuſchrecken und wilder Ho⸗ nig.“« Eben darum heißt er ja auch Johannisbrotbaum. Cudjo kannte ihn ebenfalls, denn ſobald er die langen braunen Schoten ſah, rief er mir jubelnd zu: »Maſſa, Maſſa Roff, ſehen Sie'mal— Bohnen und Honig zum Abendeſſen!« Wir waren bald unter den Zweigen und während ich eine Quantität der reifen Frucht ſammelte, ging Cudjo weiter, um Feuerholz unter den Fichten zu holen. Ich wartete auf ihn als ich ihn rufen hörte: — wuſu Moſ⸗ kommen’s, ſehen's das Viech! Was 73 ein Loch oder eine Felſenritze bog, aus welcher ein Gegen⸗ ſtand wie der Schwanz eines Schweines hervorragte. „Was iſt's, Cudjo?« fragte ich.— »Weiß nicht, Maſſa. Das Viech in Virginien nie ge⸗ ſehen; ſieht aus wie ein alt Opoſſum.⸗ »Pack's am Schwanze und zieh's heraus.⸗ »Maſſa Roff, hab's gewollt, aber's kommt nicht. Da!« antwortete Cudjo, der dabei den Schwanz faßte und mit aller Kraft vergeblich zog. „Sahſt Du denn das Thier als es außen war?⸗ fragte ich. „Ja, Maſſaz ich ſah's und jagt's bis es in den Loch kroch.⸗ „»Wie ſah s aus?« „»Gerade wie ein Schwein, aber noch viel mehr wie ein alt Opoſſum und hat eine Decke über wie eine Schilb- kröte.« »Ah, ſo iſt's ein Armadill.« »Ein Amadiller? Cudjo hat nie gehört von dem Viech.« Das Thier, welches meinen braven Schwarzen ſo in Verwunderung geſetzt hatte, war wirklich eines der merk⸗ würdigen lebenden Weſen, welche die Natur auch zu er⸗ ſchaffen für zweckmäßig gehalten hat und die in Mexico und Südamerika»Armadillos“ heißen, von dem ſpaniſchen Borte armado(bewappnet), weil ſich über ihren ganzen Körper eine harte ſchalenartige Bedeckung zieht, die in Streifen und regelma ißige Figuren getheilt iſt, genau wie welches die Aehnlichkeit noch vollſtändiger macht. Es gibt übrigens viele Arten dieſer Thiere; einige ſind ſo groß wie ein Schaf, meiſt ſind ſie aber viel kleiner. Die merkwür⸗ digen Figuren auf der Schale oder dem Schilde ſind bei den verſchiedenen Arten verſchieden. Bei einigen bilden ſie Vier⸗ ecke, bei andern Sechsecke oder auch Fünfecke. Bei allen aber ſind ſie mathematiſch genau, was eben ſo merkwürdig als ſchön ausſieht. Sonſt ſind die Thiere ſehr harmlos und die, meiſten Arten nähren ſich von Gras und Kräutern. Sie laufen nicht ſehr geſchwind, ob ſie gleich ſich raſcher be⸗ wegen können als man nach der ſchweren Rüſtung vermuthen ſollte, die ſie tragen. Dieſe Haut beſteht aber nicht aus einem Stücke, ſondern aus vielen, die durch eine zähe bieg⸗ ſame Haut verbunden ſind. Darum können ſie auch die Glieder vollkommen ungehindert gebrauchen. Werden ſie verfolgt und eingeholt, ſo ziehen ſie ſich bisweilen in eine Kugel zuſammen wie die Igel und wenn ſie ſich am Rande eines Abgrundes befinden, ſo rollen ſie ſich hinab, um dem Feinde zu entgehen. Häufiger flüchten ſie ſich aber bei der Verfolgung in ihre Löcher oder in irgend eine Felſenſpalte in der Nähe, wie das, welches Cudjo gejagt hatte. Kön⸗ nen ſie die Köpfe verſtecken, ſo glauben ſie ſicher zu ſeyn wie der Strauß; der Meinung war wahrſcheinlich auch dieſes, bis es die kräftigen Hände Cudjo's an ſeinem Schwanze fühlte. Jedenfalls war die Felſenſpalte nicht tief und es konnte nicht weiter hinein kriechen, ſonſt würden wir gar bald auch den Schwanz nicht mehr geſehen haben. Mir ſchien es übrigens auch nicht die rechte Art zu ſeyn das Thier am Schwanze herausziehen zu wollen. Ich ſah, daß es ſeine Schuppen nach oben und außen emporgerichtet hatt. ſo duß ſie überall an den Felſen feſthiel n . Auch 1 75 hatte es die Klauen, die lang und ſtark ſind, am Boden feſt eingehakt. Wir hätten ein Paar O ſſe vorſpannen müſſen, um das Thier heraus zu ziehen, ie Cudjo lachend bemerkte. Ich habe gehört wie es in ſolchen Fällen die Indianer machen, welche das Armadill jagen und das Fleiſch desſel⸗ ben ſehr gern eſſen. Ich wollte es verſuchen und forderte deshalb den Schwarzen auf, den Schwanz loszulaſſen und bei Seite zu treten. Ich ſelbſt kniete an dem Felſenſpalte nieder, nahm einen Cederzweig und ſing an mit den ſcharfen Stacheln den Hinterkörper des Thieres zu kitzeln. Sogleich ließen die an⸗ geſpannten Muskeln nach, die Schalſtücke legten ſich glatt an den Körper an und trennten ſich von dem Felſen. Nach⸗ dem ich das Verfahren einige Minuten fortgeſetzt, hatte der Körper des Thieres ſeine natürliche Größe wieder erhalten. Auch achtete es jedenfalls nicht darauf ſich mit den Klauen feſtzuhalten. Dies benützte ich; ich faßte raſch den Schwanz, gab einen tüchtigen Ruck und warf ſo das Thier heraus zwi⸗ ſchen die Füße Cudjo's. Dieſer ſchlug mit der Art nach ihm und hieb ihm faſt den Kopf vom Rumpfe. Es war ſo groß wie ein Kaninchen und gehört zu der ecſtreſſtgen Art, welche am delicateſten ſchmecken ſoll. Wir kehrten nun mit dem Feuerholze, den Johannis⸗ brotbohnen und dem Armadill zurück, aber über das letz⸗ tere entſetzte ſich meine Frau als ich ſagte, wir wollten es eſſen. Dagegen freuten ſich die Kinder ſehr darüber, noch mehr aber ſagte dieſen das honigartige Fleiſch in den Scho⸗ ten oder Bohnen zu, das ſie begierig aßen. Die San da wir ſie zu röſten gedachten, ſobald wir unſer Feuer an⸗ gezündet hatten⸗ „Da wir Wereſo viel von dem Johannisbrotbaume ge⸗ ſprochen haben,« ſetzte Rolfe hinzu, indem er aufſtand,„ſo werden Sie wohl auch nicht verſchmähen mein ſelbſtgebrau⸗ tes Bier zu verſuchen, das ich aus ſeinen Schoten bereitet habe, während Sie im Thal herum wanderten. Dem Bai⸗ riſchen kommt es vielleicht nicht gleich, aber ich ſchmeichle mir doch, daß Sie es unter Umſtänden ziemlich genießbar finden werden.« Er holte einen großen Krug und goß in unſere Be⸗ cher eine braune Flüſſigkeit. Wir tranken alle von dieſem Johannisbrotbiere, das etwa wie Aepfelmoſt ſchmeckte und um zu beweiſen, daß es uns recht wohl zuſagte, leerten wir die Becher mehrmals. Darauf fuhr Rolfe in ſeiner Erzählung fort. Eilftes Capitel. Ein ſehr dürrer Vüffel. „Wir waren bald alle beſchäftiget. Marie richtete das gedörrte Fleiſch zu, das ſie mit den Johannisbrotſchoten in dem Blechtopfe kochen wollte. Zum Glücke war derſelbe ziemlich groß. Cudjo machte Feuer an, das denn auch bald genug ſeinen bläulichen Rauch emporſteigen ließ. Die Kin⸗ der kauten an den Schoten und ich richtete das Armadill fis den Beꝛrſdies vor, Das Pferd ſeiner Seits that ſich 77 Hunde— die Armen, die überall am ſchlechteſten wegka⸗ men— ſahen vorzugsweiſe meiner Arbe weil ihnen von derſelben bisweilen etwas zufiel. Nach hr kurzer Zeit wallte das Waſſer in dem Kochtopfe und das Armadill bro⸗ delte und brätelte daneben. Auch dauerte es nicht lange, ſo war alles gekocht und gebraten, ſo daß wir eſſen konnten. Da fiel es uns erſt ein, daß wir weder Teller noch Gläſer noch Gabeln, Meſſer und Löffel hatten. Nur unſere Jagdmeſſer hatten wir, Cudjo und ich, bei uns und da es ſehr unzeitig geweſen ſeyn würde ſich zu zieren und Umſtände zu machen, ſo holten wir mit dieſen Meſſern nige Fleiſch⸗ ſtücke und Schoten aus dem Suppentopfe af um ſie 4 auf einen reinen flachen Stein zu legen. Den Topf ſelbſt hielten wir in das friſche Waſſer, um ihn abzukühlen, ſo daß Marie und die Kinder ihn bald an den Mund ſetzen und 1 nacheinander die Brühe trinken konnten. 8ch und Cudjo ſehnten uns nach der Brühe nicht; et⸗ was Derberes war uns lieber. Anfangs glaubte ich das Armadill allein eſſen zu müſſen. Selbſt Cudio, der in Vir⸗ ginien verſchiedene»Viecher« verzehrt hatte, ſcheute ſich 8* lange. Als er aber ſah, daß es mir vortrefflich ſchmeckte, hielt er mir die ſchwarze Hand hin und bat, ich möchte ihm doch einen ganz kleinen Biſſen zum Koſten geben. Nach dem Koſten ſchien ſich der Appetit bei ihm ſofort einzuſtellen, er hielt nochmals und zu wiederholten Malen die Hand hin, ſo daß ich endlich beſorgte, ich ſelbſt werde nicht ſatt werden. Meine Frau und die Kinder waren nicht zu i 8 den Braten zu verſuchen, obgleich ich ihnen diss wahre Verſicherung gab, er ſchmecke wie der zarteſte Scht braten,— und mit dieſem hat das Aruadillile große A hnlihkei. Die Sonne ſank tiefer und tiefer und wir fingen an darüber nachzudſaken, wie wir die Nacht verbrächten. Alle unſere wollenen hecken waren auf dem Wagen zurückgeblie⸗ ven und die Luft wurde ſehr kühl, was in der Nähe von Schneebergen immer der Fall iſt. Es wehte bereits empfind⸗ lich von dem Berge her, ſo daß uns zu fröſteln begann nach der brennenden Hitze, die wir den Tag über ertragen hatten. Wenn wir nun in dieſer kalten Luft ſchliefen, ſelbſt wenn wir das Feuer die ganze Nacht hindurch unterhielten, 3 zogen wir uns gewiß Nachtheile für unſere Geſundheit zu. Da ſiel es mir ein, daß ich recht wohl zu dem Wa⸗ gen zurückgehen könnte— der nur fünf(engliſche) Meilen ent⸗ fernt war— um unſere wollenen Decken zu holen. Sollte icch ſelbſt gehen oder Cudjo ſchicken oder ſollten wir beide gehen? Einer, dachte ich da, könnte ja reiten und außer den Decken noch andere Dinge holen, die wir nöthig hat⸗ ten. Das P“⸗d hatte ſeit anderthalb Stunden Hunger und 6 Durſt gelöſcht und war wieder lebensmuthig geworden. Thiere erholen ſich von Strapazen ſehr bald. Ich trug alſo Cudjo auf das Pferd zu holen. Um den Hals hatte es zu⸗ fällig einen Strick, der als Zügel dienen konnte. Noch im⸗ mer war ich unentſchloſſen, ob ich Frau und Kinder ganz allein laſſen ſolle; Marie aber drängte uns zum Gehen und verſicherte, ſie fürchte ſich nicht wenn Heinrich und Frank mit ihren kleinen Büchſen bei ihr wären. Auch die Hunde 1 ſollten bleiben und es ließ ſich auch nicht fürchten, daß ſie fortlaufen würden, ſo lange meine Frau die kleine Louiſe bei ſich hatte, welche die beiden treuen Hunde noch immer vewachen zu müſſen ſchienen. 3 Ich ließ mich bewegen die Frau mit den Kindern lein n laſſen trug! den Knaben auf, einmal Kärde 79 wenn ſich etwas Verdächtiges zeige und machte mich mit Cudjo und dem Pferde auf den Weg. Die weiße Plaue des Wagens konnten wir von da aus ſehen, wo wir lagerten und ſo wurde es uns nicht ſchwer den Weg zu finden. Ob wohl die Wölfe unſern armen Och⸗ ſen ſchon zerriſſen hätten, den wir bei dem Wagen zurück⸗ gelaſſen, fragte ich mich. Sollte dies nicht der Fall ſeyn, fo wollte ich ihm die Haut abziehen und das Fleiſch be⸗ nutzen, obgleich das arme Thier dürr wie ein Gerippe war, denn ich ſah durchaus nicht, wie wir in anderer Weiſe et⸗ was zum Frühſtücke erhalten ſollten. In dieſem Augenblicke machte mich ein Ausruf Cudjo's aufmerkſam, der plötzlich ſtehen geblieben war und auf einen Gegenſtand gerade vor uns zeigte. Ich blickte dahin und ſah in der Dämmerung etwas, das einem großen Thiere glich. »Maſſa,“« flüſterte mir Cudjo zu,„rielleicht iſt's der Buffler.⸗ 95 „»Vielleicht iſt's ein Büffel; aber was ſollen, was können wir thun? Die Büchſe habe ich nicht bei mir. Da, nimm das Pferd, ich will dem Büffel ſo nahe ſchleichen, daß ich ihn mit dem Piſtol erreichen kann.⸗ 1 Ich übergab Cudjo das Pferd, forderte ihn auf ganz ſill ſtehen zu bleiben, zog mein größtes Piſtol und kroch auf Händen und Füßen vorwärts, ſehr langſam, um das Thier nicht ſtutzig zu machen. Als ich näher kam, überzeugte ich mich, daß es wirklich ein Büffel ſey, ſo glaubte ich wenigſtens, aber der Mond war noch nicht aufgegangen und ich konnte die Geſtalt nur undeutlich ſehen. Endlich laubte ich auf Piſtolenſchußweite hinangekommen zu ſeyn, ch ſtützte mich auf das Knie und wollte ſchießen n dieſem Augenblicke wieherte das Pferd und zur An darg 80 ſtieß das Thier vor mir ein lautes Gebrüll aus, das nichts als das Brüllen eines Ochſen ſeyn konnte. Und ſo war es, denn das Thier war nicht mehr und nicht weniger unſer eigener Ochſe, welcher den Wagen verlaſſen hatte und langſam nach dem Berge zuging. Die kühle Luft hatte ihn etwas erquickt und der Inſtinct oder die Kenntniß des We⸗ ges, den wir gegangen, leitete ihn in der rechten Rich⸗ tung hin. Ich weiß nicht, ob ich mich mehr freute oder ärgerte als ich ſo mit unſerm alten Reiſegefährten zuſammentraf. Ein fetter Büffel wäre mir jedenfalls willkommener gewe⸗ ſen als ein halbverhungerter Ochs; als ich aber bedachte, daß er uns behilflich ſeyn könnte aus der Wüſte hinauszu⸗ kommen, freute ich mich ihn noch am Leben getroffen zu haben. Er und das Pferd beſchnoberten einander und ſie erfreuten ſich offenbar, einander wieder zu ſehen, auch glaubte ich faſt, als der Ochs mit dem langen Schweife wedelte, daß das Pferd ihm mitgetheilt, es gebe in der Nähe ſchönes Gras und Waſſer. Wenn er nur etwas Waſ⸗ ſer erhielte, meinte ich, könnte er mit dem Pferde wohl gar den Wagen bis zu unſerm Lagerplatze ziehen. Wie würde ſich Marie freuen, wenn wir mit dem Ochſen, Wa⸗ h gen und Allem zurück kämen, nicht blos mit den wollenen Decken, ſondern auch unſern Bechern, Pfannen„Töpfen;, f dem Kaffeh und andern ſolchen Luxusgegenſtänden, die ſich v in unſerer großen Vorrathskiſte befanden. Das wäre herr⸗ 8 lich, dachte ich und theilte auch Cudjo meine Gedanken ſ fort mit. Dieſer gab mir Recht und hielt den Einfall fü ausführbar. Wir hatten den Topf voll Waſſer mitgenomme 1 aber er war leider oben ſo eng, daß der Ochs nicht dara Kinken konnte“ “ —,——— — en. horchte, um irgend etwa —— 81 „Im alten Pferdekübel ſoll er's Waſſer haben, wenn wir an Wagen kommen,- ſagte Cudjo,„und Miſſa(die Frau) ſoll verwundern!« ſetzte der gutmüthige Schwarze hinzu, der ſich ſchon in dem Gedanken freute, ſeiner Her⸗ rin eine Freude machen zu können. Ohne weiter lange zu reden, führten wir den Ochſen nach dem Wagen zurück zugleich mit dem Pferde. Als wir ankamen, fanden wir Alles, wie wir es verlaſſen hatten; nur ſchlichen einige große weiße Wölfe umher, und der An⸗ blick derſelben hatte wahrſcheinlich auch den Ochſen veran⸗ laßt alle ſeine Kräfte zuſammen zu nehmen, und ſich auf⸗ zumachen. Wir fanden den Pferdeeimer, goſſen das Waſſer in denſelben, und ſtellten es dem Ochſen vor, der jeden Tro⸗ pfen ausleckte. Dann ſchirrten wir beide Thiere an, und fuhren ab nach unſerm Lagerplatze am Berge hin. Das La⸗ gerfeuer, das wir brennen ſehen konnten, leitete uns, und ſelbſt Pferd und Ochs ſchienen zu ahnen, daß dort das Ziel ihrer Wanderung ſey, weshalb ſie alle Kräfte aufboten, dasſelbe ſobald als möglich zu erreichen. Als wir nur noch wenige Minuten entfernt waren, hörte ich einen Schuß in der Nähe des Feuers fallen, und erſchrak heftig. Waren die Meinigen von Indianern über⸗ fallen worden? oder von einem wilden Thiere, wohl gar von einem grauen Bären? Ich beſann mich nicht lange, ſondern eilte voran, und ließ Cudjo bei dem Wagen zurück. Ich zog mein Piſtol und hielt es ſchußfertig in der Hand, während ich geſpannt hören, das mir Aufſchluß gäbe. Ein paarmal blieb ich ane ehen, um zu Athem zu kom⸗ men und zu horchen. Aber es war Alles ſtill im Lagens Das Haus in der Wüſte. 3 6— 8² Wo waren die Hunde? Was konnte das Schweigen bedeu⸗ ten? Wären ſie von einem Bären oder von einem andern Thiere angefallen worden, ſo mußte ich ſicherlich die Hunde knur⸗ rren und bellen horen. Waren ſie ſogleich unter den Pfeilen der Indianer gefallen? Großer Gott, war auch meine Frau nebſt den Kindern geopfert? es meine Kräfte erlaubten, weiter, um mich mitten unter die Feinde zu ſtürzen, wo ſie auch ſeyn moͤchten, und mein Le⸗ ben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Endlich konnte ich das Feuer deutlich und vollſtändig ſehen, und wie groß war mein Erſtaunen, meine Freude, als ich meine Frau erblickte, die neben dem Feuer ſaß und die kleine Louiſe auf dem Schooße hatte, während die kleine Marie neben ihr ſpielte. Aber wo waren Frank und Hein⸗ rich? Ich konnte mir nicht erklären, daß ich ſie nicht ſah. Gewiß hatten ſie mich nicht unnöthiger Weiſe durch den Schuß beunruhigt, und gleichwohl ſaß Marie ſo ruhig da, In der ſchmerzlichſten Beſorgniß lief ich ſo ſchnell als als ſey gar nichts geſchehen. „Was gibt's, liebe Marie?“ rief ich ihr zu, ſobald nicht wahr?⸗ „Ja,“« antwortete ſie,„Heinrich ſchoß nach etwas.* „Nach einem Thiere, ich weiß nicht welcher Art; es muß auch verwundet ſeyn, denn die beiden Knaben und die beiden Hunde ſind nachgelaufen, aber noch nicht zurückge— kommen.“* „Nach welcher Richtun Marie gab ſie mir an, ich in die Finſterniß hinein. nd ſie?« In einer Entfernung von — ſie mich hören konnte.„Wo ſind die Knaben? Sie ſchoſſen, „Nach was?“ fragte ich. hne weiter zu warten, 4 Feuer geſchlafen hatten, ſprangen auf un — 83 etwa hundert Schritten traf ich ſie neben einem Thiere, das todt war. Heinrich bildete ſich nicht wenig ein auf ſeinen Schuß, und erwartete darüber beglückwünſcht zu werden, was ich denn auch that. Dann faßte ich das Thier an den Hinterbeinen, einen Schwanz hatte es nicht, und zog es nach dem Feuer zu. Es ſchien etwa ſo groß zu ſeyn wie ein Kalb, aber zierlicher gebaut, denn die Beine waren lang und dürr, etwa wie ein Spazierſtock. Es ſah blaßroth aus, an der Kehle und an dem Bauche weißlich. Die großen ſchmachtenden Augen und die dünnen Gabelhörner ſagten mir ſogleich, was für ein Thier es ſey, eine Antilope, und zwar von der einzigen Art, die in Nordamerika lebt. Marie erzählte dann das Abenteuer. Während ſte ſchwei⸗ gend an dem Feuer geſeſſen und in einiger Ungeduld auf unſere Rückkunft gewartet hatte, denn der Wagen hatte uns anſehnlich aufgehalten, waren ihnen ein Paar große Au⸗ gen erſchienen, die wie zwei Lichter im Dunkel leuchteten, nur wenige Schritte von ihnen entfernt.. Sie konnten nichts ſehen als die Augen, aber ſie reich⸗ ten hin ſie zu ängſtigen, da ſie das Thier für einen Wolf oder gar für einen Panther oder Bären hielten. Sie verloren indeß die Geiſtesgegenwart nicht, und wußten recht wohl, daß ſie nicht entfliehen konnten; Frank und Heinrich grif⸗ fen deshalb nach ihren Büchſen, und der letztere hatte die ſeinige zuerſt ſchußbereit. Er zielte, ſo gut er konnte, zwi⸗ ſchen die beiden leuchtenden Augen und drückte los. Der Rauch verhinderte ſie dann zu ſehen, und in dem Dunkel koonnten ſie nicht erkennen, ob die Kugel das Thier getrof⸗ fen habe oder nicht; die Hunde aber, die bis dahin am Sie hörten dieſelben eine Strecke weit laufen, * K 2 Kampf, und endlich war alles ſtill; daraus ſchloſſen ſie mit Recht, wie ſich ſpäter ergab, daß Heinrich das Thier angeſchoſſen, die Hunde aber dasſelbe ergriffen hatten und vollends todt biſſen. So war es, denn als die Knaben an Ort und Stelle ankamen, war das Thier todt, und die Hunde, die hungerig waren, würden ſich an der Beute ge⸗ „„ ſättiget haben, wenn Frank und Heinrich nicht zeitig genug. gekommen wären, um ſie davon abzuhalten. Die Antilope war in das Schulterblatt geſchoſſen, und nicht weit gelau⸗ fen bis ſie gefallen. Da dies ſchöne Wild uns wenigſtens auf drei Tage vor Hunger ſchützte, und wir eine Stunde vorher noch nicht ge⸗ wußt hatten, was wir zum Frühſtück eſſen ſollten, hatte SKHeinrich Urſache genug auf ſeinen glücklichen Schuß ſtolz zu ſeyn. Dazu die Ueberraſchung, daß nicht nur der Wagen mit allen unſern Bequemlichkeiten und Geräthen, ſondern auch unſer beſter Ochs erſchien. „Wo iſt Cudjo?« fragte meine Frau.»Bringt er die wollene Decke?« „Ja,“ ſagte ich geheimnißvoll,„und noch manches Andere.⸗ In dieſem Augenblicke hörten wir das Knarren der Rä⸗ der und die große weiße Wagenplaue wurde ſichtbar. Frank ſprang ſofort auf, klatſchte jubelnd in die Hände und rief: „Mutter, Mutter, der Wagen kommt!en Dann hörte man die Stimme Cudjo's und nach we⸗ nigen Minuten traten das Pferd und der Ochs ſo leicht heran an das Feuer, als ob ihnen der ſchwere Wagen durchaus keine Laſt geweſen ſey, und als könnten ſie noch hundert Meilen weit laufen. Wir ſpannten ſie ſchnell aus, und führten Graſe und dem Waſſer. Es war nun ſpät in der Nacht, und wir fählten ts Alle ermüdet von den ertragenen Anſtrengungen, ſo daß wir uns entſchloſſen die Ruhe zu ſuchen. 8 Marie machte ein Lager im Wagen bereit, denn dieſer war unſer einziges, freilich ein vortreffliches Zelt. Ich und Cudjo zogen der Antilope das Fell ab, ſo daß am Morgen zum Frühſtück alles bereit ſey. Auch die Hunde hatten ihr beſonderes Intereſſe bei dieſer Arbeit, denn den armen Thie⸗ ren war es bis dahin am allerſchlechteſten gegangen. Sie be⸗ kamen den Kopf, die Beine und die Eingeweide, ſo daß ſie ſich nach Herzensluſt ſättigen konnten. Nachdem wir mit der Arbeit zu Ende waren, banden wir einen Strick an die ausgeweidete Antilope, ſchlangen dieſen an einen Baumaſt und zogen das Thier ſo hoch hinauf, daß es weder von den W Wölfen, noch auch von unſern eigenen Hunden erreicht wer⸗ den konnte. Marie hatte indeß die Anſtalten zum Schlafengehen be⸗ endigt, aber noch immer blieb etwas zu thun übrig, eine Pflicht, die wir nie vernachläſſigten, wenn es die Umſtände nur irgend wie geſtatteten. Das wußte auch meine Frau, und deshalb hatte ſie von dem Wagen das einz zige dort befindliche Buch geholt, die Bibel. Cudjo ſchürte das Feuer noch einmal auf; wir ſetzten uns um dasſelbe herum, und laſen aus der heiligen Schrift die Stel⸗ len, welche für unſere eigene Lage am beſten paßten, wie Gott nemlich Moſes und die Kinder Iſraels in der Wüſte erhalten hatte. Dann falteten wir andächtig unſere Hinde, knieten nieder und dankten für unſere faſt wunderbaſe Errettung. 3 Zwölftes Capitel. Die Dickhörner. Am nächſten Morgen waren wir mit der erſten Ta⸗ e gesdämmerung auf, und hatten die Freude die Sonne aufgehen zu ſehen. Das ganze Land, ſo weit das Auge reichte nach Oſten hin, war eine flache Ebene, und der Ho⸗ rizont glich folglich dem des ruhigen Meeres. Als die große gelbe Sonnenkugel über derſelben erſchien, hätte man glauben können, ſie ſteige aus der Erde ſelbſt her⸗ aus, ob ſie gleich bekanntlich viele Millionen Meilen von jedem Theile derſelben enrfernt iſt. Und an einem ſchönen Himmel ſtieg ſie langſam empor. Er war blaßblau ohne das geringſte Wölkchen, denn auf dieſen hochgelegenen Hochebe⸗ nen des innern Amerikas reiſet man oft tagelang, ohne ein Wölkchen von der Größe einer Hand zu ſehen. Wir waren Alle in heiterer Stimmung, denn wir hatten gut geſchlafen, und fürchteten nicht mehr von den Wilden ver⸗ folgt zu werden, welche unſere Reiſegefährten ermordet hatten. Sie wären ja auch Thoren geweſen, wenn ſie um deſſen Willen, was ſie von uns erlangen konnten, dieſe entſetzliche Reiſe machten. Auch war der Anblick unſerer An⸗ tilope mit dem in der Nachtkühle feſtgewordenen zarten gel⸗ ben Fett nichts weniger als entmuthigend. Da Cudjo ein vor zer Metzger war, ſo forderte ich ihn auf Thier ährend ich die Art nahm und nach dem e 87 hin wanderte, um mehr Brennholz zu holen. Marie va unter ihren Töpfen, Pfannen und Tellern beſchäftiget, ſcheuerte und wuſch alles in dem klaren Fluſſe, denn der Staub von der dürren Wüſte hatte ſich auf unſerer Fahrt in den Wagen hineingezogen, und Alles mit einem dicken Ueberzuge belegt. Glücklicherweiſe hatten wir ei en ziemlichen Vorrath von allen ſolchen Geräthen, einen Bratroſt, einen großen La⸗ gerkeſſel, eine Backſchüſſel, einen vortrefflichen Kaffehtopf, eine Kaffehmühle, ein halbes Dutzend Zinnbecher und Zinn⸗ teller, nebſt genug Meſſern, Gabeln und Löffeln. Alles dies hatten wir in St. Louis auf den Rath unſeres ſchotti⸗ ſchen Freundes eingekauft, der recht wohl wußte, was man auf einer Reiſe über die Wüſte brauche. Ich fand bald Holz und unſer Feuer loderte in kurzer Zeit hell auf. Marie brannte und kochte Kaffeh. Ich war am Roſte thätig und briet Antilopenfleiſch, während Cudjo Johannisbrotſchalen ſammelte und röſtete. Sie vertra⸗ ten die Stelle des Brotes, da wir kein Mehl mehr hatten. Der Vorrath, den wir von St. Louis mitgenommen hatten, war bereits vor einigen Tagen zu Ende gegangen, ſo daß wir von gedörrtem Fleiſch und Kaffeh hatten leben müſſen. Mit dem letztern gingen wir indeß ſehr ſparſam um, da wir höch⸗ ſtens noch ein Pfund beſaßen und er unſere höchſte Delica⸗ teſſe war. Zucker und Milch hatten wir freilich auch nicht dazu, aber wir vermißten auch weder den erſten noch die letztere, wie Alle, welche durch die Wüſte reiſen. Ganz ohne Verſüßung brauchten wir übrigens diesmal unſern Kaffeh doch nicht zu trinken, denn ich bemerkte, daß Frank ( das honigſüße Fleiſch aus den Schoten ſchabte und bei Seite rachte. Faſt einen Teller voll hatte er bereits g 8 umelt Die große Vorrathskiſte war von dem Wag — 88 ter gehoben worden und ihr Deckel, mit einem darauf ge⸗ breiteten weißen Tuche, vertrat den Tiſch. Als Sitze hatten wir uns einige große Steine um die Kiſte gewälzt, auf dieſe ſetzten wir uns, tranken den köſtlichen Kaffeh und aßen un⸗ ſer ſaftiges Wildpret. Während wir ſo angenehm beſchäftigt waren, bemerkte ich, daß Cudjo plötzlich die Augen verdrehte, ſo daß man nur das Weiße ſah, und dabei ſagte: „Maſſa! Maſſa! dort!«* Wir drehten uns geſchwind um— denn wir hatten dem Berge den Rücken zugekehrt— und ſahen dahin, wo⸗ hin Cudjo wies. Vor uns ſtreckten ſich hohe Felſenzacken em⸗ por und an denſelben hin bewegten ſich fünf große röthliche Gegenſtände ſo raſch, daß ich ſie anfänglich für fliegende Vögel hielt. Erſt nachdem ich aufmerkſamer hingeblickt hatte, erkannte ich vierfüßige Thiere, die aber ſo geſchwind liefen und von Klippe zu Klippe ſprangen, daß ich ihre Glieder nicht ſehen konnte. Sie ſchienen indeß zu dem Hirſchgeſchlecht zu gehören und waren etwas größer als Schafe oder Ziegen, ſtatt der Geweihe aber hatten ſie ein Paar große krumm gebo⸗ gene Hörner. Da ſie herunterwärts kamen, ſo ſah es mit⸗ unter aus als ſchöſſen ſte Purzelbäume und ihre Köpfe wären voraus. 8 Ein Felſenausläufer reichte bis etwa hundert Ellen von der Stelle, wo wir ſaßen und fiel ſteil ab, in etwa einer Höhe von ſechzig oder ſiebenzig Fuß. Als die Thiere an dieſen Felſen kamen, lieſen ſie auf demſelben hin bis an das Ende. Erſt als ſie den Abgrund erblickten, blieben ſie plötzlich ſtehen und wir konnten ſie nun genau ſehen, da ſie ſcharf abgegrenzt, frei gegen den Himmel ſtanden. Ihre Glie⸗ der waren zierlich gebaut und ihre krummen Hörner f 89 ſo groß wie ihr Körper. Wir waren natürlich der Mei⸗ nung, daß ſie wegen des Abgrundes nicht weiter koͤnnten, und ich berechnete, ob meine Büchſe, nach der ich gegrif⸗ fen hatte, ſie zu erreichen vermöchte. Mit einem Male ſprang das vorderſte an dem Felſen herunter und fiel unten auf den. harten Boden auf den Kopf. Wir ſahen, daß es mit den Hörnern auftraf, mehre Fuß hoch wieder emporſchnellte, einen zweiten Purzelbaum machte, dann auf die Füße kam und ſtillſtand. Die übrigen folgten, eines nach dem an⸗ dern, in raſcher Folge, wie Gaukler, und nachdem alle das Kunſtſtück durchgemacht hatten, ſtanden ſie einen Augen⸗ blick da, als erwarteten ſte, daß wir ihnen Beifall zu⸗ klatſchen ſollten. Die Stelle, an welcher ſie ſich nun befanden, war kaum fünfzig Schritte von unſerm Lager entfernt, aber der grauenhafte Sprung aus der bedeutenden Höhe herunter hatte mich ſo in Erſtaunen geſetzt, daß ich das Gewehr in der Hand ganz und gar vergaß. Die Thiere ſchienen übri⸗ gens über uns eben ſo verwundert zu ſeyn, als wir über ſie. Erſt das Anſchlagen der Hunde, die fortſprangen, brachte mich wieder zur Beſinnung wie auch die ſcheuen Fremdlinge. Sie wendeten plötzlich um und ſprangen nach dem Berge zu⸗ rück. Ich ſchoß auf Gerathewohl unter ſie, aber wir Alle glaubten vergebens, da alle fünf, von den Hunden gehetzt, davon liefen. Sie fingen bereits an empor zu klettern, als ob ſie Flügel hätten, eines aber blieb, wie wir bemerkten, zurück und ſchien nur mit Anſtrengung ſpringen zu können. Auf dieſes eine richteten ſich denn unſere Blicke, weil wir es nun für verwundet hielten. Und wir hatten Recht. Die übrigen verſchwanden uns bald aus dem Geſicht, das fünfte ſprang bei einem Satze zu kurz und rollte an dem 90 3 9 herunter. gepackt. Cudjo, Frank und Heinrich liefen hinzu und brachten bald das Todte zurück. Es war eine tüchtige Ladung für den Schwarzen, denn es zeigte ſich nun, daß es die Größe einer Damhirſchkuh hatte. An den großen gerieften Hörnern und andern Zeichen erkannte ich, daß es das Argali oder wilde Schaf war, welches unter Jägern als»Dickhorn« bekannt iſt und in Büchern wohl auch„das Schaf der Felſengebirge⸗ genannt wird, obgleich es weit mehr wie eine ſehr große gelbe Ziege oder ein Rehbock mit einem Paar Widderhörner aus⸗ ſieht. Wir wußten bereits, daß ſein Fleiſch gar nicht ſchlecht zu eſſen ſey, beſonders für Leute in unſeren Umſtänden. Sobald wir alſo unſer Frühſtück beendigt hatten, wetzten wir, Cudjo wie ich, unſere Meſſer, zogen ihm das Fell ab und hingen es neben dem Reſte der Antilope auf. Die Hunde bekamen für ihre Mühe wieder ein ſehr gutes Früh⸗ ſtück und da wir ſo viel friſches Fleiſch am Baume hängen ſahen, und lichtes helles Waſſer ganz in der Nähe hatten, bil⸗ deten wir uns feſt ein, wir wären von der Wüſte ganz befreit. 3 Wir berathſchlagten lndeß doch über das, was wir zu eginnen hätten. Fleiſchvorrath beſaßen wir auf wenigſtens eine Woche; aber wie konnten wir uns mehr verſchaffen, wenn der Vorrath zu Ende war? Das ließ ſich nicht ſagen, auch ſchien die Ausſicht nicht eben tröſtlich zu ſeyn; denn wenn auch vielleicht noch einige Antilopen und Dichörger ſich in der Nähe aufhielten, ſo konnten es doch unmöglich viele ſeyn, da es eben ſehr wenig Futter für ſie gab. Ueberdies wird es uns wahrſheüh nicht wieder ſo leicht eines der. Im nächſten Augenblicke hatten es die Hunde —ho 6*—* 91 ſchienen doch wie zufällig in unſere Gewalt gerathen zu ſeyn oder— wie wir damals paſſender glaubten und noch glau⸗ ben— nach einer beſondern Fügung der Vorſehung. Sich ganz darauf zu verlaſſen war weder recht noch klug, denn wenn wir auch der Leitung der Vorſehung feſt vertrauten, war es doch unſere Pflicht, alle Anſtrengung zu unſerer Rettung ſelbſt zu machen. Wenn unſer jetziger Vorrath aufgezehrt war, was konnte dann geſchehen? Wir konnten unmöglich im⸗ mer nur von Armadillen, Argalis und Antilopen leben, ſelbſt wenn wir annahmen, daß es genug auf dem Berge gebe. Der Wahrſcheinlichkeit nach war zehn gegen Eins zu wetten, daß wir keines dieſer Thiere mehr erlangten. Nach einer Woche mußte unſer Ochs recht hübſch wieder zugenommen haben. Wenn wir ihn ſchlachteten, konnten wie eine ziemlich lange Zeit von ſeinem Fleiſche leben, dann hatten wir das Pferd, dann— die Hunde und dann mußten wir doch ver⸗ hungern. die Möglichkeit den Wagen weiter zu bringen, und das Pferd konnte unmöglich uns alle durch die Wüſte tragen. Schlachteten wir dann das Pferd, ſo waren wir gänzlich hilflos und auf unſere Füße allein angewieſen. Zu Fuße kann kein Menſch durch die Wüſte wandern; nicht einmal Jäger vermögen dies, um wie viel weniger konnten wir es uns getrauen. Da zu bleiben, wo wir uns befanden, war eben ſo unmög⸗ lich. Es gab nur einige kleine Streifen mit Gewächſen am Ufer der Flüßchen, die von dem Berge herabkamen. An den⸗— ſelben hin wuchſen einzelne Weidenbäume, aber bei Wei⸗ tem nicht Gras genug, um eine ſo anſehnliche Anzahl Wild zu erhalten, als wir bedurften, wenn wir ganz dapon le⸗ ben wollten, auch angenommen, daß wir Wenn wir den Ochſen ſchlachteten, nahmen wir uns — 92 Hände bekamen. Es blieb uns alſo jedenfalls nichts übrig als ſobald als möglich fortzukommen. Zunächſt war nun zu ermitteln, ob ſich die Wüſte auch nach Süden hin ausdehnte, wie nach Norden. Um dies zu erfahren, entſchloß ich mich, um den Berg herum zu ge⸗ hen und die Meinigen bis zu meiner Rückkunſt im Lager warten zu laſſen. Unſer Pferd hatte ausgeruht und ſich erholt; ich ſat⸗ telte es alſo, nahm meine Büchſe, ſchwang mich auf und ritt davon, um den Fuß des Berges herum nach Oſten hin. Dabei hatte ich mehre kleine Flüßchen zu überſchreiten, die dem glichen, an welchem wir lagerten, und die ſämmt⸗ lich ſich nach Oſten wendeten zu einem Hauptfluſſe. In die⸗ ſer Richtung hin ſah ich denn auch einige verkrüppelte Bäu⸗ me ſo wie hier und da einen Schein von Grün am Boden. — Unterwegs erblickte ich eine Antilope ſo wie ein anderes Thier⸗ welches einem Hirſche glich, aber von allen Hirſchen, die ich geſehen hatte, dadurch ſich unterſchied, daß es einen lan- gen Schwanz hatte wie eine Kuh. Damals wußte ich nicht— was für ein Thier es war, da ich in keinem Buthe eine e Me⸗ ſchreibung desſelben gefunden hatte. Nachdem ich etwa fünf Meilen weit geritten, war ich an die Oſtſeite des Berges gekommen und konnte nach Süden binſehen! So weit mein Auge reichte, erblickte ich nichts als eine freie Ebene, die wo möglich noch unfruchtbarer war als jene, welche ſich nach Norden hinzog. Nur nach Oſten hin zeigten ſich einige Spurn von Fruchtbarkeit, aber auch nur in kleinen Stellen kümmerlicher Vegetation. Es war eine troſtloſe Ausſicht, denn ich ſah die Gewiß⸗ heit or mir, daß wir eine Wüſte zu überſchreiten hatten, ehe wir zu einem bewohnten Lande gelangen konnten. Wieder⸗ +—jj— 93 um nach Oſten hin, nach der amerikaniſchen Grenze zu uns zu wenden, wäre Wahnſinn geweſen, da wir keine 35 Lebensmittel und ganz erſchöpftes Vieh hatten, die Entfer⸗ nung aber mindeſtens achthundert engliſche Meilen betrug. Außerdem wohnten, wie ich recht wohl wußte, viel Indianer⸗ ſtämme in dieſer Richtung, ſo daß wir durch das Land nicht hindurch kommen konnten, ſelbſt wenn es fruchtbar geweſen wäre. Nach Norden oder nach Süden zu reiſen, war gleich unmöglich, da ſich in dieſen Richtungen hin wohl tauſend Meilen weit keine Anſiedlung befand. Unſere einzige Hoffnung konnte demnach nur dahin gehen, über die Wüſte nach Weſten hin zu gelangen, zu den mexrikaniſchen Nieder⸗ laſſungen am Del Norte, etwa zweihundert engliſche Meilen weit. Um eine ſolche Wanderung zu unternehmen, mußten wir unſer Geſpann erſt einige Tage ausruhen laſſen. Wir— mußten ferner die für eine ſolche Reiſe nothwendigen Lebens⸗ mittel zuſammenbringen und wo und wie waren dieſe zu er⸗ halten? Wir konnten uns, darüber hinaus kam ich nicht, nur auf die Vorſehung verlaſſen, welche uns bereits ſo ſicht⸗ barlich ihre hilfreiche Hand gereicht hatte. 4 Ich bemerkte, daß der Berg an der Südſeite ſanfter nach der Ebene zu abfiel als im Norden, wo er hoch und ſteil war. Daraus ſchloß ich, daß hier eine größere Menge Schnee geſchmolzen ſeyn und das Waſſer in dieſer Richtung hin ſtrömen müſſe. Ohne Zweifel, dachte ich ferner, wird dieſe Seite auch fruchtbar ſeyn und ſo ritt ich weiter, bis ich eeine Gruppe von Weidenbäumen erblickte, welche nebſt Baum⸗ wollbäumen am Strome hier oben über dem Thale ſtehen. Ich erreichte ſie bald und ſah, daß ſich ein Fluß m tendem Graswuchſe an den Ufern befand. Ich band mei 3 an einen Baum und kletterte ziemlich hoch am Berg —õm4a—y— 3 —— 94 —— auf, um einen Ueberblick über die Gegend nach Süden und Weſten zu erlangen. Noch war ich nicht ſehr hoch gekommen, 4 als ich die ſeltſame Schlucht erblickte, welch ſich in der Ebene aufzuthun ſchien. Dieſe Eigenthümlichkeit erregte meine Neugierde, ſo daß ich ſie genauer zu unterſuchen beſchloß. Ich kehrte deshalb zu meinem Pferde zurück, ſtieg wieder auf und ritt gerade darauf zu. Sehr bald hielt ich am Rande der Schlucht und ſchaute in dieſes liebliche Thal herab. Was ich in jenem Augenblicke empfand, kann ich nicht beſchreiben. Nur die, deren Augen viele Tage lang nichts als öͤde dürre Wildniß geſehen haben, können ſich eine Vor⸗ ſtellung von dem Eindruck eines Anblicks ſolcher üppigen Fruchtbarkeit machen. Es war ſpät im Herbſt und der Wald unter mir, in der bunten Farbenpracht dieſer Jahreszeit, glich einem Bilde. Ich hörte Vögel unten ſingen, während die Luft angenehmen Duft zu mir herauftrug. Das Ganze glich mehr dem Elyſium aus dem Fabelreiche als der Wirklich⸗ keit. Ich konnte mich kaum überzeugen, daß ich nicht träume, nicht die phantaſtiſchen Gebilde der Luftſpiegelung vor mir habe. Lange ſtand ich in Entzücken verſunken da, während ich unabgewandt in das reizende Thal hinabblickte. Eine Spur von menſchlicher Wohnung entdeckte ich nirgends. Kein Rauch ſtieg über die Bäume empor, kein Geräuſch ließ ſich hören außer den Stimmen der Natur in den Geſängen der Vögel und dem Rauſchen des Waſſers. Es ſchien als habe der Menſch dieſes abgeſchiedene Paradies noch niemals durch ſeine Anweſenheit und ſeine Leidenſchaften entweiht. Lange, wie geſagt, ſtand ich da und ſchaure und horch⸗ tundenlang hätte ich dableiben können, aber die ſinkende nte mich an die Umkehr. Ich war wohl zwanzig 0. 95 — 4 engliſche Meilen von unſerm Lagerplatze entfernt und me PFfferd noch nicht wieder ſehr kräftig. Mit dem Entſchluſſe am nächſten Tage mit den Meinigen 8 hieher zurückzukommen, ritt ich hinweg. Spät in der Nacht „— nahe gegen Mitternacht— erreichte ich das Lager, in dem ich alles fand wie ich es verlaſſen hate, ausgenommen daß meine Frau über mein langes Ausbleiben ſich in Angſt und Sorge befand. Meine Rückkehr aber und die Entdeckung, von welcher ich erzählte, richteten ihren Muth bald auf und wir beſchloſſen früh am Morgen aufzubrech . Dreizehntes Capitel. Das große Elenn. Mit Sonnenaufgang am andern Morgen ſtanden wir auf, dann frühſtückten wir, verpackten unſern Wagen wieder und verließen unſern Lagerplatz. Am obern Ende des Thales gelangten wir eine Stunde vor Sonnenuntergang an. Da verbrachten wir die Nacht. Am nächſten Tage ſuchten wir einen Pfad zu finden, auf welchem wir hinab gelangen könnten. Ich ritt Meilen weit oben am Schluchtrande hin, fand aber, daß die Uferwand zu beiden Seiten überall ſteil abfiel und begann zu fürchten, das lockende Paradies ſey nicht zugänglich. Endlich gelangte ich an das untere Ende, wo, wie Sie bemerkt haben, die Tiefe nicht ſo bedeuten und fand endlich auch einen Weg, der ſich allmälig hinabſt goelte und auf dem Fußſtapfen vieler Thiere ſichtba eben ſuchte ich. * In dieſem Thale konnten wir verweilen, bis unſer Vieh ſo weit ſich erholt hatte, um die Reiſe durch die Wüſte er⸗ tragen zu können, während wir im Stande waren durch unſere Büchſen den nöthigen Fleiſchvorrath uns zu verſchaffen. Ich kehrte zu dem Wagen zurück, da ich aber den größten Theil des Tages bei meinem Entdeckungsritte verbraucht hatte, war es ſpät als ich ihn wieder erreichte und wir blieben noch eine Nacht an unſerm Lagerplatze. ½ Am nächſten Morgen dagegen machten wir uns zeitig auf. An der Stelly, wo der Weg hinab führte, hielten wir den Wagen an. Marie blieb mit den Kindern bei ihm, während ich mit Cudjo in das Thal hinunter ſtieg. Die Waldung war ſehr dicht und die Bäume ſchienen ſämmtlich durch rieſige Weinreben unter einander geſchlungen zu ſeyn, welche ſich wie ungeheuere Schlangen von einem zu dem aandern wanden. Unten wuchs Rohr, aber wir ſahen, daß die zahlreichen Thiere einen Pfad hindurch gebahnt hatten. Menſchliche Fußſtapfen ließen ſich nirgends ſehen, ebenſo wenig ein anderes Anzeichen, daß jemals ein Menſch da⸗ geweſen. 8 Wir folgten dem Wege, der uns gerade an das Ufer des Fluſſes brachte. Er war gerade ſehr ſeicht, ja an vielen Stellen ganz ausgetrocknet. Jedenfalls gab er eine gute Bahn für unſern Wagen und ſo blieben wir in ſeinem Bette. Etwa drei(engliſche) Meilen von dem untern Ende des Thales ge⸗ langten wir an eine Stelle, wo die Waldung lichter und von Unterholz freier war. Am rechten Ufer hob ſich der Boden und bildete einen ziemlich großen freien Platz, auf dem nur hiier und da ein einzelner Baum wuchs, aber dichtes, ſchönes Gras mit Blumen. Es war eine liebliche Stelle und als wir e hinaustraten, ſprangen mehre Thiere vie 97 unſere Annäherung erſchreckt hatte, in das Dickicht daneben. Wir blieben einen Augenblick ſtehen, um uns an dem herr⸗ lichen Bilde zu exfreuen. Vögel mit glänzendem Geſieder flatterten unter den herbſtlich bunt gefärbten Blättern hin, ſangen, kreiſchten und jagten einander von einem Baum zum andern. Wir ſahen Papageien mehrer Arten, blaue Häher und ſchöne Lories, ſcharlachrothe wie himmelblaue. Auch Schmetterlinge gab es mit breiten Flügeln in den herrlichſten Farben. Manche derſelben waren ſo groß wie einige der Vögel, ja weit größer als manche von dieſen, denn wir erblickten ganze Schwärme von Colibris, die nicht groͤßer waren als Bienen, wie funkelnde Edelſteine umher ſchoſſen oder ſich auf den Kelchen der Blumen wiegten. Ja, es war ein ſchöner Anblick und ich wurde mit Cudjo ſofort einig, an dieſer Stelle unſer Lager aufzuſchlagen. Wir wollten damals eben nur ſo lange bleiben, bis unſere Thiere wieder ganz zu Kräften gekommen ſeyn würden und wir den nöthigen Reiſebedarf geſammelt hätten. Das geſchah vor zehn Jahren und wir ſind heute noch an derſelben Stelle. Das Haus hier ſteht in der Mitte des freien Platzes, den ich eben beſchrieb; wundern aber werden Sie ſich, wenn ich Ihnen ſage, daß damals kein See da war, keine Spur da⸗ von. Er fand ſich erſt ſpäter ein, wie Sie erfahren werden. Wir blieben nicht länger als durchaus nöthig war, denn wir wußten, daß meine Frau unſerer Rückkunft be⸗ ſorgt entgegen ſah. Binnen weniger als drei Stunden ſtad der Wagen mit ſeiner ſchneeweißen Plaue in der Mitte des freien Platzes, und Ochs und Pferd weideten, losgeſpannt, nach Herzensluſt. Die Kinder ſpielten im Graſe im Schatten einer breitäſtigen Magnolia, während wir uns mit man⸗ cherlei Arbeiten beſchäftigten. Die Vögel flog Das Haus in der Wüſte. men dicht heran, ſetzten ſich auf die nächſten Bäume und wunderten ſich wahrſcheinlich, was für ſeltſame Geſchöpfe wir wohl wären. Ich freute mich darüber, denn ich glaubte daraus ſchließen zu dürfen, daß der Anblick von Menſchen ihnen noch neu ſey und daß wir deshalb nicht zu fürchten brauchten, mit unſeres Gleichen in dem Thale zuſammen zu treffen. Von allen Geſchöpfen fürchteten wir den Men⸗ ſchen am meiſten, denn die, welche wir hier treffen konn⸗ ten, waren Ind aner und folglich ſicherlich unſere grauſam⸗ ſten Feinee. Es war noch zeitig am Nachmittage und wir wollten nichts thun als ausruhen, da es uns ziemlich ſchwer ge⸗ worden war, den Wagen aus dem Flußbette heraus die Erhöhung hinaufzubringen, ja ihn in dem Bette ſelbſt fort⸗ zuſchaffen, hatte oftmals große Anſtrengung gekoſtet. Wir hatten große Steine hinwegrollen und dichtes Gebüſch ab⸗ hauen müſſen. Nachdem aber die Schwierigkeiten überwun⸗ den waren, fühlten wir uns gleichſam in der Heimat. Cudjo zündete ein Feuer an und bog einige Stangen darüber, an welche wir unſere Töpfe oder Keſſel hängen konnten. So wird gewöhnlich von den Reiſenden in den Wäldern unter freiem Himmel gekocht. Sehr bald kochte unſer Keſſel mit dem reinen Waſſer, um den duftigen Kaffeh aufzunehmen und der Reſt der An⸗ tilope, die über dem Feuer hing, briet und ziſchte. Marie hatte die große Kiſte wieder bereit geſetzt und mit einem rei⸗ nen weißen Tuche belegt— da ſie am Tage vorher gewaſchen wward.— Auf dieſem reinlichen Tiſche ſtanden geordnet un⸗ ſere Teller und Becher, die wie Silber glänzten. Wir ſelbſt ſetzten uns um das Feuer her und beobachteten unſern Braten, ſchreiend zum großen Ergötzen unſerer Kleinen umher, ka⸗ 1 1 99 wie er ſich in der Glut ſo lockend bräunte. Cudjo hatte ihn an einer ſtarken Schnur befeſtigt, ſo daß er ſich lange von ſelbſt drehte, wenn man ihn eine Zeitlang in der entge⸗ gengeſetzten Richtung gedreht hatte. Wir freuten uns be⸗ reits über das vortreffliche Abendeſſen, das wir bald hal⸗ ten ſollten, als unſere Aufmerkſamkeit plötzlich durch ein Geräuſch erregt wurde, das dicht an dem freien Platze aus dem Gebüſche kam. Die Blätter raſſelten, die Zweige knickten und knackten wie unter dem Tritte eines großen Thieres. Wir blickten gleichzeitig nach einer und derſelben Stelle hin und im nächſten Augenblicke traten drei große Thiere auf den Platz heraus, offenbar in der Abſicht, über denſelben hinzugehen. Im Anfang hielten wir ſie für Hirſche, denn ſie hat⸗ ten verzweigtes Geweih, aber ihre Größe unterſchied ſte ſo⸗ fort von jeder Hirſchart, die wir bis dahin kennen gelernt hatten. Ein jeder war ſo groß wie ein tüchtiges Pferd und das Geweih erhob ſich mehre Fuß über ihre Köpfe empor, ſo daß ſie noch größer ausſahen. Es waren Elenns oder Elks von dem Felſengebirge. Sie gingen hintereinander mit ſtolzem Schritt, welcher deutlich genug verrieth, daß ſie ihre Kraft kannten und wuß⸗ ten, wie ihre Waffen auf dem Kopfe im Kampfe ſchrecklich ſind. Ihr Ausſehen war ein ganz majeſtätiſches, und wir Alle bewunderten ſie ſchweigend, als ſie gerade auf unſern Lagerplatz zu kamen. Endlich erblickten ſie unſern Wagen und unſer Feuer, was ſie beides bis zu dieſem Augenblicke noch nicht geſehen hatten. Sie blieben ſtehen, warfen die Köpfe zurück, ſchnaub⸗ ten und ſahen die ihnen fremden Gegenſtände einige? blicke verwundert an.“ 100 „Sie werden ſogleich wieder verſchwinden,⸗ ſagte ich 3 ſe zu meiner Frau und Cudjo,„und von hier aus kann ich ſie mit der Büchſe nicht erreichen.⸗ Ich hatte ſogleich nach dem Gewehre gegriffen und hielt 8₰ dasſelbe auf meinen Knien bereit. Auch Heinrich und Frank nahmen die ihrigen zur Hand. Schade, Maſſa Roff,« ſagte Cudjo;»ſehr fett ſie 4 ind wie Opoſſum.“ 4 t Ich überlegte mir eben, ob ich mich nicht etwas näher ſchleichen könne, als die Thiere zu unſerm Erſtaunen, ſtatt raſch in den Wald zurückzukehren, einige Schritte näher ka⸗ men, dann wieder ſtehen blieben, die Köpfe emporwarfen und ſchnaubten wie vorher. 1 Wir ſtaunten darüber, weil wir alle gehört hatten das Elenn ſey ein ſehr ſcheues Thier. Es iſt dies auch vor jeder Gefahr, die es bereits kennt, aber, wie die Meiſten aus dem Hirſch⸗ und Antilepengeſchlecht, noch neugieriger als furchtſam, ſo daß es an jeden Gegenſtand herantritt, deer ihm noch neu iſt und ihn neugierig muſtert, ehe es da⸗ von läuft. Da die drei durch ihre Neugierde uns nun ſchon näher gebracht worden waren, und ich meinte, ſie wür⸗ b deen ſich noch weiter heranwagen, ſo forderte ich die Meinigen auf, ſich ganz ſtill und ruhig zu verhalten. 8 Der Wagen mit der großen weißen Plaue darüber ſchien ffr unſere drei Fremdlinge der Hauptanziehungspunkt zu ſeyn, und ſie kamen zum zweiten und dritten Male einige Schritte näher an denſelben.. Da der Wagen ſich in einiger Entfernung von dem Feuer befand, an welchem wir ſaßen, ſo ſtanden ſie uns mit der langen Seite gegenüber und das vorderſte konnte ich mit der Büchſe recht wohl erreichen. Cs war das größte 101 —— und ich nahm mir vor, nicht länger zu warten, ſondern ihm die Kugel ohne weiteres zukommen zu laſſen. Ich zielte alſo ſo gut als möglich nach der Herzgegend und drückte los. „»Gefehlt!⸗ dachte ich, als die drei großen Thiere ſich umwendeten und blitzſchnell davon liefen. Merkwürdiger Weiſe galoppirten ſie nicht wie es die Hirſche thun, ſondern 4 ſetzten in eine Art Trab ein, der freilich ſo ſchnell war wie der Galopp eines Pferdes. Die Hunde, welche Cudjo bis dahin zurückgehalten hatte, jagten bellend nach und waren uns bald nebſt den Elenns aus den Augen verſchwunden. Da ich es nicht für möglich hielt, daß die Hunde den Thieren nachkommen könnten, hatte ich auch nicht die Abſicht zu folgen; nach einiger Zeit hörte ich aber, daß die Hunde zu knurren an⸗ fingen, als wenn ſie im Kampfe begriffen wären. „Vielleicht habe ich das Thier doch verwundet und ſie haben es überholt,⸗ ſagte ich.„»Komm, Cudjo, wir wollen zuſehen. Ihr Jungen bleibt bei eurer Mutter.« Ich nahm Heinrichs Gewehr und lief mit Cudjo den Elenns und den Hunden nach. Als wir in das Gebüſch ka⸗ men, bemerkten wir Blut an den Blättern. »Es iſt verwundet und wahrſcheinlich gefährlich. So ch,⸗ ſagte ich und wir liefen ſo r. Ich war Cudjo voraus, der nicht gelangte bald an die Stelle, wo die Hunde das Elenn hatten. Es war auf die Knie nieder⸗ geſunken und vertheidigte ſich mit dem Geweih. Einer der Hunde lag bereits am Boden und heulte jämmerlich. Der wandere ſetzte den Kampf fort und ſuchte das Elenn von hin⸗ ten zu packen, aber dieſes drehte ſich ſo raſch he⸗ — 102 wären ſeine Knie Angeln, und hielt ſeine Hornſtacheln überall dem Angreifenden entgegen. Ich fürchtete das Thier werde einem unſerer muthi⸗ gen Hunde einen Schlag verſetzen und ihm damit das Le⸗ benslicht ausblaſen; ich ſchoß deshalb noch einmal und lief dann ſelbſt hin, um mit dem Flintenkolben darein zu ſchla⸗ gen. Ich ſchlug auch wirklich mit aller meiner Kraft und zielte gerade nach dem Kopfe; aber in meiner Haſt fehlte ich nicht nur das Ziel, ſondern verlor auch das Gleichge⸗ wicht und ſiel gerade in das Geweih hinein. Natürlich warf ich ſogleich das Gewehr hinweg und griff nach dem Ge⸗ weih, um mich von demſelben frei zu machen; aber ehe mir das gelang, war das Thier aufgeſprungen und ſchleu⸗ derte mich hoch in die Luft empor. Ich fiel auf ein dichtes Gewirr von Aeſten und Reben; da ich aber die Geiſtesge⸗ genwart nicht verlor, griff ich im Fallen zu und konnte mich ſo feſthalten. Das war ein Glück für mich, denn ge⸗ rade unter mir ging das wüthende Thier hin und her; es ſuchte mich wahrſcheinlich und wunderte ſich, wo ich geblie⸗ ben. Wäre ich nicht auf die Zweige, ſondern auf den Erd⸗ boden gefallen, ſo hätte es mich ohne Zweifel mit dem ge⸗ waltigen Geweih zermalmt. Einige Augenblicke lag ich hilflos da, wohin ich ge⸗ fallen war und beobachtete was unter mir vorging. Der Hund ſetzte ſeine Angriffe fort, war aber offenbar durch das Schickſal ſeines Gefährten eingeſchüchtert und biß nur nach dem Elenn, wenn er ihm an die Seite gelangen konnte. Der andere lag noch immer heulend da. In dieſem Augenblicke erſchien endlich auch Cudjo. Ich r die üchie am Boden bemerkte, mich ſelbſt aber nirgends — onnte ſehen, wie ſeine Augen groß und weiß wurden, als 1 103 Kaum hatte ich ihn warnend anrufen können, als das Elenn ihn erblickte, den Kopf ſenkte und mit wüthendem Schnau⸗ ben nach ihm hin ſtürzte. Ich war um meinen treuen Diener und Freund ſehr beſorgt. Zwar hatte er einen langen Indianerſpeer bei ſich — den er in dem Lager gefunden, in welchem unſere Rei⸗ ſegefährten ermordet worden waren— aber wie konnte ich hoffen, daß er damit das wüthende Thier würde abwehren — können? Er hielt die Waffe nicht einmal zum Empfange des 4 Elenns bereit, ſondern ſtand da wie eine Bildſäule.„Das Entſetzen hat ihn völlig gelähmt,« dachte ich und erwartete— i n im nächſten Augenblicke auf den ſcharfen Geweihſpitzen geſpießt zu ſtehen. Aber ich hatte mich in Cudjo ſehr geirrt. Als das Geweih noch etwa zwei Fuß weit von ihm entfernt war, trat er raſch hinter einen Baum und das Thier ſchoß aan ihm vorüber. Im nächſten Augenblicke ſprang er dann . hiinter ſeinem Verſtecke hervor, ſtieß mit dem Speer und grub ihn zwiſchen die Rippen des Thieres hinein. Kein Stier⸗ kämpfer in Spanien hätte dies beſſer thun können. 8 Ich jubelte laut auf als ich das rieſige Thier zu Bo⸗ den ſtürzen ſah, ſprang von meinem ſichern Zufluchtsorte 4 herab und eilte hinzu. Das Elenn lag in Todeszuckungen, 1 Cudjo aber ſtand wohlbehalten und triumphirend über ihm. »Bravo, Cudjo!« rief ich ihm zu.„Du haſt ihm den Reſt gegeben.⸗.. 3 „Ja, Maſſa,« antwortete der Schwarze kaltblütig,„der ſchwarze Neger da hat ihn kitzelt an die Rippe fünf. Er nicht wieder armen Caſſy ſchlagen,⸗ ſetzte er hinzu, indem er den Hund Caſtor ſtreichelte, der durch das Geweih des Elen verwundet worden war. Jetzt erſchien auch Heinrich, d und während wir die großen Fleiſchſtücke aufhingen, war hatte und nicht länger am Feuer bleiben konnte. Zum Glück hatte ſein Gewehr keinen Schaden gelitten und Cudjo ließ, wie es gebührt, das Blut aus dem gefallenen Thiere ab⸗ fließen. Der bedeutenden Schwere wegen— es wog über tauſend Pfund— konnten wir es nicht an unſern Lager⸗ platz bringen, ohne das Pferd oder den Ochſen daran zu ſpannen. Deshalb beſchloſſen wir, ihm die Haut ſogleich abzuziehen und es in Stücke zu zerſchneiden. Wir gingen zu⸗ rück, um die nöthigen Werkzeuge zu holen und unſern glück⸗ lichen Fang zu melden und kamen dann mit der Arbeit bal⸗ zu Stande. Ehe die Sonne untergegangen war, hing ein Vorrath von faſt tauſend Pfunden friſchen Fleiſches 298 Bäumen um unſern Lagerplatz her. Das Eſſen hatten wir abſichtlich verſchoben, bis unſere Arbeit gethan ſeyn würde Marie emſig am Roſte beſchäftigt, ſo daß ein Elennbraten — dem beſten Rinderroſtbraten gleich— unſer Abendeſſen zierte. Vierzehntes Capitel. 2. 3. Abentener mit einem Carcajon. Am nächſten Morgen ſtanden wir zeitig auf, früh⸗ ſtückten vom Elennbraten und Kaffeh und begannen nachzu⸗ denken und zu berathſchlagen was nun zunächſt zu thun ſey. Fleiſch hatten wir nun genug, um die längſte Reiſe unternehmen zu können; es brauchte nur zugerichtet zu werden, damit es ſich hielt. Wie aber ſollten wir es zurichten, dir kein Körnchen Salz hatten? Das war allerdings eit, aber es fiel mir ſehr bald ein, daß man Fleiſch auch ohne Salz aufbewahren könne, wie es unter den Spaniern und in Ländern, in welchen das Salz ſelten und theuer iſt, immer geſchieht. Auch hatte ich gehört, daß dieſe Art der Aufbewahrung unter den Jägern gebräuchlich ſey, wenn ſie Büffelfleiſch oder anderes erlangen. Ich meine das an der Luft Dorren und Räuchern des Fleiſches, wel⸗ ches die Spanier Laſajo nennen. Ich wußte, wie man dabei zu verfahren habe und un⸗ terrichtete Cudjo darin, worauf wir ſofort an die Arbeit gingen. Zuerſt machten wir ein großes Feuer an, in das wir eine Menge grünes Holz legten, damit es langſam brenne und ſehr viel Rauch gebe. Dann ſteckten wir mehre Stangen in die Erde um das Feuer her und zogen Stricke von der einen zu der andern. Als dies geſchehen war, nah⸗ nmen wir die Fleiſchſtücke, ſchnitten die Knochen heraus⸗ und das Fleiſch ſelbſt in dünne Streifen von etwa einer Elle Länge. Dieſe Fleiſchſtreifen wurden über die Stricke ge⸗ hangen, ſo daß ſie dem Rauch und der Hitze des Feuers aus⸗ geſetzt waren, doch nicht ſo, daß es briet. Damit war un⸗ ſere Arbeit gethan und wir hatten nur gelegentlich nach dem Feuer zu ⸗, ſo wie Acht zu geben, damit nicht die Hunde oder lfe das elſch herabzögen, welches wie Würſte auf den Leinen hing. Nach etwa drei Tagen mußte das Fleiſch gedörrt und geeignet ſeyn, in jede Entfernung mitgenommen zu werden ohne zu verderben. In dieſen drei Tagen blieben wir alle ganz in der Nähe des Lagerplatzes. Wir hätten uns mehr Wild ver⸗ ſchaffen können, wenn wir auf die Jagd gegangen wären, aber wir thaten das aus drei Gründen nicht: erſtlich weil es uns an Fleiſch nicht fehlte, zweitens weil wir keinen chuß unnöthig vergeuden durften und drittens weil 106 die Fährten von Bären und Panthern an dem Fluſſe geſe⸗ hen hatten. Mit einem dieſer Bewohner des dunklen dich⸗ ten Waldes wünſchten wir durchaus nicht zuſammenzutref⸗ fen, und es wäre gewiß geſchehen, wenn wir auf die Jagd gegangen. Wir beſchloſſen, ſie ſo lange ungeſtört und un⸗ beläſtiget zu laſſen, als ſie ſich ebenſo gegen uns benähmen. Um zu verhindern, daß einer ſich in das Lager ſchleiche, während wir ſchliefen, unterhielten wir Feuer die ganze Nacht hindurch um den Wagen her. Wir blieben trotzdem in dieſen drei Tagen nicht ohne friſches Fleiſch, ja wir erhielten ganz vorzügliches. Ich ſchoß einen wilden Truthahn, der mit mehren andern auf den freien Platz gekommen war und dicht an unſer Lager lief, ehe er uns ſah. Er war groß, über zwanzig Pfund ſchwer und 3 daß er weit beſſer ſchmeckte als ſeine zahmen Vettern, brauche ich wohl kaum hinzu zu ſetzen.. Nach dem dritten Tage war das Elennfleiſch ſo trocken wie ein Spahn. Wir nahmen es alſo von den Leinen herunter, packten es in kleine Bündel zuſammen und legten ſie auf unſern Wagen. Wir wollten nur ſo lange warten, bis un⸗ 6 ſere Zugthiere wieder Kräfte geſammelt hätten, was nicht lange währen konnte, da ſie vom Morgen zum Abend in fettem Graſe weideten. Aber was ſind menſchliche Berechnungen! Eben als wir uns mit der Hoffnung ſchmeichelten, unſerm Wüſten⸗ kerker bald entgehen zu können, ereigneie ſich ein Vorfall, der unſer Fortkommen ganz unmöglich machte— auf Jahre hinaus wenigſtens, wenn nicht auf immer. Aber ich will die Sache ausführlich erzählen. Es war am vierten Nachmittag nach unſerer Ankunft in dem Thale. Wir hatten unſere Mahlzeit gehalten, ſaß —yy— ——— 107 — am Feuer und ſahen den beiden Mädchen zu, welche ſich im weichen Graſe umher rollten. Wir ſprachen über die kleine Louiſe und über das unglückliche Ende ihrer Mutter und ihres Vaters, die, wie wir glauben mußten, beide umgekom⸗ men waren. Wir beriethen uns, ob wir ſie ganz in Unkennt⸗ niß von dem traurigen Schickſale ihrer Eltern erhalten und ſie in dem Glauben laſſen ſollten, daß ſie anch unſere Tochter ſey, 6 oder ob wir ihr, nachdem ſte erwachſen, die Geſchichte ihrer Ver⸗ waiſung mittheilten. Dann wendeten ſich unſere Gedanken zu unſern eigenen trüben Ausſichten für die Zukunft. Wir waren auf dem Wege nach einem fremden Lande, in welchem wir Nie⸗ manden kannten, ſeit unſer ſchottiſcher Freund verunglückt, — deſſen Sprache wir nicht einmal verſtanden und deſſen Bewohner weder ſelbſt ſich im Wohlſtande befinden, noch Andern zum Wohlſtande behilflich ſind. Wir reiſeten ferner ohne beſtimmtes Ziel, ohne einen beſtimmten Zweck, denn der, welcher uns hergeführt, war durch den Tod unſeres Freundes vereitelt. Wir beſaßen nichts— kein Geld, nicht einmal ſo viel, um uns Obdach für eine Nacht zu kaufen. Was alſo ſollte aus uns werden? Wir dachten mit tiefer Betrübniß an die Zukunft, aber ſie ſollte uns nicht lange peinigen. »Fürchte nichts, Robert,⸗ ſagte meine brave Frau, in⸗ dem ſie ihre Hand in die meinige legte und mich freundlich anſah;„er, der uns durch die Vergangenheit geleitet hat, wird uns auch in Zukunft nicht verlaſſen.⸗ »Du haſt Recht, liebe Marie,« antwortete ich, durch ihre tröſtenden Worte ſeltſam gekräftigt und ermuthigt,— »auf Ihn allein wollen wir vertrauen.⸗ 8 G In dieſem Augenblicke vernahmen wir ein ſeltſames Geräuſch von dem Walde her. Anfänglich ſchie 3 ſeyn, aber jeden Augenblick kam es näher. Es war die Stimme eines Thieres, das durch das größte Entſetzen oder den fürch⸗ terlichſten Schmerz gejagt wurde. Ich ſah mich nach unſe⸗ 8 rem Ochſen um. Das Pferd befand ſich da auf dem freien 6 Platze, der Ochs aber war nicht zu ſehen. Wiederum ſchallte die Stimme aus dem Walde, lauter und furchtbarer als je. Es war offenbar das Brüllen eines Ochſen; aber was konnte dasſelbe bedeuten? Ich griff nach meiner Büchſe, Frank und Heinrich folgg ten meinem Beiſpiele, Cudjo bewaffnete ſich mit dem India- nerſpieße und die Hunde warteten nur auf ein Zeichen, um ſich fort zu ſtürzen. Wiederum erklang der gräßliche Schrei und nun konn⸗ ten wir das Rauſchen der Blätter, das Knacken der Zweige hören, als ob ein großes Thier ſich durch das Gebüſch Bahn breche. Die Vögel flogen erſchreckt und kreiſchend auf, das Pferd wieherte, die Hunde bellten und die Kinder ſchmieg⸗ ten ſich ängſtlich an uns. Bald ſahen wir dann die Büſche ſich bewegen und im nächſten Augenblicke erſchien etwas Ro⸗ thes durch die Blätter hindurch. Es war unſer Ochs, aber — wurde er durch ein wildes Thier gehetzt? Nein, er weer bereits eingeholt. Was trug er auf ſeinem Rücken? Wir alle waren eine Zeit lang wie vom Blitze getrof⸗ fen. Auf dem Rücken des Ochſen kauerte ein großes Thier, das ihn am Halſe gepackt hielt. Anfangs ſah es aus wie in Haufe braunen zottigen Haares und ſchien ein Theil des chſen ſelbſt zu ſeyn, ſo feſt lag es auf demſelben. Als es er kam, erkannten wir die großen Tatzen und die kurzen ſkräftigen Glieder eines furchtbaren Geſchöpfes. Der pf befand ſich unten an der Kehle des Ochſen, die zer⸗ von Blut beſleckt war. Der Rachen des Thierrs 109 (—p ruhte auf der aufgeriſſenen Ader, denn es trank im Laufe das Blut des Ochſen. Der letztere konnte ſchon weniger ſchnell laufen; er wankte, doch kam er noch immer auf uns zu. Bald befand er ſich auch mitten unter uns, aber nur um da ſterbend niederzuſtürzen. Das wilde Thier, das auf ihm ritt, ließ los und ſtand auf ſeiner Beute, ſo daß wir ſehen konnten, es war der ge⸗ fürchtete Carcajou. Auch er ſchlen unſere Gegenwart jetzt erſt zu bemerken und kauerte ſich zuſammen, als wolle er ſpringen. Er ſprang auch und zwar auf meine Frau und die beiden Kinder zu. Wir ſchoſſen gleichzeitig alle drei, wa⸗ ren aber ſo erſchrocken, daß wir zitterten und unſer Ziel fehlten. Da zog ich mein Meſſer und eilte dem Ungethüme entgegen, aber Cudjo war mir bereits zuvorgekommen und ſtieß den Speer der wilden Beſtie in die Seite. Mit heiſe⸗ rem Geheul drehte der Verwundete ſich um, aber er ſtürzte nicht, ſondern drang auf Cudjo ein, der den Spieß fallen laſſen mußte, um zu entfliehen. Ehe das Thier ſich von dem Spieße, der ihm im Halſe ſtak, befreien konnte, hatte ich nach meinem Piſtol gegriffen und die Kugel ihm in die Bruſt geſchoſſen. Der Schuß war tödtlich; das zottige Un⸗ gethüm ſtürzte und zuckte im Todeskampf. Wir waren ge⸗ rettet, aber unſer armer Ochs, der uns aus der Wüſte brin⸗ gen ſollte, lag leblos vor uns im Graſe. ERfRISCHGNA Fünfzehntes Capitel. Fruchtloſes Suchen nach einem Wege. Unſere Hoffnungen aus dieſer Thal⸗Oaſe hinweg zu kommen, waren nun mit einem Male vernichtet. Das Pferd vermochte den Wagen nicht zu ziehen und wie konn⸗ ten wir ohne denſelben reiſen? Selbſt wenn es möglich geweſen wäre zu Fuße die Wüſte zu durchwandern, würden wir doch ſchwerlich genug Waſſer und Lebensmittel haben tragen können. Aber wir durften gar nicht daran denken, eeiine der ſchrecklichen Wüſtenſtrecken, welche die Spanier Jor⸗ nadas nennen, zu Fuße zu durchreiſen. Selbſt die ſtärkſten und muthigſten Jäger kommen oftmals bei ſolchen Verſu-⸗ 2es b wie ſollte uns einer gelingen, da wir ein ſchwa⸗ ches Weib und zwei Kinder bei uns hatten, die getragen 1 n mußten? Je mehr ich darüber nachdachte, um ſo tlicher trat mir die Unmöglichkeit vor und ſie erfüllte mich mit Verzweiflung. Sollten wir alſo dieſe Einſamkeit nie wieder verlaſ⸗ ſen? Möglicher Weiſe kamen uns niemals menſchliche We e zu Hilfe; vielleicht hatte noch nie ein menſchlicher Fuß dieſes Thal betreten. Es konnten ja recht wohl Jä der oder Indianer den Berg beſachen vhne das Thalss zu ,, daß Handelsleute oder Jäger di gering. Die Wüſte, die uns u 111 gab, war eine vollkommen genügende Schranke; auch wußte ich, daß der Berg viel zu weit nach Süden von der Richtung lag, welche die Reiſenden gewöhnlich einſchlagen. Nur an eine Hoffnung hielt ich mit einigem Vertrauen feſt, daß die Wüſte nach Weſten oder Süden ſich nicht ſo weit erſtreckte als es aus ſah und daß wir durch dieſelbe zu gelangen vermöchten, wenn wir aus dem Wagen einen leichten Karren machten. Ich war deshalb auch entſchloſſen, mich zuerſt allein aufzumachen und den Weg nach dieſen beiden Richtungen hin zu unterſuchen. Am nächſten Morgen belud ich mein Pferd mit den nöthigen Vorräthen an Lebensmitteln und Waſſer, nahm Abſchied von den Meinigen, empfahl ſie dem Schutze Got⸗ tes und ritt nach Weſten fort. In dieſer Richtung hielt ich mich einen ganzen und einen halben Tag, aber— noch immer dehnte ſich die Wüſte unabſehbar vor mir aus. Weit freilich war ich nicht gekommen, denn der Weg führte über Hügel von Triebſand, in den mein Pferd bei jedem Schritte bis an die Knie einſank. Am Nachmittag des zwei⸗ een Tages kehrte ich um, weil ich fürchten mußte bei län⸗ gerem Zögern das Thal nicht wieder zu erreichen. Wir— — h und mein Pferd— waren faſt verdurſtet, als wir wie⸗ der anlangten. Die Meinigen waren ſo wohl als ich ſie verlaſſen hatte, cber ich brachte keine freudige Nachricht und ſo ſaß ich voll * Verzweiflung im Herzen unter ihnen. 8 Mein nächſter Ausflug ging nach Süden, ab wartete bis mein Pferd ſich wieder erholt ha eines Tages auf einem Baumſtämme am F ber unſer trauriges Geſchick nach. Ich war ſo Fagen, daß ich auf nichts achtete was um m 11² ging. Nach einiger Zeit fühlte ich, daß ſich eine Hand leiſe auf meine Schulter legte. Marie hatte ſich neben mich ge⸗ ſetzt und in ihrem Geſichte lag ein freundliches Lächeln. Ich ſah, daß ſie mir etwas zu ſagen hatte. „»Was willſt Du, Marie?« fragte ich. „Iſt es nicht reizend hier?« entgegnete ſie und wies auf unſere Umgebungen. Ich mußte ihre Frage bejahen. Es war allerdings ein liebliches Plätzchen. Der freie Raum mit dem goldenen Sonnenſchein auf dem friſchen Graſe und den bunten Blumen,— die bunten Farben der Baumblät⸗ ter, die in ihrem Herbſtſchmucke da ſtanden— die Höhen weiter hin, die durch ihre Dunkelheit von dem Grün der Cedern und Tannen abſtachen— noch höher hinauf die Schneekoppe des Berges, die gegen den blauen Himmel em⸗ porſtieg, in der Sonne blitzte und liebliche Kühle verbrei⸗ tete,— alles dies gab ein Panorama, auf welchem das Auge allerdings mit Freuden ruhte. Und liebliche Töne drangen zum Ohre— das Murmeln des Waſſers in der ne, das leiſe Rauſchen der Blätter, der Geſang der Vö⸗ gel, die von Zweig zu Zweig hüpften oder über den grü⸗ nen Platz flogen. „Ja, Marie,« antwortete ich, ves iſt ein liebliches Plätzchen.⸗ „Nun, lieber Robert,« fuhr ſie miteinem bedeutungs⸗ —9,„—— („A 113 3 reiſen wollen, eine ſo angenehme zu finden, ſelbſt wenn es 3 uns moöglich wäre unſer Reiſeziel zu erreichen?⸗ )„Aber, liebe Marie,⸗ entgegnete ich,„wie könnteſt Du ganz abgeſchieden von Menſchen leben, da Du ja in Geſell⸗ ſchaft und ihren Genüſſen aufgewachſen biſt?⸗ 3»Menſchen? die Welt?« erwiederte ſie.»Was küm⸗ 3 mern wir uns um die Welt? Haben wir nicht unſere Kin⸗ t der hier bei uns? Sie werden unſere Welt ſeyn und ſind 8 wir nicht genug Geſellſchaft für einander? Ueberdies be⸗ . denke doch, wie wenig wir in der ſogenannten„Welt⸗ ha⸗ 1 ben, und wie wir von ihr behandelt worden ſind. Biſt Du in ihr glücklich geweſen? Nein, wohl aber habe ich hier — mehr Glück gefunden, als je in der Welt und der Geſell⸗ — ſchaft, von welcher Du ſprichſt. Bedenke es wohl, Robert, 3 ehe wir dieſes liebliche Plätzchen voreilig verlaſſen, in wel⸗ 3ches uns, glaube ich, die Hand Gottes geführt hat.⸗ »Aber, Marie, Du haſt an die Schwierigkeiten und Mlüßhſeligkeiten nicht gedacht, denen ein ſolches Leben Dich ausſetzen muß.⸗ »Ich habe darüber nachgedacht,« antwortete ſie,„an alles, während Du abweſend warſt. Ich halte es nicht für ſchwer, hier eine Niederlaſſung zu gründen. Der Schöpfer hat dieſe merkwürdige Oaſe reich ausgeſtattet. Wir können leicht alles da erhalten, was wir brauchen,— und am Ueberfluß und Lurus liegt mir wenig, wir können ohne 1 dieſelben leben.⸗. Ihre Worte machten einen eigenthümlichen Eindruck auf mich. Bis dieſen Augenblick hatte ich nicht daran ge⸗ 3 dacht in dieſem Thale zu bleiben, im Gegentheil immer nur wie wir dasſelbe verlaſſen könnten. Jetzt ging in meinen Gedanken eine plötzliche Veränderung vor, und ich überleg 4 Das Haus in der Wüſte. 8 114 bei mir ernſtlich den Rath meiner Frau. Die ſchlimme Behandlung, welche wir unter civiliſtrten Menſchen erfah⸗ ren hatten, unter denen wir on dem Unglück hin und her geworfen, betrogen, und Ralih ärmer geworden waren, alles dies ſchwächte den Wunſch ſo ſchnell als möglich unter die⸗ ſelben zurückzukehren. 3 Ich ſaß eine Zeit lang ſchweigend da und dachte Nach über die Möglichkeit den Plan der Niederlaſſugg hier aus⸗ zuführen. Wild gab es offenbar in dem Thall genng. Wir hatten Thiere von verſchiedener Hirſchart geſehen, auch die Fährten anderer gefunden. Es gab ferner Faſanen und Truthühner in Menge. Wir hatten unſere Büchſen und glücklicher Weiſe auch noch einen ziemlichen Vorrath von Munition. Freilich mußte derſelbe mit der Zeit zu Ende ge⸗ hen und was dann? Was dann? Bis dahin war es mir ge⸗ wiß gelungen, das Wild in anderer Weiſe in unſere Ge⸗ walt zu bringen. Außerdem fanden ſich wahrſcheinlich in dem Thale auch andere Dinge, von denen wir leben konn⸗ ten, Wurzeln und Früchte. Es hatten ſich bereits Spuren davon gezeigt, und Marie, die hübſche botaniſche Kenntniſſe hatte, konnte uns Auskunft geben. Wir fanden alſo Speiſe und Trank. Konnten wir von der Natur mehr ver⸗ langen? Je mehr ich über den Plan nachdachte, um ſo aus⸗ führbarer erſchien er mir. Cudjo, Frank und Heinrich, die zur Berathung zugezogen wurden, nahmen den Gedanken mit Freuden auf. Der treue Cudjo namentlich war, wie er ſagte, mit Allem zufrieden, ſobald er nur bei uns bleiben könnte, und die Knaben jubelten über das freie Leben, das lünen bevorſfand⸗ ten Entſchluſſe kamen wir allerdingé —3+₰„„„ o 2 115 an dieſem Tage nicht; wir wollten ihn nicht übereilt faſſen, ſondern ernſtlich und reiflich darüber nachdenken und am nächſten Tage nochmals großen Rath halten. In der Nacht aber kam ein Ereigniß vor, welches uns ſo⸗ fort beſtimmte in dem Thale zu bleiben, wenigſtens bis eine unvorhergeſehene Möglichkeit uns in den Stand ſetze, mit beſſerer Ausſicht auf Erfolg abzuziehen. Sechzehntes Capitel. Die geheimnißvolle Ueberſchwemmung. Der einzige Grund, warum ich mich nicht ſogleich feſt entſchloſſen hatte, in dem Thale zu bleiben, lag darin, daß ich keine Möglichkeit ſah, bei einer Niederlaſſung hier un⸗ ſere Umſtände irgend wie zu verbeſſern, denn wie fleißig wir auch ſeyn mochten, alle Erzeugniſſe unſerer Thätigkeit konn⸗ ten uns nicht mehr geben als die Befriedigung unſerer Be⸗ dürfniſſe. Wir hatten keinen Markt, ſelbſt wenn ich das ganze Thal hätte anbauen wollen und können. Wir ver⸗ mochten deshalb nicht reicher zu werden und uns nie in eine beſſere Lage zu bringen, um unter civiliſirte Menſchen zu⸗ rückzukehren— was am Ende denn doch immer das letzte Ziel blieb. 3 Marie, welche leichter zu befriedigen war als ich, behauplete dagegen fortwährend, unſer Glück hänge nicht von dem Beſitze von Reichthümern ab, wir würden deshalb 8 auch nie wünſchen das Thal zu verlaſſen und nie das Be⸗ Sürfniß nach Reichthümern fühlen.“ 4 116 Vielleicht hatte ſie die richtige Philoſophie, jedenfalls war es in unſerer Lage die natürliche. Aber die künſtlich von der Geſellſchaft geſchaffenen Bedürfniſſe pflanzen in die Bruſt des Menſchen den Wunſch perſönliches Eigenthum zu er⸗ werben und auch ich konnte mich von demſelben noch nicht ganz frei machen.»Wenn wir nur irgend etwas finden koͤnn⸗ ten,« ſagte ich,»auf das unſer Fleiß und unſere Thätigkeit zu verwenden wäre, damit unſere Zeit nicht nutzlos bliebe und wir uns die Mittel verſchafften, ſpäter unter Menſchen zurückzukehren.“ „Wer weiß?« entgegnete Marie darauf;„es können ſich in dem Thale Dinge finden, die uns beſchäftigen und uns in den Stand ſetzen, Schätze zu ſammeln, wie wir es in Neu⸗Mexico thun wollten. Wir beſitzen ja nichts, mit dem wir nun irgendwo das Leben beginnen könnten. Hier haben wir Speiſen und Boden, den wir wohl mit vollem Recht unſer Eigenthum nennen dürfen. Anderswo wäre dies nicht der Fall. Hier haben wir eine Heimat und wer weiß, Robert, ob wir nicht unſer Glück machen in der Wüſte?« Wir lachten beide über den Gedanken, den Marie na⸗ türlich nur im Scherze ausgeſprochen hatte, um unſere Zu⸗ kunft freundlicher auszumalen. Es war faſt Mitternacht, denn wir waren bei unſerm Geſpräche ſo ſpät aufgeblieben. Die Entſcheidung ſollte, wie geſagt, am andern Tage gefaßt werden. Der Mond kam eben über die öſtliche Uferwand unſeres Thales herauf und wir wollten uns zur Ruhe begeben, als unſere Blicke auf kiinen Gegenſtand ſielen, welcher uns allen einen Ausruf des Erſtaunes abnöthigte. Wiee ſchon geſagt, bei unſerer Ankunft war kein Seet 1 117 hier. Da, wo Sie jetzt einen ſehen, befand ſich eine grüne Grasfläche mit einzelnen Bäumen. Der Fluß ſtrömte mitten durch dieſelbe, wie jetzt durch den See, aber er hatte hier kaum Ufer, ſondern floß in einem ganz flachen breiten Bette. In frühern Nächten, bei Mondenſchein, hatten wir ihn wie ein Silberband in dem dunklen Grün hinziehen ſehen. Jetzt ſchimmerte zu unſerer Verwunderung eine breite Waſſer⸗ fläche vor uns. Sie ſchien einen Raum von mehren hun⸗ dert Ellen zu bedecken und ſich weit auf dem Platze hinzu⸗ ziehen, auf welchem wir lagerten. Konnte es Waſſer ſeyn oder war es nur Luftſpiegelun g, Fata Morgana? Nein, dieſe Erſcheinung war es nicht; wir hatten ſie auf unſerer Reiſe über die großen Ebenen mehrmals beobachtet. Die Bilder der Luftſpiegelung haben etwas Weißes, Nebel⸗ haftes an ſich, woran ſie der erfahrene Reiſende von der Wirklichkeit unterſcheiden kann. Es breitete ſich wirkliches Waſſer vor uns aus, denn der Mond, der nun über uns ſtand, ſpiegelte ſich hell und klar in der ruhigen glatten Fläche. Ja, es konnte nichts ſeyn als Waſſer. Aber wir wollten unſern Augen nicht allein trauen. Wir eilten deshalb hinzu— Cudjo, die Knaben und ich ſelbſt— und nach wenigen Secunden ſtanden wir am Rande eines großen Sees, der durch einen Zauber plötzlich hervorgerufen worden zu ſeyn ſchien. Anfangs hatten wir die Erſcheinung nur mit Verwun⸗ derung betrachtet, aber ſie ging bald in Beſtürzung über, als wir nämlich bemerkten, daß das Waſſer noch immer ſtieg.— 4 »Was bedeutet das?« fragten wir uns untereinander. War es eine Ueberſchwemmung, eine plötzliche Anſchwellung 8 des Fluſſes? Allerdings, aber aus welcher Urſache Meh . 118 —Kage lang hatte es nicht geregnet; auch war die Hitze nicht ungewöhnlich ſtark geweſen, daß ſie mehr Eis und Schnee als ſonſt auf dem Berge hätte ſchmelzen können. Was alſo mochte die Urſache dieſes plötzlichen Steigens ſeyn? 4 Wir ſtanden eine Zeit lang ſchweigend da, während unſere Herzen hörbar klopften. Die Löſung des Räthſels ſchien ſich dann auch plötzlich gleichzeitig allen darzuſtellen, und ſie war ſchrecklich genug. Irgend ein Vorgang— viel⸗ leicht der Einſturz des Ufers— hatte das untere enge Ende des Thales verſchüttet, ſo daß der Fluß keinen Ausgang aus dem Thale fand. War dies wirklich der Fall, ſo mußte ſich das⸗ ſelbe bald mit Waſſer füllen und zwar nicht blos den Bo⸗ den bedecken, auf welchem wir lagerten, ſondern bis zu den höchſten Gipfeln der Bäume ſteigen. Sie werden ſich leicht vorſtellen, welches Entſetzen die⸗ ſer Gedanke in uns hervorrufen mußte. Eine andere Ver⸗ anlaſſung der räthſelhaften ienſhar fiel uns nicht ein, auch blieb uns keine Zeit weiker darüber nachzudenken, denn wir eilten ſofort an unſern Lagerplatz zurück, um ſo ſchnell als möglich aus dem Thale zu entfliehen. Cudjo fing das Pferd ein, Marie weckte die beiden Mädchen und nahm ſie aus dem Wagen herunter, während ich mit den Knaben das Nöthige zuſammentrug, das wir mitnehmen konnten. Bis dahin hatten wir gar nicht an die Schwierigkeit, ia die Unmöglichkeit gedacht aus dem Thale hinaus zu kommen. Zu unſerm Entſetzen trat ſie uns jetzt ſonnen⸗ klar entgegen, denn wir bemerkten, daß der Weg, auf wel⸗ ſchhem wir hereingekommen waren und der an dem Fluſſe ſich inzog, bereits völlig unter Waſſer ſtand. Auf einem an⸗ e aber konnten wisinicht hinweg. Hätten wir uns einen durch das dichte Gebüſch hauen wollen, ſo wäre dies eine Arbeit von mehren Tagen geweſen; überdies wußten wir ja, daß wir auf dem Wege nach unſerm jetzigen Lager⸗ platze über den Fluß geſetzt waren und daß dies jetzt un⸗ möglich ſeyn mußte. Ich vermag nicht zu beſchreiben, in welcher Stimmung wir uns befanden, als alles dies uns klar wurde. Wir wollten dann jedes ein Bündel nehmen und zu Fuße forteilen, aber wir erkannten bald auch die Unausführbarkeit dieſes Planes. Unterdeß ſtieg des Waſſer fortwährend, der See wurde noch immer größer. Die Wölfe, welche durch die Flut aus ihren Lagern getrieben wurden, heulten; die Vögel, die aus dem Schlafe aufgeſcheucht waren, ſchrien und flatterten im Gebüſche um⸗ her; unſere Hunde bellten und in dem hellen Monden⸗ ſcheine konnten wir Hirſche und andere Thiere im Ent⸗ ſetzen über den freien Platz laufen ſehen. Mein Gott, dachte ich, ſollen wir in dieſer Waſſerflut umkommen? Was war zu thun? Sollten wir auf Bäume klettern? Das konnte uns nicht retten. Wenn der Abfluß des Waſſers unten verſperrt war, mußte es über die höchſten Bäume hinwegſteigen. Mit einem Male rief ich aus, als habe der Himmel mir den Gedanken eingegeben: „Ein Floß! Ein Floß und wir ſind gerettet!⸗ Cudjo griff auch wirklich ſogleich nach der Art, wäh⸗ rend Marie zu dem Wagen eilte, um alle Stricke und Rie⸗ men von demſelben herbeizuholen. Ich wußte wohl, daß wir nicht genug beſaßen, brei⸗ tete alſo das große Elennfell aus und fing an dasſelbe in Streifen oder Riemen zu zerſchneiden. 1 Dicht neben unſerm Lagerplatze lagen mehre Stämme von hohen Bäumen, die gelegentlt rzt 120 meiſt Stämme des ſchönen Tulpenbaumes, aus denen die Indianer ihre Canoes machen, weil das Holz ungemein leicht und weich iſt. Ich forderte Cudjo auf, einige dieſer Stämme zu gleicher Länge zu hacken. Cudjo wußte mit der Art vortrefflich umzugehen, ſo daß die Stämme bald die gewünſchte Größe erhalten hatten. Dann rollten wir ſie zuſammen, befeſtigten ſie mittelſt Querhölzern und Stricken und erlangten in ſolcher Weiſe ſehr bald ein Floß. Auf die⸗ ſes ſtellten wir unſere große Kiſte, welche das Fleiſch, die wollenen Decken und das nöthigſte Geräth enthielt. Der Bau des Floſſes hatte uns beinahe zwei Stun⸗ den beſchäftiget und wir waren dabei ſo emſig geweſen, daß wir kaum einmal nach dem Waſſer hingeblickt hatten. So⸗ bald wir jetzt mit unſern Vorbereitungen zu Ende gekom⸗ men waren, eilten wir wieder hin an das Waſſer und ich überzeugte mich bald, daß es nicht mehr ſtieg. Ich rief dieſe freudige Nachricht den Meinigen zu, und wohl eine halbe Stunde lang ſtanden wir alle am Ufer des neugebildeten Sees, bis wir uns überzeugt hatten, daß das Waſſer wirklich nicht höher ſteige. Wir erkannten dabei aber auch, daß es nicht wieder ſank, ſondern ſtehen blieb wie es ſtand. »Schade, Maſſa Roff,« ſagte Cudjo auf dem Rückwege nach dem Lagerplatze.„Sihade, Maſſa, haben ſchön Floß un⸗ nütz gemacht!« Es war ſehr ſpät geworden oder vielmehr früh am Tage und Marie kehrte mit den Kindern zu ihrer gewöhn⸗ lichen Lagerſtätte auf dem Wagen zurück. Cudjo und ich, die wir dem Waſſer noch vicht recht trauten, blieben auf, damit es uns nicht etwa im Schlafe einen böſen Streich 121 Siebenzehntes Capitel. Die Viber und der Wolveren. Als der Tag anbrach, ſtand die räthſelhafte Flut noch immer in ihrer Höhe. Räthſelhaft nenne ich ſie, weil wir noch immer nicht wußten, was ſie ſo plötzlich ver⸗ anlaßt habe. Wir konnten uns keinen andern Grund den⸗ ken, als daß die Thalwand unten eingeſtürzt ſey. Sobald der Tag völlig angebrochen ſeyn würde, wollte ich mir einen Weg durch den Wald bahnen, um jeden Zweifel zu beſeitigen, denn die ſeltſame Erſcheinung beunruhigte uns noch immer einigermaßen. Ich ließ demnach Cudjo mit dem langen Indianer⸗ ſpeere und die Knaben mit den Büchſen zur Bewachung un⸗ ſeres Lagers zurück und machte mich allein auf. Natürlich nahm ich mein Gewehr mit mir, ſo wie ein kleines Beil, das wir beſaßen, um mir mit demſelben Bahn durch das Dickicht zu machen. In dieſes trat ich denn ſogleich hinein und hielt mich in ſüdöſtlicher Richtung. Nachdem ich etwa eine(engliſche) Meile weit gekommen war, gelangte ich plötz⸗ zich an das Ufer des kleinen Fluſſes und denken Sie ſich meine Ueberraſchung als ich die Bemerkung machte, nicht nur nicht angeſchwollen war, ſond weniger Waſſer darin befand, als ſe 12² ter wie friſch abgebrochene Zweige ſchwammen auf dem⸗ ſelben. Ich mußte alſo über die Stelle bereits hinweg ſeyn, an welcher ſich der Damm befand, konnte aber durchaus nicht begreifen, wie ein Naturereigniß das Flußbett weiter oben zu verſtopfen vermocht haben ſollte. Das Hineinfallen von Bäumen konnte eine ſolche Wirkung nicht gehabt haben und ſehr hohe Ufer gab es nicht, die hätten hinein ſtürzen können. So kam ich denn auf den Gedanken, daß menſch⸗ liche Hände im Spiele geweſen ſeyn möchten und ſah mich nach Fußſtapfen um. Ich fand dergleichen von Menſchen nicht, dagegen Thierfährten in Menge; Tauſende von Spu⸗ ren von großen breiten Beinen mit Schwimmhäuten wie bei den Enten, aber auch mit ſcharfen Krallen, waren im Sande und in der Erde am Flußufer zu ſehen. Ich ging ſehr vorſichtig weiter, denn ich fürchtete noch immer, wenn ich auch keine Fußſtapfen fand, daß Indianer, folglich Feinde, in der Nähe wären. Endlich gelangte ich an eine Krümmung des Fluſſes, oberhalb welcher, wie ich mich erinnerte, das Bett ziemlich eng zwiſchen hohen Ufern ſich hinzog. Hier erwartete ich denn das Hinderniß zu finden. Ich trat an den Uferrand und blickte behutſam zwiſchen den Blättern hindurch. Ein höchſt ſeltſames Schauſpiel bot ſich meinen Augen dar. Der Fluß war, wie ich richtig vermuthet hatte, an der ſchmalſten Stelle aufgedämmt, aber nicht durch Zufall. Der Damm ſchien abſichtlich angelegt zu ſeyn, wie von Menſchenhand. Es war ein großer Baum quer über den Fluß gefällt worden, ſo daß er an der einen Seite noch an. den Wurzeln feſthing, an der andern Geilt aber der Gipfel unter Steinen und Erde feſtgehalten wurde. Vor dieſem querliegenden Baume waren Pfähle aufgeſtellt, die am un⸗ tern Ende durch Steinſtücke angedrückt und unter einander verflochten waren, ſo daß die Zweige, die Felsſtücke und die Erde, die vor denſelben aufgeſchichtet worden, das Waſſer aufhielten. Der Damm war wohl ſechs Fuß breit und oben glatt gearbeitet. Zu beiden Seiten befand ſich eine kleine Schleuße, durch welche das Waſſer abfloß. Ich habe geſagt, die Arbeit ſah aus wie von Men⸗ ſchenhänden gemacht und doch war es nicht der Fall. Ich ſah die Erbauer vor mir, wie ſie höchſt wahrſcheinlich von ihrer Arbeit eben ausruhten. Es waren ihrer wohl hundert, die am Ufer und an dem neugefertigten Damme kauerten. Sie ſahen dunkelbraun oder vielmehr kaſtanienbraun aus und wie rieſige Ratten, ausgenommen daß die Schwänze nicht lang und ſpitz ausliefen. Sie hatten überdies die Schneidezähne wie alle»Nagethiere.⸗ Ich konnte dieſe Zähne uutlich ſehen, da eben einige der Thiere Gebrauch von denſel⸗ ben machten, obwohl ſie auch bei den andern ſichtbar blie⸗ ben. In jeder Kinnlade befanden ſich zwei und ſie waren breit, ſtark und wie Meiſel geſtaltet. Die Ohren der Thiere waren kurz, kaum zu ſehen unter dem Haar, das lang und glatt an dem Körper anlag. An jeder Seite der Naſe wuchs ein Bü⸗ ſchelchen ſteifer Haare hervor wie der Vart einer Katze. Die Augen waren klein und ſaßen ziemlich hoch oben wie bei der Fiſchotter. Die Vorderfüße waren kürzer als die hintern und hatten fünf Klauen, die hintern breit und groß mit Schwimmhäuten zwiſchen den Zehen. Sie hatten die Fährten zurück gelaſſen, die ich geſehen. Das Merkwürdigſte aber an den Thieren war der Schwanz, ganz ohne Haar, von dunkler Farbe, etwa einen Fuß lang, mehre Zoll breit 8 4 5— 124— und dick. Nie vorher hatte ich ſolche Thiere geſehen, aber ich kannte ſie doch ſogleich, ich wußte, daß es Biber waren. Das ganze Geheimniß war nun erklärt. Eine Colonie Biber hatte ſich in dem Thale eingefunden und ihren Damm gebauet, welcher oben die Ueberſchwemmung veraͤnlaßte. Auch nachdem ich die Entdeckung gemacht hatte, blieb ich eine Zeit lang ſtehen und beobachtete die merkwürdigen Geſchöpfe. Der Damm ſchien gänzlich vollendet zu ſeyn, obgleich das nicht aus dem Umſtande hervorging, daß die Thiere nicht daran arbeiteten, weil ſie ja überhaupt nur in der Nacht arbeiten. Ueberhaupt ſieht man ſie ſelten außer in der Nacht, namentlich da, wo ſie geſtört oder gejagt worden ſind. Hier hatten ſie offenbar noch keinen Menſchen geſehen. Sie ſchienen nach ihrer nächtlichen Arbeit auszu⸗ ruhen. Höchſt wahrſcheinlich hatten ſie nicht die ganze Ar⸗ 1 peit in dieſer einen Nacht gemacht, ſondern dieſelbe nur beendigt, daß die plötzliche Ueberſchwemmung die Folès davon ſeyn mußte. Einige der Biber ſaßen auf dem neugebauten Damme und nagten an den Blättern und Zweigen, die noch hervor⸗ ragten; andere wuſchen ſich und ſpielten in dem Waſſer oder kauerten auf Holzſtücken neben dem Damme und ſchlugen dabei gelegentlich mit dem ſchweren Schwanze in das Waſſer, wie Wäſcherinnen, welche die Wäſche ſchlagen. Es war ein merkwürdiger und komiſcher Anblick und ich wollte eben vortreten, um zu ſehen, welchen Eindruck mein Erſcheinen hervorbringen möge, als ich bemerkte, daß n anderer Gegenſtand die Thiere plötzlich in Aufregun ht hatte. Eines, welches in einiger Entfernung auf 1 Baumſtamme geſeſſen hatte, offenbar als Schil 2 wache, ſchlug dreimal raſch hinter einander mit dem Schwanze auf das Waſſer. Das war jedenfalls ein Signal, denn ſo⸗ bald dasſelbe gegeben war, ſtürzte ſich das Thier mit dem Kopfe voran in das Waſſer und verſchwand. Die übrigen erſchraken als ſie die drei Schläge hörten, ſahen ſich einen Augenblick um, liefen dann an das Ufer und ſprangen gleichzeitig in das Waſſer. Jedes aber ſchlug vorher einmal mit dem Schwanze auf. Ich ſah mich nun nach der Urſache dieſer plötzlichen Störung um und bemerkte dort, wo die Schildwache poſtirt geweſen war, ein ſeltſam ausſehendes Thier. Es bewegte ſich langſam und mürriſch unter den Bäumen hin, dicht am Ufer, jedenfalls nach dem neugebauten Damme zu. Ich blieb ſtehen, um zuzuſehen. Das Thier erreichte den Bau und ging hinter der Lehne auf dem Damme hin, ſo daß es von vorn nicht geſehen werden konnte. Das Thier ſah häßlich aus. Es war nicht viel größer als einer der Biber ſelbſt und glich ihnen auch einiger⸗ maßen, obgleich es in andern Punkten ſich ganz unterſchied. Auf dem Rücken und am Bauche war es faſt ſchwarz, wäh⸗ rend ein hellbrauner Streifen über die Seiten lief. Naſe und Beine waren ganz ſchwarz, Bruſt und Kehle dagegen weiß und um jedes Auge lief ebenfalls ein weißlicher Ring. Die Ohren waren klein, an der Naſe ſtanden ſteife Haare, der Schwanz war kurz und buſchig und das Haar am ganzen Körper lang und zottig. Die Beine waren kurz und mus⸗ culös, ſo daß bei dem Gehen ſein Bauch am Boden hinzu⸗ ſtreifen ſchien. Es ſah überhaupt aus als krieche es mehr als daß es gehe. Es war offenbar ein Raubthier, ja der Wolveren(Vielfraß), der gefürchtete Feind der Biber. In der Mitte des Baues blieb er ſeehen, 3 126 Vorderfüße gegen die Lehne, hob langſam den Kopf empor— und ſchaute darüber in den See. Obgleich nun der Biber ſowohl auf dem Lande als im Waſſer leben kann und wohl die Hälfte ſeiner Zeit in dem letztern zubringt, kann er doch nicht lange darin blei⸗ ben, ohne an die Oberfläche herauf zu kommen und Athem zu holen. Auch jetzt kamen bereits hier und da die Köpfe einiger über dem Waſſer zum Vorſchein. Andere dagegen waren kühn auf ihre Inſelchen geklettert, die an manchen Stellen aus dem Waſſer ragten und zu denen der Wolveren nicht gelangen konnte, der kein guter Schwimmer iſt. Keiner aber machte Miene zu dem Damme zurück zu kehren. Dies ſchien der Wolveren auch zu erkennen, denn er blickte ſich, ohne zu fürchten vom See aus geſehen zu wer⸗ den, nach allen Seiten und nach oben hin um, als wolle er die Verfolgung aufgeben oder ein anderes Mittel ſuchen, ſicherer die Beute zu erlangen. Endlich ſchien er zu einem Entſchluſſe gekommen zu ſeyn, er ſprang auf die Damm⸗ lehne hinauf, damit er von den Bibern geſehen werde und ging. am Waſſerrande hin, woher er gekommen war. In einiger Entfernung blieb er einen Augenblick ſtehen, dann lief er nach dem Walde hin. Ich war neugierig, ob wohl nun die Biber zu der damm⸗ lehne zurückkehren würden und nahm mir vor, noch einige Zeit zu bleiben ohne mich ſehen zu laſſen. Ich wartete ſo ungefähr fünf Minuten, worauf mehre, die ſich zu den entfern⸗ teſten Inſeln geflüchtet hatten, ſich in das Waſſer ſtürzten und nach mir zu ſchwammen. Während ich ſie beobachtete, hörte unter dem Laube in der Nähe des Dammes, ckte, ſah ich den Wolveren ſo ſchnell als 127 möglich wieder nach der Lehne eilen. Statt aber wieder hinter derſelben hinzulaufen, legte er die langen Klauen an einen Baum und kletterte da an der dem See abgewandten Seite hinauf. Die Aeſte dieſes Baumes ſtreckten ſich hori⸗ zontal aus, gerade über den Damm hin. Sehr bald hatte das Thier die Gabel eines dieſer Aeſte erreicht, kroch auf demſelben hin, legte ſich platt auf ihn nieder und ſah hinab. Kaum hatte der Wolveren dieſe Stellung genommen, als ein halbes Dutzend Biber auf den Damm hinauf klet⸗ terten und dabei mit ihren großen Schwänzen auf das Waſſer ſchlugen. Bald befanden ſie ſich unter jenem Aſte und ich ſah, wie der Wolveren ſich zum Herunterſpringen fertig machte. Das war meine Zeit, ich legte meine Büchſe an und zielte. Bei dem Knalle ſprangen die erſchrockenen Biber wieder in das Waſſer, während der Wolveren— etwas früher als er ſelbſt gewollt hatte— von dem Baume herab⸗ kam und offenbar verwundet am Boden umſank. Ich ſprang hinzu und ſchlug ihn mit dem Kolben, um ihn vollends zu tödten, zu meiner Verwunderung aber biß er in das Ge⸗ wehr und ließ es nicht wieder los. Ich warf ihn nun mit großen Steinen, aber auch das brachte mich nicht zum Ziele, bis ich ihm einen gewaltigen Schlag mit meinem Beile ver⸗ ſetzte. Es war wirklich ein furchtbar ausſehendes Unthier als er ſo da lag, ziemlich ähnlich dem Carcajou, welcher unſern Ochſen getödtet hatte, nur kleiner. Er verbreitete. einen ſehr unangenehmen Geruch um ſich, ich entfernte mich alſo bald, ließ das todte Thier liegen und kehrte auf dem kürzeſten Wege zu unſerm Lagerplatz zurück. 128 * Achtzehntes Capitel. Wie man ein Ilockhans baut. Ich brauche nicht zu ſagen, wie ſich die Meinigen freuten als ich zurück kam und ihnen erzählte was ich ge⸗ ſehen hatte. Die Entdeckung, daß das Waſſer nur durch einen Biberdamm aufgeſtauet worden, eutſchied ſofort die Frage, ob wir in dem Thale blieben. Es war ja hier eine weit reichere Wohlſtandsquelle, als ich ſie in irgend einer Stellung bei den Bergwerken in Mexico gefunden haben würde, eigentlich ſelbſt ein Bergwerk. Das Fell eines jeden Bibers in der Colonie war anderthalb Guineen werth und es waren wenigſtens hundert da— vielleicht mehr.— Wie bald mußten ſie ſich zu Tauſenden vermehren, da jedes Paar jährlich vier bis fünf Junge zur Welt bringt! Wir konnten ſie hegen, ſie mit Nahrung verſehen, die Wolverens und andere ihrer Feinde in dem Thale ausrotten. In Folge davon vermehrten ſie ſich gewiß ſchneller und die 1 zu ſtarke Vermehrung konnten wir dadurch verhindern, daß wir die Alten fingen und die Felle derſelben ſorgſan bewahrten. Nach einigen Jahren hatten wir dann die Mite zum eivilifirten Leben zurück zu kehren. Die Ausſicht für das Bleiben da wo wir waren, ge⸗ nichts anderes übrig lieb. Selbſt wenn ich mir ein ſtaltete ſich alſo ganz vortrefflich, um ſo mehr, da uns ᷣ ͤ= 2 ͤ2— 2² hy 129 Schritt weiter gezogen. Was Marie im Scherz geſagt hatte,— konnte recht wohl zum Ernſt werden. Wir konnten noch unſer Glück in der Wüſte machen. Vor allen Dingen hatten wir uns ein Haus zu bauen, natürlich ein Blockhaus und ein ſolcher Bau war für Cudjo ein Spaß. Während unſeres Aufenthaltes in Virgi⸗ nien hatte er zwei oder drei auf meiner Farm gebaut. Er ¹ verſtand ſich vortrefflich darauf, die Stämme zu behauen, ſie ineinander zu fügen, Schindeln zu ſpalten und auf den Balken zu befeſtigen, ohne einen einzigen Nagel dazu zu brauchen; er verſtand ſich eben ſo vortrefflich darauf, die Wände winddicht zu verſtopfen, den Schornſtein mit Lehm auszukleben und eine Thür für das Haus zu machen. Brauchbares Holz gab es in Ueberfluß, gar viele Tul⸗ penbäume mit geradem Stamme, der ſich wohl fünfzig Fuß hoch ſtreckte ohne einen einzigen Aſt, und an den nächſten beiden Tagen hörte man die Art Cudio's gar fleißig hacken, ſo daß mancher von den ſchönen Bäumen praſſelnd nieder⸗ fiel. Während er ſo beſchäftigt war, gingen wir Andern nicht müßig. Marie fand in dem Kochen, im Scheuern des Geſchirres und in der Beaufſichtigung der Kinder hinrei⸗ chende Arbeit, während ich mit Heinrich, Frank und dem Pferde die Baumſtämme an die Stelle ſchleppten, wo das Haus gebaut werden ſollte. Am vierten Tage ſetzte Cudjo bereits die Wände auf und am fünften folgten die Dachſparren. Am ſechſten be⸗ gann er mit Art und Keil eichene Schindeln zu ſpalten und am Abende dieſes Tages hatte er einen großen Haufen der⸗ gleichen neben ſich, genug um unſer»Haus⸗ einzudecken. Ich machte an dieſem Tage den Lehm zurecht, unt welchem hes Haus in der Wüſte. 1 — 130 der Schornſtein ausgeſtrichen werden ſollten. Anm ſiebenten Tage ruhten wir alle von unſerer Arbeit aus, weil es Sonntag war und wir uns vorgenommen hatten, den Sonntag ſtets zu heiligen. Obgleich Menſchen⸗ augen uns nicht ſehen konnten, wußten wir doch, daß uns das Auge des Herrn ſelbſt in dieſem fernen und verſteckten Thale ſah. Wir ſtanden ſo zeitig auf als gewöhnlich und nachdem wir unſer Frühſtück verzehrt hatten, wurde die Bibel hervor geholt und wir brachten unſerem Gott einfach das Opfer unſers demüthigen Gebetes dar. Marie war die Woche über fleißig geweſen und ſo wurden die Kleinen ſonntägig heraus⸗ geputzt. Mit ihnen gingen wir an den See hinab und eine Strecke an demſelben hin. Wir fanden, daß die Biber ſo fleißig gebaut hatten wie wir ſelbſt; bereits ſchauten ihre kegelförmigen Wohnungen über das Waſſer heraus, einige am Ufer, andere auf den kleinen Inſeln. Nur zu einer konnten wir gelangen und dieſe beſichtigten wir mit großer Neugierde. Sie ſtand nur ein paar Schritte vom Ufer, aber an einer Stelle, wo das Waſſer an ihrer Vorderſeite tief war. Sie hatte eine faſt kegelförmige oder bienenkorbartige Geſtalt und war aus unter einander gemiſchten Steinen, Holzſtücken und Erde gebaut. Ein Theil derſelben befand ſich unter dem Waſſer; wenn wir aber auch nicht hinein⸗ ſehen konnten, wußten wir doch, daß ſich ein Stockwerk über das Waſſer erhob, denn wir ſahen die Stäbe hervor⸗ ragen, welche dieſe obere Etage trugen. Der Eingang war. nach der Mitte des Sees zu und unter dem Waſſer, ſo daß 4 der Biber ſtets tauchen muß, wenn er ſein Haus verläßt und in dasſelbe zurück kehrt. Alle dieſe Biberhäuſer waſen ddie Fugen zwiſchen den Baumſtämmen in den Wänden und —4—„„ 131 — mit Erde belegt und zwar ſo glatt in Folge des Klopfens mit dem breiten Schwanze und dem Treten mit den breiten Schwimmfüßen, als wären ſie durch einen Maurer berappt worden. Auch innen waren ſie in gleicher Weiſe mit Erde glatt ausgeſtrichen. Einige dieſer Wohnungen waren nicht regelmäßig kegelförmig, ſondern oval und hier und da beſanden ſich zwei gewiſſermaßen unter einem Dache, wobei Arbeit ge⸗ ſpart worden. Geräumig waren ſie alle, da manche manns⸗ hoch über das Waſſer emporragten und oben platt waren, ſo daß ſich die Biber darauf ſetzen und ſich ſonnen konn⸗ ten, was ſie ſehr gern thun. Jedes Haus wurde von ſei⸗ nen Bewohnern ſelbſt gebaut und jedes von einem Paar — Männchen und Weibchen— bewohnt, das wohl auch vier, fünf Junge hatte. Einige, die früher mit dem Bau des Hauſes fertig geworden waren, hatten auch bereits angefangen Wintervorräthe einzutragen. Dieſe beſtehen in den Blättern und weichen Zweigen einiger Baumarten, wie der Weide, Birke, des Maulbeerbaumes. Gewöhnlich beginnen die Biber ihre Dammbauten im Frühlinge, die Colonie hier aber war offenbar erſt vor kurzem angekommen, jedenfalls durch Jäger oder India⸗ ner, vielleicht auch durch Waſſermangel aus ihrer frühern wohl Hunderte von Meilen entfernten Anſiedlung vertrie⸗ ben. Wahrſcheinlich waren ſie in den Fluß gekommen, der nach Oſten floß. Sie mußten einige Zeit vorher angelangt ſeyn, ehe wir ſie bemerkten, da ſie doch mehre Tage hatten darauf veewenden müſſen die Bäume umzunagen und die Bau⸗ materialien zu dem Damme herbeizuſchaffen. Einige der lvon ihnen gefällten Bäume hatten faſt einen Fuß im 8 “ —— 13² Durchmeſſer, während einige der Steine— die ſie her⸗ bei gewälzt oder zwiſchen den Vorderpfoten und der Kehle herbei getragen hatten— wohl zwanzig Pfund wogen. Weil ſie ſpät im Jahre angekommen, hatten ſie ſo fleißig gearbeitet, um nicht von dem Winter überraſcht zu werden. Wir, ich und Cudjo, nahmen uns aber vor, ſo⸗ bald wir mit unſerem Bau zu Ende ſeyn würden, ihnen in der Einſammlung an Wintervorrath behilflich zu ſeyn. Neunzehntes Capitel. Ein kluges Eichhörnchen. Während wir ſo unſere Biber beobachteten und über die Lebensweiſe dieſer merkwürdigen Thiere unter einander ſprachen, kam etwas vor, das uns ſehr unterhielt und uns den Beweis gab, daß die Natur nicht die Biber allein mit außerordentlicher Klugheit begabt hat. Etwa in der Mitte des Sees ſtand eine Gruppe großer Bäume, an deren Stämmen das Waſſer zwei bis drei Fuß hinaufreichte. Vor dem Entſtehen des Sees hatten ſich die Bäume am Ufer des Flüßchens befunden, jetzt aber waren ſte von allen Seiten von Waſſer umgeben und bildeten gleiche ſam eine Bauminſel. Auf den Gipfeln dieſer Bäume nun bemerkten wir mehre kleine Thiere, welche flink von Zweig zu Zweig und von einem Baume zum andern ſprangen. Sie ſchienen ſich in ungewöhnlicher Aufregung zu befinden, etwa als wären ſle durch e Nähe eines Feindes geängſtigt. Aber es zeigte ſich Sie liefen an den Ba uinſtiinmntn, ſoar 133 bis an das Waſſer unten herab, blickten von da hinaus, als wollten ſie in den See hinein ſpringen, kehrten aber plötz⸗ lich wieder um und liefen bis zu der höchſten Spitze des Baumes hinauf. Im Ganzen mochten es zwölf dieſer Thier⸗ chen ſeyn, da ſie aber ſo unglaublich ſchnell hin⸗ und her⸗ liefen, hätte man ſie um vieles zahlreicher halten können. Die Zweige bewegten ſich fortwährend, als ob ein großer Flug Pögel ſich auf denſelben niedergelaſſen habe. Wir hatten die Thiere ſchon vorher auf dieſen Bäu⸗ men bemerkt, aber weiter nicht auf ſie geachtet. Jetzt fiel es uns ein, daß die Thierchen, die ſich nur bei der unvermeid⸗ lichſten Nothwendigkeit in das Waſſer wagen, durch den See von dem Walde abgeſchnitten waren, gewiſſermaßen gefangen gehalten wurden, und zu entkommen ſuchten. Auch erkannten wir bald, was ihre große Aufregung in dieſem Augenblicke hervorbrachte. Etwas oberhalb der Bäume ſchwamm auf dem Waſſer ein Stück Holz, und kam im⸗ mer näher heran, aber ſehr langſam, da die Strömung überhaupt kaum bemerklich war. Die Thiere beabſichtigten 2 offenbar, dieſes Holzſtück, ſobald es nahe genug komme, FWaals Floß zu benutzen. Wir ſetzten uns nieder, um zu beobachten, wie ſie es anfangen würden. Das Holzſtück kam näher und nä⸗ her, ſtatt aber gerade auf die Bäume zuzuſchwimmen, wurde es in einer Richtung hingetrieben, daß es minde⸗ ſtens zwanzig Schritte von den Bäumen vorbeikommen mußte. Die Eichhörnchen hatten ſich alle an dieſer Seite verſammelt, und ſtatt wie kurz vorher an den Bäumen hinauf und herunter zu klettern, ſtanden ſie ſämmtlich auf en höchſten Zweigen, um die Bewegung des ſchwim v im Holzes zu beobachten.* „Die Armen,« ſagte Marie,»ſie werden es doch nicht erreichen können, wie Schade!« Eben als ſie ihr Bedauern ſo ausgeſprochen hatte, gelangte das Holz an den Punkt, an dem es den Bäu⸗ men jedenfalls am nächſten war. In dieſer Richtung hin ſtreckte ſich ein langer Aſt. Auf dieſem hatten ſich die Eich⸗ hörnchen jetzt geſammelt, eines hinter dem andern, in langer Reihe. Das vorderſte machte ſich bereits zum Sprin⸗ gen fertig. »So weit können ſie doch unmöglich ſpringen,⸗ ſagte Marie, während wir Alle neugierig zuſahen. »Sie das thun,« ſagte Cudjo.„Schwarzer in Vir⸗ ginien ſie ſah noch viel weit ſpringen. Da, hopp!⸗ Als Cudjo ſo ſprach, ſchwang ſich das vorderſte Eich⸗ hörnchen in die Luft hinaus, und im nächſten Augenblicke kam es nieder auf das ſchwimmende Holzſtück. Dann folge das zweite, das dritte, das vierte und ſo fort, bis das Holz im Waſſer mit den kleinen Thierchen bedeckt und be⸗ laden war. S Wir glaubten, ſie wären alle hinweggekommen, aber wir irrten uns. Als wir wieder auf die Bäume hinaufſa⸗ hen, bemerkten wir, daß eines zurückgeblieben war. Es wmar wahrſcheinlich nicht zu rechter Zeit auf den vorragen⸗ den Aſt gelangt, und hatte endlich den Sprung, den es zu⸗ letzt zu machen gehabt hätte, für zu weit gehalten. Jetzt lief es wie toll hin und her, weil es nicht hinweg konnte und weil es ſo allein war. Endlich lief es an einem Bau⸗ me herunter, deſſen Rinde ungemein rzuh, in großen Schup. geblättert war, welche nur wenig anhingen und leicht abzu⸗ 3 löſen waren. Deshalb heißt auch der Baum unter den An 135 ſtedlern„Schuppenrinde.« Als das Cichhörnchen an die⸗ ſem Baume faſt bis an das Waſſer hinunter gekommen war, blieb es ſtill ſitzen, und wir konnten es eine Zeit lang nicht ſehen, da es hinter einem breiten Rindenſtücke verſteckt war. Bald ſahen wir die Rinde an dieſer Stelle ſich hin und her bewegen, denn das Thier bemühte ſich, dieſelbe von dem Stamme abzulöſen. Manchmal kam es hervor, nagte und kratzte an der Außenſeite des ingfndückes und verſchwand dann wieder dahinter. Dies dauerte mehre Minuten f fort, und wir ſa⸗ hen ununterbrochen aufmerkſam zu. Endlich hing das Stück nur noch an einigen Faſern. Dieſe waren ſehr bald durchgenagt, und nun fiel es herun⸗ ter auf das Waſſer. Kaum hatte es die Oberfläche erreicht, als das Thier nach und darauf ſprang. An der Stelle, wo die Rinde auf das Waſſer gefallen war, gab es gar keine Strömung, und wir zweifelten, ob ſie das Thierchen von den Bäumen hinweg tragen werde, aber wir überzeugten uns ſehr bald, daß das Eichhörnchen recht wohl wußte, was es that. Sobald es das Gleichgewicht auf dem ſchwanken Fahrzeuge gefunden hatte, richtete es den buſchigen Schweif als Segel gerade empor, und im nächſten Augenblicke trieb der leiſe Wind den kleinen Schiffer langſam aber ſicher hin⸗ weg. Nach wenigen Secunden war er unter den Bäumen hervor und in die Strömung gelangt, welche ihn den Ge⸗ fährten nachtrug. Dieſe hatten den Biberdamm glücklich erreicht, gleich danauf ſprangen ſie an das Ufer und nach den Bäumen hin, um da ihr Mittagsmahl zu ſuchen, denn ſte waren wahl zmlich hungrig geworden. 136 Zwanzigſtes Capitel. Ein Hans ohne einen Nagel. Am nächſten Tage ſetzten wir unſere Arbeit am Hauſe feort, das nun das Dach erhalten ſollte. Zuerſt legten wir eeine Reihe von Schindeln, die weit hervorragten, damit das Waſſer in ziemlicher Entfernung von dem Hauſe ab⸗ laufe. Sie ruhten mit dem untern Ende auf einer langen Stange, die von einem Giebel zum andern lief, und mit Riemen von Elennshaut feſtgebunden war. Dann legten wir eine zweite Reihe ſo, daß ihr unteres Ende auf dem obern deer erſteren ruhte, und dieſelben feſthielt. Auch dieſe zweite Reihe wurde durch eine Stange geſichert, und ſo fort bis an den Firſt. So war nun unſer Haus gebaut und bedacht, und wir konnten ſagen, daß es mehr wie ein großer Käfig als wie ein Haus ausſehe. Am Tage darauf wurde die Thür und das eine Fenſter hineingemacht. Zum Glücke hatten wir eine Säge, ſonſt würde uns dies große Mühe gemacht haben. So ſägten wir einfach ſo viel von den zu Wänden aufge⸗ ſchichteten Stämmen ab, als die Thür und das Fenſter groß ſeyn ſollte. Als Alles fertig war, trugen wir unſer Schlaf⸗ und übriges Geräthe in das neue Haus hinein, und ſchlie⸗ fen in der Nacht zum erſten Male darin. 4 Ganz vollendet war es freilich noch nicht. Am nächſten Tage hatten wir den Herd und den Schornſtein anzulegen. 137 Nachdem wir in der Wand ſo viel wie etwa zur Thüre aus⸗ geſägt hatten, legten wir da vor dem Hauſe den Herd an, und führtei den Schornſtein hinauf, ganz in der Weiſe, wie das Haus ſelbſt gebaut war, nemlich durch Aufeinan⸗ derſchichten von kurzen Holzſtücken. Zuletzt blieb nur der Fußboden im Hauſe noch zu dielen, eine ſchwere Aufgabe, da wir keine Breter hatten, und dieſe mit unſerer 5. Säge zu ſchneiden ſehr langwierig ſeyn mußte. Wir ſegten deshalb dürre Palmenblätter auf den Fußboden, und ſie verſahen die Stelle der Dielen recht wohl. Die nächſte Aufgabe war nun dem Pferde einen Stall zu bauen. Dies machte die Witterung nicht gsrade nöthig, aber wir fürchteten, daß irgend ein Raubthier, welches in der Nacht umherſchleiche, Gefallen an ihm finde, wie der Carcajou an unſerem armen Ochſen. Der Stall war bald gebaut, und Pompo, ſo nannten wir das Pferd, wurde jeden Abend gerufen und eingeſperrt. Nun ging es an die Fertigung unſerer Hausgeräthe, eines Tiſches und ſechs Stühle. Nägel hatten wir, wie be⸗ reits erwähnt, nicht, wohl aber einen Meiſel und Bohrer, ſo wie einige andere Werkzeuge, die ich in der großen Kiſte aus Virginien mitgebracht hatte, um ſie auf unſerer ſchö⸗ nen Farm in Cairo zu benützen. Mit dieſen und der großen Geſchicklichkeit Cudjo's gelang es uns, das Holz ganz gut zuſammenzufügen, und aus den Hörnern des Ochſen, wie aus dem Geweih des Elenn und den Hufen bereitete ich einen vortrefflichen Leim. Allerdings fehlte es an einem Hobel, den Tiſch ganz glatt zu machen, da aber das Holz dazu gut behauen und mit dem Meißel geglättet, auch mit⸗ Bimsſtein, deen ich im Thale gefunden, abgerieben war, ſah er ganz gaut aus. Aus dem Umſtande, daß ich Bimsſtein gefunden 138 ſchloß ich, daß unſer Schneeberg einmal ein Vulkan gewe⸗ ſen ſeyn müſſe. . Auch vergaßen wir das Verſprechen nicht, das wir unſern Bibern gegeben hatten. Wir ſahen, daß die Thiere emſig beſchäftiget waren, große Baumzweige nach dem Waſ⸗ ſer zu ſchleppen, und dieſelben nach ihren Häuſern hinzu⸗ flößen. Das waren, wie wir wußten, ihre Wintervorräthe. Sie hatten ſich ganz an unſern Anblick gewöhnt, da ſie bald erkannten, daß wir ſie nicht ſtorten und beläſtigten, und kamen häufig an unſerer Seite des Sees an das Ufer. Für dieſen Beweis ihres Vertrauens ſollten ſie durch uns in einer Weiſe belohnt werden, von der ſie nichts ahnten. Ich hatte eine Gruppe ſchöner Bäume nicht weit von der Stelle bemerkt, wo nun unſer Haus ſtand. Unſere Auf⸗ merkſamkeit war durch den aromatiſchen Duft ihrer Blüthen erregt worden. Die Bäume waren niedrig, gekrümmt, nicht über dreißig Fuß hoch, mit ſechs Zoll langen, ovalen, bläu⸗ lich grünen Blättern. Die Blüthen hatten die Größe einer Roſe, ob ſie gleich mehr wie Lilien ausſahen, und ſchneeweiß waren. Ihr Duft war höchſt angenehm, und Marie pflegte käglich einen Strauß davon zu ſammeln, und in ein Gefäß 4 mit Waſſer zu ſetzen. Wie bereits erwähnt, beſaß meine Frau botaniſche Kenntniſſe, und ſo theilte ſie uns mit, was ſie von dieſem wohlriechenden Baume wußte. Es war eine Art Magnolie, nicht die durch ihre großen Blüthen berühmte, ſondern eine andere, die Magnolia glauca, die bisweilen auch Sumpf⸗ Saſſafras genannt wird, unter den Jägern aber bekgnnter unter dem Namen„Biberbaum⸗ iſt. Dieſen hat er erhalten, 3 weil den Bibern die Wheyi dreeaen lieber nd. als ir — 139 mittel in den Fallen benutzt werden, in welchen man dieſe Thiere fängt. Wir wußten nicht, ob die Biber dieſen ihren Lieblings⸗ baum ſchon irgend wo im Thale entdeckt hatten. Wahrſchein⸗ lich, jedenfalls konnten wir ihnen durch Beil und Spaten viele Mühererſparen, und ſo gingen wir an die Arbeit. Nach wenigen Stunden hatten wir mehre Arme voll der langen äſtigen Wurzeln ausgegraben, und ſie an das Ufer des Sees hinabgetragen. An einer Stelle, welche die Thiere häufig beſuchten, warfen wir ſie in das Waſſer. Bald waren denn auch die aromatiſchen Wurzeln entdeckt, eine ganze Schaar von Bibern eilte an die Stelle, und jeder ſchwamm mit einer Wurzel oder einem ganzen Bündel zwi⸗ ſchen den Zähnen nach ſeiner Wohnung zurück. Es war ein großes Feſt für ſte. Einundzwanzigſtes Capitel. Eine Jagd auf„Schwarzſchmänze“. Vor der Hand konnten wir für unſere Biber nicht mehr thun, aber wir hatten auch nicht die Abſicht einen zu fan⸗ gen, bis ſie ſehr zahlreich geworden ſeyn würden. Ihre Schwänze, das wußten wir ſehr wohl, gaben ein vortreff⸗ liches Eſſen, eine Delicateſſe ſogar, aber wir konnten uns nicht entſchließen einen zu tödten, blos um ſeinen Schwanz zu eſſen, zumal da die andern Fleiſchtheile des Thieres vol⸗ 4 Fährten von Hirſchen u. dgl. ſahen. lig ungenießbar ſind. Wir hofften überdies anderes Wild ge⸗ tug zu finden, da wir überall, wo der Boden weich 140 Während wir unſer Haus gebaut und eingerichtet hat⸗ ten, war das Elennfleiſch bedeutend geſchwunden und wir nahmen uns alſo vor, eine große Jagd zu machen. Es ſollte zugleich eine Erforſchungsreiſe ſeyn, da wir bis dahin keinen Theil des Thales außer den nächſten Umgebung unſeres Hau⸗ ſes beſucht hatten. Frank, Heinrich und ich ſelbſt ſollten von der Partie ſeyn, Cudjo dagegen zurückbleiben und die Frau mit den beiden kleinen Mädchen bewachen. Als alle Vorbereitungen gemacht waren, gingen wir mit unſern drei Büchſen das Thal hinauf. Dabei bemerk⸗ ten wir überall Cichhörnchen, welche theils da ſaßen wie kleine Affen, theils Nüſſe knackten, theils bellten wie kleine Hündchen, theils unter den Zweigen umherhüpften. So⸗ bald wir erſchienen, ſprangen ſie entweder auf Bäume oder liefen ſo geſchwind am Boden hin, daß ſie eher zu fliegen ſchienen. Erreichten ſie einen Baum, ſo liefen ſie meiſt, um geſichert zu ſeyn, an der uns entgegengeſetzten Seite des Stammes hinauf. Bisweilen indeß war ihre Neugierde noch größer als ihre Furcht und ſobald ſie die erſten Aeſte erreicht hatten, machten ſie Halt und ſchauten auf uns herab, wäh⸗ rend ſie mit den buſchigen Schweifen wedeſten. Wir hatten mehrmals die beſte Gelegenheit zu einem Schuſſe und Hein⸗ rich, der minder nachdenkend war als ſein Bruder, wünſchte ſeine Geſchicklichkeit an einem zu erproben, aber ich verbot dies und erklärte ihm, daß wir keinen Schuß vergeuden dürften, weil wir keine Gelegenheit hätten, um uns neuen Schießbedarf zu verſchaffen. Als wirsetwa eine(engliſche) Meile an dem Fluſſe hinaufgekommen waren, ſahen wir, daß die Bäume allmä⸗ lig dünner wurden und ſich zu kleinen Plätzen öffneto welche mit Gras und Blumen bedeckt waren. Hier lief 8 1. 141 ſich jedenfalls Hirſche, erwarten, weit eher als um Dickicht, in dem ſie mehr zu fürchten haben, daf ein Cuguar oder Carcajou gelegentlich von einem Baume auf ſie herabſpringt. Wir mußten indeß weit gehen, ehe wir friſche Fährten fan⸗ den. Dieſe glichen aber eher den Fährten einer Ziege als eines Hirſches, ausgenommen, daß ſie größer waren, nemlich faſt ſo groß wie die Fährten des Elenn, die es gleichwohl nicht ſeyn konnten. Wir gingen ſehr vorſichtig weiter und hielten uns ſo viel als möglich im Gebüſch. Endlich ſahen wir einen gro⸗ ßen freien Platz vor uns, einen größern als alle bisherigen, die wir getroffen. Still ſchlichen wir bis an den Gebüſch⸗ rand und zu unſerer großen Freude erblickten wir da ein Rudel Hirſche, die ruhig auf der Lichtung äſeten. »Vater,“ ſagte Frank,„es ſind keine Hirſche. Wo hätte denn ein Hirſch jemals ſolche Ohren gehabt! Sie ſind ja ſo lang wie Maulthierohren.⸗ „Ja und Hirſche mit ſchwarzen Schwänzen?« ſiel Hein⸗ rich ein. Ich ſelbſt war im Anfange verlegen, ich geſtehe es. Zu dem Hirſchgeſchlechte gehörten die Thiere vor uns offenbar, wie es die langen dünnen Beine und das große zackige Ge⸗ weih bewies, aber ſie waren verſchieden von der gewöhnli⸗ chen Art, verſchieden auch von den Elenns. Sie waren viel größer als Roth⸗ oder Damwild, wenn dieſem auch nicht ungleich nach Farbe und Geſtalt. Sigenthümlich nur waren ihnen die Ohren und die Schwänze, die erſtern gewiß ſo lang wie die der Maulthiere, die letztern kurz und buſchig, unten weißlich, oben und an der Spitze aber rabenſchwarz. auf dem Rücken der Thiere zeigten ſich ſchwarze Haare n 14² einem ſchwargen Streifen am Halſe, während die Naſen blaß aſchgrau ausſohen. Im Anfange war ich, wie geſagt, verlegen, aber ich erinnerte mich bald von dieſen Thieren ſchon gehört zu ha⸗ ben, obgleich ſie den Naturforſchern wenig bekannt ſind. Es mußten„ſchwarzſchwänzige Hirſche« von den Felſenge⸗ birgen ſeyn. Wir hielten uns indeß mit der Betrachtung gar nicht lange auf, da wir auf ſie ſchießen wollten; aber wie war ihren nahe genug zu kommen? Das Rudel beſtand aus ſieben Stücken, aber ſie waren weit draußen in der Mitte des Platzes, der wenigſtens dreihundert Schritte maß. Das uns zunächſt befindliche konnte ich ſelbſt mit meiner langen Büchſe nicht erreichen. Was war alſo zu thun? Nachdem ich mir alles genau überdacht hatte, ſah ich, daß ein offener Weg von der Lichtung her durch die Bäume an der andern Seite führte,— eine Art Allee, welche dieſen freien Platz mit einem andern in Verbindung ſetzte. So⸗ bald die Thiere erſchreckt wurden, flohen ſie ſicherlich in die⸗ ſer Richtung hin.—* Ich nahm mir deshalb vor, an die andere Seite her⸗ umzuſchleichen und ihnen entgegenzutreten, wenn ſie hin⸗ durch zu fliehen verſuchten. Frank ſollte da bleiben, wo wir ſie zunächſt geſehen hatten, Heinrich aber auf den halben Weg mit mir gehen und ſich dann hinter einen Baum ſtel⸗ len. Wir ſchloſſen ſo die Thiere in einer Art Dreieck ein, und Einer von uns wenigſtens mußte zum Schluſſe kommen. Kaum war ich auf meinem Poſten angelangt, als ich die Thiere langſam auf Frank zugehen ſah. Sie kamen ihm näher und näher und ich wartete geſpannt auf einen Schuß. Auch ſah ich wirklich bald Feuer und Rauch zwiſchen den +½——. 143 Blättern, dann folgte ein ſcharfer Knall und darauf das Anſchlagen unſerer Hunde, die hervorbrachen. Gleichzeitig ſprang eines der Thiere hoch empor und ſtürzte dann todt zuſammen. Die andern drehten ſich um und liefen erſt in* der, dann in einer andern Richtung hin, bis ſie nach der 1 Stelle zu kamen, an welcher ich mich aufgeſtellt hatte. Ich hörte auch Heinrichs kleine Büchſe knallen und ein zweiter „Schwarzſchwanz⸗ ſtürzte. Nun kam die Reihe an mich und ich wollte gut zielen, um nicht von meinen Jungen ausgeſtochen zu werden. Ich ſchoß, fehlte aber zu meinem großen Aerger, wenigſtens ſchien es mir ſo; es zeigte ſich aber bald, daß ich mich ge⸗ irrt hatte. Caſtor und Pollux jagten nach und ehe ſie aus der Allee verſchwunden waren, packten ſie eines der Thiere und zogen es nieder. Ich eilte hinzu, faßte das Thier am Geweih und gab ihm einen Nickfang. Jubelnd über unſer Jagdglück trafen wir wieder aufeinander, denn keiner hatte vergebens geſchoſſen, und wir beſaßen wiederum treffliches Fleiſch auf längere Zeit. Den beſten Schuß indeß hatte offenbar Heinrich gethan, da er das Thier im vollen Laufe niederge⸗ freeckt, was nicht leicht iſt, da dieſe»Schwarzſchwänze⸗ nicht regelmäßig galoppiren wie andere Hirſche, ſondern in Scitzen ſpringen nnd alle vier Beine auf einmal heben, wie es bisweilen die Schafe thun. Dieſe Gangart iſt eine Eigen⸗ thümlichkeit dieſer Art, welche ſie mehr als alles Andere von dem gewöhnlichen Hirſch unterſcheidet. Nachdem wir unſere Gewehre ſorgfältig ausgewiſcht und von neuem geladen hatten, ſtellten wir ſie an Bäume mund fing an unſere Beute auszuweiden. unter dieſer Arbeit klagte Heinrich waren eigentlich alle durſtig, denn die S und wir waren eine gute Strecke gegangen. Wir konnten auch von dem Fluſſe nicht weit entfernt ſeyn, obgleich wir nicht genau wußten, in welcher Richtung er floß. Heinrich nahm alſo den Becher, welchen wir bei uns hatten und ging fort, um Waſſer zu ſuchen. Er hatte uns eben erſt verlaſſen, als wir ihn durch die Bäume hervorrufen hörten. Wir fürchteten, ein Thier habe ihn angefallen, griffen alſo nach unſern Gewehren und eilten nach. Mit Verwunderung alſo ſahen wir ihn ganz ruhig am Ufer eines Baches ſtehen und den Becher voll Waſſer in der Hand halten. »Koſtet einmal das Waſſer,« ſagte er.»Es iſt wie Soole.⸗ „Wahrhaftig,“ ſetzte der Bruder hinzu,»Seewaſſer iſt nicht ſo ſalzig. Koſte nur, Vater.⸗ Ich koſtete und fand zu meiner großen Freude, daß wirklich das Waſſer ſalzig wie Soole war. Zu meiner 3 ßen Freude, ſage ich, denn die Entdeckung hatte bedeutende Werth für uns. Die Knaben freilich begriffen das ngt, da ſie jetzt durſtig waren und einen Trunk ſüßen Waſſers einem ganzen Salzfluſſe vorgezogen haben würden. Ich er⸗ klärte ihnen indeß die Wichtigkeit des Fundes. Es hatte uns ſchon ſehr an Salz gefehlt— da wir kein Körnchen davon beſaßen— und den Mangel ſeit unſerer Ankunft im Thale ſchwer empfanden. Nur diejenigen, welche kein Salz erlan⸗ gen können, vermögen zu ermeſſen wie ſchrecklich es iſt, das nothwendige Salz entbehren zu müſſen. Das Fleiſch von dem Elenn, von dem wir bareits ſeit einigen Tagen ausſchließlich gelebt hatten, war we9esSalh mangels ganz fad und eine Brühe und Suppe, die genieß⸗ bar, konn— -e—,— -—2 ir uih herſtelen. Peßt konnten wir uns ver⸗ ———— 145 4 à ſchaffen, was wir wünſchten, und die Ausſicht, die Mutter durch dieſe Nachricht zu erfreuen, trieb die Knaben mit Macht zurück. Wir hielten uns an dem Salzflüßchen deshalb nicht auf, fanden leicht den größern Fluß, ſtillten an oieſem unſern Durſt, kehrten dann zu unſerer Arbeit zurück, hingen die 3 Fleiſchſtücke an Zweigen auf, ſo hoch, daß die Wöoͤlfe ſie d nicht erreichen konnten, und eilten dann nach Hauſe. S Zweiundzwanzigſtes Capitel. Angeführt! Marie freute ſich natürlich ſehr über unſere Entdeckung und es wurde beſchloſſen, gleich am nächſten Tage etwas Salz zu bereiten. Wir wollten den Keſſel an den Salzbach tragen, was jedenfalls bequemer war, als das Waſſer in das 1 Haus zu ſchaffen. Da es noch nicht ganz Abend war, fingen wir jetzt unſer Pferd ein und brachen wieder auf, um un⸗ ſere Jagdbeute heimzuholen. Freilich mußten wir den Weg mehrmals machen, da jedes der erlegten Thiere ſo groß war 1 wie eine junge Kuh. Wir brachten indeß glücklich alles in 6 1 das Haus ehe die Sonne unterging, mit Ausnahme der DOäute, die wir für den nächſten Tag guf den Bäumen hän⸗ 8 gen ließen. Ueberdies war Cudjo zu Haufe nicht unthätig 6 ggeeweſen. Wir hatten die Abſicht, da wir nun Salz erlan⸗ gen konntem unſer Fleiſch einzuſalzen, nicht zu dõ wir es mit dem Elennfleiſche gethan. Dazu 4 wir aber ein großes Gefäß und wir han 3 hrer Art. 3* Das Haus in der Wüſte. * 146 »Dies da Neger?« ſagte Cudjo,»Platz kann machen für Fleiſch.« »Wie, Cudjo?« fragte Marie. »Wie?« entgegnete er,„wie gemacht wird Canoe. Richtig! Ein ausgehöhlter Stamm mußte ſich zu die⸗ ſem Zwecke ganz gut eignen und Cudjo, der ſich ein ſchönes Stammſtück von einem Tulpenbaume ausgeſucht hatte, machte ſich an die Arbeit. Als wir das letzte Fleiſch nach Hauſe brachten, hatte er den Stamm bereits ſo tief ausge⸗ höhlt, daß wir das Fleiſch hineinlegen konnten. Dabei wurde zugleich ein anderer Gedanke angeregt. Wir erinner⸗ ten uns der hölzernen Teller und Schüſſeln, die wir oft⸗ mals bei den Negern auf unſerer Pflanzung geſehen hatten. Wie plump ſie auch ſeyn mögen, erfüllen ſie doch ihren Zweck und wir nahmen uns vor, uns in ähnlicher Weiſe mit dem zu verſorgen, was uns noch fehlte. 3 Nach dem Frühſtücke am andern Morgen machten wir uns auf den Weg zum Salzbache. Wir gingen diesmal alle; Marie ritt und Cudjo und ich trugen die Kinder. Frank und Heinrich nahmen den Keſſel auf eine lange Stange, die ſie ſich auf die Achſel legten. Die Hunde folgten natürlich auch und das Haus blieb ganz allein. Das Wildpret hatten wir an hohen Aeſten aufgehangen, damit es nicht etwa in unſerer Abweſenheit die Wölfe verzehrten. Meine Frau freute ſich über die Gegend, namentlich über die ſchönen Bäume, und einmal ſtieß ſie gar einen Freuden⸗ ſchrei aus. Wir wollten nun ſogleich von ihr wiſſen, was ihr ſo großes Vergnügen mache, aber ſie ſagte uns blos, ſie habe etwas entdeckt, das für uns faſt ſo wichtig ſey als der Salzbach. Mit Recht bemerkte ſie, wir wären jetzt vor der Hand g cklich genug, ihre Entdeckung könne uns über⸗ Fen. Sie waren ihm ſo nahe, verwundert ſtehen, aber nicht lange, Im nächſt ugen⸗ 8 9 1 4*X½ 147 müthig machen; ſie werde uns demnach erſt auf dem Heim⸗ wege mittheilen, was ſie geſehen habe.„Wir ſind dann wohl müde und abgeſpannt,s ſetzte ſie hinzu;„meine Mit⸗ theilung wird Euch da alle wieder luſtig machen.⸗ Während wir luſtig und guter Dinge dahin gingen, ſprang ein Thier aus dem Gebüſch vor uns und lief lang⸗ ſam davon. Es war ein ſchönes kleines Geſchöpf, etwa ſo groß wie eine Katze, mit dunklem glänzenden Haar, am Kopf und Hals gefleckt und mit weißen Streifen auf dem Rücken. Es war nicht weit gekommen als es ſtehen blieb, den langen buſchigen Schwanz emporwarf und nach uns zu⸗ rückſah. Ich kannte das hübſche Thierchen recht wohl, nicht aber der ungeſtüme Heinrich, der ſofort Stange, Keſſel und Alles fallen ließ und das Thier fangen wollte. Ich rief ihm zu, er möge das bleiben laſſen, aber er hörte es nicht oder er achtete nicht auf meine Worte. Lange indeß dauerte die Jagd nicht. Das Thierchen, wel⸗ ches ſich nicht im geringſten zu fürchten ſchien, obgleich auch die Hunde ihm nachjagten, ſaß am Waldrande, als warte es auf ſeine Verfolger. Heinrich trieb die Hunde zurück, weil er das Thier lebendig fangen wollte und fürchtete, ſie würden es todtbei⸗ daß wir glaubten, ſie wür⸗ den es nun packen; da hob ſich das Thierchen hinten etwas empor und warf den buſchigen Schwanz über den Rücken vor. Die Wirkung dieſer Bewegung zeigte ſich augenblick⸗ lich. Die Hunde kehrten auf der Stelle um und ihr ſiegrei⸗ ches Bellen wurde zu kläglichem Heulen; ſie hielten die Na⸗ ſen in das Gras und ſprangen empor als wären ſie von Weſpen geſtochen worden. Heinrich blieb eine kurze Zeit 148 blicke hielt er die Hände auf das Geſicht, ſtieß einen Schrei aus, der Erſchrecken und Schmerz verrieth, und kam ſo ſchnell als möglich zu uns zurück. Das Stinkthier— denn ein ſolches war es— ſah ſich einen Augenblick, nachdem es ſich ſeiner eigenthümlichen Waffe bedient hatte, in ſo komiſcher Weiſe um, daß wir uns des Lachens kaum enthalten konnten. Dann warf es vergnügt den Schwanz herüber und hinüber, hüpfte in das Gebüſch und verſchwand. Wir konnten es an der Stelle, wo wir ſtanden, vor entſetzlichem Geſtank nicht aushalten und mußten weiter eilen. Die Hunde aber brachten den Geruch weiter mit und wir ſahen uns genöthigt, ſie mit Steinwürfen von uns zu treiben. Heinrich war noch beſſer davon gekommen, als ich erwartet hatte. Der Geruch hält ſo feſt, daß man mit der Flüſſigkeit, welche das Thier von ſich ſpritzt, benetzte Klei⸗ dungsſtücke waſchen, ja Monate lang vergraben kann, ohne daß er verſchwindet und die Stelle, wo ein Stinkthier ge⸗ tödtet worden iſt, behält den Geruch Monate lang, auch wenn tiefer Schnee da lag. Merkwürdiger Weiſe wird das Fleiſch des Thieres nicht nur von den Indianern, ſondern auch von manchen Wei⸗ ßen, von Jägern und Andern, gern gegeſſen; es ſoll ſehr ſaftig ſeyn und angenehm ſchmecken wie der beſte Schwein⸗ 1 . 5 braten. 8 Dreiundzwanzigſtes Capitel. Die Salzquelle. Wir waren nun an dem kleinen Salzbache angekom⸗ men, da wir aber die Quelle ſelbſt ganz in der Nähe ahn⸗ ten, nahmen wir uns vor, dieſelbe aufzuſuchen. Hundert Schritte weiter fanden wir ſie auch. Am Fuße der hohen Thalwand lagen mehre runde Gegenſtände, wie Halbkugeln oder Glasglocken von weißli⸗ cher Farbe und von ſehr verſchiedener Größe. Oben in jedem befand ſich eine runde Vertiefung, ſo wie etwa der Kra⸗ ter eines Vulkanes und darin perlte das blaue Waſſer empor, kochte gleichſam, als wenn Feuer darunter wäre. Wir ſahen wohl zwanzig derſelben, doch viel mehr ohne die kraterartige Vertiefung. Sie waren alte, aus denen kein Waſſer mehr auslief. 3 DOffenbar waren dieſe ofenartigen Geſtalten durch das Waſſer ſelbſt gebildet worden und zwar mittelſt des Nieder⸗ 4 ſchlages, der ſich im Verlaufe vieler Jahre da feſtgeſetz hatte. Um einige zen und Sträuche, deren Blätter in;z an der Wand daneben —— 150 was wir ſahen, ſchickten wir uns an unſer Salz zu berei⸗ ten. Frank und Heinrich trugen dürres Holz zuſammen, während Cudjo Stangen aufſtellte, an denen der Keſſel auf⸗ gehangen werden ſollte. Dieſen füllten wir mit klarem Waſ⸗ ſer. Bald praſſelte das Feuer darunter und wir hatten nichts weiter zu thun als zu warten, bis die Verdünſtung ge⸗ ſchehen. Wir ſuchten uns ein Plätzchen im weichen grünen Graſe aus, wo wir uns niederſetzten. Wir wußten ja noch nicht einmal, ob wir wirklich Salz erhielten. Allerdings ſchmeckte das Waſſer ſalzig, aber es konnte auch andere Stoffe als Kochſalz enthalten. Wir erhielten wirklich das ſchönſte reinſte Kochſalz und unſere Freude war groß, um ſo eifriger kochten wir weiter. Unſere Aufmerkſamkeit wurde indeß bald auf andere Dinge gelenkt. Zuerſt hörten wir lautes Geſchrei in der Nähe— die Stimme des blauen Hähers. Das iſt gerade nichts Un⸗ gewöhnliches, denn er ſchreit faſt immer; aber einen eigen⸗ thümlichen Ton gibt er von ſich, ſobald er etwas Ungewöhn⸗ liches merkt, und er wird ganz beſonders grell und unange⸗ nehm, wenn er einen ſehr gefürchteten Feind in der Nähe ſieht. Dies war jetzt der Fall. Wir ſahen nach der Stelle hin, von welcher der Schrei herzukommen ſchien, und bemerkten, daß die Zweige eines niedrigen Baumes ſich bewegten, daß die ſchönen him⸗ melblauen Flügel darin umherflatterten. Etwas anderes erklickten wir an dem Baume nicht, d. h. keinen Feind des Vogels. Erſt als wir auf den Boden hinunter ſahen, er⸗ kaunten wir, was den Vogel ängſtigte. Es zog ſich lang⸗ ſam durch das Gras und über das dürre Laub eine häßliche Schlange. Der gelbliche ſchwarzgefleckte Körper glitzerte 15¹ in der Sonne, während er ſich wogenartig hinbewegte, ſich hob und ſenkte. Den Kopf hielt ſie etwas über das Gras empor. Gelegentlich machte ſie Halt, hob den Hals, ſenkte den flachen ſargähnlichen Kopf, etwa wie ein Schwan, wiegte ihn leiſe horizontal hin und her, berührte die dür⸗ ren Blätter mit der rothen Zunge und ringelte ſich dann weiter. Wenn ſie ausgeſtreckt am Boden lag, ſah ſie eylinder⸗ rund aus und ſchien ſo lang wie der größte Mann, ſo ſtark wie ein Mannsarm zu ſeyn. Der Schwanz lief in ein Horn⸗ anhängſel von der Länge eines Fußes aus und glich einer Schnur gelblicher, ſchlechtgeformter Knoten oder dem vom Fleiſche befreiten Rückgrathe. Daran erkannten wir ſie; wir ſahen vor uns die gefürchtete Klappenſchlange. Die Meinigen wollten hinzueilen und das Ungethüm angreifen. Ich hielt aber alle zurück, auch die Hunde. Ich habe von der Kraft der Bezauberung gehört, welche dieſe Schlangen beſitzen ſollen, wußte aber nicht, ob ich daran glauben ſollte oder nicht. Hier war eine Gelegenheit hinter die Wahrheit zu kommen. Wir mußten ſehen, ob ſie den Vogel bezauberte. Deshalb verhielten wir uns alle ganz ſtill. Die Schlange kroch weiter. Der Vogel flog über ihr weiter, von Aſt zu Aſt, von Baum zu Baum, und ſchrie dabei ſo laut, als ihm möglich war. Am Fuße einer großen Magnolie wand ſich die Klap⸗ verſchlange, nachdem ſie einmal um den Baum herum ge⸗ krochen war, und offenbar die Rinde berochen hatte, dicht dansben, ſpiralförmig zuſammen. Ihr Körper ſah nun aus vie ein buntgeflecktes glänzendes Tau, ſo wie ein ſolches auf einem Schiffe gewöhnlich zuſammengelegt iſt. Der Schwanz nit dem Hornanhange ragte unten hervor, wie latte 3 Kopf oben, wo er auf dem oberſten Ringel des 15² ruhte. Ueber die Augen war die Nickhaut gezogen. Sie ſchien zu ſchlafen, das kam mir ganz ſeltſam vor, weil ich gehört hatte, die Bezauberungskraft dieſer Thiere liege in den Augen. Auch ſchien der Vogel gar nicht der Gegenſtand der⸗ ſelben zu ſeyn, denn als er ſah, daß die Schlange ſtill lag, hörte er auf zu ſchreien und flog davon. Ich glaubte, das Intereſſe der Scene ſey nun vorüber und wollte eben die Büchſe anlegen, um nach der Schlange zu zielen, als eine Bewegung, die ſie machte, mich über⸗ zeugte, daß ſie nicht ſchlafe, ſondern etwas beobachte. Was aber? Vielleicht ein Eichhörnchen, denn dies iſt ihre Liebe— lingsbeute. Ich ſah an dem Baume hinauf. Richtig, wie ich erwartet hatte, befand ſich an dem Stamme ziemlich hoch oben ein Loch und um den Eingang desſelben war die Rinde etwas entfärbt, offenbar von dem Kriechen des Thieres, das oft heraus⸗ und hineinging. Ueberdies bemerkte ich bei ge⸗ nauerer Beobachtung einen kleinen Pfad, der in dem Graſe zu dem Baume führte, und zwar zunächſt zu einer vorragen⸗ 3 den Wurzel desſelben. An dieſer lag die Schlange ſo dicht daran, daß kein Thier auf dem Wege hingehen konnte, ohne in ihr Bereich zu kommen Sie wartete alſo offenbar n das herabkommende Eichhörnchen und wir verhielten un noch weiter ganz ſtill. Wir ſahen wohl gelegentlich oben an dem Loche in demn Baume ein Köpfchen herausſchauen, das Thier ſchien aber gar keine Luſt zu haßen herabzukommen, ſo daß wir auf⸗ brechen wollten, als wir ein Raſcheln in dem dürren Laube in dem Gebüſch vernahmen. Ein Eichhörnchen kam auf dem Wege daher und zwar ſehr raſch, da es offenbar verfolgt wurde. Das war auch wirklich der Fall, denn gleich dar⸗ Feind auch uns zu Geſichte. ein dhe mit einem ——. 153 langen ſchlanken Körper, zweimal ſo lang als das Eich⸗ hörnchen ſelbſt und von hellgelber Farbe— ein Fichten⸗ wieſel. 1 Sie waren kaum zwanzig Schritte auseinander. Ich blickte nach der Klapperſchlange hin. Sie wußte recht wohl was geſchah. Sie hatte den Rachen aufgeſperrt und den Unterkiefer ſo weit herabgezogen, daß er die Kehle berührte und die Giftzähne bloß und ſichtbar waren. Die Zunge ragte hervor, die Augen blitzten wie Diamanten und der ganze Körper hob und ſenkte ſich wie von ſchnellem Ath⸗ men. Sie ſchien ſich aufgeblaſen zu haben, ſo daß ſie zwei⸗ mal ſo dicht ausſah wie vorher. Das Eichhörnchen, das nun zurückſchaute, lief nach dem Baume zu und hüpfte blitzſchnell an demſelben hinauf. Wir ſahen die Schlange den Kopf vorſchnellen, als es an ihr vorüberſchoß, aber ſie berührte es nicht einmal. Wir glaubten, nun ſey das Eichhörnchen in Sicher⸗ heit; aber ehe es noch die erſten Aeſte des Baumes erreicht hatte, kletterte es langſamer und endlich blieb es ganz ſte⸗ hen. Die Hinterbeine ließen los, der Körper zitterte einen Augenblick, während er an den Krallen der Vorderbeine hing, und dann fiel es herunter gerade in den Rachen der Schlange. Das Wieſel war plötzlich ſtehen geblieben als es die Schlange erblickte, dann lief es herum, machte gelegentlich Männchen und ſpuckte dabei wie eine zornige Katze. Es war offenbar aufgebracht darüber, daß ihm die Beute ent⸗ gangen war, und wir glaubten einen Augenblick, es werde die Schlange angreifen. Die letztere hatte ſich bei dem An⸗ blicke ihres Feindes wieder zuſammengerollt und lag mit of⸗ fenem Rachen da, den Angriff erwartend. Das to 15⁴½ hörnchen lag dicht neben ihr, daß das Wieſel dasſelbe nicht faſſen konnte, ohne ihren Zähnen nahe zu kommen. Es wagte ſich auch nicht an das Ungethüm und entfernte ſich. Die Schlange löſte nun gemächlich die obern Ringel ihres Körpers, ſtreckte den Hals nach dem Eichhörnchen hin aus und wollte dasſelbe verſchlingen. Sie zog es lang aus, mit dem Kopfe ihr zunächſt, da ſie dieſen offenbar zuerſt pa⸗ cken wollte, und fing an das todte Thier mit Schleim zu überziehen. Während dies geſchah, bemerkten wir eine Bewegung in den Blättern über der Stelle, wo die Schlange lag. Es ſtreckte ſich da, in einer Höhe von etwa zwanzig Fuß, eine gewaltige Liane von einem Baume zum andern. Sie war wohl armsdick und mit grünen Blättern wie mit großen keilförmigen rothen Blüthen bedeckt— darunter befanden ſich aber auch noch andere Blüthen, denn um die große Liane hatten ſich kleinere geſchlungen und wir erkannten na⸗ mentlich die ſchönen ſternenähnlichen Blüthen der Cypreſ⸗ ſenrebe. Unter dieſen nun bewegte ſich etwas, etwas Leben⸗ diges, ein Körper,— der Körper einer großen Schlange⸗ die faſt ſo dick war wie die Liane ſelbſt. Noch eine Klapperſchlange! Nein. Die Klapperſchlange klettert nicht auf Bäume. Auch ſah die auf der Liane ganz anders aus, nemlich am ganzen Körper einförmig ſchwarz. Es war alſo die»ſchwarze Schlangel..“. Als wir ſie zuerſt erblickten, hatte ſie ſich um die Liane ſpiralförmig geringelt, ſo daß ſie wie eine rieſige Schraube ausſah. Sie glitt aber langſam herunter nach der Magnolie zu. Hier zog die Schlange ihre Ringel enger zuſammen, bis ſie einander zu berühren ſchienen. Dann fing Allen, von dem Kopfe an, der ſich langſam ——— — 155 rückwärts um den Stamm drehte. Nach einer gewiſſen An⸗ zahl dieſer Bewegungen waren die Ringel gänzlich ver⸗ ſchwunden bis auf etwa zwei am Schwanze und die Schlange lag ſo auf der Liane hin. Alles dies war geräuſchlos und vorſichtig geſchehen, und nun ſchien ſie zu beobachten was unten vorging. Die Klapperſchlange war unterdeß emſig mit dem Eichhörnchen beſchäftigt geweſen und ſchien ſich um nichts weiter bekümmert zu haben. Sie ſperrte jetzt den Rachen weit auf, zog den Kopf ihres Opfers hinein, ſtreckte ihren Körper lang aus, um das Eichhörnchen hinunter zu ſchlin⸗ gen, Schwanz und Alles. Kopf und Vordertheil waren auch ſehr bald verſchwunden. Aber ſie wurde plötzlich unterbrochen, denn in dieſem Augenblicke bemerkten wir, daß die ſchwarze Schlange ſich herabhing, bis ſie gerade über der andern ſchwebte. Dann ließ ſie ſich herabfallen, und ringelte ſich gedankenſchnell um die gefleckte Klapperſchlange. Ein ſeltſamer Anblick war es, die beiden Ungethüme ſich in dem Graſe ringeln und wälzen zu ſehen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe wir erkennen konnten, wie ſie mit einander kämpften. Der Größe nach konnte kein bedeutender Unterſchied unter ihnen ſeyn. Die ſchwarze Schlange war etwas länger, aber bei weitem nicht ſo dick. Sie beſaß in⸗ deß einen Vorzug, der ſich bald geltend machte, ihre Beweg⸗ lichkeit, die wohl zehnmal größer war als die der Klapper⸗ ſchlange. Wir bemerkten, daß ſie ſich nach Belieben um die andere herumſchlingen konnte, wobei ſie dieſelbe jedesmal mit ihrer Muskelkraft zuſammenpreßte. 3 Die Klapperſchlange hatte nur eine ſich hätte bedienen können,— ihre Giftz Waffe, deren ſie aber in dem Eichhörnchen feſt und ſo konnte ſie dieſelben nicht gegen den Feind gebrauchen. Der Schwanz des Eich⸗ hörnchens ragte noch immer aus ihrem Rachen heraus. Endlich wurde der Kampf matter. Die beiden Schlan⸗ gen bewegten ſich langſamer. So konnten wir auch ſehen, wie ſie kämpften. Dies geſchah nun nicht»von Angeſicht zu Angeſicht,« wie man hätte erwarten ſollen; nein, die ſchwarze Schlange hatte ſich in den Hornanhang der Klap⸗ perſchlange eingebiſſen, und mit dem Schwanze ſchug und peitſchte ſie dieſelbe todt. Der Kampf war bald ganz zu Ende, die Klapper⸗ ſchlant ihrer ganzen Länge nach da, offenbar todt, 3 während die ſchwarze noch immer an ihr hing, als könnte ſie ſich von ihr gar nicht trennen. Erſt allmälig ringelte ſie ſich los. Ich hätte die ſchwarze Glonge gerne verſchont, weil ſie uns von einem ſo grauenhaften Feinde befreit hatte, Cudjo aber, der alles Kriechende haßte, eilte mir voraus und ehe ich hinzu kam, hatte er ſie angeſpießt. Vierundzwanzigſtes Capitel. Der Buckerbaum und die Protfrüchte. Wir kehrten Abends mit ziemlichem Salzvorrathe zu⸗ rück und die Kinder wollten nun wiſſen, welche wichtige Entdeckung die Mutter gemacht und bis dahin verſchwie⸗ gen habe. Sie konnte es nicht länger verheimlichen und theilte uns. denn mit, daß ſie Zhiterabornbaume geſehen habe, was 157 allerdings großen Jubel erregte und mit Recht. Jeder ſolche Baum gibt jährlich drei bis vier Pfund vortrefflichen Zu⸗ cker, wenn er im Frühling angebohrt wird, denn im Som⸗ mer und Winter läuft der Saft nicht heraus. Im Herbſt gibt der Baum allerdings auch Saft, aber nicht ſo viel. Am beſten läuft er wenn die Nächte hell und kühl, die Tage aber warm und trocken ſind. Man braucht dazu eine ziemliche Anzahl kleiner Tröge oder Mulden, eine für jeden Baum. Die Farmers in den vereinigten Staaten, welche Ahornzucker machen, haben oftmals mehre hundert Bäume auf einmal angebohrt und ſie bedienen ſich dabei gewöhnlich nur ſelbſt gemachter hölzerner Gefäße. Der ſo geſammelte Saft wird dann in großen Keſſeln gekocht. Wir gingen ſchon nach einigen Tagen an die Arbeit und konnten uns wirklich eine ziemliche Menge Zucker ver⸗ ſchaffen. Aber nun wir Zucker hatten, zeigte meine Frau eines Abends an, daß ſie die letzte Bohne Kaffeh verbrauchte. Das war eine ſehr traurige Nachricht, denn eine Taſſe Kaffeh hatte uns gar oft, ſelbſt in den ſchlimmſten Tagen, wieder aufge⸗ heitert und Muth gegeben. „So müſſen wir uns ohne Kaffeh zu behelfen ſuchen,« antwortete ich.„Wir können jetzt Suppe kochen; wozu alſo Kaffeh? Wir beſitzen Leckereien, vie gar Vielen abgehen; wir haben Wildpret mancher Art und können ſogar, wenn wir wollen, Biberſchwänze haben. Fiſche gibt es auch, Trut⸗ hähne und— wir ſollten nicht zufrieden ſeyn?⸗ „In Virginien haben aber doch die Schwarzen Kaffeh aus Mais gemacht,« fiel einer der Knaben ein.„Er ſchmeckt quch nicht ſchlecht.⸗ „Erſtens haben wir keinen Mais,, 158 „und wenn wir etwus davon hätten, könnten wir ihn um vieles beſſer brauchefk, zu Brot.⸗ „Es liegt ja in einem alten Sacke Mais auf dem Wa⸗ gen, Vater.⸗. Das wußte ich nicht. Wir hatten allerdings Mais mitgenommen als Futter für unſer Pferd und die Ochſen, ich war aber der Meinung geweſen, es ſey alles bis auf das letzte Korn aufgezehrt worden. Da der Knabe bei ſei⸗ ner Behauptung blieb, er habe auf dem Wagen Mais geſe⸗ hen, ſo machten wir uns ſogleich dahin auf den Weg und richtig, unter einem alten Ochſengeſchirr fand ich zu meiner unbeſchreiblichen Freude noch einen kleinen Vorrath dieſer un⸗ ſchätzbaren Körner. „Nun werden wir auch Brot bekommen!“ ſagte ich, und welchen Eindruck dieſe Worte machen können, vermögen. nur diejenigen zu erkennen, welche gleich uns lange ſich nach Brot geſehnt haben. Es war alſo dieſer Mais eine noch wichtigere Entdeckung als ſelbſt das Salz und der Zucker. 4 Der Winter konnte in unſerem Thale nicht von langer Da zer ſeyn und wir hatten alſo Hoffnung unſern Mais ald pflanzen zu dürfen. Wir beſaßen ſo viel, daß wir einen gan en Acker Land damit beſtellen konnten. Er reifte bin⸗ nen ſechs oder acht Wochen und da wir in dieſem Klima recht wohl zwei Ernten zu erlangen vermochten, brauchten wir wegen des nächſten Winters nicht beſotgt zu ſeyn. Um unſere Freude an dieſem Tage noch mehr zu ſtei⸗ gern, zeigte Frank, der unter den Maiskörnern umherge⸗ ſucht hatte, einzelne— Weizenkörner. Wir halfen ſofort alle ſuchen, wir durchſuchten ſogar den alten Sack, in wel⸗ chem ſich der Mais befunden hatte, und ſo brachten wir dert Weizenkörner zuſammen. Freilich wart glücklich Ein angeborter Zuckerahornbaum. 7 .= — 5 159 ſes ſehr wenig, aber einen Anfang gab es doch, und wach⸗ en doch die großen Eichen aus kleinen Eicheln. Nach einem nar Jahren konnten wir die ſchönſten Weizenfelder haben. „Und Kinder,“ ſagte ich,»was kann die Mutter ſchaf⸗ en mit Mehl und Zucker! „Wir brauchen keinen Kaffeh. Ich habe eine Menge Früchte geſehen, wilde Pflaumen, Kirſchen, Maulbeeren ſo ang wie mein Finger.⸗ „Nun, da Ihr zufrieden ſeyd, ſollt Ihr auch Kaffeh haben,« ſiel Marie lächelnd ein. „Du haſt doch nicht gar Kaffehbäume gefunden? „Einen Kaffehbaum, wenn auch nicht den gewöhnli⸗ chen. Aber es gibt einen ſehr großen Baum, deſſen Beeren pen gewöhnlichen Kaffeh recht wohl erſetzen können. Da. ſeht!«* Sie warf bei dieſen Worten eine große braune Schote auf den Tiſch, die wenigſtens zwölf Zoll lang und zwei breit war. Als wir ſie öffneten, was ſogleich geſchah, fan⸗ den wir eine mußige oder fleiſchige Maſſe, in welcher mehre große graue Samen lagen. Dieſe Samenkörner ſoll⸗ Ren, wenn ſie wie Kaffehbohnen behandelt würden, ein faſt eben ſo vortreffliches Getränk geben wie dieſe. „Sie ſind von dem Chicot, wie die Franzoſen in Canada ihn nennen oder von dem Stumpfbaume, der auch der Kentucky⸗Kaffehbaum heißt, weil die erſten Anſiedler in Kentucky ſeine Bohnen ſo benutzten, wie wir es thun wollen. Aber, Kinder,« fuhr Marie fort,„ich kann Euch noch einen nützlichen Baum nennen, der in unſerm Thale oder doch gewiß auf dem Berge wächſt und von dem Ihr ielleicht noch nichts gehört habt.⸗ 160 »Gewiß ein Brotbaum!⸗ »Man könnte ihn wohl ſo nennen, weil er in den la gen Wintermonaten viele Indianerſtämme mit Brot verſor mit dem Brote, von dem ſie ausſchließlich leben. Wie eigentlich heißt, weiß ich nicht; es iſt eine Fi gibt mehre Arten derſelben. Erſt vor wenigen Jahren ſini neue Arten grade in der Wüſte hier entdeckt worden. Vie leicht in keinem Theile der Welt gibt es eine größere Meng dieſer werthvollen Bäume als in den Gebirgsgegenden a und in der großen amerikaniſchen Wüſte. Eine Art, die ir Californien wächſt, nennen die Spanier Colorado, d. h roth, weil das Holz des Baumes eine röthliche Farbe hat Die Bäume dieſer Art ſind die größten in der Welt, ſie erreichen oftmals eine Höhe von mehr denkt, ein Baum von 300 Fuß, während die größten, dis es im Miſſſiſſippi⸗Thale gibt, nicht halb ſo lang ſind! Und in der Sierra Novada gibt es ganze große Wälder von ſolchen Rieſen. Eine andere Art iſt faſt eben ſo groß und wächſt eben da. Es iſt die Lamberts⸗Fichte, welche achtzehr Zoll lange Zapfen hat. Stellt Euch einmal einen ſolchen rieſengroßen Baum vor, an deſſen Zweigen Zapfen herur terhängen, die größer ſind als Zuckerhüte! Auch die Samen dieſer Fichten werden gegeſſen, eßbaren Samen, die ich meine, ren Baume, g und ſchmecken nußartig; auch müſſen ſie nahrhaft ſeyn, da ganze Völkerſchaften ausſchließ lich davon leben. Sie werden roh und geröſtet gegeſſen Werden ſie geröſtet zerſtoßen, ſo geben ſie eine Art Mehl aus dem ſich. wohlſchmeckendes Brot backen läßt. keißt der Baum die„Nußſichte.⸗ 161 Um den nützlichen Baum aufzuſuchen und zugleich einen Ausflug auf den Berg zu machen, der ſich ſo ganz in unſerer Nähe erhob, kamen wir überein, den erſten ſchönen Tag zu benutzen. Wir brauchten nicht lange zu warten, und am Fuße des Berges ſchon fanden wir den ſchönen „»Brotbaum“ vor. Wir aßen von ſeinen Früchten uns ſatt und nahmen eine große Menge mit zurück. Fünfundzwanzigſtes Capitel. Mancherlei Thiere und Pflanzen. Wir waren jeden Tag beſchäftigt, da wir ja ſo man⸗ cherlei zu thun hatten. Wir zäunten Felder ein, um auf dem einen unſern Mais zu pflanzen und in den andern das Pferd einzuſperren, damit es ſich nicht in den Wald verlaufe und vielleicht gar von einem reißenden Thiere umgebracht werde. Wir erlegten noch ein paar Hirſche und Elenns und be⸗ wahrten das Fleiſch für den Winter auf. Am fleißigſten war Cudjo. Er verfertigte einiges Haus⸗ geräth, das uns ſehr dienlich war und auch einen hölzernen Pflug baute er ſich, um mit demſelben die Erde leicht auf⸗ reißen zu können. Um unſern Schießbedarf ſo ſehr als mög⸗ lich zu ſchonen, lernten wir die Thiere in anderer Weiſe er⸗ legen. Es wuchs, wie wir ausfindig machten, ſogenanntes „Bogenholz« in dem Thale, aus welchem die Indianer ihre berühmten Bogen machen. Wir richteten uns ſofort drei Bogen her, an die wir wie die Indianer Thierſehnen ſpann⸗ ten. Als Pfeile benutzten wir gerades Rohr und Endjo Das Haus in der Wüſte. 11 162 machte uns einige Spitzen daran aus Nägeln von unſerem Wagen. So übten wir uns täglich und ehe der Winter zu Ende ging, konnten wir uns der Bogen bereits mit ziem⸗ licher Sicherheit bedienen. Heinrich ſchoß z. B. ein Eich⸗ hörnchen von der höchſten Spitze eines Baumes herunter. Er war jedenfalls der beſte Schütze unter uns und verſorgte uns den Winter über mit Repphühnern und wilden Trut⸗ hühnern. Wir hatten, wie ſchon erwähnt, auch mancherlei Früchte gefunden und Vorräthe von denſelben eingeſammelt, z. B. die pomme blanche oder indianiſche Rübe und hauptſäch⸗ licch die wilde Kartoffel, die hier wuchs, wie ſie denn über⸗ haupt nur in den hochgelegenen Hochebenen Amerika's ein⸗ heimiſch iſt. Die Knollen ſind indeß an der wilden Pflanze winzig klein, ſo daß ſie zum Genuſſe nicht dienen kann. Wir oefften dagegen durch Anbau größere zu erziehen, und darum ſammelten wir alle Knöllchen, die wir finden konnten. Aus den Schoten der Honigakazie braueten wir Bier, ein noch 4 angenehmeres Getränke aber bereiteten wir aus wilden oder Fuchstrauben, die überall im Thale wuchſen. Im Winter kam ich auf einen neuen Einfall, mit dem Alle übereinſtimmten, als ich ihn ausſprach. Ich wollte nemlich ſo viele wilde Thiere a möglich fangen und den Verſuch machen, ob ſie nicht zu zähmen wären und dann uns nützlich werden könnten. Ein Grund, der mich dazu veranlaßte, war die geringe Anzahl von Hirſchen und der⸗ artigen Thieren, die ſich wegen der zahlreichen reißenden Tcnhiere nicht vermehren konnten! Wenn wir dieſe alle, Pan⸗ tther, Wölfe, Wolveren, vertilgen könnten, ſo würde das Thal zum Thiergarten für uns. Eher aber konnten die wil⸗ den Thiere über uns Herr werden, als wir über ſie, denn 163 1 4 3 wir konnten uns durchaus nicht mit Sicherheit allein in das Dickicht wagen und ſo oft die Knaben einen kleinen Ausflug machten, war die Mutter in tödtlicher Beſorgniß um ſie bis ſie zurückkamen. Das Pulver mußte zu Ende ge⸗ hen, und dann nutzten uns die Gewehre nichts; die Bogen und Pfeile waren nur ſchwache Waffen gegen die dickhäuti⸗ gen Ungethüme. Vor der Hand hofften wir ſte in Fallen fangen zu lernen. 3 Ein anderer Grund war meine Vorliebe für die Na⸗ turgeſchichte, für die Beobachtung der Lebensweiſe aller Thiere 3 und ich verſprach mir großen Genuß, wenn es uns gelänge — die wilden Beſtien zahm zu machen. Vor allen ging Heinrich eifrig in meine Pläne ein, da er gleich mir ein großer Thierfreund war. Auch gelang es ihm zuerſt einen Fang zu machen, und zwar an einem Paar grauer Eichhörnchen. Sie erhielten zu ihrem Aufenthalte einen großen Käfig und wurden bald ſo zahm, daß ſie uns die Nüſſe, die wir ihnen brachten, aus der Hand nahmen. Frank, der ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf die Vögel richtete, fing nach einigen Tagen in einer einfachen Falle, wie ſie auch in Nordamerika gebräuchlich iſt, drei wilde Truthühner, oder leider vielmehr Truthähne. Dies glich ſſich jedoch bald aus, da er am nächſten Tage eine Trut⸗ henne mit mehren Jungen fing. Für ſie wurden kleine Ställe gebaut, in denen die Vögel zahm werden ſollten. Un⸗ ſere Vögelſammlung vermehrte ſich ſehr raſch, als mit Co⸗ libris, denen wir kein anderes Futter gaben, als daß wir ihnen täglich friſche Blumen brachten. Eines Tages im Winter war ein klein wenig Schnee gefallen, eben genug, daß wir die Fährte Thiere ge⸗ nau verfolgen konnten und wir entſchloſſt uns deshalb zu einem Jagdausfluge. Namentlich gingen un der Fährte eines großen Elenns nach, die ganz friſch zu ſeyn ſchien, ſo daß das Thier ſich noch nicht ſehr weit entfernt haben konnte. Sie führte uns an den See, dann am linken Ufer des Fluſ⸗ ſes hinauf. Die Hunde begleiteten uns. In einiger Entfer⸗ 3 nung war das Thier auf das andere Ufer hinübergegangen und wir ſchickten uns eben an, ihm dahin zu folgen, als wir Fußſtapfen erblickten, die uns gewaltig auffielen und in den Wald hinein führien. Es waren menſchliche Fußtapfen, Eindrücke von Kinderſüßen. 4 So meinten wir, als wir ſie zuerſt erblickten und Sie b können ſich denken wie groß unſere Verwunderung war. Die 8 Fußſtapfen waren etwa fünf Zoll lang und glichen genau denen eines etwa ſechsjährigen Knaben. Sie ſchienen von zweien herzurühren, ſo als ob zwei Kinder da gegangen wären und war hintereinander. Was konnte dies bedeuten? Befanden ſſiich alſo doch Menſchen außer uns in dem Thale? Konnten es die Fußſtapfen zweier junger Indianer ſeyn? Ich dachte. ſogleich an die Jamparicos— die Wurzeleſſer— die man faſt in jedem Winkel und jedem Loche der amerikaniſchen Wüſte ſindet. Sollte eine Familie dieſer armſeligen Weſen hier im Thale leben?»Gar nicht unmöglich,“« dachte ich bei mir, da ſie von Wurzeln, Inſecten und Reptilien leben, ſich⸗ Höhlen und Löcher graben wie die wilden Thiere um ſie her, ſo konnte eine Familie, ja mehr, recht wohl in einem noch unerforſchten Winkel des Thales ſich aufhalten, ohne daß wir bisher Spuren von ihnen gefunden. Natürlich wurde unſere Elennjagd aufgegeben bis dieſes Räthſel gelöſet ſeyn würde und wir folgten alſo den Kinder⸗ 3 ſußſtayfen Platze, wo dieſelben ganz beſonders 165 Heutlich waren, bückte ich mich, um ſie noch genauer zu unterſuchen und mich zu überzeugen, ob ſie wirklich von Men⸗ ſchen herrührten. Es zeigte ſich daran allerdings die Ferſe und die Verbreiterung des Fußes nach den Zehen zu nebſt dieſen ſelbſt. Ich ſah Eindrücke von fünf Zehen, aber hier und da auch nur von vieren. Ach, das war ſeltſam und wichtig, jede Zehe ſchien mit einer Kralle bewaffnet zu ſeyn. So konnten alſo die Fußſtapfen auch nicht von Menſchen herrühren. Nach dem verfolgten wir die Spur weiter, denn nun waren wir neugierig, welches Thier ſte wohl gemacht habe. Wir brauchten auch nicht weit zu gehen, denn an einigen jungen Baumwollenbäumen ſahen wir die Schale friſch abgenagt. Die Fährte rührte alſo jedenfalls von einem Stachelſchweine her, das ja an den Hinterfüßen fünf, an den vordern nur vier Zehen hat. Wir waren erzürnt, daß dieſes Thier uns von der Jagd abgelockt hatte und ſchwuren ihm Rache. Bald erblickten wir es ſelbſt auf einem Baum in geringer Entfernung und gleich darauf zeigte ſich ein anderes Thier, ein Thier etwas über eine Elle lang, mit dem Schwanze, aber kaum ſo dick wie der Arm eines Mannes. Es hatte einen breiten, gleichſam platt gedrückten Kopf mit kurzen aufrecht ſtehenden Ohren und einer ſpitzen Naſe, dazu einen Bart wie eine Katze, obgleich der Kopf ſonſt mehr hundeartig ausſah, und kurze kräftige Beine. Die Farbe war röthlichbraun mit einem weißen Fleck auf der Bruſt. Im Ganzen glich es einem rieſengroßen Wieſel, denn es war der graue amerikaniſche Marder, den man gemeiniglich, aber ſehr unpaſſend, den Fiſcher nennt. Er lief gerade nach dem Baume hin, auf welchem das Stachelſchwein ſaß, und hatte jedenfalls einen Angriff gegen dasſelbe im Sinn. Das Stachelſchwein hatte den Gegner noch nicht bemerkt und ſchälte ruhig die Rinde von dem Baumwollenbaum⸗ Erſt als es den Marder erblickte, ſtieß es einen ſchrillen Schrei aus, wie es überhaupt ſehr zu erſchrecken ſchien. Trotzdem ſprang es herunter, dem Feinde dicht von der Naſe. Es that daran ſehr klug, denn auf dem Baume wäre der Gegner auch zu Hauſe geweſen und hätte es recht wohl an der Kehle packen können, die nicht mit Stacheln bewehrt iſt. Auf dem Boden dagegen rollte es ſich zuſammen wie ein ggel in einen runden Ball. Der Marder lief um dasſelbe herum, zeigte bisweilen die Zähne, machte einen krummen Buckel und knurrte wir eine Katze. Er ſchien nicht zu wiſſen wie er den ſtacheligen Gegner packen ſolle, der vollkommen ruhig lag bis auf den Schwanz, der fortwährend hin und her geworfen wurde. Hinter den Schwanz ſtellte ſich endlich der Marder und beobachtete aufmerkſam alle Bewegungeu desſelben. Das Stachelſchwein, das ihn nicht ſehen konnte, wohl gar glaubte, der Feind habe ſich entfernt, ließ endlich den Schwanz ruhen. Darauf wartete der Mader und packte ihn ſofort mit den Zähnen. Sobald das geſchehen war, ſchrie das Stachelſchwein, aber der Marder achtete nicht darauf, ſondern lief rückwärts und zog das andere Thier ſo ſich nach und zwar an einen Baum in der Nähe, der niedrige Zweige hatte. Das Stachelſchwein konnte ſich nicht wehren und ließ ſich auf demSchnee hinſchleifen. Als der Marder den Baum erreicht hat⸗ te, begann er rückwärts an demſelben hinaufzuklettern, während er noch immer den Schwanz der Beute mit den Zähnen hielt. Sobald er den niedrigſten Zweig faſſen konnte, hielt er ſich daran feſt und zog das Stachelſchwein ſo weit empor, daß es den Boden nur noch mit den Vorderbeinen berührte und 167 — gleichſam auf dem Kopf zu ſtehen ſchien, wobei es jämmerlich winſelte.. Was der Marder vor hatte, konnten wir durchaus nicht errathen. Er aber wußte es recht wohl; denn plötzlich ſprang er wieder herunter an die Erde, und zwar ſo, daß er dabei das Stachelſchwein auf den Rücken werfen mußte. Ehe nun dieſes plumpe Geſchöpf ſich wieder umgedreht hatte, war ihm der flinke Maͤrder auf den Bauch geſprungen und biß es in die Kehle. Das Stachelſchwein wehrte ſich vergebens und ſehr bald mußte der Kampf vorbei ſeyn; wir meinten aber, daß es Zeit ſey, daß wir uns einmiſchten. Wir ließen die Hunde los und der Marder ſprang von ſeinem Opfer herunter, ohne indeß zu fliehen. Im Gegentheil, er drehte ſich herum und hielt knurrend den Hunden die ſcharfen Zähne entgegen. Erſt als auch wir erſchienen, fand er es gerathen ſich auf einen Baum zu flüchten. Eine Büchſenkugel brachte ihn indeß bald genug herunter. Das Stachelſchwein, an welches die Hunde ſich nicht wagten, war ſchon halbtodt. Wir ließen es liegen und nahmen den Marder mit uns, um ihm das werthvolle Fell abzuziehen. Die Elennjagd gaben wir für dieſen Tag auf. 168 Sechsundzwanzigſtes Capitel. Bienen und Honig⸗ Den Winter über ſahen wir wenig von unſern Bibern, denn ſie hielten ſich da in ihren Häuschen und verbrachten die meiſte Zeit mit Eſſen und Schlafen. Doch kamen ſie auch bisweilen heraus, um ſich zu waſchen und zu reinigen, denn der Biber lebt ſehr regelmäßig. Der Winter währte nun auch gar nicht lange und ſobald der Frühling ſich einſtellte, ſpannte Cudjo das Pferd an den hölzernen Pflug, ackerte ein Stück Boden auf und wir pflanzten unſern Mais. Es war faſt ſo groß wie ein Morgen. Nach ſechs Wochen hofften wir mehre Schäffel einzuernten. Auch unſere hundert Weizen⸗ körner ſäeten wir, wie Marie die Kartoffeln legte und Anderes pflanzte. Sie hatte auch wilde Zwiebeln gefunden, die uns ſehr erwünſcht kamen. Die Blumen blühten ſchnell auf und wir wanderten faſt alle Tage in unſerm verſteckten Paradieſe umher. Eines Tages ſaßen wir auf dem freien grünen Platze, als die kleine Marie einmal laut aufſchrie. War ſie von einer Schlange gebiſſen worden? Nein, aber eine— Biene hatte ſie geſtochen. Wir beruhigten das Kind und ſuchten den Schmerz zu ſtillen, dann aber überließen wir uns den Gedanken, welche dieſer Vorfall anregte. Es ſind Bienen 4 hier, ſagten wir unter einander. Und wo Bienen ſind, mußte es auch Honig geben. ——— Wir ſahen mehre andere Bienen auf den Blumen und es galt nun ihren Stock ausfindig zu machen, der ſich gewiß in einem hohlen Baume befand; aber wo? Wir zerbrachen uns darüber den Kopf nicht lange, da wir ja einen geübten»Bienenjäger« unter uns hatten, den ſchwarzen Freund Cudjo, der in Virginien gar viele Bienen⸗ bäume ausgekundſchaftet und den Honig verzehrt hatte. So ſollte am andern Tage die große Bienenjagd angeſtellt werden. Der Tag war warm und ſonnig und wir ſahen neugieri dem Verfahren Cudjo's entgegen den Bienenbaum ausfindig zu machen. Die»Werkzeuge,“ die er dazu brauchte, waren ſehr einfach, nemlich ein Trinkglas, ein Becher voll Ahorn⸗ ſyrup und ein paar Büſchelchen Haar von Kaninchenſchwänzen. Wir gingen auf einen freien grünen Platz, wie ihn die Bienen lieben. Am Rande desſelben lag ein dürrer Baum⸗ ſtamm. Von dieſem ſchnitt unſer Bienenjäger etwas Rinde ab, ſo daß das Holz ganz glatt wurde. Auf dieſe glatte Stelle ſchüttete er etwas Syrup. Dann nahm er das Glas und putzte es ganz rein und endlich ſuchte er unter den Blumen eine Biene. Das geſchah ſehr bald. Er ſtülpte das Glas über das kleine Inſect, hielt das Glas oben mit der Hand zu und trug es mit der Biene auf das Holz, auf das er vorher den Syrup geſchüttet hatte. Eine Zeit lang ſchwirrte die Biene noch in dem Glaſe herum, ſobald ſie aber die Süßigkeit bemerkt hatte, vergaß ſie ihre Gefangenſchaft und naſchte. Cudjo ſtörte ſie nicht, bis ſie ſich vollſtändig geſättiget hatte. Da fing er ſie geſchickt mit den Fingern und klebte ihr ein wenig von den Haninchenhaaren an die Beine. Das Bienchen ſchien durch die Behandlung, die ihm widerfuhr, ganz betäubt zu ſeyn und blieb eine Zeit lang ruhig auf dem Baumſtamme ſitzen, auf den Cudjo das 170 Inſect wieder gethan hatte. Nach einiger Zeit indeß breitete die Biene die Flügel aus, hob ſich ziemlich hoch in die Luft und flog im Kreiſe umher, wie wir an dem weißen Haar ſehen konnten, das an ihren Beinchen hing. Cudjo folgte jeder ihrer Bewegungen. Nachdem ſie einige Mal im Kreiſe herumgeflogen war, wandte ſie ſich dem Walde zu. Wir ſahen ihr nach ſo lange als möglich, verloren aber das weiße Büſchelchen bald aus den Augen. Wir bemerkten, daß ſie in ſchnurgerader Linie flog, wie es die Biene immer thut, wenn ſie beutebeladen zu ihrem Stocke zurückkehrt, daher denn auch der Ausdruck»Bienenlinie« für ſchnur⸗ gerade Linie. Cudjo wußte, daß ſie in dieſer Linie bleiben würde, bis ſie den Baum mit ihrem Hauſe erreicht, er beſaß alſo ein Glied der Kette ſeiner Entdeckung,— die Richtung des Bienenbaumes von dem Punkte aus, an dem wir uns befanden. Das war nun freilich nicht genug; ſie konnte gleich am Anfange des Waldes Halt machen, aber auch eine Vier⸗ telmeile weit in denſelben hinein fliegen. Cudjo bemerkte ſich indeß dieſe Linie an einem Baume und er hatte nun eine zweite zu ſuchen. Er machte ganz den Verſuch wie das erſte Mal in einer Entfernung von wenigſtens zweihundert Schritten und ließ wiederum eine Biene fliegen. Dieſe flog zu unſerer Verwunderung in faſt entgegengeſetzter Richtung. »Noch beſſer,« ſagte er,»wir finden zwei Bienen⸗ bäume. 4* Er bemerkte ſich die Richtung, welche die zweite ge⸗ nommen hatte, und ließ eine dritte Biene fliegen. Dieſe ſchlug wieder eine ganz andere Richtung ein. 8 Bienenbäume!« — „»Maſſa,“« rief Cudjo,„Thal voll von Honig. Orei 171 Er fing eine vierte Biene und ließ ſie nach der Cere⸗ monie wiederum fliegen. Dieſe gehörte offenbar zu demſelben Stocke wie die erſte, denn ſie flog nach demſelben Punkte im Walde zu. Das war für jetzt genug. Wir konnten unterdeß den Sinn des Verfahrens Cudjo's errathen und konnten ihm beiſtehen. Der Punkt, wo der Baum ſeyn mußte, war beſtimmt. Es war der Punkt, wo die beiden Fluglinien der erſten und vierten Biene zuſam⸗ mentrafen. Dieſer Punkt mußte nun gefunden werden. Hät⸗ ten wir die Bienen weit ſehen können, ſo wäͤre die Ermit⸗ telung leicht geweſen. Wir mußten alſo den Verſuch wie⸗ derholen, weiter nach dem Walde vorrücken, oder die Kna⸗ ben in der bereits bekannten Linie nach dem Walde weiter hin ſtellen, ſo daß dieſe die Bienen dort fliegen ſehen und bemerken konnten, wo ſie zuſammen trafen. So verfährt man ſtets bei der Bienenjagd, und um dies deutlicher zu machen, ſetze ich dies Zeichen her: Cund A ſind die Punkte, von denen die Bienen los⸗ gelaſſen werden, welche nach B fliegen; bei D und Ewur⸗ den die Knaben aufgeſtellt. Es dauerte auch nicht 1. war in dieſer Weiſe der Bienenbaum gefunden die Bienen hoch oben an dem Stamme hinein und heraus flie⸗ gen. Da wir aber mit dem Suchen lange zugebracht hatten und der Tag weit vorgerückt war, ſo beſchloſſen wir, das Weitere bis zum nächſten Tage zu verſchieben, an welchem wir den Baum fällen wollten, um den Honig zu er⸗ halten. 5 Das war nun freilich leicht geſagt; wie aber ſollten wir den acht⸗ oder zehntauſend Bienen ihren Honig abneh⸗ men? Schwefel hatten wir nicht, um ſie heraus zu räu⸗ chern, und hätten wir ihn auch gehabt, er würde uns bei der Höhe des Baumes nichts genützt haben, und wenn wir ihn gefällt hatten, ließen uns die gewiß zornigen Bienen nicht hinan. Cudjo wußte als erfahrener Bienenjäger auch da gu⸗ ten Rath. Es wurden nach ſeiner Weiſung ein paar tüch⸗ tige Wildhauthandſchuhe gemacht, natürlich Fauſthand⸗ ſchuhe. Ein Paar wollte Cudjo benützen, das andere war für mich beſtimmt. Außer dieſen Handſchuhen wurden ein paar Masken aus Elennhaut geſchnitten, die wir mit Rie⸗ men vor unſere Geſichter binden wollten, um uns, ſo wie durch Röcke von Thierhaut vor den Stichen der Bienen zu ſichern.. So machten wir uns auf den Weg nach dem Bienen⸗ baum. Natürlich begleiteten uns die Andern und wir nah⸗ men auch die Art mit, um den Baum fällen zu können. Es war eine ungewöhnliche Aufregung unter den Bie⸗ nen, wie wir ſogleich bemerkten. Sie flogen in Schaaren um den Eingang zu ihrem Neſte herum, ſo wie aus ihm heraus und in dasſelbe hinein. Da es ſehr ſtill war, konn⸗ ir ſie laut ſummen hoͤren. Wollten ſie ausſchwärmen? — Dazu war es jedenfalls zu früh im Jahre. Cudjo meinte, vielleicht habe ſich ein Feind, ein Honigliebhaber, G zu ihnen hinein geſchlichen. Aber der Eingang hatte kaum . drei Zoll im Durchmeſſer und wir wußten recht wohl, daß kein Eichhörnchen, kein Wieſel die Naſe da hinein zu ſtecken wage. Da wir uns die Unruhe der Bienen nicht erklären konn⸗ ten, ſo machten wir Anſtalt, den Baum zu fällen, was allerdings eine leichte Aufgabe war; der Baum war ja hohl und unten eigentlich nichts als Schale, die ſich leicht durchhauen ließ. Cudjo ging deshalb rüſtig an die Arbeit unnd bald flogen die Späne umher. Kaum aber hatte er etwa zwölf Hiebe gethan, als uns ein ſeltſames Geräuſch auffiel, das wie Knurren oder Brum⸗ men klang. Cudjo hielt ſofort inne und wir ſahen einander alle verwundert und erſchrocken an,— ja erſchrocken, denn das Geräuſch hatte etwas Grauenhaftes und Entſetzliches an ſich und wir wußten, daß es nur von einem großen wil⸗ den Thiere herrühren konnte. Woher aber kam es? Aus dem Walde? Wir ſahen uns ängſtlich um, bemerkten aber durchaus keine Bewegung in dem Brombeergebüſch. Das Unterholz war dünn und ein großes Thier hätten wir in ziemlicher Entfernung ſehen können, wenn eines da ge⸗ weſen wäre. Wiederum erklang der ſchreckliche Ton in unſer Ohr. Aus der Erde ſchien er nicht heraus zu kommen,— nein, aus dem Baume kam er. „Ein Bär, Maſſa Roff!“« ſagte Cudjo ſoglei das Brummen kenne.⸗““ 8 „Ein Bär?« wiederholte ich.»Ein Bär im Bienen⸗ baume? Laufe ſchnell mit den Kindern fort, Marie,⸗ ſagte ich. Heinrich und Frank wünſchten beide mit ihren Büchſen da zu bleiben und ich brachte ſie nur hinweg, indem ich ihnen den Auftrag ertheilte, ihre Mutter und Schweſter zu vertheidigen, wenn das Thier ihnen nachkommen ſollte. Was ſollten wir thun? Konnten wir den Eingang unten in den hohlen Baum nicht verſtopfen? Nein. Wir hatten nichts, das wir dazu hätten benutzen koͤnnen; auch war es bereits zu ſpät. Ich griff nach meiner Büchſe, während Cudjo mit der Art da ſtand. Ich wollte ſchießen ſobald der Kopf zum Vorſchein käme. Aber ſtatt des Kopfes erſchien zu unſerer Verwunderung eine formloſe Maſſe zottigen ſchwarzen Haa⸗ res,— das Hintertheil des Thieres. Er kam alſo nicht mit dem Kopfe voran herunter.— Wir ſahen nicht lange zu, ſondern ich ſchoß ſobald das Kreuz des Thieres erſchien, und faſt gleichzeitig verſetzte ihm Cudjo einen gewaltigen Hieb mit der Art. Wir mein⸗ ten ihm damit das Lebenslicht ausgeblaſen zu haben, aber zu unſerer Verwunderung verſchwand der Hintertheil wie⸗ der. Der Bär kletterte offenbar in dem Baume wieder hinauf. Was nun? Wollte er ſich in dem Baume umdrehen und mit dem Kopfe voran herunter kommen? War dies der Fall, ſo ſtand es ſchlimm mit uns, denn mein Gewehr war abgeſchoſſen und Cudjo konnte ihn mit der Art fehlen. Da ſiel mein Auge auf die beiden Röcke von Hirſch⸗ aut, die wir für uns mitgebracht und neben uns hinge⸗ legt hatten. Wenn wir ſie gehörig zuſammen rollten, reich⸗ 1 175 ten ſie wohl hin, den Eingang in den hohlen Baum zu verſtopfen. Wir holten ſie raſch und ſtopften ſie richtig hin⸗ ein. Bei dieſer Arbeit ſahen wir Blut herab fließen. Der Bär war verwundet. Als wir den Ausgang unten verſtopft hatten, gingen wir um den Baum herum, um zu ſehen, ob vielleicht oben eine Oeffnung ſey, durch welche der Bär heraus kriechen koͤnne. Wir konnten keine bemerken; Braun war alſo gefangen. Um die Meinigen zu beruhigen, rief ich ihnen unſern Sieg zu und ſie kamen eiltg und erfreut zurück. Wir brauch⸗ ten den Bär nicht mehr zu fürchten; aber wie gelangten wir zu ihm? Ein ſo gefährliches Thier konnten wir nicht leben⸗ ddig davon laſſen. Sollten wir ihn drinnen und ſo verhun⸗ geern laſſen? Das ging nicht wohl an, denn er würde den ganzen Honigvorrath vorher verzehren, wenn er es nicht bereits gethan hatte. Er konnte wohl auch oben die Oeff⸗ nung weiter kratzen, um ſich da durchzuarbeiten. Wahrſcheinlich war er unten und hielt die Naſe an die eingeſtopften Hirſchhautröcke. Ermitteln ließ es ſich freilich nicht, da er nicht mehr brummte. War es aber der Fall, ſo ließ ſich wohl eine kleine Oeffnung da in den hohlen Baum machen, ſo daß wir ihm von da aus eine Kugel zu⸗ ſchicken könnten. Bei dieſem Plane blieben wir und Cudjo ſaing an die Arbeit. Die Oeffnung war ſehr bald hergeſtellt und wir konn⸗ ien in die Höhlung hinein ſehen. Aber Braun war nicht zu ſerblicken. Er befand ſich jedenfalls hoch oben, denn der Empfang, den er unten gefunden, hatte ihm das Wieder⸗ 3 kommen verleidet. Was nun? »Ausräuchern!« ſagte Cudjo. Niichtig. Da kam er ſicher herunter. Aber wie fingen wir dies an? Wir konnten dürres Laub durch das Loch hin⸗ ein ſtecken und dieſes Laub dann anzünden. Aber dabei muß⸗ ten unſere eingeſtopften Röcke verbrennen. Wir nahmen ſie heraus und ſteckten große Steine dafür hinein. Nach weni⸗ gen Minuten war alles geſchehen und das hineingeſteckte Laub angezündet, auch das Loch verſtopft, damit der Rauch nicht herausziehe.. Sehr bald ſahen wir den blauen Rauch oben durch das 3 Bienenloch herausquellen, während die Bienen ſelbſt in Schaaren entflohen. Daran hatten wir vorher nicht gedacht, ſonſt hätten wir die Handſchuhe und Masken nücht mitge nommen⸗ 4 Braun fing an ſich hören zu laſſen; er krumun gewal⸗ ig hoch oben in dem Baume. Bisweilen klang es als huſte er krampfbaft. Nach einiger Zeit wurde das Brummen zum Winſeln, dann zu gräßlichem Geheul und endlich war es ganz ſtill. Gleich darauf hörten wir etwas in dem Baume herunter rutſchen und unten ſchwer auffallen. Wir warteten einige Minuten, aber nichts rührte ſich in dem Baume, nichts ließ ſich hören. Der Bär mußte todt ſeyn. Wir machten die verſtopfte Oeffnung auf, damit der Rauch da herausziehe und ich ſteckte meinen Ladſtock hinein. Damit fühlte ich den weichen Körper des Thieres, aber er rührte ſich nicht. Wir nahmen alſo auch die Steine unten hin 1 und zogen Petz heraus. Er war todt, wenigſtens ziemlich, der Sicherheit wegen aber gab ihm Cudjo noch einen Hieb auf den Kopf mit der Art. Sein zottiges Fell war buchſtäb⸗ lich mit todten und ſterbenden Bienen angefüllt. 1 Bär eſeitihes⸗ ſo erregte ein ander ——-x— , d 3 F. ee 3 5 Tuhe 177 brannt und allem Anſcheine nach mußte uns der erwartete Honig verloren gehen. 8 Wir hatten uns gar ſehr darauf gefreut und konnten ihn nur retten, wenn wir den Baum ſo ſchnell als möglich fällten und ihn zwiſchen dem Feuer und dem Bienenſtocke durchhieben. Freilich war es ungewiß, ob uns Zeit dazu bleiben werde, denn das Feuer war bereits ziemlich hoch hinaufgeſtiegen und wurde durch den Zug angefacht. Je⸗ denfalls hieb Cudjo tüchtig und bald ſtürzte der rieſige Baum krachend nieder, worauf er mit der Art weiter oben zu arbeiten anfing, um den Stamm durchzuhauen und den Honig zu retten. Zum Glück hatte das Feuer die Honigwaben wirklich noch nicht erreicht, aber arg durchräuchert waren ſie, wie auch von allen Bienen verlaſſen, ſo daß wir ſie ohne Hand⸗ ſchuhe herausnehmen konnten. Auch hatte Braun nicht viel geraubt, denn es fehlten nur ein paar Waben und wir fan⸗ den noch genug. Den Bär nahmen wir auch mit, da ſein Fell und ſeine Keulen die Mühe lohnten. Siebenundzwanzigſtes Capitel. Die Menagerie. Unſer Hauptzweck war noch immer nicht erreicht. Keines der Thiere, die wir bis jetzt gefangen und gezähmt hatten, konnte uns viel nützen, die Truthühner etwa ans⸗ genommen. Vor allem wünſchten wir einige Hirſche zu fan⸗ Das Haus in der Wüſte. 12 1278 gen und oft ſchon hatten wir darüber nachgedacht, wie wir dies ins Werk ſetzen könnten. Einigemale hatten wir Hirſch⸗ kälber bei ihren Müttern geſehen, wir hatten aber nie nahe genug an ſie hinankommen können. Endlich gelang es uns ein paar alte Hirſche zu fangen und zwar in ziem⸗ lich merkwürdiger Weiſe. Ich war eines Tages mit Heinrich auf die Hirſchjagd gegangen, ganz beſonders in der Hoffnung ein Kalb zu er⸗ langen, das wir durch die Hunde erjagen laſſen könnten. Wir gingen ganz ſtill und langſam in dem Thale hinauf und lauſchten auf jeden Ton. Endlich gelangten wir in die Nähe einer der Lichtungen, auf welchen die Hirſche gewöhnlich äſe⸗ ten. Wir gingen noch vorſichtiger und jeder von uns hielt. einen Hund an der Leine. Mit einem Male vernahmen wir ein ſeltſames Geräuſch, das offenbar von jener Lichtung her kam. Es klang als ob mehre große Thiere wüthend den Boden ſtampften und als ob an ſtarke Stöcke geſchlagen würde. Bisweilen ließ ſich dazwiſchen etwas hören wie das Schnauben oder Brauſen eines Pferdes. Unſere Hunde ſpitz⸗ ten die Ohren und wollten fort. 8 „Ob wohl Hirſche oder Elenns mit einem Panther oder Bären kämpfen?« fragte Heinrich. 1 „Wenn dies der Fall wäre, würden wir am beſten thun, ſobald als möglich umzukehren; aber ich glaube nicht doaß es dies iſt. Hirſche und Elenns verlaſſen ſich mehr auf ihre Schnellfüßigkeit als auf ihr Geweih, um ſich vor Bi⸗ ren und Panthern zu retten. Nein, das iſt es gewiß nicht. Jedenfalls wollen wir uns hinzuſchleichen und nachſehen. Wir gingen ſo vorſichtig als möglich näher und hen denn auch bald, was das ſeltſame Geräuſch gab. 179 Mitten auf dem freien Platze befanden ſich ſechs Hirſche mit gewaltigem Geweih und ſie waren in heftigem, ſchreck⸗ lichem Kampfe begriffen, bald zwei und zwei, bald drei und vier in einem Haufen zuſammengedrängt. Gelegentlich trennten ſie ſich, gingen eine Strecke auseinander, drehten ſich aber plötzlich wieder um, ſtürzten ſich mit ſchrecklichem Schnauben von neuem aufeinander und ſtießen mit dem ſcharfen Geweih, ſo daß das Haar umherflog und manchem 8 die Haut aufgeriſſen wurde. Ihre Augen blitzten wie Feuer und alles an ihnen verrieth, daß ſie in hohem Grade wüthig waren. Die Urſache war auch nicht ſchwer zu errathen. Es war Brunſtzeit und die Hirſche kämpften verzweiflungsvoll um eine ſchöne Kuh, wie ſie es ja gewöhnlich in dieſer 9 Zeit thun.„. Sie waren von Heinrichs Büchſe ſo weit entfernt wie von der meinigen und weil wir glaubten, ſie würden in ih⸗ rem Kampfe uns wohl etwas näher kommen, beſchloſſen wir noch eine Zeit lang zu warten. Der Kampf dauerte 6 ungeſchwächt fort und bisweilen rannten zwei ſo heftig an⸗ einander an, daß ſie beide ſtürzten. Aber immer waren ſie raſch wieder auf den Beinen und ſo hitzig als vorher ge⸗ gen einander. Unſere Aufmerkſamkeit richtete ſich vorzugsweiſe auf zwei der Kämpfenden, die größer, ſtärker und älter waren als die andern, wie wir an ihrem Geweih ſehen konnten. Keiner der andern ſchien ſich mit ihnen meſſen zu konnen und ſo kämpften ſie endlich auch allein gegen einander. Wenn ſte eine Zeit lang aufeinander geſtoßen hatten, trenn⸗ ten ſie ſich, wie auf Uebereinkunft und gingen rück K 180 4 vielleicht zwanzig Schritte weit. Dann ſenkten ſie den Kopf, ſtürzten ſich mit aller Macht gegeneinander und trafen Kopf gegen Kopf zuſammen wie ein Paar Böcke. Es krachte dann entſetzlich in ihrem Geweih und wir erwarteten, daß es herabbrechen müſſe. Darauf rangen ſie wieder eine Zeit lang bis ſie plötzlich inne hielten, noch immer Kopf gegen Kopf gerichtet, gleichſam um Athem zu holen. Einige Augen⸗ blicke ſtanden ſie ſo ruhig da, bis ſie plötzlich von neuem angriſſen. Endlich richtete ſich unſere Aufmerkſamkeit wieder auf die Uebrigen, die uns näher kamen und wir machten uns ſchußfertig, um ſie zu empfangen. Sie kamen wirklich heran und wir ſchoſſen faſt gleichzeitig. Einer der Hirſche ſtürzte und die drei andern jagten pfeilgeſchwind davon, als ſie den neuen gemeinſamen Feind merkten. Da wir den, wel⸗ cher nicht gefallen war, doch jedenfalls für verwundet hiel⸗ ten, ließen wir die Hunde los. Die beiden alten Hirſche— Sie mögen ſich unſere Verwunderung denken— ſtanden noch immer auf dem freien Platze und ſetzten ihren Kampf fort. Statt die andern entflohenen Hirſche zu verfolgen, machten ſich die Hunde an die beiden zurückgebliebenen und ggriffen dieſelben an. Wir eilten nach, aber die Hirſche lie⸗ hen ſich auch durch uns nicht ſtören, ſondern ſetzten ihren ungeſtümen Kampf fort, als achteten ſie auf keine andere Gefahr. Die Hunde hatten beide auf die Knie niedergebracht und nun erſt erkannten wir zum erſten Male die wahre Ur⸗ ſache, waruin ſie ſo hartnäckig aushielten; ihre Geweihe hatten ſich ſo ineinander geſchlungen, daß ſie nicht loskonnten. 3 Wir ſelbſt konnten die Geweihe trotz unſerer Anſtren- ——— 181 gung nicht aus einander bringen. Die armen Thiere ſtanden darum auch Kopf an Kopf ganz entſetzt und einge⸗ ſchüchtert da. 1 Ich ſchickte Heinrich zu Cudjo, um die Handſäge ho⸗ len zu laſſen, trug ihm aber auch auf das Pferd und den Wagen, ſo wie Riemen mitzubringen, damit wir unſere Gefangenen ſichern und den erlegten Hirſch mit uns neh⸗ men könnten. Wären wir nicht zu dem Kampfe gekommen, ſo würde das Schickſal der beiden Gefeſſelten ſchlimm genug geweſen ſeyn. Entweder reißende Thiere hätten ſie überfallen, oder, war dies zufällig nicht der Fall, ſo drehten und wendeten ſie ſich vielleicht ein paar Tage lang, um endlich mit einan⸗ der zu verhungern und zu verdurſten. Dies iſt das Ende gar mancher dieſer Thiere. Cudjo kam mit den nöthigen Werkzeugen bald an und nachdem wir den beiden Hirſchen die Beine feſtgebunden hat⸗ ten, daß ſie nicht entfliehen konnten, ſägten wir ein Ende von ihrem Geweih ab und machten ſie ſo von einander los. Alle drei wurden dann auf den Karren geladen und Keiumphirsnd kehrten wir nach Hauſe. Cudjo hatte unſern Thiergarten bereits eingezäunt und zwar ſo, daß ſelbſt ein Hirſch nicht wohl über den Zaun hinwegſetzen konnte. Er war mehre Acker groß, beſtand zum Theil aus Waldland und an der andern Seite reichte er in das Waſſer hinein. Dahin brachten wir denn unſere Hirſche und wir überließen es ihnen, wie ſie ſich unterhal⸗ ten wollten. Es lag uns jedoch ſehr am Herzen, auch eine Hirſchkuh oder ein Paar zu erlu igen, die ihnen Seſuichäſt leiſteten. 3 — ꝗᷣ————·— 18²2 * Wir ſprachen oft darüber, wenn wir Abends am Feuer ſaßen. Wir hätten eine ſchießen können, die ihre Kälber bei ſich hatte und die letzteren waren wohl zu erlangen, da die Jungen ſtets bei ihrer Alten bleiben, auch wenn ſie un⸗ ter der Kugel aus der Büchſe des Jägers gefallen iſt. Aber das war grauſam und Marie proteſtirte ſofort dage⸗ gen, als ſie davon ſprechen hörte. Auch Frank ſchloß ſich ihr an, denn er war ſehr ſanft und weich von Gemüth. 6 »Können wir ſie nicht in einer Falle fangen?« fragte 6 Heinrich.»Frank fing ja auch die Truthühner ſo.⸗. 7 »Das dürſte ſchwer ſeyn.⸗ »Ich habe von gar verſchiedenen Fallen gehört.⸗ »Mir fällt auch etwas ein. Erinnerſt Du Dich, daß wir ſo viele Hirſchfährten zwiſchen zwei großen Bäumen ſahen?⸗ »Ja wohl, bei der Salzquelle.⸗ »Zwiſchen dieſen beiden Bäumen wollen wir eine Grube graben und ſie mit Baumzweigen, Laub und Gras ver⸗ decken. Was dann geſchieht, werden wir ja ſehen.⸗ „Richtig, eine Grubenfalle.⸗. Am nächſten Morgen machten wir uns an die Arbeit. Die ausgegrabene Erde fuhren wir auf dem Wagen eine Strecke weit hin in den Wald und nach fünf Stunden hat⸗ ten wir eine vierſeitige Grube wohl von ſieben Fuß Tiefe zu Stande gebracht, über die kein Hirſch hinweg ſpringen konnte. Darüber legten wir lange dünne Schößlinge und auf dieſe Rohr und dann eine Schichte Gras und Laub, ſo daß die Decke ſo viel als möglich ausſah wie der Boden umher. Bei Sonnenaufgang 3m andern Morgen wanderten — 183 wir an unſere Falle und ſchon aus einiger Entfernung 3 bemerkten wir, daß die Decke eingefallen war.. „»Wir haben etwas gefangen!« riefen wir alle aus und eilten hinzu. Wie groß aber war unſer Erſtaunen als wir unten am Boden der Grube das Gerippe eines Thieres liegen ſahen, eines Hirſches, wie wir an dem Geweih erkannten. In der Grube zeigten ſich auch Spuren eines ſchrecklichen Kampfes, welcher in der Nacht da ſtattgefunden haben mußte. Das Rohr und Gras, das mit hineingefallen war, zeigte ſich mit Blut bedeckt und in die Erde eingetreten. »Das ſind gewiß Wölfe geweſen.⸗ Wir gingen von neuem an die Arbeit und machten die Grube tiefer, ſo tief, daß die Erde nicht herausgewor⸗ fen werden konnte, ſondern daß wir ſie in einem Korbe, den Cudjo geflochten hatte und an den wir einen Riemen banden, emporziehen mußten. Als wir die Grube zwölf Fuß tief gegraben hatten, deckten wir ſie von neuem zu. Kein Wolf, der hinein ſiel oder hinein ſprang, vermocht. wie⸗ der heraus zu kommen. Am andern Morgen machten wir uns mit großer Span⸗ nung auf den Weg, um zu ſehen was wir gefangen hat⸗ ten. Die Decke war nur zum Theile eingebrochen, ſo daß wir nichts in der dunklen tiefen Grube unten erkennen konn⸗ ten als— funkelnde Augen. Es waren deren mehre als ein Paar und alle leuchteten wie glühende Kohlen.. Ich ſchob noch etwas von der Decke bei Seite, bückte mich und blickte hinein. So zählte ich nicht weniger als ſechs Paar Augen. Ja dieſe Augen waren überdies von verſchie⸗ dener Größe und Farbe. Die Grube ſchien voll u ben aller Art zu ſeyn. 184 Mir ſiel dabei ein, daß ein Panther darunter ſeyn könnte und da ich wußte, daß dieſer recht wohl herauszu⸗ ſpringen im Stande ſey, wurde ich doch etwas ängſtlich und ſtand auf. Ich forderte meine Frau auf, mit den Kin⸗ dern fortzugehen. Dann räumten wir noch mehr von der Decke ab, um Licht hineinzulaſſen. Das erſte Thier, das wir erkennen konnten, war zu unſerer Freude gerade das, für welches wir die Grube gegraben hatten— eine rothe Hirſchkuh und zu ihren Füßen lagen zwei Hirſchkälber. Ich hatte aber mehr Augen geſehen und ſuchte nach den Inha⸗ bern derſelben. In den dunkelſten Ecken kauerten drei röth⸗ lich braune Geſchöpfe, die wie Füchſe ausſahen. Aber Füchſe waren es nicht, ſondern Woͤlfe, bellende oder Prairiewölfe. Cudjo machte nicht viel Umſtände, ſondern ſtieß einem nach dem andern den langen Speer in den Leib. Als dies geſchehen war, ſtieg Cudjo in die Grube hinab und band die Hirſchkuh mit ihren Kälbern, die wir dann heraufzogen und auf den Karren luden. Auch die Wölfe wurden beſeitiget, worauf wir die Falle wieder in Stand ſetzten und dann ſehr befriedigt den Rückweg antraten. Das Merkwürdigſte bei der Sache war, daß die Wölfe die Hirſchkuh mit ihren Kälbern unverletzt gelaſſen hatten. Wir wußten uns dies nicht zu erklären, ermittelten es aber, als wir die Natur dieſer Thiere beſſer kennen lernten. Der Prairiewolf iſt eines der ſchlaueſten Thiere; ſelbſt der Fuchs kommt ihm an Klugheit bei weitem nicht gleich. Das nächſte Abenteuer lief beinahe ſehr ernſthaft ab. Ich ging mit Frank aus, um etwas langes ſpaniſches Moos zu holen, das auf den Eichen wuchs. Dieſes Moos gibt, wenn es geräuchert und gereinigt iſt, einen vortrefflichen 18⁵ Stoff zum Ausſtopfen von Matratzen. Wir nahmen nur einige Riemen mit, da wir es in Bündeln nach Hauſe zu tragen gedachten. Auch gelangten wir bald an einen Baum, von dem jenes Moos in langen ſilberweißen Faden herab⸗ hing und wir fingen an dasſelbe einzuſammeln. Dabet wurde unſere Aufmerkſamkeit auf das Kreiſchen einiger Vö⸗ gel in der Nähe gerichtet. Es waren zwei Droſſeln, die unter den breiten grünen Blättern umherflatterten und da⸗ bei ängſtlich und zornig ihre Stimmen ertönen ließen. Wir hielten eine Zeit lang mit unſerer Arbeit ein, um zu ſehen, was es gäbe. 4 Wir erblickten auch bald darauf einen ſeltſamen Ge⸗ genſtand, der ſich dicht am Rande des Dickichts am Boden hinbewegte. War es ein Thier? Nein, das konnte es nicht ſeyn, es ſah nicht aus wie eines der Thiere, die uns bis dahin vorgekommen, und doch bemerkten wir Beine und Schwänze, Ohren und Augen und Köpfe, ja Köpfe. An jedem Theil des Körpers ſchien ein Kopf hervorzuragen. Wir zählten wohl zwanzig. Es bewegte ſich langſam und uns ziemlich gegenüber blieb es ſtehen, ſo daß wir es genau ſehen konn⸗ ten. Mit einem Male ſchienen die verſchiedenen Köpfe von dem Körper ſich zu trennen und ſelbſt kleine Körper mit lan gen Schwänzen zu werden. Der große Körper, auf dem ſie ſich alle befunden hatten, ergab ſich als ein Opoſſumweib⸗ chen, die Mutter alſo der ganzen Schaar. Sie war ſo grvß etwa wie eine Katze und mit hellgrauem, wolligem Haar bedeckt, hatte eine Schnauze wie ein Schwein, aber ſpitzer vorn, und einen Schnurbart wie eine Katze. Die Beine wa⸗ ren kurz und ſtark und die Füße mit den ſcharfen Krallen ſchie⸗ nen ſich faſt wie Hände auf dem Boden auszubreiten. Ganz 186 eigenthümlich war der Schwanz, faſt ſo lang wie der ganze Körper, ſpitz wie der einer Ratte und ganz kahl. Das Auf⸗ fallendſte aber von dem Thiere war eine taſchenähnliche Oeff⸗ nung unter dem Bauche. Die Kleinen glichen ganz der Alten und wir zählten ihrer nicht weniger als dreizehn. Sobald die Alte alle abgeſchüttelt hatte, bewegte ſie ſich behender und ſah nach dem Baume empor, auf wel⸗ chem die beiden Vögel ängſtlich hin und her flatterten und wo das Neſt hing, welches einem großen Beutel oder einem ausgeweiteten Strumpfe glich und von den höchſten Zwei⸗ gen herabhing. Das alte Opoſſum ſchien ſeinen En tſchluß bald ge⸗ faßt zu haben. Es gab einen ſchrillen Ton von ſich, wo⸗ mit es die Jungen zu ſich rief, die theils in die Taſche oder den Beutel der Alten krochen, theils auf den Rücken der⸗ felben hüpften und ſich mit den Schwänzen an dem Schwanze der alten oder an deren Halſe anhielten. VWirr glaubten, ſie würde mit ihrer Ladung weiter wandern, aber zu unſerer Verwunderung fing ſie an an dem Baume hiinaufzuklettern. Auf dem unterſten Zweige machte ſie Halt; dann nahm ſie jedes ihrer Jungen einzeln mit dem Maule ab und ließ es ein paarmal mit dem Schwanze ſich um den Aſt wickeln, ſo daß der Kopf niederwärts hing. Endlich hingen alle dreizehn da wie eine Reihe Lichter bei einem Seifenſieder. Als dies geſchehen war, kletterte die Alte höher hinauf bis ſie den Zweig erreichte, an welchem das Neſt auf⸗ gehangen war. Da hielt ſie an und muſterte dasſelbe. Sie bedachte offenbar, ob der dünne Zweig, an welchem das Neſt hing, ſie tragen könne. Brach er, ſo gab es einen be⸗ deutenden Fall. Das Neſt enthielt indeß offenbar Eier und 187 das war verlockend. Sie wagte ſich alſo darauf, aber bald begann er ſich zu biegen und zu verrathen, daß er abbre⸗ chen werde. Dies, wie das Geſchrei der Vögel, die um ſie her flogen, ſchien ſie einzuſchüchtern. Sie kroch alſo vorſich⸗ tig zurück und ſah ſich dann verlegen um. Mit einemmale erblickte ſie den Zweig von einer Eiche, der ſich gerade über dem Neſte hinſtreckte. Raſch lief ſie da an dem Baume hin⸗ unter und an der Eiche wieder hinauf. Als ſie dort den Zweig erreicht hatte, welcher ſich über das Neſt hinſtreckte, wickelte ſte den Schwanz um denſelben und ließ ſo ihren Körper mit dem Kopfe nach unten hängen; aber wie ſehr ſie ſich auch anſtrengte, konnte ſie auch ſo, wahrſcheinlich zu ihrem großen Verdruſſe, das Neſt nicht erreichen. Sie hing ſo mehre Minuten da und mühte ſich ab das Neſt mit den Pfoten zu erreichen, ſo daß wir jeden Augenblick glaubten ſie nun herabſtürzen zu ſehen. Endlich als ſie erkannte, daß alles Mühen vergeblich ſey, ſchwang ſie ſich auf den Zweig zu⸗ rück und lief an der Eiche wieder herunter. Sie ſchien in zornigem Aerger ihr Unternehmen auf⸗ gegeben zu haben, denn ſie kletterte wieder auf den Baum, auf welchem ihre Jungen hingen, nahm eines derſelben nach dem andern ab und warf es ziemlich rückſichtslos hinunter. Dort nahm ſie die Jungen wieder auf den Rücken und wollte ſich entfernen. Jetzt aber glaubt en wir uns ins Mittel ſchlagen zu müſſen und wir fingen die ganze Familie. Sobald die Alte uns bemerkte, rollte ſie ſich zuſammen wie ein Igel und ſtellte ſich todt; die Jungen, die außen lagen, löſeten ſich ab und ahmten die Alte nach, ſo daß es ausſah als liege ein großer Wollenknäuel neben mehren kleinen * 188 Da wir uns aber nicht täuſchen ließen, und ſie mit einer Pfeilſpitze kitzelten, ſo rollte die Alte ſich wieder auf, biß um ſich und knurrte dabei wie ein Hund. Alles dies nützte ihr nichts, denn wir hatten ſie bald gebunden und unſchädlich gemacht, um die ganze Familie mit nach Hauſe zu nehmen. Wir gingen darauf wieder an unſere Arbeit, das Moosſammeln, als die Vögel von neuem ängſtlich zu ſchreien anfingen. Wir ſahen empor und erkannten bald genug die Urſache. Ueber das Gras unten wand ſich glitzernd in der Sonne ein langes Ungethüm, eine große Schlange, die giftigſte von allen, die gefürchtete»Moccaſon.« Sie kroch gerade auf den Baum zu, welcher das Neſt trug, und wir ſahen wiederum zu, da wir neugierig waren, wie die Schlange ſich benehmen würde, die nicht auf den Baum klettern konnte. Sie kroch dicht an den Baum hinan, legte ihren breiten flachen Kopf an denſelben und ſtreckte die Zunge heraus, als lecke ſie an der Ninde. Die Vögel, belche fürchten mochten, das Ungethüm komme hinauf, ogen zu den unterſten Zweigen herab und flatterten da rreiſchend umher. Die Schlange rollte ſich zuſammen und ſchickte ſich an ur rechten Zeit ſich vorzuſchnellen, um ihre Beute zu erlan⸗ gen. Ihre Augen funkelten wie Feuer und ſchienen die Vö⸗ gel wirklich zu bezaubern und zu bannen, denn ſtatt ſich⸗ und näher. Auch wurden ihre Bewegungen allmälig matter und ihre Stimme kaum hörbar. Einer ſiel endlich gar her⸗ „ von dem Ungethüm zu entfernen, kamen ſie demſelben näher an den Boden, dicht neben die Schlange. Wir er⸗ ten, daß dieſelbe die Beute ergreifen werde, aber plötz⸗ 3 ten ſich ihre Ringel, ſie ſtreckte den Körper geradeaus 2 — —. —„ „ — — — hinauf zu ihrem Neſte. kurze Ohren und gar keinen Schwanz; die Füße waren hu⸗ und fing an von dem Baume ſich zu entfernen. die Vöge ſchienen von dem Zauber erlöſet zu ſeyn und flogen wieder Wir wunderten uns über das was wir ſehen, als am Rande des Dickichts ein Thier von der Größe eines Wolfes und von dunkelgrauer oder ſchwärzlicher Farbe erſchien. Der Körper war rundlich und nicht mit Haar, ſondern mit zot⸗ tigen Borſten bedeckt, die auf dem Rückgrate wohl ſechs Zoll maßen und mähnenartig ausſahen. Das Thier hatte fig, nicht beklaut wie die der Raubthiere. Die lange Schnauze aber mit zwei vorſtehenden weißen Hauzähnen gab ihm ein furchtbares Ausſehen. Es war ein Peccary, das wilde Schwein Mexicos. Ihm folgten zwei Junge. Als es dahin kam, wo die Schlange gekrochen war, blieb es mit einem⸗ male ſtehen und ſchnoberte. Dann ſuchte es nach der Fährte wie ein Hund. Die Schlange ſelbſt kroch unterdeß ſo ſe als es ihr möglich war davon, was freilich langſam ge⸗ nug war. Meiſt hielt ſie ſich im Graſe und nur gelegentlich reckte ſie den Kopf empor, um rückwärts zu ſehen. Es dauerte nicht lange, ſo hatte das Peccary ſie aus⸗ gewittert; es lief raſch nach und als es die Gegnerin erblickte, blieb es grunzend ſtehen. Die Schlange runzelte ſich zuſam⸗ men, um den Kampf zu beſtehen. Beide ſahen einander einen Augenblick an. Die Schlange, das große Ungethüm, ſchien ſich ungemein zu fürchten, denn ihre Augen funkelten weit weniger und ſelbſt die Farben ihres Körpers waren matter geworden. Das Peccary that dann einen Satz und hüpfte ſe mit uhannenae be tenen Beinen auf die ritenünae 190 von neuem auf den Feind zu ſtürzen. Die Schlange wurde ſo buchſtäblich zertreten und lag bald bewegungslos da. Das Peccary rief mit einem eigenthümlichen Tone ſeine Jungen herbei. Wir unſerer Seits dachten bereits darüber nach wie wir dieſe Jungen fangen könnten, die wir als wirkliche Schweine aufziehen wollten, obgleich ihr Fleiſch nicht ſchmeckt wie Schweinfleiſch, ſondern mehr wie Haſenfleiſch. Aber ſo lange die Alte dabei war, ließ ſich an ein Fangen der Jungen nicht wohl denken. Sollten wir ihr alſo eine Büchſenkugel zuſchicken? Die Thiere ſind gefährlich und alſo nicht zu ſchonen. Ich bog mich ddeeshalb hinunter von dem Baum, auf dem wir des Mooſes wegen ſaßen, zog die unten am Stamme lehnende Büchſe herauf und wollte ſchießen. Das Peccary war unterdeß emſig mit der todten Schlange beſchäftigt geweſen. Zuerſt biß es ihr den Kopf ab, dann ſing es an ſehr geſchickt die Haut mit den Zähnen abzuzie⸗ hen Damit war es eben fertig geworden als ich ſchießen woollte.. Schon hatte ich die Büchſe angelegt, aber ich ſetzte ſie wie⸗ deer ab, denn ich erblickte etwas, das mich mit Grauen er⸗ füllte. Das Peccary war etwa fünfzig Schritte von unſerm Baum entfernt und etwas weiter hin kam ein ganz verſchie⸗ denes Thier aus dem Dickicht heraus. Es war ſo groß wie ein junges Kalb, aber mit kürzern Beinen und längerem Körper, dabei dunkelroth von Farbe bis auf die weiße Bruſt und Kehle. Im Ganzen glich es ſehr einer Katze mit Aus⸗ nahme des Rückens, der nicht gebogen, ſondern vielmehr eingeſunken war. Es war der ſchreckliche Cuguar und wir fürchteten uns zum erſten Male. Das Peccary konnte nicht her⸗ ſchmecken ließ. Es ſchien ihm indeß doch ſicherer zu ſeyn, ſtürzten. Es waren Peccaries, wohl zwanzig od 191 auf auf den Baum klettern, der Cuguar aber klettert wie ein Eichhörnchen und iſt auf dem Baume ſo gut zu Hauſe wie auf dem Boden. Der Cuguar ſchlich ſtill heran, wäͤhrend das nichts ahnende Peccary das weiße Fleiſch der Schlange ſich wohl wenn er dem Peccary, deſſen Hzuer er fürchten mußte, von oben herab ſich nähern könnte. Er machte darum einen kleinen Umweg und kletterte an einem Baume hinauf, von dem aus ein Aſt ſich über die Stelle ſtreckte, an welchem das Peccary ſein Feſtmahl hielt. Mit einemmale ſprang er herab, gerade auf den Rücken des Peccary und grub ſeine Klauen feſt in den Hals desſelben. Das erſchreckte Thier ſchrie, daß es laut im Walde wiederhallte und rollte ſich mit ſeinem blutgierigen Gegner umher, welcher keinen Laut von ſich gab. Der Kampf dauerte nicht lange, denn das Peccary lag bald todt da, denn der Cuguar hatte ihm die Halsader auf⸗ geriſſen, und leckte das Blut. Ich hätte nach ihm ſchießen können, da er kaum dreißig Schritte von uns entfernt war, aber ich wußte auch, daß es ſehr unſicher iſt ein ſolches muskelkräftiges Thier mit einer Kugel zu erlegen und wollte ihn alſo ungehindert abzieher laſſen. Das Peccary war aber kaum todt als ſich ſeltſame Stimmen hören ließen, die von allen Seiten herbeizukom⸗ men ſchienen. Auch der Cuguar hörte ſie; er richtete ſich auf, ſchien zu erſchrecken und nicht zu wiſſen, was er thun ſollte, dann packte er pötzlich ſeine Beute und wollte mit ihr davon gehen. Er war aber gar nicht weit ge als verſchiedene dunkle Geſtalten auf den kleinen 192 Fig. Wahrſcheinlich hatte der Angſtruf des eben ermordeten dieſelben zu Hilfe gerufen. Sie ſchloſſen den Cuguar plötzlich in einen Kreis ein. Der Verfolgte ließ ſeine Beute fallen und ſprang nach dem vorderſten ſeiner Gegner, den er ſofort niederſchlug, aber gleichzeitig wurde er von hinten gepackt und bald floß das Blut an jeder Stelle ſeines Leibes. Mehrmals that er einen uungeheuern Satz, um über die Peccaries hinweg zu ſpringen, aber es gelang ihm erſt bei dem dritten oder vierten Ver⸗ ſuche. Und welches Entſetzen! Er kam gerade auf den Baum zu, auf dem wir ſtanden. Ich griff nach der Büchſe, aber ehe ich anlegen konnte, war er blitzſchnell an dem Baumſtamme hinauf, kauerte etwa zwanzig Fuß hoch oben über uns und ſah mit ſeinen glühenden Augen auf uns herab. Die Peccaries folgten ihm und blieben alle unten um den Baum herum ſtehen, da ſie nicht empor klettern konnten. Wir beide waren eine Zeitlang wie gelähmt durch das Euntſetzen und wußten nicht, was wir thun ſollten. Ueber uns der ſchreckliche Cuguar, der uns mit einem Sprunge erreichen konnte; unter uns ein nicht minder entſetzlicher Feind in den Peccaries. In einem Augenblicke hätten ſie⸗ uns in Stücke zerriſſen, wenn wir uns he unter wagten. Jedenfalls indeß war der Cuguar zu dchſt d er ſchlimmſte Feind, denn ſo lange wir auf dem Baume blieben, hatten wir von den Peccaries nichts zu fürchten. Gegen ihn alſo⸗ mußten wir unſere Angriffe richten. Frank war nicht be⸗ waffnet. Ich ſtellte ihn hinter mich. Der Cuguar lag zu⸗ ſſͤ uns ſo gut als möglich zu verbergen. Es vergingen wohl 193 hinauf, legte ſie am Stamme an und zielte nach dem Kopfe, da ich ſonſt nichts von dem Thiere ſehen konnte. Endlich. drückte ich ab. Der Rauch blendete mich, ſo daß ich eine Zeit lang nichts ſehen konnte, dann raſchelte es in den Zwei⸗ gen als falle ein ſchwerer Körper herab und endlich ſiel die⸗ ſer unten auf. Die Peccaries ſtürzten ſogleich über ihn her und zerriſſen ihn mit den Huern. Achtundzwanzigſtes Capitel.— VNaoch mehr Abentener. Wir hielten uns nun für ſicher. Die Peccaries, dach⸗ ten wir, werden ſich bald genug zerſtreuen, da ihr Feind todt iſt. Aber wir hatten uns geirrt, wie wir zu unſerm Entſetzen bemerkten, denn ſtatt ſich zu entfernen, nachdem ſie ihre Rache gekühlt, ſammelten ſie ſich wiederum um den Baum her und blickten wüthig empor. Wir befanden uns auf den untern Aeſten und ſie konnten uns recht gut ſeh Zunächſt alſo ſtiegen wir etwas höher hinauf und ſue zwei Stunden, aber die Peccaries ſtanden noch immer um den Baum herum und ſchienen entſchloſſen zu ſeyn, die Be⸗ denn die Meinigen wurden gewiß wegen unſers lan bleibens beſorgt. Auch ließ ſich fürchten, daß Cuk Das Haus in der Wüſte. — ſuchen, welchen Eindruck ein Schuß oder ein paar Schüſſe das Moos durch den brennenden Pfropf aus meiner Büchſe angezündet worden, und ſo war es, denn bald leckten helle Baume niederhing. Die Peccaries hatten ſich von dem Baume kam ſie kamen offenbar näher, bald hörten wir auch Stimmen. Ich wußte nicht was ich thun ſollte. Sollte ich ihnen zu⸗ 5 zufen zurück zu bleiben, ſollte ich Frank da laſſen, wo er 194 unter die Heerde machen würde. Ich ſchoß fünfmal und jedesmal fiel eines der Thiere, aber ſtatt furchtſam zu werden und davon zu laufen, liefen die andern nur um ſo wüthender um den Baum herum und riſſen mit den Hzuern die Rinde ab. Ich hatte nun keine Kugkl mehr und wußte nicht, wie ich die Belagerer vertreiben ſollte. Da machte ſich allmälig ein Rauchgeruch bemerklich. Anfangs hielt ich ihn für den des Pulverdampfes, der ſich lange in dem Laube verhalten hatte, aber der Geruch war ein anderer und der Rauch wurde auch dichter und dichter. Er reizte zum Huſten und biß in die Augen. Unten waren weder die Peccaries noch der Boden mehr zu erkennen. Unſere Belagerer grunzten ängſtlich und ſchienen ſich zu entfernen. Wahrſcheinlich, dachte ich, iſt Flammen durch den Rauch. Das Moos, das wir geſam⸗ melt hatten, brannte und wir mußten fürchten, daß das Feuer auch das erreiche, welches in langen Fäͤden von dem tfernt, ſtanden aber noch immer auf dem freien Platze in em Haufen beiſammen. Da hörte ich das Bellen unſerer nde und ich mußte vermuthen, daß Cudjo oder Heinrich vielleicht beide. Die Hunde mußten von den Peccaries zerriſſen werden und— mein armer Heinrich? Mit 7 dem Herzen horchte ich. Ja, es waren die Hunde und . war, während ich ſchnell hinunter kletterte, durch den Rauch nur wenige der Peccaries übrig waren, die endlich auch mit der jungen Brut entflohen. 195 hindurch und den Kommenden entgegen eilte? Das Letztere ſchien mir das Zweckmäßigſte zu ſeyn. So übergab ich Frank die leere Büchſe, zog mein Meſſer und ſprang in das glimmende Moos hinunter. Nachdem ich etwa hundert Schritte weit gelaufen war, ſah ich die Hunde und gleich darauf Heinrich und Cudjo. Ich hatte eben nur Zeit, mich auf einen Baum zu ſchwingen und Cudjo wie Heinrich zuzurufen, als die Thiere um mich waren. Beide ſaßen ſehr ſchnell ebenfalls auf einem Baume. Die Hunde dagegen liefen den Wildſchweinen entgegen, um ſie anzu-⸗ greifen, aber ſie ließen bald davon ab und kehrten heulend dahin zurück, wo Heinrich und Cudjo ſich auf einem Baume geborgen hatten. Zum Glück hatte derſelbe ſehr niedrige Zweige, ſo daß Cudjo ſie beide hinaufziehen konnte, ſonſt hätten ſie offenbar das Schickſal des Cuguars getheilt. Von meinem Verſteck aus konnte ich die Meinigen nicht ſehen, wohl aber die Peccaries. Auch hörte ich alles. Ich hörte die kleine Büchſe Heinrichs knallen und ſah eines der Thiere fallen. Ich hörte Cudjo ſchreien und ſah ſeinen langen Spieß, mit dem er unter die wilden Beſtien ſtie.. Es fielen gar manche derſelben. Und wieder knallte die Büchſe Heinrichs. So währte der Kampf mehre Minuten lang, bis ängſtlich wurden und davon liefen. Wir ſtiegen ſofort von den Bäumen herunter und kehrten nach Hauſe zurück. Wir vergaßen dabei unſer Opoſſum mit den Jungen und kehr am nächſten Tage dahin zurück, um es mit den Jungen holen. Aber es hatte ſeine Feſſeln vurchgenagt; und war 196 Später hatten wir mit der Ernte zu thun und das zweite Jahr verging ſo ziemlich wie das erſte. Wir fingen noch eine Antilope, ſo wie eine alte Wölfin mit ihren Jungen. Die Alte tödteten wir, die Jungen aber zogen wir auf und ſie wurden ſo zahm wie unſere Hunde. Wir hatten überhaupt noch gar manche Abenteuer mit Thieren und ich erzähle nur noch ein gefährliches, das einmal im Winter vorkam. Der See war zugefroren und das Eis ſpie⸗ gelglatt. Wir fuhren Schlittſchuh, die wir uns ſo gut als möglich herrichteten. Eines Tages waren Heinrich und Frank allein draußen, als wir plötzlich einen Schrei hörten. Wir ſtürzten alle hinaus. Beide Knaben waren am fernſten Ende des Sees und kamen mit aller Kraft heran, aber— dicht hinter ihnen folgte eine ganze Heerde Wölfe und zwar nicht Prairiewölfe, ſondern große graue Wölfe von den Felſen⸗ bergen. Sechs waren es. Sie hatten die Ohren zurück⸗ gelegt und ſperrten die Rachen auf, ſo daß wir ihre rothen Zungen und weißen Zähne ſehen konnten. Wiir griffen nach Stangen und Stöcken, Marie aber ging hinein ins Haus und holte meine Büchſe. Heinrich war voran, Frank aber von den hungrigen Beſtien faſt erreicht, was uns wunderte, da Frank ein beſſerer Schlittſchuhläufer war als Heinrich. Plötzlich ſchlug er einen Haken und ſchoß in anderer Richtung fort. Die Wölfe folgten nun Heinrich und ihm kamen ſie ebenfalls bald nahe. Zum Glück ahmte er ſeinem Bruder nach und ſchlug einen Haken, während die Wölfe weit hin ſchoſſen, ehe ſie ſich auf dem glatten Eiſe anhalten konnten. In dieſer Weiſe entgingen ſie mehr⸗ mals den gräulichen Verfolgern. Endlich rief Frank, der hinter die Wöͤlfe gekommen war, ſeinem Bruder zu, er 192 möge ſich dem Ufer zuwenden und während Heinrich in einem Bogen dies verſuchte, ſchoß Frank an den Wölfen hin, ſo daß er wieder vor ſie kam. Sie folgten ihm als dem näch⸗ ſten. Er kam uns nun ziemlich nahe, aber da war, dicht am Ufer, das Eis eingebrochen und wir fürchteten, er werde gerade in das Waſſer hineinfahren. Wir riefen ihm dies zu, um ihn aufmerkſam zu machen. Aber er hatte ſchon ſeinen Plan. Als er bis nahe an die Oeffnung gekommen war, fuhr er in einem ſcharfen Winkel ab. Die Wölfe, die dicht gedrängt ihm folgten und auf nichts als ihre Beute ach⸗ teten, ſchoſſen richtig in die offene Stelle hinein. Wir eilten hinzu und ſchlugen und ſtachen auf ſie los. Fünf mußten da das Leben laſſen; der ſechſte nur konnte auf das Eis heraus kriechen und wollte fort, aber Heinrich, der unter⸗ deſſen zu uns herangekommen war, nahm meine Büchſe und ſchoß ihn nieder. Im dritten Jahre waren unſere Biber ſo zahlreich ge⸗ worden, daß wir es für gerathen hielten, ihre Zahl zu verringern. Sie waren ſo zahm, daß ſie Futter aus u ſern Händen nahmen. Es wurde uns alſo nicht ſchwer die zu fangen, welche wir tödten wollten. Die Biberfelle, die wir ſo das erſte Mal ſammelten, waren wenigſtens dreitau⸗ ſend Thaler werth, abgeſehen von dem Bibergeil. Im zwei⸗ ten Jahre war der Ertrag noch um Vieles größer. So ging es mehre Jahre fort, und wir hatten einen ſehr werthvollen Vorrath geſammelt und die Vorausſage meiner Frau war wahr gemacht, daß wir ein Vermögen in der Wiſfe er⸗ worben. Wie aber dieſe Vorräthe verwerthen? Wir waren in dem kleinen Thale gefangen und konnten dasſelbe eben ſo wenig verlaſſen wie der geefälrer. der Schiffbruch gelitten hat, von der öden Inſel ſich entfernen kann. Von allen Thieren, die wir gezähmt hatten, konnte keines als Laſt⸗ oder Zugthier dienen. Ich und meine Frau wären am Ende wohl zufrieden geweſen, in dem ſchönen Thale für immer zu bleiben, aber — wir hatten für unſere Kinder zu ſorgen; wir hatten gegen dieſe die Pflicht ſie zu erziehen. So ſchlug ich denn mehrmals vor, mit dem Pferde noochmals einen Verſuch zu machen, ob ich die Anſtedlungen in Neu⸗Merico erreichen könnte, um von da Maulthiere, Pferde oder Ochſen zu holen; aber meine Frau wollte davon nie etwas hören.»Vielleicht ſähen wir dann einander niemals wieder,« ſagte ſie,»„und ich bliebe hier mit den Kindern allein zurück. Vertraue auf die Hand deſſen, der uns hierher geführt hat; er wird, wenn es ihm gefällt, uns auch wieder von dannen führen. Dieſe glaubensvollen prophetiſchen Worte erhielten uns aufrecht viele Jahre lang. Ich will nicht weiter erzählen, wie wir allerlei Thiere noch fingen und zihmten, junge Cuguars und junge Bären, junge Elennthiere, Schafe, wilde Gänſe, Schwäne und Pelikane; was für ſeltſame Abenteuer wir erlebten u. ſ. w. Wir ſind nun faſt zehn Jahre hier im Thale. Wir haben glücklich und zufrieden gelebt und Gott hat unſere Arbeiten geſegnet; aber unſere Kinder ſind halb wild auf⸗ gewachſen und um ihretwillen möchten wir in die civiliſirte Welt zurück kehren. Auch iſt alles bereit. Es iſt uns gelun⸗ gen, wilde Pferde einzufangen; wir haben ein paar Wagen von der Stelle zurück geholt, wo unſere Reiſegeführten einſt verunglückten und im nächſten Frühjahre wollen wir uns aufmachen nach St. Louis. Ob wir in das uns ſo lieb gewordene Thal zurück kehren, weiß ich nicht. Es wird das von mancherlei Umſtänden abhängen. Es iſt jetzt ſpät im Jahre. Sie haben ſich derirr, meine Freunde, und Sie wiſſen, wie gefährlich es iſt, im Winter die Reiſe über die Prairien zu unternehmen. Bleiben Sie bis zum Frühjahr bei uns, dann wollen wir zuſam⸗ men aufbrechen. Der Winter wird kurz ſeyn und ich werde dafür ſorgen, daß er Ihnen nicht langweilig werde.« Wir nahmen das freundliche Anerbieten an und blie⸗ ben den Winter über, der uns gar viele ſchöne Jagden brachte. Sobald aber der Frühling erſchien, machten wir uns bereit zum Aufbruche. Zwei Wagen wurden mit B⸗f berfellen allein beladen. Der dritte Wagen trug die Frau Rolfe's mit den beiden Mädchen, während er ſelbſt mit den beiden Söhnen ritt. Alle Thiere wurden freigelaſſen. Wir wendeten uns nach Norden und dann gegen St. Louis, wo wir im Mai glücklich anlangten und wo Rolfe ſeine Felle für eine große Summe verkaufte. Seitdem ſind mehre Jahre vergangen und ich, der ich das Buch geſchrieben, hörte von Rolfe und ſeiner Familie nichts wieder. Vor einigen Tagen aber empfing ich einen Brief von ihm ſelbſt, der mir meldete, daß ſie alle und guten Muthes wären. Frank und Heinrich hatten 200 —— Studien beendigt und waren tüchtige Männer geworden. Auch Marie und Luiſe— denn auch dieſe blieb bei der Familie— hatten die Schule verlaſſen. Nicht weniger als vier Heirathen ſtanden in der Familie bevor, wie mir Rolfe glücklich ſchrieb. Heinrich wollte ſich mit der brünetten „»Schweſter« Luiſe verbinden und Frank hatte das Herz der Tochter eines Pflanzers von Miſſouri gewonnen; die blonde Marie hatte ihre Liebe einem jungen„Prairie⸗Handels⸗ mann“ geſchenkt, der jenen Winter mit in dem Thale ver⸗ bracht,— aber das vierte Paar? Cudio hatte eine ſihwwanze ALucy gefunden. Ferner meldete mir Rolfes Brief, daß ſie die Abſich hätten, nach den Hochzeiten— in das Thal zurück zu keh⸗ ren, Wagen, Pferde, Rinder und alles mitzunehmen und ſo eine große Anſiedlung da zu begründen, wo ſie zuerſt zein Paus in in der Wüſte⸗ gebaus. Ende. —. ö“ ſiff gu 13 17 ſſnſnnnſnſnſſnſſſſſſſiſ 6 4 1 * —